Leihbibliothet᷑ deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur . von Eduard Ottmann in Gießen, —— Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und SLeſebedingungen. 1 offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeven Tag von Morgens jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Cäution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Desepreis. Bei Rü gabe eines geliehenen Buches wird von 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und„ beträgt für wöchentlich 2Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf 1 M. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3 2 3 2„—„ 3— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung 1 der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6 Schadenersatz. 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Am Tage vor meiner Abreiſe war er in der als ich hereintrat; er bewillkommte mich leutſelig, wie er zu thun pflegte, mein Anliegen war ihm jedoch keineswegs zu Sinn. Eine Weile ſah er mich mit großen Augen und ein wenig zurückgebogen an, darauf ſagte er ſichtbar unzufrieden: Sie wünſchen einen Reiſepaß? hab⸗ ich recht gehört? Ich ſehe mich genöthigt, Herr Burgemeiſter, dieſen Aufwand zu machen, weil ich zu reiſen wünſche. Ja, er dient zur Legitimation, er iſt nothwendig. Aber Sie ſollten nicht fortgehn— ich ſage, Sie ſollten hier, Sie ſollten bei uns bleiben: wer will haben gut Gemach, der bleib' unter ſeinem Dach; was wollen Sie da draußen? Reiſen, Herr Burgemeiſter. Nun freilich! aber es fragt ſich nur, ob Sie eine dringende Veranlaſſung dazu, ein nothwendiges Geſchäft haben. Ja, die Reiſe. Die Reiſe? was wollen Sie damit ſagen? ich ſoll alſo ſchreiben:„zum Vergnügen?“ Keineswegs, ſondern:„in Geſchäften,“— da ja die Reiſe das allereigentlichſte Geſchäft iſt, denn es gieb“ in der That kein Geſchäft, welches nicht eine Reiſe wäre. Zum Beiſpiel die Schuſterei? Iſt eine Reiſe un den Leiſten. Aber noch mehr, auch jeder Zuſtand iſt eine Reiſe. Zum Beiſpiel die Gefangenſchaft? Iſt, ſo ſonderbar es auch immer ſcheinen mag, eine der compendiöſeſten die Zeit in die Ewig⸗ keit. Sie wiſſen, ich komme von dieſer Reiſe. Alle Meilenſteine des Lebens fallen in die enge Klauſe, und die Stunden kürzen ſich ab zu den Pulsſchlägen des Geiſtes ſelber, wenn es anders ein Geiſt iſt, der ge⸗ fangen ſitzt, der alſo überhaupt in ſich und ins ewige Himmelreich hineinreiſen kann. Hm! nun, wir wollen einmal ſo ſagen. Aber ich wiederhol es, weil ich Sie liebe, Sie ſollten bei uns bleiben. Was kann ſich hier nicht Alles aufthun! Ja, und wenn wir genau zuſehn, fuhr ich fort, in meinen Gegenſtand ſtier vertieft, jedes Ding iſt auf ei⸗ ner ewigen Reiſe und die ganze Welt dazu. Gut, ich habe nichts dagegen— im Diſputiren komm' ich nun einmal mit Ihnen nicht aus— aber warum wollen Sie uns ſo leichtſinnig, möcht' ich ſagen, verlaſſen? Ihre Heimath, die Ihrigen? d Das iſt es, was ich ſagen wollte: darum ſetze ich den Zweck der Welt und des Lebens ins Reiſen, und bin entſchloſſen ein Reiſender zu werden. Mein lieber junger Freund, ich muß Sie ernſtlich ermahnen, ſich um Gottes willen nicht dieſem Gedanken zu überlaſſen, der ja gradezu das Vagabundiren zum Grundſatze macht. Freilich das thut er, und es iſt einer der richtigſten Grundſätze, die es giebt. Denn da die ganze Welt als Reiſendes nur ein Spaß des beharrlichen Geiſtes iſt, ſo iſt das Reiſen die humoriſtiſche Praris, und inſofern ſie ſich als ſolche ihrer ſelbſt bewußt iſt, die höchſte—— Lieber Gott, wo will der hinaus! Ich bitte Sie, ich beſchwöre Sie, ſchlagen Sie ſich dieſe Phantaſieen aus dem Kopfe. Aber, mein lieber Herr Burgemeiſter, was iſt denn für Gefahr dabei, der Wahrheit zu folgen? der Wahrheit platoniſcher Läuterung, die mit den Göttern mühelos um den Himmel fährt und lächelnd zuſieht, wie der plumpe Menſch umſonſt dem Vagabunden⸗Wirbel ſich entgegenſetzt, der darum ihn und ſeine Welt verwirrt? Sich nicht ſträuben heißt nur der Wahrheit folgen. Der Wohrheit? alſo das wäre die Wahrheit?! Wenigſtens haben Sie, mit ihrer Erlaubniß, noch nichts dagegen aufgebracht. Nun, da müßt' ich doch auch alle anſäſſigen ordent⸗ lichen Leute gradezu für verrückt halten. Und im gewiſſen Sinne nicht mit Unrecht, denn ſehen Sie: auf dem Standpunkte der Philoſophie— Ach, das ſind Sophiſtereien! So? kennen Sie den Vers: Und wenn Alles im ewigen Wechſel kreiſt, So beharrt doch im Wechſel ein ruhiger Geiſt. Ja!— Das ſpricht aber für mich, und gegen den unruhigen Geiſt. Es giebt keinen unruhigen Geiſt, und er beharrt in einem Wechſel ſo gut, als im andern, eben ſo gut auf der Reiſe durch Deutſchland, als auf der durch die Acten des hieſi⸗ gen Stadtgerichts; nur der Geiſt iſt und beharrt, und es iſt eine rechte Thorheit, eigen Haus und Heerd etwas feſtes und ſtehendes zu nennen. Dieſe Beſchränktheit—— Hier iſt der Paß, reiſen Sie in Gottes Namen! und wenn Sie wieder kommen, nehmen Sie ſich eine Frau, ſo hoff' ich, ſoll die Bekehrung ſchon noch gelingen. Damit ſchieden wir von einander. Sollte ſo etwas von Einfluß auf die Philoſophie ſein? dacht' ich in Weggehn. Aber wie muß mich mein Unſtern grade den letzten Au⸗ genblick mit dem guten Manne zuſammenführen! Hab' ich nich doch bisher bei Karten⸗ und Billardſpiel immer aufs Beſte mit ihm vertragen.— Ob ich meine Gründe zur Reiſe habe? freilich werd' ich ſie haben, und die allerbeſten von der Welt; aber ich werde mich hüten, ſie ihm auf die Naſe zu binden. Würde er ſie etwa geſcheidter finden, als die ganze Weisheit, welche ich ihm ſo eben preis⸗ gegeben und, wie ſich zeigt, auch wohl beſſer verſchwiegen hätte?— Ich ſuche Poeſie.— Die Schrift ſagt: ſuchet, ſo werdet ihr finden. Freilich ſie blüht überall, wo nur Augen ſind, ſie zu ſehen. Immer aber iſt ſie nur eine 4 Perle im Meere des Lebens, und es will tief und ferne getaucht ſein, um ſie zu gewinnen.— Luft, Luft! und leichtes Vagabundenblut! 2. Die Ueberfahrt. Drängt ein Gefühl ſich aus der Bruſt hervor, Begleitend ſingt ſogleich ein äußrer Chor: Ja! ſtimme Du nur Deiner Seele Saiten, Er wird harmoniſch Dein Gefühl begleiten. Wenn die Vögel wegziehn und wenn ſie kommen, wird den gefangenen das Herz groß, und ſie heben voll Sehnſucht die gehemmten Flügel. Eben ſo iſt es uns, und oft ſind wir glücklicher als ſie. Unter den vielen Käfigen, die uns umhaften, iſt der Winter am trübſten vergittert; und die Macht der ſteigenden Sonne, ſeines goldenen Schlüſſels, verkündigen uns die kommenden Vögel. Diesmal war ich vor vielen meiner Landsleute begünſtigt, denn ich durfte raſch aus dem Eiskeller heraus⸗ treten und in den Frühling hineinreiſen, eine erfreuliche Badereiſe in ſeinem belebenden Luft⸗ und Lichtmeer. Der Norden verdient zwar alles Lob, und Rügen, meine Heimath, erhielt genug, aber wahrlich, auch der iſt nicht zu ſchelten, welcher fortreiſet aus ſeinem naßkalten Frühjahr, um ſich zu ſonnen, wo die Sonne ſcheint—— und doch wollte mich der Burgemeiſter zurückhalten?— So lange ich die Scholle meiner Heimathinſel kerker⸗ froſtig, winterſatt mich umgeben ſah, ſpürte ich nur den — 6— Drang in die Frühlingsferne, die Pferde konnten mir nicht ſchnell genug laufen, ich ſegnete den ſchwindenden Boden unter den Ridern; als aber das Boot vom Lande losrauſchte und eilig vor dem Winde fortſchoß, da ſah ich zurück, und mit jeder neuen Welle, die zwiſchen mir und dem Uferſaum rollend auftauchte, dacht' ich reumüthiger an das Wort des wohlwollenden Mannes: „Sie ſollten nicht fortreiſen, ich ſage, Sie ſollten hier bleiben!“ Indeſſen die Gegenwart ſiegt immer über die Erinnerung. Es waren verſchiedene Leute im Boot, die zuerſt vom Viehmarkt redeten und ſodann vom Wollmarkt, bald aber Gelegenheit fanden zu verſtummen und andächtig ſchweigend einem jungen Burſchen zuzuhören, der ſeinen Ranzen weglegte, auf die Paſſagierbank ſtieg, ſich nach Rügen zurückwandte und mit vielem Ernſt folgendermaßen ſeinen Abſchied nahm: Du Land mit deinen Bauern, Du Stadt mit deinen Höhn, Ihr hellen ufermauern, Die in der Brandung ſtehn, Ihr hohen Wogen voll Schaum und Wuth, Ihr kleinen Inſeln in tiefer Fluth, Lebt wohl! Ihr lieben Heimathfluren, Der erſten Freude Spuren, Der erſten Liebe Glück Laß ich in euch zurück.— Wohl zieht michs in die Ferne, Doch blieb' ich auch ſo gerne: Mir wird ſo abſchiedsweh zu Muth, Lebt wohl, ihr Lieben, und bleibt mir gut! Der kleine Redner blieb eine Weile ſtehn, winkte hinüber und ließ jedem von uns Zuhörern Zeit, ſo viel Heimweh zu fühlen, als ſeine Lage mit ſich brachte. Dann ſetzte er ſich nieder; und nun begann der anſehnlichſte unter den Landleuten: Junger Herr, Sie wollen gewiß auf die Studien gehn und geiſtlich werden;'ne gute Ausrede haben Sie, nur daß die Stimme noch ein wenig zu fein iſt, aber das wird ſich ſchon geben. Da iſt der Kandidat Hund, den hab' ich auch gekannt, als er erſt zwei Käſ⸗ hoch war und mit der Fibel zum Küſter lief; und was für ein Kerl iſt er nun geworden! Sapperment! Wenn der Mann predigt, das Herz lacht einem im Leibe, ſo'ne klare Ausrede wie er hat! Und neulich da mußt' er Ihnen eine Predigt thun vom jüngſten Gericht, ich ſage, daß einem die Haare zu Berge ſtanden, all mein Lebtag ver⸗ geß' ich's nicht. Dabei wußt' er einem Jeden ſeine Sün⸗ den vorzuhalten, und ich habe mir auch mein Theil dar⸗ aus genommen von wegen des Fluchens, denn der Teufel reitet einen manchmal, daß man ein gottloſes Wort ſagt. Ja, Recht hat er, fluchen iſt ſündlich, aber es iſt ver⸗ flucht ſchwer zu halten, hols der Satan! Der Mann ſpricht einem gewaltig zu Herzen. Iſt's nicht wahr, Jürgen? Ja, ſagte Jürgen, ein alter krummer Bauer, einen grauſamen Reſpect hat er in die⸗ Leute gebracht ſeit er da iſt. Da ſieht mans recht, was es für'n Unterſchied iſt mit dem lieben Gotteswort! War es erſt an dem Jüngling, die Pforten des Hei⸗ — ligthums aufzuthun, ſo bemühten ſich jetzt dieſe bejahrten Landleute um das himmliſche Manna auf ihre Weiſe. Sie fühlten es wohl, der Geiſt kam über ihn und über ſie, aber das Wort des Geiſtes iſt nur Wenigen gegeben. 3. Der ſtille Mann. Zugewöhnt und ſüß, Die ich nie verließ. Reißt die Muſchel aus dem Haus, Reißet ihr die Seele aus. Unter dieſen Geſprächen fuhren wir in den Stral⸗ ſunder Hafen hinein, das Boot legte an,— iv hop! und nun gingen unſere Wege auseinander. Ich nahm den nächſten zum jenſeitigen Thore, und gedachte noch den⸗ ſelben Tag weit ins Pommerland hineinzugehen. Stral⸗ ſund nämlich beſchloß ich diesmal vorbeizulaſſen, wie⸗ wohl mit Bedauern, denn es leben dort viele Leute, die nicht ergötzlicher gedacht werden können; allein da ſie theils meine Sippen, theils meine Schul⸗ uhd andre Meiſter ſind, ſo wäre es unzart, ſie öffentlich zu nennen, 3 was doch bei der Natur dieſer Denkzettel die mögliche Folge ſein könnte, es wäre unzart, beſonders da wir in Deutſchland einen eigenen Widerwillen gegen die Oeffentlichkeit auch unſerer Tugenden hegen. Thöricht aber mußte es mir ſcheinen, unter dieſen Umſtänden mit vermehrter geheimer Wiſſenſchaft Stralſunder Merkwür⸗ digkeiten mein Gewiſſen zu beſchweren; deswegen beſchloß * ich, wenn gleich zum großen Schaden meiner poetiſchen Zwecke, diesmal nicht einzukehren. Zwei Leute indeſſen ſind in dem Fall, daß ihr Leben zur Biographie reif iſt, und ich halte es für meine Pflicht, mir dieſe Erſcheinungen wenigſtens anzumerken, da ſie vielleicht nicht weniger als alle Dichter, Littera⸗ toren, Staats⸗ und Kriegsmänner dieſer Stadt auf die Nachwelt zu kommen verdienen, und dennoch, ſo viel ich weiß, nirgends weder beſchrieben noch beſungen ſind. Der eine dabon, mein alter Freund, iſt zur Zeit dieſer meiner Durchfahrt noch im beſten Wohlſein, und da er die begründetſte Hoffnung hat, es noch lange zu bleiben, ſo werde ich gewiß ſpäter die Gelegenheit finden, meine jetzt verſäumte Viſite nachzuholeu, der andre dagegen, ſchon längere Zeit zu ſeinen Vätern verſammelt, iſt eine wahrhaft patriarchaliſche Geſtalt, eine Merkwürdigkeit, die ſchwerlich in meiner Mappe ihres Gleichen bekommen wird, ja die ſie vielleicht überhaupt nicht hat. Schon als Knabe nahm dieſer Geiſt eine ganz eigen⸗ thümliche Richtung. Denn während die andern Knaben, ſobald die Schulthür aufging, wie hungrige Schweine hinausſtürzten und nach Maßgabe der Jahreszeit ſich im Schnee oder im Schmutz wälzten und einander damit bewarfen, oder vors Thor liefen und irgend ein unſin⸗ niges Kinderſpiel ausführten, wobei ſie weder an Kennt⸗ niſſen, noch an ſonſtiger Brauchbarkeit für die bürgerliche Geſellſchaft zunahmen, während deſſen ging der Knabe, deſſen Geſchichte hier aufgezeichnet wird, ruhig und nach⸗ denkend mit ſeinen Büchern nach Hauſe. Sobald er daſelbſt angelangt war, begab er ſich in die Werkſtatt ſeines Vaters, ergriff irgend ein Stück Leder aus dem Abfall, und verſuchte kleine Schuhe und Pantoffeln zu komponiren. Mit wahrer Vaterfreude bemerkte der Alte das Ta⸗ lent und die Liebe des Knaben, er pflegte ſeine Frau anzuſtoßen und ihr unter Freudenthränen die Worte zu⸗ zuflüſtern:„Thurchen, aus unſerm Ignatz wird noch einmal der erſte Mann im Gewerk!“ Victoria, ſeine Gattin, zog dann gewöhnlich ihre Schnupftabacksdoſe hervor, that die Brille herunter, wiſchte ſich ebenfalls die Augen und nahm eine Priſe der Beſtättigung. Und ſo geſchah es. Der beſcheidene, ſinnige Igna⸗ tius ging keine anderen Wege, als von der Schule in die Werkſtatt und von der Werkſtatt in die Schule, nie wandelte er in Rathe der Gottloſen, noch ſaß er auf der Schlingelbank, wo die Spötter ſitzen. So wurde erGeſell. Sein ausgezeichnetes Talent und der Einfluß ſeines Vaters erſparten ihm die Wanderung, denn das Gewerk erklärte einmüthig, er könne aus der Fremde nichts mitbringen, und daß er etwas hinbrächte, wäre überflüſſig. Meiſter war die nüchſte, Altermann die letzte Stufe, die er erſtieg. Ruhig ward er alt und trat endlich in den Ruheſtand. Dieſelbe Regelmäßigkeit und Ruhe, womit er früher ſeinem Berufe gelebt, wandte er jetzt auf das Leſen der heiligen Schrift. Seine Eingezogenheit wurde aber wo⸗ möglich noch größer, ſo daß er jetzt auch vor der Haus⸗ thür eine ordentliche Scheu bekam, während ihm bis ———— 15— dahin doch nur das Stadtthor, aber dies auch in einem ausgezeichneten Maße zuwider geweſen war, dergeſtalt daß er in ſeinem ganzen Leben nicht ein einziges Mal auch nur hinaus zu ſehen gewagt hatte. Nur die Kirche bewog ihn allſonntäglich zum Ausgehen, und gab ſo ſeinem„ruhigen und zufriedenen Leben“ zwar die Gott⸗ ſeligkeit, aber doch auch einige Bewegung und Unruhe. Dies war das Leben ſeines Ruheſtandes. Da begab es ſich eines Sonntags, daß ſein wilder und ausgearteter Sohn,— welcher ein gemachter Mann war, nachdem er mit dem Gelde ſeines Vaters und ſeiner Frau, einer Dame von den feineren Lebensanſichten ihres gebildeten Standes, einen Lederhandel angelegt hatte— es begab ſich, daß dieſer polternd zu ihm ins Haus kam, eben als er von dem Beſuche der drei Hauptkir⸗ chen wieder heimgekehrt war. Der alte Mann las in dem Evangelienbuche, welches mit in ſein Geſangbuch gebunden war, die heutigen Terte noch einmal über; als er aber ſeinen Sohn an der Thür lärmen hörte, knipſte er es zu, und erwartete ſein Schickſal. Der Schwindelgeiſt trat herein, warf ſeinen Hut auf das etwas verſchoſſene Familienſopha und fing an: Nun laßt das Singen und Beten nur gut ſein, Vater, heute habt Ihr genug davon. Ja, bei meiner armen Seele, wenn Ihr nicht in den Himmel käi, ſo müßte Abraham braun und blau geſchlagen werden. Nu, nu, begütigte der Alte furchtſam, ſei nur nicht ſo ausfällig und das am heiligen Feiertage. Mir wird angſt und bange zu Muth. Du weißt ich kann das Lärmen nicht vertragen. Darauf erklärte der Sohn, ſeine Frau habe es aus⸗ drücklich verlangt und er beſtehe gleichfalls darauf, daß der Vater ſich den Gottstiſchrock wieder anziehe und mit auf den Wagen ſteige, der vor der Thür hielt. Denn ſie wollten ausfahren, und ſeien feſt entſchloſſen ohne ihn nicht von der Stelle zu weichen. Wei dieſen Worten trat auch die Schwiegertochter herein und trotz alles mürriſchen Sträubens des unbehaglich aufgeſtörten Alten, gelang es ihren vereinten Kräften, ihm ſein Kattunkamiſol aus⸗ und den ſchwarzen altdeutſchgeſchnittenen Gottstiſchrock wieder anzuziehen. Er mußte mit zu Wagen und nun ging es munter zum Thore. Das hatte er immer noch nicht geahndet, er iterte vor Angſt, als ſie der verhängnißvollen Oeffnung näher kamen, und erklärte feierlich: er habe nie in ſeinem Leben eine ſolche Ausſchweifung begangen, und es ſcheine ihm eine Entheiligung des Feiertages, aus eitel Vergnügungs⸗ luſt vors Thor zu fahren, ſtatt ſich daheim zu Hauſe aus der heiligen Schrift zu erbauen. Zudem würde dies dus erſte Mal in ſeinem Leben ſein, daß er ins Freie käme. Der Kutſcher hielt auf ſein Verlangen die Zügel an, aber der unerbittliche Sohn ſchrie dazwiſchen: fahr zu, Kanaille! Die Pferde ſprangen an, und der Wagen rollte hinaus.„ Auf dieſe Weiſe war es der aufgeklärten Schwieger⸗ tochter gelungen, dieſes Gebrechen ihrer neuen Familie — 4. zu heilen: der alte Duckmäuſer war kurirt, denn man hatte ihn ins Freie, man hatte ihn heraus. Eine Weile ſaß der alte Mann in ſtummer Ergebung mit gefalteten Händen, dann blickte er begierig in die weite Ebne und übers Meer vor ſich hin und ganz in den Anblick verloren mit erhobenen Händen rief er aus: Gott! wie groß iſt deine Welt! Der Eindruck war aber ſo mächtig und gewaltſam geweſen, daß er ſchon am Abende deſſelben Tages in ein hitziges Fieber fiel, fortwährend von Gott und Welt phantaſirte und am dritten Tage ſich zu ſeinen Vätern verſammelte. 4. Der Blockdreher. Es giebt auch kleines Volk im Pommerland, unächter Schlag! was ächt, iſt dem verwandt, Der Händel liebt' und ſtand im Kampfe wacker Und als er fiel bedeckte ſieben Acker. 5 Der andere merkwürdige Stralſunder iſt ein Welt⸗ kind von ausnehmender Größe, Dicke und Stärke. Seine Thaten ſind berühmt im ganzen Pommerlande und ſein Leben daher auch nicht ſo in der Kürze zu beſchreiben, weßwegen hier nur Bruchſtücke anzumerken, das Ganze aber den fleißigen Stralſunder Geſchichtſchreibern zu über⸗ laſſen iſt.. Im Allgemeinen trifft es auch bei ihm zu, daß in unſern Zeiten thatkräftige Raturen fortwährend Händel mit der Polizei und Juſtiz haben. Dagegen wußte er aber eine ſehr ſinnreiche Erfindung aufzubringen. Er iſt nämlich ſeines Zeichens ein Blockdreher und macht Pumpen und Brunnen. Bei dieſem Geſchäft fiel ihm einmal ein Erd⸗ und Balkenſturz auf den Leib, und ſeit der Zeit behauptet er harthörig zu ſein. Man hat jedoch die Bemerkung gemacht, daß er angenehme Dinge und die ſich auf den Verdienſt bezogen weit beſſer begriff, als unangenehme, namentlich gerichtliche Verhandlungen oder gar Aeußerungen der Unzufriedenheit mit ihm. In dieſer Art erzählt man ſich mancherlei von dem Manne, unter andern Folgendes: Als er einmal das Unglück gehabt hatte, zu einem Ringkampfe verleitet zu ſein, warf er ſeinen langen Gegner ſo heftig über eine Pupenröhre, daß dieſer Unglückliche in der Mitte einknickte und nun ſein Suelih einen ſtumpfen Winkel nach der rechten Seite bildete. Dabei ver⸗ ſuchte er mit größter Unverſchämtheit, den armen Menſchen wieder grade zu biegen, und gab im Eifer des Geſchäfts einem kleinen verwachſenen Chirurgen, welcher dies für einen Eingriff in ſeine Rechte hielt und heftig dagegen proteſtirte, eine ſo derbe Maulſchelle, daß der Kleine ſich eine geraume Zeit nach ſeinem Ranzen umſah, dann aber mit dem unglücklichen Ringer einſtimmte und eben⸗ falls ein lautes Geſchrei erhob, welches unſer Held aber keineswegs zu hören ſchien, wenigſtens machte er ernſtliche Anſtalten, ſeine Kur fortzuführen mit dem Bemerken, er wolle den Kerl ſchon ausbeſſern, da ihm weiter nichts „ fehlen könne, als eine zleine Verrenkung, und die müßte gezogen und gebogen werv'n. Mit vieler Mühe und großer Noth von ſeinen Püf⸗ fen verhinderten es die Umſtehenden. Der Mediziner aber verklagte ihn wegen unhöflicher Behandlung und unbefugter Praxis. Bei dem Prozeß verfuhr unſer Held wie gewöhn⸗ lich, das heißt, erklärte ſich für völlig taub und ließ ſich auf nichts ein, er verlange auch gar keinen Bei⸗ ſtand von Gerichtswegen und bedürfe es weiter keiner Unterſuchung, da er über Schimpfreden nicht zu klagen hätte, weil er ſie nicht hören könnte, und was die Thät⸗ lichkeiten anlangte, ſich ſeiner Haut ſchon wehren wollte. Als keine Ermahnungen fruchteten, und alle Ver⸗ ſuche, ihn zum Eingehen auf die Sache zu bringen, fehlſchlugen, entſchied ſich das Gericht dahin:„ „Daß der Fall durch die vollſtändigſten Zeugniſſe klar und erwieſen, und ſomit ohne weiteres Geſtändniß des Angeſchuldigten zu verfahren, zumal da derſelbe bei anderen Gelegenheiten aller nöthigen Gehörsfähigkeit kei⸗ neswegs ermangle, demnach hier nur eine ſträfliche Re⸗ nitenz obzuwalten ſcheine.“ Schließlich wurde erkannt: „Daß er zwar puncto der unbefugten Praxis ₰ abſolbiren, maßen der Thatbeſtand nicht als erfüllt geſehn werden könne, jedoch wegen erweislicher Abſicht auf ſolch unbefugtes und ungeſchicktes Kuriren mit einem Verweiſe zu belegen ſei, welchen ihm, da eine ſtärkere Stimme vonnöthen, als die Herren vom Gericht beſäßen, — 8— der Ausrufer zu ertheilen habe und zwar durch das Sprachrohr der königlichen Licentjacht, das zu dem Ende von Gerichtswegen requirirt worden: daß ferner die Klage auf unhöfliche Behandlung wohl begründet und Beklagter daher in die übliche Geldſtrafe zu nehmen, alle dergleich Unfertigkeiten aber, ſowohl in Anbetracht ihrer Geſetzwidrigkeit im Allgemeinen, als auch insbeſondre der öfters inculpirt geweſenen Zufahrenheit des Beklag⸗ ten, ebenſowohl wie alle und jede unbefugte Abſicht auf chirurgiſche Operationen aufs Strengſte und bei An⸗ drohung verſchärfter Strafe für künftige Beſchwerdefälle zu unterſagen ſei.“ Ob dieſe Entſcheidung dem Rechte gemäß ſei oder nicht, vermag ich nicht zu beurtheilen; ſo viel iſt gewiß, daß der Beklagte und Verurtheilte ſie nicht dafür hielt. Es war ihm indeſſen deutlich gemacht worden, wie die Sachen ſtünden; und alsbald ſchloß er nicht mit Unrecht, daß der kleine Mediziner an dem ganzen Krame ſchuld ſei. Nun will ich zwar nicht behaupten, daß er rach⸗ ſüchtiger Natur ſei, denn man rühmte, ſo viel ich weiß, von jeher ſeine Leutſeligkeit, allein es ärgerte ihn doch, wie er zu ſagen pflegte, daß die Ratte ihn in Koſten geſetzt. So ſtanden die Sachen, als eines Mittags der Blockdreher und der Chirurg, da eben die Ppſtjacht an⸗ legen wollte, vorn auf der Badenbrücke ſtanden, um das Ausſteigen der Fremden aus Schweden mit anzuſehen. Die Brücke war, wie gewöhnlich, ganz voller Menſchen, zu allervorderſt der Chirurg, dann der Blockdreher und darauf die Uebrigen. Als nun das Schiff näher kam, — 19— drängte von hinten die neugierige Maſſe zu; und auf einmal ſah man unſern Helden mit ſammt dem Medi⸗ ziner ins Waſſer ſtürzen. Der Blockdreher hatte Grund, wiewohl ihm das Waſſer bis an die Schultern ſtand. Er fing an aufs Land zuzuwaten, während ſein be⸗ deutend kleinerer Unglücks⸗Gefährte auf und nieder tauchte und unaufhörlich, wenn er heraufkam, über Ret⸗ tung ſchrie, wenn er unterging, Waſſer ſchluckte. Natürlich hörte der Blockdreher weder den Chirurgen ſchreien, noch das Volk auf der Brücke rufen, und wa⸗ tete ruhig weiter, bis er zufällig aufſah und nun wohl aus den Gebehrden der Leute die Gefahr ſeines Gefähr⸗ ten ſchließen mußte. Denn ſogleich drehete er um, ging wieder zu Waſſer, ergriff den Chirurgen bei den Haa⸗ ren, ſchwang ihn ſich auf den Rücken, und trug ihn unter dem lauten Gelächter beſonders der rohen Schiffer und Matroſen ans Land. Als er mit ihm auf dem Trocknen angelangt war, ergriff er ein Ende Schiffstau, und ſchickte ſich an, ihn gehörig abzuſtrafen. Denn er hätte ihn mit hinabgeriſſen, und außerdem, warum er ſich ſo nah ans Waſſer wagte, wenn er keinen Grund hätte, und auch nicht ſchwimmen könnte? Allein die ganze Maſſe ſtürzte theilnehmend herbei, und erklärte den Chirurgen für unſchuldig, ja Einige waren ſogar ungerecht genug, ſeinen wackern Retter zu beſchuldigen: Er hätte ſeinen alten Proceßgegner ergriffen, und ſei mit ihm hinabgeſprungen, um dem kleinen Chirurgen, der dort nicht gründen könnte, den Rechtshandel gehörig ein⸗ zutränken. Welchen Grund oder Ungrund dieſe Anklage 5 hatte, wer mögte das entſcheiden? ſo viel iſt gewiß, der Blockdreher bog den Chirurgen über ein umgekehrtes Boot, welches auf der Werfte lag, erhob das Tauende und verſetzte ihm allerdings noch einige nachdrückliche Hiebe, bevor ihm die mitleidige Menge in den Arm fallen konnte. Zwar waren ihm alle chirurgiſchen Ope⸗ rationen von Gerichtswegen unterſagt, allein Jedermann mußte doch diesmal ihre Zweckmäßigkeit anerkennen; denn die beiden einfachen Hiebe hatten die gute Wir⸗ kung, daß der Chirurg alles verſchluckte Waſſer wieder bon ſich gab, und von Angſt und Waſſer völlig wieder zur Beſinnung kam. Es gehört doch viel Waſſer dazu, ſich zu beſaufen, bemerkte ein Matroſe, das iſt der Doctor Eiſenbart, kurirt die Leut' nach ſeiner Art, ſagte ein feinerer Mann, die Menge aber erhob ein lautes Gelächter: der Block⸗ dreher wurde Gegenſtand der allgemeinen Bewunderung, der Chirurg von ſeinen Freunden, der Blockdreher da⸗ gegen von einer jubelnden Menſchenmenge nach Hauſe geleitet. Dies iſt die Geſchichte des Chirurgen und des Blockdrehers, wie ſie mit einander im Streit, vor Ge⸗ richt und im Waſſer waren. 5. Hinaus. Kein Bergesland, keinen Inſelſtrand, Preiſ't mir als der Dichtung Vaterland: Was alle Welt geheimnißvoll durchdringt, Sei uns gegrüßt, wers in die Lüfte ſingt! Ohne Zweifel könnte man von dieſen und ähnlichen ergötzlichen Stralſundern ein ganzes Buch ſchreiben, allein„höhere Rückſichten erlauben es nicht, ſchon jetzt daran zu denken, wir gehen alſo mit Bezugnahme auf die oben dargelegten Gründe ohne Weiteres zum Thor binaus und bleiben Euch in Gnaden gewogen.“ Rügen liegt nun hinter uns im Meer und ſeinem Duft, poetiſch in der That wie überall des blauen Meers Umarmung; doch vor uns, vor uns liegt des Lebens Meer, und wie viel duft'ge Inſeln ſüßer Poeſie! Hin⸗ aus! Vor meinen Füßen hier die weite Ebne dieſes Pommerlandes, ein freier, hellerleuchteter, ſchwellender, duſtender Tanzſaal für den fernhinſtrebenden Wandrer. Frühliugsluft und Wanderluſt, mir Brd ſo wohl um's Herz“ 8 Die weiten Felder ſind noch friſch Vom kühlen Schnee gebadet, Durch Wieſenweiher fährt der Fiſch Wo Sommers Klee ſich ſchwadet. „ Da blinkt ein milder Strahl durchs Feld, Er blinket auf die Weiher; Und Lerch' und kühlem Fiſchlein ſchwellt Er und Herz zur Feier. — Das Fiſchlein hüpfet hoch empor, Kann ſeine Luſt nur ſpringen, Doch in den Lüften wiegt ein Chor— O könnt' ich mit euch ſingen! Ihr leichten Flügler, leicht ꝛgenug, Dem erſten Strahl zu trauen, Ihr hohen Segler, hoch genug, um in den ai zu ſchauen! Vertieft in den Genuß der läuternden Durchdrin⸗ gung dieſes Sonnenblickes und damit in die raſche Er⸗ füllung meiner Reiſewünſche ſchwelgte ich fort, immer hinauf an den munteren Schneebächen, die ſich rauſchend verliefen, immer hinein in die rings umdrängenden Hol⸗ zungen dieſer Ebne. Endlich gelangte ich zu einer dich⸗ ten Baum⸗ und Gebüſchgrenze, welche ſich weit ins Feld hineinzog, mit ihrer ſonnigen Lage recht zum Ver⸗ weilen einladend. Die Bäume waren belebt von mun⸗ terem Geflügel; aber es ſchlich auch ſchon der Stören⸗ fried mit geſpannter Flinte den Rain entlang. O der Rohheit dieſer Mörder zum Zeitvertreib! und wem galt es hier? den frühſten Boten des Frühlings, die an ihn glauben, noch eh' er da iſt. Der Jäger gab Feuer und in großen Würfen ſchoſſen die übrig gebliebenen Krammets⸗ vögel piepſend durch die Luft. Wie manchem mocht eine bittre Wunde ſeine Botſchaft lohnen, wie manchem der Tod! Er ſteckte ſeine Beute zu ſich und kam auf mich los. „ 6 6. Standeserhöhung. Wo find' ich einen Edelmann, Dem ich mein Herz vertrauen kann? Als wir uns begrüßt hatten, wollt' ich ſogleich von den Krammetsvögeln und ihrem Schickſal, von dem Früh⸗ linge und ſeiner Verkündigung ein allgemeines Geſpräch anfangen, allein er legte mir die Hand auf den Arm und ſagte: Mein Herr, der Familienzug, welchen ich in Ihrem Geſicht erblicke, ſcheint mir bekannt; verzeihen Sie mir die Frage, mit wem habe ich das Vergnügen zuſam⸗ menzutreffen? Ich bin ein obſcurer Menſch und heiße Tanered Boemund Edmund von Rügen. Darauf ſah er mich ungläubig an und ſagte: Ich bin nicht aus dieſer Gegend gebürtig, allein, ſo viel ich weiß, iſt unter den Familien dieſes Ländchens, und ich glaube die ganze Ritterſchaft von Rügen zu kennen, ein ſolcher Name nicht anzutreffen; hätten Sie Bagewitz, Trit⸗ telwit, Meſeritz, Poſeritz, Lanken, Janken, Barnekow oder Kubbelkow geſagt, ſo wüßte ich Beſcheid, nun aber muß ich fürchten, Sie ſcherzen mit mir. Ich verſicherte ihn nochmals, daß ich ſo hieße, und langte in die Rocktaſche nach meinem Paß, allein der Forſtmann ergriff wiederum meinen Arm und ſagte mit einiger Selbſtzufriedenheit: —— Mein lieber junger Mann, daß Sie ein Studirter und von Adel ſeien, vermuthete ich gleich, und wenn Sie mir ihr Wappen erlauben wollten, könnt' ich Ihnen auch ſagen, wie ſie heißen, was ich außerdem ſchon zu errathen glaube aus Ihrer Aehnlichkeit mit einem ſehr genauen Freunde, dem ich in Dreißigacker verſchiedene Male zu ſecundiren die Ehre hatte. So ehrenboll Ihre gütigen Vorausſetzungen ſind, ſo leicht würde mir doch der Beweis des Gegentheils fallen; wenn Sie nur einen Augenblick erlauben wollten—(hier zuckte ich mit meiner in der Rocktaſche gefangenen Hand.) Reden Sie, reden Sie, gnädigſter Herr, ſagte er und drückte inſtändiger. Ich dachte, vielleicht geht es auch ohne den Paß und fuhr fort: So zum Beiſpiel, wie erklären Sie Sich's, daß ich ohne Hunde, Pferde und Bedienten bin? In einer Zeit wo ſelbſt Königsſöhne zu Fuß reiſen? Sie ſcherzen. Aber ich tadle Ihre Vorſicht keineswegs, Sie können ihre Urſachen haben inco⸗ gnito zu reiſen; um Ihnen indeſſen mehr Vertrauen ein⸗ zuflößen, will ich Ihnen nur ſagen: Ich bin ſelbſt von Adel. Die Pergamente ſind von Kaiſer Maximilian un⸗ terſiegelt und vollzogen, die Siegel auf kleine Stückchen Wachs gedruckt und hängen an Fidchen herunter Sie kennen das kaiſerliche Wappen und wenn Sie mir die Ehre Ihres Beſuches gönnen wollen, ſo werde ich mir ein Vergnügen daraus machen, Ihnen Alles vorzulegen, was auf dieſe Angelegenheit Bezug hat. Mein Name iſt von Buſchapfel, darum führen wir auch einen Holz⸗ —— apfelbaum im Wappen, wie Sie ihn hier auf dem Ge⸗ wehrkolben ausgeprägt ſehen. Seine vorweltliche Geſinnung und die treuherzige Vorausſetzung, ich müſſe ſie theilen, überraſchte mich allerdings nicht wenig. Einen Augenblick nahm ich an, er wolle ſich einen Spaß mit mir machen; allein er ſah nicht hinterliſtig dabei aus und der Holzapfelbaum war allerdings auf dem Flintenſchaft in erhobener Arbeit dar⸗ geſtellt. Vertrauen alſo hatte ich jetzt genug, aber leider nichts anzuvertrauen, wenigſtens nicht in der erwarteten Art, und da mir nirgends, weder in Zeitungen noch in Diplomen, geſtattet war, mich zu dem ſehr ehrenwerthen Junkerſtande zu zählen; ſo ergriff ich die Gelegenheit, welche eine uns trennende Pfütze zur Befreiung meiner Hand aus ihrem Taſchengefängniſſe darbot, langte meinen Paß hervor und überreichte denſelben. Er las und ſah mich zwiſchendurch kopfſchüttelnd an. Das genaue Signalement iſt offenbar ein Scherz, wie der ganze Paß desgleichen. Keineswegs, mein Herr, ſondern Dienſteifer des Burgemeiſters. Standesperſonen pflegt man das Signalement zu er⸗ laſſen, wenigſtens keine„beſonderen Kennzeichen“ anzugeben Das hat der Burgemeiſter zu verantworten. Ei, und was ſehe ich? ein Regierungspaß und koſtet funfzehn Silbergroſchen Stempel⸗ und funfzehn Silber⸗ groſchen andere Gebühren, eine Ehre, welche nur Adligen widerfährt. Grade aus dieſem Paſſe ſeh' ich die Rich⸗ tigkeit meiner Vermuthung, rief er triumphirend aus, 2 überreichte mir den Paß mit ſichtbar erhöhtem Reſpect, verbeugte ſich und ſagte dazu: Ich erlaube mir nicht, tiefer in Ihr Geheimniß einzudringen. Ich begreife gar wohl, daß in unſern Zeiten ein Adliger mancherlei Ur⸗ ſachen haben kann, ſich in der Fremde zu verbergen, da wir faſt ebenſo gedrückt und verfolgt ſind, wie die Juden und unſer einziges Vorrecht darin beſteht, beim Militär zu verhungern oder in den Forſten zu verſauern, ja das Letztere iſt in der allerneuſten Zeit auch nicht einmal mehr unſer ausſchließliches Vorrecht. Auf Rei⸗ ſen gilt der Adel nun vollends nichts. Kommt unſer einer in den Gaſthof, ſo hat er von ſeinem Stande nichts, als eine längere Rechnung; und die Bürgerlichen machen ſich luſtig über die Verlegenheiten, welche uns daraus erwachſen. In dieſem Punkt hab' ich Erfahrun⸗ gen. Die von Buſchapfels ſind von jeher gute Jäger und tapfere Soldaten geweſen, aber ſie haben Unglück gehabt, gnädiger Herr, ausgeſuchtes Unglück. Mein Großvater war Lieutenant im Kartoffelkriege, er hatte das Unglück bei Nacht in einen Sumpf zu gerathen und mit drei Mann zu verſinken. Dann focht mein Vater in der Champagne, wo er das Manifeſt des Herzogs von Braunſchweig eigenhändig abgeſchrieben hat, denn er ſchrieb eine ſehr deutliche Hand. Von ihm datirt ſich das Unglück unſers Hauſes. Denn auf der Retirade wurde ihm eine Kaſſe, die er zu transportiren hatte, während er vor Miüdigkeit von Wein und Strapazen nicht zur Hand war, geſtohlen. Der Proceß wurde ſein Ruin; alle Offiziere des Regiments waren auf ihn pikirt. „ — weil der Herzog einmal bei der Revüe geſagt hatte: der Lieutenant von Buſchapfel iſt der einzige adrette Offizier beim ganzen Regiment. Das trugen ſie ihm nach und verurtheilten ihn. Mich ſchickten meine Verwandten nach Dreißigacker, und ſo bin ich zwar ehrlich durch⸗ aber nicht wieder zu dem Meinigen gekommen. So gehts heut zu Tage, der Adel wird unterdrückt und mit Füßen getreten, die von Buſchapfels ſind ein Beweis davon. Unterdeſſen waren wir bei ſeinem Hauſe angelangt und er lud mich dringend zu ſich ein, wobei er aufs Beſte unterſtützt wurde durch dichte Regenſchauer, welche die Straße entlang kamen. 2. Herr von Buſchapfel und die Seinigen. Herein, herein, du lieber Gaſt! Das Förſterhaus, wohl zweitauſend Schritt vor dem Dorfe, war zweiſtöckig und geräumig; als ich es jedoch lobte, bemerkte er, dies wäre ein geringer Erſatz für die Schlöſſer ſeiner Vorfahren, wogegen ich nichts zu ſagen wußte. Die Zufriedenheit der Menſchen macht verſchiedene Forderungen, jenachdem ſie Ausſichten auf die Güter dieſer Welt gehabt hat, oder nicht. Der ſtattliche Forſtmann ſchritt bei ſeiner Hausthüre vorbei, und bat um meinen Vortritt. Ich war einfältig genug, denſelben in ein Förſterhaus zu verſuchen— aber wie aufs Kommando fuhren alle Hunde der Förſterei groß und klein auf mich los, und vom Hofe her vor der W Hinterthür heulte eine andre Meute berzweifelt über ihr Unglück, an dem Angriffe nicht Theil zu nehmen. Berginne! Conteſſe! Milord! ſchrie der Förſter, ſtürzte, die Höflichkeit der Noth aufopfernd, vor mir vorbei und fuhr mit ſeinem ganzen Anſehn unter die in⸗ dignirten Getreuen,— wollt ihr beiſeit! Die Kolonne fuhr auseinander, und nur hie und da bellte noch einer, aber mehr wie um Verzeihung, als zum Angriff Dann wurde mein Eintritt bewirkt, und ich ſofort, nachdem ſie mich alle gehörig berochen, zur Hausgenoſſenſchaft zugelaſſen. Als wir in die geräumige Wohnſtube traten, entſtand eine zweite Volksbewegung, aber etwas anderer Art. Es waren etwa ſechs bis acht junge Buſchäpfel auf den Boden gelagert unter vielen hölzernen Säbeln, Gewehren und andern Jagd⸗ und Kriegsgeräthſchaften; als ſie mich erblickten, fuhren ſie alle auf und drängten ſich mit verſchiedenem Geſchrei in die halb geöffnete Kammerthür hinein: Mutter, Mutter, der Vater iſt da! und ein fremder Herr! Das ſind meine Jungen. Acht Stammhalter, Herr von Buſchapfel? Sieben, Herr Baron, Herr Doctor wollte ich ſagen, ſieben. Erlauben Sie mir indeſſen, daß ich uns bei meiner lieben Frau zum Abendeſſen melde. Fortgewälzt von dem Schwarm ſeiner Jungen ver⸗ ſchwand der Edle von Buſchapfel, und ließ mich allein auf dem geſchlagenen Lehmboden ſeiner Wohnſtube mit ſeinen Brettſtühlen und einem langen Familientiſch, Nach einer Weile trat er wieder herein mit den Worten: S. Familienſeene. Ich ſei, gewährt mir die Bitte, In eurem Bunde der Dritte. Ich habe Sie gemeldet, meine Frau wird ſich ein Vergnügen und eine Ehre daraus machen, einen Mann von Ihrer Diſtinetivn zu bewirthen. Unterdeſſen haben Sie die Gnade mich zu begleiten. Er führte mich in die belle Etage, wo ein völlig ungebrauchtes und wider Erwarten elegantes Simmer war. In demſelben ließen wir uns aufs Sopha nieder, und als die Magd drei Flaſchen Langkork, Käſe, Wild⸗ brettbraten u. ſ. w. auf den Tiſch geſtellt hatte, began⸗ nen wir eine Beſchäftigung, die unſtreitig zu den wich⸗ tigſten des menſchlichen Lebens gehört, jedoch jedermann zu genau bekannt iſt, um nicht ohne weitere Beſchreibung lebhaft und natürlich gedacht zu werden. So viel muß ich indeß bemerken, daß ich es als ein wahres Glück betrachtete, auf Univerſitäten eine gewiſſe Virtuoſität im Trinken erlangt zu haben, denn der Herr von Buſch⸗ apfel ruhte nicht eher, als bei der letzten Neige. Den⸗ noch kann ich es nicht läugnen, daß ich ihn auf alle Weiſe betrog, wenigſtens ließ er ſich häufig, beſonders bei den letzten Flaſchen überreden, daß ich ſchon ein Glas voraus ſei, auch bedurfte er in der That häufiger — 60— als ich einer Anfeuchtung der Zunge, denn er erzählte mir alle ſeine Thaten und Fahrten von Dreißigacker. Die durchlauchtigſte Herzogin und den alten Bech⸗ ſtein lobte er mit vieler Wärme. Den letztern wegen ſeiner Gelehrſamkeit und ſeines derben Weſens, die er⸗ ſtere wegen ihrer Leutſeligkeit gegen die Forſtakademiker beſonders an Hofbällen. Dabei gerieth er einigemal in die ſichtbarſte Begeiſterung und beſonders, wenn er ſich in ſeiner Erzählung der Worte bedienen mußte:„die Herzogin ſagte zu mir“ kniff er die Augen feſt zu, wie ein Mädchen vor Liebesluſt, ſetzte die Linke in die Seite, ſchob die Unterlippe bedeutend vor und hielt den Meſſer⸗ griff darunter, gleichſam um die Brücke der Unterlippe bei dem Uebergange dieſer gewichtigen Worte gehörig zu unterſtützen. Weniger Anſtrengung koſteten ihm die Na⸗ men ſeiner edlen Freunde der Grafen von Plettenberg, Bodelſchwing, Fürſtenberg, Prrtnkewitſchtz, Michalsky, Proſtnitzky und anderer. Als er fand, daß mich dieſe Materie ſehr anſprach, that er die Frage: waren Sie nie bei Hofe? Ich ſagte, mein Incognito erlaube mir keine nähere Erklärung. Da iſts! da iſts! ſehn Sie wie Sie Sich decouvrirt ha⸗ ben. Bei dieſen Worten ſprang er auf, rannte zur Thür, riß ſie haſtig auf und rief die Treppe hinunter: Ilschen, Ilschen, komm geſchwind einmal herauf! Dann ſetzte er ſich wieder zu mir, und bat um die Gnade, mir ſeine Frau vorſtellen zu dürfen, die auch bald darauf ins Zimmer trat und zwar von der ganzen ſiebenköpfigen Stammhalterſchaft begleitet. Die kleinſten hielten ſich an — 31— ihrem Kleide feſt und die größeren verſteckten ſich hinter ihr, guckten jedoch von Zeit zu Zeit liſtig und neugie⸗ rig hervor. Die Frau war eine hohe adlige Geſtalt von ange⸗ nehmer Haltung, leuchtenden Augen und wahrlich ſo ju⸗ gendlichem Anſehn, als es dieſe Schaar von Buſchäpfeln, die von ihrem Stamm gefallen waren, nur immer erlaubte. Ich genieße die unſchätzbare Gnade, Herr Baron, denn jetzt werden Sie mir es wohl nicht mehr verargen, wenn ich es nicht wage, Sie anders zu nennen, ich ge⸗ nieße das ausgezeichnete Glück, Herr Baron, Ihnen mein geliebtes Ilschen vorzuſtellen. Dies iſt meine keuſche Gattin, ſehn Sie ſie an, Herr Baron, iſt ſie nicht noch heute hübſch?— was haſt Du, Weibchen? ſagte er liebkoſend, als ſie ihn heimlich beim Rock zupfte, und ſetzte dann mit trunkener Offenheit hinzu, ſchäme Dich nicht, nein wahrlich, Du brauchſt Dich nicht zu ſchämen, daß Du nicht mehr das wunderſchöne Ilschen von Bahlen biſt, wie vor zwanzig Jahren, denn Du haſt mir zehn lebendige Kinder und darunter ſieben Jun⸗ gen geboren, ja, das haſt Du gethan, aber ich verſichre Dich, Weibchen, daß ich mit derſelben Liebe wie den erſten auch den letzten——— Lieber Ottfried, fiel ſie ihm ängſtlich in die Rede, was wird der Herr Baron davon denken? Der Herr Baron, Ilschen? was der von Deiner Liebenswürdigkeit denkt? Siehſt Du, wenn er ſich wei⸗ gert, Dir einen Kuß zu geben, ſo hat er kein Herz im — Leibe, wenigſtens kein adliges, das ſag' ich, ja, wahr⸗ haftig, das iſt meine Meinung, Baron! Ich müßte ein Unmenſch geweſen ſein, wenn ich nicht ſogleich die Frau von Buſchapfel zu küſſen wenigſtens verſucht hätte, wobei ich aber auch hoffte, daß es ſein Bewenden haben würde. Das iſt wahr! fiel ich daher eiligſt ein, ich wag' es alſo, um dieſe unſchätzbare Gunſt zu bitten. Und in der That war ich, trotz des genoſſenen Langkorks, im⸗ mer noch im Stande, mich vor ihr auf ein Knie nie⸗ derzulaſſen, und eine den Unſtänden angemeſſene Rede zu halten. Ich hoffte damit genug gethan zu haben, la politesse est faite, dachte ich bei mir ſelbſt, aber wider alles Erwarten hob ſie mich auf und reichte mir ihren adligen Mund, worauf nun mein unglückſeliger Fuß, als Schauſpieler wider Villen, den altengliſchen Huldigungsact vollzog.— Darauf erröthete ſie, verneigte ſich mit niederge⸗ ſchlagenen Augen, und berließ das Zimmer mit den Knaben, die ſich ſchon in der Stube einander bei den Haaren zupften und heimlich ſtießen, ſobald ſie aber die Thüre hinter ſich hatten, ein lautes Getümmel und Ge⸗ ſchrei erhoben, welchem die verſtändige Hausfrau, wie ſich von ſelbſt verſteht, möglichſt zu wehren ſuchte. 9. Die Diplome. Trinakrien, du Perl' in meiner Krone, Dich hinterlaß' ich meinem ält'ſten Sohne! Das ſind die Freuden der Ehe, mein Herr. Die Töchter ſind mir geſtorben, ich hätte ſie auch nicht ſtan⸗ desmäßig verheirathen können, nun hat der liebe Gott ſie zu ſich genommen in dem Stande, worin ſie geboren ſind, ſein Rath iſt immer der beſte. Meine Jungen aber ſind mir eine wahre Freude, und freſſen ſich alle Tage beſſer heraus. Die treue Gattin iſt Genoſſin die⸗ ſer Leiden und Freuden und eine große Laſt, die ganze Wirthſchaft, Uegt auf ihren Schultern. Reinlichkeit werden Sie überall bemerken und zugleich Sparſamkeit. Ja, ſo gut es mir unter dieſen Umſtänden ergehn konnte, iſt es gegangen, denn da ich ſelbſt das Sparen nicht gewohnt bin, ſo erhält mein geliebtes Ilschen ganz allein Alles im rechten Geleiſe. Und in ihrer Jugend, Herr Baron, da war ſie ſchön! bei meinem Namen! es würde mich kränken, ſie durch die vielen Geburten ſo um ihre Blüthe gebracht zu ſehn, wenn ich nicht bedächte, daß dadurch der Name von Buſchapfel auf eine glänzende Weiſe geſichert iſt— ja! die von Buſchapfels—— tauſend ſapperment! bald hätt' ich das Allerwichtigſte vergeſſen. Die Diplome, Herr Baron, die Diplome! Es freute mich, daß ſein Rauſch mit der Aufregung des vorigen Auftritts meiſt verflogen zu ſein ſchien, denn er ſprach, wie man ſieht, wieder ziemlich nüchtern und gelangte in gerader Linie zu ſeinem Bücherſchrank, wo die Hefte von Bechſtein und den übrigen berühmten Män⸗ nern des Inſtituts, im grünen Einbande aufgeſtellt, ein wohlverſchloſſenes Kofferchen verbargen. Dies brachte der edle Forſtmann herbei, ſtellte es auf den Frühſtücks⸗ tiſch, und langte acht große Pergamentrollen hervor. Die ſechs neuen ſind für meine jüngeren Söhne, und dies vor Alter graugewordene, woran die Siegel hängen und welches der Kaiſer Maximilian allerhöchſt ſelbſt un⸗ terſchrieben hat, ſehn Sie, da ſteht er, das gehört der Familie und bleibt immer bei dem Aelteſten. War es der Eifer, war es der Wein? Genug, er nahm auf die Eßwaaren des Tiſches nicht die mindeſ Rückſicht und breitete die Rollen darüber hin. Als ich ihm nun be⸗ merklich machte, wie ſchlimm die Butterflecken für Per⸗ gament wären, wurde er vor Schrecken kreideweiß. Dann holte er tief Athem und ſagte: Gut, daß es nicht das alte iſt! Aber zu welchem Unglück könnte dennoch dieſer Fleck Veranlaſſung geben, denn keiner von den Jungen wird damit zufrieden ſein, ſelbſt Rudchen nicht; hm! hm! das macht mir wieder Koſten. Darauf wurde alles wieder an ſeinen Ort zur Ruhe gebracht, nur nicht die Sorge um den verhängnißvollen Flecken. Mit untergeſchlagenen Armen und ſorgenbollem Rach⸗ denken ſchritt er durch das Zimmer hin und wieder. Endlich wandte er ſich entſchloſſen zu mir mit den Worten:. — 5— In dieſem Zimmer vergeſſe ich die Sache nun einmal nicht wieder, und doch möchte ich den Aerger gern ein wenig hinunterſpülen. Ich weiß daher keinen beſſern Rath, als wir gehn zum Schmidt. Zum Schmidt? fragte ich verwundert. Ja, er iſt zugleich Gaſtwirth und wenn gleich nicht von Adel, doch der einzige Ungang, den man hier haben kann. Dazu verſteht er ſehr guten Grog zu bereiten. Ich ſehe nicht ein, was uns anders übrig bleibt. Ich noch viel weniger; und im Grunde hielt ich den Einfall für eine glückliche Fügung, die mich wieder emancipiren würde, ſobald wir das Wirthshaus beträten, erklärte daher meine Zuſtimmung und ging mit. Die Frau von Buſchapfel begegnete uns an der Treppe, und ſprach ſich ziemlich beſorgt über die Grog⸗ viſite aus; allein der verſtändige Hausvater bemerkte leicht ausweichend, wir kämen bald wieder; und ſo ging es ziemlich eilig unter einem leichten Regen hinweg zu dem Grogſchmidt. 10. Bei dem Grogſchmidt. Trunken Mund Redt Herzensgrund. Der Schmidt von kurzer Schmidtſtatur, aber könig⸗ lichem Geſicht, denn er glich den Bourbonen, im Ganzen ein ſchmucker junger Mann, trat uns entgegen, und be⸗ willkvmmte den Herrn von Buſchapfel mehr freundſchaftlich als unterthänig: eine Erſcheinung, welche gewiß für ein Zeichen des demokratiſchen Zeitgeiſtes zu halten iſt, be⸗ ſonders da der Herr von Broſchapfel durchaus keinen Unwillen verrieth, ſondern vielmehr den Schmidt, nachdem ſie ſich vorher die ungeheuern pommerſchen Hände eine gute Weile geſchüttelt hatten, ganz leutſelig folgender⸗ maßen anredete: Mein lieber Meiſter Rußwaſe, wir kommen zu Euch auf ein Glas Grog. Dieſer fremde Herr iſt ein Baron, der incognito reiſet(hier begrüßte mich der Schmidt durch eine leichte Lüftung ſeines ſchwarzen Sammetkäpp⸗ chens mit dem zwieſchlächtigen Zuſatz: viel Ehre!) und wenn der Herr Baron es erlauben, ſo ſeid Ihr unſer Wirth und Gaſt zugleich. Die Erlaubniß hatte keine Schwierigkeiten, wir traten ins Zimmer, und bei dampfendem Grog und Pfeifen war alsbald der Humor und die Athmosſphäre des beſeligenden Kneiplebens aufgethan. Wir tranken eifrig; und der Herr von Buſchapfel erzählte alles, was von der Geſchichte ſeiner Ahnen noch übrig war, namentlich ihre Jägerthaten, unter denen die merkwürdigſte unſtreitig ſeinem Großvater mit einer wilden Sau begegnet war. Dieſer hatte das Thier an⸗ geſchoſſen, aber nicht erlegt, und kam nun in Lebensgefahr, als die Sau wüthend auf ihn einſtürzte. Aber ſo groß die Gefahr, ſo raſch der Entſchluß. Der Herr von Buſchapfel ergriff einen Stein, die Sau riß den Rachen auf, und er warf ihr den Stein mit ſolcher Gewalt in den Schlund, daß ſie ihn geraume Zeit weder hinaus⸗ noch hinunterbringen konnte. So gewann er Zeit ſich zu retten. Es vergingen Jahre, ohne daß er ſich der Begebenheit erinnerte. Da ſchoß er einmal eine Bache, deren Phyſiognomie ihm gleich ſehr bekannt vorkam, und ſie war es wirklich, denn bei der Oeffnung des Magens fand man denſelben Stein darin, den ſie damals ver⸗ ſchluckt aber noch nicht verdaut hatte. Rußwaſe, der die Geſchichte für erlogen hielt, fiel hier ein und ſetzte die Geſchichte des Herrn von Münch⸗ hauſen mit dem Hirſch darauf, den dieſer bekanntlich mit Kirſchkernen angeſchoſſen und ſpäter mit einem Kirſch⸗ baum auf dem Kopf erlegt hat. Allerdings, lieber Meiſter, nahm ich das Wort, iſt Ihre Geſchichte wenn gleich bekannter doch merkwürdiger, als die des Herrn von Buſchapfel; beidemale kommt daſſelbe Thier zweimal vor dieſelbe Jagd und wird an unfehlbaren Zeichen dafür wiedererkannt, indeſſen beide Geſchichten ſagen nichts davon, daß auch das Wild den Jiger wieder erkannte; ich erlaube mir daher, Ihnen die Geſchichte des ſchwäbiſchen Bauern mit dem Fuchſe vorzutragen, ausgezeichnet durch eine gegenſ eitige Wiedererkennungsſcene. Der ſchwäbiſche Bauer, von dem ich rede, und ſein Sohn gingen einmal zuſammen über Land und wie ſie ſich noch von einem Hühnerſchaden unterhielten, den ihnen in verwichener Nacht der Fuchs angerichtet, bewährte ſich das neckiſche Sprichwort: wenn man vom Wolfe ſpricht, ſo iſt er nicht weit: dicht vor ihnen vorüber — 3 ſchlüpfte der Hühnerdieb aus dem Geſträuch; und nachdem er eine Weile ihren Fußſteig vorausgeeilt, bog er ein, ſprang auf einen Wurzelſtumpf und von da in einen hohlen Baum hinein, aus dem ſie ihn nicht wieder her⸗ vorkommen ſahen. Schnell und behende eilten Vater und Sohn herzu und erblickten zu ihrem Erſtaunen den Fuchs⸗ ſchwanz, der aus einem mäßigen Loch unten am Baume hervorragte. Wüthend ergriffen ſie ihn faſt zu gleicher Zeit und zerrten aus Leibeskräften daran, um den Fuchs ſoweit hervorzuziehn, daß ſie ihn todtſchlagen könnten; allein das Loch war wohl groß genug für den Schwanz, aber zu klein für den Fuchs. Eifrig und rachgierig, wie ſie waren, ließen ſie dennoch nicht locker, ſondern geriethen vielmehr aus dem Zerren ins Drehen, um womöglich den Feind auf dieſe Weiſe qualboll ums Leben zu bringen. So arbeiteten ſie ſich zu mehreren Malen müde, während inwendig der Fuchs aufs jämmerlichſte klasperte und heulte. Aber kaum daß ſie ein wenig verſchnauften, ſogleich trieb der Alte von neuem zur Arbeit und immer mit den Worten: Nun wollen wir wieder dran! welche Worte der Fuchs zuletzt jedesmal mit einem erneuten Jammergeheul erwiederte und in dieſer Schule der Leiden aufs Gewiſſenhafteſte auswendig lernte. Endlich ward er erlöſt, der Schwanz riß, und wie aus der Piſtole geſchoſſen fuhr der Fuchs oben zum Baume hinaus, während der Bauer und ſein Sohn mit dem Schwanze in den Händen der Länge nach übereinander ſtürzten. Sie trugen ihren Fuchsſchwanz nach Hauſe, und ärgerten ſich, daß ſie die Sache nicht geſcheuter angefangen, um S dem Hühnerdieb wirklich ans Leben zu kommen; indeſſen er hatte einen Denkzettel bekommen, der ſeine Dreiſtigkeit für die Zukunft wohl etwas vermindern konnte. Es vergingen mehrere Wochen und unſerm Bauer war die Geſchichte mit dem Fuchſe längſt wieder aus dem Kopf gekommen, als er einmal durchs Gehege ging und plötzlich eine äußerſt lebhafte Jagd ganz in ſeine Rähe kommen hörte. Die Hunde ſchlagen an wie auf den Fuchs, ich muß doch mal ſehn, ob ſie dem Gaudieb ans Mager kommen, oder ob er wieder ſo viel Glück hat, als neulich mit mir. Mit dieſen Worten ſchritt er raſch dem Gebelle nach, und fand alle Jäger und Hunde höchſt ungehalten bei⸗ ſammen; denn der Fuchs war eben zu Bau gegangen, und niemand hatte Dachshunde bei ſich. Es iſt doch ärgerlich, ſagte einer von den Jägern, daß er uns ſo foppen muß, und zu dem iſt es kurios mit dem Thiere, es hat keinen Schwanz, ich ſah ihn ganz in der Nähe vorbeiflitzen, als mir das Gewehr verſagte. Wos, rief der Bauer aus, er hatte keinen Schwanz? Ei, da ſtellt euch nur hier herum, ihr Herrn Schützen, und ſpannt die Hähne, denn da will ich ihn bald hervor⸗ locken. Alle lachten über den Bauer und glaubten nicht im geringſten daran, daß er den Fuchs würde mitten unter die Hunde locken können, die vor dem Bau ſtanden und bellten. Er ſtellte ſich indeſſen vor das Fuchsloch, nahm beide Hände an den Mund und ſchrie aus Leibes Kräften hinein: Nun wollen wir wieder dran! Kaum hörte der Fuchs dieſe Worte, ſo ſtürzte er wie raſend hervor und fiel mitten unter die Hunde, zum großen Erſtaunen aller Umſtehenden, die den Bauer ſo lange für einen Herenmeiſter hielten, bis er ihnen erzählte, wie er ſchon früher die Bekanntſchaft dieſes Fuchſes ge⸗ macht und daß er wohl Urſache gehabt hätte zu glauben, der Fuchs würde auch ſeinerſeits ſich noch daran erinnern, was er damals mit ihm verhandelt. Rußwaſe wurde ungemein aufgeweckt durch meine Erzählung und wiederholte mit angemeſſener Gebehrde noch einige Male das Stichwort: Nun wollen wir wieder dran! Der Förſter dagegen hatte unterdeſſen dem Grog ſchon einen ſo bedeutenden Einfluß geſtattet, daß er ſich durch dieſe Unterbrechung in ſeinen Phantaſieen nicht ſtören ließ, ſondern nun vielmehr anfing auch von der Zukunft ſeiner Familie zu reden. Er hatte nämlich allerdings Hoffnung zu einer Reſtauration oder Wiedereinſetzung in ſeine Güter und als wir daran zweifelten, verſprach er uns diejenigen Thatſachen mitzutheilen, worauf er ſich ſtützte unter der Bedingung, daß wir ſie nicht mißbrauchen wollten. Wir gelobten es an, und in der That, ich glaube ſie nicht beſſer gebrauchen zu können, als wenn ich ſie durch öffentliche Mittheilung zu aller ur mögli⸗ chen Wirkſamkeit bringe. Er erzählte: Es iſt ſchon ein Vierteljahr her, Januar, Februar, ja! ein richtiges Viertel⸗ jahr, da wacht' ich einmal vor Tage auf. Die Sorgen über unſer verlornes Stammgut, Buſchapfelshagen, ließen mir keine Ruh. Als ich aber enblich ooch wieder einſchlief, —— kam ich im Traume nach Berlin; und nun wurd' ich gleich zu Hofe geladen. So wie ich ging und ſtand mußt' ich in die Kutſche ſteigen, und hatte doch nichts auf dem Leibe, als die Unterhoſen und meine Schlaf⸗ mütze. Stellen Sie ſich vor, Herr Baron, Sie ſind bei Hofe geweſen, Herr Baron, Sie können Sichs vorſtellen, aber Ihr nicht, Meiſter Rußwaſe, und ich kann Euch auch nicht helfen, auf Cabalier⸗Parole, Meiſter, Euch kann ich nicht helfen, hier heißt es, Arzt hilf dir ſelber, ha! ha! ha! Er iſt ein Kurſchmidt, Herr Baron, ha! ha! ha! Hier verſiegte ſeine Geſchichte im Scherz; ich that alſo die Frage: Nun, Herr von Buſchapfel, wurden Sie denn in dieſem Aufzuge vorgelaſſen? Nur Geduld! meine Herren, alles mit Verſtand! Nun kam ich herein, alles war hell mit Gas beleuchtet;— ich ſchämte mich, wie ein begoſſener Hund, das that ich, aber die übrigen Herrſchaften gingen durcheinander, wie im Puppenſpiel oder wie die Masken auf der Meininger Redoute. Auf der Redoute, bei Hofe, ja da hab' ich Euch manchen Tritt liegen, Meiſter Rußwaß; als ich noch in Dreißig⸗ acker war— der alte Bechſtein— nu! der trank ſeinen 83ziger Steinwein, der durch die Franzoſen aus dem Fürſtbiſchöflichen Keller gekommen war, das war Euch ein Weinchen, der 83ziger Steinwein! ich hab' Euch manchem Fläſchchen den Hals gebrochen, ha! ha! ha! der alte Bechſtein! der Graf Proſtnitzky! ha! ha! ja die Kerlchen! Aber, lieber Herr von Buſchapfel, wie wurd' es in Berlin? In Berlin? Unter den Linden— da iſt der Conditor Fuchs, da hab' ich— Gut! aber wie wurd' es bei Hofe? Das will ich Ihnen ſagen, Herr Baron,— der König, Meiſter Rußwaſe, der war bei Hofe, hn! ja, bei Hofe — was wollt ich doch ſagen? Sie hatten eben erzählt, wie Sie gezwungen worden, im Nachtkleide bei Hofe zu erſcheinen. Richtig! Alſo da kam der König auf mich zu und ſagte: Ei ſieh da, mein lieber Herr von Buſchapfel! aber warum ſo traurig, als wär' Ihnen die Peterſilie verhagelt? ei! ei! Ew. Majeſtät, Buſchapfelshagen—— Ha Sie Schalk! ſagte der König, gab mir einen leichten Schlag auf die Schulter und drehte ſich um. Am andern Tage mußt ich wiederkommen, und nun hatt' ich Kleider wie die andern Cavaliere, und benahm mich ſo fein, daß Fürſten und Grafen mit mir zufrieden waren. Das hatte ich von Dreißigacker. Bei dem alten Bechſtein, da kamen die Grafen Aber der König, Herr Förſter! der König fiel Ruß⸗ waſe ein. Der König? der kam auf mich zu, als ich eben mit. dem einen Miniſter ſcherzte und ſagte: Ei ſieh da, mein lieber Herr von Buſchapfel! und ſo vergnügt? Ew. Majeſtät, die Gnade von geſtern— Gut, gut! Sie ſollen's wieder haben. Nun kein Wort mehr, ſagte der König. Ich ließ mich auf ein Knie nieder i Da wachten Sie auf, ſagte Rußwaſe. Ja, da wacht' ich auf, wiederholte der Förſter, und that den letzten Grogzug aus ſeinem großen Glaſe. Es war ſein Schlaftrunk, denn er verlor ſich immer mehr in ſich ſelbſt und ſank bald völlig beruhigt zu mir auf das Sopha, welches dienſtwillig genug neben ſeinem Stuhle ſtand. 11. Das Trauerſpiel. Verwünſchte, nächtliche Geſpenſter. Was hab' ich mit euch zu thun? Und doch laßt ihr auch mir im Buſen Den ſchlimmen Feind nicht ruhn! Die Gründe für die Reſtauration der Familie von Byſchapfel waren vielleicht nicht die zuverläſſigſten, aber ſie gewährten doch den nöthigen Troſt, und in der That, wir ſind berechtigt zu behaupten, daß auch andere kluge Leute, die Schreiber dieſes öfter im Spiegel geſehen hat, mit ihren geheimen Hoffnungen auf beſſere Tage in ähnlichen Luftſchlöſſern zu wohnen pflegen, und nichts vor unſerm Förſter voraus haben, als das Verdienſt, dieſe Hoffnungen klüglich gehein zu halten! Dennoch, warum ſollen wir es nicht geſtehen? zu beneiden ſind diejenigen, welche wachend ſich glücklich träumen und ſchlafend es ſind, worin wir auch den Grund finden, weshalb mancher dieſen Traum und dieſen Schlaf mit vielem Wein erkauft. Der Herr von Brſchapfel ſchlief, und mit eiſernen Riegeln war ihm die Außenwelt verſchloſſen, denn keine Bemühung vermochte ihn zu ermuntern alle Abgeſandte ſeiner Gemahlin, die uns zum Abendeſſen riefen, kehrten unverrichteter Sache zurück. Es wurde daher für mich nothwendig, ebenfalls auf ein Nachtquartier bei dem Schmidt zu denken. Ich trug ihm meine Wünſche vor; und ſogleich rief er über die oberſte ausführende Behörde des Innern, die Wirthin. Ihr Anblick ſchreckte mich keineswegs von meinem Vor⸗ haben ab, denn ſie war über alle Erwartung ſauber, nur verriethen die ſcharfen Züge ihres Geſichts, die mat⸗ ten Augen und eine etwas krumme Haltung ihrer kleinen dürren Figur, daß ſie ſchon manchen Herbſt erlebt. Dieß ſchien indeß für meinen Zweck gleichgültig, ich ratificirte demnach einen ſchnell entworfenen Vertrag, und glaubte meine Zukunft bis zum andern Morgen vollkommen ge⸗ ſichert. Als ſie jedoch zur Ausführung ſchritt und wir uns wieder allein ſahen, konnt ich mich nicht enthalten, den jungen hübſchen Eheherrn zu fragen, ob er ſchon lange verheirathet ſei? Er berſtand mich ſehr wohl, und erwiederte: Ich bin in den Jahren, wo viele noch nicht ans Heirathen denken können, aber das Schickſal hat mirs leicht gemacht. Als ich aus der Fremde wiederkam, ſtarb der Meiſter; und einige Monate darauf gab ich meiner Liebſten, die nichts hatte, den Abſchied, und nahm die Meiſterin mit der Schmiede und dieſer Wirthſchaft zur Frau. Wenn man nichts hat, kann auch der Beſte nichts anfangen; was ſollt ich alſo thun? ſollt' ich mein Glück mit Fü⸗ ßen ſtoßen? Es iſt mir leid genug um das arme Ding, die Liſe Koſen, die hat viel von mir gehalten, denn als wir uns trauen ließen, da ſprang ſie in den See, und es dauerte wohl acht Tage, bis die Fiſcher ſie wieder⸗ fanden, denn ſie hatte Steine an ſich. Es geht mir an die Seele, daß ſie ſo elend ums Leben kam, aber ich denke, die Todten ſind wohlverwahrt, was willſt Du Dich grämen? ſie iſt ja aller Qual aus dem Wege. Wenn ſie mir nur die Ruhe nicht mitgenommen hat; denn ich weiß nicht, ob es ihr Geiſt iſt, oder was es iſt, ich kann manche Nacht nicht ſchlafen, und die Leute haben ſie ſchon öfter am Teiche geſehn in einem weißen Laken und mit zwei großen Steinen um den Hals. Sie ſoll jedesmal auf unſer Haus losgehn; aber daß ſie wirklich wiederkommen ſollte, glaub' ich doch nicht. Ich auch nicht, ſagt' ich unwillig, ſie hat ja zwei Steine für Einen am Halſe, was will ſie mehr?— Schlafen Sie wohl! und damit nahm ich das Licht und ging in die Kammer, aber mehr um meinen Vorwitz zu bereuen, daß ich mir dieſe Geſchichte erfragt, als um zu ſchlafen, was mir erſt ſehr ſpät und ſehr unvollkom⸗ men gelang. Sobald ich daher in der Frühe den Herrn von Byſchapfel im Nebenzimmer laut reden hörte, ver⸗ ließ ich das verwünſchte Lager und darauf in Beglei⸗ tung des Förſters auch das ungeſegnete Haus, 12. Heimweh. Wenn ich durch Berge voller Reben eile, So denk' ich euch in jedes Winzerhaus, Wenn unterm Buchendach ich ruhend weile, So ſchneid' ich eure lieben Namen aus. Wie ſchnell mich Füß' und Räder weitertragen, Ihr eitet zu mir in dem ſchnellſten Wagen. Aber auch den guten Förſter verließ ich ſo ſchnell als möglich. Leben Sie wohl, Herr von Buſchapfel, vielleicht führen Ihre Angelegenheiten Sie einmal wirk⸗ lich nach der Hauptſtadt, wir werden uns dam wieder⸗ ſehen, wenn die meinigen mich ſo lange dort laſſen. Ich nannte ihm die Wohnung eines Freundes, der ihm je⸗ derzeit Auskunft über mich geben könnte, und ſagte ihm Lebewohl. Als er dringend zum Bleiben einlud, ſchützte ich dringende Geſchäfte vor, und eilte dem Morgenroth entgegen, um vielleicht in Freien das verlorne Gleichge⸗ wicht meines Gemüthes wiederzufinden. Aber der Früh⸗ lingsmorgen gefiel mir nicht, der Wald ſtand mir nicht recht, und bei jedem Wanderer, der mir begegnete, dacht⸗ ich, der kommt aus der Fremde wieder, heirathet die Meiſterin und wird ſeiner Liebſten untreu.— Rein, der Grogſchmidt iſt nie wiedergekehrt aus der Fremde; er iſt fremd in ſeinem eigenen Hauſe. Wehe dem Menſchen, der ſein eigenes Herz verräth! Sein Beiſpiel machte wirklich einen ſo ſtarken Ein⸗ druck auf mich, daß ich anfing zu zweifeln, ob ich ſelbſt mit meiner Reiſe mich nicht lieblos gegen die Heimath betrüge. Die Worte des Burgemeiſters und die Thrä⸗ nen des Abſchieds fielen mir wieder ein.— Eine un⸗ glückſelige Stimmung, in die ich mich wider Willen im⸗ mer mehr verlor. Ich erſtieg unterdeſſen eine waldige Anhöhe, und hoffte von dort herab noch einmal nach Rügen hinüberzuſehn; aber es war hinter dem blauen Duft des Himmelskreiſes hinabgeſunken. Ich warf mich auf das Haidekraut am Rande des Wäldchens, und ſah noch lange zurück. Viele Leute zogen vorüber nach dem Jahrmarkt eines nahen Städtchens und die erſten Schwal⸗ ben nach meiner Heimathinſel. Ihr Schwalben, ihr habt Flügel, Und meine Seele weint, So fern von Thal und Hügel, Wo meine Sonne ſcheint. Lehrt mich durch blaue Lüfte Die flügelſchnelle Flucht Und über Waſſerdüfte Zu meiner uferbucht; Wo weiße Meereswellen Zum wald'gen ufer ziehn, Zum Meer hinab die ſchnellen umblühten Bäche fliehn; Wo ſich viel Veilchen ſonnen, Wo duft'ge Maien wehn, Und in den höchſten Kronen Viel frohe Sänger ſtehn; Und wo wir Kinder ſangen Vom Mai das liebe Lied, und nach den Silphen ſprangen Durch Blumen, Moos und Riet. Ihr ſchnellen dunkelblauen, Ihr lieben Schwalben hört! Will euch noch mehr vertrauen, Ob ihr's mir nicht gewährt. Doch ach! die Schwalben ſchwinden, Und laſſen mich zurück, Wann werd' ichs wiederfinden, Der Heimath ſüßes Glück? und in den Wehmuththränen Schwimmt trüb ihr liebes Bild; Ach! unſer liebſtes Sehnen Wird nimmer wohl geſtillt! Die Straße wurde lebhafter, die Marktleute zogen vorüber. Viele Wandrer, doch nicht einer, Den zu mir die Liebe bringt; Viele Blicke, doch nicht einer, Der zum Herzen niederdringt! Viele Grüße, doch ſie ſagen Nur die leeren Formeln auf; Viele Mädchen, doch ſie klagen Nicht um meinen Reiſelauf. Anders wo im Lebensreigen Traute Blicke ſich verſtehn, Und aus tiefſter Seele ſteigen Und zu Herzensgrunde gehn. Anders wo in jedem Gruße Eine Welt voll Liebe lebt, Und im ſüßen Liebeskuſſe Ein unendlich Sehnen bebt. O, ich will nicht weiterziehen, Immer fremder wird die Welt, Will zurück zur Heimath fliehen, Wo mich alles liebt und hält. — Ich ſtand auf, ſteckte das Taſchentuch ein und ging — nicht nach Hauſe, ſondern weiter, nicht dem Herzen, ſondern der Naſe nach, wie alle vernünftigen Leute und der Schmidt desgleichen; denn das Leben iſt ein Betrug des Herzens. So geht es fort, bis es dann in glück⸗ licher Stunde ſpät oder früh doch auch dem Herzen ein⸗ mal gelingt, das Leben zu betrügen. Süßer Betrug! o keim' und werde reif in meinem Buſen! Zweites Dutzend. 8 — — — — — 8S — = S G 3* 1. Weitere Reiſe. Hier iſt der Wahlplatz, Gieb ihm ſeinen Helden. Zunächſt begegnete mir weiter nichts Merkwürdiges, als daß ich über die Grenze und in Mecklenburg hinein⸗ kam ohne alle Abentheuer. Der Mecklenburger Boden aber führte ſogleich ein drolliges Ereigniß mit ſich. Ich war in der Penzliner Gegend. Die Landſchaft iſt ſchön: ein gelbblühendes weites Rapsfeld lief bis zu dem See hinab, jenſeits ſtanden hoch und dunkel ſeine waldigen Ufer, der unförmliche Thurm des Städtchens ragte civiliſirend aus der durchſchnittenen Gegend, und winkte mir behaglich herüber. Während ich nun ſtill⸗ ſtand und mich in der Gegend umſah, hatte ſich ein Junge zu mir gefunden, der denſelben Weg ging. Zu⸗ erſt, als er herbeikam, mußte ich ihn nicht bemerkt ha⸗ ben, denn plötzlich erblickte ich ihn neben mir, wie er zurückgebogen daſtand und vor Entſetzen Maul und Au⸗ gen weit aufſperrte. Ich wußte nicht, wie ich eine ſolche Erſcheinung hervorbringen mochte, ging alſo neugierig auf ihn los. Aber länger hielt er nicht Stich, eilig nahm er ſeinen langen Sonntagsrock herauf, und rannte da⸗ von, wobei er ſich jedoch von Zeit zu Zeit ängſtlich um⸗ ſah. Ich rief; er ſtand nicht. So will ich doch wiſſen, was dies zu bedeuten hat, und ſollt' ich bis Penzlin laufen; und damit ſetzt' ich ihm nach. Endlich erhaſcht' ich ihn; er zitterte vor Angſtz ich begütigte ihn: Fürchte Dich nicht, mein Sohn, ich werde Dir kein Leides thun, aber ſage mir, warum biſt Du vor mir gelaufen? Er wurde jedoch nicht ruhiger, und ich mußte ihn nur wieder fahren laſſen, um ihn zu überzeugen, daß ich in keiner Weiſe gewaltthätig einſchreiten würde. Nun blieb er zwar neben mir, allein zu einer Erklärung ſei⸗ nes Betragens konnt' ich ihn ſobald noch nicht bringen. Erſt nachdem wir uns etwas an einander gewöhnt und andere Gegenſtände beſprechlicher gefunden hatten, eröff⸗ nete er mir: Er habe mich für einen böſen Mann ge⸗ halten, weil ich nach den Schäferhürden hinüber Zeichen gemacht. Dem Schäfer nämlich hätten viele Schafe ver⸗ ſetzt; das müßten böſe Leute ſein. Alſo wie ein Zauberer ſeh' lich aus? Soll ich mir dies zum Vortheil oder zum Nachtheil auslegen? Iſt vielleicht des Menſchen Blick geiſtiger und gewaltiger wie eines Königs der umgebenden Ratur, wenn er, ſich einſam glaubend und als Gebieter umſchauend, von einem Unbemerkten belauſcht wird? Vielleicht!— viel⸗ leicht war der Junge ein Eſel.— Wir ſchieden zwiſchen den Gärten von Penzlin in dem Angenblick, als ich einen Mann gewahrte, welcher den nächſten Gartenzaun einriß, darauf höchſt unbeküm⸗ mert hineintrat, über alle Beete der Länge und Queere hin⸗ wegſchritt und mit einem ausgeriſſenen Zaunpfahl ſein lautes Rufen nach dem Gärtner begleitete, obgleich dieſer bereits im vollen Laufe herankam, um mit dem Spaten in der Hand die Unbill zu rächen, die ſeinem Gehege wiederfuhr. He! Du Taubneſſel, Du Kohlſtrunk, Du Rüben⸗ freſſer, hörſt Du denn nicht? Iſt das eine Art und Weiſe, einen Fremden zu bedienen, daß man ihm die Wege zuzäunt und keine Antwort giebt, wenn er nach der Straße fragt? Ihr Penzliner Hallunken! meint Ihr, daß Ihr ungeſtraft Irrgärten aus Euern Kohlgärten machen könnt! Wo geht hier der Weg zum Forſthauſe, wo wohnt hier der alte Saufaus von Buſchapfel, deſſen altadelige Vorfahren das Heidelberger Faß und das Binger Loch ſind? Wart“, ich will Dich belochen! Du Mörder und Zaunbrecher, ſchrie der Gärtner, welcher Satan regiert Dich in meinen Zaun und in meine Spargelbeete! zu⸗ rück! zurück! Du Beetverwüſter! und damit führte er einen ungeheuren Hieb mit ſeinem Spaten, den er zwei⸗ händig wie einen altritterlichen Haudegen herabſchwang, grade auf das Haupt des Blockdrehers los— denn dieſer war es, der wie gewöhnlich die Kriegsfurie los⸗ gebunden.— Ho ho! rief der Blockdreher aus, und hieb mit ſeinem Zaunpfahl gegen, daß dem armen Gärt⸗ ner ſein Spaten, grad' hinter das Eiſen gefaßt, weit hin aus der Hand fuhr und plötzlich vor meinen Füßen im Spargelbeet ſteckte. Wie der Wind ſchoß ich herbei, und fiel dem Sieger in den Arm:„Wohin Alecide reißt der Jähzorn Dei⸗ nen Speer! Was iſts, was führt zu dieſem Strauß Dich her?“ Er ſah mich an, und heiter über ſeinen Sieg, ver⸗ traute er mir nun ſeine Noth, ganz unbekümmert um den armen Gärtner. Der holte ſchen den Spaten und kam dann ſanft verweiſend wieder zu uns. Ich gab ihm eine Münze, ſprach ihm freundlich zu, und wußte meinen Freund mit ſeiner Taubheit beſtens auszureden. Dann zogen wir mit klingendem Spiel des Scherzes und mit den genommenen Waffen aus der Feſtung. Ich hörte, daß ihn ein Geſchäft in Holz zum Förſter führe, wir tauſchten unſre letzten Fata aus und ſchieden, nach⸗ dem ich ihm den Knaben, der durch das Kriegsgetüm⸗ mel herbeigelockt war, als Führer mitgegeben. Ich war nun in Penzlin. 2. Der Abbé. Er liebt den Spaß Und zwar mit großem Ernſt. Im ſchwarzen Adler, wo ich einkehrte, war Abends ein reger Verkehr von Juden und Chriſten, bei welcher Gelegenheit, wie natürlich, wacker politiſirt wurde, dann aber eine ganz außerordentliche Begebenheit eintrat, wie ſie ſelten ſein mögen in der Chronik dieſer Stadt. Es war die Rede von allen Fürſten und Staaten Europa's und dabei der Hauptpunkt, wie natürlich, das jugend⸗ liche Frankreich. — Ein langer ſchwarzer Herr aus der Geſellſchaft wußte mehr von ihm und ſeinen Stürmen, als wir andern. Er hatte zwar eine etwas ausländiſche Beto⸗ nung, im Ganzen aber ſprach er mit der größten Fer⸗ tigkeit deutſch. Die Kennermiene und das Geheimniß⸗ volle machte uns begierig, und wir forſchten eifrig nach dem Charakter des verhängnißvollen Fürſten Polignac, der damals das Staatsruder führte. Der Fremde ſchrieb ihm eine unabläſſige herrſchſüchtige Betriebſamkeit zu, in der er beharre, wiewohl ſie ihn öfter als bekannt geworden an den äußerſten Rand des Verderbens gebracht habe. Das ſei das Schickſal der Erdenmenſchen, wie die Motten ins Licht zu fliegen. Der Fürſt ſchwebe um ſein Licht. Freilich ein Nachtfalter ſcheint er zu ſein, ſagte der aufgeklärte Wirth. Ach Gott bewahre, fiel der Kornjude Moſes ein, eine ſimple Schabe. Mir ſelbſt vertrieb die Reugierde den Witz, und ich fragte den Wohlunterrichteten: Mein Herr, entſchuldigen Sie meine Frage, nehmen Sie Theil an ſeiner Perſon oder nur an ſeiner Geſchichte? Ich habe ihm und den Seinigen das Vergnügen zu danken, daß ich Ihnen unter dieſem Breitengrade die Antwort gebe: Er iſt mein Feind, und der Feind mei⸗ nes Landes; aber ich danke ihm ſeine Schärfe. Die ſchwarzen Augen funkelten bei dieſen Worten, die Gäſte ſtießen ſich einander an, der Wirth berührte leiſe meinen Fuß mit ſeinem Stiefelſchnabel, und der Fremde fubr wohlbeobachtet fort. 8 Sie werden die Bemerkung gemacht haben, meine Herren, wenn man das Glas zu voll ſchenkt(hier ſchenkte er ſich ein), ſo läuft es über. Ja wohl, bemerkte der Kornjude, und wenn es un⸗ ten nicht dicht hält, ſo läuft es aus. Mit einem verächtlichen Blick fixirte der Wohlunter⸗ richtete den Juden, als das Gewitter des Gelächters verzogen war, und indem er die Lippen mehr wie ſonſt preßte, begann er: Unſere Sprichwörter mögen dem Deutſchen und vielleicht auch dem Morgenländer lächer⸗ lich erſcheinen, aber daraus folgt noch nicht, daß ſie in ihrer Anwendung auf die Erſcheinungen am politiſchen Himmel unwichtig ſind, eine Anwendung, welche zu machen die beiden genannten Völker aus Mangel aller politiſchen Bildung durchaus unfähig ſind. Ich weiß es wohl, man ſagt hier zu Lande: allzuſcharf macht ſchartig, ſo hätt' ich auch ſagen können, aber ich wollte zugleich zeigen, daß derjenige fällt, der zu hoch ſteigt. Wir ſahen uns einander an, als hätten wir uns in unſerer Erwartung getäuſcht, der Wirth aber meinte,* dieſe Sätze wären uns allerdings gar wohl bekannt, allein es ſchien eben wenig damit geſagt zu ſein. Keineswegs, Herr Wirth, wenn man hinzuſetzt, daß alle Revolutionen in Frankreich durch Verkennung dieſer Sprichwörter von Seiten der Machthaber entſtanden ſind. Hm, ſagte der Wirth, nicht übel bemerkt. Und daß, fuhr der Wohlunterrichtete fort, dieſer Fall gegenwärtig im Eintreten iſt. Ich habe es aus„ guter Ouelle, von einem—— chier wiſchte er ſich den ½ — 050— Mund, und das folgende Wort blieb in der Hand ſtecken), ich habe die ſichere Nachricht, daß für Frank⸗ reich ſowohl, als—— jedoch, meine Herren, ich kenne die Verhältniſſe Ihres Landes nicht genau genug, und da man hier in der Regel nicht politiſirt, ſo fragt es ſich, ob es vielleicht gefährlich iſt. J, Gott bewahre, wir ſind freie Leute, in Mecklen⸗ burg kann jeder reden, wie ihm der Schnabel gewach⸗ ſen iſt, und wenn ein Mecklenburger einen Schnüffel⸗ poſten haben will, muß er außer Lands gehn, ſagte der Wirth. Der Wohlunterrichtete öffnete den Mund— aber faſt wäre er ihm vor Schrecken ſo ſtehn geblieben; denn in demſelben Augenblicke trat ein Preußiſcher Huſaren⸗ lieutenant herein, mit einem martialiſchen Geſicht, das eine lange Narbe durchfurchte und ein Schnurrbart ſchrecklich aufſtutzte. Dieſer redete ihn mit den Worten an: Mein Herr Abbé, ich muß Sie erſuchen, mir zu folgen. Verſtört ſtand der Abbs auf, griff ſich in die Taſche, legte dem Wirth einen Thaler hin, bekam einige Gro⸗ ſchen wieder, ſchien es weder zu wagen aufzuſehn, noch ein Wort zu reden, trank jedoch ſeinen Wein aus, wo⸗ gbei der Jude ein ganz beſonderes Zucken um ſeinen WMund bemerkt haben wollte; und folgte dem Lieutenant. Sie ſtiegen in eine leichte Chaiſe, die unterdeſſen vorge⸗ fahren war und verſchwanden bald im Mondſchein auf dem Wege nach Berlin.——— Das ganze Haus war in der größten Aufregung, kaum daß wir unſern Wein noch tranken, und leicht kann man ſich denken, daß kein anderes Geſpräch auf⸗ kommen konnte, als über den Abbs, der offenbar ein Emiſſär ſein mußte. Wenn er nur den Namen noch dazu geſagt hätte, meinte der Jude. Freilich, da wüßten wirs, ſagte der Wirth; aber das iſt es ja eben. Nu, der Name kann doch ſo lang nicht ſein, daß er ihn nicht hätte ſagen können, wenn's auch nur un⸗ verſehens geweſen wäre, plaidirte der Jude. Wiſſen Sie was, meine Herren, unterbrach ich ſie, der Abbs iſt kein Anderer und kann kein Anderer fein, als— der alte Siéhes, daß er vor Alter grau ſein müßte, iſt kein Einwand. Er kann ja eine Perrücke tragen. Wer iſt dieſer alte Siohes? fragte Moſes. Da haben wir's, ſagte der Wirth, nun iſt er noch ſo klug wie vorher. Ich will es Euch erklären, Moſes, es iſt der ewige Jude. Der iſt den Chriſten zu klug, als daß ſie ihn fangen ſollten, erwiederte Moſes. Aber warum ſollte Preußen den Abbs Sièhes ver⸗ haften? fragte der Wirth. Weil er ein Königsmörder iſt, erwiederte ich und darum ſehr geführlich ſo in der Näbe eines Königs. In dieſer Art ging jetzt die Unterhaltung weiter, aber beſſere Vermuthungen kamen nicht auf, wiewohl ſich nach und nach auf das Gerücht dieſer Begebenheit alle Hb⸗ noratioren von Penzlin im ſchwarzen Adler verſammelten. Mich überwältigte indeſſen die Müdigkeit, ich empfahl mich der Geſellſchaft, und bald gingen alle meine Ver⸗ muthungen und Zweifel in den ſeligſten Zuſtand über, den die Sterblichen Schlaf, die Unſterblichen aber das reinſte Beiſichſein der Seele, oder die Befriedigung eines himmliſchen Heimwehs nennen. 3. Der Morgenbeſuch. Warum wirs nur nicht wie die Alten Mit Namen und Bekanntſchaft halten, Sich erſt zu kennen Und dann zu nennen! Als ich am andern Morgen erwachte, ſtund der Wirth vor meinem Bette. Wünſche wohl geruht zu haben, junger Herr. Danke, lieber Herr Wirth. Der Kaffee wird gleich kommen. Denn in dem Fall, daß Sie heute Neuſtrelitz noch erreichen wollen, kann ich Ihnen ſogleich eine gute Gelegenheit zuweiſen, nur müſſen Sie nicht furchtſam ſein. Was denken Sie von mir, ſagte ich, und richtete mich halb auf, um einige kriegeriſche Bewegungen zu machen, ich bin aus einem Volke, vor dem weiland die däniſchen Küſten zitterten, wie in unſern Tagen Sici⸗ lien vor Algiers tapfern Söhnen(damals war Algier noch nicht eroberth. Ich meine auch keineswegs, daß Sie ſich vor den Waffen der Menſchen fürchten, aber vor denen der Eötter. Wie ſoll ich das verſtehn, Herr Wirth? Er ſagte: Flieht vor Amors ſcharfen Spitzen, Die aus Mädchen⸗Augen blitzen. Hat nichts zu ſagen, ich bin ein Feind davon. Ei, ich dächte gar! Aber wie hängt dies mit unſerer Gelegenheit zuſam⸗ men, ſoll ich vielleicht der Begleiter einer ſcharfſchießen⸗ den Schönen werden? Freilich, und das werden Sie mir zu verdanken haben. Gut, und ich will den Wirth zum ſchwarzen Adler dafür in allen öffentlichen Blättern loben, als einen Mann, der ſeinen Gäſten mehr Gutes thut, als man⸗ cher Landesvater ſeinen Unterthanen. Ja, und bei dem der Abbé eingekehrt iſt— Ja, und bei dem einen die Huſarenoffiziere—— Stille! ſtille! ſo etwas ſagt man nicht. Sie ſind ein Thor, Ruhm! Ruhm! und wär' es à la Auerbachs⸗Keller, daß der Teufel Ihr Gaſt ge⸗ weſen und auf Ihrem Wein davongeritten iſt. Denn die Leute denken, Mephiſto iſt nicht mehr da und der Wein wiedergekommen. Hm,— nun, meinetwegen, machen Sie was Sie wollen. Aber jetzt werfen Sie ſich ſchnell in Ihre be⸗ ſten Kleider, und bitten Sie die Dame um Erlaubniß, mit ihr gemeinſam eine Kutſche bezahlen zu dürfen, ſie logirt bei Herrn von Riffel. Ich folgte ſeinem Rathe, und in wenigen Minuten war ich von dem hübſcheſten Burſchen im Modejournal nur durch die mehr deutſche Geſichtsbildung verſchieden, denn ich habe eine ziemlich grade Naſe, nordiſche Farbe und Haare und teutoniſch blaue Augen, wohl beſſer fürs Leben, als für die Kunſt. Indeſſen hielt ich mich vor⸗ läufig für ſchön genug und ging. Der Herr von Riffel kam mir an der Thür entgegen, die Dame ſaß mit einer anderen auf dem Sopha, eine Guitarre und Noten lagen zwiſchen ihnen. Wir bewill⸗ kommten uns. Mit wem haben wir die Ehre?—— Ich bin ein Künſtler aus Hamburg und heiße Werth⸗ müller. Ei, Herr Werthmüller von der Hamburger Bühne? fragte das jüngſte Frauenzimmerchen mit erhöhtem Tone. Ich erſchrak etwas über das Gefährliche meiner Lüge, da ich gar nicht einmal gewußt hatte, daß es auf der Hamburger Bühne einen Werthmüller gäbe, und noch unentſchieden geweſen war, welche Kunſt ich getrieben haben wollte; allein da mir die Frage ſelbſt verrieth, daß die Dame auf keinen Fall den Herrn Werthmüller perſönlich kannte, ſo antwortete ich etwas zögernd mit dem nothwendig gewordenen Ja! Und Sie, mein Fräu⸗ lein, ſind wahrſcheinlich die junge Dame, die eine Kutſche nach Strelitz zu miethen wünſcht.— Sie verneigte ſich mit erröthender Ahndung. In dieſem Fall hätte ich die Ehre, Ihnen meine Begleitung und Theilung der Koſten anzutragen. Sie verpflichten mich außerordentlich, und ich würde nich ſehr glücklich ſchätzen, wenn ich auf den Vortheil Ihrer Begleitung bis ganz nach Berlin rechnen dürfte, beſonders da ich vielleicht in demſelben Fall mit Ihnen bin, nämlich ein Engagement bei der Königlichen Oper anzunehmen. Mir fiel ein Stein vom Herzen, denn ich hatte weder einen Korb, noch eine Rarrenkappe bekommen, welche beiden Geſchenke ſehr zu befürchten, und nur unter dem Deckmantel des Fremdenthums einigermaßen erträglich waren. Ich bezeigte meine lebhafte Freude über das Glück, welches mir meine Verwegenheit bereitet, man lud mich zum Frühſtück, es wurden einige Modelieder geſungen, der Herr von Riffel war entzückt, ſeine Schweſter nicht minder, meine Sachen wurden herbei⸗ geholt, die Kutſche fuhr vor, Demoiſelle Sonnabend (denn ſo hieß die neue Prima Donna in Hoffnung) ſtieg auf den Tritt, ich hatte mit dem Herrn von Riffel zu⸗ gleich die Ehre, ihr hineinzuhelfen, ich ſelbſt folgte nach, und der Wagen rollte fort auf die Straße nach Berlin 4. Sympathie. O laß mein Aug' den ſüßen Wahn umfloren: Aus Traum und Wahn wird alle Luſt geboren „Schön iſt, Mutter Natur, deiner Erfindungen Pracht“, aber— ſo ungefähr geht Klopſtock weiter— aber ein ſchönes Geſicht(denn das rechnet er nicht mit zu den Erfindungen der Natur) geht doch noch drüber. Ich machte heut die Erfahrung davon, als ich meiner ſchönen Begleiterin vor dem Penzliner Thore in die Augen ſah; und da nun grade ein graues Wolken⸗Netz über den Himmel kroch und ſich bald in Regen ergoß, war vollends die ſonſt leidliche Natur mit dem goldenen Sande und den hohen Tannen für mich verdorben und verloren, ich erbat mir alſo die Erlaubniß, beide Kutſchen⸗ fenſter zu ſchließen. Sie erlaubte es mit einem halb melancholiſchen halb lächelnden Kopfnicken. Von dem trüben Wetter angeſteckt, ſchien ſie den un⸗ freundlichſten Gedanken nachzuhängen, eine unbeſchreibliche Schwermuth zog ſich leiſe durch alle die lieblichen Züge, und mit gewiſſenhafter Andacht forſchte ich in dieſen Spuren der Gedanken, die ſich räthſelhaft und flüchtig offenbarten. Je weniger ich ſie feſt und ganz ergriff, deſto mehr riſſen ſie mich hin, und ſo entſtand ein un⸗ beſtimmtes, aber inniges Mitgefühl, eigenthümlich für mich und neu. Traurig war ich durch und durch, weil ſie ſo trübe drein ſah; aber mitweinen konnt' ich nicht, wenn es mir ſchien, als entfiel' ihr eine Thräne; und 65 einen andern Troſt wußt ich noch weniger, weder für ſie noch für mich. So ſteigerte ſich das Schwanken und Schwebeln der Gefühle zu einer Beängſtigung, die mich unwillkührlich zwang, das Fenſter herunter zu laſſen, um friſche Luft zu ſchöpfen. Das Geräuſch ſtörte ſie in ihren Gedanken, ſie erhob ſich etwas, ſah mich bittend an und ſeufzte: Ach, lieber Herr Werthmüller, ſein Sie ja nicht böſe, ich war ſo in Gedanken. Gewiß, Sie finden es ſehr langweilig mit mir zu reiſen, aber Sie haben es Ihrer eigenen Unbedachtſamkeit zuzuſchreiben. Langweilig Sie mir? O wenn Sie es wüßten, wie ſehr Sie mich hingeriſſen, zur Vergeſſenheit meiner ſelbſt hingeriſſen, ohne Worte mit der bloßen Bewegung Ihrer Mienen! Sie ſcherzen— Sie ſind recht grauſam—— Ich erſchrak, denn ich fürchtete, ſie würde nun ernſt⸗ lich weinen, ſo empfindſam ſah ſie aus, und nichts macht mir mehr Gewiſſensbiſſe, als von mir beranlaßte Thrä⸗ nen dieſer ſchutzbedürftigen zarten Kinderchen, die wir Weiber nennen. Ich fiel ihr alſo ſchnell ins Wort und ſagte: Das ſei ferne von mir, mit den Gefühlen irgend eines Menſchen, geſchweige denn mit den Ihrigen, Scherz zu treiben, ja ſogar mit meinen eigenen erlaube ich mirs nur unwillkührlich. Nun haben Sie,— nehmen Sie meine Offenheit nicht für Rückſichtsloſigkeit,— Sie haben Ihre Gefühle nicht genug verſchloſſen, um mir den Antheil, den ich mit voller Seele nehme, unmöglich zu machen.— Sie ſeufzte: Sie wiſſen es ſelbſt, unſer Beruf be⸗ luſtiget andere und betrübt uns ſelbſt—— Wie? ſollten Ihre Talente nicht genug bemerkt und belohnt werden? Das mein ich nicht—— freilich mit den Männern iſt es ſchon ein Anderes. Sie ſchwieg, und ich ſchämte mich nicht wenig. War ich denn wirklich ſo unfähig, das Weſen dieſes Verhält⸗ niſſes zu begreifen? Nun fiel mir es zwar ein, aber nun war es zu ſpät. Jedermann weiß es, wie die beſ⸗ ſeren Frauen nur ein verborgenes Familienglück befriedigt, wer hätte nicht den Ruhm dieſes heimlichen Glückes gehört? Jedermann weiß, wie wenig ſie ſich dazu eig⸗ nen, die Anfechtungen mit Lob und Tadel, die ein öf⸗ fentlicher Charakter nothwendig erfährt, zu ertragen, be⸗ ſonders da bei ihnen die Naturgaben mehr, als die Handlungsweiſe dem Urtheile ausgeſetzt werden. TDieß mußt' es ſein, was weder Ruhm noch Gold erſetzen und ich blinder Thor nicht gleich begreifen konnte. Je mehr ich mich in dieſe Betrachtung verlor, deſto ſchöner wurde der Regenbogen, den dieſes Licht meines Geiſtes in der Trübe ihres Herzens machte, ich wagte das Geſpräch nicht fortzuführen, aber unwillkührlich rückt ich aus meiner Ecke herbor und etwas näher zu ihr hin, auch unſre Hände waren auf die Weiſe Rachbarn geworden, ſie merkten es wohl, und die meinige that ihre Schul⸗ digkeit, während ich ſelbſt vergeblich auf einen paſſenden — 55— Troſtſpruch dachte. Da meine gefühlvolle Hand ſo ſehr auf ihre eigne Hand verfuhr, ſo iſt es allerdings die Frage, ob ich mich ganz auf ihre Berichte verlaſſen kann, und daher will ich es nicht beſtimmt verſichern, ob ſie jemals ſchöneren Sammet gefühlt hat, als dieſes lieb⸗ liche Rachbarhändchen zur Bekleidung zu haben ſchien, wobei es jedoch weißer war, als dieſes Papier, ich will nicht verſichern, daß der tröſtende Druck erwiedert wor⸗ den, und irgend einen Thoren berechtigt hätte, ihn als Einleitung zu einer dauernden Vereinigung anzuſehn. Es iſt ein merkwürdiger Zuſtand des Menſchen, wenn ſeine Sinne ſich ſelbſtſtändig machen, ſeine Augen alles andere, nur nicht was ſie vor ſich haben, ſehn, ſeine Ohren nicht hören, ſein Mund nicht reden will; und doch iſt es eine der häufigſten Thatſachen. Ich war darin verſunken. 5. Die Störung. Daß mir dies Eine Wort verloren ging, Woran das Schickſal ihres Lebens hing! Schweigend hielt ich ihre Hand, langſam ſchob der Wagen ſich weiter im tiefen Sande; hier hatte es nicht geregnet, die Sonne fiel durch das Kutſchenfenſter auf das leiſ' aufgebogene Nüschen meiner Gefährtin, ihre ſchwarzen Wimpern waren tief niedergeſchlagen, aber die Schwermuth aus den Zügen verwiſcht durch die ſchöne — 60 Morgenröthe unbeſtimmter Hoffnung auf den leicht ge⸗ polſterten Wangen. Nicht wahr? wir öffnen das Fenſter? unterbrach ich ſtotternd dieſes unklare Treiben der Gefühle, das ich offen darzulegen weder wagte, noch wußte. Ich danke Ihnen für Ihre Sorgfalt. Spotten Sie nicht, fiel ich ein, nur zu wenig ge⸗ nügen mir alle meine Bemühungen um Sie. Ach, lieber Herr Werthmüller, es thut mir ſehr wohl, Ihre freundliche Geſinnung zu erfahren, aber ich will es Ihnen nur geſtehn, ein ſehr großes Glück wär⸗ es für mich, wenn ich auch in Berlin auf Ihren Schutz und Beiſtand rechnen könnte, denn Sie wiſſen es wohl, wie ſehr in unſerm Stande beſonders wir armen, ver⸗ laſſenen Mädchen deſſen bedürftig ſind. Vielleicht wären Sie nicht abgeneigt, Ihren Stand aufzugeben, ſagte ich, meine Rolle vergeſſend. Mit großen Augen ſah ſie mich fragend an, und ſchon war ſie im Begriff auch den Mund zu öffnen, ich weiß nicht zu welchem verhängnißvollen Ausſpruch, da —— ereignete ſich leider etwas unſern beiderſeitigen Abſichten ganz Fremdartiges. S. — 0— 6. Der halbe Weg. Schön iſt der Fuß, wohl ſchöner noch das Wädchen, Und o wie ſchön wohl gar das ganze Mädchen. Vor einem Gaſthof hielt der Wagen ſtill, der Kut⸗ ſcher öffnete den Schlag und rief mitten in unſer Ge⸗ ſpräch hinein: Nun! meine Herrſchaften, wie gehts? Hier wird gefuttert— Menſch und Vieh; jetzt haben wir den halben Weg. So ungelegen mir dieſe Unterbrechung kam, ich mußte mich entſchließen ſie fortzuſetzen. Eiligſt ſprang ich voran aus dem Wagen, um ſodann meiner Dame nachzuhelfen, und tröſtete mich mit der Ausſicht, daß es ja bald weiter ginge, und alle mögliche gute Gelegenheit ſich erneuern müßte. Sie ſtand auf dem oberſten Tritt, und ſtreckte das zierlichſte Füßchen von der Welt zuerſt mit dem kleinen Lillaſchuh und dann mit dem blendend weißen und glän⸗ zend runden Strümpfchen unter dem Mantel und Kleide hervor nach dem unteren Tritt, und— das konnt' ich unmöglich dulden— hatte nun nur noch einen Schritt hinab in den Schmutz der Dorfgaſſe, neu aufgelegt von einer eben durchgetriebenen friſch gewaſchenen Schaafheerde. Ich hielt ſie zurück in dieſer Stellung, verloren in den herrlichen Anblick, o warum mßte dieſer Wagentritt ſo kurz ſein! ich phantaſirte einen Augenblick in Erman⸗ gelung der Wirklichkeit, dann fuhr es mir wie ein Blitz durch die Gedanken: Wie glücklich du biſt! unter dem —— Vorwande, ſie hinüberzutragen, darfſt du ſie umfaſſen, als wenn ſie dein gehörte. Ich ſtellte daher eifrig vor, wie unmöglich es ſei, daß ſie weiter ſchritte. Hier unterbrach ſie mich ängſtlich: Aber, mein Gott, wie ſoll es denn nur werden? Das iſt es eben, was ich zu erörtern im Begriff bin. Sie ſehn es ſelbſt, wie wenig meine ungeſchickten Füße und ihre tölpelhaften Futterale von Reiſeſtiefeln auf eine ähnliche Schonung Anſpruch machen, ja man könnte ſa⸗ gen, ſie ſeien hier recht eigentlich in ihrem Berufe, und es wird ähnen keineswegs zum Schaden gereichen, wenn ſie es übernehmen, Ihnen einen Augenblick mitzudienen, während ich Sie auf den Arm nehme, und auch immer⸗ hin ein wenig tiefer trete. Mit dieſen Worten fügte ich meinen rechten Arm um dem etwas zurückgebliebenen Plaidmantel herum, ſah das ſchwarze Kleid auf meinem ſilbergrauen Staubmantel Platz nehmen und bat die Schöne zu mehrerer Sicher⸗ heit ihr Aermchen um meinen Nacken zu legen. Es ge⸗ ſchah, die Füßchen wichen von dem Tritt, und ich fühlte die ganze Schwierigkeit meiner Unternehmung, ſüß, be⸗ glückend, mannerhebend, aber mißlich, ſinnverwirrend, und ich fragte zerſtreut: Mein Fräulein, Sie ſind vom Schweriner Theater? Freilich, ſagte ſie lächelnd, aber wie verfallen Sie darauf? Dieſe ſehr natürliche Gegenfrage ſetzte mich nicht wenig in Verlegenheit; denn ſollte ich ihr antworten: 72 weil Sie ſo ſchwer ſind wie eine Mecklenburgerin und ſo rund, wie ich vermuthet? Dieß Geſtändniß der Wahr⸗ heit wollte ſich nicht ſchicken. Ich ſuchte alſo meine Rettung im Schweigen, und wirklich, indem ich auf der ſchlüpfrigen Schaaftrift glitſchte und wankte, nahm die Sorge für den glücklichen Ausgang unſeres Wagſtücks ihre ganze Aufmerkſamkeit dermaßen in Anſpruch, daß ſie bei jeder Gefahr des Gleichgewichtes allemal die eigenthümlichſten weiblichen Ausrufe hören ließ, ihre Frage aber vergaß. Indeſſen ſetzt ich ſie glücklich auf die Schwelle nieder. 7. Zwei Weltmänner. Dein Herz iſt ſtill, doch ſehn ſie tief hinein, Und wollteſt Du auch noch ſo künſtlich ſein. Wir wünſchten uns gegenſeitig Glück, die Schöne ſtrich das Kleid herunter, nahm den Plaidmantel zurecht, und wartete bis ich meinen Stiefeln auf der Scharre die ſchmutzigen Zeichen ihres Ruhms genommen. Darauf trat ich wieder zu ihr, bat um ihren Arm, und ſchritt auf die offene Stubenthür los. Ein übelverhaltenes Gelächter machte mich aufnmerkſam auf zwei Männer, die ohne Zweifel einen ſchadenfrohen Antheil an unſern Verlegenheiten genommen, und aus meiner Artigkeit viel⸗ leicht ganz unſtatthafte Schlüſſe gezogen, z. B. daß ich weder ein Ehemann, noch ein Bruder meiner ſchönen Begleiterin ſei. Dieſe Anzeigen und was dergleichen feine Herren noch ſonſt für feine Erkennungsregeln — 6— zarter Verhältniſſe haben mögen, ſcheinen mir mehr eine müſſige Spielerei, als Grundlage einer ſichern Beobach⸗ tung zu ſein. Ich wenigſtens glaube durchaus nicht an ihre Unfehlbarkeit, und erkläre, daß es offenbar nur ein Zufall iſt, wenn ich diesmal nicht in einer ſo genauen Beziehung zu meiner Begleiterin ſtehe, und daß ich, — mit Erlaubniß jener ſcharfſichtigen Weltleute— getraute Leute geſehen habe, die ſich nach zehn Jah⸗ ren noch alle Tage ſo zärtlich umarmten und liebkoſten, als ſie es nur in ihrem Brautſtande gethan haben kön⸗ nen. Je feſter ich alſo in Bezug auf mein Verhältniß von der Unſtatthaftigkeit eines ſo unſittlichen Gelächters überzeugt war, um ſo mehr mußte michs erzürnen, und ich beſchloß, es ſchnell durch die Gewalt unſerer Gegen⸗ wart und die nöthigen drohenden Blicke zu unterdrücken. Ein gleiches Gefühl mochte die Bruſt meiner ſchönen Schutzverwandten durchdringen, denn mit wenigen ver⸗ längerten und beflügelten Schritten waren wir weit ge⸗ nug in die Wirthsſtube hinein, um eine ſehr achtungge⸗ bietende Stellung einzunehmen. Wir thaten dies mit einer gemeſſenen Verbeugung. Ernſte, feierliche Erwiede⸗ rung. Ein Erfolg, wie wir ihn erwartet.— Das Ideal der Wohlanſtändigkeit, welches die ſittliche Ge⸗ meinſchaft der Menſchen beherrſcht, die Völker und die Gewaltigen, die Männer und die Frauen täglich und ſtündlich an ſeine Macht erinnert, hat auch in den For⸗ men der feinen Sitte eine unüberwindliche Macht auf Erden organiſirt und jeden geächtet, der ſie verachtet; kein Wunder alſo, daß ich, im Bunde mit ihr, eingeführt 4 74 durch eine Vertreterin der guten Sitte, ſelbſt gegen den unwiderſtehlichen Drang des Gelächters ſiegreich beſtand. Ich war im Begriff, die errungenen Vortheile zu be⸗ nutzen, und trat näher auf den anſehnlichſten und vor⸗ derſten der beiden Männer zu, um ihn noch beſonders zu bewillkommnen; da erblickte ich zu meinem nicht ge⸗ ringen Erſtaunen— in ihm den Abbé von geſtern Abend, und hinter ihm den verhängnißvollen Lieutenant. S. Die penzliner Masken. und Hymen hat ihn nie ins ſüße Joch geſpannt! Nein, denn er iſt auch darin Dilettant. Ei gehorſamer Diener, mein lieber Herr Abbe. Mein Herr Doetor, ich habe die Ehre Sie zu be⸗ willkommnen. Abbe? Doctor? fragte mich verwundert meine Be⸗ gleiterin, und vor ihrem ſtrafenden Blick ſchlug ich ver⸗ wirrt die Augen nieder, während der Abbé laut auf⸗ lachte, der Lieutenant aber, vor Theilnahme an dem ganz beſonderen bis jetzt noch zweifelhaften Verhältniſſe zwi⸗ ſchen mir und der Dame, mehr Sinn für die Beobach⸗ tung der aufdämmernden Mißhelligkeit, als für eine et⸗ wanige Lächerlichkeit zeigte, und bald die Sonnabend, bald mich ſcharf ins Auge nahm. Für den Leſer iſt es ein wahres Glück, daß der Abbé dabei iſt, denn wir drei andern ſind offenbar zu Sſehr mit unſerm Innern beſchäftigt, um uns ſogleich äußern — zu können, ich mit meiner Schaam, das Mädchen mit meiner Falſchheit und der Krieger mit der Geburt eines Operationsplanes, dem ich leider Erfolg verſprechen mußte, auch in dem Fall, daß er der dümmſte von der Welt ſein ſollte, weil ich, wie der Leſer mir bezeugen wird, ſchon vor der Schlacht geſchlagen bin. Der Abbé hatte es beſſer, denn wenn er gleich ebenfalls mit ſich ſelbſt beſchäftigt ſein mußte, ſo war dies doch eine er⸗ zählbare Angelegenheit, während wir andern uns durch⸗ aus zur Verſchwiegenheit verdammt ſahen. Er begann: Meine liebe Sonntag,— was ſag' ich? Sonn⸗ abend, aber die Vorbedeutung iſt nicht übel—— ich freue mich ſehr über dreierlei, zuerſt, daß ich Sie ſo ſchön und wohl wiederſehe, ſodann, daß Sie einen ſo guten Begleiter an dieſem jungen Manne gefunden, der uns geſtern von ſeinem Kleinod weislich nichts ſagte, und endlich, daß Sie erfahren, wie aus einem gottlo⸗ ſen aber preußiſch geſinnten Kriegsrath ein geweihter, aber revolutionärer Abbs werden konnte. Das Lob des Abbs ermuthigte mich, einen verſtoh⸗ lenen Seitenblick zu thun, meine Gefährtin hatte Takt genug, uns nicht bloßzugeben, ſuchte mich durch einen vorläufig ſchnell zugeſteckten freundlichen Verſöhnungs⸗ blick aus dieſer ſehr gefährlichen Verwirrung zu reißen, und antwortete zu meiner Verwunderung mit folgender Kriegsliſt aus dem Stegereif: Ich weiß nicht, Herr Kriegsrath, wo Sie Gelegen⸗ heit hatten, die Bekanntſchaft meines ſehr gütigen Herrn Begleiters zu machen, ob in Schwerin oder Penzlin, 4 aber Sie haben unſtreitig Recht, wenn Sie mir Glück wünſchen zu dem unſchätzbaren Beiſtande, welchen ich von Ihnen(indem ſie ſich freundlich gegen mich wandte) erfahren habe, und ich hoffe zugleich, daß ich in die Aufrichtigkeit Ihres Verſprechens, mich völlig nach Ber⸗ lin zu begleiten, mehr Vertraun zu ſetzen berechtigt bin, als in die Wahrheitsliebe des Herrn Werthmüller(hier drohte ſie mir mit dem Finger, indem ſie mit ihrer Miene wie vorhin Verzeihung lächelte), aber, was ich fragen wollte, wo haben die Herren Gelegenheit gehabt, ſich kennen zu lernen? Mit Ihrer Erlaubniß, mein Fräulein, ſagte der Offizier etwas bitter, Sie ſcheinen für die Perſon dieſes närriſchen Abbé's nur inſofern einigen Antheil zu ha⸗ ben, als dieſelbe zu dem ſehr glücklichen Herrn Doctor in Verhältniß ſteht. Aus dem ſpricht die Eiferſucht, Doctor, zwei Hähne — jedoch ich vergeſſe meine geiſtliche Rolle und werde profan— Was unſre Bekanntſchaft anlangt— Nun, die wurde geſtern Abend wunderlich genug gemacht, ſo daß ich noch nicht weiß, wie ich eigentlich daran bin, fiel ich ihm ins Wort. Aus dem Herrn Kriegsrath ſpricht die Eitelkeit, Herr Doctor, und es juckt ihn nicht wenig, ſeine ge⸗ nialen Thaten ans Licht zu bringen, ſagte der Lieute⸗ nant; wenn wir ihn nicht zum Erzählen kommen laſſen, ſo platzt er vor unſern Augen. Ich armer Mann, nun zieht er gegen mich zu Felde: bitte, liebe Demoiſelle Sonnabend, ſehn Sie den Herrn Lieutenant von Raben doch nur ein einziges Mal freund⸗ lich an. Sie ſind recht unartig, Herr Kriegsrath, ſagte ſie. Es thut mir weh, mein Fräulein, daß Sie es für nothwendig halten, mir beizuſtehn; aber ich denke, wenn ich erſt zu Ihren Jahren komme, Herr Kriegsrath, wo das einzige noch brauchbare Glied die Zunge iſt, ſoll die meinige auch noch geläufiger werden, beſonders da es ihr dann an ſo liebenswürdigem Biſtn zur Ver⸗ theidigung fehlen möchte. Freilich in Ihren jetzigen Jahren wird ſie gar zu ſehr durch das Kommandiren an langſame Mistöne gewöhnt. Meine Herren, fiel ich ein, Ihre Unterredung iſt zwar von ungemeinem Intereſſe, aber laſſen Sie uns doch zu der allernothwendigſten Verſtändigung kommen. Wie kamen Sie dazu, Herr Kriegsrath, geſtern Abend ein Abbé zu ſein? Der Kriegsrath räuſperte ſich, aber der Lieutenant kam ihm zuvor, und deklamirte mit ernſthaftem Geſicht: Darauf ſchwingt er die Flügel und hoch von dem Garten⸗ Geländer Klatſcht er zuerſt und kräht dann zu den Hühnern hinab. Alles lachte, der Kriegsrath am meiſten, und indem er ſich an mich wandte, ſagte er: Der Herr Lieutenant von Raben iſt nämlich ein zweiter Kleiſt, und wenn er nur erſt, wie jener, Ma⸗ jor iſt, ſo wird er der Welt ſchon zeigen, daß er we⸗ der ein Rabe, noch von Raben iſt, ſondern vielmehr ein Singbogel, und von Singvögeln, wenn nicht Herr, doch Liebhaber. Eine gute Vorübung wäre es nun für ihn, wenn er die fragliche Geſchichte in Diſtichen oder in einer guten Romanze vortrüge. Ohne weiteres begann der Lieutenant: Es war ein⸗ mal ein Kriegsrath, genannt von Raben, in der That aber von Elſtern. Derſelbe iſt zwar ſeines Gewerbes ein Politikus, was, Gott ſei Dank, im preußiſchen Staate nicht viele ſind, aber ſeiner Reigung nach ein Schauſpieler, und in dieſem Punet ſein Eifer ſo groß, daß er von Zeit zu Zeit beſonders an fremden Orten mitſpielt, in Berlin ſelbſt aber höchſtens maskirte Per⸗ ſonen macht, 3z B. den Geiſt in Hamlet und den Lö⸗ wen in der Zauberflöte. Dieſer ſehr geiſtreiche junge Mann— entſchuldigen Sie, lieber Herr Kriegsrath, das Wort„jung“ kam mir nur ſo in den Mund, weil Sie zur Zeit doch noch ledig ſind— alſo dieſer ganz ei⸗ genthümliche Kriegsrath hat ſich den Spaß gemacht, die Penzliner zu myſtificiren, Sie werden aber bemerkt haben, Herr Dortor, daß es ihm ganz beſondere Mühe koſtete, ſeinen Wein zu retten, ohne aus der Rolle zu fallen, als ich ihn arretirte. Run haben wir hier auf niemand anders, als auf Sie gewartet, damit ſie uns den Ein⸗ druck mittheilten, den die Maskerade in Penzlin ge⸗ macht hat, und müſſen erklären, daß wir keineswegs auf das Vergnügen rechnen konnten, welches Sie uns mit Ihrer liebenswürdigen Begleitung gewähren. Jagt die Natur zur Thür hinaus, ſo kommt ſie zum Fenſter wieder herein. Immer kommt er wieder auf die — 79— Singvogelliebhaberei, ſonſt hat er brav erzählt, ſagte der Kriegsrath, den ich jetzt ſchon hinlänglich ins Auge ge⸗ faßt hatte, um ihn allenfalls im Dunkeln wieder zu er⸗ kennen, den meine Begleiterin aber von Schwerin her kannte, wo er wirklich als Heinrich im politiſchen Zinn⸗ gießer öffentlich aufgetreten war. Ich erzählte nun den Eindruck der geſtrigen Begebenheit auf die Penzliner, deſſen der Leſer ſich erinnert. Der Kellner hatte unter⸗ deſſen das Mittagsbrot aufgeſetzt, wie wir allerſeits mit Zufriedenheit bemerkten. Der Lieutenant, der die Zeit meines Berichtes gut ausgekauft, führte die Sonnabend aufs Sopha, welches den Ehrenplatz bildete. Dort theilte ſie uns eine gute Mecklenburger Mahlzeit aus, und dies Geſchäft kleidete ſie ſo reizend, daß es die Ta⸗ felfreuden weſentlich ſteigerte. Das Dämchen ſchöpft die Brühe Heißdampfend aus dem Kumm; Der Lieutnant löſ't mit Mühe Den Kork und ſchenkt herum. Der Kellner bringt die Teller; Wir koſten erſt den Wein: „Er ſollte etwas heller „und nicht ſo herbe ſein.“ u. ſ. w. 9. Kann es ein Roman werden? Iſt irgend ein Lob, iſt irgend eine Tugend, Dem trachtet nach.— Philipp. 4, S. u. Klopſtock. Sollt' ich einmal in den Fall kommen, die Denkzet⸗ tel aus meinem Taſchenbuch in den Buchladen zu ver⸗ ſetzen, ſo werde ich hier folgende Zwiſchenbetrachtung einſchieben: Die verſchiedenen Geſellſchaften, in die ich den geneigten Leſer bisher zu führen das Vergnügen hatte, gewähren wahrſcheinlich zwar eine jede ihr beſon⸗ ders Anziehendes, was aber von jeher das meiſte Glück gemacht, ein förmlicher Roman wollte oder konnte ſich bisher nicht ereignen. Jetzt ginge es offenbar auf dreier⸗ lei Art, und ich will nicht geſund ſein, meine liebens⸗ würdige Leſerin, wenn Sie nicht ſchon lange die heim⸗ liche Hoffnung gefaßt, wenigſtens einer der drei Herren werde bei unſerer Schönen ſein Glück verſuchen. Allein während ich mich im Uebrigen aller Verſprechungen und vorwitzigen Ausſagen gänzlich enthalte, bitte ich nur ſo viel zu bedenken, daß ich ſelbſt doch nicht eher eine Frau nehmen kann, als auf der Rückreiſe, daß der hage⸗ ſtolze Kriegsrath wenig Hoffnung gewährt, ja ſelbſt mit Mißvergnügen von Ihnen betrachtet werden möchte, wenn er es unternehmen ſollte, jetzt noch zur Ehe zu ſchrei⸗ ten, und daß endlich der Lieutenant zunächſt wahrſchein⸗ lich gar keine Frau ernähren kann, und ſodann, ſelbſt wenn er es könnte und wollte, nothwendig gezwungen — werden würde, ſeinen Abſchied zu nehmen, ſobald er eine Schauſpielerin förmlich heirathete. Daß ich aber allen Verhältniſſen zum Trotz aus dieſem unbeugſamen Stoff einen Roman machen, die Wahrheit meiner Reiſegeſchichte zerſtören, oder gar ſelbſt ohne weitere Urſachen und Mittel als die bloße kahle Liebe meinen eignen Roman anfangen ſollte, kann ſelbſt die idealſte Leſerin nicht mit Billigkeit wünſchen, da es wider alle Vernunft liefe, zugleich den ſchriftſtelleriſchen Ruf und die bürgerliche Lage zu verderben. Es wird ſich aber ſchon noch Ge⸗ legenheit zur Liebe finden; hier bleibt uns nichts übrig, als zu berichten was wirklich in unſerer Tiſchgeſellſchaft vorgegangen.— Müſſen wir alſo vorläufig auf die Gemüthsbe⸗ wegung der Liebe und ihrer Noth Verzicht leiſten; ſo ſoll uns dafür der getreue Bericht unſerer Novellenfahrt, und ſie wird hoffentlich wirkliche Nobellen erfahren, ſchadlos halten. So viel iſt gewiß, jetzt muß es kommen oder nie. 10. Die Heimath. Mir lebt im tiefſten Herzen eine Stimme, Die ſich verräth, doch nie erlauſchen läßt. Der Lieutenant ſaß der Sonnabend zur Linken, welches man die Herzensſeite nennt, der Kriegsrath zur — Rechten, ich grade gegenüber. Zoerſt, wie zu erwarten ſtand, nahm der Kriegsrath das Wort. Die Verhältniſſe der Damen, ſagte er, ſind gewöhnlich, wenn nicht verhüllt, doch mit einem reizenden Schleier geheimnißvoll überflort, und es iſt wider die Sitte, den⸗ ſelben zu lüften; allein die Männer pflegen ſich gleich ohne Weiteres nach dem Woher und Wohin zu fragen, und da ſcheinen allerdings der Herr Doctor vor allen zuerſt unſere Aufmerkſamkeit in Anſpruch nehmen zu müſſen. Ich bin von Rügen, mein Herr Rath, und gegenwärtig ein Reiſender, mit Namen Tanered Boemund Edmund. Von Rügen? fiel die Sonnabend ſchnell ein und faßte mich mit geſteigertem Anth. aufmerkſamer und ſchärfer ins Auge. Ei, da ſind wir ja Landsleute, ſagte der Lieutenant, erhob ſein Glas und rief: Es lebe die Herthainſel! Während wir alle vier mit Begeiſterung zuſammen⸗ klangen, wandte die Schöne ſich zu ihrem Herzensnachbar mit der Verwunderung: Auch Sie, Herr Lieutenant? Und vielleicht auch der Herr Rath, unterbrach ich mit dunkelbewußter Eiferſucht die drohende Unterredung. Auch ich war in Arkadien, verſetzte er mit Feierlichkeit. Und Sie, mein Fräulein?—— fragte der Lieutenant faſt ganz zu ihr herumgewendet. Sie ſchob einen flüchtigen Seufzer ein. Denn der Kriegsrath war ſehr ſchnell mit der Bemerkung bei der Hand: Mein Herr Vetter, das iſt wider die Abrede. Eine Vorrede iſt noch keine Abrede, mein Herr Juriſt. Sie haben ſtillſchweigend eingewilligt. 5— Eingewilligt oder nicht, gleichviel: die Unſtände machen einen Bruch unvermeidlich, kein Friede gilt ewig; und ich erkläre den Krieg. Riemand kann es unzart finden, daß ich dieſe ſchöne Dame um ihre Heimath befrage, denn damit iſt doch am Ende noch nichts von den nähern Verhältniſſen geſagt, und der Herr Doctor, hoff' ich, ſoll ſich zu dieſem löblichen Zweck gegen die unfruchtbare Galanterie meines Herrn Oheims mit mir verbünden. Allerdings hegte ich denſelben Wunſch, wie der kühne Krieger; allein es trat eine Begebenheit ein, die mir den Mund ſchloß. Die Sonnabend mochte nun die Rede gehört haben oder auch nicht; genug ſie wiederholte einige Mal ihren Seufzer, neigte ſich allmählig zurück, ließ die Gabel mit Reſignation auf das Tiſchtuch, ſich ſelbſt aber in die Sophaecke ſinken, ſetzte dann den ſehr zierlichen Zeigefinger vor die kugelrunde Stirn und ſchien ſich mit großer Anſtrengung auf etwas zu beſinnen. Ich erinnerte mich an die Ereigniſſe im Wagen und ſah verſtummt und mit der geſpannteſten Erwartung über alle Lockungen des wohlbeſetzten Tiſches hinüber auf die beiden blauen Fenſterchen dieſes ſehr intereſſanten Seelchens, das mich zwar anſah aber dennoch nicht zu bemerken ſchien. Meine jungen Herrn, ſagte der alte Rath, wenn meine Bemerkung noch einer andern Beſtätigung und meine Vorrede noch einer andern Kraft, um zur Abrede zu werden, bedarf, ſo weiß ich nicht, was ich von Ihrer Seelenkunde und Ihrem Zartgefühl denken ſoll. Ich erſchrak über dies kräftige Einſchreiten und kam wieder zu mir; allein mein Bundesgenoſſe nahm gar keine ——————— Kenntniß davon, wahrſcheinlich weil er den Gedanken an einen Kriegszuſtand in Bezug auf den Herrn Onkel feſthielt. Gewiß, mein Fräulein, ſagte er, Sie denken an Ihre Heimath und an liebe Freunde. O, wenn ich das könnte! ſeufzte ſie, und das niedliche weiße Händchen ſank läſſig herab in ihren Schooß, wo es mit verführeriſchem Lichte gegen das dunkle Kleid, auf dem es ruhte, abſtach. Wie? Sie ſollten es nicht können? auf meine Ehre, das iſt ſeltſam! 11. Das Lied. O lieber Ort, wo wir als Kinder ſpielten Gedenken will ich dein, will dich nicht wiederſehn, Was damals meine Sinne ſelig fühlten, Sie könntens heute doch nicht mehr verſtehn!— D liebes Lied, wir ſangen deine Töne, Doch wir verſtanden nicht der Töne Sinn, Da hör' ichs wieder, ſüß, in gleicher Schöne Doch jenes unverſtandne iſt dahin, Und immer wenn es wieder mir erklinget, Das grade iſts wornach mein Herze ringet!— Rügen iſt meine Heimath nicht, allein ich war frühe dort, und weiter hinauf beſinn ich mich nicht. Wär' es möglich? ſagte der Lieutenant vor ſich hin, wandte ſich dann zur Sonnabend und fragte etwas haſtig:„ reden Sie ſchwediſch? Ich hab' es wohl meiſt verlernt, mein Herr, obgleich es meine Mutterſprache iſt. S — 5— Der Lieutenant ſah den Kriegsrath an, der Kriegs⸗ rath ſpielte das holländiſche Daumenſpiel, das heißt, er ließ ſie bei gefalteten Händen um einander herumtanzen, biß ſich auf die Unterlippe, und ſchoß ziemlich ernſthafte Blicke unter den zuſammengezogenen Braunen hervor. So?—— ſagte der Lieutenant gezogen, und ſchnob einige Gedankenſtriche hinterher. Dann legte er Meſſer und Gabel auf den Teller, ſetzte den Wein zurück und ſchob den Teller nach, um den linken Ellbogen aufſtützen und das Kinn in die Hand legen zu können. Von dieſer ſchnell errichteten Warte mochte er die Sonnabend wohl eine halbe Minute beobachtet haben; als ſie etwas verlegen, wahrſcheinlich um den Ellbogen des Kriegers durch irgend eine Bewegung von dieſem ängſtlichen Wacht⸗ poſten abzulöſen, ihn fragte: Aber, mein Herr Lieutenant, Sie ſind doch nicht aus Schweden? Rein! wie geſagt, ich bin von Rügen. Ach, es iſt ja wahr, entſchuldigen Sie, ich war—— ich dachte—— Aber ich nehme Theil an allem was ſchwediſch iſt, fuhr er fort, weil ich einmal eine kleine Schwedin habe ſingen hören und es gerne noch einmal hörte. Aber niemand weiß es; da dacht' ich, Sie möchten es vielleicht wiſſen: es geht faſt ſo wie Joſephs Lied, worin er ſein Schickſal erzählt. MWir iſt als müßt' ich wiſſen was Sie meinen, aber ich weiß es nicht mehr, ſtotterte ſie. Meinen Sie vielleicht dieſes, fragt' ich, und ſang: — Bannas icke, ſöta mämma, Jag vil ſäga ſanningen: Skön war goſſen, och den ſamma Bad ſo ömt om kärleken. Anmerkung: Ueberſetzung zum Beſten des neu⸗ gierigen Leſers. Tochter: Sei nicht böſe, liebe Mutter, Alles will ich dir geſtehn, Innig bat er mich um Liebe Und der Knabe war ſo ſchön. Mutter: Ach mein Kind, dein junges Herze Kennt noch dieſe Vitte nicht, Die es erſt ſo ſüß verlocket und ſo oft die Treue bricht. Tochter: Seine Worte ſind ſo traulich, Seine Augen ſind ſo gut, Ach, und Mutter, ſeiner Lippen Süßer Kuß voll Liebesgluth. Mutter: Armes Kind, ach unter Roſen Lauern Dornen und ihr Weh: Lieb iſt ſeel'ge Meeresſtille, Doch auch ſturmbewegte See. Tochter: Mutter, Mutter, laß mich lieben, Wenn ich Weh erdulden muß, Heilt mich von den tiefſten Schmerzen So ein einz'ger Liebeskuß. Ach ja! das iſt es, aber, lieber Herr Doctor, ſingen Sie nicht weiter, bitte!— und man ſah, daß ſie nur mit Mühe dieſe Worte zu Ende brachte vor ſehr nahen Thränen. Ich erſchrak und ſchwieg. ———— „ 1⁸ — Der Lieutenant jedoch fuhr unerbittlich fort: An dem ſchönen Meeresufer von Rügen hab' ich dieſes Lied zuerſt gehört. Damals hieß ich noch Arel und die kleine Schwedin, die es ſang, hieß Emma. Die Sonnabend brach in Thränen aus. Da war nun das langgefürchtete Unglück der Weiberthränen, und wahrlich ich hatte Noth mit meinen eignen Augen. Eine Weile erlaubte ſie ſichs, den ſchönen bunten Nachbar des Herzens mit aller Innigkeit, deren ein gefühlvolles Mädchen fähig iſt, durch die Thränen und wie aus einem Traum erwachend zu betrachten. Dann ſtand ſie auf, ſank aber wieder aufs Sopha zurück und ſagte mit ſchwacher Stimme: Mir wird unwohl; Herr Doctor, ſorgen Sie für mich! Die ganze Geſellſchaft erhob ſich in aller Eile. Der Tiſch wurde abgerückt, ich ergriff ihre Hand und fühlte den Puls fieberhaft eilen, der Lieutenant ſtand wie ein Verurtheilter, der Kriegsrath ging ans Fenſter und trommelte auf den Scheiben. 12. Die Auswechslung. Vor Alters ſchon hat Venus ſich Den Kriegsgott auserſehn, Die Kriegerzunft ergötzet ſich, Die andre läßt's geſchehn. Ich bot der Sonnabend meinen Arm und befahl dem Wirth ein angemeſſenes Zimmer zu öffnen; ſie er⸗ hob ſich und nahm die dargebotene Stütze. Nur noch ein Wort, bevor Sie gehn, rief der un⸗ barmherzige Lieutenant, uns in den Weg tretend, wenn Sie Emma heißen, mein Fräulein, ſo ſind Sie in Axels Hauſe geweſen. Sie bekannte ſich zu dieſem Namen, ſie waren ſich nicht fremd, denn ſie hatten als Kinder zuſammen ge⸗ ſpielt, ſie führten eine Wiedererkennung auf, wie ſie ſein muß, und umarmten ſich vor unſern Augen. Die Krank⸗ heit hatte ſich gelegt, wie denn überhaupt große Freude ſehr mächtig zur Geneſung wirken ſoll, es ergab ſich, daß ich nur ein zufälliger Beſchützer, der Lieutenant aber der natürliche war, und als wir abfahren wollten, machte ſich die Einrichtung leicht, daß der Kriegsrath zu mir, die Wiedergefundene aber zu dem Finder kam; denn ich hatte keinen gehörigen Grund dieſes Anſinnen abzulehnen. Der Lieutenant und die Dame dankten mir aus Einem Munde und nit freudeſtrahlenden Augen, ſo daß ich Mühe hatte, den Ort des ſanften Schwer⸗ muthzuges, den ich im Wagen beobachtet, jetzt in Emma's Mienen wieder zu entdecken und meiner eignen aufſiſſi⸗ gen Oberlippe verlegenes oder mißgünſtiges Zucken zu unterdrücken. Muthige Rappen führten ſeinen leichten gelben Wagen, und mit Blitzesſchnelle ſchoſſen ſie fort, während wir langſam nachkeuchten. ——————— Drittes Dutzend. Emma. 1. Der Vetter. Reich iſt im tiefen Grund das räuberiſche Meer, und ſelten giebt es ſeine Beute wieder her. Wie verſchieden iſt das Loos der Erdenmenſchen! ſagen unſre guten Prediger; nun erleb' ich's. Da fliegt der Lieutenant hin mit ſeiner Schönen, und wer weiß, ob ſie ſich nicht herzen und küſſen auf ihrer jugendlich raſchbewegten Fahrt; wie ein buntes Band fliegt, in einander ſchwindend, die Gegend vorüber und unſchlingt die ſeelig Umſchlungenen: wir dagegen, der Rath und ich, ſitzen jeder in unſrer Ecke und wackeln mit den Köpfen, könnten die Natur ruhig betrachten und haben nur Sinn für das Stöhnen der Pferde und das ewige Hui'n und Peitſchen des Kutſchers. Ich hatte noch nicht die Zeit gehabt, den Kriegsrath gehörig über das Räthſelhafte in dieſen Vorgängen zu befragen, und er ſchien gar nicht eben in der erzählungsluſtigſten Laune zu ſein. Als ich jedoch meine Fragen in gehörigen Entwicklungen, Stel⸗ lungen und Maſſen auf ihn einrücken ließ, mochte er es wohl für nothwendig halten meinen gerechten Forde⸗ rungen nachzugeben und ſagte: Mein Herr Doctor, von Ihren Vermögensumſtänden und Familienverhältniſſen bin ich nicht unterrichtet, wenn aber meine Vermuthung zutrifft, daß Sie weder ein bindendes Verhältniß, noch ein lumpiges Landgut, noch — ſo viel Geld haben, um von der Faulheit leben zu kön⸗ nen, ſo wünſche ich Ihnen Glück, und wenn Sie Geiſt und ſo viel Einſicht beſitzen, um nicht gemein zu denken, ſo wünſche ich auch dem Vaterlande Glück. Und auf dieſe Weiſe werde ich ja wohl meine wichtige Geſchichte gehörig angefangen haben, denn wenn ſie zu weiter nichts nützen ſollte, ſo können Sie doch vielleicht einmal einen Neujahrswunſch aus dieſer Einleitung zu ihr machen, mit welcher ich nur ſo viel ſagen will, daß Sie in den angenommenen Fällen meinen Vetter nicht zu beneiden haben, weder um die Erbſchaft des Landgutes, die wir ſo eben daheim in Empfang genommen, noch um die Schöne, die er nun ohne Zweifel dazunehmen, noch um den Abſchied, den man ihm nicht vorenthalten wird. Er war tüchtig und ſtand zum Rittmeiſter, der Krieg iſt vor der Thür, und er hätte ein Mann werden können, dem die Ration Dank ſchuldig bleiben mußte; jetzt wird er ein Landjunker wie ſeine Vorfahren, der Bühne aber entzieht er ein ſeltenes Talent, um ihm die Aufſicht über ſeine Kühe zu geben, und, was das Aergſte iſt, über dieſe Tragödie freuen ſie ſich alle Beide wie die Kinder. Ich erſtaunte, konnte mich nicht zurückhalten und redete von dem idylliſchen Landleben, von der erfüllten Beſtimmung des Menſchen in jedem Beruf, von der Liebe—— Ich bitte Sie, unterbrach er mich, führen Sie dieſe höchſt plumpe Jronie nicht weiter aus; gemalt iſt auch ein Miſthaufen erträglich, aber mögen Sie ihn deswegen riechen?— Mit Reſignation ließ ich ihn fortfahren: — 55— Die Geſchichte meines Vetters wiſſen Sie nun: Auf dem Punkt, die Früchte ſeiner vieljährigen Arbeit zu erndten, kehrt er ihr den Rücken zu, ſtatt für den Staat zu leben, läßt er den Staat für ſich leben, macht die Bequemlichkeit zu ſeiner Arbeit und das Nichtsthun zu ſeinem Geſchäft. Das iſt ſeine Lebensbeſchreibung, und es wird nicht leicht ein anderer Zuſaß möglich ſein, als der, daß dies Leben ein Ende genommen. Merk⸗ würdiger iſt zu ſeiner Schande die Geſchichte ſeiner Schönen. Sein Vater, mein ſeliger Bruder, wohnte am Oſt⸗ ſeeufer zu †... Hier wächſt ein ſchöner Buchenwald bis zu den Steinen des Strandes herunter. Mein Bruder hatte die Gewohnheit, des Sommers bei gutem Wetter früh ins Holz und an den Strand zu gehn, ins Holz, um irgend etwas zu ſchießen, an den Strand, um zu ſehn, ob die Nacht vielleicht was angetrieben ſei, beſonders wenn der Wind landwärts blies; denn ſeitdem er einmal ein großes Stück Butter und eine Kiſte mit Nägeln gefunden hatte, hoffte er immer das Brot und die Bretter dazu ſollten noch nachkommen. Auch täuſchte er ſich in der That nur darum in dieſer Hoffnung, weil ſie ſich für eine bloße Hoffnung offen⸗ bar nicht unbeſtimmt genug hielt, denn grade an ſeinem Geburtstage, welches der 23ſte Junius war, fand er hart neben dem Strandgeſtein auf einem Raſenplätzchen einen Gegenſtand, den er daſelbſt ſonſt durchaus nicht gewohnt war. Von weitem hielt er es für einen See⸗ hund, indeſſen aber überlegte er, daß doch ein Seehund — wohl nicht ſo weit vom Waſſer ſich entfernt hätte, auch viel größer wäre, und gerieth nun in Verlegenheit, was für ein Wild es denn ſein ſollte. Auf jeden Fall war mein guter Bruder, um nicht wie gewöhnlich vergebens gegangen zu ſein, entſchloſſen es zu erlegen. 2. Der Fund. Der Strand iſt öd' und um mich her Nur Steine, Moos und Luft und Meer; Ich bin allein, von allen Lieben Iſt nur die Sonne bei mir geblieben. O liebe Sonne mit deinem Schein, Gieß Troſt in mein einſames Herz hinein! Schon hatte er das Gewehr an der Schulter, da fiel ihm ein, aber wenn es nun gar kein Thier, ſondern irgend ein ausgeworfenes Strandgut wäre, etwa köſtli⸗ ches wohlverpacktes Porcellanzeug und du ſchöſſeſt alles entzwei? Halt! das geht nicht! Was es auch ſei, ich will ihm näher zu kommen ſuchen. Er nahm das Ge⸗ wehr herunter und ſchlich ſich auf den Zehen heran. Nun ſah er ganz deutlich ein braunes Mäntelchen und oben ein graues Mädchenhütchen, welches er für den runden Seehundskopf gehalten. Jetzt ſtellte er den Hahn in Ruh, nahm das Gewehr auf den Rücken und ging haſtig und neugierig hinzu, hob den Hut auf, und er⸗ blickte— ein ſehr ſchönes ſchlafendes, aber ihm ganz un⸗ bekanntes Kind, welches auf einem braunen Teppiche — lag und ein Polſterkiſſen unter dem Köpfchen hatte. Ei, was Sie ſagen! Ja, ſo pflegte er zu erzählen. Das Kind ſchlief einen Aogenblick fort, dann aber erwachte es von einem Sonnenſtrahl, der durch die Blätter auf ſeine Wimpern fiel. Es rieb ſich die Augen und war ſchlaftrunken; mein Bruder trat hinter die Buche, um zu ſehn, was das Kind beginnen würde. Es ſchien ein Mädchen von etwas über drei Jahre zu ſein, als es aufſtand. Zu⸗ erſt ſetzte es ſein Hütchen auf und band es zu, dann ſah es ſich nach allen Seiten um, und als es ſich allein fand, rief es mit einer herzzerreißenden Aengſtlichkeit: Mamma! Mamma! und wie es vollends ohne Antwort blieb, fing es bitterlich an zu weinen und rief immer lauter und ängſtlicher unter Thränen nach der Mutter. Mein Bruder weinte mit dem Kinde, denn er hörte an der Betonung des Wortes, daß das arme Kind aus Schweden, über dem baltiſchen Meer, zu Hauſe war. Wie er weinend zu der Kleinen trat, ſah dieſe die Sonne an, und er erfuhr ſpäter, daß ſie gedacht:„die andern ſind alle fort, nur die liebe Sonne iſt bei mir geblie⸗ ben!“ Sie faßte ſogleich Zutraun zu ihm, wie ſie die Thränen in ſeinen Augen ſah. Ich nahm ſie auf den Schooß, ſo pflegte mein Bruder zu erzählen, ſtreichelte ihr blondes Haar und fragte ſie auf Schwediſch: Wo iſt Deine Mutter?—„Auf dem großen Schiff“ Und Dein Vater?—„Auf dem gro⸗ ßen Schiff.“ Ich ſah mich auf dem Waſſer um, und weit in der See ſtand ein goldenes Seegel in der Sonne. Ein Schauder durchrieſelte meine Gebeine, und man⸗ cherlei Gedanken an blutige Thaten roher Seeleute durchkreuzten meine Seele. Liebes Mädchen, fuhr ich fort, ſag' mir, wie heißt Du?„Emma.“ Und wie heißt Dein Vater?„Vater.“— Weiter iſt mein Bruder mit ſeiner Unterſuchung nie gediehen, die er hier abbrach, um das Kind nebſt allem was es mit ſich hatte auf den Arm zu nehmen und in ſein Haus zu tragen, womit es unter dem Verſprechen, ſeine Mutter zu ſuchen, ſich begütigen ließ. 3. Die Hausehre. Süß iſt das Herrſchen und Schweißes werth und ſicher kein Menſch, der es nicht begehrt, Allein dieſes Suchen hatte fürs Erſte auf keine Weiſe den gewünſchten Erfolg des Findens, welches die heilige Schrift allem Suchen verheißt, denn auch nicht einmal eine Stellvertreterin wußte mein guter Bruder für ſie zu finden Zwar hatte er im erſten Augenblick die Hoffnung gehegt, ſeine Hausehre würde dazu die Hände bieten, allein je näher er ſeinem gaſtlichen Heerde rückte, deſto ſchwüler wurd' es ihm ums Herz. Seine Hausfrau hatte ihn nämlich, wenn man die Wahrheit ſagen ſoll, eigentlich ſelbſt nur bei ſich zu Gaſte. Denn als ihr ſeliger Mann ſtarb und einen Knaben und all ſein Hab und Gut in ihren Händen zurückließ; da freite mein ſeliger Bruder um ſie, vielleicht aus Liebe, vielleicht nach dem Sprichwort: Iſt kein andrer Fiſch, ſo iſt Roth⸗ aug' auch ein Fiſch, und bekam ihre Hand, aber keines⸗ wegs ſie und das Ihrige in ſeine Hände, im Gegentheil, er kam noch mit in ihre. Nicht daß ſie ihm körperlich überlegen geweſen wäre, wiewohl ſie ein wenig größer ſein mochte, nein, es war eine tiefer gegründete Herr⸗ ſchaft. Sie war in die Gewohnheit des Herrſchens ge⸗ kommen, ſeitdem die Geldſchlüſſel und der Aufmeßſcheffel aus der Hand ihres Seligen unmittelbar an ſie überge⸗ gangen, ſie führte dieſelben fort, wie Eteokles das Scepter ſeines Bruders, auch als mein ſeliger Bruder ihr Herr und Gemal geworden, und machte ihn bloß zu ihrem geheimen Staatsſecretär, der die Bücher in Ordnung halten und ihr vorlegen mußte. Die Herr⸗ ſchaft ſelbſt ſoll ſo ſüß ſein, daß ſie nicht leicht einer freiwillig aus den Händen giebt, wenn er ſie nur ir⸗ gend zu führen weiß. Es iſt nicht zu läugnen, ſie be⸗ ſaß eine ſeltene Sparſamkeit, die Finanzen ſtanden nicht ſchlecht, und ihr Gemal zeichnete ſich darin vor allen andern Ehemännern vortheilhaft aus, daß er kein Geld weder verſoff noch verſpielte noch ſonſt verthat, weil er keins bekam. Mein Bruder war von Herzen gut und friedliebend, und wie denn gute Leute gewöhnlich auch billig ſind, ſo erkannte er die Tugenden ſeiner Haus⸗ frau vollkommen an. Wurde er darneben nun gewahr, daß ſie am Regieren eine ſolche Freude hatte, ſo glaubte er den Frieden nicht beſſer aufrecht erhalten zu können, als wenn er ihr dieſe Freude ließe, und ihre Herrſchaft 5 — 98— ohne Weiteres ſtillſchweigend anerkennte, ein Entſchluß, der ihm um ſo leichter werden mußte, als er in der That einen halben Kopf kleiner und einige Jahre jünger war, alſo nicht das Anſehn und die Erfahrung haben konnte, wie ſeine Hausfrau. Unter dieſen Bedingungen lebte er denn auch leidlich glücklich: die äußern Güter waren da, ſeiner geiſtigen Ausbildung wäre nichts im Wege geſtanden, wenn er das Bedürfniß gefühlt hätte, und wenn ihm auch die koſtſpieligeren Vergnügungen abgin⸗ gen, ſo blieb doch die wohlfeilere Jagd, ja ſie wurde ſogar ein Erwerbszweig für ihn, indem er manchen fetten Haſen, manche frühe Schnepfe, ja ſogar Hirſche und Seehunde heimlich nach der Stadt zu verkaufen wußte. Freilich war in dieſer Rückſicht Verdacht gegen ihn ent⸗ ſtanden, und nicht nur daß ſeine Hausehre im Allge⸗ meinen einen etwas mürriſchen und argwöhniſchen Cha⸗ rakter hatte, ſie ging auch bisweilen, wenn ſie Zeichen von Verbrechen entdeckt zu haben glaubte, ganze Tage ſcheltend durch ſämmtliche Thüren des geräumigen Hau⸗ ſes, ſcheuchte Mägde, Kinder, Mann und alles Leben⸗ dige in den verſchiedenen Gemächern immer ſchon von ferne auf, und trieb die geängſtigten Hausgenoſſen in einem allgemeinen Treibjagen durch die ineinandergehen⸗ den Zimmer ſo lange vor ſich her, bis jedes in Ver⸗ zweiflung auf geheimen Auswegen, mein Bruder ge⸗ wöhnlich mit ſeiner Doppelflinte, entwiſchte. Dann war ſie allein und regierte ſich ſelbſt, das heißt kam nach und nach wieder zu dem Entſchluß, ihrer Vernunft die Herrſchaft zu gönnen. Dies war freilich ein Uebelſtand 60— für die Hausgenoſſen. Dennoch würde mein guter Bru⸗ der ſich leidlich wohl dabei befunden haben, wenn in ſeiner Ehe nur ſo zwiſchendurch dergleichen unruhige Zeiten eingetreten wären; allein ſie war fortwährend auf ſeine Verbeſſerung bedacht und unterſuchte ſogar jedes⸗ mal, wenn er zu Hauſe kam, ſeinen Büchſenranzen, nahm das Erlegte an ſich, und ſchalt, wenn er leer war. Ja, was noch mehr iſt, ſie hatte einige junge Bäuerinnen, bei denen ihr Mann heimliche Wildnieder⸗ lagen eingerichtet, entdeckt, darauf das Vorhandene con⸗ fiscirt und ſtrenges Gericht gehalten, nicht mr um zu ſtrafen, ſondern auch um abzuſchrecken, von welchem grauſamen Kriminalberfahren ſie keineswegs der Umſtand abhielt, daß dieſe Frauenzimmer ſchön waren und gar manchen Verehrer in der Gemeinde hatten. Im Gegen⸗ theil, ſie dachte und ſprach es auch aus: je vollkommner der Menſch, deſto ſtrafbarer ſein Fehltritt, wie der Herr ſchon an Moſen gezeigt, dem er den Eingang ins ge⸗ lobte Land verſperrte, weil er ein einziges Mal nicht ge⸗ glaubt hatte. Das Driückende, welches die hiedurch veranlaßte und ſelbſt mit Aufwand organiſirte geheime Polizei für meinen Bruder herbeiführte, lenkte ſeine Gedanken auf einen andern Erwerbszweig, und gewiß wird es ihm kein billiger Mann verdenken, wenn er nach dem Funde des großen Butterklumpens, deſſen Kugel⸗ fläche freilich zu einer dicken Salzkruſte verhärtet war, und der Nagelkiſte, deren Inhalt freilich vom Roſt ge⸗ litten, wenn er ſeitdem die geheime Hoffnung hegte, durch eine wohlgefüllte Geldkiſte oder ſonſtige koſtbare Aus⸗ 5* — 0— würfe des reichen Meeresgrundes mit einem Schlage völ⸗ lig emancipirt zu werden. Daher ſeine Morgenſpatziergänge in den Wald und an die See, und zwar wählte er die Frühe des Mor⸗ gens nicht etwan, um dem Bette ſeiner Gattin zu ent⸗ gehn(denn er ſtimmte in dieſem Punete ſo ziemlich mit ihr zuſammen, dergeſtalt daß ſie im erſten Jahr der Ehe ihm dankbar den Knaben brachte, welchen Sie dort aus unſerm Geſichte verſchwinden ſehen, und nur in den fol⸗ genden und ſpäteren Jahren ihre Ehe unfruchtbar blieb), vielmehr war es nothwendig, zeitig auszugehn, um an⸗ dern ſtrandlaufenden Glücksſpielern zuvorzukommen.. 4. Der Empfang. Er hat mich ein Perſon genannt, ihr habt es alle gehört. So waren die ehelichen Verhältniſſe meines ſeligen Bruders, und Sie können ſich daraus leicht entnehmen, mein lieber Herr Doctor, daß er mit dem Bewußtſein, ſich vielfältig verdächtig gemacht zu haben und alſo mit einiger Beſorgniß jetzt den kleinen Findling in das Haus ſeiner ſouveränen Frau tryg. Das Kind hatte ihn umfaßt und weinte nicht mehr, nur einige Tropfen ſchwammen noch in ſeinen tiefblauen ſchönen Augen, und als es das Wohnhaus erblickte, fragte es hoffnungsfreudig:„Kommen wir nun zur Mut⸗ ter?“ Ja, liebes Kind, ich glaube, ſagte mein Bruder „ 0 ungläubig. Dann faßte er ſich ein Herz, trat in die Wohnſtube, und ſetzte die gefundene Emma aufs Sopha neben ſeine Frau Liebſte, welche den Morgen⸗Kaffee ein⸗ ſchenkte, ſich nicht ſtören ließ, ihm die gewöhnliche große blaublumige Taſſe hinſchob, und dann das während deſ⸗ ſen von der Seite wohlgemuſterte Mädchen zu ſich nahm mit der Frage: Fritzchen, was iſt das für ein kleines Lackmusauge, das du mir mitbringſt? Wem gehört es zu? Das weiß ich nicht. „Das weiß ich nicht?“ Meiner Treu! das weiß ich auch nicht!— Ich habe das Kind am Strande ſchlafend gefunden. Gefunden? ſchlafend gefunden? Beſchlafend magſt du es gefunden haben, ja, ja, das kann wohl ſein, daß du ſo zufällig dazu gekommen biſt— hm! aber wie kommt das Kind an den Strand? he! wie kann das Kind an den Strand kommen? ſage mir das doch! oder willſt du den Balg als einen Findling bei mir einſchwärzen? Findling? Ei ſeht mir doch!„ich habe das Kind am Strande gefunden“. Du biſt mir ein ſauberer Vogel! ſollen deine Hurenkinder meinen rechten Kindern das Fett von der Suppe blaſen? Nun kann ich mirs erklären, wo all das Laſtengeld und all die heimlichen Einkünfte von den heimlichen Seehunden, Hirſchen, Haſen, Schnepfen, Rebhühnern und all dem heimlichen Strandgut geblieben ſind. Was das Greuel für feine Kleider anhat! Du willſt meinen rechten Kin⸗ dern die Butter vom Brote eſſen? Rein, nimmermehr! ſo lange ich noch eine Lunge im Leibe und Pferde im Stalle habe. Ich will ins Kreisgericht fahren, das will ich. Jochim! ſpann ein! Jochim! zieh die blaue Kutſche aus dem Wagenſchauer! und ſpann ein! Das will ich, ja, das will ich! will ich!— und dabei trat ſie mit dem Vorderfuße auf, wie die Schafe vor einem fremden verdächtigen Hunde. Nu! nu! nur ſachte! das Kind iſt weit genug her⸗ um nicht meins ſein zu können, es kann kein Wort deutſch, ſondern nur ſchwediſch. Das hat es von dir, das hat es von dir, du ver⸗ laufener Schwede. Damit machſt du mir kein x für ein u. Geh mir aus den Augen mit deinen ſchwediſchen Kindern, ich will keine anderen Kinder von dir haben, als deutſche Kinder, geh mir aus dem Hauſe mit deinen ſchwediſchen Wechſelbälgen! geh mir aus dem Hauſe! Und damit wollte ſie das Kind, welches mein Bruder wieder aufgenommen hatte, beim Arm ergreifen und gleich ihren Willen zur That machen; als— ich zufälliger Weiſe ins Zimmer trat, und mich auf einige Monate zum Be⸗ ſuch anmeldete. Die Hausfrau ſetzte mit vieler Mühe ihr dickaufge⸗ laufenes, völlig inſurgirtes Geſicht zurecht und in einen leiſen Anklang von derjenigen wohlwollenden Knirmiene, womit man ſeinen Schwager zu empfangen pflegt, ſagte: willkommen! zog den verlornen Pantoffel wieder an, nahm die aus der Schürzentaſche gefallenen Schlüſſel wieder auf, und ſchien nicht ungern die Gelegenheit zu — 103 ergreifen, ſich einige Augenblicke zu entfernen, als mein Bruder ſagte: Mutter, beſorg' uns etwas Wein und Frühſtück! 5. Vaterpläne. Mein lieber Sohn, willſt du nicht ein einziges Mal auf dem allerliebſten Hörnchen blaſen?! Benvenuto Cell. Mein Bruder erzählte mir ſchnell die Geſchichte, um mich zu unterrichten, und nachher zum Vermittler und Richter zu machen, dann nahm er das liebe Kind, welches natürlich erſchrocken über den Auftritt, wieder weinte, auf den Schooß, herzte und küßte es, und be⸗ klagte ſich bitter, daß er es nicht bei ſich werde behalten und lieben dürfen, wie er ſo gern möchte, beſonders da er nur zwei Knaben und keine Tochter hätte. Ich ſah allerdings ebenfalls die Unmöglichkeit ein, beruhigte ihn aber damit, daß ich auf der Stelle die Kleine adoptirte, und auf eine angemeſſene Weiſe für ſie zu ſorgen verſprach. Alſo Sie ſind der Vater? fragte ich höchlich überraſcht. So iſt es, Herr Doctor. Beim Frühſtück gelang es mir nun zwar, die Verſöhnung zu bewirken, beſonders unter der Bedingung, daß Emma nicht im Hauſe bliebe und das Fett von der Suppe blieſe; allein den Verdacht konnte keine Beredſamkeit vertilgen, und je weniger Gründe ſie gegen uns aufzubringen wußte, deſto feſter überzeugte — 104— ſie ſich davon, daß die Sache höchſt geheimnißvoll und folglich verdächtig ſei. Indeſſen blieb ich ſelbſt längere Zeit um meiner Ge⸗ ſundheit willen in meines Bruders Hauſe, denn er wohnte, wie ich ſchon geſagt, in einer ſchönen Gegend, und es war der Anfang der angenehmen Jahrszeit. Dieſe Zeit über mußte alſo unſte Emma auch dort bleiben, und ge⸗ währte mir, meinem Bruder und ſeinen beiden Buben unendlich viel Vergnügen. Denn ſie fand ſich bald, und während ſie ſich gewöhnte, lehrten die Knaben ſie deutſch reden. Ich und mein Bruder ſprachen in ihrer Mutter⸗ ſprache mit ihr, wodurch wir ſie natürlich ſehr zu uns gewöhnten und ihre Zuflucht und Hülfe wurden. Unterdeſſen waren wir vor dem Strelitzer Thor an⸗ gekommen; ich bemerkte es zu meinem Schrecken, denn die Geſchichte war ja noch nicht aus, bei dem Fahren auf dem Pflaſter nicht zu hören und in ihrer Gegenwart nicht zu beendigen. Halt Kutſcher, rief ich aus dem Vorderfenſter, halt hier ſo lange ſtill bis unſre Ge⸗ ſchichte zu Ende iſt! Er hielt, und der Kriegsrath fuhr fort: Wunderlich genug war ich zu einer Tochter und da⸗ mit zu den Sorgen für ihre Zukunft gekommen. Familie hatte ich nicht, hoffte auch keine zu bekommen, bei mei⸗ nem Bruder konnte ſie nicht bleiben, was war alſo zu thun? Es mochte wohl im fünften Monat meines Be⸗ ſuchs ſein; da ſah ich eines Morgens die Kinder in der Nebenſtube ſpielen. Sie ſpielten Kirche. Der größte Bube war Küſter und ſang ein kläglich ſchönes Lied, das — 105— er auswendig wußte, der kleinere predigte von einem Stuhl herunter, und dann ſollte das Mädchen auch ſingen. Sie ſetzte ſich auf den Schemel und ſang das ſchöne, einfache, ſchwediſche Lied, wovon Sie bei Tiſch den er⸗ ſten Vers vortrugen, während der erwählte Küſter mit abſcheulicher Stimme nebenherleierte: Es iſt ein Jud' ins Waſſer gefall'n, Ich hab' ihn hören plumpen ꝛe. Ich verbot dem Jungen ſeine Begleitung und hörte das Kind äußerſt richtig und lieblich ſingen. Mein Ent⸗ ſchluß war gefaßt. Sie kennen meine Vorliebe fürs Theater. Ich kannte den Direktor des Theaters zu.. und ſeine Fran als ſehr achtbare Leute, gab das Kind zu ihnen ins Haus und ließ es ganz für das Theater erziehn. An Geld und Bequemlichkeit durft' es ihr nie fehlen, auch ſah ich ſie von Zeit zu Zeit, aber mein wahres Verhältniß zu ihr verhüllte ich mit gutem Be⸗ dacht. Denn ich konnte nicht wiſſen, ob dieſe Entdeckung nicht in ihr den Wunſch erwecken würde, das Theater aufzugeben. Nur zu ſelten übt der Menſch das Schöne um des Schönen willen, wie Sie denn dies auch jetzt an unſerm Axel und ſeiner Emma ſehn, und leider ſetzt ſie der Tod des gedachten Küſters und ſeiner Eltern in den Stand, auch ohne mich und meine Hülfe, die ſie ſonſt ſchwerlich erlangen dürften, zu thun, nicht was recht iſt, ſondern was ihnen beliebt. Das Uebrige iſt Ihnen bekannt, außer daß ich zu der Annahme des Na⸗ mens Sonnabend der guten Vorbedeutung wegen gera⸗ then und ihr jetzt auf allen Stationen bis Berlin Quar⸗ 06— tier beſtellt hatte. Ihr Zuſammentreffen und Zuſam⸗ menreiſen mit meiner Adoptiv⸗Tochter hat mir ſchöne Pläne und den jungen Leuten ſchönen Ruhm verdorben; verantworten Sie es, wenn Sie können! Mit Gottes Hülfe, ſagte ich, und erzählte darauf meinen Betrug mit dem Schauſpieler Werthmüller.— Sünde gebiert Schaden, und Lüge Unglück, Sie ſind ſchuldiger, als ich dachte, erwiederte er. Ich befahl dem Kutſcher fortzufahren. Er that es, und eine Menge lärmender Jungen, die ſich um den ſonderbar verweilenden Wagen verſammelt hatten, gelei⸗ teten uns bis vor das Gaſthaus an dem ſehr regelmä⸗ ßigen Markte von Strelitz. 6 Der graue Mann. Er zapft den beſten Zyper in Venedig, Auf meine Ehre! dieſer Wirth mein Freund. Wir ſtiegen aus und ſahen uns nach dem Wagen unſers Lieutenants um; wir fragten den Wirth, wir ſchickten in alle Gaſthäuſer; nirgends wußte man Aus⸗ kunft zu geben; endlich trat ein adlernaſiger, grauröckiger Mann herzu, der einem alten abgetakelten Officier glich und mit der langen Pfeife bei dem Schachbrettiſche am Fenſter ſeinen, wie es ſchien ſtehenden Platz hatte, und berichtete: Vor etwa zwei Stunden ſei ein Offizier von den — 107— ſchen Huſaren mit einer Dame in gelber zurückge⸗ ſchlagener Kaleſche über den Markt gekommen. Die Pferde waren zwei ſtarke Rappen? unter⸗ brach ich. Zwei Rappen, nur hatte das Beipferd einen kleinen ſchiefen Bleß. Ganz recht! ganz recht! und wo mögen ſie abge⸗ ſtiegen ſein? Wenn ſie nicht bei Bekannten geblieben ſind, ſo kön⸗ nen ſie mit Anſtand nirgends abſteigen, als in dieſem Gaſthauſe. Der Wirth nickte ihm Beifall, er ſelbſt drückte mit der Miene eines guten Gewiſſens die Aſche tiefer in die Pfeife, that ein Paar eilige Züge und fuhr dann fort: Sie bogen aber ſo raſch in die Altſtrelitzer Straße hinein, daß ich drei gegen eins wette, ſie ſind nicht in Neuſtrelitz geblieben. Wir mußten ihm zugeben, er würde bei ſo bewandten Unſtänden ſeine Wette gewinnen. Denn offenbar mußte der Lieutenant aus irgend einem Grunde wieder einmal ſeinem Satze, daß kein Vertrag ewig gelte, gefolgt ſein. Was halten Sie von dieſem Verfahren, Herr Kriegsrath? Es iſt ſeinem Zwecke ſehr angemeſſen und verräth militäriſches Talent; um ſo mehr zu bedauern, daß er es nicht lieber auf die Eroberung von Fahnen und Ka⸗ nonen verwenden will! Herr Wirth, beſtellen Sie mir Poſt nach Fürſtenberg! Ihre Geſellſchaft, Herr Doctor, würde mir ſehr angenehm ſein. Ich mußte bedauern, daß Strelitz ein vielfach wohl⸗ begründetes Recht auf eine größere Aufmerkſamkeit von meiner Seite hatte, und daß ich es nicht gleich ihm nur zum Abſteigequartier benutzen durfte. Bis die Poſt kam, wurde jedoch die Trennung verſchoben und ein Abſchieds⸗ trunk beſchloſſen, woran auf unſer dringendes Erſuchen der gefüllige graue Mann Theil nahm und nicht zu un⸗ ſerem Nachtheile. Denn als wir uns über den Wein beriethen und um ſein Urtheil baten, belehrte er uns wie ein Kenner: Die übrigen Weine ſind ſchlecht, die rothen haben Satz und legen ſich auf die Zunge, die weißen ſind ebenfalls herb und ohne Feuer; aber der Petit⸗Burgun⸗ der— delicieuſe! Der Kriegsrath befahl, der Kellner lief, der Wein erſchien und die Verheißung war erfüllt. Delicieuſe! wiederholte ich nach der erſten Probe.— Richt wahr? lächelte unſer Gaſt und blies mir heftig den Tabacks⸗ dampf ins Geſicht, ſah ſich halb nach dem Wirthe um und war ohne Zweifel im Begriff eine Lobrede mit den nöthigen Gründen zu beginnen. Jedoch ich kam ihm zuvor und nannte einen noch viel delicieuſeren Gegen⸗ ſtand, der mir unaufhörlich im Sinne lag: Emma und ihr Glück! rief ich aus und wollte anſtoßen. Der graue Mann erhob ſich, aber der Kriegsrath ſchickte noch erſt die Bemerkung voraus: unter dieſer Firma werde ſie kein ſonderliches Glück machen und es ſollte ihm Leid thun, wenn ſie wirklich einen vielverſprechenden Namen für dieſen nichtsſagenden hingäbe. Darauf ſtieß er an, er mit ſeinem, ich mit meinem, der Gaſt mit gar keinem Namen. Nun kamen wir von der Sonnabend aufs Theater zu ſprechen, und da die Strelitzer kunſtverſtän⸗ dige Leute ſind, ſo wurde das Geſpräch allgemein, jedoch mit der Ausnahme, daß ich unterdeſſen nichts ſah und hörte, als die ſchöne Emma. Manches Glas trank ich heimlich auf ihre Geſundheit, und als die Poſt vorfuhr, gab ich dem Kriegsrath viele Grüße mit. Er gab mir ſeine Addreſſe, ich verſprach ihn in Berlin zu beſuchen, und ſchlug, wiewohl etwas wankend, doch mit vielem Anſtande einen langerſehnten Weg ein zu einem lieben Freunde aus früherer Zeit. z. Neu⸗Strelitz. Die Häuſer laufen im Gewimmel, Wie ſchief, wie ſchief, wie ſchief! Der Klockenthurm ſchwankt mit Gebimmel, Wie tief, wie tief, wie tief! Schau her in dieſen Waſſerhimmel! Wie tief, wie tief, wie tief Wird dieſe Stadt zu Grunde gehn— O wollte ſie doch grade ſtehn! Strelitz iſt diejenige Stadt, welche mir immer den bezauberten Schlöſſern mit paradieſiſchen Gärten mitten in rauhen Wildniſſen, wovon wir in der Jugend ſo viel Anziehendes durch unſte klugen Wärterinnen er⸗ fahren, am meiſten zu gleichen ſchien. Wenn wir aus dem tiefen tannenernährenden Sande Augen und Lunge glücklich und wohlbehalten bis auf den Strelitzer Markt — gebracht haben, ſo ſieht uns dies Feenſchloß aus dem buchengrünen Laubkranz überraſchend wunderbar an Eben ſo ſagt uns der große Spiegel des freundlichen Sees, in dem ſich ſchöne Waldhöhn beſchaun und gewiß die lieben verwünſchten Prinzeſſinnen baden, die hier allent⸗ halben verborgen ſein mögen, er ſagt uns, daß er nur durch Zaubermacht mitten in dieſer Wüſte hervorgerufen iſt. So iſt mir Strelitz immer vorgekommen; aber dies⸗ mal ganz curios! Hier ſteh' ich nun: ſoll ich, oder ſoll ich nicht? Wie ſtill es um mich her iſt, als wärſt du von Menſchen ganz ausgeſtorben, du verwünſchte Stadt! und doch rauſcht mir ein ſeltſames Summſen ins Ohr, ſumm, ſumm, ſümm, ſümm! jetzt hier, jetzt wieder hier! Was ſoll das? mir wird das Kopfdrehen ſauer.— Ob ich aber wohl dahinter komme? Summ⸗umm— ſumm⸗umm, rund herum— rund herum! ſummt ihr und der Kukuk! ich verſteh' euch nicht! Feeen, Strelitzer oder Elfen, wer ihr auch ſein mögt, ſummt in Gottes Namen! was kümmerts mich! Wenn ihr nur aus dem Wege gehn wolltet. Hier ſchwirrt mir nicht vor den Beinen! hopp! oh! ich bitt' um Entſchuldigung! Freilich das war mein Fuß, ſeht euch vor! ich bin nicht ſtößig geſinnt, ich bin weltlaunig und zur Liebe aufgelegt, es iſt nur ein Uebelſtand, daß es mir hier in Strelitz ſo vor den Augen flunkert, als wär' ich ſelbſt eben ſo verzaubert, wie die Stadt. Ja ich will Gott danken, wenn ich aus dieſer Stadt glücklich wieder entkomme, ohne in irgend ein Thier oder gar in eine Pflanze verwandelt zu werden! Und im letztern Falle hab' ich die meiſte Angſt davor, etwan ein Haſelſtock zu werden und ſo wider meinen Willen in Verhörs⸗ und Schulſtuben zur Unterdrückung meiner Mitmenſchen dienen zu müſſen. Nein, ich bin zu leutſelig, ich lieb' euch Alle, all mit einander! Aber es hilft kein Zittern vorm Froſt, ſagt das Sprichwort, alſo hinein, mitten hinein in Strelitz und in die Abentheuer die es mit ſich führt! S. Verwandlung Das Geiſterreich iſt nicht verſchloſſen, Dein Herz iſt taub, dein Sinn iſt todt; Drum bade, Schüler, unverdroſſen Die ird'ſche Bruſt im Morgenroth. Von unſerm Wirthshauſe läuft ein breiter Stein nach der Mitte des Marktes. Ich ſuchte mich auf ihm zu behaupten und ſteuerte, trotz des aufſäſſigen Geiſtes vom Petitburgunder und trotz der feeenhaften Ungebung nit vieler Conſequenz weiter, bis ich endlich auf dem gedach⸗ ten Rittelſtein Halt machte. Die Straßen waren ſtill; ich ſah nach den grünen Wipfeln der Buchen auf der Parkſeite hinüber und bemerkte ganz deutlich, wie ein Purpurſchein aus der Laube blitzte, immer dichter und dichter und endlich, wie eine tief⸗rothe Abendwolke ver⸗ einigt, zu einem ſchönen Muſchelwagen wurde nit gol⸗ — 112 denen Rädern und lichtgelben Schwänen davor. Der Wagen rollte wie zum Verſuch über die grüne Kuppel des Waldes einher, dann kam er raſch zurückgeflogen, und eine ſchöne Gebieterin lenkte ſeinen ſchaukelnden Flug. Mit Gedankenſchnelle ſtand er neben mir. Ich erſchrak und geblendet wollte ich zurücktreten, allein meine Füße waren an den verhängnißbollen Stein wie angewachſen; ein Schauder durchrieſelte meine Gebeine, allein ich hatte wenig Zeit, mich ihm zu überlaſſen, und noch weniger, mich zu beſinnen, denn dreimal umſauſ'te der Purpurwagen meinen Mittelpunct und dreimal flog mein Stein herum und ich mit ihm, wie ein aufgeleimter Tanzbär auf den Weihnachtsleierkäſtchen der Kinder. Die Wagenlenkerin, auf die ich während des Unſchwungs unaufhörlich hin⸗ ſtarrte, hatte ganz die Züge der ſchönen Emma, dennoch konnte ich mich nicht völlig davon überzeugen, ob ſie es wirklich ſei, und beim dritten Umlauf verſchwand ſie. Alles ſchien vorüber zu ſein. Nur fühlte ich noch eine nachhaltende Bewegung meines Fußgeſtells des Schluß⸗ ſteines und das war grade das Unglück. Nun merkten's nämlich die andern Steine, daß der Mittelſtein los war, und ſogleich fuhren ſie befreit im wilden Jubel durch⸗ einander, und rollten unaufhörlich fort wie ihre Bräder in dem Wellenſchlage, wenn ſie beim Sturm aus ihrer tiefen Wohnung heraufkommen und raſſelnd mit unter⸗ ſeeiſchen Karoſſen bei ihren alten Bekannten unter dem Strandgeſtein zur Coure borfahren. Es war ein all⸗ gemeiner Auflauf der Pflaſterſteine des Marktes, und ich nahm ſogar an den nächſten Häuſern und namentlich an dem neuen vierſchrötigen Thurme ſo verdächtige Bewegungen wahr, daß mir's bange wurde, ob das böſe Beiſpiel nicht vielleicht für die Mauerſteine an⸗ ſteckend ſei. Mittlerweile entwickelte ſich aus jedem Pflaſterſtein irgend ein Staatsbürgergeſicht, und als ich näher hinſah, wimmelte es unter den Köpfen, welche aus den Steinen geworden waren, von ſchönen Feier⸗ kleidern, und Alles verrieth eine unbeſchreibliche Fröh⸗ lichkeit, daß es einmal Erlaubniß hatte, Naſen, Ohren, Augen, kurz alle Glieder frei herauszuſtrecken, wie die Schnecken im Sommer. Alte Bekannte ſchüttelten ſich die Hände, Freunde küßten ſich mit doppelten Küſſen, und wie die Naſen ſich zweimal vorüberrutſchten, ſah man häufige Funken der Begeiſterung herausfahren, Staatsmänner beglückwünſchten ſich mit dem Gallahut unterm Arm, dann demonſtrirten ſie, und der eine fuhr mit dem Zeigefinger an die Naſe, der andre legte ihn in den Daumen, noch ein anderer ſetzte ihn vor die Stirn, Liebespaare ſtürzten ſich ans Herz und Freuden⸗ thränen ſchwammen in ihren leuchtenden Augen, einige Steine ſtiegen ſogar andern auf die Schultern und hiel⸗ ten patriotiſche Reden, von denen ich jedoch zum Glück für meinen friedlichen Ruf weiter kein Wort verſtand, als daß ſie jedesmal den Refrain hatten: 1830. Lieber Gott, rief ich aus, wie wenig kennen wir deine wunderbare Welt! aber ach! was ſoll aus mir Armen werden? Während alles jubelt und ſogar die Steine reden, ſteh' ich hier auf dieſen verwünſchten, fei⸗ gen, faulen Stein geleimt wie ein aufgeſpießter Maikäfer, — 114— dem ein böſer Bube ſeine Nadel ins Bein geſtochen! Wunderbar zugleich, er, der Anſtifter des Lärms, liegt jetzt in tiefſter Ruhe! Kaum hatte ich dies gedacht, da erblickte ich von Neuem den verhängnißvollen Purpurwagen und jetzt ganz deutlich unſte Emma darin. Dreimal in immer größeren Kreiſen fuhr er um mich herum, und wie er zum drit⸗ tenmal vor mir ſtand, drehte der ganze Markt in furcht⸗ barer Schnelligkeit wie ein Trichter⸗Wirbel im Waſſer ſich in eine unabſehbare Tiefe hinab, nur mein Stein ſtand gleich einer hohen Säulenkrone in der Luft. Auch der Wagen ſchwebte hinunter, ein Blitz fuhr von ihm aus und zuckte ſchlängelnd zu Boden. Dann hörte ich ein Donnern unter mir, der Stein wankte, ſeine Fun⸗ damente ſtürzten, er ließ meine Füße los, und ich fiel rücklings, wie eine Sternſchnuppe von dem hohen Him⸗ mel, in die unermeßliche Tiefe. Mir vergingen die Sinne. 9. Wiederſehn. Giebts einen nüchternen Genuß Laßt mich begeiſtert ſein, Mein Innres wogt und kommt in Fluß, Und reißt die Welt hinein. Sie iſt ſo biegſam, iſt ſo ſchön, Könnt' ich ſie ſo doch immer ſehn! Als ich wieder zu mir kam, ſaß ich auf dem rothen Ruhebett eines königlichen Gemaches und neben mir— — Emma, die mir freundlich zulächelte und ſogar meine Hand nahm, um ſie dankbar zu drücken. O fühlteſt du mehr als Dankbarkeit bei dieſer Berührung, dacht' ich in meinem Herzen: o warum ging jener glückliche Au⸗ genblick im Wagen ſo erfolglos und unbenutzt vorüber! dann aber überwog jene uneigennützige Theilnahme an ihrem Schickſale, die ſie nur um ſo mehr zu verdienen ſchien, weil ſie gar nicht darauf rechnete, ich ſah ihr tief ins Aug' und ſagte: In des Schlummers weichem Schooße Auf dem grünen uferſaum, Meergeſchenkte, ſüße Roſe, Emma, welches war dein Traum Bei der Buchenblätter Sauſen, Bei des großen Meeres Brauſen, In dem luft'gen Schlafgemach Unter hohem Himmelsdach? Im erwachten Sonnenſcheine Auf dem fremden Meeresſtrand, Wie dein Rufen, arme Kleine, Mutters lieben Troſt nicht fand, Nur des kalten Windes Sauſen, Nur des wilden Meeres Brauſen; Welcher namenloſe Schmerz Drang in dein verwaiſ'tes Herz! In der Liebe ſanftem Schooße, Wo die Wonne ruht und träumt, Träume ſüß, du ſüße Roſe, Denke nie was du verſäumt; Und auf wald'gem uferpfade An dem leuchtenden Geſtade, Wo du weinend aufgeblickt, Wandle künftig nur beglückt! Als ich geendet hatte, ſagte ſie, dieſe Worte klängen ihr wie ein Lied, dankte mir und bat, ich möchte ſie doch aufzeichnen. Sogleich zog ich meine Schreibtafel heraus, ſetzte mich auf ihren Fußſchemel, legte die Tafel auf ihren Schooß und ſchrieb. Aber kaum brachte ich meine Rede zu Ende, denn während des Schreibens entſtand ein immer wachſender Lärm um mich her, und wie ich das letzte Wort niederſchrieb, fühlte ich plötzlich meinen Arm gehemmt, meine Bruſt berührt durch eine fremde Bruſt, und meinen Mund verſchloſſen durch einen bärtigen Kuß, dem der Ausruf folgte: Edmund, Herzensbruder, biſt Du es wirklich? ja Du biſt es! aber ich bitte Dich, was denkſt Du von Neuſtrelitz, daß Du Dich mitten auf dem Markt am hellen Mittage aufs Pflaſter ſeteſt und auf Deinem Ranzen Gedichte ſchreibſt? Was? Wie? rief ich aus, hob die Schreibtafel weg und erblickte meinen Ranzen, wagte es aber nicht, ihn zu befühlen aus Furcht, es möchten doch noch die Knie der ſchönen Emma ſein. Damn erhob ich mich vom Pflaſter, ſah mich rund umher um, erblickte ſchadenfrohe Geſichter und von neuem untertretene feſte Steine, und ſagte ver⸗ wundert: Was ich von Neuſtrelitz denke? meiner Treu, das iſt nicht leicht zu ſagen!—— Nur geſchwinde! unterbrach er mich, daß wir aus dem Gedränge kommen. Die Leute denken wahrlich, daß Du nicht bei Troſte biſt.— — 117— Da haben ſie nicht ganz Unrecht, aber wer iſt Schuld daran? ſagte ich, nahm meinen Ranzen und ging mit. 10. Die Strelitzer. Wer käme wohl gern ins Publikum? So gehet die Katz mit den Mäuſen um. Mein wohlbeleibter Freund keuchte mit mir durch verſchiedene Gaſſen, um den Höflichkeitsbezeugungen der artigen Strelitzer, die uns bis nach Hauſe begleiten zu wollen ſchienen, noch vorher zu entgehn; aber es war kein Mittel von Erfolg, und in unſern Füßen keine Ret⸗ tung. Der ganze Haufe begleitete uns unter lautem Hurrah, bald ließen ſie„den dicken Braunen“ leben, bald„den dünnen Grauen“ Wir zogen unſre Hüte und dankten, eine Bewegung, welche zwar weniger von Herzen als vom Kopfe kam, aber doch, von meinem Begleiter wenigſtens, gern gemacht wurde, denn er ver⸗ ſäumte nie die Gelegenheit, einige Mal mit dem Schweiß⸗ tuch über die Stirn zu fahren, und ſich zu gleicher Zeit Luft zu machen durch einige Verwünſchungen über meine Tollheit und ſeine Dummheit, ſich darin verwickelt zu haben, beſonders da der Ausgang gar nicht abzuſehn ſei. Wahrhaftig! man thut beſſer, ſich mit einem ſo ver⸗ rückten Menſchen, wie Du biſt, gar nicht einzulaſſen. Macht er mich nicht zum Geſpött in meiner eignen Vaterſtadt? Da hab' ich ſchon wieder dem Kalbe in die Augen geſchlagen! und bin doch ſo unſchuldig an dem Lärm, wie ein Jungfernkind an ſeiner eignen Geburt. Ich glaube, Dir macht am Ende der Auflauf noch Spaß. Wenigſtens wüßt' ich nicht, wie man unverdienter und wohlfeiler zu ſolcher Volksgunſt und Auszeichnung kommen könnte. Hier waren wir bei ſeinem Hauſe angelangt, ich ſtimmte dafür, hineinzugehn, er war unſchlüſſig; unter⸗ deſſen gewann die Menge Zeit, ſich vollends um uns herumzuziehn, und nun war kein andrer Ausweg mehr übrig als die Hausthür. Wir ſtiegen etwan ſechs Stufen hinauf; mein Freund griff eilig nach der Klinke, während ich ehrerbietig mei⸗ nen Hut zog und mit geziemender Verbeugung mich zu empfehlen gedachte. Die Thür ging klingelnd auf, aber das Geklingel erſtickte bald in dem lauten Beifallsgeſchrei der gütigen Begleiter, von denen unterdeſſen einige ſo dienſtfertig waren das Wort„Dankſagung“ zum Feld⸗ geſchrei zu machen, ſo daß mir nichts übrig blieb, als einige Schritte vorzutreten und mich fügſam und willig zu zeigen. Es wurde ſtill; ich ſprach, als hätt' es mir Napoleon dietirt zu dem Volke. Strelitzer! Ihr habt euren alten Ruhm bewährt! euer Antheil an öffentlichen, ſowie an den verborgenſten Angelegenheiten iſt der Welt bewieſen. Ich werd' es zu rühmen wiſſen. Strelitzer, ihr habt meinen wärmſten Dank verdient, für eure ehrenvolle Begleitung. Ich werd' ihn nie erkalten laſſen, ſondern nach Kräften in ſeiner jetzigen Tempera⸗ tur erhalten. Lebt wohl! und nehmt ſtatt des Geleites meinen Dank mit nach Hauſe; denn Viele können zwar Einen zu Hauſe begleiten, aber Einer nicht gut Viele. Es erſcholl ein abermaliges nunmehr ſchon beſſer verdientes Hurrah und Hoch, dann folgte ich meinem Freunde ins Haus, und hörte die Menge nach allen Seiten auseinander gehn. 11. Die Geſinnung. Wie Du geſinnt biſt, wird es Dir ergehn, Dem Geiſte muß ſein Herren⸗Recht geſchehn, Und wollteſt Du den Teufel in den Himmel nehmen, Er würde ſich langweilen und gar nicht bequemen. Der Unſinn iſt ein König, ſeine Unterthanen luſtige Leute, drum wer ſich ergötzen will, mag es wiſſen und ihm wiſſentlich dienen, dacht' ich und ging hinein in der heiterſten Laune von der Welt Anders fühlte ſich mein Freund. Als ich ins Zimmer trat, fand ich ihn ganz erſchöpft und mislaunig in ſeinem Armſtuhl liegen. Sind ſie abgezogen? unterbrach er die verſchnaufende Bewegung ſeines Bauches. Ich habe ſie mit einem guten Zeugniſſe entlaſſen. Es iſt eine ärgerliche Geſchichte. Ich werde zum Stadtgeſpräch. Volkes Stimme Gottes Stimme! Wer den Schaden hat, braucht für Spott nicht zu ſor⸗ gen; aber eigentlich hätteſt Du den Schimpf verdient, und ich wollte was drum geben, wenn Du hier anſäſſig wärſt. Es hat doch ſein Gutes, kein Spießbürger zu ſein. Den Hochmuth habe ich längſt in den Schuhen ver⸗ tragen. Weiter als bis in die Schuhe ſcheint er Dir über⸗ haupt nicht gekommen zu ſein. Doch! Brüderchen, ich habe ihn im Magen. In dieſem Fall iſt er Dir gut bekommen. Wie ſo? Du glaubſt doch nicht, daß ich ſtärker ge⸗ worden? Wenigſtens find ich es nicht. Das glaub' ich wohl. Dir ſind die Augen ſo weit zugewachſen, daß Du den Bauch nicht ſiehſt. Er machte unwillkürlich den Verſuch und ſagte: Es geht doch noch. Das beweiſet weiter nichts, als daß der Bauch eben ſo ſehr gewachſen iſt, wie die Backen. Nun, ſo hab⸗ ich doch was vor nich gebracht, Du ſcheinſt mir dagegen ziemlich abgemagert und ich will wetten, Du haſt eben ſo wenig Geld als Fett⸗ Das brachte meine Lebensart ſo mit ſich. Es wird wenig Freude dabei geweſen ſein. Freude iſt ein Gericht, das man ſich ohne Topf und Feuer mit ein wenig Philoſophie ziemlich überall kochen kann.. So oder ähnlich habe ich in meiner Jugend auch gedacht. Jetzt ſeh' ich aber, ein guter Tiſch und eine ſchöne Frau machen das Leben zum Paradieſe. Damals war ich noch nicht gehörig zu Verſtande gekommen; jetzt— Jetzt kommt mir Dein Verſtand vor wie eine Nach⸗ tigall in Butter gebraten. Wenn Dir Butter und Braten fehlt, wird Dir die Nachtigall nicht halb ſo gut ſingen. Uebrigens wollen wir uns nicht ſtreiten, und als guter Wirth werd' ich gleich für beides ſorgen. Bleib“ einen Augenblick allein, bis ich meine Frau hole, und wenn Du unterdeſſen Rachtigallen hören willſt, ſo öffne Dir jenes Fenſter, das in die Schloßkoppel hinausgeht. Er ging zur Thür, ich zum Fenſter. 12. Zwei neue Reiſefreunde. Die ſüßen Blicke, Der holde Schein, Die Händebrücke, Das erſte Dein!— O ſeliger Liebe Kern und Frucht, Wer weilt, wer bannt mir Eure Flucht? Dieſer Epikuräer! dacht' ich; denn ich fand, daß er Alles auf das Bequemſte und Genußreichſte eingerichtet hatte, ja mich ſelbſt wandelte eine gewiſſe Behaglichkeit an, als ich mich ungezwungen den Eindrücken überließ. Das Fenſter flog in die Höh; ich befeſtigte die Schnur, und, was er mir ſchon in Göttingen zu loben pflegte, die Polſter auf dem Geſimſe lockten weich und ſchwel⸗ lend meinen Arm. Wie ich mich hinauslegte, ſchlug 6 der friſche Frühlingsgeruch mir ergvickend entgegen, ſprang von dem jungen Laub⸗ und Blumenteppich der Sonnenſchein mit goldener Fontaine zu mir herauf. Unten waren dichte hellgrüne Gebüſche und höher eben ſo friſches Laubholz, die Blätter mochten nicht über einen Tag alt ſein. In dieſen Gebüſchen ging es luſtig zu und beſonders trieben zwei Vögel ein ganz merkwürdiges Weſen nit einander, welches zu kokett von dem Fräu⸗ lein und zu inbrünſtig von dem Liebhaber, kurz zu menſchlich war, um rein vogelthümlich genannt werden zu können. Es war eine Werbung, welche zuerſt mit aller jungfräulichen Sprödigkeit abgeſchlagen, dann man⸗ nigfaltig geſtaltet in Klage, Reue und Ausſöhnung zum Gelingen kam. Offenbar fühlte die Jungfrau zuerſt wenig oder gar nichts von Liebe, und ich kann wohl ſagen, es empörte mich faſt, wie das arme Kind um die harmloſeſten Tage ihrer Unſchuld gebracht wurde, denn ich erinnerte mich an manche ſchöne Jugendbekannte, welche irgend ein Liebhaber übelgeſtaltig und mislaunig zu machen gewußt; ich erinnerte mich daran, wie ungehalten Heine und ſeine Freunde über dieſen Weltlauf zu ſein pflegen. Indeſſen auf der andern Seite zeigte der Liebhaber ſo viel Ehre und Wärme, daß man ihm Verzeihung, ja Theilnahme nicht verſagen konnte. Entweder, dacht ich, ſind dieſe beiden Vögel keine gemeine Vögel oder wir haben mit unſern menſchlichen Romanen gar nichts vor ihnen voraus. Mit tiefſter Innigkeit der Empfindung ſchmetterte der Jüngling ſein Liebeslied aus kochender Bruſt hervor; mit rührender Verſchämtheit floh die Geliebte ſeinen Sturm, doch ſah ſie ſelig aus, daß er ſo ſang, und daß er's an ſie ſang. Iſt das nicht un⸗ ſer Heiligthum der Liebe? Wie dem aber auch ſei, die lieben Vögelchen ſind mir im Herzen, alle ihre Mienen und Sprünge vor Augen und ihre Zärtlichkeit unvergeßlich. Ich eile daher das demnächſt Nöthige zu erlaſſen: Dieſe beiden Vogelindividuen haben ſich zu meiner völligen Zufriedenheit betragen. Ich ernenne ſie hiemit feierlichſt zu meinen lieben Reiſefreunden, und ſoll ihre Liebe in Zukunft ſo unſterblich ſein wie Hero's und Leander's; denn ich will ſie beſingen, und verordne hiemit, dieſe meine Anerkennung durch den Druck zur öffentlichen Kenntniß zu bringen. Die Liebe in der Schloßkoppel. Der Frühling lacht, die Sonn' enthüllt Sich Knospen, voll und viel; Im Dufte, der den Wald erfüllt, Treibt's Vöglein luſtig Spiel: Die Loſe trägt ihr Hochzeitskleid, Doch flieht ſie ſeinen Kuß; Den leichten Kinderſinn erfreut Nur Flucht im Lenzgenuß. Sie ſchwingt ſich tief, ſie ſchwingt ſich hoch, Der Buhle folget ihr, Sie birgt ſich, jetzt ſieht er ſie noch, Jetzt iſt ſie nicht mehr hier;— Und laute Klag' und Liebesruf Dringt durch den dichten Hain, Sie hört es wohl und merkt, ſie ſchuf Ihm herbe Liebespein, 6* 5 — 124— Er weint von Zweig zu Zweigen fort, Verſenkt in ſeinen Schmerz; und ihr entgeht kein Trauerwort, Senkt Reu' ihr in das Herz. Sie hüpft herbei, ſie bäte gern, Verſchämt naht ſie ſich mehr; Er jauchzt herbei; wie blieb' er fern? Wie zürnt' er wohl ſo ſehr? Wie ſie mit Küſſen ihn verſöhnt! Wie ſtolz der Fant ſich hält! Wie ihm darauf die Kleine fröhnt, Als Gattin zugeſellt, Im Neſterbau mit Sorg' und Müh', In Angſt um zarte Brut! Ach! und verlor ſo ſchnell, ſo früh Den leichten Jugendmuth! Viertes Dutzend. Axel und Chlotilde. . 1. Der Abſchied. Ein Luftgebild vor Windeswehen, Ein Traumestrug im Schlaf geſehen— So ſchwinden die Liebſten mir all von hinnen, Da ſteh' ich allein und will mich beſinnen.— Meine beiden Freunde beſchäftigten mich ſo lange, bis ich ein Gepolter auf der Treppe und bald mehrere Frauen⸗ und Männerſtimmen vor der Thür hörte; ſo⸗ gleich nahm ich Abſchied von den Liebenden und konnte mich des alten Abſchiedsgedankens nicht enthalten: „Vielleicht auf ewig,“ denn ich erinnerte mich an meine früheren Freundſchaften und Herzensangelegen⸗ heiten, an ſo manches Lebewohl, das erſt ſpäter ſeine trübe Bedeutung bekommen. Dieſe Gedanken erweckten auch die Erinnerung eines Falles, der dem gegenwärti⸗ gen noch bei weitem ähnlicher war. Ich ging einmal durch die Straßen von Berlin, da begegnete ich einem jungen Mädchen. Sie iſt das ſchönſte, welches ich in meinem Leben geſehn habe, rief eine Stimme in mir, und der Anblick verwirrte mich ſo ſehr, daß ich grade nach derſelben Seite auswich, wo ſie hinübertrat, wir begegneten uns, wir ſahen uns an, und in demſelben Augenblick traten wir wieder beide nach der Häuſerſeite zurück. Da glaubte ich mich entſchuldigen zu müſſen; ſie benutzte dieſen Augenblick, ſie ging vorüber, und ich ſah ſie„einmal und nicht wieder.“— Könnte man doch alle Menſchen kennen, welche zu⸗ gleich die liebe Gottesluft einathmen, wie reich würde die Wiſſenſchaft und die Liebe! Nun tappen wir in ir⸗ gend einen Winkel und greifen zu, befangen in ſeiner Dunkelkeit, und wenn wir ja etwas Gutes wiſſen, ſind wir zu beſchränkt, um es zu erreichen. Glücklich wie Götter, die es nicht ſind! Lebt wohl, ihr lieben Gebüſchbewohner und früh⸗ lingsfrohen Liebenden! Es muß ſein, und es wird auch am Ende wohl das Beſte ſein, obgleich mir der Grund davon nicht ſogleich einfällt, was mich indeſſen nicht grade übermäßig beunruhigt, denn es leidet keinen Zweifel, irgend ein Gelehrter wird ihn ſchon wiſſen oder wo nicht, ſo doch ſicherlich noch herausbringen. 2. Der Profeſſor. Er reformirt und ſein Gedanke lebt, Es iſt gewiß, daß er die Mitwelt hebt: Wie wüßten wir, daß ſie bei Troſte ſei, Als durch des Narren That und Konterfei? Die Thür ging auf, ich ſtellte mich an einen be⸗ guemen Platz, und ſah meinen ſtattlichen Freund vor mir aufmarſchiren, begleitet von ſeiner kleinen rothwan⸗ gigen, immer ſcherzhaft dreinſchauenden und ſehr beweg⸗ lichen Frau, welche ungefähr ſo ausſah, wie man den Sommer gewöhnlich abzumalen pflegt, und von einer — 120— langen ſchwarzgekleideten männlichen Figur, deren ge⸗ lehrt ausgebleichtes länglichtes Geſicht unter einem ſchwarzen perrückenartig vorne übergekämmten Haarwulſt mit mancherlei ſeltenen Gedankenfurchen hervorſtach. Der Mann ſah vornehm aus, ich konnte mich daher gleich an⸗ fangs nicht genug verwundern, wie er das Beſtreben aller Menſchen, die auf Geiſt und Bildung halten, in Rückſicht ſeiner Stirn ſo ganz vernachläſſigte. Er trug ſie näm⸗ lich halb bedeckt, während doch heutiges Tags Jeder⸗ mann nach einer freien Stirne ſtrebt durch möglichſtes Aufſtreichen der Haare und eine Frisure à la hérisson. Dies ſtörte mich ſo oft ich ihn anſah, und doch mußte ich das Räthſel mit mir herumtragen, bis der Beſuch vorüber war. Da erfuhr ich, er findet dieſe Friſur ſchön und zugleich antik. Horaz preiſ't ſeine(angusta kronte Neaeram) Neüra mit der ſchmalen Stirn. Ob⸗ gleich es möglich iſt, daß Horaz ſie nicht deswegen, ſondern deſſenungeachtet und wegen anderer Vor⸗ zuge liebte, obgleich Reära ein Frauenzimmer und un⸗ ſere neue Bekanntſchaft ein Mann iſt; dennoch war es eine Thatſache, der gewaltige Dichter hatte dieſen Ein⸗ fluß auf ſeine Toilette geübt. Mein Freund ſtellte mir ihn vor mit den Worten: Der Herr Profeſſor Krumm⸗ ſtengel, Lehrer am Gymnaſium zu F., und darauf nannte er auch mich. Sodann bewillkommte mich die ſehr freundliche Frau. Mein Mann, ſagte ſie, hat Ihrer vielfältig gegen mich erwähnt; ich will hoffen, daß Sie noch immer die gute Laune, die ich aus ſeinen und Ih⸗ ren Studententhaten abnehme, nicht verloren haben. 830 In dieſem Falle wünſche ich mir Glück zu Ihrer Be⸗ kanntſchaft, denn ich will es Ihnen nur gleich geſtehn: ſauertöpfige Leute kann ich noch weniger leiden, als ei⸗ nen kranken Mops oder eine angebrannte Mehlſuppe. Ich muß es auf Gnade oder Ungnade wagen, meine ſchöne Wirthin, niemand kann ſich anders machen als er iſt. Mit Ihrer gütigen Erlaubniß, Herr Doctor, die Erziehung vermag viel, ja die Erziehung thut Alles, wir ſind nichts von uns ſelbſt, wandte der Profeſſor ein. Als wenn er nicht ſelbſt in ſein Naturell, die Schul⸗ luſt, bis über die Ohren verſenkt wäre, ſagte mein dicker Freund. Den möchte ich ſehn, Profeſſor Krumnſtengel, der aus Ihnen z B einen Seiltänzer zu bilden wagte. 3. Die Geſellſchaft. O ſtiller Fried', o Seelenruh, Wend' uns von Deinem Balſam zu! Nun war die Geſellſchaft vrientirt und damit auch geſtaltet und zwar ſo, daß wenn Einer redete, immer drei Zuhörer da waren, eine ſehr bequeme Anzahl, die man mit einem Blick überſehn, ja ſogar noch beobach⸗ ten kann, um durch den erkannten Eindruck des Ge⸗ ſagten zu einer lebendigen Wechſelwirkung zwiſchen Hö⸗ rer und Redner zu kommen, wiederum eine Sache, — 131— welche das Gute hat, daß der Redner nicht mehr zu wachen braucht, wenn die Zuhörer ſchon ſchlafen, was bei einer größeren Verſammlung in der Kirche, im Kol⸗ legium und auf Landtagen leider nicht einzuführen. Die Bequemlichkeit dieſer Zahl kann ich nicht nur durch viel⸗ fältige eigne Erfahrung, ſondern auch durch eine ſehr merkwürdige Geſellſchaft, die in der Nähe von Roſtock ihre Sitzungen hält, darthun. Dort bewohnen vier alte Junggeſellen jeder ein eignes Gütchen. Sie ſind ſich einander von Jugend auf gewohnt und haben die Ver⸗ abredung getroffen, abwechſelnd bei Einem alle Sonn⸗ abend zuſammen zu kommen. In allen vier Beſuchzim⸗ mern ſind vier bequeme Lehnſtühle. Dieſe ſtehn im Kreiſe einander zugewandt und neben jedem Stuhl zur Rechten ein Tiſchchen mit einer Flaſche Wein und einem großen Glaſe. Nun gehn dieſe Herren ohne alles wei⸗ tere Ceremoniell mit einander um; nur darf ſich niemand ſetzen, bevor alle vier verſammelt ſind und jeder ſein ſehr großes Glas dreimal ausgetrunken hat, das erſte auf gute Füllen, das zweite auf gutes Korn und das dritte auf gute Preiſe, das vierte, welches den guten Schaafen gilt, bleibt zum beliebigen Gebrauch auf dem Tiſchchen ſtehn. Dann ſetzen die Herren ſich in ihre Stühle, die Haushälterin wünſcht ihnen eine ruhige Un⸗ terhaltung und der Wirth beginnt den Vortrag. Er kann reden was er will, aber widerſprechen darf ihm keiner, auch fragt er keinen, während er jedoch trinkt, kann einer von den andern Herren ſeine Bemerkungen machen. Darauf redet ſein Nachbar zur Rechten, und 132— man hat die Bemerkung gemacht, daß die Reihe nie bis an den vierten kommt, bevor nicht der Schlummer ſein Recht ausgeübt. Die Herren, welche ſämtlich etwas wohlbeleibt ſind, wie diejenigen unter den Hähnen zu ſein pflegen, für die wegen eines gewiſſen Mangels die Hühner nichts Anziehendes haben, pflegen dann, jeder mit ſeiner Doſe in den über dem Bauch gefalteten Hän⸗ den, jeder auf ſeine Art, ſtatt des Mundes mit der Naſe die Unterhaltung des andächtigen Kreiſes fortzu⸗ führen, ſo daß man zwar von ihnen ſagen kann: Sie ſind voll ſüßen Weines, aber nicht, ſie redeten mit aller⸗ lei Zungen, ſondern mit allerlei Naſen. Sie ſchlafen nun nach Belieben, ſo wie aber einer erwacht, nimmt er eine Priſe, und jenachdem er Wirth oder Gaſt iſt, ſteigt er zu Pferde oder ins Bett. Dieſes„ruhige und zufriedene“ Leben führten ſie ſchon viele Jahre und zwar ungeſtört, bis ſie in den letzten Jahren plötzlich durch eine Polizeicommiſſion aus ihrem Schlummer aufgeſchreckt wurden. Denn irgend ein Uebelwollender hatte ſie als eine Ramification des übelberufenen„Bundes der Alten“ denuncirt. Dem Vernehmen nach hat jedoch die Unter⸗ ſuchung nichts gegen ſie aufzubringen vermocht, als das Myſtiſche in der Zahl der drei Zuhörer, das Unauto⸗ riſirte in ihren geheimen Zuſammenkünften, und das Ge⸗ fährliche des letzten nicht ausgeſprochenen Toaſtes,„in⸗ dem nicht zu ermeſſen, warum, wenn mit den Schaafen nur gewöhnliche Schaafe gemeint und nicht irgend etwas Verbrecheriſches und Hochverrätheriſches angedeutet ſein ſollte, dieſer Toaſt oder Geſundheit ſchweigend getrunken —.———— und nicht ausgeſprochen würde“ Doch wurde nach ge⸗ leiſtetem Reinigungseide über den letzten Punct und ei⸗ nem dahin abgegebenen Verſprechen,„wie jeden Sonn⸗ abend Anzeige von Verſammlung, Ort und Perſonen gemacht werden ſolle, eine Freiſprechung ab instantia in Ermangelung mehreren Beweiſes und Verurtheilung in die Koſten decretirt.“ Dies iſt die Geſchichte dieſer merkwürdigen Geſell⸗ ſchaft von ihrem Urſprunge bis auf unſern Tag herab, und damit glaub' ich hinlänglich die Bequemlichkeit der Zahl vier für eine unterhaltende Geſellſchaft aber zu⸗ gleich auch das Gefährliche derſelben in unſern bewegten Zeiten dargethan zu haben. 4. Zur Litteraturgeſchichte. unbekannter Fremdling ſprich, Welche Heimath pflegte Dich? Wir hatten uns unterdeſſen um den runden Tiſch herumgeſetzt. Aber noch ehe wir dazu kamen, die Wir⸗ thin und den Wirth durch Eſſen und Trinken zu ehren, begann der Profeſſor die ungeflügelten Worte: Nachdem, wie dies bei den heutigen Begriffen von Schicklichkeit nicht anders ſein kann, ein Jeder ſeine Hei⸗ math, ſeinen Stand und Namen kund gegeben, nachdem ſodann unſere geehrte Wirthin in ihrer Bewillkomm⸗ nungsrede zugleich ihr liebenswürdiges Temperament und — 34— einige demgemäße Deſiderata an den Tag gelegt, wir drei aber ein Jeder darauf Bezug zu nehmen uns ver⸗ anlaßt gefunden; glaube ich nicht ungeziemend für den höchſten Zweck des Menſchen, die Erkenntniß der Wahr⸗ heit, geeignete Schritte thun zu können. Ich erlaube mir die Frage, aus welcher Stadt oder aus welchem Orte dieſer berühmten Inſel der Herr Doctor ge⸗ bürtig ſind. Denn ich habe die Gewohnheit, um zu einer genaueren Kenntniß der Litteraturgeſchichte zu gelangen, daß ich die Geburts⸗ und Jugend⸗Oerter (it venia verbo!) unſerer Litteratoren, zu denen ich Sie ohne Zweifel wegen Ihrer Diſſertation auch rech⸗ nen darf, mir merke. Geboren bin ich in Bergen, welches die Hauptſtadt von Rügen iſt.—— Ich weiß, ich weiß, mein lieber Herr Doctor, die Stadt iſt berühmt, weil Koſegarten jenen berüchtigten Roman, worin er ſo viele delicate Verhältniſſe bloß⸗ giebt, hart neben dem Pfuhl auf dem Markte geſchrieben hat und E. M. Arndt hier zwar nicht geboren, aber doch zu Zeiten bei ſeinem Bruder dem Burgemeiſter verborgen geweſen iſt, als er vor den Franzoſen flüchtig war. Dann muß daſelbſt noch ein Mann leben, welcher eine Beſchreibung von Rügen mit großer Sachkenntniß ver⸗ faßt hat und ſich wunderlich genug hinter dem angenom⸗ menen Namen Indigena verbirgt, mir aber dennoch kei⸗ neswegs entgangen iſt, denn ich weiß nur zu genau, daß es ein gewiſſer Awas grillenhafter Privatgelehrter Namens † ſein muß. Sie haben große Muſter, Herr Doctor, auch dort iſt klaſſiſcher Boden. Bei Bergen fällt mir ein, daß ich Ihnen, meine lie⸗ benswürdige Wirthin, ſagte ich ablenkend, noch einige Grüße von dort zu beſtellen habe und dieſe Grüße er⸗ innern mich an die, welche ich Ihnen aus Triebſees mitbringe. Kaum hatte ſie Zeit mir zu danken, denn der Pro⸗ feſſor fiel ſogleich ein: Triebſees? Sie waren in Triebſees. Wiſſen Sie durch wen dieſe Stadt berühmt iſt? Durch wen eben nicht, aber durch was; denn ich weiß, daß ſie der Schlüſſel zu Pommern iſt, und einen bedeutenden Schmuggelcommers mit Mecklenburg unter⸗ hält, ein Umſtand, welchen zwar jedermann wiſſen, aber niemand ſagen darf, weil er ihn nicht beweiſen kann. Auch iſt ſie in neuern Zeiten dadurch berühmt geworden, daß ein ſchon verhafteter Schleichhändler vor der Ge⸗ fängnißthür plötzlich ſeine Röcke aufnahm und davonlief, und als er über den Grenzfluß Trebel war, gewiſſe Theile entblößte und behauptete, dort wären die ihm feindſeligen zwei Farben zu ſehn, welcher Ausdruck den verfolgenden Gensd'armen ſo ſehr erbitterte, daß er mit Piſtolenſchüſſen antwortete, jedoch glücklicher Weiſe nicht nur das Centrum, ſondern auch die ganze Scheibe ver⸗ fehlte. Ich begreife nicht, mein Herr Doctor, da ſie ſich, doch zu den Gelehrten zählen, wie Sie die Berühmtheit einer Stadt von ſolchen nilitriſhen und merkantiliſchen Dingen können abhängig machen. Triebſees iſt dadurch rühmlichſt bekannt, daß der Rector Stroth dorther ge⸗ bürtig iſt, welcher Umſtand einen viel gültigeren Anſpruch darauf hat, in dem Gedächtniß eines Gelehrten aufbe⸗ wahrt zu werden; denn wer iſt den Muſen ſo feind, daß er den Namen Stroth nicht ehren ſollte? Aber es giebt dergleichen genug, ſelbſt in ſeiner Vaterſtadt. Sollte man da nicht bei dem Triebſeer Ma⸗ giſtrat mit einer Supplik den Verſuch machen, ihn zur Anerkennung dieſer ehrenvollen Thatſache zu vermögen und dem Rector Stroth ein Denkmal auszuwirken. Allerdings ſollte man das. O mein theurer Freund, wir wollen uns verbünden alle, die wir in der Wahr⸗ heit ſtehen und der Idee unſer Leben gewidmet, zu der Aufrichtung vieler Zeugniſſe des Idealen nitten in dem Wuſt des gemeinen Lebens und Daſeins. 5. Dichtung Wenn ihr euch nur kaſteien wolltet, Ihr fändet was wir leiſten, Kein Tittelchen iſt ohne Werth, Ihr überſeht die meiſten. Somit hätten wir nn, fuhr der Gelehrte fort, Ihre Herkunft, Herr Dortor, gehörig erörtert, Herkunft ſage ich, ſofern man von der Heimath herkommt, und zwar durch Bildung und durch Erziehung mehr, als von dem Erzeuger. Nun iſt noch übrig zu fragen, welche Schrif⸗ ten haben Sie geſchrieben, oder worüber gedenken Sie Sich zunächſt zu verbreiten? Das läßt ſich kurz genug ſagen. Wie zu erwarten ſtand. Ich habe eine Doctordiſſertation und einige Gedichte drucken laſſen. Zuerſt alſo die Diſſertation, wovon handelt dieſelbe? Der erſte Theil handelt von der Satire und ihrer unpoetiſchen Lauge. Hm! von der Satire; unſtreitig von der römiſchen. Der zweite von den übrigen Mitteln gegen die Hä⸗ morrhviden. Und die Gedichte? Sind Kriegslieder.— Mein lieber junger Freund, und hier erhob er ſeinen langen Vorderfinger und ſchlenkerte ihn wie eine Wein⸗ gerte, Ihre Vermeſſenheit iſt ſehr groß! Gleich das Größeſte im erſten Anlauf! Dieſe Welt, die aus den Angeln geht und in die Ewigkeit überwogt, dieſes Leben, welches ſich ſelber einſetzt, und damit dem unſterblichen Geiſte zum Zeugniß dient! Jeder Kanonendonner iſt ein Wort des Ewigen. Aber woher kennen Sie den Krieg? Und gewiß kein dichteriſches Commentum von Werth wird irgend jemandem ſich darbieten über Lagen und Gefühle, die er nie erlebte. Ich weiß doch, Herr Profeſſor, fiel unſere Wirthin ein, daß Sie ſelbſt auch allerhand Gedichte gemacht ha⸗ — 438— ben; ſollte keins darunter ſein, welches Dinge enthielte, die Sie nicht erlebt hätten? Daß ich nicht wüßte, meine Charmante, ſo zum Bei⸗ ſpiel wenn ich doch einmal gezwungen werde, von meinen Poeſien und geringen Talenten zu reden, werden die Gedichte von mir, welche Ihnen bekannt wurden, dieje⸗ nigen Liebeslieder ſein, womit ich das Glück hatte, das Herz Ihrer vortrefflichen Freundin zu rühren, welche mich gegenwärtig als Hausfrau und Mutter meiner Kinder beglückt. Das Beſte, was ich in der Art ge⸗ dichtet habe, iſt eine alcäiſche Ode, die ich Ihnen nicht vorenthalten will, und wenn der Herr Doctor vielleicht Sich darnach zu bilden veranlaßt würden, ſollte mir das ſehr ſchmeichelhaft ſein. Sie behandelt das Glück des liebenden Unfangens. Hier räuſperte er ſich und begann⸗ ʒreundinn des Sẽ̃ieſais Rctn 1) verſchũnget un, Gũich wie Horãz 2) und oi jümgſt a) verſchng Ser Arm und Hůtfe Knotenknüpfung unter dem Kiatſchen geſchůftiger Sppen. Freundin dein Liebreiz iſt, wie Theokritus ⁴) Einſtmals von Paris Freundin getönet hat, Wie Haferfruchthalm' auf dem Blachfeld Oder ein Theſſalerroß vor dem Wagen. Anmerkungen und Erläuterungen. 1) numen. 3 Hor. Od. III. IX. 3) jüngſt, licentia poetica für einſt. Der Phantaſie ſind die Jahrtauſende bis Auguſt wie einige Wochen. 4) Geongirov Enthalcſtto⸗ Eltvnſe. E—— 30 Den Zuſtand der Geſellſchaft beim Vortrage dieſer Dichtung zu beſchreiben iſt keine kleine Aufgabe; ich ſage nur ſoviel, daß der Hofrath ſich unfähig fühlte, ſeine Natur, die ſehr zum Lachen geneigt war, zu bezwingen, alſo nicht ohne Grund aufſtand und raſch zur Thür hinaus ging, unſere Wirthin ihren Strickſtrumpf in der Hand behielt, womit ſie ihr Haupt auf den Tiſch ſtützte und ſo ihr Geſicht ziemlich bedeckt hielt, ich dagegen nicht wenig erſtaunt war, des Mannes geſcheute Theorie plötz⸗ lich in dieſe geſchmackloſe Praxis umſchlagen zu ſehn. Dieſes Intereſſe erhielt mich bei wohlgeſitteter Faſſung. Ich bat mir eine Abſchrift der Ode aus, um ſeinen Hoffnungen für meine Bildung, wie es die Artigkeit er⸗ forderte, Raum zu geben. Er ging ſogleich an den Schreibtiſch und brachte dort einige Augenblicke zu. Unterdeſſen winkte mir die Frau und ſagte heimlich zu mir: Wir müſſen alles aufbieten, um ihn zur Erzählung ſeiner Liebesgeſchichte zu bringen; Sie ſehn, wie er Alles ernſt und erbaulich wendet; ich werde daher vorſchlagen, daß jeder von uns die ſeinige vortragen ſoll. Der Ein⸗ fall ſchien mir vielverſprechend; ich ſetzte mich daher gleich wieder an meinen Platz, um keinen Verdacht zu erregen, und erwartete das Weitere. Er brachte mir die Ode, zierlich aufgeſchrieben und durch und durch wie oben mit Strichen und Häkchen verſehen. Die Quantität, ſetzte er hinzu, habe ich bemerkt, nicht um Sie das Metrum zu lehren, welches Sie un⸗ ſtreitig kennen werden, ſondern um Ihnen zu zeigen, wie — 140— ſtrenge gegen mich ſelbſt und mit welchem Bewußtſein ich verfahren bin; daſſelbe iſt von der beigefügten Litte⸗ ratur und den Anmerkungen zu halten. Als er dies geſagt hatte, kam mein dicker Freund wieder herein und ſetzte ſich gefaßt und ſittſam zu uns. 6. Vorbereitung. Du loſes Spiel der Weiberzungen, Was iſt dir alles ſchon gelungen! Während ich damit beſchäftigt war, das Liebeslied in meine Brieftaſche zu legen, begann unſere kleine roth⸗ wangige Wirthin folgende Rede: Meine lieben Herrn, ich kann mich nicht überreden, daß es unter dem Monde etwas Anziehenderes geben ſollte, als die Geſchichte einer wirklichen Liebe, nun hat uns der Herr Profeſſor mit ſeinem höchſt romantiſchen d Um Vergebung, meine Beſte, es iſt eine antike Ode. Lieber Herr Profeſſor, ich erſuche Sie freundlichſt meiner Frau nicht ins Wort zu fallen, ſondern ſie ihren Unſinn ruhig zu Ende führen zu laſſen. Sie wiſſen, daß nichts ſchlimmer iſt, als mit einer Frau in Wortwechſel zu gerathen, und ich verſichre Sie, daß die meinige Ihrer eignen durchaus nichts nachgiebt. Der Profeſſor ſchmunzelte, die Frau ſchien ſich wirk⸗ —— — 1— lich mehr, als ihr lieb war, getroffen zu fühlen, ſie wurde noch röther, als ſie ſchon für gewöhnlich war, faßte ſich jedoch bald und ſagte zu ihrem Eheherrn: Du ſollſt der gerechten Strafe nicht entgehn; aber den Herrn Profeſſor bitte ich aufrichtig um Verzeihung, wenn ich mich wider Willen unrichtig ausgedrückt habe. Ich wollte ſagen, der Herr Profeſſor hätten durch Ihre antiquirte Ode von der Liebe(Bewegung im verſchiedenen Sinne) mich an meine eigne und meiner Freundinn ſchönſte Zeit erinnert, und wenn wir gleich beide jetzt wohl einige Urſache haben, unſere damalige Verblendung zu bereuen (das ſpricht der Zorn! hörte man dazwiſchen); ſo thut dennoch immer die Erinnerung an jenes eingebildete Glück wohl, und ich mache daher den Vorſchlag, daß die drei anweſenden Herren ein jeder ſeine Liebesgeſchichte vor⸗ trägt, ein Unternehmen, welches für Sie nicht ſchwieriger ſein muß, als für einen alten Soldaten die Erzählung ſeiner Heldenthaten. In dieſer Angelegenheit, ſagte unſer Wirth, kann ich mich ziemlich kurz faſſen, denn ich habe mich im Grunde nur verliebt geſtellt, als ich um Dich warb, weil es doch ſo Ton iſt, ſonſt war ich damals ſchon eben ſo klug wie jetzt, habe alſo keine Liebesgeſchichte zu erzählen; und es wie die alten Soldaten zu machen, die, in Ermangelung wirklich ausgeführter Heldenthaten, welche erdichten, dazu bin ich in dieſem Augenblick nicht aufgelegt. Sie ſchlug ihm auf den Mund, als er dies ſagte; und ſchon fürchteten wir, daß aus unſerer Verſchwörung — 142— nichts Kluges werden würde, weil wir den Herrn Ge⸗ mal nicht mit ins Geheimniß gezogen. x Wir ſahen uns etwas verſtinmt einander an; da nahm der Profeſſor das Wort und ſprach: 2. Eine Liebesgeſchichte. unſer allerſchönſtes Glück Iſt des Glaubens Silberblick. Auch die Liebe wäre nicht Ohne ſein Verzückungslicht. Mein lieber Herr Hofrath(denn dieſen Titel führte mein dicker Freund), ſo ſehr ich in anderen Dingen mit Ihnen übereinſtimme und ſo ſehr es mir zum Vergnügen gereicht, dies anzuerkennen, ſo divergirend und feindſelig ſind unſere Anſichten über die Liebe. Denn wenn Sie, wie dies allerdings der Fall zu ſein ſcheint, der Mei⸗ nung ſind, es exiſtire überhaupt keine Liebe, ſo haben Sie nicht bedacht, zunächſt, wie Sie den Boden der hö⸗ hern Welt verlieren und ſodann, daß Sie mit den größ⸗ ten Geiſtern aller Zeiten in Streit gerathen. Ich weiß wohl, es hat zu allen Zeiten auch Männer gegeben, welche die Liebe geleugnet, allein diejenigen Stellen, wo ſie bei den Alten wirklich behauptet und angenommen wird, ſind ohne Zweifel ſowohl an Zahl als auch an Autoritit überwiegend. Obenan würde das berühmte Gaſtmal des göttlichen Plato ſtehn, eine Abhandlung, — 143— die zwar niemand gehörig verſtehn kann, bevor ich in meinem nächſten Programm dargethan haben werde, was die beiden Mädchen bedeuten, die der betrunkne Alki⸗ biades mit in die Geſellſchaft bringt, die aber doch ohne allen Zweifel von der Liebe handelt und der tiefen Liebe allertiefſte Faſſung iſt; dann ſind noch unzählige Stel⸗ len in den Dichtern zerſtreut, welche die Liebe gläubig und begeiſtert feiern, ſo z. B. beſchreibt Homer den Vater der Götter, wie er mit der Juno der Liebe pflegt im Lieber Herr Profeſſor, fiel der Hofrath ein, ihre Gründe und Citate erſchüttern die Feſte meines Unglau⸗ bens, und ich bin nicht geſonnen, thörichter Weiſe noch länger zu widerſtehn. Wenn es aber auch eine Liebe giebt, ich ſelbſt bin doch ganz gewiß niemals verliebt ge⸗ weſen, ja ich behaupte ſogar, daß ſie zwar in alten Zeiten möglich und wirklich geweſen ſein mag, grade wie die Wunder; in neuern Zeiten dagegen ſicherlich nicht. Rechnen Sie Luther noch zu der neuern Zeit? Gott bewahre, die neuere Zeit iſt die, wo man nicht mehr an den Teufel glaubt. Ja, und ſelbſt wenn Sie unter der neuern Zeit nur unſere gegenwärtige verſtehen wollten, würde ich mich getrauen, Sie zu widerlegen und zwar durch mein eige⸗ nes Beiſpiel, womit ich zugleich dem Wunſche Ihrer Frau Gemalin, daß jeder die Geſchichte ſeiner Liebe vortragen ſolle, für meine Perſon entſprechen werde. Es iſt erſtaunlich, wie viel der Menſch aus Büchern und einem ernſten Studio lernen kann, alle Tugenden — 144— werden in der Moral vorgetragen und die Frömmigkeit und Gerechtigkeit haben überdies ihre eignen Farultäten, ja ich hatte einen Freund, welcher ſogar ohne Waſſer und Pferd aus GutsMuths Gymnaſtik ſchwimmen und reiten lernte; ſo könnte man behaupten alles ſei lehrbar, nur die Liebe kann man nicht anders, als durch eigne Erfahrung ſich aneignen. Dies könnte ſonderbar ſchei⸗ nen, allein man muß bedenken, daß dabei allemal noch eine zweite Perſon nothwendig iſt, deren Thätigkeit erſt die Liebe hervorbringt. Ich habe die Erfahrung ge⸗ macht, denn während ich mit dem größten Eifer die ver⸗ liebteſten Scenen in den alten Schriften las, war ich und blieb ich in der gröbſten Unwiſſenheit über die Liebe ſelbſt und über ihre Wirkungen. Darauf wurde ich von dem ſeligen Wolf, meinem verehrten Lehrer an das F. er Gymnaſiarchat empfohlen und erhielt bald darauf die Berufung zu meiner jetzigen ehrenvollen Stellung. Beim Abſchiede ſagte der große Mann zu mir: Mein lieber Doetor, ſagte er, Sie ſind jetzt ſo geſtellt, daß Sie ohne Sweifel bald dem Hymen ſeine ſchuldigen Opfer bringen werden, ich glaube Ihnen daher bei dieſer Gelegenheit darin daſſelbe Glück, wie in philologiſchen Dingen, wün⸗ ſchen zu dürfen. Leben Sie wohl und wählen Sie glůcklich! Bei dieſen Worten drückte er mir die Hand und begleitete mich bis an die Thür. Ich bin nicht abergläubiſch, wie Sie wiſſen, mein lieber Herr Hofrath, allein dieſer Abſchied ſchien mir eine günſtige Vorbedeu⸗ tung, und von demſelben Augenblick an dachte ich auf die Liebe. Ich erinnerte mich der Ode Klopſtocks an — 145— ſeine künftige Geliebte und war auf dem ganzen Wege unaufhörlich mit einer Nachbildung derſelben beſchäftigt, theils um meinen andringenden Gefühlen einen Ausweg zu verſchaffen, theils um zur Fortbildung unſerer bild⸗ ſamen und wohltönenden Sprache durch beſſer gemeſſene Verſe auch mein Scherflein beizutragen. Nun denken Sie Sich den Eindruck, welchen meine Chlotilde auf mich machen mußte, als ich in dieſer Stimmung, die der ſelige Wolf ſelbſt in mir erweckt, die das Beiſpiel Klopſtocks genährt hatte, als ich in dieſer Stimmung auf Ihrer Hochzeit neben dieſer meiner künftigen Geliebten zu ſitzen kam. Unſtreitig machte ich an jenem Abende ſchon ebenfalls einigen Eindruck auf ſie, wie ich aus ihrem Betragen gegen mich ſchließen mußte. Es iſt nämlich eine pſychologiſche Erfahrung, welche der ſelige Hoffbauer in Halle bei Gelegenheit ſei⸗ ner Erfahrungsſeelenlehre mit vielen Beiſpielen zu belegen pflegte, daß man ſehr häufig, um ſeine wahre Geſinnung zu verbergen, die entgegengeſetzte zur Schau trägt, be⸗ ſonders ſollen die Frauen in Liebesangelegenheiten ſo verfahren. Sobald ihr Herz gefangen iſt, gerathen ſie in Furcht, dieſen Zuſtand merken zu laſſen, da ſie be⸗ kanntlich ſchicklicher Weiſe auf einen Antrag warten müſ⸗ ſen, bevor ſie ihre Gefühle zeigen dürfen. Um ſich nun in dieſer peinlichen Zwiſchenzeit Luft zu machen, greifen ſie meiſtens zur Jronie, d. h. zeigen Abneigung durch Verſpottung des Geliebten, während ſie in der That Zuneigung fühlen. Ein Beiſpiel davon hat mir auch meine Mutter aus ihrer Brautzeit erzählt und das Sprich⸗ — 146— wort ſagt: Was ſich liebt, das neckt ſich. Dieſe Be⸗ handlung erfuhr ich denn auch bei meiner Werbung. Wenn ich das Dänchen mit irgend einer wohlgeſetzten Rede zu kirren ſuchte, ſo warf ſie mit dem Kopf, that ſpröde mit den Augen, die ſie entweder wegwandte oder niederſchlug; ja ſie hatte ſogar einen jungen Menſchen, Namens Raben bei der Hand, dem ſie allerlei freund⸗ liche Blicke zukommen ließ, um mich zu reizen. Dies waren ſchon keine verächtlichen Zeichen ihrer Herzens⸗ beſchaffenheit, allein ich beſchloß noch unzweideutigere abzuwarten, um mich bei einem Antrage keinem Korbe auszuſetzen. Sie blieben nicht lange aus. Wir waren eines Abends in einer Tanzgeſellſchaft, wo wohl die meiſten jungen Mädchen der Stadt verſammelt ſein mochten. Ich ſelbſt verſuchte zu tanzen, wiewohl ich ſeit meinen Knabenjahren ſehr aus der Uebung gekommen war, und es gelang mir, ſo viel ich weiß, nicht nur den Takt, ſondern auch die nöthige Anmuth in die Füße zu bringen, um einen vortheilhaften Eindruck auf meine Chlotilde zu machen. Als wir einige Tänze gemacht hatten und nun eine Pauſe eintrat, worin ſich die beiden Geſchlechter von einander abſonderten, trat mein Freund der Doctor Vogel zu mir, und indem er auf eine Gruppe der ſchön⸗ ſten Miädchen, worunter auch Chlotilde war, hinwies, ſagte er ſcherzend: Hier, lieber College, haben Sie den Flor dieſer Stadt, wie in einem Blumenſtraus vereinigt, wählen Sie. Freund, ſagte ich, leiſe zitternd und etwas heftig — 147— ſeine Hand ergreifend, während ich mit der Rechten auf Chlotilden zeigte:„die oder keine!“ Nicht übel, bei meinem Leben, entgegnete der Schalk, Chlotilde iſt das hübſcheſte Mädchen in der Stadt, aber ich fürchte, daß ſie es mit dem jungen Raben hält. Sie ſcherzen, erwiederte ich, der junge Menſch iſt mit ihr in Einem Alter und hat, ſo viel ich weiß, keine Ausſicht, ihren Wünſchen zu entſprechen. Dieſer Umſtand giebt Ihnen einen großen Vorzug, bemerkte jener etwas boshaft, allein ich wußte beſſer, wie es mit dem Herzen meiner Schönen ſtand und wurde noch in demſelben Augenblick meiner Sache völlig gewiß. Die Mädchen ſtanden im Kreiſe zuſammen und ſchäkerten, Chlotilde, die ſehr lebhaft war, wurde von ihren Freun⸗ dinnen damit geneckt, daß ich ſchon zweimal mit ihr ge⸗ tanzt und ihr auch ſonſt viel Aufmerkſamkeit erwieſen. Sie ſchien ſich zuerſt die Sache nicht ankommen zu laſ⸗ ſen, als man aber nicht abließ, that ſie den rechten Zeigefinger hervor und äffte mir, den Freundinnen zu⸗ drohend, dieſe Bewegung nach(hier ſchlenkerte er mit dem langen Vorderfinger). Die Mädchen lachten, mein Freund, der Doctyr Vogel, ſtieß mich an und ſchien mir nichts Gutes zu weiſſagen, aber ich dachte an Hoffbauer und pries die glückliche Fügung, daß ich das Midchen ungeſehn beobachten konnte, denn wir ſtanden hinter einem Pfeiler ziemlich verſteckt. Darauf ging die Offenbarung noch weiter. Ihre Frau Gemalin, Herr Hofrath, war es, Sie erinnern ſich vielleicht meine Gütige, Sie waren es, die Chlotilde fragten, wie ſie mit ihrem Tänzer bei 7½ 8— der Ecoſſaiſe zufrieden geweſen wäre. Da nahm das ſpöttiſche Kind die Röckchen leicht in die Höhe, zeigte die zierlichen Füßchen bis an die Knöchel, ſtellte ſie etwas ſehr einwärts und karrikirte meinen Ecoſſaiſenpas. Sie ſind ein geſchlagener Mann, ſagte mein Freund, der Doctor Vogel. Sie haben Hoffbauers Erfahrungsſeelenlehre nicht gehört, erwiederte ich mit einem heimlichen Triumph. Nein, ſagte er und ſah mich verwundert an; in der That! das nenn' ich Philoſophie, fuhr er dann fort, ich bewundere Ihre Seelenruhe. Der gute Doctor Vogel! aber ſo Pe urtheilt die Welt. Ich tanzte noch einige Mal, aber der Boden brannte mir unter den Füßen, denn ich ſehnte mich nach meinem geliebten Schreibtiſch, um dem verſchwiegenen Papiere mein überſchwengliches Glück anzuvertrauen; denn wie heftig mußte Chlotildens Liebesflamme brennen, da ſie ſolche Verſpottung für nothwendig hielt, um ſie nur einigermaßen zu verbergen. Die Ode, welche ich jetzt dichtete, iſt eine der be⸗ geiſtertſten und längſten, welche es in dieſer Gattung giebt, ich weiß ſie daher auch nicht auswendig, und da man keine Dichtung verſtümmelt genießen kann, was am beſten die Fragmente der alten Dichter beweiſen, ſo unter⸗ nehme ich es von vornherein gar nicht, meine gebrochene Erinnerung mitzutheilen. Es mochte ungefähr ein Uhr ſein, als ich fertig war. Ich las ſie verſchiedene Male durch und verbeſſerte hie — 149— und da noch einige Härten im Ausdruck; dann aber hielt ich ſie für vollendet genug, um auch vor dem zuarteſten Ohre beſtehen zu können, ja ich hätte es gewagt, ſie ſelbſt dem ſeligen Wolf, der bekanntlich keine Trochäen im Herameter duldet, vorzutragen. Aber wem ſollte ich ſie nun mittheilen? alle Leute im ganzen Hauſe waren ſchon zu Bett. Was war zu thun? ſollte ich die erſte Begeiſterung ungenutzt verfliegen laſſen? Meine Mutter ſchlief neben meiner Studirſtube; ſie hatte außerdem das nächſte Recht auf den Mitgenuß meiner Freude; mein Entſchluß war gefaßt. Ich nahm das Licht, öffnete leiſe die Schlafkammer, um ſie nicht zu erſchrecken, ſtellte das Licht auf den Nachttiſch, ſetzte mich vor ihr Bett und begann den melodiſchen Tonfall der Ode erſt leiſe, dann immer lauter vorzutragen, um meine Mutter angenehm zu erwecken. Allein ſie ſchlief ſehr feſt, und ich hatte ſchon eine geraume Zeit geleſen, ohne die geringſten Zei⸗ chen der Ermunterung zu bemerken; da vertiefte ich mich allmälig ſo ſehr in meinen Gegenſtand, daß ich dieſen gegenwärtigen Nebenzweck, meine Mutter angenehm zu ermuntern, ganz vergaß. Nun hatte ich nach Obids Vorgange in Liebesſachen, weil Cupido dem Hexameter einen Fuß geſtohlen, mit Herameter und Pentameter abgewechſelt, bei welchem Versmaße, wie Sie wiſſen, das Ganze allemal mit einem plötzlich abgeſtoßenen Pentameter endigen muß. Meine beiden letzten Verſe(dieſe muß ich trotz meines oben ausgeſprochenen Grundſatzes hier an⸗ führen, weil ſie zum Verſtändniß der Geſchichte noth⸗ wendig ſind) lauteten folgendermaßen: Darum ſo lenk', ummyrthet das feſtlich geſtriegelte Lockhaar, Dein Fußpaar zum Altar, oder mich mordet die Gluth! Offenbar hatte ich dieſe beiden Verſe mit ganz be⸗ ſonderem Nachdruck vorgetragen, denn als ich das letzte inhaltſchwere Wort abſtieß, fuhr meine Mutter erſchrocken in die Höhe und that einen lauten Schrei. Karl! rief ſie aus, ums Himmelswillen, was fehlt dir?! Was mir fehlt? das will ich dir gleich ſagen oder vielmehr ſingen, liebe Mutter, höre nur zu, und damit begann ich meine Ode von vorne. Meine Mutter unterbrach mich zwar öfter und meinte, zum Theil verſtände ſie mich nicht, zum Theil brächten meine Verſe ſie auf die Vermuthung, daß ich in Chlotilde verliebt ſei, und das könnte ich ja mit zwei Worten ſagen, aber ich zeigte ihr, wie wenig ſie das beredte Gefühl der Liebe zu begreifen ſchien und las mit ſtei⸗ gendem Affect bis zu Ende. Nun war ſie völlig unterrichtet. Das liebe Mid⸗ chen! ſagte ſie, ich werde mich gerne Mutter von dem muntern Kinde nennen hören; aber du hätteſt mich doch nicht ſo aus dem Schlaf ſtören ſollen; und nun begieb dich zur Ruhe, lieber Karl, morgen wollen wirs weiter überlegen. Gewiß meinte die alte Frau es gut mit mir, aber ich kann es nicht leugnen, dieſe Kälte und Theilnahm⸗ loſigkeit that mir unendlich weh. Ich nahm etwas haſtig das Licht, wünſchte ihr wohl zu ſchlafen, und ging auf mein Zimmer zurück. Nach und nach ſiegte indeſſen die kindliche Liebe über den Aerger. Ich bedachte, daß äl⸗ tere Leute natürlich nicht mit dem Fever fühlen, welches uns Jüngere, beſonders wenn wir verliebt ſind, ergreift, und nun wandte ſich meine ganze Seele wieder frohge⸗ ſtimmt zu Chlotilden. Ich ſetzte mich daher nieder, ſchrieb die Ode zierlich ab und einen Liebesbrief dazu, legte alles ſauber zuſammen und machte die verhängnißvolle Aufſchrift. Den übrigen Theil der Nacht verträumte ich mit angenehmen Gedanken, und erſt gegen Morgen ſchlief ich in meinem Lehnſtuhl ein. Das Licht war unterdeſſen niedergebrannt und der zinnerne Leuchter ein⸗ geſchmolzen. Das flüſſige Metall lief den abhängigen Schreibtiſch herunter und fiel mir auf den Fuß. Der durchdringendſte Schmerz, den ich in meinem Leben ge⸗ fühlt, unterbrach den angenehmſten Traum, der ſich träumen läßt. Ich fuhr ſo plötlich und mit ſolcher Ge⸗ walt in die Höhe, daß ich den ſchweren Lehnſtuhl, worin ich ſchlief, umwarf und mit dem ungeheuren Knall das ganze Haus in Allarm ſetzte. Meine Mutter, die Wirthsleute, das Dienſtmädchen ſtürzten halbangekleidet mit ängſtlichen Geſichtern in mein Zimmer, und liefen fra⸗ gend hinter mir drein, während ich wimmernd, wie Phi⸗ loktet beim Sophokles, in der Stube herumhinkte. Als jedoch die Sache zur Aufklärung gekommen war, begaben ſich die Aufgeſtörten bis auf meine Mutter wieder hinweg. Das ſind die Leiden der Liebe, ſeufzte ich, aber ich will ſie freudig ertragen, wenn ich nur meine Chlotilde gewinne. Meine Mutter verband mir den Fuß und ſprach mir Troſt ein, ſo gut ſie konnte. Ich ſchickte den Brief ab, — 152— und ſie richtete alles zu einem Feſte ein, deſſen Königin Chlotilde im Fall einer günſtigen Autwort ſein ſollte. S. Die Werbung. Der Ausgang iſt ein Gottesurtheil. Als der Profeſſor hinter den zuletzt mitgetheilten Worten eine kleine Pauſe eintreten und nachdenklich die Naſe auf den elfenbeinernen Knopf ſeines ſpaniſchen Rohrs ſinken ließ, benutzte unſere aufmerkſame Wirthin die Gelegenheit, den Wein herumzureichen. Wir nah⸗ men unſere Gläſer, ich erhob mich und rief vertrauungs⸗ voll:„Die Liebenden!“ Wir klangen zuſammen unter einem angemeſſenen Hoch, der Profeſſor dankte, wir ließen uns wieder auf unſere Zuhörerſitze nieder, und als wir einſtimmig um den weiteren Verlauf der Wer⸗ bung baten, nahm er den Faden ſeiner Erzählung fol⸗ gendermaßen wieder auf. Wundern Sie Sich nicht, meine Freunde, wenn ich einen Augenblick nachdenklich inne hielt, denn ich bin bei einem Puncte angelangt, welcher für mich bis auf dieſe Stunde noch immer ein unerklärliches Geheimniß enthält, zumal da auch meine theure Chlotilde, die Mutter mei⸗ nes geliebten Eruquius und Porphyrio, durchaus kein befriedigendes Licht darüber zu verbreiten weiß, wiewohl ſie ſich alle erſichtliche Mühe giebt, ſo oft ich ſie befrage. Es war keinem Zweifel unterworfen, daß ſie mich liebte, ihre Eltern lebten nicht grade in den glänzendſten Um⸗ ſtänden, und eine Vereinigung mit mir konnte daher, außer der Befriedigung ihres liebſten Wunſches, ihre äußere Lage nur verbeſſern. Dennoch ließ ſie mich ſechs lange Monate ohne alle Antwort, die Haſen, welche meine Mutter zu der Geſellſchaft gekauft hatte, verdar⸗ ben, und die Kuchen mußten wir in trauriger Ein keit ſeufzend allein verzehren. Aber nicht nur die ſüßliche Natur dieſer Speiſe, ſondern auch die trüben Gedanken, welche ſich jedesmal daran knüpften, vermochten uns, ſie lieber meiner Klaſſe preiszugeben. Die Knaben waren mir für dieſen Schmaus ſehr dankbar und zugethan; und ihre Liebe verſüßte mir wirklich einigermaßen meinen bittern Zuſtand. Zwar war ich nicht der Meinung, die mein Freund der Doctor Vogel gegen mich ausſprach, es ſei keine Hoffnung, im Begentheil, ich zeigte in dieſem Puncte völliges Ver⸗ traun, allein ihre allzugroße Sprödigkeit und die Noth⸗ wendigkeit, meinen Gefühlen ſo lange Gewalt anzuthun, quälte mich ſo ſehr, daß ich abmagerte, wie der Stier beim Virgil. Dazu kam das Peinigende, welches in der Unterſuchung über die Urſache ihres Zögerns lag. End⸗ lich nach ſechs qualvollen Monaten, ſowohl für ſie, als für mich, denn ſie ſelbſt war ebenfalls blaß und ſinnig geworden, erbarmte ſie ſich meiner. Zum neuen Jahr ſchenkte ſie mir ſich ſelbſt und im Verlauf deſſelben mei⸗ nen geliebten Cruquius, deſſen Munterkeit die Freude aller derer iſt, die ihn kennen. Wenn nun keine Ehe glücklicher iſt, als die unſrige, — 154— ſo hat dies ohne Zweifel ſeinen Grund in der reinen Liebe, die uns zuſammengeführt, wie ſie uns noch ver⸗ einigt, und ich glaube hiemit meine Aufgabe, daß es wirklich eine Liebe giebt, auf das Vollſtändigſte gelöſ't und zugleich dem Wunſche der Frau Hofräthin mit mei⸗ net Erzählung entſprochen zu haben. 9. Ehlotilde. Stets war Weibervolk der Befehdungen Grund und urſach. Soweit war die Liebesgeſchichte des Profeſſors ge⸗ diehen und damit allerdings zu einem gewiſſen Ende. Indeſſen fühlte ich gar wohl, wie manches darin uner⸗ klärt geblieben, höchſtens errathen werden konnte; und mußte es daher als ein Glück anſehn, daß grade in dieſem Augenblick der geſpannteſten Neugier der Pro⸗ feſſor abgerufen wurde und ſo weiteren Erkundigungen Raum gab. Er bedauerte hiedurch das Vergnügen zu verlieren, welches er ſich von unſern noch rückſtändigen Erzählungen verſprochen, und empfahl ſich. Jetzt entſpann ſich zuerſt ein kritiſches Geſpräch über ihn, wie dies gewöhnlich der Fall iſt, wenn eine irgend merkwürdige Perſon die Geſellſchaft verläßt, darauf that ich einige näheke Fragen nach Chlotilden und dem jun⸗ gen Raben, um zu erfahren ob er bielleicht mit unſerm Axel von Raben verwandt ſei. Dies ließ ſich jedoch nicht ausmitteln, denn er hieße zwar auch Axel, ſei auch von Rügen, aber dort gäbe es unzählige Raben und eben ſo unzählige Axels, theils verwandt, theils nicht verwandt. Die Nachfrage nach Raben und Chlotilden veran⸗ laßte meinen dicken Freund zu allerlei Anſpielungen und unzarten Späßen, worüber die kleine Wirthin ſtarkes Misvergnügen verrieth. Durch dieſe Wendung der Ge⸗ ſchichte, bemerkte ſie, bekäme es faſt den Anſchein, als habe ſie die Liebesgeſchichte des Profeſſor Krummſtengel in böſer Abſicht gegen Chlotilden veranlaßt, was doch keineswegs der Fall ſei. Was aber Chlotilden ſelbſt betreffe, ſo wiſſe Niemand beſſer, als ihr Mann, ſie zu vertheidigen, wenn er nur wollte, aber heute habe er ge⸗ fliſſentlich die Laune, gegen die Frauen zu Felde zu ziehn. Ich brachte in Anregung, daß Verdacht und unbeſtimmte Wiſſenſchaft in der Regel viel ſchlimmer ſeien, als das wirkliche Sachverhältniß. Ja, das iſt bier gewiß ganz beſonders der Fall, ſagte ſie lebhaft, und ſo böſe ich auch anfangs war, ſo habe ich ihr doch vollkommen wieder verziehen und zwar zuerſt auf Zureden meines Mannes, der in ſeinem Le⸗ ben Niemand eifriger vertheidigt hat als Chlotilden. Ich hatte alle Urſache zur Eiferſucht und wäre auch wirklich eiferſüchtig geworden, hätte er mir nicht zu gleicher Zeit die lebhafteſten Beweiſe ſeiner Liebe gege⸗ ben. Immer zwar iſt die Sache delieat; indeſſen als ſo genauen Freund meines Mannes glaube ich Sie ohne Beſorgniß vollſtändig unterrichten zu dürfen, wiewohl — 156— ich es bei meiner anfänglichen Aufmunterung und An⸗ ſtiftung zu den Liebesgeſchichten keineswegs auf dieſes Geheimniß, ſondern nur auf die Darſtellung des Pro⸗ feſſors abgeſehn hatte. Mein Mann iſt aber an dem ganzen Verrathe ſchuld und folglich auch ganz allein werantwortlich, denn Sie ſelbſt würden ſicher nichts Un⸗ rechtes vermuthet haben. Lieber Bruder, bemerkte mein dicker Freund, nimm Dich in Acht vor den Weibern, Du ſiehſt, auf welchen Grad von Ueberſichtigkeit das ſchöne Geſchlecht rechnet, und mit welchen Ränken und Kuiffen ſie uns ehr⸗ liche Tölpel bei der Naſe herumführen. Dagegen will ich nichts ſagen, erwiederte ſie, denn wer einen Höcker hat, wird nicht darüber lachen. Ei ſieh doch! wie artig! aber wenn er mun einen hat und weiß es nicht, beſonders einen hörnernen an der Stirn, wie unſer Freund Krummſtengel? Wos ich nicht weiß, das macht nich nicht heiß. Saubre Grundſätze und gar tröſtliche Entdeckungen!— Sei ſtill und artig, mein Lieber, und verdirb uns unſre Stimmung nicht, was Du leider zum Theil ſchon gethan haſt, denn Sie müſſen nur wiſſen, lieber Herr Doctor, daß der Ausdruck meines Mannes über die Hörner des Profeſſors gar nicht der richtige, wenigſtens leicht zu misdeuten iſt, wenn man nämlich daraus auf Chlotildens Treuloſigkeit in der Ehe ſchließen wollte, und außerdem iſt es nicht zu vertheidigen, ſolche Verhältniſſe durch Scherz zu entſtellen, beſonders wenn die Perſönlichkeiten und die Beweggründe noch nicht ehrlich aufgedeckt ſind N Ich ergriff die Gelegenheit, ihm ebenfalls ſeine pro⸗ fane Aeußerung zu verweiſen, er lächelte nachgiebig mit ſeinen fettverwachsnen Augen, und die kleine Wirthin fuhr mit ſiegreicher Befriedigung fort. Es iſt eine betrübende Erfahrung, wie die kalte Welt unſre ſchönſten Gefühle mit ihrer Eisfeſſel zu bin⸗ den ſucht und wie oft es ihr gelingt. Wenig Ehen ſchließt die Neigung, wenige Menſchen kennen die Liebe, und wenn Tauſende davon reden, hat ſie kaum einer erfahren, ja ſelbſt viele Dichter ſind wie die Schauſpie⸗ ler, jemehr ſie die Liebe im Munde führen, deſto weniger glauben ſie ſelbſt darän, ja, daß ich es nur ſage, ſelbſt Göthe kommt mir verde tig vor, und was gar den Beweis des guten Proftſfors anbetrifft, ſo iſt er wenig⸗ ſtens ſehr einſeitig, denn wenn er auch die Liebe ſeiner Frau wirklich erfahren hat, ſo iſt es doch nur allzudeut⸗ lich, die Liebe ſeiner Braut vermuthete er nur und dazu aus ſolchen Gründen, die jedem andern ganz ge⸗ wiß grade das Gegentheil bewieſen haben würden. Chlotilde war von Jugend auf meine Freundin. Sie iſt gut und gefühlvoll, aber, wie Sie auch wohl ſchon aus der Erzählung des Profeſſors bemerkt haben werden, zum Spötteln, Scherzen und zu allerhand Muth⸗ willen war ſie als Mädchen mit unüberwindlicher Rei⸗ gung aufgelegt, und dieſes Schalkhafte oder Muthwillige, oder wie Sie es nun nennen wollen, ging ſo ſehr in ihre Züge über, daß man ihr ganzes Weſen ſogleich er⸗ räth, wenn man nur dieſes Gemälde anſieht, welches Arel von Raben ſehr geſchickt ausgeführt und mir auf „ — vieles Bitten und als er ſelbſt es nicht behalten konnte geſchenkt hat. Ich betrachtete das Gemälde und mußte wirklich lächeln, ſo lieblich es auch ſonſt war, denn die luſtige Chlotilde mit ihrer Eichhörnchenmiene ſtand hinter einem ehrſamen Manne, hob ihm leiſe den Zopf auf und nickte unter demſelben weg einem hübſchen jungen Manne un⸗ beſchreiblich freundlich zu, welcher ihr einen Kuß hinüber⸗ warf und ohne Zweifel der Maler ſelbſt war. Der Mann mit dem Zopf ſah ſich halb um und man konnte ſich der Furcht nicht erwehren:„Er wird es merken!“ Ich beklage den Leſer, dem ich dieſes Bild nicht zeigen kann. Das liebe Kind, fuhr meine freundliche Wirthin fort, hat mir unſäglich oft die luſtigſten Augenblicke bereitet, aber auch eben ſo häufig tauſend Verlegenheiten, ja es ereignete ſich ſogar einmal, daß ſie ihren eignen Gelieb⸗ ten in Lebensgefahr brachte, als ein junger Offizier durch ihre Neckerei ſich verletzt fühlte und Axel ſie in Schutz nahm. Dieſer junge Krieger hatte ihren Spott um ſo weniger verdient, als er ſich nicht nur gegen alle Damen und ganz beſonders gegen ſie ſehr aufmerkſam bewies, ſondern ſogar aus Liebe zu einer ſchönen Frau Leben und Geſundheit gewagt hatte, denn er war mit großer Gefahr bei Nacht zu ihr gekommen, aber unber⸗ muthet zum eiligen Rückzug veranlaßt, durch eine ge⸗ fühlloſe Männerhand auf der Flucht ergriffen, als er ſich eben durchs Fenſter zurückziehn wollte und mit ſol⸗ cher Gewalt von der Leiter geſtürzt, daß er den linken Arm gebrochen und ſeitdem nicht wieder zur Biegſamkeit — 159— gebracht. Dieſer galante Mann legte ſich einmal in ei⸗ ner Geſellſchaft aus dem Fenſter, um nach einem vor⸗ fahrenden Wagen voll Damen zu ſehn. Chlotilde war mit darin, Axel ſtand ſchon vor der Thür, der Lieute⸗ nant eilte hinaus: Mein Fräulein, rief er, ſich vordrän⸗ gend, erlauben Sie meinen Beiſtand, wenn auch aus keinem andern Grunde, ſo doch wegen meines Eifers, der Ihnen nicht entgangen ſein wird, denn ich wäre faſt darüber aus dem Fenſter geſtürzt. Freilich, ſagte ſie, indem ſie auf die oberſte Flieſen⸗ ſtufe trat, aber mit der böſen Seite voraus, deren Beiſtand mir jedoch genügt, und damit trat ſie auf ſeine linke Seite hinüber, nahm ibn bei dem unbiegſamen Arm, der wie ein Bratſpieß hervorragte, und Axel beim rechten. Die ganze Geſellſchaft lachte, der Lieutenant gerieth außer ſich und war im Begriff, alle Regeln der Artigkeit mit Füßen zu treten, Axel aber ſprang ſchnell zwiſchen ihn und ſeine Geliebte, ergriff den ſteifen Arm und ſchleuderte den unglücklichen Lieutenant wie einen loſen Wegweiſer einige Mal um ſeinen eignen Rittel⸗ punct herum. Einige lachten, die meiſten erſchraken; Chlotilde ſelbſt wurde blaß wie Kreide, ergriff ihren Geliebten beim Arm und ſuchte ihn zurückzuziehn, frei⸗ lich das Allergefährlichſte, was ſie thun konnte, denn dadurch hätte der Lieutenant Raum gewonnen, ſeinen Degen zu gebrauchen, und er machte allerdings den Verſuch. Allein Axel von Raben, ein raſcher zorniger junger Menſch, riß ſich los, ergriff den Lieutenant mit⸗ ten um den Leib, trug ihn an die ſchroffe Seite der 6 Flieſen und ließ ihn mit den weißſeidenen Strümpfen in die Goſſe fallen, die unter die Stufen durchlief. Nun erſt ſtieg die Wuth des Kriegers auf's Aeußerſte, aber auch unſer Axel hatte noch keineswegs ſein Müth⸗ chen gekühlt, oder mochte er nur auf die Vertheidigung denken? Genug er riß einem andern Offizier, welcher ſein ſehr genauer Freund war und zufüllig neben ihm ſtand, mit Blitzesſchnelligkeit den Degen von der Seite und ſprang auf die Straße, woſelbſt der Lieutenant mit halbgeſchwärzten Füßen ſchon angelangt war. Die Mäd⸗ chen kreiſchten, die Männer ſtürzten die Stufen hinun⸗ ter und ſchrieen halt! halt! aber das Gefecht hatte ſich ſchon entſponnen und die Degen klangen an einander. Zum Glück waren beide Kämpfer nicht auf den Stich geübt, ſondern ſchlugen mit ihren, wie mein Mann ſagt, im Grunde zum Hieb unpaſſenden Waffen heftig auf ein⸗ ander los. Dennoch ging der Streit nicht ohne Blut vorüber. Zuerſt ſpaltete ein langer Hieb die ganze hoch⸗ rothe Wange des tapfern Axel und erbitterte ihn nur noch mehr, heftig drang er ein, der Lieutenant verthei⸗ digte ſich, aber vergebens, denn ein unglücklicher Hieb trennte ihm den Daumen von den Fingern und die Waffe fiel klirrend aufs Pflaſter und rollte in die Goſſe. Dies Alles ging viel ſchneller vor ſich, als ich es hier erzählen konnte. Denn nun erſt waren die Männer heran und fielen dem Sieger in den Arm, der aber auch ohnehin ſeinem Zorn genug gethan zu haben und den Sieg nicht weiter verfolgen zu wollen ſchien. Vertragt euch, vertragt euch, rief der Lieutenaut, deſſen Degen Axel geführt hatte, ihr habt euch brab ge⸗ ſchlagen, auf Ehre das habt ihr, und die Sache muß keine weiteren Folgen haben. Ihr habt Satisfaction, Kamerad, was wollt Ihr mehr? Ich werde doch meinen Abſchied nehmen müſſen, brummte der Lieutenant. Nein wahrhaftig, das ſollt' Ihr nicht, dafür laßt mich ſorgen, ich bin dabei geweſen, ich kann Euch alles bezeugen, Ihr habt Euch wie ein braver Offizier be⸗ nommen, das iſt meine Meinung, was ſagen Sie meine Herren? Als alle einſtimmig ſein Zeugniß unterſtützten, wurde der unglückliche Kämpfer heiter, wie der Frühling, ſtreckte ſeine blutige mit dem Taſchentuch verbundene Hand aus und reichte ſie Axeln hin, der ebenfalls ſeine klaffende Wunde mit dem Taſchentuch zuhielt, jedoch völlig begütigt, wie es ſchien, die mit der ſteifen Linken dargebotene Rechte des Lieutenants annahm und dann, ſo gut es unter dieſen Umſtänden gehn wollte, Arm in Arm mit ihm zu einem Chirurgen in der Nachbarſchaft zog. Sie können ſich denken, daß den ganzen Abend nur von dieſem Strauß geſprochen wurde, und Chlotilde alle Munterkeit verloren zu haben ſchien, ſo daß unſer Troſt wenig anſchlug, beſonders als einige ältere Männer äußerten, das Duell könne unmöglich ungeſtraft hingehn; aber kaum warei dieſe Beſorgniſſe durch die Begnadi⸗ gung der beiden Kämpfer gehoben, als Chlotilde ihr voriges Weſen ganz wieder annahm, wie ſie auch aus — 152— den Zeichen ihrer Liebe zu dem Profeſſor, die er uns ſelbſt aus einer ſpäteren Zeit mitgetheilt hat, abnehmen können. Freilich konnte ſie bei dem Zweikampf die Er⸗ bitterung und den blutigen Ausgang deſſelben größten⸗ theils mit Recht auf die Rechnung der beiden eiferſüch⸗ tigen Liebhaber ſetzen, allein es iſt doch leicht einzuſehn, daß nur dieſer erbitterte Zwiſt es war, der ſie ſchützte, und in ihrer Unborſichtigkeit lag es gewiß nicht, wenn der Zorn des Lieutenants ihr ſogar einen Ruhm zu⸗ wandte, welcher unſtreitig der höchſte für ein junges Mädchen iſt. Daß wir uns um euretwillen die Hälſe brechen, nicht wahr? fragte mein dicker Freund. Es wenigſtens darauf ankommen laßt, erwiederte ſie. 10. Arxel und der Profeſſor. Meine Ruh' iſt hin, Mein Herz iſt ſchwer. Chlotilde fand ihren Axel nur noch ſchöner, als er mit der geheilten Narbe zu ihr kam, welche lange Zeit eine blanke Furche durch die dunkelrothe Wange des Jünglings zog(er iſt es, und hätt' ich ihn auch nicht auf dem Bilde erkannt, dieſe Narbe hebt jeden Zweifel, ſagte ich zu mir ſelbſt), dann zwar etwas mehr ver⸗ wuchs, fuhr ſie fort, aber nicht wieder verſchwand. Sie war auch feſt entſchloſſen, nur ihm zu gehören, aber dazu hatte leider dieſer Vorfall nicht zum Beſten mitgewirkt Denn er war Candidat der Theologie und man ſtieß ſich bei jeder Bewerbung um ein Amt an dieſes unerhörte öffentliche Duell und ſeinen fatalen Zeugen davon im Geſicht. Der Superintendent erklärte ihm gradezu„er müſſe auf einen andern Nahrungszweig denken, beſonders da er auch anderweitig noch als ein wilder Burſche bekannt ſei, und keineswegs die ſtillen Sitten und die Ehrbarkeit beſäße, die einem Geiſtlichen geziemte“ Ein hohe Perſon war freilich anderer Mei⸗ nung, beſonders da ſie manche harmloſe, ja ſogar einige etwas boshafte Streiche, die Axel dieſer und jener ko⸗ miſchen Perſon ſpielte, ergötzten; allein auch ſie konnte nicht wohl gegen den Strom ſchwimmen, beſonders in einer ſo delicaten Angelegenheit, wie die Religion iſt, und ſo blieb es bei dem guten Willen. Es würde ſich indeſſen doch alles noch gefügt und geſchickt haben, wenn nicht eine ganz neue Beſchwerde von viel ernſterer Art gegen den armen jungen Mann erhoben worden wäre, nämlich ſeine Univerſitätsverbindungen, die ja in neuerer Zeit zu allen Aemtern gänzlich unfähig zu machen pfle⸗ gen. Er wurde häufig gerichtlich belangt und es war die allgemeine Meinung, daß er nunmehr dem verlornen Sohn ſo ähnlich ſähe, wie ein Ei dem andern. In⸗ deſſen verlor er ſelbſt den Muth nicht und ſeine Liebe eben ſo wenig, ja dieſelbe wurde ſogar nur immer hef⸗ tiger, je mehr Hinderniſſe ſich ihr in den Weg ſtellten. So ſtanden die Sachen als der Profeſſor mit ſeiner Liebe noch dazu kam; aber Axel verachtete und Chlotilde verlachte ihn. Da entſtand auch das Bild, und Sie — 164— werden die Züge des Profeſſors in dem Zopfmanne nicht verkennen, obgleich er eine andere völlig ießbürgerliche Tracht het. Das unerklärliche halbe Jahr ſeiner Werbung dachte Chlotilde ſo wenig an ihn, daß ſie ihm nicht einmal antwortete; Axel aber hatte des Profeſſors Brief zu ſich genommen, wollte Kupferſtiche dazu beſorgen und ihn dann ins Publicum bringen, ein Plan, den NRie⸗ mand anders verhindert hat, als ich. Aber in dieſer Zeit erreichte auch die Vertraulichkeit der beiden Lieben⸗ den ihren höchſten Grad. Ich bemerkte es mit Beſorg⸗ niß, und als ich vollends Chlotildens Munterkeit in einen unverkennbaren Anflug von Schwermuth, Axels Muthwillen aber mehr zur Bitterkeit werden ſah, glaubte ich nicht länger zögern zu dürfen, ſie beide auf die Ge⸗ fahren ihrer Lage aufmerkſam zu machen. Es war zu ſpät. Eines Abends ſtürzte Axel ganz verſtört herein und warf ſich mit kaum verhaltenen Thränen zu mir aufs Sopha indem er ausrief:„Es iſt alles aus, ich muß noch dieſe Nacht entfliehn!“ Entfliehn? rief ich aus, und was ſoll aus Chlotilden werden? Meine Verhaftung iſt ſchon angeordnet; ohne Kopf kann ich ſie doch nicht heirathen, auch iſt das gar nicht mehr nöthig, ſie iſt— Weiter konnte er nicht reden, er drückte beide Hände auf ſeine Augen. Ich errieth ſeine unglückſelige Meinung und erſchrak ſo heftig vor den Bildern der Zukunft, die meine Seele bedrängten, daß ich ebenfalls geraume — Zeit kein Wort hervorbringen konnte. Endlich verſuchte ich ihn zu tröſten; aber er winkte mir mit der Hand, ich möchte ſchweigen, verharrte noch einige Augenblicke in ſeiner Stellung, ſtand dann ſchnell auf und ſagte mit vieler Anſtrengung doch feſt:„Grüße ſie, wir ſehn uns nicht wieder!“ Mit dieſen Worten eilte er hinaus, und iſt nicht wiedergekehrt. Gerüchte haben uns unterrichtet, daß er vor einigen Jahren unter Bolivars Fahnen in Süd⸗ amerika focht. (Südamerika? ſollte er es doch nicht ſein? fragte ich mich.) Sie können Sich denken, welchen Eindruck die Nach⸗ richt auf Chlotilden machte, er iſt unbeſchreiblich: un⸗ aufhörlich rief ſie ſeinen Namen und ſetzte jedesmal hinzu:„wie kannſt Du mich jetzt verlaſſen!“ Sie entdeckte mir Alles was ich ſchon wußte und bat, ich möchte ihr rathen und helfen, damit ſie nicht verzweifelte. Ich wußte kein Mittel und hätt' ich auch eins ge⸗ wußt, wie konnte ich es unter dieſen Umſtänden, ja wie konnt' ich es überhaupt nennen? Aber ſo ſcharf ich ſie auch zu Hauſe getadelt und ſo gute Strafreden ich mir auch unterwegs ausgedacht hatte, bei dieſem Auftritt konnte ich mich nicht halten, laut mit ihr zu weinen. Unterdeſſen kam mein Mann dazu, der damals noch mein Liebhaber und ebenfalls in unangenehmen Verwicke⸗ lungen wegen früherer Verbindungen war. Als er den Stand der Dinge erfuhr, gerieth er in den größten — 166— Zorn gegen Axel: es ſei unberantwortlich, daß er ſeine Verhältniſſe, wenn ſie von der Art geweſen, nicht be⸗ dacht und ſo ſeine Geliebte doppelt verrathen habe. Allein ſie vertheidigte ihn heftig und erklärte, ſie würde ihm treu bleiben, und er ſie gewiß nicht ganz verlaſſen. Mein Mann zeigte, daß Arel unter dieſen Unſtänden auf keine Weiſe im Stande ſei, ihren Hoffnungen irgend zu entſprechen, und nach einem ſo charakterloſen Ver⸗ fahren, welches er ihm nicht im entfernteſten zugetraut habe, auch wohl gar keine Verſuche dazu machen dürfte. Dieſen Ausſpruch fand ich nun freilich höchſt unge⸗ recht und hart, denn ich kannte die Gutherzigkeit des unglücklichen jungen Mannes und hatte das aufrichtigſte Mitleid mit ihm, welches durch die ſchonungsloſen Ausdrücke meines Mannes nur noch verſtärkt wurde; allein es war bei alledem nicht zu leugnen, daß von ſeiner Seite auf keine Hülfe gezählt werden konnte. Auch kam ſie in der That von einer ganz entgegen⸗ geſetzten. Natürlich mußte Axels Flucht bald allge⸗ mein bekannt werden und auch zu den Ohren des Pro⸗ feſſors und ſeiner Mutter dringen. Nun legte er ſelbſt zwar im geringſten kein Gewicht auf dieſe Sache, aber deſto mehr ſeine Mutter. Sie ſetzte ſich ſogleich zu Wagen und warb aufs förmlichſte bei Chlotildens Aeltern um ihre Hand für ihren Sohn, ſtellte vor, daß die Ausſichten auf Axel von Raben doch jetzt ohne allen Zweifel ganz verſchwunden wären, ihr Sohn aber ge⸗ wiß eine ſehr glückliche Ehe verſpräche. Die Aeltern ſahen die Gründe der braven Frau als unumſtößlich an, Chlotildens Zukunft mußte geſichert werden, und es kam darauf an, ſie zu einer verſtändigen Anſicht der Verhältniſſe zu bringen, wie ſie ſagten. Dies war nun freilich nicht möglich, allein als ſie nach einigen Wochen mit den nachdrücklichſten Vorſtellungen und Bitten, ſo wie mit häufigen Verwünſchungen gegen den tollköpfigen Axel hervortraten, ſah die arme Chlotilde ſich gar bald von allen Gegengründen in Stich gelaſſen, ja ſie hatte ſogar noch einen mächtigen Grund dafür, den ſie aber freilich kaum zu denken, viel weniger zu ſagen wagte; und ſo wurde ſie, mehr weil ſie keinen Willen mehr hatte, als aus einem wirklichen Entſchluſſe, die Gattin des überglücklichen Profeſſors. Allgemein verſprach man ſich von dieſer Ehe nichts Gutes, denn wenn auch die Leute den geheimen Zu⸗ ſammenhang nicht wußten, ſo war es doch nicht ſchwer, ſich einen ſolchen zu erdichten, und da tadelte natürlich jeder auf ſeine Weiſe die Heirath und prophezeite dar⸗ aus, wie die Käutze am Fenſter eines Kranken, lauter Unglück. Aber es kam ganz anders. Ihr gutes Naturell ſiegte über alle Schwierigkeiten, ihr Mann iſt bei aller Wunderlichkeit wirklich höchſt liebenswürdig und gut, und jemehr ſie ein gewiſſes Gefühl des Unrechts gegen ihn empfinden mochte, deſto eifriger ſuchte ſie ſeine Liebe zu erwiedern. Freilich hat ſich ein eigener Schwer⸗ muthszug durch dieſes liebliche Jugendbild gelegt, frei⸗ lich muß es drückend ſein, daß der Profeſſor wegen ſeiner wunderlichen Liebestheorie und ſeiner ganz eigenen Welt der Täuſchung, die er allenthalben künſtlich hinein⸗ baut, wohl nicht im Stande wäre über den geheimen Punct volle Offenheit zu ertragen; aber auch hierin muß die Zeit vieles thun und vielleicht iſt es dieſes Gefühl der Schuld, welches ſie abhält, ihr geiſtiges Ueberge⸗ wicht in ihrem Verhältniſſe geltend zu machen, und zu immer größerer Zärtlichkeit anregt. Ihre Ehe wurde geſegnet und es iſt keine glücklichere im ganzen Lande. So iſt die Geſchichte unſerer drei Freunde, vielleicht nicht ſo, wie ſie irgend ein mürriſcher Moraliſt, wenn er's in ſeiner Hand gehabt, hätte geſchehn laſſen, aber ich habe es immer geſagt und ſage es nochmals, Axel iſt kein Böſewicht. Seine Briefe kann man nicht ohne Thränen leſen und wenn er nichts thun konnte, um ſein Unrecht wieder gut zu machen, ſo war das nur ſein böſes Verhängniß. Ich gebe immer Chlotilden die meiſte Schuld. Hätte ſie ihn ſo gut gewöhnt, wie ich meinen Mann, ſo wäre kein Unglück entſtanden. Mein dicker Freund ließ dieſe Moral nicht unange⸗ fochten, ſondern erwiderte: wärſt Du Axels Braut ge⸗ weſen, ſo wäre Dirs grade ſo ergangen wie Chlotilden, der einzige Unterſchied zwiſchen Euch beiden iſt der, daß die eine an einen verſtändigen, die andre an einen un⸗ verſtändigen Liebhaber gerathen iſt. Welche Liebe die beſte wäre, Deine oder ſeine, und wer von den beiden Liebenden die meiſte Schuld hat 16 darüber haben wir uns ſchon ſo oft geſtritten, ſagte die kleine Wirthin, daß ich jedes Wort auswendig weiß, welches mein lieber Mann noch ſagen würde, wenn ich auf meinem Kopf beſtünde. Sie, Herr Doctor, ſehn aber ohne Zweifel ſowohl aus unſerem Streite, als auch aus der ganzen Geſchichte ſelbſt die Beſtätigung Ihrer obigen Behauptung, der Verdacht ſei meiſtens viel ſchlim⸗ mer, als die Sache ſelbſt. Denn ſo, wie ich es erzählt habe, iſt Alles gekommen. Ihre Erzählung ſetzt mich in die höchſte Verwun⸗ derung, meine liebenswürdige Wirthin, und ich muß Ihnen das aufrichtige Geſtändniß ablegen, ſie ſcheint mir in manchen Puncten ſo wunderbar und unwahr⸗ ſcheinlich, daß man jeden Dichter tadeln würde, der ſie zu erfinden gewagt hätte; aber Ihnen kann Niemand, der Ihnen zuhört, den vollkommenſten Glauben verſa⸗ gen, und wenn es auch bei Ihrer Erzählung zweifelhaft ſcheinen könnte, ob die Liebe auf Erden Macht genug habe gegen die Gewalt der Aeußerlichkeiten, ſo haben Sie doch ohne Zweifel gezeigt, daß ſie wenigſtens ritter⸗ lich kämpft und ſterbend wie die Bienen ihren Stachel in den Herzen derer läßt, die ſie roh verletzen. Was ich aber beklagen muß, das ſind die unſchuldigen Opfer dieſes Kampfes. Aber wird hier nun ein Doppelgänger jenes früheren Axels von Raben oder ein noch unenthülltes Geheimniß in den Unſtänden anzunehmen ſein? Und wenn es derſelbe iſt, der dieſe Thaten gethan und mir meine eben erworbene 8 Freundin entriſſen; wird nicht leicht das raſche Vertraun, welches er gefunden, gefährlich für ihre Ruhe werden? Das ging mir durch den Kopf. 1I. Unſer Freund.„ Er ſchreitet über'n Lebensdunſt erhöht und grüßt die obre Welt mit ſeinen Blicken, Die Nebelſchicht, die vor dem Leben ſteht, Bereitet ihm ein geiſtiges Entzücken. Wenn man bedenkt, zu welchem Zweck der Vorſchlag, jeder ſolle ſeine Liebesgeſchichte erzählen, gethan war, ſo leuchtet ein, daß nun alle Aufgaben vollkommen ge⸗ löſ't waren. Allein das Spiel der Ereigniſſe iſt wun⸗ derbar, und oft bleibt ſelbſt unſer Scherz nicht ohne die allerunerwartetſten Folgen. Die Anwendung wird der verſchlagene Leſer vielleicht ſchon bei dem nächſten Satze zu machen im Stande ſein. Denn kaum hatte ich meine Nachrede zu Ende ge⸗ bracht, und die Geſellſchaft in dasjenige ernſthafte Nach⸗ denken gewiegt, welches dem bewußten Menſchen unter allen übrigen unbewußten Geſchöpfen dieſer Erde ſo wohl anſtehet, als plötzlich jemand haſtig die Treppe herauf kam, ſich kaum die Zeit zum Anklopfen nahm und— der Profeſſor— denn er war es— voller Freude ins Zimmer ſchritt. 7 * Meine Freunde, hub er an, als wir ihn kaum be⸗ willkommnet hatten, ſoll ich es ein Glück nennen oder ein Unglück? ich weiß es nicht. Durch die irrige An⸗ nahme meiner Reiſegefährten, ich ſei zu Fuß vorausge⸗ gangen, ſehe ich mich zurückgelaſſen und genöthigt, Sie, meine werthe Frau Hofräthin, um freundliche Herberge zu bitten, wobei ich die Freude zu haben hoffe, daß unſere abgebrochene Unterhaltung wieder aufgenommen und meine geneckte Erwartung dennoch befriedigt, die Anlage eines zweiten Liebesgaſtmals aber verwirklicht werde. Die Wirthin hatte nichts dagegen unter der Bedin⸗ gung, daß wir vorher auf ihre Speiſen und Getränke die erforderliche höfliche Rückſicht nähmen. Dies ge⸗ ſchah, und wenn ich nun den alten Reiſebeſchreiber Ho⸗ mer auch in der Genauigkeit über das Eſſen und Trin⸗ ken meiner Helden nachahmen wollte, wie ich es in Rückſicht ihrer wunderbaren Fahrten zu thun beabſichtige, ſo würde ich hier Gelegenheit zu einer unvergleichlichen Mahlzeit haben. Denn ich ſelbſt als ein Nordländer kann anſehnliche Portionen genießen und getraue mich wohl, ſo einen Saurücken, wie Odyſſeus pflegte, anzu⸗ greifen, der Hofrath hatte von jeher gewußt, daß Eſ⸗ ſen und Trinken Leib und Seele zuſammenhält, ja ſie ſogar in gewiſſen Fällen ſo imnig verbindet, daß die Seele ganz leiblich geſinnt wird, der Profeſſor aß mit antikem und die Hofräthin mit modernem Anſtande, und ſo könnte es nicht fehlen, daß ein anſchauliches Ge⸗ 8* mälde dieſer tafelnden Geſellſchaft höchſt intereſſante Sei⸗ ten darböte. Allein noch viel wichtigere Dinge ſind hier anzumerken, und ich will mich durch nichts hindern laſſen, es mit friſchem Eindruck und der Gunſt des Augenblicks zu thun. Nämlich ſobald wir die gröbſten Hinderniſſe, die jedem Tiſchgeſpräch entgegenſtehen, überwunden, ſchritt der Profeſſor zur Darlegung ſeiner wohlgegründeten An⸗ ſprüche auf unſere Liebesgeſchichten und zwar, wie ſich leicht erachten läßt zuvörderſt auf die meinige: und ich muß geſtehn, daß die platoniſche Erinnerung, auch mei⸗ nes Herzens feierlicher Zug, und ſeine liebevolle Ver⸗ tiefung in das göttliche Phänomen der Liebe meine Zu⸗ neigung zu dieſer edlen Seele in Steifleinen nicht wenig erhöhte. Ich ſah ihm verliebt in die Augen und begann: 12. Iſt ſie's? Aus blauen Wolken mit Jhurm und Thor Taucht oft übers Meer eine Stadt hervor, Man glaubt ſie leibhaftig vor Augen zu ſehen, Drauf ſchwankt ſie und muß mit dem Dunſt zergehen. Sie ſetzen mich ſehr in Verlegenheit, mein Herr Pro⸗ feſſor und theurer platoniſcher Freund, denn ich gehöre zu der unglücklichen Klaſſe von Menſchen, die ihr armes Herz mit aller Mühe nicht unterzubringen wiſſen. Manchmal bin ich nahe daran geweſen, aber immer, wenn ich auf dem höchſten Punkte der Hoffnung war, riß ein ge⸗ fühlloſer Strudel die Liebe vorüber.— Meergeſchenkte, ſüße Roſe,„Emma! wä⸗ reſt du mein Traum?“ rief eine Stimme in meinem Herzen, aber ich preßte die Lippen zuſammen, damit ſie mich nicht verriethen, und verlor mich ſchweigend in die friſchen ſchmerzlich ſüßen Erinnerungen, ohne daran zu denken, daß ich das Wort hatte. Die Sache iſt ſehr ernſthaft, flüſterte die Hofräthin, und ich zweifle, ob wir ſie erfahren, denn er beſinnt ſich gar zu lange. Ich hörte dieſe Worte, nahm mich alſo ſchnell zu⸗ ſammen und fuhr fort: Und ſo bin ich leider nicht in dem Fall, meine Liebesgeſchichte vortragen zu können. Ich fordre daher meinen Nachbar auf, der offenbar und geſtändigermaßen glücklicher daran iſt, die ſeinige zu er⸗ zählen. Dieſer nahm das Wort und ſagte: Wie es mit mir ſteht, das wißt ihr alle, dir hab' ich meine Liebſchaft geſchrieben, meine Frau bildet ſich ein, ſie erlebt zu haben, und der Profeſſor weiß alles von ſeiner Frau gewiß beſſer als ich ſelbſt, beſonders da die Geſchichte ſo lange her iſt, daß ich ſie bereits wieder vergeſſen habe. Indeſſen da ihr einmal auf ſolche Poſſen ver⸗ ſeſſen ſeid, und noch zu denjenigen Leuten gehört, die im Punkt der Liebe gläubig ſind, ja da unſer Freund, der Doctor, höchſtwahrſcheinlich nicht nur eine Liebesgeſchichte erlebt hat, ſondern ſogar in dieſem Augenblick noch damit ſchwanger geht(hier wurden mir beide Backen brennend heiß); ſo nehme ich Gelegenheit euch eine zu erzählen, die wegen ihres wunderlichen Ausgangs ſchwerlich ihres Gleichen hat. Fünftes Dutzend. Die Geliebte. . 1. Der Doetor Jonathan in Fürſtenberg. Leicht ſchäkernde Wellen darüber gehn, Doch ſeh' ich es drohend im Grunde ſtehn. Alſo die Geſchichte des Doctor Jonathan, ſagte der Hofrath. O weh! die alte Geſchichte, ſeufzte die Wirthin. Alte Geſchichten ſind wie alter Wein, der in guten Gefäßen immer beſſer wird; und dieſe wird ſich halten, ſo lang' ein Fürſtenberg auf der Welt iſt. Fürſtenberg, eben ſo berühmt wegen ſeiner hübſchen Mädchen, als wegen ſeines ausgebreiteten Butterhandels, liegt auf der Berliner Straße zwei Meilen von hier. Mein Freund, der Profeſſor*... in Jena, welcher die italieniſchen Mädchen, ja ſogar die antiken geſehn und kennen gelernt, rrinnert ſich gleichwohl immer noch mit Vergnügen an den Nochmittag, wo eine hohe Perſon alle dieſe ſchönen weder übermäßig hohen, noch allzuniedrigen Geſtalten zu einem Feſtzuge verſammelte. Denn, wie die ſeligen Götter bei Homer eingehn zu dem Saale Kronions, ſo ſeien alle dieſe Mädchen kindiſch ſelig in ihrem Putz und er in ihrer Gegenwart zum Schloßhof hineingezogen. Mein Freund, der Jenenſer Profeſſor, wußte die Ge⸗ ſchichte von dem Doctor noch nicht, als ich ſie ihm aber ſpäter hier in Strelitz erzählte, rief er haſtig aus: Ha, die hab' ich geſehn! alle beide muß ich geſehn haben. Als der feſtliche Zug paarweiſe und die ganze Reihe hinunter mit einem'ungeheuren Blumenkranz ſchlangenartig umwunden, übrigens völlig in Weiß, ſelten von Roſen und rothem Bandwerk unterbrochen heran⸗ kam, ward mein erſter Blick auf die herrliche grüne, mäßig bunte Wellenlinie des Kranzes gerichtet, wie ſie über viele ſchöngewölbte weiße Buſen und Nacken ſich hinſchlängelte und über manchem jugendmuthigen Herzen üppig gehoben, hinwegwogte, dann fielen mir die ſchlan⸗ ken Geſtalten und die knappen ungelöſ'ten Gürtel der lieblichen Fürſtenbergerinnen in die Augen und, neidiſch auf die dummen Blumen, ſchmälte ich einen Augenblick mit dem Schickſal, faßte mich jedoch baͤld wieder in meine langgewohnte Reſignation und ſtieg weiter an den Wellenlinien der Blumen, wie ein Matroſe an der Strickleiter, empor zu den Roſen der Wangen unter denen die weißen Rehzwillinge des Hohen Liedes feierlich bewegt und unruhig weideten. Dieſe Roſen dufteten Ju⸗ gend und Freude und keiner der liebenswürdigen Kranzträ⸗ gerinnen fehlten ſie, nur die erſte und ſonſt ſchönſte von Augenlicht, Geſtalt und zarter Färbung mit dunklem Haar und weißen Roſen darin trug auch der Wangen weiße Roſen, die kaum noch leiſe an das Morgenroth erinnerten, das hier dem Mittagsblick der Liebe gewichen zu ſein ſchien. Dieſe, verſicherte mir der italiſch begei⸗ ſterte Profeſſor, hätt' ich um die ſchönen Trümmer ihres vulkaniſchen Herzens bitten mögen, ſo ganz ſchien ſie mir wie zur Liebe gemacht und Königin unter ihres — Gleichen, aber meine Feigheit gegen die Weiber und mein Incognito in Fürſtenberg ließen mich weder zu einem genialen Anlauf, noch zu ehrbaren Näherungen kommen. Armer Junge! ſagte ich zu mir ſelbſt, du biſt zum Hageſtolz geboren! und reiſ'te mit dem Bilde im Herzen wie ein gehetzter Stier in ganz Pommern und Mecklenburg umher. Freund, hätte ichs da nicht gleich fühlen müſſen, daß ſie, die Funkenſprüherin, die ſchlanke, die edle Geſtalt, die vorderſte in der Reihe, die ſinnige, blauäugige Jungfrau, daß ſie die Heldin irgend eines gedruckten oder ungedruckten vielleicht noch laufenden Romans, daß ſie in irgend einem Herzen die Königin und von Regierungsſorgen bekümmert ſei. Die iſt es, ich wette, ſie iſt es, rief er aus. Und nun den Doctor, ihren Liebhaber, auch den muß ich kennen, fuhr er fort. So ſah er aus: Auf dem Hintergrunde des braunen Lockenhaars, welches wie ein ungeſchornes Pudelohr hinter dem blaſſen Geſichte hing, war eine leiſe Habichts⸗ naſe mit ſtarkem Braunenſtrich gezeichnet, von ſchwär⸗ meriſchen blauen Augen umſtellt, von ſanft hinterge⸗ neigter Stirn überbaut und von länglichten kaum geho⸗ benen Wangen und Kinn unterſtützt. Hier iſt er, rief er zeichnend aus, kein Griechengeſicht freilich, aber grade ganz und völlig das unendlich erweiterte romantiſche Ge⸗ müth, welches das Himmelreich auf Erden, mit jedem tiefſchwärmeriſchen Blicke von neuem verkündigt. Die Zeichnung war richtig, und ich muß geſtehn, ſagte der Hofrath, ſie ließ mich mehr ſehn, als ich je an dem verdrehten Doctor geahndet. Aufrichtig geſtanden, ich — 480 begriff es nicht, was der archäologiſche Phantaſt wollte, aber wie geſagt, ich ſah es leibhaftig in ſeiner Zeich⸗ nung vor mir, und mußte nun wohl glauben, da ich ſah; ihr aber, lieben Freunde, könnt es umgekehrt ma⸗ chen und ſelig werden. Dieſer Doctor nun und dieſe ſeine Minna ſind wirk⸗ lich die Perſonen meiner Geſchichte und zwar bewies mir mein Freund, der Profeſſor, noch unwiderſprechlicher, daß es auch der richtige Doctor ſei, denn ſagte er, Folgendes hab' ich mit meinen eignen Augen geſehen. Vor dem Schloß iſt ein freier Platz, und in der Mitte ſah man eine runde grüne Raſenerhöhung, geſtaltet ungefähr wie der grüne Sitzungstiſch unſers academiſchen Senates. Auf dieſen Platz kam die hohe weibliche Per⸗ ſon dem Feſtzuge huldreichſt entgegen. Das Gefolge blieb vor dem Raſen ſtehn, ſie ſelbſt trat mit einigen entſchloſſenen Schritten bis in die Mitte, und dort be⸗ gegnete ihr, wie auf Verabredung die feierliche Anfüh⸗ rerin mit ihrem kranzumflochtenen Zuge. Ich hatte ganz in der Nähe der Hauptperſonen einen vortrefflichen Platz bei dieſem Schauſpiel, und war faſt eben ſo geſpannt auf ſeinen weiteren Verlauf, als mein Rachbar, der Doctor, denn der war es. Die Entwickelung—— Nun darauf bin ich in der That neugierig, fiel die Hofräthin ein, denn es ſcheint mir eine ganz andere Geſchichte zu werden, als Du uns verſprochen, wenig⸗ ſtens fängſt Du ſie abentheuerlich genug von hinten an. Kind, unterbrich uns nicht, und ſei unbeſorgt, meine Geſchichte wird, wenn nicht in der richtigen, nur um ſo — — mehr in einer geiſtreichen Folge nach der neuſten Mode ſich entfalten. Alſo die Entwickelung des feſtlichen Schauſpiels, ſagte mein Freund, war dieſe: mit unnach⸗ ahmlicher Geſchicklichkeit begannen die ſchönen Fürſten⸗ bergerinnen zu einer plötzlich einfallenden Muſik einen Tanz, der ſie mit ihrem großen Kranze zuerſt lang auf⸗ rollte und dann um die Königin des Tages herumringelte. In ſchnellem Wechſel bildete ſo die Dame mit dem be⸗ kränzenden Chor eine höchſt maleriſche Gruppe. Nun ſchwieg die Muſik einen Augenblick. Wir Zuſchauer, ich und der Doctor vor allen, waren in der höchſten Befrie⸗ digung, aber zugleich in der geſpannteſten Aufmerkſamkeit. Darauf begann die Muſik von neuem und ſiel mit ſanften Tönen in die Melodie des preußiſchen Volksliedes vom al⸗ ten Kriegsmantel. Die Schönen hatten die Abſicht, einen neuen Tert, den ein heimathlicher Barde zur Feier des Tages gedichtet, vorzutragen, ſie huben auch an, aber wie auf ein gegebenes Zeichen intonirte die ganze Be⸗ völkerung von Fürſtenberg und es half kein Ziſchen und Vinken der Eingeweihten: von Anfang bis zu Ende mußte das allbeliebte Lied nach dem richtigen alten Tert abgeſungen werden. Endlich gab der Chor der Damen ſich gefangen in die Nothwendigkeit, machte gute Miene zum böſen Spiel und begnügte ſich damit, wenigſtens in der nächſten Nähe der hohen Perſon den neuen zu der Feier paſſenden Text zu ſingen, um ſie ehrerbietig und kunſtmäßig zu verherrlichen, während die Menge jubelnd und roh den alten Mantel pries und beſang oder viel⸗ mehr bebrüllte, ohne ein Arg daraus zu haben, wie — 182— unſchicklich in dieſem Augenblick der Patriotismus ſich äußere. Nach beendigtem Geſange knieete die Zugführerin nieder und überreichte einen goldenen Becher zum Ge⸗ ſchenk und zum Andenken an die Stadt, und nochmals, als hätte das Schickſal ſich wider die Feier verſchworen, nahm die Begebenheit eine ganz fremdartige Wendung. Mein Nachbar, der Doctor, welcher unverwandten Blickes fortwährend die ſchöne Zugführerin im Auge gehabt hatte, mußte wohl in einem ganz eignen magnetiſchen Rapport mit ihr ſtehen. Denn ſo wie ſie hinkniete, um den Becher zu überreichen, that er ein Gleiches und ſo wie ſie ihre Rede begann, fing auch er an zu reden, zuerſt leiſer, dann immer lauter, und zuletzt rief er mit großer Heftigkeit aus.„O Minna, Minna, wie elend machſt Du mich und Dich! Wär' ich doch Du und wärſt Du ich! Ha! mir wird ſo ſchwach und weh!“ und damit ſank er auf den Raſen hin. Leichenblaß ſtand das arme Mädchen, die bei dem Namensruf erſchrocken aufgefahren war, eine Weile da, dann ſah ich ſie merklich ſchwanken, man kam ihr zu Hülfe, und während man ſie langſam hinwegführte, eilte alles, Fürſtin, Mädchen und Männer theilnehmend oder neugierig zu dem daliegenden Doctor. Wir hoben ihn auf und der Feſtzug endete damit, daß die größere Zahl des Volkes uns, die wir den Doctor trugen, die kleinere der Fürſtin folgte und ſie zum Schloſſe zurückgeleitete. ————— 2. Aeſthetiſches. Hört nur die Frauen, ſie wiſſen's nicht, Und doch gelingt ihnen manches Gedicht, Wozu die Poeten den Reim erfinden, Und's dann in ihr eigenes Sträuschen binden. Nun wird es aber nachgrade Zeit, lieber Freund, bemerkte ich etwas ungeduldig, daß wir erfahren, wie der arme Doctor und die ſchwärmeriſche Zugführerin in dieſes magnetiſche Verhältniß und namentlich der Doctor zu dieſer traurigen Zerrüttung gekommen, denn ſo muß man ſeinen Zuſtand doch wohl nennen? Hm, das iſt die Frage. Indeſſen ſage ich Dir me⸗ nen beſten Dank, verehrter Freund, für Deine gründ⸗ liche Vermahnung; dacht' ichs doch gleich von Anfang, als ich den Tag hineinerzählte, wie ein Improviſator, daß irgend ein verſtändiges Haupt unter meinen Zuhö⸗ rern mir einen geſunden Plan vorzeichnen werde, den man aber bei der rechten Begeiſterung, wie ihr geſehen habt, auch füglich entbehren kann. Ja, ja, da magſt Du Recht haben, ſagte die Hofräthin. Es iſt grade wie mit der Poeſie; manchmal reint ſich alles von ſelbſt, manchmal gar nichts; ich weiß das von Weih⸗ nachten und von Geburtstagen her. Und dabon kommts auch wohl, daß einem öfters im Traum die allerſchönſten einfallen. Nicht wahr, Wilhelm, ſagte ſie zu ihm, Du beſinnſt Dich wohl noch auf das Gedicht, welches ich Dir einmal, noch halb im Schlaf, vorſagte. Nun hab' ichs aber vergeſſen. Ei ja wohl beſinne ich mich!„ſie ſingt es ſo lieblich und ſingt es an mich!“— man hätt' es herausgeben ſollen mit dieſer Deiner Vorrede, es wäre wichtiger ge⸗ weſen, als ganze Bibliotheken voll Aeſthetik. Aber den poetiſchen Traum Deiner Großmutter, den weißt Du doch noch? Fi doch! ſagte ſie, ſpotte noch gar! und über die alte Frau, es iſt eine Sünde; aber wahr iſt es, ihr Gelehrten mögt ſagen was ihr wollt, ſie hat auch im Traume gedichtet, ich war ſelbſt dabei und mir iſt immer noch, als hört' ich die alte Frau beten, denn ein Gebet war es. Sehn Sie, Herr Doctor, dies kam ſo: „Es war an einem naßkalten Novemberabend“ und hatte grade ſtark geglatteiſ't, als meine ſelige Groß⸗ mutter trotz ihres vorgerückten Alters heftiges Verlangen nach Klößen mit Speck bekam. Klöße waren leicht ein⸗ gerührt und gekocht, aber leider fehlte es an allem Speck, die Magd ſollte alſo welchen holen. Dieſe ſonſt willig und gut, ſtellte vor, ſie wage es nicht bei die⸗ ſem Glatteiſe den Berg hinunterzugehn, denn das ver⸗ mögte kein Menſch ohne geſchunden zu werden. Zumal ein Menſch der keine Hoſen trüge, ſchob der Hofrath ein— Die Großmutter beſtand darauf, die Magd remon⸗ ſtrirte; die Großmutter befahl, die Magd weigerte ſich, und erklärte zuletzt, keine Herrſchaft haͤtte das Recht, um eines lumpigen Stückchen Specks willen, Haut und Gliedmaßen ſeines Geſindes in Gefahr zu bringen. Schel⸗ tend und höchlich verſtimmt ging die Großmutter, wei⸗ nend die Magd zu Bette, denn wir Kinder wußten weder zu rathen, noch zu helfen, weil wegen der glatt⸗ überzogenen Straßen buchſtäblich keine Seele vor die Thür konnte. Sobald ich indeſſen am andern Morgen aufwachte und fand, daß die Witterung umgeſchlagen und die Straßen wieder gangbar waren, nahm ich ſelbſt einen Groſchen in die Hand, that meine Schürze vor und beſorgte den heißerſehnten Speck. Kaum war ich zurück und an den Nähtiſch nicht weit von meiner Groß⸗ mutter Alkofen gelangt, da hört' ich ſie hinter den Vor⸗ hängen folgendes Gedicht träumen: Findſt du Speck in deine Klöße, O, ſo denk' an Gottes Größe! Daß er dich ſo wohl bedacht Und dir Speck in' Klump gebracht. Ich kann es beſchwören, daß die alte Frau den Vers ſelbſt gedichtet hat. Beim Erwachen wußte ſie jedoch nichts mehr davon. Als ſie darauf mit Thränen in den Augen meine Fürſorge gewahr wurde und belv⸗ bigte, wiederholte ich ihr das Traum⸗Gebet; und wir fanden es alle ſo wunderbar und rührend, daß wir Mit⸗ tags mit ordentlicher Andacht an die Klöße gingen. So verhält es ſich mit dem Dichten und mit der Begeiſterung. Träumen iſt daſſelbe. — — 3. Blom. Ein alter Freund von eigner Art, Allein ſchon lange mit mir gepaart. Der Hofrath fuhr fort: Wos es immer mit dem Traume, der Begeiſterung und den Klößen meiner Frau für eine Bewandtniß ha⸗ ben mag, ich kehre jetzt zu unſerm Doctor nach Fürſten⸗ berg zurück. Die Sache iſt alſo in der Kürze dieſe: Wie es mit dem Doctor und unſerer armen feierlichen Minna eigentlich ſteht, das werdet ihr zur gehörigen Zeit ſchon erfahren. Aus dem Bericht meines Freun⸗ des des Jenenſer Profeſſors habt ihr indeſſen bereits hinlänglich abnehmen können, daß eine ſchwärmeriſche, tiefgreifende Liebe in dieſem Verhältniſſe obwaltet. Der Doctor war unter ſeinen Genoſſen immer ſehr beliebt geweſen. Denn wenn er auch dem Myſticismus, wie er jetzt in manchem verdrehten und erhitzten Gehirne ſpuckt, anhing, ſo konnte er dennoch ſeinen Freunden, die bei der gemeinen nüchternen Stimmung blieben, nicht gram werden, ja das veränderte ſeine alte Geſinnung ſo we⸗ nig, daß er ihnen ſogar, nach wie vor, wenn es darauf ankam, das größte Vertrauen ſchenkte. Einer darunter, Namens Blom, ein vierſchrötiger Advokat und rechter Lebemann, der ſichs nie zum Be⸗ wußtſein gebracht, ob er an Gott oder an den Teufel glaubte, dabei aber ein ſchöner und wie man zu ſagen pflegt, gebildeter junger Mann war, wurde verhängniß⸗ voll für unſern Doetor. Blom hatte durch ſein anſtel⸗ liges Weſen von jeher großen Einfluß auf ihn geübt, und verlor dieſen auch dann noch nicht, als ein reiferes Alter ihré verſchiedenen Geiſtesrichtungen immer weiter auseinanderriß. Führte die Medicin den ätheriſchen Doctor Jonathan zu theoſophiſcher Vertiefung in Natur und Geiſt, ſo riß die juriſtiſche Praxis den hausbackenen Blom immer mehr in die handgreifliche Wirklichkeit, aus dem Geiſt in die Lebensweisheit hinein. Dieſe Stellung zur Wahrheit findet ſich ſonſt häufig bei practiſchen Aerzten und läuft dann aus in den rohen Gedanken, mit Glauberſalz ſei die Liebe und mit Rothwein die Feigheit zu curiren. Hier war der Arzt Idealiſt und nur ſein Gegenſatz, der Advocat, hatte aus ſeinem juri⸗ ſtiſchen Element noch Nahrung geſogen für die überwie⸗ gend irdiſche Natur. 4. Myſtitk der Liebe. Zu tief dem Weiſen, der Welt zu hoch, Wer zeigt und verkündigt ſie endlich noch? Nun war einmal ein Ball in ihrer Vaterſtadt. Blom tanzte wie ein Gott und hatte alle Mädchen am Schnürchen, der Doctor tanzte gar nicht und galt wenig bei den Schönen, aber er pflegte ſich in langen Reden über die Religion des Tanzes, wie er es nannte, zu verbreiten. So auch dieſen Abend. Denn was ſei herz⸗ — 188— erhebender und erbaulicher, fragte er, als wenn ein Gott herniederſteige, eine unſichtbare Ordnung durch alle Muſiker und Tänzer göſſe, die Liebe, welche ſo ſelten ſei, dieſes Geheimniß der reinen Geiſter, in hundert Geſtalten ans Licht herausbilde, und die armen gottver⸗ laſſenen Menſchen durch ſolches Schauen zu reinigen und zu entzünden ſuche, zu weihen und zu vergöttlichen? Die Begeiſterung ergriffe den ganzen Saal; und wer ſie auch wachend und wirklich nie erführe, dieſe Gefühle der tiefſten Gottheit, die bewegende Liebe, hier dürfe er ſie wenigſtens träumend vor Augen ſehn. Halt, Jonathan, fiel ihm Blom in die Rede, wo⸗ hin verſteigſt Du Dich wieder? Du philoſophirſt wie der Krebs im Theer, oder wie die Fliege in der Eierſuppe, verſtehſt weder Touren noch Pas und willſt vom Tan⸗ zen reden? Aber ich will Dirs erklären, gieb Achtung: Tanzen iſt ein Springen nach dem Tact, das ſich bei den Klügſten als eine Umarmungsluſt einſchmeichelt, und ich bedaure nur, daß wir kein Kapitel von Mephiſto⸗ pheles, etwa bei Gelegenheit des Blocksbergballs, über die Materie haben, es wäre gewiß eben ſo berühmt geworden, wie das über die Mediein. Aber Du biſt verdreht wie immer und ich ſeh Dich noch einmal im Narrenhauſe endigen. Wie roh! und wie zuverſichtlich in dieſer Rohheit! Blom, Blom, Du weißt nicht, was Du redeſt und wie Deine eigne Natur, die Du ſelbſt für Dein frivo⸗ les Eigenthum hältſt, dennoch nichts anders iſt, als die Offenbarung Gottes durch den Abfall von ſich ſelbſt. Weil Gott ſich in Deiner Erſcheinung nicht genügen kann, ſo biſt Du der Hunger nach Gott, gleich wie die Jronie als die unbefriedigte Wahrheit die ſtärkſte For⸗ derung der Begeiſterung der eigentliche Hunger nach Gotterfüllung iſt. So wenig kennſt Du Dich ſelbſt. Hör' auf! ich bitte Dich, hör' auf! Ein Dreipfen⸗ nigslicht leuchtet weiter als Dein Kirchenlicht. Kurz, ſagte der Doctor, wir verſtehen uns nicht und ſind unbegreiflicher Weiſe doch immer noch Freunde, was hält uns nur zuſammen? Iſt es etwa gar unſer Gegenſatz, der uns zuſammenbindet wie die Enden des Magnets? Sie ſaßen allein und tranken eifrig fort, der Wein wurde mächtig in beiden und trieb eines jeden Natur noch mehr heraus, während das Geſpräch auf die Ent⸗ wickelung ihrer Freundſchaft kam, und nun von beiden Seiten recht warm wurde. Denn jeder wußte neben der ſtörenden Diſſonanz doch noch immer vieles anzuer⸗ kennen, was ihm der andere gewährte. Unſer Verhält⸗ niß, fügte der Doctor mit bedeutungsvoller faſt unheim⸗ licher Miene hinzu, hat auch noch ein Gutes: Wir können uns nicht in einander verlieren, nicht in einander übergehn. Ein eigenthümliches Lob! das muß ich geſtehn, wel⸗ ches uns weſentlich von Buttermilch und Waſſer unter⸗ ſcheidet. Aber in allem Ernſt, guter Doctor, jetzt ſchnappſt Du über. Lieber Freund, erwiederte jener ſehr ernſthaft, Du meinſt mich zu verhöhnen, wenn Du das geiſtige Ver⸗ — 190— ſchmelzen ohne Weiteres als körperliches nimmſt, wel⸗ ches Du für abſurd hältſt, wenn die Körper nicht flüſ⸗ ſig ſind und chymiſch agiren können. Das iſt es aber eben, was ich Dir zu geſtehn habe, man ſetzt in der Liebe, weil ſie das imigſte Verſchmelzen auf der Velt iſt, die ganze geiſtige und körperliche Unabhängigkeit aufs Spiel, ich fühle mich anderwärts wirklich in die⸗ ſem Fall, und ſo beſtand das Lob unſeres Verhältniſſes eben darin, daß wir Freunde ſind ohne die Gefahr ei⸗ ner Liebe. Wenn in dieſem Gewäſche Menſchenverſtand iſt, ſo bin ich ein Büffel oder ein Truthahn oder ſonſt ein unvernünftiges Vieh, denn ich denke mir nichts dabei, gradezu gar nichts. Nun ſo gieb Acht auf meine Meinung. Zuerſt weißt Du es wohl, daß der vollkommene Geiſt nur Einer iſt. Gut, gut, wenn Du ſo meinſt.— Zwei vollkommne wären alſo in nichts unterſchieden und müßten dies merken, wenn ſie ſich berührten. So wie ſie es aber merken, ſtürzen ſie vnaufhaltſam in Eins zuſammen; dieſer Zug iſt nun die Liebe. Sie iſt das Gegentheil von Eigennutz, denn ſie will ſelbſt gar nichts anders mehr ſein als der Geliebte, und giebt ſich ſelbſt völlig auf, wenn ſie nur an dem, der ihr wie ein Gott mächtig und vollkommen entgegentritt, Theil haben kann. Sie fühlt ſich ſelig, wie allgemein genug geſagt wird, denn ſie vereinigt ſich mit einem reinen Geiſt, dem ſie gleich iſt, weil beide aus Gott ſind⸗ Dieſe göttliche Leidenſchaft iſt aber für den Menſchen gefährlich, denn er kann um ſein menſchliches Bewußt⸗ ſein kommen und wirklich irre an ſich ſelbſt und ſeinem beſondern Daſein werden, wenn er ſich ganz in die Liebe verſenkt. Alle Abgeſchmacktheit und aller Wahnſinn der Liebe ſchreibt ſich daher. So alſo, und wieder iſt der liebe Gott im Spiel, nur daß er diesmal übel wegkommt als Oberſter aller Narren.— Hm, aber wie iſt es nun mit dem körper⸗ lichen Verſchmelzen? Ha! ha! ha! Hier ſtand die Hofräthin auf und ging hinaus ein wirthſchaftliches Geſchäft zu beſorgen. Mein guter Blom, der Menſch wird ſich ſelbſt nicht los, er bleibt Geiſt und behält den Adel und die Macht des Geiſtes überall und wär' es, daß er, dem Maul⸗ wurf gleich, das Innerſte der Erde mühſelig durch⸗ wühlte. So iſt auch die Zeugung eines Menſchen nichts weniger als geiſtlos, und ſo wenig es ſich wohl ſchicken würde dem Schooß der ſtillen Mutter Racht und der unmittelbaren Sammlung der unbewußten Liebes⸗ macht ihr geheimes Werk zu entwinden, ſo verwerf⸗ lich jenes rohe Treiben genannt werden muß, welches noch ganz kürzlich daſſelbe in den Tag des Bewußt⸗ ſeins und der Abſichtlichkeit, ja des Studiums hinauf⸗ trieb, ſo wichtig iſt dagegen die Geſinnung und die Rich⸗ tung des Geiſtes auch in der Zeugungsekſtaſe und dieſe gar nicht anders zu nehmen iſt als für die verwirklichte Aufhebung der perſönlichen Selbſtſtändigkeit gegeneinan⸗ der, wie ſie gleich von vornherein in dem Zuge der noch unvollzogenen Liebe ſich ankündigt. Das aber iſt der Fluch einer verſchrobenen Bildung, daß die Dummheit den Triumph feiert, die heilige kör⸗ perliche Liebe, die geſegnete Werkſtatt Gottes als ent⸗ würdigend und von aller geiſtigen Bedeutung entblößt darzuſtellen, ſo daß nur wenige geſunde Naturen ſich mit der rechten Geſinnung darin vertiefen, und dadurch Schönes erzeugen, die meiſten aber auch noch in der Ehe ſich davon zurückhalten zu müſſen glauben und es wider Willen als eine Sünde begehen. Was Du von der Liebe denkſt, guter Doctor, das weiß ich nun; aber wie? iſt mir recht, haſt Du nicht vorhin ſo etwas fallen laſſen, als wenn Du ſelber mit irgend einer Schönen ein Liebesverſtändniß hätteſt? Ja, lieber Blom, und das iſt es eben, was mich in alle dieſe Myſterien vertieft hat, ach, und ich werde wohl den gänzlichen Durchbruch nicht überſtehn, es liegt mir ſchwer auf der Seele. 5. Die Geliebte. O Vögelein, daß Dich Gott behüt, Hier ſitz' ich am ufer und kann nicht mit. Die Strelitzer Schloßkoppel voller Nachtigallen und Frühlingsduft aus hochwipfligen ſchattigen Bäumen und bunten Wieſenmatten ſprach mich von jeher mit wunder⸗ — 193— bar verſtändlichem Geiſtesodem an, und wie mir hier dann die niedere Natur nicht mit dumpfer Verſchloſſen⸗ heit entgegenſtarrte, ſondern mit leiſen aber deutlichen Accorden die tiefſte Empfindung offenbarte, ſo ſteigerte ſich auch jedesmal, wenn ich hineintrat, die Kraft mei⸗ nes eigenen Geiſtes wie eines Sehers zur Stunde der Begeiſterung. Was Du ſagſt! rief ich aus und unterbrach den Hofrath, ja, es iſt wahr, nicht jeder Ort erregt uns auf gleiche Weiſe— hm!— Und wie hätt' ich auch nicht zurückdenken ſollen an mein Geſicht von Emma's Feenwagen und an das Liebesſpiel in dieſen Zweigen, das mir vor wenig Augenblicken ſo bedeutungsvoll in die Seele griff? Es giebt Oerter und Gegenden, ſo ſei der Doetor fortgefahren, die mit ihrem ganzen Inhalt, even darum weil ſie dereinſt verhängnißvoll für uns ſein werden, gleich anfangs näher an unſer Inneres herantreten. Ein ſolcher iſt für mich dieſer fürſtliche Luſtwald. Oft bin ich voll unruhiger Ahndung künftiger Schickſale tage⸗ lang in ſeinen entlegenſten Gebüſchen umhergeirrt, unge⸗ fürchtet von den munteren Rehen, die meine friedliche Geſinnung ſo gut verſtanden, als ich ihren wohlwol⸗ lenden, theilnehmenden Blick; und ſo war ich denn nicht unvorbereitet, als mir in dieſem Park ein höchſt bedeutendes Abentheuer aufſtieß. Ich war zum Pfingſt⸗ feſt in der Reſidenz bei meinem Freunde, dem gutgelaun⸗ ten Hofrath, zum Theil deswegen, weil ich erfahren hatte, Minna bon Düpen— 9 — 194— Nein, wie man nur in allem Ernſt ein ſolcher Eſel ſein kann! Wozu hilft Dir all Deine Philoſophie, wenn ſie Dich den Unſinn nicht lehrt, einem ſolchen Mädchen nachzuſtellen? Alſo die Minna, dieſe mediſante, herrſch⸗ ſüchtige Dame, dieſe Madame Juno, die einen Kopf länger iſt als Du?! Ich bitte Dich Doctor, Herzens⸗ freund, wie iſt Dir das nur eingefallen? Du könnteſt ja keine vier und zwanzig Stunden Herr im Hauſe bleiben. Sie hat mehr Witz in ihrem kleinen Finger, als Du und Dein Apotheker zuſammen in Eurem verkückten na⸗ turphiloſophiſchen Gehirn. Witzig, geſcheidt! alberne Ausdrücke! die Meinung des Pöbels, der keinen Sinn für Geiſt und Humor hat! Aber ſtelle Dir vor, Du wüßteſt nichts von ihr und bilde Dir mal ein, wie ich die Eigenſchaften des Organismus beſſer erkenne als Du, ſo ſei es auch mit dem Geiſtigen. Es liegt manches im Keime vor, was noch nicht in Anſchlag gebracht wird und manches, was ſchon völlig ausgebildet iſt ſieht doch nur der Sachver⸗ ſtändige. Dein Körper zum Beiſpiel, lieber Freund, erſcheint jedem oberflächlichen Betrachter als ein Muſter von Geſundheit, Derbheit und kernigem Weſen. Nun? aber Dir dagegen? 5 Mir dagegen iſt es die entſchiedenſte Gewißheit, daß er bei Deinem Weſen ſich bald ſo ſehr in den Genuß verſenken, an das rein Körperliche anſchließen wird, daß ein ſchwammiger Wachsthum eintreten und darauf eine Zerſetzung in die Elemente vor ſich gehen wird, — 495— ſo daß Du bei dieſen fortbeſtehenden Bedingungen ohn⸗ fehlbar an der Waſſerſucht umkommſt. Ein anhaltendes Gelächter des Advokaten bethätigte ſeinen völligen Unglauben an die Prophezeiung. Darauf bezeigte er ſich neugierig, wie denn des Doctors von der gewöhnlichen Meinung abweichende Charakteriſtik ſei⸗ ner Minna ausfallen werde, und dieſer fuhr fort: Ich weiß wahrlich nicht, ſoll ich in meiner Geſchichte oder in meiner Schilderung fortfahren, den Du läßt mich weder zu dem einen, noch zu dem andern kommen. Am erſten wirſt Du freilich wohl noch die Geſchichte ungeſtört anhören, ich will daher nur forterzählen; und es mag ſich dabei von ſelber herausſtellen, wie mir die Geliebte erſcheint. Ich war alſo nach Strelitz gereißt, weil ich erfahren hatte, Minna von Düpen werde mit ihren Eltern dort die Pfingſten zubringen. Du weißt, wie freundlich der alte Herr, ſelber ein Liebhaber der Naturwiſſenſchaften, auf mich eingeht, wir ſuchen uns gewöhnlich gegenſeitig, und ſo konnte es mir nicht fehlen, die innigſt Verehrte auch dort ſo oft zu ſehn, als ich wünſchte. Zudem war ich auch mit ihr ſchon längſt bekannt genug, und es iſt Dir kein Geheimniß, daß ein Freund⸗ ſchaftsverhältniß uns verbindet, ſo lange wir uns kennen. Was ſie zu mir zieht, weiß ich nicht, ich fühle nur, daß meine Reden ihr ſonſt aufgeregtes Weſen wunder⸗ bar beruhigen und ſie zu einer Innigkeit der Betrach⸗ tung hinüberziehen, die ſie für gewöhnlich nicht zeigt. Denn es entgeht den meiſten, die ſie ſehn, wie ſehr alle jene geiſtreichen Scherze nur unwillkührliche Blitze eines 9* — 6 tiefen Gemüthes in Berührung mit dem Aeußerlichen ſind. Sie will nie und nirgends etwas anderes, als nur ſich äußern, oft verwundert genug, wie man ihre gewöhnliche Erſcheinung ſo ungewöhnlich finden könne. Höchſt genial, ſagen die Leute, ſei eben ſo auch ihr Verhältniß zu mir. Sie behandle mich wie ihren näch⸗ ſten Vertrauten, und dennoch ſei ich nicht ihr Geliebter. Wie äußerlich die Leute urtheilen! ſie ſehen wohl die Sache, aber ſie durchſchauen ſie ſo wenig, daß ſie darum im Grunde doch etwas ganz anderes ſehn. Frei⸗ lich behandelt ſie mich ſo, freilich bin ich ihr nächſter Ver uter; aber ich bin es nicht, weil ſie die Beſondere ſpielen will, nicht weil ſie es für ſogenannte Genialität hält, ſondern weil meine harmloſe Ratur es verdient und weil ihr mein ganzes Weſen bis auf dieſen Grad zuſagt. Ob ich nun weiter kann? Das iſt es, lieber guter Blom,5 was mich erdrückt, indem es mich beſeligt. Nicht daß ich es wiederum mit Dir für wahnſinnig hielte, eine ſo witzige, ſo herrſchſüchtige und hochmüthige Geliebte zu haben, nein, alles das iſt ſie ſo wenig als die aufgehende Sonne eine Feuersbrunſt. Sie iſt witzig und ihr Urtheil treffend, weil ihr geiſtiges Auge einen ſcharfen und tiefen Blick hat, ſie weiß dies nicht, weil es ihr gewöhnlicher iſt, man nennt ſie ſpöttiſch, während ſie nichts thut als ſich äußern, und ſoll ſie es entgelten, daß ſie viel Schiefes ſieht? Sie ſtößt alles ab, was ſie unbedeutend, nichtig oder gar verſchroben findet, weil ſie ſo wenig von Unnatur weiß, daß ſie ſich gegen den Albernen nicht zur Artigkeit zwingt. Sie iſt ſchön, — 197— ihr blaues Augenlicht herrſcht mit ſanfter Zaubermacht über ihren Kreis; ſie nähern ſich ihr, ſie erfahren was nothwendig iſt, und darum ſoll ſie hochmüthig ſein. Ich erfahre dies alles nicht, weil ich eine unbefangene honette Natur und mehr werth bin, als die meiſten; aber dennoch wagte ich mich immer nicht an ſie, weil ich gar wohl fühlte, daß ich dieſem wahrhaft gött⸗ lichen Weſen zu ungleich ſei. Nicht daß ſie mich zurückwieſe, im Gegentheil, ſie zieht mich zu ſich heran; nicht daß ſie mich beherrſchen würde, im Gegentheil, ſie iſt zwar von Ratur reicher begabt, ſie iſt ein vollkommener Geiſt, aber meine ahere Bildung, den Vorzug des Mannes, macht ſie zum be⸗ ſtändigen Gegenſtande ihrer Wißbegierde und Verehrung. Dennoch weil ich mich zu profan fühle gegen dieſe un⸗ bewußte Wahre und zu gering gegen die Göttliche, gelingt es mir nicht das Uebergewicht des Mannes in dem Maße zu erreichen, um unſere Freundſchaft zur Liebe zu erheben, obgleich ich es mit Inbrunſt wünſche und ſie es nicht verwehrt. 6. Die Erſcheinung. Dein Bild iſt lange lange mein, Wann wirſt du ſelber es endlich ſein? Nun, wenn ihr das nicht unternehmt, ſo ſeid ihr beide ſehr vernünftig, obwohl Du viele Umſchweife ge⸗ brauchſt, um zu dem zu gelangen, was ich Dir mit un⸗ gelehrten Worten gleich anfangs deutlich herausſagte. Hm, eigentlich ſollt⸗ ich mich ereifern, daß Du trotz meiner Belehrung immer noch in der alten Verwirrung beharrſt, aber ich weiß es wohl, ich hätte mir dieſe ganze Schilderung, wie ich es denn auch vorhatte, ſpa⸗ ren ſollen, denn Du und Deinesgleichen, ihr achtet nur auf Thatſachen und Geſchichte, woraus ihr euch das nehmt, was ihr für das Wirklichſte haltet und darum liebt, nämlich die äußerliche Bewegung, welche den Gedanken begleitet, grade als wenn z. B. das Hobeln das We⸗ ſentliche beim Tiſchern wäre. Aber es kann nicht feh⸗ len, Du ſtellſt Dir doch auf deine Weiſe die Qual vor, die mir aus dieſem Zuge nach dem Unerreichbaren er⸗ wächſt. Immer, ſo oft ich allein war und ganz dem inneren Drange folgend heftige Wünſche bildete, auch wohl in aufgeregter Phantaſie ihres herrlichen Bildes mich ganz bemächtigte, wuchs mir der Muth, und ich zweifelte an nichts; ſobald ſie mir aber entgegentrat mit aller Gewalt ihrer bedeutenden Wirklichkeit, ſo gebietend und ſo holdſelig unbewußt, ſo kindlich unbefangen und ſo geiſtig tief, zerfloß mein Vorſatz in unbeſtimmte Sehnſucht, meine Hoffnung in Feigheit, meine Liebe in Verehrung und gewöhnlich ſtand ich ſtumm und hölzern vor ihr da, bis ſie mit irgend einem freundlichen Wort den erlöſchenden Funken des Muthes wieder aufregte. Mit dieſer gewohnten Erfahrung begann auch jenes ungewöhn⸗ liche Ereigniß in der Schloßkoppel. Es giebt daſelbſt einen einſamen Ort, den man die Einſiedelei nennt. Tief im Schatten ſteht das Häuschen von Rinde, und man ſieht, wie aus einem dunkeln Zimmer in ein erleuchtetes, durch eine Laubthüre, die von der ſanften Anhöhe wie in ein zweites Stockwerk gehoben wird. Ich ſaß auf einem bemooſeten Steine und träumte mich in die weichen Arme und an den wogenden Buſen meiner Minna, als ich plötzlich ſie ſelbſt wie eine Erſcheinung vor jenes Fenſter des Waldes treten ſah. Ein heller Sonnenblick von der Seite goß ſich über ſie aus und ſchrieb mit goldener Ver⸗ klärung die ganze herrliche Frauengeſtalt auf die dunkel⸗ grüne Laubwand, deutlich wie ein Spiegelbild, ſelbſt bis auf die feingezeichneten geiſtvollen Geſichtszüge und anmu⸗ thigen Mienen. Ich war noch nicht zur Beſinnung ge⸗ kommen, da erblickte ſie mich, und ohne Zögern mit großer Freude, als wär' ich ein Bruder oder eine Freundin geweſen, ſprang ſie zu mir heran, und da ſie mich noch immer nicht aus meiner Verſunkenheit erwacht ſah, berührte ſie, ſanft ermunternd, meine Schulter und ſagte lächelnd: Ei, lieber Freund, bin ich Ihnen ein Gorgonenbild, das Sie verſteinert und erſtarren macht? Man rühmt doch ſonſt von mir, daß ich mit guter Laune ſelbſt widerſpenſtig Mürriſche erheitre. Wie ſteht es, lieber Jonathan, nicht wahr, Sie ſind erfreut, mich hier zu ſehn und daß ich wohl und munter bin and was man ſonſt zu ſeinen Freunden ſagt? 5. Der Rückſichtsloſe. Wir ſaßen beſeligt in Gras und Moos, Wer nahm mir den Himmel, wer riß mich los? Er öthend zugleich vor Schaam und Liebe ſprang ich auf und wie ich ihre Hand ergriffen hatte, bedeckte ich ſie mit vielen heißen Küſſen, dann lag ich ihr zu Füßen und wir ſahn uns lange Aug' in Aug' und unverwendet an. Nie in meinem Leben bin ich wieder ſo ſelig geweſen, nie hab' ich einem Menſchen ſo tief ins Herz geſehn. Eine unausſprechliche Freundlichkeit ſtrahlte aus ihren glänzenden lichtblauen Augen, die mit der größten In⸗ nigkeit an den meinigen hingen, während ſie meine Händedrücke erwiederte und alſo meine Kühnheit geneh⸗ migte. Es iſt wahr bei meinem Leben, ſo unmöglich mir es jetzt auch ſelber ſcheint, es muß wahr ſein, wenn ich nicht ganz von Sinnen bin und unfähig Wirklichkeit und Traum zu unterſcheiden— und dennoch war es nicht vielleicht ein Traum? O, lieber Blom, was ſoll ich weiter ſagen, da mir noch viel Schöneres in dieſer armen zweifelnden Erinnerung lebt, wenn ich ſchon bei dieſem Anfang zweifeln muß? Je ſchüchterner ſie mich kannte, deſto mehr mochte ſie glauben mich ermuthigen zu müſſen, oder es war auch über ſie der Wahnſinn der Liebe gekommen, kurz, o, daß ich dieſen Augenblick des göttlichen Lebens nur ſo erneuen kann! wir ſanken in die ſeligſte Umarmung zuſammen und wie uns alle Erinnerung der Gegenwart ſchwand, ſo kündigte ſich alle Wirklichkeit auch von Außen nur zweifelhaft an, und ließ uns lange lange in jener ſeligſten Vergeſſenheit ru⸗ hen, ruhen im ſtillen athemlos ſchwellenden Mooſe und ruhn im lichtdurchwobenen Waldesſchatten, den vielver⸗ worrenes leiſes Blätterrauſchen ahndungsvoll erregte, noch magiſcher angethan im Duft des Mondes, der über unſerem Verweilen aufgeſtiegen war. So hielt ich lange das ſüßeſte Glück in meinen Armen. — Wenn ich es glaube, will ich— Es iſt gewiß, es iſt wahrhaftig wahr— Du myßt es glauben, gerade Du, damit ich ſelber nicht allen Glauben bei mir ſelbſt verliere. Blom, lieber Blom, ich bitte Dich, ſchüttle nicht den Kopf— und dieſes vernichtende ſpöttiſche Zucken! Du bringſt mich von Sinnen. Ich fühl' es auf der einen Seite, daß es wahr iſt, denn es iſt ummöglich ſo zu träumen, ja wenn nicht dieſer Traum mir ſchwer auf dem Gewiſſen läge, ſo— ſo möcht' es immer ein Traum ſein; aber nun— ſie hat mich ganz beglückt und ganz erhört und doch vernichtet die Erinnerung grade an dieſen Augenblick am meiſten meine Hoffnung. Denn wenn es wahr und wirklich wäre, wie könnte ſie dann wohl wieder in die alte Verhältnißloſigkeit und Unbefangenheit zurückgetreten ſein? müßte ſie nun nicht fortwährend mir gehören und 202 ganz zu mir herübertreten? Es iſt ganz das Gegentheil erfolgt. Mit freundlicher Schwermuth, die mehr mir als ihr zu gelten ſcheint, ſieht ſie mich mitlei⸗ dig an, als wär' ich wirklich einer von jenen Bedauerns⸗ würdigen, die ſich einbilden Kaiſer und Könige zu ſein; oder irr' ich mich eben darin, und gilt ihrem eignen Zuſtande dieſe Schwermuth? denn ohne Folgen bleibt ein ſo inniges Verſchmelzen nimmermehr, entweder ſie iſt ſchwanger— Oder Du biſt es ſelbſt, weniſten mit Tollheit gewiß. Ja wahrhaftig, ſagte er mit ſtierem Blick und ſicht⸗ bar entſetzt, ſo iſt es. Ich bin der negative Pol und ſie iſt der poſitive. Ich fühle mich ſehr krank. Es brauſt mir wie ein Meer in meinen Ohren, mir ſchwin⸗ deln die Gedanken und zittern alle Glieder. Ich habe Fieber, bring' mich zu Bette, lieber Freund. War es die Aufregung der Erinnerung, war es die Roheit Bloms, die ohne Rückſicht ſchneidend auf ſeine empfindlichſten Seiten ſtieß und ihn in ſeiner gutmüthigen Hingebung nicht zu tröſten und im Selbſtvertraun zu ſtärken, ſondern zu verwirren ſuchte— genug die Ge⸗ müthskrankheit des armen Mannes wurde ſeit dieſer Unterredung ſichtbar. — S. Die ſixe Idee. Er iſt er ſelbſt und iſt es nicht, Der Menſch iſt ſeines Geiſtes Licht, Es deckt ſich zu, er iſt verloren, Was denkt ihr von dem armen Thoren! Das Fieber, welches ihn befiel und ſo die Aufregung dieſes Abends viele Wochen hindurch fortſetzte, heftete durch ſeine Phantaſieen den wahnſinnigen Gedanken, daß er ſel⸗ ber ſchwanger ſei immerfeſter in ſeine Seele und ſo wurde der übrigens vernünftige Mann in dieſem Puncte aberwitzig. Wie ſeine Gemüthsart die allerſanfteſte von der Welt war, ſo war auch ſein Wahnſinn nur was man im gemeinen Leben Tiefſinn nennt, als das Nervenfieber ihn verlaſſen hatte, und wie ſchon alles ſeit längerer Zeit daran ge⸗ wöhnt war, daß er die abweichendſten ſonderbarſten Anſichten der Dinge hegte; ſo hielt man dieſe fire Idee nur für eine Fortſetzung ſeiner gelehrten Ueberſpanntheit, lachte wohl hier und da darüber, nahm aber ſo wenig Anſtoß daran, daß er noch fortwährend Gelegenheit fand, ſeine ärztliche Hülfe mit gutem Erfolge zu gewäh⸗ ren und dadurch um ſo ſicherer darzuthun, daß er im Uebrigen ſehr wohl bei Simnen ſei. Jedoch lagen die Spuren eines tiefen Seelenleidens auf ſeinem feinen blaſſen Geſichte für jeden ſchärferen Blick offen genug zu Tage, wie ſich denn auch gar bald die ſchlummernde Macht des Uebels bewährte. Ein geſchickter hieſiger Arzt und genauer Freund des Kranken erkannte gleich — 204— anfangs die Gefahr und im lebendigen Gefühl des hohen Werthes einer ſo reinen und tiefen Natur wagte er alles, auch das Verzweifeltſte, für ihn. Es lag freilich ſehr nahe, daß eine wirkliche Verbindung mit ſeiner Geliebten und eine geſegnete Ehe das ſicherſte Heilmittel ſein müſſe, man ſprach viel dabon, man wünſchte, man ſcherzte, wie es gewöhnlich auch mit den traurigſten Dingen geſchieht, aber niemand that auch etwas anderes, als daß er eben ſchon damit die Ruhe der liebenswürdigen Minna ſtörte, die ſo unglücklich war, auf eine räthſelhafte Weiſe Urhe⸗ berin jener firen Idee zu heißen. Blom freilich war bei aller ſonſtigen Roheit zartfühlend genug, die Mit⸗ theilungen des Freundes, die er halb und halb ſelbſt ſchon für wahnwitzig hielt und die doch immer den Ruf des Mädchens vernichtet haben würden, nicht zu ver⸗ öffentlichen. Allein die Erfindungen des Pöbels treffen allemal ins Schwarze, weil ſie das ganze Ziel mit Koth bewerfen; ſo auch hier. Natürlich ſuchten ſie nicht die geiſtigſte Seite des Verhältniſſes hervor und ſchon das unglückliche Stichwort des Doctors war Stammes genug um die handfeſteſten Mythen in großer Menge daran zu knüpfen. Die Lage des Mädchens war wirk⸗ lich die allerbedauernswürdigſte zu nennen. Welches Verhältniß ſie auch immer mit dem jungen Manne haben mochte, wie rein, wie entfernt es ſein mochte; in den Gedanken des Publikums war ſie hingegeben an dieſen unglücklichen Mann und ſeines Unglücks Genoſſin, wäh⸗ rend man ihr noch nebenbei auf die verſchiedenſte Weiſe die Schuld beimaß. Wie mußte ſie ſich in ihrer Weib⸗ — 205— lichkeit verletzt, in ihrem Gefühle verwundet, in ihren Gedanken beunruhigt fühlen! Wir wiſſen es, ihre Fa⸗ milie ſchätzte mit ihr den jungen Mann, ſie ſelbſt ſtand in einem unbezweifelt näheren Verhältniß mit ihm, und wenn es auch wirklich nicht Liebe war, was wir nicht ermitteln konnten, ſo mußte ſie doch ſchon in ihrer ſo nahen Verbindung der zutraulichen Freundſchaft die größte Aufforderung zur Sorge, zum Mitleid und wo möglich zur Hülfe finden. So können wir uns ihre Lage nicht geſtört und ver⸗ bittert genug denken, zumal wenn ſie nun gar keinen Weg zur Hülfe ſah, während eine rohe Forderung alle Mittel zu verwunden und zu heilen leichtfertig in ihre Hand legte. Ihre ſonſt blühende Geſundheit wurde an⸗ gegriffen, Schwermuth ſprach aus ihrem blaſſen Geſichte, alle Bewegung ihrer ſonſt ſprühenden Laune ſchien ge⸗ lähmt, und kein edler Menſch ſah ohne Bedauern dieſe unglückſelige Verwandlung, wovon der Verlauf nun vollends außer aller Berechnung lag. 9. Des Dypetors Tod. Mein beſter Freund wünſcht mir den Tod, Mein Leben iſt mehr als Todesnoth. Der Arzt, den ich bezeichnet, ein Freund des Kran⸗ ken, wohlbekannt mit dem Hauſe Düpen und ſelbſt Stellvertreter des Hausarztes, entſchloß ſich, hier den gewagten Schritt zu thun, der freilich viel Muth erforderte aber doch auch ſo glänzende Aus⸗ ſichten gewährte. Ich begleitete ihn ſelbſt zum Wagen und meine beſten Wünſche waren mit ihm; allein er kam nachdenkend und tief erſchüttert zurück und hat mich nie weiter aufklären wollen als mit den Worten: Unſer Freund iſt verloren und faſt bin ich es ſelber, welch' ein Mädchen und welche unſelige Verwicklung! aber wie konnte ſie es ahnden, daß eine ſolche Macht von ihr ausging? Ich bat, ich drängte ihn um Aufklärung, aber das Geheimniß hat ihn nur beunruhigt, nie iſt es über ſeine Lippen gekommen. Darauf begab es ſich, wie ich euch erzählt habe, daß eine Feierlichkeit in Fürſtenberg alle jungen Mädchen der Stadt und Gegend verſammelte und zu einem öf⸗ fentlichen Aufzuge nöthigte, den nach vielem Sträuben unſte Freundin zu führen übernehmen mußte. Ich habe euch mit den Worten meines Freundes, des Profeſſors aus Jena, eines Augenzeugen, den Verlauf dieſer Feierlichkeit bis dahin erzählt, wo der Doctor ohnmächtig hinweggetragen ward. Seit dem erſten Ausbruch ſeiner Krankheit hatte Minna ihn ſorgfältig vermieden, ja ſie war ſogar auf längere Zeit verreiſet gleich nach dem Beſuch des Stre⸗ litzer Arztes, und ſchon früher, das erinnerte man ſich jetzt, hatte man ſie angegriffen und zurückgezogen gefun⸗ den namentlich wenn ein Zuſammentreffen mit dem Dor⸗ tor Jonathan möglich ſchien. Hier nun bei dieſer Feier⸗ lichkeit waren entweder die dringendſten Forderungen nicht zu beſeitigen geweſen, oder man hatte ſich ſchon ſicher genug zu dem Wagſtück geglaubt, die alte Unbefan⸗ genheit wieder eintreten zu laſſen, da am Ende doch auch kein Grund zu völliger Verbannung aus dieſem geſelligen Kreiſe vorhanden war. Kurz ſie erſchien, der Doctor fand ſich ein; und je glänzender ſie erſchien, je mehr die ganze Anordnung der Feſtlichkeit grade ſie hervorhob, deſto gefährlicher traf ihre Erſcheinung in das Gemüth des unglücklichen Mannes. Er verfiel ſogleich zum zwei⸗ ten Mal in ein hitziges Fieber und erwachte daraus nie wieder zu jenem erſten unſeligen Helldunkel des Bewußt⸗ ſeins, ſondern ſtarb und rief noch ſterbend ihren Namen mit den ſchmerzlichſten Tönen. 10. Minna von Düpen. Das Göttliche iſt ein untadlig Schwert, Das Ritter ſchlägt, erhebt und ehrt, Die ſeine Wucht zu tragen wiſſen, Sonſt werden ſie ſelbſt von ihm zerriſſen. Hier endete der Hofrath eine Erzählung, welche ihm theilweiſe wunderlich genug zu Geſichte ſtand, ſo daß mir ſeine Rede faſt wie auswendig gelernt vorkam, ſo oft er den guten Jonathan in ſeiner tiefgreifenden Betrachtungs⸗ weiſe vorſtellte, denn meinem dicken Freunde war nichts fremder als ſolche Anſchauungen und Gedanken. Deſto durchdringender ſchlugen die geheimnißbollen Töne, die er in einem fremdartigen Inſtrumente wie aus einer — 208— höheren Welt zu mir herüberleitete, an mein erſtauntes Ohr, und ich konnte ihm meine doppelte Aufregung nicht verbergen, weder die der lebhafteſten Theilnahme an Jo⸗ nathans Schickſal, noch die geſpannteſte Erwartung auf Alles was irgend noch von dieſer außerordentlichen Frauengeſtalt zu erfahren ſein mochte, die mir ohne Weiteres als die Blüthe aller Weiblichteit und mit gött⸗ licher Macht gerüſtet erſchien. Kaum alſo hatte der Hofrath geendet, ſo fiel ich haſtig ein, ohne die freundlichen Worte der Wirthin zu be⸗ achten, die ſie im Hereintreten an mich richtete, als ſie uns aufgeſtanden ſah und alſo die Geſchichte für beendigt hielt,— wie iſt es möglich, lieber Freund, rief ich aus, wie konnte ein ſo höchſt bedeutendes Ereigniß in den Gränzen eures Ländchens, in euren Kreiſen ver⸗ borgen bleiben? Hat man je gehört, daß ein reines Gemüth ſich fromm und aufrichtig dem Göttlichen zuge⸗ wendet und wie ein Wunder vor den Augen der Welt ſichtbar davon aufgeſogen wurde, ſo iſt es doch dieſer Jonathan! Und dann mit welcher Vorſtellung erfüllt mich das Mädchen, welches über einen ſolchen Mann dieſe zauberhafte Macht erlangte! Wohnt ſie unter euch, iſt es möglich, ſie von Angeſicht zu ſehn? Möglich iſt es wohl, ja ſogar leicht, aber ich dächte, lieber Edmund, Du hätteſt Dein bischen Verſtand zu lieb, als daß Du es wagen ſollteſt, in einer Gemüths⸗ ſtimmung, wie Du ſie eben ausdrückſt, dieſer Turandot unter die Augen zu treten. Alles will ich wagen und mein Kopf iſt das Geringſte, —— rief ich in der Verzückung aus, von der ich indeſſen für den Augenblick durch ein herzliches Gelächter meines Freundes und ſeiner kleinen Frau zurückgerufen wurde. Die Letztere ſagte: Nun freilich will ich Ihnen gern Ihre Liebesgeſchichte erlaſſen, denn ich ſehe wohl, wie es ſteht, auch der Profeſſor wird Sie nicht quälen, denn er iſt ſchon ſeit zehn Uhr eingeſchlafen, welches ſeine regelmäßige Zeit unter allen Verhältniſſen, in jeder Ge⸗ ſellſchaft und in jeder Lage des Körpers iſt. Wir müſſen ihn aber wecken, damit er nicht etwan ſitzend hier die ganze Nacht zubringt. Wilhelm, Du nimmſt den Herrn Doctor mit Dir. Dem Profeſſor ſchicke Deinen Bur⸗ ſchen, daß er ihn führt. Wir gingen in unſre Kammer. Ich war aber hiemit keineswegs abgefunden, ſon⸗ dern ſtellte unter vier Augen noch das ſchärfſte Eramen mit meinem Freunde an, welches denn auch in der That zu dem gewünſchten Ziel führte. Er war allerdings in dem Beſitze des Geheimniſſes jenes hülfreichen Arztes, hatte jedoch in Gegenwart des Profeſſors Anſtand ge⸗ nommen über ſein Verſprechen hinauszugehn. Dies that er jetzt, wie er ſagte, aus dem guten Grunde, weil meine aufrichtige Theilnahme ein ſolches Vertrauen zu verdienen ſchiene und er überdies meiner Verſchwiegenheit ſich verſichert hielte. Er ſuchte alſo das Räthſel ſeiner gewaltſam abgeſchloſſenen Erzählung folgendermaßen zu löſen: Minna von Düpen iſt unter den Mädchen eine von den Wenigen, die ſichs getrauen, ganz unbefangen mit Männern umzugehn, weil ſie ſich gleich im Voraus ſagen, dieſer wird mich nicht hinreißen, ein anderer aber, der es vermögte, ſollte mir willkommen ſein, und ich ſelbſt habe mich immer genug in der Gewalt, um auch dem trübſten Auge die Kluft zwiſchen Freundlich⸗ keit und Zuneigung zu bezeichnen. Dagegen wird bei den meiſten jungen Mädchen eine Befangenheit und Unſicherheit ſichtbar, die allen geſelli⸗ gen und wirklich geiſtigen Verkehr der Jugend immer wegen des leidigen Verdachtes einer möglichen Liebe, auch da, wo nichts unmöglicher iſt als ſie, verkümmert. Ihr Verkehr treibt ſie in Formen hinein, die nicht als freie Geſchöpfe des Augenblicks und eigner Geiſtesbewe⸗ gung hervorſpringen, ſondern angelernt und angezwängt wie die Schnürleiber und Pauſchenröcke uns den eigent⸗ lichen Menſchen verſtecken, ſtatt ihn zu zeigen. Der Popanz des trivialen Liebesverdachtes mit ſeiner Spie⸗ gelfechterei ſpielt nur zu oft ſeine Poſſen, wo die wahre Eigenthümlichkeit ohne weiteren Zweck ſich herausmachen und die Geſellſchaft geiſtig erfüllen ſollte. Gewiß, die Befriedigung am Aeußerlichen und Weſen⸗ Beſchränkten, aber eben ſo gewiß beginnt auch für beſ⸗ ſere Naturen das Glück erſt da, wo es für jene aufhört, in der völligen Freiheit geiſtiger Erſcheinung, die keinen Panzer ſteifer Förmlichkeit braucht, ſicher genug in ih⸗ rem unmittelbaren Bewußtſein. Dieſe Unbefangenheit und Offenheit ſetzte unſere Minna mit allen Perſonen ihres Kreiſes in ein entſchieden ausgeſprochenes Verhält⸗ loſen iſt ein unſchätzbares Glück für die Befangenen und —— niß, und wenn Blom ihr abgeneigt war, ſo war er es darum, weil ſie ſeine Roheit von ſich wies, während Jonathan wirklich in genauſter Freundſchaft mit ihr ver⸗ kehrte. Dennoch war es grade dieſe ſo wohlberechtigte Sicherheit, welche das Unglück herbeiführte. Ja, lieber Freund, es iſt ein wehmüthiger Gedanke, aber wahr, grade das Vollkommene gewinnt in dem ir⸗ diſchen Daſein keine Dauer und keine Macht, im Ge⸗ gentheil ſehn wir es darin verkümmert und erdrückt werden, weil es ihm unangemeſſen iſt. Sehn wir doch immer die ſchönſten und begabteſten Kinder früh hin⸗ ſterben, während das Gemeine luſtig aufſchießt und allem Andrang der Natur einen zähen Widerſtand ent⸗ gegenſetzt. Sehn wir doch die reinſten und heiligſten Liebesverhältniſſe ſo häufig zerriſſen und in unüberwind⸗ liche Schickſale verſtrickt, während tauſend zuſammenge⸗ würfelte leere Verbindungen tapfer beſtehen und in gott⸗ loſen Jubileen den Weltlauf feiern, die Liebe aber myſtificiren. 11. Das Bekenntniß. Sonſt kannte mein Aug nur den heitern Tag, Tief ruhte verborgen das Ungemach: Die Decke reißt, und durch die Spalten Seh' ich die webenden Nachtgeſtalten. Als unſer ärztlicher Freund zu ihr kam, bat er ſie um eine vertraute Unterredung über den Doctor Jonathan, welche ſie ihm ohne Zögern mit großer Freundlichkeit gewährte. Wehmüthig ſetzte ſie jedoch hinzu: Ich wünſchte nur, Sie brächten uns beſſere Nachrichten als leider unſere letzten ſind. Mit deſen Worten führte ſie ihn in ein anſtoßendes Zimmer; und nun faßte ſich der Arzt ein Herz und begann: Seine Krankheit iſt nicht unheilbar, ja ich möchte ſagen, ſie iſt ſchon geheilt, ſobald nur ein ſehr nahe liegendes Mittel angewendet wird, und ich will es nur geſtehn, ich bin hier, um dies mit Ihrem Bei⸗ ſtande zu thun. Sie ſahte: Ich hab ihn lieb, faſt bin ich ihm ſo gut wie mir ſelber; aber ich hoffe ſehr wenig für ihn; Sie wiſſen es wohl nicht ſo genau als ich, wie völlig geiſtig ſein Uebel, wie ſehr es mit allen ſei⸗ nen Gedanken zuſammengewachſen iſt und darum leider wohl gänzlich mit zu ſeiner Ratur gehört. Sie wiſſen aber gewiß, wie verletzend, wie quälend für mich das Meiſte von dem iſt, was ich darüber hören muß, wie tief man grade mich in ſein Unglück zu verwickeln ſucht, und wie bereit ich alſo ſein muß, jede Möglichkeit ſeiner — ————— —— Rettung zu ergreifen. Sein Sie ganz offen, ſagen Sie alles, auch das Unzarteſte ſollen Sie ſagen dürfen, wenn Sie mir verſprechen, dieſe unſere völlig offenher⸗ zige Unterredung durchaus heilig zu halten. Ich verſprech' es als Arzt und als Mann von Ehre. Nun denn, ſo erklären Sie Sich, in welcher Art Sie meinen Beiſtand wünſchen. Es iſt Ihnen gewiß nicht verborgen geblieben, denn Sie haben ſchon ſelbſt darauf hingedeutet, in welchem Verhältniſſe unſer Freund ſich zu Ihnen denkt. Ich darf daher wohl annehmen, daß Sie allerdings näher zu ihm geſtanden, und nun nur wegen ſeiner Geiſtes⸗ krankheit Anſtand nehmen, Ihre Verbindung mit ihm wirklich zu vollziehen. Es unterliegt aber durchaus kei⸗ nem Zweifel, und ich ſetze meine Ehre zum Pfande, eben dieſe Verbindung würde ſogleich das ganze Uebel heben. Seine Heilung liegt in der Hand ſeiner wärm⸗ ſten Freundinn. Auch Sie, auch der Arzt, nicht nur der unwiſſende Pöbel glaubt an dieſes traurige Mährchen? O wie bo⸗ denlos iſt dieſes Unglück, in das ich verſunken bin! Wie wenig Vertraun würden Sie verdienen, Herr Dortor, wenn Sie alle Krankheiten ſo ſehr verkennten als dieſe! Und es liegt ſo ſichtbar vor Jedermanns Augen, daß ich dächte, alle Welt müßte es wiſſen, ſo gut wie ich. Ich bitte Sie, wenn hier ein Liebesver⸗ hältniß ſtattfand, wie konnte dann unſer Freund vor Liebe verrückt werden? Eben darum, weil es nie hat ſtattfinben ſollenn weder von meiner noch von ſeiner — 214— Seite, und nie und nimmer eintreten könnte, auch wenn er völlig geſund wäre, eben darum weil er das Unmög⸗ liche, was er ſelber dafür erkannte, dennoch möglich machen wollte, kam ſeine Seele in Verwirrung; und er war geiſteskrank von dem Aogenblicke an, als er etwas wollen konnte, was er eigentlich nicht wollte. Aber wie ſollte es möglich ſein, daß dieſer wahn⸗ witzige Gedanke ohne Bezug auf irgend eine Thatſache entſtanden wäre? Das iſt er auch wirklich nicht, und wenn ich irgend eine Schuld hätte, ſo läge ſie eben darin, daß ich den Vorfall unbedachtſam, wenn auch unſchuldig veranlaßte. Ich würde mir aber zu viel vergeben, wenn ich Ihnen dieſe Veranlaſſung vertraute, während Sie ſelber noch kein Vertraun zu mir zeigen. Das unbedingteſte, mein verehrtes Fräulein. Und dennoch konnten Sie jene zweifelnde Frage thun? Ich that ſie nicht, weil ich irgend an Ihrer Ver⸗ ſicherung zweifelte, ſondern weil mir immer die Sache noch räthſelhaft war und iſt. Ich ſehe nun wohl ein, wie thöricht die Vorausſetzung einer glücklichen Liebe iſt, da ja nur die allerunglücklichſte jene unſelige Folge 13 zzu haben pflegt, und ich beſcheide mich gern, daß ich noch mehr als das Publicum Ihren Zorn und Ihren Verweis verdiene, ja ich glaube ſogar aufs beſtimmteſte aus Ihren Worten zu erkennen, daß ſeine Vernunft im Kampfe mit der Leidenſchaft, die er nicht aufkom⸗ * wollte, aber nicht überwältigen konnte, er⸗ — 25— legen iſt. Dennoch dringt ſich nun der Gedanke auf, es müſſe wohl ein beſtimmter Anſtoß zu dieſer ſo aus⸗ geprägten wahnſinnigen Idee vorhanden ſein, und wenn ich Sie recht verſtehe, ſo ſind Sie allerdings im Stande, hierüber eine Aufklärung zu geben, die ich unter allen Umſtänden heilig zu halten verſprechen würde, wenn Sie Sich geneigt finden laſſen, mir ſie mitzutheilen. Unbedenklich, nun ich mich überzeugt, ich werde in Ihnen nicht einen Widerſacher, ſondern einen Freund finden, deſſen ich, ach, ſo ſehr! bedarf. Bis auf dieſes unglückſelige Ereigniß war es mir unbekannt, was Trauer und Kummer ſei, und nun ſoll ich es mit ei⸗ nem Mal ertragen, daß mich immer derſelbe düſtre Flor der Gedanken Unzieht, der mir widrig und un⸗ natürlich iſt, der nicht aus meinem Herzen, nicht aus einer Begebenheit meines eigenen Innern, ſondern ganz von Außen und ganz mit Unrecht mich anfliegt und dennoch an mir haftet; und wie gern hätt' ich es längſt zu einem Freunde, der es noch nicht ſo weiß, wie die Meinigen, dem ich eben damit noch etwas vertraute, ausgeſprochen! Weiß ich dochh dieſe vertrauten Worte haben die Macht der Beſchwörung und es wird mich merklich von jenen Geſpenſtern befrein, daß ich Ihnen, der Sie ſeit der Krankheit unſers armen Freundes ſeine Stelle vertreten, mein Herz und ſeinen Kummer ausſchütten kann. Was ich gegen Sie herausrede kömmt mir mächtiger, wie von Ihnen beſtätigt, wieder zurück, während jedes Wort zu den Meinigen geſprochen mir ſchon ſeit lange —— nicht anders gilt, als wär' es nur ein ſtiller Gedanke, den Niemand beſtätigt und den ich ſelber nur zweifel⸗ haft und weſenlos wie den Schatten eines wirklichen Gedankens vernehme. Ich fühle mich unwohl geiſtig und körperlich— hier unterſuchte der Arzt pflichtſchul⸗ dig ihren Puls während ſie fortfuhr— denn ich bin aus meiner gewohnten Weiſe, heiter hinzuleben, und in munterer Geſelligkeit Anklang und Gegenſatz zu finden, ſchmerzlich losgeriſſen. Sonſt war mir Alles ein Ge⸗ winn, das Verkehrte wie das Rechte, eins diente zu heiterem Scherz, das andere zur Erbauung, nur das Unglück und die Trauer kam nicht in unſere Rechnung; jetzt hat es ſich an die Stelle alles Andern geſetzt und beherrſcht dieſen harmloſen Kreis mit unerbittlicher Aus⸗ dauer. Es iſt gleichgültig, wie rein ich mich von ei⸗ ReS— gentlicher Schuld fühle, genug ich bin verwickelt, werde von allen Seiten beſchuldigt, und in eine Rolle, die mir höchſt unnatürlich und widrig iſt, mit Gewalt hin⸗ eingezwungen. Mein körperlicher Zuſtand, wie meine Stimmung erſcheinen nicht als Folgen der wahren, ſon⸗ dern als Beweiſe für die beliebig erdichteten Verhält⸗ niſſe, für Sie aber wird es auch als Arzt wichtig ſein, daß ich Ihnen Alles herausſage, wie es wirklich iſt.— Gewiß, mein theures Fräulein, gewiß. Der Doctor Jonathan war, wie Sie wiſſen, ſehr mit unſerm Hauſe befreundet, mein Vater ſtudirte mit ihm, meine Mutter ſchätzte ſein Gemüth und ich ſelbſt hatte die mannichfachſten Berührungen mit ihm, denn er wußte zu meinen zufälligen Geſprächen immer etwas — 2— hinzuzuthun, was ihnen einen Werth gab, den ſie au⸗ ßerdem nicht zu haben ſchienen und den ſie auch wirklich wohl erſt durch ſeine Deutung bekamen. Hierbei war er äußerſt unbefangen und gar nicht galant, ſondern immer, wie ein Raturforſcher ſein mag, vertieft in ſeinen Ge⸗ genſtand, daher ſich denn auch ſeine Rede nicht ſelten gegen mich wendete und mir, wenn es ſein mußte, mit derſelben Freigebigkeit Tadel als Lob ſpendete. So wurde er mir bald wichtig und endlich unentbehrlich, er, der meine Art zu denken und zu ſein auf eine geiſtreiche für mich höchſt befriedigende Weiſe ergänzte, und, ich muß wohl ſagen, veredelte, ohne daß er irgend einer Leidenſchaft zu mir verdächtig wurde. War er doch ein⸗ genommen und warm nur für den Gegenſtand, nie für mich, ja zeigte immer eine gewiſſe Scheu vor mir, ſo lange er über unſer Geſpräch meine Perſon noch nicht vergeſſen hatte! Er ſchien mir ein Gelehrter zu ſein, dem die ganze Richtung der Frauenliebe fehlte, weil er nun einmal nur in Gedanken verliebt war. Dazu fühlte ich nur zu beſtimmt, daß er mit ſeiner ganzen Perſönlichkeit, die eher ſchwächlich und frauenhaft, als kräftig und ehrfurchtgebietend war, und nur von den tiefen und feinen Gedanken ſeiner Erfindung aufrecht er⸗ halten wurde, mir auf keine Weiſe gefährlich werden konnte. Wie wäre es mir möglich geweſen, einem Manne anzugehören, der, träumeriſch und weichlich in Gedanken und Wiſſenſchaft berloren, mir tauſend Vege der Unabhängigkeit eröffnet, mich immer zur Herrſchaft eingeladen hätte, wenn er nicht grade aus 10 der Sache eine gelehrte Unterſuchung zu machen gewußt? Ich überließ mich alſo mit der größten Freiheit meiner Neigung, ihm in dieſem Einen, freilich wohl ſehr we⸗ ſentlichen, Puncte untergeordnet zu ſein, in allen übrigen aber unabhängig zu bleiben, ja wohl gar mit überwie⸗ gendem Einfluß gegen ihn aufzutreten; und es hat Jahre lang den beſten Fortgang gehabt, weil wir bei⸗ derſeits uns ganz klar waren und dies auch deutlich ge⸗ nug an den Tag legten; bis in der letzten Zeit aller⸗ dings von ſeiner Seite eine unbedingte Werthſchätzung meiner Perſon ſichtbar wurde, die man ſich ja aber nur zu leicht gefallen zu laſſen pflegt, denn wer glaubte ſie nicht verdient zu haben? Ich fand aber auch deswegen nichts Bedenkliches darin, weil ich nun ſchon ſicher war und immer auf diejenigen früheren Aeußerungen zurück⸗ ging, die mich überzeugten, er habe das beſtimmteſte Bewußtſein von ſeiner Stellung zu mir. So ſtanden wir bis vorigen Pfingſtſonntag, wo ich mit meinen Aeltern in Strelitz zum Beſuch war und zufällig oder von ihm geſucht, ich weiß es nicht, mit unſerm armen Freunde zuſammentraf. Es war gegen Abend, wir gingen im Park ſpazieren, und als wir in die Nähe der Einſiedelei kamen, wo ſich die Wege theilen, der eine auf die Wieſen, der andere ins Gehölz, ließ ich die Geſellſchaft rechts gehn und bog allein links in das dichtere Gebüſch. Da find' ich neben dem Häuschen von Rinde den Doctor Jonathan auf dem Mooſe ſitzen, im tiefſten Nachdenken, ganz in ſich verſunken; und wie es mir luſtig vorkam, daß er nich nicht erkannte, nicht — bewillkommte, und auch, als ich ganz nahe herzutrat, nicht anredete; ſprang ich ſcherzhaft heran, rüttelte ihn auf und bewillkommte ihn mit meiner gewöhnlichen Unbefan⸗ genheit als einen lieben Freund, den man gerne unber⸗ muthet antrifft. Aber wie erſchrak ich, als er in der äußerſten Leidenſchaft meine dargebotene Hand an ſeine Lippen drückte, erſt einen Augenblick vor mir niederkniete, dann mit unwiderſtehlicher Gewalt mich zu ſich ins Moos herunterzog und ſo feſt und heftig umarmte und mit ſo leidenſchaftlichen Küſſen bedeckte, daß ich zu erſticken fürchtete. O Sie Aermſte, was haben Sie erfahren! Lieber Herr Doctor, es wird mir ſchwer dies und nun weiter zu erzählen, nicht daß ich von größerer Un⸗ gebühr zu reden hätte, nein, aber ſchon daß ich es Ihnen ſagen muß, ich habe nicht davon zu reden, iſt ſchwer für ein Mädchen, ſehr ſchwer, und doch iſt es eben dieſer unglückſelige Auftritt, um deſſentwillen ich überhaupt dieſe Erzählung begonnen. Zuerſt verſuchte ichs mit aller Kraft mich aus ſeinen Armen loszumachen, allein er hielt mich mit unüberwindlicher Gewalt um⸗ fangen, und ſchon war ich, in Angſt und Verzweiflung mit ihm ringend, faſt ermattet, meine Haare zerrauft und meine Kleider zerriſſen; da plötzlich verließ ihn alle Kraft und alle Beſinnung; ich konnte mich loswinden und mich auf den nächſten Stein ſetzen, um von der äußerſten Erſchöpfung und dem heftigſten Herzklopfen zu verſchnaufen. Es wäre mir unmöglich geweſen, in dieſem Zuſtande auch nur einen einzigen Schritt zu thun, 10* — 220— ſo unheimlich mir auch in ſolcher Ungebung zu Muthe war. Ich hatte mich vollkommen überzeugt, der arme Mann war von Sinnen und ich grade zur böſen Stunde zu ihm herangetreten, um ihn vollends zu verwirren. Wenn er wieder zu ſich kain, bevor ich enffliehen konnte, wenn ich noch einmal in ſeine Gewalt gerieth,— dieſer Gedanke jagte das Blut von neuem heftiger durch mein armes Herz, und ich mußte nur um ſo länger wie gefeſ⸗ ſelt daſitzen. Glücklicher Weiſe lag er immer noch re⸗ gungslos vor mir, nur daß er manchmal wie aus einem ſüßen Traum einen Ausruf that und den bemooſ'ten Stein, den er in ſeinen Armen hielt, noch feſter an ſich drückte. Dies gab mir den guten Troſt, daß er wahrſcheinlich den Stein für mich hielt und mich alſo, ſelbſt wenn er aus dieſem Zuſtande erwachen ſollte, nicht ſogleich ver⸗ miſſen würde. Ich ermannte mich nun allmälig von meiner Angſt, und ſchlich leiſe in das Eremitenhäuschen, deſſen Eingang zu meiner großen Freude auf der abgewendeten Seite war. Hier brachte ich Haare und Kleider, ſo gut es möglich war, wieder in Ordnung, und entfernte mich darauf zuerſt mit Vorſicht, dann im ſtärkſten Lauf, indem ich meiner ſelbſt nicht mächtig blieb, denn es war mir immer, als hörte ich ſeinen verfolgenden Fußtritt hinter mir, und zuletzt lief ich vor dem Rauſchen meiner eigenen Füße in Gras und Laub. So ſtürzte ich athemlos in die Geſellſchaft, die zum Glück nur aus den ge⸗ nauſten Freunden beſtand, und mußte mich nun noch ein⸗ mal in den Armen meines Vaters, unter der Sorge meiner Mutter und einer Freundin von meiner neuen Aufregung erholen. Man hatte mich anfangs nicht vermißt, weil alles gehörig gepaart und genug unter einander beſchäftigt, den Wieſen zugeſchlendert war, mich aber für heute ſchon als Zugvogel kannte, der ſich bald hier bald dort un⸗ vermuthet ſehn ließ und nach Gelegenheit wieder ver⸗ ſchwand. Angekommen jedoch und im Graſe zuſammen⸗ gelagert fand ſich die Geſellſchaft unvollzählig; und nach⸗ dem eine Weile allerhand Scherze umgegangen, trat endlich, beſonders bei meiner Mutter, Bedenklichkeit und Beſorg⸗ niß ein, obgleich niemand zu ſagen wußte, was in die⸗ ſem Park nur irgend für eine Möglichkeit der Gefahr vorhanden wäre. Sie können ſich denken, wie das Lager aufgeſchreckt wurde, als man mich plötzlich in dieſem Zuſtande der Verſtörung und Angſt mitten unter ſich ſah, und es waren viele ängſtlich genug nun auch ſich ſelbſt verfolgt und gefährdet zu ſehen. Mein guter Vater unter andern ſoll ſich ernſtlich mit ſeinem ſpani⸗ ſchen Rohr gegen den Feind ausgelegt und erſt nach und nach zu mir zurückgekehrt ſein, um den Frauen bei⸗ zuſtehn, die um mich beſchäftigt waren. Als ich endlich alles erzählt hatte, überließ er mich der Geſellſchaft, um ſelber nach dem Doctor zu ſehen und etwa nöthig erſcheinende Maßregeln anzuordnen. Allein er fand ihn nicht mehr dort; auch wußte niemand zu ſagen, wo er geblieben ſei, bis wir ihn ſpäter in Fürſtenberg wieder⸗ ſahen und allerdings eine nicht geringe Veränderung in ſeinen Zügen zu entdecken glaubten. — 222— Kurz darauf war ein Ball. Ich wagte wegen jenes Vorfalls in Park und aus Beſorgniß einer Erneuerung nicht Theil zu nehmen und dieſe Enthaltſamkeit hab' ich immer geſegnet, denn gerade an jenem Abende befiel ihn die Krankheit von neuem und zwar unmittelbar nach einem höchſt ſeltſamen Geſpräch mit dem Advokaten Blom, welches dieſer meinem Vater in ſeiner ganzen Ausdehnung mitgetheilt und woraus wir leider den Schluß haben ziehn müſſen, daß er wie alles andere, ſo nun auch ſeinen Wahnſinn bereits an einen feſten Ort in ſeinem Geiſte geſtellt und ihn ſich ſo nur noch mehr zu eigen gemacht habe. O der arme, arme Mann! Aber nun, mein liebes Fräulein, wollen wir auch keinen Augenblick verlieren, um wenigſtens Ihr Uebel ſo viel als möglich zu heben, da wir dort alle Hoffnung verlieren. Sie müſſen auf längere Zeit verreiſen. 12. Der Aufgeregte. Dies iſt der längſt beſchworne Geiſt, Der mich nun mächtig zu ſich reißt. Dies ungefähr iſt die Unterredung des Arztes mit unſerer Minna. Und nun ſchlaf wohl, lieber Ed⸗ mund, denn das Uebrige weißt Du, was Du aber träumſt unter meinem Dach das behalte, denn es wird wahr — 223— weil es an dieſem Orte deine erſte Nacht iſt. Du haſt mich redlich gequält, es ſollte mich wundern, wenn ich nicht morgen eine Heiſerkeit bekäme, und ganz mit Unrecht widerfährt mir dieſes Ungemach, denn wer anders hätte eigentlich von Rechtswegen erzählen müſſen, als der Fremdling, der aus der weiten Welt zu uns kommt, zu uns, die wir einen Tag wie den andern hin⸗ leben und Philiſter ſind. Schlaf wohl! Ich habe nur noch eine Frage zu thun. Sag⸗ teſt Du nicht vorhin, der Doctor Jonathan ſei damals bei ſeinem Beſuch in dieſer Stadt Dein Gaſt geweſen? Freilich iſt er das geweſen. Nun, wie konnte er denn da dem alten Düpen ſpur⸗ los verſchwinden, der doch wohl wiſſen mußte, daß er hier gewöhnlich Herberge nähme. Wir fuhren den Abend noch im Mondſchein über den See auf den Landſitz meines Freundes Rumpel. Mit dem Doctor, mit dem geiſteskranken Manne noch denſelben Abend des Pfingſtſonntags? Ja, lieber Edmund, denſelben Pfingſtabend. Der Mond ſtand im erſten Viertel, die Sterne groß und mächtig daneben, er ſelber ſchien mit ihnen nur wie ein größerer Stern aus dem tieferen Blau des unteren Himmelsgewölbes wieder. Denn dieſen wunderlichen Abend war die Kugel voll, oben wie gewöhnlich und unten wiedergeſpiegelt aus dem weitgeglätteten See, den kein Ruder und kein Segelwind bewegte, ſo lange der Fiſcher mit ſeiner Stange den feſten Grund erreichen und uns gemächlich weiterſchieben konnte. Endlich ſetzte er ſich, nahm die Ruder zur Hand und zerſchlug den unteren, poetiſchen, ſchönſten Himmel im unbarmherzigſten Tacte. Ein tiefer Seufzer drang aus der Bruſt des guten Jonathan: O göttlich Bild des ſchönſten meiner Träume, Zerbrochen für den menſchlichen Gebrauch! Weilt, weilt, ihr mehr als himmliſch ſchönen Räume! O Glückes Traum! o holden Zaubers Hauch! Wir hörten ſtaunend und nur mit halbem Verſtänd⸗ niß den Erguß ſeines bewegten Herzens, und fanden ihn ſonſt ganz vernünftig, denn wenn er in ſich gekehrt und wie an einer innigen und bedeutenden Erinnerung zehrend daſaß, ſo konnte das die mannigfaltigſten un⸗ ſchuldigſten und erfreulichſten Urſachen haben. Erſt ſpä⸗ ter ſetzten mich die verſchiedenſten Nachrichten in Stand die Erfahrungen dieſes Abends mit der eigentlichen Ge⸗ ſchichte ſeines Seelenleidens in gehörige Verbindung zu bringen. Und mun, gute Nacht!— Du biſt heute Abend, wie die Pythia, unwillig aber fähig zu den tiefſten Orakel ſprüchen, und ſo will ich Dich denn auch nicht loslaſſen, bis Du mich völlig befriedigt, ich will Dich zwingen, wie Alerander die Prieſterin. Gut, ſo will ich Dir auch antworten, wie jene, was Du doch eigentlich nur wiſſen willſt. Du biſt unwider⸗ ſtehlich, und nun laß mich in Ruhe, wie Alerander auch that. Nein, das iſt unmöglich. Dein Orakel nehm' ich — zwar an, allein es liegt mir nichts daran, wenn Du mir nicht ſagſt, wo ich Minna von Düpen finden, ſehen, ſprechen, kennen lernen kann. In Fürſtenberg, und nun, in des Satans Namen, gute Nacht! Lieber, guter, dicker Herzensfreund, jetzt werd' ich gleich alles wiſſen, was mich zweifelhaft machen und im Schlaf ſtören könnte, bitte, wache nur noch zwei Mi⸗ nuten! Iſt ſie jetzt da? kann ich ſie morgen wohl an⸗ treffen? morgen? nein, ich meine heute, denn es iſt gleich um zwei oder gar ſchon ſpäter, werd' ich ſie heute noch ſehen? iſt ſie wieder hergeſtellt aus jenem unſeligen Zuſtande, in dem ſie ſich ſelbſt beſchrieb? lieber Wil⸗ helm, ſag mir nur noch dieſes Eine was ich Dich eben gefragt habe. Du wirſt alles können was du wünſcheſt, nur wird ſie heut Mittag von Fürſtenberg— berg⸗abreiſen, morgen— übermorgen— morgen— Was ſagt er? ich hör' ihn ſchnarchen, er ſetzt nichts mehr hinzu. Aber ſie wird abreiſen,— und damit erhob ich mich,— heut Mittag wird ſie abreiſen,— ich war mit einem Fuß aus dem Bette,— wenn ich die Schnellpoſt,— ſie geht um drei,— hier war ich ſchon im beſten Ankleiden,— wenn ich die benutzte, ſo käm' ich noch zeitig genug zu einem Morgenbeſuch— jetzt fehlten nur noch die Stiefel, und es vergingen kaum einige Minuten, ſo ſteuerte ich völlig reiſefertig vor dem friſchen Morgenwinde die Straße hinunter auf die Poſt — 226— zu, mit Herzklopfen zwar, aber doch gehoben durch eine freudige Selbſtzufriedenheit über mein entſchloſſenes Be⸗ ginnen. Ich war noch einige Schritte vom Wagen, da blies der Poſtillon, meine Schritte beflügelten ſich, eiligſt hatt' ich bezahlt, und kaum ſaß ich feſt in meinem Sitz, ſo ſprengte der rüſtige Poſtzug zum Thor hinaus. Sechstes Dutzend. Die beiden Maͤdchen. 1. Die Schnellpoſt. Durch der Leute Mund Wird die Wahrheit kund; Und wenn ſie ſie noch ſo ſehr verdrehn, Es kann ſie der Kluge gar wohl verſtehn. Wie es zu gehn pflegt, wenn lauter Unbekannte und noch dazu bei Nacht zuſammen in die Poſtkutſche ſteigen, ſo ſaßen wir eine Weile ſtumm, jeder in ſeine Gedanken berloren, da. Die Gemüthsbewegung der Uebrigen iſt mir nicht bekannt geworden, die meinige war eine Fort⸗ ſetzung jenes ſelbſtzufriedenen Wohlgefallens, welches mei⸗ nen raſchen, unhöflichen Aufbruch begleitete. Es ging mir wie den Kindern, ein phantaſtiſcher Wunſch hatte das ganze Gemüth eingenommen, und es fragte ſich nur, wie iſt er auf der Stelle zu erfüllen? Ob die Ueberſtürzung zum Zweck führen, ob nicht das Weſentliche dabei verſäumt werden würde, wie ich z. B. jetzt aller Empfehlung und Einführung entbehren ſollte, das kommt durchaus nicht in Anſchlag, und die Looſung iſt die: gleich gewährt iſt doppelt beglückt! Außerdem lag noch etwas Dämoniſches, ein Zug des Schickſals in dieſem ausſchweifenden Entſchluß. Ich wußt' es wohl, daß keine Vernunft darin ſei, aber dennoch, als zög' es mich bei den Haaren in die Höhe, als richtete mich ein Maſchinenwerk aus dem Bette auf, wie ein Nachtwandler im wachen Traume verfährt, handelt ohne zu denken, ausführt ohne zu beſchließen, ſo ging alles von Stat⸗ ten, und ich hatte wirklich Mühe, mich in meinem ver⸗ hängnißvollen Sitz als wohlbedächtigen Paſſagier, der in irgend einem honetten bürgerlichen Geſchäfte begriffen ſei, zu verhalten. Kaum waren wir jedoch einigermaßen zu einer Ge⸗ ſammtheit zuſammengefahren durch alles was wir an Ge⸗ rüttel, Dunſt, Zugluft, Schläfrigkeit, eignen Schlaf oder Naochbarsſchlaf gemeinſam erduldeten, als auch ſchon da⸗ mit eine gewiſſe Vertraulichkeit in die Gemüther unſerer Poſtkutſche einzog. In der Geſellſchaft befand ſich ein wohlbeleibter Schweinehändler, den ein dringendes Geſchäft geſtern Abend nach Reuſtrelitz und heute Morgen mit der Schnellpoſt nach Fürſtenberg zurückführte. Da ſolche Leute auf dieſer Straße ihr Geſchäft ins Große treiben und ganze Heerden der erdaufwühlenden Säue nach Berlin führen, ſo gehören ſie zu den Vornehmen, reiſen mit dem Eilwagen und kehren in den guten Gaſthöfen ein. Unſer männerbeherrſchende Sauhändler alſo wohnte auch in Fürſtenberg unter den Kindern der Glückſeligen und antwortete auf die gewöhnliche Frage eines Poſtrei⸗ ſenden, wie die nächſte Station hieße, angelegentlichſt redſelig: Fürſtenberg, meine Herren, woher ich geſtern Abend gekommen bin und wo ich noch in dieſem Augen⸗ blick im goldnen Hirſch auf Nummer dreizehn logire. Dicht nebenan, es muß auf zwölf oder auf vierzehn ge⸗ weſen ſein, paſſirte uns eine ſaubre Hiſtorie. Ja, es — weiß kein Menſch einen Vers draus zu machen, und ich ſelbſt bin mitten herausgereiſ't, weil mir in Strelitz en Schwein krank lag, nun, ich hab' es losgeſchlagen, aber die Geſchichte, eurios iſt ſie, meiner Treu, und immer mehr als'ne ſimple Hurerei. Ich ſage, es ſteckt was dahinter, eine Entführung, eine Gaunerei, Mord und Todtſchlag, was weiß ichs. Ja, ſo was kann einem paſſi⸗ ren, und ich wohne dicht daneben, wie geſagt, auf Nummer dreizehn. Vergreift ſich der Kerl, er war als Lieutenant verkleidet mit Säbel und Piſtolen, aber ich ſage, vergreift er ſich in der Thürklinke, meiner Seel' er konnte mir den Hals umdrehen, eh' ich mirs verſah, um des Lum⸗ pengeldes willen und das in einem civiliſirten Staat dicht an der preußiſchen Gränze. Der Kerl hatt' ein berwogenes Anſehn, der Schnauzbart konnte wenigſtens ſeine zehn Jahre denken und'ne Narbe lief ihm quer durch die Viſage, wie ein Feuerzeichen. Eine Narbe ſagen Sie und ein Lieut'nant war es? Ja, Herr, ein Lieutenant, Herr, und wenn Sie ſein Bruder wären, das muß ich ſagen, ein Lieutenant war es, wenn anders das Portepee ſein eigen iſt. Ich habe nichts mit ihm gemein, als daß ich geſtern mit ihm zu Mittag aß, und bin gewiß der letzte ihn zu vertheidigen, reden Sie immer frei heraus. Auch weiß ich es nicht, ſchließe aber aus Ihrer An⸗ gabe ſeines ſehr in die Augen fallenden Kennzeichens, daß es derſelbe iſt, der vorgeſtern Abend zu Penzlin im ſchwarzen Adler geſehen wurde, den ich darauf, eben⸗ — 232— falls unterwegs nach Strelitz, noch einmal antraf und ſeit geſtern Mittag nicht wiederſah. Ja, ja, ganz recht, der Wirth zum ſchwarzen Adler in Penzlin hat mir alles erzählt. Was mag er im Schilde führen und wo iſt er her? ob er wohl einen ordentlichen Paß hat? ich bin ein ehrlicher Mann und handle mit meinen Schweinen zum Nutzen des preußiſchen Staats und zu meinem Lebensunterhalt, aber es ſind ſchlimme Zeiten, und man weiß nicht, ſoll man ſich vor der Polizei fürchten oder vor den Spitzbuben, richtig iſt es nicht. Nun, wenn Sie es nicht wiſſen, wobor Sie Sich fürchten ſollen, ſo werden Sie's auch wohl keine Urſach haben. Laſſen Sie das alſo gut ſein, und theilen Sie uns lieber die Geſchichte von Nummer zwölf mit— Oder von Rummer vierzehn, wie geſagt, ich weiß es nicht, aber nebenan war es, das ſteht feſt, meine Herrn, nebenan. Alſo, meine Herrn, im goldnen Hirſch, wie geſagt, da war es. Wir ſaßen juſt beim Kaffee, Leute genug, muntre Leute,'s war auch ein Lärm als wären's Frauenzimmer geweſen. Mit einem Mal— ſchnurr— fährt ein Wagen dazwiſchen, nicht ſelbſt in die Stube, nur mit Geraſſel; es iſt ſtill. Der Lieute⸗ nant, ſo will ich mal ſagen, ſprang heraus und drin in der gelben Kaleſche ſaß ein hübſches junges Weibsbild, das der Kerl, der von rammaſſirter Statur war, wie ein Kind erſt auf den Arm hob und dann auf die Schwelle des goldenen Hirſches niederſetzte. Sie gingen herauf, als hier, links auf Nummer dreizehn, wohne — 233— ich, rechts nebenan ſchließt ihnen der Kellner das zwei⸗ ſchläfrige Zimmer auf. Denn er meinte, es müßte Mann und Frau ſein, aber fehlgeſchoſſen! es hat ſich ausge⸗ wieſen. Sie bekommen ihren Kaffee, darauf bedeutet der Lieutenant den Kellner, ſie wollten etwas Nachmit⸗ tagsruhe halten und einige Stunden ungeſtört ſein. Gut, ob ſie gebetet haben weiß ich nicht, genug der Kellner kam zu mir herüber und ſagte mirs, es wären wohl ein vaar junge Leute, meinte er, die die Hochzeitsreiſe zu⸗ ſammen machten, wie's gegenwärtig in die Mode käme, und damit ſtieg er lachend hinunter. Es dauerte auch wirklich einige Stunden, da fuhr wieder ein Wagen vor, aber diesmal eine Poſt mit vieren und doch ſaß nur ein einziger alter, dürrer, ſchwarzköpfiger Paſſagier drin. Er kannte die Leute des vorigen, rief ſie heran, befahl dem Kutſcher einzuſpannen und dem Bedienten ſeinen Flaſchenkeller auf ſein Zimmer zu tragen. Nun hatten die beiden auf Nummer zwölf— Oder vierzehn— Oder vierzehn die längſte Zeit gehabt, der alte Brummbaß mußte was zu ſagen haben. Es dauerte lange, eh der Lieutenant aufmachte und er warf dem Bedienten einen Eſel nach dem andern an den Hals. Darauf kam er heraus, gab dem armen Kerl ein paar Maulſchellen, und ich hörte es ganz deutlich, wie er in die Stube hineinrief: In einer Viertelſtunde bin ich wieder bei Ihnen, und wenn der Teufel ſelbſt der Au⸗ dienzgeber wäre. Es wurde nun eine Weile ruhig, nur daß der Bediente leiſe an die Stubenthür der Dame — 234— ſchlich und den Schlüſſel umdrehte, ſo daß ſie eingeſperrt war. Dies hatte der Kellner zwar geſehn, aber er dachte ſich nichts dabei, denn er wußt' es nicht, daß noch je⸗ mand drinnen war. Der Wagen ſtand vor der Thür, den beiden Herren wurde einiges zum Wein gereicht, bezahlt war im Voraus, ſie ſpeiſtten, hieß es, unten rechts hart neben dem Thorweg, dunkel war es auch ſchon; und ſo hatten nur der Wirth und der Oberkellner es bemerkt, als der alte Herr mit Hülfe des Bedienten den ſogenannten Lieutenant geknebelt und gebunden an Händen und Füßen in die Kaleſche getragen, und— auf und davon im vollen Sprunge! Nun gab es einen Heidenlärm, im ganzen Hauſe rannte alles durcheinander, alle Thüren flogen und knallten, unten kam frend und einheimiſch, alles durcheinander zuſammen, Polizei und Gericht und dann ging es zuerſt in das Zimmer rechts neben der Hausthür wo ſie geſpeiſtt hatten. Zwei Flaſchen heller Wein ſtanden auf dem Tiſch, der Sergeant nahm ſie gleich in Beſchlag und der Wirth ließ noch ein Glas bringen für den dritten Mann, der das Protocoll ſchrei⸗ ben ſollte. Darauf ſetzten ſie ſich nieder und ſchickten uns hinaus, der Wein mußte aber verteufelt ſtark ſein, denn ſchon während ſie den Kellner verhörten, gleich im Anfang ihrer Unterſuchung ſchliefen ſie einer nach dem andern ein, zuerſt der Sergeant, welcher das größte Glas hatte, dann der Wirth und nun trank auch der Protvcollführer ſo viel bis er genug hatte. Der Kell⸗ ner hätt' es wahrſcheinlich auch noch gethan, allein er wurde gerufen und erzählte nun mit großem Jubel, daß — 235— die Herren ſich alle drei unter den Tiſch gezecht, und zwar gleich bei der erſten Flaſche. Gut, alſo der Lieu⸗ tenant wurde entführt und die Polizei, die ihm nach⸗ ſetzen ſollte, ſchlief. Ob ſie abgeſetzt worden, weiß ich nicht, aber das weiß ich wohl, hängen ließ ich ſie alle drei, wär' ich Bürgermeiſter in Fürſtenberg. Iſt das 'ne Ordnung? iſt das ein Regiment? Wer kann es ge⸗ weſen ſein? müßte die Polizei es nicht wiſſen? Was für Verbrechen können ſie nicht alle Tage und alle Nächte ausführen, wenn die Polizei betrunken unterm Tiſch liegt? Ja, Sie haben gut lachen, meine Herren, aber ich will Sicherheit im Wirthshauſe haben, ich wohnte dicht darneben. Und das Frauenzimmer, haben Sie von dem weiter nichts gehört? Bald hätt' ichs vergeſſen, das iſt noch der ärgſte Skandal. Mußten Sie die nicht zu allererſt ins Ver⸗ hör nehmen? aber nein, ſie fand noch Helfershelfer. Die Wirthin, eine junge hübſche Frau, hat ihr eine Rolle Gold und einen Brief von dem alten Gauner gebracht, darauf ſollen ſie alle beide gejammert und ge⸗ weint haben und es dauerte nicht lange, ſo zogen ſie ebenfalls ab wie die Katze vom Taubenſchlag, man wußte nicht wohin. Ich mußte fort, eh die Wirthin des Hotels wieder da war und eine Seele im Hauſe nur gewußt hätte, wo ſie ſtecken möchte. Unterdeſſen ver⸗ lautete doch ſo viel, daß das junge Frauenzimmer nicht ſeine Frau iſt, ſondern, nun ja, was denn ſonſt? Das Einzige, was ich ſonſt noch in Erfahrung gebracht, iſt bon dem Wirth aus dem ſchwarzen Adler in Penzlin, der mir erzählt hat, daß der eigentliche Spitzbube muth⸗ maßlich der Alte ſei, denn dieſer ſei ſchon vorgeſtern bei ihm im Hauſe von demſelben Lieutenant arretirt worden, an dem er ſich nun wahrſcheinlich fürchterlich rächen würde, denn der Ambos, wenn er ſo ſchnell zum Hammer würde, fiele gemeiniglich ſchwer nieder. 2. Im goldnen Hirſch. Mein thörigt Herz, mit wilden Schlägen Springſt du nicht aus des Schickſals Wegen; Denn was es will und was es thut, Ihm dient, nur ihm dein raſches Blut. Wider Erwarten fand ich mich durch den redſeligen Reiſegefährten unterrichtet in einer Angelegenhelt, die noch vor wenig Stunden meinem Herzen am allernäch⸗ ſten lag, und ſelbſt in dieſem Augenblick, wo ich ſo ſehr von andern Eindrücken und phantaſtiſchen Hoffnungen beherrſcht wurde, gerieth ich in nicht geringe Aufregung durch die verſchiedenen Vermuthungen und Befürchtun⸗ gen, welche bei dieſen Nachrichten erwachten und theils das Schickſal der unglücklichen Emma, theils mein eignes betrafen. Ich mußte ſie wiederſehen, ich mußte ihr meinen Beiſtand gewähren, wenn ſie deſſen bedurfte; aber Minna, meine geheimen Wünſche und das eigent⸗ liche Ziel meiner Reiſe, wenn ich ihre Bekanntſchaft nun k 8 wirklich machte, wozu im Grunde wenig Ausſicht war, was mußte ſie von mir denken? wie ſollte ich ihr dieſes Verhältniß als unverdächtig darſtellen? und wenn es auch noch ſo unverdächtig geweſen wäre, ich wollte ja eben kein Verhältniß haben, wollte ganz ohne fremd⸗ artige Geſchäfte ſein und nichts anders zu ſorgen und zu denken haben, als lediglich die Möglichkeit der Kö⸗ nigin meiner Gedanken mich zu nähern. Die Mißlichkeit meiner Lage fiel mir ſchwer auf die Seele. Zur un⸗ glücklichen Stunde war ich abgereiſ't, um grade in den Siedepunct dieſer Vorfälle zu kommen und durch jedes neue Gerücht darüber in meinem Gewiſſen gemahnt zu werden. Wie thöricht, ſo hineinzuſtürmen! und hätt' ich nur wieder umkehren können! Rath, Ueberlegung und Hülfe, alles hatt' ich in Strelitz zurückgelaſſen, als ich wie ein Nachtwandler aus dem Bette ſprang, um rück⸗ ſichtslos meinen Phantaſieen nachzulaufen. Der Wagen raſſelte fort, nun war es geſchehen, und ich litt es am Ende nicht ungern, daß ich mußte, denn ich empfand es ja, was dabei herauskam, wenn ich mei⸗ nen eignen Kopf gebrauchte. So zwiſchen Wollen und Richtwollen, recht in Gefühl jener Bodenloſigkeit, wel⸗ ches den Menſchen anzuwandeln pflegt, wenn er ſich ſelbſt aus dem natürlichen Laufe der Ereigniſſe heraus⸗ geriſſen, mismuthig und halb im Traume von Emma und ihrem vermuthlichen Schickſal, fühlte ich den Stoß der beendigten Fahrt. Zwei Paſſagiere bleiben da, ſechſe ſind drin. Dieſer Ruf ſetzte ſich bis in die Küche, das Aller⸗ — heiligſte des Gaſthauſes, fort durch den Mund der zahl⸗ reichen Dienerſchaft, die herbeigeſtürzt war, um unſere Bedürfniſſe und nach denen ihren Verdienſt zu ſchätzen. Ich hatte meinen Entſchluß gefaßt, mich aller Beob⸗ achtung bald zu entziehn und auf einem einſamen Zim⸗ mer ſo viel als möglich unbemerkt zu verweilen, denn dieſer Zuſtand ſchien mir dem am nächſten zu kommen, welcher bei gänzlicher Abweſenheit von hier ſtattgefunden haben würde und ohne Zweifel der wünſchenswertheſte war. Nur wollt' ich mich auf unverdächtige Weiſe bei der Wirthin nach unſerer Emma erkundigen, um zu er⸗ fahren, ob ich ihr beiſtehn müßte oder ob es vielleicht nicht erforderlich ſei. Ich war noch mit dem Frühſtück beſchäftigt, als der Burſche mir ſchon ankündigte, daß Madame mich in ei⸗ ner Viertelſtunde ſehr gern empfangen würde. Als ich 3. zu ihr ins Zimmer trat, kam mir eine junge ſehr wohlbeleibte Frau entgegen und hieß mich freundlich und vertrauter, als ich erwartet, niederſitzen. Ich begann: Eine Nichte von mir iſt geſtern dieſes Weges nach Berlin gereiſ't(hier ſchilderte ich eine Brünette, wäh⸗ rend Emma blond iſt), ſollte dieſelbe vielleicht bei Ih⸗ nen eingekehrt ſein, ſo würde es mich doch ſehr inte⸗ reſſiren, mich davon zu überzeugen, daß entweder das geſtrige Abentheuer nicht ſie betroffen hat oder daß ſie gegenwärtig in guten Händen iſt. Das Fräulein, von dem Sie reden, war keine Schau⸗ ſpielerin? —— Nein, das nicht. Nun ſo iſt auch das geſtrige Abentheuer nicht ihr, ſondern einer andern begegnet, wie ich auch ſogleich aus Ihrer Beſchreibung abnahm. Indeſſen, mein werther Herr, Sie ſcheinen doch mit den Perſonen, die geſtern bei dem Vorfalle in Thätigkeit waren, einigermaßen be⸗ kannt zu ſein, wenigſtens höre ich, daß Sie mit dem treuloſen Lieutenant noch geſtern zu Mittag geſpeiſt haben, und da werden Sie Sich erinnern, daß eine Schauſpielerin, ein alter Herr und ein junger Doctor mit zu Tiſche waren, ſo erzählt mir die gute Emma ſelbſt, denn ſo heißt ſie, und nit vielen Thränen hat ſie es beklagt, daß ſie nicht den Schutz des Doctors dem ihres verrätheriſchen Pflegbruders vorgezogen. Der Lieutenant nämlich iſt ihr Pflegebruder. Hiebei ſah ſie mich ſcharf und ſchalkhaft an, und bei ihrer eben darge⸗ 5 * legten Kenntniß der Sache fehlte es nur noch, daß ſie mich gradezu einen Lügner genannt hätte, denn ich ſah nun wohl ein, ich war durch den redſeligen Sauhändler hinlänglich verrathen. Bei Ihrer Bekanntſchaft mit allen dieſen Verhält⸗ niſſen, meine verehrte Frau, wäre es thöricht, wenn ich auf einem Incognito beſtehn wollte, welches keins mehr iſt. Denn ich ſehe, Sie wiſſen es, ich bin der Doctor Edmund, und intereſſire mich für die gute Emma aus den Ihnen bekannten Gründen. Ja, was werden Sie ſagen und was miüſſen Sie ſagen? hier ſeufzte ſie tief auf. Es iſt ein ſchändliches Verfahren, es iſt unerhört. Lieber junger Mann, bedenken Sie, er iſt ihr Pflege⸗ bruder.(Sie meinte, ich ſchölte das Mädchen.) Er verdiente eine ſcharfe Klinge in ſein verrätheri⸗ ſches Herz. Ach, Sie meinen den Axel. Ja freilich, zu ent⸗ ſchuldigen iſt er nicht. Aber wie die Männer nun ein⸗ mal ſind. Giebt man ihnen den kleinen Finger, ſo neh⸗ men ſie gleich die ganze Hand. Das arme unerfahrne Ding, die Unſchuld ſieht ihr aus den Augen, freilich ſie hätte ihn kürzer halten müſſen. Wir habens ihr genug geſagt, ich ſowohl als Minna, eh der Prieſter ſeinen Segen geſprochen, für nichs in der Welt. Ver⸗ ſprechen iſt ehrlich, aber halten beſchwerlich. Keinem Manne kann man über den Weg trauen. Mich dauert das arme Ding, die Emma. Sie ſagte mirs wohl, daß Sie hier noch durchkommen müßten und trug mir auf, wenn Sie nicht gar zu böſe wären, ihr doch ja eine Unterredung mit Ihnen zu verſchaffen. Vielleicht wären Sie im Stande, zu ihrer Wiederherſtellung durch den Lieutenant mitzuwirken. Führen Sie mich zu ihr, bitte, führen Sie mich gleich hin, ich ſtehe ganz zu ihren Dienſten. Ich bin nicht ſpitzfindig in dieſen Dingen und weiß es nur zu gut, wer der ſchuldige Theil iſt. Dieſer Axel— ich kenne ihn genug, obgleich ich noch nicht Alles weiß. Freilich wenn ſie meint, er würde ſeinen Fehler wieder gut zu machen geneigt ſein, da iſt wenig Hoffnung. Wir müſſen nach Berlin, ja, ja,— nun wir werden ſehn. — 241— Run, ſo halten Sie Sich bereit. Ich will uns mel⸗ den laſſen und Sie, ſobald wir die Erlaubniß haben, hinüberführen. Hier machte ſie mir eine Verbeugung und verließ mich. 3. Bei ihr. Wie! den Verführer, dieſen Don Juan! „Er hat's ja doch aus Liebe nur gethan.“ Mit der größten Ungeduld ſchritt ich völlig zum Beſuch gerüſtet in meinem Zimmer auf und nieder. Da war ich nun im beſten Zuge, eine Angelegenheit eifrig zu verfolgen, die meinen eigentlichen Zwecken fremd, ja feindlich war, und ich mußte nur wünſchen raſch hineinzukommen, um ſie je eher je lieber abzuthun, um dann frei zu meiner eignen zurückzukehren. Endlich wurd' ich gerufen. Man müſſe den jungen Midchen immer Zeit zum Putz gönnen, bemerkte meine Wirthin, reichte mir ihren gewichtigen Arm und führte mich in ein benachbartes ſtattliches Haus. Im Vorzimmer, wo uns Niemand empfing, ließen wir Hut und Mäntel, dann öffnete ſich die Thür, und auf dem purpurnen Ruhebett, wie es mir ſchon auf dem Strelitzer Markt erſchienen war, ſaß Emma neben ihrer Beſchützerin. Zu dieſer führte mich die Wirthin mit den Worten: Der Herr Doctor, dem Fräulein von 11 — 22— Düpen die Erlaubniß ertheilt, ſich hier mit unſerer Freundin zu ſehn. Dieſe Nachricht ſtürzte mich in die größte Verwir⸗ rung: ich erröthete einmal über das andere und beſann mich vergeblich auf ein hülfreiches Wort. Sie mußte mich zuerſt anreden. Sie ſagte: Sie ſind uns willkom⸗ men und ſehr erwünſcht, ja unſere einzige Hoffnung, und nach allem, was ich von Emma höre, iſt nun ſchon unendlich viel gewonnen, da wir Sie wirklich bei uns ſehn. Laſſen Sie uns wie alte Bekannte mit einander verkehren, da wir Mädchen das Beſte von Ihnen wiſſen und Männer ſich ja leicht zu finden pflegen. Ich bin— ich habe— ein Freund von mir, der Hofrath Wilhelm in Reuſtrelitz, bei dem ich vorſprach, hat auch mich ſchon im Voraus auf dieſe Zuſammenkunft vorbereitet, die mein günſtiges Geſchick mir ſo überra⸗ ſchend veranſtaltet, denn er ſprach recht viel und mit Begeiſterung von Ihnen. In der That? nun, die muß ihm hübſch zu Ge⸗ ſichte ſtehn, denn er pflegt ſich mehr für Kälberbraten und Wein, als für mich und meines Gleichen zu inter⸗ eſſiren. Indeſſen Schlimmes wird er nicht geſagt haben, er iſt mir nicht böſe, und ſeine Späße laß ich mir gern gefallen. Wir wollen uns alſo gegenſeitig zu den Vorreden unſerer Freunde über uns Glück wün⸗ ſchen und dem Himmel überlaſſen, was er mit unſerer Bekanntſchaft nun weiter vorhat. So legte ſie mir den Muth in die Seele und die Leichtigkeit in die Gedanken; ich erinnerte mich lebhaft — 243— an den Doctor Jonathan, der es ebenfalls geſtand, im⸗ mer erſt durch ihr Zureden aus der Befangenheit ge⸗ riſſen zu ſein. Es war mir gleich, als hätte ich ſie ſchon Jahre lang gekannt und ich dachte bei ihren Wor⸗ ten: wie ähnlich ſieht es ihr, was ſie da ſagt, während ich hätte denken ſollen, wie wahr hat der Hofrath be⸗ richtet. Es war mir die größte Glückſeligkeit, die ich je empfunden, ihr in die offenen geiſtvollen und unbe⸗ fangenen Augen zu ſehn, und mit großer Freude machte ich die Bemerkung, daß alle Spuren des Kummers aus ihren Zügen verſchwunden und eine völlige Heiterkeit wiedergekehrt war, nur daß ſie vielleicht ein wenig mehr über ihre ausgelaſſene Laune Herr geworden ſein mochte. Nun, meine liebe Emma, fuhr ſie dann fort, wollen wir zuerſt unſerem Ritter einige Erfriſchungen anbieten und ihn dann ſogleich auffordern, Schild und Lanze für uns zu ergreifen. Mit tauſend Freuden auch ohne Erfriſchungen. Mein Eifer iſt ſo groß, daß mich in dieſer ganzen Sandwüſte bis zur Hauptſtadt kein Durſt anfechten und in derſelben die Woffen ſämtlicher Huſaren mir meinen Zorn nicht vertreiben ſollten. Nun, ſo eigentlich iſt es nicht gemeint, ich ſprach nur im Gleichniß und verwahre feierlichſt mein Gewiſſen, daß ich Sie weder in Durſt⸗ noch in Lebensgefahr zu ſetzen geſonnen bin. Erlauben Sie mir den Beweis, und damit reichte ſie mir ein Schälchen mit geſchnittenen Apfelſinen und einen Becher ſüßen Weines. — 244— Ich lachte über meinen ungeſchickten Eifer, gerieth aber zugleich auf den beſorglichen Gedanken, daß die Laune dieſes Mädchens meinen hausbackenen Gemüths⸗ zuſtand aufs empfindlichſte dominiren und ich ihr alſo nichts und auf jeden Fall viel weniger bieten würde, als der tiefſinnige Jonathan. Dann tröſtete ich mich zwar mit der Erinnerung, daß ich ſonſt in unbefangenen Aygenblicken zu ganz ähnlicher Gemüthsbewegung fähig und geneigt ſei, auch dieſes platoniſche Spiel auf dem Gipfel der Erkenntniß für die göttlichſte Verfaſſung hielte;— allein wie ſollte ich hier mich befreien aus den Feſſeln der verliebten Verſchämtheit? und wenn dies der einzige Ausweg ſchien, ſo mußt' ich doch auch wieder nothwendig verliebt bleiben.— Ich ſchwieg und trank. Da fiel mir Emma in die Augen mit ihrer erneuer⸗ ten Schwermuthsmiene. Armes Kind! und ich hatte Deiner noch faſt gar nicht gedacht in meinem bodenloſen ungeduldigen Eigennutz! Ich erhob mich ſchnell, trat vor ſie hin und ſagte mit tröſtender Bemühung: Laſſen Sie mich dieſen Wein nicht austrinken, ohne ihn dem aufrichtigſten Wunſche meines Herzens zu widmen, daß Ihre Kränkung durch die glänzendſte Genugthuung, Ihr Kummer durch die reinſte Freude vertilgt werde. Das iſt auch unſer Wunſch, fiel Minna ein, und, was noch mehr ſagt, unſere Hoffnung. Ein ſchwaches ungläubiges Lächeln flog über das Geſicht des verlaſſenen Mädchens, ſie dankte mit einer Verbeugung, geſprochen hatte ſie noch nichts und ſchwieg auch jetzt noch beharrlich und in ſich gekehrt. Verehrteſter in dieſem Kreiſe rühmlichſt bekannter Herr Ritter, die trübe Stimmung meiner Freundin, in deren Dienſt Sie Sich widmen, ſcheint ſich auch Ihrer empfänglichen Seele bemeiſtern zu wollen, und da ich das weiche Gemüth unſerer Frau Gaſtwirthin aus Er⸗ fahrung kenne; ſo muß ich befürchten, meine ganze Ge⸗ ſellſchaft geräth in eine elegiſche Verfaſſung, obgleich unſere Angelegenheiten nichts weniger als verzweifelt, Ihre Wirthin aber, meine lieben Gäſte, in der aufge⸗ räumteſten Stimmung iſt, und das mit vollem Rechte. Denn ich bitte Sie, liebe Freundin, erzählten Sie nicht ſelbſt, man habe den Lieutenant geknebelt und gebunden in die Kaleſche geſchleppt oder vielmehr, was mir wahr⸗ ſcheinlicher iſt, im Schlafe, denn ſind nicht die Leute, welche von der angebrochenen Flaſche getrunken, ſogleich eingeſchlafen, und war nicht der Wein aus dem Flaſchenkeller jenes räthſelhaften Oheims, des Kriegs⸗ rathes oder was er ſonſt iſt? Ha, was Sie ſagen! wie konnt' ich das alles unbe⸗ achtet laſſen! Ja, bei meinem Leben, er iſt unſchuldig, aber nein, er iſt doch ein Schur.., mir erſtickte das Wort im Munde, denn als ich es herausſtoßen wollte, ſah ich den ſchnellen Sonnenblick verdüſtert, der bei meinem erſten Ausruf über Emma's Angeſicht ſtreifte. Nicht wahr, fragte Minna nun ſchon weniger ſicher und in einem ernſteren Ton, nicht wahr, lieber Herr Doctor, er ſcheint auch Ihnen entführt und keineswegs verrätheriſch? Ich bin durchaus noch nicht geneigt zu glauben, daß unſere Freundin betrogen iſt, zumal da — 246— wir unmöglich ſchon heute Nachricht von ihm haben können. Denn wenn es ein Schlaftrunk war, woran doch wohl in keiner Weiſe zu zweifeln iſt, ſo ſind ſeine Wirkungen jetzt höchſtens ſeit einigen Stunden vorüber, ohne daß man eine ungewöhnliche Stärke anzunehmen hätte, und dann, rechnen Sie mal nach, wo kann der arme Mann ſich anders befinden als in Berlin oder dicht davor? Emma ſeufzte tief: Iſt es denn ſo weit? Alſo wirk⸗ lich, er könnte gewiß noch nicht wieder da ſein? Nein gewiß nicht, das iſt ausgemacht, ſagte ich, und eben ſo ausgemacht iſt es ferner, daß der alte Pe⸗ dant, ſein Oheim, Ihre Verbindung fürchtet und ver⸗ hindern würde, wenn er könnte. Das hat er mir mit dürren Worten ſelbſt geſagt(hier erheiterte ſich Emma's Auge wieder, ſie ſchlug es aber nieder, als ich hinein⸗ ſehn wollte). Aber, fuhr ich mit Widerſtreben fort, wir dürfen uns dennoch nicht gänzlich der Hoffnung er⸗ geben, denn ich hörte leider in Neuſtrelitz von meinem Freunde dem Hofrath gar niederſchlagende Geſchichten von einem zu ähnlichen Manne, als daß es ein anderer ſein könnte, obgleich allerdings auch wieder zweifelhafte Umſtände dabei waren. Und weitere Beſorgniſſe haben Sie nicht? rief ganz erheitert Minna von Düpen. Leider ſind ſie ſchlimm genug. Denn ſtellen Sie Sich vor, der junge Menſch, von dem ich rede, heißt ebenfalls Axel bon Raben. Die Familie iſt groß, und wer weiß, ob nicht der — 2— Oheim ſelber Arel heißt, und Sie alſo von deſſen Ju⸗ gendſünden gehört haben. Sie ſind leider nur fünf Jahre alt und das Schlimmſte iſt jene Schmarre im Geſicht, die ſie eben⸗ falls beide gemein haben. Unglücklicher Kundſchafter! aber warum ſind Sie denn da noch ungewiß? Jener Neuſtrelitzer iſt nach Südamerika gegangen. Nach Südamerika? der Bräutigam der luſtigen Chlotilde?. Ebenderſelbe. Ha, ha, ha! freilich, nun beſinw' ich mich wohl, der hieß Axel von Raben, aber Sie ſagen es ja ſelbſt, er iſt nach Südamerika gegangen oder vielmehr ausge⸗ wandert, weil er hier ſeines Lebens nicht ſicher war. Nun, da dächt' ich wären wir ziemlich ſicher vor ihm, ſelbſt wenn der unſtige auch eine Schmarre im Geſicht hat, was ja eben ſo ſehr ſelten nicht vorkommt. Und dann, verehrter Herr Doctor, auch jener Axel hat zu ſeiner Zeit ſeine Vertheidiger gefunden, und, ſoviel ich weiß, iſt nur das Gerücht gegen ihn geweſen, nie aber eine unbeſtritten treuloſe Handlung. Allerdings ja, ſagte ich, von dem einen gar nicht, von dem andern nur ſehr ſchwach überzeugt, denn Ver⸗ führer waren ſie immer beide, und ob nicht dennoch am Ende beide derſelbe? Zu meinem nicht geringen Aerger nahmen alle Frauenzimmer den leichtſinnigen grundſatz⸗ loſen Menſchen in Schutz; und es war als hätten ſie ſich verſchworen, alle Sünden gegen ihr Geſchlecht mit — 248— dem Begnadigungsrechte, welches ſie in ſolchen Fällen ſich beilegen, zu tilgen. Die Liebe der Männer kann nicht ſündigen, ſcheinen ſie ſagen zu wollen, und wenn ſie ja zu weit geht, nun, dann ſind es unſere unwider⸗ ſtehlichen Reize, denen ſie unterliegt. Iſt es da noch der Mühe werth, ſtrenge Grundſätze in Beziehung auf dieſes allzugütige Geſchlecht der Schönen zu befolgen, wenn ſie ſich zuletzt für Niemand lebhafter verwenden als für die ausgemachteſten Verführer? Ganz mismuthig über meine tölpelhafte Tugend, die mich eben weniger liebenswürdig zu machen ſchien, und nun zu meiner Er⸗ bitterung auf den Lieutenant auch noch eiferſüchtig, ſaß ich da mit finſterer Miene und war auf dem beſten Wege, Don Juan für den weiſeſten Mann zu erklären, als mich Minna mit folgenden Worten anredete: Nun, Herr Doctor, Sie vertiefen Sich ja ganz ins Nachdenken, was meinen Sie denn, daß zur Be⸗ ruhigung unſerer Freundin nun zunächſt geſchehn muß? Da die Damen ſämtlich aufs feſteſte von ſeiner eh⸗ renwerthen Geſinnung überzeugt ſind und in ſeinem bisherigen Betragen nichts Tadelnswürdiges finden kön⸗ nen, ſo wäre es doch unſtreitig das Allerthörichtſte, dem jungen Manne durch irgend einen Schritt von un⸗ ſerer Seite die Gelegenheit zu rauben, freiwillig Ihre gütige Meinung zu rechtfertigen und nach Umſtänden zu übertreffen. Wie vom Blitz gerührt errötheten alle beide bis an die Ohren, nur die grobkörnigere Wirthin fand ſich außer der Sache und merkte nichts. —— — 29— Ich dächte doch— man könnte doch wohl— ſtot⸗ terte Minna, und als ſie ſah, daß ſie im Grunde nichts vorzuſchlagen hatte, wenn ſie die Geſinnung des Lieutenants nicht verdächtigen wollte— ſchoß ſie einen bitterböſen Blick aus ihren großen blauen Augen hervor und ſchien ernſtlich mit meiner Folgerichtigkeit zu ſchmollen. Als ich ſchwieg, entſchloſſen meinen Vortheil bis aufs Aeußerſte zu behaupten und meine Verſchanzung erſt einem ernſtlicheren Sturme auszuſetzen, bevor ich ſie räumte, fand die Wirthin Gelegenheit, ihr Wort dareinzugeben, indem ſie bemerkte: Und ſtellen Sie Sich vor, mein liebes Fräulein, wie bitterböſe dieſer harte Mann auf den armen Arel ſein muß, denn er gelobte heute Morgen, wüthend wie ein Puter, ihm eine ſcharfe Klinge in ſein armes ver⸗ liebtes Herz zu ſtoßen. Nit einem Kreiſch des Entſetzens, als läge das Schlachtopfer ſchon zu ihren Füßen, ſank Emma ins Sopha zurück. Minna rannte nach ihrem Riechfläſchchen, die Wirthin ſtützte ihr die Hand in den Rücken und ich ſelbſt— ſaß wie Butter an der Sonne bei dem Unheil, welches mein gottloſer Rigorismus angerichtet. — 6250— 4. Ein Sonnenblick. Für jeden Scherz ein ſüßes Blickchen, Für jeden Spott drei Tage Groll; Spiel immerzu daſſelbe Stückchen, Zuletzt gefällts ihr, doch aus Moll. Als ſie ſich endlich bis zu Thränen erholt und ein hülfreiches Taſchentuch in die Augen gedrückt hatte, ſaßen mir alle drei mit den berſchiedenſten Zeichen des Unwillens gegenüber und erwarteten ohne Zweifel eine förmliche Abbitte, denn auch ſie ſchienen entſchloſſen zu ſchweigen und die Gewitterwolke ihrer Ungnade mit banger Schwüle über meinem frevelhaften Haupte feſtzu⸗ halten. Gedrückt und geängſtigt warf ich mich auf mei⸗ nem Stuhle hin und wieder, zu der gewiſſenloſeſten Nachſicht gegen den unglücklichen Zankapfel wäre ich fähig geweſen für den kleinſten Gnadenwink von Minna's ſchwarzer Wimper, für den leiſeſten Strahl der Huld aus dem huldreichen blauen Himmel ihrer Augen; aber wie ſollt⸗ ich den Unſchlag in den völlig bewußtloſen Frauenunſinn einleiten? Wußten ſie doch ſelber nicht was ſie wollten? Die Wahrheit?— wohl nicht, denn darum hatte ich mich ja bemüht. Eine Unternehmung von meiner Seite? aber welcher Art, wenn ſie nicht feind⸗ ſelig ſein ſollte? Erſt ſpäter habe ich die liebenswürdige Erfahrung gemacht, daß die Mädchen und Frauen ſich wohl berathen, aber nicht um die Berathung zum Re⸗ ſultat zu bringen, ſondern lediglich zum dialektiſchen — 231 Vergnügen, daß ſie zwar Gründe aufſuchen, aber nicht um darnach zu verfahren, ſondern lieber um das Ver⸗ gnügen zu haben, den Gründen, dieſen tyranniſchen Ge⸗ hülfen der Männer, zum Trotz ihren naiven Kinder⸗ willen ins Werk zu richten. Zu dieſer Lebensweisheit war ich damals noch nicht gediehen, ich rieb mir alſo lange vergeblich die Stirn, ſtrich die Haare, griff mir unters Kinn, und blieb dennoch feſtgefahren, wie ich war, und ohne ein armſeliges Wort, ſo ſehr ich dar⸗ nach ſchnappte, bis ich endlich heftig aus meiner Be⸗ klemmung auffuhr und mit dem Ausruf: Luft, Luft! den Gordiſchen Knoten des Unſinns noch unſinniger zerriß. Aengſtlich riß ich die Wirthin mit empor von ihrem Sitze und den Thränenſchleier von Emma's verweinten Augen, aber nur die ſchalkhafte Minna hatte den Faden der Komödie in ihren zauberiſch liebenswürdigen Händ⸗ chen, womit ſie nicht im Stande war, ihr Koboldsge⸗ lächter zu verbergen. Ich war der erſte, den ſie damit anſteckte, als ich meine abentheuerliche Haltung im Spie⸗ gel gegenüber und den Schreck der beiden andern Da⸗ men gewahr wurde. Nun ward die Heiterkeit allgemein, ich kam wieder zu einer leidlichen Zuverſicht und er⸗ klärte mich mit ziemlicher Gewandtheit folgender Geſtalt: Meine geſtrengen Gebieterinnen, Sie haben mich un⸗ erwarteter Weiſe auf den Dreifuß der Angſt geſetz, und im Schweiße meines Angeſichts(hier trocknete ich mir wirklich die Stirne) verkünd' ich Ihnen mein Orakel, das mich wahrlich keine verhaßte Klügelei und Folgerich⸗ tigkeit gelehrt, ſondern ein Orakel verkünd' ich Ihnen, — 252 das jede Dame und die ehrwürdige Pythia ſelber nicht zufülliger hätte geben können. Luft! Luft! ſagt die Stimme aus der Tiefe, laſſen Sie uns den Sinn er⸗ greifen, wenn es kein Frevel iſt, und ich hoffe es nicht, denn es bleibt ja doch immer nur der Sinn des Un⸗ ſinns. Alſo Luft! was will das ſagen? Es iſt der Ruf aus Todesnoth und Angſt um Friſt und Aufſchub, es iſt das dringendſte Gebet um Fortſetzung jener Leichtig⸗ keit des Daſeins, die der Gottheit ſicher und eigen, uns aber nur geliehen und gegönnt iſt. Ziehen Sie nun gefälligſt ſelbſt den Schluß, meine Liebenswürdigen, daß jenes Orakel uns anräth, in heiterer Geduld die nächſte Zukunft als eine gegönnte Friſt zu genießen. Es wird, es muß ſich von ſelbſt entwickeln. Süß wird dem Menſchen keine Frucht, als die er frei und völlig reifen läßt. Ich halte nichts von Treibhausfrüchten. Aber wenn es ſich nun nicht entwickelt, wenn es wahr iſt, was Sie uns ſo eifrig glauben machen woll⸗ ten, wenn Alles zum Unglück ausſchlägt? klagte Emma. Warten Sie, liebe Freundinn, da fällt mir ein guter Gedanke ein. Der Herr Doctor iſt zwar ein Spötter, aber er hat doch wohl am Ende guten Rath gegeben. Er will Ihrem Freunde eine Friſt geben und wir ſollen uns ein wenig gedulden. Da dächt ich, wir gäben ihm acht Tage, dieſe ganze Woche ſoll er haben, meinen Sie nicht, meine Liebe?(ſie nickte mit trübſeliger Ver⸗ zichtung) Ich ſetze ihm ſo lange Zeit wegen eines Pla⸗ nes, der mir eben in den Sinn kommt. Mein Vater wollte, wie Sie wiſſen, ſchon heute Mittag mit mir nach — — 253— Berlin reiſen, ſah ſich aber genöthigt, ſeine Abreiſe acht Tage zu verſchieben. Vielleicht können wir dann alle zuſamnen die Fahrt machen, es wäre allerliebſt— doch nein, es wäre noch allerliebſter, wenn Ihr Freund vorher zu uns käme oder wenigſtens ſeine Friſt benutzte, um zu ſchreiben. Warten Sie einen Augenblick, ich hole ſogleich mein Väterchen, um ihn mit meiner Geſellſchaft und mit unſern Angelegenheiten bekannt zu machen. Aber— hm!— ja, es iſt am Ende ſo ſchnell nicht geſchehn, auch weiß ich noch nicht recht um alles Ein⸗ zelne, und mein Vater iſt ein ſehr genauer Mann. Wie machen wir das?— Ei, da werden Sie, verehrter Freund, die beſte Auskunft geben können, jetzt fällt mirs ein, über den Kriegsrath und über alles, ver⸗ ſteht ſich auch über Sich ſelbſt, ſoweit es Ihnen gefällt. Sehr gern, und ohne große Mühe. Denn ich führe ein ganz ausführliches Buch über die merkwürdi⸗ gen Ereigniſſe, die das Schickſal mich in dieſen Zeit⸗ läuften erleben und in Erfahrung bringen läßt. Daſ⸗ ſelbe ſteht Ihrem Herrn Vater ſehr gern zu Dienſten. Vortrefflich, ganz allerliebſt! rief das lebhafte Mäd⸗ chen aus, Sie können uns noch heut Abend Alles vor⸗ leſen. Richt wahr, Sie leſen eben ſo gut vor, als Sie zu reden wiſſen? Ich blieb die Antwort ſchuldig, denn nun war es mir klar geworden, daß mein Tagebuch, wie es in die⸗ ſen meinen Denkzetteln enthalten iſt, doch wohl grade hier nicht mittheilbar ſein dürfte; wie unüberlegt hatte ich alſo geſprochen! Indeſſen faßte ich mich ſchnell und — 254— erwiderte: Sollten wir nicht lieber die Gegenwart ge⸗ nießen, als uns mit der Vergangenheit ſo langweilig aufhalten? Ihr Herr Vater unterrichtete ſich dann wohl gelegentlich(ich wollte ihn bertröſten und höchſtens Un⸗ verfängliches herausgeben). Gut, wenn Sie ſo lieber wollen. So hol ich denn meinen Vater, und Sie haben es auf ſich, ihn zu un⸗ terrichten; da mögen Sie ſehn, wie Sie mit ihm fertig werden. 5. Der Geheime Rath. Laß ſie lachen, denn es ſitzt Geiſt und Anmuth, wohl gewitzt, In den Aeuglein ſchlangenſchlau Und doch ſanft wie Himmelsblau. Wir warteten nicht lange, da öffnete ſich die Thür, und Minna trat äußerſt vergnügt mit ihrem Vater an der Hand wieder zu uns herein. Ich beneidete den freundlichen alten Herrn um das allerliebſte Händchen, welches er zwiſchen ſeinen beiden hielt und von Zeit zu Zeit klopfte und ſtreichelte mit den Worten: Alſo Du haſt Gäſte, mein Schäfchen? Ei, ei, ein artiges Pärchen und unſte Frau Wirthin dazu, ſein Sie alle ſchönſtens willkommen. Alſo Du haſt ſo artigen Beſuch, mein Herzchen? Ja, Viterchen, und äußerſt intereſſanten dazu. Es iſt eine ſo verwickelte Geſchichte, wodurch man mit — 255— meinen Freunden bekannt wird, daß ich ſie ſelber noch nicht recht weiß. Der Herr Doctor Edmund iſt ein ſcherzhafter und witziger Mann, der Dich von Allem aufs Anmuthigſte zu unterrichten übernommen hat, er wird Dir ſein Tage⸗ buch mittheilen, worin er alles aufgezeichnet, was ich weiß und was ich noch nicht weiß, und meine neue Freundinn hier heißt Emma, ſie wohnt bei uns und wird die nächſten acht Tage wahrſcheinlich bei mir bleiben. Nun aber——, mein Kätzchen, ſo kommſt Du mir nicht weg. Setze Dich her. Nehmen Sie Platz, meine Freunde.— Wie hängt denn nun aber eigentlich Alles zuſammen, kennt Ihr Euch von früher, oder wie iſt es? 4 Du hörſt ja, Herzensväterchen, daß der Herr Doctor eigentlich vor dem Riß ſteht. Du kannſt ihn alſo nur gleich mit Dir in Deine Stube oder in den Garten neh⸗ men, und nach Herzensluſt ausfragen, wenn er nicht gar ſein Tagebuch bei ſich hat. Schön, ganz vortrefflich! das wollen wir Beides mit einander verbinden, zuerſt würde ich mich im All⸗ gemeinen durch die mündliche Vorbereitung zurecht weiſen laſſen, darauf um die ohne Zweifel näher eingehende Schrift bitten und endlich— Du ſagſt, mein Täubchen, die Sache ſei ſehr verwickelt— durch Fragen mir das⸗ jenige klar zu machen ſuchen, was ich aus Ihrem Tage⸗ buche, Herr Doctor, als unverſtändlich und reſpectibe unleſerlich— denn es wird auch dergleichen, wie in jedem Manuſcripte vorkommen— mir anzumerken nöthig gefunden. — 256— Ich ſtehe zu Dienſten. Ich ſehe wohl, wir Frauenzimmer kämen nun bis Abend nicht wieder zu Wort, denn das Väterchen wird ſehr gründlich zu Werke gehn, kommt alſo mit, Kinder, wir wollen in die Nebenſtube gehn und ſo lange und ſo herzergreifende Muſik machen, daß wir ihre Unterre⸗ dung damit ſprengen. Es wird uns ſchon gelingen die Herzen zu bewegen, da wir ja wiſſen, daß einmal in grauer Vorzeit die Steine gerührt wurden und das von einem einzelnen alten Herrn, während wir unſere drei ziemlich junge Damen ſind. Leben Sie wohl, meine Herrn, wünſche viel Vergnügen, und wenn Sie Sich über eine politiſche oder philoſophiſche Materie ernſtlich entzweien ſollten, ſo bitte ich den unterliegenden Theil nur getroſt um Hülfe zu rufen, wir ſind, obgleich nebenan, dennoch gegenwärtige Götter und ſchützen die unſchuld Wenn trotzig der Dränger Sie eben ergreift, wenn Der zitternden Taube Der herrſchende Falk Die fühlloſen Krallen Ins pochende Herze Zu ſchlagen ſich anſchickt— Dann treten wir auf. Alle drei machten eine ſchnippiſche Verbeugung und huſchten kichernd ins Nebenzimmer, während der alte Herr ihnen nachrief: Warte, Du kleine Hexe, liegſt Du ſchon wieder ge⸗ gen Deinen harmloſen Vater zu Felde. Offenbar hat — 2— ſie eben die Amphibrachen in Göthe's Iphigenie geleſen — was für eine Affennatur! Es iſt wunderlich mit dem Weibsvolk! Geiſt haben ſie wohl, auch Talent, aber nur Affentalent, keine Gaben. Bemerken Sie gefälligſt, lieber Herr Doctor, mit welcher Laune das närriſche Ding ihre Sprüchlein vorträgt, ſollte man nicht denken, ſie könnte Komödien ſchreiben und jenem weſentlichen Mangel der Litteratur und der Bühne abhelfen, aber unter uns geſagt, ich bedaure den Liebſten, dem ſie ein⸗ mal Liebesbriefe ſchreiben wird. Das Schriftſtellern geht ihr gar nicht von Händen, ja wenn die Buch⸗ ſtaben flögen und alles gleich daſtände wie es ihr ein⸗ fällt, ſo aber verliert ihr Geſchreibe grade durch das Gründliche was ſchon im Schreiben liegt, jenen leichten oberflächlichen Hauch von Geiſt, der ihrer Rede ſo unendlichen Reiz giebt wenigſtens für meine Vaterohren. Und wahrhaftig auch für die meinigen. Zu ſchuldigem Dank verpflichtet! Indeſſen, um auf unſte Angelegenheiten zurückzukommen, in welcher Fakul⸗ tät ſind Sie promovirt? Ich bin Doktor der Mediein und der Philoſophie zugleich, denn ich ſchrieb eine Zwillingsdiſſertation, deren erſter Theil mir den philoſophiſchen und deren zweiter mir den medieciniſchen Doctorhut erwarb. Ich muß Ihnen geſtehn, daß ich ſehr gegen die Viel⸗ fältigkeit des Thuns und des Wiſſens bin und daß ich ernſt⸗ lich ein Vorurtheil gegen Ihre Doppelnatur faſſen würde, wenn ich nicht ſelbſt zur Strafe meiner Theorie in einen ähnlichen Fall gerathen wäre. Ich bin ein emeritirter — 258— Juriſt und Staatsmann und gebe mich jetzt blos mit Naturwiſſenſchaften ab, ſo daß ich gewiß mit Dingen zu thun habe, die einander noch fremdartiger ſind als ihre beiden Facultäten, obgleich auch von den ihrigen die eine die Kunſt, die andre die Wiſſenſchaft bezweckt. Wie ich indeſſen zu meinem doppelten Gegenſtande komme, iſt leicht einzuſehn, nicht ſo leicht wie Sie dazu kommen, da Sie zu jung ſind, um erſt für den einen und dann für den andern gelebt zu haben.; Mein werther Herr von Düpen, hierin dürfte der Schein Sie leichtlich täuſchen. Ich habe mich gut con⸗ ſervirt und ſcheine vielleicht, zumal da ich blond und friſch von Geſicht bin, erſt im Anfang der Mündigkeit zu ſtehn, während ich in Wahrheit ſchon ſtark auf die dritte Null zuſteure. Sie haben die Güte Sich für mich zu in⸗ tereſſiren, warum ſollte ich denn da nicht meinen Bericht über Ihre beiden Gäſte und deren Schickſale bei mir beginnen? Ich hatte meine medieiniſchen Studien been⸗ digt, als ich wegen der damaligen Studentenberbin⸗ dungen gefangen geſetzt, verhört und verurtheilt wurde, einen funfzehnjährigen Feſtungsarreſt zu erleiden. Hier ſprang der alte Herr mit der größten Lebhaf⸗ tigkeit von ſeinem Stuhle auf— und da ſind Sie ent⸗ ſprungen und gegenwärtig auf flüchtigem Fuße, denn jene Ewigkeit von Gefangenſchaft können Sie unmöglich ausgeſtunden haben, wenn Sie noch nicht älter ſind.. Nicht völlig ſo abentheuerlich und ohne Gefahr für meinen gütigen Wirth, ſondern durch landesherrliche — 02590— Gnade wurde dieſe unbillige Strenge um zweidrittel er⸗ mäßigt ohne gleichwohl gelinde zu ſein, denn—— Hm, ich haſſe dieſes Weſen, mit Stumpf und Stiel muß es ausgerottet werden. Conſtitution, Verfaſſung, formale Freiheit— albernes Zeug! Die beſte Regie⸗ rung iſt die türkiſche, wenn ſie nach der Freiheit tarirt werden ſoll. Denn ich möchte wiſſen, wo man freier iſt, in England wo einem jeder Schuft in die Taſche guckt oder in der Türkei, wo man ſein Kopfgeld be⸗ zahlt und dann, von aller Schererei befreit, wie ein Vogel in der Luft lebt? 5 So lange niemand von den Mächtigen den Vogel in der Luft mit Schroten begrüßt. Indeſſen wenn ich auch für eine politiſche Theorie vor Jahren gefangen geführt wurde, ſo folgt daraus nicht, daß ich ſie heute in der⸗ ſelben Art zu vertreten habe. Wir wollen alſo vorläufig keine Gegner ſein, und es der Geſchichte überlaſſen, ob die Völker mit Recht nach dem Bewußtſein ihres Zuſtan⸗ des ſtreben, oder ob kein politiſcher Körper zuletzt ſein Selbſtbewußtſein ſo weit treiben kann, als es jetzt von dem einen Theil beabſichtigt wird und woran er ſich bloß durch den Widerſtand des andern Theils gehindert glaubt. Nun, auf dieſe Weiſe ließe ſich davon ſprechen; alſo ein ander Mal! Hier handeln wir zunächſt nicht von der Geſchichte Europa's, ſondern von der Ihrigen. Sehr verbunden, wenn Sie noch darnach verlangen. Ich fand mich nun durch das Gefängniß, und das wollte ich zur Aufklärung meiner Doppelnatur hinzu⸗ fügen, durch dieſes mehrjährige Eremitenleben natürlich 111 1 1 1 1 11 1 1 — 6260— an der Ausübung und auch nicht wenig an dem weiteren Studium der medieiniſchen Kunſt gehindert; und ſo ein⸗ mal auf Theorie beſchränkt, triebs mich auf die Theorie der Theorie, ich ergriff die pbiloſophiſchen Studien, und nicht zum geringen Theile deswegen mit großem Ge⸗ nuß, weil gerade ſie uns weſentlich dahin führen, Gleich dem Bergeinſiedler Des Lebens Tand zu verachten. Und den verachten Sie noch? Leider nicht mehr ſo aufrichtig wie damals: ein ſchönes geiſtreiches Mädchen, wenn ich gut gelaunt, ein treffliches Reitpferd, wenn ich mich müde gelaufen, guter Wein mit heiteren Genoſſen, und nicht minder die Wünſchel⸗ ruthe oder vielmehr den Kommandoſtab des männererhe⸗ benden Goldes— alle dieſe Dinge fungen ſchon wieder an, mich aus meinem Gleichmuth heraus zu werfen und von dem freien Standpunct der Gefangenſchaft herab in den Staub der gemeinen Beſtrebungen nieder, in die Sklaverei der Lüſte herunterzureißen. Das iſt der elen⸗ deſte Augenblick meines Selbſtbewußtſeins, daß ich jene Freiheit des Gefangenen zu verlieren fähig ſein könnte gegen dieſe Knechtſchaft der freien Leute um— einen einzigen Kuß eines einzigen Mädchens. Höchſt curioſer und liebenswürdiger junger Menſch, welch' eine reiche Perſpective in ein inniges tiefes Er⸗ greifen des Wahren auch an den ſchnödeſten Zuſtänden, wie doch unſtreitig die Gefangenſchaft einer iſt, eröffnen Sie mir da! Aber laſſen Sie michs lebhafter genießen, weihen Sie mich gänzlich ein in jenen erhabenen Ge⸗ ——————— — 261— müthszuſtand, den Sie jetzt zu verlieren in Gefahr zu ſein glauben, denn, aufrichtig geſagt, ich ahnde ihn wohl, aber ich bin himmelweit davon, ihn zu empfinden und einen Erſatz Ihrer Erfahrung zu haben. Und gewiß kann man es nur erfahren, was es heißt, frei zu ſein in der ruhigen Gewißheit des Todes und frei zu ſein durch völlige Verzichtung auf alle Lebens⸗ hoffnung und allen andern Wechſel des Lebens, als den des reinen Gedankens. Hinter dieſen Entſchlüſſen des Todes und ihrem bewußten Genuſſe öffnet ſich erſt das wahre Reich Gottes, das Bewußtſein der eigenen höhe⸗ ren Natur in dem Siege über Alles, was der Geiſt als fremdartig von ſich weiſt und dem unklaren Treiben der gemeinen Menſchennatur zum lächerlichen Gegenſtande ſeiner zweckloſen Jagd gerne überläßt. Und nun, da Sie Sich ſelbſt, wenigſtens theilweiſe ſchon wieder auf eben dieſer zweckloſen Jagd befinden, iſt die Erinnerung an jene philoſophiſche Zeit ohne Zwei⸗ fel ſo mächtig, daß Sie im Stande wären, ein zweites Delictum zu begehen, um Sich für dieſe Thorheit der Freiheit die Weisheit der Gefangenſchaft noch einmal zu erkaufen. Dieſe Weitläuftigkeiten laſſen ſich vermeiden. Stellen Sie Sich vor, Herr Geh. Rath, wir wären beide in einem einſamen Thurm von dem Treiben der ganzen Welt geſondert, und nun durch jahrelange Entwöhnung zur aufrichtigen Verzichtung gekommen, was würden wir anders erblicken als zweckloſe Thorheit? Fangen Sie — W— oben an. Der König iſt er nicht ein Krebs, welcher rückwärts geht, um vorwärts zu kommen? Wie ſo, Verehrteſter? erklären Sie Sich. Indem er alles zu können meint, kann er nichts als was er muß, die Umſtände ſind ſeine Gebieter, und indem er das Anſehn hat, der Freiſte zu werden mit dem Tritte auf den Thron, legt er grade damit ſeinen Fuß in tau⸗ ſend Feſſeln. Nie kann er thun was er will, ſondern nur was er für zweckmäßig hält, was die Umſtände ge⸗ bieten. So wird er ein Knecht, indem er der Freiſte werden will, wie der Krebs rückwärts geht, wenn er vorwärts will. Gut bewieſen, Doctiſſime, ſo wahr ich lebe, er iſt ein Krebs, ein ganz verzweifelter Krebs. Fahren Sie fort, ich bitte Sie, laſſen Sie uns nun die Uebrigen aufs Rohr nehmen. Der Gelehrte, Herr Doctor, was iſt der Gelehrte für unſre Thürmerweisheit. Der unphiloſophiſche Gelehrte iſt ein Eſel, der Wein trägt, um Diſteln zu freſſen, oder wenn ers ja nobel meint, viel Säcke zur Mühle ſchleppt, aber nicht einen zu malen weiß. Und gar der Arzt, wenn wir den her⸗ ausnehmen, welch' ein ſündhafter Handwerker iſt er noch außer ſeiner Zweckwidrigkeit! Sein Geſchäft ſucht den Tod zu tödten, dem Weiſen ſeine Hoffnung, dem Nar⸗& ren ſeine Furcht zu nehmen, und ſomit Gottes Ordnung umzukehren, wo er kann. Alſo Sie praktiſiren wohl nicht? Erlauben Sie, Herr Geh. Rath, daß wir in dieſem — 263— Augenblick uns oben auf unſerm einſamen Thurme be⸗ finden ohne Krankheit und ohne Todesfurcht. Ich vergaß, ja, ja, ſo iſt es, wir ſind oben, ganz oben. Fahren Sie fort, wenn es Ihnen gefällig iſt. Wir kämen nun wohl auf den Kaufmann und dergleichen ideeloſes Geſindel; nicht wahr? Der Kaufmann iſt ein Laufmann und ſein ganzes Leben eine Bewegung die weiter nichts will, als die Be⸗ wegung. Denn für alles was er hat kauft er, und alles was er gekauft hat verkauft er. Sein Schiff iſt eben ſo viel als er, wenn es eine Ladung hin⸗ und eine andre herbringt. Und der Bauer, Herr Doctor, was iſt der Bauer? Dort unten ſeh' ich ihn pflügen, es iſt noch zeitig im Jahr, und von Zeit zu Zeit hält er inne, um ſich die Arme um den Leib zu klopfen und ſo zu erwärmen, aber was iſt er? Der Bauer iſt der ewige St. Görge, der ſich mit dem Drachen der Natur herunſchlägt, damit er uns nicht frißt, ſtatt von uns gefreſſen zu werden. Und wir alle mit einander ſind Drachenfreſſer. Wie ſollten wir nicht? Von den übrigen Mitglie⸗ dern dieſer Verſammlung der Narren, die wir zu un⸗ ſeren Füßen ſehen, red' ich nicht, um Sie nicht zu langweilen. Aber der Geſchäftsmann, mein verehrteſter Mitthür⸗ mer, bald hätten wir mein unveredeltes Selbſt, welches ich dort unten an dem großen grünen Sitzungstiſch er⸗ — 264— blicke, vergeſſen, dieſen Doppelgänger aus den Zeiten der weltlichen Bornirtheit. 1 Der Geſchäftsmann— iſt ein Dudelſackpfeifer, der immer fremde Melodieen für fremde Leute dudelt, ohne weder ſie noch ſich ſonderlich damit zu ergötzen. Nun wahrhaftig, wenn ich das läugnen wollte, ſo müßt' ich nicht abgedankt haben. Kurz um nun den letzten großen Blick hinunter zu thun: Alle Geſchäfte der Menſchen verfolgen Zwecke, die eigentlich nicht die ihrigen ſind; und ſie verlieren den einen wahren, nämlich die Weisheit aus den Augen. Wer aber die Weisheit hat, der braucht nichts weiter als ſie. Mit ihr kann er ſeinen Magen leer und die Natur ihn tödten laſſen. Denn der Tod iſt nur eine Reinigung des Wiſſens, dieſes Genuſſes der Gottheit, von dem Unflath dieſer Aeußerlichkeit, in der wir gefan⸗ 1 gen ſitzen und der erſte Schritt in die unbedingte Frei⸗ 1 heit d. h. in den reinen Geiſt zurück. Aber jetzt dächt' ich, edler Freund, ſtiegen wir doch wieder von unſerem Thurm herunter. Es iſt hier zwar hoch aber doch auch ein wenig windig. Ich dächt' es auch. Aber wir wollen es nicht ver⸗ geſſen, daß wir oben geweſen ſind, denn dann werden wir mit den Dingen hier unten umgehn, wie die Kinder mit ihren Puppen, glückſelig in dem Tand, mit dem wir ſcherzen und am weiſeſten in dem nie verſiegenden Scherz, da wir keine Urſache haben, hier unten irgend etwas ernſthaft zu nehmen, als den Unſtand, daß wir nicht oben ſind. — 265— Es überraſcht mich, daß Sie diejenige Gemüthsart, welche fortwährend im Scherze ſchwimmt und alle Dinge mit ihrem Waſſer tauft, daß Sie grade die für die wei⸗ ſeſte in dieſer unteren Verwicklung erklären und daß Sie dieſelbe ich möchte ſagen mit religiöſem Adel belehnen, indem Sie ihr den Hintergrund unſeres Thürmerlebens, welches doch religiös war, geben. Was Sie bezeichnen iſt eine wahrhaft dichteriſche Ge⸗ mühtsverfaſſung und ihre Darſtellung geweiht. Halten Sie es nicht für Schmeichelei, wenn ich Sie den Vater eines ſolchen Gemüthes nenne? Der Minna? was Sie ſagen! ich muß geſtehn, Sie dociren practiſch. Vertieft in unſer Geſpräch hatten wir die ſchönſten Lieder im Nebenzimmer mit fühlloſem Ohr begleitet und dadurch unſere Minna nicht wenig erzürnt. Sie hatte vergeblich die Thüre geöffnet und ihre Freundinnen zu allen möglichen ſpöttiſchen und bezüglichen Verschen er⸗ mahnt; die Natur unſeres Geſpräches war in eine zu unüberwindliche Vertiefung mit allen unſeren Intereſſen ausgewandert: da ſchloß ſich die Thür, und es wurde eine Weile ſtill, aber nur um einen wirkſameren Sturm auf unſer harmloſes Geſpräch vorzubereiten. Denn es mogte kaum eine halbe Stunde vergangen ſein, ſo ſprangen beide entgegengeſetzte Thüren mit großem Gepolter auf, und in die eine drang eine Schaar phantaſtiſch aufge⸗ putzter Kinder, die alte Blechſchüſſeln, wirkliche Becken und ſonſtige Lärmwerkzeuge als Kindertrommeln u. d. gl. ſogleich in Thätigkeit ſetzten, in die andere trat ein Leier⸗ 12 — mann begleitet von unſern drei Damen. Er hielt ſeine Leier, und die Wirthin drehte ſie, während Minna das Tamburin ſchlug, und Emma einen damals gewöhnlichen Gaſſenhauer äußerſt kunſtreich, karrikirt zugleich und dennoch angenehm, hören ließ. Natürlich war unſere Unterhaltung ſogleich abgeſchnitten. Als ſie geendigt hat⸗ ten, klatſchten wir Beifall, worauf ſie aber uns zum Spott und mit Bezug auf unſer unterbrochenes Geſpräch noch das alte Lied von den gefangenen Reitern an⸗ ſtimmten: Es wurden einmal drei Reiter gefangen, Gefangen wurden ſie, Sie wurden gefangen geführet, Keine Trommel ward dabei gerühret Im ganzen Römiſchen Reich. Da kamen die drei Feinsliebchen zum Thor, Zum Thore kamen ſie, Sie ſetzten ſich wol vor das Gitter Und klagten ihren Jammer ſo bitter Dem Hauptmann auf der Wacht. „Ach liebſter Herr Kommandante mein, Gebet die Gefangenen los.“ Die Gefangenen die müſſen ſterben, Das Reich Gottes ſollen ſie ererben Dazu die Seligkeit. Da haben wirs, begann der alte Herr, was doch alles in den alten Liedern ſteckt! unſer ganzes Geſpräch liegt in der letzten Strophe;— aber kaum hatte er ſoviel vorgebracht, als ſämmtliche Muſikanten änen wahrhaft bacchantiſchen Lärm erhoben und ihn ſogleich wieder zum Schweigen brachten. Darauf trat Minna vor und fragte ziemlich gebiete⸗ riſch: Nun, meine Herren, wie haben Sie Ihre Zeit benutzt, wie weit ſind Sie in Ihrer Geſchichte? Wir waren eben bei Dir angekommen, liebes Kind, als Du uns ſtörteſt. Bei mir angekommen? bei mir zuletzt? da hätten Sie anfangen ſollen, ſchon aus Galanterie. Und zwar ſind wir dahin gelangt mehr auf philo⸗ ſophiſchem als auf geſchichtlichem Wege. Ei, das wäre! und ſo ohne allen Zank? das iſt mir unbegreiflich. Aber wenn Ihr auch noch gar nichts gethan habt als disputiren, für heute ſchließe ich dieſe Schleuſen kraft meines Amtes der Wirthin im Hauſe. Meine Herren, Sie haben die Güte mir zu folgen! Hierauf fiel die Muſik in einen Marſch, die Knaben zogen paarweiſe vorauf, dann folgte der Leiermann mit der Wirthin, die jedoch jetzt das Drehen ihm ſelbſt überließ, darauf der Geheime Rath mit Emma und endlich ich ſelbſt, ſelig wie ein Gott, an dem Arme meiner Dame. Als wir in dem Eßſale angekommen waren, zogen die Kinder und der Leiermann weiter, und fanden im Vor⸗ zimmer einige Erfriſchungen, wir aber ſetzten uns zu Tiſch und ſcherzten alle trüben Gedanken tauſend Meilen weit hinweg. 42 6. Die Bedingung. Wie man im Märchen zu hören pflegt, Wird mir eine Arbeit auferlegt. Und es iſt auch kein Wunder, daß dieſe Heiterkeit über uns kam, Minna war von Natur darin, Emma durch Troſt und die beſte Zerſtreuung, die Wirthin wußte ſich zu ſtimmen und warum nicht? wir Männer dagegen hatten, wie es dieſem gründlichen Geſchlechte geziemt, vorher aufs allervollſtändigſte das Weſen des Humors ergründet, und wußten alſo jetzt um ſo beſſer, was wir an ihm hatten. Indeſſen lange ließ der Geheime Rath den Faden ſeiner mit Roth und Mühe geſtörten Unterſuchung nicht ruhen, denn als Minna mir in einer lebhaften Erörterung ihren Zorn über unſere Fühlloſigkeit bei ihren erſten muſikaliſchen Störungsverſuchen, unſre thörichte Vertiefung in vergangene Zuſtände und dann die Entſtehung ihrer wirkſameren Anſchläge ſchilderte, ich ſelbſt aber in eine angenehme Betrachtung zuerſt ihrer lebhaften Augen, dann des üppigen, redſeligen Mundes verfiel, der es ſo ſehr zu fordern ſchien, daß man ſeine munteren Reden ein Weilchen mit einem aufmerkſamen Kuſſe zudeckte, um ihn dann von neuem, wie einen gei⸗ ſtigen Springbrunnen wieder zu öffnen, als ich darauf kaum mehr hörte, was ſie ſagte, ſondern mit meiner ganzen Seele mich in jenes lieblichſte Thal der Welt bettete, welches mit ſeinen bewegten Swillingsſphären ſo nah vor meinen Augen entſprang, daß ich ſein ſüd⸗ 26 licheres Klima mich umwehen und den Kuß ſeines Odens mich durchzucken fühlte, als ich ſo in Andacht daſaß und in ſeliger Gedankenloſigkeit hinſchwamm, redete der ſchalkhafte Alte mich mit Unterbrechung ſeiner Tochter alſo an: Mein lieber Herr Hochverräther, oder wenn Sie genau ſind, cidevant Hochverräther—— J! Väterchen! Ei, Herr Doctor! ei, ei, ſchon wieder ein neuer Titel! Seid nur ruhig, Kinder, ich thu ihm nichts zu Leide. Und was meint ihr denn? er iſt Doctor des Hochver⸗ rathes und eben wegen Errichtung dieſes neuen nicht au⸗ toriſirten Lehrſtuhls oder vielmehr wegen Ausſonderung dieſer Wiſſenſchaft, die ſonſt nur gelegentlich mit den an⸗ dern zuſammen vorgetragen wurde, hat man ihn gleich einem Propheten in die Grube geworfen, er aber iſt wieder hervorgegangen aus den Klauen des Löwen mit neuer Begeiſterung und lobt und preiſet den Herrn. Ja, ja, es iſt etwas daran.(Hier beſahen die Mädchen mich mit einigem Mistrauen, ſchienen ſich je⸗ doch bald wieder zufrieden zu geben, als ſie nichts von der gewöhnlichen Menſchenbildung Abweichendes an mir gewahr wurden.) Aber, Herr Geh. Rath, nachdem Sie nun Ihre abſonderliche Anrede erläutert, fahren Sie fort in Ihrer Rede, die Sie für mich ſo ſchmeichelhaft eingeleitet. Alſo mein lieber hochverrätheriſcher Herr Doctor, ſo vertieft Sie auch ſo eben in Ihren Gegenſtand die Rede meiner Tochter(hier errötheten wir beide, wie auf Kom⸗ — 270— mando, und ſahen vor uns nieder)— nun, Kinder, fürch⸗ tet Euch nur nicht, ich verrathe nichts, weiß ja auch gar nichts, das ich verrathen könnte— Was Du aber irgend weißt, du gottloſes Väterchen, das verräthſt Du auch ganz gewiß. Gut, alſo wenn Ihr Euch verſchwören wollt, ſo nehmt mich nicht dazu. Ich wollte ſagen, ſo vertieft Sie auch in den Gegenſtand Ihrer Theilnahme geweſen wären, dennoch könnte ich die Frage nicht unterdrücken, ob Sie noch immer mit dem Staat in Fehde lebten, oder ob wir ohne Furcht mit Ihnen verkehren und uns, wie wir es denn ſchon voreilig genug thun, nach Gefallen für Sie intereſſiren dürften? Soviel iſt mir aus dem ganzen Hergange klar, daß man Sie nicht beſchuldigt, den Gipfel der Gottloſigkeit erſtiegen zu haben, ſondern viel⸗ mehr nur die entfernteſte Stufe mit dem conatu omnium remotissimo; aber wie ſtehn Sie denn gegenwärtig mit dem Könige unſerm Herrn, erkennen die Herren ſich gegenſeitig an oder nicht? Ich rufe Sie zum Zeugen, mein verehrtes Fräulein, wie unbarmherzig Ihr Herr Vater mein Vertrauen mis⸗ braucht, indem er mich vor Ihnen verſpottet und ver⸗ dächtigt mit Dingen, die ich ihm unter dem Siegel der tiefſten Verſchwiegenheit mitgetheilt und die offenbar ohne Gefahr zu veröffentlichen ſind. Was nich betrifft, ſo ſein Sie ganz ruhig, denn es wäre wunderlich, wenn ich etwas gegen die Empörung hätte, da ich ſelbſt faſt gar nicht aus der Gewohnheit komme, mich gegen dieſes mein überſtrenges Viterchen —— zu empören. Kurz ich rechne es Ihnen vielmehr zum Verdienſt an, daß Sie ein Hochverräther ſind, ob⸗ gleich ich von Herzen wünſche, daß der Landesbater eben ſo verſöhnlich ſein möge, als unſer Hausvater hier. Das darf ich wohl hoffen, denn er iſt es bisher gegen alle diejenigen geweſen, die mit mir in gleichem Falle ſind, und wenn ich auch für etwas ſchlimmer an⸗ geſehen werde, ſo bin ich doch nicht der allerärgſte, ich befinde mich nämlich gegenwärtig in demjenigen Zwiſchen⸗ zuſtunde, welchen man die Wiederauferweckung zum Staatsbürger oder nach ſpaniſchem Ausdruck den Reini⸗ gungsproceß nennen könnte. Sind alſo Purificand, und wenn Sie nun wirklich purificirt ſein werden, welches bürgerliche Geſchäft wer⸗ den Sie alsdann ergreifen, das philoſophiſche oder das mediriniſche? Ich würde doch trotz unſerer Thürmer⸗ betrachtung für das letztere ſtimmen. Und ich dagegen, entſchieden dagegen, fiel Minna lebhaft ein, ich kann es nicht ſagen, wie ſehr ſie mir zuwider ſind dieſe Ouackſalber! wenn man geſund iſt, braucht man ſie nicht; und iſt man krank, ſo helfen ſie nicht. Alſo wenn Sie noch ganz die Wahl haben, bitte, ſo thun Sie mir den Gefallen und ſagen Sie, daß Ih⸗ nen die Medizin eben ſo unausſtehlich ſei wie mir. Von Herzen gern, iſt es mir doch ſo leicht uns Herz, als hätt' ich in Ihrem Auftrage und Dienſt einen Drachen oder Rieſen erſchlagen. Ich lege Ihnen den Moediziner zu Füßen, vernichten Sie ihn, wie er es verdient. — — 272— Dies iſt doch gegen mein ſouberaines Anſehn, ſagte der Geheime Rath, der entſchiedenſte rückſichtsloſeſte Aufruhr, der ſich denken läßt. Denn es iſt nur zu klar, daß Sie aus keiner anderen Abſicht ſo verfahren, als um die Empö⸗ rung dieſes unverſtändigen Mädchens zu unterſtützen. Nun bin ich freilich nicht befugt gegen fremde Mächte ſtrafend aufzutreten. Sie führen Krieg mit mir, gut; aber hier meinem Unterthan will ich ſogleich in allem Ernſt ſeine Strafe auferlegen: Derſelbe oder vielmehr dieſelbe ſoll kei⸗ nen anderen Mann heirathen als einen ſolchen, der mir nachzuweiſen im Stande iſt, daß er ein unphiloſo⸗ phiſches einträgliches Geſchäft treibt, mag er dann nebenbei ſo viel philoſophiren, als ihm irgend gut⸗ dünkt und ſeine Frau es zuläßt, das ſoll ihm unbe⸗ nommen ſein. Aber poetiſch und artlich darf es ſein das Geſchäft, welches mein Zukünftiger treibt? fragte Minna ſcherzend. Poetiſch? ja das darf es. Denn ſehn Sie, Herr Doctor oder Herr Purificand, die Poötae laureati S. S. imperii Romani ſind eine richtige Gilde und gehören zu jenen ehrwürdigen Einrichtungen unſerer Vor⸗ fahren, welche weſentlich dahin abzielten, daß Alles von der Pike aufdienen ſollte. Selbſt der Kaiſer mußte ſich die Sporen verdienen und ſeine Stufen durchlaufen, eh' er zum Meiſter gemacht und zum Kaiſer gewählt werden konnte. Die Churfürſten bildeten dieſe oberſte Gilde und ſo war alles in der herrlichſten Gliederung bis zu dem Bänkelſänger hinab, der zum poðta lau- reatus aufſteigen konnte. — — Nun warte nur, Väterchen, da Du mir Bedingungen machſt, ſo will ich Dir auch welche machen, und ich füge alſo noch hinzu, daß mein Zukünftiger in demjeni⸗ gen, was er als ſein Geſchäft angiebt, mir ſein Meiſter⸗ ſtück als Morgengabe bringen muß, denn ich will mirs nicht vorwerfen laſſen, daß ich einen Geſellen geheirathet und keinen Meiſter hätte bekommen können. Seht mir den Trotzkopf, ſchärft er nicht noch meine Bedingungen! Run, mich ſolls doch wundern, wie die Sache abläuft. Es wird z. B. gar ſo leicht nicht ſein das Diplom eines posta laureatus zu bekommen, was ich denn doch in dieſem Handwerk zur Meiſterſchaft rech⸗ nen würde, damit ich es nur gleich ſage und Dir nicht zu viel Vertraun einflöße auf Deine poetiſche Hinterthür, die Du thöricht genug verrathen haſt. Ich dachte wahr⸗ und gewißlich an nichts Beſtimm⸗ tes dabei.(Hier ſah ſie mich von der Seite an und gerieth ein wenig in Verwirrung. Aber, Väterchen, das ganze Geſpräch kommt mir am Ende höchſt unſchick⸗ lich vor, laß uns ein anderes anknüpfen. Das können wir thun, mein Kind, unterdeſſen bleibt es dabei, wie ich geſagt habe, da es auch ohne dieſe ſpaßhafte Veranlaſſung ſehr zweckmäßig iſt. Aber da fällt mir ein, Herr Purificand, Sie haben alſo Purifi⸗ cationsgeſchäfte in Berlin, ich ſelbſt habe dort andere Geſchäfte; wie wär' es, wenn wir da nächſte Woche zuſammenreiſ'ten. Ich ſag' es aus Eigennutz, denn es ſpricht ſich gut mit Ihnen. — 274— Ei ja, Väterchen, der Herr Doctor reiſt mit, wir haben es ſchon abgemacht, und—— So, habt Ihr? nun, deſto beſſer. Ja, und Emma hier fährt auch mit. Der Herr Doctor hat Dir doch erzählt, wie Alles zuſammen⸗ hängt?— Kein Wort hat er mir geſagt, kein Sterbenswört⸗ chen. Ihr unterrichtet mich von nichts. Was hattet Ihr zu verſäumen, Ihr wunderlichen Leute, daß Ihr mir das Alles nicht erzähltet? Wo ſoll ich nun an⸗ fangen zu unterſuchen? denn ich muß mich doch von Al⸗ lem gehörig unterrichten. Aber Väterchen, Du läßt uns ja nicht zu Worte kommen oder fängſt einen langen Streit mit dem Herrn Doctor an, wie ſollen wir Dirs denn da beibringen? Beibringen! als wenn ich biſſe oder ausſchlüge! Setzt Euch her, hier nehmt alle wieder Eure Plätze ein, ich will kein Wort dazwiſchen reden; und nun erzähle mir wer da will die ganze Hiſtorie. —.——— 7. Die Capitulation. Du muntres Wort aus ſüßer Kehle, Du holder Schalk mit Deiner Zier, Du heitres Licht der offnen Seele, Wie unauslöſchlich ſcheinſt Du mir! Aber er hatte vergebens: Freiwillige vor! gerufen, alles ſaß da und regte ſich nicht, es müßte denn gewe⸗ ſen ſein, daß ſie ihre Stühle nach mir herum rückten, offenbar in der Erwartung, ich ſollte den Erzähler ab⸗ geben. Minna hatte mich allerdings auch ſchon förmlich dazu ernannt, und ich hätte um Alles in der Welt ihre Befehle nicht verſäumt, indeſſen war das ſo eben abge⸗ laufene Geſpräch in einem hohen Grade aufregend für mich, und ſo mußt ich mir denn geſtehn, daß ich trotz meiner Be⸗ gierde zu gehorchen mich dennoch nicht in der glücklichen Stimmung befände, welche zum Vortrage ſolcher Bege⸗ benheiten ſo ſehr weſentlich iſt. Während ich nach einem Auswege umherſann, fielen mir meine Denkzettel, die ich vorher zu dieſem Swecke ſchon angeboten, wieder ein, und ich bedachte, daß dem alten Herrn doch am Ende nichts mehr verborgen wäre, faßte mir alſo ein Herz und brach das Stillſchweigen mit den Worten: Herr Geheimer Rath, da Sie wenigſtens eben ſo ſcharf⸗ ſichtig, als unbarmherzig ſind, und mich das Schickſal nun einmal in Ihre Hände liefert, ſo will ich mich nicht lange ſträuben und Ihnen mit einem Schlage alle meine innern und äußern Begebenheiten dieſer letten Zeit vor⸗ — 276— legen, womit Sie dann ohne Zweifel mehr haben wer⸗ den, als ich irgend mündlich zur Aufklärung der fraglichen Angelegenheiten thun könnte. Hier iſt mein Taſchenbuch, es enthält einige Dutzend Denkzettel, welche ich mit mehr Güte als Schärfe zu beurtheilen bitte, da ſie lediglich zur Erinnerung für mich dienen ſollten und nun ſo ganz wider mein Erwarten einer höheren Be⸗ ſtimmung entgegengehn. Nur eins erlauben Sie mir zur Bedingung zu machen, daß Alles, was mein ausſchließ⸗ liches Geheimniß iſt, ſo lange von Ihnen als ein ſolches anerkannt werde, bis ich ſelbſt es freigebe. Angenommen! Dieſe Lektüre kommt mir ſehr gele⸗ gen, da ich eben ein wenig Mittagsruhe zu halten ge⸗ denke. Alſo auf Wiederſehn! Da wär' ich doch neugierig, was für Geheimniſſe das ſein können, die mein Vater nicht berrathen darf, aber das weiß ich auch, wenn ich eine Wette damit ge⸗ winnen könnte, ich wollte ſie dem Väterchen in zweimal vier und zwanzig Stunden, vorausgeſetzt, daß er ſie ſchon herausgeleſen hat, alle mit einander ablocken, denn das ſollten Sie doch wohl längſt gemerkt haben, daß Sie keinen ſchlimmeren Vertrauten ſich ausſuchen könnten, als ihn. Im ſchlimmſten Fall würde ich mich an Sie wen⸗ den, verehrtes Fräulein, und im beſten würden die Ge⸗ heimniſſe keine mehr ſein. Das verſteh' ich nicht. ½ Sie werden mich verſtehn, wenn Ihr Vater mich wirklich verräth, und ich bitte Sie, Sich alsdann zu erinnern, daß ich Sie zu meinem Anwald zu machen gewünſcht. Ich verpflichte mich zu nichts. Wir wollen erſt ſehn, was Sie verſchuldet haben. Aber warum wird uns denn dieſes Tagebuch nicht vorgeleſen, wie Sie es doch verſprachen? Aus Neugierde. Wie ſo aus Neugierde? Meine Augen ſind ſtörriſch. Wenn ſie ſo bedeu⸗ tungsvolle und ſchöne Züge vor ſich haben, wie gegen⸗ wärtig, ſo können ſie dieſe nicht genug betrachten und ſuchen immer etwas Neues darin zu entdecken, ſo daß es ihnen nicht möglich iſt, ihre Blicke auf die ſchwarzen Schriftzüge meines Tagebuches zu heften, ſtatt ihres Lichtes Gegenlicht zu ſuchen. Ich wollte lieber, Sie machten Witze ohne Räthſel, als Räthſel ohne Witz. Und ich würde das Räthſel nicht haſchen, wenn ich die Auflöſung hätte; denn die iſt mir das Liebſte von allem, was mir lieb iſt und obgleich ich ſie weiß, ſo hab' ich ſie doch nicht. So ſcheinen Sie Ihre Räthſel aus lauter Unglau⸗ ben zu machen und ein Ketzer zu ſein durch und durch. Denn wenn Sie die Auflöſung wiſſen, ſo brauchen Sie nur zu glauben, daß Sie ſie haben, und ſie iſt Ihre. Ich will kein Ketzer ſein, bei meinem Leben, und in keinem Dienſte bin ich andächtiger und gläubiger, als in dem der Jungfrau. O Sie ſchnöder Mann, von ſchlechter That und guten — 278— Worten, wenn Sie ein Futterſchneider wären, ſo wür⸗ den Ihre Pferde verhungern, während Sie ihnen be⸗ ſchrieben, wie gut das Heckſel ſchmeckt. Himmliſches Mädchen, ſo geſtatten Sie mir denn eine ſüße That, die ich viel tauſend Mal zu wiederholen wünſchte! Mit dieſen Worten ergriff ich ihre Hand, und bedeckte ſie mit feurigen Küſſen. Minna erſchrak ein wenig und wurde zum drittenmal und gründlicher, wie die beiden vorigen, roth ſo weit die edle Farbe reichte, wahrſcheinlich darüber, daß ſie mir die Hand nicht wegzog; die Wirthin aber verfiel in einen guten Witz, indem ſie declamirte: Dein iſt der Ring, o edler Muth Wenn man dem Feinde Gutes thut! Dieſer Scherz gab auch der Erröthenden augenblick⸗ lich ihre Faſſung wieder; und in der allgemeinen Heiter⸗ keit, die er hervorrief und die ſie lebhaft theilte, wurde ſie kühn, und rief mit voller Freude aus, indem ſie mir Glücklichen um den Hals fiel: O Ihr ätheriſcher und beſcheidner Ritter, wie würde mein Mund auf die⸗ ſen unbeſcheidnen Stellbertreter zürnen, wenn Eure Drohung wirklich in Erfüllung ginge! Nun endlich wagt' ich, was ich wagen durfte. O gieb uns langes Leben, Du gütiges Eeſchick, Viel Küſſ' hab' ich zu geben, Zu nehmen viel zurück, Muß morgens doch verweilen, Muß früh ins Kämmerlein, Des Nachmittags nicht eilen und öfters bei ihr ſein; Wie ſoll ich alſo reichen Mit dieſem bischen Zeit! Geſchick, laß dich erweichen: Ein wenig Ewigkeit! Meine Seele ſpielte auf tauſend Saiten die verlieb⸗ teſten Lieder und immer wenn ich ſie von neuem küßte, erklangen die Saiten von neuem; und ereignete ſich gar ein längerer andächtiger Kuß, dann breitete ſich das Gefühl der Brautnacht über meine Augen, ich wurde ein Feind des Tages, aller Tage, die dazwiſchen lagen, und die ich für einen Gottslohn verſchenkt hätte, ſo wie aller Tage, die darauf zu folgen drohten, und das innre Saitenſpiel hatte dieſen Tert: Des leeren Tages Schranke Verkürzt die ſüße Nacht, und Tags iſt mein Gedanke Nacht! Hätt' ich Jovis Macht! Aber lieber ſüßer einziger Freund, was denkſt Du denn von meinen jungfräulichen Lippen? Solche Stra⸗ pazen ſind ſie nicht gewohnt, und außerdem haſt Du Dich ſehr verrechnet, wenn Du meinſt, ich werde mir meine Redſeligkeit todtküſſen laſſen, beſonders wenn ich ſo wichtige Dinge vorzutragen habe, wie in dieſem Au⸗ genblick. Denn was iſt billiger, als daß ich Dir, liebſte Emma, tauſend, tauſend Dank ſage, daß Du mir ihn übrig gelaſſen, und dann, daß Du mir ihn hergelockt, denn Du biſt doch der Lockvogel, und ich wette Tauſend gegen Eins, jene Geheimniſſe, die nicht vorgetragen wer⸗ den können, ſind Liebesſeufzer an Dich. Aber wie wär' es, wenn es nun Sehnſucht nach Dir wäre, wenn mir der Hofrath Wilhelm genug er⸗ zählt hätte, um mein armes Gehirn in Taumel zu bringen? Das ſollte Dir nicht zum Vorwurf gereichen, allein es iſt unwahrſcheinlich genug. Demn zufälliger konnteſt Du unmöglich in unſer Haus gerathen und dann, das müßt Ihr alle bezeugen, ich habe vielmehr ihn erobert, als er mich, und mit der geringſten Zurückhaltung hätt' ich all ſeinen Muth und eine ganze Armee ſeiner Pläne aus dem Felde ſchlagen können. Ruhm haſt Du gar nicht und Verdienſt ſehr wenig; es geht Dir ſo, wie den jüngſten von den drei Brüdern, die auf Abentheuer ausziehn, er hat mehr Glück, als die andern Verſtand, und kommt zuletzt, ſo täppiſch er auch iſt, zu der Prin⸗ zeſſin und zur Königskrone, er weiß nicht wie. Im Ernſte kannſt Du mirs wahrlich nicht vorwerfen, daß es nicht in meinem Plane lag, Dich gleich den erſten Tag zu gewinnen. Warum nicht? Wenn Du mich noch nicht kennſt, ſo werden Dir funfzig Jahre eben ſo wenig helfen, als dieſer erſte Tag, denn ich bin einen Tag wie den andern; und wir Frauenzimmer— nun wir ſetzen bei jedem Liebſten in die Lotterie. Was ſoll ich noch an Dir herumkundſchaften? Es führt zu nichts, ſo wie Du daſtehſt, gefällſt Du mir gut. Du biſt etwas länger als ich, gewiß etwas älter und wahr⸗ ſcheinlich doch ein bischen klüger. Dazu haſt Du Dich — 281— ſchon einmal erkühnt, meinen Wünſchen entgegen zu ſein und uns alle drei zur Ordnung verwieſen, Du ſcheinſt alſo auch den nöthigen Charakter zu haben, um wenig⸗ ſtens nicht ſchmählich unter den Pantoffel zu gerathen. Alſo warum ſollen wir uns plagen mit zweideutigen Blicken, die man übermorgen als Freundſchaft, über⸗ übermorgen als Antheil und zuletzt als Menſchenliebe und Mitleid auslegen kann, während ein beherztes Wort ſeinen gewiſſen Sinn hat und ſchönere Früchte in der Liebe trägt, als der Weinſtock in der Sonne. Das iſt es eben, wir müſſen uns auf eure Blicke verlaſſen, und ihr wagt nichts, eh' ihr unſer Wort zum Pfande habt. Euer Wort, ihr unverſchämten Männer! Was iſt euer Wort gegen unſte Küſſe! Sind wir es nicht, die eure armſeligen Worte mit den herrlichſten Thaten be⸗ zahlen? Natürlich glaubten wir keine beſſere Gelegenheit zur Zärtlichkeit finden zu können, als dieſe, aber in der That war es die allerſchlimmſte, denn als wir uns ſorglos und feſt umſchlungen hielten, öffnete ſich plößlich die Thüre und der Geheime Rath ſtand vor uns mit dem Taſchenbuch und meinen Denkzetteln in der Hand. — S. Der Alte. Nicht ohne Prüfung kann das Gold Für ächt geachtet werden; Wenn ihr was ſein und haben wollt: Müßt euch darnach gebehrden. Wir verloren alle Hoffnung, ſchlugen die Augen nieder und erwarteten wie ungezogene Kinder die ge⸗ rechte Strafe unſerer Vermeſſenheit, er dagegen ſchien nicht im Geringſten überraſcht, betrachtete uns eine Weile mit der größten Ruhe und ſagte dann: Nun, Kinder, Ihr ſagt Euch ein wenig ſpät geſegnete Mahlzeit, indeſſen Ihr dürft es immer, auch in dieſer Form, denn ich ſehe aus dieſem Tagebuch(hier trat er mir ein wenig auf den Fuß), daß ihr Blutsverwandte ſeid, vielleicht gar Geſchwiſter. O dieſes alberne Tagebuch mit ſeinen nichtswürdigen Geheimniſſen! Nein, liebes Väterchen, ſage nein, es wäre gar zu ſchlimm, noch viel ſchlimmer als Deine garſtigen Bedingungen. Aber mache noch zehne dazu, wenn nur ein Menſch ſie erfüllen kann, und ſage dafür, daß wir nur durch Adam verwandt ſind. Gieb mir dieſes verrätheriſche Tagebuch, wir wollen es ins Feuer begraben und kein Menſch ſoll es erfahren, wenns auch noch ſo wahr iſt, daß wir verwandt ſind. Ei, ei, mein liebes Töchterchen, haſſeſt Du den jungen Mann ſo ſehr, daß Du durch den bloßen Ge⸗ danken einer Verwandtſchaft ſchon in Verzweiflung ge⸗ tee — — 283— räthſt? Warum willſt Du ihn nicht zum Bruder haben, da Du ihn doch eben nur noch ſo ſchweſterlich umarmt haſt, wahrſcheinlich weil er Dir das ganze Geheimniß entdeckte. Einen Bruder mag ich nicht; ich will keinen Bruder, nun ich ihn ſo lange entbehrt, käme er mir ſehr unge⸗ legen. Sage mir, geliebter theurer Mann, Du haſt mich nicht betrogen, Du biſt der meinige, ſo wie Du es mir verheißen und wie ich es wünſche, ſeit ich Dich ſehe. O wenn ich dürfte! Was ſollen wir ſagen, um Sie für uns zu gewinnen, wenn Sie gegen uns ſein ſollten? Sie kennen meine Geſinnung, ihre Aufrichtigkeit iſt ver⸗ bürgt und ich habe Ihnen nichts verhehlt; Sie ſehn wie Minna denkt; wie glücklich wären wir, wenn Sie kein Bedenken hätten! Ei, Du böſes Väterchen! wie viel thuſt Du mir heute zu Leide! Für dieſe letzte Angſt ſollteſt Du billig Deine garſtigen Bedingungen von heute Morgen zurück⸗ nehmen. Komm, bitte, gieb uns Deinen Segen! Allerverwegenſter Staats⸗ und Hausverräther, unver⸗ beſſerlichſter Purificand, philoſophiſcher Doctor und Herr, auf Ihr vermeſſenes Anſuchen eröffnen wir Ihnen hie⸗ mit, daß unſere Bedingungen in Betreff einer ehelichen Verbindung unſerer Tochter feſtſtehn, ſonſt aber gegen Eure mir nunmehr genugſam bekanntgewordene gegen⸗ ſeitige Liebe und Zuneigung weiter kein Bedenken ob⸗ waltet. Küßt Euch ſo viel ihr wollt, aber heirathen ſollt Ihr Euch nicht eher, als bis er alle meine und — 284— Deine Bedingungen dazu erfüllt hat. Es war ſchon damals ein Privilegium ganz allein gegen ihn gerichtet. Denn, mein lieber Freund, ich kannte zwar damals Ihre entzündliche Natur und Ihre beſondere Liebhaberei nicht ſo, wie nach allen dieſen Verhandlungen, indeſſen waren mir Ihre Seitenblicke, Ihre Verſunkenheit, Ihre hu⸗ moriſtiſche Theorie und deren Anwendung auf meine Tochter Grund geng, für den möglichen Fall jene Vor⸗ kehrungen zu treffen. Armer Edmund, wie ſoll es nun wohl werden? Es iſt doch recht ſchlimm, wenn man ſich ſo ans Spaß⸗ machen gewöhnt, daß man den Ernſt ganz für unmög⸗ lich hält, darum kömmt uns das gottloſe Väterchen ſo unerwartet damit über den Hals, und meine unſelige Bedingung iſt am Ende noch die allerſchlimmſte! denn wenn Du nun ein Geſchäft ergreifſt, worin es gar kein Meiſterſtück giebt, z. B. die Medicin, welche lauter Altflickerei iſt? Nun, wenn er ſich zur Mediein verſteht, die doch auf Erhaltung des menſchlichen Lebens geht, ſo will ich ihm ein Meiſterſtück gelten laſſen, das ihm nicht ſchwer werden ſoll. Fi doch! mit Deiner abſcheulichen Mediein! Du weißt es ja, warum ich einen ſolchen Abſcheu dagegen habe, und ich will es nur geſtehn, daß Deine muthige Er⸗ klärung gegen meine Antipathie, lieber Edmund, Dir mein ganzes Herz gewonnen hat. Wir müſſen alſo auf ein andres Geſchäft denken und im Nothfall, nun da begiebſt Du Dich beim Glaſer in die Lehre, denn das ſcheint mir noch das Leichteſte zu ſein. Aber, du lieber Himmel! er muß ſieben Jahre ler⸗ nen— Und eben ſo der Schornſteinfeger, fiel der Alte ſchadenfroh ein, was ſonſt ebenfalls eine faſt natürliche Kunſt zu ſein ſcheint. Gut, das geht alſo nicht, wir müſſen auf was Andres denken. Aber was meinſt Du, lieber Edmund? wie wäre es, wenn wir dieſe Pläne geheim hielten? denn meinem Vater traue ich nun einmal keine guten Abſichten mehr zu, er ſucht uns an Allem irre zu machen. Das ſcheint allerdings zweckmäßig und dazu will die Sache wohl überlegt ſein, denn geſetzt auch, das Ge⸗ ſchäft wäre gefunden, wie machen wirs gleich einträglich? Vortrefflich, Kinder, ich habe nichts dagegen, daß Ihr die Sorgen für Eure Zukunft gleich ganz allein auf Eure Schultern nehmt, ziemt mir ja doch vorzugs⸗ weiſe ein ſorgenfreies Leben, da ich ein Ausgedienter bin und mit Sorgen reichlich das Meinige gethan habe. Außerdem heißt es: Du ſollſt Vater und Mutter ver⸗ laſſen! Hier, mein problematiſcher Herr Sohn und vor allen andern Plänen Purificande, geb' ich Ihnen Ihr Journal zurück, welches in der That allerlei einzelnes Poetiſches enthält, nur Schade, daß es keinen Plan, keinen Zuſammenhang und keine Ver⸗ und Entwickelung hat, ſonſt könnten Sie meiner Treu, nach dem Plane Ihrer Liebſten, ein Dichter darauf werden, ha, ha, ha! aber auch hier haben wir uns gut hinter unſre Zuſatz⸗ — 286—. klauſeln verſchanzt, nicht wahr, Poctissime? unter⸗ deſſen halte ich es für rathſam, wegen der bewußten Ge⸗ ſchichte die Hefte Ihrer Liebſten nicht mitzutheilen, Frauen⸗ zimmer haben doch nur Sinn für Thatſachen, das Wie, die Explication, die Geneſis der Empfindungen, die Er⸗ ſchöpfung der Situationen, alles dies überſchlagen ſie gern, im Leben ſowohl, als im Roman, ſie ſind ſehr unpoetiſch. Lebt wohl, ich überlaß Euch Eurer Ver⸗ ſchwörung. 9. Die Wißbegierige. Verſchont mit weiſer Jheorie Hört auch das Ohr der Frauen Der Welt geheimſte Harmonie: Sie denken nicht, ſie ſchauen. Die Rede des alten Herrn klang noch eine Weile heftig nach in meinem Gemüthe, denn ſie regte die ver⸗ ſchiedenſten Gedanken in mir auf. Waren doch meine Denkzettel ausgeſprochener Maßen poetiſche Collectaneen; wenn ich nun darauf dächte, etwas Ganzes daraus zu machen? ſagte ich zu mir ſelbſt, und mochte dabei ein ziemlich nachdenkliches Geſicht ziehn. Unterdeſſen fühlte ich zwar ein leiſes Zupfen an meiner Buſentaſche, war aber zu vertieft, um recht zur Beſinnung darüber zu kommen, bis Minna nach dem letzten Ruck kichernd mit dem Taſchenbuch forthuſchte. — Bitte, laß michs leſen, lieber ſüßer Freund, nicht wahr, Du ſchlägſt mir meine erſte Bitte nicht ab, ich darf es leſen, ja? Leſen darfſt Du es wohl; aber nur jetzt thu' es nicht, und gieb mir die Blätter zum Aufheben wieder Warum willſt Du Dir unnöthiger Weiſe etwas Unan⸗ genehmes zuziehn. Gieb mir ſie wieder, bitte, liebes Herz! Du darfſt ſie wohl leſen, allein Du würdeſt es nicht wollen, wenn Du wüßteſt, warum es ſich handelt. Gut, ſo will ich ſie denn nicht leſen, aber um nun auch alle Verſuchung, die dieſes unglückliche Geheimniß noch bereiten könnte, mir abzuſchneiden und aus Haß auf dieſe verwünſchten Blätter, die mich eben nur noch ſo in Angſt jagten und jetzt die Urſache ſind, daß mir mein Verlobter die erſte Bitte, die ich an ihn richte, abſchlägt, will ich meine Drohung nicht umſonſt ausge⸗ ſprochen haben, und ſie gleich ins Kamin werfen. Und damit ſprang ſie auf, und hielt ſchon das Heft über der lodernden Flamme; kaum hatte ich Zeit, die kleine Brandſtifterin aufzufangen in meine Arme und mit ſanfter Gewalt aufs Sopha zurückzutragen. Sie verſuchte nun die Papiere hineinzuwerfen, aber gehindert durch meine Umarmung konnte ſie den nöthigen Nach⸗ druck nicht erzwingen; und ſämmtliche Denkzettel flat⸗ terten auf den Fußboden nieder, einige hart neben dem Feuer. Ei, Du kleiner Hitzkopf, was hätteſt Du uns da bald angerichtet! Hörteſt Du denn nicht Deinen Vater ſelbſt ſagen, dieſe Blätter enthielten einiges Poetiſches — 288— und würden ſogar zur Löſung ſeiner Bedingungen die⸗ nen können, wenn ſie zu einem Ganzen zuſammengeſtellt wären? Aber er lachte dabei und ſie gehören nicht zuſammen. Ich hätte aber wohl Luſt darauf zu denken, wie man ſie verbinden könnte. So giebſt Du Dich wirklich mit der Poeſie ab? Ich dächte, Du hätteſt mir das gleich angeſehn, als Du fragteſt, ob Dein Zukünftiger poetiſch ſein dürfte? und dadurch noch eine Schärfung der urſprünglichen Be⸗ dingungen herbeiführteſt und ſelbſt hinzuſetzteſt. O über Deine Eitelkeit und meine abgeſchmackten Witze! Ich that es, ſo gewiß! nur um des Wortſpiels willen mit philoſophiſch. Mir nämlich geht es nun ein⸗ mal ſo: wenn einer Philoſophie ſagt, fällt mir gleich Poeſie ein, ohne daß ich wüßte, was ſie anders gemein hätten, als daß ſie beide ziemlich dunkel für mich und wohl etwas über meinem Horizont ſind. Wenigſtens höre ich oft etwas poetiſch und philoſophiſch nennen, dem ichs auf meine eigne Hand nun gar nicht an⸗ geſehn hätte. So gehts, ja, ja, Ihr ſpielt mit Worten, aber wenn Ihr Euch ſelber dabei nichts denkt, ſo könnt Ihr doch dieſes Spiel nicht treiben, ohne für Andre etwas zu ſagen. Indeſſen habe nur guten Muth, ich will mir alle erſinnliche Mühe geben, den Knoten doch noch auf dieſe Weiſe zu löſen, wenn ich nur das verzweifelte Diplom des poeta laureatus hätte! Und nun komm her, Du boshaftes Mädchen, und hilf mir den Nothanker unſerer Liebe, dem Du ſchon das Tau zu kappen ge⸗ dachteſt, bergen. Wir ſammelten die Blätter, da fiel ihr unglückli⸗ cher Weiſe die Ueberſchrift in die Augen,„der Doctor Jonathan in Fürſtenberg.“ Da haſt Du Deine Blätter mit ſamt ihren Geheim⸗ niſſen. Ich habe gnug davon geleſen und bitte Dich nur, wenn ich darin erwähnt werde, mich umzutaufen und Alles ſo ſehr zu verändern, daß kein Menſch es verſtehn kann, wen Du eigentlich meinſt, als höchſtens wir beide. Das magſt Du denn nun allein beſorgen, da ich doch am Ende nichts davon verſtehe. Aber traurig iſt es, wenn man ſolche Entdeckungen ſeiner Un⸗ wiſſenheit macht und nun noch gar Unheil damit anrich⸗ tet! Höre alſo, lieber Edmund, da Du nun einmal ein Philoſoph und Poet zugleich biſt, ſo ſollteſt Du mirs doch auch wohl deutlich machen können, was Philoſophie und Pvoeſie denn eigentlich ſind. Liebes Herze, Du weißt es wohl, Kinder pflegen viel Fragen zu thun, die alte Leute nicht beantworten können. Denn die alten Leute haben ſich daran ge⸗ wöhnt, die Räthſel des Daſeins ohne Auflöſung zu ge⸗ nießen. Alle rufen ſie, ach Gott! und wenn man ſie nun fragte, welche Wiſſenſchaft ſie denn von Gott hät⸗ ten, ſo würden ſie es zwar nicht zu ſagen wiſſen, aber ſich doch höchlich über die Frage verwundern. So ſind wir auch alle Menſchen, aber wiſſen Dir denn alle Menſchen zu ſagen, was eigentlich ein Menſch iſt? Eben ſo wie nun einer ein vortrefflicher Menſch ſein 13 — 200— kann, ohne im Stande zu ſein, uns auf unſre Frage zu antworten, eben ſo kann auch wohl einer ein vor⸗ trefflicher Dichter ſein, ohne daß er gleich zu ſagen wüßte, was Poeſie ſei. Die Unverſchämtheit, Alles wiſſen zu wollen, haben nur die Philoſophen. Es giebt aber Leute, die es ihnen nicht glauben, wenn ſie's auch noch ſo deutlich ſagen. Zu denen gehört z B. Dein Vater. Ich erfahr' es alſo nicht, was ich gefragt habe? Weil Du es nicht merkſt, daß die eine Hälfte ſchon geſagt iſt. Nun, da würd' ich denn auch die andre wohl nicht merken, ich will alſo nur dabei bleiben, eben ſo wenig zu wiſſen, was Philoſophie iſt, als ich es weiß, was ein Menſch und ein Stein eigentlich iſt. Und in der That, ich bedaure den, der ſich um alles das Eigentliche zu bekümmern hat, obgleich ich wohl einmal zum Spaß eins davon kennen lernen möchte. Höre, lieber Edmund, wenn ich mal recht leicht begreife, z. B. des Morgens ganz früh oder bei ſcharfem Froſtwetter und klarem Himmel, und Dir fällt ſo etwas ein, ſo ſuch' es mir ja zu zeigen; und da muß ich denn geſtehn, lieber als alles Andre möcht' ich wohl wiſſen, was denn die Liebe ei⸗ gentlich iſt, ich fühle ſie nur wie etwa einen Becher ſchäu⸗ menden Champagner und ſie dauert länger, ſiehſt Du, doch gewiß das erſte ganze Jahr auch bei Dir, nicht? weiter aber weiß ich nichts davon. Du artiger, Du allerliebſter, Du göttlicher Philo⸗ ſoph! zehn Doctorhüte, nein! zehn Küſſe verdienſt Du für Deine gelehrte Rede, und zehn Jahre könnt' ich —— hier neben Dir ſitzen und Dir zuhören, wenn Du ſo fortfährſt, es müßte denn ſein, daß es mir einfiele, dies dunkelrothe Mäulchen ſei eigentlich nicht ſowohl zum Reden geſchaffen, als Zum inniglichen ſüßen Liebeskuß, Vertrauter Seelen allernächſten Gruß. Ei ja, das denk' ich ſelber, daß die Seelen ſo her⸗ vorkommen und ſich auf den Lippen begegnen und be⸗ grüßen, denn wo ſollten ſie dann wohl anders ſein? 10. Der Brief. Auf krummen Wegen durch Fluß und Höhn, Wohin, wohin wirds nur noch gehn? Unſer verliebtes Glück, dem wir uns höchſt rück⸗ ſichtslos und eigennützig hingaben, mußte natürlich un⸗ ſerer Freundin Emma ihre verlaſſene und ſorgenvolle Lage durch den ſtarken Gegenſatz immer wieder lebendig machen; ſie ſaß kopfhängeriſch dabei, und redete von Zeit zu Zeit leiſe mit der Wirthin, welche ihr Troſt zuzu⸗ ſprechen ſchien. Auf dieſe Weiſe vergingen mehrere Tage glücklich genug für uns und durch die Lobreden der Medicin, welche wir vornehmlich auf den Spazier⸗ gängen von dem Geheimen Rath hörten, keineswegs ge⸗ trübt. Auch Emma, wie von Natur zum Dulden ge⸗ ſchaffen, fand ſich in eine liebenswürdige Melan⸗ cholie hinein, aus der heraus ſie nur bisweilen einige 1 — 29— ſanfte Pfeile auf unſere Sorgloſigkeit abſchoß, indem ſie etwan Minna Frau Medicinalräthin nannte oder mich ermahnte, auch für den alten Herrn und ſein Her⸗ barium und nicht ſo einſeitig nur für den Buſen mei⸗ ner Liebſten zu botaniſiren. Wirklich ſprach auch der Alte immer mehr die feſte Ueberzeugung aus, daß ich ſeine Bedingungen nur durch die medieiniſche Kunſt würde erfüllen können und ergriff eifrig jede Gelegenheit, meinen ärztlichen Rath einzu⸗ holen, theils für ſich ſelbſt, theils für ſeine Umgebun⸗ gen, die er dazu anſtiftete, wahrſcheinlich um mich ſo in mein Geſchäft hinein zu gewöhnen. Auch Minna pflegte dann herbei zu kommen und über Herzweh, rothe Backen und brennende Lippen zu klagen, worauf der Alte gewöhnlich mit halbem Ernſt antwortete, dagegen wiſſe er Hausmittel und werde ſie in Anwendung brin⸗ gen, wenn das Uebel Ueberhand nehmen ſollte, der Arzt ſelbſt ſei in dieſem Falle die entferntere Urſache des Uebels, und als ſolche bekanntlich aus dem Wege zu räumen, um die Krankheit ſelbſt zu heilen. Solche Un⸗ terredungen zeigten unter dem Scherz, womit ſie ſich bedeckten, eine ſehr beſtimmte Hoffnung und eine nicht geringe Feſtigkeit des Alten, die wir darum auch ge⸗ fliſſentlich nicht zur Strenge reizten, vielmehr ſorgfältig in den ſcherzhaften Schranken erhielten, fürs Erſte mit unſerem Zuſtande höchlich zufrieden. Einen Tag vor unſerer feſtgeſetzten Abreiſe, als wir eben ein medieiniſches Geſpräch beendet hatten und nun darüber klagten, daß die Angelegenheit der armen Emma ſich durchaus nicht weiter entwickeln wollte, kam ein Mann, welcher ſeine Hände unter der blauen Stall⸗ ſchürze hielt und gebückt einherkroch, als wenn er Bauchgrimmen hätte, in dem großen Gange des Gar⸗ tens auf uns zu. Gewiß wieder ein Patient! ſagte Minna, es iſt der Hausknecht aus dem Hirſche; mein Vater hat Dir ſchon einen Namen gemacht. Iſt Er krank, Immanuel? Er ſieht ja ſo kläglich aus. Ach freilich, mein ſchönſtes Fräulein, ich habe ſeit geſtern Abend eine ſtrenge Diarrhö, und es will nichts helfen, ob ich gleich faſt alles Oel, was eigentlich mei⸗ ner Laterne zukommt, zu mir genommen habe. Lampenöl? iſt Er von Sinnen? rief Minna entſetzt, und Emma wandte ſich ſchaudernd von ihm ab; und dennoch hätte ſie ſeine Ankunft preiſen ſollen, denn er hatte allerdings einen ſie betreffenden Auftrag und ver⸗ folgte die Krankheitsgeſchichte nur beiläufig, um des mög⸗ lichen Rothweins oder eines Glaſes Brantwein mit Pfef⸗ fer willen, antwortete alſo auch mit kluger Anſpielung: Ja, Oel iſt ſonſt gut, auch ein Schluck Terpentin oder noch beſſer ein Glas Vorſprang mit Pfeffer, wenn man keinen rothen Wein hat; aber unſer eins muß neh⸗ men was er grade kriegen kann, und zudem ſitzt mir diesmal der Satan im Leibe,— ſeit ich den verwünſchten Brief aus Polen in der Taſche habe, den ich ſchon ge⸗ ſtern Abend abgeben ſollte— wenns nur nicht die Cho⸗ lera iſt und ich die Lunte ſein ſoll, mit der unſer Herr⸗ gott ganz Mecklenburg anſteckt. Es kneipt mich, wie mit — 294— Zangen im Leibe, ſchönſtes Fräulein, und mein Herr iſt ſündlich geizig mit ſeinem Rothwein. Weiſ' Er mir ſeinen Puls her.— Er hat weder Fieber noch Cholera; aber nicht wahr, die Zunge iſt ihm ſo trocken, und Er ſpürt beſonders nach rothem Wein Appetit? Ganz recht, junger Herr, ganz recht, erwiederte er heiter, indem er ſeine hoffnungsvollen Blicke auf Minna richtete. K Eine ganze Flaſche ſollte Er haben, wenn Er mir Nachricht bringen könnte von dem Lieutenant, der bei ihm im Gaſthauſe vorige Woche verſchwunden iſt; ich babe immer gedacht, Er würde dieſer Tage damit ankommen. Ei ich Eſel, der ich bin, hätt' ich die doch ſchon geſtern Abend bringen können! Denn dieſer verwetterte polniſche Brief iſt an meinen Herrn und Sie ſprachen dabei von dem Lieutenant; ich ſollte ihn auch gleich her⸗ tragen, aber es war ſchon zehn Uhr, und dazu befiel mich das Leibſchneiden, daß ich bis elfe über der Fut⸗ terlade lag und dann zu Bette ging. Als er immer noch ſein Unterpfand in Händen be⸗ hielt, gab Minna ihm die Erlaubniß, ſich drinnen eine Flaſche Rothwein geben zu laſſen, und nun händigte er mit einer Verbeugung ſeinen Brief an ſie aus. Emma war in der äußerſten Spannung. Wir ſetzten uns in die Laube, Emma öffnete und * las: Polniſche Grenze am... Herr Wirth oder Frau Wirthin! Denn ich hab' es in der That nicht einmal erfahren, ob ich in Ihrem Hauſe unter Männer⸗ oder Weiberre⸗ giment gelebt; ſo wenig kam ich zur Beſinnung. Um es Ihnen nämlich gleich von vornherein zu ſagen, ich bin der Lieutenant, um deſſentwillen der neuliche Auf⸗ ruhr in Ihrem Hauſe entſtanden, und da die Ehre des Regiments, deren Uniform dabei im Spiele war, die Wegräumung möglicher Gerüchte verlangt, ſo beehre ich mich, Sie über den ganzen wunderlichen Vorfall aufzu⸗ klären. Der Mann, welcher mich plötzlich wider meinen Villen fortführte, bewirkte dies durch eine Doſis Opium, die er mir im Weine beibrachte, und dazu hatte er den eigenthümlichſten Grund, der ſich denken läßt. Er iſt mein Oheim und ein ſo leidenſchaftlicher Theaterfreund⸗ daß er allenthalben, wo es angebracht iſt und bisweilen auch, wo es nicht angebracht, Komödie zu ſpielen ſucht. Er zieht namentlich auf Reiſen gern ganze Städte ſamt Magiſtrat und Polizei in ſeine Aufführungen hinein, in⸗ dem er vor ihren Augen irgend eine ſo auffällige und unerklärliche Thatſache geſchehn läßt, daß ſie nach ſeiner Meinung jahrelang daran zu knaupeln haben. So ließ er ſich in Penzlin im ſchwarzen Adler von mir arre⸗ tiren, nachdem er ſich vorher das Anſehn eines franzö⸗ ſiſchen Emiſſairs, wovor man in unſeren Staaten ſo wohlgegründete Angſt hat, gegeben; und ſo kehrte er die Sache bei Ihnen um, indem er mich entführte, natür⸗ — 296— lich wider meinen Willen und mit dem Anſehn großer Heimlichkeit, während er die Hauptſache deutlich und auffällig genug gemacht haben wird. Von ſeiner Seite war dies nun natürlich lauter Spaß, und wie ſoll ich es anders aufnehmen, da ich ihn in dieſer Hinſicht kenne und ſein Reffe bin? dennoch iſt es mir diesmal ziemlich außer dem Spaß und gar ernſtlich dabei zu Muth. Zuerſt nämlich will ich mich bei ſeiner bloßen Verſicherung nicht beruhigen in Hinſicht meiner Zeche, denn es wäre ganz in ſeinem Intereſſe, ſie unberichtigt gelaſſen zu haben, um den Lärm noch zu vergrößern, der durch mein Verſchwinden entſtehn mußte; dann find' ich es wirklich unpaſſend, die königliche Uniform ſolchem Gerede auszuſetzen, und endlich iſt es mir im höchſten Grade drückend, der jungen Schauſpielerin, die ich zu begleiten die Ehre hatte, keine weiteren Nachrichten zu⸗ kommen laſſen zu können, da ich gleich nach meiner An⸗ kunft mit meinem Regiment an die polniſche Grenze auf⸗ brechen mußte, ſie aber bis zum Tage des Aufbruchs bei allen Directionen nicht zu erfragen war, alſo ver⸗ mutylich über die alberne Geſchichte ſo in Schrecken ge⸗ ſetzt worden iſt, daß ſie noch bei Ihnen darnieder liegt. In dieſem Falle bitte ich ihr dieſen Brief und meine Adreſſe mitzutheilen, damit ich auf gradem Wege und ohne die Komödie meines Oheims zu paſſiren Rach⸗ richt von ihr erhalten und erfahren kann, wohin ich ſie wiederum an ſie gelangen zu laſſen habe. Axel von Raben. — Der gute Axel! wie er ſich wohl geängſtigt hat! ſagte Emma. Ei der brave vortreffliche Axel, wie freut es mich, daß er meinen ungläubigen Thomas ſo zu Schanden macht! Nun, ich dächte die Vortrefflichkeit wäre bis jetzt noch ſehr dünne, denn es iſt doch erſt abzuwarten, von welcher Art die Nachrichten ſein werden, die er an unſere Freundinn gelangen laſſen will. Fi, Edmund, welch ein abſcheulicher Unglaube! Du ſichſt ja, daß er ganz unſchuldig iſt. Nimm Dich in Acht, Du kleiner Schwätzer, raunte ich ihr ins Ohr, daß ich Dich nicht beim Wort nehme, und mir eine ähnliche Unſchuld zu Schulden kommen laſſe! Sie wurde über und über roth, und gtiff zu den ſpaßhafteſten Thätlichkeiten, weil hier mit Antworten natürlich nicht weiter zu kommen war. 11. Die Antwort. Kein Kräutlein überwächſt die Liebe, Die aus Gedanken ſprießt. Es ſind des Geiſtes Frühlingstriebe, In die ſie ſproſſend ſchießt. Die beiden Braute beriethen ſich nun darüber, was Alles an Axel zu antworten ſei, und Emma wollte zwar den Brief allein entwerfen, aber durchaus nicht den Rath ihrer Freundin entbehren. Sie ſchrieb ihm: Fürſtenberg am... Eine Million meiner beſten Küſſe für Deinen lieben langentbehrten Mund, mein Theurer! Wie unendlich glücklich, daß ich noch hier bin und Deinen Brief an den Wirth in Händen habe! Ach, ich habe gewartet! Axel, lieber Axel, wie unglücklich, wie bodenlos traurig waren die Tage von Deiner Entführung bis zu dieſem geſegneten Briefe! Hätten wir es ahnden können, daß Deine Entführung ein bloßer Scherz ſein ſollte, was freilich der Doctor Edmund noch immer nicht zugeben will, ich wäre Dir gleich auf dem Fuße gefolgt, nun aber meinten wir, Du würdeſt, erzürnt auf den Oheim, ſogleich wieder umkehren, und mich in Fürſtenberg auf⸗ ſuchen. Daß ihr auch grade jetzt marſchiren mußtet! wie wird es da mit Deinem Abſchiede werden? O wenn ich Dich geſund wiederſehen könnte aus dieſem Lande des Kriegs und der Peſt! Ich ſelbſt bin bei aller Angſt geſund geblieben und ſehr wohl aufgehoben bei einer werthen Freundinn, Minna von Düpen, der Verlobten des Doctor Edmund, mit denen zuſammen ich morgen abzureiſen gedenke. Nun aber fällt mir es ein, daß wir auf unſerer ſchönen Fahrt nach Fürſtenberg keinen Au⸗ genblick übrig hatten, um feſtzuſtellen, ob ich denn nun in Berlin meine Rollen wirklich übernehmen oder ob ich das Theater aufgeben ſollte, und freilich war es da⸗ mals überflüſſig, denn wir dachten ja zuſammen hinzu⸗ 0 kommen. Anders iſt es jetzt, wo ich faſt genöthigt bin zu ſingen. Denn ohne meine Freundin, die nur kurze Zeit dort bleibt, kann ich ſchwerlich lange zögern; es iſt aber ſehr wahrſcheinlich, daß Du es gern vermieden ſähſt. Laß mich ſchleunigſt Deinen Willen wiſſen. O, und laß mich überhaupt in keiner Ungewißheit, Arel, lieber theurer Mann, Du weißt es, was Du mir ſchul⸗ dig biſt und in welcher Gefahr ich ſchwebe. Ich frei⸗ lich weiß es auch, Du biſt treu wie Gold, kenne ich Dich doch noch von unſern Spielen her, wo Du es nie zugabſt, wenn mich Dein Bruder betrügen wollte; aber ich bin in unſäglichen Aengſten, wenn ich denke, daß dieſe Entfernung oder die Zufälle des Kriegs Dich ver⸗ hindern könnten ſo bald der Meine zu werden, wie Du es verheißen und ich es ſehnlichſt, ſehnlichſt wünſche bei Tag und bei Nacht. Ja, ich denke, ich träume nichts anders, und ſchrecklich ſcheucht es mich auf zu den ſchlimmſten Befürchtungen, wenn dieſer heftige junge Mann, der Doctor Edmund, bisweilen an Dir zu zwei⸗ feln ſcheint. Rein, es iſt unmöglich, lieber trauter ſü⸗ ßeſter Geliebter! Ich muß Dich bald in meinen Armen halten; ſchreib mir und ſage, wann, wann werd' ich gänzlich Deine Emma? — 300— 12. Zur Abreiſe und Nachſchrift. Es iſt ſo manches zu bedenken, und bleibt noch immer nach; Wollt' uns das Schickſal dieſes ſchenken, Schenkts uns das Ungemach. Man brachte mir den Brief um ihn zu falten und zu verſiegeln, welches Geſchäft den Frauen bekanntlich ſelten gelingen will, und ich war eben daran, meinen Auftrag zu vollziehn, als der Geheime Rath zu uns hereintrat mit den Worten: Nun, Kinder, wie weit ſeid Ihr mit den Rüſtungen zur Reiſe? gewiß find' ich Euch beim Einpacken? was habt Ihr vor? Seid Ihr ſchon einig, wer rückwärts ſitzt? wer das offne Fenſter ver⸗ trägt, ob Ihr mit oder ohne Mäntel fahrt? Ich will nicht fürchten, daß Ihr an Alles dies noch nicht ge⸗ dacht habt. Ei freilich haben wir das, nur war es ſehr noth⸗ wendig, ſogleich dieſen Liebesbrief zu beſorgen. In ſolchen Dingen iſt keine Zeit zu verlieren, wie Du Dich gewiß aus Deiner Jugend erinnerſt, liebes Väterchen. Erlauben Sie mir die Aufſchrift, liebes Kind.„An Arel“? Ei da wünſche ich den beſten Fortgang und daß er ſich als einen ehrlichen Mann beſtättigt, nachdem er Liebenswürdigkeit genug entwickelt hat. Aber wie iſt es, weiß Ihr Pflegevater darum und billigt er dieſen Briefwechſel? Mein Pflegevater? nein! ich habe noch nicht an ihn — 301— ſchreiben können, und glaube auch jetzt noch nicht ſo weit zu ſein, um ein Verhältniß, welches ſo ſchwankend aus⸗ ſieht, beſtimmt anzukündigen(ſie dachte dabei natürlich an den Schauſpieldirector in Schwerin). Nun, ich dächte auch, bis Sie ihn ſehn(denn über⸗ morgen ſind wir in Berlin) hätte es keine Eile. In Berlin? Haben Sie denn Nochricht, daß mein Vater in Berlin iſt? Wenn er noch nicht in Berlin ſein ſollte, nachdem er ſchon am vorigen Montage abgereiſt, ſo müßte er wunderliche Umwege gemacht haben. Abgereiſ't? Alſo Sie wiſſen es, daß er eine Reiſe nach Berlin vorhatte? Wenigſtens weiß ich, daß er hier durchgereiſ't iſt und ihren Liebhaber närriſcher Weiſe mitgenommen hat. Aber, mein Gott, das hat ja der Kriegsrath, Axels Oheim, gethan. Und iſt denn derſelbe nicht auch Ihr Pflegevater? Das ich nicht wüßte! Nein! Ei, ei, Ihr wunderlichen, höchſt ungründlichen Leute, klärtet dieſes arme Kind nicht einmal darüber auf, daß nicht jener Theaterdirector, ſondern der Kriegs⸗ rath ihr Pflegebater iſt. Der Kriegsrath? Derſelbe, der meinen Axel mir entführte? o ich Aermſte, da wird er ja unſre Verbin⸗ dung verweigern können. Freilich wird er es können, und eben deshalb fragte ich nach. Aber ich bitte Sie, Doctor, mein höchſt wahr⸗ ſcheinlicher Eidam, warum verſchwiegen Sie dieſes Ihnen — 302— bekannte Verhältniß, welches ſo wichtig iſt für die Zu⸗ kunft der jungen Dame, für die wir uns intereſſiren? Wenn ich es gleich wußte, ſo war ich doch nicht befugt, es zu verrathen, da der Kriegsrath ſeine Gründe zum Geheimniß hatte. Sie waren aber auch nicht verpflichtet, es geheim zu halten. Außerdem iſt es mislich, eines Menſchen Schickſal, welches eine beſtimmte Anlage und Richtung hat, durch unbefugtes Eingreifen unzulenken und ſeiner Grundlage zu berauben. Emma ſah mich mistrauiſch an, Minna dagegen deutete auf die Denkzettel mit den Worten: Alſo waren doch wirkliche Geheimniſſe darin? Die Haupturſache aber biſt Du, meine Gebieterin und Königin meiner Gedanken, denn haſt Du mich wohl zu etwas Anderem kommen laſſen, als an Dich zu denken? Und am Ende, mun es geſagt iſt, was iſt denn nun damit gebeſſert? Nun, ich dächte doch, ſagte der Alte, es wäre der natürliche Weg des Schickſals, daß ganz wider die Be⸗ rechnung des alten Herrn, ja ſogar wider Ihren eignen Willen durch Sie ſein Geheimniß kund wird, wenn Sie doch einmal von Schickſal ſprechen wollen. Und was kann verdienſtlicher ſein, als der höchſt widrigen Plan⸗ macherei und der Speculation auf das Bühnentalent entgegenzutreten. Faſt liegt es in der Region der Phi⸗ loſophie, ſo verkehrt iſt es. Warum will der alte Ouer⸗ kopf nicht lieber ſein Töchterchen im Hauſe haben, ſich — 303— daheim mit ihr ergötzen, wenn ſie ſingt, und mit ihr klagen, wenn ſie weint? Alſo, meine Liebe, Sie haben ſeine Voterſchaft auf dem allererlaubteſten Wege entdeckt und nun iſt das Vernünftigſte, was Sie thun können, Sie gehen zu ihm, um ſich derſelben zu bedienen. Nun, da wird er ſein Anſehn gradezu gegen die Verbindung geltend machen, bemerkte ich. Emma weinte, der Geheime Rath aber wandte ein, dergleichen einfache Mittel, die ich allerdings für die richtigſten halte, ſcheint er zweck⸗ und naturwidrig zu finden. Lieber leitet er Alles auf Umwegen ſo ein, daß es ſich von ſelbſt und ohne ihn zu begeben ſcheint. Aber wird unſre Freundinn dann nicht eben dieſen Umwegen ausgeſetzt ſein und doch die beſtimmteſten Ver⸗ pflichtungen gegen ihn übernehmen, während er, wenn ſie nichts zu wiſſen ſcheint, in jedem Falle ſie die Vor⸗ theile ſeiner Vaterſchaft genießen läßt, ſelbſt wenn ſie ſeinen Wünſchen, die ihr alsdann nicht bekannt ſind, entgegenhandelt? 5 Ich bin durchaus nicht dafür, daß Kinder ihre Aeltern hinters Licht führen. Man reinige die Verhält⸗ niſſe, und es kann nichts Uebles entſtehn. Meine liebe Minna, Sie meinen es treu und gut mit mir, rathen Sie mir, ſagen Sie mir, was ſoll ich thun? Ach, mir war ſo leicht ums Herz, als ich dieſen Brief ſchrieb, und nun, noch eh' er abgeſchickt iſt, muß es ſo kommen! Ich weiß nicht was ich glauben, was ich hoffen ſoll, denn immer zeigt ſichs, daß ich über mich ſelbſt und ach! über meine Angehörigen ſo ſehr im — 304— Dunkeln bin. Nun hab' ich meinen wahren Pflegeba⸗ ter entdeckt, aber einen unbekannten, und werd⸗ ich je⸗ nals meinen wahren Vater wiederſehn, deſſen liebevolle Züge keine Spur in meinem armen Gedächtniß hinter⸗ laſſen, und meine Mutter, die ich auch nicht wieder⸗ kennen würde, wenn ſie vor mir ſtünde? Auf alle Fälle wird es gut ſein, wenn Sie Axel von unſerer Entdeckung in Kenntniß ſetzen und ihm die Entſcheidung aller Zweifel überlaſſen. Freilich, freilich! wie konnt' ich nur einen Augen⸗ blick anders wohin denken! Ich will ſogleich eine Nach⸗ ſchrift zu meinem Briefe machen. Aber wie wird es da mit den Vorbereitungen zur Reiſe? Ich erwarte, daß morgen in aller Frühe, ſo wie das Poſthorn ertönt, jeder völlig bereit aus ſeinem Zimmer tritt ohne alle nachträglichen Beſorgungen. Ich will Dein verantwortlicher Miniſter ſein, Vä⸗ terchen, es ſoll Alles gut gehn. Auf Deine Gefahr, Du vorwitziges Ding! Siebentes Dutzend. cð — — — — — 28 „ 1. Die Räuber. Wahrt Euch! der Weg iſt uns ſo breit als Euch, Wenn Ihr nicht weicht, ſo ſchlagen wir Euch weich. In aller Frühe fuhr der Wagen vor, und kaum war das Signal geblaſen, ſo ſaß auch alles wie hinge⸗ zaubert an ſeinem Platze, denn ich hatte mich meines Auftrages, die Damen eine Stunde vorher zu wecken, aufs Gewiſſenhafteſte entledigt, indem ich vor ihrer Kammerthür das Tyroler Lied:„Wann i in der Früh aufſtehe“ auf einer ſanften Flöte vortrug und ſo lange varirte, bis Minna heraus kam und mir nit einem wohlverdienten Kuß den Spiellohn bezahlte. Schon beim Frühſtück hatten wir dem Geheimen Rath vorwer⸗ fen können, daß er zuletzt auf dem Platze geweſen und nun verbreitete vollends unſre Pünktlichkeit und ite Bereitſchaft die heiterſte Stimmung. Daß ihr ſo luſtig ſeid, Kinder, und daß der Nebel ſinkt, verſpricht uns einen heitern Tag, vielleicht gar einen heißen. Indeſſen noch iſt es kalt, und wir wollen die Fenſter heraufziehn. Entſchuldigen Sie gütigſt, unterbrach der alte Wagen⸗ meiſter die Bemühung mit ſeinem grauen Haupte, wel⸗ ches er in das Fenſter ſchob, der Herr Geheime Rath haben mein Trinkgeld vergeſſen; und dann, wie ſteht es, ſind die Piſtolen mit heruntergekommen? es iſt nicht — 308— allzugeheuer, ich höre von Räubern und Räuberhaupt⸗ leuten reden, Sie pflegten ja nicht ohne Waffen zu reiſen. In der That, dergleichen ſagt man? Nun, ich habe mich ſeit langer Zeit daran gewöhnt, daß es in unſrer Gegend ganz unmöglich ſei, wenn Sie aber ſo meinen, alter Freund: Johann, lauf geſchwinde einmal hinauf, und hole meine Piſtolen. Eine nachträgliche Beſorgung! kann nicht geſtattet werden! rief Minna, und wenn uns ſo viel Räuber wie Steine am Wege bevorſtänden, ich fürchte mich mehr vor den Piſtolen, die wirklich da ſind, als vor den Rüubern, die erſt noch kommen ſollen. Wir haben noch fünf Minuten bis zu der feſtgeſet⸗ ten Zeit, aber, mein Freund, was iſt denn vorgekom⸗ men, um jenes Gerücht zu veranlaſſen? Mancherlei von der auffllendſten Art, Herr Ge⸗ heimer Rath. So wurde vor einigen Tagen der Haupt⸗ anführer ſämmtlicher Räuberbanden im ganzen Großher⸗ zogthum, ein hagrer ſchwarzer Mann, der wahrſcheinlich aus den polniſchen Wäldern ſtammt, denn er ſoll ſehr gebrochen deutſch geſprochen haben, dieſer wurde durch ein Picket Huſaren, welche der Großherzog ſich aus Berlin geborgt hatte, aufgehoben; aber er entwiſchte nicht nur wieder, ſondern nahm auch ſämmtliche Huſaren gefangen und ſtellte ſie bei ſich ein, und kühn iſt er bis zur Unverſchämtheit: bei hellem Tage hat er die Leute aus den Gaſthäuſern weggefangen z. B. den Lieutenant hier aus dem goldenen Hirſch. — 800— In dieſem Augenblick kamen zum großen Gelächter der beſſer unterrichteten Geſellſchaft die altmodiſchen Vertheidigungsmittel gegen die bezeichneten Feinde. Wir fuhren ihnen um ſo muthiger entgegen, als wir ſie nun perſönlich kannten, und ich verſicherte unſerer Emma, alle Tapferkeit aufbieten zu wollen, um dem Räuber⸗ hauptmann ihren entführten Liebſten wieder abzujagen. Der Tag wurde heiß, die Räder wühlten im Sande und unſere Räubergeſpräche geriethen ins Stocken; da hielt auch der Wagen plötzlich an, und ängſtlich wandte ſich der Poſtillivn zu uns herum und rief in den Wa⸗ gen hinein: Soll ich zu zufahren oder umkehren? da halten keine hundert Schritt vor uns zwei Wagen, und eine Bande Kerle mit Knitteln bewaffnet ſind den Pfer⸗ den in die Zügel gefallen. O Gott! wir wollen ſchleunigſt fliehen, wenn es noch möglich iſt, jammerten die Mädchen. Stille, Kinder! Laſſen Sie mal das vordere Fen⸗ ſter herunter, wir müſſen der Sache auf den Grund kommen. Wie viel mögen ihrer wohl ſein? Höchſtens vier bis fünf. Und ohne Schießgewehr? So kommt es mir vor. Nun, da fahren Sie im Galopp darauf zu, damit ſie unſere Entſchloſſenheit gleich gewahr werden. Hier, Edmund, haben Sie die andre Piſtole. Schießen Sie nicht eher, als auf drei Schritt und nicht aus dem Wagen, damit wir ja nicht fehlen. So wie der Wagen hält, ſpringen wir mit geſpannten Hähnen heraus, ge⸗ bieten Ruhe und befehlen den Räubern ſich zu ergeben. Als wir herankamen, fanden wir die beiden Wagen an einer etwas ausgefahrenen Stelle des Sandwegs hart aneinander gefahren; der eine Kutſcher, der unſre Richtung hatte, ſaß noch auf ſeinem Platze mit den Zü⸗ geln in der Hand und bemühte ſich eifrig, die Pferde zurückzuzerren; der andre dagegen war ſchwebend zwiſchen Himmel und Erde, ein gewaltiger Mann hatte ihn er⸗ griffen und warf ihn auf der entgegengeſetzten Seite in den Sand; darauf riß der Gewaltthätige mit beiden Hän⸗ den die Deichſel herum, ergriff eine ungeheure Latte aus der Befriedigung der Tannenpflanzung und führte wie⸗ derholt wüthende Streiche auf die verſchüchterten Roſſe, während ein zweiter ebenfalls ſehr anſehnlicher Mann vergeblich an einer Latte zerrte und zu verſchiedenen Malen dabei in den Sand fil. Dies alles ging vor in dem Augenblick, da wir her⸗ zuſprangen und unaufhörlich halt! Ruhe! ergebt euch, ihr Schurken! riefen. Der eine Räuber taumelte in die Tannen und fiel, noch ehe wir geſchoſſen, der andere ſah uns verächtlich an, und ſchien weder deutſch zu verſtehn, noch überhaupt unſte drohende Stellung zu reſpectiren. Er verfolgte ſo raſch und ſo nachdrücklich ſeine langgezogenen Hiebe, daß die Pferde unter dem lauten Angſtgeſchrei der Frauen und Männer in der Kutſche wild wurden und durchgingen immer querein in das Sandfeld. Höchlich entrüſtet ſprang ich auf ihn zu und war im Begriff ihn niederzuſchießen, als er ſich ruhig herum⸗ wandte und indem er gegen mich ausholte, ebenfalls mich, ſo wie ich ihn wiedererkannte. Denn es war kein anderer, als unſer kampfluſtiger Freund, der Stralſun⸗ der Blockdreher. Aber ums Himmels Willen, Herr Altermann, ſchrie ich ihn an und ſprang vor ſeinem Hiebe, den er mir dennoch, wie es ſchien, aufmeſſen wollte, einen Schritt zurück, was beginnen Sie hier? Weg mit der Ballerbüchſe, Sie Narrendoctor, oder ich haue euch alle miteinander in die Pfanne. Ich will doch ſehn, ob ihr mir nicht aus dem Wege gehn ſollt. Reine Straße für den Altermann! fahr vor, du haſen⸗ herziger Krippenſetzer und Heckſeldrechsler, fahr vor, ſag' ich, der andre hat Gang geſetzt und pflügt im Sande, wie das Dampfboot mit dem Gellenbagger bei Barhöft, ha! ha! ha! Nun war mir alles klar, und zum Ueberfluß er⸗ kannte ich auch noch den Herrn von Buſchapfel, der, voll ſtarken Weines, ſich aus den Tannen vergeblich wieder hervorzuarbeiten ſtrebte. Der heruntergeworfene Kutſcher folgte händeringend ſeinen Pferden, die in einer dichten Sandwolke verborgen, umherſtürmten. Sogleich war mein Entſchluß gefaßt. Ich ließ ein Pferd aus⸗ ſpannen, ſchwang mich hinauf und ſuchte den ſcheuen Pferden den Rand abzugewinnen. Ich erreichte ſie auch wirklich, als ſie nach einer Wendung in die Tannen⸗ pflanzung geriethen, und hatte die Freude, daß ſie theils im Geſtrüpp verwickelt, theils vielleicht von dem tiefen Sande ermüdet, und durch mein Entgegentreten gehemmt, anhielten. Sogleich fiel ich ihnen in die Zügel und ſah nun zu meiner Freude, daß nicht das Geringſte beſchä⸗ digt und ein ältlicher Herr mit ſeiner Ehegenoſſin wohl⸗ behalten auf ihrem Sitze geblieben waren. Unterdeſſen kam auch der Kutſcher keuchend herbei und übernahm von neuem ſein unterbrochenes Geſchäft. Während er die Pferde klopfte, ihnen zuredete und das Geſchirr wieder ordnete, öffnete ich den Wagen und empfing den gerührteſten Dank des Ehepaares, die mich für den Retter ihres Lebens hielten, denn ſie achteten nicht weiter darauf, daß bei dem Einfangen der Pferde die Beſchaffenheit des Ortes wenigſtens eben ſo viel Verdienſt hatte, als ich. Der alte Herr fragte mich in gebrochenem Deutſch um meinen Namen und zeichnete ſich ihn ſogleich in ſeine Schreibtafel, darauf bedauerte er es von Herzen, daß er ein Geſchäft in dem nächſten Städtchen habe und erſt nach einigen Tagen wieder in Berlin ſein werde, bei ſeiner Rückkehr hoffe er mich in⸗ deſſen dort noch zu finden, er heiße Helmſtiold und wohne im ſchwediſchen Hofe. Nun kamen wir auf die abentheuerliche Veranlaſſung dieſer lebensgefährlichen Sandfahrt, und er theilte mir mit, wie beide Wagen an jener engen Stelle zuſammen gefahren ſeien, der ſei⸗ nige nicht habe weichen können, der andre nicht gewollt, Scheltworte ſeien nun von ſeinem Kutſcher mit Recht, von dem Beſitzer des andern Geſpanns mit Unrecht ge⸗ fallen, und gleich darauf von einem rieſengroßen Men⸗ ſchen dieſe unerhörte Gewaltthat ausgeübt. Ich erklärte ihm nunmehr Alles aus dem raufluſtigen Charakter des Blockdrehers, der mir aus ſeiner Vaterſtadt hinlänglich bekannt ſei. Sie nennen ihn einen Blockdreher-Altermann aus Stralſund und ſein Begleiter— Iſt der Herr von Brſchapfel. Nun das muß ich geſtehn! hätte ichs doch nicht ge⸗ dacht, daß ich mir dieſe Leute ſo weit her verſchrieben, um durch ſie in ſolche Angſt geſetzt zu werden. Ich ge⸗ brauche ſie nämlich bei einer großen Bauunternehmung in der Hauptſtadt, den einen als Werkmeiſter, den an⸗ dern als Holzlieferer. Nun, da will ich ſie doch wie⸗ der dafür ängſtigen. Laſſen Sie ſie immer reiſen, ich fahre jetzt hier ruhig weiter und treffe ſie dann deſto unerwarteter in Berlin. Das iſt ſo die pommerſche Art, ein wenig derb geht man mit einander um, und dem Ausländer will es nicht gleich ſchmecken, es iſt aber Humor darin, wenn man ſich nur einläßt und nicht allzuweichlich gewöhnt iſt. Rei⸗ ſen Sie glücklich und zürnen Sie unſerem kampfluſtigen Freunde nicht allzuſehr. Ich wandte mein Pferd, und ſetzte es eiligſt in Ga⸗ lopp, denn der Kampf ſchien mir von neuem entbrannt zu ſein, wenigſtens ſah' ich, daß zweie durchaus anein⸗ ander wollten, und ein Dritter unterdeſſen die Hiebe auffing, um Frieden zu ſtiften. Natürlich war der Blockdreher im Angriff, er ſchwur, er wolle ſie alle beide windelweich dreſchen. Wie der Herl ſich unterſtehen könne zu judiciren und ihm Unrecht 14 — 314— zu geben. Zwar habe er nicht alles gehört, was er auf ihn bringen wollte, indeſſen immer genug, um einzuſehn, daß dieſer alte Fintenzeiger in irgend einer Polizei⸗ oder Kriminalbehörde ſitzen müſſe und grade einen ſolchen habe er ſich lange einmal an einer ſo glücklichen Stelle und in ſeiner jetzigen aufgeräumten Laune gewünſcht, um ihm das Alles einzutränken, was er von dergleichen Geſindel in ſeinem Leben ſchon ausgeſtanden und was alle ehrli⸗ chen Leute von ihm dulden müßten, die es mehr in den Händen, als im Maule hätten und lieber von ſich lang⸗ ten, wie die Pferde, als um ſich ſpuckten, wie die Katzen. Ich ſah nun wohl, wie die Sache bewandt war. Der Geheime Rath hatte in meiner Abweſenheit nach ſei⸗ ner gewöhnlichen gründlichen Art die Sache unterſucht, und wie ſich von ſelbſt verſteht, nicht zu Gunſten unſers pommerſchen Freundes, des Bbockdrehers, entſcheiden können. Dabei waren Aeußerungen gefallen, die Aehn⸗ lichkeit mit den Verweisformeln gehabt haben mögen, deren der Blockdreher ſich vom Stralſunder Rathhauſe her noch ſehr wohl erinnerte und die er ſo vft ungeſtraft hatte anhören müſſen. Er gedachte ſeines Zorns, und der Geheime Rath war nahe daran, ihn in ſeiner ganzen Schwere zu fühlen, trotz des Poſtillons, der ihm bei⸗ ſprang und wirklich für ihn zum Märtyrer wurde, als ich dazukam. Schnell fiel ich dem gewaltigen Recken in den Arm und ſchrie ihm laut in ſeine eigenſinnigen Ohren: Alter Freund, ſeid Ihr heute denn ganz des Teufels, daß Ihr alle Eure Freunde und ihre Anverwandten dazu prü⸗ gelt? Das iſt mein Schwiegerbater, gedenkt doch unſe⸗ rer guten Stunden in Stralſund, wo wir gemeinſam zu Felde zogen und ſo viel Feinde hatten, daß wir uns an unſre Freunde nicht zu vergreifen brauchten. Was denkt Ihr? erſt bringt Ihr den Herrn Helmſtiold, der Euch nach Berlin beruft, in Lebensgefahr und nun fallt Ihr über meinen Vater her, der Euch doch gewiß nicht entgegen geweſen iſt. Euern Vater? Hätt' ich doch nicht gedacht, daß Ihr aus ſo kleiner Rage abſtammtet! Da habt Ihrs wohl von Eurem Großbater, daß Ihr noch ſo nothweiſe Euren Mann halten könnt? Nun, wir ſind ja immer gute Geſellen geweſen, kommen Sie her, und Sie, alter Knaſter, wir wollen gute Freunde ſein. Er ſchüttelte uns die Hände, der Poſtillon, ſein Kutſcher und ſogar die beiden Mädchen, die ſchreiend aus dem Wagen her⸗ beigeſtürzt waren, als ſie den alten Herrn in Gefahr ſahen, alle bildeten einen bewundernden Kreis um den Helden.. Was brummten Sie da aber von Helmſtiold? Sie wiſſen, ich höre ſchwer. Helmſtiold ſitzt in jenem Wagen, den Sie eben ſo unbarmherzig nicht aus dem Felde, ſondern ins Feld hinein geſchlagen haben. Er läßt ſich Ihnen zu beſſeren Gnaden empfehlen, Altermann. Der Eſel, warum fährt er mir nicht aus dem Wege? und wenns der Kaiſer von Marokko wäre, reine Straße muß ich haben, und wenn ich ſie nicht habe, ſo weiß ich ſie mir zu machen. 14* 6 Aber wo iſt denn der Herr von Buſchapfel hinge⸗ kommen? Er iſt in die Fichten gegangen oder durch die Lat⸗ ten, wie man zu ſagen pflegt. Er hätte lieber nicht ausſteigen ſollen, ſo wär' es ihm vielleicht nicht ſo ſehr zu Kopf geſtiegen; da liegt er nun wie ein Seehund in der Sonne. Kommt her, Kinder, wir wollen ihn wieder in den Wagen ſetzen. Unſer Abentheuer war mun ſoweit überſtunden, jede Parthie ſtieg zu Wagen; und ſo ging es luſtig bis zur neuen Station. 2. Die Tiſchgeſellſchaft. Zeigt er ſich, wie er iſt, Sei Jud' er oder Chriſt. Die Sonne ſank, die Wolken wurden bunt, es war Eſſenszeit, als wir ankamen. Nicht unangenehm be⸗ willkommte uns die weiße Serviette des zierlichen Ora⸗ nienburger Kellners und ſeine Verſicherung, daß alles aufs Beſte bereitet und eine Familie aus Berlin ſo eben im Begriff ſei zu Tiſche zu gehn; wir folgten ihm mit dem Altermann und dem wieder hergeſtellten Herrn von Buſch⸗ apfel ſogleich in den Speiſeſaal, wo uns wirklich ein ſehr freundlicher Jude mit ſeiner hübſchen Frau und Schwägerin begrüßte. Mit dieſen ſetzten wir uns, unſre neun, um einen — 317— runden Tiſch und der Herr von Buſchapfel, der den ganzen Weg über geſchlafen hatte und jetzt eigentlich zuerſt wieder munter wurde, war nicht wenig verwun⸗ dert, als er in mir, ſeinem Tiſchnachbar, einen alten Bekannten und Zechbruder wiedererkannte. Herr Baron, hub er an, iſt es möglich, hab' ich wirklich das Vergnügen, Sie wiederzuſehn? Ein kleines Holzgeſchäft und meine Familienangelegenheiten, die Sie kennen, führen mich nach der Hauptſtadt; ich glaubte Sie dort zu finden, wie überraſcht es mich nun, Sie hier zu ſehn! Ich entdeckte ihm hierauf, daß ich ihn ſchon bei dem Abentheuer im Tannenwäldchen wiedererkannt, und ſchil⸗ derte ihm in der Kürze, wie es dabei zugegangen ſei. Ums Himmels Willen, ſagen Sie nein, es war nicht ſo ſchlimn! Wie komm' ich auch in dieſes Menſchen Geſellſchaft, der im Saufen und im Raufen vnerſättlich iſt(er glaubte, der Blockdreher würde es nicht hören), und was werden die Damen gedacht haben, als ſie mich in dieſem Zuſtande ſahen! O wie wenig ſchickte ſich das für unſern Stand! Sein Sie ruhig, liebſter Herr von Buſchapfel, meine Braut war zu ſehr mit den Thaten des Blockdrehers beſchäftigt und Sie Selbſt in den Fichten zu wohl ver⸗ borgen, als daß Sie hätten bemerkt werden ſollen. Ihre Braut? Darf man ſo rückſichtslos ſein nach dem Näheren zu fragen? Als ich ihn mit allem bekannt gemacht hatte, ſtand er auf, empfahl ſich dem Geheimen Rath als einen — 318— Standesgenoſſen aufs Angelegentlichſte und wünſchte ihm Glück zu einem ſo edlen Eidan Edel? das ich nicht wüßte, im Gegentheil, er iſt nicht beſſer, als Gracchus der jüngere, vielmehr ſchlim⸗ mer, ein Plebejer nach Geſinnung und Herkunft.. Unmöglich, daß er auch gegen Sie ſein Incognito beibehalten. Ach! nun merke ich wohl, Sie ſind der Herr von Buſchapfel und halten meinen Schwiegerſohn für einen verkappten Landedelmann, während er doch in der That und Wahrheit zu denen gehört, die einmal die Tollheit hatten, allem Beſtehenden den Krieg zu erklären und nichts weniger ſein möchte, als ein Reſt des alten Ritter⸗ thums, um ſich ſelbſt zu bekämpfen. Es iſt unmöglich! Sollte mich dieſer junge Mann ſo getäuſcht haben? Und Sie, mein Herr, wie konnten Sie Sich unter dieſen Unſtänden entſchließen, ihm Ihre Tochter zu bewilligen? In dieſer Sache, mein wertheſter Herr von Buſch⸗ apfel, bin ich mündig. Sie aber, mein junger Herr, haben mich auf dieſe Weiſe zum Beſten gehabt; und ich muß Ihnen ein für allemal erklären, daß kein Buſchapfel das ungerochen läßt. Und Ihr Adel, mein Herr Geheimer Nath, iſt mir nunmehr ebenfalls ſehr zweifelhaft, das laſſen Sie Sich geſagt ſein. Laßt mich das für Euch ausmachen, Kinder, rief der Altermann, ſeid ſtille, widerſprecht mir nicht! Mei⸗ ner Treu, es iſt eine Luſt, wenn man ſo für die ge⸗ — 319— rechte Sache ins Geſchirr gehn kann! Komm her, För⸗ ſter, Du Nachkommenſchaft eines Jagdhundes, von dem Du Deine abſcheulichen Klappohren zum Erbtheil haſt, komm her, Du altadlige Spirituslampe, die man bei der Raſe anzünden und der Gasbeleuchtungscompagnie als eine Laterne verkaufen könnte, komm her, Du Groß⸗ ſprecher, der Du uns die Suphe verſtänkerſt, ich will Dich mitten entzwei brechen, daß Du aus Einem Later⸗ nenpfahl zu zwei Goſſenſteinen zugerichtet werden ſollſt, komm her, Goliath, ich will Dein Dabid ſein! Kampfgerüſtet ſtand er da, und als der Förſter nicht kam, war er im Begriff ihn zu holen, ſo daß wir nicht geringe Mühe verwenden mußten, um ſie auseinander zu halten! Daran erkenn ich meine Pappenheimer, rief ich aus, aber Altermann, allergetreuſter Freund und Kampfge⸗ noſſe, laſſen Sie die Waffen ruhn, bis wir gegeſſen ha⸗ ben Herr von Buſchapfel, ritterlicher Degen und wohl⸗ erfahren in der Schule der Ehre, nehmen Sie an, es ſei noch alles beim Alten, ſetzen Sie Sich wieder her, und laſſen Sie uns ein beſſeres Geſpräch beginnen, nach Tiſche mag uns Mars den Schickſalsfaden ſpinnen. Als wir uns wieder zur Suppe gewendet hatten, ergriff der Geheime Rath das Wort und ſagte: In der That, meine Herren, der heutige Tag überraſcht mich mit mancherlei ſeltenen Erſcheinungen, welche mir ſämmt⸗ lich die nachhaltige Exiſtenz eines ritterlichen Sinnes, an die ich außerdem in unſerer Zeit durchaus nicht ge⸗ glaubt haben würde, beweiſen. Mancherlei Kampf und — 320— Lebensgefahr haben wir heute ſchon geſehn und beſtan⸗ den, andere ſteht uns noch bevor, und mein vortreffli⸗ cher Nachbar, der noch vor kurzem gegen mich zu Felde zog, iſt jetzt für mich in die Schranken getreten. Ich finde, daß er ſeine Liebhaberei wie eine freie Kunſt be⸗ treibt. Was übrigens die Urſache zu dem bevorſtehen⸗ den Kampfe betrifft, ſo erlaube ich mir dem Herrn von Buſchapfel in Erinnerung zu bringen, daß mein Schwie⸗ gerſohn ihm gleich beim erſten Zuſammentreffen ſeinen Paß vorgezeigt, ein Umſtand, der doch aufs Entſchie⸗ denſte gegen alle MWyſtification ſpricht. Es iſt wahr, ſo verhält ſich die Sache— es muß alſo wohl mehr an meiner Leichtgläubigkeit, als an Ihrer Abſicht gelegen haben, daß ich Sie für meines Gleichen hielt. Wenn ich mirs darnach recht überlege, ſo möchte es ſich wenig ſchicken, daß wir uns ſchlagen, und ſchließlich ohne einen gehörigen Grund— ſchlagen. Ich nehme daher meine Herausforderung zurück. Aber Sie, mein Fräulein, bleiben mir immer ein Räthſel, kann es Ihnen denn ſo ganz gleichgültig ſein, in eine Familie zu kommen, welche gar keine Vorfahren hat? Sie hofft ohne Zweifel deſto mehr Nachkommen zu haben, Herr Förſter, antwortete gutgelaunt der Geheime Rath. Nur dadurch, daß ſie unſere Sitten nachahmen, kön⸗ nen die niedern Stände ſich emporbringen, und ich kann mir nicht vorſtellen, daß Sie, mein Fräulein, an etwas anderes, als an dieſe nachgeahmten Feinheiten der rügi⸗ ſchen Ritterſchaft, welche ſelbſt mein Kennerauge getäuſcht, Ihr Herz ſollten verloren haben. Nach den vorliegenden Proben, Herr Förſter, kann ich mit Ihrer Erlaubniß die bürgerlichen Sitten nicht zurückſetzen.. Er verliert ſein Spiel codille, ſagte der Blockdreher, weil er uns allen ins Geſicht ſchlägt und jeder Einzelne ſein Meiſter iſt. Du ſollteſt ſtillſchweigen, Förſter, und es lieber erſt heraushören, in welchen Ton Du fallen müßteſt, um nicht durchzufallen. Allein der Herr von Buſchapfel ergriff nichts deſto⸗ weniger noch einmal die Waffen gegen mich; nachdem er vorher bei dem Geheimen Rath des Breiteren ſich unter⸗ richtet über meine politiſchen Vergehen, zeigte er mir zuerſt das Strafwürdige und dann das Thörigte jener ganzen Verſchwörerei unbefugter ſtudirender Jünglinge. Es ſeien noch nie andre Verſchwörungen geglückt, als die des Adels ſelbſt, worauf ich mich in folgender Art vernehmen ließ: Wertheſter Herr von Buſchapfel, ein jeder trägt ſeine Haut zu Markte, und ich muß geſtehn, daß Sie eigenthümliche Anſichten von den Vorrechten des Adels haben, wenn Sie eine Befugniß zu Verſchwörungen für ihn ausſchließlich in Anſpruch nehmen, indeſſen bin ich keineswegs geſonnen, Ihnen weder dieſes noch irgend ein ähnliches Vorrecht ſtreitig zu machen. Ich begnüge mich mit dem bischen Verbrechen und Strafe, welches ich bis jetzt genoſſen, und die mich um eins oder das andere be⸗ neiden ſollten, muß ich darauf aufmerkſam machen, was — 322— der alte Heſiodus ſagt: Vor die Tugend ſetzten die Göt⸗ ter den Schweiß. Der Name eines richtigen Hochver⸗ räthers iſt wenigſtens eben ſo ſchwierig zu erlangen, als es ein Adelsdiplom zu den Zeiten Maximilians von Oeſtreich war. Ich ſchlage Ihnen alſo vor, Herr Förſter, mich in meiner Qualität ohne weitere Umſchweife anzuerkennen, damit ich nicht auch meinerſeits anfange, Sie in der Ihrigen zu bekritteln. Dieſe Unterredung machte auch unſern jüdiſchen Tiſchgenoſſen theilnehmend. Er äußerte ſeine Freude, einen ſo gefährlichen Menſchen, wie mich, ſo ohne alle Gefahr und ganz in der Nähe betrachten zu können. Es ginge eigen mit ihm zu, daß ihm alles Gefähr⸗ liche ſo anziehend ſei, wenn es zwar noch ſo ausſäbe, aber im Grunde es nicht mehr ſei z. B. ein Mör⸗ der in Ketten, ein Löwe im Käfig und ein Kopf, der ſich noch an die Zeit erinnere, wo es zweifelhaft war, ob die Gerechtigkeit ihn nicht erndten werde, wie der Gärtner die Kohlköpfe vor ſeinem Gitterfenſter. Es iſt was Bewundernswürdiges, fuhr er fort, mit welcher blutdürſtigen waghalſigen Natur einige Thiere und Men⸗ ſchen begabt ſind und beſonders für mich iſt dies inte⸗ reſſant, der ich ausgezeichnet friedlich und bürgerlich ge⸗ ſinnt bin und vor allen frei umhergehenden Blutſaugern vom Barbier bis zum Löwen den entſchiedenſten Abſcheu hege. Aber, wie geſagt, ich ſehe dergleichen, unſchädlich gemacht, gern, wie es denn auch ſchon längſt mein Wunſch war, von den Jünglingen, die ſämmtlich ihr Leben ver⸗ wirkt haben ſollten, einen perſönlich kennen zu lernen, 823 ohne daß ich jedoch irgend einen gelungenen Verſuch dazu gemacht, bis mir nun heute Ihre Unterredung, meine Herren, wenn ich meinen Ohren trauen darf, die⸗ ſen ſeltenen Genuß gewährte, indem ſie mir in Ihnen, mein Verehrteſter, einen wirklichen Staats⸗ und Hoch⸗ verräther bezeichnete. Nichts Schmeichelhafteres konnte mir geſagt werden, ſehr geſchätzter Herr Dilettant des Gefährlichen, als von Ihnen in der Menagerie dieſer Tiſchgeſellſchaft für den Löwen erklärt zu werden, während mein eigenes Ge⸗ wiſſen um alles in der Welt dieſe Ehre dem Herrn Al⸗ termann nicht ſtreitig machen möchte. Um alles in der Welt, fiel der Jude ängſtlich ein, wünſchte auch ich keines Menſchen Verdienſte herabzuſetzen, am wenigſten die des Herrn Altermanns und ich verſi⸗ chere glaubhaft, daß mir eine Vergleichung der beiden Herren nicht in den Sinn kam, ich ſuchte lediglich meine ganz ausgezeichnete Theilnahme an Ihrem verſchwöreri⸗ ſchen Charakter darzuthun, weil es mir das allergefähr⸗ lichſte Hazardſpiel zu ſein ſcheint, und mit aller Achtung vor den Tugenden des Herrn Altermanns erlaube ich mir allerdings, mich für Sie am meiſten zu intereſſiren. Ich bitte Dich, Minna, was konnte uns Beſſeres begegnen, als die Entdeckung dieſer meiner Merkwür⸗ digkeit? Denn wie? wär' es nicht ein lukratives Ge⸗ ſchäft, wenn Du nun mit mir umherzögſt und mich für Geld ſehen ließeſt? Ei freilich, und für ein Meiſterſtück iſt auch gleich geſorgt, denn haſt Du nicht heute den Lebensretter bei — 324— dem alten Helmſtiold und den Schild des Ajax für das Väterchen geſpielt, als der Herr Altermann, ein ſiegrei⸗ cher Hektor, ſeine verderbliche Latte ſchwang, und wer will es leugnen, daß Du nit alledem Dein Meiſterſtück in Beſiegung der Gefahren gemacht? Höchſt ſymboliſche Stegreifshandwerke! ſo wohlfeil reiſet man nicht nach Liebenheim und Trauburg, fiel der Geheime Rath ein. Wenn ich es mir nun überlege, fuhr der Iſraelite unmittelbar aus ſeinem Nachdenken fort, womit ich mir ſchicklicher Weiſe ein Andenken an Sie und an dies wunder⸗ bare Zuſammentreffen erwerben könnte, ſo fällt mir nichts anderes ein, als— dieſe meine Mütze hier. Ich be⸗ merke nämlich, daß Sie eine etwas ältere aber ganz ähnliche führen, während die meinige erſt geſtern aus dem erſten Berliner Laden entnommen iſt, und fünf Thaler Courant zu ſtehen kommt. Wenn wir nun tauſch⸗ ten, ſo dürft' ich die Ihrige zum Andenken behalten, was mich ganz ausnehmend beglücken würde. Hier iſt ſie, ſchlagen Sie ein. Mein verehrteſter Gönner, es wäre gewiſſenlos, wenn ich auf dieſen Handel einginge, weil der wahre Werth der meinigen um mehr als die Hälfte zurückbleibt, we⸗ nigſtens mache ich Sie ausdrücklich darauf aufmerkſam. Um Ihnen zu beweiſen, wie wenig ich darauf Rück⸗ ſicht nehme, erlauben Sie mir, daß ich Ihnen den gan⸗ zen Kaufpreis meiner Miütze noch obendrein biete und ſogleich auszahle, wenn Sie Sich nur geneigt finden laſſen wollen, auf den borgeſchlagenen Tauſch einzugehn. — — 325— Hier ergriff er einen Teller, legte die gans neue, ſehr zierliche Berliner Mütze darauf, zählte fünf Thaler hinein, und war im Begriff ſie mir zu überreichen, als ihm plötzlich ſeine Frau nach einem ſichtbaren inneren Kampfe entſchloſſen und zürnend in den Arm fiel mit den Worten: Um Gottes Willen, Samuel, Du wirſt doch die Mütze nicht vertauſchen wollen, welche Dir die Großmutter zum Andenken an Deinem Geburtstage ber⸗ ehrt hat. Sei ſtille, liebes Röschen, Du weißt ja, daß die Großmutter grade ihre Nachmittagsruhe hielt, als wir uns dieſe Mütze kauften. Neu iſt ſie, das iſt wahr, aber jene andre iſt merkwürdig, wie die Antiken, die ja ſo ſehr geſchätzt ſind. Aber mein Gott, die Quaſte iſt ja ein Andenken. Die Quaſte? von wem? ich wüßte nicht von wem? Ei, von der Tante, Herzchen, beſinne Dich doch! Nun meiner Treu! da müßte die Frau des Mützen⸗ händlers meine Mutterſchweſter und mein Großvater ein lockerer Zeiſig geweſen ſein. Lieber Samuel, tauſche nicht! und dabei zwinkte ſie ängſtlich und angelegentlichſt mit den Augen. Meine Herren, iſt Ihnen jemals ein ſo ſchmählicher Pantoffeldeſpotismus vorgekommen, als dieſer, dem ich jetzt zu unterliegen fürchte?— Gott Abrahams und Jacobs, die beide mehr als ein Weib zu regieren hat⸗ ten, gieb mir Kraft zur Behauptung meiner hausherr⸗ lichen Würde! Röschen, liebes Weib, laß meinen Arm — 326— fahren und ſetze Dich ruhig nieder, bis ich dieſes anzie⸗ hende Geſchäft beendigt habe. Nun begannen die Unterhandlungen von Reuem; aber ich fühlte mich ebenfalls gebemmt in meinen Entſchlüſſen Geils durch die bittenden Blicke der armen geängſtigten Jüdinn, theils durch meine eigne Schöne, die mir un⸗ aufhörlich ins Ohr geraunt hatte: ei, Du wirſt doch die Mütze des Juden nicht auf Deinen Kopf kommen laſſen? Edmund, ich bitte Dich, nimm ſie nicht, aufſetzen darfſt Du ſie doch nicht, das ſag' ich Dir vorher! Als ich noch ſchwankte, ob ich dieſen anſehnlichen Vortheil eines ſehr ehrenvollen Handels durch die Tyran⸗ nei ſolcher Vorurtheile mir ſollte entziehn laſſen, ſprang Minna, plötzlich entſchloſſen, auf, legte meine Mütze ebenfalls auf einen Präſentirteller, und brachte ſie der Jüdinn mit den Worten: Hier iſt der Zankapfel, ich opfre ihn auf dem Altare des Familienfriedens, erlau⸗ ben Sie mir, daß ich Ihnen das Kleinod ſchenke, um es an Ihren Herrn Gemal zur Strafe für ſeinen Un⸗ gehorſam gegen Ihre Wünſche ſo theuer zu verkaufen, als ſie nur irgend wollen. Haſt Du etwas dagegen, lieber Edmund? Nein, durchaus nichts, im Gegentheil, ich genehmige dieſes Verfahren, um nicht das Anſehn zu haben, als geſchähe es wider meinen Willen. Dieſer eurioſe Handel, der nun hiemit beſchloſſen war, hatte uns allerſeits weſentlich erheitert, und alle Einzelnen, bis auf den Herrn von Bruſchapfel, der es einſeitig und in vornehmer Zurückgezogenheit mit der Flaſche hielt, weſentlich einander näher gebracht, ſo daß ich meinen jüdiſchen Gönner ohne weiteres fragte, in welchen Geſchäften er reiſ'te, ob das Gefährliche oder das Civile ſein gegenwärtiges Augenmerk ſei. Der Jude. Allerdings iſt das Gefährliche die Urſache meiner Reiſe, aber ich muß geſtehn, daß ich ihm diesmal nicht entgegenreiſe, ſondern vor ihm auf der Flucht bin, denn es iſt leider nur zu ſehr entfeſſelt und unnahbar, wie der Tod, es iſt die jetzige Peſt ſelbſt, die Cholera. Darum laß ich auch alle Gurken und Obſtarten, und was ſonſt eine magenerkältende Kraft hat, ſorgfältig vorübergehn und habe für meine weitere Reiſe ein ganz beſonderes Intereſſe, zu erfahren, ob Mecklenburg, wo⸗ her ſie vermuthlich kommen, noch völlig geſund iſt. Ich. Danke für gütige Nachfrage, Mecklenburg befindet ſich ſo leidlich wohl; wie geht es dagegen dem königli⸗ chen Berlin? Der Jude. Leider nicht zum Beſten. Man macht ſchon Cholera⸗ körbe, in denen die Kranken ins Lazareth und die Tod⸗ ten auf den Kirchhof getragen werden ſollen; und weil neben mir an ſo eine Fabrik war, überliefs mich den ganzen Tag immer wie mit Eisgüſſen; ich mußte flüch⸗ ten, um nur wieder in die gewöhnliche warme Tempe⸗ ratur zu kommen. Ich. Die Krankheit ſelbſt alſo iſt noch nicht einpaſſirt? Der Jude. Nein, aber ich bin entſchloſſen, das wirkliche Einpaſ⸗ ſiren dieſer nichtswürdigen Seuche nirgends abzuwarten, und ſollte ich bis zum Kap der guten Hoffnung flüchten. Ich. Ei, ei! mein Verehrteſter, wenn das noch Ihre Frau ſagte, aber von einem Manne und von einem Geſchäfts⸗ manne zumal, wie iſt es möglich? Der Jude. Wie ich es möglich mache? das will ich Ihnen ſa⸗ gen: Meine alte Großmutter, die doch nicht viel Jahre mehr dranzuſetzen hat, bleibt zurück und beaufſichtigt meine Fabriken. Ich dagegen mit meiner Frau und Schwägerin bin entſchloſſen, wie geſagt, lieber mein gan⸗ zes Vermögen zu berreiſen, als an der Cholera zu ſter⸗ ben, denn ich fürchte mich entſetzlich dabor. Da nahm der Blockdreher das Wort und ſagte: Nun, dann ſind Sie ſo gut, wie geliefert, und alles Reiſen haben Sie umſonſt. Die Cholera geht durch die ganze Welt, und wer ſich dabor fürchtet, der iſt reif. Das kann ich Ihnen klar und deutlich beweiſen. Ich komme dieſer Tage von Poſen, wo ich ein Ge⸗ ſchäft gehabt und mit der Peſt vier Wochen in einem Hauſe gewohnt habe.— Hier erſchrak der Jude und rückte ſo weit von ihm weg, als er konnte.— Es war ein großes Haus am Markt, fuhr der Altermann fort, von unten bis oben voller Menſchen, und viele arme Seelen darunter ſagten heute noch guten Morgen, die morgen ſchon gute Nacht geſagt hatten und auf der — 8 Naſe lagen. Ich aber wußt' es ſchon immer vorher und ſagt' es ihnen auch: Wer ſeinen Mann ſteht, der ſteht auch die Cholera, aber die Ausreißer und die Hoſen⸗ ſch die Juden und die Schneider, die ſterben wie die Fliegen:'s iſt keine Rettung! nur Schläge, die helfen bisweilen. So war in Poſen ein Schornſteinfeger. Der kommt eines Abends zu Hauſe, und findet ſeine Frau in der Cholera. Er kann keinen Doctor bezahlen, was iſt zu thun? Weib, ſteh auf, ſchreit er ſie an, und ſei geſund, ſteh auf und geh in die Küche, ich will zu Abend eſſen. Sie liegt wie ein Stein, er wird wüthend, ergreift ſeinen Beſenſtiel und mißt ſie die Kreuz und Quer, bis ſie warm wird, aufſteht und geſund iſt. Aber was ich Ihnen ſage, wer ſich fürchtet und nicht gleich einen Schornſteinfeger mit dem Beſenſtiel bei der Hand hat oder dieſe Kur nicht aushalten kann, der muß dran glauben. So wohnte über mir ein ſolcher Haſenfuß, der wollte ſich recht verſchanzen und feſte machen. Er hatte ſich auf drei Monat mit Proviant verſehn, und ließ kei⸗ nen Menſchen zu ſich herauf. Acht Tage mocht' es her ſein, daß er die Thüre geſperrt hatte; da hör' ich es plumpſen und auf dem Fußboden über mir klaspern(es muß arg geweſen ſein, denn ich bin harthörig), ich alſo hinauf, ſtoß die Thüren ein:— da liegt er, die Cho⸗ lera hat ihn geholt; und ich mocht' ihn rütteln und ſchütteln, wie ich wollte, es war keine Hülfe an ihm. Alſo, wie geſagt, wer ſich fürchtet, der iſt geliefert; vor dem Froſt hilft kein Zittern. Ei, was Sie ſagen! aber ich kann mir nicht helfen, — 630— ich fürchte mich. Ich bitte Sie, wie konnten Sie den verpeſteten Körper anrühren, oder hatten Sie eine Maske und Wachstuchkleider? Nein dieſen ſelben wollenen Rock hatt' ich an, und ich faßt' ihn ſo, wie ich Sie jetzt umfaſſe. Au! um des Himmels Willen nicht mit Wolle! das iſt es ja eben, warum ich aus meiner Fabrik flüchte, weil Wolle ein Giſtleiter iſt. Er war entſetzt aufge⸗ ſprungen, um den Armen des Altermanns zu entrinnen; wir übrigen ſchoben mit Gelächter unſere Stühle zurück, und die Tafel war aufgehoben. 3. Vor Berlin. Er ſitzt gar weiſe zu Gericht, Wenn er den Andern urtel ſpricht, Doch muß er gleich in ſeinen Sachen Die Andern wieder zu Richtern machen. Der Förſter und ſein gewaltiger Beiſtand gegen die Uebermacht des Weines, unſer tapfrer Altermann, der Stralſunder Blockdreher, ſetzten noch denſelben Abend ihren Weg nach der Hauptſtadt fort mit der liebenswür⸗ digen Verſicherung, auch dort alle ihre Kräfte aufbieten zu wollen, um unſere Freundſchaft zu ihnen(der Herr von Buſchapfel hatte dem Sohn der Traube die roſen⸗ farbigſte, leutſeligſte Laune abgewonnen) je mehr und mehr zu verſtärken, wozu der Blockdreher ohne Zweifel — 334— auch etwanige Kriegsſeenen rechnete, denn er hielt da⸗ für, daß ein honnettes Gefecht zur Auffriſchung freund⸗ ſchaftlicher Verhältniſſe weſentlich von Nutzen ſei. Wir ſchliefen ruhig auf die Strapazen dieſes Tages und am andern Morgen in der Frühe war unſer erſtes Geſchäft, dem Choleraflüchtling ein freundliches Lebewohl und ein glückliches Ende ſeiner weitausſehenden Fahrt zu wünſchen. Leben Sie wohl, meine Freunde, und reiſen Sie glücklich, erwiederte er, Sie haben es nöthiger als ich, denn Sie reiſen dem Verderben in den offenen Rachen. Wäre dieſe Geſinnung allgemein, bemerkte der Ge⸗ heime Rath, ſo hätten wir ſogleich eine zweite Auflage der Völkerwanderung. Mir iſt indeſſen dieſe Krankheit von mehr als einer Seite intereſſant, und ich würde nach Gelegenheit auch ohne Noth eher zu ihr hin, als ihr aus den Wege reiſen. Zuerſt iſt ſie ein Probier⸗ ſtein des Muthes und gewiß eine Vertilgerin der Feigen und der Diſſoluten; und wenn irgend Todesfurcht etwas vermag, ſo werden ſie in ſich gehn; thun ſie es aber nicht, ſo werden ſie unkommen— für die Geſellſchaft um ſo beſſer. Dies iſt ein ſittlicher Werth der Cholera, und wie wird ſie nun erſt die Medicin bereichern und umgeſtalten! Was halten Sie davon, mein Herr Medicus? Sie iſt ohne Zweifel der weitere Ausdruck einer großen Kriſis, die jetzt durch das Völkerleben geht, und ſtellt in ihrer Region das immer ſtärkere Ueberfluthen des Orientalismus durch Rußland nach Europa dar. Ohne Zweifel iſt es wichtig, dieſes barbariſche Princip — 332— durch eine gründliche Erkenntniß in unſre Gewalt zu bringen; und ich muß geſtehn, ich bin neugierig, wie die Berliner Gelehrten mit der vrientaliſchen Beſtie umgehn werden. In dieſem Studium, fiel der Geheime Rath ver⸗ gnügt ein, wünſche ich Ihnen den beſten Fortgang. Es iſt offenbar ein Feld, auf welchem jetzt ein guter Kopf ſein Glück machen kann und wird. Edmund, erinnre Dich an Dein Verſprechen, und laß Dich auch nicht von der Cholera zur Mediein verführen. Ich gab ihr heimlich ein Zeichen, der Alte aber erklärte: Er könnte nichts Beſſeres thun, und ſein bisheriges Benehmen in Verbindung mit dieſer wirklich fruchtbaren Auffaſſung giebt mir die beſte Hoffnung. Man intereſ⸗ ſirt ſich überall, wo man der Sache eine zugängliche Seite abgewinnt. Ich kämpfte indeſſen mit dem Trübſinn meines Her⸗ zens, ſo oft dieſes Widerſpiel zwiſchen Vater und Toch⸗ ter mich in dieſe drückende Mitte nahm und ich es aller⸗ dings anerkennen mußte, daß die Verhältniſſe mit jedem Räderzuge unſers Wagens immer lebhafter auf mich ein⸗ drangen, und mich zu einem Geſchäft zu zwingen droh⸗ ten, dem ich nicht viel weniger abgeneigt war, als meine Herzenskönigin. So feſt der Alte ſich zeigte, und aus ſeinem Geſichtspunct mit dem beſten Grunde, ſo entſchieden fand ich auch ſie, ohne Zweifel immer in der Erinnerung an den unglücklichen Doctor Jonathan — 333— und die Calamität ſeiner medieiniſchen Verwirrung, durch die ſie ſo ſchwer geprüft wurde. Ich dachte alſo gleich von Anfang mit Eifer auf einen Ausweg, und verfiel, ich will es nur geſtehn, auf den poetiſchen, als wäre ich dazu ausgezogen, dieſe luftige Gegend menſch⸗ licher Bemühung nicht nur zu veſuchen, wie etwan ein Seebad zur Auffriſchung des Göttlichen im Geiſte, ſon⸗ dern dahin auszuwandern, wie in einen Meierhof, wo man wohnt und lebt ein jeglicher in ſeinem Mittelpunct des Irdiſchen. Aber freilich vemühte ich mich ſeit län⸗ gerer Zeit vergeblich in meinem Nachdenken, den Denk⸗ zetteln, die ich mir angelegt, in ihrer gemeinen Wirklich⸗ keit einen ideellen Halt und eine poetiſche Bedeutſamkeit abzugewinnen, wodurch ſie ſich ſo, wie mir die Noth⸗ wendigkeit davon vorſchwebte, zu einem runden im Geiſte getragenen Ganzen hätten fügen wollen. Da hab' ich die Hiſtorie, die nackte Hiſtorie und ſitze noch dazu ſelbſt mitten in ihrem Verlauf; o glücklicher Mythus, könnteſt Du Dein verklärendes Geſchäft beginnen! Soll ich nicht lieber eine Tragödie dichten und den Menſchen ſchildern, der den Faden der Hiſtorie abreißt und mit heißer Leidenſchaft ſich den göttlichen Aether der Wahrheit aufreißt? O faule Velt, wie langſam ſchleichſt Du fort und wie geſegnet fliegt der ſichre Flug der Kunſt zum ew'gen Ziele! Ohne Zweifel war es die Nähe der Berliner Kunſt⸗ luft, die mich mit dieſer tragiſchen Tröſtung und erhe⸗ benden Begeiſterung umwehte, woraus ich jedoch ſehr vald zurückgerufen wurde; denn Minna erinnerte: Nach — 334— den Geſprächen des vorigen Abends zu ſchließen, lieber Edmund, biſt Du wahrſcheinlich das letzte Mal nicht ſo frei und ſo froh, als jetzt dem Berliner Thore zuge⸗ fahren? Und ſie warf mich, wie ſie mich ſonnigheiter dazu anſah, in das ganze Bewußtſein meines gegenwär⸗ tigen Liebesglückes zurück, daß ich aufgeregt und mit halbem Scherz erwiederte: „— Des Königs Wort hielt mich gefangen, Fuhr mich ins feſte Gitterhaus; Ich ſollte ſchnell hineingelangen, Und o wie lange nicht heraus! Jetzt arretir'n mich Deine Mienen, Verurtelt mich Dein Richterwort: Will Dir in ew'gen Banden dienen, Schick' den Gefangnen nur nicht fort! Im Uebrigen, meine allergnädigſte Majeſtät, dacht' ich beide Male an die Natur der Tragödie, und ob⸗ gleich ich das erſte Mal wirklich trübſelig daran war, kam ich doch auf den glücklichen Gedanken, wenn mich das Aeußerſte träͤfe, der Tod, ſo hätt ich dennoch da⸗ mit nichts Beſonderes erduldet, denn bis jetzt bewieſe die Erfahrung, daß Sterben keine Auszeichnung ſei, die Tragödie werde alſo wohl nicht in dem Tode liegen, ſondern in dem wahren Sein, dem Idealen, welches ſich ſchmerzlich durch alle Trübung durchſchlägt. Wie wäre das? Iſt dies denn mun bei Dir der Fall? Bei mir? In der That, ſo praktiſch dacht' ich nicht. Aber Du haſt Recht, ich darf auch meine Verhältniſſe — 335— dem Urtheil des himmliſchen Gerichtes nicht entziehn, nun das weltliche längſt damit fertig iſt. O lieber Edmund, wie ſeltſam muß es Dir zu Muthe ſein bei dieſer Erinnerung und bei dieſer Aus⸗ ſicht! Könnt' ich zu Gericht ſitzen bei dem Spruch des himmliſchen Gerichtes, Du ſollteſt guter Dinge ſein; denn es ſcheint mir dabei die Stimmung, das Herz und des Geiſtes treuſte Empfindung, der ich bei Dir gewiß bin, den Ausſchlag zu geben. Ob ich nun aber zu richten habe oder nicht, unterrichtet muß ich ſein über alle Deine Thaten oder Leiden(denn mir iſt es noch unklar, was es eigentlich geweſen), worüber die Leute ſo verſchiedene Urtheile ausſprechen. Gewiß haſt Du zu richten, wie ich es denn ſelbſt nicht minder habe und ganz in aller Gerechtigkeit auch thun werde. Iſt doch das himmliſche Urtheil kein an⸗ dres als der Kern der Hiſtorie, die Vernunft der Toll⸗ heit, die Poeſie der Leidenſchaft und der Verwicklung, die Erfüllung der Verheißung, die im tiefſten Innern jedes edlen Geiſtes zur Eroberung des höchſten Gutes webt und wirkt. Ja, ich will Dich zu dieſem Urtheil in den Stand ſetzen, und Dir über jene Dinge einige hübſche Denkzettel ſchreiben, und, wenn es möglich iſt, nicht ohne den Hauch eines verklärenden Humors, den das Gottesurtheil des Ausgangs, des glücklichen Durchgangs durch den Ausgang nun ja wohl mit ſich bringt. Thu das, lieber Freund, und was ich Dir dagegen zu beichten habe, daran nimm ſo ernſtlichen Antheil, wie ich an jedem Deiner hohen Worte, ſo dunkel ſie mir — 336— oft auch klingen. O welch' eine andre Welt des Ueber⸗ irdiſchen läßt Deine Rede vor mir aufgehn und mit welcher größeren Sicherheit baut ſie ſich in das Nächſte und Bekannteſte hinein, als wie vor dieſem mein un⸗ glücklicher Freund Jonathan das Myſterium zu lüften unternahm! Darum, verlaß Dich darauf, es gelingt Dir, mich einzuweihn. Wir fuhren in das Thor der Hauptſtadt und un⸗ ſer Geſpräch erſtickte in dem Donner des Wagengeraſſels, der ſich kreuzte, ſich begegnete, ſich überholte, und im⸗ mer neu auflebend bald hier bald dorthin unſte Reugier wandte. 4. Der Vorabend. Das alte römiſche Reich, Was kümmerts mich und Euch! Doch wirds ein neues Kleid bekommen, Man hat ihm ſchon das Maß genommen. Berlin, Berlin, wie glücklich ſiehſt Du mich wieder! Wir fliegen an den Spiegelfenſtern Deiner Palläſte vor⸗ über, und wir beneiden keinen, der in der Fülle der Güter glücklich lebt, die ihm die tauſendjährige Arbeit des Geiſtes bereitet und in ſeinen Beſitz gegeben! Welche Folie eines glücklichen Menſchenlovſes diefe Rei⸗ nigung und Vergeiſtigung der Natur! Biſt Du ver⸗ gnügt, Minna, ſollen wir es nicht doppelt fühlen, wie 5 glücklich wir in unſrer Liebe ſind— hier, wo die tägliche Eleganz alles vorbereitet hat auf die geiſtige Erfüllung, die Aufnahme der Liebenden, die ihr den Werth giebt? Ich halte nichts auf die Natur, die nicht glänzend unterjocht iſt, die nicht überall ihr ungeſchlach⸗ tes Weſen in des Menſchen Dienſt giebt. In dieſer Geſinnung genoſſen wir den Tag und den Abend. Indem ich dies nun aber niederſchreibe, führt mir der Gedanke durch den Kopf: Was wird mir nun noch begegnen? Kommt es hier noch auf mich an? Bin ich nicht verloren in dieſem Menſchen⸗ ocean, wie ein Tropfen, dem ſo viel andre gleich ſind? Bisher ſpielten meine wichtigſten Begebenheiten an den unwichtigſten Oertern; Penzlin, Neuſtreliz, Fürſten⸗ berg, wer kennt ſie beſſer als Flachſenfingen und Nir⸗ gendsheim? Jetzt in der wichtigſten Stadt deutſcher Ra⸗ tion fürcht' ich mich faſt vor lauter unwichtigen Begeben⸗ heiten und nur der Gedanke, daß unſerer ganzen Ge⸗ ſellſchaft immer grade hier die Löſung ihrer Begeben⸗ heiten verheißen iſt, giebt mir einigen Muth mein Tage⸗ buch noch fortzuſetzen. Nach dem Schauſpiel ſaßen wir vereinigt zur Be⸗ rathung über die Frage, wie es denn nun mit unſern Geſchäften zu halten ſei. Nachdem der Geheime Rath ſich genug über ſich ſelbſt und über uns Andere gewundert hatte, daß wir dieſe Frage nicht vor allen uns zu Gemüth gezogen, vielmehr gedankenlos, wie Schmetterlinge an den Blu⸗ men, umhergeflogen ſeien; ergab ſich zunächſt aus den 15 — 3— Bemerkungen, welche der beſonnene Theil der Geſell⸗ ſchaft auf unſern Fahrten durch die Stadt geſammelt, daß der alte Herr beſonders zu eilen habe, wenn er die Heimath vor der Choleraſperre noch wieder zu er⸗ reichen gedächte, denn auch ihm erſchienen überall die drohenden Vorboten, von denen der Jude berichtet hatte. Eine dumpfe Angſt, ſo belehrte er uns, die wir nur Angenehmes geſehn und empfunden hatten, liegt über die ganze Bebölkerung ausgebreitet und es heißt, die Aerzte verheimlichten nur den wirklich ſchon erfolgten Ausbruch der Seuche. Der Geheime Rath traf hier⸗ nach ſeine Einrichtung. Darauf bat Emma um Schutz und Herberge bis zur Entſcheidung ihres Schickſals durch die erwartete Antwort von Axel, und ich ſelbſt beſchloß den Kriegsrath aufzuſuchen, um ihn theils über ſeine Abſichten mit Emma auszuforſchen, theils mich näher über die Procedur des Purificationsgeſchäftes und die damit beauftragten Perſonen, dieſe Schürteufelchen an dem großen modernen Fegefeuer für diesſeitige Sünder, zu unterrichten. Aber ſage mir, lieber Edmund, wovon will man Dich denn eigentlich purificiren und wie wirſt Du da⸗ durch verändert werden? Denn das ſollſt Du nur wiſſen, als ich in Fürſtenberg Dir den erſten Kuß gab, glaubte ich es einfach mit Dir zu thun zu haben, wie Du jetzt biſt, und ſo werd' ich denn keineswegs zu jeder Ver⸗ änderung, die man mit Dir vornehmen könnte, meine Zuſtimmung geben.“ Sei unbeſorgt; was dies betrifft, des Menſchen Herz — 339— und Geiſt zu wenden und zu wandeln, das hat dies Fegefeuer nicht im Sinn, und wenn auch der Name den Schein erwecken könnte, ſo iſt doch ganz im Gegen⸗ theil die Sache vielmehr eine ſymboliſche Darſtellung der Bildungsbewegung ſelbſt, welche durchaus keine An⸗ ſprüche darauf macht, in die wirklichen Knotenpuncte der Sinnesänderung ſelbſt zu fallen, und weder mit dem Frühlingsanfang, noch mit den Hundstagen, noch mit den Herbſtſtürmen in der Menſchenbruſt irgend etwas zu ſchaffen hat. Aber warum unterwirft man dieſem Gebrauch denn nur einige und nicht alle? Man wählt diejenigen dazu aus, welche durch ir⸗ gend eine voreilige That das Anſehn gewinnen, als hät⸗ ten ſie im Fortſchritt ihrer Kultur Einen beſtimmten Punet feſthalten und zum Glaubensbekenntniß der gan⸗ zen Welt erheben wollen. Denn grade dieſe ſind am geeignetſten jenes Symbol einer immer bevorſtehenden Weiterbildung gegen ſich zu kehren mit der Forderung, im Gegenſatz gegen jenes Bekenntniß nun noch einmal zu bekennen, daß es jetzt anders ausfallen würde, wenn es nicht überhaupt widerſinnig wäre, die Entwick⸗ lung durch einen ſolchen Pflock, wie ein Bekenntniß iſt, zu binden. In der That, fiel der Geheime Rath ein, halte auch ich dieſen Gebrauch für höchſt freiſinnig, Sie mö⸗ gen ſo ironiſch drein ſehn, wie Sie wollen. Er wen⸗ det ſich, wie Sie richtig ausführen, gegen die unzeitigen Glaubensbekenntniſſe, ja er ſpricht in Grunde den hoch⸗ 15 — 340— wichtigen Gedanken aus, alle Glaubensbekenntniſſe ſeien unzeitig. Denn auf welchem Puncte ſeines Wachsthums ſoll der Glaube werth ſein, daß er bekannt werde? So lange alſo die Purification ſelbſt kein Glaubensbekennt⸗ niß verlangt, iſt ſie freiſinniger als jede Confeſſion, die ſich zur allgemeinen zu machen begehrt. Vie ſeid ihr langweilig, unterbrach uns Minna, mit Eurem Hin⸗ und Herreden, wo man eine ruhige Erzählung geſchehener Dinge oder gegenwärtiger Zuſtände um Alles vorziehn würde! Sei mir einmal zu Willen, Edmund, und erzähle mir in der Kürze, wie Du in die Verunreinigung hineingerietheſt, die der jetzt bevorſtehenden Reinigung vor⸗ ausging und an die Du mit ſo guter Laune zurückdenkſt. Hab' ich in meiner jetzigen Verwandlung Dein Herz gewonnen, ſo fürcht' ich faſt in jener Verpuppung Dir zu misfallen, und doch iſt mir das Andenken an dieſe Kindheit des Geiſtes, an dieſes Aufbrechen zugleich der Welt und des Himmels in ihm, unendlich theuer. Die Jahre von neunzehn bis fünf und zwanzig ſind für uns die Jahre des Sturms, der Raſerei, der Ueberwallung, wie der Weinſtock im Frühjahr ſeine Thränen, feurig zugleich und wehmüthig erregt, auf den Boden ſtrömt. Kommt vollends eine bewegte Zeit hinzu, ſo ſchlägt dieſe Jugendwallung zum Feuerwerk des Krieges aus, die heiße Hoffnung und die ſüße Erinnerung dieſer Jahre. Kein ſchönerer Krieg könnte nun jemals ent⸗ brennen, als der Freiheitskrieg war, dieſe allgemeine Verjüngung unſeres ganzen Vaterlandes* M⸗ es nicht in Sumpf des Zuſhen, eine verdorbne Frucht⸗ — 341— vom Stamm des deutſchen Geiſtes abgefallen war. Meine Jugend fiel nicht ganz in dieſe Zeit der Erndte, in dieſen Tag des Edlen, der ſein Gefühl in Körners begei⸗ ſterten Geſängen zu allen Herzen unabläſſig überſtrömte, bis der Kanonendonner jener ungeheuren Schlachten ſei⸗ nen Sieg und Glanz verkündigt und bewährt. In ih⸗ ren Thaten, wie in ihrem Tode genoſſen die Glückli⸗ chen, die den Aufgang dieſes Tages der Rettung und der Freiheit, des Geiſtes und ſeines ſiegreichen Um⸗ ſchwungs mit den Waffen begrüßt, einen Vorzug, den wir Spätergebornen ihnen unter heißen Thränen benei⸗ deten. Ungeduldig prüfend legten wir das Ohr an den Boden des Friedens, ob nicht irgend ein Sturm im Anzuge ſei und jede That, nur kühn und im Sinne todesmuthiger Begeiſterung, wie ſie Körner verkündigt, verdoppelte die Pulsſchläge des Herzens und gab ihm die Zuverſicht, die große Zeit ſei auch noch die unſre und jeder von uns „würdig unſrer großen Todten!“ Was entſprach nun aber, nachdem das Feuer des Krieges verraucht war, unſeres Herzens Sinn und Em⸗ pfindung? Ich will es Dir erzählen, wie mir ein neues Leben aufging und eine ſeltſamplötzliche Wiedergeburt über mich kam, als ich ſchon längſt in ſchwacher Erin⸗ nerung und in der Ferne griechiſcher Heldenzeit mit Harmodius und Ariſtogiton die Träume von einer deut⸗ ſchen Heldenjugend, die ſich gegenwärtig bewähren ſollte, erblaſſen geſehn. Ich hatte wich aller Hoffnung auf die Ehre der Gegenwart begeben, und überſetzte, ausgewan⸗ — 342— dert zu den athenienſiſchen Sympathiee„nif meiner Studentenklauſe das Harmodit indem ich meine Stimmung wiederfand vie es klingt: — Feierlich im Kranz der Myrthen Soll auch mich das Schwert umgürten, Wie Harmodius es trug und Ariſtogitons Waffe, Daß ſie freie Bürger ſchaffe, Den Tyrannen niederſchlug. D Harmodius, Du lieber, Nicht geſtorben, nur hinüber Zu dem ſel'gen Inſelreich Biſt Du, und mit dem Tydiden und dem raſchen Aeaciden, Sagt man, wohnſt Du dort zugleich. Feierlich im Kranz der Myrthen Soll auch mich das Schwert umgürten, Wie Harmodius den Stahl und Ariſtogiton trugen, Die Hipparch, den Herrn, erſchlugen Bei Athenens Opfermahl. Ewig, ewig wird auf Erden Euer Ruhm gefeiert werden, Die ihr dieſe Waffe trugt, Die ihr mit der kühnen Waffe, Daß ſie freie Bürger ſchaffe, Den Tyrannen niederſchlugt. Ich war noch heiß im Zuge. O glückſeliges Athen! rief ich aus, und dieſes Lied ſangen Deine freien Jüng⸗ linge bein Gelage; was ſingen die unſrigen? Weh⸗ müthig erhob ich mich und ging ans Fenſter. Es waren die erſten Tage des Mai, die Büume des freien Platzes — 343— blühten auf; aber nicht in ihren Blüthen war das Sum⸗ men, welches mich überraſchend anzog, es war eine ſchwarz wogende feierliche Menge, die in halber Ord⸗ nung auf und nieder wallte, urcheinander ſtrömte, ſich gruppirte und ſich wieder bewegte, dann aber plötlich in lautem Geſange das Lied ertönen ließ: „Was glänzt dort vom Walde im Sonnenſchein!“ welches ein Sängerchor kunſtgerecht intonirte, die un⸗ überſehbare Menge aber zu gewaltigem Effect verſtärkte. Iſt dies kein Spiel der Phantaſie, iſt dieſer Geiſt kein Rauſch, der nur vorüberging? rief ich aus. Iſt es möglich, Stern der Sterne, Drück' ich wieder Dich ans Herz! O was iſt die Nacht der Ferne Für ein Abgrund, für ein Schmerz! Es fiel mir wie Schuppen von den Augen. O hier iſt mehr als Calliſtratus und ſein Tyrannenlied! Ich will mich verſenken in die Herrlichkeit dieſes jugendlichen Geiſtes und es ſoll an mir nicht fehlen, wo ſeine Ehre von neuem Gefahr läuft. So ſtürzt' ich mich aufgeregt, wie ich war, in die dichten Wogen, die nur eben noch wie zu des Fremdlings Füßen überraſchend herange⸗ brauſt, jetzt mir das neugeborne Herz umfingen. Von nun an glaubt' ich an die Gegenwart, und es ſtärkte ei⸗ ner den andern in ſeinem Glauben; war das Heil doch mitten unter uns und die ganze Jugend willig in ſei⸗ nem Dienſte! Allerdings zeigten ſich, ſo viel es Macht⸗ haber gab, faſt ſo viele kaltblütige Gegner, die eine all⸗ N — 344— gemeine Abkühlung und Erſchlaffung für gerathener hiel⸗ ten und ſich mancherlei Dämpfer gegen die Nachſchwär⸗ mer ausdachten. Der Gewinn aber war uns nicht zu rauben. Angelangt in dem Himmel der Poeſie, ſahen wir vorläufig mit Verachtung auf die nüchterne Medi⸗ ein, die ſie uns anprieſen, und erſt als der Zwang, ſie anzunehmen, hart heranrückte, wurden wir zornig, fanatiſirten uns für das Recht des Ewigen gegen das Recht der Welt, und verſchworen uns zum Umſturz ſei⸗ ner ganzen Exiſtenz zu Gunſten unſerer Begeiſterung und ihres Ideals. Dieſe Verſchwörung für einen neuen Freiheitskrieg und die abentheuerliche Verkennung aller bedächtigen Staatsentwicklung iſt die Verunreinigung, nach der Du mich fragſt, und von welcher mich der nun bevorſtehende Reinigungsprozeß befreien ſoll. Und in der That, wir haben damals zu tief auf die Welt und ihren nüchternen Lauf uns eingelaſſen, die gött⸗ liche Raſerei aber ſehr mit Unrecht für immer in das Herz ihres Getreibes zu pflanzen verſucht, denn nur an den Weltſonntagen, an den Feiertagen der Geſchichte läßt ſie ab von ihrer kalten Proſa und leiht den Die⸗ nern am Worte der Poeſie ein williges Ohr. Sie muß ſich aber ſatt arbeiten im Schweiße der irdiſchen Noth, bevor ſie nach der Roth des himmliſchen Durchbruchs lechzet und hinaufſtrebt. Welch' eine Welt, rief Minna aus, und welch' ein Wir⸗ bel iſt dieſes Leben der Männer! Wie ſüß und wie ergrei⸗ fend muß es ſein, dafür zuerſt zu erglühen und dann nit⸗ zuleben und zu ſterben! Su ſelbſt den Undank dieſer ſpröden ——— — 345— Welt, ſelbſt den kann ich mir denken als Genuß. Doch nun Du einmal dort Dein ganzes Herz verloren; o ſage mir, mein theurer Freund, was kann Dich nun zu mir noch ziehn? Nach aller Läuterung durch Kampf und Feuer, ſo geht die Sage, nach dem Scheiterhaufen des Oeta ver⸗ diente ſich Herakles erſt die Hebe. Soll ich mich ihm vergleichen? Nein, nicht ſo gewaltſam ſind die Thaten, die ich that, ja, die ich mehr gelitten als gethan; ſo fürcht' ich auch nicht ſeine ſtrenge Reinigung und um ſo beſſer, denn der Lohn iſt gleich, Du meine ſüße Ner⸗ tarſpenderin! Nun wahrlich, ſyſtematiſch und ganz geſchickt fügt ſich Ihr Unſinn und gewinnt Vernunft, ſchloß der Ge⸗ heime Rath; gehn wir denn morgen alleſamt an unſre wirklichen die Einen, an ihre ſymboliſchen Geſchäfte die Andern; für heute gute Nocht! 5. Oheim und Neffe⸗ Der Kunſt und Liebe Streit Iſt Brauch zu dieſer Zeit. Allerdings, ſagte ich zu mir ſelbſt, als ich auf mei⸗ nem Zimmer allein war, ſoll ſie der Preis meiner Tha⸗ ten werden, aber leider nicht derer, die ich bereits ge⸗ — — 346— than, ſondern anderer, die ich noch zu thun habe und die von ſo zweifelhaftem Erfolge ſind, daß ſie mich mehr ängſtigen als aufmuntern. Vie ſchlimm iſt es, daß der Geheime Rath mich gewaltſam mit ſeinem grobkörnigen Maßſtabe mißt und dieſe meine ganze Bildung durch die Philoſophie und für die Kunſt als ſchädlich und verwerflich behandelt bloß darum, weil unſer Leben ge⸗ mein genug iſt, das Handwerk über die Kunſt zu ſetzen und den Erwerb, den Lohn, lediglich an das ſogenannte Nützliche zu feſſeln. Einem Bauer und einem Landedel⸗ mann, deren einzige Götter Plutus und Priapus ſind, könnte man keine edlere Anſicht zumuthen, hier aber iſt ſie gar nicht am Orte und doppelt drückend, auf mir laſtet die Noth und auf ihm der Vorwurf. Dennoch muß ich es wagen; und damit ſette ich mich ſogleich nieder, um den Plan des Trauerſpieles, den ich in Ge⸗ danken hatte, zu entwerfen. Dann ſchlief ich ein und träumte die Hoffnungen, die mir fehlten. Unmittelbar an die Reihe dieſer meiner luftigen Entwürfe und traum⸗ gebornen Hoffnungen knüpften ſich am folgenden Mor⸗ gen die handfeſteren Begebenheiten der Gegenwart an. Sobald wir uns zum Frühſtück verſammelt hatten, wurde unſre Freundinn Emma mit einen Briefe beglückt; und er enthielt ſo viel Gutes, als die Umſtände nur immer zuließen. Zuerſt, ſo wie ſie ihn öffnete, fiel ein Trau⸗ ring heraus mit Axels Namen und dem Datum von Fürſtenberg, dann las ſie mit einer ſo heiteren Miene, wie ich ſie noch nie auf ihrem lieblich runden Geſichte wahrgenommen, folgenden Inhalt: — 347— Thoren im Mai. Was konnte mir glücklicheres begegnen, als die Für⸗ ſtenberger Nachrichten von Dir ſelbſt, meine geliebteſte Emma, und dieſe Gelegenheit, Dir mein volles Herz von neuem zu widmen. Vertraue mir ganz, mein ge⸗ liebtes Leben, und wenn auch Alles mich verklagen ſollte, Du vertraue mir unbedingt, denn Du weißt es und nur Du, daß Alles, was ich irgend verſchuldet haben könnte, nur aus der Uebermacht meiner Liebe zu Dir entſprungen iſt. Emma, Emma, wie ſelig macht mich der Gedanke, daß Du mein biſt und daß Du es gans biſt, ohne Widerrede und mit voller Seele. Ja! ich bin heftig, aber ich fühle nachhaltig, was mich ergreift, und o wie unendlich glücklich darf ich ſein, daß Du mich hierin nicht verkannt! Kein Mann von Gefühl achtet die Schranken der Noth und des Brauches, wenn er ſie ſtürzen kann und auf ſeiner eigenen Mocht ruhn. Emma, geliebteſte, ſüßeſte Königin aller meiner Gedanken, Du wollteſt ganz die meinige ſein; Du biſt es. Hier haſt Du den Trauring mit dem Datum jenes ſeligen und Femiſch unſeligen Tages von Fürſtenberg. Ich weiß es, Du trauſt mir ſo viel, als allen Pfaffen der Erde mit ihren Gemeinplätzen und mit ihrem gehorſamen Thränenguell, über die ich leider in dieſem Augenblicke nicht gebieten kann; denn könnt ich es, ſo braucht' ich freilich meine ungeweihte Treue nicht anzupreiſen. Jetzt aber muß ichs; und ich thu's mit leichtem Herzen, denn ich weiß, Du trauſt mir: wer braucht uns da noch erſt zu trauen? Du ſiehſt, es iſt kriegeriſch genug um uns her, dies bindet mich an meine Fahne und an meinen Poſten, weder Abſchied noch Urlaub wäre zu erlangen, und daß Du herkommen könnteſt, iſt nur ein Nothanker, den ich nicht voreilig auswerfen will. Aufs Theater darfſt Du aber, wie ſich von ſelbſt verſteht, nicht wieder zurück. Ich bin neidiſch auf jedes Auge, das ſich an Dir ergötzte. Schicke den inliegenden Brief zu meinem Oheim, dem närriſchen Kriegsrath; der auch ſo gewiſſer⸗ maßen Dein Adoptivvater ſein muß, wenn nicht der meinige es wirklich und er nur dem Vorwande nach war, alſo geh zu ihm, wenn er Dich einladet, und wohne bei ihm, ſo lange bis ich komme und Du bei mir wohnſt. Sollte er Dich wider Erwarten nicht einladen, ſo mache von dem Wechſel Gebrauch, den Du ebenfalls in dieſem Briefe findeſt. Immer aber gedenke mein mit der treuen Liebe, womit ich der Deinige bin. Arel von Raben. Vor Freude weinend fiel die gute Emma uns allen nach einander um den Hals, und Minna verſicherte mich nachher, daß ſie mich faſt zu andächtig geküßt, und daß ſie ſelbſt ſehr wünſchen würde, dergleichen möchte in ihrer Abweſenheit gar nicht vorkommen, worüber ich natürlich die nöthigen Verſicherungen ausſtellte mit der ausdrück⸗ lichen Verpflichtung, alle Tage unſerer Trennung wenig⸗ ſtens eine Zeile an ſie zu ſchreiben zum Beweiſe, daß ich an ſie gedacht. Mit Ermahnungen von Minna und dem Briefe für Emma trat ich meinen Weg zu dem Kriegsrath an. Ich traf ihn im heftigſten Wortwechſel —— mit einem Theaterkritikus, welcher nach ſeiner Meinung einer beliebten Sängerin höchlich Unrecht gethan. Ich werde gegen Sie auftreten, ich werde Sie widerlegen, hörte ich ihn mit Aufregung ausrufen; Sie haben keinen Begriff davon, wie niederſchlagend ein öffentliches un⸗ verdientes Tadelwort auf den Künſtler wirkt; ſchrecken Sie immerhin ab alle die ſich als unfähig kenntlich ma⸗ chen, denn hier gilt nur das Genie; aber wo es ſich auch einmal gezeigt hat, da muß man es ſchonen und pflegen, wie eine edle Pflanze, die ſo oft als irgend möglich mit Lob zu tränken und zu erfriſchen iſt, ſehr ſelten mit gerechtem Tadel zu beſchneiden, nie mit unge⸗ rechtem zu verletzen. Der Kritiker berief ſich auf ſein gutes Gewiſſen und bezeigte ſich neugierig auf die ver⸗ ſprochene Widerlegung, indem er ſich empfahl und ſein Bedauern darüber ausdrückte, daß der Kriegsrath noch immer keine Auskunft zu geben wiſſe über ein junges Talent, deſſen Erſcheinung von vielen Seiten mit Sehn⸗ ſucht erwartet würde. Lieber Freund und Reiſegefährte, der Sie mir ſchön⸗ ſtens willkommen ſind, Sie hören was der Kunſtfreund, welcher uns ſo eben verläßt, von unſerer Freundinn, der jungen Sonnabend, für Erwartungen ausſpricht. Ich bitte Sie, haben Sie von ihr gehört, und wie iſt es möglich, daß ſie noch immer nicht da iſt? Ich weiß allerdings genug von ihr zu berichten, aber wahrſcheinlich wenig, was Ihnen zu hören lieb iſt. Hier⸗ auf erzählte ich ihm, wie ich ſie angetroffen, wie mich dies ſelbſt in einen Liebeshandel der allerbeſten Art ver⸗ — 350— wickelt und ſo nach Mittheilung meiner Denkzettel an den Geheimen Rath zwar durch mich aber ganz wider mei⸗ nen Willen alle Verhältniſſe und unſte ganze vertrauliche Unterredung aus der Penzliner Reiſekutſche an den Tag gekommen ſeien. Ich ſeh es Ihnen an, daß Sie ein gutes Gewiſſen haben, und will mich dem Zufall, nun er einmal ſo geſpielt hat, nicht weiter widerſetzen. Vielleicht, daß ſich auch von hieraus immer noch wieder ein Weg auf die Bühne eröffnet. Ich zweifle daran, daß mein leichtſin⸗ niger Reffe ihr treu bleibt. Hier überreichte ich ihm den Brief. Nun, ſo mag ſie denn kommen, ſagte der Kriegs⸗ rath gefaßt, und ich werde ſie, ſo lange ihre Ausſichten auf meinen Neffen, der am Ende noch vorher uns Leben kömmt, vorhalten, nur zu meinem Privatvergnügen ſingen laſſen, wie Ihr philiſtröſer Herr Schwiegervater mir ſehr weiſe anzurathen die Güte gehabt. Freilich, lieber Herr Kriegsrath, zürnen Sie ihm nicht mit Unrecht, aber es liegt alles in den Anſichten, worin Sie ſo ſehr von einander abweichen, daß er ein abgeſagter Gegner aller philoſophiſchen und künſtleriſchen Beſchäftigung und lediglich, wie man ſagt, für das Prakti⸗ ſche iſt, Sie dagegen ein ausgemachter Kunſtfreund und als Kritiker auch Philoſoph ſind. Nun, da werden Sie Sich ſehr zu ihm paſſen, denn ich erinnere mich, daß auch Sie meinem Neffen eifrig das Wort redeten, als ich es tadelte, daß er mit ſeinen junkerhaften Begierden die Bühne um dies ſchöne Talent — 331— betröge. Was ſich das Schickſal doch für paſſende Werk⸗ zeuge wählt! Konnt' es einen beſſeren als Sie finden, um jenes unſelige Verhältniß zuerſt zu ſtiften und nun durch Ihren Herrn Schwiegervater meinen feinan⸗ gelegten und ſonſt ſo wohlgelungenen Rettungsplan wie⸗ derum zu durchkreuzen? konnt' es einen paſſenderen fin⸗ den, als Sie, der Sie ein ausgeſprochener Gegner der Bühne und der Kultur des Bühnengenies, der Sie ein Freund des widrigen Naturzuſtandes gedankenloſer Land⸗ junker ſind? Er war in Hitze gerathen und drohte ſich noch immer tiefer hineinzureden, als ich ihn unterbrach und mit der Klage meiner eignen Leiden allmälig ſein Herz gewann, ja wider Erwarten in dem Grade gewann, daß er nun eifrig für mich und gegen die Bedingungen des Geheimen Rathes Parthei nahm Wir wollen doch ſehn, wie wir ihm ein Bein ſtellen, oder ob er nicht mit einiger Nachhülfe über ſeine eigne Weis⸗ heit ſtolpert. Sobald Sie mit Ihrem Drama fertig ſind, laſſen Sie michs prüfen. Sie haben mein ganzes Herz damit gewonnen, daß Sie Sich der ſinkenden Bühne an⸗ nehmen wollen. Wir werden noch weiter darüber reden und namentlich ausmachen müſſen, wie es mit der Ko⸗ mik zu halten iſt. Jetzt will ich Sie begleiten, um mein Töchterchen in Empfang zu nehmen und unſeren gemeinſchaftlichen Widerſacher kennen zu lernen, denn kein Plan iſt ſicherer, als wenn der General ſelbſt ſein eigener Kundſchafter iſt. 6. Der Abſchied. Mädel, was klagſt Du ſo ſehr? Liebſtes Mädel, klag nicht mehr; Ich trag Deine Qual und Schmerzen Ewig, ewig im Herzen. Allein die Kundſchafterei blieb diesmal ſehr im Ober⸗ flächlichen hängen, denn als wir in unſer Gaſthaus traten, war alles in Bewegung vom Wirth bis zum Portier, vom Kellner bis zum Stallknecht, der eine lief nach der Rechnung, der andre nach der Poſt und was ſonſt noch übrig war von der Bedienung das ſchmierte, ſchnürte, packte, putzte, kurz der Geheime Rath hatte plötzlich zum Aufbruch geblaſen. Die beſtimmteſten Rach⸗ richten von einer bald eintretenden Grenzſperre, weil die Hauptſtadt verdächtig ſei, bewogen ihn, zufrieden mit einer oberflächlichen Beſorgung ſeiner Geſchäfte, ſogleich wieder abzureiſen. Er ſei entſchloſſen keine Stunde zu verlieren, ſagte er zu ſeiner Tochter, und trug ihr auf, ſchriftlich von mir Abſchied zu nehmen für den Fall, daß die Poſtpferde früher kommen ſollten, als ich. Weinend ſaß ſie da mit der Feder in der Hand und hatte ſchon von der Grauſamkeit des Schickſals, von der Unerbittlichkeit ihres Vaters und von ihren Ahndungen bei Gelegenheit des Kuſſes unſerer Freun⸗ dinn und noch andre dergleichen ganz traurige Dinge niedergeſchrieben, als wir ins Zimmer traten. Der alte Herr war ſtark beſchäftigt mit den kleinen Anordnungen — 353— der Unordnung ſeiner Abreiſe, bemerkte ſogleich: daß er nicht vor der Cholera flüchte, ſondern der Sperre zuvor⸗ zukommen wünſchte ſelbſt auf die Gefahr hin, ſein Länd⸗ chen mit der Krankheit anzuſtecken, denn, wie geſagt, er halte ſie nicht geradezu für ein Uebel; darauf be⸗ daverte er, mun allerdings nicht mehr die gehörige Muße zu haben, um die höchſt anziehende Erſcheinung des Herrn Kriegsrathes bis in ihre letzten Gründe zu ver⸗ folgen. Es gehöre gewiß unſerer Zeit eigenthümlich an, daß ein Geſchäftsmann zugleich ein ſo leidenſchaftlicher Kunſtfreund ſei, um die Anſicht zu gewinnen, die Kunſt ſei das erſte und ſein Geſchäft das zweite und unter⸗ geordnete, da es doch noch zu bezweifeln ſtünde, ob denn in dem Organismus der menſchlichen Geſellſchaft die Kunſt und die Philoſophie, als bloße Gedankendinge, mit ihrem nebelhaften Traumesdaſein überhaupt eine noth⸗ wendige Stelle einnähmen, und wenn Platon dies bloß von der Kunſt geläugnet hätte, ſo ſei er ſehr geneigt, es auch von der Philoſophie zu läugnen. Indeſſen, wie er ſchon mit Bedauern bemerkt habe, die Zeit erlaube es nicht, dieſe hochwichtige Unterſuchung zu erſchöpfen und bei der Gelegenheit die nähere Bekanntſchaft des Herrn Kriegsrathes einzuleiten und zu vermitteln. Dieſer dagegen verſicherte, daß ihn ſein Weg nicht gereute, denn auch der Anblick ſei ſchon eine Bekannt⸗ ſchaft, beſonders für einen Freund der darſtellenden Kunſt, dem Geſichtswinkel und Blick den Geiſt und alle belebte Form die Geiſtesmacht offenbaren müſſe. Er wünſche ſich daher Glück ſelbſt zu dieſem Abſchiede, der — 354— ihm durch die gegenſeitige Theilnahme ein Wiederſehn zu verbürgen ſcheine. Sie verbeugten ſich gegeneinander, die Kutſche raſ— ſelte in den Thorweg, Minna war in der größten Auf⸗ regung und bat mich wiederholt, ja meine Angelegenheiten nach Kräften zu beſchleunigen, es würde ſich gewiß alles finden, wenn ich nur wieder da wäre; ich ſelbſt wußte mich in dieſe plötlichen Zuſtände nur unvollkommen hineinzufinden, war mehr beſorgt um die Aufregung mei⸗ ner Geliebten, als ſelbſt aufgeregt, und ſuchte, ſtatt der Thränen des Abſchieds, ihr allerhand Tröſtliches zu ſa⸗ gen. Aber dadurch wurde das Uebel nur ärger, und ſie rief heftig aus: Edmund, lieber Edmund, ich bitte Dich, tröſte mich nicht, weine mit mir, wenn Du mich lieb haſt. O, vielleicht ſehn wir uns niemals wieder, viel⸗ leicht ſtirbſt Du an dieſer abſcheulichen Krankheit, der wir ausweichen, vielleicht, o ich wage es nicht zu den⸗ ken, denn es wäre noch viel ſchlimmer, vielleicht berdrängt eine glücklichere mich aus Deiner Liebe! Ich verſprach was ich nur konnte und wußte, und weinte wirklich, als ich ſah, wie ernſt es ihr ſelber war. Zur großen Beruhigung diente es ihr, daß Emma nicht unter meinem Schutze blieb. Dieſe theilte ihr nämlich noch in aller Eile mit: der Kriegsrath habe ſich ſo eben, wenn auch etwas kalt und förmlich, erklärt, er nähme ſie vorläufig in ſeine Obhut und werde Axels Wünſchen nicht entgegen ſein. So kam es noch zu einem leidlich heiteren Abſchiede, nachdem Minna mir heimlich wiederholentlich eingeſchärft, die kleine Sirene nicht zu häufig zu beſuchen. Sie fuh⸗ ren raſch von dannen. Auch der Kriegsrath empfahl ſich mit ſeiner Tochter; und ich blieb allein mit meinen Gedanken und mit meiner Erinnerung an des letzten Kuſſes ſchwellende Andacht, die mir alle Gedanken in Stimmung verwehte. z. Edmund an Minna. O Minna, biſt ſo noth und ſüß Mir wie die freie Luft, Dem Armen, den das Burgverließ Erſtickt mit Grabesduft. „O, laßt mich aus, und gönnet mir Nur einen tiefen Zug; Gab Gott dem Menſchen Luftbegier, Gab er euch Luft genug!“ Mit welchem Liebesruf ſoll ich Dir nachrufen, Du überhimmliſch Süßes? Hätt' ich es doch nimmermehr gedacht, daß ich es werth ſei, aus dem klaren Brunnen Deiner ſchönen Augen meinen Stolz zu tränken und mein Glück, das noch ſo neu und ſchon ſo groß gewachſen! Und nun vollends dieſe liebenswürdige Eiferſucht auf denſelben Lippen, die ſonſt nur heitern Scherz und roſige Laune ſprüh⸗ ten! O Minna, wie glücklich, wie ſelig haſt Du mich ge⸗ weint und gefürchtet! Iſt's nicht zu viel? bin ich des Glückes werth? Wie ein fahrender Ritter, ein litera⸗ riſcher Vagabond, zieh ich aus auf novelliſtiſche Aben⸗ — 356— theuer, auf dichteriſche Raubzüge in den bunten Jahr⸗ markt des Reiſe⸗ und Städtelebens, um mich, nach meiner bürgerlichen Wiederherſtellung, in die Armee un⸗ ſerer Dichter einzureihen; da begegnet mir auf meiner Entdeckungsreiſe nach fremden Nomanen mein eigner, und welch ein Sturm führt⸗ uns ſo raſch hinein, verläßt uns aber jetzt, und wirft mich aus dem Liebeshimmel in die Melancholie meiner Poeſie! Vielleicht daß ich ein wirkliches ſchlimmes Schickſal damit abkaufe, wenn ich ein erdichtetes darſtelle; ich ſchreibe eifrig an einem Trauerſpiele, worin eine ächte Liebe durch eine unächte und umgekehrt zu Grunde geht, ich bin ſchon weit hinein und beſonders die melancholiſchen Stellen, wo ich nir denke, daß ich meine Geliebte auf der Rückkehr an einen andern verloren fände, gelingen mir jetzt, wie ich es wünſche. Ich will das Stück auch die Heimkehr nennen, oder ſoll es lieber die Verlobte heißen? Du ſollſt es ſagen. Aber ach! was hilft es mir auch im beſten Falle! wie ſoll ich Deines Vaters Bedingungen erfüllen? wird er das beſte Gelingen, welches doch ſo ſchwer iſt, für zureichend erklären? Ich weiß noch immer nicht, wie dies ſich fügen ſoll, obgleich ich einige Hoffnung ſetze — ſchwerlich erräthſt Du auf wen?— auf den wunderlichen Kriegsrath. Er hat ſich für meine Arbeit erwärmt, weil ſie ſich auf die Bühne beziehen läßt, kommt nun täglich zu mir und prüft jede Scene, ob ſie auch für die Darſtellung ſich eignet. Er denkt etwas altfränkiſch darüber, und meint, auch darin ginge nichts über Schiller und Göthe, wenn der nur gewollt hätte; indeſſen hört er doch auf nich, wenn ich ihm etwas dagegen ſage; unſere Freundſchaft wächſt, wie das Gras im Frühjahr. Er thut auch für mich, was er nur irgend kann. Wemn er mur mehr könnte! Die Erfahrung, wie wenig er vermag, hat neulich meine Hoff⸗ nungen wieder einmal recht gründlich abgekühlt und mit der alten Gefängnißgeduld gedämpft. Aber es iſt jetzt nicht die Zeit der Geduld, und der ftündliche Gedanke an Dich wirft mich immer wieder von neuem in die Unge⸗ duld. Mir klopft das Herz ſo ſtark, daß ich nichts als Zuckerwaſſer trinke, und ſelbſt in den Fingerſpitzen meiner rechten Hand pulſirt ein ſo aufgeregtes Blut, daß meine Züge, wie Du ſiehſt, wild über den Brief zittern. Liebe ſüße Minna, könnt' ich Dich nur einmal küſſen, und dann beruhigter hoffen und warten! Ja, das iſt es, warten, ewig warten, und immer wieder von vorne warten! Ich ging zum Miniſter, an den mich der Kriegsrath empfohlen, verſteht ſich in Schuhen und Strümpfen, Du hätteſt Dich gefreut, wie wohl mir die Tracht ſtand, und fand den alten Herrn ganz leut⸗ ſelig, keiner von uns beiden fürchtete von dem andern gebiſſen zu werden, im Gegentheil, er nahm ſich meine Lage zu Herzen, tröſtete mich mit guter Ausſicht auf Erfolg, fügte aber hinzu, daß wohl ein Jährchen über der Antwort verſchleichen möchte. O, die unglückſelige Jahresrechnung und grade da, wo ich die Minuten noch zu lang finde! Er ſagte mir Lebewohl, und ich mußte gehn, obgleich ein Platzregen vom Himmel ſtürzte. Meine Wohnung war nicht weit, ich eilte zuerſt an den Häu⸗ ſern hin, dann unter Bäumen, aber als ich mich umſah, war ich in der Eile fehlgegangen, und hatte nun viele Rückſchritte und einen großen Umweg zu machen. Der Regen weichte mich durch, wie einen Schwamm, und meine zierlichen Schuhe ſpritzten bei jedem Tritte, wie Springbrunnen. So kam ich, wie geſagt, kühl und ſehr gedämpft nach Hauſe. Soll ich den Muth behalten, Dei⸗ nem Vater zu widerſtreben? und auch, wenn ich ihn nicht behalte, was kann ich anders thun, als warten in dieſer peinlichen Unbeſtimmtheit? O tröſte mich, liebe theure Minna, denn Du biſt es, Du allein, die mich aus meiner philoſophiſchen Ruhe herauswirft! Jetzt be⸗ greife ich es, ich wäre geſtorben, wenn ich im Gefäng⸗ niſſe und Du draußen geweſen wärſt. Alles könnt' ich noch einmal vergeſſen und mit Naſenrümpfen anſehn, nur von Dir, nun Du mir einmal erſchienſt, wendet kein Gott meine Gedanken und meine Wünſche. Du ehrſt mich mehr, als ein König könnte, Du einziges Mädchen, Du beglückſt mich mehr, als Gott es will, ich liebe Dich ſündlich, Minna; Minna, ich liebe, ich denke nur Dich! Nachſchrift. Abends. Die Ausſichten unſrer Freundinn trüben ſich, wie ich aus den Nachrichten des Kriegsrathes ſchließen muß, auf eine höchſt beunruhigende Weiſe. Sie ſelbſt hab' ich noch nicht wiedergeſehn, weil der Kriegsrath wegen des Drama's täglich zu mir kommt und mir zu Gegenbe⸗ ſuchen keine Zeit läßt. Zuvörderſt verdächtigt er aller⸗ dings Axels Charakter Mein Reffe, ſagt er, iſt ſehr aufgeregter, tapfrer, aber auch ſehr ſinnlicher Natur; — 350— er weiß ſich nicht zu beherrſchen, und in ſeiner Leiden⸗ ſchaft iſt auf ſein Gewiſſen nicht zu rechnen. Auf der Univerſität nannte man ihn nur den Raufraben; und es gab keinen gefährlichen Handel, in den er ſich nicht auf irgend eine Art verwickelt hätte. Bei dieſem Namen erinnerte ich mich plötzlich der ganzen Perſönlichkeit des Lieutenants, wie ich ſie aus jener Genoſſenſchaft kannte, und muß nun allerdings das Urtheil des Kriegsrathes beſtätigen. Auch iſt er wirklich eine Perſon mit dem Strelizer Axel von Raben, der damals, nachdem er die liebenswürdige Chlotilde verführt und in ſein Schick⸗ ſal verwickelt hatte, die Flucht ergriff und nach Süd⸗ amerika auswanderte. Hier konnte er indeſſen wiederum nicht lange ausdauern, ohne Händel von der gefährlich⸗ ſten Art anzuſpinnen. Du erinnerſt Dich jenes furcht⸗ baren Aufſtandes in Bogota, der gegen Bolivars Leben und Regierung ging. Man beſchuldigte ihn der Theil⸗ nahme und ſeine Flucht, die unter den wunderbarſten Abentheuern bewerkſtelligt wurde, ſcheint gegen ihn zu zeugen. Von Nordamerika aus fand er darauf Gelegen⸗ heit, ſeinen Frieden mit dem Veterlande zu machen; er kehrte zurück, bequemte ſich zu einigem Gefängniß und nahm dann Dienſte unter den Huſaren, mit welchen er jetzt nach Polen marſchirt iſt. Seine Abentheuer auf der Flucht und in der Fremde hat er ſelber aufgezeich⸗ netz und ich werde Dir ſie nittheilen, wenn ich ſie von Emma bekomme, die ſie jetzt in Händen hat. Der Kriegsrath meint, dieſe Lectüre würde ſie auf ihr Schick⸗ ſal vorbereiten oder beſſer davon abſchrecken, und er — 360— hoffe allerdings noch, ſie ſo der Bühne zu erhalten. Das arme Kind! Mag der Kriegsrath für das Theater hoffen, wir wollen das Beſte hoffen. Die Polinnen ſind ſchön, aber patriotiſch; ſie werden den preußiſchen Hu⸗ ſaren haſſen, und ſo auch Emma's gerechte Sache fördern. Nachſchrift. Morgens früh. Guten Morgen, meine bitterſüße Pandora, einen ganz guten Morgen, einen ſolchen, der allen geſtrigen Kleinmuth und Trübſinn hinwegſcheint. Es iſt ein gött⸗ liches Lächeln an dem guten Himmel und geht mir zu Herzen mit ſeiner heiteren Kraft, obgleich ich hier ge⸗ gen Abend nur den Widerſchein davon wahrnehme. Und die verfloßne Nacht, wie ſegn' ich ſie! die Cholera⸗ ſperre, Deine Entfernung und die Entfernung unſers Zieles, alle Tücken der Menſchen und des Schick⸗ ſals warf ſie ſiegreich nieder vor ihrem Traumesglück. Dieſe ganze liebe Nacht bin ich keinen Augenblick von Deiner Seite geweſen. Wir ſaßen beide in einer ſchö⸗ nen Laube, über und über dicht und frühlingsduftig ein⸗ gehüllt. Da konnten wir nun reden was wir wollten und auch thun was wir wollten; und wir thaten es auch, ſpotteten über Niemand, lachten wenig, ſondern waren alle beide immerfort in jener weichen, guten Stimmung, der die Küſſe ſo ernſt ſind, als dem Kaiſer eine Kriegserklärung. Ein ſüßer Traum! und doch, was iſt er gegen die Wahrheit? O wir ſind arm mit un⸗ ſern Wünſchen und Träumen! Hab' ich mir doch auch im größten Uebermuth nie in meinem Leben eine ſolche — 36— Geliebte geträumt als Du nun wirklich biſt, Du Stolze und doch zur Lieb' Entſchloſſene, Milde! O, jeder Au⸗ genblick iſt Raub an unſerm Himmel, ſo lange dieſe Ferne uns zerreißt; wie viel ſeliger, als in allen Lauben der Welt, will ich leben hinter der Laube Deiner brau⸗ nen Locken, und ſchöner ſoll kein Himmel leuchten, als durch ihr liebes von Liebe zerſtörtes Gebüſch! Bis auf Wiederſehn, meine Ewigtheure, mit Sehnſucht Dein Edmund. S. Edmund an Minna. Freunden alt und neu Freundlichkeit und Treu. Geſtern endlich hab' ich unſre Emma wiedergeſehn. Es ſind nun bereits einige Monate verſtrichen, aber unſer gemeinſame Liebeshimmel will ſich noch nach kei⸗ ner Seite hin entwölken, im Gegentheil der ihrige um⸗ zieht ſich mit immer trüberer Miene. Alle dieſe Zeit hat Axel keine Zeile an ſie gelangen laſſen, obgleich ſie täglich an ihn ſchrieb und poſttäglich die Briefe auf die Poſt tragen ließ. Der Kriegsrath will dies alles vor⸗ bergewußt und prophezeit haben. Es bringt ihn auch nicht im Geringſten aus ſeinem Gleichmuth, ja er würde offenbar die Ereigniſſe noch loben, wenn es ihn nicht verdröſſe, daß Emma dennoch den entſchiedenſten Wider⸗ willen gegen die Bühne beibehält. Wir blieben den 16 Abend beiſammen, ohne recht warm mit einander zu werden, denn die Anſicht des Kriegsrathes, der uns hier beherrſchte, hielt unſre entgegengeſetzte Stimmung nieder, bis auf einen flüchtigen Augenblick, wo eine ſehr dringende Botſchaft ihn in Anſpruch nahm. Emma ſteckte mir unterdeſſen erröthend und ängſtlich umſchauend einen Brief zu und bat mich, ja gewiſſenhaft damit zu verfahren. Nun wurde mir vollends der Boden unter den Füßen brennen, ich ergriff daher die nächſte beſte Entſchuldigung, und eilte auf mein Zimmer. Hier fand ich einen Brief an mich und einen an Axel in dem ge⸗ meinſamen Umſchlage. Sie ſchrieb mir: Wie lange hoff' ich ſchon mit Schmerzen, Sie zu ſehn! Ich komme mir vor, wie eine Gefangne. Mein Pflegevater iſt liebreich und gut gegen mich, aber das Geſinde ſcheint mich zu beobachten und zu bewachen. Solche Leute ſind nicht fein genug, um ihre Polizei⸗ mienen zu verſtellen. Ich fürchte alſo, daß für meine Briefe der Weg von hier zur Poſt, den ich ſelbſt nicht weiß und nicht füglich ohne Erlaubniß einſchlagen kann, der eigentlich unſichere iſt. Oder glauben Sie, daß Arel mich wirklich verlaſſen und ſo grauſam betrogen hat? Ich glaub' es nicht, ich will es nicht glauben. Sie verpflichten mich daher unendlich, wenn Sie mir dieſen Brief an ihn ſicher beſorgen. Wonit ſoll ich Ih⸗ nen alle die Freundſchaft vergelten, die Sie mir er⸗ weiſen? Sogleich war mir alles klar. Der Kriegsrath hatte die Correſpondenz geſtört, um der Reigung ſeines Reffen — 66— einen Vorwand zur Untreue, die er für ſo wünſchens⸗ werth hielt, zu geben. Ich war höchlich erfreut, ihm auch dieſe Intrigue zu durchkreuzen, wollte aber zugleich alle Erörterungen darüber vermeiden, und ſchrieb daher an Axel, wenn er irgend einen andern Mittelsmann wüßte, ſo würde es mir lieb ſein, ob übrigens und in welcher Abſicht der Kriegsrath verdächtig ſei, das überließ ich ſeiner beſſeren Einſicht. Die Briefe ſind abgegangen. Nachſchrift. Als ich ſo weit geſchrieben hatte, legte ich die Feder weg und machte mich auf, um einen ſogenannten Ver⸗ gnügungsort zu beſuchen. Der Kriegsrath war mein Begleiter, und wir führten die anziehendſten Geſpräche, bis wir ankamen und zu unſerem Erſtaunen den Tanz⸗ platz in einen Wahlplatz verwandelt fanden. Wie Waſſer⸗ tropfen ſpritzten die leichtfüßigen Hauptſtädter aus Fen⸗ ſtern und Thüren hervor, zerrauft, geſtoßen, geſchleu⸗ dert, geängſtigt und meiſt mit dem Noth⸗ und Hülfsruf: iſt hier denn keine Polizei? Der weite Tanzſaal war gänzlich ausgeleert; und trium⸗ phirend ſtanden zwei ungeheure Tänzer mit ihren Schönen da und riefen: Aufgeſpielt, einen langſamen Dreher, ge⸗ hopſt iſt jetzt genug! Alſo das war die Frage, ob gedreht oder gehopft werden ſollte, und der Ritter für den Dreher, der ihn ſo eben mit vielem Anſtande begann, war kein an⸗ 16* — 364— derer, als der Blockdreheraltermann, dem der Herr von Buſchapfel taumelnd ſecundirte. Sie tanzten mit großem Genuß. Nun aber ſollte das Bittre nachfolgen, die Polizei erſchien auf der Bühne, Säbel und Sporen klirrten herbei, und es wäre ohne Zweifel zu einem zweiten Gefecht gekommen, wenn nicht der Kriegsrath, ein zweiter angeſehner Mann, der aus dem Hintergrunde zum Vorſchein kam, und ich ſelbſt dazwiſchengetreten wäre, um Frieden zu ſtiften. Namentlich konnte der Fremde, welcher den Dienern des Geſetzes bekannt war, verſichern, daß der Blockdreher der angegriffene Theil ſei, weil er lediglich aus Verſehn gedreht ſtatt gehopſ't hätte, und daß er im gerechteſten Unwillen hierüber die Beleidiger in die Flucht getrieben. Wenn irgend ein Verſehn auf dieſer Seite ſei, ſo träfe die Schuld den Herrn von Buſchapfel, der ein wenig vom Wein erhitzt ſei. Ich begrüßte darauf unſern Freund als Sieger in einer guten Sache, und er ſtellte mir in dem Fremden den Herrn Helmſtiold vor, den ich nicht wiedererkannt und ſeit unſerem Räu⸗ berabentheuer im Sande von Oranienburg ganz aus dem Gedächtniß verloren hatte. Der alte Mann freute ſich unendlich, mich wiederzuſehn und beſtand darauf, daß ich ihn ſogleich begleiten und die Bekanntſchaft ſeiner Ehefrau machen ſollte. Wir gingen zuſammen, und ich muß Dir geſtehn, dieſe Schwedin hat mich ungemein an⸗ gezogen. Sie iſt kinderlos und ſchon in den Jahren, wo ſie in dieſer Hinſicht keine Hoffnung mehr hat; viel⸗ leicht iſt dies, vielleicht eine unglückliche Liebe aus ihrer — 365— Jugend die Urſache einer Schwermuth, wodurch ihr geiſtreiches Geſicht nur noch mehr intereſſirt. Dazu un⸗ terſtützt ſie ihre zarte Geſtalt und ihre ganze Erſchei⸗ nung mit einem ſo geſchmackvollen Putz, daß ſie durch⸗ aus den Eindruck eines jungen Mädchens macht, und Jeden angenehm berührt, der ſie im Laufe des Geſprächs zu einer Heiterkeit aufthauen ſieht, welche dieſe ſchwer⸗ müthigen Züge zuerſt am allerwenigſten erwarten laſſen. Dann aber ergötzt auch dieſer Sonnenſchein des Gemü⸗ thes, wie der Sommer am Fuß der Schneegebirge. Als Mädchen wäre ſie mit dieſen Zeichen trauriger Erinne⸗ rung, nit dieſem überweichen und empfindſamen Weſen nun gar nicht mein Geſchmack; in ihrer Lage dagegen und mit dem Geheimniß ihrer früheren Schickſale, wor⸗ auf ihr geiſtiger Gehalt mich nur noch neugieriger macht, iſt es grade dies, was mich reizt. Wunderbar genug, ſei es nun Dankbarkeit von ihrer Seite wegen des Aben⸗ theuers in Sande, ſei es jene Macht, die mir Gott über die Herzen der Frauen gegeben hat, zieht es auch ſie zu mir, feſſelt ſie an meine Blicke und läßt ſie je⸗ des Wort aus meinem Munde bedeutend finden. Werde nur eiferſüchtig, mein Liebchen, wir ſehn uns zum zwei⸗ ten Mal in unſerm Leben und oberflächlich beide Male, und dennoch iſt unſer Verhältniß ſchon gegenſeitig. Ich werde die Frau Helmſtiold recht häufig beſuchen, ſobald ich von Dir, meine Geſtrenge, die nöthige Erlaubniß dazu habe. Unſere eignen Angelegenheiten ſchleichen, ja, faſt möcht' ich ſagen, ſie ſtehen ſtill und prüfen meine Geduld und meinen Muth ſchwerer, als es jemals ein Ungemach gethan hat. Mit meinem Gedicht, der Tra⸗ gödie, bin ich faſt fertig, der Kriegsrath iſt damit zu⸗ frieden, bisweilen ſogar entzückt davon, aber der Kriegs⸗ rath iſt nicht das Publicum, und was das Schlimmſte ſein möchte, er iſt nicht Dein Voter; wie wird mir zu Muthe ſein, wenn meine Befürchtungen wirklich eintreffen, meine Hoffnungen zu Waſſer und Deines Vaters Geſin⸗ nung zum Unwillen wird? Warum ſoll ich mich denn mit aller Gewalt nützlich machen? Ich fühl' es nur zu deutlich, daß ich überflüſſig bin. Weder die Litteratur, noch der Krieg, noch das Recht, noch die Geſundheit wird übler daran ſein, wenn ich umkomme; und wer wäre am Ende nicht überflüſſig? doch wohl die am mei⸗ ſten, die ſich nothwendig zu machen ſuchen? Ich wollte, Du ſäßeſt auf meinen Knieen und lößteſt mit Deinen troſtreichen Blicken all meine Zweifel an mich und mein Glück. Muß ich nicht vorher glauben, eh' ich mächtig werden kann? o meine liebe Minna, meine gläubige Minna, ſtärke mich mit Deinem Glauben! g. Minna an Edmund.. Seht, ſeht die Amazone reiten! Ihr nach auf Leben und Tod! Wir müſſen dreifach Sieg erbeuten, So wills der Ehre Gebot. Lieber Edmund! In meinen vorigen Briefen hab' ich auch geſeufzt und geklagt, wie ſichs gehört für ein armes verlaſſenes Miädchen, und Du weißt es nur zu gut, mein höchſt ſtrafwürdiger Diener außer Dienſt, daß ich kein lieberes Geſchäft auf der Welt habe, als mich Deiner Küſſe zu erwehren, denn dabei ſeh ich Dich doch kriegeriſche Ta⸗ lente und Kraft entwickeln; aber in dieſem Briefe will ich nicht klagen, ſondern ſchelten, nicht weinen, ſondern zürnen, nicht bitten, ſondern befehlen. Sei muthig, er⸗ greife nur irgend ein Geſchäft, welches meinen Beifall hat, damit ich nicht von Dir abzufallen genöthigt bin, und dann verſprich mir, Dich um die Welt ſo wenig zu bekümmern als ich. Demn ich ſag' es Dir,— zur Herz⸗ ſtärkung ſoll es Dir dienen,— es koſtet Dich ein Wort; und ich bin die Deine, ſelbſt wider den Willen meines Vaters, ſo lange bis er einwilligt. Doch will ich Dir auch das nicht verhehlen, lieber Herzensedmund, ich bin gar keine Freundin von kleinen Hütten, die nur für ein zärtlich liebend Paar Raum genug haben und noch we⸗ niger vom Zigeunerleben. Auch wär' es hier ja ſchimpf⸗ lich, den gordiſchen Knoten zu zerhauen; löſ' ihn auf, löß ihn muthig und richtig auf; und Du ſollſt mein Alerander ſein. Mit aller Unterwürfigkeit die Deine. N. S. Ich bin doch neugierig, wie ſich der Roman unſerer Freundin, der ich beſtens empfohlen ſein will, entwickeln wird. Fahre fort, mir alles getreulich mit⸗ zutheilen, damit ich ſehe, daß Du Dich nicht zu ſehr für ſie intereſſirſt und an keine andere denkſt, als an mich. Du ſollſt wiſſen, daß ich es Deinen Liphen an⸗ ſehn werde, ob ſie mir treu geblieben ſind oder nicht. Die Frau Helmſtiold erlaube ich zu beſuchen, ſo oft Du willſt. Laß Dir erzählen, was ſie ſo bekümmert und ſag' es mir wieder. Edmund an Minne. Wie viel tauſendmal drück ich Deinen theuren Brief ans Herz! Dieſe Liebe macht nicht kleinmüthig, ſie macht kühn. Eine Wallung ergriff mich, als ich zu Ende warz zum erſten Mal ſeit langer Zeit drückte mich Haus und Zimmer wie ein Gefängniß. Es war ſin⸗ kender Abend, ein Blüthenabend, wie ſie hier im Ror⸗ den ſo ſchön ſind; ich genoß ihn ganz in dem Gefühl jener ſchwelgeriſchen Minuten, die vor Jahren plötzlich mein dumpfes Gefängniß mit dem Dufthimmel einer blü⸗ henden Kaſtanienallee zu vertauſchen pflegten. Wie theuer ſind mir jetzt in dieſem neuen glücklichen Leben jene Erinnerungen und wie bedeutſam kommen ſie zum Theil erſt jetzt zu ihrer Erfüllung. Ich hab' es Dir erzählt, welche Richtung und welche Verwicklung mit dem erſten Aufleben der höheren Geiſteswelt mich, nach — 360 kurzer Trunkenheit ſchwelgeriſcher Hingebung, an die dunkle Pforte einer langwierigen Gefangenſchaft geführt. War dieſe Begeiſterung die Vorhalle des Heiligthums und ihr Dienſt ein angenehmer Rauſch; ſo kam nun das Innerſte der Myſterien, eine nachdrückliche Prüfung und eine wirklich eingreifende Läuterung, um das Aller⸗ heiligſte in ſtrenger Arbeit zu verdienen, nicht ſogleich und ohne Weiteres zu genießen. Der Zorn des Geſetzes, der mir im Ramen der ver⸗ achteten und angefeindeten Wirklichkeit zuerſt entgegentrat, hatte wirklich ein erſchreckendes Antlitz, vornehmlich in dem Geheimniß und Dunkel, womit es mich umgab und mitten in der bewegten Welt zu ſtiller, todtenſchauer⸗ licher Einſamkeit verwies. Auf einer ſüddeutſchen Univerſität war eines Abends ein heiteres Gelag, wir tranken bis tief in die Nacht, und als wir ins Freie gelangten, jubelten wir noch ſtundenlang im Sternenſchein der kalten Winternacht fort an den Ufern des reizenden Flüßchens, das durch Felſen dahintobt. Dann nahmen meine Freunde Ab⸗ ſchied vor meiner Hausthür, die auf den Fluß hinaus in der Vorſtadt am entlegenſten war. Ich ſollte ſie nie wiederſehn. Das Haus war beſetzt, ich trat unter Bewaffnete; ein Mann in bürgerlicher Kleidung nahm das Wort, begehrte meinen Ramen und verkündigte mir dann: Sie ſind gefangen auf Befehl Ihrer Regierung. Ein Wagen fuhr vor, man hieß mich einſteigen, zwei Bewaffnete nahmen Platz neben mir. Sie werden eine kleine Reiſe machen, ſagte der Civiliſt.— So wie ich 370 da bin?— So wie Sie da ſind.— Und wohin?— Er zuckte die Achſel; die Wagenthür flog zu, der Po⸗ ſtillion blies ſeinen Tuſch; und wir fuhren raſch auf die Straße von Mannheim. Es ging nach Worms, es ging nach Mainz, wie unter dem Wünſchhütlein. Meine Fragen ſielen alle in den Brunnen, ich war vereinſamt, und die bärtigen Begleiter hätten ſo gut Bären, als Soldaten ſein können. In Mainz hielten wir wohl an, blieben aber nicht dort; und ſo ging es fort bis ins Ge⸗ fängniß zu Berlin. Auch hier war die Rede nur von Namen und Herkunft. Ich blieb einen Tag und eine Nacht. Mitten in der Nacht(ich ſchlief feſt und tief nach der langen Fahrt) hatte ſich die Thür geöffnet, eine Laterne ſtand vor meinem Bett, zwei Leute hoben meine Sachen auf die Schulter und ein Dritter redte mich an: Stehn Sie gefälligſt auf, Sie reiſen in ein feſtres Haus!— Ich kleidete mich an und verſuchte mir Geſicht und Hände zu waſchen. Richt nöthig, fiel der grinſende Mann ein, kommen Sie nur, wie Sie ſind.— Ich muß geſtehn, daß ich dies für den Schluß des Drama's hielt, denn was konnte er meinen? und etwas Gutes meinte er nicht. Zwei Neufchateller Jä⸗ ger nahmen mich in Empfang, und führten mich auf ei⸗ nen offnen Wagen. Dieſer fuhr zuerſt durch verſchie⸗ dene Straßen, dann verſchwand das Pflaſter und end⸗ lich die Häuſer, die Stadtmauer und das Thor; wir fuhren in ein Birkengehölz hinein. Ich erwartete nun in der That nichts anderes, als man würde mich unter irgend einer Birke erſchießen und beſtatten. So my⸗ — 371— thiſch verbildet waren allerdings unſre Vorſtellungen von der Juſtiz unſeres Vaterlandes; meine Gedanken aber wurden durch die drohenden Mienen und Worte des Voigts nicht wenig unterſtützt. Ich erinnere mich noch lebhaft des Moments und des Ortes— es iſt derſelbe, wo ich ſo eben in der Abendſonne mich ausgeſtreckt.— Der Wagen hielt und ich faßte den Entſchluß tapfer zu ſterben. Wohlan, meine Herren, ſagte ich zu den Franzoſen, Sie haben Befehl, mich zu füſiliren, thun Sie was Sie müſſen, und rechnen Sie darauf, daß ich zu ſterben entſchloſſen bin! Mit großen Augen, aber freundlich ſahen ſie mich an und riefen wie aus einem Munde: O non, non, Monsieur, ne craignez rien, nous „irons à K.„ ck. Aber es war bei alledem eine ſeltſame Situation ge⸗ weſen, und ich konnte mich in einen langweiligen und doch zuletzt nicht beſſeren Verlauf meines Schickſals lange nicht wieder hineinfinden. So viel aber war da⸗ mit gewonnen, daß ich mir vorkam, als hätt' ich den Tod nicht vor mir, ſondern hinter mir; und als ich nun wirklich in die Gerichtsprocedur gezogen wurde, ging ich zu meiner großen Beruhigung immer von die⸗ ſer Vorausſetzung aus. Bei alledem war dieſe Ruhe des Fanatismus und der hochmüthigen Weltverachtung noch keineswegs die wahre; und es trat zunächſt eine beſſere Erkenntniß der Welt, des Staats und des Lebens ein, als ich mit meiner ganzen Weiſe einen der Ingvirenten, der ein ſehr ehrenwerther Charakter war, gewann, und dieſer mich bisweilen zu ſich nahm, um mich über unſere wirklichen Staatsverhältniſſe und auch über die Motive und den wahrſcheinlichen Verlauf unſerer eignen Procedur eines Beſſeren zu belehren. Von dieſem Manne trennte ich mich mit dem tiefſten Schmerz. Denn Niemandes Freundſchaft iſt theurer, als eine ſolche aus reinem In⸗ tereſſe, ja, in einem Verhältniß, wo die Erfahrung ge⸗ macht wird, daß alle alten Freunde ſich ſcheu zurück⸗ ziehn und den verlornen Poſten lieber nie gekannt haben. So iſt es doch immer noch die Aufgabe, ſagte ich zu mir ſelbſt, auf das Leben und die äußere Welt zu verzichten und in die reine Region des Geiſtes auszu⸗ wandern. Reſignation iſt es nicht, nein dies iſt erſt der Genuß des Lebens. Es giebt einen hohen Geiſt, den alle Zeiten den göttlichen genannt, auch Du haſt von ihm gehört, es iſt Platon. In ihm fand ich nun die blühende Aus⸗. breitung des geiſtigen Reiches und die erhabenſte Heiter⸗ keit ſich ſelbſt genügender Erkenntniß. Dem gab ich mich gänzlich hin, und lernte es ihm ab, daß unter je⸗ dem Geſchick der Humor ein Herr der Welt iſt, wie kein anderer, denn er iſt die eigentliche Praris des Weiſen. Wie viel höher ſtand der ſoeratiſche Humor, als er den Schirling trank, gegen jenen aufgeregten Muth, mit dem ich ſelbſt mich entſchloſſen hatte zu ſterben? Dieſe Läuterung durchzog mich fühlbar, ſtreifte alle Thorheit des Zorns und der Eitelkeit von mir ab, ——— — — 373— und gab mir die Sonne des Ewigen nicht als ein zer⸗ ſtörendes Feuer, ſondern als das verklärende Licht der Welt ins Herz. Und iſt es dem Leben nicht zu geben, iſt die Heiterkeit die Gabe eines überirdiſchen Ovells; ſo iſt doch die Welt nur erträglich in ihrem Schein. Un⸗ vergleichlich iſt hierin die brittiſche Nation, und ich gerieth zu meiner großen Befriedigung auf Fieldings Tom Jones, auf den großen Dramatiker, auf Sterne und auf Cervantes, die freilich dem göttlichen Platon bewieſen, die Ppeten ſeien nicht zu entbehren, und wenn für den Staat zu entbehren, der ſeine ernſte Miene nie abzieht, ſo doch für den freien und reinen Geiſt, der ſeine Heiterkeit verwirklicht ſehn will, um ſo vnentbehrlicher. Es iſt Eine Poeſie, die platoniſche und der wahre Humor, es iſt der ſiegsgewiſſe, männ⸗ liche Wurf, dem die Arbeit jedes Leidens, jeder That, jedes Wiſſens ein Spiel iſt, der Himmel ſelbſt auf Erden. Wie manches Seltſame iſt mir da begegnet, als man mir vielleicht dieſe Miene des Humors nicht ver⸗ zich, und eher ein langes, verzognes Geſicht von dem Hoffnungsloſen erwartete. Mein Herr, Ihr Lächeln iſt mir anſtößig und zu⸗ wider, Sie ſind hier nicht zum Scherz, ſondern zur Strafe, ſagte mir einmal der Feſtungscommandant, und ſo ſehr ich Ihre Unglücksgefährten bedaure, mit Ihnen habe ich nicht das geringſte Mitleid. Hätt' ich zu wählen zwiſchen Zorn und Mitleid, ich wählte den Zorn, Herr General, was aber das Unglück — 374— betrifft, ſo giebt es kein anderes, als das eine, nicht zu wiſſen, daß es keins giebt. Iſt er nicht toll, ſo iſt er auf dem Vege, es zu werden, ſagte er in Weggehn zu ſeiner Begleitung. Wir wiſſens jetzt, es iſt ſo leidlich gut gegangen. O liebe Minna, jene Zeit iſt liebeleer, iſt einſam, ja ein Sterben vor dem Tode, war auch der platoniſche Troſt zur Hand, des Philoſophen Thun ſei nichts anders, als ein fortgeſetztes Sterbenwollen, ein fortgeſetztes Inſichgehn und Inſichleben. Anders iſt es heut auf dieſer ſelben Stelle meines Birkenwaldes, wo damals dem Gefangenen die Morgenröthe aufging, jetzt der bunte Abendhimmel einem Glücklichen durch die Zweige leuchtet. Ich denke Dein. Und dies erſt iſt der volle Himmel. Nicht jene Ein⸗ ſamkeit und kalte Selbſtgenügſamkeit, erſt unſre glühend heitre Liebesmacht giebt uns die Fülle der Beſeligung, die Schöpfung einer gotterfüllten Welt. Und wie ich hier in jene goldnen Wolken mich verliere, ſo kommſt Du mir verklärt auf ihrem Zug entgegen. Du ſiehſt mich an, Du neigſt Dich zu mir her, Du hebſt mich auf, und mit dem goldnen Wolkenwagen entführſt Du durch die Gipfel Deinen Freund. Dein Arm unſchließt mich und Dein Auge lächelt. Du nimmſt es auf was ich Dir zugeblickt, Du giebſt es mir was Dich bewegt, entzückt. Sieh da, wie ſich der goldne Wagen wendet: ich ſeh' die Alpen glühend unter unſern Füßen, die blaue Fluth der Seen, die ſilbernen Cascaden, die helle lange Bänder durch die Felſenwände ziehn. Jetzt geht es weiter. Welch' ein ſtrenger Duft, wie aus Gebüſchen heißbeſonnter Myrthen, aus breiten Kronen hoher Pi⸗ nien und dunklen Hainen der Orangen und Limonen? Biſt Du es nicht, die alle Herrlichkeit der Erde mich wieder ſchätzen, lieben und genießen lehrt? Du, die von dieſem kalten Ort mich in die heitre Sonnenmitte trägt? Ich fühle ja den Oden Deines Mundes, ich ſeh' den Strahl des Auges und wende mich den weichen Arm zu küſſen, der mich unfängt. Habe Dank und tauſend Dank! Minna an Edmund. Deine Phantaſieen reißen mich hin, Deine Erinne⸗ rungen rufen auch die meinigen aufz wie Du nicht ohne Prüfung dieſe gute Wendung zu unſerm gemeinſamen Himmel und ſeinem heitern goldnen Wolkenzug gefunden, ſo, weißt Du wohl, hat mich ein gleicher Flor des Un⸗ glücks lang umzogen; und jetzt erſt geht in Dir die mächtge Sonne für mich auf, die allen Rebel nieder⸗ ſcheint und auseinandertheilt. Es war mir wunderbar zu Muth, als Emma mir zuerſt von Dir erzählte, wie Du ſie ehrbar ritterlich beſchützt, wie unter Männern Du Dich ausgenommen, wie ſie vor Dir ſich nicht ver⸗ bergen können, dann aber doch zu Axel leichter ſich ge⸗ funden, weil Du ſo leicht ihr nicht verſtändlich ſeiſt. Ich fragte viel und fragte immer tiefer ins Intereſſe mich hinein. Du bliebſt auch mir ein Räthſel mit Beinem Alter, Deiner Lage, Deiner Fahrt und ſelbſt mit Deiner ganzen Weiſe, die ſie ſchilderte. Doch überſchlich ſogleich mich eine Ahndung, wir würden uns verſtehn. Du kamſt. — 376— Ich war entſchieden, Du warſt es auch, wir waren für einander, und wiſſens nun, wie glücklich uns ein ähn⸗ lich Loos, die gleiche Trübung und die gleiche Beglückung, der gleiche Sinn und gleich entſchloßner Muth in kurzer Zeit verbunden. Im Anfang war noch Alles nicht ſo klar, wie jetzt, doch war es gut und ſicher im Gefühl. Schon dies, daß gleich mit Dir ein neues Leben unſern ganzen Kreis durchdrang, war mir geng, und auch mein Viterchen erkannte dieſe Wendung, er ward Dir gleich geneigt für dieſe gute Kur an mir und an ihm ſelbſt; und es iſt auch darum wohl, daß er Dich für einen gebornen Arzt erkennt. Du führſt Dein Amt mit großem Glück. Denn immer neue Blicke giebſt Du mir in Deine Seele, die mich wunderbar ergreifen. O, wie viel mehr iſt dieſes Unglück werth, das uns die eigne Kraft verſuchen lehrte, als jenes ſchale Glück der großen Menge, der Alles wohl gelingt, weil dieſes Alles nur ein Nichts, ein leeres Staffelweſen iſt, auf dem ſie in den matten Tod mühſam emporklimmt. Ja, ich bin glücklich, daß ich dies erlebt, was Du noch einmal deut⸗ lich vor mir aufgerollt, als einen Kampf um unſre höch⸗ ſten Güter, als einen Sieg, in dem wir beide gegenſeitig uns befreien. Es klänge mir unglaublich, was Du mir verdanken willſt, erführ' ich nicht in demſelben Augenblick von Dir den gleichen Dienſt. Den gleichen? o, lieber Edmund, ich verkenn' es nicht, ich wäre arm und öd' in nir allein; durch Dich wird eine neue tiefe Welt auch mein, die Dir gehörte, die Du mit Dir führteſt. Was Du — 377— auch ſagſt, ſehr ungleich iſt die Mitgift, die Dir meine Liebe dagegen bieten kann. Vor Dir ſinkt all mein Stolz zuſammen und faſt berev' ichs, daß ich Dir in meinem letzten Briefe ſo tapfer zugeredet, als brauchteſt Du von mir noch Stärkung in der kleinen Noth, der Du die größere ſo muthig ſelbſt beſiegt. Sieh', wie Du mich aus meinem heitern Ton herausgeworfen haſt; aber fürchte nichts, ich diene lieber, als ich herrſchen möchte, bleib mir nur treuz mein Leben, all mein Heil haſt Du in Deiner Hand, erhalt' es mir! Doch fahre fort von unſern Freunden das Weitere mir ſorgſam mit⸗ zutheilen. 10. Die Helmſkiold. Mir iſt mein armes Herz verwundt, Es kann kein Menſch mir heilen, Weil ich ſo manche böſe Stund Muß ganz verwaiſet weilen. Altes Lied. Wochen und Monate bin ich nun bereits bei der Helmſtiold aus⸗ und eingegangen; immer zeigt ſie ſich mir verpflichtet und hinreißend freundlich, der ſonore Ton ihrer oft ſogar witzigen aber harmlos witzigen Rede bezaubert mich immer von neuem; und es iſt, ich möchte ſagen, ein Liebesverhältniß zwiſchen uns beiden. Ja, ja, meine liebſte Geliebte, und Du wirſt meinen Ge⸗ — 378— ſchmack loben, wenn Du herkömmſt, ach! ich wollte ſie wäre Deine Mutter, ich würde glauben im Himmel zu ſein, wenn ich der erſte Unterthan Eures gelinden Re⸗ gimentes würde. So lange ich indeſſen nun ſchon mit ihr bekannt bin, ſo wenig ſcheine ich zu denen zu gehören, welchen ſie ganz vertrauen kann. Der Grund ihres Kummers iſt mir noch immer unbekannt. Ich hab' es bei Gelegenheit der Liebesgeſchichte unſers Freundes Axel verſchüttet. Denn, ſtelle Dir vor, mein kleiner lieber Tyrann, auch ſie verlangt, daß ich ihn völlig freiſpre⸗ chen ſoll, alle meine Anklagen ſchlägt ſie mit liebreichen Erörterungen oder gar mit ſanftverweiſenden Blicken nieder und ich ſehe wohl ein, daß alle Weiber und am meiſten die weiblichſten darunter Feinde ſind ſowohl des Gewiſſens, als des Geſetzes. Mag doch dieſer Axel ein Paris und Achill zugleich ſein; ich finde nur, er iſt gewiſſenlos; aber ich darf es nicht finden, die Junta der gefühlvollen Schönen erlaubt es nicht, und wenn ſie es auch einge⸗ ſtünde, ſie erlaubte es doch nicht, daß man es freimü⸗ thig ſagte. Und nun vollends, ſeit er ſeine Thaten oder Unthaten durch Gutthaten zu flicken ſucht, ſoll er eher ein Gott ſein, als ein Lieutenant. Laß Dir die ganze Begebenheit in der Kürze erzählen: Der Kriegsrath hatte wirelich die Correſpondenz zwiſchen ihm und Emma gehemmt, natürlich um ihn zur Untreue zu verleiten und ſie dem Theater zu erhalten. Du weißt wie ich wiederum das Mittel wurde, dieſe Anlage zu zerſtören. Mein Brief mit dem ſeiner Braut — 39— oder vielmehr ſeiner Frau, denn wie ſoll man anders ſagen? gelangte zur Stelle. Sie meldete ihm die muth⸗ maßliche Urſache des Ausbleibens ihrer Briefe und zu⸗ gleich,— daß ſie ſich aufs Beſtimmteſte Mutter fühle, was ihr auch der Arzt beſtätige, den ſie indeſſen um Verſchwiegenheit bitte. Arel, ſo ſagt mir der Kriegs⸗ rath, dem ich überhaupt dieſe Mittheilungen verdanke, ſei ſo übermäßig glücklich bei der Nachricht geworden, daß ihn dieſelbe plötzlich von einem bedenklichen Krank⸗ heitsanfall geheilt habe. Dieſen Aogenblick der Wieder⸗ herſtellung benutzte er ſogleich, ſein Teſtament zu machen, worin er Emma und das Ungeborne zu ſeinen Erben ernennt; und das Inſtrument ſandte er an das hieſige Gericht mit einem offenen Schreiben, welches Emma mit dem Inhalt deſſelben bekannt machen ſollte. Darauf ſoll er mit mehr Gewiſſensruhe, als vorher von neuem er⸗ krankt ſein. Es iſt noch keine Nachricht von ſeiner Gene⸗ ſung da. Das Mädchen oder vielmehr die gnädige Frau dauert mich. Denn der Kriegsrath iſt ſo entrüſtet über dieſen höchſt unkünſtleriſchen Verlauf der Begebenheiten, daß er ſogleich ſeinerſeits ein Teſtament, welches er wirklich zu Gunſten der hoffnungsvollen Pflegetochter gemacht hatte, nun da ſie guter Hoffnung und ihres Zukünftigen Erbin iſt, zurückgenommen hat. Dabei er⸗ geht er ſich in den ſchärßſten Ausdrücken über die beiden Unglücklichen und iſt in ſeinem Kunſtfanatismus ſo lieb⸗ los, daß ich faſt für die Aermſte ein Unglück fürchte. Denn ſie iſt ſchon außerdem in der aufgeregteſten Stim⸗ mung. Wie ein Todesurtheil ihres Axel bat ſie die — 380— Bekanntmachung des Gerichtes aufgenommen, und weint ſeitdem unaufhörlich, ſo ſehr ſie auch der Arzt in den ernſthafteſten Ausdrücken zur Ruhe ermahnt. Ich bat den Kriegsrath, mir einen Beſuch bei ihr zu erlauben. Gehn Sie hin, ſagte er, und laſſen Sie Sich rühren, als wenn Sie eine Komödie von Kotzebüe ſähen, voll dergleichen Tugend und Edelmuth. Ich fand den Arzt um ſie beſchäftigt und erfragte mir gar bald von ihm, was er vor allen wünſchenswerth fünde. Er ſagte, weib⸗ liche Pflege und ein gemüthliches Verhältniß, wodurch einiger Troſt zu erlangen wäre⸗ Sogleich verfiel ich, wie natürlich, auf die Helmſtiold. Denn obgleich ich ihr immer noch nicht ſo nahe gekommen war, daß ſie mir ihre frühere Geſchichte, die ich ſo eifrig aus ſpähe, vertraut hätte, ſo kannte ich doch genugſam ihre un⸗ endliche Gutmüthigkeit und wußte, daß ich geſtützt auf ihre ausſchweifende Dankbarkeit gegen mich alles wagen konnte, beſonders da ſie für Emma und deren Liebesge⸗ ſchichte ſo lebhaftes Intereſſe zeigte, daß ſie mich ſogar um meine Denkzettel bat, um ſich auch über die früheren Verhältniſſe unſrer Freundinn zu unterrichten, von denen ich ihr nur geſagt hatte, daß ſie außerordentlich wären. Zwar hatte ich mein Verſprechen noch nicht erfüllen kön⸗ nen, dennoch aber trug ich kein Bedenken, ſogleich mit ihr über dieſe Angelegenheit zu reden, als der Kriegs⸗ rath erklärte, er würde ſich glücklich ſchätzen, wenn der ganze weitere Verlauf nunmehr ohne ſein Zuthun und womöglich ohne ſein Vorwiſſen einträte, er billige alſo meinen Plan vollkommen. — 381— Als ich mein Anliegen angebracht, und die Helm⸗ ſtiold die Lage unſerer Freundinn erkannt hatte, brach ſie zu meinem Erſtaunen in helle Thränen aus und er⸗ klärte ſich dann ſo: Wundern Sie Sich nicht über meine Thränen, theurer Freund, Ihre außerordentliche Be⸗ mühung um die unglückliche oder vielmehr glückliche junge Dame zeigt mir, daß Sie nicht ſo hartherzig ſind, als Sie ſcheinen, und ſo will ichs Ihnen denn geſtehn: Vor zwanzig Jahren war ich eben ſo geſegnet, als Ihre Freundinn jetzt iſt, einige glückliche Jahre wurd' ich Mutter genannt, dann aber verſtummte dieſer ſüße Name und ich werd' ihn nimmer, nimmer wieder hören. Sollt' ich nicht weinen? Das alſo iſt es, wie beklag' ich Sie! Bringen Sie die gute Emma zu mir, ich will ſie pflegen, als wär' es meine Emma, um Ihretwillen, lieber Freund und Retter, und dann auch um ihres Namens willen. 11. Die Mutter. Herz dem Herzen zugewöhnet Bei dem Liede, das ertönet, Lebet in Erinnerung Süßer Stunden, Zart empfunden, Wieder glücklich, wieder jung. Emma iſt nun bei der Helmſtiold und ſeit geſtern Mutter eines allerliebſten Knaben, den man wahrſchein⸗ lich Axel taufen wird, und bei deſſen Geburt ich den ſeltenen Fall erlebt habe, daß man durch Einmiſchung in fremde Angelegenheiten doch auch glückliche Leute ma⸗ chen und ſich Dank verdienen kann, aber der Vorfall ſucht auch ſeines Gleichen. Höre nur! Wie gewöhnlich kam ich geſtern in der Theeſtunde zur Helmſtiold. Sie war nicht gleich zu ſprechen, ge⸗ heimnißvolle Mienen begegneten mir, auch Emma war abweſend, man hieß mich warten, um mich anzumelden. Wie, dacht' ich bei mir ſelbſt, ſollteſt Du plötzlich in Ungnade gefallen ſein, hätteſt Du vielleicht ohne es zu wiſſen noch einmal das zarte Gemüth der Helmſtiold verletzt, oder ſollte Dir der Kriegsrath mit irgend einer Intrigue einen Streich ſpielen? Mir waren die Frauen⸗ zimmer nicht gleichgültig, und dazu ſind ſie die einzigen, mit denen Du mir den Verkehr freigegeben haſt, wie be⸗ trübt wäre es für mich geweſen, wenn ich ihren Umgang verſcherzte und ihre Gunſt verlor? Mit dieſen Beſorg⸗ — 383— niſſen und Zweifeln beobachtete ich ungeduldig die Thüre, bis ſie raſch aufſprang, und die Helmſtiold in der größ⸗ ten Aufregung auf mich loseilte, mich umarmte und— küßte— es iſt nun einmal ſo: alle Weiber bemächtigen ſich meines unſeligen Mundes und bedecken ihn mit Küſ⸗ ſen, wenn ſie nur irgend einen Vorwand finden— alſo ſie küßte mich, lieber Gott, mit ihren ſentimentalen Poſt⸗ papierlippen!(o wie ſehnte ich mich nach Deinem elaſtiſch ſchwellenden kunſtgerechten Mäulchen!) und weinte dazu, während ſie einmal über das andere ausrief: Sie Retter meines Lebens und meines Kindes! Du wirſt es eher errathen, was ſie meinte, als ich in jenem ſeltſamen Augenblicke, wo ich mit den nüchtern⸗ ſten Gedanken von der Welt dieſen Strom des Glücks und des Dankes über mich kommen laſſen mußte. Was iſt Ihnen Gutes begegnet, meine theure Freun⸗ dinn? Erklären Sie Sich, ich verſtehe den Ausdruck Ih⸗ res Dankes nicht und weiß nicht, womit ich ihn ver⸗ diene. Ol es hat ſich alles wunderbar gefügt. Hören Sie mich nur an. In der tiefſten Traurigkeit über die Krankheit ihres Geliebten und über ihren eignen geſeg⸗ neten Leibeszuſtand unter ſolchen unſeligen Umſtänden empfing ich dieſes liebe Kind aus Ihren Händen; und kaum hatten Sie uns den Rücken gewendet, ſo bedurfte ſie der Wehemutter, und das Kind war ein Knabe. Sie wiſſen welchen Theil ich immer an allem genommen, was dieſes Mädchen betraf, aber meine Theilnahme wurde bald noch erhöht, denn nun ergriff ſie ein Fieber. Ge⸗ müthlich erregt, wie ſie war, litt ſie nicht, wenig, und fortwährend war ihr Fehltritt Gegenſtand ihrer Phan⸗ taſieen. Ich wachte bei ihr und pflegte ſie, da plötzlich mitten aus ihren Phantaſieen heraus, indem ſie mich für ihre Mutter hält, ſich aufrichtet und mich darauf anſieht, beginnt ſie jenes Lied meiner Heimath mit dem hinreißendſten Ausdruck zu ſingen: Sei nicht böſe, liebe Mutter, Alles will ich Dir geſtehn, Innig bat er mich um Liebe, und der Knabe war ſo ſchön ꝛc. Wie mir dieſe Töne in die Seele drangen! Scher⸗ zend hatte ich es einſt meine Emma gelehrt, ſie iſt es ſelbſt! das ſagte mir meine innerſte Seele mit einem plötzlichen Lichtblick, und ſie war es. Ungeduldig eilig entblößte ich ihren Buſen und fand ein braunes Mal, welches mir vollends allen Zweifel nahm. Welch ein Wiederſehn, welch ein bitterſüßes doppeltes Glück! Und alles dies verdank' ich Ihnen, theurer Mann, wie ſoll ich es ausdrücken was ich empfinde! Ihr Zuſtand erlaubte mir bisher noch nicht, ihr meine Entdeckung und meine Freude mitzutheilen, ich mußte ſchweigen, denn es könnte ſie tödten, ſo reizbar wie ſie iſt. O ſagen Sie mir, ich bitte Sie, ich beſchwöre Sie, dieſes verwaiſ'te Mäd⸗ chen ſei niemandes Tochter als die meine, es ſo ſein, ich ſtürbe, wenn es nicht ſo wäre. Nun ſo ſein Sie glücklich, denn auch mir iſt es nun plötzlich gewiß, ſie iſt es, die Sie wünſchen, und hier erzählte ich ihr Emma's frühſte Geſchichte, wie ich ſie im Anfange des dritten Dutzends meiner Denkzettel aus dem Munde des Kriegsrathes niedergeſchrieben. Mit den freudigſten Ausrufen unterbrach ſie mich wiederholentlich, und zuletzt, als ich zu Ende war und ſie mir dankte, da fühlt' ich, ſie hätte mich nicht feuri⸗ ger umarmen können, ſelbſt wenn Deine liebe Seele in ſie wäre ausgewandert geweſen. Nicht wenig erſtaunt trat der alte Helmſtiold mitten in dieſe Scene; und wie ein Blitzableiter zog er nun alle Gefühle der glücklichen Mutter auf ſich. Es iſt gewiß, es iſt beſtätigt, ſie iſt es, ſie iſt unſte, unſre Emma, das verlorne liebe, ſüße Kind, freue Dich, glücklicher Vater, ich bitte Dich, freue Dich mit mir! Nun, da hab' ich doch einen Erben und bin Vater und Großvater an Einem Tage geworden. Meiner Treu, wenn noch ein Menſch in Schweden, Schonen, Halland und Bleckingen lebt, der ſich deſſen rühmen kann, ſo will ich keinen Nagel bezahlt haben von der ganzen Bau⸗ entrepriſe in Berlin! Komm mit, mein Herzchen, wir wollen uns doch unſte Kinder beſehen. Das geht nicht an, ſie ſchlafen; und in den erſten Wochen darf ſie es durchaus noch nicht wiſſen, es würde ſie zu ſehr angreifen. Nun gut, da beſorg' Du die Kinder, wie Dir zu⸗ kommt; ich will nach dem Blockdreher ſehn. Und damit empfahl er ſich uns wieder. 11. Die Seefahrt. Wüſte Seefahrt, wildes Leben, Auf des Sturmes Wogen ſchweben! Du kannſt Dir denken, daß ich nichts Eiligeres zu thun hatte, als nun ſogleich die Helmſkiold auszufra⸗ gen über alle Unſtände jenes geheimnißvollen, aller Wohrſcheinlichkeit nach höchſt verbrecheriſchen Vorfalls, welcher ſie ihres Kindes beraubt und dies an unſre Küſte geführt. Sie erzählte. Wir waren aus Deutſchland zum Be⸗ ſuch bei unſern Aeltern in Gothenburg und gedachten in Kurzem den gewöhnlichen Weg der Rückkehr auf dem Poſtſchiff einzuſchlagen; die Koffer ſtanden gepackt, und unſere Freunde bewirtheten uns zum Abſchiede. Bei einem derſelben, der einem bedeutenden Handelshauſe vorſtand, trafen wir den Kapitain Magnuſen, einen ent⸗ ſchloſſenen etwas jähzornigen und leicht erregten Mann, der übrigens in Geſellſchaft guter Geſellen immer zu den aufgelegteſten und brauchbarſten gehörte. Ich war zuerſt ſeine Nachbarin und erneuerte mit ihm jene mir ſo anzie⸗ henden Geſpräche von ſeinen Gefahren zur See, worunter ſich eine Farth nach Oſtindien auszeichnete. Denn auf der⸗ ſelben hatte er mit ſeltener Entſchloſſenheit eine höchſt ge⸗ fährliche Meuterei der Mannſchaft unterdrückt und Schiff und Güter ſeinem Handelsherrn, unſerem Verwandten und Wirthe gerettet. Auf dem Kap der guten Hoffnung, ſo er⸗ zühlte er, legten wir an, um Waſſer und friſchen Proviant —— einzunehmen. Ich machte die nöthigen Beſtellungen und Ein⸗ käufe; und wie es denn ſo geht, wenn man einmal im Handel iſt, kam ich auch zu einer ganz ſeltſamen Waare, zwei jungen ſehr ſchönen Sklaven, wie es ſchien, Zwillingen, denn ſie wa⸗ ren bei ausgezeichneter Schönheit und blühender Jugend zum Verwechſeln einander ähnlich und dazu von ſo edlem An⸗ ſehn, daß ich ſie mehr aus Theilnahme, um ſie roher Be⸗ handlung zu entziehen, kaufte, als um etwa einen Gewinn dabei zu haben. Und ſogleich ſchienen ſie meine Geſinnung zu fühlen, denn ſie bezeugten ſich ausgelaſſen freudig und gingen als gute Geſellen, ohne allen Zwang mit mir herum. Ohne Zweifel entgingen ſie einem übelwollenden Herrn, der ſie etwa aus Noth verkaufte, denn ſie wußten in der Stadt Beſcheid, dienten mir zum Führer und verſtanden ſo ziemlich die Landesſprache. Alles dies war mir äußerſt erwünſcht. Ich beſchloß ſie als eine Art Leib⸗ wache zu gebrauchen, weil ein heftiger Vorfall zwiſchen mir und dem Steuermann, deſſen rohe Gewiſſenloſigkeit ich zwar geſtraft, aber nicht unſchädlich gemacht hatte, mich auf meinem Schiff in eine bedenkliche Stellung brachte, zumal da ich auch wohl hin und wieder im Zorn einige Leute zu ſcharf mitgenommen haben mochte. Ich kaufte mir alſo eine hübſche Livree für meine Moh⸗ ren und paſſende Waffen, die ich ihnen im Nothfall aus⸗ händigen wollte. Auf dem Schiff angekommen veran⸗ ſtaltete ich eine große Verſöhnungsmahlzeit, und ſtellte der Mannſchaft meine beiden Diener vor als ein Geſchenk für den König, um meine eigentliche Meinung deſto ſiche⸗ rer zu verbergen. Allein die Anhänglichkeit der guten ſchwarzen Jünglinge war ihnen augenſcheinlich ein höchſt misfülliger Umſtand, und ſchon bei dieſer Mahlzeit glaubte ich misbilligende Ziſcheleien zwiſchen den Ver⸗ dächtigſten zu bemerken. Wir fuhren darauf hinaus auf die Höhe und legten mit dem günſtigſten Winde ſtarke Tagereiſen zurück. Am dritten oder vierten Tage Abends, als ich zufällig unvermerkt dem Steuerrade ziemlich nahe gekommen war, verborgen hinter einigen zum Lüften auf⸗ gethürmten Waaren, hörte ich die Worte:„Sobald er drinne iſt, brechen wir los, und gleich auf die Thür, damit wir ihn überrumpeln!“ „„Die Mohren nehm' ich und Sickel.““ So leiſe als möglich ſchlich ich zurück mit dem mög⸗ lichſt unbefangenſten Anſehn vor den Uebrigen, bewaff⸗ nete in aller Eile mich und meine beiden Mohren, und eilte nun auf den Steuermann los, um ihn zu arretiren. Ob ihn nun ſein Gewiſſen oder meine Miene oder welcher Umſtand ſonſt warnte, das iſt mir nie klar ge⸗ worden, genug er war auf ſeiner Hut, als ich heran⸗ kam und ſchrie mir zu: Kapitain, zehn Schritt Raum oder ich ſchieße Sie nieder! Ergieb' Dich, Verräther! donnerte ich ihn an, und ſprang mit der Piſtole auf ihn los. In dem Augenblick pfiff ſeine Kugel durch meinen Hut, und als er mich nicht fallen ſah, ſprang er rüſtig über Bord; aber meine Wuth machte mich raſend, und zwiſchen Himmel und Waſſer ſchoß ich ihn, wie einen Vogel in der Luft. Unterdeſſen ergriffen die Mohren ſeinen Genoſſen. „Wer will hier noch ſterben, ihr Schurken?! rief ich dann in der heftigſten Aufregung, jetzt kommt alle her, und wer nicht beichtet und meinen Zorn beſchwichtigt, der fährt noch heut Abend in Kompagnie mit eurem Ober⸗ ſchuft zur Hölle“ Der Eindruck war von ungeheurer Wirkung. Alles ſtürzte mir zu Füßen und bat um Gnade; was nur ir⸗ gend einen Antheil an dem Komplott hatte, verrieth ſich ſogleich durch ſeine Angſt; und ich ſah mich genöthigt ihnen nur gelinde zuzureden, damit ſie mir nicht alle über Bord ſprängen. Nur Sickel und den Unterredner mit dem Steuermann ließ ich gebunden in den Schiffs⸗ raum werfen, und erlößte ſie erſt nach mehreren Wochen von ihrer Haft und dem bevorſtehenden Halsgericht, als ich es für weiſe hielt, den Bitten aller Uebrigen nicht länger zu widerſtehn und mit der völligen Verzeihung deſto größere Sicherheit für den übrigen Theil der Fahrt zu erkaufen. Zu Hauſe indeſſen entließ ich ſie ſämmtlich bis auf jenen Belauſchten, welcher, im Ver⸗ trauen geſagt, mein jetziger Steuermann Kliffert iſt, denn deſſen Reue fand ich am aufrichtigſten, und die Folge hat es beſtätigt. Die Männer, ſo fuhr meine Freundin fort, blieben darauf noch bis tief in die Nacht beim Weine und mußten bei der Gelegenheit ſehr vertraut geworden ſein, denn am andern Morgen eröffnete mir mein Ehe⸗ herr, wir führen nun nicht mit dem Poſtſchiff, ſondern mit ſeinem Freund Magnuſen, der ebenfalls in Ladung nach Deutſchland läge, und ihn der guten Geſelſſchaft wegen überredet habe, ſein Paſſagier zu werden. — 390— Mit Magnuſen? ich bitte Dich, fragte ich ängſtlich, mit dieſem jähzornigen Manne? Ich vertrage mich immer aufs Beſte mit ihm, und habe nicht anders geglaubt, als daß auch ihr beide gute Freunde wärt, wenigſtens wart ihr geſtern Abend ſehr in die Unterhaltung vertieft, und jedes hatte ſeinem an⸗ dern Nachbar den Rücken zugekehrt. Ich wußte nichts Gegründetes dagegen zu ſagen, die Sache war abgemacht; und ſo ſtiegen wir denn an Bord, als der Kapitain fertig und der Wind günſtig war. Aber hier hab' ich erfahren was Ahndung heißt: war es mir doch, als führen wir unmittelbar in den Abgrund, wie das Seil ſich vom Lande löſte, und als ich vollends die bärenhafte Ungeſtalt des Steuermanns in ſeinem weiten falten⸗ und ſchnittloſen ſchwarzbraunen Mantel erblickte und einem Blicke aus ſeinen ſchielenden unge⸗ wiſſen Augen begegnete, wurd' es mir auf der Stelle ſo angſt und ſchwindlicht, daß ich bis in die Nacht, wo das Unglück wirklich eintrat, meiſtentheils beſinnungslos dalag. Man nannte mich ſeekrank und nahm keine Rück⸗ ſicht darauf, außer daß man deswegen das Kind von mir that und in ein beſonderes Bettchen legte. Die Nacht brach herein, meine Angſt wuchs, ich gewann in⸗. deſſen einen Augenblick Worte dafür, um mich einiger Maßen meinem Manne, der ſich nun auch zur Ruhe be⸗ geben, mitzutheilen. Dies führte aber nur dazu, daß er in ein lautes Gelächter ausbrach, und mich verſicherte, die Sache ſei eher umgekehrt, nämlich daß der Steuer⸗ mann und die Matroſen von Magnuſen Gewaltthätig⸗ — 39— keiten zu fürchten hätten, nicht er von ihnen. So habe er noch eben den Steuermann heftig angelaſſen wegen eines geringen Verſehens, ohne daß dieſer ein Wort zur Vertheidigung gewagt, ja ohne daß er eine Miene zum Zorn verzogen hätte. Hierauf lachte er wieder, aber, grade als hätte er damit die hölliſchen Miächte herausgefordert, brach mitten in ſein Gelächter hinein ein furchtbares Krachen der benachbarten Kajütenthür, dann erfolgte ein Schuß und gleich darauf viele Stim⸗ men und das Geſchrei:„ſchlagt ihn todt, ſchlagt ihn todt, den Hund, den Mörder!“ Da iſt es, da iſt es! rief ich aus, alle Haare ſtie⸗ gen mir vor Entſetzen zu Berge; und ich war im Begriff aufzuſpringen, als auch unſre Thür aufkrachte und ſo⸗ gleich mehrere Männer uns ergriffen, den Mund ver⸗ ſtopften und an Händen und Füßen banden. Bringt ſie nicht um, es genug, rief einer von ihnen. Nein, war die Antwort, wir wollen ſie in das kleine Boot werfen, da mag ſie der Teufel holen, wohin er ſie haben will, mir iſt das Geſchrei zuwider, bindet ihnen die Mäuler nicht los. Herunter mit dem Boot, ſo! und nun plumps! gebt ihnen einen Schubb! Gräßlich war das Gefühl dieſer Lage, und ich dachte nur darauf meinen Mund zu befreien, um unauf⸗ hörlich und mit allen meinen Kräften über mein armes, armes zurückgelaſſenes Kind zu rufen. Es gelang mir lange, lange nicht; ich fühlte das Boot ſich heben und ſtürzen, wie die Wellen es trugen und pfeilſchnell — 3— ſchien es vor dem Winde zu fliegen, kein Laut als der des riſchen Windes über dem Waſſer ließ ſich verneh⸗ men; das Schiff mußte verſchwunden ſein. Endlich hörte ich meinen Leidensgefährten ſagen: Ich habe jetztmeinen Mund frei, und zufälliger Weiſe ſind mir die Hände nach vorne geknebelt, ſo daß ich mich wohl loszunagen hoffe, dann will ich Dir helfen. Ach, mir war nicht zu helfen, denn ſchlimmer, als Feſſel und Tod, guälte mich der Gedanke an Emma, mein armes verlornes Kind. Soll ich ſagen, daß unſre Lage beſſer war, als wir losgebunden daſaßen? Rein, ſie war viel ſchlimmer, denn nun konnten wir uns umſchauen und das mit Au⸗ gen ſehn, was wir vorher nur vermuthet. Das Schiff unſerer Feinde, unſer Verderben und doch unſere einzige Hoffnung,— denn dort war Emma zu finden; und gewiß, man hätte ſie uns gerne mitgegeben, wenn man ſich ihrer erinnert,— das Schiff war verſchwunden in die Nacht. Wir hofften auf den Tag, aber es war ein Tagen und ein Sonnenaufgang, wie ihn gewiß eine Mutter nur ein⸗ mal überlebt. O wie hätte mich die fernſte Geſtalt eines Schiffes erfreut! ich mußte erſt ſehen, daß es unerreich⸗ bar ſei, um zu wünſchen, daß ich es nicht ſähe; ſo war alles leer und wüſt und darin unmittelbar die furcht⸗ bare Gewißheit unſers Unglücks. Ich wünſchte zu ſter⸗ ben und ſah in den rollenden Wellen meine guten Tröſter; aber das Schickſal fügte es anders Ein Re⸗ bel rollte ſich vor unſerm Nachen empor, ich ſpähte auch dort nach dem Schiff, aber es war die helle Küſte von ——— — — ———.—— —— — — —— 3 Möhn, dem Inſelchen, welches auf der Hälfte des We⸗ ges zwiſchen Schweden und Deutſchland liegt. So waren wir bald gerettet und bei theilnehmenden Menſchen wohl⸗ gepflegt, nur nach unſerer Emma blieben alle Forſchun⸗ gen vergeblich, und vergeblich alle meine Wege an das Meer, um zu ſpähen und zu beten. Sie war ver⸗ ſchwunden und ſie wäre es auf ewig geblieben, hätte nicht ein gütiges Geſchick durch Sie, mein theurer Freund, uns unſer Kind zum zweiten Mal geſchenkt. Mein Dank ſoll nur mit meinem Leben enden, denn Sie nehmen den Kummer meiner Jugend aus meinem Herzen. ⸗————— Achtes Dutzend. — 8 — — * — S a *= 1. Helmſkiold und Axel. Abentheuer zu See und Land, Freut ſich doch Jeder, wer ſie beſtand. Dieſe Geſchichte regte mich mannigfach auf; und ich konnte den Wunſch nicht unterdrücken, auch den alten Herrn Helmſtiold und zwar etwas genauer darüber zu vernehmen, zumal da ihn ſeine geringere Erregtheit zum beſſeren Beobachter ſeiner Leiden machte und die zarte Dame ohne Zweifel manches ſich zurückzurufen, manches, auch wenn es ihr gegenwärtig war, zu ſagen vermied. Dieſer Wunſch ging mir geſtern in Erfüllung und der alte Schwede, als wir uns gemächlich auf dem Sopha eingerichtet, begann: Ja, mein vortrefflicher Herr Doe⸗ tor, dieſe Geſchichte war allerdings eine kleine Unbe⸗ quemlichkeit, und ich kann wohl ſagen, daß ich noch manchmal, wenn ich zu Waſſer gehe, an die kalte Par⸗ thie denke, die wir ſo mit dem lieben Gott und ſeinem Beiſtande im bloßen Hemde nach Möhn machten. Aber man miß ſich alles verſuchen in der Welt, es geht wunderbar zu. Hatt' ich doch nichts gewiſſer gedacht, als meine arme Frau würde ſich ihre zarten Gebeine, womit ſie im Kielwaſſer vor mir lag, auf ewige Zeiten erkälten und zum wenigſten am Schnupfen krank werden; aber ſie hielt es aus, ihr hat nichts gefehlt. Und was — 398— denken Sie, daß ich ſelber jetzt ſo geſund und munter vor Ihnen ſitze ohne Gicht und Rheumatismus? In der That, Sie haben die Ohren ſteif gehalten, Herr Helmſkiold. Das hab' ich, und meine Frau dazu, Gott ſegne ſie! wenn ſie nur nicht ſeitdem die ununterbrochene Kopf⸗ hängerei über das Kind mit wahrhaft unchriſtlicher Trauer ſich angenommen hätte. Es war doch einmal nicht anders, und ich tröſtete ſie immer auf ein neues; aber freilich es diente zu nichts, vielleicht hatte doch eins von uns die Racht einen Schaden genommen, dem unſre Ehe blieb von nun an ungeſegnet. Ich wäre doch neugierig, ob ſie nichts Näheres von dem Komplott zu ſagen wüßten? und weshalb es ſich eigentlich entſponnen. Nah genug iſt die Begierde dieſer Schufte auf die ſehr reiche Schiffsladung, die ſie kannten und lieber verkaufen, als bloß verfahren wollten. Dazu aber war dieſer Kliffert mit ſeinen alten oſtindiſchen Genoſſen zu⸗ ſammengeweſen; und es hat ſich ſpäter ausgewieſen, daß ſie eine Seeräuberbande ſchon beim Ladungnehmen in Gothenburg geſtiftet hatten. Denn der Verſuch zu ei⸗ ner ähnlichen Unternehmung auf einem andern Schiffe mislang und deckte dadurch dieſe Verbindung auf; Klif⸗ fert und ſeine Genoſſen dagegen haben ſich ohne Zweifel in den entfernten Gewäſſern der menſchlichen Strafe entzogen; denn bis jetzt iſt mir noch nichts von ihrer Entdeckung bekannt geworden. Es ſind Unmenſchen, denn, wie geſagt, im bloßen Hemde fielen wir ihnen in — 605— die Fäuſte, und warm, wie wir aus dem Bett kamen, mußten wir hinunter in die Gölle, ich zuerſt, daß mir alle Rippen krachten(aber ſchreien konnt' ich nicht), und dann meine Frau oben drauf. Sie fiel weicher, weil ich ihr zur Unterlage diente, ich aber bekam damit ei⸗ nen zweiten Puff, nicht viel ſchlechter als der erſte. Zum Glück warfen ſie eine alte Schiffsmatte hinterdrein. So erwünſcht mir bei dem kalten Seenebel eine Bedeckung und Wärmung ſein mußte, ſo nothwendig ſchien es mir doch, durch Geruckſe und Gezucke meine Frau, die ſich noch weniger rühren konnte, bei Seite zu ſchieben. Meine Pläne gelangen auch wirklich; nach unerhörter Anſtrengung der Lippen, des Kinns und der Zähne wurde der Mund frei; und dann, als ich nur erſt die Hände losgenagt, half ich gleich meiner armen Emma. Es war ihr eine Wohlthat, daß ſie nur jammern und laut weinen konnte; aber weiter wars auch nichts, denn nun ſahen wir, daß wir mitten auf dem Meere ſchwam⸗ men und ohne Hülfsmittel, wie wir da ſaßen, nur den elendeſten Hungertod vor uns hatten. Dazu froren wir, daß uns die Zähne klappten und konnten uns auch an einander nicht erwärmen, bis wir uns endlich mehr an dieſen Naturzuſtand gewöhnten. Ein ganz ausgezeichnetes Glück war es, daß wir gleich bei Tagesanbruch ans Ufer trieben; denn einen Tag ſpäter wäre auch dies ſchwerlich eine Rettung ge⸗ weſen. Ich trug meine Frau ans Land über die Strand⸗ ſteine hinüber und ſetzte ſie am Fuße des hohen Mee⸗ resufers in die Morgenſonne, auch das Boot zog ich — 100— ans Land, denn das war jetzt unſer einziges Beſit⸗ thum, und konnte uns vielleicht zur Hülfe dienen, wenn man weniger barmherzig, als habſüchtig gegen uns geſinnt ſein ſollte. Mit vieler Mühe wandte ich die Blicke der armen Mutter von dem Meere, wo ſie vergeblich nach unſerm Schiffe umherſuchte und democh ihre einzige Hoffnung auf das liebe zurückgelaſſene Töchterchen hin⸗ wandte; ſie folgte mir endlich nur, um oben auf dem Ufer deſto weiter hinüber zu ſpähen, und umaufhörlich zurückgewendet, als ſei ihr Geſicht für immer über die Schulter gewachſen und alle Gelenke verſteinert, ſo ließ ſie ſich fortzerren.— Mit Müh und Noth entdeckten wir einen Pfad, kaum vermochten wir ihn zu erklimmen; und als wir oben waren, ſahen wir weit ins Land hin⸗ ein keine menſchliche Seele und keine Wohnungen der Menſchen. Wüſte Inſeln giebt es hier nicht, überlegte ich mir, auch war der Boden angebaut. Nach einiger Ruhe alſo ſteuerten wir auf eine Gegend zu, wo ich eine Heerde zu erblicken glaubte. Wir erreichten ſie endlich im Schweiße unſers Angeſichtes, denn die Sonne war nunmehr geſtiegen und entſchädigte uns nur zu reichlich für die Rebelkälte der Racht. Wir fanden die Hirtenknaben hinter einem großen Steine gelagert, als wir uns aber nahten, ſprangen ſie beſtürzt auf, ſtarrten unſre ſeltſame Erſcheinung eine Weile an und rannten darauf mit der ängſtlichſten Miene dabon. Die Heerde gerieth in Aufruhr, die Kühe ſprangen blöckend durcheinander, und bald ergriffen einige demagogiſch geſinnte die Gelegenheit, ihre Schwänze aufzuheben, wild umher⸗ — — 401— 8 zuſchauen und den bacchiſchen Kuhreigen raſend anzufüh⸗ ren; die ganze Heerde wurde bremſentoll und rannte den Jungen nach. Außer Stande einen ſolchen Wett⸗ lauf mitzumachen, nahmen wir nun die Stelle der Hir⸗ ten ein und ruhten eine Weile mismuthig aus, um neue Kräfte zu neuen Entdeckungen zu ſammeln. Als ich darauf den Felsblock unwandelte, um eine Stelle zu entdecken, wo ich ihn vielleicht erſteigen und ſo beſſer umherſchauen könnte, fand ich an der Schattenſeite einen ſchlafenden Greis, der ohne Zweifel zu der Heerde und den Hirten gehörte und die ganze vorhergehende Scene glücklich verträumt hatte. Er machte große Augen, als ich ihn rüttelte und mich dann ſo abentheuerlich vor ihm darſtellte, indeſſen beſchwichtigte ich ihn bald ſowohl über ſeine Heerde, als über meinen Aufzug: er verſprach, ſich unſer anzunehmen, gab meiner Frau ſeinen groben Re⸗ genmantel zur einſtweiligen Bedeckung und trat ſo den Zug ins Dorf mit uns an. Was nur Beine hatte, lief hinter uns drein, keine Arbeit war ſo eilig, die man nicht in Stich gelaſſen hätte; und ſo kamen wir mit einem großen Schwarm Menſchen in der Wohnung des Schulzen an. Unſere Abentheuer waren nun vorüber, denn nachdem man die Gölle in Augenſchein genommen und unſern Zuſtand wohlerwogen, auch unſere Verſtan⸗ deskräfte geprüft und uns, wenn nicht daran, doch an unſerm Dialect für Ausländer erkannt hatte; verpflegte man uns nach Kräften bis zu unſerer Abreiſe, die ſich freilich ziemlich lange hinausſchob, denn es mußten über⸗ ſeeiſche Briefe hin⸗ und hergehn. Wir waren nun wohl — 402— geborgen; aber unſer armes Kind ſollte uns ſo biele Jahre verloren ſein.— Sollte man es glauben, daß ſo etwas erhört ſei, wenn der Abentheurer ſelbſt mitten in Berlin eine ſolche Waſſerparthie vorträgt, die er vor zwanzig Jahren ganz in der Rähe auf unſerer civiliſirten Oſtſee erlebt hat? Er hatte kaum ausgeſprochen, als ein Siäbelgeklirr ſich hören und mich nicht zur Antwort kommen ließ. Die Thür ſprang auf; und ein Huſarenoffizier, der raſch hereintrat, kündigte ſich ſogleich als Axel von Naben an, wobei er die Bitte ausdrückte, zu der Wohlthäterin ſeiner Gattin, wie er ſagte, geführt zu werden. Darauf faßte er mich ins Auge, betrachtete mich einige Augen⸗ blicke mit geſpannter Aufmerkſamkeit und umarmte mich dann unter lautem Jubel, indem er wiederholt ausrief: Liebſter Edmund, alter Freund und Genoſſe! Dacht' ichs doch, daß Du es wärſt mit Deiner ſuperklugen Art, die jedes Glas über den Durſt und jeden Hieb über die Schnur zu behofmeiſtern pflegte und nichts deſtoweniger zuletzt doch ſelbſt, auf die altklügſte Weiſe freilich, aber bis an den Hals in Thorheiten gerieth. Aber Du biſt ein guter Geſell und jetzt obendrein, wie ich von meinem Liebchen höre, nicht minder, als andre Unverſtändige, in den ſchlimmſten Liebesnöthen. Du machſt mir alles nach, nur daß ich da mit Thaten ein⸗ ſchreite und was vor mich bringe, wo Du ſtudirſt und klügelſt und ſchreibſt und projectirſt und ſpeculirſt und Unterhandlungen pflegſt und nicht von der Stelle rückſt. Man ſollte es kaum denken, daß ein ſolcher Philiſter, — ——— — 8 wie Du doch eigentlich biſt, ein ſo ſchnöder Diplomat und Federfuchſer, daß der noch ſo viel brauchbaren Humor haben könnte. Denn das muß Dir Dein Feind nachſagen, Du biſt ein harmloſer munterer Geſell, nur nicht ritterlich genug. Komm her, da haſt Du meinen Dank dafür, daß Du Dich meiner Braut ſo hülfreich bewieſen, wenn auch immer mit Unterhandlungen, ſtatt mit dem Degen. Sei ſtille, rede mir nichts darein! Mit welcher ſchnöden Miene der Fuchs nmich anſieht! ſage mir, Du gutmüthig ſpöttiſches Geſicht, wie iſt es nur möglich, daß ich Dich nicht gleich in Penzlin wieder erkannte? Du verlangſt doch nicht im Ernſt, tapferſter aller Degen, daß ich Dir dies dunkle Räthſel löſe? Denn mich dünkt, Du hatteſt eine Eroberung im Sinn, welche Deine Aufmerkſamkeit von allen andern Gegenſtänden abwendete und am meiſten von einem, den zu ignoriren zu Deiner Expeditivn gehörte. Du aber warſt durch die Zeichen Deiner ſpäteren Heldenthaten aus meinem Gedächtniß herausgezeichnet. Nun alſo— laſſen wir das gut ſein, wir haben uns durch andre Erkennungen entſchädigt, und ſage mir nur recht plötzich, wo iſt die edle Helmſtiold, dieſes Muſter einer zarten, lieben Frau, und ihr Herr Gemahl, nicht wahr, ich habe die Ehre, ihn hier zu begrüßen? Freilich, mein Wertheſter, und das hätte Ihr Er⸗ ſtes und nicht Ihr Letztes ſein ſollen, denn nachdem Sie mich über Hals und Kopf, ohne mich zu fragen, zum Großbater gemacht, führen Sie jetzt eine ganze Ko⸗ „ mödie in meiner eignen Stube auf, ohne mich zu be⸗ grüßen; ſtatt daß Sie als der allerreuigſte Schwieger⸗ ſohn mit flehender Gebehrde vor mir erſcheinen mußten, rühmen Sie Sich Ihrer Unthat vor meinen eignen Oh⸗ ren. Indeſſen es ſoll Ihrer Fahrigkeit zu Gute ge⸗ halten ſein. Ich heiße Sie willkommen aus Polen. Axel wußte nicht, ob er wachte oder träumte. Bald ſab er mich an, bald den Alten. Ich erklärte ihm darauf ſeine Lage und ſeine ſeltſamen Verhältniſſe; Emma war bereits wieder geneſen, die Helmſtiold bereitete ſie auf ihr Glück vor, ſie ſahen ſich wieder, freuten ſich, wenn gleich etwas verſchämt über den unberſchämt un⸗ zeitig erſchienenen Knaben, nahmen es aber nicht übel, als ich bemerkte, dieſe Unverſchämtheit ſeines erſten Auftretens mache ihn zum würdigen Sohne ſeines Va⸗ ters; und wir verlebten den heiterſten Abend, den Du Dir denken kannſt, wo uns nichts fehlte, als Deine liebe Geſellſchaft, während Axel uns Dichtung und Wahrheit aus Merikv und Florida erzählte zur großen Erbauung ſeiner glücklichen Liebſten, die, wie natürlich, alle ſeine Heldenthaten auch ſich zum Verdienſt anrech⸗ nete. Endlich gab es noch einen ſeltſamen Auftritt, denn Axel verlangte, die Taufe ſollte vor der Trauung ſtattfinden und der Kriegsrath eine Pathenſtelle haben, Emma dagegen und ihre Mutter fanden beſonders das Erſtere durchaus unpaſſend. Er verſicherte mit großer Unbefangenheit, das Unpaſſende läge nicht in der Taufe, denn die ſei nothwendig, ſondern in der Trauung, welche nunmehr als überflüſſig erſcheine, das Ueber⸗ flüſſige aber dem Nothwendigen vorangehn zu laſſen, das ſei das Lächerliche, und nichts in der Welt würde ihn zu ſolcher ohnmächtigen Affectativn bewegen können. Er war zu miächtig in ſeiner durch das Söhnchen gut verſchanzten Stellung, als daß er nicht hätte obſiegen ſollen; und ſo iſt es denn nach ſeinem Willen geſchehn zur großen Beluſtigung aller derer, die es erfahren ha⸗ ben. Wie gefällt Dir mein Hiſtörchen von Arel und Emma? denn hier iſt es offenbar zu Ende. 2. Die Tragödie. Nicht was Du ſchreibſt iſt tragiſch, lieber Freund, Nein daß Du ſchreibſt, darum hab' ich geweint. Altes Epigramm. Ja, meine geliebteſte Minna, ſo iſt es, dieſes Pär⸗ chen läuft vor unſern Augen trotz Sturm und Haverei luſtig in den Hafen ein; und wir ſchwimmen noch immer in hoffnungsloſer Windſtille auf hoher See. Es iſt doch immer wahr, je dreiſter, deſto feiſter, und, ein blöder Hund wird ſelten fett. An wem liegt es? an mir; und warum? weil ich mich auf Rückſichten und Bedingungen einlaſſe. Es iſt als wenn zwei Trinker ſich Wein kaufen, der eine ſtellt erſt mit Stuhl und Tiſch und Glas und Hut und Flaſche und Teller, rückt unſchlüſſig Alles hin und wieder, und zerbricht wohl am Ende gar die Flaſche, während der andere ſchnell — 406— entſchloſſen gleich die Flaſche ſelbſt an den Mund ſetzt, und keinen Augenblick und keinen Tropfen verliert. Zu⸗ erſt war es doch nur das Warten; und ich ergötzte mich an den beſten Hoffnungen, die ic in dem Treibhauſe meiner Poeſie ſo reichlich wachſen hatte: jetzt ſind dieſe Hoffnungen, die weſentlichſten Hoffnungen ſchwer zu Boden geſunken; und Axel ſteht dabei und lacht mich aus, wie man ein Kind auslacht, dem ſein Kartenhaus umweht, klirrt mit den Sporen zuſammen, und bemerkt gelaſſen, wenn ich ihn auszanke: Siehſt Du, alter Freund, mit der Weisheit iſt es nichts, man predigt ſie auf den Gaſſen, und Riemand hört ſie an z wie weit und wie viel weiter man aber mit einer determinirten Tollheit kommt, das laß Dich mein Beiſpiel lehren. Reiſe nach Fürſtenberg, entführe die Minma, und laß den Alten brummen, ſo viel er will 3 dixi.] S Aber der gute Axel kann mir ſeine Haut und ſeine etn nicht leihen; und Du, mein ſüßzes Liebchen, hſt denn doch am Ende ein wenig mehr Willen, als die gute Emma, die bei aller Liebenswürdigkeit ſehr kurze Abſätze unter den Fürſtenberger Schuhen gehabt hat. 5 Alſo die Methode der Ver⸗ und Unterhandlungen will auch ihr Recht haben; und ſo magſt Du denn hören, wie weit ich gekommen, das heißt leider diesmal zurück⸗ gekommen bin. Der Kriegsrath iſt bein Theater, gewiß mit Un⸗ recht, ohne Votum; aber er traute ſich den Einfluß zu, mein Stück, welches nunmehr fertig iſt, und welches er mit großem Eifer für meiſterhaft erklärt(ich ſchicke Dir — die Abſchrift mit dieſem Briefe), auf der hieſigen Bühne zur Aufführung zu bringen. Er trug es ſelbſt zum In⸗ tendanten, und ſtellte mich dem Manne vor. Wir wer⸗ den ja ſehn, hieß es recht freundlich; und dann tranken wir Thee wie gewöhnlich, ſprachen von Frankreich und Polen und gingen zur rechten Zeit wieder zu Hauſe. Als ich am andern Morgen die Augen aufſchlug, hatte ich mein Stück ſchon wieder und folgendes Billet in Steindruck mit den nöthigen Ausfüllungen: Wohlgeborner Herr Doctor! Mit Vergnügen hat die unterzeichnete Intendantur Ihr Stück geleſen, bedauert indeſſen aufrichtigſt wegen der Zeitverhältniſſe keinen weitern Gebrauch davon ma⸗ chen zu können. Indem wir uns Ihre ſchönen Talente für eine geeignetere Zeit und Gelegenheit aufſparen, er⸗ lauben wir uns die Verſicherung unſerer aufrichtigſten Hochachtung. Sogleich ſuchte ich den Kriegsrath auf und legte ihm dieſen Erfolg aller unſerer einſt ſo hoffnungsreichen Be⸗ ſtrebungen vor Augen. Hier zum erſten Mal ſah ich ſein ganzes Gefühl aufgeregt, nicht etwa um mich und meine Hoffnungen, nein, rein für die Sache; denn er drückte das Manuſeript an ſein Herz, und mit Thränen im Auge rief er aus: Glänzend ſollſt und wirſt Du gerochen werden, Du von den Säuen verkannte Perle, das ſollſt Du. Und dann zu mir gewendet fuhr er fort: Wir wollen es drucken laſſen, kommen Sie her, ſchrei⸗ ben Sie ſogleich an die † Buchhandlung. — 08— Ich that es, obgleich mit geringer Hoffnung, und mochte mich ungefähr dahin ausſprechen: daß gegenwär⸗ tiges Stück dazu beſtimmt wäre, der ſinkenden dramati⸗ ſchen Litteratur wieder aufzuhelfen mit der kurzen An⸗ gabe der Punete, welche es vor ſeines Gleichen aus⸗ zeichneten. Das Manuſtript war von folgendem Briefchen be⸗ gleitet noch vor mir in meiner Wohnung wieder an⸗ gekommen: Um unſerm Geſchäft eine ſolidere Haltung zu geben, ziehn wir uns ſeit längerer Zeit von dem Verlage der ephemeren Litteratur gänzlich zurück, und indem wir Ew. Wohlgeborn höchſt intereſſante Tragödie wieder beifügen, tragen wir die gehorſamſte Bitte vor, Sie wollen ge⸗ fälligſt Ihre belletriſtiſchen Freunde von unſerm Ent⸗ ſchluſſe in Kenntniß ſetzen, um ihnen vergebliche Be⸗ mühungen bei uns zu erſparen. 3. Wiederherſtellung. Wie gut geſinnt, wie nobel ſpricht der Mann! Ich fange legitim zu werden an. Ich ſchleuderte das unverſchämte Billet des naſe⸗ weiſen Krämers in die äußerſte Ecke des Zimmers und ſandte die nöthigen Flüche hinterdrein, als Axel, der eben hereingetreten war, laut lachend vor mir ſtand. — Allerſolideſter Freund, rief er aus, wo haſt Du Deinen Gleichmuth und Deine Laune? Sich über die ſtereotypen Redensarten des Buchhändlers zu ärgern, iſt gewiß um nichts klüger, als wenn Du Dich darum für ſchlechter hielteſt, weil Dir dieſes oder jenes Frauen⸗ zimmer den Korb gegeben; denn beide ſpeculiren, ſie nehmen nur„was geht,“ ſie wollen gar nicht recenſiren, es liegt auch gar kein Urtheil weder in ihrem Lob, noch in ihrem Tadel. Scheint ihnen keine Ausrechnung dabei, ſo haben ſie ihre Formel; glauben ſie gut zu fahren, ſo brauchts weiter keiner Worte, ſie honoriren Dich mit Gold und reſpective mit Liebkoſungen, aber natürlich mit beiden nur, um alles doppelt und dreifach wieder herauszukriegen. Dieſe Weisheit iſt mir eben nicht verborgen; aber iſt es denn gewiß, daß es Jedem unvortheilhaft ſcheinen muß, ſich meiner Arbeit anzunehmen? Ich dächte doch. Du bedarfſt vor allen Dingen eines berühmten Namens, der Dein Buch empfiehlt. Das iſt faſt ſo, als wenn man einem räth, ſchwim⸗ men zu lernen, ohne ins Waſſer zu gehn. Laß den Kram, komm mit mir auf die Parade, da ſollſt Du Deinen Spaß haben, der Kapitain Roſenbier hält ſeine Abſchiedsrede an die Jägercompagnie, von der er zu den Füſelieren verſetzt wird. Er zeichnet ſich durch ſeine Rednergabe aus, und Du wirſt von ihm lernen, wenn Du einmal Komödien ſchreiben ſollteſt, die 18 — 410— außerdem auch noch geſuchter ſein würden, als Deine ſtelzfüßige Tragödie. Wer ſagt Dir denn, daß ſie ſtelzfüßig iſt? Du haſt ja noch keinen Buchſtaben davon geſehn. Lieber Herzensedmund, ich begehr' es ja auch nicht, wer wollte in unſern Zeiten Tragödien leſen, es müßte denn ſein, daß ſie aus dem Franzöſiſchen überſetzt wä⸗ ren. Aber wie geſagt, komm mit auf die Parade, ich muß fort; und damit ergriff er mich und entführte mich ohne viel Umſtände. Der Hauptmann Roſenbier war mir zwar wohl bekannt von der Zeit meiner Gefangen⸗ ſchaft her, wo er bisweilen zu meiner nicht geringen Ergötzung die Poſten unter meinem Fenſter inſtruirt hatte, aber ich war heute wenig aufgelegt, ihn zu hören, und folgte dem übermüthigen Axel ſehr ungern. In⸗ deſſen die Wolken zertheilten ſich, in alle Heiterkeit auf⸗ gelöſtt, als wir ankamen, die Soldaten ſich richteten, der Hauptmann vor die Fronte hintrat und ernſt und bewegt folgendermaßen zu ſeiner Jägercompagnie ſprach: „Kameraden, ihr verliert euren Hauptmann, aber ihr kriegt einen andern, darum weint nicht über mich; der Menſch kann nicht ewig Jäger bleiben, ich werde zu den Füſelieren verſetzt. Merkt euch, was ich euch ſage, denn ich ſag' es zum letzten Mal; daß ihr mir Ehre macht, Burſche! Der Hauptmann und die Compagnie ſind eins, und alles was der Hauptmann macht, dabei hilft ihm die Compagnie, ausgenommen, was er allein macht. —— Grade gehn iſt die erſte Tugend; ihr müßt adrett ſein. Suum cuique, ſagt der Major, das heißt: Thut eure Schuldigkeit und darnach werdet ihr beſtraft. Alles was nicht ausdrücklich erlaubt iſt, das iſt verboten; die Kriegsartikel ſind Inſtinct. Kein Menſch iſt ſein eigner Herr, ausgenommen, wenn er auf Poſten ſteht. Wer⸗ det ihr angefallen auf Poſten, ſo könnt ihr ſtechen, es kommt nichts darnach, wenn ihr ihn reichen könnt; ſonſt kann er ſich beſchweren, wenn er daran ſtirbt. Schie⸗ ßen dürft ihr nicht eher, als bis Feuer kommandirt iſt, und wenn ihr allein ſeid, ſo kommandirt ihr im Stillen. Nun lebt wohl, ich muß euch verlaſſen, aber ich vergeß euch nicht, ich ziehe den grünen Rock aus und den blauen an, aber mein Herz wird ewig grün bleiben!“ Als die Rede beendigt war, umringten ihn alle Offiziere, Axel und ich desgleichen, um ihm Glück zu wünſchen zu der Rede, welche die Soldaten unter Wei⸗ nen und Schluchzen angehört hatten. Mit Würde nahm er unſere Huldigungen auf, darauf als er mich erblickte, wurd' er plötzlich heiter, und mit großer Freundlichkeit ſprach er mich an: Ihnen, lieber Freund, hab' ich et⸗ was Angenehmes mitzutheilen: Sie ſind purgificirt; und Ihr Kapitain hat mich gebeten, Ihnen in ſeinem Na⸗ men die Kokarde wiederzugeben. Ich werde Sie kom⸗ mandiren. Ich dankte ihm verbindlichſt und ſah nun wohl ein, daß Arel dies alles ſo veranlaßt hatte, um den Act 18* — 412— meiner Wiederherſtellung recht luſtig und feierlich zu machen. Wir gingen vergnügt nach Hauſe, und ich hatte mir die Intendanturen und die Buchhändler glücklich aus dem Sinn geſchlagen; aber was ſoll ich nun mit mei⸗ nem Vollbürgerthum anfangen? Wie rett' ich meine Ehre gegen Deinen Vater? wie erfüll ich nur Eine ſeiner Bedingungen! 4. Minna an Edmund. Wie tröſtlich, wenn man feſte Worte hört, Selbſt wenn der Redner ſie nur machen ſollte! Lieber Edmund, mit Ermahnungen will ich mich nicht aufhalten, wenn ſie gleich ſehr angebracht wären, und eben ſo wenig mit Liebkoſungen, die ich mir alle auf unſer hoffentlich nahes Wiederſehn aufſpare; ich mache Dich nur auf zweierlei aufmerkſam, wodurch Du nicht, wie Du meinſt, zurück, ſondern einen guten Nuck⸗ vorwärts gekommen biſt. Zuerſt viel Glück zur Ko⸗ karde! mein Vater findet ſie ſo weſentlich, daß er zur Feier dieſes Ereigniſſes eine eigne Geſellſchaft ſeiner Freunde eingeladen und dabei erklärt hat: der Fall ſei um ſo wichtiger, als er den ganzen Werth anſchaulich mache, welcher in der allgemeinen Freiheit, dem Voll⸗ bürgerthum liege, man begriffe, was damit gewonnen ſei, während alles, was darüber hinauszugehn dächte, — 3— leerer Uebermuth wäre. Stolz bin ich nicht auf meinen Schwiegerſohn, aber jetzt brauche ich mich ſeiner doch nicht mehr zu ſchämen, ſo ſchloß er mit großer Ruhe; und als ich Dich lobte, bemerkte er, es ſei zu verwun⸗ dern, daß ich es thäte, denn bis jetzt ſchienſt Du noch keinen geeigneten Schritt gethan zu haben, um ſeine Bedingungen zu erfüllen, indeſſen dies ſei unſte Sache. Nun find' ich, wie geſagt, daß Deine Wiederherſtellung ein Schritt und Dein Gedicht ein zweiter iſt, denn Du wirſt Dich erinnern, Dein Meiſterſtück ſollte mir ge⸗ liefert werden, und da dächt' ich doch, ſtünde auch mir das Urtheil zu; und vor mir fürchte Dich nicht, mein guter Geſell, ich ſteh' Dir bei, auch wenn Du Unrecht haſt, und hier kann ich es mit gutem Gewiſſen, denn es gefällt mir wohl. Meinen beſten Glückwunſch für unſre glücklichen Freunde! Wie ſchön es ſich fügt! alle Charaktere ſind von der Art, daß ſie ſich bei der aben⸗ theuerlichen Begebenheit, wenn gleich aus den verſchie⸗ denſten Gründen, kein Bedenken machen. Die Helm⸗ ſtiold iſt zu liebevoll, um nicht zu verzeihn, der Alte zu grobkörnig, um nicht fünf grade ſein zu laſſen, das Pärchen aber kennen wir ja nun von allen Seiten. Emma, die gute Seele, iſt doch immer bei all ihrer Schuld recht unſchuldig und liebenswürdig, wie ein un⸗ befangenes Kind. Grüße ſie freundlich, und rede alle Tage wenigſtens einmal von mir, das verlang' ich, und es iſt gar nicht viel verlangt, denn ich ſetze Dir zum Schluß einen kurzen Termin: in vierzehn Tagen will ich Dich wiederſehn, und ſollt' ich Dir alle Deine Rech⸗ — 414— nungen damit verderben. Bis dahin ſei getroſt und vergiß keinen Augenblick Deine Minna. 5. Der Beiſtand. Ich wünſchte nur, daß er mir diene, Wos ſcher' ich mich um ſeine Miene? Als ich dem Kriegsrath meine bisherigen Erfolge mitgetheilt und dabei vielfältig geſeufzt hatte über die Halsſtarrigkeit Deines Vaters, deſſen Bedingungen zu erfüllen ich nun gar keine Wahrſcheinlichkeit vor mir ſähe, ſagte er freundlich tröſtend: Ich nehme Theil an Ihnen, weil ich trotz unſerer fehlgeſchlagenen Verſuche dennoch von Ihnen für die Bühne einen Troſt hoffe; aber freilich, die Zeit hat ih⸗ ren Geſchmack, und dem muß man ſich unterwerfen. Man glaubt mit Trauerſpielen zum Ueberfluß verſehn zu ſein, weil man nicht gebildet genug iſt, um bei dem Vorhandenen einen Mangel zu fühlen, und dazu kommt die gerechte Forderung, daß nun einmal auch für das Komiſche etwas Bedeutendes geſchehen möge. Komik und Humor iſt die Loſung dieſer Zeit und man wird ſo lange darnach ſchreien, bis ein deutſcher Shakeſpeare einen Falſtaf und den Korporal Nym dichtet, von denen der eine nichts iſt, als Humor, und der andre nichts ſagt, als„das iſt der Humor davon.“ Am wohl⸗ feilſten glauben Schreibende und Leſende zu beiden zu gelangen in Nobellen und Reiſebeſchreibungen, darum werden dieſe geſchrieben und geleſen; wie wär' es da, mein Freund, wenn Sie wegen des Honorars, welches doch die Bedingung Ihres Schwiegervaters iſt, No⸗ vellen ſchrieben? Dazu fänden wir eher einen Verleger, und brächen damit ihren dramatiſchen Werken die Bahn. Wenn dies auch wirklich gelänge, ſagte ich kleinlaut, ſo bliebe immer noch der Uebelſtand mit dem Vipn des Poeta laureatus. Ich ſehe wohl, mein theurer Freund, in dieſer heilloſen Laune wegen Ihrer abgeſchmackten Heirathsan⸗ gelegenheit bringen Sie nichts Geſcheidtes zu Wege, und es wird kein andres Mittel ſein, Sie wieder ganz für Ihren Beruf zu befähigen, als daß man dieſen Handel vorher zu Stande bringt. Sie wiſſen, daß ich kein Freund der deutſchen Familienhockerei bin, welche alles öffentliche, ja ſogar das Kunſtintereſſe mit ihrer gemeinen Alltäglichkeit verſchlingt, aber, wie ge⸗ ſagt, Ihnen! iſt nun einmal nicht anders zu helfen. Dazu hat Ihre Geliebte eine aufgeweckte Miene und weiß höhere Geſichtspuncte zu faſſen, ſchon deswegen, weil ihre ganze Laune mit den ſonſt gewöhnlichen Ge⸗ genſtänden weiblicher Wünſche nur ſcherzend ſpielt; ich hoffe, ſie wird Ihnen unter die Arme greifen, ſtatt Ihnen hinderlich zu ſein. Alſo im Intereſſe der Kunſt darf ich diesmal wunderlich genug dasjenige befördern, was ich ſonſt nur zu bekämpfen hatte. Geben Sie mir Ihr Poem; ich will es an eine deutſche Univerſität — 416— ſchicken, welche noch das Recht hat, in Namen des Kaiſers Doctoren und Poeten zu kreiren. Ich ging fogleich nach Hauſe, und ſiegelte zum dritten Mal das unglückliche Manuſcript ein, bei mir ſelbſt aber ging die innerliche Muſik ungefähr ſo: Wie tief biſt du geſunken, Unſterbliches Gedicht! Mit deinen Himmelsfunken Sprühſt du vergebens Licht: Den ſchimmlichten Gelehrten, Den lederdickgeöhrten Füllt deine edle Poeſei Ein Fach der Decanatskanzlei. 6. Das Diplom. Er iſt gelehrt, ſtudirt und nebßdie alten— Holländiſchen Ducaten, und die neuen Weiß er in Ehren ziementlich zu halten, und ſich des Guten einſam ſtill zu freuen: Wie ſollt' ich dieſem Mann nicht Ehre ſpenden, Wüßt' ich mir nur die Erbſchaft zuzuwenden? Der Kriegsrath ſchrieb folgenden Brief: An den Profeſſor der Beredſamkeit und der Poeſie, den erſten Programmatarius Deutſchlands, den einzigen Verweſer der eleganten Kunſt, den Freund des Männer erhebenden Reichthums, meinen unterthänigſten Gruß nebſt zehn Friedrichsd'or. Es iſt bekannt und jedermänniglich, der zu der Höhe — 417— des Ruhms ſtrebt, macht die Erfahrung, wie wenig der Geiſt gilt, wenn er nicht geſtempelt, wenn er nicht mit Zeugniß, Brief und Siegel verſehn iſt aller der hohen Häupter ſeiner verſchiedenen Reſidenzien, vor denen er geſpielt hat. Eines ſolchen Stempels und Siegels be⸗ darf der unterzeichnete Poet: es erfolgen zehn Fried⸗ richsd'or. Der Unterzeichnete muß die Würde eines poeta laureatus S. S. J. R. erlangen, die Univerſität iſt eine kaiſerliche und kann ſie ertheilen: es erfolgen funfzig Thaler in Golde. Zu mehrerer Begründung ſeines Anſpruches auf dieſe hohe Würde, die in Ihrem Ermeſſen ruht, ſendet er beigehendes von ihm ſelbſt ver⸗ faßtes Gedicht: auch erfolgt das übliche Honorar mit zehn vollwichtigen Friedrichsd'vr. Lächelnd legte mir der Kriegsrath ſein Fabrikat vor, un⸗ glaubig unterzeichnete ichs, und ſchweren Herzens trug ich nit ihm faſt weine ganze Kaſſe auf die Poſt. Dieſer faſrige Kohlſtrunk, der umſonſt das Fett aus dem Boden und den Regen vom Himmel ſaugt, daß die edlen Gewächſe um ihn her verſchmachten! muß auch ich meine Nahrung in ſeine nichtsnutzigen Adern leiten und vielleicht ohne allen Nutzen für mich! Sollte man nicht ein Menſchenhaſſer werden, ja ſollte man nicht wünſchen, daß unſre Univerſitäten alle an der See lägen, und daß jedes Jahr daſelbſt einige Ladungen Kanibalen landeten, um dieſe Univerſi⸗ tätskohlſtrünke zu verzehren, damit die jungen Profeſſo⸗ ren avanciren könnten, eh ſie ſelbſt den Kopf verlieren und auch Strünke werden!? Man müßte es wünſchen, wenn man nicht chriſtlich inſtrurt und erzogen wäre. — 418— Indeſſen hat der alte Herr mir geholfen. Er ſchickte mir das Diplom, welches ich Dir natürlich überſetzen muß, es lautet wie folgt: „Dem ſehr gelehrten und ſcharfſinnigen Manne, dem Doctor der Arzneikunde und der Weltweisheit Herrn Tancred Boemund Edmund, iſt es bei ſeinem ſtrebſamen Geiſte nicht genug geweſen, in beiden vorgenannten Zweigen die höchſten Ehren erworben und geltend ge⸗ macht zu haben; er meldet ſich bei uns um die Würde des gekrönten Dichters des heiligen Römiſchen Reiches und beweiſet ſich derſelben würdig durch ein Werk von großer Kunſt und Meiſterſchaft, deſſen Titel wir in un⸗ ſerer Regiſtratur verzeichnet haben. Wir ernennen ihn daher kraft des Rechtes, welches uns zuſteht, laut Pri⸗ vilegium unſerer Univerſität Tit. X, zu der gedachten Würde und bekräftigen dieſe Ernennung mit unſerem großen Siegel. Quod Deus bene vertat!“ d. h. Gott gebe, daß es gut geht! Nun ja! das iſt ſehr zu wünſchen, und Gott weiß es, wie es zugeht, ich fühle mich ordentlich wie geſtärkt durch dieſen neuen Zuwachs meiner Ehre. Hab' ich doch nun mein Handwerk und bin Meiſter darin, auch ſing“ ich unaufhörlich: und Meiſter werd' ich in dieſer Stadt, Frau Meiſterin wird meine Lore, denn das iſt doch bei aller Vornehmthuerei vor der Hand die Spitze davon. Auch der Kriegsrath iſt ſo munter, als hätt' ich meine Novelle ſchon fertig, den Weg ins Publicum ſchon õ —— gebahnt, die dramatiſche Reformation bereits ausgeführt und alle ſeine Luftſchlöſſer gebaut. Denn Du ſollſt nur wiſſen, er baut nicht Häuſer, er baut Schlöſſer auf mich. Daß Du mich vorgeladen haſt, weiß er, daß wir kommen müſſen, ſieht er ein; aber leider! wie wir un⸗ ſern Zweck erreichen und mein Geſchäft einträglich ma⸗ chen ſollen, das wiſſen wir immer alle beide noch nicht. Ich ſage„wir“, denn er ſagt nie anders, er nimmt ohne weiteres an, er müßte mit dabei ſein, und es hat ganz den Anſchein, als wolle er mich nun durchaus nicht wieder aus dem Garne laſſen, ſondern alle ſeine Pläne, die ihm in der guten Emma geſcheitert ſind, in mir mit Gewalt verwirklichen. Meine muthige Richtung auf den Ruhm und auf die Kunſt,— Gott weiß, es gehört Courage dazu!— meine beharrliche Verachtung der Medicin lobt er alle Tage, und erzählt mir die Ge⸗ ſchichten aller derer, die mit ähnlichen Schwierigkeiten zu den größten Erfolgen hindurchgedrungen ſind. Aber Du ſiehſt es, wir unterliegen ihnen bis jetzt noch im⸗ mer, ſteuern vergeblich nach verſchiedenen Richtungen, und ſehn keinen Schimmer von Land. Geſtern bat er ſich meine Denkzettel aus, um nach⸗ zuſehn, ob meine bisherigen Schickſale nicht vielleicht einen Anlaß darböten, mich, wie Dein Vater es ver⸗ langt, bürgerlich feſtzuſtellen, damit ich nur erſt dieſen Pynct überwände, und dann mit friſchem Muth von neuem ans Werk ginge. Dieſer Einfall iſt freilich un⸗ fruchtbar genug, aber es rührt mich, wie gut er es meint. — 420— 5. Dunkler Troſt. Die Saat der Zukunft ſchießt verborgen auf, Erſt offenbar im ſpäteren Verlauf. Alſo ich laſſe noch eine Möglichkeit übrig, auf ir⸗ gend eine andere Weiſe, als ich bisher verſucht, mich als einträglich beſchäftigt zu erweiſen; wüßt' ich doch in der That nicht welche! Dieſen Gedanken ſchien Arel mir anzuſehn, als ich ihm heute begegnete, denn mit dem freundlichſten Gruß wünſchte er mir Glück zu den neuen Hoffnungen, die, wie er ſagte, einen wenigſtens eben ſo ſichern Boden hätten, als das Geſuch um den Poetentitel. Ich mußte geſtehn, ich verſtände ihn nicht, und ſei mir keiner neuen Hoffnungen bewußt. Hat der Onkel Dir denn noch nichts geſagt? Richts daß ich wüßte und Hoffnungen darauf bauen könnte. Nun, da will ich's Dir ſagen: Ich habe ihm den Vorſchlag gethan, er ſollte doch ſelbſt Deine Tragödie verlegen und nach Befinden honoriren, ſo wäre ja alles abgemacht, da mir kein Geſetz bekannt ſei, welches ihm ein ſolches Unternehmen verböte. Dieſer Vorſchlag zündete ihm ſichtbar ein Licht in ſeiner Seele an. Was Du für ein geſcheidter Junge biſt! rief er aus, faſt könnte ich Dir Deine dummen Streiche alle mit einander verzeihen um dieſes Einen Einfalls willen. Aber, liebſter Arel, ſetzte er pfiffig hinzu, wenn ich —— ihn nun anſtändig honorire, wirſt Du ihn auch darum beneiden? Ich? ſoll mich Gott bewahren, daß ich dem armen Jungen nicht wenigſtens Dein ganzes Haus voll Gold⸗ ſtücke wünſchte, wenns nur auf mich ankäme, es zu thun. Nit dieſer Antwort war er ſehr zufrieden und ver⸗ ſprach, ſich die Sache zu überlegen. Ich prophezeie Dir alſo, daß er Dir den Antrag macht, und ſollt' es ihm Geld und Streit wie Heu koſten. Da iſt es mir unbegreiflich, erwiederte ich, daß er mich davon noch nichts merken ließ, als er geſtern mit mir ſprach, vielmehr ganz andre Saiten anſchlug. Er bat ſich nämlich meine Denkzettel aus, um ſie, nachdem ich ſie nun geordnet habe, durchzuleſen und dabei abzu⸗ warten, ob ihm ſo nicht ein geeigneter Gedanke aufginge, wie wir dennoch die Bedingungen des Geheimen Raths erfüllen könnten. Weiter iſt mir bis jetzt noch keine Kunde zugekommen, und ich für mein Theil ſehe nicht ein, wie dieſer Weg zum Ziel führen könnte. Im Ge⸗ gentheil, es ergiebt ſich daraus, daß er keineswegs auf die Tragödie Rückſicht ninmt und bei ſeinem alten Plane bleibt, ich müßte erſt mit einer Novelle Glück machen, bevor ich meine Tragödie nur überhaupt mit Erfolg zu veröffentlichen im Stande wäre. Denn ich finde ihn keineswegs ſo biegſam, als Du ihn darſtellſt, und es iſt durchaus nicht zu erwarten, daß er ohne Rückſicht auf ſeine dramatiſchen Abſichten, blos um mir aus der Noth zu helfen, irgend ein Opfer bringen ſollte. Er hält es für nothwendig, und weil er es für nothwen⸗ — 422— dig hält, daß eine Novelle voraufgehe, wird es auch ſo geſchehn müſſen. Nun, zum Kukuk, ſo laß ihn die Novelle in Ver⸗ lag nehmen, das kann Dir ja eben ſo lieb ſein. Aber, lieber Freund, ſie iſt ja noch gar nicht ge⸗ ſchrieben, und wo ſoll ich die Zeit dazu hernehmen, da meine Braut mich zum nächſten Sonntag zu ſich beſchie⸗ den hat?— Deine Braut? nach Fürſtenberg? Ei, das iſt allerliebſt, da begleit' ich Dich, lieber Edmund, wir reiten, meine Pferde ſind vortrefflich. Aber Dein Onkel will auch mit. Mein Onkel? Nun das wird wieder eine Komödie geben und zwar die allerbeſte von der Welt, da er nun gar drei Acteure hat und den Reitknecht zum vierten. S. Die Gefangenen. Die Mauer nicht den Kerker macht, Den Käfig nicht das Gitter, Wem frei und froh die Seele lacht, Iſt kein Gefängniß bitter. Gefängnißinſchrift. Edmund an Minnc. Stadt G... im Auguſt. Meine geliebte theure Minna, bin Dir ſo nah und doch ſo fern, ich ſag' es Dir vorher, es iſt Scherz, aber doch ſo ernſt, daß es wahr iſt und daß ich dieſen £ — 423— Brief an Dich und Deinen Vater ſchreibe, damit ihr kommt und uns erlöſet aus dem Eriminalgefängniß die⸗ ſer Stadt. Was der Kriegsrath nicht alles amichtet! Er als der Räuberhauptmann ſitzt in Ketten und Ban⸗ den, es thut mir nur leid, daß ich ſeine Laune nicht beobachten kann, da er ſich nun endlich einmal ſelber angeführt hat. Ehe ich Dir das ganze Abentheuer, um deſſentwillen wir jetzt vier Tage ſchon Waſſer und Brod genießen, Deinen Termin verſäumt haben und ich Aerm⸗ ſter ſtatt Deiner ſüßen Roſenlippen den großen grauen Steinkrug küſſe, ehe ich Dir dies alles ſchreibe, bemerke ich, daß es eine ganz beſondre Vergünſtigung und ein ausgezeichnetes Vertraun von Seiten des Herrn Burge⸗ meiſters iſt, wenn ich Dir dieſe Nachricht geben darf. Als nämlich der Herr Burgemeiſter unter unſeren Pa⸗ pieren meine Tragödie gefunden und ich mich zum Ver⸗ faſſer derſelben bekannt hatte, wurde von Gerichtswegen der vorläufige Beſchluß gefaßt, daß es, um den Zweifel an dieſe Ausſage zu löſen, mir aufgegeben ſein ſollte, mich mit einem im Gefängniß und im Beiſein des Gefängniß⸗ wärters angefertigten Gedicht zu legitimiren. Es wurde mir Feder und Dinte verabreicht; und ich ſchrieb wie folgt: Den Eſel nicht das Graue macht, Die Feder nicht den Gimpel, Den Ochſen nicht die Hörnerpracht, Ihr Creditiv iſt ſimpel. Mein Creditiv, Ihr edlen Herrn, Legt Ihr in meine Feder: Wie Ihr befehlt, es werde gern So Jeder ſein Verräther. „ — 24— Dies Gedicht wurde der verſammelten Curia vor⸗ gelegt, worauf ein heftiger Streit darüber entſtand, ob es einen gültigen Schluß auf den Verfaſſer der vorge⸗ fundenen Tragödie zulaſſe oder nicht, bis der Herr Burgemeiſter bemerkte, daß man doch, um dieſe Frage zu entſcheiden, vorher wiſſen müſſe, welchen Sinn und Zuſammenhang unter ſich ſelbſt dieſe zwei Verſe denn eigentlich hätten, ihm ſeines Orts ſchienen ſie nicht un⸗ verfänglich, jedoch ſei es ihm keineswegs ganz klar, was damit geſagt ſein ſollte, und erlaube er ſich daher nicht, voreilig eine Meinung auszuſprechen, die einem wohl⸗ weiſen Rath anſtößig ſcheinen könnte. Es werde ſich auch dies im Laufe der Unterſuchung ergeben. Als hierauf von mehreren Seiten verlangt wurde, man ſolle dieſen Punct ſogleich erledigen, mußte ich zur Erleuch⸗ tung meiner eignen Dunkelheit vor der wohlweiſen Ver⸗ ſammlung erſcheinen. Auf Befragen, was ich mit mei⸗ nem höchſt anzüglichen Gedicht gemeint hätte, und ob namentlich ein wohlweiſer Rath mit jenen beleidigenden Ausdrücken in Verbindung zu bringen ſei, erwiderte ich, daß es anmaßend von mir ſein würde, wenn ich meine eignen Verſe mit erklärenden Anmerkungen begleiten wollte, daß ich füglich dies Geſchäft der gelehrten Nach⸗ welt zu überlaſſen hätte, hier jedoch, ausdrücklich be⸗ fragt, ſo viel bemerken wollte, als nöthig ſei, un jenen ſchweren Verdacht von mir abzuwälzen. Der erſte Vers enthalte Allgemeines über die Ratur der Beglaubigung, der zweite handle von meiner eignen Beglaubigung, und ſollte ja irgend Verfängliches vorkommen, ſo könnte ſich der — 425— erſte Vers doch natürlich auf nichts anderes beziehen, als auf den Gegenſtand des zweiten, welcher aber gewiß nicht zweifelhaft ſein werde. Nit wohlgefälliger Beiſtinmung verneigte ſich das Collegium, ich gewann neuen Muth und trug nun meine Bitte vor, an Dich und Deinen Vater ſchreiben zu dür⸗ fen, um den niächſten glaubwürdigen Zeugen für die Feſtſtellung meiner Perſon beizubringen. Der Herr Burgemeiſter erwiederte: Ihr Geſuch, mein junger Inhaftat, findet ſtatt wegen des Vertrauens, welches Sie mit Ihrem Gedicht ſowohl, als mit ſeiner ſehr geſchickten Auslegung bei Uns ſich erworben haben; und ſo hab' ich mich denn hergeſetzt, mein Herzens⸗Herz⸗ chen, um Dir unſer Abentheuer und unſre Noth zu klagen. 9. Die Reiſeabentheuer. Sie reiten hinaus in den Fichtenwald, Es naht ſich die Beute, ſie erkennen ſie bald. Auf! reitet, Geſellen und zielet genau, Wir färben den Boden mit rothem Thau, und füllen die Taſchen mit Geld, mit Geld, So werden wir groß und regieren die Welt! Denn wer ihn verdient, der nimmt ſich den Lohn, Das lehret uns der Kaiſer Napoleon. Arels Prophezeihung ſollte glänzend in Erfüllung gehn, denn kaum hatte er dem Kriegsrath ſeinen Ent⸗ — 426— ſchluß, mit nach Fürſtenberg zu reiten, kund gethan, als an mich eine Einladung zur vorläufigen Berathung über die Einrichtung der Reiſe erging. Nicht wahr, lieber Freund, ſo empfing er mich dann, wir benutzen dieſe kleine Fahrt doch wohl am keſten zu mimiſchen Beluſtigungen. Laſſen Sie mich ſorgen für Koſtüme und Ausführung, ich verſpreche mir die luſtigſten Er⸗ folge; was ſagen Sie dazu? Unbedenklich ſtimme ich bei und hoffe zu Ihrer Zu⸗ friedenheit meine Rolle auszuführen; denn da in unſeren Zeiten den unglücklichen Studioſen und anderen Jüng⸗ lingsſorten die Maskeradenluſt verſalzen wird, ſo iſt es billig, daß wir älteren Leuten das im Leben ſo weſent⸗ liche Moment des heiteren Unſinns retten. Gut! alſo Ihr packt Eure Kleider, die Ihr ge⸗ braucht, ſümmtlich in den Mantelſack und bekommt bon mir ein paſſendes Unterkleid und als Ueberwurf Staub⸗ mäntel, damit man uns nicht gleich am Thor unnöthig aufhält; in dieſer langweiligen Stadt iſt ohnehin nichts zu machen, als gähnende Geſichter. In dem allerauffälligſten Banditenaufzuge fand uns der frühſte Morgen des andern Tages auf der großen Heerſtraße, und mit der heiterſten Miene ſpähte der Kriegsrath in die Ferne nach Reiſenden, denen wir zum Popanz dienen wollten. Ich bin ſehr neugierig, wie man in der Preußiſchen Polizeiſicherheit unſere poetiſche Erſcheinung aufnimmt, bemerkte er, indem er uns wohl⸗ gefällig betrachtete. Am geeignetſten hatte ihm zum modernen Räuber⸗ — 7— coſtüm die altdeutſche Tracht, ein großer Kremphut mit Hahnenfeder, drohende krumme Säbel und Piſtolen geſchienen. Denn, ſagte er, jedermann kennt dieſe Dinge als Zeichen der Zerfallenheit mit der beſtehenden Ord⸗ nung, und wenn uns vollends ein Menſch in Uniform vegegnen ſollte, ſo ſtimmt alle aus Einem Munde das Lied an: Ein freies Leben führen wir. Wir intonirten eben wie zur Uebung, da ſprengte ein Gensdarme um die Ecke des Gehölzes, ſtutzte erſt ein Wenig und ritt dann entſchloſſen auf uns zu, grüßte und begann: Meine Herren, wenn Sie Studenten ſind, wie mir ſcheint, ſo kann ich Ihnen nicht ſo ohne Weiteres er⸗ lauben zu reiten und zu ſingen, ich muß vielmehr nach Ihren Päſſen und nach höheren Orts eingeholter Er⸗ laubniß zu ſolcher Freiheit fragen. Wir ſind bewaffnet, mein Herr, ſagte der Kriegsrath. Und keine Studenten? denn ich glaube nicht, daß die es wagen würden, ſich mit den Waffen in der Hand ertappen zu laſſen. Darauf wollen wir antworten, wie uns geziemt, er⸗ wiederte drohend unſer Anführer. Aber in dieſem Aogenblick war ihm der wirkliche Kriegsmann ſo zugewendet worden, daß er ſeine kriegs⸗ räthlichen Züge genau ins Auge faßte und mit einem ſehr behaglichen Gelächter ausrief: Ei gehorſamſter Die⸗ ner, mein verehrteſter Herr Rath, daß ich Thor doch auch nicht gleich an Sie gedacht! Denn wer ſonſt in ganz Preußen würde es wagen, dieſe halsgefährliche — 428— Tracht anzulegen? Ich wünſche Ihnen viel Vergnügen und eine glückliche Reiſe. Und er wandte ſein Pferd und ſprengte davon. Der Kriegsrath bemerkte ſehr mismuthig: Alſo ſollte ich mich ſo gänzlich verrechnet haben und auch dieſe Tracht nicht den Eindruck berittener Räuber machen? Er nahm uns nur für friedliche Studenten. Aber ich bitt' Euch, welche blieb mir denn übrig? Nun, einige Proben müſſen wir noch machen. Es erſchien hierauf ein höchſt eleganter Wagen mit geputzten Damen beſetzt. Wir wurden befehligt ihm in den Weg zu reiten, der Kutſcher hielt, aber die Damen erſchraken nicht, vielmehr trat eine auf den Sitz, nahm einen Opernkucker und ſagte: Mutter, ſieh mal den jun⸗ gen Mann auf dem Schimmel, wie hübſch es ihn klei⸗ det, auch den andern nicht übel! was ſie nur vorhaben mögen? Dies unbefangene Vertrauen raubte uns alle räube⸗ riſche Haltung, wir grüßten freundlich; und der Wagen rollte vorüber. Aber, lieber Onkel, wir können uns ſehr leicht mehr Charakter beilegen, wenn wir die Leute wirklich anfallen, tröſtete Axel den Kriegsrath. Und aus dem Spaß Ernſt machen, nein, guter Axel, da iſt es eine viel beſſere Auskunft, wenn zwei von uns ſich am Wege verſtecken und die beiden Andern, wenn grade ein Wagen herankommt, unter lautem Geſchrei und mit Piſtolenſchüſſen anfallen, ſo daß die Reiſenden einen wirklichen Räuberanfall vor ſich zu haben glauben. — 42— Ihr zwei alſo, Sie, Herr Doctor, und der Reitknecht, thut Eure Staubmäntel um, ſo, nun ſeht ihr aus wie Probenreiter oder dergleichen, ich und Axel wir wollen etwas voraus reiten, um Euch zur gehörigen Zeit an⸗ zufallen. Sobald ein Wagen kommt, reitet ihr vor, damit ihr kurz vor ihm an unſern Verſteck vorbeikommt und der Angriff vor ihren Augen geſchieht. Die beiden Räuber luden ihre Piſtolen mit loſem Pulber und ritten in ihren Hinterhalt, während wir Reiſende uns im Herunterfallen übten, und natürlich da⸗ bei immer eifrig beſtrebt waren, die Zügel nicht zu ver⸗ lieren und doch zugleich völlig das Anſehn tödtlich Ver⸗ wundeter zu haben. Wir befanden uns in einem Tannenhölzchen, der einzigen Waldungsart dieſer Gegenden, nah bei dem Grenzſtädtchen G.... und es mochte wohl zur Spatzier⸗ fahrt ſein, daß ein leichter Wagen mit einem Manne und zwei Frauenzimmern herangerollt kam, als wir noch keine Viertelſtunde ſo unſere Vorübungen getrieben hat⸗ ten. Sogleich ſprengten wir zu; und diesmal gelang unſere Abſicht auf das Vollſtändigſte: Als Axel und der Kriegsrath uns hart vor dem Wagen vom Pferde ſchoſ⸗ ſen, erſcholl ein klägliches Geſchrei aus dem Wagen, worin ich die vernehmlichen Worte unterſchied: O weh, o weh! Kutſcher kehr' um, und fahre, fahre! Es war deutlich die Stimme unſers jüdiſchen Tiſch⸗ genoſſen, was mich doppelt ergötzte, denn er machte ja wieder eine Probe des unſchädlichen Gefährlichen und recht lebhaft; ich konnte daher kaum die Zeit erwarten, —— wo ich geſund wieder aufſteigen und meine Vermuthung mittheilen durfte. Vortrefflich, Kinder, ſagte der glückliche Kriegsrath, nun wollen wir ihnen gleich auf dem Fuß folgen, um die friſche Wirkung ihres Berichts in G.... zu erleben. Was für ein Leben im Gaſthauſe, auf der Polizei und drei Meilen in der Runde wird das geben! Langſamen Schrittes, um nicht vor dem Ausbruch des Ungewitters einzutreffen, ritten wir vorwärts, und wirklich, im paſſendſten Augenblick erreichten wir das Stadtthor. Man hatte es im erſten Schrecken ängſtlich geſchloſſen, jetzt waren die Bürger im Begriff, es wieder zu öffnen und bewaffnet auszuziehn, den Juden am Kragen führend, um ihn Ort und Stelle anzeigen und die Räuber ausfindig machen zu laſſen. Wir hörten ihn ängſtlich Einrede thun; ſeine Beſchreibung ſei ja vollkommen ausreichend; warum er noch einmal ſein Le⸗ ben wagen ſollte in dieſem polizeiloſen unſichern Lande. Er ſei ein Preuße und nur für Preußen zu fechten verpflichtet, möchten doch die Mecklenburger die Gefah⸗ ren, die ihr Land mit ſich brächte, allein beſtehn. Da⸗ bei ſuchte er unaufhörlich ſich loszuwinden und davon⸗ zulaufen; aber ein ſtarker Fleiſchermeiſter mit Schürze, Käppchen und Meſſer hielt ihn wie einen Hammel im Nacken, und drohte ihm die Kehle abzuſchneiden, wenn er nicht ſein Läſtermaul hielte und tapfer vorausſchritte. In dieſem Augenblick öffnete ſich das Thor, wir ritten hinein, und bleich vor Entſetzen rief er aus: ge⸗ rechter Himmel, da ſind ſie! — 1— Der Fleiſcher mit ſeinem Meſſer— nun kam der Jude los und ſteckte ſich hinter ein Gemäuer, wo er außer dem Schuß war— die Gerichtsdiener mit ihren Säbeln, die Nachtwächter mit ihren Piken, der Burge⸗ meiſter bewaffnet zu Roß und verſchiedene andere mit andern Gewehren rückten uns entgegen, und ſchrieen mit drohender Gebehrde: Ergebt euch, ihr Spitzbuben, ihr Räuber und Menſchenmörder, ergebt euch, oder wir ma⸗ chen euch kalt, eh' ihr euch umſeht! Wir erklärten, daß wir ehrliche Leute ſeien, richtige Päſſe und friedliche Abſichten hätten, und daher nicht begriffen, weswegen man uns anfiele und beſchimpfe. Wo iſt der Jude? Hab' ich den Schuft einen Augenblick fahren gelaſ⸗ ſen, gleich iſt er mir durchgegangen. He, Schmul, Du Berliner Cholera⸗ und Käſegeſicht, wo ſteckſt Du? Komm herbor, wir haben ſie ja gefangen genommen. Zum allgemeinen Gelächter tauchte er wirklich hinter der Mauer auf und ſah ſich ängſtlich nach uns um; dann wurde er geholt und nochmals von dem Burgemei⸗ ſter über den ganzen Hergang vernommen. Aber Sie reden nur von zwei Räubern, und hier haben wir ihrer viere gefangen. Zwei oder viere— ich war ſo in Angſt, daß mir Hören und Sehen verging, es mögen auch wohl viere geweſen ſein. Die zwei, die geſchoſſen haben erkenn' ich wieder, das ſind ſie. Gütiger Himmel, und dieſe, das ſind die beiden Reiſenden, die von ihren Schüſſen fielen. — 432— Der Jud' iſt toll, ſie ſind ja lebendig und geſund, wurde gerufen. Wir wollten reden, allein der Burgemeiſter hieß uns heftig auffahrend ſchweigen, bis wir gefragt würden. Gewiß, fuhr der Jude fort, haben dieſe beiden die Kleider der Ermordeten angezogen und ihre Pferde ge⸗ nommen. Sehr wahrſcheinlich, bemerkte der Burgemeiſter. Aber da müßten doch unſre Kleider blutig und durch⸗ löchert ſein, wandte ich ein. Er hat nichts zu räſonniren, das wird ſich beim Verhöre finden. Herr Burgemeiſter, Herr Burgemeiſter, rief der Jude aus, als er meine Stimme erkannte, das iſt ein höchſt gefährlicher Menſch, ein Staats⸗ und Hochver⸗ räther, ich kenn' ihn perſönlich, gewiß, er iſt aus dem Berliner Gefängniſſe entſprungen und geht nun auf Raub aus, und ſehn Sie nur alle viere drauf an: Es ſind alle Hochberräther, kennen Sie nicht dieſe altdeutſche Tracht, die verboten iſt? und daß es Räuber ſind, das hab' ich mit meinen eignen Augen geſehn. Gott ſoll mich ſtrafen, wenn ich nicht in allen Dingen die pure klare Wahrheit rede. Laßt ſie um Gottes Willen nicht frei, ſie ermordeten mich Menſchen, weil ich es nachgeſagt. Davor ſeid ihr ſicher. Gerichtsdiener, werft ſie ins Gefängniß und knebelt ihre Pferde! Ihr Geld und ihre Briefſchaften ſollen aufs Rathhaus kommen. Ich will —— — — 433— alles heraus haben bis auf das letzte Tittelchen! und ſollt' es ſich ausweiſen, daß dieſe Leute verlaufene Ber⸗ liner Hochverräther ſind, ſo werd' ich bei dem Groß⸗ herzog einkommen, daß der Jude den Beinamen Retter des Vaterlandes bekommt; Vater des Vaterlandes kann er nicht heißen werden, denn das iſt der G oßherzog ſelbſt, aber daß er uns aus dem Nachen des Aufruhrs gerettet hat, das ſeht ihr ſelbſt ein. Ja das iſt richtig, Herr Burgemeiſter, aber er iſt ein Jude und ein Schuft von einem Juden, der nicht ſo viel Herz im Leibe hat, als der magerſte von meinen Hammeln, die ich zum Markttag ſchlachte. Wir ſollten ihn nicht mehr ehren, als wir einen ehrlichen Chriſten auch thun. Schweigt ſtill, Gevatter, die Sache könnte Euch übel ausgelegt werden, weil hier von Aufrührern die Rede iſt. Geht nach Hauſe und widerſprecht mir nicht, die Polizei kann die Juden nicht entbehren, denn wo kein Chriſt hinriechen mag, da haben ſie ihre Naſe, als wäre ſie angenagelt, wenns nur Verdienſt giebt. Man führte uns ab, man ſetzte uns gefangen, man gab uns Waſſer und Brod, man fragte uns nach unſerm Stand und Herkommen, und weil man alles für erlogen hielt, drohte man uns mit Schlägen, wenn wir nicht die Wahrheit geſtünden. Du erinnerſt Dich des Anfangs meines Briefes und wie ich Gnade gefunden vor den Augen eines wohl⸗ weiſen Rathes und geſtrengen Burgemeiſters. Komm 19 — 434— bald und zeuge für Deinen getreuen ſchmählich verkann⸗ ten Edmund. 3 10. Die Retter. Was! will der Kerl noch räſonniren! Klug reden kann ieder. Ich will judiciren. „Herr Vetter, er iſt mir anverwandt Und eine Hand wäſcht die andre Hand.“ Ew. Gnaden ſcheinen mir recht zu ſprechen, In Wahrheit, auch ich ſehe kein Verbrechen. Des andern Tages um Mittag klirrten die Riegel meines Verließes; und in die helle Kerkerthür trat meine geliebte Retterin mit ihrem Vater und dem Bur⸗ gemeiſter. Ungezogener Burſche, ſiehſt Du, wie ſehr Du mei— ner Aufſicht bedarfſt, rief Minna, der Vater muß es S.— ſelbſt geſtehn, und ich erklär' es Dir, Du biſt jetzt mein Gefangner und kommſt mir nicht wieder aus den Augen. Nicht wahr, Herr Burgemeiſter, Sie erlaubens doch, daß ich ihn gleich mit mir nehme. Hu! wie Du ausſiehſt! Dieſer Bart und dieſe Farbe! Aber komm nur hervor. So ſchnell, meine Verehrteſte, dürfte die Sache ſich doch wohl nicht machen laſſen. Er iſt auf den Tod verklagt. MNarrenspoſſen, ich hab' Ihnen ja Alles auseinander S geſetzt und bezeug es ihm ja mit ſammt meinem Vater, —— S 8* — 435— daß er es ſelbſt und wirklich iſt. Hm, indeſſen— Der Geheime Rath und Exminiſter begann: Mein beſter Herr College(hier verneigte ſich der Burgemeiſter), ich habe doch auch einige Erfahrung in Eriinalibus, allein dieſer Fall muß mich immer ein wenig in Erſtau⸗ nen ſetzen— Das muß er— freilich das muß er— ſagte der Burgemeiſter. Ja, ſehn Sie, ſo weit die Acten gehn, beſtätigt ſich nichts von der Beſchuldigung und alles, was da⸗ gegen zur Rechtfertigung dient, iſt klar und bewieſen. Wie ſo? ſind es nicht dieſelben Leute, die der Jude hat ſchießen ſehn, ſind nicht die Piſtolen da, die eben abgeſchoſſen ſind? Aber, mein lieber Herr College, es fehlt ja durch⸗ aus an einem Corpus delicti, denn erinnern Sie Sich, daß der Jude als die Erſchoſſenen eben dieſe beiden noch Lebenden und mit Verhafteten angiebt, daß dieſe ſich dazu bekennen, und daß ſie verſichern nur im Spaß erſchoſſen zu ſein, wie denn auch ihre Kleider unverſehrt ſind; dazu iſt der Jude in Verdacht der Feigheit und Uebertreibung aus Angſt. Getrauen Sie Sichs, den Vorfall bei S. tärigl. Hoheit zu verantworten? fragte der Burgemeiſter.— Zweimal und öfter, wenn Sie es wünſchen. Nun denn, ſo mögen ſie entlaſſen ſein und dieſes we⸗ — 25 nige Gefängniß zur Lehre nehmen, daß in Criminalibus nicht geſpaßt wird. Wenn die Richter den Büffel im Wappen haben, muckste ich, doch ein wenig verdrießlich, denn die Ge⸗ 5 walt fühlt ſich inmer, wenn auch der Aberwitz ſie an⸗ wendet. Minna aber lachte uns alle von Herzen aus, als wir aus den verſchiedenen Löchern hervor und auf dem Gefängnißflur zuſammenkamen. Mein beſter Herr Kriegsrath, muß ich Sie ſo wie⸗ derſehn, ſagte der Geheime Rath. Geſtehn Sie Selbſt, wir haben mit der aijeß Illuſion geſpielt, und es iſt nicht zu läugnen, aus dem erzwungenen Spaß ſind viele natürliche zur großen Er⸗ götzung des freien Beobachters hervorgegangen, wobei ich nur das Eine zu beklagen finde, nämlich daß ich dieſen unbefangenen Standpunct nicht behaupten oder vielmehr nicht zu gleicher Zeit auch noch haben konnte. Denn das Agiren zwar war belohnend genug, aber wie viel mehr noch das Zuſchauen? Wie geht es Ihnen, meine Freunde? Wie in der Campagne, ſagte Axel. Wie wär' es, Herr Burgemeiſter, wenn Sie uns heut Abend zu ₰ Tiſche lüden und für die Kriminalkoſt dieſer fünf Tage mit Raths⸗ und Burgemeiſtereſſen entſchädigten? ₰ Sie nehmen mir das Wort aus dem Munde: es würde mich ehren und glücklich machen. Und den Juden, Herr College, müſſen wir durchaus ——— —— — — — 437— in die Koſten verurtheilen, denn wer ſonſt, als ſeine Feigheit hat den ganzen Handel angerichtet? Hm, das wäre zu überlegen, ich dächte wohl, wenn Sie es ernſtlich meinen. Sehr ernſtlich. Hm! 3 Wir gingen nun gemeinſam zuerſt zur Erneuerung unſerer Perſönlichkeit durch eine angemeſſene Toilette, ſodann zum Theetiſch des Burgemeiſters, unſers neuen Freundes. . 11. Das Gericht. um den grünen Tiſch in dem Sitzungsſaal, Da ſaßen die Richter in voller Zahl: Man führt' ihn herein mit Ketten behangen; Jetzt ſollſt Du den Lohn Deiner Thaten empfangen! Der Kriegsrath ging zerſt hervor aus der Ver⸗ jüngungsküche im goldenen Anker zu G...., er war ſicht⸗ bar eilig bein Ankleiden, ergriff ſeinen Hut und ging treulos davon ohne auf uns zu warten. Was er nur vorhat, bemerkte Arel, ſcheint er doch von ſeiner Ko⸗ mödienwuth noch nicht hergeſtellt zu ſein; ich argwöhnte nichts und ſchrieb ſeine Eile dem Verlangen nach der langentbehrten freien Luft zu. Das war es indeſſen ſchwerlich geweſen, denn wir trafen ihn im eifrigen Ge⸗ ſpräch mit dem Burgemeiſter, als wir ankamen. — 438— Ich habe, wie geſagt, das Miniſterialſiegel reſpec⸗ tirt, es ar dies der wichtigſte Gegenſtand meines Zweifels, hörte ich den Burgemeiſter ſagen. Nun, ſo erſuch' ich Sie mir es auszuhändigen. Stehe gleich zu Dienſten. Arel ſagte der Tochter vom Hauſe ſüße Sachen, Dder Geheime Rath examinirte mich über meine Angelegen⸗ heiten, ich ſchwebte zwiſchen Verdruß über meine Ge⸗ ſtindniſſe und zwiſchen Seligkeit über Minna's Umar⸗ mungen und tröſtliche Küſſe. Du verzogenes Kind, ſagte der Alte, Du verdirbſt ihn mir noch immer mehr, ordentlich wie mir zum Trotz unterbrichſt Du fortwährend unſer ſehr ernſthaftes Ge⸗ ſpräch, von dem doch Deine ganze Zukunft abhängt, mit Deinen übelangebrachten Liebkoſungen und Scherzen. Bitte, Väterchen, nimm ihn morgen vor, heut aber laß ihn mir. Nicht wahr, wenn ich Dich ſehr ſchön bitte, ſo thuſt Du es? Der Alte ſetzte eben ſeine ſtrenge Miene auf; als der Burgemeiſter hereintrat, und einen großen Brief brachte, welchen er dem Kriegsrath übergab mit dem Be⸗ merken, eine Staffette hab' ihn überbracht. Der Kriegsrath erbrach ihn, las und blickte dann auf mich mit ſeiner mitleidigſten Miene, die er hatte. Armer junger Freund, leſen Sie Selbſt, aus dem Spaß wird Ernſt, Sie ſind mein Gefangener und ein Gefangener des Königs, meines Herrn. Es iſt nicht möglich, rief ich aus. — N — 439— Edmund, wie betrügſt Du mich, Du treuloſer, jam⸗ merte Minna. 5 Es iſt doch wahr, wer einmal den Kerker geſehen hat, der ſieht ihn auch wieder, ſagte der Geheime Rath, natürlich er iſt wieder implicirt. Leider iſt er es, ſeufzte der Kriegsrath. Darauf nahm er das Schreiben und las: „Herr Rath, Sie ſind ermächtigt und befehligt den Pr. Tancred Boemund Edmund als des Hochverraths beſchuldigt zu verhaften, und wo Sie ihn in den deut⸗ ſchen Bundesſtaaten ergreifen, auch ſogleich aus der Ortsbehörde ein Gericht zu beſtellen und ihn vor dem⸗ ſelben folgende Fragen beantworten zu laſſen.“ Was kann ich hiebei Beſſeres thun, als vor Ihrer Aller Augen und Ohren mein Verhör abmachen, nachdem der Herr Burgemeiſter und der anweſende Herr Stadt⸗ ſekretär ſich mit mir zu dem nothwendigen Gerichte con⸗ ſtituirt haben, damit alle Zeugen ſind meines gerechten und hoffentlich milden Verfahrens. Minna weinte bitterlich, der Alte war ſehr verdrieß⸗ lich, die Procedur ging vor ſich. Das Verhör begann wie folgt: Sind Sie der Verfaſſer der Denkzettel eines No⸗ velliſten, welche ſich in den Händen des Kriegsraths von Raben befinden? Allerdings! und glaube ich darin nichts Verfängliches geſagt zu haben. Sind Sie geſonnen, dieſe Denkzettel, in Fall, daß — 440— Sie dieſelben vollenden, durch den Druck zu veröffent⸗ lichen? Nein, dazu habe ich ſie nicht beſtimmt, vielmehr ſollten ſie lediglich mir ſelbſt zur Erinnerung an meine letzten Begegniſſe dienen. Würden Sie aber Jun ein angemeſſenes Honorar zu bewegen ſein, ſie zum T uck zuzubereiten und einem Buchhändler zu überlaſſen? Ich muß geſtehn, ich önnte verſicht werden, ob⸗ gleich— Genug, dieſes Geſtändniß reicht vollkommen aus. Für dieſen Fall bin ich befehligt, Ihnen Folgendes zur Durchſicht zu überreichen, um ihm nachher durch ge⸗ richtliche Verhandlung die nöthige Kraft zu verleihen. Ich las: Als Honorar für die leicht abzuſchließende wirklich und wahrhaft eriſtirende Nobelle, welche den Titel der Novelliſt erhalten dürfte, zahlt der Kriegs⸗ rath von Raben ſein ganzes Vermögen beſtehend in. und zahlbar einen Tag nach ſeinem Tode an den Ver⸗ faſſer, den Doctor Edmund. Zugleich adoptirt er den⸗ ſelben und nimmt ihn hiemit an Sohnes Statt an, um das Recht der Einwirkung auf ſeine dramatiſchen Lei⸗ ſtungen ſich zu erhalten und zu ſichern. Die Verſammlung war im verſchiedenſten Sinne leb⸗ haft bewegt, als dieſes Inſtrument verleſen wurde. Der Kriegsrath drang auf die Polſchung; man voll⸗ zog es. Darauf erhob er ſich, und wendete ſich mit ſeiner noch nicht abgelegten Amtsmiene an den Geheimen Rath: — 441— Und nun, hoffe ich, hat mein Gefangner durch den Anfang ſeines Prozeſſes wenn gleich die Ausſicht auf eine langwierige Gefangenſchaft in den Banden der ſchö⸗ nen Minna, doch zugleich auch das gewonnen, alle Ihre Bedingungen, Herr Geheimer Rath, erfüllt zu haben. Denn ſein Geſchäft iſt ein unphiloſophiſches und offenbar einträgliches, hier iſt ſeine Anerkennung durch das Di⸗ plom des poeta laureatus; und ich dächte das wäre Alles, was Sie verlangt hätten. Es iſt wahr, das iſt Alles; aber, meine liebe Toch⸗ ter, wie ſteht es mit dem Meiſterſtück, das er Dir bringen ſoll? Väterchen; das Trauerſpiel, beſinnſt Du Dich nicht darauf? ich hab' es Dir ja gezeigt. Gut, mein Kind, ich will es denn in dieſer Bezie⸗ hung noch einmal in Erwägung ziehn. Ei das iſt gar nicht nöthig. Ueber das Meiſterſtück hab' ich Dir damals durchaus kein Urtheil zugeſtanden, das iſt lediglich meine Sache; und ich, ich nehm' es an und mit ihm meinen lieben Herzensmeiſter, der es ge⸗ macht hat. Nun wohl, ſo geb' ich Dich frei. Und ich gebe Dich, mein Sohn, ſagte der Kriegs⸗ ratb, für Deine Umtriebe in die ewige Gefangenſchaft; trage ſie wie Du kannſt und mit derjenigen Geduld, zu welcher ich meines Orts mich nie habe entſchließen können. Nun das muß wahr ſein, bemerkte Axel, der Herr giebts den Seinen im Schlaf; ſowohl die Novelle, als — 442— das Honvrar dafür iſt Dir zugeflogen, ohne daß es Dir einen Schweißtropfen gekoſtet. Aber ich wünſche Dir Glück, alter Freund, von ganzem Herzen zu beiden, obgleich das Honorar eigentlich aus meiner Taſche fließt, um das dritte aber könnt' ich Dich beneiden, wär' ich nicht ſelbſt ſo wohl verſehn, nämlich um das allerliebſte Frauenzimmer, das Du damit eroberſt und welches ſelbſt zuletzt noch als das beſte an dem Honorar gerühmt werden muß. Die armen Buchhändler, wenn ihnen die⸗ ſer Fall zur Regel dienen müßte! Wir wollen uns ſchon vertragen, um die Erbſchaft ſowohl, als um die Mädchen, flüſterte ich ihm zu. Der Abend verſtrich uns ſehr vergnügt und nicht minder die folgenden Tage, welche für Fürſtenberg die Veranlaſſung der feſtlichſten Begebenheiten wurden. 12. Schluß. Klügle wer da will und deute Dieſes Buch und ſeine Leute: Was ſich ſelber nicht bedeutet, Werde tapfer ausgereutet. Wunderlich genug wurden dieſe Denkzettel in ihrer urſprünglichen Geſtalt unter meinen Händen ein Ganzes faſt ſo, wie es einem rühmlichſt bekannten Freunde von mir zu geſchehen pflegte, daß er ſich hinſetzte und ſchrieb, ₰— und ſchrieb, und ſchrieb immer ſo, wie man ſagt, ins Gelach hinein, dann ſich überlegte, was nun wohl mit dem zufällig Entſtandenen zu machen ſei und ſo zuletzt etwas damit machte, geiſtreich genug; denn man muß geſtehn, wenigſtens den Anfang ſeiner Geſchichten giebt ihm der Geiſt ein in unmittelbarer Bewußtloſigkeit, er wahr⸗ ſagt ſie gleichſam, wie die delphiſche Pythia; und erſt zuletzt kommt die leidige Kunſt darüber mit ihren Ab⸗ ſichten und Verflechtungen. Von dieſem meinen berühmten Freunde fühle ich mich nur in ſofern unterſchieden, als bei mir das Schickſal des Schreibenden zugleich das Schickſal des Helden iſt, und als dieſer, wenn er überhaupt ein beach⸗ tenswerthes Loos erduldet, auch befugt iſt, wie das Schick⸗ ſal ſelbſt zu ſchreiben, ſo daß man wohl eine höhere Macht in allem walten ſieht und eine Verſchlingung, die ſich wun⸗ derbar lößt, daß aber davon der Schreibende nichts ahndet und nur in ſeiner Unſchuld alles zeigt. Der Kriegsrath iſt nun der Meinung, dieß ſei eben die Kunſt darin, und beſteht, ſo neu auch die Begebenheiten ſind, hartnäckig auf den Druck. Denn ſagt er, es iſt eine Art modernes Nationalepos, Sie ſelbſt ſind der Odyſſeus dieſer Zeit, der an der Zerſtörung des heutigen Jlion gearbeitet, dafür viel erduldet und endlich den Rauch des heimiſchen Heerdes erblickt. Als ich ihm bemerkte, wie lächerlich er geredet und verglichen hätte, denn welches die verfehmte Feſte, welches meine Schlauheit und welches Achilleus mein Gegenſatz ſei, ließ er mich hart an und ſagte: Gott gebe Ihnen mehr Bewußtſein über die Zu⸗ ſtände, welche Sie ein andermal darzuſtellen unterneb⸗ — 444— men. Das Ilion unſerer Tage, wovor die ganze Jugend unſers Vaterlandes ſich lagert und ihre Kämpfe beſteht, iſt ihre Verzweiflung an der Wirklichkeit, die ſie nicht kennt und die ſie darum, zu ihrem Drachen zurechtgemalt, als ein neuer St. Jörge bekämpft. Ihr Glaube iſt der Gedanke, daß ihre unbeſtimmte Sehnſucht und ihr blaſſes Bild eines Neuen alles Wirkliche weit verdunkle; und ſo fühlt ſie das Blut der trojaniſchen Helden und aller Helden der Welt in ihren jugendlichen Adern gähren, ſo lange bis ſie ihre eigne Verzweiflung plötzlich über⸗ windet, ſei es in dem hölzernen Pferde der Hegelſchen Philoſophie oder durch das große Thor des Staats⸗ dienſtes und der bürgerlichen Stellung, die dann von ſelbſt in der Wirklichkeit allerhand Weiſes aufdeckt. Aber vorher muß der neue Odyſſeus vieles erdulden, und es ereignet ſich wohl, daß er manches Haar aus ſeinem Scheitel verliert, bevor er nach Ithaka zurückkehrt und den Rauch ſeiner Heimath zum Ziel ſeiner Sehnſucht, die Wiederkehr in die Wirklichkeit zu ſeiner Befriedigung macht. Und warum wollen Sie nicht der geniale Odyſ⸗ ſeus ſein und den Haudegen Axel einen Achilleus vor⸗ ſtellen laſſen? Deſſen Geſchichte iſt damit natürlich zu Ende, die Ihrige aber beginnt erſt recht, denn das Ideale, wofür Sie früher zu raſch ein Schattenbild Ihrer Einbildung nahmen, verlieren Sie nicht; Sie ſelbſt ſind das Geiſtige, und nicht mit Unrecht erwarte ich, daß Sie der Kunſt als der ächten Vermittlerin des Gött⸗ lichen eben ſo treu ergeben bleiben werden, als Axel ihr ſeiner Natur nach abgewendet iſt. Auch dies Beſtreben — 445— iſt ſchwierig. Die Kunſt wartet gewiſſermaßen auf eine Erfüllung des politiſchen Lebens, um daran ſelbſt wie⸗ der lebendig zu werden. Es iſt nämlich nicht zu ver⸗ hehlen, daß jener jugendliche Glaube neben aller Schief⸗ heit auch einige Wahrheit habe, nämlich die, daß die Geſchichte des deutſchen Volkes noch nicht zu Ende iſt, daß ſie hier vielmehr erſt recht beginnt, und daß es ſehr ſicher allen germaniſchen Völkern gelingen wird, zum Selbſtbewußtſein über ſich hindurchzudringen. Kin⸗ der freilich können dies nicht machen und Einzelne nicht geben, daß aber ein ſolcher zum hellen Bewußtſein er⸗ wachter Zuſtand ſich bilden müſſe, liegt in der Anlage aller unſerer Verhältniſſe, und ſobald er da iſt, werden Kunſt und Religion, die jetzt ebenfalls ſchlummern, zur ſchönſten Kraft wieder erwachen. Dieſe Zeit iſt nabe herbeigekommen. Das goldene Zeitalter iſt es nicht, denn auch jetzt ſchon fehlt es dem Einzelnen, der des Geiſtes und ſeiner Freiheit bedarf, mit nichten; aber ſchöner iſt es, wenn mehrere das Bedürfniß fühlen und ſich ihm überlaſſen. Glückliches Leben der Menſchen⸗ kinder im Bedürfniß des Göttlichen und ſeiner Er— füllung! Gedruckt bei Philipp Reclam jun. *— Bei Otto Wigand in Leipzig iſt erſchienen: Poeliſcher Vausſchatz des deutſchen Volkes. Vollſtändigſte Sammlung deutſcher Gedichte nach den Gattungen geordnet begleitet von einer Einleitung, die Geſetze der Dichtkunſt im Allgemeinen, ſowie der einzelnen Abtheilungen insbeſondere enthaltend, nebſt einer kurzen ueberſicht ihrer Bildungsgeſchichte ſeit den fruͤheſten Zeiten ihres Erſcheinens in Deutſchland bis auf unſere Tage und biographiſchen Angaben uͤber die Dichter, aus deren Werken Poeſieen gewaͤhlt wurden. 5— n— Ein Buch für Schule und Haus. Von Dr. O. T. B. Wrulff, ordentlichem öffentlichen Honorarprofeſſor der neueren Literatur an der Univerſität zu Jena, wirklichem, correſpondirendem und Ehrenmitgliede mehrer gelehrten Geſellſchaften u. ſ. w. u. ſ. w. Gr. 8. Auf feinem Velinpapierz in Doppel⸗ colonnen; uͤber 2000 Colonnen ſtark und in Umſchlag. Broſchirt. 2 Thlr. Die deutſche Nation darf mit Recht auf den Cha⸗ rakter und die Erzeugniſſe ihrer Poeſie ſtolz ſein, da ſie Meiſterwerke aufzuweiſen hat, welche von allen ge⸗ bildeten Völkern mit hoher Verehrung anerkannt werden und überall als Muſter gelten können. Unſere edelſten Geiſter haben als ſchönſtes Erbtheil ihrem Vaterlande ihre herrlichen Schöpfungen geſpendet, und ſich dadurch mehr als ein unvergängliches Denkmal geſetzt.— Um ſo größer iſt aber auch die Pflicht der Nation, dies anzuerkennen und jene Monumente ſorgfältig und dank⸗ bar zu erhalten.— In der Erfüllung dieſer edeln Pflicht ſind uns jedoch andere Länder weit voraus; Franzoſen, Engländer, Spanier, Portugieſen, Italiener u. ſ. w. beſizen Sammlungen, die in ſorgfältigſter Aus⸗ wahl das ganze Gebiet ihrer heimiſchen Poeſie umfaſſen, uns hat es bisher ſtets noch an einer ſolchen gefehlt; denn ſo viel Gedichtſammlungen wir auch aufzuweiſen vermögen, ſo wurden dieſe doch nur für beſondere, meiſt pädagogiſche Zwecke angele⸗“ und ſind zu beſchränkt, um jenem von anderen Nuuwnen längſt erreichten Zwecke zu genügen.— Einen höhern Geſichtspunkt, als den der Schule, hatten die Herausgeber ſelten oder nie im Auge, namentlich blieben die Geſetze der poetiſchen Ge⸗ ſtaltung und die Bildungsgeſchichte derſelben gänzlich un⸗ berührt.— Dieſem Mangel nun hoffen wir durch das vorlie⸗ gende Werk abzuhelfen, und ein Buch zu liefern, das eines Theils dem Gebildeten jedes Standes zu gleicher Zeit möglichſt vollſtändige Belehrung und Unterhaltung darbietet und ihn befähigt, zu überſchauen, auf welche Höhe unſere Poeſie ſich geſchwungen hat, anderen Theils aber auch mit beſonderem Nutzen in unſern Gymnaſien und höhern Realſchulen gebraucht werden kann, da es, zugleich mit der Auswahl des Einzelnen und Beſten, dem Lehrer wie dem Schüler die Hülfsmittel zur An⸗ eignung und Beherrſchung des geſammten Stoffes liefert. Folgende Ueberſicht des Inhalts wird das Geſagte beſtätigen: Einleitung. Ueber das Veſen der Poeſie und die Geſetze der Poetik im Algemeinen. Erſte Abtheilung. Die lyriſche Pveſie. Einleitung. Ueber Weſen und Begriff der lyriſchen Poeſie. Das Lied.— a) Das geiſtliche Lied.— Geſetze und Geſchichte deſſelben in Deutſchland. Geiſtliche Lieder, von den früheſten bis zu un⸗ ſern Tagen. „ Auswahl des Schönſten und Eigenthümlichſten⸗ das wir in dieſer Gattung beſitzen. b) Das weltliche Lied. Eingeleitet und aus⸗ gewählt wie a. Die Ode.— Angeordnet wie a. Die Hymne.— Ekbenſv. Die Dythyrambe. Die Rhapſodie. Die Elegie. Die Hervide. Das Sonett. Das Madrigal, Rondeau, Triolett, die Canzone, Seſtine, Gloſſe u. ſ. w.— An⸗ geordnet wie a. Die Cantate.— Angeordnet wie a.— v W Einleitung. Ueber Weſen und Begriff der epiſchen Poeſie. Die Fabel.— Geſetze und Geſchichte derſelben.— Deutſche Fabeln aus allen Zeiten deutſcher Poeſie. Die poetiſche Erzählung.— Ebenſo rne Die Legende.— ⸗ ⸗ Die Romanze und die Ballade.⸗ Das ernſte Heldengedicht. ⸗ Das komiſche Heldengedicht. ⸗ Dritte Abtheilung. Die dramatiſche Pveſie. Einleitung. Ueber Weſen und Begriff der dramatiſchen Poeſie im Allgemeinen.— Das Trauerſpiel. Weſen und Begriff des Trauer⸗ ſpiels insbeſondere.— Kurze Geſchichte des Bil⸗ dungsganges deſſelben in Deutſchland.— Einzelne Stenen und Acte aus deutſchen Trauerſpielen, ſeit dem erſten Erſcheinen dieſer Gattung in Deutſchland, bis zur neueſten Zeit, nebſt vorhergehender Erzäh⸗ lung des Inhalts der ganzen Tragödie. Das Luſtſpiel.— Angeordnet wie das Trauerſpiel. Das Schauſpiel.— Ebenſo.— Die Oper, die Operette, das Vaude⸗ bille, das Melodrama u. ſ w. Sn wie das Trauerſpiel. Vierte Abtheilung. Die didaktiſche, de⸗ ſeriptive und ſathriſche Poeſie, ſowie die gemiſchten Gattungen. Zweite Abtheilung Die epiſche Pveſie. — 3 Einleitung: Ueber Weſen und Begriff die⸗ ſer Gattungen im Allgemeinen. Das Lehrgedicht.— Ueber Weſen, Begriff und Geſchichte des deutſchen Lehrgedich⸗ tes, nebſt Proben ſeit der früheſten Er⸗ ſcheinung deſſelben in Deutſchland bis zu unſern Tagen. Die Satyre.— Angeordnet wie das Si Die dichteriſche Schilderung. Das Idyll. Die pvetiſche Epiſtel. Die Parabel, Allegorie, Die Parodie und Traveſtie. Angeordnet wie das Lehrgedicht. Das Epigramm. Angeordnet wie das Lehrgedicht. Die Endreime, die verſchiedenen Arten des Räthſels, das Akroſtichon, das Ana⸗ gramm u. ſ. w.— Biographiſche Notizen über die einzelnen Dichter, aus deren Werken Beiträge ent⸗ lehnt wurden.— Verzeichniß des Inhalts. v ——— v u W u über Eßkunſt von Antonins Anthus. Ernſt iſt das Leben, heiter iſt die Kunſt. Gr. 8. 1838. Im Unſchlag brochirt 1 Rthlr. 12 Gr. Inhalt: Erſte Vorleſung: Einleitendes.— Veltan⸗ ſchauung des Eßkünſtlers.— Begriff, Werth und Bedeutung der Eßkunſt.— Zweite Vorleſung: Geſchichtliches.— Dritte Vorleſung: Ethnogra⸗ phiſches.— Vierte Vorleſung: Verhältniß der Eßkunſt zu den andern ſchönen Künſten.— Fünfte Vorleſung: Moraliſche Beziehungen.— Sechste Vorleſung: Diätetik des Eßkünſtlers.— Siebente Vorleſung: Prineip der Eßkunſt.— Achte Vorleſung: Elementarunterricht.— Reunte Vorleſung: Höhere Kunſtregeln.— Zehnte Vor⸗ leſung: Spezielle Eßbarkeiten.— Eilfte Vorle⸗ ſung: Vom Trinken.— Zwölfte Vorleſung: Schluß⸗ betrachtungen. Borleſungen ſſſſ 16 17 18 19 7 8 9 10 11 12 13 14 15