Ve— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Cduard Ottmann in Gieſten, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und GLeſebedingungen. 1. oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Vuches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, b eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe kiterlegen⸗ welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird.. 4. Ahonnement. Daſſelbe muß voraus eträgt: für wöchenktlich 2 Bücher: auf 1. Monat: 3 „„ ei Entgegennahme bezahlt werden und 4 Bücher: 6 Bücher: ————— 1 M.— Pf 1V 50 Pf. 2 M.— Pf. 5„„ Auswärtige Abonnenten haben fitt Hin⸗ zücher auf ihre eigenen Koſten und Gefe 6 Schadenersatz. Für beſchmutzte, defecte Bücher(namentlich bei und Zurückſendung ahr ſelbſt zu ſorgen. zerriſſene, verlorene ung ſolchen mit Kupfern c.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer ſ Erſatz des Ganzen verpflichtet. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird . beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ſ. Wittgen's Raubſchloß — Eine Sage der Vorzeit. Ein Bild von jenem wildbewegten Leben Aus laͤngſt verſchwundner, blutbefleckter Zeit, Soll Eurem Blicke bunt voruͤberſchweben, Das Euch bald ruͤhret, bald erfreut! Doch wie auch Wort und Handlung ſich verweben, »Der Schauplatz, den es Eurem Auge beut Und Jene, die in ſolchen auf ihm walten Sind nicht der Dichtung truͤgende Geſtalten. Noch zeigt der Vorwelt Sage Euch die Orte Wo Blut— der Luſt, des Grames Zaͤhre floß, und leiht den ſtummen Zeugen laute Worte; Noch rauſcht die Muͤglitz rings um Witigens Schloß; Und fuͤhrt Euch zu des Weſenſteines Pforte — Jetzt gaßtlich offen— die ſonſt Furcht veiſchloß Noch ſteht der Wiliſch thalwaͤrts und ins Weit Und das bemoos te Kreu ſelbſt, ſeht noch heute Auf mancher ſchönen Stelle jener Sage— Stand ich mit Euch, Ihr Theuren, Hand in“„ Hand Des Lebens frohlich, ſonder Harm und Klage. gum Theil geloͤſ't ward ſchon das liebe Band— Doch zum Gedaͤchtniß jener heitern Tage, Als der Erinn'rung wehmuthvolles Pfand, Nehmt dieß Gedicht, das ich fuͤr Euch geſungen Auf Stätten, wo's lebendig einſt erklungen! —— 1. Di Saͤchſiſchen und Kaiſerlichen Volker untet der Generale, Martini und Hatzteld, Anfuͤhrung hatten bei Chemnitz das Feld gegen die Schweden nicht behaupten koͤnnen, und eilig ruͤckte nun der Feldmarſchall Johann Banner, nach einem, zum zweitenmale mißgluͤckten Anfalle Freibergs, v Pirna, Es war am 16. April 1639, als die Lai begann. Hanns Sigemund von Liebenau, Oerſt⸗ lieutenant der Artillerie und Commändant des Sonnenſteins, traf alle Anſtalten zur Gezenwehr Die Vorſtädte am Schiff⸗, Elb⸗ und Dongiſchen Thore wurden auf 800 Schritte niedergebrannt, und von dem Schloſſe, den Churmen, Mauetn und Baſteien ward ein heftiges Feuer auf die näher⸗ vöckenden Schanzarbeiten der Feinde unterhalten⸗ — 6— Doch unterbrach der große Verluſt dieſelben nicht, und am 23. April, Morgens um 6 Uhr, fingen die Stuͤcke auf den Steinwaͤnden jenſeit der Elbe an, auf's Schloß zu ſchießen. Die Beſatzung, welche aus einigen hundert churfuͤrßlichen Solda⸗ ten und dem pirnaiſchen Defenſion⸗Faͤhnlein beſtand, hielt ſich des Angriffs gewaͤrtig; entſchloſ⸗ ſen das Aeußerſte zu wagen; um ſich des Lebens Hoͤchſtes zu erhalten, vertheidigten auch die Buͤr⸗ ger, unter Anfuͤhrung ihrer Muſterherren, die Mauern, und bald machte dieſe Blutarbeit die bange Ahnung vergeſſen, welche manches brave Herz bei dem Schlage der Sturmglocke durchdrang. Noch immer toͤnte ihr Huͤlferuf durch die Lufte, und berſchmolz mit dem lauten Gebete jammern⸗ der Franen und dem Donner des Geſchuͤtzes, zu einer gräßlichen Diſſonanz. Aus allen Batterieen beſchoß jetzt der Feind die Mauern der geaͤngſtig⸗ ten Stadt. Jedem Schuſſe ward eine Antwort; aber um 10 Uhr wankte das Rondel des Dohnai⸗ ſchen Thores, von dem Kugelhagel der 5 Car⸗ thaunen, welche in der Breitengaſſe ſtanden, und wen er nicht niederwarf, den zerſchmetterten die lenden Bruſtwehren des Thurmes. Da bebte slich die Erde! die Haͤuſer etzitterten! ein di⸗ ₰ Ker Qualm verfinſterte den Himmel! und als der Nebel ſich verzog, erfullte Entſetzen die Bruſt der Vertheidiger. Die geſprungene Mine hatte das Rondel und eine große Strecke der Mauer einge⸗ worfen, und die Schweden ſtuͤrzten in die Breſche, um den Stadtgraben mit Faſchinen auszufullen. Vergebens war das Bemuͤhen, dieß zu verhindern! aber die Tapferkeit wuchs mit der Gefahr, und als nun die ſchwediſchen Brigaden um 12 Uhr Mittags den Sturm begannen, da ermuthigte ei⸗ ner den andern zur Ausdauer dürch Wort und That.„Mit Gott, fuͤr unſte armen Kinder!“ ſcholl es durch die Reihen, und jeder faßte ſeine Waffe zum blutigen Empfange. Wohl that der Entſchluß noth, und wuͤrdig eines guͤnſtigern Erfolgs waͤre die Brabheit geweſen, mit wel⸗ cher man ihn verfocht. In feſt geſchloſſenen Gliedern, mit fliegenden Fahnen und voller Feld⸗ muſik ruͤckten die Feinde in unbeſchreiblicher Wüth an. Verwegen drangen die Schweden vor, ſand⸗ haft behaupteten ſie jeden errungenen Schritt, und welcher es wagte den Fuß ruͤckwaͤrts zu wenben⸗ den trieben die Offiziere, ſelbſt wenn der Fliehende verwundet war, mit dem Degen dem Fode wie⸗ der entgegen, oder ſießen ihn niedet, S tobte — 8— der Kampf faſt rings um die Stadt, und lange ſchwankte der Sieg zweifelhaft zwiſchen den Strei⸗ tern. Am Elb⸗ und Oberthore ward er endlich, nach unſaglicher Anſtrengung, den Buͤrgern zu Theil, und in Verwirrung flohen die Schweden, die erſt ſtolz in der Luft wehenden Fahnen nun erdwaͤrts hinter ſich herſchleppend, indem zugleich alle Stucke ihren Hagel den Fluchtigen nachſen⸗ deten, und die Schuͤtzen bei den Doppelhacken, in wilder Luſt die feindlichen Anfuͤhrer zum ſichern Ziele nahmen— Groß war hier der Verluſt, aber um ſo großer der Gewinn am Dohnaiſchen Thore⸗ Geſunken war dort die ſchuͤtzende Mauer; nur die Reihen der Buͤrger erſetzten dieſelbe, und Bruſt an Bruſt draͤngten ſie gegen die Stuͤrmer, dem Einbruch zu wehren, und die Morgenſterne, ge⸗ führt von kraftiger Fauſt, ſchmetterten die naͤch⸗ ſten darnieder, waͤhrend die Feuerrohre in weiter Ferne die dichten Heerhaufen lichteten. Aber mehr und mehr wuchs der Andrang! das Geraſſel der Sturmtrommeln, der Donner des Geſchuͤtzes, und das wöthende Geſchrei der Angreifenden verſchlang das furchterregende Aechzen der Sterbenden, und über ſie hinweg ſchritten die Schweden achtlos, den Tod zu geben oder zu empfangen und ſiegreich — 9— wehte das blutbeſpritzte feindliche Pannier nun, auf der erſtiegenen Ruine! Liebenau ſah alles verlohren, und rettend was er noch zu retten vermochte, zog er ſich mit dem Reſte ſeiner Soldaten und des Pirnaiſchen Defen ſion⸗Faͤhnlein's auf das Schloß zuruͤck. Verlaſ⸗ ſen, kraftlos und voll Verzweiflung warfen die Buͤrger die ihnen nun nutzloſen Waffen weg, und eilten zum Schutze der Ihrigen in die Haͤuſer, Ihnen auf der Ferſe folgte der wuͤrgende Feind⸗ Nirgend war Sicherheit— Tod uͤberall! Kein Alter, kein Geſchlecht fand Schonung— ſelbſt das Allerheiligſte gewaͤhrte keinen Schutz, und die Gewoͤlbe der Kirchen und Gruͤfte hallten von dem Flehen um Barmhetzigkeit und den Fluͤchen der Moͤrder wieder! Mitten unter dieſen Schreckniſſen ritt der Dberſt Samuel Beſterling durch die Straßen, dem Blutvergießen zu wehren ſo viel er vermochtes aber ſchwer war es, der einmal losgelaſſenen Rohheit den zaͤhmenden Zuͤgel wieder uberzuwerfen— Srä⸗ ben Blickes ſchaute er uͤber den Matkt; Hier war die Menge zu groß, als daß ein befehlendes Wort ſie zu beſchwichtigen ausgereicht hätte, und wenn auch— es verſcholl ungehört unter den Muske⸗ — 10— tenſchuͤſſen, die man nach den Fenſtern richtete. Plotzlich aber feſſelten ſeine Aufmerkſamkeit zwei Maͤnner, welche vor der Thuͤr eines Hauſes ſtehend, mit beguͤtigenden Worten, wie es ihm ſchien, die Eindringenden abzuhalten verſuchten. Der eine, ein Prediger, mit unbedecktem, greiſen Haupte; der zweite, eine ſtattliche Geſtalt, in ſchwarzer Kleidung; mit Mantel, Federhut und Wehrge⸗ hänge, welches aber des Schwertes entledigt warz ſeine Haltung verrieth mehr Befehl als Bitte, und das Zornblitzende Auge ſtrafte das ruhige Geſicht Lugen. Heſterling, wohleinſebend daß die ehrfuchtvolle Scheu, welche die Pluͤnderer noch in Unthätigkeit erhielt, bloß die Folge der Peberraſchung und des Zaubers ſey, welchen Hoheit und Muth uͤber den rohen Haufen uͤben, befahl einem ſeiner Pffüiere, ihnen zur Huͤlfe zu eilen, ehe die verhaltne Wuth um ſo verder⸗ bender hervorbraͤche. Zu ſpaͤt! denn kaum ſetzte der junge Mann ſein Roß in Gallvp., als ſchon ein Schuß fiel, und der Prediger niederſank. Wild fuhr ſein Nachbar auf; die muͤhſam er⸗ künſtelte Ruhe war von ſeinem Antlitz verſchwun⸗ den, Wuth, Durſt nach Rache belebten alle Züge, und mit vorgeworfener Bruſt fortſchreitend, „ griff er nach dem Schwerte! doch ſchmekzlich et⸗ ſchrocken es vermiſſend, ballte er, im Gefuͤhle ſeiner Ohnmacht, drohend die unbewehrte Fauſt gegen den Meuchelmoͤrder, als auch ſchon der Schwede vom Pferde herab, mit ſeinem Degen⸗ knopfe denſelben niederſchlug, und durch An⸗ drohung eines gleichen Schickſals die Uebrigen zerſtreute und den Unbeſonnenen rettete. Ohne Dank fuͤr das erhaltene Leben, nur bekuͤmmert um das ſeines Freundes, neigte dieſer ſich, den Schwerverwundeten aufzuheben. Der Offizier war abgeſtiegen, und ſtand ihm theilnehmend bei, als er wahrnahm, daß ſein Wamms ebenfalls das Blut befleckte.„Auch Ihr ſeyd verwundet!“ rief er ihm zu. Verneinend bewegte jener das Haupt⸗ und den erſten Blick guf ſeinen Retter heftend, erwiederte er kalt;„ Es iſt Schwedenblut.— In der Breſche habe ich das Meine gethan, doch kuft die Pflicht mich nun auf's Rathhaus. Helſt mir den Bewußtloſen in mein Haus trggen, und ver⸗ moͤgt ihr es, ſo ſchuͤtzt daſſelbe und Weib und Kind, ſonſt helfe ihnen Gott!“ Schwer athmend ſchlug der Verwundete jett die Augen auf, ſeinen Freund ſuchend, aber ſo⸗ gleich ſie wieder ſchließend.„Sorgt füt ihn hat dieſer mit weichem Tone.„Und Euer Name, edler Mann?“ fragte er, indem er aus ſchon geöffneter Thuͤre noch einmal zuruͤckkehrte. „Guͤldenſtern.“ „Ich heiße Werner, und bin Buͤrgermeiſter dieſer ungluͤcklichen Stadt.“ Raſch ihm naͤher tre⸗ tend, faßte er beide Haͤnde des Schweden, und ihm treuherzig in's Auge ſchauend, fuhr er fort: „Wohl fuͤhrt Ihr einen Zlaͤnzenden Namen, und habt ihn heute nicht zur Luͤge werden laſſen. Wie ein Stern ſeyd Ihr mir erſchienen in dieſer Nacht des Jammers, und ich werde Euern Namen nie vergeſſen. D, möchte der Himmel Eurem Volke viel ſolche Hauptleute verliehen haben!“— Blutig, wie ſie untergegangen, ging die Sonne wieder auf, und Guͤldenſtern! den dienſit⸗ freien Augenblick benutzend, ſchritt eilig uͤber den Markt; mit ſcheuem Fuß die Leichen der unſchul⸗ dig Stſchlagenen, welche ihn bedeckten, vermei⸗ dend Es war ein grauſenerregender Anblick! Peündete ächzten unter der Todten Laſt; Le⸗ ede hielten die etbleichten Lieben in ihren Ar⸗ ien, und ſchmachtende Saͤuglinge weinten an ver⸗ ſegter Mutterbrüſt nach Nahrung. Vergebliche Fheänen! In eiſige Kälte war der Lebensguell er⸗ ſtarrt, und kein Jammer konnte die Geſtorbenen wecken. Schaudernd floh der Krieger das Bild des Entſetzens; Sein Herz zog ihn zu ſeinen neuen Freunden, und alle fand er durch die ih⸗ nen gegebene Schutzwache erhalten. Werner war noch auf dem Rathhauſe, der Kranke aber ſtreckte ihm die Hand zum Willkommen entgegen. Lange betrachtete dieſer ihn, als wolle er durch ſolches Anſchauen recht vertraut mit ihm werden, und die Heiterkeit, welche ſeine leidenden Mienen im⸗ mer mehr verklaͤrte, verrieth Zufriedenheit und Wohlgefallen.— Guͤldenſtern, in dem gluͤcklichen Alter des vollendeten Mannes, von mittler Größe, kraͤftigem, doch in ſchoͤnem Verhaͤltniß geformten, Gliederbau und gewoͤlbter Bruſt, verrieth den ge⸗ bohrnen, jeder Beſchwerlichkeit trotzbietenden Sol⸗ daten. Die geſcheitelten braunen Haare fielen in langen Locken uͤber die Schultern, ohne die hohe, freie Stirn zu verdecken, unter welcher dunkle, ſtarke Brauen ein feuriges Augenpaar, das Muth, Lebensluſt und Gutmuͤthigkeir zugleich ausſprach, uͤberwoͤlbten. Die linke Wange durch⸗ furchte eine tiefe, lange Narbe, deren friſchere Farbe ſeltſam von der des ſonnverbrannten Ge⸗ ſichtes abſtach, und es entſtellt haben wurde, hätte nicht der feine„ vorwaltende, Heiterkeit ausſpre⸗ chende Mund, den Blick feſſelnd, dem Ganzen einen Reiz verliehen, welcher ihn ſogleich eine Jeden empfahl. Auch der Prediger fuͤhs di und zog ihn vertraulich zu ſich auf ſein L er, er ſeine ſchwache Stimme leichter verſtehen moͤge, da die Kugel die Lunge verletzt hatte. Vergebens bat ihn Guͤldenſtern, den Dank zu verſchweigen, damit er ſich nicht ſchade: „Ich fuͤhle“ erwiederte der Greis:„ Scho⸗ nung rettet mich nicht, und ich habe noch viel zu reden. Erlaubt mir die noch uͤbrige geringe Kraft, zu meiner Beruhigung zu nuͤtzen. Werner hat mir geſagt, was Ihr fuͤr ihn— was Ihr fur mich gethan; und ob Ihr gleich dem mir geſen⸗ deten Wundarzte nur vergebl iche Muͤhe gemacht, danke ich doch herzlich dafuͤr; der Himmel wird den guten Willen belohnen, und mir, hoffe ich, wird er gnädig ſeyn. So iſt meine Rechnung mit dem Leben abgeſchloſſen; aber“— „Latkt mich“ fuhr er nach einiger Erholung fort:„nicht meinem Geſchicke gelten dieſt Zäh⸗ ren— nein!— Herr Hauptmann!— ſeyd Ihr verheirgthet? habt Ihr Kinder?“ Nein.“ „D, dann koͤnnt Ihr nicht im vollen Um⸗ fange den Schmerz eines ſterbenden Vaters begrei⸗ fen, der mitten in den Schreckniſſen des Krieges ſeine Familie ſchutzlos verlaͤßt!— Gott! was ich fuͤrchte, iſt vielleicht ſchon wahr.— Dych nein, der Ort iſt feſt; aber wie ſehr ſehnt ſich meine Liebe nach einer beruhigenden Nachricht.— Ich bin Landprediger in dieſer Gegend, und fluchtete meine Kinder nach dem Schloſſe Weſenſtein, als Euer Heer unſerm Wohnorte nahte. Mich ſelbſt rief ein unaufſchiebbares Geſchaͤft von hoͤchſter Wichtigkeit nach Pirna, und ſo mußte ich denn eilen, bevor die Straßen unſicher wurden; und doch verſchloß die ſo ſchnelle Berennung der Stadt mir die Heimkehr. Zehn Tage habe ich nun nichte von den Meinen gehoͤrt! Herr Hauptmann! für ein geaͤngſtigtes Vaterherz iſt das eine Ewigkeit!““ „Ich theile Euren Schmerz und Eure Sorge, armer Mann.“ „Ich weiß, Ihr ſeyd ein gefuͤhlvoller Soldat, und dieſe Veberzeugung gicht mir den Muth zu eine Bikte. Die Furcht laͤßt mich keinen Byten finden, und faͤnde ich auch einen, wie möchte es ihm gelingen, ſich ſicher durch die, mit Kriehern S Gegend, dem Ziele ſeiner Sendung zü nahen. Wenn Ihr, Herr Hauptmann, einen Eu⸗ rer Leute ſenden könntet, der mir ſagte wie es dort ſtunde! eine beruhigende Nachricht wurde mich ſanfter ſterben laſſen. Ach meine arme, bald verwaiſ'te Tochter! „Wie heißt Eure Tochter?“ „Marie Bodelius.— Aber was fehlt Euch, Herr Hauptmann? Ihr werdet blaß und Eure Stimme zittert.“. „Nichts, nichts!“ erwiederte dieſer haſtig; aber ſein Ton bewahrheitete des Alten Bemerkung. WMit geſenktem Haupte und auf den Ruͤcken ge⸗ legten Haͤnden durchſchritt er, eilig und wieder⸗ holt, das Zimmer; ſeine Bruſt arbeitete heftig und verrieth, wie die Unruhe ſeines Benehmens, eine große, innere Bewegung, einen Streit zwi⸗ ſchen Gemuth und Geiſt, und das Bemuͤhen ſol⸗ chen friedlich auszugleichen. Auch ſchien dieß ihm zu gelingen, denn ruhiger, dem ußern Anſchein nach; blieb er endlich vor dem Kranken ſteh'n, ernſt auf ihn herab blickend. Verlegen durch das Geheimnißvolle des Vorganges, furchtete dieſer⸗ ihn mit ſeinem Geſuche mißſaͤllig geweſen zu ſeyn, und bat um PVetzeihung und Vergeſſenheit deſſelben⸗ „Seyd unbeſorgt,“ troſtete ihn Guͤldenſtern: „ Ihr ſollt Nachricht erhalten.“ Schnell erheitert durch dieß Verſprechen und bemuͤht das Geſpraͤch im Gange zu erhalten, be⸗ gann Bodelius dem Schweden den Weg nach dem Weſenſtein zu beſchreiben. „Ueber Dohna alſo?“ unterbrach ihn Guͤl⸗ denſtern, wie noch nicht ganz aus einem ſchweren Lraume erwacht:„ Ueber Dohna?“ „Ja, und dann entweder uͤber den Berg, oder im Thale am Bache entlang.“ „„ Seyd Ihr dort bekannt?“ „Ich? Woher ſchließt Ihr das?— Glaubt das nicht! Sagte ich dergleichen, ſo haltet es mei⸗ ner Zerſtreuung zu gut. Doch iſt mir Eure Nach⸗ richt lieb— ich reite ſelbſt. Hier meine Hand darauf.“ Der Prebiger zog ſolche an die bleichen Lip⸗ ven, unvermögend aus Rährung und S 3 derauf weiter etwas zu erwiedern. Da trat der Buͤrgermeiſter ein, und umarmte Gaͤldenſtern mit Waͤrme. An die Stelle des ge meßnen, kalten, faſt rauhen Benehmens von ge⸗ ſiehn, wät wohlwollende Bieberkeit getreten, welche ſeine tiefe Trauer etwas milderte. Mit Antheil hörte er die Verſicherung ſeines Freundes an, daß er ſelbſt Nachrichten uͤber den Stand der Dinge züf dem Weſenſtein einholen wolle. Auch er dankte dem Hauptmann dafür, it dem er⸗ ſo ſchonend als moglich, den ſchon geaͤnßerten Wunſch laut wer⸗ den ließ, daß alle Fuͤhrer der Schweden von glei⸗ chem Edelmuthe beſeelt ſeyn moͤchten. Gulden⸗ ſern, im Bezug auf ſich, dieſem Lobe beſcheiden gusweichend, behauptete dieß von vielen. „Schaut nur hinaus!“ rief Werner, und die Röthe des Zorns uͤberſlog ſein Geſcht.„ Schaut hinaus, und Ihr werdet fuͤhlen, daß die Zahl der guren Engel nur ſehr klein ſeyn kann; die der Penel aber Legion heißt! Seht, wie Euer Volk des Mordens ſatt, um ſeinen Geluͤſten froͤhnend⸗ die Häuſer erfüͤlt und mit viehiſcher Rohheit ver⸗ nichtet, was der Buͤrger, eine laͤngere Belagerung fürhtend, ſich und hungernden Kindern abge⸗ darbt!“ weh“ erwiederte ſchuͤchtern Guͤldenſtern⸗ „Doch Durſt iſt noch ſchmerzlicher!“— un⸗ zerbrach ihn Werner mit Hohn— und haben die „Im Lager war Mangel, und Hunger thut Schneden auch unſere Waſſerleitungen zeſſtört, ſo. † ſorgen ſie doch jetzt mit teußliſcher Luſt, daß er ihre Wirthe nicht quaͤle. Gebe die himmliſche Ge⸗ rechtigkeit Banner im Todeskampyfe zur Erquickung auch einen Schwedentrunk. Ihr ſeyd ungerecht; er iſt nicht allmaͤchtig, um die durch den Sturm vereinzelten, unter ihre Fahnen und den Befehl ihrer Offiziere au⸗ genblicklich zuruͤck zu rufen.“ „Meint Ihr, daß dieß den Gezuaͤlten nutzen werde?— Seht Ihr dort den Commendanten wie er die Buͤrger mit Palliſaden beladen, den Kugeln der Feſtung entgegen treiben laͤßt, um da⸗ mit die Schule zu verſchanen? Seht Ihr, wie er ruhig von ſeinem Roſſe herab, auf die Un⸗ gluͤcklichen niederſchaut, welche die unter eutſetz⸗ lichen Martern ſelbſt verrathene Habe, nun den Raͤubern auch noch in's Lager tragen muͤſſen, um dort, damit dem Frebel nichts fehle, ihre Weibet und Tochter der Schande, und üch der Verzweif⸗ lung zu uͤberlaſſen!“ Ihr habt leider nur zu ſehr Recht,“ ant⸗ wortete Guͤldenſtern in wachſender Verlegenheit, und ohne durch das Fenſter zu blicken— aber dieſer Bynemont iſt kein Schwede.7“ „Aber ein Unmenſch iſt er?— Gott, was muͤſſen wir nicht alles fuͤrchten von der Gefuhl⸗ loſigkeit dieſes Irlaͤnders! wie werde ich, der Vater dieſer ungluͤcklichen Stadt, es vermoͤgen meine Kinder zu ſchuͤtzen?“ „Wendet Euch an Deſerling, wenn der Stadt ein ferneres Ungluͤck droht, Buͤrgermeiſter! Er iſt ein Deutſcher, und hat ein braves Herz.“ Schnell beſaͤnftigt durch dieſe wohlmeinenden Worte, ſchaͤmte ſich Werner der Ungerechtigkeit, welche er durch die heftigen Beſchwerden wider ſein Volk, gegen den beſſern Einielnen begangen patte. Gern vergab dieſer, was ſo verzeihlich war, und griff nach ſeinem Hute, um ſich zu entfernen. „Auf ein frohliches Wiederſeh'n!“ ſchloß Wer⸗ ner ſeinen Abſchied.„Kehrt Ihr zuruͤck, ſo be⸗ trachtet mein Haus als das Eure mit allem was es enthaͤlt. Keine Einwendung! Ihr habt ein giltiges Recht daran: denn was noch vorhanden iſ, iſt ja nur ein Geſchenk von Euch. Wolle nur der Himmel, daß ich einmal Gelegenheit haͤtte, Euch einen Dienſt zu leiſten, der den empfange⸗ nen aufwoͤge— doch pfui!— wie albern, ſchlimm ſogat ſelbſt die Dankbarkeit ſeyn kann. Der Glück⸗ liche bedarf keines Dienſtes, und Euch mußes ja immer wohlgehen⸗ * — 5 5 „Wer weiß das 2 erwiederte Guͤldenſern mit unverhaltner Ruͤhrung, und nach einigem Stillſchweigen fuhr er fort:„ Glaubt Ihr an Ahn⸗ ungen? oder vielmehr an das Lautſeyn einer pro⸗ phetiſchen Stimme in unſerm Innern, welche in dem Nebel der Zukunft geſpenſtiſche Schatten hel⸗ vorruft, die uns mit Hoffnung oder Furcht er⸗ fuͤllen?“ „Ich moͤchte den Glauben wenigſtens nicht gut heißen, da in ihm leicht der Keim von Tha⸗ ten liegen konnte, welche die Ahnung zur Wahr⸗ heit machten. „Nein! nein, Ihr irrt! die That birgt den Keim, und die Zeit bricht die ungepflegte Frucht! — Doch auf ein fröhlicheres Wiederſehn— Lebt wohl!“ 7 2 Schon ſtand die Sonne hoch, als Guͤldenſteit über den Schutt des Rondels ritt, um ſein Ver⸗ ſprechen zu löͤſen. Achtlos auf die reizende Ge⸗ gend, welche ſich vor ihm ausbreitete, ſo wie auf ſein muthiges Roß, uͤberließ er dieſem Zuͤgel und Pd, bis es, vor dem Tetzelßein ſich ſcheuend, ſe Freiheit benutzte, und durch eine micht gen Sprung, den dadurch faſt fürzenden Reiter ermunterte. „Immer gebiert doch das Boͤſe Schlimmes!“ ſprach er laut, indem er das brauſende Thier ſchmeichelnd an den Gegenſtand ſeines Schreckens anritt.—„Selbſt das bemvoste Denkmal einer unthat vermag es noch, Verderben uͤber den Menſchen zu bringen!“ Mit Grauen dachte er an die finſtere Zeit zu⸗ uͤck, wo auf dieſer Stelle jener freche Moͤnch Vergebung jeglichen Laſters, ſelbſt des entſetzlich⸗ ſten Verbrechens fuͤr Gold feil geboten, und da⸗ durch votzuͤglich die Reformation herborgerufen; aber mit Wehmuth gedachte er auch der blutigen Art und Weiſe, mit grelcher man jetzt die erwor⸗ bene Gluͤckſeligkeit jener ichtrulen Revolution zu vertheidigen ſirebte, unt um das zu bewerkſtelli⸗ gen, ſelbſt glaubensverwandte Bruͤder morden mußte. Aber nicht die Reformation belaſtet der Vorwurf dieſer Schuld! Schwer druckt ſie das Gewiſſen des Paßauer Biſchofs, Epsherzvas Leopold, welcher, wie Tetzel, den Kaiſer Rudolph frei ſprach von dem Fluche des Meineides, daß er ſei⸗ nen eignen, oͤffentlich zu Prag angeſchlagnen, Ma⸗ jeſtät⸗ Brief verhohnend, die Religionverſcherung 5 mit gewaffneter Hand brach, und ein dreißigjah⸗ riges Elend uͤber Deutſchland brachte. 5 Allmaͤhlich nur erheiterte ihn die Milde des ſonnigen Fruͤhlingtages wieder, und theilneh⸗ mend blickte er umber, die Schoͤnheit des Elb⸗ thals bewundernd. Rechts des breiten Stroms, das laͤndliche Pillnitz am Fuße des Borsberges, welcher in ein langes Weingebirge ſich verlor; links die waldigen Dorfbegraͤnzten Hoͤhen, und vor ſich in duftiger Ferne die Thuͤrme Dresdens! Verloren im Anſchanen dieſes Paradieſes ritt er langſam dahin, bis die rauſchenden Wellen der rothen Muͤglitz ihn mahnten, ſein Pferd zu wen⸗ den. Raſch flog er nun am ufer hin, durch das enge Thal, dem Staͤdtchen Dohna zu, deſſen Thurm ihn ſchon von fern her zum Wegweiſer diente; doch als ſeine unkuhig herumſchweifenden Blicke auf das Schloß Gamig trafen, hielt er plötlich an, unverwandten Auges ſolches anſchau⸗ end. Auf einem hohen Bergruͤcken der linken Thalſeite gelegen, und einen weiten Ueberblick der ſchoͤnen Gegend verſprechend, vermochte es wohl die Aufmerkſamkeit eines Fremden zu feſſeln, und das Verlangen zu erregen, ſolchen zu genic⸗ ßen. Auch der Seufzer, welchet Guͤidenßerns 6 Bruſt entquoll, ſchien der leiſe Wunſch einer tie⸗ fen Sehnſucht zu ſeyn, aber die Thraͤne in ſei— nem Auge machte ihn zu einem geheimnißvollen Raͤthſel fur denjenigen, welcher ihn gehoͤrt haͤtte. Ohne Antheil fuͤr die weitere Umgebung, vollen⸗ dete er den noch uͤbrigen kurzen Weg, und ſelbſt beim Einritt in die Stadt vermied er ſichtlich, dem Blick von irgend jemand zu begegnen, als ob er fuͤrchtete, ihn dadurch auf ſich zu lenken. Doch war dieß eine vergebliche Sorge. Auch hier hatten ſeine Landesleute Entſetzen verbreitet, und Jedermann ſloh ſchen aus ſeiner Naͤhe, bis end⸗ lich ſein donnerndes Halt! einen Knaben zum Stehen zwang. „Wem gehoͤrt dieſes Haus?“ fragte er ihn ſanft. „Dem Stadtſchreiler Mauͤller.“ „Halte mir mein Pferd einige Angenblicke, lieber Junge!“ bat Guͤldenſtern, indem er dem Zitternden den Zuͤgel mit einem Geldßtucke reichte, und die Stiege am Hauſe hinaufſprang. Verlegen trat der Beſitzer ihm entgegen, und die von ihrem Spiele aufgeſchreckten Kinder um⸗ faßten, Schutz ſuchend mit furchtſamen Blick auf den Fremden, die Mutter; nur ein Mann blieb —— regunglos in einem großen alterthuͤmlichen Lehn⸗ ſuhle ſitzen, ohne die vor das Geſicht ſhlagnen Haͤnde ſinken zu laſſen; ſeine Stellühh vertieth die hochſte Traurigkeit. Mit einiger Befangenheit begruͤßte Guͤldenſtern die Anweſenden, und zur Entſchuldigung diente ihm die Frage nach dem Weſenſtein; der Wirth beſchrieb ihm ſolchen, und Guͤldenßern vom Scheitel bis ium Fuße mit for⸗ ſchendem Auge meſſend, ſchloß er mit der Frage: „Aber was wollet Ihr dort, mein Herr?1 „Mich durch den Augenſchein uͤberzeugen, nie es da ſteht.“ „D, dann erſpart Euch den Weg! dieſet Mann kommt ſo eben von daher, und kann Euch alles erzaͤhlen.“ „D, thut es ſchnell, lieber Freund!— rief der Hauptmann, ſeine Hand auf des Stum⸗ men Schulter legend:„Vielleicht iſt Eile Noth! „Die groͤßte!“ erwiederte dieſer in heftiger Erbitterung, indem er aufſprang, aber ſogleich wieder das in der Hand ruhende Haupt an den Dfen ſuͤtzte.„Hoffentlich findet Ihr das Thor ſchon offen, aber rettet Ihr nicht ſchnell, ſö bleibt Euch nut ein leeres Neſt, und der Schweiß Eures Roſſes unbezahlt!“ „Meint Ihr ich ſey ein Raͤuber?!/ zuͤrnte Lanhn wendete der Gefragte das Antlitz gegen Guͤldenſtern, und die gefalteten Haͤnde er⸗ hbend, ſprach er milder:„Der Himmel verzeihe mir mein Unrecht— Verzeiht auch Ihr um Eu⸗ res Rockes willen. Wahrlich er hat die Farbe der Engel nicht!— doch wenn Ihr einer waͤret—2 und wenn auch nicht: Ihr koͤnntet einer wer⸗ den! Reitet! um Gottes Barmherzigkeit willen, reitet! und rettet die Habe und das Leben der Ungluͤcklichen, welche dorthin ſich gefluͤchtet!“ „So iſt der Weſenſtein in Gefahr?“ „Vielleicht ſchon erſtuͤrmt. Ich eilte von dort zur Stelle, in der Hoffnung hier eine regu⸗ laͤre ſchwediſche Garniſon und einen menſchlichen Anfuͤhrer zu finden, der mir zu ſeiner Rettung huͤifreiche Hand boͤte, bevor jener zuchtloſe Hau⸗ fen ſeine Wehren braͤche. Vergebens!— Drum fliegt Herr Offizier, ehe Ihr ſtatt des Segens, nur Jammer und Verzweiflung erndet!“ „Nur einen Augenblick der Ruhe,“ erwie⸗ derte Guͤldenſtern, welcher indeß den Lehnſtuhl eingenommen hatte.„Glaubt es; ich bedarf der Srhohlung, und mir iſt wohl, ſehr wohl in die⸗ — ſem bequemen Sitze. Sagt mir, Stadtſchreibet iſt er ſchon lange Euer Eigenthum 6 „So lange als dieſes Haus. gehoörte zum Nachlaß ſeines vorigen Befitzers, des venſio⸗ nirten Obrißtlientenants Wittgen.“ „So iſt er todt?!— Starb vielleicht in die⸗ ſem Seſſel?“ „Herr!“ rief derFluͤchtling:„ Herr! waͤh⸗ rend Ihr laͤßig ruht, und Eurer Neugier froͤhnet, fließt unſchuſdiges Blut! Ich meinte, es ſchluͤge in Eurer Bruſt ein fuͤhlendes Herz, aber wehe! das dem nicht ſo iſt!“ „Ihr habt Euch nicht geirrt,“ entgegnete ihm Guͤldenſtern:„und wohl Euch, daß Ihr nicht wißt, wie ſchmerzlich Ihr dieſes Herz durch Eure Uugerechtigkeit verwundet.— Freund, es iſt etwas ſehr Trauriges um die Erinnerung an die Todten!— und ohne Abſchied das Zimmer verlaſ⸗ ſend, warf er ſich auf ſeinen Rappen, und jagte mit verhaͤngtem Zuͤgel die ſeile Gaſſe hinab, dem Thale zu, welches am ſchnellſten zum Weſenſtein fuͤhrte. Dhne zu ſtraucheln, erreichte das ſichere Thier ſolches, und immer muthiger griff es aus, als ob es fuͤhle, was es gaͤlte; der Schloßberg mit ſeinen Ruinen, die Felſen und Baume ſchie nen belebt und flogen in entgegengeſetzter Rich⸗ tung, Sturme getrieben, an dem Reiter voruͤber, deſſen Locken und Mantel dem Zuge nachſtatterten. Achtlos auf das Wohl ſeines Lieblings, ſtuͤrzte er den ſchaumbedeckten in die Fluthen des angeſchwollnen Fluſſes, durch wel⸗ chen ſich oſt der Weg ſchlangenartig wand, und ſchnaubend, mit aufgeblaſenen Ruͤßtern ſchwamm das brave Thier hindurch, und ſprengte dann weiter, bis ſein Herr endlich das Schloß plötzlich ganz nahe vor ſich ſah. Keines der vielen Thaͤler, welche einſt die von Boͤhmen hereinſtuͤrzende Fluth ausſpuͤhlte, und die, von Mittag nach Norden ſtreichend, ſich gegen das linke Elbufer bis nach Meißen hinab oͤffnen, entbehrt des Reizes einer maleriſchen Na⸗ tür. Keines„unter allen aber bietet einen ſolchen Wechſel der Seene, als das, welches, von Dohna gus, in vielfache Zweige geſpalten, ſich endlich weit hinter dem, in ſeiner furchterlichen Tiefe lie⸗ genden Staͤdtchen Glashuͤtte in das hohere Ge⸗ birge verliert. Der freundliche Anblick ſanfter, fruchttragender Abhaͤnge, wechſelt mit den kteilen. Felſen, welche bald das Schwarz duͤſterer Tannen, und das hellere Grun einzelner Buchen und Ei⸗ chen im bunten Gemiſch, bald dichte Waldungen bekleiden, oder die kahl und drohend wie Geſpen⸗ ſter auf den Wanderer herabſchauen. Aber jede Krämmung des Grundes bietet dieſem eine nenc, uͤberraſchende Anſicht, und irgend einen Fund del ihn erfreut, ſey es nun eine ſeltne Pflanze, vder ein Amethiſt, ein glaͤnzendes Stuͤch Bandagat oder Marmor.— Vitten in einem der groͤßeren Keſſel dieſes ſchönen Thales, liegt das Schloß We⸗ ſenſtein, von der Muͤglitz umfloſſen. Sein Anblick erweckt Erſtaunen und Bewunderung der menſch⸗ lichen Kuͤhnheit, welche mit der Geſchicklichkeit der Schwalben, rings um dieſen kegelförmig ſich erhebenden Felſen eine Wohnung erbaute, deren eine Haͤlfte ſie dem Geſtein durch den Meißel zb⸗ gewinnen mußte, ſo, daß ſolches erſt in der Hoͤhe des Thurmes ſich verliert. Keiner Ringmauer be⸗ noͤthiget zu ihrer Sicherheit, trotzten damals die maͤchtigen Gebaͤude jeder Gewaltthat, geſtuͤtzt auf den unerſteiglichen Fuß, indem ſie zugleich der Warte ſtolzes Haupt in die Luft erhoben, daß es hoch uher die, ſie umgebenden Berge hinaus ſchaue Nur ein Eingang fuhrte zu der Veſte: eine ſchmale Bruͤcke uber die Tiefe, wie man ſie noch jetzt er⸗ blickt, die ſolche mit einer gegenuͤber liegenden Klippe verband, auf welcher die Beſorgniß der Vorzeit einen Thurm zu deren Vertheidigung ge⸗ ſtellt. Lange ſchon hatte Guͤldenſtern ein ßarkes Schießen vernommen, als aber nun das Schloß vor ihm lag, ſah er das Außenwerk in der Ge⸗ walt der ſchwediſchen Nachtuͤgler, und auf der Bruͤcke einige beſchaͤftigt, das innere Thor zu er⸗ brechen. Schuͤſſe fielen von beiden Seiten, dieß unternehmen zu verhindern und zu befoͤrdern. Das letztere gelang: zertruͤmmert ſturzte die Pforte vom Schlage der Axt, und die Sieger durch die⸗ ſelbe in das Aſyl der gefluͤchtgten Landleute. „Halt aus!“ ermunterte Guͤldenſtern ſeinen Rönner— Nur dieß einzigemal noch halt aus!“ und die letzten Kraͤfte des braven Geſchoͤpfs an⸗ ſtrengend, flog er den Huͤgel hinan, und uͤber die Bruͤcke in den Schloßhof. Da ſcholl ihm Weh⸗ klagen aus allen Ecken entgegen, und uͤberall ſah er geſchaͤftige Henker und Raͤuber. „Halt, Ihr Buben!“ herrſchte, faſt athem⸗ los, der Wuthende ſie an.„Frieden gebiete ich im. Nahmen des General⸗Rumormeiſters, Frieden bei Todesſtrafe!“ Wie ein Zauberwort laͤhmte dieſer Ausruf die teufliſche Geſchaͤftigkeit der Pluͤn⸗ 6 2* derer, und ſchen entflohen die ſchon mit Beute Beladenen bei ſolcher B noch Unbereicherten zoͤgerten murrend, fragte ſogar frech: wo denn der Ru Hoͤrſt Du ſeine Trommeln Ferne?“ fragte ihn Guͤldenſtern da „ Nein!“ war die Antwort: Rumor, welchen Ihr macht, ohn ſeyn. Wem die Nacht fehlt, der rede lieber nicht davon— fahrt in Frieden, Herr Hauptmann!“ „Und Du zur Hoͤlle!“ ſchrie dieſer, und mit geſpaltenen Haupte ſank der Unverſchaͤmte zu Boden. Erſchreckt, durch ſolche ſchnele Rechts⸗ pflege, und voll Furcht, daß ihre gewaffnete Macht mit dem Generalgewaltigen, an der Spitze, doch nicht mehr fern ſeyn möge, raͤumten die noch Ue⸗ brigen ſchnell das Schloß, doch nicht ohne noch wegzuſchleppen, was die Eil erlaubte. Einſam ſtand Guͤldenſtern nun auf der Menſchenhaͤnde geebneten Felſenplatte des Hofes, und rief den Verſteckten zu, hervorzukommen und das Thor wieder zu verrammeln. Mißtrauen aber hielt alle zuruͤck. Er loſte daher die Stricke eines Geknebelten, der in der Halle lag, ͤbergab dieſem ſein Pferd„mit der dringenden Vermahnung: es mormeißer ſeh? nicht aus der gegen. „nichts als den e ſein Meiſter zu „durch edrohung. Einige aber der und einer, ja ohne Raſt herumzufuͤhren, und ſtieg dann den felſigen Hohlweg hinauf, der zum hintern Theile des Schloſſes fuͤhrt, als aus dem, in den Stein gehauenen Seitenpfoͤrtchen deſſelben, welches eine Freppe öffnete, die durch den Felſen ſich wand, ein Knabe hervorſturzte, und weinend nach ſeiner Schweſter rief. „Wie heißt Deine Schweſter?“ fragte Guͤl⸗ denſtern, indem er Ihn beruhigend liebkoßte. „Marie“ „Marie Bodelius?“ „ So kennſt Du ſie?— Ach, wenn ſie ſich nur kein Leid gethan! O, komm nur mit! ich weiß ſchon wo ſie iſt.— Marie! Marie!“ rief er mit den herzterſchneidendſten Toͤnen der Angſt, und eilte uͤber den zweiten Hof dem kleinen freien Platze zu, wo der Brunnen ſich durch den Felſen ſenkte. Da der Hauptmann einen Augenblick ſpaͤ⸗ ter als der ihm vorausfliegende Knabe durch die Thuͤre trat, ſah er ihn, wie er den Hals der knie⸗ enden Schweſter feſt umſchlungen hielt, und, als dieſe, bei'm Anblick des Schweden, ſich empor⸗ raffen wollte, mit aller Kraft und den ruͤhrendſten Bitten ſolches zu verhindern ſuchte. 5 „Hilf mir!“ rief er ihm zu:„ehe es z ſpaͤt iſt, ich kann nicht mehr.“ Er kennt Dich, Marie! und iſt ſo gut— mir hat er die Wangen geſtreichelt.— Gewiß der thut Dir nichts. „Gewiß!“ nahm Guͤldenſtern ſeine Aeu⸗ ßerung auf, indem er zugleich des Mädchens Hand faßte, und ſie vom Boden erhob. Aber als ſolches nun vor ihm ſtand, verſagte ihm die Zunge den Dienſt, die Rede fortzuſetzen, und voll Ueberraſchung und Wohlgefallen, betrachtete er die liebliche Erſcheinung. Auf der zauberiſchen Stufe der Entwickelung, wo das Maͤdchen zur Jungfrau gereift, ſich ſelbſt ein Raͤthſel iſt; wo es durch die vermehrte Achtung der Maͤnner, im Gefuͤhle höherer Wuͤrde und der verſtohlnen Ahnung und Sehnſucht nach einer noch unbekannten Selig⸗ keit, und doch noch im vollen Beſitz kindlichen Frohſinns und maͤdchenhafter Schuͤchternheit, in ſo reizender Befangenheit ſich zeigt; ſo ſtand Ma⸗ rie, ein ſchlankes, zartes Weſen, vor ihm da. Ihre ſchoͤne Geſtalt gewann noch durch die eln⸗ ſache Kleidung, und als ſie nun einen Augen⸗ blick das geneigte Haupt erhob, von welchem die langen blonden Locken, das Geſcht halb verſte⸗ ckend, uͤber den gufknospenden Buſelt wallten, und das thränenfeuchte Auge guf ihn tichtete, doch erroͤthend es ſogleich wieder niederſchlug, da faͤhlte auch er ſeine Wangen ergluͤhen, und ſich von ſeltſamer Bloͤdigkeit befangen. Erſt das aͤngſ⸗ liche Beben ihrer Hand mahnte ihn an die Noth⸗ wendigkeit, etwas zur Beruhigung der Zitternden n ſagen. „Fuͤrchte nichts, Marie! die Gefahr iſt vor⸗ uͤber, und ich bin ein Freund Deines Vaters.“ „Meines Vaters?“ fragte ſie ermuthigt: „D, ſagt mir! iſt Er wohl? Iſt das entſetzliche Schickſal der Stadt gnaͤdig an Ihm voruͤbergggan⸗ gen? Wird Er bald bei uns ſeyn? „ Bald, recht bald, hoffe ich,“ antwortete Guͤldenſtern mit ſchmerzlicher Beklommenheit. „Und warum nicht ſchon jetzt?“ „Noch ſind die Straßen nicht ſicher.“ „Ach wie viel Thraͤnen haben wir um Ihn vergoſſen! Selbſt der Schlaf gab mir keinen Troſt, denn fuͤrchterliche Traͤume zeigten mir den theuren Greis in ſteter Gefahr, und als nun geſtern Abend die Nachricht von Pirna's Fall hierher gelangte, da habe ich die ganze Nacht durchweint. Aber nicht wahr, es iſt kein Schade um die Thraͤnen? Er iſt ja wohl! auch haben ſie mir dus Her erleichtert.“ —— „Danke dem Himmel fur dieſe Wohlthat, lie⸗ bes Kind. Leider iſt Dein atmes Geſchlecht nut auf Erden um zu weinen, ſey es nun der Lüſ, oder dem Schmerze!“ Befremdet ſah Marie den Unheilverkundiger 3 an, und im Widerſtreite des Zweifels und Glat⸗ bens verließ ſie, ohne etwas zu erwiedern, deß Brunnen an der Hand deſſelben, da ihr der Muth fehlte, ihm die ihrige zu entziehen. Erſt an der Kirchthur that ſie dieß, indem ſie ſeine Rechte an ihre Lippen druͤckte, und nachdem ſie einige Worte des Dankes fuͤr ihre Rettung geſtammelt, mit der bittenden Frage ſchloß: Db er noch einige Zeit hier verweilen werde?— Er ſicherte ihr ſolches ju da ſein Pferd der Raſt beduͤrfe, und er auch noch fur hinlaͤngliche Sicherheit des Schivſſes ſorgen muͤſſe. Als er ſie berlaſſen, ſah er ſchon die, aus ihrem Schlupfwinkeln hervorgekommenen Bewoh⸗ ner deſſelben beſchaͤftigt, das zertruͤmmerte Thor wiederherzuſtellen, und daß Außenwert der Bruͤcke in wehthaften Stand zu ſetzen. Dieſet Sorge enthoben, dachte er an die Pflege ſeines ange⸗ griffnen Thieres, und ihm ſchmeichelnd den Hals klopfend, ſeitete er ſolches in den wartzen Stall. Nachdem er es des Saumes und Satteis enile⸗ 8 digt, trocknete er ihm mit Stroh das durchnaͤßte Hagr, und bedeckte es dann ſorgfoͤltig mit eini⸗ gen vorgefundnen Decken. Der Knabe, welcher ihm gefolgt war, und großes Behegen an dem ſchonen Thiere fand, war ſchon in die Krippe ge⸗ klettert, und warf ihm Heu in die Raufe, da ſein Herr ihn belehrt hatte, daß es erſt nach vol⸗ liger Abkuͤhlung Hafer erhalten duͤrfe. Als alles dieß vollendet, fragte ihn Heinrich— ſo hieß der zwoͤlfjaͤhrige Bruder Mariens: ob er ihm das Schloß zeigen ſoll?— Guͤldenſtern folgte ihm wil⸗ lig, und ſo dnurchſtrichen ſie die langen Zimmer⸗ reihen, wo erbrochnes und zerbrochnes, koſtliches Hausgeraͤth ein Bild der Verwoͤſtung, welches Heinrich vft zu lautem Scheiten gegen die boͤſen Schweden, und ſeinen Begleiter zu einen weh⸗ muͤthigen Laͤcheln zwang, wenn dann der kleine Erbitterte erſchrack, ihm das geſagt zu haben, und ſich bemuͤhte es durch Schmeichelworte vergeſſen zu mächen. So gelangten ſie endlich auch auf das Chor der Kirche, und als Guͤldenſtern hinab ſchaute, gewahrte er Marien betend auf den Stu⸗ fen des Altares. Etwas unbeſchreiblich Ruͤhrendes lag für Guldenſtern in dieſem Anblicke. Die Gräuel⸗ ſeenen dieſer Tage— ſein eignes Thun dabei: Roch bebte die ſchweigende Saite den letzten Ton des Geſanges nach, und auch er verwehte nun im Hauche des Abendwindes, aber Gͤldeh⸗ ſterns Bruſt fand keinen Laut zum Dollmetſcher ſeiner Empfindungen. Wohl verſtand er die dunkle Meinung des Liedes und ihre Deutung auf Mari⸗ ens Verhaͤngniß, aber was ſie ſo zart nur ahnen ließ, wie haͤtte er das nennen können?— Doch Ihre Jugend, und dieſe Charakterßtaͤrke!— faſt fuͤhlte er ſich verleitet, den herviſchen Entſchluß als eine Folge jenes glaͤnzenden Beiſpiels anzu⸗ ſehen, welches das Landmaͤdchen Marien gege⸗ ben; aber ihre Naturlichkeit, die Einfachheit ih⸗ rer Begriffe widerſprachen dem Verdachte— gewiß! ſie hoͤrte nur die Engelſimme ihres Her⸗ zens, und that dann, was ſie nicht laſſen konn⸗ te, wenn das entſetzliche Geſchick ſie draͤngte, haͤtte ſie auch nie von jener Maͤrthrin gehoͤrt. Er fuhlte lebhaft, daß die widrige Empfindung, wel⸗ che ihn hier ergriff, noch lebendiger bei Marien ſeyn muͤſſe, und daß es gut ſcy, ſie von dem traytigen Drt zu entfernen. Raſch ſchlang er ſei⸗ nen Arm um das holde Kind, und indem er es kauf die Stirne kußte, erhob er die Bewegung⸗ ſe von dem Sitze— da ßel das Sgitenſpiel und dieſe Stimmen des Waldes, kangen ſie heimlicher Freude und ſanfter Trauer, vft p weh als er auf der Höhe ſein Pferd wendete aus ihren Haͤnden, und ein dumpfer, hohler Ton erklang vom Boden. Die Laute war vom Falle geſprungen, und helle Thraͤnen rannen uͤber Mariens bleiche Wangen. Als ob ſie Schutz ſu⸗ che, fluͤchtete die erſchrockene Unſchuld an des Mannes Bruſt, um dem Anblick des finſtern Geiſtes, den ihre Furcht ſie ahnen ließ, zu ent⸗ ſiehen, und eilte dann mit einem ſchmerzlichen Seuſter aus dem verhaͤngnißvollen Bezirk. Laut zog der Sturm durch's Thal, und ſü⸗ ſterte und aͤchzte in den verſchlungenen Zweigen der Baͤume, als Guͤldenſtern auf dem Heimwege den ſicherern Pfad uber den Berg einſchlug. Nur etazelne Silberblicke warf der Mond durch ierriß ne Welken auf die Erde, und dieſer WVechſel von Licht und Schatten that ihm wohl, da er ſeinen Geiſt anſprach, der die Vergangenheit durchflog. Dieſe es Nachtſüͤck, wie ſo ahnlich ſeinem Leben! — nicht wie Geiſterreden verſtorbener Tage, voll in den gellenden Schrei des Schmerzes uͤben e⸗ hend?— Ihm war unnennbar wohl und unnennbah und noch einmgl in das Thal herabblickte; und wie eine troͤßtliche Verheißung zoß das freundliche Bild in ſeine Brußt, als er jetzt das Schloß im hellſten Mondſchein ſo frieblich unter ſich liegen ſah. Einzelne Lichter ethellten die Fenſter, und es daͤuchte ihm, als ſey das von Mariens Zelle geoffnet. Nicht laͤnger mochte er warten— fort mußte er von hier, eh' jene truͤbe Wolke die Landſchaft und ſein Gemuͤth umnachtete, und raſch wandte er das Roß ſeiner Zukunft zu. Im Lager herrſchte reges Leben, als er einritt. Banner, entſchloſſen mit 6000 Mann uͤber die Elbe zu gehen, ließ den Uebergang ſchon in der Nacht beginnen, damit das Geſchuͤtz des Son⸗ nenſteins ihm nicht bedeutenden Schaden zufuͤ⸗ gen könne. Aber doch hatte, trotz des nun ganz bedeckten Himmels, die ſchwache Mondhelle das Unternehmen verrathen, und man ſchoß lebhaft von der Feſtung herab. Guͤldenſtern kam gerade zur rechten Zeit, um einem Verweiſe zu entge⸗ hen, da in dieſem Augenblicke ſein Regiment auf Faͤhren uͤberſetzte. Er war daruͤber in nicht geringer Verlegenheit. Unmoͤglich war es ihm jetzt, dem Vater Mariens den Troſt ſelbſ zu hringen, welchem dieſer ſo ſehnſuchtuvll entgegen hmuchtete, und auch keinem Soldaten onnte er das Geſchſt übertragen, weil jedem der üc⸗ tritt in die Stadt verwehrt war, da der Gene⸗ ral⸗Rumormeiſter, mit welchem er die Plunde⸗ rer nur bedroht, an der Spitze von 20 Trommel⸗ ſchlägern die Straßen durchzog und die Verein⸗ zelten in's Lager unter ihre Fahnen trieb. Der Strang machte ſie folgſam, und durch alle Thore verrann der erſt ſo verheerend eingedrungene Strom. Er wendete ſich daher an einen der ge⸗ fangenen Buͤrger, und verſprach ihm die Freiheit, wenn er den Auftrag uͤbernehmen wolle. „Herr!“ rief ein ſchwediſcher Fußknecht, wel⸗ cher dieß hoͤrte;„dem traut nicht; das iſt ein boͤhmiſcher Exülant, und die haben kein gut Herz fuͤr die arme Stadt, welche ſie als Fluͤchtlinge aufnahm, und ſo viele Jahre beherbergte! nicht einen Arm haben ſie zu ihrer Vertheidigung erho⸗ ben, wenn ſie dieſelbe nicht vielleicht gar veyra⸗ then haben!“ „Woher weißt Du das?“ 3„Ich bin ein Stadtkind, und habe ſonſt dem Apothecker Jacobäer als Knecht gedienh und heute ſein Haus geſchutzt ſo viel ich konnte dieſem habe ich alles erfahren. Gebt mi Aoftrag; ich ſtehe unter Obriſt Patrik Kynemontz und bleibe daher in Garniſon. Das Pfäfflein wird mir ſchon glauben„ da Herr Werner mich ja noch kennt von Alters her.“ „Gut denn!“ erwiederte Guͤldenſtern:„Gruͤße beide herzlich, und tröſte den ſiechen Vatet, ſo viel Du vermagſt. Gebe Gott, daß Du ihn noch lebend findeſt!— Vorwaͤrts!“ rief er nun ſei⸗ nem Geſchwader zu, und mit ihm den Strom üͤberſchiffend und dann weiter gen Stolpen zie⸗ hend, entſchwindet er auch fuͤr geraume Zeit un⸗ ſerem Blicke. 8. So ward zwar die Stadt von dem groͤßten Theile ihrer Eroberer befreiet, doch blieben ſie noch ein volles Jahr im Beſitz derſelben, Unthaten und Erpreſſungen veruͤbend, die dieſem trautigen Zeittaume, fuͤr die ſpaͤte Nachwelt den Namen des pirnaiſchen Elendes hintetließen. Kummer und Mangel erzeugten eine verhee⸗ tende Seuche, und viele von ihr verſchont ge⸗ bliebene Einwohner ſielen durch die Kugeln ihrer Freunde, da der Krieg zwiſchen Stadt und Feſung unaufhörlich fort wuthete. Aber vergebens war der Schweden Streben nach dem Beſitz die⸗ 4 — ſes wichtigen Poſtens, da es der ſaͤchſiſchen Tap⸗ ferkeit wiederholt gelang, ſolchen von Dresden aus zu proviantiren, obgleich der Verſuch fehlſchlug, die Stadt wieder zu erobern. So endlich der Mehrung des Verluſts einiger Tauſend tapferer Krieger muͤde, und gedraͤngt durch wechſelndes Kriegsgluͤck, entſchloß ſich der zuruͤckgekehrte Ban⸗ ner, die Stadt zwar aufzugeben, aber ſie, ein Suͤhnopfer ſeiner Rache, den Flammen zu wei⸗ hen. Umſonſt lag der Rath und die Buͤrgerſchaft zu den Füͤßen ſeines Roſſes, als er hinausritt;“ rauh und ihres Jammers hoͤhnend erwiederte er: „Hat Euer Landesvater ſelbſt Euch mit Feuer⸗ ballen geaͤngſtiget, warum ſoll ich, Euer Feind, nicht thun was ihm misgluͤckte? Hinweg! und er nicht verbrennen will, meide die Stadt!“— Wehllagen erſchollen uberall, und aller Habe bar, verließen die faſt Nackenden nun auch noch das heimathliche Obdach, an welches ſo viele ſchoͤne Erinnerungen ſie feſſelten, und die nun alle untergingen in den Schrecken dieſes furchter⸗ lichen Tages!— Jenſeit der Elbe lagerten ſie ſich auf den Hoͤhen, und ſchauten weinend hinuͤber nach der Stadt, ihre Augen daran zu weiden ſo lange ſie noch ſtand, und dann Zeugen hnz Unterganges zu ſeyn. Doch die Vorſicht wachte, und unter ihren Feinden mußte der Retter dieſer Unglucklichen erſtehen. Dem DPberſt Deſterling war die Volkziehung aufgetragen, welche ſein menſchliches Herz empoͤrte. Verſtohlen fragte er enen Fußknecht, dem auch Guͤldenſtern vertraute, nach einem muthigen und ſichern Buͤrger. Raſch nannte dieſer ſeinen eh⸗ maligen Brodherrn, und auf des edelmuthigen Deſterlings eignem Roſſe, und deſſen Siegel⸗ ring zur Beglaubigung ſeines Rathes an der Hand, eilte der wackere Jacobaͤer durch tauſend Gefahren gen Dresden, und erreichte es gluͤcklich.— Schon glomm der Pechkranz in der Fauſt der Mordbrenner und baͤnglich blickte Deſterling nach ſeinem zögernden Geſandten— da, in dieſem entſcheidenden Augenblicke, ſiel ſolcher ihm um den Hals, in freudigem Entzucken ihn Schutzgeiſt, Freund und Retter nennend, und gab ihm Banners ſchriftlichen Befehl: ohne weitere Unbilt die Stadt zu raͤumen.— Mit ſillem Ingrimm hatte der Feldmarſchall der Churprinzeſſin Fuͤrwort fuͤr die bedrohte Städt geleſen,— Cdenn die verſteckte Drohung, ihre Verwandſchaft geltend in machen, und ihn vor der Koͤnigin von Schwe⸗ 4* . den zur Rechenſchaft zu ziehen, entging ihm nicht) und dann mit ausbrechender Wuth den Apotheker, wegen ſeines frechen Wagniſſes, wie er die wak⸗ kere That nannte, hart angelaſſen,— aber auch in's Unvermeidliche ſich fuͤgend, die rettenden Zeilen niedergeſchrieben. So wurden Heſterling und Jaeobaͤer Schutzgeiſter der Stadt, und ihnen der Dank ihrer Zeitgenoſſen und die Bewunder⸗ ung der Nachwelt. Segen der Aſche dieſer Ed⸗ len, und Unſterblichkeit ihren Nahmen! Jetzt endlich war wieder Sicherheit in der be⸗ freiten Stadt, und Werner hatte Marien und deren Bruder in ſein Haus beſchieden. Thranen hießen ſie willkommen, und die ihrigen floſſen, ein ſchmerzliches Lebewohl, auf den Grabhuͤgel des guten Vaters. Verwaiſt, verarmt ſtanden die Kinder in der ihnen fremden Welt, denn bei ei⸗ nem Gefechte zwiſchen Sachſen und Schweden, in dem Hofe zu Maxen, war wenige Tage vor⸗ her auch ihr kleines Erbe geraubt worden. End⸗ lich machte der im Auguſt 1644 abgeſchloſſene Waffenſtilleſtand zu Koͤtzſchenbroda, einem Dorfe pei Dresden, der Feindſeligkeit ein Ende, und ſeine Dauer bis zum allgemeinen Friedenſchluſſe mu NRuͤnſter gewäͤhrte Sachſen die lang entbehrte Ruhe.— umſonſt waren jetzt die Bitten Wer⸗ ners, daß Marie ein Mitglied ſeiner Familie bleiben möge. So gern ſie in der Naͤhe von ihres Vaters Ruheſtatte gelebt haͤtte, auf dem Grabe der Mutter ſproßten mildere Erinnerungen, ſchoͤ⸗ nere Blumen, und eine unwiderſtehliche Sehn⸗ ſucht zog ſie dahin. Dort wollte ſie Kraͤnze flech⸗ ten fuͤr die ſeltnen Stunden ihrer wehmuͤthigen Freude— hier hatte ſie nur Cypreſſen, Rosma⸗ rin und Evheu auf den Huͤgel gepflanzt— das Grab der Mutter war viel freundlicher!— Es war ein ſchwuͤler Tag, als die Geſchwi⸗ ſer die Heimkehr unternahmen, und Marie fuͤhlte ſich wunderbar bewegt, da ſie den Weſenſtein vor ſich ſah. Sie konnte nicht anders, ſie mußte hinauf! Aber tiefſinnig blieb ſie auf der Terraſſe ſehen— nein, keinen Schritt weiter!— Dort, weiter hin, lag der Brunnen, der faſt das Grab ihres Lebens geworden.— Daß er das ihrer Ruhe war, ahnete die Unſchuldige nur dun⸗ kel; aber der Frieden wohnte da nicht, das em⸗ pfand ſie klar. Fuͤnf Jahre alter fuͤhlte ſich Ma⸗ rie, und war nun eine vollendete, herrliche Jung⸗ ſrau. Ale Worte des Schweben lebten nun wie⸗ der in ihrem Gedächtniſſe auf ₰ es waten die⸗ — 54— ſelben, doch wie ſo ganz anders klangen ſie in ihrem Herzen wieder! Mit heißem Verlangen er⸗ lauſchte ſie ſeine Rede; mit Huld und Zaͤrt⸗ lichkeit hing ihr Blick an ſeinem Bilde, und vlotzlich fuhr ſie in ſußer Selbſtvergeſſenheit mit der kleinen Hand nach ihrer Stirn, den brennen⸗ den Kuß zu verwiſchen— aber da ſchnitt ihr der klagende Ton des brechenden Saitenſpiels durch's Herz— und ſie weinte laut. Ach! ſein erſter Kuß hatte ja damals alle ihre Freuden vernichtet, und er ihr keinen Erſat dafur zuruͤck gelaſſen, als das traurige Andenken dieſes Verluſtes. Nur ein leiſer, linder Hauch des Schmerzes hatte in je⸗ nem Augenblick ihr warmes Herz erkaltet, jetzt fuhlte ſie es erſtarren, und begriff ſchmerzlich die Wahrheit ſeiner prophetiſchen Worte:„Leider lebt Dein armes Geſchlecht nur auf Erden, um zu weinen!“— So oft hatte ſie in dieſer langen Zeit ſeiner gedacht, mit ſanftem Wohlwollen und dankbarer Sehnſucht, und was fuͤr ein fremdes Gewand lieh nun dieſer Ort jener Begebenheit, und welche verſchiedene Empfindung erweckte die ihr ſo lieb gewordene Erinnerung?— Aufgewäch⸗ ſen unter den Augen frommer Eltern, ward ihr ſüb der Glanbe an eine waltende Vorſehung in * die Seele gepflanzt; aber die herben Erfahrungen der juͤngſten Zeit hatten, in Verbindung mit reizbaren Nerven und einer lebendigen Phantaſie, in ihrem ſonſt ſo fröhlichen Weſen die Wehmuth vorherrſchend, und dadurch ihr Gemuͤth empfaͤng⸗ lich gemacht, zufaͤlligen Ereigniſſen eine ahnung⸗ volle Deutung zu geben. Zitternd daͤmmerte der Harm in ihrer Bruſt auf, und drohte dereinſt durch ſeine Gluth alle die Bluͤthen zu verſengen, welche Glaube, Hoffnung und Zufriedenheit darin gepflanzt und gepflegt hatten! So verließ ſie das Schloß, nachdem ſie es kaum betreten, und unbeachtet blieb Heinrichs Luſt, mit welcher er der Heimath entgegen eilte; ſiumm folgte Marie ſehnen muntern Sprungen. Erſt als der ſteilwerdende Pfad es nothwendig machte, ward ſie aufmerkſamer auf die umgebun⸗ gen. Ein ſeltſames Gefuhl bemaͤchtigte ſich ihrer, als ſie uͤber die Scherben eines Schieferbruches ſchritt. Kein Ton des Lebens in dieſer menſchen⸗ leeren Dede! Rur das Brauſen der ſchaͤumenden Nuͤglitz rauſchte zu ihr empor, und immer ſchma⸗ ler und gefaͤhrlicher wand ſich der Fußſteig ju ihrer Rechten an dem ſteilen Abhange hin, deſſen Fuß der Strom beſpuhlte; und links die ſchroſſe Höhe, uͤber deren Scheitel drohend finſtre Wolken ſchwebten, deren Donner jetzt dumpf durch das Thal rollte. Verlaſſen, geaͤngſtigt ſtand ſie hier, wie im Leben, und ein nie empfundenes Grauen befluͤgelte ihren Gang, bis ſie endlich Schutz und Ruhe in der nahen Muͤhle fand.— Schon fie⸗ len einzelne große Tropfen aus dem uber ihrem Haupte ſtehenden Gewitter, als ſie nun durch das kleine Fenſter aufblickte zu dem ſchwarzen Gewoͤlke, das ein grauer Rand umſaͤumte, den der Sturm bald hier bald dort zerriß, phantaſtiſche Geſtalten bildend. Die Blendung der Blitze ſcheuchte ihr Auge nicht davon zuruͤck; das wilde unſtäͤte Spiel des toͤdtlichen Strahls unterhielt ihren Geiſt leb⸗ haft. War er dem blinden Zufalle dahin gegeben, oder lag ſeine Zeit in der Hand der Almacht?— Ihr frommer Glaube bejahte das letztere, und ohne Furcht daher erheiterten ſie die furchterlichen Donnerſchläge, welche vielfach in dem Gehirge wie⸗ derhallten. Je ßuͤrmiſcher von außen, um ſo rubiger war es in ihrem Innernz und als ſie nun wieder in's Freie trat, war ihr unſaglich wohl. Ledig der laſtenden, beaͤngſtigenden Schwere, welche vorher die Bruſt zuſammengepreßt, ſog ße nun, leicht und voll Entzuͤcken, die erfriſchte Luft ein⸗ Ein reiner Himmel uͤberwoͤlbte das ſonnige Thal, auf deſſen ſchwankenden Halmen glaͤnzende Tro⸗ pfen zitterten; und zwitſchernd ſchyſſen die Schwal⸗ ben froh in der Luft durch einander, welche erſt bangend uͤber dem Waſſerſpiegel ſchwebten. Nicht achtete die Erheiterte der Naͤſſe, welche ihre Fuße kuͤhlte; laͤchelnd ſchritt ſie die Wieſen entlang durch das immer mehr erweiterte Thal, und mit heißem Verlangen ſtieg ſie bei Muͤhlbach den ßei⸗ Jen Pfad hinauf, um bald die liebe Heimath zu erblicken. Doch als Marie nun die Hoͤhe gewon⸗ nen, da wandte ſie noch einmal den Blick der reüenden Tiefe zu, welche unter ihr im Schmucke des menſchlichen Fleißes rings um die traulichen Hütten prangte. Wie ein Meer wallten und wog⸗ ten hier die goldnen Saaten im Hauche der Luft, welcher dort in der Ferne die Wipfel der Tannen⸗ waldung bewegte, die wie ein dichter Schleier, der von des Geiſings hohem Haupte herabfloß, den Bergſtrom und des Thales Fortgang verhuͤllte „Jobſt! Jobſt!“ ſchrie Heinrich dem erſten, glten Bekannten jetzt entgegen, und ſchon bing et am Halſe des greiſen Verwalters, der die ſuͤße Gewohnheit, den Knaben zu haͤtſcheln, noch nicht Kerlernt hatte. „Heinrich! Mariechen!“ rief er voll Freude —„Mariechen! liebes Kind, wie biſt Du groß und ſchoͤn geworden!— Abei ach! Dein armer Vater— na! wir wollen nicht daran denken— Herzens Kinder! was wird die gnaͤdige Herrſchaft ſich freuen!“— „Wie geht es ihnen Jobſt? D ſage mir ſchnell wie ßie ſich befinden?“ fragte haſtig Marie. „Finden?“ erwiederte bedenklich der Alte— „„Finden wirſt Du nichts; das haben alles die Schweden genommen.“ Der gute Mann wußte nicht, wie wehe er Marien durch ſeine Taubheit that, welcher zu ge⸗ denken ſie in der Freude vergeſſen hatte, und ſo fuhr er fort, ihr alle die erlittenen Schreckniſſe zu erzaͤhlen. Er war nicht von dem Gute gewichen, und war die Gefahr groß, dann hatte er ſich in die Höhlen der Kalkbruͤche geflͤchtet. Sein Herr, Abraham von Schoͤnberg aber, hatte mit ſeiner Gattin Zuflucht bei ſeinem Bruder, dem Juſtizrathe zu Dresden geſucht, und war nur vor wenig Da⸗ gen erſt zuruͤck gekehrt. Mit offnen Armen em⸗ vfingen dieſe Edlen ſie, und ihr Haus ward fort⸗ an der Aufenthalt der obdachloſen Waiſen Marie war auf der Brandſtaͤtte des vaterli⸗ chen Hauſes geweſen, und hatte am Grabe der Mutter gebetet. Sie hatte ſich ausgeweint, und die Guͤte ihrer Pfleger, wie die Zeit, riefen den Frieden in ihre Bruſt zuruͤck. Sorgſam ſtand ſie dem Hausweſen, und der Pflege des Bruders vor, und theilte ſo das rege Thun und Treiben Abrahams, mit gleich wohlthaͤtigem Erfolge; denn ſchon vergaß dieſer den Verluſt, in ſuͤßer Hoff⸗ nung kuͤnftigen Segens, und bei dem Hervor⸗ rufen neuer Gebaͤude aus dem Schutte der ver⸗ ſunkenen. Bald erſtiegen ſie herrlicher als vorher, doch allen voraus erhob ſich die Scheuer, unter den fleißigen Haͤnden der Werkleute. Hoch prangte auf ihrem Gipfel die grune Tanne, im Schinucke freundlicher Geber, und luſtig wehten die Vänder derſelben um das Haupt des Altg geſelen, der ber dem Bau ſeinen zuͤnftigen Seh ſeach, als unter Jubel und Geſang nun Erndte⸗ wagen von den duͤrftig beßellten Feſt 5 in das Thor des noch unbedeckten Gebaͤudes einſog. „Kuͤnftiges Jahr wird das ſchon beſſer ſeyn!“ rief Abraham.„Die Felder ſind heuer nur mit Wlut geduͤngt worden; jetzt ruht das Schwert in der Scheide und der Pflug kommt an die Reihe.“ —— — —— Ein frohliches Feſt, nach langer, trauriger Ent⸗ behrung, ſchloß den geſegneten Tag. Auch Marie nahm herzlichen Antheil daran. Aber ſie war nicht mehr das fröhliche, ſchertende Kind. Die Begegniſſe der juͤngſten Jahre und der Zweifel in ihrem Buſen, hatten ihrer Freude einen ſchwer⸗ muͤthigen Anſtrich gegeben. Wo ſie bei andern laut ward, da verſchoͤnte nur ein ſanftes Laͤcheln ihre wehmuͤthigen Zuͤge, und kein ausgelaßner Scherz entfloh ihren Livpen; nur milder noch ward die lebendige Rede. Wenn aber irgend etwas Er⸗ habenes, Ruͤhrendes ſie ergriff, dann war ſie wie⸗ der ganz die Alte, und der ſchoͤnen Regung wil⸗ lenlos ſich hingebend, ſprach ſie nun in hoher Begeiſterung, die in ihrem Auge wiederglanzte, und die demuͤthige Geſtalt erhob. Richt ohne Theilnahme bemerkte dieß Cas⸗ par, der Sohn des Hauſes, welcher der Spielge⸗ fährte ihrer Kindheit war. Lange hatte er das Maͤdchen nicht geſehen, ſchon ihr Anblick hatte ihn daher überraſcht, und alles was ſi ſprach und that, erhöhte den vortheilhaften Eindruck ihres erſten Erſcheinens. Er war Soldat, und eine blutige Reihe von Kriegsjahren hatte ihn de Sanſtheit faſt entwöhnt; ſo mußte der Eindrüch — 61— um ſo groͤßer werden, welchen Marie auf ihn machte, da es das erſte Weſen ihres Geſchlechts war, welchem er ſo nahe ſtand. Dieſe Wirkung wuͤrde ſelbſt dann nicht ausgeblieben ſeyn, wenn er ſie auch, der laͤndlichen Einſamkeit entruckt, an der Seite andrer Maͤdchen, ſelbſt von hoͤherer Schoͤnheit, gefunden haͤtte, da ein milder Sinn, wenn ſchon durch rauhe Gewohnheit ſich felbſt ent⸗ fremdet, doch von einem verwandten Anklange ge⸗ weckt, ſich immer ſchnell wieder findet. Bald knuͤpfte er das trauliche Verhaͤltniß der Fugend auf's neue an, und ſeine Zuneigung that ihr wohl, ohne jedoch ſich ſolcher veroflichtet zu fuhlen. Das zarte Geheimniß der Liebe war, ſeit jenem Beſuche auf dem Weſenſtein in ihrem Herzen laut geworden, und fliterte nun, lieb und lind, die verſchwiegene Lrauer deſſelben in ſüße Traͤume ein Sie war nicht ungluͤcklich dadurch; gern hing ſie ſolchem Spiele ihrer Einbildung nach, und dieſer leiſe Harm ſeliger Erinnerungen war der Verarmten einziger Reichthum. Doch gah ſie ſich auch nicht trůgeriſcher Hoffnung hin, alles lag j in der Hand der himmliſchen Vorſicht; mit an⸗ ſpruchloſer Entſagung begehrte ſie nichts weiteres von der Zukunſt, doch die Liebe kann nicht eben —— — 62— ohne tnn und ſo trug ihre Unſchuld die Neigung gegen Guͤldenſtern auf die ganze Menſch⸗ heit uͤber, und ward zur Troſtung und Wohlthaͤ⸗ tigkeit. Sie ſelbſt weinte zwar nicht mehr, aber jede fremde Thraͤne verſuchte ſie zu trocknen, und in den Huͤtten der Armuth tonte ihr immer der Willkommen eines Engels. So ſchritt ſie eines Tages durch die waldige Schlucht, in das Thal von Lungwitz herab, um ung zu bringen. Sie dachte nichts als die Freude, welche ſie ihr dadurch machen wuͤrde, und eilte, um ihr dieſelbe nur recht bald zu gewaͤhren, acht⸗ Weges unter einer Eiche am Bache ſaß. Doch als er jetzt raſch ſich erhob, lenkte ſie den Blick auf ihn hin— und alle ihre Pulſe ßockten.— Das iſt der Schwede! rief ihr Herz; aber eine un⸗ ſichtbare K Kraft trieb ſie von dannen, und wie ein geſchrecktes Reh floh ſie der noch weit ent⸗ ihm zuruͤck— und noch ſtand er auf derſelben — Verfolgung zu erheben. Sie wußte ih einer kranken Mutter, im Drte K Kreiſcha, eine La⸗ fernten Hütte zu. Erſ als ein dichtes Haſelge⸗ buͤſch ſie umfing, blickte die Verſchuchterte nach Stelle mit verſchraͤnkten Armen, ohne einen Fuß ———— — los an dem Manne voruͤber, welcher abſeit des 3 das Dank, und doch fuͤhlte ſie ein leichtes Auf⸗ wallen, von Mißbehagen daruͤber— ja! ſich faſt verſucht zu zuͤrnen.— Aber war er es auch? fragte ſie ſich ſelbſt, um mit dieſer widerſprechenden Em⸗ pfindung auf's Reine zu kommen. Die Jaͤgertracht, und der große Hund an ſeiner Seite, machten es zweifelhaft, und mußte ſie ſich dann nicht Gluͤck wuͤnſchen zu ſeiner Beſcheidenheit?— Doch dieſe Zuͤge, und die Narbe des Geſichts?— Aber auch ſie waren keine ſichern Zeichen, denn wie man⸗ chem ſchlug wahrſcheinlich der lange Krieg ſolche Wunden, und wie fluͤchtig nur hatte ihn Marie angeſehen! Wenn er es war, wie haͤtte er es un⸗ terlaſſen köͤnnen, ſie anzureden?— Daß ſie ihm fremd geworden ſeyn konne durch ihre Vollen⸗ dung, ſiel ihr nicht eine zu glauben, und ſo gern ſie die froͤhliche Tauſchung ſich erhalten haͤtte, doch mußte ſie endlich dem Zweifel Raum geben. „Nein er war es nicht!“ ſeutzte das Maͤd⸗ chen laut, als es in die Huͤtte trat, und die Frage der Kranken:„Wer denn, Mariechen 2 brachte ſie in unbeſchreibliche Verwirrung. Es war ihr unmoglich, ſch ſolcher zu entwinden. Haßig entledigte ſie ſich ihrer Gaben, beantwor⸗ tete der Leidenden Dank und Klagen nur halb, und, als fuͤrchte ſie den Verrath ihrer Thorheit durch ſolche Zerſtreuung, eilte ſie wieder hinweg, und verſprach, bald wieder zu kommen, und dann dafuͤr um ſo länger zu vetweilen. Sie wählte zur Heimkehr einen andern Weg, um dem Manne, welcher ihr ſo viel Unruhe machte, ja nicht wie⸗ der zu begegnen, doch als ſie nun das Doͤrſchen Seida auf der Hoͤhe erreicht, da konnte ſie es ſich doch nicht verſagen, die Stelle aufzuſuchen, wo ſie ihn gefunden. Ganz deutlich ſah ſie den Baum— ihn aber nirgend! und ſo ſehr ſie es vorher gefuͤrchtet hatte, ihn zu erblicken, ſo un⸗ angenehm war ihr nun die Erfullung ihres Wun⸗ ſches. Gar zu gern haͤtte Marie Licht gehabt in dieſer Dunkelheit, und tauſend Vorwuͤrfe machte ihr aufgeregtes Herz der bloͤden Furcht, welche ihr abgerathen, den erſten Weg zu gehen.„Viel⸗ leicht begegnete ich ihm wieder—“ ſprach ſie zu ſich ſelbſt—:„und wie konnte mich das aͤngſti⸗ gen? Hat er mir denn ein Leid gethan? Nicht einmal durch einen Gruß hat er mich erſchreckt. Necht dreiſt haͤtte ich ihn anſehen ſollen, und wuͤte nun des albernen Zweifels ledig. Aber wenn er es nun wirklich war, und ließ mich wieder unbegrüßt vorubet gehen?— Nein, nein! es it 8 ſo beſſer!“ rief ſie laut. anreden duͤrfen, und Scham und Kumnet wür⸗ den mich auf der Stelle getödtet haben unbe⸗ ruhigt durch dieß Selbſtgeſpraͤch, verwickelte ſie ſich nur immer tiefer in das Labyrinth der Furcht und des Verlangens, und dieſer Zwieſpalt, ſo na⸗ tuͤrlich in einer unerfahrnen, lieberfullten Bruß, machte ſie der gewoͤhnlichſten Verrichtungen des Lebens bergeſſen. Was ſie der Kranken zu verber⸗ gen, ſo ſorgfältig bemuͤht geweſen, entging daher der Frau von Schoͤnberg nicht, ohne jedoch den Grund von Mariens Verlegenheit zu errathen. „Dir fehlt etwas, liebes Kind!““ ſprach ſie um Abende zu Ihr:„ Iſt die arme Marthe kraͤn⸗ ker geworden?“ Marie, bieher unfaͤhig eine Unwahrheit ſagen, umging ihre Wahrheitliebe durch einbe⸗ jahende Bewegung ihres Kövſchens. So yinte ſie doch keine Luͤge ausgeſprochen zu haben und zugleich fernern Forſchungen ausgewichen zrſeyn. Aber die Strafe folgt oft der kleinſten Syde auf dem Fuße! „So werde ich Dich morgen zu hr beglei⸗ ten. Vielleicht iß es Hürfe für ze Leidende, und wenigſtens iſt es fuͤr Dich einLroſt!““ fuhr 5 „Ich hätte ihn nicht — 66— die wuͤrdige Frau fort, zum nicht geringen Schreck der armen Marie. Wenn ſie nun mit ging/ und den Jaͤger dort fand?— Sie wußte ſelbſt nicht, wie ihr das ein⸗ ſiel— aber es ſchien ihr ſo moͤglich! und das Denkbare dieſer entſetzlichen Verlegenheit jagte eine Eiskaͤlte durch alle ihre Adern. Zum er⸗ ſtenmal hatte ſie der muͤtterlichen Freundin etwas verhehlt und ob ſie wohl deutlich empfand, daß ſie es ihr nicht hatte ſagen können, ſo fuhlte ſie doch auch die Schuld dieſer Verheimlichung zu ernſt, als daß ſie nicht deren Entdeckung hätte fürchten müſſen. Der Weg iſt ſo weit liebe Mutter!“ er⸗ iebette ſe envlch keinlaut, und ohne das ohe von 2 ter Arbeit zu erheben. „Meinſt Du⸗ das wahre Ritleiden ſcheue vidigteit Marie Ich hoffe, Du denkſt nic ſo übel von mir, daß eine Gutthat mich nicht einig Anſtrengung koſten duͤrfe? und dieſe iſt ſo klein daß Deine Sorge mich zum Laͤcheln zwingt⸗ Die Eahruns nird dieß lehren, ich gehe mit Dir!/ Faden riß, die Spindel ſiel zur Erde, und Nu böäte ſich haſig danach, um ihr Er⸗ röthen zu vbergen. Doch war der rettende Auf⸗ ſchub nur von kurzer Dauer, und eine Antwort. unerlaßlich. „Kraͤnker iſt Sie eigentlich wohl nicht,“ beugte Marie vor:„aber Ihr Leiden hat mich ſehr verſtimmt., „ Das bemerke ich. Du biſt ſo wunderbar— biſt aufgereizt, denn Du gluͤhſt und biſt gewiß ſelbſt unwohl.“ „Nur eine Wallung!, ſtotterte ſie in hochſter Bangigkeit, und in ingſlichem Gefuͤhle der un⸗ fähigkeit, noch ein Wort auszuſprechen, eilte ſie aus dem Zimmer, um jede weite Eroͤrterung zu vermeiden. Betroffen ſaß die Frau vom Hauſe ihr nach. So hatte ſie das Maͤdchen noch nicht geſeh'n! Wohl fiel ihr das räthſelhafte Weſen deſſelben auf, doch vertraute ſie Marien's Güte und hund, und da ſie ſolche recht herzlich liebte, ließ ſie die⸗ ſelbe am nächſten Tage nach Kreiſcha gehen, ohne ihrer Begleitung weiter zu ewaͤhnen; daß aber auch Marie ſie nicht daran mahnte, erregte ihre Aufmerkſamkeit nur noch mehr. Die Bedauernswuͤrdige hatte wenig, faſt gar nicht geſchlafen, und in ihrem Köpfchen ſah es noch ſo wirr aus als geſtern: ſie nußte nicht 5* was ſie haͤtte thun ſollen! Mit ihrem Herzen war ſie ſchon mehr in's Reine; war er es wirklich, und redete er ſie an— ſi fuhlte, wie ſehr ſie ſich darüber freuen koͤnnte!— doch ſcheu bebte ihr Fuß zuruͤck, ſo oft ein Blatt rauſchte— aber hinter keinem Gebuſch trat er hervor! Phne Auf⸗ enthalt erreichte ſie die Huͤtte.— Marthe ſchien heitrer als gewöhnlich. Sie richtete ſich im Bette auf, und reichte Marien die Hand zum Willkom⸗ mit einem ſchalkhaften, liſtigen Blicke. ,„Er war es doch wohl, liebes Mariechen? 4 ſagte ſie, und man ſah es der Frau an, daß ein laͤngeres Schweigen ihr das Herz abgedruͤckt haͤtte. „Ich weiß nicht was Du willſt,“ antwor⸗ tete ihr dieſe, und ihr Herz klopfte hoͤrbar— „Wer denn?“ „Wr, welcher es geſtern nicht ſeyn ſollte.“ „Wie Du auch wunderbar ſprichſt!“ erwie⸗ derte Marie mit krauſer Stirn, aber ihre Stimme ſank, als ſie nun hinzufuͤgte:„Wirklich! ich ver⸗ ſtehe nicht, was Du meinſt.“ Das war nun die zweite Unwahrheit in zwei Pagen! Der Reinen ward bange um die Zukunft; denn wenn das ſo fort ging, nem komte ſe dann noch in's Auge ſehn? „Ich hörte wohl, was Ihr ſo verſtohlen fuͤr Euch hinmurmeltet, als Ihr geſtern hier ein tratet; und kaum waret Ihr fort, ſo wußte ich es auch ju deuten. Ach, iſt das ein licher, güter Herr!“ „Ich bitte Dich, ſey ſill! ſonſt muß ich gehen. Was kuͤmmert mich Dein Herr! „Das weiß ich nicht; aber um ſo mehr kuͤm⸗ mert er ſich um Euch!““ Marie mußte ſchweigen, denn auch die 8 ſte Luge hatte ihr die Angſ erpreßt, und ſprach ſe weiter, ſo durſte das Dutzend bald voll werden. Ungeſtoͤrt fuhr daher die redſelige Marthe in ihrer Erzählung fort, und ſie war fuͤr Marien nicht verlohren. „Seht, kaum hattet Ihr mich verlaſſen,“ ſprach ſie weiter:„ ſo trat der ſchmucke Herr her⸗ ein. Er ſah zwar nur aus wie ein Falkner, aber es war ganz gewiß ein Edelmann! Ein Prinz konnte er ſeyn, ſo ſtolz hielt er ſich; aber wenn er ſprach, da war er ſanft wie ein Kind. Er nannte mich,„Liebes Mutterchen!— denkt's Euch nurt mich arme, ſeinftemde Frau? und dabei druͤckte er mir die Hands und als er ging, da druͤckte er ſogar etwas hinein. — 70— „ Nun, 6 iſt recht gut, daß er ging,“ ſagte Marie, um doch etwas zu reden. „Mag er nur bald wieder kommen!“ froh⸗ lockte die Alte:„Da ſchaut nur! Eine ganze Hand voll Schwedengroſchen!“ „Da werde ich Dir bald uͤberfluͤſſig werden, Marthe, wenn Du ſo reich wirſt!“ „Gott bewahre! nein, Mariechen, freue ich mich um ſeines Kommens willen, ſo geſchieht das Euch zur Liebe als meinetwegen. Er hat Euch gefragt.“ „Nach mir? Ich habe ihn ja kun geſehen.“ „Das ſagt er Vielleicht haͤtte er ſich gar nicht nach Euch erkundigt, denn als er kam⸗ wußte er ſelbſt nicht was er ſagen ſollte; aber ich ufte wohl noch, was Ihr ſo leiſe hier geſpro⸗ hen, und ſo fragt' ich ihn denn gleich:„Ihr ſucht wohl Jungfer Mariechen?“ „ Marie heißt ſie? Marie?“““ ſchrie er mich an. Das bejahte ich nun freilich, und er⸗ zählte ihm nun alles was er fragte, und nicht fragte— kurz alles was ich wußte. Wer Ihr wäret, wo Ihr wohntet, wie gut und lieb Ihr daͤchtet— mit einem Worte, daß kein Engel beſſer ſeyn konne als Ihr. „D, ſtill doch Marthe! wie haſt Du ſo et⸗ was ſagen koͤnnen?“ „Ach, er ſchien das allce ſchon zu wiſſen, und beſſer als ich, denn er laͤchelte recht wohlgefaͤllig dazu.““ „„Aber ſchwerlich wird er etwas dazu geſagt haben, was Deine Meinung rechtfertiget!“ ent⸗ segnete Marie nicht ohne Liſt. Sie erſchrack zwar daruͤber, denn immer mehr ſah ſie ſich verſtrickr in das Netz der Falſchheit; ſchon geſellte ſich zur Luge die lauſchende Verſtellung— aber des Wop⸗ tes Schlinge war einmal geworfen, und die ge⸗ ſchwaͤtzige Alte ſiel richtig hinein. „Viel, recht viel!0— platzte ſie heraus: Er fand des Lobens kein Ende, und einmal um das andere ſagte er dazwiſchen:„ Und wie ſchoͤn ſie iſt!/ Ja, glaubt es mir! ich irre nicht— einmal ſagte er ſogar:„„D, ſie iſt noch viel ſchoͤner worden! Wollt Ihr nun noch in Ab⸗ rede ſeyn, daß er Euch kenne?“ „Sagte er das, Marthe? Um Gotteswillen, ſagte er das?. „Freilich!— Aber Ihr ſeyd außer Euch „Weißt Du, wo er iſt?““ „In der Teufelsmuͤhle. Geſtern gab er mir das Geld, und des Mitleides und Troſtes viel mehr an Werth als ſolches. Ich mußte weinen, als er ging. Heute ſendete er mir durch den Muͤller dieſe warme Decke; und den habe ich ausgefragt, da erfuhr ich, daß er bei ihm wohne, und—“ „Und was ſagte der Muͤller von ihm?“ „Ja, wenn der haͤtte ſo viel antworten koͤn⸗ nen, als ich ihn fragte, da haͤtte ich vieles er⸗ fahren! So aber wußte er ſelbſt blutwenig. Manches Mal liegt der Fremde Stunden lang auf dem Ruͤcken, und ſchaut gen Himmel, ohne ſich zu wenden oder zu ruͤhren. Der Muͤller hat ihn ein Mal darum gefragt, da hat er geantwortet: er ſahe die Wolken ziehen; das waͤren liebe Bo⸗ ten, die ihm Gruͤſſe braͤchten, und vft die Seini⸗ ged wieder in weite Ferne hinwegtruͤgen. Ich verſtehe das aber nicht, und der Muͤller eben ſo wenig. Im Stuͤbchen bleibt er ſelten, und ge⸗ rade, wenn das Unwetter anderen Chriſtenmen⸗ ſchen es recht behaglich macht, da laͤuft er hinaus, als ob es ihm unheimlich darin wuͤrde, und ſetzt ſich ganz ſtill hin auf eine Berghoͤhe, und ſchaut nun decht fröhlich in den Sturm hinein. Ueber⸗ ——— —— haupt tteckt er faß Tag und Nacht im Walde. Der Muͤller meinte: die Einſamkeit moͤge dem un⸗ ruhigen Kopfe wohl manch' Mal ein wenig Lang⸗ weile machen.“ „ Aber wer iſt er denn? fragte Marie auf's Aeußerſte geſpannt. „Ja, wer das errathen koͤnnte! Das weiß niemand, und kennen will ihn auch Keiner.“ „Weiß Dein Sohn den Weg zur Leufels⸗ muͤhle, Marthe?— Gut denn! ſo mag er mich dahin fuͤhren— Doch ſchweigſt Du davon!“ und ohne einen Grund fur dieſen Entſchluß anzu⸗ geben, verließ Marie die Erſtaunte an der Hand ihres kleinen Fuͤhrers, und ohne den kleinſten Wortwechſel mit ſich ſelbſt, verfolgte ſie den Weg zur Erreichung ihres Sieles. Sie mußte wiſſen, ob er es ſey! Sie mußte ihn ſehen! Das war die einzige klare Idee, deren ße ſich bewußt war. — Schon lag Lungwitz ihr im Ruͤcken, und ſie ging dem Bach entgegen in das liebliche Thal hinein, welches ſich am Fuße des hohen Wiliſch hinzieht, aber ſie hatte keine Augen fuͤr deſſen Schoͤnheiten; die friſchen, blumenteichen Mat⸗ ten, durch welche ſich der rieſelnde Bach wie ein Silberfaden wand, welcher ſich balh hier unter den hreiten Blättern uͤppiger Waſſerpflanten verſteckte, bald dort wieder im Wiederſcheine der Sonne er⸗ glaͤnzte— die waldumkraͤnzten Hoͤhen, auf denen das blaue, durchſichtige Gewölbe des Himmels iu ruhen ſchien— nichts von allem dieſen war fur die Eilige da!— Erſt als ihr Fuͤhrer ihr zu⸗ rief: daß dort die Teufelsmuͤhle liege! erſt da war die Außenwelt wieder fuͤr Marien vorhanden. Mit Schrecken fiel ihr der Gedanke auf's Herz: daß er ihr hier begegnen könne— hier, wo kein anderer Pfad war, als der, welcher zu ſeiner Wohnung fuͤhrte! Was ſollte er denken, wenn er ihr begegnete? was ſie ihm antworten, wenn er fragte?— Und uͤberhaupt, was trieb ſie dazu, ſich dieſer Verlegenheit auszuſetzen? War es nicht auf's Hoͤchſte wahrſcheinlich, daß es Guͤldenſtern wirklich ſey? Seine eignen Worte hatten dieß 4 ja deutlich verrathen!— Ja, wahrſcheiniich wa es wohl— aber eben dieſen Zweiſel ertrug ſie nicht laͤnger; Gewißheit mußte ſie haben! und mehr noch als dieß Verlangen, zog des Herzens machtiger Wunſch ſie dabin. Wie hatte ſe ſich immer geſehnt, ihn nur noch einmal zu ſehen, und nun ſollte ſie ſich dieſe Freude verſagen, die einmal vorhanden, dann vielleicht auf ewig ent⸗ ———,— floh? aber freilich wiſſen durfte er das nicht! und ſo ſchickte ſie den Knaben zuruͤck, und bog raſch in das dichte Gehuſch ein, um wie ein Weglagerer, dem Siele unverrathen naͤher und naher zu ſchleichen. Es gelang vortreflich! Da ſaß der Geſuchte, und knuͤpfte dem Sohne des Muͤllers einen neuen Strang an die fur ihn ge⸗ fertigte Armbruſt, und ein kleinerer ſpielte mit ſeiner Dogge. Der Muͤller ſtand in der Thuͤre des ärmlichen Gebaͤudes und ſah freundlich die Luſt der Kinder an, welche ſein Gaſt ihnen ge⸗ währte. Schade, daß auch ihr nur dieß übrig blieh! denn der Erſehnte kehrte ihr den Ruͤcken zu. Doch jetzt erhob er ſich, ſpannte den Bogen, legte den Bolzen auf, und ermunterte ſeinen Liebling, den Probeſchuß damit zu thun. „Ja!“ rief der Bube:„aber ein Chier muß ich erlegen. Siehſt Du dort den Nußhaͤher? den will ich trefen!“ und dabei deutete er nach Ma⸗ riens Verſteck hin, indem er zugleich die Waffe anſchlug. Marie ſah das Geſchoß auf ſich gerichtet, aber ſliehen konnte ſie nicht— es war der Schwebe! und ihre Fuͤße wurzelten in dem Bo⸗ den. Feſt hing ihr Auge an ihm, und guch er ſchaute laͤchelnd nach ihr hin— ſein Gedanke aber war Mord! Jetzt klang die Sehne— äch⸗ zend flatterte zu ihren Fuͤßen der ſterbende Vogel der jauchzende Schutze mit ſeiner Beute auch ſie entdeckte. „Blut der Willkommen, Mord das erſte Zeichen ſeines Lebens! toͤnte es immer in ihrem Innern wieder, wohin ſie auch den Blick, wohin e auch die Gedanken richtete, um der Erinner⸗ ng jenes Ereigniſſes zu entflichen. Eine duſtre Wolke lagerte ſich auf ihrer Stirn, doch erfriſchte der Thraͤnen milder Thau das brennende Auge nicht, welches ſchwermuͤthig in die Zukunft blickte. Ein kalter, dichter Nebel lag auf derſelben, durch den nur bleiche Nordlichtſtrahlen zuckten, ohne ihn zu erhellen, oder die Ferne zu erheitern, und der Sturm, welcher ihr Herz wankend machte, vrollte denſelben nur in geſpenſtiſche Schatten auf, bie rieſengroß, ſich hoch uͤber der Seherin Haupt erhoben, und drohend in ihr Leben hin⸗ ein blickten. nieder, und ſcheu entfloh die Verſchuͤchterte, ehe Gefaßter erwachte Marie am Morgen. Sie ſah ſich von ihrer zweiten Mutter mehr beobachtet als ſonſt, und ſie hatte der ſchon Aufmerkſamen, durch ihr geſtriges Benehmen, das, als Folge jenes Abenteuers, ungewohnlicher als je geweſen, gegruͤndete Veranlaſſung dazu gegeben. Die Be⸗ ſorgniß der Guten that ihr leid, auch fuͤrchtete ſie weitere Forſchungen, und ſo nahm ſie ſich zu⸗ ſammen, unbefangen zu erſcheinen. Sehr ſchwer ward ihr zwar dieſes, doch gelang es ſo ziemlich; nur eins konnte ſie nicht vermeiden, wie ſollte ſie die Unterlaſſung ihres taglichen Ganges nach Kreiſcha unbemerkt machen? und was ſollte ſie antworten, wenn man ſie darum befragte?— Die Wahtheit?— Nimmermehr! und eine neue Luͤge, das hatte ſie ſich theuer gelobt, ſollte nie wieder ſie entehren. Doch ihre Stille, ihr blei⸗ ches, leidendes Anſehen enthoben ſie dieſer Angſt. Frau von Schoͤnberg hielt ſie fuͤr krank und bevb⸗ achtete gegen ihren Liebling die zarteſte Schonung; ſo ließ ſie denn, als ſey es ihr gar nicht auffal⸗ lend, es geſchehen, daß Heinrich die Verpflich⸗ tung der Schweſter löſte, und der armen Mar⸗ — 75— the zutrug, was ſie bedurfte. Selbſt als Marie die theilnehmeſlde Frage uͤber ihr Befinden auf eine beruhigende Weiſe ablehnte, erwaͤhnte ſie auch davon nichts weiter, obgleich ſie faſt zu fuͤrchten anfing, daß in dieſem ſo zart organiſir⸗ ten Koͤrper der Keim einer todtlichen Abzehrung ſich zu entwickeln beginne. Laͤglich gewann dieſe Meinung duch an Wahrſcheinlichkeit— denn Nah⸗ rung ward der Dulderin faſt entbehrlich, und ſo, im Gegenſatz ihrer ſchwindenden Kraft, das Ge⸗ fuͤhl um ſo reizbarer. Alles erſchutterte ſie auf's heftigſte, das geringfugigſte Ereigniß ward fuͤr dieſelbe zum Schreck, und nur langſam ging das allgemeine Erzittern ihrer Fibern wieder in Ruhe über, durch welche ſie erſt den Schein eines leid⸗ lichen Befindens wieder gewann. Sie liebte, und mit einer Gluth, wie ſie pieſem Herzen ſo natrlich war. Sie liebte ſchon, ehe ſie noch das Wort kannte, welches dieß Ge⸗ fuͤhl bezeichnet, und als es ihr nun verſtaͤndlich ward, gab ſie ſo ganz ſich dem ſuͤßen Schmerz 3 ihrer hoffnungloſen, unſchuldigen Neigung, und der Anförderung dieſer Leidenſchaft hin: Gluͤckſe⸗ igkeit zu verbreiten— daß des Heriens Selbſt⸗ ſcht unterging in der W tie langens auf die ganze Menſchheit. Zwar lebte das Ideal ihrer Liebe fort in ihrem Buſen, abet wie eine friedliche Gottheit, der nur Verehrung ward, ohne daß je ein Wunſch zu ihr emporſtieg; und in des Herzens tiefſter Tiefe verborgen, ſah kein Auge, entdeckte kein menſchlicher Geiſt das Geheimniß dieſer ihr ſo heiligen Myſterien. Aber alle die verſchwiegenen Stimmen der Hoffnung, des heimlichen Verlangens und der heißen Sehn⸗ ſucht nach Gegenliebe waren nun laut geworden, da ſie Guͤldenſtern wiederſah, und im zerſtorenden Zweifel ging ihr Frieden und ihre Geſundheit unter! Er hatte mit Freude nach ihr gefragt— aber freut man ſich nicht, auch den gleichgiltigſten Bekannten nach langer Zit einmal wieder zu ſe⸗ hen? Eine ſolche Begruͤßung, ein ſolches Wie⸗ derſinden gnuͤgte ihr nicht. In ſeiner Naͤhe muß⸗ te ihre Liebe, der ſie jetzt ſchon ſo ſchmerzlich unterlag, zu einem Rieſen werden, unter deſſen Laſt ihr Herz brechen mußte. Nie, nie konnte ſie ſeiner Begegnung entgegen gehen, wollte ſie ſich nicht des Selbſtmordes Fluch ſchuldig machen — und ſo gab ſie ihn auf. Daß durch dieſe Ent⸗ ſagung ſie auch ſich aufgegeben, fuhlte ſie wohl, — 80— aber ihre krankhafte Verſtimmung ließ ihr den god als etwas recht Wuͤnſchenswerthes erſcheinen, und ſo uͤberließ ſie ſich, ohne Widerſtreben, ei⸗ nem Schmerze, der nicht minder toͤdtlich war, als jener gefuͤrchtete. Noch nachtheiliger ward dieſer Zuſtand durch die Verſchloſſenheit in be⸗ engter Bruſt. Niemandem konnte ſie ihr Leid vertrauen als ihrer Laute, aber wenn dieſe nun antwortete in melancholiſchen Toͤnen des Nitleides und Jammers, und ein fremdes Phr haͤtte die⸗ ſelben vernommen, dann mußte ſie zur Verraͤ⸗ therin werden— und fern von den Menſchen, fluͤchtete ſie ſich hinaus in die n Nacht, um mit ihr zu klagen!— So ſaß ſie einſt im tiefen Schatten einer Linde, welche die Verehrung der reizenden Aus⸗ ſccht auf dieſe Stelle gepflanzt. Hier weilte ſie am liebſten; denn immer tiefer ſenkte ſich un⸗ ter ihren Fuͤßen das Gebirge zu dem Thale hinab Aus welchem der Thurm von Weſenſtein herborragte. An dieſe ſchmale Spitze knuͤpfte ſich ja der Faden ihres Geſchickes, und mit geſchaͤftiger Hand ſpann die Phantaſie denſel⸗ ben weiter und immer weiter, indem zugleich der kalte Verſtand unauflosliche Knoten darin „ bis endlich der Schmerz ihn zerriß. Eben war dieß geſchehen, und der letzte Hauch ihrer erſtick⸗ ten Stimme erſtarb im Nachhall der ſchwingen⸗ den Saite— da hoͤrte ſie, ſo leiſe wie ſie geſun⸗ gen, ihren Namen. Befremdet wendete ſie das Haupt— und hinter ihr ſtand Guͤldenſtern!— „Marie!“ wiederholte er im mildeſten Tone, indem er ihr zugleich die Hand bot—„ Nein, erſchrecken wollte ich Dich nicht.“ Und in Wahrheit, ſie war ſehr erſchrocken! mehr noch uͤber das vertrauliche Du, als uͤber ſeine Erſcheinung. Was ſollte ſie erwiedern?— So angenehm ſie ſich davon beruͤhrt faͤhlte, ale ein Zeichen ſeines Wohlwollens, und der Gi tigkeit der aͤltern Bekanntſchaft— ſo empfid ſie doch zu lebhaft, ſie ſey kein Kind mehr, wie damals. Auch ſchien er dieß Gefuͤhl zu thlen, und nicht ohne Verlegenheit begann er auf's neue: Entſchuldigt es, theure Marie, daßch Euch uͤberraſchte, daß ich Euch ſtoͤrte. Aber h meinte, es wuͤrde Euch einige Freude machen,mich wie⸗ der zu ſehen. Ich, glaubt das mir— und da⸗ bei legte er die Rechte zur Bethenung auf die — 82— Bruſt— ich habe mich recht herzlich danach ge⸗ ſehnt! „Herr Hauptmann!— erwiederte die Zit⸗ ternde, unfaͤhig die Rede fortzuſetzen. „Nennt mich lieber Guͤldenſtern,“— rief er haſtig, doch fuͤgte er augenblicklich mit weiche⸗ rer Stimme hinzu:„Sind wir uns denn ſo fremd geworden?— Oder hat vielleicht Marie meiner ganz vergeſſen?““ „Nein, gewiß nicht!“ antwortete ſie eben ſo ſchnell, achtlos ſich gehen laſſend; und ob ſie wohl augenblicklich ſich wieder fand, ſo vermochte ſie es doch nicht, ihm ihre Hand zu entziehen, welche er ſanft druͤckte—„Wie haͤtte mein Retter je meiner Dankbarkeit fremd werden koͤnnen!— ber, Herr Hauptmann, wie kommt Ihr hier⸗ Die Waffenruhe hat mich hierher verlockt, undden Frieden hoffe ich hier zu finden. Die Gegid iſt mir lieb geworden im Getuͤmmel des Kriege, wo kein Landmann das veroͤdere Feld er⸗ gruͤnen jaͤchte, ich wollte ſie im Schmucke des Reichthuts ſehen.“ „Da ommt Ihr zu pit⸗ den birgt ſchon., die S —— „Noch ward meinem Wunſche Geiaͤhtung. Aber erſt als ich Euch ſah, war et ganzrfuͤllt. Ja! ich will es nicht laͤugnen, eine leiſe Hoff⸗ nung begleitete mich hierher, Euch wieder zu ſin⸗ den, und als ich Euch nun fand, da verſchwan⸗ det Ihr mir, wie damals, nur nicht ſo ſpurlos. Da hatte ich vergeſſen, Euch um Euern Wohnort zu befragen— doch in der Naͤhe des Weſenſtein's mußt' er ſeyn, und mein Glaube hat mich nicht betrogen.“ Marie wußte ihm Dank fuͤr die Zartheit, daß er ihres Vaters dabei nicht erwaͤhnte, deſſen Tod Marthe ihm gewiß nicht verſchwiegen hatte, doch konnte ſie nicht unterlaſſen zu fragen: ob er den Buͤrgermeiſter Werner nicht beſucht habe? Dort, meinte ſie, wuͤrde er das leicht erfahren haben. Nicht ohne bemerkbare Verlegenheit machte er ſich Vorwürfe daruͤber, doch gefaßter entſchüb digte er ſich durch die Furcht, daß die Erſchein⸗ ung eines Schweden ihm, in der ſo ſchwer ge⸗ kraͤnkten Stadt, leicht haͤtte mißfaͤllig ſeun können „Aber—“ fuht er fort:„warum entzogt Ihr mir die Freude des Wiederſeh'ns?— Als Ihr bei mir voruͤbergingt, da erkannte ich Euch wohl— aber wie ſehr habt Ihr Euch doch ver⸗ 6* mag das ſeltſam klingen, aber Ihr fuͤhlt nicht, liebende Seele!“ ändert, Ihr ſeyd viel reizender geworden.— In Wahrheit! ich glaubte meinen Augen nicht trauen zu duͤrfen.“ Marie war froh, ihr Schweigen als Folge desſelben angeſehen zu wiſſen, und ſo mit An⸗ ſtand der peinlichen Frage die Antwort verwei⸗ gern zu koͤnnen. Sie wußte ja nicht, wie weit Marthe gegangen, ob ſie nicht den Gang nach der Teufelsmuͤhle verraͤthen? Auch ward dieſe Meinung um ſo wahrſcheinlicher, als er, zwar nur leicht daruͤber hingleitend, ſeiner fernern Be⸗ ſuche bei derſelben erwaͤhnte. „Jetzt wußte ich zwar, wo Ihr wohnteh aber ich wollte dem Glucke begegnen, nicht es ver⸗ folgen. Eine freiwillige Gabe des Himmels ſollte es ſeyn, zum Unterpfande ſeiner Dauer. Euch wie ſehr Theilnahme dem Einſamen Noth iſt. Was Ihr auch verloren, noch lebt Euch ein Bruder, theure Freunde— mir keine verwandte, „Armer Guͤldenſtern!“ „O, ſchon fangt Ihr an, mich zu berei⸗ chern! und ich muß glauben, ein gunſtigeres Geſchick ſey mir aufgegangen. Oft habe ich dieſe Stelle befucht, um mich der weiten Ausſicht zu freuen— denkt Euch meine Ueberraſchung, als Euer Lied, mit halber Stimme geſungen, wie Geiſteslispeln mich umwehte! denkt Euch mein freudiges Erſtaunen, als ich nun Euch erblickte! — Nie werde ich dieſen Augenblick vergeſſen.“ „Ihr habt doch nicht verſtanden, was ich ſang?“ „Leider nicht ein Wort. Aber Euer Lied hatte auch keine Worte; es glich dem der Nach⸗ tigall, und eben darin lag ſeine maͤchtige Wirk⸗ ung. Solch' ein leiſer, geheimnißvoller Geſang, kaum der Luft vertraut, deſſen bald ſchwellende, bald dahinſterbende Toͤne zuletzt faſt unvernehm⸗ bar im Hauche der Nacht verſchwimmen, erſcheint, als wolle der Saͤnger ihn ſich ſelbſt verheimlichen. Es liegt kein Troſt, keine Klage darin— aber eben darum iſt er ſo ruͤhrend! Es iſt die Spra⸗ che der Sehnſucht— fuͤr die gewiß der Saͤnger ſelbſt oft keinen Namen hat. „Wohl!“ erwiederte Marie:„ Seht, es iſt wie mit dem Blick in die Ferne. Wenn ich hier im Glanze der Abendſonne in ſolche hinaus ſchaue, weit uͤber Thaͤler und Huͤgel hinweg in die Ebne, wo hinter Pirna der Koͤnigſtein ſich erhebt, und dann hoͤher und immer hoͤher der Lilienſtein und Wahres, Bekanntes, das Land der Heimach! Ein Leitfaden fuͤr Geiſt und Herz!— Aber, wie ſo anders in dieſem Augenblick! So hell der Mond auch ſcheint, die Nacht uͤbt doch ihr Recht. Immer unſicherer werden Formen und Fatben, dieſe Markſteine des Lebens, je weiter das Auge ſchweift; und zuletzt wird die geſtaltloſe Ferne zu einem unendlichen Meere, in deſſen Einerlei dann ſelbſt die Phantaſie untergeht— doch ſtirbt ſie nicht ohne Seußer.“— uͤldenſtern voll Entzuͤcken.„Aber auch das ichtbare erweckt oft die Sehnſucht nach der ge⸗ heimnißvollen Freude; nur daß der Geiſt dabei Ziel hat. Dft, wenn ich hier verweilte, und die Gebirge vor mir ſah, wie ſehr wuͤnſchte ich mir da die Schwingen der Schwalbe!“ und ſeine Rede unterbrechend, ergriff er nun die Laute und ſang: Dort die fernen Beigt wie winken! Winterberg, bis endlich der blaue Gebirgſaum mit den Wolken verſchmilzt— da iſt uͤberall „Sehr wahr, herrliches Maͤdchen!“ rief ſeinen Halt nicht verliert, und der Wunſch ein Dahin lenkt' ich meines Fluges Bahn. Jauchzend wuͤrd' ich mich dem Ziele nah'n, Gluͤcklich wie ein Gott dort niederfinken— Werde Wirklichkeit, du holder Wahn! „Aber,“ fuhr er fort:„dort wuͤrde das Lied wieder erklingen, wie es hier erklang— der Menſch findet keine Ruhe auf Erden.“ „Doch! Im Grabe,“ entgegnete Marie, und der ernſte Ausſpruch machte Beide lange verſtummen, bis endlich Marie das druͤckende Schweigen durch die Frage unterbrach:„Alſo waret Ihr ſchon oͤfterer unter dieſem Baume?“ „Beinahe bin ich hier zu Hauſe. Wer woll⸗ te ſich nicht dieſes koſtlichen Anblicks erfreuen, ſo oft er koͤnnte?— Ach, Ihr ahnet nicht, wie lieb dieſe Staͤtte mir ſchon war, noch ehe ich Euch auf ſolcher fand. Faſt moͤchte ich mit Euren Worten ausrufen: hier iſt uͤberall⸗ Wahres, Be⸗ kanntes— das Land der Heimath!“ Es lag im Tone dieſer letzten, dunklen Worte etwas ſo Feierliches und Ruͤhrendes, daß Marie ſich lebhaft davon ergriffen fuͤhlte, und um ihm das zu verbergen, nahm ſie eilig 5 ſchied und verſchwand, ehe er es kor ſie zu halten. — 88— Beide wußten ſich nun zu finden, und im⸗ mer öfterer fuͤhrte der Zufall, wie ſie zu glauben den Schein annahmen, die Liebenden zuſammen. Keinem war dieß ein Geheimniß mehr, doch wollte Marie noch immer nicht es ſich geſtehen, bis endlich Guͤldenſtern's Gefuͤhl, das ſtets wie ein Vergſtrom dahin brauſte, allen Widerſtand brechend, ſie an ſeine Bruſt zog, und Geliebte nannte. Mit welchen ſeligen Empfindungen wie⸗ derholte ſie den ſoͤßen Namen— mit welchem Entzucken duldete die Hochbegluͤckte die Küſſe des Ungeſtuͤmen! Vergangenheit und Zukunft gingen unter in dieſem Augenblicke der Gegenwart!— Nur einmal beut ſolchen die Gottheit dem Leben — aber dadurch eben wird die Umſterblichkeit! und was auch die Zeit einſt uͤber das liebende Heri verhangt— ſelbſt dem betrogenen, brechen⸗ den lächelt er noch in ewiger, jugendlicher Scho⸗ ne!— So vergingen Tage, Wochen, und im⸗ mer inniger ward das Vertrauen, immer waͤr⸗ mer, leidenſchaftlicher die Zuneigung Güldenſtern's und Mariens. War ſie vielleicht einen Abend verhindert zu kommen, welch' eine Nacht dann fuͤr den faſt Verzweifelnden! Welche Klagen beim te Wiederſchen! Selbſt die te Maric, — 89— gewöhnt, duldend und klaglos das Leben zu durchwandeln, kam dann aus ihrem ebenen Gleiſe, und wuͤnſchte, ſo zufrieden, ſo reich ſogar ſie ſich im Genuſſe deſſen fuͤhlte, was das gegenwaͤrtige Verhaͤltniß gewaͤhrte, demſelben mehr Sicherheit und Freiheit. So zog ſchon das Verlangen ver⸗ duͤſternd ein, in den Frieden des Augenblicks. Ach, daß Marie nicht ahnete, daß der Wunſch nach Gewaͤhrung der des bluͤhenden Heldenjuͤng⸗ ling's nach dem Tode iſt, und die Gewohnheit das Grab wird, welches ihn leider nur zu fruͤh dem weinenden Anuge verhuͤllt!— Sie, die Gute, kannte dieſe Furcht nicht. WVillig oͤffnete ſie ihr Whr den tröſtenden Verheißungen einer nie ge⸗ ahneten Wonne; freudig ſog ihr Auge die Mor⸗ genroͤthe der ſchoͤnſten Zukunft ein! und herrlich ſtrahlte ſolche ſchon von ihren Wangen wieder. Alles Krankelnde verſchwand. Froͤhlich, als ſey die Erde, welche ſie betrat, die ihre. ſchritt und huͤpfte ſie einher; mit erhobenem Haupte blickte ſie wieder in die Welt hinein, und heitre Lieder wechſelten mit Scherz— mit harmloſem Muthwil⸗ len ſogar. Dieſes fremdartige Treiben, welches ſelbſt ihren umgebungen ſie reizender als je er⸗ ſcheinen ließ, ubte daher eine noch groͤßere Gewalt uͤber Guͤldenſtern aus, und immer williger gab er ich ſolchem Zauber hin. Auch er fühlte ſich ſo lucklich, wie lange nicht, und immer ſeltner wur⸗ den die leiſen Anklaͤnge eines tief verſchloſſenen Truͤbſinns, bis endlich ſie ganz verſchwanden. Selbſt die Entbehrung erhoͤhte dieſe Seligkeit! Denn nur der Vergleich iſt der Schoͤpfer des Gluͤcks, und ohne Schmerz waͤre die Luſt ein Fremdling in der Welt. Die Trauer getaͤuſchter Hoffnung, verſagter Gewaͤhrung, wie ſchnell ver⸗ ſchwand ſie in der Freude des Wiederſeh'ns! und doch ging die Sehnſucht des Unerſaͤttlichen immer weiter, und ganz wollte er ſein nennen, was er jetzt nur wie einen Raub genoß. Aber da fan⸗ den ſich tauſend Schwierigkeiten. Unbedenklich baͤtte Marie am erſten Tage den ihr ſelbſt noch Fremden eingefuͤhrt; den ihr ſo Vertrauten, den Geliebten— nein! das war rein unmöglich. Das erſte Wort waͤre zu ihrem Verraͤther gewor⸗ den, und ſchon der Gedanke dieſer Verlegenheit, erfullte ſie mit Bangigkeit und Angſt. Doch zer⸗ hieb endlich ein ſchlimmes Ereigniß den Kno⸗ ten, den ein gluckl icher Zufall ſo leicht nicht ge⸗ loͤſ't hatte. ange hatte Marie eines Abends des Gel ten geharrt, und ſie begriff nicht, was ihn, der nie fehlte, heute abhalte. Beſorgt daruͤber trat ſie den Ruͤckweg an. Schon wehte der Wind herbſtlich kuhl uͤber die Stoppeln, und lagerte nach noch warmen Tagen feuchte Nebel auf die Eide, wie dieß im Gebirge gewoͤhnlich iſt. Kaum hatte ſie einige Schritte gethan, da ſchien es ihr als ſtuͤnde ein Mann inmitte ihres Weges. Sie hoffte, es ſey Guͤldenſtern, aber ſeine Unbeweglichkeit widerſprach dem, und ein leiſes Grauen rieſelte vermoge dieſer Ungewißheit durch ihre Glieder. „Guͤldenſtern?“ fragte ſie halb latt. „Du rufſt da einen, der nicht iſt!“ ant⸗ wortete eine tiefe, klangloſe Stimme, und des Maͤdchens Haar ſtraͤubte ſich; denn das glich einer Geiſterſtimme, und wie ein geſpenſtiſcher Schat⸗ ten ſtand die maͤchtige, durch den herabfallenden Mantel faſt formloſe Geſtalt im Rebel da. „Iſt er todt?“ ſchrie ſie laut auf. „So wuͤrde Dein Schrei ihn erwecken. Ich nur kenne keinen dieſes Namens, weiter wollte ich damit nichts ſagen. Doch iſt das Leben je⸗ dem nur verpfaͤndet, und manchem, der noch ath⸗ met, waͤre beſſer er ſey todt— und Dir wohler⸗ wenn er fruͤh geſtorben.— Gute Nacht.“ — 92— Mariens Sinne ſchwanden, und das daͤmo⸗ niſche Weſen ſchien vor ihren Augen im Nebel zu zerfließen. Faſt leblos erreichte ſie das Schloß, und Abende kamen, Abende gingen, aber Marie mit keinem hinaus, zu dem verrathnen Plaͤtzchen ihrer Liebe. Wie auch die Sehnſucht lockte, wie auch die Angſt um Guͤldenſterns Sorge ſie trieb⸗ ſie blieb daheim. Kaum wagte ſie einen Fuß zur Thuͤre hinaus zu ſetzen, nicht das Fenſter zu öff⸗ nen— immer quaͤlte ſie die Furcht: die unheimliche Erſcheinung koͤnne ihr entgegen treten, oder die grauenerregende Stinime ſich hoören laſſen, und die Ruhe floh ſie wieder Tag und Nacht. Frau von Schoͤnberg bemerkte das veraͤnderte Weſen ihrer lieben Marie mit Theilnahme und Leid, und ſuchte die Verſtimmte durch angenehme Beſchaͤfti⸗ gung und frohliche Geſpraͤche zu erheitern. Mehr noch als ſeine ilere Mutter ließ es ſich Caspar angelegen ſeyn. Unverholen geſtand er ſich, daß Marie ihm werther als eine Schweſter ſey, und ſeine Jugend ließ ihn nicht daran denken, welche Hinderniſſe Geburt und Stand dieſer aufkeimen⸗ den Leidenſchaft einſt entgegen ſtellen muͤßten. Unbefangen lebte er nur fuͤr den Augenblick, und jedes freundlichen Wortes des geliebten nices —— ſich freuend, ſaß er ſo eben der Mutter gegenuͤber an ihrer Seite, um durch ſeine Erzaͤhlung ein ſolches zu erwerben, als die Thuͤre aufging. Der Letzteren ſiel der Eintretende zuerſt in's Auge, und betroffen ſtand ſie auf. Jetzt wendeten ſich auch ihre Kinder gegen denſelben— und Marie mußte eilen, die Lehne des Seſſels zu ergreifen, daß ſie nicht zuſammen⸗ ſaͤnke. Es war Guͤldenſtern in ſeiner Reitertracht! — Hoͤchſt verſchieden ſprach ſich der Eindruck, den dieſer Beſuch machte, auf dem Antlitze der An⸗ weſenden aus Die Verlegenheit der Hausfrau, der Schreck Mariens, ſchwankend zwiſchen Luſt und Furcht, und das Mißfallen dieſer Erſchei⸗ nung in Caspars Mienen entgingen dem Schwe⸗ den nicht. Auch der Erſtere war in Uniform, und ſo mit eingebißner Lippe und zuſammengezogenen Augenbrauen, ſtand er ihm gegenuͤber, wie ein Feind in der Schlacht; Guͤldengn aber, ohne alle Befangenheit, uberblickte fuͤchtig den kleinen Kreis, und nahte ſich ihm dann mit feinſter Weltſitte. „Euch mein Fraͤulein,“— begann er, an Marie ſich wendend:„„hoffe ich nicht ſo ftemd geworden zu ſeyn, daß ich mein Kommen ent⸗ ſchuldigen muͤſſe. Aber Eurer Vetzeihung, gnä⸗ dige Frau,“— fuhr er fort, indem er dieſelbe — mit ehrfurchtvoller Verneigung begruͤßte:—„be⸗ darf ich um ſo mehr fuͤr dieſen dreiſten Eintritt in Eure Behauſung. Ich heiße Guldenſtern.“ „Mein Retter, theure Mutter— Ihr wißt das,“— nahm die Eyſchrockne mit zitternder Stimme ſeine Rede auf. . „Seyd mir willkommen, Hert Hauptmann! recht herzlich willkommen!“ ſprach die wuͤrdige Frau mit der ihr eigenthuͤmlichen, bezaubernden Freundlichkeit:—) Die Tugend empfichlt uͤberall, und Marie hat uns immer des en ſo viel von Euch erzaͤhlt, daß ich mich Euch ſehr verpflichtet fuͤhle fur dieſen Beſuch, der uns Eure naͤhere Bekanntſchaft gewaͤhrt.“ „Ihr beſchaͤmt mich, gnaͤdige Frau, doch danke ich Euch mit großer Freude fuͤr dieſen guͤ⸗ tigen—— erwiederte Guͤldenſtern, und indem er icht gegen Caspar Pbeugte fuhr er fort: ℳ bitte Euch um gleiches Wohl⸗ wollen fuͤr mich, Herr Lieutenant. Der ſchwedi⸗ ſche Rock mag freilich fuͤr mich in Euern Augen nicht die beßte Empfehlung ſeyn, doch erweckt der Eure in mir die Meinung, daß unſte Bekannt⸗ ſchaft vielleicht älter ſey, als dieſen einzigen Au⸗ genblick. Ich habe dieſe uniſorm ſchon bei ſtock erblickt, und leicht moͤglich, daß wir und da recht nahe in's Ange ſahen. Moͤge der⸗Frieden des Krieges Saat fuͤr mich zu einer reichen Erndte gedeihen laſſen!“ „Ich entſinne mich,“— antwortete Caspar mit duͤſtrer Miene und flammendem Blick:—„Euer Regiment brach in das meine, und wir wunden geſchlagen.“ „Das war Kriegesgluͤck, Herr Kamerad! und alle Schlachten mit ſolchem Verluſt der Ta⸗ 6 pferkeit abgenommen, muften. nothwendig die Siege theurer machen, als die groͤßte Niederlage,“ entgegnete der Schwede, und indem er laͤchelnd auf die Narbe deutete, ſprach er:„wenigſtens ſeht Ihr, daß man mir den kleinen Ruhm daran nicht ohne Entgeld uͤberlaſſen hat.“ „Ein Andenken an Wittſtock alſo?“ fragte Caspar mit ſichtlich erheiterten Zuͤgen:„Dann iſt es wohl moͤglich, daß wir uns ſchon lange kennen. „Wie!“— rief Gaͤldenſtern, dem dieß nicht entging, und der ſchnell die Urſache ahnte— „So jung mein Gegner auch, ſein Am war ſo ſchwer, als ſeine Klinge ſcharf. Jetzt reicht mit nur Eure Hand recht freundlich, daß ich ihr den argen Streich vergeſſe.— Der Knebelbart hat — „ — 96— Euch zum Verſteck gedient! haͤttet Ihr ihn ſchon damals getragen, wuͤrde ich Euch wohl auf den erſten Blick erkannt haben. Wuͤnſchet Euch Gluͤck zu ſolchem Sohn, verehrte Frau! Was duͤrft Ihr nicht von dem Manne erwarten, der als Juͤng⸗ ling ſchon ſo viel verſprochen?— Glaubt mir,“ fuhr er luchend fort:„ich mag's jetzt nicht ver⸗ ſuchen, noch einmal mit Euch zu fechten, junger Held!“ Verſoͤhnt legte Casyar ſeine Hand in die dar⸗ gebotne Rechte Guͤldenſterns. Nicht ohne ſichtba⸗ res Vergnuͤgen betrachtete er die Wunde, die er einſt Galdenſtern geſchlagen, und ſein Lob ſchmei⸗ chelte ihm nicht weniger. Auch das liebende Mutterher; gewann daſſelbe fuͤr den, der mit ſo offner Anſpruchloſigkeit ſeinem Pbſieger ſolches er⸗ theilte, und ſo entging Beiden, zu beſchaͤftiget mit ſich ſelbſt, die Verlegenheit Mariens, der es jedoch endlich nur durch Guͤldenſterns unbefangen⸗ heit, mit welcher er das Geſpräch unterhielt, möglich ward, nicht zur Verratherin an ſich ſelbſt zu werden. Jetzt kam auch der Herr vom Hauſe mit Heinrich an der Hand. Letzterer erkannte Gaͤldenſtern ſo⸗ gleich wieder, und hing jauchzend an ſeinem Halſe, 3 ſo daß, ehe er Freiheit gewann ſeinen v 4 zu begruͤßen, deſſen Gattin ſchon Zeit genug uͤbrig hatte, ihn von allem zu unterrichten. Beide Maͤn⸗ ner geſielen ſich auf den erſten Blick, und bald war die zwangloſeſte und lebhafteſte Unterhaltung im Gange. Der Hauptmann erzaͤhlte, daß eine Schußwunde durch den Unterleib ihm ſo ſchwere und ausdauernde Leiden zugezogen, daß er bei der Ausſicht auf einen noch langwaͤhrenden und be⸗ ſchwerlichen Krieg ſeinen Abſchied habe nehmen muͤſſen. Zwar ſey ihm dieß ſehr leid geweſen, und um ſo mehr, da ſpäͤterhin ſein Wohlbefinden von Tag zu Tag zugenommen habe; doch fuhle er wohl, daß dieß nur Folge der ſo langentbehrten Ruhe ſey, und ſo habe er, um dieſer wohlthaͤtigen Pfle⸗ gerin noch die Zerſtreuung zu zugeſellen, den Frie⸗ den des Waffenſtillſtundes benutzt, dieſe Gegend zu beſuchen, und ſich vom Schickſale ſeiner Schuͤtz⸗ linge zu unterrichten. „Wie ſehr ich mich freue,“ ſchloß er ſeine Erzaͤhlung:„beide ſo bluͤhend, ſo zufrieden zu fin⸗ den, und wie verpflichtet dafuͤr ich mich denen fuͤh⸗ len muß, welchen ſie dieß Gluͤck danken, bedarf wohl keiner Verſicherung!“ „Und wo habt Ihr gegenwaͤrtig Euern Wohn⸗ der Roſſe ihr ſchon den Aufbruch der Waid⸗ ſitz aufgeſchlagen?“ unterbrach ihn der Hausherr in ſeinem Lobe. „Der Krieg hat mich ſo unſtaͤtt gemacht, daß ich nirgend mehr eine Heimath habe, nir⸗ gend ſagen kann: dieſe Stelle iſt mein, um das tagmuͤde Auge darauf zum Schlummer iu ſchließen. So ſind die Herbergen mein Heil!“ „Seht mein Haus als eine ſolche an. Dhne⸗ dieß wird es heut' zur Ruͤckkehr fur Euch zu ſpät, und den kommenden Tag muͤßt Ihr uns helſen, einen unſerer Nachbarn zu erheitern. Ihr verſteht doch das edle Waidwerk?— Es gilt, ein hauen⸗ des Schwein zu behetzen.“ Guͤldenſtern ſagte freudig zu, und immer hei⸗ terer werdend, verflocht die Lebendigkeit ſeiner Ettaͤhlung beſtandener Abenteuer, und der Reiz ſeines Geſpraͤches endlich auch Marien, ganz zwanglos in die unterhaltung, und erſt ſpaͤt ſuchte jeder zufrieden mit dem Andern, ſeine Lagerſtaͤtte. Noch hatte Marien der Schlaf keinen Augen⸗ blick beſchlichen, als der lebensfrohe Klang der Jagdhoͤrner, und das Stampfen und Wiehern munner verkuͤndete. Schnell warf ſie ein Mor⸗ tn uͤber, und oͤffnete dann das Benſer. So eben traten die drei Maͤnner aus dem Hauſe, und eine rauſchende Fanfare der Jaͤger empfing ſie. Guͤldenſtern's Antlitz verſchoͤnte die lauterſte Luſt, und als er ſich auf ſeinen brauſenden Rav⸗ pen ſchwang, den Heinrich, welcher ſich es nicht nehmen ließ, ihn vorzufuͤhren, wie einen alten, ang entbehrten Freund begruͤßte und belobte, und als er nun ſeinem Herrn, den kurzen, mit ver⸗ goldeten Buckeln beſchlagenen Jagdſpieß reichte, und dieſer ſolchen, Marien zu gruͤßen, etwas haſtig neigte— da baͤumte das edle Thier hoch auf, und ſlog dann wie eine Windbraut davon, und hinter ihm her Mariens Wuͤnſche fuͤr das Wohl des kecken Reiters. Bald hatte dieſer das Thal erreicht, und betrachtete mit innigem Ver⸗ gnuͤgen den Baum, unter dem er zuerſt wieder das Maͤdchen erblickte. Feſt gebannt hatte er nun die fluͤchtige Erſcheinung durch den allmaͤchtigen Zauber der Liebe, und recht dankbar begruͤßte er die geneſene Marthe vor ihrer Huͤtte, im Voruͤber⸗ reiten. Sie aber erkannte ihren Wohlthaͤter nicht in der fremden Tracht, ſondern ſah ihn als ei⸗ nen ſchwediſchen Landverderber ſo höchſt flamiſch und abguͤnſtig an, daß daruͤber im ganzen Zuge ein lautes Lachen ausbrach. In wachſender Ftöh⸗ 5* — 100— lichkeit ſtimmte der Angefeindete ein, und unter wechſelnden Scherzen und Necken, nahten ſie ſich bald dem Ziele ihres Rittes. „Seht, das iſt der Hummelſtein!—“ rief der alte Herr, indem er auf einen ſteilen Felſen zeigte, der ſich aus dem reizenden Thale erhob. „Hinter ihm liegt Baͤrenklauſe. Ihr werdet in unſerm Wirth, dem Ritter Hans, wie wir ſchert⸗ weiſe ihn nennen, einen wunderlichen Heiligen kennen lernen. Macht nur keinen Fehler beim Waidwerke und in deſſen Kunſtſprache, ſonſt er⸗ laͤßt Euch Hans das Jagdrecht nicht!“ Als ſie endlich durch das Thor einritten, be⸗ willkommte er ſie ſchon von der Zinne einer nie⸗ dern Warte, welche demſelben zur Seite ſand⸗ mit einem froͤhlichen Gutenmorgen, dem ſich oh⸗ ne alle böſe Abſicht, einige derbe Fluche, poßir⸗ lich genug einmengten. Als ſie abgeſeſſen, be⸗ grͤßte er jeden, ſelbſ Guͤldenſtern, als kenne er ihn von Kindesbeinen an, mit einem derben Handſchlage und wohlgemeinten Scheltworten. Der Hauptmann mußte an ſich halten, um dem⸗ ſelben nicht in's Geſicht zu lachen, als er ihn und ſein Thun und Reden ſo in der Vihe trachtete. Eine kurze, kraͤftige Geſial — 10— das Haͤngekinn faſt ohne Hals, wie durch den Schmerbauch ohne Beine, deren ſichtbarer Theil zum ucberfluſſe ſich noch in ein paar gewaltige Schlappſtiefeln verſteckte, dazu an der Seite ein breites Waidmeſſer— ſo trippelte er vor ihnen auf und ab, mit einer Beweglichkeit der Geſichtzuge und Haͤnde, und dem vergebnen Bemuͤhen, die Lebhaftigkeit ſeines Geiſtes den Beinen mitzu⸗ theilen, daß dadurch der ſeltſamſte Contraſt ent⸗ ſtand. Caspar, der Guͤldenſtern's innern Kitzel recht wohl bemerkt, und ſich ſchon lange darauf gefreut hatte, aͤffte im Ruͤcken des Hausherrn deſſen drollige Mienen ſo treu nach, daß der Lachreiz immer heftiger ward, jemehr Guͤldenſtern ihn zu unterdruͤcken ſtrebte, und endlich in lau⸗ tes Lachen ausbrach. „He!“ ſchrie der Kleine:„lacht man über mich?“ und dabei ſtellte er ſich dicht vor den Unbeſcheidnen hin, auf ausgeſpreizten Beinen⸗ die Haͤnde in ſeine Seite geſtemmt, ſo daß Guͤl⸗ denſtern, trotz ſeiner Verlegenheit ſich nur noch mehr verſucht fuͤhlte zu kichern, da beſonders das gleichfteundliche Geſicht des Zurnenden aufs ſonderbarſte mit ſeiner batſchen, draͤuenden Stimme im Widerſpruche ſand. Doch be⸗ — 102— muͤhte ſich Guͤldenſtern, etwas zu ſeiner Ent⸗ ſchuldigung zu ſagen. „Sa, ſa! Schlügt Hacken wie ein behetzter Haaſe, aber ich will Ihn nicht rahmen! Himmel und Hoͤlle! meint der Herr und ſchwediſche Mann, meine Faͤnge draͤngen nicht durch Seinen blauen Balg? ich will Ihn fluͤcken, daß die Wolle d'rum ſiegen ſl, und muͤßt' ich Ihn auch in Seinem Lager aufſuchen; ich werde Ihm die Wiedergaͤnge ſchon ablauſchen!“ „Allen Reſpeckt Eurer Naſe und Euern Laͤuf⸗ ten,“ erwiederte Guldenſtern gefaßter, und klug in des Eifernden Rede eingehend:„ aber die Jagd nuͤrde karge Beute geben. Der Krieg hat mich waidenund und zum Kuͤmmerer gemacht.“ eht den alten Fuche! ſpielt verkehrte Welt, und will den Jiger prellen. Was gehen Ihn meine Laͤufte an? Iſt der Dachs nicht ein wehrhaftes Thier mit ſcharfem Gewehre— mich ſoll Er lebendig nicht anſchneiden!— doch marſch! in den Bau eingefahren; drinnen iſt aufgetiſcht. Denk Er aber nicht, daß ich Ihn kirren will— er Brocken ſoll ſeinem Balg nur wieder Glanz n Und ſo ſchob er den Verwunderten vor ——— Freude daran hat ſich her in das Haus, und unter lautem Gelächter folgten die Uebrigen. Nach und nach fanden ſich auch die noch Hinaus in di Es daͤmmert fehlenden Geladenen ein, und halfen das uͤber⸗ ſchwengliche Froͤhſtuͤck zum Theil auftehren, wozu der Wirth, immer im Kreiſe um die Tafel wat⸗ ſchelnd, auf das eindringlichſte antricb, und zu⸗ letzt die Hungerleider ſchmaͤhlich verwuͤnſehte, daß ſie nicht reine Arbeit gemacht. Nit gleicher Hef⸗ tigkeit trieb er jetzt zum Aufſitzen, was freilich keine kleine Aufgabe war; doch als er einmal im Sattel ſaß, da fand auch ſeine Lebendigkeit Raum, und er tummelte den kräftigen Hengſt mit einer Zierlichkeit und Sicherheit, daß Goͤldenſtern ſeine te, und gab nun zum Aufbru⸗ che Befehl. Hell klangen die Hoͤrner, ſchoͤner als je, ſchienen dem Schweden die ſchwellenden, vol⸗ len Toͤne durch die heit're, friſche Morgenluft zu wallen, und nicht laͤnger vermochte er's, ihrer Lockung zu widerſtehen; fröhlich begann er ſein Lied, und frohlicher noch ſiel der Chor ein: e Luft, ſo kuͤhle, ſo grau⸗ die Nacht ſchon zum Morgen! Schon zog das Gewild durch den perlenden und hält ſich im Forſte verborgen⸗ Thau, — 10— Trah rah! Trah rah! Wir felgen ihm jach, Und rufen durch unſere Hoͤrner es wach. Nur munter geritten, der Finder iſt laut, Geloͤſt ſchon die Hatze zum Jagen; Recht frohlich dem Glucke und Muthe vertraut, Jetzt giit es zu hoffen, zu wagen. Trah rah! Trah rah! Gehofft und gewagt! Geſchlagen ſchon einer der Hatzbunde klagt. Ihn rettet nicht Schlagen, nicht eilender Gang, Schon decken den Keuler die Hunde. Hinan mit dem Stahle zum tödtlichen Fang, Der ſchnellſe nur ſchaͤgt ihm die Wunde! Halalai! Halalai! dem Muthe und Fleif, Erglaͤnzt zur Vergeltung am Stahle der Schweiß! „Hoͤlle und Schwedenkrieg!““ ſchrie der Baͤ⸗ renklauſer:„das nenn' ich ein ſchmuckes Jaͤger⸗ lied. Halt! He, Kunze!— Dem Saͤnger ei⸗ nen tuͤchtigen Tummler Wein, die Kehle anzu⸗ friſchen.— Wollt Ihr trinken! Thut ja wie das Hauslaub, das nur von Wind und Sonne lebt. 3u, zu! bis auf den Boden!— Mir wird der Hals immer nach dem erſten Worte ſchon trocken, und weil ich ohne Reden doch nicht leben kann, muß ich ſchon manchizal trinken, wenn mich ge- —z——zz—z—!———— rade auch nicht durſtet. Hoͤrſt Du nicht, Kunze2 8 Egyptiſche Duͤrre uͤber Dich, ſchenkſt Du mir nicht gleich ein!— Na, weiter geritten.— Elſtern von Hatzjungen! wollt Ihr gleich hinter einander herziehen wie die wilden Gaͤnſe, und den Schnabel nicht mehr auſthun! Das plappert und gakelt, bis die Hunde mit heulen— wo noch einer laut wird!“ und dabei ſchwang er die Peit⸗ ſche drohend genug, doch ſahe man es den Leu⸗ ten an, daß keiner aus Furcht ſchweige, und je⸗ der wiſſe, es ſey ſo boͤſe nicht gemeint. So tobte und meiſterte er im Zuge auf und nieder, und da ihm das Roß Fluͤgel lieh, ſo ſchwebte der Hinterſte ſchun wieder in Gefahr, wenn ſie eben erſt uͤber den Vorderſten hereinbrach, bis ihn, endlich, bei der Naͤhe des Forſtes die eigne Jagdluſt Stille anbefahl; doch murmelte er noch immer leiſe Schelt⸗ worte und Fluͤche in den Bark, waͤhrend er glles anordnete. „Endlich bin ich fertig:“ ſprach er zu Guͤl⸗ denſtern:„Die Suche iſt mit Hatzen umlegt, und hier bei der Euren will ich bleiben. Ich denke, das Streifjagen ſoll Euch Freude machen, denn in dieſem Revier liegt ein hauendes Schwein, faſt ſo ſtark wie ein grobes.— Seht, ſie ziehen ſchon mit den Findern zu Holze. Peſt und Suͤnd⸗ fluth! Das ſind zwei Huͤndchen— na! Ihr ſollt ſie loben. Keiner Faͤrthenlaut, und muthig wie die Baͤren!— Hoͤrt Ihr? Und ziemlich nah. Das geht ſcharf zu— wie aͤngſtlich laut er iſt! Nun muͤſſen wir auf den Keif hetzen, denn hat ſich's einmal geſtellt, ſo kommt's nicht heraus, und ſchlagt leicht den Finder zu Tode. He, Ihr Jun⸗ gen vor!“ „Hetz! hetz!“ brullten die gehorſamen Bu⸗ ben, und die geloͤſten Hunde folgten in wilder 7 Haſt dem Rufe ihres muthigen Kameraden, der ſchon an den Feind gerathen war, und hinter ihnen her die Jäger, unter Juchhe und Hor⸗ nerſchall.— Der Laͤrm machte das Schwein fluͤch⸗ tig, und von allen Seiten ſprengten die Jaͤger herbei, es zu verfolgen.— Immer munterer ging das Jagen durch hohes Holz, einer großen Wald⸗ wieſe zu, und einen herrlichen Anblick d i einander, die cheni ne und rings um ſich im bunten Sewiſch„Jäger zu Roß und Fuß! ſchrie der Dicke:„Das Scn k. 170 erreicht das Holz, bevor es die Hunde decken. Jetzt ſchwediſcher Mann und Herr, gilt es, ihm vor den Kopf zu reiten, eh'es ſolches annimmt. Hu⸗ San! Huͤndchen, hu, Sau!!“ und wie ein Vo⸗ gel flog er uͤber Graben und Windbruͤche, bis er dem Schwein vorbeugte, um mit der Peitſche ihm das Dickig zu verwehren. Guͤldenſtern wich nicht von ſeiner Seite, und hatte die innigſte Luſt daran, dieſes unbeholfne Weſen im Reiche der Möglichkeit zu ſehen, dem unſtäten Draͤngen und Treiben ſeines Temperaments, einmal Zaum und Ziegel ſchießen zu laſſen. In Wahrheit that er dieß auch, und ſein ſchnaubendes Thier ſchien völlig ſeine Ausgelaſſenheit zu theilen, denn ſchwer⸗ lich hatte des Schweden Rappen noch je einen ſo wilden Ritt mitgemacht, und auch ſein Reiter unterließ es nicht, mit dem Gefährten um die Wette die Hunde zur Eil anzufenern. Doch ver⸗ gebens! denn ob gleich einer den Fluͤchtling ſchon gepackt hatte, ſo ſreifte ſolcher ihn doch wieder in dem faſt undurchdringlichen Dickig ab, und Guͤl⸗ denſtern mußte wieder laut auflachen,; gls der Kurzbeinige vor Bosheit faſt berſend, doch kei⸗ nen Odem mehr hatte, den Aerger auszufluchen. „Die Hunde an's Hetzſeil und das Wolf⸗ dickig umlegt!“ keuchte er endlich, und das locken⸗ de Ho! ho! der Fuhrer erſchol nach allen Seiten, die Zerſtreuten zu ſammeln. Doch kaum waren ſie angeſchleift, als ſchon der Finder auf's neue laut ward, und wie der Schall verrieth, dießmal den entmuthigten Gegner nach der entgeg engeſetz⸗ ten Seite, wohin er durchging, verfolgte. Guͤl⸗ denſtern und Caspar wollten ihn nicht entkommen aſſen, und während der Fluch⸗ und Lobſüchtige die Hetzen dahin beorderte, ſprengten ſie in vollem Rennen ſchon voraus. Es gelang ihnen auchz vor⸗ ugreifen, aber ſchon fuhr das wüthende Lhier aus ſeinem Verſtecke hervor, und Caspar, raſch vom Pferde, warf ſich auf's Knie, und ihm den Fagdſpieß entgegen.„Hu, Sau!“ ſchrie er aus Loller Bruſt, und wie blind ftͤrzte das angereizte Schwein dem moͤrderiſchen Eiſen entgegen, und en Jaͤger danieder! Er war Lerloren, wenn nicht in dieſem Augenblicke Guldenßern ſeinen Spieß in das Herz des Sieger's geſoßen, und 1 verendend, guf den unterlegnen geſreckt Donnerwetter!“ jubelte ihr eben anſprin⸗ gender Wirth: Das nenm ich einen braven Fang! Nun helſt nur dem jungen Faſelhanns wieder auf —— die Beine.— Ja, ſü! ſchlecht gezielt; hat zußs beharzte Schild gettdffen; das iſt feſter als ein Panzer! ſo mußte freilich der Putzelbaum geſchla⸗ gen werden!“ und nun erzaͤhlte er jedem, der einzeln Nachkommenden die muthige That des Schweden, der daran gar nichts Ungewoͤhnliches, vielweniger Außerordentliches fand.„Na, bin ich erſt vom Gaule, will ich auch Ihn umarmen!““ rief er dieſem zu.„Und das Roß, brav wie der Mann, ſtand's nicht, zuͤgellos, ſo ruhig wie mein beßtes Hatzyferd?“ „„ Das hat's im Kriege wohl lernen muͤſ⸗ ſen!“ erwiederte Guͤldenſtern, ſich aus Caspars und ſeines Vaters Armen windend, um ihrem Danke ein Ende zu machen. Doch wich Erſterer nicht von ſeiner Seite, und als ſie daheim anlang⸗ ten, und die zum feſtlichen Mahle geladenen Frauen der Jaͤger ſchon vorfanden, da fuͤhrte et ihn zu ſeiner Mutter und Marien und ſprach„Ihm danke ich heute mein Leben“ „Vieleicht nur die heile Haut!“ fuͤgte Hanns hinzu.„Indeß iſt das ſchon des Dankes weſth! Und nun wiederholte er lang und breit, die ſchon zehnmal erzahlte Geſchichte, gegen beide Frauen. Er hatte vecht ſeine Luſt daran, und ſchwor, daß — ner bei Liſche nicht thun würde wie etz den wole er in einem Weinfaſſe erſaͤufen. Mariens Auge hing, waͤhrend dem, feſt an dem Helden des Ta⸗ ges, und funkelte voll Cutzucken, ihn, als ſol⸗ chen, von jedem geprieſen zu wiſſen. Er im Be⸗ ſiz der Achtung Aller, und derſelben— daran zweifelte ihr Herz nicht— ſo werth, er zollte iht ja die ſeinige, und mehr als das: er liebte ſie auch!— Das war der befriedigendſte Augenblick ihres Lebens! Gluͤcklicher hatte ſie ſich nie gefuhlt, und ein verſtohlner Handdruck dänkte ihm auf leitete.— Wie ein Zwerg erſchien das Fruͤhſtuck gegen dieſe Rieſentrachten, welche man nun auf⸗ trug; auch die Schenktiſche drohten unter der Laſt der Kannen und Pokale zu brechen, und wie Fröhler 3 i Arbeit, trieb der Wirth ſeine Gie zum Eſſen und Trinken, ohne über dem Dringen und Re⸗ den zu verfäumen, ihnen zugleich mit einem gu⸗ ten Beiſpiele voran zu gehen. Endlich ward er doch böſe nach ſelner Art, und befahl einem 3 ger, die urkunde vom Ritter Georg herbei zu ho⸗ len, und hubſch vernehmlich zu verleſen. Es ge⸗ ſchah wie er geſagt, und mit gellender Stimme tetigte ſ ſich der Vorleſer ſeines Auftrages. dus herzlichſte dafür, als er ſie nun zur Lafel ge⸗ nicht weniher durſtet als mich:“ ſchrie der Wirth 1— Das, von der Zeit ſchon gebraͤunte Perga⸗ ment enthielt die Nachticht: daß am heutigen Tage Ritter Georg, Herr auf Borthen, Roͤhrs⸗ dorf ꝛc. am Hummelſtein den letzten, machtigen Baͤren mit eigner Hand erlegt habe, und der bis⸗ herige Name dieſes Schloſſes zum Gedaͤchtniß die⸗ ſer That von dato in Baͤrenklauſe umge⸗ wandelt ſeyn ſolle. Daß er ferner, zur oftmali⸗ gen Erweckung der Luſt dieſes Tages, die Baͤren⸗ branken vergulden habe laſſen, damit zu Folge ſeines Wunſches auf ewige Zeiten bei feſtlichen Ge⸗ lagen in Baͤrenklauſe ſolche demjenigen Gaſte, welcher deutſcher Sitte zum Hohn, dem Becher ain wenigſten zuſpraͤche, um den Nacken gehangen wuͤrde, ihm zum Schimpf und Allen zum Ge⸗ laͤchter; auch ſolle er gehalten ſeyn, mit dem Wirthe eine Lanze zu brechen. Dem bravſten Trinker aber, ſollten alle anweſenden Frauen und Jung⸗ frauen, in Zuͤchten und Ehreh, einen Kuß nicht verweigern duͤrfen. Hat man's vernommen? Hat man's ver⸗ ſtanden? Nun wohl! ſo thue man danach. Ich halte auf das Geſetz, und halte auch an ihm! ich bin ſicher vor den Branken, und ſo jeder, den mit ſchon gluͤhendem Geſichte, indem er zugleich einen maͤchtigen Tummler hinunterſturzte. Ein allgemeiner Beifall ward der luſtigen Stiftung des alten Ritters von Seiten der Maͤn⸗ ner; um ſr lauter aber ſchalten ihn die Franen, und verſagten einſtimmig ſeiner tyranniſchen Ver⸗ fuͤgung den Gehorſam; ja ſie drohten ſogar, ſol⸗ cher foͤrmlich zuwider, nur den Maͤßigſten zu kuͤſ⸗ ſen, da ein Kuß wohl ein ſuͤßer Lohn des Ruͤch⸗ ternen, aber nicht eines Trunkenboldes au ſeyn verdiene. Das hieß Del in die Flamme gießen! und wie dieſes, ſprudelte des Dicken Zorn auf. „Ich bin Herr hier im Hauſe, und jeder mei⸗ ner Freunde iſt der ſeiner Frauen! Der Todten Willen muß man heilig halten, zumal ſolche milde Stiftungen! ich will an meinem Ritter Georg nicht zum Schelm werden, und Ihr meine Freunde werdet mir dazu helfen! Du bleibſt hier Chriſoph, mit den Branken:“ Zugleich ſprang er auf, und ſchlug auf den Liſch, daß die Becher tamten. Jetzt erſt ſiel Guͤldenſtern der ſchreiegde Con⸗ traſt ins Auge, der zwiſchen dem Herrn und Die⸗ ner herrſchte. Letzterer war ſo lang und moge daß er nur Haut und Knochen ſchien, hungrige Geſtalt an der Seite jenes 1 . — 1 Fleiſchkloſes ward um ſo laͤcherlicher durch den Ernſt und die Unbeweglichkeit der Mienen und Glie⸗ der, im Vergleiche zu der Regſamkeit ſeines Herrn. Caspar ſagte ihm, zu folge ſeiner Verwunderung daruͤber, daß er durchaus das Fett an jedem andern auf's bitterſte haſſe, und Laͤnge und Ma⸗ gerkeit die beßten Empfehlungen fuͤr ſeinen Dienſt ſeyen. Guͤldenſtern fand dieß durch eine Muſter⸗ ung der Dienerſchaft beſtaͤtigt, und das Sonder⸗ bare dieſer Wahl trug durch ſeine poſſirliche Au⸗ ßenſeite nicht wenig dazu bei, recht willig in die lebensluſtige Stimmung der Uebrigen einzugehen, welche die Furcht vor den goldenen Tatzen immer lauter werden ließ. So neigte ſich das Mahl zum froͤhlichen Ende und einer der Gaͤſte ſaß, unter Hohn und Spott der Ausgelaſſ'nen, verunziert mit dem warnenden Zeichen einer ßraͤflichen Nuͤchternheit, waͤhrend die andern alle um den Lohn ihres Verdienſtes ſtritten. Den Wuͤrdigſten aber ward es gerade am ſchwerſten, ſolches geltend zu machen, da die Stammelnden gegen noch munt're Schreier nicht zum Worte kommen, und der Allerverdien⸗ teſte ſeine ſchwere Zunge kaum ruͤhren konnte; und als endlich der Rath der Alten, unter dem Vor⸗ 8 — ſiz des Wirthes, zu Gunſten dieſes Ausgezeich⸗ netſten, den Streit entſchied, fand man, daß der Gluͤckliche daruber eingeſchlafen und gaͤnz⸗ lich außer Stand ſey, ſich ſeines ſuͤßen Lohn's theilhaftig zu machen. Je mehr man ihn ruttelte, deſto lauter ſchnarchte er, ohne das mindeſte vvn dem triumphirenden Jubel der Frauen zu verneh⸗ men, in deren Lachen endlich Alle einſtimmten. Dem Anſtifter des Spaſes aber, war ſolcher durchaus halb verdorben, und er mußte tuͤchtig auf den Sinnloſen fluchen, ehe er ſeines Aergers ledig und der Gaͤſte wieder froh ward. Der Feſt des Abends verſtrich unter Scherz und Tanz, und Marie fuͤhlte ſelbſt eine leichte Aufwallung von Stolz, als ſie wahrnahm, wie wohlgefaͤllig die Frauen und Jungfrauen Guͤlden⸗ ſtern's Artigkeit annahmen, und ſich um ſolche bewarben, ſo lange er ſie mit einer gewiſſen Sleichgiltigkeit allen ſpendete. Doch waͤhrte die Freude, mit welcher ſie dieß bemerkte und ſeine Gewandtheit und erheiternde Scherze bewunderte, nur bis zu dem Augenblicke, wo dieſelbe wahr⸗ zunehmen glaubte, daß er eine der Letztern vor⸗ zuglich auszeichne. Das Maͤdchen war ſchoͤn voller Witz und Leben, und Guͤldenſtern ſchien — ihrer angenehmen Unterhaltung alles um ſich her zu vergeſſen. Eine, ihr noch ganz fremde Unruhe bemeiſterte ſich Mariens. Bald ſchug ihr Herz gewaltig, bald drohte es ſtill zu ſtehen, und Zorn und Wehmuth kaͤmpften in ihrer Bruſt um den Sieg, und ſpiegelten den ſchnellen Wechſel dieſes zweifelhaften Streites in ihren Augen ab. Sie hatte keinen Namen fuͤr dieſen guälenden Zuſtand; haͤtte ſie ihn gefunden, vielleicht wuͤrde das warnende Entſetzen ſie der todtlichen Gewalt dieſer unheilvollſten aller Leidenſchaften noch ent⸗ zogen haben— ſo gab ſie ſich willenlos der ver⸗ derblichen hin! Sie fuͤhlte ſich beeintraͤchtigt, ver⸗ nachlaͤßigt ſogar— und Kummer, Unmuth, Zorn, Furcht, und wie die Kinder der Eiferſucht alle heißen, drohten ihre Brußt zu zerſprengen. Dem Caspar entging dieß eben ſo wenig, als ihm bei Fiſche der beiden Liebenden vertraulicheres Verhaͤltniß entgangen war.—Trotz der dankbaren Verpflichtung gegen Guͤldenſtern, und der ihm angebornen Herzensguͤte— trotz der Hoffnunglo⸗ ſigkeit ſeiner eignen Anſpruͤche, und den unbeſieg⸗ baren Hinderniſſen des Standes, ſchlich ſich ein ſiller Groll gegen den Begluckten, in ſein Herz. Doch war er edel genug, um ihn wo möglich, 8* ror ſich ſelbſt zu verbergen, aber dem Mitleid fuͤr die geliebte, trauernde Marie widerſtand er nicht, er fliſterte unwillkuͤhrlich hinter ihrem Stuhle:„Ar⸗ me Marie!“ und erſchrak heſtig, als er ſich ge⸗ hort, und Marie erbeben ſah. Eine verraͤtheriſche Gluth uͤberflog ihre erbleichten Wangen, und der zum Laͤcheln ſich zwingende Mund zitterte unter der Anſtrengung, die Thraͤnen zuruͤckzuhalten; ein Wort der Erwiederung wuͤrde dieß Bemuͤhen ver⸗ eitelt haben, und ſo mußte ſie den herben Schmerz in ſich zuruͤckdraͤngen; aber den kurzen Frieden ihrer Seele fuhlte ſie vernichtet durch den Verrath, und ihr kaum erbluͤhtes Gluͤck erſtorben, unter dem Fluche des Mitleides! Zum Heil fuͤr die Geaͤngſtigte erhob ſich jetzt, in der Thuͤre des Saales, ein gewaltiger Laͤrm. Eihige der Gaͤſte, im Begriff ſich zu entfernen, fanden den Wirth entſchloſſen, ihnen den Ausgang zu verwehren. „Hier iſt Change!“ rief er dieſen entgegen: „Ihr ſeyd auf falſcher Faͤhrte!— Ei! und waͤret Ihr noch lauter als die lauteſte Meute, ich will Euch ſchon ſtopfen! Zuruͤck Alter! der Si nd wagt die Peitſche!“ Aber es half ihm alles nicht; er unterlag der Menge, und der Aufbruch ward allgemein. Guͤldenſtern ritt mißmuthig neben dem Wagen, Mariens kuͤhles Benehmen war ihm unbegreiflich, da der Schuldloſe nicht die leiſeſte Ahnung von dem hatte, wodurch dieſes, ſo zart beſaitete In⸗ ſtrument verſtimmt war. unbekannt mit der Ver⸗ anlaſſung, hielt er ihr Benehmen fuͤr Laune, und unter allen Aeußerungen dieſer Untugend, war ihm die des Schmollens die wideswaͤrtigſte⸗ Er war daher nichts weniger als ſcherzhaft ge⸗ ſtimmt, und der geringſte Reiz der Außenwelt mußte ſein Mißbehagen zum lauten Ausbruch brin⸗ gen; doch verſuchte er, um daſſelbe zu verſcheu⸗ chen, ein Geſpraͤch mit Caspar, der ihm, wie er meinte, zur Seite ritt, anzuknupfen. „Ich fuͤrchte, Marie iſt krank!“ redete er denſelben an. Ein rohes Gelaͤchter war die allei⸗ nige Antwort. Befremdet und aufgebracht bemuͤhte er ſich, den Grund dieſer Unhoͤftichkeit im Ge⸗ ſichte ſeines Nachbars zu leſen; die Dunkelheit aber machte dieß unmoͤglich, doch ſah er wohl⸗ daß Reiter und Roß der Geſellſchaft nicht zuge⸗ horten.— Die ſchwarze Farbe des letztern, die ungewoͤhnliche Koͤrpergroͤße beider, deren Umriſfe „ — 118— 1„ der Mantel und die Nacht dem ſpaͤhenden Auge verhullte, gaben der Erſcheinung etwas Unheim⸗ liches, Geißterhaftes. „Wer ſeyd Ihr?“ fragte ihn Guͤldenſtern geſpannt und haſtig. „Dein Diener und Goͤnner!“ antwortete der Gefragte mit tiefſter Baßſtimme. „Euern Namen begehre ich zu wiſſen!““ Der hat einen gar uͤblen Klang,“ antwor⸗ tete der Fremde in noch hohlerem Lone. „Zum letzten Mal, wer ſeyd Ihr!?“ rief Guldenſtern heftig erzurnt. 6 „Satan!“ erſcholl die Antwort, und ihr folgte ein noch wilderes Gelaͤchter als vorher, in⸗ dem der Geheimnißvolle zugleich in die Finſterniß hinein ſprengte, daß die Funken aus ſpruͤhten. Schaͤumend vor Wuth ſetzte Guͤldenſtern ihm nach, alle Gefahr des Rittes und des Fanges vergeſſend. In groͤßter Beſturzung blieben die Uebrigen zuruͤck. Der ganze Vorfall war das Werk eines Augenblick's geweſen, und ehe noch.„ die beiden Schönberge das Geſpraͤch beobachtet hat⸗ ten, waren die Sprecher auch ſchon entſchwun⸗ den, und ein gellender Schrei Mariens, wie die Furcht der ͤbrigen Frauen, verhinderten ſe — ihnen zu folgen, auch machte die kernenloſe Nacht dieß unmoglich.— Marie hatte jene Stim⸗ me augenblicklich erkannt; es war dieſelbe, wel⸗ che ſie an jenem Abend mit Grauen erfullte, und der letzte Ausruf derſelben ſchien Ihr ſo wahr, daß des Geliebten Verfolgung ihr Entſetzen auf's Aeußerſte trieb. Mit geſpannteſter Aufmerkſamkeit horchten alle in die Nacht hinaus.—„Halt!“ hoͤrten ſie jetzt Guͤldenſtern rufen— gleich darauf einen Schuß, und dann nur noch den eiligen Hufſchlag eines Pferdes durch die naͤchtliche Stille. 5. Marien hatte die Angſt allen Groll vergeſ⸗ ſen gemacht, und die Sorge um das Leben des Lieblings, ihre Zuneigung ſo bloß geſtellt, daß ſie aufhoͤrte, ein Geheimniß fuͤr irgend Jemand zu ſeyn. Mit lauter Freude empfing ſie den unver⸗ letzt Zuruͤckgekehrten, und Alle lauſchten verwun⸗ dert ſeiner Erzaͤhlung. Im Begriff, den Flie⸗ henden zu erfaſſen, loſtte dieſer ein Piſtol gegen ihn; die Blendung den Blitzes entzog den Ver⸗ folgten ſeinen Augen und der ſchon ausgeſtreckten Hand; ſo war er ihm denn gluͤcklich entronnen⸗ 1. Man erſchoͤpfte ſich in vergeblichen Muthmaßungen, denn Niemand vormochte das Raͤthſel zu löſen, obgleich die Meinung die Oberhand behielt, daß es ein Schwank von einem der Gaͤſte gewe⸗ ſen; nur legte der Schuß zuviel Ernſt in den Scherz. Marie allein fuͤhlte, es liege irgend ein Plan dem Vorgange zum Grunde, und auch Guͤldenſtern theilte dieſe Anſicht, als ſie, am andern Tage, ihm ihr Abenteuer erzoͤhlte. Doch blieben Zweck und Mittel Beiden ganz unbegreiflich, und bald ging die Erinnerung dieſes Ereigniſſes in den heiteren Tagen unter, welche ihm nachfolgten. 4 Goͤldenſtern hatte freudig der Bitte der Gaſt⸗ freundſchaft Gehoͤr gegeben, und war nun ganz einheimiſch in Maxen geworden, und Frau von Schoͤnberg ſah dieß gar gern. Ihrer Klugheit war es bald klar worden, was in der Bruſt der drei jungen Leute vorging, und die gegenſeitige Zuneigung der beiden Liebenden verſprach ihr die Heilung ihres Sohnes von ſeiner thoͤrigen Leiden⸗ ſchaft, durch die Hoffnungloſigkeit derſelben. Auch ſagte Letzterer ſich ſelbſt: es ſey gut ſo! und Stolz und Edelmuth erleichterten ihm den ſchwe⸗ en Sieg uͤber ſein Herz; doch entfreidete der bleibende Stachel einer zweckloſen Eiferſucht, ſol — 121— ches der Freundſchaft gegen Guͤldenſtern auf im⸗ mer, und nur eine wohlwollende Hoöflichkeit ver⸗ galt demſeiben die Lebensrettung. Dem Herrn von Schoͤnberg hingegen ward dieſer durch ſeine Etzaͤhlungen, wie Heinrichen als Jagdgenoſſe un⸗ entbehrlich, und Mariens Zufriedenheit damit, bedarf wohl keiner Verſicherung. So lebte er froh in eigener Heiterkeit, zugleich die willkommene auf ſeine Umgebungen verbreitend; Jeder erfreu⸗ te ſich der frohlichen Zeit, und wuͤnſchte derſel⸗ ben die laͤngſte Dauer. Nur der alte Jobſt machte davon eine Auenahme, er verſprach dem allen kein gutes Ende, denn ein Schwede konnte, nach ſeiner Meinung, nirgend Heil bringen, wohin auch ſein Fuß nur trat: er hatte zuviel durch dieſes Volk gelitten, und weniger noch konnte er ihm das Elend vergeben, welches es uͤber ſein Vaterland brachte. Mariens Liebe zu einem die⸗ ſer Verderber ſetzte ihn vollendes außer ſich, und der Groll ward dadurch zum bitterſten Haſſe gegen Guͤldenſtern, der in ſeiner oft unbedachtſamen Lu⸗ ſtigkeit, eine recht herzliche Frende an einer Un⸗ terhaltung mit dem Harthoͤrigen und deren laͤcher⸗ lichen Mißverſtändniſſen fand. Er hatte kein Arg dabei, vielweniger die Abſicht, den Armen zu — verhoͤhnen, aber das, der Taubheit eigne Miß⸗ trauen ließ Jobſt nicht daran zweifeln, und je⸗ mehr ihn Heinrich vom Gegentheil zu uͤberzeugen ſuchte, jemehr bemuͤhte er ſich, den Juͤngling ſei⸗ nem Freunde zu entfremden. „Nun!“ ſagte er eines Tages ganz erbit⸗ tert—„Nun, tanze nur immer wie der Ungluͤcks⸗ vogel pfeift! Der Jammer wird nicht ausbleiben. Lieber hoͤre ich ein Kaͤuzlein ſchreien, das bedeutet doch nur den Tod und der iſt des Lebens Aerg⸗ ſtes wahrlich nicht!“ Aehnliche Geſpraͤche wiederholten ſch oft, in⸗ deß ging alles den gewohnlichen, froͤhlichen Gang, nur daß das ſich faͤrbende und fallende Laub den nahenden Spaͤtherbſt verkuͤndete und an den trau⸗ rigen Winter mahnte. Guͤldenſtern kuͤmmerte es nicht! fuͤr ihn hatte jede Jahreszeit eine neue Luſt, und er in ſeiner jetzigen Stimmung der Freude daran vollauf. Doch ereignete ſich in die⸗ ſer Zeit eine Begebenheit, welche ſeinen Frohſinn⸗ gar ſehr beeintraͤchtigte, und den folgenreichſten Einfluß auf ſeine Zukunft hatte. Es war ein fuͤrmiſcher Tag, als er gegen Abend die Buͤchſe ergriff, um noch in die Gruͤnde von Schlottwitz auf den Anſtund zu gehen. Marie ſuchte ihn da⸗ — 428— von zuraͤck zu halten, er aber laͤchelte uͤber ihre Sorge und Furcht. „Die Gabelhirſche und Spießer beißen ja nicht, Marie!“ erwiederte er ſcherzend. „Ihr ſollt nicht ſcherzen, wo ich zittre, Guͤl⸗ denſtern! Nicht die Thiere, welche ich fuͤrchte, wohl aber die Elemente. Seht Ihr nicht, wie ſchon der Nebel ſich auf dem Gipfel des Gebirges lagert, bald wird er ſich in die Thaͤler ſenken und dann den fruͤhen Abend in jenen tiefen Schluchten zur undurchdringlichen Nacht machen, die den irren Fuß den gaͤhnenden Abgrund nicht verfehlen laͤßt! Auch die Muͤglitz iſt hoch angeſchwollen; wie leicht kann da der bahnloſe Wanderer von ihren ſteilen ufern dem Tod in die Arme gleiten!“ „Mein guter Geiſt wird mir ſchon huͤlfreich zur Seite ſtehen; haͤtte er das nicht immer gethan, wie moͤchte ich noch leben?“ „Dieſes fahrlaͤſſige, blinde Selbſtvertrauen iſt es eben, wodurch Ihr mir alle Ruhe raubt. Es macht mein Leben zu einer ſteten Angſt um das Eure. Moͤglich, daß der Krieg Euch ſolches eigen gemacht— aber da mußtet ihr Euer Leben preiß⸗ geben aus Pflicht, und muthwillig es bloß zu ſiel⸗ len, verlangte ſelbſt da weder dieſe, noch die Ehre, vielweniger der Frieden. Aber Wagniß iſt Euch ein zeitverkuͤrzendes Spiel worden, und je hoͤher, je gefaͤhrlicher der Satz, um ſo groͤßer Eure Lnſt daran. Reitet Ihr nicht wilder als ſelbſt der Baͤ⸗ renklauſer? iſt Euch ein Graben zu breit, eine Hoͤhe zu fteil, daß Ihr es nicht unternehmt, die Gefahr zu uͤberbieten? Das iſt kein Muth— das iſt Verwegenheit! das iſt keine Todesverachtung — nein, es iſt der Frevel eines verſuchten Selbſt⸗ ordes! „Nicht doch, Marie! Wo der Menſch keine Gefahr ſieht, iſt ſie fuͤr ihn auch nicht vorhanden — und wenn auch: Muth und Kraft halten ſie im Schach. Ein Leben traͤger Sicherheit iſt ſchlim⸗ mer als der Tod! Im Kampfe darum wird man ſeiner erſt eigentlich froh, und wahrlich, manch⸗ mal ſehne ich mich recht heiß und innig wieder nach dem Getuͤmmel der Schlacht! Es iſt bei allem Traurigen etwas gar Luſtiges daran.“ „O Guͤldenſtern! wie ſeyd Ihr hart gegen mich. Statt mich zu troſten, aͤngſtiget Ihr mich nur noch mehr. Ihr vertraut Eurem guten Geiſt, und ich fuͤrchte den boͤſen!— Laͤchelt immer, aber was will das unheimliche Weſen, das ſich zu uns beiden draͤngt? Ich ſorge, erſcheint es wieder, — 1— dann ſcheidet es nicht mit bloſer Drohung und Schreck— Guͤldenſtern! ich bitte Euch um Got⸗ teswillen— nur heute bleibt zuruͤck! mich quaͤlt die Ahnung von etwas Entſetzlichem.“ „Freund Satan hat den Hals gebrochen, bei ſeiner letzten Hoͤllenfahrt,“ erwiederte er lau⸗ nig:„ſonſt waͤre er laͤngſt wieder erſchienen. Der Ritt war auch gar zu toll! es ging ja wie auf Fauſt's Mantel, nur weniger ſicher. Ich aber will heute ſchon huͤbſch bedaͤchtig gehen, wenn es nebelt, das verſprech' ich meiner ahnungvollen Caßandra; und nun auf froͤhliches Wiederſehn!“ „Das gebe Gott!“ ſeufzte die arme Matie dem Davoneilenden nach. Er aber ſchritt pfeifend unter den Baͤumen hinweg, recht bedaͤchtlich ſeine Schritte durch das duͤrre Laub lenkend, welches ſchon den Boden zu bedecken anfing, denn das Raſcheln dieſer Blaͤtterleichen uͤbte einen ganſ ei⸗ genthuͤmlichen Zauber uͤber ſein Gemuͤth. Zwar lag darin weder etwas eigentlich Erfreuliches noch Betruͤbendes fuͤr denſelben: das dunkle Behagen daran gelangte nie zur klaren Vorſtellung des Be⸗ wußtſeyns, es ſchien nur als ob er ſich im Her⸗ vorrufen eines augenblicklichen Scheinlebens des ſchon Erſtorbenen, Bewegungloſen wohlgefalle, und — 126— das Einfoͤrmige des Geraͤuſches eine aͤhnliche Em⸗ pfindung in ihm erwecke, wie das Rieſeln einer Quelle, oder das ſanfte Gemurmel eines Baches: ein Einſchlummern aller heftigen Gefuͤhle, und jenes wohlthaͤtige Vergeſſen der Außenwelt in ei⸗ nem augenblicklichen Nichtdenken. Seiner ſteten koͤrperlichen und geiſtigen Unruhe mußte ein ſolcher reizloſer Zuſtand eine angenehme Erholung ge⸗ waͤhren, und er gab ſich um ſo williger der Mahn⸗ ung daran hin, je empfindlicher in dem Augen⸗ blicke ſein Herz auf eine drohende oder verklagende Weiſe beruͤhrt worden war. Faſt unangenehm fuͤhlte er ſich daher aus dieſem wachenden Schlum⸗ mer in die Wirklichkeit zuruͤckgerufen, als er das Ziel ſeiner Wanderung erreicht hatte. Der Un⸗ tergang der bleichen, ſchimmerloſen Sonne im Febel der Hoͤhen, die ſchwermuͤthige Stille des Waldes, und der Anblick der entſchlummernden NRatur, ſammt dem Gefuhle der Verlaſſenheit in dieſer Dede, verliehen dem Erwachten allein die Schnſucht nach der ſeligen Ruhe jenes traumloſen Zuſtandes. Gelehnt an eine Eiche des Holzran⸗ des, muͤhte er ſich vergeblich, den Umgebungen jenen freundlichen Anblick abzugewinnen, den ſie ſonſt ſo willig ihm boten. Das buntfarbige Ge * miſch des Laubes, welches ihm immer ſo reizend er⸗ ſchienen, daͤuchte ihm heute bittrer Hohn der Schoͤpfung gegen ſich ſelbſt.„Iſt es nicht grau⸗ ſam— dachte er— dem ſchon Sterbenden noch ein prangendes Feſtkleid anzuzichen, daß die Ei⸗ telkeit und Luſt des Lebens dem Schrecken des nahen Todtes um ſo herber entgegen ſtehe? Bald deckt der Schmuck der Waͤlder den Boden, und wird zum Grabhuͤgel der Halmen und Bluͤthen, welche erſt ſein Schatten kuͤhlte und ſchirmte! So gebiert der Tod den Tod, und nichts verweilt dauernd im Leben als die Trauer, wie hier die Tannen in unveraͤnderlicher Duͤſternheit! Spur⸗ los gehen die Jahrzeiten an ihnen voruͤber, nur daß ſie wachſen rieſengroß, und ihre Wurzeln zum ſichern Halt in die Erde draͤngen, wie der Schmerz die ſeinigen in's Herz, bis einſt ein Sturm oder die Axt dem allen ein Ende macht!“ Jetzt that es ihm leid, Marien ihr dringen⸗ des Bitten nicht gewaͤhrt zu haben, denn nicht ein Augenblick der erhofften Freude war ihm zu Theil worden. Sonſt that dieſe Einſamkeit dem Jaͤger wohl, und das Schweigen der Daͤmmer⸗ ung rings umher gab ihm ſich ſelbſt wieder; ſp je⸗ der verſtimmenden Beruͤhrung des Lebens entzo⸗ gen, ſchlug die Phantaſie den Grundton ſeines Gemuͤthes in vollſter Reinheit an, und der linde Klang einer wehmuͤthigen Freude, immer voller, lauter werdend, wie das ſchwellende Saͤuſeln des Nachthauches, geſtaltete ſich endlich zum Liede gramloſer Klage, oder ſchmerzenfreier Schwer⸗ muth. Alles erſchien dann dem in ſich ſelbſt Ver⸗ lornen in milderem Lichte, und der erbleichende Tag, wie der Anblick der lebensmuͤden Natur, er⸗ fuͤllte ſeine Bruſt mit heimlichem Frieden und der Sehnſucht nach ewiger Dauer dieſer wohlthaͤtigen, keidenſchaftloſen Ruhe. Heute aber war die Ele⸗ gie zur Todtenklage worden, und duſter blickte er auf das Gehau, uͤber deſſen bluͤhende Haide ein⸗ zeln duͤnne Nebelſtreifen dahinzogen, die ein Paar ſich aͤſende Rehe dem Auge bald verſchleierten, bald wieder blos gaben— da ſchreckte plotzlich das Boͤckchen! und der warnende Laut verſcheuchte auch Guͤldenſterns truͤben Traum. Schnell beſon⸗ nen ſchauete er umher, und gewahrend, daß die Warnung keine vergebliche geweſen, machte er ſich gefaßt, ſie zu ſeinem Vortheile zu benutzen. „Wer da?! rief er mit drohender Stimme die ſechs verdaͤchtigen Maͤnner an, welche ſtracks auf ihn los ſchritten. Der Antuf feſſelte ihren 2 Gang, und waͤhrend ſie ihn mißträuiſch betrachte⸗ ten, gewann auch er Zeit, ſich bekannter mit ihrem Aeußern zu machen. Freilich lag fuͤr ihn wenig Beruhigendes darin! Gut bewaͤffnet, in Flridern, denen man es anſah, daß ſie jeder Witterüng Troz geboten; Geſichter ſonnverbrannt, in deren Zuͤgen Zeit und Gewohnheit den Namen ihres Gewerbes mit ſo leſerlicher Schrift gezeichnet hat⸗ ten, daß einem minder Beherzten ein Grauen wuͤrde uͤberfallen haben— ſo ſtanden ſie vor ihm, wechſelweiſe ihn und ſich unter einander mit ar⸗ gen, fragenden Blicken anſchauend. Nur einer dek⸗ ſelben lehnte ſich ruhig auf ſeine Buͤchſe, ohne den geringſten Antheil weder an ihrer Unentſchloſ⸗ ſenheit noch ihrem berathenden Gefliſter zu neh⸗ men— ſo, wie es ſchien, ſtill erharrend, was da kommen werde. „Wer da?“ fragte Guͤldenſtern zum zwei⸗ ten Male, und viel ernſter und rauher als vor⸗ her. „Wer Du ſelbſt?!“ erſcholl ihm die Fräge zuruͤck. „Ein Moͤrder vom Handwerk!“ antworteke der Schwede, und der Hahn ſeiner erhobenen Buͤchſe knackte. Ein durchdringendes Pfeifen er⸗ 9 — ſcholl zur Erwiederung, indem zugleich der Spre⸗ cher lachend ſagte: „Dann ſind wir ja Spießgeſellen! Aber was willſt Du hier?““ „Dem das Gehirn zerſchmettern, der es wagt, noch eine ſolche Frechheit auszuſprechen, oder ei⸗ nen Schritt naͤher zu treten!“ entgegnete der Befragte ganz ruhig, indem er ſein Gewehr an den Backen zog. „Narr! unſere Stirnen ſind von Eiſen⸗ Aber herunter die Buͤchſe, oder ich pruͤfe mit der meinen die Feſtigkeit Deines Schaͤdels!“ warnte ſein Gegner, zugleich ſich auch ſchußfertig haltend⸗ Guͤldenſtern, den Ernſt des feindlichen Be⸗ ſehls nicht verkennend, fuͤhlte doch nicht die ge⸗ ringſte Luſt, ihm eine erniedrigende Folge zu lei⸗ ſten. Ein wildes, ſtolzes Laͤcheln umflog ſeinen Nund— ſein Finger zuckte— und mit dem mor⸗ deriſchen Knalle zugleich, brullte der zuſamſen⸗ fallende Raͤuber laut auf. Raſch riß et nun ſein Waidmeſſer aus der Scheide, und ftrzte auf die, in unthaͤtiger Veberraſchung verſteinerten Vebri⸗ gen zu. „Guſtav!“ zief da plötlich der, bis jetzt ſo antheillos Verharrende, indem er zugleich, jede rächende Gewaltthat zuruͤckdraͤngend, mit aus⸗ gebreiteten Armen vortrat. Auch den Schritt des Angreifenden laͤhmte der Name, und die Stim⸗ me, welche ihn ausſprach, ſie war ihm bekannt — es war die des Satans! aber nicht allein von daher war er mit ihr vertraut, nein! wie ein befreundeter Gruß aus der weiten Ferne, einer truͤhen Bergangenheit, ſchlug ſie an ſein Ohr. „Guſtav!“ wiederholte ſie die Anrede:„das war ein ſchnoͤder Willkommen fuͤr alte Freund⸗ ſchaft! Dank es ihr, daß ſie mich die Rache des Erſchoſſenen vergeſſen heißt.“ „Wenn der elende Wicht nicht gezittert haͤtte! So hat der Stuͤmper mir nur ein Loch in's Fleiſch gemacht, und wenn Du mir's erlaubſt, Haupt⸗ mann! ſo ſchlag ich ihm mit dem lahmen Arm ſchon noch die Hirnſchale ein,“ ſagte der Ver⸗ wundete mit bitterem Groll, indem er ſich wieder aufraffte, und Miene machte, ſeine Verheißung zu erfullen. Guͤldenſtern, unfaͤhig den Vorgang zü be⸗ greifen, fuͤhlte ſich noch mehr außer Stand, ir⸗ gend etwas dazu zu ſagen oder zu thun, und ohne Widerſtreben ließ er es geſchehen, daß der Hauptmann ihn ſo weit abſeit fuͤhrte, daß Nie⸗ 9* mand ihre Rede erlauſchen konnte. Mit verſchlun⸗ genen Armen ſtand ihm dieſer nun gegenuber, ſchweigend und erntt ihn beſchauend. Guͤldenſtern that dasſelbe, doch vergeblich war ſein Beſtreben, dieſe athletiſche Geſtalt, deren Antlitz theils ein verworrener, ſchwarzer Bart, theils die herabhaͤn⸗ gende Krempe des Hutes beſchattete, unter der ein paar unſtätte, flammende Augen hervorblitz⸗ ten, in ſein Gedaͤchtniß zuruͤckzurufen. Verlegen bohrte er die Spitze der noch entbloͤßten Klinge in den Boden, Auſfſchluß von dem erwartend, der zu ſeinem Entſetzen nicht den geringſten uͤber ihn zu beduͤrfen ſchien. „So kennſt Du mich nicht mehr?“ unter⸗ brach dieſer die peinliche Stille:„Freilich magſt Du ein Recht haben, zu etwarten, daß der Ge⸗ ſpiele Deiner Jugend Dir in einet andern Ge⸗ ſtalt unter die Augen treten muͤſſe— aber das almaͤchtige Schiekſal ſchont keines Menſchen Recht; und ſo bin ich denn geworden) wozn es mich ge⸗ macht, und thue, wie es mir that.“ „Um Gotteswillen! wer biſt Du, fuͤrchterli⸗ cher Menſch?“ „Ein vom Geſchick weniger Begünſigter, als Du! Kein Verbrechen trieb mich in die Wild⸗ niß; allein der Hunger machte mich zum Raub⸗ thiere, und Menſchenhaß zum Moͤrder! Dir it aus Deines Degens blutiger Saat eine teichere Ernte gereift, und Du haſt klͤglich nicht ver⸗ ſaͤumt, den Pflug auch als Sichel zu gebrauchen. Dir brachte Dein Soldatenleben Auskommen und Ehre, mir Noth und Schande— Doch iſt es Narrheit, daran zu denken!“ und der Sprecher ſchloß die erſt ſo weich begonnene Rede nun mit demſelben widrigen Hohnlachen, mit welchem er damals Guͤldenſtern entfloh, dadurch laut und un⸗ verholen die tiefſte Verwilderung verrathend, der er verfallen war. „Himmel erbarme dich! Du biſt Herrmann?“ „So hieß ich, da ich noch ein ordentliches Buͤrſchchen war. Spaͤterhin, da mich die Luſt an Spiel und lockeren Streichen, aus des Vaters Angeſicht und Leſtamente trieb, nannten mich meine Kriegskameraden den ſchwarzen Toffel; und als ſolcher habe ich, beſonders bei der Belagerung des Meißner Schloßes, wacker, und wahrhaft wie ein Held, auf der Schweden Köpfe getrom⸗ melt. Es waͤre doch ſpashaft geweſen, wenn ich ſchon dort zum Auferwachen unſerer entſchlafenen Freundſchaft, die Reveille auf dem Deinigen ge⸗ ſchlagen haͤtte. So kamſt Du mir erſt hier im tiefſten Frieden zu Geſicht, wo nur ich noch mit aller Welt im Kriege lebe, weil man im Waffen⸗ ſtilſtande den nun nutzloſen Brodfreſſer ſchaͤnd⸗ lich verabſchiedete, daß er, der weiter nichts beſaß und verſtand, den wackern Degen entwedenr auffreſſen, oder ſich ihn in den bellenden Magen bohren mußte. Sieh! das iſt meine Geſchichte — zwar eben nicht lang, aber doch ſehr eſhau⸗ „Nur noch nicht zum traurigen Ende, gr⸗ mer Verirrter!“ „Biſt Du toll? In de Welt hat nichts ein Ende, dem man nicht ſelbſt ein ſolches macht. Schlagen ſie mich einſt todt, dann will ich erſt die menſchliche Brut recht quaͤlen! Solch' ein Geſpenſt ſoll's auf der Erde noch nicht gegeben haben! und die allerhoͤchſten und gnaͤdigſten Be⸗ lohner meiner Verdienſte will ich ganz vorzuͤglich bedenken mit meigen Spuk! Die Butter ſammt dem Brode lecke ich ihnen aus der Hand, und ſpiele dann die lange, fetttriefende Zunge in ih⸗ rem Becher ab, daß ſie vor Bauchgrimmen und Ekel verdulren muͤſſen, wie des Baͤrenklauſer Hof⸗ ſinat! So errettet die Buhen nicht einmal das — 155 Rauben vom Hungertode, das ſie mir zum Gluͤck noch gelaſſen haben.“ „Herrmann! das iſt die Schadenfreude der Hölle, und die Luſt der Verzweiflung.“ „Pah! Jeder muß ſein Spaͤschen haben. Dergleichen ſind nun einmal in meiner Art. Als ich ſo herum ſchlich, mich zu vergewiſſern, ob Du's auch wirklich ſeyſt, und Deinem Liebchen begegnete, da mußte ich Ihr einen kleinen Schreck einjagen. Wer im Gluͤcke ſitzt, iſt mir zuwider, und das der Verliebten macht ſie leicht zu uͤppig, da ſchadet eine ſolche gelinde Alteration denn gar nichts. Daß Du Dich nicht furchten wuͤrdeſt, wußte ich wohl, und als ich nun ge⸗ wiß war: Du ſey'ſt es wirklich, gedachte ich auf eine luſtige Weiſe Dir zu entkommen; denn ich wollte Dir mit der alten Bekanntſchaft weiter kei⸗ ne Sorge machen. Da es aber der Zufall mit Dir nicht ſo gut gemeint, ſo graͤme Dich weiter nicht daruͤber, und reich' mir die Hand zum Le⸗ bewohl!“ „Hertmann, noch ein Wort!“ „Habe keine Sorge— ich bin ſiummet als ein Fiſch.“ „O das nicht! aber ſlieh auch wie et; das ſumpfige, verpeſtende Waſſer. Entreiß Dich die⸗ ſer ſchaͤndlichen Geſelſſchaft und ihrer Unthaten! werde wieder, was Du warſt: ein guter Menſch. Der Mangel hat Dich an ſie gekettet— hier wein Taſchenbuch mit allem, was ich in dem Augenblicke beſitze. „Guſtav— mein Guſtav!“ ſeufzte der Raͤu⸗ ber, und ſtrich mit der Hand uͤber die Augen, um eine Thraͤne zu verwiſchen, die gewiß wieder die erſte ſeit langer Zeit, und ohne Zweifel die letzte war, welche der noch einmal aufflammende Glaube an menſchliche Gute ihm entlockte, der aber leider eben ſo ſchnell erloſch, als er in dieſem verhaͤrteten Herzen erglommen war.„Das iſt zu ſpaͤt!“ fuhr er gelaſſen fort:„und Dir das Geld noͤthiger als mir. Wer weiß, wozu Dein Verhaͤngniß Dich einſt noch treibt, und Gold iſt ein Talisman gegen manche Miße⸗ that.“ „Sich frei davon erhalten, iſt der beßte da⸗ gegen. „Biſt Du frei davon?“ erwiederte Herr⸗ mann mit Grauſen erregendem Laͤcheln—„Glau⸗ be mir, nur mein Amulet ſchuͤtzt gegen das Ge⸗ ſetz, wenn es auch nur zur Flucht hilft. Wer . —— — 157 weiß das Ende von Deinem Liede? Doch, Gu⸗ ſtav, bitte den Teufel, daß er Dich behuͤte, aus Bedraͤngniß ein Raͤuber zu werden, denn auf des Himmels Erhörung darfſt Du nicht bauen, mich hat er richtig ſtecken laſſen. Geht's aber nicht anders, dann komm zu mir; auf mich darfſt Du rechnen, wie ich auf die Verdammniß!“ „Fort, Ungeheuer!“ ſchrie Guͤldenſtern auſ⸗ ſer ſich, den Stahl gegen den Frevler erhebend, aber die er entgegnete gleichmuͤthig: „Nun, wie Du denkſt oder willſt. Aber be⸗ darfſt Du meiner einſt, ſo zuͤnde nur den duͤrren Windbruch auf dem Scheitel des Wiliſch an. Das Signal wird ſchon ein Stuͤcklein in's Land hinein kuchten, und in naͤchſter Mitternacht kannſt Du mich an dem Kohlfeuerchen ſo ſiher erwarten, als meine ſelige Muhme auf dem Sterbebette die Auferſtehung des Fleiſches. Auf Wiederſehen denn!“ und ſeinen Geſellen zuwinkend, die jenes Pfeifen in bedeutender Anzahl verſammelt hatte, ſchritt er uͤber die Bloͤße, und verſchwand mit ihnen unter den Baͤumen.— Lief ſchoͤpfte Guͤl⸗ denſtern Athem, um die zuſammengeſchnuͤrte Bruſt zu erweitern, aber er fuͤhlte wohl, es ſey unmog⸗ lich, ſie von der druͤckenden Laſt zu befreien, welche dieſes Zuſammentreffen darauf gewaͤlzt hat⸗ te, und im duͤſtern Vorgefuͤhl eines kommenden Wehes, ſchlug er den Heimweg ein. Marien, die ihn ſorgenvoll erwartet hatte, entging die Wolke auf ſeiner Stirne nicht. Deut⸗ lich verkuͤndete ihr dieſe, daß ihre Furcht auf ir⸗ gend eine Weiſe wahr geworden, doch mit erkuͤn⸗ ſtelter Freundlichkeit beruhigte er die Forſchende daruͤber. Sie ſchwieg, eingeſchuchtert durch dieſe Zuruͤckhaltung; aber des Geliebten ſo ganz veraͤn⸗ dertes Thun und Treiben ſeit jenem verhaͤngniß⸗ vollen Abend, ließen ihr keinen Zweifel daran. Seine ſeither ſo lautere Luſt am Leben war ver⸗ ſtummt. Zwar ſuchte er Geſellſchaft, aber mit einer aͤngſtlichen Haſt, die offen verkuͤndete, er thue das nur, um in ihrem Geraͤuſche ſich ſelbſt zu vergeſſen, und unverholener noch verieth dieß die wilde Ausgelaſſenheit, mit welcher er rauſchen⸗ den Zerſtreuungen ſich uberließ, ja ſelbſt die Huͤlfe des Bechers anſprach, um ſich noch empfaͤnglicher. fur ſie zu ſtimmen. Jene ſchoͤnen Augenblicke ei⸗ nes vertraulichen Alleinſeyn's ſchienen fuͤr die Ame nie wiederkehren zu wollen, denn ſichtlich vermied er ſolche; und vereitelte ein Zufall dieß Bemuͤhen, dann war er entweder ungewoͤhnlich weich, faſt truͤbſinnig, oder ſo reizbar, daß eine ungezugelte Heftikeit durch die lindeſte Verletzung ſeines Gefuͤhls hervorbrach und ſie erſchreckte Schmetrzlich ſagte ihr dieß, wie ſehr ſein Gemuͤth allen Halt verloren habe, und unfähig, den traurigen Grund davon zu entdecken, ergab ſie ſich mit Entſagung und frommer Demuth in das unverſchuldete, herbe Geſchick. Doch taͤglich mehr ward die Ahnung zur Wahrheit, daß aus dem Ne⸗ bel jenes ſtuͤrmiſchen Abends das Unheil ihm ent⸗ gegen getreten, und ſo ihre Sorge erfuͤllt worden ſey, denn nie wieder ging er ſeit dieſer Stunde auf die Jagd, welche er doch ſo leidenſchaftlich liebte, wie ſehr ihn auch Heimich bat und draͤngte, denn im⸗ mer lebte er in der Furcht, dort noch einmal je⸗ nem Daͤmon der Hölle zu begegnen. Aber Raum mußte er dem Drange der verzehrenden Ungeduld geben, welche ihn nirgend laͤnger raſten ließ, und ſchwer buͤßte ſein edler Rappe das unſtaͤtte Ver⸗ langen und Streben ſeines Geiſtes in die Weite. Der Verduͤſterte flog auf ihm, ohne Zweck und Ziel, uͤber den gefaͤhrlichen Boden dahin, bald durch das witre Geſtripp der wuͤſten Haide, bald ſeilen Gebirgpfade auf und ab, bis die Er⸗ ſchoͤpfung beider endlich die Heimkehr gebot, und den Aufruhr im Innern des Reiters, durch die Abſpannung der Nerven, auf kurze Zeit beſchwich⸗ tigte. Dann gelang es ihm zuweilen, zu vergeſ⸗ ſen, daß der ſo tragiſch verſchlungene Knoten ſei⸗ nes Lebens nun in blutbefleckter Hand liege, die es vermoͤchte, ihn zu loͤſen— und daß ſolche, gewoͤhnt an Mißethat und Mord, ihn(wenn die Holle ſie vielleicht einſt dazu verlockte) ſchwerlich ſcho⸗ nend zu entwirren verſuchen moͤchte, und dann das Schwert, welches ihn trennte, auch ſein Herz nicht verfehlen wuͤrde. So jagte er eines Morgens, gequält von dieſem unſeligen Gedanken, nach ſeiner Gewohn⸗ heit wieder in achtloſer Uebereilung einer mit Steinen uͤberſaͤcten Trift entlang, als das ſonſt ſo ſichere Noß zuſammenbrach und ſein Reiter weit hingeſchleudert, vom heftigen Sturz blutend und bewußtlos, am Boden liegen blieb. ben war der Buͤrgermeiſter Werner im Hofe zu Maxen angekommen, ſeinen alten Freund zu umarmen, deſſen Daſeyn ihm Marie gemeldet hatte, und fragte ſolche mit ſehnſuͤchtiger Haſt, warum er ihn noch nicht erblicke, als ſein ſchaum⸗ bedecktes Roß mit ledigem Sattel durch das Thor 1 z ſprengte. Schwer, unmoͤglich möchte es ſeyn, den Schreck ſchildern zu wollen, der ſich ſeiner und aller, bei dieſer Gelegenheit bemeiſterte. Ma⸗ rie, farblos wie ihr Kleid, nicht eines Seußzers maͤchtig, ſtuͤrzte zur Pforte hinaus, ihn zu finden, zu belfen; und Caspar ſammt Heinrich folgten in gleich nutzloſer Eile der Fluͤchtigen, ohne auf die Nachricht eines Bauers zu achten, der Zeuge des Ungluͤcks geweſen war, und nun vollen Lau⸗ fes kam, Huͤlfe fur den Scheintodten herbeizuru⸗ fen. Beſonnener eilte der Hausherd, den Wund⸗ arzt zur Stelle zu ſchaffen, waͤhrend Werner der Sorge fuͤr ſeinen bequemen Transport ſich unter⸗ zog. Jobſt, der wohl ahnete, doch nicht klar ein⸗ ſah, was vorgegangen, hatte indeß den Rappen aufgefangen; und ſah ſtarr den Buͤrgermeiſter an, neugierig, ob ſolcher ihm nicht Licht geben wuͤrde, in dieſer Finſterniß. „Alter, nimm ſchnell den Leiterwagen, und bedecke ihn mit Matratzen! Fort! beſinne Dich nicht lange,“ tief ihm dieſer zu, und eilfertig ſorgte er nun, daß der Wagen beſpannt wulde, und fuhr ſolchen ſelbſt hinaus zur Stelle, wo er⸗ mit moͤglichſter Schonung fuͤr ſeine Aufhebung und ein ſanftes Lager ſorgte, und dann jedem — 142— Steine bedaͤchtig auswich, daß er ja keine ſchmet⸗ hafte Erſchuͤtterung erleide. Als der Ohnmuͤchtige nach langer Zeit wiedetr zu Sinnen kam, blickte er um ſich, wie einer, der weder weiß was ihm geſchehen, noch wo er ſich befinde. Noch ſchien er die Umſtehenden nicht zu erkennen; nur als ſein ſchuͤchterner Blick die zur Seite ſtehende Marie traf, erhei⸗ terte ſich derſelbe, und ruhiger gleichſam laͤchelte er ſie an „Lebe ich denn noch?“ lisvelte er, ſchwach und kaum verſtaͤndlich, ihr zu⸗ „Preiß ſey Gott!“ antwortete die Wei⸗ nende⸗ „Wohl, wohl!“ und tiſ, ale ſcheue et ſich ſelbſt, es zu hoͤren, fuhr et fort:„ Satan lebt auch noch, Marie.“ Wie ein verſengender Blitz erſchutterte die un⸗ heilvolle Verkuͤndigung die Arme. Sie ſah ihre Ahnungen erfuͤllt, und furchtete das Schlimmſte, von der noch verſchleierten Wahrheit, zugleich em Himmel dankend, daß Riemand ſonſt die 3 Veußerung verſtanden⸗. Jetzt nahte ſich ihm auch Wernerz doch ke iun er ſolchen wahr, als ex ihn mit 143 Auge anſtarrte, und, als ſuche er ſeinem Anblick zu entfliehen, ſchnell die Decke uͤber das Geſicht ziehen wollte— aber die Hand verſagte ihm ih⸗ ren Dienſt, und ein ſchmerzhafter Seufier verrieth die Schweke ihrer Verletzung. „So muͤſſen wir uns wiederſehen? Und ich hatte mir der Freuden ſo viel verſprochen““— re⸗ dete ihn der wackere Mann im Tone des innigſten Mitleides an. „Ach! das Leben halt gar wenig des Gutenz mit dem Schlimmen iſt es nicht ſo karg, lieber Werner!“ antwortete der Kranke. Jetzt trat auch der Wundarzt, mit ſeinen In⸗ ſtrumenten unter dem Arme, ein, und kramte ſolche ſchonunglos vor dem Leidenden aus; mit gleicher Rohheit begann er die Unterſuchung des⸗ ſelben, die laut ausſprach, wie wenig Heil aus ſolchen ungeſchickten Haͤnden fuͤr die Einrichtung des ausgefallenen linken Armes, zu hoffen ſey⸗ Guͤldenſtern verweigerte daher, bei zunehmender Beſonnenheit, feſt die Annahme irgend eine ſei⸗ ner Huͤlfleitungen, und eben ſo ernſt Werners wohlgemeinten und dringenden Vorſchlag, ihm nach Pirnt zu folgen, um dort, in ſeinem Hauſe, unter der Pflege eines erfahrenen Helfers zu ge⸗ — 144— neſen. Er bat ſeinen gotigen Wirth, ihn ſchleu⸗ nig nach Dresden zu ſenden, und zufrieden ge⸗ waͤhrte er Heinrichs Bitte: ihn begleiten und pfle⸗ gen zu duͤrfen. Auch Werner ließ ſich nicht ab⸗ halten, Theil an dem Geleite zu nehmen, und das ihm dort Noͤthige zu beſorgen; und bald war alles zur Abreiſe fertig. „So wollt Ihr uns verlaſſen, und ich werde Euch nicht warten und Eure Schmerzen troſtend lindern können?“ klagte beim Abſchiede Marie. „Dresden iſt ja nicht ſo fern als Schwe⸗ den!“ troſtete ſie Frau von Schoͤnberg. „D, Marie! waͤren wir dort:“ flſterte Guͤldenſtern ihr zu, im Tone der Sorge und Zaͤrtlichkeit, indem er ihr ſanft die Hand zum Lebewohl druͤckte, und langſam entſchwand er nun dem Auge der Trauernden, welches ihn weinend in weite Ferne verfolgte, als furchte es, it nie wieder zu ſehn⸗ 6. Mit väterlicher Sorsfalt hatte der wackere Werner in dem beßten Gaſthauſe der Reſidenz d 8 Verwundeten eine bequeme Wohnung ge ni ihm den geſchickteſen Wundatit ſelbſt zur 5 gerufen, und erſt nachdem er das kleinſte, ihm noͤthige Beduͤrfniß herbei geſchafft, und ſeinen Freund auf's angelegentlichſte empfohlen hatte, verließ er ihn, gedraͤngt durch ſeine Geſchaͤfte; doch wiederholte er ſeinen Beſuch ſo oft als moͤg⸗ lich, und nach kurzer Zeit ſchon ward ihm die Freude, alle Leiden bis auf eine Schwaͤche des Arms verſchwunden zu ſehen. Auch hatte der Schmerz und die Beſorgniß um den Ausgang der Krankheit auf eine wohlthaͤtige Weiſe Guͤldenſterns Gedanken von den Vorfaͤllen abgezogen, welche ſolche herbeigefuͤhrr, und die ihm empfohlne Be⸗ wegung in freier Luft, ſo jedem Blick etwas Neues und Reizendes in dieſem lieblichen Thale bot, ver⸗ hinderten, vermoͤge der erfreulichen Zerſtreuung, das Erwachen ſolcher truͤben Erinnerungen. So gab er denn mit mehrerem Antheil ſich auch wieder dem Vergnuͤgen hin, welche die Geſelligkeit gewaͤhrt, und beſuchte gern die Familien, deren Haͤuſer Schoͤnberg's Empfehlungen ihm geoͤffnet hatten. Im lebendigſten Gefuͤhle der Dankbarkeit melde⸗ ten ſeine Briefe dieß der trefflichen Familie, und wenn nun die ehrwuͤrdige Hausfrau ſolche den Uebrigen vorlas, dann preßte Marie ſtumm die gefalteten Haͤnde gegen das wallende Herz? damit 10 8 blick des vor ihm ausgebreiteten Edens. — 146— die Freude es nicht zerſprenge. So in der Hofſ⸗ nung eines baldigen Wiederſeh'ns, gab man den Gedanken auf, ihn dort einmal zu beſuchen. Auch Gaͤldenſtern, ſich hinausſehnend zu den Lieben, kuͤndigte Heinrich die nahe Abreiſe an, und bat; ihm ſein Roß ſatteln zu laſſen, um, noch einmal der ſchoͤnen Gegend ſich freuend, ihr zugleich ein Lebewohl zu ſagen; und als es ihm nun ber die herrliche Bruͤcke des Elbſtromes trug, ruhte das pruͤfende Auge bald rechts, bald links, auf den Weingebirgen, welche ſich an deſſen Ufern hinziehen⸗ und in der Ferne, mit den ſanften Höhen des gegenſeitigen Geſtades ſich zu vereini⸗ gen ſcheinen. Doch nicht lange ſchwankte ſein Entſchluß, und ſein Roß rechts wendend, er⸗ reichte er bald das freundliche Doͤrfchen Loſchwitz⸗ Langſum ſtieg er jetzt durch den ſchattigen Ziegen⸗ grund, dem Gipfel des Rebengebirges zu, und auf deſſen weiteſtem Vorſprunge ſtand er nun auf einer Halde, die hier die Hande ſorgſamer Win⸗ zer gehaͤuft, und ſchwelgte in dem reizenden Ueber⸗ Fing's um ſich die Reu⸗ uu i frohlichen Erwachen entgegen, zur Erde ſenkten; unter ſich das Doͤrfchen inmitten eines falben Kranzes maͤchtiger Obſtbaͤume; ihm gegenuͤber das aͤrmere Blaſewitz, und auf dem Fluſſe das rege Leben der Fiſcherkaͤhne und der Faͤhre, wel⸗ che die getrennten Bewohner beider Orte verband. — Doch bald verlor ſich ſein Blick in die Ferne, und ſenkte ſich dann von Boͤhmens blauen Ge⸗ birgen, auf jene Gegenden herab, wo Luſt und Leid in mancherlei Geſtalt ihm einſt begegnet waren; und in ſchmerzlich ſuͤße Erinnerungen verloren, bemerkte er es nicht, daß noch jemand außer ihm, in gleichen Gefuͤhlen verſunken, hier ſtehe— und als er's nun gewahrte, da fuhr er ſo heftig in ſich ſelbſt zuſammen, daß die Heſtigkeit dieſer Bewegung ſeine Nachbarin nicht wenig erſchreck⸗ te. Aufmerkſam dadurch, ſah auch dieſe Guͤlden⸗ ſtern forſchend an— und ſprachlos, erſtarrt, ſtan⸗ den ſie nun einander gegenuͤber, zweien Mar⸗ morbildern aͤhnlich, in deren Zuͤgen der Meiſel mit des Lebens Wahrheit Erſtaunen, Schleck und Freude in wundervollſtem Gemiſch hervorgerufen. „Fridoline! fammelte endlich Guͤldenſtern aus bewegter Bruſt. Iſt es moglich? Guſtav!“ erſcholhs ihm 10* zur Antwort, und indem die Wangen der jungen Dame wechſelnd errotheten und erbleichten, erho⸗ ben ſich die Arme, als ſehne ſich ihr zitterndes Herz den Bekannten zu umfangen; doch als die⸗ ſer nun, ledig der augenblicklichen Erſtarrung, ſich in ſolche ſturzen wollte— da bebte ſie zuruͤck, und mit einem Seußzer ſanken, erſchlafft, die ausgebreiteten Haͤnde herab. So neigte ſich der Nahende verſchuͤchtert zu ihren Fuͤßen, und ſchlang ſeinen Arm um ihre Kniee, das Geſſcht in das ſie umfließende Gewand verbergend. Sie vermochte es nicht, ihn hinweg zu draͤngen, noch durch ein Wort ihm ſolches anzudeuten— er hoͤrte nur, daß ſie ſtill weinte; und als er nun das Antlitz erhob, ſiel eine brennende Thraͤne auf ſeine Stirn. Zaͤrtlich ſtrich ſie mit der Hand liber ſolche hin, dieſelbe zu verwiſchen, und Guͤl⸗ denſtern ſie mit beiden Haͤnden ergreifend und kuͤſ⸗ ſend, weinte nun auf dieſe, wie ſie auf ſein Haupt. „Guſtav!““ ſagte ſie endlich:„wenn man uns uͤberraſchte; meine Leute ſind nicht fern.“ „D, Fridoline!“ klagte der Bewegte:, „die Mörder meiner Gluͤckſeligkeit ſtunden mir ja immer nah, nur die guten Engel fliehen mich! — 149— und mit geſenktem Auge erhob er ſich, und ßrich die Locken aus der Stirn, ohne wieder aufzubli⸗ cken, noch ein Wort zu ſagen, bis ſie mit ſanf⸗ ter und beruhigender Stimme ſprach: „Ich meinte, Guſtav, wir haͤtten uns ſo viel zu ſagen? und ob ich gleich nie es hoffen fonnte, nie es wuͤnſchen durfte, uns wieder zu ſehen, das Schickſal hat es gewollt, und wir wollen es gls ein guͤtiges empfangen.“ ungläubig ſchuͤttelte Guͤldenſtern das Haupt, ohne es aufzurichten, noch etwas zu erwiedern⸗ „Guſtav— guter Guſtav!“ fuhr ſie fort; „Das iſt ein ſchmerzliches Begegnen! doppelt bitter durch den troſtloſen Willkommen des Verza⸗ gens oder der Verzweiflung. Wer bedarf mehr der Erhebung als ich— und ich ſoll den Sin⸗ kenden erhalten? ihn, den Staͤrkern, von dem ich Troſt erwarte. Guſtav, das iſt zuviel fuͤr ein verarmtes, faſt gebrochnes Herz.“ „Dh! waͤre das meine geblieben, veroͤdet, wie es ſich von Dir losriß— aber alle Bluͤthen, welche die troſtende Zeit darin gepflanzt, ſab ich verwelken, wie ich Dich ſah— und nenn Du gehſt, wird es zur Wuͤſte werden, die nie wieder ane Thräne erftiſcht! Ach, Fridoline! beſer, wir haͤtten uns nie wieder gefunden!“ „Wer fuͤhlt das mehr, als ich? Doch laß es die Begegnung einer Geſpielin Deiner Jugend, das Wiederſehn einer Schweſter ſeyn. Koͤnnteſt Du Dich deſſen nicht freuen?— Sieh, guter Guſtav! hei Deinem Anblicke ſchlug auch in meine Bruſt der Schmerz ſeine Geierklauen— aber bald draͤngte ſie der Glaube an ein verſoͤhnendes Ge⸗ ſchick hinweg. Ermuͤdet durch ein rauhes Leben, wo das Iut ſchyn kühlet, fanfter dem Hetzen entſtroͤmt— ſo ſollten wir noch einmal uns ſin⸗ den, um im Frieden leidenſchaftloſer Freundſchaft wieder zu ſcheiden, damit in troͤſtender Exinner⸗ ung, die Qual des Angedenkens einer einſt ſo verzweiflungvollen Entſagung verſchwinde.— Em⸗ por des Haupt! Blick um Dich! Schon ſenkt ſich des Jahres kühler Abend guf die Gegend, und doch, wie herrlich prangt ſie n einmal im Glanze der Herbſtſonne!“ Langſam ſchlug Guͤldenſtern den Blick auf, und mit dem Finger nach Dohna's Thäl, und dann auf die Hoͤhe von Gamig deutend, ſ h ey mit gedaͤmpfter Stimme: Wohnt d a der Frieden, wo die vnne lorner Jugend, die Erinnerung eines betrognen Lebens am Grabe des Vaters weint, dem kein Sohn das Auge zugedruͤckt?“ „Und wohnt er da nicht, wo den Knaben die Luſt zugleich mit der Aeltern Zaͤrtlichkeit um⸗ fing? wo die junge Liebe den Arm um Deinen Nacken ſchlang, und eine Seligkeit uͤber Dich auegoß, wie ſie nie dageweſen, nie wiederkom⸗ men konnte?“ „Wohl, Fridoline! doch die Jahre und mein wildbewegtes Leben, ließen vielleicht einen kaͤrglichen Erſatz mich mit Jauchzen umfaſſen; in Deinem Anblick ward die milde Taͤuſchung zum Betrug! und hoffnunglos ſenkt ſich mein Blick von den Denkmalen jener Stunden zum Fuße die⸗ ſes Gebirges, und weilt ſehnſuͤchtig auf dem Friedhofe dort. Ach, daß ich damals geßtorben waͤre!“ Auch Fridolinens noch feuchtes Auge wendete ſich unwillkuhrlich den niedern Huͤgeln, mit ih⸗ ren kleinen, zum Theil ſchon verſunkenen Kreu⸗ zen zu, und auf's neue floſſen ihre Thraͤnens doch bald wieder ſich faſſend, ſprach ſie ernſ: „Nicht doch! das iſt nicht maͤnnlich. Noch immer giebſt Du mit gleich leidenſchaftlicher Het⸗ tigkeit Dich dem Schmerze und der Freude hin, wie ſonſt als Juͤngling, und wie Dein Charakter, Dein Muth jeglicher Gefahr des Lebens Aergſtem trotzen, ſo verfaͤllt Dein Gemuͤth der kleinſten Gewalt einer verletzten Empfindung.— Laß die Natur Dich troͤſten, Guſtav! BPbſchon rauhe Stuͤrme wehen, kahl und farblos die Felder ſind, nie doch ſinkt die Sonne heitrer, als im Spaͤtherbſt, und weder im Lenz noch im Som⸗ mer ſchimmert nachher der Himmel in ſolcher wolkenloſen Reinheit und dieſem milden, goldnen Lichte; ja ſelbſt die Erde bietet noch einmal alle Fönder des Fruͤhlings zum Kranze, daß der Sammler bei ihrem Anblick der Wonne des Ent⸗ flohnen ſich wieder freue! Meinſt Du, das Le⸗ den ſey weniger mild als die Win Na⸗ tur? Da klangen die Glocken, von der am Berg⸗ hange, unfern vom Doͤrfchen liegendem Kirche zu ihnen herauf, und ſchweigend horchten beide dem Abendgelaͤute zu, wuͤnſchend und hoffend, ſeine Mahnung zur Ruhe moge ſolche auch in ihre ſo ſturmbewegte Bruſt zuruͤckrufen.„Doch komm,“ fuhr Fridoline fort:„es wird ſpaͤt, und ſeh'n wir beruhigt uns wieder, dann ſollſt — 15 Du mir erzaͤhlen, wie es Dir in der verfloſſenen Zeit ergangen.“ „Und was haſt Du mir mitzutheilen 2“ fragte ſie Guͤldenſtern, geſpannt und zagend die Lroſterin anblickend.„Als der Krieg mich wie⸗ der in die Heimath fuͤhrte— ſieh, da entfiel mir der Muth, weiter zu fragen, als ein Landmann mir antwortete:„von den Bernſteins lebt Nie⸗ mand mehr hier!“ und eine Scheu trieb mich von Gamig's Thore zuruͤck; denn was haͤtte ich dort gefunden, als uͤber ihm den Baͤr Deines Wap⸗ vens, mit ſeinem:„Wende Dich Gluͤck!“— Fridoline! hat das Leben den Wahlſpruch Deines Ahnherrn Dir erfullt?— Du ſchweigſt!— Sei⸗ nen Namen fuͤhrſt Du nicht mehr, das ſagt mir dieſer Ring, und ich habe keinen fuͤr Dich, als den der Liebe— aber wie nennt Dich die Welt?““ „Graͤfin Klynsky!“ antwortete Fridoline mit unſſcherer, beklommener Stimme, das Auge gen Himmel gerichtet. „Haſt Du dem Lode Dich vermählt, und lebſt als Gattin eines Verſtorbenen? oder hat die Hoͤlle ihn wieder in's Leben gerufen?! ſchrie Gul⸗ denſtern wild auf. . „Mein Gatte iſt der Bruder des Verbliche⸗ nen,“ erwiederte ſie ſanft. „Ah, ſo!— Freilich, freilich! der Baͤr mahnt ja die Bernſteine zu ſolchen Thaten. Ein entflohener Geliebter, ein todter Braͤutigam— und zum Erſatz ein fuͤrſtlich reicher Freier; da galt's keine lange Wahl, keinen großen Ent⸗ ſchlnß!“ „Wie biſt Du ſo bitter und grauſam gegen mich, Guſtav!— Das habe ich nicht um Dich verdient. Du warſt auf ewig mir verloren, und zur Stillung des Jammers meiner Eltern, und der namenloſen Unruhe, die unſere Liebe uͤber ſie gebracht, konnte ich da weniger thun, als mein freudenleeres Leben ihrem Wunſche vpfern?— Faſt habe ich den Namen des Gluͤckes vergeſſen— ſollen Deine Vorwuͤrfe mich dem Harme noch ver⸗ trauter machen?“ Vergebung, Fridoline!— Aber komm, komm! Hier wohnt der Friede heute nicht— morgen, hoffe ich, ſollſt Du zufriedener mit mir ſeyn.“ ——————— — 155 7. Die endloſe Nacht war voruͤber, und Hein⸗ rich trat an des Schlafloſen Bette und ſagte freundlich: „Langſchlaͤfer! der Rappe iſt ſchon geſattelt, und ich gehe Dir immer voraus. Wir werden ja ſehen, wer zuerſt den Gruß des Andern uͤber⸗ bringt.“ „Ja, gruͤße ſie recht freundlich von mir, Hein⸗ rich! und ſage ihnen, in einigen Tagen wuͤrde ich ſie auch ſehen.“ „Willſt Du denn nicht heute hinaus?“ fragte der Juͤngling verwundert. „Das ſagte ich geſtern, doch kaͤßt es ſich nicht thun. Aber es iſt mir lieb, daß ſie einmal durch Dich muͤndliche Nachricht empfangen.“ „Reiteſt Du nicht, ſo geh' ich eben ſo we⸗ nig. erwiederte Heinrich entſchloſſen, und mit dem groͤßten Beſremden im Geſichte. Aber Guͤldenſtern, ohne etwas zu erwiedern, ſchritt unruhig auf und ab, und kaum erſchien die ſchickliche Stunde, ſo ging er, Fridolinen in ihrer Wohnung aufzuſuchen.„Wen melde ich?“ fragte der Diener. „Den ſchwediſchen Hauptmann Guͤldenſtern.“ Die Thuͤre offnete ſich ihm, und uͤberraſcht ſand Fridoline auf, ihm freundlich entgegen geh⸗ end, indem ſie ſagte: „Ach ſieh da! Du biſt es! Guſtay? Wußte ich doch nicht, was ein unbekannter, auslaͤndiſcher Herr bei mir wolle; die Ungewißheit haͤtte Dir bald eine Abweiſung zugeſogen. Das kommt da⸗ her, daß Du naͤrriſcher Menſch geſtern auch nicht das kleinſte Woͤrtchen uͤber Deine werthe Perſon im Bezug zur Außenwelt gegen mich verloren haſt!“ „Wie konnte ich wohl daran denken, wo aufer Dir nichts fur mich vorhanden war, als mein Elend.“ „D, ſtll davon! und willſt Du mich nicht betruͤben, ſo laß mich ſehen, daß meine Gegen⸗ wart Dich erheitere. Guͤldenſtern alſo? und ein Kriegsheld biſt Du geworden, der noch an ſeinen Wunden leidet? Sieh, nun weiß ich glles; und nun kein Wort mehr von der traurigen Geſchichte. Wir kennen ſie! Fuͤr die Welt ſind wir neue, zu⸗ faͤllige Bekannte: fuͤr uns ſelbſt die innigſten Freunde, die ohne Gedaͤchtniß fur die Vergangen⸗ heit, nur dem Bemuͤhen leben, ſo viel Geninn † . als moͤglich aus ihrem Umgange fuͤr ihre Heiterkeit zu ziehen.“ Und ſo fuhr ſie fort, mit Feinheit und jener umſichtigen Gewandtheit, die nur das taͤgliche Le⸗ ben in den Zirkeln der hoͤheren Staͤnde verleihet, den Schwermuͤthigen von einem intereſſanten Ge⸗ genſtande zu dem andern zu fuͤhren, bis die Theil⸗ nahme daran ihn endlich von ſeiner Trauer un⸗ merklich mehr und mehr abzog. Von Tag zu Tag ſah das großherzige Weib den Lohn ihrer hohen Selbſtverleugnung ſich zur Reife zeitigen: denn taͤglich beruhigter kommend, verließ er ſie nie ohne einen Zuwachs an Heiterkeit und jener zu⸗ traulichen, doch ehrfurchtvollen Hochachtung, die ſie allein als Erſatz fuͤr das verlorne Gluͤck der Liebe ſich erwerben wollte. Aber wie ſehr taͤuſchte ſich die Gute! Denn eben dieſe Achtung mußte endlich zur Bewunderung dieſer Talente, dieſer Weltkenntniß und dieſes Herzens werden, welches mitten in einem ſo verfeinerten, geraͤuſchvollen und glatten Leben, ſich in urſpruͤnglicher Reinheit er⸗ halten, und das durch Erfahrungen der mannig⸗ faltigſten Art nur noch an Werth gewonnen hatte — und von dieſer Bewunderung, wie klein nur war da der Schritt bis zu dem Abgrunde, den 3 die nun aufſchlagende Flamme jener ſchlummern⸗ den Leidenſchaft zu ihren Fuͤßen eroͤffnen mußte?— Ahnunglos traten beide derſelben jedoch taͤglich naͤher; denn eingewiegt in thoͤriger Sicherheit der aͤußern Ruhe ihres Geſpraͤchs, verflocht ſich in ſol⸗ ches, nach und nach, ſo manche, erſt daraus ſo ſtreng verbannte, Erinnerung der Jugend. Das Angedenken ſchoͤner Stunden der Vorzeit erwachte laut auf den einſamen Spaziergaͤngen durch die Mahnung der Aehnlichkeit dieſer Gegend vder je⸗ nes Ereigniſſes der Natur; und wenn nun der Sonnenuntergang die Bruſt mit ſtiller Wehmuth erfuͤllte, und auch nur ein erſtickter Seußer Guͤl⸗ denſtern entſchluͤpfte, indem ex des Schmerzes der Trennung in ſolcher Stunde gedachte, ſo durch⸗ bebte doch Fridolinens Bruſt der Anklang glei⸗ cher Empfindung, wie oſt die unberuͤhrte Saite dem verwandten Tone zur harmoniſchen Antwort erklingt— und des Mitleids Hand neigte ſich zu der verſtoßnen Liebe!— Willenlos, und ſich im Augenblicke ſchwer deshalb verklagend, verrieth ein leiſer Druck der Hand Fridolinens Herz an den Trauernden, und ihn erwiedernd blitzte dann ſein truͤbes Auge auf, und Gluth und Verlangen ſpruͤhend, ſuchte er das ihre, welches Scham und Reue am Boden hielten. Auch er empfand dieſen Dorn des unbeſtech⸗ lichen Gewiſſens in einſamen Stunden der Selbſt⸗ beſchauung auf das Quaͤlendſte. Hier die blaſſe, ruͤhrende Geſtalt Mariens! ohne Vorwurf, ohne Klage, gußer der zitternden Thraͤne im Auge— dort die muthigere Fridoline! die, obgleich den toͤdtlichen Wurm im Herzen, doch da ſtand, als ſolle das Schickſal von ihr weiter nichts erzwingen, außer dieſem einzigen ſeine Tuͤcke anklagenden Blick einer unheilbaren Melancholie— und zwi⸗ ſchen beiden er, ein gefeſſelter Zuſchauer des ſchwankenden Kampfes zwiſchen Pflicht, Ehre, Zaͤrtlichkeit und der Allmacht einer gigantiſchen Leidenſchaft, ſammt den ſuͤßen Gewohnheiten der Jugend! Mit geheiltem Herzen, dem hoͤchſten Un⸗ gluͤck ein verfallnes Pyfer, fuͤhlte er ſich unfaͤhig noch irgend jemand zu begluͤcken, und von der Verzweiflung Graͤnze fluchtete er ſich dann in Fri⸗ dolinens Naͤhe, um dort die drohende Zukunft im Zauber ſuͤßer Erinnerungen und im Rauſche der beſeligenden Gegenwar“ zu vergeſſen. So ſchlang das einſt zerrißne Band der Liebe ſich taͤglich enger um beider Herzen; und jeder — 160— 3,„hes ſanft zu loͤſen, belehrte ſie ſchmerz⸗ dieß nun zu ſpaͤt ſey! u von dieſer Ueberzeugung ging Fridoline eines Tages dem eintretenden Geliebten entgegen, der, befremdet durch das Gemeßne, faſt feierliche ihres Ganges und Weſens am Eingange des Saa⸗ les ſtehen blieb. „Guſtav!“ redete ſie ihn an:„Guſtav, wir muͤſſen uns trennen— ſcheiden auf immer!“ Wie ein Blitz aus heitrer Himmelshoͤhe, uͤber⸗ raſchten dieſe Worte Guͤldenſtern, und als der Schmerz des Schreckes augenblickliche Erſtarrung uͤberwand, da umſchlang er ſie mit aller Macht der freien Rechten, und ſeine wuͤthenden Kuͤſſe er⸗ ſtickten die Bitten der endlich aus ſeliger Vergeſ⸗ ſenheit zuerſt Erwachten. „Nimmermehr!“ rief er mit der Stimme des Wahnſinns, die geballte Fauſt drohend em⸗ por haltend, als fordere er den Himmel heraus, den Raub zu verſuchen:„Nimmermehr! Wo gaäbe es eine Macht, die ſtaͤrker waͤre als die Verzweif⸗ lung!“ Fridoline:„die geheiligte Ordnung des n Lebens.“ „Das Geſetz!“ erwiederte die eſchrocne „Nieder tret' ich alle Schranken ſolches Menſchenwerkes, den Fluch des Lebens! ſelbſt der Gottheit ſpraͤche ich Hohn, verſagte ſie mir die huͤlfreiche Hand zum Schutze des alleinigen St⸗ gens, den ſie der armen Menſchheit geſpendet. Fort mit der Satzung ſiſchbluͤtiger Graukopfe! und verlaͤßt mich der Himmel, nun Hoͤlle! ſo ſtehe Du mir bei!“ „Mit Zagen blickte Fridoline auf den Ra⸗ ſenden; ſein Anblick erregte Entſetzen. Wild hin⸗ gen die Locken uͤber das Geſicht, deſſen geſpannte Muskeln zitterten, im Schmerze der ſie zu zerrei⸗ ßen drohte, und die rollenden Augen funkelten Verderben. „Guſtav!“ ſprach ſie endlich mit brechender Stimme:„O, mein Guſtav! Gewaltthaten ent⸗ ſprießt kein Heil. Schwer raͤcht der Himmel ſol⸗ chen Frevel— und der einſt geſchehene iſt es, den dieſer fuͤrchterliche Augenblick ſo grauſam an uns ahndet!“ Guͤldenſtern bebte zuſammen; ohnmaͤchtig oͤff⸗ nete ſich ſeine krampfhaft geſchloſſene Fauſt, indem zugleich auch alles Leben aus dem wildbewegren Geſſchte entwich, das nun, blaß und reglos, dem einer Leiche glich. 11 — 162— Guſtav,“ fuhr ſie fort:„und feſſelte den Menſchen auch nicht das irdiſche Geſetz: giebt es nicht ein heiligeres, deſſen Geber dort oben, un deſſen Richter hier im Buſen thront?— Ich meine die Pflicht.— Klynsky hat mir geſchrieben. Er wollte den Wintet in Paris zubringen, und ich ihn in meinem Vaterlande, in den Armen meiner Verwandten verleben. Jetzt meldet er mir, daß er ſchon auf dem Heimwege ſey und mich hier abholen werde, um, in meiner Geſellſchaft, nach Böhmen zuruͤckzureiſen. Hier kann ich ihn aber nicht erwarten!— Ich reiſe voraus— doch will ich Alle, die mir lieb ſind, noch einmal— ach zum letztenmale! um mich verſammelt ſehen, und dann weinend mich aus ihrer Mitte ſtehlen— ohne Haͤndedruck, ohne Lebewohl, daß der Abſchied mir nicht das Herz breche.—— Sende dieſen Brief an Schoͤnberg's, ſie einzuladen, damit ich Dich nicht ganz verlaſſen weiß— und nun— gute Nacht, armer Guſtav!“ Unbeweglich ſtarrte der Betaͤubte die Lhuͤre an, welche ſie ſeinem Blicke entzogen, und ſioͤhnte endlich laut:„D, fort nach Schweden! Hin an das brauſende Nordmeer! nieder in die Schaͤchte Dalekarliens, daß ich nichts mehr hore, nichts — 463— meht ſehe!“ und faſt ſinnlos ſtuͤrzte er ſeiner Wohnung zu. Er achtete nicht auf Heinrich, der, wie es ſchien, etwas mit ihm reden wollte, ſondern riß haſtig die Laute von der Wand, um dem Sturme, der ſein Inneres berwuͤſtete, Luft nach außen zu machen. Wild ßuͤrmte er anfangs durch die Sgi⸗ ten, bis endlich ihre Diſſonanzen ſich aufloͤßten, und melodiſch mit dem Geſange vergeblicher Wuͤn⸗ ſche, troßloſer Klagen verſchmolzen. „Gieb Himmel, mir die Jugend wieder, Der jungen Liebe ſchoͤne Zeit! Die Jugend, Himmel, gieb mir wieder Nit aller ihrer Seligkeit! Noch einmal komm, Du heilge Stunde, Wo ihr mein Herz entgegen flog Und ich som unentweihten Munde Den Hauch, den Kuß der Liebe ſog! Allmaͤchtig wollt' ich Dich umfaſſen Und keiner irdiſchen Gewalt So roh wie damals uͤberlaſſen, Du reine, zaͤrtliche Geſtalt!— Gieb, Himmel! mir die Jugend wieder Und den verlornen Augenblich! Roch einmal, Himmel gieb mir wieder Ihn und ein milderes Geſchick;“ 1* 7 und in ein ohnmaͤchtiges Wehen und Fliſtern verklang das Nachſpiel unter des Erſchoͤpften Haͤn⸗ den, denen jetzt auch das Inſtrument entſank, auf welches er duͤſter niederſchaute. „Du ſcheinſt nicht geſtimmt, etwas Erfreu⸗ liches zu empfangen,“ redete ihn endlich Hein⸗ rich an, deſſen Geſicht ein unverhehltes Mißvet⸗ gnuͤgen verfinſterte.„Ich werde es zu guͤnſtige⸗ ven Stunden aufheben.“ „Was haſt Du?“ fragte Gülenſtrn unc guͤltig. „Einen Brief von meiner Schweſter,“ ant⸗ wortete Heinrich, indem er die Hand, welche ihn hinter ſeinem Ruͤcken barg, hervorzog und ſie ihm entgegenſtreckte. „Ich danke Dir, Heinrich!“ erwiederte die⸗ ſer, das Schreiben unerbrochen auf den Liſch le⸗ gend.„Doch nimm meinen Rappen und fördre dieſen Brief nach Maxen.“ „Der iſt an Schoͤnberg, und nicht von Dir. An Marien giebſt Du mir keine Antwort mit?“ „Die ſag' ich ihr muͤndlich. Du meinteſt ja ſelbſt, ich ſey nicht geſtimmt Erfreuliches zu em⸗ pfangen— ich will Marien nicht betruͤben. 7 — 2 iſt nicht mehr fern, Hauptmann!— Dein langes Verweilen hier gefaͤllt mir nicht, und Deine Verſtimmung noch weniger. Ich ahns ihren Grund, und zittre, wenn ich denke, daß die arme Marie Dir einſt wenig Dank fuͤr das, ihr erhaltne Leben ſchuldig ſeyn wird. Ihr waͤre jetzt wohl, in der Liefe des Brunnens— ſo weiß ſie noch nicht einmal, zu welcher Hoͤhe ihr Jammer ſteigen kann; aber Hauptmann! das ſag' ich Dir: ich werde es nicht anſehen koͤnnen, wie ſie ihr Leben ausweint, ohne mich zur Ra⸗ ſerei verſucht zu fuͤhlen!“ Des Juͤnglings Stimme zitterte, als er ſo ſprach, und mit der dunklen Gluth verhaltnen Zornes auf den Wangen, verließ er den beſtuͤrzten Guͤldenſtern. Dieſer fand am folgenden Tage Fridolinens Thuͤre fuͤr ſich verſchloſſen. Sie ſey ſo beſchaͤftiget, daß ſie jedem, auch den willkommſten Beſuch ent⸗ ſagen muͤſſe, erhielt er zur Antwort. Er fuͤhlte, ſein Ungeſtuͤm habe dieß verſchuldet und der Zart⸗ fuͤhlenden Scheu heilig haltend, verſuchte er es nicht weiter, ſie eher als an jenem traurigen Feſt⸗ tage wieder zu ſehen. Auf Heinrich machte dieſe Zuruͤckgezogenheit einen ſichtlich angenehmen Ein⸗ druck, und er ſchoͤpfte wieder um ſo zufriedener Odem, da ihm, bei der Abgabe der zuſagenden Antwort im Hauſe der Graͤfin, die Anſtalten einer nahen Abreiſe nicht entgingen. Ihr trauliches Vechaͤltniß zu Guͤldenſtern war ſeinem Scharfblicke bald deutlich worden, da er mit dem eiferſuͤchtigen Auge der Schweſter jeden ſeiner Gaͤnge, jede ſei⸗ ner Mienen und ſchlummerloſen Naͤchte beachtete, ſobald der Argwohn erſt einmal erwacht war. Jetzt glaubte er, werde alles wieder gut werden; ſchon vermied er ſie, und war ſie erſt fern, dann meinte der Argloſe, wuͤrden Mariens Werth und Liebe die fluͤchtige Erſcheinung bald ganz vergeſſen machen, und ſchonend, als wolle er Gleiches fuͤr ſeine Haͤrte von ihm erwerben, erwaͤhnte er nichts mehr, was ihn haͤtte verletzen koͤnnen— ſelbſt der Schweſter Namen vermied er zu nennen. So erſchien endlich der verhaͤngnißvolle Abend, der mit bangen Gefuͤhlen erwartet, nicht enden ſollte, ohne ſie zum Entſetzen und zur Verzweiflung zu ſteigern. Guͤldenſtern, von Fridolinen im Kreiſe der ſchon verſammelten, mit Faſſung und wehmuͤthi⸗ ger Fteundlichteit bewillkommt, lehnte ſich, das Li fliehend, in die iin eines. . liebte geheftet. Ein brennendes Weh durchzuckte ſeine Bruſt, begegnete ſolcher zuweilen ihrem Auge, und der Troſt, welchen dieſes zublickte, fand keine wirthiche Staͤtte des Friedens darin. Doch eine ehrfurchtvolle Bewunderung mußte ſein Geiſt dem Heldenmuthe zollen, mit welchem die Leidende ihren Harm verbarg, daß niemand ihn ahne, noch ver⸗ hoͤhne. Aufrecht, faſt ſtolz ging ſie unter ihren Gaͤſten umher, mit der Feinheit der großen Welt und der Freundlichkeit einer ſorgſamen Wirthin, fuͤr deren Unterhaltung und Beduͤrfniſſe ſorgend; nichts war in ihrem Aeyßern, was das Leid aus⸗ geſprochen haͤtte, ſo ſie im Herzen trug: und nur ihre Blaͤſſe verrieth Guͤldenſtern, wie groß daſſelbe ſey. Da druͤckte ſie, im Voruͤbergehen, ihm eine kleine goldne Kapsel in die Hand, und lispelte verſtohlen: „Muth, Guſtav! und dieſe Locke zum An⸗ gedenken Deiner Freundin.“ „Und dieſer Stunde, dunkel wie ſie!“ er⸗ wiederte er faſt laut, im Uebermaße des Schmerzes. Jetzt erſchien auch Herr von Schoͤnberg mit ſeiner Gattin im Saale, und Guͤldenſtern fuͤhlte die Nothwendigkeit, ſie zu empfangen und vorzu⸗ ſellen, erſchrack aber heftig, als er, hintet ihnen, auch Marien an Caspar's Arm erblickte. Ein düſtres Vorgefuͤhl ſagte ihm, ſie komme zu keiner guten Stunde; und das Entzuͤcken, welches aus ihrem Auge leuchtete, wie ſie den ſo lange Ent⸗ behrten ſah, die Milde und der Frieden ihrer Stimme, als ſie nun zu ihm ſprach wie ein En⸗ gel des Mitleides und der Liebe— O alles dieſes machte dieſe Empfindung nur noch ſchmerzlicher, und da Fridoline ſie nun umfing, zaͤrtlich und erhebend, wie die Huld die zagende Demuth— da nuͤnſchte er zu vergehen. Mit ſichtlichem Wohlgefallen unterhielt die Graͤfin ſich mit dem lieblichen Maͤdchen, welches faſt ſchuͤchtern durch die nie geſehene Pracht der Zimmer und den ungewohnten Glanz ihrer um⸗ gebungen, kaum die Augen aufzuſchlagen wagte. Im erſten Augenblicke hatte allein die Schonheit dieſes Zoͤglings der Natur das holde Weib uͤber⸗ raſcht und angezogen— dieſe reizende Befangen⸗ heit aber, frei von jener laͤſtigen Armuth an Wor⸗ ten, und die reine, klangvolle Stimme, welche ſo kunſtlos ihre Gedanken und Empfindungen aus⸗ ſprach, bezauberten Fridolinen. Die Guͤte, mit wrelcher dieſe ſie anhorte, die Vertraulichkeit mit der dieſelbe zu ihr ſprach, ermuthigten wnien 162 immer mehr, und bald uͤberblickte ſie freier und unbefangener das ſie umwogende Gewuͤhl; und wenn ihr Auge Guͤldenſtern fand, ſehnte ſie ſich mit ihm in die Einſamkeit ihres Doͤrfchens zuruck, um ungeſtoͤrt dort mit dem Geliebten enden zu köͤnnen. Sie hatte ihm ja ſo viel zu ſagen— ihr Herz hatte ſo heiß ſich geſehnt ihn zu umarmen, und hier hielten ihn Anſtand und Sitte— ja wie es ſchien, er ſich ſelbſt fern von ihr. Da fuͤhrte Fridoline ſie unerwartet und mit einer gewiſſen Haſt Guͤldenſtern zu, und indem ſie auch ſeine Hand faßte, ſagte ſie mit weicher Stimme: „Guͤldenſtern! welch' ein liebliches Veilchen erbluͤhte da an Eurer Seite in beſcheidener Ver⸗ borgenheit. Marie iſt ſo lieb, ſo gut— ihr ſchoͤ⸗ nes Herz kann nur Segen ſpenden! und ſehr gluck⸗ lich muß den Mann ich achten, dem einſt dieſe reiche Mitgift wird.“ Guͤldenſtern erwiederte nichts darauf, da die Ruͤhrung, welche Fridolinens hochherzige Sorge fuͤr ſein verarmtes Leben erweckte, faſt zur Pein ward, die ſeine Stimme zu erſticken drohte. Marie aber, im beſeligenden Gefuͤhle des ſchon ſicheren Be⸗ ſitzes, laͤchelte recht ſchelmiſch und erwiederte in munterem Tone: „Seht Ihr, gnaͤdige Graͤfn! der Haupt⸗ mann meint das nicht; er iſt maͤuschenßtill! Aber das reiche Herz will auch von ihm nicht das Ge⸗ tingſte wiſſen,“ und dabei verneigte ſie ſich auf ſo muthwillige Weiſe, daß ſelbſt Fridolinens trau⸗ erndes Geſicht ein augenblickliches Laͤcheln erhei⸗ terte— doch ſchnell, wie es gekomt nen, ging es voruͤber, und die Graͤfin neigte das lebensmuͤde Auge ſe die Fröhliche, daß ſie die Thraͤne dar⸗ in nicht ſehe, und vruͤckte einen langen Kuß auf ihre Stirn. Marien war unnennbar wohl in die⸗ ſer Umarmung, und nicht der leſſeſte Laut ihres ſonſt ſo ahnungvollen Gemuͤthes ſchreckte ſie aus ſolcher anf. Nur Guldenſtern erſchien dieſe Huld⸗ geſtalt wie ein Wuͤrgengel, welcher, der blinde Diener eines unbegreiflichen Geſchickes, die lä⸗ chelnde Unſchuld weinend umarmt, und durch ſeinen Kuß ſie toͤdtet. Mit einiger Verlegenheit bemerkte das ſo vet⸗ ſchieden geſtimmte Kleeblatt, wie es ſo ganz al⸗ les um ſich her vergeſſen habe, als der Grofin ſich einer ihrer Gaͤſte nahte, und ſie zugleich mit Guͤldenſtern bat: die Geſellſchaft durch das Ductt zu erſteuen, welches, ſo vft man es auch ſchon gitt, doch immer neu und ſchoͤn bleibe. Mit zuvorkommender Artigkeit gewaͤhrte Fridoline die Bitte, und wer nicht an den Spieleiſch gefeſſeit war, trat in den kerzenhellen Kreis, welcher die Saͤn⸗ ger umgab. Marie lehnte ſich auf den Stuhl der Graͤßn, und leüſchte ihrer ſuͤßen Stimme, die bald allein in klag nden Tonen die Luft durchirr⸗ te, leiſer und immer keiſer, ein Seufzer der Sehnſucht in weiter Ferne ſich verlierend, und nun wieder vereint mit Guͤldenſtern's voltonendem Geſang, in triumphirenden Toͤnen des Entzuͤckens zu den Herzen der Zuhörer drang— da lenkte plötzlich ein ſtoͤrendes Geraͤuſch im Vorzimmer die unwilligen Blicke nach der Thuͤre des Saales. Schnell flog ſie jetzt auf, und ein langer, hage⸗ rer Mann in Reifekleidern eilte mit ſuͤchtigen Schritten durch den getrennten Kreis der erſtaun⸗ ten Gaͤſte, der Wirthin zu, und offnete ſchon die Arme, ſie zu umfangen, als dieſe mit dem Ausruf:„Gott! mein Gemahl!“ ohntächtig an Guͤldenſterns Bruſt ſank. Ueberraſcht trat Graf Klynsky einige Schritte zuruͤck, und eine Todtenſtille folgte dieſem Jam⸗ mergeſchrei des tiefſten Entſetzens, der jeden Ddemzug erſtickt hatte, bis ſolche Guͤldenſterns Verweiflung unterbrach. „Himmel, erbarme Dich! ſie iſt todt! Fri⸗ doline! Geliebte, erwache!— o, meine Frido⸗ line—“ ſchrie er auf, in herzzerreißenden Tö⸗ nen, und ſtarr hing ſein Auge an dem bleichen Munde, ob er ſich noch oͤffne zum Leben, und einem troͤſtenden Worte. Aber auch Klynsky's Blick hatte dieſe Stim⸗ me auf den Mann gezogen, dem ſie angehoͤrte, und ploͤtzlich verzerrte ſein ohnedieß ſchon widri⸗ ges Geſicht, alle Furienzuͤge der Wuth—„Witt⸗ gen!— Moͤrder!“ ſcholl es hohl aus ſeiner Bruſt uͤber bebende Lippen, und ſchon blitzte ſein Schwert Guͤldenſtern entgegen. Doch dieſem, er⸗ weckt aus ſeinem Schmerz, durch der beiden klei⸗ nen Worte graͤßlichen Zauber, ſtand des Krieges Gewoͤhnung rettend zur Seite; obgleich unbewaff⸗ net, und den linken Arm zur Schonung noch in der Binde tragend, ergriff die freie Rechte die Laute, dem Angriff zu wehren, und als ſie gel⸗ lend in Stuͤcke ſprang unter dem morderiſchen Hiebe, hatte er den Grafen guch ſchon unterlau⸗ fen, und zu Boden geſtuͤrzt. Hoch flammte nun der eigne Stahl uͤber des Gefallenen Haupt, und des Siegers Fuß preßte deſſen Bruſt bis zur Si macht, waͤhrend in ſeiner eignen alle der Hoͤlle wuͤtheten, obgleich das Geſicht, unfaͤhig ſie auszudruͤcken, in ſeelenkoſer Laͤhmung herharr⸗ te; die Augen weit hervorgedraͤngt, ſtierten un⸗ ter den zufammen geiogenen Brauen hervor, unverwandt auf den Feind nieder; die erhobene Fauſt zuͤckte nicht— nur der ſchaͤumende Mund verrieth den kochenden Vulkan im Innern, und machte fuͤr ihren Fall erzittern— da ſeufzte Guͤl⸗ denſtern tief auf, wie ein Sterbender; das Schwert entfiel der drohenden Hand, und ſich vor Stirn und Augen ſchlagend, ßuͤrzte er hinaus in die Nacht. Bis dahin hatte Marie mit uͤbermenſchlicher Kraft die Ohnmaͤchtige aufrecht gehalten, welche aus des Verſchwundenen Arm in den ihrigen ge⸗ ſunken war; jetzt brach mit ihrem Herzen ihre Staͤrke— ein Blutſtrom entquoll dem Munde! und bleich wie Fridoline ſank die geknickte Lilie auf dieſe nieder. Dhne eine Miene des Mitleides, des Erbar⸗ mens, warf der Graf nur einen kalten, wilden Blick auf die traurige Gruppe, und ftͤrzte dann dem Entflohenen nach, um ihn, wo moͤglich, noch zu ereilen. So war denn der Schlag eines grauſamen, unverſohniichen Geſchickes gefallen, und hatte ſeine Opfer zermalmt, ohne ſie zu toͤdten. Die arme Fridoline, der Eiferſucht und dem Haſſe ihres rohen Gatten Preis gegeben, war aus der wohlthoͤtigen Ohnmacht nur erwacht, um der Sehnſucht nach dem Tode zu leben. An ihrer Seite ſaß Marie, und ohne den ßeechenden Schmerz der eigenen, zerrißnen Bruſt zu beach⸗ ten, blickte ſie, voll Erbarmen, auf die Ungluͤck⸗ liche, waͤhrend ihr Gebet es tugleich fuͤr den Mann erflehte, der, obwohl unſchuldig, ſie um Gluͤck und Geſundheit betrogen hatte. Auch ſchien ſolches der Himmel mitleidig erhoͤren zu wollen; denn als ihr Beſinden nach einigen Tagen es erlaubte, die Heimkehr ohne Gefahr anzutreten, war es dem Grafen noch nicht gelungen, auch nur die klein⸗ ſte Spur von dem Entflohenen aufzufinden, ob⸗ gleich ſeine Rachgier die Hoffnung daiu noch nicht aufgab. Weinend wand ſie ſich aus Fri⸗ dolinens Umarmung, und willig haͤtte ſie den Geliebten, williger noch dem Leben ſeibſt entſagt pätte ſie den Graͤnel ungeſchehen, und die Elen dadurch gluͤcklich machen konnen.— Stumm legte ſie den Weg nach Maxen zuruͤck, und nur dank⸗ bare Blicke lohnten ihrer guͤtigen Mutter die freundliche Sorge fuͤr ihre Beguemlichkeit. Kein Wort des Troſtes kam uͤber die Lippen der edlen Frau— ach! ße fuͤhlte wohl, wie laͤſtig ein ſol⸗ ches, ſolchem Schmerze ſeyn muͤſſe, und mitlei⸗ dig uͤberließ ſie die Leidende der Einſamkeit, ſo⸗ bald ſie nur angekommen. Der kurze Tag ſchien dieſer eine Ewigkeit, und als nun die Nacht ihre ſchwarzen Flaͤgel uͤber die Erde ausbreitete, da wankte ſie der Linde zu, aller aͤrztlicher Warnung trotzend. Ihr Leben duͤnkte ihr ja immer ein ſo kleiner Preis fuͤr das ſeine, und wie tief war nun der Werth deſſelben geſunken! Sie hatte ſich nicht geirrt; der Geaͤchtete ſtand da, dicht verhuͤllt im Mantel, als fuͤrch⸗ tete er, daß ſelbſt die Nacht ihn erkennen und verrathen möchte. Keines Lautes machtig ließ ſich Marie auf der Bank nieder, und die lange, guälende Pauſe unterbrach nur das unheimliche Fliſtern des Nachthauches im duͤrren Laube der Linde. „Dh, Marie! Du biſt ein Engel der Erbarm⸗ ung. Dem Verworfenen, Ausgeſtoßenen, aus dem 6 3 5 Kreiſe der Freundſchaft und Liebe— Du laͤſſeſt ihn nicht in den Abgrund der Verzweiflung ſinken, ohne des Mitleid's Lebewohl!“ unterbrach endlich Wittgen das entſetzliche Schweigen, indem er vor ihr niederſank und ſein Geſicht in ihrem Schooße verbarg. Sanft draͤngte Marie ſein Haupt hinweg, und winkte ihm, ſich zu erheben. „O, weg! weit, weit hinweg! hier um⸗ ſchleicht Euch das Verderben!“ fioͤhnte die Arme. „So mag es mich hier zu Deinen Fuͤßen er⸗ eilen, daß mein Tod Dich verſohne!“ „Ich koͤnnte Euch ſterben ſehen, um Eures Friedens willen— aber laßt mich Eute Schande nicht erleben!“ antwortete Marie.„Der Graf hat die Huͤlfe der Dbrigkeit angeſprochen, um den Moͤrder ſeines Bruders zur Rechenſchaft und zur Strafe zu ziehen. Sein Einfluß iſt hier ſo groß als in Böhmen. Weder dort noch hier, iſt fuͤr Euch eine Freiſtatt, und alle Wege nach Schwe⸗ den fuͤhren Euch in ſeine Haͤnde. Verbergt, ret⸗ tet Euch, wie Ihr vermoͤgt! denn kein Schwede mehr, ſeyd Ihr dem Blutbann des Vaterlandes verfallen, und ſein Recht ſchutzt der Friede. Nur das wollte ich Euch ſagen, nur darum kem Euch Gott helfen— ach! daß ich es nicht kann!“ „Nicht von der Stelle, bis Du mich ange⸗ hoͤrt!“ entgegnete er mit Heftigkeit. „Wollt Ihr mit Euch zugleich auch mich verderben?“ „Du ſprichſt bon geſchehenen Thaten,“ fuhr er ſanfter fort:„meine mordgewohnte Hand hat Dein Herz ja nicht verfehlt. Gott wird milde rich⸗ ten, was Du ſo milde vergeſſen— Doch un⸗ werth Deiner Liebe, will ich doch nicht mit Dei⸗ nem Fluche ſcheiden.— Marie! der Erde hoͤchſte Seligkeit habe ich genoſſen, ihr herbes Leid hat mich in den Tod getrieben— aber ſolch! Elend hat mein Herz nie empfunden, nimmer verſchul⸗ det!— Hoͤre mich, Marie! und hat der eigne Jammer noch eine Chraͤne uͤbrig, vielleicht haͤltſt Du den Ungluͤcklichen ihrer werth, der des Mit⸗ leides ſo beduͤrftig iſt— denn Dich habe ich nicht betrogen.“ Mariens lautes Schluchten unterbrach ihn hier, denn die Wehmuth erſtickte auch ſeine Stimme, und kaum gelang es ihm, ſich wieder ſo weit zu faſſen, um fort ſprechen zu können. 12 ich noch einmal hierher— und uun fort! Möge ——— — 178— „Mein Vater verarmte im Dienſte des Va⸗ terlandes, und das nah' gelegne Wittgendorf uͤberließ er ſeinen Glaͤubigern; nichts nannte er mehr ſein, als mich, ſeinen Degen, und einen kleinen Gnadengehaͤlt. So wuchs ich in Dohna's Mauern heran, und in Gämigs Hällen ſank der Juͤngling, im Entzuͤcken der erſten Liebe, an Fridolinens Herz. Bald zertruͤmmerte der Stolz und Geiz ihrer reichen Aeltern, den kuͤhnen Bau meiner Hoffnung, und die Weinende ward die Braut von Klynsky's Bruder, der herzlos wie dieſer, nun ſeines Gluͤckes froh, das der armen Geopferten fuͤr nichts ſchaͤtzte. Nie— nie habe ich einen Menſchen wieder ſo gehaßt, als dieſen Mann! und ihn wie einen Raͤuber achtend, ver⸗ achtete ich im jugendlichen Leichtſinn das ihm ver⸗ iehene Recht ſo tief, daß ich, ällem trotzend, mich nicht ſcheute, ſolches zu entheiligen. Raub um Raub! war mein Feldgeſchrei, und keck ſtreck⸗ te ich die Hand aus; zu deſſen Vollfuͤhrung. Ich ſah die Geliebte heimlich wieder, und mit ullem Feuer der jugendlichen Liebe; ſuchte ich ſie zur Flucht zu uberreden. Die Furcht vor der Nacht, ihr Herz, meine Bitten, mnchten ſie wankend — einwilligend reichte ſie mir die Handz da — 179— rauſchte es in den Hecken, und Klynsky ſuͤrzte mit ſeinem Degen auf mich ein!— Der lang verhaltne Groll flammte auf in meiner Bruſt, die uberraſchende Reizung ßeigerte ihn zut zuͤgel⸗ loſen Wuth— und er ſiel— kein bloßes Dpfer der Nothwehr— unter meinem Jägdmeſſer!— Wie Kain ſloh ich in die Welt, und Mangel, Muth und die gute Sache ſtelten mich unter Schwedens Fahnen. Der Krieg fuͤhrte mich in die Heimath, und in Deine Naͤhe; der Frieden zog mich an Dein Herz; und ſchon Follte die Liebe in dem meinen Fruͤchte tragen— da fand ich Fridolinen wieder, und— verlor mich ſelbſt1 Armer, ungluͤckſeliger Guſtav!“ jammerte Marie.„Darum alſo, ſchalteſt Du ſo gern von dieſer Staͤtte hinab, nach jener Geßend, den Denkmalen Deiner Liebe und Leiden?“ „Wohin ich nicht durfte!— Der Jugend Erinnerungen leben ewig, und als Dein ſterben⸗ der Vater durch Dohna's Nennung mein Herz er⸗ zittern machte, ich nun das Land der Kindheit wieder ſah, wo jeder Baum vertraulich fiiſternd mich begruͤßte, jegliche Hoͤhe ſich zu mir neigter daß ich auf ihr ſtehe, wie ſont— und ich mit einem unansſprechlichen Weh in dem Seſſel ſaß, 0 zo mein Vater mit dem Tode gerungen— o! wie draͤngte mich da das Herz, zu bleiben. Doch war mein Leben nicht mehr mein, und als ich's mit eigenem Blute endlich eingeloͤſtt, und nun frei mir ſein Gluͤck in Dir erworben, da wagte ich's nicht, jene theure Gegend noch einmal zu betreten, aus Furcht, man koͤnne mich erkennen⸗ Darum hielt ich mich Anfangs ſo verborgen, und nur mein Leichtſinn ließ in Deinen Armen die Vorſicht mich vergeſſen, bis Satan mich aus mei⸗ ner Sicherheit aufſchreckte. Wohl hatteſt Du Recht, ihn meinen boͤſen Geiſt zu nennen; er konnte mich verrathen, denn er hatte mich er⸗ kannt! und entſchloßen, ſo bald als moglich mit Dir nach Schweden zu fliehen, vereitelte mein ungluͤcklicher Fall die Ausfuͤhrung, und ſei⸗ gerte meine Beſorgniß auf's Hoͤchſte. Als ich da⸗ her) beim Erwachen, Werner ſah, den ich bis dahin, um jener Furcht willen, ſo aͤnsßlich ge⸗ mieden, wähnte ich mich ſchon in den Haͤnden meines Richters, und verlor faſt das kaum em⸗ pfangene Bewußtſeyn— doch bald war alles, al⸗ les wieder vergeſſen, und meine Schuld iſt Aller Elend!— Marie! haſſe mich— verabſcheue ——— mich, iſt es Dir Heilung— doch juͤrne der ſchuldloſen Fridoline nicht.“ Da wich plotzlich die Ruͤhrung aus Mariens Antlitz, die huldvollen Zuge erſtarrten in eiſiger Kaͤlte, und ſchneidend wie ihr Anblick, klang der Ton ihrer Stimme: „Fridolinen?— Ich will ſie nicht anklagen⸗ noch richten— will Euch nicht des Leichtſinns, nur der Unbeſonnenheit zeihen⸗ daß Ihr Euch derſelben nahetet— Euch nicht treulos ſchelteü⸗ Euch, den kein Schwur band; aber ſie, die in des Gatten Hauſe, vielleicht in ihren Armen felbſt, den Noͤrder ſeines Bruders gaſtlich auf⸗ nahm, den ihr Herz nie verlaſſen— Gott moͤge ihr das vergeben!„und faſt ſtolz richtete ſie ſich auf von dem Raſenſitze, und ohne Wittgen wei⸗ ter eines Blickes zu wuͤrdigen, ohne Lebewohl⸗ ging ſie haſtig dem Schloſſe zu⸗ 76 Das hatte er nicht erwartet, und vernich⸗ tet jrand er auf der unſeligen Stelle. Wenn auch keine Vergebung, Entſchuldigung, Troſt hatte er erhofft, aus dem Himmel der Guͤte; doch ein Wort hatte die Hoͤlle der Eiſerſucht eröffnet — und er nichts empfangen, als ihren Fluch der Verdammniß. Er ſehnte ſich nach Thraͤnen, den graͤßlichen Schmerz wuͤrgte, und doch fählte er ſch nur fabig, wild aufzulachen, und Fieberfroßt durchrieſelte ſeine Glieder hei dieſem Gefuhle, denn nun waͤhnte er den finſtern Maͤchten ſich verfallen; ſo lachen Ten⸗ fel nur! und verſtoßen von der einzigen Hand, die es vermochte, ihn gufrecht zu halten am 3 griff er in wilder Em⸗ zu erleichtern, der ihn Rande der Verzweiflun pörung nach der, welche ihn in den Abgrund hernieder winkte. Auch Marie empfand ſcmerzlich, ſie geweſen, in der Verblendung Leidenſchaft. Nur eine Thraͤne des flehte er ia, und das goͤttliche Erbarmen hatte der ſo tödtlich aufbrauſende Groll der Selbßſucht erſtickt, und ſie dadurch kalt, unmenſchlich den Mann verlaſſen, der nur gekommen, Verzeihung iempfangen, und den, pö ſie gleich ihm ent— ſagen mußte, ſie doch noch unnenn Die unnatürich bar liebte.— e Spannung ihres Gemüthes wich dieſer traurigen nen rollten uͤber Ueberzeuaung, und heiße Thra⸗ ihre Wangen. Sie wollte ſie. rocknen, doch ſuchte ſie das Tuch vergebens 2 es mußte ihr au wie hart jener heilloſen Nitleides er⸗ f der Heimkehr entfallen ſeyn, un de lehnte ſe ſich in's offne Fenſte — — 183— und weinte ſtill in die Nacht hinaus, die kein troͤſtender Stern erhellte: und deren Morgenröthe noch fern war. Doch, da ſchien es ihr plötlich, als ſchillre ſie ſchon auf! Ein lichter Schimmer erglomm am Saum des Gebirges— doch dort war ja die Sonne untergegangen! und demun⸗ geachtet! immer weiter griff die Helle um ſich— und eine himmelhohe Feuerſaͤule ſtieg nun auf, und erhellte weit umher die Gegend— des Wi⸗ liſchs Gipfel ſand in Flammen! und ihre Lohe wogte und flackerte inmitten der Rauchſaͤule em⸗ por, als habe der Krater des alten, ausgebrann⸗ ten Vulkans zum neuen Verderben ſich geoffnet⸗ und Mariens Herz durchzuckte bei dem Gedanken ein todtlicher Schmerz, und faſt beſinnunglos ſtarrte ſie nach dem Waldbrande hin, deſſen furchterliche Looſung die ungluͤckliche nicht ahnte. Wohl hatte die Arme recht! die Holle hatte ſich aufgethan⸗ und ihre falbe Gluth leuchtete in die Nacht eines Lebens, dem ſeine Sonne auf immer untergegan⸗ gen war. 9. Auch die Sonne des folgenden Tages war geſunken, nur noch die Saͤume der grauen Wol⸗ — 184— ken in Weſten, röthete das geſchiedene Licht im mannigfaltigſten Farbenwechſel, nd ein ſchnei⸗ dender Nordwind trieb ſein Syeſlhur ihren For⸗ men, jeden Augenblick ſie anders geſtaltend. Grollend ſchaute Wittgen, von dem kahlen Schei⸗ tel der Hermsdorfer Hoͤhe, des Himmels beweg⸗ tes Leben an, und ſeine verſtoͤrte Phantaſie gefiel ſich in der guaͤlendſten Deutung dieſer wandelba⸗ ren Luftgebilde. Ein ewiger Fels ſiieg da vor ſeinem Blicke emvor, und auf ihm thuͤrmte ſich ein herrliches Schloß, deſſen lichtſchimmernde Pforten und Fenſter das glaͤnzende Feſt der Freu⸗ de im Innern verkuͤndeten; da nahte ſich ihm ein Rieſe, das ſtolze Gebaͤn mit ſeigem Finger beruͤhrend— vlötlich wankten die Thuͤrme, die Mauern ſpalteten ſich, und ſanken, ſammt den zuſammentollenden Felſen in Trämmern, die, uͤber den Vernichter zuſammenftürzten, zu deſſen berghohem Grabe wurden. „Das iſt der ſolze Vau des irdiſchen Gluͤcks, auf dem truͤgeriſchen Grunde der Hoffnung, des Glaubene! Ewig ſey er, meint der kurzſichtige Menſch in ſeinem Wahn— doch der Frebel taſtet ihn an, und da liegt er verſchuttet fammt aller gotraͤumten Seligkeit!“ rief er in dumpfer Ent⸗ * * * ſagung, und wandte das brennende Auge davvn ab. Nirgend aber fand es eine Stelle des Troſtes⸗ Hier rechts unter ſich das ſanft abgedachete Thal, worin ein Dorf ſich an das andere reihte und da⸗ durch laut verkuͤndete: es belohne ſegenreich den Fleiß! Zwar waren die Fruchtbaͤume kahl, und leer des Schmuckes die Erlen und Eichen, welche in maͤchtigen Kraͤnien die ſonſt ſo prangenden Wieſen Kreyſcha's umtogen, aber in ihrem ver⸗ blichenen Glanze ergruͤnten ſchon wieder fröhlich die verſtreuten Breiten der Winterſaat, immer höher und uͤppiger, je weiter der Blick ſchweifte, bis er an der Elbe Weingebirge des Horizontes Grenze fand. Dort ſtiegen Dresdens Thuͤrme em⸗ por! eine noch mildere Sonne ſchien da, dank⸗ barer noch lohnte daſelbſt der Boden, und Han⸗ del und Kuͤnſte bereicherken und verſchoͤnten das Leben,— Wie ſo anders alles ihm zur Linken! Einzelne Huͤtten, ärmliche Doͤrſchen nur, karg verſtreut unter ſteinbeſaͤeten Aeckern, auf deren Rai⸗ nen kein Obſtbaum Wurtel ſchlug; nur die Eber⸗ eſche mit ihren gluhenden Beeren ſtand, verein⸗ zelt, auf den bemos ten Halden, die der arue Bergmann aus dem Schovoße der Erde gewuͤhlt⸗ und der verkrupelte Wachholder am Rande der finſtern Tannenwaldungen. Hier war aller Reich⸗ thum der Natur verſchwunden! gllein die Liefe barg ihrem Segen, und das Schneegewand des zeitigeren Winters floß ſchon vom Gipfel des Gei⸗ ſing und Kahlenberges hernieder, und bereifte mit ſeinem Saume die Thaͤler des Erzgebirges. Wie durch einen Zauber ſchieden ſich auf dieſer Stelle Ueberfluß und Armuth, Schoͤnheit und Reizloſigkeit, Hoffnung und Furcht— unh Wittgen auf der Grenze beider, hob die gerunge⸗ nen Haͤnde gen Himmel, und draͤngte ſie dann maͤchtig gegen die Erde, indent er ſchmerzlich rief! „Dort das Bild der Vergangenheit! da das Bild meiner Sukunft!““— und ein raſcher Schritt trug ihn hinuͤber in das ode Land. Da ſtand er nun, unter den verſengten Baͤu⸗ men, wo der Waldbrand ſein Ziel gefunden, und die gluͤhenden Kohlen verbreiteten eine ſchwache Helle in der Dunkelheit, durch die noch dann und wann ein aufſchlagendes Flaͤmmchen wie ein Irr⸗ licht zitterte, und der geblendeten Eule einen Schrei des Schrecks entlockte. Ihn ſchreckte nichts mehr! und ſelbſt, als vom Kirchthurm herauf zwölf dum⸗ pfe Glockenſchlaͤge die Mitternacht verkuͤndeten, durchbebte kein warnendes Etzittern ſeine Glieder — kalt erwartete er die verkappte Suͤnde, die ihm nun aus dem Dickig entgegen trat. Du ubteft den Hoͤllenzwang, trotz Fauſt!“ ſprach der ſchwarze Toffel⸗ indem er den Mantel zus einander ſchlug:„und Satan iſt zur Stelle! — Was willſt Du von mir?“ „Sicherheit in Deiner Moͤrderhoͤhle.— Herr⸗ mann! es iſt weit mit mir gekommen.“ „D! Du haſt Talent— Du kannſt es ſchon noch weiter bringen.“ „Dafuͤr moͤge mich der Himmel bewahren!“ „Da haͤtte der liebe Herr Gott ſich viel zu kuͤmmern und ju thun. Ich merke ſchon, er hat für Dich kein offneres Ohr gehabt als fuͤr mich. Da iſt der Teufel zu loben! der iſt williger.— Doch komm! auch er hat auf Erden ſeine Feinde, und dem Meiſter Haͤmmerling mag' ich heute noch nicht in die Schlingen fallen!“ und immet tiefer zog er ihn in den Wald hinein auf pfadlo⸗ ſer Bahn, ſtolpernd uͤber Wurzeln und Baſalt⸗ trümer.„Daß Dich die Peſt!“ fluchte er end⸗ lich, nach einem Falle laut auf.„Wenn doch der Wiliſch uns noch ein Bischen leuchten wollte Es war doch ein luſtiges Fackelchen, Herr Bru⸗ der, und ich hatte recht meine Freude daran⸗ — 188— . wenn ich dachte, wie der Förſter die Haͤnde darob uͤber dem Kopf zuſammen ſchluge1“ Wiktgen antwortete nicht, und ſo ſchwieg auch Hertmann, nur noch zuweilen in den Bart murmelnd als Zeichen ſeiner Unzufriedenheit, i6 unfern der Teufelsmuͤhle ihn ein bedrohliches Knur⸗ ren unterbrach. die Zaͤhne. „Treu!“ pief Wittgen, und hoch ſprang der“ freudige Hund an ſeinem verlornen Herrn auf, den et, nach langer Irrfahrt, endlich am ehe⸗ maligen Wohnorte aufgeſucht und nun gefunden hatte. Lief getuͤhrt hielt er das winſelnde Thier umarmt, ſeine Kuſſe duldend, indem er ſanft ſprach:„So hat mich doch nicht alles verlaſſen, was ich liebte und verließ!“ „Hundeliebe, wahre Treue: Weiberliebe, herbe Reue. Halte das Vieh in Ehren; und nun hinter mir auf's Pferd,“ indem er den Zuͤgel Lom Baume löſtte, und ſich in den Sattel ſchwang. Wittgen that, wie er verlangte, und im raſchen Lrabe ging es pfadlos uͤber die Felder bergauf, bergab, trotz der tiefen Dunkelheit, bis endlich nach zieulich langem Ritte das R brummte der Raͤuber durch oß, tirf in ei⸗ 5 ner faſt undurchdringlichen Waldung ſiill ſtand. Der ſchwarze Toffel noͤthigte ſeinen Gefaͤhrten ab⸗ zuſitzen, und pfiff dreimal gellend durch den Fin⸗ ger, aß der Schall weit hin durch die Thaͤler hallte. Auch hatte er ſein Ziel erreicht, denn in der duſtern Tiefe, aus welcher das Rauſchen wil⸗ der Gewaͤſſer mit dem Geklapper einer Mühle durch die Stille der Nacht emporſtieg, zitterte der roͤth⸗ liche Schimmer einer Facktl, der bald ſichtbar, bald verſchwunden, immer hoͤher und näher kam. Noch konnte man das Weſen aber nicht erkennen, wel⸗ ches dieſelbe trug, als die Frage herauf ſcholl: „Wer pfeift in der Nacht?““ „Kauz und uUhu!““ antwortete Herrmann, und ſich an Wittgen wendend, fuhr er fort:„der Kerl iſt der Muͤller dort unten; Laber verhungern, wenn auch nicht verdurſßten, muͤßte er ſicher, ſollte er bloß vvm Muͤglitz Waſſer leben; drum nen⸗ nen ihn auch die Buͤrger in der nahen Glashutte den Angſtmuͤller, und ſeine Huͤtte die Sorgen⸗ muͤhle, und ſo unrecht haben ſie eben nicht: der“ Schuft läuft, mit dem Stricke ſchon am Halſe, in immer kleinern Kreiſen um den Galgen herum, bis ihn die haͤnfene Krauſe ezwuͤrgen wird— mir iſt er aber ſo recht!“ „— 190— — Jetzt errreichte der Muͤller die Hohe, und nach einem einſilbigen Willkommen und tuͤckiſchen Blick auf den Fremdling, leuchtete er mit dem bren⸗ nenden Kienſpane vorſichtig auf dem ſteilen Fel⸗ ſenpfade vor, der, oft lebensgeführlich, ſich um die Klippen wand, von denen der Tritt des Roſſes zuweilen einen Stein lößte, der polternd hinab⸗ rollte, das ſchauerliche Schweigen der Nacht un⸗ terbrechend⸗ Eine eigné Empfindung bemaͤchtigte ſch Wit tgens bei dieſer bedrohlichen Fahrt, als et in einem ſichern Augenblick aufſah, und bei der ſpaͤrlichen Bel leuchtung die jerriſſenen Felſen⸗ „ maſſen gewahrte, welche durch das mhſtiſche Licht faſt geiſterhaft in den abenteherlichſten Geſtalten hervortraten, und immer drohender himmelan wuchſen, je tiefeß er hinab ſtieg. Ihm wars, als ſtiege er zur Hoͤlle, und er wuͤnſchte, ſie moͤchten uͤber ſeinem Haupte zuſammenftüren und rettend ihn brgraben.— Jetzt waren ſie im Grunde, und die Muͤhle lag vor ihnen. „Niemand e fugte hier Herrmann den Muͤller. S„ Guͤrge und Söffe. 4 Etwas Neues 2 Gute Kundſchaft.“ ——————— — „Gute Nacht denn!“ endigte Wittgens Be⸗ ſchutzer das Geſpraͤch und verfolgte ſeinem Weg, nachdem beide wieder das Pferd beſtiegen, bald am Fluſſe entläng, bald durch ihn hindurch, Ibis ſie zu einem Felſen gelangten, der zur Haͤlfte von ihm umſchloſſen, ſteil aus ſeinen Wellen empor ſtieg. Hier das nehmliche Pfeifen, dieſelbe Frage und Loſung. Ein Raͤuber trat aus den Klippen ihnen ontgegen; und beim Schein einer Blendla⸗ terne gelangten ſie durch dichtes Gebuͤſch an ein Pfahlwerk, deſſen ſchmale Thuͤre dem Roſſe kaum den Eingang geſtättete. Jetzt ſchloſſen knarrend ſchwere Riegel dieſelbe hinter dem Fluͤchtling, er fuͤhlte, das Aſyl ſey ein Kerker, welcher ihn auf immer der Welt entfremdete, und da ihr Fuͤher am Eingange ſorsfaͤltig die Wüchte verloͤſchte, goß die tiefe Finſterniß ein froͤſtelndes Grauen durch ſeine Adern. Herrmann ſchien dieß zu ahnen, denn er ſagte zu ſeinem Gefaͤhrten:„Vorſicht iſt noth! man koͤnnte von den umliegenden Hoͤhen das Licht gewahren, und unſet waͤre dann verrathen.“ Nachdem ſie einen kleinen Hot durchſchritten, traten ſie in eine niedre, doch geräumige Huͤtte, wo um das lodernde Kaminfeuet ein Theil der — 192— Bande verſammelt war. Alle ſtanden ehrerbietig auf, als ſie den Hauptmann erblickten; nur einer blieb ſitzen und wiegte, mit über einander geſchla⸗ genen Armen und Beinen, ſich auf dem Feld⸗ ſuhle, Wittgen trotzig anblickend. 5 „Soͤfel! Was ſoll das heißen?“ rief Herr⸗ man ihn an. „Ehre dem Ehre gebuͤhret! entgegnete der Gefragte murrend:„Aber Deine Geſellſchaft geſaͤllt mir nicht. Der Kerl reizt meine Galle, und das ſtort die Eintracht.“ 5 Wittgen erkannte jetzt in ihm denjenigen, wel⸗ chen er einſt verwundet hatte, und die Erinner⸗ „ ung ſeiner damaligen Unberſchaͤmtheit ſteigerte, ver⸗ eint mit ſeiner jetigen Grobheit, die Verſtimmung des mit aller Welk Ferfallenen zur Wuch. „Aufgeſtanden! Hut ab!“ herrſchte er den, ſich gleichmuͤthig fortſchaukelnden Söffel an, und zur Erwiederung ſeines Hohnlächelns ward ihm ein Fußtritt, welcher jenen mit ſolcher Heſtigkeit umwarf, daß er Zeit bedurfte ſich von der Be⸗ täubung zu erholen. Lautes rohes Gelaͤchter der Kameraden begleitete den Fall, und ein eiegrauer Einaͤugiger, Namens Guͤrge, ſchuͤttelte Wittgen die Hand, und ſagte: Da haſt Du gute Juſtiz geuͤbt, der Luͤmmel iſt ein Zaͤnker, doch Du haſt nun Frieden.“ „Frieden? hier, in der Holle?“ antwortete Wittgen, und warf ſich, in ſeinen Mantel ge⸗ hult, in einen leeken Winkel) ohne weiter auf das lärmende Getuͤmmel zu achten, welches, erſt ſpaͤt in der Nacht, dem Schlafe wich, der nur ihn allein floh. Die Morgenrothe fand ihn im Freien, und matt und verduſtert ſah er dem regen Leben zu, welches ſchon in dem Kaſtelle herrſchte. Alle mach⸗ ten ſich reiſefertig und verließen, zu zwei und drei, in laͤngeren Zeitraͤumen, den Hof. Rur Guͤrge und der Hanptmann blieben zuruͤck, und der Letztere bot ſeinem Jugendfreunde nach abgethanen Dienſt freundlich die Hand, und führte ihn in ſeinem Zufluchtort herum, damit er das Schloß kennen lerne, wie er das Blockhaus ſcherzend nannte. Dieß Bemuͤhen fand bald ſein Ende. Die, aus der Mäglitz ſeil ſich erhebende Klippe, unerſteig⸗ lich von der Waſſerſeite, bot nur einer Hutte Raum, welche als Magazin fuͤr den Raub diente. Eine doppelte Reihe von Pfahlwert verſchloß den ſchmalen Felsruͤcken, welcher dieß Bollwerk mit dem angrenzenden Berge verband, an deſſen Hange, ebenfalls mit Palliſaden umſchirmt und verſteckt von der dichten Waldung, Wohnung und Staͤlle ſtanden. „Siehſt Du!“ ſprach Herrmann:„ wir woh⸗ nen hier ſo ziemlich ſicher. Nicht leicht wird ein menſchlicher Fuß ſich in dieſe Wildniß verirren, und wir vermeiden es ſorgfaͤltig, das ſpuͤrende Auge der Juſtiz hieher zulocken. D'rum verlaſ⸗ ſen wir immer einzeln, und auf verſchiednen We⸗ gen dieſe Gegend, und der Sammel⸗ und Schau⸗ platz unſerer Raͤubereien iſt ſtets in bedeutender Entfernung. Heute geht's nach Böhmens Grenze, dort erwartet man, zum Abend, einen Zug Kraͤ⸗ mer, den wollen wir's ein bischen leichter ma⸗ chen; mich traͤgt mein Rappe noch zur rechten Zeit dahin.— Was wir hier treiben, iſt nur ein wenig Wilddieberei fuͤ's Haus, und doch faͤngt's an, damit unſſcher zu werden. Die adligen Haͤnſe ſind ſtutzig, und paſſen uns auf die Faͤhrte; doch vor Ueberfall ſichern uns die Palliſaden, und auf dem Felſen koͤnnen wir uns halten, bis die naͤchſte finſtre Nacht und Muth den Ausweg bahnen. „Und wenn die Huͤlftruppen Dich verlaſ⸗ ſen?“ fragte Wittgen in mitleidigem Tone. „Dann moͤgen die ehrlichen Schelme das Ra⸗ ——— benneſt erſteigen, und meine Hallunken in die Pfanne hauen: Beßres ſind ße ſo nicht werth— mich mögen ſie ſuchen, finden ſollen ſie mich nicht.— Folge mir, denn Dir traue ich.“ Er entſendete jetzt Guͤrgen nach dem Stalle, und verſchloß hinter ihm die Pforte, und ſo, je⸗ des Lauſchers entledigt, klomm er nun an der ſteilſten Seite des Felſens, auf einem ſchwindel⸗ erregenden Wege, eine Strecke hinab. Jetzt ſtand er ßill, bog die Zweige einer verkruͤppelten Fichte auf die Seite, ſchwang ſich um die ſenkrechte Wand, und war plotzlich vor Wittgen's Augen verſchwunden. Verwundert ſchaute dieſer nach, und als er folgte, gewahrte er ihn in einer engen, Hoͤhle, die kaum Raum fuͤr beide hatte. Mit li⸗ ſtigem Laͤcheln empfing ihn der Raͤuber, der, die Linke auf eine kleine Tonne geſtutzt, mit der Rechten auf einige Beutel und eine Hellebarde zeigte. „Siehſt Du! hier ſoll's Muͤhe koſten, den gl⸗ ten Fuchs zu finden, und Vieler Leben, ihn in fangen. Hier kann ich ſchon einige Tage in Ge⸗ duld harren, bis die tobenden Heiden mit langer Naſe abziehen. Ein Schluͤckchen Wein lagert fuͤr „mmer in dieſem Faͤßchen; ein Stuck geraͤuchertes 13* — 196— Fleiſch, und geröſtetes Vrod darf auch nie feh⸗ len, und das guͤldene Kalb, welches bis dieſe Stunde noch, trotz dem Moſes, Juden und Ehri⸗ ſten anbeten, liegt recht vertraͤglich, in dieſen Beu⸗» teln, unter des Leibes Nothdurft und Nahrung. Es iſt genug, um davon im ſchlimmſten Falle als ein ehrlicher Mann zu leben— doch dafuͤr wird Satan mich behuͤten.“ „Und der Spieß ſteht Schildwache dabei?“ ſpottete ſein Zuhoͤrer. „Der faͤhrt jedem in den Wanſt, welcher vor das Loch tritt, und ftuͤrzt ihn in's Waſſer!““ antwortete Herrmann mit funkelnden Augen und fürchterlicher Stimme.„Mit Geſchoßen können ſie mich nicht treffen, und einer kaum kann vor der Hoͤhle fußen— was furchte ich da ein Heer!“ Nicht ohne Bewunderung dieſer Vorſicht und der kecken Entſchloſſenheit, welche ihm zur Seite ſand, verließ Wittgen den letzten Zufluchtort des verzweifelnden Verbrechers, indem er langſam 3 dem ſpringenden Waghalſe folgte, der bald dakauf on ihm Abſchied nahm, und leichten, ſihleit 3 Sinkes den Seinen nachjagte. Er dankte dem Himmel för die wohlthätige Stille, die 36 jetzt umgab) und uls die Dim⸗ . 19— merung nun durch das Thal zog, da ergriff er er eine beſtaubte Laute, und beneidete das ver⸗ ſtimmte Inſtrument um die Fäͤhigkeit, unter hulſ⸗ reicher Hand, ſo leicht wieder der reinſten Har⸗ monie theilhaftig zu werden. „Ach, moͤchte es dem Herzen doch auch ſo wohl werden koͤnnen! ſeufzte er tief, und die Sai⸗ ten erklangen in klagenden, melancholiſchen Doͤ⸗ nen, und weckten des Schmerzes Stimme in ſei⸗ nem Buſen auf: Ee glaͤnzt ein Bluͤmchen voller Thau, Im Morgenſtrahle hell und blau, Und traͤumt von ſchoͤnen Stunden⸗ Die Sonne ſteigt, verſendet Gluth, Das Bluͤmchen knickt des Sturmes Wuth— Der Traum, ach! iſt verſchwunden. Weh! nicht an lieberfuͤllter Brußt, Zes ſchoͤnſten Todes ſich bewußt, Ihm Glanz und Leben ſchwanden.— In Trauer huͤllt's die milde Nacht, Und wenn der Morgen nun erwacht, Weiß keiner, wo's geſtanden. Traurig legte er die Laute aus der Hand; doch immer ſuchte er wieder Troſt bei ihr, ſo oft er im Benußtſeyn der Verlaſſenheit nach Mitge⸗ fuhl und Unterhaltung ſich ſchnte 6 So vergingen Tage und Wochen in gleicher Einförmigkeit. Nie war er zu bewegen, Herrmann beim Iagen zu begleiten; ſein Geſpraͤch machte ihm keine Freude, und die rohe Luſtigkeit des gemeinen Haufens floh er, weil ſie ihn verwun⸗ dete; ſo ward ſeine Stimmung immer truͤber und feindſeliger gegen die Menſchen, und nie hatte er ſich ungluͤcklicher gefuͤhlt. Lange ſann der ſchwarze Toffel— den trotz aller Verwilderung die angeborne Guͤte nicht ganz verlaſſen— darauf, ihn zu erheitern, bis end⸗ lich ein gluͤcklicher Einfall ihm die Freude machte, ſeinen Freund wieder einmal mit den Zuͤgen des Vergnuͤgens zu erblicken. Finſter wie immer, ſetzte dieſer ſich eines Morgens vor'e Thor; ſei⸗ nen braven Treu liebkeſend, da hoͤrte er das Wiehern eines Roßes, und den Blick auſſe. lagend, ſah er ſeinen treuen Rappen. Nit einem lauten Willkommen hing er an des Thieres Halſe, eind ſiog dann im naͤchſten Augenblick an den des laͤchelnden Raͤubers. „Ja, Bruͤderchen! was die Liebe nicht thut,“ erwiederte dieſer auf ſeinen Dank.„Im⸗ mer habe ich auf meine Reputation gehalten, und n nun um Deinetwillen in Gemeinheit verſun⸗ —— * — 199— ken, und ein elender Pferdedieb geworden; den ſchoͤnen Dank aber habe ich dem Schoͤnberg mit Kreide in die Krippe geſchrieben, doch hat er ihn um den Haber ſchon verdient, der Rappe iſt glatt wie ein Aal!“ Mit dem edlen Thiere war ſeinem Herrn ein neues Leben geworden, und willig gab er, am naͤchſten Tage, Herrmanns Einladung zu einem Spazierritte Gehoͤr, da dieſer ſich verbuͤrgte, ihn auf Wegen zu fuͤhren, die ſicher waͤren, und ihm Frende machen ſollten. Dabei lachte er nach ſeiner ausgelaßnen Weiſe, daß es in den Bergen wiederhallte, und pfif ſich dann ein Schelmſtuͤck⸗ chen mit recht ſchlauer Miene. Sein ganzes We⸗ ſen verrieth, daß ihn etwas Außerordentliches be⸗ ſchaͤftigte, doch Wittgen achtete nicht darauf, und folgte ihm leichteren Herzens im raſchen Trabe, durch den endloſen Wald.— Es dunkelte ſchon, und Wittgen mahnte ſeinen Begleiter an die Heimkehr, doch dieſer meinte, der Weg ſey nicht lang, und noch habe er ein kleines Geſchaͤft ab⸗ zumachen. Indem er das ſagte, ſtieg er ab, und friſches Pulver auf ſeine Buchſe ſchuͤttend, horchte er mit lauernder Miene, als mſſe er etwas ver⸗ nehmen. —— — „Was haſt Du noch vor?“ fragte ihn der Erſtaunte. „Einen alten Bock will ich umlegen, damit zu ſeinem Schmalrehchen ſich ein junger geſele, antwortete der Raͤthſelhafte laͤchelnd, und ehe Wittgen eine Erlaͤuterung fordern konnte, ſprengte Guͤrge heran, und lispelte dem Hauptmann etwas in's Dhr. Schnell ſchwang ſich dieſer wieder auf's Pferd, leilte mit ſeinem Gefaͤhrten in den Wald zuruͤck, und kaum, als er dem Schweden guf ſeine Frage die Antwort gegeben: daß der vorliegende Weg die Straße nach Böhmen ſey— verrieth ihnen auch ſchon das Geraſſel einen na⸗ henden Wagen. Wittgen ward unheimlich dabei, doch blieb ihm keine Zeit zu langen Betrachtun⸗ gen, denn mit ſeinem gewohnlichen, gellenden Pfiff ſprengte Herrmann vorwaͤrts, und im Au⸗ genblicke ſeiner Ankunft war auch ſchon das Fuhr⸗ werk von der ganzen Bande umringt, Fuhrmann und Vorreiter zu Boden geworfen, und 33 Witer gen des Kampfes Schauplatz betrat, ſchwang der Anfuͤhrer eben ſein Schwert uͤber dem Haupte des Reiſenden, der wie ein Raſender, mit dem De⸗ E aus dem Wegen, auf ihn losſtrzte. erſcholt ein Angſtuf aus jenem, und laut aufſchreiend:„Fridvline!“ ſchlug Wittgen den Mordſtahl aus Herrmanns er⸗ hobner Fauſt, bevor er zum zweiten Male den Kopf ihres bereits ſchon ſchwer verwundeten Gat⸗ ten traf. Mit den fuͤrchterlichſten Fluͤchen uͤberſchottete ihn der erbitterte Herrmann, doch hoͤrte er ſie nicht— die ohnmaͤchtige Fridoline iag ja in ſei⸗ nen Armen, und er war in Verzweiflung um iht Leben. Mit dem ruͤhrendſten Tone ſeiner Stim⸗ me, mit den taͤrtlichen Namen ſuchte er den todtähnlichen Schlummer zu verſcheuchen— ach! er fuͤhlte nicht, daß ihr beſſer ſey, zu ſterben, * als noch einmal zu unnenabaren Qualen zu erwa⸗ chen! Eins nur war er ſich bewußt: daß Frido⸗ line das letzte ihn liebende Weſen ſey, welches er liebend jetzt noch umfange, und der Gedanke, ſeines beraubten Hertens einzigen Reichthum zu verlieren, empoͤrte ihn gegen die Vorſehung. Mit der ſelbſtzuſriedenſten Miene von der Welt, betrachtete Herrmann die Gruppe, und als Klynsky, welcher erſchoͤpft an einem Baum lehnte, ihm ſeine Boͤrſe anbot, um dafur ſein Weib aus den Haͤnden des verhaßten Nebenbuh⸗ lers zu befreien, da blickte er dieſen gerachtlich —— — — 202— an, nd ihn keiner Antwort wuͤrdigend, rief er mit fuͤrchterlicher Stimme ſeinen Genoſſen zu: „Daß keiner ſeine Hand nach Beute aus⸗ ſtreckt, oder er iſt des Todes!— Siehſt Du, Bruͤderchen!“ jubilirte er gegen ſeinen Freund: ich bin ſo eine Art von Gerechtigkeit, ein zwei⸗ ter St. Crispin. Nicht ſeinen Beutel— ſein Herz will ich antaſten, und das geſtohlne Gold⸗ ſtuͤck ans dieſem verroſteten Almoſenſtock fuͤr Dich zuruͤck nehmen!— Zu Pferde jetzt, und das Liebchen vor Dir im Sattel!“ 3 Klynsky knirrſchte mit den Zaͤhnen, und Wittgen jauchzte laut auf; ſie athmete wieder! und ihr ſchoͤnes Auge ſchaute in einem Gemiſch von Furcht und Hoffnnng, Schreck und Liebe ihn an. Noch einmal durchzuckte ihr Herz des Epden⸗ lebens hoͤchſte Seligkeit— doch ein Augenblick nur! und Fridoline ward der Wirklichkeit ſich be⸗ ut. Mit Entſetzen betrachtete ſie, die ſie um⸗ * 6 ſtehenden, fuͤrchterlichen Geſtalten, und mit wil⸗ den, ſuchenden Blicken rief ſie:„Wo iſt mein Gemahl?!“— chwand auch dem Ungluͤck⸗ uchen der Sinne wohithatige Befangenheit. Noch rein daſtehend, inmitte verworfener Raͤuber, ſah er ſich in Gefahr, der ehrloſeſe unter ihnen zu — 203— werden, und mit einem verklagenden Blick gegen den Himmel, legte er die Zitternde ſanft an Klynsky's blutuͤberſtroͤmende Brnſt— ohne Seuf⸗ zer, ohne Lebewohl warf er ſich in den Sattel, und ſprengte in die Nacht hinein. „Narr! Hungerleider! geiſtlicher Komoͤdiant!“ ſchalt Herrmann hinter ihm d'rein, immer wilder fluchend, je naͤher er ihm kam.„Da habe ich mich nun abgeſonnen und abgemuͤht; den buͤbi⸗ ſchen Broddieb mit Spionen verfolgt auf Weg und Steg, bis zur guͤnſtigen Stelle, um ihn, zu Deinem Frommen, die Ruͤckfahrt zu erleich⸗ tern,“ fuhr er, ihm zur Seite, fort;„aber der Eulenſpiegel laͤßt das Taͤubchen aus der Hand, und ſchiebt es ſelbſt den Habicht in die Kralle! — Nun, er wird es ſchon rupfen, hat ihm meine Trepanation nicht etwa den Schnabel ver⸗ renkt! Selig will ich mich beten— werden wie Du, wenn ich noch ein einziges Mal meinen Witz zu Gunſten eines tugendhaften Narren ver⸗ ſchwende! das Laſter hat keine Ehre dabon, wenn es ſich mit der Gewiſſenhaftigkeit gemein macht!“ So volterte er unaufhoͤrlich fort, da ſeine Erbitterung immer mehr und mehr wuchs, je we⸗ niger Wittgen ſie zu bemerken ſchien. Todt war ————— ja fur hüſen glles; nur eines war er ſich bewußt: daß nun des Lebens letzte Seligkeit unwiderruflich dahin ſey, und zerfallen mit Erde und Himmel, ohne Wunſch, Hoffnung und Klage, gehoͤrte er kaum den Lebendigen mehr an. Stumm, wie waͤhrend des Heimweges, ging er mit ſtarken Schritten in der Huͤtte auf und ab, die mehr und mehr durch die zuruͤckkehren⸗ den Raͤuber ſich fullte. Auf Aller Antlitz lag der Ausdruck des Unwillens, der Mißbilligung; am tuͤckiſchſten ſah Söffel aus, und zum erſten Male einer Meinung mit dem Hauptmann, brummten Beide ein Duett von Fluͤchen und Scheltworten in's Blaue, das eben nicht ſehr angenehm und eerbaplich klang. Taub fuͤr dieſe, fuͤhlte Wittgen doch, welche Stimmung ein ſolcher Erfolg bei ſo geſinnten Menſchen hervor bringen muͤſſe, und daß er ihr Schuldner ſey. Plötzlich blieb er vor Herrmann ſtehen, und indem er ihm einen Ring von hohem Werth an den Finger ſchob, ſagte er nit weicher Stimme: „Behalte dieß als ein Andenken von Dei⸗ nem ſcheidenden Freunde, und gebe das Schick⸗ ſal Dir eine gluͤcklichere Zukunft, als ihm.“ Hal Du noch Aergeres vor, als Dich zu —— 205— haͤngen? Denn groͤßeres Unheil kann mir doch ſchwerlich widerfahren,“ erwiederte dieſer erſtaunt, und mit freundſchaftlicher Zudringlichteit fuhr er fort:„Was haſt Du vor? Wo willſt Du hin?“ „Meinem Geſchicke muthig entgegen; zur Freiheit— zum Tode! Nicht laͤnger will ich der Selave einer niedertraͤchtigen Furcht, einer Leib und Seele vergiftenden Sicherheit ſeyn.— Leb' wohl!“ und ſeine Boͤrſe unter die Raͤuber wer⸗ fend, wollte er hinaus. Doch Herrmaͤnn vektrat ihm den Weg, und endlich gelang es ſelnen Vor⸗ ſtellungen, ihn zu bewegen, noch einige Tage zu verweilen, bis er mit groͤßerer⸗Sicherheit ſich auf den Weg machen koͤnnte. Wohl ſah er ein, daß der blutige Ueberfall in ſo großer Nähe ihres Verſtecks, die ganze Gegend ſchon dieſe Nacht mit Bewaffneten erfuͤllen wuͤrde, und erſt nach einigen Tagen ihres Lergeblichen Spuͤrens, ein guͤnſtigerer Zeitpunkt zur Entfernung eintreten köͤnne, um nicht durch das verungluͤckte Wagniß zum Verraͤther ſeiner Wirthe werden zu muͤſſen⸗ So blieb er denn; und auch von den Uebrigen verließ keiner, waͤhrend der folgenden Tage; den ſichern Schlupfwinkel. Kaum aber beſichteten die ausgeſendeten Spaͤher die Wiederkehr der Ruhe, ſo vermochte nichts mehr, Wittgen laͤnger zuruͤck zu halten, und nur mit Widerſtreben willigte er in Herrmanns Anerbieten, ihn zu begleiten; doch fuhlte er, daß deſſen Vertrautſeyn mit allen Schleifwegen, ihm von groͤßtem Nutzen ſey, bis er aus dem Bereiche, wo ſo viele ihn kannten, ohne Gefahr treten könne.— Der Abend war dem Unternehmen guͤnſtig; dicke Gewoͤlke bedeckten den Vollmond, und als der Sorgenmuͤller, den Fel⸗ ſenſteig hinauf, ihnen vorleuchtete, verhuͤllte der dichte Schneefall den Fluͤchtling, wie ein Schlei⸗ er, dem Auge eines zufaͤlligen Verraͤthers nur noch mehr.— Wittgen wollte uͤber Dresden, durch die Narken, nach ſchwediſch Pommern, und unbemerkt hofften ſie bei dieſem Wetter und dieſer Stunde, den gefaͤhrlichen Anfang ihres Weges zuruͤckzulegen. Schon war Maxen auf Ne⸗ benwegen gluͤcklich umgangen— da vernahmen ſie ploͤtzlich auf der Straße Hufſchlag, und zu ihrem Ungluͤck rollte eben der kaum entſtandene Sturm die ſchon getrennten Wolken vollends auf, und der Mond goß des Tages Helle uͤber die unheil⸗ volle Stelle. Herrmann hatte ſeinen Schuͤtzling jetzt verlaſſen wollen, doch die nun drohende Ge⸗ fahr hielt ihn ſeſt, und kaum hatte derſelbe in „ —— der Ferne, nicht ohne Unruhe, einen Trupp be⸗ waffneter Reiter und Fußgaͤnger wahrgenommen, als er zugleich in dem weit vorausſprengenden An⸗ fuͤhrer den Baͤrenklauſer erkannte, und nun auch im Augenblicke, mit blitzſchneller Entſchloſſen⸗ heit eines gepruͤften Kriegers, der Gefahr zuvor⸗ kam, wo Flucht nicht mehr retten konnte. Des Dicken ſcharfes Auge hatte ebenfalls Wittgen ſo⸗ gleich entdeckt, und Treu's Gegenwart ließ ihm keinen Zweifel mehr uͤbrig; ſo, verlockt von ſeinem Mthe, und angetrieben von der Erbitterung be⸗ leidigten Stolzes, jagte jener mit lautem Fluchen, und dem Gebore, ſich zu ergeben! ihnen zu. „Im geſtreckten Galopp ihm entgegen!“ rieth Herrmann:„Du rechts, ich links, Knie an Knie gegen die Speckſeite, und ſo den Ballen vom Packpferde kopfuͤber geſchnellt!“ Wie geſagt, ſo geſchehen! weit aus griffen die Roße, die Klingen begegnete ſich, doch ge⸗ ſchickt parirte der Schwede den kraͤftigen Hieb des wackern Reiters beim Anritt— und die Erde droͤhnte von ſeinem ſchweren Fall! Ehe aber ſeine Knechte und Jaͤger herankamen, ihm auf die Bei⸗ ne halfen, und in ſaͤumiger Beſtuͤrzung Anſtalt trafen, dem Befehle, zu Verfolgung der beiden ———— — Fluͤchtigen zu gehorchen, waren ihnen dieſe ſchon aus den Angen verſchwunden. 10. le die Sonne nach jener verhaͤngnißvollen Nacht heraufſtieg, und des Waldbrandes dunkle Gluth, mehr und mehr, in ihrem Strahle ver⸗ blich— da ſtand Marie immer noch am Fenſter, erſtarrt von Froſt und Jammer, und das thränen⸗ muͤde Auge haftete bewußtlos auf den ſchwarzen Dampfwolken, welche von der Hoͤhe zum Thale niederrollten, und es verſinſterten. Doch nur ei⸗ nes leiſen Lufthauches bedurfte es— und der naͤchtliche Schleier erhob ſich; aber, ach!— aus welcher Bruſt wehte wohl ein Odem milde, troͤſtend genug, um den giftigen Nebel zu zer⸗ ſtreuen, welchet von jetzt an der Ungluͤcklichen Gemuͤth verduͤſterte? Niemand wußte ja, um wie vieles huͤlfloſer der Armen krankes Herz in dieſer Nacht geworden war— Keiner konnte es errathen, Keinem konnte ſie es klagen!— So ſonder Thraͤnen und Seußer, pflegte ſie den Harm in klangloſer Bruſt, und dieß druͤckende Schweigen ſchaͤrfte mehr und mehr den Stachel — ———— — 209— welcher dieſelbe langſam durchbohrte. Kaum dem Leben mehr angehoͤrend durch Rede und Beweg⸗ ung, der Nahrung faſt entbehrend, verlor ihre ohnedieß ſo zarte Geſtalt, taͤglich mehr an Friſche und Fuͤlle, und ihr Gang glich dem Dahinſchwe⸗ ben eines ſchon ſeligen Geiſtes. Die ſcharf um⸗ grenzte Roͤthe auf den bleichen Wangen taͤuſchte ihre Umgebungen nicht— das ſich einſtellende, anhaltende Huͤſteln, der unruhige Schlummer, verriethen ſie als die Bluthe des Todes, und mit zaͤrtlicher Milde verlangte ihre muͤtterliche Freundin den Rath eines Arztes. Sanft lehnte Marie dieß jedoch ab, und jedes Leiden verlaͤug⸗ nend, troͤſtete die Troßloſe dieſe Beſorgte mit muͤhevoll erkuͤnſtelter Heiterkeit. Aber lange ver⸗ mochte das Mädchen niemals, dieſe zwangvolle, quaͤlende Maske zu tragen, und floh immer mehr in die Einſamkeit. Mit innigem Bedauern nahm Heinrich dies wahr, und angereizt, durch des tauben Jobſt's nun unverholen auflodernden Haß, naͤhrte er gegen Wittgen den tieſſten Groll in ſeiner Bruſt, in welchem Beide den muthwilligen Moͤrder der Theuren ſahen. Ein Mal nur wuͤnſchte er, ihm im Leben noch zu begeg⸗ nen, ihn dann zur Rechenſchaft zu zichen, und 14 des Wunſches unſichere Hoffnung ſteigerte ſeinen Zorn zum Durſt nach blutiger Rache. Ach! der ſo heiß erſehnte Augenblick war nicht mehr fern! Hand in Hand mit ihm ging die Gewaͤhrung, aber wehe! auch die Reue war in ihrem Geleite, und hing ſich, des Lebens verduͤſternder Schatten, an Heinrich's Ferſen. So zogen die Stunden, unter Sorgen und Furcht, durch Maxens Pforten aus und ein, als plotzlich eine derſelben, Schreck und Entſetzen zu des Hauſes Trauer geſellte. Mit beſtuͤrzter Miene riefein heimkehrender Jaͤger, den Herrn von Schoͤn⸗ berg vom Abendtiſche ab.— Lange blieb er ent⸗ fernt, und vergebens bemuͤhte er ſich, bei ſeiner Zuruͤckkunft gleichmuthig zu erſcheinen; die Unruhe auf ſeinem Geſichte ging ſchnell auf jegliches An⸗ geſicht uͤber, und die ausweichenden Antworten, auf beſcheidene Fragen der Theilnahme und Veſorgniß, 8 vermehrten noch die allgemeine Beſtuͤrzung, wel⸗ che ſein Anſehen erweckt hatte. Da trat Jobſt mit polterndem Ungeſtuͤm in den Saal, alle Form⸗ lichkeit, der ihm ſo eigenthuͤmlichen Unterwuͤrfig⸗ keit eines veralterten Dieners dießmal bei Seite ſetzend. Sein funkelndes Auge verrieth die außer⸗ ordentliche Bewegung in ſeinem Innern, und im —— 1 Gemiſch von triumphirender Freude und Mitlei⸗ den, heftete er dasſelbe, durchbohrend, auf die arme Marie. „Hat der alte Jobſt nun recht gehabt? be⸗ gunn er endlich: der Apfel faͤllt nicht weit vom Stamm. Die ganze Armer war eine Raͤuberbande, aber nur er ſollte ein ehrlicher Mann ſeyn! Ein Spitzbube iſt er! und alle Welt nun gezwungen, meine Meinung zu theilen.“ Eine brennende Roͤthe uͤberflog Mariens Wan⸗ gen, waͤhrend Leichenkaͤlte ihre Glieder durchzit⸗ terte, denn ihres Buſens Geiſterſtimme rief laut den Namen des ſo ſchwer Beſchimpften aus. Doch wagte ſie nicht, zu glauben, was ſich kaum mehr bezweifeln ließ, und mit nie gezeigter Hef⸗ tigkeit ſchrie ſie laut auf:„Du luͤsſt!“ „Wollte Gott!“ entgegnete der Erſchrockene im Tone des hetzlichſten Mitleids; doch war ſein Zorn zu groß, um der Milde Raum zu ge⸗ ben, und ſchonunglos fuhr er daher fort:„Aber haben ſie ihn nicht beim Straßenraub und Mord betroffen?— Doch ſey ruhig, Matiechen, dem Stricke iſt er dießmal noch entlaufen, und der Himmel hat Dir den Jammer erſpart, ihn haͤn⸗ 4* gen zu ſehen, obwohl er es um Dich allein ſchon reichlich verdient haͤtte.“ Marien, zerknirſcht durch die ſchauderhafte Mittheilung, blieb nur noch ſo viel Kraft, zum Saale hinaus zu wanken, und durch eine ab⸗ wehrende Bewegung der Hand, jeden Beiſtand ſich zu verbitten. Kaum hatte ſie die Thuͤre hin⸗ ter ſich, als Herr von Schoͤnberg, von allen Sei⸗ ten mit Fragen und Bitten um Aufſchluß be⸗ ſtuͤrmt, dem Drange nachgab, und durch die Er⸗ zaͤhlung von Klynsky's Unfall, der binnen wenig Stunden ſich durch die ganze Umgegend verbreitet hatte, bekannt machte, was nun nicht mehr zu verheimlichen war. Der Graf hatte Wittgen au⸗ Dorfe, als den Anfuͤhrer der Raͤuberbande ange⸗ zeigt, deren freche Unthaten ſchon lange die all⸗ gemeine Aufmerkſamkeit erregte, ohne daß es ihr z8de gelang, das Geheimniß des Verſtecks derſelben eentraͤthſeln zu koͤnnen. Noch war die Erzahlung nicht zu Ende, als Heinrich in wilder Haſßt auf⸗ prang, und von Jobſt ſeine Buͤchſe fordernd, hinausſtuͤrzte. Niemand dachte in der heftigen Beſtͤrzung daran, ihn zuruck zu halten, Niemand genblicklich erkannt, und ſolchen, im naͤchſten agte ihn; was er wolle? wo er geweſen? als —————— — . —— 215 er, am andern Morgen, verſtoͤrt und bleich zu⸗ ruͤck kam. Doch zu Jobſt ſägte er kalt und ſchnei⸗ dend:„Ich werde ihn ſchon finden!“ und die⸗ ſer nickte beifaͤllig mit dem Kovfe. Aber auch Marie war in der Nacht ver⸗ ſchwunden, und jegliche Nachſuchung in der Nachbarſchaft ohne Erfolg. Die Angſt um die Ungluckliche war auf's Höchſte geſtiegen, und man fuͤrchtete ſchon das Schrecklichſte— als gegen Mittag der Leufelsmuͤller ſie zuruͤckbrachte, und erzaͤhlte, daß ſie um Mitternacht in ſeiner Naͤhe angekommen, und unaufhoͤrlich nach dem Schwe⸗ den gefragt, oder ihn gerufen habe, ſo daß ihm ganz unheimlich dabei geworden; erſt gegen Mor⸗ gen habe ſie ſich beruhigt, und ſey, ohne ein Wort des Widerſpruchs, ihm hieher gefolgt. Stumm, wie auf dem ganzen Wege, blieb Marie auch jetzt, doch willig leiſtete ſie allem Folge, was man ihr anrieth.— Man hoffte, nach einen befaͤnftigtem Schlaf werde ſie geneſen er⸗ wachen, doch hatte man ſich geirrt, ihr Zuffänd blieb derſelbe. Leidend, ohne eigenen Willen, that ſie, was man von ihr erheiſchte. Eine be⸗ jahende, oder verneinende Bewegung ihres kum⸗ mervoll geſenkten Hauptes, war die alleinige — Antwort auf jede Frage, und nur die Bekuͤmmer⸗ niß um ihre Geſundheit lehnte ſie durch ein ſchmerzliches Laͤcheln ab. Die Beklagenswerthe ſchien die Sprache fuͤr immer verloren zu haben, und mit herber Trauer erkannten ihre Freunde darin die wahrſcheinlich unheilbare Zerruͤttung ihres ſo ſchoͤnen und heitern Geines, als unſelige Folge jener ſchrecklichen Ueberraſchung. So todt fuͤr Gegenwart und Zukunft, ſchien auch aus der Vergangenheit nur eine Erinnerung ihr geblieben zu ſeyn; die, an die heitern Tage ihrer Liebe! und faſt immer weilte ſie unter der Linde, wo ihres Lebens ſchoͤnſter Traum ſie beſeligt hatte. Wie empfindunglos trotzte ſie dort Tage, Abende lang dem Ungeſtuͤm des Wetters, und die Laute im Schohe, ohne ihr je wieder einen Ton zu entlocken, die langen, loſen Locken ein Spiel der eiß igen Stürme— war ſie den Voruͤbergehen⸗ den ein mitfeidwerthes Zeugniß der Wandel⸗ barkeit irdiſchen Gluͤcks und jugendlicher Schoͤn⸗ heit. Immer ſchien ſie noch zu hoffen: dort muͤſſe ſe ihn wiederſehen; denn nie verließ ſie den Raſen tz nach langem, vergeblichen Harren, ohne einen ſchmerzlichen Seufzer und Thraͤnen in 8 fingeſunkenen Augen ſtets reichte — ————— — — 215— der kurze Heimweg hin, wieder die ruhige Faſſuns unverlorner Hoffnung zu gewinnen. 2 um ſo mehr befremdete es Alle, als ſie ei⸗ nes Abends heftig bewegt in's Zimmer trat. Ein ticfer Kummer lag in ihren Zuͤgen, und unauf⸗ haltſam ſioſſen ihre Thraͤnen. Mit lautem Schluch⸗ zen barg ſie ihr Geſicht an der Mutterbruſt ih⸗ rer Pflegerin, und als Kaspar ſich, voll innigem Mitleid, auf einem Knie an der Seite ſeiner Mutter niederließ, und Mariens Hand ergreifend, zaͤrtliche Worte des Troſies ſprach, die Traurige zu beruhigen— da ſchaute ſie ihn mit einem Blicke unendlichen Wohlwollens an und ſtreichelte mit der todtkalten Hand ſeine Wangen. Dank⸗ bar ſchien ſie zu fuͤhlen, wie ſeine Liebe in ihrem ungluͤck ſie nicht verlaſſen; ſondern inniger als je, ihr troͤſtend zur Scite ſtand, wie ein Engel der Guͤte, des Friedens.— Nit zaͤrtlicher Theil⸗ nahme blickte noch der Haushert zuf die ruͤhrende Gruppe nieder— als plötzlich ein wuſtes Geſchrei und Huftritte ſie auſſchreckte. Kaspar und ſein Vater eilten in den Hof hinaus, und erblickten hier den Ritter Hauns aus Bärenklauſe, auf einem Klepper, der unter der ungewohnten Laſt zuſammen zu brechen drohte. Das Lächerliche dieſer Erſcheinung, ſein kirſch, rothes Geſicht, und unverſtaͤndliches Toben, li ßen ſie glauben, daß er berauſcht ſey. Dhue eine andere Ahnung daher, ohne zu fragen, wo⸗ her er ſo ſpaͤt komme? geleiteten ſte ihn in's Haus, wo er faſt odemloe, brummend und wilden Blickes, wie ein gereizter Stier, ſich in einen Lehnſeſſel warf, und wiederholt mit geballter Fauſt gegen den Kopf ſchlug. Seine Wuth ſchien ſonder Grenjen, und bei dem Mangel an Ablei⸗ tern derſelben, mußte er ſich ſelbſt mißhandeln. Neugierig und faſt lachluſtig harrten alle eines erlaͤuternden Wortes nur Marie blickte mit der Miene hoͤchſter Angſt auf den Wahnwitzigen hin, als vernehme ſie ſchon den entſetzlichen Klang ſeiner verderblichen Rede. „Strauchdiebe! Galgenkramsvoͤgel!“ polterte er endlich los:„daß ſie die Peſt haͤtten— un⸗ term Rinde ligen!— Verfucht! mich aus dem Sattel zu heben— ſo aus dem Stegreif— ſchaͤ⸗ bige Hunde ihr!!— „Aber ſo beruhigt Euch doch!“ ſprach Herr von Schonberg beſinftigend.„Wer denn? wo denn?“ fragte zugleich Kaspar voll Ungeduld. „Wer?— Buben! Wegelagerer! Wittgen und ſein Spießgeſelle!“ brullte er zur Antwort, und Marie, mit den Haͤnden die Augen ver⸗ deckend, ſank bewußtlos in ihrem Sitz zuruͤck.— Sie hatte die beiden Reiter nahen gehoͤrt— mit freudigem Schreck geglaubt: endlich komme eri doch als ſie im unſichern Lichte die daͤmmernden Geſtalten voruberflichen ſah, da war ſie troſtlos von dannen geeilt, um Huͤlfe gegen die Verzweif⸗ lung an der Bruſt ihrer Freunde zu ſuchen. Ach! nur der Tod vermochte es, ihr jene zu bieten.— „Ich ein wackerer Reiter?“ fuhr der Baͤ⸗ renklauſer fort, ohne den Vorgang zu beachten. „Lebte mein Stallmeiſter noch, der das Reiten mich lehrte, ich wollte ihm das Lehrgeld auf den Schaͤdel zahlen! Wie aufgenietet, die Hal⸗ lunken! und ich— der juͤngſte Tag ſoll mich erſt abwuͤrgen;— wie ein Ball hoch in die Luft, und dann in die Schneepatſche!“— und nun erzaͤhlte er in ſeiner Manier, wie er, zu Folge der Klynsky'ſchen Klage, vermoͤge eines landes⸗ herrlichen Befehls, welchen er beiher Schoͤnbergen zur Durchſicht gab, mit ſeinen Leuten ausgezogen ſey; um ſch hier, mit dem Aufgebote der Guts⸗ nachbarn, zu verſammeln, und dann glle Wal⸗ dungen zu durchſtreichen, bis das Raubneſt ge⸗ funden und zerſtort worden ſey. Kaum hatte ich's geleſen, ſo ſaß ich auch ſchon im Sattel; und als ich beim Mondſchein„ die ſchwediſche Bremſe ſo unerwartet erblickte, da ließ ich laufen, was der Hengſt vermochte, um den Raben ihr Futter klein zu hacken. Wenn nur Klinge an Klinge kam, nicht einmal durſtig haͤtten mich die beiden Krippenreiter machen ſol⸗ len— aber kaum die Hand am Degen, ritten ſie mich kopfuͤber, daß mir das Genick knackte, wie einen geprellten Fuchs— und aus des Fremden Halſe lachte der Teufel! Es kann auch nur der Behoͤrnte— Gott ſey bei uns!— geweſen ſeyn,„ im Leben habe ich keinen gräßlichern Kerl geſe⸗. hen! Groß wie Goliath, und ſchwarz wie die Racht, mit einem Gelaͤchter, daß die Benge wie⸗ derhallten! Richt ohne Grauen dachten die beiden Schön⸗ betge an den geſpenſiſchen Reiter auf dem Ruͤck⸗ wege von Baͤrenklauſe, und im Zwieſpalt des Witleids und Abſcheues, trafen ſie mit getheilten Hetzen Anftalt, dem Vefehle ihres Fuͤrſten Folge Poch waren die nothigen Anordnungen nicht . zu Ende, als das Gefolge des Geprellten eintraf. Ein Theil desſelben hatte ſich lange vergeblich be⸗ muͤht, ſein Streitroß wieder aufzufangen, und die uͤbrigen hatte er verſandt, die Spur im fri⸗ ſchen Schnee zu verfolgen, indeß er ſelbſt die Maͤhre eines ſeiner duͤnnleibigen Gardiſten beſtieg, und, weil es nicht anders ging, langſam dem Schloße zuritt.— Die Spyaͤher hatten leichte Ar⸗ beit gehabt, da die friſche Faͤhrte dieſe geuͤbten Jaͤger bis an den Rand des Felſenkeſſels fuͤhrte. Dort, in jenen undurchdringlichen Dickigen, mußte das Wolflager verſteckt ſeyn, und man beſchloß dahin aufzubrechen, um mit dem Grauen des Tages die Klopfjagd beginnen zu koͤnnen. Niemand war nun geſchaͤftiger, und dem toben⸗ den Luftfpringer williger gehorſam, als Hein⸗ rich und der greiſe Jobſt. In dem Buſen dieſer Drei kochten ZSorn, Haß und unverſoͤhnliche Rache. Jobſt's Widerwillen hatte nie geſchlafen, und Heinrichs Erbitterung— aufgegangen durch die, ſeiner Schweſter zugefuͤgte Kraͤnkung, war uͤppig gediehen im Thau ihrer Thraͤnen und dent Sonnenbrand ihres Elendes, waͤhrend der Edel⸗ mann nie vergeſſen und vergeben konnte, daß er mit einem Raͤuber gaſtlich verkehrt— Bruͤderſchaft „ — 220— mit ihm getrunken habe, viel weniger, daß ſol⸗ cher ihn aus dem Sattel gehoben. Das letze war der Todſuͤnden großte! und wuͤthend lechzte er nach Genugthuung. Die nun bekannte Lage des Raubneſtes veran⸗ lafte eine Ausdehnung des landesherrlichen Befehls, und Heinrich ward daher entſendet, um ſolches auch in Reinhartsgrimma und Lugan geltend zu machen. Schnell ſaß er auf, und wie im Fluge ftuͤrmte er in die Nacht hinaus, um noch vor ihrem Ende, mit der Mannſchaft jener Doͤrfer, die Seinigen wieder einzuhplen— doch trauernd blieb ſein guter En⸗ gel am Siechbette der verlaßnen Marie zuruck. Das flchtige Paar ritt unterdeſſen trübſinnig im Kaßtelle wieder ein. Vittgen ſah, im Geiſte, die blutige Erfuͤllung ſeiner Ahnung hinter ſich herſchreiten, und Todesſchauer rieſelten ſeinen Ruͤcken herab. Seit dem myſtiſchen Erſcheinen des ſchwarzen Doffels nach der Eberjagd, hatte ſie ihn raſtlos verfolgt, die Scene des Wiederer⸗ keiens im Schlottwitzer Grunde ihm neue Schrecken verliehen, und als nun heule das un⸗ eſöhnliche Verhängniß ihm auf dem Vege der rettenden Flucht entgegen trat, und ſolchen ſperr⸗ te, da verließ ihn ſelbſt der troͤſtende Zweifel, an ſeines Schickſals trauriger Entſcheidung. Doch da er nichts mehr hoffte, ſo fuͤrchtete er auch nichts mehr! und als derſelbe mit jenem Froͤſßteln, der menſchlichen Natur letzte, widerſtrebende Reg⸗ ung, uͤberwunden, war es ihm gleichguͤltig, was noch geſchehen könne.— Nicht ſo fuͤhlte Herrmann. Erfahren in ſeinem Handwerke, blickte er duͤſter auf den verraͤtheriſchen Schnee; was da kommen muͤſſe, lag klar vor ſeinem kraͤftigen Geiſte, und bei dieſer Einſicht auch der im Augenblick ge⸗ reifte Entſchluß. Schnurt die Buͤndel““ rief er ſeiner Schaar zu:„Aufgepackt, was klingt und Goldeswerth iſt, und eilig von dannen! in der naͤchſten Stunde mochte es zu ſpaͤt ſeyn.— Nicht gefragt, ſondern gehandelt!““ fuhr er die Erſtaunten an. „Wollt Ihr, ſo moͤgt Ihr bleiben, und Euch hangen laſſen, ich ziehe von hinnen!“ Ohne fernere Ruckſcht ſtieg er jetzt, vor aller Augen, in ſeine Hoͤhle hinab, ſchnallte den ver⸗ heimlichten Reichthum auf ſein Roß, und Witt⸗ gen einen ſchweren Beutel aufdringend, ſagte er: „Folge mir, oder pette Dich, wohin Dü denkſt. Hier iſt furder keine Sicherheit.— Nimm!„ Du haſt Dein Geld an meine Hundosvotter ver⸗ ſchleudert, und ſie ſind, ohne einen Pfennig, ſelbſt reicher wie Du, da Du nicht lernen magſt, leicht zu erwerben; ich und die Schufte ſind Vir⸗ tuoſen darin.— Allen ſchwerſälligen Plunder zu⸗ ruͤck gelaſſen!“ fuhr er die Sammelnden an. „Eile iſt Noth. Auf dem Schneeberge finden wir uns wieder in nächſter Nacht! dort vollen wir Rath halten; und Du, lebe wohl! Viel⸗ leicht ſehen wir uns wieder— vielleicht auch nicht, doch reite keinen Galgen voruͤber, ohne hinauf zu lugen.“ So ward es immer leerer und ſtiller in dem engen Raume, und endlich weilte niemand mehr darin, als Wittgen mit ſeinem ſprachloſen Harm. Schritt vor Schritt ritt auch er nun hinaus, und den Felſenpfad hinan, wo heute niemand ihm vorleuchtete— denn ſelbſt der Angſtmuͤller war ſcheu entflohen— lenkte, ohne ſeines Thuns ſich klar bewußt zu ſeyn, das Pferd von dem, ihm nun bekannten Wege nach Maxen ab, und wandte es links, nach Lugau zu, um Dresden 3 uuf der Altenberger Straße zu erreichen.— Ar⸗ ier Bethoͤrter! Klug wurde der Kluͤgſte ſelbt des ———— That, ſprengte Heinrich, in guaͤlender Verwipſ⸗ — 2238— Weges Wahl nennen, die du, dir faß unbewußt, traſſt, um dem Verderben zu entrinnen— und doch fuͤhrte gerade dieſer Pfad dich in ſeine geoͤff⸗ neten Arme! Doch, das eben iſt des Schickfals heimlichſte Tuͤcke, und wankend wird durch ſpl⸗ che der Glaube ah der Vorſehung huͤlfreiches Walten— iſt anders nicht der Tod des Lebens reichſter Erwerb. Schon lag der Lugauer Berg im Grau des Morgens unfern vor ihm, als plötzlich ein Be⸗ maffneter aus dem nahen Gehoͤlze auf ihn zuritt — ſchon vernahm er ſein drohendes Halt! und erkannte Heinrichs Stimme in dem Rufe— da druckte er ſeinem Rappen die Sporen in die Flan⸗ ken, daß er hoch aufbaͤumte, und aͤngſtlich— als traue er ſich ſelbſt nicht— mit der Rechten das Schwert in die Scheide feſt ſchlagend, jagte er im geſtreckten Laufe an ihm voruͤber, dieſer unſeligen Begegnung zu entrinnen— da fiel ein Schuß— und Wittgens Schrei:„v mein Gott!“ — und nichts mehr war zu vernehmen, als der Hufſchlag fuͤchtiger Roße und Treu's, des Hun⸗ des, aͤngßtliches Geheul.— Gejagt von dem Gedanken, ſo heiß erflehter ung dem kleinen Heere zu, deſſen Zweck und Ziel ſein Blei ſchon erreicht hatte. Keines Lautes maͤchtig, zeigte er nur das abgeſchoſſene Gewehr hin, und deutete mit der andern Hand nach der Gegend des volffuhrten Meuchelmordes. Die Pantomine war verſtaͤndlich genug, und bald umringten die, fuͤr ihn geruͤſteten Haufen, den todtlich Verletzten. Mit unverholnem NRitleiden blickte Herr von Schoͤnberg auf denſelben herab, und Kaspar neigte ſich uͤber ihn hin, unter Kla⸗ gen und Troſtungen, bemuͤht, den Blutſtrom zu hemmen, unter welchem ſein Leben zu enttfließen drohte. Selbſt Ritter Hannſens Zorn war erlo⸗ ſchen, in den rieſelnden Wellen der zerrißnen, feindlichen Bruſt, und Heinrich, faſt vernichtet, durch den Erfolg ſeiner doch vorher ſo keck be⸗ dachten That, wagte es nicht, die Augen außu⸗ ſchlagen. Allen ſchien es jetzt, als könne er un⸗ moͤglich ſo ſchuldig ſeyn, wie man ihn ſich gedacht, der laute Zweifel ward zum lauten, bittern Vor⸗ wurf, und Kaspar rief ſchmerzlich: O daß kein irrendes Blei der Schlacht ſein tapferes Herz gefunden!“ Ich bin Euer Gefangner—“ ſprach der Vetnundet n matt:„die mag nich — richten— doch ſchafft mich nach Pirna, und gebt mich in des Buͤrgermeiſter Werners Ge⸗ wahrſam.“ Man that, wie er wuͤnſchte, und als ihn ſeine Wache dem erſchrockenen Werner uͤberant⸗ wortete, ſagte Wittgen, faſt heiter, zu ihm: „Lieber Werner!— Ihr habt mir Euer Haus als Zuflucht angeboten— ich ſuche meine letzte darin, und hoffe— Ruhe zu finden.“ „Gott im Himmel, ich fuͤrchte— die ewi⸗ ge!“ entgegnete dieſer außer ſich, als er das bleiche Angeſicht ſeines ſonſt ſo bluͤhenden Freun⸗ des wahrnahm, und indem er mit ſchonender Hand ihn die Stufen hinauf leitete, welche er einſt zu ſeiner Rettung im Fluge uͤberſprang, fuͤll⸗ ten ſich ſeine Augen mit Thraͤnen.— Doch die Bewegung hatte den Verband gelockert, und auf's neue rann Wittgens Blut auf den Boden herab. „Schon verfließt mein Blut auf dieſer Stelle, mit dem von Mariens gutem Vater— bald werde ich ja auch an ſeiner Seite ſchlafen“— fliſterte der Leidende leiſe, mit himmelwaͤrts gewandtem⸗ Auge, und eine wohlthaͤtige Ohnmacht ſchloß das⸗ ſelbe. Da er wieder erwachte, verrieth Werners verduͤſterter, ſcheuer Blick, ihm deſſen Irrthum, — und als derſelbe ſchmerzlich ſeußte:„Mein Ge⸗ fangener alſo?“ reichte Wittgen ihm freundlich die Hand und ſagte ſanft:„aber kein Raͤuber!“ 12. Die Zeit ging an Wittgens Schmerzenlager voruͤber, ohne von ihm bemerkt zu werden! ſo hatte er den erſten Wechſel von Tag und Nacht nicht wahrgenommen, und wie durch Zauber in einem Augenblick hieher verſetzt, kam ihm die Erſcheinung vor, die er erblickte. Marie ſtand vor ſeinem Bette. Unendliche Liebe, Sorge und Fammer im Blicke, ſchaute ſie auf ihn nieder; ein tiefer, ſchmerzlicher Seufzer erweiterte ihre ge⸗ preßte Bruſt— und mit beiden Haͤnden die Laute emporhebend, fiel ſolche, indem ſie jene betend faltete, zur Erde, und der Zerſplitternden letzter Ton hallte klagend von dem Gewoͤlbe wieder. „ Ihr Leben iſt verklungen“— ſprach ſie mild und ohne alle Betonung; doch ploͤtzlich auf die Kniee ſinkend, und mit ausgebreiteten Ar⸗ men ſich uͤber den Geliebten neigend, rief ſie außer 6:„D!— daß Dir auch ſo wohl waͤre!““— Bald, gute Marie— recht bald—“ent⸗ nete voll inniger Rührung der Heberaſchte. K ————— „ Doch laſſe der Dich gluͤcklich leben, Du Engelreine!“ „D, nicht doch!— ich bin ſchon lange krank— und muͤde.“ „Nein, Marie— nein! Dein Leben ſey meine Verſohnung— laß mich nicht, dem Zwei⸗ fel zum Raube, verzweifelnd ſterben!“ Du ſtirbſt ja den Tod meines ſeligen Va⸗ ters, ſtirb ihn wie er— ſanft und fromm. Doch ſchone Deine Bruſt, ſie iſt ja krank— und ich fuͤhle, wie das ſchmerzt. Lange habe ich nicht geſprochen— doch auch der S ſingt noch einmal, eh' er ſtirbt.“ „D, meine arme Marie!“ „Arm?— habe ich Dich nicht wieder? liebſt Du mich nicht mehr?— Ach, ich habe viel um Dich geweint, und hatte kein Cuch, meine Thraͤnen zu trocknen! das, velches der mitleidigen Liebe letzte Zaͤhre genetzt, hatte ich verloren— die, der verſchuldeten Reue, waren auch das Linnen nicht werth—“ „Mein Blut hat die bethraͤnten Stellen uͤbertuͤncht und geſuͤhnt!—“ ßel ihr Wittgen heftig in's Wort, und ein blutbeflecktes Tuch her vorziehend, fuhr er eifrig fort:„Ja, es gieht eine himmliſche Gerechtigkeit ſchon auf Erden! Dein Luch lag, als ich Dich von meinem Her⸗ zen ſtieß, zu meinen Fußen, und, treu wie Du, ruhete es nun immerdar an demſelben— bis die rͤchende Kugel es, mit ihm zugleich, verletzte.— Laß es, Marie, auf ihm mit mir begraben— der Liebe Gewohnheit iſt ja ſo ſuͤß— ſuͤß“— ſo, mit einer ſchmerzlichen Verzuckung des Ge⸗ ſichts, die Hand gegen die Wunde preſſend, ſank er auf ſein Lager zuruͤck, und mit dem letzten Tone hauchte er auch ſeinen Geiſt aus. Nach wenigen Tagen erhob ſich ſein Grab neben dem beraſten Huͤgel, welcher Mariens Va⸗ ter barg, und auf ihm lag der redliche Gefaͤhrte ſeiner Schlachten und Zuͤge— der wackre Treu, und kläglich winſelnd, wuͤhlte er oft die gefrorne Erde auf, um wie ſonſt, an ſeines Freundes Seite ſich zu ſchmiegen. Mancher Wanderer ſah dort in ſternheller Nacht die arme Marie ihm ge⸗ chelte und flehte; daß er Nahrung aus ihrer Hand annehme; und hoͤrte dann wieder ihr lau⸗ tes, troſiloſes Weinen, wenn er ſolches hartneckig erweigerte. So ſielen eines Morgens die Strah⸗ ——— —— genuͤber ſitzen, und vernahm, wie ſie ihm ſchmei⸗ n der umnebelten, blutroth aufgehenden Win⸗ — terſonne, auf des treuen Thieres Leiche, und 22— auch Mariens Sitz fanden ſie leer— kein Auge ſah mehr ihre Thraͤnen, kein Ohr vernahm fer⸗ ner ihre Seufzer. —— Laͤngſt verwittert ſind die kleinen Kreuze der Liebe und Trauer,— die Huͤgel, welche ſie tru⸗ gen, eingeſunken uͤber den modernden Gebeinen, unter den Rieſenſchritten der Zeit; doch nicht ſpurlos gingen ſie hin, uͤber ſo manches Denkmal dieſer heitern und truͤben Ereigniſſe, und die Phantaſie leihet der Vorwelt ſtummen Zeugen eine Sprache, die traurig und ruͤhrend zugleich, dem Waller er⸗ zählt, was um ihn her, ſich einſt hier zugetragen. Voch geben Pirna's zertruͤmmerte Baſteien ein treues Bild der einſt erlittenen Verwuͤſßtung, und das Andenken jener entſetzlichen Tage, lebt unſterblich fort im Gedaͤchtniſſe ſeiner Bewohner; Jahrhunderte hat Schloß Weſenſtein der Vergaͤng⸗ lichkeit getrotzt! und noch lange wird ſein Anblick des Beſchauers Erſtaunen und Bewunderung er⸗ regen, ob der Kuͤhnheit alter Baukunſt; wie du⸗ mals rauſcht die Muͤglitz durch das wilde, ſchoͤne Thal, und leitet auf Mariens Heimwegt, den — 6 Wanderer gen Muͤhlbach, und fernhin zu dem Felſenhorſte der Raͤuber.„Wittgens Raubſchloß!““ nennt es noch heute der Irrwahn im Munde der Landleute, und„Wittgens Creuz“ das bemooste nersdorf. Wie an jenem rathloſen Abende, wo der Verſtoßene hier geſtanden, bietet die Herms⸗ dorfer Hoͤhe auch gegenwaͤrtig dem Anblicke jenen wunderbaren Contraſt der Gegend nach Norden und Suͤden, und kein Baum iſt je wieder auf des hohen Wiliſchs Brandſtatt aufgeſchoſſen. Eine herrliche Ausſicht gewaͤhrt die Waldblöße ſeines Bipfels auf die Niederung. Alles iſt noch wie ſind die dichten, ungemeſſnen Waldungen, und auf dem Humelſteine, wo ſonſt Baͤren und Eber wohnten, ſinkt der Halm dem Schnitter in die Siche noch uͤben, in Baͤrenklauſe, die goldenen Branken des Baͤren ſuneilen, an froͤhlichen, feſt⸗ lichen Tagen ihr unverjaͤhrtes, ſcherzhaftes Recht; in lieblicher Spaziergang iſt jetzt der Pfad zur ufelsmühle, und am Bache auf der Wieſe von reyſche, wo Märthens Huͤtte geſtanden, bietet ches Landhaus dem muͤden Wanderer, ohen Stäͤdter, gaßfreundlich Obdach Denkmal ſeines Falles auf dem Felde von Cun⸗ ſonſt! nur milder, freundlicher. Verſchwunden N — 23½ und Erquickung. Nur— obgleich des Mayner Schloßes grauer Thurm, noch unverſehrt, ein ehrwürdiges Zeugniß jener Zeiten giebt— nur der Baum der Liebe, Mariens Linde, iſt laͤngſt in Staub zerfallen!— Doch hat ein fuͤhlendes Herz der Nachwelt die ſchoͤne Stelle nicht wüſe ge⸗ laſſen, und im Schatten jugendlicher Zweige, freut ſich noch wanches Auge der erquickenden Ausſicht, im Glanze der ſinkenden Sonne— und denkt dann auch wohl— wenn der Daͤmmerung Nebel ſie nun mehr und mehr verduͤſtert— an das Leben der armen Marie.. . ————————————— edruckt bei Carl Gottlob Gärtner. 3 ſſſſſ 7 8 9 10 12 13 14 16 17