Leihbiblivtl utſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cdnard Ottmann in Gieſen, hloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih und geſebedingungen. oflensein der Bibliothek. Die ſteht zur Em⸗ ahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens Abends 8 Uhr offen. sepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von em Ta 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ nangenymmen. 3. Cäution. Unbekannte Perſoneh müſſen, bei Entgegennahme ches, eine dem Werthe veſſelben entſprechende Summe „welche bei deſſen 3 ckgabe von mir zurückerſtattet onnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und wöchentlich 2 Bücher: kücher: 6 Bücher: f 1 Monat; 1 N 1W Ff 2 V— F. 65 Auswürtige honnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſekbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. r beſchmutzte zerriſſene, verlorene und fecte Bücher(namenrlich bei ſolchen mit Kupfern ic.) muß der denpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird nders darauf gufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen ücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche vie⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Eine Familiengeſchichte von R. c. Fahn, Verfaſſer von„Der Verſchwundene“,„Starhemberg“ u. ſ. w. Leipzig, Ernſt Julius Günther. 1865. Druck von Heinr. Mercy in Präg. Dem Meiſter Emil Devrient aus Dankbarkeit für ſeine unvergeßlichen Darſtellungen hochachtungsvollſt zugeeignet 3 vom S 1 Verfaſſer. 3 Erſtes Buch. Wenn wir uns wiederſehn, ſo lächeln wir Wo nicht, ſo iſt der Abſchied wohlgethan. Shakſpeare's„Julius Cäſar.“ An einem wunderbar ſchönen Maiabende des Jahres 185 glitt ein Kahn langſam den Rheinſtrom hinab, in welchem ſich außer dem Ruderer, der ein hochaufge ſchoſſener Landbube war, ein junges Paar befand, wel⸗ ches ſich, Hand in Hand neben einander ſitzend, an dem Reize der Gegend erfreute. „Wie prachtvoll dieſes Jahr die Obſtbäume blühen“, ſagte nach langem Schweigen die junge Frau und ließ ihre ſchönen dunklen Augen mit dem Ausdrucke innigſter Liebe auf dem Antlitze des Mannes ruhen.„Reiche Obſt⸗ ernten freuen mich mehr, als ich ſagen kann; ich denke dabei an die fröhliche Kinderwelt und an meine eigene Kinderzeit, an des Vaters Garten, der ſo ſchön war! Alfred, ich möchte ihn Dir nur einmal zeigen können!“. „Du würdeſt ihn verändert finden, meine Hernine, Hahn, Das Document. I. 1 2 nicht nur vielleicht manchen Baum, auch die alten lieben Geſichter vermiſſen, welche ſonſt Deinen Garten Dir theuer und heimiſch machten; darum iſt es beſſer, Du ſiehſt Deine Heimat nicht wieder, ſie lebt um ſo ſchö⸗ ner in Deiner Erinnerung fort. Einen gleichgültigern Ort kann man nach Jahren wieder beſuchen, ſich über die Veränderungen, welche indeſſen mit ihm vorgegan⸗ gen ſind, freuen oder wundern, oder auch ſie mit gerin⸗ gem Intereſſe betrachten, aber eine Stätte, welcho uns an das Herz gewachſen iſt, muß man niemals ver⸗ laſſen oder ſich nur auf kurze Zeit von ihr trennen. Alles verändert, ganz verändert finden, das thut bitter weh.“ Der junge Mann flüſterte die letzten Worte nur, als ſpräche er zu ſich ſelbſt. Seine Gattin verſtand den Grund ſeiner Trauer nicht ganz, aber ſie empfand, daß ſie eine wunde Stelle in Alfred's Gemüth berührt hatte; deshalb ſchlang ſie leiſe den Arm um ſeinen Nacken und küßte ihn. Er zog ſie innig an ſich und ſagte:„Es iſt wahr, wohin das Auge blickt, findet es Blüten, die Rebenhügel ſind auch ſchon grün, und bald werden wieder die Zugvögel aus England und Norddeutſchland kommen, um den Rhein auf und ab zu fahren und ſeine ſchönen Ufer kennen zu lernen.“ „Darum müſſen wir jetzt die Tage noch recht ge⸗ nießen, ehe es allzu lebendig auf dem Strome wird“, ſagte Hermine.„Ich weiß, Du denkſt ebenſo wie ich' mein Alfred, ich weiß, daß wir in Allem überein⸗ ſtimmen!“ „Es iſt wahr, Hermine, ich glaube, es gibt kein zweites Paar, was ſo innig harmonirte wie Du und ich, und zuweilen freut mich ſogar dieſes oder jenes äußere Ungemach, denn ſonſt könnte ich mein Glück nicht tragen!“ „Findeſt Du daß Glück zu tragen ſo ſchwer iſt?“ ſagte die junge Frau und ſah ihn mit großen Angen fragend an, wie ein wißbegieriges Kind. Alfred antwortete lachend:„Als Doctor der Philo⸗ ſophie und geweſener Privatdocent an der Univerſität zu Heidelberg ſollte ich Dir mit einer langen, möglichſt verworrenen Abhandlung antworten, welche mit der Frage begönne: Was iſt Glück? Allein als Freund der Klarheit ſage ich Dir, für mich hat großes Glück eine gewiſſe Schwere. Ich erinnere mich, wie ich als Kind die erſte prächtige Weihnachtsbeſcherung ſah, den großen, mit un— zähligen Flämmchen geſchmückten Tannenbaum und all die ſchönen Sachen, welche mir gehören ſollten, da blieb! ich ſtumm, das Auge voll Thränen, im hellen Saale ſtehen, während alle um mich her lachten und jubelten. Als ich zwölf Jahre ſpäter auf dem Gymnaſium den 4 erſten Preis erhielt, konnte ich nur mit Mühe eine Rüh⸗ rung zurückhalten, welche den Spott meiner Kameraden erregt haben würde, und als ich mein höchſtes Glück errang, Dich, meine Hermine, da war mir, als ob ich ſterben möchte, denn ſobald mir nichts zu wünſchen bleibt, iſt mir zu Muthe, als ſollte ich oder könnte ich doch das Theuerſte verlieren. Dagegen habe ich Schickſalsſchlägen ſchon muthig die Stirn geboten und durch die kleinlichen Quälereien, welche das menſchliche Leben mit ſich bringt, mich niemals länger als einige Minuten ſtören laſſen, ja ich habe mein Glück dann zweifach genoſſen, wie der erfrorene Wanderer ſich am flammenden Kamine und bei einer Taſſe duftigen Thees behaglicher befindet, als der ſcheinbar Glücklichere, welcher im Unwetter zu Hauſe bleiben darf. Doch, liebſte Hermine, da iſt unſer Häus⸗ chen; iſt es Dir recht, ſo trinken wir unſern Thee, den ich auch im Sommer nicht entbehren mag, unter den blauen Syringabäumen; ich verſpreche Dir auch heute eine höchſt intereſſante Novelle zum Nachtiſch.“ Alfred half der Frau aus dem Kahn und beide tra— ten in das kleine Haus, welches eben nur Raum genug für das Ehepaar, deſſen lieblichen Knaben und eine ältliche treue Dienerin hatte, welche Herminen hierher ge⸗ folgt war. Die junge Mutter ging in das Schlafgemach, wo —,— 6 0 des Kindes Bettchen neben ihrem Lager ſtand; ſie be⸗ trachtete das ſchöne ſchlafende Weſen und faltete die Hände, dann kehrte ſie, nachdem ſie Gertrud einige Befehle gegeben hatte, zu dem Gatten zurück. Sie fand ihn in ſeinem Arbeitszimmer in das Leſen eines Briefes ſo ſehr vertieft, daß er ihr Kommen nicht bemerkte; im Spiegel, dem Alfred ſein Geſicht zugekehrt hatte, ſah ſie, daß er ſehr bleich war. Jetzt legte er den Brief zuſammen und ſchob ihn in ein Fach ſeines Schreib⸗ tiſches, aber ihr entging es nicht, daß ſeine Hand zit⸗ terte Dann erbrach er das Siegel eines zweiten Schrei⸗ bens und vertiefte ſich in deſſen Inhalt, ſteckte dann daſſelbe zu ſich und ſtand auf. Hermine wußte nicht, ob ſie Alfred nach der Ur⸗ ſache ſeines veränderten Ausſehens fragen ſollte. Er hatte einigemal ihr bei ähnlichen Vorkommniſſen in ſeiner liebevollen Weiſe geſagt, ſie möge ihn niemals fragen; ſo kam es, daß ſie es jetzt nicht wagte, aber ihr Herz pochte ungeſtüm, ihr Lächeln, mit dem ſie ihn zum Thee in den Garten einlud, war erzwungen; ihm ſiel es offenbar nicht auf, denn ſonſt würde er ſie beruhigt haben. Allein es war nicht Alfred's Gewohnheit, ſich lange ſeinem Unmuthe hinzugeben, lebten ihm doch die höchſten Güter ſeines Lebens, ſein Weib und ſein Kind.. Heiter — wie immer nahm er ſeinen Platz neben Herminen und genoß den ſchönen Abend, als ob nichts Unangenehmes ihn berührt habe. Nur leicht warf er im Laufe des Abends hin, daß ſein Freund, der Profeſſor Felmer in Berlin, ihm ge⸗ ſchrieben habe, er ſei thätig für ihn, um ihm an irgend einer preußiſchen Hochſchule das Amt eines Profeſſors zu verſchaffen, was er auch annehmen werde, ungeachtet ſeiner Liebe zur Unabhängigkeit, denn ein kleiner Ver⸗ luſt habe ihn getroffen und er denke an Herminens und des kleinen Franz Zukunft. Hermine war voll Vertrauen zu ihrem Alfred; ein kleiner Verluſt, ihm vielleicht ihretwegen empfindlich, konnte auch ihre Glückſeligkeit nicht beeinträchtigen, alſo war ſie wieder fröhlich wie immer dem geliebten Manne gegenüber, und der Abend verſtrich, wie dem Paare ſchon mancher entſchwunden war, voll Harmonie und Liebe. Als Hermine am andern Morgen, wie ſie ſtets zu thun pflegte, mit dem kleinen Franz auf dem Arme in Alfred's Zimmer ging, fand ſie ihn nicht; raſch ſchlüpfte ſie in den Garten, denn da er faſt immer aufſtand, wenn ſie noch ſchlief, hatte ihn Hermine an ſchönen Morgen ſchon mehrmals da gefunden; allein auch hier war Alfred nicht; ſtatt ſeiner kam Gertrud, welche das Frühſtück brachte. Sie erzählte, daß der Herr ſchon mit dem erſten Tages⸗ — 7 grauen das Haus verlaſſen und ihr aufgetragen habe, falls er nicht um ſieben Uhr zurück ſei, das Brieſchen, welches ſie hier in der Taſche habe, der Frau Stern zu übergeben. „Gib, gib“, rief ihre Herrin, erbrach es haſtig und las: „Geliebte Hermine, ein unaufſchiebliches Geſchäft zwingt mich ſofort nach Köln zu reiſen; ſpäteſtens heute Abend bin ich zurück Sei ohne Sorgen, Du haſt keinen Grund dazu. Gott behüte Dich und unſern Franz! Auf baldiges Wiederſehen! Dein Alfred.“ Nachdenklich und niedergeſchlagen legte Hermine das Billet vor ſich hin; ſeit den zwei Jahren, welche ſie als Alfred's Frau an deſſen Seite gelebt hatte war er noch niemals länger als einige Stunden von ihr entfernt ge— weſen, und damals hatten Berufsgeſchäfte ihn aus dem Hauſe gerufen; ſie hatte gewußt, weshalb er ſie verließ, wann er wieder kam, heute ſollte ſie ihn den ganzen Tag vermiſſen, in qualvoller Ungewißheit leben, nicht. einmal vermuthen können, was ihn nach Köln gerufen. Unberührt ſchob ſie das Frühſtück zurück, ſelbſt des kleinen Franz liebliches Lächeln vermochte nicht ſie auf⸗ zuheitern und zu beruhigen Sie fand Alfred's Benehmen nicht ganz gerecht und liebevoll gegen ſie. Warum theilte 8 er nicht ihr, deren Innerſtes offen vor ihm lag, ſeine Geheimniſſe mit, warum verurtheilte er ſie zu den Pei⸗ nigungen, welche jede Ungewißheit ſelbſt über das ruhigſte Gemüth bringt? Da ſiel ihr Blick auf einen Spruch Rückert's, den Alfred einſt mit zierlicher Schrift aufgezeichnet und un⸗ ter Glas und Rahmen über ſeinem Arbeitstiſch aufge⸗ hängt hatte. Sie las: Wenn es Dir übel geht, nimm es für gut nur immer, Denn wenn Du's übel nimmſt, ſo wird es nur noch ſchlimmer. Und thut ein Freund Dir weh, verzeih's ihm und verſteh', Es iſt ihm ſelbſt nicht wohl, ſonſt thät' er Dir nicht weh. Doch wenn Dich Liebe kränkt, ſei Dir's zur Lieb' ein Sporn, Daß Du die Roſe haſt, bemerkſt Du auch am Dorn! Verzeihung, Alfred“ ſagte Hermina leiſe, zu dem Bilde ihres Gatten aufblickend; ihre Zweifel, ihr Miß⸗ rauen waren verſchwunden. „Das beſte Heilmittel gegen Seelenleiden iſt Ar⸗ beit“, hatte Alfred einſt geſagt; ſie beſchloß, es anzu⸗ wenden. Ruhig wie immer ſuchte ſie ihren Franz auf, leiſtete ihm alle die ſüßen mütterlichen Dienſte, legte ihn nach dem Bade in ſein Bettchen und machte ſich dann in dem ziemlich großen Garten zu ſchaffen, der ſich hin⸗ ter dem Häuschen bis zu dem Weinberge des Nachbars hinzog. — — Noch waren Blumen anzubinden, Samen auszu. ſtreuen, die Georginen in die Erde zu legen, hier und da Raupen von den Roſenbäumchen abzunehmen; in dem Umgange mit der Pflanzenwelt verſtrich der Morgen, Hermine war mit ſich zufrieden. Später brachte Ger⸗ trud den Kleinen in den Garten und deckte unter den blühenden Bäumen für ihre Herrin den Tiſch, an wel⸗ chem Mutter und Kind zufrieden ſpeiſten. „So iſt es recht“ ſagte Gertrud.„Der Herr Doe⸗ tor hat mir, bevor er wegging, noch⸗ befohlen, darauf zu ſehen, daß Sie auch das Mittagsmahl nicht verſchmähten; er ſagte mir, der gute Herr, daß ihm in der Nacht ein. gefallen ſei, es ſei beſſer, er mache ſein Geſchäft perſön— lich ſtatt ſchriftlich ab, und Ihren Schlummer hatte er nicht ſtören wollen.“ 7 Hermine lächelte. Was konnte ſie jetzt nöch 2 Ande⸗ res empfinden als Liebe und Vertrauen und das unbe⸗ ſchreibliche Glück, welches wir bei der Hoffnung fühlen, daß uns bald der Entfernte, den wir über Alles lieben, wiederkehrt? Für gewöhnliche Weltmenſchen mochte es vielleicht unbegreiflich ſcheinen, daß ein junges Paar, ſchon über zwei Jahre ohne allen Umgang lebend, ganz auf ſich ſelbſt angewieſen, ſo durch und durch glücklich war, daß es niemals Langeweile oder Sehnſucht nach änderer —— S 1 . Geſellſchaft empfand, allein wer beide näher kannte, konnte das nur natürlich finden. Hermine war die Tochter eines armen adligen Offi⸗ ziers, welcher in den erſten Jahren ſeiner Ehe geſtorben war. Ihre Mutter, aus einem ſehr vornehmen Hauſe ſtammend, hatte ⸗wider den Willen ihrer Familie gehei. rathet und erhielt auch als Wittwe nicht die geringſte Unterſtützung. Allein Frau von Rainsdorf beſaß neben großer Herzensgüte auch viel Muth. Sie verkaufte allen Schmuck und was ſie ſonſt noch an Luxusgegenſtänden beſeſſen hatte, richtete ſich in einer billigen Stadt be⸗ ſcheiden, aber anſtändig ein und benutzte ihre Sprach⸗ kenntniſſe, um für eine große Verlagsbuchhandlung Ro⸗ mane aus dem Franzöſiſchen und Italieniſchen zu über⸗ ſetzen Dabei behielt ſie hinreichend Zeit übrig, um ihrem einzigen Kinde eine vortreffliche Erziehung zu geben; auch ſparte ſie das Geld nicht, um Herminens prachtvolle Stimme ſo ausbilden zu laſſen, daß man ſie eine Ge⸗ ſangskünſtlerin nennen konnte. Als Hermine acht Jahre zählte, ſchieden die Aeltern ihrer Mutter aus dem Leben; auf ihrem Todtenbette— 17 ſie ſtarben beide an einem Tage an der Cholera— hatten ſie der Kochter verziehen; aber da ſie ſchnell und unvor— bereitet aus der Welt gingen, blieb das Teſtament, wel⸗ ches ſie enterbte, unverändert. Ihr älteſter Bruder, der Majoratsherr, befand ſich damals in Italien; ihre fünf Geſchwiſter meinten, daß ſie für ihren Stand und ihre Verhältniſſe ſelbſt ſehr wenig hätten, keins derſelben trat freiwillig an Frau von Rainsdorf etwas ab, dieſe aber fühlte ſich ſchon glücklich, daß die Altern nicht in das Grab geſtiegen waren, ohne ihr ihren Segen hinterlaſſen zu haben. Der älteſte Bruder, der beſte unter ihren Geſchwi⸗ ſtern, der in ſeiner Kinderzeit dieſe Schweſter am meiſten geliebt hatte, ſchrieb nach dem Tode der Altern zuwei⸗ len an Frau von Rainsdorf und legte ſtets ein kleines Geldgeſchenk für Hermine bei, welche nach ihm, der Hermann gerufen ward, genannt war. Als daher neun Jahre nach dieſer Verſöhnung Frau von Rainsdorf ihr Ende herannahen fühlte, ſchrieb ſie an dieſen Bruder und empfahl ihm und ſeiner Großmuth die verwaiſte Tochter. Graf Hermann war kein Mann ohne Herz; er fühlte ſich durch das Vertrauen ſeiner Schweſter gerührt und als Verwandter verpflichtet, dem verlaſſenen Mädchen ſeinen Schutz angedeihen zu laſſen. Seine Gemghlin, eine 12 noch immer ſchöne, auf Geburt und Reichthum ſtolze Dame, welche aber ebenfalls nicht ohne Gutmüthigkeit, nur ſehr egoiſtiſch war, hatte nichts dagegen, die Waiſe bei ſich aufzunehmen. In dem großen Schloſſe gab es ja Zimmer genug, und Hermine konnte ſich ihr und ihren Töchtern, einem dreizehnjährigen Zwillingspaare, nützlich machen. Dies waren die Gedanken und die nur milder ausgedrückten Aeußerungen der Gräfin Eulalie, und ſo ward denn eine alte Dienerin abgeſandt, Hermine von Rainsdorf aus ihrer bisherigen Heimat nach Schloß Kaltenſtein abzuholen. Die Gräfin, in der Regel nur mit ſich beſchäftigt, that noch mehr; ſie gab Vefehl, ein freund⸗ liches Gemach neben der Erzieherin ihrer Töchter für Hermine einzurichten und in demſelben das Portrait ihrer Mutter aufzuhängen, welches ſich noch unter den Familienportraits befunden hatte Die Gräfin hatte da⸗ für die Genugthuung, daß der Graf ihr die Hand küſſend ſagte:„In Wahrheit, beſte Eulalie, Du biſt die Güte und Liebenswürdigkeit in höchſter Potenz!“ Dieſe Worte, welche nicht ungehört blieben, erweck⸗ ten im ganzen Schloſſe ein Echo, und Gräfin Eulalie, die ſich geſchmeichelt fühlte, ſah dem Kommen der armen kleinen Nichte mit Vergnügen entgegen. Spät abends war Hermine in dem alten Schloſſe, wo ihre Mutter geboren war, eingetroffen. Eine alte „ 43 Dienerin, welche ihre Mutter noch gekannt hatte, bediente ſie mit Speiſen und erzählte ihr viel von dieſer unver⸗ geſſenen, geliebten Frau, deren Bild ſie von der Wand herab anlächelte. Von ihren Verwandten erſchien Nie mand, ſie zu bewillkommnen; ſie waren bei einem Feſte, welches ein junger Gutsnachbar, den Tag ſeiner Mün⸗ digkeit zu ehren, anſtellte. „Bleiben Sie nur ganz ruhig, Fräulein“, ſagte die alte Dienerin, welche ſich ſpäter noch einmal blicken ließ;„morgen bringe ich Ihnen das Frühſtück und werde Ihnen ſagen, wann Sie der Frau Tante und dem Herrn Oheim vorgeſtellt werden ſollen; jetzt legen Sie ſich ſchlafen und träumen Sie ſüß.“ Am andern Morgen erſchien auch die Alte und ſetzte ſich zu ihr, um ihr dies und jenes zu erzählen und ihr beim Ankleiden behülflich zu ſein. „Faſſen Sie nur Muth und ſeien Sie nicht allzu niedergeſchlagen“, ſagte die gutmüthige Frau,„unſere Herrſchaften lieben die traurigen Geſichter nicht.“ „Kann ich fröhlich ſein, jetzt, nachdem ich vor kaum einem Monate mein Theuerſtes auf der Welt begraben ſah?“ erwiderte mit bebender Stimme Hermine. „Weinen Sie im Stillen, Herminchen— Sie erlauben einer alten treuen Seele wohl dieſe Benennung— im 14 Stillen, nur nicht vor der Welt Der Herr Oheim, um mit ihm anzufangen, übernahm die Güter ſehr verſchul⸗ det; er war raſtlos thätig und hat ſich mit ſeinem Fleiße, ſeiner Unſicht und dem ſchönen Vermögen der Frau Gräfin nicht nur herausgearbeitet, ſondern wir legen jährlich noch zurück für die jungen Gräfinnen, da doch Graf Albrecht nach des Papas Tode einmal die Güter ungetheilt erhalten muß. Der Herr Graf lieben die Arbeit, zur Sei die Jagd und dann und wann einen Gaſt. Di Frau Gräfin ſind dreiunddreißig Jahre alt, noch ſehr hübſch, und haben es gern, wenn man ihre Töchter für ihre j jüngern Schweſtern hält. Sie werden noch in der Schulſtube gehalten, wohin ſie auch gehören, und ich glaube nicht, daß ſie jemals halb ſo hübſch werden wie ihre Mama. Graf Albert iſt ſechs Jahre alt und der Liebling der Frau Gräfin, obgleich ſie auch das Wohl der Töch⸗ ter ſtets im Auge hat. Clotilde, die älteſte, iſt ei⸗ nem jungen, einfältigen, aber reichen Vetter der Frau Gräfin zur Gemahlin beſtimmt, Malwine möchte man gern an unſern Nachbar, den Grafen Leo vermählen; ſeine Mutter wünſcht es auch, und ſo wird dieſe Ver⸗ bindung wohl zu Stande kommen, wenn Malwine ſech⸗ zehn Jahre alt iſt. Der Schloßkaplan iſt ein ältlicher, ſtiller Mann, der ſich um nichts als um ſeine Pflichten kümmert; die Gouvernante, Fräulein Waldinger, iſt noch — —— jung, ſehr unterrichtet, witzig, geſcheidt, aber innerlich voll Hochmuth, malitiös und ich glaube, voll unterdrückter Erbitterung gegen die gnädige Frau, die eben handelt und denkt, wie es ihre Erziehung mit ſich bringt. Sie glaubt wirklich, daß die Adligen eine beſondere Men⸗ ſchenraſſe ſind, und ſieht auf den ſogenannten niedern Adel mit großem Mitleid herab. Deshalb, Fräulein, rathe ich Ihnen, obgleich die Frau Gräfin Ihre Tante find, dieſelbe gnädige Gräfin zu tituliren, bis dieſelbe es anders befiehlt.“* Die gute Frau entfernte ſich jetzt, und Hermine blieb mit ſchwer zu bekämpfender Bangigkeit allein; aber von Kindheit auf an Arbeit gewöhnt, begann ſie ihre Koffer auszupacken, Kleider und Bücher in Schränke und Kommoden zu räumen, dann trug ſie die leeren Koffer und Kiſtchen in eine kleine Nebenkammer ordnete das Gemach und gab den Blumen friſches Waſſer, denn die alte Dienerin hatte das Zimmer mit dieſen freundli⸗ chen, ſtummen und doch ſo wohlthuenden Gefährten des Menſchen geſchmückt. Jetzt endlich, nachdem ſie wohl eine Stunde in einem Lieblingsbuche ihrer Mutter geleſen hatte, wurden Männertritte vor ihrem Gemache hörbar, und nach kur⸗ zem Pochen, auf welches Hermine ein ſchüchternes Herein! rief, trat ein ernſter, hochgewachſener Mann von untadel⸗ 16 hafter Haltung ein, welcher Aehnlichkeit mit ihrer ver⸗ ſtorbenen Mutter hatte. „Willkommen in meinem Hauſe, Hermine!“ rief er ihr zu und reichte ihr die Hand. Das Mädchen zog ſie an die Lippen, er lächelte ein wenig, legte die andere Hand einen Augenblick ſanft auf ihren Kopf und ſagte:„Komm jetzt, ich will Dich der Schloßfrau vorſtellen und dann zu meinen Töchtern führen. Meine Frau iſt gutmüthig, ſuche ihr zu ge⸗ fallen; ich miſche mich nicht in Frauenangelegenheiten; mir biſt Du angenehm ſuche Dir nun die Gunſt der Gräfin zu erwerben.“ Durch dieſen Empfang wenn auch ich niederge⸗ ſchlagen, doch auch nicht erwärmt, folgte Hermine mit großer Schüchternheit dem Oheim, der ſie eine ſchmale Treppe hinab über einen großen düſtern Gang durch zwei hohe, elegante Gemächer in das Wohrm der Gräfin führte. Dieſe ſaß in der Fenſterniſche über ihren Stick⸗ rahmen gebeugt, denn ſie unterhielt ſich gern mit Anfer⸗ tigung von Stickereien von bunter Seide und feiner Wolle Ohne aufzuſehen, rief ſie dem Grafen zu:„Ah, Hermann, bringſt Du die Kleine?“ „Sie will Dir die Hand küſſen und ſich Deiner Huld empfehlen“, antwortete der Graf. Sü— 17 Hermine näherte ſich ein wenig, die Schloßdame erhob ſich und blickte auf, fuhr aber beinahe erſchrocken zurück, als ſie ſtatt eines kleinen kindiſchen Mädchens eine tadellos ſchöne Jungfrau erblickte, deren hohe ſchlanke Geſtalt die kleine, etwas zu volle der Gräfin beinahe um einen Kopf überragte. Gräfin Eulalie hatte zu viel Schönheitsſinn, zu viel Frauen der großen Welt geſehen, um nicht ſogleich zu bemerken, daß Hermine von einer ganz ungewöhnlichen Schönheit war, die ſelbſt im Kreiſe der reizendſten Mädchen anerkannt werden mußte und neben welcher ſie ſich ausnahm wie ein Kam⸗ merzöfchen. Doch beſaß ſie zu viel Takt und Selbſtbeherrſchung, um zu verrathen, was in ihr vorging. Nicht ohne Freundlichkeit reichte ſie ihr⸗die Hand und ſagte:„Will⸗ kommen, Kind! Ich will Dich zu meinen Töchtern führen, ſie werden ſich freuen, in Dir eine Geſpielin zu erhalten. Es iſt ein Glück für Dich, daß Du hierher gekommen biſt, denn in dem kleinen Städtchen und in den Ver⸗ hältniſſen, worin Du bisher lebteſt, hatteſt Du nicht Gelegenheit, Dir die Kenntniſſe zu erwerben, welche Du ſpäter in der Welt zu Deinem Fortkommen brauchen wirſt; Du ſollſt daher an dem Unterricht meiner Töchter Theil nehmen. Hörſt Du Kind?“ Hermine verbeugte ſich und flüſterte einige Worte; Hahn, Das Document. I. 2 18 die Gräfin faßte ſie bei der Hand und zog ſie in das Schulzimmer, wo Fräulein Waldinger ſich mit den Com— teſſen befand, um ihnen eben Klavierſtunde zu geben. Die Gouvernante, ein hübſches, ſehr brünettes Mädchen von ſechs bis ſiebenundzwanzig Jahren, deren dunkler Teint den zarten weißen und rothen Farben der blonden Gräfin zur Folie diente, erhob ſich beim' Ein⸗ tritt der Schloßdame und verneigte ſich tief; dabei blickte ſie ſcharf über den Kopf der Gebieterin auf Hermine, welche beſcheiden hinter ihrer Tante ſtand und den Kopf ſenkte. „Guten Tag liebe Waldinger“, ſagte die Gräfin mit ungewöhnlicher Freundlichkeit.„Hier bringe ich Ihnen eine Mündel des Grafen, Fräulein von Rainsdorf. Nehmen Sie dieſelbe unter Ihre Obhut.“ „Zu Befehl Frau Gräfin“, ſagte die Gouvernante. „Sie werden ja bald ſehen, was dem Fräulein noch fehlt; ich glaube viel, alſo mußt Du, Hermine“, fuhr ſie gegen ihre Nichte gewendet fort,„recht fleißig ſein und viel Zeit im Schulzimmer zubringen. Zum Spa⸗ zierengehen kannſt Du die frühen Morgenſtunden verwen⸗ den. Ferner— doch laſſen wir die jungen Damen allein! Folgen Sie mir, Waldinger“, und die Gräfin begab ſich in das Nebenzimmer, ſetzt ſich auf das Sopha, winkte der Gouvernante, auf einem Stuhle in ihrer Nähe Platz — 19 zu nehmen, und fuhr fort:„Fräulein von Rainsdorf hat einen großen Verluſt erlitten; ſie braucht, um ſich zu faſſen und zu erholen, Ruhe, Abgeſchiedenheit, dabei nützliche Beſchäftigung; ich will ſie alſo von den Geſell⸗ ſchaften dispenſiren, ſie mag auf ihrem Zimmer früh⸗ ſtücken und ſpeiſen, die übrige Zeit bringt ſie am beſten im Schulzimmer zu, denn da ſie ſpäter wird für ihre Exiſtenz ſorgen müſſen, ſo iſt es nothwendig, daß ſie viel lernt.“ „Wenn gnädige Gräfin einige Aufheiterung für die junge Dame nicht zuträglicher halten“, ſagte die Gouver⸗ nante, bemüht, recht unbefangen auszuſehen. „Durchaus nicht, Fräulein von Rainsdorf iſt nicht dazu geſtimmt. Thun Sie, was ich ſage, Fräulein Wal⸗ dinger.“ „Verſteht ſich, Frau Gräfin, und da die junge Dame, wie ich ſchließen muß, kein Vermögen hat und Gouver⸗ nante werden ſoll—“ „Sie faſſen meine Worte falſch auf“, ſagte die Gräfin ſtolz.„Fräulein von Rainsdorf kann nicht Gou⸗ vernante werden, denn ſie iſt von altem Adel, aber durch Protection Hoffräulein bei einer Prinzeſſin, und dazu ge. hören auch Kenntniſſe.“ „Natürlich, gnädigſte Frau“, erwiderte die Gouver⸗ nante, innerlich erfreut, der Gräfin ungeſtraft mit Malice 20 begegnen zu können.„Es iſt mir ſehr ſchmeichelhaft, daß Sie mir Kenntniſſe und Talente genug zutrauen, um das Fräulein von Rainsdorf für dieſen Beruf geſchickt zu machen. Gewiß wird dieſe junge Dame durch Schön⸗ heit und Anmuth aller Augen auf ſich ziehen, und es ſollte mich nicht wundern, wenn ſie die glänzendſte Partie machte, wenn ſich ein Fürſt um ſie bewürbe.“ „Nun, nun, das Kind iſt hübſch, doch zu bleich, zu ſchmächtig, um ſchön genannt werden zu können. Setzen Sie ihr nichts in den Kopf! Grafen und Fürſten hei⸗ rathen ſelten ein ſimples Fräulein ohne Vermögen und Familienverbindungen.“ „Fräulein von Rainsdorf hat ja den Vorzug, mit dem Herrn Grafen von Kaltenſtein nahe verwandt zu ſein, und ich ſollte denken—“ „Denken Sie, was Sie wollen, Waldinger“, ſagte die Gräfin hochfahrend,„und thun Sie, was ich will. Guten Tag!“ Sie erhob ſich und rauſchte fort. Fräulein Waldinger wußte jetzt, was Hermine auf Schloß Kaltenſtein zu erwarten hatte, und beſchloß, ſich dem jungen Mädchen herzlich zu nähern. Aber Hermine fühlte inſtinetiv, daß die Waldinger mehr Kopf als Herz beſaß, daß ſie, weil ſie zuweilen verletzt ward, gern wieder beleidigte, kurz, daß ſie nicht ein Weſen — 21 war, dem die gute, durch und durch edle Hermine ver⸗ trauen konnte. Sie lebte alſo auf Schloß Kaltenſtein ſehr einſam. Ihr Oheim fragte faſt gar nicht nach ihr, er hatte ſich genug gethan, indem er ſie in ſein Haus aufnahm; ihren jungen Couſinen war ſie zu ernſt; die Gräfin duldete ſie, weil Hermine ſich nicht bemerkbar, ſondern nützlich machte, denn da ſie doch nicht immer nur lernen konnte, auch viel unterrichteter war, als die Gräfin ver⸗ muthet hatte, bat ſie ſich von der Schloßdame Hand⸗ arbeiten aus und fertigte zu deren größter Zufriedenheit allerlei zierliche, geſchmackvolle Arbeiten mit ihrer Nadek“ Nur zwei Perſonen im Schloſſe liebten Hermine, die alte Dienerin und ein Kind, nämlich ihr Vetter, der kleine Graf Albrecht, der Erbe der Kaltenſtein ſchen Beſitzungen. So oft er konnte, ſchlüpfte er zu ihr auf ihr Zim⸗ mer; dort mußte ſie ihm Märchen erzählen, Liedchen ſingen, allerlei Spielereien aus Papier für ihn verferti⸗ gen, ja er ſtand ſogar früher auf, als er ſonſt gethan hatte, um mit ihr ſpazieren gehen zu dürfen. Der ältliche Hofmeiſter, welcher froh war, wenn er zuweilen von der Gegenwart des Wildfangs befreit war, legte ihm kein Hinderniß in den Weg, und ſo konnte Her⸗ mine einen großen Theil ihrer Zeit dem lieblichen Kna— ben weihen, den ſie von Herzen liebte. 22 Kurz vor Weihnachten ging Graf von Kaltenſtein nebſt Familie nach der Hauptſtadt. Die Gräfin fand, daß Hermine durch das Leben in der geräuſchvollen Hauptſtadt in ihrer Trauer geſtört werden könne, und be⸗ ſchloß gütig, ſie ruhig in dem Schloß zu laſſen, unter dem Schutze der alten Dienerin, des Caſtellans und des Kaplans, welcher jahraus jahrein auf Kaltenſtein lebte. Hermine ſah ohne viel Wehmuth ihre Verwandten abreiſen; nur der Abſchied von Albrecht that ihr weh, und ſie weinte herzlich mit, als der Kleine ſeine runden Aermchen um ihren Nacken ſchlang und bitterlich ſchluchzte. „Und ſchreibe mir, ſüße Hermine“, bat der Knabe und ſtreichelte ihr ſchönes Haar;„ich kann leſen und, wie Du weißt, auch ſchreiben; Du ſollſt lange, lange Briefe von mir erhalten und zu Weihnachten ſchicke ich Dir etwas Schönes! Hörſt Du?“ Hermine lächelte durch Thränen und verſprach Alles, was der anhängliche Vetter von ihr verlangte. Das Kind hielt Wort. Auf jeden Brief erhielt Hermine eine lange Antwort, und als zum Chriſtabende wirklich eine Kiſte mit Geſchenken kam, fand ſich auch eine Düte mit Con⸗ feet und ein Bändchen Gedichte mit einem Zettel, auf welchem ſtand:„Seiner lieben Hermine ihr Vetter Albrecht.“ — 23 Hermine war von dieſer kindlichen Zuneigung innig ergriffen; ſie dankte dem Oheim und der Gräfin und fügte ein Briefchen an Albrecht bei, worüber er ſich tage⸗ lang freute. Hermine war an Einſamkeit und Arbeit gewöhnt; wie konnte ſie ſich unglücklich fühlen, da ſie, vor allem Mangel geſchützt, behaglich lebte! Ihre kleine Bibliothek hatte ſie durchſtudirt, deſto mehr Freude bereitete ihr das Piano, welches ſie während der Anweſenheit ihrer Ver⸗ wandten nicht ſpielen konnte, weil es im Salon ſtand, den ſie faſt niemals betreten hatte. Der Kaplan war ein tüchtiger Muſiker und geübter Pianiſt; es machte ihm Freude, Herminens Talent weiter auszubilden. Als er ihren Geſang zum erſten Male hörte, war er überraſcht und, ſoweit es ſein ernſtes Weſen zuließ, entzückt. Aber er war Menſchenkenner und wußte, daß es vor der Hand für Hermine beſſer ſei, wenn er über ihre Talente ſo wenig als möglich ſagte. Die Gedichte, welche der kleine Albrecht ihr geſandt — wahrſcheinlich hatte ihn die bunte Ausſtattung gelockt, ſie zu kaufen, denn ſie waren, wie er ſchrieb, von ſeinem Taſchengelde bezahlt— gewährten Herminen eine höhe Freude. Es waren meiſt tiefempfundene Lieder, Lieder, welche in ſchönſter Form ausſprachen, was ſie in ſtillen Stunden faſt wortlos ſelbſt gedacht und empfunden hatte. 24 Sie las dieſe Gedichte unzähligemal durch, bis ſie ſich endlich feſt ihrem Gedächtniß einprägten, neben manchem weiſen, frommen Spruche, den ſie aus dem Munde ihrer geliebten Mutter vernommen und bewahrt hatte. Mitte Mai traf die Kaltenſtein'ſche Familie wieder auf dem Schloſſe ein. Als Hermine von ihrer Ankunft hörte, freute ſie ſich; ſie dachte an ihren Liebling Albpecht, ſie empfand auch Dankbarkeit gegen ihre Verwandten und wollte hinaus in den Wald, friſche Zweige zu ho⸗ len, um die große Eingangshalle zu ſchmücken. „Laſſen Sie das, beſtes Fräulein“, ſagte der Kaplan, „die Herrſchaft liebt dergleichen nicht; bleiben Sie nur fein ruhig auf Ihrem Zimmer, bis Sie gerufen werden. Senken Sie nicht den Kopf, als ob Sie weinen wollten; mein Rath iſt wohlüberlegt und gut.“ Hermine hatte Gründe genug, den Kaplan für ihren Freund zu halten, alſo that ſie nach ſeinem Wunſche. Gegen Mittag langte der Graf an, weil er ſchon ſehr früh aus der Reſidenz abgereiſt war, zwei Stun⸗ den ſpäter die Gräfin mit ihren Kindern, der Gouver⸗ nante und Dienerſchaft. Hermine hörte Thüren gehen, Schritte kamen an ihrem Zimmer vorbei, bekannte Stimmen ſchallten an ihr Ohr; wie gern wäre ſie gegangen, ihre Verwandten zu begrüßen, allein ſie hatte verſprechen müſſen, es nicht zu thun. Abends kam Albrecht zu ihr gehüpft, herzlich froh, ſeine Hermine wiederzuſehen und wieder aus der lang- weiligen Stadt zu ſein, wo er ſo viel im Zimmer hatte bleiben müſſen. Nach Kinderart plauderte er Alles durcheinander und verſicherte, von all den jungen Damen, welche er bei ſeiner Mutter geſehen habe, ſei nicht eine ſo gut und lieb wie ſeine Hermine, und langweilig wären ſie alle zuſammen. Am andern Tag kam Fräulein Waldinger, Her⸗ mine zu begrüßen und ſie zur Gräfin zu rufen. Die Schloßfrau lag ermüdet von der Reiſe auf dem Ruhe⸗ bett, als Hermine eintrat, wie immer ſchwarz gekleidet. aber blühend und heiter. „Guten Tag, Kind“ ſagte ſie halb gähnend.„Nun, wie haſt Du den Winter hingebracht?“ Und ohne Her⸗ minens Antwort abzuwarten, fuhr ſie fort:„Ich will mich hier in der ſchönen Luft von den Strapazen des Geſell⸗ ſchaftslebens erholen. Es freut mich von Dir, daß Du Deine Stellung begreifſt und erwarteſt, was ich Dir zu ſagen habe. Bleibe nur ruhig in Deinem Afhl, lerne fleißig, der Graf und ich werden ſchon für Dich ſorgen. Auch einige Arbeiten werde ich Dir ſpäter auftragen. Jetzt geh, Kind, geh, ich ſehe Dich nächſtens wieder.“ Somit war Hermine entlaſſen; auf dem Corridor begegnete ihr der Graf, welcher ihr einige freundliche Worte ſagte und dann weiter ging. Ihre beiden Coufinen waren jetzt ziemlich erwachſen; ſie ahmten in Sprache und Haltung die jungen Damen nach, welche bereits in der Geſellſchaft vorgeſtellt waren und von denen ſie einige bei ihrer Mama und im Theater geſehen hatten, und erzählten Herminen, unter mitleidi⸗ gen Ausrufungen über das von ihr Entbehrte, was ſie für Herrlichkeiten in der Reſidenz geſehen, welches Glück ſie genoſſen hatten. Nicht untheilnehmend, aber ruhig und neidlos hörte Hermine zu. Mit der Rückkehr der gräflichen Familie ward es wieder lebendig im Schloſſe, Gäſte kamen und gingen, Ausflüge zu den Nachbarn wurden gemacht. Hermine hörte davon durch ihre Couſinen, ſie ſelbſt durfte nie⸗ mals an irgend einer Geſellſchaft Theil nehmen, nicht einmal den Salon der Gräfin betreten, wenn Andere zugegen waren. „Ich will nicht, daß Hermine verwöhnt werde, da Sie vielleicht bald in noch größere Einſamkeit kommen könnte“ pflegte zuweilen die Gräfin zu ihrem Gemahl zu ſagen, und dieſer fand ſolche Anſichten ganz vernünftig; er wußte auch, daß dann Herminens Toilette eine andere ſein müßte, und Graf Kaltenſtein gab nicht gern mehr Geld aus, als eben unumgänglich nothwendig war. 27 An einem herrlichen Auguſtmorgen ging Hermine, wie es ihre Gewohnheit war, ganz früh aus dem Schloſſe dem Wäldchen zu, welches ſich hinter dem lin⸗ ken Flügel des Schloſſes bis zum nächſten Dorfe hinzog, das ſchon zu den Beſitzungen des jungen Grafen Leo von Starkenburg gehörte. Der Wald dagegen ſowie mehrere blühende, von reichen Kornfeldern und Wieſen umſäumte Dörfer auf der rechten Seite von Schloß Kaltenſtein bildeten die Herrſchaft Kaltenſtein. Das junge, ſinnige Geſchöpf fühlte ſich in ſolcher Einſamkeit ſehr glücklich, beſonders weil ſie dann ſo recht nach Herzensluſt fingen durfte; im Schloſſe wagte ſie es nicht mehr, ſeit die Gräfin zurückgekehrt war. Mit der Fröhlichkeit der Jugend pflückte ſie ſich ihr Körbchen voll Erdbeeren und Himbeeren, dann brach ſie Waldblumen flocht ſie zum Kranze und ſetzte ihn auf ihre braunen Locken, endlich nahm ſie auf einem bemooſten Felsſtück Platz und ſang mit voller reiner Stimme ein altes Lied, welches ſie als Kind oft von ihrer Mutter gehört hatte. Sie bemerkte nicht, daß ſie zwei Zuhörer hatte, von denen wieder keiner den andern ſah; unbefan⸗ gen ſang ſie ein zweites, zuletzt ein drittes, bis ihr ein⸗ fiel, daß ſie dem Befehl der Gräfin zufolge vor neun Uhr wieder im Schloſſe ſein mußte. Einige Stunden ſpäter, zu der Zeit, zu welcher die Gräfin Morgenbeſuche anzunehmen pflegte, trat Graf Leo Starkenburg aufgeregt, mit ſtrahlenden Augen bei ihr ein. „Gnädigſte, gütigſte aller Gräfinnen“, ſprach er in ſeiner offenen, liebenswürdigen Weiſe,„heute komme ich, Ihre Huld anzurufen. Sehen Sie mich hier zu Ihren Füßen und nehmen Sie mein Ehrenwort, daß ich nicht eher aufſtehen werde, bis meine Bitte erfüllt iſt!“ Die Gräfin ſah Leo ſehr erſtaunt an; daß er heute ſchon kommen ſollte, um bei ihr um Malwinens Hand zu bitten, kam ihr nicht recht wahrſcheinlich vor, dazu war die Comteſſe doch zu jung, und in der letzten Zeit hatte ſie ſogar zu ihrem geheimen Verdruſſe bemerken müſſen, daß Graf Leo Malwinen entweder auswich oder, wenn er das nicht vermochte, ſie ſein Schweſterlein nannte und feierlich ſchwur, da ihm der Himmel ein ſolches verſagt habe, Gräfin Malwine als Schweſter adoptiren zu wollen. Zuweilen ſpottete er auch unbarm⸗ herzig über gemachte Heirathen, über die Ehe überhaupt und verſicherte, daß er unter zwanzig Jahren ſich an keine Frau feſt binden würde. „Dann werden Sie ja über vierzig Jahre alt ſein, Graf Leo“, bemerkte mit dem ſchnippiſchen Tone eines vierzehnjährigen Mädchens Malwine, worauf Graf Leo erwiderte:„Das iſt die rechte Zeit für einen Mann, zum Al⸗ tar zu treten; Sie freilich, Gräfin Malwine, dürfen nicht ſo lange warten.“ Die Gräfin Kaltenſtein gab endlich ihrer Verwun⸗ derung Worte.„Ich verſtehe Sie nicht, Sie ſprechen in Räthſeln zu mir. Was für einen Wunſch haben Sie und was habe ich mit deſſen Gewährung zu thun?“ „Sagen Sie mir, Allergnädigſte, wer iſt das wun⸗ derſchöne Mädchen, welches ich heute Morgen in Ihrem Wäldchen ſah? Ich flehe Sie an!“ Die Gräfin wechſelte die Farbe; eine dunkle Ah⸗ nung ſtieg in ihr auf, aber als Frau von Welt faßte ſie ſich und erwiderte:„Welche Thorheit, Graf Leo! Wenn Sie das Mädchen ſahen, warum fragten Sie es nicht ſelbſt nach ſeinem Namen?“ „Sehr weiſe bemerkt, gnädige Gräfin“, entgegnete Graf Leo;„allein obgleich ich nun meine Unbedachtſam keit einſehe, ſo würde ich doch wahrſcheinlich jetzt wieder zu ſchüchtern ſein, nur ein Wort an jenes bezaubernde Weſen zu richten, von dem ich noch nicht weiß, ob es die heidniſche Waldgöttin oder ein Engel war, denn ſie war reizend wie eine Oreade und hatte in ihrem Ant⸗ litze den Ausdruck eines Engels.“ „Prächtig ausgedrückt! Und wie war denn dieſe Waldfee gekleidet? Iſt ſie mit blonden oder dunklen Locken geſchmückt, hat ſie blaue oder ſchwarze Augen?“ „Ihr braunlockiges Haupt war mit einem Kranze von Waldblumen geziert, ihr Gewand weiß, ihr Auge iſt unbeſchreiblich, Gräfin, ja, auf Ehre! aber unbeſchreiblich ſchön, und können Sie mir in Wahrheit nicht ſagen, wie jene Unbekannte heißt, ſo muß ich gehen, ſie zu ſuchen, und ſollte ich bis an den Nordpol wandern.“ Die Gräfin lachte, ſeine lange Rede hatte ihr Zeit gelaſſen, mit einem Plane fertig zu werden. Mit der voll⸗ kommenſten Unbefangenheit begann ſie jetzt:„Ach, mein armer Leo, da hat Ihnen Ihre lebhafte, dichteriſche Phantaſie einen tollen Streich geſpielt! Wenn Sie mir feierlich Schweigen geloben wollen, ſo will ich Ihnen die Wahrheit geſtehen.“ „Ich ſchwöre, theuerſte Gräfin!“ ſagte ernſthaft Leo. „So hören Sie denn. Mein Mann iſt, wie Sie wiſſen, ein großer Muſikfreund. Zu ſeinem Geburtstage, der Ende des Monats fällt, wollte ich ihn mit einem kleinen Hausconcerte überraſchen und hatte deshalb die Beletti zu mir eingeladen. Dieſen Morgen nun, als ich im Garten ſpazieren gehe, ſteht plötzlich die Sängerin vor mir, erklärt mir, daß und warum ſie nicht kommen könne. Sie reiſte nach H., folglich war der Umweg über Kaltenſtein unbedeutend. Den kurzen Weg von der Eiſenbahnſtation bis Kaltenſtein hatte ſie, von dem herr⸗ lichen Wetter gelockt, zu Fuß gemacht. Ich wollte ſie zur Station zurückfahren laſſen, allein ſie dankte, erklärte, da bei uns Alles ruhig und ſicher ſei, würde ſie wieder zurückgehen, und wahrſcheinlich hat ſie den Weg durch den Wald eingeſchlagen Ein weißes Kleid trug ſie auch, alſo war es die Beletti und ihr Geſang, von dem Sie auf einige Stunden bezaubert wurden.“ „Unmöglich! Die Beletti iſt jung und reizend, aber doch älter und bei weitem nicht in ſolch hohem Grade ſchön wie dieſe zauberhafte Erſcheinung. Wann ſänge auch die Signora ein einfaches deutſches Lied ſo hetz⸗ innig?“ „Und doch kann es keine Andere als ſie geweſen ſein!“ ſprach die Gräfin.„Wie ich ſchon vorhin behaup⸗ tete, Ihre Phantaſie hat Sie getäuſcht, mein armer Graf Leo! Erzählen Sie nur Niemand davon, ſonſt werden Sie noch ausgelacht!“ Graf Leo ſchwieg verdrießlich; die Gräfin lachte, lachte ſo herzlich, daß er etwas ärgerlich Hut und Stock nahm und ſich empfahl. „Entweder war die Beletti da, und daran kann ich nicht zweifeln“, ſagte er zu ſich ſelbſt,„oder es lebt noch eine Andere hier, von welcher die Gräfin nicht ſprechen will, und das werde ich ſchon erfahren.“ So murmelte Graf Leo, als er die Schloßtreppe hinabging. Die Gräfin wußte nur zu gut, daß keine Andere als Hermine die Schöne geweſen war, welche ſich im Walde ſingend niedergelaſſen und ohne Wiſſen und Wollen den Grafen Leo bezaubert hatte. Schon längſt hatte Gräfin Kaltenſtein, und zwar mit Zuſtimmung ihres Gemahls, einen Aufenthaltsort für Hermine geſucht und gefunden, doch ſollte ſie erſt in einigen Wochen die Reiſe antreten. Nach dem Begegnen mit dem Grafen Leo beſchloß die Gräfin, Hermine ſofort zu entfernen, und ohne Zö⸗ gern ſchritt ſie zum Werke. Der nothwendige Brief ward alsbald geſchrieben und abgeſandt, dann begab ſie ſich, zum erſten Mal, ſeit Hermine das Schloß bewohnte, auf deren Zimmer. „Liebe Hermine“, ſagte ſie mit beſonderer Güte, „Dein Oheim und ich haben für Deine Zukunft geſorgt. Die verwittwete Fürſtin von Sondersheim will Dich zu ſich nehmen. Sie wird Dich wie eine Tochter behandeln; alt, kränklich kinderlos, wie ſie iſt, wird Dir ein Theil ihres gro⸗ ßen Vermögens zufallen. Du haſt nichts bei ihr zu thun, da es ihr nicht an Dienerſchaft gebricht, als ihr dann und wann Geſellſchaft zu leiſten, ihr vorzuleſen, vorzuſin⸗ gen; ſie geht zum Herbſt nach Italien, wie biel Schö · nes wirſt Du da ſehen! Wie freut mich das für Dich, mein Kind!“ Hermine ſtand 1 ganz überraſcht da, unfähig 7 ein Wort zu ſprechen, als die Gräfin ſie umarmte und aufs liebreichſte fortfuhr:„Packe Deine Sachen zuſam⸗ men. Betth ſoll Dir helfen. Sie wird Dich auch auf der Reiſe zur Fürſtin begleiten; morgen mit dem Früh⸗ zuge reiſeſt Du ab, da kommſt Du übermorgen um zehn Uhr bei der Fürſtin an. Deine Garderobe iſt zu einfach. Malwinens neueſte Kleider werden Dir paſſen, dieſe und noch manches Andere bon mir ſoll Betty mit zu Deinen Sachen legen. Bleibe in Deinem Zimmer, der Graf und meine Kinder werden ſpäter auch noch zu Dir kommen.“ Nach dieſen Worten ließ ſie Hermine allein, welche tief bewegt auf einen Stuhl ſank und bitterlich weinte. Fort ſollte ſie aus dem ſtillen Aſyle, wo ſie über ein Jahr, wenn auch nicht geliebt, doch beſchützt gelebt hatte, fort von dem Oheim, der, wenn auch ſelten lieb⸗ reich, doch auch niemals unfreundlich gegen ſie geweſen und der Bruder ihrer unbergeſſenen Mutter war Zu einer Dame ſollte ſie, deren Namen ſie heute zum er⸗ ſten Male hörte; ohne daß man ſie gefragt hatte, war über ſie beſchloſſen worden. Noch niemals war ſie ſich. ſo ganz verlaſſen vorgekommen als in dieſem Augen⸗ blicke, nicht einmal am Sarge ihrer Mutter. Damals war ihr zu Muthe, als quäle ſie ein ſchwerer Traum, und die Todte müſſe wieder aufſtehen und zu ihr ſprechen. Hahn, Das Document. I. 3 hn, Allein was konnte Hermine thun? Widerſtand wäre nutzlos geweſen. Sie konnte nicht als Gaſt in einem Hauſe bleiben, deſſen Herrin ihr einen andern Wohnort gewählt hatte, wie es ſchien, in der beſten Abſicht; ſie konnte als junges, unmündiges Mädchen ſich auch nicht allein irgendwo niederlaſſen, um ſo weniger, da ihre Mutter ihr außer einigem Schmuck und Wäſche faſt gar nichts hinterlaſſen hatte. So fügte Hermine ſich denn geduldig in ihr Schickſal und trat ihren Couſinen und dem Oheim, als ſie kamen, ihr Lebewohl zu ſagen, mit leidlicher Faſſung entgegen. Als ſie dem Grafen für ſeine ihr bisher bewieſene 3 Güte ihren Dank ausſprach, erwiderte dieſer:„Keinen Dank, ₰ Hermine! Deine Mutter war meine Schweſter, und ihr Portrait ſoll Dir aufbewahrt werden, bis Du Deinen eigenen Herd haben wirſt. Meine Frau, welche für Deine Ausbildung ſehr beſorgt geweſen iſt und ſtets Deine Zukunft im Auge hat, meint, Du würdeſt bald eine gute Verſorgung finden. Die Fürſtin kann viel für 6 Dich thun; ich habe, wie Du weißt, ſelbſt Kinder. Gott ſei mit Dir!“ Der Graf drückte ihr die Hand, legte eine ſeidene Vörſe auf den Tiſch und ging, denn er haßte Abſchieds⸗ ſcenen. 3 Spät abends kamen — y— och Albert. Obgleich die Gräfin 35 kein Wort zu ihm von Herminens Abreiſe geſagt, und den Töchtern befohlen hatte, darüber zu ſchweigen, erfuhr der kluge Knabe es doch. „Es iſt recht abſcheulich, daß Du von uns fortziehſt, Hermine“, ſagte der lebhafte Knabe,„allein was iſt zu thun? Mama ſagte zu Papa, es ſei ein Glück für Dich, und bei uns konnte es Dir nicht ſonderlich ge⸗ fallen. Ich tröſte mich damit, daß ich auch nicht mehr lange bei den Altern bleibe; nächſtes Jahr komme ich auf die Ritterakademie, dann bin ich volle acht Jahre alt. Und ſiehſt Du, Herminchen, wir ſchreiben uns, ich beſuche Dich, und ſobald ich Offizier bin, heirathe ich Dich.“ Hermine lächelte, der Knabe fuhr fort:„Lache nicht, es iſt mir Ernſt, auch kannſt Du immerhin auf mich warten, Du findeſt keinen Beſſern, das iſt gewiß!“ „Guter Albert“ ſagte Hermine,„Du redeſt kindiſch, aber ich weiß es Du wirſt die arme Hermine nicht ver⸗ geſſen, und biſt Du ein Mann, und ich brauche einen Freund, ſo wende ich mich an keinen Andern als an Dich!“ Noch Vieles plauderte Albert in ſeiner kindlichen Anhänglichkeit; dreimal mußte er gerufen werden, ehe er ſich von ſeiner Couſine trennte. Die Fürſtin war genau, wie die Gräfin von Kal⸗ 36 tenſtein ſie beſchrieben hatte; ſie empfing Hermine ziem⸗ lich freundlich, obgleich mit den etwas erkältenden Wor⸗ ten:„Ich hatte Sie erſt in vier bis ſechs Wochen er⸗ wartet, Fräulein von Rainsdorf.“ Arbeiten wurden von Herminen ſeitens der Für⸗ ſtin gar nicht verlangt, und ein Kammermädchen hatte den Befehl erhalten, das Fräulein zu bedienen und deſſen Garderobe zu beſorgen. Doch fühlte ſich das junge Weſen in dem herrlichen Palais der Fürſtin nicht ſo glücklich als in dem Schloſſe, denn ſie mußte den ganzen Tag über im Zimmer der Fürſtin oder in dem anſtoßen⸗ den Gemache ſein falls die alte Dame ſie rief, und die Bücher, welche ſie ihr vorleſen, die Geſänge, welche ſie ihr vortragen mußte, waren durchaus nicht nach ihrem Geſchmack. Die Fürſtin beſaß wenig Geiſt, ſie hatte ſich nie⸗ mals mit Nachdenken abgegeben, allein ſie wollte für geiſtreich und hochgebildet gelten und hielt es daher für zweckmäßig, ſich nur mit dem zu beſchäftigen, was ſie für clafſiſch hielt. Wie alle oberflächlich gebildeten Men⸗ ſchen hielt ſie ein Buch nur für elaſſiſch, wenn deſſen Verfaſſer bereits eine Reihe von Jahren in der Erde moderte; ebenſo hielt ſie es mit Gemälden und Com⸗ poſitionen. Neben einigen wahrhaft ſchönen Bildern, welche ſie aus Pietät gegen ihren verſtorbenen Gemahl 1 † „——— 37 nicht wegnehmen laſſen wollte, hatte ſie mehrere arg verräucherte, total verzeichnete, bunt beklerte Pfuſchereien aufſtellen laſſen, die dadurch in ihren Augen Werth er⸗ hielten, weil ſie aus der altdeutſchen Schule, wie ſie ſagte fünfzig Jahre vor Dürer gemalt waren. Ebenſol 4. 4 hielt ſie es mit der Muſik. Alte ſteife Kirchenge ſänge das Unerquicklichſte von Sebaſtian Bach, was nur A cjſofern Werth hat, weil man es als Grund zu dem Gebüde betrachten kann, an dem andere Meiſter ſpäter weiter bauten, mußte Hermine Tag für Tag vortragen. Eine Arie von Mozart oder Weber, ein Lied von Franz Schubert, Marſchner, Pierſon, oder einem Tondichter der Gegen⸗ wart ſprach ſie in Wahrheit mehr an denn obgleich ſie den Reiz dieſer Poeſie nicht faßte, gefielen ihrem Ohre doch die ſchönen Melodien, aber ſie wandte ſich immer wieder davon ab und lächelte, wenn Jemand ver⸗ ſuchte, ihr zu beweiſen, daß manche Compoſition der Mei. ſter früherer Jahrhunderte veraltet und eben nur bedeu⸗ tend für eine Zeit geweſen ſei, in welcher die Tonkunſt noch in der Wiege gelegen habe ffcß LnA In der Literatur liebte ſie vör allem Legenden, Gebete und die Briefe der Frau von Stvigné; Her⸗ mine konnte ſie endlich auswendig herſagen, und zuwei⸗ len fragte ſie ſich, wie lange ſie dieſes ewige geiſtige Einerlei noch aushalten werde. Auch ſpazieren gehen durfte ſie nicht, weil die ge⸗ lähmte Fürſtin niemals ihre Gemächer verließ; von einer Reiſe nach Italien war keine Rede; Beſuche empfing die Fürſtin faſt niemals, und dann nur von einigen alten Standesgenoſſen, welche ſich um die junge Geſellſchafts⸗ dame entweder gar nicht kümmerten oder hochmüthig auf ſie herabſahen.. Unerguicklich ſchlichen Herbſt und Winter dahin; zwei Briefchen von Albert, welche ſie auch beantwortete, waren ihre einzigr Freude. Gegen das Frühjahr fing Hermine an zu kränkeln; das fortwährende Intbehren der friſchen Luft bleichte ihre Wangen ſie hte ſich müde und niedergeſchlagen; ſogar die Fürſtin meiſt nur mit ſich beſchäftigt, be⸗ merki ihr verände tes Ausſehen und ſandte nach dem Arzte. Rachdem dieſer einige Fragen gethan, rief er aus: „Das Fräulein bedarf keiner Arznei, ſondern nur friſcher Luft; jeden Tag muß es wenigſtens ein Stündchen in das Freie hinaus!“ „Aber, beſter Medicinalrath, eine junge Dame kann doch nicht allein auf den Promenaden umherlaufen?“ wandte die Fürſtin ein. „Freilich nicht, Durchlaucht, allein unter meinem Schutze doch? Ich bin ein alter Mann, erlauben Sie mir gnädigſt, daß ich dann und wann das Fräulein ab⸗ ——— 89 hole, wenn ich auf das Land fahre, und an Tagen, wo ich nicht kommen kann, laſſen Sie Fräulein von Rains⸗ dorf in den Hofgarten gehen. Der alte Lorenzo kann ſie ja begleiten; er iſt noch immer rüſtig genug, hinter einer Dame herzugehen.“ Die Fürſtin, welche Hermine, ſoweit es ihre Selbſt⸗ liebe erlaubte, liebgewonnen hatte, beſonders weil ſie ihr nie widerſprach, gab ihre Einwilligung, und ſchon am andern Nachmittag fuhr der Medieinalrath vor, Hermine zu einer Spazierfahrt abzuholen. Seit Monaten war ſie nicht in die friſche Luft hin⸗ ausgekommen; kein Wunder, daß ſie laut jubelte und draußen auf dem Raſen vor dem Landhauſe des guten Arztes herumhüpfte wie ein Kind. „Springen Sie, junges Fräulein, pflücken Sie Veilchen und Schlüſſelblumen“ ſagte der Medicinalrath, von ihrer Freude hingeriſſen;„ich ſelbſt bin jung, weil ich Sie armes Kind ſo froh ſehe.“ Hermine ließ ſich das nicht zweimal ſagen, ſie tanzte auf dem Raſen wie eine Elfe, pflückte Blumen und leiſtete ſpäter dem Arzt Geſellſchaft, als auf ſeinen Befehl ſein alter Diener Kaffee und gutes Backwerk brachte. „O Doctor Waldhof, wie bin ich heute ſo glücklich!“ rief das arme Mädchen„Sie wiſſen gar nicht, wie geiſtig und körperlich müde ich war.“ 40 „Ich weiß es, mein Herzchen; ich ſah die böſen Folgen, welche eine Fortſetzung Ihrer bisherigen Lebens⸗ weiſe gehabt haben würde, noch klarer, als Sie es kön⸗ nen, Fräulein Hermine. Doch vergeſſen Sie jetzt die Vergangenheit, leben Sie der Gegenwart!“ Von dieſem Tage an holte Medicinalrath Wald⸗ hof Hermine jede Woche einigemal ab; zuweilen brachte er auch ſeine Nichte, eine junge liebenswürdige Frau, mit, und obgleich die Fürſtin Hermine ungern vermißte, ſo konnte ſie ſich doch den Anordnungen ihres Hausarztes nicht widerſetzen. Eines Tages ſaß Hermine nach einer durchwachten Nacht in des Doctors Garten. Die Fürſtin litt an Schlafloſigkeit, und Hermine hatte das ermüdende Ge⸗ ſchäft, ihr oft ſtundenlang vorzuleſen. Die friſche Luft war deshalb für das arme Kind doppelt nothwendig, und ſie dankte herzlich dem guten alten Herrn, welcher ihr dieſe angenehme Stärkung verſchaffte. Lange Zeit hatte ſie das Buch, welches Albert ihr geſchenkt hatte, nicht in der Hand gehabt; heute führte ſie es bei ſich und las darin. Ss kommt oft vor, daß Sängerinnen, welche wahre Gelangskünſtlerinnen ſind, kein ſchönes Sprachorgan haben, Hermine aber beſaß das Doppeltalent, ſchön zu ſingen und ſchön zu leſen, und ohne deshalb eitel zu ſein, erfreute ſie ſich doch ſelbſt daran und ſang, 5 41 ſobald ſie allein war und ſich unbelauſcht glaubte, zu ihrem eigenen Vergnügen ihre Lieblingslieder. Zum Sin gen war ſie heute nicht geſtimmt, aber von dem Wohl- laut der Verſe ergötzt las ſie mit tiefem, innigem Aus⸗ drucke eins der ſchönen Liebeslieder, und als ſie geendet, ſagte ſie halblaut:„O wenn ein Herz mich ſo liebte! Kann es wohl ein größeres Glück für den Menſchen geben, als eine wahre, echte Liebe?“ Ein Geräuſch ſchreckte ſie auf, die Zweige der Jas⸗ min⸗ und Syringabüſche bewegten ſich, und vor ihr ſtand ein junger Mann, deſſen einnehmendes, edles Aeußeres einen mächtigen Eindruck auf Hermine hervorbrachte. Sie erröthete und ſtand auf, um weiter zu gehen, aber der Herr trat vor ſie hin und ſprach mit tiefer, melo⸗ diſcher Stimme:„Bleiben Sie, mein Fräulein, daß ich Sie um Verzeihung bitten kann, denn ich habe Sie be- lauſcht.“ „Mein Herr—“ ſtammelte Hermine und zog die Stirn in Falten. „Verſuchen Sie nicht ſo zornig auszuſehen, mein Fräulein“, fuhr der Fremde fort,„erzeigen Sie mir lie· ber die Huld, mein offenes Bekenntniß anzuhören. Wol⸗ len Sie?“ Er bat ſo ſanft, daß Hermine mit dem Kopfe nickte. Der junge Mann ergriff, ſich ehrerbietig verbeu⸗ 42 gend, ihre Hand, führte ſie zu der Raſenbank und nahm auf einem Gartenſtuhle ihr gegenüber Platz. Dann be⸗ gann er:„Ich ſehe Sie heute nicht zum erſten Male; auf einer Fußtour kam ich auch nach Kaltenſtein und ging, vom holdeſten Geſange angezogen, tiefer in den Wald, der auf einer Seite das Schloß wie eine grüne Schutzwehr umgibt. Ich ſah Sie, aber ich wagte nicht Sie anzureden; auch wollte ich es nicht, denn ich be⸗ merkte noch einen Herrn hinter den Bäumen, der gleich mir unbemerkt von Ihnen Ihrem Geſange lauſchte. Ich erforſchte, wo Sie lebten, wer Sie ſind, und als ich er⸗ reicht, wonach ich geſtrebt hatte, beſchloß ich, Sie auf⸗ zuſuchen, und ſollte es in Centralafrika ſein. Durch einen alten Freund meines Vaters, den guten Medicinalrath, habe ich Ihre Lage, Ihren Charakter kennen gelernt, für Sie bin ich auch kein Fremder, denn Sie kennen meine Gedichte; Sie laſen eben ein Liebeslied, was mir damals, als ich es niederſchrieb, nur das Talent eingab. Jetzt aber fühle ich, wie wahr es iſt, wie ich wirklich all mein Glück, meine ganze Welt in Ihrer Liebe finden könnte. Darf ich mich um Ihr Herz bewerben?“ Hermine vermochte nicht zu ſprechen, Thränen ſtürz⸗ ten aus ihren Augen, aber als ſie ihre Hand von der ſei— nigen ergriffen fühlte, zog ſie dieſelbe nicht zurück und flüſterte:„Laſſen Sie mir Zeit!“ Ein Stündchen ſpäter kam der Medieinalrath, be⸗ grüßte den Doctor Alfred Stern herzlich und ſchien ſeine Freude an dem jungen Paare zu haben, obgleich er ſich jeder Anſpielung enthielt. Als er, wie er ſtets that, Her⸗ mine in ſeinem Wagen nach Hauſe brachte, theilte er ihr Alles mit, was er von Stern's äußern Verhältniſſen wußte, und ſchloß mit den Worten:„Eine glänzende Exiſtenz kann Doctor Stern Ihnen nicht bieten, aber eine behagliche, ſorgenfreie. Sie ſind jung, talentvoll, ſehr ſchön, von Adel, kein Graf begeht ein Mißbündniß, wenn er Ihnen die Hand bietet, allein wie ich Sie kenne, meine gute Hermine, wird wohl zuerſt das Herz von Ihnen gefragt werden, nicht wahr?“ „Gewiß, mein würdiger Freund, allein—“ Sie ſtockte. „Nun?“ „Ich kenne den Doctor Stern erſt ſeit heute, und ein allzu ſchnelles Jaſagen ſcheint mir wider alle weib⸗ liche Würde.“ „Sie haben nicht Unrecht, obgleich ich für Stern bürge; er würde Sie nicht einen Augenblick geringer achten, wenn Sie auf der Stelle Ihre Einwilligung zum Bunde für das Leben ausſprechen wollten.“ Hermine ſchüttelte den Kopf, aber ſie verſprach dem Freunde, ſchon am andern Tage wieder bei ihm zu 44 ſein; er dagegen mußte geloben, auch ſeine Nichte ein⸗ zuladen. Einige Wochen verſchwanden Alfred im angenehmen Werben um Herminens Hand, und als die erſten Aſtern blühten und die Dahlien im vollen Flor ſtanden, ver⸗ lobte ſie ſich dem längſt im Stillen Geliebten. Die Fürſtin war über dieſe Verbindung ſehr per⸗ drießlich; ſie ſollte ihre treue, angenehme, unterhaltende Geſellſchafterin verlieren, und noch dazu an einen Bür⸗ gerlichen, aber ſie konnte keine Einwendungen machen. Alles, was ſie begehrte, war, daß Hermine bei ihr bliebe, bis ſie wieder ein für ſie paſſendes adliges Fräulein als Geſellſchafterin gefunden haben würde. Der Medi⸗ einalrath verſchaffte ihr bald eine junge Dame, und die Fürſtin in einem Anfall von Großmuth ließ für Hermine den Brautſtaat beſorgen und beſtand darauf, daß ſie in ihrem Hauſe getraut würde. Graf Kaltenſtein, deſſen Einwilligung die noch un⸗ mündige Hermine bedurfte, gab dieſe halb gern, denn Hermine war nun verſorgt, halb ungern, weil ein bür- gerlicher Neffe ihm unangenehm war; aber ſeine Ge⸗ mahlin äußerte ſich über dieſe Verbindung ſehr erfreut. Hermine hieß ja nicht Kaltenſtein, ſtand alſo nicht in dem Grafenkalender, wie ſie ſich ausdrückte, alſo erführe ja im Grunde die Welt nichts von dieſer Heirath, und um ihrer Malwine willen, welche ſie ſich noch immer gern als künftige Gräfin von Starkenburg dachte, war es ihr eine Beruhigung, die gefährliche Schöne verhei⸗ rathet zu wiſſen. Alfred hatte am Ufer des Rheins, auf einem der ſchönſten Punkte zwiſchen Koblenz und Mainz ein Häuschen gemiethet; die Zinſen eines mäßigen Ver⸗ mögens und literariſche Beſchäftigungen brachten ihm genug ein, um ein angenehmes Leben führen zu können, da Hermine beſcheiden in ihren Anſprüchen, thätig und wirthſchaftlich war. Die wachſende Liebe des jungen Paares, das holde Kind, regelmäßige, beiden zuſagende Beſchäftigung manches Wort der Anerkennung, das Alfred's Schriften erhielten, waren für die Bewohner des reizenden Häus⸗ chens unverſiegbare Quellen des Glücks; aber ſtrömten ſie ohne Unterbrechung? Welcher Sterbliche darf unge ſtraft ſagen, er ſei glücklich? Die Sonne neigte ſich ſchon den Bergen zu. Her⸗ mine hatte den lieben Knaben, mit welchem ſie ein Stündchen boll Mutterluſt gekoſt hatte, zur Ruhe ge⸗ 46 legt, der Theetiſch war gedeckt und die junge Frau ging unruhig am Ufer des Rheins auf und ab, den Geliebten zu erwarten. Da hörte ſie das Brauſen eines Dampfboots; es wurde angelegt, eine bekannte, liebe Geſtalt ſtieg in den Kahn. Alfred ſah ſie, er grüßte mit der Hand jetzt ſtieg er ans Land und jubelnd flog ſie ihm entgegen. Nach den erſten Begrüßungen, als das Ehepaar traulich nebeneinander ſaß, theilte Alfred Herminen den Grund ſeiner Reiſe mit. „Ich wollte Dich nicht zwecklos mit Sorgen erfüllen“, ſagte er,„darum ſchwieg ich. In der Nacht kam mir beſſerer Rath als am Abende in der erſten Beſtürzung; ich hielt ſpäter es für das Klügſte, der Sache gerade in das Geſicht zu ſehen, oder, wie das Sprichwort ſagt⸗ den Ochſen bei den Hörnern zu nehmen. Von mei⸗ nem Sachwalter erfuhr ich, daß die Hälfte meines klei. nen Kapitals verloren iſt; was geſchehen konnte, es zu retten, hat er redlich und klug, aber vergebens verſucht. Er war in Geſchäften in Köln, und ich hielt es für ſehr nothwendig, ihn zu ſprechen; außerdem wußte ich Felmer ebenfalls dort. Gegen ihn ſprach ich mich aus; er hatte zwei Aemter für mich, und Deiner Einwilligung gewiß nahm ich das an, welches mir die meiſte freie Zeit für meine literariſchen Arbeiten läßt.“ ——— ——— —— 47 „Und was für ein Amt iſt dies, mein Alfred?“ „Das Amt eines Archivars bei dem Fürſten Eugen Victor; ich habe neben einem anſtändigen Jahrgehalte freie Wohnung für uns in dem alten Schloſſe des Für⸗ ſten, dagegen die Verpflichtung, die Bibliothek zu ordnen und gewiſſe, höchſt wichtige Urkunden, von denen einige verſteckt oder verſchwunden ſind, zu finden und zu ent⸗ ziffern, wobei mir unter anderm auch die Kenntniß der altdeutſchen Sprache ſehr zu ſtatten kommt.“ „Guter, theurer Alfred, und Deinen Verluſt ver⸗ ſchwiegſt Du mir und trägſt ihn ſo leicht! Ach, daß ich ſo arm bin!“ „Geld geht und kommt“, entgegnete Alfred.„Was nützen Bildung, Kenntniſſe, glückliche Naturgaben, wenn ſie nicht dazu dienen, daß wir uns in alle Verhältniſſe des Lebens leicht finden und ſie uns unterwerfen, ſtatt uns von ihnen beherrſchen zu laſſen. Haſt Du nicht ſchon geduldig Schweres ertragen?“ „Ertragen wohl Einiges, aber nicht viel gethan!“ ſagte ſie lächelnd. „Weil Du ein Weib, ein echtes Weib biſt; der Mann muß handeln, das Weib dulden, ſo will es das Geſchick. Laß uns den Verluſt vergeſſen, neu erwerben iſt jetzt meine Aufgabe, und Deine Sparſamkeit ſoll mir helfen. Morgen kündige ich dem Beſitzer des Häuschens; ich 48 habe zufällig durch meinen Rechtsanwalt ſchon einen neuen Miether dafür gefunden, und zum Herbſt ziehen wir in das Schloß des Fürſten.“ Hermine war mit Allem einverſtanden; da ſie Alfred ſo unverſtellt heiter ſah, fand ſie keine Urſache zum Trübſinn. Alfred ſchrieb mit großer Liebe an ſeinem neueſten Romane und ordnete die zweite Auflage ſeiner Gedichte. Hermine war in ihrem Berufe als Hausfrau und Mutter thätig, und als die heiße Septemberſonne die Trauben roth und blau färbte, konnten Alfred und Hermine auf eine lange Reihe goldener Tage zurückblicken, welche ihnen wie ein ſchönes Märchen verſchwunden waren, und in welchen Alfred Dichtungen, aus ſeliger Stimmung her⸗. vorgegangen, geſchaffen hatte, die wohl dazu dienen konnten, ſeinen Namen neben die erſten Dichter ſeiner Zeit zu ſtellen, Lieder, von denen er hoffen konnte, daß ſie ihn überleben würden. Der Tag ihrer Abreiſe von dem friedlichen Orte war nicht mehr fern. Hermine dachte zuweilen mit Weh⸗ muth daran„Werden wir in neuen Umgebungen eben⸗ ſo glücklich ſein?“ fragte ſie halblaut, und Alfred entgeg. nete liebevoll:„Nehmen wir unſer Glück nicht mit uns in uns ſelbſt?“ An einem prachtvollen Septembertage, an Hermi⸗ nens Wiegenfeſte, fuhren ſie wieder den Rhein hinab und 49„ ſprachen von ihrer Liebe, machten Pläne für die Zukunft. Alfred las die letzte Hälfte ſeines Romans ſeiner Her⸗ mine vor, auf deren klares Urtheil er viel gab und de⸗ ren Meinung er immer beachtete. „Wie wird es ſein, wenn wir wieder am Ufer des Rheins ſtehen?“ ſagte Hermine„Wo ich auch bin, Al⸗ fred, immer werde ich mit Kleiſt's Käthchen von Heil⸗ bronn ſagen: Der Rhein iſt mir vor allem gegenwärtig.“ „Gewiß werde auch ich dieſe Tage nicht vergeſſen, aber für einzig halte ich ſie nicht; ich habe mir, als ich mich zur Uebernahme meines Amts verpflichtete meinen Lieblingsmonat September frei behalten, da hab' ich Urlaub, dann, Hermine, kommen wir wieder an den Rhein.“ Unter heitern Geſprächen betraten ſie heimkehrend ihr Häuschen. Im Wohrzimmer auf dem gedeckten Tiſche. neben der Lampe, welche Gertrud ſchon angezündet hatte, weil das dichte Rebenlaub vor den Fenſtern das Zimmer verdunkelte, lagen zwei Briefe. Einer war an Alfred, der andere, mit mehreren Poſtzeichen, an Hermine adreſſirt. Alfred erbrach ſchnell ſeinen Brief und wurde blaß. Hermine, welche ebenfalls das an ſie gerichtete Schrei⸗ ben geleſen hatte, ſtieß einen Schrei der Ueberraſchung aus. „Was iſt es, Hermine?“ fragte Alfred, nachdem er ſeine Faſſung wiedergewonnen hatte.„Du biſt ja un⸗ gewöhnlich erregt.“ Hahn, Das Document. 1. 4 ——— 50 „Natürlich“, verſetzte ſie.„Höre und entſcheide. Ein bedeutend älterer Bruder meines Vaters iſt, ehe ich ge⸗ boren war, ausgewandert. Mein Vater ſprach ſtets mit großer Liebe von ihm, deſſen erinnere ich mich noch aus meinen erſten Kinderjahren. Meine Mutter erzählte zuweilen von ihm, er ſei merkwürdig ſchön geweſen, aber ein nicht zu bändigender Charakter. Weil er ſich niemals fügen wollte, verließ er, nachdem er einige Wochen Offizier war, freiwillig die Armee. Er lieh ſich von meinem Vater Geld und ging über See. Einige Jahre ſpäter hat er dieſe Summe verdoppelt zurückgeſchickt, aber nur einige Zeilen dazu geſchrieben. Weiter haben wir nichts von ihm gehört. Jetzt ſchreibt mir dieſer Oheim, er habe Frau und Sohn begraben, ſeine Tage ſeien gezählt, ſein letzter Wunſch ſei ſeit einem Jahre, noch einmal ein Mitglied ſeiner Familie zu ſehen; er habe Erkundigungen eingezogen und erfahren, daß ſein Bruder eine Tochter, mich, hinterlaſſen habe, daß ich am Rheine lebe. Könne ich mich entſchließen, ihn zu beſuchen, wenn auch nur auf einige Wochen, ſo ſolle ich ſein Vermögen erben, das nicht groß, aber doch hin⸗ reichend ſei, mich vor Mangel zu ſchützen. Du haſt kurzlich einen Verluſt gehabt; jetzt wird er uns erſetzt, Alfred, wenn ich reiſe! Was ſagſt Du dazu?“ Alfred blickte ernſt vor ſich nieder, endlich ſprach — 51 er langſam: Wenn ich Dich begleiten, wenn wir zuſam⸗ men reiſen könnten—“ 6 „Das iſt kaum möglich, ſollen wir Franz den Ge⸗ fahren einer ſo langen Seereiſe ausſetzen? Das liebe Kind, jetzt, wo es noch alle Kinderkrankheiten zu über⸗ ſtehen hat, vielleicht der verfehlten Behandlung eines Schiffsarztes überlaſſen, der das Weſen und Naturell eines Kindes nicht ſtudirt hat? Kann ich, kannſt Du ruhig reiſen, wenn nicht eins von uns den Knaben behütet? Und wird der Fürſt Dir Urlaub geben? Könnte die Reiſe Dich nicht um das Amt bringen, deſſen Ertrag wir brauchen?“ „Würdeſt Du den Muth haben, allein oder in Beglei⸗ tung eines Dieners eine ſo weite Reiſe anzutreten? Du, jung, unerfahren, ſchön?“ „Was kann mir denn geſchehen, Alfred? Heutzu⸗ tage iſt eine Reiſe nach Amerika kein ſo großes Unter⸗ nehmen Der Oheim wohnt ja in keinem abgelegenen Winkel, ſondern in Neuyork; ich bin ja nicht allein, viele Andere machen auf einem Schiffe mit mir dieſelbe Reiſe; unſere Trennung kann längſtens vier Monate dauern, das Be⸗ wußtſein gegen Dich, gegen Franz meine Pflicht zu er⸗ füllen, wird mir die Tage kürzen. Ich glaube feſt, daß ich kein Recht habe, meinem Kinde ein Vermögen zu entziehen, welches zu ſeinem Glücke dienen kann. Ich weiß es, mein Alfred, wie abhängig Armuth macht!“ 4* „So reiſe denn mit Gott, Hermine“, ſagte Alfred tiefbewegt,„denn ich ſehe ein, Du biſt unſerem Franz, Dir ſelbſt die Reiſe ſchuldig, denn wir werden das Ver⸗ mögen brauchen. Höre Alles!“ Hermine ſah ihren Gatten ſtaunend an; ſie legte den Brief beiſeite und ließ ſich wieder neben ihm nieder. Alfred begann:„In einer der reizendſten Gegenden Mitteldeutſchlands, denn mit Unrecht rechnet man jenen Strich Landes, den ich jetzt nicht nennen will, zu Nord⸗ deutſchland, ſteht ein altes, wohlerhaltenes Schloß, um⸗ geben von einem herrlichen Blumengarten, an den ein großer Park ſtößt, welches, ſowie fünf große, gut ge⸗ baute Dörfer, ein anſehnlicher Wald und zweitauſend Morgen Wieſen und Felder, ſeit fünf Jahrhunderten den Freiherren von Sternberg gehörte. Alle Freiherren von Sternberg hatten in der Armee gedient, bis auf Anton Eberhard, welcher ſich viel mit Wiſſenſchaften be— ſchäftigte und für einen ſehr gelehrten Mann galt. Er verſtand viel von der Aſtronomie und Meteorologie und hatte unter den Männern dieſer Wiſſenſchaften bedeu⸗ tenden Ruf. Ueber der Neigung, den Lauf der Sterne zu erforſchen, vergaß er aber vielleicht zu ſehr, ſich um die Erziehung ſeiner Söhne zu kümmern, welche ganz in den Händen der ſchwachen und des Hof⸗ meiſters blieb. v Die Mutter liebte beide Söhne zärtlich, aber ſie ließ jedem von der früheſten Kindheit an ſeinen Willen, und keiner erfuhr, was es heißt, ſich fügen müſſen. Alfred Eduard, der jüngere der Brüder, war von Natur ſanft, lernbegierig, fleißig; ſein Charakter litt durch die Nachgiebigkeit ſeiner Mutter nicht Anton, der ältere, war dagegen ein ungeſtümer, phantaſtiſcher, rechthaberiſcher Menſch, welcher ſtets geneigt, Andern zu widerſprechen, nicht den geringſten Widerſpruch vertrug. Dem Haus⸗ geſetze nach war er der Majoratsherr, doch hatte auch Alfred Eduard ein anſehnliches Erbtheil zu erwarten, denn das nicht unbedeutende mütterliche Vermögen war ihm zugeſchrieben, und die Baronin von Sternberg, einfach in ihren Bedürfniſſen, hatte für ihren zweiten Sohn alljähr⸗ lich die Zinſen ihres Kapitals und die Hälfte ihres rei⸗ chen Nadelgeldes zurückgelegt. Als Anton ſein einundzwanzigſtes Jahr erreicht hatte, zeigte ſich zum erſten Mal ſeit Jahren der Baron von Sternberg als Familienvater, indem er dem älteſten Sohne eine Verbindung mit der Tochter eines Guts⸗ nachbars vorſchlug. Langjährige Freundſchaft hatte den Baron von Sternberg mit Herrn von Gersdorf verbun⸗ den, welcher ebenfalls mit großem Eifer ſich mit Aſtro⸗ nomie und, ſo ſagte man wenigſtens, auch mit Alchemie beſchäftigte. Auguſte von Gersdorf war damals erſt fünfzehn Jahre alt, aber eine liebliche Knospe, welche die herr⸗ lichſte Blüte verſprach, und des Barons Wunſch ver⸗ diente von ſeiten Anton's wenigſtens in Ueberlegung gezogen zu werden; allein ſchon der Gedanke, daß er Auguſte nicht freiwillig gewählt habe, machte ihm das anmuthige Weſen zuwider, und er erklärte feſt, daß er ſich nun und nimmer mit dem Fräulein von Gersdorf verbinden würde. Jetzt zeigte es ſich, daß der alte Baron ebenſo heftig und hartnäckig ſein konnte als Anton. Man hatte ihn nur immer ſanft und freundlich geſehen, weil Niemand von ſeiner Umgebung ihm widerſprach; jetzt, wo Anton ſich energiſch dem Willen des Vaters entge⸗ genſtellte, kam es zu unangenehmen Auftritten in der Familie. Die Vermittlung der ſanften Mutter blieb fruchtlos, und eines Abends, als es wieder einen hefti⸗ gen Wortwechſel zwiſchen Vater und Sohn gegeben hatte, verließ der letztere das Schloß auf lange Zeit. Seine Kleider, ſein Spargeld und zweitauſend Thaler, welche er von einem Pathen geerbt hatte, hatte er, wie er von Bremen aus ſchrieb, mitgenommen. Er wolle, ſagte er in ſeinem Schreiben weiter, von Bremerhafen aus über See gehen, die Welt ſehen, Abenteuer erleben und nicht jung verheirathet mit Weib und Kind wie ein Krautjunker auf der Scholle ſitzen. Vielleicht hatte An⸗ ton Sternberg nicht ſo Unrecht, thöricht war es jeden⸗ falls von ſeinem Vater, ſich jahrelang um ſeinen Sohn nicht zu kümmern und ihn dann, als er kaum einundzwanzig Jahre alt war, gegen ſeine Neigung ver⸗ loben zu wollen!“ „Gewiß Alfred, an den heiligen Rechten des Her⸗ zens ſollte ſich Niemand verſündigen; ſelbſt Vater und Mutter haben ſie anzuerkennen“, bemerkte Hermine. Alfred fuhr fort:„Einige Jahre gingen dahin, An⸗ ton ließ nichts von ſich hören; ſeine Altern, tiefbeküm⸗ mert über ſeine Flucht, hatten ihm vergebens durch Ge⸗ 7 ſandtſchaften und Kaufleute nachforſchen laſſen. Sie er⸗ fuhren nichts über ihn; er mußte im fernen Lande unter anderem Namen leben oder, was aber Niemand glauben mochte, todt ſein. Der jüngere Sternberg dachte und empfand in Be⸗ zug auf eine Verbindung mit Auguſte von Gersdorf anders; vier Jahre nach Anton's Entfernung vermählte er ſich mit ihr und hat dieſen Schritt nie bereut. Der Baron von Sternberg und ſeine Gemahlin hat⸗ ten noch die Freude, einen Enkel zu erleben; ein Jahr nach deſſen Geburt ſtarb der ältere Baron, wenig über fünfzig Jahre alt, an den Folgen einer Erkältung, welche er ſich bei ſeinen meteorologiſchen Beobachtungen zuge⸗ —— 56 zogen hatte, aufrichtig von ſeiner Familie betrauert, denn ſeine Hartnäckigkeit gegen Anton ausgenommen, war er ſtets liebevoll gegen die Seinen geweſen. Die Baronin, welche den Entfernten mütterlich liebte und auch den Geſtorbenen vertheidigen wollte, ſagte, wenn die Rede auf dieſes traurige Kapitel kam:„Es iſt ſchwer, hierüber zu urtheilen Anton ſprach oft ſo geringſchätzig über den Adel, hatte ſo durch und durch republikaniſche Anſichten, daß wir jeden Tag erwarten konnten, er würde ſich mit einem Mädchen aus den ungebildetſten Ständen ver⸗ binden Deshalb wollte ihn ſein Vater jung mit einem liebenswürdigen Mädchen aus angeſehener Familie ver⸗ heirathen; Anton widerſprach zu ſchroff, zu heftig, und mußte er uns denn ſo tief durch ſeine Flucht ver⸗ letzen?“ Anton war fern, hatte aber doch jedenfalls einen Vertrauten in der Heimat zurückgelaſſen, denn kaum war der Baron Anton Eberhard von Sternberg zwei Monate begraben, als aus Philadelphia ein Schreiben von Anton an ſeinen jüngern Bruder anlangte. In dieſem Schreiben ſagte er, daß Deutſchland, vor allem aber die Heimat ihm zuwider ſei, nun und nim⸗ mer kehre er zurück; er halte es alſo für das Klügſte, die Familiengüter an ſeinen Bruder Alfred Eduard abzutre. ten, falls dieſer ihm die runde Summe von viermal⸗ —— 3 hunderttauſend Thalern dafür bezahlen wolle, denn ſo viel ſeien die Güter werth. Er möge ſofort antworten und, falls er darauf eingehen könne, die Kaufſumme in ſichern Wechſeln durch ein bremer Handlungshaus an ihn ſchicken. Ueber den Tod des Vaters, welcher ihn noch in den letzten Minuten ſeines Lebens geſegnet hatte, ſagte er kein anderes Wort als:„Ich habe erfah⸗ ren, daß der Vater geſtorben iſt“; der Mutter erwähnte er gar nicht. Frau von Sternberg war über dieſen Brief em⸗ pört und tief betrübt; ſie ſah es gern, daß Alfred Eduard der Beſitzer der Familiengüter werden ſollte, und gab ihr älterliches Erbtheil und ihre Erſparniſſe zu dieſem Kauf freudig her; auch Auguſte, die junge Baronin von Stern- berg, legte ihr Vermögen dazu; das Haus in der Re⸗ ſidenz, was nicht zu dem Majorat gehörte, ſondern dem jüngern Sohne zufallen ſollte, ward an einen Liebhaber gut verkauft, und ſo konnte Alfred Eduard bald die volle Kaufſumme an ſeinen Bruder abſenden, welcher dagegen ein Doeument ſchickte, in aller Form in Philadelphia ausgeſtellt, in welchem er die Güter Sternberg, Wiegen⸗ dorf und Altenthal, mit Allem, was dazu gehörte, ſei⸗ nem jüngern Bruder rechtskräftig abtrat. Schloß Sternberg gehörte nun mit Fug und Recht dem Baron Alfred Eduard, welcher mit ſeiner geliebten 58 Gattin und ſeiner von ihm verehrten Mutter ein glückliches, ſegensreiches Leben führte. Alfred blieb das einzige Kind des Paares; ſeiner Erziehung und Ausbil⸗ dung widmete der Vater einen großen Theil ſeiner Zeit, auch auf die Verbeſſerung ſeiner Beſitzung wandte er viel; er brachte es dahin, daß auf ſeinen Dörfern nur Bildung und Wohlſtand zu ſehen war, denn er ſorgte für gute Schulen, er war der Rathgeber aller Land⸗ wirthe; weit und breit umher kannte und ehrte man den Freiherrn von Sternberg; ſeine ſelten ſchönen Treibhäu⸗ ſer und der paradieſiſch ſchöne Park lockten aus allen Weltgegenden Fremde herbei, welche nie ohne Befriedigung die Sternberg'ſchen Güter verließen. Vierzehn Jahre hatte die ältere Freifrau von Stern⸗ berg ihren Sohn Alfred Eduard in glücklichſter Ehe ge⸗ ſehen, als ſie ſanft und ruhig, beweint von den Ihrigen, aus dem Leben ſchied. Ihr Tod ließ eine große Lücke in dem Familien⸗ kreis, und Baron Sternberg trat, um ſich und ſeine Ge⸗ mahlin zu zerſtreuen, mit ihr und ſeinem Sohne eine längere Reiſe an. Seit ſeinen Univerſitätsjahren hatte er Schloß Sternberg nicht verlaſſen, ſeine Gattin kannte nur die nächſten Umgebungen, Alfred freute ſich, wie alle Kinder, die bunte, weite Welt zu ſehen. Vielleicht wäre es beſſer geweſen, der Baron hätte dieſe Reiſe nicht gemacht! ————————— — — 59 Er reiſte“, fuhr Alfred Stern nach einer Pauſe ſort,„nach Süddeutſchland, Heſterreich, Italien und kehrte mit Beginn des Lenzes nach neunmonatlicher Abweſen⸗ heit auf ſeine Güter zurück, wo ihn ſeine Untergebenen freudig empfingen. Auch der Baron und die Baronin, ſelbſt der kleine Alfred, waren froh, daheim zu ſein. Der alte treue Inſpector legte von dem, was er wäh⸗ rend der Abweſenheit des Herrn gethan hatte, genaue Rechenſchaft ab; der Baron äußerte ſeine höchſte Zufrie⸗ denheit und machte dem Inſpector ein ſchönes Geſchenk. Wichtiges war nicht vorgefallen; nur der alte Lorenz, welcher in jüngern Jahren Stallmeiſter geweſen war und in der letzten Zeit ſeine Penſion auf Sternberg verzehrt hatte, war drei Wochen vor der Ankunft des Barons geſtorben. „Waren in unſerer Abweſenheit viele Fremde da, den Garten und den Park zu ſehen?“ fragte der Baron, denn ſeine Anlagen waren nun einmal ſein Stolz und ſeine Freude. WViele, viele, Herr Baron, beſonders Engländer, und gerade ſie, in deren Heimat es doch ſo herrliche Parks gibt, ſie, bei denen die Gartenbaukunſt ſo hoch ſteht, lobten und bewunderten am meiſten.“ Weil ſie es verſtehen, Inſpector“, bemerkte der Baron.„Es iſt nicht immer Mißgunſt oder Abſprecherei, 60 wenn die Menſchen ein Kunſtwerk, eine Kunſtleiſtung, einen Gegenſtand von Werth nicht rühmen; ſehr vielen geht die Empfänglichkeit für das Schöne, andern das richtige Verſtändniß dafür ab.“ Einige Tage ſpäter nahm der Baron ein Buch 66 ſeinem Bücherſchrank, um es Alfred zu geben. Es war ein Buch mit vielen colorirten Kupferſtichen, welches er ſchon als Kind erhalten hatte und jetzt dem Sohne ge⸗ ben wollte. Indem der Baron das Buch herausnahm, bemerkte er, daß es verkehrt ſtand; der mit Gold gedruckte Titel auf dem Rücken des Buchs befand ſich unten. Baron Sternberg war von ſeiner Mutter erzo⸗ gen worden, einer Dame, deren Ordnungsliebe und Reinlichkeit faſt zur Pedanterie ausgeartet war. Während Anton wild und unbändig, wie er war, draußen umher⸗ ſtürmte, ſaß der jüngere Sohn bei der Mutter, ſpielte mit ſeinem Baukaſten, ließ ſich die Bilder erklären, welche er beſah, und wurde daran gewöhnt, ſein Spielzeug wie⸗ der ordentlich aufzuheben, jedes Buch an Ort und Stelle zu ſetzen, ſich ſelbſt und was er in die Hände bekam, ſtets ſauber zu halten. Der Baron wußte, daß den Tag vor ſeiner Abreiſe alle Bücher in dieſem Schranke in der größten Ordnung geſtanden hatten, daß außer ihm Niemand dieſen Schrank öffnete, ſelbſt ſeine Gemahlin nicht. Er blätterte in dem Buche; es weckte angenehme ————— ——————— 4—— 61 und bittere Erinnerungen in ihm. Wie oft hatte ſeine Mutter, bevor er leſen konnte, ihm das Bild erklärt, welches ihn ſo ſehr angezogen hatte, nämlich Berthold Schwarz, wie er vor dem Herde ſteht und das Schieß⸗ pulver entdeckt. Er gedachte auch des Tages, an welchem Anton ihm ein anderes Bild aus dieſem Buche hatte herausreißen wollen, weil es ihm gefiel; Alfred Eduard hatte dies nicht erlaubt, und Anton ihm zornig das ſchwere Buch an den Kopf geworfen, von den Worten begleitet:„Iſt mir doch auf der Welt Niemand ſo zu⸗ wider wie Du heimtöckiſches Mutterſöhnchen!“ Dieſe Aeußerung ſchmerzte Alfred Eduard, welcher ſeinen Bruder gern geliebt hätte; ſie war auch ungerecht gegen die gute Mutter, weil ſie beiden Söhnen gleiche Liebe erwies; aber da es Anton niemals lange im Zimmer aushielt, ſo lebte der ſinnige Alfred Eduard, der ein Büchermenſch war, mehr mit ihr zuſammen. Anton hatte überhaupt nichts Sternbergiſches in ſeinem Weſen, wohl aber viel vom Vater ſeiner Mutter, einem Laci, und die Grafen Laci, ein altes polniſches Geſchlecht, galten alle für hart, widerſpenſtig und gewaltthätig, auch falſch nannte man ſie. Die Baronin Sternberg hatte nichts von ihrem Vater; ſie war das Ebenbild ihrer ſanften Mutter, eines ſächſiſchen Edelfräuleins. Ihr Großvater war mit einem der Könige Polens aus dem ſächſiſchen 62 Hauſe nach Sachſen gekommen; ihr Vater, ein geborener Sachſe, hatte in Preußen eine Erbtochter geheirathet. Doch“ fuhr Alfred fort,„ich will wieder zu dem Ba⸗ ron ſelbſt zurückkehren. Er blätterte alſo, wie ich Dir ſchon erzählt, liebe Hermine, in dem Buche und vermißte zu ſeinem Staunen den Kupferſtich, den einſt ſein Bruder vergebens begehrt hatte. Einen Augenblick ſtand er be⸗ troffen da, dann rief er ſeinen Sohn, welcher im Neben⸗ zimmer ſeine lateiniſche Aufgabe machte. Gütig wie immer fragte der Baron, ob Alfred den colorirten Kupferſtich aus dem Buche herausgeriſſen habe. Der Knabe verſicherte, daß er das Buch heute zum erſten Male erblicke, der Vater werde ja wiſſen, daß er ihm bisher noch niemals ein Buch aus dieſem Schranke gegeben habe. „Es iſt gut“, ſagte der Baron und ſtellte das Buch wieder nachdenklich in den Schrank; hierauf ging er in den Garten, den Inſpector zu ſuchen. Er fand ihn im Park, beſchäftigt, einigen Arbeitern Anweiſungen zu ge⸗ ben. Der Baron zog ihn auf die Seite und ſagte ein⸗ dringlich:„Lieber Inſpector, können Sie ſich erinnern, ob wohl einer der Fremden, welche kamen, Park und Garten zu ſehen, im Schloſſe war? Es gibt oft Poeten, Maler, Alterthumsforſcher, welche dem Gelüſt, ein altes Schloß r ee — — ———— 63 zu ſehen, nicht widerſtehen können, gleichviel, ob ſie dadurch zudringlich erſcheinen oder nicht. Denken Sie nach!“ „Nun, Herr Baron, da Sie ſelbſt danach fragen, ſo kann ich wohl ſprechen“, erwiderte der Inſpector,„ſonſt hätte ich geſchwiegen, denn im Grunde ſind es wohl nur Phantaſtereien, was ich dachte.“ „Gleichviel, lieber Inſpector, ſagen Sie mir Alles.“ „Alſo, Herr Baron, acht Wochen waren es geſtern, es war gerade am Faſtnachtsdienſtage, da wandelte mich die Luſt an, einmal hinab in das Dorf zu gehen und in der goldenen Sonne den Faſtnachtsſpaß mit arzuſehen. Die Honoratioren der Umgegend waren nämlich auf den Einfall gekommen, in dem eleganten großen Saale der Sonne einen Maskenball zu veranſtalten, was dem thätigen Wirthe ſehr angenehm war. Ich wollte natür— lich nur als Zuſchauer hingehen, mußte es mir aber doch, ſollte ich eingelaſſen werden, gefallen laſſen, eine Pilger⸗ kutte anzuziehen, die mir auch weiter nicht läſtig war. Einige Zeit beluſtigte mich das bunte Getümmel, aber nach einem Stündchen vertrieben Lärm und Hitze mich aus dem Tanzſaale und ich ſetzte mich in eins der Zim⸗ mer im Erdgeſchoß hinter einen Schoppen guten Weins. Das Gemach war außer mir nur von einem Gaſte be⸗ ſucht, welcher in einer Ecke ſaß und ſich mit einem großen Hunde zu ſchaffen machte dabei von Zeit zu Zeit ſein 64 Glas zum Munde führend. Das Aeußere des ernſten Gaſtes war auffallend, denn ſein Geſicht war braun und ein ſchöner ſchwarzer Bart bedeckte den Untertheil deſſel⸗ ben ganz und gar. Die Figur war groß, ſtark, dabei vom ſchönſten Ebenmaß. Jetzt trat der Wirth ein. Der Fremde beſtellte im feinſten Franzöſiſch etwas bei ihm, und da ich natürlich wußte, daß der Mann nicht Franzöſiſch verſtand, machte ich den Dolmetſcher. Dadurch kam ich mit dem Herrn in ein Geſpräch und erfuhr, daß er ein geborener Fran⸗ zoſe ſei, lange in Algier gelebt habe und Schlachtenmaler ſei. Er wolle, ſagte er, jetzt Deutſchland kennen lernen. Im Laufe des Geſprächs fragte er, wem das alte Schloß auf dem Berge gehöre, ob es ſehenswerthe Al⸗ terthümer enthalte und ob wohl der Schloßherr ſeinen Beſuch annehmen würde. Auf meine Bemerkung, daß der Herr Baron auf längere Zeit verreiſt wären, ſprach er ſein Bedauern aus und ging, um ſich, wie er ſagte, niederzulegen, weil er müde ſei. Den andern Tag ſah ich den Herrn noch einmal, als ich von einem Gange durch das Dorf zur Mittagszeit nach dem Schloſſe kam. Der alte Lorenz hatte ihn herumgeführt im Schloſſe, ſo ſagte mir meine Mutter; Lorenz ſelbſt ſprach nicht eher davon als bis ich es ihm vorhielt, daß es nicht paſſend und rathſam ſei, in des Herrn Barons Abweſenheit un 65 bekannte Leute im Schloſſe herumzuführen. Seitdem habe ich den Herrn nicht wieder vor Augen bekommen.“ Baron Sternberg ſchwieg, aber die Erzählung die⸗ ſes Vorgangs hatte ihm einen unheimlichen Eindruck hin- terlaſſen. Er konnte die düſtern, wunderlichen Ahnungen, welche in ihm aufſtiegen, nur mit Mühe niederkämpfen, doch beſaß er Selbſtbeherrſchung genug, um dem Inſpec⸗ tor noch einige gleichgültige Aufträge zu geben und über den fremden Gaſt einen Scherz zu machen. Eine halbe Stunde ſpäter ſtand der Baron in ſeinem Kabinet, welches an ſein Arbeitszimmer ſtieß, vor einem geöffne⸗ ten Wandſchranke, in welchem er außer Schmuck und Silber und Goldgeſchirr einige zwanzigtauſend Thaler in Staatspapieren und verſchiedene wichtige Documente aufbewahrt hatte. Alles lag an Ort und Stelle; nur ein Papier fehlte, wie ſorgfältig auch der Baron nachſuchte das Document, welches ihn zum Herrn der Herrſchaft Sternberg erklärte. Kalter Schweiß ſtand auf ſeiner Stirn, vergebens bemühte er ſich mit dem Nachſuchen und Nachdenken; er hatte dieſes Document, gleich nach⸗ dem er es empfangen hatte, in den Schrank eingeſchloſſen, niemals herausgenommen, es vor ſeiner Abreiſe noch ge⸗ ſehen, es war jetzt nicht zu finden, es mußte entwendet worden ſein. Hahn, Das Document. 1. 3 5 66 Der Baron verließ endlich ſcheinbar ruhig das Ka⸗ binet; er durchſuchte ſeinen Secretär, obgleich er wußte, daß er in demſelben niemals das wichtige Document aufbewahrt hatte; vergebens, es fand ſich in dem Secre⸗ tär ebenſo wenig als in dem Wandſchranke. Daß das Verſchwinden dieſes Documents mit dem Beſuche jenes Fremden zuſammenhing, ſchien ihm nur zu gewiß. Er ſtellte Nachforſchungen nach ihm an, reiſte nach der Re⸗ ſidenz; er ſah weder einen Mann, welcher dem Manne, wie ihn der Inſpector beſchrieben hatte, ähnlich war, noch hörte er durch Andere von ihm. Er bereute, nicht gethan zu haben, was mehrmals ſeine Gattin gerathen hatte, von dem Documente eine beglaubigte Abſchrift durch das Gericht machen zu laſſen und dieſelbe in einem eiſernen Kaſten im Schloßkeller zu verwahren; er, der in der Regel ſo vorſichtig in Allem war, hatte ſich in dieſer wichtigen Sache nicht warnen laſſen, nicht, wie ſeine Gemahlin oft bemerkte, an Feuersgefahr gedacht. Mehrere Monate verlebte der Baron in unauf⸗ hörlicher Angſt; es war ihm zu Muthe, als hänge das Schwert des Damokles über ſeinem Haupte. Einen intimen Freund, gegen den er ſich ausſprechen konnte, hatte er nicht, ſeiner geliebten Gattin wollte er nicht das Leben durch Mittheilungen trüben, welche doch nur Vermu. thungen waren, ſeinen Sohn hielt er für zu jung, um — 67 ihn zum Vertrauten zu machen— kein Wunder, daß ſeine Geſundheit darunter litt. Mit vielem Eifer fing er jetzt an die Rechte zu ſtudiren, aber er ſchien durch dieſe Beſchäftigung eher beunruhigt als beruhigt zu werden, doch ſprach er gegen ſeinen Sohn den Wunſch aus daß dieſer ſich ſpäter dem Studium der Jurisprudenz widmen möge; er ſandte ihn, damit er mehr Umgang mit Jünglingen ſeines Alters haben ſollte, nach der Reſidenz, wo er ihn das Ghmnaſium beſuchen ließ, und gab ihm eben nur ſo viel, als der Sohn eines mäßig bemittelten Mannes erhielt. Zwei Jahre waren ſo äußerlich ruhig, innerlich peinlich für den Baron entſchwunden, als von anderer Seite her härtere Sorgen den edlen Mann niederbeugten. Seine Gemahlin fing an abzumagern; da ſie aber keine Schmerzen fühlte, hielt ſie ſich nicht für krank und wollte anfangs von keinem Arzte etwas wiſſen. In⸗ deß ſanft und rückſichtsvoll gegen die Ihrigen, ließ ſie ſich von dem Gemahl nach Salzbrunn führen, und es ſchien kurze Zeit, als oh ſie neue Kräfte ge⸗ wänne; aber bald kehrte die alte Schwäche zurück und eines Tages fand der Baron ſie im Sopha ſitzend, rück⸗ wärts gelehnt mit gebrochenen Augen. In ihrer kalten Hand hielt ſie ein Blatt Papier, der Bleiſtift lag entfallen zu ihren Füßen; auf dem Papiere ſtand mit leſerlicher 5* 68 Schrift:„Ich habe im Garten eine zweite—; ehe ſie wei⸗ ter ſchreiben konnte, hatte der Tod ſie ereilt. Dieſe Worte, welche nur der Baron las, wären für jeden Andern unverſtändlich geweſen; er legte ſie in ſeiner Weiſe aus, indem er vermuthete, daß ſie, ohne ihm da⸗ von zu ſagen, doch eine Abſchrift des Doeuments habe machen und gerichtlich beglaubigen laſſen, und daß ſie dieſelbe in einem feſten Behältniß im Garten vergraben habe. Als die geliebte Todte, welche auf das Stammgut geführt wurde, zur Ruhe beſtattet war und der Baron einigermaßen ſeine Faſſung wiedergefunden hatte, ſtellte er Nachforſchungen im Garten an. Unter dem Vorge⸗ ben, er wolle, um ſich zu zerſtreuen, den Garten anders anlegen, wurde unter ſeiner Aufſicht der Boden umge graben, aber ſei es nun, daß nicht tief genug gegraben wurde, ſei es, daß der Baron den Worten ſeiner Gattin eine falſche Deutung gab, es fand ſich nichts. Daß einer ſeiner Arbeiter ein ſolches Käſtchen beim Umgraben ge⸗ funden und beſeitigt haben könne, war undenkbar, der Baron war bei Allem, was im Garten geſchah; auch Alfred weilte jetzt daheim und überwachte die Arbeiter, ebenſo der Inſpector, auf deſſen Treue der Baron bauen konnte.„ Wieder vergingen zwei Jahre Alfred bezog die 69 Univerſität, der Baron trauerte noch um ſeine Gemahlin, aber er war in Bezug auf ſeine äußern Verhältniſſe ruhig; er dachte ſich ſeinen Sohn als künftigen Herrn der ſchönen, durch ihn ſo blühend gewordenen Beſitzung und fing an ſich wieder über den Blumenflor, über reiche Ernten, über das Emporblühen einer Zuckerfabrik, welche er in Sternberg angelegt hatte und welche fünfzig Menſchen beſchäftigte, zu freuen, da kam der Schlag da entlud ſich die dunkle Wolke, welche der Baron in der letzten Zeit nicht mehr beobachtet Nach zweiundzwanzigjähriger Entfernung vom Va⸗ terhauſe war Anton Freiherr von Sternberg heimge⸗ kehrt, vorläufig nach der Hauptſtadt des Landes. Er machte in einem kurzen Schreiben ſeinem Bruder bekannt, daß er wieder da ſei, Wittwer, Vater eines Sohnes und einer Tochter, für deren Zukunft er ſorgen müſſe. Des Umherſchweifens, der Fremde überhaupt ſei er müde. Er wolle jetzt das Erbe in Beſitz nehmen, das Schloß ſeiner Ahnen beziehen, und der jüngere Bruder, Alfred Eduard, der ja durch das Muttererbe und das Vermögen ſeiner Gattin reich ſei, möge das Schloß ſofort räumen. Empört über dieſe Zumuthung antwortete Baron Alfred Eduard, daß er über eine ſolche Forderung lache 7⁰ indem er ja die von Anton freiwillig abgetretenen Güter um die Summe von viermalhunderttauſend Thaler keine Antwort, und der Baron glaubte ſchon,! ſei zur Erkenntniß ſeines Unrechts gekommen, ein langes Schreiben vom Gericht, in welchem dieſes Documents oder Abtretung der Güter im Namen des Barons Anton von Sternberg von dem Baron Alfred Eduard von Sternberg verlangt wurde. Natürlich“, fuhr Alfred nach einer Pauſe fort, „wandte ſich der jüngere der Brüder jetzt an einen der geſchickteſten, redlichſten Sachwalter, allein dieſer erſchrak ſehr über den Verluſt des Doecuments, an deſſen Ent⸗ wendung er ebenſo feſt glaubte als der Baron. Den⸗ noch gab er die Sache nicht verloren. Der Gerichtshof in Philadelphia mußte in den Büchern eine Abſchrift des Documents haben, das Handlungshaus, welches die Kaufſumme in Wechſeln nach Philadelphia geſandt, mußte ebenfalls in ſeinen Büchern davon Notiz genommen haben; auch auf Sternberg lebten noch zwei Zeugen, welche das Document geleſen hatten, der Pfarrer von Sternberg und der Inſpector. Es war gegen alle Wahrſcheinlichkeit, daß Anton von Sternberg ſo lange uuf ſeine Erbgüter ſelbſt oder eine entſprechende Ent ſchädigung verzichtet haben würde; außerdem ſprachen 71 für den jüngern Bruder ſeine anerkannte Rechtlichkeit und der Eifer, mit welchem er für die Hebung ſeines Grundbeſitzes gewirkt hatte; er mußte es im Bewußtſein gethan haben, daß die Herrſchaft Sternberg, welche iezt das Doppelte werth geworden war, dereinſt von Gott und Rechts wegen ſeinem Sohne zufallen mußte. Es begann nun, ie vorauszuſehen, einer jener langweiligen, verwi elten R chtsſtreite deren Ende nicht abzuſehen war, denn natürlich brauchte es Zeit, ehe von dem nordamerikaniſchen Gerichtshofe, ehe von dem Hand. lungshauſe Antworten kamen, welche vor Gericht gel- tend gemacht werden konnten. In Philadelphia wollte man keine Abſchrift jenes Documents in den Büchern gefunden haben; das Hand⸗ lungshaus in Bremen geſtand zu, in dem angegebenen Jahre die Summe von viermalhunderttauſend Thalern be⸗ kommen zu haben für Wechſel, ausgeſtellt auf ein Hand⸗ lungshaus in Philadelphia, zahlbar an die Ordre des Barons Anton von Sternberg; allein damit war noch nicht geſagt, daß durch dieſe Summe die Stammgüter von Alfred Eduard von Sternberg dem ältern Bruder abgekauft worden waren, obgleich dieſe Ausſage des Hand⸗ lungshauſes zu Gunſten des jüngern Barons ſprach. Der junge Alfred ſah mit tiefer Bekümmerniß, wie ſehr dieſer Streit an der Geſundheit des geliebten Vaters zehrte. 72 „Du haſt ja außer Deinen Gütern ein kleines Kapital zurückgelegt, was für Deine einfachen Bedürfniſſe hin⸗ reichen wird', ſagte er zu dem theuern Vater.„Mache dem Proceß ein Ende, laß uns weit von hier, nach Süd⸗ deutſchland oder Italien gehen und die trübe Vergan- genheit vergeſſen, wir die i ab⸗ ſchütteln.“ „Du ſprichſt vi ein ie Menſch, der jung und unerfahren iſt“, entgegnete der Baron.„Wenn ich jetzt zurückwiche, würde Niemand glauben, daß es auf Deine Bitte geſchähe oder weil ich Ruhe haben wollte und mit dem, was mir bliebe zufrieden wäre; man würde überall ſagen, daß ich den Proceß im Gefühl meines Unrechts fallen ließe. Nicht nur viele Menſchen, deren Wohl und Wehe von mir abhängt, würden verlieren, wenn die Herr⸗ ſchaft Sternberg an meinen Bruder überginge, auch Du. mein Sohn, und mehr als Geld und Gut, Deinen un⸗ beſcholtenen Namen, denn man würde in Dir den Sohn eines Betrügers ſehen!“ Gegen dieſe Anſicht ließ ſich nicht ſtreiten!“ Alfred blickte einige Secunden düſter vor ſich nieder, dann fuhr er fort:„Der Anwalt des jüngern Bruders hatte einigemal den Verſuch gemacht, die beiden Brüder zu einer Zuſammenkunft zu bewegen, der ältere hatte aber dieſen Vorſchlag niemals annehmen wollen, er war e 73 wie er ſagte, zu empört über das Benehmen ſeines Bru⸗ ders. Da trat ein mächtigerer Herrſcher auf, als irgend ₰ ein irdiſcher Richter zu ſein ſich rühmen kann, der Tod! S Während der ältere Sternberg in der Reſidenz nach zweitägigen Qualen an der Cholera ſtarb, endete ein Herz- ſchlag ſanft das Leben des jüngern. Jammernde Diener, weinende Nachbaren gaben ihm das letzte Geleite. Am Tage vor ſeinem Tode hatte er, vielleicht ſein baldiges Ende ahnend, ſeinem Sohne das Ehrenwort abgenommen, falls er vor Beendigung des Proceſſes von der Erde abgerufen würde, den letztern zu ſeiner Ehrenrettung fortzuführen. Alfred von Sternberg war bei dem Lode ſeines Vaters noch nicht mündig; er lag noch auf Univerſitäten ſeinen Studien ob. Seiner Mutter nächſter Vetter, ein Herr von Gersdorf, wurde ihm zum Vormunde beſtellt und begann den Proceß mit aller Energie weiter zu ver⸗ 8 folgen; ein tüchtiger Rechtsgelehrter wurde zum Vor⸗ munde für Anton von Sternberg's Kindern beſtellt, denen der Vater ein anſehnliches Vermögen hinterlaſſen hatte. Zu jener Zeit wurde in dem Staate, wo die Sternbergi- ſchen Güter liegen, eine neue Gerichtsordnung eingeführt. Der Sachwalter des ältern Sternberg ſtarb, ein neuer bekam die Aeten in die Hände und darüber verging wie⸗ der Zeit. Die Einkünfte der Sternbergiſchen Güter, auf 74 denen jetzt der Inſpector ſchaltete, wurden an die Be⸗ hörde abgeliefert und bis zur endlichen Entſcheidung dieſes Rechtshandels aufbewahrt, und die beiderſeitigen Advocaten beeilten ſich eben nicht mit der Führung des Proeeſſes. Alfred hatte ſeine Studien eifrig fortgeſetzt, ſein Examen gemacht und fern von der Heimat, um nicht als ein bedauerter, ſeines Erbes beraubter Freiherr ohne Güter dazuſtehen, den Namen Stern angenommen. Daß ich jener Alfred bin, wirſt Du, meine Hermine, wohl ſchon errathen haben. Der Proceß iſt vor kurzem ent⸗ ſchieden worden; meines Oheims Sohn hat die Güter 1 zugeſprochen erhalten.“ „Mein armer Alfred!“ ſagte tief bewegt Hermine und ſchloß den Gatten innig in ihte Arme.„O könnte ich etwas thun, Dir den Verluſt dieſes reichen Erbes zu erſetzen!“ „Sprich nicht ſo, Hermine, Du weißt, was Du mir biſt, und um kein Königreich würde ich Dich vertauſchen. Aber nicht nur der Schmerz daß das Andenken meines edlen Vaters in den Augen des Gerichts befleckt iſt, beugt mich nieder, auch materielle Sorge, denn ich bin in die Koſten verurtheilt; mein kleines Kapital, das mein Vor⸗ mund für mich gerettet hatte, deckt ſie kaum, denn Gerichts⸗ koſten von einem Proceß, welcher Jahre gedauert hat und 75 um ſo bedeutende Objecte geführt worden iſt, bedeuten etwas. Ich muß alſo“, fuhr er fort,„den größten Theil meines Kapitals opfern, ſelbſt wenn ſie, was ich hoffe, auf meine letzte Eingabe mir etwas an den Koſten erlaſſen. Deshalb habe ich meiner lieben Unabhängigkeit entſagt und das Amt bei dem Fürſten Victor angenommen.“ „Deshalb, mein Alfred“, ſagte Hermine heiter,„des⸗ halb hat das Schickſal Dir durch meinen Oheim Erſatz geſandt. Zehnfach bin ich es jetzt Dir unſerem Franz, mir ſelbſt ſchuldig, nach Amerika zu reiſen, mag nun die Erbſchaft groß oder klein ſein; jedenfalls wird ſie Dir Deine theure Freiheit wiedergeben, und Du kannſt dann wieder alle Deine Zeit Deiner geliebten Kunſt widmen.“ „Sei es denn ſo, ich glaube ſelbſt es muß ſein!“ ſprach Alfred.„Laß mich jetzt den Brief Deines Oheims leſen, dann wollen wir überlegen, wann und auf welche Weiſe Du am ſchnellſten, bequemſten und ſicherſten reiſen kannſt.“ Der Entſchluß war gefaßt; wie ſchwer er auch dem lie⸗ benden Paare geworden war, für Alfred war es vielleicht noch bitterer, Hermine reiſen zu ſehn, als für ſie, welche in die unbekannte Ferne ziehen wollte, dem theuren Manne das verlorene Glück der Unabhängigkeit wiederzubringen. Zweites Buch. Ich liebe Dich, weil ich Dich lieben muß, Ich liebe Dich, weil ich's nicht ändern kann, Ich liebe Dich durch einen Himmelsſchluß. Rückert. Hermine hatte, von einer edlen Mutter vortrefflich er⸗ zogen, vom Schickſal ſchon in früher Jugend auf ſich ſelbſt angewieſen, gelernt, ihre Empfindungen inſoweit zu beherrſchen, daß ſie ihnen nicht alle Macht über ihre Handlungsweiſe ließ; unter allen Verhältniſſen that und litt ſie würdig, was gethan und getragen werden mußte. Gefaßt nahm ſie von Alfred, dem ſo innig Gelieb⸗ ten, und von ihrem lieblichen Knaben Abſchied und trat ihre Reiſe abends an, um ihr betrübtes, verweintes Ge⸗ ſicht nicht fremden Blicken preiszugeben. Von Fahrten auf Eiſenbahnen im Waggon zweiter Klaſſe läßt ſich nicht viel erzählen. Hermine hüllte ſich in ihren Mantel, zog den Schleier vor ihr Antlitz, ſchmiegte ſich in eine Ecke und ſchloß die Augen, ohne ſich um das Geſpräch ihrer unbekannten Reiſegefährtinnen zu küm⸗ . 77 mern. Endlich ſchlief ſie wirklich ein; ſie hatte in den letzten Tagen noch viel gearbeitet und war von Anſtren⸗ gung und Thränen müde. Als ſie erwachte, war es ſchon heller Tag und ihre Nachbarin ſagte:„In zwei Stunden ſind wir in Hamburg.“ „Haben Sie Bekannte dort, Madame?“ fragte Her⸗ mine etwas ſchüchtern. „Nein, ich bleibe nur kurze Zeit da, bis ein Schiff direct nach Neuyork geht; ich reiſe zu meinem Manne.“ „Nach Neuyork?“ rief Hermine freudig aus.„Das iſt auch mein Reiſeziel; nun werde ich daſſelbe Schiff wählen.“ „Das wird mich freuen“, erwiderte die Dame;„ich bin älter wie Sie und kann Sie beſchützen, denn ein junges ſchönes Mädchen geht nicht gern allein in Gaſthöfe.“ „Sie haben Recht, allein ich bin kein Mädchen mehr, mein Name iſt Frau Stern.“ „Der meinige Frau Richter, und nun reichen Sie mir die Hand und laſſen Sie uns gute Kameradſchaft halten.“ Hermine reichte der blaſſen, freundlichen Frau die Hand, allein ſie fühlte ſich nicht gedrungen, ihr mehr über ſich ſelbſt und den Zweck ihrer Reiſe zu ſagen. Frau Richter dagegen begann mit einem Seufzer:„Sie gehen 78 wohl nur zum Beſuche nach Amerika? Ich Arme muß wahrſcheinlich mein Leben in der Fremde beſchließen. Wenn ich daran denke, daß ich mein liebes, trautes Deutſch⸗ land nicht wiederſehen ſoll, iſt mir zu Muthe, als ſollte mir das Herz aus der Bruſt geriſſen werden.“ „Und konnten Sie wirklich nicht in der Heimat bleiben, winkt Ihnen keine Wiederkehr?“ fragte Hermine mit inniger Theilnahme. „Mein Mann iſt ein politiſcher Flüchtling“, antwortete Frau Richter.„Als im Jahre 1848 der Kampf in Ber⸗ lin begann, nahm er daran Theil, ward ſchwer verwun⸗ det in unſere Wohnung gebracht und würde jetzt ein Ge⸗ fangener ſein, wenn ihm nicht ein Freund und Geſin⸗ nungsgenoſſe, der unverdächtig geblieben war, zur Flucht verholfen hätte. Ich blieb in Berlin und nährte mich von den wenigen Kenntniſſen, welche ich beſitze. Ich gab Klavierſtunden, Unterricht in der engliſchen Sprache und fertigte Stickereien für die Läden, ein Oheim unterſtützte mich außerdem und es ging mir ziemlich wohl.“ „Was hörten Sie von Ihrem Gatten?“ „Monatelang nichts, als daß er glücklich in Ame⸗ rika angekommen ſei. Später ſchrieb er mir, daß er auf den Rath eines deutſchen Buchhändlers eine Gaſtwirth⸗ ſchaft angefangen habe, weil er in Neuyork ſeine Kennt⸗ niſſe nicht verwerthen könne. Es geht ihm jetzt 79 äußerlich gut, und er bat mich, zu ihm zu kommen, da ihm die Hausfrau fehle.“ „Er wird glücklich ſein, Sie wiederzuſehen, beſte Frau Richter, und Sie werden an der Seite des geliebten Mannes das Vaterland nicht vermiſſen.“ Die blaſſe Frau ſah ernſt vor ſich nieder und ſagte nach einer Pauſe:„Es mag ſein, daß mein Mann mich früher ſehr geliebt hat und jetzt noch Zuneigung zu mir fühlt, aber wir waren fünf Jahre getrennt und die Zeit ändert die Menſchen. Richter hat amerikaniſche Anſichten und Manieren angenommen und ich bin deutſch, grunddeutſch geblieben. Sorgen und Arbeiten haben mich vor der Zeit alt gemacht und der Lebensmuth iſt mir gebrochen.“ „Aber die Liebe trägt, wagt, glaubt und verſchönt Alles“, bemerkte Hermine. „Ja, die Liebe, aber ſie iſt ſeltener auf Erden, als man glaubt, ich meine nämlich die Liebe in der Ehe. Was weiß ein junges Mädchen von Liebe? Vater und Mutter, Verwandte und Freunde bemühen ſich abwech⸗ ſelnd, ihm zu beweiſen, daß Liebe eine große Narrheit oder ein ſchöner, flüchtiger Jugendtraum ſei, daß ſich die echte, bleibende Zuneigung in der Ehe finde und daß ein Mädchen vor allem darauf zu ſehen habe, durch einen achtbaren, vermögenden Mann einen eigenen Herd zu 80 bekommen. Unvermählte werden verſpottet, das Wort „alte Jungfer“ wird wie ein Geſpenſt vor die Seele des Mädchens geſchrieben, geſprochen; ſo kommt man gar nicht zur Beſinnung, und wenn ſich um ein ſiebzehnjäh⸗ riges Mädchen ein achtbarer Mann bewirbt, der einen eigenen Herd hat, ſo wäre, das ſagt die ganze Familie, das Mädchen ja reif für das Irrenhaus, wenn es nicht mit Freuden die Hand des Mannes annähme.“ Frau Richter ſeufzte tief auf nach dieſen Worten. Hermine ſagte:„Es mag wohl ein großes Leiden ſein, an der Seite eines Ungeliebten leben zu müſſen, aber Sie, liebe Frau Richter, Sie ſind doch nicht in dem Falle. Warum gingen Sie denn dann nach Amerika?“ „Ich habe Theilnahme für Richter und P ichtge⸗ fühl. Als ich ihm die Hand reichte, war mein Charakter noch nicht entwickelt, und ich that halb willenlos den wichtigſten Schritt, den eine Frau thun kann; jetzt iſt mein Charakter geſtählt umd ich will meine Pflicht thun und meinem Manne beiſtehen, da er es wünſcht und meiner bedarf.“ „Vielleicht werden Sie in dem ſnn Lande ſchneller heimiſch, als Sie glauben.“ „Gott füge es ſo, liebe Frau Stern. Daß ich Ihnen begegnet bin, will ich für ein günſtiges Omen nehmen; in Ihrer Nähe fühle ich mich wohl, und die 81 trüben Gedanken ſchwinden, wenn ich in Ihr freundliches Auge ſehe.“ Hermine lächelte ihrem guten Herzen war es ein Troſt, durch ihre Gegenwart die arme Frau aufheitern zu können. „Ich habe Hamburg ſeit einigen Jahren nicht ge⸗ ſehen“ begann nach einer Pauſe Frau Richter,„und freue mich auf dieſe liebe, mir bekannte Stadt.“ Als die Frauen über den Jungfernſtieg nach Streits Hotel fuhren, ſagte Frau Richter:„Dieſer Platz iſt ge wiß einer der ſchönſten in Europa; er erweckt viele Erin⸗ nerungen in mir. Ich lebte als junges Mädchen einige Zeit mit meinen Kltern hier und denke noch mit Freude an die ſchönen Abende, welche ich hier im Theater zu⸗ brachte. In Wahrheit, damals beſaß Hamburg ein Schauſpiel, wie man es ſich vorzüglicher nicht denken kann. Emil Devrient noch im Jünglingsalter, Doris Devrient, Lebrun, Gloy, die ſchöne Peche, die reizende Lebrun, das Künſtlerpaar Lenz es war ein Genuß, dieſe Darſteller zu ſehen! Welch ein Publikum war aber auch damals das hamburger, noch durchglüht von großen Erinnerungen an Leſſing, an Friedrich Ludwig Schröder, an Sophie Schröder!“ Die Frau wurde ganz lebhaft; indem ſie ſprach, machten Erinnerungen an die herrliche Kunſt ihr das Trübe der Gegenwart vergeſſen. Hahn, Das Document. 1. 6 82 Hermine erinnerte ſich an Alfred's Worte:„Die treueſten Freunde im Leben ſind Natur und Kunſt; ſie verlieren niemals ihren Einfluß auf uns, ſobald wir uns demſelben nicht gewaltſam entziehen, und ſtets iſt ihr Einfluß ein erhebender und beglückender.“ Frau Richter hatte Thränen in den Augen, als ſie auf die Schwäne ſah, welche graziös und majeſtätiſch auf dem blauen Alſterbaſſin dahergeſchwommen kamen. Das ſchöne Baſſin war mit Kähnen bedeckt, welche alle geflaggt hatten; die Tochter eines reichen Rheders hielt heute Hochzeit, ſagten einige Vorübergehende. Hermine hatte Alfred verſprechen müſſen, ſich nicht allein dem Trennungsſchmerze hinzugeben, ſondern auch mit Theilnahme alles Sehenswerthe zu beachten.„Damit ich“, hatte er hinzugefügt,„wenn ich Deine lieben Briefe leſe, die Welt durch Dein Auge ſehe.“ An dieſe Worte des theuern Mannes dachte ſie jetzt; ſie ließ ihre Blicke über das blaue Alſterbaſſin ſchweifen, in deſſen klarer Fläche ſich die Sonne ſpie⸗ gelte, ſie hatte ihre Freude an den vielen ſchönen Schwä⸗ nen, welche majeſtätiſch und graziös zugleich auf der ſtillen Flut dahinzogen, und an den reichbeflaggten Kähnen und kleinen Schiffen, welche, mit fröhlichen Menſchen beſetzt, auf dem Fluſſe dahinglitten. „Der September und der Oetober ſind im Norden 83 Deutſchlands oft die ſchönſten Monate im Jahre“, be⸗ merkte Frau Richter;„heute ſehen wir Hamburg im vollen Glanze. Vor morgen nachts geht das Schiff, mit welchem ich reiſe, nicht nach Amerika ab, und Sie wollen ja mit mir; ſo laſſen Sie mich heute Ihre Füh⸗ rerin ſein, ich will mich aller trüben Gedanken entſchla⸗ gen und nur dem Genuſſe hingeben, noch auf deutſcher Erde zu ſtehen.“ So ſprechend ſchritt Frau Richter neben Herminen die Treppe hinauf in Streit's ſtattlichem Hotel, wo die Damen abgeſtiegen waren. Hermine ging nach ihrem Zimmer, um ihre Toilette etwas zu verändern und um an ihren Alfred zu ſchreiben, doch kaum hatte ſie ihren Brief begonnen, als ihre Reiſegefährtin eintrat. „Sparen Sie dieſe angenehme Unterhaltung auf morgen auf“, ſagte ſie halb befehlend, halb lächelnd, heute wollen wir uns des Tages freuen; man muß der Wirklichkeit zugeſtehen, worauf ſie Anſpruch hat; jetzt laſ⸗ ſen Sie uns frühſtücken und dann führe ich Sie in der Stadt herum.“ Hermine machte keine Einwendungen, ſie verſtand ſehr wohl, daß Frau Richter aus angeborener Gut⸗ müthigkeit ſie zu zerſtreuen wünſchte, und Hermine ver— mochte niemals der Güte Widerſtand entgegenzuſetzen. Beide Frauen fanden Gefallen an einander, und Her⸗ 6* 84 mine pries ihr Geſchick, das ſie mit einer ſo liebens⸗ würdigen Reiſegefährtin zuſammengeführt hatte. Schneller als die junge Frau zu hoffen gewagt hatte, waren ihr die beiden Tage vergangen, die Plätze auf dem Schiffe Columbine waren beſtellt und des Nachts um zwölf Uhr ſollten die Damen an Bord ge⸗ hen. Es war ſchon ziemlich ſpät für das Theater, als Frau Richter noch auf den Einfall kam, die letzten Arte der Oper anzuſehen und einige Erfriſchungen für die lange Seereiſe einzukaufen. „Ich muß doch noch einmal von deutſchen Siten die Fiiſthühiucnhin ſingen hören“, ſagte ſie zu Her⸗ minen.„Wollen Sie durchaus nicht mitgehen, ſo ſchreiben Sie immerhin an Ihren Gemahl; bald nach der Oper bin ich wieder da und nach elf Uhr fahren wir mit un⸗ ſerem Gepäck nach dem Hafen; ich bin immer pünktlich“ Mit dieſen Worten reichte ſie Herminen herzlich die Hand und verließ das Zimmer. Hermine ſah ihr freundlich vom Fenſter aus nach, Frau Richter grüßte noch einmal zu ihr herauf, die ihr lang ge nachblickte, bis ſelbſt die letzte Falte ihres Kleides um die Ecke verſchwunden war. Jetzt erſt kehrte die von bitterer Sehnſ ucht ver⸗ zehrte Frau zu ihrem Schreibtiſche zurück und ſchrieb einen langen Brief an ihren Gatten. Wie viel hatte ſie 85 ihm nicht zu ſagen! Immer wieder nahm ſie ein neues Blatt, bis der Brief endlich, wie ſie ſcherzend ſchrieb, zum Buche geworden war. Am Schluſſe ſagte ſie:„Um Mitternacht gehe ich an Bord; wenn der Mond aufgeht, ſtechen wir in See. Du ſiehſt, ich rede ſchon wie eine, die große Seereiſen gemacht hat. Columbine iſt der Name meines Schiffes, ein heiterer Name, er wird eine frohe Reiſe und glück⸗ liche Heimkehr bedeuten. Ich weiß, jetzt wirſt Du jeden Tag, wenn Du den Hamburger Correſpondenten in die Hand nimmſt, zuerſt nach den Schiffsnachrichten ſehen und den Zug der Columbine verfolgen. Sobald ich in Neuyork angelangt bin, ſchreibe ich Dir, doch kannſt Du unter fünf Wochen keinen Brief erwarten; alſo quäle Dich nicht mit Angſt, wenn Du einen Tag länger ohne Nachricht bleibſt, als Du wünſcheſt. Von Dir werde ich Briefe finden, theurer Alfred, Du kannſt vom Hauſe aus oft ſchreiben und wirſt es thun, das weiß ich. Bin ich erſt in Neuyork, ſo werde ich ſel⸗ ten einen Tag vergehen laſſen, ohne Dir zu ſchreiben. Küſſe Franz, meinen, unſern ſüßen Knaben. Gott ſchütze Euch beide. Grüße auch die treue Gertrud. Ich ſehe Dich wieder, mein Alfred. Dich und Franz, dann werde ich Alles vergeſſen, was jetzt mich quält. Deine Hermine.“ 86 Noch war Frau Richter nicht zurück, es konnte noch nicht ſpät ſein; daß beim Schreiben mehrere Stunden unmerklich dahingeſchwunden waren, bedachte Hermine nicht. Sie ſah auf ihre Taſchenuhr, ſie war ſtehen ge. blieben. Halb ſchläfrig, ſiegelte ſie den Brief, um ihn auf dem Wege zum Hafen in den Briefkaſten am Poſt⸗ hauſe zu werfen. Dann gab ſie ihrer übergroßen Mü⸗ digkeit nach, legte ſich auf das Sopha und ſchlief feſt ein. Ein bunter, aber doch ſehr lebendiger und klarer Traum umfing ſie. Sie ſtieg einen breiten Pfad, den alte Linden beſchatteten, langſam hinauf, bis ſie, auf der Höhe angelangt, vor einem hohen, ſteinernen Burg⸗ thor ſtehen blieb; über dem Thor ſah ſie in Stein kunſt⸗ reich gemeißelt ein Wappen, deſſen Felder durch einen Querbalken getheilt waren; das eine Feld zeigte zwei gekreuzte Schwerter, das andere drei Sterne; über dem Wappen befand ſich eine Freiherrnkrone, wie die fünf Kugeln andeuteten. Sie drückte leiſe die Thür auf und trat in einen großen, reinlich gehaltenen Hof, der eben⸗ falls mit alten Linden geſchmückt war; nur neben dem großen ſteinernen Brunnen blühten zwei weiße Akazien⸗ bäume und zwei Büſche prachtvoller wilder Roſen. Nie⸗ mand war in dem Hofe zu ſehen, nichts regte ſich, ſelbſt die ſchneeweißen Tauben, welche um den Brunnen flatter⸗ 87 ten, und die Schwalben auf der Hofmauer gaben keinen Laut von ſich. Sie ging über den Hof in die Burg hinein, eine ſteinerne Wendeltreppe hinauf und ſtand jetzt in einer mit großen Helgemälden gezierten Halle; dann trat ſie in ein ſchönes Gemach, welches alterthümlich, wie es für die Burg paßte, eingerichtet war, und da ſie auch hier keinen Menſchen fand, wandelte ſie in das an⸗ ſtoßende Gemach und von da durch achtzehn große Ge⸗ mächer, bis ſie in ein kleines, grün austapezirtes Kabi⸗ net kam, von deſſen Hauptwand das lebensgroße Por⸗ trait einer Dame ſie anlächelte. Auf dem Schooße derſelben ſpielte ein ſchöner Knabe mit einem Zweige wilder Roſen, den ihm die Mutter, denn dies mußte die Dame ſein, neckend vorhielt. Jetzt erhob ſich die Geſtalt vom Stuhle, ſie trat mit dem Knaben auf dem Arme auf Hermine zu, als wolle ſie ihr das Kind reichen.„Die wilden Roſen ſind ſchön, am Brunnen war mein Lieblingsplatz“, ſagte das Bild;„dort wollte ich begraben ſein, dort!“ Hermine zitterte vor unüberwinglichem Grauen, ſie wollte entfliehen, aber die Füße verſagten ihr den Dienſt; ſie wollte rufen und brachte keinen Laut über ihre Lip⸗ pen, kalter Schweiß trat auf ihre Stirn. Da hörte ſie einen furchtbaren Krach, worüber ſie erwachte. Einige Sekunden lang ſah ſich Hermine ſtaunend 88 um; ſie begriff im erſten Augenblicke nicht, wo ſie ſich befand. Nicht Mondlicht war es, wovon ihr Zimmer er⸗ hellt war, es war der Frühſonnenſchein eines ſchönen Septembertags, der ſie umgab. Thüren wurden auf⸗ und zugeſchlagen, Stimmen ſchallten an ihr Ohr; er⸗ ſchreckt ſprang ſie auf und ſchellte, ſie die Zeit der Abreiſe verſchlafen. Ein Kellner kam und theilte ihr mit, daß es bei nahe halb ſechs Uhr ſei; ſie fragte nach Frau Richter. Dieſe ſei, war die Antwort, den vergangenen Nachmittag fortgegangen und nicht zurückgekehrt; ſpät abends ſei ein Herr gekommen, habe in ihrem Auftrage die Rech⸗ nung bezahlt und ihre Sachen abgeholt. Da man den Herrn gekannt habe, ſeien ihm die Effecten der Dame ausgeliefert worden; ſie habe des Nachts an Bord gewollt. „Und an mich hat ſie nicht gedacht!“ ſagte Her⸗ mine mehr zu ſich ſelbſt als zu dem Kellner. „Doch, Madame“ erwiderte dieſer;„allein als ich Ihnen dies Billet von ihr bringen wollte, fand ich die Thür Ihres Zimmers verſchloſſen und glaubte, Madame hätten ſich ſchon zur Ruhe begeben!“ „Ich wollte ebenfalls dieſe Nacht fort, mit Frau Richter!“ „Bedaure, Madame. Hätten Sie mir nur eine Silbe davon geſagt, ſo hätte ich dem Stubenmädchen aufge— 89 tragen, Sie zu wecken. Indeß ſeien Sie nicht verdrießlich, Madame. Es fehlen noch zehn Minuten an halb ſechs Uhr, ich laſſe Ihnen ſofort eine Droſchke rufen, Ihr Gepäck hinabſchaffen, bringe die Rechnung, und ehe alle Glocken der Stadt ſechs geſchlagen haben, ſind Sie am Hafen. Es erhob ſich nach Mitternacht ein arger Sturm, und obgleich es hell und ſonnig, haben wir doch einen ſehr windigen Tag. Ich glaube nicht, daß das Schiff ſchon fort iſt; bei ſolchem Sturme konnte der Kapitän die Abfahrt nicht wagen, denn zwiſchen Blankeneſe und Cuxhaben gibt es gefährliche Stellen, die Seeleute ſa gen, ſchlimmere als auf hoher See.“ Dieſe Worte ſtieß er ſchnell heraus, rief dazwiſchen dem Hausdiener und war ſo geſchäftig, daß Hermine wirklich ſchnell abfahren konnte und gleich nach ſechs Uhr am Hafen war, obgleich ſie ſich noch Zeit nahm, den Brief an Alfred in den Briefkaſten zu werfen. Ihr Erſtes war, einen Jollenführer nach dem Schiffe Columbine zu fragen, mit dem Erſuchen, ſie nebſt ihrem Gepäck an Vord zu bringen. Der Mann erwiderte höflicher und in beſſerem Deutſch, als man es in der Regel bei den Jollenführern findet: „Das wollte ich ganz gern, Madame, allein das Schiff Columbine, Kapitän Janſen, Steuermann Claas, iſt ſchon nach Mitternacht abgeſegelt; jedoch ein ebenſo 90„ gutes, ja, ich denke, ein noch beſſeres Schiff, George Re⸗ ginald, Kapitän Edgewood, Steuermann mein Vetter Böhme, geht in einer Viertelſtunde ab; an Platz wird es nicht fehlen, bezahlen können Sie auf dem Schiffe.“ Was blieb Herminen übrig? Sie nahm den Rath des Mannes an und ſtieg in das Fahrzeug, welches noch nicht voll beſetzt war. Der Kapitän, ein bejahrter, freundlicher Mann, bot ihr die beſte Kajüte an und verſicherte in einem treuher⸗ zigen Tone, daß ſie bei ihm aufgehoben ſein ſolle wie das Kind im Hauſe des Vaters. Hermine dankte ihm für die Verſicherung, dann nahm ſie den Brief von Frau Richter aus ihrer Taſche und las: „Liebſte Frau! Ein glücklicher Zufall ließ mich im Theater theuren Jugendfreunden begegnen. Ich bleibe nach Schluß der Oper bis gegen Mitternacht dort und gehe von der Wohnung meiner Freunde, welche ihr Haus nahe am Hafen haben, gleich an Bord. Kommen Sie zur beſtimmten Zeit auf die Columbine, wo ich Sie erwarten werde. Ihre Julie Richter.“ Als Hermine den Brief wieder zu ſich ſteckte, ſtund der Kapitän in ihrer Nähe; ſie erzählte ihm, wie un⸗ lieb es ihr ſei, die angenehme Reiſegefährtin entbehren zu müſſen. — — 91 „Glaub's wohl, meine Dame“, erwiderte der Kapi⸗ tän„aber ſo ungern ich Sie verliere, ſo will ich Ihnen doch den Troſt geben, mein Schiff iſt ein Schnellſegler, ein tüchtiges Schiff. Wir gehen jetzt ab und werden in zwei Stunden die alte wacklige Columbine in Sicht ha⸗ ben. Hahaha! Iſt das ein Schiff! Der Alterthums⸗ verein ſollte es ankaufen! Ja, ja, es iſt ſo, nicht nur mein Scherz. Ich rieth dem Kapitän zu warten, bis der Sturm ſich gelegt habe, denn wie weit kommt er bei ſolchem Wetter, wie es dieſe Nacht war? Aber er wollte durchaus fort, denn er mochte nicht haben, daß ich ſeinen Schneckengang anſehen ſollte. Bei Cuxhaven wer⸗ den wir ſie finden, da können Sie hinüberſteigen; Breter zum Ueberſteigen habe ich genug auf meinem Schiffe.“ Hermine war blaß geworden, der Kapitän ſah nicht wie ein Verleumder oder Spaßmacher aus.„Wie? Co⸗ lumbine iſt ein unbrauchbares Schiff? Wenn ein Unglück geſchehen wäre!“ „Nun, dieſe eine Fahrt hält es ſchon noch aus, wenn es ſonſt glücklich zwiſchen Blankeneſe und Curhaven über den Strudel kommt. Aber laſſen Sie ſich durch meine Rede nicht niederſchlagen; zum Klagen iſt noch immer Zeit, wenn wirklich ein Unglück geſchehen iſt. Uebrigens ſteht jeder Menſch in Gottes Schutz und es 92 geſchieht doch nur, was der Herr über den Sternen be⸗ ſchloſſen hat.“ Das Schiff ſetzte ſich in Bewegung, Hermine blickte, ſolange ſie konnte, auf den bunten, von Hunderten von Schiffen und kleinern Fahrzeugen belebten Hafen, auf die alte Stadt, welcher leider die Thürme fehlen, denn ſonſt würde ſie ſich ſchöner präſentiren; als aber die Stadt nicht mehr ſichtbar war, ſah ſie vorwärts, die Columbine zu erſpähen. Allein obgleich der George Reginald wie ein Pfeil dahinflog und mehr als ein Schiff hinter ſich zurückließ, ſo war die Columbine doch wohl kaum einzuholen, da ſie einige Stunden früher abgefahren war. Hermine, welche auf den Rath des Kapitäns in die Kajüte gegangen war und durch das Fenſter geſchaut hatte, ſtieg hinter Cuxhaven die Treppe hinauf, um auf dem Verdeck Luft zu ſchöpfen. Als ſie den Kapitän erblickte, welcher ernſt vor ſich niederſah, ſagte ſie betrübt:„Lieber Herr Kapitän, ich fürchte, wir holen die Columbine nicht mehr ein!“ „Das fürchte ich auch“, erwiderte er,„aber Sie ſind bei mir beſſer aufgehoben!“ Ohne Abenteuer ging ein Tag wie der andere da⸗ hin, und obgleich Herminen die erſten Tage von uner⸗ träglicher Länge ſchienen, ſo nahmen ſie doch, wie Alles auf Erden, auch ein Ende. 93 Von der Seekrankheit blieb ſie verſchont, einige gute Bücher hatte ſie bei ſich, läſtige Geſellſchafter blie⸗ hen ihr fern, da ihr ſtilles, zurückhaltendes Benehmen und die Nähe des Kapitäns die Paſſagiere des Schiffes von ihr abhielten, und der Gedanke, daß ſie den nächſten Verwandten ihres lieben Vaters ſehen ſollte, erhielt ſie immer bei gutem Muthe. Sie hoffte, weil ſie es wünſchte, daß ihr Oheim, der noch nicht ſehr alt war, wieder geneſen möge, daß ſie ihn aber nicht vergebens um Rath und Un⸗ terſtützung bitten würde. Das erhabene Schauſpiel, welches ſie auf dieſer Reiſe zum erſten Mal kennen lernte, die große, unüberſehbare See, machte einen tiefen, mächtigen Eindruck auf ſie, und die Unterredungen, welche ſie mit dem Kapitän hatte, waren für ſie ebenſo lehrreich als intereſſant. Als ſie ſich Neuyork näherten, nannte Hermine dem Kapitän den Namen ihres Oheims und freute ſich, von ihm zu hören, daß er ihm dem Namen nach wohl⸗ bekannt ſei. „Ah, Mr. Rainsdorf“, ſprach er lachend,„das iſt ein ſehr reicher Mann; er wohnt auf dem Broadwah, und das ſchöne Haus, welches ihm gehört, iſt noch nicht halb ſo prächtig wie ſein Landſitz. Da gratulire ich, denn Herr Rainsdorf hat keine Kinder; der arme Mann hat den einzigen Sohn begraben.“ 94 Herminens Angen füllten ſich mit Thränen; ſie ge⸗ hörte nicht zu den Naturen, welche ihr eigenes Wohl durch die Verluſte Anderer begründen wollen. An einem ſchönen Octobermorgen weckten Kano⸗ nenſchüſſe Hermine aus ihrem Schlummer; raſch ſprang ſie auf und kleidete ſich an. „Neuyork, da ſind wir!“ rief es auf dem Verdeck; Hermine verließ die Kajüte und erblickte mit Staunen das große, prachtvolle Neuyork vor ſich. Der Kapitän kam auf Hermine zu. „Da ſind wir, meine liebe Dame“ ſagte er freund⸗ lich.„Ich werde Ihnen meinen beſten Mann geben, um Sie durch das Getümmel ſicher zu Ihrem Oheim zu ge⸗ leiten; auch will ich mich, wenn Sie es erlauben, ſpäter nach Ihrem Wohlergehen erkundigen, und will's Gott, machen wir die Heimfahrt auch mit einander. Und nun, meine liebe Dame, Gott behüte ſie!“ Der wackere Mann drückte der jungen Frau herzlich die Hand, ſie erwiderte ebenſo aufrichtig den Druck und folgte ihrem Führer, der einen Wagen und ſich ₰ auf den Kutſchbock ſetzte. Hermine wandte ſich noch einmal um und grüßte mit ihrem Taſchentuche das Schiff; den K ſah ſie nicht mehr. 95 Als Hermine an jenem Abend, das Häuschen ver⸗ laſſen hatte, welches für ſie und Alfred ſo lange der Tempel reinſten Glücks geweſen, war letzterem zu Muthe, als ſei alle Freude ſeines Lebens von ihm gewichen, und mehr als einmal dachte er daran, ſie zurückzuho- len; noch war es ja möglich; aber immer wieder hielt ihn die Sorge für ihre und des kleinen Franz Zukunft davon ab. Niemals können Erziehung und Verhältniſſe das Naturell eines Menſchen ganz ändern, aber ebenſo we⸗ nig bleibt daſſelbe unberührt von ihren Einflüſſen. Alfred war in einem Schloſſe, als Sohn und Erbe eines reichen, angeſehenen Mannes geboren, ſeit Jahr⸗ hunderten hatten die Sternbergs bedeutenden Einfluß auf die Gegend, wo ihre Beſitzungen lagen, geübt, er hatte durch die Lebensweiſe ſeiner Kltern nicht nur die Ge⸗ nüſſe des Reichthums, ſondern auch die Segnungen deſ⸗ ſelben kennen gelernt, und es ſchmerzte ihn nicht nur, daß er ſich ſelbſt, ſeitdem er ſeine Güter verloren hatte, Vieles verſagen mußte, es that ihm auch weh, daß er Andern nichts mehr geben konnte. Oberflächliche Beobachter nehmen an, daß Dichter und Künſtler Geld und Gut wenig achten, daß ſie, weil ſie in der Phantaſiewelt leben, wenig Anſprüche an die wirkliche machen. Das iſt ein großer Irrthum, und er 96 beweiſt nur, wie wenig die Welt das eigentliche Weſen des Genies verſteht. Es gibt eine Sorte von Menſchen, welche einiges Talent beſitzen, aber nicht genug, um Großes in ihrem ſpeciellen Fache zu leiſten. Dieſe lieben eine unge⸗ bundene Lebensweiſe, und weil ſie zu träge zu ernſtem, ſtetem Arbeiten ſind, geberden ſie ſich wie Genies, denen alles Sorgen um die äußere Exiſtenz läſtig, ja kraft ihres Genies unmöglich iſt; ſie geben vor, bei der Theilung der Erde in Jupiter's Himmel geweſen zu ſein, aber die Muſen, welche den Sterblichen dahin geleiten, kommen nicht zu ſolchen oder führen ſie höchſtens in den Vor⸗ hof; diejenigen, welche wirklich darin waren, wie der große Dichter, welcher jenes Gedicht niederſchrieb, ſind immer auch fleißig und zu ſtolz, um Andern läſtig zu werden, ſei es durch ungeregelte Lebensweiſe, ſei es durch An ſprüche an den Beutel anderer Leute Aber eben weil ſo Wenige das Genie begreifen, gilt gar oft ein mittelmäßiges Talent dafür, wenn es liederlich und etwas verrückt iſt. Alfred war in hohem Grade genial, kenntnißreich; er hatte eine vortreffliche Erziehung genoſſen und ſich zu lange der goldenen Unabhängigkeit erfreut, um nicht den Ver⸗ luſt der großen Güter tiefer zu fühlen, als es den An⸗ ſchein hatte. daran, einen Theil der Gerichtskoſten ſeinem nächſten ½ 97 Aber nicht nur den Reichthum vermißte er Millio⸗ nen würde er mit leichterem Herzen verloren haben, als das Schloß ſeiner Väter, als die Wälder, welche von ſeinen Ahnen gepflanzt worden waren, als den Garten, den Park, in deren Schatten ſeine Altern gewandelt, als die freundlichen Dörfer, deren Btwohner ihn alle kannten und ihm zugethan waren. 2 Man beſpöttelt den Ahnenſtolz und doch iſt er der Vater edler Handlungen. Das kleine Wörtchen von braucht nicht vor dem Namen zu ſtehen. Jeder Menſch hat Vorfahren gehabt. Wer nun mit gerechtem Stolz auf die guten Thaten und ehrenwerthen Leiſtungen ſeiner Väter und Mütter zurückblicken kann, wird freudig bereit ſein, ihnen nachzuſtreben. Alfred hörte ſchon als Kind auf jedem Bauernhofe, in jeder Hütte die Herren und Frauen von Sternberg mit Dank und Ehrerbietung nennen. Jetzt war Schloß Sternberg Eigenthum jenes Vet⸗ ters, von dem er wenig Gutes vernommen hatte. Ob⸗ ſchon im Beſitz eines großen Vermögens, bevor ihm die Güter zngeſprochen wurden, dachte er doch nicht Verwandten abzunehmen, welcher unbemittelt und jeden⸗ falls, ſoweit es ſeine Perſon betraf, ganz unſchuldig an dieſem Rechtsſtreit war. Hahn, Das Dyenment. I. 7 98 Das Fräulein von Sternberg, des jetzigen Guts⸗ herrn Schweſter, beſaß ebenfalls bedeutendes und lebte bei ihrem Vormunde. Alfred dachte nicht gern daran, wie edel und ver⸗ ſtändig Hermine als Beſitzerin von Sternberg gewaltet haben würde, denn ſolche Vorſtellungen thaten ihm weh; wohl aber dachte er an ihre Zukunft, falls er früh und vor ihr aus der Welt gehen ſollte, und nur weil er ihr ein genußreiches Leben wünſchte, hatte er in ihre Reiſe gewilligt. Der Aufenthalt in dem Häuschen ohne Hermine war Alfred peinlich, deshalb beſchloß er, es ſo bald als möglich zu verlaſſen. Herminens erſter Brief von Hamburg aus war ihm ein Troſt. Er las ihn wieder und wieder. Alfred liebte in ſeiner Gattin nicht nur die junge ſchöne Frau, die Mutter ſeines Sohnes, er liebte in ihr den treueſten Freund, das Gemüth, den Geiſt, der ſein Weſen innig verſtand; er las auch in ihrer reinen Seele und wußte ſie zu würdigen. Es war nicht nur das Band der Ehe, das ihn an ſie kettete, es waren Bande der glühendſten Liebe, der tiefſten, unveränderlichſten Freundſchaft. Um die Schiffsnachrichten zu erhalten, hatte ſich Alfred den Hamburger Correſpondenten beſtellt, und — weshalb ſich Alfred die Zeitung beſtellt hatte. 90 jeden Morgen ſah er zuerſt nach dieſen Neuigkeiten, denn jetzt kümmerte ihn nichts weiter von dem, was draußen in der Welt borging. Er las:„Am 24. September nachts zwölf Uhr geht mit Paſſagieren und Gütern das Dampfſchiff Co⸗ lumbine nach Neuyork.“ „Gott geleite meine Hermine!“ war ſein Gebet. Zwei Tage ſpäter, als er ſchon für den nächſten Morgen ſeine Abreiſe feſtgeſetzt hatte, nahm er wieder die Zeitung zur Hand. Mit geſperrter Schrift ſtarrte ihm das Wort „Schiffsunglück“ entgegen. Seine Hände zitterten, es wurde ihm dunkel vor den Augen. Als Gertrud, welche im Nebenzimmer einen dum⸗ pfen Fall gehört hatte, bei Alfred eintrat, fand ſie ihren Herrn leblos am Boden liegen. Sie ſandte die taube Botin, welche eben da war, zum nächſten Arzte, beſprengte ihren guten Herrn mit kaltem Waſſer und bemühte ſich, ihn aufzurichten. Dann nahm ſie die Zeitung auf, welche am Boden lag, denn umſichtig wie Gertrud war, vermuthete ſie, daß eine ſchreckliche Nachricht mit dem Unfall ihres Herrn in Ver⸗ bindung ſtehe; ſie war nicht ohne Bildung und wußte, 7* 100 Auch ſie wurde todtenbleich, auch ihre Hand zitterte, als ſie jetzt las: „Am 24. September morgens zwiſchen drei und vier Uhr ging das Schiff des reichen Rheders Waldberger in Hamburg zwiſchen Blankeneſe und Curhaven unter. Ob der Sturm alleinige Urſache dieſes ſchrecklichen Unfalls iſt, oder ob das Schiff, welches ſchon alt geweſen ſein ſoll, einen Leck hatte, iſt noch nicht ausgemittelt worden, indem ſich der höchſt ſeltene Fall ereignete, daß nicht ein Mann mit dem Leben davonkam, obgleich Kapitän und Steuermann als gute Schwimmer bekannt waren. Der Strudel muß beide erfaßt haben; man erzählt, daß ſich unter den Paſſagieren auch eine junge Frau befunden habe, welche zu Verwandten in Neuyork zu reiſen ge⸗ dachte. Vergebens bemühte man ſich bisher, die Leich⸗ name aufzufinden. „Meine arme, gute Herrin!“ ſchluchzte die treue Gertrud und warf ſich, Gott um Kraft anflehend, auf ihre Kniee. Vor einem anſehnlichen Hauſe auf dem Broadway, bekanntlich die größte und ſchönſte Straße Neuyorks. hielt Herminens Wagen anz mit klopfendem Herzen ſtieg 101 ſie aus, der Diener des Schiffskapitäns half dem Kut⸗ ſcher ihr Gepäck abladen und verließ ſie, nachdem er an die Thür des Hauſes angepocht hatte, mit einem höflichen Gruße. Jetzt wurde von innen die Thür geöffnet; ein be⸗ jahrter Diener in grauer Livree ſagte reſpectvoll in gutem Engliſch:„Wahrſcheinlich Frau Stern?“ und als Hermine dieſe Frage bejahte, bat er ſie, ihm zu folgen. In dem mit koſtbaren Teppichen belegten Hauſe herrſchte die tiefſte Stille; es war, als ſei es ganz unbewohnt. Frau Stern fragte mit leiſer Stimme nach dem Befinden ihres Oheims, und es wurde ihr etwas leichter um das Herz, als der Diener erwiderte:„Heute geht es mit dem Herrn etwas beſſer, und ſobald er erwacht iſt, werde ich ihm die Ankunft von Madame melden. Herr von Rainsdorf erwartet Sie bereits ſeit zwei Ta⸗ gen, und wird ſich ſehr freuen, Sie zu ſehen, Madame.“ Jetzt öffnete der Diener ein geräumiges, mit allem nur möglichen Comfort berſehenes Zimmer, bemerkte, daß ſein Gebieter dieſes und die beiden links gelegenen Ge⸗ mächer für ſie beſtimmt habe, und fragte, ob ſie Er⸗ friſchungen befehle und ob er ihr ſogleich eine Dienerin ſchicken ſolle. „Wiſſen Sie, ob vielleicht Briefe aus Deutſchland für mich eingetroffen ſind?“ fragte ſie dagegen. 102 „Zu Befehl, ich habe ſie in Empfang genommen und bei mir.“ Mit Freuden nahm Hermine drei Briefe, welche der Diener aus ſeinem Taſchenbuche zog; ſie waren, wie die Handſchrift kund gab, von ihrem theuren Alfred. Her⸗ mine ſagte dem Diener, daß er in einer halben Stunde ihr ein Mädchen ſchicken möge, und als ſie ſich allein ſah, riegelte ſie die Thür des Zimmers zu und vertiefte ſich mit ganzer Seele in die Briefe. Im Nebenzimmer rechter Hand befanden ſich zu der⸗ ſelben Zeit zwei Perſonen im angelegentlichſten Geſpräche, die Haushälterin des Hausherrn und ihr Sohn, der erſte Buchhalter des reichen Mannes, welcher ſein großes Ver⸗ mögen im Handel erworben hatte, es aber doch nicht unterließ, ſich von Rainsdorf zu ſchreiben, da er recht wohl wußte, daß die Amerikaner den deutſchen Adel wie überhaupt den europäiſchen Adel nicht gering achten. Anfangs wurde die Unterredung leiſe geführt, ſo— daß Hermine nicht dadurch geſtört wurde, jetzt aber hörte ſie eine tiefe Männerſtimme in engliſcher Sprache ſagen: „Und warum, Mama, warum ſoll ich an der Ankunft dieſer fatalen Nichte ſchuld ſein?“ „Natürlich, warum beſorgteſt Du den Brief zur poſt?“ „Weil es mir Herr von Rainsdorf in Gegenwart des alten Richard auftrug und weil ich wußte, daß derf 3 Herr auch an ein bremer Handelshaus Ordre gegeben hatte, an Frau Stern zu ſchreiben.“ „Und glaubſt Du, daß er ihr wirklich Alles, Alles hinterlaſſen, mich, ſeine ſorgliche Pflegerin, Dich, ſeinen treuen, tüchtigen Beiſtand, mit miſerabeln Legaten ab⸗ ſpeiſen wird?“ „Wahrſcheinlich, die Frau müßte ihm denn mißfallen!“ „Es iſt hart, ein großes Vermögen wegen einer Perſon verlieren zu ſollen, welche dem Herrn im Grunde ganz fremd iſt, die niemals etwas für ihn that. Wenn ſie noch ledig wäre, könnteſt Du Dich um ſie bewerben oder den Alten beſtimmen, daß er im Teſtamente ihr zur Pflicht machte, Dir die Hand zu geben, aber wie ich höre, iſt ſie verheirathet.“ „Das kümmert mich wenig“, ſagte energiſch der Mann.„Ich will ein Weib haben, das mir gefällt, und was ſollte ich für ein Glück mit dieſer Deutſchen haben, die vielleicht häßlich iſt und kein Wort Engliſch verſteht? Geld iſt viel werth, aber nicht Alles; ich wünſche es mir nicht nur, um als reicher Mann leben zu können, ich wünſche es mir auch, um unter den ſchönſten, feinſten Frauen die Wahl zu haben. Ein Mann ohne Vermögen kommt bei ſchönen Frauen gar nicht in Betracht!“. „Lyonel, Deine Neigung zu ſchönen Frauen macht mir Sorge, ſie iſt eine Thorheit; wenn Du nicht etwas 104 Bedeutendes von Herrn von Rainsdorf erbſt, wäre es klug von Dir, Dich um Miſtreß Stephenſon zu bewer⸗ ben. Sie iſt die reichſte Wittwe dieſes Diſtricts, iſt—“ „Bitte, laſſen Sie uns über dieſe Frau nicht mehr ſtreiten, ſie mißfällt mir, und ich heirathe ſie nicht. Sie ſind eine echte Amerikanerin und halten Geld für das Höchſte; ich habe auch von dem ſpaniſchen Blute meines Vaters in den Adern, ich will auch das Glück kennen, von dem die Dichter ſingen und welches jeder Menſch, der Sinn für das Schöne hat, einmal im Leben genießt.“ „Und dieſe deutſche Frau ſoll Dich nicht darum bringen! Ich will nicht Ellen Camara heißen, wenn ich ſie nicht dem alten Herrn verhaßt mache, ich will ſchon für Dich ſorgen, mein Sohn.“ „Das wird gut ſein, Mutter, denn beim Jupiter, ich haſſe dieſes Weib, bevor ich es geſehen habe!“ Hierauf vernahm Hermine kein Wort mehr; ſie las und ſchrieb fertig Engliſch, allein ſie hatte es nicht oft genug ge⸗ hört, um jedes Wort verſtehen zu können, auch ſprach die Frau den echten ordinären neuyorker Dialekt; den. noch hatte ſie wider Willen mehr gehört, als ihrer Ruhe zuträglich war; ſie wußte jetzt, daß ſie in ihrer nächſten Umgebung Perſonen hatte, von welchen ſie gehaßt wurde. Ein junges, freundlich ausſehendes Madchen trat 105 jetzt ein, verneigte ſich und bot ihre Dienſte in gutem Deutſch an. „Sie ſind eine Deutſche?“ fragte etwas erleichtert Hermine. „Zu dienen, gnädige Frau, eine Oeſterreicherin!“ „Eine Heſterreicherin? Und wie kamen Sie hieher?“ „Das iſt eine traurige Geſchichte“, erwiderte das Mädchen und zerdrückte Thränen in ihren Augen.„Mein Bräutigam, mein lieber Joſeph, kam in den Herbſttagen des Jahres 1849 um; da ward mir Wien, wo ich lebte, zuwider. Meine Altern ſind ſchon lange todt. Ich wollte fort, in eine Gegend, wo ich nicht täglich an mein verlo⸗ renes Glück erinnert würde, und da zu jener Zeit manche Familie aus politiſchen Urſachen die Heimat verließ, ging ich mit einer Herrſchaft über das Meer. Meine Dame ſtarb hier in Neuyork am Heimweh, mein Herr reiſte tiefer in das Land hinein. Hier, im Hauſe des Herrn von Rainsdorf, ward ein Stubenmädchen geſucht, und ſo bin ich nun ſchon einige Jahre hier.“ „Und gefällt es Ihnen hier, liebes Kind?“ fragte Hermine. „Warum nicht? Ich bekomme guten Lohn und habe nicht zu viel Arbeit, und recht froh werde ich doch nirgends wieder. Dennoch bleibe ich nur noch ſo lange, bis Herr von Rainsdorf geſtorben iſt; er hat mir ein kleines „ 106 Legat verſprochen, und iſt mir dieſes ausgezahlt, kehre ich nach Deutſchland zurück. Ich habe hier keine Noth ge⸗ litten, aber ich kann mich mit den Amerikanern nicht befreunden; ich will allerdings nicht wieder nach Wien zurück, aber doch nach Heſterreich; es gibt kein zweites Land, ſo traut, ſo ſchön, ſo lieb!“ „Glauben Sie nicht, daß Herr von Rainsdorf wie⸗ derhergeſtellt wird?“ „Unmöglich, die Aerzte haben ihn längſt aufgegeben; er leidet an einem unheilbaren Lungenübel.“ „Hat er nicht Sehnſucht nach der Heimat?“ „Zuweilen, aber wenn ich ihm ſage:„Reiſen der gnä⸗ dige Herr doch heim!“ gibt er mir zur Antwort:„Nein, Nanni, es iſt ſeitdem in Deutſchland Alles anders ge⸗ worden, und meinen Bruder finde ich auch nicht mehr.“ Während dieſes Geſprächs war Nanni der Frau Stern behülflich, ihre Toilette zu machen; dann entfernte ſie ſich, um gleich darauf mit einem Frühſtück zurückzu⸗ kehren, das aus Thee, gebratenem Fiſch, kaltem Fleiſch und Weißbrod, Eiern und friſcher Butter beſtand. „Sie werden wohl thun, gnädige Frau, reichlich zu frühſtücken, denn vor ſieben Uhr wird hier im Hauſe nicht dinirt, und es iſt eben zwölf Uhr“ ſagte das Mädchen. Hermine nickte ihr freundlich zu und folgte dieſem Rathe. „Wer leitet das Hausweſenmeines Oheims?“ fragte ſie. „Frau Camara, eine Amerikanerin. O, das iſt eine kluge Dame! Sie gibt vor, ihr Sohn, obgleich in Neu⸗ hork geboren, ſei eigentlich ein ſpaniſcher Edelmann. Obgleich der Herr ſie hoch beſoldet, hat ſie ſich doch ſo zu ſtellen gewußt, daß ſie Herrin im Hauſe iſt und der Herr ſelbſt ihr Alles, was er wünſcht, bittend ſagt.“ Leiſes Klopfen an der Thür unterbrach dieſes Ge⸗ ſpräch; der alte Diener kam, Hermine zu ihrem Oheim einzuladen. Nicht ohne Zagen folgte ſie ihm. Sie erinnerte ſich lebhaft des Tages, an welchem ſie in Schloß Kalten⸗ ſtein zu ihrer Tante beſchieden worden war; damals war ſie noch ein halbes Kind, voll Hoffnungen, und ſie wußte nicht, was ſie jetzt wußte, daß zwei Perſonen in des Oheims Hauſe ſie haßten. Am Ende eines langen, etwas düſtern Ganges ſtand der Diener ſtill, öffnete eine Thür, und Hermine ſah ſich in einem eleganten Kabinet, deſſen Behaglichkeit durch ein loderndes Kaminfeuer und prächtige Blumen auf einem großen Geſtell bedeutend vermehrt wurde. Eine Frau von vielleicht fünfzig Jahren, groß, blond und noch immer hübſch, ſehr ſorgfältig gekleidet, machte ihr eine ſteife Verbeugung und flüſterte:„Haben Sie ſich von der Reiſe erholt, und darf ich Sie jetzt zu Herrn von Rainsdorf führen, Mrs. Stern?“ 108 Hermine erwiderte die Begrüßung und nickte mit dem Kopfe; die Frau glitt leiſe über den dicken Teppich in das Nebenzimmer, Hermine folgte ihr. In einem Lehn⸗ ſtuhl ſaß ein bleicher, hagerer Mann; aber obgleich er dicht am Kamine ſaß, in welchem es faſt noch heller brannte als in dem des Kabinets, ſchien er doch zu frieren, denn er zog ſeinen grünen Sammetſchlafrock, der mit Pelz beſetzt war, dichter zuſammen. Mit ungemein leiſer Stimme, welche etwas ſüßlich klang, ſagte die Frau:„Mein theurer Herr, Frau Stern iſt hier.“ Der Kranke wandte den Kopf nach Hermine und ſagte:„Biſt Du endlich da, mein Kind? Tritt näher, damit ich Dich ſehe.“ Hermine, der Regung ihres weichen Her⸗ zens folgend, kniete vor ihm nieder und führte ſeine hagere, fiebernde Hand an ihre Lippen. Er legte ſeine linke Hand wohlwollend auf ihren Scheitel und ſagte in deutſcher Sprache:„Du gleichſt Deiner Mutter, mehr aber noch Deinem Vater, meinem Bruder, beſonders im Profil. Sei mir willkommen, und 8 es Dir hier gefallen!“ B„Wie befinden Sie ſich, beſter Oheim?“ fragte die junge Frau mit herzlicher Innigkeit. Er lächelte.„Heute leichter; ich huſte wohl noch, aber der Bruſtſchmerz hat ſeit einigen Tagen nachgelaſſen.“ 109 „Ich höre, Neuyork ſoll im Winter ſehr kalt ſein; es geht zum Herbſt, thäten Sie nicht gut, lieber Oheim, nach Italien zu reiſen, oder nach Madeira für die Win⸗ termonate?“ „Mein Arzt meint, ich ſei beſſer hier aufgehoben!“ Hermine ſchwieg, aber unwillkürlich ſchüttelte ſie den Kopf. „Gewiß, mein Kind, mein Arzt iſt ſehr tüchtig, und an guter Pflege hat es mir nicht gefehlt; jetzt ſoll Dein liebes junges Geſicht mein Herz erquicken. Ich hätte Dich eher zu mir rufen ſollen. Ach, wie Vieles thut der Menſch zu ſpät! Du biſt verheirathet, biſt Du glücklich?“ „Sehr, ſehr, theurer Oheim“, rief Hermine mit Innigkeit. Jetzt trat Mrs. Camara wieder in das Zimmer und ſagte wieder in demſelben leiſen Tone, indem ſie bittend die Hände zuſammenfaltete:„O mein theurer Herr, ſprechen Sie nicht ſo viel!“ und zu Herminen gewandt, fuhr ſie etwas vorwurfsvoll fort:„Madame hätten den guten Herrn nicht ſollen ſo viel reden laſſen; Aufregun⸗ gen find ihm ſchädlich. Freilich“ fügte ſie lächelnd hinzu, „find Sie noch jung und unerfahren und können ſich auf Krankenpflege nicht ſo verſtehen wie ältere Perſonen.“ „Schelten Sie meine Nichte nicht“ ſagte der Kranke, nach Worten heftig huſtend. Mrs. Camara unter⸗ 110 ſtützte den armen Mann, wobei ſie, ohne daß er es merkte, Herminen einen zweiten, noch vorwurfsvollern Blick zu⸗ warf. Die junge Frau, darüber ſehr betroffen, erröthete und trat einen Schritt zurück. Als der Huſtenanfall vorüber war, winkte Mrs. Camara Herminen, ſich zurückzuziehen, doch Herr von Rainsdorf bemerkte es.„Ich weiß, Mrs. Camara, Sie meinen es gut“, ſagte er mit matter Stimme,„allein ich wünſche, daß meine Nichte um mich bleibt; ich ver⸗ ſpreche Ihnen, nicht mehr zu reden, Hermine ſoll ſich zu mir ſetzen und mir in ihrer und meiner Mut. terſprache von Deutſchland erzählen und von ihren Kin⸗ derjahren.“ Dieſem Verlangen konnte ſich Mrs. Camara nicht widerſetzen. Sie verſtand kein Deutſch, folglich gab es für ſie wenig zu erlauſchen; da aber doch leicht wieder ein Huſtenanfall kommen konnte und ſie nicht wollte, daß Hermine dem Oheim irgend einen Dienſt leiſtete, zog ſie ſich, ein Andachtsbuch in der Hand haltend, in eine Fenſterniſche zurück und warf von Zeit zu Zeit einen ſpähenden Blick auf die junge, ihr ſo verhaßte Deutſche, welche in den dem Kranken ſo ſüßen Lauten der Mutterſprache ihm von ihrem Voter, der theuern Mutter, dem Leben auf Schloß Kaltenſtein erzählte. Der arme Mann lebte in der Nähe liebens. 1 ob 111 würdigen Weſens ganz auf; geduldig nahm er von Zeit zu Zeit die Arznei, welche Mrs. Camara ihm reichte, und wandte ſich dann wieder zu Herminen. Mehrere Stunden waren ihm auf das angenehmſte vergangen, wie er verſicherte, als er endlich Mrs. Camara erſuchte, ihm den Diener zu ſchicken, weil er zu Bett ge⸗ bracht ſein wollte. „Adieu, mein liebes Kind, Adieu für heute, morgen werde ich Dich zeitig zu mir rufen laſſen; ich hoffe, Du wirſt Dich bald hier heimiſch fühlen. Mrs. Camara, ich bitte Sie, meiner Nichte in Allem gefällig zu ſein“, ſagte freundlich der Hausherr. „Zweifeln Sie nicht, Herr von Rainsdorf“, erwi⸗ derte Mrs. Camara. Hermine begab ſich nach ihrem Zimmer; dort ſchrieb ſie einen langen Brief an ihren Gatten, in welchem ſie ihre glückliche Ankunft im Hauſe des Oheims meldete und dieſen ſelbſt ſowie ſeine Umgebung ſchilderte. Ueber das Geſpräch, deſſen unfreiwillige Zeugin ſie geweſen war, ſchwieg ſie. Ihr Schreiben war beendet und geſiegelt, als das Kammermädchen ſie zum Diner rief, mit der Bemerkung, daß ſie der Dame den Weg nach dem Speiſeſalon zei⸗ gen wolle. Als Hermine in den höchſt geſchmackvollen Salon 5 112 trat, der, von Blumendüften durchwürzt, von mildem Lampenlicht erhellt, einen einladenden Anblick bot, kam ihr Mrs. Camara in eleganter Toilette entgegen. Der Tiſch, funkelnd von ſilbernen und blinkenden Glasgeſchirren, war für drei Perſonen gedeckt. „Einem Kranken muß man verzeihen, wenn er ſelbſt das Nothwendige vergißt“, ſagte die Frau mit ſteifer Artigkeit.„Ich muß mich Ihnen alſo ſelbſt vorſtellen als langjährige Freundin und Fflegerin Ihres Oheims; ich war ſchon bei der verſtorbenen Frau von Rainsdorf im Hauſe, die meine Jugendgeſpielin war. Man nennt mich nach nordamerikaniſcher Sitte Mrs. Camara, aber mein dahingeſchiedener Gatte hieß eigentlich Don Diego de Camara; der Vater deſſelben war ein ſpaniſcher Edel⸗ mann; er war Oberſt in ſpaniſchen Dienſten geweſen, politiſche Verhältniſſe hatten ihm ſeine Heimat ver⸗ leidet.“ „Waren Sie jemals in Spanien?“ fragte Her⸗ mine höflich. 3 „Nein, Madame, ich bin in Neuyork geboren und habe es, kurze Reiſen abgerechnet, niemals verlaſſen. Ich kann mir nicht vorſtellen, daß es anderswo nur halb ſo ſchön ſein kann, weder in Europa, noch im Süden. Es muß doch auch ſo ſein“, fuhr ſie, den Kopf hoch⸗ müthig zurückwerfend, fort;„denn aus allen Weltgegenden kommen Menſchen zu uns her gewandert und ſuchen und finden ihr Glück!“ Hermine ſchwieg zu dieſer Bemerkung. Mrs. Camara nahm eine ſilberne Handglocke, ſetzte ſie in Bewegung und ſagte dem eintretenden Diener: „Tragen Sie die Speiſen auf!“ Zu Herminen gewandt, ſprach ſie:„Mein Sohn, ſonſt die Pünktlichkeit ſelbſt, läßt heute auf ſich warten. Nun, ſo ſpeiſen wir ohne ihn. Sie werden Hunger haben von dem vielen Erzählen; ich geſtehe, ich habe ebenfalls Appetit; wenn man einem Kranken gut beiſtehen ſoll, muß man ſich ſelbſt bei Kräften zu erhalten ſuchen.“ Der Diener trat ein, die Damen nahmen Platz, ſchon begann Mrs. Camara den Fiſch zu zerlegen, als die Thür etwas geräuſchvoll aufgemacht wurde und ein junger Mann erſchien. „Verzeihung, Mama“ ſagte er, als ob er Hermine nicht bemerke,„ich ließ Dich warten, doch ich ſehe, Du haſt nicht gewartet“, und ungenirt nahm er an ihrer Mrs. Camara beſaß zu viel Takt, um das Beneh⸗ men ihres Sohnes offen zu billigen, obgleich ſie inner⸗ lich ihre Freude daran hatte. „Ei, ei, wie zerſtreut, Lyonel“, ſagte ſie lachend. „Siehſt Du denn nicht, daß ich hier einen Gaſt habe? Hahn, Das Document. J. 8 114 Erlauben Sie mir, Madame, Ihnen meinen Sohn, Mr. Camara, vorzuſtellen, den Geſchäftsführer Ihres Oheims, deſſen rechte Hand er ſeit vier Jahren iſt und welcher ihn bisher wie ſeinen Sohn liebte.“ Der junge Mann ſagte nichts und ſchien ſitzen blei⸗ ben zu wollen; da er aber doch nicht ohne Neugier war, warf er einen Blick über die Blumenvaſe, welche ihm bisher Herminens Geſicht verborgen hatte, und begeg⸗ nete einem Augenpaar von wundervoller Schönheit. Eine helle Röthe überzog ſein regelmäßig ſchönes, aber etwas hartes Geſicht; ſchnell erhob er ſich vom Stuhle und ſagte mit einer tiefen Verbeugung:„Ver⸗ zeihung, o Verzeihung, Madame! Meine Mutter hat Recht, ich ſchien zerſtreut, war aber in eine Rechnung vertieft; wir Kaufleute ſind unglückliche Menſchen, wir müſſen oft rechnen, wo wir lieber Poeſie und Schönheit bewundern möchten.“ Hermine machte eine leichte Verbeugung und ant⸗ wortete nicht. Lyonel ſuchte die junge Dame, deren heit ihn auf den erſten Blick bezaubert hatte chen zu bringen, indem er ihr Speiſen offe fragte, von welchem Weine ſie befehle, erhielt jedoch nur einige leiſe geſprochene Worte, wie:„Ich danke!“ oder: „Ich bitte darum!“ zur Antwort.* 115 Mrs. Camara fand es für gut, von ihrer verſtor⸗ benen Freundin, der Frau von Rainsdorf, viel zu erzäh⸗ len, von dem Sohne des Hauſes, welcher binnen weni⸗ gen Monaten an der Schwindſucht geſtorben ſei, die er von der Mutter geerbt hätte, wie die Welt ſie ſelbſt ſchon als zweite Frau von Rainsdorf geſehen habe, wie ſie aber noch immer den theuren, früh verſtor⸗ benen Gatten tief betrauere. Sie führte ihr Taſchen⸗ tuch an die Augen, und Hermine, die grundgute Her⸗ mine war gerührt. Lyonel ließ ſeine Mutter reden; er war glücklich in dem Anſchauen der ſchönen Frau, deren wärmſter Be⸗ wunderer er bereits geworden war. Endlich, als der Nachtiſch aufgetragen wurde, machte Mrs. Camara eine Pauſe, und Lhonel gewann Zeit, Her. minen zu ſagen:„Herr von Rainsdorf iſt leider zu krank, um Ihnen als Führer dienen zu können, allein wenn Sie, meine Dame, meine Begleitung nicht verſchmähen wollten, würde ich mich geehrt und glücklich fühlen, Ihnen zu heigen, was Neuyork Ihnen Intereſſantes und Schö- nes bieten kann.“ dante, erwiderte Hermine, die es nicht für paſſend fand, am Arme eines fremden jungen Mannes die große Stadt zu durchwandern,„aber wenn Sie auf der Poſt nach Briefen für mich fragen laſſen wollten— 8* 116 ich bin ſo geängſtet— mein Mann verſprach mir oft zu ſchreiben—“ „Augenblicklich ſoll nachgefragt werden“, erwiderte Lyonel.„Seien Sie aber ganz unbeſorgt, zuwe ilen bleibt ein Schiff einige Tage länger auf der See, als man glaubt. Ich will jedoch ſofort auf die Poſt ſenden, und wenn Sie Briefe fortſchicken wollen, ſo werden ſie durch mich auf das pünktlichſte Sſ werden, mein Wort darauf!“ Hermine ſah ihn jetzt mit dankbarem Lächeln an und gab ihm den Brief an ihren Gatten. Lyonel ſteckte ihn zu ſich und verließ das Zimmer, nachdem er ſich tief verbeugt hatte. Spät abends, als Hermine ſchon im Nachtkleide war und eben beſchäftigt, ihr langes Haar aufzuſtecken, klopfte es an die Thür; ſie, glaubend, es ſei das Mäd⸗ chen, welches vielleicht im Auftrage des Kranken komme, ſchob raſch den Riegel zurück; Lyonel ſtand vor ihr. Ein Schrei entſchlüpfte ihrem Munde. „Verzeihen Sie, Madame, wenn ich Sie habe“, ſagte Mr. Camara im ſanfteſten Ton im Hauſe ſchläft ſchon bis auf den Portier, 3 r ſo eben den Brief zu mir; ich wollte Ihnen eine ſch loſe Nacht in eine ruhige verwandeln. Verzeihen Sie.“ Und ſich nochmals tief verbeugend, verließ er das N7 Gemach, doch entging ihm der freundliche Dankesblick nicht, den ſie ihm zuwarf. Während Hermine in ihrem Zimmer den lieben, theuern Brief ihres Alfred, welchen er den Tag, bevor er die Schreckenskunde erhielt, abgeſandt hatte, an die Lippen drückte und dann las und wieder las, ſaß Lyonel in ſeinem Kabinet, neben ſich ein engliſch deutſches Wör⸗ terbuch, um Herminens Brief an ihren Gatten zu ent⸗ ziffern. Er wollte das ihm anvertraute Schreiben ab⸗ ſenden, denn er war nicht ſo herzlos und unehrenhaft wie ſeine Mutter, welche gegebene Verſprechungen nur hielt, wenn ſie ſich davon Vortheil verſprach, aber er wollte Herminens Charakter kennen lernen; er wollte ergründen, ob ſie ihren Gemahl liebte, wie er ſie, denn Alfred's Brief an Hermine war ebenfalls von ihm geleſen worden, ehe er ihn in ihre Hände gelegt hatte. Lyonel ſprach nicht viel Deutſch, allein er hatte ge⸗ nug von der Sprache gelernt, um mit Hülfe des Wör⸗ terbuchs Alles zu verſtehen. Lyonel Camara hatte noch keine Deutſche, welche durch Stand und Bildung auf den Namen Dame An⸗ ſpruch hatte, kennen gelernt; deshalb war Herminens Ausdrucksweiſe ihm ganz neu; ſie war ſo ganz verſchie. den von der Art und Weiſe, in welcher Nordamerika⸗ 118 nerinnen oder die Frauen des Südens zu den Männern reden, welche ſie lieben. Und Hermine war eine Ehefrau, länger als zwei Jahre mit dem Manne verbunden, den Lyonel um die keuſche, tiefe, warme Liebe dieſes wunderſchönen Weibes glühend beneidete. Wäre Hermine ein armes Mädchen geweſen, ſo würde Mr. Camara einen Liebeshandel mit ihr anzu⸗ fangen geſucht haben, ohne dabei im entfernteſten an Ehe zu denken. Hätte er in ihr eine reiche, junge, le— dige Dame geſehen, er würde ſich, ſterblich verliebt, um ſie bemüht, kein Mittel verſchmäht haben, um ihre Hand zu erhalten; jetzt ſah er in Herminen eine ſchöne, geiſt⸗ volle, zartfühlende Dame vom beſten Ton, zugleich die Erbin Rainsdorf's, aber für ihn unerreichbar; natürlich fachten dieſe Hinderniſſe bei ſeinem energiſchen, thatkräf⸗ tigen Charakter die Liebe zu ihr zur höchſten Leiden⸗ ſchaft in ſeinem Herzen an. Lyonel Camara war nicht der Mann, der etwas aufgab, deſſen Erreichung er nicht unter die keiten zählen mußte. Er hatte in Rainsdorf's Hauſe von Schiler ge. hört, in deſſen Werken geleſen, wo ihm beſonders der Spruch ſehr gefallen hatte:„Ich gebe nichts verloren als die Todten!“ 119 Dieſen Spruch recitirte er jetzt mit Enthuſiasmus in der Stille ſeines Zimmers, und Lyonel Camara gab ſich den Hoffnungen hin, welche ſo oft den Menſchen noch mehr beglücken als eine Wirklichkeit, welche alle Jugend⸗ träume realifirt hat. Am andern Morgen machte Lyonel dem kranken Hausherrn, wie täglich geſchah, ſeinen Beſuch. Er ſprach mit warmer Bewunderung, aber dabei ſehr beſcheiden über Frau Stern und gewann dadurch das Herz des alten Mannes in hohem Grade. „Es iſt edel von Ihnen, mein lieber Lyonel“, ſagte Herr von Rainsdorf,„daß Sie eine Frau rühmen und bewundern, ohne deren Hierſein Sie der Haupterbe mei⸗ nes Vermögens ſein würden; indeſſen ein Kapital zur BGründung eines anſtändigen Geſchäftes bleibt Ihnen.“ „O ſprechen Sie nicht ſo, mein theurer Herr! Sie werden geneſen—“ „Zuweilen hoffe ich es, aber der Huſten—“ Als der Anfall vorüber war, fuhr Herr von Rains⸗ dorf fort:„Es beruhigt mich, zu wiſſen, daß Sie meiner Nichte beiſtehen werden, wenn ich todt bin. Sie wer⸗ den, da Frau Stern zurück nach Deutſchland geht, ſo⸗ bald ich beerdigt bin, ihr behülflich ſein—“ „Gewiß, gewiß, aber laſſen Sie ſolche aufregende Ge⸗ ſpräche, ſie verzögern Ihre Geneſung, an die ich feſt glaube.“ * 120 Herr von Rainsdorf ſchwieg, aber ſein ungläubi⸗ ges Lächeln ſagte mehr, als Worte vermögen. Auch dieſen Tag blieb Hermine mehrere Stunden bei dem Oheim, erzählte ihm, ſang ihm vor und machte ihm, wie er freundlich ſagte, das Krankſein leicht. „Ich habe mich um viele genußreiche Jahre ge⸗ bracht“, ſagte er langſam.„Ich hätte Deine gute Mutter als Wittwe und Dich, mein Kind, zu mir rufen ſollen. Ich war nicht dazu geſchaffen, als armer Edelmann in Deutſchland zu leben, mich als Offizier oder Kammer⸗ junker eines Prinzen zu geniren, ich wollte ein bewegtes Leben und Lebensgenuß. Ich verſtand meine Zeit und wurde Kaufmann, durch meine Verbindung mit einer Nordamerikanerin der Eidam und Compagnon eines rei⸗ chen Mannes. Meine Frau war reich, folglich anſpruchs⸗ voll, einige Jahre reizend, dann zehn Jahre krank. Ich hatte ein eigenes Kind da vergaß ich die Heimat und meine Verwandten!“ „O theurer Oheim, warum klagen Sie allein ſich an? Meine gute Mutter, ich, wir Ihnen ge⸗ ſchrieben?“ „Liebes Kind, Ihr wart arm, ich 6 allein Du haſt Recht, zu was dient unfruchtbare Reue! Aber meine Erbin ſollſt Du werden, ich will zu Deinem Glücke bei— tragen.“ 121 „Leben Sie für mich, beſter Oheim, reiſen Sie fort aus dieſer großen nur von Handel und Erwerb reden⸗ den Stadt; in Italien—“ „Ich weiß, jeder Deutſche träumt, daß Italien Wunder thut. Nun, ich will den letzten Verſuch wagen. Jetzt ſtürmt es allzuſehr, aber ſobald es ruhiger auf der See wird, gehen wir zuſammen in das ſchöne Land, und Dein Mann, Dein Sohn ſollen zu mir kommen, ich habe genug für uns alle.“ Hermine blickte den Oheim dankbar an; wie ſchön dachte ſie ſich die Zukunft! Aber es ſtürmte fort und fort auf der See, und die Winde wirkten auch ſehr nachtheilig auf den Kran— ken. Wenn Hermine zu dem Arzte vom Reiſen nach Italien ſprach, zuckte er die Achſeln, Herr von Rains— dorf ſelbſt redete nicht mehr davon, aber immer ſah er Hermine gern bei ſich und freute ſich, zu bemerken, daß Mrs. Camara und Lyonel für die junge Frau aufrich⸗ tige Hochachtung und Ergebenheit zu fühlen ſchienen. Herminens Brief ward einige Tage ſpäter von Mr. Camara einem Diener des Hauſes zur Beſorgung über⸗ geben mit der Bemerkung, ihn in den Briefkaſten zu werfen; der Brief war beſorgt ob er unfrankirt auch nach Deutſchland befördert wurde, danach fragte der junge Herr nicht. Er pflegte Briefe an deutſche Kauf⸗ 122 leute ſtets zu frankiren, dieſen überließ er ſeinem Schick⸗ ſal. Er trug jedoch einem in Deutſchland lebenden Ge⸗ ſchäftsfreunde auf, ſich nach dem ihm aus verſchiedenen Gründen intereſſanten Doctor Alfred Stern zu erkundi⸗ gen, welcher unweit Bingen am Rheine gewohnt habe, und erhielt ſpäter eine Antwort, welche ihn auf das höchſte überraſchte, aber auch befriedigte und ſeinen Plä⸗ nen größern Spielraum gab. Hermine verlebte indeß einen Tag wie den andern. Sie ſchrieb täglich an ihrem Tagebuche, gab alle Wochen Mr. Camara zwei Briefe zur Beſorgung und brachte mehrere Stunden des Tages am Krankenbette ihres Oheims zu, den ſie erheiterte und pflegte; zuweilen machte ſie auch ihrer Geſundheit wegen einen kleinen Spazier⸗ gang mit Mrs. Camara und deren Sohne, wobei ſie es nicht vermeiden konnte, ihm den Arm zu geben. Eine gewiſſe Einförmigkeit in der Lebensweiſe, zu⸗ mal wenn ſie mit ſtrenger Pflichterfüllung gepaart iſt, macht, daß die Tage ſchneller vergehen, als wenn man nichts thut oder nur ſeinem Vergnügen lebt. Hermine wunderte ſich ſelbſt, daß ſie ſchon drei Wochen im Hauſe ihres Oheims verlebt hatte, die weniger peinlich für ſie geweſen waren, als ſie anfangs gefürchtet hatte. Wohl gab es Stunden, wo die ſchmerzlichſte Sehnſucht nach dem geliebten Manne, nach ihrem lieblichen Knaben ihr das 123 Herz ſchwer machte, aber die Hoffnung, ihn bald frei von jeder Abhängigkeit bei dem geliebten Oheim zu ſehen, half ihr die Pein der Sehnſucht tragen. Sie wünſchte ſo lebhaft und herzinnig ihres Oheims Geneſung, daß ſie mit der Unerfahrenheit der Jugend daran glaubte. Eines Abends ſaß Hermine, das Auge voll Thränen, den Kopf in die Hand geſtützt, im Salon am Kamine. Es war die Stunde des Diners, und ſie war etwas eher als gewöhnlich aus ihrem Zimmer herabgekommen, um Lyonel nach Briefen zu fragen, denn ſeit jenem Abende, an welchem er ihr ein Schreiben von Alfred gebracht hatte, wartete ſie Tag für Tag vergebens auf ein Blatt von dem Geliebten. Leiſe trat Lyonel ein; eine Zeit lang betrachtete er die ſo leidenſchaftlich geliebte Frau, dann ſagte er ſanft: „Madame, ich war ſelbſt im Poſthauſe, um nach Briefen für Sie zu fragen—“ „Sie haben einen Brief für mich?“ „Nein, ſonſt wäre ich mit fröhlicherem Geſicht ge⸗ kommen, denn ich nehme Theil an Ihrer Freude. Doch, verehrte Frau peinigen Sie ſich nicht ſelbſt! Es wundert mich durchaus nicht, daß Sie ſo lange ohne Briefe ſind denn wir haben ſeit zwei Wochen viele Seeunfälle gehabt; leicht können Schiffe, denen Ihr Gemahl Briefe überge⸗ ben hat, wenn nicht untergegangen, doch aufgehalten 124 worden ſein. Wir ſelbſt warten auf Briefe aus London, Paris, Bremen—“ „Aber Alfred verſprach mir, jede Woche zweimal zu ſchreiben; ich kenne ihn, ich bedurfte ſeines Verſprechens nicht, ſein eigenes Herz wird ihn dazu getrieben haben, wenn er nicht erkrankt iſt oder mein kleiner Franz—“ „Sprechen Sie nicht das Schrecklichſte aus! Rufen Sie nicht durch ſo trübe Vermuthungen die finſtern Schickſalsgöttinnen heraus! Wenn Ihren Theuerſten ein Unfall begegnet wäre, dann würde Ihre Dienerin oder irgend ein Freund oder Nachbar Ihnen geſchrieben haben. Die Amerikaner haben von den Engländern ein Sprichwort angenommen, welches Sie ſich alle Tage vorſagen müſſen; es lautet: No news, good news!“ Hermine lächelte ein wenig, Lyonel fuhr fort:„Ich habe ſchon viel zum Lobe und Preiſe deutſcher Frauen gehört, und mehr, als ich ausſprechen kann, verehre ich deutſcher Frauen Treue und Gemüth, aber etwas mehr engliſche Ruhe, amerikaniſchen Geſchäftsgeiſt, franzöſiſchen leichten Sinn wünſchte ich den liebenswürdigen Selbſt⸗ quälerinnen. Die Frauen anderer Länder wiſſen ihre Män⸗ ner in den Colonien, bei der Armee, auf hoher See und ſind heiter und ruhig; Sie wiſſen Ihren Gemahl in ſeinem Studirzimmer und peinigen ſich, weil widrige Winde die Schiffe aufhalten, welche Ihnen Priefe brin⸗ gen ſollen. Stehen wir nicht alle und überall in Gottes Schutz und ändern wir durch Klagen den Gang unſeres Schickſals?“ Er ſprach ſo eindringlich, ſo überzeugt und deshalb überzeugend, daß ſie zum erſten Male ſeit ihrem Hierſein ihm ihre Hand reichte und ſeinen Druck leiſe erwiderte. Mrs. Camara's Eintritt unterbrach dieſes Geſpräch. Der Diener trug die Speiſen auf, und das Diner ward ziem⸗ lich heiter eingenommen, denn Mrs. Camara äußerte, ſie fange an, jetzt wieder an Herrn von Rainsdorf's Gene⸗ ſung zu glauben. Was für Fehler dieſe Frau auch haben mochte, ſie liebte ihren Sohn wahrhaft, und ehe ſie an ihr eigenes Wohl dachte, zog ſie das ſeine in Betracht. Sie liebte ihn mehr als er ſie, doch wußte ſie dies nicht, da Lyonel es niemals an Ergebenheit gegen ſeine Mutter fehlen ließ, auch wenn er ihr widerſprach. Eins war ihr jetzt klar, er liebte Hermine. Welchen Leiden dadurch Lyonel entgegenging, konnte ſie nicht vorausſehen, denn wie glühend und tief er dieſe deutſche Frau liebte, begriff ſie nicht; aber ſie machte ſich, ohne es auszuſprechen, durch Liebenswürdigkeit gegen Hermine zu ſeiner Bundesge⸗ noſſin. Wenn er da war, wußte ſie das Geſpräch immer ſo zu lenken, daß ſeine Kenntniſſe in das hellſte Licht traten, und in ſeiner Abweſenheit pries ſie ſeine vor⸗ 126 trefflichen Eigenſchaften mit mütterlichem Enthuſiasnus; auch hatte ſie oft die Genugthuung, daß Hermine zur Antwort gab: „Gewiß, Mrs. Camara, Sie ſind eine glückliche Mutter!“ In einer ſtürmiſchen Novembernacht, welche Her⸗ mine ſchlaflos zubrachte, wurde ſie plötzlich durch Klopfen an ihre Zimmerthür geweckt. Raſch warf ſie ſich in die Kleider und öffnete; ihre Dienerin rief ſie zu dem Hheim, der ſich ſeit einer halben Stunde ſehr krank fühlte und ſein Ende für nahe hielt. Als Hermine an ſein Lager trat, erſchrak ſie über ſein verändertes Ausſehen; er reichte ihr matt die Hand, ſie beugte ſich zu ihm nieder. „Ich habe Alles, Alles, was ich wünſche, S6 ben“, ſagte er mit matter Stimme. Dann wandte er ſich zu Lyonel und deſſen Mutter; er wollte einige Worte zu ihnen ſprechen, aber er vermochte es nicht mehr, und als der Arzt, den man eilig herbeigerufen hatte, erſchien und ſeines alten Freundes Hand faßte, ſagte er mit ernſtem Tone:„Der Puls ſchlägt nicht mehr. Gott gebe ihm Frieden!“ Hermine ſtieß einen Schmerzensſchrei aus und wankte, Lyonel umfaßte ſie und trug ſie in das Nebenzimmer: der hülfreiche Arzt folgte und ſagte zu Mrs. Camara; „Ich fürchte, dieſe Dame wird in eine ſchwere Krank⸗ heit verfallen; ich empfehle ſie Ihrer Pflege.“ Es war in den letzten Tagen des Februar und ungewöhnlich helles, mildes Wetter. Ein wohlge⸗ lüftetes, von Veilchen und andern Frühlingsblumen durchwürztes Zimmer wurde von einem freundlichen Dienſtmädchen ſorgfältig gemuſtert, und als daſſelbe bemerkte, daß Alles in beſter Ordnung ſei, die Flamme im Kamine luſtig brenne, der Theetiſch nichts zu wünſchen übrig laſſe, entfernte es ſich. Mr. Camara trat jetzt ein, warf ebenfalls einen prüfenden Blick über das Gemach und begab ſich dann, als auf ſein beſcheidenes Klopfen eine ſüße Stimme leiſe geantwortet hatte, in das Nebenzimmer, aus dem er nach wenig Minuten zurückkam, vorſichtig die blaſſe Hermine führend, welche heute zum erſten Male ihr Krankenzimmer verließ. Mrs. Camara folgte ihrem Sohne, der es ſich als Belohnung für alle Dienſte, welche er Herminen geleiſtet, erbeten hatte, ſie heute mit Erlaubniß des Arztes in ein anderes Zimmer führen zu dürfen. Noch litt die junge Frau an den Folgen des lang⸗ wierigen hitzgen Vervenfiebers; ſie wat noch ſo ſchwach, daß ſie nur langſam und zitternd zu gehen vermochte, aber ſie war außer aller Gefahr, die ſorgfältigſte Pflege, die Kunſt des intelligenten erfahrenen Arztes und ihre Jugendkraft hatten ſie gerettet 128 Mehrere Wochen hatte ſie in einem halb bewußt⸗ boſen Zuſtande hingebracht; ſpäter kehrten zwar Klar⸗ heit und Gedächtniß in ihren Kopf zurück, allein ihre Körperkräfte waren ſo geſchwächt, daß ſie kaum fähig war zu ſprechen; auch war ſie gegen Alles, was um ſie her vorging, vollkommen gleichgültig. Man hatte ihr vorſichtig den Tod ihres Oheims mitgetheilt; ſie hörte die Kunde ziemlich gefaßt an; ſpäter ſagte ihr Mrs. Ca⸗ mara, daß ſie jetzt die Beſitzerin dieſes ſchönen Hauſes ſei und eine Viertelmillion Dollars in guten Papieren für ſie in der Bank niedergelegt ſeien; kein Lächeln der Frende zeigte ſich in ihrem bleichen Geſicht, und als auf ihre Frage nach Briefen von ihrem Gatten Mr. Camara der Wahrheit gemäß die Antwort gab:„Es ſind keine gekommen“ ſagte ſie nur leiſe:„So werden ſie morgen kommen!“ Aber mit der Zunahme der Körperkräfte nahmen auch ihre Seelenkräfte wieder zu; ſie hatte ſchon wieder einige Zeilen an Alfred geſchrieben und an Lyonel zur Beförderung übergeben, heute fragte ſie nach Briefen. Lyonel ſah ernſt vor ſich nieder und ſchwieg. „Welches Datum haben wir heute, Mr. Camara?“ fragte ſie. „Den ſechsundzwanzigſten Februar, Mrs. Stern.“ Sie fuhr ſich mit der Hand über die Stirn und 129 ſagte:„Februar, und im Oetober traf ich hier ein, im September reiſte ich von Hauſe ab, und— und ſeit Ende October erhielt ich keinen Brief, iſt es nicht ſo? O meine lieben Freunde, mein Gedächtniß iſt noch immer ſchwach! Sprechen Sie, Mr. Camara, iſt es ſo?“ „Es iſt ſo, liebe Mrs. Stern!“ erwiderte dieſer. Hermine fuhr fort:„Sie ſprachen früher von ver⸗ ſpäteten, von untergegangenen Schiffen, aber alle Schiffe ſind nicht untergegangen, viele, viele find längſt einge⸗ troffen, und keins hat einen Brief für mich!“ Als Lyonel, der ſie früher ſtets zu tröſten geſucht hatte, kein Wort ſprach, begann Hermine nach einer lan⸗ gen, ſchmerzlichen Pauſe:„Sie ſchweigen, Mr. Camara, Sie wollen nicht ſprechen, Sie haben Nachricht aus mei⸗ ner Heimat. Sprechen Sie, ich beſchwöre Sie bei Allem, was Ihnen theuer und heilig iſt!“ „Theure Mrs. Stern, werden Sie ſtark genug ſein, um Alles zu hören?“ „Ich kann Alles beſſer ertragen als dieſe Ungewiß heit; ich flehe Sie an, verhehlen Sie mir nichts!“ ſagte eindringlich Hermine. „Nun denn, und gebe Gott Ihnen Kraft, es zu tra⸗ gen! Ich zog durch meinen deutſchen Geſchäftsfreund in Bremen Nachricht über Mr. Stern ein, da auch mich ſein gänzliches Stillſchweigen furchtbar ängſtigte; denn, Hahn, Das Document. 1. 9 130 Mrs. Stern, ich litt in Ihrer Seele, ich bin Ihr Freund! Ich erfuhr, daß Mr. Stern und ſein klei⸗ ner Sohn ſich weder am Rhein noch bei dem Für⸗ ſten Vietor befänden, ſondern daß ein bösartiges Schar⸗ lachfieber—“ „Sie ſind todt, beide todt! Mein geliebter Gatte, mein holdes Kind!“ rief Hermine und alle Lebensfarbe wich aus ihrem Antlitz. Lyonel wandte ſich ab; nach einem langen Schwei⸗ gen ſagte er:„In der Gegend zeigte ſich bald nach Ihrer Abreiſe das Scharlachfieber; es trat ſehr bösartig auf. Man nannte dort Familien, welche drei bis vier Kinder verloren haben!“ „Und meine treue Dienerin Gertrud?“ „Ich werde nach ihr die ſorgfältigſten Nachforſchun⸗ gen anſtellen, verlaſſen Sie ſich darauf, Mrs. Stern.“ „Dank, mein werther Freund! Laſſen Sie mich den Brief Ihres Freundes leſen“ ſetzte ſie ruhig hinzu. „Sie ſind noch zu ſchwach, theure Frau“ wandte er ein. „Nein, Mr. Camara, ich weiß ja bereits das Schreck⸗ lichſte; geben Sie mir den Brief, bald, ſogleich!“ „Ich gehorche Ihnen, ich werde den Unglücksbrief hervorſuchen.“ Und ohne ſein Frühſtück zu nehmen, entfernte er ſich raſch. 131 Mrs. Camara hatte unterdeſſen zuweilen einen Seufzer ausſtoßend oder einen betrübten Blick auf Her⸗ mine richtend, ganz langſam ihren Thee getrunken, ihre Eier verzehrt und dem Backwerk zugeſprochen; als ihr Sohn ſich entfernt hatte, wollte ſie einige Gemein⸗ plätze über den Tod theurer Perſonen ſagen, aber Her⸗ mine ließ ſie nicht ausſprechen, ſie erhob ſich feſt, und ohne einer Stüßze zu bedürfen. ging ſie ruhig in ihr Zimmer, welches ſie hinter ſich abſchloß. Als Lyonel mit dem Briefe, den er Herminen brin⸗ gen wollte, eintrat, ſagte ſeine Mutter:„Mrs. Stern hat ſich eingeſchloſſen. Das iſt mir lieb, den ich habe in der letzten Zeit ſo viel Düſteres und Nervenangreifendes er⸗ lebt, daß ich froh bin, wenn ich nicht nochmals die Trö⸗ ſterin machen muß. Die Frau hat den Tod ihres Man. ₰ nes und einzigen Kindes merkwürdig ruhig aufgenommen, und ich glaube, Du fannſt hoffen. wenn Du nur ſicher biſt, daß—“ „Ganz ſicher, Mutter, mein Correſpondent iſt ein zuverläſſiger Mann; wäre ich nur ebenſo ſicher, Her⸗ minens Herz jemals zu gewinnen!“ „Ein ſchöner Mann wie Du, liebenswürdig, geiſtreich, ſollte nicht die Neigung einer Frau erwerben, deren An⸗ ziehungskraft wenigſtens mir unerklärlich iſt? Ein ſo kran⸗ kes, ſchwaches Weſen!“ 95 6 6 132 „Nichts gegen dieſen Engel, Mutter. Sie wird wieder aufblühen, und die merkwürdige Feſtigkeit ihres Charakters iſt es eben, welche ich ebenſo ſehr bewundere als fürchte.“ Einige Tage blieb Hermine unſichtbar für Mrs. Camara und deren Sohn; den Brief ließ ſie ſich durch Nanni holen, wie denn nur dieſes Mädchen dann und und wann in ihre Zimmer kommen durfte. Als Lyonel Nanni nach dem Befinden ihrer Herrin fragte, erzählte das Mädchen, daß Hermine Speiſe und Trank verſchmähe und zuweilen, nachdem ſie regungslos dageſeſſen habe bitterlich zu weinen anfange; dem Arzt geſtatte ſi einige kurze Beſuche, außer ihm und Nanni wolle Niemand ſehn. Für Lyonel waren dieſe Tage qualvoll; er ſann 5 ſann, was er thun könne, Hermine zu tröſten, dieſer ſelbſt⸗ gewählten Einſamkeit zu entreißen; er ſprach mit dem Arzte darüber, doch dieſer wollte von allen Tröſtungen nichts wiſſen.„Wunden dieſer Art müſſen ausbluten“, ſagte er.„Laſſen Sie die gebeugte Frau nach ihrem Wil⸗ len leben, ſie iſt wahrhaft isü und wird ſich ſchon ſelbſt wiederfinden. Die Zeit— „Was ſoll nicht Alles die Zeit thun!“ rief Lyonel unmuthig. „Man nennt ſie oft das teſe Heilmittel, weil ſie 133 ſich ſeit undenklichen Zeiten als das beſte bewährt hat“, antwortete ruhig der Arzt. Er hatte Hermine richtig beurtheilt; nach zwei Wochen erſchien ſie eines Morgens, nicht mehr im Halbnégligé der Kranken, ſondern im ſchwarzen Traueranzuge zur Zeit des zweiten Frühſtücks im Speiſeſalon. Die theilnehmenden Fragen nach ihrem Befinden beantwortete ſie freundlich und dankbar; und ſagte dann mit ſanftem Tone, der aber doch von Feſtigkeit zeugte: „Ich habe dieſer Tage meinen Plan für meine Zukunft gemacht, und wenn mich nicht unerwartete Vorkommniſſe daran hindern, wird er ausgeführt. Ich beabſichtige die⸗ ſen Monat noch von hier nach Deutſchland zurückzugehen, Nanni wird mich begleiten!“ „Wie, Sie wollen das herrliche Neuyork verlaſſen, ohne es kennen gelernt zu haben, aus dieſem ſchönen Hauſe, das Ihnen eigen zugehört, fortgehen, von treuen Freunden, die Ihnen aufs wärmſte ergeben ſind?“ rief Mrs. Camara ſtaunend. „Halten Sie mich deshalb nicht für undankbar gegen Ihre viele Güte“, antwortete Hermine.„Ich kann hier nicht bleiben; es iſt mir nicht möglich, glauben Sie es mir.“ „Und jetzt, wo Sie noch ſo ſchwach ſind, wollen Sie dieſe Reiſe unternehmen?“ fuhr Mrs. Camara fort. 134 „Die Seeluft wird mich ſtärken, und wenn nicht— gleichviel, ich muß thun, wozu das Herz mich treibt!“ „Fürchten Sie nicht die heftigſte Erneuerung Ihres Schmerzes, wenn Sie in Ihrer Heimat vergebens die ſuchen, welche ſie Ihnen theuer machten?“ ſagte Lyonel und legte ſo viel innige Theilnahme in ſeinen Blick, daß Hermine davon gerührt wurde. „Mein lieber Mr. Camara, ich erkenne Ihre Freund ſchaft“, antwortete Hermine,„allein mein Entſchluß ſteht feſt. Ich wünſche, daß Sie dieſes Haus behalten, we⸗ nigſtens vor der Hand; nicht Fremde ſollen da wohnen, wo mein guter Oheim lebte.“* „Das iſt zu viel Güte; der arme gute Herr von Rainsdorf hat ja für meinen Sohn und für mich geſorgt.“ „Nicht ganz ſo“, unterbrach Hermine Mrs. Camara. „nicht ganz ſo, meine liebe Mrs Camara, als er es wohl ohne meine Ankunft gethan hätte; er gewann mich lieb, meine Züge erinnerten ihn an meinen Vater, ſeinen Bru der, ſo kam es, daß er weniger an die Verdienſte dachte, welche Sie und Mr. Camara ſich um ihn erworben hatten. Gewiß, ich handle nur in des theuren Verſtorbenen Sinne, wenn ich meine Bitte, daß Sie, ſolange es Ihnen gefällt, in dieſem Hauſe bleiben, auf das dringendſte wiederhole.“ eece Mrs. Camara reichte Herminen die Hand.„Sei es 135 denn vor der Hand, wie Sie wünſchen!“ ſprach ſie und führte ihr Taſchentuch an die Augen, vielleicht um den Ausdruck von Vergnügen zu verbergen, den ſie doch nicht genug zurückhalten konnte, wie ſehr ſie auch Meiſterin in der Kunſt ſich zu verſtellen war. Lyonel Camara war über Herminens Entſchluß, Neu⸗ york zu verlaſſen und nach Deutſchland zu gehen, ſehr be⸗ troffen, aber es lag nicht in ſeinem Charakter, ſich durch Hinderniſſe von einem Vorhaben abbringen zu laſſen. Er liebte Hermine mit einer Leidenſchaft, welche von Tag zu Tage wuchs; er wollte ihr Herz gewinnen und wußte als Menſchenkenner, daß jeder Menſch früher oder ſpäter gewonnen wird, ſobald man ſeinen Charakter ſtudirt und nach dieſem Studium handelt. Als er ſie wiederſah, bot er ihr ſeine Dienſte an, verſicherte, daß er das beſte, bequemſte Schiff für ſie ausfindig machen würde, und fragte, was ſie von den vielen Koſtbarkeiten und Kunſtſchätzen mitnehmen wolle; ſie möge darüber verfügen, damit er Alles auf das beſte einpacken laſſen könne. „Das Portrait meines Oheims und einige von den Büchern, in welchen er oft und gern las“, erwiderte Her⸗ mine;„alle andern Koſtbarkeiten, ja ſelbſt die Kunſt⸗ ſchätze haben für mich, wie ich geſtimmt bin, kein Intereſſe.“ „Gewiß“, antwortete Lyonel,„iſt Ihre Trauer zu 136 groß, als daß Sie an Silbergeſchirr und koſtbarem Por⸗ zellan Wohlgefallen finden könnten, aber meine Mutter wird ungern Gegenſtände von ſo hohem Werthe im Hauſe behalten, und ich ſollte meinen, Gemälde, Statuen von ſo großer Schönheit, wie Sie jetzt ererbt haben, müßten auf das traurigſte Gemüth, wenn auch nur all⸗ mälig, doch ſtets wohlthuend wirken.“ Herminens einzige Antwort war ein Seufzer. Sie gedachte der Zeit, wo ſie ſich über alles Schöne doppelt erfreut hatte, weil ſie den Genuß deſſelben mit Alfred theilen durfte; und wie Vieles war ihr erſt durch ſeine Belehrung ganz verſtändlich und deshalb doppelt inter⸗ eſſant geworden! Lyonel liebte Hermine; mit dem ſichern Inſtinkte des wahrhaft Liebenden las er in ihrer Seele, er wußte, daß ein Herz, wahr, einfach, treu wie das ihrige, nicht beſtürmt werden darf; er wollte erſt ihr ergebener, dienſt⸗ williger Freund, dann ihr Vertrauter und endlich ihr Ge⸗ liebter werden. Eine reizend ſchöne Frau in der erſten Jugendblüte, eine ſo poetiſche, liebebedürftige Natur konnte nicht jahrelang mit verödetem Herzen einſam, ohne Liebe und lebendige Gegenliebe leben, deshalb ver⸗ barg er ſeine Leidenſchaft für ſie, welche, hätte Hermine ſie erkannt, dieſe Frau nur verſcheucht haben würde. Am Tage vor ihrer Abreiſe ſagte er zu ſeiner Mut⸗ — 137 ter ganz ruhig in Herminens Gegenwart:„Du weißt, Mama, daß mich im Herbſte dieſes Jahres Geſchäfte nach Deutſchland rufen; auch habe ich oft lebhaft ge⸗ wünſcht, dies ſchöne poetiſche Land, das Land der Wiſſen⸗ ſchaften und ſchönen Künſte, näher kennen zu lernen. Bis⸗ her ſah ich nur ſeine ſchönſten Landſchaften im Bilde, liebte und bewunderte Deutſchlands Dichter und Tonſetzer; ge⸗ ſtern habe ich Briefe von Bremen erhalten und ſehe daraus, daß ich auch eher die Geſchäfte, welche ich vorhatte, zu Ende bringen kann; ich bin entſchloſſen, morgen abzurei⸗ ſen, und kann bei dieſer Gelegenheit, wenn Mrs. Stern es geſtatten will, ihren Reiſemarſchall machen. Du, liebe Mutter, biſt ganz die Frau, indeß meine Leute im Ge⸗ ſchäft zu überwachen, und weißt, daß Du auf Taylor bauen kannſt, er iſt umſichtig und treu.“ Bei den letzten Worten blickte er Hermine an, ver⸗ beugte ſich ehrerbietig und erwartete ihre Antwort. Sie ſah ihn offen mit ihren großen, ſchönen Augen an und erwiderte ruhig, ſo ruhig, daß er faſt davon verletzt und erkältet ward:„Wenn Ihre Geſchäfte Sie ſchon jetzt nach Deutſchland führen, Mr. Camara, dann thun Sie ſehr recht daran, mein Vaterland im Frühling zu beſuchen. Ich bin ganz allein hierher gereiſt; diesmal habe ich eine Dienerin bei mir, alſo bedarf ich noch weniger als früher eines Reiſemarſchalls, allein angenehm wird es 138 mir ſein, den jungen Freund meines Oheims und den Sohn meiner gütigen Fflegerin als Reiſegefährten zu ſehen.“ Die letzten Worte wurden ſo geſprochen, daß Lyonel ganz verblendet hätte ſein müſſen, wenn er mehr als die gewöhnliche Höflichkeit herausgehört hätte. „Sie liebt Dich nicht und wird Dich niemals lieben, Lyonel“, ſagte ſeine Mutter, als Hermine das Zimmer verlaſſen hatte.„Bleibe hier, Du wirſt ſie eher verſchmer⸗ zen lernen, als wenn Du jetzt, wochenlang ihr Gefährte, ſie täglich ſiehſt, mit ihr ſprichſt und endlich doch abge⸗ wieſen wirſt. Hat Dich denn alle Deine Klugheit verlaſ⸗ ſen, Dein gerechter Stolz? Gibt es denn auf dem wei⸗ ten Erdenrund nicht ebenſo liebliche und ſchönere Ge. ſchöpfe als dieſe Frau? Mädchen, deren erſte Liebe Du ſein kannſt, ſobald Du Dich um ſie bewirbſt? Wenn Du auch jemals von ihr geliebt würdeſt, Du würdeſt doch ſtets nur den zweiten Platz in ihrem Herzen erhalten.“ „So ſcheint es Dir, Mutter, aber ich verſichere Dir, Du kannſt Dich nicht in mein Innerſtes denken, ebenſo wenig als Hermine verſtehen. Sie iſt zu geiſt⸗ voll, um für ihre ganze, vielleicht noch lange Lebenszeit den vertrauten Umgang mit einem Manne entbehren zu können, von dem ſie ſich nicht nur geliebt, ſondern auch verſtanden weiß.“ ————— 139 Mrs. Camara kannte ihren Sohn, ſie machte alſo keine Einwendungen mehr, und nur noch Geſchäftsangele⸗ genheiten wurden in den letzten Stunden ihres Beiſam⸗ menſeins beſprochen. Nicht ohne das Grab ihres Oheims beſucht zu ha⸗ ben, verließ Hermine Neuyork. Sie hatte am Abend vor ihrer Abreiſe an Lyonel's Arm eine Pilgerreiſe dahin gemacht und nach deutſcher Sitte einen ſchönen Kranz auf den ſchwarzen Hügel gelegt, da das von ihr beſtellte Denkmal noch nicht fertig war. Herzinnig hatte ſie am Grabe des Mannes gebetet, der ſie mit Reichthum überſchüttet hatte, mit einem Reichthum, welcher ſie nicht mehr erfreuen konnte, den ſie zu theuer durch ihre Tren⸗ nung von Gatten und Kind erkauft hatte. „O wäre ich niemals hierher gekommen, vielleicht hätte meine ſorgfältige Pflege meinem Alfred, meinem Franz das Leben erhalten!“ rief Hermine von Schmerz durchdrungen aus. Auch Lyonel hatte am Grabe ſeines verſtorbenen Wohlthäters ſein Gebet verrichtet. „Sprechen Sie nicht ſolche Worte!“ rief er jetzt aus;„es kommt Alles, wie es kommen ſoll, und keine Worte habe ich wahrer gefunden, als welche über dieſe Fragen von Ihrem großen Landsmanne Goethe im „Egmont' geſagt ſind:„Es glaubt der Menſch ſein Leben zu leiten, ſich ſelbſt zu führen, und ſein Innerſtes wird 140 unwiderſtehlich nach ſeinem Schickſale gezogen!“ Keine Pflege, keine Liebe kann den Tod fern halten!“ Hermine nickte ſanft mit dem Kopfe, dann ſagte ſie mehr zu ſich ſelbſt als zu Lyonel:„Genau dieſe Worte ſagte mir Alfred eine Stunde vor meiner Abreiſe, als ich zwiſchen zwei Entſchlüſſen ſchwankte und der Neigung, auch ſein äußeres Glück zu gründen, nachgab und endlich reiſte!“ Nicht ohne Rührung hatte Mrs. Stern ſich von Mrs. Camara verabſchiedet, welche ihr den beſten Segen auf die Reiſe mitgab und ihren Sohn wiederholt um⸗ armte, bis er ſich endlich mit Gewalt von ihr losriß. Während der Seereiſe, die ohne Unfälle von ſtatten ging, zeigte ſich Mr. Camara ſtets aufmerkſam, aber niemals läſtig. In dem Salon wurde jeden Tag das Frühſtück und Mittagsmahl von den Paſſagieren des er. ſten Platzes gemeinſchaftlich eingenommen; ſobald Her⸗ mine eintrat, näherte ſich ihr Mr. Camara mit einer ehr⸗ furchtsvollen Verbeugung und fragte nach ihrem Befin⸗ den, und wenn ſie keine Befehle für ihn hatte, nach welchen er regelmäßig fragte, zog er ſich beſcheiden zurück. Zum Diner ſah er ſie wieder, eroberte ſtets den Platz neben ihr, bediente ſie mit der Artigkeit eines vollendeten Gentlemans, bemühte ſich aber niemals, —— 141 ſie in ein Geſpräch zu verflechten, wenn er bemerkte, daß ſie ihren trüben Erinnerungen nachhing. Zuweilen, an ſchönen Tagen, ſetzte ſie ſich auf einen Seſſel auf dem Verdecke nieder und ihre ausdrucksvollen Augen ſchweiften, obgleich von Thränen umſchleiert, über die ſcheinbar grenzenloſe See. „Wenn ich dieſe Dame ſehe, ſo fein und bei aller Einfachheit doch ſo reich gekleidet, jung, ſchön, ſanft, mit allen Anſprüchen auf Lebensglück und doch immer ſo unheilbar und tief traurig, ſo iſt es mir, als ob ich wei⸗ nen mißte“, ſagte einſt der wackere Kapitän zu Mr. Camara. Lyonel gab einige unverſtändliche Worte zur Ant⸗ wort, aber ſich ſelbſt fragte er:„Wie lange wird ihr Gemüth in dieſem Zuſtande bleiben, und wie lange werde ich noch die Pein des Schweigens ihr gegen⸗ über aushalten?“ An einem ungewöhnlich ſchönen Frühlingstage lief das Schiff glücklich in Bremerhaven ein. Mr. Camara kümmerte ſich auf das ſorgfältigſte um Herminens Angelegenheiten zin ſeiner und Nanni's Begleitung trat ſie in das erſte Hotel des Ortes. An der Thür des Hotels wandte ſie ſich an Lyonel und ſagte nicht ohne Rührung:„Sie haben Geſchäfte in Bremen, ich reiſe in einer Stunde von hier ab, dem 6 Süden zu; nehmen Sie meinen Dank für alle Dienſte, welche Sie mir geleiſtet haben. Gott ſei mit Ihnen!“ „Wie, Mrs. Stern, ſo wollen Sie von mir ſchei— den? Nicht länger ſoll ich das Glück haben, in Ihrer Nähe zu ſein, Ihnen meinen Schutz anbieten zu dürfen? Was habe ich verbrochen, wodurch bin ich in Ihrer Mei⸗ nung, die, wie ich mir ſchmeichle, eine gute war, geſun⸗ ken, daß Sie mich ſo hart beſtrafen?“ „Mr. Camara“, antwortete Hermine mit Würde, „Sie haben doch unmöglich daran gedacht, daß ich, eine Frau und eine betrübte, tiefgebeugte Wittwe, immer in Ihrer Geſellſchaft reiſen werde?“ Lyonel biß ſich auf die Lippen und 56 blaß, doch bald faßte er ſich und entgegnete:„Sie mißverſte⸗ hen mich; mein Deutſch iſt noch ſo mangelhaft, daß dies leicht möglich ſein kann. Jedenfalls werde ich doch noch eine kurze Unterredung auf Ihrem Zimmer mit Ihnen haben können, ich möchte mir wenigſtens dieſe erbitten!“ Hermine wandte ſich dem Speiſeſalon zu.„Ich bitte, folgen Sie mir, Mr. Camara, ich reiſe ſogleich weiter und habe ſchon, während Sie ſo gütig waren, meine Sachen zu beſorgen, nach Poſtpferden geſchickt. Was wünſchen Sie? Betrifft es Geldangelegenheiten oder das Haus? Sonſt wüßte ich nicht, was Sie mir noch zu ſagen haben könnten; mein Erbtheil iſt in ſichern 143 Werthpapieren in meinen Händen— oder ſoll ich Ihnen, Ihrer Frau Mutter einen Dienſt leiſten? Sprechen Sie, Mr. Camara!“ Lyonel war über dieſe Art, in welcher Hermine jetzt zu ihm ſprach, innerlich wüthend; wer es jemals an ſich ſelbſt erfahren hat, wie nahe der Haß neben der Liebe liegt, kann ſich ſeine Empfindungen vorſtellen. Nichtsdeſtoweniger dachte er daran, ſeine Bewerbung um ſie aufzugeben. „Ich wollte mir nur die Bitte erlauben, mich von Zeit zu Zeit ſchriftlich nach Ihrem Befinden erkundigen zu dürfen; ich wollte Sie nur fragen, ob ich, bevor ich nach meiner Heimat zurückgehe, in einigen Monaten viel⸗ leicht, an dem Aufenthaltsorte den Sie wählen werden, Sie beſuchen darf?“ „Mr. Camara, was ich Ihnen erwidere, klingt Ihnen vielleicht ſehr unfreundlich, oder wenn Sie wollen, ſogar undankbar, allein ich verſichere Ihnen auf Ehre, ich weiß noch nicht, wo ich wohnen werde, vielleicht— doch gleichviel, ich weiß es noch nicht! Ich muß jetzt allein, ganz allein ſein, aber ich verſpreche, Ihrer Mut⸗ ter zu ſchreiben, ſobald ich mich entſchieden habe, wo ich, wie ich in Zukunft leben werde. Gott behüte Siel“ Lyonel konnte jetzt nicht länger verweilen, er verbeugte ſich und trat, bleich vor unterdrückter Erregung, zurück. 144 Hermine holte tief Athem; in den letzten Tagen waren Lyonel's glühende, ſtets auf ſie gerichtete Blicke ihr läſtig geworden; früher hatte ſie dieſelben nicht bemerkt. Der dienſtfertige Kellner, welcher ſich nach den Be⸗ fehlen von Madame Stern erkundigt hatte, erſchien jetzt wieder und meldete, indem er für die Dame an einem Tiſche und für die Dienerin am andern einige Erfri⸗ ſchungen auftrug, daß in einer Viertelſtunde ein Wagen mit Poſtpferden da ſein würde. „Unmöglich wird er aber die vielen Kiſten mitneh⸗ men können, welche der Herr, welcher mit Ihnen in das Haus kam, herſchaffen ließ und die, wie er ſagte, Ihnen gehören. Was ſoll damit geſchehen?“ „Sie hätten in Neuyork bleiben können“, erwi⸗ derte ſie, mehr zu Nanni als zu dem Frager gewendet; „ich weiß wahrlich nicht, was ich damit beginnen ſoll.“ „Mr. Camara war ſehr geſchäftig, er glaubte, Madame würden ſich in einer ſchönen Gegend Süd⸗ deutſchlands niederlaſſen und all die herrlichen Dinge zur Ausſchmückung Ihrer Zimmer brauchen.“ Hermine lächelte ſchmerzlich.„Das Beſte iſt, ich gebe Alles dem Herrn dieſes Hotels in Verwahrung, bis auf das, was zu meiner Garderobe gehört“, ſprach ſie.„Kann ich für meine Kiſten einen Raum erhalten?“ Der Beſitzer des Hotels, welcher das Geſpräch gehört hatte, erbot ſich, den Wunſch der Dame zu er⸗ füllen. Ein Empfangſchein wurde ausgeſtellt, Hermine nahm ihn an ſich, Nanni, welche aufs beſte für ihre ſanfte Herrin ſorgte, bezahlte die Rechnung und achtete darauf, daß nichts, was ihrer Dame nöthig war, ver⸗ geſſen wurde. Als Hermine, müde in die Kiſſen des Wagens zurückgelehnt abfuhr, ſah ſie ſich nicht um; Nanni je⸗ doch bemerkte Mr. Camara, welcher ſich ſo auf die Straße geſtellt hatte, daß er die Reiſenden ſo lange als möglich mit den Augen verfolgen konnte. Er ſah bleich und ſehr unglücklich aus, ſeine an ſich ſchönen ſchwarzen Augen funkelten unheimlich, und Nanni konnte ſich eines Ausrufs nicht enthalten. „Was iſt Dir Nanni?“ fragte Hermine gütig.„Du biſt blaß und zitterſt. „Mr. Camara ſtand am Wege und ſah Sie mit ſo flammenden Augen an, daß ich mich faſt fürchtete. Ich hoffe wir begegnen ihm niemals wieder, denn—“ „Sprich weiter! Warum flößt er Dir Angſt ein? Ich wünſche, daß Du offen biſt!“ „Wenn Sie es befehlen Madame, und wenn Sie meiner Aufrichtigkeit nicht zürnen wollen—“ „Gewiß nicht! Rede, mein Kind!“ „Nun denn, ſo erfahren Sie was Sie in Ihrem Hahn, Das Document. 1. 10 146 Schmerze nicht bemerkt haben, daß er Sie liebt, wahn⸗ ſinnig wie ein Spanier, beharrlich wie ein Nordame⸗ rikaner. Ich verſtehe genug Engliſch, um zu wiſſen, was geſprochen wurde. Ich habe gehört, wie er einſt zu ſeiner Mutter ſagte, Ihretwegen könne er jedes Opfer bringen, ſei er zu jedem Verbrechen fähig. Ihretwegen. Madame, iſt er nach Deutſchland gereiſt, und heute, ehe Sie abreiſten, fand er einen Augenblick, um von mir zu verlangen, daß ich ihm nach Bremen ſchreiben möge, wo Sie ſich aufhalten würden. Er gab mir dieſe Goldſtücke und verſprach mir für jeden Brief eben⸗ ſo viel Aber Sie können ſich feſt darauf verlaſſen, daß ich niemals ſo treulos handeln werde.“ „Das erwarte ich von Dir, Nanni, auch werde ich Deine Anhänglichkeit nicht unbelohnt laſſen. Ich bin wahrhaft erleichtert, daß ich ihn ſo kalt abgewieſen habe, er wird ſich jetzt nicht wieder in meine Nähe wagen.“ Nanni ſchwieg, aber ſie dachte:„Wie wenig kennt Madame Stern Mr. Camara!“ Von Zeit zu Zeit bog ſie ſich aus dem Wagen heraus, um zu ſehen, ob Je⸗ mand, der Aehnlichkeit mit ihrem ehemaligen Gebieter habe, dem Wagen der Madame Stern zu Pferde oder zu Wagen folge, aber zu ihrer Beruhigung ge⸗ wahrte ſie Niemand. Drittes Buch. So lang die Parze meinen Faden ſpinnt, So weit die Welle meines Lebens rinnt, Sollſt Du mein einzig Träumen ſein und Denken. Schiller. Das kleine Häuschen am Rhein, zwiſchen Bingen und Coblenz, welches Alfred und Hermine, glückliche Kinder eines ſchönen Märchens, über ein Jahr bewohnt hatten, war kurz nach dem Frieden mit Frankreich von einem reichen Polen gebaut worden, der hier mit ſeiner jungen Gemahlin, einer Rheinländerin, leben wollte. Aber das Paar war nicht ſo für die Einſamkeit geſchaffen wie der Dichter und ſeine Gattin, und nach zwei Jahren ver. kaufte es jener Herr, der es erbaut, an einen kranken Engländer, der es mit einem alten Bedienten welchen er mitgebracht hatte und einer deutſchen Haushälterin bezog. Er erwarb den anſtoßenden Obſt. und Blumen⸗ garten dazu und wollte noch einige Morgen Weingarten kaufen, als er ſtarb. In ſeinem Teſtamente that er kund, daß er der Haushälterin nichts hinterlaſſe, weil er wiſſe, wie viel ſie bei ihm zu profitiren gewußt habe; 148 ſein alter Diener erbte einige hundert Pfund und was ſein Herr an Mobilien und dergleichen Sachen in dem Häuschen beſeſſen hatte; das Grundſtück ſelbſt wurde dem Arzte, der ſein beſter und einziger Freund geweſen war, als Beweis ſeiner Dankbarkeit zu Theil. Dieſer hatte ſehr ſelten Zeit das reizend gelegene Anweſen zu beſuchen, deshalb blieb es unmöblirt und der Garten fing an zu verwildern; es ſchien, als ob Nie⸗ mand lange dieſes Haus beſitzen ſollte, denn der Arzt hatte es kaum drei Jahre ſein eigen genannt, als er ſtarb. Seine Wittwe zog mit ihren Kindern zu ihren Aeltern nach Norddeutſchland und der Vormund der Klei⸗ nen vermiethete das Haus, da es ſich nicht gleich ver⸗ kaufen ließ, auf mehrere Jahre an einen Speeculanten, welcher es zu Zeiten leer ſtehen laſſen mußte, es aber dann wieder mit großem Vortheil an Fremde vermie⸗ thete, welche nur den Sommer über blieben. Alfred war der erſte, welcher ſich auf ein Jahr ein⸗ miethete und, als es abgelaufen war, wieder einen neuen Vertrag machte. Der Speculant wohnte in Frankfurt am Main, ließ ſich ſtets den Hauszins vorausbezahlen und zeigte ſich höchſtens aller Vierteljahre einmal bei ſeinen Miethern, um ſich zu überzeugen, daß Häuschen und Garten gut gehalten würden. Nach Alfred hatte ein Engländer auf kurze Zeit in 5 149 dem Aſhl gelebt; Alfred's Sachwalter hatte ihn in Köln kennen gelernt und ihn bewogen, ſeines Clienten Contract zu übernehmen. Aber auch dieſer Mann blieb nur einige Wochen daſelbſt. Jetzt ward es von einem ältlichen Ehe⸗ paare und deſſen Dienerſchaft bewohnt. An einem wundervollen Frühlingstage öffnete ſich die Thür des Häuschens ein junges Dienſtmädchen trug einen kleinen Tiſch heraus, ein ältlicher Diener mit einem bequemen Lehnſtuhle folgte, beide Möbelſtücke wurden unter den großen, mit Blüten überſäeten Kirſchbaum des Hauſes geſtellt, dann holte das flinke Mädchen einen zweiten Stuhl herbei, ſetzte ihn hin und ſagte leiſe: „Was denken Sie, Jean, wird ſich unſere gnädige Frau hier am Rhein erholen? Es iſt doch jetzt ein Wetter, um Todte lebendig zu machen, warum nicht auch Kranke geſund?“ „Hm. Liſettchen, wer kann das wiſſen! Tappen doch ſelbſt die Aerzte im Finſtern! Doch hoffe auch ich von der Frühlingsluft und ſpäter von den emſer Brunnen das Beſte Wenn nur der Herr Major nicht immer ſo niedergeſchlagen ausſähe, die arme Dame wird ja da⸗ durch ganz entmuthigt, und friſcher Muth iſt das beſte Heilmittel.“ Das Geſpräch wurde durch das Erſcheinen des Mä⸗ jors unterbrochen, welcher eine blaſſe, hagere Frau lang⸗ 150 ſam am Arme führte und mit großer So Lehnſtuhl ſetzte. 3 „Wie ſagt die Luft Dir zu?“ fragte der Mann, nach⸗ dem er wohl zehn Minuten ſchweigend neben ge- ſeſſen hatte. „Leidlich, ich—“ Heftiger Huſten unterbrach ihre Rede. Als der Anfall vorüber war, zog der Major ein Buch aus der Taſche und las, die Dame ſchloß ermüdet die Augen. Eine Stunde mochte das Ehepaar, der Gatte le⸗ ſend, die Frau im leichten Schlummer, ſchweigend da⸗ geſeſſen haben, als leichte Tritte auf dem Kieswege vor dem Hauſe hörbar wurden. Der Major blickte auf, eben nicht ſehr freundlich, und ſah eine junge, bleiche Dame, in Halbtrauer gekleidet, auf ſich zuſchreiten. Sie ſah ihn an, machte eine Verbeugung, als ob ſie ihn anreden wollte, aber ſie war nicht im Stande, ein Wort hervorzubringen, ſondern brach in convulſiviſches Schluchzen aus und blieb, das Häuschen durch ihre thränenvollen Augen unver⸗ wandt betrachtend, regungslos ſtehen. Der Major war ein gutmüthiger Mann, aber wie die meiſten feinern Männer hatte er eine entſchiedene Abneigung gegen Thränen; auch fürchtete er, ſeine kranke Gattin, welche dank der friſchen Mailuft feſter zu ſchla⸗ fen ſchien, würde erwachen; er ſtand deshalb leiſe auf, ging* Dame hin und fragte:„Sie ſcheinen mich etwas fragen zu wollen. Was iſt es? Darf ich Sie bitten zu ſprechen Hermine, denn ſie war die Weinende, bemühte ſich, ihres krampfhaften Schluchzens Meiſter zu werden, end⸗ lich brachte ſie die Worte hervor:„Können Sie, mein Herr, mir vielleicht etwas von den letzten Tagen des frühern Bewohners dieſes Hauſes ſagen?“ „Letzten Tagen, Madame? Nun, ich weiß mur, daß er jüngſt vergnügt in Paris geweſen iſt, denn ich habe in den Zeitungen geleſen, daß bei einem großen Wett⸗ rennen, das man kurz vor der Ankunft der Königin von Eng— land nach Art der engliſchen in Paris hielt, das ara⸗ biſche Pferd des Sir Edmund Elliot den erſten Preis erhalten hat. Sir Edmund iſt von hier aus nach Paris gegangen.“ „Nach dieſem Herrn, deſſen Namen ich jetzt zum erſten Male höre, frage ich nicht“, erwiderte Hermine; „vor ihm wohnte ein Deutſcher hier, Doctor Stern, ein Schriftſteller“— „Ah⸗ Alfred Stern— meine Frau liebt ſeine Gedichte ſehr— nein in Wahrheit, ich wußte nicht, daß er hier ge⸗ wohnt hat. Ich kann Ihnen gar nichts von dem Herrn ſagen, meine Frau und ich ſind erſt vor acht Tagen hier⸗ her gezogen.“ „Dann entſchuldigen Sie mich gütigſt⸗ und= Semnne wandte ſich zum Gehen. „Bitte recht ſehr!“ Der Major verbeugte ſih; ſah jetzt, daß der Anzug der Dame elegant und ſeß ſie ſelbſt ungeachtet ihrer Thränen jung und ſehr ſchön war. Sie warf einen ſehnſüchtigen Blick auf das Haus und zögerte, ſich zu entfernen. Der Major bemerkte es.„Wollen Sie vielleicht in das Haus, in den Garten treten?“ Ein mattes Lächeln erhellte wie ein Mondſtrahl ihr Geſicht; ſie ſagte faſt freudig:„Wenn Sie erlauben!“ Der Major folgte ihr nicht. Hermine ging in das Häuschen; ſie blickte in das halbgeöffnete Zimmer zu ebener Erde, es war jetzt ganz anders möblirt und kam ihr fremd vor. Sie trat in die kleine Küche, das Mädchen ſtand am Herde, rührte in den Töpfen herum und ſang ein luſtiges Liedchen. Die arme Frau wandte den Kopf ab und begab ſich durch die hintere Thür des Häuschens nach dem Garten. Er nur war unverändert, die alten Aepfelbäume mit ihren rothen Knospen, die vielen hohen, mit weißen Blüten ge⸗ ſchmückten Birnen⸗ und Kirſchbäume waren noch dieſelben, unter denen ſie voriges Jahr ſo oft im traulichen Ge⸗ ſpräch mit ihrem Alfred auf und ab gewandelt war in ſtillen Mondſcheinnächten, wenn ihr Söhnchen ſchlief. Und wie herrlich blühten die perſiſchen Fliederſträuche, welche Alfred im März vorigen Jahres beſchnitten hatte, die Schneeballbüſche, nach denen der kleine Franz jubelnd ſein rundes Händchen ausgeſtreckt hatte! Die beiden Spät⸗ pfirſiche, welche noch jung waren, hatten dies Jahr zum erſten Mal Blüten! Hermine ſetzte ſich unter die Akazien und verſank in Träumereien, ihre Gedanken waren bei Alfred; es war ihr zu Muthe, als müſſe ſie die körperliche Hülle von ſich werfen, ihr Geiſt ſich mit dem ſeinigen vereinen. Doch ihre Gedanken wurden durch den Eintritt Liſettens unterbrochen, welche, von Theilnahme und Neugier bewegt, in gutmüthig dreiſter Weiſe Hermine anredete. „Gnädige Frau ſind ſehr betrübt“, ſprach ſie,„denn Sie ſind doch wohl die Dame, welche vergangenes Jahr hier gewohnt hat?“ Hermine bejahte. Das Mädchen fuhr fort:„Ich bin aus Bingen und habe gehört, daß die frühern Bewohner dieſes Häus⸗ chens ein trauriges Ende genommen haben. In dieſer Welt hat Jeder ſein Kreuz; mir iſt es auch nicht an der Wiege geſungen worden, daß ich einſt fremder Leute Dienerin ſein ſollte!“ Vielleicht hätte das Mädchen noch lange. ſchwatzt, wenn nicht der alte Diener es gerufen hätte. 6 154 Hermine erhob ſich, und nachdem ſie mit einem tiefen Seufzer den Garten verlaſſen hatte, wandte ſie ſich, die Bewohner des Hauſes ſtumm grüßend, dem Gebäude zu, welches, ungefähr fünfhundert Schritte von ihrer ehemaligen Wohnung mitten in einem Weingarten lag. Alfred hatte mit ſeiner Familie ohne allen Um⸗ gang mit Nachbarn gelebt, welche vermöge ihrer gerin⸗ gen Bildung nicht für ihn und Hermine paßten. Das junge Paar hatte zuweilen einen Ausflug nach Mainz, Wiesbaden oder Coblenz gemacht, um dann und wann das Theater zu beſuchen und etwas von der Welt zu ſehen; dabei hatte Alfred ſeine Einkäufe in den Buch⸗ handlungen beſorgt und Hermine die für das Haus. Was friſch für den täglichen Bedarf in das Haus kam, pflegte eine halbtaube Botenfrau zu bringen; es war alſo für Hermine nicht ſo leicht, über die letzten Lebens⸗ tage ihrer Geliebten Näheres zu erfahren. Sie hatte ſich allerdings an die Behörde gewandt, denn ſie wollte vor allem ſich in den Beſitz von Alfred's literariſchem Nachlaſſe wiſſen; die Antwort lautete: Doctor Alfred Stern ſei kränkelnd mit ſeinem Kinde und der alten Dienerin aus dem Orte abgereiſt; wohin, wiſſe man nicht genau, doch habe ſich das Gerücht verbreitet, er ſei in Frankfurt am Main an einem Tage mit ſeinem — Cctiiii 155 Kinde geſtorben. Um dem in der Gegend herrſchenden Scharlachfieber zu ſei er ſchnell abgereiſt, doch habe es offenbar das Kind? ſchon in ſich getragen, denn es ſolle in Frankfurt bei ihm zum Ausbruch gekommen ſein. Um ſeine Habe ſich zu kümmern, ſei Niemand in dem Oertchen eingeſallen, da er es ja lebend ver⸗ laſſen habe. Mit dieſen unvollkommenen Nachrichten begnügte ſich natürlich Hermine nicht; ſie hatte an Doctor Felmer, Alfred's vertrauteſten Freund, geſchrieben, ſowie an ſeinen Verleger in Stuttgart. Beide erwiderten, daß ſie ſeit dem Spätſommer des vergangenen Jahres nichts von ihm vernommen und ſeinen ſowie des kleinen Franz Tod in den Zeitungen geleſen hätten. Jetzt wollte ſie von ihrer ehemaligen Nachbarin Beſtimmteres erfahren. Als Hermine in den Weingarten trat, kam ihr der älteſte Sohn des Hauſes mit fröhlichem Gruße entgegen; er erkannte ſie trotz ihres betrübten, bleichen Geſichts und des Traueranzugs ſogleich und rief ſeine Mutter herbei, welche eben beſchäftigt war, Weinreben auf⸗ zubinden, wobei ihre Tochter ihr Hülfe leiſtete; zwei jüngere Kinder kauerten auf der Erde und beluſtigten ſich damit, einander mit Sandſteinen zu werfen. Die Frau, die einzige Nachbarin, welche zuweilen Hermine geſprochen hatte, empfing ſie mit einer Menge 156 von Kniyen und einem Wortſchwall, in welchem die Freudenbezeigungen über den Beſuch mit den Beileids⸗ äußerungen über die großen Verluſte der guten Dame, wie Frau Wieprecht ſagte, bunt durcheinander ge⸗ miſcht waren. Sie führte ihren Gaſt unter den großen Kaſtanien⸗ baum, den eine runde Bank umſchloß, und befahl ihrer Tochter Brod und friſche Butter, Wein und Milch auf⸗ zutragen, und hörte nicht auf, Hermine zu bitten, etwas zu genießen, bis dieſe ein Glas Wein auf das Wohl ihrer freundlichen Wirthin leerte. „Sie ſehen ſehr angegriffen und kraftlos aus, meine gute Dame“, ſagte die Frau und blickte Hermine mitleidig an,„aber ſehen Sie, wenn Sie gar nichts genießen wollen, ſo kann es nicht anders ſein. Der Wein erfreut des Menſchen Herz, und ſelbſt das trau⸗ rigſte wird durch ein Glas reinen Weins getröſteter. Es wohnte einmal ein gelehrter Profeſſor bei uns, der wollte von meinem Manne die Behandlung des Weins lernen, weil er einen Weinberg unweit Stolzenfels ge⸗ erbt hatte; der ſprach gar nicht ſo unverſtändlich und ſinnlos, wie es meiſt dieſe Leute, welche immer über den Büchern liegen, thun; er redete ſo klar und unter⸗ haltend, daß mein Mann und ich ihm ſtets gern zu⸗ hörten. Er hat uns ſo deutlich bewieſen, daß es mir chſche 157 jetzt ſo gewiß iſt als die fünf Finger an meiner Hand, daß alle Menſchen geſcheidter, kräftiger, fröhlicher und langlebiger ſein würden, wenn ſie das Brod ohne Fäl⸗ ſchungen äßen und jeden Tag ein Glas reinen Weins hätten. Als anderes Mittel gegen Krankheit, Sorgen und Niedergeſchlagenheit empfahl er friſche Luft und Arbeit! Und daran iſt etwas; wenn ich nicht täglich friſche Luft und meine beſtimmte Arbeit hätte, wäre ich eine unglückliche Perſon, und gehörten alle Wein⸗ berge am Rheine mir zu.“ „Gott erhalte Ihnen Ihr Glück!“ erwiderte Her. mine.„Jetzt aber erfüllen Sie meine Bitte und erzählen Sie mir Alles, was Sie von meinem lieben Manne und dem lieben Franz wiſſen; ich verſpreche Ihnen, gefaßt, ohne heftig zu weinen, zuzuhören.“ „Es iſt nicht viel, liebe, arme Dame. Sie wiſſen, ich habe den ganzen Tag wenig Zeit zum Geplauder mit Nachbarn; wir Winzerleute rheinauf rheinab müſſen arbeiten. Als aber eines Morgens Gertrud nicht kam friſche Milch für den Kleinen zu holen, ſchickte ich meine Grete damit hin. Sie erzählte mir, daß Gertrud ihr mit ſehr traurigem Geſicht den Krug abgenommen und ihr zugeflüſtert habe, ihr Herr ſei ſchwer krank, es dürfe ſich nichts im Hauſe rühren, Gretchen möge immerhin wieder nach Hauſe gehen, die halbtaube Votin, die alte Louiſe 158 habe den nächſten Arzt herbeigeholt. Dez nächſten Tag wurden meine beiden Jüngſten krank, und ſehen Sie, liebe Dame, wenn die eigenen Kinder das Scharlachfieber ha⸗ ben, fragt man weniger nach fremden Leuten. Gretchen ging jeden Morgen ſchnell mit der Milch hin, erhielt ihre Bezahlung und kam ſchnell zurück; aber eines Tages hatte ihr Niemand auf ihr Klopfen die Thür geöffnet, und als ſie durch die Fenſter des großen Zimmers blickte, fuhr ſie erſtaunt zurück, denn es war ganz leer. Wir hörten nach einiger Zeit, als der Eigenthümer des Hauſes den neuen Miether einführte bei welcher Gelegenheit er uns mitbeſuchte, Herr Doctor Stern ſei geſtorben, vor Kummer über ſein Söhnchen, die alte Gertrud lebe in einem Hospital, aber wo, wiſſe er nicht. Das iſt Alles, was ich Ihnen darüber ſagen kann, liebe Dame; es iſt traurig genug!“ „Und ich konnte ihn nicht pflegen, ihn, der mir ſo theuer war; konnte nichts für meinen kleinen Franz thun! Vielleicht hätte meine ſorgſame Pflege den Tod von ihnen fern gehalten! Dieſer Gedanke peinigt mich über Alles!“ „Warum quälen Sie ſich mit ſolchen Vorſtellungen? Bleiben nicht Tauſende, welche Niemand pflegt als die Natur, am Leben? Glauben Sie mir, es kommt Alles, wie es kommen ſoll. Man muß vorwärts und nicht rück⸗ 159 wärts ſchauen, denn man muß vorwärts gehen! Ich bin nur eine einfache Frau und habe nicht viel Bücher ge⸗ leſen, aber ich habe gut ſechzehn Jahre mehr als Sie und weiß, daß Zeit und Arbeit viel an jedem Menſchen thun. Suchen Sie irgend einem Geſchöpfe auf Erden Liebes zu erweiſen, und an jedem Tage wird von Ihrer Bürde ein Stückchen abfallen, das habe ich an mir ſelbſt er⸗ fahren!“ Die Frau ſprach ſo herzlich, daß Hermine wirklich Dankbarkeit für ihre Theilnahme empfand. Sie ſagte ihr herzlich Lebewohl und fügte hinzu:„Gewiß werde ich, wenn ich wieder an den Rhein komme, Sie beſuchen, liebe Frau Wicprecht.“ „Wiederkommen wollen Sie? Das würde ich Ihnen doch nicht rathen! Wozu durch den Anblick des kleinen Hauſes Ihren Schmerz täglich erneuern? Ziehen Sie weit von hier weg, in Gegenden, welche Ihnen neu ſind.“ Hermine ſchüttelte ſanft den Kopf. „Jeder hat ſeine eigene Weiſe, liebe Frau Wieprecht, darüber läßt ſich nicht ſtreiten. Vielleicht ſehe ich Sie bald wieder; ſollte es niemals geſchehen, ſo leben Sie wohl und mögen Sie und Ihre Familie recht zufrieden, recht glücklich leben!“ Hermine ſchüttelte der wackern Frau die Hand und ging, ſich jede Begleitung verbittend, das Rheinufer ent⸗ 160 lang bis zu der Stelle, wo ihr Boot, in welchem ſich Nanni befand, ihrer harrte. „Haben Sie etwas erfahren, gnädige Frau?“ fragte nach einer Pauſe Nanni ſchüchtern, denn ſie fürchtete ihrer guten Herrin weh zu thun und konnte doch ihre Theilnahme nicht unterdrücken. „Nichts, als was ich vorher wußte. Alles was ich jetzt zu thun habe iſt, zu erforſchen, an welchem Tage, in welchem Hauſe zu Frankfurt am Main mein Gatte und mein Söhnchen geſtorben find, damit ich wenigſtens ſei⸗ nen literariſchen Nachlaß, ſein theures Portrait und die Bücher wieder erhalte, die ihm gehörten.“ „Alſo gehen wir nach Frankfurt am Main?“ „Heute noch; wir wollen in Bingen landen, das nächſte Dampfboot, welches von Coblenz kommt, wird uns auf⸗ nehmen.“ Wie immer, ſo kam auch dieſen Tag das Dampf⸗ boot zur gewöhnlichen Stunde. Hermine ließ den dichten Schleier über ihr Geſicht fallen und ſetzte ſich ſchwei. gend, ohne ihre Umgebungen zu beachten, auf einen der Feldſtühle, während Nanni mit großem Ver⸗ gnügen die ſchönen Ufer betrachtete und die Da⸗ men muſterte, welche lachend und plaudernd ſich auf dem Verdeck ergingen. Die Fahrt war bald vorüber, Mainz erreicht, und 161 in einer Stunde befand ſich Hermine mit ihrer Dienerin in Frankfurt am Main. Einige Tage brachte die ruheloſe Frau mit Nach⸗ forſchungen nach ihrem Gatten zu. Auf der Polizei wußte man nichts von einem Doctor Stern, in keinem der vie⸗ len Hotels und Gaſthöfe erinnerte man ſich ſeiner, faſt überall erhielt ſie die Antwort, zu der Zeit, in welcher ihrer Angabe nach Doctor Alfred Stern dageweſen ſein ſolle, habe die Herbſtmeſſe ſtattgefunden, da ſei die Zahl der Fremden zu groß, als daß man ſich um jeden kürmere; zuletzt gab ihr ein Banquier den Rath, einem thätigen Agenten Auftrag zu Nachforſchungen zu hinterlaſſen und ihm für den Fall, daß er ihr die genauern Nachrichten, die ſie eingezogen wünſche, über⸗ bringe, eine anſehnliche Belohnung zu verſprechen. „Dann erfahren Sie wahrſcheinlich Näheres“, ſchloß der Banquier ſeine Rede,„ſonſt ſchwerlich; für Sie, Madame, ſind Nachrichten über Ihren verſtorbenen Gat⸗ ten und über Ihr Kind von großer Wichtigkeit, aber was ſind ſie für die Welt? Heutzutage kümmert ſich Jeder nur um ſeine nächſten Angehörigen und um die Perſonen, von welchen er ſich Vortheil verſprechen kann. Könige und große Staatsmänner ſterben und werden ver⸗ geſſen, und im ewigen Wechſel merken wir nicht, daß auch wirendlich vergeſſen, was wir einſt für unvergeßlich hielten!“ Pahn, Das Dorument. J. 11 162 Hermine antwortete nicht auf dieſe Bemerkungen, ſie dankte ihm nur für ſeinen Rath in Bezug auf den Agenten, den ſie auch ſofort befolgte. Eins aber hatte die Rede dieſes Weltmanns bei ihr bewirkt, ſie ſprach zu Niemand mehr von ihrem Schmerz, denn ſie ſah, wie wenig Theilnahme und Verſtänd⸗ niß ſie fand; auch beſtellte ſie ſich wieder helle Klei⸗ der, um in der Fremde nicht gleichgültige Fragen nach der Urſache ihrer Trauerkleidung beantworten zu müſ— ſen. Auch die Worte der Frau Wieprecht waren nicht ohne Wirkung auf Hermine geblie'en; ſie fing an das Umherſtreifens müde zu werden und ſehnte ſich nach einer nützlichen Thätigkeit; jetzt im Beſitz eines anſehnli⸗ chen Vermögens, konnte ſie Andern wohlthun, und mehr als einmal ſtieg der Gedanke in ihr auf, in einer geſun⸗ den Gegend ein großes Haus zu kaufen und es zu einem Aſyl für Waiſen oder hülfsbedürftige Wittwen zu be⸗ nutzen. Sie hatte ſich mit Nanni in Coblenz niederge⸗ laſſen, um Frankfurt nahe zu ſein, und weil die Stille dieſer reizend gelegenen Stadt ihr wohl that. Von Mr. Camara hatte ſie nichts mehr gehoͤrt. Sie wünſchte, ſeit ſie durch Nanni von ſeiner Leidenſchaft für ſie in Kenntniß geſetzt worden war, ihn nicht wieder⸗ zuſehen. Während ihres Umherſtreifens hatte ſie nicht wieder an die Kiſten gedacht, welche ſie mit aus Amerika 163 gebracht und dem Hotelbeſitzer in Bremerhafen zur Auf— bewahrung übergeben hatte. Jetzt, nachdem ſie ein Haus in Coblenz bezogen und beſchloſſen hatte, am Rhein zu bleiben, ließ ſie ſich ihr Eigenthum nachſenden, doch hatte ſie Sorge getragen, daß ſelbſt der Hotelbeſitzer in Bremerhafen nichts weiter erfuhr, als daß die Sachen nach Dresden geſchickt wer⸗ den ſollten; ſie wollte jeder Nachforſchung von Mr. Camara dadurch entgehen. Die Kiſten waren eingetroffen, und an einem Re⸗ gentage machte ſich Nanni darüber, ſie auszupacken. Mit dem ihr zur zweiten Natur gewordenen Ordnungsſinne ſtellte Hermine die Bücher auf, welche Nanni ihr reichte; jetzt kam die zweite Kiſte an die Reihe; ſie enthielt des verſtorbenen Oheims wohlgetroffenes Portrait, ebenfalls Bücher und ein Packet mit Briefen und andern Papie⸗ ren von ihres Oheims Hand. Hermine erinnerte ſich, daß es ihr am Tage vor ihrer Abreiſe aus Neuyork von Mr. Camara gebracht worden war. Sie betrachtete mit Rührung dieſe Manuſcripte; auch eine Abſchrift des bei den Gerichten niedergelegten Teſtaments fand ſich dabei und ein Codicill, von wel⸗ chem man ſie in Neuyork nicht in Kenntniß geſetzt hatte; erſtaunt darüber las ſie:„Ich hatte früher den * 164 Plan, meine geliebte Nichte, Hermine von Rainsdorf, mit meinem liebſten Freunde, Mr. Lyonel Camara, ehe⸗ lich verbunden zu ſehen, allein ſie iſt vermählt. Sollte ſie aber Wittwe werden, ſo würde es mich im Jenſeits erfreuen, wenn ſie dieſem vorzüglichen Manne die Hand reichen wollte.“ „Seltſam, ſeltſam!“ murmelte Hermine.„Sollte mein Oheim auf ſeinem Sterbebette einen Blick in meine Zukunft gethan, mein trauriges Geſchick geahnt haben?“ Wieder verſank ſie in Nachdenken. Es ſchien ihr kaum glaublich, daß Herr von Rainsdorf ſolche Gedanken ge⸗ habt haben ſollte, auch ſchien dieſe Schrift, wie ähnlich auch immer, doch nicht ihres Oheims Handſchrift zu ſein. Jetzt war die Kiſte bis auf den Voden ausgeleert, da rief Nanni, indem ſie ihrer Herrin ein Blatt reichte: „Ich glaube, das haben die gnädige Frau geſchrieben!“ Hermine warf einen Blick auf das Papier und ſtieß einen Schrei aus, es war die Hälfte eines Briefes, wel⸗ chen ſie in Neuyork an Alfred geſchrieben und Mr. Camara zur Beſorgung übergeben hatte. 3 Das treue Mädchen blickte erſchrote it Herrin an, deren Aufregung ihr unbegreiflich ſ. Hermine beeilte ſich. Nanni den Grund ihres Siun ihrer tigen Gemüthsbewegung mitzutheilen. „Wie konnte dieſes Blatt unter die Bücher 165 men? Ich begreife es nicht“, ſagte Hermine, die Hand nachdenklich an die Stirn legend. „O, ich begreife Alles!“ jubelte Nanni,„ich müßte ſonſt Mr. Camara nicht kennen. Er hat Ihre Briefe nicht abgegeben, doch, wie ſich's zeigt, nicht alle vernich⸗ tet. Er hat die Kiſten gepackt, und durch einen Irrthum, der offenbar Gottes Fügung iſt, iſt dieſes Blättchen zu den Büchern gekommen; es mag von Mr. Camara für einen Brief von Herrn von Rainsdorf gehalten worden ſein. Ich habe ſchon in den erſten Tagen entdeckt, daß Mr. Camara Sie, gnädige Frau, gewinnen wollte; für Ränkeſchmiede habe ich ſowohl ihn als ſeine Mutter ſtets gehalten. Ihm lag daran, ſeinen Zweck zu errei⸗ chen; er hat Ihre Briefe an Ihren Gemahl nicht beför⸗ dert und dazu ſeine Gründe gehabt; jetzt halte ich Alles für Lug und Trug. Ihr theurer Gemahl und der kleine Franz leben noch.“ „O Nanni, Ninni, wenn ich dieſe Hoffnung faſſen könnte! Aber Du kennſt meine Nachforſchungen, Du hörteſt, daß ſo viele ganz unparteiiſche Leute mir den Tod meiner Geliebten beſtätigt haben; ich darf mich nicht Erwartungen hingeben, deren Erfüllung mich aus dem tiefſten Leide auf den Gipfel irdiſcher tragen würde!“ „Warum verzagen, jetzt, wo aller Grund zum Hoffen 166 da iſt? O gnädige Frau, es iſt ein gutes Sprichwort: Hoffnung läßt nicht zu Schanden werden. Sie haben noch keinen Menſchen gefunden, der Ihren Gemahl und Ihren Sohn ſterben ſah; noch hat kein Todtengräber Ihnen die letzte Ruheſtätte beider gezeigt, noch keine Behörde Ihnen die Todtenſcheine vorgelegt!“ Bis tief in die Nacht hinein ſprachen Hermine und ihre treue Dienerin von der Möglichkeit, daß die von der erſtern ſo tief und ſchmerzlich Betrauerten noch leben könnten, Pläne, ſie aufzufinden, wurden gemacht und verworfen, bis endlich einer als der vernünftigſte ge⸗ wählt wurde. Den andern Tag begab ſich Hermine zu einem als klug und rechtlich bekannten Rechtsanwalt; ihm vertraute ſie ihre Kümmerniſſe, aber auch ihren Verdacht gegen Mr. Camara verſchwieg ſie nicht. Der würdige Mann hörte die Mittheilung der ſanf— ten, ſchönen Dame mit großem Intereſſe an; als ſie ihre klare und lebendige Schilderung beendigt hatte, ſagte er:„Aus Allem, was Sie mir ſagen, ſehe ich ebenfalls es nicht nur für möglich, ſondern für wahr⸗ ſcheinlich an, daß Ihr Gemahl und auch Ihr Kind noch lebt. Was Herrn Alfred Stern bewogen hat, ſich nicht zu dem Fürſten Victor zu begeben, ſcheint ſchwer zu er⸗ klären, da er, wie Sie erfuhren, dem Fürſten keine Zeile — 167 darüber geſchrieben hat; daß Niemand von ihm weiß, iſt über die Maßen ſeltſam; dennoch ſchließe ich deshalb nicht auf ſeinen Tod, denn heutzutage, wo Alles öffentlich iſt, würde doch Jemand Genaueres von dem Hinſcheiden eines Mannes angeben können, deſſen Name in der Literatur wohlbekannt iſt.“ „Zuweilen“, ſprach Hermine,„quält mich der fürch— terliche Gedanke, daß Alfred ermordet worden iſt!“ Der Rechtsgelehrte lächelte.„Das ſind Phantaſien einer liebenden Frau. Warum ſollte ein Mann, bei welchem, wie ich aus Ihren Reden höre, keine Reichthü⸗ mer zu finden waren, ermordet werden? Von wem? Doch nur von einem, der durch des Herrn Doctor Stern Tod hätte gewinnen können. Er iſt wenige Tage nach Ihrer Abreiſe mit ſeinem Kinde und der alten Dienerin von dem Dörfchen abgereiſt, alſo ehe Sie in Neuyork waren, ehe Mr. Camara Sie ſah; Mr. Camara kann höchſtens Ihres Herrn Gemahls geheimnißvolle Abreiſe benutzt haben falſche Nachrichten über ihn zu verbreiten, ihn und das Kind für todt auszugeben; es iſt kaum an⸗ ders anzunehmen, denn er reiſte mit Ihnen nach Deutſch⸗ land. Was den Baron Sternberg auf Sternberg be⸗ trifft, ſo hat er ſeinen Proreß gewonnen, iſt im Beſitz der Güter, hat nicht zu fürchten, daß er daraus vertrie⸗ ben wird, da ſich das Document, durch welches dem 168 Vater Ihres Herrn Gemahls die Güter zugeſprochen ſind, nicht aufgefunden hat. Meine Ueberzeugung iſt: Alfred Stern oder, wie er eigentlich heißt, Alfred Frei— herr von Sternberg lebt; wie Ihre Briefe an ihn, ſind die ſeinigen an Sie, meine gnädige Frau, unterſchlagen worden, oder man hat ihn durch falſche Nachrichten ge⸗ täuſcht. Wir müſſen Schritte thun, ihm Kunde von Ihnen zukommen zu laſſen, und zwar ſofort!“ Die Aeußerungen dieſes erfahrenen Mannes ver⸗ wandelten Herminens Zagen in beglückende Hoffnung; ſie bat den Sachwalter, nichts zu unterlaſſen, was zur Entdeckung ihres theuern Gatten führen könne, und ſtellte große Summen zur Verfügung des Rechtsgelehrten. Wirklich that dieſer, was in ſeinen Kräften ſtand. In den geleſenſten deutſchen, engliſchen und franzöſiſchen Zeitungen wurde Doctor Alfred Stern aufgefordert, ſich bei dem Rechtsanwalt Müller in Coblenz zu melden, indem derſelbe wichtige, erfreuliche Nachrichten für ihn habe. An alle Conſulate und Banquiers, an Buchhandlungen und Polizeibehörden wurde geſchrieben, doch Monat um Monat verſtrich, ohne daß von dem Verſchollenen etwas gehört wurde. Die Redaction der Zeitung, welche den Tod de liebenswürdigen Dichters Alfred Stern und ſeines Kindes angezeigt hatte, erwiderte: es ſei ihr dieſe Mittheilung 169 von unbekannter Hand gemacht worden; bei der Beliebt⸗ heit der Stern'ſchen Schriften habe man dieſe Traner⸗ nachricht ſofort verbreiten wollen; Näheres über ſeine letzten Tage wiſſe die Redaction nicht. „Das Hangen und Bangen in ſchwebender Pein“, wie Goethe ſich ſo treffend ausdrückt, die fortwährende Spannung, in welcher Hermine ſich befand, untergruben ihre Geſundheit, und hätte ſie nicht eine ſanfte, gedul— dige Gemüthsart beſeſſen, würde auch die Klarheit ihres Geiſtes nicht ungetrübt geblieben ſein. An Nanni hatte ſie eine vortreffliche Pflegerin. Das von Natur mit ſcharfem Verſtande begabte Mädchen hatte ſich in der Nähe ihrer gütigen Herrin eine über ihren Stand gehende Bildung angeeignet, und der kluge Sachwalter, an welchem Hermine einen Freund beſaß, wußte ſie bald dahin zu bringen, daß ſie Nanni unterrich⸗ tete. Dieſe nützliche Beſchäftigung erhielt ihren Geiſt ge- ſund und that ihrem guten Herzen wohl. Auch auf ihren frühern Plan, eine wohlthätige Stiftung zu machen. kam ſie zurück, und da ſie auch an ihrem Hausarzte einen Mann fand, welcher ſich auf das wärmſte für ſeine Pa⸗ tientin und deren Unternehmungen intereſſirte, ſo er⸗ trug ſie die Qual der Ungewißheit, ohne ihrem Charak⸗ ter untreu zu werden. Ach, wie Viele leben auf Erden, welche durch Qual 17⁰ und Verluſt mürriſch und gleichgültig gegen fremdes Leid werden, oder neidiſch auf Glückliche; wie Wenige gehen rein aus den Prüfungen hervor, welche das Schick⸗ ſal ſo ſelten einem Sterblichen erſpart! An jenem unglückſeligen Tage, an welchem Alfred die fürchterliche Nachricht erhielt, war er mehrere Stun— den wie betäubt; er vermochte kein Wort hervorzubringen und der ziemlich ſchnell herbeigeholte Arzt fürchtete das Schlimmſte. Die genaueſte Befolgung ſeiner verſtändigen Vor⸗ ſchriften und die Pflege Gertrud's ſtellten Alfred ſchneller her, als der Arzt für möglich gehalten hatte. Daß das Schiff Columbine untergegangen war, daran war kein Zweifel zu erheben, und daß Hermine mit dieſem Schiffe abgereiſt war, hatte ſie ihm ſelbſt geſchrieben. Doch hielt er es nicht für unmöglich, daß ſie gerettet worden ſei, und obgleich er kaum die Feder zu halten vermochte, ſchrieb er doch ſofort nach Hamburg, um ſich nach dem Schickſal der Paſſagiere des untergegangenen Schiffes zu erkundigen. Die Antwort ſtimmte vollkommen mit dem überein was er in der Zeitung geleſen hatte: Niemand war ge⸗ 171 rettet worden. Der Beſitzer von Streits Hotel antwor⸗ tete, daß Frau Doctor Stern am 24. September ſein Haus verlaſſen habe, um ſich an Bord der Columbine zu begeben. Alfred fühlte ſich außer Stande, in dem Häuschen noch einen Tag zu bleiben, das ihn an ein Glück erin⸗ nerte, welches auf immer für ihn dahin war. Auch zu Fürſt Victor konnte er nicht gehen; er wußte, daß es ihm nicht möglich war, jetzt die Arbeiten zu vollziehen, welche ihm aufgetragen waren Ihm ſeine Leiden mitzutheilen, ihm Gründe für ſeine Handlungsweiſe anzugeben, ver⸗ mochte er ebenſo wenig, er begnügte ſich damit, in eini⸗ gen Zeilen zu ſagen, daß Krankheit ihn abhalte einzu⸗ treffen, und übergab Gertrud den Brief zur Beſtellung. Dieſe gab ihn der Botin zu weiterer Beförderung; die Frau ließ ihn bei ſich zu Hauſe liegen und der Fürſt er⸗ hielt ihn nie. Empfindlich über Alfred's Schweigen ſah ſich der Fürſt nach einem andern Gelehrten um und fand bald einen, welcher ſich mit großem Vergnügen bereit erklärte, das an ſich angenehme Amt anzunehmen. Am liebſten wäre Alfred geſtorben; mit Herminen war ja für ihn Sonnenſchein und Duft aus dem Leben ent⸗ flohen, aber ein Blick auf Franz, auf Herminens Sohn, deſſen Augen ihn an die Unvergeſſene erinnerten, mahnte 172 ihn an ſeine Pflicht. Er verkaufte Alles, was ſich von Geräthſchaften in dem Häuschen befand, ließ Herminens Portrait und Alles, was ihr gehört hatte, einpacken, nahm, was er noch an Gelde beſaß, aus der frankfurter Bank und reiſte mit dem Kinde und Gertrud nach Dresden, um dort eine andere Art von Leben zu beginnen, denn er war ſich klar bewußt, was er zu thun hatte, um ſich nicht ſelbſt zu verlieren. Alfred hatte bisher ſeine Lebensaufgabe zu erfüllen geglaubt, wenn er ſeine ſchönen, tief empfundenen Ge⸗ dichte mittheilte und die kleinen Novellen niederſchrieb voll Geiſt und Grazie, welche der Kenner als wahre Kunſt⸗ werke betrachtete Er freute ſich an Herminens Freude an ſeinen Poeſien; es war ihm ein wohlthuendes Gefühl, ein reiner Genuß, wenn er ſeine Lieder ſingen hörte und ſich von den beſten Tondichtern ſeiner Zeit verſtanden wußte; eine unüberwindliche Scheu vor all dem Aerger, der dem Dramatiker zu Theil wird, und Zweifel an ſei⸗ ner Begabung für dieſe Gattung von Dichtungen hatte ihn abgehalten, ſeine Feder der Bühne zu widmen. Seit er den herbſten Lebensſchmerz erfahren, wußte Alfred entſchieden, daß in ihm der Liederquell auf Jahre, vielleicht auf immer verſiegt ſei. Jetzt mußte er ſich auf ein anderes Feld der Dichtung begeben, jetzt, wo er Em⸗ pfindungen und Gedanken kennen lernte, die ihn zu einem 173 Andern machten. Zurückdenken an die ſelige Zeit, die er mit Hermine verlebt hatte, das durfte er nicht, wollte er nicht das greuliche Geſpenſt, den Wahnſinn, vor ſich ſehen. Vorwärts mußte er blicken, aus ſich heraustreten, arbeiten mußte er mit allen Kräften ſeiner Seele, mit Verſtand, Phantaſie, Geſchmack und Gedächtniß. Er beſchloß ſich eifrig dem Studium der Geſchichte zu widmen; ein hiſtoriſches Drama ſollte ſein neueſtes Werk werden. Wien und Dresden, die beiden Städte, welche das beſte deutſche Schauſpiel der Gegenwart haben, wollte er zu Aufenthaltsorten wählen, den Sommer in Dres⸗ den, den Winter in der Kaiſerſtadt leben. Mit dieſen Vorſätzen hatte er, raſch von ſchwerer Krankheit erſtanden, die Rheinlande verlaſſen und war mit ſeinem Knaben und deſſen Pflegerin vor der Hand im Hotel de Saxe abgeſtiegen, entſchloſſen bald eine ruhige Wohnung mit einem Garten zu ſuchen, in welchem der Kleine ſpielen könnte. Bisher hatte Alfred zu Gertrud faſt gar nicht ge⸗ ſprochen; ſo oft ſie von ihrer lieben, guten Herrin redete, wandte er ſich ab. Er gab ihr die nöthigen Befehle und verſank dann wieder in tiefes Schweigen, welches die Dienerin nicht zu unterbrechen wagte. In Dresden ließ er ſich den Kleinen von ihr auf 174 ſein Zimmer bringen, küßte das Kind zärtlich und ſprach dann mit einer Stimme, welcher er vergebens Feſtigkeit zu geben bemüht war:„Gertrud, Sie haben mich mit dem Knaben hierher begleitet, Sie haben mich treu und aufopfernd gepflegt, wollen Sie ferner bei mir bleiben und das mutterloſe Kind hüten? Wenn Sie es nicht thun wollen, und in meinem Hauſe wird es fortan ſtill und ernſthaft ſein, dann ſagen Sie es mir, und ich gebe Ihnen Reiſegeld; wollen Sie aber bei mir bleiben, ſo wird es mich um des lieben Franz willen beruhigen, und ich werde erkenntlich ſein!“ „O Herr Doctor“ ſchluchzte Gertrud,„wie können Sie ſo von mir denken. Niemals werde ich den lieben Kleinen verlaſſen; ach, meine gute Herrin, wenn—“ „Gut, Gertrud, ich zähle auf Sie; doch jetzt hören Sie noch eins, ich werde es Ihnen nie wieder ſagen. Thun Sie danach, ſo bleiben Sie in meinem Hauſe; übertreten Sie nur einmal das Gebot, was ich Ihnen jetzt gebe, ſo ſind wir ſofort und auf immer geſchiedene Leute. Sie ſprechen niemals zu mir von der Mutter meines Franz, es ſei denn, daß ich ſelbſt davon reden ſollte, und ſie erzählen auch keinem Andern von Ihr. Meine Vergangenheit, Alles, Alles iſt begraben mit meiner Hermine und bleibe begraben. Fremde, gleich⸗ gültige Menſchen ſollen von ihr nicht hören, noch von 175 mir und— kurz, Gertrud, Sie kennen jetzt meinen Willen!“ Gertrud nickte ſtumm mit dem Kopfe und verließ mit Augen voll Thränen mit dem Kleinen das Gemach. Sie war eine einfache Perſon, welche wenig Gelegenheit gehabt hatte, etwas Anderes zu lernen, als eben ihre Haus⸗ arbeit, aber ſie beſaß zwei unſchätzbare Eigenſchaften, welche nur die Natur verleiht, Herzensgüte und Zartgefühl. Sie hatte jetzt einen tiefen Blick in ihres Herrn Herz gethan und fühlte eine Art von Bewunderung für ſeinen Muth; ſie ſah jetzt ganz klar, daß nicht Kälte ihn ſo ſchweigſam gemacht hatte, und begriff nun, daß Männer auch leiden, wenn auch in anderer Weiſe als die Frauen. Alfred hatte, um allen Fragen auszuweichen, keine Trauerkleider angelegt und auch Gertrud unterſagt, es zu thun; er miſchte ſich unter die Spaziergänger, welche die Brühl ſche Terraſſe belebten, die jetzt im vollen Herbſt⸗ ſchmuck alle ihre Reize darbot. Wer ihn nur flüchtig beobachtete, konnte den jungen feingekleideten Mann, deſſen Aeußeres ſchon für ſich einnahm, wohl ſchwerlich für einen Unglücklichen halten. In ſchwermüthig ſüße Erinnerungen verloren ſtand er an dem eiſernen Geländer und blickte über den Elbſtrom nach den Bergen, welche den Anfang der ſäch⸗ ſiſchen Schweiz bilden, da fühlte er plötzlich eine Hand 176 auf ſeiner Achſel und ſah, als er ſich umwandte, in ein liebes, wohlbekanntes Geſicht. „Alfred, theurer Freund, ſeit wann biſt Du hier?“ „Seit geſtern Abend, lieber Henrhy. Ich freue mich wahrhaft, Dich wiederzuſehen!“ „Und ich, o mein Freund, mich macht es glücklich, Dich hier zu finden! Wenn ich Dir auch ſeit Jahren nicht geſchrieben habe, bin ich doch im Herzen unverän⸗ dert gegen Dich, immer noch Dein alter Getreuer!“ „Das kann ich in Bezug auf Dich auch von mir ſagen; Niemand auf Erden möcht' ich jetzt lieber be⸗ gegnet ſein, als Dir, mein Henry.“ „Und bleibſt Du jetzt hier? Was ſind Deine Pläne?“ fragte der junge Engländer. „Ich denke mich hier niederzulaſſen; vor der Hand wohne ich im Hotel de Saxe.“ „Herrlich! Da wohne ich auch. Leider muß ich in ſechs Tagen nach Prag, um mit meinen Verwandten zu⸗ ſammen zu treffen, aber ich kehre bald und allein zu⸗ rück, und dann, wenn Du noch der Alte biſt, wollen wir wieder zuſammen leben, ein Herz, ein Sinn!“ Alfred ſagte mit ſchmerzlichem Lächeln:„Wenn mein Ernſt Dich nicht verſcheucht, denn ich bin nicht mehr der heitere Burſche, der ich in Heidelberg war und den man wegen ſeiner ſteten Heiterkeit himmelblau nannte.“ 177 „Auch mir würde jetzt ſchwerlich der Spitzname Mr. Luſtik zu Theil; ich habe jetzt das Wort luſtig richtig ausſprechen lernen, aber ich bin es nicht mehr.“ „Wer iſt es noch mit fünfundzwanzig Jahren? Und wir beide zählen einige Jahre mehr!“ „Ich bin, wie Du mir anſehen wirſt, noch ledig, werde wohl niemals heirathen, aber Du, biſt Du ver⸗ lobt, Alfred?“ „Wittwer, mein Henry, aber frage mich nicht weiter; laſſe uns ſprechen von Allem, was Du willſt, nur nicht von meinem auf ewig verſchwundenen Glücke. Ich bin Dir noch immer ſo warm und aufrichtig ergeben als zu der Zeit, wo wir einander im Mondenlicht auf der hei⸗ delberger Ruine Freundſchaft bis in den Tod ſchwuren; es gibt keinen Dienſt, den ich Dir nicht mit Freuden leiſten würde, kein Opfer, welches ich Dir nicht bringen würde, aber— kurz, mein lieber Henry, ich fürchte, ich bin kein angenehm er Geſellſchafter. Ich bin oft mir ſelbſt zur Laſt, wie werde ich es nicht erſt Andern ſein!“ „Fürchte das nicht in Bezug auf mich, mein lieber Alfred, ich ertrage meiner Freunde Stimmungen und nehme dafür deren Nachſicht in Anſpruch. Ich bin auch nicht mehr unbekannt in den Regionen des tiefſten Seelen⸗ ſchmerzes; ich habe viel innerlich erlebt, und wenn ich einen Leidensgefährten ſehe, erinnere ich mich eines Gedichts, Hahn, Das Document. I. 12 178 das mir vor längerer Zeit ein münchner Student in mein Album ſchrieb; es lautet: Moli tangere! Drängt Euch nicht mit kühlen Fragen An ein friſch geneſend Herz! Laßt es ſtill zu Grabe tragen Seine Todten, ſeinen Schmerz! Unter Thränen bricht der Triebe Eigenſücht'ger Widerſtreit, Und der Glaube, wie die Liebe Kommt ihm in der Einſamkeit. 3 Doppelt freut Euch dann die Heilung, Tritt es vor Euch, neu erfriſcht, Daß Ihr nicht in Uebereilung, Euch in ſeinen Kambf gemiſcht.“ Alfred ſeufzte. Henry ſprach kein Wort; in Gedanken verſunken gin⸗ gen ſie langſam durch die ſchattigen Partien des Brühl⸗ ſchen Gartens, aber je weniger die Freunde zuſammen ſprachen, deſto inniger verſtanden ſie ſich. Den nächſten Abend beredete Henry ſeinen Freund zu einer Waſſerfahrt; er war ein gewandter Ruderer und hatte oft in der glücklichen Studentenzeit ſeinen Freund den Neckar hinauf und hinab gefahren; zuweilen waren ſie nach Heilbronn geritten und dann, nachdem ſie ſich in der alten Stadt umgeſehen hatten, den Neckar hinab 179 auf dem Dampfſchiff heimgekehrt, oder ſie hatten Henrh's eigene kleine Jacht genommen. Damals hatte Alfred ſeine ſchönſten Lieder gedichtet; ſie galten dem Ideale, wel— ches er ſpäter in ſeiner Hermine verwirklicht gefunden hatte. Heute fuhren ſie den ſchönen Elbſtrom hinab, aber ein Schiffer ruderte, denn Henry hatte dieſen Abend dazu auserſehen, dem Freunde ſeine Erlebniſſe zu erzählen; er fand Erleichterung im Ausſprechen ſeines Schmerzes, während Alfred es nicht ertragen konnte, von ſeinem Leid zu reden oder nur eine leiſe Anſpielung darauf zu hören. Velleicht lag auch der Aufrichtigkeit Hench's die liebevolle Abſicht zu Grunde, den Freund dadurch von den Gedanken an das eigene Leid abzuziehen, denn er ſah wohl, daß Alfred das wärmſte Intereſſe für das inner⸗ liche Leben ſeines Freundes hatte. Um nicht von dem Schiffer verſtanden zu werden, begann Henrh in ſeiner Mutterſprache:„Als ich Dir in Heidelberg Lebewohl ſagte, ging ich, wie Du Dich erin⸗ nern wirſt, nach England zurück. Ich verließ den reizen⸗ den Muſenſitz ohne mein Herz verſchenkt zu haben; ich konnte mit gutem Gewiſſen ſagen, daß kein weinendes Mädchenauge mir nachblickte denn ich war leider ſtets der Menſch, die Liebe für etwas ſehr Ernſtes zu nehmen. 2 ¹ 180 England, wie großartig, ſchön und lebendig es auch iſt, geeignet, ſeine Söhne mit Stolz zu erfüllen, iſt nicht das Land für mich, der ich, jung nach Deutſchland gekommen, faſt ganz zum Deutſchen geworden bin. Ich bin kein Kaufmann; ich hatte nie Luſt, mich um einen Platz im Parlamente zu bewerben, ſonſt wäre ich Mitglied des Unterhauſes geworden, weder die Flotte noch die Armee lockte mich; mein mäßiges Einkommen von tauſend Pfund reicht hin für ein behagliches Leben in Deutſchland, und wenn ich ſpäter— Gott erhalte meinen würdigen Oheim noch lange!— deſſen Güter und Titel erbe, werde ich auch dann nicht öfterer, als ich muß, in England leben. Mein Oheim empfing mich mit großer Freude, fragte mich aus über Alles, was ich geſehen und gelernt hatte, und hörte es ſehr gern, als ich ihm verſicherte, daß mein Herz noch völlig frei ſei. „Das iſt geſcheidt, Henry“, ſagte er;„ein Engländer muß eine Engländerin zur Frau nehmen, gleiche Kinder ſpielen am beſten, und zwiſchen Perſonen von verſchie⸗ denen Nationen, ſelbſt wenn ſie einander herzlich lieben, gibt es doch zuweilen Streit oder kleine Mißverſtänd. niſſe. Wir ſind zu meinem Freunde, dem lieben Dekan, ein⸗ geladen, und da wirſt Du außer den beiden liebenswür⸗ digen Töchtern noch mehrere reizende Mädchen aus guten Familien ſehen, von denen jede eine anſtändige Mitgift hat.“ 181 „Lieber Oheim“, erwiderte ich lachend, vor der Hand denke ich noch nicht an das Heirathen; wenn ich aber einmal ein Mädchen liebe, dann wird es mich wenig küm⸗ mern, in welchem Lande es geboren iſt und ob es Ver⸗ mögen hat oder nicht.“ Der gute Onkel zog die Stirn in Falten und ſagte verdrießlich:„Romanhafte Ideen, Henrh. Für eine arme Frau aus guter Familie reicht Dein Einkommen nicht hin; auch ſpielt eine Frau, welche keine Mitgift oder Ausſicht auf Erbſchaft hat, in der Familie immer eine trübſelige Rolle. Es kann ja gar kein richtiges Verhältniß zwiſchen Mann und Frau beſtehen, wenn die Frau kein eigenes Geld hat und um jeden Schil⸗ ling für ihre Spitzen und Bänder den Mann bitten muß.“ „Und mir, Oheim, wäre dieſe Art von Selbſtſtän⸗ digkeit der Frau geradezu unangenehm“, erwiderte ich. „Liebte ich jemals ein reiches Mädchen, ſo wäre ſein Reich⸗ thum mir eher eine Laſt als eine Freude. Es hat für mich etwas Unangenehmes, zu denken, daß meine Frau, die mir in ſich ſelbſt, in ihrer Liebe mein Lebensglück ſchenkte, unter meinem Dache leben, aber Alles, was ſie brauchte, ſich ſelbſt bezahlen ſollte“ „Nun, nun, wenn Du die ſchönen Töchter des Dekans geſehen haſt, wirſt Du ſchon anders denken“, ſagte mein 182 Oheim.„Ich bin nur froh, daß Dich keine Dame des Continents gefangen hat.“ „Gefangen!“ rief ich erzürnt.„Das iſt ſo eine Ihrer wunderlichen Anſichten, beſter Oheim. Die Mädchen des Continents, wenigſtens die deutſchen, gehen nicht mehr und nicht weniger auf Männerfang aus als Mädchen in andern Ländern; die zartfühlenden, welche ſich ſelbſt ſchätzen, thun es nirgends. Die Väter und Mütter, die Oheime und Tanten ſtiften wohl gern Heirathen und ſuchen nach reichen Männern und Mädchen für ihre ehe⸗ maligen Pfleglinge, aber die Mädchen, S verſcho nen Sie.“ Er lachte und nahm den kleinen Seitenhieb auf ſeine Luſt, mich mit einem reichen Mädchen zuſammenzubringen, gut gelaunt auf. „Sie haben überhaupt falſche Begeiſſe über die Verhältniſſe auf dem Continente“, fuhr ich fort.„Es gibt dort mehr Reichthum, als die Engländer, welche höchſtens auf kurze Zeit nach Paris gehen oder Italien bereiſen, glauben. Ueber die deutſchen jungen Damen herrſchen noch die wunderlichſten Vorurtheile, weil ſie Manches im Haushalte beſorgen; Kenntniß des Haushalts gehört zu den guten Eigenſchaften gebildeter junger Damen. So halten Engländer, welche mit den deutſchen Sitten unbekannt ſind, dieſelben für minder gebildet, ärmer 183 oder geringern Standes als eine junge Engländerin, welche den Tag über Romane lieſt, ein wenig ſtickt, eine Kammerfrau für ſich hat und nicht weiß, wie es in einer Küche ausſieht. Die Töchter deutſcher Be⸗ amten und Kaufleute lernen auch Sprachen und Mufik und wiſſen ſich zu benehmen, obgleich ſie ſich ihre Wäſche ſelbſt nähen, auch wenn ſie von Adel ſind.“ „Das iſt wahr“, bemerkte Alfred. „Du ſiehſt hieraus“ fuhr Henry fort,„wie ſehr ich Deutſchland liebe; ich konnte im Auslande niemals den leiſeſten Tadel Deutſchlands hören, dagegen vertrage ich es freilich auch nicht, wenn uns deutſche Zeitungen da angreifen, wo wir es, meiner Anſicht nach, nicht verdienen. Nun, ich reiſte mit meinem Oheim zu dem Dekan, welcher ein ſehr angenehmes Haus machte, ſchloß mit den Söhnen Freundſchaft und bewunderte die Töchter, von denen die älteſte ſtrahlend ſchön war; auch andere junge Damen ſah ich, aber mein Herz blieb kalt, ich fühlte mich von keiner angezogen. Mein Oheim ärgerte ſich über meine Unempfindlichkeit, allein was konnte er dagegen thun? Ich mußte, nachdem wir das gaſtfreie Haus des Dekans verlaſſen hatten, meinen Oheim auf ſeinen ſchönen Landſitz begleiten; er gab viele Feſte, hatte immer die beſte Geſellſchaft, in welcher ſchöne junge Mädchen nicht 184 fehlten, aber nicht eine einzige erregte ein tieferes In— tereſſe in mir. Ein Jahr hatte ich in meinem Vater⸗ lande gelebt und mich mit dem beſchäftigt, was man in Deutſchland Nichtsthun oder Müßiggehen nennt. Ich hatte allerdings für mich fortſtudirt, Italieniſch gelernt, aber nichts gethan, was Geld einbringt, ich hatte nur Geld ausgegeben; ich war völlig Herr meiner Zeit, und obgleich das für den Künſtler, den Dichter ein Glück ſein mag, iſt es im Allgemeinen kein Glück. Es iſt merkwürdig, daß das rührige, ſtrebſame, lebhafte England unter der Gentry ſo viele Männer hat, die gar nichts thun, als für ſich leben. Ich ſehnte mich nach Abwechslung, nach Beſchäftigung, womit ich irgend einem Andern nützen könnte, ja einmal kam mir der Gedanke, ich wolle Arzt werden, um einen ſegensreichen Wirkungskreis zu gewinnen, aber mein Oheim lachte darüber, und ich kam mir zu alt vor, um nochmals Student zu werden. Eine tiefe Verſtimmung bemäch⸗ tigte ſich meiner, und ich hatte in jener Zeit nicht ein⸗ mal Luſt, Dir, meinem liebſten Freunde, zu ſchreiben. Ich war der ewig wiederkehrenden Geſellſchaften, der großen Diners, der Fuchsjagden müde und hatte keine Luſt, als die Saiſon wieder begann, in London zu bleiben. 35 Eines Abends fiel es mir ein, die italieniſche Oper 185 zu beſuchen; ich war, von einem Diner kommend, dazu gekleidet und trat in den hellerleuchteten Saal. Der erſte Act von Mozart's ſchönſter Oper„Don Juan“, war eben zu Ende. In ihrer Loge, neben ihrem Gemahle, ſaß die Kö⸗ nigin. Sie trug ein einfaches blauſeidenes Kleid und einige lebendige Azaleen im Haar. Mechaniſch bewegte ſie ihren Fächer; ſie ſah nicht heiter aus, auch Prinz Albert blickte mit einer Miene um ſich, welche keines⸗ wegs Zufriedenheit ausdrückte. Jetzt hörte ich einen Knaben von zwölf bis vierzehn Jahren neben mir zu einem ältern Herrn in deutſcher Sprache ſagen:„Sieh einmal die Königin und ihren Gemahl anz beide haben Alles, was die Erde bietet, und ſehen doch nicht fröh- lich aus.“ Vielleicht weil ſie zu viel, folglich wenig zu wün⸗ ſchen haben. Merke Dir Goethe's Spruch, mein Sohn: Nichts iſt ſchwerer zu ertragen, Als eine Reihe von guten Tagen! „Ich', fuhr der Herr fort,„beneide keinen Fürſten der auf ſo hohem Platze ſteht, ſchon deshalb nicht, weil er nicht nach Belieben in der Welt umherſchweifen darf.“ „Das iſt wahr, Papa, es geht nichts über das Rei⸗ ſagte der ſchöne Knabe. Die mir lieben deutſchen Laute riefen die heiter⸗ *7 ſen ſten Erinnerungen in mir wach; mich überkam eine un⸗ beſchreibliche Sehnſucht nach Deutſchland. Ohne mich länger zu beſinnen, ſtand ich auf, eilte nach meiner Woh⸗ nung unweit Hyde⸗Park und befahl meinem Diener, meine Sachen zu packen und Alles zu meiner Reiſe nach Deutſchland vorzubereiten. Als ich am andern Morgen meinem Oheim meine Abſicht ankündigte, ſagte er:„Du biſt mündig, haſt Dein eigenes Geld, alſo thue, was Du willſt. Du wirſt ſchon wiederkommen. Bis jetzt bliebſt Du den reizendſten Frauen gegenüber kalt, vielleicht kommſt Du diesmal mit einer Frau zurück. Warnungen helfen nichts, nur das laſſe Dir von Deinem beſten Freunde und einem alten Manne geſagt ſein: Verliebe Dich lieber zehnmal oberflächlich als ein einziges Mal ernſthaft in eine Künſtlerin oder in eine verheirathete Frau. Eine Künſt⸗ lerin liebt ihre Kunſt mehr als Dich und ſehnt ſich aus der glücklichſten Häuslichkeit doch immer wieder auf den Schauplatz ihrer Triumphe zurück, und die Liebe zu einer Ehefrau kann einem Manne von tiefer Empfindung leicht das ganze Leben verdüſtern. Ich liebte in meiner Jugend eine Ehefrau; meine Liebe blieb rein, ich glaube auch unerwidert. Aus Schwärmerei für dieſe Frau wich ich jeder andern Verbindung aus; endlich, als nach und nach aus Mangel an jeder Erwiderung meine Nei⸗ 187 gung zu ihr ſchwächer wurde, hatte ich meine Jugend⸗ jahre hinter mir und keinen rechten Muth mehr, um ein junges liebenswürdiges Weſen zu werben. So lebe ich nun ohne Gattin, ohne eine liebliche Tochter, welche mein Haus ſchmücken und es mit ihrem ſonnigen Lächeln erhellen könnte; ich habe nur noch die Hoffnung, daß Du, mein lieber Henry, mir bald eine liebe Nichte zu⸗ führen wirſt.“ Das Bekenntniß des alten Mannes rührte mich; ich gelobte ihm, ſeinen Rath zu befolgen, und verſprach ihm, ſobald mein Herz für ein Mädchen ſpräche, an eine Ver⸗ bindung mit ihm zu denken. Ich reiſte über Belgien, um den Rhein hinauf nach Frankfurt und von da nach mei⸗ nem lieben Heidelberg zu gehen. Abends ziemlich ſpät kam ich in Köln anz es war ein lauer prachtvoller Aprilabend. Ich hatte nicht Luſt, in meinem Gaſthofe zu bleiben, beendete raſch mein Abendeſſen und ging über die Rheinbrücke. Es war ſchon elf Uhr und ich befand mich faſt ganz allein Jetzt gewahrte ich im Mondenlicht eine weibliche Geſtalt; ſie war von mittlerer Größe, Hut und Schleier verbargen ihr Geſicht, ſie ſchaute lange hinab in den Rhein, dann wandte ſie ſich um und ging vor mir her. Warum ich ihr folgte, weiß ich nicht. Unwillkürlich ſchritt ich hinter ihr her, durch mehrere der engen Gaſſen der innern Stadt; 3 188 plötzlich war die Geſtalt verſchwunden, als ſei ſie in die Erde geſunken. Lache mich aus, wenn Du willſt, Alfred, aber mich fröſtelte, es war mir zu Muthe, als habe ich eine übernatürliche Erſcheinung geſehen. Mit raſchen Schritten ſuchte ich aus den dunklen, engen Gaſſen herauszukommen; mein Fuß ſtieß an etwas, ich bückte mich und hob einen feinen Frauenhandſchuh auf. Vielleicht hatte ihn die räthſelhafte Erſcheinung ver⸗ loren!“ Henry ſchwieg und ſah düſter vor ſich hin. Alfred ſagte:„Daß Dich eine Art von Schauder befiel, kann ich ganz gut begreifen; ich bin einmal am hellen Tage aus der Lorenzkirche zu Nürnberg gelaufen, weil ich mich, ohne mir darüber Rechenſchaft geben zu können, mit einem Male zu fürchten anfing. Aber ſprich weiter, ſahſt Du jene Dame wieder?“ Henry fuhr fort:„Ein Geſchäftsmann würde ſie vielleicht bald vergeſſen haben, ich dagegen hatte ſo recht Zeit, meinen Gedanken nachzuhängen, und that es auch. Ich lief drei Tage hinter einander durch alle Gaſſen und Gäßchen der alten Stadt, um einer ähnlichen Erſcheinung zu begegnen, aber keine von allen hatte dieſe reizende Mittelgröße, dieſen raſchen und doch ſchwebenden Gang, dieſe mit edlem Anſtande gepaarte Grazie, welche ich in der mondhellen Nacht ganz deutlich 189 bemerken konnte Ich ließ thöricht genug den Handſchuh in der Zeitung unter den gefundenen Sachen anzeigen, als ob eine vornehme, reiche Dame, denn der Handſchuh war einer von der feinſten Sorte, ſich um einen verlore⸗ nen Handſchuh kümmern würde. Ich verließ Köln und reiſte, ohne mich unterwegs aufzuhalten, nach Mainz, denn ich hatte ſchon früher das Beethoven⸗Denkmal in Bonn und die Feſtung Ehren⸗ breitſtein geſchen. In Mainz, das ich noch nicht kannte, beſchloß ich einige Tage zu verweilen. Es war gerade das Oſterfeſt und deshalb in den Kirchen viel zu ſehen. Obgleich ich, wie Du weißt, der Hochkirche angehöre, wohne ich doch gern dem Gottesdienſt der Katholiken bei und habe mich des Lächelns nie erwehren können, wenn meine hoch. kirchlichen Landsmänninnen die Katholiken für arme Ir⸗ rende oder arge Sünder und ihre Ceremonien für Götzen⸗ dienſt erklärten. Eines Tages fiel es mir gerade um die Mittags⸗ ſtunde ein, in den Dom zu gehen; er war leer. Jetzt erblickte ich eine ſchwarz gekleidete, dicht verſchleierte Dame, welche in einer Niſche ſtand, mit einem jungen Geiſtlichen ſpre⸗ chend, ohne mich zu ſehen. „Gehe jetzt, Schweſter“, ſagte der Geiſtliche in ita⸗ lieniſcher Sprache,„ich muß fort. Dich bitte ich aber, ſei 190 nicht ferner ſo unvorſichtig, wie Du es ſchon mehrmals warſt. Einmal könnte es Dich gereuen. Du weißt auch nicht, ob die Tante—“ Ich ſchämte mich zu horchen und trat den Rückweg an, aber ich bildete mir ein, dieſe ſchwarzgekleidete Dame ſei dieſelbe, welche mir in Köln erſchienen war. Ich ſtellte mich vor die Thür des Doms, um ſie, die mich im höchſten Grade intereſſirte, zu ſehen, aber ſie kam nicht zu dieſer Thür heraus und endlich ging ich, des Wartens müde, nach meinem Hotel. Auch in Mainz hielt ich mich wieder auf, um vielleicht jener Dame nochmals zu begegnen, aber ich ſah ſie nicht. Ich ging nach Biberich, um die wundervolle Blumenaus⸗ ſtellung in den Glashäuſern des herzoglichen Gartens zu ſehen, aber unter all den Damen, welche dahin wallten, war keine Dame in Trauer. Am letzten April langte ich in Heidelberg an; als ich ausſtieg, rief eine Stimme in meinem Innern:„Kehr um, kehr um!“ aber ich beachtete ſie nicht. Wahrhaft glücklich ſchritt ich durch die lange Straße dem Ritter zu, mein Diener folgte mit meinen Sachen zu Wagen; ich mußte gehen, mußte jedem Hauſe guten Tag ſagen. Im Ritter ward ich mit Jubel empfangen; obgleich Ferien waren, fand ich doch einige bemooſte Häupter da, und Wirth und Kellner erinnerten ſich meiner ſogleich. 191 Ich konnte meinen alten lieben Bekannten mich nicht entziehen, wollte es auch nicht, alſo widmete ich mich ihnen den Abend; eine Partie nach Schwetzingen für den nächſten Tag ſchlug ich aus. Mit dem erſten Sonnenſtrahl erwachte ich; ich ſchlafe des Sommers in Süddeutſchland niemals lange. Vor acht Uhr ſtand ich ſchon im Vorhofe des alten Schloſſes. Unter einem Baume oder, wie Shakſpeare ſagt, unter des Laubdachs Hut ſaß zeichnend eine Dame in einem ſchwarzſeidenen bis hoch an den Hals heraufgehenden Kleide. Sie hatte nichts Helles an ihrem Anzuge als einen weißen Kragen, den die Damen Stuartkragen nennen, und einige goldene Nadeln, mit welchen die Fülle des ſeidenweichen glänzendbraunen Haares aufgeſteckt war; ihr Antlitz aber leuchtete aus dem dunklen Gewande wie ein Stern am nächtigen Himmel hervor. Ich hatte auf dem Wege von der Stadt nach dem Schloſſe an die ſchöne Kurfürſtin Eliſabeth von der Pfalz gedacht; ich hatte im Landhauſe eines meiner Verwandten ein mei⸗ ſterhaft gemaltes Bild geſehen, welches das wohlge⸗ troffene Portrait der ſchönen Tochter Jakob's I und ihrer Großmutter, der Königin Maria Stuart, ähnlich ſein ſollte; im erſten Augenblicke war ich nahe daran, dieſe reizende Erſcheinung für die Fürſtin zu nehmen, denn ich hatte mich, mit meiner lebhaften Phantaſie die Gegen⸗ 192 wart vergeſſend, in die vergangenen, ich will nicht ſagen beſſern, aber romantiſchern Zeiten verſetzt. Ich blieb lange in bewunderndes Anſchauen ver⸗ ſunken ſtehen, denn die ſchöne Zeichnerin, ganz in ihre Arbeit vertieft, bemerkte mich nicht. Endlich blickte die Dame auf, eine dunkle Röthe überflog ihr früher etwas bleiches Antlitz; ich näherte mich ihr, verbeugte mich ehrerbietig und bat um Ver⸗ zeihung, daß ich ſie geſtört habe. Ich weiß nicht, warum ich ſie franzöſiſch angeredet hatte. Sie lächelte und erwiderte in deutſcher Sprache: „Dieſer ſchöne Platz gehört ja nicht mir, Jeder hat das Recht, ihn zu beſuchen.“ Sie legte den Zeichenſtift hin und ſagte:„Ich weiß nicht, ſoll ich den beneiden, der ihn zum erſten Male ſieht, oder den, der nach längerer Abweſenheit dieſe Zierde Deutſchlands wieder begrüßt.“ Da ſie Luſt zeigte, mit mir zu ſprechen, ſo erwiderte ich:„Als Student lebte ich drei Semeſter hier ſehr fröhlich, eine unwiderſtehliche Sehnſucht zog mich hierher, vielleicht die Stimme meines Schickſals.“ „Was iſt Schickſal? Ich wünſchte, ich könnte an ein eiſernes, unabänderliches Schickſal glauben. Doch man mag glauben, was man will, man ändert damit nichts, macht Geſchehenes nicht ungeſchehen und berei⸗ 193 tet ſich dadurch keine glücklichere Zukunft. Die wahre Philoſophie iſt: den Augenblick genießen, ſich jedes ſchönen Tages freuen.“ „Daß mancher Tag beſonders ſchön ſein kann, em— pfinde ich heute, meine Gnädige.“ „Was ſind Ihre Lieblingsplätzchen in dieſer Ge⸗ gend und welchen Punkt hier lieben Sie am meiſten?“ fragte ſie. „Ich weiß nicht, es geht mir damit wie mit den Tragödien Shakſpeare's, den Romanen Scott's, den Gedichten Schiller's, ich habe der Lieblinge viele.“ „Dann gehören Sie vielleicht zu den Naturen, welche einen großen Fonds von Liebe in ſich haben“, ſagte ſie, aber ſo ruhig und ohne alle Verlegenheit, daß ich ſie beinahe für eine Frau gehalten hätte, obwohl ſie an ihren ſchönen Händen nicht einen einzigen Ring trug. Sie ſtand auf und bezeigte Luſt umherzugehen; ich fragte und zwar etwas ſchüchtern, ob ich ſie begleiten dürfe; ſie ſagte:„Warum nicht?“ und ſah mich dabei an wie ein Kind, halb ſchelmiſch, halb unbefangen. Im Laufe des Geſprächs theilte ſie mir mit, daß ſie im Ritter wohne, auf dem Wege zu einer Tante ſei, welche in Schwaben wohne, daß ſie es aber niemals über ſich gewinnen könne, nach Heidelberg zu kommen, ohne einige Tage daſelbſt zu verweilen.„Wenn gerufen wird: Hahn, Das Document. I. 13 194 Station Heidelberg, da muß ich ausſteigen“, ſagte ſie, „und jedesmal bleibe ich dann länger und laſſe die Tante—“ „Warten!“ rief ich ſchnell. Sie ſchlug in die Hände und lachte:„Ja, ja, warten!“ Ich machte die Vemerkung, daß jetzt alle Welt reiſe, auch junge Damen ganz allein, ohne Schutz. „Was ſoll denn einer Dame im Waggon erſter Klaſſe unter vielen anſtändigen Leuten geſchehen? Im Hotel, wenn ich mich damenhaft benehme und meine Rechnung bezahle, ſtehe ich unter dem Schutze des Wirthes; jedes Weib, das ſich ſelbſt beſchützt, iſt beſchützt!“ Wir gingen Arm in Arm oben im Schloßgarten und auf den Anlagen umher, ſpeiſten zuſammen in der Reſtauration auf der Ruine und verlebten dieſen Tag harmlos wie Geſchwiſter und ich wenigſtens glückſelig. Abends, als ich ihr im Ritter gute Nacht ſagte, fragte ich:„Werden Sie morgen abreiſen?“ Sie erwiderte:„Ich weiß es noch nicht gewiß, aber ich glaube, daß ich noch bleibe.“ Ich konnte vor lauter Erregtheit den Schuf nicht finden, denn ſie war an dieſem einen Tage für mich zu einem Weſen geworden, ohne welches ich mir kein Glück denken konnte.“ „Sie wollte mit Dir ſpielen, war eine Kokette 195 ſchon damals feſt entſchloſſen zu bleiben. Nicht ſo, mein armer Henry?“ „Höre weiter! Am andern Morgen ſtand ich früh auf nach ihr fragen wollte ich nicht. Ich ging in den Frühſtücksſalon und ſaß unruhig bei meinem Thee, immer nach der Thür ſchauend, ob ſie wohl eintreten würde. Da kamen ein dicker Kaufmann aus Norddeutſch⸗ land mit Frau und Töchtern, zwei bairiſche Offiziere und eine bejahrte Engländerin mit drei Töchtern und einem zwölfjährigen Knaben. Letztere ſprachen kein Deutſch, und der Kellner, welcher ſie bediente, verſtand kein Wort Engliſch. Ich nahm mich ihrer nicht an, ſondern ver. leugnete ſie ſchmählich. Endlich ſagte ich zu dem Kell⸗ ner:„Ich erwarte Freunde, haben Sie noch Sinnt im erſten Stock frei?“ „Das eine, in welchem die Dame im ſchwarzen Kleide gewohnt hat, die dieſen Morgen abgereiſt iſt.“ „Ah, die junge Dame! Sie wollte nach Schwaben.“ „Das weiß ich nicht, ſie fuhr heute früh nach dem Bahnhof.“ Ich war wie betäubt; endlich bat ich um das Frem⸗ denbuch; ich wußte ihre Zimmernummer, da konnte ich leicht ihren Namen entdecken. Mit flüchtiger, ausgeſchrie⸗ bener Handſchrift ſtand da aufgezeichnet: Frau Joſe⸗ phine Durval aus Köln. 196 Jetzt wußte ich ihren Namen. Sollte ich ihr nach⸗ reiſen nach Schwaben? Ich konnte ſie dort ausfindig machen, wenn auch nicht leicht. Mein Verſtand wider⸗ rieth mir dieſe abenteuerliche Entdeckungsreiſe. Sie liebte mich nicht, ſonſt wäre ſie geblieben und hätte mir ihren Namen geſagt; ſie wollte eben einen Tag in Heidelberg verleben und nicht allein herumgehen, das war Alles. Sie hatte kein Wort geſprochen, keinen Blick auf mich gerichtet, der ſich nicht mit der feinſten Sitte vertragen hätte; in ihrem Gange, ihrer Art, zuweilen mehrere Fra⸗ gen hintereinander zu thun, lag etwas, was mich auf den Gedanken brachte, ſie ſei eine ſehr hochgeſtellte Dame, welche zu ihrem Vergnügen incognito herumreiſe; aber ich verwarf dieſe Vermuthung wieder, denn eine ſo junge Dame iſt ja abhängig von Verhältniſſen, bewachter und minder frei als ein armes Dienſtmädchen. Endlich kam ich zu dem Entſchluſſe, in Heidelberg zu bleiben, alle Nachforſchungen nach ihr zu unterlaſſen und mich zu be⸗ ſtreben, nicht anders an ſie zu denken, als an ein ſchönes Traumbild.“ „Das war ſehr weiſe von Dir gedacht beſter Henry, vernünftiger, als ich es von Deinem poetiſchen Naturell erwartet hätte“, bemerkte Alfred. „Ich war einig mit mir und nahm mir vor, nach⸗ mittags nach Schwetzingen zu fahren; vorher aber wollte 197 ich das Schloß beſuchen und auch ohne ſie mich im Schat⸗ ten der alten Bäume glücklich fühlen. Ich ging langſam den Weg, den ich ſo oft gewandelt, dachte lebhaft an Dich und ſang eins Deiner heiterſten Lieder, und als ich oben ſtand, um mich ſchauend und ſin⸗ gend, da ſah ich wieder ſie vor mir, die Stufen herabkom⸗ mend aus dem Bau der ſchönen Eliſabeth. Als ſie mein Staunen bemerkte, rief ſie halb lachend, halb wehmüthig:„Was zieht Sie denn hierher, und warum wundern Sie ſich, daß ich Heidelberg nicht laſſen kann?“ „Ich glaube jetzt an Seelenwanderung und daß Sie früher als Eliſabeth von der Pfalz hier wohnten; darum können Sie dieſe Räume nicht laſſen, darum müſſen Sie hier alle Jahre ſein, ruhelos, vielleicht zur Strafe, weil ohne Ihren Ehrgeiz der arme Friedrich von der Pfalz niemals den thörichten Streich begangen haben würde, um einer ungewiſſen Königskrone und des leeren Titels Ma⸗ jeſtät willen dieſes Paradies zu verlaſſen.“ „O', erwiderte ſie graziös mit einer allerliebſten Bewegung des Hauptes,„der Kurfürſt Friedrich that es nicht nur aus Ehrgeiz; er wollte ſeiner geliebten Gemah⸗ lin die Krone auf das Haupt ſetzen, und Herzog Chri⸗ ſtian von Braunſchweig, welcher den Handſchuh der Kö⸗ nigin an ſeinem Barett trug—“ 198 „Hat ſicher Eliſabeth nicht wärmer und aufrichtiger bewundert, als der Mann, der Ihren Handſchuh trägt, mein gnädiges Fräulein.“ Bei dieſen Worten zog ich den feinen Handſchuh, den ich in Köln gefunden hatte, aus meiner Bruſttaſche. „Wie kommen Sie zu meinem Handſchuh?“ fragte ſie lebhaft. Ich erzählte und fragte, ob Sie nicht auch im mainzer Dome geweſen ſei an dem Mittwoch in Ber Charwoche. Sie bejahte es. Wir promenirten wieder unter den Ruinen umher, wir fuhren nach Schwetzingen, an herrlichen, wunderbar ſchönen Abenden den Neckar hinauf und hinab. Wir ſprachen von den verſchiedenartigſten Dingen; mit jeder Stunde wurde ſie mir theurer, anziehender, niemals hatte ich ein ſo unterrichtetes, geiſtvolles Weib ken⸗ nen gelernt, welches dabei ganz frei von Pedanterie und der mir widerwärtigen Eitelkeit auf Talent und Kenntniſſe war. Wir fuhren auch zuſammen über Mannheim und Ludwigshafen nach Speyer, den Dom zu ſehen. In dieſem Dome kniete ſie, denn ſie iſt katholiſch, und in dieſem Dome ſagte ich ihr, daß ich ſie liebe Sie wurde blaß und ſchwieg. Auf dem Heimwege im Waggon waren wir nicht allein, aber ſie forderte mich auf 199 nochmals mit ihr auf das Schloß zu gehen und oben, auf dem vom Mondlichte beſtrahlten Schloßplatze, ſprach ſie ganz leiſe:„Und ich liebe Dich!“ Acht Tage lebte ich wie in einer andern Welt. Ich fragte ſie, ob ſie bald vor dem Altar mein werden, ob ſie in England oder lieber in Deutſchland leben wolle, ſie ſolle wählen. Nach langem Schweigen erwiderte ſie: „Das muß ich überlegen.““ „Und von ihren Verhältniſſen ſagte ſie Dir nichts, und Du fragteſt nicht, Henry?“ „Sie erzählte mir, ihre Aeltern ſeien beide todt, ihr Bruder aus freier Wahl Geiſtlicher, jetzt Diakonus am Dome zu Mainz. Sie habe ein kleines Vermögen, allein ſie würde es nicht erhalten, wenn ſie ſich mit mir verbände. Ich wollte ja nur meine Joſephine, weiter nichts als ſie, und bat ſie, mir getroſt zu folgen bis Frankfurt am Main, wo der engliſche Geiſtliche uns ohne alle die vielen Vorbereitungen trauen würde, welche in Deutſchland jeder Heirath vorhergehen.“ „Und Du forſchteſt nicht nach ihrer Vergangenheit?“ „Ich liebte ſie, theurer Alfred, mit allen Kräften meiner Seele, warum ſollte ich an ihr zweifeln? Auch ſah ſie ſo rein, ſo edel und vornehm aus, daß wohl Kei⸗ ner an ihrem ſittlichen Werthe gezweifelt haben würde.“ Alfred ſchüttelte den Kopf. Henrh fuhr fort.„Wir 200 waren verlobt, ſie trug meinen Ring und ich in einem goldenen Medaillon eine Locke ihres ſchönen Haares. Stundenlang ſaßen wir auf dem abgelegenſten Plätzchen des Schloßgartens, ich zu ihren Füßen. Sie ſtrich mir ſanft das Haar; zuweilen ließ ſie ſich küſſen oder küßte mich. Wenn ſie, wie es ihre Weiſe war, plötzlich auf⸗ ſtand ſich vor mich hinſtellte, mein Haar ſtreichelte und mir in die Augen ſah, fielen mir die Verſe von Karl Beck ein: Sie ſtrich mir das berworrene Haar, Sie hat mich geküßt, Sie hat mich geſegnet, Da iſt mir der Ewige wunderbar In ihren unſterblichen Augen begegnet. Eines Nachmittags, es regnete, ſaß ich in ihrem Zimmer. „Der Himmel iſt grau und trübe, die ſchönen Tage ſind hin“, ſagte ſie. „Für mich nicht, mein Leben! Wo Du biſt, iſt Sonnenſchein!“ „Würde es Dich ſehr betrüben, wenn Du mich verlöreſt?“ „Welche Frage! Aber Du blühſt wie das Leben, und habe ich Dich durch Prieſters Segen, biſt Du ganz mein, will ich Dich hegen und halten als mein lieb⸗ ſtes Kleinod.“ — 201 „In Numero drei“, ſagte der Kellner draußen vor der Thür des Zimmers. Es wurde raſch und kurz ge⸗ klopft, Joſephine wurde leichenblaß und ſtieß einen gel⸗ lenden Schrei aus. Ein ältlicher Herr, der das Anſehen eines höhern Offiziers hatte, trat ein. Er verbeugte ſich vornehm gegen mich, dann wandte er ſich gegen Joſephine und ſagte in fließendem Ita⸗ lieniſch:„Unbeſonnene, Leichtſinnige, endlich habe ich Deine Spur gefunden! Dein Bruder brachte mich dar⸗ auf. Es iſt die höchſte Zeit heimzukehren; in dieſer Stunde noch wirſt Du mit mir abreiſen.“ „Nein, Oheim“, entgegnete ſie, ebenfalls auf Ita⸗ lieniſch. Jetzt, nun ich wußte, daß jener Herr nur ihr Oheim ſei, erhob ich mich und ſagte:„Erlauben Sie mir auch ein Wort, mein Herr! Die Dame iſt mündig und hat ſich mir verlobt; mein Name iſt Henry Ackland, kein geringer in meinem Vaterlande—“ „Das bezweifle ich nicht, mein Herr. Es würde mich ſchmerzen, wenn der Leichtſinn und die Abenteuerſucht meiner Nichte Ihnen Leiden bereiten ſollte, allein Sie werden ſogleich einſehen, daß Sie nicht das geringſte Recht an dieſe Dame haben, wenn ich Ihnen ſage—“ „Oheim, Oheim, halten Sie ein, ich beſchwöre Sie!“ rief Joſephine und ſank in die Kniee. 202 „Nein! Dieſer Herr, offenbar ein Ehrenmann, ſoll Alles erfahren. Dieſe junge Dame hier iſt die Tochter meines ältern verſtorbenen Bruders, des Fürſten Mar⸗ colini, ich bin der Malteſerritter Graf Marcolini. Aus freiem Willen vermählte ſich dieſe Dame mit dem Fürſten Sulkoosky; er iſt freilich weder ein ſchöner, noch ein junger Mann, allein er iſt ihr Gemahl, hat ſie nie gekränkt, ſie, das arme Mädchen, denn ihr älteſter Bruder beſitzt die Güter, mit allem Luxus umgeben.“ „Aber ich liebe den Fürſten nicht, ich haſſe ihn; ich will nicht mein ganzes Leben hindurch elend ſein. Warum zwang man mich, ein achtzehnjähriges Mädchen, dem widerwärtigen, viel ältern Manne meine Hand zu reichen!“ „Niemand zwang Dich“, entgegnete ihr Oheim.„Du konnteſt in ein Kloſter gehen, Dich unter den Schutz Dei⸗ ner Schweſter, der Generalin, begeben.“ „Nach Rußland ſollte ich ziehen?“ Er beachtete dieſen Einwurf nicht, ſondern fuhr fort:„Du wirſt mir keinen Widerſtand entgegenſetzen“; noch hat Dein Gemahl Rechte über Dich, und Du wirſt mir folgen. Er weiß nicht, was Du hier gethan haſt; ich nehme Dich jetzt mit zu Deiner Schweſter, das Weitere findet ſich!“ „Und wenn ich nun feſt erkläre, daß ich hier bleibe, daß ich gerichtlich geſchieden ſein will?“ rief 203 Joſephine mit glühenden Wangen und ſah ihren Oheim feſt an. „Das wirſt Du nicht thun! Wer gibt Dir das Recht, Deine ganze Familie durch einen ſolchen Schritt zu beſchimpfen? Was, wenn Du geſchieden wirſt, woll⸗ teſt Du thun? Du haſt kein Vermögen, Deine Bedürf⸗ niſſe gehen in das Märchenhafte, Dein reicher und großmüthiger Gemahl läßt allen Deinen Launen freien Spielraum; wenn Du als die Schuldige vor ihm ſtehſt, wirſt Du auf ein ſehr unbedeutendes Jahrgeld angewie⸗ ſen ſein.“ „Ich kümmere mich nicht darum; Mr. Ackland fragt nicht nach meinem Gelde“, erwiderte ſie und ſah mich mit einem Lächeln an, das, was ich auch eben erfahren hatte, mich doch bezauberte. „Würde Mr. Ackland ſich auch jetzt, nachdem er ſo Ueberraſchendes von mir über Dich vernommen, Dir ſeine Hand geben? Würde ſeine Familie Dich, die Ka⸗ tholikin, gern aufnehmen? Wirſt Du, Abenteurerin, in dem ernſten, nüchternen England glücklich ſein? Willſt Du mit Deiner Familie ganz brechen, für welche Mrs. Ackland nicht exiſtiren würde?“ „Mein Herr Graf', ſagte ich,„bisher hörte ich nur Ihre Titel; ich bezweifle nicht, daß Ihre Familie eine ehrenwerthe, in ihrer Heimat angeſehene iſt, allein einer 204 Verbindung mit den Acklands, zu denen ich gehöre, würde ſich keine Lady ſchämen. Erlauben Sie mir, Ihnen über meine Verhältniſſe Einiges mitzutheilen.“ „Mit Vergnügen ſtehe ich Ihnen zu Dienſten, mein Herr. Wollen Sie die Güte haben, mir auf mein Zimmer zu folgen?“ erwiderte der Graf. „Oheim, verleumde mich nicht, Du kennſt, Du ver⸗ ſtehſt mich nicht. Ich ſchwöre Dir, daß ich Mr. Ackland liebe, daß er meine erſte, wahre Liebe iſt. Zerſtöre nicht mein ganzes Lebensglück!“ „Ich werde Mr. Ackland die Wahrheit, nur die buchſtäbliche Wahrheit ſagen“, antwortete der Graf mit Würde und erſuchte mich, ihn zu begleiten. Er ſchloß die Thür des Zimmers ab, in welchem ſich Joſephine befand, ohne ſich an mein Staunen zu kehren. In ſeinem Zimmer lud der Graf mich artig zum Sitzen ein und begann:„Ich will weder meine Nichte, noch Sie, mein Herr, unglücklich ſehen, darum ſollen Sie ſo lau⸗ tere Wahrheit hören, als beichtete ich. Mein Vater war ein Italiener, öſterreichiſcher Unterthan, meine Mutter eine deutſche Gräfin. Ich habe mehr von der ruhigen Ge⸗ müthsart meiner Mutter als mein Bruder, den die Leidenſchaft bewog, ſich mit einer ſchönen Sängerin zu vermählen. Sie war eine Franzöſin, aus angeſehener Familie, aber voll Intrignen, niemals ohne ein Heer 205 von Anbetern, mein Bruder alſo nicht eben glücklich. Sie ſtarb jung; ihr älteſter Sohn und Joſephine haben das Naturell der intriguanten Mutter, vermiſcht mit der Leidenſchaftlichkeit ihres Vaters, geerbt. Mein Neffe iſt mündig und ſein eigener Herr; ſeine Zwillings⸗ ſchweſter, ein ſanftes, häusliches Weſen, wie meine gute Mutter, vermählte ſich kurz vor ihres Vaters Tode mit einem ruſſiſchen General aus hoher Familie. Mein jüngerer Neffe ward bei Verwandten in Deutſchland erzogen und aus freiem Triebe Geiſtlicher. Joſephine zwei Jahre älter als dieſer Bruder, machte der ganzen Familie zu ſchaffen mit ihren tollen Einfällen. Sie war ſchon als Kind ſehr lebhaft, beſitzt viele Kenntniſſe und ſpielte ſchon in dem Kloſter, wo ſie erzogen werden ſollte, ſo viel Romane, daß ſie von der würdigen Aebtiſſin zu ihrem Vater zurückgeſandt ward. Sie kannte kein grö⸗ ßeres Vergnügen, als zu gefallen und Männer zu narren, und kokettirte in Ermangelung anderer Männer mit dem Beichtvater. Ich will nicht alle ihre kindiſchen Streiche erzählen, nur ſagen, daß ſie mit ſechzehn Jahren wunderſchön war. Ihre Mutter war zwar Sängerin ge⸗ weſen, aber die Enkelin einer altadligen Emigrantenfamilie. Joſephine wurde bei Hofe vorgeſtellt; ihre Ausgaben für ihre Toilette wurden koloſſal. Endlich ſuchte ſie einen jungen Mann über ihrem Stande zu gewinnen; vielleicht gefiel 206 er dem Dämchen, doch hatte wohl Eitelkeit viel Antheil an ihrer Neigung, und ihr Herz brach nicht, als der Prinz mit einer Erzherzogin verlobt ward. Damals munterte ſie ſelbſt den viel ältern Fürſten Sulkovsky auf; ſie wurde zu der Heirath nicht gezwungen. Viel⸗ leicht hätten wir das junge Weſen davon abhalten ſollen, aber Niemand in der Familie traute ihr zu, daß ſie einer wahren Liebe fähig ſei, und wir alle wollten nicht länger die Verantwortung haben, die junge Dame zu hüten, obgleich ſie eigentlich, und davon bin ich jetzt noch überzeugt, nur gegen den Schein verſtieß, in Wahr⸗ heit aber ihrer Würde nichts vergab.“ Als ich hierauf eine zuſtimmende Bewegung machte, fuhr der Graf fort:„Meine Nichte lebte auf den Gü⸗ tern ihres Gemahls beinahe ein Jahr ganz vergnügt, dann überkam ſie eine mächtige Reiſeluſt, und ſie ruhte nicht, bis ihr Gemahl mit ihr nach Italien ging; ſie hatte in ihm ihren Hüter und ich kümmerte mich nicht mehr um ihre Lebensweiſe. Der Fürſt mußte endlich auf ſeine Güter zurück, ſie begleitete ihn, aber nach einigen Monaten begehrte ſie Spanien und Portugal zu ſehen; auch dieſer Wunſch ward ihr erfüllt. Der Fürſt erkrankte; der Arzt rieth zur Heimkehr, da wurde ſie matt, hinfällig, mußte nach Madeira, aber ohne den Gemahl, nur mit einer Geſellſchafterin und Dienerſchaft, und lebte dort, 207 wie ich erfuhr, ſehr vergnügt, während der Fürſt in Wien bei dem Arzte war, deſſen Rath er ſchon oft und ſtets zu ſeinem Vortheil befolgt hatte. Vor zwei Jahren, als wichtige Geſchäfte den Fürſten daheim hielten, ergriff ſie eine unendliche Sehnſucht nach ihrer Mutter Schweſter, welche in Schwaben lebt. Wie ſie es anſtellte, weiß ich nicht, aber Fürſtin Joſephine erhielt wieder ihren Willen; angeblich verweilte ſie acht Wochen bei der würdigen Frau, aber ich, der ich ſie ſeit ihrem Aufenthalt in Ma⸗ deira ſtets im Auge behielt, erfuhr, daß ſie nur acht Tage in Stuttgart bei der Tante ſich aufgehalten und dann ohne Begleitung umhergeſchwärmt war. Ihrer Dienerſchaft hatte ſie befohlen, ſie in Darmſtadt zu er⸗ warten. Man hatte ſie in Begleitung eines ſehr ſchönen, berühmten Schauſpielers geſehen. Dies Jahr hat ſie ein Gelübde, allein nach Köln zum Grabe der heiligen drei Könige zu wallfahren, zum Vorwande ihrer Reiſe ge⸗ nommen, und der alte gläubige Mann muß ſich noch darüber geſchmeichelt fühlen, da ſie behauptete, es in ſeiner letzten Krankheit gethan zu haben. Kann ein ſo zur Ver⸗ ſtellung geneigtes Weſen Sie glücklich machen, ſelbſt wenn meine Nichte von Ihnen innig geliebt würde?“ Ehe ich antworten konnte, trat Joſephine herein. „Sie ſchloſſen mich ein, theurer Oheim“, ſagte ſie in franzöſiſcher Sprache,„ich klingelte, ein Kellner klopfte 208 vn die Thür, ich befahl ihm aufzuſchließen, da bin ich. Ich glaube ſelbſt, daß Mr. Ackland mir nicht vörzeihen wird, daß ich mich ihm verlobte, ehe meine Ketten gelöſt ſind; auch iſt es vielleicht beſſer für ihn und mich, wir ſcheiden. Ich werde dieſe Tage in Heidelberg niemals vergeſſen, ich hoffe, auch Sie, Henry, denken oft und gern an mich.“ Nach dieſen Worten verließ ſie mich und eine Vier⸗ telſtunde ſpäter ſah ich ſie mit ihrem Oheim abfahren.“ „Und hörteſt Du niemals wieder von ihr, Henry?“ „Nein, ich forſchte nicht nach ihr. Ich hatte ſie ge⸗ liebt aus vollſtem Herzen, ſie hatte nur mit mir ge⸗ ſpielt. Sie hat mich um meine Zukunft betrogen, denn ſo oft ich ein liebenswürdiges Mädchen ſehe, ſteht Joſephine neben ihr vor meinem geiſtigen Auge, und mit ihr ver⸗ glichen erſcheint mir jede Andere proſaiſch und unbe⸗ deutend.“ Alfred drückte dem Freunde die Hand; ſchweigend erreichten ſie Dresden. Ende des erſten Bandes. Einige Tage nach dieſem Abende ſpeiſten Alfred und Henry an der Table d'höte des Hotels. Mehrere Dresdner, reiche Junggeſellen und Wittwer, denen es daheim zu einſam iſt, Fremde, welche monatelang ſich in Dresden aufhielten, verſchiedene Bewohner des Hotels, unter dieſen ein Dutzend Ausländer, ſaßen an der Tafel, als die Freunde eintraten. Zwei ſächſiſche Offiziere und ein wohlbeleibter Herr, welcher das Anſehen eines Guts⸗ beſitzers hatte, waren Alfred's und Henry's Nachbarn. Sie ſprachen ſehr lebhaft und ganz ungenirt mit einander. „Alſo Ihre liebenswürdige Couſine iſt wirklich Braut?“ ſagte der dicke Herr zu dem jüngſten Offizier.„Da muß man doppelt gratuliren, ſie macht eine brillante Partie.“ „Allerdings, Herr von Kirchmann; ich glaube, daß Sternberg einer der reichſten Gutsbeſitzer dreißig Meilen in der Runde iſt.“ Hahn, Das Docnment. 1I. 1 „Fräulein von Waldau verdient dies Glück; Ihre Aeltern, Herr Lieutenant, freuen ſich gewiß auch ſehr dar⸗ über, da ſie die Waiſe als Tochter behandelt haben.“ „Das thaten ſie in Wahrheit, und ich muß ge⸗ ſtehen, ich liebe Alma Waldau, als wäre ſie meine Schweſter“, entgegnete der Offizier. „Sagen Sie mir doch, Waldau“, fragte der ältere Offizier,„hatte nicht der Baron Sternberg einen Pro⸗ ceß? Ich glaube gehört zu haben, daß er nicht auf den Gütern geboren iſt, oder iſt das nur ein Gerücht?“ „Es iſt ſo, wie Sie ſagen, Herr Hauptmann. Ein intriguanter jüngerer Bruder ſeines Vaters wußte den⸗ ſelben bei den Aeltern zu verhetzen, darum ging der ältere Sternberg nach Amerika. Nach dem Tode der Aeltern kam er zurück, fand den jüngern Bruder im Ahnen⸗ ſchloſſe den Majoratsherrn ſpielend, und als er, wie natürlich, ſeine Güter in Beſitz nehmen wollte, berief ſich der jüngere Sternberg auf ein Doeument, kraft deſ⸗ ſen demſelben die Güter gegen Erlegung einer großen Summe von Rechtswegen zuerkannt worden ſein ſollten. Aber das Document fand ſich ſelbſtverſtändlich nicht, weil es niemals exiſtirt hatte, der jüngere Sternberg wurde des Betrugs überwieſen und—“ Weiter vermochte der Offizier nicht zu ſprechen, denn in demſelben Augenblicke erhob ſich Alfred, der 3 abwechſelnd bleich und roth vor Zorn zugehört, und mit einem Blicke, der etwas von dem des Tigers hatte, ſchrie er:„Was Sie da ſagen, mein Herr, iſt eine in⸗ fame Lüge! Sie werden Ihre Worte ſofort zurück⸗ nehmen!“ „Ich werde keine Silbe zurücknehmen, denn ich habe Alles, was ich hier erzählte, von dem Sohne des ältern Sternberg ſelbſt gehört.“ „Möglich, ich will ſogar annehmen, daß dieſer ſelbſt es nicht beſſer weiß, aber ich weiß poſitib, daß jenes Document dem Baron Alfred Eduard Sternberg“ liſtig geſtohlen worden iſt und daß er ein Chrenmann durch und durch war. Deshalb erſuche ich Sie, Herr Lieutenant, dieſe Unwahrheit niemals wieder zu erzählen!“ „Ich werde reden, was mir beliebt, Herr; auch ſehe ich nicht ein, mit welchem Rechte Sie ſich in mein Ge⸗ ſpräch mit dieſem Herrn hier miſchen.“ „Mit dem Rechte des Sohnes, Herr Lieutenant, und ich fordere, daß Sie jedes ehrenbeleidigende Wort über meinen edlen Vater auf der Stelle zurücknehmen!“ „Und wenn ich es nicht thue, wollen Sie mich viel⸗ leicht fordern?“ ſagte der Lieutenant höhniſch.„Wegen eines Betrügers ſchlägt ſich kein Offizier mit deſſen Sohne!“ „Verſtecken Sie Ihre Feigheit nicht hinter Redens⸗ arten, die ich nicht dulde“, brauſte Alfred auf. 1* 4 Ein höhniſches Gelächter, ein Schimpfwort, von dem Offizier halblaut geſprochen, und Alfred's Arm auf des Lieutenants Schulter waren faſt eins. „Wollen Sie ſich jetzt ſchlagen, Herr?“ fragte Alfred kreidebleich, und ſeine Augen ſchienen ihn zu durchbohren. Der junge Mann flüſterte dem Hauptmanne einige Worte zu, dieſer bewegte bejahend den Kopf. Inzwiſchen hatte Ackland leiſe mit Alfred geſprochen, dann verbeugte ſich der letztere leicht gegen den Hauptmann und verließ den Saal. Mr. Ackland trat zu den Offizieren und ſagte:„Sie können ſich wohl denken, Herr Lieutenant von Waldau, welchen Auftrag mir mein Freund, der Baron Alfred von Sternberg, gegeben hat. Sie wiſſen, daß wir Eng— länder im Allgemeinen das Duell nicht billigen, aber wir würden den Mann verachten, der nicht für die Ehre ſeines Vaters eintritt.“ „„Alſo, Mr. Ackland, Sie wollen Herrn Alfred von Sternberg's Secundant ſein?“ fragte der Hauptmann, welcher den Engländer ſeit Monaten kannte.„Laſſen Sic uns auf Ihrem Zimmer das Nähere beſprechen, wenn es Ihnen gefällig iſt, denn natürlich werde ich Herrn Lieutenant von Waldau ſecundiren. Die Fremden kennen unſere Namen nicht, reiſen noch heute ab, wie ich hörte, Herr von Kirchmann wird ſchweigen, und des Hausherrn —————.——— 5 und ſeiner Leute werde ich mich verſichern; die Geſchichte bleibt beſſer unbekannt.“ Herr von Kirchmann gelobte, den Vorgang nicht weiter zu erzählen, und die drei Herren entfernten ſich einer nach dem andern ſcheinbar ruhig aus dem Saale. Ob die Fremden ſich lebhaft für den Vorfall inter⸗ eſſirten, konnte Niemand wiſſen, ſie nahmen ihr Deſſert ein und ſchienen ſich wenig um das gekümmert zu haben, was am andern Ende der Tafel vorgefallen war. 5 Einige Stunden ſpäter trat Henry Ackland in das Zimmer ſeines Freundes; er fand ihn allein, Gertrud war mit dem kleinen Franz ſpazieren gegangen. „Die Sache iſt abgemacht, Alfred“, ſagte er und warf ſich in den Diwan;„morgen früh um vier Uhr im großen Garten treffen wir uns. Da dem Lieutenant, als dem Geforderten, die Wahl der Waffen frei ſtand, wählte er den Degen. Ich weiß, er bildet ſich viel auf ſeine Fechterkünſte ein, auch iſt mir bekannt, daß er wirklich den Degen zu handhaben weiß, allein ich kenne noch von Heidelberg her Deine Meiſterſchaft und machte keine Einwendungen Für Woffen ſorge ich, auch iſt der Hauptmann K Keßner ein Ehrenmann, und es wird Alles richtig und ehrlich zugehen.“ „Habe Dank, Henry; es ſcheint, der“ Himmel hat Dich mir geſandt, denn Du ſollſt nicht nur mein Secundant, — 6 Du ſollſt auch der Vollſtrecker meines letzten Willens ſein. Ich habe ihn aufgeſetzt, hier iſt er. Viel habe ich nicht zu hinterlaſſen, da mein Vatererbe mir genommen iſt, aber Dir laſſe ich viel, meinen Sohn, das Kind einer heiligen, unvergänglichen Liebe.“ „Ich werde ihm Vater ſein— wenn doch Alfred, ich habe nicht an Deinen Tod gedacht, ſondern an den Dei⸗ nes Gegners. Die Waldaus ſind angeſehen, haben vor⸗ nehme, ſehr einflußreiche Verwandte; fiele Waldau, ja würde er nur ſchwer verwundet, ſo würde Dein Loos kein angenehmes ſein. Für den kleinen Franz mußt Du Deine Freiheit bewahren. Hier, dieſe Brieftaſche enthält meinen Paß und einige hundert Pfund in Banknoten; das Kind und die Dienerin halten ſich morgen früh be⸗ reit, mit Dir, falls es nöthig iſt, abzureiſen. Ich werde Wagen und Pferde für ſie herbeiſchaffen; ich ſelbſt muß nach Prag, Du aber—“ „Ich, lieber Henrh, wenn ich lebend von dem Zwei⸗ kampfe zurückkehren ſollte, verlaſſe Dresden, ja Deutſch⸗ land für immer; nie wieder will ich mich dem ausſetzen, den Namen meines edlen Vaters unverdient ſchmähen zu hören. Wohin ich mich wende, weiß ich noch nicht.“ „Jedenfalls treffen wir wieder zuſammen, das ſteht feſt!“ Die beiden Männer drückten einander die Hände, — 7 dann ſtand Ackland auf, um noch einige Geſchäfte zu beſorgen. Ehe er das Zimmer verließ, ſagte er:„Es iſt gut, daß ich heute meinen Paß vom Polizeibureau wegen meiner Reiſe nach Prag holen ließ, da kann ich ihn Dir leicht geben. Ich werde meinem Geſandten ſagen, daß ich den Paß verloren habe, und ohne Schwierigkeiten einen neuen bekommen, da er mich kennt. Auf Wiederſehen!“ Bis ſpät in die Nacht hinein ſchrieb Alfred, wäh⸗ rend Gertrud im Nebenzimmer einpackte und das lieb⸗ liche Kind ſüß ſchlummerte. Gegen Morgen bezahlte Alfred ſeine Rechnung und fuhr mit dem Kinde und Gertrud dutch die ſtillen, menſchenleeren Straßen der Königsſtadt. Unweit des großen Gartens ließ er den Kutſcher halten, ſtieg aus und befahl Gertrud, ihn mit dem Kinde zu erwarten. Er küßte es noch einmal innig und legte die Hand ſegnend auf ſein blondes Lockenköpfchen In einem Cabriolet erwartete ihn Henry; ſie fuhren bis an das Ende des großen Gartens, ſtiegen aus und begaben ſich auf den beſtimmten Platz. Kaum drei Minuten mochten ſie dageſtanden haben, als Herr von Waldau mit ſeinem Secundanten und einem Wundarzt erſchien. Nachdem die üblichen Begrüßungen ausgetauſcht 1 8 * und alle Vorbereitungen zu dem Zweikampfe ge⸗ troffen waren, traten die Secundanten zurück, die Herren ſenkten die Degen und begannen den Kampf. Waldau, im Gefühle ſeiner Ueberlegenheit, dem Civiliſten wenig zutrauend, zeigte in etwas affectirter Weiſe ſeine Geſchicklichkeit, Alfred vertheidigte ſich ziemlich matt, wie einer, der ſeines Lebens überdrüſſig iſt. Als er aber ein höhriſches verächtliches Lächeln auf Waldau's Lippen ſah, gerieth ſein Blut in Wallung; er machte einen geſchickten, ſeinem Gegner höchſt uner⸗ warteten Ausfall; dieſer wurde nun ebenfalls hitzig, und nach einigen Gängen ließ Waldau den rechten Arm ſinken und würde zu Boden gefallen ſein, wäre ihm nicht der * Hauptmann beigeſprungen Alfred blickte auf den jungen Mann hin, deſſen Antlitz jetzt bleifarben wurde; der Wundarzt kniete bei ihm nieder, zuckte die Achſein und zog ihm die Uniform aus. 4 „Lebt er, wird er leben?“ ſtammelte Alfred. „Wir wollen es hoffen!“ ſagte der Hauptmann. Ackland zog ſeinen Freund mit ſich fort. „Du thateſt, was Jeder an Deiner Stelle gethan hätte“, ſprach er.„Mache, daß Du bald Dresden in den Rücken bekommſt; ſchreibe mir nach Prag in das ſchwarze Roß, ich werde Dir ſchreiben, verſteht ſich unter der Adreſſe Henry Ackland. Wohin ſoll ich ſchreiben?“ 9. „ „Nach München, Henry. Dank, Dank!“ Noch ein Händedruck, der Kutſcher gab den Pferden die Peitſche, und als man in Dresden von einem Duell erzählte, welches in den frühen Morgenſtunden im großen Garten ſtattgefunden haben ſollte, hatte Al⸗ fred mit ſeinem Söhnchen und Gertrud Dresden ſchon weit hinter ſich gelaſſen. Er fuhr in einer Tour bis Nürnberg, da bei dem herrlichen Septemberwetter die Reiſe dem Knaben nicht ſchädlich war. Von Nürnberg aus, wo Alfred einen Raſttag hielt, ſchrieb er an Henry, um ſich nach dem Verwundeten, vielleicht Todten, zu erkundigen und beſtellte die Ant⸗ wort nach München. In dieſer intereſſanten Stadt verweilte er wieder, bis ihm die erſehnte Nachricht zukam. Waldau lebte noch, war aber von den Aerzten faſt aufgegeben, und Henry rieth dem Freunde, vor „der Hand den Namen Sternberg abzulegen, denn ſonſt würde er noch manches Duell haben. Man ve damme ihn allgemein, da man den jungen Sternberg für den rechtmäßigen Erben der Güter halte. Nur Einzelne fänden Alfred's Entrüſtung gerecht. Henry ſchloß ſein Schreiben mit den Worten:„Daß ich Dich in jeder Hinſicht für berechtigt hielt, den Herrn von Waldau zu fordern, brauche ich Dir wohl nicht wiederholt zu verſichern; Du handelteſt nicht nur wie ein guter Sohn, 10 ſondern wie ein Ehrenmann, der eines andern Ehren⸗ mannes guten Namen von giftiger Zunge zerreißen hört. Ich ſah Deinen Vater nur im Bilde, las nur einige ſeiner Briefe an Dich und glaube an ihn; früher oder ſpäter wird auch ſeine Unſchuld an das Licht kommen, verlaſſe Dich darauf.“ Alfred fühlte ſich nach Leſung dieſes Briefes er⸗ leichtert; jetzt hoffte er, Gott werde ſeine inbrünſtige Bitte erhören und ſeinen Gegner geneſen laſſen. Wun⸗ derlich kam es ihm vor, als er in einer rheiniſchen Zei⸗ tung die Anzeige von ſeinem und ſeines Kindes Tod las; es fiel ihm jedoch nicht ein, etwas dagegen zu ſagen; er wollte ja todt für die Welt ſein. Henry hatte dieſe Anzeige veranlaßt, um ſeinen Freund allen Verfolgungen oder lä⸗ ſtigen Nachforſchungen zu entziehen. unde, daß Waldau ſich auf dem Wege der Beſſe⸗ rung befände. Zum erſten Male, ſeit er Herminens Tod erfahren hatte, rollten große Thränen über ſeine Wangen; dies⸗ der Geliebten für das größte Leid gehalten, aber für einen ſtolzen, edlen Mann wie Alfred war die Krän⸗ Von München ging Alfred mit den Seinen über und Wien nach Venedig; dort erhielt er die mal waren es Freudenthränen. Er hatte den Verluſt kung, welche ſein feines Ehrgefühl in ſeinem Vater er⸗ 11 litten hatte, noch herber, und am bitterſten war ihm der Gedanke geweſen, den Tod eines jungen Mannes her⸗ beigeführt, Aeltern ihres Sohnes, Geſchwiſter des Bru⸗ ders beraubt zu haben. Auch ſah er jetzt ſeine That und Waldau's Benehmen in anderem Lichte. Waldau war ja kein abſichtlicher, bösartiger Verleumder geweſen, ſondern er hatte nicht anders geſprochen als der Gerichtshof.. Wenn er jetzt in der alten Dogenſtadt, die durch ihren melancholiſchen Zauber eine eigenthümliche Anzie⸗ hungskraft auf ihn ausübte, auf dem Markusplatze um⸗ herging, war ihm ſeltſam zu Muthe. Zuweilen dachte er zu träumen. Sein Schickſal hatte ihm den fürchter⸗ lichſten Wechſel mit raſender Schnelle zu koſten gegeben. „Vor zwei Monaten noch“, ſagte er zu ſich ſelbſt, „im Beſitz des geliebteſten Weſens, plötzlich verwittwet, krank, mit größter Eile dem zerſtörten Tempel des 8 Glückes entflohen, dem liebſten Jugendfreunde nur be gegnet, um einen großen Freundſchaftsdienſt von ihm zu erhalten, nahe daran, einen Mord zu begehen, an der Ehre gekränkt, für todt ausgegeben und dabei nicht mehr krank und voll von poetiſchen Bildern und tiefen Ge⸗ danken, der Heimat fern, fern auf immer! Wem außer mir geſchah wohl dies?“ Alfred vergaß, indem er an ſich dachte, daß ſeine 12 Schickſale, was jähen Wechſel anbelangt, gar nichts wa⸗ ren gegen das Geſchick der Napoleoniden, welche erleb⸗ ten, was ſelbſt die kühnſte Dichterphantaſie nicht erfun⸗ den haben würde. Die Stadt Venedig läßt ſich mit keiner andern vergleichen; proſaiſche Menſchen finden ſie bald langwei lig, poetiſche können ſich nicht von ihr trennen. Alfred fand täglich neues Intereſſe an dem Auf⸗ enthalte, ſoweit er überhaupt noch am Leben Intereſſe hatte; der kleine Franz blühte luſtig auf, und Gertrud, welche ſich anfangs ſehr ſchwer entſchließen konnte, mit Leuten zu verkehren, welche ihre ſchöne deutſche Sprache nicht verſtanden, wurde zufrieden, als ſie in dem Hotel, wo ſich ihr Herr eingemiethet hatte, eine deutſche Frau kennen lernte, welche mit zwei Damen reiſte, die Italien kennen lernen wollten. Gertrud ehrte ihren Herrn; ſie würde um keinen Preis den Wunſch deſſelben unberückſichtigt gelaſſen ha⸗ ben, über ſeine Verhältniſſe zu ſchweigen; aber ein ſo intereſſanter Mann wie Alfred, ein ſo reizender Knabe wie der kleine Franz fielen auf, und durch die Dienerin erfuhren ſofort die Damen, daß Gertrud's Herr Wittwer und daß ſein Name Akland ſei, denn unter dieſem reiſte er ja jetzt. Daß Frauen von Bildung und Se ſich für 13 den Knaben bald erwärmt fühlten, iſt natürlich, und kaum war Franz einmal mit Gertrud bei den beiden Haus⸗ genoſſinnen geweſen, ſo verlangte er auch wieder hin. Schönere Spielſachen, die eigens für ihn geholt worden waren, gab es wohl in ganz Venedig nicht, und die eine der Damen ſang ihm ſo heitere Liedchen vor, lachte im⸗ mer, während das Kind daheim nur den ernſten Vater ſah, der niemals mit ihm ſcherzte und ſpielte, daß es täglich zu den Damen gebracht ſein wollte. Alfred hatte ſich in das Studium der Geſchichte Venedigs vertieft; er ſuchte allen Quellen, welche ihm zugänglich geworden waren, bis auf den Grund zu kom⸗ men; er verglich, was er an Ort und Stelle erforſcht, mit dem, was er über Venedig in andern Schriftſtellern ge⸗ funden hatte, und überzeugte ſich, daß er wohl nicht ver— gebens gearbeitet habe. Die Vergangenheit trat, als habe ein mächtiger Zauberer ſie aus der Tiefe beſchworen, wie⸗ der an das helle Licht des Tages, und es war ihm oft zu Muthe, als könne er jetzt ein Drama ſchreiben, wür⸗ dig, den größten an die Seite geſtellt zu werden. Vergaß er aber über dieſen Arbeiten ſeine Hermine? Nicht einen Tag, nicht eine Stunde, obgleich er nie⸗ mals von ihr ſprach. In ſeinen Schriften redete er zu ihr; wenn er las, bildete er ſich ein, ſie höre ihm zu, und die Lieder, welche 14 Alfred in Venedig mit ſeinem Herzblut ſchrieb, würden ihr deutlicher als jede andere Rede oder That geſagt haben, wie innig ſie von ihm geliebt war. In jener Stunde, wo Hermine Mr. Camara Le⸗ bewohl für immer geſagt hatte, fühlte ſich dieſer lei⸗ denſchaftliche Mann außer Stande, einen klaren Gedanken zu faſſen. Die von ihm geliebte Frau hatte mit einem Schlage ſeine ſchönſten Hoffnungen vernichtet. Er hatte ſich geſchmeichelt, noch länger ihr Begleiter ſein zu dür⸗ fen, durch innige, unwandelbare Ergebenheit erſt ihre Freundſchaft, dann vielleicht ihre Liebe zu gewinnen, und jetzt hatte ſie ihn kurz und entſchieden abgewieſen; ſein Inſtinkt ſagte ihm, daß ſie ungeachtet ihrer Trauer ſeine Empfindungen für ſie durchſchaut, daß ſie ſeinen Bewer⸗ bungen habe entfliehen wollen. Einige Minuten dachte er daran, ihr zu folgen, ſie allenfalls mit Gewalt zu erringen. Er wollte ſich ihr aufdringen, ihren Ruf in Gefahr bringen, ſie com⸗ promittiren und dann von ihrem weiblichen Ehrgefühl ihre Hand erhalten; aber dieſe wilden Pläne, Ausgeburten ſeines ſpaniſchen Blutes, verſanken bald vor dem hellen Lichte ſeines kalten, amerikaniſchen Verſtandes, dem Erb⸗ theile ſeiner Mutter. 15 Was konnte ihm ein Weib für Glück bringen, wel⸗ ches ihn nicht wieder liebte, vielleicht haßte? Und dazu ein junges, ſchönes Geſchöpf, dem er auf das leidenſchaft⸗ lichſte zugethan war? Sollte er aber Hermine aufgeben? Dazu war er nicht fähig; noch ſtand ihre holde Er— ſcheinung zu lebendig vor ihm, noch liebte er ſie unge⸗ achtet der Kälte, welche ſie ihm gezeigt hatte. Von Nanni hoffte er über Herminens Lebensweiſe zu hören; ſie konnte ja nicht ewig trauern, und war ihre Betrübniß im Ab⸗ nehmen, dann war ſie vielleicht geneigt, ſein Werben mit andern Augen anzuſehen. Es gibt nur wenige Männer, welche an nichts An⸗ deres denken, als an die Frau, welche ſie lieben, und Mr. Camara war wohl fähig, in Herminens Nähe Alles über ihr zu vergeſſen, aber nicht in ihrer Abweſenheit. In Bremen hatte er einige Geſchäftsfreunde be⸗ ſucht, und da dieſe ehrſamen Handelsherren der alten Hanſeſtadt recht wohl wußten, daß Mr. Rainsdorf in Neuyork ein guter Mann geweſen war, ſo hielten ſie Mr. Camara, welcher jetzt das Rainsdorf ſche Geſchäft fortführte, wie man erfahren, auch anſehnlich geerbt hatte, ebenfalls für einen guten Mann. Natürlich ſtanden dem jungen, gut ausſehenden Amerikaner die beſten Häuſer offen. Erichſen& Com⸗ 16 pagnie überlegte, daß von ſeinen vier Töchtern erſt Char⸗ lotte und zwar ſehr reich verheirathet war. Florentine beſuchte noch die Schule, aber Auguſte und Laura, hübſche Mädchen von achtzehn und zwanzig Jahren, paßten ganz gut für den reichen Mann, ſchienen auch den intereſſanten Fremdling und ſeine Aufmerk⸗ ſamkeiten gern zu ſehen, und eine neckte die andere mit Sir Lyonel, wie ſie ihn unter ſich nannten. Sörenſen& Schröder hatten ebenfalls Töchter, wo⸗ von die älteſte ſchon vierundzwanzig Jahre zählte. An Freiern hatte es dem hübſchen reichen Mädchen nicht gefehlt, allein ſie wollte nicht ohne Liebe ihre Hand vergeben, ein bremer oder lübecker Kaufmann kam ihr ſo gar proſaiſch vor; Madame Hinrichſen, Peters oder Müller zu heißen, erſchien ihr ſchrecklich. Eine Jugendfreundin der blonden Clara Schröder hatte einen preußiſchen Offizier geheirathet und ſchrieb ſich jetzt Henrike Freifrau von Studnitz. Ihr Vater hatte ihr ſechzigtauſend Mark Banko mitgegeben, ob⸗ gleich mit vielem Verdruſſe, da der Baron von Stud⸗ nit nichts beſaß als ſeine Oberlieutenantsgage, allein Herr Schröder dachte, was Hirſchfeld& Sohn ihrer Toch— ter geben könnte, das könne auch Sörenſen& Schröder entbehren. Was hatte nicht gar ihres Vaters Mündel, Eliſe 17 „ Jackſon gethan? Sie, die nachgelaſſene Tochter und einzige Erbin eines reichen Engländers, hatte einen berühm- ten Maler geheirathet, lebte jetzt in München, und ſogar König Ludwig von Baiern hatte ihr Haus mit ſeinem Beſuche beehrt, um Bilder ihres Gatten zu ſehen. Die ſchwärmeriſche Clara flocht alſo ein Körbchen nach dem andern und theilte ſie an junge, achtbare Kauf⸗ leute aus, ja ſie äußerte ihre Vorliebe für den Adel und den Künſtlerſtand ſo öffentlich, daß endlich kein jun⸗ ger oder alter bremer Bürger mehr daran dachte, ſich um ſie zu bewerben. In Wien, Berlin oder Dresden kommt es wohl vor, daß Offiziere und Edelleute, ja zuweilen auch ein Graf, ſich mit der Tochter eines reichen Banquiers ver⸗ mählen, aber in Bremen leben keine Adligen, und Herr Schröder, durch Erfahrung klug geworden, nahm ſeine Tochter auf Reiſen nicht mit, verſchloß Offizieren, Künſt lern und Edelleuten das Haus und fand an ſeiner Schweſter, welche nach ſeiner Gattin Tode die Stelle der Hauswirthin erſetzte, den beſten Beiſtund; Tante Sophie hatte Argusaugen. Natürlich fühlte ſich Mr. Camara von den Auf⸗ merkſamkeiten der töchterreichen Handelsherren ſehr ge⸗ ſchmeichelt, und da ihm das Leben in Bremen etwas Neues war, er auch zu Hauſe, wenn ſeine Geſchäfte be⸗ Hahn, Das Document. M. 2 18 endigt, ſich ſehr langweilte, nahm er alle Einladungen bereitwillig an und zeigte ſich den Damen gegenüber ſtets liebenswürdig und artig. Was für Fehler auch die Nordamerikaner haben mögen, den Damen gegenüber, ſobald ſie nämlich den⸗ ſelben vorgeſtellt ſind, ſind ſie von untadelhafter Artig⸗ keit und Rückſicht. Nanni hatte nicht geſchrieben; wahrſcheinlich hatte ſie ihn getäuſcht, denn zu beſtimmt hatte er dem Mäd⸗ chen ſeine Adreſſe aufgegeben, als daß er annehmen konnte, ihre Briefe wären verloren gegangen. Als erfahrener Mann wandte er ſich ſofort an ei⸗ nige Agenten, um Nachricht über Madame Stern, die Nichte ſeines entſchlafenen Principals, zu erhalten, angeb⸗ lich um wegen des Hauſes, an welches ſie noch An⸗ ſprüche habe, zu unterhandeln, allein ſeine Agenten wuß⸗ ten nichts von ihr zu erfahren. Sie hatten nur in größern Städten nach Herminen geforſcht, nicht an das kleine, unbedeutende Städtchen Coblenz gedacht, was wohl den Naturfreund feſſeln kann, für den Kaufmann jedoch gar keine Bedeutung hat. Hermine in den Zeitungen aufzurufen fiel ihm nicht ein, denn er wußte, da ſie auch ſeiner Mutter nicht geſchrieben hatte, daß ſie vor ihm verborgen blei⸗ ben wollte. — 19 Schon früher hatte Mr. Camara Deutſch verſtanden; in Bremen vervollkommnete er ſich noch mehr in der Sprache, und die jungen Damen, beſonders die der Häuſer Erichſen& Compagnie und Sörenſen& Schröder, ließen es ſich angelegen ſein, den jungen Nordamerikaner in der deutſchen Sprache zu unterrichten. Eines Morgens, als Mr. Camara bei Herrn Schröder gefrühſtückt hatte, der Hausherr auf ſein Comptoir gegan⸗ gen und Lyonel mit den Damen des Hauſes in das Wohn⸗ zimmer getreten war, ſagte Clara, nachdem ſie am Stick⸗ rahmen Platz genommen hatte:„Nun, Mr. Camara, wie unterhielten Sie ſich geſtern im Theater?“ „Nicht beſonders, Fräulein Schröder!“ „Das Stück war aber doch intereſſant und wurde gut geſpielt. Gefällt Ihnen unſere Seebach nicht? Sie iſt jetzt eine der größten deutſchen Schauſpielerinnen!“ „Möglich; ich verſtand nicht Alles, mein Deutſch iſt noch zu mangelhaft.“ Das war nicht gegründet, was er jetzt ſagte; die Wahrheit beſtand darin, daß Mr. Camara übler Laune war; je mehr die hübſchen, reichen jungen Damen ihn verzogen, deſto mürriſcher, ja hochfahrender beliebte es ihm, ſich zu zeigen, wenn er auch niemals unartig ge⸗ nannt werden konnte. Ein Theil des großen Zaubers, welchen Hermine 20 für ihn hatte, beſtand darin, daß ſie ſich nicht um ihn kümmerte. „Wie, Sie verſtanden nicht Alles?“ nahm Clara das Geſpräch wieder auf.„Da muß ich Ihnen, ſtatt wö- chentlich zwei, vier Stunden Unterricht im Deutſchen ertheilen.“ „Das wäre zu viel Güte“, murmelte Lyonel. „Sie müſſen mehr Deutſch leſen, Herr Camara“, denn um keinen Preis würde die achtbare deutſche Dame Fräulein Sophie Schröder ſich des Wortes Maſter bedient haben;„gewiß, das müſſen Sie“, fuhr ſie ſal- bungsvoll fort,„denn unſere Schriftſteller ſind es werth, daß Jeder die deutſche Sprache lernt.“ „Ohne Zweifel.“ „Hier, nehmen Sie den Hamburger Correſpondenten und leſen Sie uns etwas vor Mr. Camara“, ſagte Clara und lachte. Mechaniſch nahm Lyonel das Blatt; mit großen Lettern gedruckt fiel ihm eine Anzeige in die Augen, welche er lange anſtarrte; es war eine Aufforderung an den Doctor Alfred Stern, Nachricht von ſich zu geben, und die Bitte, ſich, um frohe Kunde zu empfangen, bei dem Rechtsanwalt Müller in Coblenz zu melden. Alſo lebte Alfred Stern noch, ſein Correſpondent hatte ihn falſch berichtet; vielleicht hatte er in dieſem 21 Augenblicke ſchon Hermine wiedergeſehen! Dieſe Vor⸗ ſtellung marterte ihn. Clara ſah ihn an und ſchüttelte den Kopf. „Mein Gott, Mr. Camara, was ſteht denn in der Zeitung? Sie ſtarren das arme Blatt an wie Macbeth den Geiſt Banquo's.“ Mr. Camara hatte ſich wieder gefaßt.„Ich leide ſchon ſeit einer Stunde an heftigem Kopfweh; ein mo⸗ mentaner Schwindel, nichts weiter.“ Fräulein Sophie erhob ſich würdevoll und reichte ihm ein Glas Waſſer, Clara ſchob haſtig den Stickrahmen zurück, ohne auf die Röllchen mit bunter Seide zu achten, welche über den Teppich hinrollten, und hielt ihm ihr Flacon hin. Mr. Camara verbeugte ſich und ſtam⸗ melte Dankſagungen Mit den Worten:„Ich muß in die friſche Luft!“ verließ er das Zimmer. Lyonel wußte, daß Alfred Stern ein Schriftſteller war, deshalb ging er in die erſte Buchhandlung, um nach ihm zu fragen. „Alfred Stern iſt geſtorben“, entgegnete der Herr, welchen Mr. Camara gefragt hatte;„vorigen Herbſt zeigten die Journale ſeinen Tod an. Wir haben ſeine Gedichte; ſie ſind vorzüglich, und ſeit er todt iſt, nimmt die Nachfrage nach ihnen täglich zu.“ Mr. Camara kaufte ein Exemplar. 22 „In dem Hamburger Correſpondenten wird heute Doctor Alfred Stern aufgefordert, Nachricht von ſich zu geben.“ Der junge Buchhändler lächelte.„Der Dichter Alfred Stern wird keine Nachricht von ſich geben, der iſt ſo ge⸗ wiß todt, als ich hier lebend vor Ihnen ſtehe. Der Name Stern iſt in Deutſchland nicht ſelten und ſeit die altmo⸗ diſchen Namen wie Chriſtian, Gottfried, Gottlieb, Ehren⸗ fried und Gotthelf und ähnliche in Norddeutſchland ab⸗ gekommen ſind, gibt es auch Alfreds, Arthurs und Arnos genug. Der Aufruf gilt einem andern Stern, dem Dichter nicht!“ „Und woraus ſchließen Sie dies ſo ſicher?“ „Weil wir, gleich nachdem die rheiniſchen Blätter Alfred Stern's Tod angezeigt hatten, die zweite Auflage ſeiner Gedichte ankündigten; er meldete ſich nicht um das Honorar, welches er, das wiſſen wir als ſein Verleger, recht wohl brauchen kann.“ Mr. Camara verließ den Buchladen; auch er war jetzt von Alfred Stern's Tode feſt überzeugt. Ein Mann, der ſich nicht unter allen Umſtänden um das ihm zu⸗ kommende Geld meldet, war Lhonel eine unmögliche Perſon. Die Anzeige hatte ihn aber wieder lebhaft an Her⸗ mine erinnert. 23 Er verglich ſie mit den in Wahrheit allerliebſten jungen Damen der angeſehenen bremer Handelshäuſer, aber keine von allen erreichte ſie, deren Zauber ſo unaus⸗ ſprechlich und einzig war. Noch war er nicht dahin mit ſich gekommen, Her⸗ mine aufzugeben oder eine Andere ebenſo reizend zu finden; er brachte den Tag mit Gedanken an ſie zu, mit Plänen, ſie wiederzuſehen. Daß er in den Häuſern, die er täglich beſuchte, Hoffnungen erweckt hatte, bedachte er nicht; was kümmerten ihn die jungen Mädchen, welche er vielleicht niemals wieder ſah! War er für ihre Phan⸗ taſien verantwortlich? Ein Brief ſeiner Mutter rief ihn in die Kaufmanns⸗ welt zurück. Sie ſchrieb unter Anderm: „Eine verſtändige Mutter weiß, daß ſie des mün⸗ digen Sohnes Gebieterin nicht mehr iſt, ſeine beſte, zärt⸗ lichſte Freundin bleibt ſie ſtets, denn glaube mir, mein Sohn, das treueſte, zärtlichſte Weib hat in den Ehejah⸗ ren Stunden, in welchen es den Gatten anders wünſcht, wo es Schwächen und Fehler an ihm ſieht und ihn min⸗ der heiß liebt. Die Liebe einer Mutter dagegen bleibt ſich immer gleich. Ohne meine Liebe zu Dir, theurer Lyonel, hätte ich die Launen des verſtorbenen Mr. Rainsdorf nicht er⸗ N 24 tragen, ſeiner Pflege nicht meine Geſundheit zum Opfer gebracht. Ich weiß, daß Du nur Deiner eigenen Neigung fol- gen wirſt, denn Du haſt das ſpaniſche Blut Deines Va⸗ ters, aber Du beſitzeſt auch meinen amerikaniſchen Ver⸗ ſtand; ich hoffe, er wird Dir geſagt haben, daß alle Deine Bemühungen um die deutſche Frau vergebens ſein müſſen. Ihr ſeid nicht mit gleichen Anſichten erzogen; Her⸗ mine Stern wird niemals etwas Anderes ſein als eine Schwärmerin, und Du biſt nicht der Mann, mit einer Phantaſtin ein glückliches Eheleben zu führen. Die Schönheit jener Frau, welche Dich jetzt bezau— bert hat, wird wie jeder Reiz der Zeit zum Raube; wenn Du ſie gewinnen ſollteſt, wird gar bald der Be⸗ ſitz Dich kälter machen, und jeden Seufzer der armen Frau, jede ernſte Miene wird Deine eiferſüchtige Liebe als Trauer um den erſtgeliebten Verſtorbenen auslegen, dem ſie nur kurze Zeit Gattin war, der deshalb fehler⸗ los vor ihren Augen ſteht. Ihre Träume wirſt Du bewachen; wehe ihr, wenn ſie im Traume willenlos den Namen Alfred ruft, und wehe dann auch Dir, mein armer Lyonel! Doch ich habe genug geſagt. Will Hermine die Deinige ſein, wird ſie in mir eine Mutter ſehen; indeß b2 S ſoll auch eine andere liebenswürdige deutſche Dame mir willkommen ſein. Mr. Taylor, welcher in ſeiner Jugend in Norddeutſch⸗ land war, behauptet, die Mädchen in Bremen und Lübeck wären hübſch, gebildet, tugendhaft und reich; vielleicht findeſt Du dieſelben Eigenſchaften an ihnen. Gut wird es ſein, wenn Du nicht 3 lange in Deutſch⸗ land bleibſt; weder ich noch Tahlor können Dich erſetzen, und man ſpricht davon, daß der Süden ſich von der Union losreißen will. Mehr als ich ſagen will, kannſt Du in Taylor's Schreiben und den Zeitungen finden, welche ich Dir beilege.“ Die Zeitungen und Taylor's Brief gaben dem jun⸗ gen Manne viel zu denken; nachdem er Alles mit der größten Aufmerkſamkeit geleſen hatte, ſagte er zu ſich ſelbſt:„Ich ſehe böſe Tage für Nordamerika kommen und für den Süden nicht beſſere; vielleicht wäre es das Klügſte— doch darüber läßt ſich nicht eher entſcheiden, als bis ich mehr weiß!“ In allen angeſehenen Handelshäuſern zu Bremen iſt es Sitte, daß Jeder, vom Hausherrn an bis auf den Thürhüter herab an Sonn- und Feſttagen die Kirche beſuchtnd ſowohl Erichſen& Compagnie, wie Sörenſen 26 CSchröder fehlten bei keinem Frühgottesdienſte mit ihren Familien und Dienern. Die Hausfrauen ſahen darauf, daß die weiblichen Dienſtboten nachmittags in das Gotteshaus gingen; nur Mädchen von frommem, chriſtlichem Lebenswandel wurden geduldet, und einige Jahre in einem dieſer Häu⸗ ſer geweſen zu ſein, galt für eine gute Empfehlung. Es war daher etwas Ungewöhnliches, als eines Sonntags nach dem Frühſtück Herr Erichſen zu ſeiner jüng- ſten Tochter ſagte:„Gehe Du heute allein in die Kirche, mein Kind, Deine Mama und die Schweſtern ſowie ich bleiben zu Hauſe.“ Als Florentine, dem väterlichen Gebote gehorſam, ſich mit ihrem Geſangbuche auf den Weg gemacht hatte, lud Vater Erichſen die Seinen ein, ſich zu ſetzen, und ſagte mit der feierlichen Miene, welche er dann und wann anzunehmen pflegte:„Ich habe Wichtiges mit Euch zu reden und erwarte Aufmerkſamkeit und Auf⸗ richtigkeit.“* „O lieber Erichſen, als ob Du darum beſonders bitten müßteſt!“ erwiderte Madame Erichſen d nahm eine gekränkte Miene an. „Dieſe Worte galten nicht Dir, liebe Charlotte“, ſagte Herr Erichſen und klopfte ſeiner Gattin ſanft auf die Achſel.„Doch jetzt zur Sache. Ich binpie Ihr — ———————————— 27 wißt, wohlhabend, aber nicht ſo reich, als Ihr viel⸗ leicht denkt; das Vermögen kommt dereinſt in ſieben Theile.“ „Sprich doch nicht von Deinem Tode“, ſagte Ma⸗ dame Erichſen und führte ihr Taſchentuch an die Augen. „O Papa, lieber Papa!“ riefen die Mädchen. „Nun, nun, Kinder, deshalb ſterbe ich nicht eine Stunde eher; ein kluger Kaufmann denkt an die Zukunft. Eure älteſte Schweſter hat den älterlichen Rath befolgt, ſie hat einem reichen Manne die Hand gegeben, ob⸗ gleich ihr ein junger Offizier beſſer gefiel, und jetzt lacht ſie über jene Thorheit, es geht ihr wohl, wie Ihr ſeht. Ihr Mann iſt gut und achtbar und ein Millionär.“ „Gewiß, lieber Erichſen, wir haben unſere Char⸗ lotte gut verheirathet.“ „Heinrich kſchlägt gut ein; Braun's ſelige Erben ſchreiben mir nur Gutes von ihm und— aber reinen Mund gehalten—“ „Wir geloben, Papa!“ „Nun, ich denke, er trägt die junge, reiche Wittwe Madame Braun davon. Kinder hat ſie nicht, v aber ein brillantes Geſchäft.“ „Heinrich iſt klug, Dein Ebenbild, lieber Mann.“ „Hoff' es, Charlottchen, wie unſere Mädchen Deine Ebenbilder. Friedrich wird ebenfalls tüchtig; er arbeitet 28 jetzt ſchon für zwei. Nun hat geſtern Pohl ſo von wei— tem bei mir herum gefragt, ob ich ihm wohl eine mei⸗ ner Töchter für ſeinen älteſten Sohn geben würde. Johann Eberhard Pohl iſt ein gutes Haus und Eber⸗ hard gefällt mir. Da frage ich nun Euch als redlicher Vater auf Euer Gewiſſen, Ihr Mädchen: Wie ſteht Ihr mit Mr. Lyonel Camara⸗ Welche von Euch meint er denn und welche von Euch will ihm die Hand geben? Denn das ſage ich Euch, diejenige, welche nicht den Nordamerikaner heirathet, muß Eberhard Pohl's Frau werden.“ Die Mädchen wurden roth und ſchlugen die Augen nieder. Papa Erichſen war ein guter Mann, aber eben nicht einer der geduldigſten.„Seid Ihr beide ſtumm?“ rief er aus. „Papa“ nahm die blonde Laura, Hervn Erichſen's Lieblingstochter, endlich das Wort, als ſie bemerkte, daß der wackere Kaufmann anfing verdrießlich zu werden, „lieber Papa, ich glaube Mr. S kümmert ſ we⸗ der um Auguſte noch um mich— „Kümmert ſich nicht? Kommt er nicht faſt tgich in unſer Haus?“ ſagte der Papa. „Hat er Dir nicht kürzlich mit vieler Mähe ein Stickmuſter gezeichnet?“ äußerte die Mutter. „Dieſer Artigkeit kann ſich auch Auguſte rühmen!“ „ 29 „Aber, Kinder, Ihr werdet doch nicht denken, daß Mr. Camara ohne ernſte Abſichten ſo oft in das Haus gekommen wäre?“ „Lieber Papa“, flüſterte jetzt Auguſte und ihre hübſchen Augen wurden feucht,„ich fange ſeit einigen Tagen an zu vermuthen, daß Mr. Camara bereits ſo gut wie verlobt iſt; viel öfterer als bei uns hat er ſich in den letzten Tagen bei Schröders gezeigt—“ „Gewiß, Auguſte hat Recht, ich ſelbſt ſah ihn geſtern in das Haus gehen, und bald nachher ſtand er mit Clara am Fenſter und ſpielte mit ihren ſemmelblonden Locken.“ „Welche Kokette! Gottlob, lieber Erichſen, ſo habe ich meine Töchter nicht erzogen!“ „Wer weiß, Laura, ob Du recht geſehen haſt“, ſprach Herr Erichſen,„und wenn auch, ein Mann kann die Locke eines eitlen Mädchens im Scherz anfaſſen und doch eine Andere heirathen. Kurz, Mr. Camara war geſtern einen Augenblick bei mir im Comptoir und fragte, ob er heute uns alle zu Hauſe finden würde; es ſchien ihm ſehr viel daran zu liegen; ich merkte bald, wo es hinaus wollte, und frage Euch, Ihr Mädchen, wenn Mr. Camara um Euch, das heißt, um eine von Euch anhält, ſeid Ihr beide bereit Ja zu ſagen?“ „Laſſe den Mädchen Zeit, Papa“ bat die Mutter:„Es iſt kein Scherz denn Mr. Camara zieht weit von hier—“ „Sei es denn, ich erwarte, daß meine Töchter ver⸗ nünftig ſein werden; übrigens hat Mr. Camara einige Worte fallen laſſen, als wolle er hier bleiben!“ Herr und Madame Erichſen ließen das Geſchwiſter⸗ paar allein. „Ich hoffe, der intereſſante Amerikaner wird unſere ſchweſterliche Liebe nicht zerſtören“, ſagte Auguſte.„Papa irrt ſich, denn Fräulein Sophie Schröder hat Nähterinnen in das Haus beſtellt, und Clara lernt mit Eifer Spaniſch, ſie wird ſchon wiſſen warum!“ Zu derſelben Zeit, wo dieſe für Herrn und Madame Erichſen intereſſante Unterredung vorfiel, ſaß auch Herr Schröder mit Clara in ſeinem Kabinet, ohne an das Kirchengehen zu denken. Herr Schröder hatte in der Frühe mit eigenem Mund der Köchin in Bezug auf das Diner beſon⸗ dere Befehle gegeben und ſpäter ſeine Schweſter mit den jüngern Töchtern allein nach der Kirche gehen laſſen. Als er ſich mit Clara allein ſah, ſchloß er die Thüren ab, denn er wollte nicht geſtört ſein, und wan⸗ derte im Kabinet auf und ab; Clara mußte daraus ſchließen, daß der Papa ihr Wichtiges zu ſagen habe. Jetzt ſtellte er ſich vor ſeine Tochter hin und begann: „Clara, wie alt biſt Du? Ohne Umſchweife!“ 31 „Vierundzwanzig Jahre!“ „Das heißt, Du wirſt in vierzehn Tagen fünfund⸗ zwanzig!“ „Warum fragſt Du, Papa, wenn Du es weißt?“ „Still! Alſo Du wirſt fünfundzwanzig Jahre, haſt ein angenehmes Aeußeres, biſt mit Sorgfalt erzogen wor⸗ den, beſitzeſt durch das Erbtheil von Deiner Mutter ein hübſches Vermögen, bekommſt von mir eine ſchöne Mit⸗ gift, warum biſt Du noch nicht Braut?“ „Papa!“ „Still, Clara!“ „Aber, beſter Papa!“ „Still, höre mich ruhig an! Hat ſich noch kein Mann um Dich beworben? Etwa nicht Ferdinand Johann Meyer, der ſeine Schiffe nach allen Weltgegenden ſchickt? Nicht der junge Sörenſen, nicht der Doctor Abenberg? Wollte Dich nicht vor vier Jahren Auguſt Braun zur Frau haben? Er iſt allerdings ſeit zwei Jahren todt, der arme Mann, aber Emilie Meyer, welche er bald, nach⸗ dem Du ihn abgewieſen hatteſt, heirathete, ging ſehr gern mit ihm nach Lübeck und lebt als reiche Wittwe herrlich und vergnügt.“ „Papa!“ „Warum haſt Du dieſe reichen, folglich höchſt acht⸗ baren Männer mit Körbchen heimgeſchickt? Warum? Ich will es Dir ſagen: weil ſie nicht Epauletten auf den Schultern und Schleppſäbel an der Seite trugen, weil keiner Herr Baron oder Herr Graf titulirt wurde, weil keiner—“ „Nun ja, Papa, es iſt ſo, ein hübſcher Name geht mir über Alles. Habe ich doch ſelbſt einen reizenden Namen! Wie klingt zum Beiſpiel Auguſte Erichſen, Amanda Beſenſtiel, Agathe Schuhmacher ordinär, da⸗ gegen Clara Schröder, wie romantiſch!“ „Alfanzereien! Kannſt Du nichts Geſcheidteres reden, ſo ſchweige lieber! Wenn der junge Beſenſtiel Dich nur hätte haben wollen, ich würde Dich wahrlich nicht ge⸗ fragt haben. Jetzt iſt aber von keinem Bremer oder Lübecker die Rede, ſondern von einem andern Freier, welcher ſich gemeldet hat. Du wirſt roth? Aha, Du verſtehſt mich.“ „Ich, Papa?“ „Natürlich Werſtelle Dich nicht. Er war geſtern bei mir, ſah, daß ich ſehr beſchäftigt war; geſtern hatten wir Ultimo, er bat um eine Unterredung heute; ich lud ihn zu Tiſche, und was ſeine Abſichten ſind, iſt mir völlig klar.“ „Du könnteſt Dich täuſchen, Papa!“ „Lehre Deiner Großmutter Eier ſchälen! Ich irre mich nicht, was hätte er denn ſonſt mit mir zu ſprechen? 33 Jetzt ſage mir, Clara, willſt Du Mr. Camara auch mit einem Nein abſpeiſen, nachdem Du mit ihm mehr ko⸗ kettirt haſt als mit irgend einem Andern?“ „Diesmal ſage ich Ja, Papachen, wirklich! Clara Schröder⸗Devrient wünſchte ich mir zuweilen zu heißen, aber Clara Schröder⸗Camara klingt noch ſchöner! Oder Clara Camara! Uebrigens, Papa, iſt Mr. Lyonel Camara gar kein richtiger Nordamerikaner; ſein Vater war ein Spanier, das hat er mir ſelbſt erzählt, darum ſieht er auch ſo ſpaniſch aus. Der Sohn heißt doch überall nach dem Vater, und der eigentliche richtige Name von Lyonel iſt Don Lyonel de Camara, ich werde alſo von Rechtswegen Donna Clara de Camara heißen!“ „Dummer Schnack!“ ſagte Herr Schröder und lachte herzlich vor Freuden, daß er ſeine Tochter endlich einmal bereit fand, ſeine Wünſche zu erfüllen. „Ein geſcheidter, tüchtiger Mann, dieſer Camara, hat das Geſchäft in Neuyork während Rainsdorf's Krank⸗ heit ſehr emporgebracht; nun, Du kommſt auch nicht leer in ſein Haus.“ „Ich bin noch ganz erſtaunt, Papa. Erſt geſtern, als zufällig von Liebe die Rede war, ſagte er mir, daß—“ „Nun, was?“ „Daß er, Lyonel Camara, wahrſcheinlich nie hei⸗ Hahn, Das Document. I. 3 34 rathen werde, denn ſeine Liebe ſei eine hoffnungs⸗ loſe.“ „Hahaha, gut gemacht! Er wird von Deinen frü⸗ hern Streichen gehört haben!“ Und der alte, wohlbeleibte Herr lachte herzlich. Der Beſuch bei Erichſen& Compagnie war ge⸗ macht, die Damen ſahen ihrem früher ſo willkommenen Gaſte ſehr verdrießlich nach, und Herr Erichſen brummte zwiſchen den Zähnen, der Teufel ſolle ihn holen, wenn er noch einmal einen jungen Amerikaner einlade und ihm ſeine beſten Weine zu trinken gebe. Im Hauſe des Herrn Schröder ging es heute hoch her. Der alte Herr hatte ſelbſt aus einem Kellerwinkel die beſten mit Spinnweben überzogenen Flaſchen ech⸗ ten Madeira und St. Juliens hervorgeholt, Clara im hellblauen Kleide ſah reizend aus, und Mr. Camara un⸗ terließ es nicht, ihr ſein Compliment darüber zu machen; ſogar Tante Sophie hatte ihren ſchönen Tag, und die beiden kleinen Mädchen ſteckten ihre Köpfchen zuſammen und flüſterten, denn eine Hochzeit brachte Feſtlichkeiten und ſchöne Kleider. Aber Alles kam anders, als die Familie Schröder ſich vorgeſtellt hatte. Beim Deſſert erhob ſich Mr. Camara, brachte nach deutſcher Sitte die Geſundheit des Herrn Schröder und 35 ſeiner Familie aus und verſicherte, nicht ohne einen Anflug von Rührung, daß er heute zum letzten Male in dieſem ihm theuer gewordenen Hauſe ſei. Er dankte warm und lebhaft für alle ihm erwieſene Güte und lud die ganze Familie ein, ihn in Neuhork zu beſuchen und ſein Haus als das ihrige zu betrachten.„Briefe“, ſchloß er ſeine Rede,„rufen mich ab; von Neuhork aus werde ich Ihnen, Herr Schröder, ſchreiben und hoffe, wir wer⸗ den noch manches Jahr Geſchäftsfreunde bleiben, auch wenn ich, was möglich wäre, ſpäter nach Europa über⸗ ſiedelte.“ Herr Schröder war zu ſehr Weltmann, um ſeine Betroffenheit zu zeigen, Tante Sophie gewann es ſogar über ſich, Lhonel noch ein Scheibchen Ananas anzubie⸗ ten, Clara aber war ſehr bleich geworden und ver⸗ mochte kein Wort hervorzubringen. Ob Mr. Camara einen Blick in Clara's Seele that? Er erröthete, als er ihre Bläſſe bemerkte, und die letzten Worte, welche er im Schröder'ſchen Hauſe ſprach, waren an Clara gerichtet; er flüſterte:„Bleiben Sie mir eine Freundin, Fräulein.“ Sie nickte ſtumm mit dem Kopfe. Der Brief ſeiner Mutter war nicht ohne Eindruck auf Lyonel geblieben, dennoch kehrten ſeine Gedanken im⸗ mer wieder zu Herminen zurück. Oft hatte Mr. Camara ihr zugehört, wenn ſie dem ₰ 36 kranken Oheim erzählte, welchen ihr liebliches Geplauder in ſeiner Mutterſprache freute; ſie hatte von Schloß Kal⸗ tenſtein geſprochen und ſtets mit Anhänglichkeit an ihre Verwandten. Hermine hatte in ihrer gutmüthigen Argloſigkeit nicht bemerkt, daß die Gräfin von Kaltenſtein ſie wie eine Laſt betrachtete und ſich freute, als ſie ſich ihrer mit guter Manier entledigen konnte; hatten doch ihre Ver⸗ wandten ihr niemals ein unfreundliches Wort geſagt und ſie ruhig in dem Aſyl leben laſſen, wo ſie Gelegenheit gefunden hatte ſich auszubilden Und der liebe kleine Couſin Albert, wer war ihr wohl inniger ergeben als dieſer treue Knabe! Jedes Wortes erinnerte ſich Lyonel; natürlich mußte er annehmen, daß dieſe Verwandten Einfluß auf Her⸗ mine haben würden, und ſie aufzuſuchen hielt er für ein Mittel, von der geliebten Frau Näheres zu erfahren; an ihrem Oheim, dem Grafen von Kaltenſtein, fand er viel leicht den Beiſtand, deſſen er bedurfte, um ihre Hand zu erhalten, und wenn nicht, was konnte die Reiſe ihm in Bezug auf dieſe Abſicht ſchaden? Mit der ſeinem Weſen eigenthümlichen Eile verließ er Norddeutſchland; erſt in Baiern reiſte er langſamer, denn hier fand er die Städte und das Leben von dem ſeines Vaterlandes weſentlich verſchieden⸗ — * 30 Das reizend gelegene Bamberg mit ſeinem alten, wundervollen Dome, das luſtige Würzburg, das einzige Nürnberg zogen den geiſtreichen, beobachtenden Ameri- kaner an, und er ſchenkte jeder dieſer Städte einige Tage. Ueber München und Salzburg wanderte er nach Ober⸗ öſterreich, denn oft ließ er den Wagen langſam neben ſich herfahren. Mr. Lyonel Camara beſaß zu viel von den Eigen⸗ ſchaften ſeines Vaters, um nicht die Reize dieſer Land⸗ ſchaften und das Glück ſchätzen zu können, welches na⸗ mentlich in Baiern und Oeſterreich auch der arbeitenden Volksklaſſe zu Theil wird. Als er die Landleute des Sonntags fröhlich ſingen hörte und ihrem Tanze zuſah, rief er aus:„Zum Teufel mit der Politik, zum Teufel mit der Volksfreiheit, auf welche wir Amerikaner ſo ſtolz ſind, wenn dieſe Men⸗ ſchen hier weniger Steuern zahlen, weniger arbeiten müſſen, um ihr leidliches Auskommen zu haben; des Sonntags ſieht man bei uns dieſe Klaſſe aus Langer⸗ weile den Kopf hängen oder ſich betrinken, weil ſie nicht ſingen und tanzen darf wie hier!“ An einem herrlichen Sommerabende langte Lyonel in Kaltenſtein an und ſtieg in dem ſtattlichen Gaſthofe des Dorfes ab. Auf ſeine Fragen erzählte ihm der Wirth, daß ſich 38 die gräfliche Familie auf dem Schloſſe befände. Von Herminen wußte der Mann nichts zu ſagen. Mr. Lyonel Camara machte ſeine Toilette und be⸗ ſchloß, am andern Morgen dem Grafen von Kaltenſtein ſeine Aufwartung zu machen. 3 Er wollte ſeine Bekanntſchaft mit der Nichte des Grafen zum Vorwande nehmen; auch war er ein viel zu gewandter Mann, um leicht in Verlegenheit zu kommen. Durch den wunderſchönen Sonnenuntergang ge⸗ lockt, ſchweifte Lyonel in der Gegend umher und ſuchte auch das Wäldchen auf, in welchem vor wenig Jahren Hermine den jungen Grafen Leo bezaubert hatte. Auch diesmal war der Hain nicht ohne Göttin; auf demſelben Felsſtück, auf welchem damals Hermine ausgeruht hatte, ſaß im weißen Gewande ein blühend⸗ ſchönes Weſen, die Locken mit einem grünen Kranze geſchmückt; ſie ſang mit heller Stimme ein einfaches Liedchen, ſich ſelbſt zum Vergnügen. Einige Minuten ſtand Lyonel im Schauen ver⸗ loren, dann trat er raſch auf ſie zu und rief jubelvoll: „Hier ſehe ich Sie wieder, und wie blühend! Werden Sie auch diesmal mich verbannen, Hermine?“ Das ſchöne Weſen ſah ihn mit großen Augen ver⸗ wundert an und ſagte lächelnd:„Hermine heißt eine 39 Coufine von mir; man ſagt, ich ſoll ihr gleichen; mein Name iſt Klotilde von Kaltenſtein.“ „In Wahrheit, in einiger Entfernung, beſonders da Sie, meine Gräfin, im Schatten ſaßen, mußte ich Sie für jene Dame halten, welche das Glück hat, Ihnen verwandt zu ſein.“ Die junge Gräfin ſchlug die Augen nieder; ſie wußte wohl, daß es nicht ſchicklich war, hier im Walde mit einem Fremden zu ſprechen, und doch hatte der Mann ein ſo intereſſantes Aeußeres, kannte Hermine— ſie ſtand auf und blieb unſchlüſſig ſtehen. „Gräfin Klotilde!“ erſcholl die etwas ſcharfe Stimme von Fräulein Waldinger. „Man ruft mich!“ ſagte Klotilde, verbeugte ſich und verſchwand auf dem Waldpfad leicht wie ein Reh. Nachdenklich blieb Lyonel Camara ſtehen und ſah ihr nach, bis der letzte Schimmer ihres weißen Gewan⸗ des verſchwunden war. Viertes Buch. Doch über ihm wacht eine Götterhand, Und wunderbar entwirret ſich der Faden. Schiller. In einer geringen Entfernung von Florenz befinden ſich zwei graue, maleriſche Häuſer mit Balkonen, welche nur durch einen ſchattigen kleinen Garten getrennt ſind. Vor der einen Villa ſaß an einem frühen Morgen ein ernſter Mann ſchreibend, während ein anderer, der offenbar ein Engländer war, in einem Buche las. Ein holder Knabe, bis zwei drei Jahre alt, ſpielte mit Muſcheln und Blumen und ſtieß von Zeit zu Zeit einen Freudenſchrei aus. Der Schreibende legte jetzt die Feder hin und ſtützte den Kopf in die Hand, er ſah ſehr bleich und krank aus; der Leſende legte das Manuſeript hin und ſprach:„Deine Dichtung hat mich mächtig ergriffen, nur—“ „Nur? Sprich Dich offen aus, Henry! Du weißt, ich laſſe mich gern von Dir kritiſiren, denn was Du ſagſt, iſt ſtets aufrichtig und wohlgemeint, und Du triffſt 41 immer den Nagel auf den Kopf, was bei wenigen Kriti⸗ kern der Fall iſt.“ „Nun denn, ich wünſchte, Du hätteſt dieſe Dichtung einzig mit dem Genie oder Talente geſchrieben— denn ich kann Dich, glaube ich, mit Recht ein Genie und ein vielſeitig merkwürdiges Talent nennen— und nicht auch mit dem Herzen, denn Du biſt blaß, Alfred. Es geht nicht länger ſo, Du zerarbeiteſt Dich!“ „O mein Henry, was würde aus mir, wenn ich nicht arbeitete?“ Henry ſchwieg. „Halte mich nicht für undankbar, wenn ich dieſe Worte ſage; ich erkenne Deine Freundſchaft, aber ob⸗ gleich ſie ein Balſam auf meine Wunde iſt, ſo vermag ſie doch nicht dieſelbe zu heilen!“ „Freue Dich doch auch an Deinem Franz!“ „Ich kann es nicht, wie ſehr auch der herrliche Knabe es verdient. Erfreut er mich, wünſche ich vergebens ſeine Mutter herbei, damit ſie meine Liebe zu ihm theile; iſt er unwohl, ſehe ich, welch ſchlechter Pfleger ein Mann für ein ſo zartes junges Geſchöpf iſt, und denke ich an ſeine Zukunft, bangt mir; ich weiß nicht, ſoll ich ihn zum Deutſchen erziehen oder nicht, ich habe ja nicht einmal mehr meines Vaters Namen für den Enkel!“ „Pah! was iſt ein Name!“ 42 Als ob Du das im Ernſt dächteſt, Henry!“ „Doch, ich habe in Deutſchland und mehr noch in Italien einſehen gelernt, daß es Thorheit iſt, auf den er⸗ erbten Namen viel zu geben. Du, Alfred, haſt genug an dem Namen, den Du Dir als Dichter machen wirſt; übrigens bin ich ſchon längſt auf den Gedanken gekom⸗ men, daß der Unbekannte der Glücklichſte iſt und wir uns eine Menge Beläſtigungen, ja Qualen ſelbſt auflegen.“ „Du magſt Recht haben, allein Niemand vermag ſich ganz von dem loszumachen, wohin er durch Erziehung gebracht worden iſt. Du kamſt als Kind auf die Schule, fort aus dem Aelternhauſe, Du verwaiſteſt früh; ich ver⸗ ließ meine Heimat ſpät, und hatte ſchon als Kind den Ehrgeiz, mir auf unſern Beſitzungen dieſelbe Hochach⸗ tung und Liebe verdienen zu wollen, welcher ſich mein Vater und meine ſanfte Mutter in ſo ho⸗ hem Maße erfreuten. Alle dieſe Träume blieben Träume; ich wurde aus meinem Erbe vertrieben mit verwundeter Seele; Jugendmuth, Hoffnung hielten mich aufrecht.“ „Ich verſtehe Dich, Alfred!“ „Ach, und dann ſchickten mir die ewigen Götter ein ſtrahlendes Glück; wie lange beſaß ich es?“ Henry ſprach kein Wort, ſondern hörte nur theilneh⸗ mend zu; er war froh, daß Alfred heute doch endlich wieder 43 einmal von Herminen ſprach, obgleich ihr Name nicht über ſeine Lippen kam. Aber nicht er allein hörte ihm zu; noch ein anderes theilnehmendes Weſen, eine der Damen, welche in Venedig Alfred's Hausgenoſſinnen geweſen waren. Sie hatten, ebenfalls des Aufenthalts in Venedig müde, ſich nach Florenz begeben, und ob es nur Zufall war, daß ſie eine Villa neben der Villa bewohnten, welche Henry für ſich und ſeinen Freund gemiethet hatte, wiſſen wir nicht genau zu ſagen. Gewiß iſt jedoch, daß die treue Gertrud einſt zu der Dienerin jener Damen ſagte:„Mein Herr wird täglich melancholiſcher, er ſollte nicht länger ſo ein— ſam leben!“ worauf ihre Freundin erwiderte:„Meine junge Dame fühlt ſehr viel Mitleid für den armen Herrn!“ An dieſem Morgen nun wandelte Miß Lucie in dem Garten umher, da er mit zu ihrer Villa gehörte, und eben als ſie ſich, um nicht länger zu lauſchen, zurückzie⸗ hen wollte, hatte der muntere Franz ſie entdeckt und ſprang raſch auf ſie zu, mit heller Stimme rufend:„Die gute Dame, die Dame Lucie!“ Mr. Henry Ackland folgte dem Kleinen und weidete ſich an Luciens Verwirrung; endlich ſagte ſie erröthend: „Meine Mutter und ich bewohnen mit zwei ältlichen Domeſtiken die benachbarte Villa; dieſer liebe Knabe aber 44 ſieht in mir eine alte Freundin; meine Mama und ich, wir waren früher in Venedig.“ „So machen es die meiſten meiner reiſenden Lands⸗ leute“ erwiderte Henrh,„wenn ſie nämlich von Deutſch⸗ land kommen. Von München über Salzburg nach Tyrol, Trieſt, Venedig, Ferrara, Florenz und dann nach Rom! Sie werden doch auch Rom beſuchen?“ „Vielleicht, meine Mutter entſcheidet darüber.“ „Und darf ſich wohl Ihr Landsmann Henry Ackland erlauben, Ihrer Frau Mutter ſeine Aufwartung zu machen?“ „Ich glaube, meine Mutter wird Sie gern ſehen!“ „Zu welcher Stunde darf ich auf die Ehre rechnen, Ihre Frau Mutter zu ſehen?“ „Wenn Sie in Italien Ihre engliſchen Gewohnheiten nicht abgelegt haben und ungeachtet der Hitze Thee trinken mögen, ſo kommen Sie gegen Abend zur Theezeit; meine Mutter beklagt ſich oft, daß wir nicht, wie ſie gewohnt war, einige Freunde zu unſern Theeſtunden ſehen.“ Damit war das Geſpräch zu Ende, denn Lucie er⸗ innerte ſich daran, daß ihre Mama ſie zum Frühſtück er⸗ warten würde. Mr. Henry Ackland ſtattete ſeinen Beſuch bei den Damen ab und kam ganz entzückt von ihnen nach Hauſe. Das junge Mädchen, obgleich nicht ſchön, aber von * 45 angenehmem Aeußern, geiſtvoll und offenbar herzensgut, hatte ihn intereſſirt, die Mutter, Mrs. Strickland, ihm Vertrauen und Zuneigung eingeflößt. Sie war ſeit Jahren Wittwe, über ſechzig Jahre alt; ihr älteſter Sohn war Poſtkapitän auf der Kriegs⸗ flotte, zwei Töchter in Schottland glücklich verheirathet; mit der jüngſten, die vielleicht vier bis fünfundzwanzig Jahre alt ſein mochte, reiſte ſie jetzt. „Lucie hatte ſchon als Kind große Reiſeluſt“, ſagte die alte Dame;„da ich rüſtig bin, wollte ich ihr die Freude bereiten, in Italien mit das Schönſte zu ſehen, was die Erde bietet!“ „Sie haben gewiß Recht, Mrs. Strickland“ antwor⸗ tete Henry;„Italien iſt ein Land, deſſen Zauber unaus⸗ ſprechlich und immer neu iſt!“ Engländer ſind gaſtfrei und artig; Mrs. Strickland würde es für ſehr unhöflich gehalten haben, nicht auch Mr. Ackland's Freund einzuladen, den ſie bisher ſeines Namens wegen für Henry's Bruder gehalten hatte. Henry erklärte den Damen, daß Alfred ein Deutſcher, nur ſein Namensvetter und liebſter Freund ſei. „Deshalb lade ich ihn nicht minder aufrichtig ein“, ſprach die alte Dame.„Man ſagt uns Engländern im Auslande oft nach, daß wir unzugänglich wären, weil wir auf dem Dampfſchiff oder im Eiſenbahncoupe nicht — 1 46 ſogleich ſprechen, allein im Grunde ſind wir doch geſellig, und mit Einladungen habe ich, die Heſterreicher ausge⸗ nommen, die Deutſchen karger gefunden als uns Eng⸗ länder. Iſt es nicht ſo, Mr. Ackland?“ „Zum Theil gebe ich dies zu!“ „Und Sie werden das nächſte Mal Ihren Freund mitbringen?“ „Wenn es mir gelingt, ihn auf kurze Zeit ſeinen Arbeiten und Träumen zu entreißen!“ „Verſuchen Sie es, Mr. Ackland.“ „Gewiß, Mrs. Strickland!“ Mehrmals zur Theezeit erſchien Henry bei den Da⸗ men, er machte auch ihren Führer durch Florenz und freute ſich in den Kirchen und Gallerien über Miß Lu⸗ eiens ſcharfes, geſundes Urtheil. Alfred war bisher nicht zu bewegen geweſen, ſeinen Freund zu begleiten. Vielleicht würde der deutſche Dichter niemals die Damen kennen gelernt haben, wenn er ſie nicht einmal getroffen hätte, wie Lucie den kleinen Franz, welcher hingefallen war und heftig weinte, aufhob und liebreich beſchwichtigte. Als Vater mußte er einige Worte des Dankes zu der jungen Dame ſagen, und diesmal war es nicht mit der Artigkeit vereinbar, die Einladung der Mrs. Strick⸗ land abzulehnen. 47 Als Alfred zum erſten Mal in den Salon der Da⸗ men trat, berührten ihn die Ordnung, Sauberkeit und Stille angenehm. Er ließ ſich in einem Lehnſtuhle nie⸗ der, nahm mit einigen Dankſagungen den Thee aus Lu⸗ eiens Hand, achtete aber wenig auf das Geſpräch, welches Henry, Lucie und Mrs. Strickland mit vieler Lebhaftig⸗ keit führten. Henry bat die junge Dame, zu ſingen oder zu ſpie⸗ len. Ohne ſich zu zieren, ging ſie an das Piano und ſpielte ohne die Fingerfertigkeit, aber auch ohne den höl⸗ zernen, hackenden Anſchlag der modernen Virtuoſen den alten ſchottiſchen von Todesverachtung und Vaterlands⸗ liebe durchwehten Kriegsmarſch. Alfred ſagte kein Wort, aber er hörte aufmerkſam zu. Später ſang Lucie einige einfache Lieder; eins davon hatte er gedichtet und ein guter deutſcher Componiſt hatte es in Muſik geſetzt. Er barg das Geſicht in den Händen; ſeine Augen wurden feucht, aber die Thränen thaten ihm wohl. Seit jenem Abend hatte Henrh nicht mehr nöthig, dem Freunde zuzureden, ihn zu Mrs. Strickland zu be⸗ gleiten; zur beſtimmten Stunde nahm er ſeinen Hut und verließ das Haus. Allerdings ließ er ſich in dem Salon der Damen ſchweigend in ſeinem Lehnſtuhle nieder und miſchte ſich ſelten — 48 in die Unterhaltung, aber er ſchien ihr doch zu folgen, denn ſagte er manchmal ein Wort, ſo war es ein paſſendes. Auch die geiſterhafte Bläſſe, welche in Venedig und auch die erſten Wochen in Florenz ſeine Züge bedeckt hatte, verſchwand nach und nach; Alfred hörte auf, von früh bis in die Nacht hinein zu arbei⸗ ten, und fing an, ſich wieder für ſeine Umgebungen zu intereſſiren. Er beſuchte die prachtvollen Gemäldegallerien, welche er früher nur mechaniſch durchwandelt hatte, jetzt in der Abſicht, das Schöne, was ſie enthielten, zu ſehen, zu ge⸗ nießen, und als Mrs. Strickland ſich darüber ſehr erfreut gegen Mr. Ackland ausſprach, ſagte dieſer:„Auch ich mache an meinem Freunde dieſelbe Beobachtung. Es iſt merkwürdig, wie doch der feſteſte Charakter, das treueſte Herz ſich nicht den Einwirkungen der Zeit entziehen kann!“ „Wie meinen Sie das, Mr. Ackland?“ „Alfred iſt ein feſter Charakter, ein treues Gemüth; ſein Schmerz um ſeine Gattin war tief aufrichtig, und noch ſind es kaum zehn Monate, ſeit er ihren Tod erfuhr, und ſchon füngt er an, ſich zu beruhigen oder u nur an ſeinen Verluſt zu denken!“ „Tadeln Sie dies, Mr. Ackland?“ 49 „Nein, denn ich glaube, ich müßte ſonſt mehr oder weniger alle Menſchen tadeln, mich ſelbſt nicht aus⸗ genommen!“ „Sie hatten auch ſchwere Verluſte?“ fragte die alte Dame und zwar mit ſo herzlicher Theilnahme, daß Henry's ganzes Herz aufging. Er warf einen verſtohle⸗ nen Blick auf Lucie, welche an ihrer Staffelei ſaß und an einem Blumenſtück in Waſſerfarben arbeitete, und ſagte:„Nicht durch den Tod. Meine Aeltern ſtarben mir zu früh, als daß ich ſie lebhaft und tief betrauern konnte; meine Geſchwiſter leben; mein Herz hatte einen Verluſt, aus dem mir Bitterkeit und Pein im Innerſten deſſelben erwuchs; ich hegte und pflegte dieſe Empfin⸗ dung, wie Andere ihr Glück; durch die Oede meines Her⸗ zens hatte ich mir, wie ich glaubte, Ruhe eingetauſcht und muß jetzt bekennen, auch dieſe Ruhe iſt nicht ge⸗ blieben, und mit Karl Beck möchte ich ſagen: lind mein Herz ward wieder blühend, Der verſchneite, todte Strauch, Knospen kamen, freudeſprühend, Nachtigallen kamen auch, An dem Arno, An dem ſchönen, blauen Arno! Henry wußte, daß Lucie genug Deutſch gelernt hatte, um ſeine Worte verſtehen zu können; ſie mußte auch den Sinn derſelben erkennen, er ſah ſie aber nicht hold Hahn, Das Dycument. U. 4 50 erröthen, ſondern ſie wurde blaß, und ohne ihm einen Blick zu ſchenken, malte ſie eifrig weiter. Eine Stunde ſpäter, als Henry die Damen ſchon längſt verlaſſen hatte und, in ziemlich trübe Gedanken verſunken, in Florenz allein umherſtreifte, trat Al⸗ fred ein. „Heute komme ich mit einer Bitte“, ſprach er, und zum erſten Male lächelte er.„Ich hoffe, die Damen wer⸗ den mir deshalb nicht zürnen!“ „Gewiß nicht“, erwiderte gütig Mrs. Strickland. „Sprechen Sie, was iſt Ihr Wunſch?“ „Es kommt mir vor, als ob mein kleiner Franz andere Kleider brauchte; ich verſtehe aber von dieſen Dingen ſehr wenig, Henry auch nicht; wenn die Damen ſich meiner gütigſt annehmen wollten und für den lieben Knaben kaufen, was er bedarf—“ „Mit dem größten Vergnügen!“ „Vielen Dank!“ „Ich ſollte denken, liebe Mama“, nahm Lucie das Wort,„es wäre am klügſten, wir nähmen den kleinen Franz mit; wir ſehen dann am beſten in den Magazi⸗ nen, was ihm zu Geſicht kleidet; ein neues Hütchen braucht er vor allem.“ „Wie liebenswürdig von Ihnen, dies zu bemerken, Miß Lucie!“ * 51 „Da müßte ſie ja kein Mädchen ſein“, ſagte die Mutter. „Ich denke, wir gehen gleich, der liebe Knabe kann den Weg nach der Stadt wohl zurücklegen, wenn wir kleine Schritte machen, und zum Heimwege nehmen wir einen Wagen.“ „Schön, wenn es Ihnen genehm iſt, wird Franz mitgenommen; er iſt gleich zu finden, denn er ſpielt im Garten!“ Die Damen entfernten ſich, um im Nebenzimmer ihre Hüte aufzuſetzen und Shawls umzulegen. Alfred blickte indeß auf das Blumenſtück, ſah die Farben auf der Palette noch friſch und unterhielt ſich damit, eine angefangene Roſe fertig zu machen, bis die Damen wieder eintraten. Der kleine Franz ward abge⸗ holt und Lucie nahm ihn an der Hand, Mrs. Strickland ließ ſich von Alfred führen. Auf dem Wege plauderte Lucie ſo lieb mit dem Knaben, daß Alfred mehrmals den Kopf nach ihr wandte, um ihr zuzuhören. Der Weg nach der Stadt ſchien ihm durchaus nicht lang, obgleich er wegen Franz ſehr langſam ge⸗ hen mußte. Die Einkäufe waren gemacht. Mrs. Strickland blieb noch in dem einen Magazin zurück, vor welchem 52 der Wagen hielt, Alfred ſtand vor einer Buchhandlung daneben und blickte auf die Bücher, ihm zur Seite, den Knaben an der Hand, Lucie, denn auch ſie fand es un⸗ terhaltend, die Titel der Bücher zu leſen. In dem Augenblicke kam Henry über die Straße; ſeinem ſcharfen Auge entging die Gruppe nicht, ſie ſtan⸗ den mit dem Rücken gegen ihn gewandt, folglich grüßte er nicht, ſondern drückte den Hut tiefer auf ſein lockiges Haar und ging mit raſchen Schritten fort, ohne daran zu denken wohin. Als beide Freunde ſich beim Mittagsmahl ſahen, ſchob Henry die Speiſen zurück; Alfred dagegen ſprach ihnen gehörig zu, was er ſeit Monaten nicht gethan hatte. „Du genießeſt ja heute gar nichts, biſt ſo wortkarg, was fehlt Dir, Henry?“ fragte Alfred im Tone liebevoller Beſorgniß. „Nichts!“ „Du wirſt mich doch nicht ganz allein eſſen laſſen, Henry?“ ½ „Dieſe Italiener mit ihren ewigen Maccaroni!“ „Sie ſind aber vortrefflich zubereitet, und verſchmähſt Du ſie, ſo verſuche von dem Fiſch; er iſt delicat!“ „Danke!“ „Oder nimm von den Frühtrauben und Ffirſichen!“ 53 „Ich habe keinen Appetit! Es freut mich aber, daß es Dir ſchmeckt, Alfred.“ „Der Weg hat mir Hunger gemacht; ich war in der Stadt—“ „Ja „Mit unſern beiden Nachbarinnen, dem Kleinen Klei- der zu kaufen!“ „Ich ſah Dich vor dem Buchladen ſtehen!“ „Warum kamſt Du nicht zu uns, lieber Henry?“ „Ich wollte nicht ſtören!“ „Unſinn!“ Der Diener trug die Speiſen ab und legte ein neues Tiſchtuch auf; er war ein Engländer und ſchon mehrere Jahre bei Henrh im Dienſt. Mr. Ackland zündete ſich eine Cigarre an, blies ge⸗ gen ſeine Gewohnheit eine große Wolke und ſagte mit abgewandtem Geſicht:„Weißt Du. Alfred, Florenz fängt an mir langweilig zu werden, ich denke daran, nach Rom zu gehen!“ „H „Alles, was in Florenz zu ſehen iſt, habe ich zehn⸗ mal betrachtet, ich weiß nicht, was ich hier noch ſoll!“ „Aber Henry, Du haſt ja dieſe Villa auf ein Jahr gemiethet, und wir leben etwa fünf Monate hier.“ „Du kannſt ſie ja für Dich benutzen, wenn ich fort bin!“ „Für mich? „Natürlich!“ „Hm, wegen Franz möchte ich wohl bleiben; was mich betrifft, ſo hat Florenz keine beſondere Anziehungs⸗ kraft. Wenn ich Dich verliere, ſtehe ich wieder allein, denn ein Kind iſt keine Geſellſchaft!“ „Du haſt die Damen Strickland!“ „Sie ſind höchſt achtbare Damen, aber kein Freund!“ „Alſo Du würdeſt gern mit mir nach Rom ent⸗ „Selbſtverſtändlich!“ 5 „Dann, bei Gott, dann bleiben wir beiſammen!“ Und Henry machte einen Luftſprung, warf die Cigarre weg, ſchellte dem Diener und befahl ihm etwas zu eſſen zu bringen, denn er habe jetzt Hunger; Fiſch, Fleiſch, Alles würde ihm jetzt recht ſein, ſelbſt Maccaroni. Den nächſten Abend brachten die Freunde wieder im Salon der Mrs. Strickland zu. Henry war außerordentlich liebenswürdig und unter⸗ haltend, Mrs. Strickland lachte einigemal herzlich; auch Lucie, deren an ſich ernſtes Geſicht dadurch ſehr gewann; ſie hatte zwei Reihen prächtiger Zähne und ihr Sue klang lieblich und unſchuldsboll. Henry erzählte von einem Frescobilde, welches er in einer kleinen Kirche hinter einem Altar entdeckt habe, O Si ganz zufällig, denn das Bild ſei durchaus nicht berühmt. „Die Zeichnung iſt nicht ganz fehlerlos“, ſagte Henry, „allein die Compoſition höchſt poetiſch, die Farben ſind noch ganz friſch und der Ausdruck in dem Kopfe der Madonna wunderbar. Uebrigens, Miß Lucie, Sie gleichen dieſer gemalten Mutter Jeſu, als hätten Sie dazu geſeſſen!“ „In Wahrheit, Mr. Ackland?“ fragten beide Damen. „Entſchieden, namentlich die Augen der Maria er⸗ innern an Miß Strickland“, verſicherte Henrh. „O, dann muß ich doch das Bild aufmerkſam be⸗ trachten“, ſagte Lucie lächelnd. „Daß die Kunſt, die Farben ſo hell und friſch Jahr⸗ hunderte zu erhalten, doch den neuern Meiſtern ein Ge⸗ heimniß geblieben iſt!“ bemerkte Mrs. Strickland.„Erſt ganz neuerdings ſoll man wieder dahinter gekommen ſein, wie man mir in München ſagte.“ „Sie ſcheinen etwas davon zu verſtehen“, ptz Lucie, und ſah Alfred lächelnd an.„Die Roſe, welche Sie geſtern vollendet haben, ſieht viel friſcher als die andern aus, welche mein Pinſel geſchaffen hat.“ ch wußte nichts von Deinem Malertalente“ ſagte Henrh nicht ohne einen Anflug von Verdruß zu Stern. Dieſer erwiderte ruhig:„Es iſt auch in Wahrheit ſehr unbedeutend. Meine liebe Mutter malte ſchön, Blu⸗ 36 men beſonders; ſie hatte ſich eine eigene Art von Far⸗ benmiſchung zuſammengeſtellt oder erfunden, wenn man will. Ich habe von ihr Blumenmalen gelernt, aber ohne ſie als Malerin zu erreichen.“ „Hätten Sie Zeit, mir etwas von dieſen Farben⸗ geheimniſſen mitzutheilen, Mr. Stern?“ fragte Lucie ſchüchtern. „Mit Vergnügen, ſobald Sie befehlen; vielleicht morgen?“ entgegnete Alfred und verbeugte ſich. „Warum nicht ſchon heute, Miß Strickland?“ fragte Henry. Etwas ſpöttiſch antwortete ſie:„Weil ſich malen nur beim Tageslicht erlernen läßt, Mr. Ackland!“ Finſter wandte ſich Henry ab; um nicht ſprechen zu müſſen, ergriff er ein Album, das auf einem Spiegel⸗ tiſche lag und blätterte darin. Es enthielt leichte Hand⸗ zeichnungen Blumen, wahrſcheinlich von Luciens Hand, Landſchaften, welche offenbar von einem Meiſter leicht hingeworfen waren, Portraits von Perſonen, welche ihm unbekannt waren. Zuletzt fand er, nur flüchtig mit Blei⸗ ſtift ſtizzirt, das ihm unvergeßliche Antlitz Joſephinens. Er legte das Album hin, ein Laut der Ueberraſchung entſchlüpfte ihm, aber ſein Herz ſchlug nicht raſcher als vorher. Mrs. Strickland, welcher Henry's Bewegung nicht 57 entgangen war, fragte mit ihrer gewöhnlichen Milde: „Was überraſcht Sie ſo ſehr, beſter Mr. Ackland?“ „Ich bewunderte dieſe Skizzen. Sie ſind von einem Meiſter gemacht, oder richtiger geſagt, von zwei Meiſtern; wenn ich nicht irre, Partien aus dem bairiſchen Hoch⸗ land und aus der ſächſiſchen Schweiz?“ „Sehr richtig bemerkt, Mr. Ackland. Die Gegenden aus der ſächſiſchen Schweiz ſind von der Hand eines Engländers, der ſich auf einer Tour durch jene an⸗ muthige Landſchaft mit ſeiner Schweſter und deren Gatten an uns anſchloß, die andern von einem Maler, den ich in meiner Jugend kannte; er zeichnete ſie vor Jahren. Sein Name hat einen guten Klang, und auf mancher Ge⸗ mäldegallerie Deutſchlands lächeln ſeine Bilder wie Freun⸗ desgrüße mich an. Ich glaube, er iſt nicht mehr unter den Lebenden; er hieß Moritz Müller, Feuermüller genannt.“ „Meine Mutter beſaß eins ſeiner Bilder aus der Periode, wo er ſchon Meiſter darin war, durch verſchie⸗ denartige Beleuchtung eigenthümliche, aber angenehme Effecte hervorzubringen“, ſagte Alfred.„Der Meiſter hat dieſes Gemälde mehrmals copiren müſſen; es hat etwas höchſt Gemüthliches. Ein Landmädchen ſteht am Herde vor der Flamme und rührt in ihrem Keſſel; durch das Küchenfenſter blickt die Abendröthe herein.“ 58 Während dieſes kurzen Geſprächs hatte Henrh ab⸗ wechſelnd das Portrait und Miß Lucie betrachtet. Er fühlte inſtinktmäßig, daß der Engländer, mit welchem Miß Strickland unter dem Schutze ihrer Mutter ge⸗ reiſt war, ihr einſt theuer geweſen ſei, aber er konnte mit Ruhe an dieſe Möglichkeit denken, während ihn an⸗ dere Vorſtellungen in Vezug auf einen Nebenbuhler peinigten. Joſephinens Portrait, denn nur das ihrige konnte es ſein, beſah er mit Intereſſe, aber ohne Zärtlichkeit oder Leidenſchaft. Endlich legte Hency das Album hin, Alfred durchblätterte es und fragte jetzt: „Iſt dieſer ſchöne Kopf ein Portrait?“ „Ja. wir lernten das Original auf Reiſen kennen“, antwortete Mrs. Strickland,„und obgleich dieſe Dame meiner Tochter und mir bitteres Weh bereitet hat, ſo muß ich doch ſagen, ſie war ein hinreißendes Geſchöpf, und kein Mann von Geiſt und Phantaſie konnte ſich ihrem Zauberkreiſe entziehen, wenn ſie es darauf anlegte, ihn hineinzulocken.“ „Und wie nannte ſich jene Dame?“ fragte Mr. Ackland. „Sie reiſte unter dem Namen Madame Delmar, war jedoch in Wahrheit die Gemahlin eines ältlichen, ſehr reichen Fürſten und ſelbſt aus hoher Familie.“ „Wo lebt ſie jetzt? Bitte, wenn Sie es nämlich wiſſen!“ „Soviel mir bekannt iſt, in Rom; ſie iſt ſeit kur⸗ zem Wittwe, doch liebt ſie die Freiheit zu ſehr, um ſie leicht wieder hinzugeben, obgleich es bei ihrer Schön⸗ heit und ihrem Reichthume ihr nicht an Bewerbern man⸗ geln wird.“ „Ich habe dieſe Dame gekannt, das heißt geſehen, denn kennen kann wohl kein Mann Frauen dieſer Art“, ſagte Henry und ſah Lucie an;„ich glaube an ihre Anziehungskraft, aber feſſeln könnte mich nimmer ein Weib, das ſo durch und durch unwahr iſt; ich verehre nur Aufrichtigkeit und Wahrheit.“ „Sie haben Recht, Mr. Ackland, aber nicht nur Frauen haben ſolche Neigungen, wie jene bezaubernde Dame, auch Männer ſind gefallſüchtig, eitel und phan⸗ taſtiſch“, erwiderte Mrs. Strickland. „Was ſagen Sie zu ſolchen Männern, Miß Lucie?“ fragte Henrh. „Sie exiſtiren für mich nicht“, erwiderte ſie mit Würde. Als ſpät abends die Freunde mit einander allein in ihrem Salon waren, ſagte Henry:„Joſephine iſt in Rom, aber obgleich ich ſie jetzt frei weiß, zieht es mich nicht hin zu ihr. Der Zauber iſt gelöſt, und wenn Sie mir wie in Heidelberg die ſüßeſten Worte ſagte, lieblich wie damals mit mir koſte, ich könnte ihr kein Wort mehr glauben.“ 60 „Dann meide Sie, beſter Hench, denn ſäheſt Du ſie wieder, könnte ſie Dich aufs neue bezaubern.“ „Ich bin feſt und ihr gegenüber kalt wie Erz.“ „Wer kennt ſich? Jedenfalls iſt es gefährlich, mit dem Feuer zu ſpielen“, bemerkte Alfred.„Gute Nacht.“ Henry verließ das Haus; er wanderte lange allein am Ufer des Arno auf und ab, aber nicht bei Joſe⸗ phinen waren ſeine Gedanken. Am andern Morgen zur feſtgeſetzten Stunde nahm Alfred ſeinen Hut und ſagte zu Hench, welcher im Sa⸗ lon ſaß und ein Packet eben angekommener Bücher durch⸗ ſah:„Willſt Du mit mir gehen, caro amico? Du könn⸗ teſt auch etwas profitiren, da Du ein Landſchaftsmaler biſt. Dein Grün iſt noch immer nicht ganz zu meiner Zufriedenheit; obgleich Du ein weit beſſerer Zeichner biſt als ich, muß ich Dir das ſagen.“ „Es ſcheint, daß die Farbe der Hoffnung mir nicht gelingt, weil ich die Hoffnung als eine falſche, heuchle⸗ riſche Perſon verachte“, gab Henry mürriſch zur Antwort. „Alſo Du willſt zu Hauſe bleiben!“ „Sicherlich; ich will mich hier mit deutſchen Büchern unterhalten, welche der Buchhändler Dir geſchickt hat.“ Alfred ging. 61 An ihrer Staffelei ſaß Lucie, das ernſte, liebens⸗ würdige Mädchen. Vielleicht war ſie ſich ihrer Liebe zu dem deutſchen Dichter noch nicht klar bewußt, vielleicht empfand ſie nur lebhaftes Intereſſe, ſchönes weibliches Mitleid für den verwittweten Mann; auch lag es wohl nicht in Luciens keuſchem, ſtolzem Naturell, einer Liebe in ihrem Herzen Raum zu geſtatten, welche vielleicht nicht erwidert wurde; aber doch hatte ſie dieſen Morgen lange ihre Garderobe gemuſtert und endlich ein kornblumenblaues Gewand von weichem, dünnem Wollſtoff gewählt, über welches ein blendend weißer Spitzenkragen gefällig herab⸗ fiel. Das dunkle Haar, von einem goldenen Pfeil feſtgehalten, war mit beſonderer Sorgfalt geordnet, an ihrer rechten Hand blitzte nur ein Ring mit einem herzförmigen Ru— bin. Ihr Herz klopfte, ihre Wangen glühten, als ſie den wohlbekannten Tritt auf dem Vorplatze hörte, als ſie die liebe Stimme vernahm, welche fragend ihren Namen nannte. Alfred trat ein mit artigem Gruß; er prüfte ihre Arbeit und ſagte im Tone des Lehrers:„Ein wenig von dieſem Carmin muß noch dazu gemiſcht werden; ſehen Sie, ſo, Miß Strickland.“ Während der deutſche Dichter Roſen und Epheu auf Papier malte, ſaß Henry verdroſſen in ſeinem Salon. Er blätterte in den Büchern hel und warf alle der Reihe nach auf den Tiſch. 62 Daß er Lucie liebte, aufrichtig, von ganzem Herzen, das verhehlte er ſich nicht mehr. Er fand ſie weder ſo märchenhaft ſchön wie Joſephine, noch ſchwärmte er wie berauſcht für ſie, aber ein ſtiller, beſeligender Frieden erfüllte ihn in ihrer Nähe; er vertraute ihr ohne Gren⸗ zen. Der ſicherſte Beweis, daß er von Lucien ganz erfüllt war, war ihm ſeine Milde gegen Joſephine. Er hatte jahrelang dies ſchöne Weſen abwechſelnd geliebt und gehaßt, ſie erſehnt Fn gewünſcht, ihr nie begegnet zu ſein; ſeit er Lucie kannte, erloſchen Sehnſucht und Haß, er bedauerte nicht mehr, dieſen kurzen Jugendtraum ge⸗ träumt zu haben, und verſtand jetzt Rückert's Verſe: Jugend, Rauſch und Liebe ſind Gleich drei ſchönen Frühlingstagen; Statt um ihre Flucht zu klagen, Herz, genieße ſie geſchwind! Aber ward ſeine Liebe zu Lucien, die eine auf innige Bochachtung gegründete war⸗ vielleicht mit der Zeit von ihr erwidert? Dann peinigten ihn andere Phantaſien, Gedanken, welche ſich, wie es in der Bibel heißt, untereinander an⸗ klagten und entſchuldigten. Wenn Alfred vielleicht Zu⸗ neigung und Freundſchaft genug für Lucie empfand, um ihr ſeine Hand bieten zu wollen, wenn das liebenswür⸗ dige Mädchen Alfred's Bewerbung nicht abwies, durfte er ſich zwiſchen ſe 63 dem lieben, noch weiblicher Pflege bedürftigen Knaben eine gute Mutter rauben? Harte Schickſalsſchläge hatten Alfred getroffen, Verluſt ſchöner Güter, Verluſt ſeines edlen Namens, ewige Trennung von der geliebten Gattin, o nimmer, nimmer konnte Henry ſeinem Freunde die letzte ſtrahlende Hoffnung ſeines Lebens zerſtören! Es war ein ſchwerer Kampf, den er jetzt kämpfte, aber er ging als Sieger daraus hervor. Als er feſt entſchlaſſen war, in Lucien von jetzt an nur die künftige Gattin ſeines Freundes zu ſehen, erhob er ſich. Die Bücher wurden freilich unſanft in einen Winkel geſchoben, ein vier Wochen altes Exemplar der Augsburger Zeitung mechaniſch in nervöſer Aufregung in kleine Stückchen zerriſſen, während er ſeinen innern Streit durchkämpfte. O hätte er dieſe Zeitung mit Ruhe angeſehen, nur wenigſtens einen Blick auf die letzte Seite geworfen, wo mit großen Buchſtaben zu leſen war, daß Doctor Alfred Stern, ſein Freund Alfred Stern, der Verfaſſer der „Gedichte am Rheine geſchrieben“ aufgefordert wurde, ſich ſofort wegen guter Nachrichten bei dem Rechts⸗ conſulenten Müller in Coblenz zu melden. Wieder vergingen einige Wochen, ohne daß ſich äußer- lich in den Schickſalen der beiden der Freunde 2 das Geringſte änderte. 64 Wenn ſie mit den Damen die Kunſtſammlungen be⸗ ſuchten oder bei ihrem Thee auf dem platten Dache ſaßen, das von Pinien und Akazien beſchattet wurde, mochten Vorübergehende ſie für glückliche Menſchen hal⸗ ten, und doch waren alle vier von Qualen und Sorgen erfüllt. Mrs. Strickland ſah in dem Herzen ihrer Toch⸗ ter eine neue Liebe keimen für einen würdigern Ge⸗ genſtand, als der Mann geweſen war, der ſich der damals achtzehnjährigen Lucie verlobt hatte, um ihr aus Leiden⸗ ſchaft für jene ſchöne Joſephine Wort und Treue zu brechen; aber fand Luciens edle, uneigennützige Liebe Er⸗ widerung? Vielleicht erſehnte ſie ein unerreichbares Glück und verlor darüber das, welches ſich ihr darbot. Lucie ſprach ſich aus holder, mädchenhafter Schüchtern⸗ heit ſelbſt gegen ihre Mutter nicht aus und litt durch dieſes Schweigen vielleicht zwiefach; ſie ſchwebte zwiſchen Furcht und Hoffnung. Hench ward von Eiferſucht ge⸗ martert und konnte ſich doch nicht entſchließen, den Um⸗ gang mit dem Freunde und mit den Damen aufzugeben. Vielleicht, da die Hoffnung im Herzen des Menſchen wohl oft einſchlummert, aber niemals ganz erſtirbt, hegte er ſie noch, gab er ſeine Sache nicht völlig verloren. Und Alfred? Alfred blieb melancholiſch wie immer, doch hatte er Gewalt genug über ſich und Rückſicht für ſeine Freunde, ſcheinbar an dem Geſpräch theil zu nehmen und ſeine Bewunderung für die Kunſtſchätze und Naturſchön⸗ heiten, an denen Florenz ſo reich iſt, auszuſprechen. Der einzige Glückliche in dieſem Kreiſe war der kleine Franz. Er gedieh unter dem milden Himmel vor⸗ trefflich, freute ſich an ſeinen kindlichen Spielen und brachte einen großen Theil des Tages bei den Damen zu, welche den Kleinen in Wahrheit zärtlich liebten. Eines Tages ſaß Alfred, in eine literariſche Arbeit vertieft, am Schreibtiſche in ſeinem Kabinet, als ein wohlbekanntes Pochen an ſeiner Thür ihn aufſtörte. „Störe ich?“ fragte Henry.„Ich möchte gern ein Wort mit Dir reden.“ „Thue es, mein lieber Henry“, erwiderte Alfred und legte die Feder weg. Henry ſetzte ſich dem Freunde gegenüber; er ſah blaß aus, aber entſchloſſen, und mit feſtem Tone begann er:„Alfred, es muß klar werden zwiſchen uns und zwar auf der Stelle! Sei aufrichtig gegen mich ich bitte Dich!“ „Warum, lieber Henry, ſollte ich es nicht ſein?“ „Wann haſt Du mit ihr geſprochen?“ „Mit ihr? Ich verſtehe Dich nicht!“ „Du haſt Dein Geſtändniß abgelegt, haſt ihre Zuſage!“ „Ich ein Geſtändniß gemacht? Du ſprichſt in Räthſeln!“ Hahn, Das Document. 11. 5 66 „Warum ſo geheimnißvoll? Habe ich das von Dir verdient? Du biſt ja Herr Deines Thuns! Du liebſt Lucie, haſt ſie um ihre Hand gebeten—“ „Auf Ehre, nein!“ „Aber Du wirſt es thun, bald thun?“ Alfred ſah den Freund betroffen an und ſchwieg. Henry fuhr fort:„Ich bin nicht blind, ich ſehe, daß Du ſie, was ſehr begreiflich iſt, hochachteſt und verehrſt. Du kannſt für Deinen Franz keine beſſere Mutter finden und Deine ihr dargebrachten zarten und ernſten Huldi⸗ gungen wurden von Lucien dankbar aufgenommen.“ „Ich habe Miß Strickland keine wärmern Hul⸗ digungen dargebracht, als Hochachtung und Dankbar⸗ keit mich lehrten; niemals habe ich auch nur eine Silbe zu ihr geſprochen, welche nicht alle Welt hätte hören können.“ „Aber ſie, Lucie— ich fühle es, daß Du ihr theuer biſt, theurer als irgend ein Weſen auf Erden.“ „Das iſt ein Irrthum von Dir, Henry. Bei Gott, es würde mich tief ſchmerzen, wenn Du wahr ſprächeſt, wenn ich unabſichtlich eine Neigung erweckt hätte, die ich nicht erwidern kann!“ „Bedenke, was Du ſprichſt, guter Alfred! Du liebſt Lucie gewiß nicht in derſelben Weiſe, wie Du Hermine liebteſt, aber mit der Zeit könnte bei ihren Vorzů · 67 gen ihre Zärtlichkeit für Franz, ihre bewundernde Liebe für Dich Dir ein Glück bringen, vielleicht nicht ſo glän⸗ zend und thaufriſch, wohl aber ebenſo ſüß und, wenn Lucie Dir erhalten bliebe, dauernder als das verlorene“ „Nein, mein Henry, nein! Ich bin nicht der Mann, mein Herz zweimal zu verſchenken; ich erkenne Luciens Werth an, aber der Gedanke an eine zweite Ehe, ſelbſt an ein zweites neues Glück flößt mir Grauen ein!“ „Genug, Alfred, ich glaube Dir, und wenn ich Dich verletzte, ſo vergib, denn— ich liebe Lucie!“ ſagte Henry. Alfred ſprang auf und ging in heftiger Gemüths bewegung auf und nieder. „Du liebſt Sie? Und ich, verſunken in meinen Schmerz, ſah das nicht und that Dir vielleicht unwiſſent⸗ lich weh! Warum, Henry, ſchenkteſt Du mir nicht eher Dein Vertrauen?“ „Ich wollte mein Glück nicht Deinem edelmüthigen Zurücktreten verdanken, Alfred, denn ich glaube—“ Er vollendete den Satz nicht. Alfred lächelte ſeinen Freund liebevoll an und fragte:„Wenn ich nicht mehr neben Dir ſtünde, wür⸗ deſt Du ihr Herz gewinnen?“ „Ja, Alfred, ja, das glaube ich. Ich habe Luciens Charakter ſtudirt. Mitgefühl mit Deinem Schmerze, weibliche Hinneigung zu dem ſüßen Kleinen machen 5* 68 einen großen Beſtandtheil der Zuneigung aus, die Lucie für Dich hegt. Sie iſt, wie ich höre, reich, Du biſt es nicht, Lucie iſt uneigennützig und ſchwärmeriſch, aber ſie iſt auch ein ſtolzes Mädchen und wird nicht lange den lieben, der ihre Liebe nicht erwidert. Sie achtet mich hoch, ſie will mir wohl; wenn ich ihr, freilich noch nicht ſo bald, geſagt haben werde, wie tief, wie innig ich ſie liebe, dann wird ſie für meine Treue vielleicht den ſchönſten Lohn haben— „Du urtheilſt richtig, Henry. Mögeſt Du bald das Glück erringen, welches ich Dir aus voller Seele wünſche. Ich werde nicht länger zwiſchen Dir und Lucien ſtehen. Mich hält keine Pflicht hier, morgen reiſe ich ab.“ „Du wirſt mich nicht mißverſtehen, wenn ich Dir für dieſen Entſchluß danke Bis ich Luciens Entſchei⸗ dung vernommen habe, bleiben wir getrennt, aber dann, Alfred, ſehen wir uns wieder, denn nicht das geliebteſte Weib möchte ich erringen, wenn ich darüber den Freund verlieren ſollte.“ „Es gilt, Henry, wir ſehen uns wieder, ſobald es uns frommt.“ Den andern Tag ſagte Alfred den Damen Lebe⸗ wohl, aber nur ſchriftlich; er wollte Luciens Augen nicht feucht werden ſehen oder ihre roſige Wange um einen Schein bläſſer. — — 69 Henry begleitete Alfred eine kurze Strecke; als er ihm die Hand zum Lebewohl bot, ſagte er:„Alſo es bleibt dabei, Du gehſt nach Deutſchland?“ „Du lächelſt vielleicht, wenn ich Dir ſage: ja; aber mag man über die Regierungen ſprechen, was man will, an unſern Inſtitutionen herummäkeln, nach Einheit ſchreien, entweder unter einem Kaiſer oder unter dem Präſidenten einer Republik, ein deutſcher Dichter kann doch nichts Anderes thun, als das Land mit den blauen Strömen und alten Domen, ſeinen Kunſt⸗ und Naturſchätzen zärt⸗ lich lieben.“ „Aber“, ſagte Henry und ſeine großen blauen Augen wurden feucht,„nach dem Rheine gehſt Du nicht.“ „Nein, mein Freund, nach Norddeutſchland, wo Niemand mich kennt. Gott ſchütze Dich!“ Still und zurückgezogen, zwiſchen Furcht und Hoff⸗ nung ſchwebend, aber aufgerichtet durch Befolgung des weiſen Spruchs:„Bete und arbeite!“ lebte Her⸗ mine in Coblenz, nicht glücklich, aber reſignirt, ge⸗ tröſtet durch das Bewußtſein, daß ſie ihren Reichthum benutzte, um Andere glücklich zu machen. Sie ging ſtill und anſpruchslos in die Wohnungen verſchämter Armen und half mit Zartgefühl und Verſtand, wo Hülfe nöthig 70 war, ſie ſteuerte arme Bräute aus, ſorgte für das Fort⸗ kommen junger Ehepaare, und das Alles ohne Gepränge, heimlich und in liebenswürdigſter Weiſe. Sie fing an eine Art von Heimatsgefühl in Coblenz zu empfinden, als plötzlich der Tod des alten Rechtsconſulenten Müller ihr den Aufenthalt in der Stadt, wo der würdige Mann ihr einziger Freund geweſen war, verleidete. Reichlich bedachte ſie noch alle die Armen, welche ſich bisher ihrer Unterſtützung erfreut hatten, dann ver⸗ ließ ſie mit Nanni, die ſie jetzt faſt als Freundin be⸗ trachten konnte, und einem alten Diener das romantiſch gelegene Coblenz. Wie treu auch Hermine das Andenken an ihren Gemahl in ihrer Seele bewahrte, wie innig ſie im Geiſte mit ihm fortlebte, auch auf ihren Gram hatte die Zeit wohlthätig eingewirkt, und ſie betrachtete nicht mehr einen Ort ſo gleichgültig wie den andern. Ueber Frankfurt am Main reiſte ſie nach Dresden, und Zufall oder Schickſal führte ſie in das Hotel de Saxe. An einem ſchönen Septemberabende langte ſie in der Königsſtadt an, welche wohl mehr als irgend eine Stadt der Welt Anſpruch auf das Prädieat liebenswürdig hat. Dresden iſt zu allen Jahreszeiten von einer großen Anzahl Fremder aus allen Nationen beſucht, deshalb ſind die Hotels oft überfüllt, und Hermine ward in Zicei ——— 71 mehreren der beſten abgewieſen, als ſie einige Zimmer forderte; endlich im Hotel de Saxe war noch ein Zimmer nebſt einem Alkoven frei, und auch für Herminens Diener verſprach der gewandte Oberkellner Rath zu ſchaffen. Froh, endlich zur Ruhe gekommen zu ſein, gab Hermine Nanni einige Befehle in Bezug auf ihre Ein⸗ richtung und warf ſich dann ermüdet auf den Diwan. Nanni, die anhängliche Seele, kannte die Gewohnheiten und kleinen Bedürfniſſe ihrer Herrin, und ſo war denn auch bald mit des Dieners Hülfe das Gemach mit friſchen Blumen geſchmückt, die Lieblingsbücher Her⸗ minens lagen auf dem Tiſch, der Thee ward zur be⸗ ſtimmten Stunde gebracht, und dann ſetzte ſich Nanni ihrer geliebten Dame gegenüber und bediente ſie. Als es am Himmel ganz dunkel wurde, die Gas⸗ flammen auf den Straßen brannten, aber das Geräuſch des Tages verhallt war, ertönte neben Herminen ein Piano vom herrlichſten Klang. Eine geübte Hand glitt über die Taſten, und nach einem kurzen Vorſpiel trug eine zum Herzen dringende, vortrefflich ausgebildete Baritonſtimme eins jener herzinnigen und dabei hoch⸗ poetiſchen Lieder vor, deren es im Verhältniß zu der großen Zahl von Liedern, welche wir haben, doch ſehr wenige gibt. Nanni, muſikaliſch, wie faſt alle Oeſterreicherinnen. 72 lauſchte dem wundervollen Geſange hoch entzückt; Her⸗ mine war tief ergriffen, ſie ſprach kein Wort, aber Thräne um Thräne perlte über ihre Wangen. Vielleicht waren dieſe Perlen der einzige Lohn, welchen der ein⸗ am ſtehende, keiner muſikaliſchen Clique angehörende Tondichter für ſein Lied empfing. Als das Lied zu Ende war, ſchwieg der Sänger, als fürchte er durch einen zweiten Vortrag den Eindruck zu zerſtören, den ſein Geſang hinterlaſſen hatte. Am andern Morgen war herrliches Wetter. Nanni wollte ihre Gebieterin zu einer Promenade bereden, aber Hermine blieb zu Hauſe, denn der Klang einer Männer⸗ ſtimme, welcher durch die Seitenthür ihres Zimmers drang, überzeugte ſie, daß der Bewohner deſſelben, jener Sänger, noch anweſend ſei. Sie mußte ihn noch einmal ſingen hören, denn nicht nur ſeine Stimme erinnerte ſie an ihren Gatten, der Unbekannte hatte auch eins von den Liedern gewählt, welche Alfred vorzüglich geliebt hatte; doch der Sänger blieb ſtumm, und Hermine ent⸗ ſchloß ſich endlich, einen Gang über die Brücke zumachen. Daß ein ſtattlicher, vornehm ausſehender W ihr ge⸗ folgt war, bemerkte ſie nicht. Gleichgültig ſchaute ſie auf den Strom, ſen ſich zwiſchen maleriſchen Ufern dahinſchlängelt wie ein breites Band; für Hermine hatte die ſchönſte Gegend 73 keinen beſondern Reiz mehr, aber doch würde ſie in öder Umgebung vielleicht noch niedergedrückter geweſen ſein. Naturſchönheiten, Witterung und Kunſtgebilde üben auf ein verwundetes Gemüth ſtets nur einen langſamen, un⸗ merklichen, aber ſichern Einfluß. Geſtärkt von der friſchen Luft, welche von dem Strom ihr entgegenwehte, kehrte ſie heim; der Herr, welcher ihr früher nachgegangen und zehn Schritte auf der Brücke hinter ihr ſtehen ge⸗ blieben war, folgte ihr wieder in einiger Entfernung. Hermine war in Dresden ganz fremd; ſie hatte keine Neigung Bekanntſchaften anzuknüpfen, obſchon bei ihrem gro. ßen Reichthume und ihrem liebenswürdigen Weſen ihr das leicht geworden ſein würde. Nanni, welche Dresden ſehr ſchön fand, fragte ihre Herrin, ob ſie nicht Luſt habe, ein Haus zu miethen, eins von den reizend gelegenen Häuſern mit Garten, aber Hermine erwiderte mit trü⸗ bem Lächeln:„Gute Nanni, ich weiß ja noch nicht, ob ich hier bleibe!“ „Aber, gnädige Frau, wäre es Ihnen nicht heilſa⸗ mer, wenn Sie ſich endlich wo niederließen, Bekanntſchaf⸗ ten machten, ſich Perſonen, welche Ihnen beſonders ge⸗ fielen, zu näherem Umgange ausſuchten?“ „Gewiß wäre das gut für Jede, die vergeſſen will, aber ich will nicht vergeſſen, Nanni!“ Das treue Mädchen ſchüttelte den Kopf und ſchwieg 74 ihrer Herrin gegenüber, aber zu dem alten Diener ſagte ſie:„Es iſt doch ein Jammer, wie unſere gnädige Frau ſich abhärmt; was läßt ſich nur thun, um ſie wieder fröhlich zu machen?“ Der alte Mann verſetzte:„Unſere Gnädige iſt eben noch jung und hat noch nicht gelernt zu leben. Sehen Sie, liebe Nanni, Alles auf Erden will gelernt ſein, ſo⸗ gar das Leben. Als Kind verdirbt man ſich die ſchönſten Jahre mit dem thörichten Wunſche, zu den Erwachſenen zu gehören; da bildet man ſich ein, wenn man nur erſt groß ſei, da brauche man nicht mehr zu gehorchen, da ſei man frei, aber, Du lieber Gott, da geht die Knecht⸗ ſchaft erſt recht an.“ „Das iſt wahr, Baumann, ganz wahri“ „Sehen Sie, Nannichen“, fuhr Baumann geſchmei⸗ chelt fort,„mir ward es nicht an der Wiege geſungen, daß ich einſt dienen ſollte. Ich wurde von meinem Va⸗ ter, der Lehrer war, gut erzogen, aber er ſtarb, als ich eben ſechzehn Jahr alt war; der Graf, welchem das Hert⸗ chen gehörte, wo ich geboren war, wollte einen treuen, anſtelligen, verſchwiegenen Diener haben und nahm mich mit auf Reiſen. Am Reiſen fand ich Geſchmack, ich ſah die ſchöne Welt und lernte mehr als mancher Profeſſor, der nie aus ſeiner Stube kommt, aus ſeinen Büchern profitirt, durch Augen⸗ und Ohrenaufmachen. — 55 Mein Graf verſorgte mich ſpäter, ich hatte Weib und Kinder, ſie ſtarben, mein Graf auch, da litt es mich nicht mehr daheim, ich ging wieder mit einer Herrſchaft auf Reiſen und kam dann zu unſerer gnä⸗ digen Frau. Jetzt bin ich ſechzig Jahre alt und ſage: Ich freue mich wieder meines Lebens. Die Meinen verſchlafen der Erde Leid oder freuen ſich der himmliſchen Seligkeit, Gott weiß, was ihr Loos iſt, und das tröſtet mich. Ich bin noch auf der Erde, mich ergötzen Sonnenſchein und Blumen, ich freue mich, daß mein leichter Dienſt mir zuläßt, oft zu leſen, ich höre mir an freien Abenden eine gute Muſik an, ſehe ein Schauſpiel und danke des Abends vor dem Einſchlafen Gott für jeden Tag. Unſere Gnädige iſt noch in den Jahren, wo ihr für den Verlorenen Erſatz werden kann; ſie ſollte wieder heirathen, noch einmal Mutterfreuden er⸗ leben. Man muß nicht, wie ſie thut, immer rückwärts ſchauen, die Loſung des Menſchen muß, ſolange er lebt: Vorwärts! heißen.“ „Ja, heirathen, Baumann, das ſollte ſie, vor⸗ ausgeſetzt, daß ſich ein Mann fände, welcher ſie aufrichtig liebte und ihrer würdig wäre.“ Dieſes Geſpräch, welches in Nanni's Zimmer geführt wurde, war nicht unbelauſcht geblieben. Da der gute Baumann etwas harthörig war, ſo hatte Nanni ziemlich 76 laut geſprochen, und dem Diener des Zimmernachbars von Herminen war kein Wort entgangen. Er befand ſich gerade in ſeines Herrn Zimmer, was er ſtets zu ſeinem Aufenthalt benutzte, wenn ſein Herr nicht daheim war. Das Gemach ſeines Herrn lag zwiſchen Herminens Wohnzimmer und dem Kabinet, welches vor der Hand Nanni eingeräumt war. Jean war über die Entdeckung ſehr zufrieden; alſo die ſchöne Frau, welche auf ſeinen Herrn einen ſo mächtigen Eindruck hervorgebracht hatte, war Wittwe. Wenn er ſeinem Herrn dieſe Kunde hinterbrachte, durfte er auf ein anſtändiges Geſchenk rech⸗ nen, und wenn ihn vielleicht ſein Herr zum Spion brauchte, ſo konnte die Sache für ihn ſehr einträglich werden. Nanni, von Natur aufgeweckten Geiſtes und bild⸗ ſam, hatte im Umgange mit ihrer Herrin und durch Rei⸗ ſen und Bücher Manches gelernt; ſie hatte Sinn für das Schöne und war mit der Aufmerkſamkeit, welche das Herz lehrt, beſtrebt, ihre Herrin zu unterhalten. Wenn auch Hermine wenig antwortete, ſo hörte ſie doch dann und wann mit einiger Theilnahme zu; auch gelang es Nanni zuweilen, ſie zu bewegen, daß ſie ſich Ge⸗ mälde anſah oder eine Muſik anhörte. In die katholiſche Kirche ging ſie ſogar gern, und wenn ſie, vor einem Seitenaltare knieend, den heiligen Klängen der Muſik lauſchte, ſo war ihr zu Muthe als würden ihre 77 Seufzer und Gebete auf den Schwingen der Töne zum Himmel getragen, und ſanfter Friede ſtrahlte aus ihrem Antlitz, wenn ſie die Kirche verließ. „Gnädige Frau“, ſagte eines Tages Nanni,„ich möchte, wenn Sie es erlauben, heute in das Theater gehen und Emil Devrient ſehen; er iſt wieder in Dresden angekommen und tritt als Torquato Taſſo auf.“ „Emil Devrient!“ ſprach Hermine mit einer bei ihr ganz ungewöhnlichen Lebhaftigkeit.„Laſſe Baumann ſo⸗ fort eine Loge für mich beſtellen; ich muß den Künſtler ſehen, von dem mein Gemahl ſagte, er ſei ein Stück von ſeiner Seele!“ „Himmel, das iſt viel geſagt!“ rief Nanni mit der Naivetät einer echten Wienerin aus den untern Ständen. Hermine, ohne an den Bildungsgrad ihrer Zuhörerin zu denken, fuhr fort:„Mein Gatte hat dieſen Künſtler zu verſchiedenen Zeiten geſehen, als er ſelbſt noch ein Knabe und Devrient als ein junger Mann von der ham⸗ burger Bühne eben nach Dresden gekommen, ſpäter als Jüngling und in ſeiner Studentenzeit bald da, bald dort und immer mit gleicher Erbauung. Mein Gatte ſagte einſt zu einem Schriftſteller, der an dem großen Künſtler herummäkeln wollte:„Ich ſah Devrient als Hamlet und Romeo, als Baſſanio und Oreſt, als Leiceſter und Don Ceſar, um hier nur einige ſeiner ſchönſten Geſtalten zu 78 erwähnen; immer erſchien er mir gleich ſchön und edel, immer als die Perſon, welche ſich der Dichter gedacht haben mußte. Wenn ich von dem jetzigen Treiben der ſogenannten Künſtler empört war, wenn ich an dem deutſchen Publikum verzweifelte, welches im Stande iſt, Caricaturen in der Tragödie und elende Poſſen zu be⸗ klatſchen oder poeſieloſes Klaviergeklapper und tollen inſtrumentalen Lärm zu preiſen, und ich ſah dann De⸗ vrient wieder, immer als denſelben Meiſter, immer in unvergänglich märchenhafter Schöne, und das Publikum gerührt und ergriffen, durch Alles, was die Intendanzen der Bühnen gethan, um es zu verderben, nicht unfähig gemacht, das wahrhaft Schöne noch zu bewundern, dann hatte ich wieder friſchen Muth, wieder Glauben, daß auch edle Dichtungen ſtets gewürdigt werden müſſen, wie viel auch auf dem Gebiete der Literatur in neueſter Zeit gegen das Einfache, Schöne geſündigt worden iſt. Ich kann Devrient's Darſtellungen, oder richtiger geſagt, ihn ſelbſt nicht von meinem innerſten Weſen trennen, er iſt zu einem Stück von meiner Seele geworden!“ Ich“, ſchloß Hermine dieſes Selbſtgeſpräch,„muß dieſen Künſt⸗ ler ſehen, ſo oft er auftritt.“ Obgleich in der Regel Devrient auch in Dresden, wo man ihn eine lange Reihe von Jahren in allen mög⸗ lichen Rollen geſehen hat, immer wieder einen großen Kreis von Schauſpielfreunden anzieht, hatte doch Baumann noch das Glück gehabt, eine kleine Loge für Hermine zu erhalten. Sie wollte allein ſein, Geſpräch und laute Beifallsäußerungen in ihrer nächſten Nähe ſtörten ſie. Von Nanni begleitet trat ſie in die Loge und wandte ihre ganze Aufmerkſamkeit dem Drama zu und vor allem dem Künſtler, den ihr Alfred ſo oft in ihren traulichen Geſprächen geſchildert hatte. „Haben Sie dort die ſchöne Frau bemerkt, ich meine die in dem grauſeidenen Kleide in der Parterre— loge?“ flüſterte ein Offizier ſeinem Nachbar zu. „Verſteht ſich, beſter Hauptmann, ſie iſt meine Zimmernachbarin, eine reiche, kinderloſe Wittwe.“ „Teufel, welch ein Glückskind ſind Sie, mein theurer Kraſinsky. Wenn ich nicht ſchon verheirathet wäre, würde ich mich dieſer Göttin zu Füßen werfen und mich nicht eher erheben, als bis ſie mich erhörte.“ „Und wenn die reizende Frau Sie liegen ließe, und ruhig fort ginge, was thäten Sie dann, Herr Hauptmann?“ „Dann würde ich ihr ſagen, daß ich mich erſchießen würde, theurer Graf!“ „Ein verzweifeltes Mittel und, wie es mir ſcheint, ſehr unpraktiſch. Ich ſetze den Fall, Sie bewirkten auch durch dieſe Drohung nichts, ſo hätten Sie keine 80 andere Wahl, als ſich eine Kugel durch den Kopf zu jagen, oder ſich von ihr auslachen zu laſſen; würde ſie aber aus Furcht vor einem tragiſchen Ausgang ohne Liebe Ihre Gemahlin, was hätten Sie dann gewonnen?“ „Eine herrliche Frau, und ich würde dann Alles aufbieten, was mir an Liebenswürdigkeit zu Gebote ſteht. um ihr Herz zu erringen!“ Das Drama begann, die Herren, um ihre Nach— barn auf den Sperrſitzen nicht zu erzürnen, ſchwiegen; der Hauptmann fand es für ſchicklicher, die ſchöne Fremde nicht länger zu betrachten, er wollte, als Mann von Charakter, ſeiner Frau gedenkend, dieſe wunderbare Erſcheinung nicht zu viel ins Auge faſſen; aber Kraſinsky wandte den Blick nicht von ihr; ſein Anſtarren würde Hermine beläſtigt haben, wenn ſie es bemerkt hätte. Der ſcharfen Beobachterin Nanni entging es nicht, allein ſie hielt es für unklug, ihrer Herrin ein Wort darüber zu ſagen. Als der Vorhang zum letzten Male gefallen war, ſagte Krafinsky dem Hauptmann raſch gute Nacht, drängte ſich durch die Menge und war ſo glücklich, Hermine und ihre Begleiterin zu ſehen. Aber ein noch größeres Glück erwartete ihn. Auch der alte Baumann war im Theater geweſen, hatte alſo nicht bemerken können, daß es draußen, wie man ſagt, wie mit Eimern vom Him⸗ 81 mel goß; er ward durch das Gedränge oben auf der dritten Treppe feſtgehalten. Das Geſchrei nach Fia⸗ kern tönte von allen Seiten, Hermine ſah ſich verlegen um, Nanni wollte jedoch ſogleich verſuchen, einen Wagen zu bekommen. Graf Kraſinsky hatte den Augenblick benutzt, er re⸗ quirirte blitzſchnell einen Fiaker, drückte dem Kutſcher, welcher verſicherte, daß er ſchon beſtellt ſei, einen Tha⸗ ler in die Hand und ſagte mit dem Anſtande des voll⸗ endeten Weltmanns zu Herminen:„Ich hoffe auf Ihre Verzeihung, gnädige Frau, daß ich mir erlaubt habe, einen Wagen für Sie zu beſtellen; ich ſah Ihren Diener nicht, und gehen können Sie bei dieſem Wetter unmög⸗ lich. Ich habe die Ehre, Ihr Zimmernachbar zu ſein, ich bin der Graf Kraſinsky!“ „Dieſen Ritterdienſt nehme ich mit Dank an“, er⸗ widerte Hermine mit einer leichten Verneigung.„Da Sie ein Hotel mit mir bewohnen, ſo wäre es wohl ſehr un⸗ dankbar, wenn ich Sie nicht erſuchte, mit meiner Ge⸗ ſellſchafterin und mir heimzufahren, wenn Sie nämlich nach dem Hotel wollen.“ „Ich bin nach ſolchen Vorſtellungen ſtets gern allein oder mit Gleichgeſinnten zuſammen“, erwiderte der Graf, denn ihm war Herminens tiefe Theilnahme an dem Drama nicht entgangen.„Wenn ich nur die Damen nicht Hahn, Das Document. II. 6 „ 8² D.genire! Ich habe einen Kegerſcirmehen ich bin etwas von einem Wetterpropheten.“ „O nein, ſteigen Sie ein, Herr Graf. Ah, da kommt mein Diener! Nicht wahr, Sie leihen ihm gütigſt den Schirm? Ich möchte nicht, daß der alte Mann naß würde. Beſten Dank! Setzen Sie ſich auf den Bock, lie⸗ ber Baumann, und bedienen Sie ſich des Schirms.“ „Meine gnädige Frau“, ſagte der Graf, während der Wagen dahinrollte,„ich danke Ihnen, ich danke Ihnen innigſt.“ „Wofür, Herr Graf?“ „Weil Sie mich durch Ihre liebenswürdige Für⸗ ſorge für Ihren bejahrten Diener an meine gute, ſelige Mutter erinnert haben und weil Sie mir den in mir faſt erſtorbenen Glauben wiedergegeben haben, daß unter den jungen Damen der höhern Stände noch Herzens⸗ güte zu finden iſt.“ „Warum denken Sie ſo ſchlimm von den Frauen?“ „Schlimme Erfahrungen haben ſolche Gedanken in mir erzeugt. Gern gebe ich zu, daß die jungen Mädchen von Natur nicht ohne Gutmüthigkeit ſind, allein die heutige Erziehung iſt nicht danach, um ihr Herz zu bilden, Natürlichkeit wird verlacht, Regungen des Her⸗ zens werden für Empfindelei oder Thorheit erklärt, ſo— gar der Bewunderung des Schönen dürfen ſie ſich nicht 83 hingeben, ſie ſollen ſogleich kritifiren; Rührung zeigen gilt für Unerzogenheit. Sehen Sie wohl jemals jetzt eine junge Dame im Theater oder bei Anhörung einer er⸗ greifenden Muſik weinen?“ „Ich kann Ihnen darauf keine Antwort geben, Herr Graf. Ich lebe ſehr einſam, und auch das Theater habe ich bisher ſo ſelten beſucht, daß ich nicht Zeit fand, dieſe Beobachtungen zu machen.“ Zum nicht geringen Verdruſſe des Grafen hielt der Wagen jetzt vor dem Hotel de Saxe und ihm blieb nichts Anderes übrig, als ſich Herminen zu empfehlen. Die ſchöne Frau wachte dieſen Abend noch lange. Sie unterredete ſich in Gedanken mit Alfred; zuweilen war ihr zu Sinn, als habe ſie ihn erſt geſtern geſpro⸗ chen, als müſſe er wiederkehren, damit ſie ihm ſagen könne, wie ſehr heute Goethe's Dichtung ſie entzückt habe, und wie Alfred's Schilderung des großen Künſtlers ganz ſo geweſen ſei, wie dieſer Meiſter ſelbſt. Graf Kraſinsky hätte wohl noch gern länger mit Herminen geſprochen, allein für den Anfang hatte er ge⸗ nug erreicht. Er konnte jetzt, wenn er nichts übereilte vielleicht der Freund der liebenswürdigen Dame werden, und war er nur erſt der gern geſehene Freund, dann konnte er durch zarte Theilnahme ſich zu ihrem Vertrau⸗ ten emporſchwingen, und ein altes, wahres Sprichwort 6* 84 ſagt: Ein halber Vertrauter iſt ein halber Geliebter! Der Graf hatte als Nachbar Herminens die ſchönſte Gelegen⸗ heit, ſtets zu erfahren, ob ſie zu Hauſe war oder aus⸗ ging; er konnte, wenn ſie mit Nanni oder von Baumann begleitet das Haus verließ, ihr folgen, und begegnete ſie ihm in der Gemäldegallerie, auf der Straße, im großen Garten, wo ſie ſich oft erging, durfte ſie es nicht für unbeſcheiden halten, wenn er ſie tief und ehrerbietig grüßte. Der ſchlaue Monſieur Jean bemerkte, daß unter ſolchen Umſtänden ſein Weizen blühe. Er ließ gegen ſeinen Herrn Winke fallen, daß es ihm wohl ge⸗ lingen könne, mit der Geſellſchafterin der Frau von Stern Bekanntſchaft zu machen, wenn der Herr Graf ihn mit dem Titel Seeretär dem etwas ſtolzen Fräulein Nanni näher bringen wolle. Dem Grafen leuchtete das ein; da er als liberaler Mann ſeinen Kammerdiener niemals hatte Livree tragen laſſen, ſo ließ ſich das leicht bewerkſtelli⸗ gen, und um recht gut bedient zu werden, fügte der Graf zu dem Titel auch eine entſprechende Gehaltserhöhung hinzu Jean hätte nicht der Frauenkenner ſein müſſen, welcher er wirklich war, um nicht bei Nanni ſich in kur⸗ zer Zeit beliebt zu machen und von ihr ſo viel zu erfah⸗ ren, als er zu wiſſen wünſchte. Zuerſt ſuchte er Baumann für ſich einzunehmen, dann ließ er ſich durch dieſen bei Fräulein Nanni vorſtellen, und Nanni, obgleich weder 85 leichtſinnig, noch ohne Treue gegen ihren verſtorbenen Ver⸗ lobten, war doch viel zu ſehr lebensluſtige Oeſterreiche⸗ rin, um nicht gern mit einem artigen jungen Manne ein Viertelſtündchen zu plaudern, wenn ſie ihm auf der Treppe oder auf der Straße begegnete. Das geſchah nicht ſo ſelten; Nanni machte faſt alle Einkäufe für ihre Gebieterin, und Jean paßte ſtets auf, wenn ſie fortging. Er war in Dresden ſehr bekannt, beſaß viel Geſchmack und führte ſie immer in die eleganteſten Magazine, wußte ſie wohl auch dann und wann bei ſchönem Wetter zu einem Umwege zu bereden, wo er ihr über ſeinen Herrn mittheilte, was gerade in ſeinen Kram paßte. Nach Jean's Ausſage war der Graf außerordentlich reich und gewiſſer⸗ maßen mit dem ſächſiſchen Königshauſe und dem Könige Victor Emanuel verwandt durch die Heirath der Gräfin Franziska Kraſinska mit einem ſächſiſchen Prinzen, dem Herzoge Karl von Kurland, dem Sohne König Auguſt's II. von Polen und Kurfürſten von Sachſen. Er war, ſo verſicherte Jean, vor einigen Jahren mit einer vorneh⸗ men Dame verlobt geweſen, welche kurz vor der Hoch⸗ zeit am Nervenfieber geſtorben war. „Seitdem“, ſchloß Jean ſeinen Bericht,„hat der arme Herr keine frohe Stunde mehr gehabt, und ich danke Gott, daß es ihm hier gefällt. Zuweilen iſt mir ſchon der Gedanke gekommen, daß—“ Hier hielt der ſchlaue 86 Mann inne und überließ es Nanni, zu denken, was ihr beliebte. Natürlich erzählte Nanni ihrer Dame von dem Kum⸗ mer, den der arme Graf im Herzen trage, und für Hermi⸗ nen war ein Mann, der denſelben Schmerz trug, unter deſſen Laſt ſie früher faſt erlegen war⸗ kein Fremder mehr. „Er betrauert eine geliebte Braut, gute Nanni“ ſagte ſie,„aber ich verlor den geliebten Gatten und mein ſüßes Kind!“ Kraſinsky blieb jetzt die Abende viel zu Hauſe und beſchäftigte ſich mit Muſik. Er ſpielte ſo ganz anders wie alle die Pianiſten der Gegenwart Vielleicht beſaß er ihre Technik nicht, dafür war aber ſein Anſchlag weicher, geſangreicher, ſeelenvoller, und er wählte nur gedan⸗ kenreiche Tondichtungen, weder brillante Salonſtücke noch die Art verworrener Compoſitionen, welche von Nicht⸗ kennern, die aber gern für Kenner gehalten ſein möch ten, für tief und gedankenvoll ausgegeben werden. Spät abends ſang er auch zuweilen polniſche Volkslieder, die etwas tief Melancholiſches haben, aber ſtets dabei voll Grazie und Melodie ſind. Hermine hörte ihm dann zu und blieb ſogar zu Hauſe, wenn ſie ſich vorgenommen hatte, ein Concert oder die Oper zu beſuchen; an Aben⸗ den, wo Devrient ſpielte, ging ſie jedoch in das Theater 87 und faſt immer war auch der Graf Kraſinsky unter den Zuſchauern.. Eines Morgens, zur Zeit, wo Damen Beſuche an⸗ zunehmen pflegen, ließ der Graf ſich bei Herminen mel⸗ den, und ſie fand keinen rechten Grund, den artigen Ca⸗ valier, ihren Leidensgefährten, abweiſen zu laſſen. Nanni ſaß, mit einer weiblichen Arbeit beſchäftigt, am Fenſter. Hermine im Sopha; bei des Grafen Eintritt legte ſie ihr Buch weg. Nachdem der Graf ſich wegen ſeines Kommens entſchuldigt hatte, ſagte er mit graziöſer Aufrichtigkeit? „Erſt heute erfuhr ich von meinem Secretär, daß meine Stimme weiter tönt, als ich dachte; wenn man muſicirt, vergißt man ſich leicht, und ich habe nicht vermuthet, daß ich durch meine Liebe zur Tonkunſt wahrſcheinlich meine Nachbarn geſtört habe, alſo auch Sie, meine gnä⸗ dige Frau; vergeben Sie mir nur diesmal, ich werde nicht wieder ſolchen Lärm machen.“ „Lärm machen?“ ſagte Hermine und lächelte dazu faſt muthwillig, denn des Grafen demüthiges Weſen. ſeine gefalteten Hände hatten etwas unwiderſtehlich Ko⸗ miſches.„H, Herr Graf wie mögen Sie ſich nur ſo an Ihren Naturgaben, für welche Sie doch dankbar ſein ſollten, verſündigen! Aber Sie meinen es nicht ſo, Sie wollen nur—“ Sie ſchwieg. 88⁸ „Was, gnädigſte Frau?“ „Entweder damit ſagen, daß Ihre Nachbarin zu unmuſikaliſch iſt, um Ihr Talent würdigen zu können, oder Complimente hören.“ „Sie thun mir Unrecht, gnädige Frau. Ich leugne es nicht, ich traute mir muſikaliſche Anlagen und einige Ausbildung zu, allein als ich, um dieſe vermeintlichen Fähigkeiten weiter auszubilden, bei einem großen Meiſter des Geſangs Unterricht nehmen wollte, ſagte er mir, daß ich von vorn anfangen müſſe und daß meine Stimme nicht beſonders ſei; ſeitdem wage ich es nicht mehr, mich hören zu laſſen.“. „Da bin ich weniger beſcheiden. Gerade über Muſik, ſowohl über Tondichtungen als über Geſang und Spiel traue ich mir ein Urtheil zu Ich habe Ihnen mit Freude und Rührung zugehört.“ „Sie ſelbſt ſind muſikaliſch demnach, gnädige Frau?“ „Ich habe gefunden, daß poetiſche Naturen, welche aus Mangel an Unterricht weder die Noten kennen oder aus irgend einer körperlichen Urſache oft keinen Ton in der Kehle haben, ſehr oft richtiger urtheilen als Muſiker von Fach, welche meiſt nur an ihr eigenes Inſtrument oder an ihre eigenen Compoſitionen denken und über fremde Leiſtungen nicht unbefangen urtheilen; allein ich 89 bin, was man muſikaliſch nennt, ich ſpiele Klavier und Harfe und früher ſang ich auch.“ „Und warum üben Sie dieſe Talente nicht mehr? Ich ſehe bei Ihnen kein Inſtrument, oder wollen Sie nicht belauſcht ſein?“ „Ich bin nicht dazu geſtimmt, Muſik zu machen; um zu muſiciren, muß man heiterer ſein, als ich es bin!“ Hermine ſeufzte. Graf Kraſinsky erwiderte lebhaft:„Verzeihen Sie, gnädige Frau, das iſt ein Irrthum; machen Sie nur den Verſuch. Ich will Ihnen nicht von den Qualen meines Herzens ſprechen; aber glauben Sie mir, gnä⸗ dige Frau, ich habe gelitten genug, übergenug, um Ihre Stimmung zu begreifen. Vor drei Jahren war es mir ſchon Pein, Muſik nur von fern zu hören, ich ſelbſt dachte nicht daran, nur einen Accord auf dem Piano anzuſchlagen; ein Freund zwang mich faſt dazu, er ſpielte vierhändig mit mir, bedeutend beſſer als ich; ich fing endlich an, was ich früher nur gezwungen gethan hatte, gern mit ihm zu wetteifern, und nach und nach ward die Ausübung der Tonkunſt für mich eine Quelle des Troſtes. Klagen, für welche das Wort nicht aus⸗ reicht, ſpreche ich in Tönen aus und fühle mich erleichtert.“ Hermine ſtimmte ihm nicht bei, aber ſie wider⸗ ſprach auch nicht. Als er gufſtand, weil er einen län⸗ 90 gern Beſuch nicht für paſſend hielt, ſagte der Graf in ſeiner graziöſen Weiſe:„Alſo mein Geſang iſt mir vergeben?“ „Nicht nur vergeben, ich bin Ihnen dankbar dafür!“ „Der Herr Graf Kraſinsky hat Recht“ ſprach Nanni, als die Thür hinter ihm zugefallen war,„Muſik iſt den Menſchen zur Freude und zum Troſte vom Himmel herabgeſandt; glücklich ſind die, welche ein Inſtrument ſpielen können. Sie ſollten ſich nicht ſelbſt jedes Troſtes, jeder Erheiterung berauben und wieder eine Harfe und ein Piano anſchaffen“ „Ich habe keine Luſt hier im Hotel Muſik zu machen, und überhaupt keine Neigung zu muſieiren.“ Nanni ſagte kein Wort, aber bei der nächſten Gelegenheit erzählte ſie von einem unbemittelten Inſtru⸗ mentenmacher, einem jungen Anfänger, welcher noch wenig Ruf habe, nichts verkaufen könne; ihm ſollte doch die gute, gnädige Frau einen Flügel abkaufen, und ſo gelang es ihr, Hermine zu einem Beſuche bei dem Inſtrumentenmacher zu veranlaſſen. Nachdem ſich Her⸗ mine umgeſehen und einige Flügel probirt hatte, kam ihr ſelbſt wieder die Luſt zu ſpielen, ja ſie freute ſich daß ſie von ihrer Fertigkeit nichts verloren hatte; es kam daher, weil ſie angeborenes Talent beſaß und früher bei einem guten Meiſter gelernt hatte. 91 Hermine kaufte den Flügel; ſie beſchloß auch eine Harfe zu kaufen, aber, wie ſie zu Nanni ſagte, ſpäter⸗ Den Flügel ließ ſie noch bei dem Inſtrumenten⸗ macher ſtehen, denn ſie hatte eine gewiſſe Scheu, im Hotel vor Zuhörern zu ſpielen Sie beſchloß eine Wohnung zu miethen und ſich in Dresden niederzulaſſen, worüber Nanni und der alte Baumann ſehr erfreut waren. Der Graf hörte durch ſeinen Jean davon und kam wieder, um Frau von Stern auf eine reizende, abgelegene Woh⸗ nung mit einem Garten aufmerkſam zu machen; bei die⸗ ſer Gelegenheit benahm der Graf ſich wieder ſo frei von aller Abſichtlichkeit, ſo beſcheiden, daß Hermine keinen Grund fand, ſich anders als freundlich gegen ihn zu zeigen. Die Wohnung ward beſehen und außerordentlich angenehm gefunden. An das Wohnzimmer der Frau von Stern, das durch einen großen Kamin etwas Heimliches, 2 Maleriſches erhielt, ſtieß ein Glashaus mit ſchönen und ſeltenen Pflanzen. Ein vornehmer Pole hatte ſich das Haus ſo einrichten laſſen, wie es war, es aber nicht lange bewohnen können, weil Familienverhältniſſe ihn abgerufen hatten. Kraſinsky ſollte es für ihn vermiethen. Hermine dankte dem Grafen herzlich. Er erwiderte:„Dieſen Dank verdiene ich, denn ich zeige große Selbſtverleugnung, daß ich mich, indem ich Ihnen dieſe Wohnung zuwies, mei das Meine gethan, die Roſenbäume zum Theil ſelbſt ge⸗ pflanzt; im nächſten Frühling werden einige zum erſten Male blühen. Denken Sie dann meiner, gnädige Frau.“ „Wollen Sie Dresden verlaſſen, Herr Graf?“ „Das nicht, aber werden Sie mir erlauben, die Bäume blühen zu ſehen?“ „Warum nicht?“ erwiderte ſie unbefangen. „Mit der Zeit bricht man Roſen“, dachte der Graf. Liebte er Hermine oder dachte er nur an ihr Ver⸗ ner Nachbarin beraube. Bei den Gartenanlagen habe ich mögen? Graf Kraſinsky hatte ſchon viele flüchtige Liebſchaf⸗ ten und eine große, mächtige Leidenſchaft gehabt; für die junge Wittwe empfand er aufrichtige Hochachtung, ihre Schönheit bezauberte ihn. Bei ſeinen vielen Bedürfniſſen brauchte er die Zinſen ſeines anſtändigen Vermögens allein für ſich, aber eine ſchöne, gebildete, reiche Fr war für ihn, der ſich anfing nach einem eigenen 8 zu ſehnen, ſehr wünſchenswerth. Er beſchloß Hermine zu gewinnen und ſie glücklich zu machen; er war des Um herſchwärmens müde! Eines Nachmittags, als Hermi Nanni und Baumann waren in welche am nächſten Tage bezogen ſie vor ihrem Secretär, um, was darin an Schmuck und Geld lag, herauszunehmen. Eins der kleinen Käſtchen, wie man ſie faſt in jedem Secretär hat, wollte nicht herausgehen. Sie zog heftig daran, bis ſie es in der Hand hatte; ein beſchriebenes Blatt Papier, welches zwiſchen zwei Käſtchen geſteckt haben mochte, kam dabei zum Vorſchein; eben wollte ſie es gleichgültig auf die Seite werfen, als ihr Auge auf den Namen Hermine, auf eine theure, wohlbekannte Handſchrift fiel. Nur Alfred konnte dieſes Gedicht geſchrieben haben; mit überſtrömenden Augen las ſie: An Hermine. Ich denke Dein auf allen meinen Wegep⸗— Fih wenn die goldn e e ſcheint, üßt als Dein ſanfter Segen, Ve Du auc ſt, ich bin mit Dir vereint.* S lem meinem Handeln, Denken, Träumen, Gedent ich Deiner, ruf' Dein Urtheil an, Magſt unſichtbar Du ſein in meinen Näen, Magſt wandern Du hoch auf der Sternenbahn. Nicht weiß der Menſch, von wannen er gekommen, Wohin n muß, ob nach ſel'gen Höh'n, Ob? Und als Troſt kann nur ein Spruch mir frommen: Die Liebe iſt für e Welt zu ſchön! S. Ueberwältigt von ihren Empfindungen kniete ſie nie⸗ der, barg ihr Antlitz in die Hände und weinte bitterlich 94 Als ſie ſich endlich wieder gefaßt hatte⸗ betrachtete ſie das Papier nochmals. Es trug oben den Stempel: Dresden, Hotel de Saxe; Alfred mußte hier, in dem⸗ ſelben Hauſe, o Gott! er mußte in dem Zimmer gewe⸗ ſen ſein, in dem Hermine ſich jetzt befand. Sie ließ das Zimmermädchen rufen und ſagte ſo ruhig, als es ihr möglich war:„Wollen Sie mir wohl einige Fragen beantworten, mein liebes Kind?“ „Mit Vergnügen, ſo viele, als Ihnen beliebt zu thun, gnädige Frau.“ „Sind Sie ſchon lüngere Zeit in dieſem Hotel?“ „Zwei Jahr und fünf Monate.“ „Waren Sie immer in dieſer Etage beſchäftigt?“ „Zu dienen, gnädige Frau!“ „Es kommen freilich ſo viele Fremde, aber es wäre doch möglich, daß Sie ſich eines Doctor Stern erinnerten!“ „Stern? Der Name iſt nicht ſelten; meinen Si einen alten oder jungen Herrn, gnädige Frau?“ ₰ „Einen jungen hochgewachſenen Mann mit auffallend ſchönem braunem, etwas gelocktem Haar.“ „Ah, jetzt erinnere ich mich. Die Namen der Frem⸗ den, wenn ſie nicht monatelang da wohnen, weiß nur der Oberkellner; für mich heißt jeder Gaſt nur Nr. 1, 2 und ſo weiter, aber dieſes Herrn erinnere ich mich, denn er gab viel Anlaß zum Geſpräch. Er nannte ſich — — 95 nur Stern, war aber eigentlich ein Baron von Stern⸗ berg; er hatte hier ein Duell!“ „Guter Gott, ward er verwundet?“ „Soviel ich weiß, nein, aber er ſoll bald nach dem Zweikampfe im Auslande geſtorben ſein. Anfangs war die ganze Stadt für des Barons von Sternberg Gegner, den Oberlieutenant von Waldau, aber ſpäter gab jeder billig Denkende Herrn von Sternberg Recht, der ſich für die Ehre ſeines verſtorbenen Vaters geſchlagen, welche Herr von Waldau angegriffen hatte.“ Hermine wurde todtenbleich; ihre Lippen bebten, als ſie weiter fragte:„Reiſte Baron Sternberg ganz allein?“ „Nein, er hatte ein herziges Bübchen und eine ält⸗ liche Wärterin für den Kleinen bei ſich.“ „Wiſſen ſie nicht, wohin dieſe gekommen ſind, liebes Mädchen?“ „Den Abend vor dem Duell hat der Herr Baron ſeine Rechnung bezahlt; am andern Morgen haben die Wärterin und das Kind mit dem Baron und einem jungen, vornehmen Engländer zugleich das Hotel ver— laſſen. Daß er und das Kind bald nachher am Fieber geſtorben ſind, habe ich mehrmals gehört.“ Hermine entließ das Mädchen, ſie mußte allein ſein, um ſich faſſen zu können. Erſt nach einigen Stunden, nachdem ſie ſich etwas —— echolt, ließ ſie den Hotelbeſitzer zu ſich bitten und bat ihn nochmals um Auskunft über den Baron Sternberg. Seine Mittheilungen glichen ziemlich denen des Mädchens; zum Schluſſe ſprach er:„Daß der Baron und das Kind am Typhus geſtorben ſind, iſt ſicher, ich habe es ſelbſt in der Zeitung geleſen, auch hat ihn kein Menſch ſeitdem geſehen; ſein Verleger ſogar erfuhr nichts mehr von ihm, als er die vierte Auflage ſeiner Gedichte an⸗ zeigte. Gewiß war der Baron ein Ehrenmann, aber die Ruhe iſt ihm zu gönnen, denn wahrſcheinlich hätte er ſich noch oft zu ſchlagen gehabt, wenn er Jeden hätte fordern wollen, der ſeines Vaters Rechtlichkeit zu bezweifeln ge⸗ neigt iſt.“ „Ich weiß, daß der Baron Alfred Eduard von Stern⸗ berg unſchuldig iſt!“ ſprach Hermine mit feſter Stimme. Der artige Hotelwirth machte eine zuſtimmende Verbeugung, aber Hermine ſah es ihm an, daß er ihr nicht glaubte. Jetzt hatte Hermine wieder einen Lebenszweck, jetzt galt es zu handeln, um das zu thun, wofür ihr Alfred ſein Leben eingeſetzt hatte, die Ehre ſeines Vaters zu retten, obgleich das Grab ihn und ſeinen Sohn, ihren ſüßen Knaben, deckte. Ohne Aufenthalt verließ ſie am andern Tage mit — — 97 Nanni und Baumann Dresden und befand ſich nach ſechs auf der Eiſenbahn zugebrachten Stunden unweit Stern⸗ berg. In dem Städtchen, wo ſie ausſtieg, blieb ſie nur eine Stunde, dann ging es weiter mit Extrapoſt bis Sternberg. In dem Gaſthofe, einem anſehnlichen, ſauber ein⸗ gerichteten Gebäude, kehrte Hermine ein und ließ ſich Zimmer geben. Hier, am Orte ſelbſt, hoffte ſie Aufſchlüſſe zu er⸗ halten; beſaß ſie doch, was die Menſchen am leichteſten zu Dienſten bewegt, den großen Talisman Gold. Es war ſchon Anfang November, aber trockenes, nicht unangenehmes Wetter. Hermine hüllte ſich in ihren Mantel und ſchritt durch das Dorf, das freundlich und reinlich ausſah. Jetzt erblickte ſie das alte, im gothi⸗ ſchen Stile gebaute Schloß, in dem ihr Alfred ſeine gol⸗ denen Kinderjahre verlebt hatte. Die alte Burg, denn dieſen Titel verdiente das große, ſtattliche Gebände, be⸗ herrſchte, von dem kleinen Berge herniederſchauend, die Gegend. Der Schloßberg mit ſeinen Gartenanlagen und der große an dieſelben anſtoßende Park waren braun und blätterleer; nur einige Tujahecken in der Nähe des Schloſſes und maleriſche Gruppen von Tannen und Fichten miſch⸗ ten ihr Grün unter das Braun und Grau, womit der Herbſt die Umgebungen der Burg belleid hatte. Hahn, Das Document. HM. 7 98 Wie herrlich mußte es hier im Grün des Lenzes ſein, wie anheimelnd war jeder Baum, jeder Stein für Hermine; unter ſeinem Schatten hatte der Knabe Alfred geträumt, auf dem Steine ſich vielleicht ermüdet vom Umherſchweifen ausgeruht! Und jetzt lebte keiner der rechtmäßigen Beſitzer dieſer ſchönen Landſchaft mehr, nicht der Großvater, der Sohn, der Enkel!— Es war ſchon ganz finſter, als Hermine aus dem Parke nach dem Gaſthofe zurückkehrte. Nanni, welche um ihre Herrin beſorgt geweſen war, empfing ſie mit großer Freude. Frau von Stern, wie ſie von ihrer Dienerſchaft noch immer genannt wurde, war ſehr durchfroren. Sie ging in das große Gaſtzimmer, das wohl durchwärmt, rein⸗ lich, ja, obgleich ländlich, mit einem gewiſſen Comfort eingerichtet war. Der Wirth, ein alter Mann mit offenem, gutmü- thigem Geſicht, ſaß an einem Tiſche und las die Zei⸗ tung, die Wirthin ſetzte mit vielem Eifer ihr Spinnrad in Bewegung, die Tochter des Hauſes deckte einen Sei- tentiſch und freute ſich des blinkenden Geſchirrs. „Ein großes, ſchönes Schloß, Herr Wirth“ ſagte Hermine. „Gewiß, Madame, und alt. Steht ſchon an acht⸗ E 99 hundert Jahre und drüber. Es iſt zu den Zeiten der Kaiſer aus dem ſächſiſchen Stamme erbaut und man ſagt, Kaiſer Rudolf von Habsburg habe ſich daſelbſt zwei Tage aufgehalten. Alte Burgen gibt's in Deutſch⸗ land noch viele, aber daß wir wieder einen deutſchen Kaiſer bekommen, das ſteht dahin!“ „So ſei doch mit unſerem Landesherrn zufrieden, Mann“, ſagte die Frau und fügte, gegen Hermine ge⸗ wendet hinzu:„Seit manchem Jahre haben das Schloß und was man vom Thurme überſehen kann, die Herren von Sternberg beſeſſen; Freiherren ſogar ſind ſie, haben Sterne im Wappen.“ „Aber warum ſieht es ſo dunkel aus, liebe Frau Wirthin? Kein Lichtſtrahl leuchtet dem Reiſenden aus den Fenſtern entgegen; iſt es im Winter unbewohnt?“ „Der jetzige Gutsherr beehrt die Burg auch im Sommer nicht mit ſeiner Gegenwart“, ſagte der Wirth ſpöttiſch.„Wäre der Inſpector nicht ein ehrlicher, thäti⸗ ger Mann, ſo würden Garten und Park verwildern und wohl mit der Zeit auch die Burg verfallen.“ „Schade!“ „Ja wohl, Madame. Die frühern Beſitzer waren ſehr beliebt und ſind noch unvergeſſen.“ „Mein Mann ſpricht die volle Wahrheit“ ließ die Wirthin ſich vernehmen.„Der alte Baron von Stern⸗ * o berg, der immer nach den Sternen ſah, war ein ehren⸗ werther Mann und ſeine Gemahlin kreuzbrav. Sein jüngſter Sohn und deſſen Hausfrau waren Menſchen, gut wie Gold, und der junge Baron Alfred, o, das war ein Herr! Er hat als junger Herr von ſechzehn Jahren meinen Sohn über die Taufe gehalten. Ich wollte mich nicht unterſtehen, den Jungen nach ſeinem Pathen zu nennen, er ſollte Hans oder Fürchtegott heißen, aber der junge Herr lachte und ſagte:„Jedes Kind hat das Recht, einen gutklingenden Taufnamen zu erhalten. Auf dem Stuhle da, wo jetzt die Madame ausruhen, hat er hundertmal geſeſſen!“ „Nun, mache Dir nicht naſſe Augen, Alte, wir können es nicht ändern, die gute Dame hier weint bei⸗ nahe mit. Ja, es iſt freilich eine traurige Geſchichte, die vielleicht niemals aufgeklärt wird. Sthen Sie, liebe Dame, das ganze Dorf glaubt bis heute noch, daß dem jetzigen Baron Alfred von Sternberg— der Himmel weiß, wo er ſein mag— das Gut von Gott und Rechtswe⸗ gen gehört, aber es fand ſich ein gewiſſes Document nicht und da ſprach das Gericht die ſchönen Sternberg⸗ ſchen Güter dem Sohne des Anton von Sternberg zu, der vor ſechsunddreißig Jahren durchbrannte.“ „Aber, Mann—“ „Na, es iſt doch wahr und Zeber kann es hören; ——— ———————————— 4—— —N 101 Varon Anton, der ältere Bruder des Barons Alfred Eduard, hatte durch wahrhaft ſataniſche Mittel die hübſche Tochter des Förſters ins Unglück gebracht, und der Vater ſowie die drei Brüder des armen Mäd⸗ chens hatten geſchworen, ihn niederzuſchießen, wenn er das Mädchen 1 wieder zu Shie wollte rathet Ma, ein Bauer heirathet auch keines Häuslers Kind. Herr Anton von Sternberg kniff aus, und weil er wohl wenig Luſt hatte zurückzukehren— denn das Mädchen war im Wahnſinn geſtorben, nachdem es zu⸗ vor das Kind erwürgt hatte— blieb et in Amerika. Seine Aeltern hatten an dieſem gräßlichen Trauerſpiel keine Schuld, Herr Anton hatte ſich heimlich davon ge⸗ macht, ehe ſein Kind geboren wurde. Der alte Baron wollte den Elenden enterben, verſchob es jedoch immer wieder und ſtarb ohne Teſtament, wohl mit aus Kum⸗ mer über einen ſolchen Sohn, denn er war noch nicht ſehr alt. Herr Anton hatte den Tod ſeines Vaters erfahren und wollte jetzt ſein Erbtheil haben, aber in baarem Gelde; der Vater des jungen Barons Alfred, Baron Anton's Bruder, übernahm die Herrſchaft S% und zahlte ſeinem Bruder eine große Entſchädigungs⸗ ſumme aus.“ „Ich habe davon gehört“, ſchaltete Hermine ein. „Anton von Sternberg kam nach Jahren aus Amerika zurück. Gutes hatte er dort nicht gelernt; er war mit allerlei Leuten umgegangen, welche nicht ihrer Ehrlich⸗ keit wegen aus Deutſchland ausgewandert waren. Er machte Anſprüche auf die Güter, leugnete ab, die Kauf⸗ ſumme erhalten zu haben; gewiſſe Documente, welche. Baron Alfred Eduard vorzeigen ſollte wie ich ſchon ge. ſagt, blieben verſchwunden.“ „Auch das wurde mir erzählt, und wie lange und leider vergeblich nach dem Documente oder einer be⸗ 5 glaubigten Abſchrift geſucht worden war.“ „Ja, ja, Madame, die Sache machte damals viel von ſich reden, aber was half es! Jeder Menſch, der die Brüder kannte, glaubte dem Baron Alfred Eduard, allein das Geſetz kümmert ſich nur um den Buchſtaben!“ Die Wirthin ſagte:„Der Sohn des Barons Anton, unſer jetziger Gutsherr, iſt ein harter, herzloſer Menſch; wenn der Inſpector ihm nicht Vorſtellungen gemacht hätte, ſo wäre ſchon der Park in Felder verwandelt worden, und er hätte die Bäume, welche ſeine Vorfah⸗ ren gepflanzt haben, zu Gelde gemacht. Ließ er doch kürzlich einen Maler aus der Häuptſtadt kommen und 103 die Gemälde ſchätzen; die Portraits ſeiner Großältern ſollen von einem ſehr berühmten Maler ſein; ich glaube, wenn er ſie gut bezahlt bekäme, wäre er im Stande, auch dieſe zu verkauf en.“ Die hübſche Wirthstochter hatte bisher ſchweigend allerlei kleine Arbeiten verrichtet; jetzt ſagte ſie:„Die Güter ſollen ja verkauft werden, habt Ihr das noch nicht gehört?“ . Verkauft?“ rief die Wirthin und ſchlug die Hände zuſammen„Was ſchwatzeſt Du denn da, Minchen? Das iſt ja gar nicht möglich!“ „Ganz ſicher; der Herr Pfarrer ſagte es heute Mor⸗ „ gen zum Herrn Inſpector, ich ſtand dabei. Der Herr Pfarrer erzählte, daß ihm der Baron geſchrieben habe, es gefalle ihm nicht in Deutſchland, er wolle wieder nach Amerika.“ „Eine Beſitzung wie dieſe, welche ſo viele Genera⸗ tionen hintereinander in der Sternberg'ſchen Familie ge⸗ weſen iſt! Das iſt ſo recht herzlos und ſicht dem Baron ähnlich. Ich habe nur ein Haus mit Garten und einige Acker Feld dazu, aber ich habe es von meinem Großvater geerbt; mein Sohn ſoll dieſes Grundſtück 1 behalten, ſo wahr mir Gott helfe! Ich will es gericht⸗ lich verclauſuliren.“. „Aber darf denn der Baron dieſe Güter verkaufen? ———— 104 Ich habe immer gehört, ſie müßten in der Familie Stern⸗ berg bleiben“, ſagte die Wirthin und ſchüttelte den Kopf. Der Wirth erwiderte mit einem Seufzer:„Er muß es doch thun dürfen, da es der Herr Pfarrer geſagt hat, der wahrlich kein müßiger Schwätzer iſt. Es hat ſich ſeit dem Jahre 1848 ſo Manches geändert, und mit manchem Monopol iſt auch manches alte Familien⸗ geſetz ungültig geworden. Doch dem ſei, wie ihm wolle, ſo lieb ich alle die andern Sternberge hatte, an dem Baron Anton und auch an ſeinem Sohne war und iſt uns allen hier nichts gelegen, und kommt Baron Alfred nicht zurück, ſo mag meinetwegen der erſte Beſte auf der Burg hauſen, die Zeit der Frohndienſte iſt ja Gott Lob! längſt vorbei.“ „Der Herr Pfarrer ſagte zum Herrn Inſpector“, nahm Minchen wieder das Wort,„mit dem Verkaufe ſei es richtig; der Baron habe ſich deshalb, nachdem er lange über die Geſetze Deutſchlands geſchimpft, an die Regierung um Erlaubniß wenden müſſen und habe ſie leicht erhalten, denn es leben außer dem jetzigen Baron von Sternberg keine Verwandten, welche Einſpruch thun könnten.“ würde über dieſe Sache gern ha⸗ ſagte Hermine. zt leichter als das, Madame. Heute iſt es 105 ſchon ſpät, aber morgen Vormittag will ich nach dem Inſpector ſchicken; das iſt das Beſte, denn er kann über Alles Auskunft geben.“ Es verhielt ſich ſo, wie des Gaſtwirths Töchterchen gehört hatte, doch betrug die Kaufſumme mehr, als Her⸗ mine vor der Hand bieten konnte; auch ſagte der In⸗ ſpector, daß der Baron Sternberg, um einen möglichſt hohen Preis für die ſchönen Güter zu erhalten, ſie nicht plötzlich verkaufen würde. Sie ſollten erſt einige Monate hintereinander in den geleſenſten Zeitungen zum Verkauf ausgeboten werden. Mit dieſem Bericht mußte ſich Hermine begnügen. Sie bat den Inſpector, den Verkauf der Güter nicht abzuſchließen, bevor er ihr Nachricht davon gegeben habe, denn ſie würde noch ein bedeutendes Kapital herbei- ſchaffen können. Um dieſes Geſchäft ſo ſchnell als möglich betreiben zu können, mußte die ruheloſe Pilgerin wieder ſchnell Sternberg verlaſſen, um von der nächſten Handelsſtadt aus den Verkauf ihres werthvollen Hauſes in Neuyork zu betreiben, wobei ihr ein Kaufmann, Namens Schnecken⸗ läufer, auf das beſte beiſtand. Als ſie auf dieſes Herrn freundliche, artige Einla⸗ dung eines Tages bei ihm ſpeiſte und bei dem Tiſchge⸗ ſpräch zwiſchen ihr und Herrn Schneckenläufer auch der Name Camara genannt wurde, ſagte der Hausherr, ein freundlicher, dicker Mann mit einem von hellgelben Haaren umgebenen rothen Geſicht, zu Madame Schnecken⸗ läufer:„Wir ſprechen von demſelben Camara, welcher im vorigen Sommer Dir den Hof gemacht hat, Clara. Ja“, fuhr er gegen Hermine gewendet fort,„meine liebe Frau hat manches Körbchen ausgetheilt, und daß ſie bald nach des ſchönen Ausländers Abreiſe mir vor allen den Vorzug gab und hierher folgte, iſt ſehr ſchmei⸗ chelhaft für mich!“ Die zarte Clara ſagte kein Wort und blickte ziem⸗ lich verdrießlich auf ihre prachtvollen Armbänder. Hermine athmete auf; in ihrer Beſcheidenheit und Wahrheitsliebe konnte ſie denken:„Gott ſei Dank, Ca⸗ mara hat ſeine Leidenſchaft für mich bekämpft!“ Während Hermine mit Hülfe des thätigen Herrn Schneckenläufer ihre Geldangelegenheiten in Ordnung brachte, wurden in den öffentlichen Blättern die frei⸗ herrlich Sternberg'ſchen Güter ausgeboten. Bei ſo einem reizend gelegenen, ſchönen Beſitzthume fehlte es an Kaufliebhabern nicht, allein die meiſten woll⸗ ten das Geforderte nicht baar erlegen, ſondern nur die Hälfte oder drei Viertel der Kaufſumme bezahlen und die fehlenden Gelder als Hypothek auf den Gütern ſte⸗ hen laſſen, oder ſie wollten ſpäter und weniger bezahlen. — 3 107 Baron von Sternberg wollte aber die Güter voll und bald bezahlt haben, denn er konnte ſich in Deutſch⸗ land nicht heimiſch fühlen; er war zu lange an Ame⸗ rika und die dortige Lebensweiſe gewöhnt geweſen, zu ſehr mit Leib und Seele Nordamerikaner. Möglich, daß auch der Inſpector durch Herminens Bitte und ihr einnehmendes Weſen gewonnen war, genug, im Frühjahr ſchrieb er ihr daß er bereit ſei, den Kauf der Sternberg'ſchen Güter für ſie abzuſchließen, wenn ſie jetzt im Stande ſei, die geforderte Summe zu bezahlen. Aus Amerika waren erwünſchte Nachrichten für ſie eingegangen. Mrs. Camara, die mit Herrn Taylor das Geſchäft unter der Firma Camara& Taylor fortſetzte, kaufte Herminen das ſchöne Haus ab und ſandte die Kaufſumme in guten Wechſeln. Zugleich zeigte ſie Herminen an daß ſie gern auch alle Mobilien und was ſich ſonſt noch von Werth im Hauſe befände, aus Anhänglichkeit an den verſtorbenen, unvergeſſenen Mr. Rainsdorf behalten möchte⸗ „Ich werde dieſelben dem wahren Werthe nach be⸗ zahlen“, ſchrieb Mrs. Camara,„denn ich kann es, da mehrere Speculationen, welche ich nach reiflicher Ueber⸗ legung mit meinem Compagnon unternahm, mir geglückt ſind.“ Von ihrem Sohne ſagte ſie nur, daß er noch in Europa ſei. 108 An einem wunderſchönen Frühlingstage traf Hermine mit ihren Dienern in Sternberg ein Die nöthigen Forma⸗ litäten, welche die Uebernahme ſo großer Güter mit ſich bringt, waren auf dem Gerichtshauſe der nächſten Stadt vollzogen und Hermine von Stern auf Sternberg, wie ſie ſich jetzt nannte, als Beſitzerin der Güter anerkannt worden. Den frühern Beſitzer von Sternberg hatte ſie nur auf dem Gericht, als er den Empfang der Kaufſumme quittirte, einige Minuten geſehen, nur einen ſtummen Gruß mit ihm ausgetauſcht. Er empfahl ſich, als das Geſchäft beendet war, raſch, um mit dem nächſten Zuge auf der Eiſenbahn die Gegend für immer zu verlaſſen. Seine Entfernung wurde von Niemand bedauert. Die neue Gutsherrin hatte ſich jeden feſtlichen Empfang freundlich, aber entſchieden verbeten, um aber ihre Dankbarkeit für die guten Abſichten auszudrücken, dem Inſpector eine anſehn⸗ liche Summe für die Armen übergeben. Der Inſpector war Hermine bis in das nächſte Städtchen entgegengefahren, um ſie, falls ſie es erlaube, in das Schloß zu führen. Die Gutsherrin lächelte den braven Mann dankbar an und entgegnete:„Oft, noch recht oft hoffe ich mit Ihnen in das Schloß zu gehen, aber heute will ich es —ů —— 109 allein, ganz allein betreten! Fürchten Sie nicht, daß mir die Thorſchlüſſel zu ſchwer ſein werden.“ Mit einer ehrerbietigen Verbeugung trat der In⸗ ſpector zurück, nachdem er der neuen Herrin einen Bund alter, ziemlich ſchwerer Schlüſſel überreicht hatte. Langſam, in Gedanken verloren, ging ſie den Schloß⸗ berg hinauf, hier und da ſtehen bleibend, ein frühes Veilchen pflückend oder die Knospen der Bäume be⸗ trachtend. Jetzt ſtand ſie vor dem Thore, über welchem das Sternberg'ſche Wappen in Stein gehauen ihr in die Augen fiel. Sie trat, nachdem ſie die hohe eiſerne Thür leicht aufgeſchloſſen hatte, in den großen, ſtillen Hof, deſſen Linden und Akazien eben anfingen, ſich mit dem erſten Blätterſchmuck zu bedecken, und von friſchen Lüften ſanft bewegt wurden; es kam Herminen vor als wollten ſie ihr Grüße zuwinken. Um den Brunnen herum ſlatterten weiße Tauben; zwitſchernde Schwalben, eben erſt aus dem Süden zu⸗ rückgekehrt, ſaßen auf dem Brunnenrande und ſchienen ſich zu freuen, wieder da zu ſein. Hermine betrachtete die frohen Sänger faſt mit Neid, denn was wußten dieſe Geſchöpfe von Leiden? Sie trat in die Vurg und ſtieg die ſteinerne Wen⸗ 110 deltreppe hinauf und wunderte ſich, daß Alles ihr ſo bekannt vorkam, als ſei ſie ſchon einmal dageweſen. Alfred hatte ihr in den letzten Tagen ihres Zuſam⸗ menſeins wohl die Gegend, das Aeußere der Burg beſchrieben, auch den Hof, aber das Innere des Schloſſes nicht, von dem ſie bisher niemals ein Bild geſehen hatte. Sie verließ den Vorſaal, den alte Bilder ſchmückten, und durcheilte eine lange Reihe von Zimmern, welche, das hatte der Inſpector ihr geſagt, noch alle eingerichtet waren wie zu Zeiten des guten Barons Eduard Alfred von Sternberg. Zuletzt kam ſie in ein Kabinet, wie ſie ſchon einmal ein ganz gleiches geſehen hatte, ſie wußte nur nicht wo und wann. Der kleine, friedliche Raum, in welchem ſich die Schloßherrin jetzt befand, war ebenfalls grün tapezirt und von der Hauptwand blickte das lebensgroße Portrait von Alfred's Mutter ſie an, und das Kind, welches ſie von der Leinwand anlachte, ſtellte ihren Alfred als Kind vor, erinnerte ſie zugleich an ihren verlorenen Franz. Lange, lange ſtand ſie vor dem Bilde, in deſſen Anſchauen verloren. Auch dieſes Gemälde war ſchon einmal ihren Augen begegnet, ſie konnte ſich aber nicht erinnern wo, obgleich ſie ihr Gedächtniß anſtrengte, um es zu ergründen. 111 Die arme Hermine hatte in Neuyork, als ſie das Nervenfieber bekam, für die Erlebniſſe der letzten Monate das Gedächtniß verloren; an den Abſchied von ihren Lieben erinnerte ſie ſich noch deutlich, aber über ihre Reiſe und das Leben bei ihrem Oheime war in ihrem Gedächtniß gleichſam ein Schleier gebreitet, und was ſie zu jener Zeit geſehen und gehört, trat vor ihren innern Sinn nur in nebelhafter Geſtalt und lückenhaft. Sie gab es endlich auf, ihr Gedächtniß vergebens anzuſtrengen. Das Kabinet verſchloß ſie; außer ihr ſollte es Niemand betreten. Den andern Tag ließ ſie durch Nanni den Inſpector zu ſich rufen, um ihre Thätigkeit als Gutsherrinzu beginnen. Sie ließ ſich von ihm über Alles, was von Intereſſe für einen guten Grundherrn ſein muß, berichten. Seit dem Tode des Barons Eduard Alfred, während des Proceſſes, auch in den wenigen Jahren, wo ihres Gemahls Vetter Herr auf Sternberg geweſen war, hatte man für die Güter gar wenig gethan. Der Inſpector hatte vergebens Vorſchläge gemacht, die nöthigen Gelder waren ihm nicht bewilligt worden. „Es iſt ein Jammer, wenn des Herrn Auge fehlt“, ſagte der Inſpector,„oder wenn ein Herr, wie der letzte, kein Herz für ſein Eigenthum hat. Die arbeitende Klaſſe auf den Gütern leidet auch, denn Niemand verdient 112 etwas. Und glauben Sie, gnädige Frau, ein ſolches Spar⸗ ſyſtem, wie es der amerikaniſche Baron von Sternberg be⸗ folgte, taugt gar nichts, verringert nur die Einkünfte der Güter. Was können Felder und Wieſen eintragen, die nicht gedüngt, nicht berieſelt werden! Wie haben die Gartenanlagen und die Treibhäuſer verloren! Was ſie zu Zeiten des ſeligen Barons Alfred Eduard koſteten, nahmen wir aus den Blumen, Ananas und Melonen heraus, die wir in die benachbarten Städte ſchickten. ein Weg wurde ausgebeſſert beim letzten Herrn, keine Zaunlücke zugemacht, für den Viehſtand nichts gethan. Das Pfarrhaus iſt baufällig, die alte an ſich ſchöne Kirche hat Fenſterſcheiben— nun, die gnädige Frau werden es ſehen— es iſt zum Erbarmen! Der Sturm hat einige mit ſchöner Glasmalerei zerbrochen und der Baron weiße, runde Scheiben dafür einſetzen laſſen.“ „Gut, Herr Inſpector, ich will mir Alles anſehen; es ſoll ſchon anders hier werden. Wir wollen jetzt gleich in das Dorf gehen und die Kirche in Augenſchein neh⸗ men, und Tag für Tag will ich mit Ihnen auf den Gütern umherfahren und gehen und nicht ruhen, bis Alles wieder ſo hergeſtellt iſt wie zu den Zeiten des Barons Alfred Eduard.“ „Das nenne ich geſprochen wie eine Sternberg!“ ſagte erfreut der Inſpector. 8 113 Hermine wandte ſich ab. Sie war nahe daran, ſich als Gattin des Barons Alfred von Sternberg zu erkennen zu geben, aber ſie unterließ es doch, denn Alfred ſelbſt hatte den Namen abgelegt; nahm ſie ihn wieder an, ſo war ſie vielen peinlichen, ihrem Herzen wehthuenden Fragen ausgeſetzt, und dann, haftete nicht noch immer ein wenn auch unverdienter Makel an ihm? An des Inſpectors Seite und ſeinen Erklärungen lauſchend betrat ſie die Kirche, die für eine Dorfkirche von ſeltener Schönheit war. Hermine muſterte die Glasgemälde genau und ſagte: „Dieſer Schaden läßt ſich leicht repariren. Verſchreiben 5 Sie einen tüchtigen Mann aus München oder Nürnberg, der die Zeichnungen macht und die Ausfüllung der Lücken beſorgt; in München gibt es großartige Anſtalten für alle Zweige der bildenden Künſte! Hier dieſe Bilder in der Sakriſtei will ich wieder reſtaurirt haben; es ſind doch Portraits der Freiherren von Sternberg?“ „Zu dienen, gnädige Frau! Dieſer hier, Joſeph Alfred, hat viel für die Verſchönerung der Kirche gethan!“ „So wollen wir zuerſt ſein Portrait auffriſchen laſſen!“„ Nach einigen Tagen, welche Hermine zur genauen Beſichtigung der Güter benutzt hatte, ſagte der Inſpector zu ſeinen nähern Bekannten im Dorfe;„Wenn denn die Güter nicht bei den Sternbergs bleiben ſollten, ſo konn⸗ Hahn, Das Document. 1. 8 114 ten wir ſicher keine beſſere Herrſchaft bekommen, als unſere Frau von Stern. Sie verſteht zu regieren, iſt im⸗ mer thätig, umſichtig und bereit, Gutes zu thun!“ „Sie iſt ſo jung und hübſch, da werden bald die Freier von allen Seiten kommen!“ bemerkte der Gaſt⸗ wirth des Dorfes. „Wird keiner etwas bei ihr ausrichten!“ antwor⸗ tete der Inſpector.„Dieſe ſeltene Frau trauert um den verlorenen Gemahl lebenslang in ihrem Herzen, das ſieht man ihr wohl an, wenn man ſo viel um ſie iſt, wie ich. Frau von Stern will auch mit den Nachbarn nicht umgehen, denn bisher hat ſie noch keinen Beſuch gemacht!“ Wohl trauerte Hermine tief, aber ſie blickte nicht mehr nur zur Erde nieder, ſondern ſah um ſich und that, was ſie als Gutsherrin zu thun für Pflicht hielt. Die ſtete nützliche Beſchäftigung, das Leben in Flur und Wald, das ſchöne Bewußtſein, Gutes zu wir⸗ ken, hatten die beſten Folgen für ihre Geſundheit, welche in den letzten Jahren ſehr gelitten hatte. Die Roſen auf ihren Wangen kehrten zurück, ihr Tritt wurde wieder elaſtiſcher, ihr Gang ſchneller. Die Frühlingsblumen hatten abgeblüht, ſchöner als dieſes Jahr war der Roſenmonat wohl niemals geweſen. 115 Eines Abends trat Hermine aus dem Garten mit einem Körbchen voll der ſchönſten Roſen, welche ſie abge⸗ ſchnitten hatte, um Kränze für Alfred's Portrait und das ſeiner Mutter zu binden. Sie ließ ſich auf einer Bank am Brunnen im Schloß⸗ hofe nieder. Der Inſpector trat mit ehrfurchtsvollem Gruße zu der Herrin, berichtete, was den Tag über geſchehen war, und bat ſich Befehle für den nächſten Tag aus. Nachdem Schloßfrau und Gutsinſpector eine Zeit nur von Geſchäften geſprochen hatten, ſagte erſtere:„Ich ſehe, bald wird bei der Thätigkeit der Künſtler die Kirche wiederhergeſtellt ſein, und in wenigen Wochen werden ſie uns verlaſſen.“ 5 „Herr Reinermann hat mir eben erzählt, daß er ſchon in acht Tagen fort muß; eine alte, reiche Tante in Hamburg iſt ihm geſtorben, und er muß hin, die Erb⸗ ſchaft anzutreten, doch will er einen andern tüchtigen Mann von Hamburg aus hierher ſchicken.“ „Gut! Alſo wird Herr Reinermann nicht bei dem Feſte ſein?“ „Wollen die gnädige Frau ein Feſt geben?“ „Ja, aber nur den Bewohnern meiner Dörfer. Ein Volksfeſt im beſten Sinne des Wortes, für Erwachſene und Kinder, ſobald die Spätkirſchen und Frühbirnen reif 8* 2 —.—— 116 ſind. Ich bin das als neue Gutsherrin den guten Menſchen ſchuldig, welche mich ſo gern feſtlich empfangen wollten!“ „Ganz ſo würde die ſelige Frau Baronin von Stern⸗ berg geſprochen haben Sie ſitzen eben jetzt auf ihrem Lieblingsplatz, wo ſie wohl tauſendmal ausgeruht hat; auch liebte ſie die Roſen ſo, und beſonders die wilden. Die vielen Hecken voll wilder Roſen in der ganzen Um⸗ gegend, ſogar im Walde und auch dieſe hier am Brun⸗ nen hat ſie alle pflanzen laſſen.“ Wilde Roſen, das Bild, der Traum!“ ſtieß Her⸗. mine haſtig heraus und ſprang auf; ſich mit der Hand über die Stirn fahrend fuhr ſie fort:„Ja, ja, jetzt weiß ich, woher ich alle Zimmer kannte, warum dieſer Schloß⸗ hof mir gleich ſo vertraut vorkam, mein Gedächtniß iſt wieder da. Gehen Sie, lieber Inſpector, holen Sie ein Grabſcheit und kommen ſie gleich wieder!“ Der Inſpector ſtand wie verſteinert da und ſah Her⸗ mine ganz verdutzt an; er begriff ihre heftige, ungewöhn⸗ 1 liche Aufregung nicht, noch verſtund er den Sinn ihrer ſchnellen Rede. So gehen Sie doch, Herr Inſpector“ rief Hermine ungeduldig,„und holen Sie ein Grabſcheit! Kein Knecht darf das thun, nur Sie, der treue Diener und Freund der Sternbergs.“ Der Inſpector verſtund ſeine Herrin noch immer —— 17 nicht ganz, aber er entfernte ſich ſchnell und kam bald mit einem Spaten zurück. „Graben Sie hier, bei den Roſenbüſchen aber men Sie ſich in Acht, daß Sie keine Wurzeln verletzen!“ gebot Hermine. Der Inſpector that, wie ihm geheißen, und als er etwas über einen Schuh tief in die Erde gegraben hatte, ſtieß er mit dem Spaten auf einen harten Gegenſtand, welcher ſich, als er weiter grub, als ein eiſernes Käſtchen erwies, das einen Schuh lang, einen halben Schuh hoch und breit war und ſeiner Form nach nicht alt ſein konnte. „Geben Sie mir das Käſtchen, Herr Inſpector, füllen Sie die Oeffnung wieder zu und kommen Sie dann mit mir!“ Als das geſchehen war, gingen beide ins Schloß. Hermine öffnete den Wandſchrank in ihrem Wohn⸗ zimmer, in welchem viele große und kleine Schlüſſel hingen. „Ich habe noch nicht alle dieſe Schlüſſel im Gebrauch gehabt, Herr Inſpector“ ſagte Sie;„vielleicht öffnet einer dieſer kleinen das Käſtchen.“ „Dieſer vielleicht; das Käſtchen kenne ich, ich habe es ſelbſt, als ich vor Jahren in Dresden zum Woll⸗ markt war für die ſelige Frau Baronin von Sternberg kaufen müſſen! Es war meine erſte Reiſe, ich war eben confirmirt, und weiß es genau.“ 118 Hermine ſchloß das Käſtchen auf; zwei Papiere lagen darin, unverſehrt, in Wachstuch gewickelt. Das eine war ein Brief, das andere die gerichtlich beglau⸗ bigte Abſchrift der Verkaufsurkunde, durch welche der gerechte Anſpruch auf die Sternberg ſchen Güter für den Baron Alfred Eduard vollkommen und rechtsgültig bewieſen ward. Der Brief lautete: „An meine mich überlebenden Geliebten und Nachkommen. Gott möge mir Zeit laſſen, meinen letzten Willen aufzuſetzen und mich nicht ſchnell und unvorbercitet aus der Welt abrufen! Sollte er es jedoch thun, ſo muß ich gehorſam ſeinem Gebot folgen, wie jeder Sterbliche! Dieſe hier beiliegende, rechtlich beglaubigte Ab⸗ ſchrift der Kaufsurkunde der Sternberg ſchen Güter habe ich infolge eines warnenden Traums, welcher mir das Schloß brennend zeigte, wider Wiſſen meines Gemahls machen laſſen, als er einſt verreiſt war. Ueberlebt mich mein Gemahl, wird er mir dieſe eigenmächtige Handlungsweiſe verzeihen; ſie kann viel⸗ leicht zu nichts nützen⸗ aber ſicherlich auch nichts ſchaden. Auguſte Freifrau von Sternberg, geborene von Gersdorf.“ . 6 119 Hermine faltete die Hände und rief, indem helle Thränen über ihre Wangen rollten:„O mein Gott, ich danke Dir! Die Ehre des Freiherrn Alfred Eduard von Sternberg iſt gerettet.“ Auch des Inſpectors Augen wurden ſ och war er natürlich nicht ſo aufgeregt als Hermine. Nach einer Pauſe ſprach er:„Ich habe es zu jeder Stunde behauptet, daß die Herren von Sternberg, Herr Alfred Eduard und der junge Herr Alfred, nur ihr gutes Recht vertheidigten. Doch was wollen Sie, gnä⸗ dige Frau, mit dem Documente thun?“ „Es veröffentlichen!“ „Jetzt, nachdem der Baron Alfred, wie wir leider wiſſen, todt iſt?“ „Jetzt! Bald! Und ein herrliches Denkmal ſoll der unſchuldig Gekränkte, im Kummer geſtorbene Baron Alfred Eduard auf dem Friedhofe erhalten!“ „Aber, gnädige Frau—“ „Kein Aber, lieber Inſpector! Doch jetzt laſſen Sie mich allein, und ſchweigen Sie, bis ich ſelbſt von der Sache reden werde; das iſt Alles, was ich von Ihnen verlange.“ Der Inſpector gelobte, das Geheimniß wohl zu bewahren, und ging ſeinen Geſchäften nach. 120 An einem wolkenloſen, heitern Sommertage herrſchte in Sternberg ein fröhliches Leben; auf der großen, friſch⸗ gemähten, mit Linden umpflanzten Wieſe, welche in vollſter Blüte ſtanden und ihre würzigen Düfte weithin in die Umgebung ſandten, waren Zelte aufgeſchlagen, Buden erbaut, Tiſche mit wohlſchmeckenden Speiſen und Getränken aufgeſtellt. Luſtige Muſik ertönte; wer Luſt zu tanzen hatte, tanzte. Die jungen Burſchen thaten es, ohne dazu der Auffor⸗ derung zu bedürfen, die ältern Männer ſchoſſen nach der Scheibe, um die Preiſe zu gewinnen, welche die gebige Schloßfrau geſpendet hatte. Der Inſpector ging Arm in Arm mit Nanni, welche er heute öffentlich als ſeine Braut vorgeſtellt hatte. Die Gutsherrin hatte ſich auf kurze Zeit bei dem Feſte gezeigt, alle freundlich gegrüßt und war dann unbemerkt über die Wieſe nach dem Walde geſchlichen. Dort verlor ſie ſich in Träumereien, mechaniſch brach ſie Epheuranken und ſchlang ſie zum Kranze, tiefer und tiefer in den Wald gehend. Nicht viel früher, als dies geſchah, hielt ein einfa⸗ cher Stuhlwagen am Eingange des Dorfes. Ein Herr, mit einer Bluſe und einem breitrandigen Strohhut be⸗ kleidet, der ſein Geſicht faſt verbarg, ſprang aus dem Wagen. „ 121 „Fahre zum Wirthshauſe, laß Dir Speiſe und Trank geben und verſorge das Pferd, ich komme ſpäter hin“, ſprach der Herr zu dem S und ſchlug den Pfad nach dem Walde ein. Als der Kutſcher davongefahren war, blieb der Reiſende ſtehen und ſah ſich um. „Alſo einen andern Beſitzer hat dies Schloß, es wohnt kein Sternberg mehr hier!“ ſprach er und ſeufzte tief.„Für ihn können die Familienportraits der Stern⸗ bergs keinen Werth haben“, murmelte er. Er nahm den Hut ab, wiſchte ſich die Stirn und ließ ſich die Luft durch ſein ſchönes Haar wehen; lang⸗ ſam, bald hier, bald da ſtehen bleibend, ſchritt er immer weiter, bis er ſich im Walde befand. Er pflückte Waldlilien und Immergrün; Se ſeufzte er tief. „Was war das?“ rief er nplötlich und ſein ganzer Kör⸗ per zitterte. Neckte ihn eine Zauberin, war Diana wie⸗ der im Hain? Er ging weiter, deutlicher ſchallten die Töne an ſein Ohr; er kannte die Stimme, er kannte das Lied, er theilte mit bebenden Händen die Büſche von Brombeeren und blühenden wilden Roſen. Dort, kaum zehn Schritte vor ihm, auf einem be⸗ mooſten Felsſtück, im hellen Gewande, noch ebenſo blü⸗ hend, aber das Antlitz voll unbeſchreiblicher Verklärung, 122 wie das Bild edelſter Reſignation, ſaß ſie, wie da⸗ mals im Walde von Kaltenſtein, ſie, die ewig geliebte Hermine. Er wagte kaum an ſein Glück zu glauben; er fürch⸗ tete, die ſchöne Erſcheinung möchte in Nebel zerrinnen, wenn er ſie anrufe; er dachte dann mit liebevoller Vor⸗ ſicht, was er thun, wie er ihr nahen müſſe, um ſie nicht zu erſchrecken; da hob ſie die ſtrahlenden Augen zum Himmel auf und ließ ſie wieder über ihre Umge⸗ bung gleiten; ſie ſah einen Fremden, ſie erhob ſich, er lag zu ihren Füßen, der Heißbeweinte, der Treugeliebte! Sie ſchlang die Arme um ſeinen Nacken und beide wein⸗ ten Thränen ſeligſter Freude. Noch denſelben Tag wurde der heimgekehrte Herr den Bewohnern der Sternberg'ſchen Dörfer jubelnd von Herminen vorgeführt, das Document vor aller Augen ausgeſtellt, aber auch noch denſelben Abend, als die Freude ſich am lauteſten äußerte, fuhren Alfred und Hermine nach der Stadt, in welcher Franz unter dem Schutze ſeiner treuen Hüterin Gertrud geblieben war. Wie viel hatten die Seligvereinten einander mitzu⸗ theilen, die jetzt Bruſt an Bruſt geſchmiegt durch die warme Sommernacht hinfuhren! „Und wie kamſt Du auf den glücklichen Gedanken, hierher zu pilgern, mein Alfred?“ fragte Hermine. 123 „Ich las in hamburger Zeitungen, daß die Stern⸗ berg'ſchen Güter verkauft werden ſollten, und ſpäter, daß ſich der letzte Sternberg in Neuyork niedergelaſſen habe, und wollte von dem neuen Beſitzer, für den dieſe Ge⸗ mälde keinen Werth haben konnten, die Portraits meiner Aeltern erbitten oder kaufen.“ „Und Franz, mein ſüßer Knabe, er war ſo klein, als ich ihn verließ, beinahe zwei Jahre ſah er mich nicht; er wird mich nicht kennen, nicht lieben!“ „Er wird Dich bald kennen und über Alles lieben, meine Hermine!“ Wieder blühten die wilden Roſen am Brunnen auf dem Schloßplatze zu Sternberg, aber nicht nur Tauben und Schwalben, ſummende Vienchen und Schmétterlinge belebten den ſchönen, alten Hof, nicht nur eine traurige, einſame Frau ſah dem Spiele der bewußtloſen Geſchöpfe zu, ſondern ein reizender ſechsjähriger Knabe jagte ſich mit einem Bernhardiner herum, auf dem Raſenplätzchen unter den Akazien ſaßen zwei kleine Mädchen und jubelten über den Pfau, welcher eben ein prächtiges Rad ſchlug. Die Aeltern des jüngſten der kleinen Mädchen, Henrh Ackland und Lucie, bewachten die Kinder, der Vater des ältern, Alfred von Sternberg, ſprach mit dem Inſpector; nicht weit von ihm ſtand Hermine, lieblich, ſchön wie in 124 ihren jüngſten Tagen, und hielt die Hand eines in das Jünglingsalter übergehenden Knabens in der ihren; er war ebeg angekommen, ſeine Couſine zu beſuchen, denn es war kein Anderer als Albert von Kaltenſtein. „Du biſt mir untreu geworden, ſchöne Couſine, und haſt auf mich nicht warten wollen, ich will Dir aber großmüthig verzeihen, wenn Du mir zwei Wünſche erfüllſt.“ „Und dieſe ſind, mein lieber Vetter?“ „Du gibſt mir Deine Auguſte zur Frau; ich kann noch fünfzehn Jahre warten, und auf Deine Tochter warte ich, und—“ „Nun, weiter?“ ſagte Hermine, als Albrecht erröthend inne hielt. „Du verzeihſt einem Bereuenden, der obendrein ſeit wenig Tagen Dein Verwandter geworden und auf der Hochzeitsreiſe über Sternberg gekommen iſt, um ſich Dir um Vergebung bittend zu Füßen zu werfen!“ „Ich verſtehe Dich nicht, mein lieber Alfred, von wem ſprichſt Du?“ „Von Lyonel de Camara. Meine Aeltern nahmen erſt Anſtoß an dem und jenem. Der Mama war ſeine amerikaniſche Mutter nicht angenehm, überhaupt will ſie von Republikanern nichts wiſſen; der Papa ſetzte der Mutter auseinander, daß Lyonel das Recht e ſich nach ſeinem Vater, einem ſpaniſchen Edelmanne und 125 Offizier, Don Lyonel de Camara zu nennen, daß er reich und Klotilde eine keineswegs reiche Gräfin ſei, aber an Luxus gewöhnt; er wollte jedoch keine Tochter wieder ſo jung vermählen wie Malwine, welche ſchon ganz verblüht ausſieht, und auch Klotilde nicht ſo weit vom Hauſe fortgeben deshalb zögerte der Vater mit ſeiner Ein⸗ willigung.“ „Das begreife ich vollkommen!“ „Aber Lyonel's Liebe blieb feſt; er nahm Klotil⸗ dens Verſprechen mit ſich, ging nach Neuyork, wickelte alle Geſchäfte ab und kam nach zwei Jahren zurück. Ein Gut in der Nachbarſchaft war zu kaufen. Lyonel ſetzn ſich in den Beſitz deſſelben, und Klotilde von Kaltenſtein heißt ſeit acht Tagen Donna Klotilde de Camara.“ „Ich wünſche ihr von Herzen Glück!“ „Lpn hat mir im Vertrauen geſtanden, denn er ſehr mich nicht für einen Knaben an, daß meiner Schwe⸗ ſter Aehnlichkeit mit Dir den Grund zu ſeiner ſpätern Neigung zu Klotilden gelegt hat, er iſt ſich alſo ſelbſt getreu geblieben. An Alfreds Tod hat er geglaubt; dennoch war das Zurückbehalten Deiner Briefe ein Un⸗ recht und er hat es ſehr bereut, daß ſeine Leidenſchaft Urſache wurde, daß Du und Alfred ſich ſo lange Zeit nicht finden konnten!“ 126 „Ich darf ihm deshalb nicht zürnen“, ſprach Hermine mit hohem Ernſt,„denn Herr Lyonel de Camara war nur das Werkzeug in höherer Hand. Hätte ich jenen Traum in Hamburg nicht gehabt, der mich feſt umfan⸗ 3 gen hielt, ſo wäre ich mit dem Schiff untergegangen, welches, wie ich viel ſpäter hörte, bei Blankeneſe geſtran⸗ det iſt. Hätte ich meinen Alfred eher wiedergefunden, wäre ich wahrſcheinlich niemals nach Sternberg gekommen und“, fuhr ſie fort,„die Ehre ſeines edlen Vaters wäre nicht wiederhergeſtellt worden!“ Alfred war während dieſes Geſprächs räher getre⸗ ten und ſprach:„Hermine hat recht geurtheilt wie immer. Auch von mir hat Camara volle Verzeihung denn wie ſehr Hermine geliebt werden kann, weiß wohl Niemand beſſer als ich!“ 17 7