6 65 0 Leihbiblivthet deutſcher, engliſcher und fränzöſiſcher Literatur von 7 6 Cduard Ottmann in Gieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ceih und eſebedingungen. —— 1. Oflensein der Bibliothek. Die Vibliothek ſteht zur Em⸗ ¹ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von) jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Cäution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende S hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf 1 Mt 55 Pf. 2 Mk.— Pf. 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ un der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Der Graf war mit ſeinem Kinde an einem kleinen Teiche ſtehen geblieben, der uͤber die Wieſe hinglänzte und es mit ſeinen Wellchen zu halten ſchien, wie die Mätter im Fruͤhjahr, wenn ſie ihre Kleinen ins Freie bringen und in der Sonne ſpielen laſſen. Der Wind bewegte den blauen Teich; von ihm uͤberhaucht, blitzte ſein Spiegel von tauſend ſilber⸗ nen Funken und Flammen. Das iſt ja ein wah⸗ res Brillantenbeet, rief Graf Wilibald eigen wehmuͤthig aus und blickte in die geſchäfti⸗ gen Scheine, die wirklich, gleich lodernden Bril⸗ lantenblumen, einander raſtlos zuzufluͤſtern ſchie⸗ 1 * 4 nen; ſcht wie ſie dort ſtehn und ſich necken laſſen, und wie jeder auf ſeine Art uns beſitzen moͤchte! Das ſind alſo Brillanten, rief Aloyſia, ſo ſchen Brillanten aus? DerGraf nickte ſchweigend. Vater und Kind wurden nicht muͤde, dem Spiele zuzuſchn; Beiden war es, als ſey hier ein Schatz verborgen, nur daß Aloyſien die ſchimmernde Ober— flaͤche genüͤgte, Wilibald aber ein verſunkenes Gut unter den Wellen zu ſuchen, aus den Wel⸗ len heraufzurufen ſchien.— Wenn ich groß bin, trage ich auch ſchonen Schmuck, nicht wahr? ſagte Aloyſia wieder. Die Anne hat mir wohl erzählt, was fur prächtige Halsketten und Armbaͤnder meine Mutter gehabt, und, wie ſie todt geweſen und im Sarge lag, da haſt Du ſie mit all den hellen Sternlein beſtreut, die haben nicht anders geleuch⸗ tet, als weinten ſie ihr viel tauſend Thränen auf Wange und Hand! Damals, ſprach die Amme, hätt' ich ſie noch nicht beweinen konnen, ich waͤr' noch zu klein geweſen, da haben's wohl die hellen Steine fuͤr mich gethan?— Ihre Thraͤnen um ihr ſuͤßes Licht ſind gefangen, antwortete Wili⸗ bald; doch das, mein Kind, kannſt du jetzt nicht verſtehen. Aber in d Brillanten ſind eben ſo —ů, * vergängliche, betruͤgliche Schimmer, als die Fun⸗ ken da auf dem Waſſer vor unſern Augen, und es kann uns eben ſo leicht, wie aus Flut und Gold, etwas Unheimliches daraus anlocken; darum ſehne Dich nicht ſo ſehr danach! Wie hätte ſich aber das kindliche Auge nicht, noch unbefangen, in Wellen, Gold und Edelſtei⸗ nen ſpiegeln ſollen? Die Worte des Vaters betruͤb⸗ ten Aloyſien; ſie ſchlich, wie muͤde, und, als ſchleppe ſie an den paar kleinen Blumen, hinter ihm drein nach dem Schloſſe zurͤck. Sobald es anging, ſuchte ſie das Brillantfeuer wieder auf; allein kaum daß ſie den Tuͤmpel wieder erkannte, Spiel und Tanz waren zu Ende, und Aloyſia hielt ihre Händchen unter die Weilen, ob ſie vielleicht etwas von der verſchwundenen Pracht erreichen moͤchte; da kam die Wärterin ſchreiend herzu und warnte vor dem Nix, der die Kinder ſo heimtuͤ⸗ ckiſch zum Spielen an Waſſers Rand verlocke. Die Kleine konnte den lockenden Glanz nicht vergeſſen. Die Wärterin, ſie zu tröſten, ſing die Geſchichte vom Fiſchchen in dem See an, das muͤde Kind legte unter der Erzählung ſeinen Kopf auf den Schoos der Alten und ſchlief ein, ihm „ 8 6 träumte, wie es Brillanten von den Sternen regne, und wenn ſie dem Kind in die aufgethane Hand fielen, zerfloſſen ſie; wie es nun daruͤber ſehr be⸗ truͤbt war, ſaß eine ſchoͤne, nachdenkliche Frau, das dunkle Haar mit vielen Blumen geſchmuͤckt, auf einer hohen, ſchwankenden Gartenleiter vor ihm, die an einem maͤchtigen, glänzenden Baum lehnte⸗ Der Kopf war ihr ſchwer von dem vielen Regen, der darauf gefallen war, ſie ſagte, komm her, die Brillanten hab' ich fuͤr Dich geſammelt! Indem das träumende Kind ſein Schuͤrzchen aufthat, woll⸗ te die Waͤrterin eine Fliege von ihm abwehren, es dehnte die Augenlieder und erwachte.— Eigenerweiſe geruͤhrt, kehrte Graf Wilibald an jenem Tage in ſeine Zimmer zuruͤck. Er ver⸗ weilte lange vor dem Bild der verſtorbenen Graͤfin Joſepha, das in Lebensgröße an der Wand eines Cabinets lehnte. Es war, als ſey dem Grafen noch irgend etwas unverſtändlich an ihr geblieben, als wollte er in ihrem Blicke, in der Umgebung, die ihr auf dem Gemaͤlde zugeſellt war, Licht fin⸗ den. Dann ſchloß er eine verborgene Thuͤr im Holzwerk des Wandgetäfels auf, zog ein Käſtchen hervor, nachdem er ueh h das Cabinet verrie⸗ 1 — — — 7 gelt, und ſah eben ſo nachdenklich auf die Juwe⸗ len, die ihm vom ſchwarzen Sammetgrund im Käſtchen entgegenblitzten, wie vorhin in die Schim⸗ mer am Teich, auf ſapphirblauem Grunde ſpielend. Die Worte des Kindes klangen in ihm wieder, ſie vergegenwärtigten ihm, wie derſelbe Schmuck, den er hier vor ſich ausgebreitet, Joſephens bleiches Antlitz, kalte Hand im Sarg umſtrahlt hatte; ven plotzlichem Schauer ergriffen, ſchlug er den De⸗ ckel des Käſtchens zu und ſchob es, das Geſicht ab⸗ wendend, wieder in die Mauer hinein. Dann trat er an das Erkerfenſter und ſtarrte lange Zeit auf die zwiſchen Schnee und Bluͤthe mitten inne ſtehende Welt, als ſchwindele ihm.— Es war der ſterbenden Graͤfin letzter Wunſch geweſen, die koſtbaren Juwelen, welche ſie von ihrer Mutter geerbt, moͤchten mit ihr begraben werden. Im erſten Augenblicke ihres Verluſts war in Graf Wilibald die vollkommenſte Gleichguͤltigkeit fuͤr alles Irdiſche, iſt es doch immer, als zögen un⸗ ſere abſcheidenden Lieben uns uͤber daſſelbe ſich nachz die Graͤfin, der Gegenſtand eines warmen Ge⸗ fuͤhls in ſeinem Herzen, hatte, mit einer tieferen Zuneigung kaͤmpfend, dieſes von Anfang an nicht 8 erwiedern koͤnnen, aber die edle, ſich ſtets gleich⸗ bleibende Ruhe, die ihrem Weſen eigenthuͤmlich war, ließ ihn vielleicht waͤhrend der kurzen Zeit ihrer Ehe uͤber die Stärke oder Schwaͤche ihrer Erwiederung in einer gluͤcklichen Ungewißheit. Die Gräſin trug ihre Diamanten faſt niemals; nur Wilibald zu gefallen, legte ſie dieſelben einigemal an und ſchien froh zu ſeyn, wenn die Kammer⸗ frau ihr am Abend den Schmuck abnahm, als brenne er ſie. Dem Grafen uͤbergab ſie vor ihrem Abſcheiden einen Schluͤſſel und bedeutete ihn, im Wandſchrank, wozu derſelbe fuͤhre, werde ſich ein verſchloſſenes Kaͤſtchen ſinden, worin ihre Tochter, wenn ſie das zwanzigſte Jahr zuruͤck gelegt, oder zuvor in den Brautſtand trete, die Urſachen ange⸗ geben ſinden werde, aus welchen das diamantne Erbtheil ihr von ihrer Mutter entzogen worden ſey. Wilibald, ſetzte ſie hinzu, Du ſahſt es gern, wenn ich dieſen Schmuck trug, nun will ich ihn nicht wieder ablegen, bis wir uns wiederſehn,— die Perlen, die wir hier weinen, ſammelt unſer Engel und ſchuttet ſie als Diamanten in Gottes Schoos.— Wilibald ſtrömte bei den letzten Wor⸗ ten ſein Gefuͤhl in ſtummen Thränen aus; gleich 9 darauf lag Joſepha ſchlummernd vor ihm da, und ſpaͤter erwachte ſie nur noch einmal, den heiligen Troſt der Saeramente zu empfangen, da war, das Irdiſche zu beruͤhren, mehr keine Zeit. Noch ver dem Begraͤbniß aber ward in den Grafen hineinge⸗ redet, da man das Paradebett vom Glanz der Edelſteine verherrlicht ſah; man hielt das Verlan⸗ gen der Graͤſin fuͤr eine Fieberfantaſie, man ſtellte Wilibalden vor, wie ſeine Einwilligung ihr Grab mit einem entweihenden Einbruch gefaͤhrde; und als er von dem anvertrauten Schluͤſſel ſprach, rieth ihm ein Verſtaͤndiger dringend und machte es ihm, in Hinſicht ſeiner Tochter, zur Obliegenheit, die Juwelen wenigſtens vor der Hand im Stillen zuruͤckzunehmen und den Inhalt des Kaͤſtchens. abzuwarten, nach deſſen Eroͤffnung es immer noch Zeit ſey, dem Willen der Gräfin nachzukommen; es ſey ja doch dieſer Schmuck wahrſcheinlich ein be⸗ deutender Theil von dem Erbe, das Aloyſia zu erwarten habe, denn Wilibalds Beſitzungen konn⸗ ten nicht auf ſie uͤbergehn. Dieſer begann nun ſelbſt, mehr dem Raͤthſelhaften in Joſephens Ver⸗ maͤchtniß nachzuſinnen; die tiefe Traurigkeit regte nahebei liegende Saiten feiner Empſfindung auf, es 10 war ihm manchmal, als gäbe ſich nun kund, daß ihn Joſepha nicht geliebt, ſie habe darum weniger Zaͤrtlichkeit fuͤr Aloyſien gehabt, oder ihm wohl gar bei der Minderjaͤhrigkeit des Kindes ein eifer⸗ ſuͤchtiges Mißtrauen und Mißgönnen gezeigt, und Aloyſia werde vielleicht in jenem Kaͤſtchen die Be⸗ rechtigung zum Gebrauche der Juwelen finden⸗ So liegt das Mißtrauen immer im Bereich eines unbefriedigten Gefuͤhls! Wilibald gab dem heim⸗ lichen Rath und der inneren, ſchwankenden Ver⸗ ſtimmung nach, die Juwelen wurden im Wand⸗ ſchrank bei jenem verſchloſſenen, fuͤr Aloyſien be⸗ ſtimmten Käſtchen verborgen, aber die Redlichkeit des Grafen ließ dieſes heilig unverſehrt. Seit Joſephens Tod hatte er die große Welt vermieden, faſt ungern trat er aus ſeiner Einſam⸗ keit wieder heraus. Seine Zerſtreuungen beſtan⸗ den aus Jagd und Bücherleſen, zu jener ermun⸗ terten ihn die ſchoͤnen Buchen- und Eichenwälder eines Gebiets, zum Leſen ein reich ausgeſtatteter Saa im Schloß. Unfern lag der Sommerauf⸗ enthalt eines geiſtlichen Kurfuͤrſten. Aus den Fen⸗ ſte ndes Schloſſes, uͤber den friſchen Fruͤhlings⸗ ua hin, ſah man den weißen Glanz des prächti⸗ — 11 gen Gebäͤudes, etwas weiter entfernt blickte aus dichterem Gebuͤſch ein kleines Jagdſchloß, Falken⸗ luſt genannt, hervor. Der Kurfuͤrſt war in die⸗ ſen Tagen angekommen, der Graf hatte bereits Veranlaſſung erhalten, ſich einzufinden, und ent⸗ gegenkommende Theilnahme ſchien ihn einzuladen, von den Jagd- und Gartenluſtbarkeiten, zu denen der Fuͤrſt eine Geſellſchaft verſammelt, die ihm zum Theil verwandt war, ſich nicht auszuſchließen. Graf Wilibald konnte um ſo weniger ſeine gänz⸗ liche Zuruͤckgezogenheit behaupten wollen, als er, ſeinen Familienverhaͤltniſſen nach, fruͤher oder ſpater doch an eine zweite Heirath, an die Erfuͤl— lung des Wunſches, ſeine Lehnguͤter auf einen Sohn zu vererben, denken mußte. Da er ein großer Gemaͤldeliebhaber war, ſo hatten ihn ſonſt immer die vielen Bilder angenehm unterhalten, mit welchen die Zimmer des kurfürſtlichen Luſt⸗ ſchloſſes geſchmuͤckt waren; auch die Thuͤrſtucke, Gegenſtände der Jagd im mannichfaltigen Leben darſtellend, hatte er öfters betrachtet. Unter den Gemaͤlden befanden ſich ebenfalls viel Geſtalten im Jägeraufzug; der jetzige Fuͤrſt war mehrfach in der Tracht und Umgebung der Falkenbaize ge⸗ 5 — . 12 malt, eine Schweſter von ihm, die Gemahlin ei⸗ nes Wildgrafen, eben ſo im brennendrothen Klei⸗ de, wie ſich damals, gegen die Mitte des acht⸗ zehnten Jahrhunderts, die Damen auf den Par⸗ forcejagden zu tragen pflegten, wenn ſie als zierlich wilde Dianen das ſchlanke ſchimmernde Roß be— ſtiegen, wie ſchon in der armen Hirſche gluhend Blut getaucht, als ſolle der kuhle dunkle Wald umher das lodernde Feuer in ſeinen Armen erdruͤ⸗ cken. Graf Wilibald hatte dies Porträt der Wild⸗ gräfin vorzuͤglich gern; zu den ſchoͤnen ſtolzen Zuͤ⸗ gen, der wuͤrdevollen Haltung, dem praͤchtigen ſchwarzen Haar kleidete der dunkelrothe Reitrock ſo gut, dabei umſpielte Augen und Mund doch eine zarte Furcht vor dem eigenen Wagſtuͤck. Der Kurfurſt dagegen, von Kopf bis zu Fuß in bläu⸗ liches Grau gekleidet, den Falken auf der Fauſt, ſtand ganz im ſchwarzbraunen Waiddunkel, die brillantne Agraſſe an ſeinem Hut blitzte darauf, die Turteltaube ſaß auf einem Aſt und bog ſich nach ihm nieder. Bei ſeinem jetzigen Beſuch auf dem Luſtſchloß wurde Graf Wilibald ſogleich, und recht lebhaft, an jenes Gemaͤlde von der Wildgräſin durch de⸗ 13 ren Tochter, die junge Graͤſin Francisca, erin⸗ nert, die unter den im Schloß Anweſenden ſich befand. Dazu fuͤgte es ſich, daß ſie gerade ein ſcharlachrothes Kleid trug, und bei der Tafel, wo der Graf ihr gegenuͤber zu ſitzen gekommen war, eine Waldhornermuſik ſich hoͤren ließ. Sie ſprach ziemlich lebhaft, ihr friſches, herzkräftiges Weſen ſchien aus Innigkeit zunächſt herzukommen, der ſuͤddeutſche Lebenshauch regte ſich in allem, was ſie that. Wilibald blickte und horchte auf ſie hin, ohne daß er noch eben ſehr mitgeſprochen haͤttez wie verweinte truͤbe Augen das muntre Waldes⸗ gruͤn erquickt, ſo ſchien der Hinblick auf eine ſe anmuthige Lebensfriſchheit dem zerfloſſenen Schmer⸗ ze des Grafen gut zu ſeyn und ſein Herz wieder mit Kraft zu beleben. Francisca hingegen ſchien nicht ſobald zu bemerken, daß er an ihrem Ge⸗ ſpraͤch Antheil nehme, als ſie die Heiterkeit deſ⸗ ſelben milderte und ernſter und ſtiller aus ihren großen, frohen Augen herausblickte. Dem Grafen entging dies nicht, doch gab er ſich von da an Muͤhe, heiterer zu erſcheinen. Der Grund dieſes Beſtrebens mochte ihm ſelbſt wohl noch unklar ſeyn, und gewiß ſuchte Francisca in ihrem unbe⸗ 14 fangenen Gemuͤthe nur den naͤchſten und einfach⸗ ſten, die ritterliche Gefäͤlligkeit, auf. Nach der Tafel begab man ſich zum Kaffee⸗ trinken in einen mit Kryſtallen, Muſcheln und Ko⸗ rallen ausgelegten Saal. Die wunderlichen Zu⸗ ſammenfuͤgungen ſtellten allerhand Pflanzen und Geſchoͤpfe, wie Störche, Kraniche, Kaninchen, Affen, auch Geſtalten aus dem Fabelweſen vor, in den Ecken waren Springwaſſer verborgen, die ſich in Marmorbecken ſtuͤrzten und dabei die in der Nähe Stehenden, auf einen Wink des eben regierenden Herrn, der zu dieſem Spaß auf einem ſichern Kanapee an der Wand ſich niederließ, an⸗ ſprudelten und beſpritzten. Dieſer Scherz wieder⸗ holte ſich, ſo oft ein neuer Gaſt vorhanden war, nach der damaligen Sitte, die nach franzöſiſchem Vorgang das Waſſer zum Gegenſtand künſtlicher Spielereien gemacht. Durch die Fenſterbogen des Saals aber ſah der Fruͤhling in ſeiner ſchonſten Freiheit uͤber die Gartenterraſſen herein, ein Re⸗ genbogen hatte ſich aufs blaue Gebirg geſtellt, um die Wette muficierten die Vögel mit den Wald⸗ horniſten, welche den naͤchſten Alleen und Gebuͤ⸗ ſchen um das Schloß her zugegangen waren. Noch — — 15 ſtäubte ein feiner Regen, wie Duft, uͤber den Tul⸗ penbeeten vor dem Saal, der Kurfuͤrſt ſah ſehr heiter hinaus und veranlaßte ſeine Schweſter, die Wildgrafin, Francisca's Mandoline bringen, und dieſe, der Geſellſchaft einige Fruͤhlingslieder hören zu laſſen. Francisca neigte ſich mit reizendem Anſtand gegen den Kurfuͤrſten, indem ſie die ihr liebkoſende Hand kuͤßte. Die Mandoline kam, Francisca ſtimmte, von Mehreren aufgefordert, einige Lieder an, halb luſtig, halb traurig, beides zugleich wie das tiefe, deutſche, alte Herz, dann ſang ſie noch das ſchone Lied von Spee:„Der truͤbe Winter iſt vorbei.“ Nur einige Cavaliers und Damen, in der damalig allerneuſten Tracht von Paris, ſahen ſich an und ſchienen ganz ver⸗ ſteinert, daß man in guter Geſellſchaft noch der⸗ gleichen ſinge, ſie wuͤrden ſich hoͤchſtens ein Schaͤ⸗ ferlied aus Hoffmannswaldau's Zeit haben gefal⸗ len laſſen, ihnen war Racine die einzige Wurzel des Dichterwalds. Nach dem Geſange entfernte ſich der Kurfuͤrſt, die Anweſenden waren zum Spiel wieder beſchieden, und die fruͤhlingsbunt gekleideten Damen warteten bedenklich das Ende des Staubregens ab, um, die geſetzteſten, mit den ernſthaften Domherrn und Hoͤflingen um die Beete, Hecken und Springbrunnen herumzugehn, die uͤbrigen aber, in die luftigeren Baumgaͤnge nach den Wald- und Waſſerparthieen hinauszuſchwär⸗ men. Unter dieſen letzteren befand ſich Francisca; Graf Wilibald that, vereinſamt, noch einige Gaͤnge zwiſchen gruͤnem Gitterwerk; er war geſon⸗ nen, nicht wieder zum Vorſchein zu kommen, ſon⸗ dern ſich ſtillſchweigend zu beurlauben, doch war es, als laſſe ihn heute dieſe Umgebung nicht los, als habe er erſt diesmal ihren Zauber entdeckt. Der ſchoͤne Tag hatte die Waͤrterin mit der kleinen Aloyſia auch aus dem Schloß gelockt; ſie war mit derſelben waͤhrend des Regens in einer Feldkapelle am Wege untergetreten. Einſtweilen zeigte ſich der Regenbogen, ſie gingen weiter, ein Schäfer, unter einen Baum geduckt, kam hervor und gruͤßte, Aloyſia freute ſich uͤber den Schein in der Luft, der Schaͤfer ſagte: ja wer dorthin könnte! wo der Regenbogen endet, ſteht eine Schuͤſſel voll Gold, werſie findet, wird ſehr fröhlich und geneſt von aller Armuth. Und liegen auch ſchoͤne große Brillanten darin? frug Aloyſia. Wer 17 weiß? laͤchelte die Wärterin. O geſchwind wol⸗ len wir hin! rief die Kleine und klopfte jubelnd in die Haͤndchen. Nein Aloyschen, entgegnete die Waͤrterin, es iſt zu weit, eh' wir hinkommen⸗ hat ſchon ein Anderes die goldne Schuͤſſel wegge⸗ nommen, und der ganze Regenbogen iſt fort! Wie aber Aloyſia ſich nicht bedeuten laſſen wollte und immer hinlangte, nahm ſie ein Jaͤger des Grafen, der aus dem nahen Buſch herzugetreten war, auf den Arm und ſagte, wie ſcherzend zur Waͤrterin gekehrt: nun wir wollen geſchwind nach der Gold⸗ ſchuͤſſel hin! Die Alte konnte nichtmach, der Ji⸗ ger hatte es gut mit ihr gemeint und beabſichtigte wohl, die Kleine nach ein paar Schritten auf einen anderen Gegenſtand zu bringen; aber ſie fragte nur unaufhoͤrlich, ob ſie nicht bald unter den Regenbogen kommen wuͤrden? So war der Jäger eine ganze Strecke mit ihr fortgeſchrittenz die Baumgänge, die mit Orangerie eingefaßten Weiher um das Luſtſchloß waren ganz in der Nä⸗ he, man hoͤrte die im Garten rau⸗ ſchen. Mit einmal ſchrie Auyfſin voller Shuhn ſie ſah einen geputzten Knaben wie unter dem Re⸗ 18 genbogen dahergeſprungen kommen, er wiegte und ſchaukelte eine blitzende Brillantenſchnur zwiſchen beiden Haͤnden und ſchien damit gerade auf die Kleine zuzuwollen. Aller Augenblicke hob er die Schnur gegen das Farbenband in den Luͤften, als ſpiegele das eine das andere zuruͤck. Der Jäger mußte Aloyſien vom Arm herunterlaſſen; ſiehſt Du? rief ſie, das Kind da kommt von der golde⸗ nen Schuͤſſel her, aber es will mir auch etwas davon geben, und ſchon flog ſie auf den Knaben zu und bat, gieb, o gieb geſchwind, Brillanten, lauter Brillanten! Da reichte ihr auch der Kna⸗ be die Schnur, erfreut wand ſie dieſelbe bald durch die Fingerchen, bald um den Arm, bald in das mit weißen und rothen Bandſchleifen, wie Ro⸗ ſen, geſchmuͤckte Haar, und der Knabe ſah ihr frohlich zu, nur mit einmal ſagte er etwas nach⸗ denklich, als wäre er unwillkuͤhrlich der Störer des eigenen Spiels: Du darfſt ſie aber nicht be⸗ halten. 42 Indem ihn Aloyſia hieruͤber bedenklich vſ trat der Hofmeiſter des Kleinen herbei, der in ei⸗ niger Entfernung ſeine Uhr nach dem dort befind⸗ lichen Sonnenweiſer geſtellt und einſtweilen auf 19 jenen nicht Achtung gegeben hatte. Er verſetzte? junger Herr, was haben Sie da? Leodegar, ſo hieß der Knabe, war ſtutzig uͤber die verfaͤngliche Frage und antwortete: ei wir wollen Juwelier ſpielen, lieber Herr Magiſter, das iſt die Kaͤufe⸗ rin, ſie putzt ſich in meinem Laden!— Wo haben Sie denn die Brillanten her? zeigen Sie doch! forſchte der Hofmeiſter weiter. Das ſind ja wirkliche gute Steine! das iſt kein Spiel fuͤr Sie! Ach lieber Herr Magiſter, verantwortete ſich Leodegar, ich habe ſie ja gefunden, denken Sie nur, dort oben im Baum ſaß eine Dohle und hatte ſie im Schnabel, da kam eine andere dazu geflogen und zankte ſich mit ihr, huſch! hat⸗ te die Dohle den Schmuck vom Zweige herunter ins Gras geworfen, da hob ich ihn auf! Geben Sie her! gebot der Hofmeiſter. Das ſind ja die Juwelen, zur Agraffe am beſiederten Jagdhut ge⸗ horig, die Seine kurfuͤrſtliche Gnaden aus Ihrem Zimmer heraus vermißt haben! Alſo eine Doh⸗ le iſt der Dieb geweſen, und Kinder ſind die Fin⸗ der— wie mäͤhrchenhaft! Die letzten Worte, die ihm in Reimklängen entfloſſen waren, ſchienen den Hofmeiſter mit einmal nachdenklich zu machen und . 20 auf noch ganz andere Gedanken zu bringen, denn er ſagte unerwartet freundlich: nun ſo ſpielen Sie nur noch ein wenig mit den Edelſteinen, aber laſ⸗ ſen Sie ſelbe ja nicht fallen! und bleiben Sie hier auf dem Platz, hoͤren Sie? Der Hofmeiſter fing hiermit an, abgemeſſenen Schritts die nächſte Al⸗ lee auf und ab zu gehen; er wollte die Brillanten⸗ ſchnur, mit einem Gedicht begleitet, dem erſten Kam⸗ merdiener uͤberreichen, und glaubte hiemit die Got⸗ tin Gelegenheit ſchon ſo knapp und ſtraff am gold⸗ nen Stirnhaar erfaßt zu haben, daß ſie ihm nicht entwiſchen könne, ohne ihm eine ganze Locke in der Hand zu laſſen⸗ Schon war er im Schweiße ſeines Angeſichts mit dem erſten Paar Alexandri⸗ ner, deren Wendung er den Herren von Beſſer, Konig und Canitz verdankte, gluͤcklich zu Stande gekommen und beſchaͤftigt, dieſelben ſeiner Schreib⸗ tafel, immer wieder ausſtreichend und einſchie⸗ bend, anzuvertrauen: als unter der Orangerie her Francisca mit einigen Andern auf die ſpielenden Kinder zukam, und Leodegard, denn der Knabe war ihr juͤngſter Bruder, ihr mit der Schnur ent⸗ gegen ſprang, die er Aloyſien ſchnell aus der Hand genommen. Die Damen erhoben ein Freudeng⸗ „ 21 ſchrei, das den Hofmeiſter zu ſeinem großten Ver⸗ druß aus allen goldenen Traͤumen weckte und ihm ſeine ganze Alexandrinerſchnur ſammt Gna⸗ denkette zerriß. Aloyſia blickte betruͤbt den ihr genommenen Brillanten nach; wer iſt das allerliebſte Kind? frug Francisca und liebkoſte der Kleinen, der ein paar Thraͤnchen aus den Aeuglein rollen wollten⸗ Francisca jedoch that ihr noch ſchoͤner, nahm ſie bei der Hand und ſprach: ſiehſt Du, Liebchen, die ſchoͤnen Steine gehoren uns allen nicht, aber Du ſollſt ſie hintragen in Deinem Haͤndchen, wo ſie hingehoren, da wird Freude ſeyn, bekommſt auch ein ſchoͤnes Schloß zu ſehn, da giebts viele, viele Bilder! Sie reichte der Kleinen die Hand und gab ihr die funkelnde Schnur zu tragen, Leode⸗ gar fuͤhrte Aloyſien zur andern Seite und freute ſich ſehr darauf, im Schloß die Geſchichte von der Dohle zu erzahlen. Die Wärterin nebſt dem Jaͤ⸗ ger, die ſich herbeigefunden, gingen in einiger Entfernung hinterher und wußten nicht recht, wie ſie ſich eigentlich bei alle dem zu benehmen hät⸗ ten, der Hofmeiſter, ebenfalls hinterdrein, zog die Uhr heraus und winkte: Graf Leodegar, es iſt 22 Stundenzeit! Francisca aber wandte ſich holdſelig gegen ihn und ſagte, gönnen Sie ihm nur noch einen Augenblick Spiel und Freude! Indem nä⸗ herte ſich Graf Wilibald, auf vielfache Weiſe durch das, was er vor ſich ſah, uͤberraſcht. Aloy⸗ ſia hatte ſich von Francisca losgemacht und eilte mit der Brillantenſchnur dem Vater entgegen⸗ Francisca war ebenfalls betroffen, erzahlte dem Grafen aber ſchnell und anmuthig den Zuſam⸗ menhang und ſetzte hinzu: nun begreife ich es wirklich nicht, daß mir des Kindes Aehnlichkeit mit Ihnen nicht fruͤher auffallen konnte! Wili⸗ bald ſagte: Aloyſia hat heute einen gluͤcklichen Tag, wie durch Feengunſt. Ich wuͤnſche Ihnen viel troſtliche durch ſie, antwortete die junge Graͤ⸗ fin und bog ſich zu der Kleinen, als habe ſie nur aufs leiſeſte ſeinen Schmerz beruͤhren wollen, um ihm weder antheilslos noch unberufen zu er⸗ ſcheinen. Darf Aloyſia mit mir gehn, fuhr ſie fort, dem Kurfuͤrſten die verlorenen Juwelen wie⸗ derzubringen? er hat Kinder ſo gern um ſich! Im Garten finden wir uns wieder zuſammen.— Schon ging Francisca mit den Kindern, die Wär⸗ terin war nur eiligſt herzugekommen, Aloyſiens eieee „ 23 Anputz beſtmoͤglich zu ordnen, und ſah ihr ängſt⸗ lich nach, wie die gute Mutter Gans dem ausge⸗ bruͤteten kleinen Schwane. Auch dem Grafen fielen erſt allerhand Bedenklichkeiten anderer Art bei, da ihm Aloyſia bereits aus den Augen war, und zugleich gab es ihm eine ſo eigene, erquickende Beruhigung, das Kind bei Francisca zu wiſſen. Unter ſolchen Gedanken hatte er ſich nach dem mit kleinen Bildſaͤulen umſtellten Boulengreen zuruͤck⸗ begeben, wo Francisca nach einiger Zeit wieder hervor kam. Aloyſia hielt ein kleines Andenken vom Kurfuͤrſten in der Hand. Ich hoffe, ſprach Francisca zum Grafen, Sie nehmen es nicht un⸗ guͤtig auf, daß Aloyſia beſchenkt wiederkehrt, der Furfurſt wollte das liebe Kind nicht unerfreut ent⸗ laſſen! dafür, ſetzte ſie heiter hinzu, hat ſie nun freilich die Brillanten wieder hergeben muͤſſen, und der Hofmeiſter hat ihr auch den kleinen Juwelier wieder abſpenſtig gemacht: ich denke aber, es giebt mehr Fruͤhlingstage, und an Brillanten, liebe Kleine, wird es Dir gewiß dereinſt auch nicht fehlen! Hier vermehrte ſich die Geſellſchaft umher, Wilibalden hatten die letzten Worte ernſthaft ge⸗ 24 macht, unbewußt war er durch Francisca ver⸗ wundet worden, und er fuͤhlte zugleich, wie viel mehr ſie ihm wohlgethan. Er mochte lieber nicht laͤnger weilen, ſondern das Bild dieſes Tages ſtill und in ſich rſchlKß Wohl giebt es Tage, die fuͤr das ganze Le⸗ ben entſcheiden. Einen ſolchen hatten Graf Wi⸗ libald und Francisca erlebt, auch Aloyſien ſollte dies in ſpaͤtern Jahren klar werden. Bald darauf war die Wilbgräſin, die einen Theil des Som⸗ mers beim Kurfurſten, ihrem Bruder, hatte zu⸗ bringen wollen, von einer unvorhergeſehenen Fa⸗ miliennachricht erreicht, plotzlich mit den Ihren abgereiſt. Wilibald verſchloß ſich nun mehr als zuvor in ſeine Einſamkeit, nur der Fuͤrſtengarten, wär' er, wie meiſtens in der Mitte des Sommers, unbewohnt geweſen, wuͤrde ihn an ſich gelockt ha⸗ ben, zu den Stellen hin, die ihm unerwartet lieb geworden waren. Gerade durch die ſchnelle Entruͤckung war Francisca's Geſtalt im vollen, erſten Glanze vor Wilibald ſtehen geblieben; ihr Bild hielt ihm ſtill zur Auslegung jeder Miene, 25 jeder kleinen Beziehung, die ihm wichtig geworden war. Oft will uns ja das feierlicher, geweihter erſcheinen, was ein einziger, ſchoͤner Augenblick uns gegeben hat; iſt doch gerade er der eigent⸗ liche Abglanz der Ewigkeit! Bepor das irdiſch Einwirkende ihn erreicht hat, iſt er in uns hinein entflohen und erleuchtet die Gipfel unſerer Seelez und da ſchwingt ſich leicht mit ſeinen Fluͤgeln ein ſchnell klarer Entſchluß in uns auf! So war es Wilibalden ergangen; ein Brief, von ihm nach Francisca's Wohnort geſendet, hat⸗ te die Gemuͤther uͤbertaſcht, aber, mit ihm befreun⸗ det, bald darauf ſeinen Beſuch veranlaßt, und und nun war er ſchon Francisca's Braͤutigam; ſein Sinn hatte ſich dem Leben, der Freude wie⸗ der zugewendet, er ſehnte ſich faſt leichtſinnig, von ſeiner Trubſeligkeit zu dieſer uͤberzugehn, und fand, daß er auch im Verhältniß zu Joſephen bei ihrer Lebzeit und nach ihrem Tod manches viel zu ſchwer genommen. So ſtand er jetzt wieder vor dem eroͤffneten Schmuckkaͤſichen; er nahm einen Theil heraus und legte die üͤbrigen mit einem Zed⸗ del in den Wandſchrank zuruͤck. Er wuͤnſchte, Francisca'n anſtändig zu beſchenken, noch immer v. Loeben's Erzähl. Bd. M. V 2 gab es aber vom vorigen Erben her jährlich Sum⸗ men abzuzahlen, ſo daß Graf Wilibald des baa⸗ ren Geldes noch nicht hinlaͤnglich maͤchtig warz und die froͤhliche Stimmung, worein ihn die Er⸗ fuͤllung ſeines Wunſches verſetzte, machte ihm den Entſchluß leichter, einige von den Juwelen anzu⸗ wenden, die er, ſpäter durch andere zu erſetzen, ſich auf dem beigefuͤgten Blatt anheiſchig machte. Bis dieſe Brillanten, dachte er, der Grabnacht uͤber⸗ geben oder Aloyſiens Eigenthum werden, iſt zum Erſatze vollauf Zeit! Auch konnte es wohl ſeyn, daß ihm ſein jetziges Gefuͤhl im ſchaͤrfern Gegen⸗ ſatze die Erinnerung an manches hervorhob, was ihm Joſephens Bild truͤbte, und daß er um ſo mehr, je bitterer ihn dies mahnen wollte, einen gewiſſen Leichtſinn daruͤber anzunehmen ſich be⸗ ſtrebte. Er hatte den Schmuck gaͤnzlich umfaß— ſen und durch Vermiſchung anderer Edelſteine mit den Brillanten unkenntlich machen laſſen. Die Arbeit des Juweliers war geſchmackvoll ausgefal⸗ len; die ſchweren Ohrglocken, die ſternartigen Blumen ins Haar, die lichtblitzenden Baͤnder um die ſchonen Arme wurden vom Grafen mit Wohl⸗ gefallen eingepackt, wie er zur Hochzeit abreiſte. W Francisca's erſte Frage war nach Alohſien; ſie hatte uͤberhaupt das ganze Verhaͤltniß mit ſchö⸗ nem Sinn ins Auge gefaßt und blickte mit der ihr eigenen Heiterkeit der Seele darauf hin, und eben dadurch ſchien ſie Wilibalds Gluck verbuͤrgen zu wollen. Oft war es auch, als ſey ihr deut⸗ lich worden, daß eine gewiſſe Sehnſucht des In⸗ nerſten hienieden meiſtens unerfullt bleibe, und man es diejenigen nicht entgelten laſſen muß, die nach dem Maaß ihrer Gemuͤths- und Gei⸗ ſteskraft uns umfaſſen und genuͤgen möchten. Als ſie am Trauungstag, da ihr die von Wilibald mitgebrachten Juwelen angelegt wurden, mit ein⸗ mal in einen Strom von Thränen ausbrach, und eine Schwermuth ſie uͤberkam, die gleichſam von der Stirn herab ihr aufs Herz druͤckte, die Wild⸗ gräſin ſie mütterlich in ihre Arme nahm und alle Andere wegwinkte, verſicherte Francisca, daß ſie ſich des Grundes dieſer Thränen nicht im Ge⸗ ringſten bewußt ſey, da ſi— auch deutlich fuͤhle, daß ſie von der den Bräuten oft zuſtoßenden Aengſt⸗ lichkeit frei geblieben. Sie that ſich alle Gewalt an, beim Brautmahl aber, mitten unter dem heiteren Geſpraͤch, das nur von den feierlichen Ge⸗ 2⁸ 28 ſundheiten bisweilen wie betaͤubt wurde, uͤber⸗ ſchimmerten ihre Thraͤnen die Brillanten im rei⸗ chen Kerzenglanz, daß ſie ihre lieben Augen un⸗ ter den Deckenleuchtern, die als Sonnenkronen her⸗ abſchwebten, oft niederſenkte, ohne doch den Bli⸗ cken Wilibalds und der Mutter ſie entziehen zu koͤnnen. Sie ſagte endlich, da theilnehmend und zugleich ſchuͤchtern in ſie gedrungen wurde, ſie kön⸗ ne verſichern, daß ſie wie die Andern vergnuͤgt ſeyn wuͤrde, wenn ihr nicht ſey, als druͤcke ſie etwas auf dem Kopfe, das ihr recht wehe thaͤte, vielleicht, meinte ſie, habe man die Brillantna⸗ deln zu dicht angeſteckt, doch wolle ſie keinen Auf⸗ ſtand erregen. Wilibald, etwas verblichen, bat ſie, den Schmuck lieber abzunehmen, worauf Francisca es that, doch blieb ſie ſtiller als gewoͤhnlich, auch Wilibalden hatte ſich die wunderbare Stimmung mitgetheilt, und niemand wußte recht, was ei⸗ gentlich vorgefallen ſey. Nach aufgehobener Ta⸗ fel ging es an den Tanz, er dauerte bis gegen Morgen, noch einmal ward Francisca ſo eigen bange, ſie bog ſich unter den ſeidenen Vorhang eines Fenſters, da war's als verſtummten ploͤtz⸗ 20 lich die Toͤne hinter ihr, als verloͤſchten die Ster⸗ ne vor ihr, bleich trat ſie vom Fenſter zuruͤck, was ihr aber eigentlich begegnet, ſagte ſie nicht, und bald darauf lächelte ſie erholt: es war eine bloße Taͤuſchung! was ſollte mir begegnet ſeyn? und reichte dem Grafen zur Menuett die Hand. Schneller als er, kehrte ſie zu ihrer ge— woͤhnlichen Heiterkeit zuruͤck, doch lächelte ſie auch von ihm den ahnungsvollen Eindruck weg, und die nächſten Tage gingen freundlich hin. Es wur⸗ den Ständchen gebracht, man machte ſich das zahlreichere Beiſammenſeyn ſo angenehm als mög⸗ lich, auch unterhielten die allerhand abgeſchmack— ten und hochbeinigten Hochzeitscarmina, worun⸗ ter das von Leodegars Hofmeiſter eins der laͤng— ſten und lächerlichſten war und ihm eine kleine Entſchaͤdigung fuͤr die zum Schweigen gebrachten Alexandriner eintrug. Auf dem alten Schloß hatte die Dienerſchaft, ein jedes nach ſeinem Amt, mancherlei Anſtalten zum Empfang des Hochzeitpaars gemacht. Aloy⸗ ſia konnte die Ankunft gar nicht erwarten und frug, ob denn Leodegar nicht auch mitkommen wuͤrde? Als der erſehnte Tag erſchien, zog man 30 ihr ein neues Kleidchen an und kämmte, kräu⸗ ſelte und puderte ſtundenlang an ihr herum. Sie hatte etliche Verschen auswendig lernen muͤſſen. Die franzoſiſche Mamſell, die ſeit dem Sommer bei ihr war, hegte zwar den Wunſch, ſie ſollte darin gleich die Erſtlinge des begonnenen Unter⸗ richts darlegen, aber Aloyſia bat flehentlich um deutſche Verschen und ſagte dieſelben der al⸗ ten ehrlichen Waͤrterin vor, die ſichs auch nicht nehmen ließ, in der Feſttagskleidung ihrer reichs⸗ ſtäͤdtiſchen Heimath, wie ſie Graf Wilibald im⸗ mer gern geſehn, hinter der Mamſell, welche wieder Aloyſien vor ſich hatte, am Schloßthor ſich aufzuſtellen, wo die Pferde aufgehalten wer⸗ den mußten, wenn ſie nicht die reichlich geſtreu⸗ ten Blumen zertreten und zerſtampfen ſollten. Die Mamſell, im ſtolzen Panier mit Schleifen⸗ bouquets beſtreut, das Haar hoch herauf geſtreift, einem Silberfaſane nicht unaͤhnlich, Schmink⸗ pfläſterchen im Geſicht und einen großen Fächer in der einen Hand, die ſich daneben bereit hieit, den Handſchuh der andern zur ehrerbietigen Be⸗ gruͤßung zu luͤften, hatte das Ende des langen Blumenbandes, das der armen Kleinen zu ſchwer 31 zu halten war, bis zum entſcheidenden Augenblick auf die breite Flaͤche ihres Reifrocks gelegt, waͤh⸗ rend ſie Aloyſien aller fuͤnf Minuten frug, ob ſie ihre Verſe noch koͤnne. Das arme Kind jubelte aber den Ankommenden ſo entgegen, daß es alles vergeſſen hatte. Francisca war mit einem anmu— thigen Sprunge vom ſpiegelhellen Scheibenwagen herunter, Aloyſia ſollte auf der Hofmeiſterin Wink ihr Spruͤchlein anheben, das labyrinthiſche Blu⸗ mengewinde um die Aeltern ſchlingen, die Graͤfin aber herzte und kuͤßte ſie und ſagte, das iſt der liebſte Gruß! umfaſſe Du mich nur recht traulich, mein Herz! ſo iſt mir's das ſuͤßeſte Blumenband. Dann wandte ſie ſich eben ſo holdſelig zu dem Grafen, deſſen Mienen ihr mit inniger Liebe dank⸗ ten. Die alte Waͤrterin weinte fuͤr Freuden und rief: ach Gott Lob und Dank, da haben wir wie⸗ der eine Mutter im Haus! Die Mamſell machte ſich einige Luft mit ihrem Fächer, verneigte ſich und konnte ſich nicht gleich in die Graͤſin finden, welche die der Ordnung nach ihr entgegentretende Dienerſchaft ebenfalls herzlich abfertigte, ohne ih⸗ re ſteifen Anreden ſehr zu beachten, und nur mit Wilibald und Aloyſien in die Zimmer zu kom⸗ men eilte. Dem Grafen bebte fuͤhlbar die Hand, an der er ſie einfuͤhrte, ſo eigen war ihm ſein Herz zu⸗ ſammengezogen. In den Zimmern waren die ja⸗ paniſchen Vaſen mit den ſchoͤnſten friſchen Blu⸗ men beſteckt, in Francisca's Wohngemach fanden ſich alle ihre Sachen ausgepackt, zierlich und fuͤg⸗ lich eingetheilt, als wäre ſie ſchon darin zu Hau⸗ ſe, ihre Mandoline lehnte ſich ihr vom Sopha entgegen, das Spinet wartete ihrer an der Wand, Porzellan, zum Thee bereit, ſtand auf dem Tiſch, im Fenſter, beim Stickrahmen, duckte ſich der Papagay in ſeinem Goldpallaſt und rupfte ſich ei— ne glaͤnzende Feder aus, als wolle er auch noch etwas zu Francisca's Schmuck herbeibringen; an einem Orangenbaͤumchen, das im Fenſter ſtand, hatte er eine reife volle Frucht durch die Gitter— ſtaͤbe erreicht, ſie brach los und rollte der Eintre⸗ tenden wie ein Gluͤcksapfel uͤber den Blumentep⸗ pich entgegen. Ueberraſcht hing Francisca am Halſe des Grafen und dankte fuͤr jede Aufmerk⸗ ſamkeit. Sie durchging alle Zimmer mit ihm, 33 ſie wollte gern gleich mit jedem bekannt werden. Wilibald hatte eine gewiſſe Scheu, ſie gleich bei ihrem Eintritt in das Cabinet mit Joſephens Bild und dem Wandſchrank zu fuͤhren; waͤhrend aber ein Diener ihn auf die Seite gezogen, ihn heim⸗ lich um irgend etwas zu befragen, ſah Francisca in das Cabinet hinein, that einen Schrei und flog, herausſtuͤrzend, dem ihr nachgeeilten Gra⸗ fen in die Arme, worin ſie ſich verbarg. Mein Gott, was iſt Dir widerfahren, frug dieſer, ſchon richtete ſich aber Francisca, mit ihrer eigenthuͤmli⸗ chen Kraft wieder geſammelt, empor und verſetzte, es war nichts, als daß mich die Aehnlichkeit des Bildes dadrin mit einer Traumgeſtalt uͤberraſch⸗ te, und ich einen Augenblick lang kindiſch war! es iſt doch Joſephens Bild, wie ſollt' ich mich nicht mit dem von Herzen befreunden! Sie wollte darauf ihren Schauer uͤberwinden und wieder hinein gehn, der Graf aber zog ſie zuruͤck und bat ſie herzlich, es auf einen anderen Täg zu laſſen. In der Nacht war es dem Grafen, als er⸗ wache er, und als bewege ſich etwas durch das Schlafgemach. Jetzt blieb es ihm gegenuͤber ſtehn, da wo zwei Nachtkerzen unter dem Spiegel auf 34 Francisca's Putztiſch brannten. Wilibald erkann⸗ te deutlich die Zuge ſeiner verſtorbenen Gemahlin, ſie winkte ihm ſanft mit der Hand, indem ſie die andere um die eine Kerze legte. Wilibald, fluͤ⸗ ſterte ſie, meine Edelſteine muͤſſen in den Wand⸗ ſchrank zuruͤck, dann wird alles noch gut, erfullſt Du aber dieſe Bitte nicht, ſo wird Francisca ſich todt weinen, ſo gewiß als ich dieſe Kerze hier auslöſche.— Die Erſcheinung war verſchwun⸗ den, Wilibald hatte ſich entſetzt nach der Wand abgekehrt, da er wieder aufſah, brannte nur noch das eine Licht. Er druͤckte die Augen im Fieber zu und konnte nicht wieder einſchlafen, der Mor⸗ gen fand ihn verſtört und unſchluſſig, es ſchien ihm unmöglich, Francisca vom Hergang der Sa⸗ che zu unterrichten, alle Zartheit duͤnkte ihm da⸗ durch verletzt, und dann ſtellte ſich ihm wieder vor Augen, was er verletze, indem er jener War⸗ nung gar nicht achte: und Todesangſt um Fran⸗ cisca's Leben, Schauder uͤber ihre Tragung der Brillanten wollte ihn ergreifen. Sie bemerkte ſeine innere Gemuͤthsarbeit, ſchob es aber auf den Eindruck, den ihm vielleicht ihr geſtriger Schreck gemacht, und beobachtete deshalb gänzliches Still⸗ 35 ſchweigen daruͤber. Ihr Beſtreben ging dahin, Wilibalden von ihrer ganz zuruͤckgekehrten Heiter⸗ keit zu uͤberzeugen, es gelang ihr auch, und er neigte ſich mehr und mehr dahin, jene Erſchei⸗ nung ins Gebiet der Traͤume zu verweiſen und in dem Ausloͤſchen der Kerze ein bloßes ſeltſames Zuſammentreffen zu finden, obwohl ſich ſein in— nerſter Sinn zu dergleichen Auslegungen nicht neigte. Mehrere Naͤchte vergingen ganz ungeſtort, und dem Grafen wurde allmaͤhlich wieder wohler zu Muth; doch in der ſiebenten Nacht darauf er⸗ blickte er die Geſtalt im Schlafgemach von neuem, ſie ſah ihn ſehr traurig und ernſt, aber zugleich liebevoll, wie nie ſo im Leben, an, ſtellte ſich dann wieder vor den Spiegeltiſch und ſagte: Wi⸗ libald, Wilibald, ſo gewiß als ich jetzt dieſe zwei Kerzen auslöſche, wenn Du nicht thuſt, wie ich Dir geſagt, ſeyd Ihr Beide des Todes! Dann ſeufzte ſie faſt melodiſch leiſe, und die Kerzen brann⸗ ten nicht mehr, alles war ſtill und dunkel im Zimmer, der Geiſt verſchwunden. Wilibald ſtöhnte laut und rief Francisca'n, er konnte ſich nicht entbrechen, er mußte um ſich 36 fuͤhlen, ob ſie lebe, ob ſie bei ihm ſey, er faßte ihre Hand, die ſeine war eiskalt, Francisca fuhr hoch auf und rief: Jeſus Maria! Du haſt eine Erſcheinung gehabt! Licht! rief Wilibald dumpf, umſonſt bemuͤht, ſeiner Stimme den Ausdruck des Gleichmuths zu geben. Franeisca klingelte am Bett: die Lichter ſind ausgebrannt oder aus⸗ geloͤſcht, rief ſie entſchloſſen der Kammerfrau ent⸗ gegen, aber ſie zitterte wie im ſtärkſten Froſt, je⸗ doch hielt ſie den Athem inne, bis ſie wieder al— lein waren. Wilibald wollte ſich vor der Graͤſin faſſen und ſagte: ich habe einen Traum gehabt, wie kommſt Du darauf, daß mir etwas erſchie— nen ſey? Francisca ſetzte ſich auf, ſah in den wie⸗ der hellen Kerzenſchein und hub an? meine Ah⸗ nutig ſagt es mir, Joſepha iſt hier geweſen! Am Hochzeitabend ſtand ich in plotzlicher Bangigkeit, von Euch allen abgewendet, in einem Fenſter des erleuchteten Saals, da ſah ich einen weißen Schein mir gegenuͤber, ich glaubte erſt, es ſey mein eigner Abglanz auf dem Fenſterglas, auch mei⸗ ne Juwelen ſpiegelt' es wieder, aber immer deut⸗ licher war es eine fremde Geſtalt, ein fremdes Antlitz. Wilibald, mit denſelben Diamanten 37 geſchmuͤckt, die ich an mir trug, ſchwebt' es, ganz weiß gekleidet, als laͤg' es auf einem Bett von Wolken, mir gegenuͤber, es hob eine Hand und drohte mir mit derſelben, aber ſehr ſanft, ich ſah mein eigenes Armband darum und wankte außer mir vom Fenſter zuruͤck,— in Deinem Cabinet, Wilibald, an jenem erſten Abend ſah ich Joſe⸗ phens Bild, es war nicht das erſtemal!— Gieb Dich zufrieden, Engel! ſprach Wili⸗ bald, es galt Dir nicht! Stoͤrt irgend etwas Joſephens Ruhe, forſchte Francisca, iſt et⸗ was gegen ihren Willen geſchehn? Störe ich ſie, Wilibald? Das Letztere gewiß nicht, ant⸗ wortete dieſer,— nur durch mich iſt Deine Ru⸗ he gefährdet, aber ich will nichts ſcheuen, ſie ſicher zu ſtellen, glaube mir! Es war Beiden er⸗ wuͤnſcht und faſt tröſtlich, daß der blaſſe Mor⸗ genſchimmer ſchon an die Scheiben ruͤhrte, und draußen Thiere und Vögel ſich zu regen begannen. Alles, was Wilibald zuvor geſcheut hatte, war durch die Sorge um Francisca uͤberwunden; er verſchloß ſich, da der Tag gekommen, mit ihr in das Cabinet, Joſephens Bild hatte er verhangen, die Tafel am Holzwerk der Wand mit den bei⸗ 38 den Kaͤſichen aufgeſchoben. Aus keinem Vorgan⸗ ge machte er ihr ein Geheimniß;, ſchon kannte er ihr tiefes, großes Herz, vor dem er ohne Beſorg⸗ niß, es zu verlieren, Verletzungen der Rückſicht wagen durfte, ja er geſtand ihr alles, was er hier⸗ bei verſehen hatte, nur was der Geiſt eigentlich zu ihm geſagt, verſchwieg ihr ſeine Zärtlichkeit. Francisca bewies ihm, wie ihn die vertrauenden Aufſchluͤſſe uͤber ſein Innerſtes und Geheimſtes ihr nur noch theurer gemacht. Sie fand in den Worten Joſephens:„Die Edelſteine muͤſſen in den Wandſchrank zuruͤck, dann wird alles noch gut,“ eine Beruhigung fuͤr ſeine frͤhere, wenn gleich nicht völlig zu entſchuldigende Handlungs⸗ weiſe. Die ſpätere wieder gut machen zu duͤrfen, erbat ſich Francisca von ihrem Gemahl und ver⸗ ſicherte ihn, daßs ſie ja ohnedies ſeit jenem Begeg⸗ niß an ihrem Hochzeitstag den Schmuck nie wie⸗ der mit ganz frohem Herzen angelegt haben wuͤr⸗ de. Ihre Hand trennte die Brillanten von den bunten Edelſteinen, die ihr zu eigen blieben, und legte jene ſorgſam in das Käſtchen zuruͤck. 39 Es war wieder um die Fruͤhlingszeit hin, als ſich Graf Wilibald mit ſeiner Tochter Aloyſia allein im alten Schloſſe befand. Aber viele Jah⸗ re waren vergangen ſeit jenem Tag, wie ſie mit einander den ſpielenden Funken im Waſſer zu⸗ ſah'n, und Aloyſten bald danach aus Leodegars Hand die Brillantenſchnur entgegenſchimmerte. Paula, ihre Stiefſchweſter, war nun zu ihr her⸗ angewachſen; dieſe von ihrer Großmutter, der Wildgräſfin, wo ſie den Winter zugebracht, wie⸗ der abzuholen, war Francisca vor kurzem abge⸗ reiſt. Fruͤher hatte ſie den Grafen, der ſeit eini⸗ ger Zeit auf beunruhigende Weiſe kränkelte, nicht verlaſſen mögen, und auch jetzt wuͤrde ſie mit ſchwerem Herzen weggegangen ſeyn, wenn nicht die treue Aloyſia zuruͤckgeblieben wäre. Dieſe war zugleich der Hauptgegenſtand, der die Graͤ⸗ fin zum Reiſen beſtimmt hatte. Wilibalds Kränk⸗ lichkeit, welche beſonders truͤbend auf ſeine Seele wirkte, ließ ihn manchmal einen fruͤhen, ja einen baldigen Tod ahnen, und ſeine Hoffnung, die ſchonen Lehne nicht zuruͤckfallen zu ſehn, war un⸗ erfullt, Aloyſia und Paula blieben ſeine einzigen Erbinnen. Leodegar war der juͤngſte von Fran⸗ 40 cisca's Bruͤdern; der Kurfuͤrſt hatte dieſen Neſſen als Knaben beſonders lieb, ſo daß man hofſen konnte, er werde fortdauernd geneigt ſeyn, etwas fur ihn zu thun. Man wuͤnſchte Leodegarn, der gegenwärtig im Kriegsdienſte des Kaiſers ſtand, mit Aloyſia zu vermählen, und ſchmeichelte ſich, der Kurfuͤrſt werde ihm zugeſtehn, daß er dem Na⸗ men eines Wildgrafen den des alten Geſchlechts von Wilibald beifuͤge und unter letzterem der Er⸗ be der ſonſt dem Kurfuͤrſten anheimfallenden Leh⸗ ne ſey. Der Wildgraf hatte noch mehr Gruͤnde, dieſe Anordnung eifrig zu wuͤnſchen. Sie ſollte den jungen Menſchen ſeiner gegenwärtigen Lage entziehn. Die Welt ſchien eben damals ſich in eine lange Ruhe und Behaglichkeit einzuſpinnen, das feurige Gemuͤth des Juͤnglings fand zu wenig Genügen im ſteifen Caſernendienſt, das Pferde⸗ tummeln und handeln, das Spiel, die kleinen lu⸗ ſtigen Intriguen, die mit dem Schuldenmachen in der Jugend verknüpft zu ſeyn pflegen, die flüchti⸗ gen Neigungen, die er einfloͤßte oder gewann, be⸗ ſchaͤftigten ihn, ohne dem inneren Feuer die ver⸗ edelnde Nahrung zu geben. Der Wildgraf ver⸗ meinte, daß eine ſogenannte ernſtere Liebe bedeu⸗ 41 tend auf ihn wirken wuͤrde, doch war es nicht ſeine Meinung, daß er ihr und dem erlangten Be⸗ ſitz allein leben ſollte, er hoffte ihn auf einer glaͤn⸗ zendern Laufbahn erſcheinen zu ſehn.— Die Briefe aus der Heimath, welche Leodegar mit die⸗ ſem Plane bekannt machten, erinnerten ihn leb⸗ haft an ſeine fruͤhſte Jugend, ſein Andenken wandte ſich Aloyſien zu, das noch namenloſe Ver⸗ langen, beduͤnkte ihn, ſey die erſte Liebe zu ihr, er ließ in der Antwort an die Seinen die friſche, harmloſe Freude ſprechen. In den einſamen Tagen, die Al ſin jetzt mit dem Vater zubrachte, lebte gleichſam ihre Kind⸗ heit wieder auf. Im Glanze, den jener Schmuck und der daruͤber ſtehende Regenbogen um ihn her verbreitete, war Leodegars Bild in ihrer Seele ſchweben geblieben. Die Gewißheit, daß er ihrer gedenke, daß er ſich des Wiederſehns freue, die Hoffnung, ſich in kurzem mit ihm jener Zeiten zu erinnern, beſeligte ihr Herz. Sie konnte die alte Hofmeiſterin vermiſſen, die mit Paula in der Stadt war, denn ſie wuͤrde jetzt manche Stunde bei ihr geſeſſen und ihren franzoͤſiſchen Mährchen, ſonderlich aber denen aus tauſend und einer Nacht, 42 wieder zugehorcht haben, welche ſie ihr ſo oft hat⸗ te erdählen muͤſſen, weil darin immer etwas von wunderſchönem Geſchmeide und der Magie der edeln Steine vorkam, wodurch auch die alte zier— liche Mamſell den Weg zu ihrem Herzen und deſ— ſen Zutrauen gefunden. Ja ſie war ihr oft wie eine Fee vorgekommen, die immer irgend eine neue Zauberei in den Taſchen, wohl gar ſelbſt in der porzellanenen Tabaksdoſe in Bereitſchaft habe, wodurch der Abend angenehm hingehe. Dann laͤchelte aber Aloyſia wieder auf dieſe Erinnerun⸗ gen hin und dachte, es iſt doch beſſer, daß die Mamſell mir jetzt nicht gegenüͤber ſitzt und mir vor⸗ erzaͤhlt, als haͤtte ſie alle Theile von Monsieur Gallands zauberiſchem Buch in ihren maͤchtigen Poſchen und friſche ſich dabei das altwerdende Gedächtniß mit einigen Priſen Spaniol aus dem viereckigten Porzellankaſten? an; denn ſie lachte mich immer aus, wenn ich von Leodegar ſprach und zog mich in ihrer drollich trockenen Weiſe auf, daß ich manchmal kindiſch zu weinen anſing! Von Francisca gingen die erwuͤnſchteſten Nachrichten ein. Alles wollte ſich glucklich ge⸗ ſtalten, der Kurfuͤrſt, in der Reſidenz anweſend, —— 43 war dem Anliegen ſeiner Schweſter und Nichte günſtig, die mit um ſo innigerem Zutrauen bat, als es nicht Paula'n ſondern Aloyſien galt; Leo⸗ degar hatte bereits Urlaub erlangt und ſollte in dieſen Tagen ankommen.„Vielleicht bringen wir ihn gleich mit,“ ſchrieb Francisca,„wenigſtens folgt er uns gewiß ſehr bald, denn er kann noch immer nichts erwarten. Paula,“ hieß es ferner im Briefe der Gräſin,„gefaͤllt ſich hier, und gefaͤllt, und letzteres, wie mir ſcheint, ihr unbe⸗ wußt. Das Herz unſerer Mamſell iſt in große⸗ rer Gefahr geweſen. Der alte penſionierte Hof⸗ meiſter Leodegars konnte ſie nicht wiederſehn, ohne es von neuem bitter zu empfinden, daß ſie ſeinem vormaligen Antrage ausgewichen, gemeinſchaft⸗ lich mit ihm eine Erziehungsanſtalt anzulegen. Er hat ſich ſeitdem noch mehr im Wachsboſſieren als im Verſemachen vervollkommnet, zur Probe die Schone noch in Wachs abkonterfeit, ihre Do⸗ ſe und den Schooshund nicht vergeſſen und iſt wieder in ſie gedrungen, ſich mit ihm haͤuslich niederzulaſſen, wo denn jedes durch ſeine Kunſt— Die Mamſell hat ihm eine ſchone Brieftaſche ge⸗ ſtickt, worein er ſeine Gelegenheitsgedichte bereits 44 gepackt hat— das Andere ſowohl feiern und ſchmuͤcken, als ernaͤhren koͤnnte. Nun hat die Mamſell zwar die Verfertigung ihres in der Tracht treuen, ſonſt aber um dreißig Jahre zuruͤckgeſtell⸗ ten Bildniſſes woh aufgenommen, auch mit dein armen Menſchen, wie ſie ſagt, großes Mitleiden empfunden, bleibt aber denn doch vernunftig ge⸗ nug dabei, daß Jedes es jetzt beſſer habe, und das lauter Narrheit ſey, wobei ſie jedoch mit einem langſamen Griff in die Doſe zu verſtehen giebt, ſie habe damals ohne ihr Zuthun dem armen Nar⸗ ren ſo den Kopf verruͤckt. Indeß,“ ſetzte die Grä⸗ fin hinzu,„wer weiß, was geſchieht, wenn Bei⸗ de erſt ihren Zoglingen den Brautſtand abſehen werden.“ In eine recht heitere Stimmung hatte den Grafen dieſer Brief verſetzt, der wie ein Freuden⸗ ſchuß aus der Flinte einer jener ſchönen Jägerin⸗ neny die im nahen Luſtſchloß abgemalt waren, den trüben Nebel um ihn her zerſtreuen ſollte. Er wuͤrde ſich einen Augenblick lang geſund gefuhlt haben, hätte nicht der Gedanke, daß er das Ver— maͤchtniß eines abſterbenden Geſchlechts auf ein fortbluͤhendes gruͤnde, einen wehmuthigen Ernſt 48 uͤber ſeine Freude verbreitet. Doch wollte auch der letzte Schmerz von ihm ablaſſen, wenn er ſein theures Kind anſah. Sie ſchien nur darum ſo ſchuͤchtern aufzublicken, weil das eine Art neuer Befreundung von ihr fordern wollte, was fuͤr ſie ja immer Heimath geweſen war.— Ein eigener Zug, wie er manchmal ein Gemuͤth durchzuckt, lenkte des Grafen Gedanken auf die Brillanten im Wandſchrank; es duͤnkte ihm, als muͤßten ſie heute von aller Schauerlichkeit frei geworden ſeyn und den Glanz von Freudenthraͤnen haben, wie er ſie in ſeinem Herzen fuͤhlte. Er konnte nicht widerſtehn, er ſchloß auf und legte die Steine um— her, gedankenvoll beſchrieb er allerhand Figuren damit, bald ward ein Kranz, bald wieder ein Kreuz daraus. Er hatte aus der Acht gelaſſen, ſich zu verſchließen, Aloyſia trat herein, der Glanz, ihr entgegenſpielend, uͤberraſchte ſie, der Graf war verlegen und ſuchte umſonſt nach der Erklaͤrung ſeines ſeltſamen Thuns, er wollte ſcherzen und ſprach, ſieh her, nun ſpiele ich Juwelier! Aloy⸗ ſia ſagte; ſind das wohl gar die Steine, die mei⸗ ne Mutter trug? Die Worte waren ihr wie uͤber die Lippen weggeflogen, faſt erſchrocken ſetzte ſie 46 hinzu: das kann ja aber nicht ſeyn, ſie ſind ja mit ihr begraben! Sie nahte ſich dem Tiſch und betrachtete die Steine. Etwas Schauerliches hat doch dies geheimnißvolle Licht, ſagte ſie, fortge⸗ ſtoßen von den zuckenden Strahlen und wieder danach hingezogen. Ja wohl ſchauerlich! rief der Graf uͤberwaͤltigt, riß die Steine zuſammen und druͤckte das Käſtchen zu. Beide ſchwiegen eine lange Weile. Körperlich erſchuttert, ſtutzte ſich der kranke Mann im Lehnſeſſel, erdfale Blaſſe uberzog ſein Angeſicht, er ſchien einer Ohnmacht nahe. Er ſtreckte die Hand nach Aloyſien und ſagte, es iſt der Schmuck Deiner Mutter, Du wirſt Dich deſſelben aber ſchwerlich erfreuen, Du weißt man⸗ ches noch nicht. Es hätte wohl Dein Braut⸗ ſchmuck ſeyn koͤnnen, ſagte er wieder. Jetzt lang⸗ te er auf den neben ihm ſtehenden Tiſch, nahm die Geſchichte von der Meluſina und reichte ſie Aloy⸗ ſien. Sie ſing an vorzuleſen; aber wie ſie zwi⸗ ſchen ihren Worten den Vater vor ſich hin ſeuf⸗ zen horte, glaubte ſie Raimunds Klage zu verneh⸗ men, und die alte Freude verſank in eine unheim⸗ liche Kluft, ihr war, als käme jeder Ton aus einem „ 47 tiefen Brunnen, worin die weinende Meluſina ſich befände und dem geliebten Raimund ihr Lebe⸗ wohl zuſaͤnge. Graf Wilibald hatte Aloyſien blos beſchaͤf⸗ tigen wollen, um mit ſich ſelbſt zu Rathe zu gehn. Er ſah unverwandt auf ſie hin und beobachtete ſie, aber nur der Klang ihrer Stimme, nicht der Inhalt ihrer Worte, drang zu ſeinem Ohr. Er beſchloß endlich ihr, da ſie nun als Braut zu betrachten, und die Ahnung des Geheimniſſes ihr mitgetheilt ſey, das entſcheidende Käſichen zu uͤberantworten. Ihm ſelbſt war es unmöglich, die Ungewißheit laͤnger zu ertragen. Er richtete ſich auf und unterbrach die Leſende, indem er ſie mit ſeinem Vorhaben bekannt machte. Schon ſtand er an der Stelle der Wand, wohinein er das Käſtchen mit den Edelſteinen verſchloſſen hat— te. Sie glaubte, er halte ihr daſſelbe wieder ent⸗ gegen, und rief, ach ſo muß es denn ſeyn? Nach dem Vermächtniß Deiner Mutter, antwortete er und uͤbergab ihr das hervorgezogene andere Käſt⸗ chen, mit dem Bedeuten, es auf ihrem Zimmer zu entſiegeln und das Weitere damit zu thun. Aloy⸗ ſia bedrang den Grafen, es in ſeiner Gegenwart 48 —— eroͤffnen zu duͤrfen; die Furcht, einſam in das Kaͤſtchen ſehen zu ſollen, ergriff ſie, ſie reichte ihm, der ſich abgewendet hatte, die vorgefundenen Papiere, ihr aͤngſtliches Bitten bewog ihn, ge⸗ meinſchaftlich mit ihr das Folgende zu leſen. Aus dem Nachlaß der verſtorbenen Graͤfin Joſepha. „Meine Mutter, die Marſchallin, ſaß un⸗ geduldig vor der alten Trodlerin aus der Vor⸗ ſtadt, welche ſie heimlich, während mein Vater am Hof ſpeiſte, hatte zu ſich holen laſſen. Die abgeſpitzten Finger der alten Cordel breiteten die ſchmutzigen Karten, welche ſie unter dem braunen Cattunmantel hervorgezogen, vor ihr aus, jedes Bild mußte die Marſchallin in Gedanken mit ei⸗ ner Perſon bezeichnen, und nach dreimaligem Auflegen blieb die Alte dabei, daß von allen de⸗ nen, welche ſich meine Mutter gedacht, keines ih⸗ re Brillanten entwendet habe. Seit dem letzten Hoffeſt vor wenigen Tagen vermißte ſie dieſelben, 6 49 aber es ließ ſich nicht beſtimmen, wie lange ſie ſchon fehlen mochten, die Marſchallin hatte ihrer nicht bedurft und daher auch nicht nach ihnen ge⸗ ſehen. Cordel ſah ſie ſcharf an und frug, ob ſie ſich denn nicht beſinnen koͤnne, daß vielleicht jemand allein in ihrem Zimmer geweſen und das Pult, worin der Schmuck gelegen, von Unge⸗ fähr offen gefunden habe. Es iſt ein einzigesmal geſchehen, antwortete die Marſchallin, und frei⸗ lich iſt es mir wahrſcheinlich, daß er gerade bei dieſer Gelegenheit weggekommen iſt, obwohl ich es noch nicht begreife. Eine Freundin ward da⸗ mals in der Geſellſchaft bei mir unwohl, der Mar⸗ ſchall fuhrte ſie in mein Zimmer, ich eilte herbei und öffnete das Pult, Cöllner Waſſer herauszu⸗ nehmen, womit ich ihr die Schlaͤfe rieb, ſie bat uns Beide, ſie zu verlaſſen, da ſie der Ruhe be⸗ durftig war, und die uͤbrigen Fremden, die Tan⸗ zenden und Spielenden, unſere Gegenwart zu fordern hatten. Die Marquiſe, ich weiß es, hat nicht geſchlafen, blos geruht, und es kann ſich daher niemand zu dieſer Zeit in das Zimmer ge⸗ ſchlichen haben, es muß zwiſchen dem Augenblick geſchehen ſeyn, wo ſie wieder erſchien, um ſich v. Loeben's Erzaͤhl. Bd. KH. 50 ganz nach Hauſe bringen zu laſſen, und ich durch andere Zimmer hindurch in das meine gegangen war, nach ihr zu ſehn.— Cordel miſchte die Karten von neuem, bat die Marſchallin, abzuhe⸗ ben und die Bilder zu bezeichnen. Sie legte die Coeur Dame auf den Tiſch und ſagte: beſin⸗ nen Sich die Frau Marſchallin wohl! Sie hielt inne. Alte! rief meine Mutter, Du erſchreckſt mich. Fahre fort, Gedanken hat man umſonſt, man braucht ſie keinem zu ſagen. Die Marſchale lin ſtutzte das Geſicht in die Hand und ſah nicht eher auf, bis ihr die Alte zurief: Coeur Dame iſts! oder ich will keine Karte wieder anruͤhren und mir an keinem Kaffeeſatz mehr die Augen ver⸗ derben. Indem rollte der Wagen meines Vaters in den Hof. Die Marſchallin winkte dem Weibe, ſie allein zu laſſen. Cordel zog ſich bei dir Kam⸗ merfrau zuruͤck, welche ſie beſtellt hatte, und ſag⸗ te fortgehend: im Spiegel, gnaͤdige Frau Mar⸗ ſchallin, konnen wir's noch deutlicher ſehn! Laß mir die Cordel nie wieder uͤber die Schwelle kommen! ſagte meine Mutter Abends beim Auskleiden zu der Kammerfrau und zuͤrn⸗ te ihr, ſie mit dem thörichten Weibe, wie ſie ſich 51 ausdruͤckte, bekannt gemacht zu haben. Aber ſie vermochte ihren Argwohn nicht zu unterdruͤcken, und glaubte verruͤckt zu ſeyn, daß ſie ihm Raum geben konnte. Sie pruͤfte das Betragen der Mar⸗ quiſe, ſeit jenem Abend, und konnte ſich keiner Veraͤnderung, die das boſe Gewiſſen hervorbrin⸗ gen mußte, bewußt werden. Sie konnte dieſel⸗ be ſeitdem weder ſchuͤchterner, noch zudringlicher finden, doch hatte der Zufall gewollt, daß ſie ſich in der letzten Zeit weniger ſahen, ohne daß ein Zuruͤckziehn der Marquiſe die Urſache war. Die⸗ ſe war eine junge Witwe, die, wie es ſchien, ihr freies Leben geſellig genoß, ohne neue Bande der Che oder auch nur der Liebe knuͤpfen zu wollen. Ihre Lage war gluͤcklich, ihr Reichthum be⸗ kannt, ſie hatte genug Edelſteine, daß ein erſin⸗ deriſcher Goldſchmied ein Netz daraus hätte machen können, ſie, wie Vulkan die Venus, darin der Welt zu zeigen; wie konnte die Marſchallin, um einer ſchmutzigen Kartendame willen, nur darauf verfallen, den Raub durch dieſe ſchoͤne zarte Hand im Gebiet der Möglichkeit zu ſuchen? Dennoch ließ der widerwaͤrtige Gedanke mei⸗ ner Mutter keine Ruhe. Sie wagte es nicht, 3* . 3 1 6) 32 ihn dem Marſchall mitzutheilen, aber ſie bedurfte einer mitwiſſenden Seele, die ihr den quaͤlenden, nagenden Argwohn tragen und loswerden helfen konnte. Sie bekannte der Kammerfrau ihre Un⸗ ruhe, ihre ſchlafloſen Näͤchte. Und warum, ſag⸗ te ſie, mußte ich gerade die Coeur Dame wählen? Ich that es nicht, das Weib bohrte ſie mir in den Blick hinein, und wie ein Pfeil ſchoß es aus die⸗ ſem heraus, der Marquiſe zu.— Die Kammer⸗ frau druͤckte die Hand meiner Mutter an den Mund und beſchwor ſie, nur ja meinem Vater ihren Verdacht nicht zu aͤußern. Fuͤrchteſt Du ſeinen Zorn? rief die ſchone Frau. Nein, ſeine Liebe, antwortete das Mädchen und ſah zur Erde. Rede! ſprach meine Mutter. Wie, Du willſt mir doch nicht die Coeur Dame auslegen? Der Herr Marſchall, ſagte das Maͤdchen, liebt die Marquiſe. Ich habe es ja an dem Abend ge⸗ ſehn, als er ſie in Ihr Zimmer fuͤhrte, aber da⸗ mals war die Marquiſe noch kuͤhl gegen ihn, jetzt ſchreibt er ihr, und ſie antwortet, und leſen Sie nur den Inhalt in den Augen des Herrn Mar⸗ ſchalls, die glänzen ja wie die Sonne, wenn ſie Eis zerſchmolzen hat.— Meine Mutter ſank 2 53 dem Maͤdchen wie ohnmächtig in die Arme. Dann aber ſtieß ſie die Huͤlfe zuruͤck und ſagte: o ich will der Coeur Dame einen Blick in das Herz boh⸗ ren, er ſoll funkeln wie meine Brillanten, und wenn er wie griechiſches Feuer in meinen Buſen zurückſiele! Gegen Abend richtete der Kammerdiener aus, daß mein Vater zum Nachteſſen ausbleiben wuͤr⸗ de. Meine Mutter rief dem vertrauten Mädchen und ließ eine Maske durch daſſelbe holen, die der Marſchall auf der letzten Redoute getragen hatte. Es war zwei Tage vor Faſtnacht, und alles ſtröm⸗ te zu dieſem vorletzten öſſentlichen Maskenball. Niemand im Haus ahnete das Ausgehn der Mar⸗ ſchallin, die ſich zitig zuruͤckgezogen hatte. Der Thuͤrhuͤter kannte ſie nicht, als ſie mit einer Be⸗ gleiterin das Haus verließ, er glaubte, daß noch zwei von den zuruͤckgebliebenen Leuten heimlich zum Tanze gingen, Beide hatten Mäntel uͤber ihre Masken geſchlagen. Die Marſchallin ging von dem Opernhaus abwaͤrts, ſie wandte ſich nach einem ſehr abgelegenen Platze, wo ſie das einſame Licht der Marquiſe hinter den Geſimſen flackern ſah, die, mehr einer Gallerie ähnlich, an der 54 Ruckſeite des unterſten Stockwerks angebracht wa⸗ ren, und zu denen man auf der Vorderſeite durch eine Reihe Stufen gelangte, daß es darin unmög⸗ lich war, von den Voruͤbergehenden durch die Fen⸗ ſterſcheiben geſehen zu werden. Die Marſchallin, als venezianiſcher Gondolier gekleidet, ſchluͤpfte auf den Saͤulenwerk und Marmorbilder tragenden breiten Sims, um ſo, an eine jener Saͤulen an⸗ gedrüͤckt, die Marquiſe, durch deren Zimmer ſie vollig unbemerkt blicken konnte, zu belauſchen. Das ſcharfe Auge meiner Muter ſah alles. Die Marquiſe, wunderſchön in der Maske einer mor⸗ genländiſchen Sclavin, als ſey ſie eben aus dem Saal getreten, oder konne ſich nicht entſchließen, auszugehen, kniete auf dem Teppich, um welchen ſie hohe Leuchter mit brennenden Kerzen geſtellt und die Brillanten der Marſchallin vor ſich liegen hatte. Ihr Auge ſog Trunkenheit daraus, dann bog ſie den glühenden Mund daruͤber und rief: was willſt du, goldener und blutdunkler Wein! was willſt du, Sonne! mich berauſchen? Meine Won⸗ ne, mein Licht, mein ſuͤßes Verderben wogt in. der Nacht, wie die Sirene durch das Meer, nun iſt der Sternenhimmel mein, hier der Orion mit 55 ſeinem Zauberguͤrtel fehlte noch, ich habe dich, Orion, ſchonſtes Geſtirn, Orion! Und, aufſpringend, holte ſie andere Diamanten herbei und ließ ſie den Funkelreigen um das erkorene Sternbild tanzen⸗ Dann flog ſie wieder nach der Thuͤr und ſah, ob ſie dieſelbe feſt verriegelt habe. Jetzt klopfte es an derſelben, meine Mutter hoͤrte deutlich die Stimme des Marſchalls. Die Marquiſe ſprang auf, riß den Schmuck zuſam⸗ men, und meine Mutter bemerkte, wie ſie den ihrigen beſonders in einen Wandſchrank warf, deſſen Thuͤr ſie leiſe andruͤckte. Sie ließ den Mar⸗ ſchall herein. Er hatte die Larve abgenommen, ſonſt war er noch in der Maske des Tuͤrken, die er an dem Abend getragen hatte. Meine Mutter war uͤberraſcht von dem Reiz, den ihm dieſer An⸗ zug lieh. Sie glaubte ihn nie ſo geſehen zu ha⸗ ben. Auch die Marquiſe, die ihm uͤber ſeinen ſpäͤten Eintritt Vorwuͤrfe machen wollte, ſtand betroffen. Schoͤne Fatme, ſagte er, Sie hat⸗ ten Ihrem Freund verſprochen, daß er Sie ſin⸗ den und aus dem Gewuͤhl entfuͤhren ſollte, Sie kamen nicht, ich hab' es nicht verſucht, in eine einzige Hand das ausgemachte Zeichen zu ſchrei⸗ —————————————————————— 56 ben, keine war zart und klein genug, um die Ih⸗ rige ſeyn zu können, und verargen Sie mir es nicht, daß ich komme, Ihnen Vorwuͤrfe zu ma⸗ chen! Oder wollen Sie bereuen? Noch weiß der Saal dort nichts von Nacht, es iſt alles Morgen⸗ oder Abendglanz darin. Wollen Sie meinen Arm? Muß ich fort? Sagen Sie nein zu bei⸗ den, und ich bin verſohnt. Die Marſchallin gab das Zeichen und eilte die Leiter herab. Sie hatte bei dem aufgeregten Ungeſtuͤm der Seele doch ſo viel Beſinnung, den Eintritt durch das Haus dem durch die Balcon⸗ thuͤr vorzuziehn. Sie ſtand vor dem Marſchall und der Marquiſe, welche ſie nicht kannte und zu meinem Vater ſagte: Herr Marſchall, Ihr Faſtnachtsſcherz geht zu weit, Sie wollen mein Haus zum Maskenball machen. Der Marſchall erwiederte: ich bin nicht unbewafſnet gekommen, Marquiſe, und ich ſcheine es nicht zu bereuen zu haben. Doch fuͤr den Augenblick beſtimmen Sie, welche von uns beiden Masken ſich von hier zu entfernen hat. Beide, nahm die Marquiſe, halb zum Scherz es drehend, das Wort, meine Mut⸗ ter aber ergriff ihren Arm, indem ſie ſich die Larve 57 abnahm, und ſagte mit einer Stimme, die kaum aus der kochenden Bruſt hervorwollte: Frau Mar⸗ quiſe, ich komme nicht, Ihnen einen Ungetreuen abzufordern, deſſen Herz Sie mir entwendet haben, aber das andere Feuer, das Sie mir geſtohlen haben, das will ich zuruͤck. Auch Sie feiern die tolle Nacht voraus! rief die Marguiſe lachend; Marſchall, fuͤhren Sie die Marſchallin nach Haus! es brennt uns, glaube ich, allen in den Köpfen. Sie verſtehn mich recht gut, fuhr die Mar⸗ ſchallin fort, Sie muͤſſen mich verſtehen, es ſind meine Brillanten, die ich von Ihnen fordere. Un⸗ erhoͤrte Raſerei! rief der Marſchall. Komm nach Hauſe, unſinnige Frau. Du haſt Tollkirſchen oder Schierling gegeſſen, der Wahnſinn tanzt mit Dir, er verdreht Dir die Augen. O liebe Mar⸗ quiſe! hoͤren Sie nicht auf die verwirrten Reden! — Der Marſchall wollte ſeiner Gemahlin in der Verlegenheit, worin er ſich befand, den Arm aufdringen, ſie wies ihn zuruͤck und ſagte: ma⸗ chen Sie den Wandſchrank auf, Marquiſe, oder koͤnnen Sie es läugnen, daß mein Schmuck dort in dem unterſten Fache liegt? 58 Die Marquiſe wechſelte die Farbe, der Mar⸗ ſchall trat von den beiden Frauen zuruͤck, die Un⸗ gluͤckliche ſah meine Mutter an und rief: furcht⸗ bare Scherin! o Du Nachtwandlerin! fort, fort, laß ab von mir! Grauſame, meine Ehre willſt Du mir rauben? Ja, Deine funkelnden Blicke wollen ſie mir ausſaugen! O trinkt mein Blut, ihr Vampyre, aber trachtet nicht nach dem ſchö⸗ nen Himmel, der mir Einſamen leuchtet! Was will ich denn von der ganzen weiten Welt, als das Licht, das alle erfreut? O tritt zuruͤck, ge⸗ haͤſſiger, mistrauender Schatten! Frau Marſchal⸗ lin, ich habe Ihren Gemahl nie geliebt, Sie duͤr⸗ fen ruhig ſeyn, ich werde Sie nie beſtehlen, und ich, ich habe glänzende Huͤter, ihre Strahlen⸗ ſchwerter ſind ſchuͤtzend und abwehrend uͤber mich gezuͤrkt! Dieſe Schwerter find es, antwortete meine Mutter, die deine Ehre durchbohren! Thun Sie auf, Frau Marquiſe! ſind ſie unſchuldig, warum zögern Sie?— Wohlan, ſprach das ſchoͤne, ge⸗ ſchmuͤckte Weib mit einem tiefen Seufzer und ſah den Marſchall anz Sie glauben mir noch, nicht wahr? Aber die Frau Marſchallin ſoll be⸗ 59 ſchaͤmt werden. Sie ſchloß auf, und man ſah nichts in dem Schranke, als einen kleinen Napf, deſſen Deckel, fluͤchtig umgeſtuͤrzt, daneben lag. Indem meine Mutter unvermuthet hinabſah und die Brillanten im Scheidewaſſer liegen fand, wo⸗ mit das Gefaͤß angefuͤllt war, glitt die Marqui⸗ ſe an ihr nieder, umſchlang ihre Kniee und rief: ich bin ſehr ungluͤcklich, Marſchallin, das ſey Ihnen genug! vergeſſen Sie Ihrer Wuͤrde nicht, wie ich der meinigen vergaß. Retten Sie mich! Es giebt dunkle Stunden im Leben der gluͤhenden Menſchen, auch Sie koͤnnen ſolche erleben, o wenn Ihnen dann der Hauch eines mildernden Engels die Stirn kuͤhlt, dann denken Sie der Vergeltung, die ich Ihnen wuͤnſchte! Sie wandte ſich zu meinem Vater. O lie⸗ ber Marſchall! ſagte ſie. Ihre Gemahlin kennt das Entzucken nicht, das ſireniſch in den hellen ſchauerlichen Steinen auf uns lauert. Auch Sie haben vielleicht nie recht auf die Sagen von die⸗ ſem Zauber gehöͤrt. Dieſe in die Tiefe gefallenen Sternlichter woben an meinem Schickſal, ich liebe die Nacht um ihretwillen, dann ſchlagen —.—————————————————————— 60 ſie die Blicke zu ihrem alten Haus empor, tro⸗ ſtend kommen die kleinen Gnomen herbei, huſchen durch die Wände, worein die ſpielenden Lichter ver⸗ ſchloſſen ſind, und nun geht eine heimliche Muſik darin auf, wobei die zarten Gäſte, ein jeder in ſeiner Diamantlaube, ſich im bunten Licht be⸗ rauſchen und den Liebeswein einander zutrinken. Faſt an der Wiege ſchon haben mich dieſe Geiſter mit Juwelen uͤberſtreut, der zeitige Tod meiner Mutter machte mich reich daran, und noch als erwachſenes Mädchen ſetzte ich mich oft in einem Baumgarten, wenn mich niemand ſehen konnte, bei Mondſchein ins Gras und ſtreute Brillanten wie Gluͤhwuͤrmer um mich her und nannte mich die Thaugottin, wenn die Morgenſonne ſchon alle Thränenſpenden Aurorens von den Halmen abgekoſtet hatte. Dem Manne, der mir den ſchönſten Brautſchmuck bieten konnte, ward mei⸗ ne Hand. Ich taͤndelte lebenslang mit dieſem. Glanze, die Liebe war mir eine Muͤcke, die in ⸗ ihm ſpielte. Außer dem Schmucke der Königin⸗ nen, hatte ich nichts wunderbarer Schönes geſehn, als ich beſaß. Ich war nicht reich zu nennen, ich befand mich oft mit jenen römiſchen Herzogin⸗ ——.— 61 nen in einem und demſelben Falle, von denen manche arm aber ſteinreich zu nennen iſt. Da zeigten Sie, Frau Marſchallin, mir Ihre Bril⸗ lanten. Ich ſah Sie dieſelben tragen, Sie gli⸗ chen der bezauberndſten Fee, wenn dieſe Lichter die Krone uͤber Ihnen woͤlbten, mit dem Grazien⸗ guͤrtel Sie umflochten. Je mehr ich hineinſah, deſto unwiderſtehlicher ward mir ihr Reiz. Mir ſchien, ſie blickten nach mir, ſie geitzten nach mir, nach der Ruhe meiner Seele. Mir war, als wollten Sie mich demuͤthigen und quaͤlen, ſo oft Sie die Steine trugen, wie eine maͤchtigere Fee der andern, erſchienen Sie mir, eine Kraft, däuchte mir, hatten Sie an Sich geriſſen, die ich Ihnen ſtreitig machen muͤßte die ich Ihnen ab⸗ zuliſten wuͤnſchte, und nun, Frau Marſchallin, an dem Tanzabend bei Ihnen, allein mit dieſem Sauber ſeyn und ihm widerſtehen, nein, dies war uͤber meine Krůfte! Er ſchlang gluͤhende Ne⸗ tze um mich, er, er riß mich fort zu dem Entſetz⸗ lichen, das den unheimlichen Maäͤchten angehoͤrt. Ha, wie die kleinen Teufelchen darin im Feuerre⸗ gen tanzen und einander lachend die brennenden Herzen ausreißen und ſie vor die weingoldnen, 62 ſchwefelgelben, rünlichen Augen—— Sie ſelbſt, Frau Marſchallin! Ein Strom von Thränen folgte den pne riſſenen Worten. Er ſchien ihr wie ſcharfes Glas die Bruſt zu zerſchneiden. Sie ſah flehend zur Marſchallin auf, die zu ihrem Gemahl ſagtet ſoll ſich dieſer Luͤgengeiſt noch länger mit ſeinem Unſinn. beruͤhmen? Anſtatt ſich ruhig als gemei⸗ ne Diebin zu bekennen, ſchmuͤckt ſie ſich vor un⸗ ſern Augen mit dem frechen Raube und will da⸗ mit an das Licht der Sonne treten. Stehen Sie auf, Marguiſe, und erwarten Sie Ihre Strafe. Laß es genug ſeyn, ſagte der erſchuͤtterte Marſchall. Die Marquiſe: entfernt ſich von hier, und wir ſehen ſie ziemals wieder.— Ihres Mitleid bin ich nicht werth, ſagte die Marquiſe zu ihm, und doch will es der Beſchutzer ſeyn, der zwiſchen mich Schuldige und die zurnende Mat⸗ ſchallin tritt! O erfahren Sie es denn, daß nur die Angſt, die mir ſeit meinem Fehltritt auf den Ferſen ſitzt, mich fuͤr Sie freundlich machte, mich heute in Ihre Arme warf! Sie geſtanden mir Ih⸗ re Leidenſchaft am Tag nach dem verhängnißvol⸗ len Feſte, und ich wähnte, in Ihrem Geheimniß 63 ⸗ eine Sicherung des meinen zu beſitzen. Eine un⸗ beſchreibliche Unruhe hinderte mich dieſen Abend, Ihnen mein Verſprechen zu halten. Mir war, als ſollte ich in der Abweſenheit von den ſchoͤnen Stei⸗ nen dieſelben wieder verlieren, und ich ward nur wieder froh, als ich mich eingeſchloſſen hatte und an ihrem Anblick weiden konnte. Sie bog ſich uͤber den Napf, worein ſie den Schmuck geworfen hatte, hob mit einer zierlichen Zange, die am Kamin lehnte und in durchbro⸗ chener Arbeit die Proſerpina auf Pluto's Wagen darſtellte, ein Stuͤck nach dem andern hervor und begann, jedes mit ihren lang niederſtroͤmenden Haaren abzutrocknen. Was machen Sie, Mar⸗ quiſe! rief der Marſchall. Ihre ſchönen Haare! Sie ſtellt eine Magdalene vor, ſagte die Mar⸗ ſchallin. Die Marquiſe ſah zu ihr auf. Das Auge meiner Mutter ſtarrte ſie ungeruͤhrt und ver⸗ achtend an. Sie konnte ſich nicht uͤberzeugen, daß noch in irgend einem Winkel ihrer Seele Wahrheit und Unſchuld uͤbrig geblieben ſey. Waͤ⸗ ren wir in Amerika, Marquiſe, ſagte ſie zu ihr, und waͤren Sie kein Weib, ich wuͤrde Sie zur Arbeit in den Diamantengruben empfehlen! Gott 64 im Himmel, ſchrie die Marquiſe auf, nun iſt es mir klar, Sie wollen meine Schande! Sie reichte ihr die Brillanten. O ihr ſchönen Steine, ſagte ſie dabei, weint Licht aus euren Augen, laßt es auf dies ſteinerne Herz fallen, das ein blutendes zermalmen will! Die Marſchallin ſah beleidigt und ſtolz herab. Sie ſagte: nicht aus Ihrer Hand werde ich dieſen Schmuck annehmen. Die Hand der Gerechtigkeit iſt nach ihm ausge⸗ ſtreckt, und nur aus dieſer darf ich ihn wieder empfangen. Soll ich Andere vor den Heimtu⸗ cken einer Betruͤgerin ungewarnt laſſen?— Au⸗ ßer ſich hob die Marquiſe die Steine uͤber ihr Haupt empor und rief: nun ſo ſeyd verflucht, ihr Unglucksſterne! mein Auge iſt trocken, aber wer fortan euch trägt, o laſtet ſchwer auf ihm, bringt ihm Thraͤnen, Thränen, Thränen! Furchtbares Weib, rief meine Mutter und entriß ihr den Schmuck, als hoffe ſie, denſelben noch vor der Macht des Fluches zu retten. Sie bat den Marſchall um ſeinen Arm. Beruhigen Sie Sich, ſagte dieſer zur Marquiſe, ſie hat die Steine zuruͤckgenommen, Ihr Ungluͤck bewegte ſie, wenn ſie es gleich verbergen will. Ohne ein Wort 65 zu wechſeln, ſchritten meine Aeltern die Straßen entlang, bis ſie unſere Wohnung erreichten. Arm in Arm, wie ein verſpätetes Liebespaar, und die Herzen niemals weiter auseinander, ſo fantaſtiſch in ihrer Maskentracht, und ſo vernuͤchtert und geſpenſtiſch! Als ſie die Verkleidung abgelegt und ſich im Zimmer befanden, ging mein Vater auf und nie⸗ der, von Zeit zu Zeit ſchuͤrte er die Kohlen im Kamin, dann warf er das Schuͤreiſen aus der Hand, die Zange mit dem Pluto und der Pro⸗ ſerpina fiel ihm ein, welche die Marquiſe in das Brandwaſſer getaucht hatte, die Juwelen der Mar⸗ ſchallin emporzuziehen. Meine Mutter und er, Beide wuͤnſchten ſich zu meiden, und doch war es, als ſeyen ſie einander gegenuͤber gebannt, bis eins von ihnen das furchtbare Schweigen gebrochen haben würde. So viel es das bange und unge⸗ ſtuͤm wallende Blut erlaubte, dachte der Mar⸗ ſchall dem Beginnen meiner Mutter nach, und plotzlich blieb er hinter ihr, die ſich an den Schreib⸗ tiſch geſetzt hatte, ſtehen und ſprach: unerbittlich, wie Du gegen die Marquiſe bliebſt, verdienſt Du, daß ich Dich frage, ob es Deiner wuͤrdig war, 66 ſie und mich auf dieſe abentheuerliche Weiſe zu uͤbetraſchen? Um ſich zu faſſen, hatte ſich die Marſchallin von ihm abwärts geſetzt; ohne ſich umzuwenden, reichte ſie ihm jetzt das Blatt, wor⸗ auf ſie der Marquiſe die Buſage gethan hatte, ſie durch Befteien von der verdienten öffentlichen Bes ſchämung beſchämen zu wollen. Laß mich noch jetzt gleich damit zu ihr eilen, ſagte mein Vater⸗ Ihre Verzweiflung bedroht ihr Leben. Meine Mutter entriß ihm das Blatt und warf es in die Kohlen, die nur dieſes Hauchs bedurft zu haben ſchienen, um praſſelnd emporzuflammen. Wie vernichtet, warf ſich mein Vater auf das Tabou⸗ rett am Kamin, dem andern gegenuͤber, worauf meine Mutter ſich ſcheinbar ruhig niedergelaſſen hatte, während ihre Hand zitterte. O Mistrauen, rief mein Vater, dich erfand die Hölle! Was erfand ſie nicht! ſprach meine Mutter, und große — ſielen aus ihren ſtolzen, ſtrengen Augen⸗ Der Morgen graute allmählich zu den hohen zuciun Fenſterſcheiben herein und ſchien zuf die rieſengroßen Wandſpiegel, es war, als träte der Himmel vor dieſelben und nehme ſich die Nacht⸗ mohrenmaske davor ab. Die Marſchallin ſchauer⸗ 67 te zuſammen und ſagte: bringe der Marquiſe Troſt. Schreiben kann ich nicht zum zweitenmale, mei⸗ ne Augen ſind wund. O ihr Launen eines Wei⸗ bes, rief der Marſchall, die ihr raſtlos wechſelt zwiſchen uͤbeln und guten, wie die Ebbe und die Flut, die den Strand bald uͤberſchuͤtten, bald kahl und trocken laſſen! Ich gehe, ich halte Dei⸗ ne edle und wahre Regung feſt.— Der Ruhe beduͤrftig, ließ ſich meine Mutter einſtweilen zu Bette bringen. Es verging eine ganze Zeit, bevor ſie dieſelbe finden konnte, aber die Erſchoͤpfung ſiegte uͤber die aufgeregten Geiſter. Sie war im erſten Schlaf, als die rothen Vor⸗ hänge raſch zuruͤckgeriſſen wurden, und ein heißes Schluchzen ſie aufſchreckte. Mein Vater ſtand wieder vor ihr. Es war ſchon zu ſpaͤt! ſagte er. Die Marquiſe verſchied in meinen Armen. Meine Mut⸗ ter richtete ſich, ohne zu ſprechen, auf. Die Ungluͤck⸗ liche, fuhr er fort, ſah ihr Verderben vor ſich. So⸗ bald der Morgen anbrechen wuͤrde, glaubte ſie auch die Gerichtsdiener erſcheinen zu ſehn und ſie dem ſchnöden Urtheil der Welt uͤberliefern. In die⸗ ſer gluͤhenden Angſt duͤrſtete ſie nach einem kuͤh⸗ lenden Waſſer des Vergeſſens, und das unſeligſte 68 floß ihr entgegen, daſſelbe, welches dieſe Steine hier von ihrer Faſſung löſen ſollte. Wie das un⸗ auslöſchliche Feuer wuͤthete es alſobald in ihren Eingeweiden. Ich vermochte nichts mehr, als ihr die Verſicherung zuzufluͤſtern, daß das Ver⸗ gangene in unſern Herzen ſeine Ruheſtaͤtte finden ſoll. O wie der Tod die lieblichen Züge entſtellt hat! Wohl uns, ſagte meine Mutter endlich, daß wir das Unſrige thaten. Es waͤre zu entſetz⸗ lich geweſen, wenn wir uns Vorwurfe zu machen hätten. Die Ungluckliche iſt am tiefſten geſun⸗ ken, indem ſie ſich uͤber ihre Schande erheben wollte, es iſt uns nichts uͤbrig, als Gott um Er⸗ barmen mit ihrer Seele zu bitten. Sie wird es finden, antwortete der Marſchall, Gott iſt gro⸗ ßer als wir, nur die Liebloſigkeit findet kein Er⸗ barmen! Die Blicke meiner Mutter waren auf die Ju⸗ welen gefallen, die neben dem Bett auf dem Ti⸗ ſche lagen. Sie holte ſchwer Athem und ſagte: die Marquiſe hat ihnen den Fluch gelaſſen! o daß ſie ihn zuruͤckgenommen, daß ich den Schmuck nie wieder erblickt hätte! Bannte ſie nicht die kleinen unruhigen Teufelchen hinein? waren das ——— —— 69 nicht ihre eigenen Worte? Sie iſt eine Zauberin geweſen, ſie wird mich quälen, ſo lang' ich das Leben habe. Die Marſchallin barg das Haupt in die Kiſ⸗ ſen und zog die Vorhänge zu. Mein Vater wuß⸗ te nicht, was er anfangen ſollte. Ihm war, als moͤchte er eine Wuͤnſchelgerte nehmen, einen ver⸗ borgenen Quell ſuchen, den Ungluͤcksſchmuck hin⸗ einſenken und die aufgegrabene Stelle wieder verſchuͤtten. Die Sorge, allen Geruͤchten uͤber das Ende der Marquiſe nach Kraͤften vorzubeugen, zog ſeine Gedanken ab. Er war entſchloſſen, im Fall ſein Streben mislaͤnge, das Geheimniß in die Haͤnde des Fuͤrſten niederzulegen und es ſei⸗ nem Schutze zu empfehlen. Als er wiederkehrte, fand er die Marſchallin angekleidet und gefaßt. Sie ſchlug ihm vor, trotz der Jahreszeit, auf das Land zu gehn. Du bedarfſt der Zerſtreuung, ſag⸗ te ſie, die hieſige kann Deinen Schmerz nur auf⸗ reizen, und es iſt nothwendig, ihn zu verbergen. Was ich in der Stille zu Deinem Troſt erſinnen kann, will ich thun, dieſe fieberhafte Ueberſpan⸗ nung muß nachlaſſen, und bald wird alles Schau⸗ 70 erliche zu einem Wintertraum, den der Fruͤhling von den Auen kuͤßt. Es ſchien, als wollten ſich die Worte mei⸗ ner Mutter beſtaͤtigen. Das Andenken der Mar⸗ quiſe verlor im Herzen des Marſchalls täglich mehr von ſeiner ſchmerzlich en Gewalt an eine lieb⸗ lichere, die ihm ihr Bild in wehmuͤthig ſußen Träumen zeigte. Er wagte nicht, der Marſchallin den Troſt zu bekennen, den ſie ihm gaben, aber ſie ſchien ſein Herz dem auflebenden Fruͤhling zur Pflege uͤberlaſſen zu haben und zu ſtolz zu ſeyn, um nicht zu bereuen, daß ſie jemals eiferſuͤchtig geweſen war. Er kam ihr wie ein Träumer vorz deſto ſtrenger verwies ſie alles das Wunderbare, was die Begebenheit mit der Marquiſe gehabt hatte, in das Gebiet der weſenloſen Traͤume. Die längeren Tage, die heiteren Lůfte er⸗ hielten dieſe Stimmung meiner Mutter aufrecht. Sie glaubte, mit ſich, mit dem aufregend Durchleb⸗ ten fertig zu ſeyn, die Herrſchaft der Fantaſie war ihr von jeher demuͤthigend und verrätheriſch erſchienen, und ſie zuͤrnte ſich ſelbſt, dennoch von ihr uͤberraſcht worden zu ſeyn.. * 71 Die Raͤckkehr zur Stadt im Herbſte führ⸗ te das Wiederſehen und den Wiedergebrauch des Brillantenſchmucks herbei. Es war meiner Mut⸗ ter durchaus unangenehm, ihn anzulegen; aber theils wollte ſie das vom Marſchall der ſterbenden Marquiſe gegebene Verſprechen mit nichts verle⸗ tzen, thrils betrachtete ſie den Schauer, der ſie beim Anblick der Steine überſiel, als einen Ein⸗ griff der Einbildungskraft, den ihre Vernunft zuruͤckweiſen muͤſſe. Mein Vater dagegen ſchien nur, wenn er ſie mit demſelben ſich ſchmuͤcken ſah, an die erlebten Schreckniſſe gemahnt zu wer⸗ den; er konnte ſich ſonſt der Lebensluſt und Freu⸗ de wieder hingeben. Die Marſchallin wuͤrde ihm zu Gefallen das Tragen des Schmucks vermieden haben, aber ſie wollte ihren innern Abſcheu üͤber⸗ winden. Sie vermochte es nicht. Ohne daß man eine Krankheit an ihr bemerken konnte, woll⸗ te ſie das Bett nicht verlaſſen, ſie hing Gedanken nach, die ſie äͤngſtlich in ſich verſchloß, manch⸗ mal wollte ſie in der Nacht geweckt ſeyn, weil ſie die Furcht hatte, im Traum ausgefragt werden zu konnen. Es vergingen Jahre auf dieſe Art, und ich erwuchs in dieſer truͤbſeligen Zeit. Ich 72 kann kein rothdamaſtenes Himmelbett ohne eine Art Entſetzen anſehn. Ich ſehe meine Mutter bleich, ſtarr, waſſerſuͤchtig aufgedunſen in einem prächtigen Kleide darin liegen, ich höre ſie ſeuf⸗ zen und zu mir ſagen: nimm mir doch die Laſt ab, nimm ſie, ich beſchwoͤre Dich bei meinem Seegen! Dann warf ich mich uͤber ſie und frug, was ich thun ſolle, und was ſie meine? Und mein Vater, der ſie wohl verſtehen mochte, ſeufzte ſchwer und ſchloß mich in die Arme, ſie aber winkte mit der Hand, daß wir ſie verlaſſen moͤch⸗ ten, und warf ſich beunruhigt hin und her, ſie waͤhnte, zu viel geſagt zu haben, dann kam wo⸗ chenlang kein Wort uͤber ihre Lippen, bis ſie den Druck nicht laͤnger aushalten konnte, und ein neu⸗ er Ausbruch dieſelbe Folge nach ſich zog. Eben ſo unerwartet, als ſie ſich auf Jahre niedergelegt hatte, erhob ſich die Marſchallin ei⸗ nes Tags, fing ihre gewohnten Geſchaͤfte an und erſchien wieder in der Welt. Auffallend war es, daß ſie jetzt nie ohne die Brillanten geſehn wurde, welche ſie ſonſt nur bei großen Gelegenheiten ge⸗ tragen hatte. Man hielt ſie auch deshalb fuͤr nur halb hergeſtellt, und jedermann hatte eine 73 gewiſſe Scheu vor ihr, obwohl in ihrem ganzen Betragen nicht das Mindeſte lag, was dieſelbe rechtfertigen konnte. Der Marſchall ſuchte ihr das beſtändige Tragen des Schmuckes auszureden. Ich thue es meiner Tochter zu Liebe, ſagte ſie. Es giebt viel Sonderbares in der Welt. Die Marquiſe ſoll mich abquälen, dann kann Joſe⸗ pha den Schmuck in Ruhe tragen. Was thut Dir die Marquiſe? frug mein Vater. Ich hoͤre ſie hohnlachen, rief die Marſchallin, wenn ich den Schmuck trage, ſie freut ſich, daß er mir furchtbar iſt! So wirf ihn von Dir, ſprach der Marſchall. Soll ich mich meiner Feindin uͤber⸗ wunden geben? erwiederte ſie. Nein, ich bin zu ſtolz! Die Teufelin ſoll ihren Raub nicht wieder haben. Sie hat mir alle Thränen in Steine ver⸗ wandelt, die mir hier im Herzen und hier unter der Stirn liegen F Gerade ihre wahnſinnigen Vorſtellungen vom Einfluß der Marquiſe auf ſie verminderten den Glauben meines Vaters an ſeine Möglichkeit. Er war ſtärker von dem Gedanken ergriffen, die Marſchallin dieſem Zuſtand von Selbſtpeinigung v. Loeben's Erzahl. Bd. M. 4 24 zu entziehn, der wie ein ganz fremdes Gewächs ſich an ſie geklammert zu haben ſchien. Es war in dieſer Zeit, daß Graf Wilibald, Dein theu⸗ rer Vater, Aloyſia, um meine Hand anhielt, und ſie ihm gewaͤhrt wurde. Der Marſchall wollte meine Mutter bereden, mir den Schmuck zu ſchenken, und hofſte, ſie ſo von ihren kranken Vorſtellungen abzubringen. Mich gedachte er unter Vorwaͤnden leichterer Art vor dem haͤufigen Tragen deſſelben zu warnen, obwohl ſeine Natur, nur aus einem entgegengeſetzten Grunde, ſich zu demſelben Zweifel an den verborgenen Kraͤften des Lebens neigte, der ſich an meiner Mutter ſo we⸗ nig bewaͤhrt hatte. Undenfliche Jahre, ſprach er zu ihr, iſt dieſer Schmuck von Mutter zu Toch⸗ ter in langer Reihe fortgegangen, von Haus zu Haus iſt er gewandert, er brannte Dir in der Hand, auf glüͤcklicheren Stirnen mag er ſich wie⸗ der kuͤhlen! Das iſt es nicht, antwortete die Marſchallin. Aber ich könnte doch einmal um Mitternacht einſchlafen, und meine Feindin ihn holen. Es ſoll ihr nicht gelingen, wonach ſie unabläſſig trachtet! An Joſephens Lager wacht ein guter Engel, ſie muß fern ſtehen bleiben und ——— 75 kann unſer Kind nur weinen machen; und gluͤck⸗ lich, wer weinen kann! Sie ließ mich rufen und uͤbergab mir den Schmuck. Ich wußte damals nicht, warum ich keine Freude an ihm hatte, und konnte mir es nur durch den Verdruß erklaͤren, den ich in der Geſellſchaft empfand, wenn man ſich uͤber die Sitte meiner Mutter, ſtets mit ihm zu erſchei⸗ nen, etwas mir Unangenehmes zufluͤſterte. Die Bitte meines Vaters, den Schmuck nur ſehr ſelten zu brauchen, ſiel mir darum gar nicht auf. Ich bezog ſie beſonders auf die Ehrfurcht gegen meine Mutter, die mir bei ihren Lebzeiten das Recht uͤber ihn abtrat. Am Tage meiner Hoch⸗ zeit erſchien ſie nicht. Sie wollte, daß ihr Aus⸗ bleiben die Freude nicht ſtören ſollte, aber der Tag war mir ſchrecklich. Am folgenden empfing ſie uns vor ihrem Bette. Sie verließ es nicht wieder, eine Krankheit entriß ſie uns nach weni⸗ gen Tagen. Auf dieſe Weiſe, meine Tochter, ging der Schmuck auf Deine Mutter uͤber, den ſie Dir zu entziehen geſonnen iſt. Wenn Du dieſe Blät⸗ ter geleſen haſt, wirſt Du ihre Liebe darin erken⸗ 4* 76 nen. Was ich Dir mittheilte, nahm ich vom ſeegnenden Munde eines ſterbenden Vaters, den die Bilder der Vergangenheit noch einmal umſtan⸗ den, ihm ihr eigentliches Antlitz im ſtillen Ernſte zu enthuͤllen. Seine Worte fuͤhrten den Ent⸗ ſchluß herbei, den ich in meinem letzten Willen niedergelegt habe. Man ſagt, daß Thraͤnen, auf die Todten geweint, ihre Ruhe ſtören; aber die Thraͤnen, die ich mit mir hinunternehme, werden meine Ruhe verſuͤßen, indem ſie die Deinige ſichern.“— Seit der Leſung dieſer Schrift konnte ſich Aloyſia nicht mehr uͤberzeugen, daß ihr etwas Frohes bevorſtehe. Sie ſah ſich mit dem Un⸗ gluͤcksſchmuck in unzertrennlicher Verbindung, als ihr Graf Wilibald auch die Erſcheinungen ihrer Mutter entdeckt und ihr aus ihnen die veraͤnderte Meinung derſelben dargethan hatte. Wie haͤtte Aloyſia dem Vater die Zuverſicht rauben mögen, die er aus den letzten Worten feſtzuhalten ſuchte, welche Joſephens Geiſt ſeiner Ausſage nach zu ihm geſprochen? Ihre erſte Ahnung war Leode⸗ gars Tod, bevor er ſie erreichen, ſie ihn wiederſe⸗ hen wuͤrde. Immer kehrte ihr dieſe Bangigkeit zuruͤck, jeder Morgen ſchien ihr zuzurufen: er iſt todt! und am Abend ſang es ihr durchs Herz: ſchlafe nur, erwache nicht, Du findeſt ihn ja nicht wieder! Sie bedurfte der Tage, die noch zwiſchen der Ruͤckkehr Francisca's lagen, um ihr Leid in das tiefſte Herz zu verſenken, und doch verminderte ſich ihr Aufſchrecken nicht, je näher das Wieder⸗ ſehen růckte. Mit Francises, ſagte ſie ſich, kommt ja zugleich die Gewißheit, daß er geſtorben iſt! Ein Schrei entfuhr ihrer Bruſt, da der Wagen zum Schloßhof hereinrollte. Sie hatte nicht Faſ⸗ ſung genug, den Geliebten entgegenzufliegen. Sie ſtand auf dem oberſten Abſatz der Treppe und bog ſich nieder, von wo der Schall der bekann⸗ ten Stimmen heraufkam. Mit Zittern horchte ſie, wie ſie klängen. Lachen und trautes Ge⸗ ſchwätz zog ihr entgegen. Wo iſt Leodegar? hörte ſie den Vater forſchen. Er iſt nur noch einige Tage bei den Aeltern geblieben, ſagte Francisca. Alſo nicht tedt? rief Aloyſia, und die Freude riß ſie wicder an ſich, ſie üͤberließ ſich den Armen 78 der Heimkehrenden, ſie ſchämte ſich ihrer Furcht. Du gluͤckliche Paula! ſprach ſie, indem ſie das vom Schlummern im Wagen noch halb verträum⸗ te Maͤdchen mit ſich fortzog: Du haſt ihn vor mir wiedergeſehen, aber alles ſollſt Du mir er⸗ zählen, jedes Wort wiederholen! Paula hatte ſich im Schlaf herausgebeugt gehabt, mehrere kleine grüͤne Zweige waren in ihren prächtig ſchwe⸗ ren dunkeln Locken haͤngen geblieben, Aloyſia nahm ſie herab, ſtreute ſie lachend uͤber das bang' aufathmende Mädchen, umarmte ſie und rief: o du liebe erſte Kunde des Fruͤhlings! Dein Haar, Mädchen, hat noch nie eine ſchoͤnere Laube üͤber Dich gewölbt! Deine Augen ſind Turteltauben, und wie Dein Herz dem Fruͤhling entgegenbebt! Wenn ich Dich anſehe, empſinde ich mein Gluͤck. Ja er lebt, er liebt, o komm an mein Herz, du uͤberſchwängliche Wiederkehr, du ſuͤße Beklem⸗ mung beim Uebermaaß der Wonne! Nichts iſt ja ſchoͤn ohne Wehmuth! Paula wußte nicht, was ſie ſagen ſollte. Wie Geſang klangen die Worte der Schweſter in ihrem Buſen wieder, aber ſie wagte nicht, auf⸗ zublicken und ihr zu ſagen, was ſie ihr geweſen 79 waren. Wie der uͤberroͤthete Mond, wenn er hinter dunkeln Gebuͤſchen aufgeht, ſtand ſie vor Aloyſien, und dieſer war es in dem Augenblick, als ſtehe das kindiſche Mädchen ſo verſchaͤmt vor ih⸗ rem Gluͤcke da und wage nicht, in ſeinen Glanz zu blicken; es nahm ihr den letzten Zweifel an der Wahrheit deſſelben. Die Bonne trat jetzt auch herein; aus ih⸗ rem großen Muff, den ſie trotz dem vollen Fruͤh⸗ ling fuͤhrte, zog ſie den großen Arbeitsbeutel, aus dieſem ihr Wachsbild hervor, reichte es Aloyſien und ſagte: mon Coeur, da bringe ich Ihnen auch etwas mit! Das Bild ward gleich an einem ap⸗ felgruͤn- und roſenfarbnen Bande aufgehaͤngt, die Mamſell aber fuhr fort: was Ihnen der Magi⸗ ſter ſelbſt mitbringt, wird Ihnen noch lieber ſeyn! Der Magiſter! frug Aloyſia, der iſt auch mitge⸗ kommen? Die Bibliothek hier in Ordnung zu bringen, antwortete Paula. Er will uns alle konterfehen, fuhr ſie fort. Und Dir, rief Fran⸗ eisca und zog Aloyſien fort, bringt er Leodegars Bild mit, wie er es in deſſen Kinderzeit verfertigt hat; bald waren ſie unten im Saale, wo die ab⸗ ſonderliche Perſon des alten Magiſters den Gra⸗ 80 fen aus allen truͤben Träumereien geriſſen hatte. Der Hofmeiſter war auch von der beſten Laune der Welt, im großen Landauer Wagen hatte die Mamſell neben ihm ruͤckwaͤrts geſeſſen, und jetzt wurde ſie ſeine Tiſch- und Wandnachbarin. Aloy⸗ ſien war das artige kleine Wachsbild lieb, es hielt eine Brillantenſchnur auf der kleinen Hand, es war, als ſollten die Steine ihr wieder lieb wer⸗ den. Das haben Sie wohl ordentlich fuͤr mich gemacht, ſagte ſie, und Sie waren doch dazumal nicht ganz gut auf uns zu ſprechen! Der alte Hofmeiſter verneigte ſich und entgegnete: die Zei⸗ ten, gnädigſte Braut, ſind nicht mehr! So war ein jedes unerwartet getroſt und zu⸗ frieden, nur ſchuͤttelte die Mamſell uͤber Paula den Kopf und ſagte, wir haben zu viel geſehen und getanzt, das flimmert uns noch vor den Au⸗ gen, ſollen wir in die Buͤcher hineinſehn, ſo tan⸗ zen die Buchſtaben die Gavotte, und die Bonne muß mit dem Brummbaß aufſpielen! Es wird ſchon anders werden, tröſtete ſie der Hofmeiſter und bat um etwas Herzſtärkung aus dem feenhaf⸗ ten porzellanenen Döschenz Graf Leodegar war gerade auch ſo! 81 Nach einigen Tagen ſtanden der Hofmeiſter und die Gouvernante wieder im Fenſter beiſam⸗ men, und hielten ein jedes eine Kaffeetaſſe in der Hand. Sie goß Wort auf Wort in ihn hinein, er ſuchte immer dazwiſchen das heiße Getränk zu ſchluͤrfen, das ihm lockend entgegenbrodelte und er mit dem kleinen ſilbernen Löffel benaſchte; ſie aber ließ ihn nicht dazu kommen und ſchien es ganz in der Ordnung zu finden, daß ſein Kaffee, wie der ihre, in der Taſſe kalt werden ſollte uͤber ihrem warmen Geſpräch. Aber ſagen Sie mir doch nur um des Himmelswillen, lieber Herr Magiſter, fluͤſterte ſie: was iſt denn mit dem Graf Leodegar vorgegangen? wo iſt denn der feu⸗ rige Uebermuth und leichte Sinn geblieben? was iſt das für Träumerei? Sehen Sie nur wie er dort ſteht, halb an Aloyſiens, halb an Paula's Stuhl gelehnt, als koͤnnte er nicht feſt auf ſei⸗ nen Fuͤßen ſtehn und wollte einer jeden etwas Heimliches ins Ohr fluſtern? Sollte man es nicht fuͤr unmöglich halten, daß ein ſo großer, ſchlan⸗ ker, ſchoner Mann ſolch eine Figur ſpielen könn⸗ te? Und Gräſin Aloyſia, du lieber Gott, wie ſieht die auch daruͤber kleinlaut aus! Wenn ſch 82 denke, was fuͤr ein Geſicht ſie machte, wie es hieß: Leodegar iſt da! und ihr jetzt unter die Au⸗ gen ſehe, da iſt ein großer Unterſchied zu bemer⸗ ken! Das iſt die wohlanſtehende jungfräuliche Verlegenheit, wendete der Hofmeiſter ein, der recht gut merkte, wohin die Mamſell mit ihren Reden wollte, ſeinem Zoͤgling aber, wie recht und billig, nichts vergeben mochte. Ach, verſetzte die Mamſell, danach ſieht Gräfin Paula weit eher aus! Und ſehen Sie doch, iſt es nicht, als ob ſie alle umher mit Blei uͤbergoſſen waͤren, der Herr Graf fängt aller Augenblicke ein Geſpräch an, und niemand geht darauf ein, als die Frau Gräfin, aber ſie hat ihre Gedanken auch wo anders und ſcherzt und ſpricht nur ſe mit darein, auf das Ge⸗ rathewohl und um den Anſtand zu behaupten;z eh ſie ſelbſt ſichs verſieht, hat ihr allerliebſtes Taba⸗ tierengefichtchen eine ganz kuͤmmerliche Miene, und ſie ſtochert mit den Holzchen in ihren wunder⸗ ſchoͤnen Händen im Filett herum, als wollte ſie die ſpinnewebenfeinen Maſchen cher zerreißen, als fertig machen. Das iſt, mit Ihrer Erlaubniß zu ſagen, eine etwas langweilige Geſellſchaft! Hier that die einen ziemlich beträcht⸗ lichen Zug in ihre Taſſe hinein, und der Hofmei⸗ ſter eilte, nun gleichfalls ſeiner Labung froh zu werden, aber die Freundin hatte ausgetrunken, und er blickte ſchon wieder tantaliſch in die lockende Flut hinab, denn gleich hub ſie wieder an und legte dabei ihre Hand auf den Arm, der ihm die Taſſe zum Munde bringen ſollte: horen Sie, Herr Magiſter, das Thun und Laſſen vom Graf Leodegar gefällt mir ganz und gar nicht. Ich will es Ihnen gerade heraus ſagen, man kann nicht zugleich eine Hand gewinnen und einen an⸗ dern Kopf verdrehen wollen. Glauben Sie etwa, ich habe meine Augen fuͤr nichts? Schon in der Stadt hat es angefangen zwiſchen Paula und ihm, ſie iſt ein Kind und verſteht es noch nicht, aber er ſollte wiſſen, daß es unrecht iſt, horen Sie wohl? Der Hofmeiſter trank geſchwind ſeine Taſ⸗ ſe aus, um ſich inzwiſchen die bedenkliche Ant⸗ wort zu uͤberlegen, er verſetzte: aber, Beſte, bin ich denn noch des jungen Herrn Hofmeiſter, daß ich fuͤr ihn einſtehn ſoll? Auch halte ich mich für gewiß verſichert, Dieſelben ſehen zu ſcharf. So? rief die Mamſell und ſchnupfte Tabak; Paula'n nennt er Sie, Aloyfien, wie ſonſt, nennt er Du; 84 darin ſteckt viel! Sie ſtand im Begriff, ihm noch mehrere kleine Vorgänge herzuerzählenz ein Blick der Graͤfin aber auf das im ofſenen Nebenzimmer laut gewordene Paar endete hier das Geſpräch unter der Gardine des Fenſters. Der Graf hatte ſich zuruͤckgezogen, Ftanci⸗ ca ſaß, wie in ihre Filettarbeit ganz vertieft, Leo⸗ degar war an das Clavier getreten und hatte es mit der Bitte aufgeſchlagen, die zwei Schweſtern einiges ſpielen und ſingen zu hören. Paula's Stimme war nachtigallenartig voll und großz waͤh⸗ rend Aloyſia gegangen war, Noten zu holen, mehr aber um ihre Thraͤnen zu verbergen, daß ſie mit einem ſo gedruͤckten und zerrißnen Herzen ſin⸗ gen ſollte, hatte Paula, von Leodegar veranlaßt, bereits einiges geſungen. Wild und weich ſchmerz⸗ lich zugleich ſah dieſer in die Frühlingsgegend hin⸗ aus, er wollte wegblicken vom Clavier, von den zarten Händen, die daruͤber ſchwebten, von dem blendenden Nacken, uͤber den er gebogen ſtand? da war ihm, als wandele die Stimme dort drau⸗ ßen weit als Flöte durch die Wälder hin und verliere ſich in den einſamen Gewinden, locke hn nach, und nur ſeine Geſtalt ſtehe hier angebannt, 85 er ſchwebe draußen mit ihr, ihr ewig eigen, hier im Zimmer ſey ja nur der Nachhall der entzucken⸗ den, entruͤckenden Melodie. Dann wieder ſchien es ihm im Gegentheil, dort draußen wanke der Nachhall als ſanfter Schatten, hier, hier aber durchſchmettere die Nachtigall in herzzerreißenden Toͤnen das Zimmer, in dem ſie gefangen, und dieſe Wonne, dieſen Schmerz in ihrem gluͤhenden, be⸗ rauſchenden Ringen koͤnne nichts verſohnen, als der Tod. Unterdeſſen hatte ſich Aloyſia, mit Paula tauſchend, an das Clavier geſetzt, er ſah und hoͤrte uͤber ſie weg. Francisca gab Paula'n einen Auftrag, der ſie entfernte, Leodegar ſah aus wie ein abweſender Menſch, waͤhrend Aloyſia mit einer Gewalt der Stimme, wie noch nie in ihr geweſen war, als überflöge ſie ihre eigene Kraft im Schmerz und raͤnge den wirbelnden Klagen der Nachtigall nach, folgende Worte ſang: Ich ſtand auf hohen Bergen, Nun ſteh ich wieder im Thal, Ich ſtand in heller Sonne, Nun ſteh ich im Mondenſtrahl. Ich ſtand bei vollen Bluͤthen, Nun ſteh ich tief im Schnee, 86 8ch ſtand mit hohem Herzen, Nun ſteh ich mit tiefem Weh. So wohl war mir von Liebe, Von Liebe iſt mir ſo weh, Ach Liebe, du liebe Liebe, Ade! Ade! Ade! Aloyſia hatte ſchnell das Zimmer verlaſſen. Leodegar ſtand noch auf derſelben Stelle. Die Gräſin, innerlichſt erſchuttert, bezwang ſich und ſagte, vor ſich niederſehend, mit gepteßter Stim⸗ me: was ſoll aber hier werden, Leodegar? Ich weiß nicht, antwortete dieſer und ergriff heftig ihre Hand. Er bekannte ihr, wie uͤberraſcht er geweſen, da er Paula erblickt, wie er darum nicht gleich habe mitreiſen wollen, weil er erſt in ſich zur Ruhe kommen muͤſſen, aber das ſey nicht erfolgt, Sehnſucht habe ihn gequaͤlt, die er ſich ſelbſt nicht nennen mogen, nun er hier ſey, wiſſe er, daß es die Neigung u Paula geweſen⸗ In ihrer Nähe iſt Wonne, ſagte er, und der Schmerz ſteht nur daneben, weil Aloyſia mich liebt! Vergiß nicht, beſchwor ihn Francisca, daß Paula nie die Deine werden konnte! Was fragt Liebe danach! rief Leodegar. Sie drang in ihn, 87 einen Vorwand zu ſuchen, um ſich fuͤr jetzt wie⸗ der zu entfernen. Auch Wilibald, ſagte fie, darf die erſchuͤtternde Lage nicht erfahren. Gehn ſoll ich, ſcheiden? rief Leodegar. Soll Paula gewah⸗ ren, was Du fuͤhlſt, antworte Francisca; kannſt Du, darfſt Du dies wuͤnſchen, da es keine Aus⸗ ſicht euch zu vereinen giebt, da Deine Hand Aloyſien gehoͤrt? Ich wuͤrde mit Paula mich ent⸗ fernen, wenn Du jetzt, im Zuſtand, worin ich Dich ſehe, worein Aloyſia verſetzt iſt, hier bliebſtz und wie viel wuͤrde Paula'n dadurch verrathen, was ſie nie erfahren muß! Sie weiß alles! rief Leodegar, ſein gluͤhend Haupt an Francisca leh⸗ nend. O mein Gott! ſagte die Graͤfin und ver⸗ blaßte. Das Ungluͤck, das Weh ſo vieler Herzen ruͤhrte ſie in dem Augenblick wie eine hoͤhere Schi⸗ ckung, ſie mußte Leodegar'n noch mehr Wniß als Unwillen zeigen. Er riß ſich von ihr tos, ins Freie hin auszu⸗ toben. Sein klopfendes Herz verlangte nach dem Sturm, der, ein Gewitter ankuͤndigend, durch die Wipfel zuͤrnte und, mit Sonne und Wolkenim Streit, abwechſelnd Licht und Schatten über den neu⸗ begruͤnten Boden hinſtreute. Indem er hinausging, 58 ſich zu einem Ritt ins Freie zu Pferde zu ſe⸗ tzen, begegnete ihm Aloyſia. Sie ſah ihn gefaßt an, als wäre ihr Herz bei dem gluͤhenden Liede geſtorben und ruhig geworden. Ein Zutrauen, das ſie bisher nicht wieder vor ihm hatte ausſpre⸗ chen konnen, ergriff ſie, ſie ſagte, ſey nicht ſo bange, es wird alles noch beſſer werden, als Du denkſt! Leodegar vermochte nichts, als ihre Hand zu druͤcken und ſich abzuwenden. Er warf ſich auf das Pferd, ihm war, als ritte er zwiſchen brau⸗ ſenden Muͤhlrädern hin, und tobende Wogen drohten ihn zu verſchlingen; das Muͤhlrad war in ſeinem Herzen, wild trieb es ſein Blut. In weite Ferne zogen ihm jene Worte Aloyſiens nach. Das Sauſen und Toben hatte ſie bis hieher ver⸗ ſchlungen. Sie wollten Stille, einer ſanften Fruhlingsaue gleich, um ihn her verbreiten; er entfloh ihnen aber wieder, es war ihm, als habe ja doch Aloyſia nichts anderes gemeint, als daß er ſie noch liebgewinnen werde. Nachdenklich ſaß Graf Wilibald in feinem Zimmer und blickte aus demſelben nach der Bi⸗ bliothek, wo der alte Hofmeiſter nach einigen Tractaten von der Jagd ſuchte, die Wilibald ſei⸗ ——————————— 89 nem kuͤnftigen Erben vorlegen wollte, der, ſeiner Meinung nach, durchaus die ſo ſehr in Verfall ge⸗ rathene Kunſt der Falkenbaize in Ehren halten und uͤberhaupt der edlen Jaͤgerei aus dem Grun⸗ de nachgehn ſollte. Er mochte ſich noch nicht eingeſtehen, was er in dieſen Tagen vor Augen ſah. Er hatte deshalb jede Aeußerung daruͤber ge⸗ gen Francisca vermieden. Nach einem in man⸗ nichfachen Truͤbniſſen hingebrachten Leben, dem ſein Inneres keine entſchiedene Kraft entgegenzu⸗ ſetzen gehabt hatte, war der Wunſch, mit den Gegenſtänden, die ihn beſonders beſchäftigt hatten, zur Ruhe, gleichſam zum Abſchluß zu kommen, ſein angelegentlichſter. Die Papiere Joſephens hatten ihn abgeſtumpfter fuͤr das Beangſtigende gefunden, als es in fruͤheren Jahren der Fall ge⸗ weſen ſeyn wuͤrde. Er glaubte ſeitdem noch viel mehr, in der ſpaͤter erfolgten Zuſtimmung Joſe⸗ phens in die Zuruͤcknahme des Schmucks einen beruhigenden Wink feſthalten zu ſollen, und hielt ſich verſichert, daß ihr erſtes Verlangen den Fluch nicht gelähmt haben wuͤrde, da ſie ſonſt bei ihrer Erſcheinung gewiß auf der Vollſtreckung ihres Willens beſtanden haͤtte. Daß Aloyſia beſtimmt 90 ſey, ihn zu löſen, dies ahnete ihm wohl; aber er hielt ſich an die Worte: es wird alles noch gut,“ und war beſonders an dieſem Tage von der Zuverſicht auf eine gluͤckliche Loſung ſo erfullt, daß er kaum die Verſtimmung um ihn her be⸗ merkt hatte. Aloyſia ſelbſt trat herein. Was willſt Du bei mir, mein Kind! ſagte er und ſtreckte ihr die Hand entgegen, warum zögerſt Du, als wenn Du mich ſtörteſt? Schelten Sie mich nicht, ſprach Aloyſia, indem ſie ſeine Hand an ſich zog: ich habe ein Verlangen, den Schmuck wieder zu ſehn, den Sie mir zeigten, ich moch⸗ te ihn ein einzigesmal anlegen, niemand ſoll es ſehn! Alſo auch Du wie alle? lächelte der Grafz Kind, das freut mich! Er erhob ſich, ihr zu willfahren. Ihr Wunſch begluͤckte ihn mehr, als er ihr ſagen mochte, er glaubte damit in ihre See⸗ le zu ſehnz d ſcheue Dich nicht, ſagte er, vor Deinem Brautſchmuck! Seegen ruht auf Dir! Wie er ihr aber den Schmuck reichte, zogerte ihre Hand einen Augenblick. Sie war nicht gekom⸗ men, ihn hinwegzutragen; ſie hatte Wilibal⸗ den um ſeinen Seegen fuͤr Leodegar und Paula, um ſein Verwenden beim Kurfuͤrſten und durch * ——————— * 91 dieſen beim heiligen Vater bitten wollen. Sei⸗ ne Heiterkeit bei ihrem Eintritt, die plotzliche Be⸗ klemmung des innerſten Herzens, die Furcht, ih⸗ ren Kampf zu verrathen, machte ihr es unmöglich. Sie wandte ſich ſchnell mit dem ee zur Thuͤr. Ueber Leodegars Gitſer jagte der Sturm die Wolken wie eine Schaar von Adlern Jupi⸗ ters zuſammen, die, gedraͤngt und im Fluge, ihre Blitze immer dichter uͤber ihn ausſchuͤtteken. Es war ihm mit einmal, als habe ſich Paula geuͤng⸗ ſtigt, daß er unter dem ſchwarzen Himmel ins Freie geritten ſey, als habe ſie ſich nicht zuruͤck⸗ halten laſſen, ihm zu folgen, um ihn bittend heim⸗ zurufen, und Wind und Blitz hätten ſie nun, heimtuͤckiſch wetteifernd, zur Braut auserkoren. Der Wald ward ihm enge, nur im Schloß glaub⸗ te er wieder athmen zu können. Der Himmel hatte ſich aufgehellt, bevor ihn der bekannte Weg, mit Nußbäumen bepflanzt, zu demſelben zuruͤck⸗ fuͤhrte. Er kam an dem Teich voruͤber, der ſeit Aloyſiens Kinderzeit wegen ſeines haufigen Aus⸗ tretens auf die Wieſen mit einem Kahn verſehen worden war. Hohe Bäume dehnten jetzt ihr ge⸗ 92 heimnißvolles Gewebe um ihn her. Aloyſia ſaß in dem Nachen, abwechſelnder Schimmer ſpielte zwiſchen ihrem vom Wind bewegten Haar. Im⸗ mer mehr bog ſie ſich gegen das Waſſer uͤber, dann lehnte ſie wieder das Antlitz empor, und Leodegar ſah es in Thränen ſchwimmen, aber in ſolcher Schönheit und Klarheit, wie er, wie noch niemand es erblickt hatte. Dann tauchte ſie ſich immer wieder hinab mit den wonneſtrömenden Au⸗ gen, und über ihr zuckten die Blitze aus den Stei⸗ nen, es war als ſaugten die Wellen ſie an ſich und kämen nach ihrer Angſt wieder ins Spielen, am Rande bogen ſich die kleinen Fruͤhlingsblu⸗ men uͤber, die Laſt der funkelnden Regentro pfen dem an die Erde gebannten Element zuruckzu⸗ geben. Leodegar ſtieg vom Pferde, trat in den Na⸗ chen und umfaßte Aloyſien, denn der Augenblick ſchien ihm gekommen, wo ſie hinabgleiten wuͤrde. Sie ſah ihn an und ſagte: o was ſtörſt Du mich, wað reißeſt Du mich wieder hinab! Armes Kind, rief Leodegar, Du biſt ganz durchnäßt, ich trage Dich nach Hauſe, Du biſt kalt wie im Fieber. Sie lächelte ihn an: das will ich glauben, ſagte 93 ſie; ich habe ja Wonnethraͤnen geweint, da uͤber mir— ſie wies auf das Funkeln ob ihrem Haup⸗ te— ſteht der Regenbogen! Wie erſtarrt ſah Leodegar ſie an. Es durch⸗ griff ſein Herz in dem Augenblicke, daß es fuͤr ſie kalt war, und er vermochte doch nichts uͤber die tiefe innerſte Gewalt. Wie viel hätte er darum gegeben, mit ihr weinen zu koͤnnen, aber Wort und Thräne waren ihm gleicherweiſe verſagt. Sey nicht ſo bange, guter Leodegar, ſprach ſie und gab ihm die Hand, daß Du mir kein Liebeszeichen geben kannſt. Bedauere mich nicht! O wenn Du wuͤß⸗ teſt, was Wonnethranen weinen heißt! wenn ſich der Stein in ſuͤßes Waſſer löſt! Ruhe ſanft, meine Mutter, fuhr ſie fort, indem ſie ſich, mit dem Antlitz in den Boden des Nachens gelehnt, ausſtreckte; ruht auch ihr am Herzen eurer Mutter, ſagte ſie und nahm ſich den ſchweren Schmuck vom Haupte. Hier iſt das Scheide-Waſſer, das tiefe Waſſer des Vergeſſens, rief ſie, und ſanft und woblingend glitt er aus ihrer Hand in die Flut. Du haſt Dich erkältet, rief Leodegar und ergriff ſie mit feſterem Arm, Du fantaſierſt, Du mußt mit mir in Dein Haus! Sie winkte 94 ihn zuruͤck und ſagte, laß mich, Leodegar, ich habe allen Schmerz verweint, aber die Augen ſind mir noch nicht trocken, was wuͤrden die Ael⸗ tern denken, wenn ich ſo nach Hauſe kaͤme? Ich folge Dir, ſey ohne Sorgen. Du biſt ja ſelbſt ſo naß, Du haſt doch nicht geweint? Immer banger ward Leodogar bei, ihren Re⸗ den. Er wollte ſie mit Gewalt forttragen, aber er erkannte an ihrer Ohnmacht, daß ſein Unter— nehmen nicht gelingen werde. So muß ich Dich verlaſſen, Deine Aeltern zu holen? rief er. Sie gab keine Antwort. Wie von einem Entſetzen fortgetrieben, verließ ſie der Juͤngling, dem Schloß zuzuſtürzen und es mit dumpfem Schrecken zu er⸗ füllen. Er fand ihn bereits durch daſſelbe verbreitet. Man ſuchte und fand Aloyſien nicht, Francisca, ins Zimmer zuruͤcktretend, wollte Wilibalden ihre Angſt verheimlichen, er aber riß ein Fenſter auf und rief in den Hof, man ſollte ihm ein Pferd vorfuͤhren. Die Graͤfin ergriff ihn beim Arm und ſagte: krank, wie Du biſt? um alles in der Welt, es iſt unmöglich. Er langte nach ſeinem Hift⸗ horn, das ſeit langer Zeit muͤßig an der Wand 95 gehangen hatte, er ſtieß hinein, die Hunde wur⸗ den unruhig im Hof, die Jäger fuhren hervor. Alles, rief er, hinaus, alles ſoll ſich aufmachen, rettet, rettet mir mein ungluͤckliches Kind! Er⸗ ſchöpft ſank er in den Seſſel. Er konnte lange nicht wieder zu Athem kommen, er ſah die ſonſt ſo muthige Francisca beben. Sie hat ſich mit ben Brillanten geſchmuͤckt, brachte er endlich her⸗ vor, ſie iſt todt! Wie ich ſie ihr nur geben konnte! fuhr er nach einem Sweigen fort, das alle in ſeinem Banne zu halten ſchien. Joſephens Erſcheinung hatte mir ja in dieſer Nacht das alles verkuͤndet! Joſephens Erſcheinung? wiederholte Francisca. Im Traum ſah ich ſie, antwortete er. Mir war als weckte mich ein angenehmer Glanzz ich glaub⸗ te die Nachtlichter brennten, die wir ſeit ſo vielen Jahren nicht mehr anzuͤnden laſſen. Aber der Schimmer flog an mir voruͤber, nach dem Spie⸗ gel hin. Weißt Du noch, ſagte die Stimme zu mir, wie ich in jenen zwei Naͤchten die beiden Kerzen auslöſchte? Heute zuͤnde ich ſie an, das iſt ein gutes Zeichen. Lebe wohl, ich kehre nicht wieder! Und indem ſtrich der Schimmer uͤber die 96 zwei Kerzen unter dem Spiegel hin, welche die Kammerfrau am Abend auszulöſchen pflegt, ſie entzündeten ſich und athmeten ſtill und klar durch die Nacht. Gott! rief Francisca, ich erwachte, und die Kerzen brannten,— ſie wollte ſich faſ⸗ ſen, Leodegar trat herein und beſtätigte die Ah⸗ nungen des Grafen. Der Umſtand, daß ſie, nach Leodegars Bericht, die Brillanten in den Teich, von deſſen Unergrundlichkeit eine Sage in der Ge⸗ gend ſprach, verſenkt hatte, richtete ihn noch auf. Er vermuthete, daß ſie in dieſer Abſicht ſie ihm abgefordert, und daß mit ihnen alles auf ihm und ihr Laſtende verſchwunden ſey, ſo daß nur der Entſchluß und die That ſie in einen ſie⸗ berhaften Zuſtand verſetzt habe. Aber der ungluͤckliche Vater ward ſeine Täu⸗ ſchung inne. Aloyſia kannte diejenigen nicht, welche ſie emporhoben und heimtrugen, und ih⸗ re Augen oͤffneten ſich nur noch einmal, um wohlwollend und ſchmerzlos auf den Ihrigen zu ruhn und den Wunſch auszudrücken, deſſen Aeußerung vor wenigen Stunden die Lippen dem Herzen verſagt hatten. Sie beruhigte ſich nicht, 97 bis Wilibald einwilligte. O nun weiß ich es, grauſamer Geiſt, rief der troſtloſe Vater, daß du mich nie lieb hatteſt, daß du nie mit mir fuͤhlteſt, du freuſt dich mit ihr der Vollendung dieſes Geſchicks, aber du fraͤgſt nichts nach den Herzen, die es hier zerreißt! O ſtill, ſagte Fran⸗ eisca, ſtill, ſie ſtirbt! v. Loeben'e Erzaͤhl. Bod. I. 5 N 0 Die Baͤrenjagd war beendet, die den jungen Emund ziemlich weit von ſeiner Burg gelockt hatte. Nun war er von der kecken Luſt und den Grfährten, mit denen er nach vollbrachtem Waid⸗ werk gezecht hatte, geſchieden und wollte noch vor einbrechendem Abend ſeine Behauſung, einige Stunden abſeits von Drontheim, erreichen und alldort ſeine Mutter, deren einſames Leben die aufbluͤhende Jugend des einzigen Sohns verſchon⸗ te, durch ſeine Ruͤckkehr erfreuen. Schon erhob ſich der Wind in den Eichenwipfeln, und die krauſen Aeſte zuckten hin und her im flammenden Abendroth, das in ihm zu verflackern ſchien; das Raubgevögel ſchrie durch den Wald; es war Emun⸗ den, als tönte ihm irgend eine Unheil verkuͤnden⸗ de Stimme entgegen, und unwillkuͤhrlich mußte er ſeine Ahnung auf einen Unfall deuten, der die 102 Mutter in ſeiner Abweſenheit betroffen haben kön⸗ ne. Aber es ward ſtiller um ihn, jemehr er der Heimath nahe kam; die Luft hatte ſich gelegt, er hoͤrte nur das Bächlein rieſeln, das an ſeiner Halle voruͤberfloß, und die Weiden fluͤſtern, die daran gruͤnten. Schon von fern ſah er ſeine Kutter vor dem Burgthor ſitzen. Sie ſchien zu ſchlummern, ſie regte ſich nicht, Emund konnte aber nichts deutlich erkennen, bis er ganz heran war. Ein alter Hausgenoß, der ſeit Emunds Kindheit die Burg mitbewohnte und nur ſchlecht⸗ weg der Pilger hieß, trat dem Juͤngling ha⸗ ſtig entgegen, ſchuͤttelte ihn bei, der Hand und ſprach: nun hättet Ihr wegbleiben können, da Ihr nicht eher heimkamt, denn was ich Euch zu verkuͤnden habe, das erfahrt Ihr Zeit genug, da es nichts Frohes iſt. Eure Mutter ward krank und fuhlte ihren Tod, da ſehnte ſie ſich bange nach Euch, wie jemand, der noch etwas auf dem Her⸗ zen hat; ſie ließ ſich ins Freie tragen, um Euch' entgegen zu blicken; aber den Tod ſah ſie eher als Euch.— Untroſtlich ergriff der Juͤngling die kalte Mutterhand und konnte ſich kaum uͤber⸗ zeugen, daß das Herz, an das er ſich warf, ſeine 103 Wärme verloren habe. Der Sturm war es nicht, rief er, der mir dies Leid verkuͤnden wollte; in der Stille, die auf ihn folgte, zog der ſingende Schwan durch die Luft! Als das Begraͤbniß und Leichenmahl voruͤber war, und der Anblick der Todten nicht mehr alle Gedanken Emunds in Anſpruch nahm, war ſein Nachſinnen beſonders auf dasjenige gerichtet, was ſie ihm wohl noch habe anvertrauen wollen. Nie hatte er die naͤheren Todesumſtaͤnde ſeines Vaters von ihr genau erfahren können, im Gegentheil hatte ſie ihn meiſtens von ſich zu entfernen geſucht, wenn ſie den traurigen Jahrestag beging, oder ſich, wenn ſie ihn um dieſe Zeit der Burg zu entlocken nicht vermocht hatte, in ihre Kammer begeben und dort verſchloſſen. Mit deſto größerer Innigkeit hatte ſie dann aber jedesmal ſeiner Ruckkehr ge⸗ harrt und war von ihm meiſtens an jenem Pla⸗ tze, vor dem Thor ſitzend, gefunden worden, wo ſie nun das letztemal geruht und nach ihm ausge⸗ blickt hatte. Emund bedrang jetzt den Pilger, ihm kund zu thun, was er von den ihm verborgenen Dingen wiſſe, und dieſer ſprach: es iſt mir ſelbſt, als ob ich nun reden und die unerfullte Sehnſucht, 104 mit ver Eure Muter aus der Welt geſchieden, auf ſolche Weiſe deuten ſollte. Sie ſetzten ſich zum Heerd unter die treue Halle, der nun das ge⸗ wohnte muͤtterliche Walten fehlte, und der Alte begann: Magnus, Euer Vater, fuͤhlte nach der Weiſe der Vorfahren einen Trieb, die ſonnigeren Kuͤſten der Welt zu beſuchen, und Olaf, ſein Freund, ward ſein Gefährte. Wie das Schiff die zwei Juͤnglinge uͤber die Wellen dahintrug, theilten ſich ihre Empfindungen; Euren Vater erfreute die Ausſicht nach dem heiteren Lande, Olaf berauſchte ſich in der Erinnerung an die al⸗ ten Seekonige und pries ihr Leben, und die doppelte Sehnſucht verſchmolz doch wieder ſo in⸗ nig in eine, wie das Lied der Sirene mit dem Meerſturm, bei dem es ertönt. Magnus und der wilde Olaf landeten am Strande der Nor⸗ mandie, an dem Euer Geſchlecht noch mit man⸗ chem Stamme verzweigt iſt. Beide lernten kein reizend Maͤdchen kennen und entbrannten an ihrer Schonheit, aber nur ein Raub konnte ſie dem ei⸗ nen oder dem andern gewinnen, da ihre Hand einem dritten zugeſagt war. Euer Vater, mit — ————— —,— 105 dem ſanften Blondhaar um die hehre Stirn, nann⸗ te ihren Beſitz einen Elfentraum und wendete ſich von ihr; nicht ſo der ungeſtuͤme Olaf. Er ſah wohl, daß ſie ſeinem Gefaͤhrten holder warz aber dies reizte nur die Kuͤhnheit ſeiner Ungeduld. Er erſann die Liſt, ihr Eures Vaters Neigung zu bekennen und ſie in ſeinem Namen zur Flucht zu bereden; Magnus, ſagte er, harrt auf uns im Schiff, er iſt krank fuͤr Liebe worden, ſein ſchö⸗ nes Auge bricht, wenn er mich ohne Euch kom⸗ men ſieht. Dann ging Olaf zu dieſem und be⸗ kannte ihm, was er gethan. Nimmermehr, ſag⸗ te er, hätte ich ſonſt das Mädchen zur Erfuͤllung meiner Wuͤnſche vermocht. Da ſiehe nun, wozu die gluhende Luſt mich brachte, und erkenne meine Liebe für die Beſiegerin der Deinen. Doch willſt Du nicht großmüthig ſeyn, ſo laß uns miteinan⸗ der um die zarte Beute kämpfen. Lieber ſterben, als lebend ſie Dir oder irgend einem Glucklichern uͤberlaſſen.— Olafs Geſtaͤndniß, auf ſeinen Lippen brennend, entzündete das Herz ſeines Freundes mit neuer Gewalt. Aber er ſah den ſchwereren Kampf, den Olaf zu beſtehen hatte, und geſtand ihm den Sieg zu, wenn er die Liebe 106 der Geraubten zu gewinnen vermöge. Er ſchied von demſelben und uͤberließ ihn ſeinem Schickſal. Olaf entfuͤhrte die Braut, und wie nun das Schiff ſie aufgenommen hatte, und das im Win⸗ de ſchwellende Segel ferner und ferner den zuruͤck⸗ fliehenden Blumenſtrand gruͤßte, da bekannte Olaf auch dieſer ſein Unternehmen, und gelang es ihm auch nicht, alſobald Verzeihung zu erlangen, ſo bereitete ihm doch ſchon das Gefuͤhl, ſie zugleich in ſeiner Gewalt und in ſeinem Schutz zu haben, eine Wonne, deren Reiz die Meerfahrt durch ein Unwetter erhohte, das ſie beſtehen mußten, und das des Mädchens ſchönes Haupt, von den zu⸗ ckenden Blitzen beleuchtet, zuerſt in Angſt und Schreck an Hlafs Bruſt lehnte, deſſen Sorge um ſie den Eindruck des Raubes zu mildern begann. Sie ward ſein Weib, und, an unſerer einſamen Heimath landend, begehrte ſie bald nicht mehr zuruͤck; Olaf bemerkte aber einen ſtillen Unwillen gegen Euren Vater an ihr, den nur die Zeit milderte. So waren einige Jahre vergangen, und der unruhige Olaf, den jedes Gluck nur ſo lange feſ— ſeln konnte, als es noch nicht gänzlich ſein war, hatte Delſinen, ſeine geraubte Frau, ſchon meh⸗ S 107 reremale mit ſeiner alten Braut, dem Meere, ver⸗ tauſcht, als Euer Vater, der ſich einſtweilen auch verheirathet und bereits Euch mit Euret Mutter Birgitta erzeugt hatte, nebſt ihr bei den damali⸗ gen Partheiungen aus Drontheim fluͤchtig ward. Laß mich, ſprach er zu ihr, bei einem Freunde Dich in Sicherheit bringen, dem ich gleichfalls einen Liebesdienſt erwieſen. Sie begaben ſich nach Hlafs Burg unfern dem Strande des Meers. Euch hatten ſie bei einem treuen Bauer zuruͤckgelaſſen, deſſen Hof kein Verrath ſo leicht erreichen konnte. Eure Mutter wollte ſich vom Vater nicht trennen, ſondern ihn auf die See begleiten. Olaf nahm beide guͤtig auf und redete ihnen zu, in ſeinem Haus, wo keine Gefahr zu beſorgen ſey, auf gunſtigen Wind zu warten; vielleicht wuͤrde ſich in kurzem alles ändern, und ſeine Boten ſollten ihnen, unbeachtet, ſichere Kunde aus Drontheim bringen. Delſine war ſichtbar beunruhigt durch dieſen Aufenthalt; es ſchien, als verſtore es ſie, die Vergangenheit im aufgefriſchten Bilde vor ſich hintreten zu ſehen und ſich gegen Magnus freund⸗ lich und des Vergangenen uneingedenk erzeigen zu ſollenz oft entſtahl ſich ein Srufzer ihrer Bruſt. 108 Ich bin unbeſonnen geweſen, ſprach Euer Vater zu Olaf; der Augenblick der Noth hatte die Erin⸗ nerung betäubt, ich haͤtte bedenken ſollen, daß mein Anblick Deinem Weibe unerfreulich ſey. Laß die Weiber, antwortete Olaf, komm mit mir in den Wald, dort wollen wir der beſtandenen Fahr gedenken und alles Andere vergeſſen. Beide ſchritten ſofort um die naͤchſte Morgen⸗ fruͤhe durch das unwegſame Gebirg. Von den ſteilen Waͤnden ſtuͤrzten ſich alluͤberall die tobenden Wäſſer nieder und funkelten mit tauſend Strahlen, und das Rauſchen der einſamen Föhrenwipfel ſchien nur der ſchwache Wiederhall des donnernden Getöns. Gedankenvoll zogen die zwei Gefährten hin, es war nicht blos dies Getöſe, was ſie ver⸗ ſtummen machte. Der Schaum des Waſſers, der den friſchen Raſen tränkte, ſchien ſie zum Ausruhn einzuladen, da wo die lieblichſten Blu⸗ men am Rande der Wildniß aufgeſproßt waren. Unwillkuͤhrlich gaben beide der Einladung nach und legten ihr Jagdgeräth neben ſich, ihr Geſpräch ſchien hier den Wettſtreit mit dem ungeſtümen Schalle verſuchen zu wollen. Magnus konnte ſich nicht entbrechen, das gegen Olaf ſchon ein⸗ 109 mal Geäußerte wieder anzuknupfen, theilneh⸗ mend frug er, ob ſeine Anweſenheit keine Sto⸗ rung verurſachte, und, ablenkend, eine Scherz⸗ weiſe annehmend, wies Olaf ſeine Fragen mit der Verſicherung zuruck, daß er die Eiferſucht nicht kenne, und daß er ja Delſinens Beſitz dem Freunde zu danken habe. Dergleichen Sorge, fuhr er ſich ſelbſt ausweichend fort, ziemt dem fröhlichen Jäger nicht! So vergieb und vergiß, ſprach Magnus und fuͤllte das rein und klar voruͤberſchießende Waſſer in ſein Trinkhorn, und mache, daß Del⸗ ſinens Blick minder ernſt und räthſelhaft auf mir weile, als wollte er mich aus Deiner Nähe ver⸗ bannen. Das ſoll er nicht, rief Olaf und brach mit dem Gaſtfreund wieder auf, und gewiß, das will er auch nicht, es iſt nichts als thörichte Schaam, die des Weibes Blicke vor Dir nie⸗ derſenkt. Olafs Glut fuͤr Delſinen war längſt ge⸗ kuͤhlt, aber ſie war ihm lieb geblieben, weil ſie ſich zu ihm gewoöhnt und jedem anderen ſchmer⸗ zenden Verlangen entfremdet hatte. Ihm war, als trete es in Magnus Geſtalt wieder vor ſie hin. 110 Die Verſchuchterung beider gegen einander war ihm nicht entgangen, er legte ſie wie eine Erinne⸗ rung an ihre Liebe aus, die ſich ſehne, wieder Gegenwart zu werden. Er konnte nicht daran gedenken, ohne ſich zu beſinnen, wie er Delſinen durch einen Trug um des Freundes Beſitz zu bringen geſucht hatte. Biſt du gekommen, ſag⸗ te er bei ſich ſelbſt, mir dieſen Trug zu vergelten? Oder daß mir die Gelegenheit werde, dir das Gluͤck zu goͤnnen, das du mir damals goͤnnteſt? Nein, ich mag keinen Trug nennen, was ich nur nicht erforſchen will. Schenkt euch Worte, Bli— cke, den Kuß, und kein Zweifel an eurer Treue ſoll eure Ausſohnung truͤben.— Mit dieſem Vorſatz kehrte Olaf an des Freundes Seite vom Waidwerk des Tages heim. Halt inne, rief hier Emund, ehe Deine Worte das Andenken des Vaters zu verletzen wa⸗ gen; und der Schmerz der Mutter ſey neben ihm begraben, ich mag nichts aufſcharren, was im Verborgenen ruht! Nicht ſo voreilig, Juͤngling, entgegnete der Greis und winkte ihm, den ver⸗ laſſenen Sitz wieder einzunehmen. Darauf fuhr er fort: 111 Da ſich der Aufenthalt in Olafs Burg durch die Ungunſt des Windes und durch das Behagen der beiden Hausfrauen an einander verlaͤngerte, ſo konnte Eure Mutter bei der Nähe, worin Ihr noch von ihr Euch befandet, dem Verlangen nicht wider⸗ ſtehn, Euch vor einer weiteren Fahrt noch einmal zu ſchen. Eurem Vater widerrieth Olaf, ſie zu be— gleiten; er erbot ſich, ſie in der Tracht eines Fuͤh⸗ rers auf ihm bekannten Wegen ſicher hin und her zu bringen, und die Bedenken, die Magnus ge⸗ gen das Zuruͤckbleiben aufbrachte, ſo wie das Be⸗ gehren Delſinens, mitzugehn, ſchienen Olafen zu verſtimmen, ſo daß ſein Freund nicht langer Anſtand nehmen mochte, ſein Anerbieten zu er⸗ greifen. So traten Birgitte, als Bauerin und Olaf wie ein Bote gekleidet, ihren Weg an, und jener vertraute Eurem Vater den Schutz ſeiner Burg und ſeines Weibes, dem er Fuͤrſorge und Gaſtlichkeit gegen Magnus anempfahl. Dieſer hielt ſich im Innerſten uͤberzeugt, daß ſeine Gegenwart Olafs Weibe nicht zuſage, er brachte ſeine Zeit im Forſte zu und nahte ſich Del⸗ finen oft den ganzen Tag nur, um ihr die gemach⸗ te Jagdbeute zum Heerde zu bringen. Ihr ſeyd 122 meiner Sorge anempfohlen, ſprach ſie eines Mor⸗ gens zu ihm, wie ſie ihn wieder zum Waidwerk fertig durch die Halle gehen ſah, und ich kann ſie nicht unterdruͤcken, wenn ich Euch ſo allein hier durch die unbekannten Gegenden ſchweifen ſehe⸗ Wie leicht könnt Ihr abirren und mitten in die Gefahren hinein gerathen, vor denen Ihr Euch bei uns verborgen haltet. Magnus antwortete: vor der Furcht, Euch in Eurer Einſamkeit laͤſtig zu ſeyn, kommt keine andere Beſorgniß in mir auf, und ich geſtehe es Euch, daß weit mehr ſie, als die Jägerluſt, mich meine Tage unter den ſchoͤnen duͤſtern Föhrenwipfeln verbringen heißt. So hegt Ihr, erwiederte Delfine, ein Mistrauen gegen mich, deſſen Grundes ich mir nicht bewußt bin. Ach werther Gaſt, wenn ich Euch vielleicht mit meinen ernſten Blicken verſtoͤrt habe und Euch freilich anders haͤtte willkommen heißen ſol⸗ len, ſo bezieht es doch nur nicht auf Euch, Ihr habt mich an meine Jugend erinnert, und vor ihr ſenkte ich meine Augen. Ich werde meine Hei⸗ math nie wiederſehn! Ich möchte es auch nicht, ſetzte ſie hinzu. Wer weiß, ſprach Magnus, ob mich die Wellen nicht in ihre Naͤhe tragen! Ich 113 werde ſie von Euch gruͤßen, und moge ich Nor⸗ wegs Strand wieder ſehen und Euch den Gegen⸗ gruß bringen konnen! Redet nicht davon vor meinem Herrn, ver⸗ ſetzte die Frau. Vor ihm erwähne ich meiner Heimath nie, weil es ihn kraͤnkt, und weil er Un— recht hat, daß es ihn kraͤnkt, da ich ihm ja ange⸗ hore. Ach, fuhr ſie fort, wollt Ihr wirklich, wenn Euch Schickſal und Flut dorthin führen, Euch nach den Meinen erkundigen? Es muß aber heimlich geſchehen, denn nie duͤrfen ſie erfahren, wo ich bin. Keinen Gruß, keine Kunde duͤrft Ihr ihnen bringen, aber nehmt die Andenken mit, die meine Liebe hier gewoben hat, und legt ſie auf die Schwelle des ſchönen, hohen Hauſes! Sie werden meine Hand an der Arbeit erkennen, ſie ward geruhmt, da ſie noch mit den Landsmaͤn— ninnen wetteiferte. Dies fuͤr meine Schweſter, fuhr ſie fort, indem ſie zwei kunſtvolle Gewebe aus ihrer Lade nahm, dann hob ſie einen nicht minder trefflich gearbeiteten Guͤrtel nebſt einem goldenen Brackenſeil hervor und ſprach, dieſes fuͤr meinen ſchlanken Bruder zu St. Hubertus Feſt! Und Thränen entſtürzten ihren Augen, wie 114 ſie auf das letztere Geſchenk blickte, das Magnus aufmerkſam betrachtete. Nie, ſagte ſie, arbeite⸗ te ich daran, als wenn Olaf abweſend war, trat doch mit ſeiner lieben Naͤhe die gleich wie⸗ der von mir zuruͤck! Während dem trat Olaf, mit Frau Birgit⸗ ten zuruͤckgekehrt, herein. In quaͤlender Angſt hatte er den Weg vollendet. Erſt als das Um⸗ kehren unmöglich war, erſchrak er vor der Unru— he, die ihn ergriffen. Das Unerwieſene trat moͤglich, das Mogliche wahrſcheinlich und end⸗ lich gewiß vor ſeine Augen, er ſchalt ſeine Thor— heit und erkannte eine Tuͤcke in ihr, die ihn zum 3 immer finſterern Abgrund in ſich ſelbſt niederzog. Der Abſchied von ihrem Kinde, die Bangigkeit, ob Eurem Vater einſtweilen nichts begegnet ſey, beſchäftigte Birgitten ſo ganz, daß es Olafen ge— lang, ſeine Qual vor ihr verborgen zu halten, und ſeine Beaͤngſtigung ihr nur als allzuſorgſame Theilnahme erſcheinen konnte. Die Borten und Gewebe, die Delſine bei ihrem Eintritt vor Eu— rem Vater ausgebreitet, hatte ſie Eurer Mutter ſchon fruͤher in einer vertrauten Stunde gezeigt, ſie wußte, daß Delfine, wie in einem wehmuͤthi⸗ 115 gen Spiel, ohne Hoffnung, ſie wirklich der Hei⸗ math zuſenden zu koͤnnen, ſie gefertigt hatte, und warum es Olafen verborgen geblieben war. Nach den erſten Wiederbegruͤßungen trat dieſer hinzu und beſchaute den Guͤrtel und das Leitſeil. Del⸗ ſine wußte ſich nicht anders zu helfen, als daß ſie ihn uͤberredete, ſie habe Magnus ein Gaſtge⸗ ſchenk damit gemacht. Ihr ahnete nicht, wie ihre Werte Olafen durch Mark und Bein gluͤhten, wie ſie ſein Gehirn raſend machten in Verdacht, Ei⸗ ferſucht und Rachgier. Bald ſuchte er ſich zu ent⸗ fernen, um ſich nicht zu verrathen, immer wie⸗ der zog es ihn zuruͤck, jeden Blick, jedes Wort, jedes Thun zu erlauſchen; alle die Wogen aber, die ſich ſo in ſeinem Blute ſchwankend auf und ab trieben, ſammelten ſich im kochenden Wirbel bei dem Gedanken, daß Magnus und Birgitte jeder Sorge, jedes Ruͤckhalts vergeſſen haben wür⸗ den, während er mit des Freundes Weibe furſich⸗ tig und muͤhſam den beſchwerlichen Weg hin und zuruͤck gemeſſen. Er hatte keine Ruhe, kein Licht mehr in ſich, alles war ihm Finſterniß geworden, durch welche hin ſein Schmerz, ſein Haß, ſein Zuͤrnen 116 auf ſich ſelbſt grollte. Am zweiten Morgen brach der Gaſtfreund, ſeiner Aufforderung zufolge, wie⸗ der mit ihm zur Jagd auf. Die wilden Eider⸗ gaͤnſe hatten ſich in einer Bucht an der See ge⸗ lagert, nur über Klippen und Felſen konnte man an den Ort gelangen, wenn man verſchmaͤhte, weit in die See hineinzuſchiffen, in welche die Felſenzunge ſich ſtreckte. Olaf ging ſchweigend neben dem Freunde her, als moͤchte ein Wort das Jögergluͤck verſcheuchen. Sie nahten ſich durch einen Birkenwald den nackten weißen Ufer⸗ wänden am Meer. Ueber die Klippen und Za⸗ cken ſchritt Olaf voran, oft war ihm zu Sinn, als möchte er ſich von da oben hinunterſtuͤrzen, aber nein, ſprach er bei ſich, ſo uͤberlebte mich meine Schmach, ſie ſoll im Meerſchlund begraben ſeyn! Auf der wildeſten Spitze ergriff er den Arg⸗ loſen beim Arm und rief: Trug fuͤr Trug, Jagd⸗ gefährte, nicht wahr, wir ſind uns nichts mehr ſchuldig? Was faſſeſt Du meinen Arm, entgeg⸗ nete der Gaſt, laß mich den Deinen ergreifen und Dich hinafihren, Dir ſchwindelt, Du wahnſinnig. Hinab mit Dir! ſchrie Olaf. ſtuͤrzte Euer Vater von der Felswand in das 117 Oben ſtand Olaf und ſah ſtarr hinunter, bis das Abendgrauen gaͤnzlich in Nacht verſunken war. Die Reue war zu ſpaͤt, rief er uͤber Felſen und Wellen hin; ich konnt' es doch nicht mehr unge⸗ ſchehen machen, er mußte hinunter! Die grollen⸗ de Brandung und der droͤhnende Schall am Ge⸗ klipp ſchienen ihm ſeine Worte im Hohn und W lenden Lachen zuruͤckzurufen. Der Pilger hielt inne. Emund hatte ſich ſtill erhoben und die Arme um den Pfeiler ge⸗ ſchlungen, der die Halle ſtuͤtzte. Sein Antlitz war abgewendet, aber zwei große blitzende De⸗ manten fielen aus ſeinen Augen. O Mutter, Mutter, rief er jetzt, daß Du ſo lange ſchweigen konnteſt und mich doch groß genug gezogen haſt, ſolche verruchte That zu raͤchen! Nun fahre bis zu Ende fort, ſagte er, ſich plotzlich faſſend, zum Al⸗ ten, ich unterbreche Dich nicht wieder! Er ſetzte ſich auf ſeinen Schemel zuruͤck und hielt das Kinn an den Griff des Schwertes gedruͤckt, das er unwillkuͤhrlich von der Wand genommen hatte. Der alte Hausgenoß redete weiter: ver⸗ ſchaͤmt ſaß Olafs Weib mit Frau Birgitten am Heerd und harrte ſeiner Heimkehr. Sie glaubte 118 ſich endlich der Hoffnung, einen jungen Lebensgaft unter ihrem Herzen zu beherbergen, uͤberlaſſen zu koͤnnen, und hatte ſich vorgeſetzt, dem Gatten an dieſem Abend zu verkuͤnden, was ſie Birgitten vertraut hatte. Dieſe trat oft auf den Söller und ins Freie und ſah unruhig nach Eurem Va⸗ ter aus. Olaf kam allein, ſtumm und finſter. Sie ſtand zitternd vor ihm und konnte ihn nicht fragen. Alle die Gefahren, vor denen ſich ihr Herr hier bei dem Freunde verborgen hatte, ſtan⸗ den ihr vor Augen. Was ſtiert Ihr mich ſo an? ſagte Olaf zu ihr. Was geſchehen iſt, iſt ge⸗ ſchehen, Ihr muͤßt Euch in Euer Ungluͤck finden. — Eure Mutter ſank Delſinen in die Arme. Gebt Euch zufrieden, fuhr Olaf fort; Euer Mann iſt uͤber Meer, der Tag war gefährlich, ihm ward nachgeſtellt, und er iſt entronnenz Euch laͤßt er mit ſeinem Gruße ſagen, zuruͤckzukehren zu Eu⸗ rem Kind und ſtill zu ſeyn. Die erſchrockene Frau wehklagte, daß er ſie zuruͤckgelaſſen, bis ſie, von Weinen und Seufzen ermattet, wie bewußt⸗ los daſaß; Delſine wollte ſich Olaf naͤhern und ſeine Finſterkeit mit ſanfter Gewalt wegdrängen, er ſtieß ſie aber zuruͤck und ſprach: Falſche! ich 119 weiß, wer in Deinen Armen geruht hat! Gott, rief Delſine, Du ſiehſt mich ja ſo verruͤckt an, was iſt Dir begegnet? Du redeſt aberwitzig, iſt es denn wirklich wahr, was man ſich hier zu Lande erzaͤhlt, daß Maͤnner zu Zeiten woͤlſiſche Geberden annehmen und in unbegreiflicher Wuth einherraſen? O beruhige mich, Olaf, lieber Olaf! Laß mich, ſprach er, gerade Du haſt mich ra⸗ ſend gemacht. Delſine hatte ſich zitternd zu Bir⸗ gitten gebeugt, um ſeinem furchtbaren Anblick zu entgehn. Laß ſie, ſagte Olaf. Ich habe ihren Mann ums Leben gebracht. Mit dieſen Worten ging er aus der Halle. Nie betrat er ſie wieder. Er irrte am ein⸗ ſamen Strand umher, bis ihm ein Fahrzeug ent⸗ gegen kam, das Seexaͤuber lenkten. Er begehr⸗ te aufgenommen zu ſeyn und ihnen zu dienen. Seinen Namen erfuhren ſie nicht, aber ſein Un— gluͤck verlieh ihm wilde Kuͤhnheit, und die Demu⸗ thgung, der er ſich menſchenſcheu unterzogen hatte, brachte ihn dahin, jedem Geheiß des Fuͤhrers den ſtrengſten Gehorſam zu leiſten. So trug ihn das Schiff, einſt die Wiege ſeiner Träume, aber⸗ mals auf die ſtuͤrmiſche Flut hinaus, aber die * Beute, nach der das Fahrzeug ſich hinwagte, konnte ihm keine Luſt verheißen, er hatte ſich ſelbſt im Gefuͤhl der unendlichen Unruhe auf das Meer verbannt. Sein verlaſſenes Weib vermochte nicht, der gleichfalls vereinſamten Frau, die ihres Gaſtrechts genoß, Olafs letzte Worte mitzutheilen, denen ſie ſelbſt keinen Glauben beimeſſen konnte. Nur als Delſine, endlich zur Ueberzeugung gelangt, daß auch Hlaf zu Schiff gegangen, dem Untreuen nachzuziehen beſchloß, und Birgitte ſich mit ihr in Mannskleider werfen und ihr Geſellſchaft lei⸗ ſten wollte, that jene ihr kund, wie ſie aus Olafs letzten verworrenen Riden geſchloſſen, daß Ma⸗ gnus auf der Jagd umgekommen ſey, und das Leid hierum vermuthlich Slafen bewogen habe, die Geſellſchaft der Menſchen zu fliehn. Nun blieb Eure Mutter noch in der trauri⸗ gen Burg, bis ſie ſich ganz berzeugt hatte, daß ihr die Umgegend keine Spur von ihres Herrn Le⸗ ben oder Tode aufzuweiſen vermochte. Dann be gab ſie ſich in das Bauerhaus, wo ſie Euch ge⸗ laſſen hatte, und kehrte ſpaͤter, da die Zeit wie⸗ der ruhig geworden war, mit Euch in die Hei⸗ 121 math hier zuruͤck, wo ſie Euch, als eine ſehr trau⸗ rige Wittib, auferzog.— Olafs Weib hatte ſich aufs Meer begeben und ſaß, wie ein Kauf⸗ mann gekleidet, in einem Schifflein, das, Bern⸗ ſtein zu holen, in die See ſtach. An der Kuͤſte von Pommern lag ein Wallfahrtsort, zu dem mehrere Pilger auf dem Schiſſe hinwollten, und Delſine wähnte manchmal, auch Olaf konne viel⸗ leicht dahin gezogen ſeyn, die Ruhe zu ſuchen, zumal da er ſtets ein Anhaͤnger des alten Königs Erich geweſen, der alldort ſeine letzten Tage zu⸗ brachte. Aber der Sturm trieb das Fahrzeug und wandte es mit ſolcher Uebermacht, daß die Mannſchaft in kurzem dem Gewog uͤberlaſſen, und der Blitz vom Himmel ihre Leuchte war. Da heiteres Wetter wiederkam, und die Luft ſtill und ſpielend ward, ſahen ſie ſich fernab von ihrem Ziele und ſaßen auf dem großen hohen Meer, ein Schiff aber kam eilends auf ſie los, wie ein Geier auf die matte Taube, die ſo eben der Ad⸗ ler losgelaſſen, und gar bald hatten die Raub⸗ fahrer ihre Beute, welche ſie an den Strand einer nahen wuͤſten Inſel zogen. Dort ſtand der Hauptmann, die Gefangenen v. Loeben's Erzähl. Bd. I. 6 122 mußten vor ihm ausſteigen. Wie geſchah Delfi⸗ nen, als ſie in ihm Olafen erkannte. Sie flog auf ihn zu, riß das Barett vom Haupte, daß ihr Haar in ſchoͤnen goldenen Stränen herabſtuͤrz⸗ te und, ſie umfliegend, die Perlen ihrer hervor⸗ brechenden Zaͤhren ſammelte. Olaf weinte auch und faßte ſie in ſeine Arme. Schuld und Vor⸗ wuͤrfe ſchienen hinter beiden zu liegen, und alles ungemach beſiegt, nun die Unfälle ſelbſt ſiemit einander hatten wieder vereinen muͤſſen. Sie ſetzten ſich Hand in Hand bei den Klippen nieder, die Wellen ſchlugen an ihre Fuͤße. Da warf Delſine den Mantel zuruͤck und ſagte, den Blick auf das Wamms ſenkend, das ihr um den Leib her zu knapp geworden war:; an dem Abend, da Du mich verließeſt, wolit' ich Dir mit der frohen Botſchaft entgegentreten, aber Du kamſt ſo fin⸗ ſter heim! Olaf ſprang empor und rief: ſo war ich al⸗ ſo ein Thor, daß ich deinen Tod, Magnus, bis heute betrauert und, ſeit die That geſchehen, dich ſo oft fuͤr unſchuldig gehalten habe. Sage ſelbſt, Weib, iſt Dir in Deinem Leben etwas Lieberes begegnet, als wie Magnus an meiner Stelle Burg⸗ 123 herr war? Er erhob ſein Schwert, die entſetzte Frau floh vor ihm her. Fuͤrchte Dich nicht, rief er, indem er ſie verfolgte; ich darf Dich nicht richten! Aber nun ſchlüg er mit dem Schwerte hin und her, auf alle Umſtehende eindringend, und ſchrie, ihr alle muͤßt nieder, ihr habt meine Schmach geſehn! Er verwundete einige und ließ ſich von anderen Herzuſpringenden nicht ent⸗ waffnen, vielmehr hieb er immer wuͤthender um ſich, bis der Zorn der Seeräuber, endlich aufge⸗ lodert, ihn im Blitz der uͤber ihm zuſammenzu⸗ ckenden Schwerter in den Meerſand niederſtreckte. Als er nahe daran war, das Bewußtſeyn zu verlieren, bat er ſeine Genoſſen mit faſt ruͤhren⸗ der Stimme, Delſinen am Strand der Norman⸗ die auszuſetzen; ihr Pilgrimme, ſetzte er hinzu, wenn ihr, ausgelöͤſt, in die Heimath wieder⸗ kehret, ſo verkuͤndet Magnus Frau, daß ich es war, der ihn getödtet. Hierauf ſtarb Olaf, zum Bedauern ſeiner Gefaͤhrten, die ihn einmuͤthig, als er kaum einen Monat unter ihnen geweſen, zum Anfuͤhrer erkohren hatten. Sein ſchoͤnes, nun gedankenlos vor ſich hinſtarrendes Weib fuͤhr⸗ ten ſie, ſeinem Worte treu, an die Kuͤſte, wo 6* ſie geboren war. Sobald ſie mit ihr ans Land geſtiegen, entfloh ſie ihnen und ward von keinem erreicht. Bei dem Schloß ihrer Aeltern, die nicht mehr am Leben waren, ſoll ſie geſehen worden ſeyn. Ein verſtortes Weib, von langen verwil⸗ derten Haaren umhuͤllt, als ſturze ſich ihr vom Haupte eine Laube von dunklem Moos und thau⸗ glänzenden Flechten, ward dort im Bärenzwinger gefunden und war aus demſelben nicht hinwegzu⸗ bringen. Der eigene Bruder ließ das Weib, auf Antrieb ſeiner Liebſten, welcher der Zuſammen⸗ hang wohl ahnete, mit Hunden hetzen, aber die Ruͤden ſcheuten ſich, ja der eine kroch zu ihrens nackten Füßen und demuͤthigte ſich ſchmeichelnd vor ihr, als wiſſe er, daß das Kind ſeines ehe⸗ maligen Herrn im tiefen Elend vor ihm ſtehe und es ſchlimmer habe denn er. Der Burgherr verließ ſogar das Schloß, da die wunderſame Begeben⸗ heit ruchtbar geworden, um die eigene Schweſter nicht anzuerkennen, deren Lage, Schuld und Entartung ſeinen Hochmuth beleidigte. Noch immer ſaß Emund dem Verſtummen⸗ den ſchweigend gegenuͤber. Was mich betrifft, 105 ſetzte dieſer nach langem Innehalten hinzu, ſo bin ich einer von jenen Pilgrimmen geweſen, die da⸗ mals von den Seeraͤubern angefallen und ſpater wieder losgelaſſen wurden. Von meinen uͤbrigen Grefaͤhrten kehrten wenige heim, ſie hatten Stab und Taſche nur zum Vorwand genommen und eilten nun ihrem eigentlichen Ziele, dem alten Kd⸗ nig Ehrich, zu, da ſie der neuen Dinge hier im Lande muͤde waren. Einen von den Raubfah⸗ rern hatte die Begebenheit mit Olaf dermaßen bewegt, daß er ſich von ſeinen Gefährten trennte und auf der wilden Inſel blieb, alldort im Ge⸗ bet ſeine Tage zu verleben und den vielleicht hier⸗ her Verſchlagenen oder Scheiternden huͤlfteich zu ſeyn. Dieſem hatte Olaf auf der Fahrt ſeine Begebenheiten vertraut und ſich gegen ihn ange⸗ klagt, den Freund im ſchnoͤden Verdachte vem Felſen hinabgeſtuͤrzt zu haben. Ich war des Be⸗ gehrens eingedenk, das der ſterbende Olaf uns Pilgrimmen eröfſnet hatte, und trug, ſobald ich- ans Land geſtiegen, Eurer Mutter die empfangene Botſchaft zu. Auf dieſe Art bin ich in Euer Haus getreten, das ich nicht wieder verließ. Ihr wurdet meiner Obacht anvertraut, ich mußte Euer „ Waſſenmeiſter werden. Der betruͤbten Fran ge⸗ reichte es zur Aufrichtung, wenn duͤſtere Gedan⸗ ken auf ihr Herz druͤckten, ſich immer von neuein jeden Umſtand, den ich in Erfahrung gebracht, von mir wiederholen zu laſſen. Wie mancher Herbſtabend, wie mancher Wintertag verging auf ſolche Weiſe. Oft griff ich zur Harfe und ſchlug hinein, den Sturm und meine Worte zu uͤberſchmettern, ſang dann, den ſchreckhaften Nachhall in der wunden Frauenbruſt einzulullen. Wundert Euch nicht, Emund, daß Eure Mut⸗ ter ſich an desVaters Todestagen vor Euch ver⸗ barg. Wie zu gewiſſen Stunden die Geiſter der Erſchlagenen ſich erheben und von neuem ſich be⸗ kaͤmpfen ſollen, ſo erhoben ſich immer wieder die unruhigen Geiſter ihrer Zweifel. Seitdem der erſte Schmerz um Magnus Ermordung voruͤber⸗ gezogen, waren dieſe Geiſter bei ihr eingekehrt und mit mir zugleich ihre Hausgenoſſen geworden, die ich nie gaͤnzlich zu verſcheuchen wußte. Sie trauer⸗ te aber nicht ſowohl um das Leid, das ſie ihr beim treuen Andenken an den Ermordeten zufuͤgten, als um ſich ſelbſt, daß bei ſolcher Liebe, wie ſie zu ihm getragen, ein Zweifel an ſeiner Treue und „ 127 an ſeinem unverſchuldeten Tod in ihr hatte auf⸗ kommen koͤnnen, darum klagte ſie ihre eigene Schwachheit an, und dies Gefuͤhl war es gewiß auch, was ihr unvermuthet, da ſie juͤngſt aus der Trauerkammer trat, wo ſie abermals den bitte⸗ en Gedächtnißtag begangen hatte, das Herz brach.. Ja, ein böſer Geiſt war es, fuhr Emund empor, der meiner Mutter ſolche Gedanken ins Herz redete. Er hat ſie auch zaghaft gemacht, mir das grimme Geheimniß zu offenbaren und meinen Arm zur Suͤhnung des väterlichen Schat⸗ tens aufzufordern. Arger Olaf! daß du minde⸗ ſtens den Gefährten, den du zum Zweikampf auf⸗ zufordern dich ſchämteſt, lieber durchbohrt und einen Stein uͤber den Todten gewälzt haͤtteſt! Du hätteſt fruher feig ſeyn ſollen, da du nicht tollkuhn zu bleiben vermochteſt! Wer weiß, das edle Gebein, weiß gewaſchen von den ſalzigen Thranen des Meers, irrt noch umher, eine ruhi⸗ ge Grabſtätte zu ſinden, und ſindet keine, bis es dem Meerſande gleich iſt.— Meine Mutter war ein Weib, rief Emund, ſich zum Pilger kehrend: aber hätteſt Du nicht reden ſollen, Alter, ſobald 128 Du die erſte Kraft in meinen Sehnen merkteſt? Doch was rechte ich mit Dir, ich will keine Zeit verſaͤumen, nicht laͤnger wie ein Weib daheimſitzen in dumpfer Trauer. Und wohin wollt Ihr? ver⸗ ſetzte der Pilger. Wo Olafs Brut athmet! rief Emund. Wo die Verruͤckte mit ihrem Sprößling hauſt, dahin will ich, von Olafs Erben meines Vaters Suͤhne fordern, von Olafs Weibe einen Eid erzwingen, der dem Geiſt der Mutter lauten ſoll! Scht Euch für, ſprach der Sn die a⸗ ten Maͤchte der grauen Zeit trachten nach Euch! Unrecht gethan hab' ich, daß ich das Gcheimniß Eurer Aeltern nicht mit mir ins Grab nahm. Aber fuͤrwahr, ich fuͤrchtete, das letzte unerfuͤllte Verlangen möchte den abgeſchicdenen Geiſt nicht zur Ruhe kommen laſſen. Nun weiß ich es, daß nicht eine heilige Scheu allein, deren Wahrneh⸗ mung Euch mit einer ähnlichen erfüllen ſoll⸗ te, Eurer Mutter die Lippen ſchloß; ſie umflog eine Ahnung von dem, was Ihr nach erlangter Kunde beginnen wuͤrdet. Darum rief ſie auch der Tod ab, bevor die letzte Sehnſucht ihre lang⸗ gehegte Bangigkeit uͤberwand; ich aber habe dem 129 Tode das Wort aus dem bleichen Munde ge— nommen! Emund hatte ſich von dem Wehklagenden und Abrathenden gewendet. Sein Entſchluß war unwiderruflich. Es fuͤgte ſich eben, daß eine Galeere, die der Sturm an die vorwegiſche Kuͤſte verſchlagen hatte, mit wieder zuſammengefuͤgtem Tau⸗ und Takelwerk in die See ſtechen und einem franzoſiſchen Port zueilen ſollte. Emund zog die⸗ ſe Gelegenheit, die ihm von dem Pilger geſchilder⸗ te Gegend zu erreichen, der Ueberfahrt auf einem Schiff der damals noch weithin herrſchenden Han⸗ ſa vor und machte ſich dem Befehlshaber der wieder flotten Galeere bekannt, bei dem er vorgab, alte Stammverwandte in der Normandie beſuchen zu wollen. Die See war um die Zeit ruhig, der tief⸗ blaue Himmel lag daruͤber und ſchlug den gol⸗ denen Strahlenſchleier des Tages nur zuruͤck, um den ewig wachen Glanz ſeiner Augen zu zeigen. In dieſen nächtlichen Stunden ward oft ein uͤber⸗ aus holder Geſang auf dem Fahrzeug vernommen. Er kam aus der Tiefe deſſelben und vermählte 130 ſich dem Ruderſchlag und Wellengeraͤuſch auf das innigſte, die bei Nacht das Schiff melodiſcher zu umſpielen ſchienen. So duͤſter oft Emunds Ge⸗ danken waren, in welche verſenkt er hinabſah, wo ein ſchwarzgelber Strudel die blaugekraͤuſelte Stroͤmung anfeindete, ſo unwiderſtehlich ward er dennoch abgezogen, ſobald die Stimme ſich hö⸗ ren ließ. Manchmal waͤhnte er, ein fernes Si⸗ renenlied zu vernehmen, und wuͤnſchte, die Wo⸗ gen möchten noch leiſer rauſchen und ſo das Meer⸗ fraͤulein herantragen. Bald erfuhr er jedoch nicht blos, daß der Singende ein Ruderer am Borde des Schiffes ſey, ſondern er erblickte ihn ſelbſt, da der Hauptmann des Fahrzeugs, der ſeinen Geſang belauſcht hatte, als er einſt bei Nacht die Schiffsrunde gemacht, ihn zu Zeiten vor ſich kommen und ſeine Lieder ſingen ließ. Seine fei⸗ ne Geſtalt, ſein Anſtand, ſeine Demuth, entfernt von aller Niedrigkeit, fielen Emunden auf und ließen es ihn fuͤr unmöglich anſehn, daß ſolch ed⸗ lem Thun ein minder edles Weſen zum Grunde liegen ſollte. Um den zarten Mund zuckte der Schmerz ob der Erniedrigung, worin er ſich be⸗ finden mußte, aber auf ſeiner Stirn erſchien das 131 heitere Licht, das er barg, und wenn der rohe Kranz der Schiffsknechte ihn umgab und, von ſeinen Liedern gefeſſelt, der druͤckenden Bande vergaß, da ſchienen ſeine Blicke es umſonſt ver⸗ hehlen zu wollen, daß ehedem ein edlerer Kranz ihn geſchmuͤckt. Dieſer junge Menſch, ſagte der Befehlsha⸗ ber zu Emund, hat ſich aus eigenem Begehren dem muͤhſeligen Tagewerk unterzogen, worin er geduldig und ſtandhaft ausharrt. Solltet Ihr es glauben, daß ihn eine ſchwere Schuld druͤckt? Nimmermehr, verſetzte Emund, kann ich das ſei⸗ nen klaren Augen, ſeiner Stimme glauben, die gleichſam alle Schuld und Unruhe in fremden Bu⸗ ſen aufwuͤhlt und jedes Begehren nach ihrer Fried⸗ lichkeit hintreibt. Alles tobende Blut möchte man hinſtroͤmen laſſen und ſich abkuͤhlen in der Flut ſeines Geſanges, und ſolcher Kryſtall ſollte einen ſchwarzen Grund verbergen? Sein beunru⸗ higtes Gewiſſen, ſprach der Befehlshaber, hat ihn, ſeiner Ausſage nach, dazu getrieben, das ſchwere Ruder zu ergreifen und wie ein verachte⸗ ter Sklav zu leben. Die Schuld, die ihn bela⸗ ſtet, hat er nie ausgeſprochen, aber ich achte da⸗ 132 fuͤr, daß ſie nicht gering ſeyn mag, da er in ſo großer Angſt zu meinen Fuͤßen ſiel, ſich als eine Wohlthat zu erbitten, was unſern Augen eine Strafe ſcheint. So mancher erdreiſtete ſich, den Tod zu verwirken, und iſt dann ſo feig vor dem Verluſt des Lebens, daß er ſich an deſſen elende⸗ ſtem Brette mit Habſucht feſtklammert. So, waͤhne ich, iſt es dieſem Ungluͤcklichen ergangen, und der Geſang iſt die einzige Schwinge, die ihn erhebt. Die Worte des Hauptmanns hatten Emunds Neugier vermehrt. Er, der ſelbſt ein Geheimniß fremder Schuld in ſeiner Bruſt verſchloſſen hielt, das ihn mit Ungeduld und Unfrieden erfuͤllte, wuͤnſchte das dem ſeinen ſo entgegengeſetzte zu ent⸗ decken, und fuͤhlte ſich zu der Erſcheinung des damit beſchwerten Juͤnglings hingezogen. Die Vermuthungen des Befehlshabers uͤber ihn ver⸗ mochte er nicht zu theilen, die wehmuͤthige Heiter⸗ keit, mit der er ſein ſtummes Strafgeluͤbd er⸗ uͤllte, ſchien Emunden mit Furcht vor dem Tode unverträglich zu ſeyn, und er fuͤhlte ſich gedrun⸗ gen, der Ausdauer im ſelbſterkorenen Elend einen andern Grund, als die Empfindung der Sicher⸗ 133 heit beizumeſſen, ſie aus den Tiefen einer ihrer Schuld inbruͤnſtig bereuenden und in der Buße Frieden ſindenden Seele herzuleiten. Nicht nur daß Emund die Wiederholung des holden Geſan⸗ ges vor dem Befehlshaber zu veranlaſſen ſuchte; ſo oft die Anker ausgeworfen wurden, und die ſtillliegende Galeere die Ruderer von ihren harten Bäͤnken erlöſte, daß ſie die friſchere Luſt ſchöpfen konnten, ſuchte er ſich dem jungen Menſchen zu nähern und ihm ſeinen Wunſch zu erkennen zu geben, ſein Schickſal zu mildern und ihn von dem gegenwaͤrtigen Zuſtande befreit zu ſehn. Ein ſchmerzlich laͤchelndes Ablehnen war jedoch die ein⸗ zige Antwort, die er erhielt. Schon oft hatte ihn die Ahnung ergriffen, es koͤnne Olafs Sohn ſeyn, der hier dicht auf einem Schiff mit ihm zuſammenlebe und freiwillig unter dem Drucke der Vaterſchuld ſein Leben verathme. Er wollte ſich faſſen und ihn darum befragen, wenn er aber ſein eigenes Vorhaben durch des Juͤnglings Thun uͤber⸗ flogen fuͤhlte, ſtieß er ſtolz und haſſend die geheg⸗ te Vermuthung von ſich zuruͤck. Doch die Ent⸗ ſchloſſenheit, mit welcher er die Fahrt begonnen, war ſeit dem Entgegentreten des räthſelhaften 134 Juͤnglings nicht mehr in ihm, und eine dumpfe Trauer begann ihn zu uͤberwältigen, je näher das Schiff der Kuͤſte Frankreichs kam.— Schon erblickte man dieſelbe von fern, als ein ſeltſames Begegniß alle Muͤßige aufs Ver⸗ deck rief. Man gewahrte nämlich einen Kahn, faſt einem bloßen Balken oder Baumſtamm ähnlich, eilig auf den Wellen, vom Ufer abwaͤrts, dahin⸗ ſchießend; ein Maͤdchen, ausgeſtreckt im Kahn liegend, ſchien zu ſchlafen und des gefährlichen Wogenſpiels, in dem es dahingeriſſen wurde, nicht zu achten. Mit wetteifernder Geſchwindig⸗ keit aber ruderte von der andern Seite ein kleines Raubfahrzeug ihm nach und ſuchte die abwärts lenkenden Wogen zu durchbrechen. Die Naͤhe der bemannteren Galeere kuͤmmerte daſſelbe nicht, da es ſeiner beguͤnſtigtern Schnelligkeit vertraute⸗ Kaum hatte Emund beide Gegenſtände aufmerk⸗ ſam ins Auge gefaßt, als er, ergriffen von dem Anblick der den Wellen Ueberlaſſenen, die wie ein Kind in der Wiege dahinglitt und ſchlummernd unbekannten Gefahren entgegengetragen wurde, den Befehlshaber um ein Boot und einige Mann⸗ ſchaft bat, in der Abſicht, das Mädchen zu ret⸗ ————— 135 ten und die nach ihr hinſtrebenden zu zuͤgeln. In⸗ dem er ſein Schwert und die Streitaxt ergriff und ſich zu panzern eilte, ſetzte er hinzu, vielleicht ſey jetzt der Augenblick gekommen, an den Tag zu bringen, ob der wunderbare Straͤfling, den das Schiff berge, wirklich furchtſam am Leben han⸗ ge, und der Befehlshaber willigte auch in dies Be⸗ gehren, denſelben der Bemannung des Bootes beizugeſellen. Ungeduldig, in einem Kampf ſei⸗ nen Unmuth los zu werden, ſchon erfriſcht durch das Anwehn des regeren Lebens und Wagens, ſprang Emund in das herabgelaſſene Boot, wel⸗ ches, mit Haken, Stangen, Ketten nund Anhaͤn⸗ geleitern verſchen, pfeilſchnell die Wogen theilte und, da plötzlich der Wind gewechſelt hatte und den Seeräubern ungunſtig geworden war, zwi⸗ ſchen dieſelben und den einſamen, ruhiger fort⸗ gleitenden Nachen vordrang. Dieſen waren die Wellen in Begriff an einem gruͤnleuchtenden Punkt im Meere abzuſetzen, den Emund fuͤr ein Inſelchen hielt, ſo daß ihm in dem Augenblick das Maͤdchen weniger von der Flut als von den Räubern bedroht ſchien. Die beutegierigen Meer⸗ leute ſahen die Ueberzahl auf ihrer Seite, bevor 136 ſie aber im Vertrauen darauf ihren Kiel dem ih⸗ nen widerſtrebenden Fahrzeug Emunds zugewendet hatten, und es den Lenkern von dieſem gelungen war, ihnen auszuweichen und ſich auf die Ret⸗ tung des friedlichen Nachens zu beſchränken, war Emunds wohl uͤberlegter Wille, unterſtuͤtzt von dem unbekannten Juͤngling am Ruder, uͤber die kleinmuͤthige Widerſpenſtigkeit ſeiner Untergebenen Herr geworden und hatte das Boot dicht gegen das andere Fahrzeug gelenkt. Sobald beide an einander waren, ſprang er mit erhobenem Schwert hinuber, erkletterte es und forderte, ju⸗ genduͤbermuͤthig, alles zum Kampf mit ihm um die vor ihnen hinabſchwimmende Beute auf⸗ Die Raubſchiſſer hatten dieſe uͤber der Hoff⸗ nung, eine anſehnlichere zu erringen, bereits ih⸗ rem Schickſal uͤberlaſſen. Kaum war aber Emund, nach der Art der alten Anfuͤhrer, zuvorderſt in das fremde Schiff geſprungen, als hinter ſeinem Ruͤcken die Uebrigen den Plan ſchneller Umkehr und Rettung des Boots durch die Flucht ſchmiede⸗ ten, da ſie ſich von der allzugroßen Uebermacht der Gegner uͤberzeugt hatten. Nur der junge Menſch, den ſich Emund ausdruͤcklich vom Bi⸗ — 137 fehlshaber erbeten hatte, warf das Ruder von ſich, nahm Wurfſpieß und Schwert, die er am Boden liegen fand, und erſtieg gleichfalls den Bord des andern Schiſſs. Mit Emund vereint, drang er auf die Gegner ein, und bald ſtanden beide wie Sieger und Eigenthuͤmer auf dem fremden Bo⸗ den. Denn da die Mannſchaft deſſelben nur die beiden Maͤnner uͤberſteigen, die andern aber zur Flucht ſich wenden ſah, hielt ſie jene zwei fuͤr unrettbar verloren, und wollte eilen, das ſich be⸗ reits drehende Boot zu umzingeln und zu erbbern. Daher ſturzten ſich die Freibeuter faſt alle aus ihrem Schiff ins Meer, auf dem ſie, ihre Waffen uͤber dem Kopf haltend, zu dem Boot ſchwammen, es von allen Seiten erklommen und den Kampf mit den darauf Befindlichen begannen. Was in ihrem Fahrzeug geblieben war, es mit Emund und ſeinem Gefaͤhrten aufzunehmen, ward von dieſen zu Boden geſtreckt. Gar bald aber wuͤrden die Raͤuber auf dem erſtuͤrmten Boote zu ihrem Fahrzeug zuruͤckgekehrt, und die zwei enſchloſſenen Juͤnglinge verloren geweſen ſeyn, häͤtte nicht der Wind plötzlich ſeine Macht erneut und verdoppelt und das Fahrzeug, auf welchem Emunds treu⸗ 138 loſe Begleiter kämpften, ſchnell und weit, wäh⸗ rend das Gefecht den Widerſtand gegen die Ele⸗ mente hemmte, und dieſe wieder die Käm⸗ pfenden zur gemeinſamen Fehde mit ihnen aufrie⸗ fen, ins Meer hinausgeſchleudert. Das Raub⸗ ſchiff hingegen, ſeiner Mannſchaft entkleidet, warf er an eine Klippe, die es zwar verlette, je⸗ doch Emunden und ſeinen Gefährten vor dem Fort⸗ — f 56h Meer e h dieſtlbe Klippe war das im Kahn getragen worden. Das Meergras, das die Klippe umſchwamm, war ſeine Bucht gewordenz das Maͤdch en hatte ſich gegen die Muſchelbank ge⸗ lehnt, die das Riff bedeckte. Sie war uͤberaus ſchoͤn; die Sonne und die ländliche Lebensart, nach welcher ſie gekleidet war, ſchien ihrer zarten Haut Gewalt angethan zu haben, die die Natur unveikennbar zur Lilie beſtimmt hatte. Aber die gebräunte Farbe ſelbſt verlieh ihrer Huld einen neuen, obwohl fremdartigen Reiz. Schönes Mäd⸗ chen, gruͤßte ſie Emund, wir ſind Schickſalsge⸗ faͤhrten geworden, mit Dir an Eine Klippe ver⸗ ſchlagen; fuͤr uns iſt es kein Unfall, weil wir 139 unſer Ziel erreichten, denn der Wunſch, Dich zu⸗ retten, ließ uns das Ruder ergreifen.— O, wenn Ihr mich retten könntet! ſprach das Mädchen und ſah mit den hellen Augen empor. Wißt, ich heiße Alix, und meine Pflegeaͤltern wohnen dort am Strand, alte gute Fiſchersleute, die es immer wohl mit mir gemeint haben, als waͤr' ich ihr ei⸗ gen Kind. Sie ſagen aber, das ſey ich nichtz eine vornehme Frau ſey meine Mutter geweſen, habe mich bei ihnen gelaſſen und ſey verſchwun⸗ den. Peter, des alten Fiſchers Sohn, grollte oft daruͤber, daß ich ein fremdes Kind ſey und es doch bei den Aeltern beſſer habe denn er. Nun ſind die Aeltern gar betagt und von Kraͤften, Peter aber iſt ein abſcheuliches, tölpelhaftes Un⸗ gethuͤm, wenn er ſo flämiſch um ſich blickt oder ſeine Faͤuſte hebt, fuͤrchten ſie ſich und denken, er wird ſie ſchlagen. Da hat er von ihnen verlangt, ſie ſollen mich aus der Huͤtte jagen oder ihm zum Weibe geben. Der alten Mutter bricht das Herz, daß ſie mich dem tollen Peter geben ſoll, und daß ich fort muß, wenn er ſeinen Willen nicht hat. Seht, in dieſer Todesangſt ſetzt' ich mich dieſen Morgen auf unſern alten Kahn und dachte in Se meinem Herzen, ach wollte doch der Wind ſich erheben und mich weit, weit davon tragen, daß mir der arge Peter aus dem Geſicht käme, und er den armen alten Leuten doch nichts darum thun duͤrfte, weil ich ohne ihr Vorwiſſen geflohen waͤ⸗ re! Da ſchlief ich ein in dem Kahne, und wie ich erwachte, ſaß ich auf dem Meer. Aber ich konn⸗ te keine Angſt haben. Mir war, als wartete je⸗ mand ſehnſuchtig auf mich, von dem ich noch nie gehört, und die Wellen trügen mich zu ihm, doch wenn ich an meine Pflegeaͤltern dachte, da mußte ich wieder weinen und mich zu ihnen zuruͤckwuͤn⸗ ſchen, um der Noth und Angſt willen, die— mich ausſtehen werden. Beruhigt Euch, hub Emund an, ich will Euch zu ihnen zuruͤckbringen, und vertraut mei⸗ nem Schutze, det grimme Peter ſoll Euch und ihnen nichts anhaben. Der Wind hat ſich gelegt, fuhr er zu dem jungen Menſchen fort, der uͤber des Mädchens Erzaͤhlung in Sinnen und Sehn⸗ ſucht verſunken war; laßt uns, da wir zwei das Fahrzeug weder zurechtbringen noch lenken können, den kleinen Kahn beſteigen und das Jungfraͤulein hinrudern, daß wir uns mit deſſen Pflegeaͤltern. 141 beſprechen konnen. Was Euch betrifft, ſo habe ich heute alles das beſtaͤtigt gefunden, was ich von Euch dachte, daß Ihr nämlich der nicht ſeyd, der Ihr ſcheinen wollt; die Fuͤgung hat Euch den bis⸗ herigen Banden entriſſen und zu meinem Gefaͤhr⸗ ten gemacht, darum, wollt Ihr mir auch Euer Geheimniß ferner verſchweigen, ſo vertraut mir wenigſtens Euern Namen!— Ihr mogt mich Guy nennen, antwortete der Juͤngling, aber laßt Euch daran genuͤgen, daß ich Euch heute ſeit lan⸗ ge den erſten freudigen Augenblick meines jungen Lebens verdanke. Wieder verſtummend, ergriff er das Ruder, das, von dem Mädchen unbenutzt, im Kahn lehnte, und Emund und er ſteuerten der Weiſung zufolge, die ſie ihnen mit Blick und Finger gab. Peter hatte, ausgeſtreckt am Ufer, den Tag im Schlaf verdehnt und richtete ſich beim Ru⸗ derplätſchern, gegen die Sonne blinzelnd, empor. Das Angeſicht von Zorn aufgedunſen, die Fäuſte geballt, mit den plumpen Fuͤßen ſtampfend, tob⸗ te er der Anlandenden entgegen, die fuͤr Schreck laut aufſchrie und ſich an Guy klammerte, der, 142 erröthend und bewegt, ſie betrachtete und den Bli⸗ cken Emunds auswich, die ſich von dem Anſchaun des Maͤdchens gar nicht trennen konnten. Du borſtiges Meerſchwein, rief Emund jetzt dem Fi⸗ ſcherunhold entgegen, mach Dich Augenblicks fort, oder ich zerſcheitere Dich! Und kaum trat Emund ans Land, ſeine Drohung ins Werk zu ſetzen, während Guy bei der ſchonen Alix im Kahne blieb, ſo floh der tolle, ungefüge Menſch mit Fäuſtebal⸗ len und Murmeln, und die armen alten Leute wagten ſich aus der Fiſcherhutte heran, ſich von der Rettung ihres Pfleglings zu ͤberzeugen, ob⸗ wohl unter immerwährender Furcht vor der Ruck⸗ kehr und Gewaltthätigkeit des Wilden. Wie Guy mit Alix das buſchige Ufer em⸗ porſtieg, ſie den Alten zuzufuͤhren, ſiel Emunden eine Aehnlichkeit beider auf, die ihm während der Fahrt entgangen war. Er ſäumte nicht, des Fiſchers Weibe die Beſtätigung der Ausſage ab⸗ zufragen, die Alix von ihrer Herkunft gethan. Die Huld des Mädchens machte ſein Herz in un⸗ gewohnter Flamme aufgluhen. Sie hat Euch keine Lüge geſagt, ſprach die Alte, und darum — 143 haben wir immer ein Bedenken getragen ſie un⸗ ſerm Sohne zum Weibe zu geben. Groß gefüt⸗ tert, ſpricht er, hätten wir ſie ihm nun, er will ſie freſſen, ſpricht er, oder heirathen. Die arme Dame, die das Kind geboren hat, war ihres Ver⸗ ſtandes beraubt, da ſie an unſere Huͤtte kamz aber wie ſchoͤn und hold ſie dennoch war! Man ſah nur noch die Ueberbleibſel der praͤchtigen Klei⸗ dung an ihr, ach! und das zarte Kind, das wir mit Gottes Huͤlfe auferzogen haben, trug ſie in keiner Windel, ſie hatte es in ihr langes mond⸗ goldnes Haar gewickelt, das ihr Antlitz bedeckte und bis auf die Ferſen ſiel. Hier unter dem Da⸗ che ſaß ſie und ruhte ſich aus, denn ſie hatte ſich athemlos gelaufen; da laͤchelte ſie auf mich, wie ich das arme Wuͤrmchen nahm und herzte; aber indem ich es noch auf dem Arm hatte und, mir die Augen trocknend, in die Stube ging, es in ein Hemdlein zu huͤllen, hatte ſie der Wahnſinn wie⸗ der gefaßt und, ach Gott erbarme ſich! ſie ſtuͤrzte davon und ins Waſſer. Delſine nannte ſie ſich, ſetzte der alte Fiſcher hinzu. Das wußt' ich ja, rief Guy, und er⸗ 144 ſchuttert, mußte er ſich an den Baum lehnen, unter dem die Alten vor der Huͤtte zu ſitzen pfleg⸗ ten. Plotzlich kehrte er ſich weg und ſchritt ab⸗ warts. Delſine! rief auch Emund und verblich und erröthete abwechſelnd. Alix war zu den Al⸗ ten getreten und erzaͤhlte ihnen ihre Begegniſſe mit traulicher Beredſamkeit. Erſt jetzt, da die Alte ihren Bericht mit Schluchzen und erbaͤrmlichen Geberden begleitete, ſchien ſie ſelbſt vor den Ge⸗ fahren zu erſchrecken, die ſie uͤberſtanden hatte. Emund mußte ſie betrachten und ſuchte die Bli⸗ cke immer wieder von ihr wegzuwenden. Als er ſich etwas gefaßt hatte, ereilte er Guy und ſprach: Eurem Ausruf zufolge, Guy, wiſſet Ihr, weſ⸗ ſen Kind wir gerettet haben? Wenn Ihr es auch wiſſet, Emund, erwiederte Guy, ſo erfahret zu⸗ gleich, daß Gott mir heute durch Euch das Leben und die Freude an demſelben wiederſchenkte! Die arme Frau, begann Guy, nachdem er ſich erholt hatte, die hier unfern das Siel ihrer Irrſaſe fand, war meines Vaters Schweſter. In Eure Heimath, Emund, räuberiſch entfuͤhrt, wahnſinnig und ſchwanger nach mehrern Jahren 145 wiederkehrend, ward ſie ein Gegenſtand des Ab⸗ ſcheu's und Entſetzens. O, daß ich es ſagen muß, daß meine Mutter ſelbſt es war, die meinen Va— ter, unter dem Vorwand der durch die Schuld und Schmach der Schweſter gekraͤnkten Ehre, zu Haͤrte und Unmenſchlichkeit antrieb! Da die Hunde ver⸗ geblich auf ſie gehetzt worden waren, mußten Menſchen den Dienſt der Ruͤden thun. Immer von neuem kehrte die Ungluͤckliche wieder, als wol— le ſie an den Wurzeln des Baums ihres Le⸗ bens die Ruhe ſuchen, da der Wipfel deſſelben uͤber ihrem Haupt gebrochen war. Endlich ver⸗ jagte ſie die Unbarmherzigkeit der Menſchen auf immer. Von ihrem weitern Schickſal wurde nichts gehört. Auch meine Nachforſchungen blieben ver— geblich. Das Ende meiner Mutter war jammer⸗ voll. Mein Vater ſtarb aus Gram über daſſelbe und ſchuͤttete ein Herz voll Reue uͤber die har— te Behandlung der zwar ſchuldigen Schweſter in meinen jungen Buſen aus. Ich gelobte, alles für die Ruhe der drei Seelen zu thun, was die Kirche in der Fuͤlle der Liebe uns vorſchreibt. Wenn ich aber den Sturm gehen hoͤrte, und die zitternden Blaͤtter falb, ihrem Baume entriſſen, v. Loeben'e Erzaͤhl. Bd. IH. 7 umherirrten und ihr Grab ſuchten, wenn ich das Seil betrachtete, aus Gold und blonden Haaren geflochten, worein Delſine ihren Namen gewoben hatte, und das ſie dem Baͤrenwaͤrter fuͤr ihren Bruder, meinen Vater, gab: da dachte ich der armen verlaſſenen Frau mit ihrem Kinde, nackt, wahnſinnig, verachtet hinausgeſtoßen in die kalte, ſtolze Welt, und kam mir unwuͤrdig vor, in den ſchonen Gemächern zu hauſen, deren Zierde ſie einſt war, die reichen Kleider zu tragen, und mich mit Ueberfluß zu ſättigen und zu vergnuͤgen, wäh⸗ rend ſie vielleicht kein bleibendes Obdach gefunden, und es leicht möglich war, daß ihr Kind nun, wie ſie, bettelnd und verſtoßen, heimathslos um⸗ herwankte. Seht, edler Emund, dieß Gefuͤhl qualte mich ſo, daß ich es nicht länger in mei⸗ nem Schloſſe zu ertragen vermochte. Ich gelob⸗ te, nichts vor dieſen Unglücklichen, durch die Un⸗ verſoͤhnlichkeit meiner Aeltern ins Elend Verbann⸗ ten, voraus haben zu wollen, und indem ich uͤber die menſchliche Noth nachſann und erkannte, daß bloße Entſagung dem nicht gleich komme, was jene erfahren haben mochten, da mir leicht in ei⸗ ner Huͤtte das Gluͤck und die Zufriedenheit wer⸗ 147 den konnten, deren ich mich entaußern wollte: ſah ich eines Tags die Galeerenſclaven am Rand ei⸗ nes Hafens ihr Mittagsbrod verzehren, ſich dar⸗ auf dem Schlaf üͤberlaſſen wollen und zur Ar⸗ beit getrieben werden; und dieſer Anblick entſchied meinen Entſchluß. Alles Weitere that Euch der Befehlshaber kund. Emund reichte ihm die Hand und ſprach: auch ich verließ die Heimath, ein Gelobniß zu erfuͤllen und beunruhigten Gemuͤthern Suͤhne zu erwirkenz aber Ihr, ſchwaͤrmeriſcher Guy, ſteht uͤber mir: ich beuge mich vor Euch, in dem ich meinen Feind gefunden zu haben wähnte.— Nach dem er dem uͤberraſchten Guy berichtet, wie er zu dieſer Vermuthung gekommen, und ihn in das Geheimniß ſeines Herzens hatte blicken laſſen, ſag⸗ te er: Ihr ſeht nun, Guy, daß Alix es iſt, an der ich, als an Olafs Tochter, die Rache nehmen muͤßte. Ich uͤbergebe ſie Euch, fuhr er nach ei⸗ nigem Innehalten fort, indem er ſein Haupt an des Juͤnglings Schulter barg; ich mache wei⸗ ter keinen Anſpruch an ſie, er iſt Euch abgetre⸗ ten! Ich fuͤhre ſie in ihre Heimath, antwortete 7* * 148 Guy, mein Schloß iſt das ihre; aber wird ſie mit dem Juͤngling gehen, von dem ſie erfahrt, daß er das Sclavenruder fuͤhrte? O, daß ich je ſo ſtolz auf meine Waffen ſeyn duͤrfte, entgegnete Emund, und daß mir je ein Maͤdchen ſo viel Dank und Liebe ſchuldig wuͤrde, als Alix dem, der ſich, um ihr Loos zu theilen, freiwillig ins Elend ver⸗ bannte! Er ergriff Guy's Hand und fuͤhrte ihn zu Alix. Erſt allmählich konnte dem kindlichen Ge⸗ muͤthe ſo Seltſames und Hohes begreiflich wer⸗ den. Sie hoͤrte Emunden anfangs mit Bangig⸗ keit zu, aber Guy's der ihren gleichere Tracht ſchien dazu beizutragen, ſie ſchneller mit deſſen Worten zu befreunden. Was mich angeht, ſprach Emund, ſo bin ich dem Befehlshaber, der mir das Boot anver⸗ traute, Rechenſchaft und Erſatz ſchuldig. Ich hal⸗ te dafuͤr, daß Ihr, Guy, beſſer daran thut, einſt⸗ weilen hier zu verharren und mir zu uͤberlaſſen, Euer Ausbleiben dem Befehlshaber zu erklären. 149 Niemand, als er, braucht zu erfahren, was aus Euch geworden iſt, aber ich wuͤnſchte ihm ſagen zu duͤr— fen, wie hoch ich Euch achte.— Guy legte durch eine Bewegung mit dem Haupte alles in Emund's Hand. Ihr wär't zwar wohl genug, fuhr dieſer fort, das menſchenahnliche Unthier von Alix ab⸗ zuhalten, das dort ſchon wieder zwiſchen dem Schilf hervorgrinzt; aber noch ſicherer iſt, ich laſ⸗ ſe mich von ihm auf dem Kahne, der uns hier⸗ her gebracht hat, nach der Galeere hinfahren, die unfern vor Anker liegen muß. Das thut doch um Gottes willen nicht, wi⸗ derriethen die Alten, er wirft Euch ja ins Waſ⸗ ſer, und Ihr muͤßt jaͤmmerlich umkommen! Alix aber lachte und ſprach: der Kobold hat's Fuͤrchten gelernt! Er ſoll nach dem Takte rudern, ſagte Emund, dafuͤr ſteh' ich Euch. Mit gezogenem Schwert ging er auf den rothen Peter zu, hieß ihn in den Kahn ſteigen und das Ruder nehmen. Der Unhold patſchte im Waſſer herum, ſchielte mit den weißblauen Augen zwiſchen dem Schilf nach ihm, barg dann das Haupt voll borſtiger, brand⸗ rother Haare darin und hob den rauhen Arm mit 150 dem Ruder empor, als wollt er nach Emund ſchlagen. Da aber dieſer ſein Schwert nicht ſin⸗ ken ließ, ſondern ihn ferner bedräute, ließ er das Ruder fortſchwimmen, rannte in den Kahn und ſchaukelte denſelben, daß das Waſſer uͤber ihn zu⸗ ſammenſchlug. Doch bald hatte ihn Emund da⸗ hin gebracht, daß er fluchend das Ruder zuruͤckho⸗ len, das Waſſer ausſchopfen, ſich niederſetzen und ihn das Ufer entlängſt ſteuern mußte. Unver⸗ wandt hielt Emund Blick und Schwert auf ihn gerichtet, und der fiſchartige Menſch furchte ſich vor beiden wie ein Kind. Der Befehlshaber hatte den Sturm in einer unfernen kleinen Inſelbucht beſtehen können, äber um das abgeſchickte Boot in Sorgen geſchwebt, welche die nachmals ausgeſendeten Nachen nicht verminderten, da ſie Truͤmmern und Leichen be⸗ gegnet waren. Um ſo größere Freude erregte die Ruͤckkehr des Normanns, jedoch geſellte ſich ihr ſogleich die Vermuthung, daß er allein ſich geret⸗ tet, welche der Anblick ſeines armſeligen Fahrzeugs erhöhte. Beim Erklimmen der Schifföleiter be⸗ fahl Emund den ihn zahlreich Begruͤßenden an, —,—— —— 151 ſeinen Ruderer nur einſtweilen an eine Bank feſt zu binden, damit er gut thue. Seyd Ihr bis zu den Wilden verſchlagen worden? frug ihn der Be⸗ fehlshaber mit Lachen. Emund eilte, ihn von ſeinen Begegniſſen zu unterrichten. Ihr habt, be⸗ gann er, jedoch nicht durch meine Schuld, wahr⸗ ſcheinlich Euer Boot verloren. Indeß bin ich die Veranlaſſung dazu geweſen, und es ſteht Euch zu, mich's entgelten zu laſſen, wenn das Raubſchiff, das ich dagegen mir erfocht, mit dem, was es an Beute enthalten mag, das Boot nicht erſetzen ſollte. Die Mannſchaft freilich kann ich Euch nicht wiederſchaffen, aber an untreuen Leuten, duͤnkt mich, iſt wenig verloren.— Nun er⸗ zählte Emund dem verwunderten Fuͤhrer, wie das Raubſchiff von ihm und Guy erobert worden, und ruͤhmte die Tapferkeit des letztern. Dann vertrau⸗ te er ihm deſſen Geſchichte und konnte ſich nicht entbrechen, auch einen Theil der ſeinigen hinzuzu⸗ fuͤgen, obwohl er die eigentliche— ſei⸗ nes Vaters verſchwieg. Der Befehlshaber billigte den Rath, dem Guy gefolgt, nicht wieder auf das Schiff zuruͤck⸗ 152 zukehren und fuͤr im Sturm mit untergegangen zu gelten; er wollte ſich aber, zum Mitwiſſer ſeines Geheimniſſes gemacht, die Freude nicht verſagen, von ihm Abſchied zu nehmen und ſeinem Heldenmuth laute Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen. Nachdem er theils zur Beſichtigung des an der Klippe feſtſitzenden, von Emund und Guy genommenen Schiſſs, theils zur weiteren Aufſu⸗ chung der Verungluͤckten Befehle hinterlaſſen hat⸗ te, begab er ſich mit Emund dahin, wo dieſer Guy und Alix verlaſſen hatte. Der ungefuge Faͤhrge mußte beiden dießmal vorausrudern, und der kurze Aufenthalt auf dem Schiff hatte ihn noch ungleich lenkſamer gemacht. Die Erſcheinung des Befehlshabers, die Ehre, die er dem armgekleideten Juͤngling anthat, ja die Ehrerbietung, mit der er ihn behandelte, beſiegten die Zweifel der noch wie in einem Traum faſelnden Alten. Er hatte heimlich eine anſtaͤndige Klei⸗ dung fuͤr Guy ſowohl als Alix vom Schiſſe mit⸗ gebracht. Er bat beide, ſie anzulegen; und die hold thoͤrichte Freude, womit Alix die ſchoͤnen Sachen anſtaunte, ſie den zwei Alten wies und —. ee —, ———— —— 153 vor Betrachten gar nicht zum Gebrauch kommen konnte, entlockte dem zartfuͤhlenden Guy leiſe, herbe Thraͤnen, die aber der Anblick des Reizen⸗ den, das Alix dabei entfaltete, ungemein verſüͤßte. Er geſtand es dem Befehlshaber und Emunden, es erſcheine ihm entzuͤckend, ein ſolches Pflegkind der Natur, ſeiner Abkunft noch faſt unbewußt, und doch in ſeiner Huld ſie ausſprechend, in ſein Schloß zu fuͤhren. Alix verhehlte ihre Freude nicht, daß anſtatt des ſcheußlichen Peters der an⸗ muthige Guy ſie erhalten ſolle, und dieſen begluͤck⸗ te es, daß ihre kindliche Vorſtellung ihm wie von ſelbſt das Verhaͤltniß zu ihr einräͤumte, das ſei⸗ nem Wohlgefallen an ihr entſprach, ſeine De⸗ muth aber nicht vorausgeſetzt haben wuͤrde. Er ließ ſich angelegen ſeyn, die Ausſagen der alten Leute der Zeit und den Umſtänden nach mit allem zu vergleichen, was ihm uͤber Delſi⸗ nens Verſchwinden bekannt war, und haͤtte die Uebereinſtimmung von beiden noch einen Zweifel uͤbrig laſſen können, ſo mußten die Reden ihn he⸗ ben, deren ſich die Fiſcherin noch aus Delſinens Mund erinnerte. Alix verließ die Huͤtte gern, 134 weil der tolle Peter darin verkehrte. Aber die beiden alten Leute wollte ſie lieber mit ſich haben. Guy gab ihnen zu erkennen, daß es auch ſein Wunſch ſey. Allein ſo abſcheulich der bloͤdſinni⸗ ge Sohn mit ihnen verfuhr, ſie konnten ſich nicht entſchließen, von da zu weichen, wo ſie gleichſam eingelebt waren, und wollten lieber die Trennung von Alix erdulden, obwohl beide dafür hielten, ſie wuͤrden nach derſelben nur noch kurze Zeit am Le⸗ ben bleiben. Der Befehlshaber veranlaßte die jungen Leu⸗ te, ihm zu ſeinem Schiffe zu folgen, das unweit vom Schloſſe einlaufen ſollte. Die vexaͤnderte Tracht, und dir Unmöglichkeit, daß jemand auf der Galeere einen ſo ſchnellen Gluͤckswechſel ſich denken konnte, halfen Guy die Hinderniſſe der Annahme dieſes Vorſchlags beſeitigen. Auf dieſe Weiſe hielt daſſelbe Schiff Emunden und Guy'n noch einige Tage vereinigt. Als die Galeere ge⸗ landet hatte, wuͤnſchte Guy, ihn zu ſeiner und Alix Begleitung auf ihr Schloß zu bereden; aber 2 er empfand zu tief, um dem reinen Willen wider⸗ ſtreben zu mogen, womit Emund ihm die Er⸗ — — 155 fuͤllung ſeiner Bitte verſagte und nach kurzem Aufenthalt in dem halben Vaterland zum alten zuruͤckkehrte. Als das Schiff, worauf Emund heimfuhr, an der Stelle vorbeikam, wo man Olafs ver⸗ fallende Burg landeinwärts an einem Tannenhuͤ⸗ gel ragen ſah, ließ er ſich in einem Boot aus⸗ ſetzen und ſuchte den Weg nach dem ausgeſtor⸗ benen Gemäuer. Sein Eintritt ſcheuchte eine Schaar von Raben auf. Flieht hin, ihr ſchwar⸗ zen Vögel, rief er und ſah ihnen nach. Sagt den Adlern an, daß ſie kommen und euch ablöſen. Dieſe Burg iſt entſuͤhnt, Ruhe ſey mit ihren Geiſtern! Als er wieder hinabſtieg, wendete er ſich gegen das Meer. Es ging in ſtillen, ernſten Wellen, von Zeit zu Zeit ſchlug eine blaue Wo⸗ ge an den Kreidefelſen empor. Die Stelle war ſehr einſam. Schnell zog Emund das Schwert aus der Scheide, womit er die Rache hatte voll⸗ bringen wollen. O du Grab meines Vaters, rief er uͤber das Meer, das du ihn ſeiner Waf⸗ fen baar empſfingſt, nimm dieſe hier und 6 5 an ſeine Seite! 156 Und eben ſo ſchnell wendete er ſich wieder ab, als zoͤge das hinabgeworfene Schwert ihn nach, das er in das kryſtallene Blut getaucht hatte. — ————— ð *= — — — „ 8 — — — H Der —.— ——— Lelio, ein junger Florentiner, war in Handels⸗ geſchäͤften oft in Neapel und hatte daſelbſt nicht nur auf die Weiſe, wie es der Kaufmannsſtand mit ſich bringt, ſondern auch in manchen andern Abentheuern, als Spiel und Liebe, ſein Gluͤck gemacht. Er war nun wieder daſelbſt angekom⸗ men, und, nachdem er einige dringende Geſchaͤfte beſorgt, war es Nacht worden, und er verlor ſich in enge Gaſſen, deren eine das kleine Haus Giannina's, eines Maͤdchens, enthielt, das ihm während ſeines letzten Aufenthalts ganz angehört hatte, und von welcher er ohne Abſchied und oh⸗ ne zu ſagen, wohin, gegangen war, weil ſie ihn unbegränzt liebte, und er befurchtete, ſie möchte ihn beſtuͤrmen, ſie mit ſich nach Florenz zu neh⸗ men, was er wegen ſeiner Familienverhältniſſe vicht fuͤglich konnte. Bei ſeiner Wiederankunft 160 in Neapel gedacht' er ihrer gleich, und lebhaftes Verlangen ergriff ihn, ſich mit dem erſten Abend in das alte Verhältniß zuruͤckzuverſetzen. Als er dem Hauſe ziemlich nahe war, ſah er, daß ſie vor demſelben ſaß und Blumenkraͤnze flocht. Da ſich ihr eben ein Unbekannter mit einer Laute nä⸗ herte, wollte Lelio hören, was ſie vielleicht zu⸗ ſammen reden wuͤrden, und verbarg ſich im Schat⸗ ten eines anſtoßenden Gaͤßchens. Allein Gian⸗ nina wies den Abendwandler mit einem kalten Stillſchweigen zuruͤck. Lelio ſprang hervor, kußte Gianninen und hob ſie triumphirend in die Höhe; ſie reichte bald mit ihren beiden Armen auf ihn nieder, um ihn feſt zu umſchließen, bald machte ſie dieſelben wieder los, um vor Freuden in die Haͤnde zu klopfen und Lelio's Hand an ihr laut⸗ ſchlagendes Herz fuͤhlen zu laſſen. Der Unbe⸗ kannte wandelte voruͤber, und Lelio trug ſein Mädchen in das kleine Haus. Er fand die Stube, den Vogel, die Blumen, alles darin unveräͤndert. Sprachlos ſetzte ſich Giannina auf ſeinen Schoos und konnte nichts, als ihn anſehn und kuͤſſen, ihn— wieder anſehn und wieder kuͤſſen. Der Mond zog zwiſchen den wehenden Blumen ſanfte Irrlichter 161 durch das Zimmer, und zeigte ſich an der Wand wie eine aufgebluͤhte Roſe. Lelio hatte des Mädchens langes Haar aufgelöſt und ſpielte mit der Korallenſchnur um ihren Hals; bald wirbelten ſich dann die Locken uͤber ſeine Hand nieder, Gian⸗ nina bog ſich uͤber die Hand und legte die Wan⸗ gen daran, und er kuͤßte ſie dafuͤr zwiefach auf die vollſchwelgenden, lieblichen Augen. So biſt Du mir treu geblieben? wand ſich endlich zwiſchen allen den Liebkoſungen aus Lelio's Munde hervor.— Treu geblieben! rief Gianni⸗ naz durch Dich bin ich ja treu geworden! Vor⸗ her wußte ich nicht, was Liebe war, wie konnt' ich da von Treue wiſſen! Wenn man liebt, iſt man treu.— Lelio ſah faſt beſchämt aus Gian⸗ nina's anmuthigen Augen in den Mond. Sie ſprang wie ein gluckliches Kind von ſeinem Schoo⸗ ſe und eilte, die Abendmahlzeit zu beſorgen und alles einzurichten, wie es Lelio ſonſt gern gehabt hatte. Als ſie wiederkam, umfaßte er ſie und ſprach: Giannina, ich bin lange weggeweſen und bin nicht ſo treu als Du; machſt Du mir denn gar keine Vorwuͤrfe, haſt Du denn gar keinen Argwohn?— Der Augenblick, der Dich mir — 162 ſchenkt, rief Giannina, erſetzt alles!— Nun ſo will ich auch bei Dir der ganzen Welt vergeſ⸗ ſen, ſagte Lelio bewegt, die Welt wäre gut, wenn ſie Deinem Lieben, Du Kind! gliche. Und er nahm ſie wieder in die Arme zuruͤck, und beide bebten wie ein goldner Klang in einander, daß ſie das vollkommne Liebesgluͤck, dieſe ſeltne Sanft⸗ heit des Lebens, an ihren Herzen zu halten wähn⸗ ten. Er blieb zur Nacht; und wie er am andern Morgen ſeinen Geſchaͤften nachgehen mußte, freu⸗ te er ſich auf den Abend, wo er wieder mit Blu⸗ men, Mond und ſeinem— allein in der Welt ſeyn wuͤrde.— Wie es nun endlich Abend war, begleitete ihn nur ein truͤbender Gedanke nach Giannina's Wohnung zuruͤck. Er hatte ſeinen Verwandten in Florenz die Vollmacht zuruͤckgelaſſen, eine Hei⸗ rath zu Stande zu bringen, an welcher der Fa⸗ milie gelegen war, und die ihn mit einer edlen und reichen Florentinerin verband. Er hatte ſie wenig geſehn, und es waren nur aͤußerliche Zwecke, die ihm das Gelingen wuͤnſchenswerth machten. Seit⸗ dem er aber die Zaͤrtlichkeit Gianninens wieder 163 empfunden, erſchienen ihm der Stolz, die Hab⸗ ſucht und die Klugheit als elende Kuppler, deren knöchernen Haͤnden ſein Lebensgluͤck anvertraut ſey, und er bereute ſeine voreilige Hingebung in die Plaͤne ſeiner Verwandten. Immerhin, ihr Hochzeitbitter, rief er aus, und luͤftete dem ſpie⸗ lenden Nachtwehn die gluͤhende Bruſt. Ich ent⸗ fliehe euch nicht, aber jetzt ſeyd ihr fern, und ich bin hier, jetzt laßt mich den ſchoͤnen zappelnden Trotzknaben Leichtſinn bei den Flugeln nehmen und ſie in den vollen Liebesbecher tauchen, den Amor, ſein Geſpiele, mir eingeſchenkt hat. Der Rauſch iſt bald voruͤber, und die Glocken haben noch nicht geläutet! Indem ſprang ihm Giannina entgegen, Le⸗ lio ſchlug ſich alles aus dem Sinne, und in das kleine Haus ging nichts mit ihm ein, als die Innigkeit und die Fantaſiez beide bekleideten die ärmlichen Waͤnde mit ihren magiſchen Lauben und Träumen. Die Nacht iſt die goldene Zeit! ſagte Giannina mit einem kindiſchen Schmeicheln; ein Vergeſſen aller Zeit in Deinen Armen! Ein bren⸗ nendes Herz und der Veſuv ſpiegeln ſich wunder⸗ barer im dunkeln Meere der Nacht. Laß die 164 Flamme ſpielen, Lelid! Du weißt gar nicht, was ein armes Mädchen fuͤr Schmerzen leiden muß, wenn die Welle des Weltlebens den Geliebten ih⸗ rer Welt entreißt! Ach, den ganzen Tag uͤber, wenn das Gewirr durch die Straßen ging, ſaß ich ruhig in dem kleinen kuͤhlen Hauſe und half der Muhme arbeiten und beten; ich wußte, daß unter allen den umhertoſenden Menſchen mein Le— lio nicht ſeyn wuͤrde; aber, Lelio, wenn es Abend war, und die Liebenden zogen mit den Guitarren, es rauſchten Mäntel, Federbuͤſche, Saiten im Nachtwinde, da war es aus mit meiner Ruhe; ich hielt den Athem an, um jede Bewegung der Fußgaͤnger zu unterſcheiden, ich glaubte den Wo⸗ genſchlag des Meers zu hoͤren, und es war mein Herz; ich betete bang' in die Sterne, daß ſie Dich zu mir bringen moͤchten, und weinte vor Unge⸗ duld, wenn Voruͤbergehende von der Nacht und ihren duftigen Reizen entzuͤckt wurden.— Wenn es mehr ſolche Liebe gäbe, rief Lelio, ſo möcht' es ein ſuͤßes Spiel ſeyn, ſich zu verheirathen!— Du denkſt doch nicht daran? frug Giannina. Oder wirſt Du die nicht lieben, die Du er⸗ wählſt?— Wenn ich Dich liebe! rief Lelio . 165 mit einem Ausdruck des Unmuths.— Giannina wurde ſtill und ſchien nicht weiter fragen zu wol⸗ len. Sie fuͤhlte, daß Lelio's Zaͤrtlichkeit wuchs, und glaubte doch, er verberge irgend etwas, das ihn von ihr abwende; dann druckte ſie ſich ver⸗ geſſend an ſeine Bruſt und, die Augen lieblich ſchließend, ſang ſie leiſe zu ſich ſelbſt: dormi! che vuoi di piu? Lelio betrieb ſeine Geſchaͤfte ziemlich langſam, um ſo ſpaͤt als moͤglich nach Florenz zuruͤckzukeh⸗ ren. Er hatte nun einen Monat in Giannina's Liebe und ganz fuür ſie gelebt. Eines Abends war er bei einem Feſte und konnte ſie nicht ſe⸗ hen. Wie er in der Nacht erhitzt nach ſeiner Wohnung zuruͤckging, dachte er mit Sehnſucht daran, daß Giannina heute allein ſey, und es trat ihm duͤſter gewiß vor die Seele, daß vielleicht ſei⸗ ne Verbindung mit Emilien, der Florentinerin, bereits geſchloſſen ſey. Mit welcher Stirn, re⸗ dete er zu ſich ſelbſt, werde ich vor Emilien tre⸗ ten, deren edles Herz dieſe Taͤuſchung des erſten 166 Gefuͤhls nicht verdient! Ich hintergehe ſie, bevor ich ſie erworben habe! Wehe ihr, wenn ſie Nei⸗ gung fuͤr mich faßt, und ich ſie nicht erwiedern kann! Giannina ſagt, es ſey beſſer todt ſeyn, als die Kaͤlte deſſen empſinden, fuͤr den man brennt. In ſeinem Zimmer ſtrahlte Licht, um ihm gleich einen eingegangenen Brief zu beſcheinen, den er fuͤr einen florentiner erkannte. Er ent⸗ hielt unter andern die Worte:„Emilia iſt Dein. Eile, von dem lieblichen Gluͤcke Beſitz zu nehmen. Wir wiſſen durch einen Vertrauten des Hauſes, daß Du einen angenehmen Eindruck auf ſie ge⸗ macht haſt; ſie hat ihren Aeltern mit einem ſuͤ⸗ ßen Erroͤthen Gehorſam zugeſagt.“ Lelio riß ſein Zimmer wieder auf und rann⸗ te, wie zur Abkuͤhlung, aus dem Haus. Der Schreck vollendete, ihn von dem beim Gelag ge⸗ noſſenen Weine trunken zu machen. Er kam zu Gianninen, die, uͤber ſein Ausbleiben betrubt, noch nicht eingeſchlafen war. Es lag ihm in Ge⸗ danken, ſich noch einmal im Becher ſeiner Liebe zu berauſchen, dann ſeine Angelegenheiten einem 16 Bekannten zu ubertragen und ſich von Neapel loszureißen. Giannina begann ſehr zu zittern, da ſie ſeine Verzweiflung und ſein inneres Toben be⸗ merkte. Er ſtellte ſich luſtig und ausgelaſſen, aber ſie glaubte ihm nicht und ſagte: Giannina iſt nun lange genug beſcheiden und zu furchtſam ge⸗ weſen, Dich um Deine Traurigkeit zu befragen, die Du verbirgſt; aber nun wird der Stein auf der Bruſt zu ſchwerz Lelio, Du biſt wohl in Flo⸗ renz verheirathet?— Noch nicht, antwortete Le⸗ lio; und nun erzählte er ihr alles und legte dann den erhitzten Kopf zum Fenſter hinaus und ſtarr⸗ te auf die ſchwarzen beräucherten Mauern. Gian⸗ nina's Herz ſtand beinahe ganz ſtill. Sie ſagte mit geheimer Athemloſigkeit: ſie wollen Dich reich und vornehm machen, und Du mußt nicht un⸗ dankbar ſeyn. Ich wollte, ich konnte mich in ein kleines Huͤndchen verwandeln, Du naͤhmſt mich mit und ſtreichelteſt mich, und Deine Herrin wäre auch die meine, ſie wuͤrde mich doch nicht mit Gift vergeben; wie Dir wollt' ich ihr gehorſam ſeyn. Ach mache doch, daß Giannina Dein Huͤndchen wird!— Lelio fühlte ſich uͤber die Stirn weg und ſagte: Treue muß belohnt werden! 168 Nein, ſie darf nicht verlaſſen ſeyn. Giannina, Du gehſt mit mir. Es werde wie es wolle. Darf ich? darf ich? rief Giannina und huͤpfte in die Hoͤhe und zwitſcherte zwiſchen den Lippen wie der kleine Vogel, wenn ihm Zucker aus rothem Munde geboten wird. Aber Lelio's Frau! ſagte ſie dann wieder ſittſam und bedenk⸗ lich.— Wenn Du mit mir kommen willſt, liebes, liebes Kind, antwortete Lelio, ſo mußt Du Knabenkleider anlegen und Dich als mein Diener betragen; wenn wir allein ſind, Gian⸗ nina, iſt Amor unſer gemeinſchaftlicher Herr.— Sie ſprang nun im Hauſe und Vorſaal umher und legte allerlei bunte kleine Sachen geſchäftig zuſammen. Laß das alles, mein Kind, ſagte Lelio, in Florenz geb' ich Dir ſchoͤnere Dinge.— Das alles hab' ich von Dir, rief Giannina, Du kannſt mir nichts Schoneres geben. Was ich ſonſt habe, mag die Alte hier behalten. Sie hat mich genug gepeinigt in Deiner Abweſenheit, an⸗ dere Fremde hier in dem Zimmerchen zu ſehnz aber ich verſchloß es mit dieſem Schluͤſſel, ſiehſt Du? und ſagte: hier hatte er mich lieb, das iſt nun ein Heiligthum, und ich bin ihm auch geheiligt, 169 in die Stube kommt niemand, als Giannina mit ihren Andenken und Thränen. Darum hat es auch die Muhme verdient, daß ich ohne Abſchied von ihr gehe, ſie ſoll mich auch nicht mehr Tochter nennen. Sie ſprang hinaus und blieb einige Zeit weg. Da haſt Du Deinen Selaven! lachte ihn ihre Stimme dann wieder an, und ein wunder— huͤbſcher Knabe flog an ſeinen Hals. Lelio un⸗ terſuchte mit ſcherzenden Fingern die Verkleidung- und legte das Haar im Netze uͤber der zarten Stirn zuſammen. Es iſt ein römiſcher Winterputz, ſprach Giannina und geſiel ſich in ihrer Ver⸗ wandlung, im Gedanken, daß ſie ihrem Gelieb⸗ ten nun wuͤrde dienen duͤrfen; wie Giannina, rief ſie, ſorgt doch niemand fuͤr Dich! Nun bin ich ruhig und neide Deine Diener nicht mehr, es wird Dir alles entgegenfliegen, wenn Du mit dem Auge winkſt. Englein! Englein! ſtaunte Lelio und fuͤhr⸗ te ſie im erſten rothen Morgenſchein uͤber die Stra⸗ ße bis an ſeine Wohnung. Noch einmal wand⸗ te ſie ſich um und warf ihrem Haͤuschen Kuſſe v. Loeben's Erzähl. Bd. U.— 8 Weichmuth und Nachgiebigkeit, der empfangene 170 zu. Das iſt nun die Erinnerung, ſagte ſie dabeiz die Hoffnung iſt wieder Fruͤhling; aber ſchöner kann ſie doch nicht werden! Unterdeſſen arbeitete Madonna Emilia mit ihren Frauen wohlgefällig an dem Schmucke, wor⸗ in ſie Lelio'n bei ſeiner Ankunft und feierlichen Werbung empfangen wollte. Ihr Gemuͤth hatte Eindruck verbreitete ſich in ſtillen Wellen uͤber ihr ganzes Weſen. Sie geſtand ihrer Mutter, daß„ Lelio's Wahl mit der ihres Gefuͤhls ſich uͤberra⸗ ſchend begegnet, und daß ſie keiner in der Kirche ſo ſehr geſtort habe, weshalb ſie auch die Jung⸗ frau ſehr um Verzeihung gebeten haͤtte. Lelio's Schoͤnheit, der Zauber ſeiner Rede, ſeine Ge⸗ wandtheit im Ballwurf, im Tanze und auf dem Roß, ſein hinreißendes Lautenſpiel, begleitet von dem verfuͤhreriſchen Geſange, der die Frauen be⸗ thoͤrte, wenn die dunkeln Feuerblicke uͤber die Saiten hinſtrahlten, und den uͤppig gerundeten Lip⸗ pen die Toͤne entquollen, alles dies war auch fuͤr Emilien unwiderſtehlich geweſen. Lelio kam an, 171¹ und in der Nothwendigkeit, einen verbindlichen Eingang zu machen, ſagte er zu Emiliens Ver⸗ wandten? die Nachricht, die er empfangen, habe ihm in Neapel keine Ruhe mehr gelaſſenz er habe alles vernachläſſigt, um ſich raſcher des Gewinns zu verſichern, der ihm einſtweilen in Florenz wie in einem blendenden Traume geworden waͤre. Bald darauf ward das Hochzeitsfeſt mit großer Pracht gehalten, und Lelio fuͤhlte weniger Unluſt, als er anfangs erwartet hatte. Seine Eitelkeit wur⸗ de von den Ehrenbezeigungen, von der Hingabe Emiliens, von ihrem Lobe ſeiner Schönheit hin⸗ geriſſen, und der neue Beſitz, den er erlangt hat⸗ te, war fuͤr ihn nicht ohne Reiz. Giannina ſchmuͤckte ihn aufs Beſte, daß er Emilien gefal⸗ len ſollte; und wenn Lelio ſie, bei Emiliens Na⸗ hen, mit einem Kuß aus dem Zimmer ließ, ſprang ſie vergnugt davon und kuͤßte im Voruͤbergehen der Madonna Emilia die Hand;z denn Euch muß ich ſie kuſſen, ſagte ſie dabei, ohne Euch wäre ich gewiß nicht in Lelio's Dienſten.— Emilia ge⸗ wann Gianninen auch lieb, und dieſe huͤtete ſich wohl, ihr die Zähren ſehen zu laſſen, die dann und wann an ihr niederbebten, wenn ſie Emilien 8* 172 ſo ſchon und praͤchtig vor ſich ſah, und ihr Auge nichts ſprach, als und ganz beruhigtes Sehnen. Nun zerſtreuten ſich die Hochzeitgäſte; Emi⸗ lia und Lelio blieben in ihrem Hauſe allein. Aus Gefälligkeit mußte Lelio in der erſten Zeit ſo ſehr als moglich geſchäftsfrei bleiben. Emilia verließ ihn ungern einen Augenblick, und dieſe Unmoglich⸗ keit, ungeſtört mit Gianninen zu ſeyn, machte ihn bald des ununterbrochenen Glucks in Emiliens Geſellſchaft uͤberdruͤſſig. Wenn Giannina bei Tiſch kredenzte, oder ſonſt im Zimmer geſchaͤftig war, wußte er ſich oft vor Ungeduld nicht zu laſ⸗ ſen und hätte alles fur einen Kuß von ihren Lip⸗ pen geopfert. Wie Berge ſtanden dieſe Hinder⸗ niſſe zwiſchen ihm und ihr, um die ſich nur far⸗ biger der Duft ihres Verlangens legte. Emilia, die noch in ihrer Täuſchung lebte und alles im trunkenen Zuſtande empfand, bemerkte an ihrem Loos keinen Mangel, als daß, wie ſie ſagte, Le⸗ lio allzu eifrig in ſeinen Geſchäften ſey und lie⸗ ber ſeine Frau allein laſſe, als eine Reiſe verab⸗ ſaͤume, die ihm einen Vortheil bringen könne. —— 173 Sie wuͤnſchte ſich, er moͤchte ein Ritter ſeyn, mit ihr auf hohen einſamen Burgen leben und ſie nicht verlaſſen, als um mit ihr auf die großen Feſte zu ziehn; oder ein Maler oder Bildhauer, immerfort und allein mit ihrem Bilde beſchaͤftigt.— Weil ich Euch keinen Gegenſtand zur Eiferſucht gebe, ſcherzte einſt Lelio mit ihr, ſeyd Ihr auf meinen Stand eiferſuͤchtig; ſeht, ſo ſehr iſt Eifer⸗ ſucht in den Weibern gegruͤndet! Giannina, die eben aufwartend hinter dem Seſſel ſtand, lächel⸗ te ihre Herrin an und ſagte: Madonna, weil die Liebe bei den Frauen zu Hauſe iſt; daran erkennt ein Mann, daß er der Liebſten werth iſt, wenn er ein wenig mit Eiferſucht gequaͤlt wird. Tebal⸗ do, ſprach Emilia, redet, als ob er im Bun⸗ de meines Geſchlechts waͤre; darum ſoll er aber ſchweigen, daß er unſere Geheimniſſe nicht etwa weiter verräth.— Sie drohte Gianninen la⸗ chend mit dem Finger. Das Schoͤnſte ſcheint ihm unbekannt, uͤberredete ſie Lelio, denn Schönres weiß ich nichts, als Hingabe ohne Neid und Ei⸗ ferſucht, ſie iſt das wahre Bewußtſeyn der reiche⸗ ren Liebe, die, im Beſitze des Schatzes, der är⸗ meren ihr Almoſen gönnt. 174 Je weniger Gefallen Emilia aͤußerte, ihre angenehme Einſamkeit mit Lelio durch Fremde zerſtreuen zu laſſen, und je weniger ſie geneigt ſchien, irgend einen Gegenſtand neben ihm der Aufmerkſamkeit zu wuͤrdigen, deſto mehr ſuchte Lelio Beſuche in ſeinem Hauſe einzufuͤhren, da⸗ mit Emilia, in der Nothwendigkeit, die Wirthin zu machen, ſeinen Unmuth und ſeine Zerſtreut⸗ heit minder bemerken möchte. Wenn ſie ihm Vorwuͤrfe machte, daß er ſo ganz gegen ihr Ver⸗ langen wirke, entgegnete er, daß geſellige Feier⸗ lichkeit zum Glanze ihres Hauſes gehöre, und daß er zu gut wiſſe, wie er durch Emiliens Hand ge⸗ ehrt ſey, um ſie nicht auf alle Weiſe wieder zu ehren. Er brachte es ſo weit, daß er wenig mehr mit ihr allein ſeyn durfte und ihren Vorwuͤrfen ziemlich entging. Allmaͤhlich trug ſie ihr Gefuͤhl ſtiller, ſie empfand es immer deutlicher, daß ſie nicht ſo geliebt werde, als ſie ſich in ihre Liebe hineingewebt hatte. Giannina betrachtete ſie mit ſtillem Mitleid, wie ſie abnahm und verblaßte, und bat Lelio, gut und herzlich gegen feine Ge⸗ mahlin zu ſeyn. Was kann Emilia dafuͤr, rief ſie bewegt aus und ſtand in Thränen, daß ſie —,———— 175 nicht Giannina iſt! Die arme Giannina, reicher als Signora!— Ich verſtelle mich genug, ſagte Lelio, ich werde mit jedem Tage ſchlechter. Er ging, und Giannina ſtand ſehr betruͤbt. Durch mich ſchlechter? fragte Giannina gen Himmel und holte ihren Roſenkranz. Sie lag auf den Knieen und war in großer Angſt, daß es wahr ſeyn möchte. Emilia kam ins Zimmer und ſagte: fuͤr wen beteſt Bu da, Tebaldo?— Ich? fuͤr meinen Herrn.— Ach, Tebaldo, ſa⸗ ge mir, da er Dir ſein ganzes Vertrauen ſchenkt, was ich thun ſoll, mir ſeine Liebe zu gewinnen. Ich bin recht ungluͤckſelig, daß ich mir ſie wuͤn⸗ ſchen muß und in meinem Hausweſen, meinen Arbeiten und Freunden keinen Troſt finden kann! — Giannina ſah Emilien eine Weile traurig an, dann rief ſie: ja, Euch muß geholfen werden! und verließ eilig das Zimmer. Wie ſie wieder⸗ kam, ſah ſie ſich vorſichtig um und ſagte: Ihr wißt doch gewiß, daß unſer Herr ausgegangen iſt und uns hier nicht uͤberraſchen kann?— Er kommt nicht ſobald wieder, ſeufzte Emilia.— Dieſen Ring mit dem Smaragd, ſprach Giannina, er⸗ 176 hielt ich von meiner Mutter, die als Saracenen⸗ ſclavin nach Neapel gekommen war. Wer ihn traͤgt, dem verſchafſt er die Liebe, die man ſich wuͤnſcht. Ich bin ohne ihn glucklich geweſen und habe mich vor dem Zauber geſcheut. Aber da nehmt ihn und ſeyd verſchwiegen, Ihr werdet die Veränderung an Lelio bemerken. Emilia dachte nicht daran, daß ſie hier ein Gluck durch eine Täuſchung erkaufe. Die Leiden⸗ ſchaft begehrt nur, durch nichts aus ihrem Rau⸗ ſche geweckt zu werden, ſie liebt auch die Täu⸗ ſchung, wenn ſie in die erwuͤnſchten Traͤume ein⸗ ſchläfert. Haſtig ergriff Emilia den Ring und ſagte zu Gianninen: die Bluͤthe meines Glucks wird auch Dir die goldenſte Frucht meiner Dank⸗ barkeit tragen!— Und wenn Lelio gegen Euch kalt bleibt, ſiel Giannina ein, ſo verſtoßt mich, ich will nicht länger.. Hier wärd ihre Rede erſtickt, und ſie flog zur Thuͤr hinaus. ———— Giannina ſtand in ſanfter Bläſſe hinter Le⸗ lio's Stuhle. Sie hatte oft von der geheimen 177 Kraft der Steine gehort, aber nur willkuhrlich glaubte ſie den Emilien gegebenen Ring mit der Sage von einem ſolchen Zauber verknuͤpft zu haben. Sie ſetzte ſich vor, Lelio ganz von ſich zuruͤckzuhalten, und Emilia ſollte dem Ringe die gedeihlichen Folgen zutrauen, die ſonach auf Gian⸗ ninens Entſagung, Lelio's Erkaltung gegen ſie, und Emiliens Wiederaufblühen an dem magiſchen Mondenſtrahle der Täuſchung und Selbſtliebe ge⸗ baut waren. Die Hoffnung machte auch Emi⸗ lien die folgenden Tage wieder geſund, ſo daß Le⸗ lio ſelbſt mit ungewöhnlicher Aufmerkſamkeit auf ihrem Aeußern verweilte und daruber Giannina's Zuruͤckhaltung kaum bemerkte. Dieſe ſelbſt uber⸗ raſchte es, wie ſchnell die Zuverſicht zur Kraft des Ringes Emilien nicht nur das vorige Aus⸗ ſehn zuruͤckgab, ſondern ihrem Blick, ihren Zuͤgen ein Feuer lich, in welchem ſie noch nie geglaͤnzt hatten. Darum wurde das Maͤdchen blaß und ſah mit Entſetzen auf den Ring, dem ſie die Liebes⸗ kraft nur angedichtet zu haben wähnte, und der nun ihre eigene zu üͤberbieten und zu vernichten 178 ſchien. Sie hielt es mehrere Tage aus. Aber eines Morgens kam Emilia in ihre Kammer ge⸗ laufen und wies ihr entſetzt den ringleeren Fin⸗ ger. Er iſt verſchwunden, jammerte ſie, ich ha⸗ be ihn verloren; im Traume war mirs, als traͤte jemand an mein Bett und zöge den Ring von meinem Finger; ich war betäubt und konnte nicht ſchreien; es iſt wohl der Zauberer geweſen, von dem ihn Deine Mutter erhalten hat.— Gian⸗ nina kniete ſich ſchweigend vor Emilien nieder und beruͤhrte ihre beiden Haͤnde mit den ſieberhaft brennenden Lippen. Dann riß ſie den Kragen auf und wies Emilien einen klopfenden, zärtlichen Buſen. Auf dem Buſen lag der Ring. Ich ha⸗ be mir ihn dieſe Nacht geholt, ſtammelte ſiez o Madonna, ich habe viel gerungen, ehe ich bis in Eure Kammer kam, habt Erbarmen, ſeyd es zufrieden, daß eine um die andexe den Ring be⸗ ſitzt, Ihr tragt ihn, ich verwahre ihn dann nur, daß Ihr ihn nicht anlegen koͤnnt, mehr vermag ich nicht, o barmherziger Gott! Emilia verhüllte ſich und ging ſprachlos aus dem Zimmer. Die Gewißheit, die ſie von Gian⸗ 179 ninen erhalten hatte, vernichtete ſie. Ihr weiches abhängiges Gemuͤth zerriß ſich zu den heftigſten Ausbruͤchen und ſank dann immer wieder in ſeine zerfloſſene Schwäche zuruͤck. Sie klagte mehr ihr eigenes Ungluͤck als den Frevel ihres Gemahls und den Leichtſinn Gianninens an; ſie haßte nichts an dieſer, als ihr Gluͤck und den unanſtändigen Vorzug, den ihr der undankbare Lelio gab. So ganz ſie ſich in ſeiner Macht fuͤhlte, ſo war doch das zarteſte und innerſte Gefuͤhl in ihr zu ſehr durch Gianninens Entdeckung empoͤrt, als daß nicht der in ihr emporgerufene Stolz die Hinga⸗ be auf einen Augenblick ausgeſtoßen hätte. Sie zitterte, wenn ſie an die Minute dachte, wo Le⸗ lio das Haus betreten, und ſie zu ohnmaͤchtig ſeyn wuͤrde, ihn durch ihre Vorwuͤrfe zu erſchuͤt⸗ tern. Was werden ſie mir helfen, wehklagte ſie, da meine Liebkoſungen ohne Wirkung blieben? Soll ich meiner Feindin meine letzte Zuflucht, den Ring, verdanken? von ihrer Großmuth— wel⸗ ches Wort!— meinen Troſt erwarten? das als mitleidige Gabe mir erflehen, was man mir ge⸗ ſtohlen hat? O es iſt ſehr bitter!— Ihr Herz⸗ klopfen mehrte ſich, je näher ſie den Eintritt Le⸗ 180 lio's wähnte. O nein, ſagte ſie endlich, er ſoll wenigſtens die Freude nicht haben, mich durch Ty⸗ rannei meiner Liebe ſo gebeugt zu ſchen! Ich will ihn jetzt nicht ſprechen. Sie warf eine Kappe um und ließ ſich in ein Kloſter bringen, wo ſie in ihrer erſten Jugend einige Jahre erzogen wor⸗ den war. Dort verſchloß ſie ſich mehrere Tage und ließ ſich von niemand ſehen, auch von den Nonnen nicht, mit denen ſie aufgewachſen war. Sie verſuchte wirklich, in einem ununterbroche⸗ nen Beten hinzuleben; aber oft durchſtrömte ein unruhiger Froſt ihre Haͤnde und Kniee, und ſie horchte in die Stille der Mauern hinein, ob nicht Lelio's Herz, fuͤr Mitleid klopfend, ſich bald nahen und ſie aus der Einöde des⸗Kummers befreien wuͤr⸗ de? Ob er nicht die Großmuth fühlen wolle, mit der ſie die ihr angethane Schmach in ſich ſelbſt ver⸗ grabe, anſtatt ihre Verwandten mit Rachluſt zu bewaffnen? Aber Tage und Naͤchte ſchlichen ihr dahin wie in einem matten Fieber, und die Arze⸗ nei, die ihr allein wunderthätig ſchien, blieb aus⸗ Giannina brfand ſich in einem ſeltſamen Zu⸗ ſtande, als Emilia das Haus verlaſſen hatte. 181 — Mitleid und Schmerz ergrifſen ihr unbedachtſames Herz wie Wellen, aber ſie trieben es mit uͤberra⸗ ſchender Gewalt gegen das Eiland ihrer Wuͤnſche und Traͤume, und wie ſehr eine dunkle Kraft in ihr dem verbotenen Ziele widerſtrebte, ſo breitete doch die freigewordene Sehnſucht ihre Arme nach der Inſel aus, und in einem ſinkenden Abend⸗ roth um jene her winkte ihr der Tod, mit dem ſter⸗ benden Lichte in eins verſchmelzend. Sie hatte den Kopf gegen ein offenes Fenſter gelehnt, zu dem Hrangendufte und letzte Sonnenſtrahlen durch goldfunkelndes Weinlaub athmeten. Ihre blei⸗ chen Zuge färbten ſich am Feuer der Beleuchtungz ein Pfau ſtand auf dem Fenſter und ließ ſein Rad gegen die Sonne blitzen. Giannina hatte ihre Kleidung uͤber der Bruſt geluͤftet und ſah finnend nieder, wo der Smaragd verborgen war. So überraſchte ſie Lelio. Sie kam ihm vor, wie erfriſcht aus einem klaren Bade geſtiegen. Alles lag vergeſſen hinter ihm, eine einzige Erinnerung wurde vor den betroffenen Sinnen Gegenwart; der Abend, das kleine Zimmer, die Duͤfte, die melodiſche Ruhe umher, alles belebte die Taͤu⸗ ſchung. Ein neapolitaniſcher Abend! rief Lelio, 182 und ſie ſanken bebend in einander. Giannina entwand ſich der Bezauberung zuerſt und geſtand alles, was zwiſchen ihr und Emilien vorgefallen war, ohne jedoch des Ringes zu erwähnen. Blei⸗ be ſie in ihrer Zelle! ſagte Lelio, dem das Feuer unter dem Herzen wieder aufloderte, ihm Gian⸗ ninen umſtrahlte und Emilien in den Schatten ſtellte; oder ſtuͤrze ſie in die Haͤuſer ihrer Ver⸗ wandten und fache alles gegen mich an! Es iſt geſchehen, und nun hoͤrt die Ruͤckſicht auf. War⸗ um geberdeſt Du Dich ſo, Giannina? Deine Nebenbuhlerin ſcheint Deine Uebermacht zu fuͤh⸗ len.— Giannina erſchrak vor Lelio's Leiden⸗ ſchaft und Grauſamkeit und ſagte: man hat endlich auch ein Gewiſſen und wenn Du nur glaubteſt, wie elend Signora anzuſehen war. Biſt Du denn Stein gegen ſie, meine Herzensflamme? Wie kannſt Du ſo ſchrecklich ſeyn! Ach, und doch ſo unbeſtändig wie Welle, Wind und Veſuv! Schilt mich nur, rief Lelio, mache was Du willſt, Du wirſt mir unwiderſtehlicher, und es erſcheint mir alles gleichgültig, was aus meiner Angelegenheit mit Emilien wird. Am Ende laſſe 183 ich ihnen mein Haab' und Gut zur Suͤhne und gehe mit Dir in Dein kleines Haus nach Neapel, wir leben von Geſang und allerhand kleinen Kraͤn⸗ zen und Arbeiten, worin Du Meiſterin biſt.— Er wollte ſie umarmen. Es iſt zu ſpät! antwor⸗ tete Giannina. Sie rang ſich von ihm los. Nimmermehr! ſagte ſie. Ich kuſſe Dich nicht, bis Du Signora verſoͤhnt haſt und mit ihr freund⸗ lich biſt. Ich kann gar nicht mehr in mir zur Ruhe kommen; ſeitdem ich hier bin, erſchrecke ich oft vor mir ſelbſt; wenn ich bete, ruft mir oft eine Stimme wie eine Poſaune ins Herz, daß ich nicht gut und wahr binz dann, Lelio, möcht' ich mir gleich alle meine Liebe von Dir zuruͤckge⸗ ben laſſen, wenn ſie auch nicht wahr und gut iſt. — Du bleibſt kindiſch, erwiederte Lelio. Ich wollte mich wohl recht einen Thoren ſchelten, die Abweſenheit Emiliens nicht ſchoͤner zu benutzen.— Dein Mund iſt ſo hold, rief Giannina, wie kannſt Du ihn nur ſolche Frevel ſagen laſſen! Seit Emilia ſo blaß und mager geworden war, habe ich uͤber das alles ganz anders denken lernen, und daß ich Dir's nur geſtehe, ich habe oͤfter als ſonſt gebeichtet!— Ich allein kann Dich von 184 Deiner Liebe losſprechen, entgegnete Lelio und riß ſie an ſich. Die Sonne war aus der Welt, Le⸗ lio's Blicke gluͤhten wie Frrlichter durch das rothe Dunkel; unter Reuethraͤnen, die nicht trockneten, warf ſich das Mädchen, von Schmerz uͤberwaͤl⸗ tigt, in Lelio's Arme. ——————————— So giebt es denn gar keine Erinnerung an mich, ſo bin ich denn begraben, und uͤber meinem Sarge wird gelacht, daß das Wimmern der Le⸗ bendigverſenkten erſterben muß, klagte Emilia in ihrem Kloſter und konnte nicht mehr beten, al⸗ les in ihr fantaſierte von Lelio und ſeiner uner⸗ bittlichen Geſtalt. Sie ſtand hinter dem Gitter des Gemachs, als kännte ſie von da in die Welt hineinſehen, die uber ihr Gluͤck und Elend gebot. Der Chorgeſang in der anſtoßenden Kirche konnte ihr zur Stimme des Geliebten werden. Sie er⸗ brach endlich ihr Verließ, von Bildern der Eifer⸗ ſucht gequält, und trat in ihren Pallaſt zuruck. Kein Blick, keine Frage von Lelio! Niemand im Hauſe konnte der Forſchenden anſagen, wo er hingereiſt war. Giannina kam demuͤthig zu ihr eeie 185 und beſtätigte die Ausſage aller. Er iſt im Zorne von mir gegangen, ſagte ſie, weil ich ihm ſein ganzes Betragen vorhielt.— Du biſt an allem Schuld, konnte ſich Emilia nicht entbrechen zu ſagen. Du unbeſonnenes, kindiſches Geſchoͤpf lebſt leichtſinnig in Deinem Heidenthume fort.— Theure Frau, rief Giannina, Ihr ſeyd ſo mild und ſanft! hätt' ich das alles ſo gewußt und ein⸗ geſehen, ach! es wäre mir fruͤher zu Herzen ge⸗ gangen, und ich wäre zu Euren Fuͤßen geſtorben, um nicht länger für Lelio zu leben; anders kann ich nicht leben, Madonna, das muthet mir nicht zu. Jetzt iſt Lelio nicht da, laßt mich in den Arno ftuͤrzen; hier iſt mein Leben, Madonna, ich geb' es in Eure Gewalt; aber ſeyd nicht ſo grau⸗ ſam, mir's zulaſſen, ſeht, ſonſt muß ich ja wieder⸗ kommen und Euch neue Sorgen machen.— Nein, Giannina, entgegnete Emilia bewegt, ich will mich in alles ergeben; thue Dein Möglichſtes, behalte meine Thraͤnen, meine Seufzer im An⸗ denken und beſinne Dich auf die Heiligkeit der Ehe; will ich Lelio's Antheil nicht ganz verlieren, ſo darf ich ihn nicht durch meine Unverträglichkeit erzurnen. Ach, in der Liebe iſt eine große Schwaheit! 186 Eben trat Lelio ein, und alles, was Emilia erſt geredet, war wie aus ihrem Herzen weg. Ihr armer Sinn erbitterte ſich ſo uͤber das Ergluͤhen, womit Lelio Gianninen ſchweigend anredete, daß ſie ausrief: nun, ich will denn weichen! und ſich in ihr Oratorium verſchloß. Nach! nach! rief Giannina, gegen Lelio gewendet. Seit jenem verfuͤhreriſchen Abend hat⸗ te ſie ihm widerſtanden. Er warf ſich unruhig in einen Seſſel und ließ die Hand los, womit ihn Giannina Emilien nachziehen wollte. Gian⸗ nina folgte in's Oratorium: verzeiht, Signora, daß ich den fuͤr Euch heiligen Ort entweihe! Hier iſt der Ring.— Sie wollte mehr hinzuſetzen, ein Thränenſtrom nahm alles hinweg. Sie legte ſich nur ſtumm auf die Knie und verſuchte den ſchwim⸗ menden Blick an das Bild emporzuheben, vor welchem Emilia betete. Der Ring in Emiliens Hand ſpielte im duͤſtern Kerzenlichte. Bekehre Dich! ſprach ſie, wie ſie Gianninens Erſchuͤtte⸗ rung bemerkte. Heilige Jungfrau! rief Gianni⸗ na, indem ſie den Ring wieder aus Emiliens Hän⸗ den riß und ihn ihr dann feierlicher zuruͤckgab: 187 Mutter der Milde! ich entſage dieſem Ringe und meiner Liebe.— Die entzuͤckte, uͤberrothete Emilia wollte das Mädchen in ihre Arme empor⸗ heben. Giannina lehnte ſie von ſich zuruͤck und umfaßte den Betſtuhl. Ihr ſchwindelte, ihr Kopf ſenkte ſich wie eine Blume, deren Stengel ge⸗ brochen iſt, uͤber die Lehne. Emilia vergaß alles, was ſie umgab, ſie mußte ſich ſammeln, ehe ſie daran gedachte, Gianninen zu Huͤlfe zu kommen. Ueber dieſe zuckte ein dumpfer Schauer hin, als ſie Emilia mit der Hand beruͤhrte, woran der Smaragd ſich befand; der Ring funkelte wie Win⸗ terreif in kalter Sonne. Lelio offnete die Thuͤr des Oratoriums. Giannina raffte ſogleich ihre betaubten Kraͤfte zuſammen. Sie ging Lelio ent⸗ gegen. Nach kurzem, mehr ſchuͤchternem Zoͤgern ergriff ſie ſeine Hand und fuͤhrte ihn vor Emilien hin. Ich habe Euch getrennt, ſagte ſie; laßt Euch von mir vereinen! Wie es ihr gelungen war, die Haͤnde der beiden Gatten in einander zu legen, ſchwankte ſie bleich lächelnd an ihnen hinaus. Lelio war ſehr betroſſen; nicht, daß ſich ir⸗ gend etwas Inniges in ihm fuͤr Emilien entſchied und ihn trieb, ſie zu verſöhnenz aber die Sehnſucht 188 nach Gianninen war durch die neuliche, blendende Ueberraſchung geſtillt; dies Gefuͤhl war noch wie ein einſamer Funke aus abnehmendem Glimmen emporgeflogen, er hatte ſich in ſich ſelbſt verzehrtz in ihm war nicht genug Kraft mehr, die Flamme wieder aufzuwecken. Lelio glaubte ſich mit Emi⸗ lien verſohnen zu muͤſſen, ſchon um Gianninen Ruhe zu ſchaffen und ſeine eignen Verhältniſſe T wieder aufzuheitern. Theurer Lelio, begann Emi⸗ lia, ich hatte mich verſchloſſen, weil meine Thraä⸗ nen, die auf der zerknickten Bluͤthe meines Le⸗ bens hingen, meinen Verwandten nicht verborgen bleiben konnten, und ich Euch ihrem Zorne nicht ausſtellen wollte. Was Gianninen betrifft, ſo iſt es meine ausdruͤckliche Bitte an Euch, ſie mir zu laſſen. Sie iſt meine Freundin und Schwe⸗ ſter, und was kann uͤberdies meinem liebenden Herzen ſeliger wohlthun, als Euch ohne Ruͤckhalt zu vertrauen?— Von der Zartheit und Inbrunſt dieſer Worte konnte Lelio nicht ungeruͤhrt bleiben. Emilia, rief er aus und erroͤthete, habt mit mei⸗ nen Launen Nachſicht und laßt uns wieder einig ſeyn! Von neuem geb ich Euch meine Treue. Sie umſchloſſen ſich. 189 Nach einigen Stunden näherte ſich Gianni⸗ na Lelio'n. Sie blieb einen Augenblick vor ihm ſtehen, ehe ſie ſprechen konnte. Nicht ohne Lebe⸗ wohl, Lelio! Lelio! ſagte ſie, kann ich von mei⸗ ner Liebe ſcheiden. In dieſen Thraͤnen fließt kein Schmerz, der Dich anklagt; es ſind Thraͤnen des Danks und der Liebe! Du haſt mich nicht verlaſ⸗ ſen, Lelio, auch der wird mich nicht verlaſſen, zu dem ich blicke. Ich habe keine Anſpruͤche, kei⸗ ne Wuͤnſche mehr. Emilien gehore ich von heute an. Mache ſie gluͤcklich, mein Geliebter!— Le⸗ lio kuͤßte das Maͤdchen auf die Stirn und ſagte: Giannina, Du flammendes Opfer! ich werde nie wieder lieben! Lebe wohl! Er wandte ſich ab⸗ Wie ein Schatten entſchwebte das Maͤdchen. Viele Tage gingen hin. Lelio fuhlte mit dem wiederkommenden Gleichmuth neue Luſt an allerhand Entwuͤrfen und Glanze, und wenn er gleich Emiliens leidenſchaftliche Zaͤrtlichkeit nicht erwiedern konnte, ſo ſtorte doch nichts ihren Frie⸗ den; ſeine Schönheit hatte fuͤr die Bethorte den Zauber lebendiger Liebe. So ſchien er den beiden Liebenden Wort zu halten. 190 Wie geht es Dir, Giannina? frug Emilia bisweilen erröthend. Dann ſprach Giannina? ich ſoll nicht klagen! mir ergeht es recht. Eine Bitte trug ſie Emilien vor. Sie wuͤnſchte ſehn⸗ lich, ſie möchte ſie zu einem Geiſtlichen ſchicken, der ſie recht im Glauben unterrichten wolle. Mei⸗ ne Mutter hat mir nichts von der heiligen Ehe geſagt! ſetzte ſie hinzu. Emilia erfuͤllte das Be⸗ gehren. Nach einigen Beſuchen bei dem Pater, trat einſt Giannina ſehr bewegt zu ihr herein und ſagte mit aufgehobenen Haͤnden: Signora! wenn Ihr der Neigung Lelio's gewiß ſeyd, ſo werft doch um Gottes willen den Ring weg, denn ich weiß nun, daß man nicht zaubern ſoll. — Emilia erſchrak und verſprach es Gianninen. Aberglaube und eine argwöhniſche Furcht, ihre Zufriedenheit wieder zu verlieren, ſiegten uͤber das fromme Gefuͤhl. Sie nahm den Ring vom Finger und barg ihn auf der Bruſt. Einſt kam ein Bruder Emiliens zu Lelio und warnte ihn, Emilien nicht aus dem Auge zu laſſen. Ihr habt, ſprach Aleſſandro, der Verwandte, einen Pagen in Eurem Dienſt, mit 191 dem die Nachbarn aus ihren Fenſtern Emilien ſehr vertraulich umgehen ſehen, und eilt der Unehre zuvorzukommen, die auf unſere Haͤuſer fallen konnte.— Wir ſind zu neue Eheleute, lachte Lelie, und ich kenne die, mit welchen Emilia um⸗ geht. Sagt allen, die es bekuͤmmert, daß ſie ſich mit mir beruhigen!— Lelio's Schwager verließ ihn unzufrieden mit dem gezeigten Leicht⸗ ſinne und nahm ſich vor, heimlich ein Zimmer in einem der gegenuͤberſtehenden Häuſer miethen zu laſſen, um von da unerkannt Emilien zu be⸗ lauſchen. Eines Morgens war Lelio weggegangen, und Emilia arbeitete an einem Fenſter. Sobald ſie Lelio's Entfernung merkte, trat Giannina her⸗ ein und ſiel mit dem brennenden Kopfe auf Emi⸗ liens Kniee. Madonna, rief ſie, ich halte es nicht mehr aus! Ich liebe ihn immer noch, ich muß fort, wo ich ihn nicht mehr ſehe. Lebt wohl! Ein Vaterunſer ſprech' ich von Thuͤr zu Thuͤr, daß mir das Reiſegeld in den Schoos fälltz zu Loretto auf den heiligen Stufen wird mir träu⸗ men, was ich weiter beginnen ſoll. Emilia 192 ſchlang ihre Arme um Gianinen und weinte heiß uͤber ſie hin: Du weißt nicht, Giannina, wie Dein Wort mein Herz bedraͤngt. Es iſt mir aͤngſtlich, mich ohne Dich in Lelio's Nähe zu fuͤhlen. Leerer wird es um uns ſeyn, und Lelio wird mich beſchuldigend anſehen, wenn er um Dich trauert. Deine Nähe gab mir ſein Zu⸗ trauen, meine Ruhe wieder, Deine Entfernung wird meinen Argwohn erneuen.— Die Liebe iſt des Menſchen innerſte Kraft! erwiederte Gian⸗ nina; aus ſich ſelbſt entwickelt ſie ſich, in ſich ſelbſt geht ſie zu Grunde. Habt Ihr den Ring noch? ſetzte ſie haſtig hinzu. Emilia fuhr zuſam⸗ men, und indem ſie ihre Arme heftig um Giani⸗ nens Nacken warf, rief ſie: ich kann mich nicht von dem Liebeszauber trennen! Du ſollſt! ſturzte eine Stimme in das Ge⸗ ſpräͤch hinein. Giannina ward aus Emiliens Schooſe geriſſen, ermordet, und Aleſſandro, der Thaͤter, rannte mit dem Ausruf: jetzt muß Lelio kommen! wieder hinaus. Er irrte wie trunken uͤber mehrere Straßen⸗ Unterdeſſen kam Lelio von einer andern Seite⸗ 103 Er fand die Blutende, und Emilia lag in ſtar⸗ rer Ohnmacht neben ihr, den Dolch in der Hand. Sie hatte ihn krampfhaft aus Gianninens durch⸗ bohrter Bruſt herausgezogen. Ermordet! ſtoͤhnte Giannina, wies auf Emilien, deren Zuſtand ſie in ihrer Todesfantaſie mit ihrem eigenen eins wähnte, und ſchloß bewußtlos die Augen wieder. Schlange! Scorpion! Tarantel! rief Lelio und ſah Emilien wuthend an; das war Deine Ein⸗ tracht mit Gianninen! Jetzt haſſe ich Dich, mit meinen Fuͤßen ſtoße ich Dich; Du⸗haſt Zaube⸗ rei getrieben, Falſche, oder ich waͤre nie von Gianninens Bruſt in Deinen Arm geglitten. Deine Schwaͤche entſetzte ſich vor Deiner Tuͤcke und riß Dich nieder. Da liegſt Du, ohnmaͤch⸗ tig, reizend im Scheintode; nein! Du ſollſt todt daliegen, ſollſt, ſollſt, o graͤßlich! Emilia war durchbohrt. Giannina richtete ſich empor und ſagte hohl: verfolge den Mörder, er hat Emilien.. Sie brach zuſammen und zuckte noch einigemal. Den Moͤrder! ſchrie Lelio und beſah den Dolch in ſeiner Hand, den er Emilien entriſſen. v. Lveben's Erzähl. Bd. U. 9 194 „Gemahlin! Geliebte! wehe! wehe!— Falle, Mörder!“— Die Arme der Todten lagen wie nach ihm ausgebreitet. Der Dolch fuhr in ſeine Bruſt. y„ 8 — = * — 8 8 Sage e 29 Da wo der Mondſchein bliet Um's hoͤchſte Felsgeſtein, Das Zauberfraͤulein ſitzet und ſchauet auf den Rhein. Es ſchauet heruͤber, hinuͤber, Es ſchauet hinab, hinauf, Die Schifflein ziehn voruͤber, Lieb' Knabe, ſieh nicht auf! Sie ſingt dir hold zum Ohre, Sie blickt dich thoͤricht an, Sie iſt die ſchoͤne Lore, Sie hat dirs angethan. Sie ſchaut wohl nach dem Rheine, Als ſchaute ſie nach dir, Glaub's nicht, daß ſie dich meine, Sieh nicht, horch nicht nach ihr. So blickt ſie wohl nach allen Mit ihrer Augen Glanz, Laͤßt her die Locken wallen Im wilden goldnen Tanz. 198 Doch wogt in ihrem Blicke Nur blauer Wellen Spiel, Drum ſcheu die Waſſertuͤcke, Denn Flut bleibt falſch und kuͤhl!„ . Dicht am Ufer des Rheins, bei der Hoͤle, wo vor uralter ZSeit Goar, der heilige Einſiedler, gelebt und die Fiſcher der Gegend bekehrt, hatte ſich ein bejahrter Jägersmann auf einen Stein ge⸗ ſetzt und ſang dies Lied gegen die voruͤberfließen⸗ den Wellen hin. Sie trugen einen Juͤngling auf ſchmalem Nachen daher, das Fahrzeug war an die Bank, einen aͤngſtigen Strudel im Rheine, gelangt, wo Steuermannskunſt vonnoͤthen iſt, der ſchoͤngekleidete Juͤngling aber ſah unverwandt auf den hohen Schieferfels, von wo Loreley her— abblickte und auf ihn zu lachen ſchien. Da ſang der alte Jäger mit noch lauterer Stimme, denn es beduͤnkt' ihn, als habe der Juͤngling im Rachen zu ſeiner Liebſten ſich hinrudern wollen und ſey nun bethoͤrt von dem zauberhaften Anblick;— Laute, Ruder, Armbruſt, alles war ihm ent⸗ glitten, das Huͤtlein mit der Schwanenfeder hielt 199 ſich nur noch am Band im Nacken, er uͤberließ ſich den tobenden, kochenden Fluten, als waͤre es ihmlgerade recht, daß ſie immer höher empor⸗ ſchwollen, als wuͤrden ſie ihn endlich in einer Woge auf des Felſens Gipfel ſchleudern. Haͤtt' auch der Jaͤgersmann noch lauter geſungen, haͤtt' auch der Wirbel die Worte nicht uͤberbrauſt, der Juͤngling wuͤrde doch ſchwerlich einen Laut ver⸗ nommen haben, denn er hörte nicht, er ſchaute nur; dort oben ſaß die Syrene, nahm ſchim⸗ mernde Felsſtuͤcklein in ihre Hand, als ſeien's Blumen, ſo ſie abgepfluͤckt, ſtreute ſie fröhlich wie lockende Blicke in den Rhein und bog ſich nach, wie ſie niedertanzten und im ſchnell auf— leuchtenden Schaum verſanken. Da war's dem Juͤngling mit der Laute, als neige ſie ſich alſo nach ihm und laͤchle ihm; ſehnend that er beide Arme nach ihr auf, inwaͤhrend ſchutterte unter ihm der Nachen am ſcharfen Geſteine hin, und der Strudel riß ihn an ſein wildpochendes Herz und ſchlug die rieſigen Arme um ihn. Da war es geſchehen um den Knaben, er kam nicht wieder herauf; die Lorley aber ſah wie nach einem mähr⸗ chenhaften Spiel darauf hinunter und riß neue 200 Flimmerſternlein vom Fels und laͤchelte wie ein Kind unter dem langen ſchoͤnen Haar hervor. Der Jäger zog ſein Horn an ſich und ſtieß dermaaßen hinein, daß ſeine Ruͤden heulten um ihn her, und die Fiſcher aufſahn, in einiger Fer⸗ ne mit Salmenfang beſchäftigt; aber der Juͤng⸗ ling war aus dem Strudel nicht hervorzubringen. Da ſagte der Waidmann, in den Fiſcherkahn ge⸗ treten: habt Ihr geſehn, wie die Zauberin da oben ſich gefreut an des Juͤnglings Tod, wie ſie hinabhorchte gogen die Wellen, die ihn verſchluck⸗ ten und uͤber ihm ziſchten, als hoͤhnten ſie in ih⸗ rem Namen ſeine Liebesthorheit? Ein junger Fi⸗ ſcher aber antwortete: was kann das Meerweib⸗ lein, denn ſolchen Namen geben ihr die meiſten, dafuͤr, daß der Unbeſonnene die Augen auf ſie gerichtet, die er von der Flut nicht hätte abwen⸗ den ſollen? Hat ſie ihm doch den Strudel nicht entgegengeſandt, hat er ſich doch ſelbſt ſein Grab bereitet! Darauf erzaͤhlten ſie dem Jäger, wie biöweilen um die Abendzeit die ſchoͤne Fey ſich ihnen zeige, dicht am Strand, gar holdfreund⸗ lich thaͤt' und ſie mit ihren Netzen da und dorthin winkte, dann thäten ſie jedesmal einen Zug, daß 201 ſichs der Muͤhe verlohne. Wer ihr aber noch naͤher treten will, ſetzten die Fiſcher hinzu, denn wer moͤchte das nicht gern, iſt ſie doch uͤber die Maaßen wohlgethan,— der erzuͤrnt ſie und macht, daß ſie ſchnell entweicht wie ein Nebel. Ob ſie ſich dann in die Hohe hebt oder unten in die Tiefe zerfließt, kann niemand ſagen, ſo weiß doch auch niemand, wer und was ſie eigentlich iſt. Kopfſchuͤttelnd ging der alte Jaͤgersmann in's verloͤſchende Abendlicht hinein, jenſeits, auf Ba⸗ charach zu. Dicht dabei lag Stahleck, eine Burg, ſo der Rheinpfalzgraf bewohnte. Dort⸗ hin war ſchon manche Kunde von dem wunderſa⸗ men Fraͤulein gekommen, das bisweilen bei Abend⸗ roth und Mondenlicht auf jenem Fels ſich zeige, doch hatte es noch niemand von denen geſehn, ſo zu des Pfalzgrafen Hofhaltung gehorten, und es verwies ihnen auch dieſer die Neugier und ſagte, wen Gott vor dergleichen Höllenſpuk bewahre, der möge im Herzen froh ſeyn und nicht danach ver⸗ langen. Des Pfalzgrafen Sohn aber hatte ſeine jun⸗ gen ſchoͤnen Augen, die wie der erſte Fruͤhling aufgeſchlagen waren, ſchon oft nach der Ferne 202 . gewendet, woher die wunderlichen Reden von Lo⸗ reley kamen. Hin durfte er nicht, denn ſein Va⸗ ter und ſeine Mutter hatten gewahrt, auch von ſeinen Jagd- und Spielgenoſſen wohl erfahren, was fuͤr ein Bild er von der Zauberin ſich mache, und wie all ſein Dichten und Trachten auf ſie gerichtet ſeyo. Was ihm nur von ihr zu Ohren kam, das konnt' er nicht vergeſſen, das ſtand ihm alsbald gleich einem deutlichen Traume vor Augen; hoch oben ſah er ſie ſitzen, bunte Schlan⸗ gen, gruͤne Eidechſen hingen und krochen an den Steinritzen, die Ameiſen zogen in blinkernden Haufen hinan, als truͤgen ſie ihr Gold zu, ſie aber ſpielte mit dem Gold, das ihr der Vollmond zuwarf; und war ringsumher Ufer und Strom in tiefe Daͤmmerung getaucht, da ſtand Loreley noch uͤber der vereinſamten Welt und ſang ihr ein⸗ toͤniges Lied, unter ihr ging auch der Rhein ſo einſam, einzelne ſcheue Vöglein ermunterten ſich von Zeit zu Zeit noch einmal, und, uͤber der ſchlum— mernden Einoͤde ſchwebend, haftete noch am letz⸗ ten Gipfel das traͤumende, verſpätete Roth. Am Abend, da der Jägersmann nach Stahl⸗ eck heimkehrte, ſaß Hugbert, alſo war des Pfalz⸗ 203 grafen Sohn geheißen, mit Wuna, ſeiner Schwe⸗ ſter, auf einem Abhang des benachbarten friſch⸗ bewachſenen Kuͤhlbergs, dem Voigtsberg gegenuͤber, auf dem in warmer Sonnenpflege die koͤſtliche Rebe gedeiht, und ſah mit ihr die Schifſlein fahren und die Winzer durch die lu⸗ ſtigen Berge ſteigen. Dabei hatten ſie einander allerhand Maͤhrlein erzahlt. Nun hielten ſich die Geſchwiſter ſchweigend bei der Hand. Alles um⸗ her war verſtummt und verduͤſtert, nur gruͤnro⸗ the Fuͤnklein ſtreiften uͤber Gezweig und Gras und ſchienen es in Liebe zu entzuͤnden, uͤber der Gipfel einem hatte ſich plotzlich der Mond erho⸗ ben, und nun brannte alles in wieder hellem, zau⸗ beriſchem Licht. Das iſt Lore, rief Hugbert in die Einſamkeit hinein, ſie laͤchelt heruͤber, hoͤrſt's wie ſie ruft? Ein Vogel rief ſo ſeltſam durch die rothe Mondennacht. Wuͤna aber zeg ihren Bru⸗ der empor und ſprach bebend: es iſt Zeit, Bru⸗ der mein, daß Du mich heimbringſt zu der Mut⸗ ter, auch kaß uns nicht wieder ſo ſpät und ſo allein ſitzen am Abhang hier, er zieht Dich hin⸗ unter, mir wird ſo angſt um Dich und mich! Auf der Burg beſprach man, was neuerdings 204 von dem Zauberfraͤulein vernommen worden war, da an ihres Bruders Hand Wuna, etwas ſchuͤch⸗ tern vor dem billigen Scheltwort der Mutter, in die Halle trat, wo die Aeltern beiſammen ſaßen, wie um die Abendzeit ihre Gewohnheit war. Der Juͤngling horchte ſtill auf jedes Wort; iſt ſie eine Hexe, die wilde Loreley, rief Ruthard, ein Rit⸗ ter auf des Pfalzgrafen Burg, ſo muß ſie in's Feuer, und waͤre ſie ſchoͤn wie dort der Abendſtern! Da ſeufzte Hugbert, lehnte ſich hinter des Vaters Stuhl wie ſchmeichelnd uͤber dieſen und ſagte: laßt mich ſie einfangen, Vater! ich fuͤrchte mich nicht! Iſt ſie eine Unholde, ſo bring' ich ſie Euch, findet ſich aber keine Schuld an ihr, und thut ſie mit ihrem Willen keinem was zu leid, ſo gebt ſie mir zur Liebſten! Des mußten alle lachen, die gegenwaͤrtig waren, der Pfalzgraf aber antworte⸗ te: wie man hoͤrt, ſo iſt Loreley eine feine Fi⸗ ſcherin, ſpannt ein flimmernd Netz aus, das blendet, was da geſchwommen kommt, Du aber, mein Sohn, biſt ein jung unerfahren Fiſchlein, bleibe Du davon! Neugier und Verbot reizt die Jugend oft, daß ſie eines Dings begehrt, ſo ſie von ſich ſtößt, wenn ſie deſſelben theilhaftig ge⸗ 205 worden.— Iſt das geſpenſtige Weiblein auch keine Unholde, hub dex Burgpfaff an, ſo mag's doch leichtlich eine Meerfey ſeyn, und ſoll der Menſch keine Gemeinſchaft ſuchen mit dergleichen Crea⸗ tur. Gott hat ſie ihm in ein anderes Naturhaus hinein verborgen, und es tritt die Feindſchaft ſicht⸗ lich hervor, ſo der Menſch fich begierlich naͤhern will dem, was ihm von Natur gefernet iſt. Hat man doch der Geſchichten genug, ver⸗ ſetzte Ruthard, wie ſolches allbeiden zum Scha⸗ den und Verderben auszuſchlagen pflegt, und beduͤnkts mich, es ſey nicht zu verpoͤnen, wenn man ſolch ein Geſchoͤpf, das da dem Menſchen nachſtellt mit lockender Sirenenliebe, dem Wilde gleich zu erlegen trachtet. Man kann ja wohl voruͤbergehn, ſprach die Pfalzgräſinz denn das Waſſergeſpenſt, ſagt man, iſt ein vernunftlos Geſchoͤpf, der Menſch aber braucht ſeinem blinden Triebe nicht zu folgen, wenn er will. Meine Armbruſt, Ruthard, rief Hugbert, leih' ich Euch mindeſtens nicht, wenn Ihr mit dieſen Reden auf die arme ſchone Lore zielt! Es iſt nun genug des Geſpräͤchs, ſiel der Pfalzgraf ein und hieß den Beichtiger an den Abendſegen gehn. Hugbert 206 aber ſchlief und träumte unruhig die ganze Nacht, es däucht' ihm ſo gut als gewiß, daß man der Loreley nachſtellen, und daß ſie darob allen Men⸗ ſchen ihren Anblick entziehen werde. An einem der folgenden Tage hatten ſich meh— rere Fremde auf der Burg eingefunden; Hugbert und ſeine Jagdgefährten leiteten die Waidwerks⸗ luſtigen durch die weinberankten Thalſchluchten ins friſche Buchengrün hinaus, insgeheim aber hatte der Pfalzgraf Rutharden die Obacht auf Hug⸗ bert anempfohlen, daß ihn nicht etwa die Neu⸗ gier und der Uebermuth nach dem gefeiten Wilde des Felſens locken und zum Ungehorſam verlciten moͤge. Dennoch geſchah es, daß Hugbert unver⸗ ſehens von den Andern abgekommen und verſchol— len war, man wußte nicht wie. Noch hoͤrte er den Hoͤrnerruf, der ihm galt, ſchon weither kam der Schall, Hugberten klopfte das Herz, er faͤhlte die ſehnende Ungeduid frei gegeben. Ohne recht eigentlich zu bedenken, was er thun wolle, eilt' er immer fort, was er konnte; bald war es ihm, als ſey er wirklich geſonnen, die Meerfey zu fangen und ſomit des Vaters Willen zu thun, bald vermeint' er, es treibe ihn hin zu ihrem 207 Schutz, und er habe ſie ſchon längſt geſehen und geliebt.— Aus einer Bergſchlucht trat er her⸗ aus, es war an der Beuge des Stroms, wo er ſtillgeſchloſſener Felseinſamkeit ſich zuwendet; die Thuͤrmlein von Oberweſel, die Warten von Schoͤnberg oben druͤber blinkten hinter ihm, der letzte Spaͤtſchein zuckte noch an ihren Spitzen, uͤber dem Gebirg daͤmmerte es roſengolden auf, wie damals, als Hugbert mit Wuna vom berg niederblickte. 4 Von jenſeits aber kam ein ntnſe 5 Ton und wiederholte ſich ſelbſt unaufhoͤrlich, und wer ihn hoͤrte, der gewahrte nicht, daß es immer der eine war, ſondern es ſchien in den ſuͤßeſten Melo⸗ deien ihn zu umſpielen, wie der Minne ferner, ſehnender Ruf. Hugbert ſah ſich um und gewahr⸗ te nichts, er dachte bei ſich, wie heißt der Vogel, ſuͤßer denn die Nachtigall? Es waren aber etliche junge Leute von Oberweſel nahebei, die plaͤt⸗ ſcherten zu ihrer Luſt am Rande hin in einem Kah⸗ ne, Hugbert hörte ſie zu einander ſagen: das iſt die Loreley! Alsbald rief er ihnen zu, ich bin des Pfalzgrafen Sohn, moͤchte noch eine Strecke weit hingefahren ſeyn bei Mondenlicht, ſetzt mich 208 uͤber! Da ſprang er in den Kahn mit Bogen und Pfeil, ſeine Locken um Stirn und Nacken flat⸗ terten gegen Wind und Welle. Fahrt mich hin zum Felſen, wo Loreley ſingt, rief er, ſtoßt ab! zeigt mir die ſchoͤne Lore! Die Juͤnglinge fuhren immerzu, ſie wieſen ihm bald den Fels, woher die Stimme kam, da ſtand das Jungfraͤulein ſilberweiß im Vollmonds⸗ licht und flocht ſich ein Kronlein von Waſſerblu⸗ men und Schilf, aus dem Rheine gepfluͤckt, durch die goldnen Haare und ſang dabei immer und immerzu: Loreley, Loreley. Fahrt mich hin, fahrt mich hin! rief Hugbertz die Ruderer aber blieben noch immer jenſeits und ſprachen, es waͤr' euer Tod; und Hugbert erwie⸗ derte, ha, ſo ſey es mein Tod, oder ich fahe Dich lebendig, Du wunderholdes Lieb, und laſſe Dich nicht wieder los oder Du mich! Was zögert Ihr? rief er den Juͤnglingen nochmals zu und bethoͤrte ſie und ſprach, wißt Ihr nicht, mein Vater hat mich ausgeſchickt, daß ich das Weiblein dort fan⸗ gen ſoll? darum bin ich gekommen mit meinem Geſchoß. Da ziſchte und brauſte es um die Ru⸗ der, tiefer und tiefer wuͤhlten ſie ſich durch den 209 Strom, und ſchon ſtreckte der alte ſtarre Fels von druͤben ſeinen mächtigen Schatten uͤber den Kahn, da hielten die Rudrer nochmals und warnten den verwegenen Pfalzgrafenſohn. Die ſchoͤne Lore hatte ihre Augen hell aufge⸗ than, ihr langes prächtiges Haar ſchlug Wellen an ihr nieder, als wollt' es ſich mit ihr in die Flut ſtuͤrzen, den Juͤngling zu umfangen, ſie blieb un⸗ ten am Rande ſtehn, ihr Lied war verſtummt, ſie blickte wie aus einem feinen feuchten Nebel. Die jungen Leute trieben Hugberten, den Pfeil auf die Senne zu legen, weil das Zauberwild ſchuß⸗ recht ſtehe, er aber riß ſeine Waffen von ſich und ſchleuderte ſie hinterruͤcks in den Rhein, dann rief er: fuͤrcht Dich nicht, ſchön Loreley, Dir geſchieht kein Leid, aber mein mußt Du ſeyn, und ich Dein auf immer! Da kam die, ſo ihn daher gefahren hatten, ein Schauer an, und ſie furch⸗ ten ſich, auch bethoͤrt zu werden, gleich dem Pfalz⸗ grafenſohn, und alle hier den Tod zu finden. Da lenkten ſie, was ſie konnten, vom Felſen wieder ab und ſtießen ihre Ruder durch die Flut. Aber Hugbert that einen Sprung, bis an des Felſen Rand zu kommen, und verſah's; alsbald war er * 210 auch untergeſunken, und hinter ihm drein, mit einem ſuͤßen klaͤglichen Schrei, tauchte die Syre⸗ ne in die Flut, als blitze ein Strahl aus Silber⸗ ſtaub vom Felſen in den Strom. Die Juͤnglin⸗ ge aber flohen und dachten, wie ſie ihr eigen Le⸗ ben retten moͤchten. Was ſollen wir ſprechen, riefen ſie einander zu, daß des Pfalzgrafen Sohn hier den Tod gefunden hat? Und kuͤndigen wir's nicht an und ſcheuen des Vaters grauſamen Zorn, ſo faͤllt noch mehr boſer Verdacht auf uns, denn verſchwiegen bleibt es doch nicht. So wollen wir ſagen, er habe uns gedungen und gezwungen, hier⸗ her ihn zu fahren, und vorgegeben, wie der Herr Pfalzgraf zu Toͤdtung des wilden Weibleins ihn ausgeſendet, und wie es ihn verblendet, da er Pfeil und Bogen brauchen wollen, wie ſolches alles die Wahrheit iſt. Als Hugbert die Augen wieder aufſchloß, duͤnkt' es ihm, als erwache er mitten im Win⸗ ter, und bläͤuliche Eisſchollen ſtaͤnden rieſig groß um ihn, ein Fruͤhlingsluͤftchen aber wehe durch Spalten zu ihm herein und loſe ſeine Erſtarrung, kuͤſſe ihm ſanft das kalte Antlitz. Aber bald ge⸗ wahrt' er es, die Eisſchollen waren Quarz und 241 durchſichtiger Kryſtall, mit Wäldern von Schilf, Korallen und anderem Gewaͤchs der Flut umfan⸗ gen, das Luͤftchen war Loreley's Athem, der, ei⸗ nem ſeufzenden Wellchen gleich, ihn umſpielte. Schimmer von Gold und andern Schaͤtzen, die ſeit langer Zeit hier im Rheine verborgen liegen, drang durch die' blaugruͤnen Wände, und durch den Kryſtall zog ein immerwährend Klingen und Singen, als haͤtten die Wellen ſich lieb, duͤr⸗ ſteten nach einander und traͤnken ſich unaufhoͤrlich in ſuͤßen Kuſſen und haͤtten doch nie genug des ſtillen kryſtallenen Bluts, weshalb ſie immer wieder verlangend ſeufzten und ſtöhnten von Zeit zu Zeit. Das Meerfraͤulein ſah den Juͤngling an, wie iſt Dir, ſchoͤner Knabe, ſprach ſie, warum blickſt Du ſo ängſtlich um Dich, ſey willkommen in meinem Hauſe! Ach, ſeufzte Hugbert, und es war, als gebräche ihm der Athem, als fliche das Blut aus ſeinen Adern: nur wo die Sonne— ſcheint, kann ich Deiner froh werden! Die Meie nen trauen Dir noch nicht, ſagte L Loreley, und machen Dir bange, aber jetzt koͤnnen ſie Dir nichts thun, mein ſuͤßer Knabe, denn Du biſt in 212 meiner Liebesgewalt; aber komm und ſey mir treu, ſo koͤnnen ſie Dir nichts mehr anhaben, Treue hat großere Macht! Sie nahm ihn bei der Hand und fuͤhrte ihn im engen Felſengange fort; es ward immer duͤſterer umher, zitternde Blumen ſchienen ſich von unermeßlicher Höhe in einſame Tiefe zu tauchen. Berg und Thal ſchlaͤft noch, ſprach Loreley, ſo lange thut der Himmel ſeine Augen nicht zu, ſiehſt Du wie ſie auf uns herlu⸗ gen? Und indem ſtroͤmt' es ſo wild und tief um Hugbert; gleite nicht, ſagte Loreley, und ſetz'Dich hier ganz dicht neben mich, bis eure Sonne auf⸗ geht! Eine weiße Klippe ſchimmerte, jedoch ganz blaß, vor Hubert, ſie ſchien aber unaufhorlich in dem umher arbeitenden Fluten, das ihm die Fuͤße zu netzen drohte, mit fortgeriſſen zu werden. Aus der ſtillen Nacht blickten vor und hinter ihm dun⸗ kle Geſtalten, wie Berge und Thuͤrme. Wo ſind wir? fragte Hugbert und fuͤhlte ſichh von Loreley B nicht ſonder einiges Grauen umſchlungen, war ihm doch manchmal, als ſitze ein Geſpenſt an ſei⸗ ner Seite und werde ihn eheſtens wieder hinab⸗ ſtoßen in den ſinſtern Grund. Wir ſind mitten 2¹3 auf dem Rheine, ſprach die Jungfrau. Dort ſind die verſteinten Meermänner, die Berge, auf des einen Fußzeh ſitzen wir, die iſt nun ſchlor⸗ weißer Stein, ſo lang' her iſts, daß er ſie da aus dem Kuͤhlbade herausſtreckt, moͤcht' angeln mit ihr nach allen Schifflein, die luſtig den Rhein hinauf und hinunter fahren! Hier ſinken ſie unter, bei dem Steine da, und dort, wo ich hinabſchau' auf den Strom, da nahebei kommen die Truͤm⸗ mer empor*), aber nichts Lebendes, das iſt ver⸗ ſchluckt! Weit gegenuͤber hatte ſich ein Lichtlein ent⸗ zuͤndet, es war eine Ampel vor einem Altar der Clemenskirche am andern Ufer. Der matte, wie noch ſchlafmuͤde Glanz ſchlich langſam durch die Gegend und warf hie und da einen Strahl, da glaubte Hugbert bald den Mäuſethurm ganz nahe und vor und hinter ſich, an den Hohen hängend, wohlbekannte Burgen zu erkennen. * k*) Anmerk. Es iſt eine Sage am Rhein, daß die Fahrzenge, die im Binge rloch verſinken, bei der Bank in der Gegend von St. Goar wieder zum Vorſchein kommen. v. Loeben's Erzaͤhl. Bd. IM. 10 214 Sichſt. Du, ſprach Loreley, als habe ſie ſein mistrauend Bangen wohl gemerkt: ſtromaufwaͤrts fuͤhrt' ich Dich, die Waſſer wollten Dich hinab⸗ wärts reißen, da hätten Dich die Meinen nie wie⸗ der losgegeben aus der kryſtallenen Konigsburg, Du aber ſollſt mein bleiben„um Dich verließ ich das ſchoͤne Schloß, nach Dir ging mein Sehnen! Loreley, rief Hugbert und ſahe ſie an,— ihr Antlitz mit den wogenden Locken im Nachtwind ſah wieder ſo ſchon aus, vom Licht da druͤben be⸗ ſtreift,— ſie ſagen, Du freuteſt Dich oben auf Deinem Fels, wenn Dein wild Element einen Menſchen hinunterreiße. Loreley ſeufzte lieb⸗ lich und ſprach: kann wohl ſeyn, lieb Knab, ver⸗ ſtand ichs doch nicht beſſer, dacht', es muͤſſe allen eine Luſt ſeyn, mit uns zu ſpielen und zu wuͤh⸗ len und ſich zu kuͤhlen in der klingenden, durch⸗ ſchaulichen Welt! Sie ſagen auch, fuhr Hugbert fort, Du hätteſt die Menſchenkinder mit Deinem ſuͤßen Sange hinabgelockt.— Ich machte mir gar nichts aus den Menſchenkindern, antwortete Loreley trotzig; zu meiner Freude ſang ich, zu meiner Freude ſchaut' ich, rief keinem und ſah nach keinem, kuͤmmerte mich auch wenig, wenn einer 215 dachte es gelt' ihm, ja das hat mir wohl manch⸗ mal Spaß gemacht, daß ich ſie neckte, ohne daß ichs wollte. Nun iſt alles anders, das Spiel wird mich nun nicht mehr freun, Dich hab' ich ich mir auserſehn, Dich will ich hinabziehn in die Liefe, oder Dir folgen, die ganze Welt, denn ich bin Dein und Du mein! Wie Du mir nahteſt mit Bogen und Pfeil, war mir plötz⸗ lich, als mocht' ich ein Reh ſeyn und Deinen Pfeil im Herzen haben und vor Dir hinfliehen damit, bis ich Dich auf die höchſte Fel szacke gelockt, da muͤßteſt Du hinabſtuͤrzen mit mir! Indem ſie das ſprach, klang ihre Stimme ſo traut und bange, wie wenn ſie Loreley, Lore⸗ ley, ohne Ende rief. Hugbert ſchlang die Ar⸗ me um ſie und neigte ſich zu dem Tone, der von ihrem Munde kam. O ſinge mir Dein Lied, ſprach der Knabe, es muß nichts Sußeres geben, als dabei einſchlafen an Deiner Bruſt. Da liebkoſte ſie ihm und ſang ihr Lied, und er legte ſein Haupt ͤber ihren Schoos, und ihre Haare von Nacken und Stirn ſielen und wogten daruͤber. Es kam ihm vor, als waͤren ſie grunlich von Farbe, aber alſo, daß ſie, wie der Mond, ins Silberne 215 und Goldne ſpielten, und gleichſam die Sehn⸗ ſucht dieſer beiden, ſich wie Welle und Geſtirn zu vereinen, den gruͤnen Schein gebaͤre. Hug⸗ bert ſah in das ſchone Haar hinauf wie in mond⸗ durchklaͤrte Wellen, die uͤber ihn hingingen, und es war ihm mit einmal ſo natrlich, daß die Dichter ſo viel von dieſer Liebeszierde ſingen, die das Haupt der Frauen und Juͤnglinge verſchoͤnt. Aber mit der Syrene Gelock, beduͤnkte ihn, kön⸗ ne ſich kein anderes meſſen. Es war, als flute in ihm ihre Liebe und alle Wonne, die dieſe gewäh⸗ ren könne, zu ihm nieder, und all ſein Leben ſtei⸗ ge willig hinein in den ſchwimmenden, unbekann⸗ ten Glanz. Dabei beſanm er ſich wieder auf das Gold, das ihm unten in der tiefen Welt aufge⸗ leuchtet hatte, er ſehnte ſich, zu dem Hort hinab⸗ zuſteigen und ihn zu gewinnen, aber Loreley ſag⸗ te, der boͤſe Held hat ihn verſenkt, die Geiſter huͤten ſein und laſſen be vor ſeiner Zeit nicht herauf. Inwaͤhrend hatte das Meerfräulein, uͤber Hugbert gebogen, einige von ſeinen Locken 6 ihrem ſpielenden Haar zuſammengeknuͤpft„ in den aufwachenden Morgenglanz hineinz da — — v 217 kraͤhten die Hähne am Ufer. Sie ſchrak auf und ſagte: ich muß nun fort; wo Du mich gefunden, findeſt Du mich wieder um Abendzeit, verſaͤum' es nicht! Sie zog ein ſcharfes Muſchelchen her⸗ vor, damit zerſchnitt ſie die Locken, womit ſie ihn an ſich gebunden hatte und behielt ſie. Die Knoten aber, welche ſie von ihrem blaßgoldnen Haar gemacht hatte, ſchnitt ſie auch los und gab ſie ihm. So bin ich Dein, ſprach ſie, und ſo biſt Du mein, und wer will uns von einander frei machen? Kommen wir wieder zuſammen, da flechten wir dies Netz noch dichter, und ich ziehe Dich fuͤr immer hinunter in mein Haus, oder Du nimmſt mich gefangen, und ich muß mit Dir! denn wo das eine iſt, da muß das andere auch ſeyn! Ach ich muß aber zuvor noch ſehn, ob Du mir treu biſt, denn bliebſt Du mir nicht treu, ſo waͤre es Dein und mein Verderben! Da warf ſie ein Steinchen hinab in die Flut, die truͤbte ſich alsbald und quoll auf und rauſchte, ein kleines Fahrzeug tauchte arbeitend empor. Spring' hinein, rief Loreley, das eine Bret iſt zerſchellt im Unterſinken, das reiße los und rudre damit an's Ufer; ſcheue Dich nicht! Fahr wohl, 218 Hugbert!— Mit dem letzten Wort war ſie ſchon untergetaucht, Hugbert auf dem Kahne, er ſah ſie nicht mehr, unter ihm aber ſangs noch leiſe? Loreley! Loreley! und war's nicht anders, als erſtick⸗ ten endlich Thränen den rufenden, ſehnenden Laut. Hugberten trug der ſchwanke Kahn mit ſol⸗ cher Sicherheit, als waͤr' ihm ein ſorglos ſpielen⸗ des Kind anvertraut, uͤber die gefaͤhrliche Stelle hinweg, an das Ufer rechts, wo die Veſte Eh⸗ renfels, uͤber luſtigem Weingelaͤnd, in den Morgen hineinfunkelte. In deſſen Strahlen er⸗ munterte ſich auch Hugbert allmaͤhlich von den traumartigen Begegniſſen der Nacht; doch Zwei⸗ fel und ſuͤße Heimlichkeit, Verlangen und Grauen kaͤmpften gerade ſo in ihm, wie unlängſt vor ſei⸗ nen Augen Nacht und Tag. Bald vergegenwär⸗ tigte er ſich Loreley's Antlitz, wie es ihn angelä⸗ chelt im Ampelglanz der Kirche von druͤben, und war's ihm, als hätte er ſie in jener vollen Glanz bringen ſollen, dann wuͤrde aller Schauer gewi⸗ chen ſeyn; beſann er ſich darauf wieder, wie ſie der Hahnenſchrei verſcheucht, da wollte es ihn ge⸗ mahnen, als ob ein Geſpenſt bei ihm geſeſſen im Grauen des Abends und der Nacht, und es wun⸗ derte ihn, daß es ihm nicht ſein Leben gekoſtet. Er ging zur naͤchſten Winzerhuͤtte und erbat „ „ ———————— 219 ſich einen Morgentrunk, ſeine Kleider waren ihm feucht, er legte ſie ab und zog des einen Buben Wamms an. Er wußte nicht, ſollte er gen Stahleck wiederkehren und hoſſen, weil ihm das Leben gar verwunderlich erhalten ſey, werde des Vaters Unwillen ob dem uͤbertretenen Verbote ſich mildern und der ſchönen Loreley Theilnahme bei Mutter und Schweſter erwerben, daß ſie wohl auch beim Vater fuͤrſprechen moͤchten. Dann wollt' er ſich von ihr geloben laſſen, ihm zu Lie⸗ be ihr Element zu meiden, und ſah ſie ſchon in der Weiſe der edlen Frauen auf ſeines Vaters Burg gekleidet und ſich betragend. Da gingen ihm alle Worte wieder durch den Sinn, die ſie zu ihm ge⸗ redet hatte, und es war ihm, als wuͤrde er ihrem ſuͤßen Klange nicht widerſtehn, eine unnennbare Sehnſucht wuͤrde ihn ihr nachziehn in die grauen⸗ volle Tiefe. So verträumt' er noch einen guten spei des Morgens am Ufer, bis er mit ſich uͤbereingekom⸗ men war, das Beſte ſey, er gehe auf Stahleck los, denn leichtlich könne ſonſt das Jungfräulein in Gefahr gerathen, bevor er's erreichen möge. Bang und bänger ward ihm, je naͤher er der Burg des Vaters, und je naͤher zugleich der Abend kam. Er ging die Felsſtufen hinan, die durch das „ 220 nähere Seitenpförtlein fuͤhrten, indem er aber den Hammer daran ergriff, ſah er ſeine linke Hand des Ringes bar, den er an derſelben zu tragen pflegte, und er dachte nicht anders, als daß ihm das Meerfraͤulein heimlich den Ring vom Finger gezogen habe, aufdaß er unwiderruflich an daſ⸗ ſelbe gebunden ſeyz da ſchauderte ihn, daß ſie ihm ſein lockiges Haar mit dem ihren zuſammengene⸗ ſtelt. Schon war's um die Abendzeit; der Pfalz⸗ graf, benachrichtigt vom Tode ſeines Sohns, hatte Rutharden und eine ganze Schaar ausgeſendet, die Loreley lebendig oder todt zu fahen, denn dar⸗ um hatte ihn Ruthard gebeten. Loreley ſtand oben auf dem Fels, da die wilden Manner auf der ſchwarzen Flut dahergezogen kamen. Sie ſah ſtromheraufwärts, wo Hugbert bliebe, ſie rief hernieder: Loreley! Loreley! nach ihrer Weiſe. Da ſchrie Ruthard höhnend hinauf: wir bringen Dir einen Gruß von Deinem Buhlen Hugbert, hat uns den Brautkuß für Dich mitgegeben, der verlobt Dich ihm, komm herunter, daß Du Dir ihn holſt, oder ſchaff' uns zu Dir hinauf ohne Gleiten! O Du ſchoͤne wilde Loreley, magſt uns nicht fahen, wie Du den Hugbert Dir ge⸗ holt? 221¹ Loreley hob ihr weißes Händchen, ſtreckte die Fingerlein aus und zeigte ihnen, wo ſie in den Felſenritzen hinaufklimmen und hie und da an ein Geſtripp ſich klammern könnten, denn ſie meinte, ſie ſollte Hugberts Gruß empfahn, und das bände ſie zuſammen nach Menſchenweiſe, alſo daß Hugbert ſie heimholen laſſen werde. Mehrere warnten den verwegenen Ruthard, er lachte aber ihrer Furcht, und zwei rohe Knechte mußten mit ihm den Felſen hinan. Bindet ſie ſchrie er ih⸗ nen zu, da ſie hinaufgekommen waren. Was wollt Ihr? rief Loreley. Sollſt ſterben, in den Rhein tanzen, daß Dir der Athem ausgeht, Zau⸗ berhexe! ſagte Ruthard; ſterben, wie Du den ſchönen Hugbert ums Leben gebracht, Unhold! Hugbert! rief Loreley klaͤglich üͤber den Berg heruͤber, komm herbei, Hugbert! Ich bin keine Hexe, bin Hugberts Lieb, Treulieb! Luͤgenge⸗ ſpenſt, rief Ruthard, Hugbert liegt im Strome! Er iſt auf Stahleck, ſprach Loreley und betheuert' es immer wieder. Sie rang ihre ſchneeweißen Haͤnde und umſchlchh Ruthards Knie und bat? o laß mich nicht ſterben, es iſt Hugberts Jod, Hugbert, Hugbert, komm! Allen, die unten ſtehn geblieben waren, wur⸗ de das Herz geruͤhrt von ihrer Schönheit und 222 Wehklage, ſo daß einer dem finſtern Ritter zu⸗ rief geduldet Euch noch, Ruthard, ich will das Roß nach Stahleck jagen, will ſehn, ob die Meerfey wahr redet, iſt des Pfalzgrafen Sohn auf der Burg, hat ſie ſein Leben gerettet, ſo iſt ſie frei! Drob hohnlachte aber Ruthard und ſprach: willſt Du nicht auch einen Pfaffen mit⸗ bringen, daß er den Spuk bekehre? Lebte auch Hugbert, muß die Loreley doch des Todes ſeyn gbert, yn, darum, daß ſie ihn verfüͤhrt hat.— Loreley aber blickte ermuthigt dem Manne nach, der ſchon dahinflog auf dem ſchaͤumenden Roß und ſagte? willſt Du mich in den Rhein ſtuͤrzen? das kann ich beſſer, vor Deinen Augen ſpring' ich hinein! Ruthard aber ließ ſie binden und einen ſchweren Stein herbeibringen, ſein Schwert hielt er ge⸗ zuͤckt auf ihren weißen Hals. Ein raſches Fahrzeug theilte die Flut, am Felsrande kam der Reiter frohlockend zuruͤck, aus dem Schifflein aber wehte ein weißes Tuch. Lo⸗ reley, riefs daraus empor, gieb das Ringlein zuruͤck, ſo Du des Pfalzgrafen Sohn genommen, ſo ſoll Dir Dein Leben geſchenkt ſeyn, alſo läßt Dir der Pfalzgraf ſagen! Ich habe kein Ring⸗ lein von ihm, wehklagte Loreley, er hatte keins an ſeiner Hand, das er mir hätte geben mögen! Ach warum kommt er denn nicht? reißt mich in Ketten zu ihm! er löſt ſie mir! Seht Ihr wohl, das Ringlein giebt ſie nicht, trotzte Ruthard. Da weinte Loreley, wie das bittende Reh, wenn der harte unmenſchliche Jä⸗ —— ——— — —— 223 ger vor ihm ſteht, und rief immer nach Hugbert und blieb dabei, daß ſie keinen Ring von ihm ha⸗ be. O wehe, ſagte ſie, mich nimmt nun mein Haus nicht wieder auf, und meines Liebſten Haus bleibt mir verſchloſſen, und ich muß auf ewig an dieſen Felſen gebannt ſeyn! Und es weinten vie⸗ le von denen, ſo da unten ſtanden, denn Ruthard hatte kein Erbarmen, gab mehr keine Friſt, hing den ſchweren Stein an ihren zarten Hals, und die Mordknechte traten auf ſie zu, Loreley aber blick⸗ te ſie an und ſprach: mein Liebſter hat mich ver⸗ rathen, mich faͤngt nun niemand mehr.— Da ſah ſie noch einmal den Strom hinauf und bog ſich, als ob ſie die Burg Stahleck erblicken moch⸗ te, trat darauf an des Felſen Rand und ſturzte hinab. Wie in Steine verwandelt, ſahen Ruthard und die zwei Mordgeſellen ihr nach. Sie konn⸗ ten den Weg nicht mehr herunter ſinden und muß⸗ ten eines elenden Todes ſterben.— Hugbert war nicht mehr zu halten, da er die Kunde von Loreley erfuhr. Der Vater hatte ihn zuvor nicht feebſe. Des folgenden Tages brachte ein Mann von Oberweſel ein Netz voll großer ſchoͤner Fiſche auf die Burg, und da man ſie in der Kuͤche zuberei⸗ ten wollte, ward unter des einen Zunge das Ringlein gefunden, das der Pfalzgrafenſohn ver⸗ mißte, und ſonder Zweifel die Flut beim Unterſin⸗ ken ihm abgeſtreift. Wohl fuhr Hugbert den Rhein hinauf, 224 hinunter, Loreleh's liebliche Geſtalt und holdes Antlitz ſah er nie wieder, kein Menſch hat es je wieder erblickt. Aber ihre Stimme hörte man oft; ſie ſang nicht mehr, ſie rief nicht mehr, aber Antwort gab ſie, wenn man ſie bei Namen rief, und es war, als bewein'und beſeufze ſie viele Ma⸗ le und immer ſanfter, jedes Wort, das man ihr zurief, als wollte ſie ſagen, was werft ihr mir eure Worte zu und heißt mich damit ſpielen wie ſonſt, es iſt doch Hugberts Stimme nicht, ich hab' ihn verloren! verloren! Hugbert rief ihr auch, undſie antwortete, ſie gab ihm ſeinen Laut zurüͤck, er aber konnte den Ton nicht ertragen, er druͤckte ſich an ſeiner Schwe⸗ ſter Wuna Bruſt, die wehmuͤthig neben ihm ſtand, warf aus der abgewendeten Hand das Ringlein in die Flut und horchte zwiſchen dem Ruderſchlag hindurch nach dem Felſen hin und ſchifſte vorüber fuͤr Wehmuth und Pein, denn ſeine Schweſter hatt' ihn gehalten, da er ſich hinabgeſehnt in den tiefen Rhein. Von dem Tag' an aber, daß er den Ring hinab geworfen am Fels, der von dem Serfraͤu⸗ lein den Namen traägt bis heute, zehrte Hugbert ab, als nage ihm etwas am Herzen; und, wie Waldhornklang am Lurley, ſtarb ſein junges Le⸗ ben im Liebesſehnen dahin. „—— I. Der Brilantenſchmuc n. Die Söhnung I. Der Sclavenring 1V. Loreley, eine Sage vom Rhein Seite. 3 Drutkfehler im 1. Theil. Seite 49 Zeile 6 nach Luft fehlt umweben. ——————— fſſ ſi 2 8 9 10 4 15 16 17