und 3 brengein der Bibliothek. Di Bibliothek ſtel hme und Rückgabe der Bſcher jwen ag v is Abends 8 Uhr offen„ preis. Bei Rückg Buchee 5 Pf bezahlt. Siß nes Tages ißt. zu 24 2 See bekannt Perſonen müſſen, bei Entgegennah nbekannte Perſo einc dem* veſſelben entſprechende Sum ückgabe von mir zu ückerſtattet ſ nenen ſe⸗ muß Snu bezahlt; h 2 Bicher: Mk.— Pf. Für beſchmutzte cte Schn S5 bei olchen. mit eupreis erſetzt werden.— Iſt vas S. i er zu nintenſ e 3 8 darauf aufmerk macht, daß cher nicht ſtattfinden dabf indem Diejenigen, on mir geliehen, auch zu ſe haben. —.————— — Pord und Süd. * In zwei Novellen von P. Rruse. * Nordiſche Freundſchaft. Anna Kapri. Leipzig 1820 bei Chriſtian Ernſt Kollmann. orwort. Die erſte dieſer Novellen, die hier vereint aufs neue in die Welt ausgeſchickt werden, iſt vorher in der Urania erſchienen.— Die zweite iſt weit fruher unter einer kleinen Sammlung Novellen, die in Wien 1816 bei Pichler her⸗ ausgekommen, ſchon in Deutſchland ans Licht getreten;— jedoch haben ſie in dem noͤrdlichen Theil deſſelben nur wenig Eingang gefunden, wenigſtens ſind ſie nicht der Aufmerkſamkeit ge⸗ wuͤrdigt worden, die meine ſpätern Arbeiten zu finden das Gluͤck gehabt haben. Da nun aber dieſe zweite Erzaͤhlung einem beliebten ſuͤddeut⸗ ſchen Dichter, Herrn Halirrſch, die erſte Ver⸗ anlaſſung zu ſeiner dramatiſchen Dichtung:„der Morgen auf Kapri,“ gegeben, wodurch ſie ein .* erneuertes Intereſſe gewinnen duͤrfte, ſo habe ich die Gelegenheit ergriffen, ſie aufs neue der deut⸗ ſchen Leſewelt vorzufuͤhren, und zugleich den we⸗ nigen Stellen, deren Veraͤnderung in der ge⸗ nannten Ausgabe die damalige Wiener Cenſur nothwendig machte, ihre urſpruͤngliche Geſtalt wiederzugeben. Nordische Freundschaft. Noverle. . 3 —,— Es giebt Begegniſſe in der Welt, die, obgleich ins Innere der Menſchen tief eingreifend, doch in ihrer aͤußeren Erſcheinung, ſo wie manche ſchoͤne oder ſchlechte That, nur eine ſo ſtuͤchtige Aufmerkſamkeit erregen, daß ſie kaum bemerkt in den Wellen der Zeit untergehen, wie erſchuͤt⸗ ternd ſie auch dein ſcharfen, aber ſchweigenden Beobachter ſich darſtellen: unter ſolche gehoͤrt folgende Begebenheit. Der Leſer, es ſey vor⸗ ausgeſagt, wird ſich vergebens bemuͤhen die nä⸗ heren Beziehungen im Leben ſelbſt aufzufinden, ja, je naͤher er dem Schauplatze der Begeben⸗ heit ſich befindet, ſogar manche Einzelnheit un⸗ wahrſcheinlich finden, weil Zeit, Lorale der Ka⸗ taſtrophe, kurz alle unweſentliche Verhältniſſe mit Fleiß, um ihn irre zu fuͤhren, anders ge⸗ ſtellt ſind, damit kein noch Lebönder ſich mit 1* Wehmuth erkannt fuͤhlen moͤge; allein an der inneren Wahrheit der Geſchichte iſt nichts ver⸗ rüͤckt. In Copenhagen befindet ſich ein eben nicht ſehr großer, aber ſymmetriſch ſchoͤner achteckiger Platz, den vier einander gegenuͤberſtehende Pa⸗ laͤſte in einem nicht ungefaͤlligen Style bilden; in ihrer Mitte ſteht die Statue eines wegen ſeiner Herzensguͤte unvergeßlichen Koͤnigs, der hoch von ſeinem Pferde herab das ihn liebende Volk noch immer zu ſegnen ſcheint. Drei die⸗ ſer Palaͤſte werden noch gegenwaͤrtig von der koniglichen Familie bewohnt, welche ſeit dem Brande des noch immer nicht ganz wieder er⸗ baueten königlichen Schloſſes in imponirender Einfachheit dort verweilet. Der vierte, gegen die Rhede zu gelegen, erhebt ſich wie pine ſym⸗ boliſche Vormauer gegen jeden feindlichen An⸗ griff von der Seite des Meeres, waͤhrend er eine wirkliche von alten Zeiten beſtehende Vor⸗ mauer des Reichs innerhalb ſeiner Waͤnde um⸗ faßt, nämlich die immer fortdauernde Bildung 5 der daͤniſchen Marine. Es iſt die ksnigliche See⸗Cadetten⸗Akademie, die hier der Woh⸗ nung des Koͤnigs voͤllig aͤhnlich daſteht, ſtolz, daß ihr, eben ſo wenig wie den Schwertern ihrer Zöglinge, auch nicht der kleinſte Matet anklebt. Dieſe Mauern haben ſeit langen Jz den Kern der daͤniſchen Jugend, moͤchte ich ſa⸗ gen, in ſich gefaßt, nicht eben, daß vorzugs⸗ weiſe alle die tuͤchtigſten und hoffnungsvollſten hierher geſchickt werden,— denn dazu iſt der Umfang ihrer Beſtimmung viel zu beſchränkt,— ſondern weil ihre Zoͤglinge vorzugsweiſe hier ei⸗ ne ſpartaniſche Erziehung erhalten, wodurch Koͤnig und Vaterland ſo innig in ihren Ge⸗ muͤthern verſchwolzen und ihnen als Vor⸗ bild ſo nah und hoch geſtellt werden, daß ihnen nur eins fai 6.— Ehre. Mag auch dieſe Göttin dem pilſchhiſchen und religioͤſen Blicke ſich als ein glaͤnzendes Phantom darſtellen; in den Annalen eines 6 6 Reichs und in der ſittigen Wuͤrde des Mannes uͤbt ſio imtmer eine faſt goͤttliche Gewalt aus, und ich darf es laut ſagen, die ee— ſt ch Lempel⸗ Unter den meiſtens ſchoͤnen und vor allem kerngeſunden Zoͤglingen zelchneten ſich einſt zwei hochanſgeſchoſſene Juͤnglinge aus. Beide ſchoͤn, tulenwoll, muthig und fleißig,— woder von Geburt noch von Rrichthum iſt innerhalb die⸗ ſer Manern die Rede,— gleich in der Gunſt ihres Cheſs und in dem Wohlwollen ihrer Ge⸗ fährten, ſtanden ſie ſich, wenn auch nicht feindlich, ſo doch freimd, faſt kalt einander ge⸗ genuͤber, obglrich weder Mishelligkeiten zwiſchen ihnen ſtatt gefunden hatten, noch der eine ſich eigentlich deutlich bewußt war, was er an dem andern auszuſetzen faͤnde. Wie ſtreng auf die ſittliche Bildung der Cadetten auch gehalten wurde, war es doch unmoͤhlich in dieſem, ſo wie in jedem heſrlligen Verein, ganz vorzubeu⸗ gen, daß nicht Neid und Selbſtſucht einen ge⸗ heimen Spielraum dieſe beiden Un⸗ MN tugenden hatten ſchon in einem jugendlichen Herzen innerhalb dieſer Wen nur Wurzeln geſchlagen. n John Former, ſo wollen wir ihn nennen, aͤlter als beide vorerwaͤhnte Juͤnglinge, war ſchon einige und zwanzig Jahre alt, und be⸗ reits fuͤnf Jahre früher auf die Akademie ge⸗ kommen. Indeſſen waren jene, in ihrem un⸗ ablaͤſſigen, obgleich faſt unwillkuͤrlichen gemein⸗ ſamen Wettſtreit, den zwiſchen ihm und ihnen ſtehenden Gefaͤhrten allmaͤlig vorbeigeſchritten und ihm ſo nahe geruͤckt, daß er befuͤrchten mußte, daß ſie auch ihm vorbeiſpringen moͤch⸗ ten, noch ehe er das ziemlich nahe Ziel erreicht hätte, wo ihm als anerkannten Officier die An⸗ ciennetaͤt beſtimmt wuͤrde. 11 Dieſer Juͤngling war von daͤniſchen Eltern ſehr hohen Standes in Weſtindien geboren, und hatte dort bis in ein Alter von funfzehn bis ſechzehn Jahren, von demuͤthigen Sclaven umgeben, im Schooße des Reichihums und des Muͤßigganges, unter Verzartelung von Sei⸗ und grſchtzt, und dieſer war ſehr gering. Er ſah ſich hier dem Spotte weit kleinerer und ten der Eltern, und unter der niedrigſten Un⸗ terwerfung von der ſeiner Umgebung, ſich An ſichten vom Loben angeeignet, die mit den ſpartaniſchen Sitten der Akndemie, wo er ge⸗ waͤhnt hatte ſeine vorige Lrbensweiſe fortſetzen zu konnen, im grellſten Contraſte ſtanden. Er fand ſich aber bltter getäͤuſcht: Ratt wie fruͤher durch ſeinen Reichthum, ſeinen Uebermuth und das Anſehen ſeiner Eltern zu gelten, wurde er hier nur nach ſeinem inneren Werthe beurtheilt juͤngerer Knaben blosgeſtellt, denen er nichts anhaͤngen konnte, weil ſie zum Theil geſchmei⸗ diger, umthiger und ſtaͤrker als er waren, und in Bezichung auf die aͤlteren Gefaͤhrten fand er ſich in eine eben ſo harte, obgleich nicht ſo ſchmähliche Unterwuͤrfigkeit verſetzt und mit der⸗ ſelben Geringſchaͤtzung behandelt, womit er fruͤ⸗ her auf ſeine Uugebung niedergeblickt hatte. Aus ſeiner vorigen Indolenz nothgedrungen. erweckt, machte ſeine Secale ihre vorher ſchlum⸗ 9 mernden Kraͤfte, und vor allen die, welche ſie ſruͤh benutzt und am meiſten hier noͤthig hatte, die Klugheit, geltend. Sein ſpaͤhender, um⸗ ſichtiger Blick hatte bald ſeine Lage umfaßt. Zu klagen wagte er nicht; er ſah bald ein, daß die Strafe, welche ſein Weibergeklatſch — ſo wurde hier ohne Ausnahme jedes Vor⸗ bringen vor den Porgeſetzten genannt,— ver⸗ anlaßt haͤtte, ihm keine Erleichterung, ſon⸗ dern nur groͤßere geheime Rache von den Ge⸗ faͤhrten zuziehen wuͤrde; und wie gern er auch eine andere Beſtimmung erwaͤhlt haͤtte, kann⸗ te er doch zu gut den unbeugſamen Willen ſeines Vaters, der unter den Sclaven gelernt hatte auch ſclaviſchen Gehorſam von ſeinen Kindern zu fordern, um dieſem Wunſche Worte zu geben. So lekute er bald aus der Nach e eine Tu⸗ gend machen und ſich fuͤgen. Nothwehr lehrte ihn ſeine ungeuͤbten Kraͤfte auszubilden, und die Entdeckung, daß dieſe Achtung einfloͤhten, gab ihm Muth, waber auch Tuͤcke. Aus alter 10 Gewohnheit und Trieb, ſeine Lage zu verbeſ⸗ ſern, ſchmeichelte er Lehrern und Gefäͤhrten; 3 abet die Klugheit ſagte ihm zugleich, daß dies auf eine ſelaviſche Art nicht geſchehen duͤrfe, ¹ und daß ſein Beſtreben, nur inſofern er ſich ihren Geſinnungen auſchmiegte, mit Erfolg gekrönt werden koͤnne; auch ward das Ehrge⸗ fuͤhl bei ihm rege, und wie ſchwer es auch dem vetzärtelten Juͤnglinge fiel, wurde er doch obgleich nie der Erſte, doch allmalig auch nie der Letzte in den ſpartaniſchen Spielen und Kampfübungen, die, beſonders wenn die Leh⸗ rer nicht zugegen waren, nie ohne blaue Flok⸗ ken oder geheime Wunden abgingen. Mit Zähnknirſchen, mit geheimer Reue, daß er ſich in den Verein der ſogenannten Abgehaͤrte⸗ ten begeben hatte, gehorchte er, wenn zum 3 Beiſpiel mitten in einer Winternacht das ge⸗ heime Zeichen von einem Juͤngling, den der Schlaf floh, gegeben wurde, und nun alle Verbuͤndete ſchnell etweckt, ſich aus den war⸗ men Beiten ſtürzten, faſt nackend in den Hof hinuntereilten, in dei weichen Schnee ſich badeten und dann wieder—— vor— das Lager ſuchten. 35 Und ſo geſchah es, daß er n und nach den unangenehmen Eindruck, den ſeine Er⸗ ſcheinung erregt, gluͤcklich beſiegte, und durch Fleiß und ſtete Anſtrengung der erwachten Srelenkraͤfte dem zunaͤchſt winkenden Ziele al⸗ ler dieſer Juͤnglinge, das Officierzeichen zu tragen, entgegenſchritt. Dies erreicht, hoͤrte jeder aͤngſtliche Wettſtreit auf; einmal auf die⸗ ſer Liſte eingeſchrieben iſt in der beſtehenden Reihe die Rangfolge bis zum Admiral hinauf, und die damit verbundene Subordination unver⸗ aͤnderlich beſtimmt, doch in jeder Claſſe ſelbſt herrſcht eine voͤllige Gleichheit, und nur in Dienſt⸗ ſachen fuͤhlt der juͤngere ſich verbunden dem aͤlte⸗ ren auf der Liſte zu gehorchen. Sich ſo bald wie moͤglich eine feſte Aneiennetät zu erringen, — denn ein jeder in der Ingend vorbeieilender Schritt fuͤhrt noch im Mannesalter den Be⸗ fehlshaberſtellen naͤher„— war daher das un⸗ 12 ermuͤdliche Streben jedes Schhͤlers, und folg⸗ lich auch des ehrgeizigen Johns. In der er⸗ ſten Claſſe trugen die aͤlteſten Cadetten ſchon den Namen Unterofficier. John war un⸗ ter dieſen einer der aͤlteſten. Beide vorerwaͤhn⸗ te Juͤnglinge, auf welchen beſonders das an⸗ erkennende Vaterauge des ſcharfſichtigen Chefs haftete, waren unter den Juͤngeren derſelben Claſſe. Moch ein Examen ſtand bevor, und mit ihm gewiß die Ertheilung des Officierzei⸗ chens; obgleich aber von dieſer Hoffnung trun⸗ ken, zitterte er doch, daß jene beiden Juͤng⸗ linge, die mit Rieſenſchritten vorgeruͤckt wa⸗ ren, und von denen der aͤltere noch nicht das neunzehnte Jahr zuruͤckgelegt, ſelbſt in dem letzten Augenblicke ihm, nach dem gewoͤhnlichen Ausdruck, vorbeiſpringen moͤchten. Jeder von dieſen arbeitete ſtill fuͤr ſich, ſie ſahen ſich oft mit einem trotzigen, beinahe her⸗ ausfordernden Blicke an; allein dabei blieb's; denn beide edel geſinnt und alle kleinlichen Mittel verabſcheuend, fanden ſich gegenuͤber kei⸗ nen Anlaß zu einem offenen Bench; obgleich mehrere ihrer Gefährten zu bemerken glaubten, daß John heimlich dahin arbeitete, indem er vielleicht hoffte, von einer Gewaltthat, die beiden Schaden bringen wuͤrde, einen Vortheil zu ziehen, den er von ſeinen Talenten und ſeinem Fleiße nicht erwarten duͤrfe. Die Zeit der Pruͤfung ſiel wie gewoͤhnlich kurz vor dem Geburtstage des Koͤnigs, um durch ſeinen fröhlichen Erfolg die Begeiſterung und die Liebe zu erhoͤhen, womit die Juͤnglinge jenem ent⸗ gegenſahen, um ſo mehr, da die Ernennun⸗ gen und Praͤmien an dieſem Tage bekannt ge⸗ macht und vertheilt wurden.. Das Examen, das aus ſchriftlichen und muͤndlichen Aufgaben beſtand und mehrere Tage dauerte, hatte ſchon begonnen. Die Juͤng⸗ linge genießen waͤhrend der Zeit keine Freiſtun⸗ den. Jede Minute iſt der Anſtrengung und dem Fleiße geweiht; aber nicht allein die ern⸗ ſten Wiſſenſchaften fuͤllen ihre Zeit aus; die heiteren Kuͤnſte machen auch ihre Anſpruche 14 geltend. Es hatte ſich laͤngſt ausgewieſen, daß John ein entſchiedenes Talent fuͤr die Zeichen⸗ kunſt beſaß, und der Zufall wollte, daß er, der ſich einen der ſchwerſten Gegenſtaͤnde auf⸗ geſtellt, diesmal unwillkuͤhrlich mit den beiden Juͤnglingen Holger An— und Woldemar Re— — es iſt uns nur geſtattet ihre Taufnamen ganz auszuſchreiben— ſich in einem unvor⸗ hergeſehenen Wettſtreit befand. Alle drei copir⸗ ten mit Tuſche Kupferſtiche, die an Große, Schwierigkeit und Kunſt der g voll⸗ ue gleich waren. Da geſchah es eines Tages, als die drei mit anderen Gefaͤhrten zu einer un⸗ gewoͤhnlichen Stunde mit ihren Reißbretern in dem großen Lehrſaale, der allen offen ſtand, beſchaͤftigt waren, daß Holger mit ſolcher Haſt zu dem Chef berufen wurde, daß er die Zeich⸗ nung nur fluͤchtig mit dem feinen chineſiſchen Papier bedecken konnte, und ohne wie gewoͤhn⸗ lich erſt das Bret auf ſein Zimmer bringen zu koͤnnen, forteilen mußte. Als er eine 15 Stunde nachher, nach beendigtem Geſchͤſte zuruͤckkehrte, fand er den Sagl leer; die Uebrigen waren ſchon mit ihren Reißbretern fortgegangen, nur das ſeinige lag noch da⸗ Obgleich es ſchon begann dunkel zu werden, wollte er doch das Verſäumte nachholen und entblößte die Zeichnung. Aber man ſtelle ſich ſein Erſchrecken vor, als er dieſe an mehreren Stellen auf eine ſcheinbar gewaltſame Weiſe verwiſcht fand. Er ſtand wie vernichtet⸗ Nicht allein die Muͤhe mehrerer Wochen, ſon⸗ dern die ſchonſte Hoffnung, welche er auf die dadurch zu gewinnenden Zahlen gegruͤndet hal⸗ te, lag zerſtört vor ihm. Zahlen ſage ich, denn der Erfolg der Pruͤfung beruht dort auf einer gewiſſen Summe von Zahlen, welche den geloſten Aufgaben ihrem Werthe nach bei⸗ gelegt werden, und das von allen zuſammen⸗ gelegte Facit beſtimmt den Hauptcharakter. Doch bald wich der jugendlichen Heſtigkeit ſein ſtummes Erſchrecken. Die Gefaͤhrten wur⸗ den herbeigerufen. Ihr lautes Erſtaunen zog 16 die Lehrer nach. Selbſt der Chef trat herein. Der Vorgang wurde auf das genaueſte unter⸗ ſucht. Es war freilich nicht leicht zu beſtim⸗ men, ob dieſe Zerſtoͤrung das Werk des Zu⸗ falls, oder einer wiſſentlichen Bosheit waͤre; um ſo mehr da Holger erklärte, daß es ſehr möglich, ja ſelbſt wahrſcheinlich ſey, daß die Zeichnung ſtellenweiſe nicht ganz trocken gewe⸗ ſen, als er ſie uͤberdeckte, weil er kurz zu⸗ vor die Luft leicht angelegt hatte; aber dennoch waren Spuren von Gewalt ſichtbar, obgleich das ᷣbergelegte Papier v einmal zerknittert erſchien. Der Chef ſchuͤttelte— Kopf: er hiet eine lange Rede, worin er ermunterte die Wahr⸗ heit zu geſtehen, wenn jemand unter den Gegenwaͤrtigen aus Verſehen dies Unheil her⸗ vorgebracht haͤtte, das doch bei weitem nicht ſo groß wäre als das Ungluͤck, den Verdacht hegen zu müſſen, daß untet denjenigen, die iyr Leben der Ehre gewidmet, jemand ſich be⸗ fände, der riner ſo entehrenden Bosheit fahig 17 ſeh. Ja, fuͤgte er hinzu, er wolle ſtatt ei⸗ nes Verweiſes ſelbſt demjenigen danken, der ihn einer ſo niederſchlagenden Vermuthung uͤberheben wuͤrde. Sein ſcharfer Blick flog ſpaͤhend uͤber die Zuͤge der Juͤnglinge hin, waͤhrend er redete. Aber alles blieb ſtumm. In dieſem Augenblick ſtieß John Holger leiſe an, und deutete nur ihm bemerkbar au Woldemar; dieſer ſtand wie alle die uͤbrigen finſter und ſtumm; aber es war dem aufmerk⸗ ſam gemachten Holger deutlich, daß er bleicher geworden; da jedoch dieſe Veraͤnderung dem Chef entweder entgangen war, oder von ihm einer anderen Urſache zugeſchrieben wurde, ſchwieg auch er, ja ein höhniſcher Seitenblick auf John ſchien ſogar dieſem vorzuwerfen, daß er faͤhig ſey einen unedlen Verdacht in ihm erregen zu wollen. Auch blieb der Her⸗ gang dieſes Ereigniſſes trotz aller Bemuͤhungen des Chefs und der Gefaͤhrten unentdeckt. Der Erſte bedauerte laut, daß dieſer verdrießliche Vorfall den braven Holger nothwendig einiger 2 18 Zahlen zu ſeinem Charakter beranben muͤſſe, weil es unmoͤglich ſey in der kurzen Zeit eine neue Zeichnung von Bedeutung auszufuͤhren; doch, fuͤgte er hinzu, es iſt eine Tuͤcke des Geſchicks, der jeglicher Sterbliche unterworfen iſt, und um ſo hoher iſt der Mann zu achten, der mit Muth das Unvermeidliche zu ertragen weiß, und ſelbſt zu bewundern, je fruͤher er ſich beherrſchen und ſich die Set erheben lernt. Da ſtieß John Si zum zweiten Male an und machte ihn darauf aufmerkſam, wie eine fluͤchtige Roͤthe gluͤhend uͤber Woldemars bleiche Wangen hinzog. Jetzt regte ſich auch in ihm ein ſchneller Verdacht; allein die Worte ſeines Chefs erwägend, beherrſchte ſich der Juͤng⸗ ling und verbannte entſchloſſen dieſe Wch⸗ Empfindung. Zwei Tage nachher trug ſich ein neuer Vor⸗ fall zu, der faſt noch groͤßere Aufmerkſamkeit erregte. In einer Stunde, wo beinahe alle Gefähtten und Lehrer in dem Saale verſam⸗ 49 haoo melt waren, trat Woldemar mit ſeinem Zei⸗ chenbrete hinein und erzaͤhlte laut, aber auf eine kalte ruhige Weiſe, die freilich mit Hol⸗ gers vorhergehender Heftigkeit ſtark contraſtirte, daß er ſo eben ſeine Zeichnung mit einem Fe⸗ dermeſſer ganz zerſchnitten in ſeinem Zimmer gefunden, und zeigte die zerſtoͤrten Ueberreſte vor. gnes Alle erſtaunten aufs neue; es wurde dem Chef gemeldet; dieſer Mann, deſſen ruhige Wuͤrde ſonſt allen imponirte, offenbarte einen inneren Aufruhr, der ſeiner Faſſung bedroh⸗ lich ſchien. Alle Zoglinge ſahen ihn ſcheu und beſtuͤrzt an. John war, ehe er nur ein Wort geſprochen hatte, ſo wie Woldemar das vorige Mal, ſichtbar erbleicht. Holgers Blick ruhete durchdringend auf ihm. Er ſchien es zu be⸗ merken und trat raſch und unbedenklich her⸗ wr⸗ biernei d03 „Geſtatten Sie mir ein Wort, Herr Com⸗ mandeur!“ begann er.„Es iſt bekannt, daß eben wir Drei nicht allein einen Gegenſtand 2* es ſich von ſelbſt verſteht, die ſtrengſte Unter⸗ 20 von gleicher Schwiekigkeit gewaͤhlt, ſondern auch, daß unſere Zeichnungen bisher unter die erſten gehoͤren; die meiner beiden Gefaͤhrten ſind auf eine eben ſo unbegreifliche als ſchaͤnd⸗ liche Weiſe zerſtort; die meine iſt ganz. Ich zittre vor Erbitterung am ganzen Koͤrper, denn ich füͤhle recht gut, daß der Vortheil, welchen mir dieſe Unfaͤlle bringen, leicht den Verdacht erregen könnte, als haͤtte ich Anlaß dazu ge⸗ geben; ich erſuche Sie daher, mich verhaften zu laſſen, bis der Vorgang auf das ſtreng⸗ ſte unterſucht wie ich f entdeckt wirb „Ich bin eſe 65 der czef ernſt das Wort,„daß nicmand unter uns einen ſo unedlen und beleidigenden Verdacht gegen ei⸗ nen Kameraden hegen kann, oder ſich ſolches geſtatten darf. Hat Er dieſe Furcht, gaͤbe es wohl auch ein ſiegendes Mittel, ſolche unwuͤr⸗ dige Vermuthung zu widerlegen, welches anzu⸗ geben doch nicht an mir iſt; indeſſen ſoll, wie 24 ſuchung geſchehen; auch ſehe ich wohl ein, daß Seine Lage unter ſolchen Umſtaͤnden uͤber⸗ all, nur nicht unter dieſem Dache, peinlich ſeyn wuͤrde; doch ſollte Er beſſero von Seinen Gefaͤhrten haben.“ Aber die Unterſuchung leitete zu keiner an⸗ dern Entdeckung, als die, welche aus Wol⸗ demars Erklaͤrungen hervorging, daß es durch⸗ aus unmoͤglich ſey, daß dies Unheil von John oder von irgend einem Kameraden herruͤhren koͤnne, theils weil der erſte zu der Zeit, wo es geſchehen ſeyn mußte, ſogar außer der Aka⸗ demie ſich befunden, und theils, weil alle uͤbri⸗ gen Gefaͤhrten damals in dei Saale Se melt geweſen. Indeſſen ging die Prüfung ihren ſort. John wurde zugleich mit zwei Vorinaͤn⸗ nern Oſfſicier; Holger und Woldemar die bei⸗ den erſten Unterofficiere. Ihr Haupicharakter beſtund aus gleichen Zahlen mit Johns. In⸗ deß war es deutlich, daß, wenn ihre Zeich⸗ unngen haͤtten vollendet vorgelegt und ihnen der Werth derſelben angerechnet werden können, ih⸗ re Zahlen die des John ſo weit uͤberſtiegen ha⸗ ben wuͤrden, daß ſie ihm vorbeigegangen waͤ⸗ ren, und weil ſie der Regel nach, als zu jun⸗ ge unteroffſciere, nicht ſogleich Officiere haͤt⸗ ten werden koͤnnen, haͤtte er noch ein halbes Jahr unter ihnen in der Claſſe ſtehen muͤſſen. Er machte ſelbſt, leiſe bei ſich frohlockend, die⸗ ſe Bemerkung, die jedoch weder von den uͤbri⸗ gen Gefaͤhrten noch von den Lehrern weiter be⸗ ſprochen wurde, obgleich ſie doch gewiß den Seelen der beiden Juͤnglinge auch vorgeſchwebt haben mochte. Es ſchien aber, als ob jeder Uunmuth in der ranſchenden und laͤrmenden Frende, welche der Geburtstag des Koͤnigs mit ſich fuͤhrte, untergegangen waͤre. Ein glaͤnzen⸗ der Ball wurde ſelbſt in der Akademie gegeben; klelne Herzensangelegenheiten wurden rege, und die immer mehr erwachenden Leidenſchaften der Juͤnglinge erhielten nur Gleichgewicht von dem edlen Stolze, den ihnen ihr Stand einſloͤßte, und welcher hier unter dieſer glänzenden Feier⸗ 23 lichkeit, bei der jeder in zierlicher Uniform er⸗ ſchien, obgleich nicht ganz ohne Neid die gol⸗ denen Epauletts der Officiere betrachtend, nach denen ſich alle ſo innig ſehnten, reichen Anlaß fand, ſich in Haltung und Miene um ſo wuͤr⸗ diger darzuſtellen, da die Gegenwart des Ko⸗ nigs, dem ſie Leben, Blut und Ehre geweiht, noch denſelben Vormittag ſie durch ſeine Huld ihm gleichſam naͤher geruͤckt hatte; auch fan⸗ den ſie keine Worte, um ihre Freude an die⸗ ſeimn Tage, der ihnen und dem Lande 5 ge⸗ ſchenkt, auszudruͤcken. 5. Sicher, daß keiner von ſeinen Schülern die Wuͤrde ihres Standes vergeſſen konnte, hatte der lebensfrohe, ſelbſt von Freude berauſchte patriotiſche Chef ihre jugendliche Ausgelaſſenheit nicht beſchränken wollen; und noch1 waͤhrend die eingeladenen Gäſte und die jungen Cadetten ſich in langen Reihen, von der rauſchenden vollen Muſik begleitet, herumwirbelten, leerte in dem Rebenzimmer die aͤltere Claſſe mit den nengewordenen HOfficieren, alle auf einen Au⸗ genblick ſelbſt den bezaubernden Gegenſtand ih⸗ rer erſten Flammen vergeſſend, die ſchaͤumen⸗ den Champagnerbecher auf das Wohl des Koͤ⸗ nigs des Vaterlandes, ihrer Flagge, ihres Chefs und ihres Standes, in ihren jugendli⸗ chen Augen des erſten in der Welt. Ohne ſich von der nahen Tanzmuſik iere machen zu laſ⸗ ſen, ſtimmten ſie des unſterblichen Ewalds va⸗ terlaͤndiſches Lied an, und des ernſteren Wol⸗ demars hellklingende Altſtimme drang ſelbſt in die Ohren der Tanzenden, als er froh begei⸗ ſtert die geweihten Worte ſang: Der Daänen Weg zu Ruhim um Macht, . Schwarzdnnktes Mrer! tj 5 Nimm auf den Freund, der froh der eun. Kuͤhn der Gefahr entgegenlacht, So ſtolz wie Du des Sturmes Nacht, Schwarſtunkles Meer! Und füt ihn raſch durch Kainpf und Spiet Und Sieg bis an des Grabes Zier 42 Einher⸗ 3 Mit wo möglich noch ſtolzerem Selbſtgefuͤhl traten nun die Juͤnglinge gluͤhend in den Saal und miſchten ſich in die munteren Reihen, je⸗ doch deuteten ihre unter ſich winkenden Blicke auf eine geheime Abrede, und kaum war auch der Ball zur beſtimmten fruͤhen Morgenſtunde beendigt, kaum hatte jeder ſeine Schoͤne an den wartenden Wagen begleitet, als ein kleiner Kreis von den jungen Officieren und den aͤlte⸗ ſten Unterofficieren, ſtatt ſich zu Hauſe oder in ihre Manſarde zu begeben, ſich in das Zimmer eines noch ſehr ungen Lientenants verfuͤgte, welcher der vorigen Kameradſchaft nicht entſagt, um ſo mehr da er gleich als Lehrer bei den juͤngeren Claſſen angeſtellt wor⸗ den und ſeine Wohnung in der Akademie be⸗ halten hatte. Gluͤhend vor Wein und Freude, an alles andere lieber als an den Schlaf denkend, lieſ⸗ ſen ſich hier die Juͤnglinge, zwar mit gedaͤmpf⸗ ter Stimme, nieder, damit ihre Zuſammen⸗ kunft nicht verrathen werden ſollte; allein mit 26 dem feſten Vorſatz, hier bis zu Anbruch des vollen Tages treulich auszuhalten. Mehrere Champagnerbouteillen waren gluͤcklich zur Seite gebracht, und da der volle Mond hell und klar hineinſchien, wurden die Lichter ausge⸗ tͤſcht, und weil kein klingendes Lied ange⸗ ſtimint werden durfte, wurde die Zeit mit heiterm Geſpraͤch und bei vollen Bechern ver⸗ trieben. Feine Stuͤckchen Kantabak wurden ansgetheilt, welches bei den anwachſenden Juͤngern der Akademie eben fo ſehr in Mode iſt, wie die Cigarren unter der Jugend von Hamburg; aus Mangel an Gelegenheit, aus⸗ gelaſſene und uͤbetmuͤthige Streiche treiben zu koͤnnen, murden ſolche um ſo mehr erzaͤhlt. Anekdoten und Geſchichten wechſelten mit ein⸗ ander; beſonders ſchien John, der, ſo wie auch die andern neugewordenen Officiere, zu den Geſfeierten des Tages gehoͤrte, in der Ge⸗ wißheit das Ziel erreicht zu haben, außer ſich vor Freude und aͤußerte dieſe in einer bei ihm ungewoͤhnlichen heitern Ausgelaſſenheit. 27 Durch ein zufaͤlliges Geraͤuſch war er mit mehreren zu dem Fenſter gelockt, ſtieß es auf und ſtarrte in den großen Hof, der mit einem glaͤnzenden Teppich von neugefallenem Schnee bedeckt war, hinunter; aber alles war ruhig. Die Uebrigen kehrten zuruͤck, er allein blieb nachdenkend ſtehen; einige Aeußerungen waren mitten in der allgemeinen Freude gefallen, welche ihn verſtimmt hatten.— War es wirk⸗ lich ſo, oder taͤuſchte ihn eine innere Stim⸗ me, die ihm zuzufluͤſtern ſchien, daß dieſer auserwaͤhlte Kreis ihn nicht mit gleicher Wuͤr⸗ digung anſehe? In ſeiner durch Wein aufge⸗ regten Laune tolldreiſt geworden, erſt aus Verzweiflung, ſpaͤter aus Gewohnheit, ſann er darauf, wie er durch irgend einen tollen Streich ſich in der Meinung, in der er waͤhnte veiloren zu haben, wieder erheben koͤnnte. In dieſem Augenblicke wurde er ge⸗ fragt: warum er ſo in ſich verſunken ſtuͤn⸗ 6½ 28 Unwillkuͤrlich auf das dreiviertel Ellen brei⸗ te Geſims, das unter den Fenſtern den gan⸗ zen Palaſt entlang hinlief, niederſtarrend; ſag⸗ te er laͤchelnd und uͤbermuͤthig:„In dem aͤuſ⸗ ſerſten Cabinet in dieſer Zimmerreihe ſchlaͤft, wie Ihr wißt, das huͤbſche Kammermaͤdchen der Gemahlin unſers Chefs.— Wir haben dem Blitzmäͤdel ſo oft einen Beſuch angekuͤn⸗ digt, welcher doch auf dem richtigen Wege dahin unmoͤglich iſt, weil das Schlafzimmer ihrer Herrſchaft dazwiſchen iſt, und die kleine Ireppe von der andern Seite abgeſchloſſen. Die Dirne hat uns ausgelacht. Hier zeigt ſich mir nun ploͤtzlich ein Weg, allen offen, die, um einen Morgengruß abzulegen, der wenig⸗ ſtens gelegentlich einen Kuß einbringen wird, ein wenig Gefahr nicht ſchenen.“ 8 Alle ſprangen eilig zum Fenſter hin, die gefaͤhrliche Bahn und die ſchwindelnde Hoͤhe des Geſimſes uͤber dem Hof zu betrachten.— „Nun! wer wagts'?“ rief John ausgelaſ⸗ ſen. 29 Ich nicht,“ erwiederte einer det Gefuaͤhrten, „denn ich habe noch alle meine Sinne“ „Welch dummer Spaß 1rief Woldemar vorwerfend,„der nur zu Thorheiten fuͤhren kann, da wir ſchon im voraus toll genug geſtimmt ſind, um ſo mehr, da Du doch ſelbſt der Letzte biſt, der es thun wuͤrde.“ „Moinſt Du? Ei wie anmaßend!“ — John aufgeregt.— „So anmaßond,“ unter ammnzhtietr warm, den klugen Vorwurf, den er ſo eben ausgeſprochen, ganz vergeſſend,„daß ich mich verbindlich mache, aus dieſem Fenſter in den Hof hinunterzuſpringen, wenn Du Dich zu Marianens Fenſter ganz— und wter zuruͤckkehrſt.„58 „Biſt Du ganz von Sinnen, Woldemär?“ rief Holger verdrießlich.„Der Gang zum Fenſter hin iſt nicht gefaͤhrlich, wenn man ihn nur unerſchrocken unternimmt; aber da hin⸗ unterzuſpringen, da hilft nicht der Muth, da muß man ja den Hals brechen.“ „ 30 Ich habe es geſagt,“ erwiederte Wolde⸗ mar ruhig, mit einem Blick auf John, der wohl nicht 2. von——— z8 iß die ne——„Vohl an denn,“ rief er auf einmal ſich ermannend und ſein Glas hinunterſtuͤrzend,„das wol⸗ len wir doch ſehen; ich Su ihu beim Wort.“ Alle ſtutztenz aber als Holger von einer boͤſen Ahnung geleitet ihn zuruͤckhalten wollte, draͤngten die Uebrigen ihn zuruͤck; alle anf ein Abenteuer begierig, daß Keiner von ihnen ſich ſcheuete ſelbſt zu beſtehen. John ſchwang ſich auf das Geſims hinaus, und gluͤhend von Chalnpagner und Ehrgeiz legte er ohne das mindeſte Zeichen von Furcht den Weg nach dem Fenſter hin zuruͤck, und nachdem er leiſe angeklopft und dem Mädchen ſeinen Morgen⸗ gruß zugefluͤſtert hatte, er eben ſo unbe⸗ fangen wieder um. — 3¹ „Nun!“ ſagte er, ſich in das Zimmer hineinſchwingend, ich bin fertig.“ Woldemar, der, als er ihn auf dem Ruͤckwege ſah, ſich ernſt von dem Fenſter zu⸗ ruͤckgezogen und ſtill Sb 8 bo ſich raſch. „Dnu biſt wohl toll? 2.. uchrigen, zwiſchen ihn und das Fenſter tretend.„Wer von uns zweifelt an Deinem Muth?“ „Laß das!“ ſagte Holger ernſt, mit ei⸗ nem finſtern Blick auf John.„Selbſt mei⸗ nem aͤrgſten Feind wollte ich ſo was nicht zu⸗ muthen, viel weniger—“ er unterbrach 6% ſelbſt. „Verſteht ſich,“ Wolpenar mit einem gezwungenen Laͤcheln;„wer wolhte im Ernſt ſo etwas unternehmen? Luſt den Hals zu brechen habe ich freilich nicht. Platz nur da! ich will doch einmal aus Spaß die Hoͤhe meſſen.“ Er trat zu dem Fenſter hin, und indem er, gegen die Gefaͤhrten ſich kehrend, nach der Ecke des Zimmers hindeutend hinzu⸗ 32 ſöhte„Rimin nur einmal das Sentblei, das dort liegt!“— ſchwang er ſich unverſe⸗ hens in das grohe Fenſter hinauf und ſprang, ehe die Uebrigen es verhindern konnten, mit einem kräftigen Anſatz in den Hof hinab. Alle ſtanden ſtarr vor Entſetzen. Keiner wagte einen Blick ihm nach aus dem Fenſter zu werfen. Aber in dem zweiten Augenblick ſtuͤrzten ſie alle, ſo viel ſie waren, nach der Mit raſcher Beſonnenheit, wiewohl bleich wie eine Leiche, warf ſich Holger den Gefaͤhr⸗ ten in den Weg.„Halt!“ rief er mit An⸗ ſtrengung.„Seht Ihr denn nicht ein, daß die groͤßte Vorſicht noͤthig iſt, um nicht uns alle ungluͤckich zu machen? Rur zwei mit mir gehn hinunter.— Du John nur nicht—“ fuͤgte er ohne ihn anzüſehen hinzu;—„komm Du, und Du!“— 1 Die drei Gefaͤhrten flogen ſchnell, aber ſo teicht und leiſe wie inoglich, Holger an der Spitze, die Treppen hinunter. Nicht ohne ——— —————— 33 ein heftiges Zittern wurde die Hofthuͤre geoͤff⸗ net. Jeder, ſelbſt Holger, aus Furcht, den Herabgeſprungenen todt zu finden, wagte kaum, hinzuſehen. Doch der erſte Hinblick beruhigte ſie etwas. Sie ſahen WneRe zend in einem Haufen Schnee. „Du lebſt! Gott Lob!“ fluͤſterte ihm entgegen. Sr „Gott Lob!“ erwiederte er, noch faſt athemlos;„laßt mich aber zu mir ſelbſt kom⸗ men.— Ich habe freilich nach dieſem Haufen pigeit. allein ich glaube, ich nuß doch das Bein gebrochen haben.“ So war es auch. Die Lodesangſt, ⸗ er ſich als Menſch nicht erwehren konnte, hielt ihn noch betaͤubt. In wenig Augenhlicken war er wieder derſelbe wie vorher.„Ich bin* wie zerſchlagen,“ ſagte er,„doch das macht nichts. Tragt mich nur leiſe in mein Bett hinauf und ſorgt dafuͤr, daß niemand außer unſerm Kreiſe, vor allen der Chef, nichts 34 MWN Es gelang; ein ungluͤcklicher Fall auf der Treppe wurde vorgegeben. Erſt viele Jahre nachher, da alle Gegenwaͤrtige laͤngſt die Aka⸗ demie verlaſſen hatten, kam dies Ereigniß unter den Officieren des Corps heraus. Allein dieſer Vorfall trug, ſo wie John gehofft hatte, nicht dazu bei, ihm groͤßere Achtung und Zunei⸗ gung zu gewinnen. Im Gegentheil, die Freunde, die er ſich ſpaͤter erwarb, gehoͤrten alle nicht zu dieſem kleinen Kreiſe, und be⸗ ſonders zog ſich Holger kalt und ſchweigend von ihm zuruͤck, indem Woldemar allein ihm das Wort, obgleich vergebens, ſprach. Auch John ſetzte der Kaͤlte Kaͤlte entgegen, doch nie wur⸗ den unter den Gefaͤhrten ſelbſt die Ruͤckſichten verletzt, die man einem gemeinſamen Kamera⸗ den ſchuldig zu ſeyn meinte, und niemand auſ⸗ ſer ihrer Claſſe ahnete, daß eine Mißhelligkeit ſtatt fand. Aber mit den fruͤher feindlich geſinnten Juͤnglingen war eine ſonderbare Veraͤnderung vorgegangen. Es war als haͤtte dieſer Vorfall 35 mit ſeinen Folgen beide feſt und unaufloslich an einander geknuͤpft. Holger wich faſt nie von Woldemars Bette, und dieſer ſah nicht ohne Ruͤhrung die immer wachſende treue Sorgfalt des vorigen Nebenbuhlers. Die Ehre— wie bereits erwaͤhnt— iſt die hoͤchſte Gottheit, die der Zoͤgling dieſer Akademie keunt, und ihr Geſetz gebietet ein gegebenes Wort ruckſichtslos zu erfuͤllen. In dem froͤhlichen Bewuhtſeyn, ihr ſelbſt ſein Leben zum Opfer weihen zu wollen, und viel⸗ leicht eben weil er fruͤher nur ſich ſelbſt einer ſolchen That faͤhig gehalten, fuͤllte Woldemars tollkuͤhnes Benehmen Holgers Bruſt mit ſtiller warmer Bewunderung. Er erkannte an dem kuͤhnen Juͤngling ſein eignes Gemuͤth, und ſeine ſtille Reue, eben dieſen durch einen lei⸗ ſen aber ſchmählichen Verdacht nur einen Au⸗ genblick verkannt und beleidigt zu haben, ver⸗ ſchmolz in warme ſchwaͤrmeriſche Hingebung, der er doch keine Worte zu geben vermochte. Auch der Kranke einpfand mit ſtiller Scham, 3 36 MW daß er den braven, warmen, theilnehmenden Juͤngling verkannt hatte. So verbrachten ſie die wenigen Stunden, worin ſie ſich ſelbſt uͤberlaſſen waren, ſchweigend, faſt gedruͤckt neben einander. Es war ihnen unmoͤglich ein herzliches und noch mehr ein gleichguͤltiges Ge⸗ ſpräch unter ſich einzuleiten, ehe ſie beide mit einander ins Reine gekommen waren, und eben dies ſiel beiden ungemein ſchwer, weil jeder ſtolz und kraͤftig jede Ruͤhrung fuͤr un⸗ maͤnnlich hielt, und ſo ſcheneten ſich noch bei⸗ de ihre Herzen reden zu laſſen. Aber ſo wie der ſchwellende Strom, wenn erſt der Damm gebrochen, alles mit ſich fortreißt, ſo muß⸗ ten auch, wenn erſt die gegenſeitige Liebe die angebildete Scham endlich uͤberwunden hatte, beide fuͤr das, was ſie fuͤr das Hoͤchſte erkann⸗ ten, ſchwaͤrmende Gemuͤther ſich mit unwider⸗ ſtehlicher Gewalt ergreifen. 3 Und ſo geſchah es. Den erſten Abend, den außer dem Bette zu verbringen Woldemar ge⸗ ſtattet wurde, fanden ſich faſt alle, die bei jenein Ereigniß gegenwaͤrtig geweſen, bei ihm ein. Wein war mitgebracht und ein zuverlaͤſ⸗ ſiger Poſten ausgeſtellt, um dem Verrath des kleinen unerlaubten Feſies vorzubengen. Hei⸗ tere Geſptaͤche loͤſten einander ab, und man wird begreifen, daß jeder kleine Umſtand jener Begebenheit beſprochen wurde. Holger allein nahm faſt keinen Antheil daran; er war wort⸗ karger als je, aber eine unausſprechliche Freude funkelte aus ſeinen ſchoͤnen Augen. Als die Stunde zum Abendgebet ſchlug, mußte man der Regel nach ſich trennen, um ſich in den Saal zu begeben, und von dort zur Ruhe; nur Holger blieb, die einmal er⸗ betene Erlaubniß, den Kranken pflegen zu duͤrfen, benutzend, mit dem er durch einen vom Chef geſtatteten Tanſch Stubengefaͤhrte geworden war; die uͤbrigen zwei Mitbewohner waren des Kranken wegen noch immer ent⸗ fernt; und ſo nahete ſich ihnen nun, die zum erſten Mal wieder geſund und wohlauf ſich gegenuͤber ſaßen, eine ſchoͤne vertrauliche „ 38 Stunde, doch noch immer konnte Holger keine Worte finden, er ſah ſtumm und faſt duſter vor ſich hin. Woldemar bemerkte ſeine ſonder⸗ bare Unruhe. „Biſt Du unwohl?“ fragte er beſorgt. „Du haſt den ganzen Abend nur ſehr wenig geſprochen und faſt keinen Wein getrunken.“ „Es war,“ erwiederte Holger ohne aufzu⸗ ſehen,„es war mir unmoͤglich in der Ge⸗ genwart der Anderen, ich muß erſt mit Dir allein trinken.“— Er ſprang raſch auf und holte ein Paar zur Seite geſetzte Bouteillen hervor;—„aber willſt Du auch mit mir trinken?“ 6 „Welche Frage!“ ſagte Woldemar mit Waͤrme;„mit wem lieber?“ Iſt es Dein Ernſt?“ fuhr Solzer— und brach gewaltſam in Thraͤnen aus.„Ich verdiene es nicht. Nein! nein! ich fuͤhle es tief, Du mußt mich haſſen.“ „Dich?“ rief der Gefaͤhrte und ſprang ſo heſtig auf, daß ein ſtechender Schmerz das 39 noch ſehr ſchwache Bein durchfuhr; er er⸗ vleichte ploͤtzlich und ſchwankte. Holger eilte erſchrocken hinzu, um ihn zu ergreifen. Wol⸗ demar umfaßte ihn raſch mit beiden Armen; und ſo ſtanden ſie beide, ohne zu wiſſen wie, in einer feſten Sh Umarmung um⸗ ſchlungen. „Kannſt Du mir verzeihen?“ w Holger faſt hervor,„ich hute Dich ſehr ver⸗ kannt.“ „Ich auch Dich,“ rief Woldemar mit ſchwankender Stimme.„Aber nun verkennen wir uns nicht mehr.“ „Nein, beim hoͤchſten Gott 1 nie mehr,“ wiederholte Holger.„Aber nun mußt Du auch meine ganze Schuld kennen; Gott weiß, wie es zugegangen iſt, Woldemar, ich glau⸗ be, ich war nahe daran Dich zu haſſen; al⸗ lein als Du aus dem Fenſter ſprangſt, ſprang meine Seele Dir nach, und all mein Unmuth, mein kindiſcher Neid— ja Neid, lag zer⸗ ſchmettert neben Dir. Von dem Augenblick 40 fuͤhlte ich einen inneren heftigen Drang, mich an Deinem verkannten Buſen auszuweinen. Laͤchle nicht uͤber meine ſtolze Thorheit, allein es war mir als ſaͤhe ich mich verherrlichet in Dir; indeß die dumme Zunge vermochte noch immer nicht das Wort„Verzeihung“ auszu⸗ ſprechen; doch jetzt, ieh— kannſt Du mir vyh n „Habe ich dehn nicht eine eben ſo große Schuld gegen Dich?— Komm! wir wollen mit treuer Freundſchaft die Vergangenheit aus⸗ gleichen.“ „Ja das wollen wir, das Snt der Freundſchaft wollen wir in dieſem Wein mit einander theilen. Was habe ich denn Heiliges genng, um Dich von meiner Reue zu uͤber⸗ zeugen? ich moͤchte Dir einen Antheil an mir ſelbſt geben, aber ich weiß nicht wie.— Warte,“— rief Holger auf einmal, indem⸗ er raſch den Seitendolch zog, den Aermel in die Hoͤhe ſchob und ſich am Arm leicht ver⸗ wundete.—„Hier iſt mein Blut, komm, . 4¹ laß einige Tropfen in Dein Glas tröpfeln, und dann gehoͤren wir uns auf ewig.“ Sein Fener theilte ſich dem käͤlteren Fieün⸗ de mit. Laͤchelnd, zum erſten Mal vielleicht ſeit den Kinderjahren mit naſſen Augen, er⸗ griff er ſchweigend den Dolch des Freundes und tieß in das Glas deſſelben die rothe Weihe aus ſeinen Adern hineinſprudeln.—„Weißt Du auch;“ ſagte er, indem er Holgern das Glas hinreichte,„daß unſere Vorfahren auch ſo in ihrem Blute die Bundesbruͤderſchaft im Leben und Tod tranken?“— Schweigend Hand in Has leerten ſie die Glaͤſer. „So—“ nahm Holger das Wort, indem er zugkeich mit dem Freunde das Glas ſo hart niederſetzte, daß beide entzweibrachen.— „Sind wir denn nicht auch beide ſo ein Stuͤck von den Vorfahren? Weniger tren und feſt werden wir nicht ſeyn. Kein Dritter vermag von nun an uns irre an uns zu machen. Anjenem Morgen wurde mir die Wahrheit klar; nun weiß ich, wer meine Zeichnung zerſtoͤrt hat.“ 42 NMÄX „Möglich!“ erwiederte Woldemar mit finſtern Blick. „Gewiß!— Du weißt es auch,“ fuhr Holger zuverſichtlich fort, eben ſo gut wie ich; denn ohne Zweifel hat auch die Deine zernichtet, wenn auch— „Nein, Holger!“ unterbrach ihn Walde⸗ mar raſch.„Man kann auch einem Schelm Unrecht thun.— Die meine— ich habe es geſchworen, von nun an ſoll kein Geheimniß zwiſchen uns ſeyn!— die meine ich ſelbſt zerſtoͤrt.“ „Du ſelbſt? Warum?“ rief Holger er⸗ ſtaunt. 4 „Du biſt ja immer mein noaͤchſter Vor⸗ mann geweſen, und trachtete ich auch damals darnach, mich uͤber Dich zu ſchwingen, ſo wollte ich doch keinem ſo gemeinen Unfall ei⸗ nen Vortheil zu verdanken haben, den ich im Grund vielleicht nicht einmal verdiente; aber ich wollte mich auch nicht mit einer ſo natuͤr⸗ lichen Geſinnung breit machen; und ſo—“ 43 MNM „Und das haſt Du gethan?“ rief Holger ſeine Hand kraͤftig an das Herz druͤckend,„und noch eher als unſer Chef den Wink leicht hin⸗ geworfen, welchen jener Schuft nicht verſte⸗ hen wollte? Nun darf ich nicht mehr mich ſelbſt in Dir ſehen, denn Du biſt weit beſſer als ich. Wir ſind ſo gluͤcklich, zu dem er⸗ ſten Stand in der Welt zu gehoͤren; aber Du biſt der Stolz dieſes Standes— und doch hat jemand der auch darnnter iſt gewagt— Siehe! wir ſtehen nun unzertrennlich tren vereint, ſo laß uns denn auch vereint ei⸗ ne Vormauer um die Flagge bilden, damit, eben ſo wie niemand von außen ſie anzuta⸗ ſten wagt, auch kein Makel von innen das blaue Kleid beflecken moͤge.— Mein ſchaͤrſſter Blick ſoll ihm von nun an unablaͤſſig fol⸗ gen.“ „Der meine nicht weniger,“ erwiederte Woldemar.„Ja, ja, Du denkſt wie ich, unſere Seelen ſind eins.— Ja, rein wie die Flagge muß auch das Kleid unſeres Stan⸗ 6 44 S 1 des gehalten werden.— Nachſicht mit jedem Fehler, aber kein Erbarmen dem, der uns in ihm verletzt, der iſt nicht werth zu le⸗ ben.“ „Freilich nicht,“ ſagte Holger ſinnend; „aber hart waͤre es dennoch, wenn wir einen Kameraden—“ Hart!“ fuhr Woldemar in einem ruhige⸗ ren Tone fort;„kann denn Milde ſtatt finden, wo es die Ehre gilt? Wuͤrden wir denn we⸗ niger ſtreng mit uns ſelbſt verfahren? Siehe, Holger! Du biſt mein Freund, ich habe kei⸗ nen theucrern gehabt, werde keinen haben; aber waͤre es ſo gewiß geſchehen, als es un⸗ moͤglich iſt, daß Du eine der Flagge unwuͤrdi⸗ 5 ge That begangen haͤtteſt, ich wuͤrde ſelbſt Dein Blut verlangen. Und wollteſt Du umgekehrt das nicht auch?“ „Ich will mehr!“ rief Holger,„ich will daran denken, daß auch wir Menſchen ſind!“ So wie die Bundesbruͤder in alter Zeit ihren Tod gegenſeitig zu růchen ſchworen, ſo laß uns * 45 MN Rache der Schlechtheit an uns ſelbſt ſchwoͤren⸗ Nein! ich kann mir zwar die Moͤglichkeit nicht denken, aber verſprechen ſollſt Du mir's in dieſer heiligen Minute, wenn ich wirklich in einer ungluͤcklichen Stunde eine That begehen ſollte, die Du, Du mit Deinem veinen Sinn, die ich ſelbſt fuͤr ſchlecht, die wir fuͤr dieſes Kleides unwuͤrdig erkennen muͤßten, mich dann ſogleich niederzuſtoßen, damit keine Entehrung unſern Stand treffe. Verſprich es mir. Die Unmoͤglichkeit des Anlaſſes macht es mir leicht, Dir daſſelbe zu verſprechen. Aber uns das ver⸗ ſprechen wollen wir doch.“ n „Warum nicht?“ entgegnete Woldemar; „denn wahrlich! koͤnnte ich einſt ſo etwas be⸗ gehen, waͤre es ja noch eine Wohlthat, daß die Hand des Freundes mich der verdienten Schmach vor der Welt entzoͤge. In ſolchem Falle ſey denn die toͤdtende Wunde der letzte Freundſchaftsdienſt. Nur weiß ich nicht, wie unſte frohe Begeiſterung eine ſo wunderliche Richtung genommen hat.“ 46 „Ei!“ verſetzte Holger laͤchelnd,„weil ein Hallunke dazwiſchen gekommen, und,“ fugte er ernſt und leiſe hin,„ein Hallunke der un⸗ ſere Uniform traͤgt; alſo“— ein kraͤftiger Hand⸗ ſchlag beſiegelte das gegenſeitige Geluͤbde.— Bald war das Halbjahr zu Ende gegangen, und ohne weitere Pruͤfung traten die Freunde in die Reihe der Ofſiciere. Einige Zeit nachher wurde, wie es von Zeit zu Zeit geſchah, ein Kriegsſchiff nach den weſtindiſchen Inſeln geſchickt. Der Chef der Akademie, deſſen vaͤterliche Sorgfalt die gelieb⸗ ten Zoͤglinge nicht verließ, auch nachdem ſie längſt entlaſſen waren, hatte wie gewoͤhnlich dafuͤr geſorgt, die juͤngſten Ofſiciere ſo bald wie moͤglich in Thätigkeit zu bringen, damit der jugendliche Ranſch der Freude und der Frei⸗ heit ihnen nicht unheilbringend werden mochto. Mehrere ſolche wurden hier angeſtellt, und ſo befanden die drei ſich ſo nahe ſtehenden Juͤng⸗ linge ſich auch hier zuſammen. * 47 Obgleich beide Freunde von jener Stunde an in ſchoͤner ungetruͤbter hingebender Vertrau⸗ lichkeit zuſammenlebten, jede kleine Sorge, je⸗ de begegnende Freude theilten, truͤbte doch eine kleine Wolke die Stirne des zwar immer ern⸗ ſten, aber doch heiteren Woldemar von dem Angenblick, wo ſie zu dieſem Freudenzug, denn das war er ihnen, beordert wurden. Hatte ſehnende Liebe ſich vielleicht in das Herz des Juͤnglings eingeſchlichen?— Fuͤr wahre ei⸗ gentliche Liebe fand ſich in ſeinem Herzen noch kein Raum; es hing noch mit allen ſchwaͤr⸗ meriſchen Jugendgefuhlen an dem ſeines Freun⸗ des; und verliebten Haͤndeln, wie ſehr ſie auch dem jugendlichen Leben einen erhoͤheten Reiz verleihen und auch mit ihren ſchelmiſchen Geheimniſſen einige Stunden der Freundſchaft ausfuͤllen, duͤrfen wir nicht jenen Namen ge⸗ ben. 4 Seine Sorge war anderer Art.— Holger war Erbe nicht unvermoͤgender Eltern. Wol⸗ demar beſaß nur eine arme Mutter. Wiewohl 48 NN es ſelbſt auf der Akademie eine ziemlich gewoͤhn⸗ liche Sitte war, daß die Stubengefaͤhrten ihre kleine Baarſchaft mit einander theilten, wie⸗ wohl die beiden Freunde auch ſo zu ſagen nur eine Caſſe hatten, und es Woldemarn nie ein⸗ gefallen war Anſtand zu nehmen, dieſe als ſei⸗ ne eigne anzuſehen;— das kleinſte Bedenken wuͤrde den Freund tief beleidigt haben— war es doch nun, da ſeine erſte große Seefahrt ei⸗ ne nicht unbedeutende Equipage erheiſchte, im Gefuͤhl der Ohnmacht der geliebten Mutter, die lange dieſem Zeitpunkt mit Furcht und Bangen entgegengeſehen, ihm durchaus unmoͤg⸗ lich, dem Freunde dieſe Verlegenheit zu eroͤff⸗. nen. Sein Begriff von Ehre ſagte ihm, daß es nicht dieſer entgegen ſey, bei jugendlichen Zerſtreuungen den Ueberfluß des Freundes zu theilen; allein bei dem kleinlichen Beduͤrfniſſe des Lebens konnte er ſich nicht dazu uͤberreden; auch ahnete der in dieſer Hinſicht mehr als bil⸗ lig ſorgloſe Freund nicht dieſen feindlichen Druck der PVerhaͤltniſſe, deſſen Wiederſchein auf ſeinem Antlitz Woldemar zu ver⸗ beren ſuchte Er dachte ſchon daran, Zuſtucht zu Wuche⸗ rern und Inden zu nehmen, als ſeine ſorgliche Mutter, als es eben die hoͤchſte Zeit war, ihn mit der Frendenbotſchaft uͤberraſchte, daß alles Roͤthige ſchon von ihr beſorgt ſey. Er ſah ſie betroffen, faſt erſchrocken an.„Wundere Dich nicht,“ ſagte ſie laͤchelnd,„ich habe mich jah⸗ relang dazu vorbereitet, und ſo wurde es mir endlich leicht zu Stande zu bringen, was mir beim erſten Gedanken ſo ſchter vorkam.“ Auch fand der danibare Sohn zu ſeiner großen Ver⸗ wunderung bald, daß ſie faſt zu reichlich fuͤr ihn geſorgt hatte, und daß die ſchweren golde⸗ nen Epauletts denen ſeiner reichſten Gefaͤhrten weder an Glanz noch an Werth nachſtanden. Das Schiff war beſtiegen„die Anker gelich⸗ tet und ein guͤnſtiger Wind fuͤhrte das majeſtä⸗ tiſche Gebaͤnde, deſſen maͤchtiges Fortſchreiten die ſchwarzen Wellen des Kattegats in weißen Schaum verwandelte, durch daß beſiegte Meer. 4 50 MN Aber nicht lange dauerte dieſe unſtaͤte Gunſt. Es erhob ſich ein Sturm, der mit mehreren Unglucksfaͤllen vereint ſie zwang, in einem klei⸗ nen norwigiſchen Hafen einzulaufen. *6 Hit auf der Rhede des kleinen Fleckens trat ein Uunfall ein, der an ſich von keinem beſondern Einfluß, doch wie eine boͤſe Vorbe⸗ deütung einen unangenehmen Eindruck zuruͤck⸗ keß. Dei Capitain des Schiffes, ein bereits bejahrter Mann, deſſen gebuͤcktes Haupt und ſchneeweiße Haare ihm das Anſehen eines Grei⸗ ſes verliehen, obgleich er ruͤſtig und kraͤftig, beides nur als ein Merkmal vieler ansgeſtande⸗ ner Widerwäͤrtigkeiten angab, hatte unter meh⸗ reren Eigenheiten auch eine beſonderen Neigung fuͤr Gemmen und Edelſteine, und führte eine kleine Sammlung von Ringen, Bruſtnadeln und ungefaßten Seltenheiten, die einen immer koſtbarer als die anderen, in einem zierlichen Kaſten mit ſich herum, ohne doch je die erſten zu tragen. Dieſen Schatz bei jeder Gelegen⸗ heit vorzuzeigen und dem Zuſchauer mit vieler 54 Beredtſamkeit die Schoͤnheit und Geſchichte jedweden Steines zu erklaͤren, war ſein eigent⸗ liches Steckenpferd. So wurde auch eines Tages, als mehrere hoͤhere Beamten des Städichens bei ihm zu Mittag gegeſſen, der allen Officieren ſchon wohlbekannte Kaſten hervorgenommen. Waͤh⸗ rend des Hernmzeigens entſtand ploͤtzlich ein Laͤrm auf dem PVerdeck; ein Rauch, der von unten aufſtieg, gab Anlaß zu einem Feuerge⸗ ſchrei. Der Chef eilte bei der erſten Meldung ſelbſt hinaus. Es fand ſich aber gleich, daß keine Gefahr vorhanden ſey. Die Uebrigen waren gefolgt, der Kaſten offen geblieben. Als die erſte Unruhe ſich gelegt, kehrten die Frei⸗ den zu der unterbrochenen Unterhaltung zuruͤck. Auf einmal erblaßte der Capitain und ſtockte, doch bald ſich faſſend fuhr er mit einem ſtarren Blick in den Kaſten in ſeiner Rede fort; ſchloß aber kuͤrzer und trockner als gewoͤhnlich, ließ den Deckel fallen und entließ verſtimmt die Geſellſchaft. 52 W Allein unter ſich, nahmen die Officiere kei⸗ nen Anſtand ihn mit aller Ehrfurcht um die Urſache ſeines auffallenden Benehmens zu fra⸗ gen, eben weil ſie eine dunkle Ahnung von der hoͤchſt verdrießlichen Wahrheit hatten. „Ich begreife freilich nicht, wie—“ er⸗ wiederte er;„allein ein ſehr koſibarer Ning iſt, wahrſcheinlich durch mein Verſehen, aus dem Kaſten verſchwunden. Es wuͤrde eine Beleidi⸗ gung gegen meine Gaͤſte geweſen ſeyn, in ih⸗ rer Gegenwart dieſes Verluſtes zu erwaͤhnen, und ich thue es auch jetzt nur auf Eure Frage, weil ich weiß, daß niemand von Euch ſich im mindeſten bei einer ſolchen Nachricht betreten fuͤhlen kann. Ihr ſolltet aber den Ring ge⸗ kannt haben,—“ und nun beſchricb er ihn mit wahrer Liebhabergenauigkeit auf das ans⸗ fuͤhrlichſte, ohne irgend eine andere Abſicht als ſeiner Liebe zu der Sache Genuͤge zu thun. Er ſelbſt beruͤhrte nach dieſer Stunde nie mehr dieſen Gegenſtand, der, wie begreiflich, um ſo mehr von den erſtannten Officieren be⸗ ſprochen wurde. So erfuhr es auch Wolde⸗ mar, der dieſen Nachmittag die Verdeckswache gehabt, nur von ſeinen Gefaͤhrten. Zwei Ta⸗ ge nachher wurde in See geſtochen. Die Sa⸗ che ſchien vergeſſen. Kurze Zeit hernach, als Holger ſinnend auf dem Verdeck auf und nieder ging, geſellte ſich John zu ihm, von dem beide Freunde, ohne doch die aͤußere Artigkeit bei Seite zu ſetzen, ſich etwas zuruͤckgezogen hatten, welches er aber nicht bemerkt zu haben ſchien. Nach einigen gleichguͤltigen Worten ſagte er auf ein⸗ mal mit einem ſonderbaren ſtechenden Blick, der zwiſchen Furcht und Neugier ſchwankte: „Es freut mich, daß der Chef den Ring wie⸗ dergefunden hat, obgleich ich nicht begreife, warum er es verſchweigt, da doch die Nachricht von ſeinem Verluſte wie ein Lauffeuer herum⸗ lief. 4 „Wiedergefunden? wie ſo?“ fragte Holger unbeſangen. 54 M „Sollte das nicht der Fall ſeyn?“ erwie⸗ derte John verwundert.„Ich kann mir es wenigſtens nicht anders denken, weil ich ihn heute und geſtern in Woldemars Obhut ge⸗ ſehen. Ihm ſchien das Kleinod ſehr am Her⸗ zen zu liegen.— Nun, Du weißt, daß nur eine Wand von Segeltuch unſere Gemaͤcher trennt, und er kann es ja doch nur von dem Capitain haben, weil es in ſeinen Haͤnden iſt. Auch du weißt nichts davon! Hm! ſonderbar! Nun Kamerad! wir ſprechen nicht weiter von der Sache.“ „Das iſt eine Luͤge!“ rief Holger aufge⸗ bracht. „Luͤge!“ erwiederte John eben ſo, doch bald gefaßt fuͤgte er hinzu:„Es wird ſich aus⸗ weiſen; ich habe den Ring, ehe er vermißt ward, nur zu genan betrachtet; und dann— nimm Dein Wort zuuͤck.“— John geſellte ſich ſchnell zu einem Andert. Gluͤhend vor Zorn, kaum fähig ſich zu⸗ ruͤckzuhalten, ſtarrte Holger ihm nach. Faſt vergebens ſtrebte er ſich zu faſſen, damit der Freund, den er geradezu ſtagen wollte, nicht den gemeinen Verdacht ahnete, der in Johns tuͤckiſchem Blick, trotz ſeiner Unwahrſcheinlich⸗ keit, doch nicht undeutlich ſich ausgeſprochen und ihm das raſche Wort entriſen, das er bereit war mit Blut zu beſiegeln, obgleich er keinen Anlaß geben mochte, das Leben ſeines Freundes aufs Spiel zu ſetzen. Allein unfaͤhig ſich zu verſtellen, trat er vor Woldemar mit einem ſo duͤſtern Anſehen, daß dieſer verwundert fragte, was ihm ſeh⸗ le. „Ich habe mich ein wenig geaͤrgert,“ er⸗ wiederte er,„laß das! Es war nur eine unan⸗ genehme Erinnerung an den verſchwundenen Ring, ein neues Pinpeer uͤber deſſen unbe⸗ greiflichen Verluſt, und— „Ich habe ihn,“ unterbrach ihn Wolde⸗ mar lebhaft;„das ſet läßt ſich er⸗ klaͤren.“ „Du haſt ihn?“ rief Holger ſcht— „Du, und der Cäpitain— 5„Kaun ihn ja immer fruͤh genug erhalten. Ach wenn Du wuͤßteſt, was es mich koſtet mich von ihm zu trennen! Noch hat es mlr an Kraft dazu gefehlt; auch ſinne ich in der That auf einen unſchuldigen Betrug. Riemand wi daß ich ihn gefunden.“ „Doch,— velleicht, wer wih veteſir te Polger ſchnell. „Ja wenn es ſo waͤre, duͤrſte ich wohl hicht zoͤgern, und doch moͤcht' ich ſo gern!— das waͤre recht verdrießlich. Setze Dich zu mir und hoͤre, wie ſonderbar ſich alles gefuͤgt,“ fuhr Woldemar unbefangen fort.„So wiſſe denn: der kleine Affe des Capitains iſt der Dieb; wenigſtens muß ich es vermuthen, denn er reißt ſich, wie Du weißt, alle Augenblicke los, und da er immer gezuͤchtigt wird, wenn er in ſeinem unerlaubten Freiheitszuſtande klei⸗ ne Schelmnſtuͤcke veruͤbt, ſo mag ihn vielleicht Schlauheit oder Rache oder Gott weiß was —— 57 gelockt haben, den Raub irhendivo zu verſtek⸗ ken, wo er nicht mehr hinkommen konnte, weil er wieder erwiſcht und angebunden war. Jedoch vor ein Paar Tagen hatte er ſich wie⸗ der losgeriſſen, und ſey es nun Zufall oder wirklich Abſicht, er hat ſeinen Schlupſwinkel anfgeſucht und ſich nachher an einen Ort ver⸗ ſteckt, wo ich ihn gewahr wurde; als ich mich nun ihm behutſam naͤherte, denn noch hatte Niemand außer mir ſeine Flucht bemerkt, und mit einem vorgehaltenen Stuͤck Segeltuch vor⸗ beugen wollte, daß er nicht den Maſtkorb ſuch⸗ te, fuhr er indeſſen die Treppe zum Raume hinab. Ich ließ ihn fliehen, denn er hatte in der Angſt den Ring ſogteich fallen laſſen. Oh⸗ ne dieſen weiter anzuſehen, ſiel es mir im Augenblick ein, daß er der verlorne ſey. Ich begab mich daher ohne Zoͤgern in die Cajuͤte des Chefs. Sein Diener ſagte mir aber, daß er ſich ſo eben auf ein Viertelſtuͤndchen zur Ruhe gelegt. Ich, der ich gern die Freude haben wollte ihn zu uͤberraſchen, verſchwieg M den Fund und eilte in mein Gemach, wo ich den Ring aufmerkſam betrachtete. Stelle Dir nun mein Erſtaunen, mein Erſchrecken vor, als ich ihn nur zu gut erkannte, obgleich ich ihn ſeit mehreren Jahren nicht geſehen⸗ Jetzt wurden mir die Worte meiner guten Mutter klar; ein ſchwer druͤckendes Raͤthſel war mir geloͤſt: der Ring iſt der ihrige gewe⸗ ſon.“ 6 „Wie? wie verſteh' ich das?“ fragte Hol⸗ ger beſtuͤrzt und theilnehmend. 6 Woldemar vertraute nun dem Freund ſeine fruͤhere Sorge wegen der Equipage, und wie die Mutter ihm jene unvermuthet benommen. „Mun iſt mir aber die Binde von den Augen gefall len,“ fuͤgte er hinzun.„Aus allen fruͤhe⸗ ven Reichthuͤmern meines Vaters hatte ihr das Schickſal nur den von ihm empfangenen koſt⸗ baren Verlobungsring gelaſſen. Sie wuͤrde lie⸗ ber alles dulden als ſich von ihm trennen. In laugen Jahren, unter vielen druckenden Sor⸗ gen, während meiner kränklichen, wiele Opfer erheiſchenden Kindheit war es ihr gelungen das theure Pfand des verſchwundenen Gluͤcks noch immer aufzubewahren; und nun aus Liebe zu dem Sohn, um ihn ſeines Standes wur⸗ dig auszuſtatten,— ich ſehe im Geiſte, wie alles zugegangen iſt— gewiß hat ein vertran⸗ ter Freund, der das Steckenpferd des Capitains gekannt, ihm den koſtbaren Stein durch die dritte oder vierte Hand anbieten laſſen, er hat mit Frenden zugegriffen, und ſo bin ich nun in einem mich jetzt druͤckenden Ueberfluß zu dieſer Eutdeckung gekommen. Du kannſt Dir denken, mit welcher Empfindung mein Blick auf dem theuren Opfer der muͤtterlichen Liebr ruhete, wie ſchmerzlich ſuͤße Erinnerungen er in mir weckte; und wie eine Glanzkugel, die meine arme Nacht fluͤchtig erhellte, ſollte das gluͤckliche Ereigniß an mir voruͤbergehen, um mir dieſe nachher noch ſchwaͤrzer zu machen? Der Chef ſchäͤtzt nur den Stein; er iſt der ſeine; er muß und ſoll ihn wiederhaben: aber was liegt ihm an dem heiligen Gold, das den zarten Finger meiner Mutter umſchloſſen, das ſie ſo oft mit Liebe betrachtet, das ihre treuen Lippen oft mit ſuͤßer Freude, oͤfter mit bitteren Thraͤnen gekuͤßt? kann ich ihm das laſſen, jetzt da ich es kenne, da ich es an mein Herz gedruͤckt, da ich mit allen kindlichen Gefuͤhlen meiner Seele mich darnach ſehne es der Ob⸗ hut aufs neue zu uͤbergeben, die es nie haͤt⸗ te verlaſſen ſollen, die es nur meinetwegen ver⸗ loren? Siehſt Du, hier habe ich einen Ring golden und ſchwer, ſchwerer noch als jener— Du haſt ſo oft die Geſchicklichkeit meiner Haͤn⸗ de bewundert— ich habe dazu gelacht, allein ich habe den Ring genau unterſucht, das klei⸗ ne Becken, das den Stein faßt, iſt nur dar⸗ an geloͤthet; mit Huͤlfe des kleinen Handla⸗ boratorium des Doctors waͤre es mir leicht, und doch kömmt es mir als eine Art Unrecht vor, und ich ſchwanke, ob ich nicht lieber alles geradeaus dem Capitain geſtehen ſoll, oder ſelbſt—“ „Biſt Du von Sinnen?“ unterbrach ihn der Freund.* 64 „Warum?“ fragte Woldemar verwundert; der Stein nur nicht verdorben wird, und— vo Anb „Lieber alles S, herausſgen⸗ Der Ca⸗ pitain gedenkt doch gewiß noch immer im ge⸗ heim des Ringes;— wenn er, wenn jemand erfuͤhre, daß er in Deinen S ſey— viel⸗ leicht weiß man es ſchon—“ „Wie!“ rief Woldemar heftig auigringenz⸗ „wer duͤrfte es wagen zu— doch Du haſt Recht, ich bin ja ſchon einſt bei dem beſten Herzen in Verdacht geweſen, und habe daſſelbe auch verkannt.— Fort damit! jetzt brennt das Gold mir in den Haͤnden, und doch iſt es mir als ſollte ich mich in ihm von allem Gluͤck auf Erden trennen.“ „Sprich Deinen Wunſch geradezu ausz ſchaͤmſt Du Dich denn, daß Du arm biſt?“ „Hm! ich ſollte nicht— der verdammte Hochmuth— aber Du haſt Recht— 6 will es thun, ſogleich.“ Er ging zum Chef. Dieſer empfing ihn ernſt und trocken, mit einem Ausdruck, der einem weniger verdachtlo⸗ ſen Gemuͤth den Gedanken eingeſloßt haben wuͤrde, daß jenem ſchon etwas unwuͤrdiges zugefluͤſtert waͤre; doch verſchwand der Aus⸗ druck bald und verſchmolz waͤhrend Woldemars einfachen aber warmen Berichts um ſo ruͤh⸗ render, als dieſer ſeinen Stolz ſiegreich be⸗ kaͤmpfte, in eine wahre vaͤterliche Milde. Der Juͤngling ſchloß damit, daß er den Capitain geradezu erſuchte, ihm den ſchlichten Reif zu uͤberlaſſen und ihm zu geſtatten den Stein in einen andern einſetzen zu duͤrfen. Der Chef horte ihn vollig zu Ende, erwiederte aber nichts auf ſeine Bitte, empfing nur das Klei⸗ nod unter freudigen lauten Dankſagungen, und beeilte ſich alle Officiere zuſammenzuru⸗ ſen, um ihnen dies frohe Ereigniß mitzuthei⸗ len. Als dieſe wieder die Kajute verließen, trat in dem erſten unbemerkten Augenblicke John — 63 zu Holger hin und flͤſterte ihin mit einem ſte⸗ chenden Blicke zu:„nun, nimmſt Du Dein Wort zuruͤck?“ „Nein!“ entgegnete Holger gedmpft, aber doch ſo lant, daß John unwillkurlich er⸗ ſchrack;„nein, Lieutenant Re— hat zwar den Ring gefünden und in ſeiner Obhut be⸗ halten; aber der Ton, womit Ihr es mir berichtet habt, enthielt dennoch eine Luͤge, und das wußtet Ihr recht gut; eine Luͤ⸗ ge, ſage ich, und bin bereit Euch Rede zu ſtehn.“ Mit dieſen Worten, von einem zerſchmet⸗ ternden Blick begleitet, verließ er John, der ſich wohl huͤtete ihn zuruͤckzuhalten und von dieſer Stunde an faſt auffallend ihm aus dem Wege ging. Die Reiſe ging indeß immer gluͤcklicher von ſtatten. Wochen folgten auf Wochen. Dieſes Ereigniſſes wurde gar nicht mehr gedacht. Als ſie ſchon auf der Hohe ihrer Beſtimmung wa⸗ ren, behauptete der Chef eines Mittags, da 64 Woldemar mit mehreren eingeladenen Officie⸗ ren bei ihm an dem Tiſche ſaß, eine offenbare wiſſenſchaftliche Unrichtigkeit. Die Gaͤſte, und Woldemar mit ihnen, konnten nicht umhin ein wenig zu lächeln; etwas verdrießlich wand⸗ te ſich der Capitain zum Letzteren, der ihm ge⸗ rade gegenuͤber ſaß, und forderte ihn zu ei⸗ ner Wette mit einem ſo gebietenden Tone auf, daß Woldemar, ſelbſt unſicher geworden, es nicht klug fand ſie auszuſchlagen.„Herr Ca⸗ pitain,“ erwiederte er nur,„Sie wenden ſich an den Unrechten: was ich an eine Wette verwenden kann, iſt kaum der Muͤhe werth.“ „Ich wette auch nie um Geld,“ lautete die Antwort,„allein Sie haben da eine recht artige Tuchnadel. Wollen Sie dieſe wagen? ich ſetze eine Kleinigkeit dagegen.“ Woldemar verneigte ſich ſchweigend, loſte die Nadel ab und uͤbergab ſie dem erwaͤhlten Richter. Der Chef erhob ſich raſch, eilte zu ſeinem Käſtchen hin, nahm ein kleines Fut⸗ — 65⁵ teral heraus und reichte es demſelben; die Auf⸗ gabe wurde durch einige wiſſenſchaftliche Buͤ⸗ cher bald geloſt; der Capitain hatte entſchieden verloren. Die Tuchnadel wurde mit dem Ge⸗ winn Woldemarn wieder uͤberreicht, indem man ſich vom Tiſche erhob. Er oͤffnete den Deckel, es war der Mutter Ring. Ein ſtren⸗ ger Blick vom Capitain belehrte ihn ſeine Em⸗ pfindungen zuruͤckzuhalten; und nie nachher ge⸗ ſtattete jener, wenn ſie auch allein waren, die⸗ ſem, ſie in Worte zu kleiden. Der bekannte Charakter des Chefs, und die Art wie er dies koſtbare Geſchenk empfangen, band Woldemarn die Zunge; aber mit dankbarer Frende hing er das theure Kleinod als ein anvertrautes Pfand um den Hals, und ſehnte ſich nach dem ſcho⸗ nen Augenblicke, da er es mit kindlichem Hoch⸗ gefuͤhl wieder in die Haͤnde der Mutter nieder⸗ legen konntes; nur dem Freunde vertraute er Das Ziel der Reiſe war erreicht; allein kaum in dem Hafen angelangt, wurden ſie von 6 W einem Schnellſegler eingeholt, der Ordre fuͤr den Capitain mitbrachte. Aus dieſer ergab es ſich, daß ein unvorhergeſehenes Gewitter ploͤtz⸗ lich den friedlichen Horizont des Vaterlandes umzogen, und daß dieſes ſchnell alles aufbie⸗ ten muͤſſe, um ſeine Streitkraͤfte um ſich zu verſammeln. Das Schiff ſollte unverzuͤglich zuruͤckkehren, doch nicht wie gewoͤhnlich durch den brittiſchen Canal, ſondern nordwaͤrts um Schottland die norwegiſche Kuͤſte entlang die Heimath ſuchen. Kaum durfte der Chef ſich ſo viel Zeit verſtatten, als vonnoͤthen war, um Waſſer und friſchen Proviant einzunehmen. Eine rege innere Thaͤtigkeit ſchien ſich mit der aͤußeren bei Allen zu vereinen. Der jugendliche Muth ſehnte ſich in auflodernden Flammen nach einer Schlacht; nur Woldemars heiße frendige Kampfluſt ſchien in etwas gedampft worden zu ſeyn. Der Schnellſegler hatte auch ihm Privatnachrichten mitgebracht. W Seine frendige Sehnſucht nach der Mutter war in tiefe Wehmuth verwandolt. Jene Ausſtattung, vielleicht aus S. vorahnenden Gefuͤhl ſo reich, ſollte ihr letztes muͤtterliches Opfer ſeyn. Sie hatte ihn auf das auserwaͤhlte Meer ſei⸗ nes Standes, ſo wie auf das des Lobens froh⸗ lich hinausſegeln geſehn, und legte ſich, als der Sohn ihrem Blick entſchwunden war, mit Freudigkeit zu der langen Ruhe nicder. Wol⸗ demar bezwang maͤnnlich ſeinen Schmerz wie ſeine Thraͤnen, nur eine truͤbe Wolke hing uͤber ſeinem ſonſt heitern Blick, welche der Freund zu ſchonen und zu ehren wußte. Die Ruͤckreiſe begann gluͤcklich und ſchnel, obwohl den voreilenden Wuͤnſchen nur zu lang⸗ ſam; doch kaum waren die Hebriden paſſirt, als die herbſtlichen Stuͤrme ihre furchterlichen Rechte geltend machten, und mit um ſo mehr anhaltender Wuth, als das ſtolze Gebaͤnde, das mit der Ruhe des Schwans durch die wil⸗ den Wogen ſchwamm, lange ihrer Drohungen zu ſpotten ſchien; doch endlich einmal der ver⸗ einten Gewalt des Sturmes und des Meeres hingegeben, zeigte es in ſeiner Niederlage der 5* ₰ bleichen aber muthigen Mannſchaft durch das Wolkengrau mehrerer Tage den Anblick eines nnerbittlichen Todes, deſſen ſchreckliche Mah⸗ nungen in den ſchwarzen Maͤchten von unten und von oben und ringsum um ſo lauter bruͤll⸗ ten. Immer wo moͤglich in Thaͤtigkeit gehal⸗ ten, ſuchten die beſorgten Leute ihr Schickſal und ihre Hoffnung aus den Blicken der Ofſi⸗ ciere zu leſen, die ernſt, beſonnen, mit uner⸗ ſchrockenem Muthe in Blick und Haltung, wieder die Augen zweifelnd auf den Chef hef⸗ teten, welcher, der Ruhigſte und Gelaſſenſte von Allen, ſelten das Verdeck verließ, wo er auf und niederging, mit gedaͤmpfter Stimme den Ofſicieren Verhaltungsbefehle ertheilte, und mit anſcheinender Ruhe und faſt ſchelmiſcher Miene in den ſich immer offnenden und wie⸗ der ſchließenden Fugen der Seitenwaͤnde des käͤmpfenden Schiffes mit beſonderer Behaͤndig⸗ keit Ruͤſſe knackte und aufmachte, die er theils aß ceits an die— vertheilte. 64 13 j6 Waͤhrend dieſe fuͤrchterlichen Stunden hat⸗ ten die juͤngeren Officiere die geſührlichſten Po⸗ ſten und mußten oft, um die Matroſen zu⸗ rechtzuweiſen oder zu ermuntern, ſelbſt kraͤftige Hand an die Schiffsarbeit legen. Sie ſcheue⸗ ten ſich nicht, auch wenn die Gewalt des Sturmes die Spitzen der thurmhohen Maſte des faſt auf der Seite liegenden Schiffes bis in die Wellen hinunterbeugte, die ſchwankenden Naaen zu beſteigen, deren Enden mitunter tief in das aufgeruͤhrte Meer hinuntertauchten. Es ſiel Woldemarn, der mit einem beſon⸗ dern ſehnſuͤchtigen Verlangen in den Schlund des Todes hineinzuſtarren ſchien, auf, daß Holger, wo es nur thunlich war, ſich immer in ſeiner Näahe hielt und ihn faſt zu bewachen ſchien, als furchte er, daß der Freund in ſei⸗ ner offenbaren Todesverachtung die dem Leben ſchuldige Vorſicht vergeſſen mochte; dieſer Ge⸗ danke verſtimmte ihn, und nicht ohne Unmuth fragte er:„Warum biſt Du mir immer auf den Ferſen?“ 70 „Warum?“— entgegnete Holger;—„ſind wir denn nicht Bundesbruͤder? und ſollten wir auch, wie es ſcheint, unſer junges Leben hier laſſen muͤſſen, ſoll der Tod uns doch nicht die Genugthuung rauben, Hand in Hand und Bruſt an Bruſt in das ſchwarzdunkle Meer zu verſinken.“ Woldemar druͤckte geruͤhrt und betroffen die Hand. In dieſem Augenblicke ſtieß das Schiff an, eine fuͤrchterliche Erſchuͤtterung warf Alle aus⸗ einander; allein dieſer Stoß war ihre Rettung; das Schiff ſtand feſt.— Sie waren in der Nacht der Kuͤſte naͤher gekommen, als ſie ge⸗ meint; der anbrechende Morgen zeigte ihnen die norwegiſchen Felſen⸗Ufer. Aber i den letz⸗ ten Kraͤften des Schiffes war auch die Gewalt des Sturmes gebrochen; die Wogen gingen weniger hoch, und nachdem die Maſten mit der letzten Anſtrengung der noch lebendigen Kräfte gekappt waren, gelang es der Mann⸗ ſchaft das Schiff wieder flott zu machen und 7⁴ es waͤhrend ununterbrochenen Pumpens in den⸗ ſelben norwegiſchen Hafen, in dem es einmal Zuflucht geſucht, beinahe als Wrack hineinzu⸗ bringen. Noch che dies geſchah, in dem erſten ruhi⸗ geren Augenblick, rief Woldemar den Freund bei Seite. „Behalte und trage Du dieſen Ring,“ ſagte er.„Ich will ihn nicht mehr.“ Holger ſah ihn verwundert an⸗ „Ja, ja,“ verſetzte er,„ich gedenke doch immer der Mutter; aber der Anblick dieſes Ringes macht mich traurig. Er erregt un⸗ maͤnnliche Gefuͤhle in meiner Bruſt. Er war einſt ein Geſchenk der Treue; laß denn dies Kleinod, das ſonſt unheilbringend auf mich einwirkt, mir noch die Freude gewaͤhren, es dem treuen Freund uͤbergeben zu konnen zum Andenken einer Stunde, in der ſeine Freundſchaft mich dunkeln ſchwarzen Gedanken entriß; mache mir die Frende! was habe ich auch, das nicht ſchon Dein, ſo wie Du, was nicht mein waͤre?“ M— „Ich will es fuͤr deine Braut aufbewah⸗ ren,“ erwiederte Holger, den Pin um den Hals bindend. ⁰ „Braut?“ re Woldemar dumpf.„Die Flagge iſt meine Braut, und das ſchwarzdunk⸗ le Meer— war es mir doch, als ſaͤhe ich es dort ſich mit uns vermaͤhlen.“ „Welche traurige Vorſtellungen, da die Ge⸗ fahr doch voruͤber iſt! Freue Dich des Lebens, es iſt doch ſchoͤn!“ Die Annaͤherung mehrerer Gefaͤhrten endete dies Geſpraͤch. Das Schiff war faſt im Sinken an die Kuͤſte gebracht. Bei naͤherer Unterſuchung fand ſich, daß eine voͤllige Herſtellung, an dieſem entlegenen Orte beſonders, unmoͤglich, oder mit Koſten verbunden ſey, die deſſen Werth uͤber⸗ ſtiegen. In einer ſo verhaͤngnißvollen Zeit glaubte der Chef nicht zoͤgern zu duͤrfen, und troß der Fortdauer der herbſtlichen Stuͤrme, de⸗ ren Gewalt ſie kaum entronnen waren, ſchiffte er ſich, nachdem ein großer Theil der Mann⸗ ſchaft abgedankt war, mit den aͤlteren Officie⸗ 73 MN ren auf eine kleine Jacht ein, um nach der Koͤnigsſtadt zu eilen. Nur die zuͤngern muß⸗ ten, der Regel gemaͤß, zuruͤckbleiben, um das Gut des Koͤnigs, Kanonen, Munition, kurz alles was von dem Schiffe wieder gebraucht werden konnte, zu retten und zu bewachen. Unter dieſe gehoͤrten nun vor allen die zwei Freunde, denen ein tockiſches Verhaͤngniß auch hier in Johns Perſon ihren. Daͤmon zu⸗ geſellte. Ihr Geſchoͤft war mit vielen Schwie⸗ rigkeiten verbunden und erforderte zu aller Ver⸗ druß eine lange unbeſtimmte Zeit, obgleich zu hoffen ſtand, daß die noch nicht vollig ausge⸗ brochenen Feindſeligkeiten während der bevor⸗ ſtehenden Wintermonate ruhen wuͤrden. Dazu kam noch der Aufenthalt in einem kleinen Ne⸗ ſte, das an der Kuͤſte gelegen, einige Schan⸗ zen zur Vertheidigung ſeines Hafens beſaß, die in der Eile ausgebeſfert und von jungen Land⸗ ſoldaten beſetzt wurden, mit welchen die Mari⸗ ne damals aus einer alten, freilich kindiſchen Animoſitaͤt, die doch noch immer von jugendli⸗ 74 AM chen Reibungen genaͤhrt war, auf einem ge⸗ ſpannten Fuße ſelbſt im Dienſte ſich befand. Das geheime Verhaͤltniß der Freunde zu John vermehrte noch ihren Unmuth. Wolde⸗ mar, der oft mit dem gutmuͤthigen Holger im Anfang der zuruͤckgelegten Seereiſe geneigt ge⸗ weſen zu glauben, daß John doch vielleicht zu viel geſchehen, hatte kurz nachher bemerkt, daß der Freund den Juͤngling mit immer groͤherer obgleich John ſelbſt durch Spaͤße und andre Kunſtgriffe die Auf⸗ merkſamkeit der Uebrigen von den zwiſchen ih⸗ nen beſtehenden Verhaͤltniſſen abzulenken ſtrebte. Aber da Holger ſich nie daruͤber aͤußerte und auch den Anſpielungen des Freundes auszuwei⸗ chen ſuchte, vermuthete dieſer ſogleich, daß John ſich einer geheimen Beleidigung gegen ihn ſchul⸗ dig gemacht hätte; um ſo mehr enthielt er ſich aller Fragen. Weder Unruhe noch Neugier plagte ihn; er wußte ſeine Ehre ſicher in ſeinen eignen und des Freundes Haͤnden; nur zog er ſich immer kaͤlter von John zuruͤck. 75 Dieſer fuͤhlte ſich nach der Abreiſe des Ca⸗ pitains mit ſeinem Gefolge oollig allein. Die Freunde ſprachen ihn nur im Dienſt und uͤber den Dienſt, in welchem er als der Aeltere frei⸗ lich ihr Vorgeſetzter war. Natuͤrlich ſuchte er einen Erſatz dieſer Verlaſſenheit, wo er ihn zu finden meinte, geſellte ſich, mit einem da⸗ mals in ſeinem Stande ſehr ſeltenen Zuvor⸗ kommen, zu den Officieren der kleinen Garni⸗ ſon, und nahm an deren oft zu luſtigen Gela⸗ gen, die den Spießbuͤrgern des Fleckens ein Aergerniß waren, weit großeren Antheil, als ſeine Gefaͤhrten billigen konnten, welche nur unter Cameraden ihrer Farbe ſich ohne Selbſt⸗ vorwurfe der Ausgelaſſenheit uͤberlaſſen zu duͤr⸗ fen glaubten. So ſahen die beiden ſtolzen Freunde, den eben nicht ſehr anziehenden aber treuherzigen Umgang mit mehreren Buͤrgerfa⸗ milien ausgenommen, ſich der Einſamkeit und mit ihr der Langeweile anheim gefallen. Indeß wurde Woldemar auf einmal im Lau⸗ ſe des Winters von einem hier nicht geahneten 76 Intereſſe ergriffen: das, wozu er fruͤher den Kopf geſchuttelt, war wirklich geſchehen. Er war in ein ſehr liebenswuͤrdiges Maͤdchen, eine Eingeborne des kleinen Fleckens, ſo ernſtlich verliebt geworden, daß er noch heftiger als vor⸗ her ſich nach dem Fruͤhling und dem Kriege ſehnte, den er nun auch als ein Mittel anſah⸗ ſeine beſchraͤnkte Lage glaͤnzender zu machen, welches ihm nun auf einmal wichtig geworden war. Zum erſten Mal hielt er einen morali⸗ ſchen Sermon an Holger, der, feurig und ju⸗ gendlich, noch nicht den Werth einer wahren Liebe kennen gelernt, obgleich er den Freuden, denen man ihren Namen beilegt, nicht aus dem Wege ging. Holger lachte ſein Redner⸗ talent aus, allein es verdroß ihn doch, den Freund weniger als fruͤher in ſeiner MNaͤhe, und ihn oft ungeduldig von ihm hinwegeilen zu ſe⸗ hen. Ja es geſchah ſogar, daß er in ſeiner groͤßern Verlaſſenheit, von Geſchaͤftsloſigkeit ge⸗ plagt, denn die geretteten Schiffsguͤter waren ſchon laͤngſt in Sicherheit gebracht, um die e——— e M Zeit auszufuͤllen, hin und wieder das einzige Billard des Städtchens beſuchte, das der eigent⸗ liche Sammlungsort der jungen Lehte war; wodurch nicht allein eine faſt unwillkuͤrliche Annaͤherung die er doch immer geſcheut hatte, ſtatt fand, ſondern er auch Johns Theilnahme an hoͤchſt bedenklichen Ausgelaſſenheiten erfuhr, welches ihn um ſo unmuthiger ſtimmte, als der Freund weniger als ſonſt auf ſeine vertrau⸗ lichen Klagen daruͤber Acht gab.— Sein Au⸗ ge folgte von nun an John unablaͤſſig, ſo wie der Blick des Herrn einem toͤlpiſchen Diener, den er nothgedrungen ein koſtbares Gefaͤß tra⸗ gen laſſen muß, und gegen den er bei jedem Straucheln eine emporlodernde Erbitterung in ſeinem Innern fuͤhlt.— Aus Sorge fuͤr die Ehre der Uniform hatte Holger Johns kleinliche Beleidigungen faſt vergeſſen. Der Fruͤhling war indeß gekommen, das Eis in dem Hafen geſprengt, wo die Wogen die großen Bloͤcke in das Meer hinauswaͤlzten; und die Langeweile wurde Holgern wie ſeinen 8 Gefaͤhrten noch peinlicher, ſo wie er mit im⸗ mer groͤßerer Ungeduld Rachrichten ihrer naͤch⸗ ſten Beſtimmung wegen entgegenſah, und auſ⸗ ſerdem auch, ſo wie die Andern, faſt gaͤnzlich ohne Geld war. Die große Entfernung von der Hauptſtadt, die Beſchwerlichkeit des durch die Zeitumſtaͤnde oft unterbrochenen Poſtganges hatten ihn bisher auf die kleinen Düaten einge⸗ ſchraͤnkt, die er obendrein durch John beziehen mußte, dem es uͤbertragen war, die durchaus nothwendige Summe im Namen des Koͤnigs bei den Behbrden der Stadt aufzunehmen. Ihn mochten die Freunde nun nicht um eine Beihuͤlfe anſprechen, um ſo weniger da der Leichtſinn, womit er in ihrer Lage bedeutende Summen durchbrachte, ſchon allerlei Bedenk⸗ lichkeiten bei ihnen erregte. Da lief unverſehens und mit vieler Mühe durch die aufgehaͤuften Eisbloͤcke eine beſchaͤdig⸗ te vſche Kriegsbrigg in den Haſen ein. Sie hatte dieſen Zufluchtsort geſucht, um wieder in ſegelbaren Stand geſetzt werden zu koͤnnen. ————— Den ſubalternen Ofſicieren dieſer Nation, die damals der roheſten Willkuͤrlichkeit ihrer Vorge⸗ ſetzten blosgeſtellt waren, fehlte es an jeder Art von Bildung, wovon jene auch kaum ei⸗ nen leichten Anſtrich beſaßen; und ein wildes ungeregeltes Leben, das nur durch die hand⸗ greifliche Gewalt der hoͤheren Ofſiciere, die es zum Theil nicht viel beſſer machten, im Zaum gehalten werden konnte, ſetzte den Flecken vie⸗ len Unannehmlichkeiten aus. Niemand von die⸗ ſen Fremden verſtand die Landesſprache, und nur wenige von den hoͤheren Officieren franzo⸗ ſiſch und engliſch. Die erſtere Sprache wurde ziemlich gut von den Freunden, die letztere aber hochſt fertig von John geſprochen, dem ſie von Kindheit an auf den indiſchen Inſeln gelaͤufig worden war. Dieſer Umſtand brachte Holger um ſo mehr in Verbindung mit den Fremden, als ihm manches kleine Geſchaͤft auch von dem Freunde uͤbertragen ward, deſſen Ausfuͤhrung er frendig uͤbernahm, um den von der erſten Liebe noch —— 80 zmmer Berauſchten der Gegenwart bei der Ge⸗ liebten uͤberlaſſen zu koͤnnen. John, der durch Rath und That den Briggcommandeur bald unentbehrlich wurde, war von ihm eben ſo unzertrenulich, und Holger, der ſeiner neuen Bekannten wegen, bei der gewoͤhnlichen Zu⸗ vorkommenheit die der daͤniſchen Marine eigen iſt, wenn ſie glaubt fremden Standesgenoſſen nutzlich ſeyn zu konnen, haͤufig und zu ziemlich ſpaten Stunden in dem Billardhauſe verweilen mußte, war oft Zeuge von laͤrmenden Auftrit⸗ ten, in welchen er mit kaum verhehltem Un⸗ muth John als Theilnehmer bemerkte. Beſon⸗ ders widerte es ihn an, wenn er ſah, wie dieſet bein Pharotiſche, wenn das Gluͤck ſei⸗ nen Leichtſinn verließ, mit unſinniger Wuth Summen verſchlenderte, die, obgleich unbedeu⸗ tend an ſich, doch gewiß ſeine eignen gegen⸗ wärtigen Mittel weit uberſtiegen; ja er ertapp⸗ te ſich oft ſelbſt in dem Wunſche, daß doch jener dieſe Gelage nicht in Uniform beſuchen mochte, obgleich er ſelbſt jetzt inmer, mit dem 8¹ ruhigen Selbſtgefuͤhl, als muͤſſe dieſe ringsum Haltung und Wuͤrde aufrecht erhalten, ſie nie ablegte. Auch war es wirklich als wenn ſeine Gegenwart die Rohheit ſelbſt hoͤherer Oſſiciere in Schranken hielt. Nur Einer von dieſen, ein eben nicht mehr junger Mann, der Naͤchſt⸗ commandeur der Brigg und von Geburt ein Franzoſe, deſſen Geſinnungen mit den ſeinen uͤbereinzuſtimmen ſchienen, und der nur we⸗ nig Antheil an den naͤchtlichen Gelagen ſeiner Gefaͤhrten nahm, von welchen jedoch der Chef dem Spiele am meiſten ergeben war, hat⸗ te Holgern Achtung und Freundſchaft einge⸗ ſößt. Am Abend vor dem zur Abfahrt des ſchon wieder ſegelfertigen Schiffs beſtimmten Tage trat dieſer, um ſein jenem gegebenes Wort zu erfuͤllen, ziemlich ſpaͤt in den Billardſaal, aus dem ihm ein tobendes Bruͤllen entgegen⸗ ſchallte, das ihn bei einem ausgelaſſenen Ab⸗ ſchiedsſchmauſe roher Maͤnner eben nicht be⸗ fremdete. Nur mit Muhe hatte er ſelbſt ſich 6 82 demſelben entziehen köͤnnen. Den franzöſiſchen Freund fand er nicht, aber welcher Anblick ſtellte ſich ſeinem Auge dar! Mitten in der halb entkleideten, ganz betrunkenen Verſamm⸗ lung, unter welcher er auch einige Individuen von der Garniſon in Civilkleidern bemerkte, ſah er den fremden Chef auf die ausgezogene Uniform ſeines Corps, an der ihm genugſam bekannte Epauletts noch hafteten, und die auf dem halb zerſtorten Spieltiſche lag, unter lau⸗ tem Fluchen mit einem Stocke lospruͤgeln. Vetworrenes Geſchrei, Gelaͤchter, Fluͤche wa⸗ ren die Muſik zu dieſen Schlaͤgen, und mit deutlichem Grimm in ihren Zuͤgen ſtuͤrzten ihm ſeine wenigen Landsleute entgegen, als er wie gewohnlich in voller Uniform hereintrat. Er ſtand einen Augenblick wie verſteinert, dann zog er auf einmal raſch den Saͤbel und rief mit einer Wuͤrde und Kraft, die gleichſam eine plotzliche Ruͤchternheit unter dem großten Theile der Verſaminlung hervorzauberte:„Was giebt's hier? wer wagt auf ſolche Weiſe die Uniform dieſes Landes und die welche ich trage zu be⸗ ſchimpfen? Gebt Antwort, Ihr Fremden, und Rechenſchaft!“ „Weil der Schuft„ ſtammelte der Chef, „mir die 1000 Thaler, die ich ihm abgewon⸗ nen, nicht bezahlt, weil er entſlohen— Rein⸗ da liegt er ja noch,“ fuhr er ſchwankend fort, und indem er noch einmal nach der Uni⸗ form ausholen wollte, ſtuͤrzte er zu Bo⸗ den. 3 „Sie ſind alle betrunken geweſen; der Lieutenant Former auch, ich habe ſelbſt einen Stich. Der Hitze im Zimmet wegen haben ſie die engen Uniformroͤcke laͤngſt ausgezogen. Morgen wird Riemand von uns wiſſen, was hier vorgegangen iſt,“ ſagte ein eingeborner ſchon bejahrter Lieutenant von der Garniſon, zwar entſchuldigend, doch nicht ohne einen haͤ⸗ miſchen Blick. „Betrunken iſt der Lieutenant Former ge⸗ wiß nicht geweſen,“ rief Holger mit ſchneller Faſſung, ohne auf den Vermittler zu achten. 84 „Er iſt nuͤchtern die paar Schritte nach ſei⸗ ner Wohnung hingeeilt, um den Wuͤthen⸗ den dort ſchnell zu befriedigen, ohne zu ah⸗ nen was man ſich hier erlaubt. Er wird zuruͤckkehren und blutige Genugthuung for⸗ dern.“ Unter der hoͤchſten Anſtrengung, ſeine in⸗ nere Wuth uͤber die Unwuͤrdigkeit des Ge⸗ faͤhrten zu daͤmpfen, nur darauf bedacht, wie er die Ehre ſeines Standes nur zuerſt in den Augen der rohen Freiden behaupten koͤn⸗ ne, eilte er zu Johns Wohnung. Er ſand ihn heftig auf und nieder gehend, eine Pi⸗ ſtole in der Hand, die er, ſo wie das Pulver, das auf dem Tiſche lag, unſchluͤſſig betrachte⸗ te, bleich, ein Bild der wildeſten Verzweif⸗ lung. S Holger ſchlug die Arme in einander und ſtellte ſich mit verhaltenem Ingrimm vor ihn hin.„Was muß ich erfahren!“ ſagte er ge⸗ preßt. 85 Ñ „Laß mich,“ erwiederte John rauh;„ich hatte den Kopf verloren, mir ſchwindelt noch, tauſend Thaler Schulden, und keine S Heller!“ 8er i „Die Ehre unſres Corps, die der der Flagge, der Du geſchworen—“ „Das iſt es ja eben, was mich raſend macht!“ entgegnete er dumpf. Dies Wort traͤufelte wie Balſam in Hol⸗ gers aufgeregte Seele; eine Art von Mit⸗ leid mit dem Elenden fuͤllte ſeine Bruſt. „Kann ſie noch gerettet werden, ſoll es ge⸗ ſchehen,“ verſetzte er raſch.„Ich ſchaſſe Geld.“ „Nein! nein!“ ſagte John koyſſchůtteind · „Die Summe rettet mich doch nicht; ich bin dennoch verloren. Es iſt nur eine Galgenfriſt: die von mir aufgenommenen koͤniglichen Gelder ſind auch weg; um ſie wieder zu erhaſchen, ſetzte ich alles auſs Spiel; zwar kann ich ſie alle erſetzen, aber nur nicht gleich. Täglich erwarten wir ja Ordre, ich muß Rechen⸗ 86 ſchaft ablegen, und dann— dann— Ach! ſeres Corps!“— Er rang die Haͤnde.— „Nein, alles iſt verloren— aber ich danke Dir—“ fugte er mit ſchwacher Stimme hin⸗ zu. k „Keinen Dank!“ rief Holger.„Es ge⸗ ſchieht um Deinetwillen wahrlich nicht. Aber dieſes Kleid darf keinen Flecken tragen. Ich ſchaffe auch das Geld, aber dann, Du mußt Dich ſchlagen, gleich morgen fruͤh vor dem Ab⸗ gang der Brigg.“— Er erzaͤhlte ihm kurz, was er geſehen hatte.—„Ich bin Dein Se⸗ cundant!“ ſchloß er. „Gern.— Iſt es moglich, Du, Du willſt mich retten!“ rief John mit Feuer. „Ich muß ja. Wir wollen das Vorge⸗ fallene vertuſchen, aber unter einer Bedin⸗ gung.“ „Unter allen.“ „Du nimmſt den Abſchied.“ Gott— meine Schande— die Ehre un⸗ „Wie!— Run! aber doch nicht ſogleich — Bedenke meine, des Corps Ehre, an der es Dir liegt. So lange wir hier an dilem Orte ſind, doch nicht?“ „Nach Umſtaͤnden, wenn ich es noͤthig 6. de, hoͤrſt Du!— Ziehe Dich an; ich kehre bald zuruͤck.“ Er verließ ihn, ſobald er er⸗ fahren, wie groß die erforderliche Summe ſey⸗. Es war Holgern, ſobald er ſich gefaßt hat⸗ te, eingefallen,— und er ſah es nun als einen Wink der Vorſehung an,— daß jener Franzoſe, einer der Officiere, durch einen Zufall den koſtbaren Ring geſehen, den er an ſeinem Bu⸗ ſen trug, und zugleich geaͤußert hatte, daß er, wohl wiſſend, welchen großen Werth ein ſolches Kleinod am rechten Orte und zu rechter Zeit habe, bereit ſey ihm eine ſo eben vorraͤ⸗ thige namhafte Summe dafuͤr zu geben. Hol⸗ ger hatte jedes Anerbieten ausgeſchlagen.— Aber nun— es war ja auch die einzige Wei⸗ ſe, eine ſo große Summe, als die, welche —————————— 88 er brauchte, in der Eile zuſammenzubringen. Auch ſegelte der Officier mit dem anbrechenden Tage ab, wodnrch der Entdeckung des ganzen Handels vor⸗ gobengt wurde; und ein Duell, meinte er, wuͤrde jeden Gedanken von Feigheit entſernen. Zwar hatte er ſchon beſchloſſen der Brant des Freun⸗ des den Ring am Hochzeittage zu uͤbergeben, aber der gegenwaͤrtige Gebrauch davon war heilig, war unvermeidlich; ſelbſt Woldemar mußte, wenn er es erfuhr, ihm beiſtimmen, und wuͤrde der ſchlichte Reif ihr nicht ſo wie ihm und dem Freunde noch thenrer ſeyn? Der koſtbare Stein hatte fuͤr ihn nur Werth, in⸗ ſofern er den fleckenloſen Glanz eines noch ſchaͤtzbarern Kleinodes aufrechthalten konnte; hatte ja doch die Mittheilung des Freundes ihn belehrt, daß das Becken, in dem er ruhte, leicht von dem Ringe ſelbſt getrennt werden konnte. Dies zu thun war ſein er⸗ ſtes Geſchaͤft, und das gelang ihm vollkom⸗ men. Dann eilte er zu dem befreundeten Of⸗ ficier, der eben im Begriff war an Bord zu 89 A gehen. Der Handel war leicht und bald abge⸗ ſchloſſen; Ae in da. Er c zu dem zh e— zuruͤck, der bei dem glaͤnzenden Anblick des Erfolgs mit ſchnell emporloderndem Muth ihm folgte. Die Beranſchten waren ſchon ausein⸗ ander geſchieden, aber der Chef, der im Hau⸗ ſe ſelbſt zu Bette gebracht war, wurde troß der Einwendungen der Diener wieder ge⸗ weckt. Noch wirr im Kopfe konnte er ſich nſch erinnern, das Geld wurde ihm indeſſen be⸗ zahlt, und ihm nur mit Muͤhe die Rothwen⸗ digkeit ſich zu ſchlagen begreiſtich gemacht. Endlich von ſeinem Unrecht uberzenzt gab er ſein Ehrenwort, zur beſtimmten Stunde an dem benannten Hrte ſich einzufinden. Noch kurz vor Mitternacht fuchte Holger aus gnten Gruͤnden den fruͤher erwaͤhnten Officier aus der Garniſon, um ſich ſeiner zum zweiten Secundanten zu verſichern. Es lag ihm daran, 90 dem bevorſtehenden Auſtritt eine ſpaͤtere Heffent⸗ lichkeit zu geben; dann haͤndigte er mit kurzen Worten John das noch uͤbrige Geld ein und verließ ihn kalt mit dem Verſprechen, ihn mi Tagesanbruch abzuholen. Holger fand ihn zur beſtimmten Stunde ſchon angekleidet, und kein aͤuberes Merkzei⸗ chen verrieth dem beobachtenden Blick, daß ſein Herz nicht an der rechten Stelle ſchluͤ⸗ In dem Augenblicke, wo ſie aus der Thuͤ⸗ re treten wollten, kam eine Eſtaffette an, wel⸗ che die ſehnliche erwartete Entſcheidung ihres Schickſals in einer verſiegelten Depeſche mit der Adreſſe Johns, als der das oberſte Com⸗ mando hatte, uͤbergab. Mit der Eroffnung einer koͤniglichen Ordre nur eine Viertelſtunde zu zoͤgern, wuͤrde ein jeder Seeofficier als ein Staatsverbrechen angeſehen haben. John ver⸗ pehlte ſeine Verlegenheit nicht. Holger ſelbſt empfahl ihm das Siegel zu brechen, ſeine Maasregeln, wenn es Eile erfordere, ſogleich S— 9¹ zu nehmen und ſobald wie moͤglich nachzukom⸗ men; er ſelbſt wollte vorauscilen, die Ur⸗ ſache ſeiner Verſpaͤtung angeben und die frem⸗ den Officiere bis zu ſeiner Ankunft aufhal⸗ ten. Er fand den Chef mit zwei Secundanten zur Stelle, ihrer ſchon mit Ungeduld wartend⸗ weil ſo eben ein guͤnſtiger Wind eingetreten war. Er ſagte ihnen ofſen die Wahrheit, al⸗ lein eine Viertelſtunde verging, und noch eine, und John kam immer nicht. Der Chef ließ in einem ziemlich hohen Tone vernehmen, daß er laͤnger warten weder wollte noch duͤrfte. Da erklaͤrte Holger, daß er da ſey, um den Standesgenoſſen zu vertreten ſowohl als die Beleidigung der Uniform, von der er Zeuge geweſen, zu raͤchen. Er habe alſo zwei Gaͤn⸗ ge zu machen, einen fuͤr den Abweſenden, einen fuͤr ſich ſelbſt. Die Herren moͤchten be⸗ ſtimmen, wer von ihnen den Verſuch machen wollte, ihn außer Stand zu ſetzen es mit dem zweiten aufzunehmen. Der Secundant 92 des Chefs trat hervor, um dem Secundanten des Gegners Genuͤge zu leiſten. Nach ziem⸗ lich langem Gefecht gelang es Holgern dieſen durch einen in den zu nen. Der ungeduldige Chef, deſſen faſt einzige Tugend in einem wilden Muth beſtand, warf ſich bereits in demſelben— entge⸗ gen. Obgleich die beinahe unerlaubte Schnellig⸗ keit dieſes Angriffs Holgers Blut, das ſchon aus einer leichten Wunde hervorrieſelte, in Wallung brachte, beſtand er doch dies Ge⸗ fecht mit eben ſo vieler Kaͤlte als Unerſchrok⸗ ueberzeugung gab ſeinem Arm neue Kraͤf⸗ te, und faſt ohne daß er ſelbſt wußte wie, ſank der Se zu ſeinen Fuͤſ⸗ ſen.—* In dieſem Augenblicke eſſchien Feh um die Ecke des Felſens, eilig aber eben nicht 4 kenheit, wie wuͤthend ſein Widerſacher ihm auch ſichtbar ans Leben ging. Allein dieſe 03 athemlos, und erklaͤrte, den Saͤbel raſch zie⸗ hend, ſeinen Verdruß ſo ſpoͤt gekommen zu ſeyn. Er ſchien Willens dem zweiten Secun⸗ danten auf den Leib zu gehen, aber ſowohl Holger als der Landofficier gaben es nicht zu, und es war auch Zeit, daß alle ſich gemein⸗ ſam beeilten den hartverwundeten Chef in die wartende Schaluppe zu bringen, die ihn und die Seinigen ſchnell an Bord der Brigg brach⸗ te, die unverzuͤglich unter Segel ging. Als wenn nichts vorgefallen waͤre, bega⸗ ben ſich die Uebrigen nach dem Flecken zuruͤck, wo der Garniſon⸗ Oſſicier ſich von Holger mit einer Achtung trennte, die, vielleicht ſeinetwegen, ſich anch auf John zu erſtrek⸗ ken ſchien. Durch jenen wurde dies Begeg⸗ niß in dem Orte auf eine Weiſe verbrei⸗ tet, wodurch jeder unheimliche Schatten we⸗ nigſtens oͤffentlich von dem Vorgefallenen ver⸗ ſchwand. Holger folgte John, der ſein Ausbleiben zu entſchuldigen gewußt hatte, ungeduldig nach Gauſc, um die angelangten Befehle zu erfah⸗ ren. Es war beſchloſſen, daß hier ein Depot und ein Lazareth angelegt werden ſollten, weil die Communication von hier aus ſeewaͤrts nach allen Seiten leicht ſey; daß eine kleine ſchwim⸗ mende Batterie, den Schanzen gegenuͤber, um den Hafen zu vertheidigen, angebracht werden ſollte; und endlich wurde berichtet, daß ein kleiner Schoner, um die kleinen Handelsfahr⸗ zeuge vor dem Einlaufe zu decken, mit einer ſchon ausgeruͤſteten Fregatte ankommen wuͤrde, welche letztere einige Meilen davon ihren Po⸗ ſten bekommen hatte, ſo wie auch ihr Chef eine ganze Flottille, die an der Kuſte zer⸗ ſtreut lag, commandiren und ihnen weitere Befehle ertheilen ſollte.— Dem Datum der Ordre zufolge konnte dieſer Erſatz jeden Augen⸗ plick erwartet werden. Das erſte und dringend⸗ ſte Geſchaͤft war, aus den Ueberreſten des vorigen Schiffs vorerwaͤhnte Batterie zu bil⸗ vit 95 Meue freudige Hoffnung erfuͤllte Holgers Herz; er eilte zu Woldemar, um ihm dieſelbe mitzutheilen, und erſt nachdem dies geſchehn⸗ erhielt dieſer einen treuen Bericht von deim ſo eben vorgefallenen Duell und dem Anlaß da⸗ zu. Woldemar, der nach ſeiner Verlobung, ſo kam es wenigſtens dem Freunde vor, nicht mit dem alten Feuer ſeinen Ideen entgegenkam oder ſie theilte, hoͤrte ihm aufmerkſam zu, druͤckte ſeine Hand feſt und leiſe den Kopf. „Wenn es mit dem Diamant nur abgethan waͤre“— ſagte er—„aber fuͤr weſſen Sache haſt Du Dein Leben bloßgeſtellt!— Gieb Acht, die Wahrheit wird doch wohl durchblik⸗ ken, und wenn auch nicht, werden wir doch durch ihn ähnlicher Schande vielleicht lange ausgeſetzt ſeyn; denn er haͤlt Dir nicht Wort, kann es nicht einmal vor der Zeit, wie er richtig bemerkt; wir muͤſſen ſogar vielleicht unter ihm dienen, denn er bleibt doch unſer 96 Pordermann. Aber Du haſt es brav gemeint, und kann auch ein Bube unſern Stand nicht beflecken, der, wie ein blanker Spiegel, je⸗ den unreinen Hauch ſogleich verſchwinden läßt, ſo iſt es doch um ſo beſſer, wenn er keinen Angenblick von einem ſolchen getrubt wird.“ 54 Holger verließ den Freund etwas verſtimmt; indeſſen verlor ſich dieſer Unmuth bald in dem emſigen gemeinſamen Geſchaͤfte, die ſchwim⸗ mende Batterie zu Stande zu bringen, wozu freilich John der Regel nach die tagliche Ordre ertheilte. So gingen einige Tage hin; wäh⸗ rend der Zeit bemerkte Holger, daß Johns Aufwärter, ein Matroſe von mittleren Jah⸗ ren, deſſen Treue und Verſchwiegenheit ihm bekannt war, ſich viel um ihn zu ſchaffen machte. Dieſer hatte manchmal mit einer Geſchicklichkeit, die Holgers eigenem Burſchen abging, kleine Botſchaften, Liebesangelegen⸗ heiten betreffend, auf eine meiſterliche Weiſe fuͤr ihn beſorgt; ein Dienſt, auf den ein jugendlicher Verliebter keinen geringen Werth ſetzt.— Eines Abends war nun dieſer Kerl ſogar in ſeine Wohnung geſchlichen, und da er zu Holgerß hereintrat, ſtand er ver⸗ legen vor ihm und konnte keine Worte ſin⸗ „Was haſt D Du, Mars?“— S laͤchelnd;„Du gehſt ja um mich herum, wie die Katze um den heißen Brei; ſehnſt Du Dich in das alte Fahrwaſſer auszulaufen? ach! auf dieſer verdammten Sandbank iſt ja kein ertraͤgliches Geſicht mehr, das nicht je⸗ mand ſchon am Schleppſeile fuͤhrte— lau⸗ ter lecke Fahrzeuge, die nicht des Enterns werth ſind; die einzige ſtattliche Fregatte hat der Freund ſchon weggekapert, und will ſie auf ſeinen Namen taufen laſſen, oder — haſt Du vielleicht einen Segler ent⸗ deckt „Ja, Herr Lieutenant,— einen Bran⸗ der, aber nicht von der Art, die Er meint. Der hat faules Waſſer in dt Pulvericmner, 7 und doch ſteht lzu Pbefuͤrchten, daß ein kleiner Funken die Flagge und uns mit in die Luft ſprenge.“ „Ich verſtehe Dich. Heraus mit der Sprache!“ „Das f ich ſo 66 Herr Lieutenant; aber ich habe eine kleine Bitte an Ihn: mache Er mich von meinem Lieutenant los; ich habe nicht Luſt lͤnger bei ihm zu ſeyn.“ „Ei ſieh! nun fragt man Dich wohl, ob Du Luſt p Du biſt toll gewor⸗ den?“ S wohl ſeyn, e Lieutenant; rich⸗ tig mit mir iſt es nicht mehr; kein Biſſen ſchmeckt mir, und ich moͤchte plaͤrren wie ein Cajuͤ⸗ ten⸗Junge. Es ſoll ja anſteckend ſeyn, und ich bin doch ein zu braver Kerl, um gekielholt zu werden.“ „Faſelſt Du? was iſt anſteckend: „Das kalte Fieber, Herr Lieutenant; allein bei Ihm werde ich bald wieder geheilt. Thue Er mir doch die Gnade. Rachdem Er meinen 5 99 Lieutenant von dem Fieber eurirt, wird der Ihm gewiß nichts abſchlagen.“ iß „Hallunke! was iſt das? Du wagſt—“ Holger unterbrach ſich ſelbſt zorngluͤhend und zugleich vor einem Gedanken entſetzt, dem er Raum zu geben nicht das Herz hatte. „Herr Lieutenant, der Teufel wird doch nicht meine Augen verblendet haben; ich muß ja doch glauben, was ſie ſchen.“ „Was haben ſie geſehen?“ fuhr Holger kaum athemholend fort. n „So iſt's recht, Herr Lieutenant! wenn Er ſo geradezu fragt, muß auch alles heraus, dann iſt's kein Geklatſch. Herr Lieutenant, ich bin nicht dumm, obgleich ich mir alle Muͤhe gebe nicht zu denken, wie die Herren Officiere immer befehlen; daher mußte ich den⸗ noch verwichenen Abend, als der Herr Liente⸗ nant ganz roth im Kamm zu meinem Herrn Lientenant, der ſo weiß war, als hätte et Seewaſſer verſchluckt, hereintrat, und ihn den Morgen hetnach wieder herauspurrte, —— 100 da mußte ich meine aparten Gedanken haben. Er ſah nur den großen Brief fluͤchtig durch, da eilte er dem Herrn Lieutenant ſchnell ent⸗ ſchloſſen nach, und ich in der Dunkelheit eben ſo ſchnell nach ihm, verſteht ſich mit Bedacht, denn ſeine Schritte wurden immer langſamer; allein er ging in ſo tiefen Scrupeln verſunken, daß er mich wohl kaum gemerkt haͤtte, waͤre ich ihm auch naͤher gekommen; doch je naͤher er der Stelle am Strand kam, die dem Herrn Lieutenant gewiß bekannt iſt, ſchritt er immer langſamer lauſchend vorwaͤrts; zu⸗ letzt verkroch er ſich hinter einen Felſen, wo er die Kuͤſte uͤberſehen konnte, ohne bemerkt zu werden. Was mag der Teufel dort brauen! dachte ich mit Reſpect zu ſagen bei mir, und ſchlich ſeitwaͤrts ein Felſenſtuͤck hinauf, vop dem ich den Herrn Lieutenant und alle zuſam⸗ men beobachten konnte, ohne jedoch die hoch⸗ deutſche Sprache zu verſtehen, die ſie unter ſich redeten. Aber es war nun auch hell ge⸗ worden, und ich merkte wohl aus den Ge⸗ behrden, wo es hinauswollte, denn ich bin nicht dumm. Da wurden endlich die Saͤbel gezogen, und das Gefecht begann; allein mein Lieutenant ſtand da, blaß wie ein Todter, und bewegte ſich nicht von der Stelle. Es zuckte mich in allen Gliedern, herunterzuſturzen, ihm den Saͤbel zu entreißen und an Seine Stelle zu treten, Herr Lieutenant, als der Zweite auf Ihn eindrung. Aber unſer einer darf“ ja nicht muchſen. Da fiel der Andere und mit ihm meinem Lieutenant ein Stein vom Her⸗ zen. Er ſtuͤrzte eilig hinzu, wie der Kuͤchen⸗ junge, wenn der Brei gar iſt, und ich kehrte wie dumm zuruͤck, denn ich hatte geſehn, was ich nicht gedacht. Da ſah ich wohl ein, daß es uͤbel iſt zu denken, wo man. ſoll.“ Du ſollſt ja auch nicht denken, das neißt Du e“ rief Holger entſchloſſen;„aber mir ſagen magſt Du, ob ich, des Rock Dir werth iſt?“ 102 „Wie mein Leben!“ verſetzte Mads in⸗ . „Und die Ehre der Daͤnenflagge?“ „Wie meine Seligkeit!“ „Und wenn Du nun einen Hallunken ſaͤheſt, der ihr einen W anhaͤngen woll⸗ te?“ „Eher wollte ich ſie herunterreißen und ſie mit mir in das Meer begraben.“ „Haſt Du jemandem erzaͤhlt, was Deine Augen geſehen?“ „Keinem Teufel; aber, Herr Lieutenant, der Deufel weiß es doch.“ 36 „Mag er's; nur Du darſſt es keiner Chri⸗ ſtenſeele ſagen; unter der Bedingung ſollſt Du zu mir kommen; denn es gilt die Shie„es unſre, meine Ehre.“ „Ich bin ſtumm wie ein iſch. Es iſt genug, wenn Er es nur weiß, der denken darft“ „So gehe.“ —— Aber auch Holger ſchwieg; ſelbſt dem Freund mochte er nicht ſeine Furcht vor der Gefahr, die durch die Feigheit eines Gefaͤhr⸗ ten ihre Zukunft vielleicht bedrohete, entdecken; und doch war es wohl kaum Feigheit, die das Benehmen Johns geleitet hatte; aber dieſe Meinung aus Mads ſchlichtem Munde hatte Holgern tief erſchuͤttert. Das einfache Ge⸗ muͤth des ehrlichen Burſchen und ſein eigenes reines Herz vermochten nicht zu ahnen, daß vielleicht blos die Hoffnung John zum Zoͤgern beſtimmt, den vernichtet zu ſehen, welchen er, ſelbſt in dem Augenblick wo jener ſeine Ehre gerettet, tief haſſen mußte, weil er, der un⸗ veſtechliche Zeuge ſeiner Unwuͤrdigkeit, durch ſeine Großmuth ihn bitter beſchaͤmt hatte. Hol⸗ ger verlebte eine ſchlafloſe, qualvolle Nacht. Es wor ihm als hätte er uͤbermuͤthig in ein Geſchick eingegriffen, das ihn und alles was ihm theuer war, verderben muͤſſe, und er fand nur einen ſchwachen Troſt in dem Ge⸗ fühle, daß er nach ſeiner beſten Ueberzeus gung gehandelt. Noch den folgenden Morgen ſaß er in tiefem Sinnen verloren, als auf einmal nahe gewaltige Kanonenſchuͤſſe ihm die Ankunft der erwarteten Fregatte verkuͤndig⸗ Bald aber wurde anch er in den froͤhli⸗ chen Taumel hineingeriſſen. Bedentende frohe Nachrichten aus der Vaterſtadt erreichten wohl⸗ thnend ſein Ohr. Der mitgekommene Lazareth⸗ chirurg, ihm ſchon fruͤher bekannt und be⸗ ſonders ſeinem Freunde ſehr zugethan, war ihm eine willkommene Erſcheinung. Der Ca⸗ pitain der Fregatte, ein anerkannt trefflicher und unternehmender Mann, begluͤckte die Freunde mit dem vertraulichen Bericht, daß ſie ihm vom Chef der Akademie perſoͤnlich ans Herz gelegt worden, und daß es von dieſen beiden ſo eingeleitet ſey, daß er, auſ⸗ ſer der Beſatzung ſeines Schiffes, nur ei⸗ nige noch juͤngere Ofſiciere mit ſich fuͤhr⸗ te, damit ſie, die ſich durch den langwei⸗ ligen Winterdienſt ſchon ein kleines Verdienſt 105 N erworben, eine hoͤhere Anſtellung bekommen moͤchten, was um ſo leichter war, als den meiſten aͤlteren als tuͤchtig anerkannten Offi⸗ cieren ſchon Poſten angewieſen waren. Der Capitain ſelbſt traf unter den Behoͤrden des Fleckens mehrere alte Bekannte an; und in den zunaͤchſt folgenden Tagen, die dazu ver⸗ wendet wurden, die ſchwimmende Batte⸗ rie ganz fertig zu machen, verlautete nichts von ihrer kuͤnftigen Beſtimmung. Der Chef ließ ſich erſt eine vollſtändige Rechen⸗ ſchaft von allem ſchon Vorgenommenen vorle⸗ gen. Endlich wurden eines Tages die drei Ge⸗ faͤhrten zu ihm beruſen. John als aͤlterer Ofſicier ward zum Chef des mitgebrachten Schoners ernannt. Holger, als dem ihm naͤchſten, wurde die Batterie anvertraut, und Woldemar als Naͤchſtcoinmandirender unter John angeſtellt. Ehe der Chef ſie wieder ent⸗ ließ, ſagte er ernſt: „In Folge deſſen, was mir hier zu Oh⸗ ren gekommen iſt, kann ich nicht bezweifeln, daß Sie alle, meine Herren, gepruͤfte und treue Freunde ſind; daher trage ich auch kein Bedenken zu einem unter Ihnen in Gegen⸗ wart derer, die ſo treu fuͤr ſeinen guten Ruf gewacht, warnend zu reden.— Es ſind mir Dinge zugefluͤſtert worden,“ fuhr er zu John hingewandt fort,„die allerdings von einem Leichtſinun zeugen, der hinreichend wäre, Ihnen, Lieutenant Former, bis auf weiteres eine untergeordnete Stelle anzuwei⸗ ſen; allein der Lieutenant An— hat ſich ſo kraͤftig fuͤr Ihre Ehre verwendet, daß ich mich uͤberzengt glauben darf, daß kein wirk⸗ licher Flecken daran haftet, und ſo habe ich nicht Ihre braven Freunde dadurch betruͤben wollen, daß ich ſie einem aͤlteren Kameraden vorzoge, fuͤr deſſen vielleicht verkannten inne⸗ ren Werth ſo thaͤtige Freundſchaft mir Buͤrge ſeyn wird. Danken Sie ihnen meine Nach⸗ ſicht.“ 107 Woldemar warf bei dieſen Worten einen ſchnellen aber ſo viel ſagenden Blick auf Hol⸗ ger, daß dieſer faſt unwillkuͤrlich das Au⸗ ge niederſchlug, und als beide Freunde al⸗ lein blieben, ſahen ſie ſich ſprachlos und faſt verlegen an.„Vortrefflich!“ rief end⸗ lich Holger.„Es ſcheint als wolle man uns fuͤr das fernere Benehmen Johns zu Buͤr⸗ gen machen. Hier gilt es ſich Ma men.“ „Statt den Abſchied zu e wird es ihn nun ergoͤtzen, mir befehlen zu koͤnnen,“ ſagte Woldemar trocken, indem eine dunkle Roͤthe uͤber ſeine Wangen ſlog.„Schoͤne Fruͤchte Deines edien Beſtrebens fuͤr die Ehre unſres Standes! So lohnt ſich alſo ein ſchoͤ⸗ nes Zartgefuͤhl! Haͤtten wir ruhig zugelaſſen, daß er caſſirt worden waͤre, welches er doch im Grunde verdient hat, waͤreſt Du nun Chef des Schoners geworden, und ich haͤtte die gehabt.“ wir doch nicht beiſammen bleiben koͤnnen, woll⸗ te ich nicht, daß Du von allen, was 108 Holger erwiederte kein Wort; aber noch denſelben Tag ging er zum Chef der Fre⸗ gatte und erſuchte ihn dringend, unter dem Vorwand, den Freund nicht von dem Gegen⸗ ſtande ſeiner Liebe trennen zu wollen, ihm zu geſtatten ſeinen Poſten mit ihm vertanſchen zu duͤrfen. Der Chef ließ es geſchehen, und ſo ſah Woldemar ſich ploͤtzlich auf die Bat⸗ terie verſetzt. Nachdem jener die mitgebrach⸗ ten juͤngeren Officiere auf dieſe und den Scho⸗ ner vertheilt hatte, ging er den naͤchſten Morgen nach ſeiner Station mit der Fregatte ab. „Was haſt Du gethan!“ ſagte Wolde⸗ mar geruͤhrt, die Hand des Freundes faſ⸗ ſend.„Darf ich auch ein ſolches Opfer an⸗ nehmen?“ „Kein Opfer,“ erwiederte Holger.„Da * Dir theuer iſt, getrennt leben ſollteſt; auch liegt es mir ob, was ich uns aufgebuͤrdet ha⸗ 109 be, allein zu tragen: es iſt meine Pflicht, John nicht aus den Augen zu laſ⸗ ſen; und iſt er ſo in meinen Haͤn⸗ den?“ u „Thor!“ rief Woldemar toyfſchtteind;„er iſt Dein Chef.— Die Vergangenheit hat er vergeſſen und er wird die Gegenwart— machen. Gieb nur Acht.“ Holger ſchwieg; auch war es, als ſolle jedes Wort des Freundes, alles was er ſah und hoͤrte, ihm das Herz ſchwerer machen. — Die Aeußerung des Chefs hatte ihn belehrt, daß die Welt doch nicht ganz getaͤuſcht wor⸗ den ſey, daß ſein muthvolles Betragen ſie nur zum Schweigen gebracht, und ſtatt, wie er gewaͤhnt, die ſittliche Ehre des Corps unbe⸗ fleckt zu erhalten, hatte er die Blicke der Welt nur feſter auf die gewaſchene Stelle ge⸗ zogen, wo ſie nh i immer einen S ver⸗ muthete.— John fuͤhlte ſich durch Holgers ſubſurwhl⸗ te Verſetzung unter ſein Commando höchſt 110 überraſcht und betroffen. Eine finſtre Wolke fuhr uͤber ſein Antlitz hin, das ſich doch ſo⸗ gleich zu einem erzwungen freundlichen L⸗ cheln verzog, womit er dieſem von Stunde an immer entgegenkam, mit dem er nun faſt den ganzen Tag zufammen war, da der Scho⸗ ner in der groͤßten Eile mit allem Noͤthigen verſehen, und die Beſatzung, die zum Theil aus jungen Leuten des Landes beſtand, einge⸗ Abt werden ſolltr.— Es fehlte ihm auch nicht an Anlaß, dem Unmuth, der ihn verzehrte, Luft zu machen. Er war von ſeinen Unter⸗ gebenen, die immer die alten indiſchen Lau⸗ nen bei ihm rege machten, nie geliebt wor⸗ den, und noch ſtrenger als vorher ruͤgte er jeden Mangel an Kenntniſſen und willenloſes Verſehn mit einer despotiſchen Strenge, wel⸗ che die Mannſchaft reizte und entmuthigte⸗ und zugleich Holger, der ſolcher Willkuͤr⸗ lichteit nicht immer vorbeugen konnte, empoͤr⸗ e, cheils aus Rechtlichteit, theils weil er zmpfand, wie ſehr in entſcheidenden Augen⸗ 11¹ blicken der Erfolg von der Anhaͤnglichkeit und dem Enthuſiasmus der Mannſchaft ab⸗ haͤngt. Die Worte ſeines Aufwaͤrters,— denn Mads war, ſeinem Verſprechen zufol⸗ ge, laͤngſt in ſeinen Dienſt uͤbergetreten,— brannten ſich immer tiefer in ſein Innres ein; hatte ihn doch die Erſahrung gelehrt, daß despotiſche Willkuͤrlichkeit gegen Tiefer⸗ ſtehende nur zu oft mit perſoͤnlicher Feig⸗ heit verbunden iſt. Holger verließ, weil der groͤßte Theil der Aufſicht gewoͤhnlich auf dem Naͤchſtcommandirenden ruht, nur ſelten das Schiff, ſo wie auch Woldemar, der ſehr junge Officiere unter ſich hatte, die Batterie nur um die Geliebte zu beſuchen, und ſo ſahen ſich die Freunde ſelten und nur auf Angenblicke. Endlich zu der Zeit wo der Fruͤhling im hoͤchſten Reize laͤchelte, lief eine Ordre von dem, der das oberſte Commando hatte, ein. Das dreifache Siegel verkuͤndete Wich⸗ tigkeit und Eile. Nachdem John den Brief 442 erbrochen und geleſen, rief er faſt unwill⸗ kuͤrlich:„Verdammt viel Gefahr und wenig Lohn!—“ und———— zun 34 „Lohn ig ibrral wo. und pfich winken!“— erwiederte dieſer ruhig, und las das Blatt durch. Es enthielt das aller⸗ dings ſchwierige Gebot, wichtige verſiegelte Hrdres an mehrere Plaͤtze an der Kuͤſte zu bringen, weil eine ſo eben angekommene feindliche Escadre, zwar aus kleinen Schif⸗ fen beſtehend, allein doch bedeutender als die defenſiven Mittel, eine bewegliche Blokade mehrere Meilen in der Runde bildete. Es galt nicht blos ihre Aufmerkſamkeit hin⸗ tergehen, ſondern vielmehr ihr zu troten und, der Schnelligkeit des—— ver⸗ trauend, ihre ziemlich zerſtreuten Kraͤfte zu verachten. Indeſſen machte die feiſige Kuͤ⸗ ſte, wo viele Vorſpruͤnge ſich befanden, es nur zu leicht uͤberrumpelt werden zu kon⸗ nen, oder unverſehens auf einen uͤberlegenen — —— 143 Feind zu ſtoßen; in dieſem wahrſcheinlichen Falle gebot die Ordre: wenn der Schoner ſich nicht zurückziehen könnte, ſich aufs aͤuſ⸗ ſerſte zu vertheidigen, damit die von einem Orte zum andern zu bringenden Depeſchen, die nur in dem entſcheidenden Moment vernich⸗ tet werden duͤrften, nicht in Feindes Haͤnde fallen moͤchten. Zugleich gebot der Befehl, in der zweiten Mitternacht praͤciſe um zwoͤlf Uhr auszulaufen, um an einer beſtimmten Stelle nach einem abgeredeten Signal die Depeſchen zu empfangen. Es waren eben die ſchoͤnſten Vollmonds⸗Naͤchte. ſ Ein frendiges Feuer blitzte in Holgers Angen auf, dem ein duͤſtrer Unmuth auf Johns Stirne begegnete. Mit einem bar⸗ ſchen herriſchen Tone, der nur zu deut⸗ lich ausdruͤckte, daß er von nun an keine Vorſtellungen dulden wollte, raunte er dem Naäͤchſtcommandirenden zu:„Mache alles zur Abfahrt bereit!—“ und ging dann ſchweigend ans Land. 8 144 Dieſer Ton ſtimmte auf einmal Holgers freudige Sehnſucht nach Kampf und Gefah⸗ ren herab. Er folgte ihm langſam mit den Augen und ſah ihn ans Land eben an der Stelle ſteigen, wo er ſelbſt fuͤr ſeine Ehre gefochten hatte. Der ganze Auſtritt, nicht ſo ſchoͤn wie er ihn erlebt, ſondern ſo wie Madſens einfacher Bericht ihm denſelben vor⸗ gemalt, ſiellte ſich vor ſeine Seele, und zu⸗ gleich mit ihm die zweideutige Laune ſeines jetzigen Chefs, ſeine Unwuͤrdigkeit, das Um⸗ gehen ſeines Worts, das nun die Flagge, ja ihn ſelbſt perſoͤnlich vielleicht mit neuemn unheil bedrohete, ſo auch die Aeußerungen des hoͤhern Chefs, die beinahe ihn und den Freund fuͤr Johns. Betragen verantwortlich machten, und ein ſehr bittres Gefuͤhl— riß ſein Herz und erregte eine Unruhe i ſeinem Innern, die er zu n vermochte. In dieſer Stimmung vergingen ihm der Tag, die Nacht und der folgende Morgen. — — — — 145 Holger foͤhlte ſich ſonderbar entmuthigt. Es draͤngte ihn, den Freund noch einmal zu ſehen. Er theilte dem Chef ſein Verlangen mit.— Da nun alles am Bord fertig war, hatten mehrere der Mannſchaft, die wohl dunkel muthmaßen mochten, daß die Abfahrt nahe bevorſtehe, ſchon fruͤher gewuͤnſcht ans Land zu gehen. Holger als der, dem die Aufſicht in allem oblag, hatte es erlaubt. John ſchien aber nicht damit zufrieden, und da einer der juͤngeren Ofſiciere nun auch rin nen gleichen Wunſch aͤnßerte, geſtattete er nur Holgern eine ſehr kurze Friſt, waͤhrend welcher er ſelbſt am Bord verweilen mußte, und fuͤgte, zu dem jungen Officier hinge⸗ wandt, hinzu:„Verſpaͤten Sie ſich nicht. Alle muͤſſen mit Sonnenuntergang wieder an Bord ſeyn; nach der Stunde darf kein Boot mehr ans Schiff anlegen, und wer es auch ſey, er wird nicht aufgenommen.— Sorgen Sie dafuͤr, Lieutenant An..—“ wand⸗ te er ſich leiſer zu Holger, ſo daß ſeine 8 1¹6 Rede nur von den Officieren vernommen wurde,—„aß Niemand fehle; um Mit⸗ ternacht wird Anker gelichtet und ausgelau⸗ fen; auf die Minnte, ſage ich, wenn ich auch ſelbſt nicht daſeyn ſollte.— Sie ſtehen mir dafuͤr, S alle ſind.“n0 Holger folgte dem Ofſicier ans Land und eilte zu Woldemar, dem er mit einem ſpaͤhen⸗ den Blick, als wollte er Troſt in dem ſeinen leſen, die Ordre mittheilte, die ſein Herz mit Frende und zugleich mit einer toͤdtenden Sn „Endlich zur Shiügteut“ rief der Sein lebhaft,„und ich liege ewig hier vor Anker! Hier herein wird ſich der Feind ſchwerlich wagen. Waͤhreſt Du Chef des Schoner, ich wuͤrde den Kajuͤtenjungen beneiden, aber ſo— werde ich Dich auch wiederſehen?— denn Du wirſt die Schande 6 5u00% uͤberleben.“ 147 „Rein,“ jagte d ihr vorbeugen.“ 6Wie denn? iſt er ezt nin Dein cheſ⸗ armer Freund! und Du We mit mir tau⸗ ſchen!“ Holger hoͤrte ſeine Worte kaum. Seine Seele war in ein dunkles, verworrenes Ge⸗ fuͤhl verſunken. Er war wieder an Bord des S 5 ehe er es wuß⸗ te. 5 bleibſt verſiucht n0 aus!“ mit dieſen Worten empfing ihn John.„ Ich habe noch viel in dem Flecken zu thun; auch gehe ich mit Fleiß zu einem kleinen Gelage dort; kurz vor zwolf kehre ich zuruͤck; man darf nicht vermuthen, daß wir uns heute Nacht hinausſchleichen; der Feind koͤnnte hier Spio⸗ ne haben; man kann nicht wiſſen. Sie ſollen glauben, daß ich bis morgen am Lande bleibe, darum ſchicke keine Schalup⸗ pe um auf mich zu warten, laß ſie nur am Schiſſe fertig liegen; wenn Du einen Piſto⸗ 418 lenſchuß hoͤrſt,— 6 ein— a— da bin. 4 ieaitie ſhuhem— in ſh murmelte:„hinaus ſchleichen;“ die⸗ ſer Ausdruck, die feige Vorſicht eines un⸗ wahrſcheinlichen Verrathes wegen, die mit Johns gewoͤhnlichem Leichtſinn grell contra⸗ ſtirte, zu einer Zeit, wo Holger ſeine Freu⸗ de, endlich mit dem Feinde zuſammentref⸗ fen zu koͤnnen, gern jedem Ohr mitgetheilt haͤtte, ſiel wie zerſchmolzenes Blei verſen⸗ gend auf ſeine Seele. Dunkles Vorgefuͤhl eines großen Unheils, das er ſich verge⸗ bons deutlich zu machen ſuchte, ergriff ihn ſo, daß er alles um ſich vergaß. Da horte er auf einmal Madſens Stimme, die unten im Raume die bekannten—— ließ: 6 un ſor n durch Kehf und Sp Und Sieg bis an des Srabes Ziet einte 5 6 Er horchte auf; das niedergedaͤmpfte muthi⸗ ge Feuer in ſeinem Herzen loderte hoch auf, und wie ein Blitz fiel ein kuͤhner Gedanke in ſeine Seele, den er begierig ergriff und weiter ausbildete. Es war als vereinten ſich die Wehmuth ſeines Frenndes, die Stimme des Dieners, eben ſo metallvoll, als da ſie ihm jenen Bericht ablegte, die Aenßerungen des Chefs der Fregatte, ja Johns eigene Worte denſelben Morgen, um einen kuͤhnen Entſchluß in ihm zu reifen⸗„Es ſey!“ ſagte er auf einmal entſchloſſen.„Er mn uß ſich ſelbſt ver⸗ ſpaͤten!“ 5 Von dieſem Augenblick war er gelaſſen, ruhig, geſpraͤchig; neuer Eiſer und Uinſicht machten ihn wieder ganz zu ſich ſelbſt; aber ſeine Haltung blieb ſtreng und ernſt. Zur beſtimmten Zeit kamen die beurlaub⸗ ten Leute an Bord, der Ofſicier mit ihnen. Der Chef aber, deſſen geheimen Befehl an Holger Niemand wußte, blieb zu Aller Ver⸗ wunderung noch immer aus⸗ Die Oſſiciere 120 ſchienen zuletzt ungeduldig zu werden. Als die elfte Stunde in der Nacht vorbei war, fagte Holger auf einmal:„ich werde lieber ſelbſt ans Land gehen.“ Er nahm die klein⸗ ſte Schaluppe, ließ dieſe etwas weiter unter der gewoͤhnlichen Landungsſtelle an der Kuͤ⸗ ſte anlegen, gebot den Matroſen, ruhig bis zu ſeiner Ruͤckkunft zu warten, und ging zuruͤck der Kuͤſte entlang, dem Flecken im⸗ mer naͤher. Dort, an einer, wie der gan⸗ ze Weg, ſehr einſamen Stelle ſchritt er ſin⸗ nend, aber mit ſeſten Schritten auf und ab⸗ Endlich vernahm er Tritte. Bald wurde ihm John ſichtbar und kenntlich. Dieſer wich er⸗ ſtaunt zuruͤck, als Holger vor ihn hintrat, der in voller Uniform erſchien, waͤhrend er ſelbſt, wie gewoͤhnlich, ſogar wenn er an Bord war, unbewaffnet und halb civil gekleidet war. 1 3 „Wie!“ rief dieſer beſtuͤrzt,„was machſt Du hier? warum haſt Du das Schiff verlaſ⸗ N 124 „Das werd' ich dort bei dem Chef vertre⸗ ten,“ erwiederte Holger.„Ich will hier thun, was ich dort nicht kann, mit Dir, John Former, reden. Du, John, haſt noch nicht Deinen Abſchied verlangt.“ „Was faͤllt Ihnen ein, Herr Lieutenant? ich bin Ihr Chef!“ „Leider vor Zeugen und dort auf dem Schiffe, eine verwiſchte Zeichnung hat Dich dazu gemacht; aber uns nur gegenuͤber, hier, fern von den Menſchen, unter Gottes freiem Himmel, iſt nicht der Schuft der Chef eines Mannes.“ „Maͤßige Dich!“ rief John aufgeblaſen, „was iſt Deine Abſicht?“ „Dich an Dein Verſprechen in Deiner angſtvollſten Stunde zu erinnern.“ „Jetzt iſt nicht die rechte Zeit, es zu er⸗ fuͤllen.“ „Es ſcheint ſo; allein ich finde es nothig und thunlich. Du brauchſt Dich ja nur zu verſpäten.“ 122 M Und ſiehſt Du nicht,“ erwiederte John kleinlaut,„daß ſolches meiner Ehre noch nach⸗ theiliger ſeyn wuͤrde?“£ „Luͤge ſo viel Du willſt, um ſie aufrecht zu erhalten, ich will Dir nicht widerſprechen; aber hier gilt es mehr als Deine Ehre, mehr als den ſtolzen Wunſch, daß der Rock, den wir tragen, nie von irgend jemand, der ihn angezogen, befleckt werden moͤchte. Es gilt hier den Ruhm des Landes, die Ehre der Flagge, die noch nicht bezweifelte Tapfer⸗ keit derer, die zu ihr geſchworen.— Wuͤrdeſt Du Dich dort auf unſerer naſſen Bahn nicht eben ſo gut als hier auf dem trockenen Wege vor dem Tode verkriechen? und dort haſt Du mehr als Dich ſelbſt zu vertreten. Ich bin fuͤr Dich verantwortlich gemacht worden; allein ich will es für die Flagge ſeyn. Siehſt Du, ich haͤtte Dein Signal, das nur ich kenne, uͤberhoͤren und, kraft Deiner eignen Worte, um Mitternacht abſegeln koͤnnen, aber dann huͤtte ich eine — S 123 — Treuloſigkeit begangen, und ſelbſt gegen Dich mag ich nicht treulos ſeyn. Du mußt Dich vorſpäten. Es wird Dir an keiner Entſchuldi⸗ gung fehlen. S die Zet dirts „Ich thue es nicht!“ ſagte Juhn entſchloſ ſen,„und mich zwingen ſollſt Du auch nicht;“ mit dieſen Worten trat er raſch zu ihm hin, riß ihm den kurzen ſogenannten Dolch, den die Seeofficiere im taͤglichen Diehſt tragen, blitz⸗ ſchnell von der Seite und ſchlenderte. — Meer. „Hallunke!“ rief Gone zußit ſich,„biſt Du noch immet tuͤckiſch?“ Er packte ihn feſt am Halſe, wodurch ſeine Hand die Piſto⸗ le, welche er unter dem Mantel trug, fuͤhlte. Er riß ſie ihm ſchnell aus dem Buſen her⸗ vor.—— dinn „Ich habe nur die eine,“ fuhr fort,„und die iſt blind geladen„ um das Sigual damit zu geben. Ich war hier teines 124 N ueberfalles gewärtig.— Lieutenant An—, der Vergangenheit wegen will ich dieſe Sce⸗ ne vergeſſen; aber reizen ſie Sie mich nicht „Blind geladen!“ wiederholte Holger mit ſchneller Faſſung, waͤhrend er, obgleich in⸗ nerlich kochend, mit einer ſcheinbaren Kaͤlte zuruͤcktrat und die Piſtole unterſuchte, ohne jedoch John den Weg frei zu laſſen, ſo daß dieſer unwillkuͤrlich verſtummte.„Es ſoll Dir zu nichts helfen,“ fuhr er fort.„Deine Hand ſtieß, mich zuruͤckdraͤngend, noch an ein Zeichen, das mich ſchmerzlich an ſich mahnte. Kennſt Du dieſen helfenden Ring?“ fragte er, indem er Woldemars, noch wie immer an ſeinem Buſen aufbewahrtes aber verſtuͤnmeltes, Geſchenk hervorzog;„der er⸗ innert mich an noch ein Bubenſtuͤck. Willſt Du, daß er ſelbſt es raͤchen ſoll?—“ Mit dieſen Worten druͤckte er den Ring ſchnell mit den Zähnen zu einem Klumpen zuſammen und ſtieß ihn in die Piſtole hinein.„Sie 1 125 iſt geladen,“ ſagte er.— Nun! den Tod oder kehr' um! ich weiß⸗ Du das Leben lieb haſt. n⸗ nſp John hatte bei der ciwinung des Ringes ihn ſtarr und erſtaunt angeſehen⸗ Es war als haͤtten ihn alle dieſe Fu n gemacht- „Nun! es eilt!“ rief Holger, einer kurzen Pauſe.„Waͤhle!“ 2 ,So ſagt auch der i0n la bourse ou la vie,“ 9 mit vet⸗ biſſenem Ingrimm.— Da war es mit Holgers Leſunnenpeſt aus. „Bube!“ ſchrie er, druͤckte los, und der Ring begrub ſich in Johns Herzen. Er ſank todt zur Erde. Holger ließ die Piſtole un⸗ willkͤrlich fallen, warf einen duͤſtern Blick auf den Todten, ſeufzte laut, und ging mit ſchnellen Schritten, eine Lieblingsmelodie pfei⸗ ſend, wieder zum Boot.„Noch nicht da?“ rief er den vertrauten Matroſen zu.„Nun denn, in Gottes Namen,“ fuhr er fort. 126 „Stoßt ab, wir duͤrfen nicht ſaͤumen.“ So wie er an Bord ſtieg, verkundete das Glas Mitternacht. Er ſchuͤttelte nur den Kopf zu allen Fragen der! Officiere, machte ſie auf die Ordre und die eignen Worte des Chefs aufmerkſam und ließ mit ihrer Zuſtimmung die Anker lichten.„Er wollte es ſo,“ ſag⸗ te er zu ſich ſelbſt, als er waͤhrend des Auslaufens aus dem Hafen ſtill auf und nie⸗ der nuf dem Verdecke ging.„Ich bin nun Chef, freilich waͤre ich es ſo lieber nicht, aber um die Ehre der Flagge bin unbe⸗ der iſlnmet Sule ein 6 hochwichtige Ordre, deren Ausfuͤhrung die hoͤchſte Geiſtesgegenwart und Kuͤhnheit erheiſchte.* gab dem Boote einen kurzen Bericht wegen Johns Ausbleiben mit zuruͤck, und, ein zweiter Tordenſkiold, trat er kampfluſtig auf das Perdeck heraus. Die jnngen Officiere cheilten ſeine raſche Begeiſterung. Waͤhrend 127 einiger Wochen eilte er von Gefahr zu Ge⸗ fahr, und uͤberwand, den Feind immer nek⸗ tend, alle gluͤcklich; durch ſeine Thaͤtigkeit wurden viele wichtige Plaͤne des Feindes ver⸗ eitelt; ſein Untergang wurde dieſem immer angelegener⸗ Endlich wurde er durch Huͤlfe eines unvorhergeſehenen Hinterhaltes von einer ſo entſchiedenen Uebermacht umgeben, daß dieſe zu erwarten ſchien, er wuͤrde, ohne eine Kanone zu loſen, die Flagge ſtrei⸗ chen. Aber der Feind kannte Holger noch nicht.—„Mein!4 rief erz„herabgeſchoſ⸗ ſen mag ſie werden, aber geſtrichen nie; kein däniſcher Seejunge wird lebend das heilige Tau durchſchneiden, und todt er es nicht. 4l. N einem Seict von vier Stunden, nachdem ſein Schoner faſt ganz durchlöchert, und es ihm gelungen war die Ruder zweier feindlicher Schiffe unbrauchbar zu machen, erhob ſich gegen Abend ein Wind, der ſein ſchon ungelenkſames Schiff, das zwar noch 128 deim Steuermann gehorchte, aber nur weni⸗ ge Haͤnde es zu lenken uͤbrig hatte, faſt wie durch ein Wunder, in einen Felſencanal yineinfuͤhrte, an deſſen Eingang das naͤchſte verfolgende kleine Fahrzeng ſich feſt lief und ſo ſelbſt eine Mauer gegen den Eindrang der uͤbrigen bildete. Durch dies Gluͤck, Allen auf dem Schiffe ſelbſt unbegreiflich, kam der Scho⸗ ner, einem Wracke faſt aͤhnlich, in demſelben Hafen an, von dem er ausgelaufen war. Allein mehr als die Haͤlfte der Mannſchaft erreichte ihn lebend nicht. Die wenigen Un⸗ verletzten, ja ſelbſt die ſchwerer oder leichter Verwundeten, unter welchen letzteren Holger ſich ſelbſt befand, waren wie trunken von Blut, Gluͤck und Sieg; denn ſo war ihr Entkommen wohl zu nennen. Die kebhafteſte Bewunderung, die dankbarſten Gluͤckwuͤnſche empfingen ſie; denn aus vielen von den Stadt⸗ bewohnern faſt uͤberfuͤllten Fiſcherbooten war das glorreiche Gefecht in der Ferne angeſtaunt worden. . 8 120 Berauſcht von freudiger Befriedigung, we⸗ gen der zwar beſiegten aber nicht uͤberwunde⸗ nen Flagge, allein doch mit einem leiſon Sta⸗ chel im Herzen, von dem er⸗ indeſſen nichts wiſſen wollte, eilte Holger mit verbundenem Arm in Woldemars Umarmung. Es draͤngte ihn, ſein Innerſtes ganz in deſſen treuen Buſen zu ergießen; dann, meinte er, wuͤrde auch alles wieder gut werden; der Freund wuͤr⸗ de fuͤhlen, daß er nicht anders haͤtte handeln koͤnnen. 10 Woldemar empfing ihn mit ſtuͤrmiſcher, ungeheuchelter Freude, durch welche jedoch eine leiſe Wehmuth hervorſchimmerte. Holger muß⸗ te ihm das Gefecht auf das umſtaͤndlichſte mit⸗ theilen. Als endlich dieſer Gegenſtand durch und durch beſprochen war, ſagte Holger auf einmal beklommen:„und John, was weiß man von ihm?“ ir Ohne zu erwiedern, zog Woldemar ein Zeitungsblatt unter andern Papieren hervor und reichte es ihm hin. Holger las: 3 9 M m Morgen nch Abſegelung des „Schoners, welcher der Ordre gemaͤß zur „beſtimmten Stunde abging, wurde deſſen Chef todtgeſchoſſen an der Kuͤſte gefunden. „Ob er meuchelmoͤrderiſch getoͤdtet, oder „das Opfer eines augenblicklichen Wahn⸗ „finns geworden, auf welchen letzteren meh⸗ reres iſt leicht 6e den.“ „Meuchelmoͤrderiſch!“ Holger erſchuͤt⸗ tert. „Nein! das gewiß nicht,“ Wol⸗ demar ernſt und wehmuͤthig,„denn ich zweif⸗ — daß er durch Deine Hand e es möglich? Du weißt ſchon?—“ rief Holger hoͤchſt uͤberraſcht. „Ich habe keinen Augenblick daran gezwei⸗ felt; Dein letztes Wort, als Du Dich von mir trennteſt, und noch mehr der goldne Klumpen, der in ſeinem Herzen gefunden und noch Merkmale träͤgt, die mir ein helles Licht ge⸗ S ——— ——— MNN ben, hnimn mir es zugefloͤſtert. Starre mich. nicht ſo an* fuhr Woldemar beguͤtigend fort; „ich habe jedem Verdacht, Dich betreffend, vorgebeugt; da ich den Oberbefehl hier hatte, wurde mir ſogleich die Auffindung ſeiner Leiche gemeldet; ich ließ der Sitte nach die Wunde ahnungslos unterſuchen; nur ich und der Wundarzt, unſer Freund, waren zugegen⸗ er reichte mir hoͤchſt betroffen das todtende Gold; meine augenblickliche Beſtürzung be⸗ fremdete ihn noch mehr. Er ahnete ein Ge⸗ heimniß, aber er ehrte mein Schweigen und ließ mir die Kugel. In ſeinem Gutachten er⸗ waͤhnte er ihre metalliſche Eigenſchaft nicht, aber uͤberließ es ganz mir, den Bericht nie⸗ derzuſchreiben; und dieſer kann nicht verra⸗ then, was mir der Zufall entdeckt hat. Nicht wahr, ein Duell?— erkläre mir das Unbe, greifliche.“ „Nun, ein Duell wohl eben nicht,“ ieh Holger unſicher fort.„Ich bin zwar ein Morder, inſofern ich ihn getodtet habe, aber 9. 132 MÑ bei Gott ſein Tod laſtet nicht auf mei⸗ ner Seele, und doch, hoͤre, Du ſollſt al⸗ les erfahren.“ Und nun erzaͤhlte Holger ihm das ganze Ereigniß, von dem erſten Ent⸗ ſtehen in ſeinem Innern, ſammt allen klei⸗ nen, dem Freunde unbekannt gebliebenen Um⸗ ſtaͤnden, die ſein Benehmen beſtimmt, bis an den blutigen Ausgang, der jedoch, das Werk eines Augenblicks, außer ſeiner Berech⸗ nung lag.„Wuͤrdeſt Du an meiner Stelle anders gehandelt er ſeinen Be⸗ richt. „Freund! ich weiß es icht, 4 emitderte Woldemar duͤſter ſinnend;„aber ſo wie alles gekommen iſt, glaube ich es kaum. Ich halte mich weder fuͤr beſſer noch W von Gemuͤth als Dich.“ „Beſſer,“ wiederholte e lang gezo⸗ gen, ihn ſcharf ins Auge faſſend.„Hm! Ja ſo— Ja! beſſer und reiner,“ fuͤgte er ſchnell hinzu.„Nicht wahr, Du wirſt mir einen Zwieſpalt in mir, den ich nicht verſtehe, 133 erklären koͤnnen?— ich bereue nicht, was ich gethan, nur Sorge fuͤr die Flagge leitete meine Schritte; aber ſeine Schlechtigkeit uber⸗ mannte mich; dennoch erregt die Art ſeines Todes eine Unruhe in mir, die ſich nicht beſchwichtigen laͤßt; nur Kanonendonner und Pulverdampf gewaͤhrte mir Wonne, weil ich durch dieſe jene betaͤuben konnte. Komme ich aber wieder in Ruhe, wie jetzt, dann— ſollte ich— etwas Unrechtes geihn ha⸗ ben?“ 4800 „Holger,“ Woldemar,„ich kann nicht luͤgen: ich glaube es faſt; wenn auch nicht als Menſch,— denn ein Mann als Mann erkennt keine Geſetze, er iſt ſich ſelbſt Geſetz, ſo doch als Trä⸗ ger dieſer Uniform, als ehn Regeln unter⸗ than.“ „Ich hatte ſie duͤ⸗ ſter. „Doch laß das Dich troͤſten,“ fuhr Wol⸗ demar, die Stimme erhebend, fort,„daß 5 * 134 Du der Glorie unſerer Marine einen noch höheren Glanz verliehen, da er ſie in Schmach verwandelt haben wuͤrde. Du haſt eine Milbe getoͤdket, die ſonſt das Tuch der Flagge zer⸗ nagt haͤtte; und den lichtſchenen Flecken, den ihr geſetzwidriges Zerdruͤcken daran nachgelaſſen, haſt Du glorreich mit Feindesblut wieder aus⸗ gewaſchen, und Dich ſo uͤber das Geſetz hin⸗ aufgeſchwungen, deſſen Buchſtaben die That verfallen iſt, ob auch unſer Wille uns los⸗ „Nichts kann mich troͤſten!“ erwiederte Holger, bleich wie eine Leiche.„Du haſt das ausgeſprochen, dem ich Worte weder geben durfte noch konnte. Auf Wiederſehen!“ „Willſt Du mich ſchon verlaſſen?“ fragte Woldemar, unwillkürlich betroffen. „Ich muß meine Verwundeten beſuchen und den Rapport niederſchreiben. Ich möͤchte, daß ich ihn ſchon geſchrieben haͤtte! Aber noch eins, gieb mir den todtenden Goldklumpen zu⸗ — „Wiliſt Du mir ihn nicht laſſen?“ frag⸗ te Woldemar mit einem durchdringenden „Nein! ich laſſe Dir nichts⸗ was Dich nur an mein Unrecht erinnern kann.“ Holger ginge e K bnn 4 Der beſorgte Woldemar ſah ihn in einigen Tagen nicht; doch erfuhr er, daß er das Laza⸗ reth haͤufig beſuche, ſo auch die Stadtbehoͤrden, und den uͤbrigen Reſt des Tages, in ſeinem Zimmer verſchloſſen, viel mit Schreiben be⸗ ſchaͤftigt ſey. Wohl wiſſend, daß ſeine eigene unruhe dem mit ſich ſelbſt entzweiten Freunde leicht noch verderblicher werden konnte, mochte er ihn nicht ſtoren. Eines Abends trat jedoch Holger unerwar⸗ tet in das Zimmer zu Woldemars Brant hin⸗ ein, bei der dieſer ſich gern um dieſe Zeit be⸗ fand. Er war ſehr ernſt, aber eine ſonderbare wehmuͤthige Ruhe war uͤber ſein ganzes Weſen ergoſſen. 136 „Werden Sie mir verzeihen, Fräulein,“ ſegte er mit iner ihm ungewohnten Innigkeit, „daß ich Sie heute meines Freundes beraube? Der Abend iſt ſo ſchön und hell, und ich ſeh⸗ ne mich einen Gang ins Freie mit Dir zu 1he Woldemarz wis möſi ſen — umarmte n Braut und folg⸗ te dem Freunde. Arm in Arm gingen ſie aus dem Flecken den von dem zunehmenden Mondr beſtrahlten Weg an der Kuͤſte ent⸗ laug; nur wenige Worte waren bisher ge⸗ wechſelt. Woldemar merkte dem Freunde rtwas Ungewohnliches an. Er hatte nur kur⸗ ze und zerſtreute Antworten erhalten. Endlich blieb Holger an einem von Felſen faſt einge⸗ ſchloſſenen Orte ſtehen.—„Haſt Du mich noch lieb, Woldemar 2 er „Welche Frage 0— „Meine Hand iſt rein,.— bei— mein Herz iſt es.“ 137 „Das iſt rein wie Gold, die Hand haſt Du glaͤnzend abgewaſchenz wie kannſt. gen, ob ich Dich lieb habe?“ „Doch gewiß nicht ſo wie tihu Wir ſind allmaͤlig auseinandergekommen. Dein Maͤdchen hat mir Dein Herz in etwas ge⸗ raubt— ich gehoͤre Dir ganz.“ „Ach Holger! ich wollte, und beſonders jetzt, daß auch Du den Engel der wahren Liebe kennteſt; er iſt anderer Art als der der Freundſchaft, aber feinvlich ſind ſie ſich nicht geſinnt, im Gegentheil,— und er⸗ heben ſich an einander.“ „Alſo,“ fuhr Holger lebhaſt it ich Dir noch eben ſo lieb als jenen Abend, da wir in einer wahrhaft heiligen Stunde Bun⸗ desbruͤderſchaft mit einander tranken?“ „Gewiß, dieſe Stunde iſt mir noch imms wie Du ſagſt, heilig und werth.“ „Erinnerſt Du Dich denn,“ verſetzte Holger,„daß wir beide den Eid abgelegt, uͤber die Chre der Flagge, uͤber unſro eig⸗ 138 ne Ehre zu wachen; daß wir beide geſchwo⸗ ren, daß den von uns, der ſich dieſer unwuͤrdig betruͤge, der andere wohlthaͤtig mit dem Tode beſtrafen S S Du Dich deſſen?“ „Ja wohl!“ erwiederte m teinlaut, mit einem ahnenden Blick auf den — ü Sieh, Phta h— uc unwuͤrdig gemacht; ich habe— Du kennſt den Hergang der Sache, ſo gut wie ich ſelbſt — ich habe ein doppeltes Verbrechen gegen ſie begangen: ich habe meinen Chef getod⸗ tet, eine lichtſchene Mordthat vollbracht. Sa⸗ ge nicht, daß es der Welt ein Geheimniß bleiben wird. Sage mir nichts. Wir wiſ⸗ ſen es, ich ſelbſt weiß es, das iſt ge⸗ nug. Kann ich, dem, nächſt Gott, die Reinheit meines ehrenvollen Standes das Hoͤch⸗ ſte iſt, ich, der ich zu dieſer Meinung mich offenkundig bekannt und mich als ihren Ver⸗ ſechter bruͤſtend hingeſtellt habe, kann ich dus 439 Bewußtſeyn ertragen, insgeheimn ihrer unwuͤr⸗ dig gehandelt zu haben? Ich fuͤhlte erſt recht den Fluch meiner That, als dieſe befleckte Hand den Rapport niederſchrieb, der, wie ich es auch wendete, meinen Ruhm ausſprach Rein, Strafe muß ſeyns Strafe verſoͤhnt und reiniget. Aber was ich heimlich verbro⸗ chen, darf ich auch heimlich bͤßen. Schieße mich nieder, Woldemar!“ fuͤgte er hinzu, waͤhrend er eine Piſtole aus hervorzog. — Du von eunen 7 ent⸗ „Wie?“ rief Holger,„Du weichſt zu⸗ nimm ſie! Ich habe die theure Ga⸗ be Deiner Freundſchaſt befleckt;— ach! Du weißt nicht, welche Nemeſis darin ge⸗ waltet— aber ſie ſoll, das darf ich ſa⸗ gen, im beſſeren Blute wieder rein gewaſchen werden. Der Ring ſteckt in der Piſtole⸗ Laß ihn, der ſo lange auf meiner Bruſt geruht, nun in ihr bis auf ewige Zeiten ruhen. Kann mir denn ſanfter kom⸗ men? „Ich es ſ verſetzte der Freund. „Woldemar!“— fuhr Holger wehmuͤthig fort—„iſt es denn immer des armen Men⸗ ſchen Loos, in der erſten Jugend beſſer zu ſeyn, als wenn er bereits in die Welt ge⸗ treten? Erinnerſt Du Dich, wie Du ruhig, als wenn es nichts betraͤfe, um einem uͤber⸗ eilten Wort getren zu bleiben, aus dem Fen⸗ ſter ſprangſt und ſo Dir mein Herz auf ewig gewannſt, und nun willſt Du ein ſo i Geluͤbde brechen! Beim ewigen Gott! im um⸗ gekehrten Falle wuͤrde ich, ubn— ten.“ i Rn „Es war damals etwas ganz anderes, denn es galt mir allein. wilſt Moͤr⸗ der machen.“ „Du biſt mein. nicht; meine eigne That iſt's, die durch Dein Verweigern mich noch ſchwerer druͤckt. Bin ich denn nicht mehr werth von Deiner treuen Hand zu ſter⸗ 144 ben? Kannſt Du mich, Deinen Stand der , Schande Denn— re—“ „Schwoͤre nicht,“—„ Wolde⸗ mar. ts Nein,“ uh er ruhig fort;„denn 6 habe es ſchon geſchworen, und Du weißt, ich halte Wort: wenn Du meine Bitte verwei⸗ gerſt, uͤbergebe ich mich noch morgen den Kriegsgeſetzen. Die Uniform darf auch keinen geheimen dunklen Flecken tragen, aber die Welt wird meine That noch ſchwaͤrzer machen, muß ſie einen aus Haß und Neid hervorgebrachten Meilchelmord nennen. Du, der Du in mei⸗ ner Seele denkeſt, weißt, daß es nicht ſo iſt; darum, willſt Du den Freund dem Hen⸗ kerbeil, die Ehre des Corps dem Hohnlachen des Reides hingeben? Ich bitte Dich knieend, Woldemar, gewaͤhre mir den Troſt, in Dei⸗ nen trenen Armen meine Schuld mit dem Leben auszuhauchen. Auch Du haſt geſchwo⸗ 142 „es ſey!“ rief Woldemar ernſt und ent⸗ ſchloſſen;„ich muß alles mit Dir theilen, auch das Unrecht.“ Er umfaßte mit dem lin⸗ ten Arm den Freund, und druͤckte zum erſten Mal einen langen heißen Kuß auf ſeine Lip⸗ pen; mit der rechten Hand ſetzte er ihm die Piſtole an die Bruſt und druͤckte loss. Holger tag ohne einen— in ſeinen Armen ver⸗ ſchieden. Nach einem flͤchtigen duͤſtern Blick„ den einſamen Weg trug Woldemar die Leiche pis vor den Flecken; dann ließ er den Freund hinter das Buſchwerk nieder, bedeckte ihn mit dem Mantel und ging in die Stadt nach Hol⸗ gers Wohnung. Dort rief er Mads. „Dein Lieutenant,“ fluſterte er,„iſt 6 lich deforten. St! mache keinen Laͤrm.“ „Habe ich es nicht.— Mans die Hände faltend. „Wie ſo?“ „Seit wir ans Land gekommen ſind, hat er ſich immer geklagt. Es iſt auch kein Wun⸗ 143 —— der, er dachte nie an ſich ſelbſt; er ſehe einen Blutſturz voraus, ſagte er, und hat auch ſchon ſein Leſnment bei dem Gericht niederge⸗ , Wo iſt er denn geſtorben?“ „NAuf dem Strandwege,“ erwiederte Wol⸗ demat, deſſen Gedanken durch Madſens Worte eine beſtimmte Richtung nahmen.—„Was er vorausgeſehen, iſt eingetroffen, obgleich ſein Blut nicht ſo wie Du denkſt geſloſſen iſt. Allein biſt Du, wie ich glaube, unſers Ver⸗ trauens werth, ſo laß es Dir genug ſeyn, daß er in meinen, in ſeines Freundes Armen grſtorben ſt. und grubele nicht uͤber die Wun⸗ de und ich an ſeiner Bruſt er⸗ bli um jedem Geſchwaͤtz vorzu⸗ beugen, wolle ide in der Racht ihn hicher durch de in ſein Zimmer tra⸗ gen.“ und ſo geſchah e Rond ſelbſt verhuͤl⸗ te ſein Antlitz waͤhrend des traurigen Zuges. Dann wurden die verbrannten Kleidungsſtuͤcke beſeitigt und die Leiche— gelegt. „ Als Mas alſein but eb, betrachtete er mit immer nuſſ eren Augen den Todten.„So, ſo, am Sttatde;“ ſahte er endlich dumpf.„Gott Lob, daß d Denken nicht an mir iſt, denn! es konnte iich wirr im Kopfe machen. Dort iſt es nicht gehener; allein das Wort des Lientenants iſt mir genug; mir ſoll die. ſelbſt keine Sylbe entreißen.“ Den folgenden Morgen hieß es chon du all, daß man den Lientenant An— todt von einem Blutſtutz im Bette beigerufene Arzt ſollte es ausgeſag Woldemat fiel es nun anheim, zu ordnen und die Beerdi Die Behörden eſ mit. Er hatte der r 145 S pſunden,„denn Holger war ihr um ſeiner ſelbſt willen werth, und noch mehr, weil jeder Ge⸗ 9enſtand, der dem Geliebten nahe ſeht, dem Liebenden auch thener iſt. Sie ſiog in Throt nen ausbrechend in ſeine Arme; als ſie aber ſeine ußere Hinfaͤlligkeit bemerkte, erſchrak ſie mnutthrich⸗ und wurde blaß. „Was ergreift Dich F ſeu er betroſ. — tn— öre „Die Gewalt— Schneties, ſigte ſe beklommen.„Vie oft habe ich aus Scherz, wenn ich der alten heidniſchen Zeit gedachte, Deinen Fru und Dich, mit ihren zu ſerben und— Gb ſich umſchließen zu laſſen Nun Gott Lob⸗ daß jene heidniſche Rohheit dem chriſtlichen ſanfteren Glanben gewichen und ver⸗ buͤrgt mir Deine Liehe mir nicht anch, 10 KW 146 — iez Du dieſen wenuß n n— 6 ² 3 3 8 Er diuckte ſie ſeſt nſei irß eu vcheuſtt⸗ Glaube giebt vieletlei Meinun⸗ gen Rautm, ſo wie dieſe verſchieden in jeder Bruſt und in jedeim Gewiſſen entſtchen,“ ſag⸗ te er dumpf.„Nun nichts mehr davon.“ Wie?“ flüſterte ſie mit verſagender Stim⸗ me.„Du konnteſt eines Selbſtmordes fůhig ſehn, den unſtre Sittenlehter eine— *—— ie di Deinen n— Ninm e nene ₰ 147 ſeinen Rachlaß. Ich will nicht verhehlen, daß er dadurch mich ſehr, ſehr uͤber Deine aͤußere Lage beruhigt habe. Er ſtand ſiegreich in vol⸗ er Kraſt, und nun— wer weiß⸗ was vuch mir begegnen kaun 7 „Dir?— das verhuͤte Gott! „Still! Marie! Die Braut eines Krie gers muß auf alles gefaßt ſeyn; und die Zeit Pringt immer Ruhe in ein reines Herz. Ja, wir waren Foſtbruͤder! Es liegt mir ob, ſei⸗ nen Tod zu rächen, mein Beruf erheiſcht es; eine verſteckte Wunde hat ihm den Tod ge⸗ 6racht. Ich muß auch gegen den Feindi ich genng hier— vor nnt ge⸗ une, vie hbenien e 5 Knnp⸗ 3 und Thatendurſt das gluckliche Lovs des Freundes beneidet, hatte keine Antwort auf dieſe Rede, ſondern nur ſiille Thranenz! aber da er ſich nun von ihr trennen wollte, und es nicht vermochte, und immer zuruͤrktehrte, um ihr aufs Reue gute Racht zu ſaben, bis er ſich 10* 148 mit ſichtbarem Kampfe losriß, war es als ſollte ſie ihn nie wieder ſehen. Aber er kam den folgenden Tag wieder, 6 auch mehrere Abende nach einander. Ja, es war ſogar, als blickte ein ſiegender Muth durch ſeinen ſtillen Ernſt hervor. Sie erfuhr, daß er die Tage in großer Thaͤtigkeit verbrach⸗ te, daß er nicht allein uͤber die Batterie, ſon⸗ dern auch uͤber den beſchaͤdigten Schoner wach⸗ te, welcher, oder auch ein anderer, ihm bald uͤbergeben werden wuͤrde. Auch fuͤr Holgers Verwundete ſorgte er mit kreuer Sorgfalt; es war als ptte er alle ſeine Sorgen und Pflich⸗ ten uͤbernommen, und er ordnete mit raſcher 3 umſicht Alles, was der Augenblick erheiſchte; aber dann war es auch, als wenn die ganze Schwere ſeines Vrluſtes ihn zu Boden druͤckte, in den ruhigen Stunden, die er ernſt, ſehr oft in einer truͤben feierlichen Stimmung, bei ſeiner Braut verlebte. Sie ſuchte ihn zu erheitern, aber es gelang ihr nur ſeinen ſtillen Ernſt in eine bei ihm befremdende weiche Wehmuth aufzuloͤſen. 149 Schnell nahete indeß der Tag, der zu Hol⸗ gers hochſt feierlichem Begraͤbniß beſtimmt war. Den Abend vorher wurde er, der Landes⸗Sit⸗ te gemaͤß, in voller Uniform in dem ofſenen Sarge liegend in ſeiner Wohnung offentlich zur Schau ausgeßtellt. Faſt die ganze Stadt ſtroͤmte zuſammen, um den gefeierten Heros zu ſehen, von deſſen durch die Verherrlichung ſeiner Flagge erkämpfter Glorie ſie entfernt Zeu⸗ ge geweſen. Woldemar allein ging nicht hin. Ja er hatte nicht einmal die Leiche ſeit jener Nacht ſehen wollen. Er blieb dieſen Abend, in vorher erwaͤhnter Stimmung, laͤnger als gewohnlich bei ſeiner Braut; denn er hatte auf der Batterie erklaͤrt, daß er dieſe Nacht nicht zuruͤckkehre. Gegen Mitternacht druͤckte er Marie feſt an ſeine Bruſt und wollte ſich ſchweigend entfernen. „Armer Woldemar!“ ſprach ſie,„ein ſchwerer Tag erwartet Dich! kannſt Du es auch ertragen, den—— Grabe be⸗ gleiten?“ 150 Ich muß erwiederte er.„Lebe wohl, Marie! ich gehe jetzt zu ſeiner Leiche, ich will det Letzte ſe Mit einem feſten Haͤndedruck, der ihr bei⸗ ijei Schrei entriß, trennte er ſich eilig von ihr und begab ſich nach Holgers Woh⸗ nung, durch eine Hinterpforte, die vom Gar⸗ ten nach dem Strande— an ven ein Boot befeſtigt lag. 69 9 Die Menge hatte ſich en laͤngſt— ſu Mads hatte bereits die Kerzen um den Sarg ausgelöſcht. Es brannte nur noch eine am Haupte der Leiche. Er zog ſich ſtill zu⸗ ruͤck, als Woldemar hereintrat. Dieſer be⸗ trachtete lange ſchweigend mit in einander ge⸗ ſchlungenen Armen den Todten; dann ſagte er leiſe in ſich:„Ja, das Pfand unſeret das ich in Deine Bruſt begra⸗ c gezweifelt, Holger? Ich ſche Dich noch, wie Du mir auf ven Ferſen folgteſt; aber Du gingſt doch voran.— Willſt Du der ſeine Ueberreſte ſieht.“ ieht mich nach. Du haſt doch — mir auj.. er ſan Aber er erſtaunte noch mehr, als er wieder herauſtam, de n der Sarg war leer, und er bemerkte, daß Wol⸗ demar im Nebenzimmer die Leiche ſeines Freunt des in ſeinen Wa nih auf das Bett niederlegte. „Lege die Sptine in den Sarg Jagt Woldemar raſch wieder eintretend,„und pü mir ihn zuſchrauben⸗ Moͤgen ſie ihn morgen mit leerem Gepränge und feierlichen Ehrenbe⸗ zeigungen niederſenken, waͤhrend ſie Gott danken, daß ſie ſeiner Glorie wohlbehalten haben zuſehen konnen.— Wir, Mads, ha⸗ ben ein beſſeres Gr 5 ſür ihn. trockne dumpfe Erde hat ihn immer angewidert. Ich 152 habe ihn in die Flagge ſeines Schoners ge⸗ wickelt, die Du trene Seele ihm ünter das Haupt geleht; und ſo wollen wir ihn in das Meer verſenken, in das Meer, wel⸗ ches er liebte, und das freundlich ſeinen ta⸗ pferſten Sohn umarmen wird.— Willſt Du mit mir folgen? Du allein. Eine kleine Schaluppe liegt— am des Gartens uns aufzunohmen“ un „Hurrah!“ rief Mads. Da hat er den Wunſch des Seligen getroffen, Herr Liente⸗ nant. Des Seemanns Element Grab!“ Still und ſchnell ward der des 5 zuzencht. Gelaſſen loͤſte Woldemar ſeinen Saͤbel ab, denn auch er war in voller Uni⸗ form, und legte ihn auf den Deckel. Dann druͤckte er Holgers Hut auf das Haupt ſeiner Leiche, und aufrecht, als wenn er noch leb⸗ te, ttugen ihn Mads und Woldemar in das wartende Boot, wo der letzte die theure Laſt an den Vorderſtewen hinſtellte, mit den zu⸗ 153 ſchloſenen Angen i das Meer gerehrt den Freund gend, feſt wie einſt, da jener ihn hel auffäßte; waͤhrend Mads, ehe er noch das Ruder ergriff; eifrig eine heimlich e d die befeſtigte.. du „Was machſt Vurſchel“ demar,„die Sonne iſt ja nicht auf!“ Mads zeigte auf den vollen Mehrt der zwiſchen den jagenden Wolken in dieſer ziem⸗ lich ſtürmiſchen Macht hervorblickte. Der Mond iſt die Sonne der Todten,“ ſagte er ſeufzend.„Er war ein wackerer Seemann, und die Flagge muß zur Trauer— —— wehen.“ Schnell lenkte er den ſn Ki duich die immer wilder rollenden Wogen, die von dem Winde aufgeruͤhrt das Boot hurtig in das immer offenere Meer hinausfuͤhrten. Wol⸗ demar ſtand ruhig am Vorderſtewen, die Lei⸗ che des Freundes feſt an ſeine Bruſt gedruckt, und ſo wie die horchenden Maͤdchen einſt auf — 11 ₰ 154 dem Balle durch die ranſchende Muſik Wol⸗ demars fonore Stimme ver ſo ſchlug dieſelbe auch jetzt und Wellengebraus nur in dumpferen Toͤnen an Madſens Ohr, der mit leiſem Gefluſter die — nur wnig önrtn Wori&eaki⸗ „Der Daͤnen Weg zu n und mn — Meer 3t ————— war, ſtrzte ſich Woldemar mit der Leiche im Arm in den beweglichen Schlund; die befreunde⸗ ten Wellen ſchlugen laut jauchzend hoch uͤber Beide zuſammen. Mads ſprang aber erſchrok⸗ ken in die Hoͤhe und ließ das Ruder fahren. Lange ſtarrte er ſchweigend in die Wellen hin⸗ usgeſunkenen gewaht. Dann wiſchte er ſich 155 netiſch d vie pelen Thränen aus den nt „Was geht es mich an!“ ſagte er dumpß, ℳ ſoll ja nicht denken. Aber das Maul will ich deſſen ungeachtet. halten, denn ich bin nicht dumm, und die Flagge ſoll ganz von der Stange herunter, denn dio hellſten Edelſteine in der— Seekrone—— dem Grunde des Meeres.“ wcie Er ruderte mit Anſtrengung„2 te Niemand hatte ſeine kurze Abweſenheit be⸗ merkt, und er ſchwieg. Das Begraͤbniß wurde begangen. Alle waren erſtaunt uͤber das plotzliche Verſchwinden des Freundes; aber Mabs ſchwieg. Lange hoffte man auf Wol⸗ demars Zuruͤckkunft; nur ſeine Braut nicht. „Er ſtarb,“ ſagte ſie mit einer unerſchuͤtter⸗ lichen Beſtimmtheit,„noch in der Nacht, in welcher ich ih um letzten— aber — weiß ich ichi Erſt nach Jahten, nachdem die eit und das Leben ihre Wunden geheilt⸗ brach end⸗ lich Mads gegen ſie, von ihr dringend dazu 156 aufsofordert, ſein Schweigen. Denn aufge⸗ fundene Papiere, welche von dom vorerwaͤhn⸗ ten Lnzareth⸗Arzt, Woldemars Freund, mit⸗ getheilt worden ſind, waren ihr ſchon zu Hän⸗ den gekommen, und machten ſie und einen klei⸗ nen Kreis von vertrauten Freunden mit dieſer nie fruher als jetzt laut Sn Bege⸗ h brec —— anna P apri. Eine ſuͤdliche Novelle. * Sea ie ſ0 me zene trugen Don Rictiatds Canori, einen zwar nicht ril⸗ chen, doch vornehmen ntapolitaniſchen Etel⸗ männ, mit ſeinem einzigen Sohne, Genna⸗ ro, einem ſchlanken ſiebzehnjährigen Juͤngling, nach dem ſchonen Florenz. Es war ein liebli⸗ cher Fruͤhlingstug; hrelt ſpiegelte ſich die Son⸗ ne in den breiten kaum bemerkbar hinfließenden Gewäſſern des Arno, und warf ihren freund⸗ lichen belebenden Schein auf die muntern Piu⸗ ſer und feſten Palläſte, die ſein Ufer ſchmuͤk⸗ ken. Don Ricciardo ließ das Pferd in ſei⸗ nem gewohnlichen Schritte gehen, während er ſchweigend und lächelnd die kurze glůͤckliche Zeit, die er in früheren Tagen in vieſer Stadt zuge⸗ vracht hatte, in ſeine Erinnerung zuruͤcktief, bis ſie endlich bei der Herberge ſtill hielten. Kaum hatte er dort nebſt dein Sohne ſene geſſetracht abgeiegt und ein leh haftes prachtvol⸗ les Kleid angezogen, als er Gennaro bei der Hand faßte und ihn in dieſe weitberuhmte Stadt hinaußſöhrte, indem er ſich mit herz⸗ icher Frende der chalb vergeſſenen. Straßen zu entſinnen ſachte die ſie gach dem Hauſe der S Olirin führen ſollten⸗ einer reichen Geſchecht in ſrühern Tagen mit det 1 ciar gnau verbunden, und 7 einß ſo gluͤcklich geweſen beden⸗ Di zu ſeiſter As Wittwe und Wutte einer jungen unverſorgten Lochter glauhte Donns Olrig nicht beſſer ihre Dank⸗ barkeit anzprhckfn und das Gluck ihres Hauſes beleſigen, öu koͤnnen, als durch die Ver in⸗ dung mit dem Sohne ihres Wohichters. Sie hote Don Riido dies 2 rbieten ſchriftlich grnacht i und dieſer wat jett mit dem Soh⸗ ne wuch Fiotenz e 8. mündlich zu — F e nun teide auf den put su ria Novella, einen der groͤßten und anſehnlich⸗ ſten der herrlichen Stadt, kamen, ſand der Vater auf einmal ſtillz es war ihm, als o eine vergeſſene Erinnerung vöttch aufs Neue in ſeiner Seele lebendig wuͤrde; indeſſen fußte er ſich doch bald, ſchuͤttelte den Kopf und woll⸗ te eben ſeinen Gang fortſetzen, als ſein Blick auf einen alten ſchwachen Geiſtlichen ſel,. der ſich mit niedergeſchlagenen Augen und langſa⸗ men Schritten gegen das weitlaͤufige Kloſter, von welchem der Platz den Namen tigt⸗ bwete. Beſturzt eilte Don Ricciardo zu ieſen hin und ergriff ſeine Hand, indem er rief:„Sehe ich auch recht! Pater Anſelmo, Ihr lebt ni und beſindet Euch wohl?“ Der Moͤnch erhob langſam ſe ingenfß ſen Blick auf ihn und ſagte: 6 ſn Wr Ich tenne Euch nicht.“ „Da habt Ihr mich doch in getannt mich fuͤr mich ſelbſt fuͤrchten gemacht, 11 462 doch bei der heiligen Mutter Gottes, 6. mir nicht wahr geweiſſagt!““ „Laßt hoͤren!“ juhr der Pater verwundert und laͤchelnd fort,„denn mein Gedaͤchtniß hat mich beinahe ganz verlaſſen; ich bin alt und ſchwach, und werde bald vor einen Richterſtuhl treten, wo jedes Wort gewogen und Sebe Lu⸗ ge geahndet wird.“„ 8 „Ich bin Rieciardo C der. deſſen Vater Ihr, hier an dieſem Orte, wo wir jett ſehen„auf ſeine Frage: was Euch von dem jungen Knaben duͤnke, den er in Eure Meſſe zu begleiten im Begriffe ſtand, zur Antwort gabt: SIhr fuͤhrt ein Lamm in Gottes Haus hinein, aber ein wilder Löwe, der in ſeiner Raſerei die Klauen am grauſam⸗ ſten gegen ſein eigenes Fleiſch ausſtreckt, wird wieder herausgehen; und als mein Vater dar⸗ auf betroffen und mißmuthig rief: vermag denn nichts dieſe rohe Unbaͤndigkeit zu zähmen? er⸗ wiedertet Ihr mit Bedachtſamkeit, indem Ihr gen Himmel zeigtet: nur Gott! vonach ———— 16½ uns, ohne ein Wort weiter zu ſagen, verließt. Aber, der Herr ſey gelobt! Ihr habt Euch geirrt! mein ſeliger Vater, daß ihn Gott in ſeinem Himmel erfreue, war ein eben ſo ſtren⸗ ger, als rechtſchaffener Mann, er erzog in mir einen gehorſamen und geſitteten Sohn; er verheirathete mich mit einer frommen Chefrau, die ich liebe und ſchätze, ſie hat mir dieſen ſchlanken Jungen geſchenkt, den Ihr vor Euch ſchet, und der in die Fußtapfen des Vaters tritt. Ich bin nur Herr uͤber wenig; allein die Meinigen und meine Unterthanen erkennen in mir einen. und. keinen tannen.“ „Riociardo„ wien der Mönch Shi, „Ihr werdet ja unſere Kirche wieder e⸗ chen?“ Ich führe ſo eben meinen„Sehn dort yn⸗ ein. Iſt der vielleicht der Lowe, der davon zwruͤckkohren wird? denn an mir hat Eure Vech doſhlt 11* „Der artet vom Vater nicht aus,“ ſagte der Moͤnch, indem er Gennaro aufmerkſam be⸗ trachtete.„Don Ricciardo!“ fuhr er fort, „jetzt erkenne ich Euch wieder und ſteige ohne eine Lüge in das Grab! Lebt wohl. Moͤge mein Andenken Euch nůtzlich ſeyn, weil es mein Leben Euch nicht ſeyn konnte.“ Ruhig, ohne zuruͤck zu ſchen, ſetzte der ſeinen langſamen Gang fort, Ricciardo ſah ihm betroffen Men denn er S. wahr geredet. 3 In dem frommen Cunhn e erzogen, nichft dem Willen Gottes der eines Vaters der heiligſte auf Erden iſt, hatte er es immer als ſeine angelegentlichſte Pflicht angeſehen, je⸗ nen blind zu hefolgen; auch hatte ſich ſein in⸗ nerſtes Weſen nie gegen denſelben geſträͤubt, denn ſein Vater, der ein kluger Mann war, und die Bedeutung jener Wahrſagung klar ein⸗ ſah und dadurch geruͤhrt wurde, halte, in⸗ dem er ſich furchtete die ſchlummernden Leiden⸗ ſchaſten des Juͤnglings zu erwecken, ihn ſo⸗ 165 wohl dem Kriegsſtande, in welchein ieſe am leichteſten zum Ausbtuch kommen, änd wozu der freundliche Knabe auch keine Meigun empfinden ſchien, als dem geiſtichen 6 wo ſie, einmal erweckt⸗ nur um ſo müthendet insgeheim raſen, entzogen, und ſeiner erſten Ingend durch die Heirath mit An⸗ na di Montegiglio in ein ſiles abgelcgenez Privatleben verſetzt. Sie war die Tochter ei⸗ nes ſeiner beſten Freunde, ein liebenswuͤrdiges Weſen, von eben ſo alter Abkunft, aber auch eben ſo unvermogend, wie er ſelbſt. Ster⸗ bend hatte der Vater es dem Sohne zur Pflicht gemacht, nie ohne beſondere umſtände das ein⸗ ſamn liegende Gut, welches er ihm hinterließ, zu verlaſſen, um ſo mehr, weil es ſeine ganze Sorgfalt und Streben erforderte, damit es die Seinigen ernähren könnte; auch fuͤhlte ſich Rieciardo in dem Umgange ſeiner Frau und ſeines anfwachſenden Sohnes zufrieden. Die drohende Weiſſagung hatte er vergeſſen; nichts erinnerte ihn daran, v K eine K 166 blickliche Heſtigkeit, eine natuͤrliche Folge des geſunden Jugendblutes und eines kraftvollen Koͤrperbausz doch kam jene ſelten zum Aus⸗ bruch, denn die wenigen gutmuͤthigen Leute, die ihn umgaben, befolgten gern ſeinen Wil⸗ ten; auch hatte nie eine theure zu Grunde gerichtete Hoffnung ſeine Ruhe geſtört, denn ſeine beſchraͤnfte Lage genau kennend, genoß er das Gute, welches dieſe ihm zu ſchenken ver⸗ mochte, ohne ſich eitlen Träumereien zu über⸗ laſſen; und wiewohl er oft mit Bewunderung und Wärme von dem herrlichen Florenz ſprach, dämpfte doch die ſcheinbare Unmoͤglichkeit dort leben zu koͤnnen, jede Sehnſucht danach in ſeiner Btuſt. Erſt jetzt, da er nach dem Ver⸗ lauf vieler Jahre den Florentiniſchen Boden wieder betrat, ſchlug ihm das Herz hoͤher und ſtaͤrker; die Gewißheit, durch die Heirath des Sohnes ein bedeutendes Vermögen an ſein Ge⸗ ſchlecht zu bringen, erweckte einen nie vorher geſpuͤrten Funken von Ehrgeiz in ſeinein Bu⸗ ſen, und mit hoͤher emporgehobenem Kopfe be⸗ — —— —— 6 denn dieſes Mal hute 3Grni zu ern auch einmal ſein eigenes unter jenen prangen zu ſehen. Um ſo mehr hatte nun un muthete Zuſammentreffen und die ſo gut als wiederholte Ausſage des Paters ihn in Erſtau⸗ nen geſetzt, ohne jedoch die alte Demuth in ſeine Bruſt zu bringen; denn eine maͤchtige Hoffnung, die erſte ſo zu ſagen in ſeinem ganzen Leben, leuchtete darin mit allen ihren Strahlen, und ohne Gennaro's fragenden Blick zu erwiedern, fuͤhrte er dieſen ernſt, aber doch innerlich unruhig, in die Kirche hinein, in⸗ dem er leiſe ſagte:„Wir wollen beten, mein Sohn! denn es ahnet mir, daß Gebete ket vonnoͤthen ſind.“ Auch blieb er gleich beim Fien ſit und kniete vor dem erſten Altar rechter Hand⸗ wo der Schutzpatron ſeines Vaters, San Lo⸗ renzo, in ſeinem Martyr⸗ Tode abgebildet ſteht, waͤhrend Gennaro, uber die Pracht dieſer gro⸗ ben Kirche und vie Bilder, die jene echöhen, Shut ſi ich in 1 ein nit uſr Gebete, und ſah durch oſene Phür einen Kreis von boruherzigen Brüdern mit lihren Kerzen, wel⸗ che einen offenen Sarg umgaben, den ein Prieſter eben mit dem Weihwaſſer beſprutzte. Reugſerde und eine andaͤchtige Pflicht fuͤhrte ihn hinein; aber er hatte nicht einmal Zeit ein Gebet fuͤr die Seele des Abgeſchiedenen an⸗ zuheben, als bereits ſein Auge auf ein junges und blaſes Mädchen fiel, deſſen ſtarre und uutenuche Blicke auf den Sarg geheftet wa⸗ ren. In Gewand und Haltung kam ſie ihm wie die ltibhafte Mater dolorosa vor; aber ihre ſchlunte Geſtalt, ihr Ausdruck, der lä⸗ chelnde und doch finſtere Blick, der ſich vom Grabe einer äberirdiſchen Hoffnung entgegen echob, waren die einer heiligen Cäcilia; er betr hiete ſie nliſs, bis die Function be⸗ 6 5 4 —— S 169 endet war; allein als die Traͤger ſi ch dein Sar⸗ ge naheten, um ihn in das Grab hinabzuſen⸗ ten, ſchien ihr ſtiller Kummer in eine bewußt⸗ loſe Verzweiflung uͤbetzugehen. Sie ſunk kon⸗ vulſiviſch und halb ohnmůchtig in die Arin ei⸗ niger bejahrten Frauenzimmer, diẽ ſie unring⸗ ten und in ihtet⸗ S in die t. fuhrten. Gennaro mit dem Suh zurück, und waͤre vielleicht noch laͤnger hinterdrein ge⸗ folgt, wenn ihn nicht der Vater nahe an der Kirchthuͤre beim Arm ergriffen und ihm vorge⸗ worfen häͤtte, daß er ſo lange ausgeblichen ſey; Hich huͤtte Dich ſchon zuruͤckgeholt,“ fuͤgte er hinzu,„wenn ich nicht einen unuͤberwindlichen vor jedem offenen Sarge empfaͤn⸗ Seit meiner erſten Jugend hat mich jedes⸗ ein Grauen angewandelt, wenn ich einein begegnet habe, a als wuͤrde ich unvorbereitet und uuvermuthet eine geliebte Perſon ausgeſteckt vor mir liegen ſchen. Gott mag wiſſen, was Dich da ſo lange zu halten vermochte. Komm! 170 ſehnſt Du Dich Deine Vrin⸗ ſenAbi——.——— Gennaro zum erſten Male bei dieſem Namen, das Bild des bleichen Maͤdchens ſtand vor ihm; ſie zu ſehen und zu lieben war bei ihm eins; dieſer Ausdruck, in dem Munde des kälteren Rordlaͤnders oͤſters nur eine Redensart, iſt in dem warmen uͤppigen Italien eine buch⸗ ſtabliche Wahrheit. Langſam und ſchweigend ſolgte er dem Vater nach, der ſich mit immer ſchnelleren und ſtolzeren Schritten dem der Signora Olivia nahete. Sie empfing Beide als mit Schnſucht er⸗ wartete liebe Gaͤſte. Das hohe Errothen ihrer ſchoͤnen kaum erwachſenen Tochter verrieth nur zu dentlich, daß der Zweck dieſes Beſuchs ihr nicht unbekannt waͤre. Die Aeltern ließen ſich mit Fleiß in immer tiefere und heimlichere Un⸗ terredungen ein, waͤhrend Gennaro und das Maͤdchen, wie Blldſäulen, nur wenige und abgebrochene Worte wechſelnd, einander uͤber ſaßen. 3 174 Enblich wurde die Unterredung wieder all⸗ gemein, und Don Ricciardo konnte nicht um⸗ hin der Fertigkeit des Sohnes auf der Guitarre zu erwaͤhnen; er fuͤgte ſogar hinzu, daß er mitunter die Aeltern durch unerwartetes und hin⸗ reißendes Improviſiren uͤberraſcht haͤtte; Gen⸗ naro ſah recht gut die Abſicht des Vaters einz ſie waren auch kaum zuruͤck nach Hauſe ge⸗ langt, als jener ſelbſt dem Sohne die Gui⸗ tarre um deñ Hals hing, und ihm befahl, ſich zu einer Serenade vorzubereiten, welche, wie er wuͤnſchte, er ſeiner Braut noch dieſen Abend bringen ſollte.. Ungeachtet ſeines Unwillens empfing Gen⸗ naro das Inſtrument ohne Widerrede, denn er war zum Gehorchen gewoͤhnt; aber zernich⸗ tet und mit blutendem Herzen eilte er aus den Thoren der Stadt und warf ſich auf das Gras“ am Ufer des Arno. Hier faßte er ſich doch⸗ vald; er ſuͤhtte, wie thoͤricht und uubillig es ware, daß eine fluchtige Erſcheinung uͤber die Anmuth, die, wie er nicht läugnen konnle, 172 ſeine Braut ja wirklich beſaß, einen Schleier werſen, und noch mehr eine freundliche Hoff⸗ nung verſcheuchen ſollte, worauf der Vater nicht allein ſeinen eigenen, ſondern auch den erneuerten Glanz ſeines ganzen Stammes be⸗ gruͤnden zu können ſich freuete. Er griff raſch in die Saiten der Guitarre, und es gelang ihm wenigſtens die Unruhe zu betaͤuben, die in ſeinem Buſen erweckt war. Als es nun endlich dunkel wurde, beſchloß er, ſich den Wuͤnſchen des Vaters zufolge dem Pallaſte der Donna Olivia zu naͤhern. Er fuͤhlte ſich ſtark genug einige Toͤne ſeee und dann hatte er ja ſeine Pflicht erfullt. Auf den Wege gerieth er kuß den ieine einen kuͤrzern Weg durch eine dunkle Straße einzuſchlagen, in der Vermn thung, daß ſie ihn dahin ſuͤhren wuͤrde. Ehe er dieſe noch halb durchgangen war, wurde er in einer Mauer⸗ Vertiefung in einer kleinen Gaſſe einen Schein von einer Reihe Lampen gewahr, welche vor einem Marienbilde brannten. Ein Haufen klei⸗ 173 ner Madchen lag knieend davor, ſie ſtimmten den gewoͤhnlichen Abendgeſang an; es ſiel ihm ein, wie er einige Stunden vorher in ſeinem Gebete geſtoͤrt worden war; er wollte jetzt das Verſaͤumte einholen, denn er fuͤhlte, daß ſein Herz Muth brauchte, und er kniete hinter den Kindern nieder, indem er mit ſeiner Guitarre die einfach ſchoͤnen Verſe begleitete: in O! Maria di sol vestita, Dagli Angeli inalzata, Palle stelle incoronata, 8 Specchio siete di nostra vits! be ie tionde testa I Capelli son fili d'oro! Rimirando quel bel tesoro Tutti gli Angeli fanno festa! enn erhob ein ſchlankes, ſchwarz gekleidetes Geſchoͤpf, das er vorher gar nicht be⸗ merkt hatte, unter dem knieenden Haufen ihr Haupt und wandte es gegen ihn. Gennarb erkannte das bleiche Maͤdchen wieder und die Guitarre zitterte in ſeiner Hand. Sie ſtand langſam auf, neigte ſich vor dem Bilde, wel⸗ 174 ches gegen den Gebrauch mit einem langen ſchwarzen Schleier bedeckt war, und ging ihm von der ganzen Schaar begleitet mit einem keichten Gruß vorbei; wenige Schritte weitr trat ſie in eine offene Hausthür hinein, ſagte den Kindern gute Nacht, und als Gennaro, der ihr nachgefolgt war, ſo eben bei ihr vor⸗ uͤbergehen mußte, fuͤgte ſie hinzu:„Ich dan⸗ ke Euch, Fremder! und jedem, der heute mei⸗ nen Schmerz verehrt hat.“ „Warum dieſes?“ fragte Gennaro, in⸗ dem er auf die ſchwarz Madonna hin⸗ deutete. „Die gute Mutter nuet mit ihrr armen Tochter!“ erwiederte das Mädchen in Thrä⸗ nen ausbrechend, begruͤßte ihn noch einmal und ging ſchnell hinein:—Die Kinder zerſtren⸗ ten ſich baldz; Gennaro folgte langſam nach, und ergriff endlich das letzte davon beim Arm, um ſich genauer nach dieſen Weſen, welches ihm eine ſo lebendige Theilnahme eingeſtoßt hutte, zu erkundigen. Das Mäͤdchen hieß Annonciata und hatte eine Mutter, die ihr uͤber alles lieb war, begraben. Er ging lang⸗ ſam weiter, doch kehrte er ſchnell wieder zu⸗ ruͤck, um auch einige Nachrichten wegen ihres Geſchlochts einzuziehen.„Ach Gott!“ bekam er zur Antwort,„das weiß ſie nicht einmal ſelbſt; die Fran, die heute begraben wurde, nahm ſie als ein zartes Kind aus dem Findel⸗ hauſe und erzog ſie an der Stelle ihrer verſtor⸗ benen Tochter; ſie iſt Madonna's Tochter.“ Dies einzige Wort, das ihn an die from⸗ me Sitte ſeines Vaterlandes erinnerte, brachte zugleich eine neue Muthloſigkeit in ſeine Bruſt⸗ Die meiſten neapolitaniſchen Aeltern, ſie ind⸗ gen reich oder arm, und die Schaar ihrer Kin⸗ der noch ſo ſtark ſeyn, wenn ſie eines von die⸗ ſen verlieren, begeben ſich nach dein Spital der Findelkinder, um dort ein Kind an die Stelle des Verſtorbenen zu erwaͤhlen; dieſes erziehen ſie alsdann mit aller moglichen Sorgfalt, zie⸗ hen es ſogar ihren eigenen Kindern vor; nur ſcheint es, daß ſie den Unterſchied machen, 176 daß, wenn ein Fremder nach zreit Kindern fragt, ſie gerne antworten:„die ſind die mei⸗ nigen, abet dieſes,“ fuͤgen ſie mit Zaͤrtlich⸗ keit und Stolz hinzu,„iſt Madonna's Kind.“ Wann es erwachſen ſt. wird es wie ihr eige⸗ nes ausgeſtattet, ſelbſt von vornehmen Leuten, aber bei ſolchen iſt doch immer ein niedriger Stand deſſen Loos, denn der unbekannte ur⸗ ſprung ſchließt es von jeder Verbindung mit ei⸗ nem alten Stamme aus. Daher erklang dieſe fromme Benennung wie eine Todesbotſchaft in Gennaro's Ohr; er ſah vollkommen ein, daß auch unter andern Umſtaͤnden ſeine Verwandten nie eine ſoiche Lie⸗ be billigen wuͤrden; er durſte nicht anders, er mußte die neuerweckten Gefuͤhle unterdruͤcken; er wollte ſchnell forteilen, aber er vermochte es nicht; er empfand ein ſuͤßes, unſchuldiges Ver⸗ gnůgen darin, ſich ſeinem erſten Schmerze zu ergeben; dieſes, meinte er, koͤnnte ihm Nir⸗ mand zur Laſt legen; und ſo warf er ſich auf die ſteinerue Bank vor der Wohnung des Maͤd⸗ Des Troſtes Balſam in dein Herz ie nieber: Sanft ſchließt der Schlaf die wunden Augelieder⸗— Mein Schmerz allein, mein Schmerz wird nie geſtiut, 8 ſchiummre ſanft und ſuͤß, du holdes Bild! 6 iin Du darſſt ben Blick getroſt gen Himmet heern, 8 ſchtummre ſanſt und ſüß, du voldes Pilb! Im eiaren Anſchaun wird dein Schmerz aſin, Und ach! mein Anſchaun roſtet mir das Leben? Bch därf ſo füßem Troſt mich nicht ergeben. Mein Schmerz aus deiner Augen Hilninel quillt H ſchlummre ſanft und ſuͤß, on holdes Bidz Kann die frende Bruſt der Schmerz anitcen* 5 ſchiummre hauft: und ſüß, öu bottes Bid! Kann ſoich⸗ Siit, die mir den Vuſen füt Der wuden Augen malter Schein erwechen? Doch iſi's geſchehen; ohne mein Verbrechen Des Lepens Luſt ſort aus dem Leben quilt! Du aber ſchummre ſanſt, du botdeß Pin! 42 Als er Geſang geendet hatte, eil⸗ te er nach Hauſe; ſein Vater kam ihm in der Hausthuͤre entgegen;„Nun! haſt Du geſun⸗ gen und geſpielt?“ fragte er freundlich; in dieſem Augenblicke ſtellten ſich alle Verhaͤltniſſe Gennaro wieder recht klar vor Augen; er er⸗ wiederte verwirrt und leiſe: Ja! „Haſt Du Mutter und Tochter geſehen? denn ſie haben Dich doch gewiß bemerkt;“ fragte der Vater weiter. „Ich habe keine bemerkt!“ ſagte Gennaro aͤngſtlich und ausweichend, und eilte dem Vater gute Nacht zu ſagen. Den folgenden Morgen foͤhrte Don Ricciardo den Zingng zu einem kunſterfahrnen Goldſchmied hin. Er ließ ſich dort vielerlei Schmuck vorzeigen; doch konnte er nicht mit ſich ſelbſt einig daruͤber werden, welchen er waͤhlen ſollte; envlich zog er einen ſchweren Beutel hervor und gab ihn dem Sohn hin.„Waͤhle ſelbſt, Gennaro!“ ſagte er,„ich verſtehe mich nur ſchlecht darauf, was der Ge⸗ brauch vorſchreibt, und Du magſt beſſer als „ 179 ich wiſſen, was Deiner Braut am beſten ſte⸗ hen wird. Ich will im Voraus dahin gehen; ich wette, Du wirſt doch den Weg nicht ver⸗ fehlen!“ Gennaro blieb allein mit den Bentel in der Hand zuruͤck; als er aber die funkelnden Steine und die reiche goldene Einfaſſung be⸗ trachtete, wurde ſein Auge nach und nach mit Thraͤnen erfuͤllt und es ward dunkel vor ſeinen Blicken. Er vermochte nicht zu waͤhlen, kaum ſich einmal zu beſinnen, und er verließ den Goldſchmied mit dem Verſprechen, wieder zu tommen. Indeſſen fuͤhlte er, daß er in die⸗ ſer Stimmung ſich nicht der Donna Hlivia zeigen koͤnnte; er kehrte daher um und ging aufs Neue an das Ufer des Arno, an den nmlichen Ort hinaus, wo er den Abend vor⸗ her einen indlichen Entſchluß gefaßt hatte. Er bemuhte ſich wieder daſſelbe zu thun; er vereuete die halbe Unwahrheit, womit er faſt gegen ſeinen Willen ſeinen Vater beleidigt hat⸗ te; er bat ihm dirſe Suͤnde in ſeinem Herzen S 12* ab, legte ſich ſelbſt das Gläbe auf, An⸗ nonciata nie mehr zu ſehen, und erhob ſich ſchnell, um den Vater aufzuſuchen, ihm ein aufrichtiges Geſtändniß von Allem mitzutheilen und ſich ſeinen Stgen zu erbitten, als er in demſelben Augenblicke Don Ricciardo gewahr wurde, welcher ſchnell, und wie es ſchien, aufgebracht ihm zueilte. „So finde ich Dich endlich, Gennarot⸗ rief er ihm entgegen,„nachdem ich deinet⸗ wegen Stunden lang in Unruhe geweſen bin und meine Leute Dich vergebens in der gan⸗ zen Stadt geſucht haben. Erkläre mir dies unſchickliche Betragen! Du haſt geſtern Abend Deiner Braut keine Serennde girnchr⸗ Miin, mein Vater!“ Mir haſt Du es weißgemacht 6* „Hoͤret mich, Don Ricciardo!“ „Nachher! jetzt gebuͤhrt es mirz zu reden. Voll Zutrauen zu den Worten eines Soh⸗ nes, der mir nie vorher Anlaß daran zu zwei⸗ ſeln gegeben hat, fragte ich ſcherzend Deine 3 * 484 N Braut; wie ihr Deiue Stimme gefalle? Sie antwortete nicht, aber Donna Olivia nahm das Wort mit der Frage: was ich damit mei⸗ ne? Die Serenade von geſtern Abend, die Du ihnen gebracht haͤtteſt, fuhr ich fort. Die, erwiederte ſie ſpottiſch, ließ ſich doch wohl nicht durch drei Straßen hören? Jetzt fragte ich ſie, was ſie denn damit meine? Trug nicht Euer Sohn geſtern Abend einen blauen Mantel und weibe Federn? fuhr ſie fort. Ich bejahte es. Nun alſo! ſagte ſie, ſo hat er auch einem gemeinen Findolkinde, deſſen Pſlegemutter geſtern begraben wurde, die Muſik, die uns beſtimmt war, gebracht. Einer meiner Leute hat ihn geſehen und er⸗ kannt. Mir kochte das Blut; ich laͤugnete es. Sie blieb aber ſtandhaft bei ihrer Be⸗ hauptung und erſuchte mich, mit demſelben Spotte wie vorher, mich beſſer zu erkundigen. Das will ich! Ich bin jetzt hier, um die Wahrheit zu erfahren.“ 182 MN Gennar warf ſich zu des Vaters Fuͤßen und geſtand Alles. Allein Donna OHlivia's Spott, das Unrecht, das, wie es ſchien, man ihm aufburden wollte, und wodurch er ſich hoͤchſt beleidigt fand, brachte auch ſein Blut in Wallung und weckte einen vorher un⸗ bekannten Muth in ſeiner Bruſt. Annoncia⸗ ta's Bild, ihr Ungluͤck, ihr ſtiller Kummer malten ſich unter dieſer Vorſtellung doppelt le⸗ bendig vor ſeiner Seele. Seine Begeiſterung riß ihn mit ſich fort, er vergaß, mit wem er ſprach, indem er nur daran dachte, was er ſprach, und eben das, was er den Au⸗ genblick vorher in ſeiner tiefen Einſamkeit ab⸗ geſchworen hatte, erklärte er jetzt, in ſeinem poetiſchen Fluge, laut und dreiſt.„Icht lie⸗ be ſie mehr als mein Leben,“ endete er;„ich kann— ich kann keine andere heirathen.“ Ach! bei dieſen Worten erhob ſich der Lo⸗ we in Ricciardo's Bruſt. Zum erſten Male in ſeinem Leben fand er ſich in einer Ange⸗ legenheit widerſprochen, welche ihm ſo lieb 183 M und wichtig war, als die Hoffnung, deren Erfuͤllung ſeinem ganzen Daſeyn eine neue Richtung gegeben hatte, ja er fand ſich auch, wie er meinte, getäuſcht, und dies nicht von einem Fremden, ſondern von ſeinem eigenen Sohne, dem alle ſeine Winke ein heiliges Geſetz ſeyn ſollten, denn als ſolche hatte er einſt die Winke ſeines Vaters angeſchen. Er warf einen Blick, welchen der un⸗ glͤckliche Sohn nie vorher geſehen hatte, auf den armen Gennaro, und verließ ihn, in⸗ dem er ihm erbittert zurief:„Verruchter Knabe! Du ſollſt meinen Entſchluß erfah⸗ ven!“ Gennaro blieb ſtumm und beſtuͤrzt allein zuruͤck. Dieſe Worte hatten ihn fuͤrchterlich aus ſeinem begeiſterten Traume geweckt. Er hatte erwartet, daß der Vater ſeine Empfin⸗ dungen theilen, daß er ihn bedauern und troͤſten wuͤrde. Don Ricciardo's heftige Er⸗ bitterung brachte ihn dagegen wieder zur Be⸗ ſinnung. Er ſah die Unbeſonnenheit ein, 184 wozu ihn eine unbekannte Macht hingeriſſen hatte, und eilte, um jene durch einen voͤl⸗ ligen Gehorſam, durch Selbſtverlaͤugnung wie⸗ der gut zu machen, allein er traf den Vater nicht mehr in der Herberge an, und warf 8 beklommen auf ſein Le⸗ Erſt gegen kam jener nach Huuſt. Seine Erbitterung hatte ſich wohl nicht ganz gelegt, doch war er ruhiger.„Gennaro!“ ſagte er kalt und mit Strenge:„ich bin bei Signora Hlivia geweſen! Sie hat ſich fuͤr Dich verwendet und Dich entſchuldigt; denn ich waͤrde Dich eingeſperrt haben, bis Du Deine Thorheit bereuet häͤtteſt, allein ſie hat mir einen beſſern Rath gegeben. Sie meint, daß Du nur ein Opfer niedriger Argliſt biſt; ſie hat mich gelehrt, was einem Vater zu thun gebuͤhrt, um die Ehre ſeines Hauſes zu behaupten und die Verfuͤhrung eines uner⸗ fahrnen Knaben zu rächen. Ich verreiſe auf kurze Zeit; geh gleich zu ihr hin, bitte ſie „ 22 185 um Verzeihung! Bedanke Dich wegen ihrer Verwendung, und verbleibe in ihrem bis zu meiner Ruͤckkehr.“ e nnbdb „Alles in der Welt, nur iesſ nichti rief Gennaro heſtig; ſeine ganze Demuth hatte ſich durch dieſen Befehl in einen un⸗ biegſamen Stolz verwandelt. Er meinte, daß er keine Verzeihung von Donna Olivin an⸗ zunehmen brauchte, deren niedrige Verachtung gegen die unſchuldige Annonciata ihn eben ſo ſehr beleidigte, als er fuͤhlte, daß dieſe Behandlung von ſeinem Vater unverſchuldet⸗ war. ſet „Du willſt mir wnn ſagte un kalt. „Nein! allein ich wil, ich kann nicht Donna Olivia ſehen!“ 8 „Du ſchaͤmſt Dich alſo?“ bir „Ich weiß nichts, woruͤber ⸗ n6 zu ſchoͤmen brauche!“ „Knabe!“ rief Ricciardo zeit„3 koͤnnte Dich mein Anſehen fuhlen laſſen; doch 186 MM bleib nur da, aber verhalte Dich ruhig, bis wir uns wieder ſehen, oder es koſtet Dein Leben. Du kennſt mich nicht; ich kenne — kaum ſelbſt mehr!“. Er kehrte ihm den Ruͤcken und eile an ſeine Leute geheime Befehle aus; er ſetzte ſich zum Schreiben hin, ſiegelte das Papier mit ſeinem großen Petſchaft, welches er nur in wichtigen Angelegenheiten benutzte, gebot ei⸗ nem von ſeinen Dienern, dieſes nach dem Rathe hinzubringen und daſolbſt wieder einen beſiegelten Rathſchluß zu empfangen; gleich nachher beſchloß er, dieſen ſelbſt abzuholen, betrachtete noch einmal den Sohn mit einem bittern Laͤcheln und ging, ohne ein Wort weiter zu ſagen. Gennaro wuͤrde ſich eben ſo aufgebracht wie er gefuͤhlt haben, wenn nicht jede der Aeuſſerungen des Vaters, und alle dieſe Zu⸗ bereitungen ihm eine ſolche Unruhe, die ihm alles Uebrige vergeſſen machte, eingefloßt hät⸗ . Verſchiedene Male war er, dem aus⸗ 187 drucklichen Gebote Ricciardo's zum Trotze, im Begriff auszugehen; aber an wen ſollte er ſich wenden? Bei wem ſollte er in dieſer gro⸗ ßen unbekannten Stadt den einzigen Auſſchluß, 6 der ihm genuͤgte, ſuchen? Er zweifelte gar nicht daran, daß dieſe Drohungen Annoncia⸗ ta gelten muͤßten, it fuͤhlte, daß es ſeine heiligſte Pflicht war, ſie zu warnen, und doch mußte jeder Schritt, welcher ihn bloß ihrem ihrem Hauſe naͤher brachte, ihr und ſein Ver⸗ derben nur um ſo gewiſſer muchen. Endlich kam Vincenzo, der alte Diener des Vaters zuruͤck; Gennaro wußte, daß die⸗ ſer ihn lieb habe; er hatte ihn ſchon Thraͤ⸗ nen wegen Ricciardo's Erbitterung vergießen ſehen. Er warf ſich um Vincenzo's Hals, er umfaßte ſeine Knie, er beſchwor ihn bei allen Heiligen, ihm was er wuͤßte nicht zu verſchweigen. Der Alte konnte dem Flehen des lieben Knaben nicht widerſtehen; er tro⸗ ſtete ihn, er betheuerte, daß er gar nichts zu befuͤrchten haͤtte. Der Vater wuͤrde ihm 188 MnMM gewiß dieſe erſte Ausſchweifung vergeben; es käme nur darauf an, das ſchlechte Weibsbild, welches ihn durch ihre Nänke an ſich gezogen haͤtte, aus dem Wege zu raͤumen; der Va⸗ ter wäre bei dem Rathe geweſen. Er hätte dort, durch Huͤlfe der Auskuͤnſte, womit ihn Donna Olivla verſechen, die ganze Sache vor⸗ getragen, und es ſey ihm verſtattet, ſich des Maͤdchens zu bemuͤchtigen; noch vor Abend wollte er ſich init ihr auf den Weg nach ei⸗ nem Kloſter begeben, deſſen Namen Vincen⸗ zo ihm nannte, zwei Tagereiſen von Fiörenz entfernt, woſelbſt ſie alsdann zu waͤhlen hůt⸗ te, entweder gleich den Schleier zu neh⸗ men, oder auf intüheittt zu wer⸗ den. Gennaro ließ ihn kaum ausreden; athein⸗ los, ohne Bedenken flog er durch die Straſß⸗ ſen, dem Hauſe zu, wo ſie wohute. Er fand die Thuͤre offen, ſtürzte die Treppe hin⸗ auf, und lag zu Annonciata's Füßen. Ver⸗ zwriftung war in ſeinen todtenähulichen Züu⸗ 189 gen gemalt; ſn ihn erſtaunt und zitternd. „Ich liebe Hich, Annonciata!“ rief er, „allein verfluche mich und meine Liebe, denn ſie bedroht Dich mit graͤnzenloſem Ungluͤckez mein Vater— ein boͤſer Geiſt hat zwei ver⸗ derbliche Leidenſchaſten in beider Bruſt einge⸗ ſloßt— ein Teufel hat ihm die raſende Unge⸗ rechtigkeit eingehaucht, meinen Ungehorſam an Dir zu raͤchen! Reite Dich! Fliehe! Er will Dich in ein Kloſier einſperren; Du haſt kei⸗ nen Augenblick zu verlieren!“ Er war ſchon auf dem Wege, ſich wieder weg zu begeben, als er bemerkte, daß An⸗ nonciata erbleichte und ohnmaͤchtig wurde; er faßte ſie in ſeine Arme, bemuͤhte ſich um ſie, ſo viel er konnte; erklaͤrte ihr in der Eile den ſürchterlichen Zuſammenhang, beſchwor ſie, ſich zu faſſen und zu fliehen; aber wohin? Sie kannte auch keinen Menſchen, hatte keine Verwandten, keinen Beſchuͤtzer, zu dem ſie ihre Zuflucht nehmen könnte; ihr einziger 190 M Freund war nicht mehr auf Erden!—„Eben ſo gut zum ſtillen Kloſter!“. „Gefaͤllt Dir das finſtre Kloſterleben?“ „Nein! aber mir iſt doch beinahe keine andere Freiſtaͤtte uͤbrig!“ Ein Gerauſch auf der Straße und Getram⸗ pel von Maulthieren machte aller Ueberlegungn ein Ende. „Mein Vater!“ rief Gennaro, und wollte ihm ſinnlos entgegen eilen. Annonciata hielt ihn zuruͤck.„Mich ret⸗ tet Ihr doch nicht auf dieſe Art,“ ſagte ſie, „Ihr richtet nur meinen guten Namen zu Grunde, und gebt dadurch Eurem Vater ei⸗ nen Anſchein der Gerechtigkeit mehr; ach! es koͤnnte Euer Leben koſten! Niemand hat Euch in das Haus hineinkommen geſehen, verbergt Euch!“ Ihr erſter Beweggrund beſtimmte Gennaro; er verbarg ſich und knirſchte mit den Zaͤhnen. 6 6 Ricciardo trat in das Zimmer.„Wo iſt mein Sohn 7“ fragte er, indem er ergrimmt 491 ſich im Zimmer ümſah,„der blaue Mantel wird ſtadtkundig hier in Florenz. Der Haus⸗ herr hat ihn. hier g geſe⸗ hent „Ich kenne euc nicht, Hart⸗ ſagte das Mäͤdchen,„und weiß auch nicht, wen Ihr ſucht.“ 3 „Ihr luͤgt, Ihr wißt recht gut, wen ich meine, und ich werde ihn auch finden.“ Er ſich dem Nebenzimmer. Das Maͤdchen trat vor die Shür und flehte betend mit in die Hoͤhe gehobenen Haͤn⸗ den:„O, alle ihr Heiligen, ſteht mir Ar⸗ men bei! Seit wann wurde Gewalt in Flo⸗ renz geſtattet? Zuruͤck, 5 bin ich noch ſicher!“ „Nein! ich bin es, unverſchmtel⸗ rief Don Ricciardo, indem er die Genehmigung des Rathes auf den Tiſch hinwarf,„und Du biſt in meiner Gewalt; doch,“ fuhr er bitter fort,„mag er nur da bleiben, wo er iſt, mag er ſich verbergen und ſich ſchaͤmen; es 492 iſt gut, daß er Angenzeuge iſt, wie ein be⸗ leidigter Pater die htt We Sohnes be⸗ 6 n die Gand des Mbin 3 — willig, und bald war der letztt Schall von den Tritten der Wihe t den. Gennat ttn wie ee in dem Ne⸗ — denn er ſchaͤmte ſich wirklich, al⸗ lein nur wegen ſeiner Unthätigkeit und Ohn⸗ macht; doch fuͤhlte er bald ſeine phyſiſche Staͤrke krampfhaft in allen ſeinen Adern ſich regen. Er wollte eilen, das Haus zu ver⸗ laſſen, er wollte dem Znge nachfolgen, er wußte ſelbſt nicht, was er wollte; aber die Thuͤre war verſchloſſen, jeder Augenblick ent⸗ fernte die Ungloͤckliche noch weiter von ihm und machte ihre Rettung nur unmöglicher. Er ſah durch das Fenſter hinab; es war ſchon dunkel und die Mauer nicht ſehr hoch. Er ſprang ohne Bedenken hinunter, ſiel, verlebte ſich; aber ohne darauf zu achten 193 hinkte er doch mehrere Straßen hindurch, je⸗ doch ohne einen beſtimmten Zweck; endlich kam er bis an die Bruͤcke alle Grazie, die weitentfernteſte uͤber den Arno, und die am nuͤchſten zu der Straße fuͤhrte, welche die Eilenden nehmen mußten. Er blieb erbittert ſtehen und ſtampfte in die Steine. Um in der Einſamkeit und mit Ruhe uͤberlegen zu koͤnnen, ging er mit ſchnellen Schritten die Bruͤcke auf und ab; allein er war ohne Be⸗ ſinnung, ohne Vermoͤgen zu nur ganz verzweifelt. Zwei Maͤnner, die ihre Huͤte ef in die Augen gedruͤckt und ſich in ihre Maͤntel ein⸗ gehuͤllt hatten, betrachteten ihn langez end⸗ lich gingen ſie ihm naͤher. „Junger Herr!“ fragte der eine,„Ihr ſcheint uͤble Laune zu haben?“ 3 „Kann wohl ſeyn!“ „Nun, nun! nur ſo wortkarg nicht!“ fuhr der Andre fort,„uͤble Laune entſteht gern aus Verdruß, entweder uͤber etwas Unange⸗ 13 194 nehmes, welches ſchon begegnet iſt, und woruͤber man ſeinen Aerger zu verſchmerzen ſucht, oder uͤber etwas, das noch zu er⸗ warten ſteht, und dem vorgebeugt werden mußz in beiden Faͤllen kann der Rath gu⸗ ter Maͤnner vonnoͤthen ſeyn.“ „Wer ſeyd Ihr?“ „Ehrliche Leute, welche meinen, daß es keine groͤßere Suͤnde iſt, Eiſen zu verkaufen, als Obſt; und daß die Hand ſich durch das Umfaſſen jenes nicht mehr, als durch das Abpfluͤcken dieſes vernnreinigt.“ „Die, gerade ausgeſagt,“ ſiel ihm der Andere in das Wort,„um eine gute Hand voll Zechinen die Feinde eines ehrlichen Man⸗ nes zum Feofeuer befoͤrdern, oder ihm eine Nonne aus dem Kloſter wegſtehlen, alles nach Umſtaͤden. Es iſt nicht mit Euch ſo, wie es ſeyn ſollte, junger Herr!— Wr unſre Dienſte?““ Ein kalter Schauder Semnez aber das Wort Kloſter zuckte durch ſeine Seele. 195 Das Bild des ſchuldloſen Opfers, wetches ſich ſo geduldig in die Haͤnde ſeines Verfol⸗ gers hingegeben Seh uech— zu Verſuch. „Vermoͤchtet Ihr“— er S „Alles, was Ihr nur befehlt,“ riefen Beide,„nur gut bezahlt; wir ſind acht, die durch Bund und Eid verbunden ſind.— Ihr koͤnnt uns 3 Bu ohne Furcht anper— trauen.“ „Bezehlt. in leiſe,„und ich, o heilige Mutter Gottes!“— Er fuhr ſchnell, wie ſein Gedanke, mit der Hand nach dem Buſen, und fand in der Bruſtta⸗ ſche ſeines Kleides den vergeſſenen Brutel, welchen ihm der Vater denſelben Morgen ein⸗ gehaͤndiget hatte;„Trinmph!“ rief er,„ſelbſt hat er mich mit Waffen verſehen! und, ver, mag ich wohl ſeiner Ehre und uns beiden ei⸗ nen beſſern S 4 ihre Rettung, zu jaufeg? n 106 Jetzt pflogen ſie Nath zuſammen; dieſe erfahrnen Maͤnner hatten bald einen Plan gefaßt. Gennaro verſprach ihnen noch mehr, als ſie verlangten, und zwar unter der aus⸗ druͤcklichen Bedingung, daß ſie unter allen Umſtaͤnden Don Riecciardo ſchonen ſollten. Er folgte ſelbſt mit, wie die Uebrigen unter el⸗ ner Larve verſteckt; es war ihm eben ſo wich⸗ tig, fuͤr das Leben Feines Vaters zu wachen, als Annonciata's Freiheit ihm theuer war; auf ſolche Art hoffte er ihr dieſe verſchaffen zu können, und nachher, das heilige Ge⸗ luͤbde hatte er ſich ſelbſt auferlegt, ſie nie mehr zu ſehen. eie ritten die ganze Nacht und kamen ge⸗ gen Anbruch des Morgens ſchon dem Zuge voraus, welchem ſie in einem Gehoͤlze, wo⸗ durch er nothwendig mußte, aufpaßten. Ei⸗ nige bemaͤchtigten ſich der bewaffneten Diener, andere eilten, um ſich des Vaters und Vin⸗ cenzo's zu verſichern, indem die letzten das Maulthier des Maͤdchens beiſeite zogen. Al⸗ 197 WN lein Don Ricciardo, der, noch in ſeiner be⸗ ſten Mannskraft, gleich herabgeſprungen war, ergriff ſein Schießgewehr. Einer der Ban⸗ diten, die Gefahr bemerkend, die ſie bedroh⸗ te, legte eben ſo ſchnell auf ihn an; im naͤmlichen Augenblicke ſtuͤrzte Gennaro hervor aus dem Gehoͤlze, worin er ſich verborgen gehalten hatte und kam eben zu rechter Zeit, um dem Gewehr eine andere Richtung zu geben, welches in die Luft abging; ohne dar⸗ auf zu achten, ſtand Ricciardo im Begriff, auf Bride loszudruͤcken. Vincenzo aber, der ſchon den Abend vorher ſeine Offenheit wegen Gennaro's Betragen bereuet und gleich bei dem Angriffe geahnet shatte, daß dieſes wohl eine Folge ſeiner Unbedachtſamkeit ſeyn koͤnnte, erkaunte, trotz der Larve, den armen Juͤng⸗ ting und rief, indem er den Arm des Va⸗ ters ergrifft„Laßt das Herr! es iſt Euer Sohnt bni n en „Rein!“ erwiederte Don Rictiardo, wel⸗ chen dies Wort doch in Verwirrung gebracht 198 hatte:„Nein! mein Sohn iſt kein gemeiner Raͤuber, kein Gottloſer, der dem Valer nach dem Leben ſtrebt, um Ge⸗ zu thun!“ n „Er iſt's!“ fuhr Vincenzo wer und riß ſchnell dem beſtuͤrzten Gennaro die Larbe vom Geſichte. Die Verwirrung und das Erſtan⸗ nen dieſes Augenblickes gab den Banditen ge⸗ wonnenes Spiel; noch bevor ſie es gewahr worden, wurden Don Ricciardo und Vincen⸗ zo im Ruͤcken angegtiffen und gebunden; ei⸗ ner von den Maͤnnern klopfte——— die Schulter, mit den Worten: 5 „Saͤamet nicht, junger v das min iſt Euer.“ Bei dieſer ieſite ſch Sie ſnel, zog die beiden dazu beſtimmten Maul⸗ thiere hervor, erhob ſie auf das eine und trat vor den Vator hin mit niedergeſchlage⸗ nen Augen, indem er ſagte:„Vater! ich mußte ſie einem graͤnzonloſen ungluͤcke und einer grauenvollen ungerechtigkeit ent⸗ 190 ziechen. Ich hoffe zu Gott und zu Eurem vaͤterlichen Herzen, daß Ihr mir vergeben werdet, wenn. meine—„ cvrinnt. ¶eit hh „Dir vergeben? Elender!“ e Ricciar⸗ do.„Fort aus meinen Angen! Ich verſlu⸗ che Dich und Dein Geſchlecht!“ Gennaro hatte ſich ſchon auf das Maul⸗ thier hinaufgeſchwungen und eilte mit ihr fort, jedoch war keines von den Worten des Va⸗ ters ihm verloren gegangen; ſie durchbohr⸗ ten ſein Gofuͤhl, he ihn ſpeiſprach. n 75 Allein es war jetzt keine Zeit r den Gramz er mußte nur an beider Rettung den⸗ ken; indeſſen, wohin ſollten ſie ſliehen? Solbſt Italien war ihm unbekannt, wenige Meilen rings um die Vignen des Vaters war bis hicher ſeine Welt geweſen; doch fuͤhlte er ſich unverzagt; denn Liebe und Gofahren machen bald die männliche Bruſt reif. Er erinnerte ſich, daß ein Freund ſeiner fruhſten 200 Jugend, nur wenige Jahre aͤlter als er, ſchon ſeit lange ein frommes Gelubde in San Benedetto's Kloſter, unweit Subiaco, hinter Nom, abgelegt hatte; dahin wandten ſie ihre Schritte. Der Moͤnch empfing ſie mit Wohl⸗ wollen, ſelbſt durfte er ſie aber nicht beher⸗ Die Mauern des keuſchen Benedetto nah⸗ men kein Frauenzimmer auf; doch verſchaff⸗ te er ihnen eine kieine Hutte, nahe an der wenig bekannten romantiſchen Caſcatelle. Es war die hoͤchſte Zeit; denn beinahe noch fruͤ⸗ her, als ſie dieſe in Beſitz nehmen konnten, hatten Gennaro's letzte Kraͤfte ihn verlaſſen. Die Folgen des Falles, welchen er durch je⸗ nen Sprung aus dem Fenſter gethan, und die er nur ſehr gering geſchaͤtzt, ungeachtet jener Zufall ihm ſehr oft, durch heftige Schmerzen, die Erinnerung daran zuruͤckge⸗ rufen hatte, bekamen nun einmal die Obet⸗ hand und zogen ein Wundfieber herbei, wel⸗ ches er kaum ohne die Arzneykunſt des Monchs 204 und Annonciata's Vükhe—— den haͤtte. Snn Waͤhrend ſeiner ſehr— ſung offenbarte ſich ihm Annonciata's rei⸗ ne unſchuldige Seele immer heller; täg⸗ lich wurde ſie ihm theurer, taͤglich erſchien ihm die Verfahrungsart des Vaters granſamer und Donna Olivia's Haͤrte und Rath im⸗ mer niedriger; doch empfand er eben ſo tief, wie ſehr er ſeinen Vater erzuͤrnt hatte, und ſein Entſchluß blieb feſt; al⸗ lein er verbarg die Gefuͤhle ſeines Herzens und ſchanderte heimlich, als er vernahm, wie ſeine Kraͤfte ſich vermehrten, denn er ſah in Annonciata's Auge eben vieſelbe Flam⸗— me lodern, die er in ſeinein Innerſten ſphr te; aber ſie ſchwiegen beide. Der Fluch des Vaters ſtand drohend vor ihrer Sesſez Neine Ruhe und ſein Segen vor Gennaro's Sinn. Als er ſo ziemlich hergeſtellt war, rieth ihm ſein Freund, einen andern Aufenthalt zu ſu⸗ chen Dieſer hatte einige Fremde, welche * 202 in der Gegend herumſchlichen, bemerkt, die er als Kundſchafter anſah, und er fuͤrchtete Don Ricciardo's Rache. Gennaro erſuchte ihn, noch eine kurze Zeit uͤber die Sicherheit des Maͤdchens zu wachen, ſattelte den naͤchſten Morgen ſein Pferd, reichte ihr die Hand zum Lebewohl, ohne ein Wort zu ſagen, und ritt mit niedergoſchlagenen Augen fort, nin ihrem betroffenen Blick und ihren ſtum⸗ inen Thraͤnen nicht zu begegnen. Er zog nach Florenzs er hegte die Hoſ⸗ nung, daß jene Begebenheit ohne Aufſehen abgelaufen waͤre; er wollte dem Hausherrn, bei dem ſie gewohnt hatte, ihre Zuruͤckkunſt, als von einem Beſuche in dem Kloſter, kund machen, und in ſeiner Uuerfahrenheit rech⸗ nete er ſogar darauf, ſie duvch ſeine Ver⸗ mittlung in eine bequemere Lage, als vorher, ſetzen zu koͤnnen; allein er fand ſich ſchmerz⸗ lich in ſeiner Hoffuung betrogen Die auf⸗ brauſende Heftigkeit Ricciardois, und noch mehr die Maͤhrchen, welche durch die erbit⸗ 203 terte Donna Olivia, die das gͤnzliche Aus⸗ bleiben des Vaters und des Sohnes gar nicht begreifen konnte, in Umlauf gebracht wor⸗ „ hatten—— Namen—— Der z ſchuͤttelte bei— wil Gennaro zu ihrer Vertheidigung auch aufuͤhr⸗ te, den Kopf, und kreuzte ſich ſogar, in⸗ dem er darauf kam, wie ſie durch eine ver⸗ ſtellte Heiligkeit ihn und die ganze Nachbar⸗ ſchaft ſo lange haͤtte taͤuſchen konnen; auch wullt er—— e mehr— men. 5 155 3 en dumel“fuhr oc— waͤhrend ſie in Verbindung mit dem jungen Canori ſtand, denſelben Abend, als der er⸗ zuͤrnte Vater ihren Raͤnken ein Ende machte, * hatte ſie einen jungen Menſchen in ihrem Zimmer verſteckt, welcher ſich; nachdem ſie ſchon fort war, gezwungen ſah, aus dem Fenſter diot— Strbe 5 kann es whn 204 Ich war es!“ rief Gennaro erbittert. „Wer ſeyd denn Ihr, junger Menſch?“ „Gennaro Canori! der ihre Unſchuld be⸗ zeugen kann.“ it „Junger Herr!“ erwiederte der Wirth gutmuͤthig,„es wuͤrde Euch doch nicht ge⸗ lingen; Ihr wuͤrdet, wenn es hoch kommt, nur dadurch anzeigen, daß Ihr ihre Schuld theilet. Uebrigens rathe ich Euch,“ fuͤgte er geheimnißvoll hinzu,„daß Ihr Euern Na⸗ men verhehlet, und eilet, Euch von hier weg⸗ zubogeben; denn Herolde haben hier in der Stadt ausgerufen, daß Euch Don Ricciardo verſtoßen, und deijenigen einen großen Preis verſprochen hat, der Euch und Eure Buhle⸗ rin, ſo hat er ſie genannt, in ſeine Ge⸗ walt zu bringen vermöchte. Euch wartet nichts Gutes!“. Es kochte das Blut in Gennaro's Bruſt; dieſe oͤffentliche Schmach, dieſe Schande, auf ſie beide geworfen, loͤſten auf einmal in ſeiner Seele alle die Bande, die ihn an ge.“ 205 ſein Haus knuͤpften. Sein Vater hatte ihm nur einen Weg angedeutet, nur eine Pſlicht aufgelegt; es war in ſeinem Herzen kein Zweifel mehr; er kehrte unverzuͤglich zu⸗ Annonciata flog ihm entgegen, als ſie ihn in der Ferne gewahr wurde; ſie war beinahe ganz auſſer ſich.„Madonna ſey ge⸗ tobt, die mir Euch wiedergiebt!“ rief ſie⸗ „ich dachte, daß Ihr nie zu mir Armen zu⸗ ruͤckkehren wuͤrdet. Scht!“ fuhr ſie geſpraͤ⸗ chig ſort, und zog ihn vor das kleine Kru⸗ zifir hin, welches mit Blumen, die ſeinen Namenszug bildeten, geſchmuͤckt war:„hier ſlehe ich jeden Tag zu den Heiligen fuͤr Euch! Ach! ich bete Euern Namen an, weil ich Euer Bild nur in meinem Herzen tra⸗ „Liebſt Du mich, Annonciata?“ Sie ſah ihn erſtaunt und froh anz endlich erwiederte ſie keiſe, indem ſie ihr Geſicht an ſei⸗ nem Buſen verbarg:„Ich weiß es nicht!“ „Duwrißt s micht?“ a „Ich weiß ja nicht, ob ich es ſagen darf! Ihr habt mich auch nie darum gefragt, und jetzt! jetzt? Iſt denn alſo das feindliche Ge⸗ ſchick verſchwunden,—— uns ge⸗ treten war?“ nn „Zwiſchen uns iſt dies nicht mehr, al⸗ lein es umgiebt uns um ſo enger, wir muͤſ⸗ ſen unſere Haͤnde verbinden, um demſelben widerſtehen zu koͤnnen.“ „Mein Gennaro! ſuͤßes⸗ ih mein Le⸗ ben, meine Seele!“ rief ſie, und warf ſich in ſeine Arme. Die ganze Fuͤlle der Liebe, die ſchon lange im Verborgenen die ſchwache Bruſt zu zerſprengen gedroht hatte, brach jetzt auf einmal in tauſend ſuͤße Liebkoſungen aus, welche das Herz des berauſchten Gen⸗ naro's mit ſeiner ganzen Wonne, ſeinem gan⸗ zen Gluͤck erfuͤllten. Der Fluch ve Vaters be⸗ drohte ihn nicht mehr, er erinnerte ſich kaum mit Schmerzen daran; er fuͤhlte, daß dieſe neue Seligkeit ihn in Segen verwandeln mußte. . 207 Allein Ricciardo war weit davon, jenen Fluch zuruͤckzurufen. Erſt nachdem die Flies henden einen guten Vorſprung gewonnen hat⸗ ten, verließen die Banditen mit Hohn und Gelaͤchter den gebundenen Herrn mit ſeinen Dienern, welche ſaͤmmtlich ſich in dieſe ver⸗ drießliche Lage finden mußten, bis etwas hoͤ⸗ her am Tage einige Reiſende ihre Bande zer⸗ ſchnitten; dieſe wunderten ſich ſehr, als ſie gar keine Spuren vom Pluͤndern bemerkten. Don Ricciardo ſchwieg und knirſchte mit den Zaͤhnen. Seine Beſchaͤmung und Erbitte⸗ rung, ſein Vorhaben auf ſolche Art mißlun⸗ gen zu ſehen, und endlich, daß er ſich in dieſem erniedrigenden Zuſtande durch ſeinen ei⸗ genen Sohn befaͤnde, waren ohne Grenzen. Er verfluchte Donna Olivia, ihren Nath, Florenz, ſeinen Sohn, ſich ſelbſt, alles, was ihn umgab, und ohne einen Gedanken an Ruͤckkeht lenkte er die Pferde doch gerade gegen die Heimath, ohne der getaͤnſchten Braut und ihrer Mutter weder jetzt noch in der Zu⸗ 208 kunft die mindeſte Nachricht von vie Bege⸗ . mitzutheilen. Donna Anna ward— als ſie den ſinſiern Blick ihres Eheherrn ſah, noch mehr, als ſie bemerkte, daß er allein zu⸗ ruͤcktehrte.„Was fehlt Euch, Signor?“ fragte ſie aͤngſtlich,— wo iſt unſer — Eurige——— der mei⸗ nige aber nicht!“ erwiederte er.„Wo er iſt, weiß ich nicht, wenn ich es wuͤßte, wuͤrde es ſein Leben koſten! allein hier hat er keine Heimath mehr; erwaͤhnt ſeiner nie, verbannet jedes Andenken an ihn aus meinem . s koſtete der Mutter viele Stunden, ehe ſie die Begebenhei⸗ ten ganz erfuhr; ſie ſah dieſe doch nicht ganz hell ein, denn die Galle Ricciardo's machte ijeden Umſtand ſchwaͤrzer und verruͤckte den wahren Geſichtspunkt; doch empfand ſie mit Gewißheit, daß der Zuſammenhang unmoͤg⸗ 209 lich ſo wie ihn der Vater Lorgetragen hat⸗ te, ſeyn konnte, und Vincenzo's Bericht gab ihr nur wenig Licht; indeſſen war je⸗ des erzuͤrnten Mann zu be⸗ ſaͤnſtigen, vetgebens. Zum erſten Male blieb ihre ſanfte Liebe, ihr heller Verſtand ohne Wirkung; ja ihre leidenden Zuͤge, ihr ſchwe⸗ rer Kummer zogen ſogar ſeinen Zorn auf ſie mit hinuͤber. Er machte ihr Vorwuͤrfe, daß ſie keine ſtolzere, edlere Denkungsart beſitze, daß ſie nicht einen tiefern Gram uͤber den Verluſt eines ausgearteten Sohnes fuͤhle⸗ Die ſtummen Thraͤnen, wodurch ſie allein ſeine Verweiſe erwiederte, mehrten ſeine Er⸗ bitterung. Es ſchien, als ob jede Erinne⸗ rung aus ſeinem vorigen gluͤcklichen Leben plotzlich von einem unmaͤßigen Zorn ausge⸗ loͤſcht waͤre, welcher von allem Vergangenen nur jeden erlebten Verdruß, doch unendlich vervielfultiget, aufbewahrt haͤtte, und jetzt wie eine neue Seele ihm ein neues Daſeyn gaͤ⸗ be. Er verſchloß ſich in ſich ſelbſt, und 14 240 ſcheute die flehenden Blicke ſeiner Ehefrau. Er wurde ſchwachlich und zehrte ſich ab, al⸗ lein er verwarf ihre Pflegez er ſann nur auf Mittel, die Gluth, die ihn verzehrte, zu kuͤhlen; er fand aber keine, denn ſeine Kundſchafter kehrten immer unverrichteter Sa⸗ che zuruͤck. Wohl ſchickte er immer neue aus, allein zuletzt fand er mit Schrecken, daß ſein Durſt nach Rache, der jede andere Thaͤtig⸗ keit in ſeiner Seele zernichtete, ihn des Ver⸗ moͤgens, jene zu befriedigen, ſelbſt beraubt hatte. Er war waͤhrend ſeiner fruchtloſen Beſtrebungen verarmt; jetzt bemaͤchtigte ſich eine neue Erbitterung ſeiner Seele, und in den groͤßern Stäͤdten Italiens, in jeder Ge⸗ gend, wo er nur vermuthete, daß die Fliehen⸗ den verborgen ſeyn konnten, ließ er durch Herolde ausrufen: daß er keinen Sohn mehr beſaͤße, daß er aber den letzten Reſt ſeines Vermoͤgens zu einem Preiſe fuͤr den beſtimm⸗ 3 te, der den Aufenthalt eines Betruͤgers, wel⸗ cher jenem vollkommen aͤhnlich ſehe, ein lie⸗ 241 M derliches Leben mit einem verworfenen Weibs⸗ bilde fuͤhre, und ſeinen Namen entweder tra⸗ ge, oder doch einmal getragen haͤtte, entdek⸗ ken koͤnnte. Donna Anna erfuhr dieſes mit Schan⸗ dern, allein ſie ſchwieg dazu; alle ihre fruchtloſen Bitten und Bemuͤhungen hoͤrten mit dieſem Schritte auf. Die Zeit, die ſonſt die Wunden des Zornes heilt, ent⸗ flammte ihn nur mehr in Ricciardo's Bruſt. Jedes zuruͤckgelegte Jahr machte ſein Weſen nur muͤrriſcher und unzugaͤnglicher; das mun⸗ tere freundliche Haus, welches einſt ein Tem⸗ pel der Liebe und der Zufriedenheit war, ſah jetzt einem wuͤſten Grabe aͤhnlich, worin die feindlichen Geſpenſter kaum Raum, ſich zu vermeiden, fanden. Die Eheleute ſahen ſich nur ſelten. Donna Anna weinte und bete⸗ te den ganzen Tag uͤber in ihrem kleinen Zimmer, und Don Ricciardo vertrieb ſich die Zeit nur ſchlecht in ſeinem verheerten Jagd⸗ revier. Die Dienſtboten waren unzufrieden 14* 242 und berdrießlich, denn jedes ſchuldlöſe Lä⸗ cheln machte den Herrn noch mißvergnuͤgter, und oft mußten ſie ſeinen ewigen Gram ent⸗ gelten. Der einzige Vincenzo war ihm noch zugethan, und er allein beſaß auch ſein ganzes Zutrauen; denn der Alte hatte ein ſchwaͤchliches Gewiſſen und warf ſich im⸗ mer im Geheimen den Antheil vor, welchen er an dem ſchrecklichen Ausgang dieſer Bege⸗ benheit gehabt hatte. Dieſes machte ihn weich und nachgiebig; auch gelang es ihm biswei⸗ len in einzelnen Augenblicken den unverſoͤhn⸗ lichen Sinn ſeines Herrn zu beſaͤnftigen, und wenn er erſt entweder eine geraume Zeit zu deſſen erbitterten Aeußerungen ſtillgeſchwiegen oder ihm ſeine eigenen Meinungen vorge⸗ ſchwatzt hatte, geſchah es oft, daß er ein Wott fallen ließ, welches dieſen ruͤhrte. An⸗ na's muͤtterlicher Schmerz ihr nicht eine ſolche Verſtellung. Eines Morgens, wie Don Ricciardo ſich eben auf die gewoͤhnliche Jagd begeben woll⸗ MNM te; und durch den Vorſaal bei dem Zimmer der Donna Anna voruͤberging, ſtand dieſe vor ihrer Thuͤre, und ſah ihn mit einem leb⸗ haſteren Blick, mit mehr Zaͤrtlichkeit an, als womit ſie ihm ſeit langer Zeit begegnet hatte. Er blieb betroffen ſtehen.„Nicciardetto!“ ſagte ſie freundlich,„koͤnnteſt Du doch nur noch einmal recht herzlich mit mir re⸗ den!“ 6 Dieſer ganz Ton bewegte ihn.„Gern,“ erwiederte er,„von Allem, was Du willſt, nur nicht von—“ „O Gott!“ rief ſic und erhob die Hän⸗ de gegen den Himmel,„bin ich denn im Stande von etwas Anderem zu reden? Ric⸗ ciardo, höre mich, ſo wie Du vom Allinaͤch⸗ tigen gehoͤrt zu ſeyn wuͤnſcheſt. Er iſt un⸗ ſchuldig— unſchuldiger als Du glaubſt,“ fugte ſie ſchnell hinzu. „So!“ antwortete er langſam⸗„und wo⸗ her weißt Du das?“ 244 „Ich darf es vermuthen. Ich kenne mei⸗ nen Sohn; ſo ſchnell war er nicht im Stan⸗ de, die Mutter zu vergeſſen und auszuar⸗ ten.“ „Du haſt ihn geſehen! er iſt hier, wo iſt er?“ rief er und ergriff ſein Schwert. „Bei allen Heiligen! ich habe ihn nicht geſehen. O moͤchte ich ihn doch nur einmal zu ſehen bekommen!“ „So haſt Du von ihm gehoͤrt?“ „Ja, Ricciardo! ich will es nicht laͤng⸗ nen: er hat mir geſchrieben. O! haͤtteſt Du doch nur Gefuͤhl fuͤr ſeine Reue, ſeine Ver⸗ zweiflung!“ „Zeige mir den Brief!“ „Wuͤßte ich nur, ob Du im Stande biſt, billig zu ſeyn, ob ein unuͤberlegter, hingeworfener Ausdruck Dich nicht aufbringen wuͤrde1“ „Seine Reue und Verzweiflung? Weib! Du biſt mit ihm einverſtanden und verräthſt mich!“ 245 „Ricciardo!“ erwiederte Donna Anna ru⸗ hig,„Du weißt, daß ich nichts Geſchriebenes zu leſen verſtehe; aber leicht wuͤrde ich Jemand gefunden haben, der dies Geheimniß mit mir getheilt haͤtte, wenn ich irgend eines fuͤr Dich haͤtte haben wollen. Hier iſt der Brief. Ich verſtehe kein Wort davon, ich kenne keinen Buchſtaben, allein jeder ſeiner Zuͤge fordert Verzeihung und Nachgiebigkeit! Mache Du mich mit ſeinem Inhalt bekannt, Ricciardo, und Gott bekehre Deinen Sinn!“ Ricciardo las: „Beſte, zuaͤrtlichſte aller Muͤtter! Wenn „Du noch nicht Deinen ungluͤcklichen „Sohn vergeſſen haſt, Du, meine ſicht⸗ „bare Heilige auf Erden, ſo trete zwiſchen „mich und den Zorn des erzuͤrnten Va⸗ „ters. Sey meine Vermittlerin bei ihm; „bei Gott brauche ich in dieſer Sache kei⸗ „ne! Sage ihm, daß der Kummer, wel⸗ „chen ich Euch Beiden verurſacht habe, „mich in die Seele kraͤnkt, daß ich mit 246 „meinem ganzen Leben die Gewalt, die „ich gegen ihn anwenden mußte, gern buͤ⸗ „ßen moͤchte, aber zugleich, daß meine That gerecht war, daß er ſelbſt mich zu 0 „allem, was ich gethan habe, gezwun⸗ „gen hat. Ach! warum hat er den „Sohn, ohne ihn hoͤren zu wollen, ver⸗ dammt! Warum hat er lieber ſein Ohr „einem falſchen Weibe geliehen, deſſen ver⸗ „ſchmitzte Anſchlage Verderben uͤber uns „alle gebracht haben! Annonciata iſt un⸗ „ſchuldig; warum ſollte ſie fuͤr meine un⸗ „Hluͤckliche Leidenſchaft buͤßen? Nur um „ſie zu warnen, um ſie der blinden Un⸗ „gerechtigkeit des Vaters zu entziehen, ach⸗ „tete ich nicht auf ſeinen Befehl, und be⸗ trat zum erſtenmale ihr Haus. Ja, ich „war Zeuge ſeiner unbilligen Gewalt; ich „warf mich aus dem Fenſter heraus, um „das unſchuldige Schlachtopfer und ihn „ſelbſt von einer ſpaͤten Reue zu retten. „Wohl werde ich darnach meine ganze Le⸗ 247 „benszeit hinken; ich bin aber ſtolz auf „dieſes Merkmal, welches ein ſchuldloſes „Geſchoͤpf und die Ehre meines Vaters ge⸗ „rettet hat. Die Folgen jenes Falles hat⸗ „ten mir beinahe das Leben gekoſtet; als „ich wieder hergeſtellt war, hoffte ich, daß „ſich Don Rireiardo's Zorn gelegt haben „wuͤrde; ich wuͤrde mich zu ſeinen Fuͤßen „geworfen, ich wuͤrde jeden Wunſch ſei⸗ ,nem Willen geopfert haben; nur mußte ich erſt die Zukunft des armen Maͤdchens „ſichern. Ich kehrte daher nach Florenz „zuruͤck, allein es war zu ſpaͤt; die Hef⸗ „tigkeit des Vaters, noch mehr die Ver⸗ „laͤumdungen der niedrigen, rachſuͤchtigen „Donna Hlivia hatten jedes Mittel zu die⸗ „ſem Zwecke vereitelt. An mir lag nur „wenig, das ungluͤckliche Maͤdchen aber var unerſetzlich ungluͤcklich; ich hatte kei⸗ „ne Wahl mehr. Mein Vater vermag „mich nur des Namens, den ich trage, „mit dem Biute, das in meinen Adern „ 2¹18 M „fließt, zu berauben; ſo lange beide mein „Eigenthum ſind, kommt es auch mir zu, „ſein Unrecht wieder gut zu machen, ſeine „Ehre und ſeine Seligkeit zu retten; denn „ungeachtet er mich verſtoßen und verfiucht hat, hoͤre ich doch nicht auf ſein Kind „zu ſeyn. Er wird wohl auch fuͤhlen, daß er mein Vater iſts vielleicht hat er es „ſchon gethan, und wird den bekuͤmmerten „Sohn einer liebreichen Aufnahme wuͤrdi⸗ gen. Sage ihm aber, daß ich jetzt nicht „mehr allein zuruͤckkehre; ich bringe mit „mir eine Gattin, auf welche ich doch, — der Himmel ſey mein Zeuge!— un⸗ „geachtet ſie das ganze Gluͤck meines Le⸗ „bens ausmacht, Verzicht geleiſtet haben „wuͤrde, wenn er nicht ſelbſt durch ſeine „That ihre Hand in die meinige gelegt haͤt⸗ „te. Ach! meine Mutter! Du ahein „kennſt mich ganz, darum ſpreche ich auch „ganz unverhohlen mit Dirt verſchwrige „dem Vator Alles in dieſem Briefe, wo⸗ 249 „von Du glaubſt, daß es ihn erzuͤrnen“ „koͤnnte, denn ich verlange ja nur ſeine „Liebe, und will alles andere vergeſſen. „Schon lange haben wir in den abgelegen⸗ „ſten Thaͤlern Italiens verborgen gelebt, „allein mein Herz hat mich immer naͤher „an die geliebte Heimath zu meinen ewig „theuern Eltern hingezogen. Nahe an Dei⸗ „nem Erbgute, meine theure Mutter, in „dem uͤppigen Sorrento, verbirgt eine feuch⸗ „te ſteinerne Mauer und ein Bauernman⸗ „tel Deinen Sohn. Ich weiß, daß Du „mir ſchon lange den Kummer, welchen „ich Dir verurſacht habe, verziehen haſt. „Ach! haben denn Deine freundlichen Ueber⸗ „redungen, Deine bittern Thraͤnen den har⸗ „ten Sinn des Vaters nicht zu erweichen „vermocht? Eine innere Stimme ſagt mir, „daß ſie oft gefloſſen, daß ſie meinetwe⸗ „en noch fließen. Laß mich wiſſen, was „ich hoffen darf, ob der Vater den fuͤrch⸗ „terlichen Fluch zuruͤckgerufen hat. Ich 220 MN „habe dieſen nicht verdient; das laͤhmt ſei⸗ ne Kraft, und einen angeſtammten Se⸗ „gen, ein heiliges Erbtheil ſeines eigenen „Weſens, ſoll er mir nie rauben, den, „meinem Geſchick maͤnnlich zu begegnen.“ Waͤhrend des Leſens hielt Ricciardo ver⸗ ſchiedene Male inne, denn der Zorn erſtickte ſeine Stimme; als er endlich fertig damit war, heftete er einen ſtrengen Blick auf Donna Anna; ach, der ihrige funkelte vor Freude, er ſchien noch an ſeinen Lippen zu haͤngen.„Lies es noch einmal, Riecciardo!“ ſagte ſie freundlich,„ich wußte es ja wohl, ſchlecht konnte unſer Sohn nicht ſeyn!“ „Verblondete, thorichte Mutter!“ rief Rir⸗ eiardo ſchnaubend vor Erbitterung,„reize mich nicht noch mehr! Iſt das ſeine Rene, ſich mit ſolcher Kreatur zu vormaͤhlen? das ſei⸗ ne Verzweiſtung, bei dem Fluch des Vaters ruhig zu ſeyn, und ſeinem Geſchick männlich zu begegnen? Er will ja Alles vergeſſen, ſo muß ich es wohl auch thun! Doch ich danke 224 Euch, Signora! es iſt ein koͤſtlicher Briefs ich will ſehen, ob er vor meinen Augen mir das Naͤmliche ſagen, ob er— einmal an dem Vater vergreifen wird, u ſeine Natterbrut deſſen Zorn zu ae Fort nach Sorrento!“ Donna Anna umfaßte ſeine Knie; ſie verwendete die ganze Beredſamkeit, welche das beaͤngſtete Mutterherz beſaß, um ihn zu bewegen, um ihn nur dahin zu bringen, daß er ſie anhoͤrte; alles war vergebens⸗ „Wohlan denn!“ ſagte ſie endlich und er⸗ hob ſich ruhig,„er ſteht in Gottes Hand!“ Sie nahete ſich dem Fenſter, und es ſchien Don Ricciardo, als gebe ſie ein Zeichen. Er ergriff ſie beim Arm und rief:„Was machſt Du da? betruͤgſt Du mich er iſt hier?“ „Du wollteſt mich ja nicht anhoͤren,“ er⸗ wiederte ſie,„jetzt habe ich nichts mehr zu ſagen.“ 2 3 8 222 r ging unter wilden Drohungen. Vin⸗ cenzo folgte ihm, indem er Donna Anna ei⸗ nen beruhigenden Wink gab. Ricciardo, noch immer vermuthend, daß ſich Gennaro heim⸗ lich in ſeinem Hauſe aufhalte, ließ jeden Winkel durchſuchen, allein als er ihn nicht fand, ritt er endlich mit Vincenzo fort. Er ritt ſo ſchnell als er meinte, daß das Pferd es aushalten konnte; es dauerte aber nicht lange, ſo fing es an zu hinken; er ritt immer zu, ohne darauf Acht zu geben; endlich ſtrauchelte es bei jedem Schritte: jetzt ward er aufmerkſam, ſtieg herunter und ſah Alles nach; das Pferd hatte das eine Huf⸗ eiſen verloren, die andern waren los.„Wer hat mir das gethan?“ rief er heftig,„ich weiß es wohl, daß ich verrathen bin: mein Weib hat meine Leute in Beſoldung ge⸗ gen mich genommen.“ Er mußte bei einem Schmied ſtille halten, um ſein Pferd aufs Neue beſchlagen zu dann ſetzte er Reiſe fort. * 223 —— Zwei Tage nachher kam Don Ricciardo zuruͤck auf ſein Schloß; er ging gerade in Donna Anna's Zimmer hinein. Sie lag, wie gewoͤhnlich, auf den Knien vor ihrem Kruzifire, und ſprang aͤngſtlich in die Hoͤhe, als er hereintrat.„Ich kam zu ſpaͤt,“ ſag⸗ te er finſter,„die Voͤgel waren ſchon ausge⸗ flogen.“ „Gott ſey gedankt!“ rief ſie,„er hat mein Flehen erhoͤrt.“ Ricciardo trat wuͤthend vor ſie hin, allein ſeine Zunge verſtummte unwillkuͤhrlich bei die⸗ ſer unerwarteten Etſcheinung. Er kannte ſie kaum wieder, ſo hatte die fuͤrchterliche Angſt dieſer Tage ihr Aeuſſeres veraͤndert; die ſchlanke etwas volle Geſtalt war in ſich ver⸗ ſunken, das dunkelbraune Haar war bei⸗ nahe grau geworden; ihr Blick war gluͤ⸗ hend, aber ohne Thraͤnen. Doch dies ſetzte ihn nur in Erſtaunen, er wurde nicht ge⸗ ruͤhrt, denn er fuͤhlte, daß es nur die Wirkung einer Liebe fuͤr das, was er haß⸗ 224 te, war, und ſein— wurde dabuoch noch bitterer.. „Thoͤrichte Mutter ¹—— er,„freuet Euch nicht zu fruͤh; die Wellen haben mei— ne Rache uͤbernommen! Er hat ſich mit dem Weibe in einen kleinen Kahn gefluͤchtet, kurz vor meiner Ankunft, von welcher Ihr wohl ihm Nachricht gegeben habt; er richtete die Fahrt gegen ein vorbeiſegelndes Schiff; allein die Elemente geriethen bald in Aufruhr, ſie vernahmen, daß ein Verbrecher zwiſchen ih⸗ nen ſchwebte; weder vom Kahne noch vom Schiffe hat man ſeitdem etwas geſehen oder gehort En h „Gott hat ihm aus den Haͤnden ſeines ſchlimmſten Feindes geholfenz; Er wird ihn auch ferner retten! Ich fuͤhle, daß es ſo iſt,“ rief ſie erleichtert,„denn 6 Thraͤnen wieder!“ „Thraͤnen, und nichts als Thraͤnen!“ fuhr Ricciardo fort,„ich bin dieſes Weiber⸗ gekreiſches mäde. Es iſt Kummer genng in 225 M mein Haus eingeſchlichen, ich will dieſen nicht zu meiner Plage vermehrt ſehen. Seyd froͤhlich und vertreibt Eurem Herrn die Zeit, ſo wie es einer rechtſchaffenen Eheſrau gebuͤhrt, oder ziehet hin und thut Buße in einem duͤſte⸗ ren Kloſter, wo Thraͤnen zu Hauſe ſind; dort ſtoren ſie doch meine Ruhe nicht.“ „Du ſtoͤßeſt mich von dir, Rieciardo,“ ſagte ſie freundlich,„deine letzte und einzige Stoͤtze?“ „Meine letzte und einzige Stuͤtze,“ erwie⸗ derte er finſter,„iſt nicht der, der immer Thranen fuͤr meinen Feind und nur Vorwuͤrfe fuͤr mich hat. Es iſt auch ein Gefoͤhl von Recht in meiner Bruſt; du glaubſt nicht dar⸗ an, du betrachteſt mich nur als einen kalten Tyrannen, denn du liebſt mich nicht mehr⸗ Ich ſtehe jetzt allein in der Welt, ich will auch allein ſeyn. Du erweiſeſt mir ei⸗ nen Dienſt dadurch, daß Du mich ver⸗ laͤßt.“ 15 WMit dieſen Worten ging er auf ſein Zim⸗ mer; als er zu Tiſche gerufen wurde, frag⸗ te er:„Was macht Donna Anna?“ „Sie iſt ſehr be bekam er zur Aukort⸗ „Bringt mir denn mein Eſſen herauf; ich wuͤnſche dieſes nicht mit Thraͤnen verſal⸗ —— Den folgenden Tag, als er in den Spei⸗ ſeſaal hineintrat, ſaß ſie ſchon bei Tiſche, allein ſie war das leibhafte Bild des Kum⸗ mers; ſie ſprach kein Wort, wagte nicht die Augen zu ihm aufzuſchlagen, ſondern heftete ſie ohne Unterlaß auf den unberuͤhrten Teller. Ihr Cheherr betrachtete ſie finſter und verdrieß⸗ lich, endlich machte er ihr eine gleichguͤltige Frage; ſie wollte antworten, aber indem ſie ihren Blick auf ihn erhob, erſtickten Thraͤnen ploͤtzlich ihre Stimme; ſie ſtand ſchnell auf, allein Ricciardo kam ihr zuvor. Er ſprang auf, warf den Stuhl um, und verließ das Zimmer. —— Nachher ließ er ihr durch Pincenzo ſagen, daß er ſie nicht ſehen wollte, bevor ſie ihren Schmerz ganz unterdruckt haͤtte; geſchaͤhe die⸗ ſes nicht, ſo ſaͤhe er ſich gezwungen, ſein Haus zu raͤumen.. Eine geraume Zeit verließ er ſein 2 Zimmer nicht; einen Mittag ſiel es ihm ein, wieder unten zu ſpeiſen. Er trat in den Saal hin⸗ ein und fand den Tiſch nur fuͤr Einen gedeckt. „Was bedeutet dies?“ fragte er Vincenzo. „Signora iſt nicht mehr hier; ſie hat mir beſohlen, Euch zu ſagen, wenn Ihr nach ihr fragen moͤchtet: daß ſie ſich alle Muͤhe gegeben habe, um ihren Kummer zu bekaͤm⸗ pfen, allein ſie vermoͤchte ihn nicht zu beſie⸗ gen. Sie iſt daher nach dem Kloſter Santa Chiara hingezogen, in der Meinung, Euren Willen ſo erfullt zu haben; geſiele ihr Eut⸗ ſchluß Euch hingegen nicht, oder fehlte Euch etwas, ſo moͤchten wir ihr nur Nachricht da⸗ von geben, dann wuͤrde ſie gleich zuruͤckkeh⸗ ren.“ 228 W „Das zaͤrtliche Weib!“ erwiederte Don Ricciardo bitter,„ſie gibt ihren Mann und ihre Heimath auf, um einen ausgearteten Sohn zu beweinen. Sie haßt mich, weil ich nicht die Stricke gekuͤßt habe, womit mich mein eigner Sohn binden ließ.“ „Herr, Ihr habt ja ſelbſt ſie auf die Flucht getrieben!“ ſagte Vincenzo. „Das iſt nicht wahr! ſie hat mir mit ih⸗ rem widerlichen Kummer, mit ihren vorwer⸗ fenden Thraͤnen gezeigt, an wem ihr ganzes Herz hangt. Wenn ſie mich liebte, ſo hätte ſie ſo wie ich gedachtz ſie waͤre bei mir geblie⸗ ben. Jetzt mag ſie ſeyn, wo ſie wil.“ Indeſſen fuͤhlte ſich doch Don Ricciardo durch die Entfernung ſeiner Gemahlin tief verwundet und beleidiget. Er hatte dies nicht von ihr erwartet; er hatte gemeint, daß ih⸗ re Zuneigung, und das ewige Band, wel⸗ ches ſie aneinander knuͤpfte, geſiegt haben wuͤr⸗ de; er ſah es als Trotz und Haß an, was in der willigſten Ergebung ſeinen Urſprung hat⸗ —— —— te. anna hoffte ihn dadurch zu⸗ etwiichen, daß ſie alle ſeine Wuͤnſche erfullte; ſie fühlte zu tief, daß der Schmerz in ihrem Buſen jede Verſtellung beſiegen wuͤrde, und ſie woll⸗ te ihm dieſe ſtummen Vorwürfe erſpuren. Sie ahnete nicht, daß ſie ſeinen Haß zu ih⸗ rein unglclichen Sohne dadurch nur um ſo mehr reizte. Ricciardo konnte ſich nach dem Verluſte ſeiner Ehefran, wiewohl ſie ſich nur ſelten ſahen, in ſeine Einſamkeit nicht mehr finden. Er ward noch finſtrer und unbaͤndiger als vorher; die Jagd zerſtreute ihn nicht mehr;„es iſt nicht Menſchenblut, was da fließt,“ murmelte er in ſich. Um dieſe Zeit geſchah es, daß der Regent ſeines Vaterlandes alle edlen und waffenfaͤhi⸗ gen Maͤnner zu ſeinem Beiſtande aufbieten ließ. Das Volk war in Partheien getheitt, und eine fremde Macht drohte ſich des Landes zu bemächtigen. Es ſtand täglich zu erwarten, daß ein feindliches Heer landen wuͤrde. Don Niceiardo uͤberlegte nicht lange. Er ſah ein 230 weites Feld einer thaͤtigen Beſchaͤftigung, ei⸗ ner blutigen Befriedigung ſeines wilden innern Grams ſich ihm offnen. Ich werde ihnen zei⸗ gen, ſahte er in ſeinen Gedanken, daß ich ſelbſt die Ehre meines Stainmes zu erneuern vermag, wiewohl ich allein in ihrem wieder⸗ gebornen Glanze ſtehen muß. Der Koͤnig empfing den kraͤftigen Mann mit offnen Armen. „Deine Vorfahren haben den meinigen mit Ruhim gedient,“ ſagte er.„Ich will Dir ihre Stelle einräumen; Dein Anſehen und dein Name verheißt mir, daß Du dieſe be⸗ haupten wirſt.“ Auf Ricciardo's dringendes Verlangen wut⸗ de ihm ein Poſten uͤbertragen, der nicht ſo anſehnlich war, als er Gelegenheit darbot, ſeinen Vertheidiger beruͤhmt zu machen. Es kam bald zum Gefecht, wiewohl mehr in ei⸗ nem langwierigen Partheikrieg, als zu irgend einer großen und entſcheidenden Schlacht. Es dauerte nicht lange, als man uͤberall, wo —— 234 Ñ Ricciardo mitfocht, des Sieges gewiß war, und es ward eine allgemeine Sage, daß Nie⸗ mand dem Panier des Oberſten Canori wider⸗ ſtehen konnte; aber nicht allein ſeinem Na⸗ men gab er einen neuen Glanz, er ſelbſt wurde auch zu immer hohern Ehrenſtellen erho⸗ ben, und manches gepluͤnderte Lager, viele geaͤngſtete Staͤdte, die ſich von einem bedroh⸗ ten Sturme ſehr theuer loskaufen mußten, brachten ihm einen Antheil der reichen Beute, welcher ſeine Erwartungen weit uͤberſtieg. In den wenigen muͤſſigen Stunden, die ihm ſein Dienſt uͤbrig ließ, ſann er mit Stolz darauf, wie er ſein neues Vermogen anlegen konnte; allein mit vervielfaͤltigter ſchmerzlicher Bitter⸗ keit ſah er zugleich ein, daß er ſich nur um den Ruhm eines faſt ausgeſtorbenen Geſchlechts bemuͤht hatte; denn ſein Name ſollte ja mit ihm untergehen, und Riemand theilte ſein neues Gluͤck oder hatte Freude daran. Daher belaſtete das erworbene Gold noch mehr ſeine beklommene Bruſt, und die Aenſſerungen, 232 welche aus dieſer herausgepreßt wurden, dreh⸗ ten ſich immer um Rache und Blut. Auf ſolche Art wurde er eines Abends von Vincenzo welcher ihn auch auf dieſen Zuͤgen nicht verlaſſen hatte, in ſeinem Zelte uͤber⸗ raſcht, als er nach einem blutigen Siege ſein Schwert beſah:„Wie viel unſchuldiges Blut,“ hoͤrte jener ihn ſagen,„Klebt nicht an dir? und doch kannſt du nicht dem einzigen Verbre⸗ cher, gegen den ich ewigen Haß empfinde, begegnen!“ Ein andresmal wurde er mitten im Feuer der Schlacht einen Juͤngling von der feindlichen Parthei gewahr, welcher mit Kraft und Beſinnung nicht weit von ihm focht. Er betrachtete. betroffen deſſen Verfahren und Ma⸗ nieren, endlich daͤuchte es ihm, daß der Jüngling hinkte; da zog er ſich auf einmal gegen die Seite hin, wo jener ſocht, und ſturzte ſich mit ungewoͤhnlicher Hef eit ihm entgegen. Alles mußte ſeinon gewaltigen Strei⸗ chen weichen. Der Jüngling war ſeiner wil⸗ den Raſerei nicht gewachſen und fiel. Ric⸗ ———————— ———— ciardo befahl, daß man ihm den Helm ab⸗ loͤſen ſollte; er trat ungeduldig naͤher und ſah betroffen die blaſſen unbekannten Züge; end⸗ lich ſagte er finſter:„Der iſt es nicht! Ach! bin ich denn nicht als Vater unglucklich genng, daß ich auch andre Aeltern kinderkos machen muß? O! ware er nur ſo ſchuldlos wie die⸗ ſer, dann koͤnnte ich uͤber ihn weinen! Gebt dem Knaben ein fromines und ſtattliches Be⸗ graͤbniß. Ich will ihn an der Stelle ſeines Vaters im Trauerkleide zum Grabe beglei⸗ ten.“ Der Krieg hatte, wie alle innere Parthei⸗ zwiſte, lange gedauert, und er ſchien nur einige Monate nachzulaſſen, um mit deſto groͤßerer Gewalt mehrere Jahre hindurch zu raſen. Ricciardo war ſowohl unter dem Still⸗ ſtande als in den Gefechten ſelbſt unermuͤdet. Er ſtand auf den hoͤchſten Stufen der Ehre, als die Streitigkeiten endlich ſich ihrem Ziele zu nahen ſchienen. Nach der letzten Schlacht, wobei der Regent felbſt gegenwaͤrtig geweſen 234 M war, hatte ihm dieſer eine reiche goldene Ket⸗ te geſchenkt und ihn zugleich eingeladen, ihm nach der Hauptſtadt zu folgen. Ricciardo ging ſtolz durch die langen Reihen der Hoſleute, welche ihm eben ſo große Ehrerbietung, wie ſeine Truppen, zu bezeigen ſchienen. Er ge— noß ſeinen hoͤchſten Triumph; allein mitten in dieſem empfand er doch tief und bitter, daß er allein ſtand; der frohe Lärm und das verworrene Geraͤuſch des Hofes war ihm ſo⸗ wohl, als die Aeuſſerung jeder Freude zu⸗ wider. Er ließ den großen Schwarm vor⸗ ansziehn und folgte mit Vincenzo langſam nach.. Auf ihrem Zuge geriethen ſie auf den Weg, der nach ſeinem faſt zerſtörten Eigenthume fuͤhrte; er kenkte ungeſäumt ein. Bald woll⸗ te er dies verkaufen und ein anderes erhan⸗ deln, bald daͤuchte es ihm beſſer, ſein vaͤter⸗ liches Gut wieder in Stand zu ſetzen, nieder⸗ zureiſſen, wieder aufzubauen; viele verwor⸗ rene Plane liefen ihm durch den Kopf; doch 4 betrat er ſein Haus mit einem heimlichen Wi⸗ derwillen aufs neue; eine ſchwuͤle dumpfige Luft begegnete ihm, er ließ ſchnell die Fen⸗ ſterladen anfreiſſen. Er ſtand gerade mitten in Donna Anna's Zimmer und ihr wohlbe⸗ kanntes Bild, wo ſie als Braut in der gan⸗ zen Fuͤlle ihrer Jugend und Schoͤnheit gemalt war, hing noch wie vorher an der Wand. Er warf ſeine Blicke darauf, allein, es ſey nun entweder durch Feuchtigkeit oder von der dumpfigen warmen Luft und den ſchlecht zube⸗ reiteten Farben, das Bild war verblichen, ohne Glanz und Leben, und der bunde Biumen⸗ kranz war mit einem halb verweſeten Spin⸗ nengewebe uͤberzogen. Dieſer unerwartete Wechſel erſchuͤtterte ihn.„Es iſt nur zu aͤhn⸗ lich,“ ſagte er, nachdem er es lange be⸗ * trachtet hatte, und verließ das Zimmer; al⸗ lein er kehrte noch denſelben Tag mehr als einmal dorthin zuruͤck, und als der Abend ſich nahete, befahl er, daß man ſein Bett in dieſe Stube hineinbringen ſollte. Er ſehn⸗ „ te ſich nach Anna, ohne es ſich ſelbſt geſte⸗ hen zu wollen; er brauchte ein verwandtes Weſen, mit dem er ſeine ſelbſt erworbene Herrlichkeit genießen konnte. Ihr zaͤrtliches liebreiches Betragen ſtellte ſich unter dem blei⸗ chen Bilde aufs neue lebhaft vor ſeine Seele; mit dein Gedanken an ſie ſchlummerte er faſt gegen ſeinen Willen ein. Gegen Morgen fuhr er aus einem aͤngſt⸗ lichen Traume auf, welcher ſich ſo deutlich und lebhaft ihm vorgeſtellt hatte, daß es ihm wachend ſehr ſchwer fiel, dieſen von der Wirklichkeit zu unterſcheiden. Nach vielen ab⸗ gebrochenen und verworrenen Bildern hatte es ihm nämlich gedäucht, daß er ohne Unterlaß auf einem wuͤſten und ſandigen Weg, deſſen Ende er gar nicht erblicken konnte, wandel⸗ te; endlich erhob er unter Gebeten die Au⸗ gen gen Himmel, und ſiehe: dicht am We⸗ ge zeigte ſich eine herrliche fruchtbare Gegend, ein irdiſches Paradies, welches langſam ſo wie er ging mitzufolgen und ihn gleichſam Fb— ——.—— 237 einzuladen ſchien. Mitten in einem ſchoͤnen Kreiſe von Baͤumen lag eine kleine Kirche aber ſo, wie er ſie nie vorher geſehen hat⸗ te. Sie war halb durchſichtig, und das Dach ruhte auf Saͤulen, von Epheu und Weinreben umſchlungen; ſie hatte ein freund⸗ liches, lebendiges, jedoch patriarchaliſches An⸗ ſehen. Vor dem Eingange ſtand ein ſchlan⸗ kes weibliches Weſen, welches ihn mit aus⸗ gebreiteten Armen und freundlichen Mienen zu ſich hinwinkte; als er recht genau zuſah, wurde er inne, daß es Donna Anna war⸗ Da kam es ihm vor, als wurde er erzuͤrnt und ſchuͤttelte den Kopfz es ſchmerzte ſie, und er ſah eine Thraͤne an ihrer Wange her⸗ untergleiten, und ſonderbar genug, ungeach⸗ tet der Entfernung war es ihm, als fiel dieſe brennend in ſeine Bruſt. So hatte ſie ihm viermal gewinkt, allein er verſagte jedesmal zu kommen, und jedesmal vergoß ſie denn eine brennende Thraͤne. Als ſie das fuͤnfte⸗ mal winkte, vermochte er nicht laͤnger zu — 238 widerſtehen; er wollte ſo eben die Arme ge⸗ gen ſie ausbreiten, als ein Greis ans der Kirche heraustrat, in dem er gleich den Pa⸗ ter Anſelmo erkannte. Dieſer ergriff ſie bei der Hand und fuͤhrte ſie ſchnell mit ſich hin⸗ ein, doch, ſo duͤnkte es ihm, folgte er ihr augenblicklich nach; er trat in die herrliche Gegend hinauf, und beinahe in dem naͤmli⸗ chen Augenblick, wie ſie, in die Kirche. Pa⸗ ter Anſelmo war nicht mehr da, allein Don⸗ na Anna lag todt und ausgeſtreckt vor ihm in einem offenen Sarge, der vor dem Altar ſtand; da war es ihm, als wuͤrde ſein Herz brechen, er wollte ihre Hand ergreifen, aber in demſelben Augenblicke erwachte er. Er fuhr mit der Hand an ſeine Bruſ, und ſah ſich um. Ach, er war wie vorher furchterlich allein; alles war verſchwunden, nur nicht die Thraͤne, welche er noch bren⸗ nend, ſo ſchien es ihm, in ſeiner Bruſt fuͤhlen konnte. Zum erſtenmale, nach Ver⸗ lauf vieler Jahre, dachte er wieder an Pa⸗ 239 ter Anſelmo.„Ja, ich bin ein wilder Lo⸗ we geworden!“ ſeufzete er;„doch es iſt nicht meine Schuld, man hat mich dazu gemacht; allein gegen Amna bin ich zu hart geweſen! Es liegt ja in der Natur des Wei⸗ bes, wo wir verdammen, zu entſchuldigen. Sie hat mich nicht verrathen, weil ſie nicht unterlaſſen konnte zu lieben, was mir genug gekoſtet hat, haſſen zu muͤſſen. Ich will ſie wiederſehen! Ach, wenn es nur nicht zu ſpaͤt iſt! Iſt nicht dieſer Traum der Vorbote einer traurigen Wirklichkeit? Ach, wie gern mochte ich ſie doch einmal ſehen!“ Als es Tag wurde, zog er ein einfaches Kleid an, und ritt ganz allein nach dem Kloſter. Er trat in das Sprachzimmer und fragte nach Signora Canori. „Sie iſt unter uns nicht mehr, bekam er zur Antwort. „Alſo geſtorben?“ „Geſtorben? Ja, ſo iſt's! Es iſt ſchon lange her!“ 24 240 Ricciardo kehrte erſchrocken um, ohne ein Wort weiter zu ſagen, und ging in die Kir⸗ che; ungeachtet er dies geahnet hatte, er⸗ ſchuͤtterte ihn doch dieſe Nachricht; es war die erſte, die ſeit vielen Jahren ihn bewegt hatte. Er konnte nicht mehr mit ihr reden! Er wollte zum mindeſten ihre Aſche ehren; der reiche Mann wollte ſeiner Ehefran ein koſtbares Denkmal errichten, da ſie ſelbſt nicht mehr ſeinen Glanz theilen konnte. Er fragte einen Kirchendiener nach ihrem Grabe. „Donna Canori?“ antwortete dieſer, ſich beſinnend:„Hier iſt keine Donna Canori be⸗ graben. Scht ſelbſt nach: jede Leiche hat ihren Stein.“ „Donna Anna Canori, ſage ich, eine vornehme Frau, die ſich im Kloſter aufge⸗ halten und daſelbſt geſtorben iſt. Ihr muͤßt ja wiſſen, wo ſie liegt!“ „Sie iſt nicht hier, Signor! Sie muͤßte denn im Kloſtergange unter den Nonnen be⸗ graben ſeyn.“ ——— 244 W Ricciardo ging ins Sprachzimmer zuruͤck. „Liebe Schweſter,“ ſagte er:„Liegt Donna Canori in Eurem begraben; ſo fuͤhrt mich dahin.“ Stich „Sie muß in der Kirche legen⸗⸗ „Dort iſt ſie nicht; der Kirchendiener weiß von ihrem Grabe nichts. Sie muß unter Eu⸗ ren Todten ſeyn!“ 2 „Ich glaube— ich weiß nicht“— erwie⸗ derte die werde die Priorin ho⸗ len 5 6 Sie kam, gab aber S ausweichende Antworten; dies brachte den argwoͤhniſchen Don Ricciardo auf.„Ich bin General Ca⸗ nori, und fordere Rechenſchaft wegen der Lei⸗ che meiner Gemahlin!“ rief er heftig⸗ „Wohlan denn, Eccellenza!“ ſagte die Priorin,„weil Ihr darauf beſteht, will ich Euch die Wahrheit ſagen: Sie ebt! al⸗ lein ſie iſt nicht wehr hiet „Wie?“ * 16 242 „Eccellenza!“ hob die Nonne, mit der er zuerſt geſprochen hatte, geſprächig an: „Ich kann Euch den ganzen Zuſammenhang erkläͤren, denn ich weiß alles, was geſchieht und geſprochen wird innerhalb dieſer Mauern.“ Jetzt erzahlte ſie, wie die fromme Donna mehrere Jahre hindurch, verehrt und geliebt von Allen und betrauert von Jedem, der ein Zeuge ihres geheimen Grams geweſen war, unter ihnen gelebt hatte. Plotzlich aber kam ein junger huͤbſcher Mann an, der jedoch et⸗ was hinkte, und verlangte ſie zu ſprechen. Bei dieſer Nachricht fuhr Don Ricciardo heftig zuſammen:„Lebt alſo der noch, der feige Raͤuber, um mich um Alles zu beſteh⸗ len!“ inurmelte er bei ſich ſelbſt,„und ich, der ich ſeines Todes ſo gewiß war!“ Ach! der Schmerz wegen des vor Kur⸗ zem vermutheten Hintritts ſeiner Ehefrau war nicht ſo bitter, als derjenige, welchen er durch die Gewißheit, daß ſein Sohn noch am Leben war, empfand; doch faßte er ſch 243 ſchnell, und befahl der Sh Ronne zufahren: Dieſe berichtete nun weiter, wie die Don⸗ na durch die Erſcheinung des jungen Man⸗ nes hoͤchſt geruͤhrt und erſchuͤttert wurde; al⸗ lein obſchon er ſie auf das dringendſte, ja ſo⸗ gar knieend, ihm zu folgen, auflehte, ver⸗ mochte er doch nicht, ſie dazu zu bewegen. „Mein Platz iſt bei meinem Gatten, ſo lan⸗ ge ich lebe!“ hatte ſie geſagt,„ich will und darf ihn nicht werlaſſenz fruͤh oder ſpaͤt wird er mich doch vermiſſen; wie leicht koͤnnte ihm etwas zuſtoßen, und waͤre ich dann nicht bei ihm, ſo wuͤrde ich mir es ewig vorwerfen! Ich kann weit von ihm nicht ruhig leben⸗“ Sie blieb ſtandhaft gegen die Bitten und die heftige Betruͤbniß des jungen Mannes, wel⸗ cher endlich mißmuthig fort zog. Allein nach dreien Jahren war er zuruͤckgekommen; er hatte zwei kleine ſchoͤne Kinder mit ſich ge⸗ bracht und erneuerte ſo ſeine Bitten.„Ich allein kenne ſeine unzugängliche Bruſt,“ hat⸗ 16 244 te die horchende Nonne ſie ſagen gehoͤrt,„waͤ⸗ ve ich nur im Stande, dieſe zu unſeren Ver⸗ mittlern, oder weninſtens zu ſeinem Segen zu erziehen!“ Der junge Mann beſturmte ſie mit Ueberredungen; er hatte vieles geſagt, was die Ronne nicht verſtanden hatte, allein Donna Anna war hoͤchſt bewegt; ſie hatte die unſchuldigen Kleinen lange mit gefalteten Haͤnden betrachtet; endlich rief ſie:„Wohl⸗ an denn! hier vergeht mein Leben in einer freudenloſen Unthaͤtigkeit, ſo erhaͤlt es auf einmal eine ſich belohnende Beſtimmung. Viel⸗ leicht wird auch mein Tod ihn verſoͤhnlicher machen, als es mein trauriges Leben konnte, und die Gewißheit von jenem ihn beruhigen; aber ſo muß er auch nie ahnen, daß ich noch lebe!“ „So iſt's!“ fuhr die Priorin fort,„ſie trug mir auf, ihren Tod zu verkuͤndigen, wenn Jemand im Laufe der Zeit ſich nach ihr erkundi⸗ gen ſollte; darauf verließ ſie unſer Kloſter. Ihre Nachlaſſenſchaft ſteht zu Eurem Dienſte.“ „ ₰ —————— * 6* 245 „Wohin zogen ſie?“ fragte Riecciardo mit blitzenden Augen. „Wir wiſſen es nicht,“ bekam er zur Antwort,„auch haben wir nie danach ge⸗ forfcht; ſie ſprach gar nichts davon, und wir mochten nicht gern der frommen ennß mit Sraen laͤſtig ſeyn.“ Ricciardo kehrte in tiefen Gedanken zu Hauſe; wohl erkannte er bei ſich ſelbſt, daß er es verdient hatte, von ihr verlaſſen zu werden, doch wurde er dadurch nicht abge⸗ halten, auch diefesmal ſeinen ganzen Zorn auf den ungluͤcklichen Sohn hinzulenken; als er zuruͤck war, ſagte er zu ſeinem Diener: „Du biſt wohl aͤlter wie ich, Vincenzo, mir aber prophezeit Alles ein naͤheres Ziel; willſt Du bis an meinen Tod bei mir bleiben?“ „Moͤge der Herr Euch noch viele Jahre erleben laſſen! ich bleibe bei Euch, bis er⸗ mich ruft.“ „Du thuſt keinen guten Wunſch, Vin⸗ cenzo! Wir bleiben alſo beiſammen?“ 5 246 „Ja, Herr! inſofern Ihr nich nicht ver⸗ ſtoßet?“ „Meinen einzigen und letzten Freund! Du ſollſt mir die Augen zudruͤcken.“ „Ach, Signor! Ihr habt beſſete Freun⸗ de denn mich! Wutſüc wollt Ihr Euer Herz verhaͤrten?“ „Still! kein Wort von denen, die Du meinſt! das iſt eine ausdruͤckliche Bedin⸗ gung.“ Der Einladung des Koͤnigs zu Folge zo⸗ gen ſie nach der Reſidenz. Don Ricciardo ver⸗ ließ ſein Schloß, ſo wie man ein Grabge⸗ woͤlbe verlaͤßt; es war ihm widerlich; er fuͤhlte, daß er die Erinnerungen ſcheuen muß— te, die jeder Gegenſtand bei ihm dort weck⸗ „ daß er daſelbſt am allerwenigſten die Lee⸗ re, welche er in ſeinem Buſen empfand, aus⸗ foͤllen konnte; auch beſchloß er, nie mehr dorthin zurück zu kehren. Sie waren kaum zu Neapel angekommen, als Don Ricciardo durch inen Herold eine Andienz angeſägt wulde. 247 MMM Er verfugte ſich nach dem Schloſſe; waͤh⸗ rend er einſam im Vorgemache wartete, naͤ⸗ herte er ſich dem Fenſter: es war ein dunk⸗ ler Tag im Jangar. Schwere Regenwolken hingen am Himmel, und hohle Windſtoͤße ruͤhrten die Wellen auf. Gerade vor ſeinen Augen hob die kleine Inſel Kapri ihre nack⸗ te eckigte Felfenmaſſe, ein altes graues Haupt, aus dem Meere. Er betrachtete ſie gedanken⸗ voll.„Mein Bild,“ murmelte er.„Ein⸗ ſam, alt und grau ſtehe ich da, wie jener Felſen, angeſpuͤhlt von den zornigen Wogen des Haſſes und des Kummers, allein doch unerſchuͤttert; kein ſchattiger Strauch ſprießt frennvlich empor, um das kahle Haupt zu er⸗ quicken! Was habe ich denn? einen alten Namen, ſo wie jener, und einen Klumpen Metall, hart und gefuͤhllos wie ſeine Maſ⸗ ſel 5 Der Regent empfing ihn gnaͤdig;„Gene⸗ ral,“ hob er an,„ich hab' Euch rufen laſ⸗ ſen, um noch einmal wegen der Dienſte, 248 die Ihr mir geleiſtet habt, Euch zu danken, und ſie, in ſofern ich es im Stande bin, zu belohnen;“— er hing eine reiche Ordens⸗ kette um ſeinen Hals;—„allein ich will Euren Eifer nicht mißbrauchen, und ertheile Euch daher in Gnaden Euren Abſchied.“ „Meinen Abſchied? Der Krieg iſt noch nicht ganz beendet, und ich fuͤhle Staͤrke ge⸗ nug, ſowohl in meinen Armen als in meiner Seele, zum Dienſte Eurer Majeſtaͤt!“ „Jener iſt ſo gut wie beendigt, und Euer Alter braucht Nuhe!“ „Ich habe noch kein Beduͤrfniß dazu ge⸗ ſpuͤrt. Eure Majeſtaͤt! womit habe ich mir Eure Ungnade zugezogen?“ „Bei Gott, Canori! die habt Ihr nichtz allein,“ fuhr der Koͤnig vertraulich fort,„ich will es Euch geſtehen: Ihr habt Feinde! Man wirft Euch vor,— und welcher Menſch iſt auch ohne Fehler— daß Ihr waͤhrend dem Feldzuge das Menſchenleben nicht genug gewuͤrdiget, daß Ihr oft allen Graͤuel des M Krieges angewandt habt, ungeachtet Ihr glimpflich und mit guten Worten eben daſſel⸗ be haͤttet ausrichten koͤnnen. Eure Truppen fuͤrchten und ſchaͤtzen Euch; allein ſie lieben Euch nicht. Ihr habt eine Miene, die ſie wegſchencht. Die Offiziere beklagen ſich uͤber Strenge; Ihr wollt unter den Beſchwerden des Krieges ihrer Jugend nicht einmal eine Stunde Froͤhlichkeit und Erquickung vergoͤn⸗ nen. Ich habe mich geweigert, es alles an⸗ zuhoͤren! Nun, Ihr habt es ja auch weit genug gebracht! das Uebrige mag vergeſſen ſeyn; ich aber werde die Dienſte, die Ihr mir geleiſtet habt, nie vergeſſen, und ſchenke Euch weitlaͤufige Beſitzungen bei dem àppigen Sorrento.“ „Eure Majeſtit! mein geben iſt ie pig an Freuden geweſen, und eine bluͤhende Natur ſchickt ſich nur ſchlecht fuͤr mich; mir gefallen Kapri's nackte Felſen beſſer, es iſt zwiſchen uns eine gewiſſe Uebereinſtimmung; dort iſt man von der muntern Welt ausge⸗ * 2 250 W ſchloſſen, die nicht das Alter und das Un⸗ gluͤck, welches ſie mit ihren Mienen ver⸗ ſcheucht, wuͤrdiget; dort iſt man ganz allein. Schenkt wir lieber dieſe, Eure Majeſtaͤt, weil Ihr mir doch eine ſolche Gnade zugedacht habt.“ „Gern!“ erwiederte der Regent lächelnd, „wenn Ihr damit zufrieden ſeyd; um die Beſitzung wird wohl keiner Euch beneiden! noch heute ſoll der Schenkungsbrief ausge⸗ fertigt werden. Lebt wohl, General!“ Don Ricciardo kehrte langſam und tief⸗ ſinnig nach der Herberge zuruͤck; zu gleicher Zeit mit ihm kam der Schenkungsbrief ſchon an; er ſteckte ihn in ſeinen Buſen. „Vincenzo! wir wollen abziehen,“ ſagte er,„ich bin verbannt!“ „Verbannt? Gaͤtiger Gott!“ „Nun, nenne es wie Du willſt! der Ko⸗ nig hat mir einen Orden, meinen Abſchied. und die Inſel Kapri geſchenkt. Ich nehme mein Vermoͤgen mit, und gebe fuͤr inmet 251 MN dies Land, die ganze Welt auf; koͤnnte ich auch ſo jedes Andenken daran aufgeben 16 Sie ſchifften ſich auf eine kleine Barke ein, das Meer ſchlug hoch uͤber dieſe hin, und verbarg ſie oft in die Wellen; Ricciardo, welcher der Seemannskunſt unkundig war, ſah mit Freude jedem rollenden Wellenberg entgegen.„Das wird uns gewiß verſchlin⸗ gen!“ ſagte er laͤchelnd. Endlich naͤherten ſie ſich Kapri's nackter Felſenwand. Die Brandung ging hoch, und ihr ſiedendes Ge⸗ raͤuſch uͤbertaͤubte das Geſchwaͤtz der Seeleu⸗ te. Das Boot landete mit Muͤhe an dem ſchroffen, ſandbedeckten Felſenſtrand, gegen welchen die Wellen ſich mit gewaltigen Schlaͤ⸗ gen brachen. Drei Maͤnner trugen den Alten ans Land. „Ihr ſeyd ſchwer, Eccellenza!“ ſagte der Eine ernſt und mit Beziehung, indem ſie ihn herunterhoben. „Ich bin alt und ſchwach und naͤhere mich „dem Grabe; mein Gemuͤth iſt mir auch ſchwer!“ erwiederte er. Beinahe alle Ein⸗ wohner hatten ſich am Strande verſammelt, um ihren nenen Herrn zu ſehen; er betrach⸗ tete den ganzen Haufen mit ſeinem gewoͤhn⸗ lichen duͤſtern Blick; ſie wichen erſchrocken zuruͤck. Ein kleines Kind, welches ein Weib nicht weit von ihm auf dem Arm trug, M ſogar laut zu weinen an. „Siehſt Du,“ ſagte er leiſe zu Vincenzo, „auch hier muß ich Alle verſcheuchen; ſelbſt die Unmuͤndigen fuͤrchten ſich vor mir!“ ſelbſt““ „Ahf mir?“ „Seyd ſo, wie Ihr vorher in Euren juͤngeren Tagen waret, freundlich und ſanft.“ „Und wie wuͤrde ich das werden?“ „Verzeihen““ ſagte Vinenzo leiſe und furchtfam. it „Verzeihen? dem verzeihen, der mich mit einem Zeichen, wofuͤr ſich Alle entſetzen, ge⸗ brandmarkt, der alles Gute und Erfrenliche . „Signor, es beruht ja nur auf Euch —— 253 von meiner Seite, und jede gute Empfin⸗ dung aus meiner Bruſt geſtohlen hat? Nein! nur Fluch uͤber ihn kann mir das Herz er⸗ leichtern.“ So war ſein Cintritt in ſeine neue Be⸗ ſißung, wo er mehrere traurige Jahre zu⸗ bringen ſollte. Mit Muͤhe erſtieg er die lan⸗ ge, unbequeme Felſentreppe, die nach Ma⸗ rie Kapri fuͤhrt, einer kleinen, unanſehn⸗ lichen, finſtern Stadt, damals der einzigen auf der Inſel. Von ſeinen Fenſtern hatte er nur die Ausſicht uͤber die graue Steinmaſſe,— die ſparſame Vegetation und wenige Wein⸗ ſtoͤcke ausgenommen, an welcher doch ein je⸗ der ſehen konnte, daß dieſe mehr die Fruͤch⸗ te der Duͤrftigkeit und eines armſeligen Fleiſ⸗ ſes, als die Gaben einer uͤppigen Natur waren,— ſo wie uͤber das unruhige Meer, deſſen Brandung, die ſich ohne Unterlaß ge⸗ gen die Felſen brach, in ſeinem Ohr als ein ewiges Nothgeſchrei erſcholl. Auch entdeckte daſelbſt das Auge die Ruinen von Tibers prach⸗ 254 tigem Schloſſe, jetzt verjaͤhrtes, duͤſtres roͤ⸗ miſches Mauerwerk, welches mit ſeinen ho⸗ hen, wuͤſten Gewoͤlben traurige Erinnerungen an ein Zeitalter verbindet, wo es im uner⸗ reichbaren Glanze prunkte, und Verſchwen⸗ dung und Wohlleben eine Hoͤhe erreicht hat⸗ te, wovon wir uns jetzt kaum einen Begriff machen koͤnnen. Im Anfange gefiel Don Riecciardo dieſe finſtre Einfoͤrmigkeit. Er warf fluͤchtig ſeine Blicke hinuͤber auf das reiche Sorrento, wie auf die verſchwundenen Traͤu⸗ me ſeiner gluͤcklichen Jugend, um ſie deſto laͤnger mit Bitterkeit auf den nackten Stein⸗ maſſen, die ihn umgaben, verweilen zu laſ⸗ ſen, welche ſein freudenloſes Alter bezeichne⸗ ten, wo Alles grau und verlaſſen, ſo wie er ſelbſt war, der auch als eine kahle anſehn⸗ liche Ruine aus einer beſſern Zeit noch da ſtand. Allein dieſe ewigen Vergleichungen, die ihm im Anfange eine Beſchaͤftigung gewaͤhr⸗ ten, wurden ihm bald langweilig und ein⸗ „ .——— 256 foͤrmig, und er ergab ſich immer mehr ei⸗ ner Unruhe, die, obwohl nicht Reue, doch einen keiſen Wunſch hervorbrachte, daß viele Sachen ungeſchehen ſeyn moͤchten. Wohl gab er ſich ſelbſt Verweiſe wegen dieſes Gefuhls, als waͤren ſie Folgen der Schwaͤche des Al⸗ ters, und er fuhr auf, wie vorher, wenn Vincenzo, der auf einmal dreiſter geworden zu ſeyn ſchien, immer mehr und mehr feine Gedanken auf die verhaßten Gegenſtaͤnde hin⸗ lenkte; doch war es mehr ein Gepolter von Worten, als die vorher unbaͤndige Erbitte⸗ rung, welche nur Rache und Blut forderte. Pater Anſelmo fiel ihm auch oͤfters ein, und die brennenden Thraͤnen, die im Traume auf ſeine Bruſt gefallen waren, hatten Spuren hinterlaſſen, welche er nicht zu vertilgen vermochte. Dadurch wurden die Erinne⸗ rungen an ſeine Frau immer reger und auch ſehnſuchtsvoller in ſeiner Bruſt.„Ja,“ ſagte er oft zu Vincenzs:„Ihr Bild winkt mir freundlich und oft; allein woll⸗ „ — 256 te ich auch wo nißn ich ſie denn ſuchen?“ „Habt Ihr denn Signor?“ ſtagie Vincenzo. 3 „Nein! Rein! ihm? nie!“ „Das iſt das Erſte; Belingt der er⸗ leichterten Bruſt! L So weit kam Vincenzo oft; er wagte aber nichts mehr zu ſagen, er furchtete die ſchlum⸗ mernde Heftigkeit ſeines Herrn wieder zu er— wecken, denn er ſah recht gut ein, daß die⸗ ſe nur ruhte, ohne vertilgt zu ſeyn, und daß ſie leicht mit erneuerter Gewalt hervor⸗ brechen koͤnnte; jetzt war nichts da, was jene reizen konnte, denn Alle befolgten ſei⸗ nen Willen mit Zittern; kein neuer Verdruß beunruhigte ſein freudenloſes Leben. Ricciar⸗ do war von ſeinen Unterthanen nicht geliebt; ſie ſahen ihn immer finſter und ſtrenge; er ſcheute jeden muntern Klang, und die Kin⸗ der dutften ſich nie ſeinem Hauſe nahen, denn ihre Freude und wildes Geraͤuſch konnte er *. . ——— 257. N nicht vertragen. Innerhalb ſeiner Waͤnde war es oͤde und ſtill, man wagte kaum laut zu ſprechen; er war der Einzige, welcher nicht ſeine Stimme daͤmpfte. Vincenzo hielt redlich bei ihm aus, und richtete ſogar jede Aeuſſe⸗ rung ſeiner Unzufriedenheit gegen ſich, und doch mußte eben er aufs neue den letzten und ſtaͤrkſten Ausbruch ſeiner Erbitterung bewir⸗ Nach Vinrenzo hatte ein Geiſtlicher, Pa⸗ ter Cyrillo, Pfarrer auf der Inſel, den groͤßten Antheil, obwohl nicht an ſeinem Vertrauen, jedoch an ſeiner Gunſt. Dieſer Mann bediente ſich aller Mittel, um auch jenes zu erſchleichen; es war eine bekannte Sache, daß Ricciardo ein bedeutendes Ver⸗ moͤgen mit ſich hinuͤber gebracht hatte, auch hatte man ihn ſagen gehoͤrt, daß er ohne Verwandte, und der Letzte ſeines Stammes ſey; allein das Geruͤcht hatte dieſem wider⸗ ſprochen, und Vincenzo immer eine geheim⸗ nißvolle PVerſchwiegenheit beobachtet. Der 17 258 Geiſtliche, welcher ein gieriges Ange anf ſei⸗ ne Schaͤtze geworfen hatte, und heimlich den Plan hegte, ihn zu bereden, durch dieſelben ein reiches Kloſter zu erbauen, in welchem der Pfarrer, der mit dem nahenden Alter ſich gern von der Welt zuruͤckziehen wollte, ins Geheime wuͤnſchte, nach abgelegtem Klo⸗ ſtergelubde, Prior zu werden, betrachtete nicht ohne Grund Vincenzo als den, der ihm bei dieſem Zweck am meiſten hinderlich ſeyn wuͤr⸗ de; er vermuthete außer dem, daß es dem Greiſe wohl beifallen koͤnnte, ſeinem lieben und treuen Diener einen bedeutenden Theil ſeiner Neichthuͤmer zu hinterlaſſen. Er faßte daher den frommen Entſchluß, ihn der Gunſt feines Herrn verluſtig zu machen. Er ſah rocht wohl die Schwierigkeit dabei ein, al⸗ lein etwa faͤnfjhrige Geduld und unablaſſiges Lauern konnten nicht fruchtlos bleiben. Es war ihm eine geringe Sache, theils als Beichtvater, theils indem er eine trene Freundſchaft erheuchelte, Vincenzo's Vertrauen „ in allem, was ihn ſelbſt anging, zu ge⸗ winnen; der alte treue Diener brauchte oh⸗ nedies einen Buſen, in welchen er ſeine ei⸗ gene Unzufriedenheit ausſchuͤtten konnte. Sein zartes, aͤngſtliches Gewiſſen, welches ihn nicht allein alles Gegenwaͤrtige im Leben, ſon⸗ dern auch Alles, was ſchon laͤngſt vorgefallen war, und deſſen Unſchuld er einiger Maßen bezweifelte, zu beichten noͤthigte, gab dem Pater Cyrillo Waffen in die Hoͤnde, welche zu benutzen er nur eine guͤnſtige She Vincenzo hatte eine Zeit lang ſ ganz wohl befunden, welches Anlaß gegeben hatte, daß er Ricciardo mehr als gewoͤhnlich ſeiner Einſamkeit hatte uͤberlaſſen muͤſſen; die⸗ ſer in einer Anwandlung von uͤbler Laune be⸗ klagte ſich wegen dieſer anſcheinenden Vernach⸗ läſſigung vor dem Geiſtlichen.„Er iſt meine letzte Stuͤtze,“ hub er an, er weiß, wie unentbehrlich er mir iſt.“ 172 —— 260 .„Gluckſelig iſt der Mann,“ erwiederte dieſer mit Bedacht,„der nur Gott und ſich ſelbſt vertraut!“ n „Ich darf Vincenzo vertrauen„ ſagte der Alte eifrig;„Alle haben mich verlaſſen und gemißhandelt; nur er iſt mir treu geblieben, und hat ſich nicht durch Thranen und ruhren⸗ de Worte verleiten laſſen.“ ps „Seyd Ihr deß auch gewiß?“ fuhr der Pater mit einem tuͤckiſchen Laͤcheln fort. „Wißt Ihr etwas, ſo ſagt es nur herz es iſt Eure Pflicht gegen Euren Herrn!“ rief 3 Ricciardo ſchnell, mit einem ſcharfen und mißtrauiſchen Blick.„ 6 „Es iſt meine Pflicht,“ erwiederte jener mit einer andächtigen Miene,„die Suͤnden zu verſchweigen, die mir im Beichtſtuhle an⸗ vertrauet werden, auch wenn ich durch das Reden eine Schlange, die eine wuͤrdige und gedruͤckte Bruſt umſchlungen haͤlt, losreißen konnte.“ 261 M „Pater! das kann Vincenzs i ben; er iſt ein redlicher Mann!“ „Ja! denn er hat ſeine Schub erkannt und— doch iſt er mit dem eigenen Wil⸗ len uneins; das iſt kein gutes Zeichen, und Recht m er gewiß auch nicht daran, wenn er Euch etwas verſchweigt, woran Euch viel⸗ leicht in Eurem Herzen ſehr gelegen b es zu wiſſen.“ „Was will das ſagen? Redet! Ihr ſchweigt jetzt auch etwas, was ich zu wiſſen begehre.“ „Eocellenza! der prieſterliche Eid binbet meine Zunge.“ ₰ „Rede, Monch!“ rief der Greis und er⸗ griff ſein Schwert; ſeine Augen ſpruͤhten Ju⸗ gendfeuer und et z rothete ſeine alten Wangen „Ich muß 6uch d den gehorchen,“ erwie⸗ derte Cyrillo leiſes„aber ich begehe dergeſtalt eine Suͤnde gegen die heilige Kirche, welche durch milde Gaben zu verſohnen alsdann Eu⸗ 262 re Sache ſeyn wird. Der ehrliche Vincenzo hat ſich ſelbſt als die erſte und groͤßte Urſache Eures Kummers vor mir ange⸗ klagt. 1. „Laßt hoͤren!“ „Er hat vor vielen Jahren, freilich aus Mitleid, wie er ſagte, Euer Vorhaben Ei⸗ nem, gegen welchen es eben gerichtet war, verrathen, und dadurch dieſem Gelegenheit ge⸗ geben, es zu hintertreiben, wiewohl auf ei⸗ ne Art, die das ſehe i koͤn⸗ nen.“ „Vincenzo 270 S der ue mit ſe5 ter Stimme, indem er blaß wie eine Leiche wurde, und ſein ganzer Koͤrper zitterte.„Sei⸗ ne treue Sorgfalt war aiſo nur Reue! Fahrt nur fort, und erſchrecket v es geht wohl voruͤber.“ „Weiter hat er mir gebeichtet, daß er, als Ihr einmal dieſem Feind auf der Spur und nahe daran waret, ihn zu üͤberraſchen, die Hufeiſen Eures Pferdes losgemacht, um Eure Reiſe zu verzogern, damit der Eilbote, welcher von der Mutter desjenigen verausge⸗ ſchickt war, den erforderlichen Vorſprung er⸗ halten konnte.“ h „Ich erhole mich wieder!“ rief der Greis, und druͤckte das Schwert krampfhaft an ſeine Bruſt;„jedes Eurer Worte gibt mir neue Kraft, dieſen falſchen Schurken zu zuͤchtigen: Er ſoll fuͤr Alle buͤßen!“ Er wollte ſogleich fort. ½ 5 „Nichts uͤbereilt, Eccellenza fuhr der Moͤnch fort, indem er ihn zuruͤckhielt,„Ihr moͤchtet ſo leicht das Uebel noch ſchlimmer machen! Es iſt nicht lange her, als er mich im Vertrauen gefragt hat, ob er Unrecht dar⸗ an thaͤte, Euch den Anfenthalt Eures Fein⸗ des zu verbergen, wiewohl er recht gut be⸗ merkt haͤtte, daß Euer heimliches Verlangen bei Tage ſo wie in der Nacht nur dahin gerichtet iſt, jenen zu entdecken; es daͤucht ihn aber eine geringere Suͤnde zu ſeyn, in einem unbefriedigten Durſte nach Rache Euch ½ 264 aufzehren, als durch das Reden, dieſen im Blute, das Euch heilig ſeyn ſollte, Euch lo⸗ ſchen zu laſſen! Sdt „Auch das weiß er!“ rief Ricciardo be⸗ ſtͤrzt und faſt von Sinnen:„Vincenzo! Vincenzo!“ 655 Der Geiſtliche vermochte nicht ihn laͤnger zu halten. Die Leute ſtuͤrzten herbei; mit gebrochener Stimme rief er, daß man Vin⸗ cenzo ſuchen, binden, vorfuͤhren ſollte.„Sein Blut iſt mir doch nicht heilig!“ ſtammelte er wuͤthend. nj Enictu Als ſie allein waren, verſank Don Ric⸗ ciardo in tiefe Gedanken; ploͤtzlich wandte er ſich an Cyrillo mit den Worten:„Was habt Ihr ihm darauf erwiedert?“ „Ich?“ ſagte dieſer betroffen;„ich erwie⸗ derte, daß ich ſeinem Gewiſſen nicht vorgrei⸗ fen wi ſn n 83 6 ien Die Diener kamen zuruͤck; keiner konnte ihn finden. Einige von den Leuten hatten Don Ricciardo's lautes Geſpraͤch mit dem 265 Geiſtlichen bemerkt, ſie hatten ſeine Drohun⸗ gen und Vincenzo's Namen vernommen, und eilten, waͤhrend es noch Zeit war, dieſem Nachricht davon zu geben, denn ſie hatten ihn alle gern; er war das einzige freundliche Weſen in dem duͤſtern Hauſe, er verſchwieg ihre kleinen Vergehen und wußte immer den Zorn des Herrn abzulenken. Vincenzo, der aus dem, was ihm vorgebracht wurde, ver⸗ muthen mußte, daß Cyrillo ihn verrathen habe, und zugleich die Unverſoͤhnlichkeit und nnbaͤndige Heftigkeit Ricciardo's kannte, ver⸗ barg ſich; nachher befoͤrderte das S ſeine Flucht. 6 Jetzt ſtand endlich Den ciarbo ni allein; aus ſeinem ganzen verlorenen Leben hatte er gar nichts mehr uͤbrig, als ſeinen Namen, Ueberſtuß an Gold und bittere Er⸗ innerungen; er empfand es tief, allein der Gedanke, daß er auch dieswal nur die Spu⸗ ren ſeines Feindes entecken mußte, um ſie gleich wieder zu verlieren, ſetzte ihn in eine Wuth, die eben ſo grenzenlos als ſeine Un⸗ geduld war, womit ſich die immer wachſende Sehnſucht nach ſeinem Weibe in ihrer gan⸗ zen Gewalt vermiſchte. Alles, alles wollte er thun, um Vinenzo aufzugreifen. Er ließ aufs neue ſuchen; von der In⸗ ſel konnte er nicht weggekommen ſeyn, denn es wurde gleich darauf geſehen, daß kein Kahn auslaufen durfte; jedes Haus, jede Felſenritze, jedes Geſträuch ward durchſucht, und nicht etwa blos zum Schein, denn Ric⸗ ciardo war uͤberall gegenwaͤrtig; er mißtrauete allen ſeinen Leuten, und ſeine Ungeduld ließ ihm keine Ruhe. Alles war vergebens. Der Greis bot zuletzt ganze Schaͤtze. „Er muß ſeine Zuflucht,“ ſagte endlich ein alter Bauer, an den er ſich wendete,„zu dem nackten Felſen dort oben genommen ha⸗ ben; dahinter iſt in meiner Jugend eine gute Jagd geweſen, damals waren auch ein paar Huͤtten dort, vielleicht ſind ſie noch da; allein der Weg dahin iſt zu muͤh⸗ 267 ſelig. Riemand iſt ſeit langer— dort— ſen.“ „Wo denn?“ ſeute— und ſh ſich um. Der Mann zeigte hinauf die nackte Felſenwand, und Don Ricciardo wurde auch wirklich eine Art von Steg gewahr, welcher ſchon beinahe verwiſcht war, und der doch eigentlich nur eine Moͤglichkeit, um zu ei⸗ nem Abhange uͤber dem Meere etwa in der Mitte des Felſens hinzugelangen, angab. „Ein muͤhevoller Gang fuͤr jeden, der ſich ins Meer hinunter ſtuͤrzen will,“ rief er,„denn der Steg endet ja bei einem fen Abhange und geht nicht weiter.“ „Man hat ſich um die Ecke herum dre⸗ hen konnen,“ fuhr der Bauer fort. „Wohlan denn! ſo erklettert den und ſuchet ihn zu finden. 4 „Den ſchroffen Felſen?“ „Es iſt ja ein Steg dort! ich werde Eu⸗ re Beſchwerde theilen, denn Ihr ließet ihn 268 ——— nur laufen; und ich werde ihn finden, wenn er auch im der rebrgen 5 war eine ime und mahrzol Wan⸗ derung. Et wollte Vincenzo zuͤchtigen, allein er wußte ſelbſt nicht wie, doch dachte er nicht daran, ſein Blut zu vergießen, dieſer ſtand ihm dazu nicht nahe genug. Es war ihm nur darum zu thun, ihn zu zwingen, ihm den Aufenthalt des Sohnes kund zu ma⸗ chen; mit ſolcher Gewalt, ſchien es ihm, hatte Anna vorher noch nie gewinkt. Auch verwunderten ſich die Leute hoͤchlich uͤber die ſeltene Kraft und Unverdroſſenheit, womit er vorwaͤrts eilte. Allein waͤhrend er kangſam und muͤde den ſchroffen Steg erklimmte, und oft in ſeiner Ungeduld hinauf blickte, um die Hoͤhe zu berechnen, die er noch erſtei⸗ gen mußte, kam es ihm vor, als nahete er ſich dem Ende ſeines Lebens mit dem S des Weges. * 269 „Und,“ ſagte er zu ſich ſelbſt, J, was iſt denn mein Ziel? ich ſuche und Fordre Blut und duͤrſte nach Rache; und wenn ich „ dieſes erreiche, bleibt denn mein Leben darum weniger nackt, als dieſer Gipfel? mein Tod weniger einſam und verlaſſen? Und ihr, die ihr mich gezwungen habt, auch eine Zu⸗ flucht ohne Schutz unter dieſen Steinen zu ſuchen; ihr fordert noch, daß ich vergeben ſoll? Ach! wenn es dieſe Schwermuth be⸗ ruhigen, dieſes Herz minder wuͤſt und leer machen koͤnnte! Aber nein! Gott wird um meinetwillen keine Wunder thun, und aus dem Herzen, das ihr in einen Felſen ver⸗ haͤrtet habt, kann keine freundliche Pflanze emporſchießen. Wer vermag Steine fruchtbar zu machen? Ja, mein Sohn! koͤnnteſt Du den Himmel bewegen, daß dieſer Felſen ſich mit Kraͤutern bedeckte, daß ein kuͤhler Hain ſich aus ſeinen Ritzen empor hebe und er⸗ quickende Fruͤchte mir den Gaumen labten, dann wuͤrde ich ſagen, daß Du mein Mei⸗ * 270 ſter ſeyſt; und den Stein„ wozu Du mei⸗ nen Buſen verhaͤrtet haſt, wieder erweicht haͤt⸗ teſt. Allein nicht ohne Abſicht hat mich Gott in dieſe mitleidsloſe Wuͤſte geſetzt, mein Ge⸗ ſchick iſt mit dem ihrigen verbunden: bei⸗ de vermoͤgen keinen Segen mehr hervorzubrin⸗ Unter dieſen ſtummen Betrachtungen na⸗ hete er ſich endlich dem Abhange des Felſens, wo es ſchien, daß alles Gehen aufhoͤren muͤßte. Er ſchuͤttelte ſchon zweifelnd den Kopf, als er anf einmal bemerkte, daß er ſich, wenn er ein panr Schritte etwa hoͤher aufwaͤrts als der Steg ſelbſt hinaufklimmte, um ein Felſenſtuͤck herum drehen konnte. Er ſtieg unverdroſſen da hinauf, und kaum hat⸗ te er noch wenige Schritte gethan, kaum ei⸗ nige nackte Felſenritzen durchdrungen, als er auf einmal erſchrocken ſtehen blieb. Ein be⸗ zauberndes Tempe, ein irdiſches Paradies lag vor ihm ausgebreitet, und ſein erſtauntes Herz ward von noch hoͤheren Empfindungen 27¹ ergriffen, als die, welche ſich jedem gluͤck⸗ lichen Reiſenden, der dies geſegnete Eiland betritt, bemeiſtern, wo es ſcheint, als haͤt⸗ te die Natur dieſe rohe, unfoͤrmliche ſteinerne Maſſe, welche als ein unanſehnliches Fuͤll⸗ horn um ſo reichere innere Schaͤtze umfaßt, nur aus dem tiefen Meere emporgehoben, um damit den kuͤhnen Forſcher zu belohnen; denn nicht allein die uͤppigſte Vegetation zeigt ſich dem Ange, ſondern Orangen⸗ und Feigenbaͤu⸗ me, ſuͤße Caſtanien, begeiſternde Muskatel⸗ ler, Mandeln und Oliven, ſchwarze Maul⸗ beers, rothe Goldaͤpfel, Pfirſiche, Aprikoſen und Appelſinen, erheben ihre gruͤnen Kronen gegen den Himmel, waͤhrend duftende Bee⸗ ren, ſuͤſſe Melonen ſich laͤngs der Erde ſchlaͤn⸗ geln; kurz, alle die ſchonen erquickenden Ga⸗ ben der Natur, welche das uͤppige Italien erzeugt, wirken hier mit ihrem bunten Blu⸗ mengewimmel und herrlichen Wohlgeruch auf die uͤberraſchten Sinne. Von dieſer Hoͤhe gleicht ſelbſt das umuhige brauſende Meer ei⸗ 22 — nem ebenen ſilbernen Spiegel, und die ent⸗ fernten Iſchia, Prorida und Miſene, das herrliche Meapel mit ſeinen unzaͤhlbaren Vil⸗ la's, der ewig rauchende Veſuv, Caſtel a mare, das reiche uͤppige Sorrento, wie auf der andern Seite Salerno's halbrunder Meer⸗ buſen liegen ruhig und lächelnd als eine un⸗ uͤberſehbare Landkarte zu unſeren Fußen. „Was iſt dies alles?“ ſtammelte endlich der Greis geruͤhrt.„Wo bin ich? welcher Gott hat dieſen Felſen befruchtet und meine ſuͤndigen Zweifel geloͤſet? Rein! mein Herz ſoll nicht dem Segen unzuganglicher als dieſe Steine ſeyn. Ich fuͤhle das Mirakel des Herrn in meiner Bruſt.“ Er kniete nieder mit gefalteten Haͤnden, und zum Erſtenmale ſeit einer unzuberechnenden Zeit ward ſein Au⸗ ge naß. 8 Als dies wieder hell ſehen konnte, ſtand Vincenzo zitternd vor ihm.„Herr!“ hob er an,„ich will nicht Eure Erbitterung noch mehren, ſondern gebe mich ſelbſt in Eure 273 Haͤnde. Ich weiß, daß die anmuthige Natur Euch zuwider iſt; laſſet uns umkehren und beſtrafet mich in Eurer Wuͤſte.“ 6 „Vincenzo!“ ſagte Ricciardo ernſt,„Du ßaſt Dein Wort gebrochen. Du verſprachſt bei mir bis zu Deiner letzten Stunde auszuharren.“ „Ihr drohtet, mich zu toͤdten, und ſeht, ich gebe mich freiwillig in Eure Gewalt!“ „Und Du konnteſt glauben, daß ich Dich toͤdten wuͤrde? den———— — „Ich kannte mein Unrecht. O— mit dem Zorne des Mannes, der nie— hat⸗ iſt nicht zu ſcherzen.“ „Ich habe Dir—— hier!““ 8 „O Horr“ rief Sie aun und bei⸗ nahe erſchrocken,„mir habt Ihr vergeben, Eu⸗ rem geringſten Diener, dem nicht ein Tropſen Eures Bluts in den Adern laͤuft? Nein, Herr! verzeiht mir nicht; haſſet mich, toͤdtet mich, aber raſet nicht laͤnger gegen Euch ſelbſt!“ 18 274 Mn „Ich verzeihe Allen! ich muß verzeihen; der Herr ſey auch gegen meine Schulden— zig! 1 „Herr! uuſche Ihr nich nicht?⸗ ſihn Vincenzo langſam und betrachtete ihn zweifelnd. „Don Rictiardo vergibt! Wer de Wun⸗ der bewirkt?“ „Gott!“ erwiederte ver ¶els„ indem er langſam umher ſah,„und ſeine heilige Na⸗ tur! Ach, dieſes iſt ja auch mein Eigenthum! Komm, ich will mich in dieſen Schakten er⸗ quicken; hier ſollſt Du mir ein wichtiges Ge⸗ heimniß offenbaren.“ Don Ricciardo ging immer weiter vorwaͤrts; die Uebrigen folgten ſchweigend und verwundert. Als er einige Schritte gegangen war, bemerkte er einen Haufen kleiner weißer Haͤuſer, halb zwiſchen den Baͤumen verborgen, und von der Seite, die gegen das wilde Meer hinausgeht, ganz bedeckt. Vor dieſen erhob ſich ein ſonder⸗ bares abentheuerliches Gebaͤude, in welchem er doch gleich eine Kirche erkannte; doch ſah er ſich 6 5 „—————— aufs neue betroffen um, denn dieſe ganze Gegend war ihm nicht fremd, und ſelbſt dieſe kleine Kirche, ſo kam es ihm vor, hatte er ſonſt irgendwo geſehen. t Mit einer ſonderbaren aͤngſtlichen Eile nahe⸗ te er ſich dieſer, und ohne inne zu halten, trat er in dieſelbe hinein. Ihre Bauart und man⸗ nigfaltige Ausſchmuͤckung zog ſeine Aufmerkſam⸗ keit nicht an, auch bemerkte er nicht, daß ſie mehrere lebendige Weſen, als ihn ſelbſt, umfaßte, denn ſein Blick ſiel gleich auf einen ſchneeweißen of⸗ fenen Sarg, welcher der Thuͤre gegenuͤber gera⸗ de vor dem Hochaltare ſtand. Mit dem ihm ei⸗ genen Schauder fuhr er unwillkuͤhrlich zuruͤck; doch faßte er ſich bald,„denn,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„wen wuͤrde ich wohl hier zu ſehen be⸗ kommen, der mir wehe thun koͤnnte?“ Er trat dem Sarg naͤher: die blaſſe Leiche einer bejahr⸗ ten ehrwuͤrdigen Matrone lag darin, mit laͤ⸗ chelnder Miene und gefalteten Haͤnden. Da fuhr er aufs neue zuſammen, denn dieſe Zuͤge waren ihm auch nicht unbekannt; aͤngſtlich er⸗ 18* 276 W hob er die Augen auf die ſchwarzbehaͤngten Ker⸗ zen, die um den Sarg und auf dem Altar brannten, und auf den beiden Tafeln, welche am Haupte der Leiche errichtet waren; mit ei⸗ nem eiskalten Schauder erkannte er ſein eige⸗ nes Wappen; unten ſtand mit goldenen Buch⸗ ſtaben gemalt: Anna Canori. Da fiel ihm die ſchon geborſtene Rinde ſei⸗ nes Herzens ganz ab; er bog ſich uͤber den Sarg, machte die zuſammengeſchlungenen Finger los und druͤckte die kalten Haͤnde an ſeine Bruſt. Ach! jetzt war es kein Traum, nunmehr erwachte kei⸗ nes von ihnen! jedoch war es, als kuͤhlte ihre Hand noch wohlthaͤtig im Tode die brennende ver⸗ ſteinerte Thraͤne, die ſich jetzt wieder in ſeinem Buſen vernehmen ließ, jetzt aber traͤufelte dieſe aufgeloͤſet und erquickend von ſeinem eigenen Ange. Als er ſich endlich wieder in die Hoͤhe richtete, naͤherte ſich ihm ein ſchwarz gekleidetes Weib mit vier Kindern, alle in Trauerkleidern; ein huͤb⸗ ſcher, kraſtvoller Mann, welcher jedoch etwas hinkte, ging an ihrer Spitze. Er knieete ehrer⸗ 277 MN bietig vor dem Greiſe und ſagte:„Vater! ich komme Euch freimuthig entgegen, denn ich weiͤ⸗ daß Ihr mir verziehen habt!“ „Woher weißt Du das?“ erwiederte Ricciar⸗ do ernſt, und warf einen fragenden Blick auf Vincenzo, der nicht von ſent Seite gewichen war. „Meine ehrwuͤrdige Mutter, die Selige, die hier ruht, hat mir es betheuert, bevor ſie zum beſſeren Leben einging!“ war die Antwort.„Ach, beinahe fuͤnf Jahre, ſeit Eurer Ankunft auf die⸗ ſer Inſel, und noch fruͤher, immer hat ſie den Himmel mit Bitten beſtuͤrmt; ſeit der Zeit aber hat ſie jaͤhrlich an Eurem Namenstage den hoͤch⸗ ſten Gipfel des Felſens, von welchem wir die gan⸗ ze Inſel, auch Euer Haus uͤberſehen koͤnnen, mit uns Allen beſtiegen. Da ſtand ſie und ſtarr⸗ te nach Euch. Sie winkte, allein Ihr wolltet nicht kommen; dann gins ſie wieder betruͤbt her⸗ unter. Jetzt, als der fuͤnfte Jahrestag ſich nahete, war ſie beſonders niedergeſchlagen, denn ſie trau⸗ te ſich nicht mehr Kraͤfte genug zu, ſo hoch zu 278 ſteigen; ſie ward taͤglich ſchwaͤcher; wir ſaßen al⸗ le mißmuthig an ihrem Lager. Dieſen Morgen, als ſie von einem lange vermißten ſanften und er⸗ qnickenden Schlummer erwachte, war ihr Antlitz wie verklaͤrt; Gott ſey gelobt! rief ſie, jetzt ſteht meinem Hiugange nichts mehr im Wege. Ihr brauchet mich nicht mehr, denn er kommt und verzeiht euch. Meinen Segen habt ihr im Him⸗ mel, den ſeinigen auf Erden. Sie ſchlummerte wieder ein, allein ſie erwachte nicht mehr. Wir ſetzten ſie hier nach ihrem Begehren bei z wir woll⸗ ten Eure Ankunft abwarten, bevor wir ſie in die letzte Wohnung hinabſenkten; denn wir bezwei⸗ felten ihre Worte nicht, wiewohl Vincenzo's Flucht und ſein Bericht von Eurem unverſoͤhnli⸗ chen Zorne uns wohl eine neue Furcht einzufloͤſ⸗ ſen im Stande war. Doch war er allein unglaͤu⸗ big; er eilte Euch zitternd entgegen, als er Euer Hierſeyn erfuhr, um Euch dadurch, daß er ſich ſelbſt Eurer Gewalt hingab, zur Rucktehr zu be⸗ wegen, und uns Euern Blicken zu entziehen. O mein Vater!“ ſchloß Gennaro,„laßt mich nun 279 aM endlich dieſe Hand, nach der ich ſo lange die mei⸗ nige ausgeſtreckt habe, an meine Lippen druͤcken.“ „Fuͤhlſt Du denn 5 Du mich be⸗ leidigt haſt?“ „Mein Vater! ich habe immer gefuͤhlt, daß ich Euch erzuͤrnt habe; warum wollen wir uͤber Worte ſtreiten? Das Junge des edlen Loͤwen ar⸗ tet nicht von ſeinem Stamme aus!“ „Wohlan denn!“ erwiederte Don Ricciardo, „ich hinterlaſſe Dir dieſen geehrt und beruͤhmtz erhalte Du, was ich wieder in die Hoͤhe gebracht habe, mein Sohn!“ „O meine Mutter! das iſt dein Segen,“ rief Gennaro; er knieete an der Seite der Leiche nie⸗ der und druͤckte die Stirne an die kaltr Bruſt⸗ Der Greis legte die Hand ſchweigend auf ſeinen Scheitel und betrachtete mit Wehmuth die ſanf⸗ ten unbeweglichen Zuͤge. Wie ſeine Augen dar⸗ auf ruhten, wurde die finſtere Ranhigkeit, die ſo lange ſein Antlitz getruͤbt hatte, allmaͤhlig ver⸗ wiſcht; als er endlich ſein Haupt wieder in die Hoͤhe richtete, ſtand er da ein freundliches Kind 280 mit naſſen Blicken. Er ſah bewegt umher, die Kirche war leer und die Thuͤren verſchloſſen; Vincenzo hatte alle leiſe herausgehen laſſen, die Verwandten waren allein zuruͤck.„Zaudre nicht, Gennaro!“ rief der Greis mit Anſtrengung, „bringe alle meine Kimer in meine Arme!“ Die ſanfte unbefangene Annonciata bebte noch an ſeiner Bruſt. 946 „Fuͤrchtet Ihr mich noch?“ fragte Don Rie⸗ ciardo. Fi 6ihtic 5 „Ach!“ erwiederte ſie,„ich bebte auch, als ich zum Erſtenmale unſrer ewig theuren Mutter entgegen ging. Ich vergeſſe es nie: Werdet Ihr mich nicht verſtoßen, edle Donna? ſtammelte ich hervor; ich trage keinen Stammnamen und bin nur Madonna's Tochter.“ „Was ſagte denn Donna Anna?“ „Sie ſagte: So biſt Du von hoͤherer Ge⸗ burt, denn wir Alle; ſey mir herzlich willkom⸗ men, meine Tochter!“ „Hoͤre, meine Tochter! Du ſollſt mir recht viel von ihr erzaͤhlen. Setzen wir uns hier nie⸗ ———— — ——— 281 der, hier an ihrer Seite. Ich kann ſie nicht ſo⸗ gleich wieder verlaſſen! Ach, moͤchte ſie doch nur noch einen Blick auf mich werfen!“ Annonciata fing damit an, ihm alle ihre Wi⸗ derwaͤrtigkeiten zu erzaͤhlen; wie ſie in einem klei⸗ nen offenen Boote ſeinem Zorne entflohen waren, wie ſie das Schiff, wohin ſie ſich hatten fluchten wollen, vor ihren Augen untergehen geſehen hat⸗ ten; wie ſie ſelbſt geſcheitert, hinauf zwiſchen Ka⸗ pri's Felſen geworfen waren und ſich daſelbſt nie⸗ dergelaſſen hatten; wie nach und nach durch viele Ereigniſſe und ſelbſt Unglucksfaͤlle die heimiſche Bevoͤlkerung ſich vermehrt hatte; wie ſie lange, ungeachtet der reichen laͤchelnden Natur, ein tran⸗ riges, nothduͤrftiges Leben gefuͤhrt hatten,„bis,“ fuhr ſie wehmuͤthig aber lebhaft fort,„unſere herzensgute Mutter zu uns kam, dann ward alles gut; wohin auch ihre ſanften Augen ſielen — die zwei heiligen Sterne, die jetzt auf immer ihren Platz in der herrlichen Glorie der Himmels⸗ koͤnigin gefunden haben— ward alles von ihrem frommen Segen durchdrungen. Gennaro war 282 W nicht glucklich, ich war unzufrieden und weinte oft in der Stille, unfre Kleinen waren heftig und eigenſinnig; allein alles ward anders.“ „Ja, mein Vater!“ rief Gennaro, und um⸗ faßte die Knie des Greiſes mit heftiger Innigkeit und heißen Thraͤnen;„ich will Euch alles geſte⸗ hen: mein innerſtes Weſen war gegen Euch em⸗ poͤrt und ließ mir keine Ruhe; ich fuͤhlte mein Unrecht nur halb, das Eurige aber ſtand mit Flammenſchrift in meiner Bruſt. Jetzt ſteht ſie nicht mehr da; das ſanfte Gemuth der Mutter, ihre klugen Vorſtellungen haben jene in Liebe und Sehnſucht geſchmelzt; von ganzem Herzen flehe ich Euch um Verzeihung an!“ „Was ſagte denn Donna Anna?“ „Sie lehrte mich, daß Eure Liebe zu mir noch nicht ausgeſtorben ſey, daß dieſe, Ench ſelbſt unbewußt, in Eurem ganzen Zorne lodere, daß ſelbſt Eure unverſohnliche Erbitterung in der⸗ ſelben ſeinen Grund habe; jeden Andern, ſagte ſie, der ihm weniger theuer war, wuͤrde er nicht werth gefunden haben, ſo zu haſſen.“ 283 „Mich lehrte ſie,“ nahm Annonciata das Wort,„Ruhe und Sicherheit in allen Verhaͤlt⸗ niſſen des Lebens; in Gennaro's Bruſt kehrte Muth und Kraft zuruͤck; unverdroſſen und thaͤ⸗ tig kam er der wilden Natur zu Hulfe; durch kleine kuͤhne Seereiſen machte er uns bald unſern Aufenthalt bequem und beneidenswerth; das Er⸗ ſte und Beſte brachten wir dann immer der Mut⸗ ter. Unſere kleine Bevolkerung machte es eben ſoz es kam ihnen allen ſo vor, als kaͤmen die Gefaͤl⸗ ligkeiten, die wir ihnen leiſteten, oder das Gu⸗ te, welches uns Allen gemeinſam zufiel, eigent⸗ lich nur von ihr, oder wuͤrde doch nur ihretwe⸗ gen uns zu Theil. Sie entzog uns, moͤchten wir faſt ſagen, die Liebe unſrer Kinderz was wir dieſen auch gaben, oder was wir ihnen erzaͤhlten, Großmutter mußte es beſtaͤtigen; wir konnten es nicht ubel nehmen, denn ſo hingen wir ja alle an ihr. Und doch war ſie ſelbſt oft beklommen. Ihre frommen Gebete vermochten nicht immer, ſie zu beruhigen, bis zu Eurer Ankunft auf dieſer Inſel. Ol ich leugne es nicht, ſie erreate un⸗ 284 ̃ ſere Aengſtlichkeit; ſie dagegen machte ſie ganz ruhig. Huͤttet Ihr doch geſehen, mit welcher Freude ſie uns Euern Beſuch ankuͤndigte; ſie er⸗ lebte ihn nicht!— Ach! Ihr Hingang war uns allen ein harter Schlag, und doch fuͤhte ich, daß ich bei dem Hintritte jedes andern Weſens, wel⸗ ches mir lieb iſt, mich weit mehr verlaſſen finden wuͤrde. Sie iſt mir noch immer gegenwaͤrtig und nahe!“ Annonciata ſchwieg bewegt; es blieb eine lange Stille. Auf einmal rief der Greis:„Habt Ihr es geſehen? ſie offnete die Augen und laͤchelte mich an! Ach! jetzt ſind ſie wieder geſchloſſen; ſie werden ſich nie mehr offnen, ich aber bin ruhig.“ Nun ging die Kirchenthuͤre wieder auf und ein langes Trauergefolge trat herein. Gennaro ergriff den Vater leiſe bei der Hand, und ſtellte ſich hinter das Haupt der Leiche. Annonciata bedeckte das bleiche Antlitz auf immer mit dem weißen Tuch. Gerade vor der Kirche, gegen die neuen zahlreichen Haͤnſer, ward ſie in ihr Grab geſenkt. — — NNN Don Ricciardo erhob ſeine Augen langſam von dieſem und heftete ſie auf die herrliche Uhnge⸗ bung.„Wie haſt Du Deine kleine freundliche Stadt genannt?“ fragte er Gennaro. „Es geziemt dem Herrn des Landes, ſeinem Eigenthum einen Namen zu geben,“ erwiederte dieſer. „Wohlan denn!“ rief der Greis laut, mit gefalteten Haͤnden,„die vorher einzige Stadt der Inſel iſt ſchon lange vor meiner Zeit da geweſen, und iſt der gemeinſamen Mutter aller Chriſten geweiht. Es ſey mir vergoͤnnt, dieſer, die mei⸗ ner Unbiegſamkeit ihr Daſeyn, und der Schutz⸗ heiligen meines verjuͤngerten Stammes den Se⸗ gen zu danken hat, ihren ehrwuͤrdigen Namen zu geben; ſie heiße: Anna Kapri.“ Don Ricciardo wurde von einem Freudenge⸗ ſchrei, welches die Menge erhob, unterbrochen. „Heilige Anna!“ riefen ſie, indem die ganze Verſammlung knieend mit Andacht flehte:„Dein Segen ruhe ferner auf Deiner Stiftung, wie vorher! Bete fuͤr uns alle!“ 19 286 Die erſten Tage verlebte der Greis wie in ei⸗ nem Traume; jeden Morgen, wenn Vincenzo zu ihm hineintrat, mußte dieſer ihn uͤberreden, daß er wirklich wach war; bald aber begann er mit einer lange vermißten Thaͤtigkeit zu arbeiten. Sein großes Vermoͤgen erhielt jetzt eine feſte Be⸗ ſtimmung: die eine Haͤlſte ſollte ſeinem Geſchlech⸗ te anheim fallen, die andere zur Erweiterung der neuen Stadt und zum Bau einer anſehnlichen Kirche verwendet werden. Er ſchrieb und arbei⸗ tete viel, und erwartete mit Sehnſucht eine Ant⸗ wort von Rom. Pater Cyrillo, der es wohl der Muͤhe werth gefunden hatte, den gefaͤhrlichen Felſenweg zu erklimmen„um den ehrwuͤrdigen Greis zu beſuchen, war eben bei ihm, als jene eintraf.„Meine hoͤchſten und letzten Wuͤnſche,“ rief Ricciardo,„hat der Herr erhoͤrt: der heilige Vater hat die Froͤmmigkeit meiner Anna belohnt, und ihren Namen auf der Liſte derer, welche mit der Zeit der Seligſprechung gewuͤrdigt werden ͤrfen, eingeſchrieben; auch hat er mir die Be⸗ ſtätigung meines frommen Gebaͤudes ertheilt. 287 MWM Allein, Pater Cyrillo, Ihr werdet Eure Hei⸗ math dort nicht finden; doch ich verzeihe Euch, denn Gott hat alles zum Guten gelenkt. Vin⸗ cenzo ſoll einmal mir Seelenmeſſen leſen, denn ſeine Heiligkeit hat ihm die geiſtliche Weihe ver⸗ goͤnnt.“— Als nun Don Ricciardo's Namenstag heran⸗ kam, wollte er endlich die hoͤchſten Gipfel des Felſens beſteigen. Vergebens riethen ihm ſeine Kinder davon ab; denn dieſer frohe Wechſel, ſei⸗ ne vielen Plane und Arbeiten und endlich ſeine lebhafte Sehnſucht nach der vorausgegangenen Gemahlin hatten ſeine Kraͤfte ſehr geſchwaͤcht; allein er war unerſchuͤtterlich. Er wollte den Ort betreten, von welchem Anna ihn gerufen hatte; er wollte daſelbſt Gott ſo anflehen, wie ſie in den vier verſtrichenen Jahren es dort gethan hat⸗ 3 te. Seine Kinder, Kindeskinder und Vincenzo folgten ihm da hinauf. Als er auf dem hoͤchſten Gipfel ſtand, konnte er ſich an ſeinem herrlichen Eigenthum nicht ſatt ſehen. Mit froher Erge⸗ bung wurde er inne, daß ſeine vorherige freuden⸗ 19* 288 leete Stimmung ſelbſt Maria Kapri weit noth⸗ duͤrftiger und unfruchtbarer vor ſeinen Augen dar⸗ geſtellt hatte, als es wirklich war; Anna Ka⸗ pri aber blieb ſein Angapfel. Er konnte nicht aufhoͤren, dieſe reiche Gegend, dieſe verborgene Stadt mit Erſtannen anzuſchauen, die vom Gi⸗ pfel des Felſens geſehen am Ufer des Meeres zu liegen ſcheint, und doch ſo hoch ſteht, daß ganz unten an der Seekuͤſte ihr Daſeyn nicht geahnet wird. Dort wollte er auch an der Seite ſeiner verkannten Anna ruhen; allein, indem ſeine Ge⸗ danken mit Freude und Dankbarkeit bei dem from⸗ men patriarchaliſchen Naturleben verweilten, wel⸗ ches ſeine Kinder und die ganze gluckliche Bevol⸗ kerung dort oben fuͤhrten, ſann er zugleich auf Mittel, wie er dieſes rein in aller ſeiner Unſchuld erhalten koͤnnte. Er ſah recht gut ein, indem ſeine eigene zuruͤckgelegte Wanderung ihm vor den Augen ſchwebte, daß dieſes nur durch eine vvoͤllige Unbekanntſchaft mit der Welt geſchehen konnte, deren Lockungen den erſten hochmuͤthigen Funken in ſein Herz geworfen, und die ſtuͤrmen⸗ 289 den unbaͤndigen Leidenſchaften erweckt hatten, wofuͤr ſein halbes verſcherztes Leben ein Ball ge⸗ weſen war. Er befahl und ſetzte daher feſt, daß der Weg dahinauf nie unter irgend einer Bedingung zugaͤnglicher, als er damals war, ge⸗ macht werden ſollte; denn er wußte, daß die lee⸗ re Reugierde und die Vergehen, wozu die Welt lockt, die unbequemen Stege gern vermeiden, und daß Verſchwendung und Hochmuth nur mit einem großen Gefolge einhergeht. Doch noch nicht damit zufrieden, nahm er auch ſeine Zu⸗ flucht zum Himmel, und verordnete, daß eine Kapelle dem Eingange der reichen Ebene gegen⸗ uͤber errichtet werden ſollte, ſo daß ein jeder, der Anna Kapri beſuchen wollte, an ihr voruͤber zie⸗ hen mußte. In den Felſen gerade uͤber beſtimm⸗. te er, daß dieſe Inſchrift mit deutlichen Tuch⸗ 6 ſtaben eingehauen werden ſollte: „Sey willkommen, Fremder! aber ſprich leiſe hier, damit du nicht, was hierinnen ſchlummert, erweckeſt.“ 290 So viele Anſtrengungen und Betrachtungen hatten den Greis matt gemacht. Sie fuͤhrten ihn in ein Zelt, welches der Sohn da oben hatte errichten laſſen, und er ſchlief bald ein. Sein Schlaf dauerte lange. Als er erwachte, ſtand Gennaro an ſeiner Seite.„Anna hat mir aufs neue gewinkt,“ ſagte er leiſe und matt,„rufe mir alle meine Kinder zuſammen.“ Gennaro eilte, alle zu verſammeln, als ſie ſich aber ſeinem Lager naheten, war er ſchon hinubergoſchlummert, ohne ihnen ſeinen Segen in Worten zu hinterlaſſen, allein dieſer war in allem, was ſie umgab, ſichtbar. Sein Sohn folgte genau allen ſeinen Vor⸗ ſchriften und Wuͤnſchen, und vielen, vielen Zeiten erreichten ſeine klugen Verfuͤgungen ih⸗ ren Zweck. Die Inſel wechſelte im Verlauf der Zeit oͤfters ihre Gebieter, allein in Anna Kapri wurde ein ſtilles unſchuldiges Leben ungeſtort fort⸗ gefuͤhrt. Doch die franzoſiſche Revolution pſlanzte auch auf dies entlegene Eiland ihren důͤrren Frei⸗ heitsbaum leichtſinnig hin; der langſame, unbe⸗ queme Felſenweg ermuͤdete den ungeduldigen Fran⸗ kenz es war nicht das groͤßte Hinderniß, welches ſeiner raſchen Begeiſterung hatte weichen muͤſſen. Der Weg wurde bald ausgefullt und geebnet, al⸗ lein da, wo bie Klippe allzuſchroff ihre ſteinerne Wand gen Himmel erhebt, haben hundert und ſechsundſechzig gehauene Stufen, welche gleich dem Bilde des Blitzes ſich den Felſen hinauf ſchlaͤngeln, die harte Maſſe gelehrt, dem will⸗ kuͤhrlichen Willen des Siegers nachzugeben; die vorher beſchwerliche Vereinigung mit dem uͤbrigen Theile der Inſel iſt jetzt leicht und offen. Anna Kapri ſelbſt unterſcheidet ſich nur durch eine eige⸗ ne Bauart und kine vielleicht rößere Reinlichkeit und Zierlichkeit don den andern kleinen Staͤdten Italiens. Selbſt ihr urſpruͤnglicher Name hat ſich in der gemeineren Bedeutung Ana Kapri— „das obere Kapri“— verloren. Ihre Einwoh⸗ ner ſind jetzt wahre Neapolitaner. P In gleichem Verkage ſind erſe ſchienen: 8. 1827. Falckh, J., Gunhilde die Wilde, oöder die Waldkapelle im Hubthal. 3 Thle. 8. 1827. Leibrock, A., Bligger von Steinach der Ge⸗ aͤchtete. 2 Thle. m. K. 8. 1827. —— Der verwuͤnſchte Ball und noch drei Er⸗ zhlungen. 8. 1828. Morn ni, G., Thanatos und Valdea oder Zau⸗ bermacht und Liebe. Romant. Räubergeſchichte. 8. 1828. Smidt, H.⸗ Meine Reiſe in die neue Welt ꝛc. 8. 1827. 4— Seegemaͤlde. 8. 1828. —— Die Rache des beleidigten Stolzes, nebſt einigen andern Erzählungen. 8. 1828. Stahl, H., Otto Schuͤtz und der Auskulta⸗ 8. 1828. 35 ildebrand, C., Lillenſtroͤm und Morhenſern. Ein trieger. Gemälde aus denzit Farls XII. 3 Chle. 8. 1827. Hi ildebrandt, Th., Warie oder das eiferſuͤch⸗ ₰ 5 tige Geſpenſt. 3 Thle. m. K. 8. 1827. 8—— im Urithal. 2 Thle. 8. 1827. Kru ſe, L., Die Sodtenbraut oder Deodats Ge⸗ burt. 3 Thle. 2te Aufl“ 8. 1827. 5 —— Waldemar der Sieger. Hiſtor. Roman v. B. S. Ingemann. Dem Diniſcheihluchet zahlt. 3 Thle. 8. 1827. Arminia, Das Dreiblatt. Drei Erzaͤhlungen. tor Ewald. Hiſtoriſch⸗romantiſche Shleag⸗ . 1 5 85 — 2 —— ſſſſſſſimſiſii 8 1 10 11 12 13 14 15 16 17 1 * N5 3 6 1 1— —— 5