Leihbiblivthet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih und Geſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr vffen⸗ 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Vuches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.* 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt für nttie 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: TW.— f 1 Mr 50 Pf. 2 Mt.— Pbf. „7„„„ 5. Auswärtige Aonnenten haben für Hin und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und vefecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit. Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ korene oder defecte Buch ein Theil eines größeren zerkes, ſo i der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihereit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, da das Weiterverleihen der Bücher nicht fiattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 4 k. N Die Wüste in Paris. Novelle nach dem Franzs ſiſchen der Damen Marie d' Houres und Renbe Roger frei bearbeitet von u. L In Ernſt Klein's literariſchem Comptoir. N 5 Vorwort. Deeſe kleine Novelle, die der Bearbeiter mit nur wenigen Veraͤnderungen im Texte in dem Roman„Lebewohl“ eingewebt, und die im Franzoͤſiſchen dieſem Werke nur angeheftet iſi, hat der Verleger hier beſonders abdrucken laſ⸗ ſen für ſolche Leſer, die dieſe Erzählung, ohne das großere Werk, als ein Ganzes fuͤr ſich zu beſitzen wünſchen. Umterzelchneter hat ſich be⸗ fügt geglaubt, Einiges darin abzukürzen und hinzuzufugen, in der Hoffnung, daß dieſe Novelle auch einzeln, wie ein kleiner anſpruchs⸗ toſer Blumenſtraus anziehen wird, der, ob nicht durch einen lebhaften Farbenſchmelz, 3 doch durch einen geiſtigen Duft die Voruber⸗ eilenden auf Augenblicke feſſeln kann. * 4. Kru ſe. — 1 ie Wä ſte in Paris. Novelle. 3 Wache Ungerechtigkeit, mich in Ruheſtand zu verſetzen!— einen Mann wie ich, der dem Vaterland ſo viele Jahre gedient, zu verab⸗ ſchieden! Das nenne ich Dankbarkeit! Mir den Abſchied!— Es iſt ſchändlich!“ Der alte Major Dervilliers ging mit großen Schritten in dem Salon ſeines Hauſes auf und nieder. Dieſe und ähnliche Ausdrücke wiederholend, die ſeinen Aerger, untauglich ge⸗ worden zu ſeyn, ausſprachen; dennoch zeigten ſein unſicherer beſchwerlicher Gang, ſeine grauen Haare, ſeine Narben und die Steifheit des Die Wuͤſte. 1 2 linken Arms, während er ſehr eifrig mit dem rechten focht, überzeugend an, wie ſehr dieſer wackere Officier der Ruhe bedürftig war. „Aber, lieber Mann!“ wandte ſeine Gat⸗ tin mit vieler Sanftheit ein,„der Brief des Miniſters iſt in den ehrenvollſten Ausdrücken abgefaßt, das Patent als Mitglied der Ehren⸗ legion war darin eingeſchloſſen; und haben wir denn nicht Frieden. Iſt es endlich nicht einmal Zeit, auszuruhen, ein wenig ſich ſelbſt in dem Schooße ſeines Familienkreiſes zu leben, der Sie ſo zärtlich liebt! Habe ich denn nicht in langen Jahren genug und ſehr oft für ihr Leben gezittert?“ „„Gezittert! Madame Derviliers 1““ rief der Major;„ich habe nicht gedacht, daß ich Ihnen einen ſolchen Vorwurf thun müßte! Ge⸗ zittert, während ich für mein Vaterland focht? Iſt das nicht Ihr ſchönſter Titel, die Frau ei⸗ nes braven Kriegers zu ſeyn? Wenn ich in un⸗ thätiger Ruhe an Ihrer Seite gealtert hätte, würden Sie denn ſo oft das Flüſtern gehört: „iſt die Dame da die Gattin des Majors Dervilliers?“ Hat Ihr ſtolzes Selbſtgefühl ſich durch die Hochachtung, die Ihnen dieſer ge⸗ ehrte Name zugezogen, nicht befriedigt gefun⸗ den? Ich will nicht damit ſagen, daß Sie nicht ſelbſt hätten Hochachtung einflößen kön⸗ nen; allein die Eigenſchaften, die das häusliche Glück bilden, machen keine Anſprüche auf einen glänzenden Ruf. Was übrigens meinem Ruhm im Wege ſteht, iſt der Umſtand, daß ich noch am Leben bin. Wäre die Ehre mein geworden, in einem glänzenden Treffen getödtet zu wer⸗ den, würden Sie jetzt eben ſo glücklich ſeyn, wie meine Niece. Nicht wahr! überall wo ſie hinkommt, haften ſogleich alle Blicke auf ihr. Wer ihr begegnet, flüſtert zugleich ſeinen Freun⸗ den ins Ohr: das iſt die Witwe des tapfern Loſtanges.““ „Ach! mein Freund!“ verſetzte Madame Dervilliers,„unſre gute Marie würde gern die⸗ ſes traurigen Ruhms entbehrt haben, und was mich ſo— Sie mögen es mir nun 1 4 übel nehmen, oder nicht— geſtehe ich Ihnen gerade aus, daß alle Ehrenbezeugungen und Velohnungen Ihrer wackern Thaten mich nur freuen, weil Ihr Leben geſchont wor⸗ den iſt.“ „„O! möge es nur noch lange ſeyn, theu⸗ rer Oheim!““ nahm Madame de Loſtanges das Wort.„„Genießen wir das Glück, es in der Zukunft vor dem ſchrecklichen Dämon des Krie⸗ ges ſicher geſtellt zu wiſſen. Meine gute Tante ſoll, Dank dieſem wohlthuenden Ruheſtand, nicht mehr den ängſtlichen Qualen, die eine bevorſtehende Schlacht herbeiführt, dieſer pein⸗ lichen Lage unterworfen ſeyn, in der wir uns nur der ſüßen Zuverſicht, daß unſre Furcht ver— geblich ſei, ergeben, um den Augenblick hernach das ganze Gewicht der wiederkehrenden Angſt noch ertödtender zu empfinden; und oft hat das gelieb'⸗ Weſen zu athmen aufgehört, in dem Augenblick, wo wir ſein Leben in der größeſten Sicherheit glauben.““ In traurigen Erinnerungen vertieft, ließ — * Madame de Loſtanges den Kopf ſinken; einige Thränen benetzten ihre Wangen; ihre kleine Anéis ſtürzte ſich in ihre Arme; während dieſes unfreiwilligen Ausbruchs eines ſchmerzlichen Ge⸗ fühls begegneten die Blicke der jungen Witwe denen des Eugens de Saint⸗Albe. Dieſe ſchie⸗ nen durch eine Empfindung zärtlicher Theilnahme belebt, aus welcher jedoch ein leiſer ſchüchter⸗ ner Vorwurf hervorleuchtete; allein ſie waren ſo leidenſchaftlich, daß Marie erröthete. Das Lächeln der mütterlichen Liebe verſchlang bald die Thränen, dem zu frühen Tode eines ehren⸗ werthen Gattens geweiht, und ein herzlicher Blick verbannte die leichte Wolke von Eugens Stirn. Madame Dervilliers klopfte freundlich die Wange des Greiſes, und der Major fühlte ſich wirklich bewegt; da er aber nicht Anlaß zu der Vermuthung geben wollte, als hätten Familien⸗ verhältniſſe größeren Einfluß, als die Pflichten gegen ſein Vaterland auf ſein Herz, wieder⸗ holte er ſeine bittern Klagen; und noch heftiger 6 in demſelben Grade, wie er früher gerührt ge⸗ weſen, das ihm als Schwäche erſchien, beſchwerte er ſich laut, daß man ihn auf eine empö⸗ rende Weiſe behandelt hatte.* „Können Sie etwas anders als Ungerech⸗ tigkeit und Undankbarkeit von den Menſchen erwarten?“ entgegnete Herr de Lehon, ein ſehr ausgezeichneter Gelehrter, der aber, durch die unglückliche Wahl des Gegenſtandes, den er poetiſch bearbeitet hatte, kurze Zeit vor dieſer Unterredung auf das unbarmherzigſte ausgeziſcht worden war.„Was bildet oder vernichtet den Ruhm? wer ertheilt Tadel oder Ehre? Die öffentliche Meinung! Thor, wer an ihre Ausſprüche glaubt! ſie find beinahe im⸗ mer das Ergebniß kleiner Ränke und noch klein⸗ licherer Leidenſchaften; ſie verkennen, ſie belei⸗ digen den höheren Sinn. Nein! meinetwegen! habe ich nicht auf immer der Schriftſtellerei entſagt? O! meine theure Amelie!“ flüſterte er, ſich gegen ſeine junge Gattin hinneigend; —, — ——— „welcher von Ruhm zuerkannter Lorbeerzweig könnte mir gleich einem Deiner Blicke gelten?“ „„Ich möchte,““ verſetzte der Major hef⸗ tig,„ich möchte, daß ich der ganzen menſch⸗ lichen Geſellſchaft auf immer entfliehen könnte! Was habe ich in Zukunft darin zu erblik⸗ ken? junge Leute, die Krieger zu ſeyn wähnen, weil ſie eine Epaulette tragen, und bei der Pa⸗ rade ein ſchönes Pferd geritten haben. Sie werden nur den ehrenvollen Namen eines Sol⸗ daten entehren, und über den alten abgedank⸗ ten Officier lächeln. Ja, ich werde künftig⸗ hin ein Land und eine Regierung haſſen, die undankbar ihre alten Vertheidiger verſtoßen, ſie zum Erſatz geleiſteter Dienſte zur Unthätig⸗ keit und zum Ruheſtande verdammen kann. Ich will Niemanden aus der Welt mehr ſehen; ich kann die Menſchen nicht ausſtehen! Zum Henker! ich will mich tief in eine unzugängliche Ver⸗ borgenheit, in eine Einöde, in der nur ich ath⸗ me, flüchten. Warum bin ich nicht auf einer öden Inſel?““ * 8 „Ach! wären wir doch auf einer öden In⸗ ſel!“ wiederholte halb leiſe Herr de Saint⸗Albe, der während der erbitterten Geißelhiebe des Majors ſich hinter den Stuhl der Madame de Loſtanges geſchlichen; Sie würden dann kalte Schicklichkeiten, Ihre Witwenpflichten, Ihre Vor⸗ urtheile, die meine Ruhe und mein Leben töd⸗ ten, meinen Vnii meiner Sehnfucht nicht entgegenſetzen1“ i9 3335 Eugene!““ Marie ſurach nur dies eine Wort aus, allein der ſüße, ſchwermüthige Ton ihrer Stimme war unwiderſtehlich. Saint⸗ Albe empfand, daß dieſe verdrießlichen Hinder⸗ niſſe nicht blos ſein Herz verletzten. 4 „O! wie würde es doch ſchön ſeyn, S ei⸗ ner öden Inſel!“ rief die kleine Anéis!„ich ſollte einen hübſchen Papagei und einen großen Son⸗ nenſchirm, wie Robinſon Cruſoe Sighe wahr Mütterchen!“ „„Meine liebe, liebe Amelie!““ ſ Herr de Lehon zu ſeiner reizenden Gattin— beide lebten noch in den Flitterwochen—„„Bedenke, — 9 wie glücklich ich ſeyn würde, auf einer öden In— ſel. Immer und immer für einander lebend, keine ſtörenden Geſchäfte mehr, keinen gelehr⸗ ten Plunder, keine Abweſenheit, keine andern Pflichten, als Sie von meiner Liebe u iben zeugen.““ Die junge Frau erwiederte nur mit einem Blicke, aber mit einem Blick, deſſen ſprechen⸗ der Ausdruck deutlich verrieth, welchen Himmel, dem Glücke und der Liebe geweiht, eine ſwh öde Inſel umfaſſen müßte. „Wohlan denn!“ verſetzte Madame Der⸗ villiers lächelnd:„warum reiſen wir denn nicht, warum eilen wir nicht, uns einzuſchiffen 7 Viel⸗ leicht wird die Vorſehung ſo gnädig ſeyn, uns an einer unbekannten Küſte ſcheitern zu laſſen.“ „„Ja! fort, fortk ohne Bedenken! Ich bin dabei! Schiffen wir uns ein!“ riefen alle Ge⸗ genwärtige verworren durch einander. Mariens Stimme allein ließ ſich nicht vernehmen. In dem Saale, wo dieſe Unterredung vorging, befand ſich noch ein gemeinſamer Freund, 10 der bis jetzt den Mund noch nicht geöffnet hatte. Herr Duval, ein kleiner beweglicher Mann von etwa fünfundvierzig Jahren, war bald als Anwald, bald als Arzt, Officier, Li⸗ terator, Diplomatiker, Finanzmann, Philoſoph und Myſtiker aufgetreten; er hatte einen gro⸗ ßen Theil von Europa durchreiſt, hatte ſich aber in keiner Lage zufrieden gefunden, und ſich nie überreden können, ſich irgend wo häuslich niederzulaſſen. Ein jeder neuer Gedanke, der in ſeinem Kopfe aufſtieg, riß ihn immer mit ſich fort, und entzündete ſeine Phantaſie. Auch in dieſem Augenblick drängte ſich ein neuer Entwurf vor ſeinen Sinn, der ihn ſchnell er⸗ griff, und wie begeiſtert ſprang er mit folgen⸗ den Worten auf: „Meine Herren! und auch Sie, meine Damen! hören ſie mich an: Wir ſind hier acht Perſonen, die wir alle, mehr oder weni⸗ ger, von verſchiedenen Gründen geleitet, inne⸗ ren Drang fühlen, einer Welt zu entfliehen, die keine Reize mehr für uns hat. Warum — — 11 denn unſer Vermögen, unſer Daſeyn der Un⸗ beſtändigkeit der Wogen Preis zu geben? Laſ⸗ ſet uns getrennt von der Geſellſchaft, die wir verwerfen und die uns vermiſſen wird. Kraft unſers Willens, als Einſiedler, uns mitten in der geſitteten Welt, hier in Paris ſelbſt, wo uns nur undankbare Weſen und eiskalte Her⸗ zen begegnen, eine Wüſte bilden.“ „Dieſe anſehnliche, ſchöne Wohnung, in der wir uns in dieſem Augenblick befinden, kann, wenn wir es nur wollen, eine Freiſtätte der Ruhe werden. Der Garten iſt ſchon an ſich bedeutend; durch den Ankauf einiger angrenzen⸗ den Beſitzthümer kann er noch vergrößert wer⸗ den; die Mauern können wir erhöhen laſſen, damit wir nichts anders erblicken, als den Him⸗ mel, und dieſen Grund und Boden, in der Zu⸗ kunft dem ſtillen Glücke geweiht.“ Wir werden uns mit Lebensmitteln auf ein Jahr verſehen, am Ende dieſes Zeitraums werden wir Alles, was wir brauchen, hier zu⸗ ſammenhäufen; wir bilden uns eine Conſtitution 12 patriarchaliſche Geſetze; wir leben nur der Freundſchaft, den Künſten, der Liebe und der Natur. Das Geräuſch dieſer Stadt, wo ſo viele Leidenſchaften ſich reiben und kreuzen, wird uns freilich erreichen, aber nicht beun⸗ ruhigen können. Alles außer dieſen Mauern iſt uns fremd und gleichgültig;;der Weiſe vernimmt den Sturm, aber der geht ihn nicht an.“ „Wir legen den feierlichen Eid ab, zehn Jahre hindurch nicht irgend einen verlehr mit den Menſchen zu haben. Was ich auch ſage, einen Eid! brauchen wir einen ſolchen? Wer von uns würde wohl, nachdem er die Reize die⸗ ſes einfachen, reinen Lebens kennen gelernt, in das Vaterland aller Laſter zurückkehren, den verpeſteten Hauch der Verdorbenheit aufs neue einathmen?“ „„Ich gewiß nicht!““ rief der Major. „„Ich auch nicht, ich auch nicht!““ mur⸗ de von allen Seiten wiederholt.“ „Mein Entwurf gefällt ihnen alſo?“ verſetzte Herr Duval..„Obgleich ohne Hoffnung, — 13 daß er je verwirklicht ſeyn würde, iſt er lang⸗ ſam in meinem Kopf gereift, und ich glaube mit Verſtand abgefaßt.“ Freilich hatte er zehn Minuten vorher noch nicht daran gedacht. „Ja! ich ſehe es,“ fügte er begeiſtert hin⸗ zu,„Ihr habt ihn mit Entzücken angenom⸗ men. Eilen wir denn, Alles in Ordnung zu bringen, damit der Monat, in den wir ſo eben eingetreten, nicht zu Ende gehe, ehe wir allen Verkehr mit der Welt abgebrochen!“ „„Allein,““ wandte Madame de Loſtanges ein,„wenn wir uns auf ſolche Weiſe aus der Welt, der ſie entfliehen wollen, ganz ver⸗ bannen, berauben wir uns ja auch ganz der Hülfsquellen, die ſie darbietet. Geſetzt, daß mein Oheim oder meine Tochter krank werden?““ „Nun denn, Madame! bin ich denn nicht da?“ verſetzte Duval, dem es einfiel, daß er Arzt geweſen, ein wenig verletzt durch eine Einwendung, die an den Tag legte, das die liebenswürdige Witwe nicht die allgemeine Be⸗ 14 geiſterung theilte.„Uebrigens,“ fügte er hinzu, um Ihre ſo weit vorausſehende Sorgfalt zu befriedigen, ſoll es in den Geſetzen feſigeſtellt werden, daß jedes Mitglied der Colonie in einem wichtigen Falle und mit allgemeiner 3 Einwilligung ſich zweimal in dem Zeitraum von zehn Jahren, doch nur auf zwölf Stun⸗ den entfernen dürfe. Sind wir denn alſo ent⸗ ſchloſſen?“ rief er zuletzt. „„Allerdings?““ erwiederte der Major; „„ich ſchwöre, den Geſetzen unſrer neuen Colo⸗— nie genau zu gehorchen; ich ſchwöre ewigen Haß jeder andern menſchlichen Einrichtung, ſo auch Allem, von dem ich mich trenne. Es leben die j Bewohner der Wüſte!““ „Wo ich auch ſeyn möge, werde ich mich zufrieden fühlen, wenn ich nur bei Ihnen bin, lieber Mann!“ fügte Madame Dervilliers hin⸗. zu.„Heil denn der Wüſte!“ „„Alſo, Marie! werde ich dann immer in 3 Ihrer Nähe athmen;“ ſagte Eugen zärtlich; „Sie werden mich nicht mehr fliehen; meine reine — 15 c— flammende Liebe ſoll nicht mehr in Zukunft zum ſteten Schweigen verdammt ſeyn!““ „Und mein guter Freund Eugen ſoll den ganzen Tag hindurch in der Wüſte mit mir ſpielen,“ wiederholte mehrmals die Anéis, um die Mutter hüpfend. „„Wie werden die Stunden ſchnell hinei⸗ len, die wir ganz der Liebe und ihrem trauten Koſen weihen dürfen!““ rief Lehon, während er feurig ſeinen Arm um die ſchöne Gattin ſchlang, und ſie an ſeine Bruſt drückte. „Welch trauliches Beiſammenſeyn,“ ver⸗ ſetzte Amelie,„in der heimlichen, kühlen Grotte; wie ſchön, mit einander Blumen zu pflücken, am Rande des Bachs! Jeden Morgen, beſter Lehon! ſollen Sie mir von ihnen einen Strauß bringen.“ „„Der Winter wird kommen;““ ſagte Marie, halb leiſe,„und die Liebe—““ „O! Marie!“ unterbrach ſie Eugen. „Sprechen Sie nicht ihre zermalmende Wahr⸗ ſagung aus; machen Sie wenigſtens eine Aus⸗ — 16 nahme mit der reinen glühenden Flamme, die Sie meiner Bruſt eingehaucht, erſt mit meinem Leben wird ſie auslöſchen.“ Madame de Loſtanges ſchüttelte den Kopf, ein ungläubiges Lächeln flog über ihre Lippen. „Harte, ungerechte Frau!“ fuhr Eugen fort.„O! Marie! wie können Sie ſo kalt vernünftig ſeyn!“ „„Lieber Eugen! wie können Sie ſo tho⸗ richt überſpannt⸗ ſeyn?““ erwiederte ſie. Indeſſen wurde dieſer närriſche Plan, nachdem er im Ganzen bewundert und in allen Theilen erörtert, kritiſirt, geprüft worden war, in vollem Ernſte angenommen; und ſchon den folgenden Tag fingen Alle an, ohne in ihrem Eifer abgekühlt zu werden, Alles vorzubereiten, um ihn zur Ausführung bringen zu können⸗ Das Haus des Majors, an dem äußer⸗ ſten Ende einer Vorſtadt gelegen, grenzte an ſehr große liegende Gründen, die gekauft wur⸗ den, um den Garten zu vergrößern. Die Mauern wurden ſchnell aufgeführt und Lebens⸗ mit⸗ 17 mittel aller Art eingekauft. Mehrere Bediente, einige aus Ergebenheit, andere durch einen an⸗ lockenden Gewinn gereizt, legten daſſelbe Ge⸗ lübde, wie ihre Herrſchaften ab. Alle nöthigen Vollmachten wurden einem Notar übertragen. Summen wurden niedergelegt, um die Aufla⸗ gen auszugleichen, und die Flüchtlinge aus der geſelligen Welt ſahen dem Tage ihrer Einklei⸗ dung in die Wüſte mit Freuden entgegen. Da die Speicher nicht hinreichend waren, wurden Wagenſchoppen zur Hülfe genommen, um den Vorrath aufzunehmen. Herr Duval unterzog ſich aller dieſer Beſtellungen, und nach⸗ dem das Haus auf ein Jahr verſehen worden, wurde für Ausſaat zu den folgenden Jahren geſorgt. Der ſorgſame Haushalter vergaß auch nicht, ſtarke Pferde und Ochſen für die Feldar⸗ beit und die Hausmühle einzukaufen; der Hüh⸗ nerhof wurde in Ueberfluß bevölkert; ein Thurm im Garten ward zum Taubenſchlag eingerich⸗ tet; zwei große Teiche wurden mit Fiſchen ge⸗ Die Wuͤſte. 2 S 18 füllt; ein Holzgehege für Haſen und Kanin— chen eingerichtet. Dem Herrn Lehon war es übertragen, die Bibliothek des Majors in Ordnung zu bringen; ein Jeder beeilte ſich, ſeine Bücher damit zu vereinen, und dieſe Sammlung wurde bis auf ſechs tauſend Bände vermehrt. Ein Bedienter war Koch und Bäcker, ein andrer verſtand den Bart zu ſcheeren und die Haare wachſen zu machen und zu friſiren. Drei Kammerfrauen wußten Kleider zu verfer⸗ tigen. Der Bediente des Herrn Duval wat Schneider. Zeug für zehn Jahre wurde ein⸗ gekauft; für einen Schuhmacher war auch ge⸗ ſorgt. Während dieſe Veranſtaltungen zu einem einſamen Leben gemacht wurden, ließen die künftigen Bewohner der Wüſte, feſt in ihren Entſchlüſſen, ſich nicht in ihrer gewöhnlichen Lebensart ſtören. Sie beſuchten Geſellſchaften, Concerte, Bälle, ſprachen von Politik, erörter⸗ ten die Zeitſchriften, lauerten auf Neuigkeiten, — 19 klaſchten, verleumdeten; Alles aus Liebe zur Einſamkeit. 3 Ein jeder von ihnen ſprach von einer lan⸗ gen Abweſenheit, von einer Reiſe, die unter⸗ nommen werden mußte; allein aus ihren wirk⸗ lichen Abſichten machten ſie ein Geheimniß, und wußten ſich einer deutlicheren Erklärung zu ent⸗ ziehen. Endlich den letzten Mai wurde der Ein⸗ tritt in die Wüſte feierlichſt begangen. Alle Coloniſten waren im Hof verſammelt; Herr Duval gab Befehl, das äußere Thor zu ver⸗ mauern.„Sei auf immer verſchloſſen, Thor!“ rief er,„das du uns noch unwiderruflicher, als die Unermeßlichkeit des Oeeans, von der Welt trennſt, weil unſer unveränderlicher Wille ſie von uns verbannt!“ „Sei mir gegrüßt, du Aufenthalt des Friedens und der Einigkeit,“ fuhr er fort,„hier gilt keine Eigenmacht. Wir Alle, gleichviel Herr oder Diener, erkennen nur die Oberherrſchaft des Geiſtes oder der Schönheit. Unſre Tage werden 2* 20 S unter einem lieblichen Wechſel von gegenſeitiger Sorgfalt und Gefälligkeit hinfließen. Die Aus⸗ übung ſtiller Tugenden und ſüßer Neigungen ſoll das Geſchäft unſers Lebens ſeyn; nichts von Ränken! Streit, Neid und Verleumdung bleibe weit von uns entfernt. Heil dem Auf⸗ enthalt des Friedens und des Glückes!“ „„Hier werde ich nicht mehr an meinen vergangenen Ruhm denken;““ ſagte Major Dervilliers.„Hier kränkt mich nicht mehr die Ungerechtigkeit der Menſchen; ich werde meinen Garten bauen, meine Felder beſtellen, wie— Der gute Major dachte an Cineinnatus, aber aus Beſcheidenheit hielt er inne. Er ſah rings um, vielleicht in der Hoffnung, daß ein Andrer ſeinen Gedanken ausſprechen würde; allein die Schmeichelei iſt nicht zu Hauſe in der Wüſte. Er ſeufzte:„„Heil dem Aufent⸗ halt der Vergeſſenheit!““ fügte er endlich hinzu. „Hier,“ rief Herr de Lehon, als die Reihe an ihn kam,„hier werde ich meine Tage an S 21 den Füßen meiner Amelie hinleben dürfen, ohne Furcht, lächerlich zu werden in den Augen der Weltleute, denen die zärtliche Liebe eines Ehe⸗ paars gleich Anſtoß gibt! Sei gegrüßt, du Aufenthalt der wolkenloſen Ehe!“ 34 „Gefängniß!““ ſagte leiſe bei ſich Ma⸗ dame de Loſtanges!„„Gefängniß, das mir, Eugen ſo nahe, vielleicht nur zu reizend werden ſoll! Möge die Einförmigkeit dieſes Aufenthal⸗ tes mich nur nicht meines Herzens berauben.““ „Marie! Sie ſind blaß,“ flüſterte Saint⸗ Albe.„Ach! ich ſehe nur zu deutlich, daß Sie die Welt vermiſſen!“ „„Ich dachte an Sie, Eugen! an Ihre Zukunft!““ erwiederte ſie ruhig.„„Meinet⸗ wegen iſt es mir gleichgültig, wo ich mich auf⸗ halte. Wenn eine Frau nur von den Weſen, die ihr theuer ſind, umgeben iſt, fühlt ſie ſich immer glücklich; es iſt nicht an mir, mich den Wünſchen und dem Willen meines achtungs⸗ würdigen Oheims zu wiberſetzen; vielleicht würde er, wenn ich nicht geweſen, ſich nicht einem —— 22 eB überſpannten Traumbild ergeben haben; allein er gefällt ſich nun darin, und ich finde in die⸗ ſer Trennung von der Welt Anlaß, inich ganz der Erziehung meiner theuren Anéis zu wei⸗ „Sie fürchten, mich vermuthen zu laſſen, Marie! daß Sie auf meine Liebe, und das Glück, das Ihre ſtete Nähe mir einflößen wird, einigen Werth legen können!“ entgegnete Eu⸗ gen.„Sie finden Vergnügen daran, mich zur Verzweiflung zu bringen.“ „Sie kennen mich ſchlecht, Eugen!““ verſetzte Marie.„Sie haben mich bei dem Geräuſch des Zuſammenſchlagens des äußeren Gitters, bei dem Lärm des Zuſchließens, bei dem Anblick der errichteten Schranke bleich werden ſehen; nicht aus Furcht aber, hier auf lange Zeit eingeſchloſſen zu ſeyn, ſondern bei der Vor⸗ ſtellung, daß dieſe Wohnung Ihnen mißfallen werde; daß Sio ſich vielleicht einmal mit der⸗ ſelben Sehnſucht von ihr entfernen werden, als Sie ſich jetzt in ſie verbannt haben.“ —,—— 23 „um Gottes Willen,“ erwiederte Eugen, „beſchimpfen Sie mich nicht! und wenn Sie auch meine Liebe verwerfen, laſſen Sie ihr we⸗ nigſtens Gerechtigkeit widerfahren. Nennen Sie mir den kleinſten Leichtſinn, deſſen ich mich in dem ganzen Jahre, in dem ich Sie kenne und anbete, ſchuldig gemacht habe? Habe ich auf irgend eine Frau nur einen Blick geworfen? habe ich mich nicht allen den Geſellſchaften ent⸗ zogen, woran Sie keinen Antheil genommen? ich habe ihre Kälte ertragen, ohne mich zu be⸗ klagen, ich habe ſogar ihre Vorurtheile geehrt, und was habe ich bei Ihnen erreicht?“ „„Eine wahre Zuneigung,““ lächelte Ma⸗ dame de Loſtanges,„„die mich aber nicht ver⸗ hindert unſre beiderſeitigen Verhältniſſe zu er⸗ kennen und auf ſie Rückſicht zu nehmen. Ich bin ſiebenundzwanzig Jahre alt, und habe vie⸗ les erlitten; das heißt: Erfahrung erworben. Sie ſind vierundzwanzig, reich, liebenswürdig, ganz gebildet, um in der Welt zu gefallen und zu glänzen, eilten Sie von Eroberung zur Er⸗ 24 oberung, als Sie mich kennen lernten. Sie lieben mich, und wünſchen meine Hand. Se— hen Sie denn nicht ein, daß Sie ſo eine Bahn beſchließen, die Sie kaum angefangen haben. Mein Gatte hat mir nur einen Namen, dem er gewußt, einen ſchönen Ruf zu geben, und die ehrenvolle Pflicht, ſeine Tochter zu erziehen, hinterlaſſen. Ich werde beſchuldigt werden, dem Glanze nachgeſtrebt zu haben; älter als Sie, werde ich ſchon die wenigen Reize, die Sie angezogen, verloren haben, während Sie noch in dem Alter der Leidenſchaften ſtehen. Andre Frauen werden Sie anziehen, eine ſogar vielleicht ſich Ihrer Liebe erfreuen, und ſie wer— den Ihre Bande verwünſchen; unglücklich durch ihre Leiden, könnte dann Marie nicht einmal Ihnen Ihre Freiheit wiedergeben!““ Anéis, die ſo eben einen Theil der Wiüſte ſchon durchſtrichen hatte, endete durch ihre plötzliche Erſcheinung dieſe Unterredung; allein der ſchmetzliche Ausdruck, der aus den bewegten Zügen Mariens ſprach, verlor ſich ani. 3 — — 25 Sie wurde inne, daß ſie mit Eugen ganz allein in dem Hof geblieben war, und eilte wieder in den Salon herauf, wo die übrige Geſellſchaft ſich ſchon verſammelt hatte. Die Zimmer wurden ſo eben vertheilt. Es wurde ausgemacht, daß der Major und ſeine Gattin den erſten Stock des Hauptgebäudes bewohnen ſollten, Herr Duval den zweiten, Herr und Madame de Lehon einen Seitenflügel, Madame de Loſtanges und ihre Tochter den gegenüber ſtehenden; und Herr de Saint-⸗Albe bezog einen hübſchen Pavillon mitten im Garten gelegen. Ein Billardzimmer, ein Concertſaal, eine große Bibliothek ſollten zu gemeinſamen Ver⸗ ſammlungsörtern dienen. Nachdem die nöthigen Befehle an die Die⸗ nerſchaft ertheilt waren, verſammelten ſich Alle in der Bibliothek, und Herr Duval erbat ſich für einige Augenblicke die allgemeine Aufmerk⸗ ſamkeit. Meine Herren und Damen!“ begann er ſtehend, nach einer tiefen Verneigung zu al⸗ * 6 26 len Seiten.„Dieſer wichtige Tag iſt gewiß der ſchönſte, der nur bis jetzt aufgegangen iſt; denn von heute an beginnen wir ein Daſeyn des Friedens und des Glücks.“ „Erlaubt, daß meine Lippen Euch Glück wünſchen, den klugen Entſchluß, Euch der Ge⸗ ſellſchaft der Menſchen, dieſer ſchmutzigen Höhle aller Laſter, zu entziehn, ſo keck ausgeführt zu haben. In der Zukunft ſollen Freundſchaft, Liebe, Natut unſer einzigen Führer ſeyn; kei⸗ ner Eigenmacht, keinen willkührlichen Geſetzen ſind wir hier unterworfen. Einzelne Theile deſſelben Ganzen, ſoll unſer Wille nur einer ſeyn, und gleiche Glieder eines Staates ſoll Niemand ſich Rechte zu eigen machen, an de⸗ nen nicht Alle gleichen Antheil haben.“ „Mit Umſicht habe ich lange über dieſe moraliſche Neigung der Menſchen, immer mit ihrem Geſchick und ihren Verhältniſſen unzufrieden zu ſeyn, gedacht; und ich glaube den Grund dazu in dem angebornen Bedürfniß jedes füh⸗ lenden Geſchöpfs, frei zu ſeyn und frei han⸗ S 27 2— deln zu dürfen, gefunden zu haben. Wenn dies Bedürfniß befriedigt wird, hat der Menſch nichts mehr zu wünſchen, dann wird er ruhig und zufrieden leben. Das iſt, meine Herren und Damen! die Ueberzeugung meines ganzen Lebens. Alle gleich, werden wir wie gute Ge⸗ ſchwiſter leben, ohne daß Jemand von uns die Unternehmungen des Andern zu tadeln habe; unſrer guten Abſichten gewiß, durch unſer Gewiſſen bekräftigt, ſchwören wir jetzt Alle, dieſe Anſichten zu befolgen und die Welt und ihre Einrichtungen zu haſſen. Die genauern Vor⸗ ſchriften unſeres Zuſammenlebens, die ich in der Folge bei vorkommenden Gelegenheiten entwer⸗ fen werde, ſollen natürlicher Weiſe aus dieſer reichen und unveränderlichen Quelle hervorſtrö⸗ men; und wenn jene unglücklichen Sterblichen, die in dem Strudel der Welt und unter ſo verſchiedenen Regierungen leben, unſre Geſetze je kennen lernten, würden ſie, unſer Loos be⸗ neidend, ſeufzen: Sie waren glücklich, weil ſie weiſe waren!“ 28 Alle klatſchten dem Herrn Duval Beifall zu, ohne ſich eben Mühe zu geben, ſeine prunk⸗ volle Anrede zu faſſen. „Sollte der Ausdruck nicht richtiger ſeyn, daß ſie weiſe waren, weil ſie verſtanden, glück⸗ lich zu ſeyn?“ fragte Eugen halb leiſe Marien. Aber Herr Duval war noch nicht fertig; er legte ſogleich einige Geſetzvorſchläge vor, und hatte das Vergnügen, ſie begierig von der Ma⸗ jorität angenommen, und mit Artigkeit von der WMinorität, die aus Madame Dervilliers und ihrer NRichte beſtand, beigepflichtet zu ſehen. Endlich wurde ein feierlicher Eid, der alle Coloniſten im treuen Verein verband, abgelegt; und dieſer Bund, ihr Geſchick auf zehn Jahre beſtimmend, ſollte das Bedürfniß, auf neue Plane zu ſinnen, das Verlangen, mit einem geliehenen Glanze ſich groß zu thun, den Ehrgeiz, den Durſt nach Ruhm, und andre dem geſelligen Zuſtand anklebende Leidenſchaften aus der Wiüſte verbannen. Liebe allein hatte freien Zutritt und durfte hier ihre Herrſchaft ausüben. ——— 29— Herr Duval, mitten in der Bewunderung ſeiner eignen Beredſamkeit und der Begeiſte⸗ rung, welche dieſe erregte, fühlte indeſſen, daß ein ſehr allgemeines Bedürfniß ſeine Gewalt auch über den Magen eines Geſetzgebers aus⸗ üben könne, und er endete ſeine glänzende Rede mit dem Wunſch zu Liſche zu gehen. Dieſer Appellation an den Appetit der Ge⸗ fährten wurde noch einſtimmiger beigepflichtet, als den Punkten der Conſtitution; ſie drängten ſich faſt nach dem Speiſeſaal hin. Aber die Conſtitution hatte nicht daran ge⸗ dacht, daß gegeſſen werden ſollte, und da nun ein jeder Bewohner der Wüſte der Dienerſchaft etwas beſonders anempfohlen hatte, war kein Eſſen zubereitet. Anfangs wurde gelacht, dann ein wenig Unzufriedenheit geäußert, und zuletzt begnügten ſich Alle mit dem, was in der Eile zubereitet werden konnte. Nach einer ſehr frugalen Mahlzeit, die Alle einig waren, nicht wiederholen zu wollen, wurde ſpaziert, Muſik gemacht, geſpielt; Alle 30— waren liebenswürdig und heiter; und da end⸗ lich die Anſiedler ſich in ihre beſondern Zim⸗ mer zurückgezogen, ſchmeichelte ſich ein Jeder recht ſüß mit den angenehmſten Hirngeſpinn⸗ ſten; Alle gaben in der Stille den ſüßeſten Hoffnungen Raum. Vor allen Eugen, der ſich, durch die ſanfte Gleichmuth der Madame de Loſtanges bald an⸗ gezogen, bald zur Verzweiflung getrieben fühlte, berauſchte ſich in den Vorſtellungen, daß er doch gewiß zuletzt ihr Herz erhalten, und daß dieſe Abgeſchloſſenheit, der Liebe ſo günſtig, ihn bald als den glücklichen Gatten der liebenswürdigen Marie umfaſſen würde. Aber wie würden ſie heirathen? in der Wüſte waren weder Obrigkeit noch Prieſter. Aber dieſer Einwurf ſtörte Eu⸗ gen eben nicht, er wußte recht gut, daß die Liebe alle Hinderniſſe beſiegt. Er hatte ſchönere Frauen als Madame de Loſtanges geſehen, aber noch keine ſo anziehend gekannt. Die Erfahrung eines reiferen Alters mit der Reinheit der Jugend vereint, eine un⸗ 31 veränderliche Sanftheit, eine ganz anſpruchsloſe Beſcheidenheit und ein ſeltner Geiſt ſprachen ſich in ihrem ganzen Weſen mit einer Anmuth aus, die ſie unwiderſtehlich machte. Eine Frau, wie Marie, mußte, wenn ſie liebte, die hinge⸗ benſte Geliebte, die nachſichtigſte Freundin ſeyn, Saint⸗Able, mehrere Gegenſtände ſeiner flüch⸗ tigen Jugend⸗Liebe ins Gedächtniß zurückrufend, und ſie mit denſelben vergleichend, fühlte ſich überzeugt, daß er ſie ewig lieben müßte. Ein ſchöner Tag folgte der ruhigen Nacht: die Sonne in ihrer hehren Klarheit flößte Hei⸗ terkeit in alle die Gemüther ein, die ſich ihres Glanzes erfreueten. Der unermüdliche Duval durcheilte, früh aufgeſtanden, mit Wohlbehagen den Garten, der ſeiner Herrſchaft unterworfen war und erdachte neue Geſetze; ſich ſelbſt als den Begründer dieſer ſonderbaren Colonie be⸗ trachtend, wünſchte er die Wohlthaten ſeiner Vernunft ganz über ſie zu verbreiten, und ob⸗ gleich anſcheinender Anhänger der Demokratie, . 32 dürſtete doch ſeine Seele im Stillen nach un⸗ umſchränkter Gewalt. Mit ſich ſelbſt und ſeinen Hoffnungen zu⸗ frieden, kehrte er um die Zeit, wo das Früh⸗ ſtück die Anſiedler verſammelte, zurück. Wer malt aber ſein Erſtaunen beim Eintritt in den Speiſeſaal! Die Dienerſchaft hatte hier ein Mahl angerichtet, das zu vierzig Perſonen hätte hinreichen können; Herr Duval wollte ſo eben nach der Urfache dieſes Ueberfluſſes fragen, als die Uebrigen hinzukamen; ein allgemeines Ge⸗ lächter erſcholl, als dieſe ſich entdeckten; das fru⸗ gale Mittagsmahl des vorigen Tages hatte Jedem eine herechte Furcht wegen des heutigen Frühſtücks eingeflößt; und ein jedes Mitglied der Colonie, in der Abſicht, der Vergeſſenheit der andern vorzubeugen, hatte ein ausgewähltes Frühſtück für acht Perſonen beſtellt; ſelbſt die kleine Anéis hatte ohne Vorwiſſen der Mutter ſolche Leckereien beſtellt, die ihr beſonders ange⸗ nehm waren. Dieſe erſte Ausübung ihres freien S 33 c Willens hatte der Kleinen eine noch größere Liebe für die Wüſte eingeflößt. Die Anſiedler ſahen bei dieſer Gelegenheit ein, daß die freie Ausübung ſo vieler verſchie⸗ dener Willen nur eine Verwirrung hervorbrin⸗ gen würde, an die der Geſetzgeber noch gar nicht gedacht, und er ſelbſt ſchlug als erſte Verbeſſung der angenommenen Verfaſſung vor, einen von der kleinen Geſellſchaft zum Oberauf⸗ ſeher der Colonie zu erwählen. Dieſer Vorſchlag wurde angenommen, und Madame de Loſtanges einſtimmig gewählt. Sie gab endlich lächelnd den dringenden Bitten der Freunde nach. Von dieſer Stunde konnte der gute Herr Duval nicht umhin, diejenigen, die einen andern als ihn zu dieſer neuen Würde erwählt, in der Tiefe ſeines Herzens der Un⸗ dankbarkeit und des Mangels an geſunder Ur⸗ theilskraft zu beſchuldigen. Indeſſen erfüllte Madame de Loſtanges mit Leichtigkeit und Sicherheit alle Funetionen ihres Amtes, und ein Jederwar nur darauf be⸗ Die Wuͤſte. 3 — 34 dacht, ſein Leben, ſo wie er es wünſchte, ein⸗ zurichten. Als der Sonntag kam, wurden die An⸗ ſiedler erſt inne, daß ſie vergeſſen hatten, einen Prieſter in die Colonie einzuführen, und daß nun keine Meſſe geleſen werden konnte. Herr Duval, der nicht gern ſah, daß etwas vermißt wurde, und recht lebhaft wünſchte, Alle, die unter den von ihm entworfenen Geſetzen lebten, zu befriedigen, rief die Anſiedler der Wüſte, Herren und Diener, zuſammen, und hielt eine lange Rede, in der er darſtellte, daß Gott zu⸗ frieden ſei, wenn wir nur Alles thun, was in unſrer Gewalt ſtehe! „Robinſon und Alle, die in der Einſam⸗ keit gelebt,“ ſprach er,„waren nicht weniger Chriſten, obgleich ſie nicht, wie in der Welt, einen geregelten Gottesdienſt beobachten konnten. Die frommen Einſiedler in der Wüſte Thebais hatten nicht mehr als wir, weder Prieſter noch Kirchen. Wir wollen es ſo wie ſie machen; wir —————— 35 c wollen in Gemeinſchaft beten, und Gott wird unter uns ſeyn!“ Nach einer weit längeren Rede, die einer Predigt ſehr ähnlich ſah, und worin er an⸗ zeigte, daß er alle Sonn⸗ und Feſttage eine ſolche halten, und einen eignen Gottesdieuſt einrichten würde, ſchloß er alſo:„Unſre Hul⸗ digung ſoll rein, unſer Weihrauch der Gottheit wohlgefällig ſeyn. Weder Aergerniß, noch Be⸗ trug, noch Bosheit findet unter uns Statt. In den Augen der Religion werden wir Heilige, in denen der menſchlichen Vernunft Weltweiſe ſeyn!“ Die Worte und Vorſchläge des Hutl Duval fanden Beifall; noch denſelben Tag trat er ſein neues Amt an; und n ging vortrefflich. So verſtrich ein Monat in Frieden und Ruhe. Mariens Benehmen war ganz daſſelbe wie in der Welt, und ihr häusliches Leben un⸗ verändert. Eugen, untröſtlich, ihr nicht näher gekommen zu ſeyn, als vor dem Eintritt in die 3* 26 Wiüſte, beſchwerte ſich darüber und flehete wech⸗ ſelsweiſe. Herr Duval, der bis hieher nur dar⸗ auf bedacht geweſen, neue Punkte zu ſeiner Conſtitution zu entwerfen und andre abzuän⸗ dern, begann, ſich ein wenig Ruhe zu geben; er wurde nun erſt recht inne, daß Madame de Loſtanges ſehr reizend ſei. Bald fühlte er ſich überzeugt, daß die Leere, welche er der ſelbſter⸗ wählten Lebensweiſe zum Trotze im Inneren fühlte, nur aus dem Mangel an einer liebens⸗ würdigen Begleiterin durch das Leben entſtand, und der Gedanke an eine Heirath in der Wüſte, der ſeinen Durſt nach immer neuen Abentenern reizte, flößte ihm auf einmal eine Begeiſterung ein, die er als eine unüberwindliche Leidenſchaft betrachtete. An Eugens Liebe konnte er nicht zweifeln; allein Mariens gewöhnliche Ruhe erregte die Vermuthung bei ihm, daß ſie jener nur mit Freundſchaft entgegen kam. Uebrigens in ei⸗ nem Alter von fünfundvierzig Jahren den Sieg über den Herrn Saint-Albe, der noch — 37 G nicht fünfundzwanzig war, davon zu tragen, würde ein ſchöner Triumph ſeyn. Alle Ge⸗ danken des verliebten Geſetzgebers dreheten ſich nun um dieſen Zweck. Von dieſem Augenblick ließ er keine Ge⸗ legenheit unbenutzt, um ſich der Madame de Loſtanges gefällig zu machen, und beſonders um ſie zu überzeugen, daß er von einer inneren Flamme glühete, der, obgleich ſie ſein Inneres verzehrte, er doch nicht wagte Luft zu geben. In ſeinem äußeren Benehmen war indeſſen keine größere Veränderung vorgegangen. Er ſuchte nie der ſüßen Genugthuung Eugens, der ſchönen Witwe ungeſtört nahe zu ſeyn, irgend ein Hinderniß in den Weg zu legen, ſondern er ſeufzte nur in ihrer Gegenwart, erſchien zer⸗ ſtreut, in ſich gekehrt, zog ſich zurück, wenn Eugen ſich um ſie bemühete, und kehrte dann mit einem leidenden Ausdruck, der von ſtillem Unglück zeugte, zu der Geſellſchaft zurück. Zu gleicher Zeit verſäumte Herr Duval kein Mittel, um die Gunſt des Majors und * 33 S£ ſeiner Gattin zu gewinnen; er bediente ſich des feinſten Lobes, führte immer das Geſpräch auf die Waffenthaten des Herrn Dervilliers zurück, ließ ſich zehnmal gehörte Erzählungen von ſei⸗. nen Gefechten wiederholen, und ſchien ſie jedes⸗ mal mit neuer Theilnahme anzuhören. Bei Madame Dervilliers führte er eine andre Sprache; er lobte die mütterliche Sorg⸗ falt, die ſie der Madame de Loſtanges widmete, und flößte ihr Unruhe wegen der Zukunft der lieblichen Witwe ein, in ſo fern dieſe ſich hinrei⸗ ßen ließe, die Betheuerungen der Liebe des Herrn de Saint⸗Albe zu erwiedern. Madame Dervilliers hatte Eugen ſehr gern, ſie würde mit Vergnü⸗ gen geſehen haben, daß er der Gatte ihrer Nichte wurde. Herr Duval rief behend die Verleumdung zur Hülfe; er ließ dieſe alle Schritte Eugens bewachen, Alles, was er that, ſeine einfachſten Worte vergiften. Ein junges Mädchen in der Meierei, das er einige Male recht hübſch gefunden, wurde der Vorwand ei⸗ ner ſchweren Beſchuldigung. Sie wurde als ——————— 1————— 39 ein Opfer trügeriſcher Verſprechungen darge⸗ ßtellt, das ſich täglich mehr der Verzweiflung ergab, weil ſie ſich von Eugen verlaſſen ſah. Die gute Madame Dervilliers würde über eine Jugendverirrung gelächelt haben; ſie war aber empört über eine voraus überlegte Ver⸗ führung; allein als ſie ſelbſt zwiſchen den Schul⸗ digen und ſein Opfer ins Mittel treten wollte, war das junge Mädchen auf einmalverſchwunden. Dieſer Vorfall bildete mehr als einen Tag lang eine Neuigkeit von großer Bedeutung für die Anſiedler. Sie verwunderten ſich, daß Je⸗ mand der Bewohner den Reizen der Wüſte ſo⸗ bald hatte entſagen können; und durch eine noch angelegte Leiter wurde es entdeckt, daß das Mädchen über die Mauer geklettert war⸗ Kein Verdacht ließ ſich vernehmen, daß Eugen treulos und der Grund dieſer Flucht geweſen, blos Madame Dervilliers meinte, die wahre Ur⸗ ſache recht gut zu wiſſen; allein Herr Duval, der ſchon eine große Herrſchaft über ihren Geiſt * ——— 40 ausübte, nahm ihr das Verſßrechen ab, dies Abenteuer nicht weiter zu verfolgen. Sie empfand die Nothwendigkeit, über dieſe Sache zu ſchweigen, und gab nach; aber von dieſem Augenblick war ſie ganz verändert rück⸗ ſichtlich Eugens. Sie ließ es ſich ſehr ange⸗ legen ſeyn, ihre Nichte zu bewegen, den Mann, der ihrer Meinung nach ſie allein glücklich ma⸗ chen konnte, zum Gatten zu erwählen. Die auffallende Kälte, die ihm Madame Dervilliers bezeigte, that dem Herrn de Saint⸗ Albe ſehr leid; er könnte nicht begreifen, wo⸗ her ſie entſtanden wäre; er bemerkte zugleich, daß Herr Dubal einen ſehr hohen Platz in ihrer Gunſt beſäße. Die Eiferſucht gab ihm Licht; er bemerkte die feurigen Blicke, welche Jener auf Marien warf; und der ſteten Zurückhal⸗ tung der Geliebten ungeachtet, waßte er ſie, der Gefallſucht zu beſchuldigen. Madame de Loſtanges hörte lächelnd einen ſo ungegründeten Vorwurf, und ſagte ihm of⸗ fen, daß ſie in der That recht gut bemerkt S 41 cS hätte, daß Herr Duval wähnte, in ſie verliebt zu ſeyn; Eugen ſann wüthend auf Rache ge⸗ gen den Nebenbuhler. Sie errieth ihn, und ſuchte ihn zu berühigen, und erhielt er auch nicht das ſüße Geſtändniß, das er ihr entrei⸗ ßen möchte, verließ er ſie doch wieder mit der Ueberzeugung, daß Herr Duval nie das Recht erhalten würde, Aſpruch auf Bre Liebe zu machen. Auch Madame Dervilliers ſch ald mit Kummer ein, daß, wenn auch Madame de Lo⸗ ſtanges ſich im Laufe der Zeit beſtimmen würde, wieder zu heirathen, ihr Günſtling Duval den⸗ noch nur ſehr wenig Hoffnung hatte. Ein verdrießliches. Ereigniß, das Beſtür⸗ zung unter die Auſiedler der Wüſte verbreitete, hemmte auf lange Zeit alle kleinen Ränke, und ſchien die gemeinſame Theilnahme in Anſpruch zu nehmen. Herr de Saint⸗Albe war krank geworden; ſchon den zweiten Tag war es deut⸗ lich zu ſehen, daß er bedeutend angegriffen warz und am dritten Abend wurde ſein Zuſtand ſo 42—P beunruhigend, daß der Eine den Andern ängſtlich anſah, ohne daß er die Beſorgniſſe, die Jeder fühlte, auszuſprechen wagte. Herr Duval hatte einige Mittel angege⸗ ben, die Anfangs mit Ungeduld angenommen worden waren; aber von dem Augenblick an, da Eugen beinahe nicht mehr wußte, was rings um ihn vorging, theilte er in einem gelehrten aufſchneidenden Tone Befehle aus, und warf ſich in die Bruſt, als wäre er der erprobteſte aller Schüler Hippokrates geweſen. Er hoffte ſchon, die ganze Umgebung von ſeinen tiefen Kenntniſſen der Heilkunſt überzeugt zu haben, als er mit einem bittern Verdruß, der nur mit ſeiner grenzenloſen Eitelkeit verglichen werden kann, anhören mußte, wie Madame de Loſtan⸗ ges mit Kraft darauf beſtand, daß ſchleunige Hülfe für Eugen geſucht wurde. Zwar ward ihr eingewandt, daß ſie keinen Verkehr mit der Außenwelt haben dürfte, daß ſie ſelbſt, ſo wie die Uebrigen, ein Gelübde abgelegt hätte. Das Uebergewicht des Herrn 43 Duval war noch vorherrſchend, und ſeine mit höhnender Zuverſicht ausgeſprochnen Worte: ich bin ja hier, entkräftete die Theilnahme, die Marie zu Gunſten des Kranken zu erregen ſüchte.. Sie ließ ſich aber nicht irre machen. „Wie!“ rief ſie:„Ihr wollt ihn aus Man⸗ gel an thätiger Hülfe ſterben laſſen? Leere Vorſchriften ſollen über den Drang, das Leben eines Menſchen zu retten, den Ihr Freund ge⸗ nannt, ſiegen? Soll das Stärke der Seele ſeyn, ein Gelübde zuhalten, das hier ausgeübt, uns nur uns ſelbſt unwürdig machen wird?“ Uebrigens, fügte Marie mit leiſerer, bewegter Stimme hinzu, wohl fühlend, daß es nicht der rechte Augen⸗ blick ſei, die überſpannten Geiſter zu reizen; „übrigens geſtatten unſre Geſetze nur zweimal in zehn Jahren ausgehen zu dürfen: ich verlange die Beſtätigung dazu, die mir nicht verweigert werden kann.“ Die Stimmen wurden geſammelt, und die ungeduldige Marie erhielt endlich die geſuchte 44 8 Erlaubniß. Sie durchbrach die Schranke, die zwiſchen der Wiüſte und der Welt errichtet war, und befand ſich wieder in Paris. Der Lärm, die Bewegung, welche die Ruhe ihres gewöhn⸗ lichen Anfenthaltes ſo plötzlich ablöſte, betäubte ſie, ohne ſie von ihrem einzigen Zweck zu ent⸗ fernen. Sie ſuchte ihren Arzt, in dem ſie im⸗ mer einen ergebenen Freund gefunden. Er er⸗ ſtaunte, ſie bei ihm erſcheinen zu ſehen; denn er glaubte ſie auf Reiſen; ſie theilte ihm flüch⸗ tig die Gründe mit, die ſie von der großen Ge⸗ ſellſchaft entfernt hielt, nachdem ſie ſich ſeiner Verſchwiegenheit verſichert hatte; dann, ohne ihm die kleinſte Bemerkung weiter zu geſtatten, fragte ſie ihn um Rath wegen Eugens. Sie beſchrieb dem Arzte ſeinen Zuſtand und die Fortſchritte der Krankheit ſo genau, als wenn er gegenwärtig geweſen. Er beſtimmte die Ver⸗ fahrungsart, die angewendet werden müßte, und kam mit ihr über ein Mittel überein, wodurch ſie mit einander in dauernder Verbin⸗ dung bleiben konnten, ohne daß die Uebrigen 45 die kleinſte Ahnung davon hatten. Dann eilte ſie ſchnell zurück, nachdem ſie erſt Alles einge⸗ kauft, was der Arzt dem Kranken, der ihre Theilnahme ſo lebhaft in Anſpruch genommen, vorgeſchrieben. Sobald ſie wieder die Wiüſte betreten, wurde ſie von Fragen beſtürmt, die alle bewie⸗ ſen, wie ſehr die Einſiedler an dem weltlichen Leben, das ſie verwovfen, noch hingen. „Ich möchte doch gern wiſſen, wie jetzt die Mode iſt?“ ſagte Madame Lehon. „„Hatte man einige Vermuthung, wo wir geblieben ſind? Iſt wieder Krieg?““ fragte der Major. „Wie gehts in der Politik?“ äußerte Herr Duval. „„Wenn Sie nur blos die Schauſpiel⸗ anzeigen durchgelaufen hätten, würden Sie mir doch die neueſten und merkwürdigſten Neuigkeiten nennen können!““ meinte Herr de Lehon. Marie befriedigte Niemanden. Sie hatte nichts geſehen, nichts bemerkt. Paris war für ſie die wirkliche Wüſte. Alle Gegenſtände ihrer Zuneigung waren ja in den Mauern eingeſchloſ⸗ ſen, die ſie für wenige Stunden verlaſſen. Als ſie Eugen wieder ſah, war er ohne Beſinnung; er hatte erfahren, daß Madame de Loſtanges abweſend ſei, und mit einem herz⸗ zerreißenden Ausdruck verlangte er nun Marie von Marien ſelbſt zurück. Ihren Muth zuſammenraffend, führte ſie nun mit der gewiſſenhafteſten Genauigkeit Al⸗ les aus, was der Arzt anempfohlen hatte. Ihre Sorgfalt war nicht vergeblich; ihre Thrä⸗ nen, ihre Gebete wurden erhört. Saint-Albe wurde allmählig ruhiger, er kannte Madame de Loſtanges wieder, trank aus dem Thau ihrer Augen neuen Zuwachs für ſeine Liebe, und las in den verſtörten Zügen der holden Marie, daß er auf Glück hoffen dürfte. Madame Loſtanges hatte jetzt die Strenge verloren, ihm Stillſchweigen zu gebieten, wenn er von ſeiner innigen Ergebung ſprach; wäh⸗ rend ſie für ſein Leben zitterte, hatte ſie ihr 47 eignes Herz noch beſſer kennen gelernt; und zu offen, um dem Geliebten ihre Gefühle zu verſchweigen, ließ ſie ihm das volle Glück eines ſo ſüßen Geſtändniſſes empfinden. Schon lange hatte ſie Saint⸗Albe ge⸗ liebt; indeſſen waren die faſt unüberſteiglichen Hinderniſſe, die ſich in ihrem Herzen ſeinen Wünſchen entgegen ſtemmten, keinesweges Ver⸗ ſtellung. Ihr Verhältniß als Witwe ſchien ihr Pflichten aufzuerlegen, die ſie zu verletzen fürchtete. Sie ſcheuete, ihre Tochter einem an⸗ deren Willen, als dem ihrigen anzuvertrauen. Ihr geringes Vermögen, Eugens Jugend und Leichtſinn gaben ihr auch, wie wir gehört, mehr als hinreichende Gründe, die Zuneigung, die ſie an ihn zog, zu bekämpfen. Sie würde ihrem Herzen, Eugens inbrün⸗ ſtigen Bitten widerſtanden haben; ſie ward aber von der Furcht, ihn zu verlieren, beſiegt. Es dünkte ſie, daß wenn ſie ihn mit neuen Banden umgebe, müſſe ſie ihn auch feſter an das Leben binden; und nachdem ſie ihm tau⸗ —— 48 ſendmal wiederholt, daß ſie ihn liebe, zeigte ſie ihm eine Reihe von ſchönen Jahren, um das Bedürfniß eines langen Daſeyns, ſo zu ſagen, in ihm zu kräſtigen. Der Major und ſeine Frau erfuhren nicht ohne Mißvergnügen die Wahl ihrer Nichte. Madame Dervilliers, als ſie ſie entſchieden ſah, erzählte ihr das Abenteuer des geflüchteten Mäd⸗ chens, das Eugen verführt haben ſollte, ganz ſo, wie ſie es von dem Herrn Duval hatte. Marie erwiederte ohne Bedenken, daß es eine Verleumdung ſei, und verſprach Eugen, die Seinige zu werden; ſie verband aber mit ihrem Verſprechen eine Bedingung, gegen die er ver⸗ gebens Einſpruch that; erſt nach Verlauf eines Jahres wollte ſie ihm die Hand reichen. tadame de Loſtanges hatte gewünſcht, daß ihre Verlobung ein Geheimniß bliebe; al⸗ lein die Tante ließ Herrn Duval wenigſtens ſie vermuthen, damit er ſich nicht länger mit einer trügeriſchen Hoffnung ſchmeicheln ſollte. Von dieſem Augenblick wurde Herr Duval, der, 40 der, koſte was es wolle, eine intereſſante Rolle gern ſpielen möchte, ein Heros der Freundſchaft, da er nicht ein Heros der Liebe hatte werden können. Er weihete Eugen eine Ergebenheit, der dieſer nur ſehr wenig entſprach. Er ſchien ferner ſeinen Gönner bei der Madame de Lo⸗ ſtanges, die zwar nicht ihre Gefühle für den Freund an den Tag legte, aber ſie auch nicht zu verbergen ſuchte, abgeben zu wollen. Glücklich der vollen Empfindung der Liebe ſich ergeben zu dürfen, noch glücklicher bei dem Gefühl, Glück einzuftößen, hatte Marie der zurückgezogenen Lebensweiſe, der ſie gewiſſen⸗ haft bis an die Krankheit Eugens gefolgt, all⸗ mählig entſagt. Vergebens verſuchte ſie mitunter ihn vor der beſtimmten Stunde, in der die Geſellſchaft ſich verſammelte, nicht ſehen zu wollen, aber er beklagte ſich ſo ſanft darüber, wünſchte den Zuſtand, dem ſie ihn entriſſen, zurück, und erſchrocken durch dieſe Erinnerung, gab ſie nach. Bald vergaß ſie die vernünftigen Gründe, Die Wuͤſte⸗ 4 S 50— die ſie beſtimmt hatten, ihre Morgenſtunden ganz einſam zu verbringen, und gab dem Reiz, geliebt zu werden, nach; auch ſie ſah jeden Augenblick, den ſie entfernt von Saint-Albe verlebte, als verloren an. Sie, die ſo oft gelächelt hatte, wenn Ame⸗ lie und ihr Gatte ſich mit den Augen ſuchten und feſthielten, fühlte ſich unzufrieden, wenn ein Dritter ſich in ihr Geſpräch mit Eugen miſchte, und empfand eine Ungeduld, die ſie kaum zu verhehlen wußte, wenn ſie gezwungen wurde, ſich nicht ausſchließlich mit dem gelieb⸗ ten Gegenſtand zu beſchäftigen. Sie hatte ſich über den Werth gewundert, den das Geſchenk der größten Kleinigkeit für jene verheiratheten Liebenden zu haben ſchien, jetzt begriff ſie ihn; mit einer Empfindung von Glück heftete ſie die Blume, die ihr Eugen überreichte, an ihren Buſen, und hatte die Ma⸗ dame de Lehon noch lieber, der Freude wegen, womit dieſe ſich mit dem Blumenſtrauß ſchmückte, den ihr der Gatte jeden Morgen brachte. eS 31 So verlebte Marie, von einer ſüßen. Lei⸗ denſchaft bezaubert, die ſchönen Tage des Le⸗ bens, welche die gegenſeitige Ueberzeugung, in⸗ nig geliebt zu ſeyn, eine Vorempfindung himm⸗ liſcher Wonne ertheilt; Eugen las immer in ihren Blicken die Zuſicherung der reinſten Liebe. Keine Wolke trübte den kurzen Tag ihres Glücks. Als der Herbſt ſchon angefangen war, und die Abende lünger und kälter wurden, ver⸗ ſammelten ſich gern die Bewohner der Wüſte beim Anbruch der Nacht in dem Concertſaal. Eines Abends, als die Lichter noch nicht angezündet waren, hörte das Geſpräch, nach⸗ dem es ſchon eine Weile nur ſchläfrig geführt worden war, auf einmal ganz auf. Die Lan⸗ geweile ſchien ſich in die Wüſte eingeniſtet zu haben. Eugen brach zuerſt das lange Still⸗ ſchweigen mit den Worten: „Ach! jetzt iſt's an der Zeit, wo alle Leute von dem Lande zurücktehren. Die Feſte, die Abendgeſellſchaften werden wieder beginnen. Ich 4* S 32 c£ möchte doch gern wiſſen, was von uns in Pa⸗ ris geſprochen wird,“ fügte er ſeufzend hinzu. „„Ja!““ entgegnete Madame de Lehon! „„es würde recht intereſſant ſeyn, zu wiſſen, was man von unſerer Abweſenheit denkt, und ob man daran denkt! Erinnern Sie ſich, Saint⸗ Albe! an den herrlichen Ball, der den dritten Tag nach meiner Hochzeit gegeben wurde?““ „Ich glaubte, liebe Amelie!“ unterbrach ſie Herr de Lehon,„daß Sie ſich bei dem Balle gar nicht amüſirt hätten.“ „Gar nicht; aber deſſen ungeachtet war der Ball ſelbſt doch ſehr angenehm!““ erwie⸗ derte ſie. „Wenn ich Augen für Andre als Sie hätte haben können, meine liebe Freundin,“ fuhr Herr de Lehon fort,„würde ich ſehr ſchöne Frauen dort bemerkt haben; unter andern, Ma⸗ dame de Sorbelle! Sie iſt ein wenig coquett, aber welch ein hinreißendes Geſchöpf! Apropos, Saint-Albe, es wurde damals davon geſiec⸗ chen, daß Sie ihr Anbeter wären.“ . S 33— „„Ich?““ rief Eugen verwirrt.„Ich 5 verſichere Ihnen, daß nichts an dem iſt.““ „Es iſt auch nicht denkbar,“ fügte Herr Duval hinzu,„daß Herr de Saint-Albe ſelbſt die kleinſte Erinnerung von einer Welt und einer Zeit, die ihm ſchon ſo fern liegt, aufbe⸗ wahrt haben ſollte.“ „„Es iſt Schade,““ meinte der Major, „„das wir nicht daran gedacht haben, uns die Zeitungen zu verſchaffen!““ „Aber ſollte das nicht dem Lebensplan, den wir erwählt, zuwider ſeyn?“ fragte Ma⸗ dame Dervilliers. „„Ganz und gar nicht; die Zeitungen kommen überall hin;““ entgegnete Herr de Le⸗ hon ſchnell.„„Wir müſſen daran denken, uns welche zu verſchaffen, wenigſtens ein literariſches Journal; unterdeſſen— was machen wir denn heute Abend, meine Damen? Wenn es Ihnen gefällt, will ich Ihnen ein kleines Gedicht auf die Vorzüge des geſelligen Lebens vorleſen; eine ———————— S 354 Kleinigkeit, womit ich die Stunden meiner N ausgefüll. 4.* „Es ſcheint,“ flüſterte Amelie Eugenen in das Ohr,„daß er unter dieſer Benennung die Stunden ſeines ganzen Lebens verſteht; denn er hört keinen Augenblick auf, die unglückſeligen Verſe zu machen und wieder umzumachen.“ Ach! ja! ja! etwas vorleſen! das iſt ja herrlich!““ rief die gute Madame Dervil⸗ liers;„ziehen Sie die Glocke, damit ſie Lich⸗ ter bringen.““ „Bemühen Sie ſich nicht!“ ſagte Mada⸗ me de Loſtanges, indem ſie aufſtand;„ich will Lichter bringen laſſen.“ „„Ei, liebe Nichte,““ verſetzte Madame Dervilliers, die ein kleines Zittern an der Stimme Mariens bemerkt hatte;„„ſind Sie nicht ganz wohl?““ „Seien Sie unbeſorgt, theure Tante! ich gehe nur einen Augenblick in meine Zimmer!“ fuhr ſie fort. —— ————— — 35 „„Kanm ich es nicht beſorgen?““ ſ Eugen, ſich Marien nahend. „Ich danke Ihnen!“ erwiederte Madame de Loſtanges und eilte hinaus. Marie ließ dem Diener, der Lichter brachte, ſagen, daß Sie ſich nicht ganz wohl befände, und auf ihrem Zimmer blieb. Als ſie in ihr Cabinet hineingetreten war, verſchloß ſie die Thür, und dem heftigen Klopfen ihres Herzens nnachgebend, warf ſie ſich, ein Raub von tauſend Betrachtungen, die ſie nicht beſeitigen konnte, auf einen Stuhl. Sie hatte gemeint aus dem Ton und den wenigen Worten, die Eugen ausgeſprochen, be⸗ merken zu können, daß ſie nicht mehr der ein⸗ zige Gegenſtand ſeiner Gedanken ſei. Der erſte Augenblick dieſes ſo ſchöne Träume zerſtö⸗ renden Zweifels drückte ſie ſehr ſchwer nieder. *. Ihre Vernunft, ihre vieljährige Erfahrung hatte der Athem der Liebe verweht. Ihr ge⸗ führlicher Zauber hatte ſie mit ſüßen Täuſchun⸗ gen umgeben. Eben ſo vertrauend als innig, S 56— glaubte Madame de Loſtanges ſich, ſo wie ſie ſelbſt liebte, geliebt; kein eiferſüchtiger Argwohn hatte noch dem Gegenſtande ihrer Zuneigung irgend einen Makel angeheftet. Jetzt, da ein Wort ſeine Erinnerung an die Vergangenheit verrathen, ein Seufzer den empfundenen Ver⸗ luſt einer Welt, die ſie völlig vergeſſen, aus⸗ gedrückt, öffnete ſich ihr gepreßtes Herz tau⸗ fend peinlichen Empfindungen. Sie rief ſich die nächſt vorhergegangene Zeit zurück; der äußere Anſchein lächelnder Ruhe war noch um ſie verbreitet, indeſſen empfand ſie, noch ehe es ihr deutlich wurde, tauſend kleine Umſtände, unter welchen Saint-Albe ſich nicht ganz denſelben, wie früher, gezeigt. Seit einiger Zeit war Madame de Lehon, die ſchon angefangen, die Sorgfalt für ihre Toilette ein wenig zu vernachläſſigen, in allem Glanze einer Frau, die zu gefallen wünſcht, wieder er⸗ ſchienen. Ihr Gatte, ſeinem Geſchmack für die Dichtkunſt mehr als je ergeben, hatte aufgehört, zärtlicher Liebhaber zu ſeyn; aufgehört, ihr des —— —) S 57— Morgens den Strauß zu überreichen, den er ſonſt alle Tage zuſammenlas; indeſſen trägt Madame de Lehon oft andre Blumen, die ihr eine aufmerkſamere Hand geſchenkt. Sie ver⸗ ſchwendet noch in den erſten Monaten der Ver⸗ bannung in der Wüſte die hübſchen, ſeidenen Stoffe, die zum Gebrauch der zehn Jahre be⸗ ſtimmt waren, und erſcheint alle Tage in ei⸗ nem neuen Kleide. Tauſend Kleinigkeiten ſtellten ſich Mariens Gedächtniſſe dar, und verwundete ſie da, wo ihr Herz am verletzbarſten war. Amelie, ihrer alten Muſikſtücken längſt überdrüßig, hatte ſich einſt darüber beklagt; den folgenden Tag hatte ihr Eugen eine Romanze überreicht, die er für ſie eomponirt hatte. Marie fand eine Art Reiz darin, Eugens Unrecht zu vergrößern; es war das erſte Mal, daß ſie liebte, und zum erſten Mal fühlte ſie Anwandlung von Eiferſucht. Eugen war indeſſen weit weniger ſtraf⸗ bar, als er in Mariens Augen erſchien. Er 6 3 —— —— ———— 538— liebte ſie wie immer; gllein er empfand, ohne ſich es ſelbſt geſtehen zu wollen, das Bedürfniß eines belebteren Daſeyns. Selbſt Mariens lie⸗ benswürdiger Charakter trug dazu bei, ihm die Einförmigkeit ſeines Lebens weniger erträglich zu machen. Ein wenig Gefallſucht, einige kleine Launen hätten doch Abwechſelung hervorgebracht, und Saint⸗Albe würde nicht das anziehende Schmachten der Madame de Lehon bemerkt haben. N Amelie, die in dem Gotte der Ehe nur im⸗ mer den Gott der Liebe erblicken wollte, hielt ſich für unglücklich, ſobald ihr Gatte ſeinem alten Geſchmack für die Poeſie nachhing. Sie wähnte, daß Herr de Lehon ſie nicht mehr rei⸗ zend fand, weil er ſich minder ſuperlativer Aus⸗ drücke bediente, ſie glaubte ſich weniger geliebt, weil er ſich nicht mehr ausſchließlich mit ihr beſchäftigte. Ueble Laune hatte die übertriebe— nen Schmeichelworte abgelöſt. Die junge, gern gefallende Amelie dachte nicht daran, daß ſie die Ruhe ihres ganzen Lebens auf das Spiel 59— ſetzte. Schön und lebhaft, wie ſie war, wurde es ihr nicht ſchwer, Eugen eine Empfindung einzuflößen, die, wenn er nur ein wenig dar⸗ über gedacht hätte, ihm als eine Untreue er⸗ ſchienen wäre, und Madame de Loſtanges, un⸗ bekannt mit der Gewalt ihrer Anmuth, nahm eine vorübergehende Grille, die nur eine Täu⸗ ſcchung der Phantaſie ſeyn konnte, für Liebe. Madame de Loſtanges kehrte jenen Abend nicht zurück. Sie hörte die Geſellſchaft ſich . trennen; dieſe war einen Augenblick noch auf der Terraſſe zuſammengeblieben, und Eugens Stimme, die heiter zu ihr hinauf klang, vuh bebte ihr ſchauderndes Herz. « Die Betrachtungen einer peinlichen Nacht rachten die gewöhnliche Ruhe in Mariens Züge zurück, ohne doch den Ausdruck des Schmerzes ganz verwiſchen zu können. Als ſie beim Früh⸗ ſtück erſchien, verwunderten ſich Alle. Eugen drückte ſeine Unruhe ſo lebhaft aus, daß ſie jede Frau, die weniger innig, als die Madame de Loſtanges liebte, beruhigt haben würde⸗ 60 Um die Aufmerkſamkeit von ſich abzulen⸗ ken, ſprach ſie von dem Gedichte von vorigem Abend, und bedauerte, daß ihr Uebelbefinden ſie verhindert hatte, der Vorleſung beizuwohnen. Von dem Augenblick, wo ſie die Eigenliebe des Dichters in Bewegung geſetzt, brauchte ſie nicht das Geſpräch fortzuführen. Herr de Lehon ſprach von ſich und be— wunderte ſich ſelbſt. Der Major gab einem Anfalle von Gicht der üblen Laune Schuld, von der er ſeit einiger Zeit ununterbrochen be⸗ fallen war. Amelie ſchmollte mit Eugen, deſ⸗ ſen Blicke nur auf Marien ruheten; und Ma⸗ dame Dervilliers wunderte ſich, daß Herr Du⸗ val gar nicht erſcheinen wollte. Endlich ließ man bei ihm anklopfen; keine Antwort. Un⸗ ruhe bemächtigte ſich Aller Gemüther. Seine Zimmer wurden nun geöffnet, und folgender Brief an den Major gefunden. „Lebewohl,“ ſchrieb Duval.„Dieſe Ein⸗ „ſamkeit, wo ich das Glück zu finden gehofft „habe, iſt mir ſehr verhängnißvoll geworden, —,—— 61 „weil in ihrem Schvoße ein Gefühl ſich mei⸗ „nes Herzens bemächtigt hat, das mich in das „Grab zieht!“ Bei dieſen Worten ſchlugen alle die Hände zuſammen, und Jeder ſuchte ſchon zu errathen, auf welche Weiſe der unglückliche Duval ſeine Bahn beſchloſſen haben möchte. Es fand ſich aber noch eine Nachſchrift, und der Major fuhr fort: „Ich entfliehe, nicht um wieder einzutre⸗ „ten in die Geſellſchaft, die ich verabſcheue, „ſondern um von ihr entfernt, in einer Abgeſchloſ⸗ „ſenheit zu leben, die nur das Andenken der Heinzig Geliebten verſchönern ſoll. O! Ihr, „die Ihr Alle zuſammen meine Freunde waret! „Lebt glücklich in Eurem beglückten Aufenthalt, „und ſchenkt meinem Unglücke eine Thräne.“ Der Major überhäufte Madame de Lo⸗ ſtanges mit Vorwürfen, Amelie, neidiſch viel⸗ leicht, eine ähnliche Leidenſchaft nicht eingeflößt zu haben, beklagte den Herrn Duval, und ließ ſich einige ſchneidende Stichelreden gegen Ma⸗ 7 —— 62 c rien entſchlüpfen, die ſie zu überhören ſchien, und dem Oheim mit kindlicher Achtung entgeg⸗ nete, daß ſie nicht glauben könnte, dem Herrn Duval eine ſo heftige Neigung eingeflößt zu haben, da ſie keinen Augenblick ſeine Abſichten ermuntert hätte, daß ſie vielmehr dächte, daß ſich die Langeweile des Verſchwundenen bemäch⸗ tigt hätte, von der Stunde an, da er ſich nicht länger als die Triebfeder, die Alles in Bewe⸗ gung ſetzte, habe anſehen können; daß er das Bedürfniß empfunden, zu einer Lebensweiſe, die mehr ſeinem Geſchmack entſprach, zurückzu⸗ kehren, und nur ſo ſeiner Flucht einen Grund hätte geben wollen. Der Major aber wollte keine Gründe an⸗ nehmen, und erneuerte ſeine Verwünſchungen gegen die menſchliche Geſellſchaft; indeſſen da doch ſeine Begeiſterung ſchon herabgeſpannt war, legte ſich der Zorn allmählig wieder, und ſein Haß äußerte ſich weniger heftig.„ Madame Dervilliers machte die Bemer⸗ kung, daß Herr Duval wenigſtens in ſeiner 63 Verzweiflung auf Alles bedacht geweſen; er hatte alle ſeine Sachen mit ſich genommen und ſein Bedienter war ihm gefolgt. Die Abweſenheit des Herrn Duval ver⸗ ſchlimmerte nicht wenig die üble Laune des Ma⸗ jors; Marie, die ſich eine Pflicht daraus mach⸗ te, ihn zu erheitern, gab dadurch der Ma⸗ dame de Lehon volle Muße, Eugen ganz an ſich zu ziehen. Saint⸗Albe's ganze Liebe war aufs neue entflammt, ſobald er entdeckt zu haben glaubte, daß Marie eiferſüchtig ſei; wie gern hätte er eine Erklärung mit ihr gehabt; aber wie ſollte er ſie einleiten? In Madame de Loſtanges Zü⸗ gen, in ihrem Geſpräch herrſchte noch immer dieſelbe Sanftheit; ihr ſagen, daß er fürchtete, ſie beleidigt zu haben, war beinahe, ihr zu ge⸗ ſtehen, daß er dieſe Abſicht gehabt. Eugen, der keinen Fehler an der Frau, die die ſeinige werden ſollte, entdecken konnte, klagte ſie in ſei⸗ ner Ungeduld der Kälte an, während er in — — 64 ihrem Betragen nur ein ehrenvolles Vertrauen auf ſeine Verpflichtungen hätte erblicken ſollen. Unzufrieden mit ſich ſelbſt, von der Ma⸗ dame de Lehon angezogen, ängſtlich forſchend, irgend ein Unrecht bei Marien zu finden, um ſich das zu verſchleiern, das er gegen ſie gern haben möchte, ging er eines Abends, in ſich ge⸗ kehrt, in ſeinem Zimmer auf und nieder. Da fiel plötzlich ſein Blick auf einen Brief, mit der Auf⸗ ſchrift an ihn, der auf ſeinem Secretair lag. Er öffnete ihn erſtaunt, und wußte nicht, ob es ein Traum wäre; als er Folgendes las:“ „Endlich habe ich den Ort, wo Sie woh⸗ „nen, entdeckt; brauche ich Ihnen zu ſagen, „daß mein Herz vor Freude gebebt hat! Von „Ihnen verlaſſen, in dem Augenblick, wo Ihr „Streben, meine Liebe zu erwerben, mein Herz „endlich gerührt, einer neuen Leidenſchaft auf⸗ „geopfert, hätte ich Sie haſſen ſollen, Saint⸗ „Albe! Ach! und ich kann Sie nur lieben.“ „Der Freund, der mich durch die Nach⸗ „richt, daß ſie nur durch Mauern und Schlöſſer von 65 8 „von mir getrennt ſind, dem Leben wiedergege⸗ „ben, hat mir ſogleich geſagt, daß Sie noch „frei ſind. Dieſe Gewißheit gibt mir Muth „zu dem Verſuch, mich dem Abgrund zu entreißen, „in den die gänzliche Verlaſſenheit von Ihnen „mich verſenkt.“ „Ich will nicht als Nebenbuhlerin von der „ſprechen, die mich Ihrer Liebe beraubt; Sie „verdient geliebt zu werden; allein iſt ſie auch „diejenige, die Sie glücklich machen kann? „Können Sie die traurige Verpflichtung, ihre „ſchönſten Tage in einer langweiligen Einför⸗ „migkeit hinzuziehen, Leben nennen? Wenn auch „Ihr Vermögen Sie unabhängig macht, ſo wird „doch gewiß ein edler Stolz, der Sie zu „dem glänzendſten Geſchick einladet, in Ihrer „Seele ſchlummern.“ „Madame de Loſtanges liebt Sie; ich „glaube es; allein wie viele andre Neigungen „würden ihr, ſelbſt ohne, Sie noch immer das „Leben theuer machen; und Sie allein erfül⸗ „len mein Herz. Galt es auch, Ihnen bis Die Wuͤſte⸗ 5 66 „ans Ende der Welt zu folgen, hätte die gar „zu glückliche Emma Vermögen und Vaterland „gern aufgeopfert, und doch nichts gethan zu „haben geglaubt. Von Ihnen entfernt, was „kümmert mich das Leben?“ „Eugen! ich fordre nicht die Liebe zurück, „die Sie zu meinen Füßen geſchworen; nur „eine Erinnerung an die liebende Emma de Sorbelle.“ Eugens erſtes Gefühl war außerordentli⸗ che Neugierde, wie dies Schreiben zu ihm gelangt war, und wer Emma von ſeinem Aufenthalte und gegenwärtiger Lebensweiſe hatte unterrichten können. Er befragte ſeinen Die⸗ ner, der ihm erzählte, daß der Brief von einem der Bedienten des Majors ihm übergeben war; dieſer hatte ihn am Fuß der zugemauerten Pforte gefunden, wo er vermuthlich hineingeſchoben worden war. Eugen konnte nichts mehr er⸗ fahren; und er wagte nicht, weitläuftigere Fra⸗ gen zu machen, weil dieſe den Verdacht hätten 67— erregen können, daß die Sache ihm angele⸗ gen war. Aber als er dies Blatt noch einmal durch⸗ las, glaubte er, Emma vor ſich zu ſehen; er rief ſich die Zeit ins Gedächtniß zurück, da ſeine Phantaſie ihn überredet hatte, daß ſein Lebensglück davon abhing, ihre Neigung zu gewinnen. Von dem Augenblick an, da Madame de Sorbelle, als Witwe eines Greiſes, von dem glänzenden Blendwerk eines großen Vermögens und einer vornehmen Geburt umgeben, in der großen Welt erſchienen war, hatte ſie alle Blicke auf ſich gezogen. Ihre Schönheit erntete ihr Huldigungen von Allen Seiten ein, und ihr Streben allen zu gefallen, brachte diejenigen zur Verzweiflung, die ihr Herz zu gewinnen ge⸗ hofft hatten. Eugen hatte alle ſeine Neben⸗ buhler entfernt; das Gerücht ſprach ſchon von ihrer Heirath, als der Zufall ihn oft in die Nähe der Madame de Loſtanges führte. Ma⸗ riens Sanftmuth, ihre Beſcheidenheit beſiegten 5* „ 658 die glänzenden Reize der Madame de Sorbelle. Eugen ſah von der Stunde an nur Marien, und auf einmal waren alle die Bande, die er früher gewünſcht, unauflöslich knüpfen zu kön⸗ nen, wieder aufgelöſt; er hatte der Madame de Sorbelle noch keine förmliche Erklärung ge⸗ macht und keine Untreue begangen. Emma's gegenwärtiges Unternehmen, die Empfindung, die ſie ihm aufbewahrt hatte, obgleich er ſich deren unwürdig gemacht, die leidenſchaftliche Liebe, die ſie jetzt erblicken ließ, Alles machte einen tiefen Eindruck auf ſeinen Geiſt. Die Gründe, welche Marie vor dem Eintritt in die Wüſte als hinreichend, um ihre Verbindung zu beſeitigen, den ſeinen ent⸗ gegengeſetzt hatte, erneuerten ſich in ſeinem Ge⸗ dächtniſſe. Mit demſelben Eifer, womit er dieſelben widerlegt hatte, bemühte er ſich nun, ſie gültig zu finden. Indeſſen fiel es ihm nicht ein, ſeinen Verpflichtungen untreu zu ſeyn. Marie ſollte zu der beſtimmten Zeit ſeine Gat⸗ tin werden; allein dieſe Hoffnung beglückte ihn 69 nicht mehr. Er berechnete nun die Zukunft, und die Anſprüche des Reichthums und des Ehrgeizes ſchlichen ſich in ſein Herz hinein, das früher nur Raum für die Liebe gehabt. Madame de Lehon beſchäftigte zugleich ſeine Phantaſie; mit Fug konnte er das, was er für dieſe junge, thörichte Frau fühlte, nicht mit der Neigung, die ihm Marie noch immer einhauchte, vergleichen. Er tadelte ihren Leicht⸗ ſinn, er ſah deutlich, daß nur Unthätigkeit und Langeweile ſie immer weiter von ihrem Gatten entfernten; indeſſen Amelie war doch ſo anzie⸗ hend, coquettirte auf eine ſo naive Weiſe, daß er unmöglich ihrem Zauberlächeln widerſtehen konnte. Madame de Loſtanges äußerte nie Unruhe, nie Eiferſucht. Sie litt alſo nicht bei dieſem kleinen Eingriff in die Verpflichtungen einer Liebe ohne Wanken? Nachdem Eugen ſich auf dieſe Weiſe u ſeinem Gewiſſen abgefunden, legte er ſich mit dem Gedanken an Madame de Sorbelle und 70 mit der Hoffnung nieder, die Flatterhaftigkeit der jungen Amelie zu Gunſten eines ergötzli⸗ chen Zeitvertreibes lenken zu können. Er glaubte Alles, worauf die innige Ergebung Mariens Anſpruch machen konnte, erfüllt zu haben, in⸗ dem er ihr die Hoffnung, Emma zu beſitzen, aufopferte, und ſchlief vielleicht ein wenig be⸗ troffen über ſeine dreifache Liebe ein. Herr de Lehon, obgleich völlig zu ſeinem Hang für die Literatur zurückgekehrt, liebte in⸗ deſſen noch immer ſeine Gattin, und ſah nicht ohne eine ſehr bittere Empfindung ihre wach⸗ ſende Vertraulichkeit mit Eugen. Er hatte An⸗ fangs in ſehr liebevollen Ausdrücken mit ihr davon geſprochen; aber Amelie nahm mit Ver⸗ druß Winke auf, die ſie Vorwürfe nannte; und indem ſie immer auf ironiſche Bemerkun⸗ gen über ſeine Neigung zu der Poeſie zurück⸗ kam, entfernte ſie ſich immer mehr das Herz ihres Gatten. Er verbrachte jetzt beinahe den ganzen Tag in ſeinem Cabinette eingeſchloſſen, und wenn er 71 8 in dem Cirkel erſchien, vermehrte ſeine ſchweig⸗ ſame, üble Laune den ſchon ziemlich allgemeinen Zwang. Die thörichte Amelie ſchien in dieſem Be⸗ nehmen ein neues Unrecht gegen ſich zu erblik⸗ ken; und verdoppelte ihre Zuvorkommenheit und Liebenswürdigkeit für Eugen. Zwang und Mißtrauen herrſchten nun im⸗ mer thätiger in dem Aufenthalt des Friedens; keiner ſuchte den andern mehr; und der Abend verſammelte die Anſiedler ohne Vergnügen. Das Geſpräch wurde nur dann etwas belebt, wenn die Rede auf die Welt fiel, der ſie we⸗ nige Monate früher mit einem ſo fröhlichen Eifer entſagt hatten. Kurz ein Wort würde die Thüren alle wieder geöffnet haben; allein die allgemeine Scham, einen ſo wohl überdach⸗ ten Entſchluß zu bereuen, hielt das Wort zu⸗ rück, und Jeder lobte die Reize eines abge⸗ ſchloſſenen Lebens, mit dem Ausdruck der Langen⸗ weile, der die Lobreden in Spott verwandelt. Seit ein Paar Tagen hatte die kleine 72 Aneis ſich unwohl befunden. Sie hatte eine ſehr unruhige Nacht; die Mutter, die noch mehr als vorher ihre ganze Liebe in ſie zu⸗ ſammendrängte, war aufgeblieben. Es war in der Mitte des Oetobers; die Luft war noch mild; gegen ſechs Uhr des Morgens war das Kind endlich ruhig eingeſchlummert; Madame de Loſtanges öffnete ein Fenſter, um friſche Luft einzulaſſen. 3 Sie hatte einige Augenblicke vor dem Fen⸗ ſter geſtanden, und dachte ſchon daran, ſich nie⸗ derlegen zu wollen, um ein Paar Stunden aus⸗ zuruhen, als ſie vernahm, daß die äußere Thür des Flügels, den Herr und Madame de Lehon bewohnten, ganz leiſe geöffnet wurde. Die Vorſicht, womit dies geſchah, erregte ein unbe⸗ ſtimmtes, ſchmerzliches Vorgefühl in Mariens Buſen, das ſie feſt an die Stelle feſſelte, wo ſie ſtand. Eine Jalouſie, beſtimmt, die Tageshelle von dem Bette der Kleinen abzuhalten, wel⸗ che die Madame de Loſtanges nicht in die N S 73 B Höhe gezogen, gab ihr Ge elegenheit, Alles be⸗ merken zu können, ohne geſehen zu werden. Eine weibliche Geſtalt erſchien auf der Thürſchwelle. Sie rückte hervor, hielt wieder inne, ging dann wieder zurück, ſah ſich furcht⸗ ſam zu allen Seiten um, machte wieder einige Schritte, und eilte dann noch ſchneller zurück; auf einmal ließ ſich ein leichtes Geräuſch in einem nahen Bosquet vernehmen; ein junger Mann wurde am Eingang einer dunklen Allee ſichtbar. Er ſtreckte die Arme bittend aus; als die Geſtalt noch ſäumte, kniete er nieder⸗ Die Frau gab ihm einen Wink, ſich zu entfer⸗ nen. Eugen— Marie konnte nicht länger zweifeln— ſchüttelte den Kopf. Die Frau war. ſchon umgekehrt, hatte die Thür wieder aufgemacht, und wer im Begriff, dieſe zu einer Scheidewand zwiſchen ſich und ihrer Pflichtver⸗ vergeſſenheit zu machen, als er hervorſtürzte, ihre Hand ergriff, und ſiegend ſie mit ſich fort⸗ zog. Die zerſchmetternde Gewißheit, nicht mehr 74 geliebt zu ſeyn, faßte mit zerreißenden Krallen Mariens Herz. 5 Ihr Herz hatte ſie benachrichtigt, ihre Blicke hatten ſie nicht getäuſcht; der treuloſe Eugen, die ſtrafbare Amelie hatten alle Rückſich⸗ ten vergeſſen. Madame de Loſtanges blieb unbeweglich ſtehen, die Augen ſtarr auf das Bosquet hef⸗ tend, das alle ihre Hoffnungen vom Glück ver⸗ ſchlungen hatte; ihr lauſchendes Ohr glaubte noch, Saint⸗Albes Tritt vernehmen zu können, als die verhängnißvolle Thür noch einmal, aber mit Geräuſch, ſich öffnete. Herr de Lehon ſtürzte ſich in die Fußtapfen ſeiner Gattin. Erſchrecken ward nun das einzige deutliche Gefühl Mariens! Sie eilte mit klopfendem Her⸗ zen die Treppe hinunter, aber kaum hatte ſie den Garten betreten, als der Knall einer Pi⸗ ſtole ſich zweimal gleich nach einander hören ließ, und das durchdringende Geſchrei Ameliens die arme Frau in eine ſolche Herzensangſt ver— ſetzte, daß ſie gezwungen war, ſich an einen 75 Baum zu halten; denn ihre zitternden Knie konn⸗ ten ſie nicht mehr ertragen. Faſt in demſelben Augenblick fand ſie ſich von der ganzen Colonie umgeben. Die auf⸗ geſchreckte Dienerſchaft ſtürzte herbei; tauſend Fragen beſtürmten ſie; außer ſich vor Ent⸗ ſetzen, konnte ſie kein Wort hervorſtammeln. Die Fragen hörten auf, als Herr de Lehon wieder mit der faſt lebloſen Amelie in ſeinen Armen erſchien. Herr de Saint⸗Albe beglei⸗ tete ihn. Er ſchlug die Augen nieder und er⸗ röthete, als er Marien erblickte. Alle dräng⸗ ten ſich nun verwirrt um die Männer. Herr de Lehon übergab ſeine Frau den Bedienten, und befahl, ſie in ihr Zimmer zu bringen, dann erzählte er mit innerer Unruhe, die er vergeb⸗ lich unter einem Lächeln zu verbergen ſuchte, daß Madame de Lehon erſchrocken war, daß ſie zu ihm heraufgekommen wäre, und ihm verſichert, daß ſie Diebe im Garten geſehen; daß er ſich beeilt, mit ſeinen Piſtolen bewaff⸗ net, herunter zu ſteigen; daß ſie ihm gefolgt 76— wäre, daß er in der That einen Menſch be⸗ merkt zu haben glaubte, der ſich längs der Mauer hinſchlich, worauf er beide Piſtolen abgefenert, deren Knall das ganze Haus, den“ Herrn de Saint⸗Albe zuerſt von Allen, er⸗ weckt, und Amelie ohnmächtig gemacht hätte. Es wurde über dieſe unvermuthete Stö⸗ rung gelacht, und Alle gingen wieder zur Ruhe, indem Jeder für ſich Betrachtungen über dieſen Vorfall anſtellte, der ein Gegenſtand des Ge⸗ ſprächs des ganzen folgenden Tages war. Madame de Loſtanges, in ihrem Zimmer verſchloſſen, dankte Gott, daß ihre peinlichen Beſorgniſſe nicht in Erfüllung gegangen waren; Herr de Lehon, Eugen lebten Beide. In den erſten Augenblicken war ihr Herz nur mit fro⸗ hem Dank gegen die Vorſehung erfüllt; aber bei den ſchmerzlichen Umſtänden verweilend, die dieſen herbeigeführt, konnte ſie nicht umhin, mit Bitterkeit Saint⸗Albe anzuklagen. Sie weinte lange, nicht aus ſtolzem Un⸗ willen, nicht aus gekränkter Selbſtſucht, aber —— ſie liebte, und mußte einer Liebe entſagen, die weder Glück ſchenken, noch Glück mehr em⸗ pfangen konnte. Madame Dervilliers beſuchte ihre Nichte denſelben Morgen; ſie ſprach von dem Aben⸗ teuer der frühen Morgenſtunde, und ließ eini⸗ gen Verdacht hervorblicken. Madame de Lo⸗ ſtanges, dem großmüthigen Rückhalt des Herrn de Lehon entſprechend, ſagte kein Wort, das jenen beſtärken konnte. Sie zeigte nur an, daß ſie, ermüdet durch das Nachtwachen bei der Tochter, und noch nicht ganz von dem Schreck erholt, den ganzen Tag hindurch in ihrem Zim⸗ mer bleiben wollte. Ihr wahrer Grund war Furcht, Eugen wiederzuſehen. Hoffte er, ſie noch zu täuſchen? hatte er wirklich die Abſicht, es zu thun? konnte er meinen, daß ſie der Fa⸗ bel des Herrn de Lehon einigen Glauben beige⸗ legt hatte. Wie würde er ſich in der Zukunft benehmen? Wie konnten die beiden Männer, die Feinde geworden, ſich mit einander vertragen? „O! Amelie! Amelie!“ ſeufzte Madame de S 78 Loſtanges.„Wie viele ſind Opfer deines ſtraf⸗ baren Leichtſinnes geworden?“ Herr de Lehon hatte ſich ſogleich in ſein Zimmer eingeſchloſſen; Ameliens Bitten, die ſich mehrmals in Thränen aufgelöſt, bei ſeiner Thür eingefunden, hatte er ſtill ohne die kleinſte Erwiederung angehört. Eugen erſchien bei der Mittagstafel, wo er nur den Major und ſeine Gattin fand, aber ſo niedergeſchlagen, mit einer ſo tiefen Unruhe in allen Zügen, daß der Argwohn der Tante ſich in Gewißheit verwandelte. Sie begegnete ihm mit der größten Kälte. Der Major ſpannte ihn auf die Folter, indem er ihm unaufhörlich neue Fragen, jenes Abenteuer betreffend, vor⸗ legte, und er fühlte eine Art Linderung, als ihm endlich die Höflichkeit geſtattete, zu ent⸗ ſchlüpfen⸗ Den nächſten Noegen war Madame de Loſtanges, die ſich indeſſen in ſich geſammelt, eben im Begriff, wie gewöhnlich, herunter gehen zu wollen, als Madame de Lehon, bleich, mit ge⸗ 79 ſchwollenen Augen und einen Brief in der Hand, lebhaft zu ihr hineintrat. Marie wurde bei ihrem Anblick auch bleich und zitterte; allein die erſten Worte der ärmen Frau verbannten ſo⸗ gleich jeden Schatten von Unwillen. „Ich habe Sie beleidigt, Madame,“ begann Amelie,„und doch ſind Sie es allein, der ich mich mit Vertrauen nähern darf. Stoßen Sie mich nicht zurück; ja, ich habe gewähnt, an einer unſeligen Coquetterie Vergnügen zu finden. Mein Gatte flieht, verſtößt mich; er glaubt mich ſtrafbar; und dennoch fühle ich, daß ich ihn allein geliebt habe; ich habe einen höchſt unbe⸗ dachtſamen Schritt gethan; jedoch iſt nur der Schein gegen mich. Sagen Sie mir, was ich thun ſoll, um ſein Herz wieder zu gewinnen?“ „„Ein aufrichtiges Geſtändniß!““ erwie⸗ derte Madame de Loſtanges,„und ein in der Zukunft untadelhaftes Benehmen wird gewiß Herrn de Lehon erweichen.““ „Aber er verlüßt mich, und verbietet mir, ihm zu folgen!“ verſetzte Amelie beinahe S 80 ſchluchzendz und unfähig ein Wort mehr zu ſa⸗ gen, überreichte ſie Marien das Blatt. Es enthielt bittre Vorwürfe wegen der Un⸗ beſtändigkeit ſeiner Frau. Er wüßte wohl, ſchrieb er, daß ſie noch nicht alle ihre Pflich⸗ ten verrathen, aber ſie liebte ihn nicht mehr, und er gab ihr den Eid der Treue zurück, der nur eine drückende Bürde für ſie geworden war. „Der Mann, den Sie mir vorgezogen,“ ſagte er weiterhin,„wird mich genug rä⸗ „chen; möge ſeine Veränderlichkeit Ihr Herz „zerreißen, wie Sie das meine zerriſſen. Ich „fliehe, denn ich haſſe ihn; und doch verpflich⸗ „tet mich ſeine verhaßte Großmuth, mich nicht „an ihm zu rächen. Warum hat er ſich ge⸗ „weigert, auf mich zu ſchießen? Fürchtete er, „mich eines Lebens zu berauben, das er nicht „gefürchtet, mir unerträglich zu machen?“ Der Reſt des Schreibens enthielt das aus⸗ drückliche Verbot, ihm nachzufolgen; und des Unwillens ungeachtet, der aus jedem Worte her⸗ vor⸗ 7 e s1 e vorleuchtete, war es leicht zu ſehen, wie ſehr Herr de Lehon noch immer ſeine Gattin liebte. Ameliens Thränen und ihre Verzweiflung rührten Madame de Loſtanges heftig. Sie ſchloß ſie in ihre Arme, und ganz vergeſſend, wie viel Gram Amelie über ſie gehaucht hatte, ſuchte ſie ihr Hoffnung und Troſt einzuflößen. Es war der erſte wahre Kummer, der Madame de Lehon getroffen, und ſie ergab ſich dieſem mit aller der Heftigkeit und dem Klein⸗ muth eines Weſens, die nur die glücklichen Täuſchungen des Lebens, und nie es ſelbſt ge⸗ kannt; die Gewalt ihrer Empfindungen ließ ſie in der tröſtenden liebevollen Freundin einen Schutzengel erblicken. Sie geſtand in ihrer Reue, daß der Neid, immer Madame de Lo⸗ ſtanges rühmen zu hören, ſie vor Allem hin⸗ geriſſen; ſie gab ſich alle Schuld, und mit Rückſicht auf ihre Erzählung ließ ſich Vieles zu Eugens Entſchuldigung ſagen; vielleicht hatte er ſchon in Mariens Herzen einen noch be⸗ redteren Anwald gefunden⸗ Die Wuͤſte⸗ 6 S 82 2 Es galt nun zu entſcheiden, wie Madame de Lehon ſich zu verhalten hatte; ſie ergab ſich ganz der Lenkung ihrer Freundin, die ihr be⸗ theuerte, daß ihr Glück ihr eben ſo angelegen, wie das eigne ſeyn würde. Um die Abweſenheit des Herrn de Lehon zu bemänteln, wurde abgeredet, daß man dem Major berichten ſollte, daß ſeine Liebe zu der neuen Literatur mit einer ſo unwiderſtehlichen Gewalt in ihm erwacht wäre, daß er die Wiſte auf einige Zeit verlaſſen, um ſich mit völliger Freiheit dieſem Hang zu ergeben, und ein Ge⸗. dicht auf das geſellige Leben drucken zu laſſen. Der gute Major, überraſcht und unzufrie⸗ den mit ſeiner Ausreißerei, tadelte den Grund dazu mit ſolcher Heftigkeit, daß Amelie nahe daran war, ſich ſelbſt zu verrathen, um ihren Gatten zu vertheidigen. Es gelang indeſſen Marien wie immer bald den Oheim zu beſänf⸗ tigen, und ſie ſorgte auch dafür, daß Amelie die Freiheit erhielt, ſich auf einige Zeit ganz von der übrigen Geſellſchaft zurückzuziehen. 83— Sie zog zur Madame de Loftanges ein, und erſchien nicht mehr bei der Tafel. Sie wollte Eugen nicht mehr wiederſehen; und nur mit Widerwillen konnte ſie an ihn denken. Wenn Saint⸗Albe ſich in der Nähe der Madäme de Loſtanges befand, fürchtete er, ih⸗ ven Blicken zu begegnen. Er fühlte recht gut, daß die Erzählung des Herrn de Lehon nicht ſie hatte täuſchen können, und er machte ſich ſelbſt alle die Punf die ſie an ihn zu rich⸗ ten befugt war⸗ Blos die Bläſſe Mariens. ihn, daß ſie gelitten hattez der gewöhnliche ſchmerzliche Ausdruck ihrer Augen war unverändert; aber ſie ſchlug ſie nieder, ſobald Saint⸗Albe die ſeinen auf ſie heftete. Ihre ſanfte, rührende Stimme hatte nichts von ihrer Anmuth verloren, ob⸗ gleich ſie, gegen Eugen gerichtet, einen ſtrengen Ton annahm. Er fühlte, daß ſie tief verletzt war, und er verfluchte den unglücklichen Zu⸗ fall, der ihr das Geheimniß ſeines Zuſammen⸗ findens mit Madame de Lehon verrieth.—— 6* 34 Mariens Tage waren zwiſchen den Pflichten, die ſie an dem Oheim ausübte, und der Er⸗ ziehung ihrer Tochter, ſammt vertrauten Unter⸗ redungen mit Amelien getheilt. Dieſe junge Frau, deren ganze Seele jetzt mit ſchwärmeri⸗ ſcher Bewunderung an Madame de Loſtanges Lippen hing, ſtrebte, ſich ganz nach ihr zu bil⸗ den. Sie beſchäftigte ſich mit Anéis, ſie un⸗ terrichtete das Kind, theilte ſeinen Unter⸗ richt, und empfand zum erſten Mal, daß eine Frau, ohne von den Männern gehuldigt zu werden, glücklich ſeyn könne⸗ Je mehr ſie Marien begreifen lernte, deſto mehr empörte es ſie, daß Eugen auch nur ei⸗ nen Augenblick ſich von dem Bilde einer ſo vollkommnen Frau abgewendet hatte. Sie be⸗ gann einzuſehen, ſo wie ſie almählig Geſchmack an nützlicher Thätigkeit gewann, daß ihre Ab⸗ neigung für die Wiſſenſchaften, die ihrem Gat⸗ ten ſo werth waren, ihn allein in der Zukunft von ihr hatte entfernen können. Sie ſah ein, 85 daß indem ſie ſeine Neigungen theilte, würde ſie ſein Herz auch gefeſſelt haben. „Warum ſich weniger geliebt zu glauben,“ ſagte einmal Madame de Loſtanges,„wenn uns der Gatte nicht ſeine Vergnügungen, ſeine Mei⸗ nungen aufopfert? Wenn wir nur einen glü⸗ henden Anbeter unſrer Reize in dem Manne ſehen, mit dem uns das Geſchick verbunden hat, wird unſre Gewalt über ihn auch mit unſrer Schönheit verſchwinden. Seid mehr als die Gebieterin der Sinne eines Gatten, verdient, ſeine Freundin zu ſeyn, und er wird Euch im⸗ mer lieben. Die Frau, in der der Mann ſein Glück findet, hört nie auf, ihn anzuziehen. Sein Wille ſei der Eurige! nicht daß ich eine ſelaviſche Unterwerfung von der Frau fordere, ſondern damit der Gatte glauben mag, daß, indem Ihr ſeinen Willen offenbart, er nur den Eurigen ausgeſprochen hat. Wie leicht iſt es nicht, einem kleinen Wunſch zu entſagen, wenn die Achtung und das Vertrauen des Gatten uns dafür belohnt. Hat er Kummer, dann verbergt * 86 c ihm nicht, daß Ihr dieſen noch tiefer als er fühlt, und ſtrebt denſelben mit Selbſtbeherr⸗ ſchung zu ertragen, damit er ſich an Eurem Muth aufrichtet. Möge er nur bei Euch Liebe und Nachſicht finden!“ „„O! meine ſanfte Lehrerin!““ entgeg⸗ nete Amelie ſonderbar gerührt;„wenn das aus Ihrem Herzen kommt, woran ich nicht zweifte, dann werden Sie auch den Herrn de Saint⸗Albe verzeihen; und ich darfglauben, daß er ſich des Engels würdig zeigen wird, den er— „Bedenken Sie wohl, Amelie!“ unter⸗ brach ſie Madame de Loſtanges ernſt und ſchnell, „daß ich nur von einem Gatten geſprochen.“ Ihre Stimme zitterte; ſie ſtand huttig auf, und dem Inſtrument ſich nahend, durch⸗ blätterte ſie die Noten, indem ſie, unbemerkt von Madame de Lehon, eine Thräne aus dem Auge drückte. 2 Eugen litt auch. Die Gewohnheit, alle Tage, faſt jeden Augenblick Marien zu ſehen, die Ueberzeugung von ihrer Liebe, die gegrün— n — 87 dete Hoffnung, ihre Hand zu erhalten, hatte ſeine Empfindungen zwar kühler gemacht; doch war ſie noch in ſeinen Augen die vollkommenſte aller Frauen. Er verwünſchte die Thorheit, die zu der Gründung der Wüſte mitten in Paris Anlaß gegeben; er vermißte die unruhigen, ſturm⸗ nten Tage, wo er in Verzweiflung über die Huldigungen, die Marien umgaben, nach einem Blick geſeufzt, und vom Glück durchdrungen geweſen, wenn er einen erhalten. Was ſollte auch ihm eine Wüſte, er trug die Welt in nem Buſen, und liebte wie ſie. 0 Jetzt hatte ſie ihre Kälte und Zurückhal⸗ tung wieder angenommen; er ſah ſie nur ſel⸗ ten und nie allein; kein ſüßes Wort an ihn verſtohlen. hingewandt, das früher Wonne in ſeinen Buſen eingehaucht hatte, wurde ihm jetzt zu Theil. Uebrigens war es nicht zu ir⸗ gend einer Eröterung zwiſchen Ihnen gekom⸗ men; in der peinlichen Lage, in der ſich Saint⸗ Albe befand, ſcheuete er ſich, den Anfang zu ma⸗ chen. Er wußte, daß er geliebt, aber fühlte S 83 auch zugleich, daß er ſtraffällig ſei; dennoch hielt er Mariens würdevolles Stillſchweigen für, übertriebene Strenge, und beſchuldigte ſie im Stillen der Launen und der Eigenſucht, und, als wenn ſie die Schuldige wäre, verlangte er⸗ daß ſie den erſten Schritt machen ſollte. Eines Tages indeſſen war es ihm, als kehrte ein Anflug der verſchwundenen glückli⸗ chen Zeit zurück. Der Himmel war trübe und hing voller Wolken; der Major ſchien wider geſtehen zu wollen, daß er Langeweile hätte, noch daß er begierig wäre, zu wiſſen, was außer den Mauern ſeines Eigenthums vorging. Seine ühle Laune ergoß ſich über die ſchlechte Witte⸗ Madame Dervilliers, die in dem Herzen des Gatten las, aber zugleich wußte, daß der Ge⸗ danke, ihn errathen zu haben, ihn nur verletzt haben würde, äußerte auch ihre Unzufrieden⸗ heit mit dem Regen, und verſetzte lächelnd: „daß in der That die Wiſſte nur für den Som⸗ mer paſſe.““ — 89 „„Nun! habe ich nicht mit Recht voraus⸗ geſehen, daß der Winter unſre Einſamkeit ent⸗ zaubern würde?““ ſagte Marie; und zum er⸗ ſten Mal ſeit lauger Zeit ruheten ihre Blicke auf Eugen, indem ſie hocherröthend mit leiſerer Stimme hinzufügte:„was den zweiten Theil meiner Wahrſagung betrifft, ſie iſt noch weit früher in Erfüllung gegangen!““ Sie wollte dieſe Worte mit einem Lächeln begleiten, aber es ſcheiterte auf ihren Lippen, und ein leiſer Schmerz malte ſich in ihren Zügen. Eugen faßte ihre Hand. Der zitternde Ton ihrer Stimme hatte ſeine innerſte Seele getroffen, und alle die Empfindungen erregt, an die ihre Worte ihn errinnert. Dieſer Augenblick hätte von Erfolg ſeyn können. Eugen ſchien tief zu fühlen, wie un⸗ klug, ja beinahe gefährlich es immer ſei, im Laufe des geſelligen Lebens einmal angenomme⸗ ner Sitten und Begriffe ſich überheben zu wollen, und daß die wahre Liebe dauernder als vorübergehende Aufloderung ſei. Ein aufrich⸗ S 90 tiges Geſtändniß würde Marien, ſo wie ſie empfand, überzeugt haben, daß ſeine kurzen Ver⸗ irrungen mehr eine Folge der ſonderbaren Lage, in die ſie ſich Alle eingeengt hatten, als Man⸗ gel an Liebe geweſen, und daß ſie noch immer die erſte Stelle in ſeinem Herzen behalten. Saint⸗Albe, ſeufzte Marie tief bewegt, ließ ihre Hand in der ſeinigen; ſie ſprachen kein Wort, aber ſie waren nicht weit entfernt ſich zu verſtehen, als die barſche Stimme des Majors ſie einer Stimmung entriß, die beiden lieber war, als die helebteſte Unterredung. Herr Dervilliers, ſich ſelbſt zürnend, daß er Langeweile hätte, lenkte das Geſpräch auf einen gleichgültigen Gegenſtand. Eugen, unge⸗ duldig über dieſe Störung, erwiederte etwas verdrüßlich; und Mariens weiche Empfindung, durch dieſen bittern Ton ſchmerzlich berührt, verſchloß ſich wie der Kelch einer Blume, und gab ſo den kalten Eingebungen der Vernunft und der Vorſicht den Sieg über die Stimme ihres Herzens. — e 91 Allein bei dem Major behauptete das Ge⸗ fühl der Langenweile allein den Sieg; und da er ſich dieſes nicht verbergen konnte, ſuchte er den Grund überall rings um ſich, um ihn nur nicht in ſeinem Innern zu finden. Er legte weit lieber ſeiner Gattin, Marien, Madame de Lehon, Eugen die Schuld bei, als gutmü⸗ thig eingeſtehen zu wollen, daß er ſich geirrt, und daß das geſellige Leben mit ſeinen Wider⸗ wärtigkeiten und ſeinen Laſten ihm noch ein Bedürfniß ſei. Mit größerer Heftigkeit als je, zog er gegen die Verdorbenheit der Welt zu Felde, und tadelte Jedweden, der von ihr ange⸗ ſteckt war. Er ſchmollte, ſeine Gattin vermißte ihre Boſtonpartie, und tröſtete ſich mit der Hoff⸗ nung, daß die allgemeine Unzufriedenheit eine baldige Veränderung herbeiführen würde. Eu⸗ gen hörte vor Langerweile auf; liebenswürdig zu ſeyn; ſeine Geſpräche mit dem Major wur⸗ den immer bitterer, ſogar anzüglich, und doch S 92 S wagte er nicht, ſich einet Lebensweiſe zu entzie⸗ hen, die ihm täglich unerträglicher wurde. Madame de Lehon erſchien gar nicht mehr in dem Cirkel; Anéis, der es an neuem Spiel⸗ werk fehlte, die des Sonnenſchirmes, den ſie um Robinſon nachzubilden, getragen, längſt überdrüſſig, und außerdem von ihrem Papagei ſo derb gebiſſen war, daß ſie nicht mehr mit ihm ſpielen mochte, dazu ausgeſchmält von dem Groß⸗Onkel, dem ſie ſo viel Lärm machte, abgewieſen von Eugen, der immer weniger geneigt wurde, ſich Kindereien hinzugeben, hatte auch Langeweile in der Wüſte, und ſagte, daß ſie zu ihren kleinen Freundinnen zu⸗ rückkehren wollte. Doch ihre Mutter, immer geduldig und nie den kindlichen Spielen der Tochter müde, erfand neue, und beſänftigte bald das freundliche Kind. Eines Tages, als Eugen von einem an⸗ haltenden Regen, der ihn noch mehr verſtimm⸗ te, in ſeinem Zimmer eingeſchloſſen, voller Un⸗ muth an die vielen Monate dachte, die, Ma⸗ 93 8 riens Beſtimmung zu Folge, ihrer Verbindung noch voraus gehen ſollten, wodurch ſein ganzer Unwille auf ihren Eigenſinn, wie er es nannte, hingewandt wurde, entdeckte er zum zweiten Mal einen Brief auf ſeinem Arbeitstiſch. Er öffnete ihn ſchnell, und nie hätte er in einer günſtigeren Stimmung für Emma ihr neues Schreiben leſen können. Leidenſchaftliche Gluth, Alles, was die Selbſtſucht eines Mannes ſchmeicheln und ent⸗ flammen kann, athmete aus dieſem Brief. Mit zarten und dabei innigen Worten ſuchte Ma⸗ dame de Sorbelle ſeinen Ehrgeiz zu erwecken, Durſt nach Ruhm bei ihm zu erregen. Mit begeiſterten Zügen hielt ſie ihm das Glück vor, deſſen Genuß ihn in der Welt erwartete, und erhob mit leichter Hand den Schleier des Lã⸗ cherlichen, der die Lebensweiſe, wozu er ſich ſelbſt verdammt hatte, bedeckte. Von allen zugänglichen Seiten ſeines Cha⸗ rakters ihn angreifend, bald der Waffen der Vernunft, bald der eines leichten Spottes ſich „ 94 bedienend, aber beſonders durch eine Gluth, die nur zu deutlich die Tiefe ihrer Empfindungen verrieth, ſchien Emma blos Eugens geheimſte Gedanken auszuſprechen. Es war, als hätte eine unſichtbare Gewalt eben die Worte, die den Weg in ſein Herz zu finden wußten, mit glühenden Zügen hingeſchrieben, und daß eine geheimnißvolle Stimme den ſchwachen Einwür⸗ fen, welche die Verwirrung, ſich ſelbſt ſo ganz wieder gefunden zu haben, ihm einftößte, ſie⸗ gend widerlegte. Betäubt, hingeriſſen rief Saint⸗Albe, als er den Brief zu Ende geleſen:„Ja, Emma! Du ſiegſt!“ Doch war es, als regte ſich das Gewiſſen in ſeiner Bruſt; er las den verſuchenden Brief noch einmal durch; jede Zeile drängte Mariens Bild immer weiter zurück, und eine unwider⸗ ſtehliche Sehnſucht, vie Madame de Sorbelle zu ſehen, ergriff ſein ganzes Weſen. „Welche Wonne,“ ſeufzte er,„das ſüße Lächeln ihrer zaubernden Lippen wieder zu be⸗ 95 leben, dieſe heilige Gluth zu theilen, Verzei⸗ hung der unbegreiflichen Vergeſſenheit ſo vieler Anmuth zu erhalten.“ Das Wort Vergeſſenheit rirf Ma⸗ dame de Loſtanges in ſein Gedächtniß zurück. Jetzt war die Reihe an ihr, der Vergeſſenen und Verlaſſenen, ſich über ſeine Untreue zu be⸗ klagen. Er hatte der Madame de Sorbelle nie etwas verſprochen, und oft wiederholte Betheue⸗ rungen feſſelten ihn an Marien. Leichtſinnig, flatterhaft ſelbſt in der Liebe, erkannte Eugen freilich ſich ſelbſt, die Möglichkeit war ihm aber ⸗ nie eingefallen, ſein Ehrenwort verletzen zu können. Wenn die Zeit gekommen war, daß er ſeine Verpflichtungen erfüllen ſollte, wollte er Ma⸗ rien ganz ſein Herz eröffnen; er fühlte ſich bei⸗ nahe überzeugt, daß es das ihrige befriedigen würde, ihre Unabhängigkeit zurück zu erhalten; erſt frei, wollte er eilen, ſich um Emma's Hand zu bemühen. Allein er durfte ſie indeſſen nicht in Unruhe über ſeine Geſinnungen laſſen; er mußte ſie vor Allem ſehen, ihre liebende Seele tröſten, 96— mußte ihre Einwilligung erhalten, ſo zu han⸗ deln, wie ihm die Pflicht vorſchriebe. Aber wie würde es ihm gelingen, ſich zu entfernen? Welches Mittels bediente ſich Emma, um ihm ihre Briefe zuzuſtellen? Er las das Schreiben, das ihn zu einem Entſchluß beſtimm⸗ te, der ſeinem früheren Willen ganz entgegen⸗ geſetzt war, noch einmal durch; er bedeckte es mit Küſſen. Das Siegel, das Emma's Hand aufgedrückt, mußte er auch an ſeine Lippen drücken; da entdeckte er auf einmal in dem Um⸗ ſchlag einige Zeilen, die ihn völlig berauſchten. Madame de Sorbelle zeigte ihm an, daß ſie in der Nachbarſchaft einen kleinen Pavillon gekauft hätte, um ihm näher zu ſeyn. In den nüchſtfolgenden acht Tagen, nach demjenigen, an dem er ihren Brief empfangen, wollte ſie ihn dort erwarten; auch wenn er nur des Nachts entſchlüpfen könne, würde er dort er⸗ fahren, auf welche Weiſe er zu ihr gelangen könnte. Saint⸗Albe wollte auch nicht länger als bis 97 B bis zur folgenden Nacht ſäumen. Seine Ab⸗ weſenheit durfte nicht bemerkt werden; es würde gar zu ſchwer ſeyn, einen Anlaß dazu zu erfin⸗ den, und obgleich entſchieden, Verzicht auf Ma⸗ rien zu leiſten, ſcheuete er ſich dennoch, ſie zu betrüben. Ein Paar Stunden waren ihm ja genug; er wollte ſogleich zurückkehren, und wer weiß, welche Veränderungen jeder Tag herbeiführen könne? Die Langeweile war ja ſchon auf al⸗ len Geſichtern gemalt; ein Wort vermochte ja die Freiheit wieder zu bringen; jeder Augen⸗ blick könnte ja das lockere Band löſen; Marie ſelbſt vielleicht würde die erſte ſeyn, es zu ver nichten! „Marie? Nein!“ Eugen ertappte ſich in einem Seufzer.„Verhängnißvolle Wiüſte!“ ſtüſterte er bei ſich.„O Marie! Du biſt noch wie immer, liebenswürdig! Sie iſt unverän⸗ dert! Ja! Ja! Sie iſt nur zu vollkommen! Gott! welcher Vorwurf! und das iſt der ein⸗ zige, den ich ihr zu machen habe!“ Die Wuͤſte. 7 9 Saint⸗Albe, wieder gerecht geworden, ver⸗ fluchte ſeine thörichte, überſpannte Begeiſterung, und fühlte, daß die ſanfte Marie ihm im gewöhnlichen Leben als ein Geſchenk des Him⸗ mels erſchienen ſeyn würde. Die Nacht war indeſſen vergangen, und der neue Tag fand Eugen in heftiger Unruhe; er hatte eine Art Fieber⸗ Der Gedanke, Ma⸗ dame deLoſtanges wieder zu ſehen, zu derſelben Zeit, wo er Emma's Schreiben an ſeinem Bu⸗ ſen trug, beunruhigte und beraubte ihn der Gegenwart des Geiſtes. Es erleichterte ihm daher wirklich das Herz, als er von einem Be⸗ dienten erfuhr, daß Herr und Madame Der⸗ villiers ſich in einer vertrauten Unterredung mit der Nichte in ihrem Zimmer befanden; und daß heute Jeder bei ſich das Frühſtück einnahm. Jede Stunde erſchien indeſſen dem unge⸗ duldigen Eugen ein Jahrhundert, und doch er⸗ ſchrak er; ſie hinter ſich liegen zu ſchen. Der entſcheidende Schritt, den er vor hatte, ver⸗ ſenkte ihn von Augenblick zu Augenblick in im⸗ 99 mer größere Verworrenheit; unſchlüſſig war er nicht mehr; er würde, wenn ein Hinderniß ihm in den Weg gekommen wäre, es weggeräumt haben; und doch vielleicht wäre ein Vinderniß ihm willkommen geweſen. Die Zeit zur Mittagstafel rückte heran; dieſelbe Unruhe ließ ſich bei Saint⸗Albe ver⸗ nehmen, und die Einſamkeit brachte ihm wieder Erleichterung. Alle aßen auf ihren Zimmern. Es wurden ihm neue Entſchuldigungen von dem Major und der Madame de Loſtanges gebracht⸗ Endlich wurde es Abend. Eugen, der ſchon lange im Garten herumgeſchlendert war, hatte ſich dem Flügel, in dem Marie wohnte, genähert. Er erblickte ſie, von dem Oheim herunter⸗ kommend, indem ſie der Tochter die Hand reichte. Das Kind lief zu ihm hin. „Guten Abend! Freund Eugen!“ ſagte ſie;„chl wenn Sie nur wüßten, welche Lan⸗ geweile ich heute gehabt habe. Ich bin ganz allein geweſen!“ „Warum biſt Du nicht zu mir herunter 7* e 100 e— gekommen, Anéis. Wir hätten zuſammen ge⸗ ſpielt; denn ich bin auch ganz allein geweſen,“ erwiederte Saint⸗Albe. „„Oh! mein lieber Freund!““ entgegnete das Kind ſchnell;„„Sonſt wäre ich auch gleich zu Dir gelaufen; allein ſeitdem auch Du Lan⸗ geweile haſt, magſt Du Anéis ja gar nicht mehr?““ „Was ſagſt Du? mein Kind!“ rief Eu⸗ gen lebhaft!„Ich Langeweile; ich Dich nicht mehr mögen! O! Madame!“ fügte er mit ei⸗ nem Blick auf Marien hinzu. „Kinder ſehen oft nur gar zu gut! Nicht wahr?“ unterbrach ihn Madame de Loſtanges. „„Marie! können Sie glauben—““ „Es iſt kalt! Lebewohl! Herr de Saint⸗ Albe!“ mit dieſen Worten verließ ihn Madame de Loſtanges, und trat in ihre Wohnung hinein. Eugen blieb einige Augenblicke unbeweglich ſtehen. Das Wort Lebewohl, der Ausdruck, womit ſie es ausgeſprochen, hatte in ſeinem Herzen wiederhallt; er hätte in dem Augenblick ——————— —— 101 S die ganze Welt gegeben, um ſie zurückrufen zu dürfen, und doch vermochte er es nicht. Alles war ruhig in der Wüſte; eine ſehr dunkle Nacht begünſtigte Eugens Abſichten. Er bereitete ſich, ſich zu entfernen; er durchlas noch einmal Emma's Brief, und eine neue Un⸗ ruhe erfüllte ſein Herz. 4* Er erkletterte die Mauer an einer Stelle, die er bei hellem Tage unterſucht hatte, und eben nicht viele Schwierigkeiten darbot. werde zurückkehren, ſagte er leiſe bei ſich, a hoffte er, durch dies ſich ſelbſt gemachte— ſprechen das mißbilligende Gefühl, das der Tiefe ſeiner Seele entſtieg, zu beſänftigen.„Ich werde zurückkehren!“ wiederholte er noch ein⸗ mal, indem ſein Fuß die Erde berührte; und W anzuhalten, eilte er nach Emma's Wohnung. In dem angezeigten Pavillon angelangt, klopfte ſein Herz ungeſtüm. Er klingelte; es wurde geöffnet, und er in einen kleinen erhell⸗ ten Salon eingelaſſen; ein Bedienter rückte ei⸗ — 102 nen Stuhl hervor, übergab ihm einen Brief, und verließ daß Zimmer. Er brach eis das Siegel. und las dicſe Worte. „Eugen, ich Be Ihnen die Freiheit wie⸗ dei 5 Ohne zu faſſen, was er las, durchlief er den Brief ſchnell, und noch einmal— es war ihm nun klar, daß Marie ihm geſchrieben, ganz klar, daß er ſie auf immer durch ſeine Schuld verloren, und im Gefühl des unerſetzlichen Ver⸗ uſtes, übergab er ſich dem Schmerze, ohne ir⸗ gend eine Hoffnung, ſie zum Widerruf zu be⸗ wegen. So lautete das Schreiben: „Eugen! ich gebe Ihnen die Freiheit wie⸗ „der. Ich hege gegen Sie weder Zorn, noch „Unwillen. Ich liebte Sie mit der wahrhafte⸗ „ſten, unveränderlichſten Innigkeit; eine vorüber⸗ „gehende Leidenſchaft, in glühenderen Ausdrücken „ausgeſprochen, hat Ihrem Herzen mehr zu⸗ „geſagt.“ e 103— „Wie ſchrecklich würde mir der Tag, der „mir die Veränderung Ihrer Geſinnungen ent⸗ „deckte, die Worte, die unſre Täuſchung zer⸗ „ſtörten, geweſen ſeyn, wenn ich Ihrem Dringen „nachgegeben hätte, und Ihre Gattin geworden „wäre; wenn unſre Verbindung Ihr Herz zu⸗ „ſammengepreßt, und ich ſie nicht hätte löſen „können!“ „Von dem Augenblick an dachte ich nur dar⸗ „an, Ihnen Gelegenheit zu geben, wieder in „die Welt, die Sie vermißten, hineinzutreten. „Indeſſen, ich geſtehe es, Eugen! ich war noch „unſchlüſſig. Ich habe mitunter geglaubt, daß „Sie, eben ſo wie Marie, auf immer lieben „könnten. Verzeihen Sie mir, Sie einer Prü⸗ „fung unterworfen zu haben. Ich erfuhr, daß „Sie ſehr eingenommen von Madame de Sor⸗ „belle geweſen; ich wagte zu hoffen, daß die „Eigenliebe Ihres Geſchlechts mir helfen würde, „Sie zu täuſchen; ich machte mir aber ſelbſt „Vorwürfe über dieſen Betrug; ich würde ihn „meines Glückes wegen nie ausgeübt haben; e 104 „allein es galt das Ihrige, ich entſchloß mich „dazu.“ „Ihr Benehmen rückſichtlich eines uner⸗ „fahrnen Kindes öffnete mir völlig die Augen. „Vergeſſen zu ſuchen, wurde von dem Au⸗ „genblick die ſchwere Bedingung meines übri⸗ „gen Lebens. Allein es war noch nicht genug. „Sie müßten der menſchlichen Geſellſchaft wie⸗ „dergegeben werden, und ich war überzeugt, „daß Sie lange lieber in der Stille leiden wür⸗ „den, als ein Gelübde, mit ſo glühender Be⸗ „geiſterung ausgeſprochen, zu widerrufen.“ „Durch Mittel, die Ihnen gleichgültig „ſeyn können, habe ich einen geheimen Brief⸗ „wechſel mit dem Arzte, dem ich die Rettung „Ihres Lebens zu verdanken habe, ſeit der Zeit „unterhalten. Er hat Herrn de Lehon aufge⸗ „funden; ſeine Verſicherungen, mit meinem Be⸗ „kenitniß vereint, haben dieſen endlich über⸗ „zeugt, daß Amélie zu einer Prüfung, der ich 5„Sie zu unterwerfen gedachte, ſich mir herge— „geben hatte, und daß ſic, durch dieſe wichtige „ S 105 „Dienſtleiſtung, mich Ihre wahren Geſinnun⸗ ₰%gen in der That wirklich kennen gelehrt habe. „Ueberglücklich mir glauben zu dürfen, hat er „dieſe Vorſpiegelung mit Entzücken ergriffen, „die durch unſere Trennung die völlige Farbe „der Wahrheit annimmt.“ „Durch denſelben Freund iſt es mir ge⸗ „lungen, die vieljährigen Dienſte meines Oheims „geltend zu machen. Er iſt ſo eben zum Stadt⸗ „Commandanten in**vernaunt worden. Da „er wieder in Thätigkeit gekommen iſt, hat er „das Unrecht der Welt ganz vergeſſen.“ „Snint⸗Albe! darf ich auf ein letztes, „kleines Andenken von Ihrer Liebe hoffen, oder „ſoll das Anerbieten, das Ihnen Madame de „Sorbelle gemacht, verworfen werden, weil die „Erfüllung von Marien kommt? Sie ſind zum „Director der Staatsgüter in** ernannt. „Emma's Bild darf Sie nicht zurückhalten. „Sie hat vor vierzehn Tagen den Herrn Du⸗ „val geheirathet.“ „Dieſe Stelle, die mehr Ihre Kenntniſſe, 106 „als meine geringen Bemühungen Ihnen ver⸗ „ſchafft haben, wird Sie ziemlich weit von Pa⸗ „ris entfernen; allein Sie werden unter dem „ſchönen Himmel des Südens wohnen; dort „werden Sie Alles vergeſſen, was hinter Ih⸗ „nen liegt. Sie werden glücklich ſeyn; ich darf „mir zu Ihrer ſchönen Zukunft Glück wünſchen!“ „Eugen! als Preis der Vergebung des „vielen Uebels, das Sie mir zugefügt haben, er⸗ „ſuche ich Sie abzureiſen, ohne irgend einen „Verſuch zu machen, mich wieder zu ſehen. „Was können Sie mir wohl ſagen? Sie werden „mich doch nicht mehr überreden, und Ihre „Worte würden mich nur betrüben.“ „Morgen werden die Mauern niederge⸗ „riſſen, die Thüren aufs neue geöffnet; mein „Oheim und meine Tante werden ſich entfer⸗ „nen; Herr und Madame de Lehon ſich glückli⸗ „cher und durch die Erfahrung belehrt wieder⸗ „finden. Verlaſſen auch Sie Paris denſelben „Tag; das iſt die einzige Bitte, mit der ich ———— — — 107 „mich an Sie wende; ich habe vielleicht das „Recht, es zu verlangen.“ Was mich betrifft, ich bleibe hier. Die „Zurückgezogenheit hat für mich nichts Schreck⸗ „liches. Finden wir nicht überall dieſelben Wi⸗ „derwärtigkeiten, dieſelben Verirrungen! Der „Friede, die Einigkeit, die Liebe ſollten in der „Wüſte herrſchen, Neid und Verläumdung dar⸗ „aus verbannt ſeyn. In ſehr wenigen Mo⸗ „naten haben wir erlebt, daß alle dieſe Vor⸗ „züge der Einſamkeit nur Wahn ſeien! Ich ent⸗ „ſage der Welt nicht, indeſſen werde ich mich „ihr nur wenig nähern.“ „Ihr ſeid Alle der Wüſte entflohen; Marie „bleibt allein da.“ Saint⸗Albe verzweifelte; aber er kehrte nicht zurück! Er empfand zu tief: es würde doch vergeblich ſeyn und nachdem er ganz zur Beſinnung gekommen war; gehorchte er⸗ 106 S Marie hatte Recht gehabt; er vergaß und wurde glücklich. 27 S Ob Marie es geworden?— Wir dürfen es boffen.— Anéis entartete von der Mutter Als ſie groß und der Mutter Ebenbild geworden war, wurde ſie, wie Sie angebetet, aber warhafter als Sie geliebt. Und welche Mutter iſt nicht in der glücklichen Liebe eines geliebten Kindes aufs neue glücklich geworden? 4 —————— 5 ſ 8 ſnſſſſſſſiſſſ 12 1 15 1 7 8 9 10 11 3 14 6 17 1