deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Ednard Oltmann in Gi ßgaſſe Lit. A. M. 256. Geih und geſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Vibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme un Rückgabe ver Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 lihr offen.. eepretz Bei Richube eines geliehenen Buches wir von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ ſe den angenommen. 3 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterkegen, welche bei veſſen Zurückgabe von mir zr erſtattet 4. Aponnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für nchentlich 2 Bücher: 4 Biücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: 1 M.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis etzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene öder de Buch ein Theil eines größeren Wertes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. usleiheneit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage ieſtckſee und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welchs die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — Sieben Jahre. Ein Beitrag zu der geheimen Hofgeſchichte es nordiſchen Reiches. Aus der Mappe eines verſtorbenen Diplomatikers. Herausgegeben von. Dritter Dheeil. Leip ig bei Chriſtian Ernſt Kollmann. 1824. Theil⸗ Dritter III. cEceie„— — ½— 9. In einem traumaͤhnlichen, exaltirten Zuſtande war Ulla von jener geheimen Zuſammenkunft mit dem Finnweibe zuruck in's Schloß geeilt. Eben ſo unbemerkt, wie ſie durch den Garten ent⸗ ſchluͤpft war, gelang es ihr ihr Zimmer wieder zu erreichen. Erſchrocken ſchlug das harrende treue Mädchen die Haͤnde zuſammen, denn von der kalten Morgenluft angegriffen, ſank die Grä⸗ fin ermaͤttet auf das Sopha, die feinen Schuhe waren von Steinen und Dornen zerriſſen und die zarten Fuͤße von dem thauigen Graſe feucht und kalt, aber ihr Geſicht gluͤhete mit einer ho⸗ heren Roͤthe als gewöhnlich, und noch nie hatte ein ſo ſiegender, alles durchdringender Glanz aus ihren Blicken geſtrahlt.— Sie ließ, halb unwil⸗ lig, ihr Maͤdchen jedoch gewähren, das aus Sorge für ihre Geſundheit ſie ſchlechterdings umkleiden wollte, und half ſelbſt gegen Gewohnheit mit⸗ um nur recht bald ungeſtört ſeyn zu können.— Dann zog ſie in dem erſten einſamen Augenblicke ſchnell das zerriſſene Tuch hervor, und heftete die Blicke noch ein Mal ſtarr auf die zwei verhaͤng⸗ nißvollen Buchſtaben. Nein!— ſagte ſie leiſe, in ſich vor Freude und Grauen gleich zitternd— nein! es war Lein Traum, keine leere Einbildung! Meine Au⸗ gen koͤnnen nicht taͤuſchen, ich halte das Zeichen in der Hand!— Welcher Sterbliche konnte einer armen verachteten Finnfrau verrathen haben, was der König im ſtillen Sinne hegt, was er nicht ein Mal mir in deutlichen Worten anvertraut⸗ Ein ſo ſonderbarer innerer Zuſammenhang kann nicht auf Betrug ruhen. Den Kronentraͤ⸗ ennate ſie ja den, der mir ſich in Bluts⸗ tropfen die, wie es ſcheint, aus einem alten eingebornen Geſchlecht herabſtammen müſſen. Sein Puls wogt über dem Wappen meines Landes; eine dumpfe Gährung kocht in allen Gemüthern— und er, und ich— Nein! ich will mich nicht Vorſtellungen hingeben, die mei⸗ nen verwirren konnen; aber gehorchen will — 5„— ich und mich beſcheiden.— Gott behuͤte, daß etwas Böſes meinem königlichen Wohlthaͤter zu⸗ ſtoßen ſolle— aber die wenigſten Koͤnige dieſes Landes haben in Ruhe geendet! Da begegneten ihre ſtrahlenden Blicke dem Spiegel. Sie erſchrack uͤber die Fiebergluth, die ihre Wangen rothete, und als ſchämte ſie ſich der Größe der Thorheit ihrer nur halbdeutlichen Gedanken, wendete ſie dieſe abſichtlich und feſt auf die gelobte Liebenswürdigkeit des ihr verhei⸗ ßenen Bräutigams, waͤhrend ſie eilig ihre ſchleu⸗ nige Abreiſe betrieb. Noch denſelben Nachmittag ſaß ſie mit der Tante im Wagen, und nur we⸗ nige Tage ſpäter, als die beiden Freunde,— denn Bequemlichkeit und Anſtand forderten ein lang⸗ ſameres Fortſchreiten— kamen ſie in der Reſi⸗ denz an. Sie ſorgte ſogleich dofür, daß dem Koͤnige unter der Hand ihre Ankunft angezeigt wurde; zu ihrer großen Verwunderung aber vergingen mehrere Tage, ja eine ganze Woche, ohne etwas von ihm zu hören. Die mehrſten adeligen Fa⸗ milien befanden ſich noch auf dem Lande. Um nun kein Aufſehen zu erregen, das, wie ſie ſchon frücher erfahren, nicht mit den Abſichten des Ko⸗ nigs ſtimmte, hielt ſie ſich unter dem Vorwande einer Unpäßlichkeit zu Hauſe, und beſuchte ſelbſt nicht ihre anweſenden Bekannten, obgleich eine nie fruher erkannte, aber wie ſie meinte in ihrer Lage erklärliche, Sehnſucht ſich ihrer bemaͤchtigte, den Grafen Silfverkron, ob auch nur in der Entfernung, zu ſehen⸗ Der Zufall hatte dieſen Wunſch noch unbe⸗ friedigt gelaſſen, als plotzlich, wie ein Blitz aus klarem Himmel, ſeine Vermählung mit der Ba⸗ ronin Ruppin bei Hofe declarirt wurde. Was ulla nie möglich geglaubt, daß ihr ei⸗ nes Mannes, eines nie geſehenen Jünglings we⸗ gen begegnen koͤnne, geſchah: ſie fuͤhlte ſich wie vernichtet. Sie wollte anfangs nicht dem Be⸗ richte glauben. Er wurde indeſſen von allen Seiten beſtätigt. Von dem Könige hörte ſie noch immer nichts— doch wußte ſie mit der größten Gewißheit, daß ihre Ankunft ihm angezeigt wor⸗ den war.— Ich bin ja nicht die erſte, die der Koͤnig getäuſcht haben ſoll;— ſagte ſie nicht ohne Bitterkeit zu ſich ſelbſt— aber täuſchte auch die Stimme, die aus Einfalt und Chylichkeit her⸗ — vorging? Run wir wollen ſchen!— Heftig, faſt ungeſtuͤm— wie immer, wenn eint Hoffnung, worauf ſie gebaut, vereitelt wurde— erfand ſie ſchnell einen Vorwand, und eilte, um ihren in⸗ neren Unmuth ſelbſt der Tante zu verbergen, ohne dieſe nach dem Gute zurück.— Dort befahl ſie ſogleich, die alte Gun zu rufen; zu ihrem größten Erſtaunen aber erfuhr ſie, daß die alte Finnfrau denſelben Tag, an dem ſie mit der Tante das Gut verlaſſen, plötzlich nebſt ihrem Sohne verſchwunden war, und nur einen bald verwehten Aſchenhaufen nachgelaſſen hatte. ulla verſtummte unnitihuih.— Was mußte ſie glauben? War hier ein dunkler in⸗ nerer Zuſammenhang auch denkbar, war er doch durchaus unsrklärlich.— Ihr langes, trůbes Nach⸗ ſinnen gab ihr weder Licht noch Troſt. Der im Inneren eingeſchloſſene Unmuth⸗ der den Gegen⸗ ſtand verfehlt, an dem er ſich hätte auslaſſen durfen, wandte ſich nun gegen den Koͤnig, deſ⸗ ſen ſie früher als den Ucheber ihrer Hoffnungen mit Liebe und Ehrfurcht gedacht, nun aber als den Zerſtörer des eigenen Baues, des eigenen Berflichens bettächteti. Doch, ſagtẽ ſi ie duf ein Mal ſton zů ſich ſelbſt, ſo währ eln Blut in unſeti Aden fücßt/ ich will mich deſſen würdi⸗ ger zeigen, äls erz keint Miene ſall ben inneren Stüchel verrathen, uber ich ruhe wer nicht, als bis ich hell in dieſer Stche ſthe! Ich ichie * mit ihm auf, denn ich fühle mein Recht.— Mehtete Tage darauf, nachdem ſie ſich in der Stille geſammelt, kehrte ſie erſt nach det Reſi⸗ denz zurück. Ruhig trat ſie vor die Lante, die zwar in Btzichung auf das vit des Konigs tenſeiben Brätihäm, wie ulla, geahnt, ber üuch zugleich ſich ſelbſt die Schuld des Miveiſlibe niſſes beieleht, und eben dadurch ſich bald dar⸗ uͤber getröſtet hatte jch fiel jedes ihrir Worte wie geſchmolzenes Biei auf ulla's Stile, der ſie geſprächig alle die Geiücht, womit ſich die Stadt veluſtigte, mittheitte.— Der eigentliche Grund dieſer Heirath war udeſen allen ein unethründ⸗ liches Geheimniß geblieben.— Nie wäre es ulla eingefallen,„ daß die ihr mehr glichgtige als verhaßte, lichiche Couſine ihr hätte je ge⸗ faährlich werden können.— War ſie denn wirk⸗ lich ihtetwegen verſchmähet? 2 Hatte Guſtav nicht —— ——————— —— gewußt, daß ſie ihm beſtimnit geweſen warz oder war das vielleicht nicht ein Mal der Fall geweſen?— Allein wen konnte denn der König ſonſt gemeint haben? Warum verhiclt ſich die⸗ ſer ganz ſtll— nicht ein Mal ein freundliches Woört hatte er ihr ſagen laſſen!— Was hatte ſie denn gegen ſeine Gunſt verbrochen?— Und wit nicht Graf Silfvetkron ſo eben aus der Fremde zuruckgekehrt; war es nicht ſtadtkundig genug, war es nicht eine uͤberall faſt zum Ekel veſprochene Sache, daß jenem ſeine Güter wie⸗ dergegeben waren— ihretwegen, hatte ſie ja ge⸗ träumt. Warum endlich fuͤhlte ſie ein ſo ſon⸗ derbares unruhiges Hetzklopfen, jedes Mal, wenn ſie an dieſen undankbaren Guſtav denken mußte, den ſie eben ſo wenig wiſſentlich geſehen, als er vielleicht ſie.— Aber er ſollte ſie ſehen— auch ſie mochte wohl den Mann kennen lernen, der, obgleich jung, ſchoͤn und reich, eine Gemahlin gewaͤhlt, die ihn zum SZiele des des machte.— Auch in der Brautnacht dieſes ſutſumen vu res ſtanden dieſe Vorſtellungen', von Bitterkeit, Spott und Groll immer mehr zuſammengedrängt und beleuchtet, vor ihrer Seele, und wandten ſich— ſonderbar genug— zum erſten Male vom Koͤnig ab, um feindlich gegen die unſchuldige Braut aufzutreten. Ich will ſie alle Beide ſe⸗ hen!— ſagte ſie bitter und rieb die weiße Stirn mit der flachen Hand, als könne ſie ſo den ver⸗ worrenen Knäuel der inneren Gedanken ausglät⸗ ten— Ich will ſie Beide ſehen! Es gilt, wer von uns den großten Triumph davon tragen wird.— Wirklich ſchien atz gaͤbe dieſer ſpät ge⸗ faßte Entſchluß ihren muͤden Augen die lang erſehnte Ruhe; denn ſie blieben von nun an ge⸗ ſchloſſen, als müßten auch ſie, wie ihr ganzes Weſen, neue Kräfte ſammeln, um an dem bald hervorbrechenden Morgen mit wnan Ge⸗ walt zu ſtrahlen. Guſtav, der ſich am beſten unter jreie Him⸗ mel zu ſammeln pflegte, war durch einen kurzen Ritt vor die Stadt wieder zur Ruhe und Hal⸗ tung gekommen. Als er zuruͤckkam, fand er ſchon den Schwiegervater und den Freund bei ſeiner Gemahlin.— Sie begruͤßte ihn mit der einfachen Ruhe und Freundlichkeit, die von inne⸗ —,—— — 11— rer Sicherheit zeugen, und ein ähnliches Ver⸗ hältniß zwiſchen ihr und dem unbekannten Bru⸗ der ſchnell errichtet hatten.— Der kleine Kreis, ſelbſt der General, ſchien recht aufgeräumt, nur auf Axels Stirn lag wie eine kleine Wolke⸗ Die Begleitung des Vaters war ihm gar nicht recht; er hätte ſo gern die Schweſter allein ge⸗ ſprochen. Der Eintritt des Freundes, der ruhige und wurdige Ton, der unter dem jungen Ehe⸗ paare herrſchte, that ihm wohlz aber er war zu lebhaft an Ulla erinnert wordenz es war ihm, als müſſe er frei heraus mit der Schweſter re⸗ den, ihr ein Geſtändniß thun, das ſeiner Mei⸗ nung nach auch ihr Eheglück fördern würde, und ſie auffordern, ihn über die leiſen Zweifel an ulla's Vortrefflichkeit, die ſie in ſein Herz ge⸗ worfen, zu beruhigen⸗ Der General, der von dem fruͤhen Ausgange des Grafen ſchon gehort, fragte ihn, ob er viel⸗ leicht auf dem nicht weit von der Stadt belege⸗ nen königlichen Landſitze geweſen? in der Vor⸗ ausſetzung, daß er ſich, wie fruͤher, unter die Lieblinge des Koͤnigs wieder gerechnet, denen der Regent dort des Morgens freien Zutritt zu ſich geſtattete. Guſtav verneinte es laͤchelnd. Der General ſtellte ihm die Nothwendigkeit vor, jetzt, da er ſich mit einer Familie verbunden, die der König mit ſcheelen Augen betrachtete, dieſen um ſo weniger zu vernachlaſſigen; und da der Graf auch ſelbſt em⸗ pfand, daß jede Unverbindlichkeit von ſeiner Seite dem Konige nur verrathen wuͤrde, daß er ſeine Abſicht, ihn zu demüthigen, erreicht hätte, ging er, um dem Regenten eine ſchriftliche Dankſagung ſogleich zu uberſchicken, wiewohl der General, der ruͤckſichtlich ſeiner Geſinnungen auf ein Mal wie umgewandelt ſchien, ihn zu bereden ſuchte, jene perſönlich zu überbringen⸗ Sobald Guſtav das Zimmer wieder berſſn, ſcob der General, der ſich nun in der Gegenwart der eigehen Kinder alles conventionellen Zwanges überhoben fühlte, den Stuhl raſch zurück, ſenkte den Kopf auf die Bruſt nieder, während das Ge⸗ ſicht ſich in die gewöhnlichen grämlichen Falten verzog, und mit auf dem Ruͤcken in einander ge⸗ legten Haͤnden ging er mit kleinen ſchnellen Schrit⸗ ten tiefſinnig auf und nieder, die Kinder ganz aus — — der Acht laſſend; und Axel naͤherte ſich ſchon der Schweſter, um ein Paar vertrauliche Worte mit ihr leiſe wechſeln zu können. Da rollte auf ein Mal ein Wagen unter den Thorweg und ein Diener trat ſchnell herein, um zu melden, daß die Baro⸗ nin Ruppin und die Gräfin Banner aus⸗ geſtiegen wären Hedwiga ſchien ᷣnein uͤberraſcht zu wer⸗ den, denn es war gegen alle Sitte, daß ſelbſt die nächſten Verwandten, wenn ſie nicht eingeladen geweſen Zeugen der Trauung zu ſeyn, ſich in dem Hauſe der Verheiratheten fruͤher einzuſfinden, als dieſe ihren Beſuch abgelegt; und die Art, wo⸗ mit ſie angemeldet wurden, zeigte an, daß ſie einer möglichen Verleugnung vorbeugen wollten. „Schon ausgeſtiegen?“ wiederholte Hedwiga faſt kleinlaut. Auch Axel war, wiewohl aus hochſt verſchiedenen Gründen, erblaßt. n Der General blieb plötzlich ſtehen; ſeine klei⸗ nen grauen Augen ruheten einige Augenblicke ſte⸗ chend auf Hedwiga und dem Sohne. Obgleich er nichts von dem Geheimniß der Doſe wußte, war ihm doch nicht unbekannt, wen der Koͤnig zur Braut ſeines Schwiegerſohnes beſtimmt hatte⸗ — 14— Wie ganz die Tante ihre Hoffnungen auf die Graͤ⸗ fin und deren Zukunft geſetzt, hatte ſie es dennoch nicht räthlich gehalten, mit dem Bruder zu bre⸗ chen, und durch ſie war ihm das Billet des Koͤ⸗ nigs an Ulla ſchon längſt mitgetheilt worden⸗ An der Verlegenheit ſeiner Kinder merkte er ſogleich, daß auch ſie das Geheimniß geahnt, und ſowohl eine geheime Abſicht, als ſein hochfahrender Sinn, forderten ihn auf, dieſe Verlegenheit in einen Triumph/ den ihre Gutmuͤthigkeit— ſo wie er glaubte— im Beuf—— zu ver⸗ wandeln⸗ „Nur immer herein!“ rief er dem anmelden⸗ den Diener noch fruher als Hedwiga ihre Parthie genommen, hämiſch lächelnd zu— ſo auch in dem Hauſe der Tochter die angemaßte Gewalt aus⸗ ubend, deren er ſich immer, wo er nur konnte, be⸗ diente. Obgleich ein wenig verletzt, ſagte doch ein inneres Gefuͤhl Hedwiga, daß ſie auch nach längerem Bedenken keine andere Antwort hätte ertheilen können, ſo wie ein ähnliches e, er keine andere gewünſcht. In einem hochſt zierlichen grnnpeh veſ⸗ „ Einfachheit die unbrſchreibliche Anmuth des — 15— reizenden Mädchens noch herdorhob, obgleich hin und wiedet die Wirkung funkelnder Diamanten nicht verſchmaͤht war, welche doch nur dazu dien⸗ ten, die Ohnmacht ihrer Flammen neben den lebendigeren, aus dem dunkelblauen Himmel in ulla's Blicken, noch deutlicher zu zeigen, trat ſie, von der hochgeputzten Tante begleitet, unbefängen, heiter, mit ruhrender Theilnahme um den laͤcheln⸗ den Mund, herein. Zwar ſchien der fluͤchtig umher⸗ iriende Blick etwas zu vermiſſen, und ein leiſe be⸗ bender Zug zeigte ſich um ihre Lippenz doch war dieſet ſogleich wieder verſchwunden, als ſie Hed⸗ wiga, ihre innig geliebte Jugendfreundin, umarmt hatte, die auch ihre Faſſung ſogleich beim Herein⸗ treten der Fremden wieder gewonnen. Dem Bruder aber gelang dieſes nicht ſo leicht. Die flammende Röthe, die wie ein Blitz ͤber ſeine Wangen fuhr, und eben ſo ſchnell wieder ver⸗ ſchwand, entging der Aufmerkſamkeit des Vaters nicht, der gewiß die fruͤhere Bekanntſchaft geahnt haben wuͤrde, wenn die vollige Unbefangenheit, der höfliche und doch fremde Gleichmuth, womit ulla, als Hedwiga den Bruder vorſtellte, dieſen grußte, ihn nicht freudig belehrt haͤtte, daß Axels Verſtummen nur die Wirkung von Ulla's alles beſiegender Nähe ſeyz und da nun der Sohn ver⸗ Uetzt, im Innern zerriſſen, ſich ſchweigend in eine Fenſtervertiefung zuruͤckzog, wandte der General die lauernden Blicke auf Ulla und Hedwiga, des Triumphes ſeiner Tochter ſich erfreuend⸗ War es nun, daß die von der Tante gelei⸗ tete, verſchrobene und alberne Unterredung ihn ermuͤdete, oder furchtete er, daß die Fremden ſich entfernen mochten, ohne die Erſcheinung des Schwiegerſohnes abzuwarten, aber der General verließ ſelbſt die Geſellſchaft, um dieſen zu holen⸗ In dieſem Augenblicke, während die Jante ſich bemühte, alle die Beweiſe ihrer Liebe, die ſie einſt Hedwiga ertheilt, in ihrem Gedächtniſſe aufzufriſchen, ſtand Ulla ungezwungen auf, und naͤherte ſich Axel mit der eben nicht lauten, aber auch nicht leiſen Anrede:„Meine Freundſchaft zu der Schweſter berechtigt mich, die Bekannt⸗ ſchaft ihres Bruders nicht bloß auf einen ſtum⸗ men Gruß zu beſchränken.— Haben Sie das Vaterland ſo wie Sie es verlaſſen auch wieder⸗ gefunden?“ „Nein!“ erwiederte Axel ſich zuſammenneh⸗ mend leiſer, eben ſo wenig wie mich ſelbſtz wenigſtens iſt der Maaßſtab in mir verändert worden, und die Stimmung des Gemüthes ge⸗ vietet, ob es im Roſenſchimmer erſcheine, oder in dem Nebel truber Votſtellungen.“ „Ei!“ verſetzte Ulla heiter,„ſolchen paßt⸗ chen Nebel muß ja der friſche Fruͤhling heiterer Erinnetungen vertreiben; ich trage ihn ſichtbar mit mir herum,“ fuht ſis fört, während ſie ein unter den Blumen, die auf ihrem Buſen wog⸗ ten, verſtecktes Geraniumblatt ſchnell abriß und ihm es hinreichte; mit einem ſchüellen Blick auf Hedwiga, die halb abgewahdt mit der Tante ſprach, k Siqnme⸗„fatté il verds. ßc un 11¹0 Die bumpf⸗ Schnni in Axels Buſen wich einem unnennbaren Entzücken, bei der uber alles tröſtenden Ueberzeugung, daß ula, als ſie ſich zu dieſem Beſuche ſchmückte, ſeiner— den ſi ſie ja hier zu treffen vermuthen konnte— gedacht hatte. Doch klang der Trübſinn noch in ſeiner Seele nach, und theilte ſich ſeinen Worten mit⸗ „Ich bin in Strafe verfallen,“ ſagte er weh⸗ muͤthig,„ich trage nichts Grünes bei mir, kaum das der welkenden Hoffnung, doch dieſe macht der ſuͤße Hauch Ihrer Stimme wieder bluͤhn!— O! ulla!“— er heftete einen Blick auf ſie voller Vergebung, nicht allein der leichtſinnigen Tren⸗ nung, ſondern auch der Unarten, deren die Schweſter ſie geziehen⸗ Sie ſah ihn mit der— icſundn zumh an.„In doppelte Strafe ſind Sie verfallen ſagte ſie raſch etwas lauter 34 nSie ſind ſchon mehrere Wochen zuruͤck und haben VPhrer Verwandten noch nicht die ſchickliche Auf⸗ wartung gemachtz ich meine nicht mich, ſondern die Schweſter Ihres Paters. ntn ene „Durfte ich denn meinem n en— ohne zu fürchten, nicht allein gegen Ihr Verbot anzuſtoßen, ſondern guch meinem Vater einen Antheil zu verrathen, der unſer'm Geheimniſſe gefäͤhrlich werden konnte! Darf 6 Sie wirklich beſuchen?“ „Die Lante?— S Sie wird— Thuͤren doch nicht einem geehrten und geſchätzten Neffen verſchließen, und ich wohne bei ihr.“ * — 19— Sie wurden unterbrochen, denn die Thüre ſprang auf, und der General trat mit Guſtab an der Hand herein. Dieſer hatte ſo eben den Zurf an den K⸗ nig geendet, als er den General Fommen hörte, und reicht ihm ſchweigend das Blatt S Der Schwiegervater las: „Ew. Majeſtät koſtbares Geſchenk pete 4 „mit den ehrerbietigen und demuthigenden Em⸗ „pfindungen/ die mir ſolches einfloßen mußte, „empfangen.— Es wird mir ein werthes An⸗ „denken Ihrer Großmuth ſeyn, und ich werde „ſchwerlich die damit verknüpfte gnädige Zuſage „unrecht perſtanden haben, wenn ich mich frei⸗ „willig, obgleich mit ſchwerem Herzen, aus Ih⸗ ren Augen verbanne, bis die Stunde ſchlägt, „die meine Anſpruͤche auf Ihre huldreiche Ver⸗ „heißung zur Reife gebracht hat— ꝛ. „Hm!“ ſagte der Alte bedenklich, einen läu⸗ ernden Blick auf ihn werfend,„was haben Sie denn immer mit dem Könige! Es ſieht ja einem völligen Bruche ähnlicher als— Nun! ich kenne den Starrſinn Ihres Blutes!“ fuhr er lächelnd fort.„Vielleicht iſt es auch beſſer ſo.— Sie⸗ 2* — 20— geln Sie nur, und kommen Sie! Wir haben Beſuch.— Geſtatten Sie mir, Sie ſchnell einer Dame vorzuſtellen, der Sie meht als dem Koͤnige Ihr Gluͤck zu verdanken haben!“ 2 „Mein Glück! wie ſo?“ fragte Guſtav, waͤhrend er dem eintretenden Diener den uͤbergab. 6 25 6„HOder dii neur hrie Gluͤcksum⸗ ſtände?“ fuhr der General raſch fort,„kommen Sie doch!““ nid S6n Er zog den in dieſem Augenblicke völlig ahnungsloſen Guſtav ſchnell mit, der, als er in den Salon eingetreten, wirklich wie betäubt und geblendet daſtand. Er hörte nicht, daß Hedwiga mit faſt verſagender Stimme ihm ihre Couſine, die Gräfin Banner, vorſtellte. Es war auch nicht nöthig, er konnte das Originat des verhäng⸗ nißvollen Gemaͤldes nicht verkennenz allein er hatte ſich verrechnet. Zum erſten Male fand er, daß der Maler nicht geſchmeichelt hatte. Auch war es, als haͤtte Ulla bei ſeinem Eintritte das ganze Brillantfeuer ihrer Reize, ihrer ſehnſucht⸗ weckenden Anmuth, von denen ſie kleine Funken dem liebenden Axel geſpendet, wieder von dieſem zurück und in einen Brennpunkt zuſammengezogen, um dadurch den raſch herintretenden Gegner zu blenden und zu überſtrahlen. Sie hatte aber vergeſſen, daß auch er nicht waffenlos war, oder vielmehr, daß ſeine unbewaffnete Unbefangenheit, die ruhige Zuverſicht, womit er in der Fuͤlle maͤnnlicher Schönheit erſchien, und noch mehr ſein plötzliches erblaſſendes Verſtummen bei ihrem Anblicke ihren ſehr prohlematiſchen Sieg zu einer heimlichen Nie⸗ derlage machte. Wie zwei Marmorſaͤulen ſtanden ſie regungslos einander gegenüber, als öffneten ſich ihre Herzen und Gemuther willenlos den Licht⸗ pfeilen, welche dieſe gegenſeitig auffingen.— In ſolchen Momenten iſt immer das Weib früher be⸗ ſiegt. Der Blitzſtrahl ſenkt ſich bei ihr gerade in's Herz, wo hingegen er bei dem Manne erſt von den Sinnen angehalten und empfangen wird. Fra⸗ gen wir nach der Urſache dieſer plötzlichen Wech⸗ ſelwirkung?— Bii Ulla glauben wir ſie weniger der geheimen Wirkung jenes Zaubertrank's zu⸗ ſchreiben zu können, als eben der ſichtbaren Un⸗ möglichkeit, die tief und bitter empfunden zwiſchen ſie getreten war. Sehen wir doch in dem tägli⸗ chen Leben, in unſern gewoͤhnlichſten Verhaͤlt⸗ niſſen, daß der Genuß ſolcher Dinge, die wir im Ueberfluſſe beſitzen, und weran wir faſt gar nicht denken, uns auf ein Mal nothwendig und unerſetz⸗ lich wird, wenn wir dieſelben entbehren muͤſſen. Doch war dieſe plötzliche Gewalt des erſten An⸗ blicks von beiden Seiten ſo ſchnell, ſo vorüͤberge⸗ hend, von den Seelenkräften beider Weſen ſo au⸗ genblicklich verhehlt, daß ſie von den Gegenwärti⸗ gen nur Hedwiga auffiel. Ihre Begrüßung wurde, ſobald ſie nur Athem geſchopft hatten, ſo zierlich, ſo conventionell, ſo verbindlich, wie es die Sitte und die Bildung Beider eben erforderten. Die unterredung nahm ſogleich eint ſo leichte allge⸗ meine Wendung, daß Beide die völlige Herrſchafe ihrer Seele bald wieder geltend machen konnten. Nur Hedwiga ſchien einen Augenblick ver⸗ ſtimmt. Sie konnte den durchdringenden Blick nur mit Muͤhe von Guſtav abwenden; zum Glück gab ihr die unermuͤdlich geſprächige Tante Zeit ſich zu faſſen, ja ſogar Gelegenheit, inen gfuß⸗ ten Entſchluß raſch auszuführen. 6 65 Nicht die Erfahrung, denn die beſaß giuntgn keiniswegeb„aber eine tiefe, durch Selbſtdenken und Entſagung entwickelte Empſindung ſagte ihr, daß eine große Verſuchung dem geliebten Manne bevorſtand, und daß ſeinem Widerſtande nichts Gefährlicheres begegnen, als die tägliche ſichtbare Erinnerung an das widrige Band, das⸗ ihn feſſelte; da hingegen das heitere Gefuͤhl der ihm zugeſagten Freiheit, und das durch Entfernung gemilderte Bild, welches ihm mehr von dem in⸗ neren Werthe als von der äußern Geſtalt ſeiner Gattin dann vorſchweben würde, ihm vielmeht als ein kräftiges Schild gegen jede Verſuchung dienen wuͤrde. 6021 6 Nun ließ ſich die Tante ſehr weitläuftig über die der Niece gewiß nicht genau bekannte Sitte aus, womit junge Eheleute, die Anſpruche darauf machten ein Haus zu fuͤhren, auftreten muͤßten, und lud ſie ſogleich zu einer glänzenden Aſſemblee bei ſich für den folgenden Abend ein, wodurch Hedwiga uberhoben ſeyn wuͤrde, Viſiten bei ihr ganz fremden Familien machen zu müſſen. Der Ge⸗ neral, der Ulla's augenblickliche Bloͤße bei Gu⸗ ſtav's Eintritte bemerkt und ſchon im Innern ſei⸗ nes tiumphs genoß, war ſchon im Begriff fuͤr die jungen Leute zuzuſagen, als Hedwiga ſchnell, wie von innerer Angſt getricben, jedoch mit Faſ⸗ ſung bedauerte, daß ſie wenigſtens auf kurze Zeit der Sitte zuwiderhandeln müſſe, weil ein Brief, den ſie ſo kurz vor dim Beſuche ihrer Verwandten echalten, daß ſie ihrem Gemahl ihn noch nicht habe mittheilen können, ſie bewöge, in ſofern er es geſtattete, ohne Aufſchub nach Wörkna zu eilen, weil ihre Jante dort, von einer plötzlichen Krankheit befallen, ihrer Sorgfalt beduͤrfe. Dieſe Erklaͤrung brachte eine ſonderbare Wir⸗ kung hervor.— Guſtav ſah ſie erſtaunt und fra⸗ gend, der General hoͤchſt erbittert an. Niemand verſtand ſie in dieſem Augenblicke, am allerwenig⸗ ſten Ulla. Dieſe hatte ihren Sieg, gllein noch nicht ihren Verluſt gefühlt. Sie glaubte ſchon Hedwiga durch einen triumphirenden raͤchenden Blick demuͤthigen zu können, und ſie, anſtatt von Eiferſucht ſchan durchglühet zu ſeyn, anſtatt, wie ſie in ihrer Stelle gethan haben wuͤrde, ſich dem Gemahle feſt anzuſchließen, und die Neben⸗ buhlerin durch tauſend Künſte zu entfernen zu ſuchen, zieht ſich unbofangen, arglos, dumm, möchte ſie faſt ſagen, aus einer albernen Anhäng⸗ lichkeit, die ihr kuhles Herz und unempſindliches Gemüth mehr an entfernte Vetwandte gls an den anwtſendin lichenzwůrigen Mann fiſtlt/ zießt ſie ſich zurick in dem Augenblice, wo ſis Alles thun ſollte, um ihn verlieren. Ulla warf Hedwiga einen mitleidigen Blickzu, wäh⸗ rend das, Heßz ihr leiſe zuflüſterte, daß ein ſo, kalte, für ſo viele Liebenswürdigktit unempfind⸗ liche Creatur weder Mitleid noch Ruckſicht per⸗ diente. Axels Blick hing indeſſen wie trunken an ua. Der General ſchien es nicht ungern zu bemerken. ſab Endlich nach einer fur—— e Stunde erhob ſich ihr Pater, der nie lange fuhig auf einem Flecke aushalten konnte, raſch, und gab dadurch den 1lbrigen ein Signal den Beſuch zu endigen. Sie hörte deutlich, daß er, indem er, jede conventionelle Sitte zurückſetzend„noch während die Damen Abſchied nahmen forteilte, zu Guſtav flüſterte:„Laſſen Sie ſie fort. Kindereien! Dummheiten! 1 ½ Aber ihr Entſchluß ſtand— ucbn Guſtav mit Axel die Damen nach ihrem Wagen begleitet, und der Letzte dem Pater nachgeeilt war, nähertt er ſich wieder Hedwiga, die er unbeweg⸗ uch, mit ſnnenden Blicken auf einen Punkt ge⸗ ₰ hetet, noch in dem Salon vorfand. Als ſi ſi ihn bemerkte, ſah ſie freubig dufz er ute eine S in ihrem Allge zu bemerken. Oboleich im Innern mehr erſchüttert und zertiſſin,„als er ſich felbſt geſtehen wollte oder eonnte, obgleich ihre harten nicht auziehenden Zühe ihn eigentlich jetzt zum erſten Male recht ſchmerzlich beruͤhrten, war doch das Grfüht ſei⸗ ner Pflichten eben ſo lebendig in ſeiner Bruſt, wie vorher, und ihre freundliche Ruhe übeeraſchte ihn faſt. Er fragte ſorgſam, indem er ihre Hand ergriff:„Und Ihré liebe Verwandte iſt krank?“ „Nein, lieber Graf! ich habe auch keinen Brief bekommeh.— In der conventionellen Welt, wo alles auf Täuſchung beruht, iſt Täuſchung noth⸗ wendig! zwiſchen uns trete ſie nie; ich bin ja mit meineimn Werke zu Ende und das Ende krönt das Werk. Ich muß Ihnen wiedergeben!“ Meine Freiheit!“ wiederholt er ſei⸗ nen Willen ſchwetathmend. ,Die Freiheit Ihres Geiſtes, Guſtav! Sa⸗ gen Sie, was Sie wollen! unſer Verhältniß Uegt, muß Ihnen Feſſeln anlegen, eben weil un⸗ — — 27— ſer Verhältniß kein natürliches iſt. Nur Entfer⸗ nung kann das innere. die kömmt mir zu““ S n ne n Guſtab ſah ihr feſt in das milde, begeiſterte 3„Fuͤhlen Sie nicht, meine Freundin,“ ſagte er endlich,„daß wir, um dieß Verhältniß nicht zu geltend zu machen, um der Ruhe unſ'rer Zukunft willen, uns nicht von einander entfernen dürfen. So fuͤhle ich es wenigſtens— aber Sie haben mein— Ihnen keinen Swang auflegen.“ Guſtav glaubte zu ſeyn, und„ es doch nicht. Seine männliche Vernunft er⸗ kennend, daß Gewohnheit zuletzt zur Natur wird, und ein tiefes Gefuͤhl von dem, was er als Menſch, als dankbarer Freund ihr ſchuldig zu ſeyn glaubte, liehen ſeiner Pflicht dieſe Sprache; doch fluͤſterte das Herz ihm leiſe zu, daß er Ein⸗ ſamkeit brauche, daß die Entfernung der wurdi⸗ gen Freundin ſeinen geheimſten Empfindungen Freiheit und ihm ſelbſt Raum gab, den neuen Kampf ungeſtört und unhemerkt auszukämpfen. Seine Blicke ruheten fragend auf ihr. Ich fuͤhle ſes andersht“ erſctzte ſie leiſe; „Nuheriſt nothwendig zum Sichnicht⸗ Kei⸗ ner von uns beſitzt ſo das Letzte“ n63„ 6 „Und wenn nun Line tiefe Nothmenigkt, ein Prang in meiner Seele Ihre freundliche Nähe erfordert?“ fuhr er fort. 6n 1 Nun!“ rwiederte ſie lächelnd,„ſuht Prn denn nicht frei mich zu beſuchen?— Wo ich bin, werde ich immer eine—— Sie bereit halten!“ Guſtav wußte ſelbſt nchi warum ihn vieſe Worte ſo tief, ſo ſonderbar ruͤhrten.„Wann befehlen Sie abzureiſen?“ fragte er,„Ihren Vater werde ich zu beruhigen wiſſen⸗“ „Morgen frühl“ Ihre Stimme drohete bei dieſen Worten zu verſagen, denn es war ja ihr Herz nicht, das ſie von ihm entfernte. Das innere Beſtreben dieſe Worte deutlich auszuſpre⸗ chen, gab dem Ausdrucke etwas Hartes und Faltes, das Guſtap's immer weichere Stim⸗ mung verletzte. Er verließ ſie⸗ 5 „ol“ ete& kiſt zu ſch ſubt, e iſ auch ſo beſſer!— hun muß und werde ich ſie— lieben?— Nein! Ihre klare Vernunft macht ſie kalt und mein Her iſt warm. Schön⸗ heit wird es zwar etſchüttern können,““ fihr er ſeufzend fort)„aber nur gleiche i 6— und begkuckend feſthalten.“ Hedwigd verweigerte ſpätit ſowohl ſeine Be⸗ gleitung, als einen kurzen Aufſchub, den der Va ter verlangte.— Sie wolite ja nicht in die Welt, und dieſe, meinte ſie— und Guſtäv mußte ih Recht geben— duͤrfte nicht an ihrem Vorwande zweifeln, aber eben dieſer erforderte Eile, ohnt welche man ogleich eine andere Abſicht bernuthei müſſe. Ihr mitgebrachtes Mädchen und Güſta's alter Diener/ deſſen Etgebenheit für ſeinen Herrn ihrenoch aus früheren Etinnetungen weith wlr ſollten ihr Gefolge ausmächen. nin n Der Reiſewagen ſtand ſchon völlig gepackt, als Guſtab den folgenden Mothen küch keiſefertig zů iht hereintrat. Er wollte ſich es ſchlechterdings nicht nehmen laſſen, ſie ein Paar Meilen auf dem Wige zu begleiten. Der Pudel ſprang froh und ſeelh um ihn herum. „Eine Bitte habe ich noch an Sie,“ ſie Guſtav, als ſie das Mädchen mit dem letzten Pa⸗ kete hinuntergeſchickt hatte,„verſchmähen Sie ein kleines Geſchenk, das Ihnen gebührt, nichtz“ — Er reichte ihr ein kleines zierliches Kaͤſichen; Sie öffnete es; ein koſtlicher, neu eingefaßter Schmuck ſtrahlte ihr entgegen⸗„Wie?“ fragte ſie verwundert. e n „Der Schmuck meiner ſeligen Mutter, nur ſo wie es der Geſchmack erfordert.“ „Nein, lieber Graf!“ fiel ſie ihn unterbre⸗ chend in die Rede,„nein! Und ohnedem, Sie wiſſen ich trage nie Juwelen, und werde ſie nim⸗ mer trägen.“ n6 6. „Immerhin! s krut wihim nur zu wiſſe, daß Sie etwas, was mir theuer iſt, i meinem Andenken aufbewahren.“ 6 „Etwas was Ihnen theuer iſt, Guſtav! nun ja, das will ich gernz nur keine Juwelen, die für mich als ſolche nur wenig Werth haben.— G⸗ ben Sie mir,“ fuhr ſie mit größerer Waͤrme fort, als er je bei ihr wahrgenommen,„geben Sie mir Ihren Pudel, wenn Sie ihn entbehren wollen und er mir folgen will!“ Sie buckte ſich, um ihn zu liebkoſen, und das Thier ſchmiegte ſich wirklich an ihre Knie— ein Seichen der Zärtlichkeit, die es ſonſt nur dem Herrn erzeigte. isdi „Gern!“ ſagte Guſtav, den dieſe ſchnelle An⸗ haͤnglichkeit des Hundes auch wunderte,„um ſo lieber, da er mir auch ſehr theuer iſt“ „Wie heißt er?“ fragte Hedwiga. „Wie Sie wollen, denn er iſt taub und hat keinen Namen. Das Umgekehrte von dem, was ſonſt die Menſchen an ſolche Thiere mitunter bin⸗ det, zieht mich an dieſes. Es giebt Hunde, die das Leben ihrer Gebieter oder deren Angehoͤrigen gerettet, und dadurch eine hohe Gunſt gewonnen. Der Zufall wollte, daß ich ſein Leben retten ſolltez dies und ſeine grenzenloſe dankbare Anhänglichkeit haben mir ihn ſo werth gemacht.“ „Daran erkenne ich Sie,“ fluſterte Hedwiga geruhrt;„ſo will ich ihn denn Treu nennen— und ich zweifle nicht, daß er ein feſteres und ſchö⸗ neres Band zwiſchen uns bilden wird, als diaman⸗ tene Feſſeln hätten thun koͤnnen.“ Guſta buͤckte ſich zu dem Hunde nieder, lieb⸗ koſete ihn, fuhrte ihn zu Hedwiga und ſagte:„So übergebe ich dich deiner und meiner Herrin! Deine * Treue ſey ihr ein Zichen meiner Win— — 8 11 6 Als verſtände Treu die Bemegunhe eines Mundes, folgte er Beiden zu dem Wagen, und legte ſich ruhig zu den Füßen ſeiner Gebirterin. 0 3 ₰ 5 7 13 1 5 6 12 . 12 ¹ ¹ — 1 1*. 2 3* 3 1 „ —, 10. Ara war den Tag vorher, ſobald er ſich von dem Vater losmachen konnte, deſſen immer lau⸗ ernde Blicke ſeine Unruhe nur vermehrten, inz Freie geeilt. Die winterliche Witterung, die rauhe naßkalte Luft empfand er nicht. Sein inneres Feuer wärmte die Atmoſphäre um ihn. Er ühlte ſich gluͤcklich. Mit ſich ſelbſt und der holden Erſcheinung nur beſchäftigt, war Guſtav's Verwirrung ihm vollig entgangen, Ulla dagegen, auf die er allein trunkene Blicke geheftet, hatte er von ſeinem Standpunkte nicht ein Mal be⸗ merken können. Hedwiga's unwillkuͤhrliche Aeu⸗ ßerungen hatten ihren Einfluß verloren. Sie ſelbſt war ja zu einem liebenswuͤrdigen Weſen umge⸗ wandelt worden; und Ulla, in deren Blicken ſich eine ſo ſchone Seele abſpiegelte, ſollte nicht auch die Unarten der Kindheit laͤngſt qbgelegt m. 3 —.——— haben? Nur die Warnung des Oheim's ließ einen Stachel in ſeinem Herzen zuruͤck; aber konnte auch nicht die von der Schweſter herruͤh⸗ ren? Eben darum nahm er ſich vor, den Eindruck ſeines Geſtändniſſes mit ſpaͤhendem Blicke in den ihrigen zu erforſchen, und eilte den folgenden Morgen nach ihrem Hauſe, wo er zu ſeinem Erſtaunen ihre Abreiſe erfuhr, und daß ſie den Abend vorher nach ihm geſchickt. In der Trunkenheit ſeines Geiſtes hatte er die Erwäh⸗ nung ihrer Abſicht entweder oder— nur halb vernommen. Verdrießlich üͤber piſe geliuſchte Hyfnung, und doch gluͤcklich ungeſtört auf einer einſamen Herumwanderung ſeinen Traͤumen nachhängen zu können, kam er erſt ſpät des Abends nach Hauſe⸗ Mit Befremdung erfuhr er, daß der Vater ſchon zwei Nal nach ihm gefragt. Er eilte zu ihm in ſein Cabinet, wo er nach ſeiner Gewohnheit, wenn die Seele thaͤtig an der Ausbildung eines Plan's arbeitete, mit ſchnellen Schritten und den Händen auf dem Ruͤcken auf und nieder⸗ ging. Er fuhr heftig auf den Sohn los und fragte ſchnell:„Wo treibſt Du Dich herum, — 35— wo biſt Du den ganzen Tag geweſen? ich will es wiſſen!“ Es war das erſte Mal ſut ſeiner Mct in die Heimath, daß er der beſtimmte Gegen⸗ ſtand der uͤbeln Laune des Vaters geweſen, und laͤngſt hatte er ſich vorgeſetzt dem unwuͤrdigen Benehmen männliche Wuͤrde entgegen zu ſtellen⸗ „An ſolchen Orten mein Vater! wo es Kei⸗ nem einfallen wuͤrde in dieſem Tone mit Je⸗ mand zu reden, wenn auch der Jemand ſein Sohn geweſen wäre!“ Er verbeugte ſich und wollte gehen. „Bleib!“ donnerte der Vater, und ſah ihn durchdringend anz endlich verſetzte er gleichmuͤ⸗ thig mit halb laͤchelnder Miene:„Nun! nun! ich weiß wohl woher dieſe Keckheit köͤmmt. Die Jugend glaubt ſogleich, daß ſie Mann geworden, wenn ihr verliebte Grillen im Kopfe ſtecken. Du biſt wohl bei der Couſine geweſen, deren Be⸗ kanntſchaft Du geſtern gemacht?“ „Nein, mein Vater!“ erwiederte Axel erro⸗ thend. „Du errotheſt! Verliebt ſeyn iſt erlaubt bei einem Manne, bei dem wird's läͤcherlich!“ 3 X „Geſetzt, daß ich verliebt ſey,“ entgegnete Axel,„die Kinderſchuhe habe ich doch hoffentlich ausgetreten!“ „Ich moͤchte wohl, Axel!“ fuhr 6 General mit einem durchdringenden Blicke fort,„daß Du ein Mann waͤreſt.— Mein Schwiegerſohn iſt ein Mann!“ Er legte die Hände wieder auf den Ruͤcken, und trat ſeine Wanderung wie fruͤher an. „Guſtav iſt mein Freund! und es heißt: Gleich und Gleich geſellt ſich gern. Mein Vater kann doch wohl nicht davon ſchließen, daß ich kein Mann ſey, weil ich nicht Silfverkron, ſon⸗ dern Ruppin heiße.“ Der General blieb auf ein Mal ſtehen und ſah ihn ſcharf an.„Bube!“ ſagte er heftig; doch gegen ſeine Gewohnheit fuhr er plötzlich, wie beſaͤnftigt, fort:„Mache, daß ich daran glauben kann, daß Du ein Mann biſt.— Graf Silfverkron, jung, nur wenig aͤlter als Du, am Hofe erzogen, hat den Muth gehabt die Gunſt des Königs auf's Spiel zu ſetzen! Haſt Du denſelben?“ „Wie weit der Muth geht weiß man ſelten fruͤher, als in dem entſcheidenden Augenblicke.“ „Wenn ich nun ſagte: heirathe die Gräſin Banner, und der Koͤnig nichts davon hören wollte, was würdeſt Du thun! Weißt Du, daß ich ihr Vormund bin?“ „Ich wuͤrde,“ erwiederte Axel laͤchelnd, ot⸗ gleich mit lautklopfendem Biren„die erſt fragen!“ „Nun! und wenn ſie Ja ſagte!“ „Wenn ſie Ja ſagte, und wir uns liebten, wuͤrde ich darauf bedacht ſehn, wie wir uns de⸗ nen geneigt machen konnten, die uͤber unſer aͤußeres Verhältniß zu gebieten haben, und wo nicht, in wiefern wir ſie entbehren könnten.“ 6 „Axel! Du kennſt doch die Geſchichte Dei⸗ nes Vaterlandes, die Eonſtitution des Reich's, die angebornen Rechte unſer's Standes?“ „Ich glaube, ja, mein Väter!“ ni „Axel! ich frage nicht vergebens! ich auch einen Freund brauchen!“ „Kann der Vater einen treuern haben, als den Sohn?“* „So ſey aufrichtig! Liebſt Du die Gräſin Banner? ich habe wohl bemerkt,“ fuhr er heftig heraus,„wie albern Du Dich geſtern, als ſie 38— erſchien, benommen haſt. Du willſt ein Mann ſeyn, und ſeufzeſt und errotheſt wie ein Roman⸗ held! Pfui Teufel! Liebſt Du ſie?“ „Ich fuhle,“ erwiederte Axel bedenklich,„daß ich ſie lieben könnte!“ „So!“ ſagte der General dumpf, indem er die vorige finſtere Miene annahm, und einen langen duͤſterſinnenden Blick auf ihn heftete; wandte ſich dann ſchweigend von ihm ab, und ſetzte ſeine Wanderung auf und nieder im Zim⸗ mer fort, als wenn er allein waͤre. Endlich unterbrach Axel das Schweigen, und berichtete dem Vater, daß er ſo eben ein Billet von Gu⸗ ſtav vorgefunden, der ihn einlade einige Tage auf einem ſeiner Guͤter— wohin er gegangen war, um die Aufmerkſamkeit von der ſchnellen Ent⸗ fernung ſeiner Frau uukenken mit der Jagd zu verbringen. Der General ſchwieg einige Augenblicke, nach⸗ dem Axel zu reden aufgehört hatte, als erwartete er noch mehr zu horen. Dann ſagte er finſter: „Hm! ich erlaube Dir hinzugehen—“ worauf er ſeinem Aerger uͤber Hedwiga's Widerſpen⸗ ſtigkeit, wie er ihre Abreiſe nannte, und uber die Nachſicht ihres Gemahls, viele und bitttel Worte gab, ohne ſelbſte mit' der kleinſten Anſpie⸗ lung auf die Verhältniſſe des Sohnes zö der Gräſin dzurückzukehren/ bis er zuletzt mit eines raſchen Weüdung vor dem Sohne ſtehen vlicb“ ihn mit denakleinen Augen bedenklich anblinzilte⸗ und ihů mit einem kutzen Schlaf wohl!““ rntließe Beklommen, mit Furcht und Zweifel im Herzen, verließ Axet das Simmer. Er kannte die Eigenheiten des Valsts in deſſen Näht er immer nur kurz gelebt hatte, zu wenig, um wiſ⸗ ſen zu können, daß eins ſeiner beliebteſten Ma⸗ növer darin beſtund, die Leute durch eine Art von Theilnahme eben nicht fehr fein auszuholen, und ſie dabei in der vollſten Ungewißheit ſeiner! eigenen Meinungen und Gedanken zu laſſen. Axel wußte nicht in wiefern, und glaubte noch weniger, vermoͤge des Verhaͤltniſſes in dem der General init der Gräſin zu ſtehen ſchien, daß ſeine Liebe jenem willkommen ſey, und um ſo mehr zitterte er fuͤr dieſe, ja füͤr Ulla ſelbſt, als er nicht das Geheimniß dürchdringen konnte, das zwiſchen Vormund und Muͤndel, wie jenes Aben⸗ theuer in Rom ihn gelehrt, ſtatt fand. Mit ſolchen Empfindungen erreichte er ſein Zimmer, wo er die Kerzen brennend gelaſſen. Man denke ſich ſein Erſtaunen, als er, ſo wie er eintrat, den General in dem Nachtkleide, das er ſo eben getragen, an ſein Pult gelehnt erblickte, die ſtarren Blicke darauf heftend, als vermochten ſie durch das Bret zu unterſuchen, was in den Faͤchern verborgen war, Ohne ei⸗ gentlich an die Unmöglichkeit zu denken, daß der Vater ihm unbemerkt haͤtte vorbeieilen kön⸗ nen, blieb er, ihn betrachtend, ſtehen, als wolle er abwarten, daß dieſer ihn anrede, doch mie jeder Sekunde, ſo wie er ſich mehr beſann, be⸗ mächtigte ſich ſeiner ein unheimliches Gefuͤhl, er wußte ſelbſt nicht ob er wache oder traͤume, und unwillkührlich raſch mit der Hand uͤber die Au⸗ gen fahrend, als ſehe er nicht klar, richtete er die Blicke wieder gerade vor ſich hin— alles zeigte ſich wie gewohnlich, nur die cn war verſchwunden⸗ i Er war eben im Begriff zu— als er ſich plotzlich ſeines Aberglaubens ſchämte, in⸗ dem es ihm ſchnell wahrſcheinlich wurde, daß ihm die Phantaſie einen aͤhnlichen Streich, wie — 41— auf Wörkna geſpielt, wo er die Geſtalt ſeinen Mutter zu ſehen geglaubt hatte; doch in der Stille der Nacht konnte er nicht umhin ſich zu freuen, daß er vielleicht von einer richtigen Ah⸗ nung geleitet, den geheimnißvollen Brief. . untergebracht hatte.„ Um die Geſinnung des Vaters auf die pe zu ſeles, aber noch mehr der Sehnſucht ſeines mehr als je bewegten Herzens nachgebend, ſtattete er noch vor ſeiner Abreiſe, der Höflichkeit durch⸗ aus gemäß, einen Morgenbeſuch bei der Tante ab. Sie nahm ihn zuvorkommend und geſprächig genhg an, aber Ulla wurde nicht ſichtbar, und die Erwiederung der Tante, auf ſeine beſorgte Nach⸗ frage, drehete ſich ſo eng und verlegen zwiſchen Drang ſich mitzutheilen, und Pflicht, nichts aus⸗ zuplappern, daß Axel nicht herausſinden konnte, ob wirklich⸗ eine kleine Unpäßlichkeit, oder bloß uͤble Laune Ulla in ihren Zimmern zuruͤckhielt; wenigſtens verließ er nicht ohne einen Anflug der Letztern das Haus, und in derſelben Stunde die Reſidenz. Beide Freunde verlebten mehrere Tage zuſam⸗ men unter Jugendgefährten aus der Nachbarſchaft, die in politiſcher Hinſicht hochſt geſpannt auf die naͤchſte Zukunft waren! Eine größereAnnähe⸗ rung als ſeit Jahrhunderten hetrſchte zwiſchen Adel, Bürger und Bauernſtund“ Es ſchien, als wäre der erſte geneißt, auf den größten Theil ſeiner Vorrechte Verzicht zu leiſten, welche doch unter den jitzigen Verhältniſſen mehr läſtig als vortheil⸗ bringend waren, um den andern Staͤnden es dadurch einleuchtender zu machen, daß diesſchönen Worte von Freihrit, die der Konig immer im Munde führte, nur Syrenengeſänge wären, die Nation uber das Netz zu täuſchen, das ik nach der Ueberzeugung der aufgeklärteſten Männer des Landes ſtraffer und ſtraffer um ſie zuſammenzog⸗ Aber die lauten Aeußerungen der Seit⸗könnin nur, in ſofern ſie Einfluß auf die innern Geſinnungen des kleinen Kreiſes, deſſen Schickſale dieſe Blaͤtter aufbewahren, hatten, ein Gegenſtand unſerer Be⸗ trachtung ſeyn. Und ſoriſt es genug zu beme n, daß beide Freunde, die ihre Nation, ihr Vater⸗ land, und beider angeſtummte Rechte über Alles liebten, und dieſe behaupten zu muͤſſen glaubten, ſich unter gleichgeſinnten Freunden nicht ſcheueten, ſich Gefühlen hinzugeben, die ihren Herzen wohl thaten, obgleich ſie, in das Leben getreten, ihre Pflichten, ja ſelbſt ihre klare Ueberzeugung vielleicht verletzt haben wuͤrden. Dieſe Empfindung ſprach ſich zwar weniger deutlich bei Axel aus, der gewiß dem Freunde ſeine neuen Hoffnungen ohne Vor⸗ behalt mitgetheilt haben wuͤrde, wenn nicht das geheime Mißtrauen in die Geſinnungen ſeines Va⸗ ters ihm doppelt fuͤhlbar geworden wäre, in der ſonderbaren Scheu, dem ſchlecht verhehlten Un⸗ muthe, womit der Freund, wie es ihm vorkam, immer gefliſſentlich das Geſpraͤch von und auf die eigene Gemahlin lenkte. Axel hatte ganz recht; doch ſah er nicht, daß das Herz ſeines Freundes noch zweifelhafter und zerriſſener ſich fühlte als das ſeine, deſſen Hoff⸗ nungen in dieſem Augenblicke nur von den dun⸗ keln Nebeln verhuͤllt waren, die von der Fiaſe ab ſein Leben umgeben hatten. hil Guſtav hatte gerührt mit wahrer Fnoſhoft ſich von Hedwiga getrennt. Er hatte, waͤhrend er ihr das Geleite gab, ſelbſt eine Wärme, ein Feuer nicht hervorgelogen, fondern durch die klare Vor⸗ ſtellung alles deſſen, was er ihr ſchon zu danken hatte, hervorgekämpft, und da deſſen ungeachtet, 1 als er ihr aum Lebewohl geſagt, ſeine Gedan⸗ ken— wie eine elaſtiſche Feder, die plötzlich los⸗ gelaſſen wird— zu Ulla zuruckſchnellten, da er in dem erſten Augenblicke ſeines Alleinſeyns ſich frei und die Bruſt wie von einer ſchweren Laſt befreit fuͤhlte— erſchrack er vor ſich ſelbſt. Er bemuhete ſich, ſeine Gemahlin in ſeiner Vorſtel⸗ lung feſt zu haltenz aber dieſe Bemühung war nicht wohlthätig für ſie. Ich habe redlich das Meine gethan— ſeufzte er mehr als ein Mal bei ſich ſelbſt— ich bin ihr freundlich, liebreich, warm entgegengekommen— aber ſie iſt kalt.— Ich ſpreche nicht von ihren harten, unfreundli⸗ chen Geſichtszugen, nur von ihrer Seele.— Ich, mein Inneres, meine Ruhe iſt ihr gleichgültig, ſonſt wurde ſie mich nicht verlaſſen haben, ſonſt würde ſie einſehen, daß ihr Umgang mir meine Pflicht, alles was ich meinem Worte, meinem Willen, was ich ihr ſchuldig bin, lebendiger vor die Seele rufen muͤßte. Es iſt mir ja nothwen⸗ dig, ihren klugen, verſtändigen, klaren Worte zu lauſchen, mich ihrer Gewandtheit, alles Unange⸗ nehme zu entfernen, zu erfreuen— ſtatt deſſen ihre Entfernung mir nur ihr Sh weſt kaͤl⸗ ter und greller vormalt.— vz* Guſtav irrte ſich. Er legte der ennun mit Unrecht eine Eigenſchaft bei, die er vielmehr Ulla's Reizen zuſchreiben mußte, und er bedachte nicht, daß eben ſeine gefliſſentlichen Bemuͤhun⸗ gen um Hedwiga ihr nur als Abſicht erſcheinen könnten, und Abſicht iſt der Liebe ſchlimmſtet Feind.— Uebrigens war es auch ihm, obgleich nicht ſo deutlich wie Axel, vorgekommen, daß ſeine Gemahlin eine entfernte Aehnlichkeit mit jener verruchten Finnfrau habe, und dieſe Vor⸗ ſtellung, von der er ſich nicht loswinden konnte, führte jedesmal gegen ſeinen Willen mit ſchnei⸗ dendem Contraſt Ulla's liebliche Zuͤge vor ſeine Augen. Kein Wunder alſo, daß er, deſſen in⸗ nerſtes Gemuth ſchon feſt an den Angelegenhei⸗ ten des Vaterlandes hing, um die unruhigen Wellen des Herzens im Zaume zu halten, deſ⸗ ſen ſtuͤrmiſches Klopfen er nur zu gut verſtand, bald heiter und bald ernſt die politiſchen Verhält⸗ niſſe der Gegenwart mit Huͤlfe ſeiner jugendlich kuͤhnen Umgebung zu ergründen ſtrebte. — 46— Fruͤher, als ſie gedacht, gingen dieſe frohen zu Ende. Eine von Se nis Brief, von dem das. nur folgende lakoniſche Worte vom General enthielt: „Fürſtendiener, Dich ruft der Dienſt!““ Die Einlage war ſeine Ernennung als Hauptmann in der Garde. Wie unerwartet auch dieſe neue Leſini kam, freuete es ihn doch, ſo wie auch ſeinen Freund, ſich in offentliche Thätigkeit verſetzt zu ſchen, obgleich die beiden Juͤnglinge, ſo wie die ganze Nation, die gegenwärtigen Kriegsruͤſtungen als verderblich fur das Land anſahen. Selbſt Guſtav trieb auf die Ruckreiſe. 1 Angekommen in der Hauptſtadt, war Axels erſtes Geſchäͤft ſich bei dem Koͤnige zu melden⸗ Er wurde ſogleich vorgelaſſen⸗ Der König nahm ſeine dankbaren Worte huldreich auf. Dann ſah er ihn mit dem wohl⸗ vekannten hinreißenden Blick an, der nicht allein ſein blaſſes, ungleiches Geſicht verſchönerte, ſon⸗ dern nur ſelten einen zu allem überredenden Ein⸗ — druck guf deſſen—— den er 6 ¹5 . nu im 13„Nicht ehloehithber inig3n Ihr Schwager, Graf ja Ihr S tnztni. „In des Wertes ti Soutun.“ „Und Ihre Hand iſt, wie Sie mir vor Kur⸗ zem geſagt, frei?“ S „So iſt es, Ew. Majeſtaͤt!“ n Sie koͤnnen Ihrem Freunde emmn einen Dienſt leiſten⸗““ 5. „Mit der groͤßten Freude.“ „In ſofern Sie mir vergeſſen machen, daß die Fürſorge, die ich fuͤr ſein Wohl hegte, durch Ihre Schweſter kompromittirt wurde.— Ver⸗ ſchweigen Sie fuͤr immer jene Scene, wovon Sie Zeuge geweſen, und Sie die Graͤ⸗ fin Banner!“ „Ew. Majeſtat!““ Das plötzliche Verſtummen Ares, k ſeint kühnſten Wuͤnſche ſo gelaſſen von dem Munde des Königs zugeſagt wurden, ſein Mangel an dau⸗ genblicklicher Faſſung, ſchien von dem Gebieter mißverſtanden zu werden. Seine Wangen rö⸗ theten ſich wie vor innerem Groll. Er. ſcharf und durchdringend an. — Ew. S* en Si un „Keine! Obgleich ich nicht weiß, wie mein Vater daruͤber denkt, hoffe ich—“ „Seyn Sie deswegen ruhig,“ verſetzte der König lächelnd,„und trauen Sie dieſem Zeug⸗ niſſe mehr als tauſend geſchwaͤtzigen Geruͤchten.“ Er holte ſchnell ein Blatt von ſeinem Schreib⸗ tiſche und reichte es Axel hin⸗ Dieſer die Hand ſins Vattts und las: „Es freut mich Gelegenheit gefunden zu ha⸗ „ben, Ew. Majeſtät den kraͤnkenden Verdacht be⸗ „nehmen zu können, als ob ich in der Gräfin „Banner nicht bloß eine Muͤndel, ſondern zu⸗ „gleich eine Tochter erzogen; ich habe dieſe ver⸗ „ehrte Dame ſchon laͤngſt meiner Aufſicht ent⸗ „laſſen, als ich erfuhr, daß ſie mit der Sorg⸗ „falt Ew. Majeſtät beehrt worden war. Daher es meine Schuldigkeit ihrem 3 Ver⸗ „ſorger anzuzeigen, daß mein Sohn mir ſeine „Neigung fuͤr die Graͤſin eroffnet hat; kömmt „es mir auch nicht zu, Anſpruch auf eine ſolche „Verbindung machen zu durfen, beeile ich mich „doch, in ſofern Ew. Majeſtaͤt ſeine Hand der „Graͤfin nicht unwerth finden, feierlichſt zu er⸗ „klären, daß von meiner Seite mir nichts be⸗ „kannt iſt, das einer ſolchen Verbindung in dem „Wege ſtehen könnte.“ „Die Geſinnungen meines Vaters ſind auch die meinen,“ aͤußerte Axel ſo lebhaft als der An⸗ ſtand es geſtattete, während er dem Si chr⸗ erbietig das Blatt zuruͤckgab. „So theilen Sie der Graͤſin Ihre Empſin⸗ dungen mit,“ entgegnete der Koͤnig laͤchelnd, „und glauben Sie Huͤlfstruppen nothig zu ha⸗ ben, ſo berufen Sie ſich nur auf mich.“ Axel war entſchloſſen. Freudetrunken wollte er ſogleich zu Ulla's Fuͤßen eilen, doch beſann er ſich. Er brauchte Faſſung. Wo konnte er beſ⸗ ſer, wo ſchneller ſeine Begeiſterung kuͤhlen, als in dem väterlichen Hauſe, und nach dem, was ſeine Blicke ſo eben geleſen, nahm er auch keinen I. 4 Anſtand, dem General den Willen des Koͤnigs mitzutheilen. „Nun!“ rief dieſer, ihn wie gewöhnlich mit den kleinen ſtechenden Augen anblinzelnd:„und Du haſt wohl unbedenklich die zur Braut an⸗ genommen, die Dein braver Freund aus der Hand des Königs verſchmähte?“ „Er kannte ſie ja nicht, mein Vater! Meine Furcht iſt nur, daß ſie mich verſchmähen wird.“ „Ungerathner Knabe!“ ſtürmte der Vater mit der größten Hitze plötzlich auf ihn ein: „Wie ungleich biſt Du Deinem Freunde! Die Freude würdeſt Du mir nicht gönnen, des Kö⸗ nigs Pläne noch ein Mal vereitelt zu ſehen; kannteſt Du meinen Willen? kennſt—2“ „Mein Vater! ich vergaß nicht, was ich Ihrem väterlichen Anſehen ſchuldig bin,“ fiel Axel ihm raſch und ruhig in die Rede:„der Koͤnig aber beruhigte mich daruͤber durch ein Schreiben von Ihrer eigenen Hand.“ „So!“ brummte der Vater mit einem ſauer⸗ ſüßen Lächeln, das doch ſogleich in auffahrende Heftigkeit uͤberging:„Blinder Tropf! nur an 51— 2 meine Worte ſollſt Du glauben! Kennſt Du meine Abſichten, meine geheimen Anſchläge?— Wenn Mlla nun doch meine Tochter ware?“ Axel verſtummte. Doch plotzlich, alle Rück⸗ ſichten vergeſſend, rief er außer ſich:„Nein! nein! das iſt ſie nicht!— habe ihren Va⸗ ter geſehen!—“ „Du kennſt ihn?“ rief der General entſetz. „Ich habe ihn geſehen.— Chriſtian, der von ſeinen Haͤnden ſiel, hat mir ihn genannt.“ „Wie!“ fuhr der Vater ebltichend fort? „das weißt Du? das muß ich jetzt erſt von Dir innt— Er hat Chriſtian ermordert, und Du warſt in Rom— nahmſt nicht ſogleich blutige Rache— und 3 geſ ſchwiegen!— Nun warte!“ Axel, der ſchon ſeine Uebereilung eingeſehen, bemuhete ſich, ſich zu faſſen. Es gelang ihm beſſer, als er gedacht.„Vater!“ rief er,„ich habe geſchwiegen, weil ich nichts wiſſen will, und in der That ich weiß nichts. Den Mann, den ich meine, kenne ich nicht ein Mal, wenn ich ihn wiederſehe. Der Sterbende, auf den ich 4* zufällig in Rom ſtieß, hat mir nur ſo viel, und nichts mehr geſagt.— Nichts weiter von dieſer Sache, ich will meinen Vater ehren ſo lange ich kann.— „Weiß Ulla?“ fragte der General raſch. „Kein Wort, auf meine Ehre!“ „Hm!“ verſetzte der Alte, noch nach Faſ⸗ ſung ringend,„der Böſewicht, den Du dort ſaheſt, w war nicht Ulla's Vater.“. „Ich will nichts anders wiſſen, als daß ſie nicht Ihre Tochter ſey, mein Vater!“ „Nun!“ erwiederte dieſer, ſeine väterliche Wuͤrde in einen ſcharfen Blick ſammelnd:„Du haſt ja mein Schreiben geleſen! Geh' und thue was Dir gefaͤllt!“ Er wandte dem Sohne den Ruͤcken, um ihn uͤber den Ausdruck ſeiner Zuͤge in Un⸗ gewißheit zu laſſen. Allein Axel war weder un⸗ gewiß noch unbeſtimmt; das Erſchrecken des Va⸗ ters hatte ihm genug geſagt. Doch nur tief ſchaudernd vor dieſem immer dunkleren und ver⸗ worrenern Raͤthſel uͤberließ er ſich nur verſtimmt und tief verletzt der Hoffnung, die ihm winkte, und naͤherte ſich ſo dem Hauſe der Tante, um alle dieſe Gefuͤhle in die ſuͤße Wirklichkeit zu verſenken. Aber Ulla ſollte ihm nicht mehr mit der unbeſchreiblichen Anmuth eines freien und heite⸗ ren Herzens begegnen.— „ Dhn die Urſachen aufzuſuchen, die am näch⸗ ſten den entſcheidenden Moment herbeigefuͤhrt, ſey es genug zu bemerken, daß Ulla von dem Augenblicke, da Guſtav's Blicke den ihrigen be⸗ gegneten, ſich in einem krankhaften, ſinnverwir⸗ renden Fieberzuſtande befand. Das heitere uͤber⸗ muͤthige Mädchen, das mit mitleidigem Laͤcheln die vornehme und glaͤnzende maͤnnliche Jugend dem Glanze ihrer Blicke und den Strahlen ihres Witzes, ſo wie auch ihre ſogenannten Freundin⸗ nen den Reizen jener Jugend unterliegen geſehn, fuhlte ſich zum erſten Male und von dem be⸗ zwungen, der nicht allein die gehaͤſſigſte aller ihrer Geſpielinnen gewählt, ſondern ſelbſt, obgleich un⸗ gekannt, ihr in ſtillen Träumen zum Gemahl aus⸗ erſehen geweſen. Stolz, um ihn zu beſiegen, — 55— um ihres Triumphes zu genießen, war ſie ihm entgegen getreten, und nun mußte ſein Anblick ihr das Gefuͤhl eines Verluſtes einflößen, das ihr das Blut im Herzen ſtocken machte. Mit dem größten Aufwande von Selbſtbeherrſchung bie ſie in Hedwiga's Salon den inneren hef⸗ tigen Kampf aus, ohne doch die Kraft zu be⸗ ſitzen, ſich ſelbſt durch ſchnelle Entfernung zu Huͤlfe zu kommen. Erſt als der Beſuch ſich weit uͤber die ſchickliche Zeit verlaͤngert, wagte die Tante, die lange ein Zeichen zum Aufs bruch von Ulla vergebens erwartet, ſich zu gleicher Zeit mit dem Generale zu erheben. Ulla warf ihr zwar ſchnell einen zornigen Blick zu, allein ſie mußte folgen, und zugleich ihre ganze Kraft zuſammennehmen, um dem Grafen Guſtav, in deſſen Arm der ihrige lag, ihr Sittern zu ver⸗ bergen. Allein kaum befand ſie ſich im Wagen, als ſie zuſammenbrach; ihr Stolz aber geſtattete ihr nicht der Tante den wahren Zuſtand ihres Her⸗ zens merken zu laſſen. Sie gab ein heftiges Zahnweh vor, und bat nur die geſpraͤchige Be⸗ gleiterin, die von tauſend Bemerkungen über⸗ — 56— ſtrömte, kurz, zu ſchweigen. In ihrem Zimmer eingeſchloſſen, wußte fie in ihren ſtillen Betrach⸗ tungen nicht recht, auf wen ſie ihren Unmuth hinwenden ſollte. Sie gquaͤlte ſich den inneren Zuſammenhang herauszufinden; zwar hatte der General, der uͤbrigens in der letzten Zeit ſeine Schweſter wieder geſehen, Worte fallen laſſen, worauf ſie doch nicht bauen durfte, weil ſie ihm nicht glaubte. Von dem Könige hatte ſie noch immer nichts gehört. So viel war ihr nur klar, daß ſie von ihm, von dem Finnweibe getäuſcht war. Von dem Finnweibe!— Da ſiel ihr das zerriſſene Tuch ein. Sie ſuchte es eilig hervor, und legte es vor ſich hin.— Sie betrachtete es, als waͤre es ein Gemälde, und ſonderbar genug, es war, als nähme die Leinwand, ſelbſt das kleine G. S. ſeine Zuge an, ſie ſtanden jedem andern, nur ihr nicht, unſichtbar auf der weißen Fläche; und noch mehr, es war als rötheten die wenigen Blutstropfen darauf ſich immer fri⸗ ſcher, als ſtrebten ſie auf gegen ihre Lippen, als ſenkten ſie ſich in ihr Herz. Sie fuͤhlte es immer ſtärker klopfen.— Aber trotz allem was vorge⸗ fallen, war es ja doch ſein Tuch, ſein Namens⸗ zug— ſein— das empfand ſie tief im Inneren — ſein Blut!— Nein! Die Alte hatte ſie nicht getäuſcht, im Gegentheile, ſie hatte währ geſpro⸗ chen; es war ja doch die Abſicht des Königs da⸗ mals geweſen— wie ging es denn zu, daß der, an den ſie— ſo wie die Frau vorhergeſagt— nun unaufhörlich denken, deſſen Blut ſie faſt anbeten mußte, deſſen Namen das vor ihr lie⸗ gende Tuch ſie alle Augenblicke ſelbſt laut zu wiederholen daß dieſer Mann ſich einem unbedeutenden, von ihr verachteten, auch genug“ mißhandeltem Weſen hingegeben 2 An Axel dachte ie nicht mehr, und eine bitt're, unerklärliche, hoͤchſt unangenehme Empfindung durchdrang ihre Bruſt, als die Tante ihr den folgenden Morgen ſeinen Beſuch anzeigte. „Sehen Sie denn nicht!“ rief ſie verdrieß⸗ lich,„wie krank und häßlich ich heute bin!“ und doch ſaß ſie ſchon in einem, mit vieler Um⸗ ſicht erwählten, Morgenkleide beinahe geputzt auf dem Sopha. Obgleich es der Sitte nach offen⸗ bar zu fruͤh war, hoffte doch Ulla vei jedem vor⸗ üͤberrollenden Wagen ganz leiſe, daß es Hedwiga, — 58— und mit ihr Guſtav ſey; denn ſie konnte ſich nicht vorſtellen, daß die Couſine wirklich die Stadt verlaſſe, ohne erſt einen Gegenbeſuch bei ihren Verwandten abzuſtatten. Es verdroß ſie einige Augenblicke ſpaͤter, daß ſie Axel nicht angenommen hatte, als ſie von der Tante die ſchnelle Abreiſe des jungen Ehe⸗ paares erfuhr.— Er hätte ihr doch vielleicht etwas von dieſem, von Guſtav berichten koͤnnen, von dem das Unbedeutendſte ihr wichtig geworden war, ſo wie auch er ſelbſt als Freund Gu⸗ ſtav's einen neuen Werth in 1 ren Augen be⸗ kommen. Zu ihrem groͤßten Verdruſſe erfuhr ſie, daß auch er abgereiſt war. Das Ziel ihres ge⸗ heimen Groll's wurde nun die arme Tante, die obgleich wie immer geſprächig genug, doch unbe⸗ kannt mit dem, was in Ulla's Innern vorging, den Gegenſtand immer verfehlte, von dem ſie allein etwas hören mochte. So fuͤhlte ſich das heftige Maͤdchen mehrere Tage hindurch von in⸗ nerer Unzufriedenheit immer mehr aufgerieben, als ſie eines Morgens folgenden Zettel von dem Ko⸗ nige erhielt: „Die ſchoͤne Gräfin Banner wird meiner „Lage verzeihen, daß aͤußere Umſtände mich bis⸗ „her verhindert haben, das Geluͤbde, welches ich „ihr abgenommen; ihre Freiheit zu bewahren, „wieder aufzuheben. Moge der Ritter, der ihr „noch heute die Wuͤnſche ſeines Herzens eroͤffnen „wird, mit ſo inniger Freude Erhoͤrung erlan⸗ „gen, als die iſt, welche die Gluͤckwuͤnſche her⸗ „vorriefen, womit ich ein ſo viel Gluͤck verſpre⸗ „chendes Band begleiten werde.“— ulla hatte dies Blatt ganz ahnungslos geöff⸗ net, in dem Gedanken, eine feingeſtellte Entſchul⸗ digung des vereitelten königlichen Entwurfs zu finden, und fuͤhlte ſich um ſo unangenehmer über⸗ raſcht, als der Inhalt gar keine Aenderung, nur eine Verſpätung der Erfuͤllung ſeiner Abſichten verrieth.— Nie hatte ſich ihr Stolz ſo gedeh⸗ muͤthigt gefuͤhlt! Sie hatte, obgleich ſelbſt ver⸗ ſchloſſen und intriguant, doch auf eine offne, unumwundene Erklaͤrung von der Seite des Koͤ⸗ nigs gerechnet, der ſie mit Wuͤrde hätte begeg⸗ nen koͤnnen, ſtatt deſſen ſie ſich nun als einen Gegenſtand erblickte, den man, um ihn nur los zu werden, dem Erſten dem Beſten aufgedrungen hatte. Ihr ſchwankender Unmuth wandte ſich in dieſem Momente, in dem alle ihre vor Kur⸗ zem von einer glänzenden Sonne beleuchteten Hoffnungen verwelkt und vernichtet zu ihren Fuͤ⸗ ßen lagen, mit Bitterkeit gegen den Koͤnig. Sie ſann nur darauf, wie ſie ihn in ſeinem Abgeſand⸗ ten recht verwunden koͤnnte. Da wurde ihr Axel angemeldet. Sie nahm ihn nach kurzem Bedenken an. Es fiel ihr zwar mit keinem Gedanken ein, daß er der von Oben begunſtigte Bewerber ſey, um ſo mehr, als ſie das Verhältniß ſeines Vaters zu dem Konige vermoge der neueren Ereigniſſe ſogar verſchlimmert glauben mußte; allein er war von Guſtav zuruͤckgekehrt, ſie hoffte etwas von dieſem zu hoͤren, ja vielleicht konnte ihr durch Axels Vertrauen das Raͤthſel gänzlich gelöſ't werden. Sie bezwang einen aufſteigenden Seufzer, und nahm ihn mit einem Lächeln auf, das ſich doch bald zu lebhaftem Erſtaunen verzog, als ſie ſein ſtuͤrmiſches Betragen, ſeine brennenden Blicke be⸗ merkte, die entzuͤckt und doch ängſtlich die ihrigen zu durchdringen ſuchten. „Endlich,“ rief er, als er ſich mit ihr allein ſah, waͤhrend er ſich ſchnell zu ihren Fuͤßen warf: „endlich darf ich Ihnen laut und offen die Ge⸗ fuhle bekennen, die Ihnen jedoch längſt kein Ge⸗ heimniß ſind. Ulla! kein dunkles Verhängniß tritt zwiſchen uns mehr; in Ihren Haͤnden gllein liegt mein Glüͤck. Die Zuſtimmung meines Va⸗ ters habe ich, und die Wuͤnſche des beglei⸗ ten mich hieher.“ „Des Königs?“ rief faſt außer ſich die er⸗ ſtaunte Ulla, die nun erſt die ſchimmernde Uni⸗ form der Garde, die er zum erſten Male trug, auffiel.„In der That!“ fuhr ſie mit doppel⸗ ſinniger Bitterkeit fort, deren Stachel nur ihr eignes Inneres verwundete;„ich ſehe, Sie haben zu ſeiner Fahne geſchworen. Stehen Sie auf Baron! Des Konigs Protegée darf ſich nicht erniedrigen!“ „Horen Sie ihn nicht in mir,“ nahm Axel etwas hetroffen das Wort wieder.„Sehen Sie nur den geringen aber treuen Axel Röhr vor Ihnen, der zwar mit keinem größeren inneren Recht, wiewohl mit einem aͤußeren Glanz, dem Ihren wuͤrdig, Sie auf eine Liebe hinweiſen — 62— darf, die in Rom entzündet, noch im Norden fortbrennt.“ Dieſe Erinnerung gab Ulla Haltung und Be⸗ ſonnenheit wieder, indem es ihr ſogleich einfiel die Gelegenheit zu benutzen, um wo moöglich die Geſchichte jener Nacht, der ſie Guſtavs Tuch zu verdanken hatte, zu erfahren, welche die Freunde wahrſcheinlich gemeinſam verlebt hatten.— „Und wollte oder vielmehr durfte ich damals Ihr Geſtaͤndniß anhören?“ fragte ſie ernſt.— „Sie wiſſen, daß der Anfang meines Lebens mir noch in einen truͤben Schatten verhuͤllt erſcheint? Ich trage noch dieſelbe Antwort auf der Zunge, wie im Herzen. Bleiben Sie mein Freund.— Wer buͤrgt Ihnen dafür, daß nicht das Ein⸗ greifen des Königs in mein Schickſal ein neues Unheil ſey, dem ich behutſam und klug vorbeu⸗ gen muß.“ „Scheint nicht vielmehr dies Eingreifen, das nur Ihnen laͤngſt bekannte Gefuͤhle begünſtigt, auf eine ruhige, ungetruͤbte Zukunft zu verweiſen? ein Eingreifen, das alles Unheildrohende von der — Seite meines Vaters beſeitigt! Hat nicht unſer ſonderbares Zuſammentreffen Sie recht deutlich — 63— belehrt, daß Sie auf mein Herz bauen können. — Kennen Sie eins, das feſter an hängt?“ „Nein!“ erwiederte Ulla ſm dieſer Frage ſchmerzlich getroffen, eben weil ſie dadurch an den denken mußte, von dem ſie nur dieſe Frage mit Entzucken gehort haben wuͤrde.„Nein! Aber wenn Sie mich nun als Ulla eben ſo wenig kennen, wie ich Sie als Axel Röhr gekannt, wenn ich einen Namen trüge, der— glauben Sie Baron! die Zeit iſt noch nicht da, an der ich Uber meine Hand beſtimmen darf.— Weß weiß, warum der Konig ſo draͤngt, es iſt nicht das eſr Mal.“ „Ich weiß es!“ uf Axel mehr ehrlich als klug.£ „Sie wiſſen es?“ verſetzte Ulla erbleichend. „Nun ſo ſehen Sie auch ſogleich ein, daß ich Ihre Hand ausſchlagen muß.“ „Muß!“ ſeufzte Axel ſchmerzlich,„und warum? Wir ſind leider von ſo vieler Dunkel⸗ heit umhüllt, daß wir an das Dunkle glauben müſſen. Vertrauen Sie nicht, Gräſin! der Furcht in Ihrem Innern, die mich verwirft.— Wir — 64— ſind fuͤr einander beſtimmt. Es ſteht in meiner Hand geſchrieben. Verzeihen Sie meiner Zuver⸗ ſicht; wenn nur nicht Ihr Herz nn will ich, muß ich Sie erringen.“ „Erringen?“ Ulla, in deren Gedaͤchtniß die Wahrſagung der Finnfrau bei die⸗ ſem Worte grell und feindlich hervortrat.„Sie haben ſich doch nicht wahrſagen laſſen.— Wohlan, geben Sie mir Ihre Hand! ich will auch meine Kuͤnſte zeigen, und Sie ſollen aus meiner Wahr⸗ ſagung der Vergangenheit haarklein einſehen, daß wir Beide getaͤuſcht ſind.“ In der Abſicht ihm ſein muthmaaßliches Zu⸗ ſammentreffen mit der Finnfrau in jener Nacht dunkel und erſpahend vorzumalen, ergriff ſie, nicht ohne tiefen Unmuth uͤber ihn, den Koͤnig, das Finnweib, ſich ſelbſt und ihre Leichtgläͤubigkeit, mit bitterer Ironie ſeine Hand, legte dieſe, ſo wie ſie von jener Frau geſehen, flach ausgeſtreckt in die ihrige, und ſtrich mit der Rechten ſeine Frack⸗ und Hemd⸗Ermel etwas höher auf.— Da, auf ein Mal, ohne an jene Weiſſagung der Alten, deren falſche Ausſage ſich ja ſchon durch das Tuch bewaͤhrt hatte, zu denken, blitzte ihr die Erfuͤllung entgegen in den drei kleinen Kronen, die ſie übet Axels Puls erblickte.„Gott!“ rief ſie und ließ ſeine Hand betroffen los. Iſt es moglich! rief der Jüngling auh ſich.„Sie kennen auch dies Zeichen, das ich bis vor Kurzem immer fur zufaͤllig und unbedeutend gehalten habe; ſollte dies, wie ich nun glauben muß, wirklich in Verbindung mit Ihrem Schick⸗ ſal ſtehen. Jal ich will es nicht leugnen, ein Finnweib, mit dem ich in der Dunkelheit der Nacht zuſammentraf, hat bei deſſen Anblick mir die Hand eines Weſens zugeſichert, das ich liebte, und an deſſen Wiege ſie geſtanden haben wollte. — Dieſe Zuſage iſt freilich neu, aber dies Zeichen iſt alt, und unſer Zuſammenfinden in Rom war eht hoͤhere Beſtimmung. ua fuͤhlte bei der Erwähnung jenes Weibes nen glühen, kaum vermochte ſie Axels durchdringenden Blick auszuhalten. Mußte den⸗ noch der König ihr den zufuhren, an deſſen kro⸗ nengeſchmuͤckter Hand ihr eine Hoheit verhießen war, die durch den Glanz einer anerkannt hohen Geburt noch verherrlicht werden ſollte. So traf der erſte Theil der Erfüllung punktlich ein, in III. 5 — 66— dem Augenblicke, wo ſie ſich durch ein freches Gaukelſpiel verrathen und getauſcht glauben mußte. Ja— Liebe nur, keine Nebenabſichten hatten ihn zu ihren Fußen gezogen, und ſie, nein! ſie liebte ihn ja nicht; ein dunkles Weh, ein ſchwermuͤthiges Gefuͤhl durchfuhr ihr Herz— aber ihr Unmuth gegen ihn war verſchwunden⸗ Sie warf einen Blick auf Axel, der auszudruͤcken ſchien: ich kenne Deine Leidenz aber ihn mit Worten zu erwiedern, vermochte ſie nicht⸗ „Ich habe vieles zu pruͤfen und zu erwaͤgen,“ fluͤſterte ſie endlich mit niedergeſenkten Augen und einem ſanften Handdrucke.„Ja, Axel! Sie ſind⸗ in meine Dunkelheit verwebt. Laſſen Sie mir Zeit mich zu faſſen, und bleiben S mein Freund!“„ 12o2 Kaum war ſie allein, als ſe ſich in na Ze warf und alle Bilder der raͤthſelhaften Vergangenheit ihrer Seele pruͤfend voruͤbergehen ließ. Das alte, ſtolze, in der letzten Zeit ſo ſchonungslos niedergedruͤckte Gefuͤhl erfullte auf's Neue ſchwellend ihr Herz, und draͤngte in dem erſten Augenblicke die aufſtrebenden Flammen der jungen Liebe in einen kleinen Punkt zuruͤck, der — 7— nur mitunter als ein kaum bemerkter Stachel ihr einen halb unbewußten Seufzer abpreßte. Die gedäͤmpften Träume ihtér kranken Phätaſte ſchnellten ſie iit elaſtiſcher Gewalt zu ihrer vori⸗ gen Höhe und Deutlichkeit hinaufz ja ſie wären durch den Anblick des leiblichen Zeichtus, das ihr in traumaͤhnlicher Dämmerung verhießen war, beinahe ſchon zur Witklichkeit geworden. Eih Jüngling, der ſie liebte, der ihr ſchon Proben ſtinir Anhunglichkeit und Treut gegeben, det ihteh⸗ wegen vielleicht ſchon Blüt vetgöſſen— denn ein leiſer Verdacht regte ſich in ihr, daß et einen größeren Antheil an Chriſtian's Tode gehabth als er ihr anvertraut; diefer Jüngling wurde iht nui durch die geheimnißvolle Führung des Geſchicke, von dem Feinde ſeintr Fämille in die Atme heb leitet, von dem, durch deſſen Untergang ihr viel⸗ leicht der Glücksſtern zrſt aufgehen ſollte““Sit ſtutzte bei dieſem Gebanken.— Zum erſten Male wandte ſich ihr Blick zu den ſchleichenden poli⸗ tiſchen Gaͤhrungen ihres Väterlandes, auß? die dunkle Verzweigung, deren Spuren und Zeichen ſie zwar bemerkt, aber ſie noch keines aufmerk⸗ ſamen Blicks gewürdigt hatte.— Es war ihr⸗ S 5 als ſähe ſie ſich durch dieſe Vorſtelungen in eine neue Welt eingeführt, in der ſie faſt wie geblen⸗ det die einzelnen Erſcheinungen noch nicht recht unterſcheiden konnte; doch fuhlte ſie tief, daß ſie darin eine glänzende Rolle ſpielen muͤſſe. Ueber dieſen Betrachtungen vergaß ſie ihre Zolletez und ihre Frauen, die ihre Launen und Blicke auf ihre Manier zu deuten wußten, wag⸗ ten nicht ſie zu ſtören. So war ſie gezwungen, gegen ihre Gewohnheit, an der einſamen Tafel der Tante im Morgenkleide zu erſcheinen, aber ein Demantglanz leuchtete zum erſten Male ſeit laͤnge⸗ rer Zeit wieder aus ihren Blicken, und ein Far⸗ benſchmelz der heiterſten Geſundheit aus ihren Zuͤgen, obgleich ſie ſich, wie im nn verſun⸗ 35 der Tante gegenüber niederließ. Dieſe, welcher Ulla zwar nicht das Binet des König's gezeigt⸗ oder durch eine Miene nur verrathen hatte, daß Axels Beſuch mit jenem in irgend einer Beziehung ſtand, war doch eine zu große Meiſterin in der Kunſt, aus halben Wor⸗ ten, aus dem Aeußeren der Briefe, aus Mienen und Blicken eine Meinung herauszufinden, daß ſie nicht wenigſtens einige Spuren der Wahcheit — 69— aufgefunden haben ſollte. Daher fragte ſie auch mit einem ſchlauen Läͤcheln:„Nun, Ulla! darf ich Dir Gluͤck—— der geweſen?“ Pate gde „Ja, Tante!“ erwiederte ſie mit eineim freu⸗ digen Stolze, welchen ſedet füͤr Ausdtuck ver Liebe wuͤrde genommen haben, der nicht ahnkeſ daß etwas, was der Demuth der wahten Liebe ganz entgegengeſetzt iſt⸗ alle Kräfte ihrer Stele in Anſpruch genommen hatte. Die Tante hatte gern mehr? gefragt, denn auch ihr kam es höchſt unerwartet, den Hluͤcklichen Bewerber Ulla's in dem faſt unbekannten Neffen zzu ſehen; allein⸗ den Launen der Graͤfin untergeben, hutete ſie ſich wohl, dieſe in ihren ſichtbaren Träumen zu ſtören, die Ulla ſelbſt nur unterbrach, um fluͤchtige Fragen, nach Dieſem oder Jenem zu thun, mit denen ſie ſonſt in wenig oder gar keiner Verbindung ſtand. Es war deutlich, daß ein fremder, ganz neuer Ideengang ſich ihres Kopfes bemächtigt hatte. Heftig und ſchnell in ihren Unternehmungen, wie ſie immer war, kuͤrzte ſie ſogar die Tafel ab, und erſuchte die Tante, der damaligen Mode nach, Viſiten mit ihr zu machenz eine Forderung der — 70— Geſelligkeit, die ſie ſeit ihrer Rückkehr in die Stadt gänzlich vergbſaͤumt hatte.— Selbſt eilte ſie in ihr Zimmet, um ſich anzukleiden.— Dort, obgleich von dienenden Frauen umgeben) verſank ſinufts⸗ Neue in's unruhige Sinnen, Und als ſie endlich aus dieſem dutch das Rollen eints Wa⸗ gens, der unter den Thorweg hineinfuhr, heraus⸗ geriſſen wurde, und zu gleicher Zeit erfuhr, daß es der Grneral Ruppin ſey, hieß ſie die Mädchen das Zimmer verlaſſen, um die wenigen Augen⸗ blicke, bis ſie hinuntergerufen wuͤrde, an den ſchnel⸗ len Bau eines⸗Plans, der ihr ſo eben durch den Kopf gefahren, zu verwenden. In der ſeltſamen Lage worin ſie ſich befand, ſit ſie tief, daß ihr nun ein Vertrauter Noth thue, ein ſchlauer und erfahrner Mann, der in alle Verzweigungen der allgemeinen Unzufrieden⸗ heit eingeweihet waͤre.— Eine tiefe Scheu hielt ſie ab, Axel innihre Seele blicken zu laſſenz da fiel es ihr ein, gerade als der Name ſeines Vaters genannt wurde, ihre ſich ſelbſtbewußte Zauber⸗ macht an dem ſinftern, wohlunterrichteten Vor⸗ munde zu pruͤfen. Auch er, der ſie zu haſſen eder zu fürchten ſchien— ſie wußte ſelbſt nicht recht wilches— mußte geheime Abſichten gehabt haben⸗ um ſeine Einwilligung zu ihrer Heirath mit demm Sohne zu geben.— Wußte ſie doch ſchon lange, daß er dem Koͤnige nicht gut war, folglich mußten auch beſondere Gruͤnde obwalten, um den ſtarren, unbiegſamen Mann zugänglich für ſeine Wünfche zu machen. Alle Künſte mußten aufgeboten wer⸗ den, ſein Vertrauen zu gewinnen. Da klopfte es auf ein Mal dumpf an ihré Thuͤre, und der General trat herein;z die vernach⸗ läſſigten Lichter brannten ttuͤbe auf der Toilette, und warfen einen undeutlichen Schatten auf die zu einem fteundlichen Lächeln ſo ſelten gezogenen Züge des Eintretenden. Ulla ſprang ſchnell auf⸗ Der Genetal eilte iht mit ungewöhnlicher Eile entgegen, etgriff ihre Haͤnde, druͤckte ſie zwiſchen den ſeinigen, blinzelte ſie wit den kleinen ſtechen⸗ den Augen an, und ſagte mik hartem Tone, den er vergebens zu mildern ſuchte:„Iſtis auch wahr, was die Schweſter mir erzaͤhlt— dje ſchöne Grä⸗ ſin Banner will die Tochter ihres verabſchiedeten Vormund's werden, eines Vörmund's,“ fuhr er lachend fort,„vor deſſen rauher Stimme bloß das zarte Geſchoͤpf zuſammenbebte.— Hm! was ver⸗ —— mag in unſerer Zeit der ilote Wunſch des doch nicht auszunichten!“ „Es iſt nicht der Wunſch des mein Oheim!“ ſagte ſie ſchnell,„der meinen Willen beſtimmen wird! Ich geſtehe, Ihr Sohn iſt mir werth, und wenn ich ſeinem— völlig entgegen gekommen bin— „Wie?“ rief der General finſter„ℳ habe ihn ſelbſt nicht; geſprochen, aber Schweſter— ½ 2 War es nurjpeil ic—* ligung des Vaters,“ fuhr Ulla ohne ſich ſtören zu laſſen fort,„doch noch wegen ſeiner Geſin⸗ nungen gegen mich in Ungewißheit bin.— Be⸗ ruhigen Sie mich erſt darüber, mein Oheim!“ „Zweifeln Sie,“ erwiederte er leiſe mit ſchlauem Lächeln,„daß Sie mir immer theuer geweſen ſind?— Hm! ſpielt der Konig nicht ſeine Rolle fein undggut— muſſen denn wir uns nicht auch beſtreben, daſſelbe zu thun? Es hat mir in der Fhat Mühe gekoſtet mit ihm zu wetteifern. Niemand weiß es, Sie nicht, der Sohn, der König nicht, daß es meine geſchickte Hand ſey, die dieſen Knoten geſchlungen!— Zweifeln Sie nun, daß Sie mir eine will⸗ kommene Schwiegertochter ſind?“ „Halten Sie mich denn wuͤrdig, ſo zu hei⸗ ßen? fuhr Ulla ſchmeichelnd fort, waͤhrend ſie ſich Beyde, auf ihre. Silabune das Sopha niederließen.— 130 mn Wuͤrdig?“ eheſt der fuſt tonlos, wie ſoll ich das werſtehen?“ Herr General! Oheim! Vater!— und was ich Sie lieber nennen daxf oder ſoll, als den aͤrgerlichen Namen Vormund, der mich nur an meine Unmuͤndigkeit erinnert;“ fuhr ſie mit ſtol⸗ zem Selbſtgefuͤhl doch ſchmeichelnd fort, in der Hoffnung ihn durch uberraſchendes Vertrauen für ſich ganz zu gewinnen.—„Ich bin nicht län⸗ ger unmuͤndig, bin ſes laͤngſt nicht geweſen.— Ich will offen mit Ihnen ſeyn, ſeyen Sie es auch mit mir, wir gehören uns ja doch u⸗ — Der General ſah ſie lauernd an, waͤhrend ſie 36 raſch erhob und ein kleines Kaͤſtchen aus der Toilette nahm.— Naͤchdem ſie es geoffnet, reichte ſie ihm jenes in Rom empfangene Por⸗ trait, das ſie in den goldnen Rahmen wieder ein⸗ * — 7— gezwängt hatte,„nur eine redliche Antwort: ſtellt das meinen Vater vor?“ Der General wurde ſichtbar beſturzt, eine dunkle Röthe flog uͤber ſeine Wangen. Erſchrok⸗ ken rief er, waͤhrend ſeine Blicke feſt auf dem Gemälde hafteten:„Das in Ihren Händen!?“ „Sie ſehen,“ verſetzte Uila im Innern trium⸗ phirend,„daß es mir weder an Muth noch Ent⸗ ſchloſſenheit fehlt, und ſo frage ich Sie: hat auch der König mich wuͤrdig behandelt?“ Der General, der augenſcheinlich nach Faſ⸗ ſung rang, wiederholte tonlos:„Der König?— Kennen Sie den, den das Bild vorſtellt?“ „Wenn auch nicht die Zuͤge,“ fuhr Ulla mit kühner Sicherheit fort:„ſpricht denn dieſe Krone nicht einen Namen der mir viele Räthſel löſ't? Der General chin tief Athem zu zn Er ſchwieg einige Augenblicke, dann ſagte er, mit durchdringenden Blicken auf Ulla geheftet:„Nun vieler Aehnlichkeit mit dem verſtorbenen König kann der Maler ſich freilich nicht rühmen⸗ Er war auch damals viel älter.“ d7 , Und warum? lieber Vater!“ fragte Ulla, der ſeine Wörte den letzten Stein vom Herzen ge⸗ wälzt, mit einſchmeichelnder Freundlichkeit?„war⸗ um eine ſo befriedigende Wahrheit mir ſo behut⸗ ſam, ſo grauſam vorenthalten? Glauben Sie denn nicht, daß ich ſchweigen kann, bis es Zeit zu reden iſt? Sie ſehen; ich habe geſchwiegen ſelbſt vor— die W des W i ſind ein kuͤhnes, muthvolles misen Graͤfin!“ rief der Vormund raſch.„Nun ja, wir wollen offen mit einander ſeyn! Heirathen Sie den Sohn, und verttauen Sie dem Vater. Weiß ich doch nicht, wozu der Knabe taugt— ich bin irre an ihm! Sie haben einen wunden Fleck in meiner Seele beruͤhrt. Wie kam dies Bild, dieſer Rahmen in Ihre Haͤnde? Wie ſtarb Chriſtian?“— Er heftete den Blick auf den Bo⸗ den, als wollte er ihn vor Ulla verbergen, waͤh⸗ rend er lauernd auf ihte Stimme horchte. Ulla zitterte leiſe; ſie fühlte tief, daß ſie den Freund, der, obgleich unwiſſend, doch dem Vater entgegen gearbeitet hatte, nicht verrathen duͤrfe⸗ „Chriſtian,“ erwiederte ſie leiſe,„war Ihnen treu, * — 76— er ahnete nicht, daß ich ihn durchſchaute. Das Bild kam in ſeine Hände durch die Krankenwät⸗ terin meiner ſterbenden Mutter, und wurde ihm entzogen) ehe er an den Wunden ſtarh, die ihm ein Unbekannter dem ſein Herumſtreifen in der Nähe des Kloſters im Wege gweſen“ das iſt alles was ich wel c h ns Der General ſchien mehrere Zugen chh zu wollen, doch vielleicht ſelbſt eine deutlicht Exörte⸗ rung vermeidend, wiedetholteer nur leiſe?„Alles?“ „Alles!“ verſetzte Mlla uuhig. Chriſßtlan war ſeines Uebermuths wegen“— ſie geſtand ihren Verſuch, in's Kloſter einzudringen—„ſchon frü⸗ her entfernt. Vielleicht lebte er noch,“ fügte ſie hinzu,„haͤtten Sie mir damals vertraut!“ „Einem Kinde, deſſen-Werth mir erſt an der Braut deutlich wird!“ fiel der General mit rau⸗ her Galanterie ein.„Mußte ich mich nicht den Abſichten eines Maͤchtigeren fugen! ſelbſt ein ge⸗ haſſiges Geruͤcht geduldig ertragen, weil es ein Ge⸗ heimniß bedeckte, das, nach dem Willen des jetzt regierenden Herrn, verborgen bleiben ſoll. Nur in ſofern Sie einen Namen tragen, der an einen Un⸗ würdigen erinnert, hat er ſich Ihnen mild und gnädig beeigt/ und döch hal diell icht ebei ziqe MNant wohl mehr als einen Zünhung bön ſtzun Selbſtgefüchle von Ihnen euint, ſo wie zuch ſolcher Gerüchte wezen) um deretwillen er mich mit Geringſchätzung behundelt obgleich Kenn beſſer als er ſelbſt weiß, wie grundlos ſi ſie fiüb.—— Aber“ fügte er hinzu, mit einem ſcheinbar nachläß⸗ ſigen Blick auf Ulla die Stunde der Vetheltung wird koimen! Der Schweſter, die er ſich bi⸗ müht zu verſchenken) um ſie in ihret unwiſſen⸗ heit mit gutem Gewiſſen los zu werden, brauche ich Whb— meinin Groll u yoylininge nn 8 „Verſchenken!“— ulla mit bi Wanhen nnnc Es tiſt wohl auch das techte Wort nicht, fuhr der Genetat ſchmunzelnd, mit Bitterkeit in ſeinem Tone, fort;„denn er betrachtet dicenige, in deren Adern ſeines Vaters Blüt fließt, als Zugabe, bald zu wiedetgegebenen Gütern, bald zu glänzenden Uniformen!— Er ahnt nicht in ihr eine unſichtbure Binde, welche die weiße, die er erfunden hat, überflüſſig machen könnte, und ſo wie die Rechte der Stände, behandelt er auch 2 . die ſeiner Schweſter!— Ich“— wandte ſich auf ein Mal der Genefal mitten in ſeinem Eifer de⸗ müthigʒ zu ihr—„werde Sie nicht vergiſſen, und habe ich auch ſeit Jahren die heute angetragene Verbindung leiſe gewunſcht) und mit leiſer Hand befördert, iſt es nur geſchehen, um einaltes, gns geſehenes und kühnes Geſchlecht mit unterdruckten Rechten zu vereinen, damit ſie Kraͤfte gewinnen mögen, ſich dereinſt geltend zu machen ne 6 Ulla, die den finſtern, rauhen Mannizum er⸗ ſten Male in einer faſt demüthigen lnterwerfung vor ſich ſah, genoß, trotz ihres tief verwundeten Stolzes, doch einen troſtenden Vorgeſchmack ih⸗ rer getraͤumten„jjetzt immer klareren Zukunft.— „Glauben Sie, lieber Baron!“ agte ſie auf ein Mal,„an die dunkle Kunſt der Wahrſagung? 2. Der Baron ſchuttelte den Kopf und ſagte lä⸗ chelnd:„Nein, ich habe mich auch nie um ſolche Sachen bekuͤmmert. Es ſteckt gewiß immer Bs⸗ trug darunter— aber warum?“. „Sie haben ein Recht auf mein Vertrauen⸗ Ein Finnweib hat mir als Kind ſchon meine Her⸗ kunft ahnen laſſen, und das Zeichen meiner Zu⸗ kunft, das ſie mir gab, habe ich heute an dem“ * Handgelenke Ihres Sohnes entdeckt.— Sagen Sie mir, General! woher ſchreiben ſich die drei blauen Kronen?“ it ni „Drei Kronen?“ wiederholte der General be⸗ denklich, und ſah ſie lauernd an.„Ei, was Sie mir ſagen! Davon weiß ich nichts!“ hoͤchſt ſonderbar!“ rief Ulla erſtäunt. „Doch Sie glauben ja— an Whe⸗ gungen!“ te „Ich glaube an Thaten, meine Lochtert er⸗ wiederte der General mit geheimnißvollem Gewicht? „an Muth und Thaten, und an Ihre Rechte! „Der Konig hat einen Sohn!“ rief das thoͤ⸗ richte Mädchen ergluͤhend, ohne recht ſelbſt zu wiſ⸗ ſen, was ihr in der frohen Beklommenheit über die Zunge geſchluͤpft war. ne „Er!“ ſagte der General mit Nachdruck, 6 ein in's Geheim ſchleichendes Geruͤcht anſpielend? „man ſpricht von einem Geiſte, der längſt vor des Prinzen Geburt zwiſchen den Schlafzimmern⸗ des Schloſſes ſich gezeigt haben ſoll; auch iſt der, Knabe noch jung.— Gräfin!“ fuhr der ſchlaue Greis nach kurzem Stillſchweigen fort:„Was⸗ haben Sie aus mir gemacht? Wie ſind wir in 4 5 5 — 80— der Friſt einer Stunde ſo verträut geworden! Hu⸗ ten Sie ſich irgend jemand, ſelbſt meinen Sohn in unſer Geheimniß blicken zu laſſenz ich kenne nicht die Staͤrke ſeines Geiſtes.“ „Er ſoll muthig und entſchloſſen ſeyn— ich Beiſpiele von S5 und— Fwtt Ze⸗ unem von Beden traue 6 n¶c Liebe Tochter! laſſen Sie mich Sie leiten!“ Die Mittheilungen, die der General ihr jetzt und in der Folge machte, ſind nie dem Papiere anvertraut worden, und liegen auch außerhalb der Grenzen dieſer Blätter. Erſt nach zwei langen Stunden trennten ſich die neu Verbuͤndeten; der General ſeinerſeits froh, daß ein Entwurf, den ſein vorahnender Geiſt möglich gemacht,— obgleich, wie ein moglicherweiſe ein Mal zu Nutzen kommendes Gift vorſichtig zur Seite gelegt— nun auf ein Mal, ehe er noch vollig in ſeinem Kopfe ausgebildet war, uͤber ſeine Erwartung wie von ſelbſt gelun⸗ gen war. Ulla blieb in einer betäubten exaltirten Stimmung, die keine Zeugen duldete, zuruͤck, und die Tante, die ſeit mehr als einer Stunde in vollem Putze, zu den verabredeten Viſiten bereit, daſaß, mußte ſich unter vielem Kopfſchutteln wieder ausziehn, weil die Gräſin, nachdem ſie der General werlaſſen, den ganzen Abend bedutfte, um den innern Aufruht der ertegten Vorſtellun⸗ gen, die ihre Stele wie auf wilden Wogen auf und nieder ſchaukelten, zur Ruhe zu bringen. Aber etſt in der Stille der Nacht ordneten ſich! dieſe Rebelgeſtalten in ein Phuntom, deſſen be⸗ ſimmte Umriſſt ulla ſelbſt über deſſen Wirklich⸗ keit tauſchten. Was vor wenigen Stunden ihter Phantaſie noch fern lag, vor dem ſie geſtern Morgen vielleicht ſchaudernd zuruckgebebt hatte, ſtand nun winkend, faſt körperlich deutlich vor ihren Augen. Die Worte des Generals waren eine Ausſaat in ergiebige Erde; den ſie als Ge⸗ bieter geehrt, mußte ſie als Bruder, als Unter⸗ druͤcker angeborner Rechte, haſſen.— Selbſtver⸗ theidigung war ihr Zweck! Und ſo erſchien es 4 ihr weder unmöglich noch thöricht, in dieſer Zeit der Unruhe und Gährung, in dieſem Reiche, deſſen Regenten ſo wenige einen natuͤrlichen Tod geſtor⸗ ben, in dem wilden Taumel einer allgemeinen Ver⸗ wirrung, ein durch die Natur begrundetes Recht zu behaupten, auf deſſen gekroͤntes Siel eine m dunkle, ſchon in Erfuͤllung gehende Ws hinwies⸗ nt iſ i lisct niz t Lächte nicht, mein Leſer! Der Du, uuknut nit den Lockungen innerer⸗ Schlangen, wit den⸗ Ränken der Hoͤfe und allen Verſuchungen ge⸗ ſchmeichelter Eitelkeit und Leidenſchaft, dieſe Blaͤtter lieſeſt; ſchwerlich iſt es Dir Zelungen, die Ab⸗ gründe zu meſſen, wozu ein hertiſches Gemuͤth⸗ da keiner Gewalt, als der ſeiner unbegrenzten Eitelkeit unterworfen iſt, hinführen Fönne. 21 ———————————— Zyiſchen Hoffnung und Beſorgniß getheilt, hatte Axel Ulla's Simmer verlaſſenz wahrſcheinlich wurde ſeine unate ſonichie Stimmung, wie im⸗ — wenn ſeine neue— nicht ſogleich in das kleinliche Treiben der Dienſige⸗ ſchäfte hineingefuͤhrt. Froh, in den Augenblickn ſo peinlicher Erwartung ſich den Launen des Va⸗ ters entziehen zu können, eilte er zu ſeinen neuen Vorgeſetzten und Gefährten herum, um ſich mit den fremden Obliegenheiten bekannt zu machenz“ uͤberall begegnete ihm ein faſt unetwartetes Wohl⸗ wollen; er mußte ſogar bei ſeinem nächſten Vor⸗ geſetzten ſpeiſen. Der ſichthare Eifer ihn zu über⸗ zeugen, daß die Verhältniſe ſeines Vaters zum S. und ſeine nicht beliebte Perſonlichkit, dem 6* Sohne nicht zum Nachtheile gereichen dürfte, er⸗ hob ſeinen in der Heimath noch immer etwas ver⸗ ſchüͤchterten Geiſt zu der Selbſtſtaͤndigkeit, die ſei⸗ nem außern Standpunkte geziemte, und ſtellte das innere Gleichgewicht wieder her, je weniger er Ge⸗ legenheit fand ſeinen Träumen nachzuhaͤngen. Sobald er des Abends frei wurde, eilte er zu Guſtav, den ein häusliches Geſchaͤft zu glei⸗ e Zt mit ihm ch dir Stadt berufen hatte. . rtiger, faſt ſtütmiſcher Eile theilte er ihm fin das unerwarteti Ereigniß des Tages mit; nür den Aufrtitt mit dem Vater verſchwieg er, uuch zwang ihn ein heimlich beſchämindes Ge⸗ fuhl, alles, was den Freund an jene gtauenvolle Nacht einnert konnté, zurückzubchalten. Guſtav hörte ihn, ſo deuchte es Axel, mit leiſem Votwurfe, faſt kalt an. Es war Jenem muͤhſam gelungen, jedis äußeren Wieberhalls des Sturmes, den Ulla's R ame in ſeinem Inneren ertegte, Herr zu werden. Es mußte ihn freuen, daß auf eine den Friund ſo begluͤckende Weiſe ſeint eigene ungetechtigkeit gegen Ulla, die er ſich viifucht fühlte Beleidigung zu nennen, erſetzt ſey; und doch war es ihm, als fühlte er ſich eines theuren, erſt in ſeinem PVerluſt grſchätzten Eigen⸗ thums beraubt; doch kaum war er ſich ſelbſt die⸗ ſes Gefuͤhls bewußt, als ſeine klare Rchtlichkeſt aus feſtem Willen dagegen kämpfte.— Seine fruͤher aufgeſchobenen Vorhabens eingedenk, eilte er, die Doſe aus dem verſchloſſenen Fache her⸗ vorzunehmen, und reichte ſie, ohne ſie zu eröff⸗ nen, Axel hin. 6 „Ich habe mein Rcht 5 ling vet⸗ wirkt,“ ſagte er laͤchelnd:„und ſo laß mich dieſe Gabe der Rache eines Mächtigen zu einem Pfande treuer Freundſchaft verwandeln.“ „Das Bild nehm' ich dankbar,“ unterbrach ihn Axel entzuͤckt, waͤhrend er mit einem Finger⸗ drucke die reizenden Zuͤge enthuͤllte;„aber dies ſtrahlende Andenken unſers koͤniglichen Wohlthaͤ⸗ ters darfſt Du nicht aus den Haͤnden laſſen.“ „Vergiß nicht,“ verſetzte Guſtav mit halbab⸗ gewendeten Blicken,„daß ein beſſeres, unſichtbares Andenken an ihn in meinem Herzen lebt, das der Anblick dieſer Strahlen leicht gefaͤhrden könnte, und nimm ſie hin.“ Arel wollte neue Einwendungen machen, als auf ein Mal eine heiſere, wohlbekannte Stimme hinter ihnen rief:„Nun, worüber ſteeitet Ihr? Ich komme ja recht um zu ſeyn!“ 3 Et war der General, der, als er unten ver⸗ nommen, daß beide Freunde allein waren, ſich gegen ſeine Gewohnheit ohne Ceremonie ins Zim⸗ mer geſchlichen hatte. Eine ungewöhnliche Hei⸗ terkeit flammte aus den kleinen Augen, die mit vieler Beweglichkeit ſich von dem Einen auf den Andern hinbewegten, während der Kopf, von ei⸗ nem altmodiſchen Hute bedeckt, auf beiden Hän⸗ den geſtützt an dem Knopfe ſeines langen Rohres lehnte. Als ſie Beide einen Augenblick ſchwiegen, langte er faſt mechaniſch nach der Doſe, die Axel noch offen in der Hand hielt.„Alle tauſend Teu⸗ feE rief er, ein Bild erkennend. Guſtav nahm keinen Anſtand ihm, was er noch nicht wußte, mitzutheilen. „Hm!“ ſagte er lachend, die Rache des Königs entweder nicht fühlend, oder nicht fühlen wollend.„Es ſcheint ihm angelegen, ſeine Günſt⸗ linge recht zu blenden.— Anſtatt ſich beleidigt zu fuͤhlen häuft er Gunſt auf Gunſt, damit die Letzte den wahren Grund der Erſteren um ſo mehr bedecke. Erinnern Sie ſich, was ich ſagte, als ich Sie der Gräfin Banner vorſtellte.— Phr, nicht dem Koͤnige haben Sie alles zu verdanken.“ „Ich verſtand Sie aber nicht, miein Vater!“ verſetzte Guſtav;„obgleich ich es nicht leugne, es wuͤrde jetzt meinem Herzen wohlthun, je weniger es ſich dem Konige verpflichtet fuͤhlen duͤrfte; doch ſeine Wyß die Firhe meiner Guͤter—“ „Sollten Sie wirklich nſhenſ ſil ihm der General mit Wohlbehagen in die Rede, „daß Ihre ſchnelle Entſchloſfenheit einen alten Fuchs gefangen? So wiſſen Sie denn, daß das, was Sie unter dem Namen von wiedergeſchenkten Eigenthume zuruͤck empfangen haben, die der Graͤſin heimlich beſtimmte Ausſteuer iſt. Axel wuͤrde mit der glaͤnzenden Uniform und dem kärglichen Gehalte nur leer ausgehen, wenn nicht die Graͤſin ſelbſt eine koͤſtlichere Gabe wäre, als der Konig es träumt. Sind Sie wirklich ſo gut⸗ muͤthig zu glauben, daß er aus Liebe zu Ihnen Sie ſo beguͤnſtiget haben wuͤrde, wenn er nicht gemeint, daß er ſich in Ihnen einen willfährigen Diener, der blindlings in ſeine verborgenen Ent⸗ würfe einginge, erzogen haͤtte?“ „Unmoͤglich!““ rief Guſtav erſtaunt und vor innerer Beſchaͤmung erroͤthend:„Indem Sie ihn tadeln, ſchwebt mir ſeine vaͤterliche Güte doppelt ruͤhrend und mahnend vor.— Ich leugne nicht, daß ich ihm recht gram bin,— aber er iſt ein Menſch, und ichchabe ſeine Erwartung getäuſcht. Sie haſſen den Koͤnig, und beurtheilen ihn ſchief!“ „Es wundert mich nicht,“ verſetzte der Ge⸗ neral bitter und verdrießlich,„daß es dem, der die ganze Nation getaͤuſcht, auch mit Ihnen ge⸗ lungen iſt. Nun, ich verlange keinen unbedingten Glauben! ich bitte⸗ Sie nur, meine Brillen nicht zu verſchmaͤhen, obgleich Sie Ihre Augen für ge⸗ ſund halten. Sie wiſſen doch, daß der König endlich einen Reichstag wieder zu berufen denkt?“ „Ich habe davon gehört!“ „Nun ſo brauchen Sie meine Brillen, und es wird Ihnen bald deutlich werden, daß er dort ſich der Gunſt des Volks, oder wenn Sie wollen — des Poͤbels, bedienen wird, um Summen auszuwirken, beſtimmt, wie es heißt, deſſen Be⸗ durfniſſe und Freiheit in dem Lande zu erkaufen, — 89— obgleich ſie außer Landes gehen werden, die Frei⸗ heit einer größeren Nation zu beſchränken. Gieb nur Zeit.— Apropos! Unter uns ſind keine for⸗ melle Zeichen noͤthig; nur eine gerade Antwort auf eine gerade Frage: Sind Sie Freimaurer?““ „Nein!“ erwiederte Guſtav;„als ich einſt den Wunſch es zu werden einem angeſehenen Mit⸗ gliede dieſer Geſellſchaft äußerte, gab er mir zur Antwort: warum? Wenn Sie nicht, wie ich, ſo wie ich Sie kenne, glauben muß, ſchon ein S aͤchter Maurer ſind, kann Sie der Orden nicht dazu machen.— Ich glaube ihn verſtanden zu haben, und ließ mich damit begnuͤgen!“ „Hm! ich gehe auch nicht mehr hinz“ warf der General in einem gleichgültigen Tone hin; „mitunter beſuche ich nur einen kleinen auser⸗ wählten Kreis, deſſen Name bloß und nur dar⸗ um ein Geheimniß iſt, weil er deſſen ganzes Ge⸗ heimniß ausſpricht. Ihr tragt gewiß Beide dies im Gemuͤthe, und ſo darf und will ich Euch Beide, als meine Sohne, in den erſten Grad ein⸗ fuͤhrenz an den Euch kein anderes Geluͤbde bin⸗ det, als nicht mehr hinzukommen, wenn es Euch dort nicht gefaͤllt.— Ihr wollt doch Beide heute Abend meine Gäſte ſeyn!“ ſchloß er mit einem artigeren Ausdruck, als ſie je aus ſeinem Munde gehoͤrt hatten. 33 „Ohne den Namen des Kreiſes zu wiſſen?“ fragte Axel, der immer, wo er nicht klar ſehen konnte, einen dunkeln Hintergrund ahnete. „Ich,“ erwiederte der Vater finſter, indem er ihm einen haͤmiſchen Blick zuwarf, den er je⸗ doch ſogleich mit befremdender Freundlichkeit auf Guſtav hinwandte:„ich habe ja geſagt, daß eben der geheim ſey; doch ich will mit Euch eine Ausnahme machen, denn— wie ſchon Ihr Freund ſich von der Freimaurerei ausdruͤckte— Ihr ſelbſt ſeyd im Innern Mitglieder dieſes Krei⸗ ſes. Er nennt ſich: Freunde des Vater⸗ landes! Kommt Kinder!“ Auf ſolche Weiſe beinahe gedrungen,— die Freunde, daß ſie nicht, ohne ein beleidigendes Mißtrauen an den Tag zu legen, ſich zuruͤckziehen könnten. Beide ſchickten ſich an zu folgen. Guſtav mit ſeiner raſchen Entſchloſſenheit ſchnell.. etwas zögernd. „Du haſt Dich wohl ſchon an einen andern Ort hingeträumt, Axel?“ ſagte der General, ſeine — 91— Langſankeit betetkend, in einem faſt ſchetzenden Lone.„Ich will Deine Unruhe enden, damik ſchwaͤrmeriſche Sehnſucht nicht Deinen klaren Verſtand für ernſtere Dinge umnebeln' ſoll.— Sey gutes Muths— ich habe ihr Wort.“ „Wie mein Vater!“ rief Axel erſtaunt.— „Ja, ja! ich komme von Deiner Braut; aber die Proben, welchen der Orden, in den ich Dich hinfuhre, billig ein ſo junges Blut unter⸗ wrerfen ſollte, will ich Dir ſtatt ſeiner auflegen. Was die Gräfin Dir auch morgen ſagen wird, verſchweige! daß ich Dir ihre Zuſtimmung ver⸗ traut habe, und daß ſchon von der Hochzeit ge⸗ ſprochen iſt. Hoͤrſt Du, Axel! Nun ſtecke die Doſe zu Dir. Ich habe nunmehr nichts dage⸗ gen, daß der Glanz der Augen, die Dir vom Innern entgegen leuchten, das Waſſer der aͤußern Strahlen uͤberfunkeln.— Kommt!“ Nicht ohne Verwunderung bemerkten die ihn begleitenden Jünglinge, daß ein Anflug von nie geahneter Liebenswuͤrdigkeit den ſonſt ſo finſtern Greis gleichſam zu vetjüngen ſchien. Sehr früh den folgenden Morgen ſtand Axel ſchon an Guſtavs Bett, den der Wagen des Generals ſpät in der Nacht vor ſeinem Hauſe abgeſetzt hatte.„Nun,“ rief er, während er ſich in einen Stuhl neben dem Bette niederließ; „was ſagſt Du nun? Haſt Du dieſe Fat ſchafen können?“ —„Recht ſuͤß!“ erwiederte Guſah uichelnd. „Ich habe kein Auge zugedruͤckt!“ rief Axel eifrig.„Alle die fluͤchtigen Ideen meiner Jugend hatten ſich in einen Punkt concentrirt. Der Ernſt des Lebens trat mahnend und winkend vor mich hin. Nie habe ich tiefer gefuͤhlt, wie ich die edle Zeit verſchleudert habe, ſtatt mich ganz fuͤr ein edles Ziel zu bilden.“ n „Lieber Axel! xreibhaus ⸗ Pflanzen— Du ja auch nicht; allmaͤhlich muß der Stamm gedei⸗ hen, der ſaftiges und ſtaͤrkendes Obſt tragen ſoll; oder haͤltſt Du darum die Zeit fuͤr verloren, weil Du nicht in raſcher Eile, und mit dem Blick feſt auf das Ziel hingewandt, fortgeeilt, waͤhrend Du doch unter Deinem langſameren Fortſchreiten Dir manches kleine Mittel angeeignet, um Dich jenem mit Anſtand und Wuͤrde zu naͤhern. Welches Ziel haſt Du Dir denn dieſe Nacht aufgeſtellt?“ „Kein neues!“ verſetzte Axel betheuernd. „Ein altes, heiliges, das mir ſchon ſehr früh theuer geworden iſt, das? meinem Vaterlande nuͤtz⸗ lich zu werden, Gut und Blut fuͤr ſeine alten, tief verletzten Geſetze zu wagen, jede Binde abzu⸗ reißen, welche die Wahrheit verhuͤllt.— Ich wundre mich nur, daß man ſo gleichguͤltig, pfleg⸗ matiſch, unbefangen in der Welt herumſchlendern kann, ohne zu ahnen, wie das Große und Er⸗ habene uns ſo nahe liegt; ohne den tiefen Geiſt zu bemerken, der ſich oft hinter alttäglichen Geſichts⸗ zügen verſteckt. Haben wir nicht geſtern Abend erlebt, wie Leute, die mit unſcheinbarem Aeußeren, unbeachtet, ja faſt unbemerkt, traurigen Tags⸗Ge⸗ ſchaͤften obliegen, unter verwandten Naturen Feuer⸗Seelen zur Schau ſtellen; wie der Mund, der ſich des Morgens nur trage zu Gemeinplätzen eroffnet, innerhalb treuer Waͤnde mit hinreißender Beredſamkeit einen Reichthum von hellen Ideen entfaltet. Nie habe ich die Lage des Vaterlandes ſo klar geſehen, nie die Gefahr, die es bedroht ſo furchtbar nahe erkannt; nie geträumt, in ſo vielen Geſichtern, die ich des Tages nur flüchtig im Vorbeigehen begrußt, oder die ich nur bemerkt, — 94— weil ein bekannter Name, oder ein Amt im Staate ſie bezeichnete— treue, warme, verbün⸗ dete Freunde zu erkennen.— Ja, Guſtaph. ſo darf ich wohl diejenigen nennen, die gleiche An⸗ ſichten, gleiche Empfindungen mit mir theilen. Findeſt Du nun mein altes Mißtrauen gegen den, welchen Du Wohlthäter nennſt, gerechtfer⸗ tiget? Siehſt Du nun ein, wie er uns, wie et das gutmüthige Volk getäuſcht, das ihm gehol⸗ fen uns in Feſſeln zu ſchmieden, während er es in noch feſtere Bande M denen es ſich jauchzend hingiebt?“ So fuhr Axel noch lange iec— die Reſultate ſeiner Beobachtungen in jenem Kreiſe darzulegen, in welchem ſie bedeutende Individuen aus den erſten Ständen gefunden.— Guſtav lächelte; denn es war ihm klar, daß die feurige Begeiſteruug ſeines Freundes mehr aus der eig⸗ nen Zuſammenſtellung, mehrerer mit ſchönem Feuer ausgeſprochener Anſichten, als aus dieſen in vertraulichem Geſpräch aufgeſtellten Anſichten ſelbſt, die eben durch eine kluge Zuruͤckhaltung der Phantaſie einen großern Spielraum geſtatte⸗ ten. Er war aber, eben ſo wohl als ſein Freund, mit der Aufnahme zufrieden, ja faſt mehr als er es erwarten konnte, eingefüchrt von ei⸗ nem Manne, der zwar mit Hoflichkeit, doch nicht mit jener Zuvorkommenheit, die aus innerer Hochachtung entſpringt, empfängen wurdez; ob⸗ gleich oſein Einfluß daſelbſt einem umſichtigen Blick nicht verborgen blieb, ohne jedoch die Mit⸗ tel erkennen zu koͤnnen,. S wur nilnh nnit 3 „Ja!“— Guſtab nu als der ede⸗ ſtrom des Freundes ihn zu Worten kommen ließ, „ich leugne nicht, daß mir Anſichten bekannt geworden ſind, von denen ich zwar geträumt, aber die ſich mir nicht fruͤher ſo auffordernd und überzeugend aufgedrängt haben: dennoch ſind ſie mir noch in dieſer Helle zu neu, um mich ihnen ohne nähere Prüfung hinzugeben; und obgleich ich ſchätzbare Bekanntſchaften gemacht habe, zu denen ich mir Gluͤck wunſche, und die ich auch nicht vernachläſſigen werde; obgleich ich weder etwas Pflicht⸗ noch Geſetzwidriges in einer Ver⸗ ſammlung finden kann, wo die höchſten Intereſſen des Staatsbürgers von den aufgeklärteſten und kenntnißreichſten derſelben gepruft und abgewogen — 96— werden— denn ſolches können nur diejenigen mei⸗ nen, die immer vor Treubruch zittern, weil ſie ſelbſt heilige Eide gebrochen— ſo zweifle ich⸗ doch, daß ich dort wieder hingehe.“ t in „Und warum?“ fragte Axel heftig.„Ich wollte froh ſeyn, haͤtte ich noch frühen, da ein ſo beruhigendes Gleichgewicht meinem Geiſte Noth that, ein ſo theures gefunden.— Ich bin es noch! was kann meinen kühnen, rechtlichen Gu⸗ ſtav denn von dieſem Kreiſe entfernen? 4½ „Die Geſchichte meines Vaterlandes!“ znWierſt im n n i „Ich bin von Jugendsam⸗ 6 man mir ge⸗ 66. ein ziemlich ſcharfer Beobachter geweſen⸗ Sicher befindet ſich ein großer Theil, ſo wie Du und ich, unbefangen, ohne eine verborgene Ab⸗ ſicht, unter den Freunden des Vaterlandes.— Allein ich muͤßte mich ſehr irren, wenn nicht hie und da in der Stille Abſichten reifen, zu denen wir uns wohl ſchwerlich bekennen wuͤrden«““ „Daß große Abſichten reifen, um die Sou⸗ verainität der Nation herzuſtellen, bezweifle ich gar nicht; traurig genug, daß Verſchwiegenheit und geheime Manßregeln nöthig ſind, um einem Richt Schranken zu ſitzen, das ſich nur auf Untecht und Meineid gründet; traurig genug, daß die inſten, redlichſten Abſichten ſich mit Liſt vereinen müſſen, um ihr Ziel zu erteichen. Der bevorſtehetde Reichstag wird wichtig werden. Seit lange hat eine ſo ſchone Einigkeit unter den Ständen nicht Seheriſcht wie jetzt; die andern Stände haben eingeſchen, daß unſer Unterganz den ihrigen nach ſich zieht; und an dieſer Ueber⸗ zeugung wird——— und Witihr ſce⸗ w wenn nun diefe Hoffnung ſcheitern ſollte,* fragte Guſtav,„was bleibt dann üörig? Haß gegen Gewalt zu ſetzen; der Lit, zu der wit ei Mal unſere Zuflucht genommen, uns mehr, als rechtlichen Mäannern giziemt, hinzuge⸗ ven! Frage die Geſchichte Atel, wozu es fuhren kann! Werden nicht viellicht Taufende ſagen und meinen, daß es Recht, daß es Tugend ſey, den dus dem Wege zu räumen, vor deſſen Will⸗ kuͤhr Geſetz, Recht, tauſend Leben zu Grunde Zehen.— Axel! ich bin weder tugend⸗ noch luſterhaft! genug, um unter irgend einer bung Müchelmörder! zu werden.“ MI. „Wer ſyrcht benn daren, Menſcht“ nif Axel ſchaudernd.„Hat ſelbſt die kleinſte Aeuße⸗ rung, die entfernteſte Beziehung auf ſo Entſetz⸗ liches hingedeutet? Um ſolches zu hefürchten, möchte ich faſt ſagen, ſpricht ſich w zu unverhohlen aus!“ „Gut! aber denken Au wie Du zn ich? und waͤre auch unſ're Ueberzeugung allein gültig! wer bürgt mir dafuͤr, daß unſer Gefühl, unſ're Anſicht, weil ſie die unſerige, auch darum recht ſey?— Ich handle gern, aber ich will Hert meines Handelns ſeyn; ich will mich nicht in einen Strom hineinſtürzen, deſſen Gewalt ich nicht berechnen kann; ich will kein St tück Holz in's Feuer werfen, ſe lange ich nicht mit Be⸗ ſimmtheit weiß, wohin der unergründliche Hauch des Scickſals die Flamme treibt, oder dieſe be⸗ ſchwören kann, und das kann der Sterhlich nie!“ „Wahr! doch wird mit uſen ſatze nie etwas Großes unternommen.“ „Warum nicht? Nur muß das Groöt i in der Su reifen, und wiſſen was es will.— Es kann in dim Strome entſtehen„und dieſem — entgegenarbeiten, aber nicht mit dem Strome fortgehend ſich bilden. So kann der ſchönſte En⸗ thuſiasmus das Opfer einer häßlichen Klugheit werden. Ich gehe den eignen Weg, ſo wie mir ihn Geiſt und Gewiſſen zeigen; aber ich verbinde mich mit keinem. Axel! ſelbſt die zufriedene Miene Deines Vaters dort geſiel mir nicht.— Sein Lächeln macht mich mehr ſchaudern als ſein düſteres Weſen! Wo ihm wohl iſt, wird mir bange!— Verſprich mir, Axel! nie ein Buͤndniß einzugehen, nie ein politiſches Gelübde abzulegen, ehe Du mir es mitgetheilt. Ich habe eine Uebereilung begangen— ich bereue ſie nicht, aber ich denke daran mit Beſchamung, und ich werde mich gewiß nie mehr üͤbereilen!“ Axel gab dem Freunde geruͤhrt die Hand, und gab ihm ſo ohne Worte das verlangte Ver⸗ ſprechen.— Ihre übrigen politiſchen Erörterungen gehören nicht hieher, und wir erblicken. zuerſt Axel wieder in Ulla's Zimmet, die er freilich in einem fuͤr ſich ſehr anbilegn Augenblicke uber⸗ raſchte, Mitten in ihren ſtelzen henſchlichtgen 4 Träu⸗ men, deren Ausbildung in ihrer lebendigen Phan⸗ 7 100— taſie ſie vor wenigen Wochen ſo überaus glück⸗ lich gemacht haben wuͤrde, empfand ſie doch einen Stachel in ihrer Seele, der ihr unwillkührlich tiefe Seufzer auspreßte. Schien ſie auch ſaſt mit Wohlwollen den beſtimmten Gemahl zu be⸗ trachten, heftete ſie doch nicht ſobald ihren Gei⸗ ſtesblick auf ſeine Perſönlichkeit, als ſich Guſtav's Bild ſogleich verdunkelnd neben ihn ſtellte. Zwar wirkten Arels edle bleiche Zuge, deren unbeweg⸗ licher Ernſt mehr Schwermuth als Phlegma aus⸗ ſprach, nicht unangenehm auf ihre Sinne; allein die Verhältniſſe, eine dunkle unbekannte Gewalt, hatten nun ein Mal die tiefſchlummernde Gluth ihres Herzens für Guſtab entfläimmt, und ſeine wahre Antinous⸗ Geſtält, ſein königlicher Anſtand, ſeine in's Innere der Seele dringenden Augen, machten den Eindruck ſeiner Etſcheinung unaus⸗ löſchlich. Ihre WVorſtellungen, die immer auf jene Racht der Wahrſagung zurückkommen muß⸗ ten, beſtrebten ſich vetgebens ihr klar zu machen, wie Guſtav's Tuch in ihre Hände gerathen war; eine Rrliquie, die täglich großere Gewalt über ſte wit. Sie eine Fie des— *1 und rang mit ſich ſelbſt, um nicht ihr z werden. „Warum“ ufj ſe ie hnemüch⸗ 66 6 den treuen beſcheidenen Arel nicht in den kühnen ebendigen Guſtar verwandeln, der mir wie ein geborner König vorkommt.— Ach! er hatte mich ja nicht geſchen, das unwürdige Perfahren des Königs gegen ihn, gegen mich, ſein Blut hat uns nur gettennt 1 Wußte er, der auf ſin Perſchlagenheit und Menſchenkenntniß baut⸗ denn nicht, daß der offne rechtliche Guſta eben ſo behandelt werden mußte.— Was hätte gr wohl von ihm,— von mir zu fürchten gehabt! In Guſtau'é s Armen würden keine andern Empſin⸗ dungen meine Bruſt belebt haben als Anbetung und Liebe; 5 Eiſen in meinem Buſen wäre in Gold ermandelt; der Drang nach Anerken⸗ nung und Ruhm an dem ſeinigen in Zufrieden⸗ heit und Demuth geſchmolzen worden. Demuth! Ja ich fuͤhle zum erſten Male das Gluͤck eines Begriffs, den ich immer belacht: dann hätte ich einem Thron entſagen konnen, jetzt muß ich ihn haben, wär' es nur um— ach, mein Gott! ich kann ihm ihn ſe nicht ein Mal anbieten!“ — Da ethob ſich ein leiſer Gedanke aus dem duͤſtern ſinnvetwirrenden Nachdenken.— Sie brauchte ja nurt zu Utkern, nicht allein in der Weltgeſchichte, ſodern in der geheimen Gtſchichte der Welt, ja ſubſt in den Hofgeſchichten, deren geheime Faͤden ihr als einem Kinde die Tante ſehr geſpräͤchig entfaltet hatte, um ſich zu verge⸗ genwärtigen, wie ſo biele dergleichen Mißberhält⸗ niſſe ſich vermitteln und ausgleichen ließen; zwar hielt das Bild, in dem ihr Guſtav votſchwebte, den Flug dieſer Gedanken auf, jedoch zu entſa⸗ gen nur um ihrer ſelbſt würdi zu bleiben, dazu war Ulla nicht gebildet. Sollte ſie ein Opfer bringen, mußte dieſes wenigſtens erkannt, empfun⸗ den, geſchätzt, bewundert werden.— Sie war noch nie auf der Hälfte des Weges ſtehen ge⸗ blieben, hatte noch nie von einem lockenden Ziele aus inneren Gründen ſich hinweggewandt. Sie ſann, und ſann— und durch die Nacht ihrer Verzweiflung dämmerte endlich ein kleiner ferner Hoffnungsſtern, der eben ſö wie er an Deutlich⸗ keit und Größe zunahm, durch ſeine Sttahlen ihren Blicken Muth, Klarheit und Milde auf's Neue verlich, und mit einem bezaubernden Lä⸗ — 103— cheln, das mehr ihren Ltumen als dem vötzich hinter ihr ſtehenden Axel galt, wurde dieſer jcdech mit einemm kleinen Ausdtucke der mtihun ion iht irißſtitn. 0i äc nn önn 3 Enutſchuldigen baß ich Sie uniſche. rdete ei ſit anz„aber die Tante trägt die Schüld. — Ihie gütige Aufnahme, ihr' Anerbieten mich unangimeldet hier heteinſchlüpfen zu taſſin, um Sie zu überraſchen, ja ſelbſt die frohe Miene des ſonſt ſo düſteren Vaters, ſcheint mir alles ein Evangeliumm zu verkündigen, das Ihre Lippen mir doch geſtern verweigerten.— O, ulit kön⸗ nen Sie grauſamer ſeyn als diejenigen, vie n⸗ nem Hetzen ftemder ſind!“ ulla ſah ihn immer mildet an.„Kann ich zi nicht mehr“ erwiederte ſie ſanft,„mitten im Winter durch unſer heiteres, römiſches Fruͤh⸗ lings ſpiel Anlaß finden, Ihnen Stillſchweigen zu gebieten, ſo mütſſen Sie ſich doch nöch eine kurze Zeit mit meiner roͤmiſchen Bitte begnuͤgen: blei⸗ ben Sie mein Freund!— Lieber Axel! Sie ſind mir werth, abet,“ fugte ſie mit ſchlauer Caſuiſtik hinzu,„aber wir wiſſen Beide, daß ich * 104— ein Raͤthſel bin, das ich nicht pernehen. darf, ehe ich die Auflöſung in der Hand habe.“ Auf dieſe Aeußerung kam ſie immer zurücf; und wenn auch ſpäter ihr Unmuth und ihre nicht ſorgſam genug bewachten Launen ihn zur Unge⸗ duld reizten, wußte ſie ihn bald mit der ihr eige⸗ nen Anmuth zu beſänftigen; auch fand Axels Seele in dem neuerregten Intereſſe für die An⸗ gelegenheiten ſeines Vaterlandes, in welchen ſich irgend eine Criſis vorzubereiten ſchien, die ſeine Fräume auf eine relle Thaͤtigkeit hinwies, hin⸗ 6 Gleichgewicht. Si lla's Unmuth war nicht ohne Guunt⸗ ge war ihr noch immer nicht gelungen, weder durch den General, der ſie zu Axels Verwunderung W Fr Shite ichte noch z We zrſen Freundſchale ſir 1 zuſchgb 6 ahin zu bringen, daß dieſer bei ihr erſchiene. Guſtav ſelbſt war nicht ganz glucklich in den Gründen, die er dem Freunde fur ſeine Weigerung angab; indeſſen blieb er dem ein Mal gefaßten Entſchluſſe treu, und erwiederte zuleßt dieſem, der ſeine Empſindlichteit daruber nicht unterdrücken konnte: — 105— erſucht haſt, ſie nicht zu ſehen. Wie! wenn ich nun, um unſ'rer Aller Ruhe Willen jene Bitte beherzigen will güp Jheilte Axel ihr nun— nicht dieſe Ent⸗ ſhuldigung ſines Freundes mit, war es doch, als hätte eine innere Stimme Ulla etwas Aehn⸗ liches zugeflüſtert, das ſie noch mehr in ihren geheimen Anſchlägen beſtärktt. Auch die gänz⸗ liche Vernachlaͤſſigung des Königs, von dem ſie, trotz der Wolken, die immer trüber ſeine Aus⸗ ßchten vehültun, und ſich ſicttich auf Feine Stirn legten, etwas zu hören erwartet Hatte⸗ beunruhigte und erbitterte ſie immer mehr doch ſchien dieſe Vernachläſſigung mehr in ihrer Einbil⸗ dung, als in der Wirklichkeit ſtatt zu findenz denn obgleich der König recht gut wußte, daß die Graͤfin Axel keine entſcheidende Antwort ge⸗ geben, und er frilich noch keine Schritte zur Befriedigung möglicher Wuͤnſche thun konnte, bezrigte er ſich doch immer gnaͤdiger gegen dieſen, zog ihn immer mehr in ſeine Nähe, und ſchien in der That ganz vergeſſen zu haben, daß er der — Sohn eines Mannes war) von vent ſo ent⸗ ſchiedeß ſein Wohlwöllen abgewandt hatte. Sa wurde plößlich ein Maskenball, und zwat fruͤher, als ſolche ſonſt Anfang zu nehmien pfleg⸗ ten, bei Hofe angekündigt. Dieſer Umſtand er⸗ rehti⸗ allgemeines Aufſehen. Freilich eliebte der Kbniß dieſt Beluſtigüng ſehr,; da man ihn aber kntte und wohl wußte, daß er nie mehr im Inneten mit der Ausführung irgend eines Ent⸗ ſchtuſſes begriffen war, als wenn er! äußerlich ſich mit Kleinigkeiten zu beſchaͤftigen ſchien, ſo ſah dieſe Feſtlichkeit einer ſchweren Gewitterwolke ähnlich, deren Rand von der untergehenden Sonne roſig beleuchtet wird. Allen grauete davor, doch ließ es ſich vorausſthen, daß alle dahinſtrömen würden, die nicht durch ihr Ausbleiben verſtehen uſn wollten, daß ſie eine tiefere Abſicht ahnten⸗ Dies Feſt kam nun Ulla's Abſicht ſehr zu Statten. Sie hatte ſich ſehr geſchickt die Gewiß⸗ heit verſchafft, daß Guſtav den Ball beſuchen würde. Ihn in der Menge zu erkennen, dies hoffte ſie mit weniger Muͤhe zu erreichen. Sie machte nun zweckmäßige Verabredungen mit der Tante, welche dieſe auf eine ganz falſche Spur bachten/ und ubertrug iht nůr die Rolley Ael zu berühigen, wenn die Gtäfin— vdn ſeinet Su weiſchwinden ſollte.“ hñ dnu dinmumn Nicht ohne Abſicht wußte amt es ſö nzu kar⸗ ten, daß Azel ſich erböt, ihr und der Tate die dieſet Feſtlichkeit wegen in dein unubertiefflichen Operhauſe— der eignen und liebſten Schö⸗ pfung des Königs— getroffent Einrichtung, noch vor dem Feſte zu zeigen.— Sie kannte zwar das Lokäle, in dem hinter den Logen, ſo wie hinter der Bühne ſich eine Reihe Simmer befand, deren einige der König ſelbſt inne hatte. Sie wollte ſich gern ein Zimmer merken, in dem ſie nicht befurchten duͤrfte leicht geſtort zu werden, und wirklich etblickte ſie ein Zimmer, ſo nahe denen des Konigs, daß es dazu zu gehören ſchien, und daher auch vermuthlich von der Menge nicht beſucht werden wuͤrde.— Von dieſer Stunde an befand ſich die Gräſin nicht wohl. Es hieß, ſie wurde den Ball nicht be⸗ ſuchen. Sie beredetete Ael, den Freund ſeibſt in dieſem Glauben zu laſſen, damit ſie von allen unerkannt, nuͤr von ihm und der Tante begleitet, dem Ball beiwohnen könnte⸗— — 105— Gnſtan, der ſich alledings gern wit offnem heiterm Gemüthe unter der beweglichen Menge herumtrieb, und ſich allen fröhlichen Eindrücken leicht und geiſtreich hingab, freuete ſich, mitten in ſeiner Vaterſtadt ſich zum erſten Mal in eine ganz fremde Welt verſetzen zu können.— Er; ertieth keinen, hatte auch noch keine Bekannte getroffen, und ſchmeichelte ſich eben ſo utt vt unge⸗ fannt zu ſeyn-— npſt us aſſ ins So waren einige Fitde verſchwunden, — ſich nach dem Freunde zusſehnen, der, nach ſeinem Porgeben, erſt ziemlich ſpät nach beendetem Dienſtgeſchaͤft erſcheinen konntes da glaubte er auf ein Mal zu bemerken, daß er von einer großen breiten Fledermaus verfolgt und umſchweht war, die ſich Mühe gab ſeine Auf⸗ merkſamkeit auf ſich zu ziechen.— Er, irgend einen Irrthum vermuthend, nahm ſich vor, ſich dem Abentheuer hinzugeben, und gab gefliſſent⸗ lich der Maske Anlaß, ſich recht nahe an ihn zu drängen. Aber zu ſeinem Erſtaunen hörte er aus den haͤßlichen dunkeln Formen eine zarte faſt zitternde Stimme flüſtern:„Wird der Graf Silfverkron wohl innneiſchuchn Nachtva⸗ gel in dieſem ungewohnten Gewirte auf eine Viertelſtunde Ohr und Geleite geben?“ „Wie gern!“ gab er faſt ſchuchtern zur Antwort, denn die Anmuth der bebenden Stimme durchzitterte ſein ganzes Weſen.—„Wohin be⸗ fehlen Sie, daß ich Sie fuhren ſoll?“ „Wo ein beängſtetes und zugleich vertrauen⸗ des Herz ſich eröffnen darf!“ flüſterte die Stimme wieder, und raſch hinzufüͤgend:„Kommen Sie!“ tegte ein kleiner zitternder Arm ſich in den ſeini⸗ gen, und zog ihn ſchnell nach einer beſtimmten Richtung fort, durch ein Paar kleine Salons in ein kleineres ſanfterleuchtetes Cabinet, in welchem die Maske Ahem—— Arm 1675 „Der kann ſich nicht irren, der dieſe Stimme ein Mal gehort!“ nahm Guſtav ehrerbietig das Work:„Die ſchöne Gräſin Banner in. entſtellenden Huͤlle?“ „Die Gräfin Banner iſt es, Herr güiſen verſetzte Ulla, während ſie die Maske herunter⸗ nahm/„die gern eine noch mehr entſtellende Hülle gewählt, wenn ſie dadurch jede Art von ußtrer Galſuerie von einer Stunde entfernen konnte, in der ſie einen erfahrnen Freund Prrh⸗ und nur Wahrheit ſucht!“ Der demuͤthige, feuchte Blick, der ⸗ render Verſchaͤmtheit ſich zu dem ſeinen erhob, und ſich verwirrt ſogleich wieder zum Boden ſenkte, geſtattete kaum Guſtav, der die Wirkung dieſes Blickes ſchon im Innern empfand, mit unſichrer Stimme zu erwiedern:„Als die Braut meines Freundes konnen Sie ja ſchon meiner innigſten Theilnahme gewiß ſeyn, um 6 mehr muß Ihr Vertrauen mich dazu verpflichten.“ Sie nahmen Beide Platz auf einem kleinen Sopha. 5 „Und iſt es denn 6.— Gnt“ ulla, indem ſie den Blick offen und ſanft auf ihn heftete;„daß ich die Braut Ihres Freundes ſey! Er hat noch nicht mein Wort. Es iſt Sorge um ſein Gluͤck, die mich hier mit Ihnen zuſammenfuͤhrt, und wenn ich dadurch weihlicher Sitte zu nahe trete, muß es der Mann verantworten, der mir es ſo ſchwer ge⸗ macht hat, ihm die vertrauenspollen Fragen vor⸗ zulegen, ohne deren offne Etwiederung ich noch — Aut— länger ſeinen Freund ing ſchmerzlicher unni laſſen muß“ jlt nn e 31 „Sie vepſchen einen—. Vu zu — ſen gice—— S tz— gung zu verbergen.—„Wie durfte ich mir eine Wichtigkeit beilegen, von der ich) nie träumen konnte, und die mich in dieſem Augenblick wahr⸗ lich überaſcht!“ n nin 1hn „Ueberraſcht, Graf? uias— wenn Sie nicht ſchon in meinem Vertrauen waͤ⸗ ren. Ein gewiſſer Röhr hat mir anvertraut, daß er, ſeit er in dem Vaterlande zuruͤck iſt, kein Geheimniß vor ſeinem Freunde Guſtav Silfver habe.— In der That, Graf, ich habe den gu⸗ ten Axel geſcholten, nicht darum, daß er mein Geheimniß in Ihren Buſen niedergeligt, ſondern darum, daß er das unweibliche Wagſtüͤck eines zu entſchloſſenen Mädchens Ihrer Mißbilligung Preis gegeben, ohne das gefaͤhrliche Geheimniß in ihrem Buſen Ihnen mittheilen zu koͤnnen, daß jenes erklͤrt und entſchuldigt.“ n „Hat denn meine tiefe Ehrerbietung Ihnen — 4¹2— nicht ſchon geſagt, daß ſeine Mittheilung mich zu einem unbilligen Urtheil verleitet?“ Ich will es Ihnen glauben, Graf! obgleich Ihr Benehmen mich leicht eines Andern beleh⸗ ren möchte; auch habe ich Sie nur daran erin⸗ nert, um Ihnen zu Gemuͤthe zu fuͤhren, daß ich ſehr wichtige Gründe haben muß, wenn ich nicht ohne Bedenken mein Schickſal dem hingebe, der mir ſchon damals treue Ergebenheit Seigt.— Wenn ich auch der Kuͤhnheit Ihres Fteundes veiträten würde, der Kühnheit, ſich mit einem tächſelhaften Weſen zu verbinden, das ihn viel⸗ leicht in Gefahren und Verwickelungen hinreißen könnte, die entweder Stlbſtverleugnüng oder Au⸗ ſtrenungen erfordern, ſo bleibt doch immer ein — el zurüick, den Sie allein löſen könin. „Reden Sie, Gräfin!“ Ihr Freund liebt mich, inniger, heißer als ich ihm entgegenkommen kann; Anhaͤnglichkeit, Freundſchaft, die Pflichten einer Ehefrau, könnle ich ihm widmen, nur mein Het⸗ bns mit — mehr gehort.“ ſmE s „Sie ſind nicht mehr frei? — 143— „Doch! in ſofern es ſo heißen kann, daß Hand, Wille und aͤußere Verhältniſſe von mir abhaͤngig ſind— aber die Gefuͤhle meines Her⸗ zens liegen außer meinem Willen. Sie gehö⸗ ren dem, der ſich vielleicht ohne es ſelbſt zu wiſ⸗ ſen, derſelben bemaͤchtigt hat; ließe er ſie auch los— ſie wuͤrden doch nicht unter meine Herr⸗ ſchaft wiederkehren; ſie wuͤrden ſich an ſeinen Schatten haͤngen, an ſein Andenken, an jedes Geruͤcht das ſeinen Namen nennt, an den Traum in dem er mich lieben darf, an alles, was an ihn erinnert; wenn ich auch nicht hoffen duͤrfte, daß ſie, und ich ſelbſt durch ſie, in ſeinem Her⸗ zen leben.— Das ſchönſte Geſchenk, auf das Ihr Freund Rechnung macht, iſt mir abhanden gekommen. Doch mißverſtehen Sie mich nicht; ich habe Sie zum Schiedsrichter gewaͤhlt, darum mußte ich aufrichtig ſeyn: glanben Sie, daß ich unter dieſen Verhältniſſen Ihren Freund beglůk⸗ ken kann?“ 5 „Der ehrliche Wille zu veglucen, beglüct ſchon. Ich weiß nicht, was— von dem Ge⸗ genſtande Ihrer Liebe trennt.— 114— „Eine Luge, er— ſn wir das.“ „Mein Freund liebt Si treu und warm. Jahre haben ſeine Neigung geprüft und geſtaͤhlt. Der Koͤnig wuͤnſcht dieſe Verbindung, und noch mehr ſein Vater, der ihm von ſeiner Geburt an immer entgegen geweſen iſt.— Konnen und wollen Sie ihm das ſchenken, was Ihnen zu Gebote ſteht— er wäre doch zu beneiden!— Nur mit Mühe unterdruckte Guſtav den Seuf⸗ zer, der ihm ſelbſt ſeine Aufrichtigkeit verrieth!— „Konnen!“ wiederholte Ulla.—„Ja— ich kann ihn heirathen— denn was kann man nichtz damit ich es aber mit ruhigem Gewiſſen, mit der wehmuͤthigen Empfindung, auch der letz⸗ ten Forderung des entſagenden Herzens Genüge geleiſtet zu haben, thun kann, dazu bedarf ich Ihre Mitwirkung.“ Ulla heftete ihr großes, nachtblaues Auge durchdringend auf Guſtav.— „Ich, Graͤfin?“ „Verdammen Sie mich nicht, Graf Guſiar, daß ich ſo ſchwach bin! aber ich kann, ich kann nicht dies Opfer bringen ohne deſſen Beiſtim⸗ mung, dem mein Herz gehort.— Ich beſitze 713 ₰ nur ein Andenken von ihm! es iſt mir unetſetlich und theuer, ſein Blut iſt darauf gefallen. Brin⸗ gen Sie ihm dieſes.— Wenn Sie ihm es geben, wird ihm alles deutlich werden. Meine Thraͤnen haben es benetzt.— Gönnen Sie mir die ſtille Genugthuung, daß er die Spuren, die ſie hinterlaſſen, an ſein Herz druͤcke. Ich müß ſeine Zuſtimmung haben! Giebt er mich ftei— reinigt er es von ſeinem Blute oder lieber nicht — ſendet er blos als ein theures Andenken dies Heiligthum meiner verſchwiegenen Liebe mit zurück, dann, aber erſt dann, gehört meine Hand Ihrem Freunde!“ Sie zog ſchnell ein kleines verſiegeltes Paket aus dem Biſen 3 es Guſtav hin. 8 „Kenne ich ihn?“ fragte er beſtürzt. „Ich glaube— Ja— Ja.“ „Nennen Sie ihn mir!“ flüſterte er in ſonder⸗ barer Bewegung, während ſeine Augen Schrit⸗ zuge auf dem weißen Papier vergebens ſuchten. „Sie werden den Namen!unter dem Eouvert finden!“ verſetzte Ulla kaum verſtändlich, indem ſie ſchnell aufſprang„Und nun, Graf!“ fuhr ſie auf ein Mal muthig fort:„verſprechen Sie mir — noch eins: Sie haben ein ſonderbares, raͤthſel⸗ haftes, tiefempfindendes Weſen kennen gelernt, das ſich ſelbſt vielleicht nicht verſteht, darum ver⸗ kennen Sie es auch nicht, und bewahren Sie ihm Ihre Freundſchaft.“ Guſtav küßte ihre Hand, ohne ſegtuch Worte finden zu können⸗—„Gehen Sie, gehen Sie!“ — rirf ſie ſchnel.—„Ich weiß, daß Ihr Freund Ihrer harrt.— Gehen Sie allein, damit er, wenn er uns begegnen ſollte, nicht ein Verhaͤlt⸗ niß ahne, daß ihm ja ein Geheimniß bleiben muß. Sie druͤckte ihn— aus dr Shün, und eilte ſelbſt durch eine andre hinaus; und ver⸗ weilte Athem ſchoͤpfend in dem nächſten Zim⸗ mer. Sie warf ſich matt auf einen Stuhl während ſie die weite Hülle dichter um ſich zog. Sie fuhlte einen Druck in der Bruſt, der ſich in Thränen auflöſ'te. Doch faßte ſie ſich bald.—„Die Saat iſt ausgeſtreut,“ ſagte ſie leiſe, während ſie ſich langſam erhob,„es kommt nun darauf an, wie ſie aufgehen wird.— Es wäre alles unnothig geweſen— er war ſchon mein, wenn nicht—“. Ihr Blick verfinſterte ſich — — 11— im Gehen.— Da kam es ihr auf ein Mal vor, als hörte ſie ren in nächſten Sier n6 ſ. Sie beſann ſich darauf, wo ſie ſich befand. Es mußten die Schildwachen ſehn, die bei dem vorderen Eingang in das königliche Zimmer ſtan⸗ den. Sie bebte leiſe zuſammen. Wenn der Kö⸗ nig zufälliger Weiſe nun aus ſeinen Zimmern käme, und ſie erkennte; was muͤßte er von ihrem Alleinſeyn in ſeiner Nähe denken?— Sie eilte, noch mit der Maske in der Hand, um unbe⸗ merkt in den großen Saal zu ſchlupfen— aber ſo wie es oft geht, daß man eben aus Furcht einer Perſon zu begegnen, dieſer gerade in den Weg läuft, ſo geſchah es auch hier. Sie trat kaum aus dem Zimmer in den ſchmalen Logen⸗ gang, der nach dem Saal fuͤhrte, als der Konig wirklich ohne Maske, und nur von einem Pagen begleitet, ihr aus jenem entgegen kam, um ſich nach ſeinen Zimmern zu begeben. Er ſchien aufgeräumt zu ſeyn und mit heitrer Miene auf die breite Fledermaus zu deuten, eine Maske, die eigentlich nur alte Frauen, oder wenigſtens ſolche, die ihre Geſtalt nicht gern zur Schau — 118— ſtellen möchten, zu waͤhlen pflegten⸗ Der Page, vermuthlich aus Neugier, weil er bemerkte, daß die verhuͤllte Schoͤne ſchnell die Maske vor das Geſicht führte und ſie nur an der äußern Spitze feſthielt, oder auch um den König zu beluſtigen, wußte, indem er vorbeiſchluͤpfte, mit einer ge⸗ ſchickten Wendung, wie aus Verſehen, ihr die Maske vom Geſicht zu ziehen. ulla wurde in dem erſten Augenblick todten⸗ blaß. Die ſchoͤnen Zuͤge und halbgeſchloſſenen niedergeſenkten Augen, die, aus der dunkeln, ſei⸗ denen Huͤlle hervorſchimmernd, einer verſchleierten Engelsſtatuͤe zu gehören ſchienen, brachten den Koͤnig, der einen mißbilligenden Blick auf den Begleiter warf, gleich zum Stehen.„Mein Gott! Gräfin, Sie ſind's?“ ſagte er halblaut auf franzöſiſch.„Wie ſoll ich das Räthſel ergrün⸗ den?— Sie, die Konigin des Feſtes, in einen Nachtvogel verſteckt?“ ulla, die bei dem erſten Laut aus icten Munde ihre Faſſung, wie immer, ſchnell zuruͤck⸗ bekommen und ſogleich bemerkte, daß der Page ſich ſcheu zurüͤckgezogen, erwiederte bitter lächelnd mit der ihr eignen unüberlegten Entſchloſſen⸗ — 149— heit, die ſie vftmals zu weit gefuhrt hatte, wenn ſie extemporiren wollte:„Das Räthſel iſt leicht zu loſen, Sire! Es lohnt der Muͤhe nicht, den Nebel, der ſeit der Geburt mich umringt, zu ver⸗ ſcheuchen, um eine Maskenkönigin herausblicken zu laſſen. Ich bin ſtolzer auf eine Verhuͤllung, der ähnlich, die ich im Leben trage, als auf die Wahrheit eines Augenblicks, die als Maske be⸗ trachtet wird!“ „Ich verſtehe Sie nicht, Gräfin Ban⸗ ner!“ ſagte der König 5 und mit Ge⸗ wicht.— Wie gcich ich wenn. Sie Sire! mir, nur wir ganz allein zuflüͤſtern wollten: ich, liebe Ulrika! ſehe durch dieſe Verhullung ein koͤnigliches Kind!“ Der Konig ſah ſie lange vinwundett an, dann verſetzte er ſehr ernſt:„Liebe Gräfin, Sie beſinden ſich wahrlich nicht wohl.— Es macht gewiß die dicke Luft in der Stadt oder der lange Brautſtand. Ich will den Baron Ruppin rufen laſſen. Er ſucht Sie gewiß mit Unruhe⸗ Be⸗ gleite die Gräfin in den Saal,“ rief er ſeinem Gefährten zu, und eilre mit Ver⸗ nach ſeinen Zimmern. Der verlegne Page verlor ſich⸗ nEnüni gungen, während er ihr den Arm bot. Sie nahm dieſen an, ließ ihn aber ſprechen ohne ihn zu unterbrechen. Sie hatte auch kein Wort ge⸗ hört. Aerger, Zorn, Beſchaͤmung nahmen ihre Seele ganz in Anſpruch. Sie hatte ſich noch nicht gefaßt, als, kaum in den Saal einge⸗ treten, es dem Pagen wirklich gelungen war, den Baton Ruppin in ſeinem leicht kenntlichen Do⸗ mino, der die Uniform hervorblicken ließ, zu ent⸗ decken. Mit Erſtauten empſfing er Ulla, die eine Stunde fruͤher in einem andern Maskenkleide von ſeiner Seite verſchwunden E m Wn Sine des Pagen. inii hihi Sie hatte das Geſicht mit der Meske be⸗ , die ſie noch in der Hand hielt. Er ver⸗ nahm daß ihr Arm, der ganze Korper zitterte⸗ Fott, fort!“ fluͤſterte ſie ihm mit halb verſa⸗ gender Stimme ins Ohr.—„Begleiten Sie mich S Hauſe— gleich, ſogleich!“ Gernl aber Ihre Tante! Sie wird in einer von jenen Logen ſitzen.“— Holen Sie ſie hernach ab— ich will und kann keinen Augenblick läͤnger hier aushalten.—“ „„Liebſte Graͤſin, Sie ſind ja außer ſich!“ Sie t alles—. nur fort, 8 55 Nur einen un daß meinen Die⸗ ner⸗ Wie werden wir ſonſt Sen in der Menge herausſinden?— „Laſſen Sie ihn! Die Straße ig es friert ja draußen; aber ich gluhez ich werde mich nicht erkalten— wir haben ja nur einige Schritte über den Markt— kommen Sie!“ Es gelang Axel nicht, ihre Heftigkeit zu be⸗ ſchwichtigen. Sie ſtanden ſchon in dem Vor⸗ ſaale. Er riß ſchnell einen Mantel aus den Haͤnden des Dieners einer ſeiner Freunde, warf ihn um das zitternde Mädchen, rief einen La⸗ ternenträger, und trug ſie mehr, als er ſie beglei⸗ tete, uͤber den Platz bis an das Haus der Tante. Det Thorweg ſtand wiit offen. So eben, ſagte ein ſchlaftrunkener Bedienter, der ſich in der ſin⸗ ſtern Loge des Pfortners befand, waͤre der Kut⸗ ſcher mit dem Wagen hinuͤbergefahren. ulla geſtattete Axel nicht einen Schritt weiter zu gehen. Sie hatte ſich ſchon etwas gefaßt, und erſuchte ihn, die Tante abzuholen und zu beruhigen, wenn das nothig ſeyn ſollte; ſie ſelbſt wollte, von dem Bedienten und dem Laternenträ⸗ get begleitet— denn der Diener, der die Herr⸗ ſchaft nicht ſobald zuruͤck erwartete, hatte unten kein Licht— ſich in das Zimmer der Tante be⸗ geben.— Sie befände ſich ja ſchon— Er mußte gehorchen.— Auf die Schulter des Dieners h war ſie, ein wenig ermüdet, ein Paar Abſatze hinauf⸗ geſtiegen, als der vorleuchtende Laternenträger plötzlich mit einem aͤngſtlichen Geſchrei zuruͤckfuhr, und zitternd ausrief:„Ach Gott! ein Sa Der Bediente ergriff ſchnell vß die auchn⸗ 56 die Thuͤre derſelben auf, damit das Licht einen helleren Schein ausbreiten konnte, und drehete die Oeffnung auf den Gegenſtand hin, vor dem der Knabe zuruͤckgebebt war. Einige Stufen höher, am Eingange von den Hertſchaftszimmern, gegen die Wand gelehnt, ſaß eine kleine zuſammengekauerte, ganz weiße Figurz — 123— ihre Arme waren um die ſchwarzbekleideten Beine geſchlungen, als wolle ſie ſo ihrer unbequemen Stellung eine groͤßere Feſtigkeit geben.— Auf dem ziemlich großen Kopfe trug ſie ein rothes Scheitelkäppchen; das Geſicht, bei dem Scheine des Lichts von einer widrigen Bläſſe, war mit dem ſpitzen Kinne auf die hochemporragenden Knie geſtützt. Die kleinen Augen ſtanden offen, und ſtarrten mit unbeweglichen Augenſternen die Kommenden an. „In Gottes Namen! Wer biſt Du, wie kommſt Du hieher?“ rief der kleine Later⸗ nenträger muthig, während er ein Kreuz vor ſich zeichnete. Da die Geſtalt aber ſich gar nicht regte und nicht ein Mal die Worte zu vernehmen ſchien, wurde der Knabe wieder von Angſt er⸗ griffen, und, die Leuchte im Stiche laſſend, tau⸗ melte er mehr, als er lief, die Treppe hinunter und aus dem Hauſe. ulla, welche die Geſtalt eben ſo ſtarr betrachtet hatte, ergriff, von dem Schrecken des Burſchen angeſteckt, den Arm des Dieners mit beiden Händen, ohne Kraft ein Wort hervorzubringen⸗ — 124— uin Gotteswillen! faſſen Sie ſich, gnädige Gräſin!“ ſagte endlich dieſir! ſich echolend.„Der unvernuͤnftige Schreck des Jungen hatte mich blind gemacht.— Beruhigen Sie ſich! Es iſt ein alter Bekannter, den ich ſchon bei Tage ge⸗ ſehen und mit Stockſchlägen noch beſſer hatte äbweiſen ſollen!— Laſſen Sie mich los, damit ich ihm Eins uiſchen dann ih er gleich erwachen!“ 2* „Erwachen?“ nineolt die Graͤfin erſtaunt, die uber dieſem neuen Vorfall den Eindtuck des vorhergehenden zum Theil verſchmerzt hatte. „Ja, gnädige Gräfin!“ verſetzte der Be⸗ diente;„er ſchlaͤft nur. Ich habe ihn oft ſo zwiſchen den Felſen liegen geſehen, und habe an⸗ fangs gedacht, daß er behext, oder ihm der Geiſt durch Zauberkunſte auf kurze Zeit vom Körper getrennt geweſen ſey, bis ſeine Mutter mich be⸗ lehrte, daß er immer mit offnen Augen ſchlafe.— Was er doch mit. Hauſe zu haben kann!“ „Wer iſt es denn? rede!“ uuf Ulla be⸗ klommen, indem ſie einen ahnenden Blick auf den Schlafenden warf.— „Es iſt der Felſenſohn, deſſen Mutter, die kluge Finnfrau, plötzlich von unſerm Schloſſe ſich entfernt hat. Laſſen Sie mich ihn binden, gnadige Graͤfin! und übergeben Sie ihn dem Ge⸗ richte, denn er trägt gewiß Böſes im Sinne.“ „Nein! Nein!“ rief Ulla raſch.— Bntii in Man wird öfters ng zute nnt von einer heftigen Gemuthsbewegung beſtuͤrmte, ſchwankende Sinn, in ſeiner Unentſchloſſenheit ein unerwartetes Ereigniß nur zu leicht für einen Wink des Schickſals annimmt; und ſo erregte plötzlich die Erwaͤhnung jener Finnfrau, in deren geheimnißvolle Kuͤnſte ſie ſelbſt dieſelbe Nacht mit ungeuͤbter aber kuͤhner Hand eingegriffen, eine ſelbſtſuͤchtige Theilnahme fuͤr den Sohn, obgleich ſein Anblick ihr Schauder eingeflößt hatte. „Wir Alle, die von dem Gute her ſind“ fuhr der Diener mit leiſerer Stimme fort,„ha⸗ ben ſchon ſeit mehreren Tagen bemerkt, daß er ſcheu und geheimnißvoll um das Haus ſchleicht, und jedes Mal, wenn einer von uns in ſeine Nähe gerieth, ſich zuruͤckgezogen hat: Wir haben uns insgeſammt unſ're Bemerkungen daruͤber — 126— mitgetheilt.— Der Stallknecht hat geſehen, daß, wenn Ihro Gnaden herausfährt, er der Kutſche von weitem, ſo ſchnell er nur kann, nachfolgt, und wenn Sie zuruͤckkehren, bemuht er ſich immer durch den Thorweg mit herein zu ſchlupfen.“ „Ich bin nun immer den Leuten gut geweſen und daher mag es wohl kommen, daß er mir mehrmals aufgepaßt, wenn ich des Abends in Geſchäͤften ausgegangen bin, und mich ſchmeichelnd, jedoch mit halb unverſtändlichen Worten, hat uͤber⸗ reden wollen, ihn in das Haus zu führen. Noch vorgeſtern habe ich ihm eine Tracht Prügel gege⸗ ben, was mich doch nachher verdroſſen, denn ich hätte ihn verhaften laſſen ſollen, weil er mir auf eine geheimnißvolle verſtohlne Weiſe eine Hand voll Silbermünze geboten, damit ich ihn zu Ihnen brächte. Nun hat er Ihro Gnaden gewiß dieſen Abend ausfahren geſechen, und ſo lange in der Nähe gelauert, bis der Wagen wieder hinübergefahren, um Sie abzuholen; ſich dann, während der Thorweg offen geſtanden, leiſe hereingeſchlichen, und iſt nun vor Müdigkeit einge⸗ ſchlummert. Bemerken Sie nur wie er ſchnarcht.“ „Nun, ſo wecke ihn denn!“ befahl S im⸗ mer mehr betroffne Mädchen. Der Diener trat lautrufend zu ihm hin, 53 v erſt ein ziemlich unſanftes Riitteln den ſcheinbar Erſtarrten in die Zahl der Lebendigen zuruͤckzurufen. Aber ſelbſt erwacht blieb ſein Blick noch ſtarr und unbeweglich auf Beiden ruhend, waͤhrend er ſchnell aufſprang und die kleine un⸗ förmliche Figur in die Höhe richtete. Erſt da Ulla ihm naͤher trat, und ſich aus ihrer dunkeln Verhuͤllung loswickelte, und die Kappe, die ihren Kopf bedeckte, herunterſchlug, war es, als theilte ihr Anblick den kleinen grauen Augen ein dunkles Feuer mit, und die vorige gleichmuͤthige Miene, mit der er Beide betrachtet, druͤckte ein frohes Erſchrecken aus. Seine Blicke eilten ſchnell von dem Einen zu dem Andern— denn Ulla's Mädz chen war indeſſen mit Lichtern in die Thuͤre ge⸗ treten— und dann wieder nach Ulla zuruͤck, wäh⸗ rend ſeine Lippen ſich zu einem widrigen Lachen verzogen. Doch konnte er immer keine Worte finden, ſchien nicht ein Mal des Dieners wie⸗ derholte Fragen: woher er in der Nacht käme, und was er wolle, zu hörenz und da dieſer ihn — 128— endlich mit einer drohenden Bewegung an den S— wollte, verändette er keinen Ulla hielt aber den Diener uih tat tnicht ohne Widerwillen der nnbeweglichen Geſtalt ein Paar Schritte naher, und fragte W „Wie nennſt Du Dich u un Es war, als belebten ſich bei dem guun Stimme alle ſeine Geſichtszuͤge; er warf einen ſchnellen triumphirenden Blick auf die Bedienung, blinzelte ſchlau mit den kleinen Augen, ergriff den Saum von Ulla's Kleide, druͤckte nach der Art der Muiter einen Kuß Sh und— treu⸗ herzig:„Hund.“ m tn „Hund?“ wiederholte Ulla verwundert⸗ „Nun! ich bin es ja! Dann muß ich auch ſo ni nenne mich Schild, wenn Du lieber willſt, ſo heißt ja der Pudelz ich habe mir es wohl gemerkt, hi hi hi!“ „Er nennt ſich Arwed,“ fiel der Outr eini „und was willſt Du bei mir, Arwed?“ fragte ulla, bei jener Etinnerung leiſe ſchaudernd. „Still, ſtill! nenne mich nicht ſo, damit die dort unten es nicht horen mögen!“ rief er —— aͤngſtlich mit einem wilden Blicke.„Ich bin ihnen nur mit Mühe entſchlüpft. Sie haben mich lange verfolgt, ich habe ſie unter mir klopfen hoͤren, wenn mein Ohr ſich gegen den Boden zum Schlafe neigte. 30 3 es 5 bin Dein Hund.“ Nun, was willſt Du denn bei mir, oun 2 wiederholte Ulla. „Ich will nichts; ich muß, 5 Dir die⸗ nen teu, treu, auf Deiner Schwelle Deinen Schlaf bewachen!“ „Ich bin unter guten Menſchen,“.* Ulla verlegen,„mir droht keine Gefahr!“ „Gefahr, blutige Gefahr! Die Mutter hat ſich daruͤber das Haar herausgeriſſen; aber ſey ge⸗ N troſt, das Blut iſt treu, der treue Hund fuͤr Dich bluten!“ „Wo iſt die Nutter?“ ſu⸗ Ulla ſcnilt „Ich weiß es nicht. Als ich in der Nacht zu⸗ ruͤckkehrte, um das, was ich unter dem Steine vergeſſen, zu holen, war ſie nicht mehr da— die Hütte auch nicht, der rothe Hahn hatte über ihr gekräht.— Nun, es bekuͤmmert mich auch nicht⸗ III. 9 — 130— — Bch habe keine Mutter, keine Heimath⸗ nin Gedanken mehr, als nur Dich!“ „Er iſt wahnſinnig!“rief der Diener,„laſſen Sp mich ihn fortſchaffen, gnädige Graͤfin!“ Nein! nein!“ rief der Finne unerſchrocken. „Ihr ſchafft mich doch nicht fort! Ich habe mich durch Wälder und über Felſen, durch Städte und um Seen herum fortgeſchleppt, und doch habe ich ſie aufgefunden.— Die alten haͤßlichen Lum⸗ pen habe ich unter Steine begraben, das weiße Silber habe ich gegeben, um weiß wie der Treue zu werden, da bin ich nun, und Ihr ſollt nicht den Hund der Herrſchaft forttreiben. Wollt Ihr mich pruͤgeln, ſo prugelt denn fort.— Pruͤgel thun weh— aber von ihr getrennt zu ſeyny thut we⸗ her; das Blut verdorrt in mir, wenn mein Auge ſie nicht ſieht.— Laß den treuen Huͤnd bleiben,“ flehete er, Ulla's Gewand ngſtlich aiifend, „Treue thut Dir Noth! Laß mich aber nicht tödten, denn mit meinem Blute erkaltet das Deinige.. Ein tiefer Schauder durchfuhr das erbleichende Mädchen; endlich ſagte ſie mit unſicherer Stimme? „Nun ſo bleibe denn, bleibe— aber hier oben „ ————— nicht! Der— Dir ein— im— bereiten.“ 356 „Täuſche mich ichthee u der Finne mit einem frohen Sprungez denn wenn Di gebieteſth muß ich gehorchen.— Im Hundeloche laß mich wohnen, das kömmt mir zu.— Waſſer und Ger⸗ ſtenbrodt laß mir reichen, ich bin nichts Beſſeres gewohnt; geduldig und fuͤgſam werde ich ſehn, wenn ich nur bleiben darf.— Tritt mich mit Füßen, ſchlage mich mit Stoͤcken, kein Wim⸗ mern ſollſt Du hörenz ee kunn mich, aber— mi amn „Was verſtehſt Du, was kannſt S ung⸗ — unterbrach ihn Ulla ſchnell.“ n „Ich kann Pferde ſtriegeln und Hunde hei⸗ len.— Aus Holz kann ich ſchneiden und Leder gerben. Die Witterung kann ich vorher ſagen, aber mit dein Uebrigen iſt's vorbei.— Denen da unten muß ich ſchon todt ſeyn, auch bekuͤmmere 2 mich nur um Einst treu zu ſeyn.“ „Spo gehorche denn,“ ſagte Ulla— S gehe ſchlafen.“ Ohne ein Wort zu erwiedern, eißte Awed nch ein Mal den Saum ihtes Kleides, und ſchritt 9* ſo eilig die Treppe hinunter und in den Hof hinein, der Bediente ihm kaum folgen konnte. ullartrat in den Salon ein, doch kaum hatte ß. Zeit gehabt ihren Leuten das tiefſte Stillſchwei⸗ gen uͤber dies ſonderbare Ereigniß zu gebieten, als der Wagen ſich hören ließ. Sie ſchluͤpfte ſchnell in ihr Zimmer, und weder die heftige, ungeſtuͤme Neugier der Tante, noch Axels unruhige Fragen nach ihrem Beſinden konnten ſie bewegen, nur ei⸗ nen Augenblick zu erſcheinen Im tirfen Sinnen begab Axel ſich nach Hauſez der unerklaͤrliche Auf⸗ tritt im Opernhauſe hatte ihm ein neues beunru⸗ higendes Räthſel aufgegeben. 2 Indeſſen hatte die Letzte ihm nnß aber ulla faſt unerklärlichere Erſcheinung die ſtuͤrmiſche Aufwallung in ihrem Buſen gedämpft, indem ſie mit einer neuen Beklommenheit ihr Herz umgabz aber eben dieſe Beklommenheit fuͤhrte ſie auf eine Stunde dirſer Nacht zuruck, deren ſie nicht ohne einen ſehnſuͤchtigen Seufzer gedenken konnte Aus dieſen ſich kreuzenden Gedanken half endlich ihr kuͤhner leichter Sinn ihr heraus.„Ich bin muͤde und will ſchlafen,“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt.„War⸗ um mich ſl quälen, nun, da ich doch ſo ziemlich . — 133— weiß woran ich bin!— Hmt Die Stadt veliſſe ich doch nicht.— Nein!— Still! ihr nůchtlichen dunkelu Zweifel!— Der Sonne des Tages ſoll wohl äuer Nebel weichen, wenn ich euch nicht verſchlafin kann. Hinwig! will von 6 Wirklich röthete auch die ſpäte Morginſonne an dem klaren, reinen Winterhimmel“ Swi im Schlafe laͤcheinde jugendfriſche Wangen, und als die erquickten Augen ſich wieder aufthaten/ ſträhllen ſir noch von dem W eines Traumes.— ii llalss etſte Frags an den— war: Wäs macht der Finnknabe?“ Si nunnts ihn ſo, ruͤckſichtlich ſeino kleinen Statar ünd bartloſen Kinnes, denn als ſis/ wie ſie ſich klar erinnerte, ihn als Kind einſt in dem Walde eſehen, hatte er ſchom— älteres n ois ſien gehabt, not nnot Doei iſt ſchon enitet⸗ der Siner lachend. Kuum eine Stunde nachdem er zu Ruhe gebracht war hoͤrten wir ihn ſchon⸗ ſeien Anzug waſchen, und nachher an dem Ofen in der Geſindeſtube trocknen. Wir kehtten uns nicht daran, denn wir kennen ja Mutter und Sohn, und wiſſen, daß ſie nicht diebiſch ſind⸗ Ganz früͤh dieſen Morgen fanden wir ihn auf dem Vorplatze, auf der unterſten Stufe der Treppe, in eine alte Pferdederke eingewickelt, ruhig ſchla⸗ , Mnfnn Das darf nicht ſeyn! er muß fort. Er — mich ja in's Gerede bringen 10 rief Ulla t wbh* b ich mit Szn au das gcet des— S Shir hinter ihm zumachte, trat. Arwed herein blieb ehen nicht ſchuͤchtern, aber ſtille bei, der Fhuͤre ſtehen, und ſtarrte die Groͤſinefroh mit treuherzi⸗ gen Blicken an. Allla erhob mit innerem Wi⸗ derſtreben ihr Auge auf das ihr von dieſer Nacht ſo widerwaͤrtige Geſchöpf, und fand ſich wirklich uͤbet die Verwandlung überraſcht, die ait ihm ſchon vorgegangen war. Es war als hätte die Morgenſonne ſein freilich immer häßliches Ge⸗ ſicht weiß gebleicht; wenigſtens erregten die fruͤ⸗ her von Schmuze; Müdigkeit und Angſt ver⸗ zerrten, jetzt reinlichen und ruhigen Zuͤge den Schauder nicht, den juͤngſt ſeine xächſelhafte * * — 135— 2 Rede eingeflößt.— Sein einfarbiges, von einer ſeltenen Weiße glaͤnzendes Bauerkleid, gab der⸗ ganzen Geſtalt das Anſehen jener holzernen Vexir⸗ ſtatuen, die in vielen, aus einer früheren Zeit, halb in franzoſiſcher, halb in hollaͤndiſcher Manier, her⸗ ruͤhrenden Gärten, bald als Zwerg„ bald als bucklichter Verwachſener oder Pickelhering, mit einer ungeheueren Lanze in der Hand, den Eingang der⸗ ſelben bewachten. Die Idee fiel ihr auf ein Mal ein und ſie ſlachte ſchon bei dem Gedanken, ihn in ihrer Naͤhe als einen ſolchen Vexir⸗Pagen anſtellen zu können. Nach kurzem Bedenken fragte ſie ihn mit weniger Widerwillen? Du wie 2 heiße?“ 6nu n n gni „Nein!“ gab er zur—— n „Wie biſt Du denn“ fuhr ſie verwundert fort,„hergekommen? wie haſt Du— ſo viele, viele Meilen weit aufgefunden 24 i 385 „Das weiß ich nicht zurſägen, Golochen1“ erwiederte er freimuͤthig. Einem treuen Hunde gehen dit Spuren nicht aus, und habe ich es auch⸗ nicht an dem Geruche, mag doch etwas in mir! ſeyn, was mich immer wiiter und weiter getrieben, bis in Deine Nähe.— Die Eurigen vermögen — 136— das nicht, uns erbt ſich es an.— Du magſt zie⸗ hen wohin Du willſt, ich werde doch nachkommen. — Ich haͤnge feſt an— das S dus⸗ Blut.“ 4 „Das Butt“ nicdeholte t Ulla ſchaudernd. ₰ iſt die Mu warum. ver⸗ S 5 Sie hat mich ön und aber ſit ich bei Dir bin, iſt alle Angſt vorbei.“ n Was Du denn mit— — ſah ſie mit einem trunkenen wemuͤthi⸗ gen Blicke an, ſchuͤktelte den Kopf, und 5 Finger auf den Mund. e „Nun! fuhr ſie heftig feiten Nniu Ich lebe nur) wo Du lebſt, und vil· Du ſtibſt, muß ich mit.“ Da qübllen Thränen! aus ſeinen Augen) er fiel auf beide Knie nieder, er⸗ hob die gefalteten Hünde gegen ſie ünd ſchluchzte: „WVerſtoß mich nicht, thue. nicht, was Dein und mein Verderben iſt— wir bleiben a6 prn n ne iſee. ſn inn t 1 ni i — 137— 3ch weiß nicht was Du von der mittr ze⸗ fordert, nicht was ſie Dir gewährt, aber zu Dii⸗ nem Nutzen brauchte ſie Zru. I meiner Einfalt werde ich zu Dir gwit wie der Hund an den Hertn, von dem er nie abläßt. Stit ₰ wieder bei Dir bin, geltuet es mich nicht. kann noch Alles gut wetden, Du haſt vie Treue, die Du brauchſt— Treus vermag viet, — ſie will, was Dü willſt, ſie wacht, wenn Du ſchläfſt, läuft, wenn Du gebieteſt, iſt freundlich, mit wem Du freundlich biſt. Was Du denkſt, fühtt ſie aus; ihr Oht lauſcht fuͤr Dich und die Zunge ſpricht nur was Du willſt.“ Untet ditſen“ Worten, die mit immet ſteigender Heftigkeit wie unwillkührlich aus ſeinem Innern drangen, hatte er, auf den Knien rutſchend, ſich immer mehr genähert, bis er, am ganzen Kötper zitternd, endlich beide Arme um ihre Knie ſchläng, und ſie mit ſuſ wilden Blicken anſtarrte.— Halb erſchrocken, halb uber ihr eignes Erſchrek⸗ ken laͤchelnd rief ſie, waͤhrend ihr ſieggewohnter Blick ſich an dem Ausdrucke der Huldigung dieſer rohen Natur weidete:„Was wagſt Du, Hund— an Du ein be ln⸗ wuß Du chehen P ue n. Knie— zugzt wie zuvor die Haͤnde und ſ nu zu ihren Füßen nieder.„ 6 i HUllq ſah ihn lange in ufe Geuſen.— „Nein 170 ſagte ſie leiſt kopfſchüttelnd bei ſich ſelbſt, „er hat Recht— Treue kann immer zu Nutzen kommen— blinde Hundetteue iſt mitunter Gol⸗ dez werth⸗ und nur ein Thor perſchmaͤhet ſie— Ohne Abſicht hat die Frau mir ihn nicht zuge⸗ ſchickt.„Deiner Muttet wegen,“ fuhr ſie wit erhöheter Stimme fort,„will ich es mit Dir ver⸗ ſuchenz aber“ fuͤgte ſie mit plötzlich ganz veràn⸗ dertem Geſichte hinzu,„Du mußt gehorchen, di nicht zu mir draͤngen, meine Befehle ruhig abwarten, und Dich nicht ungerufen dieſen Zim⸗ mern nahen. Steh auf.“) Arwed richtete ſich lungſam in die Hihe⸗ 36 will, ich muß alles wollen was Du wuͤnſcheſt!“ flüſterte er, die kleinen Augen in Thränen ſchwim⸗ mend auf ſie geheftet.„Alles, was ſich mit dem Leben vertiägt. Das aber vergeht ohne Nahrungz der Hund ſtirbt auf des Herrn S und W ——— —— — 8 weil dieſer ihn von ſich ausgeſchloſſen. Es trocknet daß Blut in meinen Adern, und wird zäh und ſtockt, wenn ihm die Sonne fehlt deſſen Feuer es fließend macht. Das Rennthier läuft ſich zu Jode, wenn 65i Stimme ſeines Gebieters nicht zum Stehen ſockt, die Panze wenn ſie kein Thau erfriſcht⸗““ 16 öinannh dunm n Was perlangſt Du?“ fragte un. uin htt „Daß ich Dich nur einen Augenblick, den tauſendſten Theil eines Augenblickes, alle Tage ſehen darf, das giebt mir mehr Nahrung als das Brodt, das Du mir geſtatteſt. Ich will Dir nicht nahe kommen⸗ die Treppe nie betreten, wenn Du mir nicht einen Wink giebſtz aber alle Morgen werde ich an der Stallthüre Kehen, ſtarr wie deſſen Sohn ich heiße, bis ein Blick von oben L ben in mich gießt!“ c 3 Ulla ſah ihn mit wachſender au, Sie konnte nicht umhin ſich geruͤhrt zu fühlen durch eine ſo bfremdende Anhaͤnglichkeit, und der Dämon der aufgeregten Eitelkeit flüͤſterte ihr leiſe zus auch ein Anbeter.— Dieſe Vor⸗ ſtellung werdrängte Untuhe un Ruͤhrung, und verſchmolz in heitere Ergotzlichkeit.„Du ſollſt mich alle Tage ſehen, ſo wie Du wuͤnſcheſt!“ bn ſſie chelnd,„o Kgt ich anweſen bin“ S bin—— wen Arwed u an! verfetzte z ſn enn Du nicht gehorſam biſt undimich gegen mein Wiſ⸗ ſen und ohne Erlaubniß begleiteſt, ſiehſt Du mich nimmer wieder! faſſe Dich oguich fort⸗ InhnE nn un i „Run, muß ich ja ſeyn,“ hab er beſtürzt zur Antwört, während er, ihren Wink vofolgend leiſe das Zilhſumer verließ. Uebigens mit dem Fortjagen geht es nicht, ich würde doch wieder kommen,“ murmelte er Aeife, ich kann ohne Sie— und ben ichndoch Ihretwegen. n 60 t n n Dieſe c en mit allen den Nebenvorſtellungon) die ſie erregen mußte, wüͤrde ihre ganze Denkkraft ſogleich in Anſprüch ge⸗ nommen haben, wenn ihr nicht nach wenigen Augenblicken der General gemeldet wotden ware, der faſt zu gleicher Zeit mit dem Bedienten mit ungeſtumer Eile is Zimnmer trat; er warf einen ſchaufen Blick auf ſie, dann einen ſchnellen nach — 144— der ſ n wieder zugemachten F Si pe e 66 Rein!“ erwiederte ſie 31 2 „Hin! Sie haben doch immer gunint. 6. fuhr er lichelnd und lauernd fort;„daß er Sie doch einer e in „36. den nKöni at e mit einem ſchmerzlichen Lächeln. in „Das waͤre! Ei! Sie haben doch nicht—“ begann der General betroffen eine Frage. „Ich habe mich ihm verltaͤndlich gemacht, und⸗ habe ihn verſtanden.— Lieber Baron! ich habe keine Bedenklichkeiten Wht hilz n 3 „Verſtehe ich Sie recht!“ rief der 2 ſchnell ihre Hand faſſend, halblaut:„Sie haben, endlich eingeſehen, daß er für Ihre Rechte nichts thun will; daß nur 4—— wenn Sie nur nicht ſchon zu kuͤhn. n „Fuͤrchten Sie nichts,. aͤrgere e nich iterj meine Demuth! aber ich werde ſie wieder gut 2— was fordern Sie von — 3 7 5m!“ ſagte der Gentral ſchlau, mit einer Miſchung von Chrfurcht und Galanterie, die ihm doch nicht recht gelingen wollte, indem er die ergriffene Hand. e — ch i i i SMeine Augen? 4 Sie müſſen ſich 6eü in i n untetwerfen, um uns Männer zu gewinnen! Nicht vloß auf wnen ein⸗ 52 . 1 Ich wuͤßte wohl)“ Jab ſe ſwiu nt⸗ wort, mit feinem Lächeln und d durchdringendem Blick, ich wüßts wöhl einen Mann, den Sie ſelbſt einen recht tüchtigen nennenz jedoch,“ ſagte ſie plötzlich eräſt und kopfſchüttelnd, ℳr hat mich ein Mal deiſchmäht, und es würde ja auch Ihren Kindern wehe thun.—“ Einen Tuͤchtigeren kenne ich nicht!—“ tief der General raſch⸗„Nun, wenn Sie das durch⸗ ſetzen könnten!— Meine Kinder!“ fuhr er bitter fört—„kann ich ſie denn brauchen?— unter uns, ich traue deim Burſchen nicht— und ſei⸗ nen Freund verſtehe ich noch weniger;— aber die Zeit fängt an koſtbar zu werden, und das Vorſimnet iſt nicht abgeſchlöſſen?“ Wibne mie einem fluͤchtigen Blicke nach der Thuͤre.“ „Wurten Sie1 ſahte ſi leiſe im inneren Schwaüken, wůͤhrend ſie um ein unwillkühtli⸗ ches Zittern zu verbergen, in tiefem Nachdenken an dis Fenſter trat.— Da ſiel ihr Blick auf Arwed, der, wie eine Bilvſäule ſchon an die Stuithůr gelehnt, die blaßgrauen unbewehlichen Blicke duf ſie heftete, uidſs än ſeine Mätter, und ihjte Vecheißung in einet verhünguißvollen Stunde gemahnt, fuhlte ſie die untuhe im In⸗ nern plötzlich beſchwichtiget. Sie drihte ſich räſch zu dein Gentral um ergriff freuüdlich ſeine Hand, und ihn in ein innetes Zimmer führeid, die hüre von innen ins Schloß drückenb und auf ein drittes Simmer zeigend, flüſterte ſiet „Dort kann kein fremdes Ohr hindringen.— Vergeſſen Sie nur eins! tat S nit iinein Wete teden.“ Statt eine Unterredung zu belauſchen, die uns nur zu tief in die Irrgänge der Politit hineinführen würde, ſey es uns erlaubt den Leſer noch ein Mal in dieſe bechängnißvblle Ballnacht 7 — 444— zurick zu verſetzen, deren Einwirkung noch ein Herz ſchwer getroffen hatte.— Es war Guſtavs. Sobald er Ulla verlaſſen, eilte er ſchnell durch den S. faſt ängſtlich, daß der nach Abrede ſeiner harrende Axel ihn bemerken und erkennen mochte. Er fuͤhlte, daß er Ruhe und Einſamkeit bedurfe, daß er nur durch. ſtille Er⸗ waͤgung die eigene Kraft wiederſinden konne. Er warf ſih in dfn rſten den beſen Wiethwa⸗ gen und fuhr nach Hauſer Schwer wie Blei ruhte das leichte Paket auf ſeinem Buſen⸗„Ar⸗ mer Aue!“ ſeufzte er,„alſo ſollſt nicht ein Nal Du ganz glücklich werden! Dir, nur Dir habe ich ſie aus ganzem Herzen gegonnt.— Sie liebt— ich wäre alſo auch zu ſpät gekom⸗ men! Aber wen? und ich ſollte ihn kennen?“ Vergebens ſtrengte er ſeine Phantaſie anz ſie wollte ihm unter allen ſeinen Bekannten keinen ganz Wurdigen zeigen, keinen, in deſſen Augen er ſie ohne eine Art von Neid nur denken konnte. Da hielt der Wagen. Es war ſpät in der Nacht. Er begab ſich ſogleich in ſein Schlaf⸗ zimmer, daſſelbe, das ſeine Gemahlin fuͤr ihn — 145— eingerichtet, in dem er ſich es zur Pflicht ge⸗ macht, ihres klaren guͤtigen Benehmens mit Wohlwollen zu gedenken.— 15 Er beeilte ſich den Bedienten zu uſ riß das Paket hewor, und betrachtete es ah⸗ nungslos mit einem duͤſtern Blick. Das Sie⸗ gel war bald zerriſſen.— Er hielt ein eng zu⸗ ſammengelegtes Tuch und nichts weiter in der Hand. Vergebens betrachtete er den Umſchlag genau; eben ſo wenig von innen wie von au⸗ ßen ſtand etwas Geſchriebenes. Erſtaunt und vorſichtig entfaltete er das Tuch. Es war halb durchgeriſſen! mit ſteigender Aufmerkſamkeit ruh⸗ ten ſeine Augen darauf; erſt als er einige Blut⸗ flecken daran bemerkte, als er in dem einen Winkel 6. S. weiß ins Weiß eingenaͤht fand, als et es an allen Kennzeichen mit Erſtaunen für ſein eigenes anerkennen mußte, ſtieg in ſeinem Ge⸗ dächtniß das Bild jener gtauenvollen Nacht, und das blutige Ereigniß herauf, vi dem er mußte verloren haben. Er ſtand wie verſteinert, liebte und eben ſo leichtſinnig, faſt gedankenlos, wie er jenes ſo hatte er das für ihn unſichtbar keimende 3 10 4 Gluck, ihr Herz, und auch— er fuͤhlte es mit unnennharem Weh— das ſeine zerriſſen.— Wie bezaubert ruhten ſeine Blicke auf ſeinem vergeſ⸗ ſenen Eigenthume, das jetzt in ſo ſchmetzlicher, ſo tiefer Bedeutung vor ihm lag. Seine Phan⸗ taſie ließ ihn die leichten Spuren erkennen, die ihre Thaͤnen, ſo wie ſie ſelbſt geſagt, nachgelaſ⸗ ſen. Er druckte die Lippen leiſe darauf!— Was konnte er dafür, daß das weiche Gewebe vor ſei⸗ nen geſchloſſenen Augen, vor ſeiner ohne ſein Wiſſen erſchaffenden Phantaſie, ſich unter ſeinem Athem erwärmte, zu duftenden Roſenlippen ſich geſtaltete.— Sie liebte ihn! warum mußte dieſe Ueberzeugung eine neue rührende Anmuth uͤber das Bild ergießen, das jetzt wie ein himm⸗ liſcher Engel aus der dunkeln Hülle, aus dem Maskenkleide der feindlichen Erde ihm vorſchwebte! Auch mußte denn ſelbſt die unwillkuͤhrliche Aus⸗ uͤbung der freien Willenskraft, auf die er mit Recht immer ſo ſtolz geweſen, ſeinem Herzen ein Vergehen, ſeinem ganzen Weſen eine zerſchmet⸗ ternde feindliche Gewalt werden? Er ſtieß ein Fenſter auf, um fteier Athem ſchöpfen zu könnenz die ſternenhelle, tiefblaue — 147— Winternacht kuͤhlte ſeine Wangen, ſeine heiße Bruſt; aber Troſt wehete ſie ihm nicht zu.— Er wandte die Blicke wieder in das helle Zim⸗ mer zuruͤck, auf die einſame Junggeſellenwirth⸗ ſchaft, auf das ſchmale zierliche Bett.—„Bin ich denn gebunden!“ rief es in ſeinem In⸗ nern.„Hat ſie, die freundliche, kluge Hed⸗ wiga, mir nicht Freiheit zugeſagt? Sie will ja mein Gluͤck!— Und unter ſolchen Verhältniſ⸗ ſen, die Ulla doch nicht ahnen können, hat ſie mich zum Schiedörichter erwaͤhlt.— Das iſt grauſam!— Und was will ſie?— mein Herz noch tiefer verwunden? Behalte ich das Tuch, habe ich ihr eine nur zu deutliche Erklärung ge machtz und ſende ich es zuruͤck— kann ich es denn, kann ich es mit dieſen Gefuͤhlen, in die⸗ ſer Lage zurückſenden— Sieht nicht erſt dieſe Zuruͤckſendung einer Verſchmähung ähnlich?— Wie koͤnnen wir hier aufzeichnen, alles was er dachte, alles worauf er ſann?— Jedoch ſchien es, ſobald die erſten ſtürmiſchen Wogen ſich gelegt, ſobald die klare Sonne ſeines Gei⸗ ſtes ſich über das noch immer vnruhige Meer ſeines Buſens allmählig verhreitet, als wenn die 10* 8 von ulla geringgeſchätzte, verhöhnte Hedwiga ewig beſtimmt ſeyn müßte, ihr den Sieg da ſtreitig zu machen, wo ihre Hlänzende Gegenwart, die geiſtige Gewalt, der ſelbſt in der Abweſenheit ſtill wirkenden Couſine, mit ihrer frühlingsfriſchen Anmuth nicht uͤberſtrahlen konnte. Guſtav mußte in ſeiner Lage immer auf eine Vergleichung die⸗ ſer beiden ſo verſchiedenen Weſen zurückkommen⸗ und ſo konnte et in ſolchen Augenblicken, wo ſein ſcharfer Blick den Nebel der Leidenſchaft durchdrang, ſich nicht verbergen, daß Hedwiga in einem gleichen Verhältniß nicht ſo, wie Ulla, wuͤrde gehandelt haben. Er glaubte eine Abſicht wahrzunehmen, und dieſe Bemerkung kuͤhlte, wenn auch nur fur Augenblicke, wohlchätig die Flammen ſeines Herzens. Aber die Zeit der Leidenſchaft war gekommen. Er empfand, er wußte daß er liebte!— Er fühlte tiefer, als je vorher, was ihm eine Uebereilung gekoſtet, und die Nothwendigkeit eines ſchnellen entſcheidenden Schrittes konnte und wollte er hier nicht einſe⸗ hen.—„Es wäre ja doch immer möglich, daß ulla abſichtslos, daß ſie nur unuͤberlegt, hinge⸗ riſſen von ihren Gefühlen, in rüͤhrender Schwach⸗ heit dieſen Schritt gewagt, und daher um ſo mehr Schonung verdiene! Wen beleidigte er wohl durch ſein Säumen, wen quaͤlte er mehr als ſich ſelbſt? Hedwiga liebte ihn ja nicht, und Axel — waͤre denn dem theuren Freunde durch eine falſche Großmuth, die ihm nur ein zerriſſenes Herz brachte, geholfen? würde dieſe Großmuth nicht Grauſamkeit gegen diejenige ſeyn, die Beide anbeteten?“ SZum erſten Mal S ſein Herz von einer Wehmuth beſchlichen, der er ſich willig hingab. — Er mochte den folgenden Tag keinen Men⸗ ſchen ſehen. Er wollte das Haus nicht verlaſ⸗ ſen und gab Befehl, ihn zu verleugnen; fuͤr Axel allein wollte er zu Hauſe ſeyn, aber dieſer fand ſich zu ſeiner Verwunderung, ganz gegen Gewohnheit, nicht ein⸗ Der Abend hatte ſich ſchon längſt det, als dieſer endlich, ſichtbar erhitzt, eintrat. Guſtav bemerkte es aber nicht. Es war ihm im Gegentheil, als könne er dem Freund nicht ſo offen ins Geſicht ſehen, wie früher; doch war er ſich keines Unrechts gegen ihre Frundſchaft be⸗ wußt, daher nahm er auch die ſchmerzliche Em⸗ yfindung; die ſeine Bruſt durchzitterte, fuͤr Mit⸗ leid mit dem Freund, das ihn zu einer ihm un⸗ gewöhnlichen weichen Freundlichkeit ſtimmte. „Endlich!“ ſagte er, ihm die Hand reichend. „Endlich!“ wiederholte Axel.„Weißt Du denn von nichts? da doch wenigſtens alle Zun⸗ gen in Bewegung ſindz weißt nicht, daß die Be⸗ muͤhungen aller, die es gut mit dem Vaterlande meinen, durch die Schlauheit des Koͤnigs aufs neue wie gelaͤhmt ſcheinen?“ „Ich habe ſeit dieſer Nacht mit Niemand geſprochen! Was iſt vorgefallen?“ „Die Staͤnde ſind dieſen Morgen, wie wir längſt erwartet haben, berufen, ſich zu verſam⸗ meln; allein nicht in die Hauptſtadt, wie gewöhn⸗ lich, ſondern in einen Flecken in dem nördlichen Theile des Reichs, ſo weit entfernt, daß alle hier getroffene Maaßregeln ſcheitern, und die einzel⸗ nen Reichstagsmaͤnner, von ihren Freunden und Verhaͤltniſſen geriſſen, und dort von zwei dem Regenten perſönlich ergebenen Garderegimentern eingeengt, nichts haben, worauf ſie ihre beſſern Anſichten ſiützen können, als die eigne Willens⸗ 6 ⸗— ₰ 131— kraft, die bei den Meiſten, ohne enganſchließende Stützunkte it der Praxis äqual null ſind.— Wenn ſie ihr Anſehn nur einigermaaßen behaup⸗ ten, wird det König freilich von ſeinen Forde⸗ rungen nichts erhalten; aber wir auch nichts; und ohne irgend einer Parthei zu nützen, wird dieſer Reichstag nur dazu dienen, die allgemeine unzufriedenheit ſtärker zu ſpannen.“ 22 „Ich ſehe es ein!“ erwiederte Guſtav finſter. „Auch vieles, was mich berührt, habe ich Dir mitzutheilen, das mir das Herz abdruͤckt,“ ver⸗ ſetzte Axel.— Er berichtete nun dem Freunde, daß ulla doch geſtern, freilich mit ſeinem Mitwiſſen auf dem Balle geweſen, ſo auch den Auftritt da⸗ filbſt, der ihm noch ein Räthſel war.„Als ich mich dieſen Morgen im Dienſte auf das Schloß vegab,“ fuhr er fort,„wurde ich zum Konige be⸗ rufen. Ich fand ihn ungewöhnlich ernſt, und fein ſchoner Blick heftete ſich ſo eindringend und auffordernd auf den meinigen, daß ich mich zu je⸗ der Sunde gegen ihn hätte bekennen müſſen, wenn ich mich dergleichen ſchuldig befunden. Auch muß der Koͤnig ſich der Allmacht ſeines Bückes bewußt — 152— ſeyn, denn dieſer wurde immer freundlicher, ſo wie ich die Prufung beſtand. Zuletzt fragte er; be⸗ ohne meine Frage abzuwarten fort: die Gräfin befand ſich geſtern auf dem Balle nicht wohl.— Lieber Baron! warum machen Sie nicht Hochzeit? — Was will denn die Gräſin?— Es wird wohl bald zum Kriege kommen— Sie werden gewiß avanciren!— Ew. Majeſtät, gab ich zur Ant⸗ wort, ich darf mich zwar mit dem Wohlwollen der Gräfin ſchmeicheln, allein ich habe keine Ent⸗ ſcheidung aus ihrem Munde;z ſie meint, unter Verwandten hat es keine Eile. Dieſe von einem offenen Blicke begleiteten Worte ſchienen ſonderbar genug den König in ſeine gewöhnliche Laune zu verſetzen. Gut! ſagte er lächelnd, ſo muß ich wohl dafür ſorgen, daß weibliche Laune Ihnen keine Langeweile geben ſoll. Sie ſind auf der Reiſe mein Adjutant. Morgen früh ghe ich ab zum Reichstage.— Von ihm eilte ich nach ulla, ich fand den Vater bei ihr— ich erzaͤhlte Beiden meine Unterredung mit dem Konige. Ich glaubte einen ſehr bittern Ausdruck um ihren Mund zu be⸗ merken.— Ich ſprach ihn geſtern, ſagte ſie.— Sie ſtockte, es war als trüge ſie Bedenken, mir mehr anzuvertrauen, ihr Blick ſuchte den Vaterz ich wurde deutlich im Spiegel gewahr, daß er den Kopf ſchüttle.— Er ſpielt auch Comodie mit mir, fuͤgte ſie hinzu.— Ja wahrlich! un⸗ terbrach der Vater ſie ſchnell, recht ein Co⸗ moͤdienkönig, der ſein Volk wie ſeine Operntän⸗ zer zu leiten glaubt.— Reiſe nur Axel und ſey wach— wir wollen hier wach ſeyn!— Dich er⸗ wartet er noch heute Abend bei den, Freunden zu ſechen.— Guſtap! was iſt das, was will das alles ſagen? woher dies plötzliche Vertrauen zwi⸗ ſchen zwei ſo ungleichen, und, wie es ſchlen, fei⸗ her ſo feindlich geſtimmten Weſen.— Was hat der Koͤnig mit Ulla?— Gluͤcklicher Menſch! Muß es Dir denn, ohne ſelbſt es zu wiſſen, im⸗ mer gelingen, Dich raſch von jeder Verwirrung los zu reißen, waͤhrend ich, trotz meines Stre⸗ bens nach Klarheit, mich nur immer tiefer in die Verworrenheit hineinwühlen muß?“ Apel!“ ſagte Guſtav ſonderbar zetührt, und legte die Hand auf ſeine Schulter?„wer ſägt Dir denn, daß keine Verworrenheit in mir ſey? muß ſie mich nicht auch zum Theil berühren, wenn ſie den Freund umnebelt!— Doch immer⸗ hin— laßt uns ſelbſt nur mit Klarheit und Be⸗ wußtſeyn handeln. Und darum, Axel! gehe ich nicht zu den Freunden hin.— Das Vaterland kann mich jetzt noch nicht brauchen, denn ich fehe nicht klar. Leeres Schwatzen liebe ich nicht, ver⸗ borgne Thaten noch weniger! Du geheſt morgen mit dem Könige, ich gehe auch!“ fuhr er raſch entſchloſſen fort. Er fuͤhlte, daß er nicht ohne den Friund in Ulla's Rähe bleiben durfte, doch wollte er nicht das Zartgefühl des liebenden Maͤdchens verletzen, daher fügte er hinzu?„Auf meine— Güter mag es aus mehreren Gründen heißen, aber ich will eine liebe Pflicht erfüllen — ich will meine Frau uberraſchen. Ich gehe nach Woͤrkna; nur Du ſollſt wiſſen, wo mich Nachtichten ſchnell ohne Umwege treffen können.“ „Wenn Du dort hingehſt, Guſtav!“ tief Axel eilig mit gepreßter Bruſt;„ſo— es ahnt 7 — 155— noch Niemand dort meine Verbindung mit Ulla⸗ — Trotz der Annaͤherung des Vaters zu ihr, kann ich doch zu der Geliebten ſelbſt keinen Ver⸗ dacht hegen. Guſtav! wenn er— könnte auch— ich kenne ſie ſo wenig— um ſo mehr thut es meinem Herzen Noth, daß ſie rein, ohne Makel vor meiner Seele ſchwebe. Ihre erſte Jugend ſcheint ſehr verwahrloſet geweſen zu ſeyn, allein ich bin uͤberzeugt, daß ſie ſich ſelbſt wiedergefun⸗ den hat. Hedwiga liebt ſie nicht. Selbſt der gů⸗ tige, wuͤrdige Oheim hat mich vor ihr gewarnt.— Lerne ihn kennen— forſche ihn aus!— Vertraue ihnen dort, wenn's nothig iſt, wie die Sachen ſtehen. Hilf mir den Nebel weghauchen, der einen truͤben verhaßten Schatten über die Glorie ihres inneren Weſens wirft.“ Guſtav nickte ihm erſtaunt und betroffen Ge⸗ wuaͤhrung zu. Sein fruͤher muͤhſam gefaßter Ent⸗ ſchluß war entkraͤftet und zerriſſen. Konnte, durfte er unter dieſen Umſtaͤnden, die ihm jene freilich erleichterten und ihn eben ſo unangenehm wie ſchmerzlich beruͤhrten, ein Zeichen zuruͤckſchik⸗ ken, welches das Schickſal des Freundes„ viel⸗ — 1536— leicht für ſein Gluͤck zu fruͤh, entſchied. Aber der Antrag war ihm willkommen; auch er wuͤnſchte das hinreißende Weſen, das ihm ſeine Liebe ge⸗ ſtanden, rein, verklärt, unſchuldig, wenn auch nicht ſchuldlos zu ſehen, obgleich er fuͤhlte, daß ihre Verklaͤrung die Nacht in Buſen nur — hrde. dhetittt i Kunz nach der Abreiſe des Konigs brachte, mit einer finſtern Miene, der General Ulla die Näch⸗ richt, daß der Graf Silfoerkron plötzich, und ohne ihn zu ſehen, nach ſeinen Gütern abgegangen war. Auch ſie ergriff bei dieſer Botſchaft eine finſtre Aeügſtlichkeit, die ihe Herz belehrte, wie mächtig es ſchon, trotz ſeiner hochfahrenden Pläne, an eint Feſſel geſchmiedet ſeh, von der ihre glän⸗ zenden, mehr als je genkihtten Hoffnungen es doch nicht mehr ganz losteißen könnten. Als es aber den ganzen Tag mit angſtlicher Unruhe je⸗ dem eintretenden Bedienten entgegengeklopft hatte, als auch am nächſten und am dritten Tage ihr nichts von Guſtav gebracht war, ging allmählig die bange Unruhe in ein ſtolzes Gefühl ihres Sieges über.„Laß ihn nur abgereiſt ſeyn,“ — 158—. fluͤſterte leiſe eine innere Stimme,„r hat doch noch das Tuch. Sein Herz iſt im Kampfe be⸗ griffen, darum hat er die Einſamkeit geſucht; aber eben die Einſamkeit wird meine Sache re⸗ den, und mit jedem Tage wird er unfaͤhiger werden, ein Zeichen aus den Händen zu geben, welches jetzt das Todesurtheil ſeiner Ruhe noch gewiſſer, als das der meinen, ausſprechen würde.“ Dieſe Anſicht wurde ihr um ſo deutlicher und gewiſſer, als ſie aus einzelnen unbedachtſamen Arußerungen Axels, aus dem Unwillen des Ge⸗ nerals über die Heimkehr Hedwiga's und aus der Fügſamkeit ihres Gemahls auf Vermuthun⸗ gen über ihr Verhaͤltniß gekommen war, die wenigſtens an die Wahrheit ſtreiften.. So wie ihre Furcht immer mehr ganz um⸗ gekehrten Empfindungen Platz gab, beſtrebte ſie ſich auch, den duſtern Unmuth des Generals zu verſcheuchen. Dieſer beſuchte ſie regelmäßig alle Morgen. Ihr dunkles, gemeinſames Treiben eine geraume Zeit hindurch ſcheint einem vielfach ver⸗ ſchlungenen Gewebe anzugehoren, deſſen wichtig⸗ ſten Faden die Geſchichte ſich bemächtigt hat, waͤhrend die unter phantaſtiſchen Formen mehr — 150— in's Breite gehenden, von einer plötzlich eintre⸗ tenden blutigen Cataſtrophe durchkreuzt, theils in Vergeſſenheit vexloren gegangen, theils der Welt aus vielen geheimen Gruͤnden nie mitgetheilt wor⸗ den ſind. Nur einzelne Züge ſchimmern hervor aus dem Nebel, der dieſen Zeitpunkt in der Chronik des Reichs umgiebt. Wir wiſſen nur, daß die Gräfin Banner, anſtatt ſich nach der Weiſung des Koͤnigs auf das Land zu begeben, ſich mehr als je in allen glänzenden Eirkeln und an oͤffentlichen Orten gezeigt; daß ſie ihre Schön⸗ heit, ihren Witz, alle die reizenden Talente, die ihr zu Gebote ſtanden, mehr als je früher gel⸗ tend gemacht; daß der Baron Ruppin mehr als Freund oder Vormund, als der Vater ihres Per⸗ lobten, von welcher Verbindung uͤbrigens die Rede immer weniger war, in grellem Contraſte mit dem früheren eingezogenen Leben, ſie uͤberall be⸗ gleitete, und keinen Anlaß vorbeigehen ließ, ihr Freunde zu erwerben. Obgleich dieſer Umſtand nicht g n Einfluß war, erregte er doch weit weniger Auf⸗ ſchen, als es der Fall zu jeder andern Svin⸗ — 160— gewefen ſeyn, weil die Aufmerkſamkeit der ganzen Reſibenz auf den fern gehaltenen Reichstag, und auf die immer lauter beſprochenen Folgen deſſel⸗ ben hingelenkt warz denn von den Verhandlun⸗ gen ſelbſt wolite nichts änders verlauten, als der befremndende ſtrenge Befeht des Königs; alles, was darauf Bezug hatte Feheim zu halten⸗ Vetge⸗ bels ſah der Genetäl Btlefen von dem Sohne mit Sehnſucht entgegen⸗ Dir, welche er empfing, ſchloſſen nür Einlagen an ulla ein, die nch ihrem Ausdrucke unſchuldiger als unſchuldig wã⸗ ren, utid mit der ihr enen wurden. Bi trät eines Morgens der General heftig in ihr Zit. Beſtuͤrzung und Unwille waren ſo deutlich auf ſeinem Geſichte gemalt, und in der Eile ihr was ihn drückte mitzuthtilen, ſetzte er die ihm zur Natur gewordene Vorſicht, um nicht behorcht zu werden, ſo ſichtbar r ulla erſchrack. Sit,“ rief er ihr entgegen, wo au tkron ſich beſindet?— er iſt niht itern, er iſt in Workna!“ n —— — 161— „Nun!“ erwiederte Ulla, dem Anſcheine nach ruhig, aber im Innern zuſammenbebendz„und warum nicht?“ „Bei dem Grafen Banner, dem aͤrgſten, ein⸗ zigen Feinde, den ich habe.— Sie, die Schlange, meine Tochter, wird ihn hingelockt haben!“ fuhr der General, heftig auf und nieder gehend, fort. „Was nun zu thun? was nun zu thun? „Ihren Feind?“ erwiederte Ulla beklommen, „das hoöre ich zum erſten Male von dem Manne, dem Sie ſchon vor Jahren Ihre Tochter anver⸗ traut— und warum?“ „Weil er mich haßt, und ich ihn— —“ er ſchwieg plotzlich einige Augenblicke, wäh⸗ rend er die lauernden Blicke mit dem finſteren Ausdrucke, der ihnen ſonſt immer eigen geweſen, auf ſie heftete, und ſagte dann ruhiger, als wäre ſeine heftige Aufwallung bei dem Ruckblick in die Vergangenheit ſogleich von der Vernunft wieder bezwungen:„Ihre Mutter trug ja ſeinen Namen, obgleich ſie eines beſſeren würdig war, u Ihnen denſelben.— Sehen Sie, was können Sie,“ fugte er, beden hinſtarrend, hinzu,„was können 6. III. 11 — 162— nicht alles in den Kopf ſetzen,— der Graf iſt ſo ein Schwärmer— Hm! und das konnte ich ver⸗ geſſen, als ich ihm die Tochter— ich furchte, ich fürchte, daß wir jetzt weniger als früher auf Graf Guſtav rechnen durfen!“ tit ulla ſtand in tiefe Gedanken verſunken. Sein Beſuch dort war ihr freilich ein Räthſel, aber ſie hatte noch nicht das Zeichen zurückz auch glaubte ſie ja ſchon den Grafen als einen feſten, ſtrengen, ſchnell entſchloſſenen Mann zu kennen. Sein langes Schweigen beſtätigte, was ihr ſchon ſein Benehmen verrathen, daß er ihre Gefühle theile⸗ — Konnte, ſollte aber der umſichtige Mann die Abſichten des Generals nicht ahnen? und hieß er nicht noch der Günſtling des Königs? Hatte er nicht dieſen laut ſeinen Wohlthäter genannt? Rieth ihm die Klugheit nicht, um ſeinen angenom⸗ menen Charakter treu zu bewahren, Ruhe und Geduid bis die Entſcheidung rief?— Dieſe Vor⸗ ungeß ſprangen ihr ſo klar, ſo deutlich entge⸗ icht nothig erachtete, was dage⸗ chte, aufzuſtellen.„Wir müſſen rlocken,“ ſagte ſie endlich. Laſſe 13 „Aber wie?/ Die erſte einſame Stunde be⸗ nutzte ſie, um dieſe Frage zu erirtern.— Sie ſann lange vergebens.— Da biitzte ein Gebanke hell in ihrer Seele auf, den die nahende Wehnacht und die Sitte ihres Vattrlandes ihr brachtenz nur eine Schwierigkeit ſtellte ſich ihrem Entwurfe ent⸗ gegen. Wo einen treuen Boten ſinden? es durfte ja kein Sterblicher, am allerwenigſten jmand von ſeiner gegenwärtigen Umgebung, vor der Zeit ahnen, daß ſie in der kleinſten Beziehung zu ihm ſinde. Auf ein Mal fiel ihr Arwed ein, der unvedich⸗ dige Frlſinſohn, der, wie ſein ganzer Stamm, verachtet von den Vornehmen, und von dem ge⸗ meinen Manne im Gluͤcke unbeachtit, und im unglücke geſucht, das Land in kleinen Huufn, und auch einzeln durchſirich. Sie hatte ſich iu durch viele kleine Proben überzeugt, daß ſie ſich auf den Sohn jener klugen Frau, deren Weiſt⸗ gung ihr täglich bedeutender wurde, verloſſen könnte⸗ Er verband auf eine merkwürdige Bi mit der chtrlichſten Dummheit, ode hr mit dem Vun an Begriff von 3 . — 164— ſelbſt Gewandtheit in ſolchen Dingen, die ein innerer Trieb ihm wichtig und theuer machte. Und nun dabei ſeine thierartige Treue, ſeine An⸗ vänglichkeit, die ſich in Zittern und Zorn äu⸗ ßerte, wenn Ulla entweder ſich ihm nicht oft genug gezeigt, oder ihn nicht hatte bemerken wollen, in welcher Stimmung et mitunter Sa⸗ chen von Werth gefließentlich entzweigebrochen, oder ſich ſelbſt abſichtlich Schmerzen und Wun⸗ den zugefügt hatte; dahingegen er durch einen Blick, ein Lächeln, einen ſtummen Fingerzeig von ula plotzlich zu der tiefſten Reue, zum Weinen⸗ zu einer komiſchen Ausgelaſſenheit und Freund⸗ lichkeit, die er der Bedienung und den Haus⸗ thieren bezeigte, überging⸗ Aber wie ſollte ſie ihm den Weg bezeichnen, wie ihn ſchnell dahin bringen— Wörkna lag weit abwärts von ih⸗ rem Gute; wahrſcheinlich war Arwed nie in der dortigen Gegend geweſen.— Nur dieſe Verle⸗ genheit vertrauete ſie dem General.— Er konnte ihr auch leicht zu Hulfe kommen, denn er ließ lange ſchon heimliche Boten bezah⸗ len, deten er ſich immer mit ſolcher Schlauheit be⸗ diente, daß ſie nie die Abſicht, nicht ein Mal das Ziel ihrer Wanderung errathen konnten.— Sie wurden zwar von ihm abgeſchickt, doch wie zufällig von denen, welchen ſie Botſchaft gebracht, weiter geſandt, ohne den Faden zu ahnen, an dem ſie geleitet wurden. Auf dieſe Art war es leicht, Arwed in die beſtimmte Gegend, in die Nähe des bezeichneten Schloſſes hinbringen zu laſſen; und Ulla ermangelte nicht dem treuen Hunde, nachdem es ihr endlich mit vieler Muͤhe gelungen war, ſich ihm verſtändlich zu machen, ein Geſchäft auf das Herz zu binden, deſſen eigne Wichtigkeit ihm mit keinen Gedanken ein⸗ fiel, uͤber der weit groͤßern, worauf er freudig ſein Leben geſetzt— Ulla's Auftrag treu zu voll⸗ ziehn. 13. In der letzten Unterredung der beiden Freunde hattt Guſtan eiſt den Entſchluß gefaßt: Wörkna zu beſuchen, in dem Augenblick als er ihn aus⸗ ſprach.— Hedwiga's klarer Blick ſtellte ſich mahnend vor ihn, da er ſeine eigne Verwirrung vor dem Freunde erwähnte. Das Gefühl der Ge⸗ rechtigkeit, das immer ſeinen Willen leitete; war noch nicht von der um ſich greifenden Leiden⸗ ſchaft beſiegt. Es war ihm klar, zum erſten Mal wohlthätig klar, daß die Gefuͤhle, welchen er nun den Namen? Liebe, geben mußte, nicht dieſelben waren, die Hedwiga fuͤr ihn hegte, und welche ihn zu ihr fuͤhrten; aber ſie hatte offen, klar, redlich an ihm gehandelt, er empfand⸗ daß er auf gleiche Art gegen ſie handeln müſſe. Er war gewohnt Axel alles mitzutheilen„ und als — — 167— er die Unmöglichkeit fühlte ſich ganz dem Freunde anzuvertrauen, erſchrack er vor der Moͤglichkeit⸗ ſich Niemand anvertrauen zu dürfen. Er wollte im Reinen mit ſich ſelbſt ſcyn, und wer konnte ihm nun klarer, vertrauenswerther vorſchweben, als die Schweſter des Freundes, die ſogar auf ſein Vertrauen Recht hatte. Wohl konnte ſeine maͤnnliche Bruſt allein tragen, aber auch er fühlte, ſo wie Axel, und fuͤhlte nun doppelt bei deſſen leiſem Verdacht, die Nothwendigkeit: Ulla durch den Ausſpruch redlicher Lippen kennen zu lernen.— Auch war es ihm, obgleich dunkel und ſich ſelbſt unbewußt, als zoͤge ihn irgend ein Unrecht gegen i wie zur Vrfohnung in S Nähe. Daß ein unſichtbares Band, us indeſſen die Sinne nicht gewebt hatten, ihn wirklich zu Hed⸗ wiga hinzog, welches doch nur in ſofern mit der erregten Leidenſchaft in ſeiner Bruſt beſtehen onnte, als er rückſichtlich ihrer Geſinnungen gegen ihn ſich vorwurfsfrei fuͤhlte, bewies der umſtand, daß er mit jeder Meile, die ihn Wörkna näher brachte, ſich an den Gedanken weidete, dort eine angenehme Ueberraſchung zu — 168— erregen. Ja, er ſehnte ſich wirklich nun, da ſein Sinn ein Mal darauf geſtellt war, Hedwiga mitten in der Umgebung zu ſehen, in der ſie mehrere Jahre verbracht haten und ſich zu⸗ frieden fuͤhlte. Doch entſprach die Aufnahme ſeiner en tung nicht, ſo wie auch ſeine Ankunft keine merkliche Bewegung bewirkte. Hedwiga kam ihm zwar, an der Schwelle ihres freundlichen Zim⸗ mers, das er ſchon aus Axels Beſchreibung kannte, freundlich entgegen. Sie ſtellte ihm ihre Verwandten vor, die Beide einen noch größeren Eindruck auf ihn, als einſt auf den Freund zu machen ſchienen. Die bleiche, ſchlanke, anſehn⸗ liche Frau, die den Ton ihrer Stimme nie zum vollen Klange erhob, die mehr ſich leiſe fortbe⸗ wegte als ging, und wenn wir den Ausdruck brauchen duͤrfenm, wie von Leiden verklärt ſchien, zog ihn ungemein an. So auch der Graf, den er ſogleich als Oheim begruͤßte, obgleich dieſer leutſelig, wiewohl ſehr ceremoniell, und trotz des Ausdruckes von innerem Wohlgefallen in ſeinem Blick, ihn doch mehr fremd nur Graf Silf⸗ verkron nannte, welche Benennung jedoch bald „ — 1698— in Graf Guſtav uͤberging, als ſuchten Conve⸗ nienz und Herz ſich dadurch auszugleichen. Es ſprach ſich in ſeiner ganzen Haltung ein ſo ſich⸗ rer Takt, eine durch Erfahrungen und Leiden ge⸗ kaufte Kenntniß der Menſchen, ein ſo mildes beſcheidenes Urtheil über fremde Verhaͤltniſſe aus, welches darauf zu deuten ſchien, daß er durch frühe Verirrungen ſelbſt erſt zur Klarheit ge⸗ kommen, daß Guſtav ſich bald überzeugt fuhlte, daß es Axel gewiß nur an Zeit hatte fehlen müſſen, um dem pruͤfenden Blick dieſes ehrwuͤr⸗ digeu Verwandten alle ſeine Zweifel vorzulegen⸗ Aber nur ein Geſchopf äußerte heftige, leben⸗ dige Freude bei ſeinem Anblick, und floͤßte ihm fuͤr Augenblicke die Empfindung ein, als ſey er wirklich in ſeiner Heimath empfangen worden⸗ Es war der taube Pudel. Unaufhorlich theilte ſich dieſer zwiſchen ihm und Hedwiga, und im⸗ mer ſtürmiſcher und ſtuͤrmiſcher, als wolle er bei dem Letzteren, dem er ſich anſchmiegte, die Lieb⸗ koſungen entſchuldigen, die er dem Erſtern bezeigt⸗ Beide betrachteten die ausgelaſſene Freude des Thieres mit Wohlwollen. Hedwiga, weil es ſo laut und lebhaft ausdruͤckte, was ihr ſo viel — 17 0— Mühe koſtete der ganzen Welt nicht ſehen zu laſſenz Guſtav, weil dieſe zwiſchen Beiden ge⸗ theilte Freude ihm als ein Bild der Treue vor⸗ kam, die auch gern mit einem Hunde abgebildet iſt, und hier unſichtbar und nicht bemerkt, faſt wie ſeine Verbindung mit Hedwiga ſelbſt, durch das Symbol des ſchoͤnſten Inſtinkt's den die Erde aufweiſt, das Band andeutete kein Band ſeyn ſollte. um ſo ſchmerzlicher fuͤhlte Suu ſ be⸗ troffen, als es ihm immer deutlicher wurde, ob⸗ gleich er mit freundlicher Gafffreiheit aufgenom⸗ men war, obgleich Wohlwollen und Hochachtung ihm aus allen Blicken begegneten, daß ihm doch eine ceremonielle Förmlichkeit, etwas Fremdes entgegentrat, das billig aus dem Kreiſe ſo naher Angehoͤrigen verbannt⸗ſeyn ſollte. Hedwiga nannte ihn vor der Bedienung nur den Grafen, nicht ihren Gemahl; ja er hörte deutlich, daß die alte Magd, als ihr Hedwiga etwas aufgetragen hatte: „Gleich, Fräulein!“ erwiederte. Fraͤulein?“ wiederholte er mit Gewicht. „Laſſen Sie ſich das nicht wundern, lieber Guſtav!“ lächelte Hedwiga.„In dieſe Einöde dungen die wunderlichen Vechältniſſe der Welt, und ihre Convenienz nicht hin. Hier athmen kur Wahrheit, Wohlwollen, und die unbemerkten Tugenden, die man dort gering ſchaͤtzt.— So wie ich Sie kenne, werden Sie bald hier ein⸗ heimiſch werden“ 5 2 snnſn Gr wurde es auchz und doch fühlte er ſich ein wenig verletzt, die Verhältniſſe nicht hier be⸗ achtet zu ſehen, vor denen als wirklich geknüpft, die Leidenſchaft in ſeinem Herzen zurückgebebt ha⸗ ben würde. Er ahnte nicht, daß dieſer Anſchein von Kälte davon herrührte, daß die drei Ver⸗ wandten ſich unter einander zu ängſtlich beobach⸗ teten. Hedwiga zitterte, daß die kleinſte Unacht⸗ ſamkeit von ihrer, oder von der Verwandten Seite ihre Liebe verrathen konnte; dieſe fuͤhlten ſich beengt und beunruhiget bei dem Gedanken, daß ein ſo ſtreng abgemeſſenes Betragen der Nichte nur Abneigung bei Guſtav hervorbringen mochte, und dieſe gegenſeitige Unſicherheit und Furcht gaben ihrem Benehmen eine gezwungene Haltung⸗ Dieſe Empſindlichkeit abgerechnet, befand Guſtav ſich ſo wohl in dieſem Kreiſe, und ſtand fruher, als er es ſelbſt gedacht, in einem — 172— ſo herzlichen Verhältniſſe zu allen Dreien, daß er immer ſelbſt glaubte, daß es ihm nicht ſchwer ſeyn wuͤrde, ſie über Ulla auszuforſchen, welcheß Geſchäft ihm immer druͤckender auf dem Herzen lag, ohne doch den rechten Augenblick, damit anzufangen, finden zu konnen. Einige Aeuße⸗ rungen Hedwiga's machten es ihm ſogar unmög⸗ lich mit dem Grafen davon zu reden. Denn ſie wußte zwar, vertrauete ſie Guſtav, viele einzelne Begebenheiten aus dem ereignißvollen Leben des Oheim's, die er zufällig und unaufgefordert mit⸗ getheilt hatte, aber alle rührten von einer ſpä⸗ teren Zeit her, nachdem er das Vaterland in ſeiner Jugend verlaſſen. Ueber dieſem Zeitpunkte ruhete eine dunkle Wolke, die noch ein Gewitter einzuſchließen ſchien, weil die kleinſte Anſpielung auf dieſe Zeit, oder zufaͤllige Erinnerung daran, einen faſt gewaltſamen Eindruck auf den ſonſt ſo ſanften Mann machte. Ein Umſtand, erzählte ſie, ſey ihr ſelbſt hoͤchſt befremdend vorgekommen. Ihr Vater hatte naͤmlich zu der Zeit, als er ſie hieher geſchickt, der Tante als einer Ausländerin, die der Graf in Amerika, wo er ſich bis zu ſei⸗ ner Zurückkunft aufgehalten haben ſolle, oder Gott moͤge wiſſen wo ſonſt aufgefunden, und auf ein Mal mit ihr hier erſchienen ſey— ſehr gering⸗ ſchätzend erwahnt, und nun habe ſie zu ihrer Ver⸗ wunderung gefunden, daß dieſe wuͤrdige Frau nicht allein die Landesſprache wie eine Einge⸗ borne rede, ſondern auch Hedwiga's Kindheit gekannt zu haben ſchiene, und von ihren Eltern und fruͤheren Verhältniſſen mitunter mit der Si⸗ cherheit eines Augenzeugen ſpräche.— Ja ſie ſchien alle Jugendverhältniſſe des Oheim's zu kennen, und doch ganz unwiſſend mit dem Um⸗ ſtande zu ſeyn, daß er in fruͤhern Jahren mit einer Italienerin verehlicht geweſen, von der Hed⸗ wiga ſelbſt Spuren in dem Hauſe ihres Vaters vorgefunden. Auch habe die Tante ſie gewarnt, den Oheim mit Fragen uͤber die Vergangenheit zu beläſtigen, und vor allem der Couſine Ulla nie in ſeiner Gegenwart zu erwaͤhnen.— Der⸗ einſt ſollte ihr wohl Alles klar werden. Auch konnte ſie ſich der Vorſtellung gar nicht erweh⸗ ren, daß ſelbſt in dieſem Schloſſe Dinge vorge⸗ fallen ſeyn müßten, die in das Jugendleben des Oheim's ſchmerzlich eingegriffen haͤtten; denn, wie Guſtav wohl ſchon bemerkt, bewohne die Fa⸗ milie nur einen Stitenftüge des Schloſſes, da der Hauptflugel ſich doch im wohnlichen Spſn befinde, und beſuchte dieſen nie. „Und was halten Sie von Ulla?“ 6 Guſtav kuhn mit einem durchdringenden Blick, als Hedwiga ihrer ſelbſt ein Mal zufällig er⸗ wähnte.„Ihr Urtheil iſt mir werth, und ich frage nicht ohne Abſicht!“ 8 „Um ſo weniger,“ erwiederte ſie, ſeinen Blik⸗ ken mit den ihrigen groß begegnend,„darf ich es ausſprechen. Sie wiſſen,“ fuhr ſie ſcherzend fort,„Frauen verkennen ſich einander leicht!“ „Hedwiga iſt von dieſer Regel gewiß eine Ausnahme!“ „Eine Ausnahme,“ verſette Hednig unn lieber heißen, und zwar ein Ausnahme pon allen Regeln. Man ſagt ja, daß ein Frauen⸗ zimmer, ſelbſt gegen ſeinen Willen immer eine Beleidigung vergelten muß; und ſo begnügen Sie ſich damit, zu wiſſen, daß wir als Kinder im⸗ mer uneinig geweſen.“ „Das hat Arel mir ſchon „Das iſt nicht ſchön von ihm!“ fuhr de wiga fort⸗ „Warum nicht?“ unterbrach Guſtav ſie ſchnell„Flt es uns allen nicht blos um Wahr⸗ heit zu thun? Hedwiga! ich habe eine ſehr wichtige Frage an Sie! ich vertraue ihrem ſchar⸗ fen Blick⸗ ulla iſt reizend, reizender als eine Zunge ausſprechen, und ein Pinſel malen kann⸗ Sie iſt geboren um zu bezaubern; aber iſt dem Zauber zu trauen⸗ Ich weiß Jemand, der ſie anbetet, und deſſen Gluͤck wahrſcheinlich von Jh⸗ rer Ausſage abhäͤngig ſeyn wird.“ Hedwiga ſah ihn lange beſtuͤrzt an, ohne etwas zu erwiedern. Endlich fluͤſterte ſie leiſe: „Nennen Sie ihn!“ „Warum,“ flagte Guſtav betroffen,„wer⸗ den Sie ſo beſtuͤrzt? So horen Sie ein Ge⸗ heimniß, oder vielmehr keines„ wenn es Ihnen gut duͤnkt, es hier laut werden zu laſſen. Axel betet ſie an. Der Konig, Ihr Vater ſelbſt wuͤnſcht dieſe Vermaͤhlung!“ „Es iſt mir nicht lieb! Fragen Sie mich nicht warum? ich kann es nicht deutlich ſagen, weil ich es nicht deutlich weiß; denn dir kindi⸗ ſchen Unartem, die ich an ihr rüͤgen kann, koͤn⸗ nen ſich ja ſchon läͤngſt in Tugenden verwandelt — 176— haben. Wir Kinder wetteiferten damals in al⸗ lem, was tadelnswerth war.— Habe ich nun, wie ich mir bewußt bin, viel derlei Ungebühr abgelegt, warum ſollte ſie mit ihrem hellen Geiſt, mit einem Blck der an alles Schoͤne ge⸗ wöhnt iſt, es nicht auch gethan haben.— Nur eins habe ich damals vorausgehabt— ich war immer wahr— ſpaͤter bin ich es gewiß nicht weniger geworden; aber ich habe ſchweigen ge⸗ lernt.— Sie iſt vielleicht ein wenig weiter ge⸗ gangen— und wenn(. meinen Bruder ut wenn ſie lieben kann— Ich kenne meinen gu⸗ ten Axel leider nicht genug, um genau zu erken⸗ nen, was er zu ſeinem Gluͤcke braucht; ob ihn nicht Leidenſchaft täuſcht; aber das weiß ich, daß ſein Ungluͤck mich tief betruben wuͤrde, es hindern könnte ich ja doch unter dieſen Umſtän⸗ den nicht.— „Aber wenn Sie es nun hindern könnten?“ fragte Guſtav weiter mit hochklopfendem Hetzenz „wenn er mitten in ſeiner Leidenſchaft Ihrem Ausſpruch gehorchte— wenn ich es nun wäre, der von dieſen ſiegenden Augen entzundet, an — 177— ihrer Seite nur mein S finden wibw was dann?“ ſiod „Dieſer Fall, Guſan1“— Hedwiga wit einer Wuͤrde, die mit innter Bewegung kämpfte⸗ „dieſer Fall erſcheint mir ſo ſchmerzlich, daß ich ihn mir nicht ein Mal ohne innete Be⸗ klemmung denken kann; denn er wuͤrde mich in die grauſame Nothwendigkeit verſetzen, von Ih⸗ nen verkannt zu werden. Sie ſind frei— ich habe es Ihnen erklärt! Kein anderes Band exi⸗ ſtirt zwiſchen uns als das, welches Ihr Ver⸗ trauen, Ihre Freundſchaft gewebt; und ich verab⸗ ſcheue jedes Verhäͤltniß, das mich dieſen Beiden ent⸗ ziehen könnte; und doch wollte ich, doch muͤßte ich ohne Bedenken jenes Wort zuruͤckrufen, und alle göttlichen und menſchlichen Rechte in An⸗ ſpruch nehmen, um mich einer Verbindung zu widerſetzen, die mir eine täuſchende Leidenſchaft, und nicht die ruhige Klarheit, die aus Ihren Zügen ſpricht, rechtfertigen konnte. Sollte auch Ihr Haß der Lohn meiner Beharrlichkeit wer⸗ den, ich wollte dennoch mein Geſchick mit Ruhe und Geduld tragen, und ſelbſt in meiner Todes⸗ ſtunde dn Ramen Ihrer Gemahlin nicht able⸗ IHI. 12 — 178— genz denn mit dem wuͤrde ich als Ihr Schutz⸗ geiſt in die Ewigkeit hinuͤbergehen. Sie, Siel wie ich Sie kenne und verehre, können mit Ulla werden.“ „Auch wenn ſie u⸗ Gu⸗ erſtaunt. E im ſ — 2„6. wiederte Swi — ranin „Weil kein Weſen das ne lieben kann, was es nicht verſteht und nicht faßt.— Ihren Geiſt wird Ulla weder faſſen können noch wollen— ſo wahr wie die Lüge ſich nie die Wahrheit aneignen kann, weil ihr Geiſt dem Weſen der Wahrheit widerſtrebt.—“ Hedwiga hatte dieſe Worte mit einer ſonderbaren Heftig⸗ keit geſprochen, da begegneten ihre Augen ſeinem durchdringenden Blick. Sie erröthete leicht, und fuhr läͤchelnd fort: Laſſen wir das— doch iſt es zu ſpaͤt— Sie haben mir wider meinen Willen meine innerſte Meinung von Ulla ent⸗ riſſen— ich ſollte ſie nicht ausgeſprochen haben; aber,“ fuͤgte ſie ſeufzend hinzu,„s iſt hart, daß ich ſagen muß, die Zeit wird lehren, ob ſie Arel glucklich machen kann.— Ulla ſcheint mir nur ſich ſelbſt zu lieben, glaubt ſie auch ſelbſt anders, es iſt nur eine Selbſttäuſchung, die bald einer andern Selbſttäuſchung ihrer beweglichen Seele weichen wird.— Ich weiß nicht in wie⸗* fern oder wie lange eine Taͤuſchung, die das ah⸗ nungsloſe Auge eben nicht leicht durchblickt, Axel beglücken könnte; ich kenne ſeinen Maaß⸗ ſtab weniger— aber Sie, Guſtav, wären ver⸗ loren!“ Guſtav küßte ihre Hand, und ſagte in tie⸗ fen Gedanken:„Sie, Sie verdammen Ulla?““ „Gott bewahre, nicht ich!— Meine Ueber⸗ zeugung verdammt nur eine Verbindung zwi⸗ 3 ſchen zwei ſo ungleichen Weſen; nach der mußte ich aber handeln, wenn es den beträfe, der mir ſein Gluͤck anvertraut hat. Aber ich kann ja irren, und bei dem allwiſſenden Gott, ich wuͤnſche, daß meine Anſichten uͤber Sie irrig ſeyn mogen.— Noch ein Mal— laſſen wir . das.“ Sie begann ein andres Geſpräch, und wußte ſehr geſchickt Guſtavs Zuruͤckkommen auf das vovige abzulenken. Auch konnte er ſie ſpäter nie 12 ½ bereden, ein Wort uͤber Ulla mit ihm zu wech⸗ ſeln. Aber er empfand es tief in ſeinem mehr als je unruhigen Inneren, daß Hedwiga's Worte ihm die eignen dunkeln Vorſtellungen auch hier faſt gegen ſeinen Willen klarer gemacht; und reifte auch von dieſer Stunde der Entſchluß in ſeinen Willen, ſich auch aͤußerlich und entſchei⸗ dend von Ulla's deutlich geahnten Hoffnungen loszureißen, ſo war es ihm doch zugleich, als gebiete ihm das Glück ſeines Freundes das Ent⸗ ſcheidende zu verſchieben, bis er das Ergebniß ſeines Auftrages dieſem zu eigener Pruͤfung uber⸗ geben.— Aber tiefer, bitterer, als er es je ge⸗ dacht, fuͤhlte er, daß der Menſch nur zu leicht in Verhaͤltniſſe kommen kann, in denen es ihm ſo ſchwer gemacht wird, Pflicht gegen Pflicht, Gefuͤhl gegen Gefuͤhl ſo abzuwägen, daß er mit ſich ſelbſt einig und zufrieden bleibt. Die wenigen Aufſchluͤſſe die Hedwiga ihm über ihre Hausgenoſſen gegeben, zogen ſeine Auf⸗ merkſamkeit noch feſter auf ſie hin.— Der Oheim kam ihm immer mehr mit einer Liebe entgegen, die ihn faſt befremdete.— Er wurde ſchon nach wenigen Tagen ſein Lehrer. Guſtav — 181— hatte ihm ſeinen Entſchluß eroffnet, in der Zu⸗ kunft ſich ganz ſeinen verabſäumten Gütern, und dem Glück ihrer Bewohner zu widmen, und nun ſchloß der Oheim in ihren Geſprächen ihm einen Schatz auf, der Guſtav hoͤchſt willkommen war, und wovon er nicht geahnt hatte, ihn in dieſer Einode zu finden. Er. entdeckte nun, daß der Graf ſich vorzuͤglich mit dem Studium des Feldbaus beſchaͤftigte, der auch praktiſch unter ſeiner Anweiſung in dem ziemlich durftigen Be⸗ zirk des Schloſſes auf eine merkwuͤrdige Art ge⸗ dieh, und ſeine Erfahrungen und Mittheilungen ſowohl in dieſer Ruͤckſicht, als hinſichtlich der ſittlichen und oͤkonomiſchen Verbeſſerung des Standes, zu dem die Bewohner der Guͤter ſich zählten, gaben Guſtavs Aufenthalt in dieſer Ge⸗ gend eine wiſſenſchaftliche und belohnende Rich⸗ tung. Schwanden ihm nun die Tage dort in lehrreicher Beſchaͤftigung, ſprach die freundliche Geſelligkeit der Abende ihn nicht weniger an⸗ Zwar ſahen ſie ſelten oder nie Fremde, aber ſie vermißten ſie nicht. Auch hier entfaltete der Oheim einen Schatz von Kenntniſſen und Er⸗ fahrungen aus dem Leben, der durch Hedwiga's ſinnige Fragen, durch Guſtavs heitre Erläuterun⸗ gen und angefuͤhrten Beiſpiele, durch die aus einem tiefen Gemuͤthe hervorgehenden Anſichten der Tante, und durch die mitunter wie von einer unſichtbaren Welt heruntergeholten Erkläͤrungen des Oheims, einen immer neuen Reiz darbot, und dem Geſpraͤch eine fortdauernde Abwechſe⸗ lung gab.— Um ſo weniger wurden die Ange⸗ legenheiten der dieſem Kreiſe faſt fremden Ge⸗ genwart beſprochen; und nur Axel, deſſen Beſuch noch im friſchen und freundlichen Andenken ſtand, oͤfters erwaͤhnt; doch war nie die Rede von Beider Umgebungen in der Reſidenz, und ſelbſt Hedwiga's Vater wurde nur bei ſeltenen Ver⸗ anlaſſungen fluͤchtig, kaum wie im Vorbeigehen genannt.— Unter ſolchen Verhaͤltniſſen dachte Guſtav an Ruͤckkehr nicht; auch war es, als verſtuͤnde es ſich von ſelbſt, daß er wenigſtens das Weih⸗ nachtsfeſt uͤber bleiben wuͤrde. Wirklich haͤtte er, vielleicht ohne ſich deſſen ſelbſt klar bewußt zu ſeyn, weder Hedwiga noch ihren Verwandten einen größeren Beweis ſeiner freundlichen Geſin⸗ nungen geben koͤnnen, als den, eben dieſe Zeit— die jede Familie als ein haͤusliches Feſt betrach⸗ tet, wobei kein werthes Mitglied, in ſofern es nur moglich iſt, fehlen darf,— zu in zu waͤhlen.* An dieſem heiligen Abend darf keine S laut, keine Freude geſtört werden.— Mit der fröhlichſten Geſelligkeit beeifert jeder ſich Allen angenehm zu ſeyn, und ſich ſelbſt recht liebens⸗ würdig zu zeigen. Liebe, Dankbarkeit, Muth⸗ wille ſelbſt ſprechen ſich offenbar und heimlich in kleinen freundlichen Gaben, die innere An⸗ hänglichkeit verrathen, ja ſelbſt in neckenden Vexir⸗ Geſchenken aus, die olle vor dem Camin em⸗ pfangen werden; in dem, ob die Strenge der Jahreszeit es erfordert oder nicht, eine anſehn⸗ liche, praſſelnde Flamme, unter dem Ramen Weihnachtsfeuer, in der nordiſchen Sprache Ju⸗ lebraas lodern muß. Hieher werden ſelbſt von bloßen Bekannten nah und fern Gaben geſchickt, ohne daß man weiß, woher ſie eigentlich kom⸗ men; denn mitunter werden ſie, entweder durch ein ſchnell aufgeriſſenes Fenſter, oder durch die halbgeoffnete Thür hereingeworfen; welches ſelbſt von ganz Fremden leicht ausgeubt werden kann⸗ — 184— weil an ſolchem Abend keine Hausthuͤre und kein Schloß verriegelt werden darf, damit das Chriſtkind in der Landesſprache, vermuthlich von der Deutſchen hergeleitet, in verdorbener Aus⸗ ſprache, Kinkenjes genannt— uͤberall einkom⸗ men kann. Freilich hat dieſer Kinkenjes weiter nichts Uebereinſtimmendes mit dem Chriſtkinde. Denn er iſt nach den Umſtänden ein ſchwarzes oder weißes Ungeheuer, ungefähr dem aͤhnlich, das man in einem benachbarten Lande den „Julebuck,“ d. i. Weihnachtsbock, nennt; mit großen ſchwarzen Hörnern oder wenigſtens mit einem Höcker verſehnz der auch zu andern Zeiten hervorgerufen wird, um den unartigen Kindern ein Schrecken einzujagen. Dahingegen er zu Weihnachten den Frommen Gaben und Beloh⸗ nungen bringt. Zu dieſem Abend freut ſich nun das ganze Volk, Vornehme und Geringe, und beſonders auf dem Lande wird er mit vielen al⸗ ten und dadurch heiligen Gebrauchen begangen⸗ Die Zimmer werden geſcheuert und gebohnt, und die Wohnſtube beſonders mit Tannenreiſern aus⸗ geſchmückt; viele Lichter werden darin angebracht. Kuchen werden gebacken, die an die Beſuchenden —— 2 — 185— ausgetheilt werden, und ein gewürztes Getränk zum Willkommen ſteht üͤberall bereit. Wenn der Julebraas auflodert, geht das Feſt an⸗— Selbſt ein Topf mit dicken Reißbrei, reichlich mit Butter, Zucker und Kanehl(Zimmt) uͤbergoſſen, wird auf den Hof in den Schnee fur das Haus⸗ geiſtchen hingeſetzt. Dies, in der Landesſprache der Niße, iſt ein kleines freundliches Mänſchen, im grauweißen ſchlichten Kleide mit rother Mütze, das fuͤr das Vieh ſorgt, wenn dies von den Knechten verſaͤumt wird, ja wohl auch mitunter die vergeſſene Arbeit der Dienſtleute verrichtet, da⸗ her es auch dieſen Abend fuͤr ſeine freundliche An⸗ haͤnglichkeit an das Haus bedacht wird. Den Breitopf findet man auch immer den nächſten Morgen geleert.— hi Viele Wochen vorher freut ma ze die⸗ ſem kleinen Feſte, von dem die Di ausgeſchloſſen ſind, den e geben npfan⸗ gen, und ſo wie der naht, wird heimlich Abrede men, wie dieſer oder jener erſt geneckt und damn beſchenkt werden ſoll⸗ uUnſer kleiner Zirkel, der ch dies Feſt bege⸗ hen wollte, ſchien doch* ganz unbefangen — e — 186 ₰ dabei zu ſeyn, weil mehrere Geſinnungen zu ver⸗ rathen fuͤrchteten, die Andre dagegen gern haͤtten anregen mögen. In ſolchen Fällen iſt ein neues Mitglied der Geſellſchaft als ein freundli⸗ cher Ableiter der leiſe ſchleichenden Verlegenheit immer willkommen, und ein ſehr Liebes trat eben ſo erwünſcht als unerwartet ein.— Der trauliche Theetiſch war ſo eben dem Ka⸗ mine näher geſchoben, und Hedwiga klapperte ſchon mit den Taſſen, weil ſie in dieſem kleinen geſchloſſenen Kreiſe den Thee am liebſten ſelbſt einſchenkte; als die heitern Schellen eines Schlit⸗ tens ſich im Hofe hören ließen, und ſie ſahen ſich Alle betroffen an, in der Erwartung, wer Weihnachtzeit, wo jeder ungern den unde ſaß Axel ſo einhei⸗ ſter Seite, als ob er ſeit 1 3 ger als einer miſch an der S *— 187— ſenenen Beſuche gar nicht Wſ ne waͤre.—. Natuͤrlicherweiſe kam es bald zur Sprache, wie er, den der Konig zum Adjutanten bei ſich angeſtellt, ſich waͤhrend der Verhandlungen des Reichstags hätte losmachen koͤnnenz ſo auch, was von den Verhandlungen W waͤre.. „Von dieſen iſt n. nichts Ofſiielles bekannt geworden,“ nahm Axel das Wort,„nur. ſagt man ſich's in's Ohr, daß dort ein Ent⸗ wurf des Königs, der dem Geiſte der Nation und ihren dringenden Beduͤrfniſſen ganz zuwider iſt, einen hartnaͤckigen Widerſtand gefunden, und man meint, der Reichstag wird bald ohne Erfolg aufgeloßt werden. Was mich betrifft, ſcheint ein Umſtand, der eben ſo lächerlich als ſonderbar iſt, einen Verdacht beim Könige gegen er⸗ regt zu haben, obgleich er dieſen, wie immer, nicht geaͤußert, ſondern nur die Gelegenheit er⸗ griffen hat, da eine Sendung nach der Reſidenz noͤthig wurde, mir dieſelbe zu übertragen; doch iſt mir die Zeit ſo uͤberfluͤſſig zugemeſſen, daß ich bei der guten Schlittenbahn, ohne meine — — 188— Pflicht zu verletzen, dieſen kleinen Umweg habe machen koͤnnen, und darf hier obendrein eirca 30 Stunden verweilen“ „Schoͤn!“ riefen Alle⸗ „Und worin beſteht denn jener Vorfall?“ p die Tante ſchnell und beſorgt. 60 „Ich fühle ſelbſt Drang ihn mitzutheilen!“ fuhr Axel mit einem bedeutenden Blicke auf Guſtav fort:„um Ihre Meinung, lieber Oheim, uͤber derlei Volksglauben zu erfahren, obgleich das mit⸗ unter Widerſtreitende darin eigentlich die Glaub⸗ wuͤrdigkeit aufhebt, die ihm die beſtochene Phan⸗ taſie beilegt, welche diesmal ſelbſt den König b⸗ troffen gemacht zu haben ſcheint. Nicht lange nachdem wir das Ziel unſerer Reiſe erreicht, wo es dem Koͤnige angelegen war, noch früher als die Abgeſandten der Stände zu erſcheinen, theils, um vermöge ſeiner Beredſamkeit ſich der Treue der dor⸗ tigen Regimenter zu verſichern, theils, um Maaß⸗ regeln zu treffen, die ihm einen gluͤcklichen Erfolg bereiten könnten; um dieſe Zeit wurde uns ein Geruͤcht, das ſich unter dem Volke herumtrug, erzäͤhlt, von einem halb wahnſinnigen Finnweibe, das zwiſchen den Felſen und in den Waͤldern der * — 169— Provinz herumirrte, wo ſie alle Schluchten und Win⸗ kel— Stuͤrmen, Schnee und Kaͤlte trotzend— durch⸗ ſuchte, eine ſonderbare Gemuͤthsunruhe aͤußere, kaum einige Stunden der Nacht die Gafffreiheit der aͤrmeren Landleute in Anſpruch nahm, bei de⸗ ren jedem ſie nur eine oder höchſtens drei Raͤchte einkehrte, wenn ſie den ganzen Tag unter ſtummen Suchen verbracht hatte, und dann ihren Weg zu der nächſten bevölkerten Gegend fortſetzte. Man hörte ſie nur mitunter mehrmals laut Wehe! Wehe! rufen, dann zerriß ſie ſich die Haare, manchmal ſogar die Kleider. Wenn man ſie fragte, warum und woruͤber ſie Wehe rufe, gab ſie zur Antwort: uͤber das Land, und die, welche deſſen Kronen tragen. Sie aͤußerte dabei den hochſten Abſcheu vor dem Feuer, ganz gegen die Gewohn⸗ heit ihres Stammes; wollte ſich weder mit Be⸗ ſchworungen abgeben, noch Kranke heilen, und war hoͤchſt ſelten, und dann nur gegen Bezahlung zu bereden, aus der Hand zu wahrſagen. Jedoch durfte dieſe Bezahlung nicht in Muͤnzen beſtehen, ſondern nur in ganz kleinen Lumpen von rothem Tuch, die ſie Blut und Blutstropfen nannte, und in ein blechernes Behaͤltniß, das ſie bei ſich — 190— trug, ſorgſam hineinſteckte. Denn, ſagte ſie dann leiſe, mit einer Art zutraulicher Dankbarkeit, mit Blut kann man nicht behutſam genug ſeyn; ich muß alles aufbewahren, damit es nicht gemiß⸗ biaucht werden kann. Wenn man ſie fragte, wen ſie ſuche, lachte ſie hell auf, und gab keine Antwort, oder auch, jedoch hochſt ſelten, ſing ſie bit⸗ terlich an zu weinen, und fluͤſterte ganz leiſe: Den ich toͤdten muß! Auch ſtieß ſie gern, wenn man ſie anders bereden konnte, in die Hand zu ſchauen, zwei kurze Reime zur Antwort heraus, öfters ohne Sinn fuͤr die uͤbrigen Zuhörer, die ſie gar nicht zu bemerken ſchien, aber wodurch doch der Fra⸗ gende faſt immer betroffen wurde, wie von einem ihm nur verſtaͤndlichen Sinne ergriffen. Dies Weib hatte ſchon in mehreren Provinzen viel Auf⸗ ſehen erregt. Die Bauern ſahen ſie mit derſelben aͤngſtlichen Empfindung, als einen plötzlich erſchei⸗ nenden Cometen, an, und glaubten, man wuͤrde pald etwas Entſetzliches und Ungluͤckliches erfah⸗ ren. Doch wußte Niemand anzugeben, wo ſie ſich eigentlich fur den Augenblick befand, denn wenn ſie an einem Orte geſucht wurde, hatte ſie ſich gern zu einem andern hingewandt. Dies Gerucht — ——— — 191 ₰ kam auch zu den Ohren des Königs, der ſogleich neugierig wurde, dies Weib heimlich, und ohne daß ſie ahnen koönne wer er ſey, zu ſehen und zu ſprechen. Sein Kammerdiener bekam den Auftrag dies auszumitteln. Doch eben weil dies Geſchäft ſehr geheim gehalten wurde, und zugleich aus oben⸗ erwaͤhnten Gruͤnden, dauerte es ziemlich lauge, bis dieſe Laune befriedigt werden konnte. Endlich hatte der Kammerdiener Kunde erhalten, daß jenes Finnweib ſich in einer Gegend, nicht weit von der Stadt, ſo eben zum erſten Mal gezeigt hatte, und da ſie dieſe gewiß, ihrer Gewohnheit näch, auch durchſuchen wuͤrde, ließ es ſich vermuthen, daß man ſie dort noch antreffen könnte. Ich ahnete gar nichts von der Abſicht des Konigs, als er mich eines Morgens noch vor Tage rufen ſieß, mir befahl ein unſcheinbares buͤrgerliches Kleid, ſo wie er eins trug, anzuziehen, und mit ihm einen Ritt zu machen. Ein Bedienter, der lang⸗ ſam voraus ritt, war unſer Wegweiſer; erſt auf dem Wege erfuhr ich unſere Beſtimmung. Wir waren durch einen unverhoſſten Zufall wirklich ſo glücklich, mit wenigen Umſtänden auf die Woh⸗ nung zu ſtoßen, worin ſie uͤbernachtet und die ſie noch nicht verlaſſen hatte.— Nachdem wir, oder vielmehr der Konig, auf die ihm eigene zutrauliche Weiſe, blitzſchnell mochte ich faſt ſagen, das Wohl⸗ wollen der Hausbewohner gewonnen, ruͤckten wir mit unſerm Antrage heraus. Die vollige Unbe⸗ fangenheit der Leute überzeugte uns gleich, daß der König nicht erkannt war, und daß nichts An⸗ deres in uns geahnt wurde, als das, wofuͤr wir uns ausgaben. Der Wirth ſchickte ſich an, unfer Anliegen der Finnfrau zu eröffnen, die, wie uns berichtet wurde, eben im Begriff ſtand, ſtumm und vor ſich hinſtarrend ſich zu entfernen. Er kuͤndigte ihr uns an als reiſende Kaufleute. Der Konig, welcher dennoch nicht gern ſah, daß ihm in Gegenwart der Hausbewohner wahrgeſagt wurde, welches ſie in ihrem Wahnſinne immer laut und mit gellender Stimme verrichtete, hatte uns ein Seitenzimmer öffnen laſſen, wo man das Weib bereden wollte, hineinzutreten.— Ich war allein bei ihm. Auf das Anrathen des Wirths hatten wir auf den Tiſch neben uns mehrere kleine Lappen von rothem Tuche hingelegt, damit ſie bei deren An⸗ blick erregt, unſern Wunſch nicht verweigern ſollte. Sie trat auch wirklich nach einem Viertelſtundchen — wilden Blickes herein. Eine kleine hagere Figur,“ fuhr Axel mit einem feſten Blick auf Guſtav fort, „ſo gekleidet, wie man dieſe Leute im allgemeinen ſieht, nur noch unreinlicher, in faſt zerriſſenen Lumpen; doch trug ſie auf dem Kopfe keine Muͤtze; er war oben zum Theil kahl, nur um die Schlaͤfe und im Racken hingen kurze, mehr graue als weiße Haare in duͤnnen Locken und in der wildeſten Unordnung herunter, die uͤbrigen ſchienen ausge⸗ riſſen zu ſeyn. Sie trug den Kopf gebuͤckt, doch ſuchten ihre Blicke nicht die Erde, ſondern ſtarrten weit aufgeſchloſſen in gerader Linie auf uns hin. Sie nahete ſich einige Schritte, dann blieb ſie auf ein Mal verwundert, oder beſſer, wie verſteinert ſte⸗ hen, waͤhrend die gräuen, aufwärts gedtehten Au⸗ gen uns, beſonders mich, zu durchbohren ſchienen. Der König ging zu ihr hin, und während er, nach der Anweiſung des Wirths, ihr die Hand hinhielt, zeigte er mit der andern auf die rothen Lappen⸗ Sie ſchien aber nicht Acht darauf zu geben, ihn ſah ſie nur flüͤchtig an, ergriff unwillkuͤhrlich ſeine dargeſtreckte Hand, und nachdem ihr Blick feſt auf mir geruht, wandte ſie denſelben zu der Hand des Königs nirder, die ſie flach von der ihrigen 13 umfaßt hielt, doch kaum hatte ſie einen Blick darauf geworfen, als ſie wieder aufſah, ſie zurück⸗ ſtieß, und mit einer Art von Abſcheu in ſlechim Reimen halb ſchrie, halb ſang? 1 Pit es ſtinkt ſchon die Todtenhand— Der rechte Koͤnig komme heran! n66 Der Konig trat wirklich ein wenig verwirtt nnzihe ſchritt aber auf mich zu, ergriff die meinige und“— ſchloß Axel, ſo wie fruͤher mit einem durchdringenden Blicke auf Guſtav—„aßte mir tolles Zeug, dus mich betreffen ſollte⸗“ „Nun, was ſagte&— ſugte Wni theilnehmend. n „Weiß ich's? vaſehte aua„mein Blic ruhete auf dem Koͤnige, deſſen Verwirrung mir nicht entgangen war, doch faßte er ſich augen⸗ blicklich, taffte die rothen Lumpen zuſammen, und wollte ihr ſie hinreichen. Sie nahm ſie aber nicht, ſchuͤttelte heftig den Kopf, buckte ſich und ergriff den Stab wieder, den ſie bei unſerm Anblikr hatte fallen laſſen, und während ſie die and're Hand geballt gegen die Bruſt druͤckte, brach ſie in ein lautes Weinen aus, und flüſterte mit ſerer faſt verſagender Stimme:* — 495— MNein nein! hier druckt bereits der Lohn— muß ja erſchlagen den eigenen Sohn! Damit wankte ſie, auf den Stab geſtutzt, 6 dem Zimmer, aus dem Hauſe mit eilenden Schritten, einem Betrunkenen ähnlich, zwiſchen die Felſen hinein, die kurz nachher von einem gellenden Wehe wiederhallten. Der Koͤnig ritt ſchweigend mit mir zuruͤck. Mir ſagte er nichtsz doch muß er Jemanden aus ſeiner Umgebung etwas vertraut haben, das verriethen mir nachher lachende Fragen, und der ſonderhare Blick, mit dem man mich anſah; auch hat der Blick des Königs mehr als ein Mal ſeit der Stunde fin⸗ ſter, nachdenkend auf mir geruht, und vorgeſtern erhielt ich ganz unerwartet den Befehl, nach der Reſidenz zuruck zu gehen.— Und nun frage ich Sie, lieber Oheim!“ fügte Axel, ohne ſich zu unterbrechen, hinzu:„Iſt denn dieſer ſonderbaxe Aberglaube ſo begründet in der menſchlichen Na⸗ tur, daß ein Geiſt wie der des Königs, der ſich nicht allein für den aufgeklärteſten Mann ſeiner Nation haͤlt, ſondern auch mit Fug dafür ge⸗ halten wird, nur einen Augenblick uͤber die Rede aines ſinnvelibirrtrn Weibes betroſfen werden konnte; und wenn auch, wie vermag das Weib ihm Argwohn gegen den einzuflößen, der nie daran gedacht, ihm ſchleichend mit Vertath zu nahen, und es auch nie thun wuͤrde. Wie geht es zu, daß wir, gegen unſern Willen, in den ge⸗ meinen Gedankenkreis des Pöbels hinabgezogen werden, und der Hefe eines verwahrlöſeten Vol⸗ kes Sehergaben zutrauen, die wir ohne Beden⸗ ken dem Aufgeklärteſten abſprechen wuͤrden?“ „Wie geht es überhaupt zu,“ ſiel Hedwiga lebhaft ein,„daß dieſe Frau— ich will von der ſcheußlichen Votherſagung, die in ihren Worten liegt, nicht ein Mal ſprechen,— in zwei Unbe⸗ kannten den Konig ſogleich ahnen konnte? Denn daß ſie das gethan, iſt wenigſtens daraus klar, daß ſie Dich für ihn genommen zu haben ſcheint.“ „Freilich! auch iſt noch etwas Sonderbareres dabei,“ ſagte Axel ſinſterz„aber ich bitte Sie, Oheim, laſſen Sie uns erſt die erſte Frage erör⸗ tern. Worin mag dieſe ſonderbare Meinung ge⸗ 6 7 gruͤndet ſeyn?“ „Nun!“ erwiederte der Graf ruhig, wie im⸗ mer, und ohne Bedenken;„So ganz und gar ungegründet iſt ſie wohl weniger, als Du bei der erſten Anſicht denken wirſt; aber wie es nun allemal geht, ein Lichtſtrahl in dunkler und neb⸗ lichter Nacht verwirrt, ſtatt zu leuchten. Ich habe den Aberglauben am hervorſtechendſten in den nie⸗ drigſten und in den hochſten Staͤnden gefunden, in welchen Letzteren oft die feinſte geſellſchaftliche Ausbildung in der Mitte des Lebens, und noch fruͤher, als von der Gewohnheit und Abgeſchliffen⸗ heit ausgehend, ſich offenbart, während die klare Logik der Vernunft weder in der Kindheit, noch ſpater bedacht wird. Doch kein Aberglaube gruͤndet ſich auf gänzliche Luge. Das Völkchen der Fin⸗ nen iſt in einem ſo hohen Grade in der geſelligen Bildung verwahrloſet, daß es uns duͤnkt, als ſeyen die Individuen deſſelben es auch von der Natur. Ihre ſcheinbare Stupidität jedoch, wollen manche behaupten, beſtehet nur in der Form; weil wirklich ihre Sinne gewöhnlich die Art von Faſ⸗ ſungsvermögen und Deutlichkeit nicht beſitzen, wie unſ're, die wir uns gebildete Menſchen nennen⸗ Dagegen iſt es allerdings möglich, daß ihre nähere Angrenzung an die Natur, und die angeerbte Ge⸗ wohnheit ihres Stammes, in unmittelbarer Beruͤh⸗ rung mit dieſer und ihren innerſten Kräften zu — 05— verkehren und dieſe zu belauſchen, ihnen Inſtinkte oder Sinne aufbewahrt haben, die aus dem mehr geſelligen Leben der Menſchen verwiſcht ſind, und nach Innen oder auch auf das fuͤr uns Uner⸗ faßliche nur hingewendet, uns als Stupidität vorkommen müſſen. Wir können zum Beiſpiel nicht leugnen, daß ſie zu derſelben Zeit, wo ſie unſ're Namen und Ortbezeichungen nicht faſſen können, doch ihre eigenen Angehoörigen unter ſich aufzufinden wiſſen, wenn ſie auch noch ſo ent⸗ fernt von einander ſind, und daß diejenigen, welche längere Zeit mit uns oder in näheren Be⸗ ziehungen zu uns gelebt haben, Leuten aus ihrem Stamme mit zwei geheimnißvollen Worten, oder bloß mit Zeichen Dinge begreiflich machen können, die es uns nicht gelingt, ihnen ſelbſt mit der größ⸗ ten Muhe und Zeitverſchwendung mitzutheilen⸗ Selten fehlen ihre Prophezeihungen, was die Wit⸗ terung betrifft, und aus Kraͤutern und Pflanzen wiſſen ſie Heilmittel zu bereiten, die ſo erſtaun⸗ lich ſchnell wirken, daß wir uns nicht daruͤber wundern können, wenn die Menge ihre Wirkun⸗ gen der Zauberei zuſchreibt. Rechnen wir nun dazu, daß mit aller der Stupiditäͤt, deren wir — 199— ſie beſchuldigen, ſie eine nicht gemeine Schlau⸗ heit beſitzen, und zugleich mit den Elementen in naher Beruͤhrung zu ſtehen ſcheinen, ſo begreifen wir leicht, woher die Sage von ihren geheimen Kräften entſtanden iſt. So ſehe ich zum Bei⸗ ſpiel in dem dieſem Volke eigenen Glauben und Vertrauen an unterirdiſche Weſen, nur ihre ver⸗ traute Bekanntſchaft mit uns unbekannten oder von uns nicht bemerkten Erſcheinungen der Na⸗ turkraͤfte, welcher ſie, mit der wiſſenſchaftlichen Anſicht der Natur, die wir beſitzen, nicht begabt, der Erde inwohnenden Geiſtern zuſchreiben. Iſt nun das Vieh, ſo wie der Bauer es nennt, be⸗ hert— das will ſagen; mit einer ihm unbekannten Krankheit behaftet, die vielleicht von dem Genuſſe ungeſunder Pflanzen, deren mehrere ſich beſonders in Felſengegenden vorſinden, herrührt— weiſet die tiefe Pflanzenkunde der Finnen leicht Heilmittel nach, welche dieſe nicht den Pflanzen ſelbſt, aber Beides, das Uebel wie das Heil, ihren Erden⸗ geiſtern beilegen.“ „Aber, lieber Oheim!“ bemerkte Hedwiga, „das erklärt doch alles noch nicht, daß dieſe Leute, wie vorgegeben wird, in die Zukunft ſehen konnen und dieſe vorherſagen, oder auch wiſſen, was in der Ferne vorgeht, und Leute erkennen, welche ſie nie vorher erblickt haben.“ „Daß ſie alles dieſes können, bin ich auch weit entfernt zu behaupten,“ nahm der Graf das Wort wiederz„obgleich ich doch wage feſt zu behaupten, daß Mittel und Vermogen denen zu Gebote ſtchen, die unmittelbar aus dem In⸗ nern mit der Natur verkehren, und auf ihre lei⸗ ſen Stimmen horchen, welche wir in unſerm künſtlich geſtellten, von unſ'rer urſpruͤnglichen Natur immer mehr abgewandtem Leben nicht be⸗ greifen können, beſonders wenn der ſtarr in die Ferne oder auf die Erde geheftete Blick, den wir manchmal fuͤr einen Ausdiuck der Dummheit nahmen, ein inneres in ſich geſchloſſenes Forſchen vorausſetzt. Und in dieſem Sinne ſehe ich nicht ein, warum es nicht moglich ſeyn könnte, daß auch unter den Finnen ein wahrhaft frommer, von dem menſchlichen Treiben abgewandter Sinn, ja ein nach ihrem Vermogen philoſophiſches Ge⸗ müth ſich befinde. Denn dies ganz leugnen zu wollen, wäre ja an dem Göttlichen in der menſch⸗ lichen Ratur zweifeln.— Konnte der, welcher — 201— die Welt von den heidniſchen Jerthümern erlöſte, unter den Geringſten eines geringen und verhöhn⸗ ten Volks geboren werden, warum ſollte denn nicht unter einem andern verwahrloſeten Volks⸗ ſtamme ein Gedankenfunke in dem menſchlichen Gehirne eines ſeiner Mitglieder wuchern können? und wenn nun dies der Fall iſt, warum könnte es denn einem ſolchen nicht eben ſo gut, ja viel⸗ licht noch beſſer gelingen, einen Blick, wenn auch nicht in die Zukunft, ſo doch in die Ferne zu thun; ſo wie es dem in den gebildetſten Sir⸗ keln der Geſellſchaft waltenden großen Naturfor⸗ ſcher Swedenborg vor nicht vielen Jahren gelun⸗ gen iſt, mitten in London zu ſehen, wie das Feuer zu Stockholm wüthete, während ſein eige⸗ nes von Gott beſchuͤtztes Haus unverſehrt mitten in den Flammen ſtehen blieb; eine Erſcheinung, deren Wahrheit von ſeiner ganzen Umgebung, nur nicht von ihm ſelbſt, bezweifelt, nach wenigen Wochen durch Briefe und Zeitungen beſtatigt worden iſt.“ „Sie glauben Oheim?“ un — 202— „Wie ſollte ich nicht.— Swedenborg war der Freund, der Lehrer meiner Jugend; ob⸗ gleich damals in dem wilden Sinnenrauſch eines leichtſinnigen Lebens begriffen, verlöſchte doch der Eindruck nicht, den meine Seele von ihmem⸗ pfing, deſſen wohlthätigem Andenken ich die Ruhe meints Alters verdanke. Ich bin nie der blinde Anhänger irgend eines Syſtems geweſenz und erſt ſpät haben innere Prufungen und mancher⸗ lei Erfahrungen mir das Seine werth und theuer, gemacht. So ging es mir auch mit ihm ſelbſt⸗ An ſolchen Erfahrungen, die er mir als ſelbſt erlebt mundlich mitgetheilt, oder die nach ſeinem Tode mir ſchriftlich anvertraut worden ſind, habe ich nie gezweifelt, in ſofern ſie rein factiſch wa⸗ ren, und nicht ein vielleicht trügeriſches Reſultat von dem Kampfe ſeiner über die Grenzen des Gewöhnlichen hinaus aufgeregten Phantaſie, mit ſolchen wirklichen Erſcheinungen aus einer hohern Weltordnung, die eine von der Menge ab⸗ weichende Organiſation oder ein mit unterir⸗ diſchen Dingen immer brſchaͤftigter Sinn auf⸗ faſſen kann. Die erwähnte Erſcheinung war aber rein factiſch, und ich deute nur darauf hin, weil — 206— eben dieſe, an der ich nicht zweifle, eine Aehn⸗ lichkeit mit dergleichen hat, die ofters, wiewohl vom Aberglauben verhüllt und verunſtaltet, ini den Erzaͤhlungen von den Finnen ſich wiederho⸗ len; bei denen ſolche Wiſſagungen aus den er⸗ waͤhnten Gruͤnden mir allerdings wahrſcheinlicher⸗ vorkommen, als bei unſerm von dem inngren Leben ſchnöde abgewendeten Treiben. Was iſt zum Beiſpiel das, welches wir Ahnung nennen, anders, als ein von unſrer Organiſation geſtatte⸗ ter Schnellblick, den ein geheimnißvoller, von uns ſelbſt muthwillig verleugneter Zuſammen⸗ hang unſers Weſens, mit einer uns noch unbe⸗ kannten Welt, uns durch ein maͤchtig geworde⸗ nes Inſtinkt in dieſelbe Kröffnet; das mitunter⸗ ſelbſt am ofteſten kurz vor dem Tode diejenigen faßt, die ſich am allerwenigſten mit dem Gedan⸗ ken an ein Jenſeits beſchaftigt haben. Daher⸗ die ſonderbare geiſtige Wahrheit, die ſich mitun⸗ ter im Wahnſinn offenbart; weil da, wo diei leibliche Organiſation ſo zerſtört iſt, daß ſie die Bilder der alltäglichen Welt nur undeutlich und verworren auffaßt, Spuren einer hoͤhern Organi⸗ tion hervorzutreten ſcheinen; zwar nicht ein hohe⸗ — 204— res Bemußtſeyn, aber einzelne Blitze höherer Kraͤfte ſtrahlen im grellen Contraſt aus dem menſchlichen Elend hervor. Koͤmmt nun dazu, daß der Zuhoͤrer immer geneigt iſt, ſolchen halb dunkeln, halb hellen Worten eine Deutung zu geben, die zu ſeiner individuellen und gern auf⸗ geregten Stimmung paßt; ſo läßt ſich wenig⸗ ſtens der Eindruck erklaͤren, den jene Erſcheinung auf den König gemacht, ohne daß ich zu beſtim⸗ men wage, in wiefern ein aͤußerlich unſichtbarer, aber nach innen waltender Zuſammenhang, Aber⸗ glaube oder Betrug jenen Auftritt ſo, und anders geſtaltet hat.“ „Hat denn nie Ihr Forſchen, lieber Oheim! 1 fragte Guſtav,„Sie auf eine Deutung hinge⸗ wieſen, die einen ſolchen Hinblick in die Ferne, wie jenen des verſtorbenen Swedenborgs näher erklaͤren kann?“ „Erklären wohl ſchwerlich, wenn Sie darun⸗ ter eine Zerlegung der innern Motiven verſtehen; nur in ſofern jedoch, daß ich dieſe mit andern Er⸗ ſcheinungen im Leben vergleiche, und die eine aus den andern mir deutlich zu machen ſuche. Von den Wirkungen iſt es ja doch erlaubt zu den, ob auch unergruͤndlichen, ſo doch gewiß vor⸗ handenen, Urſachen zu ſchließen.— In vorer⸗ wähnter Beziehung finde ich nun dieſe in dem gottlichen Urſprung des menſchlichen Daſeyns und in dem von der Maſſe eingeengten Athem von Gott, der in uns wohnt; warum ſollte überhaupt nicht ein frommer Sinn, deſſen höch⸗ ſtes Beſtreben dahin geht, ſich ſeinem Urſprunge zu nahen, und dem es durch eine von der Re⸗ gel abweichende Organiſation moͤglich geworden iſt, den Feſſeldruck des Körpers zu lüften— war⸗ um ſollte es dieſem nicht gelingen? ſchon hier in glücklichen Momenten in ſolche Beruͤhrungen mit dei Kräften, die über die menſchlichen Be⸗ griffe von Zeit und Raum erhaben ſind, treten zu konnen, daß ihm wie in einer Verzuckung ſolche Dinge kund werden, die den gewohnlichen Sinnen der Menſchen verſchloſſen ſind; da doch auf der andern Seite der menſchliche Sinn nach dem Tode noch lange hier auf dieſer Erde, von irdiſchen Begierden gefeſſelt, ſelbſt ver⸗ nehmlich verweilen kann und muß.“ dargeſtellt, deren Phantaſie in ſehr engen Schran⸗ ken gehalten wird. Nur darin ſtimmt meine Erfahrung mit den Bemerkungen, die ich über denſelben Gegenſtand hier und da gehort habe, über⸗ ein, daß dieſe Erſcheinung nur bei Perſonen von innerer heftiger Sinnesart vorkommt, welche ſich entweder mit ſturmiſcher, ruckſichtsloſer Gewalt den Weg bahnen, oder ſich im inneren Brüten verzehren, und im täglichen Leben durch ein un⸗ ſtätes, unruhiges Treiben die Aufmerkſamkeit auf ſich ziehen. Es ſind ſolche Ausnahmen von der allgemeinen Regel, die wir, wenn ſie uns auch begegnen, unbeachtet laſſen ſollen, weil die Ur⸗ ſache eben ſo unergrundlich iſt, wie ſie uns zweck⸗ los vorkommen mäſſen Und doch vielleicht geben uns hierin die Erſcheinungen der Todten einen Fingerzeig, der auf die der Lebenden hinweiſet.“ „Die Erſcheinungen der Todten?“ rief Hed⸗ wiga⸗ K 26 Bi6nn „Nennen wir ja doch“ fuhr der Oheim fort,„diejenigen ſo, deren Körper im Grabe ver⸗ modern; dennoch ſcheint es, daß alle darum nicht die Erde gänzlich verlaſſen haben oder verlaſſen koͤnnen, wenigſtens belehren uns einzelne Bei⸗ ſpiele, daß einzelne Abgeſchiedene, eben ſo wie Du, Arxel! von dem Vater erzaͤhlt, und wir von ihm wiſſen, ſich vernehmen laſſen oder erſcheinen koͤnnen; obgleich das Letztere eigentlich nur ein Produkt des Verkehrs einer befreundeten Phan⸗ taſie mit verwandten Geiſtern iſt, die von innen heraus aͤußerlich ſich zu verkörpern ſcheinen, da⸗ hingegen das erſte mir als die Aeußerung eines Daſeyns vorkoͤmmt, das, obgleich mir fremd und unbekannt, nicht allein auf mich, ſondern auf je⸗ den, ohne daß ſeine Phantaſie damit in Beruͤh⸗ rung ſteht, von außen mitunter faſt feindlich, wiewohl unſchaͤdlich, einwirken kann.“ „Sie glauben denn alſo an Geſpenſtr?“ fragte Guſtav ein wenig verwundert. „An ſolche Erſcheinungen, welche die Fran⸗ zoſen„revenant“ nennen, und die nicht ganz treffend in unſrer Sprache durch Geſpenſter be⸗ zeichnet werden, glaube ich freilich; ohne darum der ganzen Menge von Spukgeſchichten und Er⸗ ſcheinungen entweder groͤßeren Glauben oder we⸗ nigeren Werth beizulegen; als, zum Beiſpiel, der Geſchichte der Vorzeit, in der ich etwas Poſiti⸗ ves wirklich Geſchehenes erkennen muß, wiewohl MI. 14 — 206— Die Behauptung iſt mir neu!“ rief Axel. „und doch laſſen ſich auf dieſe Art mehrere Erſcheinüngen, welche die Erfahrung beſtätigt, auf eint wenigſtens füͤr mich befriedigende Art er⸗ klären 1“ fuhr der Graf fort. 15 Wenn dieſe Erfahrung auch den döib un konnte—“ ſiel Apel raſch ein—„doch nein, liebet Oheimk laſſen Sie uns einen Au⸗ genblick bei Erſcheinungen der Lebenden bleiben⸗ Welchen Namen ſoll ich ſonſt der ſonderbaren Krank⸗ heit geben, daß der Menſch in zwei zerfällt, in ſich und in ſein Nachbild, daß er ſeine Gedanken verkörpern und anſchaulich machen kann, zum Veiſpiel mein Vater. Haſt Du nie etwas da⸗ von gemerkt, liebe Hedwiga! daß ſeine Ankunft durch ein äußeres höchſt unerkluͤrbares Zeichen an⸗ gemeldet wird; und ich⸗ ich ſelbſt habe, nachdem ich ihnlſo eben verlaſſen, ihn in meinem Zimmer uͤber das Pult gebückt ſtehen geſehen. Er ver⸗ ſchwand als ich nahete. Ich habe es Guſtav, ſogleich erzahlt.“ „Von dem Erſten habe ich wohl zhie aber ſelbſt nie etwas vernommenz daher hat auch ſpä⸗ ter meine Vernunft ditſe 8 virwor⸗ erwiederte Hedwiga. n „Beiſpiele ſeiner— In mir bekannt.— Seine Frau— Deine Schwe⸗ ſter, Du weißt es ja!—“ bemerkte die Tante zu dem Grafen hingewandt. „Ja wahrlich!“ verſetzte der Oheim— die Schweſter hat mehr als ein Mal, wenn ſie ihn entweder in der Geſellſchaft mit mehreren verlaſ⸗ ſen, oder ihn auch abweſend wußte, ihn dicht hinter ſich erblickt. Obgleich ich aber fruͤher von der Aet Doppel⸗ Erſcheinungen gehört, habe ich doch immer geglaubt, daß ſie nur ein Phantem der aufgeregten Phantaſie derer geweſen, welche ſolche zu bemerken glaubtenz aber eben durch mei⸗ nen Schwager, den einzigen der Art Menſchen, den ich gekannt— denn es iſt eine hochſt ſeltene Eeſcheinung, die im Allgemeinen nur fuͤr eine Erfindung des Aberglaubens genommen wird— bin ich zu der Ueberzeugung gekommen, daß dies Luftbild nicht aus der Phantaſie des Beſchauers hervorgeht, ſondern wirklich von der geſehenen Per⸗ ſon herruͤhren muß, weil dieſe Erſcheinung ſich ſeiner ganzen Umgebung, und ſelbſt Perſonen — 210 ₰ ich dies nicht immer von dem ſich dicht anſchmiegen⸗ den Gewande aus ſpätern Erdichtungen, Verdrehun⸗ gen, Verunſtaltungen und Lugen der Zeitgenoſſen ſondern kann. Ich glaube nur an ſolche Er⸗ fahrungen, die in innerer Harmonie mit meiner Ueberzeugung ſtehen, und wodurch beide ſich er⸗ elären laſſen und beſtätigen. Aber ſelbſt ſolche Er⸗ fahrungen dürfen wir nicht dem boͤſen oder guten Charakter des Verſtorbenen, ſondern nur der be⸗ ſondern Organiſation ſeines Daſeyns zuſchreiben, die mitunter eine eigne Fähigkeit, auf unſere Sinne zu wirken, beſitzt, ſo wie im Leben die Phantaſie gewiſſer Individuen durch eine, hinſichtlich unſerer materiellen Begriffe, ſogenannte fehlerhafte Orga⸗ niſation empfänglich fuͤr die Einwirkung deſſen, was wir uͤbernaturlich oder überirdiſch nennen, befunden wird. Aberglauben, Sagen und ſelbſt die Geſchichte bewahren viele Berichte von Todten auf, die nicht zur Ruhe kommen konnten, ehe das von ihnen begangene Unrecht vergütet, die an ihnen geuͤbte Unthat gerächt, oder ihre verborgenen Schätze zum Tageslicht gefördert werden, und and'ree Lächerlichkeiten mehrz auch heißt es immer ſeltener: in dieſem Schloß, in dieſem Hauſe geht es um, als daß es dort umgegangen iſt.— Aber ſo wie eine tiefliegende Wahrheit immer von einer Hülle aus Luͤgen umgeben iſt, ſo offenbart ſich auch in den Eidichtungen, die eine kranke, aufge⸗ regte oder ubermüthige Phantaſie hervorgebracht, immer ein Funken von Wahrheit; und an dieſe Wahrheit glaube ich, wo ich meine ſie entdeckt zu haben. Ja! allerdings giebt es Todte, die nicht ſogleich zu Ruhe kommen konnen; das will ſagen? die von der irdiſchen Welt, an die ſich ihr unſterblicher Geiſt feſter, als dem Menſchen ge⸗ ziemt, geſchloſſen, ſich erſt allmählig losreißen konnen. Zufolge der Beobachtungen, welche tief in die Natur ſchauende Männer, da wo ſie ſich beobachten läßt, gethan haben wollen, und in ſo⸗ fern man von einzelnen bemerkbaren Erfahrungen auf ſolche, die ſich unſern Sinnen nicht darſtellen, ſchließen darf— dauert die Zeit ſolcher Nachver⸗ bindung mit der Erde ſieben Jahre.“ „Sieben Jahre!“ wiedetholte Hedwiga denklich. „Ach! dieſe Anzahl erinnert mich an Iu Traum, Oheim, den ich, weil er mir wirklich beſonders auffiel, ſchon längſt dem Freunde mit⸗ 14* — 212— getheilt habe!“ rief Axelz„jedoch ſehe ich— Feine Verbindung.“ „Und doch findet eine ſehr genaue 6e lůcheln Sie nur, Gnk Gohesh verſetzte der Oheim⸗ „Mein Läͤcheln“ erwiederte dieſer,„galt einer Erinnerung, die Ihre Behauptung plötzlich in meinem Gedächtniſſe erregt. Ich habe ſelbſt eine Art von Spuckgeſchichte erlebt, in der die Zahl Sieben auch eine Rolle ſpielt; auch iſt jene, ob⸗ gleich wahr, doch ſo ſonderbar läͤcherlich, ja faſt gemein und dabei proſaiſch, daß ich nie wagen werde ſie mitzutheilen, um nicht verdientem Spotte blosgeſtellt zu werden; und doch, ſo unglaublich ſie iſt, muß ich in meinem Herzen, obgleich der Verſtand immer neue Zweifel aufwirft, daran glauben, denn das Verdienſt ſelbſterlebter Erfah⸗ rung kann ich ihr nicht abſprechen.“ „Laſſen Sie nur nn ſagte der Oheim lebhaft. „Verſchonen Sie mich! Es würde mich ſehr ſchmerzen, wenn ich Ihnen dadurch Veranlaſſung geben ſollte, zu meinen, daß ich Ihren Glauben 4 „ parodieren wollte, und ſo meine Ihnen vorkommen.“ „In der Rückſicht verbürge ich mich fü S Guſtav,“ laͤchelte die Tante. Erzählen Sie auf die Gefahr los; ich ſprche Sie im Voraus frei,“ erklaͤrte der Oheim. „Wenn Sie durchaus wollen,“ nahm ſtav das Wort; nur erläuben Sie mir zu wie⸗ derholen, daß ich das in die Sinne Fallende dabei, wie laͤcherlich es auch klingen mag, durch⸗ aus fur Wahrheit gebe.— Vor meiner Reiſe ins Ausland fuͤhrte mich ein freundlicher Genius in das Haus einer bemittelten, ſehr achtungswürdigen, vuͤrgerlichen Familie, die ſich durch eine pattiarcha⸗ liſche Lebensweiſe und die ſtrenge Beibehaltung an⸗ geerbter Sitten und Gebräuche auszrichnete. Das Haus ſelbſt war klein, unbequem und düſter. Es ſiel freilich weder den Einwohnern, noch den Be⸗ ſuchenden auf.— Den Erſteren nicht, weil eine lange liebe Gewohnheit den Gedanken, daß es an⸗ ders und beſſer ſeyn koͤnne, bei ihnen nicht auf⸗ kommen ließ, und auch nicht den Letzteren, weil Gaſtfreiheit, geiſtreiche Unterhaltung und trauliches Zuvorkommen ihnen das wenig Anſprechende der N — 214— Lokalität vergeſſen machten. Hier genoß ich nun viel frohe Stunden, die ſich nicht ſilten bis über Mitternacht hinaus wrrlaͤngerten, und deren die Gunſt und das Vertrauen des neuen Pagen⸗Gou⸗ verneurs mich nur theilhaftig machen konnten. Ich war immer der Letzte, der gute Nacht wünſchte. Eine Nacht, als ich von den juͤngern Hausgenoſſen begleitet, ſchon auf den Vorplatz heraustrat, be⸗ merkte ich deutlich einen dumpfen Fall, der oben auf der Bodentreppe vorging, und es klang, als ob ein ziemlich ſchwerer Körper die Treppe herunter rollte. Ich blieb ſogleich erſchrocken ſtehen, denn die Stille der Nacht machte den Laͤrm noch deut⸗ licher, und ich mußte befuͤrchten, daß ein Unglck vorgefallen war. Es iſt nichts! ſagte der Sohn vom Hauſe.— Nichts? wiederholte ich ver⸗ wundert. Laſſen Sie uns doch nachſehen!— Ach nein! rief unbefangen die juͤngſte zwölfjährige Tochter, es iſt ja nur Bengt, der die fallende Sucht hat!— Wie! und daran kehrt ſich kein Menſch! rief ich, er kann ja doch Schaden genommmen haben!— Fürchten Sie nichts, verſetzte die aͤltere Tochter lächelnd, er iſt ſeit fuͤnf Jahren todt!— Natuͤrlich wiederholte ich dies Wort mit einem großen Fragezeichen.— Nun, ſagte der Sohn wieder, dieſe Entdeckung fehlte noch, um Dich ganz Einheimiſch bei uns zu ma⸗ chen.— Gedulde Dich bis Morgen, heute iſt's doch zu ſpät, ſo wollen wir Dir alles vertrauen⸗ Aber reinen Mund, Freund! das haben wir Alle dem Pater geloben muͤſſen. Du weißt wie er alles haßt, was Aufſehen macht, und unſer Haus in's Gerede bringen kann.— Nun Euch fehlt es ja doch nicht an Muth, in ein Haus zu kommen, wo es ſpukt.— Kurz mir wurde, als einem be⸗ waͤhrten und verſchwiegenen Hausfreunde, am naͤchſten Abend folgende laͤcherliche Geſchichte mit⸗ getheilt. Bengt, einige und dreißig Jahre alt⸗ hatte bei der Familie als Hausknecht gediente Er war etwas faul, verrichtete jedoch zur Nothdurft ſeinen Dienſt, war uͤbrigens ſehr verdrießlich, da⸗ bei geizig, und vergaß, wo nur ein Schilling zu verdienen war, alle and're Ruͤckſichten, um dieſes habhaft zu werden. Auch war er hoͤchſt ehrſuͤchtig und beſonders darauf that er ſich etwas zu Gute, daß ihm der Hausherr noch kein böſes Wort ge⸗ ſagt hatte. So lange er aber in dem Hauſe ge⸗ dient, war er hin und wieder mit der fallenden Sucht behaftet geweſen. Im Anfange erregte die⸗ ſer Umſtand Unruhe und Aufſehen im Hauſe, als er aber wieder zu ſich ſelbſt gekommen war, be⸗ ſchwor er weinend die Dienerſchaft und die Kinder vom Hauſe, dem Herrn ſeine Krankheit doch nicht zu verrathen, denn er fuͤrchtete den guten Dienſt wieder zu verlieren; bat nur, daß man ihn ganz in Ruhe herumtaumeln laſſen ſolle. Er waͤre dieſer Krankheit ſeit den Kinderjahren unterwor⸗ fen geweſen, wäre noch nie zu Schaden gekom⸗ men, obgleich er auf den gefährlichſten Stellen umgefallen ſey, und wenn man ihn nur nicht anfaſſe, wurde er ſchneller hergeſtellt werden, und ſich weniger ermuͤdet fuͤhlen. Man ließ ihn'ge⸗ währen, und ſo geſchah es, daß erſt nach ſeinem Tode der Hausherr Kunde von dieſer Krankheit bekam, von der er gemeinlich oben auf dem Bo⸗ den, wo ſich ſein Kaͤmmerchen befand, angefallen wurde, anfangs zu der größten Beſtuͤrzung der Hausbewohner, die ihn ſpäter ſehr oft hoch uͤber ſich vor der offnen Bodenluke ſich zerarbeiten ſahen. So waren mehrere Jahre verſtrichen. Ei⸗ nes Tages kam er etwas traurig zu Hauſe, ſetzte ſich, ſtatt ſeine Geſchäfte auszuführen, verdruͤßlich in eine Ecke der Kuͤche, wo er mitunter ſein Eſ⸗ ſen zu verzehren pflegte, das ihm auch bald ge⸗ reicht wurde. Waͤhrend er dabei beſchäͤftigt war, trat der Hausherr plotzlich herein, fragte mit vie⸗ lem Eifer nach einem beauftragten Geſchaͤfte, wegen deſſen Nichtbeſorgung das Mädchen, welches des⸗ halb geſcholten wurde, Bengt billigerweiſe die Schuld gab. Er war im Begriff ſich entſchul⸗ digen zu wollen, als der ſonſt immer ſehr ge⸗ maͤßigte Hausherr— vermuthlich durch das Pfleg⸗ ma gereitzt, womit das, was in dem Augen⸗ vlicke Werth fuͤr ihn hatte, angeſehen wurde— dem Hausknechte eine Maulſchelle gab, und ſich zurückzog. Bengt ſtrich die Hand leiſe uͤber die Wange, trat lebhaft vor das Mädchen hin, ſtarrte ſie mit brennenden Augen an und ſagte; Warte Sie, wenn ich gegeſſen, ſoll Sie das bereuen! Dann ging er langſam zu dem Eſſen zurck, leerte mit gutem Appetite die ganze Schuͤſſel und verließ die Kuͤche.— Nach mehreren Stunden, als er gar nicht zum Vorſchein kam, als man ihn vergebens gerufen, nahm man ſich vor, ihn zu ſuchen. Das Mädchen behauptete, er habe nicht das Haus verlaſſen, dann haͤtte er bei der — 21— Kuͤche vorbeigehen müſſen, auch läge ſein Hut noch da.— Er wurde auch bald auf dem Bo⸗ den, aber todt gefunden. Er hatte ſich aufgehängt gerade vor der Bodenluke. Die Hausbewohner wurden naturlich beſtürzt, aber das Mädchen, das ſich die Schuld ſeines Todes beimaaß, ge⸗ rieth in Verzweiflung; ungeachtet ſie, um ihr Gewiſſen doch in etwas zu erleichtern, dafuͤr ſorgte, zwei mit vieler Muͤhe von ihm geliehene Schillinge neben ihm in den Sarg zu legen, fiel ſie jedoch in eine langwierige Krankheit; was aus ihr weiter geworden iſt, erwaͤhnt die Ge⸗ ſchichte nicht. Kurz nachher, nachdem Bengt begraben worden war, hoͤrte man auf ein Mal in der Nacht einen ſchweren Fall oben auf dem Boden, worauf ein Geraͤuſch folgte, als wenn ein menſchlicher Korper die Treppe herunterrollte⸗ Natuͤrlich ſtroͤmte Alles hinzu, als man aber hinaufkam, war nichts weder zu hören noch zu ſehen. Dies polternde Geraͤuſch wiedeholte ſich ſehr haͤufig; da es aber nicht jede Nacht vorſiel⸗ wurde es dadurch ſchwieriger die gehorigen Maas⸗ regeln zu treffen, um die Urſache deſſelben zu er⸗ gründen. Doch traf es ſich wirklich mitunter, daß, wenn Leute ſich oben befanden, ſie das Ge⸗ raͤuſch ganz nahe und faſt wie unter ſich vernah⸗ men. Man hatte ſich bemuͤht, alle materiellen Grunde zu entdecken, ehe dieſe wiſſenſchaftlich aufgeklaͤrte Familie ſich bereden konnte, dem Ver⸗ ſtorbenen die Schuld aufzuladen. Indeſſen war es doch dabei auffallend, daß dies Gerauſch ganz daſſelbe war, wie das, welches das ganze Haus gehort, wenn Bengt von der Fallſucht ergriffen wurde; und daß es in der erſten Zeit gewohn⸗ lich in den Zwiſchenraͤumen, die ſeine Krankheit mit ſich fuͤhrte, eintraf. Das Sonderbarſte aber, das deutlich einen bisher unergruͤndlichen geheim⸗ nißvollen Grund anzudeuten ſchien, und wodurch es mir heute ins Gedächtniß zuruͤckgerufen wurde, iſt, daß ſich dies Geraͤuſch in dem Laufe der Jahre immer ſeltner und ſchwächer hören ließ, bis es mit dem Ende des ſiebenten Jahres ganz aufgehhrt hat.— Ich habe immer daruͤber ge⸗ lacht, häbe den tauſend Warum's? welche dies Ereigniß dem Forſchenden aufſtellt, nicht das Mindeſte entgegenſetzen konnen, ſelbſt daruber den Kopf geſchuͤttelt, daß ein Verſtorbener ſich eben durch ſolche Zeichen, die im Leben ſein Elend — 2420— ⸗ nur bezeugten, beurkunden ſollte, und doch zwingt mich die Ueberzengung einer geachteten Familie, ja meine eignen Ohren und Unterſu⸗ chungen zwingen mich, an das Unbegteifliche zu glauben; denn Sie können leicht begreifen, daß mein jugendlicher Muth ein ſolches„, beſtehen mußte.“ „Statt einen Verſuch zu machen, dieſe wun⸗ derliche Begebenheit zu kommentiren,“ nahm der Oheim ruhig das Wort,„will ich ein noch ſon⸗ derbareres Ereigniß mittheilen, das, obgleich es zwar, ſo wie es offentlich bekannt geworden iſt, dem Anſcheine nach nicht wie das Ihrige mit meiner Lehre von einer ſiebenjährigen Dauer ganz uͤbereinſimmt, jedoch durch ſeine Uebergaͤnge, durch ſein allmähliches Aufhoren noch mehr als durch die unerklaͤrbaren Neckereien, die ein ſolcher an der Erde noch klebender Sinn ordentlich wie ironiſch mit der Vernunft treibt, auf ſie hindeu⸗ tet;— ich ſage mit Fleiß nicht Geiſt, ſondern Sinnz und verſtehe darunter die verkörperten irdiſchen Neigungen und Gewohnheiten, die den Geiſt noch feſſeln.— Ihr kennt doch gewiß Alle dem Na⸗ men nach jene beruͤhmte franzoſiſche Schauſpie⸗ rin Hippolite Clairon.— Sie erzaͤhlt in ihren Memoires folgende Pegeblnheit⸗ die ich Euch im Auszuge, und in ſofern mir mein Gedächtniß beiſteht, mit ihren eignen Worten wiedergeben „Ein Herr de B. von einem melancholiſchen, menſchenfeindlichen Charakter, hatte ſie eine Zeit⸗ lang, aber nicht gluͤcklich, geliebt; nur ein freund⸗ liches Wohlwollen kam von ihrer Seite ihm ent⸗ gegen; dies Gefuhl befriedigte ihn aber nicht. Seine Melancholie nahm mit ſeiner ungeſtillten Sehnſucht zu. In der Meinung ihm einen hei⸗ lenden Dienſt zu leiſten, indem ſie ihn von ſich entfernte, weigerte ſie ſich hartnaͤckig ſeine Be⸗ ſuche und Briefe anzunehmen. Zwei und ein halbes Jahr wapen vergangen zwiſchen ihrer Be⸗ kanntſchaft und ſeinem Tode. Er ließ ſie fle⸗ hentlich erſuchen, ſeine letzten Augenblicke durch einen kurzen Beſuch zu verſuͤßen. Ihre Umge⸗ bung hielt ſie ab, ihm dieſen zu vergonnen; er ſtarb im Beiſeyn ſeiner Bedienung und einer alten Dame, die er in der ſpäteren Zeit ganz allein geſehen hatte. Er wohnte damals an dem Walle, nicht weit von der Chaussée d' Antin, — 222— die Mademoiſelle Clairon ziemlich weit davon entfirnt rue de Bussy in der Nähe der rue de Seine und Labbaye St. Germain. Ihre Mutter und verſchiedene Freunde waren bei ihr zu einem Sou⸗ pes verſammelt. Sie hatte ſo eben ein huͤbſches Schäferlied geſungen, das alle Zuhörer bezaubert hatte, als mit dem Schlage Elf ein ſcharfes durchdringendes Geſchrei ſich ganz in der Nähe hoͤren ließ. Der Schrecken zog der Claiton eine Ohnmacht zu.— Ihre Angſt, Beben, unfrei⸗ willige Thränen und Bitten, daß man ſie nicht verlaſſen möchte, uͤberzeugten die Anweſenden, daß ihr der Zuſammenhang dieſes Vorfalls völlig unbekannt war.— Man wurde einig, Kundſchaf⸗ ter um das Haus zu ſtellen, um die urſache und deren Anſtifter zu entdecken, in dem Falle, daß jenes Geſchrei ſich noch ein Mal horen ließe.“ „Ihre Freunde, ihre Bedienung, die Nachba⸗ ren, ja die Polizei ſelbſt, haben alle daſſelbe Ge⸗ ſchrei zu derſelben Stunde unter ihren Fenſtern, wie aus der Luft heraustoͤnend gehört. Sie konnte nicht zweifeln, daß es ihr und nur ihr gäͤlte. Alle Abende, wenn ſie ſich außet dem — 223— Hauſe befand, ließ ſich nichts horen; aber ofters wenn ſie nach ihrer Ruͤckkehr ſich bei der Mutter oder bei der Bedienung darnach erkundigt hatte, erſcholl es in ihrer Mitte. Eines Abends, als der Praͤſident de B., bei dem ſie ſoupirt hatte, ſie nach Hauſe begleitete, und ihr unter der Hausthuͤre gute Nacht ſagte, erklang das Ge⸗ ſchrei zwiſchen Beiden.— Er wurde mehr todt wie lebend wieder in ſeinen Wagen gebracht; ganz Paris ſprach davon.“ „Ein andermal hatte ſie einen ihrer Mit iſhe⸗ ſpieler, Roſely, erſucht, ſie nach kinem Laden in der Straße Saint Honoré zu begleiten, um dort etwas zu kaufen und ſpaͤter einen Beſuch zu machen bei einer Freundin, die bei dem Thore St. Denis wohnte.— Den ganzen Weg hin⸗ durch war die Rede nur von ihrem Revenantz dieſen Namen hatte man dem Unbegreiflichen bei⸗ gelegt. Der junge Mann, der voller Geiſt, an nichts glaubte, war indeſſen doch betroffen uͤber dies Abentheuer; er drang in ſie, den Spuck zu rufen, und verſicherte daran glauben zu wollen, in ſofern er ihr Antwort gäbe. Theils aus Nach⸗ giebigkeit, theils aus Vermeſſenheit erfullte ſie ſeinen Wunſch. Drei Mal wiederholt, durchdrin⸗ gender und ſchneller als je, ließ ſich das Geſchrei hoͤren.“— „Nach dieſem Auftritte vergingen mehrere Monate in voller Ruhe.— Des Dauphin Hoch⸗ zeit hatte alle die vornehmſten Schauſpieler in Verſailles verſammelt.— In der Eile war nicht fur alle geſorgt worden. Madame Grandval hatte keine Wohnung.— Sie wartete vergebens bei Madmoiſelle Elairon ab, daß dafür geſorgt werden wuͤrde. Des Morgens um drei Uhr bot dieſe ihr an, bei ihr vorlieb zu nehmen. Ihr war ein Zimmer mit zwei Betten an der Seite gegen St. Cloud angewieſen. Mad. Grandval nahm es anz ſie legten ſich zu Bette.— Wäh⸗ rend das Kammermädchen noch im Zimmer war, ſagte Mademoiſelle Clairon: Wir ſind hier am Ende der Welt; es iſt ein füͤrchterliches Wetter. Es ſollte dem Schrei nicht leicht werden, uns hier zu ſinden... In dieſem Augenblicke ließ es ſich horen. aber zum letzten Male.“ „Sieben oder acht Tage hernach, mitten in in ihrer gewöhnlichen Geſellſchaft, ertönte, ſo wie chen die Uhr elf geſchlagen hatte, ein Flintenſchuß durch eins von ihren Fenſtern. Keine Scheibe war beſchädigt; doch hatten Alle den Knall gehört, Alle das Feuer geſehen. Sie waren einig, daß man der Madembiſelle Clairon am's Leben wollte, daß man den Zweck verfehlt, und daß man Vor⸗ ſichtsmaasregeln fuͤr die Zukunft nehmen müßte. Einer ihrer Gäſte begab ſich eilig nach Herr de Marville, damals Lieutenant der Polizei und ſein Freund.— Die dem ihrigen gegenuͤberſtehenden Häuſer wurden ſogleich untetſucht.— Sie wur⸗ den die folgenden Tage, eben ſo wie das ihrige, mit Wache beſetzt.— Die Straßen waren mit Auflaurern uͤberfullt; aber trotz aller Muͤhe wurde dieſer Schuß drei Monate hindurch, zu derſelben Stunde durch die nehmliche gläſerne Scheibe gehoͤrt und geſehen, ohne daß es entdeckt werden konnte, woher er kaͤme. Dies Factum findet ſich in den Protokollen der Polizei beſtätigt.“ „Gewoͤhnt an ihren Spuck, der ihr zuletzt keine Furcht mehr einflößte, und ohne an die Stunde zu denken, hatte ſie an einem ſehr war⸗ men Abende das Fenſter geoffnet, und lehnte ſich, mit einem Freunde im Geſpraͤche begriffen, an die Fenſterbrüſtung.— Die Uhr ſchlug elf, det IHII. 15 226— Schuß ging los, und warf Beide ohnmaͤchtig mit⸗ ten in's Zimmer zuruͤck. Als ſie zu ſich ſelbſt ge⸗ bracht waren, ſahen ſie ſich an, und geſtanden ſich, daß ſie Beide, er an linken, ſie an der rech⸗ ten Backe, eine ſehr gewichtige Ohrfeige geſpürt hätten.— Die Leichtſinnigen ſchloſſen die Seene mit einem gewaltigen Gelächter.“ „Am folgenden Tage ließ ſich⸗wichts hoͤren. — Den zweiten darnach war die Clairon einge⸗ laden, einem kleinen naͤchtlichen Feſtin, das die Mademoiſelle Dumesnil in ihrem Hauſe bei der barriere blanche gab, beizuwohnen.— Gegen elf Uhr ſtieg ſie mit ihrem Kammermädchen in den Wagen. Es war das ſchönſte Mondlicht, und ſie fuhren uͤber die Bouleward's, die all⸗ maͤhlig begannen mit Häuſern beſetzt zu werden. Sit betrachteten die entſtehenden Gebäude und das Kammermaͤdchen fragte ſie: Iſt das nicht das Haus, in dem Herr de S. geſtorben iſt? — Nach dem, was man mir geſagt, gab ſie zur Antwort, indem ſie mit dem Finger hinzeigte, muß es in einem von jenen zwei Haͤuſern ſeyn⸗ — Aus dem Einen von dieſen wurde in dieſem Augenblicke geſchoſſen.— Es war als ginge der Schuß durch den Wagen; ein erſtatrender Schtek⸗ ken uͤberſiel Beide, aber dieſe Etpſun war die Letzte dieſes Art.“ „Ihr folgte ein Häͤndeklatſchen, das als ein Zeichen der Gunſt, die ſie von dem Publikum zu empfangen gewohnt war, von ihr unbemerkt blieb, bis ihre Freunde ſie darauf aufmerkſam machten. Wir haben ahfgepaßk, ſagten ſie, um elf Uhr faſt unter Ihrer Thuͤre läßt es ſich hörenz wir ver⸗ nehmen es und ſehen doch Niemand; es kann nur eine Fortſetzung deſſen ſeyn, was Ihnen früher begegnet iſt. Da dieſer Lärm gar nichts Aengſt⸗ liches an ſich hatte, wurde ſeine Dauer gar nicht bemerkt, eben ſo wenig die der darauf folgenden melodiſchen Accorde, die ſich aus einer ziemlichen Entfernung immer ſtärker hoͤren ließen und bei ihrer Hausthuͤre plötzlich aufhorten.— Auch dieſe konnte man hören, ja ſelbſt ihnen folgen, ohne doch entdecken zu koͤnnen, wo ſie herkamen. Das Ganze hörte nach etwas mehr als zwei und einem halben Jahre auf.— Erſt lange hernach erfuhr ſie bei einem Beſuche von jener Dame, in deren Gegenwart Herr de S. geſtorben war, daß ihre Weigerung ihn zu beſuchen wahrſcheinlich ſeine 15* letzten Augenblicke abgekürzt haͤtte.— Er hatte die Minuten gezählt, bis endlich der Bediente um halb elf Uhr mit dem Beſcheide zu Hauſe kam, daß die Mademoiſelle Clairon ihn ſchlechterdings nicht ſehen wollte.— Nach einem kurzen Still⸗ ſchweigen hatte er die Hand der Dame mit einem Ausdrucke der Verzweiflung, die ſie erſchreckte, ergriffen und ihr geſagt: Die Grauſame— das ſoll ihr zu nichts nützenz ich werde ſie nach mei⸗ nem Tode eben ſo lange verfolgen, als ich es im Leben gethan habe! Die Dame wollte ihn beruhigen— aber— er war nicht mehr.— Der Oheim ſchwieg einen Augenblick, dann ſah er ſie Alle ruhig, aber zugleich ſo triumphi⸗ rend an, daß Niemand einen Zweifel uͤber das von ihm Vorgetragene über die Lippen bringen konnte.„Wir bemerken hier zuerſt,“ nahm er das Wort auf's Neue,„eine Willenskraft im Augenblicke des Todes, die genau in Erfullung geht, und an der ich um ſo weniger zweifle, als eine Franzoſin, und noch mehr eine Franzoͤ⸗ ſin, die ſich in den gebildetſten und folglich auch der Zeit frivolſten Zirkeln bewegte— ſchwerlich eine ſolche Begebenheit eben auf dieſe Art er⸗ — 229— finden könnte.— Es ſcheint daß hier, ſo wie es auch oft im Leben geht, eine feſte Willens⸗ kraft dem gewoͤhnlichen Laufe der Dinge vorge⸗ griffen hat. Noch merkwuͤrdiger aber ſind mir die ſonderbaren Uebergänge, erſt vom tiefen ſchreien⸗ den Schmerze der Verzweiflung zu einer beſon⸗ nenen neckenden Rache, die belde mit einer Ex⸗ ploſion enden, als wollten ſie ſagen: nun kann es genug ſeyn.— Dann läßt der noch Liebende ſich nur hoͤren zum Zeichen, daß zwar ſein ir⸗ diſcher Zorn verſchwunden, aber daß er noch, ver⸗ zeihend und worthaltend, da iſt, und endlich verſchmelzen die irdiſchen Angewohnheiten in die Muſik himmliſcher Toͤne, ein Zeichen ſeines Sieges uͤber die Leidenſchaften und die Erde, ein Zeichen ſeines freundlichen Lebewohls, ein Zeichen endlich ſeiner Aneignung des Himmliſchen durch die einzigen ſinnlichen Klänge, wodurch hie⸗ nieden uns eine Ahnung von der Ewigkeit be⸗ grußt.— Genug davon;z aber Ihr werdet ein⸗ ſchen, meine Freunde, daß weder der Hausknecht Bengt, noch die Pariſer Schauſpielerin etwas⸗ von dem Syſteme geahnt, zu dem meine Ueber⸗ zeugung ſich bekenntz und doch ſtimmen beide . Erzigniſſe mit jenem überein. Ich bin leider kein gelehrter Theolog, allein es hat mich immer gewundert, warum unſer großer Reformator die ſchone Lehre der Katholiken von dem Purgato⸗ rium nicht aufgenommen hat, da doch der Ueber⸗ gang des Menſchen von dem kleinlichen, von tau⸗ ſend Leidenſchaften bewegten und befleckten, Erden⸗ leben zu dem Zuſtande einer unermsßlichen Se⸗ ligkeit und Herrlichkeit der Geiſter, geradezu von der Vernunft und von dem geiſtigen Charakter der Menſchen ſelbſt widerſprochen wird.— Es gehört ein langer Zeitraum, ein ganzes inneres Einſiedlerleben der Seele dazu, damit ſie in ſpät erweckter ſtiller Selbſtanſchauung Mittel in ſich ſelbſt finde, durch Selbſtverſtaͤndniß ihres innerſten Weſens ſich zu dem ewigen wirklichen Leben der Geiſter wuͤrdig vorzubereiten, und beſonders den Geiſt von allen den Makeln, womit ihn die Erde behaftet, zu reinigen. So lange er aber noch von den finſtern Leidenſchaften der Erde, ſie heißen nun Geiz, Ruhmſucht, Rache, ſinnliche Liebe, beherrſcht werden, muß er ſich immer nahe der Heimath ſeiner Gebieter zuruͤckgehalten fuͤhlen, und ſo irrt der Sinn, dem Himmel noch nicht — 231—„ zugänglich, und von der Erde gettennt— mitun⸗ ter ſegar vernehmbar und ſelbſt, wie es ſcheint, zornthätig— unter welchen Bedingungen wiſſen wir aber nicht— an den Stellen umher, woran er ſich nur zu feſt mit geiſtigen Feſſeln gebunden. In wiefern ſich nun dieſer Sinn verkörpere und mehr oder weniger von unſern ihm noch verwand⸗ ten Sinnen aufgefaßt werden kann, gehort nicht in dieſe Unterredungs nur ſo viel, daß, wie ſchon erwaͤhnt, mehrere zuſammengeſtellte Erfahrungen auf einen Zeitlauf von ſieben Jahren hinweiſen, ehe der Regel nach alle irdiſche und Neigungen verwiſcht ſind.“ „Und warum eben ſieben Jahre?“ fragte Axel. Darf ich, lieber Oheim, meine Meinung auch äußern?“ fiel Hedwiga ein.„Das Warum läßt ſich wohl von keinem Sterblichen erklären; aber daß es wohl ſo ſeyn kann und muß, darauf deutet das innere harmoniſche Gleichgewicht hin, das uͤberall in der Natur wie ein ſichtbarer Gott! ſich offenbart. Braucht nun, ſo wie Sie mich einſt gelehrt, der menſchliche Körper, um ſich neu zu geſtalten, und wie ein Phönix ſich aus ſeinem Untergange fortwährend zu erheben, ſieben Jahre, ſo duͤrfen wir wohl auch dem inneren Sinne des menſchlichen Daſeyns denſelben Zeitraum als noͤthig beilegen, damit die ſo lange vernachläſ⸗ ſigte Seele gelaͤutert, ihres hohen Urſprungs wuͤrdig, die Weihe der Ewigkeit empfangen kann.“ „Eben ſo meine ich es, theure Tochter!“ verſetzte der Oheim mit Wäarme.„Ja wir fin⸗ den ſelbſt in der alten Schrift, die ein frommer Sinn die heilige nennt, und in der ſich das Ge⸗ ſchichtliche ſo wunderbar mit dem Allegoriſchen vermengt, mehr als ein Mal auf dieſe Zahl hingewieſen. So mußte Jacob um das ihm vor⸗ ſchwebende Ziel ſeiner innigſten Wuͤnſche zu er⸗ reichen, ſieben Jahre dienen, und doch ward ihm nicht die Schönheit zu Theil, um die ſeine heiße Sehnſucht warb. Er fand ſich, wie Alle, die einen Bund mit der Weltklugheit ſchließen, ge⸗ tauſcht; die erworbene Braut war mit den reichen Gaben der Erde, aber auch mit ihren Makeln verſehen, drum wird ſie die Häßliche genannt; er ſtrebte aber dem Hoheren nach, daher vermochte ſie die Liebe in ſeiner Bruſt auch nicht zu be⸗ friedigen; unverdroſſen diente er noch ſieben Jahre — 263— um den Gegenſtand ſeiner heiligſten Empfindun⸗ gen. Die Schrift meldet freilich nichts davon, wie er ſich mit dem Ebenbilde der Welt, ſeiner Lea vertrug, aber wir wiſſen doch, daß, nachdem die Zeit in heiliger Treue verfloſſen war, er ſich ſeine Rahel gewann, das reine Himmelsbild, das ſeine Seele mit keuſcher Sehnſucht erſtrebte; denn keine irdiſche Leidenſchaft hält ſolche Dienſtzeit aus.“ 4 Eingedenk Guſtav's früher ausgeſprochener, zufaͤlliger Worte, die einen ſo tiefen Eindruck in ihrer Bruſt nachgelaſſen, ſchlug Hedwiga be⸗ troffen die Augen nieder, waͤhrend der Oheim ſich lächelnd gegen Axel wandte: „Und dämmert Dir nicht jetzt, lieber Neffe! die Bedeutung meines Traumes auf? Ach!“ fuhr er mit ſanft vor ſich hinſtarrendem lächeln⸗ dem Blicke und gefalteten Häͤnden fort:„s galt ja meiner lieben, guten, edeln, jetzt ſeligen Mutter, die ſchon hier im Leben unter langen ſchmerzlichen Entbehrungen und bittern Kran⸗ kungen ſich Jahr fuͤr Jahr von jeder Anhaͤng⸗ lichkeit an die Erde allmaͤhlig losriß.— Das Leben war die Heide, die ſie umgab, und die — 234— ſichen aufgewofenen Gräber, die Grufte der ir⸗ diſchen Neigungen, die ſie alle noch hier unten uͤberleben, und ſo ſchon hier die Zeit ausdauern mußte, die ſonſt der von den Weltfreuden ſchnell losgeriſſene Sinn, von dem Himmel ausgeſchloſ⸗ ſen und von der Erde nicht mehr beachtet oder gefürchtet, im ewigen Kampfe mit den ankleben⸗ den Feſſeln verbringen muß; damit ſie ſchon hier geläutert und des Himmels würdig, ſogleich ihre neue Beſtimmung antreten konnte.“ Sie ſchwiegen Alle einige Augenblicke geruhrt, bis der Oheim, der nicht gern in Gegenwart der Zeugen ſich der inneren Bewegung hingab, ſchnell gefaßt wieder fortfuhr:„Und ſo, lieber Neffe, deutet auch dieſe meine Ueberzeugung, freilich pro⸗ blematiſch, auf die Doppelerſcheinung menſchlicher Perſonlichkeit. Es iſt mir wenigſtens denkbar, daß der irdiſche Sinn, vorausgeſetzt, daß er den Körper uͤberlebt, auch bei einzelnen, beſonders organiſirten Naturen, noch bei Lebenszeit ſich von dem Körper trennen, und ſich ſolchen Ge⸗ genſtänden ſichtbar und vernehmlich machen könne, in deren Nähe Leidenſchaften und Unruhe ihn treiben. Haben wir ja doch erlebt, daß entfernte Liebende oder Freunde, wenn einer von ihnen in große Noth oder Todesgefahr gerieth, durch ſeine feſten Gedanken an den Freund, und inneres Rufen nach ihm, den Abweſenden in eine Un⸗ ruhe wenigſtens verſetzt, wodurch auch ſeine Ge⸗ danken ſich unwillkuͤhrlich nach dem Freunde hin⸗ gezogen haben.— Doch wohin hat uns die dunkle, vielleicht zufaͤllige Ausſage einer verruͤckten Frau geleitet, die meiner Anſicht nach, ſich nicht auf Betrug, ſondern auf Phantaſiebilder gruͤndet, welche durch einen ſcharfen, von keinen geſelligen Verhaͤltniſſen abgeſtumpften Blick in die Narur, und durch nähere Beziehungen zu ihr, erregt ſind, und wenigſtens, ſo wie der unſcheinbare Feuer⸗ ſtein, einen Funken enthaͤlt, der das innere Gött⸗ liche verraͤth, deswegen, weil ſie ſelbſt gegen un⸗ ſern Willen uns ergriſſen, und uns jetzt wie mit magnetiſcher Gewalt auf die uͤberirdiſchen Kraͤfte unſers Weſens gefuͤhrt hat.“ Der Oheim ſagte dieſe Worte mit einer Waͤrme im Tone und in den ſtrahlenden Augen, die ſelten an ſei⸗ nem abgemeſſenen Aeußern zu bemerken war. „In der That“ ſiel Axel ein,„war etwas Sonderbares dabei, das nicht in ihren Worten — 236— lag, mich aber ergriff, weil es unbegreiflicher⸗ weiſe in Beziehung mit ihrem Gruß an mich zu ſtehen ſcheint. Ich trage wirklich,“ fuhr er fort, waͤhrend er den Hemdermel zuruͤckſtrich,„das Wappen des Reiches uber der Pulsaderz kann vielleicht der Bruder meiner Mutter mir dies ſonderbare Geheimniß loͤſen?“ Hedwiga ſah den Bruder befremdet an. Der Oheim warf einen ſchnellen, wie fragenden Blick auf die Tante, ließ ihn dann finſter auf den Boden ſinken, und ſagte dumpf:„Nein! Es mag wohl zu den Geheimniſſen Deines Vaters gehören, die mir zwar fuͤhlbar geweſen, aber vollig unbekannt ſind.“ Guſtav, dem dies Merkmal keinesweges un⸗ bekannt war, und es nur fuͤr einen alten nor⸗ diſchen Gebrauch, der beſonders unter den See⸗ leuten fortlebt, ſich Kränze, Namenszuge und andre Zeichen mit Pulver einbrennen zu laſſen, gehalten, war dem Blicke des Oheim's auf die Tante mit dem ſeinigen gefolgt, und bemerkte nun, daß dieſe wie von einer inneren Erinne⸗ rung überwältigt, und einen jähen Schmerz muͤh⸗ ſam unterdrückend, den Kopf auf die Hand ſtützte, und in ſich zuſammenzuſinken ſchieſ. Aengſtlich rief er:„Liebe Tante! beſinden Sie ſich nicht wohl?“ Sie ſah auf:„Jenes Merkmal—!“ ſagte ſie ſchmerzlich, dann ſchwieg ſie plotzlich, warf einen äußerſt wehmuͤthigen Blick auf Hedwigg⸗ ſchob den Stuhl ſchnell zuruck und ſagte lächelnd: „Es geht mir ſo vieles im Kopfe herum; ent⸗ ſchuldigen Sie uns Frauen, daß wir uns weg⸗ begeben, wir haben noch Verſchiedenes zu dem morgenden Abend in Ordnung zu bringen.“ Guſtav, der noch einige Kleinigkriten vor⸗ hatte, ergriff die Gelegenheit, ſich mit dem Freunde znruͤckzuziehen, dem er auf ſein Zimmer folgte, das dieſem unten in der Zimmmerreihe des Oheim's angewieſen wurde. Beide empfan⸗ den das Beduͤrfniß einer vertrauten Unterredung. „Wenn ich Deinen Blick recht verſtanden, Axel,“ begann Guſtav, ſobald ſie allein waren, „ſo iſt jene Finnfrau dieſelbe, die uns fruͤher in Verſuchung gebracht.“ Axel nickte. „Und was hat Dich nun, der damals, mehr als mir lieb war, Vertrauen in ſie zu ſetzen — 2— ſchien, zu der gluͤcklichen Ueberzeugung gefuͤhrt, daß ſie doch nur ein widerſinniges Gaukelſpiel treibt?“ „Sie hat mich gekannt!“ rief Axel.„Ich begreife recht wohl ihren Gruß in Bezug auf das Zeichen, das ſie einſt geſegnet, ich begreife, daß dieſer den König betroffen machen konnte.— Ob ſie ihn gekannt, woher ſie ihre unſinnige Aus⸗ ſage hergeleitet, bekuͤmmert mich nicht— aber was ſie mir ſagte, deſſen ich mich recht gut er⸗ innere, ſteht im vollen Widerſpruche mit dem, was ſie mir früher prophezeihet.“ „Nun ſo laß hören!“ ſagte Guſtav ſchnell. „Bringe Du Sinn hinein, wenn Du es vermagſt,“ fuhr Axel fort.„Sie ſang: Laß Liebchen, ſein Treu iſt gemeinſam Gut, Sein Herz faßt Dreier Lebendigen Blut!“ „Nun zum Teufel! ich glaube die Verruckt⸗ heit ſteckt an! Du machſt ja eben ſo eine Miene wie der Koͤnig.“ Guſtav ſtand wirklich betroffen; die Blut⸗ flecken ſeines Tuchs fielen ihm ein; war es ihm doch in dieſem Augenblicke, als waͤren wenigſtens dieſe ihr in das Herz geſunken. Es iſt allerbings ein ſonderbarer Ausſpruch!“ ſagte er verlegen. Arel ſah ihn ſcharf an und biß die Lippen zuſammen. Doch auf ein Mal ſiel er Guſtav raſch um den Hals, legte den Kopf an des Freundes Bruſt, und ſagte leiſe:„Pfui!— konnte wirklich ſelbſt nur ein flüchtiger Gedanke in meiner Bruſt Dir mißtrauen? Offen denn, lie⸗ ber Guſtav! was haſt Dumit Ulla? ſieh ein S was ſie mir geſchrieben!“ Er nahm ſeine Brieftaſche hervor und über⸗ reichte Guſtav ein kleines zierliches Schreibenz Guſtav ergriff das Blatt; ſein Herz klopfte un⸗ geſtum; er fuͤhlte die Wangen gluͤhen. Es war das erſte Mal, daß ſein Auge die Schriftzuge Ulla's erblicken ſollte, und die Empfindung, welche ſeine Bruſt durchzitterte, ſagte ihm deutlicher, als Worte es thun konnen, wie tief ihre Reize ſein Herz getroffen; und doch fiel ihm in dieſem Au⸗ genblicke ein auffallender Unterſchied zwiſchen ihren und Hedwiga's Schriftzugen auf. Hedwiga's etwas ſteife Handſchrift konnte eben nicht ſchön genannt werden, aber ſie war ſehr deutlich, rein⸗ lich und orthographiſch. In Ulla's dagegen offen⸗ barte ſich ein ſichtliches Beſtreben etwas in die Au⸗ gen fallendes Schönes hervorzubringen, das auch mit Bezug auf die Formen, die alle zierlich und ſchlank gezogen waren, gelungen ſeyn möchte, aber doch genauer beſehen, Fluchtigkeit und Unwiſſen⸗ heit verrieth— Buchſtaben waren hie und da weg⸗ gelaſſen, und die Orthographie als verſäͤumt.— Sie ſchrieb: „Ihre Briefe gefallen mir nicht, lieber Vetter!“ (Ein Ausdruck, deſſen ſie ſich nicht fruͤher be⸗ dient, als nachdem Axel um ihre Hand angehal⸗ ten.)„Sie ſprechen nur von mir, und nicht von „dem Vaterlande, als ahnten Sie wirklich nicht, „daß jenes Räthſel meiner Geburt jenem eine noch „höhere Bedeutung für mich giebt; ich liebe keine „Räthſel, obgleich Alles um mich und in mir ein „ſolches iſt.— Wie ſollte ich denn entſcheiden kön⸗ „nen? wie mir rathen? Was wollte ich nicht „geben, einen ſo treuen und ſcharfſinnigen Freund „zu beſitzen, wie den Ihrigen.— Aber— habe „ich denn auch nicht Theil an ihm durch Sie? „Eh hien! fragen Sie ihn, ob er glaube, daß „ein Weſen, das ſich ſelbſt noch räthſelhaft iſt, „ein Gelubde der Treue ausſprechen darf?— Wenn ck. Sx. — 241— „eres meinen kann, deſſen Blick ja keine Leiden⸗ „ſchaft verblendet, gewiß doch ohne Schonung „gegen Leidenſchaften zu verleugnen— dann, ja „dann werde ich auch Ihnen eine Frage vorlegen, „deren Erwiederung uͤber meine Hand beſtimmen „wird.“ 65 Der ſtreitende S von Eierſucht und Reue in Axels offenem Betragen kontraſtirte un⸗ angenehm mit dem feinen Doppelſinne in dieſem Briefe, der Guſtav keinesweges entgangen warz das Blatt ſchien heimlich an ihn gerichtet zu ſeyn, an ihn, der jede Hinterliſt und Intrigue haßte⸗ Es war ihm, als befaͤnde er ſich in einem un⸗ wuͤrdigen Spiele gegen den Freund verwickelt⸗ In dieſem Gefuͤhle ſchlug er den Blick faſt erzuͤrnt zum Boden. „Nun!“ ſagte dieſer in einem etwas ge⸗ zwungenen Tone,„ich frage Dich! um ſo mehr, da ich Deine Betroffenheit gar nicht verſtehe.“ „Haſt Du denn vergeſſen,“ erwiederte Gu⸗ ſtav ſchnell gefaßt,„daß Ulla's Bitte ſonderbar genug mit Deinem fruͤheren Auftrage an mich uͤbereinſtimmt. Ja Axel,“ rief er raſch,„Ulla hat Recht!“ Das Räthſelhafte darf kein Geluͤbde III. 16 — — ablegen, und tritt auch abwehrend dem Deinen in den Weg. Ja, die Wahrſagung der Finn⸗ frau hat mich betroffen gemacht. Waäͤre es nur moͤglich, daß Du erſt unbefangen ruhig Ulla veobachten könnteſt!“ Nun theilte er Axel ſeine vorhergehende Unterredung mit Hedwiga mit, machte ihn, obgleich mit blutendem Herzen, auf⸗ merkſam auf das, was er ſelbſt fruͤher uͤber Ulla geäußert, ihr vertrauliches Verhaͤltniß zu dem General, und auf die Warnung des Oheim's.— „Aber Axel!“ fuhr er fort,„vermagſt Du wohl ihre Seele von ihren gefahrlichen Reizen zu tren⸗ nen? Getrauſt Du Dir in den Grund ihrer Seele klar hineinzuſchen?— Ich vermag es nicht, es geziemt mir auch nicht. Ich vermag ſu— ich will es Dir offen geſtehen, Arel! ihret⸗, Dei⸗ net⸗, meinetwegen, und um Deiner Schweſter Willen— nicht mehr zu ſehen. Von dieſem Au⸗ genblicke an ſteht dieſer Entſchluß bei mir feſt⸗4 Axel ſah ihn ſchmerzlich an, dann ließ er die Augen zu Boden ſinken. Aber ein ſtolzes Selbſtgefuͤhl hob Guſtav's Bruſt. Er errothete; aber es war nicht Scham, die ſeine Wangen fäͤrbte; es war Begeiſterung ſeiner Willenskraft.„Es ſoll immer mein Be⸗ ſtreben ſeyn,“ fuhr er fort,„jeder Leidenſchaft kuͤhn zu begegnen, keiner zu unterliegen, keiner, wie ſehr ſie mich auch bewegt. Axel! die wahre Liebe iſt es wohl werth, man um ſie ſie⸗ ben Jahre diene.“ „Ich habe ſchon,“ erwiederte Axel,— mehr als die Hälfte gedient.“ „Der Leidenſchaft!“ unterbrach ihn der Freund,„und die iſt der Feind der Wahrheit! Pruͤfe, beobachte!— Wollen wir den Oheim ehr⸗ lich und offen fragen? ich muͤßte ihn in dieſer kur⸗ zen Zeit ſehr ſchlecht kennen gelernt haben, wenn ich nicht vorausſetzen durfte, daß der Mann nicht warnt, ohne eine offne redliche Auskunft uͤber ſeine Warnung geben zu wollen, wenn nöthig iſt.“ „Rede mit ihm,“ ſagte Axel,„doch erſt wenn ich fort bin. Ich will durch nichts den morgenden Abend ſtören.— Ich gehe morgen in der Nacht gerade aus Euren Armen nach der Reſidenz.— Ach! ich habe mir es ſchon ſelbſt geſagt,“ fuhr er fort, waͤhrend er den Brief zu ſich ſteckte;„dieſe Sprache fuͤhrt Liebe nicht.“ 16* „Prüfe, ob Du Dir zutrauſt eine Verbin⸗ dung mit Ulla ohne ihre Liebe, vielleicht ohne die Deine, einzugehen. Leidenſchaft der Liebe iſt nicht immer Liebe, Axel!“ „Ich will,“ ſagte Axel ſchmetzüch,„um ihre Liebe bitten; wenn ſie der Liebe wurdig iſt, dann mag ihre Hand folgen.— Guſtav! jetzt wollen wir uns trennen; gehe Du zur Ruhe— ich gehe zu ſchweren unruhigen Gedanken.“ Guſtav druckte ſchweigend ſeine Hand und ging ſeufzend auf ſein Zimmer. Dort zog er raſch das Tuch hervor, breitete es noch ein Mal aus, und ſchauderte unwillkuͤhrlich bei dem Anblicke der Flecken ſeines Bluts; doch loͤſten zugleich die Spuren ihrer Thraͤnen, die ſeine Blicke ſuchten, und bald gefunden zu haben glaubten, dieſen Schauder in Wehmuth auf. Er fuͤhlte, daß ſeine Augen neblicht und feucht wurden; es war ihm, als müßte er ſeine Thränen mit den ihrigen ver⸗ miſchen, als müßte er ſie zum Abſchiede mit tau⸗ ſend Kuͤſſen bedecken.— Da erhob er ſich auf ein Mal raſch.„Iſt ihr Verluſt werth, daß ich ihn beweine?“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„warum denn mich Gefühlen einer Seligkeit hingeben, die mich jenen noch ſchmerzlicher empfinden laſſen? Und iſt er es nicht? ſprechen wirklich ihre Buchſtaben ein Urtheil üͤber ſie, das meine Empfindung nicht widerlegen kann, darf ich dann meine heiligſten Gefuͤhle ſo unwürdig verſchwenden? Ich habe die⸗ ſes Tuch ſo lange behalten, als ich es fuͤr mich ſelbſt verantworten konnte; nun, da der Freund gewarnt iſt, darf ich es nicht laͤnger.— Habe ich es zu lange behalten, habe ich ſie gegen meinen Willen getaͤuſcht, muß ſie, die mir es gab, die Schuld vertreten.“ Er legte es ſorgfaͤltig zuſammen, ſiegelte es, ſchrieb, nicht ohne Stocken, nicht ohne mit ſchmerz⸗ lichem Gefuͤhle ſich ſeine nothwendige Härte vor⸗ werfend, die Adreſſe an die Gräſin Banner, legte es in einen Umſchlag an ſeinen alten vertrauten Diener, der in der Reſidenz geblieben war, und ſein erſtes Geſchaͤft den folgenden Morgen war, ſeinen mitgenommenen Bedienten als Courier nach der Reſidenz zu ſchicken und ihm daſſelbe zu ſchnel⸗ ler Beſorgung zu uͤbergeben. Aber mit innerer ſorgfaͤltig verhehlter Unruhe mußte er es ertragen, daß dieſe mehrere Stunden verſpätet wurde; denn die Tante, ja ſelbſt der Oheim, hatten kleine Auf⸗ * träge in der Reſidenz, die ſie gern dem bald zu⸗ ruͤckkehrenden Boten übergeben wollten. Axel hatte dem Freunde ſo ziemlich abgelernt, tief in ſeinen Buſen den Kampf zu verſchließen, den ſeine Umgebung ihm nicht anſehen durfte, und deſſen Ausdruck es keinem Manne geziemt Gleich⸗ gültigen, ja ſelbſt Freunden, preiszugeben; und ſo ging dieſer Tag, welcher der Fröhlichkeit geweiht ſeyn ſollte, mit Zubereitung kleiner Gaben und freundlicher Neckereien hin, bis der Abend nahete, das Jahresfeſt der haͤuslichen Freude, 14. Di⸗ Wohnſtube umfaßte den kleinen Kreis; alles, was an alltägliche Beſchaͤftigungen erinnerte, war von ihr entfernt; dünne Wolken des feinſten Rauchwerks zogen unter der Decke hin; die alt⸗ modiſchen Truͤmeaux waren mit hellbrennenden Ketzen geſchmuckt, und drei große dreiarmigte ſil⸗ berne Leuchter erhellten den runden Tiſch, der die⸗ ſen Abend mitten in der Stube, weiter als ge⸗ wöhnlich von dem Kamine, hingeſtellt war, weil das große Feuer, der heimiſche Julebraas, der in dieſem loderte, eine gar zu große Wärme verbrei⸗ tete. Die Familie ſelbſt hatte ihre Feierkleider an, auf den Geſichtern aber war keine geſchmuͤckte Feier⸗ lichkeit ſichtbar, nur eine innere Heiterkeit, die kuͤhn und fröhlich die Sorgen des täͤglichen Lebens — 248— weggebannt, lächelte aus allen Zuͤgen, ſtrahlte aus den klaren Augen. Kaum hatte die alte hochgeſchmuͤckte Dienerin Hedwiga's das Theeapparat, und das wohlſchmek⸗ kende Gebackne, das eigens fuͤr dies Feſt zubereitet wird, und deſſen man ſich heute früͤher als ge⸗ wöhnlich bedient, weggenoͤmmen, als ein kleines zehnjähriges Mädchen aus der Nachbarſchaft, das ſich ſchon lange der Wohlthaten der Schloßbewoh⸗ ner zu erfreuen gehabt, halb wie ein Genius, mit kleinen weißen Flügeln angethan— freilich gegen die Sitte der Landleute— aus der Thüre eines in⸗ neren Zimmers trat, und auf den Kamin hin⸗ deutete. ſnt Da ſchwebte auf ein Mal, wie es ſchien aus den Flammen des Kamins, ein großer weißer Vo⸗ gel mit goldgefiederter Bruſt— der Phonix mag es wohl geweſen ſeyn— zu des Oheim's Fuͤßen hin. Er hob ihn laͤchelnd auf; damit war frei⸗ lich der Zauber verſchwunden, denn es fand ſich, daß der Vogel eigentlich nur aus Pappe beſtand. Indeſſen war er recht zierlich zuſammengeſetzt, und ſelbſt in der Nähe ließ er ſich recht gut betrachten, welches nun auch der Oheim und die Uebrigen thaten; der Erſte ſehr ſorgfältig, um zu entdecken, was dieſer ſonderbare Bote ihm wohl bringe. Er vemerkte auch bald einem Zettel, den der Vogel im Schnabel verbarg, und der ſtatt ſeiner dem Oheim zurief: Serreiße mich nur! in die Flam⸗ men geworfen, werde ich, wie Du, doch wieder aufleben. 1 Der Oheim befolgte den Wink, und bald fand er, daß die Eingeweide aus einem großen Pakete, in der Form eines Herzens beſtanden. Es trug die Aufſchrift; Anſicht der Erkennenden⸗ Er öffnete den Umſchlag, und erblickte das In⸗ nere von ſchwarzem Flor umhuͤllt, durch welches ſein Wappen, obgleich undeutlich, doch immer noch zu erkennen war. Er hatte ſich dieſes, das ihm durch ſeine laͤngſt vorhergehende Verbannung einſt gleichſam zu fuͤhren unterſagt wurde, ſelbſt nach ſeiner Ruͤckkehr eben ſo wenig, wie ſeiner wieder erhaltenen Rechte bedient; wahrſchein⸗ lich aus einem ſchmerzlicheren Grunde, als aus der gewonnenen Gleichguͤltigkeit gegen alle äußern Erſcheinungen der Welt. Der Flor fuͤhrte die Etiquette: Mit Trauer, nicht mit Schande be⸗ deckt. Der Eigenthuͤmer wicktlte nun den Flor auf, worin das Wappen kuͤnſtlich eingewebt war, und in der Einwickelung nur ein Ganzes ausmachend, ſich mit den Flor von dem Paket trennte, und ein großer Knaͤul von geſponne⸗ ner bunter Wolle erſchien, welcher nun— als ſollte die Geduld des Oheim's dadurch geprüft werden— auch entwickelt werden mußte. Er begann die Acbeit lächelnd mit einem verſtellten Seufzer, ohne jedoch zu wiſſen, wie er es recht anfangen ſolltez denn es zeigte ſich ſogleich eine Menge von Fäden, die nur da zu ſeyn ſchienen, um ihn auf Abwege zu leiten⸗ Kaum angefaßt hörten ſie bald, wie abgeſchnit⸗ ten oder abgeriſſen, auf, und er mußte neue ſuchen. Endlich entdeckte er einen unſcheinbaren vlaßgruͤnen Faden, als einen ſchwachen Hoſſ⸗ nungsſtrahl, der feſter geſchlungen als die Uebri⸗ gen ihm vorkam. Er zerriß auch nicht ſo⸗ bald, wurde immer anſehnlicher und ſtärker, indem bald ein neuer Faden, und dann ein an⸗ derer, und ſo ferner ſich mit ihm vereinte, bis ſieben verſchiedene, deren ein jeder mit einer Farbe des Regenbogens prangte, ſich geſammelt hatten, welche ſieben an der Stelle, wo ſie, nachdem ſie einen Knoten geſchlungen hatten, wie Strahlen ſich wieder von einander trennten, die alle einen kleinen ſilbernen Buchſtaben trugen, die zuſam⸗ men das Wort Religion bildeten, und von wel⸗ chen jeder ſpaͤter ſich um eine kleine Etiquette ſchlang, die den Namen einer Wiſſenſchaft trug, die der Graf ſich in ſpäteren Jahren angeeignet. ½ Von nun an ließen ſich alle Fäden leicht abloͤſen, und bald entdeckte er, daß die Unterlage, die er auch fuͤr Wolle genommen, nur gemalt warz dieſe fiel nun auf ein Mal von einander, und zeigte ein neues Paket, das die Inſchrift führte: Alters Ruhe und Lohn. Auch dies wurde ſchnell geoͤffnet, und bot ihm dar ein niedliches Guck⸗ kaͤſtchen mit der Inſchrift: Erinnerungen, ſo eingerichtet, daß es vor das Licht gehalten, wenn nur dabei an einer kleinen Schnur gezogen wurde, ihm immer verſchiedene ganz kleine Landſchaften, die eine ſchoner als die andere, zeigte; endlich be⸗ —— baute Felder, ſeine gegenwärtige Thaͤtigkeit an⸗ deutend, zuletzt eine weite Ausſicht, in deren Vordergrunde Wörkna zu ſehen war, deren klarer Hintergrund aber in der Mitte von einem zu⸗ ſammengelegten Papiere bedeckt wurde, das eink Sonne zu verbergen ſchien, weil uͤberall, wie⸗ aus dem nicht geſehenen Zentrum, rings um das Papier ſich glaͤnzende Strahlen verbreiteten. Auf dem Papiere ſtand: Selbſt erworben. Der Oheim fand ſchnell Mittel, das Papier hinwegzuziehen, und nun zeigte ſich hinter die⸗ ſem ein neues glaͤnzendes Wappen, das in einem weißen Felde Inſignien des Friedens und des Ackerbaues darſtellte, und auf dem Papiere war ein kurzes aber herzliches Gedicht zu leſen, das ihm zu dem Symbole der ſelbſt erworbenen ſ Verdienſte Gluͤck wuͤnſchte. Der Graf ſah ſich ſonderbar bewegt, ingz in den Kreiſe herum; da aber Alle die Blicke verweigernd auf den Boden ſenkten, ſtand er ſchnell auf und umarmte die Tante, die ein we⸗ nig errothete.— Er mußte doch wohl den rech⸗ ten Geber ausgefunden haben. Um eine deutliche Darſtellung eines ſolchen Feſtes zu geben, haben wir das erſte, und frei⸗ lich das am meiſten glaͤnzende Geſchenk beſchrie⸗ ben; die uͤbrigen einzeln angefuͤhrt, wuͤrden nur Jeden ermuͤden, die ſelbſt nicht perſonlich an dem Feſte theilgenommen; wir wollen nur bemerken, —— daß herzliche, freundliche und heitere Empfindun⸗ gen auf eine kuͤnſtliche und eigne Art ſich aus⸗ zuſprechen bemüheten; Guſtav nur fühlte ſich, gegen ſeinen Willen, durch das kleine Geſchenk, das ſeiner Meinung nach von Hedwiga herruͤhrte, ein wenig verletzt. Es war fein und zart, doch kam es ihm vor, daß die Art, wodurch es in ſeine Haͤnde gebracht wurde, ſich nicht ſo lebhaft und herzlich ausſprach, als er ſich beſonders in dieſem Kreiſe gegen die, welche ſeinen Namen trug, geſtimmt empfand. Deſſen ungeachtet fühlte er ſich immer heitrer und feſter in dem Laufe des Abends an die Anweſenden hingezogen. Die kleinen Gaben waren noch nicht ganz ausgetheilt, und der Genius trat ſo eben aus dem Kabinette mit einem neuen Geſchenke in der Hand, als plötzlich die entgegengeſetzte Thuͤre, die auf den Vorſaal fuͤhrte, mit Lärm aufſprang und auf der Schwelle ſich eine kleine weiße Ge⸗ ſtalt zeigte, mit einer rothen Muͤtze, die beim er⸗ ſten Anblicke Zweifel erregte, ob ſie den wirk⸗ lichen Kinkenjes, der Landesſitte gemaß, vorſtellen ſollte, oder die Spuckgeſtalt des Hausgeiſtes ſey⸗ Scharf faßte ſie den Kreis in's Auge, und rollte einen ungeheuren Schneeball, den ſie in den Haͤnden hielt, in das Zimmer hin. Waͤhrend alle Blicke die rollende Kugel verfolgten, war die Erſcheinung wieder ſo ſchnell verſchwunden, daß Keiner ſich eine deutliche Vorſtellung von ihr hatte machen konnen. Nur Guſtav war es ſchau⸗ dernd durch die Glieder gefahren, denn er glaubte jenen Finnenknaben vor ſich zu ſehen, deſſen An⸗ denken er immer geſcheut hatte, und das durch Axels vertrauliche Mittheilungen geſtern Abend hochſt unangenehm bei ihm erweckt worden war. Mit einem kleinen Schauder horte er daher den Oheim ſeinen Namen nennen, der mit kleinen rothen Buchſtaben dem weißen Schneeklumpen angeheftet war. Kaum konnte er ſich überreden den Ball anzufaſſen, deſſen feuchte Kälte ihm durch die Beruͤhrung ein unangenehmes Gefühl mittheilte. Doch überwand er unbemerkt ſeinen Widerwillen, und nicht ohne Ahnung las er die Etiquette, die ſo wie ſtin Name, in der Form einer großen Nadel, in den Ball hineingebohrt war, auf deſſen blechernen ſchnell enthuͤllten Kopfe mit ſchwarzer Farbe ſtand: Eis nur von Außen. 5 Bald gelang es Guſtav, den wirklich beinähe zu Eis gefrornen Schnee abzulöſen; das Fnners beſtand aus einem kleinen viereckigten, wie es ſchien, eiſernen Käſtchen, an dem, wie genau es auch unterſucht wurde, kein Schluſſelloch und ſelbſt kein Deckel zu entdecken war; nur nach langem Befaſſen fand es ſich, daß eine ſchwatze, von dem Schnee halb aufgelößte Waſſerfarbe eine Schrift bedeckte; dieſe wurde nun vollends abgewaſchen, nur die Schriftzuͤge blieben ſtehen, und dieſe bildeten die Worte: Der Schluͤſſel iſt in Dir. „Nun denn!“ rief Guſtav, dem die rothen Buchſtaben ſeines Namens wie Blut entgegen⸗ geſprungen waren,„Nun denn! ſo verbleibe es uneroffnet!“ Da die Uebrigen ihn aber verwundert anſa⸗ hen, und der Oheim laͤchelnd bemerkte, daß er wahrſcheinlich ſchon ganz recht den Schluͤſſel in ſeinem Willen gefunden, aber daß es gegen die Weihnachtsſitte waͤre, irgend ein Geſchenk zu verſchmaͤhen, ob man auch in demſelben eine kleine Neckerei vermuthe, entſchloß er ſich raſch, und ſetzte den Fuß darauf, um durch einen — 256— raſchen Druck das dünne Eiſen vielleicht ſo zu zerbrechen. Es gelang ihm uber Erwartung; denn es fand ſich, daß das Käſtchen nur aus gemaltem Glaſe, in Eiſenblech eingefaßt, zuſam⸗ mengeſetzt war. Oben auf den wohl zuſammen⸗ gewickelten Pakete, das es umſchloſſen, lag ein Zettel worauf ſtand:„Siehſt Du, kühn an⸗ gefaßt zerbricht, was am unzerbrech⸗ lichſten erſcheint.“ ſinchS Schnell, um ſich von keiner Ahnung, von keinen unheimlichen Vermuthungen ſtören zu laſ⸗ ſen, zerriß Guſtav den Umſchlag, und fand ein Netz von Seide, in dem die feinſte und weichſte Baumwolle war. Auch hier meldete eine Eti⸗ quette: Vor dem ernſt gefaßten Gedan⸗ ken wird das Befremdendſte immer leichter. Mitten in der Baumwolle ruhete wieder ein Ball von himmelblauem Atlas. Er war von einem Roſabande umſchlungen, wor⸗ auf mit Gold geſtickt ſtand: Der kleinſte Raum kann das Unermeßlichſtefaſſen⸗ Sobald das Band abgeloͤſt war, trennte ſich der Ball wie eine überſchnittene Zitrone von einander. Er umfaßte wieder ein Paket, das von breiten Papierſtreifen umwickelt war; auf der äußeren Seite ſtand: Orakelſpruch! als das Papier abgewickelt ward, zeigte ſich auf der inneren, ganz ſchwarzen Seite, mit weißen Buch⸗ ſtaben geſchrieben: Dem, das Du gegeben, indem Du nichts gabſt, gebuͤhrt wuͤrdige Aner⸗ kennung. „Verſteht Ihr das?“ rif Axel.— Alle ſchuͤt⸗ telten ſinnend den Kopf. Mit außerlichem Gleich⸗ muth, aber beklommenen Herzens nahm Guſtav das kleine Paket in die Hand. Der umſchlag, von feinem Velin, ſchien etwas Viereckigtes und Hartes zu umſchließen; allein es war ſorgfaͤltig verſiegelt, und zwiſchen den Siegeln ſtand: In der tiefſten Einſamkeit zu eröffnen, doch erſt nach einer ſinnenden Nacht, und einem erquik⸗ kenden Morgenſchlafe. „Muß auch das befolgt werden?“ Axel raſch. „Verſteht ſich!“ erwiederte der Oheim.„Der Geber darf ſchon Bedingungen machen. Vielleicht iſt er ſogar unter uns; um ſo weniger darf ſein Scherz verdorben werden. Ich wette, nur ein III. 17 Verſuch, um Ihre gute Laune durch unbefrie⸗ digte Reugier auf die Probe zu ſtellen; es ſoll aber nicht gelingen ſie zu verderbenz ich ſetze meine gute Laune dagegen. Und nun raſch zu den uͤbrigen Geſchenken, um das Vezirſtuͤckchen zu vergeſſen.“ „Ja wohl Vexirſtuͤckchen!“ ſſit Guſtav, der in den Schriftzugen des Orakelſpruchs Ulla's Hand erkannt zu haben meinte, und daher ſo behutſam, wie er es thun konnte, dieſe Axels Blicken entzogen hatte; doch huͤtete er ſich wohl, die allgemeine Fröhlichkeit durch ſichtbare Ver⸗ ſtimmung zu ſtören. Indeſſen war dieſe doch nicht ganz Hedwiga's liebendem Blicke entgangen, welcher der Anblick der unheimlichen Erſcheinung, ohne daß ſie ſich ſelbſt Rechenſchaft ablegen konnte warum, ein lebhaftes Erſchrecken ganz gegen ihre Gewohnheit eingeflößt.— Die Mitternacht über⸗ raſchte die Fröhlichen noch bei Tiſche, und lange nachher verweilten ſie in heitern Geſpräͤchen, die wirklich das geheimnißvolle Geſchenk ganz in Vergeſſenheit gebracht zu haben ſchienen, bis die mit Schellen behaͤngten Pferde vor Axels Schlit⸗ ten ihn zur Abreiſe mahnten. „Wir ſehen uns doch bald wieder,“ ſagte Axel beim Abſchiede beklommen zu Guſtav.— „Gewiß“ meinte dieſer. Und doch ſollte ihre Trennung länger dauern, 6ls Guſtav's, noch weit fruͤher wie er dachte, gefaßte Abſicht, den Freund ſchnell zu ſuchen, es vermuthen ließ.— Als Guſtav auf ſein Schlaf⸗ zimmer gekommen war, nahm er das kleine Pa⸗ ket aus der Taſche und wiegte es in der Hand: „Nun konnte ich es ja oͤffnen,“ ſagte er zů ic ſelbſt,„denn in der That, ich bin begierig. — Doch nein! ich will die Bedingungen erfüllen, damit ich auch Recht Bedingungen zu machen!“ Ohne es eigentlich zu wollen oder zu wiſſen, erfullte er genau das Vorgeſchriebene. Er ſann lange, doch ohne andern Erfolg als eine duſtre Vermuthung etwas Unangenehmen, und erwachte heiter noch eh' er es ſelbſt wußte, daß er eingeſchlummert geweſen. Das Erſte, was er, kaum aufgeſtanden, un⸗ ternahm, war, das kleine Paket zu eroffnen. Ein kleines zierliches Etui von Moroquin, wie einem Ringe, ſiel ihm in die Augen; er mußte 17* „ — 260— wenigſtens einen ſolchen vermuthen.— Es war auch wirklich einer; doch mochte er eigentlich ſchwerlich zum Tragen beſtimmt ſeyn, indem er eine kleine Krone bildete, deren zackigte Spitzen, die ſich ein wenig auswaͤrts bogen, mit Edel⸗ ſteinen beſetzt waren, und erſchien alſo nur als ein koſtbares Spielwerk, das hoͤchſtens an einer Uhr getragen werden konnte, obgleich er ſehr be⸗ hutſam einen Doppelſinn in ſich faßte. Denn ſo wie er ſich darſtellte, konnte er für Beides gelten: fuͤr eine Krone oder einen Ringz in dem Deckel des Futterals lag wieder ein kleines Papier, wor⸗ auf folgende Zeilen von Ulla's unverſtellter faſt ſiegender Hand ſtanden: 3 Geſprochen iſt das Wort, trotz des Vermeiden. Ich weiß, daß mir Dein theures Blut gehöre— Gieb es zuruͤck, das Tuch, nicht mehr des Scheidens Des Bundes Zeichen jetzt, gieb mir!— Es ſchwöre Den ſchoͤnſten Tauſch uns zu! Willſt Du es ſenden? Kannſt Liebe Du, das Groͤß're werd' ich ſpenden. „Unſinnige!“ rief Guſtav erſtaunt,„habe ich recht geleſen, recht verſtanden!“ Er verſank in tiefe Gedanken. Die Erſcheinung Arwed's als Ulla's Bote, die Wahrſagung ſeiner Mutter — 254— an den König, an Axel ſelbſt, dem ſie ja ulla zugedacht; der Brief der Gräfin, der ihm nun erſt deutlicher wurde, und von dem ſich genauer zu erkundigen, nur ſein Widerwille uber ſie mit Axel zu ſprechen, und deſſen ſichtbare Verlegen⸗ heit, wenn das Geſpraͤch jener Nacht erwähnte, ihn verhindert hatten; und noch mehr ihre Ver⸗ bindung mit dem General, ſeine Zuſammen⸗ kunfte mit Mißvergnügten, die ihn fruher ſchwer⸗ uch unter ſich aufgenommen haben würdenz ſelbſt des Konigs Fuͤrſorge für Ulla, die immer ein näheres Verhältniß anzudtuten ſchien— der Haß des Generals, ſeine ganze Umwandlung ſeit der Zeit, wo er mit der zukuͤnftigen Schwiegertochter in ein ſo freundliches Verhältniß getreten— das Alles reichte ihm einzelne Zuͤge zu einem großen blutigen Phantaſie⸗Gemälde, das noch im Wer⸗ den, ſo wie in des Malers Gehirn, verworren, immer wechſelnd ihm vorſchwebte, und von dem er ſich ſchaudernd abwandte; ſelbſt darüber ſtau⸗ nend, daß dieſer Zuſammenhang ſich nicht früher deutlich vor ſeinen Sinn geſtellt. Doch nicht gegen ſie, gegen den General nur wandte ſich ſein Abſcheu, in dem er nur den Anſtifter un? Beförderer der Verirrung eines Weſens ſah, mit dem, ſo ganz von ihrem weiblichen Standpunkte hinweggeriſſen, er doch im Grunde ſeines Herzens Mitleid empſinden mußte. Er durchlas die Zei⸗ len noch ein Mal; da flößte ihm ein zweiter Gedanke ein noch großeres Erſchrecken ein. „Und das Tuch“ ſtammelte er„verlangt ſie jetzt zuruͤck, als das Heichen des Bundes, als das des ſchonſten Tauſches!— Es ſoll ihr meine Einwilligung bringen und— großer Gott!— ſie hat es, ſie muß es bekommen, ehe ich es hindern kann, und zu einer Zeit, wo es als eine nicht ſchnelle, nicht genug beſchleunigte Ein⸗ willigung ausſchen muß! und ich ſäume noch? Fort, fort! hier iſt keine Zeit zu verlieren!“ Er ſturzte nach der Thür, doch ſo wie er ſie öffnen wollte— blieb er regungslos ſtehen. Er ſah augenblicklich ein, daß er vor allem Ruhe und Faſſung brauche, und kehrte langſam ſich zu ſammeln um. Es gelang ihm erſt nach langem innern Wuͤthen; aber es ſtand feſt, er mußte unter irgend einem Vorwande ſelbſt fort. Er mußte einem ſo ungeheuren, ihn ſo tief beleidi⸗ genden Mißverſtändniſſe ſobald wie möglich vor⸗ —— —— beugen.— Freilich ſah er ein, daß es auf eine Stunde ſpaͤter oder fruher nicht mehr ankam⸗ Vielleicht, ſiel es ihm ein, kann es mir gelingen ein großes Ungluͤck zu verhüten. Er kleidete ſich ſchnell an, und packte ſeine Sachen zuſam⸗ men, betroffen über die Verlegenheit, in die ſeine halb freiwillige Ergebung in eine Leidenſchaft, die ihm immer tadelswerther erſchien, ihn ge⸗ bracht. Da trat die alte Magd nach langſamem furcht⸗ ſamen Anklopfen herein, von dem Fraͤulein, wie ſie ſagte, beauftragt, ſich zu erkundigen, ob der Pudel ihrer Gebieterin ihm nicht in ſein Schlaf⸗ zimmer gefolgt. Er wäre gleich geſtern Abend ver⸗ mißt; er haͤtte ſich zum erſten Mal, ſeit er her⸗ gekommen, nicht auf der Schwelle der Herrin eingefunden, und wäre ſogleich uͤberall, ja ſelbſt in der Nähe des Schloſſes vergebens geſucht worden; das Fräulein habe nur die Hoffnung, daß er ſeinen alten Herrn begleittt. Guſtv wußte von nichts, fragte aber, der Graf ſchon aufgeſtanden ſey, und er ſuchte ſie, in dieſem Falle ihn anzumelden⸗ — 264— Sie brachte ihm nach wenigen Minuten die Antwort, daß er erwartet werde. Er traf die Familie, nach der alten Sitte des Hauſes, ſchon beiſamimen um den Fruhſtücktiſch. Wäre Guſta's Sinn weniger voraus eingenommen geweſen, wurde er ſich vielleicht verletzt gefuͤhlt haben, noch nicht in den fruhen Hauszirkel eingefuͤhrt worden zu ſeyn, denn bisher hatte man ihn, wie alle Gäſte, wahrſcheinlich um ihn keinem Swange zu unterwetfen, den Morgen ganz füͤr ſich zubringen laſſen. Seine Unruhe ließ ihm äber kaum die Theilnahme bemerken, womit Alle ſich um ihn drängten, denn jene war ſichtbarer als er vermuthete.„Was iſt vorgefallen?“ fragte man ihn ängſtlich. Er eröffnete ihnen nun ſeinen Entſchluß, noch heute zuruͤckzukehren. Ja, er ſah ſich faſt genö⸗ thigt zu geſtehen, daß jenes geheimnißvolle Ge⸗ ſchenk von geſtern Abend ihm ein Räthſel auf⸗ gegeben, das ihm die Pflicht, in Bezug auf ſich und einige Freunde, oblege, je fruͤher je beſſer aufzulöſen zu ſuchen. Doch fuͤgte er hinzu: daß es nichts enthielte, das ſeine lieben Freunde un⸗ ruhig machen duͤrfte, obgleich mancherlei Beſorg⸗ —— niſſe und Vermuthungen ihn verſtimmten. Die Frauen zogen ſich bald zuruͤck; theils um die kleinen Anſtalten zu treffen, die eine unerwartete Reiſe mit ſich fuͤhrt, theils auch, um die Maͤn⸗ ner ſich ruhig ausſprechen zu laſſen. „Nur eine Frage, wenn Sie ſie nicht unbe⸗ ſcheiden finden!“ nahm der Oheim das Wort; „gegruͤndet iſt ſie in unſerm Lande immer⸗ Scheint dies Räthſel politiſcher Natur zu ſeyn?“ „Ja und Nein! theurer Oheim! In ſofern es mich perſönlich von hier treibt; nein! Wenn ich bangen Vermuthungen aber Raum gebe— allerdings.— Der General ruͤhrt ſich immer mehr. Ich geſtehe Ihnen gerade aus: Ein jeder Schritt, den er aus ſeiner finſtern Eingeſchloſſenheit thut, gemahnt mich wie das Schleichen eines Fuchſes mit Tiegeraugen. Ich laſſe nicht gern Axel allein. „Braver Freund!“ ſagte der Graf ſonderbar bewegt,„wie ähnlich Deinem Vater.“ „Sie haben ihn gekannt?“ fragte Guſtav lebendig. „Wir waren Freunde!— In jugendlichem Uebermuth dachten wir ſelbſt daran, unſre Kin⸗ der, obgleich ich wenigſtens noch keine hatte, zu verbinden. Ich habe keine Tochter“— fuͤgte der Oheim geruͤhrt, mit ſonderbarem Gewicht hinzu. „Sie haben Schweſterkinder!“ ſagte Guſtav ſanft,„und ſo bin ich ja dennoch Ihr Sohn ge⸗ worden.— Von Ihrem andern Sohne, meinem Freunde Axel, habe ich einen Auftrag an Sie, den ich nur in dieſem Augenblicke ausführen kann.— Ich haͤtte ihn nicht ſo lange verſchoben, wenn ich nicht haͤtte befuͤrchten muͤſſen, dadurch einen alten Schmerz bey Ihnen zu erregen.— Nun aber muß ich— „Nun!“ erwiederte der Oheim, deſſen Ge⸗ ſichtszuge alle augenblicklich den Ausdruck eines finſtern Schmerzes verriethen.—„So thun Sie nur gerade zu, was Sie muͤſſen.—“ „Sie haben Axel einſt, in einer prophetiſchen Stunde, hat er mir geſagt, vor der Graͤfin Ban⸗ ner gewarnt. Er liebt ſie!— ————————— — 267— „Trotz meiner vaͤterlichen Warnung?— O, mein Gott!“ fiel der alte Graf bewegt ein. 4 „Sie kam für die Ruhe ſeines Herzens zu ſpät, doch vielleicht nicht für die ſeines Lebens — der König und ſein Vater billigt ſeine Wahl. — Aber er wuͤnſcht vor allem Ihren Segen.—“ „Sein Vater billigt die Wahl?“ wieder⸗ holte der Oheim ſchneidend mit dem größten Erſtaunen. „Ja! er ſieht wenigſtens, ſeit ihm die Zu⸗ ſtimmung des Königs bekannt geworden iſt, ge⸗ gen ſeine Gewohnheit, gern und faſt alle Tage die Graͤfin.“ „Reiſen Sie! eilen Sie!“ rief der Oym heftig nach einem kurzen Sinnen.—„Es ſteckt ein neues Bubenſtuͤck darunter.— Es kann nicht ſein Ernſt ſeyn.— Er kann nicht ein⸗ willigen. Er ſucht nur Zeit zu gewinnen, Ab⸗ ſichten zu erreichen, die ich nicht kennez aber gut ſind ſie nicht.— Das ſind die ſeinigen nie ge⸗ weſen.“ „Ich fürchte es ſelbſt!“ fuhr Guſtav fort, „um ſo mehr, da er der Gräfin Uine Züverſicht, und Trotz auf groͤßere Rechte, auf eine hohe Ge⸗ burt eingeflößt zu haben ſcheint.—“ „Wie? wäre dann dieſe Geburt darum we⸗ niger ſchaͤndlich? Aber es iſt ein Maͤhrchen, deſ⸗ ſen Ungrund ich bezeugen kann.— Sie kennen den General nicht— doch ich ſehe vielleicht zu ſchwarz durch das Glas meiner Empfindungen — wir ſind Feinde.—“ „Feinde?“ ſagte Guſtav„ich habe zwar eine Spannung vermuthet.— Weiß Axel das?“ „Er weiß es!“ wiederholte der Oheim.— „Moͤge aber auch Ihnen dies Wort genug ſeyn⸗ Wir werden uns nie ſehen, nie ſprechen. Aber dieſelbe Vorſehung, Graf Guſtav, die Sie von einer unwuͤrdigen Verbindung gerettet hat, wird auch vielleicht durch gegenwaͤrtige Mittheilung Axel zu Hülfe kommen—“ „Unwuͤrdig?“ wiederholte Guſtav in der Tiefe ſeiner Seele ſchaudernd— es war ihm aber in dem naͤchſten Augenblicke als hielte ihm ſeine Willenskraft Hedwiga's Bild ſiegend hin —„unwurdig!“ wiederholte er noch ein Mal leifer— woher nehme ich die Beglau⸗ bigung?— „Aus meinem Munde!“ erwiederte der Oheim mit faſt bebender Stimme;„aus mei⸗ nen Worten, denen Ihr ja Beide vertraut.— Sie trägt nur, um ihn zu beſchaͤmen, einen wuͤrdigen Namen, den ihre Geburt befleckt— darum mag ich mich nicht mehr damit nen⸗ nen.— Mein Weib gebar ſie— und ich kann ſie nicht ſehen, nicht Tochter nennen— denn— empfangen Sie, Guſtav, die Beglaubigung in dem Schmerze, der meine Stimme bricht— denn der General ſelbſt iſt ihr Vater.—“ Guſtav ſtand wie verſteinert; der alte Guuf trat an das Fenſter, und ſtrebte, wahrend eines ſtarren Hinblickes in die Natur, der Seele aufs Neue Gleichgewicht zu erkämpfen.— Er kehrte ſchnell zu Guſtav zuruck, ergriff ſeine Hand und ſagte:„Eilen Sie! retten Sie den Sohn mei⸗ ner geliebten Schweſter aus den Banden ich höre es ja, recht zauberiſchen Circe!— „Und der General follte wollen— tief Guſtav.— — 270— „Gewiß nichts Gutes, ob auch ſeine Zu⸗ ſtimmung zu dieſer Verbindung, meiner Ueberzeu⸗ 4 gung nach, nur eine Maske ſey— aber er haßt den Konig, und der König hat viele Feinde— Gott mag wiſſen, wozu er meinen ehrlichen Na⸗ men mißbrauchen koͤnnte— reiſen Sie und ge⸗ ben Sie mir Nachricht.—“ Guſtav hoͤrte nicht ohne Schrecken und Er⸗ ſtaunen ſeine eignen Vermuthungen aus dem 3 Munde des wuͤrdigen Oheims wiederhallen— an dieſen hafteten auf's Neue ſeine Vorſtellun⸗ gen, ſtatt länger in die Vergangenheit zuruͤckzu⸗ gehen, aus der er doch, das fuͤhlte er tief, nicht gewagt haben würde, die Fragen, die ſie ihm aufdringen konnte, dem Oheim vorzulegen.— Die Frauen traten wieder herein. Hedwiga brachte ihm eine Taſſe Bouillon.„Alles iſt be⸗ reit!“ ſagte ſie mit gedämpfter Stimme.— Es kam Guſtav vor als bebte eine Thräne in ihrem Auge. Die vorhergehende Unterredung hatte ihn, trotz ſeiner Ueberraſchung, in Bezug auf ſich ſelbſt, weich geſtimmt. Die ihm fremde wohlthuende Empſin⸗ — 231— dung, ein weibliches Weſen um ſich beſorgt zu ſehen, zumal ein Weſen, das er täglich— beſon⸗ ders hier, in ihrem wahren Elemente— mehr und mehr verehren mußte, beruͤhrte ihn ſanft; um ſo mehr, als jene mit dem freudigen Gefühl eines innern Sieges und dem, neuen Kämpfen entgegen zu gehen, ſich vermiſchte.—„Warum ſo verſtimmt, liebe Hedwiga!“ begann er. Er würde hinzugefügt haben? ſeyn Sie unbeſorgt wegen Ihres Freundesz aber in demſelben Mo⸗ ment erhob Hedwiga ihr Auge, und da es un⸗ gluͤcklicherweiſe, noch ehe es dem ſeinen begegnete, in den hinter ſeinen Ruͤcken ſich beſindenden Spiegel ſiel, ſo erregte der Anblick der eigenen Zuͤge auf's Neue die bittre Empſindung: der Liebe des ſchoͤnen geliebten Mannes nie theilhaft werden zu konnen, und in der Angſt, daß ihr ſchlecht verhehlter Kummer, ſo wie ſeine Anrede verrieth, ihn in ihr Inneres blicken laſſen ſollte, erwiederte ſie faſt verletzend:„Denken Sie, mein armer Hund hat ſich 36 nicht i funden!“—— 1 — 272— Guſtav ſchwieg betroffen, und in dieſer Stim⸗ mung beſchleunigte er die Abreiſe. Er ſtieg bei⸗ nahe nur mit ſtummen Begruͤßungen in den Schlitten. u Und doch war dieſe Erwiederung Hedwiga's, wie ſchroff ſie ſich auch vernehmen ließ, wie un⸗ paſſend ſie ihr ſelbſt unter andern Verhaͤltniſſen vorgekommen ſeyn wuͤrde, keinesweges geheuchelt. Ein liebendes Herz iſt immer abergläubiſch, und ſo hatte wirklich das unbegreifliche Verſchwinden eines ihr durch ſeine Treue zu dem Geliebten ſo theuer gewordenen Geſchopf's— ein Verſchwinden, das ſo ſonderbar mit der plötzlichen Abreiſe des Geliebten, deſſen einziges, theures Geſchenk jenes war, zuſammenſiel,— eine dunkle vernichtende 6 Ahnung in ihrem Buſen erweckt. Es war als flüͤſterte ihr eine innere Stimme zu: daß die erſten gluͤcklichen Stunden, die ſie in ſeiner Nähe verlebt hatte, auch die letzten ſeyn wür⸗ den.— Guſtav uͤberließ dem Eigenthuͤmer der Pferde die Zügel, um ſich ungeſtört ſeinen Betrachtun⸗ gen hingeben zu können. Seine erſte und nächſte — 273— galt Hedwiga. Er konnte ſich eines bittern Lächelns uͤber die ſonderbare Schickung nicht er⸗ wehren, die ihm das Wohlwollen eines kalten Weſens, deſſen Aeußeres nur die Gewohnheit erträglich machen konnte, an's Herz legte, wäh⸗ rend Verhaͤltniſſe und Pflichten ihn aus der Nähe eines reizenden Weibes verbannten, das, — mitten in dem Wahne, worin ſie befangen war, von fremden und eigenen herrſchſuͤchtigen Leidenſchaften angeſpornt und hingeriſſen,— ihm faſt uͤber die Grenzen der Schicklichkeit hinaus Proben ſeiner warmen, begluͤckenden Zuneigung gegeben. Es iſt leicht einzuſehen, daß dieſe Vor⸗ ſtellungen ihm, ſelbſt wenn er nicht gewollt haͤtte, milder gegen Ulla— deren eigne, hochfah⸗ rende, tollkuͤhne Traͤume er nur fremder ſchlauer Einwirkung zuſchrieb,— haͤtten ſtimmen muͤſſen⸗ Leiſe hoffte er, ſie weniger ſchuldig zu finden, als bloße entſtellende Vermuthungen ſie der Phantaſie zeigen mußten.— Es war ihm, als ginge ſie ihm näher an, ſeit er wußte, daß ſie dem Freunde nicht gehören durfte; ſelbſt die Kluft, die ihre geheime Herkunft vermöge der 18* Meinung der Welt durch die Erklärung des Oheims, in allen Faͤllen zwiſchen ihr und ihn ſelbſt geſtellt, floßte ihm Mitleid und Schonung ein.— Und hatte er nicht ſo eben ſelbſt ein un⸗ gluͤckſeliges Mißverſtaͤndniß veranlaßt, das einen Rauſch in ihre Träume hineinzaubern mußte, die ein jahes, unfreundliches Erwachen noch zer⸗ nichtender machen mußte. Eile, das ſah er ein, war fur's erſte vor allem noͤthig⸗ 1 Und doch ſollten ſich eben dieſer bald Hin⸗ derniſſe entgegen ſtellen. In der Ausſpannung, bei der er zuerſt wieder mit der großen Land⸗ ſtraße zuſammen traf, und wo ſonſt immer Pferde genug in Bereitſchaft ſtanden, waren keine vorhanden; dagegen ſah er hier, wo zugleich eine Schenke war, gegen Gewohnheit eine Menge wohlhabende Landleute und Geiſtliche verſam⸗ melt, um ſich die Neuigkeit des Tages mitzu⸗ theilen. So erfuhr er denn, daß der Reichstag plotzlich beendet, daß ſchon mehrere Reichstags⸗ maͤnner hier durch ihrer Heimath zugeeilt waren, daß der Koͤnig auch bald erwartet wurde, und folglich keine Pferde mehr abgegeben werden — 275— duͤrften, ehe er durchgereiſt waͤre.— Von den eigentlichen Verhandlungen des Reichstags und wie dieſer ausgefallen war, wußte man noch nichts; man wollte nur wiſſen, daß der König ſehr verſtimmt ſcheine.“ Guſtav, der in ſeiner gegenwaͤrtigen Stim⸗ mung unruhig und unſicher in ſich, und deßwe⸗ gen auch nicht gern weder mit frohen noch miß⸗ vergnügten Freunden und Bekannten, und am allerwenigſten mit dem Koͤnige zuſammen zu treffen wünſchte, hoſſte durch Umwege ungeſtört nach der Reſidenz zu gelangen; dies war aber in einem ſo felſigten Lande mit vielen Unannehmlichkeiten verbunden. Doch beſtanden dieſe fuͤr ihn weniger in den ſchlechten, mit Schnee gefuͤllten und mitun⸗ ter ungebahnten Seitenwegen, die ein vor kurzem gefallener Schnee noch undurchdringlicher machte, als in der furchtbaren Langeweile, die von ſeiner Unruhe nur vermehrt wurde, wenn er, was mehr⸗ mals des Tages geſchah, aus Mangel an Pferden aufhehalten wurde; zwar legte er in ſeiner Unge⸗ duld manche Station zu Fuß zurück; aber dieſer Umſtand zog ihm auch durch einen Fall einen — ſchmerzlichen Beinſchaden zu, der ihm das Wei⸗ tergehen unmoͤglich machte, und ſo kam er endlich, weit ſpaͤter als er gedacht, auf einem ſeiner Guͤter an, das der Landſtraße am nächſten, aber noch ziemlich entfernt von der Reſidenz lag. Indeſſen hatten die erlebten Beſchwerden, trotz ſeiner Unruhe, wohlthätig auf die Seele gewirkt, die ihre Entſchloſſenheit, und mit derſelben ihr Gleichgewicht wieder gewonnen hatte. Das von Grund aus aufgeregte Meer in ſeinem Innern hatte ſich wieder geſetzt; kraͤuſelte eine leichte Un⸗ ruhe auch noch die Oberflaͤche, Wellen ſchlug es doch nicht mehr, und die durchſichtige Klar⸗ heit war zuruͤckgekehrt. Er ſaͤumte auch nicht, ſich einen treuen Boten vorſtellen zu laſſen, und ſchickte ihn eilig mit Aufträgen der Reſidenz.— Der erſte war an Axel. Er meldete ihm ſeinen Unfall, berichtete ihm ſchonend und doch ohne Umſchweife die Behauptung des Oheim's, beſchwor ihn mit Muth und Vorſicht die Auf⸗ löſung eines Räthſels zu ergruͤnden, das der wurdige Graf durch ein neues noch mehr zu ber⸗ — 277— wickeln ſchien, bat ihn dabei, den Vater nur genau in der Stille zu beobachten, bis ſeine Ankunft, die er nicht länger als noͤthig verſchieben wollte, ihnen geſtattete, thätigere Maaßregeln zu verab⸗ reden.— N An Ulla ſandte er das empfangene Kleinod ſorgſam verſiegelt mit folgendem Schreiben zutück? „Aeußerlich durch einen Fall, obgleich nur „vorübergehend, gelaͤhmt, innerlich aber zerriſ⸗ „ſen, eile ich, ein unglückſeliges Mißverſtändniß „aufzuklären. Brauche ich Ihre Verzeihung, „weil es mir einen langen Kampf koſtete, ehe „ich die Kraft gewinnen konnte, mich von dem „ſchmeichelnden Pfande Ihres Vertrauens wieder „zu trennen?— Doch mußte es geſchehen! Und „ich ſchickte es ſchnell ab, als der Anblick meines „Freundes und Ihre Frage durch ihn, mich „dringender als je an meine Pflicht mahnte. Erſt „mehrere Stunden nachher empfing ich das ge⸗ „heimnißvolle Geſchenk, das in keinem unheilſa⸗ „meren Augenblicke häͤtte eintreffen koͤnnen. Um „ſo weniger darf ich die Zuruͤckſendung verſchie⸗ „ben.— Wenn auch das uͤberraſchendſte Geſchick „mir eine Krone zugedacht hätte, duͤrfte dieſe „ijedoch die Hand, welche ſie ergriffe, nicht ein „Mal an dem kleinſten Finger verwunden, und „den Ring muſſen Pflicht und Verhältniſſe ab⸗ „lehnen, denn ich bin verheirathet.“ Nachdem beide Schreiben abgefertiget et. er mit ziemlicher Geduld die nöthige Wie⸗ derherſtellung ab; und erſt nach mehrern in der Reſidenz vorgefallenen kleinen Ereigniſſen werden wir ihn dort eintreffen ſehen.— „ Ende des dritten Theils. 5* 5 * * ſſ ſſ 16 6 7 8 9 10 11 12 13 14 1