„ —* Leihbibliothet᷑ deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ceih und eſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ F den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe 5 hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet( wird. 4. Abonnement. Daſfelbe muß voraus bezahlt werden und ſ beträgt: 3 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Met. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „„„„„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern c.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder deferte Buch ein Theil eines größeren Wertes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. * — 5 e ee 7 Sieben Jahre. Ein Beitrag zu der geheimen Hofgeſchichte eines nordiſchen Reiches. Aus der Mappe eines verſtorbenen Diplomatikers⸗ Herausgegeben v 2 Zweiter Theil. Leipzig, bei Chriſtian Ernſt Kollmann. 18 24. Sieben Jahre⸗ * —.————— sweiter 2 heit —,———— I. „ —* K war Arwed dem rüſtigen Fremden ent⸗ ſchlüpft) ud in die einſame Hütte eingetreten, als er. nach der botausgehenden Anweiſung der Mutter die kleine Phioie mit Guſtav's Blut auf den Feuer⸗ herd hinfteilte, damit det Inhalt nicht kalt werden möchte; dann kilte er zu der Lhüte hin, deren Man⸗ gel an Nigel und Schloß ihm zum erſten Male ver⸗ drußlich war; offnete ſie halb, damit er die mond⸗ helle Ebene, welche die Mutter bei ihrer Heimkehr ganz durchſchreiten mußte, überſchen konnte, und in die Dunkelheit der inneren Hutte ſelbſt verbor⸗ gen, zählte er nun begierig di Silbermunze, die ihm Guſtav zugeſteckt hatte. Doch konnte er nach mehrmals wiederholter Zählung nicht mit ſich ſelbſt uͤber den Belauf der Summe einig werden, 1* 4 denn wie ſchlau und verſchlagen er ſich immer erwies, reichte ſein Kopf doch nicht hin, die ein⸗ fachſte Rechnung zn machen; dennoch klopfte ſein Herz vor Freude uͤber den unerwarteten Reich⸗ thum, der ihm zu Theil geworden war, und er beeilte ſich, denſelben fuͤr's Erſte unter einen großen Stein, am Haupte ſeines Lagers, in der Huͤtte zu verbergen. Dann ſuchte er ſchmunzelnd eine Scherbe von einem zerbrochenen glaͤſernen Becher hervor, und ſagte, weniger um ſeine That zu beſchönigen, als der eigenen Einſicht und Vernunft ſich er⸗ freuend, leiſe bei ſich ſelbſt:„Treues Blut braucht die Mutter, ſie ſoll es auch haben, und beſſer ſogar als ſie erwartet, ich habe nie Jemanden betrogen oder beſtohlen, und ſelbſt in dieſem Au⸗ genblicke lege ich einen Beweis meiner Treue ab, indem ich etwas beſſeres gebe, als von mir ver⸗ langt worden iſt. Vom Herzen ſoll das treue Blut freilich quellen; das iſt aber zu viel von einem Menſchenkinde gefordert, doch quillt es ja von dem Herzen zum Daumen herauf, und in dem meinen wohnt ja doch eben ſo gute Treue, wie in dem Herzen eines dummen Hundts⸗ ſollte ich meinen.“ So ſich ſelbſt beſchwichtigend, riß er muthig den Finger mit dem Meſſer auf, und druͤckte einige dicke Tropfen in die Scherbe heraus. „Dunkel genug iſt es wenigſtens“ murmelte er,„und für deſſen Kraft darf ich ſtehen.“ Kaum war er damit fertig, und hatte den Finger mit Leinen umwickelt, als ein langer Schatten, der ſich bis an die Thuͤr erſtreckte, ihm die Ruͤckkehr der Mutter verkündete. S trat ſie in die Hütte. 3„Iſt alles in Ordnung, Arwed?“ f ſie ihm entgegen,„und haſt Du alles ſchnell iu⸗ gedeckt?“ „Mein Geſchäft iſt gelungen, Mutter!“ gab er dreiſt zur Antwort;„mit dem Deinen haſt Du Dich aber dies Mt nicht genug S ſehen?“ —„Wie ſo?“ ih ſie erſchrocken. „Weil der fremde Herr erwacht iſt, noch bevor ich ihn verbinden konnte. Er fuhr wild auf und von dannen, obgleich ich ihm weiß * machte, daß er ſich nur an winen Dorn geriſſen.“ ₰ „Duͤrfteſt ihm gern die Wahrheit inen!. grinſte die Alte,„alſo iſt er ſchon fort und davon „Und mit welchen Fluͤchen, Mutter! Er ſchalt Dich eine Hexe, und wollte nichts mit Dir zu thun haben.“ „So ſind ſie Ale,“ lachte ſie—„wenn der Tag grauet, oder ſobald ihre Wünſche kaum erreicht ſind. Lieb iſt es mir freilich nicht, denn ich hätte ihr ihn gern in dem Siebe gezeigt. Nun laß ihn! hat er ſich doch gefügt, und das Blut iſt ja nicht verſchuͤttet?“ „Etwas mag wohl die Erde vſhlt haben, aber das Beſte gährt dort in dem Glaſe.“ „Gut Arwedchen! ich werde auch keine Zeit vrrſäumen. Das war nun Eins; aber das An⸗ dere? iſt das auch recht aus dem Herzen gequollen.“ „Waͤrmer und treuer kannſt Du es nicht be⸗ kommen,“ brummte Arwed. „Ich weiß es wohl, und auch keine beſſere Stunde— abet iſt auch das arme Thier bald —— ———— geſtorben? Di. Cn. muß ihr Opfer W. das Wer vollendet wird“ s zuckte kaum,“ ſchmunzelte Anwed ver⸗ ſchmitt,„wilſt Du es vielleicht ſehen?“ fuhr er kuhn fort, denn er wußte wohl, daß die Mutter dem Anblicke alles Getodteten aus dem Wge ging, weil. ſetchtt ihrer Meinung nach die Kraft ihres hellſehenden, Auges liht ſie chen möchte. nin ni „Biſtwicht!“ rief ſe, ezrnt, uß Du noch nicht das Fleiſch iczahri habe 6 nicht befohlen—“ Seit iſt nihi zu Auen wute, ge ich ue die meinige nicht vertändelt.“ „So gehe, gehe!“ verſetzte ſie heftig, Wert muß vollbracht werden, und die Gegen⸗ wart jedes menſchlichen Fihn außet dem mei⸗ nigen, iſt hier überflüßig.— „Braue nur fort, Mutter gab Awn laſſen zur Antwort,„ufe nur Du die Feuer⸗ geiſtr an, ich werde indeſſen die Männchen da unten ſättigen und bitzuhen Graben will ich,“ fuhr er leiſe in ſich fort,„giabenz damit Diejeni⸗ gen tief unter uns durch die Eiſenklänge abgehal⸗ „ ten werden die Mutter zu ſtören damit ſie die Gruft ſehen kann.“ Eer ergriff einen Spaten, eilte aus der Hutte, und ſchlich ſich dicht hinter dieſelbe, wo er ſo⸗ gleich anſing aus allen Kräften und mit vielem Geräuſche in die Erde zu graben, waͤhrend er ſich der dünnen Hüttenwand ſo viel wie moöglich näherte, um der Mutter ihre Beſchwoörungen ab⸗ zuhorchen, in welchen ſie ihm freilich ſchon lange Un⸗ terricht verſprochen„ aber deſſen Anfang immer aufgeſchoben hatte.— Nach kurzer Zeit, nachdem die Alte zuvor den wei⸗ ßen Stab quer vor die Thüre gelegt— ein Zeichen, daß Niemand hineingthen dürfe— hörte er frii⸗ lich das Feuer praſſeln und den Keſſel ſieden und kochen.— Doch wagte er nicht das Ohr ganz dicht an die Wand zu legen, denn Ehrfurcht vor der Mutter und ein Gefuͤhl der Wichtigkeit ſeiner Arbeit hielt ihn ab, dagegen drehte und ſtieß er den Spaten raſch in die Erde, um die Aufmerkſamkeit der Unterirdiſchen von dem In⸗ neren der Hütte auf ſich zu ziehen, aus welcher unterdeſſen folgende Worte dumpf und von dem 4 Praſſeln des Feuers K— in B prangen: 1 8 „Von allen Farben 5 die waͤrmſte, die rothe, zuͤnde das Feuer das Maͤchtige, ſchnell! dreifaches Feuer, Blut der Jugend kochendes Blut, Jungfrau⸗Blut rein und hell! treues, dunkles, bindendes Blut, ſchuͤre die Gluth! Blumenthau, Wurzelſaft mildre die Kraft! Honig und Meth fuͤr den Geſchmack⸗ ſaug es ein Mark, Herz und Bein“ Während der Mutter Beſchwörung war es bei dieſen Worten Arwed kalt und heiß gewor⸗ den; es kam ihm vor, als verkoͤrperten ſich ſeine Gedanken zu eiſernen Haͤmmern, die inwendig von dem Gehirne aus an die Hirnſchaale pickten, und ihm den unleidlichſten Kopſſchmerz verur⸗ ſachten. Richt weniger ſchmerzlich klopfte ſein —— höher, als draͤngte es ſich in heißen Flammen, in blutigen Strahlen aus Naſe und Mund heraus. Er ſank betaͤubt zu Boden. Da daͤuchte es ihm, als hauche die friſchaufgewotfene Eide ihm Kuͤh⸗ lung zu, es gab ihn Linbttüng ſ ſich in die Gruft hineinzuwuͤhlen; es war ihm, als müſſe er ſich ſelbſt lebendig einſcharen. Doch, ſey es nun, daß ihn die Grabeskuͤhle genug durchdrungen, oder das Zauberfeuer der Mutter nur ſeine Gewalt bewaͤhrt hatte, ſo wie es in der Huͤtte ſtiller und ſtiller wurde, legte ſich allmählich der Sturm in ſeinem Innern, und ſo wie das gebrauete Geträ kſich ab⸗ kuͤhlte, kehrte auch ſeine Beſinnung mehr zuruͤck; er empfand nur noch einen brennenden Schmerz in dem verwundeten Daumen, allein dieſer hörte auch nach und nach auf. Da trat die Mutter endlich, ſo wie der erſte Griß des Tages den oberſen Gipfel der Bäume nur ſchwach echellte, nicht fieundlich wie ſonſt nach vollbrachter Arbeit, ſondern ernſt mit trüben Blicken aus der Butte. „Nie in meinem Leben“ redete ſie den Sohn an,„it mit ein Wit tſn und ſchwer von . Herzs es war ihm, als ſtiege es immer höher und —. der Hand gegangenz gelungen iſt's, frilſch, es nur nicht zum Unheile gelungen ſeyn, ich habe mein Geſchäft treu und genau ausgeführt; aber auch Du, Arwed? auch Du? ſprich die Wahrheit, damit ein großes ubel verhütet werden kann! denn ein inneres Beben ſagt mir, daß nicht alles ſo iſt, wie es ſeyn ſoll. Haſt Du auch wirklich das Blut des Fremden mir gebracht, oder hat im Augenblicke der Vollführung Dein Knabenmuth Dich verlaſſen, und paſt Du nur das Blut des Vierbeinigen fuͤr menſchliches ausgegeben?“ 6 „Nein Mutter!“ gab Arwed treuherzig zur Antwort,„den blauen Mantel, den Du ſelbſt mir gezeigt, mußte ich ja wohl es haͤtte mir theuer genug zu ſtehen kommen können.“ „Oder“ fuhr ſie nachdenkend fort,„haſt Du auch das Thier getoͤdtet? Du haſt viel mit ihm herumgetändelt und hatteſt es gern. Nicht wahr! Du haſt es blos verwundet und dann laufen laſ⸗ ſen? das Blut zweier Lebendigen darf ſich nur mit dem eines nicht mehr Athmenden vermiſchen, ſonſt bringt es ſtatt zu binden nur Wahnſinn und Greuel hervor, und ich ſtehe nicht alle Mal dafür, daß ſelbſt der ſpätere Tod jenes zur Unzeit Geſchonten Gleichgewicht in ſolche blutige Verwirrung bringen kann. Sprich die Wahrheit, Arwed, damit wir, da es noch Zeit iſt, das todten können, deſſen Leben unſer Werk zerſtören, und gewiß auch Ver⸗ derben uͤber die, welche es förderten, bringen wird, wenn wir dem nicht vorbeugen. Iſt das, was getödtet werden ſollte, auch todt?“ Arwed war erbleicht.„Todt Mutter!“ wie⸗ derholte er tonlos, ſo daß die Antwort eben ſo gut eine Frage, wie eine Beſtätigung bedeuten konnte. Mutter entſetzt,„und die Augen ſuchen den Boden!“ „Warum ſprichſt Du auch ſo gewaltige Worte?“ verſetzte der Sohn, ſeinen ganzen Trotz zuſammennehmend,„jedes Mal, wenn Du ein ſolches Werk vollbracht, haſt Du ja immer das Geluͤbde gethan, nie wieder ein ähnliches ausüben zu wollen, und doch läßt Du Dich immer auf's Neue bereden. Es wundert mich nicht, wenn's Verderben bringt!“ „Die Kräͤfte draͤngen ſich denjenigen auf, die ſie zum Zweck vereinen können,“ erwiederte das „Deine Lippen beben ja, Arwed!“ rief die 4— — Finnweib dumpf;z ſey ohne Furcht, ſie ſollen dennoch nicht unſer Meiſter werden. Vier Tro⸗ pfen von dem Getränke brauche ich nur auf die Erde, unter der das Getödtete vermodert, zu träufelnz beruͤhren die gährenden Kräfte das Fleiſch, zieht es das drohende Gift in ſich herunter⸗ Ich weiß Rath für Alles, wenn ich nur nicht betrogen werde; oder, ſollte vielleicht die Wunde des Frem⸗ den noch bluten?“ „Sey unbekuͤmmert, Mutter!“ rief Arwed muthiger, und froh, daß er wenigſtens einen Verdacht widerlegen konnte, mußte er auch um auf's Neue Zutrauen zu gewinnen, ſeine kleine verbor⸗ gene Beute preisgeben.„Deine Kräuter haben ſchon längſt allen Schmerz in ſich geſogen, und die Binde, die Du mir mitgegeben, die Schramme geheilt; ich habe jene ſchlau mit dem Tuche ver⸗ wechſelt, das er ſo eben ſelbſt darum binden wollte.“ Mit dieſen Worten zog er das ßalbzerriſſene Tuch hervor, und reichte es der Mutter ſeufzend hin. In der That war es auch, als braͤchte der Anblick des Tuches alle ihre Bedenklichkeiten zum Schweigen.„Ein herrliches Zeugniß!“ rief ſie iigen, un wit 75 in ſiier ſ ſu üite ih 6 b Shüt, wäre At vi lun „Bür Lropfen aßt bi Eide, ſagüſt Suf ja w r 7 ſi Arwede ün, dem durch das Aufö ⸗ ren einer Beſoehniß bi andere um ſhwän is Heiz gefallen war. „Unß das ſeticht, 1 vitſetzt⸗ die Alte heiter; „e mir an, wo Di das Thier eingtſcharit.“ Steiteſchnitin dichütte, ctat mit einer tätnen Phit i der Hand wieder hetaus, wiche ſi be⸗ buſſin mit ihter Shhize eckte, damit dir Fi⸗ ut uch von einem 10 Stahtt des 1737 nuchdem ſe Awe und ängſüch n ob auch alle Gliedet des getödteten Shieres hin⸗ länglich mit Erde bedeckt waͤren, und der Sohn dies mit einem ſchlauen Blicke beſtätigt, winkte ſie ihm, daß er ferner ſchweigen ſollte, und lautlos gingen Beide zu der noch halb aufgewühlten und halb Guft hinter Hit hin.— 4 ———— Als Arwed mil Sem Fnhe die Stilte 6. zeichnet, trat er, wähtend die Mutter ſtill hin⸗ ktien, nter iſin Mürmln“ die bifnmte uh S ven in ti Swe 6 Lrcſe biet ſo uünüß n wutden, mit Neid utis Beben betrachtend, ſinn er nur därauf⸗ wie er' ſch einer ihnchen Ani be⸗ můchtgen könte. 6 „Nei Fiſc iſt zwar 4 Setru nicht tobt,“ murmelte er bei ſc,„um ſo wil⸗ iget kini es die Säfte wieder einſaugen, die jenem zum Gifte, uns dir Mutter zum Veider⸗ ben welden können; i habe keine Futiht vor meltein eigenen Blut, ünd weide den Frei wieder gut machen.“ Jiteſn war die Mutter fertig gutbten, und ging, von Arwed beglite, wieder in die Hütte, wo ſi die Phile auf ein Brett neben mehreren Gläſern hinſtlte, doch merkte Atwed ſich die Stillt genau; dann trät ſie in die offene Hüttenthüte, legte die Hand flaͤch uber das Aüge viß tinen 8 Fine der ſ 2 3 S der Ebene zu aus dem dunkeln Tannenwald herunterſchlängelte. „Die Sonng iſt im Aufchen⸗ ſ i 5 ſich hin,„Sie muß bald hier ſeyn“ „Wer Mutter?“ fragte Arwed neugierig; denn nur bei hochſt ſeltenen Gelegenheiten nahm Guri* zu der Stunde, wo Tag mit Nacht, oder Nacht mit Tag wechſelte, Beſuch in der Hütte an. „Die zweite Lebendige,“ erwiederte ſie ruhig, „deren Blut in jenem Cryſtall ſchwimmt.“ „Wie 7 rief Arwed erſtaunt!“ das Fräulein wird hieher kommen, wird den harten Felſenweg betreten, ſie, der die weich beſtreuten Gänge ih⸗ res ſonnigen Gartens nicht weich genug ſind! und dazu haſt Du ſie uͤberreden können! Mut⸗ ter?“ 3 „Das zu thun, wuͤrde ich nich woht hůten,⸗ verſetzte ſie mit ſchlauem Lächeln!„ich habe nur ihre Wißbegierde erregt. Wenn aus ihr etwas werden ſoll, wird die Sehnſucht jene zur That entflammenz denn noch ſchlummern die Leiden⸗ ſchaften tief in der Bruſt, welche Liebe noch nicht beruͤhrt hat; aber ich kenne den Feuerſtein, der dem Stahle des kälteſten weiblichen Herzens —— —— Funken abzuzwingen vermag!— Das vorherbe⸗ dachte Werk dieſer Nacht habe ich in ein ande⸗ res verwandelt.“ „Iſt's möglich? Mutter! Nun?“ fragte der neugierige Sohn, denn er bemerkte die innere Zufriedenheit der Alten, und wußte wohl, daß eer nur in ſolchen Augenblicken Geheimniſſe 5 ihr ablocken konnte.— „Ich habe einen harten S aber es iſt mir doch gelungen;“ nahm ſie das Wort wieder:„ich habe es immer gewußt und geſagt, daß ſie zu großen Dingen geboren ſey! Ich ₰ kenne zwar ihre Herkunft, aber wie dürfte ich 3 ſchwaches, geringes Weib ein Geheimniß luften, das die, welche ſeine innere Faͤden beſſer kennen als ich, noch in tiefes Dunkel hullen. Sie wollte nun, daß ich dasjenige, was ſie ſchon leiſe aus meinen vethuͤllten Worten geahnet, deut⸗ lich und klar ihr entwickeln ſollte. Sie draͤngte und drängte— aber nur eins in dem gefaͤhr⸗ lichen Geheimniſſe ſteht klar vor meinen Augen. Antwort mußte ich ihr geben, das fuͤhlte ich wohl, allein vor meinem Sinne war es tiefe Nacht, und die Blitze aus meinen Gedanken, II. 2 — — 18— die ſie durchfuhren, vermochten nicht ſie zum Tage zu machen.— Die Antwort gohr in mei⸗ nem Innern, doch wagte ich nicht in Worte ſie zu geſtalten; ich konnte nur auf die Geiſter bauen, ſie ſind aber eigenſinnig, und kommen nicht zu jeder Zeit. Da fiel mir dieſe Nacht ein, die gleich lang mit dem Tage iſt; da pflegen ſie gern willfährig zu ſeyn.— Ich wollte ſie in mein Sieb hineinblicken laſſen, und— doch das verſteh'ſt Du nicht.— Kurz ich verſprach mit bangem Herzen in dieſer Nacht zu ihr zu kom⸗ men. Ich hatte vollauf zu thun.— Der Aus⸗ ſpanner Olavſen liegt krank darnieder— ich ſah die Urſache der Krankheit ein, und es gelang mir die Bezauberung zu löſen; da ſchöpfte ich neuen Muth, obgleich ich, wie ſonſt, ſchon dar⸗ auf bedacht war, die Ungewißheit meiner Seele, ſie nicht erhellt werden ſollte, zu verſchlei⸗ ern.— Sodann, im Begriff zu ihr hinzueilen, kamen mir die Geiſter freiwillig und von außen zu Hülfe. Mir begegnete der Fremde. Er liebt ſie und an ihm gewahrte ich ein Zeichen, dem ich trauen darf.— Da wurde mir das Schwan⸗ ken und die Unruhe meiner Seele klar, und ich er⸗ 1 — 19— kannte, wozu ich beſtimmt bin.— Ich nahm mich zuſammen, uͤbergab den Fremden Dir und eilte mit Muth zu dem Fraͤulein.— Sie erwar⸗ tete mich mit Ungeduld.„Ho ho! Goldchen!“ begegnete ich ihren ungeſtuͤmen Fragen,„Du haſt mir ein Werk aufgetragen, das nicht leicht, und ſchwer zu verantworten iſt.“—„Das werde ich thun,“ rief ſie.—„Das muß ich ſelbſt!“ — ſagte ich ruhig, obgleich ich innerlich bebte, ich weiß nicht warum—„Du mußt mir nur das Werk leichter machen! um die wahre Quelle Deines Bluts zu erkennen, muß ich es pruͤfen.“— „Koͤnnt Ihr nur das Räthſel der Vergangenheit mir enthuͤllen,“ ſagte ſie heftig,„ſo prufet es wie Ihr wolltz ich gebe es gern darum!“—„Auch Deine Zukunft,“ ſagte ich mit Zuverſicht,„denn ſie entſpringt aus Jener; und Deinen Urſprung verraͤth ſchon der blendende Schnee dieſes weichen Armes“— ich ſtreichelte ihn liebkoſend, und druͤckte meinen Mund darauf—„„verhalte Dich nur ganz ſtill,“ flüſterte ich leiſe. Sie ließ mich gewähren und meine heißen Lippen zogen die feine Haut mit aller Gewalt an ſich. Es entſtand eine kleine Wunde; ich fuͤllte vor⸗ 2* ſichtig einen kleinen Schwamm mit wenigen Tro⸗ pfen und verbarg ihn heimlich; dann legte ich Heilkraut darauf, winkte ihr ein Lebewohl zu, und ſchickte mich an ſie zu verlaſſen. Sie hielt mich aber beſtuͤrzt zuruͤck, und wollte fragen, da legte ich ihr den Finger auf den Mund und ſagte: Bei mir muß das Werk vollbracht werden. Wirſt Du aber einſam und wortlos, ehe die Sonne das Dach beruͤhrt, in die Nacht meiner Hutte treten, ſo muß ich Dir Antwort geben, ob auch wider Willen! Dein Madchen kennt den Fußſteig, und ſelbſt unbegleitet kannſt Du ihn nicht verfehlen.—„Horch! horch!“ „Du biſt ein Teufelsweib, Mutter!“ rief Arwed ſich vor Freude die Haͤnde reibend⸗ „Eben weil ſie gewiß kommen wird,“ fuhr die Frau ſchlau laͤchelnd fort,„iſt der Fremde mir viel zu fruͤh erwacht— ich begreife es nicht, denn was ſollte ihn wohl gewaltſam aufgeſtoͤrt haben. Hm!— es iſt nun ein Mal ſo! doch es hut nichtz. Er wird wohl dafür ſorgen, daß ihre Augen ihn erblicken, und das treue Blut des Getödteten bindet genug.—“ „Ja, ja!“ ſtammelte der Sohn, und tief beklommen wiederholte er bei ſich:„des Getod⸗ teten? Wohlan! ich muß es wagen; vier Tropfen. ſind es ja! Mag dann die Gefahr uber mich kommen.“„Mutter!“ rief er auf ein Mal,„dort ſchimmert etwas Weißes zwiſchen den Föhren.—“ „So geheylege Dich ſchlafen Arwed!“ flüſterte die Frau eifrig:„geh! geh! Du haſt dieſe Nacht genug gewacht.“ Arwed gehorchte gern, denn es teuchtete i ein, daß er vielleicht ſchlau und behend einige einſame Augenblicke in der Hütte zu ſeinem Vor⸗ haben benutzen konnte, doch obgleich willens nach dem aͤrmlichen Lager ſich zu begeben, mußte ihm die Mutter doch mehrmals und zuletzt drohend zuwinken, ehe er ſich vollends zurückzog, denn die ſchone Geſtalt, die ſich allmählig der Huͤtte nahete, hatte er noch nie ſo nahe geſehen und auch nie früher den Zauberton ihrer holden Lip⸗ pen vernommen.— In einem weißen dicht an ſchleßenden Ge⸗ wand. Haupt und Schulter von einem gro⸗ ßen faltigen gruͤnen Shawl umwunden, ſchritt ulla eifrig uͤber die Ebene der Hutte zu.— um die von dem Tuche halbbedeckte Stirn ragten unter dieſem reiche goldgelbe Locken hervor, welche von den erſten Sonnenſtrahlen beſchienen, die durch die höchſten Tannengipfel noch ſparſam auf die Ebene herabſanken, in rothlicher Farbe ſpiel⸗ ten, und erhoben wunderbar das blendendweiße Antlitz, auf deſſen Wangen die Roſenfuͤlle der Geſundheit geſtrahlt haben wuͤrde, wenn nicht die friſche Bluͤthe mit dem Morgennebel haͤtte kampfen muͤſſen, und die unruhig durchwachte Nacht ſchon beſiegt geweſen waͤre, die matt⸗ blauen Augen, die duͤſter auf die Erde geheftet waren, verriethen noch die Spuren derſelben; jedoch wuͤrde man ohne Bedenken dieſe zier⸗ liche und zugleich majeſtätiſche Figur füͤr die ernſte, doch jugendliche Dryas des nordiſchen Tannenwaldes genommen haben, wenn nicht der unſichere, etwas ſchwankende Gang, der in kleine ſpitzige Modeſchuhe eingezwaͤngten Fuße, ihre irdiſche Herkunft verrathen. Erſt wenig Schritte von der begrüßenden Finnfrau ſchien ſie leicht erblaſſend dieſe gewahr zu werden, doch trat ſie, ſich ermunternd, ihr raſch entgegen, reichte ihr die Hand, und ſagte mit matter Stimme:„Ihr — 23— ſeht, Mutter! ich komme, wie früch es auch ſeyn mag, denn die Hutte liegt noch vollig im Dunkel! Nun werdet und müſſet Ir mir ſh Rede ſtehen.“ „Ich will und thue es gern,“ erwiederte die Alte freundlich, während ſie, ohne die dargereichte etwas zitternde Hand fahren zu laſſen, das Maͤd⸗ chen auf einen großen mit Moos belegten Stein leiſe niederzog,„aber ruhe zuerſt aus, damit das Gleichgewicht an Leib und Seele wieder herge⸗ ſtellt wird. Du haſt noch nichts genoſſen, und die rauhe Morgenluft wirkt laͤhmend auf dies zarte Gewebe. Allein Mutter Guri hat Dich erwartet und Dir ſchon einen köſtlichen S trank bereitet.“ Mit dieſen Worten eilte ſie ſchnell in die Huͤtte, und zog aus dem dunkelſten Winkel der⸗ ſelben einen kleinen, in weißen reinlichen Linnen vielfach eingewickelten goldenen Becher; entblößte ihn, und naͤherte ſich dem Brette, um die cry⸗ ſtallene Phiole herunter zu nehmenz vergebens aber ſuchte ſie dieſe unter den übrigen, obgleich der Schein des noch immer flammenden Herdes, durch die dunnen Rauchwolken, welche die Hütte füllten, dieſe kleine Sammlung von Gläſern und, Päckchen grell und genug beleuchtete.— Hochſt beſtuͤrzt fing ſie ſchon an zu zittern und zauber⸗ bezähmende Worte hervorzumurmeln— da legte plotzlich Arwed die Hand auf ihre Schulter und ihr die Phiole vor die Augen haltend, fragte er mit widriger Freundlichkeit:„Suchſt Du vielleicht dieſe, Mutter“2 „Unſeliger!“ rief ſie heftig, indem ſie erfreut und zugleich entſetzt ſie ihm aus der Hand riß: „was haſt Du damit gethan?— „Nur beſchaut, Mutterchen!“ entgegnete er ſchnell:„Das Bergglas funkelte ſo lockend in dem Scheine der Flamme!— ich mußte we⸗ nigſtens das dunkle, ſuͤße Getranke in der beſehen!. Die Alte zitterte heftig, doch bezwang ſie ſich und ſagte dumpf;„Geh! lege Dich ſchla⸗ fen! wir ſprechen uns nachher.“— Sie zeigte gebietetiſch mit dem Finger auf das Lager, biß die Lippen ſo heftig zuſammen, daß das Blut in dieſen zuſamnmenlief— goß aber ſchnell, als ſchuttelte ſie einen ſchreckhaften Traum ab, den fließenden Inhalt in den Becher, zog den Mund wieder zum Lächeln, und trat faſt unbemerkt vor das aͤngſtlich harrende Mädchen, das wieder in tiefes Sinnen geſunken war. Mit der linken Hand faßte die Alte ſu. leiſe unter das Kinn, und den Becher ihr hinhaltend fluͤſterte ſie:„Empfange Herrin den köſtlichen Trank aus dem Köſtlichſten, das ich beſitze; Deine Lippen ſind die erſten, die innerhalb der langen Zeit, in der es in meinem Gewahrſam geweſen, dies edle Metall beruͤhren werden.“ Ulla heftete ihr blaues Auge mit lebhafter Ver⸗ wundrung auf den dargereichten Becher. Er ſchien vom feinſten Golde zu ſeyn, mit zierlicher, erha⸗ bener Arbeit und vielfarbigen Steinen geſchmuͤckt, von einer Vollendung, und fremdartigem Ge⸗ ſchmacke, die ihr noch nicht vorgekommen waren⸗ Die Spitze ruhete auf einem Fuße von Bergery⸗ ſtall, welchen die Alte zierlich umfaßt hielt. Die Graͤfin ergriff den Becher ſchnell, hob ihn in die Hoͤhe und rief, wäͤhrend ſie ihn mit Reugierde betrachtete:„In der That, ein ſeltenes Kleinod, das in Euren, Haͤnden Mutter, allerdings Erſtaunen erregt. Verzeiht mir die Frage: wie iſt ein ſolcher Schatz der Eurige geworden?“ „Er iſt,“ ſagte die Alte nach einigem Beden⸗ ken,„ein Erbſtuͤck von meiner Mutter.“ „Und wißt Ihr nicht, woher ſie es hatte?“ „Von der Großmutter, Herrin! und fragſt Du noch weiter, wurdeſt Du doch noch immer horen: von ihrer Mutter. Es iſt ein altes Heiligthum, das ſich in unſerm Geſchlechte lange fortgeerbt hat. Die Ur⸗, Ur⸗, Urgroßmutter ſoll es von einem maͤchtigen Könige einſt bekommen haben, dem ſie ein heilſames Getränk gereicht, doch gewiß nicht heilſamer als dasjenige, das ich jetzt Deinen pen darreiche. 44 „Das Getränk,“ erwiederte Ulla, die Blick davon nicht abgewendet hatte,„duftet mir betäubend entgegen und iſt dunkel wie Blut, ich weiß nicht warum, aber es ſchaudert mich davor.“ „Das macht die ungewohnliche Stunde, die Du nuͤchtern im Freien zubringſt. Ei, Gold⸗ chen!“ verſetzte die Alte mit ſeltſamen Lächeln, „mißtrauiſch biſt Du doch nicht gegen die, die Dir in Liebe zugethan iſt, und an Deiner Wiege ſtand, Grafin Ulla, als Du mit einem gewich⸗ tigern Namen genannt wurdeſt, der mir noch er⸗ * — 27— innerlich iſt, obgleich der n meinem S niſſe längſt entfallen war.“ „Mit einem gewichtigeren Namen, NMutter?“ fragte die Graͤfin mit flammender Rothe. „Darum trinke getroſt, Herrin!“ entgegnete die Alte ſchnell,„und vertraue der, die ſich freuet, daß Deine Zukunft Deine Geburt nicht beſchaͤ⸗ men wird.“ Ulla ſah die Finnftau gun an, trank den Becher kuͤhn in einem einzigen langen Zuge aus, faßte ſich dann ſchnell und feſt mit der Linken an's Herz, waͤhrend die Alte den Becher 8 matt hin⸗ abgleitenden Rechten entwand. In dieſem Augen⸗ blicke war es, als bluͤheten alle holden Roſen der Geſundheit auf ihren Wangen wieder auf; ein ſanftes Feuer erfuͤllte ihr Herz, und verbreitete ſich durch alle Adern bis in die Fingerſpitzen⸗ Wie von einer nie gekannten Empfindung beſiegt ſtand ſie in ſtummer Betäubung da; ihr Mund lächelte unwillkuhrlich, ihre Lippen ſpalteten ſich leiſe, und hauchten, ihrer unbewußt, einen leiſen Seufzer aus, waͤhrend die Augen von neuen ſie verdunkelnden Strahlen belebt, wie traumeriſch in die Ferne hinſtarrtens doch ſchnell ermannte ſie ſich wieder, ergriff die Hand der Alten und ſagte herriſch:„Ihr habt mir Feuer in's Herz gegoſſen, Mutter! und meinen Muth erhöht. Entdeckt mir denn das Geheimniß meiner Geburt, damit ich wiſſe, was von 5— hufen habe.“ „Nicht meine en die gc verſetzte die ſchlaue Frau,„darf erſt Deine Geburt ekhellen, um den eignen Glanz dadurch zu vermehrens doch wage ich ſchweigend“ fuhr ſie fort, waͤhrend ſie niederkniend einen ehrerbietigen Kuß auf den nied⸗ lichen Fuß druͤckte,„mit den Lippen das hohe Blut zu begruͤßen, das Dir in dem Fuße wie in dem Herzen ſtroömt, denn wenn es dereinſt er⸗ kannt wird, wuͤrde ich es nicht wagen, und es mir auch nicht erlaubt werden Dir ſo nahe zu kommen.“ „Alſo doch!—“ rief die Gräſin mit ſtolzer Freude, doch bezwang ſie ſich ſogleich wieder, und fragte ruhig:„Womit könnt Ihr verburgen, daß etwas an dem iſt?“ „Einer wird Dir bald begegnen,“ h die Alte, ſich langſam erhebend,„der mit ſeiner rech⸗ ten Hand Dir zugleich das Zeichen Deiner und ſeiner Zukunft reichen wird, ob es ſich auch noch Deinen Blicken verbirgt.“ „Viele reichen mir ſchon lange Haͤnde und Namen entgegen,“ erwiederte Ulla,„woran ſoll ich denn die rechte Hand erkennen, wenn das Zeichen ſich verbirgt?“ „An Deinem Herzen, das dem ſeinigen ent⸗ gegenſchlagen wird.“ „Ich zweifle Mutter,“ fuhr die Graͤfin etwas kalt und ſpottiſch läͤchelnd fort,„mir ſind viele junge Leute begegnet, die edelſten des Landes, die ſchonſten und feinſten unter den edelſten. Mein Herz iſt bei ihrem Anblicke ruhig geblieben, und doch liebt es, liebt ruhig und ernſt, was ihm höher als ein menſchliches Herz erſcheint, weil es Alle umfaßt und ſich uͤber Alle emporſchwingt.“ „Eben darum,“ lächeite die kluge Frau, „wird derjenige, den ich meine, ſich es erringen, denn das Höhere liegt in in ſeiner Hand, und das Zeichen in der Nähe derſelben, wenn er die Rechte kruͤmmt, und die langen Finger gegen die Pulsader hinabbeugt, dann wird die Spitze der⸗ ſelben drei kleine Kronen beruͤhren, die blau wie — 30— die Ader, nicht unfern des Pulſes uͤber n ruhn.“ „Mutter, Ihr träumt!“ rief Ulla pcht be⸗ ſturzt, ſelbſt vor dem kuͤhnen Gedanken erbebend, der wie ein Blitz ihren Sinn durchfuhr. „Ich rede die Wahrheit, die ich erkannt und geprüft,“ lautete die Antwort,„ich habe den Kronentrager noch dieſe Nacht geſehen und ge⸗ ſprochen.“ „In dieſer Gegend?“ rief Ulla nnt. „Auf dieſer naͤmlichen Stelle; ich habe ihn ſogleich erkannt, und ſeine Gegenwart geſegnet.“ „So nenne mir ſeinen— damit 6 ihn auch erkenne.“ „Ich frage nie nach dergleichen, denn ich kann ſie ſo nicht behalten, ſey aber ruhig, ſün Herz wird ihn Dir bald in den Weg führen“ „Ihr berichtet Unglaubliches, und mißbrau⸗ chet meine Geduld. Ich weiß, Ihr meint es ehrlich mit mir, aber wer verbuͤrgt mir, daß Ihr nicht von den Träumen Eures gäͤhrenden Gehirns hingeriſſen, auch mich wider Euren Willen irre keitet.“ — 3 ₰ „Doch, doch!“ rief die Alte,„obgleich das Zeichen, das Dir jeden Zweifel benommen haben wuͤrde, entſchlupft iſt, ſo habe ich doch noch ein anderes, an dem ſich die Wahrheit bewaͤhren wird.“ Schnell zog ſie mit dieſen Worten das halb zerriſſene Tuch aus dem Buſen, reichte es ihr mit zuverſichtlichem Lächeln hin, während ſie hinzufuͤgte:„hebe es auf, der Eigenthuͤmer deſ⸗ ſelben wird nicht ausbleiben! vielleicht entdeckſt Du ſogar ein Merkmal daran, das Du beſſer verſtehen wirſt als ich, die ich nur wenig die Sitten und Gebraͤuche der Vornehmen kenne.“ Nicht ohne Zittern ergriff die Graͤfin daſſelbe, und es genau unterſuchend, entdeckten ſich in einem Sipfel des weißen Tuches weißgeſtickt die ſtaben G. S. „G. S.!“ wiederholte ſie laut,„traͤume ich oder— ja in der That, hoͤchſt ſonderbar. Ja, Mutter, ich muß Euch glauben! erkennt Ihr vielleicht den rechten Namen, wenn ich Euch zwei nenne, die mit denſelben Buchſtaben an⸗ fangen?“ „Nenne mir keine, denn auf ſolche merke ich nicht.— Wozu brauchſt Du auch meine Worte,“ fuhr die Alte faſt zornig fort,„wenn das Tuch ſchon geſprochen— hebe es nur im⸗ mer auf.“ „Es iſt zerriſſen und blutig!“ ſiel die Gräfin nachdenkend ein.„Kann das Zertiſſene auch von guter Vorbedeutung ſeyn? Ich muß Euch geſte⸗ hen, Mutter, ich bin mit ſchwerem Herzen hieher gegangen. Ich habe dieſe Nacht nur wenig Augenblicke die Augen geſchloſſen, und während der Zeit ſchwebte mir ein Traum erſchreckend vor, den ich nicht aus dem Sinne ſchlagen kann⸗ Was haltet Ihr von Träumen?“ „Es kommt darauf an, von welcher Art ſie ſindz laß mich den Deinen hören.“ „Ihr wißt ſicher,“ fuhr die Gräſin fort, „das ich einen ſchoͤnen jungen Pudel mit mir nach Hauſe gebracht hatte. Ich bekam ihn von einer Freundin, und er war mir wegen der ſelte⸗ nen Schönheit recht lieb, da entdeckte ich plotz⸗ lich einen korperlichen Fehler an ihm; da nun dergleichen mir widerlich und eckel ſind, befahl ich in meinem Unmuthe einem Diener, das Thier ſogleich zu ertränken, denn ich mochte es nicht länger um mich ſehen, und es war mir, als — 33— warnte mich eine innere Stimme es fremden Haͤn⸗ den zu übergeben.— Ich habe ſeitdem nicht an das Thier gedacht.— Dieſe Nacht träumte mir aber, daß ich gefährlich krank darnieder läge; ein Ge⸗ ſchwür in der linken Bruſt, ja im Herzen ſelbſt, ſchmerzte mich ſehr. Die Aerzte wußten mich nicht zu heilen, und es dünkte mich, als ver⸗ mochte ſelbſt der Tod nicht den Schmerz zu ſtillenz nur ein unförmlicher Schatten, der mich immer umſchwebte/ konnte dieſem einige Linderung geben, doch wurde dieſe bald wieder von unſäglichen Aengſten, die noch ärger als der Schmerz mich quälten, verdrängt. Da herſchien plötzlich das Thier. Es warf ſich, obgleich ich mit beiden Händen abwehrte, liebkoſend über das Geſchwür und lckte den Eiter heraus, und mit ihm die Schmerzen. Ich unterlag einer lindernden Be⸗ täubung; da nahete ſich plötzlich das Schatten⸗ vild wieder, und verkörperte ſich, indem ich meine Gedanken darauf heftete, immer mehr; endlich gewahrte ich ein Meſſer in ſeiner Hand, womit es das Geſchwur öffnen wollte⸗ Es entſetzte ſich aber bei dem Anblicke des Hundes, und ſtieß ihn raſch mit dem Meſſet durch, aber das Meſſer II. 3 — 34— fuhr durch den Hund und das Geſchwuͤr mitten in's Hetz hinein— Da war es mir, als ſtrömte deſſen Blur woͤhlthuens heraus, und meine Thrä⸗ nen fielen auf das ſterbende Thier, aber ſeine treuen Augen verwandelten ſich in die Augen der Freundin, von der ich es bekommen, und mit dieſen Augen ſtatrte es mich ſo ſcharf an, paß alle Lebenskraft in meinem Herzen verdorrete, während die weiße Wolle des Thieres zu einem Leichentuche wurde, das den verkörperten Schat⸗ ten meiner Gedanken werhuͤllte. Es zuckte um das Geſchwür, als ſchmerze es auch, doch em⸗ Ppfand ich keinen Schmetz; denn das Herz war durchbohrt und todt und ich erwachte.— Nun niſt es mit, als könne das Loben dieſes Thiers réitiſt das meinige erretten— ich gäbe vieles däruf) daß ich es wieder hätte⸗“ ,Denke nicht daran!/“ rief die Alte finſter und dumpf.„Das Todte kömmt nicht wieder⸗“ Das weiß ich zwar, aber auch was ich mede⸗ Ich bereuete damals bald mein raſches Gebot. Der Diener, der dies merkte, geſtand mir, daß der Pudel noch am Leben und in Euten Händen ſeys mein Unmuth war verraucht, S 35— und ich ſchwieg, weil. Ihr ſchon mein Zutrauen gewonnen, und das Thier mir ſeitdem nie vor die Augen geommen!— Iſt es ſo wie ich ſage?“ n „Warum ſol ich es leugnen! Das Shier war immer bei meinem Sohne, den Du nicht kenneſt, Sie waren beide ein Leib und eine Seele; daher durfte er nuch nach meinen Gebot die Weg nicht betreten, wo er befürchten Snu Dir zu. begtgnen.“— Sn „und doch Mutter, da es nun ein Mal — dieſer Traum macht mir das Thier lieb und theuerz. ich mochte gern meinen wieder paben.“ „Schild! hieß es ſe? Nun wir za es anders genannt, glaube ich— aber gelogen habe ich nicht, der Hund iſt W todzl „Wie?“ 3 5 „Ruhig, ruhig! Gahn Der Traum iſt ſchon in Erfüllung gegangen.— Treue wird der Wunde Deines Herzens wohlthun! Glaube nur ohne weiter zu fragen: ſein Tod wird Dir zum Heil werden.— Es koömmt alles auf die rechte Deutung an, ſo auch der Riß im Tuche.— Eryůt es ſelbſt zertiſſen, weil ſein voriges X Leben, von dieſet Nacht an, zerriſſen hinter ihm liegt— und mit feinem Herzblut hät er ſich dem neuen verbunden. Die letztverfloſſenen Stunden haben Euch Beide neu geboren. Fräulein! mit dleſem Tuche, das Deins Wotte mir faſt wider Willen inttiſfen, haſt Du mir den Mund ver⸗ ſhloffen, und ws geſchchen wſib, üegt von nun an in Deiſet Bruſt und in Deiner Band. Die Sonne ſendet ſchon Lichtpfeile auf mein Dachs eile ʒurück⸗ wenn Sün Gaiß⸗ hieher nicht euldeckt wirden foll!— wenn die rechte Zeit kömmt, wird Deine Geburt it wer⸗ den.“— odt Und Du würbig telohnt.“ ulla drückte der Alten die Hand, und raſchen Schiüttes eilte ſie wie beflügelt zurück, ſtolzer aiferichtet als fruͤher, nur den Kopf ein wenig gebogen— die leuchtenden Blicke ſtarr, faſt unbeweglich, vor ſich hingerichtet, als wären ihre Flammen ein Wiederſchein nur des inneren Geſichts, das indeſſen bloß mit der Zukunft beſchäftigt, der Gegenwart wie abg eſtorben war.— Die Finnfrau ſah ihr lange froh und laͤchelnd nach.„Gott ſey gelobt,“ murmelte ſie leiſe: „das Werk iſt gluͤcklich vollbracht, ſo wie das Herz mich dazu antrieb und die Geiſter mir es in's Ohr ſagten. Auch ſie wird ihr Gluck errei⸗ chen, und wird nicht undankbar ſeyn.— Das Geſchick hat gewaltet, und das vor mehr als zwanzig Jahren eingetretene Verſehen bundig und kraͤftig ausgeglichen.— Es iſt heute Sonntag, nun will ich in die Kirche gehen und beten.“ Kaum aber richtete ſich ihr Blick wieder auf die Huͤtte, als es ihr wie ein ſcharfes Meſſer durch's Herz fuhr.— An den Thuͤrpfoſten ge⸗ lehnt, den halben Koͤrper innerhalb der Hütte verſteckt, den obern Theil des Leibes und den Kopf weit hervorgebogen, ſtarrte Arwed mit trun⸗ kenen Blicken der ſchwindenden Geſtalt des rei⸗ zenden Mädchens nach. Die Mutter ſturzte auf ihn hin, W in eilig mit beiden Haͤnden zuruͤck, folgte ihm ſchnell in die Huͤtte, und ihren langen Wanderſtab er⸗ greifend trat ſie drohend vor ihn hin. „Nun ſollſt Du mir die Wahrheit bekennen Böſewicht 1“ rief ſie,„was haſt Du mit dem Jranke gemacht?“ „Du haſt es gehört!“ gab er kühn, obgleich im Innern bebend, zur Antwort.„Es zog mich ihn herunterzunehmen und das dreifache dunkle Feuer gegen die Flammen zu betrachten.“— „Du nannteſt ihn vorher ſuͤß? woher weißt Du, daß er es iſt?“ „Ich habe Euch ja von Blumenthau und Meth für den Geſchmack ſingen hören!“ „Und Du haſt ihn wirklich nicht gekoſtet?“ fuhr ſie etwas ruhiger fort;„haſt Du auch eine Unwahrheit geſagt, ſo bekenne es, ehe ſie zur Lüge wächſt, denn die Luͤge iſt der Anfang aller Greuel und Verbrechen.“— „Wo denkſt Du hin, Mutter!“ rief Arwed ausweichend,„die vier Tropfen, von denen Du ſagteſt, daß ſie mit dem eigenen Fleiſche wieder vermiſcht, den gährenden Kräften des viehiſchen Blutes alles Unheil benäͤhmen und den Trank unſchädlich machten— haben mich beſonnen und behutſam gemacht.— Glaube mir, die zur Be⸗ ſaͤnftigung des Zaubers vergoſſenen Tropfen abge⸗ rechnet, iſt das Getrank ganz ſo, wie Du es bereitet.— Hm! was wuͤrdeſt Du wohl 2 haben, wenn ich es gekoſtet hätte?“ —— — 39— „Wennl“— wiederholte ſie, mit immer ſteigen? der Heftigkeit fortfahrend—„wenn! dann haͤtte ich Dich mit dieſem Stabe zu Boden geſchlagen, und mit dem breiten Meſſer Dein Herzblut ge⸗ ſucht!— und haͤtte auch der Anblick des erſten Tropfens meinen Zorn gekuͤhlt, und dem muͤt⸗ terlichen Gefühle neue Gewalt vergonntz hätte ich auch nach Weiberart den Eiter Deiner Wunde ausgeſogen, und mit Thraͤnen Deiner Schwäche geflegt: ſo hätte doch die Vernunft, wäre es beſſer mit Dir geworden, den Grimm in mip aufs Neue erregt, und wenn Du wieder— in die friſche Luft herausgetreten, würde ich wü⸗ thend Dich in den erſten Bach geſtuͤrzt haben; mit beiden Fuͤßen wäre ich Dir auf den Nacken geſprungen; und haͤtte des Sohnes Wimmern unter meinen Fuͤßen das“ Mitleid bei mir wie⸗ der rege gemacht, haͤtten meine Augen die auf⸗ ſteigenden Blaſen, welche Dein Todesroͤcheln bes zeichneten, nicht aushalten können, und ich Dich aus liebender Gewohnheit wieder heraufgezogen⸗ würden doch aufs Neue mein Zorn und meine Pflicht geſiegt haben, wenn ich Dich nach Hauſe gebracht. Ich hätte Dich an Dein Lager feſt⸗ — 40— gebunden, die Hütte verlaſſen und ſie rücklings angeſteckt. Und wären dann die Flammen hoch emporgelodert, hätte ich mit meinen Naͤgeln ein Loch in die Erde gegraben, und den Kopf hin⸗ ein ewühlt, um das Praſſeln der Flammen, und das Jammergeſchrei des Erſtickenden nicht zu vernehmen, denn nur mit Deinem Tode hätte dem daraus entſtehenden Greuel— wer⸗ den können! 1½. Arwed ſtand erblaßt und und als ihr flammenſpruͤhender Blick dem ſeinen begeg⸗ nete, ſank dieſer verſtört zu Boden. Sie be⸗ merkte es, ſchauderte zuſammen, und fuhr auf ihn los, mit beiden Händen ſeine beiden Arme ergreifend. „Du haſt den Trank gekoſtet!“ f ſ ſie S ſich.„Gieb Antwort, aber Wahrheit, Wahr⸗ heit, damit den Höllenmaͤchten begegnet werden könne?“— „Ja!“ ſtotterte Arwed, noch tiefer erblaſ⸗ ſend,„ich mußte wohl!“ „Warum? Ungethuͤm! warum?— „Ich mußte wohl!“ fuhr er tonlos fort,„um mein eignes Fleiſch und Blut ohnmaͤchtig zu — 41— machen, denn das ſchwimmt nun, ſtatt desjeni⸗ gen vom Vierbeinigten, in den Adern des leins.“— 1. Das Weib hörte u nicht zu Ende; 69 wildem Ausbruche der Verzweiflung, der ſich als unartikulirtes Geſchrei äußerte, ergriff ſie ihren ſchweren Stab mit beiden Haͤnden, und holte aus um dem beſtuͤrzten Arwed den Kopf zu zer⸗ ſchmettern; doch dieſer faßte ſich ſchnell, unter⸗ lief den Arm der Mutter, und ſuchte das Fu im vollen Laufe⸗ ite Aber dieſe faſt zu einer Furie amhut, oder wie ein wildes Thier, das ſein Leben bedroht ſicht, drehte ſchnell die wilden ſtieren Blicke zu allen Seiten herum, ergriff ein ſchweres Beil, auf das ihr Blick fiel, und ſchleuderte es mit aller Kraft ihres Armes dem Fluͤchtenden nach.— Arwed, der ſich im Fliehen immer umſah, bemerkte kaum die ihn bedrohende Gefahr, als der Schrecken ſeine Fuͤße läͤhmte, und ihn ſo beinahe zum Opfer der Wuth ſeiner Mutter gemacht hätte, denn das Beil ſchien im Herun⸗ terſinken ſeinen Kopf zu beruͤhren und ſiel S hinter ihm nieder. — 42— In dieſem Augenblicke ſtürzte die Mutter, die ihn getroffen zu haben wähnte, von innerem Entſetzen uͤberwältigt, mit gellendem Geſchtei zu Boden. Arwed, der ſich der Gefahr entzogen fuhlte, faßte ſich wieder ſchnell, eilte zu der nie⸗ dergeſunkenen Frau hin, umfaßte ſie in heftiger Bewegung, und während er ſie aufzuheben ſtrebte, fluͤſterte er:„Sey ohne Furcht, Mutter: meine Nähe ſoll Dir, ſoll Niemand Ungluͤck brin⸗ gen. Mit der Scharfe des Beiles haſt Du die Bande, die uns aneinandergeknuͤpft, durchſchnit⸗ ten;— ich bin frei und iedig, und S ehl mich nie wieder⸗ Als er bemerkte, daß ſie allein e hen konnte, ließ er ſie los, und mit beiden Händen das Geſicht bedeckend floh er heulend in den Wald.* Guri ſtarrte ihm lange ſchweigend mit ſtie⸗ ren Blicken nach, dann ſchlug ſie ſich mit ge⸗ ballter Fauſt heftig vor die Bruſt, und verſank in tiefes Sinnen; nur die krampfhaften Bewe⸗ gungen ihrer finſtern Zuͤge waͤhrend deſſelben, verriethen ihren inneren Kampf.— Endlich ath⸗ mete ſie ſchwer auf, zerriß auf ein Mal mit einein hewaltigen Ruck ihr zierliches Sonn⸗ tagskleid, das ſie zu den ſeierlichen Myſterien der berwichenen Nacht angezogen hatte, warf die Fetzen weit von ſich, und eilte ſo in dem alten und zerriſſenen Unterkleide, das den Körper nur nothdurftig bedeckte, wie mit Sturmeseile in die Hütte-ſtellte ſich einige Augenblicke ſinnend vor den Herd, ergriff dann mit Heftigkeit den klei⸗ nen goldenen Becher, verbarg ihn ohne ihn ein⸗ zuwickeln in ihren Buſen, nahm darauf einen großen lodernden Brand, ging langſam zu dem Eingange zurück, wo ſie ſich ſchmerzlich an den Thuͤrpfoſten lehnte, während? den andern Arm hinter ſich, mit dem Brande in der Hand, in die Huͤtte hineinbrachte, und die Waͤnde von duͤr⸗ rem Rohre anſteckte.— Es dauerte nur wenige Augenblicke, bis die Flammen praſſelnd in die Höhe ſchlugen.— Erſt als ſie die Hitze ver⸗ ſpurte, ging ſie, ohne ſich umzukehren, ohne einen Blick hinter ſich zu werfen, langſam in den Wald hinein, einem Fußſteig folgend, der nach einer entgegengeſetzten Richtung führte, als die war, nach welcher Arwed ſich gewandt hatte.— — 44— Vergebens erwarteten die Bewohner der Aus⸗ ſpannung, und deren ſich beſſer fuͤhlender Wirth ihren Beſuch.— Als ſie gar zu lange ausblieb, wurde nach ihrer Huͤtte geſchickt, von der man nichts, als nur die Spuren des noch uͤbel⸗ riechenden Brandes vorfand. Weder ſie noch Arwed wurden in dieſen Gegenden jemals wieder geſehen. Beß hatten die uſtn die Hauptſtadt Guſtab ſtieg gegen Wittag in ſi nem Hauſtäb, wo ihn weitläuftige Vewandte, und mehrere hůtete Ju⸗ genvfteundt aus ſeinth Pahenſahten mit uberſtell⸗ ter Freüdt empſingen. Aruttenite ſich von ihin mit einem fiſen ftumnpfheſten Hünbebruck ti einem Stüßz. f i Die Umarmungen aller ſeiner liebſten Zut⸗ ttinntungin vermochten den finſteren Schatten, der ſich um das Leben des einzlgen Freundes ſeiner reiferen Jahre gelegt, nicht ganz aus Guſtav's Gedanken zu verſcheuchen. Faſt alle Jugendgeführ⸗ ten, die der Tod nicht entriſſen, oder die durch Krankheit und Geſchaͤfte verhindert waren, ſah er rings umſich; nur ein Gegenſtand fehlte, der liebſte und theuerſte von allen, den kein anderes Hinder⸗ — ——. niß, ſo träumte erwenigſtens, als die ͤußere Conve⸗ nienz von ihm entfernt hielt, den Koͤnig, den er eben ſo wenig bei ſich zu ſehen erwarten konnte, als er ſelbſt mit ſtüͤrmiſcherEile ſich zu ihm hinbegeben durfte, und doch ſollte ſchon die zweite Stunde nach ſeiner An⸗ kunft an ſeine Großmuth und Vatergute mahnen⸗ Kaum konnte ſeine Ankunft bei Hofe ange⸗ zeigt ſeyn, als ſchon ein dienſtthuender Kammer⸗ junker ihm ein Paguet bfrbrachte welches die vollſtaͤndige Rückgabt der Lehngüter, von welchen er auf der Reiſe berits die Einkünfte genoſſen, und ſie Bevolmichtigung der Biſsnahnt der⸗ ſelhen, enthielt. Nicht die Sache ſelbſt, die ihm ſchon längſt perſprochen, nur die unerwartete Eile ſchmeichelte ſeinem Chrgeize und ntflammte ſein Herz; die theilnehmenden Freunde freueten ſich ſines Glücks, doch konnte ſein trunkenes Herz ſich nicht vewergen, daß mitunter in den Acußetungen derſelben die ſchlecht verhthit Erbit⸗ terung ſichtbar wurde, welche ſich eines großen Theils des Adels bemächtigt hatte, der mit der gegenwärtigen Lage des Vaterlandes unzuftieden war. Beinahe der ganze Tag veſchwand in einem traumartigen Taumel, bis endlich die * Sitte ihn gegen Abend der Einſamkeit wiedergab. Er benutzte die erſte einſame Stunde, um bei ſeinem Freunde Axel vorzufahren. Es war ſchon beſtimmt, daß er den nächſten Morgen ſeinem königlichen Wohlthaͤter aufwarten ſollte, und es duͤnkte ihm ſchicklich, jg ſogar dem Frynds nüt⸗ lich, wenn Beide, die eine ſo lange Reiſe gemeinſam gemacht, ſich auch gemeinſchaftlich dem Beherrſcher ihres Vaterlandes darſtellten, um ſo mehr da⸗ ruͤckſichtlich der bekannten Verhältniſſe des Vaters zum Koͤnige, jedem Schritte des Sohnes leicht Nebenabſichten, die ihm nie in den Sinn Fi men, untergelegt werden konnten Bloß ein Mal, eben in der Stunde, wo oße beide gemeinſam die Reſidenz vrlaſſen, um die Reiſe anzutreten, hatte Guſtav das Haus des Generals beſucht. Nur eine höchſt flüchtige, bei⸗ nahe verwiſchte Erinnerung von dieſem Brſuche war ſeinem Gedächtniſſe geblieben. Axel war bei jeder Ruͤckerinnerung an ſeine Familie immr in einen ſo finſtern Trübſinn geſunken, daß Gu⸗ ſtav ſich ſtets in Acht genommen hatte, eine Saite zu berühren, die nicht allein die Seele ſeines während der Reiſe ihm ſo theuer gewor⸗ — 48— denen Freundes ſchmerzlich durchzitterte, ſondern hch bazu veitragen konnte, ihn in den oft ge⸗ nug wiederkehrenden Streit uͤber die Geſinnungen des Königs zu verwickeln, dem er gern aus dem Wege gingz auch ſchrieb er dieſen Geſinnungen, die ſich ſehr unguͤnſtig gegen die Familie ſeines Freunbes geußert, den finſtern Unmuth zu, der innechalb der Waͤnde ihres Hauſes, ſelbſt in den wenigen Momenten, die er in demſelben zuge⸗ Ppracht, ihn ſo tief verſtimmt hatte. Daher kanhte er zwar das Herz und Gemüth des Freun⸗ des genau, allein ſeine Familie und deren nähete Verhältniſſe waren ihm beinahe ganz unbekanntz ſelbſt in dieſem Augenblicke, als ſein Wagen in den lten, ſchlecht echellten, faſt öden Thorweg einfuhr, fühlte er ſein Herz von einer befremden⸗ den Beklommenheit eingeengt. 5 Et fand den Freund in einem großen Sim⸗ mer, aus dem ein unangenehmer Strom lang' eingeſperrter Luft ihm entgegenwehete, einſam in der Ecke eines großen altmodiſchen Kanapee's hingeworfen, in tiefen Gedanken. Axel bemerkte ihn nicht ein Mal ſogleich, als er unangemeldet zu ihm hereinttat. Guſtav ſtellte ſich ſchweigend — — — 49— dicht vor ihn hin, da erſt fuhr er leicht zuſam⸗ men, reichte dem Freunde die Hand, und zog ihn freundlich an ſeine Seite nieder. „So habe ich,“ ſagte er,„alb bitter, halb wehmuͤthig den ganzen Tag träumend zugebracht. Das laute Jauchzen, welches Deinen Einzug begrußte, habe ich mir, zwar ohne Neid, jedoch mit einigem Unmuthe, hier in dieſer Oede zuruͤck⸗ gerufen. Du haſt keine Eltern und Geſchwiſterz ich dagegen, der ich noch ſehr nahe Anverwandte beſitze, ſinde meine Familie, wie immer, auf dem Lande, und ſelbſt den Vater nicht in der Stadt; doch wußte er recht gut, daß heute der Sohn eintreffen wuͤrde, und hat Befehle zu meinem Empfange hinterlaſſen.— Kannſt Du Dich noch uͤber die Verſtimmung wundern, wo⸗ mit ich der vaterläͤndiſchen Kuͤſte entgegenſah?“ „So verlaſſe lieber Axel, dieſe Einode wie⸗ der,“ rief der ſchnell aufbrauſende Guſtav un⸗ willig,„mein Haus ſteht Dir offen, wie mein Herz! Du ſiehſt, daß ich ſelbſt dieſen Tag ohne Dich nicht habe verleben können.“ „Muß ich auch uͤber meine Verhältniſſe ſeuf⸗ zen, geziemt es mir doch, ſie zu W Es iſt U. — 50— nun ein Mal ſo, ich darf den Becher nicht weg⸗ werfen, den mir das Geſchick zugetheilt hat, allein ich komme mir ſelbſt ganz vernichtet vor.“ „Das verhuͤte Gott, Axel! laß uns lieber vereint an unſere nächſte Beſtimmung denken. Ich werde morgen den Koͤnig ſchen. Verſaͤume auch Du nicht, Dich ihm vorzuſtellen. Ich denke wir fahren zuſammen in's Schloß.“ Axel ſchwieg finſterz endlich rief er nicht ohne Heftigkeit:„Es gehoͤrt auch mit zu meinen un⸗ erfteulichen Verhaͤltniſſen, daß ich Dir nicht ein Mal beſtimmte Antwort geben kann. Ohne die Beiſtimmung meines Vaters, ohne eigentlich zu wiſſen, wie er gegenwärtig mit dem Könige ſteht, darf ich nicht wohl einen Schritt thun, der viel⸗ leicht außer ſeinen Abſichten liegt.“ „Sollte er vielleicht heute noch nicht— kehren?“ „Unter ſeine vielen Eigenheiten gehort auch die, daß er es liebt, die Seinigen zu überraſchen⸗ Selten, oder nie hinterlaͤßt er beſtimmte Befehle, und uͤberlaͤßt gern ſeinen Leuten herauszufinden, was der Augenblick zu gebieten ſcheint. Es fehlt ihm demnach nie an Gelegenheit, Unwillen zu — 51— aͤußern, der ſelten ausbleibt, beſonders wenn es gelungen iſt ſeine Ruͤckkehr zu errathen, und Vorbereitungen deshalb zu treffen. Laß uns von etwas Anderm ſprechen.“ Unter freundlichen Untettebungen⸗ wobei doch das Abentheuer der juͤngſt verfloſſenen Nacht keinesweges erwähnt wurde, war der Abend ſchon weit fortgeruͤckt, dennoch ſchien Axels Verſtimmt⸗ heit nicht recht weichen zu wollenz da bemerktt Guſtav, daß ſein Freund auf ein Mal mitten im Geſpräche, wie betreten, mit Aufmerkſamkeit aufhorchte, doch in demſelben Augenblicke ſetzte er das beſprochene Thema ſogar heiterer und mit großerer Lebhaftigkeit fort; und da endlich Guſtao zufaͤllig bemerkte, daß es ihm doch recht unange⸗ nehm ſehn wuͤrde, wenn ſie nicht beide mit ein⸗ ander dem Könige morgen aufwarten konnten, gab ihm Apel heiter zur Antwort:„Jetzt hoffe ich es, wenigſtens werde ich Dir noch dieſen Abend eine beſtimmte Antwort geben können.“ „Wie ſo?“ fragte Guſtav verwundert, denn keine Nachricht war ihnen indeſſen zugekommen⸗ wodurch Axels juͤngſt erwäͤhnte Zweifel hätten gehoben werden konnen, auch war ihre Unterte⸗ 4* dung nicht auf einen Augenblick von einem Drit⸗ ten geſtört geworden. „Haſt Du nicht bemerkt,“ fragte Aue lã⸗ chelnd,„daß Jemand in dem Zimmer uͤber uns herumgegangen iſt?“ „Ja wohl!“ meinte Guſtav,„und zwar ziemlich ſchleppend, wie mit Pantoffeln.“ „Das iſt das Cabinet meines Vaters, wo ſeine Papiere herumliegen, und das in ſeiner Ab⸗ weſenheit Niemand betreten kann noch darf.“ „Er iſt alſo zuruͤckgekommen!“ rief der Freund lebhaft,„und das hat man Dir nicht ein Mal angezeigt? er hat nicht nach dem Sohne geſchickt?“ „Thue ihm nicht unrcht,“ verſetzte Axel mit trübem Laͤcheln,„er iſt noch nicht da, wird aber in kurzer Zeit hier ſeyn. Siehſt Du, das iſt wieder etwas von dem Unheimlichen, das meinem Geſchlechte eigen iſt, und das Du viel⸗ leicht Aberglauben nennſt, und auch ich ſo nen⸗ nen wuͤrde, wenn mich die Erfahrung nicht anders darüber belehrt hätte, ohne mir jedoch naͤhere Aufklärung darüber gegeben zu haben. Der Vater mag ſeine Ruͤckkehr verbergen ſoviel er will, ſein Doppelgänger zeigt mir ſie wider ſeinen Willen anz und nicht allein ſo wie jetzt mit ſchleppenden Pantoffelſchritten, worin wir deutlich die des Vaters erkennen muͤſſen, ſondern ſogar durch das laute Raſſeln von Wagen und Pferden, die raſch durch den verſchloſſenen Thor⸗ weg zu fahren, und ſich bald im Hofe zu ver⸗ lieren ſcheinen. Der Vater weiß es recht gut, doch nimmt er es dem ſehr uͤbel auf, der ſich merken laͤßt, daß er ſolcherweiſe ſeine Ankunft voraus erfahren, und ſeine Familie, ſowie die Dienerſchaft bemuͤhen ſich demnach recht über⸗ raſcht zu erſcheinen, wenn ſein Wagen wirklich vorfahrt.“ tig „Unmoglich!“ rief Guſtav unwillkührlich. „Wußte ich's doch!“ lächelte ſein Freund, „und doch haſt Du gewiß nie eine Luͤge aus meinem Munde gehoͤrt; indeſſen lieber Guſtav tauſchte ich gern dieſe nothwendige Ueberzeugung mit Deinem Fecken Unglauben.“ Wenige Minuten nachher rollte wirklich ein Wagen durch den Thorweg, und nachdem Axel einen Augenblick gehorcht hatte, ob vielleicht kein Wahn ſeine Ohren getäuſcht, bat er ſchnell den Freund, ſich zu gedulden und eilte zur Thure hinaus, unter welcher ihm ſo eben ein Diener entgegentrat, um ihm die ſchon gahütt Ankunft des Vaters anzuzeigen. Guſtav blieb lange allein, ſich ſelbſt und ſeinen Gedanken uberlaſſen, folglich hatte er Muße genug, die duͤſtere Umgebung zu betrachten, welche zwei gelbe Wachskerzen nur ſparſam er⸗ hellten. Es kam ihm zwar vor, als ob er fruͤ⸗ her bei der gemeinſamen Abreiſe daſſelbe Zimmer betreten habe, doch waren jene vorbeigehenden, beinahe unbeachteten Erſcheinungen, die einem damals fremden, faſt unbekannten Juͤnglinge nur angingen, von ſpäteren wichtigeren Erinnerungen ganz verwiſcht. Eben ſo wenig Aufmerkſamkeit hatte er bei jenem Beſuche den anweſenden Frauen geſchenkt, worunter doch die nächſten Verwandten ſeines Reiſegefährten ſich befunden hatten. Erſt den Mittheilungen des Freundes gelang es ſpäter, allmaͤhlig ſeine Neugierde zu erregen, durch den geheimnißvollen Anſtrich, den ſeine kurzen, mit⸗ unter ſchnell abgebrochenen Aeußerungen jenen ge⸗ geben, und die allerletzte reitzte ihn zu einer Art mitleidiger Theilnahme fuͤr den Freund, indem er . — — 55— zugleich füͤhlte, daß ihre innige Verbindung nur vermochte, ihm dieſen öden Aufenthalt erträglich zu machen⸗ n In dieſer Stimmung ſah er Axel mit erhei⸗ terter Miene hineintreten.„Mein Vater läßt Dir fuͤr Deine Freundſchaft danken,“ ſprach er, „bittet aber ihn zu entſchuldigen, daß er heute Abend, ermüdet wie er iſt, und ſchon im Be⸗ griff ſich auszukleiden, Deinen Beſuch nicht an⸗ nehmen kann. Er ladet Dich dagegen ein, mor⸗ gen Mittag bei ihm vorlieb zu nehmen, wenn wir von dem Könige zurückkommen, denn auch er ſindet es rathſam, das äußerliche gute Ver⸗ nehmen mit jenem nicht zu ſtoren, und iſt auch der Meinung, daß die Begleitung eines ſo er⸗ klärten Günſtlings einen nützlichen Glanz auf meine Erſcheinung werfen wuͤrde. Ich leugne nicht, daß er dies nicht ohne ſarkaſtiſche Bitter⸗ keit hinzufügte; ich aber beſcheide mich recht gern⸗ auf jenem mir faſt fremden Boden als Protegé meines beſten Freundes aufzutreten.“ „Wir wollen es uns gegenſeitig ſeyn,“ rief Guſtav laͤchelnd,„denn Deine Behutſamkeit fehlt * — 56— mir, und unſere Reiſe hat Anſichten in mir ge⸗ reift, deren Freimüthigkeit vielleicht den allerhöch⸗ ſten Ohren nicht ſo angenehm klingen moͤchte, als die mitunter drollige Treuherzigkeit eines be⸗ günſtigten Pagen.“ Den folgenden Vormittag betraten die Freunde zur beſtimmten Stunde das Schloß. Vergebens ſuchte Guſtav die fruͤhern ehrerbietigen, faſt angſtlichen Empfindungen in ſeinem Herzen, welche es fruͤher gehoben, wenn er die prächtige breite Treppe hinaufſtieg. Im Innern der Ge⸗ mächer kam ihm alles kleinlicher und unbedeu⸗ tender vor, als es ſich ihm in früheren Zeiten gezeigt, da alles, was er hier ſah, ihm ſonſt als der Maaßſtab alles Großen und Erhabenen er⸗ ſchienen war. Er hatte ſpäter Gelegenheit gehabt zu vergleichen, und der Zauber war verſchwunden — ja eben im Gegenſatze zu ſeiner vorigen Bewun⸗ erung, flößte ihm das gänzliche Ausbleiben aller fruͤheren erwärmenden Empfindungen eine Kaͤlte und ein Mißbehagen ein, die ihn mit Mißtrauen gegen alle ſeine Erinnerungen fuͤllte.„So wird es mir wohl auch mit dem Koͤnige gehen,“ flü⸗ ſterte er bei ſich ſelbſt, indem die Thuͤren des Au⸗ — 57— dienzzimmers ſich öffneten,„und ich werde zu meinem größten Aerger und Scham kalt und wortlos vor den hintreten muͤſſen, gegen welchen mein Herz noch vor kurzem in Dankbarkeit üͤber⸗ quoll.“ Allein er hatte ſich getaͤuſcht. Zwar kam ihm die faſt mit kleinlicher Zier⸗ lichkeit geſchmückte Perſon des Königs noch klei⸗ ner und bleicher vor, als da er ihn verlaſſen; er hatte in dieſen fünf Jahren ſichtbar gealtert, und die eine Seite ſeines, wie ſich jetzt Guſtav geſte⸗ hen mußte, auffallend ungleichen Angeſichts war von einem graͤmlichen, faſt verzerrten Zuge ent⸗ ſtellt, welcher gleichwohl verſchwand, ſobald er nur einen Blick auf die Eintretenden geworfen. — Doch wurde ihm bald deutlich, daß Zeit, Entfernung und Vorurtheil dem Ausdrucke eines wahrhaft großen Geiſtes weichen muͤſſen, das bezaubernde Lächeln, womit der König alle, die ſich ſeiner Perſon naheten, fuͤr ſich einnahm, verfehlte auch diesmal ſeine Wirkung nicht, und der erſte Ton ſeiner wohlklingenden Stimme uͤbte ganz ſeinen vorigen über S Herz aus. — —— — 58— „Biſt Du es, lieber Namensvetter?“ redete ihn der König an.„Kaum hätte ich Dich ge⸗ kannt, ſo biſt Du gewachſen, wenn nicht die treuen Augen Deines Geſchlechts mich wieder angelaͤchelt hätten, um mir gleich das zu verbuͤr⸗ gen, was ich und das Vaterland in Dir beſitzen, und ſo werfen wir denn getroſt den Zwiſchen⸗ raum von fuͤnf Jahren hinter uns, um uns ſogleich in die vorigen Verhältniſſe zuruͤckzu⸗ ſetzen.“— Er reichte Guſtav lächelnd die Hand⸗ Dieſer, der in demſelben Augenblicke, obgleich die milde Anrede des Koͤnigs ſein Herz in Ehr⸗ furcht und Liebe aufgeloſ't hatte, durch das vo⸗ rige vertraute Du unangenehm an den Pagen⸗. dienſt erinnert wurde, in welchem die dargebotene Hand des Königs oft ein Zeichen der Vergebung und eine Einladung zum Handkuſſe bedeutete— welche er auch jetzt darin erkannte— ergriff ſie zwar mit Feuer, aber ſtatt ſeine Lippen darauf zu heften, fuͤhrte er ſie an ſein Herz, indem er mit tiefer Bewegung doch nicht ohne ein kleines Sittern der Stimme hervorſtotterte:;„Mir fehlen Worte, meine Dankbarkeit auszudruͤcken, aber das Blut, das hier in dieſem Augenblicke mit verdoppelten Schligen klopft, verraͤth Un⸗ geduld jene bewaͤhren zu können.“ Der Konig trat zuruͤck, ſah ihn einen Mo⸗ ment wie befremdet an, und fragte dann lächelnd, mehr, wie es ſchien um das Geſpräch abzubre⸗ chen, oder aus inneren Gruͤnden, als aus Unwiſ⸗ ſenheit:„Wer iſt dieſer junge Mann?“ „Baron Axel Ruppin, mein Reiſegefüͤhrte und treuer Freund.“ Der Koönig ſagte dem Baron ſchmeichelnd, daß er hoffe, er werde in ſeiner Nähe die Zeit einzuholen ſuchen, die ihm fruher, durch eine größere Entfernung als nöthig, ſeiner Aufmerkſam⸗ keit entzogen hätte. Er erkundigte ſich nach ſei⸗ nem Vater, bediente ſich dabei aber ſolcher Aus⸗ drucke, die ſich ſo eng zwiſchen Wohlwollen und alltaͤglicher Höflichkeit bewegten, daß Axel, wenn⸗ gleich dadurch nicht geſchmeichelt, ſich doch auch nicht zurückgeſtoßen fühlen konnte.— Auf ein Mal kehrte ſich der Koͤnig wieder erheitert zu Guſtav. „Ihre Guͤter ſind Ihnen ſchon uͤbergeben, Graf,“ begann er,„und ein Amt, das Sie wieder in meine vertraute Nähe fuͤhrt, wird nicht — 60— lange ausbleiben. Es fehlt Ihnen nur Eins, um ganz mit der Wuͤrde eines Staatsmannes und freien Buͤrgers auftreten zu konnen, eine Frau!— ich habe ſchon eine fuͤr Sie gewaͤhlt.“ Guſtap erblaßte.— Sein liebſter Traum, die frohe Hoffnung, ſelbſt behutſam und zart die Gefaͤhrtin ſeines, von ſo vielen frohen Erwartun⸗ gen gekroͤnten Lebens, waͤhlen zu duͤrfen, lagen mit dieſem Worte zertruͤmmert vor ihm; noch gehäͤſſiger aber, emporend klang der fruͤher belachte Spruch des finniſchen Weibes in ſeiner Seele! „Gezwungene Ehe!“ wiederhallte es mit Spott in ſeinem Innern. Seine Empfindungen geſtalteten ſich ſchon in Worte auf ſeinen Lippen, da be⸗ gegnete der Blick ſeinem König und Wohlthaͤter, und faſt unwillkuͤhrlich verſtummte das ſchroffe verneinende Wort, ſo wie er den Mund geoff⸗ net hatte es auszuſprechen. Der König bemerkte ſeine Verlegenheit; eilig, faſt ängſtlich rief er:„Wie? Graf Guſtav! Sollte meine Werbung zu ſpät kommen?“ „So iſt es, Ew. Majeſtät— ich bin ſchon verſprochen.“ Der Koͤnig hatte ihm unglückl, ſutſt ein Rettungsmittel angegeben, das er in der Noth ohne weitere Ueberlegung ergriff, ohne zu bedenken, daß die nächſte Frage ihn in noch groͤ⸗ ßere Verlegenheit ſtuͤrzen mußte. „Unwiderruflich?“ fuhr der Konig halb ernſt, halb lachend fort, indem er ſich zugleich in die untere Lippe biß, um durch einen kleinen Schmerz die innere Bewegung zu unterdruͤcken.„Unwider⸗ ruflich, und mit wem?“ Guſtav's Faſſung war Kntii wieder⸗ gekehrt; der erſte Gedanke zeigte ihm, daß das ein Mal ausgeſprochene Wort behauptet werden muſſe, wenn er nicht zweideutig, unwahr, gede⸗ muͤthiget, ja hoͤchſt undankbar, vor dem Könige ſtehen ſollte. Er bedachte ſich ſchnell; die lange Abweſenheit bot ihm gar keinen Ausweg: wen durfte er wohl nennen? Da ſiel ſein Blick auf Arel, in deſſen Zügen er ein wehmuͤhtiges, ob⸗ gleich etwas boshaftes Laͤcheln zu bemerken glaubte, und da erzugleich die Nothwendigkeit fuͤhlte, dem Koͤnige fuͤr den Augenblick alle weitern Fra⸗ gen abzuſchneiden, gab er raſch zur Antwort: „Mit der Schweſter meines Freundes!“ Der König ſah Axel höchſt erſtaunt und fra⸗ gend an. Dieſer war erblaßt, doch genug ge⸗ faßt, um dem Könige eine ſtumme Verbeugung zu thun, die er fuͤr Unwiſſenheit oder Beſtäti⸗ gung, ſo wie er wollte, nehmen konnte. „So!“ rief der König gedehnt,„in der That, das hat mich überraſcht— ich ſehe folg⸗ lich dieſe Verbindung als abgeſchloſſen an, und werde ſie declariren!?“ fuhr er ſchnell wie entruͤ⸗ ſtet fort; je früher die Hochzeit anberaumt wer⸗ den kann, je lieber wird es mir ſeyn.— Ich habe es nun ein Mal darauf angelegt, Sie bald als Hausvater zu ſehen.— Sind Sie vielleicht auch verſprochen, Baron Ruppin?“ fuͤgte er ſchnell hinzu. „Nein! Ihro Majeſtät!“ „ Noch warf der König einen feſten ſchneiden⸗ den Blick auf Guſtav, und entließ Beide mit einem haͤmiſchen, wenigſtens ſpottiſchen Kopf⸗ nicken. Guſtav, ohne mehr als eben nothwendig, bei dem ſich im Vorgemach aufhaltenden Hofcitkel zu ver⸗ weilen, zog Axel ſchnell mit ſich in den Wagen. „Warum“— fragte er den Freund heftig und mit feſter Stimme, obgleich im Inneren —,——— unruhig, jedoch mehr über das ſonderbare Be⸗ nehmen des Konigs, als über die ſeltſame Lage, in die er ſo unverſehens gerathen war—„Warum, Axel! biſt Du erblaßt? Du haſt ja doch eine Schweſter! es kommt mir wenigſtens ſo vor!“ „Freilich habe ich eine!“ „Und ihre Hand iſt ja frei— Du haſt nie ein Wort fallen laſſen das mir Anlaß“— „Frei! O ja! gewiß!“ „Glaubſt Du denn, daß ſie oder Dein Vater mir ihre Hand verweigern wird! Kann der Gedanke Dir ſo befremdend ſeyn, daß Dein Freund ſein Geſchick mit dem Denigen zu n wuͤnſcht?“— „Gott behuͤte, Guſtu„ daß es Din eun ſey!“ „Wie ſo?— Du denn, daß ich ſpaße, oder kann ich zuruͤck? Sollte ich meine Hand verſchenken laſſen wie ein Domainengut? Es war nicht der Augenblick— ich geſtehe es Dir— worin ich kuͤhn der Laune meines Konigs meinen Willen entgegenzuſtellen vermochte, ob⸗ gleich ich noch immer das Recht dazu habe.— Und zu einer Ehe laſſe ich mich nicht blindlings — 64— führen, da muß meine eigene Beſtimmung gelten, keine fremde Willkuͤhr.— Nun gut! hat mein Herz nicht waͤhlen konnen, ſo hat es doch mein freier Wille, und die Wahl gehört mir ſelbſt.“ „Unglucklicher! was haſt Du gethan?“ rief Axel entſetzt.„Aus Furcht zu einer Verbindung gezwungen zu werden, bei der die Güte des Kö⸗ nigs Dich zu den reizendſten Hoffnungen berechtigte, verſchmäheſt Du ſie, noch ehe Du den Gegenſtand derſelben kennſt, und fuͤhlſt nicht, daß Dein un⸗ ͤberlegtes Wort Dich einem noch härteren Zwange unterwirft, der das Gluͤck Deines Lebens zerſtören wird und muß.“ „Warum? es bleibt doch immer meine Wahl, die mein Bewußtſeyn hebt, ſtatt daß jene es ernie⸗ drigen wuͤrde. Laß uns nur daran denken, den möglichen Hinderniſſen vorzubeugen.“ „Guſtav!“ flehte Axel,„gieb Dich nicht die⸗ ſer exaltirten, verſchraubten Stimmung hin— Hore und erwaͤge! meine Schweſter taugt nicht fuͤr Dich.— Ueberhaupt, Deine helle unum⸗ wolkte Seele gehoͤrt nicht in die dunkle Verworren⸗ heit unſeres Hauſes. Du vermagſt Doch nicht — — — 65— Klatheit hinein ʒu bringen, und mußt ntnut ſo wie ich, der finſtern Gewalt unterliegen. „Axel! Du träumſt! Suche nicht den zu ent⸗ firnen, der allein die böſen Träume von Dir zu ſcheuchen vermag! Warum darf ich Dich 6 Schwager nennen?“ „Gehort denn ein Apoll an die Seite einer— ſichſt Du! ſo Gottverlaſſen iſt Deine Wahl, daß nicht ein Mal die Mhthologie der Griechen, die dem lebendigen Gefuhl für das Schöne entſprun⸗ gen iſt, eine Figur aufzuweiſen hat, wodurch ich ein päſſendes Gleichniß aufſtellen kann.— Ich habe die Schweſter ſeit unſerer Kindheit nicht geſehen„ausgenommen bei unſter Abreiſe, da auch Du zugegen warſt, doch weiß ich kein weibliches Weſen, das mehr W mich ſtoßen koͤnnte.“ „Nun ſo arg muß es doch nicht ſeyn!“ fiel Guſtab mit einem hochſt gezwungenen Lächeln ein, „denn etwas Auffallendes wurde meiner Aufmerk⸗ ſamkeit ſchwerlich entgangen ſehn.“ „Weil Du ſie wahrſcheinlich keines Blickes gewürdiget; auch hat ſie wohl, ſo wie es den Frauen, ſelbſt den Haͤßlichſten eigen ſich ſo II. 4 — 66— vortheilhaft wie möglich zu verhuͤllen geſucht, wenn anders ihre Eitelkeit ſie nicht ganz ge⸗ blendet.“—— „Iſt ſie denn“ fragte Guſtav zuſammen⸗ ſchaudernd,„wirklich ſo haͤßlich, und wird die außere Haͤßlichkeit nicht durch die Sichen Seele gemildert?“ „Ihre Geiſezkrfte, inu ſie beſitzt, ſind mir gaͤnzlich unbekannt,“ erwiederte Axel! „Die ungluͤckliche Ehe meiner Eltern, ihre fruͤhe Trennung, hat auch uns Kinder getrennt, und uns einander entfremdet; aber Gott nur weiß, wie das arme Mädchen das widerliche Aeußere bekommen. Sie iſt klein, traͤgt ihren. Körper ſo ſchlecht, daß ſie wie verwachſen ausſieht, wenn ſie es wirklich auch nicht iſt— und in ihrer frühen Jugend wurde ihr blutloſes, gelbliches, nichtsſagendes Geſicht nur ſelten von dem inn⸗ wohnenden Geiſte belebt, und wenn es auch ge⸗ ſchah, recht furienartig, in ſofern ihrem Eigenſinne nicht ſogleich nachgegeben wurde; obendrein hinkt ſie noch auf eine recht widrige Art.“ „Du ſchmeichelſt nicht, wie es ſcheint, fiel — ihm Guſtav mit ſchlechterkünſtelter Faſſung in die Rede.—„Nur weiter! weiter!“ „Nach dem Tode unſerer Mutter hat tn Vater, der dieſer Tochter, eben ſo wenig wie mir, je eine recht väterliche Zuneigung gezeigt, ſich gezwungen geſehen, zufolge eines Teſtaments, das ich übrigens nicht kenne, ſie auf ein der mutter⸗ lichen Familie gehöriges Gury das ihr unter ge⸗ wiſſen Bedingungen zugefallen iſt, zu ſenden. Unter unſern wenigen Verwandten und der hie⸗ ſigen Dienerſchaft hat ſie ſich den Ruf eines eitlen, albernen Mäochens, das mit geſchmack⸗ toſem ierladenen Putz die Mängel der Natur zu vuſchleiern ſucht, und wedet Neigung noch Theil⸗ nahme zu erregen verſteht, im Gegentheil durch uͤble Laune und Heftigkeit ihre untergebenen quält, zugezogen— und Du, der Du An⸗ ſprüche auf das ſchönſte und reichſte Mädchen im Lande machen konnteſt, Du willſt Dein Schick⸗ ſal an ein ſo unbedeutendes widriges Weſen knüpfen? nein Guſtav, das geht nicht!“ „Hat der Konig Deine Schweſter geſehen?“ fragte Guſtav mit faſt bebenden Lippen.— 5* — 5— e ige i wgen ihter Ju end e 1i30 und def vethift ninez Vatitsz n nie hei Hofe 75 15 ziE inz erſ ſhienen iſt— itei vn ihr i 3 it.. niüt pi „Baun wird ſin Hihn mir iiſichl⸗ um o e kann 6 c Peictten 65 „Warum nicht dir Kitz tut Si u1 123 3 i gih ihm giles fi und udlich“ „in, Annl 2 kennſt hn ich Eine Ni n 5 ſeih⸗ Deniching würde nſtt ſün chtüng nt und iitgcht veiwiiten, und! mich zu⸗ 213 ich ganz in kine Gewalt ben. uc bin FPnſ ſns n Un ich daiu zu ſoz! 3 will ihas ein vabutz⸗ tet, Fiſſcher, 3 pptet Schuj jr nge iſthen, wo 811*„ i noch als Mann ſigen, ſnn.— Suuih Kitten u lis346 tagen1 werden 6 pi mie die Sihietn ſh⸗ ie ich mir ſuß hnſet pabe. Ji kinn er mich nur. einss wundetiichn Giſchmac s, des Suhs vuticht, winn er den iſaeihng enen ollte, jrch int Einicdrizung zhen, und der ſrengen Sfütung eines itereiten Wor⸗ tes. wird er ſtine Achtung nicht vurfig agen tunen. Dieſh ſo ſo ve die ich behaupten, und keine Zeit Ft dumit ich weder als Lügner, noch als Etourdi dem Ko⸗ Thiem für nc Fot, üß eee —„— nige erſcheine⸗ 6 Ich n will noch heute mit Hei⸗ nem Vater ſprechen.— Fannſtt But dem Frun Deinen pridrrüchen Sper ſugen?“ „Dein gewiſſes unglück! Guſtav! Gußg v „ℳ iſt entſchieden, und muß es auch ſehn— Du ſagſt ich werde altz irggen, dns nicht mit Demithigung verbunden iſt⸗ Der Wagen hit. Peennnei6 einen Verſuch,d das Ohr des Frundes ſeinen üee⸗ redungen zu öffnen; er beſtand darauf, daß er hn ohne Aufſ ſchub dem Vater vorſtllen ſollte. Auch hatte der Diener Befehl die jungen L Leute ſogleich zu dem General zu fuhren, Wenn nicht der Fotgung der teten i ligen Stundt ſich Guſtavs ganzer Surle bemächtigt gehabt, und dieſe mit einem Trotz gegen Schicſul Konig und ſich ſelbſt gefült Pu, der ihn zu jider Betrachtung unfähig machte, die keinen Bezug auf ſein Vochaben hatte— ein Vorhaben, welches, das ſagte ihm ein innerer Widerwilzn, ſchnellzur Aus⸗ führung gebracht werden mußte, damit die noch hinuntetgekömpften Träume ſeines Hetzens znd das bleierne Gefühl der nüchtinen Wirktichkeit, jene nicht erſchweten mochten— wuͤrde es ihm bis SS. — 70— zum Lachen auffallend geweſen ſeyn, wie wenig der Mann, dem er entgegenſchritt, dem Bilde entſprach, das er ſich von dem Vater ſeines Freundes gemacht hatte. Rachdem ſie mehrere Gemäͤcher durchgangen waren, und nun endlich das leiſere, ſcheue Auftreten des begleitenden Dieners verkuͤndete, daß er die letzten Thuͤrflugel äffnete, gewahrte Guſtav in der Mitte eines großen dunkeln Saales, der mit prächtigen alt⸗ modiſchen Tapeten und ſchwerfälligen vergoldeten Mobilien verſehen war, einen kleinen hagern alten 3 Mann, der unbeweglich wie eine Statue ſtand, und ohne nur einen Zug des ernſten Geſichtes zu bewegen, ſie mit einem kleinen, faſt unmerklichen Kopfnicken begrußte. Seinen Arm ſchmückte keine Binde, und die zierliche, obgleich jetzt nicht mehr gebräuchliche Generals⸗Uniform, die er trug, verrieth, daß er ſich ſchon des Dienſtes begeben. Die kalte Unbedeuten⸗ heit ſeiner Zuͤge machte einen widerlichen Eindruck auf Guſtav, und als nun das einzige Bewegliche, das dieſem ſteinernen Antlitz Leben gab, die kleinen grauen ſtechenden Augen, von weißen buſchigten Brauen be⸗ ſchattet, den ſeinen begegneten, ſchauderte er doch bei der Vorſtellung, in dieſem Manne einen Vater zu begruͤßen. Ehe noch Axel die wenigen Worte, womit erſei⸗ nen Freund dem Vater vorſtellte, zu Ende gebracht, ſiel ihm dieſer mit der trockenen Frage in die Rede: „Nun! ich bin begierig, welche Gnade die Gnade unſers gnädigen Konigs uͤber ſeinen Guͤnſtlig ſchon verhaͤngt haben wird.“ „Eine recht große,“ nahm Guſtav mit einem ſtol⸗ zen Lächeln das Wort,„eine zu große fuͤr mein wider⸗ ſpenſtiges Gemuͤth Er wollte mir außer meinen Familiengütern noch obendrein eine Frau ſchen⸗ ken.“ Arel glaubte eine braunrothe Flamme zu be⸗ merken, die langſam uͤber die Wange des Vaters — zog, der, als bezwänge er eine innere Heftigkeit, mit derſelben kalten Miene, nur leiſe und lauernd das einzige Wort:„Nun!“ ausſprach. „Der Konig,“ fuhr Guſtav fort,„hat nur gewollt, daß ich in ſeiner Gute gegen mich einen Beweis ſeiner Gerechtigkeitsliebe erkennen ſolle; beide verpflichten mich zu froher Dankbarkeit.— Doch alles was ſich als Produkt einer willkuͤhrli⸗ chen Gnade zeigt, und als ſolche, indem ſie mich zu dankbarer Ergebenheit aufzufordern ſcheint, mein inneres Weſen in Feſſeln ſchmiedet, emport mich in ſolchem Grade, daß ich Gefahr laufe, durch die Gnade des Königs ſeine Gnade und Gunſt, und was mir noch wichtiger iſt— ſeine Achtung zu verlieren.“ „Ich wuͤnſche Dir Gluͤck zu einem ſo mu⸗ thigen Freunde, Axel! lerne von ihm.— Sie haben den Wunſch des Königs geradezu abgelehnt,“ fuhr der General erheitert fort;„Graf! das iſt kühn, aber nicht klug.“ „Es ſteht in Ew. Excellenz Gewalt, meine unbegreifliche Unklugheit wieder gut, und den Unwillen des Konigs ohnmaͤchtig zu machen.“ „Wie ſo?“ fragte der General ſchnell mit ſtolzer Haltung. Guſtav hatte, ohne daran zu— die uſt einzig zugaͤngliche Seite des eigenſinnigen und eben ſo ränkevollen Mannes getroffen. Es war das erſte Mal ſeit vielen Jahren, daß er ſeinen Beiſtand angerufen ſah, und noch mehr, gegen den Mann„der, ſeinen lauten leidenſchaftlichen und bittern Aeußerungen die ruhigſte Gleichguͤl⸗ tigkeit entgegenſtellend, zu erkennen gab, daß er ——.—— — 73— ihm nicht zutraute ſeinen Abſichten gefährlich ſeyn, zu können. Auch lebte wirklich der alte General mitten in der Hauptſtadt wie in völliger Abge⸗ ſchiedenheit, und nur Trotz gegen Unwillen ſetzend, war es ihm möglich, an einem Orte auszuhal⸗ ten, wo der Hof ſein Daſeyn nicht zu bemerken ſchien, und wo ſelbſt nur wenige von den vie⸗ len, die ſein Mißvergnugen theilten, ihm förm⸗ lich ihre Geſinnungen äußerten. Waͤhrend ſeiner langen peinlichen Unthätigkeit, wechſelte er den Aufenthalt innerhalb der dden und freudeleeren Mau⸗ ern ſeines Pallaſtes in der Stadt mit Beſuchen quf einem ziemlich nahe liegenden Gute, und waͤhrend er ſich Muͤhe gab vor den Augen der Welt in tiefes Stu⸗ dium verſunken zu erſcheinen, wurde er heimlich von Ueberdruß, Unthätigkeit und Langerweile verzehrt; und ſo wurde er in den ſpäteren Jahren noch mehr als früher, durch Eigenſinn und Heftigkeit die Geißel ſeiner Umgebungen geweſen ſeyn, wenn nicht allmaͤh⸗ lig ihn eine Stumpfheit beſchlichen hätte, aus der nur ſein Haß der gegenwaͤrtigen Verhaͤltniſſe ihn reißen konnte, und in der That gab Guſtav ihm ſo den erſten lichten Augenblick ſeit vielen Jahren. — Der Graf beantwortete ſeine Fragen mit edler Aufrichtigkeit, und wirklich ſagte er keine Unwahr⸗ heit, als er mit Zuverſicht hinzufügte, daß die innige gegeben, jenen kuͤhnen Gedanken auszuſprechen.— General Ruppin horte ihn gegen Gewohnheit durch.— Bedenken Sie aber dabei, daß, ſobald ich meine Einwilligung zu einer Verbindung gebe, die meine Tochter an die Hand eines Mannes ſtellt, dem ſie zwar durch Geburt, nur leider nicht in Rückſicht korperlicher und geiſtiger Vorzuge gleich iſt— daß alsdann der kleinſte Wankelmuth von Ihrer Seite mein Haus und meine Ehre beflecken würde, und die Freundſchaft zwiſchen Euch beiden zu blutiger Rache umwandeln müßte.— Noch ſtehen Sie frei, obgleich ſelbſt das Geſtaͤndniß Ihrer Uebereilung als eine Be⸗ leidigung gegen uns ausfallen muß.— Nehmen Sie aber meine vaͤterliche Zuſage an, muͤſſen wir vereint bleiben, ob es Ihnen auch gänzlich die Gnade des Königs, und eine in Ihrem Alter ſeltene Selbſtuͤber⸗ windung koſten mag.— Meine Tochter iſt häßlich und dumm, ich ſage es Ihnen voraus.“ 5 Freundſchaft, die beide Jünglinge beſeelte, ihm Muth ruhig zu Ende; dann ſagte erkurz:„Ich helfe Ihnen ——— ———— ·— ů— ——— ———————————— — 735— Guſtav ſchauderte und ſtand unentſchloſſen; 6 als ihm bei den letzten Worten der hämiſche Wunſch des Königs, mit der Hochzeit zu eilen, einfiel, färbte der Stolz ſeine Wangen wieder, und er gab muthig zur Antwort:„Einen Reiz we⸗ nigſtens wird ſie immer behalten, der ihr meine Hochachtung zuſichern muß: ſie iſt meine Wahl⸗ — Geben Sie mir Ihren Segen. „Nun ſo ſey denn mein Sohn!“ rief der General ernſt, doch, wie es ſchien, freudig bewegt, obgleich es nur an ſeiner Stimme, nicht aus ſeinen Zuͤgen, bemerkbar war, und kußte Guſtav, der ſich leicht uͤber die von ihm gefaßten Haͤnde beugte, auf die Stirne.„Ich mache noch heute die Mariage bekannt. Seyn Sie unbekümmert, wegen Hedwigens Ja— meine Kinder wiſſen zu gehorchen.— Es iſt ſervirt— kommen Sie, mein Schwiegerſohn.“ Der General ſprach dies Wort laut vor den geoffneten Flügelthuͤren aus, die in den Speiſe⸗ ſaal fuͤhrten. Die Diener ſtarrten einander ver⸗ wundert an. Ein ſchneidendes, unerklärliches Ge⸗ fühl fuhr durch Guſtavs Herz. Es war, als hätte der laut ausgeſprochene Entſchluß erſt ſein Schickſal entſchieden. Das Mahl bing ziem⸗ lich lebhaft obgleich nicht hentich heiter vor⸗ uͤber. Der General war ungewöhnlich ge⸗ ſprächig und aufgeräumt, Auch Guſtav redete vielz; ſeine Worte aber klangen erkünſtelt und kalt. Die wehmuͤthigen Blicke, die Axel dem Freunde zuwarf, belehrten dieſen, daß er ihn durchſchauete. Der General war nun ein Mal wieder in Thatigkeit gekommen, und er betrieb die Sache mit einer Eile und einem Eifer, die Guſtav zwar nicht aufſielen, aber ſeinem Freunde das Herz noch ſchwerer machten; doch auch er ſah bald die Nothwendigkeit ein, ſich zu fuͤgen, da wo, wie es vorkam, ein maͤchtiges Verhängniß wal⸗ tete, und ſich des Willens ſeines ſonſt ſo hellſe⸗ henden Freundes bemaͤchtigt hatte. Roch denſelben Nachmittag bekam er den ftrag, nach Workna zu reiſen— ſo bieß das S Erbe, welches die Schweſter, deren nichſ imgebungen ihm völlig unbekannt waren, ſchon ſe ngene Zeit bewohnt hatte.— Er ſollte ſie von ihret Beſtimmung unterrichten und abho⸗ ——————— ———————— in. Sie Mißanſtilten waten bald gettoffen. Stun dir Freund trieb ihn zur Eile an⸗ „Guſi ſagte Atet finſter,„welchet Daͤ⸗ mon hüit Dich gefangen. Ein unnätürlicher uiſch benbelt Dein Gehirn; ſtatt auszuſchla⸗ ſen, fucht Du Dich nur miehr zu berauſchen⸗ Sie Spanung muß doch einmal aufhbren, und Dein Erwachen in der gemeinen Wirklichkeit um ſö öder und troſtloſer ſchn. Ich weiß zwar nicht, wäs ich thun werde, aber ich will fuͤr 8 handeln.. n tief Guſtas ihtenwije er heig vewigt durch den glänzenden Thau, der den wehmlithigen Blicken ſeines Freundes ent⸗ ſut ihn iampfhaft an ſeinen Buſen diückte —„ane Ucbereilung miht,—eine iſt genug— greift icht in das Rad meines Schickſals— will ja doch immer das Beſſete,“ und als gibt ſüne Seele unbewußt jener Wahrſagung in Walde eine ganz neue Bedeutung, fügte er mit gedämpfter Stimme hinzu:„Kann ich Lit⸗ vesglutt bezwingen, bringt gezwung⸗ 1 E he Liebe.— Meine Bruſt iſt ruhig,„ 4 duftlt föigen, duß ſie es immer bleibe.“ — 78— Arel fuhr zuſammen; die Erinnerung an jene grauenvolle Nacht, die ſo bedeutend in ſein Le⸗ ben eingriff, und in der ſein Freund ihm viel⸗ leicht ewige Reue erſpart hatte, trat mahnend und zugleich erſchuͤtternd vor ſeine Seele. Doch der Anblick eben des Freundes, der ihn kühn aus der Gefahr gezogen, und der, ſeiner Meinung nach, in dieſem Augenblicke auch einer ſinnzerſto⸗ renden Gefahr unterlag, legte dieſer Erſchuͤtterung eine heilſame Kraft bei.„Kannſt Du denn dafür ſorgen?“ rief er heftig,„ſiehe, auch ich war ruhig, ſorglos, zuverſichtlich wie Du, als mich die Liebe, wie eine heftige Krankheit, der die Na⸗ tur unterliegen muß, ergriff. Wer kann dafür ſorgen, da ſie ihn feſthält, noch ehe er ſie ge⸗ wahr geworden.— Ein Augenblick— die Er⸗ löſchung eines Lichtes bloß, und in der dunkeln Nacht geht Deiner Seele eine Sonne auf.— Du verſtehſt mich nicht, aber ſo iſt es mir ergangen. Wohlan, in dieſer Stunde ſollſt Du erfahren, was ich muth⸗ und hoffnungslos Dir verſchweigen mußte. Jetzt bin ich es nicht mehr, von dieſem Augenblicke an nicht mehr! Du ſtaunſt! ja mein Freund, Dein feſte Wille hat ——— ——— mir auch den meinen wiedergegeben; die Zerſtörung des betaͤubenden Zaubers, die ich Dir zu danken habe, hat durch ſeine Vernichtung meine ſchlum⸗ mernden verſchuͤchterten Kraͤfte erweckt, ſollt' ich denn meinem feſten Willen, meiner maͤnnlichen Kraft nicht vertrauen, da ich doch im Begriff ſtand, auf den ſcheußlichen Zauber eines alten Finnweibes zu bauen.— Nein, ich will nicht unthätig verzweifeln, ich will handeln, ſelbſt das Hoͤchſte erringen. Der erſte Schritt ſey Offenheit gegen Dich, um ſo mehr, da mein Geheimniß Deine Zuverſicht Lugen ſtraft.“ Guſtav reichte ihm die Pand, und „Wehlun, erzahle! Dein Vertrauen wird nicht ohne Erfolg ſeyn.“ 3 „Du erinnerſt Dich ja,“ n Aer,„wie Du, von meinen Bitten und meinem Dringen beſtuͤrmt, allein von Rom nach Neapel abgingſt, weil mich eine plötzliche Krankheit zuruͤckhielt. — Du wirſt mir doch dieſe kleine Falſchheit verzeihn?— ich war nicht krank.“ „Es iſt ſchon laͤngſt geſchehen!“ ſiel Guſtav ihm lächelnd in die Rede.„Denn kannſt Du wirklich glauben, daß Dein Dringen und Deine — 80— Bitten mich bewogen haͤtten Dich zu verlaſſen, wenn ich nicht gemerkt, daß etwas dahinter ſtecke? Ich glaubte ſogleich Dit eine klein Intrigue anſehen zu können, und hielt ich Deine Unpäßlichkeit fuͤr die Huͤlle eines Räthſels in Deinem Herzen, das Du ſelbſt dem Freunde n 6 1 „Es iſt noch icht gelöſ't, Guſtav?“ Axel heftig, und warf ſich ſtütmiſch an die Bruſt ſeines Freundes;„Du haſt ganz recht errathen— und doch war ich nicht ganz falſch— ich war krank — ich bin es%, und außerdem befand ſich mein Weſen auf ein Mal in ein Geheimniß ver⸗ wickelt, das, obgleich als ein Werk des Zufalls ausſehend, mir deutlicher als je die Ueberzeugung aufdrang, daß es keinen Zufalt giebt.“ Nun theilte Axel ſeinem Freunde das Aben⸗ theuet in Rom mit, in welchem der Leſer ihm im Anfange dieſer Blätter Schritt für Schritt gefolgt iſt.—„und ſo“ ſchloß er endlich ſeinen Bericht,„laß mein Beiſpiel Dir eine ſiyns⸗ „Warnung?“ wiederholte Guſtav, der in der geſpannten Aufmerkſamkeit, mit der er dem — 81— Freunde zugehört, ganz vergeſſen hatte, warum Axel ihm ehen jetzt ſein ganzes Herz geöffnet; „Warnung! und in wie fern?“ „um Dir zu zeigen, daß d ohne es zu ahnen, ſchon gefeſſeit ſteht, wenn der rechte Augenblick da iſt.— Wenn Dir nun dieſer kömmt? wenn Du ein Mal gebunden lieben mußt? wenn Du wieder geliebt wirſt? Sieh, ſo glücklich iſt nicht ein Mal Dein Freund.— Sie liebt mich nicht. Ihr funkelnder Blick ſtrahlt nicht von dem Wiederſcheine des Glanzes, womit das Feuer der Liebe Herz und Geiſt umgiebt; er fun⸗ kelt nur wie der Diamant, deſſen Feuer ſeine Be⸗ nennung von dem klaren Waſſer herleitet, wie die Sonne, die verſengt, und doch ſelbſt kalt iſt. — Und doch kann ich nicht von ihr laſſen, obgleich das Geheimniß jenes entſetzlichen Paquets dro⸗ hend zwiſchen mir und meiner Liebe auftritt.“ „Ja das Paquet!“ unterbrach ihn Guſtav raſch,„wo iſt es geblieben?, Du Inhalt? 2 „Nein! es liegt neben dem ienſanent in meiner geheimſten Brieftaſche/ in dem verborgen⸗ ſten Raume, den habe. Es gemahnet mich II. 6 — 82— wie ein gefaͤhrliches Gift, wie ein Peſtaushauch, deſſen Beſitz nicht heimlich genug lgehalten, nicht tief genug in die Erde eingeſcharrt werden kann, damit nicht die öffnung des Gehäuſes unſerem Liebſten und Nächſten Tod und Verderben brin⸗ ge. Chriſtian's letztes Wort hält mich ab, das, nach dem ſo viele gegriffen, das, worauf der alte Diener das Leben geſetzt, um es dem Herrn zu bringen— aus den Haͤnden zu geben. Darf der Sohn weniger treu als der Diener ſeyn? und kann ich dem heftigen finſtern Pater überliefern, was das geliehte anmuthsvolle Weſen mit ſo vieler Kühnheit, vögteich bewacht und vielleicht bedroht, als ſein Eigenthum ihm zu entreißen ſuchte, was noch ein unbekannter Dritter durch einen Mord ſich erkaufen wollte.— Selbſt es zu leſen wage ich nicht, ich will nicht unberufen in ein Geheimniß eindringen, das meinem Leben mit neuer Verwirrung, neuen Schmerzen droht, und vielleicht den zum Verbrecher ſtempelt oder ent⸗ ehrt, den ich als Vater ehren und ſchonen muß, ſo wie es auch Dir obliegt, in ſofern die Eroffnung dieſes Geheimniſſes und meine Bitten Dich nicht bewegen können, Dich zuruͤckzuziehen. In dem — 83— Verhaͤltniſſe, worin Du jetzt zu mit ſtehſt, gebot die Freundſchaft mir Dir ein Geheimniß mit⸗ zuthelen, daß ich, wie Du jetzt einſchen wirſt, nicht aus Mangel an Vertrauen Dir ſo lange vorenthalten habe.“ Guſtav druͤckte ſchweigend ſeine Hand!— Es giebt Zuͤge in dem menſchlichen Charakter, die ſelbſt dem ſcharfblickendſten Freunde entgehen koͤn⸗ nen, und Axel hatte noch keine Gelegenheit gehabt den Starſinn und das Trotzen auf Feſtigkeit bei dem Freunde zu bemerken, die dieſen bewogen, ſeinen dringendſten Vorſtellungen zu widerſtehen, und das, was beſtimmt we ihn abzuſchrecken, zu einem noch ſchaͤrferen Sporn: bei ſeinem Vorhaben zu beharren, machten⸗ Nach kurzem Nachſinnen ſagte Guſtav heiter? „Mag es auch dunkel tings um uns ſeyn, wenn es nur klar in unſerem Innern iſt.— Ich weiß, was ich will, lieber Axel! ſtrebe auch Du nach dieſer Klarheit, vielleicht würde ſie Dich herſtel⸗ len können. Aufrichtig, Freund! Deine Geliebte will mir nicht recht gefallen! ich liebe ſelbſt bei einem Weibe Kuͤhnheit und Ernſt; aber Kühn⸗ heit und Leichtſinn ſind mir zuwider““ 6* — 84— Artt ſah ihn ſchmetzlich an, und ſchüttelte den Kopf.„Wahr!“ rief er endlichz„aber Du haſt ſie nicht geſehen.“— Er umarmte den Freund feſt und verließ ſchnell das Zimmer⸗ Guſtav warf ſich erſchoͤpft auf das Sopha. Er war ſo ruhig nicht, als er ſich bemuͤht hatte vor dem Freunde zu erſcheinen. Er fühlte, daß er, wußte er auch beſtimmt was er thun wollte, dennoch einen Sturm in ſeiner Bruſt, der alle Wogen ſeines Inneren mehr und mehr erregte, zu beſchwören hatte. Das Gleichgewicht der Seele mußte hergeſtellt werden. Er legte die Hand auf die Stirn, und bemühete ſich einige Augenblicke, um gleichſam neue und andere Fraͤfte zum Denken zu ſammeln, der Gekane ſigkeit hinzugeben. 1 Da nahete ſich der Pudel, der von der Stunde ſeiner Rettung an Guſtav eine Anhänglichkeit und Dankbarkeit bewieſen, die, obgleich einem geringern Faſſungsvermögen entſprungen, über die menſchliche herauszureichen ſchienen; das Thier legte den Kopf ſchmeichelnd auf ſeine Knie, unb betrachtete ihn mit freundlichen, faſt wehmuthigen Blicken. Hin und wieder ſtieß der Hund mit — 85— vr Schnauze nur leiſe ſeine S an, als wolle er zu erkennen geben, daß ein ergebenes Gemüth zu allen Zeiten Anſpruͤche auf die Aufmerkſam⸗ keit desjenigen habe, deſſen Wohlhaten mit Treue und Liebe belohnt werden. Doch war es, als hütete das Thier ſich durch taute und diiſte Aufforderungen ihn in ſeinen Betrachtungen zu ſtören, nur ein unverdroßenes Wedeln und ein kiſes Winſeln ſchienen ihm vorzuwerfen, daß er, in ſelbſtfuͤchtige Gedanken an einen kuͤnſtlich er⸗ ſchaffenen Lraum verſunken, die Vielen vergäße, die mit Zutrauen ihn Herr ten, und deren ſchönſte Hoffnungen an ſeiner Liebe hingen⸗ Wenigſtens gingen dieſe Vorſtellungen in Guſtav's Seele auf. Das Bild jener Nacht, und ſeiner muthigen i nebt iht leb⸗ haft vor⸗ „Warum,“ ſagte er endlich ſtufzend und doch muthig zu ſich ſelbſt,„warum mich mit Bildern quälen, die nur in phantaſtiſchen, von mir ſelbſt erſchaffenen Träumen entworfen ſind. 3 habe meinen Willen bchauptet, und mich keinem fremden unterworfen; obgleich ich mit Fug den Fehler, den mir die Convenienz der — 86— Höfe und der Welt angeheftet hat, buͤßen muß, den, nicht als Mann gegen Mann dem Konige gegenuͤber geſtanden, und ihm geradezu mein Herz geoffnet zu haben. Mag dieſe Lehre waͤh⸗ rend des ganzen Lebens mir denn vor die Augen geſtellt ſeyn, vielleicht wird eine Ehe, die erſt Feigheit, dann der Muth der Nothwendigkeit hervorgebracht, mir die Täuſchungen, womit Leidenſchaften und ihre Träume das Leben hin⸗ tergehen, erſparen, und das der Gewalt der Phantaſie entriſſene Herz mit größerem Eifer und Liebe die Wirklichkeit umfaſſen, in der ich ſo viel zu teiſten habe. Wie mich das treue Thier hier anſieht, ſo knuͤpfen nun hundert und hundert von mir nicht beachtete Herzen ihre Hoffnungen an meinen Namen; hundert und hundert harren meines Anblick's, um in meinen Augen ihre Zukunft abſpiegeln zu konnen, und ahnen nicht, daß ich ihre gerechten Erwartungen eines Traumes wegen täuſche. Waͤhrend dieſe ſtumme Treue meine Wehmuth erregt, vergeſſe ich, daß ich ſchon in dem treuen Freunde, der mich ſo eben verlaſſen, mehr beſitze, als die an⸗ gebetete Schönheit ſeines Traumbildes ihm — . — 87— ſpenden kann, mehr als äußere Schonheit mir je ſpenden könnte; vergeſſe, daß die Verwickelun⸗ gen, worin ihn Leidenſchaft gefuͤhrt, mich eben zu leidenſchaftsloſer Ruhe auffordern, um jene freudig auflöſen zu können, und daß ich folg⸗ lich eine Wahl mehr ſegnen als bedauern muß, die mich ſogleich auf einen Standpunkt erhebt, von dem die Gewalt der Sinne ſelbſt Männer in reiferen Jahren noch lange abhaͤlt! Nichts iſt verloren und alles wäre gewonnen, wenn ich nur meine Braut achten kann. Nun! auch das wird ſich geben; ich wäre ja auch ſonſt zu ſehr zu beneiden“ 8 Als er nun mit ſolcher jugendlichen Sophi⸗ ſterey die Herrſchaft uͤber ſich ſelbſt und das ru⸗ hige Gleichgewicht ſeiner Seele wieder gewon⸗ nen, zeigte er ſich mit freier Stirn und heite⸗ rem Lächeln dem verwunderten, unter ſich flu⸗ ſternden Hof, und dem lebendiger gewordenen Schwiegervater wieder, der jedoch, trocken und verſchwiegen wie immer, Anſtalten zu einer glänzenden Hochzeit traf; bald aber der fragen⸗ den Blicke und des ſchadenfrohen Erſtaunens üerdrußig, eilte Guſtav, den die Liebkoſungen des Schwiegervaters, welche dieſem als etwas gar zu Ungewohntes nicht recht gelingen wollten, auch unheimlich anſprachen, nach mehreren der ihm wiederbelehnten Guͤter, deren Bewohner den jungen noch unbekannten Herrn mit lautem Jubel empſingen⸗ — 6. At Axel reiſefertig in das Kabinet ſeines Vaters trat, ſagte dieſer mit finſterer Miene als er ihn verlaſſen:„Gieb Deiner Schweſter dieſen Brief. Sollte ſie irgend eine Einwendung machen, ſo bedeute ihr in meinem Namen, daß ich zwar aus Ruͤckſichten gegen ihre verſtorbene Mutter mich in ihre Grillen wegen der Lebensart der Tochter gefuͤgt, doch darum nicht meinen väterlichen Rechten, die Tochter vermählen zu können, ent⸗ ſagt habe; ich will, daß ſie gehorche.“ „Ein eitles und junges Mädchen wird doch gewiß einen ſolchen Mann nicht ausſchlagen, mein Vater!“ „Hedwiga iſt ja immer eigenſinnig geweſen, und wer weiß, welche Grillen ihre kopfhaͤngeriſche — 90— Umgebung ihr eingeflößt hat. Genug! in dieſem Punkte verlange ich Gehorſam.“ „Ihre Umgebung?“ fragte Axel, der in der That faſt eben ſo unwiſſend, ſeine naͤchſten Ver⸗ hältniſſe betreffend, war, als es der Leſer noch iſt, denn mit ſeinem einzigen Correſpondenten, dem Vater, hatte er nur kurze und kalte Briefe gewechſelt, worin nie irgend ein Dritter beruͤhrt wurde, kaum daß ihm der, waͤhrend ſeiner Reiſe erfolgte, Tod der Mutter war mitgetheilt worden. „Du wirſt ſie kennen lernen wenn Du hin⸗ kommſt— laß es Dir genug ſeyn, daß ſie mich haßt.— Reiſe gluͤcklich und ſchnell.“ Mit dieſen Worten kehrte ihm der General den Rucken und uͤberließ ihn in dem Reiſewagen den finſtern Vorſtellungen, die Alles ſeit ſeiner Ruͤckkehr er⸗ lebte nothwendig der Seele vorbeiführen mußten. Unter ſolchen Verhältniſſen hat die ernſte Natur des Spätſommers keine erheiternde Gewalt uͤber das Gemuth, nur das ſchnelle Hinrollen des Wagens auf den herrlichen Wegen während der ganzen Reiſe, die leichte Erſchuͤtterung, die taufend abwechſelnden Bilder, die kaum hervor⸗ — — gebracht, ſogleich von neuen verdraͤngt wurden, wirkten wohlthätig auf Leib und Seele⸗ So kam er mit einem ſonderbaren Gefuͤhle immer dem Ziele näher; er wußte ſelbſt nicht, war es Neugierde bloß, die ſeine Phantaſie be⸗ ſchäftigte, oder regte ſich wirklich in ihm Sehn⸗ ſucht nach einem Weſen, das doch nur die nahe Verwandtſchaft ihm einigermaßen werth machen konnte; denn alle daͤmmernden Erinnerungen aus der vergangenen Zeit mußten, in Bezug auf die Schweſter, mehr abſtoßend als anziehend auf ihn wirken. Indeſſen war ſie durch die willkuͤhrliche Beſtimmung ihrer Hand ihm auf ein Mal wich⸗ tig geworden, und in ſofern auch theuer, als das Gluͤck ſeines Freundes von ihren guten oder boſen Eigenſchaften, die er noch weniger als ihr widriges Aeußere kannte, abhängig war. Es kam ihm nun als eine heilige Pflicht vor, ihr Zu⸗ trauen zu gewinnen, und ſeine Anſprüche auf ihre ſchweſterliche Liebe geltend zu machen. Die immer mehr unwirthbare Gegend aber, deren Wildheit und Oede ſich mit jeder Meile vermehrten, vermochte nicht die Phantaſie zu lieb⸗ lichen Vorſtellungen zu ſtimmen, von einem 92— Mädchen, das in ſeiner erſten Jugend in der Reſi⸗ denz von der inſipideſten Putz⸗ und Flatterſucht hingeriſſen, nun von der ganzen Welt beinahe ab⸗ geſchieden, ſein Leben in einem alten, einſamen, ſeit etlichen Jahren erſt wieder bewohnten Schloſſe zubringen mußte. Wenn auch ein ſolches Ge⸗ ſchöpf einiger ſchonen und guten Regungen faͤhig geweſen, mußten dieſe ja ſchon längſt in Stumpf⸗ heit untergegangen ſeyn— und warum— war⸗ um mußte nun auch das junge, verwahrloſete Leben an das Grab der ihm ſo ungleichen Mut⸗ ter gefeſſelt ſeyn?— Ach! das einzige freund⸗ liche Bild aus Axels Kindheit war ja das ſeiner Mutter.— Ihre hohe bleiche Leidensgeſtalt trat noch oft wohlthuend in ſeinen Traumen auf. Es lebte noch in ſeinem Andenken, daß es ihr doch oft gelungen waͤre, des Vaters Zorn uͤber ſeine Kinderſtreiche zu entwaffnen; doch dieſe we⸗ nigen Erinnerungen waren auch alles. Er war ja ſelbſt früh aus dem Vaterhauſe gebracht, auch ſie hatte daſſelbe verlaſſen; zum erſten Male dachte er mit kindlicher Wehmuth an ihr frühes Grab, in deſſen Nähe ihn das Schickſal ſo unerwartet brachte; dort ſollte er ja die Schweſter finden ———————— — dort wollte er wo moͤglich ihre Liebe ewetben, und ihr die ſeinige nicht vorenthalten⸗ Endlich, fruͤh an einem Nachmittage, gewahrte er am Ufer eines ſtillen, traurigen See's, deſſen nackte Felſenumgebung nicht ein Mal die ſtechen⸗ den Sonnenſtrahlen zu erheitern vermochten, zwei lange unfoͤrmliche Schattenbilder, die ſich weit uͤber die Wogen geſpenſterartig ausſtreckten, und kaum war der Wagen um einige niedere Gebuͤſche herumgefahren, als er ein altes, doch ziemlich friſch weiß angeſtrichenes, gothiſches Schloß er⸗ blickte, das mit ſeinen zwei Eckthürmen, wie ein ubertuͤnchtes ſteinernes Grabmahl aller heitern Lebensfreuden, gerade vor ihm ſtand.„Das iſt Wörkna!“ ſagte der Fuhrmann.— Die niedrige Pforte, die engen, mit unzaͤhligen kleinen dunkeln Scheiben angefuͤllten Fenſter, ſo wie die langen thurmaͤhnlichen, in großer Menge angebrachten Schornſteine in dem verdorbenen franzoſiſchen Geſchmacke des ſiebzehnten Jahrhunderts, wirkten unfreundlich auf ſein kunſtliebendes Gemuth⸗ Eine Allee von wildgewachſenen Taxusbäumen, die kaum noch ihre urſprünglichen Figuren ver⸗ riethen, führte zu dem Schloßthore, deſſen Flü⸗ — 94— . gelthuͤren weit offen ſtanden; jedoch war die Ein⸗ fahrt durch ein mannshohes Gitter von Birken⸗ holz verſperrt. Dies oͤffnete ein grämlicher tau⸗ ber Pförtner, beinahe unglaͤubig, als der Reiſende ſich als Bruder der Beſitzerin angemeldet hatte. Axel ſprang raſch aus dem Wagen, und ſtand eben im Begriff eine andre, etwas mehr als Fniehohe hölzerne Gitterthuͤre zu ſprengen, die vor der breiten Haupttreppe angebracht war, als der Pförtner ihn am Arme zuruͤckhielt, während er mit der andern Hand eine Glocke zog.„Der gnaͤdige Herr muß doch erſt angemeldet werden. In dieſe Fluͤgel ſteigt man nicht auf;“ ſagte er muͤrriſch. Eine alte Frau, zwar ſtädtiſch, doch ſehr alt⸗ nhiſch gekleidet, erſchien kurz nachher im Hofe, und als er ſich ihr auf's Neue genannt hatte, ſchlug ſie verwundert die Haͤnde uber dem Kopf zuſammen, und nachdem ſie einen Augenblick ſcharf, oder vielmehr betreten, ſchweigend ihn be⸗ trachtet hatte, bat ſie ihn, nach dem Gebrauche des Landes demuͤthigſt, zu folgen. Sie trippelte voran über den grasbewachſenen Hof, und fuhrte ihn eine kleine Wendeltreppe hinauf in einen — —,——— großen Saal, wo ſie ihn erſuchte zu verweilen, bis ſie die Gebieterin aufgeſucht hätte. Axel blieb eine peinliche Viertelſtunde allein. — Die dde Stille, die dunkle, altmodiſche Um⸗ gebung, freilich ganz ſo wie er vermuthet, das langweilige Warten, alles trug immer mehr bei, ihn zu verſtimmen:— Die leiſe Hoffnung, alles beſſer, freundlicher, als er ſich es zu finden, verſchwand gaͤnzlich⸗ unruhig ging er von dem einen Fenſter dem andern. Die Ausſicht uͤber einen verab⸗ ſäumten, traurigen Garten, der ſich zwiſchen nie⸗ drigen, kahlen Felſenwaͤnden lang hinausſtreckte, war eben ſo unerfreulich, als das ſchon dunkelnde Innere des Zimmers, dem er ſich wieder zukehrte. Da kam es ihm auf ein Mal vor, als ſähe er aus dem dunkeln Hintergrunde deſſelben eine bleiche Frauengeſtalt ein Paar Schritte hervor⸗ ſchreiten, die aber bei ſeinem Anblicke wie feſtge⸗ bannt ſtehen blieb. Es war, als wenn etwas Bekanntes ihm aus den bleichen, jedoch undeut⸗ lichen Zugen entgegen lächelte, und er ſtand eben im Begriff ſie anzureden, als eine ihm nahe Thuͤre geoffnet wurde, aus der die vorige Alte ihm winkte — 96— hereinzutreten. Er folgte der Einladung, doch als er im Gehen noch einen Blick auf die erſte Geſtalt werfen wollte, war ſie nicht mehr da, und da auch keine Thuͤre in der Richtung ſich ſeinem Blicke darſtellte, wußte er nicht, ob er etwas Wirk⸗ liches geſehen, oder ob ſeine mehr als gewöhnlich geſpannte Phantaſie, die ihm oft ſchnell verſchwin⸗ dende Gaukelbilder nur zu natürlich vor's Auge fuͤhrte, ihn auch diesmal getäuſcht⸗ In demſelben Augenblicke trat an die Schwelle der geoffneten Thuͤre ein junges, weibliches Weſen, das in freudiger Eile mit ausgebreiteten Armen eine Bewegung machte, als wollte ſie ſich in die ſei⸗ nigen ſturzen, doch plotzlich ſich beſinnend, blieb ſie ſtehen, ſtreckte ihm freundlich die Hand entgegen, und zog ihn, da er dieſe ergriff, in das Kabinet zu ſich hinein⸗ „Endlich!“ ſprach ſie mit faſt zitternder Stimme,„duͤrfen denn meine Lippen das Wort laut ausſprechen, das ihnen Sehnſucht und Na⸗ tur ſchon lange zugefluſtert haben: willkommen Bruder!“— „Du biſt Hedwiga, meine Schweſter?“ fragte er faſt verwundert, waͤhrend er ſie mit — — 97— durchdringenden Blicken maß. Seine Erwartung fand ſich wirklich angenehm getäuſcht und uͤbertrof⸗ fen⸗ Es war nicht mehr das abſtoßende Geſchöpf, von dem die bloße Erinnerung widrig auf ihn gewirkt hatte, obgleich er in demſelben Augen⸗ licke ſich geſtchen mußte, daß die ſelbſtgeſchaffe⸗ nen Bilder der Phantaſie, welche ſo wie ſie das Schoͤne, ſo auch den Gegenſatz übertreiben, dies⸗ mal dazu dienten, dieſem von der Natur ver⸗ nachläſſigten Weſen einen fluchtigen Reiz zu ver⸗ leihenz denn mit einem ſo rührenden fanften Tone, daß er das Innerſte ſeines Herzens traf⸗ entgegnete ſie mit einem Lihn worin— Schmer zitterte: 5 6 ſ c2 „Zweifelſt Du? wer ein Mal ite wird ſich doch ſchwerlich in mir irren oder— auch ewig,“ fugte ſie kaum hörbar hinzu. Sie zog ihn auf das Sopha nieder, machte mehrere leichte Fragen uͤber das Beſinden des Vaters, uͤber ſein eignes, und uͤber ſeine Reiſe, während ſie mit Huͤlfe der Alten, die gleich nach⸗ her Erfriſchungen brachte, einen kleinen Tiſch vor den Bruder hinſchob, und ihm dieſe freund⸗ lich und einfoch vorſetzte. II. 5 — 98 ₰ So gewann Ael Zeit ſich zu faſſen, und alle Gegenſtände um ſich, ſo wie auch die Schwe⸗ ſter ſelbſt genau zu betrachten.— In der That, mit freudiger Ueberraſchung fand er ſich in die⸗ ſem freundlich hellen Kabinet wie auf eine ſchatten⸗ und ſonnenreiche fruchtbare Haſe, mit⸗ ten in der Oede und der Wildheit, die ihm ei⸗ nige Augenblicke früher von allen Seiten entge⸗ gen ſprang, verſetzt, in welcher die Schweſter, ob nuch nicht wie eine Gottheit, doch als ein huͤlf⸗ reicher Himmelsbote, der ihm Troſt und— — brachte, erſchien. Er glaubte ſich faſt in Suden gere Die hellen Farben des Zimmers, die höchſt ein⸗ fachen aber zierlichen Mobilien, das Gepräge der ſtrengſten Otdnung und Reinlichkeit, das ſich uͤberall, beſonders an der Einrichtung der in einer Vertiefung angebrachten Voliere zeigte, und end⸗ lich die reiche Blumenfulle der mehr als ſieben⸗ farbig funkelnden, wiewohl großtentheils geruch⸗ doſen, exotiſchen Pflanzen, die den Rand eines großen bogenförmigen Fenſters umgaben, und deſſen ganze Vertiefung fullten, alle von den rothen Strahlen det untergehenden Sonne ma⸗ — 99— giſch beleuchtet, ſprachen das Gemuͤth erheiternd an.— Mit geſtärktem Muthe wandte er die Blicke wieder auf die Schweſter⸗— Neini die kleine hagere Figur war nicht verwachſen, obgleich ſie ſich weder recht biegſam oder zierlich entfaltet hatte. Das einfache weiße Hauskleid ohne den geringſten Putz, ſelbſt ohne eine Blumeß ſtand in keinem grellen Gegenſatz mit dem von allen ee Schmuck entbloßten Antlit⸗— Die unter dem Kinn angebraͤchte Binde, die auf der einen Seite herunterfallend; ſich von der andern turban⸗aͤhnlich um die Stirn ſchlang, und nut wenige von der Natur gekräuſelte dnnkle Locken ſehen ließ, benahm den trockenen Zügen ihre Schärfe. Die in ihret Kindheit von einer lächet⸗ lichen Heftigkeit ſprühenden kleinen Augen erſchie⸗ nen nun größer; das unbedeutende Grau des Blickes hatte ſich in eine dunkelblaue milde Flamme verloren. Doch konnte Axel, je genauer er ſie betrachtete, ſich nicht verhehlen, daß die⸗ ſelbe Unannehmlichkeit ihrer Züge, die in der vergangenen Zeit, durch die geſchmackloſeſte Putz⸗ ſucht und ein wildes bedeutungsloſes Treiben noch mehr hervorgetreten, zwar noch vorhanden — 100— war, jedoch von der anſpruchloſen Einfachheit, die ſich ſowohl in ihrem Anzuge, wie in allen ihren Bewegungen aͤußerte, gaͤnzlich entwaffnet, und ſogar von einer unerklarlichen, aus dem In⸗ neren hervorgehenden Anmuth wie uͤberſchleiert wurde. Doch waͤhrend er dieſe Vergleichung mit freudigem Gefühl bei ſich ſelbſt anſtellte, entwickelte ſich aus den gegenwärtigen Zugen der Schweſter und jenen grelleren, die nur noch in ſeinem Gedachtniſſe lebten, ein anderes Bild, welches, als es deutlich vor ſeine Seele trat, ihn mit Erſtaunen und Grauen fuͤllte. Es wurde ihm naͤmlich klar, daß zwar nicht der Ausdruck des Ganzen, jedoch faſt alle einzelnen Zuͤge der Schweſter, obgleich nach einem verſchönernden Maaßſtabe, eine auffallende Aehnlichkeit mit denen jenes Finnweibes hatten, dem er die dunkelſte Stunde ſeines Lebens verdankte. Es gelang ihm, ſein inneres Entſetzen den durchdrin⸗ genden Blicken der Schweſter zu verbergen, die mit einer Art von Aengſtlichkeit auf ihm ruhe⸗ ten. Es war ihm deutlich, daß ſie dem neuen Eindrucke, den ihr noch immer ungefälliges Aeu⸗ ßere auf den ſo lange ferngeweſenen Bruder machen würde, mit Unruhe ſentgegen ſah, und durch einen raſchen Blick auf die freundliche Umgebung das ſchnelle Erſchrecken er ihr freundlich die Hand.— 5 Ich bin hochſt ibnſcht zu ſehen, un Schweſter!“ begann er,„wie es Dir gelungen iſt, der unheimlichen finſteren Umgebung einen ſo lächelnden kleinen Raum abzugewinnen: Eine reine ſchoöne Seele ſpiegelt ſich hier in allen Gegenſtänden ab, die ich— warum nicht offen ſeyn, wo alles Offenheit und Vertrauen ein⸗ flöͤßt— früheter Erinnetungen zufolge, nichtt erwartet habe chier ſo klar ausgeſprochen zu⸗ finden, und die ich darum auch mit doppelter Liebe und Hochachtung in Ausſpruch nehme⸗ Der Augenblick unſers Wiederſehens wird gewiß immer zu meinen ge⸗ hoͤrin 16 1 55 1 nſchr nur zu n leicht,“ erwie⸗ derte ſie mit einem leiſen Druck der Hand; „weißt Du auch, in wiefern das, was Deine Verwunderung erregt, auch das Werk Deiner Schweſter ſey.— Lerne mich beſſer kennen, — 102— dann darf ich wohl auch hoffen„daß öfters hier beſuchen wirſt.“ „Im Gegentheil!— Ich S Dic von hier wegzubringen!“ Sie ſchuͤttelte ſanft den Kopf: Dog Dir ſchwerlich gelingen Ich bin hier; zufrieden! Nenne mir etwas im 6 als bſ guzLu n henn nicht? mich ſpucht u enſan⸗ keit an, und Du wirſt meine nächſte Umgebung weder beſchränkt noch ungebildet finden.— Ich werde dem Oheim und anch der Tante, in ſo⸗ fern es ihre— nur. bald zufuͤhren.“— „Oheim und Zante—* ver⸗ wundert⸗ „Du weißt es nicht?⸗ erwiederte Hnign wehmüthig.„Alſo auch Du, obgleich Mann, biſt eben ſo wie ſch in dunkler ahnungsvoller Unbekanntſchaft mit unſeren naͤchſten Verhaͤlt⸗ niſſen aufgewachſen— woruber habeich denn mich zu beklagen? Haſt Du nie einen Bruder Sbe Mutter nennen gehört?“ „Allerdings— ja— als Kind ſchonz der Va⸗ ter hat miräber jede Frage über ihn ſchwer verboten⸗ Er ſoll verbannt oder geflüchtet eyn.“ umsnnc „Er wohnt jetzt hier mit einem ſchwächlichen, lieben Weibe;“ fuhr ſie fort.„Ich bin dieſen guten Verwandten viel, ja alles ſchuldig, obgleich ſie behaupten wollen, daß ſie hier unter meinem Schutze keben.— Wie dem auch ſeh, wir ſind uns beiderſeits nothwendig und theuer. Hier wo Liebe⸗ und Vertrauen wohnt, iſt meim Welt.— 3 En nicht, was mich dieſer entreißen könnte!“ 6 „Das Gluͤck Deiner Familie, die Bitten eine Bruders, dem Du ſchon theuer geworden biſt, und dem Dein Wohlwollen gewiß auch begegne— dann die Befehle des Vaters“ 44 „Des Vaters?“ unterbrach ihn Hedwiga be⸗ fremdetz„ich meinte, daß er mich ganz i6 86 fehle entlaſſen!“ i0 „Er ſchickt Dir dieſen Brief.“— Axel hattrſine Brieftaſche raſch hervorgezogen, indem er ſie aber öffnen wollte, war es ihm, als würde die Ausfuͤh⸗ rung ſeines Geſchäft's das ſchoͤne Verhaͤltniß, die hingebende Ruhe, die ſich von ſelbſt zwiſchen ihnen geſtaltet/ plötzlich und gewaltſam zerſtören· Er hielt — 104 ₰ auf ein Mal inne, und verbarg ſchnell die Brief⸗ taſche wiedert„Es iſt ja immer noch Zeit; einen Pergshe W5 Du in Wn Bruder 1i ch vaſihe dih⸗ 3 ſunft⸗— „ai wollen dieſen Abend nur uns gehören, und in ſofern es moglich iſt, kennen lernen,„ehe äu⸗ ßere Verhältniſſe feindlich zwiſchen uns treten werdin. Laß uns, wis zu der Stunde, wo ich Dich bei den Velwandten einfuͤhren kann,„von unſerer Kindheit, von der Mutter fprechen.— Sahe, kannſt Du Dich ihrer erinnern?““ „So ziemlich! Ich war zwar noch in einem zarten Alter, uls ich ihr entriſſen wurde, doch ihre ſchonen leidenden Züge ſchweben mir noch unvergeßlich und deutlich vorz aber das iſt beinahe Alles, was ich von iu ſagen weiß.“ So beſchreibe mir ſie! ach, ich war 4. da⸗ mals noch viel kleiner als Du, doch ihr Inne⸗ res kenne ichz die Verwandten, oder eigentlich nur der Onkel, haben mir piel von ihrer reinen Seele erzahlt; alleir von ihrem Aeußern können oder wollen ſie mir nie eine recht deutliche Vor⸗ „ — 105— ,—— Du kin S — pte 6 Amhn nie ſeen — aber— wir ſind ja hier ihrem Grabe nahe!! — haſt Du nie im Geiſte— iſt ihr Geiſtimie vor den deinen getreten?“ Ein leiſer Schauder rirſelte nicht ohne Grund durch Axels Ademz die bleiche Geſtalt, die er kaum eine Stunde fruͤ⸗ her geſehen, fiel ihm plötzlich bei dem Gedankeni an die Mutter ein. Nun ward es ihm klar, daß jene ihre Züge getragen, und er hätte gern ahne eine beſtimmte Frage wiſſen mögen, obdas, was ihm erſchienen, außer ihm, oder nurnin iner, durch ſo viele trube Bilder erhitzten Sn uſie, Sſme hätte. 5 „Nein!“ erwiederte Hedwiga ſunft,„wie oft ich es auch gewuͤnſcht habe, nein! und doch meint der Oheim, daß ſie, oder wie er es nennt: ihr Sinn, mich immer umſchwebt. Er behauptet ferner, daß er ihr gar nicht ähnlich ſehe— aber Du— Du Axel!— Vom Vater haſt Du kei⸗ nen Zug, und Deine Blicke dringen mir ſo ſanft in's Herz.“ * — 1061— „Ich weiß nicht, ob ich ihr ähnlich ſehe.— Wer hat es mir auch ſagen ſollen?“ vrief Axel ſchmerzlich.„Liebe Schweſter, unſere Jugend iſt ſo arm, ſo freudenleer geweſen, daß wir in der That doppelte Anſpruche auf die Zukunft haben.“ „Die meinigen ſind befriedigt!“ lächelte Hed⸗ wiga wehmuͤthig, ich habe eine tuͤchtige lehr⸗ reiche Schule durchgangen, und wie nähe war 6 daran, rettungslas verloren zu gehen⸗% „Du?“ fragte Axel verwundert. Haſt Du dennsein huͤßlicheres, uue 36 i gekannt, als ich damals war?— Das Letz in ich jetzt nicht mehr, das haben ſchon* eine Blicke gelehrt, Axel.“„ „Du biſt meine liebe Schweſter! und* darum erzähle mir von Dir, von Deiner Kind⸗ heit.— Ich ſtehe, wenn ich den Blick in die meine zuruͤckwerfe, ſo ganz im Dunkeln, daß jeder Lichtſtrahl, wie fluͤchtig er auch ſey, doch einige Hieroglyphen aus jener Seit beleuchten muß, an deren Wſei 6 meine fen kann.“ b „Was kann ein armes et Kind wehl viel erzählen. Meine kleine Geſchichte iſt kurz und 44 14 ½ — 10— einförmig; nur einzelne Erinnerungen dämmern in meiner Seele auf, nicht wie freundliche Sterne aus der dunkeln Nacht, ſondern wie Feuerflam⸗ men, die ein Gluck zerſtoren, oder dem Verlaſſe⸗ nen ſein Elend noch greller malen. Meine fruͤ⸗ heſten deutlichen Vorſtellungen reichen nicht zu meiner Mutter hinauf, ſie⸗ zeigen mir nur mich in einem großen Hauſe auf dem Lande, wo ich mit einem ſchoͤnen Kinde, wenige Jahre älter als ich, erzogen wurde. Wie viel ich als Gegenſatz zu einem kleinen Engel— wie es von Allen ge⸗ nannt wurde, und in der That, was das Afu⸗ ßere betrifft, auch war— ertragen müſſen, wie ſehr ich ſelbſt von den Etziehern zurückgeſetzt. wurde, läßt ſich nicht beſchreiben. Ich lernte fruͤh das Ungluͤck kennen, ein Gegenſtand des Mitleids in fremden Augen„ und der Gering⸗ ſchätzung meiner Umgebung zu ſeyn. In einem ſehr fruͤhen Alter bemerkte ich ſchon mit einer kindiſchen Erbitterung, die nicht dazu beitrug meine Häßlichkeit zu mildern, daß die Art Scho⸗ nung, die meine ſchoͤne, ältere Gefäͤhrtin mir in Gegenwart Anderer bezeigte, welche deswegen ihrem ſchonen Herzen neue Huldigungen brachte, —— — 1081 nicht aus dem Herzen kam, denn wenn wir allein waten, verlangte ſie die demuͤthigſte Unterwerfung von mir, und wenn ich dieſem Uebermuthe kin⸗ diſchen Trotz und bittere Neckerei entgegenſetzte, wußte ſie auf eine ſo pikante Art ihre Vorzüge neben meinem verwahrloſeten Aeußern geltend zu machen, daß die bei mir auflodernden Empſin⸗ dungen von Zorn und Rache in eine Verzweif⸗ lung über meine Perſon übergingen, die meine Seele immer mehr einem Stumpfſinne hingab, dein ſowohl, als dieſer Lage, ich ſpater gluͤcklicher⸗ weiſe durch einen Zufall entriſſen wurde, deſſen Folgen mich— das 5 werden.“ di n6 „Wie ſo2“ „Gutmüthigkeit wird ſo oft ie und doch freue ich mich, daß ein ſo großer Theil der⸗ ſelben mir beiwohnt, daß ich an keine Rache uͤber ſchmerzliche Beleidigungen mehr denke, wenn die erſte Hitze verdampft iſt, und ſelbſt jene iſt nie anders bei mir hervorgetreten als in kleinen Neckereien, die am öfteſten durch noch groͤßere zum Schweigen gebracht wurden. So dachte abet meine Gefährtin nicht; beſonders konnte ſie i — 109— mir nie vergeſſen, daß ich, uͤber die es ihr ein Leichtes war taͤglich durch alle körperliche Vor⸗ zuͤge zu ſiegen, daß ich mich einſt gegen ſie ge⸗ rühmt hatte, einen kleinern und leichtern Fuß zu beſitzen, denn die ihrigen waren entweder von Natur, oder durch die frühe Eitelkeit des Mäd⸗ chens einer kleinen Schwäche unterworfen, die ihren Gang weniger ſchon machte, und ſie beſon⸗ ders im Laufen hinderte, worin wir mitunter des Morgens, ehe noch die Toilette gemacht war, im Garten wetteiferten. Ich trug immer den Sieg davon, aber ſelbſt dieſen kleinen und einzigen gönnte ſie mir nicht. Sie erröthete jedesmal vor Zorn und biß die Lippen zuſammen, wenn ich in kindlicher Freude, die mir ſo ſparſam zuge⸗ theilt wurde, aufjauchzte.— Einſt gewahrte ich eines Morgens, von dem Gipfel einer blumigen Anhöhe, von der ein ſchmaler Steg hinunter bis zum Rande eines Teiches führte, meine Gefähr⸗ tin, die mich einige Augenblicke fruͤher, ich weiß nicht mehr unter welchem Vorwande, verlaſſen, unten am Ufer, wo ſie ſich über das Waſſer hinausbuͤckte, um eine ſchwimmende Nymphaͤa zu pfluͤcken.— Sie rief mir zu, ſturzte aber in * — 110— demſelben Augenblicke, ſo kam es mir vor, in den Teich.— Ohne mich zu beſinnen, flog ich lautſchreiend den Steg hinunter, doch ehe ich noch die Haͤlfte des Weges zuruͤckgelegt, ſtrau⸗ chelte ich und ſiel.— Ein durchdringender Schmerz, den ich in demſelben Momente in der rechten Ferſe vernahm, heraubte mich des Ge⸗ brauchs meiner Sinne. Als ich wieder zur Be⸗ ſinnung kam, befand ich mich im Bette— Durch mein lautes Geſchrei herbeigeführt, hatte man mich, die Ferſe von einem Fuchseiſen halb abge⸗ ſchnitten, gefunden; wie dies aber dahin gekom⸗ men ſey, war Allen ünbegreifliche Zu meinem Gluͤcke hatte eine ungeuͤbte Hand es aufgeſtellt, denn ich hatte nicht darauf getreten, ich ſtieß nur mit dem Fuße daran, es ſchlug um, und ſtatt den Fuß zu ergreifen, traf es, indem ich herumſiel, nur die Ferſe. Das erfuhr ich nachher. Meine erſte Frage war nach Ullau“ „Ulla?“ wiederholte Axel etwas betreten. „So heißt ſie— faͤllt der Name Dir auf?“ „Es iſt ein ſo ſchoner Name!“ erwiederte et mit unterdruckter Empfindung⸗ nr 5 . „— „— — 111— „Mir hat er ſehr ſchmerzlich in die Ohren geklungen!“ fuhr Hedwiga fort;„ich fragte ängſtlich, ob ſie gerettet ſch— man ſah mich be⸗ fümdet än— ich hatte mich getäuſcht.— Sie war nicht in's Waſſer geſtuͤrzt— im Gegentheil, als ich fiel, hatte ihr lautes Geſchrei noch mehr, als mein vorhergehendes, die Leute herbeigerufen, und als ich ohnmäͤchtig und blutend weggetragen wutde, war ſie bleich und zitternd herzugetreten. Eine dunkle Ahnung ſtieg zwar in mir auf, doch verſchwand ſie allmaͤhlich wieder, denn ulla nahete ſich mit mit ſichtbaret Theilnahme und thränen⸗ den Augen, und war wirklich, ſo lange ich krank darnieder lag, freundlicher und beſcheidener als ſonſt; doch als ich endlich wieder hergeſtellt wurde, und wie Du Dich erinnern wirſt, noch ſtaͤrker als jetzt, hinkte, konnte ſie nicht umhin mit einer kleinen triumphirenden Boöheit zu fragen? ob ich noch glaube, ſie im Laufen überwinden zu konnen. Da blitzte es in mir auf.— Ulla! rief ich, Du haſt das Fuchseiſen hingelegt!— ſie erblaßte, aber ſie verneinte es, und zum er⸗ ſten Mal in ihrem Leben erhob ſie weder ein Ge⸗ ſchrei, noch fuhlte ſie ſich bis zum Weinen be⸗ — 112— Keidigt uͤber den ungerechten Argwohn.— Sie — ich aber hinkte“„ n ging „Arme Schweſter!“ 60 6 ₰„Mehrere muͤſſen doch, ſo wie ichi in auch lauter geurtheilt haben; denn mein Pa⸗ ter— der Oheim will wiſſen auf die ſchriftliche dringende Vorſtellung meiner Mutter, die damals ſchon lang⸗ hier in der Einſamkeit ſeufzte— dließ mich zu ſich in die Reſidenz holen, obgleich er mich keines Blickes und keiner väterlichen Sunei⸗ gung würdigte, gab er mir doch eine wenigſtens aͤußere Erziehung, die ſeines Ranges und ſeiner Anſpruͤche in dem Staate gemaͤß war. Meine Häßlichkeit wurde zwar nicht mehr mit Worten erwaͤhnt, allein mein Spiegel konnte mir ſie doch nicht verbergen. Ich glaubte aber ſie ver⸗ nichten oder wenigſtens verſchleiern zu können, indem ich dem Beiſpiele meiner vorigen, ſeit ihrer Wiege vergotterten Gefaͤhrtin folgte, der freilich Alles reizend ſtand, und deren Vorzuͤge ich, noch immer kindiſch, alle den Modethorheiten zuſchrieb, denen ſie gehuldigt, und die jetzt auch mir, von ſchmeichelnden Dienerinnen umgeben, die ich mit demſelben Uebermuthe behandelte, deſſen Opfer — 113— ich ſelbſt früher geweſen war— ohne Widerrede zu Gebote ſtanden. So, mein Bruder, ſahen wir uns wieder.— Du kamſt nur, um abzureiſen⸗ — Da ſiel ein maͤchtiger Blitz von vat meine Seele.— Ich ſchwur mir ſelbſt: Du, Niemand ſollte mich ſo wiederſehen, als Du wich damals ſaheſt— ich hoffe, ich habe Wort ge⸗ halten. Auch habe ich mich mit Ulla verſoht⸗ „Du haſt ſie alſo wiedergeſehen?“ „Ja! und es ſcheint,“ fuhr ſie ſchmerzli laͤchelnd fort,„daß ſie meine Gutmuͤthigkeit auf's Reue getäuſcht habe.— Sie hat mich hier, nach einer Reiſe in die Fremde, beſucht.— Aus Freundſchaft, ſagte ſie, aus Sehnſucht nach der Jugendgeſpielin— ich glaube aber, aus Neu⸗ gierde, um ihres Triumphes zu genießen. Sie iſt in der That auch noch ſchoner geworden, noch einſchmeichelnder, wirklich unwiderſtehlich. Aber ich begreife ſie nicht.— Es iſt, als gonne ſie mir gar keine Freude. Ich hatte ſo eben einen jun⸗ gen, wenige Monate alten, ſchneeweißen Pudel von dem Oheime zum Geſchenk bekommen,— er hegt eine Vorliebe fuͤr alle reinfarbige oder ganz farben loſe t und hatte dies auf irgend 8 114— einem Bauerhofe gefunden. Obgleich der Hund noch ſo jung war, war er mir ſchon ſehr erge⸗ ben. Es mochte ihn rufen, wer da wollte, er ſah nur nach meinen Augen, und folgte nur mir. Das Thier gefiel ihr, ich koͤnnte ſagen beinahe bis zur Leidenſchaft. Sie drang in mich, ihr es zu uͤberlaſſen, und ich, die nun ein Mal, ſo wie ſie zum Genuß, nur zur Entſagung ge⸗ boren iſt, im Gefuͤhl deſſen, was jetzt mein Glück ausmachte— ich gab es ihr.— Sie ſoll es bald wieder abgeſchafft haben.“ Es ſtiegen ihr Thränen in die Augen— Sie erhob ſich langſam. Ein beängſtigendes Gefuͤhl preßte Axel die Bruſt zuſammen, und doch wagte ſein Mund die Frage nicht, die ihm auf b Lippen ſchwebte. Da trat die Alte Riih winkte— freundlich, und ſagte ihr etwas in's Ohr. „Der Oheim erwartet uns in dem Saale, lieber Axel,“ begann die Schweſter auf's Neue, „die Tante dagegen läßt ſich entſchuldigen.— Sie— doch Bruder, wir wollen wahr gegen einanber ſeyn— ſie ſieht nicht gern Fremde, and wit dem Sohni meines Vaters wird ſie ſchwerlich eine Ausnahme machen, ehe ſie ihn durch die Schweſter liebgewonnen hat.“ Schweigend gingen ſie, die Alte voraus mit ſilber⸗ nen Armleuchtern in den zitternden Haͤnden, über eine lange Gallerie, dann eine Treppe hinab, und traten hierauf in einen völlig altmodiſchen und eben ſo aus⸗ möblirten Saal, der jedoch hell und freundlich er⸗ leuchtet war. Vor dem Kamine, in dem ein tüchti⸗ ges Feuer, trotz der noch dazu ziemlich frühen Jahreszeit hell aufloderte, ſaß, unweit eines klei⸗ nen runden, zu Dreien gedeckten Tiſches, ein rü⸗ ſtiger, ziemlich großer, ungefähr funfzigjähriger Mann in vollem Anzuge, deſſen dunkle Farben erſt bei Tage und in den Strahlen der Sonue von Schwarz ſich unterſcheiden ließen. Die zier⸗ liche Friſur, ſo wie die Schuhe mit goldenen Schnallen, ſchienen den Hofmann zu verrathen; ſeine bleichen Geſichtszuge druͤckten einen etwas feierlichen Ernſt, doch zugleich Freundlichkeit aus, ſo wie die Lebhaftigkeit ſeiner großen Augen im Widerſpruche mit der ſteifen, ceremoniellen Hal⸗ tung ſeiner Bewegungen ſtand. Er erhob ſich hflich, aber kalt, und neigte ſich beinahe i gegen Ael, als er von dieſem begrüßt wurde. 8* — 116— Bedwiga beeilte ſich die Verwandten einander vorzuſtellen.„Sohn Ihrer Schweſter!“ ſagte ſie mit einem Gewichte, das alle Geſichtsmus⸗ keln des ruhig ſcheinenden Alten in Bewegung brachte. Es war, als vergäße dieſer alle äußern Angewohnheiten, und umarmte ihn herzlichz dann ließ er ihn plötzlich wieder los und betrach⸗ tete ihn lange ſchweigend. Axel begegnete frei⸗ muͤthig ſeinen durchdringenden Blicken. „Das iſt brüderlich von Dir, daß Du her⸗ timmſt!“ ſagte er endlich freundlich. „Ich will“ ſagte Axel laͤchelnd,„keiner Fulſc⸗ heit Ihre erſte freundliche Empfindung zu ver⸗ danken haben— ich bin hergeſandt.“ „Was haben wir verabredet, Bruder?“ fiel ihm Hedwiga ſchnell in's Wort;„heute wollen wir uns ſelbſt gehören.— Seyn Sie ruhig, Oheim! und theilen Sie meine Freude! ich habe Axel ſo gefunden, wie er in meinen Wuͤnſchen gelebt.“ „Ruhig!“ erwiederte der Alte ernſt,„haſt Du mich, ſeit wir hier zuſammen ſind, wohl unruhig geſehen?— Auch Du brauchſt es nie zu werden, ſo lange Du meiner Liebe vertraueſt⸗ — 117— Ich will mich mit Dir des Wiederſehens freuen — obgleich, als ich Dich zum letzten Mal⸗ ſah;“ — er hielt plotzlich inne, und ſeine Blicke & ſich finſter auf Axel. „Ich freue mich, vieles bei Ihnen erfahren zu können, woruͤber meine Seele, ſchon da ich noch ein Knabe war, vergebens Auskunft geſucht hat!“ entgegnete Axel mit Gewicht. „Du ſagſt, guter Junge, ohne vielleicht daran zu denken, Deinen Etziehern ein Compli⸗ ment,“ lächelte der Oheim, indem ſeine Blicke wieder heiter wurden⸗„Es iſt beſſer gar nichts zu erzählen, als etwas Unwahres. Laß uns aber jetzt von der Gegenwart oder dem juͤngſt Vergangenen—— uns von Reiſen.“ Auf einen Wink des Oyeims ieſen ſie ſich bei Tiſche nieder. Frugale, aber hoͤchſt wohl⸗ ſchmeckende Gerichte wurden aufgetragen⸗— Unter Etzählungen, Fragen, geiſtreichen Bemerkungen, die wie ernſte einfache Glockentone aus dem Munde des Alten hereinſielen, und wie ſanfte Harmonikalaute über Hedwiga's Lippen floſſen, vergingen die Stunden ſchnell. Die heitere, ihm 118— ganz neue Gegenwart, die vertraulichen Klänge, die zum erſten Male aus der Bruſt naher Ver⸗ wandten der ſeinigen entgegenſtrömten, wirkten wie ein mächtiger Zauber auf Axels immer mehr entfeſſeltes Gemuͤth, und gaben ſeinen ſonſt ſo ſchuͤchternen Empfindungen Worte und Tone. Der Oheim wurde immer freundlicher, ſo wie Arel offner und unbefangener wurde. Die Schwe⸗ ſter überließ zuletzt ganz den Maͤnnern das Ge⸗ ſpräch, nur eilten ihre ſanften und doch lebhaften Blicke von dem Einen zu dem Andern, und wie⸗ der zuruͤck, als freundiiche Tauben, durch deren Vermittelung die Herzen und Gemüther die ge⸗ genſeitigen Gedanken und S um ſo auffaßten. So war es Mitternacht geworden 85 axer es ahnete, und doch war es ihm, als er nun von Hedwiga durch mehrere Gänge bis an die Fhüre begleitet, ſein kleines, luftiges, obgleich alterthüͤmliches Schlafzimmer betrat, als haͤtte er ſeit wenigen Stunden ſchon Jahre verlebt. Er fuͤhlte ſich auf ein Mal einheimiſch, ja wohler als je in dem Hauſe, deſſen Oede und Einſamkeit ihm noch denſelben Nachmittag einen — 119— Schauder eingefloßt hatte; die noch faſt unge⸗ kannte Schweſter ſtand, trotz ihres gäͤnzlichen Mangels an Schönheit, die er kaum mehr ver⸗ mißte, wie durchſichtig vor ihm⸗ Er ſah, ſo kam es ihm vor, wie durch eine klare Quelle in den Grund ihrer Seele, in der er jede Be⸗ wegung ehren und lieben mußte. Räͤthſelhaft, aber zugleich ehrwuͤrdig erſchien ihm der Oheim. Es war, als ſpräche etwas Ueberirdiſches aus dem Ernſte der Ruhe und Milde, die über ſeine Züge verbreitet waren. Selbſt der ſonore Klang ſeiner Stimme fiel wohlthuend, faſt wie bekannt, in ſein Ohr, doch erſchrack er faſt bei dieſem Ge⸗ danken; er ſtellte ihm den abentheuerlichen Frem⸗ den, der ihn in Rom unfern des Kloſters ange⸗ redet, wie einen Blitz vor die Seele, er erinnerte ſich zum erſten Male, denn er hatte an den bis jetzt ungenannten Namen des Oheims gar nicht gedacht, daß ulla ſo wie dieſer genannt wurde, doch eben ſo ſchnell wurde es ihm auch deutlich, daß er jenen Fremden, deſſen Geſicht er zwar nur undeutlich geſehen, aber um ſo genauer deſſen Bild, von dem die Zuͤge heftige Leidenſchaftlich⸗ keit und frohe Bekanntſchaft mit der Welt aus⸗ ſprachen— als Meuchelmoͤrder, als Ullas Vater kennen gelernt, und daß ſie ſelbſt ſich von aller Verwandtſchaft mit dem Namen den ſie trug, losgeſagt hatte. Er verwarf jenen Gedanken wieder, der in ſo grellem Widerſpruche mit den verehrten Zügen des Oheims ſtand; ſchmerzlich aber hafteten ſeine Vorſtellungen an dem nicht ſobald weichenden Bilde der Geliebten, und ein Blick in die nie ruhenden Träume ſeines Herzens, die ſich alle um jenes bewegten, floßten ihm auf's Neue Aengſtlichkeit, Zweifel und Mißmuth ein. Es war, als flüſterten leiſe Stimmen, daß ſie es geweſen, von der ihm Hedwiga erzähltz ja, jemehr er daran dachte, je weniger konnte er zweifeln. Er bebte zuſammen— auch die Ruck⸗ erinnerung an ſeinen Vater nagte an ſeinem Her⸗ zen— ſelbſt der Gedanke an Guſtav, an den Zweck ſeiner Reiſe, gab ihm eine Empfindung, aus der ſich mehr Unruhe, Beſorgniß und Aengſtlichkeit, als frohe Hoffnungen entwickelten. Vergebens ſtrebte er, ſich aus allen ſeinen Erinnerungen in die neu aufgegangene Gegenwart hineinzuſtellen, und ſich dieſer kindlich, erwartungsvoll und wil⸗ enlos hinzugeben. Unter dieſen verwortenen, traumaͤhnlichen Vorſtellungen umfaßten ihn nur ſpät der Schlaf und die Fräume des Schlafes. Kaum war er den folgenden Morgen erwacht, als die alte Dienerin den Kopf in's Zimmer ſteckte, um Nachfrage zu thun, ob er allein oder bei der Schweſter früchſtuͤcken wollte.— Er wählte das Letztere, und begab ſich ſogleich im Morgen⸗ kleide, die Brieftaſche am Buſen, zu ihr, die ſei⸗ ner im freundlichen Kabinette harrete. Mit Freude empfand er, als ſie anſpruchslos und einfach ihm die Hand reichte, daß der Zauber der Ueber⸗ raſchung, die ſo viel Maͤngel zu bedecken vermag, ihr keine gute Eigenſchaft beigelegt hatte, die nicht die Prufung des ſcharf beobachtenden Blik⸗ kes aushalten konnte; war er alſo geſtern in das Schloß mit der widrigen Empfindung eingetreten, einem thorichten und unwuͤrdigem Geſchoöpfe ein Gluck verkuͤnden zu muͤſſen, das es begierig, ob⸗ gleich erſt nach laͤcherlicher Ziererei, ergreifen wuͤrde, ſo beſchäftigte ihn nun der Gedanke, wie er ſich eines Antrages entledigen ſolle, dem eben die unerwartete Wuͤrde des Gegenſtandes vielleicht unvorhergeſehene Hinderniſſe entgegenſtellen konnte. Dieſe Ueberzeugung, die er mehr im Innern — 122—. fühlte, als er ſich derſelben klar bewußt war, gab ihm einen Anſtrich von Verlegenheit, die Hedwiga's Blicken nicht entging, und ihm je⸗ des Mal die Zunge laͤhmte, wenn er waͤhrend des Fruͤhſtuͤcks im Begriff war eine Frage uͤber den Oheim zu thun, der ihn ſo ſehr angezogen hatte. Hedwiga bemerkte nicht ohne ein banges Vorgefühl ſeine Zerſtreuung, und da er nun endlich raſch, wie mit zuſammengerafftem Muthe, ihr den Brief mit den Worten hinreichte:„Ich darf nicht vergeſſen, daß ich ein Abgeſandter binz“ legte ſie ihn ſtill vor ſich hin und ſagte: „Wenn der Inhalt unangenehm waͤre, zweifle ich nicht, daß Dein Mund und Dein bruder⸗ liches Gemuͤth mir ihn ſchonender mittheilen wuͤrde. Ich bin aller rauhen Worte entwöhnt. — Kennſt Du ihn?“ „Ja, Hedwiga! und nun, da ich Dih ken⸗ nen gelernt habe, tigg⸗ ich ihn auch.“ „Was verlangt der Vater? Daß ich zurck⸗ kehre?— das laͤuft gegen ſein Verſprechen— auch thäte ich es ungern. Freilich iſt ſein Haus ſtill und einſam mitten in der Welt, aber dort wurde „— „— — mir erſt das Gefuͤhl einer Oede begegnen, das Dir aus dieſen Mauern entgegen wehte.“ „Er wuͤnſcht, daß Du Dich vermaͤhleſt!“ Sie ſah den Bruder lange beſtuͤrzt und er⸗ ſchrocken an. Endlich faßte ſie ſich und ſagte beſtimmt und ruhig:„Ich?— unmöglich!“ „Oft,“ erwiederte Axel lächelnd, aber zugleich ernſt,„oft erſcheint eine Sache ſo, weil man ſie alſo gedacht hat, faßt man ſie aber naͤher und kühn in's Auge, verſchließt man dieſes nicht muthwillig andern Anſichten, wird gemeinlich das, was uns beim erſten Anblicke als etwas Ungeheueres und Unuͤberſteigliches vorkam, nach und nach leicht, ja ſogar wuͤnſchenswerth. Der⸗ jenige, der Deine Hand begehrt, iſt ein fehr bra⸗ ver Mann und mein Freund.“ „Nie kann ich auf Liebe Anſpruch machen,“ entgegnete Hedwiga ruhig,„und ſelbſt nur auf Achtung, in ſofern ich meiner Würde nichts ver⸗ gebe, und die wuͤrde ich ſelbſt verwirkt haben, ſobald ich mich einem ſo thörichten Antrage hin⸗ geben konnte. Ja! ich kann den nicht ein Mal achten, der, Gott mag wiſſen aus welchen Gruͤn⸗ den, meine Hand verlangt. Ich weiß recht gut, 14„ wie die Welt von mir ſpricht; ich fuͤhle, daß ſie nicht übertreibt, den beſſern Theil meines Weſens kennt Niemand außerhalb dieſet Mauern; und mein Aeußeres, das nie Zuneigung ertegen kann, wuͤrde uns beide mit einer Lächerlichkeit bedecken, deren Opfer meine Ruhe— fruͤh oder ſpät, dennoch immer nach Verdienſt werden wird.“ Ihr ganzes Weſen hatte bei dieſer Rede einen ſo abſtoßenden kalten Ernſt angenommen, daß Axel ſelbſt unangenehm ergriffen, kaum die Worte?„Liebe Schweſter!“ hervorpreſſen konnte. „Was kannſt Du mir wohl einwenden?“. fuhr ſie lebhaft, ſelbſt ein wenig verletzt fort.„Ich will Dich ruhig anhoͤren, aber Du wirſt Dich vergebens beſtreben, mir den achtungswuͤrdig dar⸗ zuſtellen, der ſich um mich bewirbt.— Hat er mich nicht geſehen, nichts von mir gehört, hat er ſich möglich von den Vorſpiegelungen des Va⸗ ters, von deſſen Anſichten täuſchen laſſen, iſt er ein Thor, den mein Anblick zu meiner Beſchä⸗ mung bald zur Vernunft bringen wuͤrde; hat er mich aber einſt zufaͤllig geſehen, und mich alſo bloß als eine ſchlechte Zugabe anderer Ruͤck⸗ ſichten betrachtet, ja, hat er ſelbſt nur von meiner ——— — ———„— ——— Häßlichkeit, von meiner häßlichen Vergangenheit gehört, dann iſt er ſchlimmer als ein Thor, dann iſt er ſchlecht, und ich verdiente freilich ſeiner Er⸗ bärmlichkeit theilhaftig zu werden, wenn ich ihm die Hand reichen könnte.— Und Axel— Du— Du ſelbſt, dem mein Herz liebevoll entgegenſprang, in deſſen Blicken ich Wohlwollen und Mitgefühl las, und ſie daher auch ruhig in die Tiefe meines Gemuͤths hinunterſteigen ließ, Du kannſt mich noch fur ſo thoricht halten, und ſtatt mich freund⸗ lich zu warnen, meine mögliche Thorheit ſogar mißbrauchen wollen 7 „Du wollteſt mich ja anhoren, liebe Schwe⸗ ſter! Giebt es denn nicht Verhaltniſſe, die ſo ſelten ſind, daß ſie nicht nach einer allgemeinen Regel beurtheilt werden koͤnnen?— Du biſt, ſo haſt Du Dich geaußert, zur Entſagung geboren⸗ Wohlan! waͤhle denn die ſchonſte, weil ſie die großte iſt, die Entſagung Deiner ſelbſt, und ge⸗ winne Dir ſo die hoͤchſte Achtung Deines Bru⸗ ders, der Dich kennt und ſchätzt, und die Vereh⸗ rung ſeines Freundes, der ſeine Geſinnungen bald theilen wird.— Mache Dir aber durch dieſe Ent⸗ ſagung ein Herz eigen, das aus Stolz, um ſeiner — 126— ſelbſt wurdig zu bleiben, ſich in Deine Arme wirft, freilich ohne die ſchöne Seele zu ahnen, deren Be⸗ ſitz nur er allein, wenn auch nicht durch den Grund ſeiner Bewerbung, verdient.—“ „Du ſprichſt ja in Begeiſterung, Bruder!“ ſagte ſie läͤchelnd.„Erkläre mir durch einen ſchlich⸗ ten Bericht, was Du mit allen den Worten meinſt.“ „Ja, Hedwiga! ich wiederhole was Du ſelbſt geſagt; wir wollen wahr gegen einander ſeyn.“— Und nun erzählte ihr Axel mit freilich etwas be⸗ ſchönigenden Worten den wahren Zuſammenhang, ohne jedoch den Freund ſelbſt näher zu bezeichnen. — Er ſcheuete ſich einen Namen zu nennen, der vor den Augen der Welt dieſe Verbindung noch lächerlicher machen würde, weil der, welcher ihn trug, als einer der ſchönſten jungen Maͤnner der Reſidenz anerkannt war. Sie hörte ihn aufmerkſam, wiewohl mit ſtei⸗ gender Unruhe, zu Ende.„Aus Deinem Berich⸗ te,“— erwiederte ſie, nachdem er lange zu reden aufgehört—„an deſſen Wahrhaftigkeit ich doch nicht zweifle, weiß ich mir Deinen Enthuſiasmus nicht zu erklaͤren. Ich kann in dem Betragen Dei⸗ nes Freundes nur Selbſtſucht, Uebermuth und ℳ F xhut Mntih— Kann er denn glauben, daß der, welchem es an Muth fehlt, feſten Willen ge⸗ gen ſeinen König zu behaupten, daß der, ſage ich, Kraft genug beſitzt, ſich dem Gelächter der Mei⸗ nung Preis zu geben. Und er— Dein Freund, ſagſt Du ja! Axel, nenne mir ihn!—“ ſchloß ſie mir einer Heftigkeit, die ihrer ruhigen Haltung ſonſt ganz fremd war. „Du mußt ihn faſt etrathen— Guſtav Silfverkron.“ „Graf Silfverkron!“ rief ſie und eine flam⸗ mende Gluth röthete ihr ſonſt bleiches Antlitz. —„Nein! wenn ich auch Deine Anſichten theilen könnte, den nie! „Wie!“ verſetzte Axel voll Erſtaunen!— „eben nur ihn!— Woher kennſt Du— woher haſſeſt Du meinen beſten Freund?— 2 „Nie, nie!—“ wiederholte ſie mit Heftig⸗ keit.—„Nie, weil—“ Sie hielt plotzlich inne. Todesbläſſe, noch tiefer als gewöhnlich, bedeckte auf's Neue ihre Wangenz und wie entſeelt ſank ſie in ſeine Arme⸗ Hoͤchſt beſturzt legte 2e die Ohnmaͤchtige auf das Sopha und zog aus allen Kräften die Klingel; Dienerinnen ſtürzten erſchrocken herein, und bemuͤheten ſich, ſo wie er ſelbſt, die Schwe⸗ ſter zum Leben und zur Beſinnung zu bringen⸗ Nur fluͤchtig bemerkte Axel in ſeinem Eifer, daß ſich die Umgebenden vermehrt hatten, obgleich ſein Auge unwillkuͤhrlich auf einer großen ſchlanken ſchon bejahrten Frau haftete, die Hedwiga zärtlich in ihre Arme faßte, und bei deren Erſcheinung die zwei Dienerinnen zurugkwichen. Axel begriff ſo⸗ gleich, daß es die Tante ſey, welche die Nachricht von dem Uebelbefinden der Pflegetochter ſchnell uber alle Bedenklichkeiten hinweggeſetzt hatte. Doch kaum hatte er einen aufmerkſameren Blick auf ſie geworfen, nicht recht wiſſend, wie er in dieſem Au⸗ genblicke eine ſchickliche Begruͤßung anbringen ſolle, als der Oheim— im Morgenkleid und mit ſchon in Ordnung gebrachten Haaren— ihm freundlich auf die Schulter klopfte⸗ „Komm, Neffe! hier ſind wir uͤberfluͤſſig;“ ſagte er ein wenig aͤngſtlich, indem er Axel mit ſich aus dem Zimmer zog.„Ich will nicht hoffen, daß dieſer eine S2 Deines Auftrages ſey!— — 129— — Arel benutzte die erſten Augenblicke, als ſie in die Wohnſtube des Oheims getreten, um ihm, offen und klar, einen vollſtändigen Ueberblick ſei⸗ ner Sendung zu geben. Das entſchiedene Niet der Schweſter hatte ihn ſchmetzlichſt beſtürzt ge⸗ macht. Er geſtand dem Oheim ohne Hehl, daß er auch hier den verborgenen Schtecken ahne, der beinahe bei jedem Schritte, der ihn ſeinen naͤch⸗ ſten Verhaltniſſen naͤher brächte, ihm aus der dunkeln Vergangenheit ſeines Hauſes entgegenträte⸗ Der Oheim ſah ihn durchdringend an.„In der Seele Deiner Schweſter,“ ſagte er ruhig,„iſt alles klar.— Was es auch ſey, wir werden es vald erfahren. Ich eile wieder zu ihr— beſchäf⸗ tige Dich indeſſen hier, ſo gut Du vermagſt.“ Er zeigte auf eine Reihe Buͤcherſchraͤnke, welche die große Wand bedeckten und in deren Glasthuren die Schluſſel ſteckten, und verließ das Zimmer. Vergebens aber ſuchte Axel in den tödlich langen Stunden, die er allein blieb, und die nur durch wiederholte Rachrichten von dem Beſſerbefinden der Schweſter unterbtochen wurden, durch einen raſchen Ueberblick der Ruͤckſeiten der Buͤcher, die, außer einer Menge von Reiſen und II. 9 — 130— geſchichtlichen Sammlungen, zum groͤßten Theil aus theoſophiſchen, und unter dieſen beſonders aus Swedenborgs Schriften beſtanden, 66 zu zerſtreuen. Hedwiga war, als der Oheim wiehet zu ihr hereintrat, zur Beſinnung gekommen, und gefaßt. Auch ſie hatte die Tante mit dem Vorgefallenen bekannt gemacht, und uͤbergab nun dem Oheim den Brief ihres Vaters noch uneröffnet. Er er⸗ erbrach ihn auf ihr Verlangen und las: „Meine Tochter! Ich hoſſe, daß meine Will⸗ „fährigkeit gegen Deine gegenwärtigen Umgebun⸗ „gen Dir nicht vergeſſen gemacht hat, daß Du „mir noch immer Gehorſam ſchuldig biſt; und „auch jenes nicht, daß ich meine väterlichen „Rechte öffentlich nie vergeben darf oder will. „Ein unvorhergeſehener Umſtand ſcheint meinen „geheimſten, gewiß nicht tadelnswerthen Wuͤnſchen „zu ſchmeichelnz ein mit der Gunſt des Königs „begabter Jungling, einer der ſchönſten und ange⸗ „ſehenſten dieſes Reichs, verlangt Deine Hand⸗ „Es wäre Thorheit und ſträflicher Eigenſinn, ein „unſerer Familie ſo zuſagendes Gluck auszuſchla⸗ vgen.— Ich hahe ſie dem Grafen Silfverkron . 131 ₰ „zugeſagt.— Huͤtet Euch durch die Verwel⸗ „gerung des einzigen Gebots, wobei ich meine „väterlichen Rechte durchaus behaupten muß, durch „eine Verweigerung, die nur ſtattfinden konnte „um mir zu widerſprechen, mich zu reizen. Ich „hoffe, daß Axel Dir jede Bedenklichkeit beneh⸗ „men kann, und erwarte zugleich mit ihm meine „gehorſame Tochter in dem Vaterhaufe zu ſehen.“ „Gegen alles Aeußerliche dieſer Verbindung,“ fuhr der Oheim höchſt bewegt aber ſich bezäh⸗ mend fort, waͤhrend er das Blatt ruhig zuſam⸗ menlegte,„können wir freilich nichts einzuwen⸗ den haben, obgleich nach dem, was mir Axel ſo eben mitgetheilt, ſich mehrere innere Bedenklich⸗ keiten erheben; vor Allem dieſer gereizte Zuſtand, liebe Hedwiga, den Du mir vergebens zu verber⸗ gen ſucheſt, und der ſich, wie mir der Neffe ver⸗ traut, ſchon in einer entſchiedenen Abneigung ge⸗ gen dieſen Bewerber—“ 45 „Abneigung? lieber Oheim! gegen ihn?— Nein!“ fiel ihm Hedwiga blaß und zitternd in die Rede.„Aber gegen die Ehe— dieſe beſonders—.“ „Nie!— Du haſt das Wort Nie ausge⸗ ſprochen, in Bezug auf einen Mann, den der Bru⸗ 9* — 132— der mit Enthuſiasmus nennt„und 5 kaum be⸗ kannt ſeyn kann.“ 2 „Doch!“ verſetzte ſie leiſe. „Und warum? liebe Hedwiga,— wir vinfen Dir doch wohl dieſe Frage thun?“ „Warum? O meine theuern Eltern!“ erwie⸗ derte ſie in großer Bewegung, ihre Haͤnde gegen ihre Bruſt druͤckend,„ſo habt Ihr ja Beide ge⸗ wollt, daß ich Euch nennen ſoll, und Ihr wollt in dieſem ſchweren Augenblicke, da ich mehr als je Rath und Zuneigung brauche, mir die Bedeu⸗ tung dieſes ſchoͤnen, fuͤr mich ſonſt längſt verſun⸗ kenen Namens nicht verſagen— wie viel es mir auch koſtet, ich will aufrichtig ſeyn— nie habe ich geſagt, nie, weil ich ihn liebe.“ Sie ſchlug die Augen zu Boden. Die Tante konnte einen Ausruf der Verwunderung nicht zu⸗ ruͤckhalten. „Wenn ich“ fuhr Hedwiga mit erhoͤhetem Selbſtgefühle fort,„hier unter Euern Augen ein anderes und beſſeres Weſen geworden bin, wenn ich Eure zarte Liebe, Eure liebende Sorgfalt ver⸗ diene, iſt es nicht mein, es iſt Euer— oder viel⸗ mehr— Ihr wollt ja, daß ich ganz aufrichtig ſey ₰ — * — 133— — es iſt nur ſein Werk, und ihm, dem ich dieſe innere Zufriedenheit verdanke, ihm ſollte ich zum Danke ein ſo zuruͤckſtoßendes Geſchenk bringen? Ihr verſtehet mich nicht!“ fuhr ſie fort, als die Verwandten ſie verwundert betrachteten.„ Gott⸗ lob! daß Du ſelbſt, theurer Oheim, mir Mittel an die Hand gegeben, Euch meine ganze Seele zu entfalten, ohne die unwilligen Lippen in Ge⸗ fahr zu bringen, mir den Dienſt zu verſagen. Er⸗ innerſt Du Dich, daß Du mir ein Mal geſagt: das ſicherſte Mittel, um die Tiefe ſeiner Seele zu durchblicken waͤre, alle ſeine Gedanken und Ereig⸗ niſſe fur ſich ſelbſt niederzuſchreiben— ich habe Deinen Rath, wiewohl ziemlich ſpäͤt, befolgt, und zwar in meiner Erinnerung von dem Tage angefangen, da ich eigentlich zu leben begann.— Vor Euch habe ich nie ein Geheimniß haben wollen, und ich bin uberzeugt, daß Ihr Beide empfindet, war⸗ um ich Euch nicht ungefragt habe mittheilen kön⸗ nen, was ich Euch jedoch nie verhehlen gewollt. — Ach!“ fuhr ſie leiſe erröthend fort„ waͤhrend ſie ein kleines Heft aus ihrem Schreibpulte her⸗ vorholte,„ich habe mir oft früher den Tod ge⸗ wünſcht; dann war es mir in ſolchen Augenblik⸗ ken, wo ich an die Gewaͤhrung dieſes Wunſches leiſe glaubte, als muͤſſe ich Euch ein kleines, liebes Erbtheil hinterlaſſen, einen Theil meines Weſens — und ſo geſtalteten ſich dieſe kleinen Blätter un⸗ ter meiner Hand, theils wie eine Anſchauung mei⸗ ner ſelbſt, theils mit den Gedanken, mich Euch ganz darzuſtellen. Ihr ſindet da Alles, was Ihr zu wiſſen braucht. Laßt mich indeſſen ruhig mit mir ſelbſt unter meinen ernſten Tannen— wenn Ihr geleſen;, will ich mich mit Euch be⸗ rathen und dann erſt den Bruder ſehen.“ Sie druckte die Lippen auf die Hand des Oheims, verbarg einen Augenblick ihr Antlitz in den Buſen der Tante, und— dann ſchnell das Zimmer. Die Zurückgrbliebenen ſahen ihr mit Verwun⸗ derung, zugleich aber mit herzlichem Wohlgefallen nach, und durchlaſen dann zuſammen das Heft, von dem wir den Leſern mittheilen wollen, was auf den Gegenſtand des Augenblicks Bezug hat⸗ — Aus Hebwigas Aufzeichnungen. Es war der zehnte Oetober— kann ich ſchick⸗ licher anfangen, als mit dem Tage da mein Da⸗ ſeyn eine ganz neue, lebendige Richtung genom⸗ men— ich erwachte ſpaͤt des Morgens, ohne Ahnung, inſipid und träge, wie gewöhnlich. Die Gouvernante ſtand brummend vor meinem Bette⸗ „Mein Gott! Fräulein! haben Sie denn ganz verſchlafen, daß die Abreiſe Ihres Herrn Bruders heute bevorſteht. Es ſoll en famille gefrühſtückt werden. Der Herr General haben ſchon zwei Mal nach Ihnen geſchickt, und wenn ſie ſelbſt herauf⸗ kommen ſollen.—“ Ich horte nicht mehr, denn ich war ſchon aus dem Bette geſprungen⸗ Dieſe Drohung, die einzige die auf meinen Eigenſinn zu wirken vermochte, hatte mich bereits in Thaͤtigheit geſetzt⸗ 2 — 136— Ich wußte, daß der Reiſegefährte meines Bru⸗ ders dieſen fruh hei uns abholen wuͤrde, und eilte meine Morgentoilette zu machen; unter den wie immer vergeblichen Bemuͤhungen, mein Aeu⸗ beres zu verſchönern, waren ſchon einige Minuten verſtrichen; da kam der alte, verdrießliche Diener des Vaters, um mich herunter zu bringen. Va⸗ ter und Bruder waren ſchon im Saale. Halb angezogen, wie ich war, mußte ich gehorchen. Ich hüllte mich in eine ſeidene Enveloppe, und folgte erbittert mit meiner Snnn dem nicht ſehr pöflichen Diener. Mein Vater ſaß ſchon vor dem Tiſche, ihm gegenüber der Bruder, ein lang aufgeſchoſſener Juͤngling, deſſen bleiche, edle Zuͤge, die eine ſchuͤchterne Befangenheit ausdruͤckten, ich noch nicht zu wuͤrdigen verſtand. Er war den Tag vorher erſt angekommen, und das Gepräge einer ländlichen Etzichung, deren ſchwerfällige Gedie⸗ genheit gar zu ſehr mit der faden Flatterhaftgkeit der freilich ſehr wenigen jungen Hofleute, die mir vorgekommen, und mir den einzig faßlichen Maas⸗ ftab abgaben, im grellen Widerſpruche ſtand, war mir gleich beim erſten Anblicke widrig geweſen, — — 137— und von mir mit dem inſipideſten, albernſten La⸗ chen empfangen worden. Selbſt jetzt wandelte mich ein ſolches an, um ſo mehr, da die trockenen Lehren, die ihm der Vater eben ſo trocken ertheilte, und die er weniger einfaltig, wie es ſchien, als mit einer einfältigen Andacht anhörte, mir den Bruder in einem hochſt unbedeutenden Lichte zeigten⸗ Ich ließ mich ſtillſchweigend an der dritten Seite des Tiſches nieder, waͤhrend meine Blicke mit geheucheltem Ernſte von dem Einen zu dem Andern hinüberſchweiften. Da rollte ſchnell ein Wagen vor, und ein Oberſt, der kurz vorher als Gouverneur bei den Pagen angeſtellt worden war, ſo wie auch der Graf Silfverkron, wurden ange⸗ meldet. Ich war neugierig den Mann zu ſehen, der— nach den geheimen Mittheilungen der Gou⸗ vernante— aus Mitleid mit der Lage meines Bru⸗ ders, den Vater, von dem er ein entfernter Ver⸗ wandter iſt, aus mir unbekannten Gründen hatte bewegen können, jenen auf eine lange Reiſe, die ſpater immer verläͤngert worden iſt, mit dem Sohne eines Mannes zu ſchicken, mit dem er in Feind⸗ ſchaft gelebt haben ſoll⸗ Wir erhoben uns alle, als der Oberſt mit dem jungen Reiſegefaͤhrten des Bruders hereintrat. — Ich, meiner nur halbvollendeten Toilette und des kürzeren Fußes eingedenk, zog, da ich mich bei dem erſten Anblicke des jungen Grafen auf eine beftemdende Weiſe ergriffen fühlte, mich hinter die Gouvernante ſcheu zuruͤck, welche, mit itgend einer weiblichen Arbeit beſchäftigt, ſich eben ſo wenig, wie ich, beſondere Aufmerkſamkeit zuzog. Ich wuͤrde mich, wie ſonſt, über dieſe nicht ungewöhnliche, wie von ſelbſt ſich bildende Zuruͤckſetzung geärgert haben, wenn dieſe neue Erſcheinung nicht alle meine Sinne in e genommen haͤtte.— Zum erſten Male ſah ich einen Jüngling, beim Hofe erzogen, in der Fuͤlle der blühendſten Geſundheit vor mir ſtehen, der frei und anſpruch⸗ kos in allen ſeinen Bewegungen, nicht an die faſt aͤngſtliche Zierlichkeit der Pagen⸗Etziehung erinnerte. Er war kleiner, ſchmaͤchtiger ſogar als mein Bruder, der trotz ſeines geregelten Aeußern und friſirten Haares, ſo kam es mir wenigſtens vor, wie ein Diener neben ihm auftrat. Die hohe weiße Stirn, von der er die ungepuderten, —————— naturlichen dunkeln Locken mit ihm eigener An⸗ muth wegſchuttelte, die einfache buͤrgerliche Klei⸗ dung, ſein mildes Lächeln, das ſichtbar aus der Seele kam, und nicht von conventioneller Artig⸗ keit hervorgekunſtelt war, gaben ihm mehr das Anſchen eines Schutzengels, als das eines bloßen Reiſegefährten, kurz er erſchien mir als ein We⸗ ſen höherer Gattung. Er ſprach nicht mit mir, und doch drang der ſonore Klang ſeiner Stimme tief in mein Herz. Zwar war ich mich dieſer Vorſtellungen damals nicht ganz deutlich bewußt, ich fuͤhlte nur den Eindruck, den meine Seele empfangen, und gab mich dieſem hin, waͤhrend die Blicke, obgleich verſtohlen, auf der ſchönen Geſtalt hafteten und die Ohren mit Begierde lauſchten, was der Oberſt, den der Vater in eine Fenſtervertiefung, nicht weit von mir hingezo⸗ gen, von ihm mit gedaͤmpfter Stimme ſprach. Der junge Graf unterhielt ſich indeſſen ſehr eifrig mit dem Bruder von ihrer Reiſe, und entfaltete eine kleine Karte, die mir, wäͤhrend ſie Beide daruͤber hingebuͤckt daſtanden, Gelegenheit gab, das ſchöne Proſil dieſes wahren Apollokopfes, den ich aus Zeichnungen recht gut kannte, in — 140— meine Seele aufzufaſſen. So war ich lauter Auge und Ohr. „Haͤtte ich den Grafen fruher geſehen,“ hörte ich den Vater verdrießlich ſagen,„wäre kaum meine Einwilligung in ſeinen romanhaften Reiſeplan erfolgt. Er kommt mir ganz wie ein Sonderling vor, dem ich nur ungern ein für alle Eindrücke ſo offenes Gemuͤth, wie das mei⸗ nes Sohnes, anvertraue.“ „Seyn Sie nur ruhig, Excellenz!“ unter⸗ brach ihn der Oberſt,„wahrlich es fehlet nur wenig daran, daß ich ihm mein ganzes Pagen⸗ corps anvertrauen dürfte. Von Jugendunbeſon⸗ nenheiten ſpreche ich ihn zwar nicht los— die Natur muß ihre Rechte behalten, aber den, den er Freund nennt, iſt geborgen; ich kenne ſeinen redlichen Willen, und darf auf dieſen bauen.“ „Auf ſeinen Willen? gut!“ verſetzte der Va⸗ ter,„aber auf ſeine Kraft?“ „Er kann, was er willz“ war die ruhige Antwort,„ich will Ihnen ſogleich ein Beiſpiel etzählen:— Vor einiger Zeit hatten ſich meh⸗ rere Pagen einiger eben nicht ſehr ſtrafwuͤrdiger, aber doch immer an Höfen unerlaubter Neckereien — —— — 141— ſchuldig gemacht. Die Eigenliebe verſchiedener angeſehener Maͤnner war verletzt worden, die Mit⸗ ſchuldigen aber waren nur ertappt, die Anſtifter durchaus nicht zu entdecken. Die Erſten wurden jeder fuͤr ſich verhaftet, und auf ſehr ſtrenge Diät geſetzt. Es war eigentlich nut meine Sache, der ich dem ganzen Handel keine ernſthafte Seite abgewinnen konnte, ihre Charakterſtaͤrke zu prufen, ich mußte aber hoheren Befehlen gehorchen. Acht Tage waren vom Koͤnige zu dem Verſuche, ihnen ein Geſtändniß, das man nicht ein Mal wuͤnſchte, abzulocken, beſtimmt. Nach fuͤnf Tagen geſtanden ſie aus Langerweile und Verzärtelung. Ihre Ca⸗ meraden verſpotteten ſie; ſie führten die gewohn⸗ liche Entſchuldigung an:„Ihr ſolltet nur an un⸗ ſerer Stelle geweſen ſeyn!“ Kurz nachher erbat Guſtav ſo ganz unerwartet ſich die Erlaubniß, einen weitlaͤuſigen Verwandten auf acht Tage zu be⸗ ſuchen. Es ward ihm geſtattet. Sechs Tage mochten ungefaͤhr verſtrichen ſeyn; da verlangte ſein alter treuer Bedienter, der noch vom Vater an ihn uͤbergegangen war, mit mir zu ſprechen. Dieſer eroffnete mir mit banger Sorge, und unter demuthigen Bitten, dem jungen Herrn ſeine Wort⸗ brüͤchigkeit nicht zu verrathen, obgleich ſie nur aus Beſorgniß für deſſen Wohl entſprungen— daß Graf Guſtav gar nicht abgereiſt war, ſondern, nachdem er dem Diener das Verſprechen zu ſchwei⸗ gen und zu gehorchen abgenommen, zwei kleine Zimmer auf acht Tage gemiethet, ſich in dem Innern derſelben hinter zugemachten Fenſterladen eingeſchloſſen, während der Zeit nur Waſſer und Brod genoſſen, und dem Alten auf ſeine Vorſtel⸗ lungen und ſein Flehen nur die Antwort ertheilt habe: daß er ſeines Verſprechens eingedenk ſeyn moöge. Der Diener hatte nun dieſes bis heute treulich gehalten, allein da ihm der Graf immer matter und kränklicher vorgekommen, und er ja zugleich befuͤrchten mußte, daß derſelbe den Ver⸗ ſtand verloren, und in dem Falle ärztlicher Hulfe bedurftig ſey, hatte er ſich verpflichtet gehalten, mir ſeine Beſorgniſſe mitzutheilen. Ich glaubte Guſtav's Zweck zu ahnen, und mochte gern Ge⸗ wißheit daruͤber haben. Der Stärke und Kraft ſeiner Jugend vertrauend, gebot ich daher dem Alten, deſſen Ausſage mich bei genaueren An⸗ fragen über des Junglings Zuͤſtand beruhigt hatte, noch zwei Tage ruhig abzuwarten. Am Morgen des neunten Tages kehrte Guſtav in unſere Mitte zuruͤck, aber bleich, abgemattet und krank. Seine Gefäͤhrten bezeigten ihm ihre Theilnahme. Er dankte, wich jeder beſorgten Frage aus, ſchrieb einer Erkältung dieſen Erfolg zu, war frohlich und heiter wie immer, nur gegen jene, die er als Schwaͤchlinge glaubte betrachten zu muͤſſen, bezeigte er eine kalte Abneigung, die beinahe an Verachtung grenzte, ein Gefuͤhl, das bei einem ſo kraͤftigen, mit der Welt noch nicht vertrautem Juͤnglinge verzeihlich iſt— und ich leugne keines⸗ weges, daß ich ſelbſt, um den traurigen Folgen eines von beiden Seiten emporkeimenden Haſſes vorzubeugen, dieſe Reiſe beſchleunigt habe. Erſt ganz kuͤrzlich hat er mir, freilich auf meine Ver⸗ anlaſſung, reinen Wein eingeſchenkt, und ich freuete mich, noch edlere Beweggruͤnde ſeines Vor⸗ habens zu entdecken. Er wollte nämlich verſuchen, in wie fern ſinnliche Eindruͤcke den feſten Willen zu bezwingen vermoͤchten, und ſo hatte er ſich freiwillig noch groͤßerer Strenge unterworfen, als jene geduldet, und folglich, ſelbſt wenn ſie die be⸗ ſtimmte Zeit ausgehalten haͤtten, eine noch kraͤf⸗ tigere Willensſtärke an den Tag gelegt, weil alle — 144— die Mittel, um ſich von ihrer Qual zu befreien, die jenen fehlten, in ſeiner eignen Hand ſich befan⸗ den; nur eine Rückſicht hielt ihn zuruck, ſich derſel⸗ ben zu bedienen, die Achtung vor ſich ſelbſt und ſeinem Willen. Nennen Sie mir, Excellenz, den vierzigjährigen Hofmeiſter, der ſolche Willens fä⸗ higkeit beſäße! ich liebe ſeit jener Stunde meinen Guſtav doppelt. Der kann das Höchſte erringen, den innerſten Wunſch ſeiner Seele erreichen, der das kann, was er will.“ 6* Mein Voater ſchwieg, aber die zlhlc Ein⸗ ſtellung der gewöhnlichen Rückſichtloſigkeit, mit der er ſich dem Grafen näherte, und ihm zutrau⸗ lich zuflüͤſterte:„Seyn und bleiben Sie Freund unſers Hauſes!“ verfehlte nicht einen tiefen Ein⸗ druck auf mich, die ſeinen ſtarren Eigenſinn nur zu gut kannte, zu machen. Die Abſchiedsſtunde hatte indeſſen geſchlagen. Sie verließen das Zimmer; ich hörte den Wagen ſich raſſelnd entfernen. Zum erſten Male war es mir, als trennte ſich die Seele von dem Leibe. Die Augen erblickten eine Dde um ſich, welche die Oede in meiner Seele noch weniger als ſonſt auszufüͤllen vermochte. Ich wankte faſt auf mein Zimmer zuruͤck. Alles war um mich, in mir verwandelt; aber ich kannte dieſen neuen Zuſtand nicht, und verkannte noch ſeine Wirkungen ganz. Es ſagten mir meine Sinne, daß etwas Hoheres und Schoͤneres, als was ich früͤher ſo freigebig mit dieſem Namen bezeichnet hatte, mir erſchienen war; das Benehmen des Vaters, der Enthuſiasmus des Oberſten, ließen mich mer⸗ ken, daß mir zugleich etwas ſehr Ausgezeichnetes, höchſt Wuͤnſchenzwerthes voruͤber geſchritten war. Zufällig trat ich unter dieſen Betrachtungen vot den Spiegel, und ſtarrte mich ſelbſt erſt betroffen, dann vernichtet an. Ich wußte ſelbſt nicht was mir geſchehen war, aber ich weinte bitterlich⸗ Zum erſten Male fuͤhlte ich recht tief, daß ich häßlich ſey. Es war mir freilich längſt, noch unter meinem Zuſammenleben mit der ſchönen —. ulla nicht unbekannt geweſen, aber dies Gefuhl hatte damals mehr Unmuth und Neid in mit erregt, als wie jetzt die entſchiedene zermalmende Ueberzeugung, daß dieſe Haͤßlichkeit mich von allem Gluͤcke des Lebens ausſchließen wuͤrde. Thranen, die ſichtbar nicht von Bosheit und Eigenſinn erzeugt waren, mußten, obgleich die I. 10 Heftigkeit womit ſie floſſen keinesweges liebens⸗ wuͤrdig war, die Aufmerkſamkeit der Gouvernante erregen⸗— Sie fragte mich um die Urſache, und ſchien wirklich betroffen, als ſie die unerwartete Antwort erhielt: weil ich ſo häßlich ſey, weil ich fühle, daß mir kein Gluͤck je bluͤhen wuͤrde.“ Sie ſuchte mich zu tröſten, ohne doch, wie ich gehofft, mir zu widerſprechen.„Schoͤnheit macht nicht immer gluͤcklich, ſagte ſie beruhigend. „Aber Häßlichkeit nur 6* ungeſtuͤm. tin „Auch nicht immerz“ fuhr ſie inn fot. „Ich habe eine junge achtzehnjährige Frau ge⸗ kannt, die eben ſo ſehr wegen ihrer Schoͤnheit, als wegen ihres Reichthums angebetet wurde. Sie war mit einem jungen Manne vermaͤhlt, deſſen Eigenſchaften ganz den ihrigen entſprachen.“ „Und ſie wurde—— ich ſie. „Sie wurde nur yäßtichz“— ſe das Wort wieder.„Kaum war ſie ein halbes Jahr verheirathet geweſen, als ſie von bösartigen Blat⸗ tern ergriffen wurde. Es war ſchon viel, daß ſie mit dem Leben davon kamz ihre Geſtalt aber war zum Erſchrecken entſtellt. Als ſie ſich zum erſten Male wieder in dem lange verhangenen Spiegel erblickte, erſchrack ſie zwar heftig, doch vergoß ſie keine Thränen, und erblaßte auch nicht, denn ihre Wangen beſaßen ſchon lange keine Rothe mehr. Allein die Augen ihres Gat ten wurden feucht, denn ſeine liebende Seele hatte längſt vor dem Momente gezittert, der ſie von dem unerſetzlichen Verluſte benachrichtigen follte, wel⸗ cher ihm, der faſt nie ihr Schmerzenslager verlaſſen, durch ihre Wiederkehr zu Leben und Geſundheit ſchon erſetzt war. Er kußte zärtlich ihre Haͤnde.“ „Wie!“ rief ich erſtaunt, ℳet ihr ohne Eckel nahen?“ 5 „Nur ſeine Eitelkeit hatte ſich bei vin An⸗ blicke der Geneſenden verletzt gefunden; dieſe kleine Wunde wurde aber ſchnell geheilt, denn er kannte die Schoͤnheit ihrer Sule„ die nie ge⸗ hen konnte.“. „Ich ſah meine Goubernante verwundert an, ſo wie ich zum erſten Male weder lachte, noch ungeduldig Lehren anhörte, die ſie fruͤher, freilich auch nur ſelten, an mich weggeworfen hatte. Ich verſank in ein tiefes Sinnen, wäͤhrend deſſen ich 10* ihre Worte leiſe für mich wiederholte, die einzi⸗ gen Worte, die ſeit meiner Kindheit mir wohl⸗ gethan, denen mich die neue fremde Stimmung zugäͤngig gemacht hatte. Aber meine innere Un⸗ zuftiedenheit war darum nicht brſchwichtigt, mei⸗ ner Seele fehlte noch Alles, darum wußte ſie auch nicht was.— Die geringen Kenntniſſe, die ich beſaß, waren mir größtentheils eingepredigt, aufgedrungenz ich verſtand ihren Werth nicht, ſie hafteten zwar an meiner Seele, aber dieſe hatte ſich ſie noch nicht zu eigen gemacht und benutzt. Meine unſtäte verdrießliche Stimmung begann bald wieder hervorzutreten; ſie wuͤrde mich aufs Neue mit gewohnter Gewalt gefaßt haben, wenn die ſchlafloſen Nächte, in welchen das Bild deutlich und nahe vor mich trat, das mich in unruhigen Träumen neckend und dann wieder begütigend umſchwebte, nicht ſtets ernſtere Vor⸗ ſtellungen in meinen Sinn zuruͤckgerufen hätte. Ich verglich mich mit Ulla; mit ulla, die ſchön, ſehr ſchon, aber— das empfand ich tief— nicht beſſer, obgleich glücklicher war, und darum auch heiterer und liebenswürdiger als ich erſchien. Sie durfte fnilich Auſpruͤche auf die Aufmerkſamkeit eines — 149— jeden ausgezeichneten Jünglings machen, und ihre Schönheit ausgenommen, verdiente ſie denn ſolche mehr als ich, die durch ihre Unart noch widriger geworden war? 3 In den Gebilden aus meiner Vergangenheit vertieft, ging ich bis an meine Mutter zuruͤck; man hatte mir ja zugeftuſtert, daß auch ſie ſchoͤn, aber dabei gut, ſeelengut ſey, und doch mußte ſie ſo unglucklich ſeyn. Es entſtand in meiner Seele eine warme Theilnahme fur die Abweſende, deren Bild ich mir gar nicht erinnern konnte— ich vermißte ſie— ich ſehnte mich nach ihr.— Es war mir, als dürfte und könnte ich nur ihr meine geheimen Leiden vertrauen. Ich bewohnte ihre Zim⸗ mer.— Die freilich ziemlich altmodiſchen,/ doch zierli⸗ chen Mobilien waren dieſelben, aber keine von ih⸗ ren Sachen, nicht das kleinſte Andenken von ihr ſelbſt war mehr vorhanden, es war Alles ihr nachgeſchickt worden. Commoden und andre Be⸗ hältniſſe ſtanden leer, oder waren mit meinen Siebenſachen gefuͤllt. Nur einen großen Schrank, der in dem hinterſten Zimmer, einer Art von Gerüllkammer ſtand, hatte ich nie Zeoffnet ge⸗ — 150— ſehen. Es hieß, der Vater hatte den Schluͤſſel dazu.. Nun bemaͤchtigte ſich auf ein Mal des Kin⸗ des eine Neugierde, ſo wie einſt der Gattin des Blaubart's.— Ich bildete mir ein, es muͤſſe dieſer Schrank Auskunfte, Geheimniſſe, die Mut⸗ ter betreffend, Nachlaſſe von ihr, ja vielleicht ſo⸗ gar ihr nie geſehenes Bild enthalten. Verſtohlen ſchlich ich mich öfters in das Simmer, und pro⸗ birte alle die Schlüſſel, die ich erhaſchen konnte. Endlich gelang esz die Thuͤre ſprang auf. Be⸗ gierig unterſuchte ich alles, was ſich darin befand. Es waren Frauenkleider von fremdem, mir unbe⸗ kanntem Schnitte, ſelbſt Wäͤſche, die doch bei naͤherer Unterſuchung einen ganz fremden Na⸗ menszug trugen; Cartons mit Flor und Blu⸗ men, auch ein Käſtchen mit koſtbaren Steinen, Perlen und mehreren Frauenringen, welches alles mit ſichtbarer Eile durcheinander geworfen war, und ſchwerlich von meiner ordnungliebenden und bedächtigen Mutter herruͤhren konnte. Suletzt ſiel mir eine Mappe mit Kupfern und Zeich⸗ nungen auf. un — ———— ———— — 151— Aus Neugierde und Langerweile unterſuchte ich auch dieſe. Das Bild einer Madonna zog mich beſonders an⸗ Dicht nebenbei lag eine mit Silberſtift angefangene Copie deſſelben.— Zarte, reine Striche auf ſchneeweißem Pergamente.— Nur ein leichter Umriß des Profils— zwar darin von dem Originale verſchieden, daß es mehr en face, wie faſt immer Madonnenbilder darge⸗ ſtellt werden aber doch unverkennbar daſſelbe— war vollendet; ſo wie auch das große ſeelenvolle Auge von feinen Schattirungen umgeben, ohne daß weder Haar, Bruſt noch Draperie nur leiſe an⸗ gedeutet waren. Mehr der Phantaſie, als der Wirklichkeit muß ich es zuſchreiben, daß ich in dieſem Umriſſe die mir immer gegenwärtigen Zuͤge jener ſchonen Erſcheinung wiederzufinden glaubte und noch findez je mehr ich es betrachte, je großer kommt mir die Aehnlichkeit vor, je theu⸗ rer wird mir das Bild. Zwiſchen dieſer Copie und dem Originale, bei dem der vollendete weibliche Ausdruck und die weiblichen Formen die Aehnlichkeit, welche die Copie darbot, gar nicht hervortreten ließen, lag ein geſchriebenes Blatt, das ein italieniſches geiſt⸗ liches Lied enthielt. Bufaͤllig verſtand ich dieſe Sprache, in der ich einſt gemeinfam mit Uha Unterricht genoſſen, recht gut, weil jene ihr nicht gefallen hatte. Ihr ſagte die franzöſiſche Sprache mehr zu, an die ſich meine Zunge nie recht gewöhnen wollte, und ſo wie ſie mich im Franzöſiſchen, ſo freuete es mich ſie im Italieniſchen uͤbertreffen zu können. Es war ge⸗ lungen, und jenes, mit feinen weiblichen Zuͤgen geſchriebene Lied, verſtand ich ohne Muͤhe. Es hat ſich tief in meine Seele gepraͤgt, und aus dem Gedächtniſſe ſchreibe ich es hier nieder? O! pella speranza mia 6 dolce amor Maria Tu sei la vita mia la pace mia sei tu⸗ * Den Leſer, der die urſprache nicht kennt, bittet der Herausgeber mit nachſtehender„ freilich nur ſchwa⸗ chen neberſetzung dieſes ſchoͤnen Liedes fuͤrrieb zu nehmen: Maria, ſchönſte Hofſnung! In Liebe Dir ergeben, Biſt Du allein mein Leben, Mein Frieven biſt nur Du! — In questo mar del mondo Tu sei l'amica stella che puoi la navicella dell' alma mia salvar⸗ Sotto tuo bel manto amata mia Siguora! viver io voglio, e ancora spero morir un di! Stendi le tue catene E m'incantene il cuore che prigioner d'amore fedele a té sard. Auf dieſes Lebens Wogen Biſt Stern Du, ſonder Fehle Das Schiffchen meiner Seele Zum Hafen fuͤhrſt Du ein. 14 In Deines Mantels Falten Ein Winkelchen gegeben Will ich Dir, Herrin! leben Und will ich ſterben einſt. Wirf mich in Deine Feſſeln⸗ umfeßle meine Triebe; Gefang'ner ſo der Liebe Bleib' ich Dir ewig treu! — 154— Feco il mio cor, Maria! 6 E tuo, non 5 pid mio Prendilo e dallo a dio. Ch'io non 10 voglio piu. O! bella sperauza mia dolce amor Maria! Tu sei la vita mia la pace mia sei tu! 7 Mein Oheim hat ſpäter, als ich ihm dies Lied gelegentlich zeigte, geaͤußert: daß die leiden⸗ ſchaftlichen Klaͤnge, die aufflammende Sehnſucht des Suͤdens, welche darin weheten, mehr der irdiſchen Liebe entſprächen, als ſolchen Empfin⸗ dungen, die uns über uns ſelbſt zu dem Ueber⸗ ſinnlichen erheben ſollten.— ——— Dein iſt mein Herz, Maria, Nicht mehr das meine! Lieb⸗ es. Dem Herrn des Himmels gieb es, Ich ſelbſt will es nicht mehr! Du meiner Hoffnung ſchönſte!. In Liebe Dir ergeben 8 Biſt Dn allein mein Leben,* Mein Frieden biſt nur Du! — 155— Wie dem auch ſey, dieſe wohlklingenden Tone, die fuͤßen Worte ergriffen mein innerſtes Weſen mit unwiderſtehlicher Gewalt, nur daß ſie auf meinen Lippen und aus meinem Herzen nicht an die himmliſche Maria, der meine An⸗ betung als Proteſtantinn nicht gelten konnte, ſondern an die mir immer gegenwaͤrtige Geſtalt, das irdiſche Bild, das mir aus ihren gemalten Zuͤgen ſo treffend entgegen geſtrahlt, gerichtet waren. Ja, es war mir als ginge meiner Serle eine große Bedeutung in dieſem Liede auf; als verliehe es mir ein neues, lebensreicheres Da⸗* ſeyn, indem ich mit deſſen Worten zu ihm ſprach. Es zeigte mir, wie ich, von Geburt an ſchiffbruͤchig und verlaſſen, auf dem Meere der Welt meine beſſere Seele durch die freudige Er⸗ kennung ſeines Himmelsglanzes aus verſchlingen⸗ den Wellen erretten konnte. Im Nachſtreben ſeiner Tugenden wollte ich leben und ſterben, ſo verborgen vor ihm ſelbſt in meinem Winkelchen und ihm doch nahe— ſeiner immer wuͤrdiger werden, indem ich mich ſeiner wuͤrdiger machte⸗ — Ich glaubte mich in ſeinen Feſſeln zu befin⸗ den, und ſtill vor mir ſelbſt, mit ſonſt nie ge⸗ — 1556— ₰ kanntem Entzucken, wiederholte ich; prigioner damore, fedele a té sard.—— Ja!— flu⸗ ſterte ich leiſe in oft hervorgezauberten wachen Träumen— mein Herz iſt nicht mehr mein; es iſt dein, nimm es und gieb es Gott, damit er es veredle und beſſere! Ich, der ich meine wahre Beſtimmung bis jetzt verkannte, ich darf und will es nicht mehr. Du biſt mein Leben, in dir werde ich auch Frieden finden! Nur allmählich wogten und reiften ſolche Vorſtellungen und Gedanken in mir, aber wie ſollten ſie zur Ausfuͤhrung kommen in meiner albernen jetzt auch verhaßten Umgebung. Selbſt die Gouvernante, der ein Augenblick wie der vor⸗ erwaͤhnte nur ſelten oder nie wiederkam, war, das empfand das erweckte Beſſere in mir, mehr auf äußeren Unterricht geſtellt, als ſelbſt mit in⸗ nerer Bildung bekannt. Sie war eine gute, aber ſehr alltägliche Frau, von mir überſehen, ſo wie ich von ihr, die zwar recht geſunde Lehren im Munde fuhrte, aber nicht verſtand die Aus⸗ uͤbung derſelben zu bewirken„verwoͤhnt war.— Sie begriff nicht die Veränderung, die mit mir vorgegangen; auch konnte ich ihr nicht eröffnen, —,———— —— — — 157— 5 was mir Noth war, denn ich wußte es ja ſeblt noch nicht recht. Nur Eins— ſein glänzendes Bei⸗ ſpiel— mein Wille belebte mich: ich wollte ſeiner wuͤrdig werden, und ich wiederholte oft bei mir ſelbſt: was man ernſtlich will, kann man auch erreichen. Aber das Wie? wußte ich mir nicht zu eigen zu machen⸗ Ich fuͤhlte mich wie in rauſchende Wogen verſunken, und ſtrebte auf⸗ waͤrts nach der reinen leichten Luft; es war mir zwar, als würde ich von unſichtbaren Fittigen ge⸗ hoben, aber ich verſtand die Kunſt noch nicht, mich in der Höhe zu erhalten, und diejenigen, an die ich mich klammern wollte oder konnte, verſanken mit durch meine Beruhrung. Dennoch war die Ver⸗ wandlung meines Weſens ſo ſichtbar, daß ſie meine Umgebung in Erſtaunen ſetzte. Eine klare und verſtändliche Schilderung meines Zuſtandes wuͤrde mir ſchwerlich gelingen, denn ich war mir ſelbſt nicht klar, und meine Ideen verwirren ſich, wenn ich an jene Zeit zuruͤckdenke. Ich weiß nur, daß ich ſtiller, weniger ungleich geworden warz aller äußere Schmuck war mir verhaßt. Ich zog mich⸗ ſo viel es mir verſtattet wurde, von den kleinen vornehm⸗gemeinen Zirkeln zuruͤck, in die der Wille — 158— meines Vater mich gefihrt, und nonn fen Ra⸗ me/ wie ſchwankend auch ſein Anſehen ſeyn mochte, mich geltend gemacht hatte. Ich begann aber ein⸗ zuſchen, wie wenig ich mir ſelbſt irgend eine gute Aufnahme verdankte, und zugleſch, wie wenig ich verdiente, durch mich ſeßbſt etwas zu gelten, Oft weinte ich vor Unmuth, aber dieſer war jetzt nicht mehr gegen Andre, ſondern nur gegen mich Was ich nicht in mir ſelbſt fand, und nicht bei Andern ſuchen duffte, hoffte ich indeſſen in Büchern zu finden. In jenem Schtanke befanden ſich auch einige italieniſche Schriften. Die ſchwar⸗ meriſche Liebe, der Enthuſiasmus, den jenes Lied in mir erregt, weheten mir aus den ſußen Tönen, in denen es mir geklungen, entgegen. Ich war zwar von Kindheit an gewohnt, die katholiſche Kirche als einen Greuel zu betrachtenz doch ohne zu wiſſen oder vielmehr daran zu denken, daß die Legenden mehrerer Heiligen, die den größten Theil jener Buͤcher ausmachten, dieſem Religions⸗Cuſ⸗ 3 tus entſprungen waren, verſchlang ich ſie theils aus Langerweile, theils aus Liebe zu der mit ſo theuer gewordenen Sprache. —————— ——————— 450— In meiner damaligen Stimmung machten mehrere dieſer Legenden einen tiefen Eindruck auf mich; ich wurde der Gedanken von Dulden, Lei⸗ den und Entſagung gewohntz die Vorſtellung in die Einſamkeit zurückgezogen, nur einer theuren Idee zu leben, mußte mich um ſo tiefer anziehen, als ich fuhlte, daß meine aͤußere Geſtalt mich ohnehin von den geſelligen eitlen Freuden der Welt ausſchloß, und mich einer Verborgenheit weihete, die mir vielleicht heilbringend werden konnte. In dieſen Betrachtungen verſunken, ward mir die Toilette immer läſtiger zur größten Verwunderung meiner Bedienung, die fruͤher nie mir etwas recht machen konnte, und der ich nun Dank wußte, wenn ſie mich nur recht bald ihren Händen ent⸗ ſchlupfen ließs doch empfand ich immer tiefer, daß weder unſer Haus, noch meine Umgebung zu einem ruhigen Einſiedlerleben, ſo wie die jugendliche Phan⸗ taſie mir ein ſolches vorfuhrte, paßte. Da trat eines Tages der Vater ernſter und un⸗ muthiger als gewöhnlich in mein Zimmer.— „Deine Mutter iſt geſtorben,“ ſagte er kalt;„ich habe geſchworen, daß ihre Kinder ſie lebend nie — 160— ſehen ſollten, nun kömmt es auf Dich an, ob Du zu ihr, der Todten hinwillſt.“ Ein ungewöhnliches Wort hatte mich noch mehr als das Hinſcheiden einer Frau, die erſt ſeit kurzer Zeit Bedeutung fur mich gewonnen, in Erſtaunen geſetzt, naͤmlich dasjenige, das Be⸗ zug auf meinen Willen hatte. Sin „Auf mich?“ verſetzte ich erſtaunt. „Allerdings! der Bruder meiner Gattin iſt nach einer langen Entfernung, kurz vor ihrem Tode zurückgekommen. Seine lange Abweſenheit hat die Auseinanderſetzung mancher Erbſchaftsan⸗ gelegenheiten bis jetzt verhindert. Er ſchreibt mir ſo cben, und beſtätigt, was ſie in einem mitfol⸗ genden, kurz vor dem Hinſcheiden vollendeten Briefe und dabeiliegenden Teſtament mir ange⸗ zeigt. Das Gut, wo ſie lebte und jetzt begraben liegt, war ſeit Jahren als das Ihrige angeſehen. Es wird Dir üͤbertragen, meinen Wuͤnſchen gemäß, in ſofern Du Dich aller Anſpruͤche auf meinen unbedeutenden Rachlaß, der wenig genug fuͤr Deinen Bruder ſeyn wird, begeben willſt, ja der Oheim will ſogar Verzicht auf ſein Antheil des elterlichen Erbes leiſten, wenn Du Dich geneigt ſindeſt ſeine Einſamkeit mit ihm zu theilen und ich ihm meine vaͤterlichen Rechte auf Dich uͤhertra⸗ gen will.— Ich werde es thun, das Alter ſtimmt den Menſchen herab, doch damit weder er noch Du mir in der Zukunft vorwerfen möchte, daß ich Dich in die Einſamkeit perbannt, ſo wuͤrde es mir lieb ſeyn, wenn Du Dich freiwillig dazt entſchlöſſeſt, und im Sinne dieſes Briefes ihm eine beifaͤllige Antwort ertheilteſt.“ Mit dieſen Worten legte er mir das erſte Schreiben vor, das ich von der Hand meiner Mutter je geſehen, und verließ mich⸗ Schnell entfaltete ich, freilich mit mehr Reugierde als Sehnſucht, das Blatt— ach! es ruͤhrte mich unbeſchreiblich. So zärtlich hatte noch nie eine Stimme, wie dieſe todten Zeilen, zu meinem Herzen geſprochen. Ich las es laut.— War es mir doch, als ſey nicht blos der Sinn aus mei⸗ nen lieben Legenden genommen; der Wohllaut der Mutterſprache, deren Worter ſich auch größ⸗ tentheils in klangvollen Vocalen endigen, ſchien mir zum erſten Male ſelbſt aus jenen entlehnt. Auch die ſterbende Mutter, die mich in der Schei⸗ deſtunde mit aller, ſeit vielen Jahren niederge⸗ II. 11 — 162 ₰ kämpften Zärtlichkeit anſprach, meinte, daß ein ſo von Natur verwahrloſetes Geſchöpf, wie ich, nicht von der aͤußeren Welt Zufriedenheit und Gluck erwarten könne, doch duͤrfe ich deswegen nicht verzagen, denn es würde mir ein reicher Erſatz erbluͤhen, wenn ich mir jene nur ernſt und aus der innern Welt erkämpfen wollte. Zu die⸗ ſem Zwecke, meinte ſie, wäre die Einſamkeit am beſten geeignet. Ganz klar war mir freilich ihre Meinung nicht, obgleich ich glaubte, ſie in mei⸗ nen lieben Buͤchern, die nur auf Kaſteiungen und unthaͤtige Selbſtanſchauungen verwieſen, ſchon geahnt zu haben— ich kannte ja auch keine an⸗ dern Mittel.— Ihre Bitten, mich der Sorge des mich liebenden Oheims zu vertrauen, wären kaum nöthig geweſen. Sie bot mit ja die Ein⸗ ſamkeit an, die meine träumende, unbefriedigte, ſchnende Seele verlangte.— Ein kutzes, freund⸗ liches Schreiben von dem mir unbekannten Oheim lag dabei.— Ich hatte es noch nicht zu Ende geleſen, als ich ſchon entſchloſſen war der Einla⸗ dung zu folgen. Mein Vater hatte kaum mein Ja empfangen, als er mit Eile und Eifer die Abreiſe betrieb. * — 163— Ich weiß nicht ob von ihm, oder von der Be⸗ ſtimmung des Oheims der Befehl errichtii daß meine bisherige Gouvernante mich nur bis vor das Schloß, doch ohne daſſelbe zu betreten, be⸗ gleiten mußte. Mein Herz ſchlug heftig als ſie im Wagen ſelbſt mich entließ, und ich nun ganz verlaſſen von meiner alten Welt vor dem duͤſteren Ge⸗ väude ſtand, vor den grauen ſchwarzen Mauern, die mich noch von einem unbekannten Jenſeits ſchieden. Nicht ohne einen leiſen Seufzer trennte ich mich von einem verhaßten, aber gewohnten Zuſtande; es war mir, als ſey die Scheideſtunde vom Leben vorhanden, und trotz der Hoffnung, die meine Bruſt belebte, zitterte ich, als ich die Tritte des mir entgegeneilenden Oheim's vernahm. Doch als er mich in ſeine Arme faßte, als er mich ſeine liebe Nichte nannte, als er mich zu ſeiner Frau fuͤhrte, die mir mit großer Ruͤhrung, mit herabrollenden Thränen um den Hals fil, als Beide das hochſt einfach gekleidete Mädchen mit ernſten aber freundlichen Blicken ſchweigend betrachteten, als kein Ton, keine Miene, kein hervorgekunſteltes Lächeln verrieth, daß der An⸗ * 11* blick des ſo duͤrftig von der Natur ausgeſtatteten SelWöpfes ihr Auge verletzt oder ihre Erwartung getaͤuſcht hatte, da erfuͤllte eine ſelige Zufrieden⸗ heit meinen Buſen; ich fuͤhlte mich wie neuge⸗ boren, und ſah auf mein voriges Leben mit dem Mitleide zurick, womit ein abgeſchiedener Geiſt, meiner ne nach, auf ſein irdiſches Daſeyn zurückſchauen muß. Solcher Empfang war mir noch nie zu Theil geworden. Hatte ſchon die uͤberraſchende Erſcheinung je⸗ nes ſchonen Juͤnglings die Rinde geſprengt, welche die gaͤnzliche Verwahrloſung meines Innern ſie⸗ benfach um mein Herz gelegt, ſo gaben nun die erſten fuͤßen Thraͤnen, die meine Augen benetzten, der in jenem verborgenen Gluth Luft. Ich ſank faſt außer mir zu den Fuͤßen meiner liebenden Verwandten, ich bedeckte ihre Haͤnde mit Küſſen, ich wollte ſprechen, konnte aber nicht Worte finden. Beide ſahen mich verwundert an, beſonders pi⸗ Tante, deren Thranen mit den meinen um die Wette floſſen.„Was iſt Dir Kind! was macht Dich ſo fragte ſie, mich feſt an ſic Pchnt.. — 165 ₰ „Ich weiß es nicht,“ gelang es mir endlich hervorzuſtottern.„Es iſt mir, als ſey ich aus langer ſchmählicher Gefangenſchaft endlich in die Heimath meiner fruͤheſten Kindheit gekommen.“ „Das biſt Du ja!“ rief der Oheim raſch. —„In die Heimath, in die Burg Heiner Mut⸗ ter, Dein Eigenthum!— So lange Du uns lieb haſt, und bei uns bleiben willſt, ſind wir bei Dir.“ „Der Tag, der Abend verging mir wie ein Traum. Alles, was ich um mich ſah, wuͤrde vor nicht gar zu langer Zeit Langeweile, ſelbſt Lachen bei mir erregt haben; meinem Auge be⸗ gegneten unbekannte Formen, mir zwar in der Wirklichkeit neu, aber ich ſah wohl ein, daß ſie veraltet, ſelbſt unbequem waren. Das Gepräge einer etwas jungeren Zeit, das in dem Hauſe des Vaters einheimiſch war, kam mir damals ſchon zu altmodiſch vor; hier im Gegentheile, ſprach mich das Aeltere noch freundlich an. In dem Vater hatte ich nur den gebietenden Herrn kennen gelernt. Die Mutter war meinem kindlichen Gedächtniſſe ganz entfallen.— Hier fand ich, was ich nur in wachen Traumen ge⸗ — 166— ſehen oder in Buͤchern gefunden— Freundlich⸗ keit und Liebe.— Die Tante begleitete mich nach dem Abendeſſen in mein Schlafzimmer.— Es war ſehr klein aber hoch, mit einem Bogen⸗ fenſter, neu mit hellen Farben gemalt. Das Un⸗ heimliche des großen düſteren Gebaͤudes hatte in dieſem einfachen ſauberen Raume einem mir un⸗ erklaͤrlichen Wohlbehagen Platz gegeben. Es ſtand keine ſilberne Toilette, ſo wie bei mir in der Re⸗ ſidenz, dem Bette gegenüber, an dem die ſchwe⸗ ren ſtoffenen Behaͤnge, die ſonſt überall im Schloſſe noch vorhanden ſind, einem leichten in⸗ diſchen Zeuge gewichen waren; nur ein kleiner, mit grünem Tuche und ſchneeweißen Leinen be⸗ deckter Tiſch, eine eryſtallene Schaale mit ſilber⸗ hellem Waſſer darauf.— Stuhle und Schraͤnke hoͤchſt einfach— auf einem der Letzteren befand ſich eine ganze Reihe Buͤcher, alle Kenntniſſen und Wiſſenſchaften gewidmet, die ich nur dem Namen nach, und dies mitunter nicht ein Mal, kannte. Ueber dem Tiſche hing ein kleiner altmo⸗ diſcher Spiegel. Eine alte Dienerin ſchlief in dem anſtoßenden Zimmer. Die Tante kuͤßte mich zur guten Nacht. — 167— Zum erſten Male, ſeit ich denken konnte, be⸗ fand ich mich in meiner Schlafſtube ganz allein. Gouvernante oder Aufwaͤrterinnen hatten ſonſt dieſe mit mir getheilt, doch war ich zu bewegt, zu ſelig um der kleinſten Angſt Raum zu geben. Im Gegentheil hatte ich kaum die Buͤcher be⸗ merkt, als ich meinen kleinen, neben dem Bette hingeſtellten Reiſekoffer ſchnell öffnete, die theuern heimlich mitgenommenen Legenden hervorzog, und indem ich ſie in die Reihe der andern Buͤcher hinſtellte, feierlich mein kleines Zimmer in Beſiß nahm. Halb verglich ich mich mit einer buͤßen⸗ den Suͤnderin; das Zimmer war meine Kloſter⸗ zelle, und ſo ſpaͤhete ich vergebens nach einem Orte, wo ich das falſche Madonnenbild, ohne daß es bemerkt werden mochte, anheften koͤnnte; ich mußte mich wie vorher damit begnügen, es heimlich, obgleich mit größerer Zufriedenheit als je, zu betrachten, und fluͤſterte zärtlich und innig: O! bella sperauzi mia dolce amor üi salvo! Tu sei la vita mia la pace mia sci tu! 2 . ihren Namen tragen, mir zehnfach vergällt worden — 168— Den folgenden Morgen verbrachte ich in der Geſellſchaft der Tante. Sie machte mich mit dem Innern des großen Gebaͤudes, mit dem ver⸗ fallenen Garten, mit der Bedienung bekannt, jedoch, wie ich zu bemerken glaubte, mit einer leiſen Furcht, daß die kindliche Neugierde und der Flatterſinn, denen ſie wohl damals den ſchnellen Entſchluß: die Hauptſtadt mit der tiefſten Ein⸗ ſamkeit zu vertauſchen, zuſchrieb, nur zu bald von der einförmigen duͤſtern Umgebung geſättigt werden wuͤrde; ach! ſie wußte nicht, wie wenig Anziehendes für mich ein Ort beſaß, der mir keine wahren Freuden gewährt hatte, und wo ſelbſt der Genuß ſolcher Taͤuſchungen, die dort waren.— Unterdeſſen verging mir der Morgen wie eine Stundez die Tante erzaͤhlte und fragte, ich gab ihr offen und redlich Antwort, und ließ ſie, ohne mein einziges Geheimniß zu verrathen, tief in mein Herz ſchauen.— Unbefleckt kann ſie es nicht gefunden haben, aber ſie war ent⸗ zuckt, als ſie fand, daß doch noch etwas Gutes dort vorhanden ſey. Sie muß dem Oheim ſo⸗ gleich ihre Entdeckung mitgetheilt haben, denn — *— von demſelben Tage an vernachläſſigten Beide keinen Augenblick den kleinen vorgefundenen Saa⸗ men. Unter ihrer ſorgfaͤltigen Pflege iſt er, das fühle ich, kräftig und immer bläͤtterreicher aufge⸗ keimt;z ihre ſorgende Liebe war immer bemuͤht das Unkraut auszujäten, das ihn im Empor⸗ ſchießen zu erſticken drohete; ohne ihn zu verletzen, haben ſie die Erdenwürmer vertilgt, die an den feinen Wurzeln nagten. Gott! gicb Du mir nur Liebe, Dankbarkeit und Leben genug, ihnen kindlich zu vergelten. Die Tante verließ nie das Schloß— ſelbſt nur ſelten ihr Zimmer. Nur in den recht war⸗ men und ſchonen Sommerabenden, deren nur wenige die rauhe Berggegend geſtattete, ſchöpfte ſie friſche Luft; die Einwirkungen des Klima wuͤrden ſonſt ihren, durch ein fruͤheres, mir zwar unbekanntes, aber in ſofern ich ſchließen darf, leidenvolles Leben, verletzten Nerven tödtlich ge⸗ weſen ſeyn. Der Oheim dagegen, rüſtig und geſund, fuͤhrte mich in der Umgebung herum, deren Oede und Wildheit ſeine Kenntniſſe zu be⸗ volkern und zu zähmen wußten, indem er verſteht, jedem Gegenſtande der nur auffaͤllt, durch ſeinen — 0— vielſeitigen Unterricht und Erfahrungen Leben und Sinn einzuhauchen. So werden mir immer neue Kenntniſſe beigebracht; indem der Oheim meine Aufmerkſamkeit auf Ergebniſſe leitet, werde ich dadurch in meinem ſtillen Sinne auf ihre Urquelle hingewieſen, und ſo forſche ich unermu⸗ det in ſeinen Buͤcherſchraͤnken dem Urſprunge und Fortſchreiten der mir theuer gewordenen Wiſſen⸗ ſchaft nach. Dieſe reichen Bekanntſchaften ſind auch unſte einzigen, aber ſie ſind uns genug. Von der klei⸗ nen Bedienung iſt keiner von der Zeit meiner Mutter. Eine alte Dienerin, der Pfoͤrtner, und zwei jungere Leute haben die Verwandten alle ſpaͤter angenommen. So iſt meine Einſiedelei beſchaffen, in der ich, da der lebendige liebreiche Athem der Verwandten mir den Sinn eines in⸗ neren Lebens ſogleich eingehaucht, noch keine Lan⸗ geweile gefunden. Die Morgenſtunden wurden gern von der Tante und mir religiöſen Betrachtungen geweiht, und dieſe machten eigentlich mein Gemuͤth dem Unterrichte des Oheim's allmählig empfaͤnglich. Dem hellen klaren Sinne ihrer religiöſen Anſchau⸗ 1 ——— —————— —— ungen mußte bald der ſchwaͤrmeriſche Nebeltraum meiner kindiſchen Vorſtellungen weichen. Das Bild meines ſelbſtgeſchaffenen Heiligen entſank immer tiefer dem Himmel, wo hinauf meine blinde Abgotterei es erhoben. Indem ihm aber ſo der erlogene Heiligenſchein mit meiner unthaͤ⸗ tigen Anbetung verloren ging, trat die ganze Fulle ſeiner männlichen Schönheit, ſeiner durch freie Willenskraft und ruͤhmliches Streben er⸗ worbenen menſchlichen Wuͤrde meinen Blicken noch naͤher, und fuͤhlte ich auch noch tiefer wie vorher, daß die Zierde der Erſteren fuͤr mich un⸗ erreichbar ſey, ſuchte ich mir die Letztere um ſo mehr anzueignen, da ſie mich allein meines Vor⸗ vildes wuͤrdig machen konnte, und ich nun freu⸗ dig zu erkennen begann, daß ſie durch Geiſtes⸗ thätigkeit und innere Bildung zu erreichen war⸗ In dieſem Sinne lauſchte ich jeder Lehre des Oheim's, der übrigens nur ſelten mit mir von religidſen Gegenſtänden ſprach, und wenn es auch geſchah, mit Zuverſicht und dabei mit der Zuruͤck⸗ haltung, womit man ſolche Schaͤtze aufbewahrt, die man nicht gern den Blicken einer leeren Neu⸗ gierde, die ſie nicht begreift, bloß ſtellt. Mehrere ſeiner Bücher, einzelne Ausdrucke der Tante, und ſeine Anſichten laſſen mich indeſſen vermuthen, daß er der aus Swedenborgs Schriften gezogenen neuen Jeruſalems⸗Lehre, von der er mir vieles erzählt, zugethan ſey. An einen Spaziergang denke ich noch immer mit frohen Thraänen. Nachdem ich eine gute Strecke, wie gewöhnlich, am Arme des Oheim's herumgegangen war, hieß er mich allein voraus⸗ gehen. Er folgte langſam nach. Auf ein Mal rief er:„Hedwiga! willſt Du Dir ein wenig Zwang anthun, ſo verſpreche ich Dir, daß Du bald weit weniger ungleich gehen ſollſt.“ Ich ſah ihn freudig an:„Gern! aber wie iſt das moͤglich?“ „Mglich iſt ſehr viel,“ erwiederte er,„wenn nur der rechte Wille dazu da iſt.“ „An dem ſoll es nicht fehlen!“ rief ich mu⸗ thig. Jene Unterredung, die einſt ſo ganz meine Aufmerkſamkeit auf Guſtav hingelenkt hatte, trat lebhaft vor meinen Sinn. Es freuete mich, ſelbſt durch körerichen Schmetz, wenn es nothig war, gleich ihm meinen Willen bewaͤhren zu können. — 173— 4 Kaum waren wir wieder zu Hauſe, als der Oheim meinen Fuß genau unterſuchte. Er be⸗ hauptete, daß die Zuſammenziehung der Sehnen mehr eine Folge der Verzärtelung und der Furcht, raſch aufzutreten, weil es geſchmerzt, wa⸗ re, als daß ſie von unrichtiger Heilungsart her⸗ ruͤhre. Es wurden mir nach ſeiner Anweiſung duͤnne eiſerne Schienen oben an den Fuß ange⸗ legt, dieſer alle Abende, nicht ohne Schmerz, aus⸗ geſtreckt und feſtgebunden; ich mußte ſelbſt einige Wochen das Bette huͤten, und als mir wieder verſtattet wurde aufzutreten, ward der unterſte Theil des Beines wie in einen Harniſch einge⸗ ſchnuͤrt. Das dauerte nun eine lange, um ſo ſchmerzhaftere Zeit, da der Erfolg noch immer ungewiß war. Der Oheim bewunderte meine Standhaftigkeit.— Auch er ahnete nicht, daß die innerſten Kraͤfte des Herzens mir dieſe ein⸗ floßten, wußte nicht, daß das noch ſehr alberne Maͤdchen, wenn dies Heilmittel gelänge, ſich ſchon dadurch naͤher an den Gegenſtand gebracht glaubte, der noch immer ihre Traͤume belebt, und ihren Beſtre⸗ bungen, ihrem Leben ſelbſt einem Zauber verleiht, der alle Krufte der Seele unermüdlich macht. S „ Wir wollen die geheimen Jugendbemerkungen eines geretteten Weſens, die bei dieſem Zeitpunkte, da das eigentliche Tagebuch angefangen zu ſeyn ſcheint, und in täglich niedergeſchriebene Betrach⸗ tungen allmaͤhlig uͤbergeht, nicht länger mit Hed⸗ wiga's eigenen Worten fortſetzen. Es iſt ein er⸗ freulicher Anblick, wenn der ermuͤdete Wanderer, der an einer getrubten Quelle durſtig niederge⸗ ſunken iſt, und mit dem aufgerüͤhrten Waſſer nur mit Eckel ſeinen Durſt geſtillt, ehe er ſich dem erquickenden Schlafe übergab— es iſt ein erfreulicher Anblick, wenn er wieder erwacht, und den Bach klar und rein ſich vorbeifließen ſteht, die blumenreichen Ufer in ſeinem Schooße ab⸗ ſpiegelnd, waͤhrend er ſeinem prüfenden Blicke ge⸗ ſtattet, bis an das ſandige Bett ſich ungeſtört — 175— hinabzuſenkenz allein wir duͤrfen dem Wanderer nicht zumuthen, wachend und durſtend zuzuſehen, wie jedes Sandkorn, jeder Erdenſchmutz ſich all⸗ maͤhlig von dem reinen Strome abſondert, und an den Boden hinunterſinkt, woruber die Geiſter der Quellen leiſe hinſchwimmen. Nur ſey es uns erlaubt aus dem Hefte zu berichten, mit welcher Freude, als ſie wieder den Fuß frei bewegen durfte, Hedwiga bemerkte, daß ihr Gang weit weniger ungleich, als fruͤher, geworden war.— Sie warf ſich mit uͤberſtroͤmender Dank⸗ barkeit in die Arme des Oheim's.—„Es iſt geſchehen, was ich nie gedacht!“ ſagte ſie mit ge⸗ preßter Stimme.„Wie viel bin ich Dir ſchul⸗ dig! Glaube mir, es iſt nicht Eitelkeit, es iſt eine beſſere Freude, die Dir gern ihren Dank aus⸗ druͤcken moͤchte.“ Zufälliger Weiſe ſtanden Beide unfern ms großen Spiegels. Hedwiga's Blicke begegneten uͤber der Schulter des Oheim's dem eignen Ge⸗ ſichte. Dieſer Anblick brachte ihre Worte in Stocken, und als wollte ſie abſichtlich die aus⸗ gelaſſene Bewegung der Freude durch das An⸗ ſchauen ihrer ſelbſt beſchwichtigen, ſtarrte ſie mit — 176— einer ſchwermüthigen Empfindung in das Glas. Aber neue Ueberraſchung ſprang ihr entgegen. Es kam ihr vor, als waͤre das matte Grau ihrer Augen einem ſeelenvollen Dunkelblau gewichen, aus dem ein Feuerſtrahl hervorbrach, der an der Freude ihrer Seele ſich entzuͤndet haben mußte. „Was iſt das!“ rief ſie faſt erſchrocken, „bin ich denn ganz verwandelt? Meine ſind blau geworden!“ Der Oheim betrachtete ſie— mit Wohlgefallen. „Allerdings!“ ſagte er waͤre wohl die Wuͤrde des Menſchen, wenn nicht das Thieriſche in ihm der Gewalt des veredelten Gei⸗ ſtes weichen mußte? Traͤgt nicht jedes Land das Gepräge des Characters ſeiner Beherrſcher— kann der menſchliche Geiſt Wuͤſten bevölkern und Hei⸗ den urbar machen, ſollte er denn nicht auch die Ungleichheiten des eigenen Körpers ebenen, ſeine Reinheit ihm mittheilen koönnen. Wer mit mei⸗ nen Blicken ſieht, wird meine theure Nichte im⸗ mer ſchoͤner finden.“„ „O! mein Oheim!“ ſiel ſe erröthend ein, wie von verletzendem Spotte getroſſen. — 177— „Ich ſcherze wahrlich nicht!“ fuhr er ernſt fort;„die Formen, in die es ein Mal der Na⸗ tur gefallen ſich zu werfen, weichen zwar keiner innern Gewalt gaͤnzlich, allein über ihren Aus⸗ druck iſt dieſe Herr. Und ſo wie ſich die For⸗ men immer auf's Neue bilden, ſo ſpiegelt ſich auf ihrer Oberflaͤche bezeichnend der Geiſt ab, deſſen Reinheit und Lauterkeit dem irdiſchen Ge⸗ praͤge ſeine Schaͤrfe immer mehr benimmt. Binnen ſieben Jahren iſt die Veränderung vollkommen.“ „Wie?“ fragte Hedwiga erſtaunt. „Sieben Jahre machen nach meiner Anſicht die Zeit der voͤlligen Umbildung des menſchlichen Weſens aus, ſo wie in der irdiſchen Natur dieſer Zeitraum zu der gaͤnzljchen Umwandlung des Kör⸗ pers erforderlich iſt. Dieſe kann ich Dir vielleicht lichter begreiflich machen.— Sie wird erklärt durch eine Lehre, die Natur und Erfahrung be⸗ ſtätigen. Ach! mein Kind! nichts auf der Welt beſteht als der Geiſt, und indem mein Arm Dich umſchlingt, umfaſſe ich nur die immer wechſelnde Huͤlle meiner Nichte; das Kind, von meiner Schweſter geboren, iſt nicht mehr auf der Welt; nicht bloß Maaß und Fülle der ſichtbaren Form 12 deſſelben ſind im Laufe der Jahrtverändert, auch die kleinſten Atomen, die zuſammengenommen den Körper ausmachten, oder von denen er noch beſteht, ſind ſchon vergangen oder vergehen, das Blut, das ſich friſch und mächtig in Deinen Adern bewegt, iſt nicht daſſelbe, deſſen unruhiges Pulſiren kurz nach Deiner Geburt die Mutter in Todesangſt verſetzte, weil ſie meinte, daß es ihr ſo Deinen Tod verkuͤndete; aber die Kräfte des ſterblichen Le⸗ bens, die den Geiſt umgeben, ſind unermuͤdlich im Schaffen, und ſo wie ein Stäubchen verweht, iſt es ſchon durch ein anderes erſetzt. So blüht der Menſch immer neu, wenn auch unbemerkbar fort, 1 weil die Lebenskraft immer in den alten Formen 3 dieſe nur erweiternd ſchafft jn der Jugend mit im⸗ mer ſtaͤrkerem Treiben, mit Traubenfeuer möͤchte 16 ich ſagen, im Alter dagegen langſamer und matterz und ſo wie in der Kindheit die neuere Bluͤthenfulle immer die vergehende überglänzt, ſo reicht ſie im Alter kaum hin, die ſchwindende nothuͤrftig abzu⸗ loͤſen, entfremdet ſich immer mehr in ſeiner Schwaͤche der Herrſchaft des Geiſtes, und verfällt allmählig der Vergänglichkeit alles Irdiſchen, bis endlich die Lebenskraft ganz ſtockt, der entfeſſelte — 179— Geiſt entflieht, und der Bau der Erde in Moder und Ruinen zuſammenſinkt. Du, geliebtes Kind!“ fügte er hinzu,„ſtehſt jetzt in voller Jugendbluthe, und die willige Lebenskraft ſchmiegt ſich dem Geiſte an, und iſt ihm unterthan, ſo lange er ſeine hohern Rechte und ſeine göttliche Abſtam⸗ mung behauptet; und ſo wie jene ihre Nahrung aus den irdiſchen Bedürfniſſen ſaugt, ſo zieht der Geiſt die ſeine aus der Religion„und läßt die er⸗ worbene Hertlichkeit und Würde von Innen dunch den Korper herausſtrahlen.“ Vie wunderbar mußte dieſe Rede gaß Bruſt wiederhallen, der es ſchon durch feſten Willen und durch die Allmacht der Liebe gelungen war, ſich aus einem verwerflichen Zuſtande in einen hoͤhern zu verſetzen, in dem ſie durch die Sorgfalt ihrer neuen Umgebung ſich bald einhei⸗ miſch fand. Der friſche Zauber dieſer erfreulichen Anſichten, deren Gefahr der gute Oheim nicht ge⸗ ahnt, wich gluͤcklicherweiſe bald den ſtillen Be⸗ trachtungen ihres Tag vor Tag reifenden Geiſtes. Sie empfand, daß ſie die Fülle des Gluͤcks ge⸗ funden, das ihr von der Natur beſtimmt ſchien. In der Einſamkit hatte dieſe ihr reiche Schätze 16 — 180— aufgeſchloſſen. Ihre fluͤchtige Bekanntſchaft mit der Welt lehrte ſie, daß ihre Anſprüche nicht weiter gehen durften;— ſie gingen auch nicht weiter.— Ihre Seele fühlte ſich zufrieden und glücklich.— Ihr Siel war erreicht: ihres ſcho⸗ nen, noch immer theuren Vorbildes wuͤrdig zu ſeyn, ſeine Liebe im Geiſte zu verdienen.— Was jenſeits dieſes Zieles lag, war, das empfand ſie tief, nur irdiſche Verſuchung dem, der zur Ent⸗ ſagung geboren war.— Ihnen, den guͤtigen Verwandten hatte ſie es zu verdanken, daß dieſe erhebend und erfreulich ſeyn konnte. Die Un⸗ möglichkeit unter einem abſtoßenden, nur mit dem Leben zerreißbarem Schleier Gegenliebe zu erwecken, war ihr fruͤh klar geworden und mit feſtem Willen löſte ſie muthig jedes irdiſche Ver⸗ langen von ihrem Leben ab. Mit dieſer freudi⸗ gen, ſelbſterrungenen Entſagung endete das Heft. — Die Verwandten hatten Zeit genug gehabt, die Bewerbung des Grafen Guſtav, welche ſich ih⸗ nen nun freilich in einem anderen Lichte dar⸗ ſtellte, von allen Seiten zu prufen, als die, ih⸗ nen durch ihre Selbſtanſchauungen wo moͤglich noch theurer gewordene, Richte ruhig und heiter hereintrat. „Ich habe großes unrecht ghapt⸗ te ſe e laͤchelnd,„vorher ſo kindiſch zu erſchrecken, denn meine Lage iſt ja unverändert dieſelbe wie vor einigen Stunden.— Ein unvorhergeſehener Zu⸗ fall, der nur äußere Verhaͤltniſſe beruͤhrt, darf ja, je inſipider er mir vorkommen muß, keinen Ein⸗ fluß auf mein innerſtes Weſen haben. Wuͤßte ich nur, wie ich den Vater wegen meiner Wei⸗ gerung begütigen könnte! Darin muͤßt Ihr mir beiſtehen.“ — 182— „Hedwiga!“ erwiederte der Oheim ruhig, „bedenke daß dieſer Zufall alle niedergekämpften leiſen Wuͤnſche Deines Herzens in Erfuͤllung bringt.“ „Eben dieſe Empfindung, und die der Un⸗ moglichkeit mich der Erfüllung hinzugeben, er⸗ ſchreckten mich,“ gab ſie mit einer glaͤnzenden Thraͤne in dem dunkeln Auge zur Antwort: ich wurde wieder ruhig, als ich meinen Wahn ein⸗ geſehen.— Er traͤgt mir ſeine Hand an, nicht ſeine Liebe, die er mir ewig verweigern wird; das zweideutige Gluͤck ſeiner Nähe würde ich nur ſo mit täglichen Qualen erkaufen, mit dem An⸗ blicke der Langenweile, der unbefriedigten Sehn⸗ ſucht, der gehaͤſſigen Empſindungen, die 6 meine Nähe bringen müßte.“ e 6 „Kind!“ rief der Oheim heftig,„er wird Dich kennen lernen und dann auch lieben.“ „Vielleicht, wenn es moͤglich waͤre, daß er mich mit ſo liebevollen Augen, als die meiner lieben Verwandten, anſehen könntez allein dies eben würde unſere auf eine ſolche Weiſe geſtal⸗ tete Verbindung unmoͤglich machen; ich berufe mich auf das Zartgefühl der Tante, das ſich — 183— nicht von Vorliebe für mich beſtechen laſſen „Nein! Aber glaubſt Du denn⸗, meine Tochter!“ erwiederte die Tante ſanft,„daß ein obgleich ganz un⸗ vorhergeſehenes Ereigniß darum bloßer Zufall iſt? Die Heiligen Deiner Legenden, wehr glaubend als Du, wuͤrden hier unfehlbar Wunder geru⸗ fen haben.— Ohne die plötzliche, faſt unglaub⸗ liche Erfüllung Deines frühern? vor einer ſcho⸗ nen Entſagung verſunkenen Traums, und der ſtillen Sehnſucht der Seele, die Dich auf den Fittigen einer jugendlichen Liebe uͤber dieſelbe ge⸗ hoben, in Anſchlag zu bringen, ſo bedenke, daß dies Ereigniß Dich auf ein Mal auf den Stand⸗ punkt führt, für den Du Dich in der Stille gebildet, den: begluckend an die Seite eines ge⸗ liebten Mannes treten zu konnen, der, ohne Dich zu kennen, im Vertrauen auf die Vorſicht, auf Deinen Beiſtand und ſeinen freien Willen, freilich ſo raſch gehandelt hat, daß Du durch Deine Weigerung ſeine glaͤnzenden Verhaͤltniſſe in der Welt in Unglück und Schmach verwan⸗ deln kannſt.— Du retteſt ſo ſeine Ehre und ſein Wort.— Mußt Du nicht eine hohere Beſtimmung darin finden, daß dies zu thun eben der zugemuthet wird, die in ihrem kindlichen Traume Leben und Blüt fuͤr ſein Wohl gern verſprützt hätte. Und wenn es Dir nun dabei gelingen möchte, den Vater mit der Welt und ſeinem Innern zu verſoͤhnen— ichnkenne ſeinen Zweck freilich nicht. Aber vielleicht vermoͤchte ein willenskräftiger Schwiegerſohn, im Vereine mit einer ſorgenden Tochter, jenem eine wohlthätigere Richtung zu geben.— Fürchte übrigens von der Seite des Vaters keine ſchlimmen Folgen Dei⸗ ner Vetweigerung; der Oheim wird wiſſeh ſie abzuleiten. Erwäge aber ſtill bei Dir ſelbſt, ob Du hier einen abſichtsloſen Zufall oder einen beſtimmten Wink der Vorſehung erblicken darfſt „Du haſt,“ ſagte der Oheim,„aus meiner Serle geſprochen! Laß nun Hedwiga ruhig und beſonnen wählen“ S Hedwiga, von dieſer Anſicht uͤberraſcht, ſah ſie betreten an.— Die Tante küßte ſie auf die Stirn.„Auch die Entſagung kann ſelbſtſuchtig ſoyn, liebes Kind!“ fünſterte ſie ihr ſanft zuz — 185— „Liebe; wahre Liebe verlangt kein Opfer, ſie opfert ſich.“ itnpt 1 Die Verwandten verließen leiſe das Zimmer. Hedwiga verſank in tiefe Betrachtungen.— Die Erſteren traten indeſſen in das Wohnzimmer, wo Axel ihnen entgegen kam, der nun Gllegenheit fand, die Tante auf eine ſchickliche Art zu be⸗ grüßen. Sie nahm ſeine herzlichen Aeußerungen grfaͤllig und geruͤhrt auf, doch waren ſie Beide ſichtbar zu ſehr mit dem eigenen Innern be ſchäf⸗ tigt, um ſich neuen Eindrücken inWen u konnen. Ii i Arel glaubte in den Blicken ſeiner Wirthe Unruhe und Sorge zu beſen, und ſie verhehlten ihm dieſe auch nicht, ohne doch den wahren Grund ihm mitzutheilen, donn Beide warfen ſich in's Geheim vor, aus zärtlicher Theilnahme an einer Leidenſchaft, die ihnen erſt vor wenigen Augenblitken in einer Glorie der Verklärung kund geworden war, Veranlaſſung gegeben zu haben, daß ſich die geliebte Tochter in den Strudel der Welt wieder hineinſtürze, aus dem ſie ſich ge⸗ ſchmeichelt, ſie mit gerettet zu haben.— — 166— Faſt fruͤher, als ſie erwartet hatten, trat Hed⸗ ig in einem Augenblicke, wo n den S verlaſſen, zu ihnen herein. „Zufaͤlle,“ ſagte ſie leiſe mit— Stim⸗ me,„gehoren in die Anſichten der Religion, die ich Euch und mir ſelbſt zu danken habe, nicht hinein. Ich ergebe mich in den Willen einer gu⸗ tigen Vorſicht, die mir wenigſtens Kraft verlei⸗ hen wird, den Geſinnungen treu zu bleiben, die mich zu dieſem Schritte beſtimmt haben. Ich reiche dem Grafen meine Hand; aber verweigert auch mir eine Bitte nicht. Laßt nie meinen Bruder, nie irgend einen Dritten merken, wie theuer mein Braͤutigam dieſem Herzen iſt. Er darf es nicht ahnen.— Mein, unſer Gluͤck waͤre unwiederbringlich verloren, wenn ich ihm ein liebekrankes Weſen entgegentraäte.“ n Sie verſprachen es, und Hedwiga lag, be⸗ z von Thraͤnen der Ruͤhrung, in ihren Ar⸗ men, als Axel ſich wieder zu ihnen geſellte.„Ich ergebe mich, Bruder, Deinen und des Paters Wuͤnſchen,“ wiederholte ſie,„doch nur unter Bedingungen, die ich ſelbſt ihm und dem Gra⸗ fen vorlegen werde.“ ₰ 18— „Gottlob, theure Schweſter!“ rief Axel mit wirklicher Freude.„Du begreifſt nicht, wie ſchwer Dein Nie mir S Herz ßimnmn cun un „Erinnere mich nicht daran, Budeel“„ſuhe ſie fort.„Erinnere mich nicht an das Mißver⸗ hältniß zwiſchen— 8 Weſen— 6 Apele ſchloß ſie ſti in ſin Anne ge davon,“ rief er, durch dieſe Erklärung zuftieden geſtellt:„ich kenne Dich jaluur 4 und Du biſt mir ſchon ſo lieb⸗“ Der Bruder drang nun auf eine Ab reiſe. Die Tante, welche die Geſchwiſter gern beiſammen ſah, uͤbernahm es, die kleinen noth⸗ wendigen Einrichtungen zu treffen, waͤhrend Hed⸗ wiga den Bruder in den naͤchſten Umgebungen des Schloſſes herumfuͤhrte, wo ihr Blick auftje⸗ dem bekannten Gegenſtande wehmuͤthig wie zum Abſchied verweilte. Ihre Geſpräche betrafen groß⸗ tentheils ihre lieben Verwandten und den ſtillen Aufenthalt Hedwiga' der ihr ſo den war. „Von einem Gegenſtande, der mir doch ſehr auf dem Herzen liegt,“ ſagte unter andern Axel, „ſchweigſt Du gänzlich. Es war mir auf mei⸗ ner Herreiſe beſonders feierlich und wehmůthig zu Muthe, wenn ich daran dachte, daß ich hier das Grab unſrer ſo wenig beachteten Mutter mit kindlichen Gefuͤhlen beſuchen ſollte, und bis jetzt, obgleich ich ſchon wieder an die Abreiſe denke, habe ich dieſer frommen Obliegenheit gar nicht erwähnt. Giebt es keine Capelle hier im— oder liegt ſie nicht hier begraben?“ „Allerdings ruht hier ihre Aſche:“ edun Hedwiga mit niedergeſenkten Augen,„und Du wirſt Dich daher wundern wenn ich Dir ſage, daß ich ihr Grab noch nie beſucht. Obgleich die alte Burgcapelle ſchon ſeit einer Reihe von Jah⸗ ren nicht mehr zum Gottesdienſt benutzt wird, dem wir in einer entfernten Kirche, von einem ſeichten, alltäglichen Prediger verſehen, freilich nur ſelten beiwohnen, iſt die Leiche doch in das un⸗ ter der Capelle ſich befindende Erbbegräbniß der Familie beigeſetzt worden. Ich habe auch mehr⸗ mals den Verwandten den Wunſch geaͤußert, an ihr Grab hinzutreten. Es iſt der einzige, auf den ſie nicht recht zu achten ſcheinen. Ja meine gute Tante, obgleich ſie das Andenken meiner Mut⸗ ter, das ihre eigne muͤtterliche Sorgfalt mir ohne⸗ dem täglich in's Gedaͤchtniß zuruͤckrufen muß, eben nicht zu unterdrucken ſucht, ſo iſt es mir doch deutlich, daß ſie nicht gern an Verhaͤltniſſe erinnert werden mag, deren Mittheilung ſie trotz meiner Bitten immer bis auf eine ungewiſſe Zeit verſchiebt, und waͤhrend beide Verwandten mit Liebe und Anhänglichkeit ihrer erwähnen, und mich in der Ehrerbietung für ſie beſtärken, ver⸗ modert doch ihr Sarg wie vergeſſen in dem feſt verſchloſſenem Grabgewoͤlbe. Meinem Oheim, nach deſſen Aeußerungen ich zu errathen glaube, daß ſie nur um dem Vater meine Ehrfurcht zu erhalten mir die Vergangenheit nicht aufklaͤren wollen— meinem Oheim ſcheint jener Wunſch geradezu unangenehm zu ſeyn: Täuſchung und nur Täuſchung! hat er oft geſagt; laß den tod⸗ ten Staub und ſey uͤberzeugt, daß der lebendige Geiſt der Mutter Dich noch immer nah und liebend umſchwebt, und beſonders in dieſen Mau⸗ ern mit ſeliger Freude Deinen Gedanken lauſcht und Dich ſegnet.“ Ja! Schweſter!“ rief Axel auf ein Mal wie ergriffen,„das thut ſie— der Oheim hat Recht. Laſſen wir den Sarg unter Schloß und Riegeln; ſie hat hier auch mich und mein Vor⸗ haben geſegnet.“ Hedwiga ſah ihn betroffen an. „Ja!“ fuhr er fort,„ich habe ſie geſehen — noch ehe mein Blick dem Deinen begegnete, in dem großen Vorſaale vor Deinem Zimmer iſt ſie mir erſchienen. Es war ihre Miene, ihre Hal⸗ tung und Geſtalt. Sie ſah der Tänte ähnlich, doch juͤnger und weit groͤßer.“ „Wer weiß!“ fiel ihm Hedwiga lächelnd in die Rede. Als ſie des Abends unter traulichem Geſpräche wieder mit den Verwandten verſammelt waren, erzählte ihnen Hedwiga die Viſion, die der Bru⸗ der gehabt haben wollte, und mit Verwunderung bemerkte ſie, daß Beide betroffen wurden. „Erinnerſt Du Dich denn der Mutter noch ſo genau?“ fragte der Oheim. „Ich weiß es nicht, aber ſo wie ſie vor mei⸗ ner kindlichen Phantaſie bisher geſtanden, ſo trat ſie vor mich, mild, leidend und jugendlich.“ — 191— „Biſt Du es nicht geweſen 2 Tante!“ fragte Hedwiga.„Axel will einige Aehnlichkeit mit Dir gefunden haben.— Haſt Du mich nicht beſuchen wollen, und biſt uberraſcht bei dem An⸗ blicke eines Fremden zuruͤckgetteten?“ „Durch die Wand?“ fragte der Bruder. „Es befindet ſich freilich eine Tapetenthuͤre da,“ gab die Tante zur Antwort,„doch, mein Kind, ich darf ſeinen Glauben nicht zerſtören⸗ — Ich war es nicht.— Erſt dieſen Morgen hat mich Axel begruͤßt.“ „Sonderbar!“ rief Hedwiga verwundert. „Warum?“ fuhr der Oheim ruhig fort⸗ „Es giebt Naturkräfte, die, obgleich ſie ſich nur leiſe und nur Wenigen offenbaren, darum doch da ſind, und deren innerer Zuſammenhang Allen unbekannt bleibt.— Es wuͤrde unnöthig, ja oft ſogar thöricht ſeyn, diejenigen, die ſolche Erfah⸗ rungen nicht ſelbſt gemacht, oder nie geahnt ha⸗ ben, davon zu untertichten. Du erſchrickſt doch wohl nicht, Hedwiga? obgleich Du freilich bei reiferem Nachdenken deſſen nicht fähig biſt, ſo halte Dich lieber getroſt an die Meinung, die auch viele Verfechter finden wird, und in der 32 — 192— That auch die Wahrſcheinlichkeit für ſich hat, daß die erregte Phanthaſie des Bruders ihm eine innere Viſion als außerhalb vorgemalt hat.— Auch iſt es vielleicht nicht das erſte Mal, daß Dir die Phantaſie ein Menhwetk⸗ h hat, Axel.“ 3 „Ich habe—. fether getäuſcht,⸗ icdene dieſer erroͤthend,„und daneben auch nicht ge⸗ träumte Erfahrungen gemacht; ich geſtehe aber gern, daß mir die meine nur dazu gedient, mir das Leben noch dunkler und verworrener erſchei⸗ nen zu laſſen.“ Vergebens ſtrebte er einen tiefen Seufzer zu unterdruͤcken. „Die Phantaſie ſpricht mitunter wahrer, als wir ſelbſt glauben;“ nahm der Oheim ernſt das Wort.„Es kommt freilich darauf an, Klarheit hineinzubringen. Ich ſtehe nicht an zu bekennen, daß einſt ein Traum, oder vielmehr der Sinn eines Traumes meinem Leben eine ganz andere Richtung gegeben. Zwar“ fuͤgte er mit ſichtba⸗ rer Bewegung hinzu,„dauerte es lange Jahre, ehe der rechte Sinn mir aufging, der mußte mir erſt aus dem Leben ſelbſt, ſo wie auch aus den Lehren eines oft verkannten Schriftſtellers, des — — 193—— großen Swedenborg entgegentreten— da ich ihn aber erkannte, war auch ſeine Wirkung entſchieden“ „Und dieſer Traum? 4nfragte Axel lebhafti „In der That, es iſt mir ſchon ſo viel Dunkles und Verworrenes in meinem kurzen Lehen begeg⸗ net, daß es mir auf etwasn mehr oder weniger nicht ankommt. Alles Geheimnißvolle zieht mich ungemein an, und das geringe Gluͤck, welches mir bisher das Leben beſchieden⸗ verdanke ich einem ſelbſtgeſchaffenen Traume⸗ ℳ 1) anun in „Freund! fuhr der⸗ Alle fort,„der Traum den ich meine, machte mich auch anfangs umuhig und verworten z da ich ihn am meiſten zu verſtehen glaubte, begriff ich ihn am allerwenigſten« In erſter Beziehung ſchien er unr mir anzugehoren, ſeit mir aber deſſen hohere Bedeutung aufging, gehört er jedem an, der ihn faſſen und deuten kanno Er iſt einfach— verwirren wird er Dich ſchwerlich ob Du ihn auch nicht begreifen kannſt.“ „So etzaͤhlen Sie mir ihn, Oheim!“ „Ich habe ihn nicht felbſt geträumt. Meine ſelige Mutter theilte mir eines Tages mit, in einem Zeitpunkte, während deſſen ſie ſich in einer ſehr kummervollen Lage befand, die wirklich ſchien IM. 13 uͤber ihr Leben hindusreichen zu wollen, daß ſie einen Traum gehabt, der, obgleich bedrohend, ſie doch ſonderbar beruhigt haͤtte. Ich träumte, be⸗ richtete ſie, daß ich mich mitten in einer unabſeh⸗ baren Heide befand, die von allen Seiten nur bon dem grauumwölkten/ uͤberall bedeckten Himmel be⸗ gränzt war. Kein fremder Gegenſtand ließ ſich tingzum entdecken, nur nicht weit von mir zeigten indennzen Enßennn von— ichwaß nicht wht tuß 6 uih zun Abend ineins derſelhen, und ſo nach und mach in alle ſieben miederlegen ſollte, um den nächſten Morgen zu dem freudenloſen Anblicke, der mich erwarkete, wirder aufzuſtehen ʒ ſchwermuthig legte ich mich nitder, ſchwermuͤthig ſtand ich wieder auf. Als ich aber an das ſirbente Grab kam, wurde ich recht innerlich froh, denn ich wußte nun, daß ich nicht mehr aufſtehen wuͤrde.“ Der Ohein „Nun?“ fragte Artt ungebuldig.“ Der Traum iſt aus.“ 0 „Aus?— äber ſie ſtarb— ſtarb wirklich iuc ſ Jahren, Monaten odes ſogar Wochen?— — 195— „Sie ſtarb freilich,“ erwiederte der Oheim, „doch kann ich den Zwiſchenraum nicht beſtimmen; ich weiß nur, daß ich eben das, was Du in die⸗ ſem Augenblicke ausgeſprochen, gefürchtet habe, aber jung und leichtſinnig, wie ich damals war, bemuͤhete ich mich den Zeitpunkt zu vergeſſen, und es gelang mir wirklich.— Sie ſtarb mehrere Jahre nachher, obgleich freilich unter Umſtänden, wo⸗ durch die Erinnerung an jenen raum ſchmerzlich bei mir etregt wurde, nämlich? plotzlich am Neu⸗ jahrstage des an k He cenniums.“ 6— 3 654 c Sinpert nnih in. Kf „So ſagte auch ich damals, und wirklich feſ⸗ ſelte dieſer Umſtand vor allem andern meine Auf⸗ merkſamkeit, bis mir endlich der rechte Sinn auf einem ganz andern Wege entgegehtrat⸗“ „Und dieſer lieber Oheim 0 „Um das alles auseinander zu ſetzen, theurer Neffe, ſind mehr Zeit, Lehren, Zuſammenhaltung der Erfahrungen, und vor allen genauere Bekannt⸗ ſchaft mit einander erforderlich, als Eure ſchnelle Abreiſt uns diesmal vergonnt. Ueberhaupt iſt es meine Sache nicht, Proſelyten zu machen. Auch 13* — 196— lobe ich es nicht, ſich die Einſichten, die auf reife Ueberlegung, Vergleichung des Vergleichbaren und auf eigene Erfahrungen gegruͤndet werden muͤſſen, von Andern fluͤchtig uͤberliefern zu laſſen.— Ich hoffe zudem, daß wir uns nicht zum. Mne geſehen.“ 1 „Gewiß nicht!“ rief Axel, indn er v i gereichte Hand des Oheim's an das Herz druckte⸗ „Iſt es mir doch, als habe ich erſt hier meine Hei⸗ math gefunden. Auf dem Gute meines Vaters, in ſeinem großen geräumigen Hauſe habe ich keine.“ „Hier wo das Grab— wo der Geiſt Deiner Mutter hauſet, wie Du ſagſt, und gewiß auch Dich umſchwebt, wirſt Du nie eine Heimath ver⸗ vermiſſen, Axel!“ unterbrach ihn die Tante mit hervorquellenden Thränen. Axel druckte ihre Hand an ſeine Lippen.„Wer weiß,“ ſagte er beklommen,„wie bald die Welt mich auch von ſich ſtoßen wird! ich bin froh, einen Ort kennen gelernt zu haben, wo auch ich eine neue Geburt feiern moͤchte.“ Der Oheim ſah ihn durchdringend an.„Wie, Axel!“ ſagte er mit einem mißtrauiſchen Blicke, — 197— „beweht ſich denn etwas in Dir, das Du gern in hellen, fluchtigen Augenblicken tödten mochteſt?“ „Oheim!“ erwiederte er mit einem Seufzer, „nenne mir den, der nicht ſein Kreuz trägt; das meine drückt mich ſchwer, eben, weil ich es lieb habe und nicht abwerfen mag, ob ich es auch könnte. Laſſen Sie uns von etwas An⸗ dern reden.“ „Nur eine Frage, mein Sohn!“ fuhr der Oheim fort, ohne den durchdringenden Blick von ihm abzuwenden.„Wo und wann haſt Du es Dir aufgebürdet.— Auch ich habe das Kreuz gekannt, das ein zwei und zwanzigjähriges Herz am ſchwerſten druͤckt— ich meine es gut mit dieſer Frage.“ „Weit von hier, lieber ghe in dem ſchö⸗ nen, warmen Italien,“ erwiederte Ae raſch ablenkend⸗ Da meldete der Diener, daß das Aniſſen en aufgetragen waͤre. Sie begaben ſich alle in den Speiſeſaal, wo die Stunden, ſo wie den vorigen Abend, unter freundlichen, doch wie es ſchien ab⸗ ſichtlich von dem vorhergehenden Gegenſtande ent⸗ fernten unbemerkt verſchwanden. Erſt ſpät trennten ſie ſich. Waͤhrend die vorleuchtende alte Dienerin Axel die Thür öffnete, und dieſer den Verwandten noch eine gute Nacht zurief, üſterte ihm der Oheim heimlich zu:„Muthig, mein junger Freund! wälze das Kreuz entſchloſſen von Dir ab, in ſofern es Ulla heißt.“ Atel ſtarrte ihn ſprachlos an.„Wer hat Ihnen dieſen Name—“ konnte er nur her⸗ ſtottern. nin „Still, mein Sehn! damit es Rimand merke; mein Geiſt hat mir davon biſtugchen „Geiſ?“ wiederholte Axel. ſum 0 „Ei, lieber Neffe! haſt Du denn nie von dem Spiritus familiaris reden hören?“ Der Oheim druͤckte ihm die Hand und ent⸗ 6 ihn. Der ſo räthſelhaft genannte Name— auf'z Neue ſtürmende Unruhe in ſeine Bruſt.— Wo⸗ her kannte der Oheim ein Geheimniß, das er erſt vor wenigen Tagen nur einem, dem entfern⸗ ten Freunde, vertraut? Schien auch nicht dieſe Warnung zugleich den Verdacht zu beſtätigen, den ſchon die Mittheilung der Schweſter in ihm er⸗ regt hatte. Dieſe beiden Vorſtellungen machten — 199— ihm die Bruſt beklommen; doch gab er, je tiefer er in die Verhältniſſe und die Steele des Oheim's zu plicken glaubte, dem flüchtigen Gedanken kei⸗ nen Raum mehr, als könnk dieſer derjenige ſeyn⸗ der ihm in Rom begegnet war, vielmehr neigte die Stimmung ſeinet, von ſo manchem Un⸗ heimlichen ſchmerzlich berſihrten, Seele ſich zu dem Glauben, der beſonders durch die Erwähnung des bekannten Geiſterſehers, Swedenborgs⸗ be⸗ ſtärkt wurde, daß ſein Oheim wirklich durch ir⸗ gend eine Verbindung mit Geiſtern ſein Geheim⸗ niß kennen gelernt, und ein beruhigender Hoff⸗ nungsſtrahl ſenkte ſich in ſeinen Buſen bei der Vorſtellung, daß ein väterlicher Blick über ſeinem Leben und Schickſal wachte. Er durfte ſich deſſen erfreuen, er war ſich ja keiner Schuld, nur einer freilich nahe daran grenzenden Schwäche bewußt, die ja ſein Freund wieder gut gemacht hatte, und doch verwirtte dieſe Anſicht ihn noch mehr, und feſſelte ſtaͤrker, als er es ahnte, ſeine Kraft zu Willen und That, indem ſie ihn dem Aberglauben und den dunkeln Traumen ſeiner Jugend inniger als je hingab. Uebrigens ſetzte er ſich vor, ſeinen * — 200— Freund recht bald mit dem Oheim zuſammen zu führen. Guſtab, der mit ſo kühnem Jugendmuthe alles verwarf, was ſein heller Geiſt ſich nicht zu eigen machen konnte, müßte hier, ſo meinte er, durch den Umgang mit dem Oheim wankend ge⸗ macht werden in der Ueberzeugung, die nun mit ſo vieler Sicherheit ſeine ängſlichen Vorſtellungen und dunkeln Erfahrungen verwarf.= Aber noch ein Entſchluß reifte in ſeiner Bruſt; trotz des letzten Surufs des Vaters fühlte er ſich zu dem Oheim immer ſtrker hingezogen, um ſo mehr, da keine einzelne Sylbe dieſem entſchlupft war, die auf ein geſpanntes Verhältniß zwiſchen Beiden deutete⸗ Und ſo war es ihm nun, da der Graf ihm den Namen der Gelicbten nannte, da er ſogar vor ihr warnte, als erſchiene ihm in demſelben ein Schutz⸗ geiſt, dem er vertrauen müſſe, in deſſen Scharf⸗ blicke und Erfahrung wenigſtens er den Leitſten erblickte, der nur Klarheit üͤber ſein dunkles Leben verbteiten konnte.— Dagehen ſah er nur in eine tiefe Nacht hinein, wenn er den Blick zuruck in das Vaterhaus warf, in dem, ſeinen Empſindungen nach, nicht ein Mal ſeine Gedanken vor Vetrath ſicher waren— und nun beſchloß er mit einem Gefühle der Beruhigung, das ihn ſulbſt betteffen möchte, in des Oheim's Hände das Gihimniß niederzulegen, das er in ſeinr Heimath Faum an ſeinem Buſen verborgen in Sicherheit laubte. Der Morgen brach lächelnd und klar hervor; doch in Woͤrkna beleuchtete er nur wehmüthige Blitke und thränenvolle Augen. Mit ſchwerem Herzen, faſt wider ihren Willen verließ Hidwiga das Schloß.— Ihr“ Oheim, den das Lben gelehrt hatke, dem unvermellichen ſchnell und raſch entgegen zu gehen, hatte darauf gedtüngen, daß die Abreiſe, in Uebereinſtimmung mit den Wuͤnſchen des Vaters, unvetzůglich anetreten werden wüſſe. Er wußte wohl, daß die Gewalt der Schmerzen ſich iminer weniger thätig zeigt, je kützerer Spielraum der erregten Phantaſie, die eben ſo gern in Leiden wie in Freuden ſchwelgt, vergonnt wird.— Er und die Tante hatten in aller Stille das N öthige veranſtaltet, jedes kleine Hindetniß aus dem Wege geräumt, und da ſtand nun Hedwiga erſtaunt, jn faſt verletzt, weil ſie keine gegruͤndete Veraulaſſung eines— Bleibens herausfinden konnte. 68— uIn; dem Augenblicke der Trennung zog Axel ſn. Grafen zur Seite;„Erlauben Sie m mirs lie⸗ ber Oheim!. ſagte er,„ſchon am zweiten Tage unſerer Bekanntſchaft; Ihnen einen Beweis zu ge⸗ ben, wie ſehr ich dem Bruder meiner Mutter und ſeinem Spiritus familiaris vertraue. Wun⸗ dern Sie ſich nicht, daß ein armes Herz, das falt nie Liebe gekannt, und ſich doch immer dar⸗ nach geſehnt, ſich ſchnell hingieht, wo ihr Strahl ihm nus einen Blicke entgegen leuchtet; ein frem⸗ des Geheimniß drüͤckt ſchwer meine Bruſt. Ich lege es in ihre Häͤnde— es iſt nicht ſicher in den meinigen. Sie ſollen mir einſt ſagen,—. oder wer es öffnen darf—“ Der Oheim ſah das kleine Paket, zt unter inen Umſchlage,ader nur Axels Namen und Siegel trug, einen Brief zu umſchließen ſchien, verwundert anz dann nickte er Axel mild und hejahend zu— doch plötzlich verſinſterten ſich ſeine Züge, er ergiff die Hand des Reffen und ſagte ſchnell:„nur erſt eine Frage: bttiſt dies Geheimniß Deinen Vater?““ apircn nn 5„Wenigſtens“ verſetzte W,„meine pfüchtn als Satn e n „— 16 „Hat er Dir nicht geſagt— weiſt⸗ Du nicht wie wir mit einander ſtehen? Er nenntmich ſti⸗ nen Feind, und in der That, ich bin es.“ Sehs gab Axel ruhig zur Antwortz „aber Sie ſind der Bruder meiner Mutter, der Vater mtiner Schweſter, mein Freund, und' der Freund Ihres Gewiſſens, ſolchen— Ihren Geis ſtern muß ich vertrauen— 46 n mtti i „So— reiſe gluͤcklich!“ endete der Oheim⸗ indem er mit einem zuſichernden Handdrucke Axel⸗ der ſich faſt nie Schl um'5 B gefuhlt hatte, entließ. hn Wie— Ber in pöchſ — verſunken, ſaßen die hwh lange neben einander im Wagen. Endlich machte Axel die Schweſter auf S rere Gegenſtände aufmerkſam, denen er vor we⸗ nigen Tagen, ſie aber vor Jahren, Beide auf der Herreiſe vorbeigefahren waren.— Sie erinnerte ſich, wie wenig dieſe ſie damals angezogen, wie gefühllos und gleichgültig ſie ſolche angeſchen⸗ Seit der Zeit war ihr erſt der Sinn fuͤr die Natur aufgegangen. So wie die Umgebungen heiterer wurden, belebten ſich auch ihre ſchwermuthigen — Blicke Sie ruheten mit Theilnahme auf den immer ſchöneren Gegenden, es war, als entwik⸗ kelte ſich aus allen Gegenſtänden eine neue Be⸗ deutung.— Für ſie war es keine Rückkehr in die alte, es war der Einzüg in eine neue Welt; füͤhlte ſie doch ſelbſt lebhaft und dankbar, daß auch ſie eine andere geworden wäre. Sie überließ ſich immer heiterer den neuen Eindruͤcken, und Axel theilte freudig und. dungtn.* So hatten ſie„ der ſe miht genaͤhert, da legte ſich eine ernſte Wolke nach der andern auf Hedwiga's Stirn. Die Zukunft zeigte ſich vor ihr, wie vor dem Maler die aus⸗ geſpannte Leinwand, die nur eine farbenloſe, zum Theil nur angedeutete Skizze zeigt, während er mit der Palette voll ſchimmernder Farben ſin⸗ nend davor ſteht.— Ach! ſie glaubte die aͤngſt⸗ lichen Schlage ihres Herzens, die Unſicherheit ihrer Hand, ſo wie ihrer Seele zu vernehmen; zugleich empfand ſie, daß keine Zeit zum Zau⸗ dern ihr übrig ſey.„Axel!“ ſagte ſie auf ein Mal raſch,„bewahre mir die Offenheit, die Du mir verſprochen und ſage mit aufrichtig⸗ —— was haſt Du Deinem Freunde von der Schwe⸗ ſter erzählt? ſchnell, ſiocke nicht!“ n „Warum ſollte ich auch das,“ erwiederte er tchend,„da meine Empfindungen jetzt ganz umgekehrt ſind.— Ich habe ihm aus allen Kräften agtruthen 3 eine Verhindung einzugehen⸗ deren äußere Zeichen wenigſtens kein⸗ Glück zu weiſſagen ſchienen. Dein Bild als ich B6 vuic ſtand vor meinen Angen. nahn m Keine Entſchuldigung!6 gab ſie— und doch lichend zur Antwort:„Zur Strafe Deiner Voreiligkeit aber mußt Du mir⸗ verſpxe⸗ chen, ihm kein Wort von Deinen veränderten mitzutheilen⸗ 1 nn 5 „Darf ich denn meine un nicht S machen?“ u 1 „Durch Worte nicht, wer gut machen will, i ubertreibt immer. Moge Graf Guſtav ſelbſt das Beſſere in mir finden, wenn, er mich erſt wuͤrdig haͤlt, es zu ſuchen. Lieber Bruder, von dieſem Augenblicke an ſtelle Dich in keinem Bezuge zwiſchen Deinen Freund und, mich. Sey ihm, was Du immer geweſen, aber laß Dir, obgleich Bruder und Schwager, unſ're — 206— Ehe) wie ſie ſich duch heſtulten möge, gefließent⸗ lich fremd ſeyn. Du kennſt doch hoffentlich uns Beide genug, umꝰ mitn dies gelöben zu können. — Nur, wenn es mit gelingt ein völlig klares Vechaͤltniß zwiſchen uns n n— 2 ihm die Hund ohne Füurcht reichen.“ Ael vetſprach es. Hätte er es aber auch nicht gethan, hätte es voch keine Zeit efunden dem erſten Theile des Verſprechens, wenigſtens be⸗ votr Guſtas die Schweſtet fäh, entgegen⸗ zu han⸗ beln. Kaum eine halbe Stunde nachhet bemerk⸗ ten ſie Beide einen Riitei, der aus einem Quet⸗ wege dem Wagen entgigen ſprengte. Axels ſchar⸗ fes Geſicht erkannte nicht ohne Verwunderung in ihm den Freund. Oöhleich Guſtav' ihn frei⸗ lich nicht zu einer beſtimmten Zeit zuruͤck erwar⸗ tete hoffte er doch einen Brief wenigſtens heute, da es Poſttag war, von ihm vorzufinden, und eilte ungeduldig von einem ſeiner Guͤter nach der Rſdenz zuruͤck. Sehnt man ſich doch immer iach der Eutſcheidung ſeines wie kend dieſe auch ſehn möge. „Es iſt Guſtav!“ rief Axel froh Sn „Soll ich ihn herantufen?— wie wird Dir, —————— Du zittetſt ja— fuſſe Dich— ich will mich ganz ruhig verhal ten, abet er würd 5 N et⸗ kennen„m ntn6 5 So wär es auch Der Guf⸗ winkte im Heranſprengen, und⸗ der Kutſcher hielt die Pfirde an. Hedwiga's erſte Bewegung wat, ihren Rei⸗ ſeſchleer hetunter zu ſſin, doch im Behuiff es zu thun, faßte ſie ſich ſchnell und mit einem kleinen, faſt unmerklichen Zucken um den Muns warf ſie ihn noch weiter zürutk“ chn Guſtav war demi Reitknechte das Pferd uͤbergeben, und nähettt ſich dem Schlage. Der Bediente öffnete. Auf die Eintadung Axels ſtieg er herein, und Pieß ſich auf wem Rückſite nicder. Das Gewicht des Augenblicks preßte auch Axels Bruſt zuſammen; nicht öhne Beklommenheit ſagte er kutz; Gu⸗ — meine Schweſter!“ vRgnngnidh Ihre Blicke begegneten ſich ruhig ohne einen Anflug von Laͤcheln, faſt zu ernſt; doch dankten Beide in ihrem Herzen der Vorſicht, daß keine aͤngſtliche Vorbereitung zu ihrer Zuſammenkunft die Schüchternheit des erſten Augenblicks noch vet⸗ mehrte. Beide ſchienen aber die Nothwendigkeit einzuſthen, ſich ganz auszuſprechen- ta „Ich mußte es vermuthen,“ nahm Guſtav ſich verbeugend das Wort,„und darf demnach wohl auch Ihre gütige Shenuns⸗ meinem Vortheil. deuten“ entven n 2enßiclc nn Ja Herr Graf1“ gwſederte. ſie, wit etwas unſicherer Stimme,„Ich habe zwar den Por⸗ ſtellungen meiner Familie, boch nicht leichtſinnig nachgegeben; mein Bruder hat mir alle Be⸗ wgründ Ihrer Snszung nae n. gic6 etwas ſagen zu woſlen„ it 3 nur fluͤchtig erroͤthend einen verlegenen Blick auf Axel. Hedwiga fuhr mit niedergeſenkten Augen ruhig fort:„Empfangen Sie daher meine Hand, Herr Graf! jedoch unter Bedingungen.“ „Bedingungen?“ wiederholte Guſtan. „Ja! das Vertrguen, womit Sie mich be⸗ ehren, macht mir dieſe zur Pflicht.— Sie haben raſch und entſchloſſen ſo viel eingeſetzt, daß es mir geziemt„ mit großerer Ueberlegung dafür Sorge zu tragen, daß Ihr hohes Spiel nicht ganz ver⸗ loren gehe!“, — 209 ₰ Guſtüs Blick⸗ riheten urchbii ngend kü ihr. Nnnen Sie mit sſ al ſazte er tühig. „Ich wetbe mich nicht von meiner vorthe ihiß⸗ ten Lage,“ fuhr ſie lächelns fort, ji iühenchten Forderungen hinreißen laſſen.— Verttuuin Sie mir nur ganz die Eintichtunz Unſets huzuchen Verhäſtniſs; ich will durduf vedacht ſihn, ſo wenig wie möglich der Wur it zum Lichun zu geben.“ i „Zum Lächeln?“ wichetholt 6che dutet. „Verkinnen Sie mich nicht!“ vriſchte ſie tu⸗ hig.„s iebt wohl Fälle, in denen ein von der Natur vetwihrloſetes Weſtn ſic duiben darf, ſelbſt mit ſeiner Hätlichket zu Snuetiiten; s t nicht meine Abſicht! nur dütfen wit Beide mi 6 aus⸗ unzeitiget Schei die Wahthät aus der 16r laſſen, die doch allein ein helles Verhälthiß zwi⸗ ſchen uns hetbeiführen kann. In wie fern inſte Geſinnungen übereinſtimmend ſind, wiſſen wir noch nicht⸗ nur daß die Welt immer unſere Ver⸗ bindung nach einem inſipiden Maaßſtabe beurthei⸗ ſen wird., St mir durch die Erfüllung SMei 16 14 4 mineß An Antrags Gelegenheit, Ihre Achtung zu ge⸗ winnen, und die Welt allmählig zu entwaffnen.“ „Schalten Sie wie Sie wollenz bgleich ich nicht alle Ihre Worte zu den meinigen machen kann, haben Si ſ0 dennoch meines Zuttauens wiſi%. „unbedingt iſt meine Beungung; ü Buſgn ſchien einen Augenblick nachzuſinnen. Warum nicht es gerade aus ſagen?“ nahm ſie mit Selbſtgefüͤhl das Wort wieder;„ich wuͤn⸗ ſche ganz Herr meiner ſelbſt zu bleiben, jedoch,“ onigte ſie hinzu,„alles deſſen unbeſchadet, was ich , Fhre und Ihrem Namen ſchuldig bin.“ Buſtns Blick ſiel auf ihr einfaches beſcheide⸗ n Riſeklid. Dis ſowohl, als der milde, in dieſem Angenblic mehr als je vorher ſerlenvolle Ausdruck ihrer Züge, wirkt beruhigend in die erſte momentan Verwirrung, die von ſeinem Erſtaunen, ſich; pon ſo viel Anſtand und Klarheit begegnet zu ſhen, noch erhoht wurde. Seine Ideen von den Rechten der menſchlichen Freiheit wußte er auch bei Andern zu ehren. Er glaubte einen Wieder⸗ halt eigener Anſpruche zu hören und ſagte raſch: „Ich ſehe daß unſ're Geſinnungen wenigſtens ———————— — 211— in etwas übereinſtimmen. Befuͤrchten Sie in dieſer Ruͤckſicht keine Einſchränkung⸗“ Sie reichte ihm die Hand, die er n an Lippen druͤckte. Axel bemühete ſich ein ice Geprich einzuleiten, das wohlthuend auf die gleichwohl etwas kunſtliche Haltung Beider einwirken konnte. Es gelang, und beinahe fruͤher als ſie es wuͤnſch⸗ ten, hielt der Wagen vor dem väterlichen Pallaſte, woſelbſt der zuſtrͤmende Schwarm von Bedien⸗ ten, neue Geſichter und Gegenſtände, den Ankom⸗ menden die Herannahung eines glänzenden Feſtes durch Unruhe und Thaͤtigkeit verkuͤndeten. Der General kam ihnen mit einem größeren Ausdrucke der Freude und der Zufriedenheit entgegen, als ſie je an ihm wahrgenommen hatten. Er um⸗ armte zum erſten Male ſeine Tochter mit einer Lebhaftigkeit, die an Zärtlichkeit grenzte, jedoch ſchien er die ſichtbare Veränderung ihres ganzen Weſens gar nicht zu bemerken. Er benutzte die erſten Augenblicke, worin er unter ſeinen Kindern allein blieb, um ihnen, je⸗ doch beſonders an Guſtav hingewandt, mitzu⸗ theilen, daß er in Zuverſicht zu dem Gehorſam 14* — 212— ſeinir Tochter ſchon alle Vorkehrungen getroffen, um dem Hofe und allen adlichen Zirkeln die be⸗ vorſtehende Hochzeit auf eine ſolche Weiſe anzu⸗ kuͤndigen, die jede denkbare Zuruͤcktretung von allen Seiten unmöglich machte. Mit einer rau⸗ hen Offenheit, die Hedwiga's, aber faſt noch mhr des Grafen Zartgefühl verletzen mußte, nahm er keinen Anſtand, mit lautem Lachen die mannigfaltigen Geruchte der Stadt, ja ſelbſt leicht⸗ ſinnige Aeußerungen anzufuͤhren, die ſowohl die Tochter, als den Braͤutigam dem Lächerlichen Preis gaben.„Allein,“ fuͤgte er hinzu,„wir wollen bald das Gelaͤchter auf unſete Seite brin⸗ gen, denn um die ſcharfen Pfeile der unverſchäm⸗ ten Welt gegen ſie ſelbſt zuruͤckzudrängen und ihr zu beweiſen, wie wenig ſolche Aeußerungen Ein⸗ druck auf uns gemacht, will ich eben die Lach⸗ luſtigſten zu einer Hochzeit verſammeln, deren Glanz und Oeffentlichkeit ihnen noch groͤßeren Stoff zum Aerger geben ſollen.“ Eine dunkle Wolke zog ſich ſichtbar über Gu⸗ ſtavs Stirn, obgleich er ſich Muͤhe gab eine gleichguͤltige Miene anzunehmen, und er wußte in der Stille Hedwiga warmen Dank, der ſich — ——————— — 213— wohlthuend in ſeinen Blicken ausdruckte, als ſie faſt erſchrocken ihren Vater erſuchte, um ihret⸗ willen von dieſem Entſchluſſe abzuſtehen. Der General, nie gewohnt Widerſpruch zu erfahren, und am allerwenigſten wenn es eine haͤusliche Angelegenheit betraf, fuhr lebhaft auf, doch faßte er ſich ſchnell, wahrſcheinlich aus Ruͤckſicht auf Guſtav, und ſuchte den ausge⸗ ſprochenen Wunſch der Tochter dadurch zu ent⸗ kräften, daß er ihn in's Lächerliche zog.— Hed⸗ wiga ließ ſich indeſſen nicht irre machen. Mit ſanfter Freimuͤthigkeit, ohne jedoch ſolche Gründe in Anſchlag zu bringen, die wohl bei Guſtav, aber ſchwerlich bei dem rauhen PVater wuͤrden Eingang gefunden haben, erklärte ſie unumwun⸗ den, indem ſie ſich auf ihre Unbekanntſchaft mit dem Hofe und der Welt und auf ihren feſten, Entſchluß ſtuͤtzte, nie eine Prachtkleidung anzu⸗ ziehen, die ihre Mängel nur auffallender machen wuͤrde, daß eben eine ſtille unbemerkte Hochzeit eine Bedingung ihres Gehorſams ſeyn müſſe.— Sie hatte, das ſagte der warme Kuß, den Gu⸗ ſtav auf ihre Hand druckte, aus ſeiner Seele ge⸗ ſprochen, jedoch mußte dieſer ſeine ganze Bered⸗ ſamkeit aufbieten, um den Zorn des Vaters und fein heftiges„rückſichtsloſes Toben zu beſchwich⸗ tigen. Hedwiga ſiegte durch Guſtav. Alle Zu⸗ bereitungen wurden eingeſtellt, und nun, da das Beſtreben des Generals, durch glänzendes Aufſe⸗ ſchen die Aufmerkſamkeit von dem Brautpaare ſelbſt abzuziehen, vereitelt worden, war er ſchlau genug es dahin zu bringen, daß die Geruͤchte von den vielen getroffenen Vorkehrungen, die ſchön im umlaufe waren, zu dem ibtigen leeren Geſchwätz geſ ſchlagen wurden.— Doch in einem Punkte erklärte der General ſich unbeweglich; er behauptete naͤmlich, daß es, um jedem Geruͤchte und Geſchwätze ein Ende zu machen, durchaus nothwendig ſey, daß die Trau⸗ ung an dem von ihm ſchon beſtimmten Tage ohne Aufſchub vollzogen wuͤrde. Er nannte die⸗ ſen, und Hedwiga ſchien in dieſer Rückſicht ſogar ſtinem Wunſche voraus zu eilen, denn ſie äußerte, ohne irgend einen Grund anzugeben, den vielleicht dech der Leſer errathen wird, daß ſie ein Paar Tage fruͤher, nämlich den 10ten Oectober ver⸗ mählt zu werden wuͤnſchte. Niemand widerſprach ihrem Wunſche.— Der Genetal zog gegen Abend — Räckſicht doch niht den S 5 nes, als dem eignei rttuitt,„da er init ſolchen Söiſein feit ſiher s Wa 10 zchin n6 96 10. geben hite. Bie Vellobten tcten i Giſt 6 nicht meht berlegen. Sine Phantaſie e piti⸗ 5 diesmal nicht unaigitiin gitzuſcht, i ſin Braut hatte i in der kützen Zeit chret Bekanüt ſchi ſihur Kßrüche auf ſint wurſiie Bantbaltlit ge ge⸗ wönnen. Sr hatte bel diefr Geiheißit ic ſo ſichern Lat bei ihr wihrziiommn, den duñ um̃ ſo pher ſchtte⸗ als er ſo gunz mit ſin Elu⸗ vfidungin ſinut. Er Shnte ſchon, 1 it ſi hn Sür. 3 Nnd. e Aüf ein Mal tte er ſ pit 49 er nicht nahrgenliin obgleich jrde Be⸗ wigung des Herrn dieſem ſicht eninze wae Er hatte ſich Hedwiha teiſe genähert, und was ſonſt mit Frenden nie der Ful war, die Söene vertraulich in ihren Schooß gelegt, und ſchien eine ſorgſame, abet doch tebhafte Freude zu ußern ehne ſich in dem Geſpräche ſtören zu laſſen, lieb⸗ — 2— £ 6— feſiſſt Rifeit hahd⸗ n Shi in wdehn nd die kaßn Slick guf Su ſgp m 2 ws 9 ei zBht 7 Du in di Leute 3 nnenn* m ö 5n Bſe ſe inn igglächend. „Er darf e icht mir hieher zin W pther, hat 6. mich, Phne daß ich. ²6 bemerkte, begleitet, und ug ich, meinen Fehler. in pin du⸗ ſſe Fi ſhnen Pic pe Gen⸗ ſt⸗ jagtz jch ſofo fort aus Zhür. Snu t ne mrtſanzt als ich⸗ hat e ich ſogieich unt das Sopha Lerkrochen und w wst ſich tjeht, hervor, Aiht der Gefahr, hinausgt u werden Snthoben n zu ſn3 9be es npch lange gihabt,“ fuhr er, das Thier iniehb fort, zund; doch hängz 6 ſchon, an mir mineiner Wue, die mir wohlthut,“ 8 4 NMit hin u. ie nihes, at, ein, iiſe zu niſen, ein 6eiſt. dir Lube bennet, daz ſie ſo glücch machen würde, und deſſen ſie doch meinte nie cheilhaftig werden zu können. Sie bückte ſich liebkoſend i dem hier herun⸗ E — ter, einen Seufzer unterdrückend, und als Gu⸗ ſtap ſich lpäter ethoh und ſie verlicß, konntt ſie nicht, umhin dem Pudel einen zärtlichen Blck zu ſchenken, während ſie ſeinen Herrn, wie es ihm workam⸗ faſt kalt entließ, 6 Fuſeinem Hrtzen, ds noch von keiner hef⸗ igen Leidenſchaft beruͤhrt worden war, ſondepbaf tghnicheg, uͤberließ ſich Guſtap Betrachtungsg in der Einſamkeit ſeines Zimmerß, die ihm ſeine ruhige Haltung, ja ſelbſt ſt Heiterkeit ganz wizgert gaben, Er ſah der Sutu Aue Furcht,⸗ u deſſen Häifte—— ſchnell glüͤcklichen, obgleich verzweifelten Wurf wieder⸗ uen Enſchluſſt veiltöt, nicht alin mi mehr iu Piene ſondern ſich ſogfälig und wer der Genügſamktit zu befleißigen und keine Wünſche aufkeimen zu laſſen, die bei der Unzureichlichkeit ſeines gerttteten Beſitzthumes ihm das, was er gerettet, weniger ſchätzbar machen konnte.„Ja!“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„ſie iſt häßlich, aber daran „ 216 ₰ gewöhnt man ſich ja.— Gtöe ni gü⸗ daß ich ſie, wie ich jetzt hoffen darf, ſo ſiht ach⸗ ten kann, paß der Ausdruck dieſes den Mangel der Liebe vetberze!“ „Ich bin zuftieden!“ ſagte et den fotzenden Morgen zu Axel, det, ſeinem Gelübdt Fitteu gfliſ⸗ ſentlich jedem Anlſſts von der Schweſer zu riden aus dem Wege ging; ich bin zuftieden, ich hoffe durch jene unvoſichtigkeit mir die S der For⸗ tuna dennoch nicht virwirkt zu haben“ 6 Axel erwiederte ihm nur mit einem ez um ſo mehr bekümmerten Blicke, da uui auch die Beſorgniß fuͤr die Zukunft einer theuern Schweſter auf ſeinem Hetzen laſtete, aber er rſprach kein Wort. In der kurzen Zeit, die det Vetmählung voranging, wurde die Einrichtung des Pallaſtes, der Guſtav's Familie ſit langen Jahren ghötte, nach Hedwiga's Angabe unter Axels Aufſicht in möglichſter Eile vetrieben. Der General, der dieſe Gelegenheit, den alten Glanz ſeines Hauſes zu behaupten, nicht vorbeigehen laſſen wollte, hatte Beſtellungen gemacht, die geradezu Hedwiga's Anſichten widerſprachen; doch ließen ſich jene 215 ₰ nicht oblehnen, und ddutch wutde der“ gunzen Eintichtung ein Gtptäge ufgedrückt,“ diſſen Prunk Hedwiga's einfacher Sinn Szu mildern ſtrebte. Guſtav beſuchte die neuen Zimmier nicht. „Er wolle“ druͤckte er ſich berbinblich gegen Hed⸗ wiga aus,„eine angenehme. muthwillig zerſtören.“ So kam der 10te Ottober heran. nu wenige weitläuftige Verwandte des Btautßaars befanden ſich, ſtatt der früͤher beſtimmten glzen⸗ den Verſammlung, in dem großen, zur Fräug eingerichteten Saahe. Det General, der die bet⸗ geblichen Einrichtungen noch nicht recht vergeſſei konntt, trat zur anbetaumten Stunde in das Zimmer der Tochtet, um ſie zu der kleinen Verz ſammlung zu fuhten. Schon den Tag nach ihrer Ankunft hatte er Hedwiga teiche Stoffe, und noch denſelben Morgen einen koſtbaren Schmuck geſchickt. Er blieb daher betroffen ſtehen, als ihm die Braut in einem ſchlichten weißſtidenen Kleide entgegen trat, ohne Schmuck und ohne Blumen, nur mit einer einfachen Schnur aͤchter Perlen in den dunkeln Locken, obgleich eine kunſt⸗ — — — — 620— peiche gepuderte Friſut in den, Hoſzirkeln noch nicht der neuern kinfachen Mode gewichen war, och nicht im. Silnt S uif. itrufgſtnentriiſtetz is ch6 onuc) 10 c habe es ja b mein in Ptet“ oß ſie ſanft,„doß ich ihn nicht anlegen würde, vergönnen Sie mir die kleine Coquetterie, ſo zu erſcheinen, wie es mir am beſten ſteht.“ 5 n ſchon Shecee 6 deröwang⸗ zun Schwegen. zeb 0 inßin ſinn los werde!“ murmelte er halb in ſich⸗ und Wz ihr die Hand⸗on inni i ſe⸗ ter ni zu ſeen e Sein Blic it ichtg 3 gebung, zin Wein ne er uͤberall ein nct⸗ an wnnt in der gun Uniform faſt lächerlich gufgeblaſenen Generals ein Weſen herein, das, ungeachtet eines etwas gezwungenen Ganges, doch durch die zierlichſte Einfachheit, durch den ruhigen, beſcheidenen, allein nicht verſchämten Blick, der ſich ringsum Ach⸗ tung etzwang, indem die ganze Hältunß der Verſammlunz zu imponiten ſchien— ein un⸗ willkührlich ſtoljes Glfühl in Guſtab's Buſin erregte, und ihm die Faſſuſg wieder gab, die einer Schwäche, welche et zu verdammet jedoch Kraft in ſich fühlte, auf einen Augenblick ge⸗ wichen wär. aunc ni 4 5019 In dieſer Stimmung würde er getrut, und faſt zärtlich drückte er det Braut die Hand, ats er ihr die ſeinige auf das Geheiß des Pfarrers hinreichte; ja es kam ihm ſogar vor, als ob ihre Wängen in demſelben Augenblicke von einer ſlüch⸗ tigen Röthe belebt wurden, die einen Anflug von Anmuth uͤber ihr Geſicht bebreitete. WDieſe Stimmung! verließ ihn auch it Geſillſchaft in der nächſten Stunde ſ zu der Täfel niederließ. In dieſem Momente trat einer der Gäße hervor, ein Verwandter vom Gafen Guſtäv, der Einzige von der Vetſammlung, der eigentlich zum Hofe gehörte— er war aufwartender Kummir⸗ junker beim Koͤnige— und übetreichte in voffen Namen Guſtav ein Packet. — 222— 4 Mit heiterer auffordernder Miene lͤchelte der General zu Guſtav heruͤber, den, trotz der neu⸗ gierigen Blicke der Gegenwärtigen, doch ein un⸗ willkuhrliches Gefuͤhl zwang, mit der Oeffnung deſſelben zu zögern. Endlich öffnete er das Pa⸗ ket mit einer Beklommenheit, als hielte er Pan⸗ toras Buͤchſe in der Hand; das ſiel ihm wenig⸗ ſtens ein, als er die goldne Doſe, die es Khit, entblößt in der Hand wog. „Und⸗ nichts dabei?“ fragte der Genetal.„ Guſtav's Blick ruhete einen Augenblick auf dem Namenszuge des Königs, der auf dem Dek⸗ kel in koſtbaren Brillanten ſtrahlte, und war es ein unbewußter Trieb des aͤngſtlich klopfenden Herzens, das ſich in einem verhangnißvollen Mo⸗ mente zu dem ihm Angehorigen unwillkuhriich hinzieht— oder war es Furcht die Nachbarin, die ihm an der andern Seite ſaß, gegen ſeinen Willen zur Mitwiſſerin eines noch unbrkannten Geheimniſſes zu machen, er neigte ſich ſeitwaͤrts zu Hedwiga, indem er langſam den Deckel erhob. Da er jetzt ein zuſammengelegtes Schreiben darin erblickte, ergriff er es ſchnell und ließ die Pa in Hedwiga's Haͤnden. — 223— Er entfaltete es und lasz Mein lieber Graf! ½ „Es geziemt mir nicht zu grollen, ugch „es in meiner Lage etwas nicht Ungewoͤhnliches „ſeyn ſoll, weil meine ſtill gehegten Wuͤnſche „an einem blinden Riff geſcheitert ſind; em⸗ „pfangen Sie nichts deſto weniger als einen Be⸗ „weis meiner unveraͤnderten Geſinnungen dies „kleine, Ihnen ſchon längſt beſtimmte Geſchenk. „Uebrigens werde ich, meines Verſprechens einge⸗ „denk, Ihnen die Stelle in meinem Reichsrathe, „die immer von Ihrem Geſchlechte bekleidet ge⸗ „weſen, aufbewahren, bis Sie, mit der Vater⸗ „wuͤrde geſchmuͤckt, dieſe würdig. einnehmen 0. Ihr wohl affectionirter gönig.„ Guſn fuͤhlte ſich wehmuͤthig erweicht, er glaubte die milde vergebende ecniln glichen Wohlthäters ſeiner früheren Jahre zu hoͤren, und als wolle er eine geheime Schuld abbitten, ſuchten ſeine feuchten Blicke noch ein Mal das hochgeſchaͤtzte Geſchenk, das ihn des unangenehmen Gefuͤhls uͤberhob, die vorige be⸗ glückende Gunſt verloren zu haben. Er bog ſich 344 ₰ noch ein Mal zu Hedwiha hinuͤber, als wollte er ihr zuflüſtern, indem ſeine Hand die Doſe, si ſie noch iminet halb öffen hielt, umfaßte. Zufällig mußte ſein Finger, wie er ſpäter ent⸗ veckte, einen der hinteren Billlanten, welche den Namenszug bildeten) ziemlich hart berlhrenz da ſpräng plötzlich ein dünner, in dem Däckel an⸗ gebrachter goldener Boden zurück, und ließ ein Frauenbild ſehen, das genau zu betrachten er ſich jedoch keine Zeit nehmen konnte, denti ein leiner Ausruf des Eiſtaunens entſchlüpfte Hed⸗ wiga, aber in dem Tone eines ſö unausſprech⸗ nchen Schmerzes, daß Guſtav erſchrockin ſogleich ſeinen Blick auf ſie richtete. Er ſah eine ſchnell aufflammende Röthe plötzich mit Todesbläſſe ab⸗ wechſeln. Schnell beſonnen druͤckte er die Doſe zu und rief:„Mein Gott! iſt Ihnen nicht wohl?“ Es iſt hier ſo warm!„ſagte ſie mit ſchneller Faſſung,„und mich ergreift ein plotzicher Schwin⸗ del.“— Nachdem ſie ſchweigend und ſinnend einige Tropfen Waſſer zu ſich genommen, fügte ſie, mit einem Blicke auf Guſtav, lächelnd hinzu: „Es wird vorübergehen.“ Dieſer Blick, deſſen faſt ſeelenvolle Begeiſterung mit dein vochergehenden — Ausdruck des Schmerzes im überraſchenden Wi⸗ der ſpruch ſtand, machte, daß der Geſelſchaft der Grund der kurzen Störig entging, die nur auf den Btäutigam einen kiefen, otgliich ihm ſelbſt unerklärlichen, Eindruck machte. s war etwas Räthſelhaftes und doch Wohlthuendes in dem Brnehmen Hedwiga's; in dieſem Augenblick aber ward ihm keine Zeit, daruber nachzudenken. Der Gentral beeilte ſich deß leſerlichen Wunſch der Verſammlung auszuſprechen.„Nun, was ſchreibt denn der König?“ fragte et raſch. „Ich hoffe ſeine hohe Günſt nicht zu cbm⸗ promittiren,“ ſagte Guſtav mit Feinheit,„indem ich dem Vatet ſeinen iti S mit⸗ khe Er reichte dem Generak das etrttn ſu der es mit lächelnder und zufritdener Miene ſtill für ſich las, und es dem Schwiegerſohne mit einem heitern„Gluck zu!“ zurückgab. Dieſer ſchob das Blatt wieder in die halbgeffnete Doſe hinein, machte ſie zu, und ließ ſie nun, jedoch von ſeinem Blicke ſtill begleitet, unter den Tiſch⸗ genoſſen herumgehen, welche ſeine vorhergehende II. 15 — 226— Aeußerung abhielt den Deckel aufzuheben, der jtzt das Siegel des Schreibens bildete. Sobald Guſtav nach aufgehobener Tafel Ge⸗ Uegenheit fand, ſich auf kurze Augenblicke von der Geſellſchaft zu entfernen, eilte er ſchnell auf Axels Zimmer, das ihm wohlbekannteſt in dem Hauſe ſeines Schwiegervaters, und wo er hoffen durfte, nicht übertaſcht zu werdin. Stine gehein men, freilich ſehr oft abgebrochenen Betrach⸗ tungen hatten ihm ſchon geſagt, daß dies kaum geſehene Frauenbild wahrſcheinlich die ihm fruͤher beſtimmte Braut vorſtellte— derſelbe Gedanke mußte auch Hedwiga uͤberraſcht haben, doch hatte ſie ſich ſo wunderſchnell wieder gefaßt— oder hatten ſie ſich Beide getäuſcht?— wäre es viel⸗ leicht nur ein Ideal— ein allegoriſches Ge⸗ mälde? Was wußte er's, er fuͤhlte nur Drang in ſich, die räthſelhafte Aufgabe zu löſen, auf die ein unbeſtimmter, aber quälender Verdacht in ſeiner Seele ihn noch begieriger machte. Er öff⸗ nete die Doſe, und fand die leicht in's Auge fallende Mechanit wieder. Der innere Boden . — — 227— loßte ſich bei der kien Betühtung von ben Gemaͤlde. Guſtav ſtand betroffen, uͤberraſcht, hte — War es vielleicht die Wirklichkeit der Gegen⸗ wart, die mit ungeheuchelter Wahrheit ſich bleiſchwer an die Flügel ſeiner Phantaſie hing, welche von dem Zauber dieſes Bildes gehoben, ſchon im raſchen Fluge begriffen waren, Verheißungen der Vergangenheit mit Erfüllungen der Zukunft zu verwirren. Genug, die ſtarren, immer truͤben Blicke, die auf dem Bilde ruheten, tranken in langen Zuͤgen keine Erquickung, nur ſeltſame Unruhe, nie geahnte Unzufriedenheit ein, die um⸗ ſo tiefer wurzelten, je weniger es ſchien, als koͤnnten dieſe nachtblauen, ſchelmiſchen und doch ſo gebietenden Blicke ſolche Gefuͤhle einflößen. Die friſchen Roſen der Wangen, das feine anziehende Lächeln des Mundes, das— gegen alle Regeln der Kunſt— wie es ſchien, einen feinen Streif blendend⸗ weißer Zähne, welcher die ſchwellenden Lippen an⸗ muthig ſpaltete, ſehen ließ, die hellen Locken, die zierlich geordnet wie eine Lichtglorie das Antlitz umwallten, begegneten wie neckend ſeinen Blicken. 15* — Jal es mußte, es konnte nichts anders als ein idealiſches Bild ſeyn.— Aber warum ihm dies Bild an ſeinem Hochzeitstage?— wollte der König ſich ſo rächen?— Da ſtellte der vorige Auftritt ſich grell vor ſeine Seele; es war ihm, als ſahe er Hedwiga kalt verſteinert neben ſich, mit dem Engelsbilde in ihren Händen, gls krhöbe ſich gegen ſeinen widerſtrebenden Willen ihre ernſte, bleiche jetzt doppelt reizloſe Geſtalt zwiſchen ihm und dem ſchoͤnen Gemälde.„Hinweg!“ ſagte er endlich, ohne doch die Augen davon zu wenden.„Hinweg thörichter, unbarmherziger Ge⸗ danke, daß dieſe Züge leben, daß ſie in einem Weſen vereint ſind, und dies Weſen beſtimmt geweſen, die Meine zu ſeyn!— Unmöglich, un⸗ miglich n Doch dieſes Ausufs— ſich ein unbeſchreiblich bitteres Gefuhl ſeiner Seele, und doch, was konnte er ſich wohl vorwerfen, wodurch er die ſtrafende Empfindung einer ſolchen Rettungsloſigkeit ſeiner neuen, heftigen, betäuben⸗ den Gefühle verdient hatte?— Raſch entfaltete er noch ein Mal das Schreiben des Königs, und 3 ſe— auch nur——— ſiegeſtalt vorſtellen möchte, in jenem Augenblicke, nebſt der Anſpielung auf die Würde der Vater⸗ ſchaft, kam ihm wie ſchneidender Hohn vor, und ſchnell wie ein Blitz war das vor wenigen Stun⸗ den erregte reuige und weiche Gefühl für ſeinen, wie er kindlich glaubte, noch vaͤterlichen Wohl⸗ thäter in eine Empſindung, die an Haß grenzte, verwandelt. An ihn, an ſein Hohnlachen dachte er nur, während er, mit den Blicken ſtarr auf dem Bilde haftend, die Zaͤhne knirſchend ihwe menbiß, In dieſer tuf ihn. Arc. „Wo verweilſt Du denn?“ rief er,„und was hat der Konig mit Dir vor?“ „Lies und ſchaue!“ ſagte Guſtav kut, rend er vor innerer Wuth zitternd die Blicke ſtarr auf den Freund heftend ihm Doſe und Brief hinreichte.„Nun! was ſagſt Du?“ hh er ungeduldig fort. Axel las, warf dann einen Bc auf das Bild, und erblaßte. „Auch Du?“ fuhr Guſtav außer ſich fott, „auch Deiner Seele widerſtrebt ſolche heintucki⸗ ſche Rache!— ſo faſſe Dich doch Axel! Du ſiehſt ja, daß ich gefaßt bin, und nicht erblaſſe, denn in allen Adern kocht und gährt das Blut vor Zorn— was hat Deine Schweſtet ihm ge⸗ than, daß auch ſie ſo grauſam verwundet wer⸗ den mußte— Du wirſt ja zu Stein vor dem ſchönen Meduſakopfe, der zwar nicht von Schlangen umgeben iſt, aber deſſen Anblick Schlangen in unſern Innern erzeugt.— Si ſprich doch Freund!“ „Ja wohl, ja wohl!“ fluͤſterte Axel keiſe vor ſich hin,„verzehrende Schlangen, und doch iſt ihr nicht, gar nicht geſchmeichelt.— Ach! hätte ich doch nicht gedacht, daß ſie, obgleich meinem Herzen ewig theuer, meine Sinne ſo ganz uͤberwältigen köͤnnte, und nun muß der plotzliche Anblick ihres Bildes meine 8 macht lehren1“ „Wie!“ rief Guſtav erbleichend,„es iſt kein— ſie lebt, Du kennſt— ſie iſt—“ — 231— „Hnt Dit meine Bfſtirzung, des Zuſam⸗ menbrechen meines ganzen Weſens es nicht ſchon geſagt.— Es iſt Ulla— meine Ulla, und ſie war Dir beſtimmt.— Ja— ja— ſo muß es ſeyn— Dir, meinem einzigen Freunde!“ „Du ſiehſt Axel!“ rief Guſtav faſt lachend, „das Schickſal meint es wenigſtens mit uns bei⸗ den wohl. Ich ſollte ſelbſt unwiſſend Dir nicht in's Gehege kommen.— In der That!“ fuhr er fort,„ich kann mir kaum denken, daß das reizende Mädchen etwas von den Plaͤnen des Konigs gewußt, und um ihm zu zeigen, daß ich ſeinem Spotte zu begegnen weiß, moͤchte ich wohl ein Mal Dein Freiwerber ſeyn.“ „Sieh ſie nicht, Guſtay! rief Apet heftig⸗ „Du kennſt nicht die Gewalt des hier ſchon ſie⸗ genden Blickes, es konnte Dir gehen, wie mirz um Deiner 3n meiner Schweſter Willen, ſieh ſie nicht.—.. Die an Hedwiga aus dem Munde ihres Bruders gab Guſtav vollends Haltung und Faſſung wieder. Er hatte ſich ſelbſt noch nicht eingeſtanden, daß die plötzliche Dazwiſchenkunft — 3 4 3 — dis Zauberbildes ſiin ſchon willig geſtimmtes Gemuͤth wie gewaltfam von ihr entfernt hätte. Er drückte ſchweigend Axels Hand, und als ein Diener', don dein Generale abgeſchickt, weſige Augenblicke nachhet untet der Thuͤre erſchien, be⸗ ne Beide zu der Gtſellſchaft. Die Erſcheinung des Dieners hatte zugleich die miſchu eines in Guſtav's Stele ſich ſchnell bildenden Entſchluſſes verhindert. Es widerſtrbte ſeinem techtlichen Grfuͤhle, daß Hedwigay deren plötzlichts Uebelbefinden ihn belehrt hatte, daß ſie wohl die Bedeutung des Geſchenk's geahnt, die kleinliche Rache des etzürnten Königs entgelten ſolle, und ſo hatte er in der erſten Aufwallung dieſer Empfindung, durch die Eutdeckung, wie nahe dies Bild dem Freunde anging, geleitet, die Hand ſchon ausgeſtreckt, um dieſem das Geſchenk ein⸗ zuhandigen, als ſie unterbtochen wurden. Et ſteckte die Doſe wieder ſchnell zu ſich, ohne ſelbſt zu fühlen, wie willkommeu dieſe Unterbrechung einem neuen Gefühle ſeines Herzens war, und ohne zu ahnen, wie verhängnißvoll dieſe Stunde auf ſeine Zukunft einwirken würde. Axel — 233— Arxel wurde von einer andern Vorſtellung ge⸗ druͤckt. Er hatte die innere Bewegung Hedwiga's recht gut bemerkt, und es fiel ihm in dieſem Au⸗ genblicke noch ein Mal ſchwer auf's Herz, daß doch wohl die Geliebte die Ulla ſeyn moͤchte, von der die Schweſter ſo unvortheilhaft geſprochen. Nach Gebrauch des Nordens begleiteten die Verwandten das Brautpaar in ſein Haus. Es entging Hedwiga, die einen leiſen Seufzer hinun⸗ terkaͤmpfte, nicht, daß Guſtav froſtiger, verſtimm⸗ ter, ſchweigender als ſonſt an ihrer Seite in dem raſch hinrollenden Wagen ſaß, und doch war dieſe tiefe Verletzung ihrer geheimſten Empfindungen nicht in ihren Blicken ſichtbar, die mit unendlichem Wohlwollen, mit dem Ausdrucke eines hoheren Sieges auf dem Gemahle ruheten, den er zwar bemerkte, allein in ſeinem Unmuthe verkannte, und der ihn noch einſylbiger und verlegener machte. Dennoch war dieſe innere Bitterkeit gegen ihn ſelbſt gewendet, denn er fuͤhlte, daß wider ſeinen Willen ein Luftgebild, das ſich aus den Zuͤgen des Ge⸗ mäldes fluͤchtig vor ſeiner Seele bildete, ſich jetzt. wie außer ihm, zwiſchen ſeiner jungen Frau und 7 ihm wieder erhob, und ihn, trotz ſeines Beſtrebens, zu einer hochſt unbilligen Vergleichung reizte. Es war ſchon ſpaͤt, als Hedwiga in dem Joilettenzimmer ihre Umgebung entließ und in einfachem, blendendweißem Negligee ſchüͤchtern in die Brautkammer trat. Sie befand ſich noch allein, und ſchnell, als könne ſie nicht den Augenblick ab⸗ warten, um Gott und ſich ſelbſt Rechenſchaft abzu⸗ legen, eilte ſie zum Fenſter, machte es auf, und ſah hinauf in den ſternenhellen, von dem abneh⸗ menden Monde nur ſchwach beleuchteten Himmel, „Ich danke Dir guͤtiger Gott,“ betete ſie leiſe, „daß Du an dieſem bangen Tage, da ſchmerz⸗ liche Freude und bitt're Entſagung in verworre⸗ nem, unentſchiedenem Streite mir faſt Muth und Faſſung raubten, daß Du mir dann durch das Bild meiner ſchoͤnen Feindin meine Beſtimmung klar und unzweifelhaft gezeigt. Mußte ſein ei⸗ gener raſcher Entſchluß ihn unbewußt aus ihren Armen reißen, aus Armen, die nie wuͤrdig ſeyn würden ein Weſen, deſſen Eigenſchaften ihre Seele nicht zu ſchätzen weiß, zu umfaſſen, ſo hat auch der Himmel mich durch jene blinde — 235— Wahl zu dem irdiſchen Schutzgeiſte dieſes theuren Weſens auserſehen, und ich werde es ſeyn, treu und demuthsvoll, in ſofern ich es vermag, ob auch dies arme nicht gekannte und nicht beachtete! Herz, das durch ihr Bild auf's Neue an ihr ſchmerzliches Eingreifen in mein Schickſal und⸗ an meine nun doppelt nothwendige Entſagung gemahnt wurde, an ſeinen Beſtrebungen verbluten möge. Stärke Du mich nur Gott!“ Sie zog den Blick vom Himmel herab, und wandte ſich vom Fenſter. Guſtav ſtand dicht hinter ihr.— Sie trat ein wenig betroffen zuruͤck. „Lieber Graf!“ begann ſie ſehr ſanft.„Wir ſind Beide ermuͤdet, und Sie ſehnen ſich gewiß nach Ruhe!— Kommen Sie! ich hoſſe, keine Bequemlichkeit wird vergeſſen ſeyn.“ „In der That!“ fiel der Braͤutigam ihr in die Rede;„ich kenne faſt kaum mein eigenes Haus wieder! Wie viel bin ich Ihrer geſchmack⸗ vollen Sorgfalt ſchuldig!“ Hedwiga neigte ſchweigend den Kopf und öffnete die Seitenthuͤre, die in ein reiches hell⸗ erleuchtetes Schlafkabinet fuͤhrte. Der Graf ſah ſie befremdet an, und bemerkte nun erſt mit Verwunderung, daß das Zimmer, worin er ſich befand, nicht zu ſeiner Aufnahme ſchien.. „Habe ich Sie recht— Guſn!“ rief er betroffen. „Lieber Guſtav!“ verſetzte ſie,— Sie Wort— ich habe Ihnen, gebietenden Umſtänden nachgebend, meine Hand geliehen, darum muß ich mich auch in einer Lage behaupten, die mir die Ausſicht gewähren kann, wenn die Verhaͤltniſſe es geſtatten, Snn Ihre Freiheit zuruͤck zu geben.“ „Wie Hedwiga?“ erwiederte Guſten heftig⸗ „Bei Gott! ſo habe ich es nicht gemeint! aus freier Wahl ich um Ihre Hand angetragen, und mit Dank habe ich ſie empfangen unter der Verpflichtung eines rechtſchaffenen Mannes, die Gattin ſeiner Wahl in Ihnen zu verehren.— Fuͤhlen Sie nicht, daß wir uns vielmehr be⸗ muͤhen muͤſſen, alles, was gegenſeitig uns ein⸗ ander entfremden koͤnnte, zu beſeitigen.“ „Lieber Graf! als unſ'te Haͤnde in einander lagen, ſchwur ich, wie es einer Ehefrau geziemt, nur in Ihrim Glucke meine Ruhe zu ſuchen. Der Sinn dieſes Gelübdes, nicht die Form der Worte bindet mich. Laſſen Sie mich Sorge dafuͤr tragen, daß nicht jene verloren gehen. „Nun!“ fiel det Graf ihr lebhaft in die Rede.„Ganz recht! ſo wie es einer Ehefrau geziemt. Bei meiner Ehre, ich war immer offen und ehrlich, und habe nie unſ'te Veibindung fuͤr eine Commoödien⸗Ehe oder etwas nöch Aer⸗ geres angeſehen.— Leſen Sie, was mir det König— Er reichte ihr das Blatt. un Sie las.— nmn erinnern Sie mich Gu⸗ ſtav?“ ſagte ſie, es zurückliefernd mit unterdruck⸗ ter Bewegung.„In demſelben Augenblicke, da Ihre Sinne, Ihr Gemuͤth, Ihr Geiſt von alle den wahrhaften Reizen vielleicht gefullt ſind, von den Reizen, die dies Schreiben begleiteten, welche Sie in dieſem Zimmer, in dieſer Stunde ſelbſt die Ihrigen haͤtten nennen können, wenn nicht — mein Freund!— ich will, und Sie durfen — — 238— nicht ein Opfer dieſes Wenn ſeyn. Der Kö⸗ nig iſt heute recht unſanft zwiſchen uns getreten. Moͤge er, ich bitte Sie herzlich darum, nicht ferner irgend einen Einfluß auf unſer Verhält⸗ niß haben. Uebrigens werden dieſe Einrichtungen, die nicht von heute ſind, ſowohl als die Be⸗ dingungen, denen Sie ſich unterworfen, Ihnen zu erkennen geben, daß keine äußere Veranlaſ⸗ ſung die innere Ueberzeugung gereift, obgleich dieſe durch jene noch heute beſtaͤtigt worden iſt, und der Erfolg meiner Ueberzeugung verpflichtet Sie ja, Ihr eigenes mir Wort in Ehre zu halten.“) „Ich mich!“ erwiederte und ſchickte ſich an, das Zimmer zu verlaſſen. „Doch nicht,“ fuhr ſie mit ſchmerzlichem Lächeln fort,„ohne eine trauliche gute Nacht?— Lieber Guſtav! ich wiederhole Ihre Worte: nichts Entfremdendes unter uns, entferne uns von ein⸗ ander. Sie ſollen, hoffe ich, mich immer lieber und mit Vertrauen ſehen!— Und nun gute Nacht!— Ich will nicht, daß Sie ſich mit einer druͤckenden Buͤrde beladen haben ſollen.— Sie waren geſtern frei— bergeſſen Sie nicht, daß Sie es noch ſind, daß ich Sie nie hindern werde, es immer zu bleiben. Sie und ſanft!“ „Gute Nacht! meine liebe guͤtige Freundin,“ erwiederte Guſtav geruͤhrt, und ſchloß ſie faſt zartlich in ſeine Arme.„Vergleichen Sie ſich 3 nur immer mit Lea, wenn Sie doch ſo wollen, 3 3 ich diene gern ſicben Jahre um die freilich ſchö⸗ nere Schweſter— Ihre Seele.“ „Sieben Jahre?“ wiederholte Hedwiga be⸗ troffen, der die Lehre des Oheim's augenblicklich vor dem Sinne ſchwebte, während Guſtav ſich ſchnell entfernte. Sie wuͤrde es fuͤr Ziererei ge⸗ halten haben, ſich ſeiner hetzlichen Umarmung zu entziehen. Die Beruͤhrung ſeiner Lippen hatte eine milde Wärme in ihr Herz gegoſſen. Sie war mit ſich ſelbſt zufrieden. Die unabſichtlichen Worte ihres Gemahls, die ſie freudig und beru⸗ higt auf die Verwandlung deutete, die ſeit dem Tage, da ſie ihn zum erſten Male geſehen, mit ihrem Innern, ja zum Theil auch mit ihrem Aeußern vorgegangen war und noch täglich vor⸗ 16 240— ging, erfüͤllte ihre Seele mit dem Vorgenuſſe eines ſtillen Glucks, von dem ſie noch nicht geträumt hatte. Als Guſtav ſich in ſeinem ſo unerwartet ein⸗ ſamen Zimmer befand, ſtand er lange mit in⸗ einandergeſchlungenen Armen in der Mitte deſſel⸗ ben. Hedwiga's Benehmen, das, ohne den Em⸗ pfang jenes Geſchenks, ihn in dem ehrlichen Be⸗ ſtreben, den Frieden und die Freuden des Haus⸗ 3 vaters in ſeiner Ehe zu ſuchen„vielleicht unange⸗ nehm berührt haben wuͤrde, that ihm— er Fonnte es nicht läugnen— im Innern wohl. Er fühlte ſich ihr mohr als je verpflichtet, und ob⸗ gleich er ſich nicht ſelbſt geſtehen wollte, daß er ſich zu der Freiheit, die ſie ihm verkündet hatte, freuete, mußte er es ihr doch Dank wiſſen, daß ſie ihm das uͤbernommene Opfer erleichtere, wie⸗ wohl eben dadurch ihm ſeine Pflichten noch ſtrenger und unerläßlicher erſchienen. Als er ſich die Weſte auszog, erinnerte ihn die Schwere der⸗ ſelben an das darin verborgene Geſchenk. Seine Erbitterung gegen den Geber flammte auf's Neue auf; er bereuete in dieſem Augenblicke ernſtlich, — es nicht ſogleich dem Freunde, zu deſſen innerer Befriedigung es ſo viel beitragen wuͤrde, uͤberge⸗ ben zu haben. Mit Theilnahme rief er ſich deſſen Abentheuer in Rom in ſein Gedächtniß zurückz er wuͤnſchte doch noch ein Mal den ſonderbaren Charakter dieſes Maädchens, deſſen räthſelhafter Herkunft er zugleich mit einem Laͤcheln gedachte, ſo wie ſeine Phantaſie jenen Zeſchaffen, mit ih⸗ rem Bilde zu vergleichen. Er zog die Doſe raſch wieder hervor und entblößte das Bild. Da trank er nun, ohne daran zu denken, in ſtillen Betrachtungen uber den Freund, das ſuͤße Gift dieſer ſiegenden Blicke wieder in ſich⸗ Endlich uͤberraſchte er ſich ſelbſt in einem tiefen Seüfzer. Er ſprang ſchnell auf und erſchrack, als er ge⸗ wahr wurde, daß er ſich länger als eine Stunde in dem Anſchauen eines Bildes verloren gehabt hatte, das ihn vielleicht gar nicht, mindeſtens weit weniger wuͤrde angezogen haben, wenn das Geſchick nicht auf eine ſo merkwuͤrdige Weiſe ihn demſelben gegenuͤber geſtellt hätte.„Thorichte Thränen!“ ſprach er unmuthig zu ſich ſelbſt. „Ich will ſie ſehen! Die Wirklichkeit, die nie wie die Phantaſie ſchmeichelt, kann nur die Aus⸗ ſchweifungen derſelben durch die traurige Wahr⸗ heit des gewöhnlichen Lebens zernichten. Der verſchönernde Pinſel eines— Wn ſoll mich nicht täuſchen.“ Er warf ſich, erzurnt uͤber ſich ſelbſt, das Bett, und ſchlief, die Gedanken an ſeine Frau feſt⸗ haltend, ein. Vergebens!— Als der helle freundliche Tag ihn aus ſeinem tiefen Schlummer erweckte, vermochte die Wirklichkeit zu der er erwachte, den verführeriſchen Traum der Nacht, in dem das Zauberbild lüftig und lebendig ihn umſchwebt hitgens ſeiner Seele nicht zu verdrängen. Ruhig und ſanft wie 1 gtehe war das 5 Hedwiga's. e 12 Sie warf ihren Sue zind duf den vorher⸗ gehenden Tag, und in dem ruhigen ſtolzen Stlbſt⸗ gefühle ihres Herzens, ließ ſie ihn hoffend von der Vergangenheit wieder abgleiten, um ihn auf den dämmernden Morgen der Zukunft zu richten, worin Sehnſucht und Phantaſie einen zwar be⸗ ſcheidenen, aber doch von ſchmeichelnden Wuͤn⸗ ſchen gebildeten Bäu auffuͤhrten. 3 Sie ahnete 1 — 243— aihe, duß noch in deiſlben Nacht, unter ihrem ſuͤßen Schlafe, ſcharfe Schlangenzähne an den Grundpfeilern, auf denen ſich der Bau erhob, ſchon zu nagen begonnen. Auch ſelbſt der demü⸗ thige Sinn kann nicht demuthig genug ſeyn, wenn er dem prufenden Geſchicke gegenuber ſteht. Es ſey der Blick noch ſo klar und ſcharf, das nächt⸗ liche Treiben der Leidenſchaften, durch welche das Schickſal waltet, durchſchauet er doch nicht. Während der ſanften Ruhe, die Hedwiga's Blicke geſchloſſen hielt, ſtanden zwei ſchone Au⸗ 1 . gen offen, die ſich vihebens nach dem Schlafe ſchuten. Neid, Aerger und Stolz verſcheuchten ſeinen freundlichen Gruß. Ulla hatte dieſe Nacht nicht geſchlahhn. 6 Ende des zweiten Theils. Bei gleichem Verleger erſcheint in Kurzem oder iſt ſo eben erſchienen: Der Thurm von Ruthyna im Walliſer Lande. Vom Verfaſſer der Stimme des Unſichtbaren, der Erſcheinungen im Schloſſe der. c. 2 1824. mn von Poſen urct vas an reich Polen und einen Theil von Rußland bis an das Meer von Aſſow. Nebſt Btmerkungen uber den Ankauf und die Behandlung der Renonte. Von Ferdinand vhn Baezko. Mit einer Zuſchrift an's Publikum vom Profeſſor J. C. Ribbe. Zweite Auflage. 1824. Das Geierſctoß die aufergepuns,. Dodtengewoͤlbe Theodor Pitetrandt 5 Theile, mit 5 Kupfern und 5 Vignetten. Meines Oheim's Siagotod⸗ Srölhnmeß M 4 3 e18 Die Funfzig Pſalmen. Ein ſchottiſcher Roman. Frei nach Engliſchen Lheodot Hildebrandt. Marguerite Lindſay's Pruͤfungen. Aus dem Engliſchen von W. A. Siidn Das Labhriech der Liebe. Ein Roman * von Guſtav Joͤrdens. 2 cheile. Die Familie Pumpernickel oder Cadix Fall.„ Neueſtes komiſches Originalgemaͤlde von Adolph von Schaden- 2 Theile. 2 Terlesp'y or Erzaͤhlung aus dem nordiſchen Kriege von C. Bogdan. Der ſchwarze Zwerg. Eiin romantiſches Gemählde on Walter Scott Aus dem Engliſchen überſetzt von W. A. Lindau. ate verbeſſerte Auflage. 1823. Nahrſtcke dem Gebiete des Sichen Lebens. 0 Von g. R deriſch. 83 10 eſchichte Pennalo ſa eines Kroſterbruders oder e wird eine ewige Vergeltung Ludwig von Baezto Verfaſſer des Romans: das Kloſter zu Vallambroſa. Zweite wohlfeile Ausgabe. 1823. 3 ſſſſſſſſiſſiſſiſſſiſſiſſſſiſſſ 9 10 11 12 2 14 15 16 17 18