Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oktmann in Bießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ceih- und geſebedingungen. 1. 0flensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe ver Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 lihr pffen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenymmen. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus Pezahlt werden und beträgt: 2 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat:—f 1 Mt. 50 Pf. 2 Mt.— f⸗ „„—„ 5. Auswärtige Abonnenten häben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelblt zu ſorgen⸗ 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern c.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ korene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 1 — Sieben Jahre. Ein Beitrag zu ber geheimen Hofgeſchichte eines Reiches. Aus der Mappe eines verſtorbenen Diplomatikers. Herausgegeben von . 5 Vierter PDheil. Leizi. bei Chriſtian Ernſt Kollmann. 1824. JFahre. S ieben S Fi IV. ———— Mehure Tage nach Weihnachten waren ſchon verfloſſen, als der ſehnenden, grubelnden ulla ein unter dem Couvert der Tante angekommenes Pa⸗ ket uͤbergeben wurde.. „Schon!“ ſagte ſie, waͤhrend die glänzendſte Freude ſich uber ihre Zuge verbreitete.„Schon! und doch kann ich es kaum glauben;“ fuhr ſie mit einem plotzlichen Sittern leiſe fur ſich fort, „er muͤßte denn faſt in dem Augenblicke des Em⸗ pfanges den Boten abgefettigt haben— doch wie ſäume ich?“ Sie riß das Paket ungeſtüm auf, und beſah das innere Papier von außen und von innen, während ſie wie triumphirend das Tuch mit der rechten Hand in die Höhe hielt. Es war aber kein Buchſtabe zu ſchen.„Es iſt auch genug!“ rief ſie laut mit dem ſüßen Wohl⸗ 1* — klange ihrer melodiſchen Stimme, druͤckte einen Kuß auf das Tuch, und es dann an ihren Bu⸗ ſen, in dem ſie es ſchnell verbarg, ſobald ſie na⸗ hende Tritte hörte. Die Dienerinnen erſtaunten; nie hatte Ulla weniger ihre kleinen Launen geaͤußert, nie vor⸗ her war eine ſo fröhliche Anmuth uber ihre ganze Geſtalt verbreitet geweſen. Der General hatte ſie dieſen Morgen ſchon früher beſucht; ſie fuhlte ſelbſt, daß es ſo recht gut waͤre. Wie beſonnen ſie ſich auch immer betrug, dem Leichtſinne der Freude wäre ſie vielleicht doch nicht gewachſen geweſen, und zu tief in ihr Inneres durfte er noch nicht blicken. Obgleich der behutſame finſtre Mann ihr nur das von ſeinen tiefen Plänen merken ließ, zu deſſen Ausfuͤhrung er ihre Mit⸗ wirkung nothwendig glaubte, konnte es ihr d doch nicht entgehen, daß jene zu einer gewiſſen Reife gekommen ſeyn müßten, denn er ſelbſt wuͤnſchte nun Axel zurück, und drang in ſie, ihren Ein⸗ fluß auf ihn auf die Probe zu ſtellen.— Da wurde ihr, die noch in ihren Träumen an Gu⸗ ſtav verſunken war, plötzlich Axel gemeldet; deſſen noch denſelben Morgen eingetroffene Ankunft ihr —————— F völlig unbekannt geblieben war. Obgtich ſein Namt ſie beklommener äls je macht,„fand ſie es nicht räthlich ihn abzuweiſen aber nie früher hatte ihre Liebenswürdigkeit ihr ſo ganz zu Ge⸗ bote Seſtanden. Es war ein abwechſelndes An⸗ ziehen und Abſtoßen, das, obgleich beides ihm die Zunge gebunden hielt, doch ſein Si im⸗ mer miehr anzog; und eben dies zuſammen war ihre Abſicht, die vielleicht doch nicht ſo völlig erreicht worden wäre, hätte nicht das keimende Mißtrauen in Axels Buſen, das jedoch bei ihrem Anblicke immer ſchwaͤcher wurde, dabei geholfen. ulla fragte ihn natürlich nach ſeinem Aben⸗ theuer, denn dem thätigen Freunde, der dort alles was vorging, nach der Reſidenz berichtete, war des Konigs Zuſammentreffen mit einem Finnweibe unter Axels Begleitung nicht entgan⸗ gen. Selbſt die Verſtimmung des Konigs war bekannt geworden. Sie befragte ihn um das Nähere. Dieſe Erinnerung brachte das weichende Gleichgewicht in ſeiner Seele wieder hervor. Er theilte ihr mit, daß er in dieſem Finnweibe die alte Bekaünte wiedergefunden; daß er ihre Ver⸗ wechſelung zwiſchen ihm und dem Konige zwar aus ihrer fruͤhern Wahrſagung zu erklären meinte, obgleich ihre ſcheußliche Ausſage an dieſen ihm eben ſo unerklärlich als ſchaudervoll geweſen.— Ohne dabei zu verweilen, fragte Ulla raſch, als wenn ſie eine innere Bewegung verbergen wollte: „und was ſagte ſie Ihnen, lieber Vetter?“ „Verworrenes Zeug;“ erwiederte Axel mit einem ſcharfen Blicke auf ſie.„Sie ſchien ein fruͤher verſprochenes Gluͤck zu widerrufen, oder mir wenigſtens verdächtig zu machen.“ ulla fuͤhlte ihre Wangen glühen.„Und wo kommen Sie nun her?“ fragte ſie ſchnell ab⸗ lenkend. „Von Woͤrkna!“ Ihre plötzliche faſt merkliche Verlegenheit 6. dieſe Erklaͤrung, ihre Begierde etwas von Guſtav zu erfahren, das dringende Bedurfniß, jeden Ver⸗ dacht von Axel zu entfernen, hauchten ihr eine Frage ein, die zu dem Gegenſtande fuͤhrte, vor dem ſie ſich am meiſten gehuͤtet haben wuͤrde, hatte das Tuch ihr nicht Muth und Zuverſicht eingeflößt.„Nun,“ fluͤſterte ſie in einem faſt zaͤrtlichen Tone,„haben Sie Ihrem Freunde meine Frage vorgelegt?“ Arxel ſah ſie bedenklich anz er ahnte nicht, daß die brennende Unruhe, die er in ihren Blicken bemerkte, nicht dem etfragten Gegenſtande ſeuſt galt, ſondern nur der Meinung, die 3 Guſtav's Erwiederung herausdeuten ließ. tadelte meine Ungeduld!“ verſetzte er. 5 „Nun denn, mein Freund!“ ſagte ſie leicht aufathmend mit ſchmelzender Anmuth,„ſo wollen wir vor der Hand das Räthſel ehren, das mich umgiebt. Es muͤſſen“ fuhr ſie fort, während ſie ihn mit prüfenden Blicken betrachtete,„bald entſcheidende Schritte geſchehen; wer weiß, was die laute unverzagte Stimme der Ration herbei⸗ fuͤhren kann. Auch mich hat der Koͤnig tief, tief beleidigt. Darf ich auf Ihren Schutz, Ihren Beiſtand rechnen?“ „ulla!“ rief Axel begeiſtert,„Für Sie athme ich nur, fur Sie werde ich ohne Bedenken blutenz abet auch nur fur Sie, fur dieſes holde anmuthige Weſen, nicht fuͤr Räthſel, die ich nicht kenne! Beſitzt nicht ſchon der Väter Ihr Vertrauen mehr als ich, der ich mich doch würdig bewährt habe es zu beſitzen! Ulla! mich ſchaudert vor dem Gedan⸗ ken, daß es mehr für den Mann, der Ihnen ſelbſt 3 0* vich hatte mich i in Ihrem Vater geirrt—“ „Wollte Gptt⸗ daß ich daſſelbe ſagen könnte!“ et Axel raſch ein,„Geben Sie mig elegnheit dazu— geben Sie mir durch Vertrauen Gelegen⸗ heit zu bekennen, daß meine Unruhe, meine War⸗ nung uͤberfluſſi ſſig ſey! n „Mein Vertrauen folgt meiner 1 ver⸗ ſetzte ſie etwas ſinſter.„Ich habe Ihnen vertraut,“ fuhr ſie ſchmeichelnd fort,„ohne viel zu fragen; vertrauen Sie diesmal mir!“ enn 6 Ihnen! wie gern! Aber Ba thſe dem duͤrfen Sie auch nicht vertrauen!“ „Würde Ihr Freund auch ſo bedenklich ſyn?“ fragte ſie mit ſanftem, halb ſpoͤttiſchem Lächeln. „Nun befolgen Sie ſeinen Rath.— Ich werde Ihnen nichts verſchweigen, ſobald ich reden darf.“ Arxel fand durch dieſe Unterredung den leiſen Verdacht, den die Beſorgniß des Freundes in ihm erregt, mehr beſtäͤrkt als geſchwächt. Vergebens beobachtete er Ulla, deren Heiterkeit und Anmuth weniget ihm, als ihrer imwer größeren Umgehung „vun 4 un und etwas — — gewidmet war, und daher ihn werletzend auſprachen, doch bemerkte er nichts Ungewöhnliches, als das mehi als je ſichtbare Beſtreben zu gefallen. Auch des Vaters lauernde Blicke entgingen ihm nicht. Nach wenigen Tagen aber war der Koͤnig ſchon wieder eingetroffen, in deſſen Naͤhe der Dienſt Axel auf's Neue berief. Er vertiefte ſich in Dienſt⸗ geſchaͤften, und unterzog ſich ſelbſt ſolchen, die ihm nicht eigentlich oblagen, um den immer ſin⸗ ſteren Ahnungen und den Unmuth ſeiner Seele durch raſtloſe Beſchäftigung zu begegnen. Wenige Tage nach Ulla's Unterredung mit Axel, während ſie ſinnend beim Fruͤhſtüͤcke ſaß, hörte ſie Jemand die kleine Nebentreppe leiſe herauf⸗ ſchleichen, welche an der Tapetenthuͤre des Sim⸗ mers vorbeifuͤhrte; dieſe öffnete ſich langſam und Arwed ſterkte den Kopf ſchmunzelnd herein „Willkommen mein braver Bote!“ rief ihm Ulla froͤhlich entgegen,„ſchon wieder da? Ich muß Dich loben, Du haſt Deine gemacht.“ „Noch beſſer als Du denlſt!“ der * Finne mit ſchlauem Kopfnicken, noch mit dem. ben Körper außtrhalb der „Wie ſo? fragte Ulla aufmerkſam. n *„Erinnerſt Du Dich jenes Morgens, da Du die Mutter mit dem Anbruche des Tages in unſrer Wohnung beſuchteſt? ich ruhete tief ſchweigend in der Hütte; dort merkte ich mir Deinen Wunſch. — Schild iſt nicht todt, und hier bringe ich Dir Dein Eigenthum wieder.“ Mit dieſen Worten ſprang er ganz in das Zimmer herein, und zog den wohlbekannten weißen Pudel— einen Strick um den Hals, und ſichtbar widerſtrebend— nach⸗ Ulla ſchauderte leiſe; denn der laͤngſt vergeſſene Traum trat mit jenem Auftritte in greller Leben⸗ digkeit vor ihre Augen⸗ „Er lebt?“ fragte ſie verwundert mit unwill⸗ kuͤhrlicher Freude, und fugte ſchnell„Deine Mutter hat alſo gelogen?“ „Sie wußte es nicht beſſer,“ erwiederte At⸗ wed.„Er war uns abhanden gekommen; aber ich habe ihn wiedergefunden und zwar in dem großen Hauſe, wo Du mich hingeſchickt hatteſt. In ſofern ich merken konnte, hatte die Gebie⸗ terin dort ſich ihn zugeeignet; als ich mich des Abends hineinſchleichen wollte, ſprang er mir wie abwehrend entgegen; doch kannte er mich ſogleich und wedelte mich an. Nun ich erkannte auch ihn ſogleich, und lockte ihn mit mir vor das Haus. — Linger aber wollte er nicht mitgehen, doch Deiner Worte eingedenk entſchloß ich mich ſchnell⸗ und angebunden mußte er mir wohl folgen.“ „Unbeſonnener!“ rief ulla;„wenn Dich Je⸗ mand in der dortigen Gegend mit ihm geſehen?“ „Hm/“ meinte Arwed ſchlau, darum eben habe ich mich der Art, auf die Du mich hin⸗ geſchickt, nicht bedient, um wieder zuruͤckzukom⸗ men. Der Finne braucht auch am Liebſten ſeine Fuͤße, da kann er üherall thaͤtig ſeyn. Sey nicht beſorgt, ich habe mich ſogleich fortgeſchli⸗ chen; und als der Morgen kam, war ich ſchon ſo weit weg und hatte Stegen gefolgt, auf denen ſie gewiß unſ're Fährte ſchon fruͤh verloren haben⸗ Was ſoll ich nun mit ihm machen?““ „Nimm ihn mit in den Stall hinunter!“ gebot Ulla.„Sorge auch dafür, daß er ſo wenig wie moͤglich zum Vorſchein komme, und“ fügte ſie hinzu, ohne recht zu wiſſen warum, denn ſie mochte ſelbſt nicht gern an jenen Traum glau⸗ ben,„bewahre mir ihn wohl, und komm nicht ungerufen herauf!“ E5 3 weniſtens ein Zeichen,“ ſahte ſe zů ſich ſelbſt, als ſie ällein war,„däß mit Alles nach Wuiſch viht da ſlt dei halb bergeſſene Fraum in Eifültun! geht.“ Leiſe dichtt ſie da⸗ bei, ohne ſich es giſtehen zu wollen, an die letzte Wahrſagung der Finnfrau, den König vettiffend, die leiſe ihrer Hoffnung giſchnichet, obgliich Axel zu gleicher Zeit ſiien Asſcheu darüber ge⸗ zußert. Doch lange ſollte ſie nicht“ iemüthis frohlocken. Guſtav's Ausbleiben ſing an ſie zu befremden; durfte ſie nicht erwarten, vaß er zu ihren Fuͤßen eilen würde, um die Löſung des Räthſels zu erfaähren, und ein noch ſchoneres an ſein Herz zu drücken? Trotz ihret täglich ſteigenden Unruhe hütete ſie ſich doch, Axel nach dem Freunde zu fragen; ſie bewachte nach jener unvorſichtigen Frage, die ihr vor kurzem ent⸗ ſchlupft war, jede Miene, und doch koſtete es ihr mitunter Muͤhe, Axels ſichtbarem Mißtrauen, — oder beſſer, meinte ſie, ſeiner Eiferſucht auf ven Vater— nicht mit ſchneidender Kaͤlte zu be⸗ Zegnen. Seine Weigerung, ihr blind zu ver⸗ trauen, empörte ſie um fo mehr, als ſie in der — — B— ſuͤßen Ueberzeugung doch kortlebte, ſich ßinen fe⸗ ſteren Frzund ganz untetwyrfen zu hatzn: Wer bſchreibt dahet wie ſie in ſich zuſam ma 1 ihr enh das g Klei⸗ wuſdt. Ihr e ſ Entſ— ihr Sotg ſuſ, kannt doch nicht dem vernichtenden Ge⸗ fühle nahe kommen, das ihr Herz beſchlich⸗„un möglich! 1 wiederholte ſie bei ſich ſelbſt, unmög⸗ ich So ſollte ich mich gtäuſcht haben 2 un⸗ möglich! 1 3 n In ihm titeen gul⸗ z 5 15 55 wieder hervor, um e ganz zu zernichten.„Zer⸗ riſſen!“ flüſterte ſie, ſo wie einſt;„ich ſollte e ja gewußt haben; ich habe es zerriſſen gen— Nun ſo ſey es denn noch ärger zerriſſen — ich könnte auch mich ſelbſt ſo zerreißen!“ Ihr Blick ſiel auf das theure Blut, dem ihr Herz noch, wie immer, mit faſt zerſprengenden Schlaͤ⸗ gen entgegen klopfte.„Nein!“ ſagte ſie wehmü⸗ thig;„er hat mir ja auch ſein Blut zuruͤck geſchickt! Koͤnnte er das, wenn—“ Sinnend, immer tiefer ſinnend, durchlas ſie nochmals das kurze Schreiben; es war ihr als läge, als müſſe ein —— Sopefinn darin liegen.„Wenn e wäre!“ ſagte ſie plötzlich zu ſich ſübſt,„wenn ich ihn ticht vetſtände— wenn er träumend zu ſünem Glücke zu kommen wünſchte, und mir das Han⸗ ten ubekließe.— Ja, ja— das iſt vielleicht der vcht⸗ Sinn— nicht der kleinſte Finger darf verwündet weiden, und ſüne pfcht— Pfüch⸗ tin?— o über die Pflichtmänner!— watum hätte er 6 ſonſt nicht eben ſo ſchnell zurückgeſchickt wie das Tuch?— oder hat er bereuet?— iſt er noch in Wörkna?— da haben wir's Der General hutte Recht— ſeine, meine Feinde lauern dort; meine, mein Feind! Nur dort konnte er ſo tait und klug werden.“ Sie verſank in ein tiefez Nachdenken, in dem hre ſchmeichelnden Träume, und noch mehr die feine Verſtellung, worunter ſie die eigenen Abſich⸗ ten zu verſtecken wußte, allmählich neue Hoffnun⸗ gen in ihrer Bruſt erregten. Da trat nach einem ſchnel⸗ len ängſtlichen K Klopfen Axel unangemeldet, bleich wie der Tod, ein. Wenn er ſich nicht ſelbſt in der ͤußerſten Verwirrung befunden haͤtte, muͤßte er ſogleich ihre Gemuͤthsſtimmung bemerkt haben. „Ulla!“ fluſterte et, nachdem er durch einen fluͤch⸗ —,. —ð6 ————,— tigen Blick ſich üͤberzeugt, daß ſie allein im Sim⸗ mer ſich befanden;„Ulla! Angſt und⸗ mein Ver⸗ trauen bringen mich zu Ihnen— Sie nur kön⸗ nen mit einen von 8— S ſchreibt mir— 6 „Nun!“ fiel ſie de dem Nume⸗ i ihn feſt anſtarrend, ihm in die Rede. „Daß der Graf Banner behauptet, daß wir — der S S ee r 5 mit t pihneber Heftig⸗ keit; doch als fuͤhre ein Blitz durch ihre Stele, fragte ſie in demſelben Augenblick:„Das Ve Freund?“ wuttie al doch nur mir, nur uns zur e Er räth, dieſen Verdacht ſorgfaͤltig noch meinem Vater zu verbergen.“ Ulla ſtand lange im tiefen Sre ſagte ſie, nachdem ſie Athem geſchoͤpft hatte, er⸗ bleicht, wehmuͤthig, mit einem Blick, der ver⸗ rieth, daß ihr Kraft zur Faſſung und Verſtel⸗ lung zuruͤckgekehrt war:—„Es waͤre ja doch im⸗ mer möglich! Wenigſtens liegt Vorſicht und Pru⸗ fung uns ob. Ihr Freund hat Recht, der Ge⸗ neräl darf einen Verdacht, der allen ſeinin Ab⸗ ſichten in die Quere koͤmmt, noch nicht ahnen! Lieber Axel! Sie haben mich tief, tief erſchüt⸗ tert. Mein! kein Wort mehr. Laſſen Sie mir Zeit mich zu faſſen! Gehen Sie und vertrauen Sit meiner Vorficht und Thätigkeit.—“ Axel ging mit tief zerriſſenem Herzen; wie gern hätte er ihr alle ſeine Zweifel, ſeine Ueber⸗ ʒeugung dargelegt. Ulla's eigene Bewegung gi⸗ ſtattete ihm nicht dieſen Troſt. Sie ſah ihm mit laueinden Blicken nach F ilsiinl Das ſchreibt Guſtav?“ wiederholte ſiez „und zu gleicher Zeit müſſen beide Brüfe an⸗ kommen.— Nun wenn es ſo iſt, horen ja ſeine Pflichten gegen den Freund auf, und meine Hand iſt wieder frei! Dem General nichts ſagen? O! ich muͤßte ja blind ſeyn, wenn ich bier nicht ſehen könnte⸗ Er bahnt mir den Weg, den er nicht ſelbſt betreten willi O koͤnnte— könnte ich in ſeinem Herzen nur leſen? Denn“ ich bin verheirathet, ſchreibt er mir ja.“ Sie zog den Brief wieder hervor, den ſie nun mit ganz andern Empſfindungen las.„Wie heißt er doch“ ſagte ſie halb lächelnd zu ſich ſelbſt,„der Fuͤrſt, —— ——— der ſich zwingen ließ, die Krone anzunehmen? ich ahne ſchon, daß er mich frei gemacht.— Ach! ſollte denn ſein Cheband, das vielleicht keins iſt, auch nicht zu loͤſen ſeyn!“ In ſtillem Nachdenken trat ſie vor das Sſ lange ſtand ſie und ſtarrte, ohne daß ihre Blicke ſich es bewußt waren, in den Hof hinab, ohne Ar⸗ wed's ſehr lautredendes Mienenſpiel zu bemerken, der nach ſeiner Weiſe ſie auch anſtarrte, mit den Achſeln zuckte, und üͤbrigens haͤuſige Zeichen mit Armen und Fingern machte. Seine ungeberdi⸗ gen Verdrehungen mußten ihr endlich ins Auge fallen; ſie begriff, daß er etwas, das er fuͤr wich⸗ tig hielt, ihr mitzutheilen hätte. Sie winkte ihm faſt wider Willen, denn ſie fühlte, wie die An⸗ ſtrengung aller ihrer Gedanken ihr den Kopf ſchwer und wuͤſt gemacht hatte. Arwed trat durch die Tapetenthuͤr herein, der ſich ſonſt ihre Frauen nur bedienen durften, ſtand einen Augenblick verlegen mit dem Blicke auf den Boden geheftet, waͤhrend er ſich bedenklich mit der rechten Hand hinter den Ohren krazte; dann ging er muthig zu ihr hin, ſah ihr treuherzig in die Au⸗ IV. 2 — — 18— gen und ſagte:„Schelte nur, denn ich habe es perdient, aber ich werde es wieder gut machen.“ „Was iſt geſchehen?“ fragte Ulla duͤſter. „Die Beſtie iſt mir entlaufen. Sie hat den Strick entzweigebiſſen, aber“ fuhr er fort,„ich hole ſie wieder, wenn Du es mir nur erlaubſt.“ „Entlaufen?“ wiederholte Ulla gepreßt.„Es iſt mir entlaufen, was Du mir nicht wiederbringen kannſt; und wie,“ fragte ſie auf ein Mal verwun⸗ dert,„wollteſt Du ſelbſt das Thier wiederſinden?“ „Wo anders als dort, wo ich es hergeholt habe, denn ſo viel Vorſprung hat es gewiß ſchon, daß ich es nicht früher als an Ort und Stelle erreiche!“ „und Du meinſt, daß es ſo viele Meilen ſich wieder zuruͤckgefunden hat? unmoglich!“ „Da müßte ich ſeine Eigenſchaften ſchlecht kennen,“ verſetzte Arwed.„Konnen wir uns ja doch auch zurechtſinden, obgleich uns der Grruch der Hunde abgeht, und ohnedem beſitzt der Weiße dieſen Sinn zweifach, weil ihm das Gehör fehlt. PVerlaß Dich nur auf den, der nur da iſt, um Dei⸗ nen Willen zu thun, und keinen andern Gedanken hat. Ich bringe Dir das Verlorne wieder.“ — „Wenn Du das koͤnnteſt!“ rief ſie dumpf, mit einem ſtarren Blicke auf den Boden, und und hielt die Hand geballt und feſt gegen die Bruſt. Da war es, als löſe ſich auf ein Mal die ſchwere Beklommenheit ihres Herzens auf; ſie ſank in die Ecke des Sophas zurück, und ein heißer Thraͤnen⸗ ſtrom quoll aus ihren Augen hervor. So hatten ihre Thränen lange unaufhaltſam geſtrömt, als endlich Arwed's Stimme ihr Ohr traf, der laut ſchluchzend neben ihr ſtand.„Was fehlt Dir?“ fragte ſie verwundert. „Ich muß ja alles thun, was in Deinem Herzen ſich regt,“ erwiederte er heulend,„wei⸗ nen, lachen oder betruͤbt ſeyn, und alles doppeltz doch weine nicht; wenn ich gewußt haͤtte, daß der Weiße Dir ſo theuer ſey, ich hätte ihn feſt an mich ſelbſt gebunden, und weder wachend noch im Schlafe losgelaſſen.— Sey getroſt und baue auf mich; ich werde wohl Deine Thränen trocknen⸗ Du haſt ja von ihm geträumt, aber ich weiß nicht mehr was.“ Da erhob Ulla ihren Blick feſt und gedanken⸗ ſchwer auf ihn.„Ja, Ja! geträumt, ich weiß 2* es noch;“ und die Bilder jenes Traumes zogen ſcharf und deutlich durch ihre Seele. Sie vernahm das Angſtgeſchrei in der eigenen Bruſt— ſie ſah wieder, wie die treuen Blicke des Hundes ſich in die blauen Augen Hedwiga's verwandelten, und Arwed ſtand, ein und derſelbe, mit dem unform⸗ lichen Schattenbilde vor ihr, um Beide zu durch⸗ bohren.„Auch von Dir habe ich geträumt, Ar⸗ wed!“ ſagte ſie langſamz„aber im Traume war'ſt Du kuͤhner als jetzt.“ „Laß mich nur gehen!“ rief er mit fun⸗ kelnden Augen,„ich weiß zwar nicht, worauf Dein Sinn geſtellt iſt; aber Deine Blicke brennen, dann faͤngt mein Blut auch zu kochen anz ſie wollen etwas, was auch ich wollen muß.“ „Ich verlange nichts, nicht ein Mal den Hund, und um ihn weine ich nicht; aber die, von der Du ihn genommen, hat mir mehr als ihn, ſie hat mir alles, alles geraubt. Dieſe Au⸗ gen,“ ſetzte ſie in heftiger Bewegung hinzu, in⸗ dem ſie mit beiden Händen ſie bedeckte,„werden nicht aufhören zu weinen— dieſe Bruſt nicht zu ſeufzen— der Schlaf wird meine Naͤchte fliehn, bis ihr kaltes, hartes Herz ſtilſteht.— Nein, Arwed! verlangen thue ich nichts! Aber wie willſt Du hineinkommen, wenn ich Dich nun ie⸗ hen ließe— wie wollteſt Du Deine Abſicht er⸗ fullen, ehn benett zu werden?—— Wenn Du. merkt würdeſt?“ „Sorge nicht,“ fuhr Arwed fort, ſie mit den kleinen grauen Augen und verhaltenem Athem anſtarrend,„rede nur, rede nur, damit ich alles faſſe! Was machte ich denn in Deinem Traume?“ „Ich ſah Dich etwas mit einem Meſſer durch⸗ bohren, das mich quälte, das mich noch quält.“ „Tödten?“ murmelte Arwed,„meinſt Du — ja 6 war ein Mal nahe daran den Hund zu todten; aber um ihn ſl Du ja nicht— und doch weinſt Du?— „Ueber ſie, ſeine i die mein Gluck geſtohlen! Ich muß ja weinen, ich kann nicht anders als weinen! ach fruͤher als Du denkſt, hat ſie mich zum Weinen gebracht! Wer mich lieb hat, muß ſie haſſen.“ „Lieb?“ wiederholte Arwed faſt ſchriendz nie früher hatte er dies Wort aus Ulla's Munde vernommen, und da ſie nun die thränenvollen Augen wie flehend durchdringend auf ihn heftete, —— fingen auch die ſeinen an kleine Flinmen zu ſpruͤhen. Sein Athem wurde kuͤrzer und heißer, und an allen Gliedern zitternd, mit den Blicken unbeweglich brennend auf den ihrigen ruhend, und einem haͤßlichem Lächeln naͤherte er ſich iht, un⸗ willkührlich und leiſe, immer mehr und mehr, bis ſie plötzlich erſchrocken aufſprang mit dem ängſtlichen Ausrufe:„Mir nicht zu nahe!“ Da bebte er auch erſchrocken zuruͤck, faltite, wie fle⸗ hend, die Hände, und fluſterte leiſe: und Treu' befiehl!“ „Ich befehle nichts!“ rief ullã ſchaudernd. „Der entlaufene Pudel iſt klüger als Du. Die Treue in der Ferne zieht ihn, und er folgt, und in ſeinem Innern ſchlägt doch kein verſtändiges Herz.—— ich hätte ihn freilich gern zuruͤck— „Nun 6 hole ihn ja!“ entgegnete Arwed. „Nein, nein! ich will ihn nicht, nichts will ich, wenn doch meine Thränen fließen müſ⸗ ſin, weder ſein Leben, noch ſein Blut ſind es, die ſie trocknen können; aber der Hund zieht Dich nach dort hin, wo Treue ſie trocknen koͤnnte.“ Ihre ſanften, wehmüthigen Blicke hingel noch ein Mal mit ihrem ganzen Zauber flehend an den kleinen funkelnden Punkten, die untet ſeinen Augenwimpern Zorn und Flammen ſprühe⸗ ten; dann begrub ſie den Kopf tief, tief in die weichen Kiſſen, und winkte ihm fortzugehen, als wolle ſie allein ſi ch der Verzweiflung uͤber⸗ laſſen. Sie gab ſich Mühe, nichts mehr zu mer⸗ ken oder zu horen, und ſah nicht ein Mal auf, als ſie vernahm, daß ihr Fuß heftig gedruckt wurde, und eine glühende, feuchte Wärme durch die Schuhſpitzen eindrang. So ſaß ſie meht als eine Stunde, bis ſie endlich die der erſchrockenen Dienerin vernahm. Da ſprang ſie ſchnell auf, eilte zum Fenſter⸗ ſah, wie fruͤher, in den Hof hinab, und wandte ſich zu dem Mädchen.„Der Finnjunge ſoll her⸗ aufkommen!“ ſagte ſie,„ich habe ein Geſchaft für ihn, ich ſehe ihn nicht da unten!“ Unter der Abweſenheit des Mädchens, ſtund ſie, mit der Hand auf den Tiſch geſtutzt, unbeweglich, den Blick auf den Boden geheftet. Das Mäd⸗ chen brachte die Nachricht, daß die Leute unten in Stalle den Finnen ſchon ſeit einer Stunde — 24— vermißt; ſie durften wohl ſo ſagen, denn er pflegte ſonſt nie das Haus zu verlaſſen.„Son⸗ derbar!“ bemerkte Ulla gleichgultig⸗„eben, wenn man ihn ein Mal brauchen will, iſt er nicht da;“ aber bei ſich ſelbſt flüſterte ſie nachdenk⸗ lich:„Nein, ich habe ihm keinen Befehl gege⸗ ben!— Aber ich muß an ein Fatum glauben. — Wie ſonderbar bricht doch jener Traum in mein Leben hinein— ohne meinen Willen iſt der Hund hergekommen, warum mußte er wieder weglaufen? warum den andern nach ſich zichen? — Jo, ich wage wieder dem Gluͤcke zu vertrauen!“ Noch denſelben Abend erſchien Ulla, vollig gefaßt, in einem kleinen Zirkel bei der Tante, wo auch Axel und der General ſich einfanden. Der Erſte war bleich und leidend.— Er hielt ſich von Ulla entfernt, obgleich er ſie mit unver⸗ wandtem, düſtern Blicke betrachtete.— Sie war heiter, wie gewöhnlich, nur Axel warf ſie in un⸗ bemerkten Momenten einen halb ſchmerzlichen, halb troſtenden Blick zu.— Sie hatte uͤbrigens einen Entſchluß gefaßt, den ſie ſogleich in Aus⸗ fuͤhrung brachte, indem ſie dem General in der nächlen vertrauten Unterredung, wie triumphirend⸗ verſicherte, daß er ſich auf ſeine beiden Söhne verlaſſen könnte; doch machte ſie es zur Bedin⸗ gung, daß er ſelbſt ſich ruhig verhalten, und durch ſie ihnen alle nothigen Mittheilungen zu⸗ kommen laſſen moͤchte.„Denn,“ ſagte ſie, leichter als ſie es fuͤhlte,„s kommt auf den rechten Augenblick an; wenn ſie zu handeln an⸗ fangen ſollen, muß ein andrer damit aufgehtt haben.“ Auf dieſe Weiſe hofſt⸗ ſe ſicher und kuhn, indem ſie dadurch zugleich einer möglichen, un⸗ abſichtlichen Mittheilung von Axels Seite an den General vorzubeugen gedachte, wenigſtens die Angelegenheit ihres Herzens leiten zu können, welche durch die unerwarteten Hinderniſſe, die ſich gezeigt hatten, ſowohl, als durch die gluͤck⸗ lichen Anzeichen, von denen ſie begleitet geweſen, plötzlich alle ihre politiſchen Träume und Aus⸗ ſichten etwas mehr in den Pnnurg verſetzt hatte. 16. Ireſen genoß die Reſidenz die höchſte Ruhe⸗ Seit der Reichstag beendigt war, ſchienen alle fruͤ⸗ hern politiſchen Außerungen ſich in ein ſchaden⸗ fröhes Verſtummen verloren zu haben. Der Ko⸗ nig ſuchte die innere Verſtimmung unter einer heitern Larve zu verbergen. Die gewöhnlichen Winterbeluſtigungen jagten einander zu der Zeit, als Guſtav mit wiederhergeſteltem Fuße eines Morgens zu Axel hereintrat. 5 Nach der erſten warmen Begrüßung ſahen ſich Beide erwartend an.„Nun, wie ſtehen die Sachen hier?“ fragte endlich Guſtav raſch. Axel theilte ihm ſeine eberzeugung und ſeine Zweifel, ſein neues Verhaͤltniß zu Ulla betref⸗ fend, mit; vertraute ihm, was er ihm fruͤher, aus Schonung gegen den Vater, verſchwiegen; — )* 7 2— wobei ſtwohl der Brief, den dieſer an den König geſchrieben, als ſein ſpäterer Auftritt mit dem General, vorkamen, der zwar dieſen neuen Ver⸗ dacht hätte verſtärken können, wenn die lebhafte Erinnerung an Axels Abentheuer in Non, das auch den Vater in Erſtaunen geſetzt, jenen Ver⸗ dacht nicht eben ſo ſchnell wieder ſchwächte. „Doch!“ fugte er heftig hinzu?„ein Hoſ⸗ nungsſtrahl erſcheint mir, jenes verhaͤngnißvolle Blatt, das ſich in den Händen des Oheim's Mag er es jetzt röffnen—“ „Iſt Dein Rcht daräuf denn größer, wäl die Noth dringender geworden it?“ fragte Gu⸗ ſtan.„Du bringſt mich abet auf' eine Vermu⸗ thung, die Du mir ein Mal geäußert, und die aus jener Warnung des Oheim's entſprungen iſt.— Wenn Du wirklich den Grafen ſchon in Rom geſehen; doch nein! Chriſtian nannte ja jenen Fremden Ulla's Vater— Ja! ich geſtche es, die Verwirtung wird immer dunkler.— Viel⸗ leicht könnte das Blatt Belehrung geben; aber der Oheim ſelbſt hat ſich mir als der erklaͤrte Feind Deines Vaters genannt.— Wir ken⸗ nen ihn— er iſt nicht der Mann, der irgend eine Gewalt mißbraucht.— Aber⸗ erinnere diq der ſchweren Worte, womit Du jenes Geheim⸗ niß empfingſt; darfſt Du, dürfen wir jetzt Soöhne eines Vaters, Erben ſeiner Ehre, duͤrfen wir dieſe der Sipeb ſeines, obgleich edeln Feindes hingeben?— „Du haſt Recht! es wäre re noch Eins zu ver⸗ gi wenn wir Beide nicht wuͤßten, daß bei dem Vater weder Zwang noch Vorſtellungen wir⸗ ken konnten, ohne vielleicht dazu feindliche Gei⸗ ſter hervorzurufen, die das Verworrene noch dunk⸗ ler machen wurden.— Aber wo ſonſt Licht finden?“ „In uns, und in der Ziit, die freundſche Setetin eines ruhigen Selbſtbewußtſeyns!“ er⸗ wiederte Guſtav.„Etwas anders mag noch drin⸗ gender ſeyn!“ Nun theilte er Axel ſeine eignen und des Oheim's Beſorgniſſe uber die Abſichten des Generals mit.— Axel erſchrak.— Bei ge⸗ nauerer Erörterung ihrer Vermuthungen fanden ſie aber Beide, daß, wenn auch wirklich ein politiſches Geheimniß ſich in der Stille fort⸗ ſpann, ſie doch keine andre Bewährung dafuͤr hätten, als ihre Ahnungen, und durchaus keine 4 — 29— zußern Zeichen, als die größere Thätigkeit des Generals, ſein ſonderbares Einverſtändniß mit ulla, und einzelne ihrer Aeußerungen, die genau unterſucht, in Richts zerfielen; das deutlichſte aller Zeichen einer ſchleichenden Verſchwörung, jum⸗ ſchloß freilich das zugeſchickte Paket, deſſen Ge⸗ heimniß jedoch tief bewahrt in Guſtav's Buſen lag, uud mit leiſem, inneren Zittern erkundigte er ſich nach Ulla.— Er kannte aber ſo wenig ihre Meiſterſchaft in der Kunſt ſich zu verſtellen, und ſelbſt mit Demuͤthigung und Unruhe im Herzen öffentlich ein immer gleiches, heiteres Benehmen zu zeigen, daß nicht Axels Erwiede⸗ rung, den eben dieſes verletzt hatte, ihn in Ver⸗ wunderung ſetzen, und doch zugleich irre an ihr machen mußte.— Uebrigens erblickte ſie ringsum nichts, als was ja ihre dunkeln Ahnungen wi⸗ derlegte.— Guſtav mußte den Beobachtungen des Freundes beiflichten.— Die ganze Stadt, alles, was er ſah und hörte, kam ihm ruhig und unverdächtig vor; es ſchien im Gegentheil, als hätten die mißlungenen Beſtrebungen des Kö⸗ nigs die Gemuͤther in ſofern beſänftiget, als ſie iiittzt uͤberzeugt waren, daß die Stände doch einen Widerſtand zu leiſten wagten, dem er nachgeben müſſez und daß die Muͤndigen der Nation, die, wie Guſtav ſelbſt, die Rechte der alten Verfaſ⸗ ſung wieder eingeſetzt. wünſchten⸗ ſich keinesweges ſcheuten Gut und Blut an das zu ſetzen, aus dem dem Ganzen ein Vortheil entſprießen koönnte, durch jenen Vorfall ermuthigt, auch Klugheit genug beſaͤßen nichts uͤbereilen iu. wollen. Dieſe Anſicht beruhigte die Freunde ruͤckſichtlich der Grfahr einer Verſchworung, deren naͤchſten Zweck ſie ſich nicht ein Mal vorſtellen mochten; aber nicht in Bezug auf die miglichen geheimen Ent⸗ wurfe des Generals, der ſinem mehr als zwan⸗ zigjährigen Haſſe immer mehr Luft gab, und viel⸗ leicht die arme ulla in Abſichten verſtricken mochte; die, obgleich weit vom Gelingen entfernt, doch immer entdeckt werden konnten, und Beide, ja alle ihre Angehoͤrigen mit Hohngelaͤchter und Schmach bedecken mußten. Aber was konnten ſie vor der Hand, und bei dem ihnen bekannten Character des Generals thun, um dieſe zu ent⸗ decken, auf eine Art, die ſie ſelbſt nicht in neut und entehrende Verwickelungen hineinzog. Des Generals haͤufige Einladung, ihn zu der Graͤfin Banner zu begleiten, ſchlug Guſtav, ſo entſchieden wie fruͤher, aus; daß der ſinſtre, ob⸗ gleich immer mehr geſchmeidige Schwiegervater ihm es ſehr ubel genommen haben wuͤrde, wenn er nicht auf der andern Seite durch Ulla's zu⸗ verſichtliche Verſicherung beruhigt, darunter einen ſchlau verſteckten Plan vermuthet hätte.— Nur gegen ſeinen Sohn aͤußerte er, ſeit jenem Auf⸗ tritt in ſeinem Cabinette, eine ſichtbare Abnei⸗ gungz er fuhr ihn oft mit harten Worten an, und es kam Ulla manchmal vor, als wuͤrde es ihr nicht ſchwer fallen, den General zu überre⸗ den, in ihre geheimen Plaͤne einzugehen.— Sie ſelbſt aber, erſtaunt und verletzt uber Guſtav's unbegreifliche, beharrliche Weigerung, wurde in ihrem Innern immer unſicherer und mißmuthi⸗ ger; jedoch troſtete ſie ſich ſelbſt. Denn gewohnt, Andre nach ſich zu beurtheilen, ahnte ſie in ſei⸗ nem Betragen nur Conſequenz und Ruͤckſichten gegen die wahrſcheinlich eiferſuͤchtige Hedwiga, und ein ſonderbares Gefuͤhl von Angſt, Hoff⸗ nung und Sieg miſchte ſich unter ihre Vorſtel⸗ lungen. — Guſtav aber hatte, in Bezug auf ſie, einen geheimen Entſchluß gefaßt, den ihm ſeine natur⸗ liche Offenheit und Rechtlichkeit eingeflößt. Wir wiſſen, daß er mit tiefem Mitleid in dem ſcho⸗ nen, leichtgereizten Weſen nur ein getaͤuſchtes Opfer der unwuͤrdigen Ränke des Generals ſehe; dieſe Stimmung machte ihm den Gedanken un⸗ erträglich, daß ſie in dem Betragen, welches ihm ſeine Art zu denken und handeln vorgeſchrieben⸗ vielleicht Geringſchatzung, Verachtung oder eine die Weiblichkeit immer verletzende Kaͤlte erblik⸗ ken mochte. Es war etwas in ihm, das ihn antrieb, offen gegen ſie zu ſeyn; zwar traten Hedwiga's warnende Worte vor ſeine Seele, aber auch er wußte, wie ſtark und maͤchtig ein ſchones Vertrauen von Irrwegen zurückfuhren kann— wenigſtens wollte er einen Verſuch ma⸗ chen, und ſo ſann er darauf, wie er ſich, ohne ihr Haus zu betreten, denn er hatte, wie wir wiſſen, ſich ſelbſt geſchworen, ſich dieſer Verſu⸗ chung nie hinzugeben— eine Unterredung mit ihr verſchaffen könnte, die ihm vielleicht auch ein erwünſchtes Licht in dieſem Dunkel ertheilen wütde. ——— Da erfolgte endlich der drikte Hof⸗Maskenball in dieſem Winter.— Axel, der ſeiner Verhältniffe wegen durchaus dort erſcheinen mußte, kam Gu⸗ ſtav's Wuͤnſchen zuvor, indem er ihm vorſchlug, in ſeiner Geſellſchaft ſich dahin zu begeben. Er zweifelte nicht, eine Gelegenheit zu finden, oder ſie wenigſtens nehmen zu können, Ulla, die gewiß nicht ausbleiben wuͤrde, dort ſprechen zu koͤnnen⸗ Guſtav ſah mit Freude den beſtimmten Tag kommen. Er zweifelte um ſo weniger, daß ſein Vorhaben gelingen wuͤrde, als er ſich vorgeſetzt hatte, Axel ſeine Unterredung mit Ulla nicht zu verheimlichen, obgleich er Bedenken fand, ihn dabei eine Abſicht erblicken zu laſſen; darum hatte er auch, ohne dieſe zu erkennen zu geben, wie⸗ wohl mit innerer Freude, von dem Freunde ge⸗ hort, daß der General die Grille geaͤußert, zum erſten Mal, in den letzten zwanzig Jahren, den Maskenball beſuchen zu wollenz er wuͤrde Ulla dahin begleiten, und hatte ſich ausdruͤcklich bei Axel erkundiget, ob Guſtav auch bei dieſer Ge⸗ legenheit den Sonderling ſpielen wollte. „Es freut mich,“ ſagte Axel, als er den Mor⸗ gen vor dem Balle bei Guſtav vorſprach,„daß ich IV. 8 * Dein Wort habe fuͤr dieſen Abend, denn ſo wirſt Du mir auch helfen den böſen Geiſt des Vaters zu bezwingen, wenn dieſer ſich, ſo wie ſchen dieſen Morgen geſchehen, bei ihm regen ſollte, denn ihm entgehen konnen wir doch nicht.— Um uns nicht zu verfehlen, erſucht er uns ausdrücklich ſchwarze Domino's mit weißen Federn auf den Hüten zu tragen; obgleich dieſe Maske zu gewöhnlich iſt, um eigentlich dadutch ſich einander kenntlich ma⸗ chen zu konnen⸗ Er hat es mir zugleich zur Pflicht gemacht, zu ihm herunter zu kommen, ehe ich Dich abhole.— Er hat mir etwas mitzutheilen.— Vielleicht faͤhrt er ſogar ſelbſt mit, denn ſeine Dame iſt ihm untreu geworden.—“ „Wer?“ fragte Guſtav innerlich betroffen, „die Gräfin ulla?“ „Sie iſt unpäßlich, und erſcheint nicht auf dem Balle. „Vorwand!“ rief Guſtav⸗„Ich weite, ſie wird uns uͤberraſchen!“ „Nein, nein! bedeutend krank iſt ſie zwar nicht— ich wuͤrde daher ſelbſt von Deiner Mei⸗ nung ſeyn— aber die uͤble Laune des Vaters bürgt fuͤr die Wahrheit; ach, Guſtab! ich beob⸗ achte Ulla genauer als Du denkſt, ich weiß ge⸗ wiß, ſie hat alle Gedanken, den Ball zu beſuchen, aufgegeben.— Nun! ich muß hin!— um neun Uhr bin ich da! Vergiß nicht ſchwarzen Domino mit weißen Federn auf dem Hute.“ hoͤchſt verdrießlich, ließ ſich Guſin ſolche bringen. Der Ball hatte jeden Reitz fuͤr ihn verloren; und doch konnte er nicht umhin ſich zu⸗ geſtehen, daß vielleicht dieſe Unpäßlichkeit ein Vor⸗ wand ſey, ihn um ſo gewiſſer hinzulocken;„doch dann,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„wuͤrde ſchwerlich der General mit einverſtanden ſeyn.“ Die dritte Möglichkeit, daß der General getauſcht ſeyn konnte, um ihn um ſo beſſer zu tauſchen, fiel ihm zwar ein, aber er verwarf ſie als eine Beleidigung gegen die, welche ſein Herz doch ſo gern, uͤber jeden Ver⸗ dacht erhaben, ſich denken mochte. Gegen Abend, da es noch zu fruͤh zum An⸗ kleiden war, entſchloß er ſich, einen Brief an den guten Oheim wenigſtens anzufangen; er hatte ſich ſchon vorgeſetzt, ſeinem Verſprechen nach, ihm zu ſeiner Beruhigung anzuzeigen, wie die Sachen ſich in der Naͤhe vor ſeinen Blicken geſtalteten. Selbſt Hedwiga ſollte einige Zeilen erhalten; ob⸗ 3* gleich er mit einem unangenehmen Gefuhle der letzten Trennung von ihr gedachte. Er hatte noch nicht die Briefe veendigt, als ſeine Uhr acht repetirte.— Er ſprang ſchnell auf, um ſich zu dem Balle anzukleiden; aber in dem⸗ ſelben Augenblicke fuͤhlte er ſich von einer ſo ſon⸗ derbaren Angſt gefaßt, daß er kaum Athem holen konite. Er ſann einige Augenblicke nach, aber keine einzige Vorſtellung trat vor ſeine Seele, die ihm Anlaß zu dieſer plötzlichen Empfindung haͤtte geben können. Der alte Diener trat herein, mit den Kleidern uͤber dem Arm, da Guſtav nicht ſein Arbeitszimmer verlaſſen wollte. Mechaniſch ſtreckte er den Arm aus, um von dem Bedienten ſich helfen zu laſſen, es war ihm aber, als zöge dieſer ihm mit dem Fracke das Herz aus dem Leibe. „Laß mich!“ rief erz„ℳs iſt doch hochſt ſon⸗ derbar—“ Der Diener ſah ihn fragend an. „Ich weiß nicht, was mich auf ein Ma angewandelt hat!— Warte, ich will noch ein Paar Zeilen ſchreiben Er ſetzte ſich nieder, und kaum ergriff er die Feder, als er ſich wieder ſo wohl, ſo leicht fühlte, als wäre plötzlich eine große Buͤrde ihm von der Bruſt gewaͤlzt; kaum aber empfand er dieſe Erleichterung, als er ſchnell die angefangene Periode vollendete und heiter auf⸗ ſprang; aber bei dem erſten Schritte, von dem Schreibtiſch ab, fuͤhlte er dieſelbe die unausſprechliche Angſt wieder. „Was iſt denn das!“ ſagte er halb taut „bin ich behext— oder, mein Gott— was faͤllt mir ein! Ich habe zwar nie in meinem Leben eine Ahnung geſpuͤrt, aber ſonderbar iſt es doch immer— ich fuͤhle mich wohl und leicht, wenn ich mit den lieben Abweſenden beſchaͤftigt bin, wenn ich ſie lebhaft mit allen Gedanken feſt⸗ halte, und ſobald ich dieſe von ihnen abwende, uͤberfällt mich ein Schrecken.— Sollte ſie ein Unheil bedrohen, das ich abwenden konntez ſollte meine arme Hedwiga—“ Es war, alönfüͤhlte er die Bruſt, bei dem Gedanken an ſie, erlrichtert. „Was ſoll ich uͤberhaupt auf dieſem Balle, wo mir die fürchterlichſte Langeweile droht? deln. ſie, um deretwillen ich hingehen wollte, kommt jai nicht; oder wenn ſie— Hm! bin ich denn nicht! ein Kind— Komm Alter!— Die Kleideri ℳ — 38— Da preßte ihm noch ein Mal die Angſt die Bruſt zuſammen.— Er eilte, um dem Diener ſeine Beſtüͤrzung nicht zu zeigen, an das Fenſter⸗ Eine ſchone Mondnacht breitete ſich erheiternd vor ihm aus.„Nun wohl!“ ſagte er leiſe zu ſich ſelbſt,„man muß ja Alles verſuchen; dies⸗ mal der Ahnung nachgegeben, und täuſcht ſie dann nimmer wieder.— Alter, laß mir mein Pferd ſatteln, ſchnell!— in den Mantelſack.“ 3. Der Alte ſah ihn fragend an; nur in gelegenen Augenblicken mitzureden, ge⸗ horchte er ſchweigend.— Guſtav ſtand einen Au⸗ genblick ſinnend da, dann zerriß er raſch den angefangenen Brief, ſchloß den Schreibtiſch ab, und zog ſeinen Uberrock an. Keine Spur von Bklommenheit fand ſich wieder ein. r Düna meldete ihm, aues 4 Baron 2u, daß er nur voraus auf den Maskenball fahre, und nichts weiterz doch kannſt Du hinzufügen, daß er ſich nicht beun⸗ ruhigen durfe, wenn wir uns verfchlen ſollten; und auch Du nicht, wenn Du in einigen Ta⸗ 29— gen nichts von mir hören ſollteſt— in dieſem Falle bin ich, wenn Du, oder Baron Axel mir! etwas zu ſagen habt, auf Workna.“— Mit dieſen Wörten derließ Guſtan ſein Haus, und den alten erſtaunten Diener. Leicht, als zöge ihn die heitte, klare Luft in die Ferne, und: mit innerer, ihm ſelbſt unerklärlicher Zufriedenheit, ſchwang er ſich auf das⸗ Pferd, und eilte fort, ohne zu ahnen, daß ihm keine S mehr . werden ſollte. gn nnncne e nni Nach wenigen Stunden fihtte er ſein Pferd den unaufhaltſämen. eilenden Ritt⸗ Die unübertreffliche Poſteinrichtung ſeines Va⸗ terlandes kam ihm zu Hulft. Er ließ das Pferd von einer Ausſpannung, wo man ihn als Herr betrachtete, weil ſie zu einem ſeiner Guͤter ge⸗ horte, dahin ſenden, ſcha te ſich dort ein kleines einſpaͤnniges Fuhrwerk, nach Landesſitte, an, und erreichte, nachdem er die folgende Nacht nut ein Paar Stunden geſchlafen, gegen Abend Workna. In einet ihm ſonſt fremden, mehr neugieri⸗ gen als ängſtlichen Spännung, ſtieg er ab, und trat unangemeldet in die Wohnſtube, wo die Fa⸗ 40— milir ſich beiſammen befand. Alle— ihn erſtaunt und freudig.— hin i ni „Liebſter Guſtav!“ rief der Oheim in ſehen Uebertaſchung,„was führt Dich ſo unerwartet hieher— etwas W will 95 vermu⸗ then— ni in 3 46 4i 1 6 ℳ wie ich euch au ſr ie Gu⸗ ſtay,„hoffe ich— nur eine Kinderei. 5ch wurde auf ein Mal, vorgeſtern Abend, von einer ſo ſonderbaren Angſt überfallen, daß ich keine Ruhe fand', bevor ich mich auf den Weg zu Euch begab. Sie ſehen, theurer Oheim, Ihr Glaübe hat, ſtatt einen Rechtgläubigen aus mir zu machen, mich abergläubiſch gemacht, wenn ich Si8 gar ah gonz Wwicht⸗ Spur gerathen bin“ 110 1 t nbn nun⸗ ſhr— bemerkte die Tante, die gegen im befanden 1 6ngl Ich bin in der— einer gro⸗ hen Gefun entgangen,“ ſagte Hedwiga, den geruͤhrten Blick auf Guſtav heftend,„mein ar⸗ mer Treu hat fuͤr mich gebußt““ u 3 N Rachdem man den ungeduldigen Guſtas end⸗ lich bewogen, einige Augenblicke den ihm ſo nö⸗ thigen Erfriſchungen zu ſchenken, nahm Hrdwiga ſichtbar inniger als ſonſt, W an ſeiner und erzähltet un dts 22 Es iſt ſchon einige Zeit her, als wir alle purle heute verſammelt, plotzlich auf ein ſon⸗ derbates Schnuͤffeln an der Thür aufmerkſam wurden. Von einer freudigen Ahnung durchbebt, ich geſtehe es, ſprang ich auf und öffnete die huͤr. Ja, es war Treu, es war Ihr liebes Geſchenk! Krank, zum Tode ermattet, bedeckt mit Schmutz, ſank er wedelnd zu meinen Fuͤ⸗ ßen, und leckte matt die ihn liebkoſende Hand⸗“ Man muß ihn weit von hier hinweg gefuͤhrt gehabt haben, daran zweifle ich nicht mehr, denn die Erſchöpfung faſt aller Lebebenskraͤfte, verrieth eine Art, mehr geiſtiger— wenn ich mich ſo aus⸗ druͤcken darf— als körperlicher Anſtrengung. Sie, lieber Guſtav! werden gewiß nicht über unſte gemeinſamen Bemuͤhungen, das arme Chier: zu erquicken, laͤcheln;z ſelbſt ein Kräuterbad ließ ich ihm bereiten; es war, als muͤſſe ich mir eine . sroße Poffnung in ihm erhalten,“ fuhr ſie er⸗ röthend fort⸗„Daß es mein eigenes Leben ſey, ahnete ich nicht.— Erſtda ich ſah, daß es faſt unmoglich waͤrt, das Thier auf eine andere Art zu reinigen, ließ ich es, obgleich mitten im Winter, ganz ſcheren, und nachher in ſeinen: Korb betten, den ich ganz mahe an mein Bett hinſtellen ließ.— Er ſchlief ſogleich vor Mat⸗ tigkeit ein⸗ Ich betrachtete lange ſtumm und ge⸗ ruͤhrt das ſchlafende Bild winer Treus, die ſo unaufloßlich, ſo über alle Bedingungen hinaus an mich gefeſſelt ſchien ⸗ In der Nacht wachte ich auf; der gute Treu war mit den Vorder⸗ beinen an mein Bett aufgeſprungen, und kratzte leiſe mit der Pfote auf der Decke, bis ich es merkte. Ich ſtreckte den Arm hinaus, das arme Thier zitterte vor Kälte; ich konnte unmöglich grauſam ſeyn, und nahm 5 gegen alle Ge⸗ wohnheit, in's Bett auf; und da ich es von dieſem Abend an mit größerer Zärtlichkeit als je, mit inniger Dankbarkeit, mit fröhlicher Aner⸗ kennung betrachtete, war es mir unmöglich auch die folgenden Abende, obgleich ſein Lager recht 6 warm bereitet war, ſeiner liebenden Anmaaßung zu widerſtehen ·— Es war, als forderte; dicſen „ Lohn ſeiner Treue, und kaum/ warẽn wir mach⸗ her des Abends in das Schlafzimmer getreten“ als er mit einem raſchen Sprunge ſein uſurpir⸗ tes Lager einnahm, und mich mit ſtolzem, fro⸗ hen Blicke, wie nachwinkend, anſah.— In die⸗ ſen letzten Tagen aber befand die gute Tante ſich nicht ganz wohl; beſonders war ſie die Naͤchte hindurch von einer Schlafloſigkeit geplagt, deren Langeweile ſie nur durch's Leſen vertreiben konnte⸗ Aber dies vertrug ſich nicht immer mit ihren nicht ſtatken Augenz daher pflegte ich gern, ehe ich zu Bette ging„ihr eine⸗ Stunde vorzuleſen; obgleich ſie ſich ofters ſchräfrig ſtellte, um meine Bequemlichkeit nicht zu ſtören. Ich hatte ihr aber dieſe kleine Liſt abgemerkt, und da ich von dem Fenſter meines Schlafzimmers, freilich nicht in das ihre, ein Stockwerk unter mir belegne, hineinſchen kann, aber woht an dem Scheine der Lampe auf die ſchräg gegenüberſtehende Mauer wahrnehmen konnte, ob ſie ſich zur Ruhe gelegt, oder den Schirm vorgeſchoben hatte um weiter zu leſen, ſo verſäumte ich nicht, mich darnach zu richten, und ging oft zu ihr hinunter, um⸗ trotz ihres Sträubens, ihr eine Stunde zu ver⸗ treiben.— So war es wir faſt Gewohnheit ge⸗ worden, daß ich immer waͤhrend dieſer Zeit, nachdem ich mein Nächtkleid angelegt hatte, zu ihr hinunter ſchlüpfte.— Es war mein Glück⸗ Vorgeſtern Nacht, obgleich ſie ſich ſchon beſſer befand war ich bei ihr, wie gewohnlich. Treu war ſchon, ehe ich das Zimmer verließ, und die Kerze mitnahm, in's Bett geſprungen.— Hier im Schloſſe dachte ſonſt kein Menſch daran, die Thuͤren zu verriegeln, und manchmal war ſogar der Thorweg entweder gar nicht, oder doch ſehr nachlaͤſſig zugemacht. Ich verbrachte die Zeit, wie immer, fröhlich und heiter bei der Fante, und ſchlich kurz nach Mitternacht, ruhig wie ge⸗ wöhnlich, zu meinem Simmer zuruͤck; zwar wun⸗ derte es mich, die Thuͤre angelweit offen zu fin⸗ den, da ich mich doch erinnerte, ſelbſt ſie zuge⸗ macht zu haben; und es ſiel mir zugleich auf, daß ſchon auf der kleinen hintern Freppe, die durch einen ſchmalen Gang in Verbindung mit dem Schlafzimmer der Tante ſteht, mir ein ſchneidender Luftzug beinahe das Licht ausgebla⸗ ſen hätte, und mir die Vermuthung gab, daß auch die untere Thuͤr, die auf den Vof jühtin offen ſtünde; doch trät ich ohne Futcht und Ahnung ein. Doch als ich mich, verwundert umſehend, dem Bette nahete, bebte ich zurück, denn ein dunkler Blutſtrom wogte mir entgegen, und mitten im Bette— eine Unart Treu's, den ich alle Abend von dort weg treiben mußte,— lag der Hund todt im Blute ſchwimmend.— Erſchrocken machte ich Lärm;z aber nichts weiter war zu entdecken; ein Kinziger breiter Meſſerſtich war ihm durch den Leib gegangen.— Räuber oder Diebe ſind es nicht geweſen, denn wir wiſ⸗ ſen in dieſer Gegend nichts von dergleichen, und nichts, ſelbſt von dem Werthe einer Radel ein Mal, iſt vermißt worden⸗“ „Mein Gott!“ rief Guſtav, Henſr⸗ Hand mit Heftigkeit ergreifend und ſie an ſeine Lippen druͤckend.„Alſo hat doch wirklich eine Sympathie, die von inneren, geiſtigen Antrieben zeugt, mich hieher gezogen; und“ fuhr er raſch aufſpringend, Kesſn⸗ F ſich kein Ver⸗ dacht?“% 6h 1 „Keiner!“ erwiederte der Oheim;„und eben das iſt das Lintigt„ was emich noch beunru⸗ higtt. ½ 4— Sn„Es iſt vorüber!“ ſagte Hedwiga ſchnell ab⸗ vrichend, mit zur Eide geſenkten Augen—„ich bin gerettet! und. gückich, mich ſo geliebt/ ſo geſchätzt zu wiſſen⸗ Ich habe Treu begraben laſ⸗ ſen.— Morgen, das muͤſſen Sie mir verſpre⸗ chen, lieber Guſtav werden wir zuſammen das Grab der tauben und nun auch ſtummen Treue beſuchen, deren Ergebenheit von Ihnen auf mich uͤberging.— Erinnern Sie ſich— Er war Ihr Gern!“ ſagte Guſtav gerührt;„aber nur das Symbol iſt begraben, denn“ wir brauchen es ja nicht mehr, wo das Weſen ſelbſt lebt.— Aber Morgen ganz fruͤh, denn ich muß wieder „Was treibt Sie denn ſo ſchnell wieder fort?“ fragte der Graf⸗ vis nen „Vor allem, Oheimchen! Ihr vertracktes Syſtem!“ verſetzte Guſtav heiter.„Es hat mir nun ein Mal eine Angſt auf den Hals gehekt⸗ und nun muß ich dem Unheile nachgehen.— Wer weiß,“ ſagte er plötzlich bedenklich,„was in der Hauptſtadt vorgefallen ſeyn kan!“ Aus ſeiner Ruͤckkehr wurde fur's erſte nichts. Er hatte ſich durch ſeine ſchnelle, mit ſo wenigem Vorbedachte vorgenommene Reiſe, eine heftige Er⸗ kältung zugezogen, die während der Nacht mit ſolcher Heftigkeit um ſich griff, daß er den fol⸗ genden Morgen nicht aufſtehen konntes auch ſchien wirklich die Aeußerung, die ihm geſtern in heiterer Laune entſchlüͤpft, ſich bewaͤhren zu wollen, denn jene befremdende Beklommenheit kehrte wirk⸗ lich, mit jedem Gedanken an die Reſidenz, bei ihm zuruͤck, ohne ſich jedoch an einen beſtimmten Gegenſtand zu heften. Er ſchrieb fteilich dieſe Empfindung dem ihm ungewoͤhnlichen Zuſtande, ſich innerlich unwohl zu fuͤhlen, zuz doch wollte dies Gefuͤhl durch keine Vernunftgründe weichenz obgleich der Oheim, der von der, freilich unfrei⸗ willigen Aeußerung einer geiſtigen Anhänglichkeit an Hedwiga wahrſcheinlich angezogen, ihn ſeit geſtern faſt immer Du nannte, mit heiteren Ge⸗ ſpraͤchen ihm die Zeit zu vertreiben ſuchte, von allem ablenkend, was die Seele beunruhigen konnte. nn Auch Hedwiga und die Tante pflegten ihn mik der treueſten Sorge, die ihn noch ſtärker anhezogen haben würde, haͤtte er ſich nicht im⸗ mer ſo unbegreiflich befangen gefühlt. Indeſſen ſchienen wirklich Guſtav's Worte, mit Rückſicht auf das Verhaͤltniß der Vermählten, treffend ge⸗ wiſen zu ſeyn, es war, als hatte die Zernich⸗ tung des Symbols ihre innere Anhäͤnglichkeit eines Mediums uͤberhoben, und Beide von dem Augenblicke dieſer Erkennung an⸗ einander naͤher So waren mehrere Tage verſtrichen.— Gu⸗ ſtav fühlte ſich beſſer, obgleich nicht ganz herge⸗ ſtellt, und entſchloß ſich, trotz aller Bitten und Widerreden, am naͤchſten Morgen abzureiſen.— Indeſſen hatten ſchon der Oheim und Guſtav Gelegenheit gefunden, ihre Meinungen über Axels Lage und Verbindungen auszutauſchen. Der Erſte blieb, trotz Guſtav's Mittheilungen, dabei, daß der General Ulla's Vater ſey, es ſeyn müſſe, ſelbſt deſſen Brief an den König ſchien ihn davon zu verſtärken— doch wurde dieſe Angelegenheit weniger berührt, als die gheimen Abſichten des Generals, die er unter einer anſcheinenden aͤußeren Ruht eben am thätigſten ſich dachte.— Dieſe — Bemerkung floͤßte wirklich Wzuſtav Erſchrecken ein, und befeſtigte ſeinen Entſchluß. j Es war ein ſtiller, klarer Wintertag, einer von denen, wo man mitten in der gelinden Kaͤlte eine Ahnung vom Fruͤhlinge hat; die ſchoͤnſte Schlittenbahn ſchien ſeine S be⸗ guͤnſtigen zu wollen. Zu ſeinem Erſtaunen ewt Guſtav Schlitten vor der Thuͤre, den Graf und die Nichte in Reiſekleidern eingehüllt, um ihn eine Strecke Weges zu begleiten.„Aus Pflicht!“ ſagte Hedwiga halb ſcherzend,„um, wenn der kleinſte Ruͤckfall in der freien Luft, ſeine Voreſ⸗ ₰ ligkeit beurkunden ſollte, ihn ſogleich nöthigen zu konnen, unter———— zuruͤckzu⸗ zhrh⸗ 9 un Guſtav reichte— die 5 einer In⸗ nigkeit, die ſie von ſeinem Wohlwollen wenig⸗ ſtens uͤberzeugen mußte. Sie waren aber kaum eine halbe Meile: von Wörkna entfernt, als ihnen ein Schlitten im wildeſten Fluge entgegen kamz während dieſer im Begriff war, Guſtav's Schlitten voruͤber zu fah⸗ ren, hoͤrte er ein lautes Geſchrei, und bemerkte IV. 4 6 30— zwei gegen ſich ausgoſtteckte Haͤnde. Er ließ ſo⸗ gleich halten, ſprang heraus, und eilte zu dem fremden Schlitten hin, der etwas weiter fortge⸗ laufen war, ehe der Fuͤhrer das Pferd zum Stillſtehen hatte bringen koͤnnen. Sein alter Diener ſtieg ſo eben zitternd heraus und wankte ihm entgegen⸗ „Du biſt es⸗ Alter?“ rief Guſtav höchſt erſtaunt;„Du! wie ſoll ich mir das erklaͤren?“ „Der Schrecken,“ erwiederte dieſer zitternd, „hat mir alle Glieder gelähmt! Beſter Herr! fuhren Sie mich einige Schritte weiter, damit uns Niemand hore!“ n Guſtav griff ihm unter den Arm, und Prachte ihn zu der Seite des Weges, wo er ihn auf ein Felſenſtuͤck ſich niederſetzen hieß⸗ Indeſ⸗ ſen hatten auch der Graf und Hedwiga anhal⸗ ten laſſen, und waren ebenfalls betroffen hinzu⸗ getreten. Der Diener ſah Beide, und den Herrn ſchweigend an. „Rede nur!“ ſagte Guſtavz„ich kenne mei⸗ ner Hedwiga ſtarkes Herz! Freunde!“ wandte er ſich zu Beiden;„hier kömmt der Ungluͤcks⸗ 51—— bote.— Nun?“ Sie draͤngten ſich Alle iedngſe⸗ lich um den Diener⸗ „Der Koͤnig iſt erſchoſſen!“ e dieſer leeʒ aber die beſtuͤrzten, eiligen Fragen der drei Um⸗ ſtehenden, noͤthigten ihn bald weiter zu ſprechen. „In jener Nacht,“ fuhr er fort, mit einem ſcharfen, halb verwerfenden Blicke auf ſeinen Herrn;„auf dem Maskenballe!“ 6 „Und jetzt erſt bringſt Du mir Nachricht?“ fragte Guſtav leiſe, wie vom Donner geruͤhrt. „Die Thore der Reſidenz,“ verſetzte der Die⸗ ner,„ſind vier Tage geſchloſſen geweſen!— Zum Gluck füͤr Sie, damit ich Sie, wenn es noch Zeit iſt, warnen konnte!“ „Mich warnen?“ wiederholte guſan er⸗ ſtaunt.— „Alles iſt mißlungen!“ fuhr Diener fort.„Die Verſchwornen, welche Abſicht ſie auch gehabt haben mogen, ſind faſt im Hafen geſchei⸗ tert. Der König lebt noch, obgleich er nicht wieder aufkommen kann, und dadurch ginge, ſo will man heimlich meinen, die Staatsuniwůlzung in Truͤmmern.“ 4* „Mein Gott! und was macht Axel? hat et Dich geſandt? haſt Du keinen Biief?“ „Nein Herr!“ ſagte der Alte, waͤhrend er den aͤngſtlichen Blick auf ihn heftete;„er, und das hat eigentlich meine Herreiſe, die faſt über meine Kraͤfte geht, bewirkte— er iſt feſtge⸗ ſetzt!“ ct n6flut hi „Feſtgeſett?“ wiederholten die Zuhörer faſt ſchreiend vor Entſetzen⸗ „Nur ruhig und getroſt!“ rief Guſtav ſchnell, die eigne Beklommenheit und das Erſchrecken der Freunde durch ſeine innerſte Ueberzeugung be⸗ ſchwichtigend 3 jich hafte fuͤr Axels Unwiſſenheit mit einer ſolchen That.— Sind mehrere feſtge⸗ ſetzt?— ſind die Thäter entdeckt?“ „Man ſagt Beides; auch Sie, Herr Graf! hat man geſucht!“ „Mich? weiter! weiter!“ 1. „Wer eigentlich mehr arretirt iſt, iſt mir un⸗ pekannt, nur weiß ich, daß der General Baron Ruppin, und die ſchöne Gräſin Banner, faſt un⸗ ter den Haͤnden der Wache, die ſie feſiſetzen ſollte, entwiſcht, und verſchwunden ſind⸗ Ihrer Schonheit, meint man, habe ſie War⸗ nungen zu verdanken gehabt.“ 3 „Das Verſchwinden des Vaters,“ meinte Guſtav etwas ruhiger,„wird wohl die Verhaf⸗ tung des Sohnes zuwege gebracht, und den Ver⸗ dacht gegen mich erregt haben.“ „Wollte Gott! ſo habe auch ich n Andre anfangs geurthrilt. Ich weiß nur ſo viel, daß der Baron Axel, nach der Abreiſe des Herrn Grafen, bei uns vorfuhr— eine Dame ſaß bei ihm im Wagen, in ſofern ich ſie kenne, iſt es wohl die Gräfin Banner geweſen.— Er ward hochſt verdrußlich, als er hörte, daß ſie ſchon fort waͤren, ich ſagte ihm nur, was mir befohlen war; er aͤußerte, daß er einen Auftrag an Sie von dem General hätte und ließ zufahren. Nun ſpricht das Geruͤcht von Papieren, ihn und Sie betreffend, und von großer Wichtigkeit, die man, in ſeinem Zimmer gefunden haben ſoll. Am Abende des fuͤnften Tages ging das Geruͤcht, daß der Mörder feſtgenommen wärez in derſel⸗ ben Nacht wurde der Baron Axel arretirt, und bhne— 3 eiligſt * 0i 6 1 — 54— Guſtav, der ſeine Ehre und das Leben des Freundes gefaͤhrdet meinte, wollte unverzuglich ſeine Reiſe fortſezen.— Der Oheim, Hedwiga, vot allen der alte Diener, gaben es nicht zu⸗ Auch war es augenſcheinlich, daß dieſe Erſchuͤt⸗ terung der Seele auf die ſchwankende Geſund⸗ heit des Körpers ſchon nachtheilig gewirkt hatte; er war ſchon ganz heiſer geworden. Der alte Diener warf ſich ihm zu Füßen, und der Oheim hielt ihm ſeinen eignen Grundſatz: nie zu über⸗ eilen, vor; auch mußte er ſelbſt zugeben, daß eben ſo wenig augenblickliche Gefaht den Freund mehr bedrohe, als das, was Beiden drohete au⸗ genblicklich, beſonders von einem in der Sache Verwickelten, abzuwenden wäre.— Es muͤßten thätigere Maaßregeln, um beider Unſchuld an den Tag zu legen, genommen werden, als ſich ſelbſt alle indireckte Mittel mit der Freiheit zu be⸗ nehmen. 5 Sie konnten weder, noch wollten ſie der Tante ein Ereigniß vethehlen, deſſen Wirkung auf allen Geſichtern zu leſen war.“ Sie erſchrak heftig; und ihre Angſt um Axel offenbarte ſich ſo muͤtterlich, Der Zug kehrte alſo nach Wörkna um. — 55— ſo herzzerreißend, daß der alte Graf mehr als ein Mal ſeine ganze Wünde und Klugheit aufbieten mußte, um Guſtav, der alle Augenblieken fort wollte, von der Zweckloſigkeit, ja ſelbſt Schäd⸗ lichkeit eines zu raſchen Schrittes zu uͤberzeugen⸗ Hedwiga war ſtill und ſprach wenig; man ſah wohl, daß auch ihr Inneres zerriſſen warz den⸗ noch war es deutlich, daß ihre rührende Haltung am meiſten dazu beitrug, eine Win Ruhe zuſtellen⸗ D nin m Nach dem ſpäten Mittagstſche, von dem vet⸗ nahe alles unberuͤhrt wieder fortgetragen wurde, uberredete ſie die Tante, die ſich ſehr ergriffen fuhlte, wenigſtens in den Kleidern ſich ein Paar Stunden auf das Bett zu werfen. Allein mit dem Oheim und dem Gemahle, ſtellte ſie nun ihre Anſichten deſſen, was zu thun waͤre, offen dar, wrelche, wie es ſich bald fand, ganz aus der Seele des Oheim's ausgeſprochen waren.— Sie meinte nämlich, daß er zuerſt allein, durch eine ſchnelle Reiſe nach der Reſidenz, den Stand der Sache unterſuchen ſolle.n Auch wuͤrde er, deſſen geſpanntes Verhältniß zu dem General all⸗ gemein bekannt war, dort wit mehr als ein Schwiegerſohn, ber ſich ſchon dadurch nur Ver⸗ dacht zugezogen haben würde, für dieſen und ſeinen Fteund ausrichten können; um ſo mehr, da Hedwiga nicht umhin konnte zu brfürchten, daß der Vater einen wichtigeren Antheil an dem Muuchelmorde haben dürfe, als ſie vielleicht alle Drei ahneten.— Wer könnte dann beſſer für eine mildere Wendung ſeines Schickſals ohne Verdacht und mit Erfolg ſich un als eben ſein Feind.— Guſtab, der ſchon alle ſeine Einreden wnr⸗ et geſehen/ ergab ſich endlich, durch dieſe Wen⸗ dung geruͤhrt, dem ſchon Züfaßten Entſchluſſe des Ohelms; dä wurde plötzlich ihr Geſpräch durch das laute Prnfahten eines Schlitten in den Hof, geſtört.— Guſtav ſprang ſogleich zum Fenſter, aber die Dunkelheit ließ ihn keinen Ge⸗ genſtand erkennen, uns zur Verwunderung aller Drei wurde gleich unten alles wieder ruhig; kein Bedienter erſchien, um itgend einen Reiſenden anzumelden. Der herbeigerufene Diener vet⸗ ſicherté, daß ſie alle daſſelbe Geräuſch gehört, aber herausgeſprungen, hätten ſie alles ruhig, und keinen Fremden erblickt. Mit einem Munde, riefen ſie alle Drei, nachdem ſie bedeutende Blicke gewechſelt:„Der General!“ Dieſer Gedanke erregte bei allen eine unangenehme Empfindungs keinem aber ſiel es ein, eben ſo wenig wie dem Grafen, einen fluchtenden Feind abweiſen zu wol⸗ len oder zu können. Sie überlegten, wo er, in dem Falle ſeiner wirklichen Erſcheinung, einlogirt werden könnte, und der Graf hatte kaum irgend ein Zimmer im Hauptflügel als paſſend bezeich⸗ net, und Hedwiga in dieſer Ruͤckſicht Befehle ertheilt, als das früher gehorte Geräuſch ſich wie⸗ derholte, und ein ziemlich— S wirk⸗ lich erſchien. b Alle Drei, im gewilſn PVorgefuͤhle, wem e e begegnen würden, traten zu dem Vorplatze hinab. — Es waren wirklich der General und Ulla, beide in grobe unſcheinbare Maͤntel und Kleider gehullt; aber das erſte Wort des Generals ſchien im Widerſpruche mit der verſuchten Erklaͤrung des Oheim's von dergleichen ſonderbaren Vorerſchei⸗ nungen zu ſtehen; denn ſobald er Tochter, Schwie⸗ gerſohn und Schwager erblickte und erkannte, trat er unwillkuhrlich zuruͤck und ſagte dumpf: „Was iſt das? wo hat man mich hingeführt, Gräfin Ulla!“ wandte er ſich finſter zu ſeiner Begleiterin,„das war nicht die Abrede, als ich Ihnen folgte! ttn 3 ulla ſchwieg, ſenkte die Augen zum Boden, und lehnte ſich krampfhaft zuruͤck gegen die Trep⸗ penſaͤule. Hedwiga allein hatte bemerkt, daß die Couſine bei ihrem Anblicke erblaßt, mit einem Zuk⸗ ken in ſich zuſammengeſunken war. Der Klang von Ulla's Namen aber ſchien noch großeren Ein⸗ druck auf den Grafen zu machen; er hatte ſie, wie wir wiſſen, nie früher geſehen, nie ſehen wollenz und ſo hinreißend war ſie noch in ihrem Erblei⸗ chen, in dem ein ſchneidendes Weh ſichtbar ihre Bruſt durchfuhr, daß er, vielleicht auch von einer erſchütternden Erinnerung ergriffen, das Auge ſtarr und lange auf ſie heftete, ehe er es wiedet weg⸗ zuziehen vermochte⸗ Hedwiga aber beeilte ſich dem Vater zu erwie⸗ dern.„Sie ſind ja bei ihrer Tochter und folglich zu Hauſe, mein Vater! Wo koͤnnten ſie willkomm⸗ ner ſeyn!“ Da wendete der Graf mit einem ſchweren Stufzer, wie mit Muͤhe, ſein Auge von Ulla auf den General hin, und ſagte leiſe:„Clas Ruppin, „ — 59— laß Dich nicht von mir ſtören; ich bin ja nur Gaſt in dem Hauſe, wo Du als Vater er⸗ ſcheinſt.— Komm, tritt naͤher!“ Der General ſtieg ſchweigend die Stufen hin⸗ auf, und da noch nicht alles zu ſeiner Ankunft be⸗ reit war, wurde ihm die Wohnſtube geoffnet⸗ Ulla, an der weit groͤßere Ermattung ſichtbar war, ließ ſich ſogleich von Hedwiga auf ihr eignes Zim⸗ mer fuͤhren, wo dieſe beklommen, jedoch freundlich und theilnehmend mit ſchweſterlicher Sorge fur ihre Bequemlichkeit bedacht war.„Jetzt,“ ſagte ſie heiſe, indem ſie die Treppe hinaufſtiegen, zu Guſtav, der immer perſtimmter folgte, ohne noch ein Wort geſprochen zu haben,„jetzt müſſen wir uns ja in die Geſchaͤfte theilen. Bringen Sie Ruhe und Gleichgewicht unter unſ're Alten.“ Guſtav folgte den Beiden nach, und wirklich ſchien ſeine Gegenwart hochſt nothig zu ſeyn; denn der Graf war plötzlich wortkarg und wie fremd in dem eignen Hauſe geworden, und ging ſchweigend, in tiefen Gedanken, im Zimmer auf und nieder; mitunter ſtand er ſtill, und betrachtete den General ernſt und durchdringend, der dies entweder nicht bemerkte, oder nicht bemerken wollte, lehnte ſich auf den Ruͤcken eines der dort n Stuͤhle, und ſtarrte in die Flammen. 3 Guſtav ſorgte indeſſen fuͤr die Vequtmiichttit des Generals, der, ohne ſich zu erheitern oder ge⸗ ſprächiger zu werden, ſich doch bemuͤhete, einen ge⸗ wiſſen humoriſtiſchen Gleichmuth in ſeine Zuͤge hineinzuzwingen, und genoß mit ſcheinbar gutem Appetite von allem dem, was vor ihn hingeſtellt war. Guſfav hatte einen völlig beſetzten, kleinen Tiſch hinaufbringen laſſen, da es doch nicht weit von der gewöhnlichen Speiſeſtunde war. Der Graf, den er einlud, verneinte mit einem ſanften Kopfſchutteln, ſich zu Tiſche ſetzen zu wollen, und ſo gab Guſtav, dem General gegenuͤber, einen ſehr unthaͤtigen, und nicht weniger ungeſprächigen Zu⸗ ſchauer ab, denn der Schwiegervater erwiederte ſeine ſehr alltäglichen Bemerkungen kurz und' dü⸗ ſter, wäͤhrend er mit ſteigendem Gleichmuthe ſich Eſſen und Wein ſchmecken ließ⸗ 6 Endlich ſchob er den Stuhl zuruͤck, ſand auf⸗ ließ ſich in behaglicher Bequemlichkeit an dem Kamine nieder, dem Grafen gegenuber, der ſchon lange vorher ſich in tiefem Sinnen vor das Feuer hingeſetzt hatte⸗ Die Frauen ließen ſich immer — 61— nicht ſehen; und da der General die Frage: ob er ſich zur Ruhe zu begeben wuͤnſche, ein kurzes „Noch nicht“ entgegengeſetzt hatte, glaubte Guſtav. ſein Geſchaͤft vollendet; er mußte die volle, be⸗ wegte Bruſt leichter machen. Zu ſeinen vorigen düſtern Vorſtellungen geſellten ſich noch die, welche der Anblick des grauen Fluͤchtlings, der, eben ſo wenig wie er, das juͤngſt Geſchehene mit einem Worte berührt, und die peinliche Nähe ulla's, bei ihm erregen mußten.— Sie, die gewiß nur ein Opfer der Ränke des Vormund's, ihm grö⸗ ßeres Mitleid, als früher, einflößte, die er noch nicht ſeit jenem Mißverſtändniſſe, das Beide faſt feindlich einander gegenüber geſtellt, geſprochen hatte, mußte ihm hier in Hedwiga's heiliger Ge⸗ genwart begegnen, deren Scharfblick er nun erſt fuͤrchtete, da er, ohne beide theure Weſen zu ver⸗ letzen, nicht ſo aufrichtig, wie immer früher, ge⸗ gen ſie ſeyn konnte. Die Luft des Zimmers wurde ihm beengend und ſchwer. Er vergaß ſeine Heiſerkeit, ſein körperliches Uebelbeſinden uber das großere ſeiner Seele; raſch eilte er aus dem Zim⸗ mer, aus dem Hauſe, aus dem Hofe, und trieb ſich, wie in einem zueet/„in verwirrenden, un⸗ muthigen Gedanken um das Schloß herum. So begab es ſich, daß ein freundliches Zim⸗ mer, ein vertrauliches Kaminfeuer und zwei, kaum drei Ellen von einander entfernte Stühle, zwei Feinde einander gegenuͤber ſtellen mußten, die nicht allein die verſchiedenſten Charaktere, ſondern wilde Ausbrüche gehäſſiger Leidenſchaften getrennt, und in mehr als zwanzig Jahren entfernt von einander gehalten hatten.— Ihre Zuͤge waren ſtumpfer, ihr Haar grau geworden; doch ſchien das lange verhaltene Feuer ihres gegenſeitigen Haſſes und Mißtrauens in den brennenden Strah⸗ len, die ſich mitunter ruhig und feſt begegneten, zu Flammen auflodern zu wollen, waͤhrend ihre Korper unbeweglich, wie zwei Bildſaͤulen, in ei⸗ ner nachlaͤſſigen Haltung, den tiefſten Frieden ausdruckten. Keiner hatte noch den Mund ge⸗ offnet, ſelbſt die Blicke ſchienen ſich zu ſcheuen, die aus der Seele hervorblitzenden S dar⸗ auf leſen zu laſſen⸗ Endlich erhob Graf Banner, mit einer Bewegung, ſein Haupt, und heftete herausfor⸗ dernd die großen, von Natur milden Blicke, ernſt — 63— und faſt wehmuͤthig auf den General, deſſen kleine, blinzelnde, halbgeſchloſſene Augen funkelnde Dolchſpitzen herausſandten, um jede Bewegung des Grafen, jeden Ausdruck ſeiner Züge lauernd und begierig zu durchbohren. Ein faſt unmerk⸗ liches, ſelbſtzufriedenes Laͤcheln zuckte indeſſen um ſeine Lippen, waͤhrend er, wie ſpielend, die Fin⸗ ger der rechten Hand, welche uͤber die Stuhllehne herabhing, heftig und ſchnell gegen einander rieb, eine innere ungeduldige Thätigkeit verrathend, die ſeine Gedanken ganz von ſeiner bedroheten Lage abgewandt zu haben ſchien. „Clas Ruppin!“ begann der Graf einem unterdrückten Seufzer und zitternder Stimme, die doch immer feſter wurde.„Wir ſind Beide alt gewordenz tauſend und tauſend Herzen ſind geboren, haben ſich zuſammen gefteuet, gelitten, vertragen, und ſind wieder ſtill geworden in dem Swiſchenraume von Jahren, in denen wir uns nicht geſehen. Muß auch unſer gegenſeitiger An⸗ blick uns lebhaft in die Vergangenheit verſetzen, ſo laß die Erinnerung uͤber die ungluckſelige Zeit unſrer Trennung hinaus, zu der noch aͤlteren zu⸗ rückgehen, da wir mit friedlichen Herzen uns, ſo wie jetzt, gegenuͤber ſaßen. Was dazwiſchen liegt, wie entſetzlich es auch ſey— ich will es vergeſſen haben.“ „Ich verlange nimmer, was ich zu nichts Prauchen kann;“ erwiederte der General gleich⸗ müthig, doch mit zuckenden Lippen,„auch um das, was ich brauche, mag ich nicht alle Mal bitten.— Daß ich hier bin— glaub' es mir, Magnus Banner! es iſt ohne mein Wiſſen, und ſehr gegen meinen Willen geſchehen. Selbſt die Flucht war mir nicht lieb! Da mir die Gefahr ihr nacktes Angeſicht zeigte, ſchauete ich ihr in's Auge wie ein Mann, und ich ſäße nicht hier Dir gegenuͤber, wenn die Graͤfin Ulla, die gleiche Gefahr mit mir läuft, mir nicht das ruhebrin⸗ gende Pulver aus der Hand geriſſen, nachdem Sie mir es möglich gemacht, mich mit ihr zu einer alten Verwandten in dieſen Gegenden be⸗ geben zu koͤnnen, von dem wir weiter zu ent⸗ kommen hofften, ehe man uns auf die Spur räme. Sie hat mich getäuſcht— ich weiß nicht warum, und mich hieher gefuͤhrt. Es ſteht in Deiner Gewalt uns zu verrathen!“ u ℳ — 65— „Da ſey Gott vor!“ rief der Graf mit Ei⸗ fer,„ich habe nie irgend Jemand verrathen, und würde es um ſo weniger im Alter thun. Auch habe ich aufgehoͤrt Dein Feind zu ſeyn, obgleich ich keinen Augenblick vergeſſen habe, daß wir nimmer Freunde werden können. Ich hätte nie eine Unterredung mit Dir geſucht, da aber eine höhere Leitung uns hier ſo ganz unerwartet zu⸗ ſammen bingt, ſo iſt es ja doch immer mög⸗ lich, daß ſie— ſo wie Dich die Jahre der ewi⸗ gen Wahrheit immer näher führen— auch Deine Bruſt der iidiſchen zugänglich gemacht habe. Wenn alſo ein menſchliches Gefühl, ein Gefühl der Milde, der ewigen Hoffnung in ihr ſich rührt, ſo gieb der Wehrheit die Ehre, in deren Namen ich frage? iſt Ulla meine Tochtet? Der General ſah ihn lange nachdenklich an, dann ſagte et:„Run) Du haſt ſie ja nicht anerkennen wollen, als der König, da Du plotzlich, wie ein Dieb in der Nacht, vor vier Jahren im Vater⸗ lande erſchienſt, Dir den Antrag machte. Obgleich ich, vermöge Kiiner Pflicht als Vormund, das Kind als einen Sprößling! derjenigen erzog, deren Namen der Taufſchein nennt, iſt es mir auch nicht W. 15 . — 66— unbekannt geblieben, daß ein wohlverkappter Un⸗ pekannter, ſowohl vor, als nach der Geburt des Kindes, mit Deiner Frau in jener zuſam⸗ men gekommen“ venEin unbekannter!“ uf der Guf heftig, „und wer war wohl Nie Unbekannte anders, als Du! 17 Alseder König!“ ſu der Genn ihm gaſch und mit Nachdruck in's Wort, während er ihm feſt in*3 Auge ſah.„Sey es wer es will, ich halte ulla für die Tochter dieſes Mannes⸗“ 2 n „Des Konigs Tochter iſt ſie nicht!“ entgeg⸗ nete der Graf mit beſtimmten Tone⸗ „Haͤtte ſonſt,“ fuhr der General mit uner⸗ ſyttnicher Ruhe fort,„ſein Nachfolger ihr die Hand ſeines Günſtlings beſtimmt, und dieſen mit den Guͤtern belehnt, die Deinetwegen/ und um ſei⸗ ner geheimen Pläne Willen„dem Vater geraubt waren, wenn er nicht auf ſolche Art am bequem⸗ ſten fur die in's Geheim. anerkannte Tochter ſeines Vaters zu ſorgen gedacht.— Graf Guſtav verlor ſeine Gunſt, weil er nicht in die Schlinge blind hineintappte, und Du mußt im Verborgnen le⸗ ben, weil Du die nicht anerkennen wollteſt, der man Deinen Namen beigelegt.“ „Clas! Du weißt beſſer, daß es ſich ſo nicht verhält,“ verſetzte der Graf, ſeine aufſteigende Heftigkeit bekäͤmpfend.„Dieſe Verborgenheit iſt ja meine eigne Wahl.— Als ich vor vier Jah⸗ ren, nachdem ich ſchon fruͤher im Auslande, wo ich mit dem Könige zuſammen getroffen, Erlaub⸗ niß zur Ruͤckkehr erhalten, als ich in der Reſidenz, von allen andern ungekannt, vor ihn trat, als ich in den Zweifeln meines Herzens mich jener Anerkennung weigern mußte, zeigte er, in der Meinung, dieſe Zweifel zu zernichten, mir ein Blatt, das er in dem Nachlaſſe des Vaters und von ſeiner Hand gefunden.— In dieſem Blatte erklaͤrte derſelbe, daß es ihm, kurz nach meiner Ver⸗ bannung, und zwar durch ſeine Gemahlin, zu Oh⸗ ren gekommen ſey, daß ein im Dunkeln ſchlei⸗ chendes Geruͤcht, ihn eines ſchlau verſteckten Lie⸗ beshandels mit der heimlich vermaͤhlten Gräfin Banner beſchuldigte; dadurch aufmerkſam gemacht, wäre es ihm in ſeiner Schuldloſigkeit zuerſt eingefal⸗ len, die ſcheinbare Schuld des Grafen Banner naͤher zu pruͤfen; auch waͤre es ihm gelungen, Räͤnken 5 — 68— auf die Spur zu kommen, deren Zweck geweſen, den Verbannten durch Eiferſucht zu einem Anſchlage auf ſein Leben zu reizen. Er, der Konig, haͤtte zwar milde geſtraft, doch fühle er in ſeinem Ge⸗ wiſſen Reue über ein Urtheil, das die Unterſu⸗ chungen eines Mannes, in dem er ſpäter den un⸗ verſohnlichſten Feind der Grafen Banner und Silfverkron kennen gelernt, ganz allein veranlaßt hätten. Er trug dem Sohne auf, heimlich, aber doch ſo veichlich als möglich, für die Nachkommen deter zu ſorgen, die durch ſeine Verblendung zu hart beſtraft worden waren. Sieh, darum iſt die Nachſicht und Milde des juͤngſt verſtorbenen Koͤnigs mir eben ſo klar, wie ſein Unwille auch Dir es jetzt werden muß; darum erhieltſt—“ ſein Blick ruhete mit durchbohrendem Feuer auf dem General; doch hielt er plötzlich inne, und ſagte mit gedaͤmpfter Stimme:„darum erhielt der Sohn, was man, um kein Aufſehen, die großte Sunde bei einem Hofe, zu erregen, nicht dem in ſeiner Beſchränktheit zufriedenen Vater zu⸗ geſtehen wollte.— ulla iſt die Tochter des Ko⸗ nigs nicht.“ — 69— „Wenn der Konig ſo geſchrieben hat, ſo bringſt Du mir eine willkommne Nachricht, Magnus!“ nahm der General, dem dieſe ſtille Rechtfertigung ſeines Feindes bitter durch die Seele gegangen war, finſter das Wort,„denn ſo weiß ich doch, daß ich eine Tochter habe, die mich liebt, die mich dem Tode und der Gefahr entzogen, während meine rechtmäßigen Kinder—“ „Deine Tochter?“ fiel der Graf heftig ein, „Deine— ja wohl Deine!“ fuͤgte er mit einem ſchweren Seufzer hinzu.„Doch Du ſagteſt ja ſo eben, Du ſelbſt hätteſt ſie fuͤr die Tochter des Königs gehalten— täuſche mich nicht Elas — Du ſchweigſt, Du wendeſt Deine Augen hin⸗ weg— Sieh in die meinigen. Die Zeit hat ihre Flammen getödtet, und etwas Beſſeres als Haß und Leidenſchaften in meiner Bruſt erregt. Clas Ruppin! ſchweigt noch nicht Dein Haß? muͤſſen dieſe bleichen, veralteten, verloſchenen Zuge ihn nicht ſaͤttigen, wenn er es noch nicht iſt?— Dein Opfer— denn Du weißt recht gut, daß ich in der blinden Wuth der Eiferſucht nur Dir mit dem Schwerte nacheilte, und nicht an den Konig dachte— Das Opfer Deiner Rache — mußte ich das Vaterland verlaſſen, aber ihre Schlangen zerfleiſchten noch in Amerika meine Bruſt; mit jedem frohen, leichten Athemzuge ha⸗ ben ſie auch den Leichtſinn in derſelben ausge⸗ jätet.— Thätigkeit, Schickſale, gute und böſe Menſchen, Wiſſenſchaften und ſelbſt der Himmel nahmen das verſtoßene Leben in Anſpruch.— Es wurde erhalten, aber die friſche Freude und Froͤh⸗ lichkeit des Lebens kehrten nie zurück. Beſſer, aber nicht gluͤcklicher kam ich hieher.“ „Warum haſt Du auch das gethan? und ſogar mit einer zweiten Frau,“ entgegnete der General hämiſch,„einer Amerikanerin, nicht wahr?— Wo iſt ſie denn? Ich denke mir, wenn Deine ſtolzen Eltern noch gelebt, wenn ſie geſehen—“ „Unterbrich mich nicht, Clas,“ fuhr der Graf fort.„Dieſe Stunde kommt vielleicht nicht wieder— ich kam hieher, ſtill und entſagend, ohne irdiſche Hoffnungen, ohne Anſpruche aus der Vergangenheit, deren Wunden Jahre und Gott allmählich ſo eng zuſammengezogen hatten, daß ich ſie geheilt wähnte, bis—“ fuͤgte er langſam hinzu, während er, wie betäubt, die Augen mit beiden Händen bedeckte,„bis vor we⸗ nigen Augenblicken, da ein Strahl aus jener Zeit auf's Neue Zweifel und Unſicherheit in mei⸗ ner Bruſt erregt, brennende Thränen aus meinen Augen preßt, meine Stimme bebend macht, indem ich mit Dir ſpreche, und aus meinen noch übrigen Tagen, von jetzt an, einen langen Schmerz zu machen droht.“ „Es geht mir nicht beſſer, Schwager!“ ſezn der General mit einem hämiſch lächelnden Blicke, der dem Gleichmuthe auf ſeinen Lippen wider⸗ ſprach.„Ich fuͤhle auch noch Schmetzen, Schmetzen von Peitſchenhieben. Der Balſäm, ni aus Deinen Augen getröpfelt, hat ſie zwar vermindert— ich will es nicht leugnen— und er thut es noch!“ figte er mit— drucke hinzu. „Ich glaube es Dir,“ verſetzte der gnn, den plötzlich auflodernden Blick betroffen auf den ſeinigen heftend,„und weiß es dieſem redlichen Geſtändniſſe Dank, daß Du mir die weitere Bitte erſpäreſt, die einzige, die ich ſelbſt dem bit⸗ terſten Feinde thun kann, weil die bitterſte Feind⸗ ſchaft in der Bruſt eines Mannes mit der Gewaͤhrung beſtehen kannz denn eben, weil Haß und Lüge noch ungrſchwaͤcht in Deiner Bruſt wohnen, haſt Du, oder ein Höherer und Ge⸗ rechterer als Du, die Wahrheit, die nie aus Deinem Munde geſprochen, mir durch Dich kund gegeben. Jetzt weiß ich daß Ulla meine 5h ter iſt.“ Der General—.— und viß die gy⸗ pen zuſammen, waͤhrend er tonlos fragter„Das iſt Dir durch mich kund gegeben?“. „Ja!“ fuhr der Graf mit feſtem, durchdrin⸗ genden Blicke fort;„und noch mehr durch Ulla ſelbſt, durch ihren Anblick, deſſen ſich mein hart⸗ naͤckiger Sinn immer geweigert hat. Zwar ſieht ſie nicht mir, nicht auffallend der Mutter aͤhn⸗ lich, aber ſie hat ihren ruͤhrenden Blick, den Blick, den ich nicht hätte ſchuldig glauben kon⸗ nen, haͤtteſt Du mich nicht gewaltſam und klug ſeiner ſiegenden Würde entzogen.— Haͤtte ich Ulla früher geſehen, hätte ich auch fruͤher an der Schuld ihrer Mutter gezweifelt; aber,“ fuhr er bewegt, den Blick langſam gegen den Himmel richtend, fort,„es war ein höherer Wille, da⸗ „ mit uͤherzeugende Sen mir auch nicht fehlen hlunn Der General war düſter, it Armen war er jeder Be⸗ wegung des Grafen mit lauernden Blicken ge⸗ folgt. „Beweiſe!“ nicdecholte er hämiſcht i feſt, „O ja! die haſt Du— wuͤrde ich denn, wenn ſie Deine Tochter waͤre, jetzt wie ein armer Suͤn⸗ der vor Dir ſtehen? wurde es mir dann einge⸗ fallen ſeyn, die Krone meines Vaterlandes auf ihr Haupt zu ſetzen? wuͤrde ich dann ſie, Deine Jochter, zu der Zierde und dem Stolze ihrer Zeit gebildet haben?— Glaubſt Du mir nicht, ſo frage Graf Guſtav, der thoricht ihre Hand ausgeſchlagen, und doch gewiß zu ſpaͤt eingeſehen, wohin ſie ihn und ſeinen Freund, wenn nicht beide uͤberſpannte Schwärmer geweſen, tiu ih⸗ ren koͤnnen.— Frage!“ Der Guf ſtutzte.„Das wollteſt Du?“ ſagte er entſetzt,„Du we es noch wh⸗ ſprechen!“ „Beweißt denn nicht i er⸗ wiederte der Graf ſchlau, während er ſich ruhig wieder auf den Stuhl nieberließ,„daß es uns doch nichts nützen würde, es läugnen zu wollen.“ Nein! Nein!“ rief der Graf auf ein Mal mit durchdringendem Blicke, nachdem et eine Minute in tiefen Sinnen, ſo wie der General im lauernden Stillſchweigen verbracht hatte. „Nein! warum mußte denn, wenn immer ein ſo freundliches Verhältniß zwiſchen Euch geherrſcht, ulla, um ihte Mutter in Rom zu ſehen, Zu⸗ flucht zur Liſt nehmen, und Du dieſer in der Perſon des Schurken Chriſtian zu begegnen „Schilt ihn nicht!“ rief der General; ℳr war treu wie Gold, und hat bewährt, was Ihr Schwaͤrmer nie eingeſtchen wollet, daß Treue und Gold Eins ſey. Ich weiß recht gut,“ fugte er liſtig hinzu,„daß Du ihn ermordet haſt— nun! welchen Nutzen hat Dir das gebracht?“ „Laß das,“ entgegnete der Graf,„und et⸗ wiedere meine Frage genügend, wenn ich Dir Glauben beimeſſen ſoll.— Warum zwei armen Frauen, die Dir theuer geweſen, einen ſchonen, den ſchoͤnſten Augenblick des Lebens verſagen?“ 1322 „Wie Ihr klugen Leute doch mitunter kur⸗ ſichtig ſeyd,“ lächeltt der General gleichmüthig⸗ „Und das begreifſt Du nicht?— Erſtens, weil ich, um die Tochter ganz füͤr meine Abſichten zu bil⸗ den, der Mutter ſchon früh mitgetheilt, daß ſie geſtorben wäre; zweitens, damit der kuͤnſtlich auf⸗ gefuhrte Bau, den ich auf die ſchwankende Ver⸗ muthung, daß Ulla die Frucht einer königlichen Liebe ſey, ſchlau aufgefüͤhrt, nicht durch ſie ſelbſt, in dem Falle, daß ſie ihre Ueberzeugung als äuſchung erkennen mußte, untergraben werden ſollte.“ „Und geſetzt auch, was ich mermehr glaube. Clas!“ rief der Graf, ihm unter die Augen tretend,„daß Du ſelbſt an jene Vermuthung habeſt glauben konnenz wie konnteſt Du denn, im Vertrauen auf ein Geruͤcht, dem Koͤnige, ſo wie vor kurzem geſchehen iſt, die Ein⸗ willigung zu Ulla's Verbindung mit Deinem Sohne ſelbſt unaufgefordert—— die— ſter mit dem Bruder?“ „Und warum nicht, da ich ſo den innigſten Wunſch meines Strebens uͤber Erwartung be⸗ friedigt ſehe, und dadurch zugleich dem, dem Ko⸗ nige von Dir eingefloßten Verdacht, daß ſie meine Tochter ſey, ſiegend widerlegen konnte⸗ Habe ich Dir, Magnus! je Anlaß gegeben zu glauben, daß ich in irgend einem Pobelwahne be⸗ fangen ſey? oder weißt Du nicht, daß ſelbſt auf dem pärquettirten Fußboden eine kleine, eigene Philoſophie einhergeht, die nicht zur Schau ge⸗ ſtellt wird, wie uͤberhaupt dort der Name Philo⸗ ſophie ein verpontes Wort iſt. Oder denkſt auch Du mir geſetzliche und religidſe Grauel vorhal⸗ ten zu wollen, deren ich durch eine ſolche Hei⸗ rath mich ſchuldig gemacht haben wuͤrde.— Wiſ⸗ ſen denn die geſelligen Verhaͤltniſſe davon, zu deren Aufrechthaltung menſchliche Geſetze ſich ſo gern für göttliche ausgeben wollen.— Beginge ich dadurch, wie ſchwachkoͤpfige und gedankenloſe Nachſchwätzer gern ſprechen, eine Suͤnde gegen die Natur, müßte ja auch dieſe— die nur mit ihrer eigenen Stimme ſpricht— Abſcheu und Ekel in mir erregen;z aber ſie ſchweigt.— Em⸗ port ſie ſich doch nicht, wenn ich zum Beiſpiel Auſtern eſſe; obgleich ein neuer Bedienter, friſch von dem Hochlande herunter gekommen, Geſich⸗ ter dabei ſchneidet, und ubel wird. Spaͤter lernt er ſie auch eſſen Gewohnheiten und Sitte nennt Ihr Ratur.— Mag es auch in der heiligen Schrift verboten ſehnz doch haben ja die Kinder der zwei erſten Eltern, deren ſie erwähnt, ſich heirathen müſſen; da erwiedert nun freilich ein gelehrter Geiſtlicher: Gott hat diesmal det Noth⸗ wendigkeit wegen das Vetbotene erlaubt; aber meine Gelehrtheit ſagt: Es iſt lächerlich, anzu⸗ nehmen, daß Gott ſich in ſolche Nothwendigkeit fuͤgen muß. Er kann ja nie, nach Euren Be⸗ griffen, eine Suͤnde erlauben, folglich kann ſolche Verbindung auch nicht an ſich ein Gräuel ſeyn. Iſt ſie es dennoch, ſagt die Schrift eine Un⸗ wahrheit; aber das Unwahre kann nie heilig ſeyn. Daher folgt, daß dieſer Gräuel, dieſe Suͤnde nur in der Meinung liegt; und die Meinung unterliegt nur der Schwäche.— Ich bin nicht ſchwach, und weiß was ich thue! Ueberhaupt,“ fuͤgte der General, einen ſtechen⸗ den Blick, wie verſtohlen auf ihn werfend, hin⸗ zu,„muß ja meine ſelige Frau, die Du ja noch am Leben getroffen, Dir ſchon alle benommen haben.“ Wohl haſt Du, als ſie Dir eine Tochter gebar, die das Gepräge des Fluchs einer un⸗ glucklichen Ehe zur Schau zu tragen ſchien, ſie mit Schmähungen überhaͤuft und das Kind immer mit ihr, welche Du noch Deine Tochter nennſt, auf eine höhniſche, gottloſe Art, die der armen Frau das Herz brach, verglichen; aber der Geiſt der Lüge war ja immer mächtig in Dir; doch wenn ſie aus ihrem Grabe hervorträte, wenn ich ihr Bild Dir ſichtbar hervormahnen könnte, und in ihrem Namen, die Deine Härte ermordete, Dich aufforderte, die Wahrheit— „Wenn Du die Todten heraufmahnen,“ fiel der General ihm mit einem halben Lachen in's Wort, waͤhrend er die Blicke emporrichtete, und gerade vor ſich hinſah;„wenn Du die Geiſter herunterzwingen konnteſt, Magnus! wollte ich leber eine Frage machen, die mir näher liegt— ich möchte wiſſen, ob wir hier dem Blutgeruͤſte entgangen ſind— verneinen ſie dieſe Frage, dann nimm nur Ulla als Tochter hin, damit Du an ihr den Lohn empfängſt, den Du um mich ver—“ — 79— Er hielt plotzlich inne, denn die ihm gegen⸗ uͤber ſich befindende Thuͤr ſchien ſich zu öffnen, und die bleiche, ernſte Geſtalt ſeiner Frau, zeigte ſich darin, ſo wie er gewohnt war, ſie in ihrem Zimmer zu ſehen, in weißen Nachtkleidern. Sie erhob ängſtlich die Hände, als erſchrecke ſie uͤber die entſetzliche Frage.— Das Wort verſtummte in ſeinem Munde. Todtesbläſſe legte ſich auf ſeine Wangen, und mit gerade vor ſich hinſtar⸗ renden Blicken ſank er in den Stuhl zuruͤck und bedeckte bei einem ſchwachen, unartikulirten Ge⸗ ſchrey die Augen mit ſeinen Händen.— Der Graf, der die entſetzlichen Worte des Ge⸗ nerals mit unwillkührlichem Schaudern gehört, und ſein plötzliches Verſtummen und Zuruͤckſinken angeſtaunt hatte, kehrte die Augen, der vorhergehen⸗ den Richtung der ſeinigen folgend, gegen die Thure 5 ſie war aher geſchloſſen, wie vorher, und da er nichts Befremdendes bemerkte, rief er:„Um Got⸗ tewillen, Schwager, was hat Dich betroffen!“ Der General ſah auf, mit wilden faſt ver⸗ ſtörten Blicken; er richtete den Kopf langſam und ſchwer in die Höhe, ſtemmte beide zitternde Arme auf gegen die Lehne des Stuhls, als bemuͤhete er — 80— ſich vergebens, ſich zu echeben, waͤhrend er die Blicke aͤngſtlich nach allen Seiten herumdrehete. Es war als wollte er ſprechen, abet kein Wort, kein Laut kam uber ſeine Lippen. Doch, alle Kräfte zuſammentaffend, gelang es ihm aufzuſte⸗ hen, und ſich, faſt hinſtutzend, dem wenige Schritte entfernten Tiſche zu nahen; dort, einen underſtändlichen, faſt drohenden Blick auf den Gra⸗ fen werfend, ergriff er ein elfenbeinernes Filet⸗ ſtöckchen, das auf dem Tiſche lag, und ſchrieb hart⸗ druͤckend und zitternd auf das Wachstuch, mit uͤbergroßen, und doch fuſ ben:„Ebba.“ Der Graf hatte tineſti heftig geklingelt. Guſtab, der ſchon länge zurückgekehrt war, aber als er die lauten Stimmen in der Wohnſtube vernommen, unſchluſ ſig im Vorzimmer verweilt hatte, ſtürzte in dem Augenblicke herein, wo der Generäl, deſſen Abſpannung immer ſichtbaret wurde, unwillig, mit der einen Hand ſich auf den Tiſch ſtützend, mit der andern den Grafen zuruckſtieß, der ihm hülfteich genahet.— Er lehnte ſich dagegen willig auf Guſtavs Arm, der ihn faſt mehr trug, als leitete; und ſo gelangten 3 ſie durch den langen Corridor endlich in das fur ihn eingerichtete Simmer. Dem Grafen, der bis an die Schwelle gefolgt war, winkte er, zwar matt, aber doch mit zornigen Gebehrden, zuruͤckzubleiben.— Kaum hereingetreten, warf er die Augen auch hier rings herum, bemuͤhete ſich noch 4 Mu,„ vgtens, zu ſprechen— gen. S und ſnt in dieſem Augenblicke ſo ganz in ſich zuſammen, daß man ihn, nur halb entkleidet, in's Bett bringen mußte; einen heftigen inneren Kampf ſah man nur dem ſchwer⸗ athmenden Buſen an, ohne entſcheiden zu kön⸗ nen, ob er geiſtiger Natur oder körperlich war. Erſt ſpüter beſann ſich der Graf, der lange ein unbemerkter Zuſchauer dieſes greifenden Auf⸗ tritts vlieb, daß hier eine zufällige Rache des Schicals den General vielleicht betroffen hatte. Es war daſſlbe Gaſtzimmer, worinn er einſt durch niedrige Schlauheit die Tochter des Hau⸗ ſes gewonnen. Indeſſen ſchien der General in dieſem ſchlagähnlichen Zuſtande ales zu verſte⸗ hen, und ſlbſt Beifall zuzunicken, als Guſtav den 2 umſthenden erklürte„daß er, volis ſelbſt in⸗ 3— nerlich unwohl, bei dem Kranken bleben wollte — Dieſer griff nach ſeiner Hand, zog ihn auf einen Stuhl bei dem Bette nieder, winkte heftig mit der andern gegen die Thür, und nickte wie⸗ der auf Guſtav's Frage? ob er ällein bei ihm bleiben ſolle, doch alles, ohne die Augen zu er⸗ offnen. Er ſchuͤttelte nür matt den Kopf, wenn ihm Erfriſchungen geboten wurden, und wies ſonſt jeden Beiſtund ab. Auf Guſtav' 5 Geheiß zogen ſich Alle zurück— Er zog die Vorhänge um das Bett dichter zuſammen, und warf ſich in den Lehnſtuhl, wo er lange unbeweglich dem hohlen, ſchweren Athemzuge des Kranken lauſchte. — Er hatte den ſehr etgriffinen Grafen überte⸗ det, ſich zur Ruhe zu begeben, und vor allen den Ftauen, die doch nicht hier helfen könnten, keinen Schrecken einzuflößen. Ein Diener zu F war ſchon nach der nůchſten Stadt zu einem Arzte geſchirkt.— So verbrachte Guſtan allein und düſter eine tödtlich lange Nacht.— Selbſt die Witterung, dieſen Morgen ſo ſchön, war in einen volligen Sturm ubergegangen; der Wind heulte vrtnehmlich durch die langen cw ridor's, und laͤrmte imn Camine, in dem in * — 83— pruſſendes Feuer kniſttte.— Guſtav's Phan⸗ taſie wutde krank wie ſein Kötper.— Es war, als hätte das plotzliche Verſtummen des Kran⸗ ken, laute und unheimliche Stimmen in allen Ecken, vor allen Thüren, üterull in den angren⸗ zenden Zimmern des ſonſt ſo ruhigen Hauſes geweckt; es ſchien, als ware die wilde Jagd mit dem General hineingezogen.— Faſt Alle im Schloſſe hatten dieſe Bemetkung gemacht. Es war dem muthigen jungen Manne nie ſo ſon⸗ derbar zu Muthe geweſen. Eine alte, jetzt erſt ſeit mehrern Jahren aufgez egene Wanduhr, mit ihren lauten, knarrenden immet wiederholten Per⸗ pendikelſchlägen, diente nur dazu, in dem großen wüſten Simmer, worinn eine kleine Nachtlampe nur das Bett ſchwach und nothdurftig erhellte, und die flackernden Flammen aus dem Camine die übrigen Gegenſtände giſpenſterartig entſtellten, ihm die traurige Witktichkeit mit ihrer ganzen Folge von herzzerreißenden Vörſtellungen und Ge⸗ danken recht gegenwärtig iu machen. Nach eini⸗ gen Stunden verſank er in einen unruhigen, von düſtern Flterthantaſun verwirrten Schlummer, von denen e ſich doch, als et Plötzich von dein 6* durch ein Verſchen mit aufgezogenen Wecker der Uhr aufgeſtört wurde, ſich nicht das mindeſte be⸗ wußt war. Die Lampe war im Erliſchen, tin ſchwacher Schimmer des Tages drang durch die vorgezogenen Fenſtervorhaͤnge; doch war noch kein Gtgenſtand im Zimmer deutlich zu erkennen. Er legte das Ohr an den Vorhang des Bettes, um nach dem Achemholen des Kranken zu hor⸗ chen.— Er vernahm keinen Laut, auch das Zoſen des Windts, die unuhigen Stimnun de Nacht waren verſtummt, eine vbllige Todtenſtil herſchte im Zinmnzt. Stltſt fühtte ſich emattet, als et aufſchen wollte, daß er kaum dos Fenſtr errichen konnte. Er tiß die Por⸗ ping aufz der wintetiche Pern vtncht n des Sinne ſpirle zt apeltnz donn 9 4 die Vorhänge des Bettes leiſe auseinander⸗ Ein einziger Hinblick belehrte ihn, daß der General verſchieden war. Dieſt Entdeckung gab ihm, wie es ſchien, ſeine körperliche Kraft wieder.— Er ließ ſogleich den Oheim rufen. Dieſer hörte die Nachricht tief geruhrt, aber nicht erſchüttert. i Er geſtand Guſtav„daß er dieſen Ausgang, ob⸗ glich nicht ſo nahe, vorausgeſehen hätte. Nach ſeiner Meinung hatten mehrere, wie von einer hohern Vorſicht geleitete, zuſammengetroffene umſtände, den durch innere Thätigkeit und Spannung ſchon aufgeriebenen Lebenskräften durch eine Erſchuͤtterung, die um ſo heftiger war, als ſie außer dem Bereiche ſeiner Erfahrungen lag, einen Schlagfluß zugezogen; der ſich anfangs nicht deutlich als ein ſolcher gezeigt, weil die eiſerne Cönſtitution des Generals mit ven eh⸗ ten Aufwande von Kraft ſeinen Wirkungen wi⸗ dirſunden hatte; daher, nachdem be⸗ 35 ver iietneei um ſo ſchneller wil wi 1 df z 1 1 7 /½ 7„ hu M zu 1 nſ 6 Innn Hnig ſowohl, als die Couſins hatten eine peinliche Nacht durchwacht.— Dieſe, in ſofern es zu unſter Kunde gekommen iſt, hatte vielleicht geahnt, aber ſchlechterdings nicht gewußt⸗ daß etwas Entſcheidendes auf jenem Maskenballe vor⸗ fallen wuͤrde.— Ihre Abſicht, den Ball zu be⸗ ſuchen, ſtimmte faſt ganz mit Guſtav's überein. Sie konnte nicht länger den General mit leeren Ver⸗ ſprechungen hinhalten; er drängte ſie, und ihr Unmuth vermehrte ſich, ſo wie der Muth, den ihre eignen Phantaſiebilder ihr eingeflößt, all⸗ maͤhlig kleiner wurde. Faſt vor ſich ſelbſt errö⸗ thend, aus gekränktem Stolze, daß ſie zu ſolchen Mitteln ihre Zuflucht nehmen muͤſſe, log ſie ſich krank, damit Guſtav ihr um ſo weniger entgehen pollte.— Und doch warf ſie ſich faſt freude⸗ ð — 87— trunken in den Wagen, als der beſtürzte Axel, auf des Generals Geheiß, ſie ſtatt ſeiner auf den Ball begleiten, und mit ihr bei Guſtav vorfahren mußte.— Sie hatte nur den Auf⸗ trag; beiden Jünglingen mit der ganzen Fuͤlle ihrer ſiegenden Anmuth unter der Verheißung des ſchonſten Lohnes recht einzuſchärfen, dem Rufe zu folgen, der an ſie in einem entſcheiden⸗ den Augenblicke ergehen würde.— Sie würden ſelbſt erkennen müſſen, hatte ſie ihnen zu ſagen, daß Ehre, eigne Sicherheit, Ruhm, ja das Va⸗ terland ſelbſt und ſine Rettung ſie in dem Au⸗ genblicke, da jede andre Verpflichtung ſchon ge⸗ loͤſt wäre, ſie zu Thaten beriefen.— Ihre Maske deutete auf die höchſte Wuͤrde. Zwiſchen Hoffnung, Furcht und Freude getheilt, hielt ſie faſt den Athem an, als der Wagen bei Gu⸗ ſtav's Hauſ⸗ vorfuhr.— Die etwas verworrene Antwort des Dieners lähmte auf ein Mal alle ihre Stelenkräfte, die ſchon mit Axel halbangefangene Rolle permochte ſie nicht fortzuſetzen; und doch mußte ſie alles aufbieten, damit ihm nicht ihre veränderte Stimmung auffiel. So kamen ſie auf dem Balle an.— Sie erſchrak heftiger⸗ duchtingender, als ſie n die wlichtet eines ſoichen Erſhrictens ſich vorgeſtellt hatte, als die plötzich entſtandene Vetwirrung in einem ihr entfernten Theile des großen Saals, und tau⸗ ſend entſetzte Zungen ſie belehrten, daß der König verwundet ſey; aber eine faſt mehr als tödtende Vernichtung durchbrang, wie auflbſend, ihr ganzes Weſen, als ſie horte, daß er noch lebte; als ab⸗ ſichtiich verbreitet wurde, daß die Wunde unbe⸗ deutend ſeyz dies ſchien auch um ſo wührſchein⸗ icher, da em wirklich gehend den Saal hatte ver⸗ laſſen können.— Axel, ſelbſt entſetzt und ver⸗ wirrt, mußte ſie ſogleich zu Hauſe begleiten.— Bier i in der Einſankeit fühlte ſie noch Ftinlichet, wie ſehr alle ihre Pläne giſcheitet waren. Eine ungeheure Angſt ergriff ſie, die nur ein Gedanke willdern konnte, er daß nur wenige ihten An⸗ theil haͤtten ahnen konnen, und daß ſelvſt Gu⸗ ſtav nur ſolche Votſtellungen von ihrer Lage bei⸗ gebtacht werden köͤnnten, wodurch ſie mehr un⸗ Zlücklich, als eigentlich ſchuldig, erſcheinen muſſt. Sie konnte ja auch mit Wahrheit ſagen, denken und fühlen, daß ſie von dieſer Ermotdung nichts gewußt.— Indeſſen ahnte ſi ſie die Gefahr — des Genttuls nur zu gut, und fühlte zugleich, daß ihr Benehmen gegen ihn, ihr allein Guſtav's und ſeiner Angehörigen Achtung erhalten könnte; dahet war ſie auch, noch früher als geheime Nachtichten von der bevorſtehenden Vithaftung ihres Vor⸗ munds ihr mitgetheilt wurden, mit ihrer raſchen Entſchloſſenheit auf Beider Rettung bedacht ge⸗ weſen.— Guſtav's Abweſenheit war ſogleich be⸗ kannt geworden. Sie ahnete, daß er auf Woörkna ſey; wenigſtens zweifelte ſie nicht, daß Hedwi⸗ ga's Tod— den ſie zu ahnen glaubte, ob⸗ Zlich ſie von einen beſtimmten Gedanken daran, wie ſie ſich ſelbſt vorlog, mit Furcht und Ab⸗ ſheu ſich abwandte— ihn dahin bringen muͤſſez nut dort konnte ſie eiwutten ihn zu treffen, ohne veſimnt ihn ſuchen zu müſſen. Sie wußte, mit welcher Bitterkeit der General immer dieſes Schloſſes gedachte.— Wir haben ſchon aus ſinem Munde gehort, wie nahe er daran war, ihren Pun zu vereiteln. Aber es gelang ihr, ihm ſein ſeit Jahren heimlich aufbewahrtes Heil⸗ mittel, wie er es nannte, während ſie ihm ihren Wuth einzuſprechen wußte, zu entreißen; und war ſo wohl angelegt, daß dieſer ₰— Mann, der bei weitem nicht den Muth in ſich fühlte, den er, in der Verſtellung geuͤbt, aͤußer⸗ lich zu zeigen wußte, ſo wie wir geſehen, in die Schlinge ging.— Sehnſucht und Angſt klepften ihnnich in in ihrem Herzen, als der Schlitten endlich in dem Hofe des Schloſſes ſtill hielt. Als ſie aber Hedwiga an Guſtav's Seite erblickte, war es ihr, als muſſe ſie in die Erde verſinken. Wirk⸗ lich zum erſten Mal ohne Faſſung, trat ſie, auf die verhaßte Couſine geſtutzt, in ihr Simmer. Obgleich nun Hedwiga zu edel dachte, um einem ſchrecklichen Verdachte Raum zu geben, ſo war ſie ſich es doch klar bewußt, daß ſie nur einen Feind beſäße, und ulla's plötzliches Erbleichen bei ihrem Anblicke gab ibr ein Licht, das ſie mit Grauen und Widerwillen fült, wie wenig auch ihr Verſtand es begreifen und ihr Herz daran glauben konnte⸗ Doch kaum ver⸗ nahm ſie, wie unſicher und zitternd una an ihnr Seite ſich fortbewegte— kaum mußte ſie aus du Aeußerung des Generals ſchließen, daß er ihr ſeine glückliche Flucht zu verdanken hatte, a ſich Dankbarkeit und NRitleid in ihrem dejn — 2— regten, und offenbar mit dem Schauder kämpf⸗ ten, der ſie an Ulla's Seite durchbebte. Das Streben dieſen zu beſchwichtigen, gab ihrem Be⸗ nehmen einen Anflug von Freundlichkeit, die ſie ſonſt ſchwerlich haͤtte aͤußern können, und der if die Faſſung wiedergab, welche ſchon froh war General in dem erſten Augenblicke ſo wehlftil entſchlüͤpft zu ſeyn, Noch unſicher uber ihr zu waͤhlendes Benehmen, gab ſie eine weit groͤßere Muͤdigkeit vor, als ſie wirklich fühltez und als die beſtürzte Hedwiga, der dieſer Beſuch ganz unerwartet gekommmen, in ihrer Gegenwart Befehl ertheilte, ein Simmer, nahe bei dem des General's, ſchnell in wohnlichen Stand zu brin⸗ gen, fiel ihr Ulla ängſtlich um den Hals, Pat⸗ beſchwor die Couſine, ſie nicht von ihr zu tren⸗ nen, ſondern zu erlauben, das ſie dieſe Nacht in ihrem Zimmer, auf ihrem Sopha verbrächte, und ſchlug es gänzlich aus, ſich den uͤbrigen Abend in die Geſellſchaft der Herren zu begeben⸗ Ihre Aengſtlichkeit war nicht ganz geheuchelt; die Nachbarſchaft des Gentrals und das große fremde Gebaͤude hatten für ſie, die gewohnt war in einer zehlrichen Umgebung ſich zu hewegen, nicht wenig eiſchtientes; auch wünſchte ſi ri zu eifah⸗ ren, wie viel Senene wußte, und wie er darüb dachte. Natürlich konnte Hedwiga ſie nicht vertaſſen, und auch ihr mußte es ja, des Vaters und des Biüders we⸗ gen, angelegen ſeyn, ulla's näheren Bericht zu vernehmen; dieſer abet kam ihr ſo künſtlich und abgemtſſen vor, daß er ihre Angſt vermehttẽ ſtatt ſie zu beruhigen. Hidwiga's Zimmer wurde ulla eingeräumt, aber ſie ſelbſt durfte auch nicht das Zimmer verlaſſen.— Sie legten ſich freilich t⸗ was ſpät nieder, aber ganz gegen Frautnatt und Sitte, hotte das Geſpräch bald auf. Der Schlaf ſlöh Beide, doch ſuchte jede die andere dutch einen verſtellten Schlummer zu täuſchen, um ſich hochſt verſchiedenen, nur in ihrer Bittirkeit ſich ähnlichen Vorſtellungen zu uibetlaffen. Dir Oheim hatte, ſobald er die Tobesnuch⸗ richt echielt, befohlen„daß man die Frauen we⸗ der ſtören, noch das Votgefallene anzeigen vurft. Allein ſie waten kaum aufgeſtanden, als er ſich, zu Beider Erſtaunen„anmelden ließ.— Mit Schonung allerdings, doch ohne vitle Wotie zu machen, wähtend ſein Angt, und in ihm ſein⸗ —————— £ Sele faſt unverwandt auf Ulla ruhete, theilte er ihnen den plötzlichen Todesfall mit. Sie ſchwiegen Beide, eigentlich mehr beſturzt als ſchmerzlich ergriffen. 3 „Er war mein Vaer,“ ſngte Hewign end⸗ lch wehmüthig, führe mich zu ſeiner Leiche!— Willſt Du mit?“ fragte ſie Ulla freundlich. Ulla ſchůttelte heftig mit dem Kopfe, uß ihr Tuch, hielt es vor die Augen und wandte ſich ſtill zum Fenſter. Ob ſie wohl weinte?— Fühlen mußte ſie ſo wohl als die Uebrigen, daß der Tod ihn nie gelegener haͤtte abrufen können. Hedwiga trat, von dem Oheim begleitet, in das Zimmer, wo ſie Guſtay und die Tante, die Letztere in einer befremdenden Erſchüttrung, in ſtiller Betachtung des Todten fand. Auch ſie traten hinzu.— Eꝛ war von allen Seiten eine Scene ſchweigender Perſihrung. Die Liche lag ſo ganz wehrlos da; glle die hämi ſchen, boshaf⸗ ten Zuge, die tiefen Linien, welche Leidenſchaften ſabßſüchtige Anſichten, und beleidigte Selbſiſucht während ihrer Herrſchaft in ſein Antlitz gegraben, ſchienen durch den inneren Kampf der letzten Nacht von der Oberflͤche verſchwunden zu ſeyn; die — d4 eſtatrendt Ruhe hutte die Makel des beweglichen Hedwiga's Rührung verſchönerte ihre Zuge; Wehmuth, aber nicht Zärtüchkeit befeuchtete ihr Auge. Sie warf den naſſen Blick flehend auf den alten Grafen, legte ihte Hand auf die Bruſt des Vaters und ſagte:„Friede! nicht wahr mein „Uns Allen 1 erwiederte er ernſt,„und dem Leben, Deinem Leben reichen Erſatze! Watum zuß Axet in dicſem Augenblick nicht bei uns ſeyn! Warum muß er buͤßen, daß er als guter Sohn kindlich dem um nächſten ſtand, deſſen plotzliche Nacht uns eine fröhliche Morgenröthe verkündet.— Ja, Hedwiga! Friede! Denn,“ rief et mit chobener Stimme, während er ſie mit faſt zitternder Hand in die Arme der Jante fühtte, die mit glänzenden Augen, mit einem faſt brklärten Lächeln, öhne ein Wort ſprichen zu konnen, die Arme gegen ſie ausbreitete und ſie feſt an ihrem Buſen ſchloß—„denn,“ rif er,„der Hinübergang des Vaters giebt Dir die Mutter wieder, und,“ fügte er leiſe, faſt wie be⸗ — 95— tend, nur von dem erſtaunten Guſtav z hinzu,„und mir eine Lochter!“ Hedwiga ſah die Mutter freudig erſchrocken an.„Theute, geliebte Lochter!“ flüſterte endlich Ebba leiſe,„jetzt darf ich Dich ſo nennen— jetzt darf ich meine Kinder erkennen. Der Oheim iſt nicht mein Gemahl, er iſt mein Bruder, und nur ſeiner muthigen Klugheit habe ich das Gluͤck, Dich ſeit Jahren in meiner zu zu verdanken.“ „Begreifſt Du,“ ſagte der Ohein ſanft zu Hedwiga, als dieſe kniend mit ſo freudeſtrahlenden Augen, daß deren Schönheit in dieſem Augen⸗ blicke den matt an den Finſurpfoſen gelehnten Guſtav, deſſen Seele ganz Lheilnahme war, leb⸗ haft durchdrang, den wortloſen Segen der Mutter empfing, deren Knie ſie umfaßt hielt.„Be⸗ greifſt Du nun, watum wir die frühern Ver⸗ hältniſſe meiner Frau nie berührten, und Deine rührenden Anfragen nach der Mutter ſo wenig befriedigen konnten? warum wir uns immer wei⸗ gerten, Dich an den leeren Sarg zu fuͤhren, den die unergründliche Vorſechung, ſo wis es ſcheint, hier in Bereitſchaft gehalten, um den aufzunchmen⸗ deſſen Härte und Schonungsloſig⸗ keit Anlaß gab, daß er gezimmert wurde, den, an deſſen Leiche ich nur die Rache übe, in ihrer Gigenwart das Glück wieder heror zu tufen, das ſein Leben nie geſtatten wollte. Laß mich mit wenigen Worten, Ebba— und ſpäter nie mehr, wenn dieſe irrdiſchen ucperreſ unſern Blickn entzegen ſind, die traurige Perunlaſſung berüh⸗ ren, deren Wirkung mit ſeinen Athemzügen auf⸗ gehört hat. Laß mich Dir nur ſagen, Hedwiga, daß Deine Mutter, wie hart ihre täglichen Lei⸗ den auch waren, ſich doch nur ent ſchloß, ſich von Dir und dem Bruder zu trennen, um Euch viellicht ſo dem Hoſſe zu entziehen, deſſen Opfer ſie gworden, weil ſie mich liebte, da auch den Kindern bevorſtand, weil ſie dieſe nicht erziehen konnte, ſie ſelbſt zu haſſen⸗— Dieſer ih wegen brachte ſie auch das große Opfet, d Hoffnung Euch je wieder in ihrem Leben zu hen, denn der Todte hier, erbittert, daß ſie noch lebend ſeinen Haͤnden zu entſchlüpfen wagte ſchwur, daß ſie nicht, ſo lange er am Leben waͤre, ihre Kinder erblicken ſollte. Als ſie nun gu treuen und zuverläſſigen Quellen erfuhr, daß — 397— 8— Oyfr den Findern nur wenig geholfen, als ſie nun hier in ihrer Einſamkeit Eurtwegen ver⸗ zweifelte, als mit Sthnſucht und Mutterliebe ihre Ohnmacht rang, kam meine Ructehr ihr zu Hüſfe. Sie müßte für todt ghalten werhen, um Euch, umarmen zu können. Erlaß mir di⸗ Heihlung der ſehr einfachen Mittel, wodurch unſer Sweck ereicht wurde.— Axels ahnende Seele erkannte ſis einen Augenblick, die Nebel⸗ wirklichkeit des täglichen Lebens verdunkelte wie⸗ der ſein Auge; aber der Tod giebt ihr nun das Le⸗ ben verſchönert wieder. Bitte Gott, daß er es Euch echalte.“. „So iſt es!“ nahm Etba iht d das Wort. „Meine Abſicht war ſubſt vor Gott ſo rein, daß ich, die ich doch Liſt und Veſtelung haſſe, mir ſelbſt in diefer Bezichung tadellos erſchien; und doch muß ich mir jetzt dieſe Unwahrheit vower⸗ fen, denn ſie iſt der willenloſe Dolch, der mei⸗ nem Gatten das Herz brach.“ „O ihr guten, aber ſchwachen Frauenſeelen!“ ſagte der Oheim gerührt;„war denn Dein un⸗ trnehmen weniger rein, edtr iſt es darum hei⸗ liger gwordtn„weil ſich de Vorſhun drſſen 7 beiente, at ints himmliſchen Stah in f ein Gewiſſen tnf. S„Ihr ſollt es auch wiſſen,“ nihin tie Ba⸗ ronin das Wort, als ſie ſich Ale, nach einem gemeinſamen wſchiedsblic⸗ auf den Todten, in das anſtoßende Simmer begaben.„Ats ich ge⸗ ſin, Eurem Zurden nachgebend, mich auf das Bett geworfen, fiel ich tald, ich glaube vor in⸗ nerer Ermattung, in einen tiefen Schtummet. Verworrene Phantaſicbiter deren ich mich doch kanes einzigen deutlich erinnern kann, ſchwebten mir immer abwechſelnd vor; zuletzt war e mir, als ob Jemand meinen Namen tiefe;— ich er⸗ wachte; die Kerzen brannten düſter.— Ich zog an der Klingel; die Dienerſchaft, die ſonſt in der Bedientenſtube die Glocke vernimmt, erſchien nicht; ich vermuthete, daß ſie anderwärts beſchäftigt ſchn möchte. Auch kam es mir vor, als f ſähe ich Liqh⸗ ter hinter den Fenſteworhöngen in dem iohe Flügel des Schloſſes flackern; ich echob mich, nů⸗ hute mich durch das anſtoßende Zimmet der Wohn⸗ ſtube, und öffnete, da ich Fremde vmuthen mußt, uiſe und weifelnd die Thüre. Aber wie ward mir, als ich mir gegenüber die Geſtalt, die Si n nes Gatten erblickte, der die Augen ſtarr auf mich richtete. Ich erkannte ihn im erſten Augenblicke, wiewohl ſeine Haltung gebuckter, ſein Haar weißer, ſeine Züge mir hinfaͤlliger vorkamenz ſeine Blicke begegneten den meinen. Ein kalter Schauder fuhr durch meine Glieder. Faſt beſin⸗ nungslos 309 ich mich zuruͤck, und 6 mein Zimmer hinein.“ „Wenn Jemand hier eine Schuld tragen 6 nahm der Oheim das Wort,„Fgebüͤhrt ſie mirz denn ich rief Dich wenigſtens in meiner Seele.— Du kamſt— ein himmliſcher Zeuge, vor deſſen Anblick die Lüge ſammt dem Munde berſtummte, um nie mehr Sprache zu erhalten— ich weiß nun⸗ hoffe ich, woran ich bin.— Die Erſcheinung der Gattin,“ fuhr er nach einiger Augenblicke Still⸗ ſchweigen langſam fort,„mußte freilich ihn um ſo mehr ergreifen, als er mit feſtem, gegen alle Einwirkungen einer unſichtbaren Welt gepanzerten Nerven verſehen war, ſelbſt mit allen Raͤnken der Schlauheit vertraut, und daher auch das Aeußerſte alles Außergewöhnlichen als Aberglaube oder Frucht der Intrigue verwarf; und doch hatte ihn, im Widerſpruche mit ſich ſelbſt, die Ueberzeugung, daß 7* — 100— er in dem Ungeſtuͤme ſeines Geiſtes ein Bild oder Zeichen von ſich, ſich ſelbſt unbewußt voraus⸗ ſchicken könnte, mit einer geheimen Furcht er⸗ fuͤllt, in welcher er ſich immer bemuͤhete, jeden Gedanken daran zu verbannen und, wie die Schwe⸗ ſter erzählt, jede Vorſicht beobachtete, damit er nicht ſich ſelbſt ſchen möchtt. Um ſo wahlſchin⸗ licher mußte die Erſcheinung einer Todten, von der ſo eben auf eine ergreifende Art die Rede war, erſchutternd auf ihn wirken, und dazu bei⸗ tragen, ihn ſchnell einem Geſchicke zu entziehen, dem er doch gewiß nicht ruhig entgegen ſah. Rach meiner Anſicht kann, wenn hierbei die Rede von Vorwurf ſeyn ſollte, dieſer nur den treffen⸗ der in die Grube ſiel, die ſeine eignen Thaten gegraben.“ In dieſem Augenblicke nahm ein nahes Ge⸗ trampel von Pferden die Aufmerkſamkeit der Fa⸗ milie in Anſpruch. Guſtav eilte zum Fenſter— ein Trupp Cavallerie, von einem Offizier geführt, war ſchon im Begriff abzuſitzen. Der Graf eilte hinunterz die Frauen, die wohl die Abſicht dieſes befremdenden Beſuchs ahnen mochten, b⸗ müheten ſich vergebens Guſtav fortzudrängen, — 101— und ſeine Einwilligung zu erhalten, ihn zu ver⸗ läugnen. Er beharrete noch ſtandhaft auf ſeinet Weigerung, als der Offizier, von dem Oheim behieitet, hereintrat, der einen flüchtigen/ bekůͤm⸗ merten Blick auf Guſtav warf.„Man iſtz⸗ ſagte er laut zu den Frauen, mit nicht ganz ſiche⸗ rer Stimme,„dem General auf die Spur ge⸗ kommen, und ſucht ihn hier.— Ich habe dem Hetrn Hauptmann ſchon angezeigt, daß ihn die höhere Gerechtigkeit der irdiſchen ſchon entzogen⸗ und bin ihm noch den ſe Treten Sie näher, mein Herr!“ 6 6z Als Beide noch vor dem Bette des Verhl⸗ chenen ſtanden, nahete Guſtav.„Ich bin,“ ſagte er,„der Schwiegerſohn des Verſtorbenen, und bin noch früher als er hier angekommen— ich habe aber vernommen, daß 6 in der Reſi⸗ geſucht worden bin.“ 4 Ich kenne Sie, Graf eirten inndh⸗ der Hauptmann mit beſcheidener Hoͤflichkeit das Wort;„mein Befehl lauter nicht auf Siez auch werde ich mich wohl hüten, unſer Zuſammen⸗ wo es die S eines politiſchen Ereigniſſes gilt, zu deſſen Beurthei⸗ lung immer das Gluͤck die erſte Stimme giebt.“ Er verbeugte ſich ehrerbietig gegen die Frauen, verließ das Zimmer, und wenige Augenblick her⸗ nach ſprengten die Reuter in voller Carriere fort. — Es ſchien, als beſchleunige der Offizier geflie⸗ Fentlich die Abreiſe. Von Ulla war gar nicht die Rede geweſen. 3 Indeſſen hatten die Worte des Oiſties ei⸗ nen neuen ſcharfen Stachel in Guſtav's Buſen gedrückt. Zwar durfte er, ohne vor ſich ſelbſt zu errothen, unter die mit der Lage des Vater⸗ landes zahlreichen Mißvergnuͤgten ſich zählen, und wußte recht wohl, daß unter denjenigen, welche die Urheber jenes Mordes zu ſuchen ver⸗ pflichtet waren, ſich viele befanden, die nur dar⸗ Aber ſeufzten, daß die That nicht beſſer gelungen war; doch ſchmerzte es ihn tief, nicht allein füͤr theilhaft eines Meuchelmordes gehalten zu wer⸗ den, ſondern noch mehr, eben deswegen ſich mit Achtung und Schonung behandelt zu ſehen.— Indem doch eine Rettung aus dieſem Gefühle ſich klar ſeinen Blicken zeigte, verbiß er den augen⸗ blicklichen Schmerz; doch als ahnete Hedwiga, deren Scharfblic ſinn Bewegungen gefolgt, ſine Gtanken, trat ſi fnürich zu ihm tin und ſegte, während ſie tichtt die Hand auf ſinige kegte,„Grf Guſtav! Hielech Ste in in dieſem Augenbiick untbhingige ſehen, is ſi⸗ her, ſ bergeſſen Sie nicht tägli inneren Banden fiſter an unſer Fanile gekaüpſt werden— darm luſſen Sie den Dheim ſwit⸗ ten.“ Diſ Worte, in denen ſich, nach ſeinet Weinung, Hrdwiga“ Gefüht klaret als je aus⸗ ſprach, beruͤhrten ihn wohlthütg.„Jal“ ewie⸗ derte er bewegt,„in dieſen Mauern habe ich e erſt ſit meiner Kindheit imfunben, was es het Angehorige zu haben.“ ulla, die ſich ſchon duich ſile Betrachtun⸗ gen in der Nacht gchötig geſammelt, fühtte ſich durch den Jod des Generals, deſſen Schickſal nicht aih ſondemn deſſen Launen i man⸗ allein beſchwichtigt, ſondern wie ntugeboren. Sie empfand tief, daß der ſchlaue Mann ſie durch⸗ ſchauet habe, ohne daß ſeine eigentliche Abſicht ihr deutlich geworden war.— Sie hatte zwar noch nicht Guſtav geſprochen, aber um ſo beſſer — 104— ein n znz yn ſnſehen, wi i Slegpi und der goüe ihr es einf Zun war j ſin⸗ tiete, ihr e einzig getett zirſhen, iör Zuſucht; und in Sir Gihr e i machten le i6 5 eei gonz. in n Sfüling, nur, ſo wie 6 ſchen zus ſe Guſun 3n un buehnen zu ni gacht, zurückgedrängt, in einen unſichern Ne⸗ bel faſt vfloſſen, mochte ſie es doch nicht an aufgeben: fühite ſie ſich um ſo mehr unter ge⸗ genwärtigen umſtänden berufen, mit ale den Waffen, die der Schönheit, der eigenen Anmutß, Veiſtellung, Lidenſchaft, ja ſelbſt Guſabs Mit⸗ leid mit ihrer Lahe abgebotgt werden konnen, Fin Witrat mit Bebwiz⸗ die ihr hehſſec, Pedeutender ls gegenübet ſtaüd, anzu⸗ fligin. 2— Otglich in Brtwiga's Let hr fiteten xiume zuſchnetteind iht dizcen gitti⸗ iin,„ obgleich ſi e di Cöuſtne haßte, wie früher, ſußte doch eine tüefe Eipfindung in ihret Stiite es ihr eifteulich eiſcheinen kaſſen, daß ine un⸗ that nicht gelungen ſey, vdn der ſie ſi ſich nut vu Khnüt Sophismen fiüſptechen konnte. Sie ſih biimehr von tieſem ügenblicke Hitwigu Shen as ein n Geſheit wie eihn„ und ſchibich machen zu kbunen; doch waren fütz eiſte ihre Gedanken beſondets darauf gewendet, wie ſie ihre mißliche Lage 6 6f und— utn konnte. untir dieſen Volſtllungen, die immer ſiegen⸗ der in ihrem Kopfe ſich geſtalteten, ſch auch ſie die Rutr in den Hof heteinſprengen. Sie. blaßte— vergebens ſtrebte ſie mit klopfendem Herzen ſich ſelbſt Muth einzuflößen— aber mitten in dieſer Angſt bewahrte ſie ihre überlilte Entſchloſſenheit. Wie, wenn ſie hervorträte, und erklärte wet ſie ſey? Zwar fehlte es ihr an Mitteln ihre Herkunft zu be⸗ weiſen, aber wie viele hatte ſie nicht ſchon, 3 ohne ihnen diſe ahnen zu laſſen, nur durh Wmuſß und Reize ſich dienſtbar genacht; es würde itr vielleicht gelingen einen Volksaufſand zu ttregen, womit ihr der General immer geſchmtichtlt. Sie legte, wie unwillkuhrlich, die Hand auf ihren Buſen, um ſich; zu üͤberzeugen, daß jener Brtſhmuc den ſie ſeit dem Ahentheutt in Nom immer getr⸗ gen, noch da vorhanden ſey⸗— Mit zurücigt⸗ haltenem Athem horchte ſie nach jedem Fußtntt — würde, durfte, konnte Guſtav geltatten„ daß ſi der Sicherheit, ſeinen Armen. entriſſen ward — Koͤnnte ſie ihn doch nur einen Augenblick ſr chen, ihm alles, was ſie ihm bisher verſchwiegen, in ſchuldloſeren Formen mittheilen, da muͤßte j alles, ihr Benehmen, ihre zärtliche Sorg: für ihn, ihm klar werden.— Da zog der Trupp plötlich ſchnell wieder ab.— Hatte man ſie verläugntt, hatte Guſtap's Muth, der Schloßbewohner Freund⸗ ſchaft ſie gerettet? wem ſollte ſie dies Wunder zu⸗ ſchreiben? Unter dieſen Zweifeln hörte ſie Schritte na⸗ hen, ſah ſie die Thür geöffnet werdenz die Fa⸗ milie, Guſtav traten herein.— Sie waren kaum mit einander einig die Entdeckuns die alle ſo gictich machte, noch vor der außer dem Schloſſe geheim zu halten; als der Oheim mit einer Eile und ünruhe„die Guſtav und Hepwiga auffulen, ſie antrieb, una ſealeich zu beruhigen.— Sie fühlten alle mit Freud daß ſie wenigſtens für den Augenblick, vielleicht gänzlich gerettet war; und dieſe Freude malte ſich ſo unpttdächtig in ihren Augen, daß ulla aus dieſen noch früher, als aus ihren Worten ſernte daß die Gefahr vichß voruͤber gegangen ſenen n chin: u„un ich hofft ſin immr!“ ſet— Hyn ein, während er die Hand des erſtaunten Mäd⸗ „ chens heftig ergriff, und ſie an ſein Hen zit⸗ ternd und feſt zog.—„Denn, Ulla! jetzt, jetzt hoͤrſt Du mir an.— Verkenne nicht den Sinn des Vaters, weil er ſich jetzt erſt Dir eiſchüt⸗ ßen konnte! Indem ich Dich laut und ðffentich für meine Tochter anerkenne, bin ich bereit— ſelbſt wenn Irrthum und falſche Lockungen Dih zu weit gefuͤhrt haben ſollten— Dich mit dem Blute meines Herzens zu beſchützen. Ja! ja!“ — er gegen Hedwiga und Ulla hingewandt i ₰ ſl 6 hale eich es ja ja gengt⸗ in ſinem 2e S int viujgte— zopiic, leicht ni⸗ vaun füzte et leiſet, abe ſiu e ſu 6 vin nun? in i— 0 uta war erblaßtz dieſer neue Schutz, von v ſet Ertttung begleitet, war ihr nicht allein un⸗ willkommen, auch alle die gewohnten Gebanken und Winſche ihrer Seele ſämmten ſich digehenz und ſo mußte es ſich dem Grafen offenbaren, daß die Rache ſeines Feindes noch nicht mit ſeinem Fode beendet ſch; ſondern daß dieſet, oher wenig⸗ ſtens das Verhängniß, varauf bedacht geweſen, Pfeile zu ſchmieden, die wie jene der Indier in Gift getaucht, noch nach vielen Jahten dürch un⸗ vorſichtige Berühtung ſöwe ½ ja werden konnen. „Warum, Herr Graf!“ etwiedirt ſie wie gewoöhulich ſchnell gefüßt, während ſie ſeine Hand an ihr Herz drückte;„watum darf dies vetlaſſene, verwaiſ'te Geſchöpf nicht die tiehteiche Hand er⸗ greifen, die ihr ſo Noth chut. Ich fühle Ihren Edeimuth! Aber laſſen Sie mich auch ihrer Si⸗ — 109— cherheit, Ihrer Ehre wegen daran krinnern, was wohl nicht mehr zu verſchweigen ſ. 6 Sie hal⸗ ten mich fur die Fochter des Generals, ich weiß es; aber glauben Sie mir, wenn ks ſo wär⸗ ich wuͤrde längſt im Gefüht der unverſchuldeten Schande allen Anſprüchen auf Gluͤck entſagt haben— ſelbſt dem Namen, den man gemiß⸗ braucht hat, um eine heimliche Verbindung da⸗ mit zu bedecken.— Ich bin“ ſchloß ſie mit einem verſtohlnen Blick auf Guſtap,„die Schwiſter des ermordeten Körigs, die Tochter ſeines Vaters. „Nein! ſagte der Graf erſchüttert;„min, Ulla! Diine Hrrkunft iſt weniger hochz gber ge⸗ ſetzlich und echt.— Der General hat Dich ge⸗ täuſcht—“ In dieſem punkte“ juhr un, mit r ſchlagenen Augen ruhig fortz,„gewiß nicht. ſcheint i im Gegentheil einſt ſeine Abſicht— zu ſeyn, mir dieſe Entdeckung vorzuenthalten. Auch iſt es mir in Rom gelungen, dem mitgegebentn Auflaurer meines Vormundes ein Zeugniß meiner Herkunft, das der ſterbenden Mutter durch ſeint Rinke entwendet wurde, wieder zu entreißen; 1 2 Baton Arxel tunn 5 kieugen, benn in„. 6 es zu verdanken.“ „Wie!“ rief der Gruf außer ſich, und ſo⸗ Nic bleichenß; ein Zeugniß meiner Gattin? Und durch Arels VBeſundt vtich, wiicht Wo iſt es? wo? er— den Scbientn tutich v verwun⸗ Baron das Gerubte au.— Es it ein Bild, bon goldnen Palnenzweigen ingefaßt, die eine Kront zuſammen hölt. Es iſt, ſagte der Ster⸗ tende, das Bild meines Vaters—“ Sie riichte ihm, in Gefüht des Sichs,„ mit einem Ble auf Guſtav, den Bruſtſchmuck hin. Sitternd nahm er es in die Hand, d doch kuum hatte er das Auge darauf geworfen, als et es innig an ſeine Lippen druͤckte.„ wohl!“ ief e endlich;„ja wohl!— ein Zeuhniß, deſen er in ſeinem Sinne ſich wohl timichtigen möchte— ulla— ès iſt min Bild— ſo ſeh ich, Dein Vater, aus, während dem 6 Gtüce ſeiner Jugend.“ „Der General“ fuhr Ulla, wie vom Bltz getroffen, verwirrt fort;„erſicherte mir, als ich offen ihm 3 zuzte,„ 6 es ein jugendüiches Bild des nicht ſehr lange nach meiner tGeut Siſöiten Konigs ſey.“ ni „Ael„nahm nun Guſtav das Wott, der in der Seele ſeines Freundes handeln zu müſ⸗ ſen glaubte. währind er durch Behutſamkeit zu eforſchen ſtrebte, in wiefern er alles entdecken dürfe:„Axel hat mir ſein Abentheuer noch voll⸗ ſtändiger, als er es Ihnen, Graäſin, zu thun wagte mitgetheilt. Der Sterbende erklärte zwar den, welchen das Bild vorſtellte, für den Vater der Gräſin; aber auch den, der verwun⸗ n hatte.“ „Auch dorin hut er Recht“ nahm der Guf ermuthigt und ruhig das Wort.„Es wäte wahrſcheinlich Vieles anders gekommen, wenn die Entſchloſſenheit meiner unbekannten, wie ich glauben mußte untergeſchobenen Tochter, mir damals nicht eben ſo unbegreiflich erſchienen, wie ſie mir ſich jitt klar entwickelt.— Mit einem Schiffe aus Amerika hatte ich dieſen Welttheil verlaſſen, um über Spanien mich dem Vaterlande wieder zu nähern. Ich wollte wo möglich darin ſterben. Verhältniſſe, die nicht — 11¹2— hierher gehören⸗ zwangen den Schiffsherrn, ſatt bei Eadiz zu landen, nach Livorno zu ghen.— Einer von den früheſten, höchſt ſeltenen Brifen, die ich aus dem Vaterlande empfangen, hatte mich von dem Aufenthalte und Floſterleben mei⸗ ner Frau unterrichtet. Mein Sorn gegen ſie war lang in Wehmuth übergtgangen. Aber erſt in ihrer Nähe ergriff eine unwiderſtehlich Sthnſucht nach ihr das Herz, dem Verſshnung und Frieden längſt Nothdurft geworden. um durch eine jähe Erſcheinung besjenigen, ſi vielleicht ſchon lngſt für todt gehalten, ſie nicht zu gewaltſam zu berühren, und mich ſelbſt über ihr Leben und ihren Zuſtand im Voraus zu pr⸗ ruhigen, beſuchte ich erſt den Cardinal Giordani, Director des Kloſters, an dem ich mir eine E pfehlung verſchaffte⸗ Von ihm erfuhr ich, daß zu derſelhen Zeit— ein Zufall, der mir mehr als Zufall erſcheint, aber damals iühmend auf mich wirkte; weil ich dndurch, nach ſo vie⸗ len Jahren, ſo weit von dem Schauplatze mei⸗ ner Verfolgung entfernt, mich in die alten ni⸗ drigen Ränke wieder zurücigeworfen ſah— 6 erfuhr, daß meine arme, teidende Gattin einer + — 113— Art von Nachſtellung bloßgeſtellt war, die ich mich ſogleich zu ergruͤnden bemuͤhete.— Ich ent⸗ deckte und erkannte in Chriſtian denſelben Diener meines Freundes Silfverkron, der uns Beide fruͤher an den General verrathen, obgleich mehr als zwanzig Jahre zwiſchen unſerm Zuſammen⸗ treffen verfloſſen waren; ein Verſuch, Axels Be⸗ kanntſchaft zu machen, den ich an einer Fami⸗ lienähnlichkeit, obgleich ich deſſen nicht gewiß war, zu erkennen glaubte, gelang nicht; ich glaubte ihn von Ulla's Reizen beſtochen, deren Gegenwart in Rom ich ahnte, ohne ihren Aufent⸗ halt entdecken zu koͤnnen. Ich entſchloß mich, ohne an dieſe mir undeutlichen Ränke mich zu kehren, meinen geraden Weg zu gehen, und ih⸗ nen dadurch vorzubeugen, daß ich, trotz der kör⸗ perlichen Schwaͤche meiner Gattin, mich ihr zur Seite ſtellte; ich entdeckte mich dem Cardinalez ich erſuchte ihn, ſie von meinem Leben, von meinem Hierſeyn zu unterrichten; und als ich nun zu ihm mit klopfendem Herzen eilte, um zu erfahren, wie ſie dieſe Botſchaft aufgenommen, erfuhr ich ihren Tod.— Ob, wie wenigſtens das ſelbſt anklagende Herz befurchtete, mein IV. 8 Name dem ſchwachen Körper den Todesſtoß ge⸗ geben, weiß ich nicht; der Cardinal verbarg viel⸗ leicht alles, was mich noch tiefer hätte ſchmet⸗ zen können; er beeilte ſich nur, mir ihre Be⸗ raubung durch Chriſtian anzuzeigen; ſeine Woh⸗ nung war mir bekannt; ich hatte Kraft genug ihn gleich aufzuſuchen⸗ Ich hielt ihm ſein Verbrechen vor. Es iſt mir noch unbekannt, durch welche Mittel der General ihn ſo feſt an ſich gezogen, allein er glaubte ſich ganz gerechtfertiget durch die trotzige Ausſage: daß er nur durch den Ge⸗ neral, um deſſen Zweck zu befordern, in den Dienſt meines Freundes getreten waͤre.— Ich verſuchte alles, um ihm den Raub zu entreißen⸗ Er glaubte in ſeiner Angſt, daß die Vorhaltung eines Piſtols, das mit einem kleinen Bojonette verſehen war, weniger der Auslieferung des Ent⸗ wendeten als ſeiner Beſtrafung galt. Dieſe Meinung floͤßte ihm thieriſche Wuth ein. Wit rangen mit einander; es gelang ihm, mir das Piſtol zu entreißen, aber in demſelben Augen⸗ blicke ſtieß ich ihn aus allen Kraͤften von mit weg, um mir ihn vom Leibe zu ſchaffen, un ihn um ſo ſichrer feſtpacken zu koͤnnen, denn 3 ——— — 115— ich mußte alles von ſeiner Wuth befürchten; allein er ſtüͤrzte, ich weiß nicht wie, auf das Geſicht zu Boden vor meinen Fuͤßen nieder, und das Bejonet des Piſtols ging ihm durch die Ribben.— Ich ſah augenblicklich ein, daß ein weiterer Verſuch, die Beute ihm zu entreißen, a ich nicht ein Mal wußte, wo er ſie verbor⸗ gen hatte, mich leicht in der Meinung zu einem Meuchelmorder ſtempeln würde— ich gebot da⸗ her dem herbeiſtuͤrzenden Wirthe, ihn genau zu bewachen, welcher eben ſo„wie das herzuſtrömende Hausgeſinde, mich, ohne mich zurſckzuhalten, gehen ließ, und fuhr ſogleich zu dem Car⸗ dinal zuruͤck, der unverzuͤglich Gerichtsdiener da⸗ hinſchickte.— Allein der Verwundete war ſchon todt; nichts von dem Entwendeten wurde ge⸗ funden, nur ein zerriſſener Brief, deſſen Ver⸗ ſchwinden Anlaß zu der Entdeckung eines Rau⸗ bes gegeben. Er war von ihrer Tochter.— Ach! ich war mit einem Hetzen, zu Friede und Ver⸗ ſohnung geneigt, hergekommen, ich wagte deſſen leichten Stimmen zu vertrauen— dieſe Zeilen cber, worin jede Erwaͤhnung von mir ausge⸗ ſhoſſen war, erregten den alten Schmerz, und 8* — 116— machte die Zweifel zur Gewißheit.— Ich faßte den Entſchluß, nie diejenigen ſehen oder als Tochter anerkennen zu wollen, die, um ſich ſelbſt dem Gefühle der angebornen Schande zu ent⸗ reißen, in kindlicher Unbefangenheit ängſtlich ſtrebte ſie mit Purpurlappen zu bedecken.“ ulla ſchlug erröthend die Augen zu Boden. Der Graf fuhr, ohne in ſeinem Eifer darauf zu achten, mit Waͤrme fort:„So hart getrof⸗ fen, folgte ich gern dem Winke, der mir zu mei⸗ ner Sicherheit bedeutete, Ram in wenigen Stun⸗ den zu verlaſſen. Man wollte wiſſen, daß der Geſtorbene zu dem Hauſe eines fremden Geſand⸗ ten gehorte, der vielleicht Unterſuchung verlangen würdez da der Schein gegen mich war, ich durchaus keinen Zeugen hatte, und einer neuen Verfolgung in meiner Heimath vorbeugen mußte, hatte ich keinen andern Ausweg. Dort ange⸗ kommen, von meiner Schweſter, die ich hier in der Einſamkeit ſogleich beſuchte, über das Be⸗ nehmen ihres Gatten, meiner Anſicht nach, außer allen Zweifeln geſetzt, nahm ich mir vor, um Axel dem Vater nicht noch verdaͤchtiger zu ma⸗ chen, und da er mich nicht wieder erkannte oder — 117— erkennen konnte, nichts zu entdecken; is konnte mir nicht einfallen, daß er glücklicher als ich ge⸗ weſen, und ich begreife noch nicht, warum dies Bild allein, deſſen Einfaſſung mir nur fremd iſt, jenem Schurken ſo an's Herz gewachſen warz auch ſprach der Cardinal von Papieren.“ „Mein theurer Oheim,“ fiel ihm Guſtav in die Rede,„Axel hat ſchon, vielleicht ohne ſich des Warum ganz deutlich bewußt zu ſeyn, der Liebe, womit Sie dort und hier ihm entgegenge⸗ kommen, wuͤrdig entſprochen. Ein geſiegeltes Blatt folgte mit dem Bilde, das Axel, aus kindlicher Ehrfurcht vor dem Vater, ſo wie aus Schonung gegen die Geliebte, Beiden vörenthal⸗ ten zu müſſen glaubte, und aus frommer Scheu nicht ſelbſt zu öffnen wagte; darum hat er, da er es nicht in ſeinen Haͤnden ſicher glaubte, ver⸗ trauend in die Ihrigen niedergelegt, weil er kein würdigeres Depot wußte. Die Auflöſung dieſes Räthſels haben Sie ſchon längſt in Ihrer Ver⸗ wahrung; in des Freundes Namen darf ich Jh⸗ nen zurufen: offnen Sie es getroſt!“ „O Wege der Vorſehung!“ ſagte der Graf, waͤhrend er die Hände wie betend emporhob; — 118— „So mußte es unerkannt in die Haͤnde des rechtmäßigen Erben kommen, mußte unerkannt in dieſen ruhen, die erſt lange nach deſſen Em⸗ pfang unter heißen Herzensſchlägen flehend ge⸗ gen den Himmel ſich emporſtrecken, flehend nach der Aufklärung, deren ſich mein Feind noch ſter⸗ bend weigerte— und ich hatte ſie ſchon— ein Blatt aus ihrer Hand muß ja alles ſagen⸗ Wartet— Er ging hinaus„Alle ſtumm in Ruͤhrung zuruͤcklaſſendz doch kehrte er bald wie⸗ der mit dem verſiegelten Blatte, das Guſtav ſo⸗ gleich, nachdem er den äußeren umſchlag abge⸗ löſet und das unbeſchriebene, verſiegelte Blatt be⸗ trachtet hatte, fuͤr das rechte erkannte. Der Graf öffnete esz es enthielt nur ein kurzes Schreiben— aber er erkannnte die Hand ſeiner Gattin, er drückte es an die Bruſt, ſeine Au⸗ gen flogen über die erſten Zeilen, dann flüſterte er leiſe:„Ja, ja! in die rechten Hände— es iſt an mich!“ Und las mit unſicherer Stimme laut: „Nachdem endlich die fürchterliche Lihnnh „die durch den Schlag des Schickſals hervorge⸗ — 119— „bracht, und Gefuͤhle und Leidenſchaften in mei⸗ „nem Herzen getödtet, in ſofern nachgelaſſen, „daß mein Geiſt durch die Gnade und Milde „der Vorſicht geläutert und hergeſtellt, in die „eigne ausgeſtorbene Bruſt hinabzublicken vermag „— nun erſt iſt es meiner Seele Troſt und Be⸗ „dürfniß geworden, Dir, mein Geliebter! dem ge⸗ „wiß auch dieſelbe Gnadenzu Theil geworden iſt, „noch vor meinem Tode und nach dem Abſchei⸗ „den von der aͤußeren Welt, die freudige Be⸗ „theuerung zuzuſtellen, daß ich mir keine Ver⸗ „gehung gegen unſere Liebe bewußt bin.— Zuzu⸗ „ſtellen ſage ich?— weiß ich denn, ob Du lebſt, „noch wo Du biſt, oder wie dieſe Zeilen den „Weg zu Dir aus meiner ſtillen Zelle finden „ſollen— doch muß ich ſie— ich muß ſie mei⸗ „ner ſelbſtwegen niederſchreiben! Es iſt mir ein „Troſt, daß meine Augen auf den Zeilen ruhen „koͤnnen, mit der Ueberzeugung, daß doch et⸗ „was außer mir bezeugt, daß ich rein vor Dir „ſtehe! O daß doch Du, Du, den ich nicht nen⸗ „nen darf, ſie ein Mal leſen möchteſt! Der „wuͤrdige Director unſers Kloſters hat mir ver⸗ „ſprochen, dies Blatt Deinem treuen Freunde „zu überſenden. Ich habe dem ehrwuͤrdigen „Cardinal den Namen aufgeſchrieben, und ver⸗ „ſiegelt gegeben; von dieſem Blatte ſelbſt will „und darf ich mich nur mit dem Tode trennenz „dann wird der Cardinal den Namen entſiegeln „und darauf ſchreiben, den Niemand in dieſen „Mauern vernehmen ſoll. Ich habe dem, wel⸗ „chen ich nur zu ſpät als unſern bitterſten Feind „erkennen mußte, auf der Bibel ſchwören muͤſſen, „ſo lange ich am Leben waͤre, keine Nachricht „von mir zu geben, nie Eure Namen zu nen⸗ „nen; ich that es, weil damals Dein Leben in ſeinen „Händen war. Hier habe ich nun meinem Beicht⸗ „vater, ohne euch zu nennen, meine Noth ver⸗ „traut; er hat mir dieſen Ausweg gezeigt.— „Gott wird das Blatt geleiten; Dein Freund „lebt ja noch in Deinem kalten Vaterlande— „warum ſollte er auch nicht leben, oder muß „alles verdorren und verwelken, das mit meiner „ſuͤndhaften Liebe zu einem Ketzer in Beruͤhrung „ſtand— und doch iſt dieſe Liebe nicht ver⸗ „welkt.— Ach ſelbſt das kleine ſuͤße Weſen, „das ich wie Dich, hoͤher wie Dich liebte, wurde „mir erſt von unſerm Verfolger, dann— von ———— — — 121— „dem Tode entriſſen. Er hat es mir ſelbſt ge⸗ „meldet— das, was mich verwunden— „t er mir ja nur zu gern mitgetheilt.—“ „Hart mußten wir Beide eine gleiche „buͤßen, und doch frahe ich mich oft ſelbſtz „waͤre dieſe Buße ſo hart geworden, wenn wir „offner gegen einander geweſen, offner haͤtten „ſehn koͤnnen. Dein Mißtrauen gegen mich „war gewiß zu einer fuͤrchterlichen Höhe geſtie⸗ „gen, als ich es gewahr wurde; dennoch war „es mir noch immer ein Troſt, daß Du ſchwiegſt, „denn ach! ich durfte nicht ſprechen— ſo lange ich „Deine untuhe nicht bemerkt hatte, weil ich Ver⸗ „ſchwiegenheit ve ſprochen; ſpaͤter, als ich Deinen „ſtummen Kampf ſah, als ich Dir gern alles geſtan⸗ „den, wagte ich es nicht mehr, denn ich bebte ſchon „vor der Moͤglichkeit, nun, da ich mich mehr und „mehr getauſcht ſahe, daß Du mir nicht glauben „wuͤrdeſt.— Jetzt will ich ſprechen— kurz— denn „ich fühle es, jetzt brauchſt Du nur die „Wahrheit zu ahnen, um nicht mehr zu zwei⸗ „feln.— Du weißt, wen mein verſtorbener „Gatte mir als Vormund beſtellt— er kannte „ja unſ're Liebe, er beforderte ſie ja ſelbſt, half „ſie dem Prieſter meiner Religion, meiner Um⸗ „gebung verbergen; konnte, durfte ich Dei⸗ „nem Freunde mißtrauen?— Da wurdet ihr „Feinde.— Während Du Deinem gerchten „Zorne zu leidenſchaftlich, faſt unſinnig möchte „ich ſagen, nachgabſt, ſpielte er bei mir den „Reuigen, der, obgleich bis in die innerſte Seele „verletzt, mich verſicherte, daß er im Geheimen „duͤrſte, dadurch, daß er unſer Gluͤck beforderte, „ſich Verſohnung und Deine Freundſchaft wie⸗ „der zu erwerben. Er machte es mir nur „zu begreiflich, daß wenn Du ſeine leitende „Hand entdeckteſt, ſeine Hoffnung, unſer kei⸗ „mendes Gluck ſelbſt verloren ſey— ich hatte „ihm nicht glauben ſollen— aber war nicht „meine Zukunft von dem verſtorbenen Gatten, „die Ehre meines Namens von uns ſelbſt ſchon „in ſeine Hand gelegt? Er war es ja, welcher „in der Hütte, wo wir uns trafen, fuͤr eine „verſchwiegene Bewohnerin ſorgte, ach! in die⸗ „ſer Hütte ſah er auch mich, da er Deinetwegen „nicht öffentlich mehr bei mir erſcheinen wollte— „hiet legte er mir bloß Entwuͤrfe, Dich zu verſohnen⸗ „vor.— Erſt als Dein Mißtrauen, ich weiß vicht 1 ——— — ——— „wodurch, entſtand; erſt als er ſchon wußte, doß „ich in ſeinem Netze verſtrickt, Bedenken tragen „wuͤrde, Dir meine Leichtgläubigkeit zu geſtehen, „da wir ſchon laͤngſt durch ſeine geheime Ver⸗ „mittelung getraut, da meine Tochter geboren „war, nahm er die Maske ab; der treue Freund „war in einen ruͤckſichtsloſen Wultling verwan⸗ „delt; er wußte meiner Seele eine ſo betäubende „Angſt einzuflößen, meinen Mund ſo vor Ent⸗ „ſetzen ſtumm zu machen, daß ich, aus Liebe „zu Dir, ſchweigen, aus Liebe zu Dir, als Ver⸗ „brecherin erſcheinen mußte, obgleich Deiner noch „immer wuͤrdig, wurde ich ſo in Lugen ver⸗ „ſtrickt— ja in Lugen— denn dieſen Vorzug „habe ich vor Dir— daß ich Dich immer fuͤr „treu, immer fur ſchuldlos gehalten.— Eines „Abends, als ich Dich in der Hutte erwartete, „ſtellte er ſich fruͤher im Jagdkleide ein, erzählte „mir laut und zuverſichtlich, daß ein hoher Gaſt „die Nacht in meinem Schloſſe zubringen wollte. „Er hatte es ſelbſt ſo eingeleitet, daß Du uns „überraſchteſt; er entfloh, Du verfolgteſt ihn— „Ich habe Dich nicht wieder geſehen— aber „Dein fürchterlicher Angriff, wie man mir ge⸗ „ſagt, auf das Leben jenes Gaſtes, und ein gold⸗ „ner, kronengeſchmückter Rahmen,— der beim „erſten Anblicke zu dem kleinen, von mir ſelbſt „gemaltem Bilde von Dir, das ich immer in „einem Etui auf meinem Herzen trug, zu ge⸗ „hoͤren ſchien, und den ich, als ich auf hoheren „Befehl in den Gewahrſam einer Hofdame ge⸗ „bracht worden war, in dem mir als mein Ei⸗ „genthum ſpaͤter zugeſtellten Schmuckkaͤſtchen „vorfand,— ſollte beides nicht im verborgenen „Zuſammenhange mit einander ſtehen, um uns „Beide in's Verderben zu führen?— Ich weiß „nur, daß ich dieſen Rahmen nicht kannte; doch „wollte meine neue Umgebung es nicht glauben, „und dadurch fand ich Anlaß dieſem Umſtande „Gewicht zu geben.— Als ich, uͤber Dein und „mein Geſchick verzweifelnd, begierig den Anttag „ergriff, mich in ein Kloſter in mein Vaterland „zu begeben, und alles, was ich im Norden be⸗ „ſaß, der Tochter hinterließ, waren mir, hier an⸗ „gekommen, von alle den Schätzen der äußeren „Welt nur zwei Dinge uͤbrig— Dein Bild, „das von keinem geſehen, nie von meinem Her⸗ „zen gekommen war— und derſelbe Rahmen, —— — 125— „der, ich weiß nicht wie, ſich wieder tief verſteckt „unter meinen wenigen Sachen befand.— „Beide, die ſichtbaren Andenken meines kurzen „Gluckes und meiner langen Leiden, gehören „nicht in mein Grab, und auch nicht in die „Welt.— Sie folgen mit dieſen Zeilen.— „Mögen ſie nie mehr Verwirrung und „anrichten!“ „Ich bin ſo vue deß die „die mir dieſe wenigen Zeilen gekoſtet, mich „mehrmals auf das Krankenlager geworfen.— „Mein wuͤrdiger Beichtvater, erlaubt mir nur „hinzuzufuͤgen: Ich bin Dir immer treu gewe⸗ „ſen.— So habe ich in dieſem Worte nun „alles geſagt— mochten doch nur dieſe Zeilen „zu Dir kommen. Ich ſiegele ſie nun zu, und „werde das zuſammengefaltete Blatt vielleicht „noch in vielen, vielen Tagen, ja Jahren be⸗ „trachten muͤſſen— ich ſehne mich doppelt nun „nach dem Tode, weil ich weiß, daß der Erſte „dies Blatt dem ungewiſſen Geſchicke hingeben „wird. Lebe wohl! Bete fuͤr meine Seele— „dieſe Haͤnde haben nun zum S Mal eine „Feder beruͤhrt.— Als er zu leſen aufgehort hatte, konnte er auch kein Wort mehr hervorbringen; er zeigte nur ſtumm auf den Brief, hielt ihn Ulla vor die Augen, und bedeckte ſie mit Küſſen.— Gu⸗ ſtan, der unbeweglich, mit der Hand vor den Augen, den Brief angehört, verließ in dieſem Augenblicke unbemerkt das Zimmer. Ebba und Hedwiga ſchwammen in Thränen, es war, als hätte die Ueberzeugung, daß Ulla die Tochter des ehrwürdigen Verwandten ſey, jede Ungleichheit in ihrem Charakter aus dem Gedächtniſſe Beider verwiſcht. Hedwiga hatte ihr ſchon alles Böſe, was der Couſine Leichtſinn uͤber ſie je verhaͤngt, vergeben, ſie verwarf entſchieden den ſchrecklichen Verdacht, der gegen ſie in ihrem Herzen ſich eiſe geregt hatte, und machte ſich ſelbſt Vor⸗ wuͤrfe daruͤber. Der Oheim, der faſt ſein hal⸗ pes Leben ſo viele Leiden, Unrecht und Verfol⸗ gung eines harten Geſchicks ſtandhaft getragen, konnte ſich nun in der unerwarteten Gluckſelig⸗ keit kaum faſſen.— Ulla war aus allen ihren Träumen geriſſen; ſie fuͤhlte ſich bewegt, aber nicht freudig; ihr Blick war Guſtav gefolgt, ſie hatte gewünſcht, ſeine Gedanken aus ſeinen Au⸗ „ —— gen herausleſen zu können, aber er hielt dieſe be⸗ deckt, und in ſeinem ganzen Weſen, ſelbſt in ſeinem Gange, als er das Zimmer verlaſſen, war etwas Abgeſpanntes ſichtbar, das von einer gro⸗ ßen innern Bewegung oder Betroffenheit zeugtez hatte dieſe Entdeckung auch in ſeine Hoffnungen, in ſeine Träume ſtörend eingegriffen, um ſo mehr widerſtrebte es ihr an ein Gluck zu glauben, deſſen ſtiller, innerer Werth ihrer Seele längſt velortn gegangen war. „Darf ich es auch un“ ſügete kaum hoͤrbar,„aus vollem Herzen wuͤrde ich mich eurer Freude, eurer Liebe hingeben.— Ich fuͤrchte nur, daß Sie ſich täuſchen.— Eine Beglaubi⸗ gung fehlt noch; und dieſer Brief, an deſſen Aecht⸗ heit ich glaube, und glauben muß, ſcheint aus einem inneren, vielleicht äußeren Zwange herbor⸗ gegangen zu ſeyn.— Ich bin noch zu bewegt, um jedes Wort ernſt und ruhig prufen zu konnen.“ „Und waß ſollte noch fehlen?“ erwiederte betroffen der Graf, dem Ulla's verletzende Zweifel Faſſung und Haltung zuruͤckgab.„Ich begreife wohl, daß meine vorige unzugaͤngliche Härte, mein oͤffentliches Verſchmähen Dein Herz gegen mich erkaltet haben muß; aber mit Gottes Huͤlfe wird verdoppelte Liebe die Liebe, die Alle umfaßt, es wohl auch erwärmen. Liebt ſie, wie ihr mich geliebt,“ fuhr er zu den Frauen hingewandt fort, „ich bin zufrieden, wenn Dir allmaͤhlich nur ein Theil der Empfindungen kommt, die ſo lange zu⸗ rückgedrängt nun mit jugendlicher 6 in mei⸗ nem Buſen emporlodern.. Er fuͤhrte ſie in die Arme der ge die ſie umfaßten. „Und nun meine Kinder,“ ſehr z Oheim im Inneren ermuthiget fort,„nun zu dem, was uns am naͤchſten obliegt; eine doppelte Pflicht zieht mich zu Axel hin, den ein richtiges Gefuͤhl, eine einfache, reine Rechtlichkeit mitten in der dunkeln Verworrenheit leitete.— Was auch dort mit ihm geſchehen, ich fuͤhle mich uͤber ſeine in⸗ nern Beweggruͤnde ruhig, ſo wie er ſich hier be⸗ währt, wird er ſich auch dort bewaͤhrt haben⸗ Ich eile zu ihm, um fur ihn und für die Meini⸗ gen thätig zu ſeyn.“ Das Nächſte wurde nun beſprochen; 6 wiederholte mit vielen verſchonernden Zuſaͤtzen⸗ wozu die veränderten Umſtände den Stoff hergaben⸗ — — 129— ihren Bericht zu Hedwiga. Der Graf ſchien Athem zu ſchöpfen.— Mit leichterem Herzen gab er Befehle zu der Beiſetzung der Leiche; was er ſchon fruͤher im fluͤchtigen Zuſammengedränge der Gedanken geaͤußert, wurde als das Beſte anerkannt.— Die Ankunft und der Tod des Generals waren außer dem Schloſſe wenig oder gar nicht bemerkt worden. Die Gaͤhrung und Stimmung des Augenblicks machten ein öffent⸗ liches Aufſehen gehaͤſſig und gefährlich, und ſo wurde der Todte faſt heimlich in den Sarg ein⸗ geſchloſſen, worin er lebend die noch lebende Gattin geglaubt hatte, und in die Mauern bei⸗ geſetzt, die alles umſchloſſen, was ihm im Le⸗ ben verhaßt geweſen. Noch früher wurden An⸗ ſtalten zu einer ſchnellen Abreiſe getroffen. So waren mehrere Stunden verfloſſen. Das heftige Gewitter, und der ihm folgende prächtige Regenbogen einer ſeligen Freude, verloren ſich auf's Neue von dem mit grauen Wolken ganz umflorten Himmel.— Guſtav, den man in ſeinem Zimmer wußte, wo er dem Anſcheine nach einer ſehr nöthigen Ruhe pflegte, wollte gar nicht zum Vorſchein kommen. Nun erſt fiel V. 9 — 130—₰— alle ſeine Todesbläſſe, ſeine gegen Gewohnheit froſtige Theilnahme, ſein Hinwegſchleichen in ei⸗ nem ſo ſchoͤnen, Alle begluͤckenden Augenblicke, auf⸗. Der Oheim ging auf ſein Zimmer. Mit Verwunderung bemerkte er den kleinen mitge⸗ brachten Mantelſack auf dem Tiſche, und ſeine wenigen Sachen aus den Behältniſſen heraus⸗ genommen, neben jenem liegend.— Guſtav ſelbſt lag, auf das Sopha hingeworfen, in wil⸗ den Fieber⸗Phantaſien.— Die wechſelnden, gleich erſchutternden Auftritte der letzten vier und zwanzig Stunden, der gewaltſame Zwang, dem er ſich unterzog, und die unnatuͤrliche Span⸗ nung ſeiner Seele, hatten zerſchmetternd auf ſeinen noch nicht hergeſtellten Körper gewirkt.— Er hatte gäͤnzlich das Bewußtſeyn verloren und ein hitziges Fieber gohr in ſeinen Adern. ulla's ſcharfblickende Umſicht gewahrte mitten in den Beſorgniſſen, die ſie mit den Uebrigen theilte, mit einer Art Freude ſogleich die Fruchte, die ſich von ihrem neuen Verhaͤltniſſe erndten ließen. Als ein ſo nahes, ſo inniges Mitglied der Familie durfte ſie ſich auch die Pflege des geliebten Kranken angelegen ſeyn laſſen.— Gluͤck⸗ licherweiſe kam der Arzt an, nach dem dieſe Nacht wegen des Generals geſchickt worden war. Seine Ausſage vermehrte wohl nicht die allge⸗ meine Unruhe uͤber Guſtav's Lage, aber ver⸗ minderte ſie auch keinesweges. So zwiſchen zwei bedrohende Gefahren geſtellt, entſchloß ſich der Graf, ohne Säumen dahin zu eilen, wo er vielleicht Huͤlfe leiſten konnte.— Er wußte ja den nicht weniger theuren Jüngling in der Ob⸗ hut der Frauen wohl aufgehoben; und ſo trat er, mit Aengſtlichkeit hinter ſich und mit weh⸗ muthiger Beſorgniß vor ſich blickend, ſchon den naͤchſten Tag die Reiſe nach der Reſidenz an⸗ Mnate walen ſchon zuruͤckgelegt.— Ein Frühling und ein Sommer waren ungenoſſen, unbemerkt ſogar, Guſtav's Leben vorübergegangen. Das Fieber hatte ſchon nachgelaſſen, aber nur äußerſt langſam ſchienen die körperlichen Kräfte in den überraus ermatteten Körper allmählich zuruͤckzukehren, doch ängſtigte dieſe dauernde Schwaͤche ſeine ſorgende Umgebung weit weni⸗ ger, als die ſonderbare Geiſtesabweſenheit von der er befallen war. Eben ſo, wie Simſon einſt mit ſeinen Haaren die außerordentlichſte Stärke verloren, ſo ſchien Guſtav mit dem Verluſte der ſchönen Fülle der ſeinigen das Gedächtniß ein⸗ gebüßt zu haben. Er ſchien wohl alle um ſich zu kennen, aber kein Zeichen der Theilnahme, kein freundlicher Dank, keine Frage über alles, was ihm ſonſt ſo wichtig geweſen, kein heſon⸗ deres Lächeln für die unermüdliche Hedwiga, oder die mit ihr wetteifernde Ulla war aus ſeinen Blicken uͤber ſeine Lippen gegangen. Während dieſer langen raurigen Zeit hatte ulin den ſchnell eingenommenen Platz in der Gunſt beider Frauen nicht allein behauptet, ſon⸗ dern eine ganz neue Liebenswürdigkeit entwickelnd, erſchien ſie Felbſt vor Hedwiga's forſchendem Blicke immer geläuterter und reiner. Hedwiga geſtand ſich ſelbſt mit wirklicher Freude ein, daß Ulla's immer zärtliche Treue, und dabei, in Be⸗ ziehung auf die Tante und ſie, abwechſelnde und angemeſſene Pflege, während einer ſo langen⸗ faſt hoffnungsloſen Krankheit, ſchwerlich nur eine Frucht ſelbſtfüchtiger Anſichten ſeyn konnte; es war, als hätte ſie als ſtille, ſanftmuthige Krankenwärterin alle die kleinen Launen, die ſie, Königin in ihrem Herzen, und bezaubernde Ko⸗ nigin der erſten glänzendſten Sirkel in der Reſi⸗ denz, dort ausgeubt, hier ganz verlernt, ja ihre ſtarke, ausdauernde Geſundheit gab ihr ſogar ei⸗ nen gewiſſen Vorrang vor Hedwiga, deren Geiſt. und Gemuͤth nur unermüdlich war, waͤhrend — 134— der Körper, an eine regelmäßige Lebensart ge⸗ wöhnt, immer mehr der Nachtwache und der an⸗ ſtrengenden Pflege zu unterliegen ſchien.— Ja, ſie glaubte ſogar eine zunehmende Schwäͤche in dem einſt verwundeten Fuße wieder zu verneh⸗ men, welcher immer unausgeſetzte Pflege und ſtaͤrkende Baͤder noͤthig hatte, die Hedwiga, unter den Sorgen fuͤr den Gatten, nicht immer ſtreng beobachten konnte, Es war, als fünde ſich eine kleine Lähmung ein, die ſich, wehn ſis eine Zeit⸗ lang geſeſſen, oder wenn ſie des Morgens auf⸗ ſtand, äußerte, und obgleich ſie kein Hinken mehr hervorbrachte, doch, bis ſie— wie man es nennt— in Gang gekommen wat, ihre— etwas ſchleppend machte. 6 Der Graf Banner, der ſich ch immer in der Reſidenz aufhielt, hatte indeſſen oft und be⸗ ruhigend geſchrieben; man hatte die mitgetheilten Nachrichten Guſtas nur darum vorenthalten, weil⸗ er ſich nicht ein Mal des Oheim's zu erinnern n* Endlich ſtand dieſer eines Morgens vor ſei⸗ nem Bette. Obgleich der Arzt, der nur auf eine plotzliche Erſchuͤtterung bauete, ihm gera⸗ — 135— then, den Kranken ſchnell aus ſeinem Schlafe zu rutteln, betrachtete er dieſen nur ſcharf und genau, ließ dann Alle, Hedwiga ausgenbimen, aus dem Zimmer gehen, und wandte einige dott unbekannte Mittel an, welche die Aufmerkſam⸗ keit des Hauſes erregten, theils wegen der ge⸗ heimnißvollen Art, auf die ſie angewandt wurden, theils auch, weil ſie v bald ihre be⸗ waͤhrten. Wenn der Graf und Wein den d genoſſen in ſeinem Zimmer Platz machten, fan⸗ den dieſe den Kranken gern in einem erquicken⸗ den Schlummer, und ſchon als er das erſte Mal erwachte, ſchien ihm eine neue Welt auf⸗ gegangen zu ſeyn. Bald kehrte auch ſeine volle Beſinnung und ſein Gedächtniß neu und unge⸗ ſchwaͤcht wieder. Es iſt wohl kein Zweifel, daß dabei ein magnetiſcher Prozeß ſtatt fand, obgleich in tieferer und edlerer Bedeutung, als jener, bei dem Guſtav ein Jahr fruͤher in jener Ausſpan⸗ nung Zeuge geweſen; doch iſt es metkwuͤrdig, daß die in den ſpäteren Wochen ſichtbar zuneh⸗ mende Herſtellung des Körpers durch die Wie⸗ derkehr ſeiner Geiſteskräfte etwas zuruͤckzugehen . — 136— ſchien.— Der Graf allein wollte es natuͤrlich fin⸗ den, indem er behauptete, daß jede geiſtige Exalta⸗ tion nachtheilig auf das bloß Thieriſche in dem menſchlichen Körper wirken muͤſſe; doch meinte er, wenn nur ein ſorgfaͤltiges Gleichgewicht be⸗ obachtet wuͤrde, könnte keine eigentliche Gefahr fur den Kranken daraus entſtehen.— Die um⸗ gebende Familie erſchien hoͤchſt begluͤckt, Ulla auch, doch fuͤhlte ſie ſich mitten in der Freude verletzt, es war ihr, als haͤtte Hedwiga ein Ueberge⸗ wicht gewonnen, mit dem ſie durchaus auf's Neue in Kampf treten muͤſſe. Wirklich ſchien auch Guſtav in dieſer ſo empfindbaren Periode der Geneſung Hedwiga und dem Oheim mit einer befremdenden Zaͤrtlichkeit und Weichheit zu be⸗ gegnen. ze Der Graf glaubte ihn endlich ſtark genug, um ihm die Reſultate ſeiner Reiſe, denen Guſtav im⸗ mer ungeduldiger entgegen ſah, mitzutheilen. Wir wollen dem Leſer das zuſammengedraͤngt darſtellen, was im vertraulichen Geſpraͤche unter der verſam⸗ melten Familie vorgetragen, durch mancherlei Er⸗ orterungen oft unterbrochen wurde. 135 — 137— „Mein, von ſo vielen gekanntes und unver⸗ ſchuldetes Schickſal,“ begann der Graf,„hat mir mehrere Jugendfreunde doch aufbewahrt, die bedeutende Aemter hekleiden⸗ und von denen ich ſogar mehr als einen in der Unterſuchungs⸗Com⸗ miſſion der Verſchwoͤrung vorfand. Der Koͤnig war ſchon vor meiner Ankunft an der Wunde geſtorben. Die Faſſung, womit er die Angele⸗ genheiten des Reichs geordnet, die Milde, die er gegen ſeine Moͤrder angewandt wiſſen wollte, hatte alles eben ſo wohlthätig auf die Richter gewirkt, als dieſe Gemuthöſtimmung den niedern Pobel zu einer um ſo größeren Rache aufforderte. Die Erſten haben es am kluͤgſten, und für den Au⸗ genblick am zweckmäßigſten gefunden, mit einer oberfläͤchlichen Unterſuchung der ſo verworren ſich verzweigenden, faſt allgemeinen Verſchwörung der Meinung ſich zu begnügen, weil die Beruͤckſich⸗ tigung der feinen Uebergange in derſelben, von bloß laut gewordener Unzufriedenheit, bis zur Theilnahme des von nur ſehr wenigen angeleg⸗ ten Mordes, faſt die halbe Nation in dieſen Pro⸗ zeß haͤtte verwickeln konnen. In wiefern der General wirklich mitwiſſend darin geweſen, wird — 138— wohl immer unttörtert bleiben! Die kleine An⸗ zahl) die den König auf jede Art aus dem Wege zu räumen ſich entſchloſſen hatte, ſchien ganz andte Abſichten zu haben, als die, womit der Baron ſeine Nichte zu berlocken ſtrebte— Ulla's Name köͤmmt gar nicht in den Acten vorz kein Anſchlag, eine geheime Tochter des koͤnigli⸗ chen Vorgaͤngers auf den Thron zu erheben, iſt in denſelben erwähnt. Es ſcheint, als habe der General ſich ihrer glaͤnzenden Vorzüge nur be⸗ dienen wollen, um Proſelyten fur thei zu gewinnen.“ „Wider Axel und Dich, Guſtav, pricht durchaus kein entehrender Verdacht; aber genug, um euch ſehr tief in die Sache eines nicht be⸗ liebten Verſtorbenen, auf den ſich nun ſehr vie⸗ les hinwaͤlzen läßt, zu verwickeln.“ „Ich habe Axel, dem man ein anſtändiges Zimmer eingeräumt, zwar mit Vorwiſſen meh⸗ rerer von der Commiſſion, jedoch im Geheimen, mehrmals geſprochen. Ich habe ihn nie ſo klar, ſo liebenswurdig, faſt mochte ich ſagen ſo heiter gefunden. Er iſt völlig ruhig in ſich. Es iſt, als wenn alles Dunkle, Aengſtliche und Räth⸗ ſelhafte ſowohl um, als in ihm plötzlich verſün⸗ ken fey, nun, da ſein Schickſal zum Durchbruch gekömmen Det Tod des Vaters erſcheiüt ihin als eine Wohlthat gegen ihn und uns allez aber die Nachticht, daß ſeint Mutter lebt, hat die finſteten Wände ſeines Kerkers mit Sonnen⸗ ſtrahlen geſchmuckt. Es iſt hart, ſagte er ſeufzend, daß die Thränen, die mein Auge be⸗ netzen, nicht um meinen Vater ſind; aber dazu ſind ſie zu froh!— Die Führung der Votſe⸗ hung, auf die ich ihn aufmerkſam machte, daß er, umgeben von Verwirrung und Dunkel, nicht allein das Rechte gewählt, ſondern ſeloſt auf den Rechten getroffen ſeh, indem er mir jenen Brief wiedergab, trug auch dazu bei, Gleich⸗ gewicht in ſeine Seele zu bringen.— Nur eine Leidenſchaft fuͤllt noch ſeine Bruſt,“ fuhr er fort mit einem pruͤfenden Blicke auf Ulla,„aber nicht brennend und verzehrend; vielmehr geläu⸗ tert, klar und mild, fuͤhrt ſie nunmehr nicht zum Verderben, ſondern zum Gluͤck oder zur ruhigen Entſagung.— Er wurde aufgehalten; erzählte er mir, als er Dich, Guſtav, jene Nacht zu dem Maskenballe abholen wollte, von ſeinem 4 Vater. Es erregte freilich Bedenklichkeit bei ihm⸗ daß ihm der General ein ziemlich dickes Paket uͤbergab, mit der Bedeutung, es auf dem Mas⸗ kenballe zu oͤffnen, und Dir einen Theil von der Einlage zu übergeben, den andern ſelbſt zu leſen, jedoch nicht fruͤher, als bis ein Unbekann⸗ ter mit den Worten: zur Thätigkeit Maskelihn auf die Schulter klopfen wuͤrde. Aber noch höher ſtieg ſeine Verwunderung, als der General plotz⸗ lich das anſtoßende Cabinet offnete, unſere Ulla ihm in voller Pracht, mit der Maske in der Hand, entgegen trat, und der Vater ihm gebot, ſie ſtatt ſeiner— ſo wie es uns ſchon bekannt iſt— auf den Ball zu fuͤhren, und bei Dir, Guſtav, vorzufahren.— Es verdroß Axel ſehr⸗ Dich nicht zu finden. Nach der Ausſage Deines Dieners mußte er erwarten, Dich auf dem Balle zu treffen. Er ſuchte Dich dort lange vergebens⸗ Nachdem der verhängnißvolle Schuß gefallen, war es ihm, als ginge ihm plötzlich ein unſeli⸗ ges Licht auf. Er theilte die Verwirrung, das Erſtaunen der Menge— und zu ihrer Recht⸗ fertigung ſey es geſagt— Ulla's Entſetzenz doch ohne weiter an das Paket zu denken, und ohne daran erinnert zu werden. Als er zu Pauſe kam, war ſein erſtes Geſchaͤft, dem Vater das Paket wieder abliefern zu wollen.— Man ſagte ihm, er ſchliefe. Einige Stunden hernach, nach⸗ dem er wieder zu Hauſe gekommen, denn Pflicht und Dienſt hatten ihn ſogleich in das Schloß gerufen, hieß es, daß der Vater ausgegangen ſey.— Er uͤbergab es dem vertrauten Diener des Vaters, auf deſſen Puͤnktlichkeit er ſich ver⸗ laſſen konnte. Der Dienſt rief ihn wieder. Ihm wurde eine ſehr ermuͤdende Wache in dem Schloſſe ſelbſt uͤbertragen, die um ſo muͤhevoller war, als mehrere ältere Offiziere ſich dieſet, unter ver⸗ ſchiedenen Vorwänden, zu entziehen gewußt hat⸗ ten, weil ſie auf dieſer Stelle von dem mugie⸗ rigen, mißtrauiſchen und gegen ſie aufgebrachten Pöbel viel ausſtehen mußten, aus dem Grunde, daß mehrere, die ihre Uniform trugem, arretirt worden waren, welches in den erſten Tagen und in der erſten Verwirrung mit Unzähligen ge⸗ ſchah, die doch alle ſpäter freigelaſſen wurden. Er konnte ſich nur höchſt ermüdet auf kurze Seit zu Hauſe begeben, und da nahm ihn ſo⸗ gleich der Schlaf in Anſpruch; den Vater ſah — 142— er nicht, oder nur in einzelnen Augenblicken, die keine vertrauliche Mittheilung zuließen, weil der General immer von mehreren umringt ge⸗ weſen. Denn jenes ungluckliche Ereigniß hatte die ganze Stadt in eine ſonderbare Beweglich⸗ keit gebracht, und in allen Zirkeln einen gäh⸗ renden Tumult erregt, der jedoch abſichtlich er⸗ ſcheint, obgleich kein Gewaltſtreich mehr veruͤbt wurde.— Eines Morgens, ich glaube den fuͤnf⸗ ten nach dem Balle, wurde Axel plötzlich ver⸗ haftet.— Eigentlich, wie er ſpäter erfuhr, durch ein Verſehen, und weil der Vater, auf den es gemuͤnzt war, ſchon entflohen geweſen. Sogleich wurden alle ſeine Sachen durchſucht und das Paket gefunden.— Wie es in ſein Zimmer zuruͤck gekommen, ob der Vater es nicht wieder hatte annehmen, oder abſichtlich den Verdacht auch über ihn verbreiten wollen— iſt ihm noch in dieſem Augenblicke ein Räthſel und wird es wohl auch immer bleiben. Es wurden zwei un⸗ unterzeichnete Befehle, in dem Namen einer pro⸗ viſoriſchen Regierung ausgefertiget, darin gefun⸗ den; der an ihn addreſſirte gebot ihm, ſich ſo⸗ gleich rines ſehr wichtigen Militair⸗Depots, nach⸗ dem er ſeine Leute aus der Caſerne abgeholt, zu bemaͤchtigen; er würde dort die Compagnie, un⸗ ter einem andern Vorwande, ſchon in voller Ar⸗ matur vorfinden; der andre, an Guſtav beſtimmt, uͤbertrug mit der vollſten Zuverſicht dieſem die Ausführung eines Gewaltſtreichs, der ein ſo thätiges Mitwirken vorauszuſetzen ſchien, daß ſogleich beſchloſſen wurde, ihn arretiren zu laſſen⸗ Der General hatte wahrſcheinlich auf die Gewaſt der Umſtände gerechnetz in der allgemeinen Un⸗ ruhe, wo Anarchie und Factionen drohen, er⸗ greift gern der rechtliche aber dabei unternehmende Mann ſolche Mittel, wodurch er ſeine Ueberzeu⸗ gung geltend machen, und ihren S be⸗ haupten kann.“ „Man fand bei Guſtav nur ſein Maslen⸗ kleid, aber dieſes war denjenigen ganz aͤhnlich, welches die ſpaͤter entdeckten Verſchwornen unter ſich zu einem Erkennungszeichen beſtimmt hatten. Es ergab ſich ferner, daß er in der Ballnacht ſelbſt entflohen war. Allerdings genug, um Beide fortwaͤhrend höchſt verdächtig zu machen, obgleich die Verſchwornen ſchon zu ihrem Vor⸗ theile gezeugt hatten. Was ich,““ fügte der 114 ₰ Graf hinzu,„um die vollige Unſchuld meiner beiden Neffen an den Tag zu legen, anfuͤhren konnte, hat allerdings ſein moraliſches Gewicht bewährt, aber geſetzliche Kraft hat es nicht.— Guſtav's Aufenthalt hier, und ſeine Krankheit habe ich ſogleich angezeigt.— Rückſichtlich der utzten wurde es mir vergonnt, mit Ehre und Gut füt ſeine Anweſenheit, bis der Prozeß been⸗ digt ſeyn wird, zu haften.— Die Fremden, die zugleich mit mir hier angekommen, ſind Commiſ⸗ ſaire, denen es aufgetragen iſt, ſobald Du Dich⸗ Güſtav! ſtark genug fuͤhlſt, eine peinliche Stunde zu ertragen, Dir mehrere Fragen vorzulegen.— Spo viel geht aus den Geſinnungen der Richter hervor, die in dem Geiſte ihres verſtorbenen Herrn zu handeln bemüht ſind, daß der Tod nur den Thäter treffen wird— und Verbannung vielleicht die nicht Ueberwieſenen.— Weder Guſtab's noch Axels zukuͤnftige Freiheit kann ſeyn. Ich bin daher ruhig.“ Der Oheim ſchwieg. Guſtav ſelbſt, ſo wie die Uebrigen, denen jedoch der Hauptinhalt des Vorgetragenen ſchon bekannt geweſen, hatten mit ruhiger Theilnahme den Bericht vernommen. Ulla allein mit tiefer Schamröthe und Unmuth. 66 war ihr zum erſten Mal klar geworden, daß der General nur eine Comödie mit⸗ ihr geſpielt, nur ihre Reize als Sonden der politiſchen Meinun⸗ gen, als Lockungen der Leidenſchaften, beſonders der ſeiner nůchſten Verwandten, gebraucht. Sie fühlte ſich im Inneren vernichtet; nicht daß ſie an dem litzten Stütvunkte ihrer inneren Recht⸗ fertigung, an ihrer hohen Abkunft zweifelte, ſor⸗ dern weil der Mann, der ihr zuerſt auf eine ſö ſchmeichelnde Weiſe huldigte, eben das, was ihr das Höchſte galt, um ſie zu täuſchen, gemiß⸗ braucht hatte. Sie hatte kaum den Wuth, ih⸗ ren Blick zu Guſtav zu echeben, und als ſie es endlich wagte, begegnete ihr der ſeinige mit ſo milder Schonung, mit ſo verhaltenem Feüet⸗ daß ſie lebendiger als je fühlte, daß nur ſeine Liebe, ſeine Huldigunß ſie wieder etheben und mit dem Leben verſoͤhnen konnten.— Abeß ſi ſie mißverſtand die Flammen, die ſeine weiche Stim⸗ 6 mung den feuchten Sternen eingehaucht— ſie flammten nur vor Freude, daß keine Makel das immer— obgleich nicht ſchuldloſe W. 10 3 — 146 ₰ die anmuthige Tochter des geliebten Hheins⸗ be⸗ troffen.— Von dieſem Augenplic ging ſune Geneſang ununterbrochen fort; obgleich Unruhe wegen des Schickſals ſeines Freundes, und die ungewohnte Lage, ſich ſelbſt als einen Gefangenen betrachten zu muͤſſen, ihm manche ſchwere Stunde verur⸗ ſachte; doch fühlte er ſogleich, daß unverſchuldete Leiden, unverdiente Verkennung den Geiſt des Mannes mehr erhebt als niederdrücktz es war ihm gleichſam ein Stein vom Herzen abgewäl⸗ zet, als er ſeine ganze Seele in der Erwiederung der ihm vorgelegten Fragen ausgeſprochen.— Allein jetzt begann eine ſehr bittre Zeit für Hedwiga.— Es gab einige Momente in den wenigen Tagen zwiſchen Guſtav's letzter Ankunft in Wörkna, und der ihres Vaters, da nur ein einzelnes Wort aus dem Munde ihres Gatten ihr wie eine vollſtändige Liebeserklärung geklun⸗ gen; aber durfte die beſcheidene, demüthige Hed⸗ wiga wohl daran glauben? Hatte auch der lange beſinnungsloſe Krankheitszuſtand des Gelichten ſeine Erinnerung an jene Augenblicke nicht ge⸗ ſchwäͤcht, wer buͤrgte ihr dafuͤr, daß jenes viel⸗ 3 5 — leicht flüchtige Gefuͤhl auch mit dem wiederge⸗ ſtärkten Gedaͤchtniſſe zuruͤckkehren wuͤrde. Wohl fiel ihr ſeine weiche Anhänglichkeit waͤhrend der zunehmenden Geneſung auf, allein konnte dieſe nicht bloß eine Folge der Krankheit ſeyn? wußte ſie auch, ob er nicht Ulla dieſelbe bezeigte? Da fiel es ihr plötzlich auf, daß Ulla ſich immer aͤngſtlicher in ſeine Nähe, an ſeine Pflege drängte, daß ſie einen Aufwand von Sorgfalt an den Tag legte, ſtatt ihn, wie fruͤher und wie Hed⸗ wiga ſelbſt, ſtill und anſpruchslos auszuuben. Sollte dies vielleicht ein Mittel ſeyn, um ihre geheimen Gefühle deutlicher zu erkennen zu ge⸗ ben? wuͤrde Ulla ſo offenbar, ſo eifrig ihren Platz an ſeinem Lager behaupten, wenn ſie nicht in Uebereinſtimmung mit ſeinen Wuͤnſchen han⸗ delte? Mißmuth beſchlich nun zum erſten Mal ihr Herz, und das freie Gepräge ihrer Empfin⸗ dungen, das ſich kurz vorher ungeſcheut in ihren Zuͤgen malte, geſtattete ſich nicht mehr die ru⸗ hige Kaͤlte zu durchdringen, die ſich wie Glatt⸗ eis uͤber ihre Zuͤge wieder gelegt. Was tauſend andre Frauen gethan haben wuͤrden: mit ver⸗ doppelter Pflege, zärtlichen Liebkoſungen um den 10* — 148— Preis zu ringen, davon wußte Hedwiga nichts. Seufzend, in demuͤthiger Entſagung, zog ſie ſich im Gegentheile immer mehr zuruͤck.— Ulla glaubte ſchon in Hedwiga's immer mehr verſchuchtertem Betragen leiſe Vorzeichen ihres Sieges zu bemerken, aber um ſo eiferſüchtiger erſpaͤhete ſie nun jede Bewegung in Guſtav's Zü⸗ gen. Mit klopfendem Herzen belauſchte ſie ſein Benehmen, wenn Hedwiga an ſeiner Seite ſaß. — Er blickte mitunter auf, ſah ihr in das ru⸗ hige Auge, lächelte ſtill, legte ſeine Hand auf die ihrige, und ſo verging manche Stunde in ruhigen heitern Geſpraͤchen, die ulla jedoch, wenn ſie ihr zu lange dauerten, auf eine kindiſche, aber dabei unbefangene Art zu ſtoͤren bemuͤht war. Hedwiga begab ſich dann gern ſtill hin⸗ weg. Anders verhielt ſich Guſtav, wenn ulla in ſeiner Naͤhe ſich befand. Er richtete ſich dann mit kräftigerer Stärke mehr in die Hohe, um die anmuthigen, lebendigen Züge zu betrachten⸗ — Es war, als haͤtte das Gefuͤhl als ſeyen ſie Beide Schiffbruͤchige, auf einem Balken ge⸗ rettet, ihn feſter an ſie gebunden; doch ſcheuete er ſich noch mehr als ſie, die Vergangenheit zu beruͤhren.— Er ſprach weniger mit ihr als mit Hedwiga, aber ſein Auge war mehr beſchäftiget, und wenn ſie mitunter zrtlich ſich uͤber ihn hinbog, ſtreichelte er wohl auch die glühenden. Wangen, oder ſeine Finger ſpielten leicht mit den herabgfallenen blonden Locken. un So naͤherte ſich allmählig das Weihnachtz⸗ fiſ wieder. Guſtav hatte lüngſt das Bette, durfte aber bei der kälteren Jahreszeit das S mer nicht verlaſſen, mochte es eigentlich auch nicht gern, indem er die Laſt der aͤußeren Ge⸗ fangenſchaft durch die innere Nothwendigkeit ſich weniger fuͤhlbar zu machen ſuchte; er ruhete faſt mehr, als gebuͤhrlich, auf dem luftigeren und be⸗ quemen Sopha. Dient eine ſtrenge Gefangen⸗ ſchaft oft dazu, die Seele zu ſammeln und zu ſtaͤrken, kann dagegen eine gelinde, faſt unmerk⸗ liche Verhaftung, beſonders in einem krampfhaf⸗ ten Zuſtande und von ſorgenden zärtlichen Ge⸗ muͤthern umringt, nur zu leicht die Serle ver⸗ woͤhnen und verzaͤrteln. Der Oheim ſchlug vor, den feierlichen Abend auf dieſelbe Weiſe wie das vorige Jahr, in ſeinem Zimmer zu verbringen⸗ Man ſchien ſchweigend ſeinem Willen ſich zu fügenz allein je näher der Abend kam, wenn man an die kleinen Vorhereitungen zu denken begann, ſchlich ſich ein unheimliches Gefuͤhl durch die jungeren Herzen, denen der Oheim dadurch eine Freude zu machen dachtt. Hedwiga mußte gegen ihren Willen an jenes Geheimniß denken, das ſo ſchmerzlich damals in ihre ſtille Freude eingriff. Aehnliche Gedänken ſchienen auch Guſtav und Ulla zu beunruhigenz wie ſehr hatten die letzten Weihnachten alle ihre Hoff⸗ nungen getäuſcht, wie war Guſtav's heitre Aus⸗ ſicht uͤber ſein Leben und ſeine Thätigkeit im Vaterlande verkleinert und verduͤſtert worden; auch hier war Hedwiga die Retterin aus der inneren Noth.„Es will nicht gehen, Oheim,“ ſagte ſie zu dieſem;„wir werden nur Axel gar zu ſchmerzlich vitmiſſenz in der Stille unſ'rer Gedanken wollen wir den feierlichen Abend nur begehen, mit der Hoffnung, ihn zum nächſten Jahre doppelt feiern zu können,“ Der— mußte ihr beipflichten⸗ Dieſer hatte indeſſen, dem Winter zum Trotze, viele kleine Reiſen gemacht, ſich mehrere Vollmachten von Guſtav verſchafft, und ſchien — 151— weniger der Geſelligkeit als einer unſtäten Thä⸗ tigkeit hingegeben. Ebba hatte das vtzrbert⸗ Hausweſen ganz uͤber ſich genommen, obhleich doch manchmal von Hedwiga unterſtutzt, um ihre Töchter, ſo nannte ſie beide, der Pflege des Kranken nicht zu entzichen. Ulla wutde immer unzertrennlicher von Guſtav's Zimmer. So be⸗ fand ſich mitunter Hedwißa, wie einſam und verläſſen, in der ftüher ſo träulichen Wohnung, die jedoch nicht, wie damals, ihr ganz gehörte. — Den heiteren Salon, der einſt Axel ſo ſehr vezaubert hatte, mußte ſie noch mit Ulla theilen⸗ Dieſe verbtachte noch immer die Nächte auf dem vatin ſtehenden Sopha und war nicht zu über⸗ reden, ein anderes Zimmer anzunehmen; ſie ge⸗ ſtänd gerade aus, daß ſie in dem großen, aͤngſt⸗ lichen Gebäude ſich furchtetete, und ſeit dem Tode des Generals war es ihr nicht moglich, eine Stunde im Dunkeln ganz allein zuzubtin⸗ gen, ſelbſt der Weg nach Guſta's Bimmer übet den großen Vorſaal, und durch einen kan⸗ gen Cortidor machte ihr ſchon Herzklopfen. Wie hatte Hedwiga als Wirthin dieſen faſt auf⸗ dringlichen Bitten und Votſtelungen widerſtehen — 152— können? Allein es ſchwehte ihr immer deutlicher vor, als würde ſi nach und nach gus allen ihren Rechten verdrängt.— Das Bild ihrr Finderjahre ſtitg witder vor ihrer Stele auf⸗ Es war ihr, als kehre dieſe gehäſſige Zeit zwar unter; edlern Formen, doch eben ſo vrrletzend, faſt noch peinlicher in ihr Leben zuruͤck; mit dem frohen, freilich faſt nur in Augenblicken verwirk⸗ lichten Traume, daß Guſtav ſie lieben könnte, war ihr Herz auch der Eiferſucht zugänglich ge⸗ macht, und alſo mußte noch ein Mal, nicht allein unter Dienerinnen, nicht bei einer al⸗ bernen Tante, ſondern mitten unter einer ge⸗ ſchätzten, theuren Umgebung, die Feindin ihrer Kindheit alle Rechte der gereiften Frau auf's Reue kränken.— Hatte Ulla nicht ſchon, ob⸗ gleich mit einer Befugniß, die ſie nicht ein Mal recht anerkennen wollte, ſich das Herz des alten Grafen angeeignet, der ſichtbar nur in ihrem Anblicke athmete und lebte? Schien es nicht täglich mehr mit Guſtav derſelbe Fall zu wer⸗ den?— Die gute Mutter hatte ſie freilich noch ganz, aber in thätiger Fuͤrſorge fur das Haus, konnte ſie Hedwiga's ſtillen Gram nicht bemer⸗ —.—— ken, und durfte, konnte ſie der Mutter, die im⸗ mer vielleicht zu ängſtliche, Furcht in dem Au? genblic vertfauen, wo daßn bangt Mutteche ſich um den entfernten,Prhafteten Sohn guälte, Auch Hedwiga's immes biſthweich Gang mußte ſie an jenes Ereigniß aus den Kinderjahren er⸗ innern, von dem ſie dies Andenken nochetrug⸗ — Würde aber Ulla's Gegenwart, die peinliche Emgueung ihres feindlichen Verhaͤltniſſes, ihr nicht vielleicht neue, größere Gefahren bringen koͤnnen? Sie mußte anſ Treu denken, und ein kalter, Schauder lut wie in ihr Heri- Ein Vorfall,—— um dieſe get ai⸗ nete, mußte offenbar dieſe Drei noch entſchiede⸗ ner von einander entfernen.— Guſtav war es vor allem Beduͤrfniß erheitert zu werden, das wiederholte der Arzt immer und immer. Hed⸗ wiga, der eine ſolche Zumuthung in ihrer ge⸗ genwaͤrtigen Stimmung faſt wie Spott erklang, beſchied ſich ſogleich, und überließ willig ulla ein Geſchaͤft, wozu ihre anmuthigen Talente, ihr beweglicher, heitrer und leichter Sinn ſich gebildet zu haben ſchien. Die Folge war, daß ulla mehi, als Giſtb ſelbſt es wünſchte, bei ihm war. Sein Herz etkannte und ſchätzte Hedwiga's ſtille und anſpruchsloſe Verdienſtez in ſeiner Krankheit war ſie ihm noch theurer geworden, allein eben ihr unveraͤnderlicher Gleich⸗ muth, ihr anſpruchloſes, kalt erſcheinendes Be⸗ trägen hinderten ihn, das innere Wohlgefallen auszuſprechen, das ihm oft auf den Lippen ſchwebte.— Wie anders war es mit Ulla. Sißz verſtand den Lippen Worte zu entwenden, die öfters mehr einer ſchnellerregten, gluͤhenden Emßſindung, als dem Inneren des Herzens ent⸗ ſprangen. Auch durch ihre unermüdliche Sorg⸗ falt und Pflege, die bei Hedwiga zu natuͤrlich hervortraten, um aufzufallen, war ſie ihm theuer geworden. Sie gewann in ſeiner Hochächtung, da er die vorige, ſtolze, glänzende Geſtalt in eine anmuthige, anſpruchsloſe Krankenwärterin virwandelt, an feinem Lager ſah.— Von Hed⸗ wiga wußte er ſich geſchätzt, fuͤhlte er ſich ge⸗ ehrt; hier war er angebetet mit einer Gluth⸗ deten Gewalt er weniger fuͤhlte, weil ſie ſich unter heitren, anmuthigen Scherzen verſteckte⸗ Alle kleine Sunden Ulla's wurden ſo mehr und — 155— mihr vetgeſſen.— Hatte ſie, lächerlich genug⸗ nach einer Krone getrachtet, hatte ſie ja jetzt zurch den gewonnenen Sieg der Weiblichkeit eine verdient; und unbekuͤmmiert geſtattete er der neuen Schweſter, der nahen Verwandten die Neigung, welche er der ſtolzen Muͤndel des Ge⸗ neruls faſt feindlich eützsgen. So hab ſich Guſtav, in der weichen Stimmung der jugend⸗ ſchen Geneſung, unbefangen oder vielleicht we⸗ niger unbefangen, als ſich felbſt täuſchend«— dim Zauber hin, der ihm früher ſo gfährlich ge⸗ worden, und tändelte ſo mit den Pfeilen, die heimlich geſchaͤrft wurden, nur um ihn zu ver⸗ wunden. Eines Tages lag Guſtav in dem be⸗ haglichen Gefuͤhle der wlederkehrenden Geſund⸗ heit auf ſeinem Sopha, zwiſchen das und die hüre eine ſpaniſche Wand geſtellt war, um die Zugluft zu verhindern; in einem großen Spiehel, der zwiſchen den Fenſtern hing, konnte er indeſſen jeden Eintretenden bemerken, ſo wie dieſer ſchon in der Thure ihn. Ulla ſaß an ſeiner Seite, und hatte ihm etwas vorgeleſen. — Das ſchlaue Mädchen wußte recht gut was ſie wäͤhlte, und wohl berechnend hatte ſie das — 156— Buch errothend ſo eben weggenommen, und warf ſich, nicht aus Verſtellung, ſondern weil wirklich die Stelle ihr Innerſtes getroffen, das ſie nicht mehr vor Guſtay verbergen mochte, an ſeine Bruſt. Er hob ihren Kopf in die Höhe, ſtrich die Locken von ihrer Stirn hinweg, ſah ihr weich in das feuchte Auge, und drückte den Mund hingeriſſen auf ihre Lippen.— önſuc Da ſiel, indem er wieder aufblickte, ſein Auge in den Spiegel. Auf der Schwelle der halbgeoffneten Thuͤre ſah er Hedwiga rhleichend ſtehen. Sie war, mit irgend einer Erfriſchung in der Hand, im Begriff hereinzutreten; faſt ohnmaͤchtig lehnte ſie zuruͤck an dem Thuͤrpfo⸗ ſten, den Blick ſtarr auf den Spiegel geheftet⸗ Erſchuͤttert ſchob Guſtav unwillkuͤhrlich Ulla ſchnell zuruͤck und fluſterte:„Hedwiga!“— Ulla ward blaß, ein dunkles Feuer brach aus ihren Augen.— Sie ſah erwartend nach dem Spiegel hin, aber Hedwiga war verſchwunden, und kam nicht. Ulla, um den inneren Unmuth zu beſchwichtigen, machte ſich bei dem Buͤcher⸗ ſchranks etwas zu ſchaffen. Guſtav fuhlte ſein Untecht, aber mit meh Freude als Beſchämung. Hedwiga's Erbleichen, ihr ſichtbares Zuſammenſinken ſagte ihm zum erſten Male recht deutlich, daß ſie der Liebe fähig ſey⸗ Er freuete ſich einen Ausdruck der Leiden⸗ ſchaft geſehen zu haben, die er nicht bei ihr er⸗ regen zu koͤnnen gehoſſt hatte. Sein Herz klopfte ihr faſt ſehnſuͤchtig entgegen, als ſie eine Vier⸗ telſtunde nachher hereintrat. Er wuͤnſchte Ulla weit, recht weit weg, um die Gattin zum erſten Mal feſt an ſeine Brüſt, Verſohnung flehend, druͤcken zu können. In ihrem Blicke aber war keine Spur des Vorgefallenen zu leſen.— Freundlich gegen ihn und Ulla, wie immer, ſtimmte ſie in das Geſpräch ein; nur glaubte er ein leiſes Zittern in der Stimme zu bemer⸗ ken.— Aber wuͤrde, könnte Liebe ſich ſo wenig beleidigt benehmen? Er dagegen fuhlte alle ſeine Empfindungen verletzt.„Edles aber kaltes Ge⸗ ſchoͤpf!“ ſeufzte er bei ſich. Er konnte ſich eines leiſen Unmuths gegen ſie nicht erwehren, der doch ſogleich verſchwand, als eine bittre Bemer⸗ kung über ſie Ulla entſchlupfte. In dieſem Au⸗ genblicke aber gewaun das in ſeinem Herzen, as brſſer als Leidenſchaft war, die Oberhand⸗ Er fuͤhlte etwas in ſich, das es nicht ertragen konnte, daß Jemand in ſeiner Gegenwart Hed⸗ wiga verkannte.— Entſchloſſen, als hoffte er dadurch Beide, ſich und Ulla, vor Verſuchung zu ſichern, eröffnete er Ulla, obgleich nicht mit deutlichen Worten, jedech dem umſichtigen Mäd⸗ chen deutlich genug, ſein ganzes Verhältniß zu Hedwiga und ihre ſchönen großen Verdienſte um ihn, deren er auch durch ſtrenge treue Erfüllung der ſelbſt aufgelegten Pflichten wuͤrdig bleiben muͤſſe.— Freude und Weh durchfuhr Ulla's Hetz⸗ Nicht wie Guſtap, der ſich trotz dieſes Verhält⸗ niſſes unaufloͤblich an Hedwiga gebunden fuhlte, betrachtete ſie ihn von dieſer Stunde an als ganz frei.— Ihr Beſtreben, ſeine Liebe zu ge⸗ winnen, kam ihr nun erlaubt, ja loblich vor, doch ſchmerzlich glaubte ſie zu bemerken, daß Guſtav eben wegen jenes Verhaͤltniſſes Hedwiga ſo hoch, ja vielleicht noch hoher als ſie wür⸗ digte und liebte, und ein ſehr bitteres Gefühl bemaͤchtigte ſich ihrer, als ſchon den folgenden Tag, ſelbſt in Guſtav's Gegenwart, Hedwiga ihr — 159— eine Taſſe hinreichte, mit dem zum erſten Mal ihren Lippen entſchluͤpftem Ausdruck:„Bringe dieſe meinem Manne!“— Von dieſem Tage an bediente Hedwiga ſich öfters dieſes Ausdrucksz das war die einzigſte kleine Veraͤnderung in ih⸗ rem Betragen ſeit jenem Ereigniſſe, daß ſie in⸗ deſſen mit allen Qualen getäuſchter Hoffnun⸗ gen erfullte. Hedwiga aber tadelte in dieſer Rückſicht nicht Guſtav, nicht ein Mal ulla, nur ſich ſelbſt; wußte ſie denn nicht, daß ſie nie Liebe einflößen koͤnnte, was durfte ſie denn zu Hoffnungen verleiten, denen ſie ſelbſt, indem ſie dem Geliebten ihre Hand verlieh, ent⸗ ſagt hatte. Wie gern wünſchte ſie Ulla glück⸗ lich, allein das konnte er ja doch nicht mit ulla werden— ſoiſehr hatte ſie ſich ja nicht verwan⸗ delt. Da fiel es ihr ein, weil ſie fuͤhlte, daß es fuͤr ein Weſen wie ſi— mehr als hinreichend ge⸗ weſen ſeyn wurde, durch ein Wort, das ihr äußeres Verhaältniß ausſprach, auch Sitte und Pflicht geltend zu machen⸗ 4 S Es verfehlte die Wirkung auf Guſtav nichtz Es rief ihm Hedwiga's einſt ſo ahnungölos ausgeſprochene Keberzeugung in ſein Gedächtniß 166 2 zurücks es mahnte ihn an die Pflicht, die er ſich ſelbſt vorgezeichnet hatte, und wirklich ent⸗ hielt er ſich von dieſem Augenblicken an ſo ent⸗ ſchieden von jeder Liebboſung, daß Ulla im In⸗ nern zu derſelben Zeit, wo ſie ubet Guſtav's Freiheit gejauchzet, mehr als je ſchauderte, Hed⸗ wiga als ein eifernes Hinderniß ſeines und ih⸗ res Glückes bettachten zu wüffen. Mm Sonſchlich eine lange, allen Dreien pein⸗ liche Zeit hin, bis endlich der Oheim, von einer kurzen Reiſe zuruckkehrend, mit einer, eine wich⸗ tige Botſchaft verkundenden Miene heteintratt Der Fruͤhling war indeſſen gekommen; er hatte Guſtav neuen Muth zum Leben eingeflößt, und fing ſo eben an auch ſeine Roſen auf ſeine Wangen zu malen.„Biſt Ou ſtark, Guſtav?“ fragte ihn der Graf mitten in der— Sr es alle?“— „Immer ſtark, das unvermeivliche zu tru⸗ gen!“ entgegnete dieſer. 5 „Ein Loos iſt gefallen; was ich voraus ze ſagt, iſt in Erfuͤllung gegangen. Eure Frei⸗ heit“ fuhr er langſam fort,„iſt Euch zwar nicht geraubt, aber Axel iſt des Landes ver⸗ — 161— wieſenz und Du, Guſtav! haſt die von dem Koͤ⸗ nig Dir zuruckgeſtellten. Lehngüter wieder verlo⸗ ren⸗ Laßt Euch das beruhigen, daß dies Loos, das Euch Schuldloſen trifft, vielleicht den Schlag von andern abgewandt, die nicht mit Enrem Selbſtbewußtſeyn ein Schickſal; das Euch nicht erniedtiget, getragen haben würden. Als ſo nahe Verwandte des in der Meinung ſo tiefſtehenden Namens Amin„ ſy Ihr noch M zu wien im oil nſeinoitnt dtg Habe ich vech mich ſaſt und e61 — Guſtav rtwas duͤſter ein. „Und noch mehr!“ lächelte der Ohein — bin für Euch Beide thätig geweſen, was unter dem Fortſchreiten der Sache geſchehen konnte, iſt geſchehen. Von Axels und Deinem Eigenthume iſt alles veräußert, was veräußtert werden durfte. In meinen Händen ruht ein nicht ganz unbedeutendes Capital, das Dir gehört, Guſtav. Apel iſt mit recht beträchtlichen Papieren ſchon abgereiſt;— ich bringe. und dieſen Brief.“ 5 Von dieſem, in dem wirklich jede Zel, iü die Anſichten, die aus dieſen hervorgingen, ſeine IV. 11 VPerwandten ſonderbar bn nur d Schluß wie Platz finden? hinnz i g ——— Erinnere Diq, Guſtav!— Traumes, als wir gemeinſchaftlich der Heimath zwieder naheten! Was wollten wir damals nicht „im fröhlichen Uebermuthe alles thun? Und „nun, da wir Beide erwacht, find wir froh, daß „wir nichts zu thun ekommen; daß wir nicht „zugegtiffen haben, dä, wo wenigſtens ich in ju⸗ „gendlicher Exaltation Gefahr lief, mit dem fein⸗ „ſten Herzen, mit den beſten Abſichten mich auf „einem Pfade zu verirren, dem Du mit Grund „mißtraueteſt; und der mich vielleicht mit den⸗ Fjenigen hätte zuſammenfüͤhren können, deren „That in ſonderbarem Widerſpruche mit ihren „Abſichten ſteht.— Von Dir habe ich gelernt, daß es mitunter That ſeyn kann, unthätig zu „ſeyn.—— Wir, ich bin ein Opfen eines „Verhuͤngniſſes geworden, das früh wie dunkle „Verwitrung, wie äͤngſtliche Gährung in mei⸗ „nem Blute, ahnend vor meiner Seele ſchwebte⸗ „— Jetzt ziehe ich ruhig hinz ruhig, aber nicht freudig! daß ich Euch nicht erſt ſehen konn⸗ „te!— Doch, vielleicht iſt es beſſer ſo.— Wie — — 163— „ſind ja edit⸗ doch inimet nah! nu üb „eins weiß ich mich nichtz u tröſten;. ch hütte „doch gar zu gern meine auferſtundene chrwür⸗ „dige Mukter an meinen Buſen geprückt, uid „ihren Segen Nichts mehr bavdn⸗ „giſchwätiges Hetz!— Es ſey Dir nut rfaubt „ulla zuzuflüſtern, daß ſch nun, da das Nch⸗ „ſel gelöſit, da ich ſie lieben darf, wo nögſich „noch inniger liebe.— We es ihr eben ſo „deutlich wie mir ſchn, daß wer gftſentlicht das „Dunkle ſucht/ um dndutch zu Licht zu San⸗ „gen, immer ein Ball der Lüuſchuug ober des „Truges wird. Moge, was ſie auch thun und „entſcheiden wird, dieſe Uebezeugung, und min „treue Neizung ihr ggenwärtig ſeyn!— Ich Heile, mir, ein neues Väterländ zu ſuchen, wilt „ich 6 thun muß.—— was vu S Di Frauen ſchwammen ale i in Thränen. „Ich habe nicht ihm, aber mir ſelbſt gelobt, ſein Fürſprecher zu ſeyn, Ulla!“ fagte der Ohein geruͤhrt.„Ich habe ihm viet von Dir, vielt von meinen Hoffnungen zu Dir erzählen Mfe. 11* — hall tröſtet ihn uͤber unſere Snrgn— Was meinſt Du, mein Kind?) Ulla ſchlug die Augen duͤſter ſiſene beklommen kaum hoͤrbar;„Sind denn alle Rüthſel gelöſ't?“— Es war ein Tag der cinſunket für unn ices Herz fuͤhlte einen ſchmerzlichen Verluſt. Der Oheim hatte viel mit Guſtav zu beſprechen. Hedwiga war der ſtilltrauernden Mutter in ihr Zimmer gefolgt. Ulla ſtellte ſich ſchwermuͤthig in ein Fenſter des großen einſamen Vorſaals. Sie ſah im Geiſte eine große Veränderung vor⸗ auß. Guſtav würde, nach dem Verluſte ſeiner Güter, won der neuen Regierung als ein Ver⸗ dächtiger angeſehen, ſchwerlich ſich bequemen nach der Reſſfyz wuücughen, obgleich 6 ihm nicht „* ren⸗ wite er nicht niticht anderzwo mit einer Frau, an deren Seite ihn eine kalte Pfücht band, und die, um ihr zu trotzen, ihn triumphirend daran mahnte. Sollte ſie denn in dem einſamen, verhaßten Schloſſe, unter dem — 165 ₰— Schutze eines Mannes zurückbleiben, der ſich ihr als Vater aufdringen wollte, und durch dieſe Benennung ihre Hoffnungen, ihte geträumten, noch in der Ferne lockenden Ausſichten, ihre Freiheit zerſchmetterte.— Ach! lagen nicht bei⸗ nahe alle ihre Hoffnungen zerſchmettert da?— Hatte ſie nicht ſchon das Verworrene, unzuſum⸗ menhaͤngende, anch ohne Axels Warfung) in den dunkeln Ausſagen jenes Finnweibes tief genug empfunden? oder war es nicht noch zu früh ſich ſelbſt aufzugeben? Mußte ſie nicht vielmehr aus allen Kräften des Leibes und det Seele den einzigen, aber zugleich reichen Erſatz in Guſtav's Liebe ſuchen.— Guſtav liebte ſie, ſie konnte, ſie wollte nicht daran zweifeln, denn das ware ja Verzweiflung!— Und hätten nicht ſein Blick, ſeine brennenden Lippen, ſein fieberhafter Puls ſelbſt es ihr geſagt? Aber wie ihn ermuthigen, wie ſeine Leidenſchaft ſteigern? ihm ihre Kuhnheit, ihre raſche Uebergehung allet kleinlichen Rückſichten einflößen? Bewachten, beherrſchten ihn nicht Hedwiga's Augen, die iht ſo feindlich in jenem Traume aus e Korpet eines Thieres entgegen geleüchtet.— Ha! und eben dies unſchuldige Thier hatte, was ſe ſchuldet, büßen mſiſſen⸗„ Da war es ihr, indem ihre Blicke abſichts⸗ i95 auf den nahen behüͤſchten Felſen, die das Schloß umgaben, ruheten, als ſtarrten zwei kleine Augen zwiſchen den Blaͤttern ſie an. Bald glaubte ſie das bekannte weiße Kleid hin⸗ ter Felſen und Gebüſchen verſteckt zu erkennen. Jn— ſie irte ſich nicht—6 war Arwed! nwill⸗ kuhrlich ſtieß ſie den Fenſterflügel auf. Er ſah blinzelnd zu ihr hinauf. Sie bedeutete ihm mit klopfendem Herzen, als wäre ihr ein Zeichen der Erfüllung gewährt, daß er ſich in den Garten begeben ſollte, wo ſie ihn am beſten unbemerkt ſprechen konnte;z aber er ſchuttelte den Kopf, und zeigte hatnäckig auf einen Vorſprung, von einem Felſenſtück gebildet, der ihn vor allen Augen ver⸗ harg, und wohin auch Ulla, unter der Garten⸗ mauer fortſchleichend, ungeſehen mit ihm zuſam⸗ mentnffen koͤnne.—“ Ulla hatte noch nie allein das Schloß ver⸗ taſſenz allein ſie mußte es, ſie mußte alles wa⸗ an; und jezt ſogleich, da jeder mit ſich ſelbſt beſchäftigt war, beſſer als den Abend zu — 467— erwarten, da das Zwielicht doch jrgend winen Verdacht erregen konnte. Sie mußte ihn js ſprechen; er mußte ihr das unaufgeloſ'te Räthſel ſeines Mißgriffes erklären. Dann ſollte er fort⸗ fort ſogleich, oder, fluͤſterte ſie leiſe bei ſich ſelbſt, wenns nur möglich iſt, daß man ihn nicht ent⸗ deckt, verſteckt ſich in der Nähe halten.— Wer kann wiſſen!“— Ueber ſeine Erſcheinung und ſeine Vorſicht ſich freuend, zu gleicher Seit uͤber eine Kühnheit, die Entdeckung und Gefahr mit ſich bringen konnte, aͤngſtlich, und über ſeine Weigerung in den Garten herabzuſteigen ent⸗ rüſtet, gelang es ihr, ohne Aufſehen zu erregen⸗ ſich in ſeine Nähe zu ſchleichen.— Sein erſtes Wort, ſeine beinahe ausgelaſſene Freude bei dem duͤſtern verwilderten Ausſehen ſchnitt ihr jeden harten Vorwurf ab.„Endlich, endlich!“ rief er in einem engen Kteiſe ſonderbar herumſprin⸗ gend und hupfend, als ſie vor ihn hintrat. Es ſchien als hatte ihm die freie Natur eine Leben⸗ digkeit wiedergegeben, die er in der Reſidenz, in Hauſe nie geaußert. u unnn Endlich!“ wiederholte 6⸗„Ja wehlt unn erſt nach weit mehr als Jahresfriſt findeß — 168— Du mich; die, wie Du meinteſt, Du in allen Verhältniſſen ſogleich auffinden wurdeſt!“ Ich habe Dich ſchon längſt aufgefunden!“ erwiderte Arwed, noch vor Freude lachend,„ob⸗ gleich Du diesmal Deine Spuren, ſo wie Deine Kleider weit nach Dir gelaſſen hatteſt; auch wollte der widerſtrebende Fuß Dich ungern in dieſer Gegend ſuchen; ob auch das treue Blut mich immer näher und naͤher gezogen.— Ich habe gewartet und gewartet, habe gehungert und⸗ gedurſtet, habe gefroren und bin wieder aufge⸗ thaut; bin gegangen und wiedergekommen. Viele⸗ Tage und viele Monate ſind über mich hinweg⸗ gegangen, aber Du wollteſt nicht herauskommen, nicht ein Mal beim Fenſter erſcheinen; und⸗ wenn es auch geſchah, biſt Du nie allein gewe⸗ ſen, oder haſt mich nicht bemerkt!“ „Ich lobe Deine Treue und Deine Vor⸗ ſicht, Dich nicht in das Schloß zu begeben!“ verſetzte Ulla um einen guten Theil ruhiger⸗ „Hm! Vorſicht?“ wiederholte Atwed;„ich getrauete mich wohl in der Nacht bis an Dein Zimmer hineinzuſchleichen, ohne daß Jemand mich hätte! gewähr werden ſollen; aber ich darf — 169— nicht mehr über die Schwelle 1“ fluͤſterte er mit banger, zitternder Stimme. n Du darfſt nicht— warum denn nicht?“ „Ich darf nicht— der Todten!“ erwie⸗ derte er zitternd. mun nint en ngign — welcher Todten?“ n Ulla ent⸗ 2 112 W ni „Du weißt beſſer, wen ich— ich ſuſ mein Arm hat unverzagt ihr Herz durch⸗ ſtochen.— Aber Blut vergieße ich nicht mehrz ich habe ſeitdem keine Ruhe gehabt, und obgleich ſie wohl Dir und andern unſichtbar dort unten ruht, ſehe ich ſie doch ſelbſt am Tage vor dem Fenſter deſſelben Zimmers ſtehen, wo— das . vergoß.“ „Du traͤumſt, unſelger!“ nzne unn ſchaudernd,„nicht ſie, den Hund„ A e. troffen und getödtet!“ 3 „Nein! nein! Ich weiß es— Arwed kopfſchuͤttelnd fort.„Ja freilich iſt der Hund auch getroffen, ſo wie ich getroffen ſeyn wuͤrde, wenn Dich ſechs Breter umgäben— ich kenne die Treue, ſie folgt nachz— aber todt iſt ſie dennoch!“ rief er ſchluchzend,„ich — 170— kann ja wohl die von den S unterſcheiden!“ Mnt „Und willſt Du,“ e una, die vean⸗ gen und beklommen ſich beeilte das Geſpräch zu beendigen, raſch,„mir u ferner dienſtbar⸗ ſeyn?“ näah Eh „Ich muß ja wohl!“ erwiederte er ſuſzend, „doch,“ fuhr er, den Kopf von ihr hinweg⸗ wendend, fort,„nicht mehr mit Blut— ich thue es nicht.— Meine Hand zittert, ſie kann kein Meſſer mehr fuͤhren; aber mit zwei Ele⸗ menten bin ich gewohnt umzugehen, und wenn es gilt, kann ich ihre Geiſter hervorrufen, das habe ich der Mutter abgelernt; mit Erde und Feuer darf ich ſchalten.“ „Gut, Arwed!“ verſetzte Ulla, den Biic feſt auf die Erde geheftet,„daß ich mich auf Dich verlaſſen kann, obgleich Du ſehr bedenk⸗ lich geworden zu ſeyn ſcheinſt.— Wenn ich Dich wieder ſehen kann, weiß ich freilich nicht.“ „Nun! Du weißt ja“ entgegnete er wieder froh,„wo Du meine Augen ſehen kannſt; aus jenem Gebuͤſche werden ſie immer die Deinigen ſuchen— wenn ich nur hier ſeyn — darf; aber ich muß viel herumwandern. Die Geiſter haben den Körper der Mutter überwäl⸗ tiget; ſie eilt von Ort zu Ort im Lande herum und will mich tödten.— Sie hätte mich längſt gefunden, wenn ihr der Kof nicht ſo wuͤſt wäre; doch muß ich mitunter, wenn ſie auf meint Spur geräth, ſie irre fuͤhren, und mit rück⸗ waͤrts gewendetem Schritte ſie von meinem Pfade ablenken.— Mit jedem Vollmonde werde ich dennoch hier ſeyn;— aber daß Du es weißt, bis an die Schwelle der großen Huͤtte darf ich ſchreiten, uͤber ſie nicht, wenn nicht eine Gewalt, maͤchtiger als der mich antreiben ſollte.“ Ulla ging tiefſinnend nach ſie it mit ſich ſelbſt, ob ſie Arwed ferner noch ſehen wollte; es war ihr, als ob ſeine Gegenwart ihr kuͤhne, gewaltthätige, blutige Gedanken einflößte, und daß er dagegen bedenklich, verſchuͤchtert, mädchenhaft vor ihr ſtände.— Es wollte ſie bedunken, als ginge ſie unaufhaltſam einer dunk⸗ len Verwirrung entgegen, der ihre inneren Kaͤmpfe nicht widerſtehen könnten. Sie trat weinend in ihr Zimmer. — 172— Der Abend verſammelte Alle wieder, und keiner hezeigte ſich heiterer und zufriedener als Guſtav. Von ſeinen Entwuͤrfen fuͤr die Zu⸗ kunft ahnete Ulla nichts. Auch ſchien noch alles in der alten Lage geblieben zu ſeyn; aber eben dieſe äußere Ruhe brachte ihren ungeduldigen Geiſt, ihr unerſättliches Herz zur Verzweiflung; ſelbſt ein ruhiges Gluͤck hatte ihre bewegliche Seele ja nicht lange genießen koͤnnen; qualvoll verſtrich die Zeit. Der Herbſt war ſchon vor⸗ geruͤckt. Guſtav war läͤngſt hergeſtellt wor⸗ den; die ſuͤßen, vertraulichen Stunden an ſei⸗ nem Lager hatten ſchon ſeit Monaten aufgehort. Sein Zimmer wurde nicht mehr von Ulla be⸗ ſucht; aber es blieb ihr nicht unbemerkt, daß eine duͤſtre Wolke ſeine kurze Heiterkeit wieder verſchleiert hatte, daß ein neuer, bruͤtender Un⸗ muth aus ſeinen Blicken ſprach, und ſein Auge finſter, faſt bedenklich auf Hedwiga ruhete.„Wie? fuhlte Guſtav doch endlich die Ketten, die ihn druͤckten?“ Sie wollte bemerken, daß er ſich manchmal mit Hedwiga uͤber häusliche Angele⸗ genheiten beſprach— Sie ahnte mit Beben, daß ein geheimer Plan fuͤr die Zukunft entworfen wůtde.— Konnte er denn nicht zum Entſchluſſe kommen? Dies ſcheinbare Schwanken zwiſchen Pflicht und Liebe beleidigte und reizte ſie immer mehr. Ihr ſchwermuͤthiges Bruͤten hatte auch Einfluß auf ihr Aeußeres gehabt; ſie bemerkte wohl, daß das Auge des Vaters bekümmert auf ihr hafte, daß ſelbſt Guſtav's Blick ihr mit Mitleid folgte; Guſtav's zaͤrtlicher Blick, aus dem ſie träumend und entzuckt ſeine geheime Liebe herauslas, während ein beſchränkendes Zart⸗ gefuhl, das ihn faſt lächerlich machte, ihn an dieſe Scheingattin, dieſe häßliche, unanſehliche, immer mehr hinkende Hedwiga zog. Der Gedanke wurde ihr immer klarer und deutlicher, daß er zur Wahl zwiſchen Beiden genöthigt werden muͤſſe. Ein raſch herbeigeführter Zufall, meinte ſie, wobei die kuhn herausgeforderte Liebe die Pflicht hinter ſich ließe, und Hedwiga die Ohn⸗ macht ihrer Anmaaßungen zeigte, könnte nur entſcheidend ſeyn. Aber wie? daruͤber ſinnend, wurde der Kopf ihr allmählig wuͤſt und wirrz es war, als wuͤthete ein ſchleichendes, brennen⸗ des Fieber, das ſie mit Wahnſinn bedrohete, in allen Adern. So konnte ſie es nicht länger — 174— aushalten, wenn ein gewaltſames, maͤchtiges Heilmittel ihr nicht bald zu Huͤlfe kam.— Sie erſpaͤhtte mit Furcht und Hoffen den Vollmond, denn ſie hatte Arwed's— Wnhe— ge⸗ —— 6 Auch Hedwiga nfte mehr als je mit ge⸗ — Leiden. Sie hatte bei Axels Brief, bei der Entſcheidung des Schickſals der beiden Freun⸗ deh ſo wie Ulla gefuͤhlt, daß das gegenwärtige Verhältniß, das, trotz ihres ſtillen Gram's, ihrer ſorgfaͤltig verborgenen Eiferſucht, durch Sorge fuͤr Guſtav's Geneſung, und durch eine lange, liebe Gewohnheit ihr theuer geworden war, nun zerriſſen ſey. Auch ſie hatte Guſtav's Heiterkeit nach der Unterredung mit dem Oheim bemerkt, und zitterte leiſe dabei; aber die Wolke, die kurz nachher merklich ſeine Stirne derduͤſterte, beunruhigte ſie noch mehr. Sie hielt dieſe für Unmuth uͤber ſeine Lage; ſie glaubte Liebe zu Ulla, Scheu gegen ſie aus ihr hervorſchimmern zu ſehen.— Ihre Blicke ruhete oft lange und feſt auf Guſtav; es war, als forderten ſie ihn zu reden auf, aber Guſtav ſchwieg. — 175— Sie ahnete nicht, oder wollte nicht ahnen, was ihm die Zunge bund.— Der Oheim hatte ihn gleich, nachdem Axels Brief geleſen war, von den Schritten benachrichtiget, die er in's Geheim gethan.„Guſtav1“1 ſagte er,„ich habe Dein Haus in der Stadt, werkauft, ſo auch das kleine von dem Vater geerbte Gut.— Es iſt, wie Du weißt, mehr ein Ruheſitz des ein⸗ zelnen Mannes, welcher der Welt entſagt, als fuͤr den geeignet, derenoch in der thaͤtigſten Fülle des Lebens ſteht, und deſſen Muth unge⸗ brugt iſt. Es fehlt zur Beſtätigung des Kaufes nur Dine Einwilligung.— Ich meine, Du ſollteſt ſie geben.— Willſt Du in dem Lande, das Dich verkennt⸗ heihen haſt Du ja, Wörkna.“ Wörkna,“ unterbroch; ihn Guſtav ſchnell, „ehört. Hedwiga, oder vielmehr W— Sie habencjetzt eine Tochter“ b pn vde „Woörkna,“ entgegnete der Graf,— Sid⸗ wiga geſetzlich zugeſagt, und iſt das Erbtheil ihrer Mutter.— Ulla beſigzt ja noch ihr größe⸗ res Gut unangefochten, wo die alberne Tante ſchon wieder reſidirt.— Ulla iſt aber lieber bei uns.— Wörkna gebört alſo euch— oder wollt ihr Axel folgen.— Ubereile Dich nicht, Guſtav — berthet— folgt nur dann eurem euſhuſt⸗ u ſin dlu n 9 n „Ja!“ ſagte Guſtav zu i ſabald ar allein war. Jn! fort zu Axel!— hinweg von dieſem Lande, wo die Luft mir immier ſchwerer wirdz eben weil ich ſie ſo ſehr geliebt, möchte ich ſagen, wenn auch nicht dieſe Liebe nur ein Traum geweſen.— Ja, es kömmt mir vor, daß mein Sitn, wie der Oheim ihn nennt, der ſo feſt an dieſem Fleckchen Erde hing„nun vei meinein Erwachen davon ganz“ abgeloßt iſt, obgleich er wohl ſpaͤter zu ſeinen— Wm wird.— Ja fort—“ e Aber er fühlte bald, daß n— nicht ſo leicht auszuführen war.„Könnte ich euch nur Alle mitnthmen!“ ſeufzte er hiſe. „Ob,“ fragte er ſich beklommen,„ob auch Hed⸗ wiga mit mir zichen will— dann müßte ja voch dies Scheinverhältniß aufhoren— acht die ſchon Büßende folgt mir ja gern.— NRun, ich muß, ich will mit Hedwiga reden!“ Doch kam er nicht dazuz es war jedes Mal⸗ wenn er den Mund eroffnen wollte, als ſolle er ſein Ttennung vön ihr äusſprechtn. Sie hatte ihm ja ſchon ſo viele Opfer gebracht cu. aber dabei jede innigere Annäherung abgelehnt.— War ſie ihm denn wirklich ſo nothwendig machte ihn hier nicht eine eigenſinnige Ueber⸗ ſchätung kühler Tugenden blind für die Wärme, die Ulla's Relze verſchönerte, die aus ihten Blicken Feinem tiefſten Gofühlt entgegenſtrählte? —unt doch war es ihm /winn er ſich in ſeh nen Gedanken von Hedwigä äb) gegen Ulla hin⸗ wandte ulsewenditeein ſichvon dir klaren Wahr⸗ heit, von der duͤrchſichtigſten, unvetuͤlſchten Güte zu dunkeln) nicht zu unterſcheidenden Flaimnen. Jede Rucht Vſchloß er geradt aus, wie frühet mit Hedwiga zu riden, abet wenn der Motgen kam ſchob er es doch wieder uuf; es wat, als fürchtett rian einem Verhaͤltniſſe zu tüteern das, ei Mal zertiſſen y nicht hergeſtellt werden konnte;es war ihm, üls üſſe er ſich lieber an einen Traum haltin, äls eine Wirklichkeit ergreifen, die dir ihm nur Woſichten in eine Racht eröffnete,„weil er dann die— gewohnte — Wnbt n Da trat eines Tages Hedwiga vor ihn hin, nachdem ſie ihm lange in die düſtern Augen mit Theilnahme und Rührung geſehenz ſie legte ihre Hand leicht auf die ſeinige und ſagte:„Guſtav, Sie haben Kummer, und verſchweigen ihn Ih⸗ ker Freundin?— Ein fremder Gaſt hat ſich in Ihre Seele hineingedrängt: die Unſchlüͤſſigkeit⸗ — Bin ich wohl Schuld daran?— Was Sie auch vorhaben, Guſtav, vergeſſen Sie Sie ganz frei ſind.“ „Nein Hedwiga!“ rief Cuſn in⸗ dem er ihre Hand efgriff,„ich bin nicht frei!“ Er ſagte nichts mehr; auch Hedwiga mach⸗ ten dirſe Worte verſtummen. Jene Umarmung ſtellteſich vor ihre Seele, aber zugleich auch, wie ſehr Ulla, die Tochter des lieben Ohtim's, ſich zu ihrem Vortheile verändert; mit zurückgehaltenen Fhränen, mit einer Kraftanſtrengung, die, wie immrr, ihrer Stimme eine kalte Härte uh K ſie mit beſtimmtem Fone: Doch Guſtau! Sie ſind's1— 36 i freilich einſt eine Ausnahme fiſaſehtz aber ich muͤßte ja blind ſeyn, wenn ich ſie noch gel⸗ tend machen wollte. Guſtav! jedes Hinderniß — 179— iſt ja jetzt hinweggeräumt— Sie. Herr aller ihrer Schritte“ Sie entfernte ſich ſchnell, um ihre 2 zu—4 Die dunkle Ahnung, als ulla ihr jenen Abend mit dem General entgegen ge⸗ treten war, daß ihre erſte und letzte gluckliche Stunde ſchon verronnen ſey, ſiel ihr wieder ein; ſo auch der ſonderbare Zufall, daß außere Um⸗ ſtände immer den verabredeten Beſuch mit Gu⸗ ſtay bei dem Grabe ihres Lieblings verhindert hatten. Ach! ſie ſahn faſt gegen ihren Willen eine nur zu klare Bedeutung darin, und in dem Gefuͤhle ihrer innern, faſt von Niemand bemerk⸗ ten Verlaſſenheit, ging ſie oft einſam und unge⸗ ſehen in den Garten hinunter, zu dem kleinen Hügel, und weinte Troſt und Faſſung in ihr Herz zuruͤck, denn Guſtav's freundliche Worte, ſeine Sorge um ſie, wurden ihr dort wieder recht lebendig.— Sie bedurfte Faſſung; Ulla's Blick kam ihr immer unheimlicher vor, und Hedwiga mubte ſie mit einem leiſen Grauen betrachten. Es war, als fluͤſterte ihr das Grab des treuen Thieres, ja ſelbſt die angehenden Herbſtſtuͤrme Warnungen zu. Selbſt die alte Dienerin äußerte 12* n6 — 180 ₰ Bedenklichkeiten. Sie wollte hin und wiebir in dem Zwielichte eine ſonderbare, weiße und“ kleine Geſtalt, dem Schloſſt ganz nahe geſthen, und ſo⸗ gar bemerkt haben/ däß Ulla mit ihtein itgens einem Verkehre ſtande. Auch wurde anter det Bedienung biel dabon heſprochen, daß man in der mgtgend) und dem Schloſſe immer nahet felbſt dei hellem Tagé ein durchdringendes We⸗ hegeſchrei gehört hatte. Hedwiga fühlte ſich wi⸗ der Willen von bieſem Abergtauben? mit einet ſonderbaren Aengllichkeit angeſteckt. Sie · that, was ihr ſonſt nis einhefulten war; ſis vẽtriegelte kißs dis Thüre, dis ihr Schlafziminit von Uila's tennte eher ſie ju Betté ging.— 4 n Guſtav war, als ihm Hedwiga jene Etkli⸗ uungnzab, vor Erſtaunen wie verſteinert ſtchen⸗ geblicben. Endlich ſagte ei bitter zu ſich ſelbſt⸗ Wie? bin ich ihr denn wirklich ſo! Zleichgultig geworden, daß ſie ſo ſchnell ihren feſten, hart⸗ näckigen Entſchluß aufgeben kann?— Nein! fuhr er nach kurzem Bedenken fort/%ich thue ihr unrecht.— Sie iſt beſſer und gerechter als ich— ja ulla iſt ja auch ſeitdem eine ganz andre geworden— beſſer gewiß. Ihre ganze Liebenswürdigkeit wird jaauch ein Mal mit der Heiterkeit ihrer Seele zurückkehren. Sie eiſt ei⸗ ferſuchtig auf Hedwiga— und ſie?— Ja— ich fühle, ich bewundere ihre Großmuth— denn ſie liebt, Ulla nicht— aber. es iſt mir nur zu klar, ſo großmuͤthig kann Liebe, warme Liebe nicht ſeyn— nein— das iſt nicht moglich!“ Eine Bitterkeit, die er ſich nicht ſelbſt et⸗ klären konnte, füllte ſeine Sgele, nicht bloß ge⸗ gen Hedwiga, ſondern gegen die ganze Welt⸗ faſt gegen Ulla ſelbſt, die er zu ihrem Entzücken mit größerer Zaͤrtlichkeit, mit wehmüthigenm Mitleideg als je betrachtetes dieſes Mitleid galt vor allem dem Streite, den er in ihrem Jn⸗ nern gewahr wurde, und den er doch nicht recht faſſen konnte, weil ſein Ausdruck ungleich und oft launenhaft war; doch ſelbſt. jetzt⸗ da Hedwi⸗ ga's Gleichmuth ihn ſo ſchmerzlich getroffen rührte ihn zu gleicher Zeit ihr auffallend kränk⸗ liches, faſt hinfälliges Aeußrrez es kam ihm doch immer vor, als ſtraften. ihn Blicke die har⸗ ten Worte Lügen, und ein Laut von iheen Lippen klang tiefer in ſeine Seele, als Ulla's Stimme in ſeinem Herzen, obgleich er faſt ge⸗ fließentlich ſich es nicht geſtehen wollts. Eines Abends ſah er ·ſie langfam, ſichtbar ermattet, aus dem Garten koinmen, es kam ihm vor, als ge⸗ wahrte er Spuren von Thränen in ihren Augen⸗ Wo kommen her,—— 2— er 2nnn bicng* „Von einem Orte,“ erwiederte— „wohin wir eine Wallfahrt einſt verabredet hat⸗ ten— aber— Ekeigniſſe ſtellten ſich dazwi⸗ ſchen.— Es ſollte nicht ſo ſeyn— Lachen Sie nicht, Guſtav, ich habe das Grab uines Tteu — in B Dieſe Worte nh ihn tief. In ſeiner Seele wurde die Erinnerung jener ihm ſo lieben Stunden wieder lebendig und thätig.— Ohne eine Antwort zu finden, ergriff er ihre Hand, die in der ſeinigen zitterte, druckte ſie an ſeine Lippen und fuͤhrke Hedwiga ſchweigend die Treppe hinauf.— Erſt an der Schwelle des Zimmers, in dem ſich Ulla befand, flüſterte er ihr mit faſt verſagen der Stimme zu:„O, Hedwiga! ſoll und muß denn immer ein Drittes ſich niſchen un⸗ . — 183 Sie verſtand ihn nichtz 3 aber ſie glaubte ſeufzend ihn verſtanden zu haben, als ihe Auge ulla's ſcharfem Blicke begegnete. 6u „Ihr kommt eben recht!“ rief ſie ihnen ent⸗ gegen, ohne den gewichtigen Blick von Beiden abzuwenden, jum mit zu helfen eine Aufgabe zu löſen, die mein Inneres beſchäftiget. Ich un⸗ terſuche, was wohl einen Menſchen recht zur Vet⸗ zweiflung bringen unte Wnbs meint Ihr Kinder?“. 163 bpn 10 „Mich!“ erwiederte Guſtav, indem er ſeine Miene zu erheitern ſuchtez„nun! das Leben ohne Zweck hinziehen zu ſehen, abſichtlich nicht verſtanden zu werden; und was könnte Sie W. Verzweiflung bringen, Hedwiga?“. „Zur Verzweiflung?“„ bedenkend;„nichts!“ „Das iſt keine Antwotl“ ſiel un ein. „Hier iſt nicht die Rede von uͤbermenſchlicher Goͤtterkraft— ich rechne uns Alle unter die Wab Menſchen!“ „Nun ja denn,“ verſetzte Hedwiga,„wenn mich etwas dahin konnte, ſo waͤre 8 nu⸗ gewißheit!“ Nun! und Sie, ſchöneUlla?““ fragte Guſtav. Mich?7 nief ſi heftigz„ach kider tanſend⸗ tauſend Dinge; ich ſann eigentlich darauf, wie eine muthige Seele ſich aus der Verzweiflung wie⸗ der emporheben konnte⸗ und da ſiel mir jener kühne Spanier, deſſen; Vermeſſenheit eben durch ei„ en Bigrif⸗ lich „Welcher?“ fragte 16 „Ich moͤchte wohl ſeinen Namen wiſſen,“ — Ulla;„ein armer Liebender war es, der durch die ungehrure Kluft, die weniger Verſchie⸗ denheit des Standes, als Reichthum und Armuth⸗ Liebe und ein alter Name bilden, ſich von ſeiner Geliebten getrennt ſahz keine Anſpruͤche des Her⸗ zens, keine uͤberzeugenden Gründe des Verſtandes vermochten ſie zu üherſchreiten; dennoch gelang es ſeinem Geiſte. Ey ſteckte den Pallaſt, in dem die Geliebte wohnte, in Brand, und zwar die Irep⸗ pen zuerſt; und als nun Alle im bleichen Ent⸗ ſetzen erſtarrten und verzagten, trotzte er allein Warnungen und Flammen, drang mit Gefahr ſeines Lebens hinein, und rettete das Ihrige.— Er geſtand ihr nachher in's Geheim ſein Wah⸗ ſtuͤckz ſie reichte ihm endlich gerührt und uͤber⸗ wunden die Hand, und der dankbare Vater wil⸗ ligte in die Verbindung.— Ich lobe mir eine ſce S— Blb Ihr an it W an— oſ trittt An die Extettung dus Gofahr und—— utng“ verſetzte Guſtav, aber nicht an eine ſo tolle Leidenſchaft, welche die Geliebte ſe augen⸗ ſcheinlicher Gefahr bloßſtellen könnte.“— „O! ſolche Gefahr kann mitunter ſehr rei⸗ zend ſeyn!“ rief Ulla mit Heftigkeit. DSie wollte mehr ſagen, wurde aber von demneintre⸗ tenden Vater unterbrochen, der dem Geſpräche eine ganz and're Wendung gab, wobei. ſie den ganzen Abend hindurch eine größere Heiterkeit, als ſie ſeit ihrem Hierſeyn gezeigt, offenbarte⸗ Allein es ſchien nachher, als ware ſie das letzte Aufflackern einer ausgehenden Lampe geweſen.— Am naͤchſten Morgen zeigten ihre Züge Spuren einer unruhigen, ſchlafloſen Nacht. Hedwiga wollte ſiein ihrem Zimmer heftig auf⸗ und nieder⸗ gehen und mit ſich ſelbſt ſprechen gehört haben⸗ Sie klagte uͤber Kopfſchmerz, und eine brennende Hitze überflog mehrmals ihre Wangen; es zeigten ſich Schweißtropfen auf ihter Stirn, und in ei⸗ nem dunkeln Hinbruten hörte ſie oft nicht, wenn zu ihr geſprochen wurde.— Des Abends jedoch, als die Familie wie gewöhnlich ſich um den Ka⸗ min verſammelt fand, ſchien ſie ſich zuſammen⸗ genommen zu haben. Sie war auch geſprächiger geworden, und es gelang dem beſorgten Vatery ſie allmählig zu zerſtreuen, obgleich ein verduſter⸗ tes Gemuͤth ſich— in alin— Re⸗ den ausſprach. So hatte zum Beiſpiel der Opnn die Un⸗ terredung auf die Vergnügungen und Zerſtreuun⸗ gen großer Staͤdte— als ſe ein S. äußerte: „Die hochſte aller xnſipungen ß wie 16 mir es vorſtelle, obgleich ich als Frau keinen Antheil daran genommen habe, iſt das Spielen⸗ Ich kann mir nichts mehr verfüuhreriſch denken, als ſein Eigenthum, ſein Hab' und Gut, Gold und Juwelen, alles was man von Werth be⸗ ſitzt, auf eine Karte zu ſetzen. In dieſer un⸗ endlichen Angſt, in der Herz und Seele ſchwebt, — 187— wähtend der Sinußte abzieht, iiegt jn ſchen ein Reiz ohne Gleichen; und wenn er nun das gahné aubruft; und dies eine kleine Wort das unerſättliche Herz in Beſitz deſſen ſett, was ihm höher galt, als alles was ihin früher zu Gebote ſtand. Nein! ich kann mir— Anzichenderes denken!“ Wit dn nmui „Gut, meine Tochter!“ rief der Oheimz „aber geſetzt nun, daß er perdu austieft?““ 5 Nun, dann wäte es düsgerufen!“ entgeg⸗ nete Ulla dumpf;„und wäs hätte ich denn auch mehr hingegeben, als was doch ſchon für mich den hochſten Werth verloren, indem ich es verwendete, um mir das, was mich noch höher reizte, zu verſchaffen. Wer dem Höchſten ent⸗ ſagen muß, dem koſtet die des Klei⸗ nern nichts!“— „Aber,“ wandte der Oheim ein,„ſo hät⸗ teſt Du ja auch die Hoffnung, das Höchſte je⸗ mals zu gewinnen, dadurch verloren; und wer mag ohne Hoffnung leben?“ „Wer nicht leben mag, kann ſterben!“ er⸗ wiederte Ulla feſt; aber in ihren Blicken malte ſich eine ſo unbeſchreibliche Wehmuth, daß der — 36— Anblick ihres feuchten Auges, Alle, ſelbſt Hed⸗ wiga, mit ahnendem Schwetze ergriff. zi3b n Grſied bot al ſüne Geiſtsktüft auf, un den Eindruck diſts Augenblickes zu vrlölchenz und es gelang ihm zum, Theil; obgleich man ſpaͤter eben nicht heiter auseinander ginge önof Guſtav begab ſich verſtimmt auf ſein Zim⸗ merz ganz anders, tiefer, ſchmerzlicher vielleicht, aber doch nicht ſo ſein Innerſtes ergreifend, wie Hedwiga, als ſie von dem Grabe ihrese Lub⸗ lings kam, hatte ihn una beruhrt. Ein plotzlich heiterer Blick, wie ein Sonnenlcheln durch Ge⸗ witterwolken, den ſie ihm verſtohlen zugeworfen, machte ihn irre an ihr⸗ Er hatte ſich indeſſen ausgezogen in's Bett geworfen, und ergriff das erſte beſte Buch, um die unbehagliche Stim⸗ mung zu verbannen. Es wollte ihm aber nicht gelingen. Er warf das Buch wieder zur Seite, lehnte den Arm auf den neben ihm ſtehenden Tiſch, und verſank auf's Neue in die alten, un⸗ thätigen Betrachtungen über ſeine Lage. „Liegt es denn an meinem Blick ℳ ſeufzte er,„daß er nicht in Ulla's Seele, intihr war⸗ mes, lebendiges Herz hineinzudringeu vermag; — 169— dr wird ju doch ncht ſtumpf, aber heller und fieudiger wenn er in Hidwiga's Gemuth yin⸗ einblickt. Ach! warum muß dies klare, reine Geinuth kalt/ wie das Quellwwaſſer ſehn! Das Spiegelbild ihret Seile l kalt! thue! ich vihr nicht Untecht? iſt das Glfühl Kältt,das ſi an das Gräb unſers reü hiütteibt? Hätte er Ulla zuhehört, würde ſie, die waim Lul, . ihn nicht läͤngſt vergeſſen häben?— Wäs fälit mir eñ 2 Er?iſt vielleicht ſogar der ihiige ge⸗ weſen— dann hatte ſie ihn ja ſchon in Lben wegen eines äußeren Fehlers verſchäherl. Heb⸗ wigaibeiß das treue Intiett zu wutdigen) Uns vöch ſt⸗ utla mit allen ihren kleinei Feh en it ntheuetzdoch ſtuez manchtüt, t müßte ih ſicgtüde Vmuiß itich vethiſfin ma chen, daß ich iwis Hühers als Schonhit ſchůten gelett habe. Und“ führt inſnthig fort, während er das Licht auslöſchtẽ, Praucht ich mir daruͤber Vorwuͤrfe zu machen? Hidwigd ht mich jd frei gegebenz inaufzffutbett, yegen meintn⸗ Willen; warüm! darf deün nicht— wenn ich mein Herz bei einem Stufzer er⸗ tappe, Ula's Rame üuf meinen Lippen beben!“ — 490— enn In dieſem Augenblicke kam es ihm vor, als prange gin röthlicher, flammender Schimmer durch die zuſammengezogenen Fenſtervorhänge. Er ſprang raſch aus dem Bette, eilte zum Fen⸗ ſtr, ſtieß es aufz ein dicker Rauch wallte ihm Entgegen, der ihn kaum die rothen Flammenter⸗ kennen ließ, die aus. den Fenſtern der heiden Frauen herausſchlugen.— Es ſiel ihm ſogleich ein, daß ſie und er ganz allein in der oberen Simmtreihe ſchliefen.— In der größten Eile, h Mnn, wat er ſich in di nothigſten Prag. in———„ ns ula wohnte.— Es kam ihm vor, als hrennte es ſchon tings um ihmz der Rauch machte alle Gegenſtände undeutlich. Ulla ſtand zitternd mit⸗ ten im Saale.—„Wo iſt Hedwiga?“ 4 n nc bin rette mich, Guſtay!“ flehete uun und wuf in ſeine Arme. 30 kann nicht mehr!—“ m6 Spsh Si ſur, und Sie mir nach, Gräfin!“ fuhr er ſchnell mit noch nie gehörter, rauher Stimme fort:„Sie haben ja geſunde Füße; aber die arme, arme Hedwiga!“ — 191— Er riß ſich unſanft los, und ſtürzte zu ihrer heit nach, verriegelt.—„Gott, waß iſt das?“ rief er, und von ſeiner kräftigen Fauſt, lag ſie zertruͤmmert zu ſeinen Fußen; Rauch wogte ihm auch hier, obgleich weniger ſtark, entgegen— Er ergriff Hedwiga, die, halb angekleidet, einer Ohnmacht nahe an dem Bette lehnte.— Hin⸗ ter ihnen, in Ulla's Zimmer, wuͤthete die Flam⸗ menz der Rauch ward immer ſtärker. Glück⸗ licherweiſe beſann er ſich auf die kleine Treppe neben dem Zimmer, und eilte mit— in— hinab. n Ach! nur zu kurz war dieſe We fürt die die Hedwiga in ſeinen Armen ein⸗ athmete. Sie hatte gehört, was er zu Ulla ſprach; jener Spanier, von dem ihr den Tag vorher erzählt worden war, der die Geliebte aus dem Feuer gertttet/ fiel ihr ſogleich in dieſer Ideeverbindung iz und zum erſten Male fuͤhlte ſie, daß Sie es ſey, die Guſtav liebte. Seine Stimme in Ulla's Zimmer hatte ſtatt des Gefühls der Rettung, die tödtliche Angſt in ih⸗ rer Bruſt erregt, ſeine umarmung gab ihr Ruhe unb ſelige Glwißheit wildet; und Fit? beidi MHändei feſt um ſeinen Hls geſchlungen ruhete qht Mund zum eiſten Male— und brennend auft ſlinip· Stirnanhn n ne änn m iMeine Hedwiga!“ſagte er, imenn eriſie ——— biſt gerettet1“010 un Jah dis Deinize1“ vrwiederts die dn aüf lewig 10 ims nn hon 1on m Er war mit! ihr quer uber un iß ge⸗ ſprugen) wo er nun älles in Bewegung vor⸗ fand, und wwo hinaus, durch den Eingang zum Haußtflügel, der Grafs die zitternde Schweſter, die eigentlich ihn aufgeweckt, gefuͤhrt hatte“ ie ſulle mini⸗ Tochter! wo iſt ſie? ulla!“ vieß ihm der Graf entgegen. nilsc nIſt ſie mir denn nicht gefolgt 27 erwiederte Gůſtav beſtürztʒ 6gleich, ſogleich!“ f 16 sun Er!kehrte eilig um, die kleine Treppe hinauf durch Hedwiga's Zimimer in Ulla's hinein.— Möbllich, Tapeten/ alles brannte, die Flamme uckte Fußbodin und Deikeʒ aber der Rauch hatte eine Oeffnung gefunden, und er ſah deutlich, daß ſie in keinem von den beiden Zimmern war. Er war genöthigt! denſelben Weg zurück⸗ zu nehmen. Schnell eilte er hinunter in den Hof.— Sie war aber auch da nicht. Nmui wollte ſie geſehen haben. Und doch war ſie gerettet.— Guſtav's un⸗ willkuͤhrliche Worte hatten ſie ſo unerwartet, ſo ſchwer getroffen, daß ſie wirklich beſinnungslos zu Boden geſunken wat.— Roch in halber Be⸗ täubung fühlte ſie ſich jedoch bald von jemand aufgehoben, der ſie muͤhſam, doch ſchnell hinun⸗ ter trug. Zwar empfand ſie ſtechende, brennende Schmerzen im Geſicht und den Schultern; äber ſie achtete nicht darauf, denn ſie glaubte ſich, innerlich ſchon tiumphirend, in Guſtav's Ar⸗ men. Sie wähnte, daß er ſchnell wieder umgekehrt waͤre; es war ihr klar, daß ſie doch den Sieg gewonnen.— In dieſem Wahne, noch ungewiß, ob ſie zurnen ſollte oder nicht, hielt ſie noch immer die Augen dicht verſchloſſen, um von ſeiner ſußen, klagenden Stimme in's Leben gerufen zu werden. Dieſe vernahm ſie zwar nicht, aber ſie vernahm, wie ſie leiſe auf ein Felſenſtuͤck niedergelegt wurde, und fuͤhlte ſich in demſelben Augenblicke von zwei kraͤftigen Armen umſchlungen, an einen hochklopfenden IV. 13 — 194— Buſen gepreßt, und heiße, brennende Kuſſe auf ihren Lippen⸗ In dieſem Augenblicke der ſeligen Gewißheit, die ihren Sieg krönte, ſchlug ſie die Augen auf. Zwei kleine glänzende Sterne begeg⸗ neten ihnen nicht zwei Finger breit entferntz entſetzt ſträubte ſie ſich gegen dieſe ſonderbare un⸗ heimliche Umarmung, und erkannte mit eiskal⸗ tem Schauder Arwed, der wie wahnſinnig ſie rücſſichtslos umſchlang.— Ihr lautes, durch⸗ dringendes Geſchrei erfüllte die Luft, während ſie noch immer mit Atwed kämpfte„ der außer ſich rief:„Darum habe ich das Leben ertragen; ich habe Dich dem Feuertode entriſſen! Angſt um Dich trieb mich herein! Die Flammen haben uns zwar geleckt, aher wir mußten hindurchz ich durfte ja nicht die kleine Ireppe herunter, ſie. war noch voll Blut! Nun aber biſt Du ja mein Grldchen!“— n Sisn befanden ſich Seb hehaßß d Soiſe obgleich nicht, ſehr entfernt; die Be⸗ dinung horte das durchdringende Geſchrei ulla's, und noch ehe ſie ſich in ihrer Beſtürzung gefaßt, waren die beiden Geſchwiſter, Guſtav und ſelbſt Hrdwigg⸗ wchrocen hingteit.— Aber ein altes⸗ 11 — 195— N zerlumptes Bettlerweib— das, wie es ſchien, aus den Felſen. allen— vorgekommen. „Finde ich Dich endlich!“ hoͤrte man mit gellender Stimme rufen;„und ſo, ſo!— nimm Deinen Lohn, ich kam ja eben recht!“ 3 Mit dieſen Worten un ſie, während das Paar mit einander rang, noch nicht ganz nahe, ein in den Strahlen des Mondes blinkendes Beil nach Arwed. Es drang ihm zwiſchen die Rippen hinein.— Er taumelte ruͤckwaͤrts herum, und, als wäre er plotzlich zur Beſinnung ge⸗ kommen, ſagte er ſchwach, ohne ſich nach dem Weibe umzuſehen:„Du trafſt gut, Mutter!“ In dieſem Augenblicke traten die vom Schloſſe Hinsilenden hinzu; ehe ſie noch vor Entſetzen ein Wort hatten hervorbringen können und ſchwei⸗ gend zu Ulla hinſtuͤrzten, warf ſich das Weib heulend uͤber den Finnen, und bedeckte ihn mit Kuͤſſen.„Ich mußte es ja thun, Arwedchen!“ ſchluchzte ſie laut;„ich mußte es ja thun! Du haſt mich dazu gezwungen!“ 106 ₰ Sobald die Männer Ulla aufserichtet, die, von den Flammen merklich verletzt, den Schmerz verbeißend, mit wilden Blicken ſie anſah, und ge⸗ vieteriſch auf das Weib zeigte, befahl der Oheim den herbeiſtroͤnenden Leuten, ſie von dem Ver⸗ wundeten wegzureißen, ihn in das Schloß zu bringen und ſie zu verhaften. Aber ſie erhob ſich ſelbſt, als die Bauern, die von der Nach⸗ varſchaft herbei geeilt waren, mit dem Ausrufe: „Ha, das tolle Finnweib!“ ihr naheten, trat mit einer Art von Wuͤrde vor den Grafen hin, ſah ihn feſt an, und ſagte ruhig „Mich verhaften? und warum? Glaubſt Du, daß die eurem Bluturtheil entlaufen will, die ſchon warme Blutstropfen genug geweint, weil ſie ein ſchwereres Bluturtheil an dem Sohne ausuͤben mußte.— Ich habe gethan was mei⸗ nes Amtes war, und ſo mußte er den fruͤhern Frevel gegen die Koͤnigstochter büßen!“ „Hoͤrt Ihr!“ rief Ulla ſtolz den i er⸗ hibend mit blitzenden Augen.. „Die Konigstochtet ſagſt Du, Web? ent⸗ gegnete der Graf raſch hervortretend;„woher kennſt Du jene? woher weißt Du?—“ — 197— — „Weil ich an ihrer Wiege geſtanden, weil ich ſie habe zur Welt kommen ſehen!“ „Iſt's möglich?“ rief der Graf ſchmerzlich; „muß doch noch ein Zeuge jener ſchonen Stun⸗ den uͤbrig ſeyn?— Guri! biſt Du es, und— ich ſo Dich wieder ſehen?“ 1 „Nun ja, Guri wurde ich einſt An ſagte die Alte unſicher. „Du wohnteſt in einem kleinen Hauſe, am Ende des Parkes eines ſtattlichen Schloſſes; warum biſt Du zu der alten, wilden Gewohn⸗ heit, von Ort zu Ort herumzuwandern, wieder zuruͤckgekehrt?— Beſinne Dich!— eine junge Frau beſuchte Dich damals manchmal in der Nacht; und dann ließeſ Du auch einen jungen Mann ein—“ „Mit grauen Mantel!“ nicte die Aue wie in lieben Erinnerungen verloren;„mit dun⸗ kelrother Seide von innen ausgeſchlagen, und einer Zobelmütze mit Gold—“ „Recht, recht! und kennſt Du ihn? kennſt Du mich nicht wieder, ſo wie ich Dich?“ 4 „Kommt her mit den Fackeln, Leute!“ rief die Alte gebieteriſch;„der Vollmond beleuchtet nur truͤgeriſch die Zuͤge der Menſchen. Fürch⸗ tet Euch nicht.— Die Geiſter der Angſt haben mich wieder verlaſſen, ſobald das eigne Blut vergoſſen war. Den alten Mann muß ich mir beſehen!— Deine Haare ſind fruͤh weiß gewor⸗ den, Herr! ſehr fruͤh; was damals in Deinen Zügen herrſchte, iſt zur Ruhe gegangen! aber Deine Augen, die Augen ſind geblieben!“ „Sie ſagen mir, wer Du biſt!— Ja“ fuhr ſie fort, indem ſie ſich zu den Fuͤßen des Gra⸗ fen warf,„ich habe einſt gefrevelt; aber heute nicht. Richte mich, Herr Koͤnig!“ Ulla, die bisher aufrecht ſtehend, ſie feſt be⸗ trachtet hatte, ſank plotzlich in ſich zuſammen, und ließ ſich, von Hedwiga unterſtuͤtzt, auf dem Felſen nieder, die duͤſtern Blicke immer feſt auf dem Weibe ruhend, indem ſie mit den Haͤnden Hedwiga und Guſtav Beide zuruckdraͤngte. „Was faſelſt Du, Alte!“ rief der Graf be⸗ troffen.—„Ich? Du kannteſt mich ja, meinte ich, und haſt ja ſelbſt meine Kleider beſchrie⸗ benz wie verwechſelſt Du mich denn mit einem andern?“ — 199— „Nän! nein! man hat wir zwar gleich nach jener Zeit grſagt, daß Du geſtorben wäreſt, und vor Kurzem hat man daſſelbe noch ein Mal geſagt, aber Du lebſt ja— ich kenne Dich recht wohl. Nur einin Mann habe ich außer Dir in der Huͤtte geſehen, den, welcher mich in dieſelbe eingeſetzt. Wir waren alte Bekannte— er ſagte mir, wer Du biſt, und daß er Dein Getreuer ſeh; ich habe alles recht wohl behalten, und dieſe iſt ja Deine Tochter Utrika, und ein Zeichen habe ich noch! Als Ihr ſo plotzlich Alle aus dem Hauſe wegbliebet, und Dein Getreuer mich wie⸗ der forttrieb, war dies Kleinod, womit Dir Deine ſchöne Frau kredenzte, nachgelaſſen“ Mit dieſen Worten zog ſie den fruͤher erwaͤhnten, goldnen Becher aus dem Buſen hervor, und fügte hinzu, indem ſie ihn dem Grafen hinreichte:„Ich verlor Deine Tochter nie ganz aus dem Auge— wemun⸗ ſer einer ein Mal anhaͤngt, wird immer Einen haben, auf den er bauen kann— und auch ſie hat ſchon — Wehe! Wehe mir! daß auch ſie aus dem Becher getrunken hat!“. Der Graf ergriff den Becher raſch, beſah ihn genau, druͤckte ihn an ſeine Lippen, waͤhrend er rief: — 200 ₰ „Auch Dir hat er vih Finio annr und Du Du haſt nicht ibelgenchnet!— un uu Du alles gehort?“ Uulla erwiederte nichts, ſelbſt nicht ein Mal durch ein Zeichen. Sie wendete nur mit tiefer Verachtung ihre Blicke von dem Weibe ab, und heftete ſie auf die Erde. Die Finnfrau hatte indeſſen die Baroninn Ebba ſtarr betrachtet, die bei ihrem Anblicke erblaßt, ſich kraftlos an Hed⸗ wiga lehnte, die ſie mit dem Arme umfaßte, wäh⸗ rend die andre Hand in Guſtav's ruhete.— „Hier treffe ich ja Alle wieder!“ rief die Alte ihr naͤher tretend.„Erinnerſt Du Dich nicht, bleiche Frau, daß Du mich einſt geſehen! aber damals warſt Du juͤnger und ing als jetzt.“ 8 3 „Die ei die Ihr mir— haben fruͤh meine Jugend verwiſcht,“ ſagte Ebba ernſt, waͤhrend ſie Hedwiga inniger an ihren Buſen druͤckte.„Ich kenne Euch wohl— was hattet Ihr bei mir zu thun?“ „Die kleine Königstochter war mir aus den Augen gekommen,“ fuhr die Alte, ihrer alten — 201— Gewehnheit nach, in die Vergangenheit wie mit ſtieren Blicken hineinſtarrend, fort;„ich weinte lange darüber, denn ich wußte nicht, wo ich ſie ſuchen ſollte.— Drei bis vier Winter konnten wohl ſo vergangen ſeyn.— Da ſuchte mich der Getreue des Koͤnigs wieder auf; ich ſollte heim⸗ lich zu ihm in ſein Schloß kommen. Er kannte die Kunſt meines Stammes, und wollte, daß ich drei kleine Kronen, als ein Zeichen ihrer Abkunft, an dem Handgelenke der Königstochter einbren⸗ nen ſollte— ich war mit Freuden willig dazu, doch mußte ich ihm erſt Mittel an die Hand geben, wie er die Waͤrterin des Kindes einſchlä⸗ fern konne, denn mein Thun ſollte ein Geheim⸗ niß bleiben. Als der Abend kam, fuͤhrte er mich ſelbſt bis zum Zimmer, und zog ſich zuruck. Als ich nun hineintrat, und die Waͤrterin ſchla⸗ fend neben der Wiege erblickte, nahete ich leiſe und ſchritt eilig zu meinem Geſchaͤfte, unbe⸗ kuͤmmert, ob auch das Find erwachen und ſchreien wuͤrde, denn ich wußte, die Wärterin ſchliefe feſt.— Ich war aber kaum fertig, als ich zu meinem Schrecken entdeckte, daß noch ein Kind von der nämlichen Größe hinter mir — 202— in dem Bette der Wärterin tuhete, und daß dasjenige, das ich bezeichnet, ein Knabe war. Zu ſpät ſah ich meinen Irrthum ein, und glaubte auch in dem Antlitze desjenigen, das im Bette ſchlief, die licben Zuge wieder zu erkinnen; ich konnte nicht das Aufgetragene wiederholen, auch war die Zeit um, aber ich fuͤhlte im Inneren, daß ein Geiſt, maͤchtiger als der meine, mich vor den Warnungen und Zurechtweiſungen des Getreuen taub gemacht haben mußte, und eine Stimme ſagte mir, das die Kinder fuͤr einander beſtimmt waͤren, und daß es mir obläge, das Meinige zu thun, den Zeichentraͤger mit der, der es angehoͤrte, zu verbinden; daher beeilte ich mich, der Kleinen einen Metallring um die Hand zu heften, deſſen geheime Kräfte ihr Liebreitz und Anmuth vor den Augen der Menſchen verleihen wuͤrden, und woran ich, wenn ſie ihn nur treu⸗ lich aufbewahrte, ſie wohl einſt wieder erkennen koͤnnte— da tratſt Du, Frau, auf ein Mal herein und ſchalteſt— allein ich war froh, daß ich entkam, ehe der graͤmliche Mann, der mich geholt, des Irrthums inne wurde.— Ich hatte gethan wie der Geiſt mir gebot, dem Knaben — 203— die Kronen, der Dirne den Ring der Treue er⸗ theilt.— Es waͤre auch alles gut gegangen, wenn nicht jener, den ſie hinweggetragen, meinen Se⸗ gen in Fluch verwandelt haͤtte. Bitte fuͤr mich, Frau, daß ich den Verwundeten pflegen und warten duͤrfe, bis er ſtirbt— dann thut mit mir, was Ihr wollt.“ Der Graf— dem man ſchon längſt berichtet hatte, daß die Flammen gedämpft, und nach deſſen Befehl Maͤntel und Tuͤcher bereits herge⸗ Pracht waren— ſchien indeſſen im tiefen Ver⸗ ſtummen, die Hände vor den Augen haltend, alles um ſich ganz vergeſſen zu haben.— End⸗ lich winkte er den Leuten, daß er die Bitte der Finnfrau geſtatte, und nun begaben ſie ſich Alle ſchweigend die wenigen Schritte zuruͤck.— Ulla, deren Schwaͤche nun erſt, da Alle ſich in Be⸗ wegung ſetzten, merklich wurde, wollte ſich weder von Guſtav, Hedwiga, noch dem Vater, nur von der Baronin allein zuruͤckleiten laſſen; es war, als fühlte ſie ſich zu dieſer früher von ihr we⸗ niger als die Uebrigen Frau hinge⸗ draͤngt.— Die innere Bewegung hatte keinem von Allen, nicht ein Mal Ebba die Einwirkung der ſtillen Herbſtnacht ſpüren laſſenz ja ſie kam ihnen Allen noch ſanfter und freundlicher vor als die unte⸗ ren Zimmer in dem Hauptflügtl ſie nun betraten.—. Das Fu war indeſſen ſo gut wie— — Nur Tapeten, Vorhaͤnge, Thüͤren und wenige Mobilien waren in drei bis vier Zimmern ver⸗ brannt. Die alten, dicken Mauern hatten dem Feuer von ſelbſt Einhalt gethan. Niemand konnte begreifen, auf welche Weiſe es ausge⸗ brochen war. Die alte Dienerin nur aͤußerte nachher ſpäter gegen Hedwiga, daß die hohen, ſo⸗ gleich um ſich greifenden Flammen, die doch zum Gluck nicht viel Unheil angerichtet, ihr unheim⸗ lich und ungewöhnlich vorgekommen. Auch haͤtte ein Bauer, der zufaͤllig in einer Entfernung vom Schloſſe das Feuer ſchon im Anfange be⸗ merkt, ſich verlauten laſſen: daß, ſeines Beduͤn⸗ kens, ſich wohl viel Flachs oder Werg hinter den Fenſtern befunden haben muͤßte, welches eine mehr taͤuſchende als wirkliche Gefahr erregt haͤtte. — Wie Arwed in das Schloß hinein gekom⸗ ₰ 265— men wäre, ſchien keines von der Bedienung be⸗ greifen zu können, obgleich ſpäter die Familie un⸗ ter ſich har nicht zweifelte, daß ja die Brand⸗ ſtiftung von ihm veranſtaltet geweſen. Der⸗ alte Graf aͤußerte nachher auch zu Folge der Anſichten der Mutter, feine thörichte Liebe habe ihm wohl den Kopf verrückt, um ſo mehr, da er eine entferntere und durchaus gefährliche Treppe, wozu der Weg durch den ſogleich in Flammen ſtehenden w ging⸗ zu Ulla's Rettung ge⸗ wählt hätte.— In ihrer Gegenwart nie Gegenſtand beruͤhrt.— Man hatte ſich gleich in den aufpeichtn Zimmern des Hauptflugels eingerichtet; in einem derſelben wurde ſogleich Ulla, deren Geſundheit allein gelitten hatte, zur Ruhe gebracht. Nach⸗ dem die Barönin ihr Verband und Umſchläge angelegt, bat Ulla ſie flehendlich, daß ſie ſie doch allein und nur in Ruhe laſſen möchte; mit Muͤhe nur ließ ſie es ſich gefallen, daß doch die Dienerin bei ihr bleiben duͤrfe. So fand, nachdem die erſte Verwirrung ſich gelegt, die Familie in einem großen, ſchnell ge⸗ heitzten Zimmer, nicht weit von dem, in wel⸗ — 206— chem Ulla ruhete, ſich wieder zuſammen; dorthin wurden ſogleich alle geretteten Sachen von eini⸗ gem Werthe gebracht.— Die Baronin ſchloß Hedwiga ſtumm und geruͤhrt in ihre Arme.“ „Wie konnte der Anblick der häßlichen Frau Dich ſo ſehr angreifen, Mutter?“ fragte ſie zärtlich.„Es iſt mir lieb, daß Axel die Auf⸗ loͤſung eines Raͤthſels, das ihn doch betroffen machte, endlich erfahren kann.“ „Auch ein andres Räthſel,“ entgegnete die Mutter,„woran Ihr gewiß nicht denkt, will ich Euch zu gleicher Zeit auflöſen, nun, da es ſeine dunkle Gewalt nicht mehr geltend machen wird; das beweißt mir das laͤngſt erſehnte Gluͤck, das ich in Deinen und Guſtav's Blicken leſe. — So wiſſet denn, daß, als ich damals zur un⸗ gewöhnlichen Stunde, und eben weil das Be⸗ ſtreben meines Gatten, mich anderswo zu be⸗ ſchaͤftigen, Verdacht bei mir erregte, in die Kin⸗ derſtube eintrat, ich mich ſchwanger mit Dir, Hedwiga, befand. Der unerwartete Anblick des geſpenſterhaften Weibes, uber die Wiege meines Sohnes gebuͤckt, und— ſo kam es mir vor— in der Hand ein blankes Eiſen, ergriff mich gewalt⸗ — 207— ſam. Nacht und Tag ſchwebte wider meinen Willen das häßliche Bild mir vor den Augen, und als Du nun geboren wareſt, oder vielmehr, ſo wie Du größer wurdeſt, entwickelten die Zuͤge dieſer Erſcheinung ſich auch entſtellend in den Deinen. Mein Gatte gerieth in ſo furchterlichen Zorn, als er die mir jetzt enthullte Verwechſe⸗ lung erfuhr, daß ich, die ich in mir die un⸗ ſchuldige Urſache ſuchen mußte, keine einzige Frage wagte.— Nun iſt mir freilich alles klar! Es begab ſich kurz nachher, nachdem die Regie⸗ rungsumwaͤlzung des jungen Königs ihn von ſeiner eingebildeten glaͤnzenden Höhe herabge⸗ ſtürzt.— Wahrſcheinlich durchblitzte ihn. ſchon damals Gedanke, Ulla zu einer möglichen Rache an dem ihm verhaßten König zu erzie⸗ hen.— So wurdeſt Du noch ungeboren das Opfer eines unglücklichen Mißgeſchicks1“ „Es iſt verſchmerzt!“ ſagte Hedwiga ſanft; „das und Alles, Alles in einem einzigen bnn Augenblicke!“ 8 „War denn wirklich ein— ſrdiche S niß vpn Nöthen, um Dein und mein Herz zu uhren, w wie ganz ſie ſich gehören!“ rief Guſtav. „Nein, Hedwiga! das meine beburfte es nicht; es gehoͤrte Dir ſchon, aber Du v es immer zurück!“ 16 Ja, Guſtav!“ erwiederte ſie, den Kopf auf ſeine Schulter lehnend;„Du weißt, ich kann keine Unwahrheit ſagen. Mir that es Noth;— aber— ich, Dich zuruͤckzuweiſen! ich, die ich Dich ſo grenzenlos liebte!— Rein! nur die tüwihilheelſhie von Dir werden —— „Hedwiga!“ fuhr Guſtav ſneic ſil. S ſchlecht von Männern, ſo viel Du willſt, nur nicht von dem Manne!“ „Wenn er,“ lächelte die Mutter, WM⸗ ſo ſchwer zu finden wäre!“ 3 „Und ſo!“ rief der Oheim, der in dem friſchen Schmerze über die Jochter, das Glück ſeiner üͤbrigen Geliebten nicht weniger warm em⸗ „ſo darf ja Guſtav nun auch alles wiſ⸗ ſen.— Sieh her, Hedwiga! Dein kleiner Se⸗ cretair iſt gerettet, und mit ihm auch Deine Mappe!“ Er oͤffnete ſie, waͤhrend Hedwiga die Augen zu Boden ſchlug.„Kennſt Du,“ fragte — 209— er Guſtav, dieſem ein Blatt hinreichend, Sn fen Entwurf?“ „Das Bild meines Vaters!“ rief on uͤberraſcht. „So iſt's!“ verſetzte der Guf. inn aber, noch kaum ſechzehn Jahre alt, hat es für das Abbild einer Heiligen gehalten, die Dir ähn⸗ lich ſah!— Es iſt nur ein leichter Entwurf von mir ſelbſt gemacht fuͤr meine Frau, die gern die Zuͤge meines einzigen Freundes kennen wollte. — Dies blieb ſo in ihren Haͤnden, weil ich ein anderes und größeres auszufuͤhren dachte.— So kam es zufaͤllig mit andren Zeichnungen in Hed⸗ wiga's Hände— ich erkannte es ſogleich, aber ich wollte nicht ein ſcheinbares Wunder zerſtören, ehe es von einem großeren Zauber uͤberwunden ware.“ Nun berichtete er Guſuo alles. n fruͤhe Liebe, ihren Kampf, ihre Entſagung; die ſchoͤnen Fruͤchte, welche dieſe getragen, glänzten ja ſo eben in voller Reife aus allen Augen. BGuſtav umarmte ſie entzuckt.„Mir iſt ein gluͤckliches Loos gefallen, was auch die Welt ſagen mag!“ rief er froh;„und ſonderbar ge⸗ IV. 14 — 210— nug— dem feſten Willen, der ſich unter einer Uebereilung verbarg, muß ich doch zuletzt das ſchonſte Gluck des Lebens verdanken.“ Auf ein Mal ſchwieg er betroffen, wie von einem ſchnel⸗ len Gedanken uͤberraſcht.„Was faͤllt mir da ein!“ ſagte er plötzlich mit leiſer Stimmez„o, mein Oheim! wenn Sie konnen, ſchonen Sie jenes raͤthſelhafte Weib— wer weiß, ob ich ihr auch nicht viel zu verdanken habe.— Sie hat auch mir einſt, ſo wie Axel und Ulla, ge⸗ wahrſagt— und ſonderbar genug— obgleich mir nun viele materielle Fäden in ihrem ein⸗ fachen und, ihr ſelbſt unbewußt, doch ſo kuͤnſt⸗ lich ſcheinenden Gewebe deutlich und faßlich ſind — iſt ihre Prophezeihung, die ich damals fuͤr nichts anders als eine bloße Neckerei genom⸗ men, und auch jetzt mir nicht anders zu deuten weiß, an mir faſt buchſtäblich in Erfuͤllung gegangen. Sie ſagte mir einſt:— Kannſt Du Liebesgluth bezwingen, Bringt gezwung'ne Ehe Liebe! Ich nahm es damals in einer Bedeutung, die vielleicht auch dazu beigetragen, daß ich unbe⸗ denklich ein Weſen von mir wies, das man, wie es mir vorkam, mir aufdringen wollte, und in deſſen Gegenwart ich mich ſpäter ſehr be⸗ fangen gefuͤhlt habe, obgleich es liebenswuͤrdig und ſchoͤn, das ſtille Gluͤck, welches ich hier gefunden, mir doch nie hätte bringen können.“ „Und ſo,“ nahm der Oheim gerührt und feierlich das Wort,„ſeyd ihr ohne meine Mit⸗ wirkung auf eine Materie zurückgekommen, die wir fruͤher in einer Unterredung beſprochen haben, an die ich ſo eben im Begriff ſtehe Euch zu erinnern.— Haſt Du daran gedacht, Hed⸗ wiga, daß wir im Monat November ſind? Sie⸗ ben Jahre ſind nun verlaufen, ſeitdem der Strahl der ewigen Liebe das Beſſere in Dir erwecktez Du haſt hier auf der Erde, wie gewiß nicht viele Lebende, mit Leidenſchaften und Angewohnheiten gerungen; Deine Blicke ſind heller und freund⸗ licher geworden, angewoͤhnte und angebildete Makel hat Dein innerer, reiner Sinn auch aus dem Körper verwiſcht.— Ich wiederhole es Dir, was ich einſt geſagt— wer Dich kennt muß Dich lieben, und wer nur wahrhaft zu lieben weiß, muß Dich auch immer ſchöner finden; ſo haſt Du Dein vorgeſetztes Ziel nicht bloß errun⸗ 14* 212— gen, ſondern es auch gekrönt erhalten, indem Du dem irdiſchen Gluͤcke entſagteſt.— Das Wort iſt leicht, aber die That iſt ſchwer.— Du haſt in einer langen und ſchweren Pruͤfung beſtanden; Dein reiner Sinn, eigne Demuth hat ihn ver⸗ längert, bis die Vorſehung ſelbſt ſich in's Mittel geſchlagen, und euch Beiden gezeigt hat, daß Ihr euch unaufloslich gehören mußtet, von dem Augen⸗ blicke an, wo ihr Beide erkanntet, daß Ihr euch nie mehr verkennen koͤnntet; daher Hedwiga, ſind, was Dir auch begegnen mag, keine Leiden mehr fuͤr Dich nach dieſer Stunde; Du haſt den Himmel ſchon auf der Erde errungen— meine Lehre von ſieben Jahren hat ſich vor meinen Au⸗ gen in Deinem Leben bewährt.— Laßt uns nachſehen. Es ſollte mich wundern, wenn wir nicht heute den Zehnten ſchreiben.“ Er hatte ſich nur um einen Tag geirrt. „Rahel!“ rief Guſtav wie begeiſtert, und druͤckte ihre Hand on ſeine Bruſt⸗„O, mein Oheim! o, meine guͤtige Mutter!“ rief Hed⸗ wiga bewegt,„wem habe ich das alles zu ver⸗ danken, was Ihr mir ſo guͤtig anrechnet, als nur Euch, Euch und dem Himmel, der mich — 213— geleitet hat! Guſtav muß es eingeſtehen— waͤre ich als ſeine Braut wie ein liebendes, fuͤr ihn nur gluͤhendes, nur athmendes Geſchoͤpf hinge⸗ treten, wuͤrde dann nicht mein, vielleicht auch ſein Gluͤck längſt untergegangen ſeyn?— Zuͤrne mir nicht, Guſtav, es war freilich eine Art Verſtellung, aber ich konnte nicht anders.“ „Ich bin,“ rief dieſer,„durch die Gegen⸗ wart ſo hoch begluͤckt, daß ich es nicht anders wuͤnſchen mochte, als eben ſo, wie es gekom⸗ men iſt. Darum gebt uns nun auch Euren Segen, Ihr, meine und meiner Hedwiga ſicht⸗ baren Schutzgeiſter.“ Sie ſanken Beide pingeriſen zu den Fůßen der Geſchwiſter, die nur mit Thranen 6 Worte ſie ſegnen konnten. Der Oheim riß ſich aus ihren Armen, um Meiſter ſeiner Ruͤhrung zu werden.— Er fuͤhlte ſich im Inneren zu dem Unvermeidlichen ge⸗ ſtärkt, und ging ihm getroſt entgegen.— Vor der Thuͤre begegnete ihm die Dienerin, die bei Ulla geblieben war.— Das Finnweib hatte ſie flehentlich erſucht ihn zu rufen. Der Sohn war verſchieden und ſie verlangte verhaftet zu werden⸗ — 214— „Vorher aber, gnaͤdiger Herr,“ fuhr die Dienerin fort,„darf ich Ihnen nicht verſchwei⸗ gen, was vorgefallen iſt, und uns Alle mit Entſetzen fuͤllt. Der Burſche lag ſchon wie todt, obgleich mit offnen Augen, als die Mutter Er⸗ laubniß erhalten, an ſein Lager hinzutreten; je⸗ doch als waͤre ſie vorbereitet geweſen auf das, was vorgefallen war, zog ſie ſogleich einige Krauter hervor, legte ſie auf die friſche, in der Eile kaum verbundene Wunde, und auf die Schläfe.— Da athmete der Burſche ſchwer auf, drehte die kurz vorher unbeweglichen Blicke nach ihr um, und fluͤſterte leiſe, aber ganz deut⸗ lich:„Mutter, Mutter! laß das Blut nicht verrinnen, nicht wegen meines armſeligen Lebens, nur um ihres Lebens willen! Denn ſoll ich hinunter, muß ſie mit, mit, mit! Mein Blut zieht ſie nach!“ Aber die Mutter ſchuttelte hef⸗⸗ tig den Kopf, buckte ſich uͤber ihn, und ſo flü⸗ ſterten ſie lange ſtill mit einander; ich konnte nur wenig und nichts Zuſammenhaͤngendes ver⸗ ſtehen, wie viel Muͤhe ich mir auch gegeben;z ich hörte ihn nur ſagen: Ich wußte wohl, daß Du mir auf der Spur wareſt; doch waͤre es — 215— mir dennoch gelungen mich noch känger zu ver⸗ bergen, aber der Hund mußte gehorchen.— Da bemerkte mich die Mutter, und gab ihm ein Zeichen, und dann fluͤſterten ſie immer keiſerz doch dauerte es nicht lange, ehe ſie wie erſchrocken in die Hoͤhe fuhr, und die Haͤnde zuſammenſchluge Der Burſche wendete mit Mühe die halb ge⸗ brochenen Augen nach ihr hin, aber von dem Augenblicke, da ſie ſich aufgerichtet, konnte er nicht mehr reden. Die Mutter wendete ſich ſchmetzlich halb von ihm weg, legte die Hand uͤber ſeine Augen, und ſtand ſo lange weinend ganz ſtill.— Plötzlich wandte ſie ſich ganz von ihm ab, ohne weiter ſelbſt einen Blick auf ihn zu werfen, und ſagte ſchneidend und dumpf? Das Fleiſch iſt kalt, nun konnt Ihr mich vet⸗ haften.“ „Ich war ſchon lange zugegen heeſtc denn die Gräfin hatte mich, ſobald ſie mit mir allein blieb, hingeſchickt; ſie wollte das Finnweib ſpre⸗ chen. Die Frau folgte mir auch ſogleich ohne Widerrede; aber kaum hatte die Gräfin ſie in Auge gefaßt, als ſie mit einem Schmerzenslaute, der mein Innerſtes durchdrang, ihr zutief:„Ver⸗ — 216— ruchte! wie haſt Du mich getaͤuſcht 1“„Schelte nicht, Goldchen!“ erwiederte die Alte zitternd und weich,„ich nicht— aber ich ward getäuſcht! Lüge zeugt Greuel und Blut; Wahrheit wollen die Geiſter wiſſen!— Doch warte, warte ar⸗ mes Kind! ſchmerzenlos mußt Du mich horen.“ Schnell riß ſie den angelegten Verband ab, zog eine kleine blecherne Buͤchſe mit Balſam hervor, beſtrich damit die Brandwunden und verband ſie wieder; dann ſetzte ſie ſich auf die Hacken vor das Bett nieder, und fluͤſterte der Gräſin immer lei⸗ ſer und leiſer zu, bis dieſe nun endlich, wie es ſcheint, ruhig und tief eingeſchlummert iſt.— Dann ſtand die Alte leiſe auf und ſagte mir freundlich in's Ohr; Nun bin ich ganz fertig! rufe mir nun den Gekrönten.— Ich verſtand ſie nicht; dann fugte ſie heftig hinzu; Ei nun! Deinen Herrn!“ „Der Graf trat heraus. Die Alte ſtand ru⸗ hig mitten in dem Vorſaale, in deſſen offner Thuͤre zwei Bauern ſie mit den Blicken beobachteten. Der Graf winkte ihr in ein Zimmer hinein. Er fand ſie ſo gefaßt, ruhig und klug, als ob ſie nie von Wahnſinn ergriffen geweſen.— Von — 217— dem, was ſie mit einander geſprochen, iſt übrigens nichts laut geworden;z doch ſoll der Graf dm Ende der Unterredung ſehr erſchuttert gewehn⸗ ſeyn.— So viel hat er nur ſpäter geäußert, daß ſte nichts davon gewußt, daß der wirkliche König je mit ihr geſprochen, oder was ſie ihm grſagt hatte.— Dem jungen, ſtolzen Manne, Guſtav meinte ſie, hatte ſie nur geſagt, was ihr der Geiſt in den Mund gelegt, während ſie in ſei⸗ ner Hand geleſen.— Der Graf ſoll es ihr mög⸗ lich gemacht haben zu entfliehen, ſie hatte es aber ausgeſchlagen.„Sie wußte,“ ſagte ſie, „daß ſie vor dem Gerichte ſtrafbar ſey! Sie hätte den Sohn gefliſſentlich getödtet. Sie wollte und müͤßte gerichtet werden; der Gedanke nur gäbe ihr Zufriedenheit und Frieden1“ Der Graf mußte ſie mit einem kurzen ſchrift⸗ lichen Bericht der Gerichtsbarkeit der Provinz uͤbetgeben. Von ihrem weitern Schickſale iſt nichts Schriftliches aufbewahrt worden. Waͤhrend der Graf mit ihr beſchaͤftigt war, hatte die übrige Familie ſich vorgenommen, ſo bequem es ſich thun ließe, in den ſeit vielen Jahren nicht bewohnten Simmern ſich einzurich⸗ — 248— ten.— Die Baronin war, nach Frauenart, am thätigſten dabei; die jungen Leute waren mit dem ſo lange ſchmerzlich erſehnten, ſo unvermu⸗ thet gefundnen Gluͤcke, das aus ihrem Innern ſich durch die beredten Blicke ausſprach, noch zu ſehr beſchaͤftigt. Die Nacht war laͤngſt vorbei. Es war ein ſchoͤner, ſtiller Herbſttag gewordenz wie ein leichter Nebelſchleier ruheten ſtill duͤnne Rauchwolken uͤber dem—— des Schloſſes. „Komm, Hedwiga, ins Freie!“ ſagte Guſan ſanft;„wir wollen Treu unſre Freude zum ſtil⸗ len Dankopfer bringen.—“ Nicht weit von dem kleinen Huͤgel, in einer braunen, faſt entblaͤtterten Laube, die ihnen nicht mehr das ſpaͤrliche aber ſanfte Laͤcheln der Sonne entzog, wurde ein gemeinſames Mißbehagen mit dem in der ſpaͤtern Zeit ſo vielfach verleideten Aufenthalt unter ihnen laut. Hedwiga's ſchö⸗ ner Salon war verbrannt, der ganze Fluͤgel bis weiter hin unwohnbar.— Von dieſem Augen⸗ blicke, da jede Unſchluſſigkeit in ſeiner Seele ge⸗ tilgt war, ſehnte ſich Guſtav mit unwiderſteh⸗ licher Gewalt wieder nach Thätigkeit.—„Hed⸗ — 29 ₰ wiga! willſt Du mit mir— figte Gu⸗ ſtav ſanft. „Welche Frage, Guſtav! ich bin ja jetzt Dein Eigenthum!— ich kann Dich nicht ein Mal mehr freigeben, denn meine Freiheit und mein Wille gehört ja jetzt Dir!“ „Hedwiga! ich komme mir nun in meinem Vaterlande wie ein abgeſtorbener Geiſt vor! Was hier von meinem Weſen übrig bleibt, liegt begra⸗ ben, oder wird ſich wenigſtens nie mehr feſſellos bewegen konnen. Mein Geiſt dagegen hat ſchon ſeinen Himmel gefunden; aber er muß ſich auch von der Erde ganz losreißen, um ſeinen Himmel genießen zu konnnen.— Haftet auch noch der Sinn an den Träumen ſeiner Kindheit, an ju⸗ gendlichen, frohen Erinnerungen, kehrt er auch mitunter ſchmerzlich an das Grab meines guti⸗ gen Wohlthäters, deſſen Gemuth und Herz mir doppelt werth geworden iſt, ſeit der Tod ihnen die menſchlichen Luͤgen abgeſtreift; an das Grab deſſen, den ich beweine, ohne ihn bedauern zu können, und deſſen Mörder man mich fälſchlich ſcheltet; ſo wird doch nicht mein Sinn ruhe⸗ los ſieben Jahre nach mir hier umherirren, denn — 220— mein Geiſt iſt ja ſelig an Deiner Seite in einer fernen, ſtillen, verborgnen Freiheit. Sage mir, was iſt doch Liebe zum Vaterlande anders, als die edelſte Feſſel an das Irdiſche, die der Sinn, um in das höhere Vaterland ohne abwärts ge⸗ wandte Sehnſucht zu gelangen, doch auch ab⸗ ſtreifen muß. Dort, wie hier, werde ich ja auch nicht mehr Graf heißen!“ „Wo Du biſt iſt meine Heimath, Guſtav! — aber unſere Eltern—“ „Sind ſie denn hier gefeſſelt?“ laͤchelte Gu⸗ ſtav;„haben dieſe wohlthaͤtigen Flammen nicht auch ihre Angewohnheiten, die haͤrteſte, obgleich unſichtbare Feſſel des irdiſchen Lebens, geſtört? Komm, Hedwiga! wir wollen uns mit ihnen berathen! Ich habe mich nie ſo muthig zu al⸗ lem gefuͤhlt, als nun, da ich wieder mit Dir beſprechen kann, wie es mir ums Herz iſt.— Nun erſt iſt mein Weſen ganz!“ Sie waren kaum wieder in die Zimmer getre⸗ ten, als der Graf, ſichtbar ergriffen aber ruhig, ſich mit ihnen vereinte. Die Baronin war indeſ⸗ ſen zu Ulla geſchlichen; ſie fand ſie noch ruhig ſchlafend.— Der Tag verging in einer unruhigen⸗ 221— faſt beläſtigenden Thätigkeit, und neigte ſich wie⸗ der zu einer neuen Nacht.— Die Familie hatte ſich auch bald um einen alten, noch etwas rauch⸗ richten Camin eingerichtet, und das Gewöhnliche begann aufs Neue ſein Recht zu behaupten;— doch vermißte jeder eine liebe Gewohnheit, der ſelbſt Hedwiga— wie peinlich, wie herzertodtend dieſe ihr auch geweſen— doch nun in dem unerſchutter⸗ lichen Gluͤcke ihres Herzens mit ſtiller Wehmuth gedachte; Ulla naͤmlich.— Es war Hedwiga, und vielleicht mehreren als ihr deutlich, wie eine unſichtbare Hand alle die giftigen ſelbſtſüchtigen Pfeile, die das unglückliche, fruͤh verlockte We⸗ ſen heimlich abgeſchoſſen, zu eben ſo viel Seg⸗ nungen verwandelt hatte.— Dieſe Emßſindüng machte ſie ihnen allen ſchmerzlich theuer; doch wurde ſie ſelbſt, aus einer geheimen S mit keiner Sylbe erwähnt. Als der Abend ziemlich vorgeruͤckt war, wurde dem Grafen ein Brief gbracht. Der erſte Strahl der Freude, ſeit er ſich von der Finnfrau 9 drang aus ſeinen Augen. „Von Axel!“ rief er;„nun wir haben lange ängſtlich darauf gewartet!“ v — 222— Er erbrach ihn ſchnell. Alle ruͤckten näher zuſammen um den Tiſch, und der Graf ſtand ſo eben im Begriff die Vorleſung anzufangen, als ein lautes, ſonderbares, ganz eigenes Geſchrei ſie alle von ihren Plätzen wieder aufriß. Es ſchien das Erzeugniß eines jahen Schreckens zu ſeyn, und doch ging der anhaltende Ton in ei⸗ nen klagenden Schmerz uͤber. Sie eilten alle nach der Thuͤre, und fanden in dem Cabinet Ulla, halb beſinnungslos an die Dienerin ge⸗ lehnt, die ſie in den einen Arm aufgefaßt, wäh⸗ rend ſie in der andern zitternden Hand einen zweiarmigen Leuchter hielt, der einen grellen Schein auf die braungefleckten Zuͤge des vom Feuer verletzten Mädchens warf.— Ulla hatte, nachdem die Finnfrau ſie a ſen, mehrere Stunden, faſt bis jetzt, ruhig und feſt geſchlafen. Die Dienerin ſaß bei ihrem Bette, als ſie wieder erwachte. Sie fuͤhlte ſich ſtark und geſund, hatte ſie geſagt, der Verband wäre nicht mehr nothig.—„Aller Trug waͤre nun zu Ende— dieſer Verband waͤre auch Trug — der letzte Reſt eines alten Trugs!“ Sie war trotz der Bitten der Dienerin aufgeſtanden, und — 223— ließ ſich von ihr eilig ankleiden. Wirklich hatte der Balſam der Finnfrau wunderbar geholfen, eine duͤnne Haut hatte wieder ihr Geſicht be⸗ deckt; alle Schmerzen hatten ganz aufgehoͤrt, aber die Spuren der Verwüſtung, vielleicht nur eine Folge des Balſam's, dunkler und deutlicher als fruͤher geworden. Die Dienerin, die noch immer ſpäter behauptete, daß ihr Schlaf nicht natürlich, ſondern vermöge der bekannten Gewalt der Finnen nur aus zauberiſchen Träumen be⸗ ſtanden, hatte ſie darauf gefragt: wo ſie hin wollte? i Sie hatte gelaͤchelt, und als wäre ſie noch nicht im Inneren wach, leiſe geflüſtert:„Zu den Meinigen, zu ihm!— ich bin unſchuldig— ſie müſſen es wiſſen, ganz unſchuldig!— Dieſe Hände haben kein Feuer angelegtz ich bin ſchön wie vorher und ohne Makel! Es war ja alles nur Taͤuſchung, bloße Taͤuſchung! mein ganzes Leben iſt nur eine lange Täuſchung geweſen! Fuͤhre mich hin!“ Die Dienerin ging voraus mit dem Leuch⸗ ter, nach der neu eingerichteten Wohnſtube.— Ulla war ihr gefolgt, ohne ſich weiter umzuſehen, — 224— als ſie aber in ein kleines, an das Wohnzimmer ſtoßende Cabinet getreten waren, und die Die⸗ nerin die Thuͤre deſſelben eröffnen wollte, war Uulla's Blick in einen uͤber dem kleinen Camin angebrachten Spiegel gefallen, vor welchen die Dienerin ſo eben im Begriff war, den Luchter dicht hinzuſtellen; und gls die Ungluͤckliche die WVerunſtaltung ihrer Zuͤge erblickte, war ſie mit jenem Geſchrei in ihre Arme geſunken.— Sie wurde indeſſen bald zu ſich ſelbſt ge⸗ pracht, und in das Zimmer hineingefuͤhrt, und da ihr an phyſiſchen Kraͤften nichts zu fehlen ſchien, hieß man ſie, an dem Camin ſich nieder⸗ laſſen. Alle umgaben ſie mit ſanfter, zärtlicher Schonung. Aber als waͤre ſie nun erſt aus einem beruhigenden Traume zu der fuͤrchterlichen Wirklichkeit, zu der zerſchmetterndſten Gewiß⸗ heit, zu dem verlornen Spiel ihres Lebens er⸗ wacht— ſtarrte ſie alle mit wilden Blicken an; doch war es als ſcheueten ſich dieſe, ſich auf Guſtav zu heften.— Jider Buſen fühlte ſich beklommen.— Ihr Blick haftete zuletzt wie unwillkuhrlich auf dein auf dem Tiſche gebliebenen offnen Schreiben.— — „Es iſt“ ſagte der Graf, in der Abſicht, ihre Aufmerkſamkeit von dem gegenwärtigen Au⸗ genblicke abzulenken,„ℳs iſt ein Brief von ae den wir noch nicht geleſen haben.“ Es war als gäbe dieſer Name ihr eine at von Faſſung wieder. Sie ſchlug die Augen nie⸗ der, und ſagte zitternds„So leſet ihn! Bin ich Euch denn ſo vinch— ich Euch ſtöre?“ 8 Der Graf wollte bemerkt haben, duß ſich Thränen aus ihren Wimpern gedraͤngt.— Et nahm, den Schmerz bekaͤmpfend, das Blatt und las. Axel meldete, daß er endlich eine Beſzung in einer ſchönen, aber nür“ wenig von der⸗ gro⸗ ßen Welt beſuchten Gegend gefunden; daß fidhe Ausſichten rings um ſeiner Thätigkeit blüheten; daß ſeiner inneren Sufriedenheit nur eins fehlke⸗ Die Nähe ſeiner lieben Freunde, und Stht des muͤtterlichen Blickes. Hedwiga, die die Thränen der Sehnſucht im Auge der Multer, und die glänzenden Strahlen aus den Blicken ihres Gatten bemerkte, folgte dies Mal vielleicht zu unbedinklich dem ſiegen⸗ den Gefühl ihres Herzens.„Warum denn ſau⸗ IV. 15 — 6— men!“ rief ſie;„warum länger an einem Orte verweilen, den die Vergangenheit für uns alle mit ſchwarzem Krepp überzogen.— Wo wir zuſammen ſind, iſt überall unſer Vaterland!“ „Ja!“ ſiel die Mutter ein, die Hände raſch gegen dem Himmel erhebendz„ja, zu Axel!“ „8u Axsl!“ wiederholte Guſtav; und etwas ſpäͤter entſchloſſen der Graf.— Da lachte Ulla laut und krampfhaſt auf⸗ Alle ſahen ſie betroffen und verlegen anz aber ſo wie früher ſchnell gefaßt, ging ihr Lachen in ein dumpfes Brüten uber.— Sie erhob ſich raſch, ergriff den Leuchter und wollte ſich entfernen.— 2„Ulla!“ ſagte der Graf beſorgt mit leiſer Stimme. „Ich will nicht in“ ſagte ſie entſchloſſen, di großen blauen Augen glaͤnzend vor Thränen auf ihn heftend.—„Ich bleibe bei dem Va⸗ ter!—“ inBei dem Pater2“ e. Graf eſſtaunt;„oder wil Du„ daß ich zuruͤck⸗ bleibe—?“ „Nein nn verſthte 5 heftig;„Sie ſind mein Vater nicht! Habe ich Ihnen auch das Leben zu verdanken, war der General den⸗ noch mein Vater. Er hat mich ja erzogen und genaͤhrt, freilich mit Gift genährt. Nun, was ſollte er thun? er hatte ja nichts anders.— Ich bleibe bei der Amme, und bei meinem Blute: Beide ſind ja hier gebettet.— Gute Nacht—“ 8 Soinn. Aus einer nicht paet von dem—* ſelbſt korrigirten Handſchrift. Jn den letzten Jahren des vorigen Jahrhun⸗ derts gelang es mir endlich, mich von meinen Geſchäften loszumachen, um einige Zeit in mei⸗ nem Vaterlande und den angraͤnzenden Ländern zu verbringen. Unter diejenigen, denen ich eine beſondere Aufmerkſamkeit widmete, gehoͤrte vor allen die Schweitz. Ich war damals noch leb⸗ haft und ruͤſtig, und obgleich nicht vigler Stra⸗ patzen, und beſonders Fußreiſen gewohnt, gte ich mich doch gern, wenn ich nur etwas S nes und Intereſſantes einerndten konnte.— So hatte ich mich auch, von einem tuͤchti⸗ gen und verſtändigen Führer geleitet, den under⸗ gleichlichen Gegenden von Haslithal und Mei⸗ ningen genaht, deren ehrwuͤrdige und doch — 229— lachende Abgeſchiedenheit, ungetruͤbte Ruhe und heitere Unſchuld, mir— der in der uͤppigen Natur Italiens ſo viele Jahre geſchwelgt— mit einer frohen Betroffenheit, mit einem Vorgefuͤhle des himmliſchen Friedens den Buſen fuͤllten, von der freilich ſeligen, aber dabei doch etwas irdi⸗ ſchen Wonne verſchieden, die in jenem Truͤmmer erfullten Paradieſe der Kunſt und Natur die Seele entflammt. Wie ein ſtattlicher Zwerg mitten unter ihn beſchutzenden Rieſen kam mir ein neues, aber ein⸗ faches Haus vor, das an dem Fuße einer thurmhohen, ſenkrecht aufſtrebenden Felſenwand, von uralten, unverwuͤſtlichen Buchen und Eichen umgeben, ſein reinliches Spiegelbild auf der Flaͤche eines klaren See's weit hinausſtreckte.— Die anmuthige, freundliche Lage, die wohlbebauten Fede ringsum, das ſtattliche Vieh aller Arten zog mich an.— Unwillkuhrlich, wie man es oft thut, fragte ich meinen Begleiter: wer dort wohne? „Swei junge Fremde,“ etwiederte er,„mit ihrer Familie!“— — 280— „Fremde?“ wiederholte ich;„Deutſche?“ „Nein, Herr!“ entgegnete der Fuͤhrer.— „So wie ich ſie verſtanden habe— denn weil die⸗ ſes Thal meine Heimath iſt, kenne ich ſie recht gut— moͤgen ſie wohl von einem weit entfernten nordiſchen Lande her ſeyn. Im Anfange ſprachen ſie zwar hochdeutſch mit uns, aber wir verſtan⸗ den es in ihrem Munde nicht. Aber derweil ſie unter ſich in ihrer eigenen Zunge redeten, be⸗ griffen wir jedoch mehrere Sachen, deren Be⸗ nennungen in der hochdeutſchen Sprache wir nicht kannten.— Ich erinnere mich noch recht gut, daß die Herren einſt Holz zum Einheitzen kaufen wollten, und verlangten ſolches; doch ver⸗ ſtanden wir nicht was ſie eigentlich wuͤnſchten.— Da ſprachen ſie lebhaft unter ſich, und in dem Geſpräͤche kam oft der Laut: Brände, Brände vor; das begriffen wir nun aber gleich, und fragten ſie in unſ'rer Mundart:„Wollt Ihr Brande habbe!“— und das meinten ſie eben. — So iſt es auch mit mehreren Dingen ge⸗ gangen.— Sie wollen behaupten, daß unſre Thalleute von ihrem Volke abſtammen.“ — 231— „Wie heißen ſie?“ fragte ich weiter, in der Hoffnung vielleicht aus ihren Namen auf die Nation, welcher ſie n zu kon⸗ nen.— „Sie nennen ſich,“ gab er mir zur Ant⸗ wort:„Roͤhr und Silfver!“ Der Ton dieſer Namen zitterte bekannt und willkommen durch mein Herz. Liebliche Bilder ſchoner in Rom verlebter Tage ſchwebten mir vor der Seele. Sollten es wirklich meine alten Freunde ſeyn? Freilich hatte ja das Gerücht mit ſie als Mitſchuldige an jenem blutigen Ereig⸗ niſſe, das in ihrem Vaterlande ſich zugetragen, laͤngſt genannt.— Nun! unterſuchen mußte ich ja doch, ob ich mich nicht geirrt. Ich theilte dem Führer meinen Entſchluß mit, und naͤherte mich dem Hauſe. Es war noch früͤh, um die zum Fruͤhſtuͤck gewöhnliche Zeit. In einer Weinlanbe, dicht an dem Hauſe, bemerkte ich einen mit ſchneeweißem Tuche ge⸗ deckten Tiſch, der ſchon durch den in dieſen Ge⸗ genden unbekannten nordiſchen Theeapparat meine Aufmerkſamkeit an ſich gezogen haben wuͤrde.— Oben an befanden ſich zwei alte Leute. Das 232— ruſtige, geſunde Aeußere jenes Greiſes, neben der zwar feineren Geſtalt einer betagten Frau, machte mich anfangs irre; um ſo mehr, als ein ganzes Bild patriarchaliſcher Wuͤrde, mit allen ihren Abſtufungen ſich vor meinen Blicken zeigte, das ich doch nicht erwartet hatte, hier ſo abgeſchloſſen zu ſinden. Denn neben den beiden Alten, deren heitere, zufriedene Zuͤge mich an die ſtille und ſeltene Feier einer goldnen Hochzeit erinnerten, obgleich ſie ihrem friſchen Ausſehn nach kaum die ſilberne hätten feiern können, ſaß, außer zwei jungen Maͤnnern, deren Zuͤge ich noch nicht er⸗ kennen konnte, eine junge Frau mit einem halb⸗ jährigen Kinde im Schooße; ein größerer Knabe ſtand neben ihr an ſie gelehnt, und ein dritter ſaß im Graſe, ein Butterbrod verzehrend. Als die Familie den nahenden Fremden bemerkte, ſtanden die jungen Maͤnner ſchnell auf und ka⸗ men mir entgegen. Es waren meine Freunde. „Sie kannten mich anfangs nicht; nicht eher, als bis ich meinen Namen genannt; und mit herzlicher Freundlichkeit, nach einer ungeheu⸗ chelten Umarmung, fuͤhrten ſie mich in den Kreis der Ihrigen.“ — 233— Silfver ſtellte mir das junge Weib ls ſeine Frau vor. Ich läugne nicht, ich ſah Beide betroffen an.— Mußte ich ſie auch eben nicht häßlich finden, ſo wirkte doch ihr beim erſten Anblicke, ich weiß nicht ob betretenes oder bloß kaltes, abgemeſſenes Weſen abſtoßend auf mich, beſonders neben dem ſchoͤnen Manne, dem Herz⸗ lichkeit aus allen Zügen, ſo wie Geiſt aus ſeinen Augen ſprach. Doch war der Tag kaum zu Ende, kaum war ich ein wenig einheimiſch ge⸗ worden, hatte mich ein paar Mal zu den Kin⸗ dern geſetzt und dem würdigen Alten meine frei⸗ willige Ehrfurcht bezeigt, als eine ſo ſanfte An⸗ muth ſich allmählig uͤber die Züge der jungen Frau verbreitete, ein ſo klarer, reiner Sinn ſich aus ihren nicht mehr zuruckhaltenden Worten entwickelte, und eine ſo warme Milde aus ihren Blicken quoll, daß ich mich ſelbſt uͤber meine voreilige Betroffenheit betroffen fühlte. Ich hatte ſogleich verſprechen muͤſſen, einige Tage, die ſich nachher zu Wochen verlaͤngerten, in dieſem Hauſe zu raſten; und wo konnte ich auch lieber verweilen als bei theuern, alten Fteunden, die ich in einem Alter und unter 1 — 234— fröhlichen Verhältniſſen kennen gelernt, wo ein ſcharfer Blick und ein edles Blut eine vertraute Freundſchaft ſchneller ſchließt, als in kälteren Jahren ein Kauf geſchloſſen wird; bei Freunden, die mir zwar nicht ihre inneren Geheimniſſe auf⸗ drangen, aber auch nicht durch eine verlegene Geheimnißkrämerei Offenheit und Zutrauen ver⸗ bannten. „Sie gaben freilich nicht ihre Geburt und wahre Namen der Neugierde Preis, aber ſie nahmen auch keinen Anſtand zu geſtehen, daß ein politiſcher Orkan auch ſie ſchmerzlich getroffen und ſie gezwungen habe, ihren Kindern und ſich ſelbſt ein neues Vaterland zu geben.— Das wußte ich ja ohnehin ſchon. Silfver fand ich ganz unverändert; den etwas juͤngeren Axel da⸗ gegen in allen Ruͤckſichten gebildeter und reifer als fruͤher. Eine ernſte Schwermuth lag uͤber ſeinen Zuͤgen, aber nicht wie Gewitterwolken, ſondern wie ſtiller, klarer Mondſchein, der einen verklärten, geheimnißvollen Glanz in die Nacht des Lebens hineinwirft.— Er war un⸗ verheirathet, und es ſchien entſchieden, daß er es immer bleiben wolle.“ — 235— Noch denſelben Abend, als wir Alle im heiteren Kreiſe vor dem Hauſe ſaßen und die ſchone Nacht genoſſen, die eine ſo tiefe Stille verbreitete, daß ein mehr als eine viertel Meile entfernter Waſſerfall deutlich ſeine fröhliche Stimme mit den unſ'rigen vermiſchte, und keine Luft die klaren Flammen der vor uns ſtehenden Kerzen bewegtez an dieſem ſchönen Abende konnte ich nicht umhin, Axel an ſeine fluchtaͤhnliche Trennung von mir in Rom mit einem kleinen Lächeln zu erinnern; er ſah mich wehmuͤthig an, ohne mit Worten etwas zu erwiedern.— In demſelben Augenblicke klang— ich kann nicht ſagen wo, denn es ſchloß zu gleicher Zeit die Begriffe von Nähe und Ferne in ſich— ein ſonderbar befremdender Ton in der Lüft. Er hob wie ein nahes, ſcharfes Geſchrei an und verhallte in einen ſanften Klagelaut, in lange, melodiſche, hinſchmelzende Akkorde uͤbergehend, die ich nur mit dem Geſange eines ſogenannten ſterbenden Schwans zu vergleichen weiß.— Ich ſah die Freunde betroffen an.— Sie ſchienen nicht mein Erſtaunen zu theilen, aber eine ſchmerz⸗ liche Wehmuth ſtand in jedem Blicke, den der meine ſuchte⸗ alte Mann die Haͤnde. m Es war nur unſre Aeols Harfe,“ ſagte die junge Frau, die meine Betroffenheit merkte, mit einem ſanften Lächeln, und ſetzte nun die begon⸗ nene Unterredung auf eine Art fort, die mir⸗ allen Anlaß zu einer näheren Erörterung benahmz auch ſchienen beide Freunde, beſonders Axel, nach⸗ dem wir uns ziemlich ſpaͤt erhoben, mit vielem Geſchicke einer näheren Frage e zu wollen. 1 Indeſſen, die meinem Vater angeborne Ei⸗ genſchaft, leicht Vertrauen zu erregen, ſcheint ſich wirklich auf mich vererbt zu haben; auch offnen ſich die Herzen leichter in einem eng geſchloſſe⸗ nen Kreiſe.— So ging es auch hier.— Ei⸗ nige Abende nach dieſem Auftritte befand ich mich, vielleicht geftießentlich, allein mit Axel auf ſeinem Zimmer.— Es war ein lieblicher, kuͤhler Abend nach einem heißen Tage.— Wir ſaßen im Hin⸗ tergrunde der geräumigen Stube bei einem kleinen, mit Lichtern beſetzten Tiſche;— vor uns ſtanden die Fenſterfluͤgel offen, durch welche der Voll⸗ mond das weiße Silber ſeiner Strahlen bis zu — 247— unſern Fuͤßen hinwarf.— Die Vergangenheit tins vox uns aufe5 nzung ad prunut301 Als aber der Freund eben zur Etzählung geſchritten war, erklang abermals der Schmer⸗ zenston/ den ich ſchon ein Mal gehört, plötz⸗ lich in unſ'rer Rähe. hnn et ehn Fef „Was iſt das 2% fragte ich Axel mit einem durchdringenden Blicke. nittttihb „Erinnerſt Du Dich,“ gab er mirzur Ant⸗ wort,„des ſchönen Mädchens in Rom, das dort fuͤr die zweite Tochter eines franzoſiſchen Miniſters galt, mit dem Du zu meiner Zeit viel Umgang hatteſt 2 „Nun wohl!“ fuhr er ſchmerzlich fort,„ſo erkenne in dieſem Tone den letzten Nachhall ihres irdiſchen Daſeyns.“— Und nun theilte er mir, weniger mündlich als in niedergeſchriebenen Heften, die Begeben⸗ heit mit, der die vorhergehenden Blaͤtter gewid⸗ met ſind, denn es ſchien als trüge er eine zarte, obgleich vielleicht eingebildete Scheu, ſelbſt dem zuverläͤſſigſten Freunde Geheimniſſe horbar mitzu⸗ theilen, die ein uns umſchwebendes, menſchli⸗ 1 ches Weſen ſo nähe angingen, obgleich, nach der Ueberzeugung der ganzen Familie, dieſe Toͤne eigentlich nur Guſtav zu umſchweben ſchienen. Doch beſprachen wir oftmals das Ereigniß, das unſer Zuſammentreffen hier veranlaßt hatte, und faſt alle Nächte verbrachte ich, nachdem die Fa⸗ milie ſich getrennt hatte, ein Pae Stunden in Axels Zimmer— die Uebrigen wußten recht gut, was uns zuſammenführte, aber nie iſt ein Wort daruͤber geſprochen worden. Als mir alles mitgetheilt worden, war es mir und uns Allen, darf ich ſagen, als gehoͤrten wir uns noch mehr, als gehörten wir uns ganz an.— Wir ſprachen freilich nie abſichtlich von der Vergan⸗ genheit mit einander, aber einzelne Thatſachen, mehrere Data, wurden als uns Allen bekannte Dinge oͤfters erwaͤhnt.— Noch bin ich denen, welchen die Blaͤtter vor die Augen kommen werden, den Schluß der in ihnen vorgetragenen S2 benheit ſchuldig.“ ula vni das Zimmer, und ließ alle, von innerem Grauen gefaßt, zuruͤck. Der alte Graf — 239— wandte ſich ſchmerzlich von den Uebrigen ab, ging ſtill zu dem Fenſter hin, und ſtarrte wie betend in den beſternten Himmel auf. Er konnte ſich mit Grauen kaum des Gedankens erwehren, als hätte der General, von dem ſonſt alle Spuren von der Erde wie vertilgt waren, doch noch immer un⸗ verſohnt— emne ihn uͤberlebende Rache nach ſich ge⸗ laſſen.— Die Baronin allein folgte Ulla ſchnell nach ſie war in ihr Simmer gegangen. Ebba hörte ſie mit Heftigkeit die Dienerin nach ihrer goldnen Uhr fra⸗ gen, die man ihr, als ſie die vorige Nacht zu Bette gebracht worden warz abgeloſ't hatte.— Die Dienerin reichte ihr dieſelbe hin. Sie war ein Geſchenk des Generals.— Die Baronin bemerkte, daß der ſichtbare Krampf, der in ihrem Buſen und in allen Geſichtsmuskeln zuckte, bei dem Anblicke dieſes Andenkens ſich plotzlich in einen ſanften Strom von Thränen auflöſte. — Es war, als hätten die vor Kurzem ſo ſon⸗ derbar hervortretenden phyſiſchen Kräfte ſie wieder verlaſſen.— Sie lehnte ſich ſichtbar ermattet, mit trüben vor ſich hinſtarrenden Blicken an die Wand.— Die Baronin naͤherte ſich ihr freund⸗ lich wie immer.— Ulla horte ſie aufmerkſam IV. 16 anz es war als bemühete ſie ſich ihre Worte recht zu faſſen.— Auch ließ ſie ſich, auf die dringende Bitte der Baronin uͤberreden, ſich aus⸗ ziehen zu laſſen; und ſich zu Bette zu begeben. Sie gehorchte, nur von der Uhr wollte ſie ſich nicht trennen; ſie nahm ſie mit ſich in's Bett. Auch war ſie nicht zu bewegen, etwas anderes als einige Tropfen Waſſer zu genießen.— Sie warf noch einen langen, ſchmerzlichen, unaus⸗ ſprechlichen Blick auf Ebba, uud legte ſich dann mit dem Geſichte gegen die Wand gekehrt. Die Baronin und die Dienerin blieben lange bei ihr. — Endlich erſchien der Vater leiſe in der Thuͤrez er winkte der Schweſter, uͤberredete ſie, ſich zur Ruhe zu begeben; er wollte ſelbſt, trotz aller Einreden, allein mit der Dienerin bei der Kran⸗ ken bleiben.— So geſchah es auch— aber er verbrachte die Nacht nicht in ſo ungeſtörter Ruhe, wie Guſtav einſt bei dem Generale.— Die ſchweren Athemzuͤge der Tochter ſtörten ihn bald auf.— Er vergaß ſeine Abſicht, ſich nicht vor ihr ſehen zu laſſen, und ſchlug raſch die Vor⸗ haänge auf.— Sein Anblick machte auch keinen Eindruck auf ſie, denn ſie kannte ihn nicht.— — ———————— — — 241— Er fand ſir in heftigen Convulſionen, und ehe er zu irgend einem Huͤffömittel greifen konnte, war ſie in den väterlichen Armen, die, ach! ſie erſt zu ſpät umſchloſſen hatten, geſtorben.— Das Raͤthſel war bald geloſ't.— Eine goldne Berloque an der Uhrkette, wie eine Kapſel. ge⸗ bildet, war offen gefunden, und darin noch Spuren von Gift— wahrſcheinlich daſſelbe, das ſie dem General einſt entriſſen.— In ihrem Bu⸗ ſen ward ein zerriſſenes Tuch Pne bewahrt es noch auf. Sobald Ulla's Leichnam wirklich— S des Generals, deſſen Opfer ihr irdiſches Leben ge⸗ weſen, in tiefer Stille beigeſetzt war, beeilten ſich die Zuruͤckgebliebenen Wörkna, und mit dieſem Schloſſe ihr nordiſches Vaterland zu verlaſſen.— Es war auch längſt die Abſicht des alten Grafen. geweſen, und er hatte in's Geheim alles dazu vorbereitet; nur den ſo lange unentſchiedenen Streit in den Gemuͤthern ſeiner Verwandten wollte er erſt zu Ende gekaͤmpft ſehen. Der unvermuthete Hingang der Tochter, das Unwohlſeyn Aller an einem Orte, der ſo ſchmerzliche Erinnerungen im⸗ mer wieder erneuerte, beſchleunigte die Ausfuͤhrung. 16* — 242— Die Reiſe ging ſchnell und glücklich von Statten, und ganz unvermuthet traten alle die Geliebten vor die erſtaunten Blicke des neuen Gutsherrn, oder wenn man lieber will— des reichen, ſchweizeriſchen Bauers. Aber ſeine Au⸗ gen vermißten ſogleich den heißeſt erſehnten Ge⸗ genſtand von alle den Theuern, die ihn umring⸗ ten.— Da wurde ihm ſogleich— denn das hatten die Maͤnner fuͤr das Rathſamſte gehalten — der herbe, aber nothwendige Trank gereicht.— Mit einem tiefen, doch maͤnnlichen Schmerze, der eine wohlthuende Wirkung auf den jungen Neffen nicht verfehlte, berichtete ihm der Vater ſelbſt den Tod ſeiner Tochter.— In dieſem Augenblicke, ſo viele, viele Meilen von dem Grabgewölbe zu Woͤrkna entfernt, erklang zum erſten Mal jener Klageton, doch ſchaͤrfer und durchdringer wie jetzt, in ihrer Naͤhe.— Alle ſahen ſich betroffen an, denn jeder von ihnen, Axel ausgenommen, er⸗ kannte denſelben Schmerzenslaut, den Ulla da⸗ mals ausgeſtoßen, als ſie ihr verbranntes Antlitz im Spiegel erblickte. Der alte Graf faltete, ſo wie er jedesmal gethan, wenn er dieſen Ton ge⸗ hört, geruͤhrt, faſt wie getröſtet die Hände.„Sie iſt mit uns gezogen,“ flüſterte er.„Sie kann doch nicht ihre lieben Verwandten verlaſſenz; an die dunkeln Gewölbe, wo die feindlichen Huͤllen von Erde und Staub vermodern, iſt ihre beſſere Seele doch nicht gebunden.— Ihr iſt nun doch beſſer, als es ihr hier auf der Erde geweſen wäre, denn ſo wie wir häͤtte ſie ſie doch nicht genießen koͤnnen. Das erheitert und tröſtet mich! Nun ſo verweile bei uns, meine Tochter! Moͤgeſt Du in unſ'rer Nähe, mit unſ'rer ſtillen Demuth und frommen Ergebenheit, mit unſ'rer Gleichgůttigkeit fuͤr alles, dem die Welt nachſtrebt vor den Augen Deines Geiſtes, allmaͤhlich fuͤr die himmliſche Gluͤckſeligkeit reifen.“ Axel verſicherte mich nachher, daß dieſer Ton zu aller und beſonders des Oheims Beruhigung, allmählig nachgelaſſen, und nicht allein ſchon jetzt ſeltener gehort wuͤrde, ſondern das ſcharf durchdringende, ſchreckenhafte darin ſich immer mehr in ſehnſuchtsvolle hinſchmelzende Akkorde auflöſe. Nichts mehr von der ruhigen Zufriedenheit der beiden Freunde, die ſich ſo fruͤh von der Welt zuruckgezogen. Sie fühlten Beide, daß wer die Eitelkeit und Selbſtſucht in der eignen Bruſt gluͤcklich bekämpft hat, ob er auch nur für ſich ſelbſt zu leben ſcheint, doch in der„Wühe fuͤr die Welt lebt. Meine Zeit war abgemeſſen; 8. mußte die unbemerkte, mir theure Familie, die in ſtiller Thätigkeit ein inneres Gluͤck genoß, daß ihr die große Welt ſchwerlich vergoͤnnt haben wuͤrde, wieder verlaſſen. Eine Familie, die mit der Wuͤrde eines vorgeruͤckten Alters geſchmuͤckt, von froher Kinderunſchuld erheitert, und von maͤnn⸗ licher, ernſter Treue bewacht, nur die Ueberzeu⸗ gung gewährt, daß ein wahres patriarchaliſches Leben auch noch unter den gebildetſten Menſchen Statt finden kann,— Hedwiga hatte ihre wahre Heimath gefunden.— Ich habe das ſchweizeriſche Frigut ſpaͤter beſucht, und fand nur kleine menſchliche Verän⸗ derungen vor. Die Kinder waren größer und tuͤchtiger, der Großvater obgleich noch ruͤſtig und⸗ munter, doch ſichtbar älter geworden. Die Groß⸗ mutter war vorausgegangen. Sie hatte nur Seligkeit mit Seligkeit umgetauſcht.— Sie war mit dem Ausgange des ſiebenten Jahres froͤhlich —.— — 245— und ſanft eingeſchlafen. Der Gedanke ſchien ſie alle zu begluͤcken, daß ſie in einer muͤtterlichen Umarmung Ulla's gelauterten Geiſt mit ſich ganz von der Erde geriſſen; denn mit ihrem Tode war auch der letzte verhallende Ton von dem Geſange des hinauf ſchwebenden Schwans ver⸗ klungen.— Ende des vierten und letzten Theils. In gleicher Verlags⸗ Handlung iſt er⸗ ſchienen: Kampf und Liebe oder die griechiſchen Bruͤder. Romantiſches Semlbe aus unſerer Zeit Sdri m 5. Mit Kupfer 1823. 1 Thlr. 12 Gr. Theodora, die Leipziger Jungemagd.. ein hiſtoriſch-romantiſches Briginalgemaͤlde Helle⸗ S Hochſinns und Türkiſcher Barbarei, aus der erſten Epoche der gegenwaͤrtigen Inſurrectin auf Morea. Adolf v. Schaden . Lre. Mit Theodora's und Tertullian Sarvathy's Por⸗ trait. 1822. 3 Thlr. Tertullians des Mainottenfuͤrſten, und Maltitzens des deutſchen Freiherrn hochherzige Waffenthaten und merkwuͤrdige Schick⸗ ſale zu Waſſer und zu Lande. Als Fortſetzung und Schluß der Theodora ꝛc. Adolph odn Schaden. Der Glluͤckswechſel oder Die Flucht nach Oſtindien. Mehr Wahrheit als Roman Verfaſſer der Erſcheinunhen im Schloſſe der Py⸗ renaͤen u. v. a. Mit Kupfer. 1823. — —— — ſſſſſſſſüſſſſſſi 8. 10 11