S S— Leihbiblivthek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seiß und Teſebedingungen. 1. O0flensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe ver Bücher jeden Tag von Morgens; 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenuvmmen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben eutſprechende Summe hinterlegen welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt für wochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: — auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1Mi. 5⁰ 3 2 Mk.— Pf. 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Sierve der ſchoͤnen Literatur: Friederike Brun⸗ There ſe 8 uber * 8 „ „ widmet der Herausgeber als ein beſcheidenes Denkmal ſeiner Verehrung und Ihres Wohlwollens folgende Blaͤtter. — — —— Vorbericht des Herausgebers. Vor wenigen Jahren ſtarb in einem be⸗ kannten Bade der Baron***, nachdem er ſich von einer kurzem diplomatiſchen Laufbahn ſehr bald zuruͤckgezogen, und ſeine letzten Jahre nur den Wiſſenſchaften und ſeinen Freunden gelebt hatte. Gemein⸗ ſame Liebe zu den erſteren hatte den Her⸗ ausgeber dieſer Blätter unter die wuͤrdige Zahl der letzteren verſetzt; und ſo wurde eine zufällige Bekanntſchaft, auf einer Reiſe geſtiftet, ihm in dem Laufe der Zeit reiche Quelle vieler vertraulicher und unvergeß⸗ licher Stunden. Der Baron hatte ihm VI von Zeit zu Zeit mehrere kleine Arbeiten aus den verſchiedenſten wiſſenſchaftlichen Fächern mitgetheilt, ohne jedoch ſeinen freundſchaftlichen Vorſtellungen nachgeben zu wollen: dem Publikum wenigſtens einen Theil ſeiner beſcheidenen Verſuche zu über⸗ liefern. Zu gleicher Zeit faſt mit der Nach⸗ richt von dem Tode ſeines Freundes, wurde ihm hoͤchſt unerwartet eine Mappe aus deſ⸗ ſen Nachlaß zugeſtellt, die, vermöge eines Artikels im Leſtament des Verſtorbenen, ihm zu freier Dispoſition verabfolgt wer⸗ den ſollte. In dieſer Mappe befanden ſich nun, außer den ihm ſchon liebgewordenen Aufſätzen, mehrere Hefte ſelbſtgeſchriebener Memoiren von der Hand des Barons; unter dieſen fand er folgende Begebenheit eingeſchaltet, die er beſonders geeignet glaubt, dem Publikum vorgelegt zu wer⸗ den. In nun wirklich — lebt und vwl wagt er nicht zu beſtimmen. Folgendes ſcheint indeſſen für dieſe Meinung zu reden: theils, daß die Namen der Perſonen überall in die⸗ ſen Heften üͤberſtrichen und durch andete erſetzt ſind, ſo wie auch der Baron überall wo et ſelbſt deutlich darin vorkömtnt, die erſte Perſon in die dritte umaͤndert, und dieſe mit dem Namen Helmwang be⸗ zeichnet hat; theils daß der Erzaͤhler— . aus welchem Grunde iſt fttilich dem 6 ausgeber nicht klar— das ſortiſche Reich in dem die Begebenheit zuin groͤßten Theil ſpielt, gefliſſentlich nicht genannt hat; ob⸗ gleich jedet, der nur die Wettgeſchichte oberflächlich kennt, ſogleich inne wetden . wird, daß jene ſich um ein allgemein be⸗ . kanntes Ereigniß dreht und wenigſtens einen geſchichtlichen Charakter beruͤhrt. Auch haͤtte wohl ein bloßer Romandichter Bedenken getragen, mehrere Hauptfiguren, 3 vII welche die ghclnahme des Leſers in An⸗ ſpruch nehmen, mitten in vielfachen Er⸗ eigniſſen, ſelbſt ſo wenig in außere Tha⸗ tigkeit zu bringen, obgleich ſie jedoch in innerer Lebendigkeit fortſchreiten. Sollte nun der Leſer hie und da, beſonders ge⸗ gen den Schluß, in mancher Darſtellung innerer Notive etwas vermiſſen, iſt der Herausgeber ſehr willig, die Schuld zu tragen— denn es lag ihm aus mehreren Gruͤnden ob, verſchiedenes, was im Ma⸗ nuſcripte vollſtändiger entwickelt iſt, zu ſtreichen, um ein harmloſes in ſeiner Ent⸗ wickelung romantiſches Werk nicht zum Gegenſtande der politiſchen Piaſchin einer bewegten Zeit zu machen. ————— —— Sieben Erſter i — Das Abentheuet in Rom. Es giebt menſchliche Gemuther, denen ſich die Welt mit ihren tauſend Vetwickelungen ſo klar abſpiegelt, daß ſie, ſelbſt in einem noch jugend⸗ lichen Alter, ſich mit beneidenswerth heiterer Si⸗ cherheit in den neueſten Vechaͤltniſſen zu bewegen wiſſen; andere giebts, die, ſey es nun durch eine weniger glückliche Organifätien, oder vielmehr, weil ihte Vethältniſſe in der Welt ſie in einen trü⸗ ben Nebel eingehullt, den! Blick faſt vetgebens gegen die Sonne richten; er wird doch wieder in Unſicherheit und Dunkel herabgezogen. Finden die Erſtern zum Beiſpiel Vergnühen daran, ihre Krafte in einer kleinen ſchuldloſen Myſtification zu prufen, oder gelingt es ihnen einem aufſtoßenden Abentheuer einen beglüͤckenden Erfolg abzuringen, verlieren die Letztern ſich dagegen in gleichen Fällen 1* 7 nur in tiefere Verworrenheit, und ſtatt Freude und Dank einzuernten, füͤllen Aengſtlichkeit und trube Dunkelheit ihre Seelen. Dieſen Verhoͤltniſſen ſchienen zwei junge Freunde faſt ſeit ihrer Geburt unterworfen zu ſeyn⸗ Beide im fernen Norden und in einem Va⸗ terlande geboren, waren erſt auf der gemeinſamen Reiſe ins Ausland aus zufaͤlligen Bekannten innige Freunde geworden. Obgleich beide im Früh⸗ lnge des Lebens, war es doch, als hätte obener⸗ waͤhnte Verſchiedenheit ihrer Gemuther dem einen⸗ kaum drei Jahre zltern Jungling, eine entſcheidende Stimme gegeben; Zern gab ſich der noch etwaß ſchuͤchterne Axel Rohr der Führung ſeinss ſchonen Freundes, Guſtav Si lver— ſo nannten ſich dieſe jungen Leute— hin, deſſen kräftige Heiterkeit den düͤſtern Nebel ſeiner Jugendverhältniſſe faſt verſcheucht hette.— 68 6 Fin Jahr, der fünfte Theil der beſtimmten Zrit, hatte ſchon die Reiſe gedauert; ſie befanden ſich in Rom, und ſtanden in dem Augenblicke, wo der Leſer ihre Bekanntſchaft macht, eben im Begriff, ihren Wig nach Neapel fortzuſehzen⸗—* — — War es vielleicht eine dunkle Ahnung deſſen das ihm bevorſtand, die, gleich einem Ruͤckfalle in ſeine immer ſeltnere truͤbe Stimmung, Axel eines Abends beſiel, als er einſam und unthaͤtig auf ſeinem Zimmer die Zuruͤckkunft des Freundes er⸗ wartete, der hingegangen war, um mit einem Vetu⸗ rino uber die bevorſtehende Reiſe zu unterhandeln. Seine Erinnerungen kehrten beaͤngſtigend zu ſeinem Vaterhauſe, wider ſeinen Willen, zurück. Denn mehr mit Furcht als mit Liebe gedachte er ſeines Vaters,— die Mutter, die einzige freund⸗ liche Erinnerung aus ſeiner fruͤheſten dunkeln Kind⸗ heit, kannte er nicht. Sie lebte ſeit Jahren ſchon in ſtiller Abgezogenheit, von dem Vater geſchieden⸗ — Der Sohn war in tirfer Unwiſſenheit aller nähern Verhaltniſſe, auch fern von der Reſidenz, wo der Vater wohnte, bei einem Prediger auf dem Lande erzogen worden, den ſonſt kein andres Band, als gleiche politiſche Meinungen und deren⸗ Folgen, an ſeinen Vater knuͤpfte.— Gegen ſeine Neigung, die ſich fruh für den Militairſtund aus⸗ geſprochen hatte, wurde der Knabe dort bei einer unerfreulichen Eingezogenheit, theils fuͤr den Land⸗ bau, theils fuͤr gelehrte Wiſſenſchaften, von denen jedoch der Prediger nur einen ſehr mäßigen Antheil inne hatte, gebildet⸗ bis er auf einmal, ohne zu was den Vater eigentlich dazu be⸗ erfahren, Juͤnglinge in die ſtimmt, mit dem unbekannten Fremde geſchickt wurde, deſſen warme Theilnahme und innige Freundſchaft Axels früher verſchloſſenes Gemüth wohlthätig zu eröffnen, und die truͤbe Stimmung, die ihn dieſen Abend wieder ſchmerz⸗ lich befallen hatte, ſonſt immer zu entfernen wußte⸗ „Noch da? Axel!“ ſagte dieſer verwundert, als er wieder hereintrat⸗„Du wollteſt ja unſern Freund, den Doctor Noldi zum Abſchied beſuchen; warum aber ſitzeſt Du ſo ſchwermüthig da, ver⸗ laͤſſeſt Du Rom ſo ungern?“ „Das eben nicht!“ rief Axel raſch aufſprin⸗ gend;„Du weißt, mit Dir ziehe ich uberall. freudig hin.“ ttrin „Ich danke!“ gab Guſtav lächelnd zur Ant⸗ wortz„aber ſorge dafür, daß ich Deine Freude eeine ſo duͤſtere Miene theilen kann; denn wenn ſi zeigt, mochte ich ihr lieber aus dem Wege gehen!“ Arel ſeuftte⸗ druckte die Hand des Freundes Glücklicher Menſch!“— ſagte r der Reichthumer und Eltern bei ſich ſelbſt—„ fruͤh beraubt, ſcheint es Dir doch an nichts zu fehlen; und ich, der ich noch Eltern, noch ein Vaterhaus beſitze, kann nicht ohne Schwermuth zuruͤckdenken. Muß denn der Menſch erſt recht einzeln ſtehn, um froh und unabhaͤngig ſeyn zu können?“ Unter ſolchen Betrachtungen näherte er ſich dem Hauſe des gemeinſamen Freundes. Ave Ma⸗ ria war laͤngſt vorbei, und der Abend ſtockſinſter. Axel zuͤndete daher, nach roͤmiſchem Gebrauche, ſein Stümpfchen Wachslicht bei dem Pizzicornolo, dem Hauſe gegenuͤber, an, um die unangenehme Reiſe ins vierte Stock, die dde ſteinerne Treppe hinauf, mit aller Sicherheit antreten zu konnen. Er hatte aber kaum den halben Weg zuruckge⸗ legt, als ein heftiger Windſtoß durch die zerbro⸗ chenen Scheiben des Treppenfenſters die Kerze ausblies, mochte jedoch nicht herunter gehen um ſie noch einmal anzuſtecken, ſondern ſetzte ſeine Reiſe in die Höhe, vor ſich tappend, fort. Als er endlich, ſeiner Meinung nach, die Thuͤre des Freundes erreicht hatte, klopfte er leiſe an. Faſt in demſelben Augenblicke ward der Schie⸗ ber vor der kleinen Oeffnung mitten in der Thuͤre ſchnell weggeſchoben, und eine zarte wohlklingende Frauenſtimme fluͤſterte, zu ſeinem groͤßten Erſtau⸗ nen, in ſeiner Mutterſprache:„Sind Sie es, Unwillkührlich ſprach er ein leiſes„Ja!“ aus⸗ „Bringen Sie das Buch, das uns Ihr Herr verſprochen?“ fragte die Stimme weiter Theils aus Mangel an Faſſung⸗ theils hin⸗ geriſſen von der ſo ſonderbar erregten Neugierde, gab er ein eben ſo leiſes„Nein 1 zur Antwort⸗ „Unvorſichtiger!“ fuhr ſie ſchnell und aͤngſt⸗ lich fort,„haben Sie vielleicht meine, freilich nur halben Worte, nicht recht verſtanden? Glucklicher⸗ weiſe iſt Chriſtian ausgegangen, nimm aber erſt dieß— wo iſt Ihre Hand? und dann fort, fort!“ Ohne ſeine Weigerung abzuwarten ließ ſie ihm etwas Hartes und Schweres vor die Fuͤße fallen und entfloh. Ihre Aengſtlichkeit verbot ihm, zu rufen, und etwas liegen laſſen, das, wie es auch ging, licht in noch unrechtere Hände, als die ſeinen, gerathen konnte, durfte er auch nicht. Er hob das kleine Packet auf und ſteckte es zu ſich.— Wer aber konnte wohl dieſe Dame ſeyn? Bei dem Docter hatte er nur eine alte Magd ete geſehen, die gewiß nicht einmal Ahnung von dem Daſeyn ſeiner Mutterſprache hatte.— Da ſiel es ihm ein, ob er auch recht gegangen ſey, Er kehrte langſam um, zaͤhlte im Heruntergehen die Stufen, und fand, endlich unten angelangt, daß ſein Abentheuer ſich ſchon im dritten Stock ereig⸗ net, und er alſo die Thuͤre verfehlt hatte.— Er mochte nicht wieder hinaufſteigen, und eilte nach Hauſe.— 3 Hier zog er das Packet ſogleich hervor, als er glücklicherweiſe den Freund nicht vorfand. Es war ofſen und enthielt nur zwei in Papier einge⸗ wickelte Louisd'or. Auf dem Blatte ſtandz „Obgleich ich Sie kaum geſehen, erfordert doch „meine Lage, daß ich Zutrauen zu Ihnen faſſe. „Sie ſind mein Landsmannz der Baron, ihr Herr, „ruͤhmet Sie. Selbſt unſer mitgebrachtes Mäd⸗ „chen wuͤrde für Ihre Treue ſtehen. Demunge⸗ „achtet darf ſie eben ſo wenig, wie der Schleicher „Chriſtian, etwas von dieſen Zeilen wiſſen. Laſſen „Sie mich nicht bereuen, daß ich Ihnen ver⸗ „traue.— Was ich von Ihnen verlange, kann „mit Ihrem Gewiſſen beſtehen. Machen Sie es „nur möglich, daß Sie ſich morgen in der vier⸗ —— 10— „zehnten Stunde in der Kirche uns gegenüber „bei der Meſſe einfinden können. Ich kenne weder Weg noch Steg in der Stadt, und kann „keinen Andern wählen. Hüllen Sie ſich in einen „Mantel, der Sie unkenntlich macht, und knien „Sie vor das zweite Seitenaltar links nieder, „oder auch an einen andern in der Naͤhe, wo „Sie einen grünangezogenen Jüngling auf den „Knien erblicken— fluſtern Sie ihm Ihren Na⸗ „men Axel zu, und er wird Ihnen das Weitere „ſagen.“ Er überlief mehrmals dies Blatt, das mit reinen Zügen, obgleich, wie es ſchien, mit unſiche⸗ rer furchtſamer Hand geſchrieben warz dann ſtellte er Betrachtungen daruͤber an.— Erſtlich: wer konnte wohl dieſe unbekannte Landsmaͤnnin ſeyn?— In Rom hielten ſich fuͤr den Augen⸗ blick, in ſofern ihm,— der mit dem Freunde, trotz der erborgten Namen, im Hauſe ihres Con⸗ ſuls aus und einging,— bekannt war, keine Landöleute auf. Zweitens? wer war dieſer Be⸗ diente, der ſeinen Namen trug und ſeine Sprache redete? doch dies glaubte er ſogleich herausge⸗ funden zu haben. Der Vater ihres gemeinſamen —— — 11— dortigen Freundes, des deutſchen Barons Helm⸗ wang,— der ihre Sprache faſt ſo gut wie ein Eingeborner ſprach, weil er dieſelbe in der Kind⸗ heit gelernt, während der Erſte in einer Reihe von Jahren*** Geſandter bei ihrem Hofe ge⸗ weſen, und ſich nun, ſeiner Geſundheit wegen, ſeit geraumer Zeit in Italien aufhielt— hatte da⸗ mals einen Knaben aus Norden mit nach Hauſe gebracht, der noch jetzt, als erwachſen, bei ihm diente. Dieſer konnte ungefähr von Axels Alter ſeyn und trug zufällig deſſen Taufnamenz übri⸗ gens war er den Freunden nicht von der beſten Seite bekannt, und oft hatten ſie ſich daruͤber verwundert, daß ſeine Herren, Vater und Sohn, ſich blindlings in vielen Stuͤcken hinter das Licht von ihm führen ließen. Es konnte ſchwerlich ein Anderer ſeyn. Axel hielt es daher fuͤr Pfücht, ein höherſtehendes, vielleicht ungluckliches, ob auch etwas leichtſinniges Weſen aus den Haͤnden eines Vertrauten zu retten, der, ſo wie er ihn kannte, dem Höchſtbietenden immer feil war.— Er zog daher vor, ſich ſilbſt in der Kirche einzuſinden, und ihr, oder der dort harrenden vertrauten Perſon die zwei Louisd'or nebſt einer Warnung zukom⸗ men zu laſſen⸗ g b Den folgenden Morgen fand er ſich alſa zu der beſtimmten Stunde⸗ tief in ſeinen Mantel gehullt, in der Kirche ein. Der gruͤn gekleidete Jüngling war ſchon da, aber obgleich ſein Blick iſt von Gegenſtand zu emporgerichtet war, und dre Gegenſtand eilte, ließ doch dieſe, faſt konnte man ſagen ſichtbar erkünſtelte, Unbefangenheit ihn erkennen, daß der knappe Ueberrock ein innerlich zitterndes Mädchen umſchloß⸗ Welch Wunder ſammengedruͤckten goldnen Locken, die langen ſeidnen Wimpern, welche zwei funkelnde Sterne von ſo tiefem Blau, daß ſie ſich beinahe in Schwarz verloren/ halb bedeckten, und das anmuthige Geſichtchen, auf dem die Rothe der Schaam mit der Blaͤſſe der Angſt e Bedeutung für alſo, daß die muͤhſam zu wechſelte— eine neue wichtiger ihn gewannen⸗ 6 Nachdem er den ſchoͤnen Juͤngling, hinter einer Säule verborgen, ohne von ihm bemerkt zu werden, einige Augenblicke genau betrachtet, und ſein ahnendes Herz ſchon mit verdoppellen Schlaͤgen innere Unruhe verrathen, riß er ſich gewaltſam aus ſeinem halben Traume und nahte ſich dem Altar, bei dem jener mit ſichtbarer Un⸗ geduld harrte.— Bei ihm niederkniend er leiſe:„Axel iſt da!“ Der Jüngling ſah ahns von der Sete ſchar an, doch ohne ſeine Züge in dem Halbdunkel der großen Altarniſche recht erkennen zu können. „Ich bedarf eines Begleiters in dieſer unbekann⸗ ten Stadt, um ein Geſchüft auszuführen, das allen den Meinigen ein Geheimniß bleiben muß,“ begann er nach kurzem Stillſchweigen;—„ken⸗ nen Sie das adliche Nonnenkloſter auf Vim⸗ minale, die gebräuchliche Weiſe um in das Sprach⸗ zimmer zu gelangen und eine gewiſſe Kloſterfrau dahin zu berufen? 8 Obgleich Axel, das Lrzte betreffend, nicht ganz genau war, er die Feng 1 3 „Sehen Sie, Aup fuhr der sn er⸗ fort,„das iſt alles was ich von Ihnen verlange, und daß der Spitzbube Chriſtian nur nichts merke.— Kommen Sie! Großer Gott, Sie ja nicht!“— ſchrie er beinahe. ¹ „Axel bin ich!“ erwiederte erz„ober nicht der Spitzbube, den Sie meinen, und der ruͤck⸗ ſichtlich dieſer Benennung mit dem“ bewußten Chriſtian gewiß wetteifern kann.“ 30 „Wer ſind Sie?“ unterbrach er ihn ſchnell. Mein Name iſt Apel Röhr— ich bin Ihr ſehr geringer und unbeachteter Landsmann, von Profeſſion— fuͤr den Augenblick ein Reiſender⸗ Baron Helmwang kennt mich.“— Er er⸗ zählte nun gerade aus, wie alles gekommen war, daß er ſich gedrungen gefühlt, ihn vor dem Be⸗ dienten Axel zu warnen, und ſtellte ihm die zwei Louisd'or wieder zu.„Ich fuͤhre Sie, wohin Sie wollen, ſtehe Ihnen bei, ſo Zut ich kann;“ ſchloß er ſeine Erklärung: befehlen Der Andre hoͤrte ihn ſtum„im ſinſtern Nachdenken verſunken, an; dan die Händ und ſagte raſch 6 mal dem⸗ Zufalle hingeben müſſen, ſo will auch dem beſſeren, viellicht glücklicheren ver⸗ 4 trauen.— Vor allem: Verſchw genhe F habe hier Auflaurer! einem zu en chlüpfen iſt mir heute gelungen.— Geld wollen Sie — — be mich ein⸗ nicht— moge denn das Zutrauen eines auf ſich ſelbſt verwieſenen Fremdlings Ihrer Guͤte danken! Beſonders,“ hob er auf einmal fran⸗ zöſiſch an,„verrathen Sie keinem, daß Sie einen Landsmann angetroffen! ich n ¹ einen Franzoſen.“ 3 n. „Franzöſin!“ verbeſſerte au;„. eben ſo offen, wie ich.““ „Haͤtte ich doch den Märnetlic ein ſo ſcharfes Geſicht zugettaut,“— ſiel ſie lächelnd ein;„glauben Sie mir, nicht eigentlich um Sie zu täuſchen, haͤtte ich auch gern in Ihren Augen fuͤr einen Mann gelten wollen: ſondern weil ich fühlte, daß ſolche Täuſchung, wenn ſie gelänge, mir den Verdacht erſparen wuͤrde, daß ich mich zu leichtſinnig uͤber die Grenzen der W iblichkeit hingusgewagt hätte. Es nal ſo.— Richten Sie nur nicht d führen Sie mich wo möglich chteſten Straßen zum Ziele.“ „In der That,“ äußerte Axel auf dem Wee nach dem loſter;„Ihre Lage muß drin⸗ gend ſehn, da Sie im Begriff waren, ihr Ge⸗ — 46— heimniß in die Hände eines Ihnen faſt unbe⸗ rannten Bedienten zu geben.“ Warum nicht?“ gab ſie zur Antwort⸗ „Er iſt, wie Sie, mein Landsmann; wem anders ſoute ich arme Fremde unter dieſem verſchmizten Volke vertrauen, deſſen Sprache ich kaum zur Nothdurft ſpreche!?— In unſerm Lande ſind die Bedienten ja gern dem treu, der ihre Treue dewonnen; auch hätte ich ihn ſo gut bezahlt, daß es ſchwerlich jemanden, und am wenigſten zenem Chriſtian, in ſofern er unſer Verſtaͤndniß nur nicht geahnet, einfallen wurde, mich zu uͤber⸗ bieten.— Durch Ihre Bekanntſchaft in dem Hauſe, wo wir wohnen, hoſſe ich noch unbe⸗ merkter wieder hineinſchlupfen zu koͤnnen.— Mein Auflaurer vermuthet mich nicht in dieſem Kleide, ohnedem hat er ſchon dieſen Morgen mein Mädchen in meinen Kl idern, von einem großen Schleier verhüllt, mit einer Freundin in den Wagen ſteigen ſehe b dem alten Vater nach Tiv din und Lieſe ſind treu, al ben ſo fremd und nicht ſo muthig wie ich. Nur Sie, mein Herr! konnen mir mehr als jener Axel geföhrlich — werden, der mich zum Gluͤck ganz mißverſtanden haben muß, denn er blieb aus.“ „Ich Ihnen gffaͤhrlicher?“ fragte Axel läͤchelnd. „Allerdings! Sie kennen ſeinen Herrn, und ſind wahrſcheinlich deſſen Freund!“ „Fürchten Sie den braven Baron?“ „Nein! aber er redet unſere gemeinſame Mutterſprache, und konnte mich leicht hier ſich aufhaltenden Landsleuten verrathen, ohne daran zu denken, wenn er nicht mehr blos die unbe⸗ deutende Franzöſin in mir ſaͤhe.— Auch iſt es ſchwer, ein Geheimniß zu verwahren, wenn man, ſelbſt arglos, von Spaͤhern umgeben iſt. Beſinden ſich der junge Graf Silvferkron und ſein Freund Baron Ruppin nicht hier?“ Axel ſtutzte, doch eben im Begriff mit dem Freunde abzureiſen, wagte er dreiſt dieſe Frage mit„Nein!“ zu erwiedern. „Unmöglich!“ fuhr ſie verwundert fort; „Nachrichten aus der Heimath zufolge, muſſen ſie um dieſe Zeit hiet ſeynz wenigſtens Baron Ruppin!“ 1— „Dieſen Namen habe ich hier nie nennen hören. Haben Sie nicht Baron Helmwang, der ihn alsdann kennen müßte, gefragt?“ „Nein!“ gab ſie zur Antwort.„Denn den Teufel an die Wand mahlen, iſt ja ſo gut, als ihn rufen.— Ueberhaupt wuͤrde dieſe Frage von einer Franzöſin gleich Verdacht erregen!— Auch habe ich nichts mit ihm zu thun, wenn es Chriſtian nur nicht hat.— „Chriſtian?“ „Unſer alter Bediente.“ „Es kommt mir vor, als haben Sie dieſes Chriſtian als eines Richtswürdigen gedacht, den Sie fuͤrchten?“ „Allerdings!“ 6 „Und der konnte etwas mit Baron Ruppin zu thun haben?“ „Wenn er hier iſt, gewiß.— Ach! dann wuͤrde mein Geſchaͤft ſchon vnittt ſeyn, und wäre vielleicht mein Verderben! Man denke ſich Axels Ei eben er war dieſer Baron Ruppin, den ſie zu fürchten ſchien! Wie ſollte er jemand verderben, und vor allem das ſchöne unbekannte Weſen, — 19— welches ſchon einen ſo Eindruck auf gemacht.— „Ihr Verderben?“ rief er faſt außer ſich.— „Ich habe Grunde, es zu befüurchten, und faſt ſchon mehr verrathen, als ich durfte, daher kann ich Ihnen nicht verhehlen, wie wichtig die tiefſte Verſchwiegenheit iſt, in ſofern Sie es redlich mit mir meinen. Kommen Sie ſchnell; meine eige⸗ nen Worte haben eine Aengſtlichkeit in mir erregt, die Eile gebietet.— Um Gottes Willen kein Wort mehr daruͤber.“ Sie ſchwieg, und er, durch ihre Worte ſon⸗ derbar ergriffen, wagte keine Frage weiter; unter⸗ deſſen hatten ſie das Kloſter erreicht.— Die Pfortnerin ſah ſie muͤrtiſch und bedenklich an, doch erfüͤllte ſie das Verlangen, und geleitete, nachdem ſie den Riegel wieder vor das Thor geſchoben, beide ſelbſt in das Sprachzimmer. Sie naͤherten ſich dem Gitter, hinter welchem die hier dienſtthuende Nonne ſogleich erſchien.— Axels Begleiterin ͤußerte mit ängſtlicher Eile ihr Verlangen, ſich mit der ehrwuͤrdigen Schweſter Seraphine, vorher in der Welt Gräfin Alto⸗ eini genannt, unterhalten zu dürfen. 2* — 20— „Wer ſind Sie?“ fragte die Nonne.„Ein Fremder muß ein ſolches Anliegen erſt bei der Do⸗ mina anbringen laſſen.“ „Ein ſehr naher Verwandter,“ war die Ant⸗ wort;„der Einzige und Liebſte, welchen ſie in einem fernen kalten Lande hinterlaſſen.— Sagen Sie das der Domina.“— Sie ſtockte, denn eben ſo gut, wie Axel, hatte ſie bemerkt, daß die Miene der Nonne, mit den Augen ſtarr auf die Pfortnerin geheftet, ſich zu einer verlegenen Einfalt verzog.— „Es iſt nicht nöthig!“ fiel die Pförtnerin mit großer Kälte ein.—„Die ehrwuͤrdige Schweſter thut da in ihrer Zerſtreuung eine uͤber⸗ flüſſige Frage.— Jene Seraphine, nach der Sie fragen, iſt ſeit wenigen Wochen todt.“ Die Unbekannte erblaßte, doch nur fuͤr kurze Zeit; auf einmal war es, als entzundete ſich ein neuer Strahl in dem erlöſchenden Blick, eine flie⸗ gende Röthe färbte wieder ihre Wangen. Sie trat entſchloſſen dicht an das Gitter hin, ſteckte die kleine Hand durch, und mit dem Finger auf ein großes Eruciſix zeigend, das dem Gitter gegenuber an der nackten Wand aufgeſtellt war, ſagte ſie feierlich:„Legen Sie die Hand auf den Fuß ihres Gottes, und ſchwoͤren Sie mir, daß Sie Wahr⸗ heit geſprochen.“ Die Nonne trat bleich und verlegen zuruͤck. „Unverſchämter Knabe!“ rief dagegen die Pförtnerin, und zog ſie ziemlich unſanft von dem Gitter;—„Wer erlaubt Euch ſolche Aufforde⸗ rung an die, welche in Froͤmmigkeit und Heilig⸗ keit weit uͤber Euch und die Welt erhaben iſt?“— „Mein Recht, und Gottes Gerechtigkeit!“ erwiederte ſie mit Faſſung.„Verzeiht dem Armen, der ungern die letzte Hoffnung aufgiebt. Hoch⸗ wuͤrdige Schweſter! ich bin Seraphinens Kind, hergekommen nur, um ihren Segen zu empfangen. Hat ſie denn nichts nachgelaſſen?“— „Ihr Nachlaß“— ſiel die Pfoͤrtnerin auf's neue ein—„gehoͤrt dem Kloſter.“ „Ich will dieſen demſelben nicht ſtreitig ma⸗ chen,“ fuhr das immer muthiger werdende Mäd⸗ chen fort;„aber es werden ja doch wohl Papiere ohne Werth fuͤr das Kloſter, ein Andenken fuͤr mich, gefunden ſeyn?— Ich bitte, milden Sie mich bei der Prninah⸗ „Bei der Domina?“ wiederholte die Nonne zögernd.— „Gern“ nahm die Pförtnerin abermals das Wort;„aber dann müßt Ihr eine bequemere Stunde wählen. Auch erinnere ich mich recht gut, daß alles von dem Nachlaß der Verſtorbenen, was noch der Welt gehörte, zugeſiegelt und weggeſchickt worden iſt. Kommen Sie gelegentlich einmal wieder,— wir wollen die Domina von Ihrem Anliegen unterrichten.“— „So fuͤhrt mich denn wenigſtens an ihr Grab,“ fuhr Axels Begleiterin mit Thraͤnen im Auge und mühſam gedämpfter Heftigkeit fort:— „oder wollt Ihr mir auch dies vorenthalten?“ „Mit nichten!“ verſetzte die Pförtnerin mit triumphirender Verſchmitztheit, wie es Axel vor⸗ kam.—„Kommt! ich werde Euch durch den Säulengang entlaſſen, unter dem unſere Schwe⸗ ſtern in den Herrn ruhn;— aber ein beſonderes Denkmal bezeichnet die Stelle nicht.—“ die Thuͤre wieder, und wollte beide einen Gang nach der Kirche zu füͤhren; das jetzt zitternde, faſt in ſich zuſammengeſunkene Mädchen aber ergriff Axels Hand, und zeigte — 23— ſchweigend auf die Eingangspforte, gegen die ſie ihn hinzog.— Die Pfortnerin öffnete letztere, und entließ die Fremden mit einem kalten, doch ſtechendem Blick. Schweigend gingen ſie durch einige Straßen neben einander her.—„Alſo,“ ſagte die Trau⸗ ernde auf einmal mit Faſſung,„war die Hoffnung, die Reiſe, die Ungeduld vergebens. Nein, es kann nicht ſo ſeyn! der Baron Ruppin iſt mir nur zuvorgekommen, ich habe das Meinige ge⸗ than, und muß mich nun auch fügen; ſchlimmer daran, als fruͤher, bin ich dennoch nicht!“ Dieſer, dem Juͤngling unbegreifliche, aber ungerechte Verdacht, von einem Weſen, dem er in einer Himmelsglorie haͤtte erſcheinen moͤgen, emporte ſein Inneres.„Faſſen Sie ferner Zu⸗ trauen zu mir!“ rief er ergluͤhend,—„die Pfort⸗ nerin winkte bei Ihrer erſten Anfrage der Nonne hinter dem Gitter— ich bemerkte es recht gut.— Laſſen Sie mich die Bekanntſchaſt jenes Chri⸗ ſtian machen,— ich will dies Geheimniß durch⸗ dringen, vielleicht gelingt es mir, es aufzuhellen. Nennen Sie mir die Familie, bei der Sie ſich aufhalten, ich werde durch Baron Helmwang ohne Verdacht Ihre Bekanntſchaft machen koͤnnen. — Ich verſpreche—“ „Nichts, mein Herr!“ unterbrach ſie ihn ernſt, jedoch freundlich.—„Sie könin hier nicht helfen,— wohl aber ein Aufſehen erregen, das mir durchaus ſchaͤdlich ſeyn wuͤrde. Wollen Sie mir wohl, ſo begnuͤgen Sie ſich mit dem Antheil an meinem Geſchick, den es Ihnen ſelbſt, durch meine jetzt unnutze Unvorſichtigkeit, zuge⸗ theilt hat. Nur noch wenige Straßen, und ich ſchlüpfe,— als wenn gar nichts vorgefallen wäre,— wieder in meine Wohnung. Ver⸗ ſprechen Sie mir, eine Bitte zu erfuͤllen!“ „Gern!“ rief er unbedachtſam. „Gut! ſo laſſen Sie mit meinem Ver⸗ ſchwinden auch das Andenken an dieſen Morgen erloſchen ſeyn: und— ſollten wir uns zufällig nachher begegnen, haben wir uns fruͤher nicht geſehen.— In dieſem Falle rechnen Sie auf mein Zutrauen und meinen waͤrmſten Dank!“ Axel mußte es verſprechen; dann blieb ſie auf einmalplötzlich ſtehen, wie wenn ſie einen ſo eben aufkommenden Gedanken ausbilden wollte. — Endlich, nach einem tiefen Athemholen, als wäre mit dem ſchweren Seufzer ihr Gram auch entwichen, fluſterte ſie mit holdem, faſt ſchelmi⸗ ſchem Lächeln:„Mich kennt Niemand. Selbſt der allk auswitternde Chriſtian, der gluͤcklicher⸗ weiſe meinen jetzigen Gang noch nicht erfahren hat, wuͤrde mich in dieſen Kleidern wohl nicht erken⸗ nen. In unſerer heute verddeten Wohnung glaubt man mich in Livoli, und ich mußte dort den ganzen Tag höchſt traurig zubringen, bis die Familie gegen Abend zurückkehrt. Wohl! ich will Ihnen mein Zutrauen beweiſen. Wie waͤre es, wenn wir ginige von den Wundern Roms die auf unſerm Wege liegen, beſuchten? hnen Tag genießen, ſo ganz und zwanglo werde ich nicht mehr vo der warmen Sonne ieſes Landes begrußt werden Zwar u ohne Befremden, aber mit frohem Entzuͤcken ging Axel dies ein.— Si beſahen Titus Baͤder zuſammen, nur pon einem grämlichen Aufſeher begleitet, und genoſſen ſpäter die Ausſicht von der Teraſſe des einſamen San Pietro in Vincoli.— Es wurden Axel verhängnißvolle, unvergeß⸗ liche Stunden. Das in der fremden — t uns den . Kleidung, worin ſie ſich mit heiterer Anmuth bewegte, auch maͤnnliche Mädchen, ſchien auf einmal alle ihre Sorgen vergeſſen und ſich einer bezaubernden Fröhlichkeit ganz hingegeben zu haben, ohne jedoch auch nur einen Augenblick die wirk⸗ lichen Grenzen der Weiblichkeit zu uͤberſchreiten, während ihr leichter Fuß den ſchmalen Weg der unter ihnen freilich nicht gedachten Convenienz üͤberhuͤpfte.— So hing ſie zum Beiſpiel vertraulich an ſeinem Arm', wie ein zwangloſer Knabe am Arme eines geliebten Fuͤhrers, und horchte mit Begierde den Erlaͤuterungen, die der junge Cicerone ihr mit⸗ zutheilen wußte; während ihr Blick ſich nur flüchtig an die Kunſtſachen heftete, aber ringsum auf den geringfügigſten Gegenſtänden ruhete,— und indem ſie, wie es ſchien mit feinem Kunſtſinn, mit ihm Michel Angelos Moſes bewunderte,— konnte ſie doch nicht einen drolligen Einfall, die ſteinernen Strahlen betreſſend, die wie lange Ohren ſich von dem Kopfe des Bildes erhoben, unterdruͤcken, lenkte aber bald wieder ein, und ſchien mit doppelter Aufmerkſamkeit an den Lip⸗ pen ihres Begleiters zu hangen, bis ſie im Her⸗ unterſteigen von der ſchonen Kirche, am Rande des Berges, eine ſo eben ausgebrochene Geranium⸗ pflanze bemerkte.— Augenblicklich ließ ſie, mit⸗ ten in ſeiner Rede, ſeinen Arm fahren, eilte hin, pfluckte ein Paar Blätter, reichte ihm dieſelben und fluͤſterte mit holder Anmuth:„Faremo il verde.“ Axel hatte auch einige gepflückt, und bot ihr die Seinigen zu gleicher Zeit.—„Nun, faremo il verde,“ wiederholte ſie. Er verſtand ihre Meinung nicht, und ſah ſie fragend an. 3„Ei! und Sie kennen nicht das hier gebraͤuch⸗ liche Spiel?“ fuhr ſie fort;„die Erſtlinge des Fruͤhlings ſind ja jedem Gemüth theuer, ſelbſt unter dieſer ewig milden Sonne, wo kein erſtar⸗ rendes Eis den Fruͤhling ſo willkommen, wie bei uns, macht. Hier meldet er ſich durch das friſche Grün des Geraniums anz darum theilen gute Freunde daſſelbe unter ſich aus, und tragen immer friſche Blaͤtter längere Zeit bei ſich. Wenn ſie ſich nun zufällig begegnen, eilen ſie mit den Worten: katte il verde, ſich zu begruͤßen, und wer dann ein Geraniumblatt nicht ſogleich auf⸗ weiſen, und durch Reibung an einer weißen Fläche ſeine Friſche bewähren kann, iſt in die Strafe verfallen, die ihm der Freund zuerkennen will.“ „Ehben, faremo il verde!“ rief Arel heiter.— Sie wechſelten die Blaͤtter; doch bemer⸗ kend, daß dieſe kleine Gunſt wärmer aufgenom⸗ men wurde, als ſie wahrſcheinlich gemeint geweſen, lenkte ſie das Geſpraͤch geſchickt auf einen andern Gegenſtand hin.— Ach! nur zu ſpät fuͤr Axels Ruhe, der von der Neuheit dieſer räthſelhaften Erſcheinung aus ſeinem Vaterlande, wie geblendet war; doch erſt, als endlich die gluͤcklichen Stun⸗ den verronnen waren, und ſie das Haus wieder betraten, wo beide, der Abrede gemäß, die Treppe hinaufſtiegen, als wollten ſie den Doctor be⸗ ſuchen, und ſeine Begleiterin, mit ſpähender Um⸗ ſicht, nach einem feſten und kurzem Haͤndedruck, durch die leiſe geöffnete Thuͤr hineingeſchluͤpft war, da fuhlte Axel erſt,— ſie ſeinem Auge ent⸗ ſchwunden, und er einzeln noch daſtehend— daß ihr Bild, von ſuͤßen Schmerzen, von nie ver⸗ nommenen Empſindungen feſt gehalten, unaus⸗ loſchlich in ſeinem Herzen ruhete.— Traͤumend ging er nach Hauſe!— So wie er unter die Thuͤr trat, fiel es ihm erſt ein, daß ſeine Abreiſe auf den folgenden Morgen feſtge⸗ ſetzt war, und Guſtav ihn gewiß den ganzen Tag, der zu vielen kleinen gemeinſamen Unter⸗ nehmungen beſtimmt geweſen, mit Unruhe er⸗ wartet hatte. Er blieb einige Augenblicke er⸗ ſchrocken ſtehen, konnte nicht fort, ja er durfte nicht einmal die Wahrheit ſagen,— das fühlte er beſtimmt, ohne ſich jedoch deutlich be⸗ wußt zu ſeyn, ob er ſich ſchäme, dem Freunde eine Schwäche zu geſtehen, die er in dieſem Au⸗ genblicke nicht einmal zu uͤberwinden wünſchte, oder ob es die Verwickelung ſeines Namens in dieſes Abentheuer ſey, die ihm den Mund ver⸗ ſchließe, weil ſie auf ein duſteres Geheimniß zu deuten ſchien.— Da hörte er Tritte nahen, und nahm einen raſchen Entſchluß; nicht ohne inneren Wider⸗ willen, weil dieſer von einer kleinen Falſchheit gegen den redlichen Freund begleitet war.— Auch war der kurze, aber heftige Kampf in ſei⸗ nem verſtorten Geſicht ſichtbar, und ſeine ge⸗ wöhnlich bleichen Züge noch bleicher geworden; — 30— wenigſtens ſchien die neckende Anrede Guſtavs plötzlich zu verſtummen, als er dem hereintreten⸗ den Freunde ins Auge ſah.—„Was iſt Sir22 fragte er erſchrocken. „Ich fuhle mich unwohl!“ ſagte Axel mit unſicherer Stimme.—„Nur ruhig, Lieber!“ fuhr er fort, als er Guſtavs beſorgte Miene be⸗ merkte;„es hat nichts zu bedeuten; aber Mor⸗ gen darf— kann ich Dich nicht begleiten.— Unterbrich mich nicht, Guſtav! Ich weiß wohl, Du willſt die Reiſe aufgeben, aber das geſtatte ich nicht. Alles iſt in Ordnung, ſelbſt meine Sachen ſind gepackt; ſo ſoll es bleiben, nimm nur immerhin den Bedienten mit, ich brauche nur Ruhe, und folge bald nach.— Nein! nein! Du überredeſt mich doch nicht— Du ſollſt nicht meinetwegen den Anblick des noch im⸗ mer flammenden Veſuvs verlieren, deſſen noch dauernde Eruption Rom an Veturinos und Pferden faſt leer gemacht hat.— Vergiß nicht unſte Uebereinkunft: wir durfen einander nicht beſchwerlich fallen.“ Es gab einen lebhaften Streit, worin jedoch Axel Sieger blieb! Guſtav, deſſen ſchar⸗ — 31— fen, durchdringenden Blick Axels Auge nicht recht begegnen wollte, ahnete ein Geheimniß, da, wo er keine Krankheit bemerken konnte. Zu ſtolz, um das zu erfragen, was ihm die Freundſchaft nicht vertrauend gewähren wollte, und zu gut⸗ muͤthig, um den Freund mit einer Beharrlichkeit, die ihn ſichtbar aͤngſtete, quälen zu wollen, gab er nach; wohl wiſſend, daß es Geheimniſſe giebt, die zu einer gewiſſen Reife gedeihen müſſen, ehe ſie mittheilbar werden; ohne darum ſeine Theil⸗ nahme fuͤr den Freund beleidigt zu finden.— Doch, beim Anbruch des kommenden Morgens, als er reiſefertig vor das Bett des noch immer wachen Freundes trat, nahm er Lebewohl mit den Worten:„Axel!— ſollte die Krankheit ſich verſchlimmern, oder ſo geſtalten, daß Dein Freund Dir Arzt und Apotheker werden könnte, ſo melde mir es, und ich bin bei Dir ſo ſchnell ein Pferd rennen kann.“— Ruhe hatte Axel dieſe Nacht nicht gefun⸗ den!— Alle dunkeln Erinnerungen ſeiner Kind⸗ heit rief er hervor, um ihm nur einen Funken von Licht zu geben; nie hatte er die Unwiſſen⸗ heit von allen ſeinen Familienverhältniſſen tiefer gefühlt— und doch war es ihm— als haͤtte er den Namen Altocini fruher gehort, ja er wußte es beſtimmt, ohne ſich doch beſinnen zu können, in welchen Beziehungen er ihm genannt worden war; ſolche wache, ſinnenverwirrende Träume ge⸗ ſtatteten nicht, den ſchöneren eines begütigenden Schlafes, Eingang bei ihm zu ſinden.— Auch war er unzufrieden mit ſich ſelbſt, er konnte den Augenblick kaum erwarten, bis der Freund in den Wagen ſiieg, Wnb⸗ nicht ſobald hatte das Raſſeln des fortrollenden Wagens ſich verloren, als er faſt bereute, Guſtav nicht begleitet zu haben.— Das Abentheuer war ja aus, konnte wenigſtens bee ventlich in die Räder des Schickſals greifen, das durch die Erwähnung ſeines Namens, auf ein düſteres, gewiß nicht erfreuliches Geheimniß zu deuten ſchien, und ihm jedoch völlig Freiheit ge⸗ ſtattete, diesmal noch ſeinen bedrohenden Krallen zu entfliehn.—„Waͤre,“ ſagte er ſtill bei ſich ſelbſt,„die völlige Ungewißheit, woruͤber Du Dich beklagſt, vielleicht nicht beſſer? Vielleicht! ja— aber Unwiſſenheit gebaͤhrt immer Unſicher⸗ heit, meinem liebevollen Schutzgeiſt, dem erprobten ndet ſeyn— warum wollte er fre⸗ Freunde habe ich mich entzogen, einzeln und ver⸗ laſſen ſtehe ich; kommt vielleicht daher dieſes unmännliche Schwanken? Nein! bin ich einmal geblieben, muß ich auch weiter. Licht muß ich haben!“ In der erſten ſchicklichen Stunde um Be⸗ ſuch zu machen, eilte er zu Helmwang. Dieſer wunderte ſich, ihn noch in Rom zu ſehen.— Doch fuͤr ihn hatte Axel ſchon einen Vorwand fertig, und er war nicht ſchwer zu finden. Die zwei ſchoͤnen Kinder, denen Axel bei einem Beſuche in jenem Hauſe begegnet haben wollte, waren, nach der Meinung des Barons, die Töchter des franzoſiſchen Miniſters bei dem Hofe ſeines nordiſchen Freundes, der als Privatmann nach Italien geeilt war, um Geſundheit aus den Bädern zu Piſa, und der aromatiſchen Luft dieſes Landes einzuerndten; mehr wußte er aber nicht. Axel durfte, ſeines Verſprechens eingedenk, keinen Vorwand ſuchen, um ſich bei dieſer Fa⸗ milie einfuͤhren zu laſſen, ſein erborgter Name und Stand, der ihn nicht einmal an die Kuͤnſtler reihete, ſchloſſen ihn von dem diplomatiſchen Zir⸗ — Doch brannte ſein ganzes Weſen vor Begierde, der holden Erſcheinung nuͤtzlich zu werden.— Jede Ruckerinnerung an die Pfoͤrt⸗ nerin ſagte ihm, daß dieſe getäuſcht hatte, und wer war jener Chriſtian, mit dem er ſelbſt in einer geheimen Verbindung ſtehen ſollte?— wo aber ſollte er, jung, fremd, unbekannt mit der Welt, eine Aufklärung ſuchen, einen genuͤgenden Erfolg hervorbringen können.— Er lief umher, um ſich zu zerſtreuen, nd ſeine noch unverſtandene Sehnſucht nieder zu ämpfen, machte hundert ſchlaue Fragen, doch alle vergebens. Mißmuthig ſchlief er endlich dieſe Nacht vor Müdigktit ein, halb mit dem Entſchluſſe: der Zeit die Aufklä⸗ rung zu uͤberlaſſen, und dem Freunde nachzueilen⸗ — Aber!— der grüngekleidete Jüngling trat, wo möglich noch ſchöner als in der Wirklichkeit, mit ſo hinreißender Anmuth zu ihm in dem wahren Traum ſeiner Ruhe, daß er, am Morgen erwacht, an keine Reiſe mehr dachte.— Mit dem feſten Willen etwas Entſcheidendes zu unternehmen, begab er ſich wieder zu Helm⸗ wang.— Ihr Geſpräch, das Axel auf Gegen⸗ ſtände lenkte, die Bezug auf ſeinen Entſchluß. hatten, gab ihm ſehr nützliche Winke, und die Lokalkenntniſſe des Barons machten ihm es mög⸗ lich, einen Plan zu entwerfen.— Er hatte Cardinal Giardoni, als Director des Nonnen⸗ kloſters, und als einen ſehr leutſeligen Mann ge⸗ nannt, an dem ſich Fremde beſonders mit Erfolg wenden könnten.— Trotz ſeiner noch nicht ab⸗ gelegten Schüchternheit beſchloß Axel, Letzteres zu thun, um ſo mehr, da er, aus dem Vorgefalle⸗ nen zu ſchließen, vermuthen durfte, daß jener Chriſtian auf ſeinem ſubordinirten Standpunkt bloß die Pfortnerin, oder doch nut Zeringere Klo⸗ ſterleute fur ſich gewonnen habe. In dieſem Falle war es zu hoffen, daß ein Blitz von oben ſeine Anſchläge leicht zerſchmettern duͤrfte.— Baron Helmwang, ohne die wahre Abſicht des nordiſchen Freundes zu kennen, führte ihn ſelbſt bei dem Cardinal ein. Der ehrwuͤrdige Greis empfing Axel auf eine Art, die ihm ſogleich Vertrauen und Zuver⸗ ſicht einflößte; und dieſer trug, was ihm am Her⸗ zen lag, obgleich ohne naͤhere Bezeichnung des Mädchens, dem Cardinal offen und wahr vor. Doch bei dem Namen Seraphine ſchien der alte Mann betroffen zu werden. Nach mehreren vor⸗ 3* — 36— ſichtig erorterten Fragen erklärte er Axel, daß Niemand dieſes Namens ſeit Jahren, ja, daß ſogar nicht eine Kloſterfrau in dem benannten Kloſter kürzlich geſtorben wärez die, von der die Rede ſey, lebe, befände ſich aber ſeit längerer Zeit ſehr ſchwach, und hätte zwar mehrere Jahre in einem nordiſchen Reiche gelebt, aber ſo viel ihm bekannt, kein lebendes Kind dort nachgelaſ⸗ ſen.— Er ſah während dieſer Aeußerung den jungen Ma aeheſhnn an, brach dann kurz ab, und beſchied ihn Tagen wieder zu ſih. Dieſer Zwiſchenraum wurde Axel peinlich lang, um ſo mehr, da jeder Verſuch, das in⸗ tereſſante Weſen zu ſehen, ja ſelbſt jenes Chri⸗ ſtians anſichtig zu werden, vergeblich warz; nur einmal auf der Treppe, die zum Doctor führte, begegneten ihm im Hinaufſteigen drei Damen. Sie eilten aber alle ſo fluͤchtig, ſo gleichgültig, ſo unbefangen heiter, und ſo in Huͤten und Schleiern verhullt, vor ihm vorbei, daß er ſeine Unbekannte, die ihn doch gewiß eines Blickes gewürdigt, nicht unter ihnen vermuthen durfte.— Zur beſtimmten Stunde fand er ſich bei der Eminenz ein, die ihn eben ſo guͤtig, wie das erſte Mal, aufnahm, obgleich die Augen ſcharf! und mißtrauiſch auf ihm ruhetenz auch ſtellte der⸗ Cardinal, ſcheinbar unbefangen, mehrere Fragen ſo kuͤnſtlich, daß Axel, waͤre ſein Bericht weniger treu geweſen, ſich dadurch verrathen haͤtte. „In der That,“ ſagte der Cardinal zuletzt, „ſcheint es, als müſſen die letzten Stunden der ehrwürdigen Dame, trötz kiner langen Ruhe, dennoch von der Ve twirtung eins⸗ vielbewegten Lebens, ſchmerzlich werden. Obgleich auch Sie mit räthſelhaft erſcheinen, fordert doch Ihr gerades, offnes Betragen Zutrauenz auch iſt Ihre Angabe wahr. Ja! ich weiß, daß die Pfört⸗ nerin ſich von einem alten, ſchlichten Fremden hat überreden laſſen, die Schweſter Seraphine fuͤr todt auszugeben, um, nach ihrer Meinung, der frommen Kranken ein Aergerniß zu erſparen, weil eine freinde Abentheurerin ſich in ihre Nähe zu ſchleichen ſucht, indem ſie ſich fuͤr ihre Tochter ausgiebt.— Wirklich hat die Schwe⸗ ſter Seraphine, deren Vertrauen ich beſitze, und die mir gewiß keine Unwahrheiten geſagt, mir ſchon längſt eröffnet, daß ſie zwar ein zartes Kind im Norden nachgelaſſen, das aber ſeit vie⸗ len Jahren todt iſt.— Die Dame, fuͤr die Sie ſich verwenden, muß folglich eine oder eine Betrogene ſeyn““ Axel ſtand betroffen, ſeine Wangen gührn allein was konnte er ſagen? Einen Betrug hatte er durchſchaut und entdeckt, konnte er die gewiß Unſchuldige das Opfer einer andern Täuſchung werden laſſen?— chermannte er ſich ſchnell, und ſtellte dehWardinal v aß Beide, ſowohl die Fremde, als die Re ſtünde einer geheimen Intrigue zu ſeyn ſchienenz denn was ſollte einen geringen Fremden bewe⸗ gen, auf eine ſo verdächtige Art für die Ruhe einer ihm unbekannten Nonne Sorge zu tragen, wenn er nicht geheime Abſichten dabei hätte. Daher beſchwor er den Greis im Namen der Wahrheit, als deren Freund er bekannt ſey, we⸗ nigſtens, um dieſe wo möglich zu entdecken, einen Brief jener Dame ſelbſt in die Hände der Kran⸗ ken zu legen.„Daß der Fremde etwas Böſes im Schilde führt, weiß ich gewiß,“ fugte er eſter, Gegen⸗ heftig hinzu.— Wie, wenn man ihn, ſobald er ſich wieder zeigte, feſthielte, yn zwänge.—“ Ein Lächeln der Eminenz machte, daß er ver⸗ Dieſe ſagte kopfſchuͤttelnd;„Ruhig, junger Mann! nur unter dem Siegel der tief⸗ ſten Verſchwiegenheit, des vollſten Zutrauens, und unter dem unbedingten Verſprechen, kein Aufſehen zu erregen, kann ich Ihnen meinen Beiſtand zuſichern.“ Axel hatte vergeſſen, Haßtin Prieſter nie in ſolchen Sachen, die ſein Kloſter Mr die Kirche betreffen, liegt der Betrug auch offen vor ſeinen Augen, i muͤßte denn ſein eignes Intereſſe gefährdet ſeyn; aber ſein Auge wacht, während er den entdeckten Trug reifen laͤßt, um ihn ſicher und entſcheidend leiten zu können, wie er es am ſchicklichſten findet.— Er verſprach, was Axel verlangte; in zwei Tagen ſollte er ihm den Brief einhändigen. Axel war mit der Friſt zuftieden, denn er mußte ja das Maͤdchen ſprechen, und wußte noch nicht, auf welche Art es geſchehen könne.— Nur Helmwang konnte ihm dazu verhelfen und er eilte ſogleich dahin. Diesmal war der Sufalt — 40— ſo günſtig, daß er nicht einmal einen Vorwand zu ſuchen brauchte. Helmwang war eben im Begriff ſich anzukleiden, um mit der Familie des franzöſiſchen Miniſters die Farneſina zu be⸗ ſehen.— „Dann werden wir zuſammentreffen,“ ver⸗ ſetzte Axel ſchnell,„ich habe mit einigen Freunden dieſelbe Abrede gemacht.“— Er eilte nun, eine kleine Geſellſchaft zuſammen zu bringen, und wandte ſeine an Peſwecheut an, um, ohne ſein Geheimn⸗Preis zu n, die techte Stunde nicht zu verfehlen. Es gelang; er und ſeine hatten kaum die öden Hallen betreten, als jene Familie, von Helmwang begleitet, hereintrat. Von den zwei Damen mußte ja die eine das liebliche We⸗ ſen ſeyn. Doch kannte Axel ſie kaum wiederz in einem unerreichbaren Schönheitsglanze, der von ihter Anmuth, ihrer freien ſtolzen Haltung, und der höchſt zierlichen Frauentracht, noch er⸗ hoht wurde, ſtand ſie vor ihm. Es waren die⸗ ſelben dunkel brennenden Augen, die noch ein⸗ mal,— ach! ohne die Seinigen nur im Vor⸗ beigehen zu berühren„— tiefet, als je, in ſein — 41— Hetz drangen.— Vergebens bezwang er ſeine Blicke, daß ſie nicht allen ihren Bewegungen folgtenz ein Gluͤck fur ſein Geheimniß, daß die Gefaͤhrten eben ſo wenig, wie er, Herr ihres Er⸗ ſtaunens, ihrer Bewunderung waren. Alle Blicke ſuchten ſie, der ihrige Niemand, und am aller⸗ wenigſten ihn.— So ging man mehrere Zim⸗ mer durch, die Geſellſchaften vermiſchten ſich mehr und mehr. Helmwang ſprach mit Axel, doch ohne ihn vorzuſteben /. welches ihm auch nicht einfallen konnte.— W Helmwang weiter ging, rauſchtſie an ſeinem Freunde vor⸗ bei, und iandſchuh fiel zu ſeinen Fuͤßenz ſchnell hob er ihn auf, und überreichte ihr ihn ehrerbietig. Sie nahm demſelben mit einer flüͤch⸗ tigen Verbeugung, und machte laut auf Franzoͤ⸗ ſiſch irgend eine Bemerkung uͤber das Bild, vor dem man zufaͤllig ſtehen geblieben war. Er er⸗ wiederte dieſe eben ſo laut und unbefangen, als es ihm nur möglich war, waͤhrend die Uebrigen ſich allmählich entfernten. Mitten in der Pe⸗ riode unterbrach ſie ihn mit einem heitern, ſchel⸗ miſchem Lächeln, und dem leiſen Gebote: fatte i1 veyde!“ Eben ſo ſchnell zeigte Axel ihr ein unter der Weſte verborgenes Geraniumblatt, er hatte nicht ein friſches vergeſſen; das, was er von ihr em⸗ pfangen, ruhete ſorgfaͤltig aufbewahrt unter ſei⸗ nen kleinen Schätzn. „Sie ſind in keine Strafe verfallen,“ flu⸗ ſterte ſie leiſe in ihrer Mutterſprache,„und doch verdienen Sie Strafe! Heißt das, ſich alles An⸗ denkens an unſer Abentheuer zu entſchlagen, wenn Sie mehrmal Tages nach unſern Fenſtern ſchielnd längere s ſchicklich, auf dem Gange harren, wenn Sie i haͤuſigen Beſuche zum Doctor unternehmen?“ ½ „Das hat ſeine guten Gruͤnde;“ verſetzt er, ic muß Sie ſprechen.— Ich bin fuͤr Sie thaͤtig geweſen, Seraphine iſt nicht rodt. Schrei⸗ ben Sie Ihrer Mutter, ich beſorge den Brief ſicher in ihre Haͤnde.“ Fliegende Gluth bedeckte ihre Wangen.— „Ich ſpriche ſie beim Ave Maria in der Meſſe, bei dem bewußten Altar!“ flüſterte ſie kaum hoͤrbar mit gepreßter Stimme.—„Kom⸗ men Sie nur dreiſt, ich habe mich des Chriſtian entledigt.“ Mit einer leichten Verbeugung eilte —— — 43— ſie ihrer Geſellſchaft nach, die ſo eben in das naͤchſte Simmer getreten war.— 61 In Frauenkleidern, von einer kleinen Geſtalt begleitet, in der Axel ihre Dienerin vermuthete, trat ſie zur beſtimmten Stunde, kurz nach ihm, in die Kirche, winkte und nahete ſich, wie zufällig, einem dunklen Gange, wo ſie ſich, in Gegenwart des Mädchens, ziemlich ungeſtört ſprechen konnten. „Sie haben,“ begann ungeduldig ihre Rede, „meine Bitte nicht erfõilt⸗ nd doch kann ich Ihnen deshalb nicht zürnen. Säin Sie, was nahmen Sig vor? Er uh ihr alles, was geſchehen.— Sie ſah ihn einen Augenblick nachdenkend an.— „Keine Tochter!“ ſagte ſie mit einem Seufzer. „Arme Frau! warum hat man Dir das glau⸗ ben gemacht?— o! koͤnnte ich ſie nur ſprechen — ich habe den Brief ſchon geſchrieben, nun muß er aber anders ſeyn. Sie haben freundſchaftlich und klug gehandelt;“ fluſterten ihre Roſenlippen ihm zu; kluͤger als ich.„Aber ich bin ja auch nur ein armes verlaſſenes Mädchen, auf mich ſelbſt und meinen Muth beſchraͤnkt. Es fiel mir frei⸗ lich ſogleich ein, daß Chriſtian mir zuvorgekom⸗ — 44— men, und da er den folgenden Tag mit einem Uebermuth, einem Spott, den ich noch nicht an ihm bemerkt hatte, mir meine Verkleidung, mei⸗ nen Verſuch in das Kloſter zu dringen, und folglich auch meine Wortbruͤchigkeit vorwarf,“ fügte ſie leiſer und ſeufzend hinzu,„konnte ich wohl vermuthen, daß er dies wägte, wenn er nicht ſchon dafuͤr Schritte vergeblich. geſorgt haͤtte, daß jeder meiner würde; ich mußte mich beſcheiden, abe mit berzeugung war meine Geduld aus. gich über dieſen auf⸗ bei dem Vater meiner Fuun Sß Pnent ihm ſogleich das Haus verbot, und Chriſtian, der, ſo wie ich, vorher wußte, kein Wort zu ſeiner Ver⸗ theidigung räthlich fand, in eine Locanda ſchickte, wo für ihn bezahlt wird, bis ſich eine Gelegen⸗ heit zu ſeiner Ruͤckkehr findet. Ich kann jetzt nicht mehr verlieren, und weiß, wie weit meine Ver⸗ folger gehen duͤrfen.“ „Wo wohnt dieſer Chriſtian?“ ſugt Axel S— Von dem Augenblicke, wo ſie ihn nicht mehr zu fuͤrchten hatte, glaubte er es ſeinem Namen ſchuldig zu ſeyn, eine zu 5 ſuchen, die ihm vielleicht Aufklaͤrung über deſſen Verwickelung in dies Geheimniß geben konnte. „Wo wohnt er?— Einen erboßten Feind darf man nicht verachten, wenigſtens muß man ein wachſames Auge auf ihn behalten!“ Sie nannte die Locanda, bat Axel aber, kei⸗ nen Schritt zu thun, ehe er von den Seinigen wohl unterrichtet wäre,„denn“ fuͤgte ſie hinzu, „merkt er nur eine Abſic dieſe gewiß verloren.“ des Briefes, dal er den ſotnb Tag von ihr empſing, abzuwarten, ehe er ſich an dieſen Chri⸗ ſtian draͤngen wuͤrde. Die Eminenz nahm den Brief bedenklich, betrachtete ihn genau, verſprach aber, ihn noch heute zu beſorgen.„Obgleich die ehrwuͤrdige Schwe⸗ ſter, durch einen andern aͤußern Zufall erſchuttert, ſich ſehr ſchwach fuͤhle, doch— meinte er— wurde Gott ihr Kraͤfte geben, die Wunden der Welt ſtilt ausbluten zu laſſen.“ Es freute Axel, daß ihn der Cardinal ſchon am naͤchſten Morgen hinbeſchied, um den Erfolg — Noch denſelben Abend— es war „nicht weit vom Ave Maria— wolle er den Brief den Händen der Ktanken ſelbſt übergeben. „ Als Axel ihn verließ, konnte er nicht umhin, wie er ſchon oͤfterer des Abends gethan, ſich der einſamen Gegend des Kloſters zu nähern.— Es kam ihm immer dunkel vor, als ſollte er dort viel⸗ leicht Entdeckungen machen, Pläne vereiteln; es war ihm deutlich, daß Chriſtian, den er freilich nicht wahrſcheinlich dieſe Stunde der Daͤmmerung“ einen ntriguen benutze, und da Axel ſich nicht gekannt med* hielt er ſich auch fuͤr unbemerkt.— Doch war er d mal nicht weit gegangen, als er die Entdeckung machte, daß er, und ſo gut wie aus dem Pallaſte des Cardinals, von jemand verfolgt wuͤrde. Einige Schritte un⸗ fern der hohen Teraſſe des Kloſters hielt er ſeine Schritte an; der allmäͤhlich Nachkommende hatte ihn bald erreicht.— Es war ein großer, ziemlich alter Mann, in einen leichten Reiſemantel gehuͤllt. So wie Axel ſich zurückzog, um den Unbekannten vorbei zu laſſen, blieb dieſer, ihn mit den Blicken meſſend, ſtehen, grußte ihn artig, und fluͤſterte in ſehr ſonorem, aber ſchlechtem Italieniſch:„Be⸗ ₰ — — 47— fuͤrchten Sie nichts Uebles von mir, mein Hert, obgleich ich Ihnen nachgefolgt bin.— Ich habe. Sie nicht erſt heute geſchen,— es iſt etwas in. Ihren Zuͤgen, das mich anzieht.— Sie ſind, jung und, wie es ſcheint, fremdz es ſollte mir Leid thun, wenn dies offene Geſicht, ſelbſt wider Willen, ein Werkzeug niedriger Geſinnungen ſeyn ſollte.“ „Niedriger Geſinnungen?“ wiederholte Axel heftig. „Sie koͤnnen Schoͤnheit angeerbt 6 ter! Vielleicht iſt ſelbſt dieſe rucht niedriger Geſinnungen.“ „Wohl möglich!“ verſetzte der Fremde plötz⸗ lich in Axels Mutterſprache,„doch duͤrften viel⸗ leicht bekanntere Klaͤnge Zutrauen erwecken.“ Unſer Freund ſtand einen Moment betroffen, ſich gekannt zu ſehen; in demſelben Augenblick aber verrieth ihm die Sprache, ſo wie er glaubte, wer es nur ſeyn koͤnnte.„Wenn man nicht wüßte,“ rief er innerlich kochend,„aus weſſen Munde ſie kommen!— aus dem eines gewiſſen Chriſtian werden ſie ſchwerlich dieſe Wirkung haben.“ 17 * — „Ich verſtehe Sie nicht!“ fuhr der Fremde, obgleich merkbar betroffen, fort. „Nicht! Es muß Ihm doch deutlich ſeyn⸗ mein guter Chriſtian! daß ich meine Leute kenne, ob ich ſie gleich zum erſten Male ſehe.—“ „Ich Chriſtian?“ wiederholte der Fremde: „und den kennen Sie nicht beſſer?“ Den Doppelſinn überhörend, rief Axel vollig außet ſich:„Und will Ihn auch nicht kennen, jetzt noch nicht,— wenn ich die Bekanntſchaft eines Schurken u e, de es nur um ihn zu entlarven!“ mit dieſen Worten, denen ſein empoͤrter Sinn vielleicht nochmehrere hinzu⸗ fügte, eilte er ſchnell hinweg. Der Fremde ſah ihm verwundert nach. Zu ſpät beſann Axel ſich eines Beſſeren und machte ſich Vorwuͤrfe, daß er den Fremden nicht kalt und ſchlau zu Ende gehort hatte, tröſtete ſich aber damit, daß ſchwer⸗ lich etwas verſäumt ſey, und daß der naͤchſte Morgen ſeine Maaßregel erſt beſtimmen koͤnne⸗ Zur beſtimmten Stunde erſchien er beim Cardinal; mußte aber weit länger, als gewöhn⸗ lich, warten. Die Eminenz war, erzählte der alte Haushofmeiſter, ſo eben von dem Kloſter zurück⸗ gekehrt, wohin ſie dieſen Morgen gerufen wöt⸗ den.— Auf einmal ſprang die Thüre auf. Ein großer Mann trat mit eiliger Begruͤßung ſchnell aus dem Kabinet, und eilte Axel vorbei nach der Treppe zu. Er hatte kaum Zeit ihn zu betrach⸗ ten, aber wie bekannt traf die Stimme ſein Ohr, und die Geſtalt— ſo kam es ihm we⸗ nigſtens vor— gehörte demjenigen, der ihm geſtern Abend nachgefolgt war. Seine Züge entgingen der Aufmerkſamkeit des Jütgings„Ich muß, Eminenz, ich muß! Mnit dieſen Worten, Fran⸗ zöſiſch geſprochen, war er ſchon verſchwunden. Der Cardinal in die Thüre und winkte Axel. „Was kann ich Ihnen ſagen? Tröſtliches wenigſtens nicht!“ begann er, während ſeine aͤußere Ruhe ein inneres Gefühl zu bekämpfen ſchien.„Ich uͤbergab der frommen Schweſter den Brief und hatte auch Mehreres ihr mitzu⸗ theilen; tief erſchüttert, wie ſie ſchon vorher war, offnete ſie ihn in meiner Gegenwart.— Sie las ihn nicht zu Ende— eine Ohnmacht ergriff ſiez zwar erholte ſie ſich wieder, hatte aber die Sprache verloren;— ich ließ ſie in den Armen ihrer Schweſter und verſprach, dieſen Morgen .— wiedet zu kommen·— Sie war aber der irdi⸗ ſchen. Schwäche ſchon unterlegen, und in der Nacht verſchieden. Da ſiel mir der Brief ein, der doch nicht in unrechte Haͤnde fallen ſollte, er war aber nicht mehr zu finden; das erregte Verdacht bei mir. Schon vor Jahren hatte mir die ehrwürdige Schweſter Seraphine öfters wie⸗ derholt, daß ſich unter ihrem Nachlaß ein ver⸗ ſiegeltes Blatt, nebſt einigen Kleinoden befinden wuͤrde, ſie mir aufgetragen, nach dem fernen Norde zu üerſenden, ſobald ſie auf⸗ gehört hätte, unter den Lebenden zu wandelnz ich ließ ſofort ihre wenigen Sachen durchſuchen, ihren geheimſten Kaſten Fröffnen— auch dies fchlte. Auf meine dringenden Nachfragen kniete die Kran⸗ kenwärterin vor mir nieder, und bekannte, daß ſie, von der Pfoͤrtnerin angetriehen, die, wie ſie glaubte, unnützen, weltlichen und von Niemand gekannten Sachen entwendet habez die Pförtne⸗ rin wurde geholt, und ich erfuhr, daß beide, den Vorſpiegelungen eines unbekannten Mannes nach⸗ gebend, und in der Meinung eine Gott wohl⸗ gefällige That auszuuben, ihm das Vermißte aus⸗ geliefert, gegen eine reiche Verguͤtung, die ſie zu — von der S —— einem würdigen Schmuck fur die Heilige des Klo⸗ ſters vetwenden wollten.— Wahrſcheinlich wird dieſer Unbekannte der ſehn, von dem Sie mir erzaͤhlt haben, und ich erwarte nun von Ihnen etwas Nähetes über ſeine Perſon, um ſeinen Auf⸗ enthalt zu erfahren, damit ich noch heute in der Stille ihn in Verwahrung bringen kann.“ Axel ſagte ihm, was er wußte, und ſturzte fort—— aber jetzt wohin? vielleicht befand ſich die Auflöſung des das Gluck des geliebten ns in d Hä ſeines Feindes! wie leicht konnte ehe der langſame formelle Gang der griſli Maaßregeln die Wache in Thaͤtigkeit ſetzte, auch ſine Maaßregeln genom⸗ men haben, und ſchon in Sicherheit ſeyn; dem mußte Axet vorbeugen. Feſthalten durfte er ihn zwar nicht, abet er wollte ihn bewachen, ihm nicht gehen, ſich feſt an ihn hängen. 2 So ſchnell, wie möglich, tt er den ziemlich längen Weg nach der Locanda zurück; er zitterte, daß er den ſchlauen Kerl dort nicht treſfen ſolle.— Erſt als er vor dem Hauſe ſtand, fiel ihm der Volkshaufen auf, der um die Thüre verſammelt warz er fragte nicht nach der Urſache, denn in 4* ſeinem gereitzten Zuſtande war die Seele nur auf einen Punkt gerichtet; ungeſtüm drang er durch und in das Haus hinein, wo er den beſturzten Wirth auf dem Vorplatz fand. Er fragte ihn nach dem vor wenigen Tagen bei ihm eingezogenen Bedienten der fremden franzoſiſchen Herrſchaft. „Ach mein Gott!“ rief dieſer verwirrt;„der iſt es ja— er liegt ja oben in ſeinem Zimmer er⸗ mordet!“ „Wie?— n— von wem“ „Von F alten Man uch einem Fremden, wie es ſcheintz ſtatt ſich in die Kirche zu flüchten, wie wir ihm zuriefen, iſt er ſporn⸗ ſtreichs zu dem Cardinal Giordano hingefahren.— Es mag wohl ein Engländer ſcyn!— Axel eilte zu dem angezeigten Zimmer hinauf, — und fand Wundaͤrzte mit dem Verwundeten beſchäftigt; ſo wie er hineintrat ſa Eine: „Wir wollen ihm nur die letze Stunde Der Jüngling war zu ſehr 4 ohne Geräuſch nähern zu können; der Verwundete ſchlug die Augen auf. Es war ein kleiner, hagerer Mann, in einem ſchlichten Ueberrocke, den man ihm noch nicht ganz ausgezogen hatte, mit altmo⸗ beeg um ſich diſch friſirten, gepuderten, vom Blut befleckten Haaren. Sie ſtarrten einander entſetzt an. Axel ſtand wie verſteinert; es war, als inge ihm ein Lichtſtrahl auf, der ſich ſogleich in noch grauenvol⸗ leres Dunkel verlor. Nur der Austuf:„Chri⸗ ſtian!“ riß ſich von ſeinen Lippen los. Cs war Chriſtian, der alte vertraute Diener ſeines Hauſes, den er zum letzten Male in der Hei⸗ math geſehen, der ihn von der Penſion geholt, wo der Wille ſeines Vaters trotz ſeiner rei⸗ feren Jahre, ſo lange gehalten, bis dieſer ſich end⸗ — lich entſchloß, ihn die Welt ſehen zu laſſen.— Es war damals ſogar die Rede davon, daß jene Chriſtian ihn auf Reiſen begleiten ſollte, ſo wie er dem Vater in ſeiner Jugend gethan, und nur ein Hausfteund, der die gemeinſame Pilgerfahrt be⸗ trieb, hatte es durchgeſetzt, daß ſie, den Wünſchen ſeines Reiſege en nach, ohn Glanz und Titel, ohne Hofmeiſtet nd Kammetdiener, ihre Bildung durch die Welt, ſich ſelbſt ͤberlaſſen, übernehmen durften. 8 Chriſtian winkte ſchwach mit der Hand.„Es iſt ein Freund!“ fluͤſterte er.— Man ließ ſie beide allein. Es war, als kehrten bei Axels An⸗ — 4— blick die halberloſchenen Lebensgeiſter des faſt Ster⸗ benden zuruͤck. „So muß ich Ihn treffen!“ rief dr Juͤng⸗ ling entſetzt und ſcharf. „So oder ſo! beſſer als gar— er finſter, indem er alle Kräͤfte zuſammenraffte, um die Stimme zu erhöhen— ℳch habe mich Ih⸗ n Blicken gefüſenttich entzogen, denn Ihr Va⸗ ter hatte mir das tiefſte Geheimniß geboten, und ich wollte nicht geſthrt werden; nun iſt es anders gekommen. In Ihrs Vaters Namen, hören Sie mich, Herr Baron, aber fragen Sie nicht; meine Zit iſt gemeſſen und kurz— kurz!— Sagen Sie ihm, ich hätte ſeinen Auftrag tren beſorgt, und treu mit dem Lben gebuͤßet.— Kom⸗ men Siei“ gab ein 8eichen, das a Li pen⸗ nach zog dieſer aus der Ecke des Be s ein zuſam⸗ mengewickeltes aſchentuch ervor.— Er offnete es mit zitternden Händen. Es enthielt ein ver⸗ ſirgeltes Blatt, ein Miniaturbild in einer ſchüchten goldenen. Kapſel mit einem ſchmalen Rande, der das Gemälde umſchloß, und einen kleinen goldnen Nhmen, welcher jech, bei ſpäterer, genauerer —— — 55— Unterſuchung, nicht ganz zu dem Bilde paßte. Dieſer Rahmen war als goldene Palmenblaͤtter geformt, die von einer kleinen diamantenen zuſammengehalten wurden. „Nehmen Sie, und verbergen Sie es wuu, daß es Niemand gewahr witd!“— fuhr er mit, faſt erlöͤſchender Stimme fort.„Bringen Sie Ihrem Vater alles.— Die Papiere uneröffnet, bei meinem letzten Athemzuge und ſeiner Ruhe, junger Menſch, ſagen Sie ihm es iſt alles, was gefunden; ich gewann es ihm mit meinem Leben.“ „Ihm?“ rief Axel?„Nein! Ihr, deſſen Argus Du geweſen! Ihr, bei Deinem letzten Athemzuge, Menſch! ſprich die Wahrheit es gehört, der muß es ethalten!“ „Um Gotteswillen!“— ſtammelte der ve wundete, einen großen ſtarten Blick auf den Jüngling heftend, indem et ſich mit hochſter An⸗ ſtrengung ſtark aufrichtete;„woher weißt Du 2 Du biſt doch nicht der gwiſen, mit dem ſe dort erſchienen?— warum habe ich Dich nicht frühet geſßrochen— i Du ihn 9. —— Weſchen ihn?% —“ wiederholte er, W auf das Bild, auf dem Axels Blicke, ohne daran zu denken,„ihn, meinen Mörder, den Vater—“ t rif der junge Mann mſcht⸗ „Wenn Du nicht noch mehr erbleichen willſt,“ fuhr er faſt ſchreiend fort;„ſo bringe dem Dei⸗ nen die Schrift— aus Liebe zu ihm bin ich erblichen, und DuDu— Sage ihm, daß er, er, ſein Feind habe mich— Es iſt mein Tod — um meines Tades willen, Axel! Denke an Deinen Vater— Du ermordeſt—“ Er konnte nicht voſlenden, oder auch hatte er die letzten Worte, hier ungehört, ſchon jenſeits ausgeſprochen. X Schnell verbarg ate daz im ucberlferte, rief nach Hülfe. Die Wundärzte traten wieder ein, der Alte war 1 n todt. Axel eilte aus dem Hauſes innere Sehnſucht und ſeine Fuͤße trugen ihn, ohne daß er es ſelbſt wußte, nach dem Orte hin, wo das reizende, noch nicht erkannte, doch mehr als je bedeutende Weſen, ihn erwartete. Was ſollte, was konnte ₰ er ihr aber ſagen?— Daß ihr Vater,— ſo hatte er wenigſtens Chriſtian verſtanden— lebe, daß er hier, daß er ein Moͤrder wäre.— Doch war es auch wirklich ſo— kannte Axel denn ihn? ihre Verhaͤltniſſe? wußte er, wie ſie mit einander ſtanden?— Wenn er derjenige wäre, der geſtern mit ihm geſprochen, den er heute geſehen— ſprach jener Fremde nicht vom Betrug ſelbſt der Tugend und der Schönheit— konnte ein unvorſichtiges Wort das blutige Räth⸗ ſel nicht mehr verwirren, ſtatt es zu loͤſen; und doch trieb es ihn, ſich dieſer Schätze zu entledi⸗ gen, die ſeine Sicherheit, und ach Gott! die Ruhe, vielleicht die Ehre ſeines Vaters gefähr⸗ deten. Unter ſolchen verworrenen Vorſtellungen hatte er den Ort der Zuſammenkunft erreicht, welch Wunder alſo, daß er, ohne weitere Prü⸗ fung und Wahl, dem einzigen Auswege folgte, der ſich ihm zeigte.— Das ängſtlich harrende Mädchen trat erſchrok⸗ ken zuruͤck, als ſie die Todesbläſſe bemerkte, die Arels Züge bedeckte.—„Sie bringen nichts Gutes!“ flüſterte ſie.„Sagen Sie alles ſchnell!“ — 38— „Freilich nicht! und doch etwas, das be⸗ ſtimmt war Ihnen entriſſen zu werden!“ Mit wenigen Worten berichtete er ihr den plotzlichen Tod der Kloſterfrau, Chriſtians Ent⸗ wendung, ſeinen Mord durch einen Unbekann⸗ ten, und ſchloß damit, indem er ihr das Bild und den Rahmen hinreichte, daß er dies dem Sterbenden genommen. Sie ergriff beides begierigz die Blaͤſſe ihrer Wangen wich einer fliegenden Röthe, einem ſie⸗ genden Ausdruck des Blicks, ſie betrachtete die Kleinode lange und ſchweigend, es war, als wuͤrde ihre Haltung freier⸗und K⸗ während ihre Augen darauf ruheten. „Alſo,“ ſagte ſie endlich in einem path zu⸗ friedenen, halb ſchmerzlichen Tone,„halte ich hier die ganze Ausbeute meiner Wanderung;— aber ich kehre doch reicher zuruͤck.— Wie ſoll, wie kann ich Ihnen danken?“ Dies eine Wort tonte wie Seligkeit in beklommenen Bruſt des Juͤnglings, in dieſer ängſtlichen, verworrenen Stunde war ein leiſes Gefuͤhl von Glück genug, um über alle Verhält⸗ niſſe ſich ſiegend hinwegzuſetzen.„Durch Offen⸗ heit und Vertrauen!“ erwiederte er. Sie reichte ihm lächelnd die Hand! „Haben Sie jetzt Vertrauen zu mir?“ 6. „Konnen Sie zweifeln?—“ „Wohlan denn! ich will Ihnen in oſa⸗ heit vorausgehen: ich bin Axel Ruppin, der, Sie moͤgen von ihm halten, was Sie wollen, doch immer bereit iſt, Ihnen noch groͤßere Opfer ſeiner Ergebenheit zu bringen, wenn Sie ihm nur ganz vertrauen!— Es ſcheint, daß Sie ihn gefuͤrchtet haben, und doch hat er ſo wenig von Ihnen gewußt, daß ſelbſt in dieſem Augen⸗ blick, da ſein Herz Ihnen tauſend Namen er⸗ theilt, ſeine Zunge doch nicht den finden kann, womit die Welt Sie nennt.— Wer ſind Sie denn?“ Sie ſchien uͤberraſcht, aber nicht unangenehm⸗ „Sollten Sie nie aus dem Munde Ihres Va⸗ ters den Namen ſeiner Mündel, ulla Ban⸗ ner gehört haben?“— „Der Familienname meiner Mutter!“ „Den habe ich bisher getragen,“ ſagte ſie — 60— erröthend,„und doch haben Sie nie von der kleinen Ulla gehört?—“ „Die finſtere Verſchwiegenheit meines Vaters, die Sie gewiß auch kennen, welche er ſeinem ganzen Hauſe mittheilt; die abſtoßende Ferne, in der er immer ſeine Kinder gehalten, wird es Ihnen begreiflich machen, daß ich zwar den Na⸗ men gehört, aber in keiner Beziehung, die meine Theilnahme erregen konnte; ich habe mein Ge⸗ ſchick ſo lange betrauert, nun muß auch das Ihrige meinen Unmuth vermehren.“ „Nein! Nein!“ ſagte ſie mit ſtolzer Hal⸗ tung,„ich habe Beſchützer gefunden, vor denen die Willkuͤhrlichkeit ſich nicht ſo grell äußert.— Die Schwäche, welche Sie hier an mir bemerkt haben, war die Folge meiner Unerfahrenheit, und einer nicht mehr nöthigen Vorſicht.— Doch warum tragen Sie nicht Ihren eigenen Namen? — Sie reiſen ja doch mit dem Grafen Silf⸗ verkron, und ſagten mir, daß Sie beide nicht in Rom ſeyen.“ Axel erklaͤrte ihr alles, und fuͤgte hinzu: daß cben die Begebenheit dieſes Morgens zu ſei⸗ ner Sicherheit und um die Sache ganz zu be⸗ — 6— ſchleiern, ihm gebot, Rom augenblicklich zu ver⸗ laſſen.— Allein der Gedanke an Trennung riß ihn hin, und ehe er es ſelbſt wußte, hatte er ihr ſchon bekannt, wie theuer ſie ihm gewor⸗ den war. Acht dies Geſtändniß ſchien die freundliche Anmuth ihrer Züge plötzlich. abzuſtreifen— ernſt, faſt ſinſter, ſchlug ſie die Augen nieder. „Bin ich denn als Axel Ruppin,“ ſeufzte er,„meiner ſchonen Verwandtin unwürdig?“ „Ich bin Ihre Verwandte nicht— hoffent⸗ lich nicht— Wohl merke ich, daß Sie nur wenig wiſſen von dem, was in Ihrer Familie vorgegangen iſt,“ verſetzte ſie heftig,„obgleich böſe Zungen mich zu Ihrer wollen!“ Arel erſchrack, da ſelen auf einmal chr⸗ ſtians Worte wie ein Blitz in ſeine Seele. „Nein! Nein!“ rief er;„glauben Sie das nicht. Es kann nicht ſeyn.— Nein hat vor ſeinem Tode Ihres Vaters erwaͤhnt, im Gegenſatz zu meinem Vater, möchte ich bei⸗ nahe ſagen.— Faſt ängſtlich ergriff ſie ſeine Hand und w mit Heftigkeit:„Wen nannte er?“ Schnell ſich faſſend, zeigte er auf jenes Bild: „Das iſt mein Vater nicht!“ „Ich habe es auch nie geglaubt, eben darum kam ich hieher und doch— im Gtgenſatz zu Ihrem Vater— ſagten Sie ja“— fuhr ſie immer ernſter und kälter fort.„Sehn Sie mein Freund— mein beſter Freund— 6 kann viel⸗ leicht derer beduͤrfen— aber lieben— was Sie lieben nennen— davon duͤrfen wir nicht reden.“ „Kann ich da fuͤr,“ erwiederte Arel außer ſch,„daß dieſe Augen, dieſe himmliſch freund⸗ liche Anmuth, die mich bis zu dieſem Augen⸗ blicke begluͤckte, ewig davon zu mir reden;— rau⸗ ben Sie mir nicht in der Stunde unſter vten⸗ nung den Muth w*r den ichv vor allen habe.“ enti Sie erwiederte, er wußte nicht was.— Lieb⸗ vi freundliche Klänge berührten zwar ſein Ohr, doch war es ihm, als fehlte die Seele, deren Strahlen ſein Herz und Gemuͤth ſonſt ſo ſelig entflammten. Sie trieb ihn nun ſelbſt zum Scheiden.— Betäubt, unzufrieden mit ſich ſelbſt, muthlos faſt in der ihn tingsunigebenden Verworrenheit, eilte er zu Hauſe.— Kaum daß der Gedanke an die Nothwendigkeit, ſich dem Verdachte ſeines Vaters zu entziehen, um ihr nützen zu können, ihn zur Thätigkeit bewog.— Indeſſen raffte er doch ſchnell ſeine Sachen zu⸗ ſammen,— viele waren ſchon mit denen ſeines Freundes voraus abgeſchickt, und ſo gelangte er heimlich und durch Umwege zu dem wo Henwano wohnte. Zwar ſchien deſſen Blick zu ſagen, daß er nicht alles glaube, was Axel ihm berichtete, aber er verbarg ihn, und theilte ihm bald nachher ſelbſt mit, daß ein Bedienter jener franzoſiſchen Familie in ſeinem Zimmer von einem Engländer ermordet wytden, welcher durch den Einfluß eines Cardinäls und mehrerer fremden Geſandten nicht allein unaſge⸗ fochten ſchon weggereiſt war, ſondern vorher eine Unterſuchung von dem Rachlaſſe des Ermordeten betrieben hatte, den man noch im Grabe der Ber⸗ raubung beſchuldigte, doch ſollte man nichts ge⸗ funden haben. Zugleich erfuhr Axel von ihm, daß in ſeiner Wohnung heimliche Nachfrage nach dem Signor Axelio Röhr zchthen war, zufolge — 64— deſſen Helmwang, dem er ſein und des Freundes Incognito eingeſtand, ihm einen Paß auf ſeinen wahren Namen verſchaffte; doch noch ehe er dieſen erhalten, brachte der Bediente Axel ein Briefchen von Ulla. Ach! ſie hatte dieſem doch vertrauen müſſen.— Sie ſchenkte dem Liebenden durch dies Schreiben Troſt und Muth wieder; ohne je⸗ doch das Wortchen Liebe, oder etwas, das⸗ darauf beſtimmten Bezug hat, zu nennen, hatten doch, wie es ſchien, Wohlwollen, ungeheuchelte Freund⸗ ſchaft, ja ſelbſt Reue die Feder geleitet. Die An⸗ muth des lieblichen Weſens ſpiegelte ſich in jeder Zeit ab.— Es war in Abſchudoſchrüben, abtr eben darum mußte der Jungling 6 5 Su ſchen.— 7 Auch er nun— und eben als ſein Paß angelangt war, erfuhr er von dieſem, daß die ganze Familie eine Prome⸗ nade in den Garten der Villa Medici gegen Son⸗ nenuntergang machen wollte. Die hohen Hecken und einſamen Bogengänge konnten ſeinem Vor⸗ haben dienlich ſeyn— ja er muthmaaßte ſeuß daß die Geliebte die letzte Zuſammenkunft vegün⸗ ſtigte. So vermummt, wie die Jahreszeit es 32 — 65— ſtattete, begab er ſich an Ort und Stelle.— Er ſuh ſie bald Alle kommen— Helmwang, der ihn ſogleich erkannt haben würde, an der Spitze— jedoch ſchlich er, von den Berceau's beſchuͤtzt, immer näher.— Als die Geſellſchaft um die Ecke einer hohen Hecke bog, blieb Ulla, wahrſcheinlich mit Fleiß, hinter den Uebrigen zuruͤck, wie in dem An⸗ blick einer Ausſicht verloren. Der vrtraute Be⸗ diente hatte ſich ſo geſtellt, daß er die Vorausge⸗ henden, und ſie ihn, ſehen konnten, und alſo ſchien es, daß er zur Sicherheit und Bedienung der noch ausruhenden Dame zuruͤckgeblieben war. „Fatte il verde!“ fluͤſterte der hervorſtuͤr⸗ mende Axel ihr zitternd zu. Mit verſtelltem Erſtaunen, mit erröthender Anmuth laͤchelte ſie ihn an:„Ich habe keins“ ſaate ſie,„und bin in Strafe verfallen. Spre⸗ chen Sie mein Urtheil!“— „Ich verurtheile Sie zur Offenheit,“ erwie⸗ derte er;„laſſen Sie mich nicht in ſchmerzlicher Unwiſſenheit uͤber Ihre Zukunft ſcheiden.— Keh⸗ ren Sie zuruck unter Ihres Vormunds Aufſicht, oder wo gehen Sie hin? laſſen Sie mich winig⸗ „ ſtens den Ort Ihres Aufenthalts wiſſen, damit ich doch einen feſten Punkt habe, wo meine Phan⸗ taſie ſich ein Paradies erbauen darf!“ Sie reichte ihm freundlich die Hand. Si haͤtte nichts mehr von ſeinem we zu befuͤrchten, meinte ſie; auch wuͤrde ſie nach ihrem gemeinſa⸗ men Vaterlande zuruͤckkehren. Sie bezeichnete ihm die Gegend, und nannte ihm ein Gut in derſel⸗ ben als ihr Eigenthum, wo ſie früher gelebt, und wo ſie auch ferner leben wollte.— Ihr Blick ruhete ſo ſanft, ſo wohlwollend auf dem ſeinen, daß die Hoffnung in ſeiner Bruſt neu belebt wurde. Nur die Gegenwart des fernſtehenden Bedienten konnte ihn abhalten, zu ihren Füßen zu ſinken.— Da verſinſterte ſich ihr Blick ſchon wieder; ſie drohete ernſt mit dem Finger.— Es 5 war ihin, als ſtockte das Herz im Buſen.— „Sie ſehen an mir Ihre Allgewalt!“ feufzte er.—„Ein Strahl Ihrer Blicke floßt dieſem Koͤrper aufs Neue Seele und Leben ein, und die Drohung ihres Fingers vermag, wie ein Zau⸗ berſtaab, ihn zu verſteinern. Wer kann ſolchem Zauber widerſtehen?“ — 67— „Glauben Sie nur nicht daran,“ erwiederte ſie freundlich;„nur der Glaube macht den gan⸗ zen Zauber, und Sie ſelbſt, nicht ich, ſind Herr Ihres Glaubens. Aufnichtig, lieber Freund! ich bin Ihnen ſehr zut, darum befolgen Sie meinen Rath: glauben Sie nicht an das, was Blicke, Lächeln, und ſelbſt Worte ſagen.— Sie kennen uns Frauenzimmer gar zu wenig, glau⸗ ben Sie mir, Sie duͤrfen keinem glauben!“ „Sind Sie denn keins?“ fragte er laͤchelnd. „Aus redlicher Freundſchaft fuͤr Sie mache ich eine Ausnahme. Was auch dieſe Blicke ſagen, in Ihrem Sinne kann es doch erlogen ſeyn, und Worte ſind Schaum der Wellen, die die innere truͤgeriſche Brandung erzeugt;— er zerfließt, ehe noch die Wellen ſich gelegt,“ ſetzte ſie ernſt hinzu. „Auch jene Worte, daß Sie mir gut ſind? Ulla! bei dem Ernſt der Scheideſtunde— Ulla! ich liebe Sie.— „Ich bin Ihnen herzlich gut; ſehe Sie recht gern, ſo gern als ein armes Mädchen es darf, dem es daran liegt, ihre Freiheit zu behaupten;“ 5 4 — 68— gab ſie ben ſo ernſt zur Antwort;„und mit Frei⸗ heit ſoll Liebe ſich ja nicht vertragen! Darum blei⸗ ben Sie mir nur Freund. Uebrigens“— fuͤgte ſie heiter, faſt neckend, hinzu—„glauben Sie ſelbſt meine Worte nicht und leben Sie recht wohl!“ Es kam Axel vor, als zitterte eine Thräne in ihrem Auge, ſie reichte ihm freundlich die Hand. — Er drückte ſie feſt an die gluͤhenden Lippen.— Sie entriß ſie ihm ſchnell, warf ihm noch ein Mal ainen beſeligenden Blick zu, und eilte den Uebri⸗ ₰ nach.— Gluͤcklich, und doch vernichtet, ic durch ihre Worte, hingeriſſen durch ihren Blick, ſtand er noch lange, wie feſtgewurzelt, auf demſlben Fleck, wo ſie ihn verlaſſen.— Es war ihm zu Muthe, als wäͤre ein Urtheil, das uͤber ſein Leben entſchied, ſo eben in einer ihm unbekannten Sprache ausgeſprochen worden, deſſen Meinung ſeine Serle nur aus den Blicken des Richters her⸗ ausleſen konnte.— Aber dieſer war ſchon ver⸗ ſchwunden. Doch fuͤhlte er lebhaft die Nothwen⸗ digkeit für ſeine Ruhe, noch ein Mal in ihren Blicken zu leſen;— die Zanze Welt hätte er fuͤr den — 69— Rachtthau einer Thraͤne, fuͤr ein wehmuthsvolles Lächeln ihres Mundes geben moͤgen. Ereilte ſchnell auf einem kuͤrzeren Wege nach dem gwn des Gartens, um der Geſellſchaft zu⸗ vorzukommen, um verſteckt, Hoffnung oder Ver⸗ nichtung aus ihrem Anblick zu ſaugen.— Vernichtung wurde ihm zu Fheil. Er ſah heiteres Laͤcheln um die Lippen ſpie⸗ len, hörte ſchnelle, ſcherzende Worte aus dem Munde gehen, von denen das herzliche Lebewohl, das noch in ſeinem Innerſten wiederhallte, ſchon ſpurlos verklungen war.— Bleich und verſtort fand der Baron Helm⸗ wang ihn den folgenden Morgen, als er aus deſſen Hauſe den Wagen beſtieg, der ihm ſchnell nach Neapel zu dem Freunde brachte. Guſtav unterdruͤckte ſchnell die Neckereien, die ihm auf der Zunge ſchwebten, als er den Freund unter dem Namen Ruppin zu ſich ein⸗ treten ſah, und in demſelben Augenblicke die in⸗ nere Zerſtoͤrung des Ankommenden bemerkte, die von tieferliegenden Gruͤnden, als von einer Krank⸗ heit, herzurühren ſchien.—„Armer Freund!“ ſagte er beklommen.— — 70— „Ich hätte Dich doch begleiten ſollen!“ erwiederte Axel mit einem tiefen Seufzer.— „Die Reiſe haͤtte mir mehr geholfen, als die Heil⸗ mittel, die ich ſuchte, und welche das Uebel noch arger, wo nicht unheilbar, gemacht haben.“— —— Ruͤckblick in die Vergangenheit. 2. As Baron Helmwang— der noch jung und feu⸗ rig, ſich es zu keinem Fehler anrechnete, daß er mit warmer Theilnahme ſich jedem Juͤnglinge, der mit ſchönem Vertrauen ſich ihm hingab, huͤlf⸗ reich anſchloß,— den ſeit kurzem gewonnenen und eben ſo bald fortzichenden Freund an den Wagen gefolgt, blickte er dieſem wehmuͤthiger, als ſonſt, nach, und ſchuͤttelte ſeufzend den Kopf.— Er war ein's von den heißen, ſchwaͤrmeriſchen Gemüthern, die unbedingtes Vertrauen fordern, ohne es ſelbſt immer zu geben, und er guaͤlte ſich ſelbſt, um wenigſtens mit ſeinen Vermu⸗ thungen das Räthſel zu durchdringen, das die umlaufenden Gerüchte, die Flucht des Freundes, ſeine Beſuche bei dem Director jenes Kloſters, und deſſen nicht immer gleiche Ausreden, welches alles eineu innern Zuſammenhang verrieth,— ihm aufgegeben.— Er ahnete nicht, daß er noch denſelben Tag, zu ſeiner großten Ver⸗ wunderung, erfahren ſolle, daß ſein Vater ſelbſt einſt eine Rolle in der Sesüni iches Räth⸗ ſels geſpielt hatte⸗ „Der alte Baron Helmwang virſen Tag ein großes Diné, wobei mehrere Mitglieder des diplomatiſchen Corps, verſchiedene einheimiſche Prälaten, und ſelbſt der Miniſter, zu deſſen zwei⸗ ten Tochter der abgereiſte Freund, wenn Helm⸗ wang nicht ſehr fehlen ſollte, in irgend einer Beziehung ſtehen mußte, zugegen waren.— Unter den Stadtneuigkeiten, die daſelbſt beſprochen wur⸗ den, fiel die Rede auch auf den vor kurzem von einem Engellaͤnder getödteten, fremden Bedienten; — von der plötzlichen Abreiſe des Thäters, von dem man wiſſen wollte, daß er mehrere Beſuche bei dem Cardinal Giordano abgeſtattet habe.— Man erzählte: daß dieſe beiden Fremden, jeder für ſich, vergebliche Verſuche gemacht haben ſoll⸗ ten, bei einer Nonne, einer gewiſſen Gräfin Al⸗ toeini, einzudringen.— Daß dieſe lange krank gelegen habe, und, heftig erſchuͤttert von ihr auf⸗ 3 gedrungenen Erinnetungen aus ihrem Jugendle⸗ ben, ploͤtzlich verſchieden wäre, und ſo weiter⸗ Natürlicherweiſe konnte man nicht über den un⸗ bekannten inneren Zuſammenhang der äußeren Erſcheinungen einig werden. Der Miniſter leug⸗ nete auch nicht, daß er dieſen Bedienten aus dem fernen Norden, wo die Graͤfin einſt gelebt haben ſollte, mit ſich gefuͤhrt, ahnete aber von dem Zuſammenhange der Sache nichts.— Der alte Baron Helmwang, der mit ſteigen⸗ der Aufmerkſamkeit zugehoͤrt hatte, und obgleich er ziemlich zwanzig Jahre von jenem Hofe abwe⸗ ſend, doch noch immer ſeiner alten Verbindungen lebhaft gedenkend, fragte den Miniſter: wie er zu dieſem Bedienten gekommen waͤre? „Er war mir,“ erwiederte dieſer,„als ein Muſter der Ehrlichkeit und Treue, von einem ſchon bejahrten Manne, dem General Ruppin, empfohlen.—“ Der Baron fragte nicht mehr; es entging aber der Aufmerkſamkeit des Sohnes nicht, daß der Vater, wie durch dieſe Erklaͤrung betroffen, das Geſpräch auf einen andern Gegenſtand lenkte, wodurch das fruͤher Erwaͤhnte auch bald in den Strom der Unterredung verſank.— Als die Gäſte ſich fortbegeben hatten, ſchloß der Sohn ſich ſo ziemlich gegen Gewohnheit an den Vater, und überredete ihn, den ſchonen Abend im Freien auf der Terraſſe zu verbringen. — Er verſtand dabei die S den Alten ge⸗ c, zu machen. „Wiſſen Sie auch, mein wan begann er auf ein Mal,„daß mein junger nordiſcher Freund, den Sie unter dem Namen Röhr ge⸗ kannt, und ſo guͤtig aufgenommen haben, nicht ſo hieß.— Er legte bei ſeiner heimlichen Ab⸗ reiſe dieſen Namen ab, ich habe ihm dagegen einen Paß, auf einen Baron Ruppin lautend, beſorgen müſſen.— Ich theile Ihnen dies mit, weil es mir heute Mittag vorkam, als machte dieſer Name einen eignen Eindruck auf Sie.“ „Gewiß!“ fragte der Alte ſchnell,„iſt auch der junge Mann in jene Geſchichte verwickelt?“ „Ich habe es, unter uns geſagt, zwar geahnet, aber er hat mir durchaus nichts in dieſer Be⸗ ziehung anvertraut.“ „Geheimniß gegen Geheimniß, mein Sehn!“ nahm der Vater das Wort:„Du ahneſt ſchwer⸗ uch, daß der erſte Anlaß zu unſerm Hierſeyn war, daß ich einſt die Gräfin Altdeini nach Rom und in das Kloſter, in dem ſie jtbt ge⸗ ſtorben, hinführen mußte.— Helmwang ſah den Alten betroffen an, aber die Antworten deſſelben auf ſeine neugierigen Fra⸗ gen belehrten ihn bald, daß jener zwar einer in⸗ neren Beziehung dieſer beiden Namen zu einan⸗ der gewiß war, ohne jedoch das jüngſt einge⸗ troffene Ereigniß erklären zu können.— „Ich werde Dir gern,“ ließ der Vater ſich zuletzt vernehmen,„die Veranlaſſung jenes wahr⸗ lich traurigen Geſchaͤftes in möglichſter Kürze mittheilen, als ein Beitrag der inneren dunkeln Geſchichte der Hoͤfe meiner Zeit, bei denen im Allgemeinen die äußere Ruhe, und das feine Ge⸗ webe einer ſcheinbaren Wohlanſtaͤndigkeit, mitun⸗ ter nur durch die uͤberraſchende Exploſion einer ſkandaloſen Verworrenheit, fuͤr einen Augenblick unterbrochen wurde; wobei diejenigen am öfte⸗ ſten offentlicher Tadel und Verfolgung trafen, welchen wir jedoch unſer hetzliches Mitleid, und die ſtille Ueberzeugung ihrer Unſchuld nicht verſa⸗ gen konnen; obgleich der faktiſche Faden uns manch⸗ mal durchaus entſchlupft, oder ſich in ſo dunkeler Verworrenheit verliert, daß wir froh ſind, der Erör⸗ terung uͤberhoben zu ſeyn. Ich werde Dir nur was ich mit eignen Augen geſehen, was ich ſelbſt erlebt, mittheilen, bis der Faden plötzlich entzwei riß, und nur ein Knaͤuel zuruͤckblieb, den ich nicht zu entwirren vermag.—“ „Das Centrum jenes nordiſchen Hofes be⸗ ſtand zu meiner Zeit aus einem gutmuͤthigen, ſtillen, etwas beſchränkten Fuͤrſten und ſeiner Gemahlin, einer hochſinnigen, ceremoniöſen Frau, von deren ſtrengen Sittlichkeitsgefuͤhl der Hof, ja ſelbſt der königliche Gemahl, ſich manchmal eingeengt fühlte, obgleich perſonliches Phlegma ihn keinen ermuͤdenden Druck bemerken ließ. Mit dieſen hohen Perſonen ſelbſt hat freilich meine Geſchichte ſehr wenig zu thun; Du mußt nur von ihnen den aͤußeren Ton des Hofes abſtrahiren⸗ Dieſer, oder beſſer der Adel, war ferner innerlich in zwei politiſche Factionen getheilt, die damals unter den Spitznamen: Mützen und Huͤte, in ewigem Streite uber die Principien begriſſen waren, nach welchen der Staat beherrſcht werden muſſe, um aͤußerer Selſtſtaͤndigkeit in innerer Ruhe ſich zu erfreuen. In dieſem Lande, wo damals die königliche Gewalt nur durch kluge und zweck⸗ maͤßige Anerkennung der öffentlichen Meinung einen freieren Spielraum ſich verſchaffen konnte, war der wechſelnde Einfluß dieſer Partheien kei⸗ nesweges unbedeutend. Die öffentliche Meinung, in ſofern ſie ſich verſtändig und gebildet äußerte, erklärte ſich gern zu der Parthei der Hute, die auch uͤberall durch ein offenes, rechtliches und, wenn es galt, kühnes Betragen ſich ausſprach, und ohnehin zu den damaligen politiſchen An⸗ ſichten des franzöſiſchen Hofes ſich bekannte, aus welchen Lande ſie ſich lange, und mit Fug, Bil⸗ dung, Wiſſenſchaften und Sinn für die Kuͤnſte geholt. Der Hof ſchien ſich dagegen die Grund⸗ ſätze der Mutzen angeeignet zu haben, welche Faction auch zu der Zeit die meiſten Hofchargen inne hatte. Eine vorſichtige Bedächtlichkeit, oder wenn man will Furchtſamkeit, charakteriſirte dieſe. Ihr Syſtem beſtand in einem ewigen Schwanken und Hinneigung zu den Anſichten der näheren Hoͤfe, deren Miniſter durch thäͤtige * Beweggruͤnde ihr Anſehen geltend zu machen wußten. Der äußere Schein war dieſer Faction alles; um ihren wohlverborgenen Zweck zu er⸗ reichen, hielt ſie jedes Mittel fuͤr erlaubt, in ſo⸗ fern es den aͤußern Anſtand nicht verletzte, und jeden verhaßten Eclat verhindern konnte.“ „Fuͤr einen der eifrigſten Anhänger dieſer Faction, um ſo mehr, als er ſich das Anſehen gab, als gehörte er zu keiner, hielt man den Hauptmann Ruppin, der nicht allein Kammer⸗ herr der Konigin, ſondern, ſeiner Gewandtheit, Biegſamkeit und Unentbehrlichkeit wegen, zugleich ihr Guͤnſtling war. Sein Aeußeres war nicht angenehm, aber er beſaß, wenn er etwas erreichen wollte, etwas ſo ſonderbar Einſchmeichelndes, etwas, bei einer imponirenden, ſcheinbaren Gerad⸗ heit, ſo Vertrauenerweckendes, daß er, hoch in den dreißig Jahren, noch unter den viel juͤngeren Edelleuten intime Freunde zählte. Laͤngerer Um⸗ gang und Erfahrung ſchienen indeſſen die, welche mit ihm aufgewachſen waren, von ihm entfernt zu haben. Auch bei den Frauen hatte er nicht viel Gluͤck. Mehrere Parthien waren ruͤckgängig geworden, und eben ſolche, die unter großer Lei⸗ denſchaftlichkeit ſich gebildet hatten. Man wollte behaupten, daß alle Liebenswuͤrdigkeit, äußerer Anſtand und Vorſicht bei ihm verloren gingen, ſobald die Leidenſchaft Meiſter uͤber ihn wurde, indem alsdann innere Rohheit, Sinnlichkeit und Selbſtſucht zum Vorſchein kämen, die, mit Ei⸗ ferſucht vereint, gern die Störer des gehofften Gluͤckes wurden.— Sein Geſicht war eben nicht häßlichz aus den kleinen Augen blitzte frei⸗ lich nur in einzelnen, unbewachten Momenten eine ſchlaue Tuͤcke, gewöhnlich fehlte ihnen jeder Ausdruck. Kein Wunder alſo, daß er beſonders unter jungen Leuten, die ſich nicht auf Phyſio⸗ gnomik gelegt, viele Freunde hatte, vorzüglich da er in ihrer Mitte, von dem Hofe ungeſehen, eine„ gewiſſe drollige Derbheit hervorblicken ließ, die wie Ehrlichkeit und Wohlwollen ausſah.“ „Den Sommer uͤber iſt die dortige Reſidenz, ruͤckſichtlich der heau monde, wie ausgeſtorben; und wer ſich vom Hofe nur losmachen kann, eilt gern ſeinen Guͤtern zu. Eben mit dieſem Baron Ruppin, zu dem ein gemeinſamer Hang zur Jagd mich gezogen, war ich eines Sommers aufs Land gegangen. Hier lernte ich zwei jun⸗ — 80— gere Freunde von ihm, oder vielmehr nur Einen kennen, denn der Zweite, ein ernſter, in ſich verſchloſſener junger Mann, einen Graf Silfver⸗ kron, konnte man eigentlich nur den Freund des Erſteren nennen. Dieſer, Graf Magnus Banner, von gleichem Alter mit Silfverkron, und gewiß zehn Jahre junger als Ruppin, war ein ſo höchſt liebenswuͤrdiger, aber leichtſinniger, entſchloſſener, und dabei, wie alle offene Herzen, leichtgläͤubiger Juͤngling, daß ich bei genauerer Bekanntſchaft nicht umhin konnte, an die Meinung einiger Phi⸗ loſophen zurückzudenken, welche behaupten, daß der Menſch, von der Wiege an, von zwei un⸗ ſichtbaren Weſen, einem böſen Daͤmon und einem Schutzgeiſt, umſchwebt werde; die beide ſtreben, ihn an ſich zu ziehen, und vor dem Einfluß des Andern zu bewahren, bis der Eine endlich, wenn ſich der Menſch ſeinem Gegner aus ganzem Herzen hingiebt, traurig oder knirſchend entflieht. Einen ſo ſchneidenden Contraſt bildeten dieſe zwei Männer, zwiſchen denen Graf Magnus wie gleich getheilt ſtand⸗ Ueberzeugung, Herz und Geiſt, band ihn an Silfverkron; heitere Laune, Zetſtreuungen und Weltluſt an den, ſo writ vom Hofe entfernt ausgelaſſenen Ruppin, der in der That auch ſein boſer Dämon, obgleich im andern Sinne, geworden iſt.“ „Ich ſtand, ruckſichtlich des Alters, gleich zwiſchen Allen. Du weißt, es iſt mir angeboh⸗ ren, leicht Vertrauen erwecken zu können, und ſo war ich bald der treue Vertraute jedes einzel⸗ nen dieſer Juͤnglinge. So erfuhr ich im Stillen, daß Silfverkron, der ſchon ſehr früͤh aus Fami⸗ lienrückſichten geheirathet, und nicht viel ſpaͤter ſchon Wittwer geworden, ins Geheim, unter Be⸗ günſtigung des Bruders, mit der ſchoönen Ebba Banner verlobt ſey. Er war zwar reich, aber ſein jungſt geſtorbener Vater hatte, als erklärter Hut, nicht in dem beſten Vernehmen mit Ebbas Eltern, die zu den Mützen gehörten, geſtanden. Die jungen Freunde, beide dem Syſteme der Huͤte geneigt, glaubten es alſo nöthig, daß Silfverkron, um keine Fehlbitte zu thun, ſich erſt allmählich um die Gunſt der Eltern ſeiner Ebba bewerben muͤſſe. Ja, es wurde mir ſogar an⸗ vertrauett, daß dies ſonſt aͤußerſt eingezogene Mäͤdchen, und der uͤbrigens hoöchſt beſonnene Sn⸗ durch den wohlmeinenden Eifer des 6 — 82— Bruders bewogen, ſich im Geheimen noch ſpät Abends auf ſeinem Zimmer ſahen; eine ſuͤße Schadloshaltung des Zwanges, womit ſie mit⸗ unter ganze Tage Blicke und Mienen, einander gegenuber, bewachen mußten.— Ich erfuhr von Ruppin, daß auch er die holde Ebba gern ſche, und ihrer Gunſt ſich zu verſichern wünſchte, um ſo mehr, da er der Einwilligung der Eltern ge⸗ wiß ſeyn konnte. Er ließ ſich aber nicht mer⸗ ken, daß er die kteinſte Ahnung von ihrem Ver⸗ hältniſſe mit Silfverkron hatte; im Gegentheile ſchien es, als ſtände dieſe, in ſeiner Aeußerung ſehr verſtändige, Liebe im Gleichgewicht mit einer vielleicht ſinnlicheren zu einer ſehr reitzenden Ita⸗ lienerin, die mehrere Meilen entfernt, der Reſi⸗ denz näher, mit ihrem hochſt kränklichen, alten Manne— dem, ich glaube, neapolitaniſchen Mi⸗ niſter— auf einem einſamen Landgute lebte. Dieſe Frau war früher bei dem Hofe vorgeſtellt worden, hatte dort außerordentliches Aufſehen ge⸗ macht, ja ſich ſogar die Aufmerkſamkeit des Re⸗ genten in ſo ungewoͤhnlichem Grade zugezogen, daß er nicht allein zwei Mal, ſondern ſogar halb italieniſch— denn ganz verſtand er dieſe Sprache — 83— nicht— mit ihr geſprochen, und einige Tage hernach, uͤber der Tafel, in Gegenwart der Ko⸗ nigin, ihrer erwaͤhnt. Durch die Gewandheit, womit kurz vorher der Baron Ruppin in die Gunſt des kräͤnklichen Fremden ſich eingeſchmei⸗ chelt hatte, wollte die Stadt, wie unerhört auch ein ſolches Ereigniß war, auf eine Annaͤherung von Seiten des Königs ſchließen, obgleich alle Hoffähige nur eine Meinung von dieſem Um⸗ ſtande hegten, und zwar die, welche durch die wachſende Gunſt der Königin beſtärkt wurder daß der Baron Ruppin von ihr beauftragt ſey, jeder moͤglichen Annaͤherung vorzubeugen. Ob nun alſo die Waͤrme, womit er von der ſchönen Frau ſprach, die ſichtbare Zeiſtreuung, womit er ſich ofters aus unſerem Kreiſe losriß, um den kranken Freund zu beſuchen, nur Maske gewe⸗ ſen, weiß ich nicht zu ſagen, nur bedeckte jedes⸗ mal bei dieſem Anlaſſe eine dunkle Wolke, die ſonſt ſo freie und froͤhliche Stirne des Grafen Banner, der mir auch nicht verhehlte, daß die reizende Italienerin ſein ganzes Herz beſaß. Baron Ruppin ſelbſt vertraute mir die junge platoniſche Mondſcheinliebe des Grafen, wie er ſie nannte, 6* indem er hinzufügte, daß in ſofern Graf Mag⸗ nus ihm vertraue, und ihm das Wohlwollen und die Hand ſeiner Schweſter zuwenden wolle, wuͤrde er leichter als ſonſt jemand und der Graf ſelbſt, die Eltern fur eine Heirath mit einer Aus⸗ lnderin ſtimmen können, um ſo mehr, da der ſchwaͤchliche Gatte, der kaum noch Monate zu leben hatte, ihn zum Vollſtrecker ſeines Teſta⸗ ments, und zum Beſchützer der Wittwe ernannt⸗ — Der gutmüthige, kindlich leidenſchaftliche Graf Magnus, der durch deine ziemlich verwahrloſete ländliche Erziehung noch juͤnger, als er den Jah⸗ ren nach es war, erſchien, aber von ſeinem na⸗ türlichen Geiſte, von der Schlauheit und Kuͤhn⸗ heit, die Liebe einflößt, geleitet, unter mehreren Verkleidungen, und bei den unerwartetſten Gele⸗ genheiten ſich der Geliebten gezeigt, hatte ſchon in der Stille das Herz der gluͤhenden Italienerin gewonnen. Sie ſtritt ſchon mit Liebe und Pfticht, und daß ſie der Letzteren nicht zu nahe trat, darf man vielleicht nur der Gewißheit, daß ſie von ſelbſt ſich bald aufloͤſen wuͤrde, zu⸗ ſchreiben.“— „So ſtanden die Sachen, als der Herbſt mich nach der Reſidenz zuruͤcktief; ich habe ſeitdem die Freunde nicht zuſammen geſehen. Der naͤchſte Sommer geſtaltete ſchon alles anders. Erſt als das Entſetzliche geſchehen war, erfuhr ich durch des armen Silfverkrons ſpaͤteres Vertrauen, durch glaubwuͤrdige, wiewohl leiſe Stimmen, und end⸗ lich durch eigenen Scharfblick, ſo wie aus dem, was mir ſelbſt üͤbertragen wurde, Folgendes:“ „Nur das Vorſpiel zu der heimlichen Trago⸗ die erregte einigermaßen Aufſehen, wenigſtens bei mir; von der Tragoͤdie ſelbſt kam nur die dama⸗ lige Schlußſcene, und abgeriſſene Bruchſtuͤcke, in dem Munde unberufener Critiker, verhunzt und umgeſtaltet, zur Kunde des Publikums. Das Vorſpiel beſtand in der plotzlichen Heirath des Baron Ruppin und Ebba Banner.— Es ſoll damit ſo zugegangen ſeyn:“ „Der Miniſter war ſchon den vorigen Herbſt geſtorben. Die Frau entſchloß ſich in großer Einſamkeit, nur in der Geſellſchaft ihres Beich⸗ tigers, eines entfernten Verwandten ihres Gatten, — der mit ihm nach Norden gezogen war— und ihren Frauen, auf dem Lande das Trauerjahr zu — 86— verleben. Auch Graf Magnus erſchien in der Hauptſtadt nicht, doch läͤßt, ſowohl die Umge⸗ bung der Wittwe, als ihre ſtrenge Beobachtung des Anſtandes vermuthen, daß ſie ihn in ihr Haus nicht aufgenommen, und außer dieſem, mitten in dem nordiſchen ihr ungewohnten Win⸗ ter, ihn gewiß nur ſelten geſehen habe. Mit dem Anfange des Fruͤhlings ſchien der Vater des Grafen Magnus ein Liebesverſtändniß des Soh⸗ nes, doch vielleicht ohne den Gegenſtand zu ken⸗ nen, gewittert zu haben⸗ Man hat aus den gelinden Maaßregeln, die er ergriff, vermuthen wollen, daß ſowohl dieſe, als die Entdeckung der Sache ſelbſt, von dem Baron Ruppin herruͤhre, dem der Graf Magnus obgeſchlagen hatte, zu ſeinen Gunſten mit der Schweſter zu ſprechen⸗ Dieſem wurde nun plötzlich von dem Vater auf⸗ getragen, ohne Aufſchub nach einer ziemlich ent⸗ fernten Handelsſtadt eines fremden Reiches abzu⸗ gehen, wo er ein bedeutendes Capital ſtehen hatte, das er nun einziehen wollte, zu welchem Behufe eine Perſon erforderlich waͤre, auf die er ſich ganz verlaſſen könnte; wem gebuͤhrte nun dies Ge⸗ ſchäft eher, als dem Sohne? Er wurde mit Voll⸗ machten verſehen und abgeſchickt.— Aber er kehrte noch denſelben Tag um. Silfverkron, welcher der Freundſchaft des Bruders die ſchon⸗ ſten Hoffnungen zu danken hatte, konnte die Hoffnungen des Freundes nicht täuſchen, die nur von ſeiner Freundſchaft Nahrung zogen⸗ Wie ſchnell es auch mit der Reiſe ging, hatten doch die Freunde Zeit gehabt, Abrede zu nehmen und dieſe zur Ausfuͤhrung zu bringen. Ebba, deren Treue Silfverkron gewiß war, wurde ſo⸗ wohl, als ſeine wenigen Freunde, üͤber ſeine Ab⸗ weſenheit benachrichtiget und beruhiget, ohne die wahre Urſache derſelben zu kennen, waͤhrend er unter Magnus Namen und mit deſſen Voll⸗ machten verſehen, ſein Geſchaͤft uͤbernahm, damit der Freund verborgen und verkleidet ſich in der Nähe der Geliebten aufhalten könne. Ihre Maaß⸗ regeln, um einer Entdeckung vorzubeugen, kenne ich weiter nicht; aber dieſe Verwechſelung blieb Allen unbekannt, nur dem Baron Ruppin nicht. — Sie war ihm dagegen willkommen, ja man will ſogar behaupten, von ihm eingeleitet. Wahr⸗ ſcheinlich iſt ein vertrauter Bedienter Silfverkrons in ſeinem Solde geweſen; wenigſtens iſt ſpäter 1 — 88— entdeckt worden, daß Ruppin ſich eines Billets bedient, welches Silfverkron an Ebba geſchrieben, aber damals nicht in ihre Hände gekommen iſt. An einem dunkeln Abende nemlich begab der Ba⸗ ron ſich zu Pferde nach Wärkna, ſo heißt, glaube ich, das Familiengut der Banner. Es war ihm leicht unter irgend einem Vorwande ungekannt bei dem alten Grafen einzutreten.— Der vorher erwähnte Bediente Silfverkrons ſöll ihn unten für ſeinen Herrn ausgegeben, und auch der Toch⸗ ter des Hauſes ein Billet zugeſteckt haben.— Ihr Vater und der Fremde erſchienen nicht bei der Abendtafel. Sie fragte nicht, das Billet hatte ihr die lange vermißte Unterredung ange⸗ kuͤndiget; zwar war der Bruder nicht zugegen, aber ſie kannte ja den beſcheidenen Geliebten, und denken treue Liebe und Sehnſucht immer an außere Sitte, wenn ſie ſich der Inneren be⸗ wußt ſind?— Des Bruders Wohnung ſtieß unmittelbar an das Gaſtzimmer.— Sie tritt ſchüchtern zur beſtimmten Stunde in die Erſtere ein; durch die leicht angelehnte Thuͤre des Letz⸗ tern erblickt ſie Licht. Da füͤhlt ſie ſich auf ein Mal heftig und gewaltſam umſchlungen. Die — 89— befremdende, vngchüt umarmung verräth der Armen, daß es nicht Silfverkron ſeyn koͤnne⸗ Zurück kann ſie nicht mehr, da fliegt ſie in das Zimmer, wo die Lichter brennen; der Ungeſtuͤme verfolgt ſie, ſtürzt zu ihren Füßen. Sie erkennt Ruppin, der ihr den feurigſten Antrag ſeiner Liebe macht, den ehrerbietigſten, den ehrenvolleſten. Sie ſtarrt ihn entſetzt an, kann in dem erſten Augen⸗ blicke den ungeheuren Betrug nicht faſſen, erwie⸗ dert ihm in der Angſt, ſie weiß nicht was,— nur kein Ja— und will aus dem Zimmer ſchluͤ⸗ pfen. Er haͤlt ſie zuruͤck, ſtellt ſich wie wuͤthend, reißt auf einmal die ſilbernen Luchter, ja ſelbſt den ſchweren Tiſch um— die Lichter gehen aus. Durch den unbegreiflichen Lärm aufgeſchreckt, ſtürzt das ganze Haus, Bedienung, Herrſchaft, alles dahin.— Man denke ſich den Skandal; die junge Gräſin auf Baron Ruppins Zimmer, in ſeinen Armen. Alle ſtehen wie verſteinert; die Eltern ſind außer ſich— der Vater ſcheint ſich an der Tochter vergreifen zu wollen. Da beſänftiget ſie Baron Ruppin, wiederholt ſeinen Antrag, ſeine durchaus vortheilhaften Bedingungen; er erbietet ſich, den nächſten Tag Hochzeit zu halten; hat — 90— ſogar eine Erlaubniß des Hofes— den Namen der Braut in Blanko— ſich trauen zu laſſen. Die Eltern gaben ihren Segen. Die arme Ebba wurde nicht ein Mal gefragt, ihre Einwilligung ward vorausgeſetzt.— Was konnte ſie thun? Heut zu Tage wuͤrde es ſelbſt dem ſtandhafteſten Maͤdchen ſchwer werden, ſich aus ſolcher Schlinge zu zie⸗ hen; die damaligen Sitten, Erziehung und Ge⸗ walt der Eltern machten es unmoöglich. Wirk⸗ lich wurde auch zwei Tage hernach Hochzeit ge⸗ halten. Das ſtille, duldende aber ſtarke Weſen wußte ſich zu faſſen. Sie benutzte die kurze Zeit, die ihr noch uͤbrig war, dem Geliebten und dem Bruder zu ſchreiben. Sie beſchwor beide, welche den Verſtoß an die Sitte, deſſen Opfer ſie geworden war, mit ihr theilten, nicht durch eine blutige, zu ſpäte Rache, die Laſt der ſtillen Entſagung, der ſie ihr Leben ge⸗ weiht, zu vermehten, die letzten Tage würdiger Eltern zu verküͤmmern, und ſie machte es dem beſonnenern Geliebten zur Pflicht, dem kühnen Eifer des Bruders Einhalt zu thun.— Der Bräutigam ſoll ſich zwar dieſer Briefe bemäch⸗ tiget, ſie aber doch, nach ſeiner ſchnellen Ankunft in — 91— der Reſidenz mit der jungen Frau, zu ihrer Be⸗ ſtimmung habe abgehen laſſen.“ „Graf Magnus ahnete in ſeiner glücküchen Verborgenheit von dem, was hinter ſeinem Ruͤk⸗ ken getrieben wurde, nichts. Die Wittwe, von der eigentlichen Pflicht gelöſt, obgleich von an⸗ deren Rüuͤckſichten faſt eben ſo eng beſchraͤnkt, nahm keinen Anſtand, den Geliebten im Gehei⸗ men zu ſehen. Ueber ihr Verhaͤltniß zum Ba⸗ ron Ruppin wiſſen wir nur, daß ihr Schickſal zum Theil in ſeine Haͤnde gegeben war.— Aber außerdem, ihren Frauen mißtrauend, und die Vorwuͤrfe ihres Beichtigers befurchtend, die eine Ehe mit einem Ketzer nie billigen wuͤrden, waren ihre Zuſammenkuͤnfte mit dem Geliebten mit vielen Schwierigkeiten verbunden. Sie ſollen in einer kleinen Hütte, am Ende des Parks, außer⸗ halb deſſelben, ſtattgefunden haben. Hier erfuhr Graf Magnus, aus dem Munde der Geliebten ſehr ſchonend vorgetragen, das ſchändliche Be⸗ tragen des vermeinten Freundes. Er wurde wie wuͤthend, und es koſtete ſeiner Geliebten Muͤhe, ihm begreiflich zu machen, daß ſelbſt der kleinſte Schtitt vor der Ruͤckkehr Silfverkrons auch ihre Liebe verrathen und vernichten wuͤrde. Magnus ſah dies vollig ein, doch wuͤrde dieſer Grund kaum hinreichend geweſen ſeyn, den jugendlichen Muth des fuͤr Recht und Ehre gluͤhenden Ge⸗ muͤths zu bezaͤhmen, waͤren nicht zu gleicher Zeit Ebbas Briefe ihm zu Haͤnden gekommen.— Doch kaum war der Freund wirklich zurückge⸗ kehrt, kaum war Graf Magnus Zeuge ſeines Grams, ſeiner ſtillen Verzweiflung geworden, kaum hatte er den Eltern das Ergebniß des gluͤcklich vollendeten Geſchaͤftes gebracht, als er von Außen kalt, innerlich kochend, unbewaffnet ſeinen Schwager aufſuchte. Ich weiß nicht wo, nicht unter welchen Umſtaͤnden ſie zuſammenge⸗ troffen, aber die Abſicht des Grafen wurde er⸗ reicht; er traf ihn allein, und exklaͤrte ihm mit verhaltener Wuth, daß er, um der Ruhe der El⸗ tern, um der Bitte ſeiner Schweſter willen, nicht ſein ſchändliches Blut vergießen, ſondern ihm nur ein Andenken ſeiner unauslöſchlichen Verachtung beibringen wollte. Nach dieſer Erklärung prügelte er den Baron,— der es vielleicht vorzog, lieber ſchmerzliche Wunden im Geheimen zu tragen, als durch lautes Rufen um Hulfe ein Aufſehen zu ertegen, das ihn öffentlich entehren wuͤrde— ſo lange mit der Reitpeitſche, als er den Arm ruͤhren konnte. Zuletzt, nachdem er jene in kleine Stuͤcken gebrochen, ſchmiß er ſie ihm vor die Fuͤße, mit den Worten:—„bewahre dieſe zum Andenken Deiner Zuͤchtigung, doch ſoll kein edles Thier damit entehret werden konnen!“ — und eilte fort.“ „Der Baron verſchluckte ſeine Wuth, ließ ſie in Mißhandlungen gegen ſeine unſchul⸗ dige Gattin aus;z einen Boͤſewicht mußte eine ſolche Behandlung zum Teufel machen. Als ſolcher bewährte ſich der Baron Ruppin. Sobald er ſich uͤberzeugt, daß Graf Banner keinem an⸗ dern, als Silfverkron, ſein ausgeuͤbtes Straf⸗ amt mitgetheilt, heuchelte er ſtille Reue, drang auf Verſoͤhnung, waͤhrend er keinen Augenblick ſeinen Zweck, ſich befriedigend zu rächen, aus den Augen verlor. An ſeinem muthmaßlichen erſten Entwurfe, durch eine lebhafte Verwendung fuͤr Magnus geheime Liebe ſich ſeine Freund⸗ ſchaft aufs Neue zu erwerben, ſchien er nicht mehr zu denken.“ „Zu der Zeit hatte eine große öffentliche Angelegenheit die Aufmerkſamkeit aller Gemuͤther in Anſpruch genommen. Der König, mehr, wie man glaubte, um ſich den Anſichten ſeines Soh⸗ nes, des Kronprinzen, zu fuͤgen, als aus eige⸗ nem Antriebe, hatte einen außerordentlichen Reichstag berufen, welchen die inneren Verhält⸗ niſſe des Reiches nothwendig zu machen ſchienen. Indeſſen bemerkte der Konig ſehr bald, daß die Stände geneigt waren, eben dem, was er am liebſten durchzuſetzen wuͤnſchte, hartnaͤckigen Wi⸗ derſtund entgegen zu ſetzen. Er meinte, durch die Drohung die Regierung niederlegen zu wollen, ſie willfahiger zu machen. Es half nur wenig, abet doch in ſofern, daß der Konig mit Ehren den Reichstag aufheben konnte, worauf der Kron⸗ prinz eine Reiſe ins Ausland unternahm. Alle dieſe Ereigniſſe, nur zu geeignet, heimliche Ränke der Eigenſucht zu decken, kamen dem Baron Ruppin zu Nutze. Silfperkron hatte indeſſen ein oͤffentliches und ehrenvolles Amt angetreten⸗ Ihn und den noch immer abweſenden Graf Magnus als Huͤte dem Hofe verdächtig zu ma⸗ chen, ſiel nicht ſchwer, und die geheimen Lie⸗ 4—————— — 95— 4 besbeſuche det Letzteren, die er gern verkleidet un⸗ ternahm, wurden dem Könige, ja ſelbſt der Koni⸗ gin, als Verſuche, das niedere Volk aufzuwie⸗ geln, dargeſtellt. Silfverkron allein ſchien dem Baron Ruppin mit einem beobachtenden Blicke zu folgen, der dieſen beunruhigte, und ihn be⸗ wog, dem ahnungsloſen Gtafen ein politiſches Netz zu ſtellen, das der Graf erſt bemerkte, als er ſich darin verwickelt hatte.“ „Indeſſen ſitten die Liebenden ungeſtört ihre Zuſammenkunfte fort, bis dieſe, von der ganzen Welt unbekannt, oder wenigſtens unbemeikt, durch die plotzlich eintretende Cataſtrophe, mit verletzender Oeffentlichkeit abgebrochen wurden. Es hieß, der junge Graf Banner waͤre plotzlich ver⸗ haftet, er habe den Konig bei einer Jagd ermor⸗ den wollen.— Schrecken und Beſtürzung wa⸗ ren auf ailen Geſichtern lesbar.— Von dieſem Augenblick an kreuzten ſich tauſend widerſpre⸗ chende Gerüchte, aus denen folgende Umſtaͤnde als factiſch hervorgingen, und mir von bewähr⸗ ten Freunden mitgetheilt worden ſind: daß in jener Hütte, wo der Graf Banner mit der Ita⸗ lienerin zuſammengekommen, nicht allein der Ba⸗ ron die Geliebte ſeines Schwagers öfters geſe⸗ hen, weil er nur ſelten, um ſich der Aufmerk⸗ ſamkeit deſſelben nicht bloß zu ſtellen, im Schloſſe erſcheinen wollte, wohin doch ſein geſetzliches Verhältniß mit der Wittwe ihn mit Recht be⸗ rufen konnte, ſondern ſelbſt der Konig, von deſ⸗ ſen Racheplan beguͤnſtigt, wenn er, unter dem Vorwande der Jagd, die Gegend beſuchte, ſich eingefunden habe. So viel iſt gewiß, daß Graf Magnus mehr als ein Mal durch falſche Nach⸗ richten von Silfverkron oder ſeinen Eltern, aus der Gegend hinweggelockt worden iſt— Es ſcheint, daß man zu derſelben Zeit, wo der Tu⸗ gend ſeiner Geliebten nachgeſtellt wurde, ſeine Eiferſucht vielfältig gereizet hat, indeſſen ſoll doch dieſe beſonders auf Ruppin gerichtet geweſen ſeyn⸗ — Durch welche Mittel die junge, licbigluhende Frau ſo ſchnell dahin gebracht iſt, Pflicht und Treue zu vergeſſen, iſt unbekannt geblieben, aber wir durfen wohl vorausſetzen, daß ſie nicht von gewöhnlicher Art geweſen ſind; auch wird wohl der ſchlaue Ruppin das Zutrauen zu benutzen ge⸗ wußt haben, welches er ihr als geſetzlicher Beſchutzer und früher als Freund ihres Geliebten, einſt ein⸗ geftößt hatte.— Von dem utberfalle ſelbſt iſt mir nur Folgendes zugeflüſtert. Auf einer gro⸗ ßen Jagd in der Gegend jenes Schloſſes nahm der König, wie zufällig, die Einladung des Ba⸗ rons an, dort zu übernachten; denſelben Abend jedoch kam auch der Graf Magnus bei der Hutte an. Was ſeine innere, eiferſüchtige Spannung zur Wuth geſteigert hatte, wiſſen wir nicht, nur daß er einen Vermummten, den er in der Huͤtte getroffen, mit gezuͤcktem Degen, trotz der Fin⸗ ſterniß, durch den Park, ſelbſt ins Schloß vet⸗ folgt hat. Die dortigen Corridors und Gemächer waren ihm nur ſehr dunkel bekannt, doch in ju⸗ gendlicher Wuth iſt er immer dem Entfliehenden auf den Ferſen— die erhellten Gänge kamen ihm nur zu ſtuntüch zu Hülfe.— Endlich ent⸗ ſchlüpft der Verfolgte durch eine kleine Thüre. — Der Giuf Magnus fotgt, a Zimmer iſt dun⸗ kel, ein Lichiſtreif dringt aus einer halbangelehnten Shüte—— noch mit dem Beheni in der Hand reißt er dieſe auf, und ſteht vor dem Koͤnige, der er⸗ ſchrocken um Huͤlfe ruft. Magnus erſtarrt zu einer Bibſiuet er verliert den Degen, den Baron Ruppin hatte er zu verfolgen geglaubt.— Er I. 7 1 X„—— wird uͤbermannt, verhört. Er giebt keine Ant⸗ wort, nur die Verſicherung, daß er die Gegen⸗ wart des Königs gar nicht geahnet.— Man glaubt ihm um ſo weniger, als dies Ereigniß nur zu ſehr mit dem fruͤher gegen ihn leiſe erregten Verdachte übereinſtimmt. Er wird verhaftet. Der KFonig, von Natur zur Milde geneigt, glaubt dieſe zu zeigen, und allen ihm ſelbſt unangeneh⸗ men Gerüchten vorzubeugen, indem er die Unter⸗ ſuchung der Sache einer Commiſſion übergiebt, an deren Spitze der Schwager des Verhafteten ſteht. — Das ſo eben Erzählte wird nicht erwähnt, nur von dem Eindringen in das Schlafcabinet des Kö⸗ nigs, von politiſchen Veritrungen, iſt die Rede. Sein Freund Silfrerkton proteſtirt vergebens; in dem raſch zugezogenen Netze der Politik gefangen, erſcheint er als Nitſchuldiger des Grafen Banner. — Er wird mit anſcheinender Milde zur Ruhe verwieſen, verliert aber ſeine Lehngüttr. Die Kö⸗ nigin, der im Geheimen eine andere Anſicht der Sache mitgetheilt worden iſt, und in deren Kopfe der ihr ſchon lange von dem verſchmitten Ruppin anvertrauete Liebeshandel des Gemahls herum⸗ ſutt, läßt mich tufen.— Sie hatte ihr⸗ Pof⸗ — 99—„„ dame, das Fräulein Ruppin, Schweſter des Ba⸗ rons, ſeinem Antrage zufolge, ſogleich an die Ei⸗ genthuͤmerin jenes unſeligen Schloſſes abgeſchickt. — Der geheime Auftrag war, unter dem Vor⸗ wande zärtlicher Sorge, dieſe genau zu bewachen. Die ungluckliche Frau beſchwor die neue beſorgte Freundin, ſie den lauernden, gehaͤſſigen Blicken ihrer Umgebung zu verbergen.— Was konnte willkommener ſeyn? unter dem Vorwande, ſie zudringlicher Reugierde zu entziehen, ließ die Ko⸗ nigin, die ſich höchſt erbittert gegen die Unglück⸗ liche benahm, ſie in ſtrenger Verwahrung halten. Zur Entſchuldigung dieſer Maaßregel wollten einige behaupten, daß man unter ihren Sachen Geſchenke gefunden haben ſoll, welche nur von dem Koͤnige, in deſſen Haͤnden ſie fruͤher geſehen worden ſind, herruͤhren konnten.— Indeſſen kam doch den⸗ jenigen, die ſeinen Charakter zu kennen glaubten, eine ſolche geheime Verbindung unglaublich vor.“ „Die Verhaftung des Grafen in ihrem Hauſe, ſein Attentat auf das Leben des Königs, die bit⸗ tern Vorwuͤrfe ihres Beichtigers— denn eine geheime Trauung auf ihren und den Namen des Grafen Banner lautend, und von einem Prediger in der 7* Nahe verrichtet, ſoll zu gleicher Zeit an den Tag gekommen 62 und eine ſolche Ehe mußte er ja noch ſtrenger tadeln, als er ihren Treuebruch, wenn dieſer zu ſeiner Kunde gekommen ware, getadelt haben würde,— hatten alle ihre Geiſtes⸗ kraͤfte zerrüttet und ihr Gewiſſen vollkommen ein⸗ geſchuͤchtert.— Sie wuͤnſchte den Grafen zu ſchen, ihm zu ſchreiben. Es wurde ihr verwei⸗ gert. Seine Verbannung aus ſeinem Vaterlande goß einen Strahl von Vertrauen zum Himmel wieder in ihre Seele; man hatte ihr geſagt, daß ſein Leben verwirkt war. Sie bekam Sprache, Gedanken wieder.—„Sie wurde von nun an mit Muth und Beharrlichkeit nur füͤr die Reue leben,“ erklaͤrte ſie,„und würde es als eine große Wohlthat anſehen, wenn ſie in ein Kloſter ihres Vaterlandes gebracht werden durfe.“ Die Königin wollte dies Geſchäft keinem Geiſtlichen einer fremden Religionsſecte anvertrauen, auch aͤußerte die Gräſin, die ihren Familiennamen Altocini wieder angenommen, Furcht und ent⸗ ſchiedene Abneigung vor ihrem Beichtvater. Ich war ſo eben im Begriff, meine Stelle niederzu⸗ legen, um meine Geſundheit unter einem ſud⸗ — 101— lichen Himmelsſtriche herzuſtellen. Ich kennte es nicht ausſchlagen, die Gräſin hicher zu begleiten, und für ſie zu haften. In ſich verſchloſſen, allen äußeren Eindruͤcken unzugänglich— beinahe ſtumm, könnte ich ſagen— brachte ich ſie nach Rom. Sie ſoll ſich ſpäter erholt haben. Ich habe ſie in einem Zuſtande geſehen, in dem ſie mir zwar theilnehmendes Mitleid, aber kein blei⸗ bendes Intereſſe einfloßen konnte,— doch wage ich kein hartes Urtheil uber ſie ausſprechen; denn ſelbſt ihre Verirrungen liegen nicht klar vor den Augen der Welt, und noch weniger die tauſend Irrlichter, die jene nach ſich gezogen.— Un⸗ vergeßlicher bleibt wir dagegen die ſo troſtlos auf⸗ geopferte Baronin Ruppin, die doch die öffent⸗ liche Theilnahme weit weniger erregt hat, weil kein Eclat die Augen der inſipiden Welt auf ihre ſtillen Leiden hingerichtet hat. Ihre ſtille, anſpruchsloſe Entſagung bei der höchſt beleidigen⸗ den Geringſchätzung ihres Mannes, die, trotz des Kummers ihrer tiefgebeugten, noch lange nach jener Rechtsſache lebenden Eltern, alle Grenzen uͤber⸗ ſtiegs ihre ſtille Ergebung und ihr Vertrauen zu der Vorſicht, ſo wie die Verheimlichung ihrer 02 Pruͤfungen, haben mir oft wohlthuend vor⸗ geſchwebt.— „Auch als ich wenige Jahre nachher, unter ſehr veränderten Umſtänden, ſie wieder ſah, fand ich ſie unverändert.— Ich kehrte, wie Du weißt, als ich meinen kuͤnftigen Aufenthaltsort beſtimmt hatte, zuruͤck, um Dich abzuholen, und uͤber meinen Nachlaß dort zu disponiren. Wie mit einem Zauberſchlage warder Hof ein ganz neuer geworden. Der Koͤnig war indeſſen plötzlich ge⸗ ſtorben, die Konigin hatte, im geſpannten Ver⸗ hältniſſe mit dem Thronfolger, ſich zuruͤckgezogen, und der neue Koͤnig ſo eben eine glänzende Re⸗ volution geendet. Glaͤnzend ſage ich, denn die Ausbeute, die ſie bisher getragen, ſcheint nur in äußerem, nicht Dauer verſprechendem Glanze zu beſtehen; innere Unzufriedenheit lauert ſowohl im Staate, als in den Herzen aller Verſtändigen, die Freiheit und Vaterland lieben, während der Koͤnig, vermöge ſeiner wahrhaft glaͤnzenden Ei⸗ genſchaften, ſeiner ſiegenden Beredſamkeit, ſeiner hepablaſſenden, trüglichen Popularität, von der kut⸗ ſichtigen Menge vergoͤttert wird.— Sie glaubt ſich freier und ſelbſtſtändiger, weil Rechte, die das — ₰.— Wohl der Nation begruͤndeten, 5 3 ſie die freie Willkühr der oberſten Gewalt im Zaume hielten, geſchmälert worden ſind, ohne einzuſehen, daß gebrochene Vertraͤge und angemaßte Gewalt eine thörichte Beglaubigung neuer Verpflichtungen und geleiſteter Eide ſeyen. Obgleich die Hüte durch dieſe Veränderung, wozu ſie ſelbſt beigetragen, ſich getäuſcht gefunden, iſt doch dabei die Parthei der Mutzen, die ſich nicht fugen wollte, völlig unterjocht worden.— Mit Recht und Klugheit ſind jetzt beide Benennungen verboten; nur ein gemeinſames Symbol macht die kenntlich, die, wie es auch in dem Inneren ausſieht, es vortheil⸗ haft ſinden, aͤußerlich ein Zeichen zu tragen, das zurrſt angeheftet, Theilnahme an dem Treubruche gegen die Grundgeſetze des Reiches anzeigte, und jetzt Anhaͤnglichkeit und Zutrauen zu dem, der jene umſtürzte, um als Beſchützer neuer Geſetz aufzutreten.—“ „Unter den Mutzen iſt, man weiß nicht eigent⸗ lich aus welchen Grunden, der Baron Ruppin am auffallendſten getroffen. Er wurde plotzlich als Oberſter, welchen Grad er erreicht hatte, ob⸗ gleich mit dem Litel eines Genetalé, in Ruheſtand verſetzt, ſo wie auch ſeine Schweſter, die Hof⸗ dame.— B en wurde unter der Hand der Hof verboten. Der Baron hat deſſen unge⸗ achtet die Stadt nicht verlaſſen, allein bei dieſer Gelegenheit eine Art von Trotz, der als Ver⸗ trauen auf ſeine gute Sache ausſehen ſollte, ge⸗ zeigt, vielleicht in der Ueberzeugung, daß doch jeder Verſuch, das Zutrauen des jungen, feinge⸗ bildeten Königs, der ſich gleich mit jungen Leu⸗ ten umgab, wieder zu gewinnen, vergeblich ſeyn wuͤrde.— Noch vor meiner Ruͤckkehr nach Ita⸗ lien erfuhr ich, daß die Baronin Ruppin ſich endlich entſchloſſen, von ihrem Gemahle ſich zu trennen, und zu ihren niedergebeugten Eltern zu begeben, die auch nun, wie ich höre, laͤngſt. aufgehort haben zu leben.“ „Was ſich nun hier zugetragen, ſcheint jedoch mit jener verjaͤhrten Begebenheit in ſo genauer Beziehung zu ſtehen, daß meine alte Ueberzeu⸗ gung dadurch beſtärkt wird, daß die Früchte, welche eine gute That trägt, nur in der Stille gedeihen oder unbemerkt verwelken; da hingegen der böſe Saamen, ſelbſt nach einem langen, langen Winterſchlafe, aus der nur zu ergiebigen Erde, von dunkler Verworrenheit gedungt, in Blutblumen aufgeht.“— Der alte Helmwang ſchmigg, und der Sohn ſandte dem abgereiſten Freunde einen ſchmerzlichen Seufzer der Verſohnung und banger Sorge nach.⸗ Der Sammler dieſer Blätter will vor der Hand die Aufmerkſamkeit des Leſers von den beiden jungen Freunden ablenken, um ihn genauer mit der anmuthigen Erſcheinung bekannt zu machen, die einen ſo tiefen Eindruck auf den armen Axel gemacht, und deren dunkle Herkunft uns ſo ver⸗ hangnißvoll und räthſelhaft eben vorüͤbergeführt iſt. Wir erblicken ſie zuerſt als ein ſchönes Kind, ihren nächſten Verwandten entriſſen, auf einem anmuthigen Landſitze, der Obhut einer ältlichen, unverheiratheten Dame uͤbergeben, die ſie Tante nannte, wo ſie, ſich ſelbſt gänzlich überlaſſen, ſo gut es gehen konnte, nicht erzogen, ſondern aufgezogen wurde.— Ein noch juͤngeres, und, ſo wie ſie von ihrer ganzen Umgebung merkte und hörte, weit unbe⸗ deutenderes Weſen, das ſie Couſine heißen mußte, und das, noch in ihrer frühen Kindheit, von einem vornehmen aber ſe⸗ Manne, um mit ihr erzogen zu werden, hergebracht wurde, gab ihr zum erſten Male einen Begriff von ihrer höheren Wichtigkeit, auch ſchien von der Zeit an ſowohl ihre eigentliche Erziehung, als auch die immer wachſende Anhänglichkeit der Tante fuͤr ſie, zu beginnen.— Dieſe, früher kalt und gleich⸗ gultig, eigenen Neigungen oder auch innerem Grolle nachhaͤngend, ließ nun nicht allein Lehrer fur die Kinder kommen, ſondern zog ſie beide mehr in ihre Naͤhe, bezeigte beſonders der kleinen Ulla im⸗ mer zaͤrtlichere Sorgfalt, und ſtrebte, ſie fuͤr die, wie die Tante ſich ausdruͤckte, ihr aufgedrungene Pflicht, ſie ſo viele unnütze Sachen lernen laſſen zu müſſen, dadurch ſchadlos zu halten, daß ſie in den, dem Kinde haͤufig zugeſtandenen Freiſtunden, nicht allein allen ihren Launen— wie zum Erſatz— ſchmeichelte, ſondern von Herzen lachte, wenn Ulla die kleine häßliche Couſine neckte; ja beſtrafte ſogar dieſe, wenn ſie ſich ſolchen Reckereien nicht geduldig hingab. „— Ulla wußte, bei ſpäterm Nachdenken über die ob ſie ihrem ſich immer reizender entwicke beistuer, oderjenem Beſuche ihres Vormundes, denn als ſolcher ward jener Mann ihr vorgeſtellt, dieſe Zärtlichkeit zuſchreiben ſollte; das Letztere würde ihr jedoch wahrſcheinlicher geweſen ſeyn, wenn nicht ſein düſteres, heftiges Weſen ihr damals eine Abneigung und ein Schrek⸗ ken eingeflößt, die in ſpäteren Jahren in ſeiner Nähe jedesmal neue Stärke gewann.— Aus jener fruͤheren Zeit erinnerte ſie ſich nur eines Zwanges, dem ſie ſtets unterworfen geweſen, und ſo wie bei größerer Verzaͤrtelung ſich ihre Aus⸗ gelaſſenheit vermehrte, ihr immer laͤſtiger wurde. Sie hatte nämlich immer Handſchuhe tragen müſ⸗ ſen. Sie wußte nicht, ob um die Zartheit ihrer vorzuglich ſchönen Hände fur den Einftuß der Sonne und der Luft zu bewahren, oder damit ein kleiner, aus Matalldrath kuͤnſtlich gewebter, elaſtiſcher Ring nicht verloren gehen möchte. Dieſer war, nach der Verſicherung der Tante, eines Morgens, in Ullas früheſter Kindheit, an ihrem linken Hand⸗ gelenke, dicht anſchließend, gefunden worden, zum Erſtaunen der ganzen Umgebung, da die Aufwär⸗ „ 109 ₰ terin nichts davon wiſſen wollte, vorhergehende Nacht ſie keinen Au hatte. Dieſe geheimnißvölie⸗ abe wurde daher als ein Mittel gegen böſen Zauber angeſehen, und ind die ganze nblick verlaſſen nach der aberglaͤubiſchen Meinung der Tante ſowohl, als des ganzen Schloſſes, ſey der Ring, nie vom Arme getrennt, das verheißende Zeichen einer glaͤn⸗ zenden und glücklichen Zukunft. Die Folgen der thorichten Erziehung, die oben angedeutet iſt, und worunter die beiden Kinder litten, mußten am tiefſten bei Ulla, als der Ge⸗ ſchmeichelten haften; doch waͤhrend ſie unter der reizenden Huͤlle tief im Inneren wurzelten, wußten ſie àußerlich ſelbſt ein liebenswürdiges Anſchen zu gewinnen.—,— Scehr früh verſtand das Mäd⸗ chen ſchon recht gut, ihre kleine Gefährtin in Schatten zu ſtellen, und obgleich beide Kinder ſich gegenſeitig immer mehr haßten und neckten, gelang es ihr doch, ſtets jeden gehaſſigen Anlaß von ſich auf die Couſine zu waͤlzen.— Ein Unfall, der dieſe betraf, und an den Ulla nie denken mochte, veranlaßte freilich, daß die Cou⸗ ſine kurz nachher von dem Schloſſe wieder ab⸗ geholt wurde; indeſſen ſchien die Dienerſchaft ſehr reigniß einer geheimen Boßheit Ullas zuſchreib zu wollen; die unbegreifliche Angſt, die ſeltene h* hme, die bei ihrem ſonſtigen Leichtſinn diesmal als eine Stimme des Gewiſ⸗ ſens ausgelegt wurden, gaben zu dieſem Verdachte Anlaß. Zwar ſuchte ſie die Verzweiflung, wo⸗ mit ſie, als das blutige Mädchen aufgehoben wurde, fortgeſtuͤrzt war, und die ſichtbare Be⸗ fangenheit, in der ſie nach einer Stunde zurück⸗ kehrte, mit der Behauptung zu entſchuldigen, daß ſie beim Abreißen einer Waſſerblume an dem ſchluͤpfrigen Ufer des Teiches ausgeglitten wäre, und fuͤhrte als die Urſache ihrer Angſt, den Verluſt ihres Armringes und des Handſchuhes an, welcher Letztere wirklich durch und durch zerriſſen in einem Gebuͤſche, nahe am Teiche, ge⸗ funden ward.— 6 Es verhielt ſich aber nicht ſo.— Gefoltert von Reue, wie es ſchien, von un⸗ ſaäglicher Angſt fortgetrieben, als könne ſie nur Rettung vor der blutigen Erſcheinung, oder von der drohenden Strafe, außer dem Bezirke ihrer Angehörigen finden, ſtürzte Ulla fort durch den Garten, durch die zufaͤllig offene Hinterthüre . — 111— ſt zu wiſſen ihr ohne Be⸗ gleitung nie betretenen holz. In der Dunkelheit der düſteren, ſchlanken Säulen ver⸗ mehrte ſich, durch die fremden Gegenſtände und die Einſamkeit erregt, ihr Schrecken. Erſt in einer etwas lichteren Gegend, bei einem hölzernen Gehäge, das den Wald von der Landſtraße trennte, ſtand ſie einen Augenblick ſtill. Sie war noch außer ſich, warf die wilden Blicke ringsum in die öde Stille hinein, und ſchnappte deſſelben, und befand ſich, ohne wie, in dem ziemlich großen, v nach Athemz da war es ihr, als hörte ſie dicht neben ſich in den Gebüſchen ein kreiſchendes Ge⸗ räuſch. Mit der letzten Anſtrengung ihrer Kräfte ſprang ſie uber das gebrechliche Gehaͤge, und ſtüͤrzte in einen weichen kleinen Graben ohn⸗ mächtig nieder.. Als ſie wieder zur Beſinnung gekommen, ſah ſie eine.kleine, ruͤſtige Finnfrau, in der eigen⸗ thuͤmlichen Tracht dieſes Völkchens, vor ſich ſtehen, einen kleinen, hageren Knaben, noch kleiner als Ulla, jedoch mit einem häßlichen, faſt alten Geſichte, an ihrer Seite, der das Mädchen mit ſtieren, aber gleichgultigen Blicken anſtarrte. „Wer bi Du, mein Lammlein, und wie haſt Du Diq in den feinen Kleidern hieher verirrt?“ fragtè as Weib mit heiſerer Stimme, während ſie dem Maͤdchen mit der dürren Hand die Wangen liebkoſend ſtreichelte.„Sey nicht bange, ich bringe Dich wieder zu Hauſe, wie weit Du Dich auch verlaufen haſt. Du gehoͤrſt wohl in das nahe Schloß zu Haus?“ S. Bei dieſem befremdenden und unlieblichen An⸗ blicke ſo erſchuͤttert, daß ſie ſich unwillkuͤhrlich in die ſicheren Mauern der entflohenen Heimath zurückſehnte, erhob Ulla, unfähig ein Wort aus⸗ zuſprechen, beide Hände flehend gegen das Weib, den einen Arm noch von einem gelblichen Hand⸗ ſchuh b bedeckt, gegen den die niedliche ſchneeweiße Linke, von dem dunkeln abſtach. Das Weib ſtutzte, ergriff dann mit in⸗ Eifer beide Arme des Mädchens, und hielt ſie ſo in die Höhe gehoben feſt zwiſchen ihren Haͤnden, während ſie den Ring ſtarr betrachtete⸗ —„Hab ich Dich wieder, Goldpuͤppchen!“ ref ſie endlich laut mit widriger Freude.„Ei, ei! unverhofft kommt oft.— Wie ſtarrſt Du — 3—— mich denn ſo dumm an,— geh' nur voraus mein Söhnchen! aber vegliere mich nicht aus den Augen, Kind! bamit Du Dich nicht verirreſt! gehe, gehe!— Faſſe Dich, Töchterchen,“ fuhr ſie, gegen Ulla hingewandt, leiſe fort,„und habe keine Furcht: ich habe fruͤh in dieſe hellen blauen Augen geſehen, da lächelteſt Du mich an, und warſt gar nicht er Was iüſit die Mutter?“ Ulla, an die zum erſten Male in ihrem Leben dieſe Frage ergangen war, gab verwundert zur Antwort:„Mutter? hab ich denn eine?“ „Armes Kind,“ die Frau,„biſt Du nicht bei ihr?“ „Ich weiß von keiner Mutter,“ fuhr das Kind fort,„ich bin bei der Tante!“ „Tante, Tante!“ wiederholte das Finnweib; „das Wort verſtehe ich nic Du vielleicht den Vater ſo?“ „Vater! ach nein, ich weiß von keinem Ver⸗ wandten als von der Tante und dem Herrn Vormund, aber auf ihn kann ich mich faſt nicht mehr beſinnen; ich kenne nur die Tante.“ B 8 Auf die nn Fragen des Weibes berich⸗ tete Ulla frei und geſprächig das Wenige, was ſie von ſich— alles die Frau mit Kopfſchuͤtteln anhörte. Die Kleine, die unter dieſer Unterredung immer ruhiger und mu⸗ thiger geworden war, fing nun auch, ſchmiichelnd wie immer, an zu fragen: „Ihr habt mich fruͤher geſehen, ſagt Ihr ja, und vielleicht auch meine Eltern gekannt, weil Ihr nach ihnen fraget?“ „Freilich, freilich!“ gab die Alte zur Ant⸗ wort. „Hier ſpricht kein Menſch, von inen ich, ich bin froh, daß ich endlich darauf gekom⸗ men bin;— ich weiß nicht warum, aber ich habe fruher nicht recht daran gedacht.— Erzůhlt mir von ihnen!“ „Kind!“ erwiederte die Frau bedenklich; „die rechte Zeit muß wohl noch nicht gekommen ſeyn. Du biſt auch noch gar zu jung! Alſo von Deiner ſchöͤnen Mutter, von Deinem Vater weißt Du gar nichts?— nun, nun! getroſt Goldchen mein! Du biſt ſchon, wie ſie ge⸗ weſen ſind, und von Seide und Gold gnziſ — 115— irche gehſt, und denen Kaͤmmer⸗ wohl auch Du, wenn Du zur wohneſt wohl ſchon in einem g chen, da oben in dem e dem wir die vier Thurmſpitzen ſehen koͤnnen, und das Schloß mit allen ſeinen Herrlichkeiten wohl ſchon Dir?“ „Mir? ach nein, mir gehoͤrt es wohl nicht!“ rief Ulla nachdenkend,„ich will die Tante fragen!“ „Es muß Dir gehoren! uͤber Alles, was Dich umgiebt, mußt Du befehlen!“ fuhr das Weib mit ſcharfer, zuverſichtlicher Stimme fort. Meint Ihr das? nein ich muß gehorchen, ich armes Kind,“ verſetzte die Kleine raſch mit her⸗ vorquellenden Thränen;„muß mich placken und graͤmen, und auch zwingen. Um das zu erreichen, was ich wuͤnſche, muß ich bitten und weinen und ſchmeicheln, nur nicht befehlen! denkt Euch, da iſt mir ſogar verboten.—“ „Getroſt, Goldchen! getroſt,“ unterbrach ſie das Weib heftig mit gefalteten Händen und dem Blick gen Himmel 5„Gezt wird Dich nicht ver⸗ laſſen und ich auch nicht.— Jetzt nehme ich den Ring wieder, den ich einſt in einer geheimniß⸗ vollen Stunde um Deinen Arm gewunden; ich 7 8* — 146— brauche jetzt denn jetzt ſtehen Deine Zuͤge feſt in meinem Sinne. Warte nur! wenn ſie es es an Ehrerbietung fehlen zu laſſen, dann—“ 3 „Ja!“ fiel Ulla ein,„daran fehlt's.— Sie wollen ſich nur von der Tante befehlen laſſen, und wagen mitunter mich bei ihr anzuklagen; aber“— ſetzte ſie ganz leiſe mit einem ſchelmiſchen Blicke hinzu,„ich kriege es doch immer mit der Tante, wie ich will.“ „Dir, Dir— ſollen ſie gehorchen, ſage ich Dir!“ verſetzte das Weib mit Eifer;„es wird dereinſt eine Zeit kommen— nun, ich ſage nichts weiter, Du biſt zu großen Dingen geboren, und in ſofern Du ſchweigen kannſt und nicht ver⸗ rathen wirſt, daß Du jemanden hier geſprochen, ſollſt Du mich auch wieder ſehen. Komm, ich will Dich auf den rechten Weg fuͤhren, wenn Du Dich verirret haſt.“ ulla laͤchelte ſchlau.„Gut, gut,“ ſagte ſie, „aber die Tante wird den Ring vermiſſen.“ „Den magſt Du verloren haben,— mich haſt Du dagegen gefunden. Glaube mir Goldchen, Du haſt bei dem Tauſche gewonnen; was ich weiß, moͤchte Dir vielleicht bringen, einen goldenen, der in dem gapzen Lande nicht ſeines Gleichen hat, und gefuͤttert iſt. Ich habe bei Deiner Wiege geſtanden— aber nur fuͤr den, der ein Geheimniß bewahren kann, iſt er gemacht, darum ſchweige!“ Während dieſes Geſpräches waren ſie zu einer Biegung des Weges gekommen, wo das Schloß ſich ganz in der Nähe zeigte. Das Weib ergriff raſch die Hand des Knaben, der hier ſtehen geblie⸗ ben war, zeigte mit der anderen auf das Schloß, legte dann den Finger auf den Mund und lispelte: „Schweige!“ damit kehrten ſie beide ſeitwärts um, und waren ſogleich in dem dunklen Gehölze ver⸗ ſchwunden⸗ Dies ſonderbare Ereigniß, das ſchon ein ge⸗ miſchtes Gefühl von Selbſtſtändigkeit, Stolz und Schlauheit bei Ulla wieder erregt, hatte auch ihre innere Furcht beſchwichtigt, und ihr die gewohnte Beſonnenheit wiedergegeben.— Obgleich mit klo⸗ pfendem ein⸗ jedoch äußerlich ruhig, eilte ſie in das Schloß zuruͤck, wo es ihr leicht gelang, den ſchleichenden Verdacht immer mehr zu entwaffnen, und auch bald Gelegenheit zu finden, das Geſpräch — auf ihre Kindhlit und ihre Eltern zu lenken.— Bei jenem Anlaſſe war es ihr zuerſt aufgefallen, daß ſie noch nicht mit einem beſonderen Ge⸗ ſchlechtsnamen genannt wurde,— Es war ihr bei ihrem kindiſchen Leichtſinne noch nie in den Sinn gekommen, daß ſie anders, als die Tante heißen möchte, von der ſie auch nichts weiter wußte, als daß ſie die Schweſter ihres Vormundes, des General Ruppin, ſey,— obgleich eben nicht jung mehr, doch nicht verheirathet— hatte ſie die Bluthe ihrer Jahre als Hofdame bei der Mutter des jetzigen Königes verſchwinden geſehen. Wie es ſich nun gefügt, daß die Tante mit ihr auf dem Lande wohne, da ſie doch ſehr oft des Glanzes und des Anziehenden ihres fruͤheren Lebens mit Sehnſucht erwaͤhnte, kummerte Ulla nur wenig. — Jetzt erſt, da das Maͤdchen in ihren eigenen Augen eine Wichtigkeit gewonnen, an die ſie nie vorher gedacht, machte ſie auf ein Mal der Tante, die fruͤher jede kindiſche Neugier durch irgend ein Spielwerk abgelenkt hatte, die, wiederholt und dringend, dieſe in ſichtbare Verlegen⸗ heit ſetzten. Die Mutter, hieß es, wäre todt, ſo auch der Vater.— Uebrigens meinte die Tante, * — 9— als Ulla ihren Stammnamen niſln wollte, daß ſie noch viel zu jung wäre, um nach ſolchen ernſten Dingen zu fragen, ubenhſtte ſie auf die Zeit. Des Mädchens dreiſte, etwas unüber⸗ legte Behauptung, daß das Schloß ihr gehore, erregte die hoͤchſte Verwunderung bei ihrer Erzie⸗ herin, und veranlaßte eine Menge Gegenfragen, deren Befriedigung jedoch Ulla ſich mit vieler Schlauheit zu entziehen wußte. Indeſſen war die kleine Couſine kaum hergeſtellt, als der Vater ſie abholen ließ. Die Tante, die bei dieſer Ver⸗ anlaſſung einen Brief voll Vorwürfe empfangen, ſah ſie gern ſcheiden, ſchien aber von der Stunde an Ulla noch groͤßere Sorgfalt zuzuwenden, und in ſofern auch größere Strenge, weil ſie nie er⸗ laubte, daß ſich das Mädchen ihrer Nähe entzog. Dies, nicht ein Mal bei Nacht unterbrochene, Bei⸗ ſammenſeyn ſuchte ſie Ulla dadurch angenehm zu machen, daß ſie ihr das Thun und Treiben des Hofes zu verſinnlichen, und ſie für die große Welt zu bilden ſtrebte. Die Hofdame, ſelbſt innerlich leer, mußte ſo ihren ganzen Unterricht auf das Aeußere beſchränken, und Ulla's reicher Geiſt benutzte dieſen ſo wohl, daß ſie ſchlau und einem Netze umſpann, wodurch dieſe ſich ganz in ihrer Gewalt befand, und— den Umſtand ausgenommen, daß es Ulla nie gelang, ſich ihrer Gegenwart zu entziehen— wurde die Tante völlig von ihr beherrſcht. So ſchlichen die Jahre traurig genug dahin. Die volle Blüthe, worin ſich Ulla's Reize mit ſeltenem Glanze entwitkelt, ſchien der tiefſten Einſamkeit verfallen zu ſeyn.— Da tönte plöt⸗ lich eines Tages Hornerklang in der Nähe des Schloſſes, und die Tante, die ſo eben mit der Nichte zu ihrer zweiten Toilette gehen wollte— denn die Hofſitte wurde ſelbſt in dieſer tiefen Einſamkeit nie zur Seite geſetzt— wurde daran von einem Diener gehindert, der in großter Eile hereintrat, und, halb geheimnißvoll, einen Beſuch anmeldete, der ſie ſichtbar in die zung ſetzte. „Ach! Du mein⸗ Got, mein Gott! rief ſie, rings um die Schminke errothend, warf einen ſchnellen, aͤngſtlichen Blick auf Ulla, während ſie ſich breit vor den großen Spiegel hinſtellte. In demſelben Augenblicke rauſchten die Flü⸗ gelthuͤren auf. Ein kleiner, lebendiger, noch juhend⸗ . X — 121—— licher, doch ſehr blaſſer Mann trat in einfacher Jagduniform raſch herein, von zwei noch jüngeren Herren begleitet, die, obgleich weit reicher ange⸗ zogen, ſich doch in ehrerbietiger Ferne hielten.— Er naͤherte ſich der Tante, die in einer tiefen Ver⸗ neigung zuſammenzuſinken drohete, und eine faſt unverſtändliche Begruͤßung hervorſtotterte.— in4 „Ich mußte doch,“ nahm der Fremde das Wort,„da ich hier in der Naͤhe jagte, und eben, um einer Einladung zu folgen, hier vorbei⸗ zuſprengen im Begriff war, die junge Grafin Banner, wenn auch nur auf einen Augenblick, in ihrem Eigenthume beſuchen.“ Er wandte ſich verbindlich gegen Ulla, die unbefangen aber gend den Gruß erwiederte. „Alſo belieben Eure Majeſtät“ fiel die Tante lauter mit hervorbrechender Freude ein; n dieſen gnädigen Ausſpruch—“. „Freilich, freilich!“ verſetzte der König kurz, „die Frucht einer geſetzlichen, obgleich heim⸗ lichen Ehe, darf mit Recht den Namen des Cheherren tragen; und ſo darf ich wohl hoffen,“ — fuhr er, nachdem er Ulla mit einem ſcharfen Blicke lange und wohlgefaͤllig betrachtet hatte— „daß die ſchine Gräfin ſich nicht ſo gaͤnzlich der ihr gewiſſen Bewunderung der Reſidenz entzie⸗ hen wird!“ 2 Che noch Ulla, die bei den Worten der Tante beſtürzt, hold errothend mit niedergeſenktem Blicke vor ihm ſtand, ſich ſo völlig gefaßt hatte, daß ſie mit ihrem furchtloſen Selbſtgefuͤhle auch die glänzenden Vorzuͤge ihres Geiſtes entwickeln konnte, hatte der König ſchon Abſchied genom⸗ menz erſt als ſie die raſch galoppirenden Pferde aus dem Geſichte verloren, fand ſie ſich, wie aus einem Traume erwacht, völlig wieder. Froh überraſcht, als läge auf ein Mal eine weite Ausſicht, in ein geträumtes Zauberland verwirklicht, vor ihrem Blicke, trat ſie mit ſtolzer Haltung vor die Tante.— „So iſt denn“ ſagte ſie,„die ſo oft zuruck⸗ gewieſene Frage, die ich zuletzt aus Unmuth frei⸗ willig zuruͤckhielt, endlich befriedigt m Banner iſt mein Name.“ „Des Koͤnigs Gnade heliebt Dir dieſen Na⸗ men zu verleihen.—“ „Hieß denn mein Vater nicht ſo?—“ — 123—— * „Der Koͤnig nennet ihn ſo;— daher darf ich auch die Gelegenheit ergreifen, liebe Nichte, Dich mit Deinen Verwandten näher bekannt zu machen. Der Graf Banner iſt ein Bruder von der Gemahlin Deines Vormundes— er iſt todt, oder ſo gut als todt,— abweſend, in Verban⸗ nung glaube ich; es iſt eine hoͤchſt fatale Ge⸗ ſchichte!“ „Alſo lebt er doch! mein Vater lebt!—“ 14„Dein Vater— liebes Kind!“ begann die Tante, aber ſtockte ſchon bei dem zweiten Worte, und erröthete aufs Neue, dann fuhr ſie leiſe und furchtſam fort:„ach! es kömmt mir alles zu plotzlich, zu unerwartet— denke nur an des Königs Gnade, die dies Gut Deines erklärten Vaters Dein Eigenthum genannt.— Ich bin nun bei Dir— bisher haben wir es nur ſo aus halber Gnade, des Koͤnigs Willen zufolge, bewohnt.— Es ſtand ſo hin, ob es nach den Geſetzen ihm verfallen wäre oder nicht, jetzt hat er entſchieden! Kind, liebes Kind! er will uns in der Reſidenz ſehen!— Du mein Gott,— was mein Bruder ſagen wird,— ich will ſogleich ihm ſchreiben.“ Fx. 3 uua ſtand in einem Irrgange von Gedanken verwickelt; das Finnweib fiel ihr ein und ihre glänzenden Verheißungen, die nur ſchlecht mit dem verbannten Vater uͤbereinſtimmten. „Liebe Tante!“ rief ſie, dieſe raſch zuruͤck⸗ haltend,„nur eine, eine Frage noch. Sie haben ja ſelbſt— den S 3 ju luf⸗ ten— meine Mutter—“ „Deine Mutter“ erwiederte die Tante feier⸗ lich,„ſollſt Du ſehen, und das ſogleich.“ Sie zog ſie bei der Hand in das Nebencabinet, und vor ein Gemaͤhlde hin, das oft durch die ſanften Züge, durch die unſchuldigen und doch ſo ſchel⸗ miſchen Augen, allein wohl beſonders durch das fremdartige in der Draperie und in der Behand⸗ lung des Colorits, ullas Aufmerkſamkeit mit⸗ unter auf ſich gezogen. Sie hatte dann mehr als ein Mal gefragt, wer dieſe Dame ſey, und immer die Antwort erhalten:„was weiß ich's, Kind! es ſoll ein Titiän ſeyn.“ Einer von ulla's Lehrern* S Antwort 6 erklaͤrt.— „Wie!“ rief ſie froh nttht⸗„das Mutter! alſo kein Titian!“ „Nein, liebes Kind! ich ene den Maler nicht, und war nur froh, ſo los zu werden.“ „Aber jetzt, jetzt— nennen i ihren Ri⸗ men, liebe Tante!“ „Die Graͤſin Banner!“ „Freilich— wenn ich auch ſo heiße.— Ach das iſt gar zu wenig geſagt.— Lebt ſie noch? zu welcher Familie—“ „Um alles Nähere mußt Du den Vormund befragen,“ endete die Tante mit finſterer Ent⸗ ſchloſſenheit das Geſpraͤch.— Mehr Auskunft erhielt Ulla nicht.— Nach vielem Hin⸗ und Herſchreiben, nach vielen Ein⸗ wendungen des Vormundes, gegen welche doch die Tante, bei der die alte Sehnſucht nach der Hauptſtadt mit unwiderſtehlicher Ungeduld er⸗ wacht war, den Willen des Koͤnigs ſiegend an⸗ gefuͤhrt hatte, ward die Reiſe beſchloſſen.— In⸗ deſſen hatte Ulla die Blicke ringsum geworfen, und war auf keinen einzigen Gegenſtand getroffen, von dem ſie irgend eine Aufklärung hätte erwarten können, um ſo mehr quaͤlte ſie ſich im Stillen ein Geheimniß zu ergruͤnden, deſſen Daſeyn die Un⸗ behuͤlflichkeit der Tante r verrathen, und dadurch ihren Glauben an jene geheime Weiſſagung be⸗ ſtärkt hatte; ſo viel hatte ſie jedoch gewonnen, daß die Tante, die jetzt mit einer Art von Unterwer⸗ fung in ihr die Beſitzerin des reichen Gutes ver⸗ ehrte, nicht mehr wagte, ſie ſo ſtreng zu bewachen. — ungeſtört und allein durfte ſie jetzt den Garten beſuchen, den ſie fruher nicht ohne von der Tante begleitet zu ſeyn, betreten hatte. Eines Morgens lockten ihre wachen Träume ſie hinunter.— Als ſie einen ziemlich abgelegenen Berceau hinunterging, trat die Finnfrau ihr plotzlich aus den Gebuͤſchen entgegen.— Ulla fuhr erſchrocken zuruͤck. „Erſchrecke nicht, Goldchen!“ fluͤſterte ſie, den Saum ihres Kleides ergreifend, den ſie de⸗ muͤthig kuͤßte.„Erſchrecke nicht, weil der da oben mein Flehen gehört, und mir endlich ver⸗ gönnt, Dich wieder zu ſehen.— Lange, lange habe ich geharrt.— Kein Sommer iſt vergangen, ſeit ich Dich im Walde traf, daß ich nicht meh⸗ rere Wochen in dieſer Gegend zugebracht habe, nur allein um Dich zu ſehen. Du darfſt nicht ohne die grämliche Frau ausgehen, ſagen die Leute.— — 127 ₰ Wie ein Drache bewacht ſie Dich, die reine, freie Luft, das Gruͤn der Wieſe, und die dunkle Kuͤhle des Waldes, darf mein ſuͤßes Kind nicht ungeſtört genießen— ich haſſe die Frau, die Dich peiniget; mußt Du denn immer noch im Verborgenen leben,— Du, die Du zur Ge⸗ walt und zum Glanze geboren biſt?— Ach! wie biſt Du denn ſo ſchön geworden!“ „Mutter!“ erwiederte Ulla froh,„ich habe mich auch recht nach Euch geſehnt— doch be⸗ mitleidet mich nicht— ich kann nicht uͤber die Jante klagen— aber ſagt: habt Ihr keine Worte fuͤr mich— ich kann meinen Namen, und das Geſchlecht von dem ich abſtamme, Euch jetzt nennen, ſagte mir nur, ob er der rechte iſt?“ „Auf Namen verſtehe ich mich nicht,“ ſagte die Frau kopfſchuttelnd,„und kenne nur meinen eigenen.— Zeichen mußt Du mir lieber ge⸗ ben.— Was trug dein Vater auf dem Kopfe?“ „Einen Hut will ich meinen!“ gab Ulla befremdend und lachend zur Antwort,„ſo wie alle Maͤnner, die keine Mütze tragen.—“ „Dann haben ſie Dir nicht den rechten ge⸗ nannt.— Dein— was mehr iſt als Muͤtze und Put „Wie Kahnt Pe das, Nuttr? ezihtti“ „Nein! nein! Es darf nicht ſo ſeyn— im Geiſte muß ich erſt erkennen, wie ich das, was ich geſehen, in Worte bringen ſoll— aber die Stunde wird kommen— und ich verlaſſe Dich nicht.— Wenn ich weit von Dir entfernt bin, dann bewegen ſich die Worte in mir, es iſt mir, als muͤſſe ich hin, und ſie vor Dir ausgießen.— Bin ich aber in Deiner Naͤhe, da ſinken ſie von den Lippen, ſchwer wie Nebel, in das Herz herunter, und der Sinn kann ſie nicht bezwingen.— Gewähre mir nur eine Bitte, Du kannſt es.— „Und die iſt?“ „Geſtatte mir, hier in dem Walde meine Huͤtte aufzuſ ſchlagen. Die Bauern ringsum ken⸗ nen mich, ich habe ihre Freundſchaft, und ſie er⸗ naͤhren mich gern, aber einen feſten Aufenthalt wagen ſie dennoch nicht mir und meinem Soh⸗ ne zu geſtatten; die alten Geſetze ſind, obgleich nicht mehr beachtet, doch noch nicht gehobenz R — 420— uns bedroht noch das Feuer, den Bauer der Strick.“ „Arme Frau!“ verſetzte Ulla mit dem ſtol⸗ zen Gefühl, zum erſten Male das ihr vom Kö⸗ nig zuerkannte Eigenthumsrecht geltend machen zu konnen.—„Begebet Euch in einer Stunde nach dem Schloſſe.— Begehrt nur dreiſt mich zu ſprechen; dann will ich vor Zeugen Euch die Erlaubniß dazu ertheilen.—“ „Ich komme, Goldchen!“ rief das Weib froh, indem ſie den Finger auf den Mund legte —„aber— in ſofern ich Dir dereinſt dienen ſoll—“ „Ich verſtehe Euch,“ erwiederte das Maͤdchen lächelnd,„wir ſehen uns heute zum erſten Male.“— Vergebens verſuchte Ulla ſpäter, in der kurzen Zeit vor der Abreiſe, durch ſchlaue und wohl⸗ überlegte Fragen der Finnfraud as Geheimniß abzulocken; ſie blieb dabei, daß ſie es noch weder ausſprechen koͤnnte noch duͤrfte, ja, da Ulla ein Mal in ihrer Ungeduld ſich ſogar Drohungen erlaubte, ſah die Alte ſie lächelnd an, und fragte mit einem ſtechenden Blicke: ob ſie denn lieber wünſche, daß ſie ſich entfernen und nie mehr wiederkehren möchte? Indeſſen hatten die geheimnißvollen Worte, die ſie ſchon geäußert, nicht allein der Phantaſie des eitlen Maͤdchens immer glänzendere Bilder vorgegaukelt, ſondern auch ihr Blut in eine un⸗ ruhige Bewegung verſetzt, die Befriedigung der erregten Sehnſucht forderte, und Ulla wandte nun den Angriff gegen die Tante, deren Schwaͤ⸗ chen ſie alle kannte und zu benutzen wußte.— Es gelang ihr auch, die ſelaviſche Furcht derſelben vor dem heftigen und gewaltthaͤtigen Bruder zu beſchwichtigen, indem ſie ihr lockende Ausſichten in die Zukunft zeigte, welche Ulla, als Eigen⸗ thuͤmerin eines adlichen Gutes durch vielerlei Be⸗ guͤnſtigungen leicht verwirklichen konnte, und in dem traulichen Reiſewagen, der ſie beide endlich nach der Reſidenz fuͤhrte, während der frohen Ruͤck⸗ fuhre zu dem jetzt doppelt einladenden Glanze, vermochte die Tante den Verſuchungen der klu⸗ gen, alles berechnenden Nichte weniger, als ſonſt, zu wiederſtehen. Das ſchlaue Maͤdchen kam ihtem ringenden Gewiſſen zu Huͤlfe. „Sie werden doch gewiß nicht Nein ſagen, beſte Tante,“ ſagte ſie plotzlich,„wenn ich Ihnen meinen unter einem andern Namen nenne?“— ſu Die Tante ni und nickte.— „Wohlan denn—* fuhr Ulla mit ſturkem Hetzklöpfen und zitternder Stimme fort,— ſie hatte in der Stille gewagt, den mit ſeltſamer Scheu nur halb deutlich ausgeſprochenen Worten der Finnfrau Deutung und Meinung zu geben, ſo wie ihre Phantaſie leiſe geträumt—„wohlan denn,“ fluͤſterte ſie,„es iſt der König!“— Die Tante erblaßte.—„Nein, nein!“ rief ſie erſchrocken, beinahe ohne Faſſung;„nein, dann würde ich mich wohl nicht ſo lange über Dein dunkeles Schickſal geängſtiget haben. Nein— das Geruͤcht nennt einen andern—“ „Wen denn?“ rief Ulla ſchnell„ich muß es wiſſen, um ihn zu haſſen, zu verachten; nur einem Koͤnige wuͤrde ich vergeben haben, wenn durch ihn ein Flecken an meinem Leben haftete.— Sie ſchweigen! Sie ſchuͤtteln den —— jt konnen Sie ſich nicht mehr mit 9 unwiſſenheit entſchuldigen⸗ Ach— mein Gott, ich verlange ja nur das Geruͤcht zu kennen!“— „Kein Geruͤcht, liebes, theures Kind!“ erwiederte die Tante mit ungewiſſem Tone⸗ „Nein, Gottlob! Geruͤcht kann man es nicht nennen,— nur ins Ohr iſt es leiſe geflüſtert worden— nur mit Blicken und Zeichen iſt darauf ſnſeuſit—1 „Nun, nun, um Gotteswillen heraus bamitl fuhr Ulla mehr gebietend als flehend fort.— „Von Mehreren von denen, die ſich um dieſe Sache bekuͤmmert haben, die Gottlob! jetzt ver⸗ geſſen iſt, wurde mein Bruder, der General Ruppin, als der Freund Deiner Wuic und als Vater—“ „Wer iſt meine Mutter?“— rief Ulla ſchmerzlich.„Jetzt, Tante, iſt jede Zuruͤckhal⸗ tung grauſam und gottlos.—“ Die Tante berichtete nun, daß Ulla's Mutter eine geborne Italienerin, aus der gräflichen Fa⸗ milie Altocini, die Wittwe eines fremden Ge⸗ ſandten, die Krone der Schönheit und die Be⸗ wunderung Aller geweſen.— Von Anbetern um⸗ geben, ſchien ſie keinen zu begünſtigen, obgleich — 163— der Hof und die Stadt in dem Grafen Banner den beglückten Liebhaber ſchen wollten.— Plotz⸗ lich wurde der Graf Banner, ins Geheim, wie⸗ wohl mit der Zuſtimmung des Reichsrathes, des Landes verwieſen. Die Wittwe verſchwand. Dunkle Geruͤchte liefen in der Stadt, daß er den Koͤnig, den Vater des gegenwärtigen Re⸗ genten, auf der Jagd aus Eiferſucht hätte ermor⸗ den wollen. Seine Güͤter wurden mit Seque⸗ ſtration belegt, und mehrere Geruͤchte begannen ſich zu erheben, die doch alle bei dem plötzlich eingetretenen Tode des Monarchen verſtummten, um ſo mehr, als es ſich entdeckte, daß ein heim⸗ liches Ehebündniß zwiſchen dem verbannten Gra⸗ fen und der Wittwe ſtattgefunden, ja ſogar eine Frucht dieſer heimlichen Che am Leben war,— der nun das ſequeſtrirte Gut der Wittwe als Aufenthalt, und der Schwager des Verbannten als Vormund, angewieſen wurde; doch hat der Konig, vielleicht empört über das ſchleichende Gerücht, oder vielmehr die geheimen Angaben, die den General Ruppin eines unerlaubten Ver⸗ hältniſſes mit jener Wittwe beſchuldigten— weßwegen auch ſeine übermüthige Gemahlin ſich — 134— von ihm getrennt— der offentlichen Anerkennung dieſes Kindes ſich immer widerſetzt, bis“ nun ſchloß ſie ihren Bericht,„ſein ehrenvoller Beſuch Dich der Welt, und dem Platz in derſelben, wozu Du geboren, wiedergiebt.“— Die Tante ſchwieg mit niedergeſchlagenen Augen, die, wie es ſchien, aͤngſtlich ſtrebten, den durchdringenden Blicken der Nichte zu entgehen. Hatte auch dieſe mit tiefem Schauder ihr nahes Verhaͤltniß zu dem duͤſteren Vormunde ver⸗ nommen, ſo entging demungeachtet kein Wort, keine Bewegung der unſicher redenden Tante ihrer Aufmerkſamkeit— „Aus Eiferſucht?“ wiederholte ſie, waͤhrend das Blut, das bei dem Namen des Generals ihre Wangen verlaſſen, dieſe noch dunkler, als fruͤher, färbte,„aus Eiferſucht ſollte et den Koͤnig haben ermorden wollen, und Sie ſind bleich geworden, als ich dieſen als Vater nannte.— Ich ſehe es wohl,“ fuͤgte ſie ſtolz hinzu,„ich habe nur den Sohn mit dem Vater verwechſelt.“ „Um Gotteswillen!“ rief die Tante ängſtlich, „woher weißt Du, was Niemand ahnet, was der Bruder mir in einem unbewachten Augenblicke — einſt als eine ferne Möglichkeit zu verſtehen gege⸗ ben, daß jene Wittwe nicht dem Grafen, ſondern dem Koͤnige ſelbſt an der linken Hand angetrauet geweſen iſt, und ich ſelbſt nur aus dunklen Ver⸗ muthungen herausgefunden zu haben glaubte.— Doch weiß ich, und das nicht von dem Bruder, daß die Maaßregeln, die der König, ſowohl in Be⸗ zug auf ihn, als auf Dich befolget hat, von einem Briefe herrühren ſollen, den er in dem Nachlaſſe ſeines Vaters gefunden.— Der General wird ſeit der Zeit nicht mehr vor den Koͤnig gelaſſen, der ſich mit dieſer Ungnade begnügt, um nicht dem, was ſchon vergeſſen, ein aͤrgerliches Leben einzuhauchen.— Der Anfang aber zu Deinem Gluͤcke iſt ſchon leiſe, leiſe geſchehen; ich weiß, daß mehrere Guͤter, die dem Staate von Perſo⸗ nen, die in jene Sache verwickelt waren, heimge⸗ fallen, noch nicht eingezogen ſind, und wer weiß, ob ſie nicht beſtimmt ſind, Dir dereinſt ein Her⸗ zogthum zu bilden; aber wie iſt Dir ſolche Ver⸗ muthung gekommen?“ „Aus einem Traume;“ gab ulla ſchnell be⸗ ſonnen zur Antwort;„ich träͤumte, daß ich, tief im Walde, vom Schlafe aufwachte; da ſtand eine alte Wahrſagerin vor mir, faſt eben ſo ge⸗ kleidet wie die Finnfrau, die mit meiner Erlaub⸗ niß in dem Tannengehölze hauſet; ſie ſtarrte den verlornen Metallring an, den ich im Traume noch um den Arm hatte,— gieb mir Deinen Ring, flehete ſie, ich will Dir einen goldnen dafüͤr geben; — ich reichte ihr ihn lächelnd hin. Sie ergriff ihn heftig, zerrte und zog ihn auseinander, daß er ſich erweiterte, und endlich zu einem breiten, großen Reife, faſt wie eine Krone, wurde; dann küßte ſie ihn, und ſetzte ihn mir leicht auf das Haupt. — In demſelben Augenblicke erwachte ich, aber es iſt mir, als fuͤhle ich noch meine Locken ſanft gedruͤckt.“ Die Tante ſah ſie ſchweigend und bedenklich an:„Dein Ring iſt ja längſt verloren,“ ſagte ſie endlich kopfſchuttelnd;„laß Dich von dergleichen thörichten Vermuthungen nicht täuſchen, es iſt vielleicht alles Traum; nur ein Weſen giebt's, das hell in dieſe dunkele Verwirrung hineinblickt, daher—“ „Wer?“ fragte Ulla mit gepreßter Stimme, zwiſchen Furcht und ſtolzer Hoffnung getheilt. „Wer anders als Deine Mutter!“— — 137— „Wie! ſie iſt nicht todt, ſie iſt noch am Leben?“— Die Tante, die eigentlich erſt mit dieſem Worte ausgeſprochen hatte, was ſie aus Furcht vor dem Bruder nie hatte verrathen wollen, ver⸗ ſtummte errothend; allein es war zu ſpaͤt, und ulla's ſchmeichelnden Verſprechungen, die ſich ſogar des Wortes; furſtlicher Dank, bediente, bezwang alle weiteren Bedenklichkeiten, und ſo theilte ſie ulla mit, daß ihre Mutter ſich halb freiwillig, halb gezwungen, als Nonne in dem Frauenklo⸗ . ſter auf Vimminale in Rom befand. Die Tante ſelbſt würde, ſo wie die ganze Welt, ſeit ihrem Verſchwinden nichts von ihr erfahren haben, wenn ſie nicht dem General zu dem Fortſchaffen der Gräſin haͤtte behuͤlflich ſeyn muͤſſen, und ſpäter war es ihrer Neugierde und ihrem Hange zur Intrigue gelungen, die Wachſamkeit des Ge⸗ nerals zu täuſchen, und den Aufenthaltsort der armen Frau zu entdecken, wovon er doch keine Ahnung hatte. So in das Dunkel ihres unerfreulichen Ge⸗ ſchicks hineinſtarrend, nur vom trügeriſchen Irt⸗ — lichts ſcheine unheimlich durchblitzt, kam Ulla in der Reſidenz an. Für einen Geiſt, der ſeine Umgebung weit uͤberſehend, ſich auf einer geachteten Stufe in der Geſellſchaft erblickt, und ſich zu Anſprüͤchen auf eine noch hoͤhere berechtigt glaubt, giebt es keine mehr guälende Empſindung, als wenn ein un⸗ verſchuldeter Flecken, ſchwer wie Blei, ihm die muthigen Fluͤgel lahmt, und nur zu leicht ver⸗ gißt er, ein Mal an der aͤußeren Ehre verletzt, was die innere gebietet, um nicht ruͤckſichtslos, durch ſich ſelbſt und ſeine Gewalt, ſich auf die Stelle hinaufzuſchwingen, wozu er ſich geboren glaubt.— Paßt auch dieſe Bemerkung nicht ganz auf Ulla, zweifeln wir doch gar nicht daran, daß ihr Charakter und auch ihr Schickſal— als die anerkannte Tochter allgemein geachteter El⸗ tern— in ſtillem Bewußtſeyn von dem, was ſie ihrem Andenken ſchuldig ſey, eine ganz andere Richtung genommen haben wuͤrde, als nun, da ſie ſchauderte zurückzublicken, und mit dem Glanze ihrer Zukunft die Dunkelheit der Vergangenheit zu uͤberglaͤnzen trachtete.— Es war ihr, als ſie die vertrauten Mittheilungen der Tante genauer — 439— prüfte, als würden die Anſpielungen des Finn⸗ weibes eben ſo klar vor ihrem Verſtande, als ihre Phantaſie ſie längſt durchſchauet hatte; ſie zweifelte faſt gar nicht mehr, daß ſie die Toch⸗ ter eines Königs ſey, ja es that ihrer ſtolzen Seele Noth, zu dieſer Urberzeugung ſich zu retten, um nicht der Vorſtellung zu unterliegen, die in der Schande geborne Tochter eines Mannes zu ſeyn, für den ſie immer Abſcheu gefühlt, und der ſowohl die Gnade des Königs, als die Achtung der Geſellſchaft verwirkt hatte. Obgleich alle zarteren Empfindungen des Herzens in der Eitel⸗ keit, in der Begierde bewundert zu werden, in der ſußen Befriedigung ſich geſchmeichelt zu ſehen, faſt gaͤnzlich untergegangen waren, obgleich ſie in allen den Zirkeln, worin ſie in der Hauptſtadt als Gräſin Banner aufgetreten, ihrer Eitelkeit noch feiner als je geſchmeichelt fuhlte, prallten doch alle die ſanften Pfeile, denen ſie als Kind ihre lobtrunkene Bruſt dargeſtellt, gegen den Har⸗ niſch ihres neuerregten Stolzes ab.— Ihr Zweck, alle ihre Gedanken gingen nur darauf hin, Ge⸗ wißheit uͤber ihre Herkunft zu erlangen. Ihre ernſten Blicke ließen keinen Umſtand unbeachtet⸗ — In ihrem eigenen Hauſe, wiewohl es nach dem Willen des Vormundes, das der Tante hieß, war ſie, als minderjährig und als Frau, noch immer von dem Oheim abhaͤngig; ſeine Un⸗ gnade mußte auch zu einem aͤrgerlichen Vorwande dienen, warum ſie nicht bei Hofe vorgeſtellt wurde, obgleich die Tante wiſſen wollte, daß ihr Bruder in dieſer Ruͤckſicht nur nach dem Willen des Koͤnigs ſich ſolches Vorwandes bediente, obgleich dieſer zu derſelben Zeit Ulla mehrere Be⸗ weiſe ſeines Wohlwollens gegeben.— Eine Unterredung mit dem Vormunde, wozu ſie ſich zwang, und in der ſie jedes Wort genau abwaͤ⸗ gen mußte, um die Tante nicht zu verrathen, üͤberzeugte ſie, daß ſie von ihm nie die Wahr⸗ heit erfahren wuͤrde. Da machte ſie der Zufall mit jenem fran⸗ zoſiſchen Miniſter bekannt, in deſſen Hauſe ſie dem Leſer zuerſt erſchienen iſt. Sie erfuhr, daß er eine Reiſe nach Italien vorhatte, da draͤngte ſich auf ein Mal der Gedanke, ihre Mutter ſelbſt zu ſehen und zu ſprechen, lebendig und unaus⸗ loſchlich vor ihre Seele. Es ward ihr leicht, die Freundſchaft der Tochter an ſich zu ziehen, und — 141— es dahin zu bringen, daß dieſe nur in ihrer Ge⸗ ſellſchaft die bevorſtehende Reiſe wuͤnſchenswerth fändez indeſſen mußte Ulla befuͤrchten, daß der Oheim alles aufbieten wuͤrde, um ihre Theil⸗ nahme daran zu verhindern.— Jedoch gelang es ihr durch den Miniſter ſelbſt, den Koͤnig mit ihrem gegenſeitigen Wunſche bekannt zu machen, und willfähig, wie er ſich immer bewieſen, ließ er dem General zu verſtehen geben, daß er hoffe, der Vormund würde, als eine Entſchaͤdi⸗ gung für die einſam verlebte Jugend der Mün⸗ del, ſich dieſem Mittel, ihre Bildung unter dem ſicheren Schutze einer ſo geehrten Familie zu voll⸗ enden, nicht widerſetzen.— Dem erſtaunten Generale, in ſeiner halb cyni⸗ ſchen, halb gezwungenen Eingezogenheit, ſtand keine Entſchuldigung zu Gebote; er mußte mit guter Art gewaͤhren, was er ſchwerlich mit Zwang haͤtte hindern können; aber mißtrauiſch, wie er war, nahm er Ulla, obgleich mit ſuͤßen Worten, doch in ſcharfem Verhore, in ſeinem eigenen Hauſe vor, das ſie, während ihres Aufenthaltes in der Reſidenz, ſeltener, als geziemend, beſuchte⸗ — Die ſichtbare Abneigung der nun auch er⸗ „ — 42— wachſenen Couſine reichte ihr einen ſchicklichen Vorwand, um wegzubleiben.— Die Tante mußte ſich rauhere Ausdrücke gefallen laſſen. An Ulla, die ſeine halbdunkeln Fragen hinlaͤnglich erwiederte, fand er ſeinen Verdacht nicht beſtä⸗ tiget; aus der Tante brachte er nicht viel mehr heraus, obgleich ſie ſich, ſo wie immer, in ihren Gegenreden verwickelte, doch war ihre gewöhnliche Demuth diesmal in einen kalten Trotz über⸗ gegangen, der den Vetwacht mehr als — Er machte daher zur Bcinzuh tuß ſein alter treuer Bedienter, Chriſtian, Ulla begleiten ſolle, damit er als Vormund verſichert ſeyn konne, daß ihr, was auch eintreffen möchte, ein treuer Beiſtand bliebe, und ſie mußte ihm verſprechen, nie ohne Chriſtian's Rath etwas Beſonderes vorzu⸗ nehmen, und uͤberall ſich von dieſem begleiten zu laſſen. Dieſe Bedingung legte er dem Mi⸗ niſter an das Herz. So wurde dieſe höchſt intereſſante Reiſe unter⸗ nommen, die in der That einen entſchiedenen, vollendenden Einfluß auf die aͤußere Bildung des reizenden Mädchens hatte. Der Eigenſinn und die Rachlaͤſſigkeit des Kindes waren der Ruhmſucht und dem Geſchick der Jungfrau gewichen. Abſicht⸗ lich ließ ſie ſich an mehreren Orten kleine Unvotſich⸗ tigkeiten zu Schulden kommen, um Chriſtian's Treue zu prüfen.— Der ſchlaue Alte war aber ihrer Schlauheit nicht gewachſen. Viel zu früh zeigte et ſich ſo rauh und unbeſtechlich, daß ſie in Rom nur auf die früher erzählte Art ihren Zweck errei⸗ chen zu koͤnnen meinte.— Alles, was ſich dort begeben, iſt ſchon mitgetheilt, nur nicht ihre wahren Geſinnungen in Bezug auf Axel. Sie liebte ihn nicht, aber ſie ſah ihn mit Wohlgefallen. Wäre ihr Herz in dieſen Stunden der Angſt und des Kampfes, des Unmuths und der Selbſtbe⸗ herrſchung, zarteren Empſindungen zugaͤnglich, waͤre die tiefſchlummernde Gluth deſſelben von der harten Rinde des Stolzes und der thoͤrichten Hoſſ⸗ nungen nicht umgeben geweſen, muͤßte ſeine auf⸗ opfernde, alles hingebende Treue es tief bewegt haben. Ja! wir duͤrfen ſogar vermuthen, daß es in dem Augenblicke ſeines redlichen Geſtänd⸗ niſſes im Begriff geweſen waͤre, ſich ſeiner ſchönen Gluth zu eröffnen, haͤtten nicht ihre Blicke wäh⸗ rend der Zeit unverwandt an den kleinen goldenen 6 Rahmen und deſſen, ihren Träumen entſprechen⸗ den, Kronenſchmuck geruhet.— Sie wieß Axel ſanft zuruͤck; aber es ſchmeichelte ihrem Stolze und erfreuete vielleicht auch ein beſſeres Gefuͤhl in ihr, ſich ſeine Freundſchaft zu bewahren; dennoch gab ſie ihm keine beſonderen Zeichen ihrer Gunſt. — Ihr Auge war wie ein Magnet, der ſtark und gierig alle Gefühle an ſich zog, aber ſie in keinem Verhältniſſe wieder abſtieß. Sie ſuchte nur ſich ſelbſt von dem Gefeſſelten abzulöſen, aber ihn ließ ſie in ſeinen Banden. Von dem Unbekannten, der Chriſtian ermor⸗ det hatte, erfuhr ſie nur, was Baron Helmwang— der immer tiefer in dies Räthſel hinein zu blicken glaubte, und bei Axels Abreiſe in der Rolle eines Palbvertrauten Ulla näher trat,— von der Sache hielt, naͤmlich: daß Chriſtian, durch haͤu⸗ ſige Beſuche in einem Kloſter, unwiſſend eine ge⸗ heime Intrigue entweder geſtört, oder ſich den Verdacht der darin Verwickelten zugezogen, und ſo das Opfer ſeines blinden Eifers geworden ſey.— Die Nachrichten, welche der Miniſter dem General von dem Benehmen des Dieners und ſeiner darauf folgenden Ermordung zugeſchickt, ob⸗ gleich mit vorerwaͤhnter Meinung übereinſtimmend, waren raͤthſelhaft und unvollſtändig genug, um Jenen in quaͤlende Unruhe zu ſetzen; um ſo mehr, da er Niemand darum befragen konnte, am aller⸗ wenigſten Ulla, oder den Miniſter ſelbſt. Der An⸗ theil des Sohnes daran war ihm vollig unbe⸗ kannt geblieben. Doch glaubte er Ulla bei ihrer Ruckkehr zeigen zu muͤſſen, daß er ſie durchſchaue. — Er machte ihr daher, als ſie zu der Tante zuruͤckgekehrt, gar keinen Beſuch, und ließ bloß durch dieſe in Erwartung ihres Benehmens ihr ſagen) daß ihre Reiſe ſie volljährig gemacht habe. Ulla aber kehrte ſehr ſpät zuruͤck,— weit ſpa⸗ ter als es ihre Abſicht und die der Familie, welche ſie begleitete, geweſen. Sie verſtand die Kunſt ihre Umgebung, ohne daß dieſe es ahnete, zu behexrſchen, und ſo wie ſie die Freundin, be⸗ ſtimmte dieſe ihren Vater. Ulla füͤhlte eine nicht zu verſcheuchende Abneigung in ihrer Seele, wenn ſie der Ruͤckkehr in's Vaterland gedachte, das ſie mit ſo ſtolzen Hoffnungen verlaſſen— zwar lebten dieſe, ob auch nicht ſo vorſchnell, doch thätig genug in ihrem Innern fort— ſie ſehnte ſich wohl, die unbekannten Zuͤge des empfangenen Portraits I. 10 3 mit dem noch nie geſehenen Bilde des verſtorbe⸗ nen Königs vergleichen zu koͤnnen, aber wenn ſie den Blick in ihre Heimath ſandte, war es eihr doch, als ruhete eine dunkle Wolke daruͤber, die nicht allein ihren Geburtsort, den ſie nicht kannte, mit ſchwarzem Dunkel bedeckte, ſondern auch die Zukunft in Gewitternacht verhuͤllte. Sie fuͤrchtete zwar keine Gewaltthat von dem Vormunde mehr, ſeit die Gunſt des Koͤnigs ihr in der Stille zur Seite ſtund, aber der Gedanke an jenen fullte doch ihre Seele mit geheimem Grauen. In der Fremde dagegen fuhlte ſie ſich ſo glucklich, ſo frei, ſo allen druͤckenden Verhält⸗ niſſen entbunden, und ſo gelang es ihr auch, dies frohe Wohlbeſinden zu verlaͤngern, indem die Fa⸗ milie durch die Schweiz und über Frankreich, wo ſie Verwandte hatte, ſich ſehr langſam zu⸗ ruͤckbewegte. Auf dieſe Art kehrte ſie erſt in dem dritten Jahre nach ihrer Abreiſe zuruͤck. Ulla wurde bald ein Gegenſtand der allge⸗ meinen Anbetung des maͤnnlichen Theils der Re⸗ ſidenz. War es nun aus Furcht, daß ſeine tiefliegenden Pläne mißlingen möchten, oder aus unbekannten Gruͤnden, genug, die Gruͤfin mit — 147— ihrer Tante brachten den ganzen Winter zwar in den erſten Zirkeln zu, doch ohne daß der Kö⸗ nig Miene machte, beide bei Hofe einfuhren zu laſſen, während die Schönheit und der Geiſt des reizenden Mädchens, und der alte geehrte Näme, den ſie, vom Könige ſelbſt anerkannt, rechtmäßig trug, ihr ſonſt uͤberall eine ehrenvolle Aufnahme verſchaffte.— Aber obgleich Ulla noch keinen Juͤngling angetroffen, den ſie wuͤrdig erkannte ihr Herz zu beſitzen, fiel es ihr, die nun ſchon lange in voller Bluthe ſtand, doch zuletzt auf, daß trotz aller der Huldigungen, die ihr zu Theil wurden, noch Riemand ſich ernſtlich um ihre Hand bemuͤhet hatte. Jedoch berührten keine moͤg⸗ licher Weiſe im Dunkeln ſchleichenden Geruchte aus der Vergangenheit ihr Ohr; um ſo mehr ärgerte ſie ſich heimlich über dieſe ſcheinbare Ver⸗ nachlaͤſſigung des Königs, der nun obendtein, als ſie beide, Tante und Richte, mit dem Ende des Winters ſich dazu anſchickten, ihr Gut wieder zu beſuchen, der Graͤſin auf eine fein eArt be⸗ deuten ließ, wie er wuͤnſche, daß ſie ſich dort aufhalten moͤchte, bis er, wie er hoffte bald, ihr einen jungen Mann vorſtellen könnte, der 10* — 148— ihrer Wahl und n Liebe nicht unwürdig ſeyn wuͤrde. Einen bedeutenderen Grund guutit Ulla in dem Umſtande zu entdecken, daß— wie ſie zu ihrer großten Kränkung ganz im Geheimen er⸗ fahren— der Graf Banner von Amerika, wie es hieß, waͤhrend ihrer Abweſenheit zurückgekehret ſey, unter einem fremden Nanren ſich in der Re⸗ ſidenz, ohne jemanden von ſeinen Verwandten zu ſehen, aufgehalten, und eine geheime Unter⸗ redung mit dem Konige gehabt habe; ſich von dieſem mit der größten Zufriedenheit von beiden Seiten getrennt, das Anerbieten des Königs— wie man ſich in die Ohren ftüſterte— ſeine fruhere Lage ganz wieder herzuſtellen, ausgeſchla⸗ gen und zugleich das der ſchonen Grafin Ulla ein Mal abgetretene Gut, derſelben ruhig üͤber⸗ laſſen, jedoch ohne ſie ſehen oder oͤffentlich als Tochter anerkennen zu wollen; warum er auch gleich nachher nach dem ihm und ſeiner Schwe⸗ ſter von den Eltern zugefallenen Gute Wörkna ſich begeben, woſelbſt eine mit ihm angekommene, zweite Frau mit ihm erſchienen ſey, und wohin — 149— er die Tochter ſeiner zu derſelben Zeit verſtorbe⸗ nen Schweſter zu ſich berufen. In der That ſchien Ulla dieſe Kraͤnkung ſehr tief zu fühlen, obgleich die wahrſcheinliche Ur⸗ ſache derſelben ihr theuer war, um ſo mehr, da die ganze Verhandlung zwiſchen dem Konige und dem zuruͤckgekehrten Grafen auf das ihr ſo wich⸗ tige Geheimniß zu deuten ſchien.— Die Beſtimmung des Königs ſiel Ulla eben nicht unangenehm auf. Es ſchien ihr, als liege in dieſer Sorgfalt für ihre Zukunft eine ſtille Anerkennung ſolcher Rechte, die er ihr nicht offentlich zugeſtehen dürfte. Sie ſchmeichelte ſich mit dem Gedanken, daß er dieſen Zeitpunkt be⸗ ſchleunigen würde, um Anlaß zu haben, ihr unter anderen Verhaͤltniſſen, und unter einem Namen, der nicht an die Vergangenheit erinnerte, eine wuͤrdige Stelle in ſeiner Naͤhe anzuweiſen. — Aber wer konnte der Beglückte wohl ſeyn? Sie muſterte in ihrer Seele den ganzen jungen Adel der Reſidenz, keiner kam ihr wuͤrdig genug vor, die Tochter eines Konigs zu heirathen.— Doch konnte ſie mitunter einen baͤnglichen Zwei⸗ fel noch nicht unterdrücken, den, ob nicht wirklich — 150— der verruchte Vormund ihr Vater ſey? warum ſollte er ſie ſonſt auch gehindert haben mit der Mutter zu ſprechen? war etwa die Gunſt des Königs nur tiefes Mitleid mit dem ihr noch dunkeln, aber gewiß traurigem Schickſale derſelben, und mit ihrer eigenen verlaſſenen Lage in der Gewalt des Generals?“„Wenn es ſo wäre,“ ſeufzte ſie ſtill bei ſich,„dann wäre die Gute des Koͤnigs von unſchaͤtzbarem Werthe, aber wenn ich wirklich ſeine Schweſter bin, würde die Ver⸗ ſchenkung meiner Hand an einen Unterthan nur eine Beſchränkung meiner Rechte ſeyn.—“ Sie muſterte noch ein Mal die Reihe der moͤglichen Bewerber. Da ſiel ihr plotzlich Guſtav Silfverkron ein. Sie hatte ihn zwar nicht ge⸗ ſehen, aber das Gerücht nannte ihn als den ſchönſten, gewandteſten, reichbegabteſten Juͤngling des Vaterlandes,— freilich an Gluͤcksguͤtern ziemlich beſchraͤnkt, weil die Meiſten der Be⸗ ſitzungen ſeiner Vorfahren, durch ein Vergehen ſeines Vaters gegen den Staat, der Krone heim⸗ gefallen waren. Doch auch dieſe Sachen ſtanden noch unentſchieden hin, und er ſelbſt wurde als der erklaͤrte Guͤnſtling des Koͤnigs angeſehen.— Wie dem auch ſey, ſie fuͤhlte die Nothwen⸗ digkeit, noch ehe ein Antrag an ſie erging, den Bereich ihrer Anſpruche genau zu erkennen, um jenen recht zu wuͤrdigen.— Da kam ſie ein Mal auf den Einfall, einen Beſuch i Workna abzuſtatten.— Zwar zitterte ſie. dem Gedanken, einem Manne unter die Augen zu treten, deſſen Namen ſie trug, und der ſie dennoch nicht als Tochter anerkennen wollte, aber ſie empfand zugleich, daß ſie in dieſer Ruͤckſicht keine Schuld drücke, und ſie beſaß Muth oder vielmehr Kuͤhnheit genug, ſich unverzagt in jede Lage zu begeben, aus der ihr Vortheil erwachſen konnte. Gewohnt zu ſiegen, zweifelte ſie nicht, durch Ueberraſchung die Theilnahme eines Man⸗ nes zu gewinnen, der nicht ihr perſonlicher Feind, nur Feind der Verhältniſſe ſey, die ihr das Da⸗ ſeyn gegeben. Wenigſtens ſchmeichelte ſie ſich, ſein Vertrauen zu erwerben, und dadurch zu der Gewißheit zu gelangen, die ihre ferneren Schritte beſtimmen ſollte. Sie reiſte ſogleich, noch früher als die uͤbrigen Familien die Stadt verließen, mit der Tante ab, in der Hoffnung, auf dieſe Weiſe einen doch mog⸗ — 152— lich mißlingenden Verſuch leichter verbergen zu koͤnnen, um, ſo hieß es, eine Verwandte der Tante zu beſuchen, die ſeit langer Zeit vergeſſen, dieſe plotzliche Aufmerkſamkeit nur dem Zufalle zu verdanken hatte, daß ihr Landſitz nicht ſehr weit von Wörkna belegen war.— In der Naͤhe dieſes Guts uͤberkam die Tante in einer Ausſpannung ein erdichtetes Uebelbefinden, das ſie auszuruhen zwang, waͤhrend Ulla mit dem Wagen nach Wörkna eilte.— Von der Art ihrer Aufnahme ſollte es athängin öh die Tante ſpaͤter abgeholt werden, oder ſie ſelbſt mit dem Wagen zuruͤckkehren wurde. Sie ward dort zwar hoͤflich, aber kalt von der Couſine aufgenommen, aus der jedoch, von alle dem, was Ulla gern hätte wiſſen mogen, nichts herauszulocken war, und die es auch mit einer leichten Krankheit ihrer Hausgenoſſin ent⸗ ſchuldigte, daß ſie den Anſpruͤchen der Verwand⸗ ten auf eine gaſtliche Aufnahme nicht, ſo wie ſie unter andern Umſtänden gern gewüͤnſcht, entge⸗ genkommen duͤrfe.— Der Graf wurde mit keiner Silbe genannt. Ulla mußte, um ihren Verdruß zu verbergen, Zuflucht zur Verſtellung nehmen, — 153— und mit geheuchelter Theilnahme an geringfuͤgigen Dingen ihre Unruhe und geſcheiterte Hoffnung bedecken.— Auf dieſe Weiſe ſchmeichelte ſie mit uͤbertriebenen Liebkoſungen der Couſine ein junges Hundchen ab. Dieſe, ohne die Verhaͤltniſſe zu ahnen, und die ſonderbäre Abneigung der Ver⸗ wandten: Ulla zu ſehen, und beider dringende Bit⸗ ten, ſie kalt aufzunehmen, nur Theilnahme an ſich beimeſſend(weil die Verwandten wußten, daß ſie Ulla nicht liebe), war froh, ſo wohlfeil los⸗ zukommen. Faſt ohne zu wiſſen wie, befand Ulla ſich bald aufs Neue auf dem Wege zur Tante, mit verbiſſe⸗ nem Aerger im Herzen, Thränen des Unmuths in den Augen und das verwuͤnſchte Huͤndchen zu ihren Füßen.— um der großen Welt dieſen mißlungenen Schritt zu verbergen, mußten Tante und Nichte ihren Beſuch bei der alten Verwandten uͤber die Seit verlaͤngern, die ſie erſt beſtimmt hatten, und ſo geſchah es, daß ſie erſt mitten im S ihren Landſitz bezogen. Bei dem Eintritte in die Mauern, die ſo viele unerfteuliche Bilder aus ihrer verzärtelten Kindheit vor Ulas Sinn auffriſchten, ſtellte ſich auch das jenes Finnweibes, das einſt mit ihrer Zuſtimmung ihre Huͤtte unfern des Schoſes, zwiſchen dieſem und dem See, aufgerichtet. Dies Andenken, das der friſche Reiz der lebendigen, heiteren Welt in ihrer Seele laͤngſt erbleicht, trat hier in der alten Umgebung wieder mit der fruͤheren Staͤrke vor ihre Seele— während die alte Dienerſchaft des Schloſſes frohlockend ihre junge Herrſchaft begrüßte. Die lange Abweſenheit derſelben hatte jede Unzufriedenheit, die ihre Launen und das hochfah⸗ rende Weſen damals erregt, ausgeglichen, und die anmuthige Wuͤrde, womit ſie unter ihnen auftrat, fullten die treuen bewegten Herzen mit neuen Hoff⸗ nungen und geſprächigem Vertrauen.— In der Mitte dieſer Leute, bei denen nicht allein der Glaube, ſondern auch der Aberglaube des Landes weit ſtäͤrker, als in den hoͤheren Ständen hervor⸗ tritt, hoͤrte Ulla bald, ohne daß ſie ein Mal zu fragen brauchte, von der Klugheit und der Froͤm⸗ migkeit der alten Guri, die als der allgemeine Arzt der Umgegend vcht wurde, und nicht allein alle Krankheiten mit Kräutern und Salben zu heilen, ſondern auch ſolche, die durch Ein⸗ e —— — 155— wirkung boſer Geiſter hervorgebracht wären, durch Beſchwörungen und Gebete zu vertreiben wußte, und die Leute des Schloſſes dankten der Herrin für die Wohlthat, die ſie dadurch der ganzen Gegend erzeigt, daß ſie dem klugen Weibe einen feſten Aufenthalt unter ihnen geſtattet.— Zwar horte Ulla dieſen Bericht mit einem vornehmen, zweifelhaften Lächeln, dennoch ver⸗ fehlte er nicht, Eindruck auf ihr Gemüth zu machen. Alle dieſe Umſtaͤnde waren ihr neu, ſe hatte früher nur geglaubt, daß dieſe Frau ſie bloß wiedergekannt, daß ſie etwas, ihre Geburt be⸗ treffend, wiſſen muͤſſe, allein obgleich ſie viel von der Wahrſagungsgabe dieſes Voölkchens ge⸗ hört, war es ihr doch nicht eingefallen, daß bei dieſem Weibe mehr als ein natuͤrliches, auf Er⸗ fahrung gegruͤndetes Wiſſen zu finden ſey.— Nun erſt traten die geheimnißvollen Worte der Alten— ſo wurde ſie genannt, obgleich ſie noch nicht die Funfzig erreicht hatte, aber das Ausſehen dieſes Volksſammes altert fruh— mit tieferer Bedeutung vor ihren Blick. Ein lichter Schauder durchrieſelte ihr Inneres. — 156— In dieſem Augenblicke waren alle Grund⸗ ſätze ihrer errungenen Ausbildung, ja ſelbſt die Anſichten, die als einheimiſch in dem juͤngeren Hof⸗ und Weltleben ſie ſich anguihnt⸗ und nach welchen ſie Alles, was ihre Sinne nicht begriffen, als Aberglauben verwarf, vergeſſen. — Es iſt eine alte, aber ſich täglich wiederho⸗ lende Erfahrung, daß dicjenigen, beſonders unter den höheren Staͤnden, welche ihre, mit fluͤchti⸗ gem Leichtſinne angelernten Glaubensſaͤtze aus keinem andern Grunde, als weil ſie ſie nicht begreifen koͤnnen, verwerfen, ohne jedoch ſich zu befleißigen, die Kenntniſſe zu erwerben, die nöthig ſind, um das Urtheit des ſonſt nuͤchternen Ver⸗ ſtandes geltend zu machen, zwar aus folgerechter Confeguenz auch jede Einwirkung einer Geiſter⸗ welt in die irdiſche läugnen, aber doch in ihrem Innern, zwiſchen Andacht und Furcht getheilt, dem Aberglauben eben ſo ſehr huldigen und auf ſich einwirken laſſen, als ſie laut und öffent⸗ lich den Glauben berſer— So ging es auch Ulla.— Doch, ſey es nun aus geheimer Scheu vor dem, was ſie zu hören furchtete und doch gern — hätte wiſſen mogen, oder ſey es aus Furcht, ſich durch eine zufaͤllige Entdeckung dem Geſpötte Preis zu geben— ſie vermied gefliſſentlich die Aue alein zu ſehen und zu ſprechen⸗ Walch bis in die Geßndelltte ſc, igne und noch ganz unbefangen hin und wieder das Schloß beſuchte.— Das Finnweib, nach der Art ſolcher Leute, wollte indeſſen auch geſucht ſeyn. So ging eine geraume Zeit hin, wahrend der Ulla ſich begnügte, im Porbeigehen nach ihrem Wohlergehen zu fragen, aber hielt ſie dabei durch ein kaltes und abgemeſſenes Betragen in tiger Ferne. ant Da empſfing Ulla eines S ganz uner⸗ wartet ein Handbriefchen, das Erſte von dem Koͤnige,— worin er ſie erſuchte, in einem Zeit⸗ raume von einem Monate nach der Reſidenz zu kommen, in ſofern ſie ſich entſchließen konne, einen liebenswuͤrdigen Begleiter durch das Leben aus ſeiner Hand zu empfangen.— Er brauchte ihn nicht zu nennen, fuͤgte er hinzu, denn das Ge⸗ rucht haͤtte ihr gewiß ſchon den, von ſeiner langen Reiſe im Auslande heimkehrenden Jüngling, wilchen et unket ſeine Getreueſten zählte, genannt, der zu der obengenannten Zeit erwartet wuͤrde, und dem er ſchon eine Gunſt zugeſichert, die ihn an ihter Hand mit der Zeit zu den höchſten Wur⸗ den eines Unterthanen erheben wurde. Wenn ſie, näch reifer Ueberlegung— denn er wollte ſie kei⸗ nem Zwange unterwerfen— ſich wirklich ein⸗ fände, er* as ein S. an.— 5 0 ulla ſenkte den e t in die Hand.„Alſo“— ſagte ſi ſie leiſe,„iſt nun der Augenblick da, und wer ich bin, weiß ich mit vollet Gewißheit noch nicht. Nun, Graf Guſtav wird mir gefallen, denn ihn und keinen Andern kann der Koͤnig gemeint haben,— aber ich muß wiſſen, ob er mich, oder ich ihn erhebe.— Aber wie? — Ich muß mit dem Weibe ſprcchen!⸗ fugte ſie ſchnell entſchloſſen hinzu, nun ms e veichten.“— ½ Es gelang ihr auch bald, ſo wie ſie wuͤnſcht, dem Weibe in der Nähe des Schloſ⸗ ſes zu begegnen. Sie überlieferte ihr unbemerkt einen Schluͤſſel mit den Worten:„zu der hin⸗ teren Gartenthur. Schleicht Euch in der Däm⸗ — 159— merutg durch den Bogengang rechts⸗ Ihr wer⸗ det mich allein in dem kleinen Gartenhauſe am Ende deſſelben finden. Ich muß Euch chen!“ Damit eilte ſie fort.“ Die Alte fand ſich pünktlich ein. Ullo, die ſie mit bangem Herzklopfen erwartet, nöthigte ſie, ſich niederzulaſſen, legte ihr dann einen goldnen Ring in den Schvoß, und ſagte ſchmeichelnd: „Ring fuͤr Ring.— Mutter! kann ich mich auch darauf verlaſſen, diß ihe e meiner Wiege 1 f n „Das muß,“ erwiederte die Alte bedenklich aber ruhig,„Dir meine tiefe Ehrfurcht bezeu⸗ gen.— Goldene Gaben kommen ſelten zu nie⸗ deren Leüten, und ſo bezeugſt Du nur ſelbſt“ wofür mir noch Worte fehlen.“ ulla ſah ſie ſtarr an, und fuhr dann ſchmei⸗ chelnd mit frohzitternder Stimme fort:„Erzaͤhlt mir den Vorfall, gute Frau! Ihr habt immer damit hinter dem Berge ghalten.“ Kopfſchuͤttelnd erwiederte die Frau:„Die Zeit iſt noch nicht da—“ 4 „Noch nicht da?“ rief das Maͤdchen mit zorniger Gebehrde, einen Schritt zurucktretend. — 160— „Sie iſt da, ſie muß da ſeyn, jetzt oder nie— in ſofern dein Wiſſen nicht Trug iſt, rede, rede!“ — Sie wollte ſchon mit Drohungen fortfahren, aber die Alte legte, mit einem gebietenden Blicke auf Ulla, ſich ſelbſt den Finger an den Mund. — Sie verſtummte unwillkuhrlich.— „Still!“ rief das Finnweib, halb gebie⸗ teriſch, halb ängſtlich.„So verſcheucheſt Du diejenigen, die Dir dienen werden, weil ſie dienen muͤſſen. Pein. Zorn erregt nur ihr Lachen, und macht ſie zhr abſpenſtig.— Woran erkennſt. denn Du, daß die Zeit da ſeSe Un⸗ 3 uld fördert das Werk nicht.— jc S„Ich muß in einem Monate verreiſen!“ 4, nhn illa leiſe ſchaudernd das Wort, denn nie hatte fruͤher die Nähe der Alten ſie ſo geiſterhaft —— wir— uns mg nie wie⸗ mir nith Stab 3 3 den ua. woran„ mich halten kann—“ 5 „Ja dann, dann!“ murmelte die Feiu u verſank in tiefes Nachdenken.„In drei Wo⸗ chen,“ fluſterte ſie,„kommt eine Zeit, wo Licht und Dunkel mit gleichen Kräften ſich gegenuͤber⸗ — 164— ſtehen.— Sie ſteht ja im Kalender, Du kannſt nicht fehlen.— Wenn der Tag zu Ende iſt, eine Stunde vor Mitternacht, erwarte mich hier — dann werde ich auch wiſſen, ob die rechte Zeit da ſey.— Gedulde Dich bis dahin.—“ Ohne ein Wort mehr zu ſagen, ohne ſich auf⸗ halten zu laſſen, nickte ſie Ulla ernſt, doch freundlich zu, und eilte raſch fort, ohne ſich um⸗ zukehren.— ulla folgte ihr mit den Blicken, und begab ſich nach einem ſchweren Athemholen tiefſinnend nach dem Schloſſe. Sie mußte ſich beſcheiden. Noch ein anderer Wunſch ihrer Seele war cben ſo wenig erreicht. — Ihre ganz, auf Verſtellung gehende Erzie⸗ hung hatte ihr es fruͤh zur Regel gemacht, alles zu verſchweigen, was ihr keinen Nutzen gewähren konnte mitzutheilen.— Theils aus dieſem Grunde, theils, um ſich eine mögliche Beſchaͤ⸗ mung zu erſparen, hatte ſie ſich enthalten, der Tante ihr Abentheuer in Rom anzuvertrauen, und das dortempfangene Portrait ihr zu zeigen⸗— Selbſt hatte ſich noch keine Gelegenheit gefunden, daſſelbe mit den Bildern des verſtorbenen Königs zu ver⸗ P 11 gleichen; die, welche ihr hie und da vorgekom⸗ men, waren alle in einem ſo weit vorgeruckten Alter gemalt, daß ſie nicht darauf bauen konnte, obgleich ſie freilich in einem jeden von dieſen, wiewohl unter ſich unähnlich, doch einen oder den andern Zug von dem ihrigen zu finden glaubte. So war ihre Seele noch immer eine Beute der Unruhe und des Suthe —— E. war ein helr, wolkenfreiet obgleich kühnr Septembermotgen. Das noidiſche Meer wälzte in ernſter Stille leichthinrollende Wogen; nur ein lauer Luftſtrom aus Süden fuͤllte, wie ein freundlicher Gruß von fernen, zurütkgeblibenen Freunden, das kaum ſchwellende Segel des ſatkin Bootes, das, von den kraͤftigen Armen vier hii⸗ terer Ruderer noch ſtärker vorwärts gettieben, zwei Freunde mit ihrem Gepäcke über den eine Meile breiten Wellenguͤrtel, der zwei Koͤnigreiche tnt, nach der ſeit Jahren nicht geſehenen Heimath fuhrte. Heftiger aber regten Sehnſucht und Erin⸗ nerungen unruhige, ſtuͤrmiſche Wogen in dem Innern der beiden Juͤnglinge auf; was dort vor⸗ ging, malte ſich in den Zuͤgen und dem ver⸗ 11* — 164— ſchiedenen Ausdrucke) beider. Mit offener Stirn, aufrecht in ſtolzer Haltung, ſtand Graf Guſtav Silfverkron auf dem duͤnnen Brete, das eigent⸗ lich nur zum Sitzen beſtimmt war, und betrach⸗ tete mit freudetrunkenen Blicken wie ſich die vorliegende, niedrige Küſte immer mehr erhob, wie ſie Farben und beſtimmte Umriſſe annahm, wie die blauen Daͤcher, der breite Thurm, die gelben Stoppelfelder immer deutlicher hervortraten. Freundlich wandte er den glänzenden Blick zu ſeinem Gefaͤhrten. Mit dem Elbogen auf das Knie geſtütz, mit dem Kopfe in der Hand ruhend, ſaß Baron Ruppin und ſtarrte ſeitwärts„ wie verſtohlen, hin über die rollenden Wogen, nach dem von einem ſo niedrigen Punkte kaum bemerkbarem Ufer. Ein truͤbes Feuer brannte aus ſeinen ſonſt ſo i Augen, keine frohe Hoffnung. Es war vielmehr, als haͤtte ſich heute eine doppelt waͤch⸗ ſerne Blaͤſſe auf die regelmäßigen, edlen Züge gelegt, als wären dieſe zum Grabesmarmor er⸗ ſtarrt, nur die brennenden Sterne unter den unbeweglichen Wimpern verriethen noch Leben — 165— und innere Bewegung. Graf Guſtav ſah ihn erſtaunt an. „Wie, Axel!“ rief er mit bewegtem, doch vorwerfendem Tone,„ſo gebückt hälſt Du Dei⸗ nen Kopf, nun, da Du einen muthigen, offenen Blick auf die Scene Deiner— Thaten werfen ſollteſt?“* „Zukünftigen!“ ſeufzte Axel—„welche Zu⸗ kunft wartet meiner?— wozu kehre ich zuruͤck?“ „Zu Deinem Vaterlande!“ rief ſein S mit froher Zuverſicht. „Und zu meinem duͤſteren Vatethauſe.“ „Laß alles Kleinliche, Du biſt nun mündig und ein Mann, glaubt man auch mitunter ein Kind auf Reiſen zu ſchicken, muß man doch zugleich fuhlen, das es nicht als ein ſolches heim⸗ kehren wird. Ehe wir das Vaterland verließen, gehoͤrten wir den Vorgeſetzten, ſpäͤter uns ſ. Bei unſerer Heimkehr— von heute an treten wir muͤndig in das offentliche Leben, darum wollen wir auch unſere und fuͤhlen.“ Axel lächelte bitter, und hielt dem Freunde ſchweigend ein ſchnell zuſammengelegtes Tuch hin⸗ 1 — 65— Was willſt Du?“ fragte dieſer. „Dich an unſere Wuͤrde erinnern. Komm, ich will es Dir um den Arm binden— Du erzeigſt mir gewiß gern den namlichen Dienſt.“ Du wirſt bitter. Iſt es denn ſo ausge⸗ nact, daß dieſe weiße Binde ein Zrichen der Knechtſchaft unſeres Vaterlandes ſey? ½ „Wenigſtens das der Unterdruͤckung unſerer Rechte, und der Unterjochung der Stände. Gu⸗ ſtay, Guſtav!—“ fuhr er mit Heftigkeit fort „Nein! ich will in dieſen Augenblicken, wo das Vaterland zwei ſeiner treuſten Söhne in ſeinen Schoß wieder aufnehmen wird, nicht an das Kleinliche meiner Lage denken! Ach! ich muß ſie wohl ganz pergeſſen, und es iſt eben mein Kummer, daß ich es nicht vermag; aber Du— Du— gluͤcklicher Menſch!— unabhaͤngig, uner⸗ ſchüttert, unangetaſtet ſogar von Leidenſchaften und Hetzensqualen, ſteheſt Du da— Herr Deiner ſelbſt; der Anblick des Vaterlandes macht Deine Augen glänzen vor Freude, und— leicht ſpieleſt Du mit dem weißen Tuche, das nicht allein Deinen Arm, ſondern auch Dein vaterländiſches Herz in Ketten legt, deren ſchweren Druck Du erſt — 167— ahnen wirſt, wenn die getauſchte Hoffnung: Dein Land beglücken zu dürfen, mitten in ſeinem Schooße die Binde, welche Deinen Arm feſſelt, bald wenigſtths von Deinen Augen reißen wird.“ „Du haſſeſt den Koͤnig, und vielleicht mit Recht;— allein er iſt mein Wohlthäter— wie oft hat der Knabe durch ſein leichtes Pagen⸗ amt Gelegenheit gehabt, in ſein großes, wohl⸗ wollendes Herz zu blicken!“— „Du vergißt, daß der Knabe ſich. nur zu leicht täuſchen läͤßt, und daß aufwartende Be⸗ dienung die Geſinnung früh knechtiſch macht— warum mußten wir nun auch in dieſer Stund auf das immer ſtreitige Capitel zuruͤckkommen?“ „Sehr natürlich, deucht mirz und ſo wollen wir dieſen Streit auch dies Mal, ſo wie immer, beendigen.„Betrachte und erwäge,“ ſo haſt Du immer Deine Rede geſchloſſen, und ich ieder⸗ hole es Dir noch ein Mal, ich werde Ich werde zwar die Gute nie vergeſſen, welche mir der König bezeigt, moge auch dieſe Guͤte, ſo wie Du meinſt, das Gängelband geweſen ſeyn, wodurch er meinz Knabenherz geleitet und eingeſchläfert hat— doch ſey ruhig— durch die un⸗ — 168— gütigſte Willkuhrlichkelt läßt es ſich jetzt, gereift und ſtolz, ſtolz wie S 1. be⸗ ſhlichen⸗ Axel laͤchelte ſtill. it„Ich verſtche Dein Lächeln,“ ſihr Guſtav erhitzt fort,„Du meinſt, mein Muth wuͤrde an ſeiner imponirenden Perſönlichkeit ſcheitern? 2 Frei⸗ lich, ſo vorlaut, wie jetzt, wird er ſich nicht ver⸗ nehmen laſſen, ich werde nie die Chrerbietung zur Seite ſetzen, die ich dem Repraſentanten des Staates ſchuldig bin; ich werde ſie nie vergeſſen, ſelbſt wenn er ſich wie der vergötterte Ludwig äußern würde: Lbtat G'est moi.— Aber ich laſſe mich auch nicht mehr durch Güte beſtechen, nicht an einem Gängelbande fühten; ich will wiſſen, was ich thue, ehe ich etwas vornehme oder verſpreche. Laß immer dieſe Binde, die ich meinen Arm ſchlinge, mit das ſyn eſi e beſtimmt— ein Zeichen meiner ehrli⸗ chen Ergebung,— das einer blinden Dienſtbar⸗ keit ſoll ſie mir nie bedeuten.— Ich weiß, was ein freies Herz vermag.— Fuͤr jetzt will ich blos an mich denken. Nur ſelbſt gluͤcklich, kann ich muthig für das Glück meines Landes wachen, — 169— Seine Wohlfahrt wird mir doppelt theuer und heilig werden, wenn ſeine alten lieben Atme auch mein Glück bergen und pflegen. Die Na⸗ tion iſt gewohnt mein Geſchlecht zu ehren und zu lieben, ſo muß ich ja auch, indem ich dies fortzupflanzen gedenke, darauf bedacht ſeyn als ein feſtes Bollwerk unſeres gemeinſamen Glückes, ſeiner und meiner Rechte, dazuſtehen, damit ich meinen Nachkommen den rechten und einzigen Pfad bezeichne, auf dem ſie ihrer Vor wuͤr⸗ wandeln können.“ uit „Wie!“ meinte Axel mit wehmuͤthigem Li⸗ cheln,„der in der Fremde ſo flatterhafte Schmetterling denkt mit— an's Heirathen?“ „Warum nicht? bin ich es meinem Namen, meinen Beſitzungen, eben ſo wie meiner Zukunft nicht ſchuldig, eine langſame unbeſtechliche zu thun.— Ich will eine Herzensprüfung an⸗ ſtellen; ruhig— aber nicht kalt, ſtreng— und doch ſanft— in der That, ich freue mich dazu. Aber mein Gott! Du wirſt ja immer bläſſer!“ „Gluͤcklich der“ rief Axel, waͤhrend er mit niedergeſchlagenen Augen dem Freunde die Hand — 170— wichte—„glücklich der, in deſſen Kräften Wahl und Prüfung liegt. Mögeſt Du nie, mein Gu⸗ ſtay, den Zuſtand desjenigen kennen lernen, der keine Wahl mehr hat, und ſelbſt der Pruͤfung unterligt⸗— Siehe, jenes geliebte Ufer hatte ich ſchon lange im Geiſte mit Sehnſucht erblickt, und jetzt, da es hell im Sonnenglanze vor mir liegt— ſieht das Auge mit Furcht und Zagen, wie es immer größer, immer deutlicher wird. Glaube nur nicht, daß meine verworrenen Fami⸗ lienverhaͤltniſſe mich ſo ſehr druͤcken— ich glaube es wenigſtens nicht. Der Druck entſtand in der Fremde.— Du haſt meinen Schmerz ge⸗ ehrt, und nicht nach dem gefragt, was ich Dir nicht ohne Schamröthe ſagen konnte, Du wirſt auch fürder nicht fragen.— Aber ſiehe, als ich endlich das bleiche Antlitz wieder nach der hei⸗ mathlichen Sonnt kehrte, da verwandelte ſich der ſchwere Druck in eine ſuͤße Beklommenheit, in eine trunkene Hoffnung. Er zerfloß mit jeder Meile, die hinter mir liegen blieb, immer mehr in Sehnſucht und frohe Träume, und nun, bei dem lieblichen Anblicke des geliebten Zieles, verſcheucht die ernſte Wirklichkeit alle frohen Bilder und der alte Druck droht mit doppelter Scwete mß die Kehle zuſammenzuſchnüren.“ 1 Er zog eine kleine Brieftaſche heftig machte Miene, als wenn erſie öffnen wollte, be⸗ dachte ſich aber ſchnell, dzückte ſie mit Peiden Händen ſanft an ſeinen Buſen, legte ſie dann vor ſich auf die Knie, und betrachtete ſie ſtarr mit gefalteten Händen. Haſt Du je die von dem Konige Woldemar gehört, lieber Guſtay?“ fragte er mit leiſer Stimme, s6 n „Welche?“ „Er war, ſo ehl ſch das vele, in eine Frau verliebt, die ſich weder durch körperliche noch geiſtige Vorzuge beſonders auszeichnete, dem⸗ ungeachtet vermochte nicht die Zeit, nicht die Ver⸗ nunft, ja nicht ein Mal der Tod ſelbſt ſeine Lei⸗ denſchaft zu entkraftigen; denn als ſie nun plötz⸗ lich ſtarb, ließ er in ſeiner troſtloſen einen Sarg von Cryſtall verfertigen, legte den Leichnam hinein, und, obgleich ein Gegenſtand des Ekels und des Abſcheues fuͤr alle Anderen, betete er ihn mit ungeſchwächter Inbrunſt an, betrach⸗ tete mit wehmüthiger Zärtlichkeit die verweſenden Züge, die vor ſeinen Augen in unberwelklichen Reizen dalagen.— So fuͤhrte er den gläſernen Schrein Jahrelang mit ſich im Lande herum, ja er mußte ihn auch auf dem Meere begleiten. Ein finſterer Trübſinn hatte ſich ſeines Gemüthes be⸗ mächtigt, die vorige heitere Tüchtigkeit des Königs war ganz verſchwunden.— Einem ſeiner Ge⸗ treuen war dieſe ſinnbetäubende Anhänglichkeit ſchon lange unheimlich vorgekommen; er fuͤhlte ſich uͤberzeugt, daß nur Zauberei darunter ſtecken könnte. Als nun der König ſich eines Tages auf der Jagd befand, oͤffnete jener heimlich das cty⸗ ſtallne Behältniß, und untetſuchte ſorgfältig den modernden Leichnam, deſſen Scheußlichkeit die eindringende Luft augenblicklich vermehrte. Nach langem vergeblichen Suchen entdeckte er endlich hinter dem linken Ohre eine falſche Locke, die mit vieler Kunſt in das naturliche Haar eingeflochten war. Er loſete ſie vorſichtig ab, und verſchloß den Schrein wieder. Sobald der Koͤnig heimge⸗ kehrt, eilte er zum erſten Male nicht ſo, wie ge⸗ wöhnlich, nach dem Gemache hin, worin der Sarg aufgeſtellt war; doch führte ihn nach einigen Stunden der Zufall in deſſen Nähe, weil es ſich —,——————— — 173— gleich neben ſeinem Schlafzimmer befandz da be⸗ waͤhrte es ſich ſogleich, daß der Zauber gehoben war, denn kaum erblickte Woldemar den ſcheuß⸗ lichen Leichnam, bei deſſen Anblick er noch geſtern in Wehmuth zerfloſſen war, als er entſetzt zuruͤck⸗ fuhr. Er winkte ſeine Diener mit abgewandtem Geſichte herbei, und befahl ihnen mit verſtörten Worten, den Sarg ſofort in die Erde zu ſenken. Von dem Augenblicke an war er an Geiſt und de hergeſtellt.— So wie es vor Sitey ½ 3 nur daß ich nicht und es nicht will. Ich beſitze einen ſolchen Talisman, der, obgleich ſelbſt verwelkt und tod, mich an ein lebendes Zauberweſen bindet, mir das Herz läͤhmt, den Geiſt beengt; und ich kann mich nicht von ihm trennen, es iſt, als ſollte ich mich von meiner Seligkeit losreißen, und doch giebt ſein Anblick mir nur Hoͤllenqualen. Ich weiß, ich habe keine Hoffnung, und doch iſt es, als knuͤpfe ſich eine Hoffnung, meiner Vernunft zum Trotze, daran. Ach, Guſtav! konnte auch ſeine Vernich⸗ tung mich wieder frei, fröhlich und glücklich machen wie Du— ſiehe, ich möchte doch nicht Deine Freiheit umtauſchen mit meinen bangen Lriumen.“ 6 „Nun in der That, lieber Axel, wenn wirk⸗ lich die Zernichtung Deines Talismans eine ſolche Wirkung herborbtingen könnte, würde ein Getreuer, der dies unternaͤhme, nicht weniger treu als der— ſehn; worin veſtht er denn?“ einem verwelkten Geraniumblatte;— aber Du Le, wirſt es mir doch nicht kauben wollen? die Wirkung wäre nicht zweifelhaft, mein Herz würde brechen! Beide Freunde ſchwiegen; doch war es, als wäre ihre Gemüthöſtimmung verwechſelt worden. — Ihre Blicke ſuchten zwar wieder das geliebte, immer deutlicher werdende Ufer— doch eine uner⸗ klaͤrbare ahnungsvolle Wehmuth ſchien ſich der Seele des Grafen Guſtav bemächtigt zu haben, und eine willkuͤhrliche Thräne, die zwiſchen ſeinen Wimpern bebte, legte einen leichten Nebelſchleier uͤber das Ziel ſeiner Wuͤnſche, waͤhrend Axels Augent dunkle Flammen ſprüheten, und mit der Lutihntit des ufiten Muthes— 175— nun aufrechtſtehend wie ſein Freund, dieſe ſtarr und leuchtend an die heimathliche Küſte. Erſt als ſie dem Ufer ganz nahe waren, brach Guſtav das lange Stillſchweigen, indem er 60 raſch zu dem Freunde wandte: „Der heitere Tag verſpricht eine ſchöne Racht“ rief er„nicht wahr? Wir wollen den hellen Mond⸗ ſchein benutzen, um unſern Lieben in der Reſidenz deſto ſchneller entgegen zu eilen. Man ſagt, es ſoll ein aͤngſtliches Gefüͤhl ſeyn, ſich theuern Ge⸗ genſtäͤnden ſo nahe zu wiſſen, und ſich mit Neu⸗ gierde und Zweifel quälen zu müſſen, ob aller der Veraͤnderungen, welche die Zeit allmaͤhlich veran⸗ laßt hat, welche immer einen ſcharfen Eindruck auf den Zuruͤckkehrenden äußern, während ſie von den Zuruckgebliebenen kaum beachtet worden ſind. Oögleich kein lebendiger Gegenſtand, wenn ich etwa meinen Wohlthäter ausnehme, mein Herz dort beſonders an ſich zieht, habe ich doch keine Geduld mehr zum Schlafe.“ „Es geht mir nicht beſſer,“ gab Axel plötzlich wieder herabgeſtimmt zur Antwort,„und ich wil⸗ lige mit Vergnuͤgen ein— blos eine Nachtruhe mußt Du mir zugeſtehen— freilich nicht ſogleich, — 176— aber in einer recht ſchönen Gegend. Nicht weit von einer kleinen, romantiſch gelegenen Stadt— an dem Ufer eines ſchoͤnen See's— befindet ſich eine einſame Ausſpannung. Wir werden zwar dort nicht auf feinen und weichen Kiſſen ruhen, aber ich wette, wir werden gute Leute dort, wie uͤberall antreffen, und ich habe in der Gegend— freilich nichts“— fügte er ſtockend mit gedämpf⸗ ter Stimme hinzu—„aber die Gegend athmet einen belebenden Hauch fuͤr mich aus.— Richte die Reiſe ͤbrigens ein, wie Du willſt— nur das bedinge ich mir aus, wir mogen ſpät oder früh dort anlangen, daſelbſt Nachtquartier zu nehmen.“ 5 „Zugeſtanden!“ lächelte Guſtav.—„Opferſt Du meinem Verlangen die Ruhe Deines Korpers auf, iſt es auch meine Schuldigkeit, der Deines Herzens, wie es ſcheint, nachzugeben.“— Axel wurde der Antwort uͤberhoben, denn das Boot landete. Gott ſey gelobt!“ rief Guſtav, indem ſie an's Land ſprangen, in ſeiner Mutter⸗ ſprache„und nun auf vaterländiſchem Grund und Boden keine fremde Zunge mehr!“ — 177— Sie hatten ſich fruͤher, theils um ſich freier ausſprechen zu können, theils aus jugendlicher Gewohnheit, der franzöſiſchen Sprache bedient, welche damals in den adlichen Zirkeln dieſes Lan⸗ des, ſelbſt in dem Innern der Familien, faſt mehr als die Mutterſprache als Symbol einer feineren Bildung allgemein geſprochen wurde. Die Freunde fanden in der kleinen Stadt den ſchon im voraus durch ihren Bedienten beſtellten Wagen bereit und mit den verſchiedenen Empfindungen des Wieder⸗ ſehens nach fuͤnfjähriger Abweſenheit fuhren ſie bald— die Stele freilich immer voraus— im raſchen Fluge weiter⸗ X Sctn hatten ſie nach ununterbrochener Reiſe den fruchtbaren flächen Boden verlaſſen, und ſetz⸗ ten noch ſchneller ihre Fahrt uͤber niedrige, mit kränklichen Tannen und ſchwarzen Föhren duͤnn⸗ bewachſene Felſen fort, die ſich wie eine unüber⸗ ſehbare ſchräge Fläche allmaͤhlich erhoben, auf ſchmalen, harten, aber ebenen Wegen, worauf die kleinen, raſchen Pferde pfeilſchnell wie auf italieniſcher Lava hintanzten, als ein ſcharfer kalter Nordoſtwind ihnen die Nähe eines großen Waſ⸗ ſers ankuͤndigte. Eben ſo pfeilſchnell rollten ſie durch die ſchmuzigen, ſchmalen Straßen einer nur in der Ferne, wegen ihres maleriſchen An⸗ blickes, ſo romantiſchen kleinen Stadt, wechſelten dort ſchnell die vorausbeſtellten Pferde und un immer tinſlbiet weiter. — 179— Die nur mit Zwang hinuntergekämpfte Be⸗ klommenheit Axels wurde immer mehr zur Un⸗ ruhe geſteigert. Seine Antworten wurden immer zerſtreuter und hoͤrten bald ganz auf. Guſtav be⸗ trachtete ihn mit einem mehr bekuͤmmerten als forſchenden Blicke. Da kamen ſie endlich, kaum eine Meile von der zuruͤckgelegten Stadt, nachdem der Weg ſich immer allmählich bis an das Ufer des großen See's hinabgeſenkt hatte, zu einer eben nicht großen, jedoch ſehr ſchroffen Anhoͤhe. Der fahrende Bauer flehete nach gebräuchlicher Art in demuͤthigen, faſt knechtiſchen Ausdruͤcken die Reiſenden, ſeiner Pferde wegen, bis der Gipfel erreicht waͤre, auszuſteigen. Sie ſprangenſchwei⸗ gend herab⸗ n* Axel eilte unaufhaltfam vorwärts; Guſtav folgte ihm, beide in große, blaue, weitfaltige Rei⸗ ſemaͤntel gehuͤllt, langſam nach. Als nach kur⸗ zem, mühſamen Hinaufklettern Guſtav den Blick erhob, gewahrte er den Freund ſchon oben, der nun auf dem kahlen Gipfel einzeln ſtehend, wäh⸗ rend der dunkle Mantel wild in dem heftigen Winde flatterte, ihm wie ein rieſengroßes Geſpenſt vorkam.— Er eilte ihn zu erreichen und ergriff 12* — 180— ſchweigend ſeine Hand. Die niedrigen Felſenge⸗ genden ringsum, theils nackt, theils mit kränkli⸗ chem Geſtruͤppe und wenigen traurigen Fohren bedeckt, wurden von der letzten Abendroͤthe der ſchon untergegangenen Sonne magiſch beleuchtet; der Sturm peitſchte die ſchwarzen, rollenden Wo⸗ gen des unabſehlich langen See's, woruͤber ſich ein weißer Nebel allmaͤhlich verbreitete, kleine dunkelgraue Wolken jagten ſich am Himmel. Alles, ſo weit das Auge reichte, lag ſchon in öder Stille, nur das Geziſch des weißen Schaumes, den die Brandung mit ſchweren, weitſchallenden Wellenſchlägen an das ſteinerne Ufer, nicht ſehr tief unter ihnen, warf, drohnte wie ſtöhnendes Geheul zu ihnen herauf. Im Oſten hob ſich der Rand der blutrothen Mondesſcheibe uͤber die fernen niedrigen Felſenreihen. Der anmuthige Zauber des ſinkenden Tages war verſchwundenz es war, als erblickte das Auge nur ein ungtheueres Schlachtfeld der Vorwelt, deſſen wiederkehrende Geiſter Jahr⸗ hunderte ſchon verbleicht und in nebelartige Ferne geſtellt hatten. Rur ſie ſtanden allein da, wie hohe beſchworende Genien der verodeten Natur. Das Gebrauſe der ziſchenden Brandung erſtickte faſt das — einzige andere Geräuſch, welches an die Gegen⸗ wart erinnern konnte, den knarrenden Laut des noch fernen Fuhrwerkes, das aͤngſtliche Treiben des Führers, und den Knall ſeiner Peitſche. „Mochte ich doch“— rief Guſtav mit Anſtren⸗ gung, damit nicht alle ſeine Worte lautlos von dem heftigen Sturme verwehet werden ſollten— „mochte ich doch auch gern die ſchottiſchen und irländiſchen Gebirge geſehen haben, es iſt mir als tonten aus ihren Felſenkluͤften Oſſians Harfe Todeslieder zu uns heruͤber. Wie dem auch ſey, nie fühlte ich es lebendiger als eben jetzt, daß unſer Vaterland auch das der Tragoedie ſey: zwar nicht jener griechiſchen Urſprunges— die, indem ſie verwundet, zugleich beruhiget, die, wenn ſie auch ein ernſtes, unabwendbares Fatum auf⸗ ſtellet, doch eben durch ihre klare Nothwendigkeit troſtenden Balſam in das ſchmerzlich aufgeregte Herz gießet, weil ſie den großen Zuſammenhang einer hoheren Weltordnung ahnen läßt— ſon⸗ dern die wahre Heimath jener blutigen Dich⸗ tungen, welche die Seele mit Entſetzen, Zweifel und ſchneidenden Disharmonien füllen, deren einzige Beruhigung Tod und Vernichtung ſind. — 182— Nicht ein Mal an die Wiederaufſtehung der Sonne wagt man in dieſer, allem Menſchlichen abgeſtorbenen Nacht zu glauben, könnten wir dieſe runden Hüte mit Helmen, dieſe winzigen Stöcke mit Schlachtſchwertern vertauſchen, wir mußten uns ſelbſt für Macbeth und Banquo halten; es fehlen in der That nur die Zauber⸗ ſchweſtern.—“ „Und wer hat Dir verheißen, daß ſie aus⸗ bleiben werden?“— ſiel ihm Axel ſchneidend in die Rede—„Gott verhuͤte, daß Du ein pro⸗ phetiſches Wort ausgeſprochen habeſt. Es iſt mir, als ſchrite ich eben hier meinem Schickſale ent⸗ gegen.“ „Das thun wir ja beide, mein Freund! Denn wir beſinden uns ja in der Heimath, die uns Tha⸗ tigkeit gebieten und Vertrauen einflößen wird. Freundlich hat ſie uns wieder aufgenommen, und nur eine kranke Seele unterliegt dem Grauen des Augenblicks, worin der jugendliche Muth nur den Ernſt, zu dem ihn Zeit und Umſtaͤnde aufrufen, erkennen ſoll. Schuͤtteln wir daher freudig den unheimlichen Traum ab, den Nacht und Sturm üͤber unſere unbewachte Seele verhängten.“ — — 183— Da knarrete das Fuhrwerk laut in der Rähe; der Eigenthuͤmer der Pferde rief ſein Halt. Die Reiſenden ſtiegen wieder ein. Raſch rollte der Wagen bergunter, und bald kamen die ſonder⸗ bar erregten Freunde, jedoch ſchweigend und jeder ſeinen Gedanken nachhängend, bei der einſamen Ausſpannung an. Wider Gewohnheit kam ihnen Niemand ent⸗ gegen, Niemand beantwortete den lauten Ruf des Fuhrmannes, auch der vorausgeſchickte Be⸗ diente ließ ſich nicht vernehmen. Der Fuhrmann ſtemmte ſich gegen die Pforte, ſie flog drohnend auf. So wie aber die Freunde nach der Anwei⸗ ſung des Kutſchers, der für Wagen und Pferde ſorgte, in die dunkle Stube eintraten, kam ihnen ein junges, bleiches Mädchen, in der zitternden Hand einen angezuͤndeten Span Kien, verſtört entgegen. „Reiſende,“ begrüßte Guſtav ſie,„die ein Nachtquartier, Eſſen und freundliche Geſichter ſuchen.—“ „Die Pferde ſind freilich ſchon beſtellet, meine gnädigen Herren,“ erwiederte das Mädchen ſchüch⸗ tern,„doch ſeyd Ihr ja, wie ich hoffe, Chriſten, und — 184— werdet Geduld haben, wenn wir heute nicht ſo punkt⸗ üch, wie ſonſt, unſere Pflicht erfuͤllen können; — Aber hier die N acht über zu bleiben, wackere Herren! das möchtet Ihr ſelbſt wohl auch nicht gern. Wir haben bald den Tod im Hauſe.“ „Den Tod!“ rief Axel betreten, der nun ein Mal, nach ſeiner ſchwermüthigen Weiſe, Vor⸗ bedeutungen in Allem ſuchte und fand, und eben hier, wie es ſchien, gefonnen war, Auskünfte zu ſuchen oder wenigſtens Träumen nachzuhaͤngen, die auf Lebenshoffnungen deuteten. „Der wird wohl ſchwerlich ausbleiben!“ ent⸗ gegnete das bleiche Mädchen unter hervorquellen⸗ den Thränen.„Kein Mittel will bei dem kran⸗ ken Vater anſchlagen; wir haben zu den Worten unſere Zuflucht nehmen müſſen.— Dieſe Stunde wird den Ausſchlag geben.“ „Zu den Worten Gottes, meineſt Du doch?“ fragte Guſtav kopfſchuͤttelnd,„die ihm irgend ein alter Prediger ſtatt eines erfahr⸗ nen Arztes auf die Reiſe mitgiebt.— Ja Kind, wenn es ſo weit gekommen iſt— nicht wahr Axel, wir wollen fort?“ „Zu den geheimnißvollen Worten der Klug⸗ heit“ fiel das Mädchen erröthend, und wie es ſchien, erſchrocken über ſeine laute Rede, mit gedäͤmpfter Stimme ein;„ich weiß wohl, daß die Vornehmen nicht glauben an das, worüber uns die Erfahrung belehrt, und was unſerer Einfalt Troſt und Huͤlfe gewaͤhret; um Gottes⸗ willen guter Herr, nicht dies Lächeln, das dem nach Troſt ringenden Gemuͤthe Schauder und Verzweiflung einfloßt; eine viel hoͤhere Dirne als ich, ein gar vornehmes Fraulein wuͤrde Euch Euren Unglauben an die Frau, die uns beiſtehet recht übel nehmen— ich bitte Euch, laßt uns unſere Zuverſicht,“ fuhr ſie wie begeiſtert fortz„ich werde Euch hinfuͤhren, aber leiſe, leiſe, daß ſie Euch nicht bemerke, und verrathet mich nicht.— Ihr ſehet ja Beide gut und bieder aus, und ſeyd 3 keine Fremdlinge; Ihr werdet ſelbſt eingeſtehen, daß alles gottesfuͤrchtig und fromm hergehet.— 3 Sollte auch Euer haͤßliches Lächeln innerhalb dieſer Waͤnde das fromme Werk ſchon aufge⸗ halten haben, koͤnntet Ihr es doch wieder gut machen, wenn Ihr, ehe die Beſchworung zu Ende gehet, Eure Gebete mit den unſrigen vereiniget.“ — 186— Ohne Antwort abzuwarten führte ſie, den brennenden Kien noch immer in der Hand, Guſtav ſchnell unter die Thüre, aus der ſie kurz vorher getreten war; Axel folgte ihm mechaniſch nach. Plotzlich warf das Madchen die kleine Fackel raſch zu Boden, trat, indem ſie die Haͤnde der Fremden ergriff, die Flamme aus, und zog ſie Beide, in der dunkeln Nacht, die ſie auf ein Mal umgab, durch einen langen engen Gang mit ſich fort, an deſſen Ende ſie ihre Haͤnde, mit einem feſten, doch zitternden Drucke losließ, offnete leiſe eine Thuͤre, ſchluͤpfte durch dieſe hinein, und ließ ſie hinter ſich nur leiſe angelehnt. Indeſſen war die Oeffnung ſo groß, daß die Freunde, die ſich unwillküͤhrlich feſt umfaßt hielten, ein kleines ſchwach erleuchtetes Zimmer, wo eine befremdende Erſcheinung ſich ihren Blicken pſtl ganz über⸗ ſehen konnten. Alle Bewohner dieſes einſamen Hofes waren in demſelben verſammelt. Die Knechte, unter denen ſie ihren eigenen Bedienten erblickten, waren längs den mit dichten Vorhängen bedeckten Waͤn⸗ den aufgeſtellt; dieſen ſchloſſen ſich die Mädchen an, welche theils mit verhuͤllten Geſichtern, theils 1 mit lesbarer Angſt in den, auf einen gemeinſamen Punkt hinſtarrenden Augen andaͤchtig die Haͤnde falteten; am Fußende des Bettes, in dem der Kranke— ein Mann in mittleren Jahren, deſſen Antlitz zwar Leiden, aber noch keine Zeichen des nahen Todes ausdruckte ſich befand— knieten die Frau und zwei Tochter, zu denen die ſo eben Ein⸗ getretene ſich noch geſellte, waͤhrend ſie Alle leiſe zu beten ſchienen.— An der Seite des Bettes ſtand eine kleine hagere Frau, deren fremdartiges Anſehen ſogleich die Aufmerkſamkeit der Freunde feſſelte, bei welchen ihr Anblick einen leichten Schauder erregte. Sie trug ein langes graues Kleid, uͤber dieſem eine Art Kamiſol von braunen Juche, einen ſchwarzen Bruſtlatz, worauf mehrere ſonderbare Figuren von Silberblech ziemlich loſe angebracht waren, ſo daß ſie bei der kleinſten Be⸗ wegung des beweglichen Weibes flatterten und raſſelten. Auf ihrem Kopfe erhob ſich eine hohe ſchwarze Muͤtze, ganz wie ein Zuckerhut geformt; unter dieſer ragten duͤnne graue, faſt weiße Locken rings um die breite flache Stirne hervor; kleine graue aber ſtechende Augen leuchteten aus den tiefen Augenhoͤhlen, welches dadurch, daß die Augen⸗ rauben gänzlich fehlten, oder durch einen dünnen weißglänzenden Bogen nur angedeutet waren, ihr das Anſehen eines aus dem Grabe erſtandenen Todten gab, beſonders weil die duͤnnen Lippen kaum bemerkbar waren, ſtatt dieſer aber um ſo mehr zwei Reihen langer ſchmaler Zaͤhne, die un⸗ aufhörlich zuſammenklapperten, und nur einzelne unartikulirte Töne von den unheimlichen Gebeten, die aus ihrem Inneren hervordrangen, horen ließen. Mit den Fingern der linken Hand leicht auf dem Rande einer Schaale voll Waſſers ru⸗ hend, bewegte ſie, über den Kranken tief hingebeugt, ihre Rechte mit ausgeſpreitzten Fingern in ſonder⸗ baren Figuren und Kreiſen üͤber ſeine Bruſt, während ſie hin und wieder den Kopf nach dem Ziſche drehete um die Waſſerflaͤche zu beobachten. Auf dem Tiſche, dicht neben der Schaale, ſtand eine hellbrennende Lampe, hinter derſelben war in einer ſchrägen Stellung ein großes rundes Sieb aufgeſtellt, deſſen Boden von blankem Eiſendra⸗ the, alle Strahlen des Lichtes aufzufaſſen ſchien, und indem nun dieſer wie ein heller gewolbter Mond aus dem breiten, das Zimmer ͤberſchatten⸗ den Rahmen heraus, nur einen ſonderbaren Wie⸗ — 189— derſchein auf die Waſſerfläche warf, welcher ſich bis hin uͤber das Antlitz des Kranken verbreitete, erfuͤllte eine unheimliche Dunkelheit das ſchmale Zimmer, in der nur das blinkende Sieb, die Waſſerflaͤche, das bleiche Antlitz des Kranken und die widrigen Zuͤge der Alten, die ſich alle ſcharf gegen die Schlaͤfe hinzogen, mit greller Deutlich⸗ keit unterſcheiden ließen. Die Freunde wagten kaum zu athmenz— ſie hatten beide die damals noch neuen mesmeriſchen Verſuche nicht ſonderlich beachtet, und ahneten nicht, was der größte Theil der Leſer gleich ver⸗ muthen wird, daß hier ein aͤhnliches myſtiſch-mag⸗ netiſches Verfahren ausgeübt wurde, woruͤber der Erzähler jedoch weder entſcheiden darf noch kann. — Doch glaubten beide Reiſende zu bemerken, daß, ſo wie die Alte ihre rechte Hand in ſchnelleren Kreiſen uͤber dem Kranken bewegte, die Waſſer⸗ fläche immer unruhiger wurde, und unzaͤhliche Silberſterne darin blitzten. Auf ein Mal faltete die Alte die Haͤnde und rief laut in der Landesſprache:„So! nun weiß ich, was ich zu thun habe; der Zauber iſt herausge⸗ trieben bis an die Nägelſpitzen.— Die Krankheit — 190— iſt fort, und der Böſe mit Spott und Schande von hinnen gewichen.“ Während ſie ſprach, war die kleine Waſſer⸗ fläche ganz ruhig geworden; der Kranke, mit dem ſie ſich früher unter der Beſchwörung leiſe beſpro⸗ chen, hatte die Augen geſchloſſen; langſam brachte ſie das Sieb aus der vorigen ſchrägen Lage, legte es, mit dem blanken Boden in die Höhe, umge⸗ kehrt auf den Tiſch, zog darauf ein kleines Ein⸗ legemeſſer geſchaͤftig aus der Taſche, und ſchnitt dem Kranken behutſam den Nagel der letzten Zehe des linken Fußes, ſowie auch den des kleinen Fingers der linken Pe vieler Giſchicklichteit ab; riß ihm darauf ein Wirbelhaar aus dem ent⸗ blößten Kopfe, waͤhtend ſie leiſe vor ſich hinmur⸗ melte:„So— dieſen Knoten konnen ſie nicht zer⸗ reißen.“ Dann wickelte ſie es in ein dreieckiges und ſauberes Stückchen Papier, das ſie ſchon in Bereitſchaft hatte, legte das Päcktchen auf das umgekehrte Sieb, zundete einen auf dem Fußboden tiegenden Kien bei der Lampe an, und reichte dirſen gebieteriſch dem Nächſtſtehenden hin, indem ſie auf die Thuͤre zeigte. Der Burſche ſchritt voran, ſie folgte mit dem Siebe, worauf das Päckchen — wie auf einem Credenzteller lag, ihr ſchloß ſich die Frau mit den Toͤchtern an, und hinter dieſen rei⸗ hete ſich die ganze Verſammlung. Die Freunde traten behutſam und unvemerkt hinter die Thuͤre; der Zug ging ihnen voruͤber, wahrend die kluge Frau, die trotz ihrer kleinen Geſtalt in dieſem Auhenblicke nicht ohne eine Art von Majeſtät einherging, in einem rauhen dumpfen Tone folgende Worte einzeln ausſtieß:“ Zum Heerd, zum Heerd! Unter dem Keſſel des ſiedenden Waſſers ſoll er verbrennen— verbrennen der Trug! In der Ferne gewahrten die Freunde zwar meh⸗ rere Ceremonien, die bei dem Heerde vorgenom⸗ men wurden, doch waren ſie mehr mit dem Ein⸗ drucke beſchaͤftigt, den der vorhergehende Auftritt bei ihnen nachgelaſſen. Das Mädchen kehrte indeſſen bald zuruͤck, eilte ſchnell zu dem Kranken hinein, bei dem die Lampe noch brannte, und trat nach wenigen Minuten, mit dieſer in der Hand, leiſe wieder heraus. —— „Gottlob!“ fluſterte ſie den Reiſenden zu, „er ſchläft das erſte Mal in vier qualvollen Ta⸗ gen und noch qualvolleren Nächten; ich fühle es, die Gefahr iſt voruͤber, die kluge Frau hat ſich und unſer Zutrauen nicht getäuſcht. Nicht wahr, nun wollt Ihr doch bis Morgen bleiben? ich eile das Nöthige zu— gehet immer in die Stube zuruͤck—“ Sie drückte die en in Guſtav' 8 Hand, und eilte ohne Antwort zu erwarten wieder hinweg.— „Komm ins Freie Guſtav! rief Axel heftig, „ich muß reine Luft ſchoͤpfen.“ Erz zog ihn ſchnell mit ſich aus dem Hauſt? und beide warfen ſich unter einer alten Eiche nieder, welche die kleine Vorhalle des Hauſes beſchattete,„Mein Buſen“ fuhr er fort„iſt ſo beklommen, ſo voll— wir haben alſo in der Wirklichkeit erlebt, was, wie ich bisher geglaubt, nur in die halbvergeſſenen Mährchen meines Ammenſtübchens gehörte.— Sollten jene Maͤhrchen, jene dunkeln Traäume denn Wirklichkeit gehabt haben. Guſtav! dieſe alte Finnfrau, ſie oder eine andere— iſt mir nicht unbekannt; ſie hat eine verſunkene Erinne⸗ rung in mir erweckt;— ich habe ſie ſchon fruͤ⸗ her geſehen, vielleicht auch geſprochen, ob im Le⸗ ben oder nur im Traume weiß ich nicht; ein tiefes Grauen hat ihr Anblick zwar in mir er⸗ regt, aber zugleich eine ſeltſame Sehnſucht, ja ſelbſt Vertrauen. Es draͤngt mich, mit ihr zu reden.“ „Axel,“ unterbrach ihn Guſtav befremdet, „was faͤllt Dir ein! wer unter uns, der in den Kinderjahren auf dem Lande geweſen, hat nicht Finnen geſehen! wie biſt Du doch auf ein Mal ganz anders geworden! ſchwermuͤthiger als ſonſt, und abergläubiſch dazu, und eben jetzt, da eine neue Welt Dir aufgehen ſollte!“ „Ich ſinke vielmehr“ erwiederte dieſer„in die alte zurück,nenne mich aberglaͤubiſch wenn Du willſt, ſo viel ich mich auch ſperte, muß ich doch an das glauben, was ich erlebt habe.— Höre! nach alter Sitte, ſo wie ſie mir beſchrieben iſt, wird ſie bald allein und unbegleitet das Haus verlaſſen. Alle Bewohner deſſelben ſcheuen ſich den Weg zu erblicken, den ſie nach vollbrachter Beſchwörung nehmen wird. Komm, wir wollen uns in jene Erlen⸗ büſche zurückzichn, und ihr, wenn's Zeit iſt, auf 1 13 ihrem einſamen Wege nacheilen.— Sie muß— mir wenigſtens wahrſagen.“ i Guſtav ſchuͤttelte den Kopf.„Wahrſogen?“ wiederholte er;„nein, mein Freund, das nicht. Nicht daß ich befuͤrchte, daß Du den Ausſagen einer ſelbſttaͤuſchenden Einbildungskraft feſteren Glauben und großeres Gewicht verleihen wuͤrdeſt, als ich, ſondern weil Wahrſagungen, die um Lebensgluͤck oder ſogar Unheil und Tod ſich dre⸗ hen, ſelbſt gegen unſern Willen doch immer einen Stachel nachlaſſen, der in bedenklichen Augenblicken des Lebens eine Entſcheidung herbei⸗ fuͤhren kann, die, wenn nicht das kranke oder verletzte Gemuͤth ein iſin⸗ Gewicht in die Wagſchaale geworfen hätte, vielleicht anders aus⸗ gefallen waͤre; darum wollen wir auch nicht einem kranken Gemuͤthszuſtande nachgeben; kannſt Du aber dieſen unheimlichen Drang Deiner Seele nicht bezwingen, ſo laß uns wenigſtens dem Spaße einen heitern Ausgang geben, und allen guten oder böſen Vorherſagungen eine Wehr ent⸗ gegenſetzen, die mächtiger als jeder mögliche Ein⸗ fluß ſolcher Worte ſeyn wird; ich meine die Liebe. Du haſt ſchon bemerkt, daß ich an's — 195— Heirathen denke; mochteſt Du es auch thun? Sie wahrſage uns dann das Gluͤck unſerer Ehen.“ Waͤre es heller geweſen, haͤtte Guſtav gewiß die Gluth bemerkt, die uͤber das Antlitz des Freundes hinflog.„Das mag ſie!“ rief er heftig,„iſt es doch beinahe daſſelbe als das der Liebe, wenigſtens ſoll es mir das ſeyn.— Still Guſtav, die Thüre offnet ſich.“ So wie er vermuthet, trat die Alte eilig und allein heraus. Die Thuͤre wurde, als ſie kaum heraus war, Laleich wieder zugemacht. Ohne nur den Kopf umzukehren, mit gegen die Erde geſenkten Blicken, einen langen Stab, der bis an die Spitze ihrer Mutze reichte, in der Hand, auf dem Ruͤcken das große Sieb, das ſie ein wenig gebuckt trug, wanderte ſie emſig vorwaͤrts. Die Freunde ſchnitten ihr plotzlich den Weg ab.„Wohin ſo eilig? Alte!“ begann Guſtav, „hier wartet Deiner noch ein Geſchaͤft! Du ſiehſt hier zwei heirathsluſtige Juͤnglinge vor Dir, denen Du wahrſagen ſollſt, ob ſie auch ihr Liebesziel erreichen werden.“ Sie ſah beide ſtarr an, und ſagte kurz? „Laßt mich in Frieden; ich bin Euch nicht in 13* — 196— den Weg getreten, fo ſoll auch Eutt Spott mich zuf dem meinigen nicht treſfen! Ihr ſehd wehl vornthine und vielleicht gekehrte Leute, und könntet ſelbſt beſſer als ich urme Frau Eüch thtn.— St wolltt ihren Weg fortſetzen. „Sih uns nur recht an, Mutter!“ nahn das Wort,„wit ſind Neiſende und atein. — Mit beklommtnen Hetzen kamen tir hier an, und waren zufaͤllig Zeugen Eurst Bſſchun dort; da ſtel es uns auf die Seele— daß Ihr vielleicht unſerer Unrühe ein S könntet. Sehd“ willfhtig, es kommt uns au in ku nicht an“ „Golbſtütt7 wiederholte ſie,„dis ſind nicht Lungbar unter uns, kteine Silbetmünze Zihört in inſetn Seckel, und auch mit Kupfer ſind Häu⸗ ſet Hebauet, voch“ miiten Wilen kann kein Mtall beügen und nie war die äite Guri um Schillige fut. Laßt mich, Ihr jungen Ge⸗ ſelleß, ich häbe keine Zeit mit Euch zu verplaudern, es. niuß noch Vieles in dieſer Nacht geſchehen, ſie köͤmmt nicht ſo bald wieder. Wißt Ihr denn nicht, daß wit heute Tag⸗ ud Nachtgleiche haben? Da beſi ten Worte und Kräuter vopeut — 197— Kraft. Friede mit Euren Wegen, laßt mir den iwar ie wo Ihr jungen nicht ſue. Hexe!“ fuhr Guſtav ihrer Wrigtrung ſchon uͤberdrüſſig auf,„wir haben der Ziererei, die doch nur auf eine gute Handvoll Munze hinausläuft, ſatt— petgiß nicht, daß Du in unſter Gewalt biſt— wir ſind Zeugen Deiner Hauberkunſte geweſen, und Du weißt wie das Geſetz lautet.— Du ſichſt, daß wir Mitte haben Dich zu zwingen! darum thue lieber in der Fſte unſen Willen und nimm unſer Geld ₰ Deine L2 ſind Dir im Popaus zergbzn“ „Heiſa! mein nacket Pienzmann!““ ti z Ate mit gellendem Lachen,„Du ſprichſt vom Zwingen, als wenn Du ſelbſt alles Zwan⸗ ge6 ledig wäreſt,— gllein die Sprache kenne ich, ſie perräth ſchon weß Standes Du piſt, aber Drhungen, kommen dem ächten Finn wie der Regen— er ſchuttelt beide ab; Ihr und unſere Konige ſinget ja ein Lied. Ihr ſeyd es ja zuſammen, die die Wälder haben verbrennen laſſen, worin wir hauſ'ten, und die Bauern auf⸗ —— hängten, die uns Dach und Boden vergönnten. — Doch habt Ihr damals die Felſenleute nicht ausrotten können, und jetzt haben wir mildere Zeiten.— Ihr zundet nicht mehr Flammen uͤber unſern Häuptern an, und wir beſprechen das Feuer wie immer.— Das Geſetz iſt ein Schwert in der Scheide; es verwundet nicht, ſofern Ihr es nicht entbloßet; und das willſt Du doch wohl nicht, mein ſchoͤner Herr.— Dein milder Blick, worin der Mond ſich ſpie⸗ gelt, ſtraft Deine harten Worte Lügen— aber mir gefaͤllt Dein raſcher Zorn, du ni recht weißt, was Drohung⸗ n vermoͤgen! 5 möget ſie nur gern gegen nn immer im Munde führen, und obgleich der König geringe Leute vor Allen liebt, und nicht daran denkt unſern Stamm zu verfolgen, fürchte ich Euch ja doch, wie's geziemt, und wuͤrde ſchon Eurem Gebote gehorcht haben, wenn mich nicht in dieſer Nacht eine vornehme Jungfrau erwartete, die mich nicht bedrohet, mich wie eine Mutter haͤgt und pflegt, und ihretwillen würde es Euch ſchon geziemen weniger barſch mit mir zu verfahren.“ — 199—— „Wer iſt dieſe Jungfrau? Alte!“ rief Axel faſt aͤngſtlich.— „Deine Braut, Junker, wenn Du ſie freieſt, und ſie Dir nicht den Korb giebt; laßt mich hin zu ihr, ich werde ſie freundlich grußen.“ „Nur eine kleine Weile ſchenke uns, Mutter,“ fuhr der Jüngling heftig fort,„Ihr hättet uns ja ſchon ſagen konnen, was wir gern wiſſen mögen.— Ich moͤchte Euch auch um vieles befragen; nehmt den Dank voraus!“ fuͤgte er leiſe hinzu, ihr einige Muͤnze in die Hand druͤckend.—— Steümfaßte die ſeinige ſo, daß das Silber von beiden gleich bddret war, und ließ ſie lang⸗ ſam wieder los, ohne das Geld zu nehmen, um welches ſie ſeine Hand zuſammendruͤckte.„Junges Blut!“ ſagte ſie freundlich,„heißes Blut, treues Blut, ſchnelles Blut! das Metall glüht ja ſchon, als ſollte es unſere Hände zuſammenlöthen.— Wenig⸗ ſtens weiß ich, daß Du es aufrichtig meinſt, und werde auch Deinen Wunſch erfüllen. Nimm aber zuerſt Dein Geld zuruͤck, noch iſt es nicht ver⸗ dient, auch weiß ich noch nicht ob meine Worte — 200— einen fröhlichen Lohn erzielen; nachher kannſt Du ja Deine Gabe in mein Sieb werfen.“ „Nun ſo mache ſogleich den Anfang bei mir!“ fiel Guſtav ihr raſch ins Wort, ihr die Hand hinhaltend. „Nicht ſo vorſchnell, junger Ritter, auf offner Landſtraße, wo denkſt Du hin!“ erwiederte die Alte faſt neckend;„wie leicht könnte Jemand aus dem Hauſe hinzukommen, und es werden welche um uns ſeyn, die ein Friedensſthrer nicht verſcheuchen darf. Folget mir an das Ufer des See's, da iſt ein ſtiller traulicher latz ſchweigt aber hübſch ſtill, damit uns Niemand 5 unſer Gefolge nicht grbwerde, als wir es wohl wuͤnſchen moͤchten.—“ Sie ſchritt raſch vorwärts, noch mit dem Siebe auf dem Rücken, in der Hand den langen Stab. Die Freunde folgten ihr Hand in Hand. Selbſt Guſtav fühlte ſich wider ſeinen Willen be⸗ klommen, doch mußte er uͤber die ſonderbare fremde Lage, in die er ſich ſo plotzlich verſetzt befand, lächeln, und beobachtete ruhig.— Dagegen wogte und ſtürmte es in Axels Buſen. — 294— „Verzeihet Mutter!“ ſo brach er auf ein Mal mit leiſer Stimme das Stillſchweigen,„wir muͤſſen genauere Bekanntſchaft machen oder viel⸗ mehr dieſe erneuern.— Seyd Ihr nie in der Re⸗ ſidenz geweſen?“ „Nie! auch duͤrfte ich nimmer hinkommen, wenn man nicht etwa einer alten ehrlichen Frau ein Mal den Prozeß machen will. Es ſollen mehrexe Felſenweiber dort verbrannt worden ſeyn.“ „In meiner früheſten Kindheit, freilich,“ fuhr Axel fort,„hielt ich mich ofters, in ſofern es mir bekannt iſtauf den Guͤtern mines Pr — ihr a die Namen von— „Fraget mich nicht ertern und Ramen,“ fiel ihm die Alte heftig in die Rede,„Oerter habe ich nur zu viele geſehen, und Namen habe ich nie behalten können; nur die Geſichtszuge der Menſchen, die 6. meinen Blicken aufdringen, vergeſſe ich nie.—“ „Sind meine Euch denn ganz fumd?“ „In der fruͤhen Jugend ſind die Zuͤge ja noch Wachs, an dem die Geiſter des reifenden Lebens bilden und immer bilden, nur die Augen bleiben treu und wahr, aber Augen ſehen ſich gar zu oft aͤhnlich.“ „Nun, es mag vielleicht auch nur gi ſeyn, aber beſinnet Euch doch; habt Ihr nie mit einem vornehmen Kinde getändelt?— „hm, laßt mich!“ erwiederte die Alte zornig. —„Ja— kann ich nicht ſagen, und verneinen moͤchte ich auch nicht, was mir nicht deutlich iſt. Warum draͤngſt Du Dich aber ſo in meine Ge⸗ danken?— ſie laſſen nicht gern von dem ab, Süj den ſie ein Mal mit Gewalt Pingcrgen — Vergiß nicht, daß Dr 5 Grfährte iſ geduldiger geg Da hoͤrten ſie ſchön die Wellen des See's rauſchen. Sie fuührte die Freunde bis auf den Uferſand hinunter, und beſtieg mit ihnen einen großen flachen Stein, der einige Zoll hoch aus dem Sande hervorragte und an den die leiſe heran⸗ ſpuͤhlenden Wogen ſo eben hinreichten. Der Sturm hatte ſich gelegt; es war eine lieb⸗ liche Septembernacht; die dunkeln Föhren zogen, ſo weit das Auge reichen konnte, einen hohen und breiten ſchwarzen Rahmen um den großen See, der hell und eben, wie ein Spiegel, vor ihnen lag, — noch — 2035— aus dem der faſt volle Mond wie mit doppelter Klarheit heraufzitterte. Es war ſo hell, daß man die Faſern eines Blattes haͤtte zählen konnen. Richts deſtoweniger zog die Alte, nachdem ſie ſich, die Beine kreuzweiß uͤbereinandergeſchlagen, auf die Hacken niedergelaſſen, ein Feuerzeug hervor, und zuͤndete dabei eine kleine Kerze an, dann ließ ſie ihren Blick, wie pruͤfend, uͤber die Junglinge gleiten⸗ „Nur zu Mutter! vergeßt nicht, daß Ihr viel zu„— rief Guſtav, ihr die i bin begierig nach Eurer „Oder den Lügen, die Du mir abzwingen wirſt!— Frevle nicht und ſpaße auch nicht zur Unzeit“— fiel ſie ihm gebieteriſch mit ſtechendem Blicke in die Rede, und ziemlich unſanft ſeine Rechte ergreifend, legte ſie dieſe offen flach aus⸗ geſtreckt auf ihre Knie, ſtellte die brennende Kerze daneben, und wölbte das Sieb uͤber beide, ſo daß der Mond aus dem Waſſer ſowohl, als die Kerze den blanken Eiſendraht beleuchteten, und einen gelbröthlichen Wiederſchein auf die Fläche der Hand warfen, waͤhrend ſie wie belehrend ce den Zähnen herpormurmelte: „Erdenlicht, Himmelſchein, leuchtet beide maͤchtig drein, Waſſer und Feuer im treuen Verein“ 6 n junger Herr!“ fuhr ſie 6 und. fluͤſternd fort,„nenne mir den Monät, in dem Du geboren biſt, damit die Linien ſich ſhe meinem Blicke geſtalten⸗ können! 2 Er nannte ihn.— Da drehete ſie da— von/der Linken zur Rechten, woduch ein Licht viel wie roͤthliche Wellen uber ſe Flaͤche ſeiner Hand hin⸗ fuhr— und dieſe ſtarr betrachtend, ſang ſie mit verſchloſſenem Munde lang anhaltende dumpfe Toͤne, zwiſchen denen ſich einzelne gellende Worte, wie abgebrochen hören ließen.— Nur lanit ſie deutlich vernehmen: „Es räuſchen Wellen in ſilbernen Strahlen! Wellen der Haͤnde, Wellen des Lebens! Tauche drein erreßter Sim! tauche, tauche—“ WDänn ſchwlih ſit langs, die Welleulinien der Händt mit ſtatten Bl licken pruͤfend, und auf ein Mal, mit dem Zeigefinger leicht über die Hand hinfahtent, ſchob ſie dieſe öon ihrem Knie hinweg, und im votigen Tone, nur deüklicher, führ ſie fort: „Kannſt Du Liebesgluth bezwingen bringt gezwungene Ehe Liebe!“ „Fort, fort!“ fügte ſie geſchaͤftig hinzu, „komm Du ehe die ſilbernen Wellen ſich * n mich*. if dieſer beſturzt, waͤh⸗ 3 er ſchnell den Platz ſeines Freundes einnahm. „Was! kennen?“ erwiederte die Alte raſch, „heißt Du denn ſo— ich weiß nicht wie mir der Name auf die Zukge gekommen, mag Dich Dein Gefährte vielleicht ſo—— merke mir ſonſt nie die Namen—“ 8Gil Frilich heiße ich ſo,“ verſetzte mit einem durchdringenden Blicke,— der letzte Mönat des Jahres gab mir das Licht.— Die Alte ergriff ſeine Hand, ſint B ermel auf, ſo wie ſie früher an Guſtav gethan; und als ſie nun gerade rechts auf der Pulsader drei kleine Kronen dicht neben einander, blau ein⸗ gebrannt, erblickte, warf ſie den Kopf erſtaunt in die Höhe, heftete ihre Blicke durchbohrend auf die ſeinen, und ſtotterte nicht ohne Verwirrung mit einer Art von Freude:„Ich muß Dich doch wohl einſt auf dieſem Arme getragen haben, denn dies blaue Zeichen kenne ich gar zu gut.— Nun denn“ fuhr ſie kreiſchend fort„zu glücklicher Stunde ſind wir uns— dieſe Nacht wieder vnitt Es ne Ken W in ſilbernen Strahlem— Wellen der Haͤnde geſegneter Haͤnde, Wellen des Lebens geſegneten Lebens tauche drein—“ Zh Stimme wurde immer gedůnyfter„ undeutlicher, die Töne ließen ſich nicht mehr un⸗ terſcheiden, bis ſie endlich mit gellender Deutlich⸗ keit und folgenden Worten ſchloß: „Liebe laͤßt ſich wohl erringen— Sie beſitzen ſollſt und mußt Du!— — 20— Darauf erhob ſie ſich ſchnell, und ſeine Hand eben ſo, wie fruͤher die ſeines Freundes, raſch weg⸗ ſchleudernd, trat ſie einen Schritt zurück, und betrachtete ihn ſchweigend; ein duͤſteres Feuer brannte in ihren Blicken, die mit einem halb freudigen, halb ehrerbietigen Ausdrucke auf ihm ruheten. Die Lippen bewegten ſich; ſie ſprach ſichtbar im Innern, es war, als bezwaͤnge ſie ihre Zunge, damit ſie ihren ſtummen Worten nicht Tone geben ſollte.— Axel ſtand tief in ſich verſunken.—„Fringen un endlich gepreßt.— Da wachte die Alte duf ein Mal wie aus einem Traume. Sie ergriff ſchnell das Sieb, in welches ſchon Guſtav halb ſpottiſch, halb betreten, eilend einige hi Silbermünze gwerſede und Beiſpice des Frundes zu folgen im Beonff war, ab. 4* „3ch bin ſchon ſch vezahtt, und Euch eigen an,“ ſagte ſie leiſe und geheimniß⸗ voll,„ſo wie Ihr gefragt habt, hat auch mein Inneres Euch antworten müſſen. Vertraue mir, mein Kind— ich habe Wopte und Krauter für alle, Blut und Leben fuͤr die, denen ich ange⸗ hört.— Dir Mond ſteht ſchon hoch, mich ruft ein andtes Werk, nicht ohne Bedeutung war unſer sihnentfen, denn von Dir Swe i6 zu Mit dieſen Worten warf ſie das Sieb auf den Rücken, nachdem ſie dit Silbermünze, jedoch ohne Guſtav weder eines Dankes nach Blickes zu würdigen, zu ſich geſteckt, und mit dem weißen Stabe, von dem die Rinde ganz abgeſchilt wat, ruͤſtig vor ſich tappend, eilte ſie ohne Brß dem Walbe zu. el ſtand wie ſeineewilben Blicke zeugten von der Serrüttung ſeiner Seele. Guffav, der nicht ohne inneren Unwillen den Eindruck bemerkt hätte, den das unheimliche und däbei widrig gemeins Benehmen der Alten, deren letzten leiſen Worte er er nicht gehort, auf den Freund gemacht, legte die Hand auf ſeine Schultet?„Erwache Axel! rief er,„ſchuͤttle den vöſti Lraum äb, der Deinen ſonſt hellen Geiſt Hörſt Du nicht, Axel?— Atel fuhr auf; ſein dunkler, fuſt ndib wlc irrte wild S—„Haſt Du es 3 — 209— gehört,“ ſprach er mit zitternder Stimme,„u ihr!— zu wem?— Hat ſie keinen Namen genannt?“ „Laß die alte Hexe,“ verſetzte Guſtav,„thut Vertrauen Noth— ſiehe, Axel! mein Buſen ſteht Dir offen, er iſt heiter und hell.“ „In dem meinen iſt es Nacht.— Nur ſie kann ein Licht darin entzünden. Laß mich Guſtav! Siehſt Du, wie noch in der Ferne der Mond ſilberne Strahlen auf den gewölbten Boden des Siebes wirft. Sie bezeichnen mir meinen Pfad. Gehe zuruͤck, Du Gluͤcklicher! iß und ruhe augein Deiner Heiterkeit, und vergiß mich auf kurze ünden; ich muß meinem Schlckſale folgen.— Mit dem Anbruche des Tages, vielleicht fruͤher, ſehen wir uns wieder.⸗ Er druͤckte Guſtav die Hand, und flog der Alten ſo ſchnell nach, daß der Freund ihn nicht aufhalten konnte. Beide verloren ſich im Wal⸗ de.— Dieſer ſah ihm ſchmerzlich nach:„dem crwachſenen Kinde muß man ja ſeinen Willen laſſen!“ ſeufzte er gepreßt. Niqt allein der Truͤbſinn des Freundes machte Guſtav das Herz beklommen. Trotz ſei⸗ nes Unglaubens, ſeines hellen, faſt zu uͤbermuͤ⸗ thigen Verſtandes, der alles verwarf was er nicht zu faſſen vermochtefhattt doch die ihn betreffende Ausſage der Alten einen widrigen Eindruck auf ihn gemacht.„Gezwungene Ehe?“ wiederholte er ſich ſelbſt.—„Lächerlich!— und wer ſollte die zu Stande bringen können. Sehe ich denn aus, als ließe ich mich zwingen? Es iſt klar, ſie hat mich durch dieſe Wahrſagung necken wollen, weil ich ihr drohete ſie zu zwin⸗ gen. Es ärgert mich nur, daß Axel nicht ſogleich durch ſolche Wahrſagung die Unſtatthaftigkeit deſſen, was ihm prophezeihet iſt, erblickt hat.— Ich glaube nicht daran, um ſo weniger, da — 21— mein Wille mit im Spiele iſt, doch— der Kluge weiß Nutzen aus Allem zu ziehen: Behut⸗ ſamer ſollen jene Worte mich wenigſtens machen. Ueberredung iſt ja auch Zwang, allein wer— wer ſollte mich gegen meinen Willen, gegen meine Ueberzeugung wohl uͤberreden?“ Unter dieſem Selbſtgeſpraͤche war Guſtav lang⸗ ſam umgekehrt, und befand ſich, ohne ſelbſt zu wiſſen wie, auf einem betretenen ſchmalen Pfade, der auf eine ſanfte Anhoͤhe fuͤhrte. Als er hinauf⸗ gekommen, gewäͤhrte ſie ihm faſt dieſelbe Aus⸗ ſicht, wie der i Berges, wo der Sturm einige Stunden fruͤher ihn ſo wild um⸗ niß hatte. Dieſer hatte ſich laͤngſt gelegt, und wie hoͤchſt verſchieden zeigte ſich ihm nun die Gegend in dem milden Mondlichte. Die tragi⸗ ſche Duͤſterkeit, welche ringsum die niedrigen, gleichſam abgeſtorbenen Felſenflächen ausgeſpro⸗ chen, war zwar nicht verſchwunden, allein un⸗ heimlich und blutbefleckt lagen dieſe nicht mehr vor ſeinen Augen, die klaſſenden Todeswunden, vom feindlichen Verrath, oder geheimen Verbrechen geſchlagen, gaͤhnten der erhitzten Phantaſie aus den dunkeln Föhren nicht mehr entgegen, wohl „ aber das bleiche lächelnde Angeſicht einer entſchla⸗ fenen Geliebten, eines väterlichen Freundes! Sanftere Trauerbilder aus der Geſchichte ſeines Landes, die heiligſten Erinnerungen aus ſeinem eigenen kleinen Leben, daͤmmerten vor ihm auf. Er warf ſich auf das weiche Moos nieder und ließ durch den Anblick der ringsum ſtillen Gegend, durch die breite ſilberne Bahn, die der Mond uͤber den kaum bemerklichen Wellen des großen See's bildete, und die ſich vor ſeinem Blicke mei⸗ enlang, als eine glaͤnzende Brucke zu Ehre und Ruhm, bis an den Horignt ausdehnte,— im Inneren beſchwichtigt, ſeine fruheſte Kindheit, ſeine gluͤcklichen Jugendjahre an ſich vorbeiziehen. Zuerſt freuete er ſich des alten beruͤhmten Geſchlechts, von dem er der letzte lebende Spröß⸗ ling war, und deſſen Bluͤthenzeit, nach einem langen erſtarrenden Winter, er mit frohlichem Muthe wieder zu erneuern hoffte.„Kein Ver⸗ brechen, das verbuͤrgt mir die Geſchichte,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„hat ſeinen fruͤheren Glanz ver⸗ dunkelt; aber ich leugne es nicht, vielleicht theils Ubuth, theils Neid, und vor allem Mißgunſt eiferſuͤchtiger Herrſcher— denn meine . Voreltern wachten, ſo wie ich es thun werde, uͤber ihre Rechte und die Rechte der Nation— ha⸗ ben das Anſehen und die Beſitzungen meines Hauſes zu ſchmaͤlern gewußt: war doch mein Vater ſelbſt in tiefe Ungnade gefallen, in der ihm der größte Theil ſeiner Lehnguͤter entzogen ward. Un⸗ ſeliger Streit der Mützen und der Huͤte, unſe⸗ lige im Dunkeln ſchleichende Kabale; allein es war nicht das was ſein Herz druͤckte: Nicht weil er mit dem Hofe, ſondern weil er mit ſich ſelbſt zerfallen war, hatte er ſich in die Einſamkeit zuruͤckgezogen— ſein truͤbes Auge hing mit Liebe, mit hoffnungsvoller Freude an mir, allein Liebe ſoll die kurze Ehe meiner Eltern nicht begluͤckt haben, jedoch war das Andenken der fuͤr den Sohn nur gar zu fruͤh verſtorbenen Mutter ihm heilig und theuer! Ach! auch er ſtarb jung! Seine bleichen, hagern und doch ſo einnehmenden Zuͤge, von der Milde des Todes uͤbergoſſen, haben ſich tief in die Phantaſie des einſamen, betruͤbten zwölfjaͤhrigen Knaben geprägt, obgleich jene traurige Stunde nur der Anfang eines neuen glänzenden Lebens war; aber die Strenge, oder vielmehr Trocken⸗ heit des wunderlichen Pagengouverneurs, machten — 214— mir den Vater und ſein ſanftes Benehmen unver⸗ geßlich, glaubte ich ihn doch bald in dem guten König wiedergefunden zu haben, der den ver⸗ waiſten Knaben an ſeinen Hof berief,— wie gluͤcklich fühlte ich mich in den Stunden, die ich, der ſtrengen Aufſicht unſers Oberſten entruckt, ſeiner perſoͤnlichen Aufwartung widmen konnte.— Nein, ſie mögen ſagen was ſie wollen— ſeine väterliche Guͤte, ſeine rein menſchliche Herablaſ⸗ ſung werden mir immer unvergeßlich ſeyn.— Wie reichlich, wie ſchön hat er dem Knaben die ſeltenen Ausbrüche eines plötzlichen Jähzorns ver⸗ gutet.— Wohl erinnere ich mich, wie einſt— da mir durch eine Bitterkeit, die ihm die üble Laune des Augenblickes abpreßte, die Thraͤnen in die Augen traten— er plötzlich bewegt guͤtig mei⸗ nen Kopf zwiſchen beide Hände nahm, und mir einen Kuß auf die Stirn druckte; von dem Au⸗ genblicke an war er mein Vorbild, mein Heros, wie oft traf meine gewichtige Fauſt die heimlich necken⸗ den Gefährten, die meiner ſchwaͤrmeriſchen An⸗ hänglichkeit ſpotteten, und ihn unter ſich B ifrons nannten, weil die eine Seite ſeines Geſichtes der andern in der That nicht ganz ähnlich iſt; dennoch — 215— fand ich ihn ſchoͤn, denn er war mir gnaͤdig.— Gnaͤdig?— Pfui! des Sklavenworts,— gut war er mir, und iſt es noch. Die Jahre in ſeiner Naͤhe verlebt ſchwanden begluͤckt dahin, und doch mußte die Abſchiedsſtunde, die unvergeßlichſte, die begluͤckendſte ſeyn.— Nie werde ich ſie vergeſſen. Als er ſich endlich entſchloſſen, meine ſehnlichſten Wünſche in Erfüllung zu bringen und mir die Reiſe in's Ausland geſtattete, wohin tauſend Stimmen den lehrbegierigen Jungling riefen, und mir die Erlaubniß dazu mittheilte, fugte er hinzu: Doch unterſtützen will ich Dich nicht. Dem Sohne des ſtolzen Grafen Silfverkron wird es an Muth nicht fehlen Gerechtigkeit zu fordern, und Gerechtigkeit macht Dich reich.— Aber ich, Dein König, will Deiner Forderung zuvorkom⸗ men und belehne Dich auf's Neue mit den Gü⸗ tern, welche die Leidenſchaften und Unvorſichtig⸗ keiten Deines Vaters an die Krone verloren.— Genieße während der Reiſe ihre Einkünfte; die Beſitznehmung harret Deiner bei Deiner Ruͤck⸗ kehr.— Gehe ſtolz wie Dein Vater, und kehre ſtoz wie er, der treueſte Sohn des Vaterlan⸗ des, der Freund Deines Konigs, zuruͤck!— „ 26— Und Du, Axel! willſt mir ſeine Guͤte verdaͤchtig machen, und Mehrere als Du! Lockſpeiſe nennt Ihr ſie!„Verſuche nur Dich der angeſchmeichel⸗ ten Unterwuͤrfigkeit zu entziehen, und er wird Dir die Nachtſeite ſeines Angeſichtes zukehren,“ ſagen ſie ja! Leider, in vielen Stücken kann ich ihnen nicht Unrecht geben, aber ich will eben ſo wenig undankbar, wie blind ergeben ſchn! Seinen Befehlen will ich gehorchen, bis ältere, höhere Pflchten meinem Gehorſam Grenzen abſteckenz ſelbſt ſeinen Launen will ich nachgeben, ſo lange es nur gilt eigne Launen den ſeinen aufzuopfern. Alles was dem Sohne gebührt, will ich ihm als einem Vater, alles was dem Edelmanne geziemet, ihm als meinem König erzeigen; nur werde ich nie vergeſſen was das Vaterland von ſeinen Söhnen heiſcht, und meinen angeſtammten 6 ten darf der König nicht zu nahe treten. Da fiel ſein Blick zufällig auf den großen, mondbeſtrahlten Stein am Ufer, wo er kürz vor⸗ her mit beklommenem Buſen geſtanden, und dumpf murmelte er bei ſich:„Gezwungen— von ihm vielleicht?— wenn ein ſolcher Fall möglich wäre— aber der iſt es nicht— und — 217— wenn auch— mein Leben wohl werde ich ihm, aber nie das Gluͤck meines Lebens fremder Will⸗ kuͤhr aufopfern koͤnnen.“ Langſam erhob er ſich, und noch ein Waluergt bens in der Gegend umherblickend, ob noch nicht, nach dem Verlaufe von mehr als einer Stunde, ſein Freund zu entdecken waͤre, ſtieg er an der andern Seite der Anhöhe herunter, in der Hoff⸗ nung auf ſolche Weiſe ſchneller nach der Aus⸗ ſpannung zu gelangen, wo man vielleicht ſchon lange mit Unruhe auf beide Reiſende mit dem Nachteſſen wartete.— Doch gleich am Fuße der Anhohe blieb er horchend ſtehen, denn ganz in der Nähe ließ ſich eine, wie es ſchien menſch⸗ liche, aber dabei gedämpfte Stimme, in einzel⸗ nen ſchnarrenden Tönen vernehmen, die von einem klaͤglichen, thieriſchen Wimmern unterbro⸗ chen wurde. Guſtav theilte die Gebüſche ſchnell und war eben im Begriff in eine kleine von Felſen einge⸗ ſchloſſene Ebene, die von dem Monde hell be⸗ leuchtet war, herauszutreten, als die Erſcheinung, welche ſich ſeinem Blicke darbot, ihm plötzlich den Fuß zurückzog, und ein kalter Schauder — 218— ihm alle die unheimlichen Empfindungen wiedergab, die ihm der juͤngſt erlebte Auftritt eingeflößt, und aus welchem begluͤckende Erinnerungen ihn ſo eben auf Augenblicke geriſſen. Nur wenige Schritte von ihm erblickte er eine kleine Manns⸗ ſigur, deren Aeußeres unzweifelhafte Verwandt⸗ ſchaft mit der alten Finnfrau verrieth.— Ein graues faltiges Oberkleid ſchlotterte um den duͤn⸗ nen Leib, eben ſo wie die grauen Hoſen um die Beine, welche mit Stiefeln von unzubereite⸗ tem haarigten Rennthierfelle, hart unter den Waden zuſammengeſchnuͤrt, bekleidet warenz eine ſpitze graue Mütze bedeckte ſeinen Kopf, und die geringe Entfernung ließ Guſtav deutlich alle Zuͤge des zwar jugendlichen, doch widrigen Ge⸗ ſichts, das der Mond geſpenſterhaft beleuchtete, erkennen. Zwiſchen den faſt ſpottiſch zuſammen⸗ gekniffenen duͤnnen Lippen hielt der Kleine ein breites, von dem Mondlichte verſilbertes Meſſer, um den Mund zogen ſich die ſchlaffen Zuͤge, die auf ein La⸗ cheln zu deuten ſchienen, ſpitz nach dem weit hervorra⸗ genden langen Kinnezu, das noch ganz unbehaart war, obgleich dicke roͤthliche Brauen und tiefe — 219— Stirnfalten ein ſchon reifes Mannesalter ankuͤn⸗ digten. Er murmelte, das Neſer feſt mit den Zähnen haltend, unverſtaͤndliche Worte, während er mit Haͤnden und Fuͤßen eifrig bemühet war, einen gro⸗ ßen ſchneeweißen Pudel mit ausgeſpreitzten Fuͤßen, als wenn er gekreuzigt werden ſollte, an ein flaches aufrechtſtehendes Felſenſtuͤck, mit Huͤlfe von Stricken und Wurzeln, feſt zu binden. Das ſchoͤne Thier wimmerte unter ſeinen Haͤnden, ohne doch irgend einen Verſuch zu machen, ſich loszureißen. Waͤhrend nun Guſtav ſich leiſe immer naͤher hinzudraͤngte, war der Kleine fertig damit gewordenz er nahm das Meſſer aus dem Munde, ſtrich es vor⸗ ſichtig an ſeinem Ermel mit den vernehmlichen Worten:„Schweige nur ſtill, und mache mich nicht weich, du mußt doch daran.— Hierauf zielte er mit dem ſpitzigen Meſſer auf das Herz des Thiers, aber Guſtav ſprang raſch hinzu:„Halt, Verruchter!“ rief er.„Wilſt Du Dich zum Mörder bilden an einem Leben, das ſchon beſſer als das Deine iſt?— Mit kraͤftiger Hand entriß er ihm das Mſte; er hatte aber zu tief gegriffen und dadurch die — 220 ſcharfe Schneide umfaßt.— Das Blut rieſelte ihm in demſelben Augenblicke uͤher die Finger herunter. „Was beginnſt Du?“ pynch der Knabe unerſchrocken mit einem widrigen Lächeln:„es geſchieht ja nur zu Deinem Nutzen.— Da haſt Du die Folgen; Du bluteſt ja— es iſt zu früh— laß mich Dich verbinden.“ „Zu früh?“ wiederholte Guſtav:„was willſt Du damit ſagen? hinweg von mir, Ungeheuer!“ fuhr er fort, waͤhrend er ſchnell ſein Tuch her⸗ vorzog und zerriß;„fliehe, damit mein Blut ſich nicht an dem Deinigen räche!“ „Mit nichten, Herr!“ verſetzte der Kleine, nicht von der Stelle weichend;„ich befördere ja nur ſo das Werkz ſiehe! hier ſind Kräuter, die das Blut ſtillen— ſo verbluteſt Du ja. Wie biſt Du denn ſo ſchnell erwacht und hergekom⸗ men? Du haſt ja doch den Becher geleert, den Dir die Mutter reichte!“ Guſtav ſchauderte. Es wurde ihm klar, daß der Kleine ihn fuͤr ſeinen Freund hielt; eine Verwechſelung, die durch ihre ganz ähnlichen blauen Maͤntel leicht erklärlich war. Reugierde, — — 221— Unwillen, Verlangen den Freund nicht zu ver⸗ rathen, und ihm dagegen nützlich zu werden, gaben ihm Faſſung wieder und Kraft zur Ver⸗ ſtellung. Er reichte dem Buben ſchweigend die Hand hin, nachdem er ſich auf den niedern Theil des Felſenſtuͤcks hingeworfen, an dem der Hund noch gebunden hing. Der Kleine ergriff emſig das zerriſſene Tuch, kniete vor ihm nieder, und hielt die verwundete Hand ſo, daß er ſie mit dem ganzen Leibe bedeckte, und es Guſtav, deſſen Gedanken in dieſem Augenblicke nur mit dem Freunde beſchaͤftigt waren, unmöglich wurde, genau zu bemerken, was er mit derſelben vorhatte. Er zog naͤmlich eine ſchmale kleine Binde und einige Kräuter behend hervor, druͤckte das Blut gelinde aus der Wunde, während dem er einige Tropfen davon in eine kleine Phiole auffing, die er heimlich aus dem Buſen gezogen, und verſteckt zwiſchen den Fingern hielt. Dann legte er die Kraͤuter auf die Wunde, welche wun⸗ derbar genug nach einem Augenblicke alle Schiner⸗ zen derſelben wegnahmen, und wickelte endlich die Binde um die Hand, nachdem er das Tuch nebſt der Phiole wieder in den Buſen verborgen. Guſtav ließ ihn ruhig gewähren, während er überlegte, wie er den Zweck ſeines Vorhabens herauslocken könne.„Habe ich Dir denn befoh⸗ len, Bube! das Thier zu ermorden?“ fragte er endlich unſicher,„und fällt es Dir ſo leicht, Treue mit Undank zu belohnen?“ „Lebend taugt er nicht viel, Herr!“ nahm der Kleine heiter das Wort,„aber erſt in ſeinem Tode iſt er Goldes werth.— Du mußt die Mutter gut bezahlt haben, oder auch muß ſie große Stücke auf Dich halten, weil ſie Deinetwegen ihren ſorgfaͤltig aufgehobenen Schatz hergiebt; es kann kein treueres Blut gefunden werden, darin haſt Du Recht, und in drei Tropfen aus ſeinem Herzen findeſt Du den dritten Theil Deines Heils. Das Uebrige diene den Erdenmächten zum Opfer.“ „Meines Heils— wie ſo?“ „Was weiß ich's; die Mutter mag Dir's erklären, denn ihre Worte ſind'sz ich darf nicht zugegen ſeyn, wenn ſie die Gertaͤnke brauet.“ „Macht ſie viele dergleichen?“ fragte Guſtav ſchaudernd. „Dreierlei kann die Mutter brauen: Liebes⸗ getränke, Haßgetränke, und Getränke zur Aef⸗ fung; aber die Mutter iſt keine böſe Frau, ſie will mit dem Haſſe nichts zu thun haben, und nie hat weder ihr Arm, noch der meine einen ſchwarzen Kater geſchlachtet; aber oft necken uns die Leute, und dann ſtellen wir Neckerei gegen Neckerei. Elſtern und Fuͤchſe haben oft ihr Blut laſſen müſſen; auch habe ich wohl früher ein weißes Thierchen getoͤdtet, doch iſt kein treueres Blut, als dies ſeyn mag, mir je über die Finger gefloſſen.“ „So darf's auch nicht vergoſſen werden,“ entgegnete Guſtav heftig,„das treue Blut iſt mir immer werth, doch nur wenn es in dem Herzen ſchlägt. Binde das Thier los, ich kaufe Dir es ab.“ „Ich darf nicht, Herr! die Mutter darf auch nicht wiſſen, daß ich Dir Kenntniſſe verrathen, die ſie nicht ein Mal bei mir ſucht. Ich denke aber, daß Du zu unſern Vertrauten gehoreſt, und auch ein Mann biſt, der zu ſchweigen weiß.“ „Das werde ich! die Hexe ſoll weder mich noch den Hund mehr ſehen— ich ziehe ſogleich — — 224— weiter ohne auf ſie zu warten. Sage ihr nur, ich habe mich bedacht, und will. Teufels⸗ huͤlfe nicht.“ „Dann würde ich ſchon ankommen.— Sie darf nicht wiſſen, daß ich Dich geſprochen— ach! Du kennſt ſie nicht— die Mutter iſt gut, und hat mich noch nie ohne Urſache gezuchtiget — wird aber ihr Werk unterbrochen und geſtört, kennt ihr Zorn keine Grenzen. Es grfahrdet ihr, ſagt ſie, Leib und Serle. Nimm mir's nicht übel Herr,— ich muß ausfuͤhren, was ſie be⸗ fohlen— die Hälfte iſt ſchon beſſer gelungen, als Du und ſie denkt— wie kannſt Du auch ſo viel Weſens machen wegen eines len Hundes? 2 „Taub?“ fragte Guſtav. „Freilich, Herr! woher ſollten wir ſonſt zu einem ſo ſchönen Thiere gekommen ſeyn, wenn es nicht mit irgend einem Fehler behaftet geweſen. Das Fräulein,“ fuhr der Kleine geheimnißvoll und ſchmunzelnd fort,„das Dir ſo feſt im Her⸗ zen ſteckt, hat es einſt zum Geſchenk bekommen; ſie nahm es mit großem Eifer auf, herzte und lieb⸗ koſete es, und das Thier, anhänglich wie es iſt, wich bald nicht mehr von ihrer Seite, Da wurde ſie ein Mal unweit der Gartenthuͤre von einem häßlichen eckelhaften Bettler, der ſich ihr unbe⸗ merkt genahet, heftig erſchreckt; der Hund hatte ſie nicht gewarnt, da merkte ſie wohl, daß er taub ſey, und ſobald ſie dadon ſich überzeugt hatte, wurde er ihr ſogleich zum Eckel und Abſcheu. Et war noch ganz jung, und ſollte ertraͤnkt werdenz aber die Mutter ſah wohl ſeine Tugenden, und daß er kein einziges farbiges Haar trug, auch wußte ſie wohl, daß je weniger Sinne den Körper be⸗ herrſchen, je treuer ſchlaͤgt das Herz. Die Die⸗ nerſchaft war ihr gut, und ſo wurde das Thier im Geheimen ihr Eigenthum. Nun iſt die Stunde gekommen, dä er ſeine Erziehung und Nahrung vergelten kann⸗— Lieber Herr! gieb mir das Meſſer wieder.“ Guſtav unterdrückte ſchnal die Frage, die ihn auf den Lippen ſchwebte, denn er fuͤhlte, daß die Antwort ihm das Geheimniß des Freundes ent⸗ ſchleiern wuͤrde, und dies war ihm heilig wie vor⸗ her, ja faſt noch heiliger, ſo wie ihm der Freund bejammernswuͤrdiger vorkam. Er warf das Meſſer mit Abſcheu weg, indem er rief:„Da haſt Du I. 15 es! Wage aber nicht das Thier anzurühren, ich dulde es nicht! ich will es behalten als ein Andenken dieſer Stunde.— Da haſt Du Geld! luge Deiner Mutter vor was Du willſt, mich ſieht ſie nie wieder.— Wie nenneſt Du Dich?“ „Arwed, der Felſenſohn, nennen mich die Leute,“ gab der Kleine zur Antwort,„ich nenne mich aber Arwed der Finn. Nimm den Hund, weil Du es durchaus ſo willſt, bedenke aber, daß es dann nicht an mir liegt, wenn in der Folge das Fräulein Dir ſtolz den Rucken kehtt.“ Er warf Guſtav einen liſtigen⸗ laͤchelnden Blick zu, und nachdem er das Geld in der Hand gewogen und es ſchnell in die⸗ aſche geſteckt, murmelte er leiſe vor ſich, waͤhrend er den Hund losſchnitt, und einen Strick um ſeinen Hals legte:„Mag er ſeinen Willen haben, an treuem Blute ſoll es dennoch nicht fehlen“ Guſtav ſtreichelte das ſchone Thier, das ſich verſtändig und dankbar an ſeine Knie ſchmiegte⸗ „Wie nenneſt Du ihn?“ fragte er⸗. „Wir heißen ihn nur Hund,“ erwiederte Arped,„oder auch Augenohr, denn er ver⸗ ſteht nur die Fingerſprache“ „So will ich ihn denn,“ ſprach Guſtav leiſe“ Namenlos nennen, denn die Stunde, worin ich ihn gewonnen, ſoll nie genannt, noch bezeichnet werden.“ Er entfernte ſich ſchnell, doch kehrte er ich wenigen Schritten wieder zuruͤck; denn vorſichtig wollte er den Freund ſuchen, der nicht weit ſeyn konnte, und den er, inſofern er die Worte Ar⸗ weds recht gefaßt, in einem kuͤnſtlichen Schlafe ſinden mußte⸗ Behutſam beſtieg er die Anhhe wieder, und wurde ſogleich an der einen Seite der Ebene eine kleine Finnhütte gewahr, die er früher, nur mit den Gegenſtänden beſchaͤftigt die ganz in ſeiner Nähe waren, nicht bemerkt hatte. Sie war, der Ge⸗ wohnheit dieſer wandernden Voͤlker nach, von langem Schilftohr, in der nämlichen Form wie ihre Muͤtzen, aufgebauet; ohne Fenſter, nur mit einer niedrigen Thuͤre und einem kleinen Loche in der Spitze verſehen, damit der Rauch von dem Heerde einen Ausgang findet. Er bemerkte, daß Arwed eben im Begriffe war, ſich in dieſe zu begeben, und kaum war er durch die Thüre ge⸗ ſchlupft, als Guſtav eilig den kleinen Berg herunter⸗ 15* — 228— ſtieg, er ſchlich um den Felſen herum, und na⸗ hete ſich der Huͤtte von der andern Seite⸗ Seine Vermuthung traf ein. Unweit der Huͤtte, doch noch fern genug um in derſelben nicht gehoͤrt zu werden, zeigte ihm das helle Mondlicht Axel, der in ſeinen Mantel einge⸗ huͤllt auf dem weichen Mooſe tief zu ſchlafen ſchien, doch als er ihm näher trat, während der Hund befremdet, doch ohne einen Laut von ſich zu geben, ſo weit entfernt blieb, als der Strick es zuließ, bemerkte er, wie alle Zuͤge des blei⸗ chen kräftigen Geſichtes ſich unruhig bewegten; die Bruſt hob ſich muͤhſam, die Faͤuſte waren geballt, es ſchien als wollte ſich der Geiſt einem böſen Traume entreißen, wobei die Bande, welche den Körper feſſelten, maͤchtiger waren als ſein Wille. Guſtav kam ihm zu Huͤlfe. Ohne die Gefahr zu bedenken, der ein ſchnell abge⸗ brochener, kunſtlicher Schlaf Leib undGeiſt bloßſtellen kann, ruͤttelte er ihn heftig. Es gelang endlich, ihn der zauberiſchen Feſſeln zu entbinden. Axel fuhr wie erſchrocken auf, und ſtarrte ihn verwirrt an.„Wo bin ich?“ ſtammelte er heftig, doch mit matter Stimme. — Glieder erſtarren und lahmt die Kraͤfte der Seele. Wir wollen etwas Warmes genießen, und unſere Reiſe fortſetzen! komm! Axel reichte ihm die Hand, die heftig zitterte und nur an des Freundes Schulter gelehnt, ver⸗ mogte er, der mit heiſerer Stimme uͤber hefti⸗ ges Kopfweh und Uebelkeit klagte, ſich wie ſchlaftrunken der Ausſpannung zu nahen. So ſchlichen ſie langſam, meiſt ſchweigend fort, denn Axel ſchien die einzelnen behutſamen Fra⸗ gen des Freundes weder zu faſſen, noch zu ho⸗ ren. Endlich kamen ſie bei dem Hauſe an. Ein Freudengeſchrei empſfing ſie.— Das Eſſen war laͤngſt fertig und aufgetragen. Ihr unbegreif⸗ liches Ausbleiben hatte das ganze Haus in Furcht geſetzt. Die völlige, nie geſtorte Sicherheit der Gegend hatte die Bewohner mehr beaͤngſtiget als beruhiget, weil ein Jeder auf eine eigene abentheuer⸗ liche Weiſe geſucht hatte dieſen Zufall zu erklaͤren. Die plötzliche Erſcheinung der Freunde endete „In den Armen eines treuen Freundes, den Du in dieſer unheimlichen Nacht nicht hätteſt verlaſſen ſollen. Steh auf, Axel! der Nacht⸗ wind weht kalt; ſeine herbſtliche Kühle macht die — 230— zwar die Furcht, befriedigte aber nur ſehr wenig ihre Reugierde, die Guſtav durch den Vorwand zu beſchwichtigen ſuchte, daß ſie am Ufer einen Kahn gefunden, ſich in denſelben, von der ſchö⸗ nen Mondnacht gelockt, eingeſchifft, aber zu weit hinausgewagt, erſt ſpät den Punkt haͤtten wiederſinden koͤnnen, von dem ſie ausgegangen wären. Sobald ſie ſich allein befanden, nöthigte Guſtav den Freund einige Tropfen heißen Wein's hinunter zu ſchlürfen; da war es erſt, als ließe auf ein Mal der Traum ſeine Seele los; er ſah den Freund ſtarr an, dann das ihn umgebende freundlich erhellte Zimmer, riß ſich dann gewalt⸗ ſam aus Guſtav's Armen und bedeckte ſein Geſicht mit beiden Händen. „Guſtav, Guſtav!“ rief er.„Du biſt es ja— laß mich, mich faſſen.— Wo komme ich her?“ „Ich fand Dich ſchlafend!“ gab ihm dieſer zur Antwort. „Schlafend— ja ja! jetzt beſinne ich mich — im Walde.“ So ſro1“ „und allein! Niemand war bei mir.“ „Wo Du ruheteſt, war es einſam und ſtill.“ Arel ſtand einen Augenblick i in Gedanken ver⸗ funken. Da fahr er wieder plötzlich beſonnen, aber raſch auf.—„Zuruck, zurück!“ rief er, „dorthin, wo Du mich gefunden— ich muß zu⸗ ruͤck— die Hexe hat mir meine Ruhe geſtohlen und mir vielleicht ſchon eine Greuelthat aufgebur⸗ det. Ich war betäubt und ſchwach; das Mon⸗ denlicht, alles das Wunderbare, das ſich meiner in ſeinen Strahlen doppelt bemäͤchtigte, bethörte dies kranke liebeſieche Herz. Ich lockte und gab mich Lockungen hin, die zur Hölle führen. Eilen wir, damit ich nicht zu ſpät komme— ich will das Cry⸗ ſtall zerſchmettern— ich will weder Unheil noch Glück einem Zauber zu We kamm! ½ „Ich wachte Se Du— Fnſſe Dich. 5 „Du?“ rief Ar. gr riß e die Weſte auf, beſah und befuͤhlte ſich Arme und Bruſt. „Was ſuchſt Du?“ fragte der Freund. — 232— „Ich ſuche Blut, oder wenigſiens ein Seichen davon. Sie wollte mein Blut haben, darum ſ ich ihre Zuruͤckkunft eiwarten.“ „Jetzt verſtehe ich Arweds zu früh. Nein, helobt! ich habe den Zauber zerſtört. Siehe, ich habe geblütet; Arwed verwechſelte mich mit Dir, er wird Aht mehr in — „Du haſt ihn im—— Rittet 2 Setie 6 i Gegentheil, ich habe Mord und Frevel vethutet,“ lächelte der Freund; ey ruhig, auch Dich wollte man ja nicht ermorden, man hielt Dich recht des Lebens werth, einen Liebes⸗ niit wollte man Dit betciten— iſt es nicht ſo 7 „Mir nicht,“ ſummeitt Axel lt geſchlagenen Augen. „Dir nicht, aber um Dir Liebe— Schäme Dich Axel! Du, Du der halb Europa durchreiſet, mit den hellſten Geiſtern, mit den wür⸗ digſten jetzt lebenden Männern Verkehr gehabt, Du kannſt im kranken Wahne an die ſchlech⸗ ten Gauklerkuͤnſte eines elenden Finnweibes glauben.“ — 233— Ich ſchaͤme mich, Guſtay, aber nicht deswegen; auch ich habe gedacht und gepruͤft, doch die Spitz⸗ ſindigkeiten der Vernunft muͤſſen den Erfahrungen meiner truͤben Jugendjahre weichen. Ich muß an vieles glauben, was Dein gluͤcklicher, ungefeſ⸗ ſelter Sinn Aberglauben nennt; aber ich ſchäme mich, weil ich in einer ſchwachen, unbewachten Stunde dem nachgegeben, was ich fuͤr verwerflich und abſcheulich halte. Ich ſchaudere vor der Ge⸗ walt meiner blinden Leidenſchaft, jetzt ſehe ich wohin ſie mich fuͤhren kann. Sollte dieſe Stunde mich nicht heilen, wohlan! dann magſt Du Alles erfahren, jetzt ſollſt Du nur die Geſchichte dieſer Nacht mit wenigen und kurzen Worten vernehmen. Hörteſt Du nicht ſelbſt, wie mich das teufliſche Weib faſt nur mit einem Worte dem Himmel und der Hölle uͤbergab? Wo ich verſchmaͤht wurde, ſollte ich Liebe erringen; ſie, ſie ſollte ich beſitzen; ich ſtand wie gelaͤhmt vor Ueberraſchung, vor Freude; ich empfand nur die Flammen, die um meine Seele loderten, nur dumpf ver⸗ nahm ich noch die Worte:„Ich gehe zu ihr,“ dann kehrte Lebenskraft und Mark in die Glieder zuruck; ich ſtuͤrzte der Alten nach.— Ich weiß F. 16 ——— — nicht wie, aber bald befanden wir uns im vertrau⸗ lichen Geſpräͤche zuſammen.„Zu ihr!“ wieder⸗ holte ich,„zu wem?“—„Worüber haſt Du mich denn gefragt?“ gab ſie zur Antwort;„nun zu ihr, mit der Du das Brautbett beſteigen ſollſt!“— Mein Herz klopfte, als ſollte es brechen; wie konnte die fremde Frau mein tieſſtes Geheimniß ahnen? denn nur Du, Guſtav! haſt errathen können, daß dieſe Gegend mein Alles in ſich faßt, und daß ich nur dies Nachtiuartier er⸗ wählt, in der Hoffnung etwas Erwünſchtes zů“ hören; und doch war es mir als könne ſie auf meine dringenden Fragen keinen andern Namen, als den der Geliebten nennen, und das Weib, das ſonſt keinen Namen merkt, nannte ihn wirklich!“ „So weißt Du auch Weib, Freundin, Mut⸗ ter!— wie ſoll ich Dich nennen!— ſo weißt Du auch, daß ſie mich verſchmäht?“ hauchte ich tief er⸗ ſchuͤttert hervor.—„Warum nicht gar!“ erwiederte ſie trocken,„ihr Buſen iſt nur noch ohne Liebe, und die laͤßt ſich einfloͤßen. Ich kenne ſie und beſitze ihr Vertrauen, ſo wie jetzt das Deinige. Sie harret meiner in dieſer Stunde; ich habe bei ihrer Wiege geſtanden, dat weiß ſie und ehret in mir die Stimme, die ihre Zukunft geſegnet hat. Ich werde ihr Eingeweide mit Flammen und Sehn⸗ ſucht füllen, Sehnſucht nach Dir! Eure Kindes⸗ kinder werden mein Grab ſegnen.“—„Das willſt und kannſt Du?“ rief ich erſtaunt,„und wie?“—„Mondenlicht, Kräuter und Blut haben noch mehr vermocht!“ gab ſie ruhig zur Antwort. „Ich bin ein frommes Weib und bete den Chriſt an. Er hat die Liebe nicht verboten.“— Ich ſtarrte ſie wild an.—„Du koͤnnteſt ſie vergiften! Teu⸗ fel!“ ſtammelte ich erblaſſend.—„Ich liebe ſie wie mein Tochterchen!“ fuhr ſie ruhig fort,„oher als Dich. Nur ihretwegen biſt Du mir lieb und theuer! glaube nicht, daß Du mich dazu bewegt. Ehe ohne Liebe iſt Unheil, und ich will ihr Heil! Iſt Dein Blut denn Gift?“—„Mein Blut?“ rief ich unſicher,„wie gern ließ ich alles hinſtro⸗ men!“—„Drei Tropfen nur“ verſetzte ſie„und ich werde dafür ſorgen, daß ſie Glut und Flam⸗ men gebaͤhren ſollen!“— Ich weiß nicht zu er⸗ klären wie, allein dieſe Worte, dieſe Gedan⸗ ken goſſen ſchon ein Feuer in meine Adern, das ich, koſte es was es wolle, dem Gegenſtande aller meiner Wuͤnſche hätte mittheilen mögen. Mir fehlte Kraft zum Widerſtreben. Ihre fiegenden Worte widerlegte meine baͤnglichen Zweifel.— Unterdeſſen waren wir bei ihrer Huͤtte angelangt, ich fuͤhlte mich muͤde und durſtig. Sie reichte mir einen ſtarken Trunk, und nachdem ſie mir ſchnell, unweit der Huͤtte, ein Lager bereitet hatte, bat ſie mich auszuruhen bis ſie zuruͤckkäme, befahl dem Sohn dafür zu ſorgen, daß ich nicht geſtört wurde, und eilte dorthin, wohin ſie be⸗ rufen war. Wie in ſüßer, Wben Betau⸗ bung ſchlief ich ein.“ „Dein guter Genius ließ mich Dich zur rech⸗ ten Stunde ſinden,“ erwiederte Guſtav ernſt, „möchte ich Dich nur immer der Gaukelei der Nacht entriſſen habenz ich theile Deine Schuld, denn ich war es ja, der jene unſelige Frage auf⸗ warf, die doch nur denen gefährlich werden kann, deren gereizter Gemuͤthszuſtand dadurch erhitzt wird. Beruhige Dich, der Zauber iſt zerſtört, und mit keiner Sylbe werden wir dieſer Nacht mehr ge⸗ denken.“ Nach dieſen Worten ſetzte er den Reſt einess Gerichts vor den Hund nieder, der ruhig zu ſtiner — Seite ſtand, und ſeinen Beehungen ſtill mit din klugen Augen folgte. „Woher dieſer Hund, für den Du ſo niht ſorgſt?“ fragte Axel,„ich habe ihn nicht fruͤher bemerkt; gehört er vielleicht hier in's Haus?“ „Nein!“ gab Guſtav ernſt zur Antwort,„es iſt ein neuer Reiſegefährte, auch er gehörte zum Zauber; frage mich daher nicht weiter, und gonne mir, ſo wie ich Dir, auch ein Geheimniß zu haben.“ Axel ſchlug die Augen nieder; da verkundete das laute Geraſſel und der Knall der Peitſche, daß der Wagen ſchon vorgefahren, der fruͤheren Beſtimmung— mit dem Aufgange der Sonne erſt abreiſen zu wollen— ungeachtet; denn Beide wuͤnſchten ſich bald von dieſer Gegend weg. Gu⸗ ſtav ſchlug ſeinen Arm um Axel⸗„Vergelte Glei⸗ ches mit Gleichem!“ fluͤſterte er ihm ſanft zu. „Bin ich Deiner unfreiwilligen Schwaͤche zu Huͤlfe gekommen, wirſt Du wohl auch Gelegenheit fin⸗ den, den oft getadelten Uebermuth Deines Freun⸗ des zu zuͤgeln? Finde Dich ſelbſt wieder, wir ſind ja doch dieſelben wie zwölf Stunden fruͤher, nur daß wir um ein Paar Erfahrungen reicher geworden ſind, darum wollen wir nicht weniger fröhlich die Reſidenz begruͤßen.“ Das junge Mädchen vom Hauſe, das jetzt Farbe und Muth wieder gewonnen hatte, küßte, ſo wie die Reiſenden in den Wagen ſprangen, be⸗ ſtürzt über die reichliche Gabe, Guſtav's Hand. „Gottes Frieden mit Euch Beiden!“ rief ſie den Abfahrenden nach;„zur guten Stunde ſeyd Ihr hier geweſen, denn in Eurer Gegen⸗ wart wich das Böſe; noch ſchlummert der Va⸗. ter ſuß, und zur Geſundheit und Fröhlichkeit wird er erwachenz ich werde weder Euch, noch dieſe Nacht vergeſſen.“ Ende des erſten Theils. Verbeſſerungen bedeutender Druckfehler. Seite 29 Zeile 8 von oben ſtatt: ſtehen, konnte— lies: uunu nN „ Seite v„» un nuvnn wn Seite „ nnnn 44 64 128 154 160 14 Zeile 2 v. o. ſt. vielleicht l. Blut, viel⸗ 22 201 221 237 241 § Zeile 5 v. u. ſt. Bloͤße l. Bläſſe 146 148 127 184 274 b Erſter Theil. ſtehen, er konnte £ o. dies wagte l. dies nicht wagte 16 v. o. ſt. Helmwan. den Diener Arel 3 v. o. ſt. Wie nennk l. meint 4 v. o. ſt. Wiee aufgerichtet, or. o. o. o u„ M* 10 v. 11 v. 10 v. ſt. nur 1. dienen ſt. ſie nur l. ſie m Aber elt l. Aber Du 5 von unten ſt. Se einer l. Straßen Nn Zweiter 10 v. o. ſ die unruhig durchwachte l. und pon 9 unruhig durchwachten 11 v. o. ſt waͤre, l. wäre; 1v. o. t'mir ſie l. deige 3 v. u. ſt 5 der ꝛc. se iniſt⸗ l. Haß zu den ꝛc. Verhaͤltniſſen ſ und hielt l. auch ſt auch jenes l. auch * 6Mu Aeltere noch l. 15 neltere u n 4 v. o. 15 v. o. 5 v. u. 3 v. u. ſt. ti salvo l. te saluto! 2 v. o. ſt. betreffen mochte l. betroffen machte v. o. ſt. Haltung der l. Haltung die v. o. ſt. jene gehen k. jener verloren gehet. v. u. ſt. verloren gehabt hatte 1. ver⸗ loren hatte. Dritter Theil. un 1 6 7 „ 72 v. o. ſt. genug l. nicht genug o. s einem l. noch einem u. ji. mußte l. ach; mußte o. ſt. Sen die 1. Gegenwart die „ v. v. v v. v. v. e— S »nuuMv u. ſt. die mir eine l. die nur eine o. ſi. Chriſtkind in l. Si⸗ in u. ſt. hier durch k. hiedurch Vierter Theil. Seite 20 Zeile 6 v. o. ft. berſelbe, mit k. derſelbe mit 5 29 9 v. u. ſt. erblickte ſie l. erblickten ſie 35 15 v. v. ſt. von einer 1. in einer 43 4 v. u. ſt, dapon zu verſtaͤrken 1. darin zu beſtaͤrken. 51 2 v. o. ſt. verwerfenden I. vorwerfenden 527 8 v. u. ſt. und die Meinung unterliegt nur S der Schwäche k. und der Meinung unterliegt nur die Schwaͤche. n unn *„ NN 96„ 15v. o. ſt. da auch l. und der auch. v. u ſt. auch das 7. auf das 104 3o. ſt. Liebe, ihr i. Liebe ihr . ſt. fuͤhlte l. daher fuͤhlte 10„ lette ſt. Ulla 1. Ebba 3 letzte ſt. das ſelbſt I. das ſich ſelbſt 15. u ſit. leichten I. leiſen 12 15 v. v. ſt. vor Dir— daß l. vor Dir, daß b n. ſt. daß der Erſte I. daß der erſt 126„ 2v. o. ſt. Liebe die Liebe, die alle 1. Liebe, die Liebe die hier alle 0 bo. ſt. alle ſeine k. Allen ſeine 4. ſt. Blicken üͤber l. Blicken, uͤber F o 1 ſinhtinzwie ſetcdieſe⸗wie v. o. ſt. ſie Ula gluͤcklichk. ſie ihn glucki S 2 to u. ſt. Ein Loos l. Euer bobs 2 . ſt. hinaus, durch denl. hinaus in ben 223„ 6 b, o. ſt. Valſam“s dunkler 1. Balſam's, waren dunkler —— * — 4 „ ⸗ — 4 4* ſſiiſſſ 12 1 14 15 16 17 .