Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 3 Seih- und Geſebedingungen 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.- 3. Caation. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe —3 hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. „ 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für tchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mr f 1 Mr 50 Pf. 2 Mk.— f⸗ 5 Answärtige bonhenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen- 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und vefecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛe.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ korene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſoi der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.. 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben.* S— 4 Das geheimnissvolle haus oder der 6 kichtersprury der auelt. Von L. Kruſe, Verf. des kryſtallenen Delches u. m. a. 3 weiter Thei. Hamburg in der Heroldſchen Buchhandlung 1825. —— e eeeeere Das geheimnissvolle Paus oder Der Richterspruch der WMelt. —.—.————— ————— 3 we ter 5 * * De Fremde ſchwieg; die Geſellſchaft gleichfalls; allein Alle ſahen ihn mit großen Augen an. Endlich nahm er das Wort wieder: „Meine Geſchichte iſt zů Ende, und ich, dem Sie alle vor wenigen Augenblicken ihre Hochachtung bezeugten, und durch meine Auf⸗ nahme in dieſen Kreis auch Proben derſelben gegeben haben, bin der einzige wahre Schul⸗ dige in dieſer Begebenheit, die ſo viel Auf⸗ ſehen erregt hat, waͤhrend jene beſten, edelſten Menſchen den Hohn und die Sn der Welt tragen muͤſſen!“ 4 4 „Hm!“ laͤchelte der Buͤrgermeiſter, ſo fein, als er nur konnte:„Wer nur an Ihre ſo ſchoͤn zuſammengeſtellte Fabel glauben wollte?“ ⸗ „Wie, eine Fabel?“ rief der Reiſende. „In der That nichts anders; denn wie viel Kunſt Sie auch daran verwendet haben, iſt und bleibt ſie doch ſo hoͤchſt unwahr⸗ ſcheinlich——“ „Alſo weil jene Leute nicht ſo ſind, wie die, welche uns alle Tage dutßendweiſe begegnen, weil die ſe Begebenheit nicht gewoͤhnlich, iſt ſie unwahrſcheinlich?“ wandte der Fremde mit Feuer ein.„Iſt es denn weniger unwahr⸗ ſcheinlich, daß eine geachtete und gebildete Familie auf einmal ihren bisherigen ehrenvollen Lebenswandel verlaͤugne? daß eine ehrbare, wohlerzogene Frau in einem ſcandaleuſen Ver⸗ hältniſſe mit ihrem Schwager, einem damals aum funfzehnjaͤhrigen Knaben lebe? weniger unwahrſcheinlich, daß dieſe Frau, nicht allein beſchuldiget, ſondern ſogar fuͤr den Vater des —— ₰. 2 5 1 Kindes eines oͤffentlichen Maͤdchens gehalten wird? daß zwei junge, ganz in ihrem kleinen Kreiſe gluͤckliche Eheleute in einem zuͤgelloſen Leben wetteifern ſollten, um mit ihren Aus⸗ ſchweifungen gegenſeitige Nachſicht zu haben? Iſt es weniger unwahrſcheinlich, daß ein ſchuld⸗ loſes, munteres, lebensfrohes Weib, ohne daß ihr Inneres dem Urtheil der Welt unterlag, ſeinen leichten-Sinn, dieſe ſchoͤnſte Gabe des Himmels bewahrt, als daß ihre Froͤhlichkeit durch Wahnſinn veranlaßt werde? O Welt! Wilt!“ 5 „Sie ſind ein geſcheuter Advokat,“ er⸗ wiederte die alte Dame laͤchelnd;—„allein uns machen Sie doch nicht eine Silbe von Ihrer ganzen Erzaͤhlung glauben!“ „Nein! gewiß nicht!“ riefen ſie Alle. „Sie geben uns nur Gelegenheit,“— verſetzte der junge Theolog,—„das ſchoͤne, nur zu nachſichtige Herz zu bewundern, das von edler Dankbarkeit getrieben durch eine ſo 6 gluͤckliche Erfindung, gern einen Schleier uͤber die Unſittlichkeit ſeiner Wohlthäͤter zoͤge.“ „Wohl! ich gebe mich verloren,“ rief der Fremde, indem ihm das Blut die Wangen dunkler faͤrbte, und er mit einem ſtolzen Blick die Anweſenden maß.—„JIch fange ſelbſt an, zu glauben, daß dieſe ganze Geſchichte eine Erfindung ſey. Es iſt auch nicht anders moͤglich; denn iſt es wohl wahrſcheinlich, denk⸗ bar ſelbſt, daß ein geſchaͤtzter und reicher Kauf⸗ mann, der ſich ſchon des Zutrauens eines ſo gewaͤhlten Kreiſes erfreut, und der, wie Ihr Correſpondent, wertheſter Herr Buͤrgermeiſter, betheuert, als ein erwuͤnſchles Mitglied jeder guten Familie willkommen ſeyn wird⸗ daß ein ſolcher Mann, ſage ich, um die Hand eines armen verſtoßenen Maͤdchens werben ſollte, das einſt gewiſſermaßen ſich in einem oͤffent⸗ lichen Saale preisgegeben hat?— und doch tſt es ſo, wenn— meine Erzaͤhlung wahr iſt; denn die junge Frau, die ſich in Seltings Hauſe aufhaͤlt, die vorgebliche oder wirkliche Mutter des raͤthſelhaften Knaben, den ich mit 7 — zaͤrtlichen Thränen fuͤr meinen Sohn erklaͤrt habe— iſt meine Braut; und“ fugte er mit einem ſo herausfordernden Blick auf die Ge⸗ ſellſchaft hinzu, daß man nicht klug daraus werden konnte, ob er ſie gern zum Beſten haben moͤchte, oder ob er im Innern ſeinen Freunden dadurch einen Erſatz geben wollte, daß er den Hohn der öffentlichen Meinung von Ihnen ab auf ſich ſelbſt hinlenkte, indem er im gleichguͤltigen Ton fortfuhr:—„und mein Geſchaͤft hier in der Stadt iſt nur, gegen gute und contante Bezahlung mir folgende Artikel zu verſchaffen, alle noͤthig und unentbehrlich zu der haͤuslichen Niederlaſſung eines ver⸗ mogenden Mannes; denn auch ich habe dieſe ſchoͤne, reiche Natur zur Umgebung meines ſtilen Gluͤckes gewaͤhlt. Sie belieben nur aufmerkſam zu ſeyn.“ Er ließ ſich nun in verſchiedene Handels⸗ details ein, die mehr oder weniger die Theil⸗ nahme der Anweſenden erregten, wovon die Mehrzahl Kaufleute war.— Die Geſelſſchaft trennte ſich, ungewiß jedoch, welche Wendung die Beredſamkeit jedes Einzelnen dieſer uner⸗ hoͤrten Begebenheit geben ſollte. Indeß da Strahlen in der That alle dieſe, und noch mehrere bedeutende Einkaͤufe wirklich machte, hatte es eine lange Zeit das Anſehen, als wenn die Waage des Rufes ſich ſehr zu ſeinem Vortheil hinneige, allein als nun endlich das Geruͤcht erzaͤhlte, daß er in der That in aller Stille das bewußte Frauenzimmer auf Selting's Gute geheirathet, und man wenigſtens den Umſtand mit Gewißheit wußte, daß kein ein⸗ ziger von den Bewohnern der Stadt dazu eingeladen geweſen, ſchien es, als haͤtte er ſeine Abſicht erreicht, denn gegen ihn, und die, welche man fuͤr ſeine Frau hielt, wandten ſich nun die ſchaͤrfſten, in das Gift der Klatſcherei getuͤnchten Pfeile. Man bedauerte mit dem innigſten Mitleid, die vorher ſo ver⸗ hoͤhnten Seltings, obgleich man ihnen noch die unverzeihliche Schwaͤche beimaß, ſich nicht von einem ſo verruchten Paare losreißen zu koͤnnen oder zu wollen, ja man ſuchte ſogar 1 9 durch Einladungen und Zudringlichkeiten ſich ihnen zu naͤhern; nur Schade, daß ſie dieſe veraͤnderte Stimmung nie haben benutzen wollen. Was nun beſonders und noch fort⸗ waͤhrend erwaͤhnter kleiner Stadt Anſtoß und Aergerniß giebt, iſt der Umſtand, daß ſie noch nicht hat herausbringen koͤnnen, ob dieſe zwei jungen Leute wirklich mit einander verheirathet ſind.— Sie weiß nur, daß die beiden Ehe⸗ leute, Freundin und Freund, eine vertraute gluͤckliche Familie ausmachen.— 3 e ————— 8. Lothar legte ſtumm und ohne aufzuſehen, das Heft zuſammen. Auch die beiden Frauen ſahen ſchweigend vor ſich nieder. „In der That“— nahm der Prediger nach einem kurzen Nachdenken das Wort; „abgeſchloſſen kann man dieſe Erzaͤhlung kei⸗ nesweges nennen; ja es ſcheint vielmehr, als wenn der Darſteller derſelben fliſſentlich den Zuhoͤrer in Zweifel uͤber den Ausgang erhalten will; freilich kann er erwiedern, daß das Ge⸗ maͤlde in ſofern vollendet iſt, als die Hauptbegebenheit mit ihren Folgen klar her⸗ vortritt, naͤmlich der geſellige Untergang einer Familie, welche die Gewalt der Meinung in zu ſtolzer Zuverſicht auf innere Beweggruͤnde nicht genug beruͤckſichtigte; aber die fernern Schickſale dieſer Familie bleiben, ohne nur eine befriedigende Beruhigung darzubieten, durchaus verborgen, und ich geſtehe gerade aus, es thut mir weh, von beiden Theilen mit — 1¹ ſolcher Ungewißheit zu ſcheiden.— Geben Sie uns muͤndlich den Erfolg!—“ „Woher?“ entgegnete Lothar nicht ohne Verlegenheit, waͤhrend er einen pruͤfenden Seitenblick auf die Frauen warf, welche Beide, die Geſelſſchafterin tief uͤber ihre Arbeit ge⸗ buͤckt, und die Kranke wie vorher im Nach⸗ denken verſunken, noch nicht die Blicke erhoben. „Woher?— Dies Heft iſt mir nur mitge⸗ theilt worden!“ „Dem Inhalte nach allenfalls,“ verſetzte der Prediger laͤchelnd,„denn an dem warmen Colorit und der ſcharf bezeichneten Staffage, die ein lebhafter Geiſt benutzt, um ſeinen kecken Unmuth uͤber die geſelligen Gebrechen unſerer liebloſen Zeit an den Tag zu legen, glaube ich, ohne Furcht mich zu irren, den wieder zu erkennen, dem ich gern dieſelbe Duldung und Nachſicht mit den geſelligen Schwaͤchen der Menſchen beizubringen wuͤnſche, die er dieſen fuͤr die ſcheinbaren Verirrungen der Naͤchſten ein⸗ floͤßen mochte— der ſarcaſtiſche Ton verraͤth den Verfaſſer, lieber Freund!“ 12 „Ja, ich geſtehe es“— gab Lothar leich erroͤthend zur Antwort—„die Einkleidung iſt mein Werk, aber Sie brauchen nur“ fuͤgte er hinzu, dem Prediger das Heft hinreichend, „das Manuſcript anzuſehen, um ſich ſo⸗ gleich zu uͤberzeugen, daß es, ſo wie ich es vorgetragen, ſchon laͤngſt vollendet daliegt.—“ „Ich zweifle nicht“— war die Antwort— „daß es ſich ſo verhaͤlt; indeſſen ſcheint doch unſer vorhergehendes Geſpraͤch, aus dem eigent— lich die Vorleſung hervorgegangen iſt, und Ihre eigene Stimmung als Sie uns dieſe zu⸗ ſagten, auf eine ganz andere Beziehung zu deuten, als die, in der es wahrſcheinlich ge— ſchrieben iſt; und eben in jener Beziehung, die auf die Folgen einer Verirrung auf das Gemuͤth und das Leben hinausging, befriedigt der Schluß uns keinesweges; wir laſſen uns nicht ſo leicht abfertigen, wie dies reſpectable Kraͤnzchen, und verlangen wenigſtens durchaus zu wiſſen, ob die angekuͤndigte Hochzeit, aus der wir nicht recht klug werden koͤnnen, auch wirklich ſtatt gefunden habe?“ —,—— —— 13 „Und waͤre denn damit die Geſchichte aus?“ nahm die alte Dame tief aufathmend mit ihrer gewoͤhnlichen klaren Beſonnenheit endlich das Wort.„Meinen Begriffen nach iſt das Vorgetragene eigentlich nur die Ein: leitung zu der inneren Geſchichte der Charaktere und Geſinnungen dieſer Menſchen, die nun folgen muͤſſe; denn wahrlich, dieſe Heirath, ſo wie die Etzaͤhlung ſie ankuͤndiget, kommt ſo ſchnell, ſo unmotivirt, ſo uͤberraſchend, daß es mich wundern wird, ob ſie, die mir nicht weniger leichtſinnig erſcheint, als der Leichtſinn, der ſie veranlaßte, auch zu einer gluͤcklichen Ehe, zu einem zufriedenen Leben fuͤhren kann. — Ja, mich verlangt außerdem zu wiſſen— ob wirklich die ſchnell gewaͤhlte Einſamkeit der verlaͤumdeten Frau ein fortdauerndes Gluͤck gewaͤhrt habe?— Bei den Frauen raͤcht ſich eine Unbeſonnenheit immer ſchwerer als bei den Maͤnnern!““— „Ueber ſie“— erwiederte Lothar— „kann ich Sie eher beruhigen. Sie fand ſich in der That in jener Gegend auf dem neu 1 14 ſ angekauften Gute nicht ſo zufrieden mit der Ein⸗ ſamkeit, wie ſie ſich felbſt gern einbilden mochte, und nur ihr bluͤht aus dem dort nur zu bald zerriſſenen Verhaͤltniß ein ihren Anſpruͤchen angemeſſenes Gluͤck.“ „Aus dem bald zerriſſenen Verhaͤltniſſe fragte der Prediger. —,— „Nun ja! denn es wurde nichts aus der Hochzeit!“ ſagte Lothar finſter. „Freund!“ fuhr der Prediger verwundert fort, indem er laͤchelnd und offen Lothar die 5 Hand reichte,„muͤſſen wir Ihnen ſtuͤckweiſe entreiſſen, was Ihnen ſo feſt an's Herz ge⸗ wachſen ſcheint? Das iſt unſere Abſicht nicht; brechen wir ab, wenn Ihnen dies S wehe thut.“ „Es thut mir doch noch weher,“ S Lothar bewegt, Beide mit den Blicken meſſend —„den Verdacht bei Ihnen vielleicht erregt zu haben, als vertraue ich nicht ſo klugen und werthen Freunden, deren Anſichten mein Inneres ſchon ſo viel zu verdanken habe.— 15 Nun denn— jede falſche Schaam hinweg,— ich habe meine eigene Geſchichte erzaͤhlt!“ Der Prediger ſahe ihn einen Augenblick betroffen und etwas verlegen an, nicht ſo die Kranke. Sie reichte ihm liebevoll und muͤtter⸗ lich die Hand, und ſagte, indem ſie die ſeine leiſe druͤckte:—„Ich danke Ihnen, Lothar, fuͤr dies ſchoͤne Pfand Ihrer oder vielmehr unſerer Freundſchaft. Nun weiß ich auch gewiß, daß ſie uns den— wie ich ahne— weniger erfreulichen Erfolg dieſer Begebenheit nicht vorenthalten werden.“ „Nein!“ ſagte er bewegt— nleic ich wirklich noch nicht zu beſtimmen wage, in wie fern die naͤchſte Folge erfreulich oder nicht geweſen;— aber“— unterbrach er ſich auf einmal mit einem Blick auf die Geſellſchafterin, die wie es ſchien ihre Arbeit nur wenig foͤrderte, obgleich ſie die Augen davon nicht abwandte, aber wohl mitunter die Stirne auf die Hand ſtuͤtzte, und dann wieder ſich ſchnell beſinnend emſig fortarbeitete—„aber es iſt gewiß ſpaͤt; unſere Freundin ſcheint die Unruhe 16 nicht verbergen zu koͤnnen, die uns gewoͤhnlich ohne Worte verraͤth, wenn wir unter traulichen Geſpraͤchen mitunter die zarte Sorge fuͤr Ihr ſchwankendes Wohlbefinden vergeſſen, die Ihre treue Pflegerin nie aus den Augen verliert.“ „Nein! Nein!“ nahm die Landraͤthin ſchnell das Wort, ſo der Geſellſchafterin zu⸗ vorkommend, die mit einem gezwungenen Laͤcheln Worte zu ſuchen ſchien, um Lothar zu antworten.„So iſt ſie den ganzen Tag geweſen; ſie nahm ſogar Anſtand dieſen Abend zu erſcheinen, doch wohl wiſſend wie nothwendig ſie mir iſt, und da wir Beide uͤberzeugt waren, daß weder Entfernung noch Ruhe ihren heutigen Zuſtand lindere, gab ſie meinen Bitten nach, ſich nicht der geiſtigen Zerſtreuung zu entziehn, die Ihr Vortrag ihr gewiß gewaͤhren wuͤrde.— Sie hat nur Zahnſchmerzen“— fuͤgte die Landraͤthin mit leiſem neckenden Laͤcheln hin⸗ zu.—„Schweige nur mein Kind; ich weiß es macht Dir Schmerz zu reden.— Nun Lothar! ich bin recht begierig.“ — — „Was ich Ihnen vorgetragen habe, ſelbſt meine nur nicht ſo umſtaͤndliche und ſorgfaͤltige Beichte bei jenem Gaſtmahl, iſt buchſtaͤblich wahr“— begann Lothar ſeinen Bericht.— „Obgleich ich wohl fuͤhlte, daß die Welt im Allgemeinen, und dieſe kleinere insbeſondere eben nicht verdiene, daß ich ihr offen meine Schwaͤche eingeſtand, und recht gut einſah, daß es nicht einmal klug ſey, glaubte ich in meiner durch Unmuth geſteigerten Exal⸗ tation, den mißgehandelten Freunden kleinen Erſatz ſchuldig zu ſeyn.“ „Meine in der That ſchweſterliche Freundin hatte Recht gehabt!— Als ich, wie mein Vortrag berichtet, jede Beruͤckſichtigung vergeſſend, zu Thereſens Fuͤßen— wir wollen dieſen Namen behalten— geſunken war, ſtarrte ſie mich betroffen und unſicher an.— Erſt meine 18 verworrene nur halb ausgeſprochene Worte belehrte ſie allmaͤhlich wovon die Rede ſey.— Sie wandte ſich mit einem Blick voll des Abſcheues, der ihr Gemuͤth, ſeit ſie von ihrem Irrthum unterrichtet, vor dem Urheber ſo vieler verwickelten Leiden aus dem eigenen Gram eingeſaugt hatte, von mir ab, und das Kind mit aͤngſtlicher Heftigkeit aus meinen Armen reiſſend, verließ ſie ohne ein Wort zu ſagen das Zi nmer; die Hausfrau folgte ihr n h heftig und unbeſonnen,“ ſagte Selting kopfſchuͤtteind:„In der That⸗ faſt wie meine Frau! Sie denken auch, daß die ganze Welt Ihre Anſichten anerkennen muͤſſe, weil Sie der Rechtlichkeit derſelben ſich bewußt ſind. Nun! Faſſen Sie ſich Freund! Thereſe iſt billig und gut,— beurtheilen Sie ſie nicht nach dem unfreiwilligen Ausbruch eines Grolls, den ſie bei einer ſolchen Ent⸗ deckung ja in furchtbarer Staͤrke fuͤhlen muß, um ſo mehr, daß ſie noch nichts von dem ahnet, was zu Ihrer Entſchuldigung ſpricht.—“ 19 „Doch“— unterbrach Lothar ſich ſelbſt,— „laßt mich dieſen Bericht in wenigen und kurzen Worten faſſen, damit er weder zu lang werde noch meinen Freunden Langeweile mache.— Es war indeſſen meiner Wirthin gelungen, Thereſe allmaͤhlich zu beruhigen und alles was zur Verringerung meiner Schuld geſagt werden konnte, ihr vorzuſtellen;— vielleicht ſprachen die ſonderbaren, wie von einer ſicheren, obgleich uns zu Stande, und meine ſi ichtbare immer wachſende Liebe zu dem ſuͤßen Kinde begann nach und nach die Mutter mit mir zu ver⸗ ſoͤhnen. In dieſem Zeitpunkt fiel vorerwaͤhnte Scene bei dem mir zu Ehre gegebenen Gaſt⸗ mahl vor.— „Ich hatte mich oft ſelbſt in der Stille gefragt: welcher Ausgang doch dieſe Ver⸗ wickelung wohl nehmen wuͤrde?, Ich ſahe Thereſe taͤglich, ſahe ſie, wenn ich mich ſo ausdruͤcken darf, mit den Augen der Freundin, 2* 20 die durch uns Beide ſo viel gelitten hatte.— Es war als liebte ſie dieſe Frau eben dieſer Leiden wegen, als ihr Geſchoͤpf, das Kind ihrer Schmerzen.— Es kam mir vor, als beſtrebte ſie ſich mir das gerettete Weſen in immer hellerem Licht zu zeigen, als verriethen mir dieſe kleinen Bemuͤhungen einen Wunſch ihres Herzens, den die Lippen auszuſprechen jedoch ſich ſcheueten. Der Erſatz, den ich meinen Freunden ſchuldig zu ſeyn glaubte, ging durch ihre Liebe und Sorgfalt auf den Gegen⸗ ſtand derſelben„ auf Thereſe uͤber. Die Meinung der Welt widerte mich an, und im jugendlichem Uebermuthe ſetzte ich meinen Stolz darauf, ihr trotzen zu koͤnnen. Ich hatte mich mit der Idee, Thereſe meine Hand anzubieten, immer vertrauter gemacht.— Der alberne Unglaube jenes Kreiſes, ſeine boshafte ſchadenfrohe Verlaͤumdungen waren der Zunder an dem der glimmende Funke meines Herzens in hellen Flammen aufloderte; ich glauhte beſtimmt zu fuͤhlen, was ich thun muͤſſe, und wollte es auch; in dem Augenblick, 24 da ich laut, ohne Erroͤthen, mit der Zuverſicht des geretteten Gewiſſens, der oͤffentlichen Mei⸗ nung zuwider, meinen Entſchluß ausgeſprochen hatte, zweifelte ich keinen Augenblick, daß ich auch Staͤrke beſitzen wuͤrde, ihn nie zu be⸗ reuen.—“ „Kaum war ich zu Hauſe gekommen, als ich mit ſtolzem Selbſtgefuͤhl, noch innerlich vor Unmuth gluͤhend, meinem Wirthe und ſeiner Frau, meinen Entſchluß und deſſen Veranlaſ⸗ ſung anzeigte.— Zu meiner Verwunderung ſchienen ſie beide ihn zu mißbilligen, die Frau indeß, die gewohnt war, nur ihr Herz zu befragen, weniger als der Mann.„Sie ſind zu voreilig geweſen⸗ Freund!“ ſagte ſie kopf⸗ ſchuͤttelnd.—„Sind Sie auch Thereſens Ja gewiß.“ Es war mir nicht eingefallen, daran zu zweifeln. „So ſeyd Ihr Maͤnner?“ fuhr meine Freundin fort—„Immer glaubt Ihr ein Recht da zu haben, wo Ihr es ammeiſten —— verwirkt habt!— Doch iſt es Ihr Ernſt, dann will ich mit Thereſen ſprechen!“ „Wahr!““ fagte ich demuͤthig,„aber— Thereſe iſt Mutter! was mich mehr als mein Unrecht zu ihr hinzieht, wird Sie auch an mich binden.“ Ich hatte mich geirrt. Thereſe ſchlug meine Hand aus.„Es war,“ meinte ſie, Pflicht gegen uns Beide, ein Anerbieten zu⸗ ruͤckzuweiſen, das von meiner Seite ſich nur auf einem Gefuͤhl der Pflicht gruͤnde, und ſie ehre dies Gefuͤhl und ſich ſelbſt, indem ſie ihm nicht nachgebe.“ „Ich geſtehe, dieſe Antwort machte ſie mir erſt recht theuer, obgleich die Behauptung mich nicht wenig verletzte, daß wir uns ja vol⸗ lig fremd ſeyen, und daß unſere beiderſeitige Taͤuſchung nur geeignet ſey, uns fuͤr immer zu trennen ſtatt uns zu verbinden; doch ver⸗ kleinerte dieſer kalte Vernunftſchluß nicht die Achtung, die mir ihre Weigerung einfloͤßte.“ „Ich nahete mich ihr zum erſtenmal mit offenem, ſchoͤnen Vertrauen; doch je mehr ſie 3 23 ſich weigerte melnen tanſenden Gruͤnden nach⸗ zugeben, jemehr ſie in dieſer Weigerung geſun⸗ den Verſtand und ſicheres feines Gefuͤhl, das aus dem tiefen Innern, und gar nicht aus einer von der Freundin aͤußerlich angelernten feinen Bildung hervorging,— je inniger fuͤhlte ſich mein Herz von dem ſchoͤnen Weſen, das fruͤher meine Sinne hingeriſſen hatte, angezo⸗ gen.— Thereſe ſah bald ein, daß mehr als ein individuelles gewiſſenhaftes Pflichtgefuͤhl mich an ſie band.— Meine offenbare Liebe zu dem Knaben, ſeine Anhaͤnglichkeit an mir, verfehlten nicht die Wirkung auf das muͤtter⸗ liche Herz; das Zureden unſerer gemeinſchaft⸗ lichen Freundin half noch mehr; kurz, nach einigen Wochen gab ſie mir zwar nicht ihre frohe Zuſtimmung, aher ſie wies doch nicht meinen Antrag ſo beredt zuruͤck. In der Stille hatte ich alle vorerwaͤhnten Einkaͤufe beſorgt.— Es war meine Abſicht, mich auch der Einſamkeit zu widmen. Ich hatte ſchon ſo viel verdient, daß ich ein kleines Landgut kaufen konnte und zweifelte gar nicht, daß —— jedes maͤßige Einkommen, welche ein ſolches mit Liebe und Sorgfalt bebaut, abwerfen wuͤrde, und die Intereſſen von einem kleinen Capital, das mir uͤbrig blieb, genug ſey, um unſere genuͤgſamen Wuͤnſche zu befriedigen. Aber bis ein ſolches Gut ſich in der Nachbar⸗ ſchaft vorfand,— denn ich fuͤhlte, daß die Zuſammenhaltung unſers kleinen Kreiſes uns allen ein Beduͤrfniß ſey— wollten wir, den Wunſchen unſerer Freunde nachgebend, uns auf ihrem Gute aufhalten. Indeſſen mochte ich doch nicht meine ſchon angekuͤndigte Hei⸗ rath aufſchieben. Es war mir gelungen, ohne daß Thereſe von dem Zwecke traͤumte, einige Zimmer in der obern Etage zu unſerem ehelichen Zuſam⸗ menleben einrichten und mit ſelbſt erwaͤhlten und erkauften Beduͤrfniſſen verſehen zu laſſen. Es fehlten nur noch ſolche Sachen⸗ woruͤber nach der beſtimmten Meinung unſerer Freundin nothwendig die Stimme der zukuͤnftigen Haus⸗ frau eingeholt werden muͤſſe,— RNoch ohne das entſcheidende Ja erhalten zu haben, fuͤhrte cx 25 ich eines Tages Thereſe von unſern Freunden begleitet in die ausgeſchmuͤckte Wohnung ein.— Ich ſagte zu ihr, wie einſt der Verſucher: „Alle dieſe Herrlichkeiten gehoͤren Dein, wenn Du mir die Hand giebſt.“ Nie ver ehlt der Anblick einer huͤbſchen haͤuslichen Einrichtung,⸗ in der ſie ſich als Koͤnigin fuͤhlen, einen guͤn⸗ ſtigen Eindruck auf das Herz der Frauen zu machen, zumal wo ſie nicht ungeneigt ſind⸗ und ich waͤhnte mich ja von Thereſen geliebt, obgleich noch immer eine ſonderbare fremde Scheu zwiſchen uns ſich ſtellte.— Sie wurde auch wirklich geruͤhrt, die Thraͤnen ſtuͤrzten ihr aus den Augen, ſie ſank in meine Arme; ich fuͤhlte mich in der That in dieſem Augenblick glucklich, ſelig— denn ich liebte ſie— ich liebe ſie noch! Doch war der Taumel einiger berauſchenden Minuten kaum voruͤber, als Thereſe nicht kalt— aber duͤſter, geheimnißvoll moͤchte ich ſagen, erklaͤrte, daß ſie mir nur unter der Bedingung die Hand nicht verweigere, daß wenigſtens ein Jahr zwiſchen dieſem Augen⸗ blick und ihrer voͤlligen Entſcheidung liegen 26 durfe.— Die Ungeduld des feurigen Anbe⸗ ters hatte ſich ſchon meines Herzens bemaͤch⸗ tigt, meine Unzufriedenheit drohete bereits wie ein Sturm loszubrechen, da gab mir die Freundin unbemerkt einen Wink;„die Zeit ließe ſich immer abkuͤrzen⸗“ fluſterte ſie leiſe; „ich könnte noch durch meine Heftigkeit alles verderben.—“ „Ich gab nach; doch machte auch ich die Bedingung, daß die zu unſerer haͤuslichen Riederlaſſung nothwendigen Sachen doch darum nicht fehlen durften, ſondern daß wir gemein⸗ ſchaftlich das Noͤthige beſorgen wollten.— Dabei blieb es; und mit Freuden ſah ich, daß ſie mehrere Tage nach einander von ihrer Freundin begleitet in die Zimmer hinaufſtieg, und daß die Frauen ſich lebhaft mit einander beriethen, ſtritten und ihre Anſichten uͤber das Beſprochene wieder zu vereinen ſuchten. Ja! ſelbſt ich wurde mitunter zu Rathe gezogen⸗ und ſo gewoͤhnte Thereſe ſich immer mehr an den Gedanken, daß ſie mir ſchon gehoͤre, und in der That, mit jedem Tag verſchwanden 27 meine Furcht und meine Zweifel ruͤckſichtlich ihrer jetzt nie erwaͤhnten Bedenklichkeiten im⸗ mer mehr und mehr.“ Thereſe hatte noch nicht ſeit der gemein⸗ ſchaftlichen Ankunft auf dem Gute, die Gren⸗ zen deſſelben allein uͤberſchritten; eine leichte Angſt beſiel ſie ſichtbar, als ich ſie endlich be⸗ wogen hatte, mit mir auszufahren, und ſpaͤ⸗ ter auch in dem Staͤdtchen einige Kramladen zu beſuchen, und hernach bei einer dort woh⸗ nenden ſehr beruͤhmt gewordenen Naͤherin vor⸗ zufahren, der ſie vielfaͤltige Arbeiten uͤbertra⸗ gen wollte, und mit deren Mann, einen tuͤch⸗ tigen Handwerker, ich ſchon fruͤher Verkehr gehabt. Ich hatte ihr vorgeſtellt, wie nothwendig es ſey, ſich daran zu gewoͤhnen, ſich oͤffentlich und unbefangen zu zeigen.— Erſt nachdem ſie mit dieſer Frau, waͤhrend ich mich mit dem Manne unterhielt, Abrede genommen, und wir mehrere Boutiquen beſucht, woſelbſt ich— ich geſtehe es,— mehr auf unſere Einkaͤufe und deren Bezahlung, als auf ſie meine Aufmerk⸗ ſamkeit verwendet hatte, bemerkte ich auf dem 28 Ruͤckwege eine Blaͤſſe und eine Verwirrung auf ihrem Antlitze, die mich betrofſen machte.— Auf meine beſtuͤrzte Frage ſchuͤtzte ſie Unpaͤß⸗ lichkeit vor, welche wahrſcheinlich durch den un⸗ gewohnten Verkehr mit der Welt und den Aufruhr, in der ſich ihr Gemuͤth befunden entſtanden war, und ich wuͤrde dieſen umſtand nicht angefuͤhrt haben, wenn nicht von dieſem ungluͤcklichen Tage an, Thereſe immer ſcheuer und zuruͤckhaltender gegen mich geworden, mich, der um ſie zu begluͤcken und meinen Empfin⸗ dungen in Beziehung auf ſie zu genuͤgen, alle Ruͤckſichten auf die Welt zur Seite geſetzt hatte! Es kommt mir noch immer, wenn ich daran zuruͤckdenke, vor, als muͤſſe etwas vor⸗ gefallen ſeyn, daß mir ein Geheimniß bleiben ſollte. Ich vertraute unſerer gemeinſamen Freundin meinen Verdacht. Sie laͤugnete nicht, daß auch ihr das unerklaͤrbare Zuruck⸗ ſinken Thereſens in ſich, aufgefallen ſey. Sie drang in die Freundin und erhielt zur Antwort, daß nichts, gar nichts vorgefallen 29 waͤre; aber ſie zweifelte nur immer mehr und mehr, daß ſie mich wahrlich begluͤcken, daß ich mich an ihrer Seite in der Zukunft fortdauernd zufrieden fuͤhlen koͤnne⸗ Ich glaubte meine unveraͤnderten, ob⸗ gleich, ich laͤugne es nicht, noch immer geſpann⸗ ten Geſinnungen nicht beſſer an den Tag legen zu koͤnnen, als wenn ich alle kleinen Zubereitun⸗ gen zu unſerer Hochzeit beſchleunigte.— Es war freilich nicht beſprochen, aber es ſchien, als waͤre es uns Allen lieb, wenn dieſe ganz in der Stille gehalten wuͤrde. Das Aufgebot von der Kanzel war mir zuwider; ich hatte uns daher heimlich einen Erlaubnißſchein: uns ohne Weiteres trauen laſſen zu duͤrfen, aus der Reſidenz verſchafft. Kaum drei Monate von dem bedingten Jahre waren verſtrichen, als ich dieſen erhielt; indeſſen waren alle die beſtellten Sachen beinahe fertig geworden, ob⸗ gleich Thereſe in der That ihren Fortgang mehr vernachlaͤßigte als foͤrderte.— Ich rief meine Freunde zu Hulfe, und ließ eines Abends, als wir Alle beiſammen ſaßen, mei⸗ nen Sohn der Mutter das Inſtrument uͤber⸗ reichen, mit der Bitte: Seinetwegen zu ge⸗ ſtatten, daß der Juhalt recht bald in Erfuͤl⸗ lung gehe.“ „Thereſe erblaßte⸗ Sie konnte keine Worte finden, und ich ließ ſie auch zu keinen kommen.— Ich erklaͤrte ihr unumwunden, daß ihr noch dauerndes Mißtrauen mich belei⸗ digte; daß ich im Begriff ſtuͤnde, ein Gut zu kaufen, welches wir zuſammen beſehen muͤßten, und das ich, in ſofern es uns gefiele, ſogleich in Beſitz nehmen und mich dorthin begeben muͤßte, welches ich ohne ſie weder koͤnnte noch wollte, um ſo mehr, da die Welt uns ſchon fuͤr verheirathet hielt.“ „Die Welt?“ wirderholte ſie erblaſſend! die Welt! ich meinte Sie— wir haͤtten nichts mehr mit der Welt zu ſchaffen 2 dit der jaͤmmerlichen nicht— derte ich,„aber mit der ſch das beſſere Leben Nahrung un Nicht wahr, ich r erwie⸗ öneren, aus der d Lutt ſaugt! darf ja noch dieſen Abend mit 31 dem Prediger reden?— Vertrauen Sie mir nur Ihren Taufſchein!“ „Alſo muͤſſen wir doch die Vergangenheit zuruͤckrufen 7“ ſagte ſie leiſe, indem ſie mich mit einem unbeſchreiblichen Blick anſah; ſie wollte noch mehr ſagen, aber ſie verſchlang die Worte wieder, und ihre Blicke ſuchten den Boden; auf einmal ſagte ſie entſchloſſen: „Ich bin ſehr uͤberraſcht und ergriffen;— morgen werde ich Antwort geben.“ „Der Morgen kam. Sie bat ſich noch zwei Tage aus. Ich ſah ihr einen inneren Kampf, eine ſchmerzliche Unruhe an, die ſie aber zu verbergen ſuchte. Wir fuͤrchteten ſie durch Zureden zu qualen!„Es wuͤrde,“ meinte die Frau von Selting,„ſich ſo in der Stille am beſten geben.“ „So ruckte der dritte Morgen heran, und er war allerdings entſcheidend. Thereſe mit ihrem Kinde war verſchwunden. Sie hatte ſich wahrſcheinlich in der Nacht durch den Garten fortbegeben.— Wie und wohin? iſt noch ein Räͤthſel.— Vop allen ihren ſ 1 32 Sachen hatte ſie nur mehrere kleine Koſtbar⸗ keiten, mein Bild, und ein kleines Capital, das ſie mit Fug als Eigenthum ihres Sohnes betrachten konnte⸗ mitgenommen.— Zwei nachgelaſſene Briefe, der eine an mich, der andere an ihre Freundin— gaben uns, eine in ſofern befriedigende Nachricht von dieſem Schritte, daß wir ihr Verſchwinden als die Folge eines aus der tiefſten Seele entſpringen⸗ den Entſchluſſes geduldig tragen muͤßten.“ „Der meine,“ fuhr Lothar tonlos fort— befindet ſich noch in meiner Brieftaſche; er verlaͤßt mich nie. Hoͤren Sie ihn.—“ Er zog den Brief hervor und las: „Beurtheilen Sie, Lothar! den Schritt,— „welchen innere ueberzeugung, noch mehr als „die mir ſelbſt unekklarliche Angſt, die jetzt „durch mein Herz und meine Hand zittert⸗ „mich zu thun zwingt,— nicht hart.— Ich „muß fort— „beſſer⸗ denn es hat meine langen baͤnglichen Sie haben meine Bitten nicht „hoͤren, unſere feſtgeſetzten Bedingungen „nicht achten wollen.— Vielleicht iſt es ſo 4 33 „Zweifel ploͤtzlich ein Ende gemacht. Lothar! „ich kann nie die Ihrige werden.— Ich „erkenne, ich empfinde Ihre Großmuth, der „Sie nur mein Gluͤck wollten; aber eben „darum muß ich auf Ihre Hand verzichten⸗ „denn mein Gluͤck kann ja nicht beſte⸗ „hen, ohne das Ihrige, und das kann ich „doch nicht machen! Erfuͤllen Sie meine letzte „freundliche Bitte an Sie: Suchen Sie mich „nie, ſtoͤren Sie meine ruhige Verborgenheit „nicht durch Erfragungen, die doch zu nichts „fuͤhren koͤnnen, denn ſo lange Sie, und ich „Ihrentwegen, davor zittern muͤſſen, das ir⸗ „gend ein Weſen lebt, das meine Zuͤge und „in dieſen mein unſeliges Jugendleben erken⸗ „nen koͤnnen, kann ich— wrill ich nie Ihren „Namen tragen.“—* „Ich habe meinen Sohn mitgenommen. „Beſchuldigen Sie mich deswegen der Haͤrte „nicht! Ich weiß, Sie haben ihn ſehr lieb; „aber darf dieſe Liebe, die ihm nicht das „Daſeyn gab, ſich mit meiner tieferen, gerech⸗ „teren wohl meſſen?— Er iſt mein einzi— 3 „ges Eigenthum; ich habe ihn ſchon vor ſei⸗ „ner Geburt geliebt, fuͤr ihn gelitten.— „Der, welcher mit mir Anſpruͤche auf ſeine „kindliche Liebe machen konnte, war nur ein „Schatten, ein Trugbild meiner Phantaſie, „das die Liebe der Mutter erhoͤhete und „pflegte; als dieſes verſchwand, war das „Kind ganz mein, da wurde die Mutter ihm „Vater zugleich.— So muß es bleiben! In „meiner Herzensangſt kann ich nur zu der „ganzen Welt ſagen? ich allein habe Rechte „auf ihn.— Lange habe ich mit mir ſelbſt „geſtritten, ob ich Ihre koſtbaren Geſchenke, „und das Geld, das ich in den Haͤnden habe, „mitnehmen ſolle.— Es iſt etwas in mir, „das mir zufluͤſtert, daß es nicht fein, nicht „art, nicht ſchicklich ſey.— Immerhin! es „iſt muͤtterlich, und wir ſcheiden ja nicht wie „Feinde. Nein, ich ſcheide mit einem herz⸗ „lichen Gefuͤhl von Ihnen, herzlicher als ich „einſt geglaubt, daß ich je fuͤr Sie hegen „koͤnnte,— und darum!— Ich weiß ja— „daß Sie, daß Ihr Alle bei dem Gedanken 3 35 „zittern wuͤrdet, daß ich, baß mein ſuͤßer „Knabe Mangel litte.— Seinetwegen, als „ſein einziges Erbtheil aus dem kurzen Traum „ſeiner Mutter verſchmaͤhe ich nicht, was ich „als mein Eigenthum betrachten darf, und „was zu ſeiner Erziehung, und um ihn mit „Kenntniſſen zu bereichern, beitragen ſoll.— „Lothar! koͤnnten Sie mir in's Herz ſehen!— „Ach! jedem ſeiner aͤngſtlichen Schlaͤge ent⸗ „ſteigt ein Seufzer fuͤr Ihr Gluͤck!“ „Sehen Sie,“ fuhr Lothar duͤſter mit wilder Bitterkeit fort,—„„bis zum Entfliehen vor mir, war ich geliebt! ach, ich liebte ſie ſo herzlich!“ „Wirklich?“ fragte der Prediger— „Nun ja! ich weiß zwar nicht, was ich da— mals gedacht haͤtte; denn, ein exaltirtes Ge— muͤth taͤuſcht ſich ſelbſt nur gar zu leicht, und war nicht Ihre ploͤtzliche Liebe einer— frei— lich— ſchoͤnen Exaltation entſprungen? aber nun giaube ich Ihnen.“ „Und“ ſagte ſehr ſanft die Landraͤthin, die bewegt zugehoͤrt hatte.—„Iſt es viel⸗ 35 leicht Thereſen nicht eben ſo gegangen? Es ſcheint wenigſtens aus ihrem Briefe hervor⸗ zugehen.“ Lothar ſchuͤttelte mistrauiſch den Kopf. „Aus ihrem Briefe 2“ wiederholte er heftig— und konnte ſie mich in der That tieben— was ſich ja auch aus dieſem Brief hervorleiten ließe,— und mich doch verlaſſen, mich, der noch oͤffentlicher, wenn es nothwendig geweſen waͤre, ſie vertreten haben wuͤrde? der ich mich ſtolz von der Welt um nur fuͤr ſie zu leben? der—“ „Eben darum! unterbrach die Land⸗ raͤthin⸗ „Ich haͤtte das vielleicht glauben koͤn⸗ nen—“ nahm Lothar nach einem kurzen Stillſchweigen betroffen das Wort—„ aber ſie verließ ja auch ihre Freundin, und— ich habe freilich den Brief, den Thereſe ihr ſchrieb, nicht, erinnere mich ſeiner auch nicht mehr;— nur ſo viel weiß ich, daß ſie es auch fuͤr Pflicht angeſehen, ſich ihrem muͤtterlichem Schutze zu 3 entziehen, weil ſie behauptete, daß ihre Ge⸗ ₰ 37 — genwart nur den Trotz und Starrſinn ver⸗ mehrte, womit ihre Freundin ſich von der Welt zuruͤckgezogen habe, an deren geſelligen Freuden doch ihre ganze Seele hing!“— „Was iſt aus dem ſonderbaren Ehepaar geworden?“ fiel der Prediger ein.— „Sie werden es erfahren, indem ich, was ſich weiter zutrug, erzaͤhle,“ verſetzte Lothar. „Allerdings iſt es wunderlich genug, daß The⸗ reſe in dieſer Ruͤckſicht recht geurtheilt zu ha⸗ ben ſcheint. Hoͤren Sie indeß nur weiter:“ „Sie koͤnnen ſich leicht unſere gegenſeitige Verwirrung, unſer Entſetzen, moͤchte ich ſagen, vorſtellen; unſere Unruhe kam dieſen gleich. Wir wußten, daß Thereſe in der ganzen Um⸗ gegend keinen einzigen Bekannten, in der gan⸗ zen Welt keine andere Freunde als uns beſaͤße. Sie hatte das Gut, unſere kurzen Spazier⸗ fahrten ausgenommen, ja nur zwei⸗ oder drei⸗ mal in meiner Begleitung verlaſſen. Wohin konnte ſie gefluͤchtet ſeyn? Unſere augenblick⸗ liche Beſtuͤrzung, unſere Heftigkeit ſelbſt wich gWeſe bald der ruhigeren Beſonnenheit. 38 Ihre in beiden Brigfen dringende Bitten: keine Nachfragen nach ihr zu thun, glaubten wir befolgen zu muͤſſen, öbgleich ich— ich geſtehe es— ungerecht genug war, auf ein Vaterrecht zu pochen, worauf ich doch keinen Anſpruch machen konnte. Ich ſah bald ein, daß der Knabe ihr allein, und nicht dem Vater ange⸗ hoͤre, der nun erſt Vater ſeyn wollte; allein es betruͤbte mich, es betruͤbte meine Freunde, daß jenes holde, anmuthige Weſen, das wir gerettet, und zur hoͤheren Wuͤrde gereift glaub⸗ ten, das unſchuldige Kind mit ſich in ihren Ruͤckfall herunterziehen muͤſſe.“ „Ruͤckfall?“ fragte die Landraͤthin ver⸗ wundert. „Wie gern,“ rief Lothar ſchmerzlich,„wie gern ſah ich mich durch Sie, von dieſem leiſen Zweifel befreiet, der mich ſo ſchrecklich druͤckt. Vergebens ſuchten wir einem Beweggrund zu ihrer ploͤtzlichen Flucht in dem Augenblicke, wo eine ruhige, ihrer Lage nach ſogar glaͤnzende und lachende Zukunft ſich vor ihren Blicke ausbreitete, zu ergruͤnden.— Was war den natuͤrlicher, da wir keine fanden, als daß wir zuletzt zu mehr aͤußerlichen unſere Zuflucht nahmen, daß wir glauben mußten, daß die alten Gewohnheiten, die anerzogenen Geſin⸗ nungen, die uns Allen mehr oder weniger an⸗ kleden, auch ihre grauenvolle Gewalt an ihr ausgrubt haͤtten, daß ſie weniger in dem ihren Ideen fremden und unbequemen Wohlſtande, als in der zwangloſen⸗ unbemerkten Niedrigkeit ſich finden konnte? Verſtehen Sie mich recht,“ faͤhrt Lothar mit immer groͤßeren Eifer fort— „ich meine nicht, daß ſie zu einer ſchlechten Lebensart wieder hinabgeſunken ſey!— Gott bewahre! Nein! eine ſolche hat ſie nie ge⸗ fuͤhrt, die war ihrer gewiß reinen Seele immer fremd; ich fuͤrchte nur, daß die zu ſpaͤt ange⸗ ternte Bildung, die aͤußeren Formen, ihr unbe⸗ quem geworden⸗ daß unſere feinere Geſelligkeit, unſere ganze Lebensweiſe ihr wie eine Schnuͤr⸗ bruſt vorgekommen, der ſie ſich entledigen muͤſſe; kurz, daß ſie—“ „Daß Sie—“ unterbrach ihn die alte verehrte Freundin mit einem ſanften Blick⸗ 140 der den Vorwurf in ihren Worten vermildern ſollte—„daß Sie und Ihre Freunde nicht nachſichtiger und guͤtiger urtheilen, als die große Welt, deren uͤbereilter, ſchonungsloſer Richterſpruch uͤber die, welche ſie nicht ver⸗ ſteht, Sie eben mit ſo vieler Bitterkeit tadeln.— Ich will es uͤbernehmen, There⸗ ſens Benehmen folgerecht auf eine ſolche Art zu entwickeln, daß Sie ihr Ihre Hochachtung nicht verſagen koͤnnen.— Es verſteht ſich— Sie muͤſſen mir Zeit geben— improviſiren kann ich nicht— ich muß Ereigniſſe voraus⸗ ſetzen, meine Phantaſie anregen; aber wenn Sie es wuͤnſchen, werde ich Wort halten.— Fahren Sie nun fort.“ „O! daß Sie das koͤnnten!“ rief Lothar; „Wohlan denn! Laßt mich ſchnell uͤber eine kurze, ſchmerzliche Zeit hinweg ſchreiten.— Das Gluͤck unſerer Einſamkeit war verſchwun⸗ den; wir fuͤhlten Alle eine ſchmerzliche Luͤcke, die wir nicht auszufuͤllen vermochten.— Es offenbarte ſich bald, daß die Landwirthſchaft Seltings Sache nicht eigentlich ſey.— Er 8 41 hatte aus Liebe zu ſeiner Frau, die damals ihr Gluͤck in einem abgeſonderten Leben zu finden glaubte, und es auch wirklich fand, ſich aus ganzer Seele in dieſelbe geworfen. Er ſah aber bald ein, daß ſein großes Gut unter ſeinen Haͤnden nur an Werth verloͤre, ſtatt zu gewinnen; innerer Unmuth verfinſterte oft ſeine Stirn; und zum erſten Mal vermochte ſeine Frau nicht, dieſen zu zerſtreuen⸗ weil ihre Heiterkeit nicht mehr aus einem heiterem Gemuͤthe hervorſtroͤmte.— Ich fuͤhlte mich hoͤchſt ungluͤcklich, und die lauen Troͤſtungen meiner Freunde, die genug zu thun hatten, um den in ihrem Innern allmaͤhlich erwachten Feind, den ſie fruͤher nie gekannt, die Lange⸗ weile zu beſchwichtigen, konnten meinen Zu⸗ ſtund nicht erleichtern. Wir wollten alle dieſe innern Veraͤnderungen unſrer Lage, wenn auch uns ſelbſt, doch den andern nicht eingeſtehen; aber wir fuͤhlten deutlich, daß es ſo nicht bleiben koͤnne.“ „Es war eben in der Zeitperiode, wo der Preis der Landbeſitzungen weit uͤber ihren 42 wirklichen Werth ſtieg. Es wurde Selting ganz unerwartet eine Kaufſumme, doppelt ſo groß als die, welche er ſelbſt gegeben, fuͤr ſein Gut geboten; da ward es ihm auf ein⸗ mal klar, woher ſein Unmuth herruͤhrte. Er kuͤndigte ſeine Frau das an ihn ergangene Gebot an, und fuͤgte hinzu, daß er jetzt, ohne ſein Vermoͤgen zu verringern, den Ueberſchuß zu einer Reiſe, deren oft als ein frommer Wunſch erwaͤhnt geworden war— durch Frank⸗ reich und Italien, verwenden konnte.“ „Brauch' ich zu ſagen, daß die Frau mit Entzuͤcken einen Vorſchlag ergriff, der ihrem noch immer lebensfrohen Geiſt ſo ſehr zuſagte; aber ſie ergriff ihn auch mit der ganzen un⸗ ruhigen Sehnſucht ihrer Seele; der Aufent⸗ halt auf dem ihr vielfach verleideten Gute war ihr auf einmal unertraͤglich, der Abſchluß des Kaufes, die Beendigung ſo vieler kleinen Ge⸗ ſchaͤfte des abtretenden Beſitzers konnte ihre quaͤlende Ungeduld nicht abwarten.— Ich ſchlug mich ins Mittel, und erbot dem Freund 2 alles Noͤthige ſtatt ſeiner zu ubernehm 43 Beide, die eben ſo gut wie ich⸗ fuhlten, daß nur eine neue Thaͤtigkeit mich aus meinem duͤſtern, verzehrenden Hinbruͤten herausreißen koͤnne, kamen meinem Anerbieten freudig ent⸗ gegen.— Sie reiſten ab und ich vertiefte mich mit warmer Theilnahme in die Geſchaͤfte meiner Freunde, waͤhrend ich nur mit Unmuth und Eckel an die meinige denken konnte; ach! die, fur welche ich freudig alle Kraͤfte aufgeboten haͤtte, die mir Eigenthum und Heimath theuer ge⸗ macht haben wuͤrde,— war fuͤr mich verloren“ „Waͤhrend es mir gelang das Vermoͤgen meiner Freunde in Sicherheit zu bringen, und vortheilhaft zu belegen, ſchmaͤlerte der eine Schlag nach dem andern das meinige. Das Continental-Syſtem zerraͤttete mehrere be⸗ freundete Haͤuſer mit denen ich in Verbin⸗ dung ſtand; meine eigene Sorgloſigkeit, meine, — jetzt erkenne ich es— ſtraͤfliche Nachlaͤßig⸗ keit hinderte mich den Reſt zu retten, der noch gerettet werden koͤnnte; ja⸗ich ſah mit einem ſon⸗ derbaren, mir jetzt unerklaͤrlich freudigem Gefuhl⸗ wie mir das eine Capitaͤlchen nach dem andern verloren ging. Zuletzt blieb mir nichts zu⸗ ruͤck.— Ich hatte indeſſen die Geſchaͤfte meiner Freunde vollendet.“— „Die Gluͤcklichen hatten waͤhrend dieſer Zeit, nach einem laͤngeren Aufenthalt in Frank⸗ reich und Italien, ſich endlich in Florenz firirt; dort in der Mitte mehrerer deutſchen Familien machen ſie ein angenehmes Haus, das allen Fremden offen ſteht. Meine Freundin iſt da ganz in ihrer Sphaͤre. Sie ſoll nach der Verſicherung ihres Gatten ihre ſonſtige aͤußere Zuruͤckhaltung ganz abgelegt haben; ja, ihre fruͤhere, vielleicht zu offenbare Ver⸗ achtung fuͤr die Urtheile der Welt ſoll in eine, ihrem innern Weſen ſonſt ganz frem⸗ de Coquetterie mit der Welt uͤbergan— gen ſeyn. Sie ſcheint dadurch an ihr Rache genommen zu haben, daß ſie nun der Gegenſtand ihrer Bewunderung und Huldigung geworden iſt. Nur ſelten koͤmmt ein Reiſender von dem Schauplatze ihres fruͤheren Lebens nach Florenz, aber ge⸗ ſchieht es auch, bringt er auch verſunkene gehaͤßige Geruͤchte mit, die er aus Leichtſinn oder Klatſchſucht verbreitet, werden ſie doch nicht geglaubt, und er iſt ſelbſt der Erſte, der von ſeinem Jerthume zuruͤckkehrt, und ſich froh und dankbar an dem Sonnenglanze ihres Geiſtes und Herzens erwaͤrmt. Ja in der That, in Beziehung auf ſie, hat Thereſe Recht gehabt; es war waͤhrend ihres Beiſam⸗ menſeyns, als pflegte ſie die beiden liebenden Weſen, die ſie als ihre Geſchoͤpfe anſah, an ihrem Buſen gleich einen langen liebgewordenen Schmerz, von dem das Herz ſich zwar ungern trennt, einmal aber erſt entfernt, ſich bald neugeboren und erleichtert, wie in friſcher Fruͤh⸗ lingsluft findet.“ „Mir nur,“ ſchloß Lothar,„iſt keine Fruͤhlingsluft wiedergekehrt, obgleich nach langem inneren und aͤußeren Streit mir hier unter Euch ein ſtiller klarer Wintertag aufgegangen iſt, deſſen kuͤnſtliche aber milde Waͤrme mein erfrornes Herz aufgethaut hat, und ihm auch in dieſem Augenblicke wohlthut. Ja! meine wuͤrdige Freundin! ich ſehne mich darnach zu 6 46 hoͤren, welchen Aufſchluß Ihr liebevolles Ge⸗ muͤth mir uͤber Thereſens raͤthſelhaftes Ver⸗ ſchwinden geben wird.“ „Laſſen Sie mir nur Zeit! mir koͤmmt es allerdings nicht ſo raͤthſelhaft vor,“ erwie⸗ derte laͤchelnd die Landraͤthin. „Es iſt auch Zeit zum Aufbruch,“ ſiel. der Prediger ein,„denn auf der Uhr naͤhert ſich der Zeiger allmaͤhlig der Zahl drei.“ Sie erhoben ſich ſchnell; nur die Geſell ſchafterin, welche die ganze Zeit hindurch mit krampfhaftem Ausdruck ihren Schmerz be— kaͤmpfend, ſtill zugehoͤrt hatte, ſchien es an koͤrperlicher Kraft zu fehlen. Sie ſank in den Stuhl zuruͤck. Die Freunde naͤherten ſich ihr huͤlfreich und beſorgt. „Es geht wieder,“ ſagte ſie mit teiſer Stimme.—„Ich habe nur uͤber meine Kraͤfte ausgehalten; ich wollte nicht durch meine Entfernung ſtoͤren; die Folgen der Er⸗ kaͤltung, weiter nichts!“ 47 40. Lothar hatte indeß mit aͤngſtlicher ob⸗ gleich ſelbſtſuͤchtiger Beſorgniß das Haus ver⸗ laſſen. Er glaubte Wahrzeichen einer bedeu⸗ tenden Krankheit an der Freundin zu erblicken, und ſahe ſchon im Geiſte ſeine Beſuche dort vor der Hand⸗ und eben in einem Zeitpunkte unterbrochen, wo das Vorhaben ſeiner ehrwuͤr⸗ digen Freundin ihn mit faſt aͤngſtlicher Unge— duld erfuͤllt hatte.— Er war aber in der letzten Zeit ſo ſehr daran gewoͤhnt, jedes unruhige Treiben ſeines Herzens von Hinder⸗ niſſen begegnet zu ſehen, daß es ihm gar nicht unerwartet kam, als er am naͤchſten Morgen von ſeinem geliebten Schuͤler ſogleich erfuhr, daß die Tante ſich noch unwohl befaͤnde, daß man nach dem alten Arzt des Staͤdtchens ge⸗ ſchickt, und die Mutter die znden fuͤr S Abend abſagen i— 48 Lothar hatte ſchon allmaͤhlig gelernt, bald Herr ſeines auflodernden Unmuths zu werden; doch indem er ſich ſeine ſelbſtſuͤchtige Ungeduld vorwarf, empfand er nicht ohne Verwirrung, daß ſeine Unruhe beſonders aus der Theilnah⸗ herruͤhrte, die ihm die Kranke eingefloͤßt; aber zu gleicher Zeit war es ihm mit inniger Be⸗ friedigung klar, daß dieſe leidenſchaftloſe obgleich beſorgte Theilnahme ſich nur auf ach⸗ tungsvolle Freundſchaft gruͤnde. Er ſah mit Beben, wie viel der ehrwuͤrdigen alten Dame durch jede Entfernung von der Geſellſchafterin, in ihrer gewohnten Bequemlichkeit geſtoͤrt wer⸗ den muͤſſe, und das ſchoͤne geſellige Verhaͤltniß zernichte.— Er konnte ſich dies nicht ganz, nicht befriedigend, ohne die obgleich ſehr oft ſtumme Gegenwart dieſer ernſten und doch milden Frau denken. Sie kam ihm zum erſteo⸗ male als eine ſorgende, anſtellige, verſtaͤndige, obgleich etwas proſaiſche Hausmutter vor, der man deswegen doch nicht gram ſeyn Sönne⸗ weil man fuͤhlte, daß die Proſa in einer Haushaltung nicht darf. Zum e ⁰ 49 mal wurde das Hede und Leere ſeiner eignen vier Waͤnde ihm recht fuͤhlbar und klar.— Er glaubte Thereſen mehr als je vorher in ſeiner ſtillen nothgedrungenen Einſamkeit zu ver⸗ . miſſen. Er verglich ſie beide mit einander⸗ und mußte ſich geſtehen, daß die ſchoͤne, nied⸗ liche, etwas verſaͤumte Thereſe doch ſchwerlich im Stande geweſen waͤre, ſo anſtaͤndig ſchwei⸗ gend und dennoch theilnehmend wie die Geſell⸗ ſchafterin, einen Platz in dem kleinen Kreiſe, der ihm ſo theuer geworden war, auszufuͤllen; und doch wurde zugleich der Wunſch in ihm rege, daß ſie dort unſichtbar an ſeiner Seite ſitzen moͤge, daß er die ſtille Zufriedenheit, die hoͤheren Anſichten der Welt, die ihm hier zu Theil geworden, ihr auch mittheilen koͤnne.— Wendete er nun von dieſem Gedanken den Blick auf ſeinen lieben Schuͤler, ſo kam dieſer ihm ſchon halb verwaiſet vor.— Es war ihm, als muͤſſe er dem Knaben die ihm in dieſen Tagen fehlende Sorgfalt erſetzen; als gehoͤre dieſer ihm mehr als fruͤher anz als fehle nur noch der freilich hochſt unerwuͤnſchte, * S 50 — aber doch wahrſcheinlich bald herannahende Hin⸗ gang der ſchwaͤchlichen Landraͤthin, um das junge Weſen ganz zu ſeinem Eigenthum zu machen!— Doch welcher Gedanke? Die ſorgſame Tante lebte ja noch, wuͤrde auch wohl wieder herge⸗ ſtellt werden— aber bis dahin! Lothar wußte ſelbſt nicht wie, aber er fuͤhlte ſich dort ſo einheimiſch, ſo ganz mit dieſer Familie ver⸗ ſchmolzen, als wenn es die ſeinige waͤre. Als er den folgenden Nachmittag, wie gewoͤhnlich, einen kleinen Spaziergang mit ſeinem Zoͤgling machte, begegnete ihnen der Arzt, den er nicht fruͤher geſprochen, obgleich er gewiſſermaßen ein Seitenſtuͤck zu ihm ſelbſt bildete, in ſofern auch dieſer, wiewohl aus andern Gruͤnden, ganz iſolirt in dem Staͤdtchen lebte. Er war Wittwer und kin⸗ derlos, von den Einwohnern geachtet und zu— —— gleich gehaßt. Das erſte ſeiner ſchoͤnen Kennt⸗ niſſe, ſeiner reichen Erfahrungen, das letzte ſeines allbekannten ſchmutzigen Geitzes wegen, und beſonders zu Folge ſeiner Haͤrte gegen Unbemittelte, denen er nie ohne Vorausbezah⸗ — 54 — lung ſeiner Muͤhe beigeſtanden haben ſoll. Daher geſchah es, NPiß er ſelten fruͤher geru⸗ fen wurde, als wenn der Kranke ſich ſchon in Gefahr befand; aber dann auch ſogleich, def man wußte, wenn dieſem geholfen werden koͤnnte, wuͤrde es durch ſeine Kenntniſſe und Um⸗ ſicht gewiß geſchehen. Demnach wurde er viele Meilen in der Runde immer bei bedenklichen Faͤllen geholt, ſonſt ſchien man ſich gar nicht um ihn zu bekuͤmmern. Da er indeß dieſe ſeltenen Auffoderungen, vielleicht eben ihrer Seltenheit wegen, ſich ſehr gut bezahlen ließ, galt er fuͤr einen ſehr reichen Mann, um ſo mehr, da man behaupten wollte, daß mehrere Leute in dem Staͤdtchen, die auf Pfaͤnder liehen, eigentlich in ſeinem Solde ſtanden. Er ging, wie Lothar, mit keinem der Einwohner um, und wirklich uͤbten dieſe ihren Witz, indem ſie beide mit einander verglichen. Man ſah ihn nur regelmaͤßig zu einer ge⸗ woͤhnlichen Stunde ſpazieren gehen; die uͤbrige Zeit verbrachte er zu Hauſe in ſeinem Zimmer, das Alien unzugaͤnglich war, ſo wie 4* 52 auch das Haus ſelbſt, in dem eine alte Haushaͤlterin, bisher ſeine Rechte mit ihm zu theilen ſchien. Jedoch war in der letzten Zeit eine große Veraͤnderung mit dieſem Manne vorgegangen; ſeine alte Haus⸗ haͤlterin war ploͤtzlich geſtorben. War es nun, dieſer ploͤtzliche Todesfall, der ihn ſo ganz in der Naͤhe, vielleicht an ſeine eigene Sterblich⸗ keit erinnerte? oder, das auf einmal abgeſchnit⸗ tene Zuſammenleben mit einer Frau, die wirklich eine tyranniſche Herrſchaft uͤber ſein Gemuͤth ausgeuͤbt, welches dieſe Revolution in ſeinem Innern bewirkt hatte? genug, ſein roriger harter Sinn ſchien auf einmal in eine kraͤnkliche Weichheit aufgeloͤſt. Er beſuchte ganz gegen ſeine Gewohnheit ſehr oft die Kirche, und gab ſich, was fruͤher der Fall nie geweſen, bei jeder vorgefallenen Gelegenheit mit Kindern ab. Lothar redete ihn aus Beſorgniß fuͤr die Freundin an, und fragte nach ihrem Befinden. —,— 53 — Der Arzt beruhigte ihn mlt wenigen Worten daruͤber, waͤhrend ſein Blick unab⸗ laͤßig auf dem Knaben ruhete.—„Ein huͤb⸗ ſcher wohlgeſitteter Junge, an dem Sie Freude erleben werden, mein lieber Herr Director,“ nahm er auf einmal das Wort.„Er erinnert mich an meine ſelige Schweſter, ach Gott!“ fuhr er, die Augen abwendend, fort,—„ſie iſt nun ſchon beinahe zwanzig Jahren todt— ich habe ſelten an ſie gedacht, aber ſeit kurzer Zeit faͤllt mir ſo vieles aus meiner Jugend ein, und druͤckt mir das Herz!— Ja! ja! wenn ihr nicht werdet wie die Kinder— heißt es in der Schrift u. ſ. w. Herr Director— meine Tage ſind bald gezaͤhlt— ich moͤchte gern noch was Gutes thun.— Man ſagt ja“— fuhr er leiſe fort, waͤhrend er Lothar bei einem Knopfe ſeiner Weſte faßte, und ihn zur Seite zog,—„man ſagt ja, daß der Knabe eine Waiſe ſey.— Ein ſchmucker Knabe! Ja, in der That, er hat die Augen meiner ſeligen Schweſter!— Fragen Sie ein⸗ mal die Frau Landraͤthin nach ſeiner Familie. 54 Hm! wenn ſie mir ihn uͤberlaſſen wollte, es ſollte nicht ſein Schaden ſeyn; ich bin nicht arm!“ „Herr Director,“ erwiderte ihm Lothar unmuthig, als ſaͤhe er ſich ſchon ſeines liebſten Eigenthums beraubt, mit faſt denſelben Wor— ten, deren man ſich fruͤher gegen ihn ſelbſt bedient:„Wie kommen Sie auf dieſen Ein⸗ fall? Ein ganz fremdes Kind? Haben Sie keine Verwandte, keine Freunde mehr, die vielleicht Nachkommen hinterlaſſen und ein Recht an Ihre irhenen Erinnerungen haͤtten?“ „Nein,“ ſagte der Arzt nachſin⸗ nend;—„doch ja— mein Gott— ja! rief er auf einmal erblaſſend—„Sie haben Recht— ja, ja! Werdet wie die Kinder, liebt die Kinder! Kinder muß ich um mich habem“ murmelte er gerade vor ſich hinſtar⸗ rend, und leicht an den Hut faſſend, eilte er im dumpfen Selbſtgeſpraͤch geſchaͤftig fort. Lothar ſah ihm erſtaunt nach.— * 55 14. Am naͤchſten Abend waren die Freunde wieder hinbeſchieden; die Geſellſchafterin hatte ſich erholt, nur durfte ſie noch nicht das Zim⸗ mer verlaſſen. Sie ſchien matt, aber heiterer als gewoͤhnlich.— Der Knabe und ſelbſt die 3 Landraͤthin waren, in ſo fern es in der Ge⸗ walt der Letzteren ſtand, mit liebender Sorg— falt um ſie beſchaͤftigt.— Die Freunde dran⸗ gen nun ſelbſt darauf, daß ſie lieber in ihrem einſamen Zimmer ſich der Ruhe hingeben ſolle, indem ſe ihr verſprachen, eben ſo treu, ob⸗ gleich nicht mit ſo zarter Umſicht wie ſie, fuͤr die ehrwuͤrdige Freundin zu ſorgen.— Sie ſchlug es aber ab, auch war es, als ſahe es die Landraͤthin nicht gern, daß ſie das Zimmer verließe. Sie machte ihr es nur zur Pficht⸗ in einer ungeſtörten Entfernung von dem 56 Kreiſe, und von dem Schirm der Lampe be⸗ ſchattet ſich ganz ſtill zu verhalten. So geſchah es auch. Lothar konnte nicht umhin mit einer Art Eiferſucht ſeine Unter⸗ redung mit dem Arzte zu berichten. Die Land⸗ raͤthin, ohne den ſpaͤhenden Blick zu beachten, mit dem Lothar die neugierigen Fragen des Arztes nach der Herkunft des Knaben vortrug, wollte aͤhnliche Erfahrungen erlebt haben, und erzaͤhlte mehrere Beiſpiele von Leuten, welche ihre Verwandte, ja, ſelbſt die eigenen Kinder, mit unbilliger Haͤrte behandelt, ploͤtzlich aber in ihren letzten Lebensjahren, wenn Zeit und Grab ſie jedes Mittels beraubt hatten, gut zu machen, das zu ſpät erwachte Gefuͤhl. zu lieben und geliebt werden, fremden Kindern ge⸗ widmet haͤtten. Lothar hoͤrte ſie diesmal mit Ungeduld, und ergriff die erſte Gelegenheit, um ſie an ihr Verſprechen zu erinnern. „Ich habe uͤber meinen Vortrag nachge⸗ dacht,“ erwiderte die Landraͤthin,„und Alles ſteht ſo klar und deutlich vor meinem innern Sinn, 57 daß ich darauf ſchwoͤren moͤchte, das Rechte getroffen zu haben, ja, ich darf ſogar fordern, Lothar! daß Sie meiner Auslegung Glauben beimeſſen, inſofern weder Ihr Geiſt noch Ihr Herz meinen Worten widerſprechen.“— „Ich vertraue Ihrer Seherkraft“— entgegnete Lothar,„bin ich doch immer ge⸗ wohnt, hoͤhere Anſichten aus Ihrer Rede zu ſchoͤpfen.“ „So unterbrechen Sie mich nicht,“ be⸗ gann die Landraͤthin!„Thereſen, dieſem ſcheinbar unbedeutenden Weſen, hatten allmaͤh⸗ lig Ungluͤck, Leiden und ihr nachdenkendes Gemuͤth einen ſichern und ſcharfen Blick in die Verhaͤltniſſe der Welt geſtattet. Die aller⸗ feinſte Bildung, die naͤmlich, welche aus einem Firniß beſteht, womit das friſche Gemaͤlde des Lebens von bunten Farben und noch bun⸗ teren Talenten zuſammengeſetzt, uͤbertuͤncht iſt, klebte freilich nicht dem Aeußern eines Weſens an, das, ohne ſorgfaͤltige Erziehung, ihre ganze Anmuth einer freigebigen Natur zu verdanken hatte. Glaͤnzende Talente, wiſſenſchaftliche * 58 — Kenntniſſe beſaß Thereſe wohl nicht; allein ihr geſunder Verſtand, ihr ſicherer Tact war Erſatz dafuͤr.— Sie ſah folglich auch bald ein, daß ihr Verhaͤltniß in Seltings Hauſe ein mehr knſtliches als naturliches ſey.“ „Die Frau von Selting, die, trotz ihrer gewiß tadelnswerthen Unbeſonnenheit— denn, was nicht an ſich ſchlecht iſt, iſt darum nicht gut, und weil das ganze Verhaͤltniß der Frauen in der Geſellſchaft durchaus conven— tionel iſt, muͤſſen ſie auch mit dieſer zerfallen, ſobald ſie ſich von ihrer Bedingung losreiſſen;— Die Frau von Selting, die recht herzensgut war, fuͤhlte tief in ihrer Seele einen Stachel, deſſen Schaͤrfe ſie gern haͤtte abſtumpfen moͤ⸗ gen, da ſie doch ſein Daſeyn nicht vor ſich ſelbſt ablaͤugnen konnte; darum gab ſie ſich auch mit ganzer Seele der Bildung ihrer beiden Geſchoͤpfe— wie Sie, Lothar! ſich ſchon ausgedruͤckt haben— hin. Aber ſie konnte die Welt dennoch nicht vergeſſen; wuͤrde ſie wohl ſonſt mit lebhaften Erinnerungen aus dem Stadtleben, mit kleinlichen Feſten die Lucke 59 — ausgefuͤllt haben, welche die einfache Liebe allein nicht auszuſuͤllen vermochte? Das kleine Feſt, zu dem Strahlen ſo unberufen hinzu kam, zeugte fuͤr ein wohlgemeintes Verhaͤltniß, in dem man ſich mehr bemuͤht, innig und zufrie⸗ den zu ſcheinen, als man es wirklich i ſt.“— „Thereſe, die nicht ſolcher Taͤuſchungen gewohnt war, ſah hier ſchaͤrfer wie Alle. Strah⸗ lens erſter Anblick, der freundlich und warm aufgenommene Fremde, war ihr eine ſeltene⸗ ſchoͤne Erſcheinung; aber als ſie erfuhr, was dieſer Mann ihr einſt geweſen, erfuͤllten Er⸗ ſchrecken und Widerwillen ihr Herz. Alles was ihre damalige Lage darbot, um ihn zu entſchuldigen, war ſie billig genug, hervorzu⸗ rufen; aber um ihn lieb zu gewinnen, mußte ſie ſich bemuͤhen, einen ganz Fremden in ihm zu ſehen.— Strahlens warme Liebe fuͤr ſeinen Sohn mußte zuerſt Thereſens Herz fuͤr ihn erwaͤrmen.— Es geſchah freilich, aber ſeine Heftigkeit, ſein Trotz gegen die Welt, ſein nicht zu verbergender Unmuth mahnte ſie nur zu oft an Alles, was ſie gern haͤtte ver⸗ 60 geſſen moͤgen, und ſie erſchrack uͤber ſeine Ab⸗ ſichten auf Sie. Sie erkannte aber nicht eine wirkliche Liebe in dem, deſſen Großmuth ſie nicht verkennen konnte.— Sie fuͤhlte, daß dieſe allein nicht gluͤcklich machen koͤnne, daß Strahlen ſelbſt es nicht war. Das ſtuͤrmiſche Anhalten um ihre Hand ſchien mehr einer trotzenden Leidenſchaftlichkeit als einer ruhigen, 3 klaren Ueberzeugung entſprungen. Sie ſah in ſeinem heftigen Treiben, in ſeinem unruhigen Verlangen, ſein Loos unwiderruflich feſt zu ſtellen— die Wahrheit: die dunkle, undeut⸗ liche Furcht naͤmlich, ſeine Standhaftigkeit, „auszuuͤben, was er als Recht erkannt,“ immer mehr verſchwinden zu ſehen, und die gefuͤhlte Nothwendigkeit, einen Ruͤcktritt unmoͤglich zu machen.— Eben dieſer Trotz gegen die Welt bewies, ihrer Meinung nach, daß dieſe ihre Gewalt uͤber Strahlen noch nicht ganz verloren hatte, und eben aus dem Stre⸗ ben, ſich der Einſamkeit ganz zu widmen, ſchloß ſie, daß Verlaͤumdungen und Geruͤchte noch ſehr ſchmerzliche Pfeile fur ihn werden kannten.— ————————— 61 Sie glaubte ſogar zu bemerken— geſtehen Sie es mir Lothar!— daß Strahlen gern ſolche Spazierwege mit ihr erwaͤhlte, auf denen ſie am wenigſten ausgeſetzt waren, Fremden zu begegnen⸗ und daß er nicht ganz frei von Verlegenheit blieb, wenn dies mitun⸗ ter doch geſchah.“ „Doch lagen alle dieſe Bemerkungen noch nicht ganz klar in Thereſens Seele, als Strahlen ſie mit liebevollem Eifer in die ins Geheim bereiteten Zimmer fuͤhrte. Dieſe wirk⸗ lichen Symbole eines doch immer von dem Weibe in der Stille erwuͤnſchten ſchoͤnen Ver⸗ haͤltniſſes,— ließen ſie mit Bangigkeit in ihr eignes Herz blicken. Sichtbaren Be⸗ weiſe einer ehrlichen Liebe brachten ſie nur allmählich dahin, die baͤnglichen Zweifel ihres Buſens als furchtſame Träume zu betrachten; und nur die heitere, zum erſtenmal ſtachelloſe Laune, in der Strahlen ſeine Braut in das Staͤdt⸗ chen, und in ſeine verſchiedenen Niederlagen fuͤhrte, wo gutmuͤthige Neugierde ſie freilich empfing,— fing an ſie zu beruhigen.“ 62 „So trat er eines Tages mit ihr zu einem Handwerker ein, deſſen Frau auch ihrerſeits mit fleißiger Geſchicklichkeit beiden ein kleines zu⸗ kuͤnftiges Vermoͤgen zu bereiten ſuchte. Thereſe geht zu ihr hinein, waͤhrend Strahlen ſich mit dem Mann beſpricht. Die Frau ſieht ſie mit einem laͤchelnden, vertraulichen Blick an; Thereſs, die auch ihre Zuͤge zu erkennen glaubt, betrachtet ſie unſicher.— Es waren die Zuͤge ihrer treuen aber ausſchweifenden Gefaͤhrtin, die aus dem bleichen, doch zufriede⸗ nen Antlitze einer ſittſam fleißigen Buͤrgers⸗ frau ihr entgegen laͤchelte; nur die Sprache war langſamer, leiſer.“— „Strahlen trat waͤhrend dem hinzu. Thereſe findet ſich in einer ſchrecklichen Verlegenheit, die ihr das Schwankende ihrer Lage zeigt. Die Frau ſchlaͤgt beſcheiden ihre Blicke zu Boden. Strahlen nimmt das Wert; die Geſchaͤffte werden beſprochen, die beſcheidene, ehrerbietige Miene der Frau ſcheint Thereſe zu verkuͤnden, daß ſie ſich getaͤuſcht haben muͤſſe. Indeſſen 63 werden die Frauen kurz darauf allein gelaſſen; da wirft die Schreinerfrau einen Blick auf die Thuͤre, als wollte ſie ſich verſichern, daß Nie⸗ mand ſie hoͤren koͤnne, und ſagte leiſe und ſanft:„Ich bin Friederike; kennen Sie mich nicht mehr?“ „O! mein Gott!“ ruft Thereſe halb er⸗ ſchrocken, halb freudig im Gefuͤhl alles deſſen⸗ was dieſe Freundin einſt fuͤr ſie gethan. „Friederike! Du?“— „Still!“ ſagte die Frau aͤngſtlich,„ich wußte wohl, daß Du Dich nicht verſtellteſt, Du haſt mich nicht erkannt; ich habe mich auch ſehr, ſehr veraͤndert;— aber Du gar nicht. Dieſelben Zuͤge, die ſchoͤnen milden, Augen. Du biſt jetzt blühender als je! Nun! ſey nicht bange, ich will Dich nicht verrathen! Kein Menſch ahnt, daß wir uns fruͤher ge— kannt, obgleich die ganze Welt hier Deine Geſchichte kennt; ich wußte ja, daß Du es wareſt, die hieher kommen wuͤrde, noch ehe ich Dich ſah; ſonſt haͤtte wohl mein Erſtaunen 64 unſer altes Verhaͤltniß leicht an den Tag brin⸗ gen koͤnnen?“ „Du wyußteſt, daß ich es waͤre?“ fragte Thereſe entſetzt, zernichtet. „Nun ja!“ und nun erzaͤhlte die ehr⸗ ſame Schreinerfrau, daß das Geruͤcht dem Seltingſchen Ehepaare hieher auch vorangegan⸗ gen ſey, daß man in der mitgebrachten Geſell— ſchafterin ſchon die Heldin der Begebenheit geahnt, ohne doch mehr als eine ſchadenfrohe Vermuthung dafuͤr zu haben, bis endlich Strahlen ſelbſt, in einer Geſellſchaft, wo die Angeſehenſten des Orts verſammelt geweſen, durch eine breite Darſtellung der ganzen Ge⸗ ſchichte, allem Zweifel ein Ende gemacht, und dieſe mit der uͤberraſchenden Erklaͤrung ge⸗ ſchloſſen hatte, daß er der Vater des raͤthſel⸗ haften Kindes, und die Mutter— ſeine Braut ſep.“ „Wenn man nun bedenkt, daß die Ge⸗ ſchichte ſchon uͤber mehrere Zungen gegangen, ehe ſie durch irgend eine alte Klatſchſchweſter, die ſie beim Theetiſche erfahren, und nachher 65 in die geheimen Käffegelagen weiter verbreitet, bis zum Ohr der Schreinerfran gelangt war, ſo ſieht man leicht ein, daß ſie durch grelle Zuſaͤtze und grobe Unwahrheiten entſtellt, ein erkaͤltendes Entſetzen in Thereſens Herzen er⸗ regen mußte. Sie, die ſich in einer gluͤcklichen Verborgenheit, in der Liebe, Ehre und Ach⸗ tung ſie anlächelte, fuͤr immer hinuͤberge— rettet glaubte, ſah ſich plotzlich, wieder auf eine mehr als je kraͤnkende und ſchmaͤhliche Weiſe dem Blicken der Welt bloßgeſtellt, indem Der⸗ jenige, der um ihre Hand anhielt, ſich wie zum Trotz mit ihrer Schande groß gemacht hatte.— Die Schreinerfrau, die einſt ein wirklich ausſchweifendes Leben gefuͤhrt, mußte ſie nun beneiden!— unbeachtet und ver— geſſen, weil ſie ſo glucklich geweſen, kein Auf— ſehen zu erregen, lebte dieſe nun geachtet und ungeſtoͤrt in einem ehrſamen buͤrgerlichen Verhaͤltniß, waͤhrend ſie, deren Seele immer rein geblieben war, die ſich aus dem Becher regelloſer Ausſchweifungen nie berauſcht, allen Verlaͤumdungen der ſchadenfrohen ſich beſſer 5 — 66 duͤnkenden Welt, noch immer Preis gegeben war! Ach! warum hatte man ſie gelehrt, daß ſie beſſer als ihr Schickſfal ſey! Tiefer als je fuͤhlte ſie nun, daß nur gaͤnzliche Vergeſſen⸗ heit von der Welt, daß nur eigne Vergeſſen⸗ heit ihrer verlornen gedruͤckten Jugend ſie ruhig und zufrieden machen köͤnne! In dem ſie empoͤrenden Trotze des geliebten Mannes ſah ſie ſeine Verblendung, und glaubte in den Verſicherungen ſeiner Liebe, nur den Rauſch eines verkehrten Pflichtgefuͤhls zu erblicken.— Was dem Manne mitunter geziemen kann, verletzt eben ſo oft unheilbar das Weib.“— „Aber ſie ſchwieg und beobachtete ihn von dieſer Stunde nur um ſo aufmerkſamer. Alle vorerwaͤhnten Bemerkungen ſtellten ſich nun wit ſcharfer Deutlichkeit vor ihre Augen; aus tauſend kleinen von Andern unbeachteten Vorfaͤllen ſchoͤpfte ſie immer neue Beweiſe ihrer Vorausſetzung. Wenn ſie ſich auch wirk⸗ lich von ſeiner ehrlich gemeinten, herzlichen Zaͤrtlichkeit geruͤhrt fuͤhlen Zußte, wurde doch 3 dieſer Bewegung von der Ueberzeugung wider 67 ſtrebt: eine entehrte Frau koͤnne nie den Mann gluͤcklich machen, und das uͤberwallende Gefuͤhl, das im unbeſonnenen Eifer ſelbſt der Entehrung den Siegel aufdruͤckt, werde fruͤh oder ſpaͤt ſich in Haß und Verachtung fuͤr ſie, juͤr ſich ſelbſt, verwandeln.— Dennoch mußte ſie ihn, je mehr ſein Inneres ſich ihr klar darſtellte, lieben; aber ſie ſah auch klar ein, daß wenn ſie ihm auch dieſe Unbeſonnenheit verzeihe,— und verzeiht die Liebe nicht gern?— doch Beiden in dieſer Nachbarſchaft, in dieſem Lande, uͤberall, wo ein Auge aus der fruͤheren Vergangenheit ſie nur erkennen konnte— kein Gluͤck bluͤhen wuͤrde, und konnte, durfte ſie ihn zumuthen, einem Kreiſe zu entſagen, deſſen reiner Zauber in einem traulichen Zuſammenleben beſtand?“ „Waͤhrend der Zeit, in der ſie dieſe trau⸗ rigen Betrachtungen anſtellte, hatte der ahnungsloſe Strahlen die Schreinerfrau— ob⸗ gleich ſaſt wider ihren Willen— mehrmals ge⸗ noͤthigt, ſich auf das Gut zu begeben, um dort die beſtellten Arbeiten mit ſeiner Braut „ 68 weiter zu beſprechen, weil Thereſe von jener Stunde an nicht mehr zur Ruͤckkehr zu dem Staͤdtchen zu uͤberreden war; dort ließ er ebenſo ahnungslos Beide mit einander allein.“ „Dieſe von dem Geliebren ſelbſt veran— ſtalteten, ja faſt aufgedrungenen Zuſammenkuͤnſte mit, der Freundin ihrer ungluͤcklichen Jugend, erregten einen ſonderbaren Zwieſpalt in Thereſens Herzen, das auch mit der Angſt kaͤmpfte, daß Frau von Selting dies Weib, das ſie einſt ſo ſehr beleidigt hatte, ſehen und wiedererkennen moͤchte; ſie fuͤhlte, daß ſie der muͤtterlichen Freundin dieſe neue Verlegenheit eroͤffnen ſolle, allein der peinliche Schmerz, womit dieſe Entdeckung die kaum geheilten Wunden der reizbaren Frau wieder aufritzen wuͤrde, und den ſie im Geiſte vorher ſah, band ihr die Zunge, und als ſie nun bemerkte, daß die Hausfrau ihre vorige heftige Widerſacherin, mit der ſie wirklich mehrmals ſprach, nicht wiedererkannte, ſchwieg ſie erleichtert; ach! ſie konnte ihr um ſo weniger, alles was ſie aͤng⸗ 69 ſtigte, entdecken, als ſie ſchon laͤngſt inne ge⸗ worden, wie es in der Bruſt der Freundin ausſah; und doch that eine vertraute ihr ſo ſehr Noth.“ „Sie glaubte keine Schwachheit zu be⸗ gehen, und ſelbſt ich kann ſie nicht verdam⸗ men, daß ſie ihr Herz einer Gefaͤhrtin auf⸗ ſchloß, deren treuer Sorgfalt, und redlichem Willen trotz eines befleckten Jugendlebens ſie vertrauen durfte.“ „Doch erſt dann ſchuͤttete ſie dieſer Herz ganz aus, als ſie— die ſchwankend zwiſchen Liebe und Ueberzeugung, üch dem Walten der Zeit, in der Hoffnung, daß dieſe in ihrem Laufe ihr einen Ausweg zeigen wuͤrde, hingegeben hatte— auf einmal wie von einem ploͤtzlichen ſchweren Gewitter an einem ſchwuͤlen Sommertage, von der Erlaub⸗ niß zur Trauung uͤberraſcht ward, welche ihr Strahlen— ſo wie ſie etzhit haben⸗ mit der Eroffnung uͤbergab, daß er im Begriff ſtuͤnde, in der Naͤhe ſich anzukau⸗ fen.— Vergebens fleheten Thereſens Blicke, 70 die Freunde um Huͤlfe und Beiſtand an.— ihre Bitten, die ſich auf die von ihr vorge⸗ Gehoͤr! Sie mußte ihre wahren Gruͤnde ver⸗ ſchweigen, weil ſie fuͤhlte, daß man ſie viel⸗ leicht als beleidigende Zweifel wuͤrde aufgenom⸗ men haben. Sie ſuchte und erhielt nur eine kurze Friſt! Da wandte ſie ſich zu der einzigen außer dem Hanſe, die ſie kannte, der ſie vertrauete, zu der wiedergefundenen Freundin, deren Herz ſie nie verkannt, und nun in der neuen Lage, fuͤhlte, noch weniger verkennen konnte.“— „Die Schreinerfrau hatte ſchon fruͤher bedauert, daß Thereſe nun, da ſie vielleicht im Stande waͤre, etwas fuͤr ſie zu thun, ihrer Huͤlfe nicht beduͤrfe; doch die ſchwankende Ge⸗ muͤthsſtimmung der Freundin immer deutlicher — und ihr zugleich eroͤffnet, daß, wenn es Noth ſchriebene Bedingung bezogen, fanden kein in der dieſe ſich ſo gluͤcklich und wohlbehaglich bemerkend, hatte ſie ihr Muth eingeſprochen, thaͤte, ſie wenigſtens fuͤr unbeſtimmte Zeit der Ihre Einwendungen wurden ja widerlegt, 3 7 — Freundin eine ruhige Freiſtaͤtte zu verſchaffen wiſſe.“ „Nun, da es nach Thereſens Ueberzeu⸗ gung wirklich Noth that, theilte die Schreiner⸗ frau ihre Abſichten nicht ganz.— Sie meinte, ein reiches, vornehmes und bequemes Leben muͤſſe alle andre Anſichten beſchwichtigen koͤn⸗ nen; doch zog ſie ſich darum nicht zuruͤck.— Die alte Mutter ihres Mannes, eine arme, obgleich nicht nothleidende Predigerwittwe, die noch in dem Dorfe lebte, wo ihr Gatte einſt Pfarrer geweſen, und trotz allen Einladungen des Sohnes, bei ihm zu wohnen, das Grab ihres Gatten nicht verlaſſen wollte, bedurfte in ihrem ſehr vorgeruͤckten Alter einer Perſon um ſich, die ſie mit Liebe und Sorgfalt pflegte, und ihr dabei vorieſen konnte, welches eine zum Beduͤrfniß gewordene Erheiterung der wirklich gebildeten, halb erblindeten Frau war. Bei ihrem hoͤchſt beſchraͤnkten Vermoͤgen war aber eine ſolche Geſellſchafterin ſchwer zu fin⸗ den, und die Muͤhe des Sohnes, der ſich ſo eben abweſend auf einer kleinen Reiſe be⸗ 72 7 fand, in dieſer Ruͤckſicht bisher vergeblich geweſen.“ „Dieſe beiden Umſtaͤnde beſtimmten The⸗ reſe, beſonders da die Schreinerfrau verſicherte, daß die alte Frau viel von Kindern hielte; und doch machte dieſe Bemerkung Thereſen erblaſſen; denn in der That, ſie kaͤmpfte mit ſich ſelbſt, ob ſie, die Unwuͤrdige, wie ſie ſich ſelbſt nannte, nicht auch das groͤßte aller Opfer noch bringen, und der verehrten wuͤrdigen Freundin in dankbarer Entſagung das ſuͤße Kind hinterlaſſen ſolle, auf welches ſie allein die Rechte mit ihr theilte, und jener ſo theuer, als ein eignes geworden war; jedoch wurde es ihr bald unter ihrer mit einander kaͤmpfenden Betrachtungen klar, daß, wie ſehr auch das Herz der Freundin durch die Entfer⸗ nung des Knaben ſich verwundet fuͤhlen wuͤrde, doch nur ſo die vlige Herſtellung ihres Gei⸗ ſtes und ihres Gemuͤths bewirkt werden konnte, indem ſie ihr mit dem Knaben das taͤgliche Andenken der ſchmerzlichſten Erin⸗ nerungen entriſſe. Dieſe Ueberzeugung vollen⸗ 73 dete Thereſens Entſchluß, und ſobald ſie die nachgelaſſenen Briefe geſchrieben hatte, legte ſie in dunkler Nacht, von der Schreinerfrau allein begleitet, die kleine halbe Stunde bis zum Hauſe der Vertrauten zuruͤck; wo ſie, der Abrede gemaͤß, alles in Bereitſchaft fand, um veim Anbruch des Tages mit der durchfahren⸗ den Poſt, unter einem angenommenen Namen, den die Freundin hatte einſchreiben laſſen, und ihr ſolchermaßen beigelegt, an den be⸗ ſtimmten Ort abgehen zu koͤnnen.“ „Allein unſerem Strahlen waren doch nicht ſo ganz alle Spuren ihres Verſchwindens ent— gangen, wie es uns Lothars Zartgefuͤhl ver⸗ ſichert hat,“ fuhr die Landraͤthin, ohne ſich zu unterbrechen, mit einem ſanften Blick auf ihn, fort;„und ich kann vielleicht einen Grund angeben, vermoͤge beſſen ſein und der Freunde geaͤußerter Verdacht en ge⸗ rechtfertigt wird.“ Die Zuͤge der Schreiner Frau waren allerdings der Frau von Selting aufgefallen, ohne daß es ihr deutlich wurde, wo ſie dieſel⸗ 74 ben geſehen. Als nun nach Thereſens Flucht ein Bedienter im Hauſe geſtand, daß er in den letzten Tagen vorher dieſe Frau in ver— traulicher Unterredung mit Thereſe in dem Holze, das an den Garten ſtoͤßt, geſehen, welches ihm befremdet hatte, weil die Naͤhterin, die ſonſt auf dem Gute ſelbſt erſchienen, ſich dort immer in ehrerbietiger Entfernung von der Herrſchaft gehalten,— war es, als ging der getaͤuſchten Freundin ein Licht auf.— Nun erneuerten die Zuͤge der Schreiner Frau, von verſcheuchten Erinnerungen aufgefriſcht, ein ſo haͤßliches Bild in Frau von Seltings Seele, daß ſie jene nicht mehr verkennen konnte;— und ohne eigentlich Thereſe darum verdammen zu koͤnnen oder zu wollen, veran⸗ laßte doch dieſe Entdeckung, die ſie ihrem Gatten und dem Frrunde nicht verſchwieg, daß ſie ſich um ſo mehr verpflichtet glaubte, Thereſe ihrem ſelbſtgewaͤhlten Schickſal uͤber⸗ laſſen zu muͤſſen. Iſt es nicht ſo Lothar?“ „Es iſt ſo,“ rief dieſer, indem er das gluͤhende Geſicht erhob, und wilde, ſtaunende 75 ——— Blicke auf die Anweſende warf.„Es iſt ſo! Es hat mir Muͤhe genug gekoſtet⸗ Ihrem Gebot Sie nicht zu unterbrechen⸗ Folge zu leiſten! Wer ſind Sie? oder wo bin ich? Es iſt keine Erdichtung, was Sie mir ſo liebe⸗ voll vorgefuͤhrt, es iſt Wahrheit!— Ihre letzten Worte vollenden meine Ueberzeugung!— Woher konnten Sie ſonſt wiſſen, daß jenem Handwerker, den ich nicht genannt, eben ein Schreiner iſt. Ach!— ich nenne nur, wie Sie hoͤren, den geringfuͤgigſten Umſtand von allen!— Sie kennen Thereſe!— Sie wiſſen mehr von ihr— Sie wiſſen vielleicht, wo ſie ſich aufhaͤlt! Reden Sie, o! reden Sie! haben nicht alle meine Worte, meine unbe⸗ fangene, oder vielmehr befangene Stimmung Ihnen geſagt, wie theuer ſie mir noch iſt.“ „Ruhig! mein Freund!“ entgegnet die Landraͤthin!„Sie wollen doch nicht gern⸗ daß Ihre Heftigkeit meine ſchwachen Nerven verletze?— Sie ſehen indeſſen, daß das Un⸗ wahrſcheinliche in Ihren Begebenheiten, was Sie mir ſchon im voraus angekuͤndigt, noch nicht 76 aufgehoͤrt hat darin mit der Wahrheit Hand in Hand zu gehen. Ich habe Thereſen nur vertheidigen wollen, das durfte ich thun; ihr Geheimniß verrathen, angenommen, daß ich es auch koͤnne, darf ich darum nicht! Leſen Sie nur in dem Sinne, den ich bei Ihnen erregt habe, ihren Brief noch einmal durch, und Sie werden gewiß einſehen, daß die eigentliche Triebfeder zu ihrer Flucht nur Ihr Gluͤck, wahre, veredelte Liebe zu Ihnen geweſen; in dem Augenblick, da ſie Ihnen ent⸗ floh, bewieß ſie erſt, daß ſie Sie liebte und Ihre Liebe verdiente.— Sie hat Recht ge⸗ handelt, wieder gut gemacht, was Sie in Ihrem loblichen Eifer Boͤſes gethan. Der Mann kann, ohne ſich zu erniedrigen, die Schwaͤche, uͤber die er ſich erhaben fuͤhlt, der Welt ge— ſtehen, die Frau nie, ohne ſich fuͤr immer von ihr auszuſchließen; das Urtheil, das Thereſe ausgeſprochen, daß ſie nie der Ihrige werden koͤnne, ſo lange ihr Gatte im Geheim dafuͤr zittern mußte, daß ihre Zuͤge irgend einem Dritten die zweideutige Vergangenheit 77 — ihres traurigen Fruͤhlings verrathen koͤnnen, kann ich nicht aufheben und— moͤchte es auch nicht.“ „Ich ſehe es klar; und zum erſtenmal recht deutlich—“ ſagte Lothar duͤſter— „daß ich, ich ſelbſt mein Gluͤck verwirkt habe; ohne dieſen verdammten, verwerflichen Ueber⸗ muth war ich—“ „Vielleicht noch unglucklicher,— vielleicht nie ſo glucklich geworden, wie ſie beide, wenn Thereſe mit meiner Schilderung und der ihrigen uͤbereinſtimmt, noch werden können. Es iſt ausgemacht, und Sie werden es ſelbſt einſehen, daß eine damalige Verbindung kaum zum inni⸗ gen, gemeinſamen Gluͤck gefuͤhrt haben wuͤrde. Ueberzeugung und Hochachtung fehiten noch; und that eine ſolche Gemuͤthspruͤfung Euch beiden, die Ihr euch ſo wenig kanntet, nicht wirklich Noth?— Tẽhereſe hatte kein Ver⸗ trauen zu der Ausdauer eines in ſeiner Aeußer⸗ ung mehr leidenſchaftlichen als wahren Ge⸗ fuͤhls, und— ſagen Sie es ſelbſt, hat ſie wohl je ſo klar, mit ſo feſten Zuͤgen vor Ihren 78 Augen geſtanden, wie jetzt.— Werden Sie, wenn die Vorſehung Sie mit ihr wieder in ein trauliches Verhaͤltniß braͤchte, ſie jemals mehr verkennen koͤnnen?“ „Nein!“ ſagte Lothar feſt;„aber welche Gottheit erſetzt beinahe zehn jugendliche Jahre wieder, in denen ich ein unzufriedenes und unmuthsvolles Leben gefuͤhrt?“ „Die Gottheit, Mannes⸗Gluͤck;“ ſagte der Prediger,„das liebreich gegen Sie, Lothar! obgleich Sie es noch nicht recht ein⸗ ſehen wollen, Ihnen vielleicht eine herbſtliche Cereskrone aufbehalten⸗ ſtatt des Roſenkranzes der ſchwuͤlen Sommertage, der, einmal ſchnell verbluͤht, nur aufgehoben wird, um eines ver⸗ welkten Genuſſes zu gedenken.— Buße reinigt das Herz, und vertilgt den weltlichen Uebermuth!— Sie haben dieſen nur ge? buͤßt!— Macht denn der ſinnliche Rauſch der Jugend das Gluck der ernſten Ehe? Der Ehe, deren reiche Blaͤtterkrone ja beſtimmt iſt⸗ die gruͤnen Raſen eines ſpaͤten Grabes noch z uͤberſchatten? Glauben Sie mir, ſ 79 Gluͤck iſt erſt zuverlaͤßiges Gluͤck. Auch ich habe eine Geſchichte.“ „Morgen!“ unterbrach ihn die Land⸗ raͤthin, leiſe winkend,„Wenn mich meine Augen nicht truͤgen, iſt unſere Freundin dort hinter ihrem Schirm ſanft eingeſchlummert.— Ruhe wird uns beiden wohlthaͤtig ſeyn, und ich laͤugne nicht, die ſchöͤne Heftigkeit unſers Freundes hat mich etwas angegriffen.— Darum, Lothar, gedulden Sie ſich, wie Sie ſich ſchon Jahre geduldet haben;— wenig⸗ ſtens,“ fuͤgte ſie laͤchelnd hinzu:„bis wir gehoͤrt, was uns der Freund vorzutragen hat.“—6 2 42. Lothar mußte aufbrechen; einem Traͤumer gleich, kam er nach Hauſe. Es war ihm klar, daß die Landraͤthin ſeine Geſchichte, noch fruͤher als er ſie vortrug, gekannt hatte; und doch ſah er, obgleich er ſich bemuͤhete, jeden kleinen Umſtand in ſein Gedaͤchtniß zuruͤckzurufen, in allem, was ihm in dieſem Hauſe begegnet, durchaus keine Berechnung, keine Abſicht; alles war wie von ſich ſelbſt gekommen. Nur ein Gedanke blitzte in ihm ſo lebhaft auf, daß er ihn nicht mehr unterdruͤcken konnte.— Es war als riefe ihm eine innere Stimme zu, und faſt zum Ungeduldigwerden ihm wieder⸗ holte; ja es iſt eine Abſicht da,— ein Ein⸗ verſtaͤndniß mit Thereſen iſt unzweifelhaft!— Sie hat dich kennen wollen, um— ja es iſt kein Zweifel, der Knabe, der ſo wie du heißt⸗ iſt dein Sohn!— Die beiden ſo aͤhnlichen Auftritte, worin er die ſeinige und des Knaben — 8¹ Namenszug, wie in Eins verſchmolzen ge⸗ ſehen, ſchien ihm eine Ueberzeugung zu ge⸗ waͤhren, der er doch zitterte ſich ganz hinzu⸗ geben. Allein als der Knabe am naͤchſten Morgen, wie gewoͤhnlich, zu ihm kam, koſtete es ihm die groͤßte Anſtrengung, nicht in tau⸗ ſend Fragen, tauſend Liebkoſungen, ſeine innere Gluth zu verrathen. Er zerfloß in peinlicher Wonne, in wonnevoller Pein! Er konnte nicht mit dem Knaben arbeiten, und gewann doch nur mit Muͤhe uͤber ſich, ihn fruͤher als ge⸗ woͤhnlich zu entlaſſen. Endlich nahete die ge⸗ woͤhnliche Stunde. Die Geſellſchafterin be⸗ fand ſich dieſen Abend beſſer, obgleich noch eine große Nervenſchwaͤche an ihr ſichtbar war; doch bemerkte Lothar ſie diesmal kaum. Er war auf einmal ſo ganz in die Vergangenheit zuruͤck verſetzt worden, und ſo ganz von dieſer erfuͤllt, als waͤre keine Gegenwart fuͤr ihn mehr da.— Eben ſo wenig bemerkte er, daß der Prediger fruͤher als gewoͤhnlich ein Heft hervorzog,— weil der Knabe, den Lothar in ſeines Geiſtes 6 Abweſenheit noch nicht vermißt, gegen Ge⸗ wohnheit— warum? wurde nicht erwaͤhnt,— nicht zugegen war,— fruͤher als der Freund, wahrſcheinlich um ſeine Aufmerkſamkeit auf ſeinen Vortrag zu lenken, ihm das Mannſcript vor die Aguen hielt und ſagte laͤchelnd:„Sehen Sie! es iſt meine Handſchrift. Dieſe wahr⸗ hafte, obgleich ſehr einfache Begebenheit, worin auch ich eine Rolle ſpiele, habe ich frei⸗ lich ſchon laͤngſt nieder geſchrieben— dennoch werden ſie wenigſtens eine Uebereinſtimmung mit dem, was Ihnen begegnet iſt, darin finden, und zugleich die Ueberzeugung: daß das Gluͤck nur dann zur rechten Zeit koͤmmt, wenn wir es zu ſchaͤtzen wiſſen.— Ich habe daher auch dieſe Erzaͤhlung„Spaͤteß Gluͤck“ ge⸗ nannt, und laſſe ihr, wie Sie der ihrigen, auch ein franzoͤſiſches Motto vorhergehen.— Worte, die Madame Genlis, mit der ich ſonſt nicht immer einverſtanden bin— ohne Ihre und meine Geſchichte zu kennen, mit Bezug auf beide, ausgeſprochen zu haben ſcheint. Er las:— tes Glück. Pk S 0 2 8 * 8 — 8 Priucipes, Ce sont uos sentimens et nos faiblesse 2 5 8 8 8 — 3 5 — S — 2 — 8 S — — „ 5 B — ₰ 5 —* 65* S C. de Gen lis. —— Eines Tages als ich in ſehr uͤbler Laune am Schreibtiſche ſaß und mich daruͤber aͤrgerte, daß es mir nicht einmal gelingen wollte ein⸗ zuſchlafen, ward mir ganz unerwartet folgender Brief gebracht: „Hochzuverehrender Herr Couſin!“ „Ich habe die Ehre anmelden zu koͤnnen, „daß meine liebe Frau, den 13ten dieſes „Monats, gluͤcklich mit einem jungen Sohn „niedergekommen iſt, welcher, ſo iſt es ihr be⸗ „ſtimmter Wille, nach Dir genannt werden „ſoll. Obgleich ich mir nun vorgenommen „hatte, ihn, nach altem chriſtlichen Gebrauch „und chriſtlicher Sitte, wie meinen ſeligen „Vater, Hans Jacob, zu nennen, ſo bin „ich doch mit Vergnuͤgen der Meinung meiner „Frau beigetreten, weil ich keine beſſere Art „ 86 ——— „kenne, Dir meine Erkenntlichkeit zu bezeu⸗ „gen; beſonders da der Junge naͤchſt Gott „und mir ſelbſt, Dir ſein Daſeyn zu ver⸗ „danken hat.— Komm' denn, je eher, je „lieber zu uns heraus, Dich erwartet mit „Sehnſucht Dein, bis in den Tod, ergebener „Oheim und Diener.“ Ich mußte uͤber die Wendung laͤcheln, die mein guter Oheim den letzten Zeilen ge⸗ geben hatte; jedoch durch den Hinblick auf die Urſachen, welche jene hervorgebracht hat⸗ ten, ward mein Laͤcheln in wehmuͤthige frohe Thraͤnen aufgeloͤſt, und meine vorige uͤble Laune ging zu der ſuͤßen und reinen Freude uͤber, welche ſo reichlich den Unmuth einiger träben Stunden verſuͤßt, ſich ſelbſt ſagen zu duͤrfen: da haſt Du doch etwas Gutes be⸗ wirkt! Zum Zweitenmal gewaͤhrte es mir eine lebhafte Freude, daß ich die Heirath meines Oheims eingeleitet hatte; manche kleine Erinnerung jener Zeit ſtand plotzlich vor mir, und bildete ein Ganzes, das mich nicht allein — ergriff und erfreute, ſondern mich auch dahin brachte zu erkennen, daß nichts auf der Welt ſo laͤcherlich und thoͤricht ſey, daß es nicht auch einigen Nutzen mit ſich fuͤhren koͤnne.— Dieſe Stimmung gab mir den Einfall, die Hei⸗ raths⸗Geſchichte meines Oheims niederzuſchrei⸗ ben, und dieſer iſt jetzt in dieſen Blaͤttern ausgefuͤhrt. 88 6 In meinem erſten Univerſitaͤtsjahre war ich hier in unſerm lieben Berlin recht uͤbel daran mit meinen Verwandten. Dieſe hatten ſich nun einmal in den Kopf geſetzt, daß ihr Herr Vetter ein eigenſinniger, junger Mann ſey, mit dem nichts auszurichten waͤre und aus dem nie etwas werden koͤnne, weil er nur ſchlechte Geſellſchaften beſuche, denn ſie ſaͤhen ihn nie bei ſich.— Mangel an Zeit koͤnne er nicht vorſchuͤtzen, denn allemal, wenn ſie ihre Loge im Theater einnaͤhmen, wuͤrden ſie ihn, ohne Ausnahme, im Parterre gewahr, und er haͤtte ſich dennoch nie bei ihnen einge⸗ funden, um die Damen nach Hauſe zu begleiten. Einer der langweiligſten, neniboen Beſuche, den ich einmal monatlich A kandes wenn mach war einer S ** „—— —— 89 — alten Tante, deren ſeliger Gemahl der Wittwe nur den Staatsrathstitel, nicht wenige Schul⸗ den und eine Tochter hinterlaſſen hatte. Die letztere war ſchon uͤber die Dreißig hinaus, noch unverheirathet, und eben ſo ſehr im Ruf wegen ihrer Gelehrſamkeit, als ſie es ein dutzend Jahre fruͤher wegen ihrer Schoͤnheit geweſen war; auch wurde von ihr erzaͤhlt, daß ſie keinen Mann erhalten habe, weil ſie keinen ihren Forderungen entſprechend, habe finden konnen. Dieſe juͤngere Tante war mir ganz uner⸗ traͤglich; beſonders da ich, weniger von Eitel⸗ keit als von der allgemeinen Meinung geleitet, daß man in ihrem Alter noch immer die Netze der Gefallſucht ausſtelle, mir einbildete: daß ſie mich zu erobern ſuche, und dies um ſo mehr, da mich mehrere Freunde mit meinen Beſuchen dort, aufzogen. Allein die Spuren tieferen Kummers, die in dem Ton ſich aus⸗ ſprachen, womit ſie einſt ein leichtſinniges Wort aus meinem Munde, erwiderte, das ſie beleidigt hatte, ſuͤhrten mich zum Nachdenken 3— 90 und ich ſah ein, daß ich ihr, wenigſtens was mich betraf, Unrecht thaͤte.— Ich glaubte ihr einigen Erſatz dafuͤr ſchuldig zu ſeyn, und da ich mit meinem unſchicklichen Betragen unzufrieden war, er⸗ zeigte ich ihr jetzt viele Aufmerkſamkeit, die ſie auch anzuerkennen ſchien.— Ob es nun in dem uͤberredenden Ton lag, in dem ſie ſprach, oder ob es daher kam, daß ich mir faſt vorgeſetzt hatte, alles zu hoͤren, was ſie mir ſagen koͤnnte, weiß ich nicht— genug, daß ſie mich dahin brachte, zu erkennen, daß die Vor⸗ wuͤrfe meiner Verwandten doch nicht ganz un⸗ gegruͤndet waͤren, denn darin hatten ſie wenig⸗ ſtens Recht, daß ich nur ſehr nachlaͤßig mei⸗ ner Beſtimmung nachſtrebte.— Sie ttellte mir das alles auf eine Weiſe vor, die mich ergriff; ich verſprach ihr fleißiger zu ſeyn, und hielt Wort. Um noch leichter meinem Vorhaben getren bleiben zu koͤnnen, beſchloß ich, mich aus mei⸗ nen vorigen Verhaͤltnißen ganz heraus zu ziehen, mich in ein ruhiges Haus einzumie⸗ 94— — then, und mit Sorgfalt jeder Zerſtreuung aus dem Wege zu gehen, die mich in Verſuchung bringen koͤnnte. In dieſer Abſicht nahm ich die Zuflucht zu einem öffentlichen Geſchaͤfts⸗ fuͤhrer, der mir Wohnung und Koſt bei einer Wittwe verſchaffte, welche ein kleines Haus ganz allein bewohnte, und nur noch einen einzelnen Herrn in Koſt bei ſich hatte. Dieſer war von dem Alter, daß man ihn wohl einen alten Hageſtolzen nennen konnte;⸗ fuͤhrte ein ſtilles und ſehr eingezogenes Leben und hatte die ganze Fuͤhrung ſeiner Haushal⸗ tung der Wittwe uͤbertragen, die auch ohne ſeine ausdruͤckliche Erlaubniß mich nicht auf⸗ nehmen wollte. Jeboch erzaͤhlte ſie mir gleich in den erſten Tagen, daß ſie dieſe ohne die kleinſte Schwierigkeit erhalten haͤtte, woruͤber ſie ſich ſelbſt wunderte, und wodurch meine Aufmerk⸗ ſamkeit auf ihn gewißermaßen erregt wurde, dem ich bisher, in den wenigen Stunden worin wir bei Tiſche uns gegenuͤber geſeſſen, nur beobachtet hatte, um einen Anlaß 92 zu finden, auf ſeine Koſten lachen zu koͤnnen. Ja, meine Freunde! ich nehme keinen Anſtand dies offen zu geſtehen, ſelbſt indem ich. jetzt daran denke, daß Euch dieſe Zeilen vor die Augen kommen werden; denn ich weiß, daß Ihr nur die Thorheit des jungen Mannes belaͤcheln werdet, deſſen Erroͤthen vor ſich ſelbſt, als er Euch beſſer kennen lernte, dieſen Jugend⸗Uebermuth vertilgte, noch eher als ſeine Freundſchaft und herzliche Ergebung Euch⸗ ihn werth machte. Der Secretaͤr Grund, ſo wollen wir ihn nennen, hatte in ſeinem Aeußern nichts Empfehlendes, und erſt nach einer langen, ge⸗ nauen Bekanntſchaft ward ich inne, daß er ein unterhaltender Geſellſchafter ſeyn konnte; bei Tiſche ſprach er ſehr wenig, und auch dann nur von Gegenſtaͤnden, die das Haus⸗ weſen betrafen, worin ich kein Wort einfließen ließ. Er war ein gewiſſenhafter Beamter und ſchrieb jeden Abend ſehr puͤnktlich alle die Ge⸗ ſchaͤfte auf, die ihm den folgenden Tag obla 93 gen. In ſeinen Muße⸗Stunden, deren er aͤußerſt wenige hatte, machte er entweder einen Spaziergang, oder, er brachte ſie mit Leſen zu. So verlebte er denn einen Tag wie den andern, ohne irgend eine Veraͤnderung in ſei⸗ ner Lebensweiſe, wenn ich die ſieben verſchie⸗ denen Gerichte ausnehme, die in einer ewigen Ordnung jeden Tag in der Woche mit einan— der abwechſelten. Mit wahren warmen Mit⸗ leid ſah ich oft dieſen Mann an, in deſſen Bruſt doch auch ein menſchliches Herz ſchlagen mußte, und der doch, wie es ſchien, das Leben ohne Wuͤnſche und ohne hin⸗ ſchleppte. Da er ſich fortwaͤhrend in Berlin aufge⸗ halten hatte, kannte er nicht allein meine ganze Familie, ſondern wurde ſogar geſpraͤchig, wenn er auf dieſe kam; auch kam er mir im⸗ mer mit einer auffallenden Guͤte entgegen und zwang mich beinahe, oͤfterer jene pflichtmaͤßi⸗ gen Beſuche bei meinen Verwandten zu machen, denen ich mich gern entzogen haͤtte. Dies ſchrieb ich natuͤrlicherweiſe ſeiner Luſt, Stadt⸗Neuigkeiten zu erfahren, zu, beſonders da er gerne mich nachher ein wenig aus⸗ forſchte. Auch ſchien er in meiner Familie ziemlich bekannt zu ſeyn; und die Staatsraͤthin, die nie zufriedener war, als wenn ſie nach ihrer Weiſe Gelegenheit finden konnte, zu mora— liſiren, hielt mir ihn als Beiſpiel vor, und bemerkte:„wie uͤbel man daran waͤre, wenn man ſeine Verbindungen mit ſolchen Haͤuſern, die uns in der Zukunft nuͤtzlich ſeyn koͤnnten⸗ vernachlaͤßige, denn Zener haͤtte jetzt auf einer weit hoͤheren Stufe ſtehen koͤnnen, wenn er nicht ſein Gluͤck mit beiden Haͤnden von ſich geſtoßen!“ Kurz ſie ſprach von ihm mit einer nur ſchlecht verhehlten Bitterkeit, deren Ur⸗ ſprung mir jedoch ein Raͤthſel blieb; beſonders da die Tochter, mit der ich in der ſpaͤtern Zeit auf einem ziemlich vertrauten Fuße ſtand, zwar immer ſeine Parthie nahm, mir aber uͤber ihn nie Rede ſtehen wollte; vielleicht eben darum, weil ſie gewohnt war, mich im mer mit einem leichten Spott von ihm ſprechen zu hoͤren, welcher, wie ich oft bemerkt hatte, ihr wehe that. Indeſſen ward mein alter Nachbar mir immer lieber, denn ich erkannte mehr und mehr, daß er mit allen ſeinen Wunderlichkeiten und Eigenheiten doch nie irgend einem Ge⸗ ſchoͤpf etwas Boͤſes that, als er ploͤtzlich einen Anfall von Gicht bekam, der ihn noͤthigte das Bett zu huͤten und alle Geſchaͤfte an die Seite zu legen. Er lag einige Wochen recht krank danieder, und ich war Zeuge, wie viel er litt; es that mir wehe, dieſen Mann ſo allein und ſo gut als von der ganzen Welt ver⸗ laſſen zu ſehen; denn, ſo viele Sorgfalt unſre Wirthin auch fuͤr ihn zu haben ſchien, fehlte doch ihrer Pflege die zaͤrtliche Aufmerkſamkeit, die wohlthätiger als alle Arzney wirkt. Zwar ſchien es, als ſehe er ſelbſt dieſes recht gut ein, wenigſtens nahm er das unbedeutende Wohlwollen, das ich ihm erzeigen konnte, auf 96 — eine Weiſe auf, die mich zum erſtenmal uͤber⸗ zeugte, daß er Gefuͤhl beſaͤße. Das Unangenehme ſeiner Lage wurde noch dadurch vermehrt, daß ihn die Wirthin ploͤtzlich aufkuͤndigte, in ſofern die Krankheit ſich nicht beſſere, denn— das fuͤhrte ſie als Grund an— ſie koͤnne als eine alte Frau die Pflege und Wartung, deren er beduͤrfe, nicht ferner allein uͤbernehmen. Dieſe wirkliche Undankbarkeit, denn ſie hatte ihm viel zu verdanken,— machte auf ſein Gemuͤth einen tiefen und herben Eindruck, und wenn nicht meine Freundſchaft es einiger⸗ maßen wieder gut gemacht haͤtte, waͤre ſeine Krankheit dadurch gewiß verſchlimmert worden. Die einzigen Worte, welche ich bei dieſer Ve⸗ anlaſſung von ihm hoͤrte, waren:„Sie haben mich zu der Entdeckung gefuͤhrt, daß ich noch Wohlwollen einfloͤßen kann.“— Haben Sie je daran gezweifelt?“ gab ich zur Antwort.— Er ſchwieg mit einem Seufzer, und war waͤhrend einiger Tage mehr als gewoͤhnlich 97 nachdenkend und einſylbig; enblich fragte er mich eines Tages, wie es ſeine Gewohnheit war,„ob nichts Neues in der Zeitung waͤre?“— Dieſe lag eben auf dem Tiſche vor mir; ich nahm ſie, und lief ſie fluͤchtig durch. Ich fand nichts Bedeutendes, wohl aber Etwas, welches damals, wie noch jetzt, da es doch nicht mehr ſelten iſt, Aufmerkſamkeit und Lachen erregte, nehmlich die Anzeige eines Mannes, der eine Frau ſucht; der alte Freund erſuchte mich, ihm dieſe vorzuleſen. Sie lautete folgendermaßen: „Ein Koͤniglicher Beamter, der ſchon „uͤber die Jahre hinaus iſt, worin man An⸗ „ſpruͤche auf Liebe machen kann, ſucht eine „Begleiterin fuͤr das Leben, deſſen Wohlwollen „und Pflege ihm eine freundliche Erleich⸗ „terung in einer langen und ſchmerzlichen „Krankheit ſeyn koͤnnte; die einzige Vit⸗ „gabe, die er verlangt, iſt Nachſicht und „Geduld.““ 7 98 „Wenn eine Wittwe, oder auch ein un⸗ „verheirathetes Frauenzimmer von geſetzten „Jahren, Muth und Neigung in ſich ver⸗ „ſpuͤrte, ſich dadurch ein ruhiges Alter zu „verſichern,— das wenigſtens von aͤußern Sor⸗ „gen um taͤglichen Beduͤrfniſſen nie bedruͤckt „werden ſoll— daß es ſein Geſchick mit dem „ſeinen verbindet, ſo wird daſſelbe ſich ſeinen „aufrichtigen und innigſten Dank erwerben, „wenn es ihm in einem verſiegelten Zettel „mit Aufſchrift: an A. B. C., in der Expe⸗ „dition dieſes Blattes abzugeben, davon be⸗ „nachrichtiget. In jedem Falle kann man „auf die unverbruͤchlichſte und dankbarſte „ſchwiegenheit rechnen.“ „Was halten Sie davon, recht im Ernſt?“ fragte er eifrig, als ich die Anzeige zu Ende geleſen hatte. Ich war im Begriff ihm eine leichte und pieeiſche Antwort zu geben, allein die Aengſt lichkeit, die aus ſeinem Augen ſprach, bewog mich, meinen Worten eine ſanfte Wendung zu geben.„Man vergleicht ja die Ehe mit un „ . 5 Lottoſpiele,“ erwiderte ich,„ und ſo kommt es wohl auf eins heraus, auf welche Art man das Loos zieht!“ „Iſt das Ihre ehrliche Meinung?“ fragte er langſam. „Nein! die meinige nicht!“ „Auch nicht die meine,“ fuhr er fort, „jedoch kann ein Mann in meiner Lage und in meinen Jahren ſehr froh ſeyn, wenn er nur eine tuͤchtige Haushaͤlterin und eine geduldige Krankenwaͤrterin in ſeiner Frau findet.“ „ Wird er auch keine groͤßere Anſpruͤche machen?“ fragte ich. * „Ich mache keine groͤßere!““— „Ich glaube es! Allein, eben weil Sie ſo genuͤgſam ſind, nimmt es mich Wunder, daß Sie nicht ſchon fruͤher geſucht haben, dieſen Wunſch in Erfuͤllung zu bringen.“ „Fruͤher war ich nicht ſo genuͤg⸗ ſam!“ 100 —— Der Ton, womit er dies ſagte, machte auf mich einen unbeſchreiblichen Eindruck, und als ich ihn anblickte, und zum Erſtenmale eine Thraͤne in ſeinem Auge bemerkte, konnte ich kein Wort mehr hervorbringen.— „Sie haben mich nie klagen gehört,“ nahm er das Wort wieder,—„man gewoͤhnt ſich ja an Alles; und in ſolchen Augenblicken, wo ich junge Leute leichtſinnig uͤber mich laͤcheln geſehen habe, flehte ich nur zu Gott, ſie vor meinem Schickſale zu be⸗ wahren.“ Dieſe Worte erfuͤllten ſchon mein Herz mit Mitgefuͤhl und Reue, als er meine Hand faßend, leiſe fortfuhr:„Ich war ein Juͤngling wie Sie, munter und geſund an Leib und Seele, und meine Hoffnungen, ich darf es ſagen, waren nicht minder kuͤhn als die Ihrigen. Was bin ich jetzt? Glauben Sie mir, es giebt Augenblicke, wo ich das ſchmerzlich empfinde, obgleich man es mir nicht anſehen wird!““ ———— 101 „Sie ſind alſo unglucklich in der Liebe geweſen?““— „Sehrungluͤcklich! Allein der Name meiner Erſtgeliebten kommt nie mehr uͤber meine Lippen; laſſen Sie mich daruͤber ſchwei⸗ gen; ich glaube wohl, daß die Wunde geheilt iſt, jedoch nicht in dem Grade, daß ſie nicht bei der leichteſten Beruͤhrung aufbrechen wuͤrde.“— „Nur eine einzige Frage: hat der Tod—2“ „Nein, ſie lebt!“ Er ſprach dieſes mit einem Ton aus, als fuͤrchtete er mehr zu ſagen. „Schenken Sie mir Ihre Freundſchaft!“ rief ich bewegt,„und verzeihen Sie mir⸗ wenn ich Sie jemals beleidigt habe! Wie gern wollte ich mein Unrecht wieder gut machen!“ Er druͤckte meine Hand.„Wuͤßte ich nur,“ fuhr er ſort,„daß das Geſchick mir eine Frau ertheilen wuͤrde, die mir nur ein wenig getreuer, als unſere alte Wirthin wäre, 102 ich koͤnnte mich beinahe dazu entſchließen, eine aͤhnliche Anzeige, wie jene dort, zu ſchreiben.“ „Warum aber das? Sollten Sie gar kein Weib kennen, das— 7„» „Kein einziges!“ ſiel er mir ſchnell in die Rede. „Und koͤnnen Sie wirklich glauben, daß eine Frau von feinem Gefuͤhl dies in ſo hohem Grade verlaͤugnen wuͤrde, daß ſie auf ſolche Weiſe hervortraͤte, daß ein Buſen voll Zaͤrt⸗ lichkeit und Wohlwollen keinen Gegenſtand, beider wuͤrdig, in ſeinem Kreiſe faͤnde, ohne noͤthig zu haben, ſolchen aus den Zeitungen zu ergreifen?“— 2„Warum nicht?“ erwiederte er ernſt, „wenn ſie, was öfters der Fall iſt, ihren Umgebungen fremd geworden— einen Hund oder eine Katze, aber keinen Mann— und“ ſprach er mit Gefuͤhl, waͤhrend er mir die Hand druͤckte,—„ich mache ja keine große Anſpruͤche:“ 5 103 —— „Wohlan denn!“ rief ich ſchnell,—„es kommt auf eine Probe an. Was meinen Sie, wenn ich dafuͤr ſorgte, daß ich zuerſt in die Zeitungs⸗Expedition kaͤme⸗ und morgen ganz in der Fruͤhe die Zettel, wenn uͤbrigens welche eingeſchickt ſind, abholte? Nachher, wenn wir ſie geleſen, daruͤber gelacht, und doch nichts Annehmliches gefunden haben, koͤnnen wir ſie alle in einem umſchlag ſchließen, mit einer neuen Aufſchrift verſehen⸗ und an den wohl⸗ weiſen Herrn A. B. E. adreſſiren. Es iſt freilich ein kleiner Betrug, jedoch ein ziemlich unſchuldiger; denn Sie muͤſſen mir es ver⸗ zeihen, ich kann das Ganze fuͤr nichts mehr als fuͤr einen Scherz halten.“ Gegen meine Erwartung, denn ich hatte in der That nur ſcherzweiſe geſprochen, nahm er meinen Vorſchlag an, indem er hinzufuͤgte: „Es ſollte mich freuen, wenn ich meinem Nebenbuhler eine Frau wegfiſchen koͤnnte!“— * 104 3. Es blieb bei der Abrede. Ich ging den naͤchſten Morgen in die Expedition der Zeitun⸗ gen, und wunderte mich nicht wenig uͤber die Menge Zettel, die man mir in die Haͤnde gab. Ganz auf die Unterhaltung erpicht, die ſie uns verſprachen, eilte ich zu meinem alten Freunde, der mich mit Unruhe zu erwarten ſchien. „Nun?“ rief er mir ungeduldig ent⸗ gegen. „Laßt mir nur Zeit! Ich habe die ganze Taſche voll.“ Sein Geſicht wurde ſichtbar erheitert und ſein Auge ruhte mit Wohlbehagen auf dem großen Haufen, ais umſchloͤſſe jeder Zettel eine zaͤrtliche Zuſicherung der innigſten Ergebung; jedoch ſchien es, als fuͤrchtete er ſelbſt, ——— ——— 105 — durch ihre Eroͤffnung ſeiner Freude ein Ende zu machen. Ich machte mich ſchnell tar her, und in der That, meine Erwartung ward nicht getaͤuſcht; allein, eben ſo wie meine gute Laune ſtieg, wurde die ſeine immer finſterer, bis uns— nachdem wir uns durch ſechs bis ſieben, faſt unleſerliche Zettel, durchgearbeitet hatten, aus deren theils ſchwulſtigem Unſinn, theils devotem Schnickſchnack, wir uns nur vergebens bemuͤheten, den Sinn heraus zu finden,— uns einer in die Haͤnde fiel, der auf einmal Beider Aufmerkſamkeit feſſelte⸗ und uns zum Erſtaunen brachte. Hier iſt er: dein Herr!“ „Obgleich ich den Schritt, den ich vor⸗ „habe, einer ſtrengen Pruͤfung unterworfen⸗ „ergreife ich doch mit Schamroͤthe die Feder. „Ich weiß ſelbſt nicht warum; denn⸗ in⸗ „dem ich mich erbiete, Ihre Begleiterin durch's „Leben zu ſeyn, bin ich mir keiner Abſicht „bewußt, uͤber die ich zu errothen brauche. . 106 —— „Sie wuͤnſchen ſich zur Mitgabe Nachſicht „und Geduld— ich kann Ihnen noch etwas „mehr anbieten; ein Herz, von tiefem, unaus⸗ „loͤſchlichem Gram erfuͤllt, welches Ihnen die „Verſicherung geben muß, daß, waͤhrend die „Jugendgefuhle verflogen, eben die zuruͤckge⸗ „blieben ſind, die— ich hoffe es— dem „Manne wohlthaͤtig ſeyn werden, der, ſo „wie es ſcheint, nur Anhaͤnglichkeit und „Pflege begehrt.“— „Es iſt nur meine volle Ueberzeugung, „dieſe Eigenſchaften zu beſitzen, die mir Muth „macht, dieſen Brief niederzuſchreiben, ſo „wie auch nur der Geiſt, der aus Ihrer „Anzeige ſpricht, mir das Zutrauen einge⸗ „floͤßt hat, welches das Zartgefuͤhl meines „Geſchlechts beſiegt. Eben darum rechne ich „auch auf eine ſtrenge Erfuͤllung des Ver— „ſprechens, womit Sie ſchließen, und dieſem „vertrauend, will ich, inſofern ich in dieſen „Tagen in der naͤmlichen Zeitung eine neue „Anzeige leſe, worin ein Ungenannter erſucht „wird, eine alte Schuld einzuloſen⸗ mich⸗ * † — 107 „ſchwarz gekleidet, im ſchwarzen Schleier, den⸗ „ſelben und,— in der Vorausſetzung einer „moͤglichen Verhinderung⸗— den folgenden Abend „um ſieben Uhr, unter den Linden, auf der „Bank, der letzten Straße gegenuͤber, ein⸗ „finden, und werde Demjenigen, der⸗ eben „ſo wie ich, ſchwarz gekleidet, auf dieſe „Schuld fein anzuſpielen weiß⸗ mein Ver⸗ „trauen in dieſer Angelegenheit ſchenken.“ „Mein Herr! daß ich hier nicht meinen „Namen nenne, daß ich Ihnen nicht den „kleinſten Umſtand mehr mittheile, werden „Sie— hoffe ich— entſchuldigen. Ich „halte ſtreng auf meinen Ruf, und babe „keinen einzigen Vertrauten.“ Wir ſchwiegen Beide einige Augenblicke; endlich riß er mir den Brief aus der Hand⸗ las ihn ſtill und finnend mehrmals durch, gab ihn mir dann mit einer gewiſſen Feierlichkeit und den Worten zuruͤck:„Ich lege mein Gluͤck in Ihre Haͤnde!“ „Wie!“ rief ich verkegen,—„iſt es wirk⸗ lich Ihr Ernſt? Vergeſſen Sie denn, daß 108 ein Brief, wie dieſer, dem wahren Eigen⸗ thuͤmer in die Haͤnde kommen muß?“ „Der bin ich!“ erwiederte er mit Feuer, „ich bin es, der jene Anzeige geſchrieben hat! Ich ſchaͤmte mich, es Ihnen anzuvertrauen, weil ich ſelbſt an dem Erfolg verzweifelte; aber jetzt, jetzt! Sie haben mir ja Ihre Freundſchaft geſchenkt?“ Ich gab ihm auf's neue die Zuſicherung derſelben. „O!“ fuhr er bewegt fort, waͤhrend ſeine Blicke noch immer auf dem Zettel ruhe⸗ ten,—„der Ausdruck des Ganzen, beinah' moͤchte ich ſagen, jeder Zug dieſer Buchſtaben ruft mir die Zeit zuruͤck, wo ich glaubte, daß kein Herz heiß genug fuͤr mich brennen koͤnne; und nun bin ich mit einer wohlwollenden Hand zufrieden!“ Er ſah mich mit einem ſo wehmuͤthi⸗ gen Blick an, daß ich fuͤhlte, wie viel er hatte leiden muͤſſen, bevor ſein Herz von dieſer Huͤlle von Phlegma umgeben worden war, ——— 109 die ich fuͤr ſeinen angebornen Charakter ge⸗ nommen hatte. 66 Als ſein Gemuͤth etwas ruhiger wurde theilte er mir ſeine Plaͤne fuͤr die Zukunft mit, und dies mit einer Beſtimmtheit, die mich vermuthen ließ, daß dieſe Idee ihm ſchon lange vorgeſchwebt habe; allein ein unerwar⸗ teter und ergreifender Zufall hatte nur vermocht ſie in Ausuͤbung zu bringen. Unſere Unterredung endete damit, daß er mir die Ausfuͤhrung ſeines Vorhabens uͤberließ. Ohne Verzug befolgte ich genau die Vor⸗ ſchrift des Briefes; obgleich ich aber der Sache wirklich eine ſehr ernſtliche Seite abzu⸗ gewinnen begann, konnte ich mich doch der Neugier und der Luſt zum Lachen nicht er⸗ wehren, und als ich mich den folgenden Abend zur beſtimmten Zeit an Ort und Stelle ver⸗ fugte, warf ich einen Mantel uͤber den ſchwar⸗ zen Frack, um einige kleine Unterſuchungen unbemerkt anſtellen zu koͤnnen, ehe ich mich zu erkennen gab. 110 4. So wie ich hinkam, war niemand da; doch als ich die Linden einmal auf und nieder gegangen war, erblickte ich ein Frauenzimmer an der beſtimmten Stelle, und in ſo weit die Daͤmmerung es mir geſtattete, konnte ich nicht bezweifeln, daß es die Erwartete ſey. Ich huͤllte mich noch tiefer in den Mantel, gruͤßte ſie, und ließ mich auf dieſelbe Bank nieder. Es kam mir vor, als wuͤrde ſie ernſt und verlegen, und da ich ſie nach einer kleinen Pauſe darauf aufmerkſam machte, daß die Witterung allerliebſt ſey, bekam ich keine Antwort. Ich machte noch ein Paar Bemer⸗ kungen, allein die Dame blieb ſtumm.— Nun ruͤckte ich ihr naͤher; ſo wie ich⸗ waͤhrend ich den Mantel zuruͤck ſchlug, ihre Hand mit den Worten faßte:„Wenn Sie wirklich Diejenige ſind“— ward ihr ploͤtzlich — — 11¹ ——— uͤbel, und ſie wuͤrde ohnmaͤchtig zu Boden ge⸗ fallen ſeyn, wenn ich ſie nicht in meinen Armen aufgefangen haͤtte. Ich warf ſchnell ihren Schleier zuruͤck, und ſuchte ſie wieder zu ſich zu bringen; allein man ſtelle ſich mein Erſtaunen vor, als ich in der erſten Minute meine juͤngere Tante in ihr erkannte! Es iſt unmoͤglich, den ſonderbaren Ein⸗ druck zu beſchreiben, den dieſe Erſcheinung auf mich machte; beſonders, da ſchon meine Gedanken auf ſie hingerichtet waren, von dem Augenblick an, wo es mir klar ward, daß mein alter Freund es ernſtlich mit dem Heirathen meine; denn, ich hatte ſie in der That lieb gewonnen, und in meinem jugend⸗ lichen Wahn glaubte ich, ihr kein beſſeres Gluͤck wuͤnſchen zu koͤnnen, als— eine Hei⸗ rath! Indeſſen ſann ich bisher vergebens darauf, wie ich ihr mein Vorhaben eroͤffnen koͤnne, ohne dieſem zu ſchaden, und ihr Zart⸗ gefuͤhl zu verletzen. Selbſt, waͤhrend ich mich * 112 an den beſtimmten Ort hinverfuͤgte, ſchmeichelte ich mir, daß die Unterredung, die ich mit der Unbekannten haben ſollte, vielleicht dem Gange meiner Ideen, mit Bezug auf ſie, eine gluck⸗ liche Wendung verleihen wuͤrde, und daher wollte ich eigentlich meine Kunſt nur an dieſe Unbekannte verſuchen. Daher erfullten jetzt Freude, Erſtaunen und ſogar eine Art gut⸗ muͤthiger Ausgelaſſenheit meine Seele; allein, indem meine erſte Verlegenheit ihrentwegen gehoben war, fand ich mich in einer neuen verwickelt, weil Grund mir das beſtimmte Geluͤbde abgenommen hatte, ihn nicht zu nen⸗ nen, und weil er ihr ohnehin nicht ganz un⸗ bekannt war. Bevor ich noch einen Entſchluß gefaßt hatte, huͤllte ich mich auf's neue ſorgfaͤltig in meinen Mantel, damit die Tante nicht den ſchwarzen Anzug bemerken ſollte, indeß ſie noch immer die Augen feſt geſchloſſen hielt, obgleich ich recht gut bemerkte, daß. Ohnmacht laͤngſt voruͤber ſey.— 44 X 6 113 — Endlich erhob ſie das Auge wieder, faßte meine Hand, druͤckte ſie feſt, und ſagte leiſe: „Guten Abend, Couſin!“ „Mein Gott! Tante!“ rief ich mit allem Ernſt, welchen dieſe wahrlich komiſche Lage mir gelaſſen hatte:„Wo kommen Sie her?““ Sie ſtand einige Augenblicke ſchweigend, ihre Hand noch in der meinigen; auf einmal nahm ſie das Wort, feſt und mit Wuͤrde: „Couſin! ich fuͤhle tief, wie aͤußerſt zwei⸗ deutig ich in dieſem Augenblick vor Ihnen ſtehen muß; wenn ich ſchweige, wuͤrde dadurch mein Ruf,— verzeihen Sie!— Ihre Mei⸗ nung von mir, wollte ich ſagen, unwiderbring⸗ lich verloren ſeyn, und, wohl einſehend daß nur ein hoͤchſt billiger, vorurtheilsfreier Mann mich nicht laͤcherlich finden wird, will ich Ver⸗ trauen in Ihren Edelmuth ſetzen und Ihnen alles bekennen.“ Jetzt theilte ſie mir offen, und in wenigen Worten alles, was ich ſchon wußte, oder doch begreifen konnte, mit, „Nicht wahr,“ ſo endigte ſie ihren Bericht: 8 1¹⁴ —— „Sie lächeln uͤber das alte Maͤdchen, das ſchlechterdings heirathen will?“ „Ja, Couſine, ich laͤchle; aber— bei Gott! ich weiß nicht warum, denn mein Herz iſt Ihnen durchaus ergeben.“— „Ich danke Ihnen fuͤr dieſe Aufrichtig⸗ keit,“ fuhr ſie geruͤhrt fort,„und jetzt danke ich auch Gott, der Ihren Spaziergang. hieher leitete. Denn nun, da ich einen Freund habe, auf den ich mich verlaſſen darf, kann ich dieſe Sache auf eine Art beendigen, die mit meiner Ehre und Ruhe in Uebereinſtim⸗ mung ſteht; wenn ich auf Sie rechnen darf, brauche ich nicht wieder mich hier einzu⸗ ſtellen.“ Es freute mich in der Seele, daß ſie gar keine Ahnung davon hatte, daß ich mit im Spiele ſey, und ich huͤtete mich wohl, es merken zu laſſen. Ich ließ ſogar einige Worte fallen, die dem Verdachte vorbeugen konnten⸗ welchen vielleicht ruhigeres Nachdenken bei ihr erregen moͤchte; noch groͤßere Freude aber „ — machte es mir, daß ſie mir, wenn auch nur aus einer kleinen Liſt, um mich fuͤr ſich einzu⸗ nehmen, mit ſolcher verdachtloſen Aufrichtigkeit entgegen kam,“ und ich that in der Stille das heilige Geluͤbde, ſie nie zu taͤuſchen. „Ich bekenne Ihnen frei,“ nahm ſie das Wort auf's neue, nachdem wir aufgeſtan⸗ den waren, und die Alle hin auf gingen,„daß zum groͤßten Sheil die Furcht und der Wider⸗ wille, eine alte Jungfrau zu heißen, den Wunſch mir eingegeben, in die Ehe zu treten. Jedoch wuͤrde ich gern und jenen Namen getragen haben, wenn ich nicht ſelbſt in der Jugend freventlich mein Gluͤck ver⸗ ſcherzt hätte. Auch darf ich Ihnen feierlich verſichern, daß ich nie dieſen Schritt gewagt haben wuͤrde, wenn die Reſignation, womit jene Anzeige geſchrieben iſt, und die Kraͤnklich⸗ keit welche ſie ankündigt, mir nicht Hoffnung gemacht haͤtten, doch einmal einem Manne zu begegnen, der in ſtiller Verzichtleiſtung auf viele eheliche Anſpruͤche, den Werth eines Weſens, deſſen Gefuͤhle wohl gemaͤßigt, allein darum 8* 116 nicht abgeſtumpft ſind, empfinden wuͤrde. p Dann reizte es mich auch, daß ich durch treue, ſorgſame Pflege, die ſelbſt auferlegten Pflich ten erfullen, und auf dieſe Weiſe, obwohl nur ſchwach, jene Vorwuͤrfe zum Schweigen brin⸗ gen koͤnne, die mir das Ungluͤck eines ſehr braven Mannes ewig machen wird. Dies WPriſ mir vor dem Siis. als ſo wie p 3 werde ſie nie gänzli . weaun F — * F. NMein ünil iſt, daß ich nicht in VBerlin erzogen bin.— Es wird Ihnen viel⸗ ic ſonderbar vorkommen, allein dem iſt ſo. Sie kennen ja meine Mutter. Unter ſteifem, fuſ köſterlichem Zwange, auf einem Gute * h einer entfernten Provii erzogen, deſſen gen ſie zum erſtenmal verließ, als ſie angetraut wurde, ohne Beleſen⸗ Menſchenkenntniß, war ſie unfäͤhig: indungen eines jungen, feuri⸗ eine wohlthaͤtige Richtung zu geben; da mein Vater, bis in mein etthntr⸗ Jahr, leider! nicht einmal auf dem Lande, ſöndern in einer kleinen Landſtadt ageſelt war, bekam dadurch mein ganzes 3 jene flache, nichtsſagende Sproͤdigkeit, Frn ein junges Maͤdchen ſo leicht S 5* 5 118 wenn ſie der Gegenſtand, der Huldigung ver⸗ lebter Cavaliere, die, in ihre eingezogenen„ 3 vergeſſenen, penſionirten Leben, die jetzt„ oppelt ſteife Manieren ihrer Jugend hervor⸗ rufen um zu gefallen, ſondern auch das Ziel der Artigkeiten, der einheimſchen jungen te, die obendrein nach einem M odephaͤnomen us 8 der Reſidenz ſich verbildet haben, geworden 6. und noch dazu taͤglich von der M utter hos. muß, daß es gar nicht anſinbij ſey. auch nur ein Wort mit einem jungen Manne u * 6 ſchoͤn 6 ſey, als daß ich bemuͤht haben ſollte, z. mitten in dieſer kleinen auch zu Folge der Warnungen meiner Mutter, jedwedes Laͤcheln, das dem meinen begegnete, entweder als eine Beleidigung, oder als eine Schlinge an, die meiner Tugend geſtellt wurde, und wenn ein junger Mann mich nur anzureden wagte, konnte er ſicher ſehn, ent⸗ 1¹9 ——— weder eine ſaure Miene zu ſehen, oder wenig⸗ ſtens keine Antwort zu erhalten, als Ja oder Nein!“ „So war ich, kaum ſechszehn Jahr. ein kleines, gnaͤdiges Fraͤulein, mit einem ſchoͤnen Aeußern und einem guten Antheil von Eitelkeit begabt, das bald die Leute floh, und bald ſie durch ſeine beißende Naſeweisheit von ſich abſtieß, das jedoch zu allen Zeiten eine erſchreckliche Langeweile fuͤhlte, und ſich viel⸗ leicht mehrere Jahre hindurch noch aͤrger ge⸗ langweilt haben wuͤrde, haͤtte es nicht ploͤtzlich eine Leidenſchaft in dem Haus⸗Sekretaͤr ſeines Vaters entdeckt.“ „Im Anfang fuͤhlte ſich mein Stolz durch dieſe Entdeckung außerordentlich beleidigt, und ich war im voͤlligen Ernſt willens die Mutter davon zu benachrichtigen, damit dieſer naſe⸗ weiſe Burſche aus dem Hauſe kommen moͤchte; allein zu gleicher Zeit fiel es mir ein, daß ich mich doch erſt einige Zeit an ſeine Seufzer ergotzen koͤnnte, und ich ließ die Sache gehen.“ 120 In Zeit von dreiviertel Jahren ward ich, ohne einen einzigen Roman geleſen n haben, ohne eine einzige Liebesgeſchichte, die laͤnger als bis zum Confirmationstage fort⸗ geſetzt war, zu kennen, die ausgelernteſte Ko⸗ kette. Mein Herz ſchlummerte noch, ich folgte nur den Eingebungen meines Stolzes und meiner graͤnzenloſen Eitelkeit, die ſich eben ſo ſehr durch den Liebeshandel geſchmeichelt, als durch den Stand des Liebhabers gedemuͤthigt fuͤhlte, und ich quälte den armen Juͤngling, der mich innig liebte, durch jede Laune, die in einem ſo kindiſchen Gehirn, wie das meine, entſtehen konnte; aber ich wurde auch nach⸗ druͤcklich dafuͤr beſtraft, denn unter dieſem Spiele ward ich endlich gewahr, daß jener ein recht ſchoͤner Juͤngling ſey, und als noch obendrein meine beſte Freundin, die Tochter eines penſionirten Majors, der unſer Nachbar war, mir ihren Liebeshandel mit einem Schuͤler, der naͤchſtens zur Univerſitaͤt abgehen ſollte, anvertraute, wurden meine noch ſchlummernde Gefuͤhle durch die ihrigen geweckt, und nach 12¹ — drei Tagen war ich mit dem Schreiber feier⸗ lich verlobt.“ „Allein, waren auch meine Empfindun⸗ gen geaͤndert⸗ mein Betragen war es darum nicht. Ich wußte keine einzige meiner Launen zu bezwingen, und dieſe mußten ihm nun um ſo mehr unertraͤglich werden⸗ als ich ſie, die vorher nur aus Eitelkeit entſtanden waren⸗ jetzt verdoppelte, um wie ich meinte, ſo ſeine Liebe zu pruͤfen. Er fand ſich immer mit Geduld darin, denn er war von jeher gewohnt, ſich mir mit einer Art von Unterwuͤrfigkeit zu nahen; die kleinſte Widerrede von ihm erhitzte mich ſogleich uͤber die Maßen; denn da ich ihn nun wirklich auf meine Weiſe lieb hatte, und deshalb Anſpruch auf verdoppelte Anbetung machte, ſah ich jene immer als Kaͤlte an, und nur ein Strom von heißen Thraͤnen, nur wieder⸗ holte Verſicherungen von ſeiner aufrichtigen Reue, vermochten mich aufs neue zu beruhigen. Ich beherrſchte ihn unumſchraͤnkt, und Gott mag wiſſen, was die Zukunft uͤber uns verhaͤngt haben wuͤrde, wenn nicht die 422 Mutter ploͤtzlich unſer Verhaͤltniß entdeckt haͤtte.“ „Der Schreiber ward augenblicklich fort⸗ geſchickt, und mir las ſie den Text recht derb, den ich jedoch— denn ich war jetzt eine Hel— dinn in der Liebe geworden,— mit kalter, trotzigen Hartnaͤckigkeit anhoͤrte. Bald ward ich ein Opfer meiner innern Heftigkeit, denn ich fiel in ein heftiges Fieber, von dem ich mich nur ſehr langſam wieder erholte. Ich war kaum auſſer dem Bette, als mein Vater, der vielleicht auch wegen dieſer Begebenheit ſich um einen andern Wirkungskreis beworben hatte, in der Reſidenz angeſtellt wurde, und wir zogen Alle nach Berlin.“ „Ich fuͤhlte mich nun in eine ganz neue Welt verſetzt, und da das Amt und der Rang meines Vaters ihn in Verbindung mit den erſten Haͤuſern brachte, wuͤrde ich mit meiner kleinſtaͤdtiſchen Erziehung in den glaͤnzenden Cirkeln, worin wir uns jetzt befanden, nur eine jaͤmmerliche Figur geſpielt haben, wenn nicht der Gram der noch an meinem Herzen 123 nagte, mir einen Anſtrich von Feinheit und Bildung gegeben haͤtte, obgleich ich weit davon entfernt war dieſe wahrhaft zu beſitzen, wo⸗ von jedoch der leichte Anflug mir die Huldi⸗ gung unſerer neuen Umgebungen in der Fuͤlle 3 gewann!“ „um mich zu zerſtreuen, nahm ich nun auch meine Zuflucht zu Buͤchern, doch fehlte mir gute Auswahl, wodurch das Leſen mir allein nuͤtzlich werden konnte. Ich kannte noch nicht die ſchwere Schule, die ich durchgehen mußte ehe ich zum Nachdenken kaͤme. Mein 5 Vater ſah taͤglich Geſellſchaft bei ſich⸗ und es hielt nicht ſchwer in unſer Haus eingefuͤhrt zu werden. Mehrere junge Leute, ſowohl . vom Militair als andern mit und ohne Titel⸗ hielten um meine Hand an; ich hatte aber ſchon Vernunft genug, um einzuſehen, daß die große Meinung, welche die Stadt von dem Vermoͤgen meines Vaters hegte, eben ſo großen, wo nicht noch groͤßern Antheil als meine Schoͤnheit an den Bewerbungen um mich hatte; ohne das ich noch keinen unter 124 — ihnen geſehen, der, meiner Meinung nach, meinem erſten Geliebten das Gleichgewicht halten konnte; auch war ich noch zu ſtolz auf jene ungluckliche Liebe, um ſie einer alltaͤglichen aufopfern zu koͤnnen.“ „Auf einmal aber wurde ein junger Mann in unſer Haus eingefuͤhrt; zwar war er ohne Titel und Vermoͤgen, doch machten ſeine ſeltenen Talente, ſein ſchoͤnes Aeußere, ſeine Sitten und vielſeitigen Kenntniſſe ihn in jedem Cirkel beliebt. Dieſer junge Mann— ich habe es mir zur Pflicht gemacht, Ihnen nichts zu verhehlen— Sie kennen ihn. Es iſt Grund.“ „Wie?“ rief ich erſtaunt,„dieſer Mann, deſſen gegenwaͤrtiges kaltes Schneckenleben ſchon ſo oft meinen Spott und mein Mitleid erregt hat?“ „O!“ erwiederte ſie ſchnell mit faſt er⸗ ſtickter Stimme,—„„wuͤßten Sie nur, wie mich dieſe Worte durchboren; den ſchrecklichen Wechſel habe ich allein hervorgebracht!“ 125 Mein Erſtaunen, alle die verſchiedenen Ideen, die ſchnell auf einander meinem Sinn vorſchwebten, dulden keine Beſchreibung; Ver⸗ muthungen, Plaͤne— und wie viel Hoff⸗ nung!— erfuͤllten mein Inneres. Nur mit Zwang gelang es mir, ruhig zu ſcheinen; mit groͤßerer Theilnahme, mit vermehrtem Verlan⸗ gen hoͤrte ich meiner Tante zu; die, nachdem ſie ſich zu faſſen geſucht hatte, nur mit Muͤhe fortfuhr: „Er hielt nicht um meine Hand an, allein er wußte ſich meines Herzens zu be⸗ maͤchtigen, deſſen ſtille Innigkeit ihm geweiht war, noch bevor ſein Benehmen mir verrieth⸗ daß er mich bemerkt habe. Ach! warum blieb nicht meine Liebe immer ſo rein, ſo anſpruchs⸗ los? Damals fuhlte ich mich gluͤcklich, wenn nur ſeine Blicke eine Minute lang auf mir geruht hatten! Sein Laͤcheln verſetzte mich in ſuͤße Traͤume, die Thraͤnen aus meinen Augen lockten. Nachher— o Gott!“——— „Ein halbes Jahr ſpaͤter, erhielt er die kleine Stelle, die er noch bekleidet. Sie ſehen alſo 126 —— ſelbſt ein, wie weit hoͤhere Stufen er haͤtte erreichen koͤnnen, wenn ihm nicht Muth und Luſt zu Allem benommen worden waͤre; mein Vater liebte ihn wie einen Sohn. O! wenn ich nur den nicht verloren haͤtte!“— „Es ging eine geraume Zeit hin, ehe ich bemerkte, daß Grund mich liebe; wir ſollten Beide uns durch einen unbedeutenden Zufall verrathen.“— „Eine kleine auserwaͤhlte Geſellſchaft be⸗ fand ſich eines Abends bei meinen Vater ver⸗ ſammelt. Grund war, wie gewohnlich, auch gegenwaͤrtig. Bei Tiſche fiel das Geſpräch auf ein Mädchen, das kurz vorher wegen unglucklicher Liebe— wenn man dem Geruͤchte trauen durfte,— ſich ins Waſſer geſtuͤrzt hatte. Es wurde ein alberner Einfall daruͤber 8 ½ ſagt; das fuhr mir durchs Herz, nicht ſowohl aus natuͤrlicher Gutmuͤthigkeit, die ſich uͤber dieſe ſchneidende Kaͤlte empoͤrte, ſondern mehr durch den Gedanken an meine eigene heimliche Geſchichte, die, ich weiß nicht warum, ſich tebhaft 17 vor meine Seele ſtellte. In demſelben Augen⸗ blick ergriff Grund das Wort mit einem Feuer, das ihn hinriß und mich ruͤhrte. Als ich ihm nun, da er zu reden aufgehoͤrt hatte, einſchen⸗ ken wollte, und er mir das Glas entgegen⸗ hielt, begegneten ſich unſre Blicke.— Ich goß immer zu, und er hielt das Glas hin, bis das laute Gelaͤchter der Fremden uns be⸗ merken ließ, daß es ſchon laͤngſt voll ſey, und der Wein uͤber den Rand deſſelben und auf Grunds Hand herabfloß. Ich weiß nicht, was die Uebrigen bei dieſem Auftritt dachten, allein wir verſtanden uns; und leider veraͤn⸗ derte ich von dem Augenblick an mein Benehe men gegen ihn gaͤnzlich.“— „Ich fuͤhlte kaum, daß er mich liebe, als ich ſogleich zitterte, ſeine Neigung zu ver⸗ eren; um mir dieſe zu erhalten, meinte ich, muͤßte ich nur ſeine Siferſucht erregen. Ich Ihnen ſchon geſagt, daß ich mehrere Bewerber hatte, und daß ich mich immer ge⸗ hutet, Einen dem Andern vorzuziehen. Jetzt 2 Gegentheil verließ mich immer der, welcher 128 mir in Grunds Gegenwart ſeine Aufwartung gemacht hatte, mit einer Art von Hoffnung, und mein Herz klopfte vor Freude, wenn ich die Eiferſucht aus den Blicken des Geliebten hervorlodern ſah. Allein hatte ich ihn nun auf's Aeußerſte getrieben, ſo wußte ich durch einen einzigen Haͤndedruck Alles wieder gut zu machen.“— „Dies zog mir, wie ich leider zu ſpaͤt einſah, den Ruf der Koketterie zu; denn wenn meine Anbeter, durch die zweideutigen Hoff⸗ nungen, die mein Benehmen ihnen einfloͤßte,. angeregt, endlich eine Erklaͤrung wagten, waren ſie immer des Korbes gewiß; auch laͤugne ich nicht, daß angeborner Stolz und Mangel an ſeinem Gefuͤhl ſehr oſt der Wei⸗ gerung einen hoͤhniſchen Anſtrich gaben, der mir keine Ehre machte, und den ich oft bitter bereuet habe. An ſolchem Tage ſah ich im⸗ mer Grund triumphirend an, denn es war unlaͤugbar meine Abſicht, ihm Hoffnung zu machen, aber nicht ſobald bemerkte ich dieſe aus ſeinen Blicken hervorleuchten, daß ich N. ——— nicht ſelten ſogleich ein ſtolzes Weſen annahm, als wollte ich ſagen: Es iſt keine leichte Sache, dies Herz zu gewinnen!“ „Dies Verhaͤltniß dauerte lange fort; ich quaͤlte ihn unaufhoͤrlich; zwar fuͤhlte ich zu— weilen mein Unrecht, allein ich ſchmeichelte mir, daß mein Benehmen nothwendig ſey, um ihm eine Erklaͤrung abzulocken. Es war meine beſtimmte Abſicht, jenen Neckereien ein Ende zu machen, ſobald dieſe erfolgt ſey. Ach! ich ſah nicht ein, daß ich ſelbſt ihn ab⸗ ſchreckte. Endlich kam jedoch dieſer Augen⸗ blick; ich Thoͤrin hielt fuͤr Wirkung meines Spiels, was doch nur der Zufall herbeigefuͤhrt hatte.“ „Obgleich bebend vor Freude, nahm ich das Geſtaͤndniß ſeiner Liebe zwar nicht mit Hohn, jedoch mit verſtellter Kaͤlte auf; erſt, nachdem er ein Fegefeuer von Zweifeln ausge halten hatte, ſank ich in ſeine Arme. Das Entzuͤcken dieſes Augenblicks machte ihm alles vergeſſen. Er war gluͤcklich, ich theilte ſeine Empfindungen.“ 2 130 — „Ich nahm ihm das Verſprechen ab, unſere Verlobung geheim zu halten.— Er, in der Meinung, daß dieſer Wunſch eine Folge jungfraͤulicher Schaam ſey, gelobte es mir willig und gern; allein als er kurz hierauf, auf die ihm eigene einſchmeichelnde Weiſe und mit der Beſonnenheit und Innig⸗ keit, die damals einen Zug ſeines Charakters waren, mich aufmerkſam darauf machte, daß es unſere Schuldigkeit ſey, meinen Eltern unſer Geheimniß mitzutheilen, und hinzufuͤgte; weshalb denn die ganze Welt nicht Zeuge unſeres Gluͤckes ſeyn duͤrfe? war ich ſo unbe⸗ ſonnen, ihn merken zu laſſen, daß es mir eine Unterhaltung gewaͤhre, meine uͤbrigen Anbeter noch bei ihren Hoffnungen zu erhalten.“ „Statt aber, wie ich in meiner Verblen⸗ dung gewaͤhnt hatte, meinen unweiblichen Scherz laͤchelnd belzuſtimmen⸗ gab er mir ſeine Mißbilligung, freilich auf eine zarte Weiſe und mit ſolchem Zartgefuͤhl zu erkennen⸗ daß ſie jede Bruſt, die weniger, als die meine, — 431 von Eitelkeit befangen geweſen waͤre, geruͤhrt haben wuͤrde.“ „In ſpaͤteren Tagen habe ich oft mit reuigen dankbaren Thraͤnen ſeiner Worte ge⸗ dacht; damals floͤßten ſie mir Bitterkeit ein, allein ich behielt doch Kopf genug, um ihm meinen Zorn zu verhehlen.— Ich machte mit ſauerſuͤßer Miene einen Scherz daraus, geſtat⸗ tete ihm, den Eltern unſer Verhaͤltniß anzu⸗ kuͤndigen, und dann fuͤgte ich ein wenig ſarkaſtiſch hinzu:„weil Du es ſo gerne ſiehſt: der ganzen Welt.“ Ich Thoͤrin glaubte, daß er ſich mit meiner Liebe groß machen wuͤrde!“ „Meine Eltern, beſonders der Vater, gaben uns mit Freuden ihren Seegen, und unſre Verlobung ward durch ein großes Feſt gefeyert. Grund fuͤhlte ſich ſehr gluͤcklich; allein ich— ich wollte nicht geliebt, ich wollte angebetet ſeyn. Sein freies maͤnn— liches Benehmen, eben ſo ſehr von der klein⸗ ſten Verlaͤugnung der Aufmerkſamkeit, die der Braut gebuͤhrt, als von der blinden Unter⸗ 9* 132 werſung in meinen Willen, und der Verzich⸗ tung auf eigene Wuͤrde, die ich heiſchte, ent⸗ fernt, erregte meinen Verdruß. Es ſchien mir, daß er das Gluͤck, mein Herz zu beſitzen, nicht genug ſchaͤtzte; ich wollte, daß er nur von mir reden, nur fuͤr mich Augen haben, daß er mich in allen Sachen Rath ziehen, und beſonders in Geſellſchaften an den Tag legen ſollte, wie viel Gewalt ich uͤber ihn be⸗ ſaͤße; und von allen dem that er nichts; mit einem Worte, er ging mit mir wie mit einem geliebten Freunde um, auf deſſen Vertrauen und Zaͤrtlichkeit man zwar ſtolz iſt, allein dem gleich zu ſeyn man auch fuhlt, ohne jedoch die zarte Aufmerkſamkeit, welche der gebildete Lann unſerem Geſchlechte nie entzieht, zu verletzen.“ „Es fiel mir dadurch ein, ihm mit mei⸗ nem erſten Geliebten zu vergleichen; ich ver⸗ mißte die Unterwuͤrfigkeit, die ſklaviſche Ehr⸗ furcht mit welchen Jener ſich in alle meine Launen gefugt, den Strom von Thraͤnen in dem er meinen Zorn ertraͤnkt hatte. Obgleich —— 133 ich nun nicht umhin konnte, Grund weit hoͤher zu ſchaͤtzen, und es mir nicht moͤglich geweſen waͤre, dieſem das zuzumuthen, wozu der junge Schreiber ſich bequemen mußte, wollte ich doch, daß er ſich unter mein Joch beugen ſolle.“ „Nie konnte ich vergeſſen, daß er gewagt hatte, mir einen Vorwurf zu machen.— Lei⸗ der urtheilte ich damals anders, als es mir das Ungluͤck ſpaͤter gelehrt hat, und daſſelbe, was ich jetzt als tiefes Selbſtbewußtſeyn inne⸗ ren Werthes, als äͤchtes Gepraͤge wahrer Liebe anerkennen muß, hielt ich damals fuͤr Kaͤlte und Herrſchſucht, und ich— ich, die ich nur herrſchen wollte, ich beſchloß bei mir dieſe bei ihm zu bezwingen!“ „Verachten Sie mich nicht, lieber Couſn: ich dulde ja noch die Strafe!— Indeſſen einiges Unrecht thue ich mir wohl auch ſetbſt; denn es war vielleicht nur eine durch die ver— kehrteſte Erziehung ſo reitzbar gewordene Em⸗ pfindlichkeit des Gemuͤths, die mich verleitete, jede von der meinen verſchiedene Anſicht, als 134 eine Beleidigung anzuſehen; denn, man ſucht ja doch nicht den Geliebten zu beherrſchen, und ich liebte ihn in der That; ich liebe ihn noch, ich werde ihn ewig lieben!“ „Ich bin wirklich auch der Meinung, daß wenn ich Ihnen alle die kleinen Boshei⸗ ten herzaͤhlen wollte oder koͤnnte, die ich taͤglich, um ſeine Liebe auf die Probe zu ſtellen, an ihm veruͤbte, wuͤrden Sie in dieſem grauſamen Spiele vielleicht mehr die thoͤrichte Furcht, ihn zu verlieren, als eigentliche Herrſch— ſucht ſehen.“ „Genug, wir wurden Beide ungluͤcklich. Wenn Grund mit der ganzen Zaͤrtlichkeit der Seele mir zeigte, wie tief ich ihn verwunde, wenn er mich flehend bat, auf einen thoͤrichten Einfall, der ihn betruͤbte, zu verzichten, ſtellte ich ihm Kaͤlte entgegen, und wenn er, ſeiner vergeblichen Bitten und verſchmaͤhten Zaͤrtlich⸗ keit muͤde, mich endlich, wie es ſchien, kalt und gleichguͤltig verließ, weinte ich, und warf ihm Undankbarkeit vor. Es ſielen oft Scenen zwiſchen uns vor, die unſere Trennung unauß 135 — haltſam herbeifuͤhrten; allein mein Vater, der mich immer wieder zur Vernunft zu bringen ſuchte, und den ich in meiner Verblendung im⸗ mer weniger zu lieben begann, weil ich daß er mich aufopfere, um ſo beſſer nds Schutzgeiſt ſeyn zu koͤnnen ſtarb; lund die Mutter ſchuͤrte die Flammen nur noch mehr an1 „Ich bin jetzt uͤberzeugt⸗ daß Grund mich innig liebte; ſein ſpaͤteres ungluͤckliches Leben buͤrgt mir leider! dafuͤr, und von jedem Vorwurf wegen ſeines Benehmens gegen mich, den es meiner Mutter oder meinen Verwand⸗ ten einfiel, ihm in dieſer enheit zu machen, ſprechen ihn mein Herz und meine Vernunſt ganz frei. Er war zu maͤnnlich und edel, um ſehr eiferſuͤchtig zu ſeyn; ich machte ihn aber dazu; ich gab ihm ſelbſt Anlaß an meine Liebe zu zweifeln, indem ich mich der ſeinigen verſichern wollte.— Doch es mag genug ſeyn; ich will Ihnen nur die Be⸗ gebenheit erzaͤhlen, die uns auf immer 136 „Ich hatte mir nun einmal in den Kopf geſetzt, daß er kleine Gefaͤlligkeiten muͤhſam von mir erflehen ſolle, welche ganz Fremde gleich und leicht von mir erhielten. Eines Tagllward mir die Einladung zum Ball in dem Caſſino gebracht; ich erwog aber bei mir ſelbſt, ob ich dieſer folgen ſolle oder nicht, theils weil meine Geſundheit eben nicht gut das Tanzen geſtattete, theils auch weil Grund nicht Mitglied jener geſchloſſenen Geſellſchaft war,— als dieſer hereintrat, und die Karte auf dem Tiſch erblickte.“— „Nicht wahr, Liebe! Du gehſt nicht in das S. er in einem ſehr ſanften Tone.“ „Warum denn nicht?““ gab ich lbhafe aufblickend ihm zur Antwort, die ihn vielleicht doch nicht beleidigt haͤtte, wenn er nicht ſchon durch fruͤhere Neckereien empfindlich geworden waͤre.“ „Nun,“ entgegnete er, nicht ganz ohne Bitterkeit,„ich ſollte vielmehr ſagen: Du gehſt doch wohl in das Caſſino, ſo hitte — ——,—„ 137 weniger den Anſchein gehabt, als wuͤnſchte ich⸗ daß auch mein Wille in Erwaͤgung kommen moͤge!“ „Das Wort Wille verletzte mich. Der wird immer in Erwaͤgung kommen,“ ſiel ich raſch ein;„denn er mahnt mich ja daran, daß ich Herr des meinigen bin. Aber warum darf ich nicht auf den Ball gehen?““ „Darf? Gott bewahre! Wer redet von duͤrfen? Du darfſt ja recht gern, aber ich erſuche Dich nur zu bedenken, daß Du das Tanzen nicht gut vertraͤgſt.“ „Alſo Sorge um nen heit?“ „Was „Ich dachte, weil Du mich nicht in den Zirkel begleiten kannſt.“„ 8 „Auch das, wenn Du willſt. Du weißt ja ſelbſt, wie von den jungen Damen 2rez wird, die ohne ihre Eltern, und von Bräuten, die ohne ihren Braͤutigam an — 138 — „Wenn nun aber der Braͤutigam zufaͤllig nicht in dem Geſellſchafts⸗ Kreis aufgenom⸗ men iſt?“ „Dann,“ fuhr er kalt und ruhig fort, „ſagt man entweder von dem Maͤdchen, daß ſie eine Kokette, oder von dem Braͤutigam, der ſo etwas duldet, daß er ein Thor fey.“ Dieſe Worte und ſeine Kaͤlte brachten mein Blut gleich in Wallung. „Und was meinſt Du, daß man von uns ſagen werde?“ „Weder das Eine noch das Andere,⸗ offe ich.“ hoff„ „Oder auch beides, denn ich gehe auf den Ball.“ „Der abſprechende Ton, womit ich dies ſagte, brachte ihn beinahe außer ſich; ich bemerkte, wie ihm das Blut die Wangen faͤrbte; aber noch bezwang er ſeinen Zorn.“. bei Gott! ſie liebt mich nicht!“ rief er un⸗ wiſchen uns aus. Ich bin des Lebens, das wir jetzt fuͤhren, muͤde! Es muß eine Ver⸗ 139 ——— „Amalie! trotze mir nicht!“ erwiederte er endlich mit vieler Gutmuͤthigkeit! „Ich will Dir nicht trotzen, allein ich gehe auf den Ball!“ Er ging heftig auf und nieder.—„Nein⸗ willkuͤhrlich; auf einmal ſtand er vor wir ſtill und ſagte:„Iſt das Dein letztes Wort?“ Lange ſchwieg ich unentſchloſſen, getheilt zwiſchen Liebe und Stolz; mein boͤſer Genius behielt den Sieg!„Ja!“ gab ich ihm raſch zur Antwort. Es ſchien ihm nicht unerwartet. Er faßte meine Hand mit einer innern Bewegung, zu der ich vergebens einen Namen ſuchen wuͤrde. „Gehſt Du auf den Ball, Amalie,“ ſagte er feſt⸗ jedoch nicht kalt,„ſo iſt es aͤnderung geſchehen! Nenne nicht, was ich 140 ſage, eine Drohung; wir verlieren ja Beide gleich viel. Ich liebe Dich innig, Amalie! vergiß das nicht!“ Er verließ mich; es war das Erſtemal, daß er ſich beſtimmt erklaͤrte, obgleich er oͤfters etwas Aehnltiches geſagt, und— ſonderbar genug— es machte jetzt weniger Eindruck auf mich, eben weil ich empfand, daß ich es manchmal fruͤher weit mehr verdient hatte.“ „Ich gab dem Bedienten, der die Ball⸗ einladung gebracht und noch wartete⸗ eine un⸗ beſtimmte Antwort; denn ich war in der That nicht Willens, ihr zu folgen. Allein Grunds beſtimmte Erklaͤrung kraͤnkte meinen Stolz zu bitter, als daß ich nicht den Verſuch haͤtte machen ſollen, ihm den Sieg zu erſchweren.“ „Zwei ganze Tage ſah ich ihn nicht, und in dieſem Zwiſchenraum wechſelten die unge⸗ reimteſten und kluͤgſten E Entwurft in meinen Gehirn ab. In jedem hellen Augenbiick ſch ich mein Unrecht ein, und ich that Buße in meinem Herzen; allein wenn ich mich det 3 144 — Drohung erinnerte, die er deutlich ausge⸗ ſprochen hatte, gluͤheten meine Wangen vor Zorn und Erbitterung; doch beſchloß ich nach⸗ zugeben, inſofern es geſchehen koͤnnte, ohne das, was ich, Thoͤrin! eine Demuͤthigung nannte; und um dem Schein zu entgehen, nahm ich mir vor, ihn erſt noch mehr zu necken, beſonders weil ich ſein Ausbleiben als Trotz, oder wenigſtens als einen Kunſtgriff anſah, der mir Furcht einfloͤßen ſollte.“ Den Tag vor dem Balle beſuchte er uns gegen Abend; ich hatte die Unvorſichtig⸗ keit gehabt, meiner Mutter zu erzaͤhlen, wie die Sache ſtand, und nach einer Vergleichung des Ranges ihres ſeligen Gemahls mit dem ſeinen, fand ſie:„daß man dem Herrn ſolche 3 Grillen bei Zeiten abgewoͤhnen muͤſſe.“ Es iſt daher kein Wunder, daß Grund auf die erſie Frage⸗ die er mir that:„Gehſt Du auf S Ball, Amalie?“ ein ſehr raſches a1“ zur Antwort bekam. Er erwiederte keine Silbe, ſondern ſprach ur von gleichguͤltigen Sachen mit meiner Mutter, und nach einer Viertelſtunde verließ er uns. „Jetzt ward mir zum Erſtenmal recht im Ernſt bange. Ich war ſchon im Begriff, ihm nach⸗ zueilen, um mich in ſeine Arme zu werfen⸗ wenn nicht eine Bemerkung der Mutter, die ſein ruhiges Benehmen aͤrgerte, meinen Stolz auf's neue rege gemacht haͤtte. Doch ſah ich recht bald ein, daß die Reihe jetzt an mir ſey⸗ nachzugeben; allein ich wollte und mußte erſt ein gutes Wort von ihm hoͤren.“ „Ich zweiſelte gar nicht daran, daß er ſich noch einmal bei uns einfinden wuͤrde; ich verſprach daher auf dem Balle zu erſcheinen⸗ legte meinen Putz in Bereitſchaft im Zimmetr herum, und beſtellte den Friſeur. Ich wollte es noch bis auf's Aeußerſte treiben; aber in dem Augenblick, wo man mir weldete, daß der Wagen vorgefahren ſey, wollte ich Grund zaͤrtlich umfaſſen, ihm meine Reue geſtehen, und bei dem, der mich eingeladen hatte, eine Krankheit vorſchuͤtzen.“ 3 143 ——— „Indeſſen wurde ich ſehr unruhig, als ich von dem Bedienten, den ich mit meinem Verſprechen, auf dem Balle zu erſcheinen⸗ hingeſchickt hatte, erfuhr, daß er in demſelben Hauſe Grund angetroffen habe, welcher jetzt nothwendig in dieſem ſpaͤten Entſchluſſe einen neuen Trotz erblicken mußte; ja, meine Un⸗ ruhe ward zur Marter geſteigert, als er ſich bis zum folgenden Nachmittage noch nicht bei uns eingefunden hatte. Ich verlor Muth und Luſt, meine Rolle fortzuſpielen, und als der Friſeur kam, ließ ich ihm bitten, in einer Stunde wieder zu kommen. Endlich konnte ich es nicht laͤnger aushalten, und unter einem ziemlich ſchicklichen Vorwande ſandte ich zu ihm nach einigen Buͤchern.“ „Befindet ſich das Fraͤulein vielleicht nicht wohl?“ fragte er den Bedienten. ch weiß es nicht,“ bekam er zur Antwort;„allein ſie hat den Friſeur weg⸗ geſchickt“. 144 — „Gut!“ rief er,„ich werde hinkom⸗ men, ſo bald als moͤglich; in einer Stunde bin ich da!“ „Kaum war mir dieſe Nachricht gebracht, als ich zu meiner Toilette eilte; meine Furcht war verſchwunden, ich freute mich wieder meiner Liſt. Zur beſtimmten Zeit kam der Wagen. Meine Mutter empfing indeſſen mei⸗ nen Ballbegleiter im Geſellſchaftszimmer. Eine Viertelſtunde nachher ließ die Mutter mir ſagen, daß ſie Grund durch das Fenſter be⸗ merkt haͤtte. Sie wußte, daß ich ihn er⸗ wartete, ahnete aber meine Abſicht nicht. Ich ließ die Kammerfrau ſchnell die Thuͤr oͤffnen, die auf die Treppe fuͤhrte, und ſtellte mich ſo, daß er mich ſogleich in meinem ganzen Putz ſehen mußte.“ „Grund kam die Treppe herauf; man hat mir nachher erzaͤhlt, daß der Anblick des Wagens vor dem Hauſe ihn ſchon ſtutzig ge⸗ macht haͤtte; als er aber mich erblickte, die laͤchelnd vor dem Spiegel ſtand, und nur 14⁵5 — nachlaͤßig den Kopf drehte, als ich die Tritte des Kommenden hoͤrte, ſtand er einen Augen⸗ blick ſtill, ſah mir feſt in's Auge, verneigte ſich tief, ging die Thuͤre vorbei und die Treppe weiter hinauf. Es wohnte im obern Stock eine Familie, die er mitunter beſuchte.“ „Stellen Sie ſich mein Erſchrecken vor; mir ward in der That uͤbel; die Mutter, welche gleich gerufen wurde⸗ ſtoͤßte mir Muth und auch Zorn ein, und da ſie nicht wußte, was zwiſchen Grund und mir denſelben Tag vorgefallen war, erwaͤhnte ſie ſeiner nur in den bitterſten Ausdruͤcken.— Ich wagte nicht, ihr zu geſtehen, daß es meine Abſicht doch geweſen ſey, zu Hauſe zu bleiben, und als die Zeit ſich ſchon uͤber eine Stunde ver⸗ zogen, und er noch immer nicht zuruͤck kam; als die ſchmeichelnden Ueberredungen meines Ballbegleiters, die mit Grunds letzten, be⸗ ſtimmten Ton in ſo ſcharfem Widerſpruch ſtanden, mich beſtuͤrmten, als die Mutter meine Weigerung Kinderei und Furcht nannte, ward mein beſſeres Gefuͤhl dadurch beſchwich⸗ 10 tigt; mein Stolz ſiegte— ich fuhr auf den Ball.“ 5 „Ich ſpreche Grund ganz frei. Er nahete ſich mir mit dem Herzen voll Zaͤrtlich⸗ keit und Vergebung; ich gab ihm Urſache, mir alles Boͤſe zuzutrauen. „Den folgenden Tag ward mir ein Brief von ihm uͤberreicht, wprin er erklaͤrte; daß nur die vollkommenſte Ueberzeugung, daß er mich eben ſo wenig gluͤcklich machen koͤnne, als ich ihn, ihn bewoͤge, die Verbindung zu loͤſen, in welcher er gehofft haͤtte, den Zweck ſeines Lebens zu erfuͤllen. Er erbat ſich nur, daß er mein Bild behalten duͤrfe, das nie ſeinen Werth fuͤr ihn verlieren wuͤrde.“ „Die Erbitterung meiner Mutter uͤber dieſen Affront, wie ſie es nannte, laͤßt ſich nicht beſchreiben, und anfangs ſteckte ſie mich unglucklicherweiſe damit an. Ich ſchrieb ihm eine kalte, trotzende Antwort, und forderte ihm mein Bild ab.— Er ſandte es ohne Widerrede, und ohne ein weiteres Wort.“ —— 6. Hier ſchwieg die Tante einige Augenblicke; ich war tief bewegt. Aus dem letzten Auf⸗ tritt, den ſie mir mitgetheilt, ging es hervor, daß wohl auch einige Fehler auf der Seite meines Freundes gemacht waren; allein da⸗ durch, daß ſie ſich alles Unrecht tief bereuend zuſchrieb, war ich von der voͤlligen Heilung ihrer Seele uͤberzeugt. Nun ward es mir klar, warum Grund im Anfange unſerer Be⸗ kanntſchaft mir ſo viele Guͤte erzeigt, warum er ſo viel nach meiner Familie gefragt hatte, und Alles gab mir die geheime Ueberzeugung, daß dig Tante ihm noch nicht gleichgltig ge— worden ſey. In dieſem Angenblick empfand ich ein frohes Gefuͤhl meiner eigenen Wich⸗ tigkeit. Wie ſoll ich Ihnen,“ nahm ſie wieder das Wort,—„den Uebergang von dem, was ich 0 4148 war, zu dem gegenwaͤrtigen Zuſtande meines Weſens beſchreiben? Ich vermag es nicht, ich fuͤhle aber, daß ich nicht dieſelbe bin. In den naͤchſtfolgenden Jahren ſuchte ich dadurch mein Gewiſſen zu beſchwichtigen, daß ich die ganze Schuld auf ihn ſchob⸗ Mit ſtummer Befriedigung folgte meine Seele dem Strome von Bitterkeiten, den die Mutter, wenn die Rede auf ihn kam, immer uͤber ihn ergoß; und in meiner Thorheit beſchloß ich, um mich zu raͤchen, den Erſten den Beſten zu heirathen. Allein zu meinem Gluͤck nahete kein Einziger ſich mir mehr in dieſer Abſicht. Ach! ich wuͤrde auch jeden Mann ungluͤcklich gemacht haben!“ „Die Leere, die ſich nach und nach mei⸗ nes gebrochenen Herzens bemaͤchtigte; die Zeit⸗ Buͤcher, eine gebildete unglůcksgefährtin⸗ und ein unvermuthetes— Dank ſe dem Him⸗ mel!— nur kurzes Zuſammentreffen mit Grund, vor ſieben Jahren, bewirkte die vollige Herſtellung meines beſſern Ichs. Er verließ das Zimmer, wenige Minuten nachdem ich ———— hereingetreten war. Ich erkannte ihn nicht einmal eher, als bis ſein Name genannt wurde. Großer Gott! Wie war er veraͤndert! Ich brauche nichts mehr zu ſagen⸗ Sie ken⸗ nen ihn ja!“ „Ich kam zu Hauſe; den Buſen voll ſchwerer Vorwuͤrfe, von denen ich noch in dier ſer Stunde ſchmerzliche Spuren fuͤhle, und ich beſchwor die Mutter bei dem Heiligſten, nie mehr meiner vormaligen Verhaͤltniſſe zu ihm zu erwaͤhnen; allein in der Stille hab' ich mich genau nach dem Leben erkundigt, das er ſeit der Zeit gefuͤhrt hatte. Gott! jede Nachricht hat mein Herz durchbohrt. E⸗ wurde kurz nach unſerer Trennung von einer Eemuͤthsſchwaͤche befallen, woraus er zwar den Verſtand gerettet hat, allein ſeine See⸗ lenkraͤfte ſind ſchlaff geworden; ſein heiteres Gemuͤth, ſeine kuͤhnen Entwuͤrfe, die Kraſt⸗ dieſe durchzuſetzen, ſind auf immer dahin. Er hofft nichts mehr, und nichts erregt einen Wunſch bei ihm. Ich habe den Staat um einen guten Buͤrger gebracht, einen edlen Mann um 150 ſein irdiſches Gluͤck, und mich ſelbſt— O! daß ich es ſagen muß— um meine ewige Ruhe!— Ich erfuhr, daß er krank ſey. Er iſt es noch, und ich kann nicht einmal Sorge fuͤr ihn tragen; darf ihm nicht durch theilneh⸗ menden Troſt und weibliche Pflege einige Lin⸗ derung bringen. Ich habe bisher nicht einmal gewagt, mich nach ſeinem Zuſtande zu erkun⸗ digen; erſt jetzt wage ich Sie zu fragen, in dieſem Augenblick, wenn Sie nicht die Freund⸗ ſchaft, die Sie mir vor kurzem zugeſagt haben, mir nun wieder entziehen: Wie beſindet er ſch7“ Ich weiß ſelbſt nicht, was ich erwi⸗ derte; ich merkte nur, daß mir die Thraͤnen in den Augen ſtanden; wir ſchwiegen Beide eine Zeitlang; endlich nahm ſie wieder das Wort: „Jetzt kennen Sie mich ganz. Ich laͤugne nicht, daß meine Gedanken, beſonders ſeit ich ihn krank weiß, immer mit ihm be— ſchaͤftigt ſind; eben ſeine Krankheit hat mich tief empſfinden laſſen, daß ich durch Anwen⸗ dung der Kraͤfte, die mir die Natur gegeben, in weiblicher Sorgfalt, in troͤſtendem Wohl⸗ wollen, vielleicht doch nicht als ein ganz un⸗ nuͤtzes Geſchoͤpf uͤber die Erde gehen wuͤrde; und jene Anzeige, die unſer gegenwaͤrtiges Zu⸗ ſammentreffen veranlaßt hat, ſchien mir eine Gelegenheit darzubieten, gegen Andere dies Vorhaben auszufuͤhren, weil ich fuͤr ihn doch nichts thun darf.— Was rathen Sie wir?“ Ich hatte ſchon meinen Plan, aber noch nicht ganz entwickelt, im Kopfe; jedoch ver⸗ barg ich ihn ſorgfaͤltig. Ich beſtaͤrkte ſie nur in ihrem Vorhaben, und redete mit ihr ab, daß ich mich den folgenden Abend ſtatt ihrer einfinden wollte, weil nun doch die Abſicht * ihres Hierſeyns dieſen Abend vereitelt ſey⸗ Es gelang mir, ihre Bedenklichkeiten zu beſei⸗ tigen, und ich verſicherte ſie— ich konnte es ja mit Gewißheit thun— daß meine Dazwi⸗ ſchenkunft die Sache glucklich beendigen wuͤrde. Sie vertraute meiner Vorſicht und meinem Zartgefuͤhl, doch unter der ausdruͤcklichen Be⸗ 15⁵2 dingung, ſie nicht zu nennen. Ich begleitete ſie zu Hauſe. Frohe Empfindungen erfuͤllten meine Bruſt, als ich mich wieder zu dem alten Freunde be⸗ gab. Das Geſchick hatte mich auch zu dem einzigen Vertrauten der Tante gemacht.— Die Haͤnde von beiden lagen in der meinen; und doch durfte ich ſie nicht gleich zuſammen⸗ fuͤgen!— Ich wollte ja auch, daß ſie mich ſegnen ſollten! Es ſchien, als haͤtte mich Grund mit noch groͤßerer Unruhe als den Morgen vorher erwartet; das aͤngſtliche Stillſchweigen, womit er mich empfing, gab mir zu erkennen, daß ihm die Sache immer wichtiger wurde. Mein Bericht war, wie begreiflich, nicht ganz getreu, doch fugte ich keinen einzigen Umſtand hinzuz ich ließ nur weg, was z unfehlbar an de Tante haͤtte erinnern muſſen. Meine Erzaͤhlung machte ihn tiefſinn ergriff ihn aber nicht, wie ich doch vermuthet hatte.„Ja! ſo geht's in der Welt,“ war 153 — Alles, was er ſagte,—„Mit ihr,“ fugte er nach kurzen Nachdenken hinzu,„glaube ich wohl, daß ich zufrieden leben kann, wenn ihre Reue anders aufrichtig iſt!— Wer iſt ſie?“ Sonderbar genug, daß die Aehnlichkeit ihrer Geſchichte mit der ſeinigen, ſtatt ihn zu ruͤhren, ihn im Gegentheil kälter und unzu⸗ . gaͤnglicher zu machen ſchien! Sollte ſie viel⸗ leicht dem Gefuͤhl ſeines Ungluͤcks und des gelittenen Unrechts eine erneuerte Bitterkeit beigemiſcht haben? Ich erwiderte, daß Namen und Stand, denen ihm doch wenig liege, ein Geheim⸗ 5 niß bleiben muͤßte, bis ſie ſich geſprochen haͤt⸗ ten, und ich ſchlug ihm eine Zuſammenkunft vor, worin beide, mit ihren aͤuſſern Verhaͤlt⸗ niſſen ganz unbekannt, ſich uͤber das, was ſie naͤher anging, erklaͤten ſollten. Er willigte, nachdem einige kleine Bedenklichkeiten beſeitigt waren, ein; doch mußte ich ihm erſt ver⸗ ₰ 7 „ 154 ſprechen, daß auch ſie nicht erfahren ſollte, wer er ſey.— Ach! ſie durfte es ja auch noch nicht ahnen!. Indeſſen verhehlte ich meinem Freunde keine einzige Wahrheit, die der Tante zum Ruhm gereichen konnte, und mit Freuden ward ich bald gewahr, daß er ſich von der Dame, deren Bekanntſchaft ich ihm zugeſagt hatte, einen guͤnſtigen Begriff machte. Auch nahm ſeine Achtung fuͤr mich, und ſeine Zu⸗ verſicht allmaͤhlig zu, als er bemerkte, wie beharrlich ich mich weigerte, ſeine Neugierde zu befriedigen, obgleich es auf der andern Seite ihn hoͤchlich wunderte, daß ich das Zu⸗ trauen der Unbekannten ſo ſchnell gewonnen haͤtte. Bei der Tante war ich gezwungen, einen langen Bericht zu erfinden, um es ihr begreif⸗ lich zu machen, daß man mich wirklich fuͤr ihren Abgeordneten halte; allein alles, was ich ihr von dem Freunde erzaͤhlte, war buch⸗ ſtaͤblich wahr, und bewegte ſie tief.—„Gott! wenn du mich deines Segens nicht unwuͤrdig „ haͤltſt,“ ſeufzte ſie ſtill,—„wird vielleicht mein Vorhaben gelingen!“ „Jetzt kam es darauf an, ſie zuſammen zu fuͤhren, ohne daß Einer von Beiden ahnete, wen er ſfinden wuͤrde; wenn die Tante zu fruh inne ward, daß es Grund ſey, der ſie erwarte, wuͤrde ſie ſich ohne Zweifel in dem⸗ ſelben Moment zuruͤckziehen; und ſein Herz hatte eines elektriſchen Schlages ſehr vonnoͤ⸗ then, um es aus dem langen Todesſchlaf zu wecken, in dem ſein Ungluͤck es gewiegt hatte. Ich wollte ihm jenen beibringen. Ich trug der Tante die Zuſammenkunft an, wozu ich Grund ſchon beredet hatte, und fand ſie bereitwilliger dazu, als er es geweſen war; ſie ſchien ſich ſogar zu freuen, daß ſie auf dieſe Art nicht nöthig habe, ihren Namen preiszugeben, welcher Umſtand ihr viel Ueber⸗ windung gekoſtet haben wuͤrde. 156 7. Mit hoffnungsvollem, vertrauendem Her— zen ſtieg die Tante an dem beſtimmten Abend mit mir in einen Miethwagen, der uns durch allerlei Umwege nach Grunds Wohnung brachte. Ich hatte ihr nicht einmal den Namen der Straße nennen wollen, und ihre innere Unruhe war viel zu groß, um ſie bemerken zu laſſen, wohin der Wagen uns fuͤhrte; auch hatte ich ſchon vorher Sorge dafuͤr getragen, daß ſich in den aͤuſſern Zimmern kein Gegenſtand be⸗ faͤnde, der an die Vergangenheit erinnerte, und wider meinen Willen das Geheimniß vor der Zeit haͤtte verrathen koͤnnen. Sie druͤckte bebend meine Hand, als ich ſie dort verließ, um dem Freunde ihre Ankunft zu melden. Sein Geſicht verrieth Furcht und Sehnſucht. 157 — „Noch einmal, ehe es zu ſpaͤt wird,“ fragte er mich mit heftiger Unruhe,„was rathen Sie mir?“ Sie hatte mir dieſelbe Frage gethan.— „Ich zweifle gar nicht, daß dieſe Dame ihre Liebe verdient,“ erwiderte ich feſt und mit Feuer;„ſie hat ſehr gefeblt, allein ſie hat ſehr hart gebuͤßt,— und ich bin feſt uͤber⸗ zeugt, daß niemand beſſer als ſie Ihr Herz mit ſeinem Schickſal ausſoͤhnen kann.“ „Gut! ſie komme denn!“— erwi⸗ derte er. Ich oͤffnete die Thuͤr; ſie trat langſam berein; ihre Blicke ſuchten ihn; doch ſie er⸗ kannte ihn vielleicht wegen des Halbdunkels nicht. Er dagegen war ſtumm vor Schrecken und Erſtaunen; mit quaͤlender Angſt bemerkte ich ſeinen Zuſtand; doch noch mehr fuͤrchtete ich die Wirkung dieſes Augenblicks auf ſie. Es war ja nicht moͤglich geweſen, ſie vorberei⸗ ten zu koͤnnen! 158 Sie trat noch einen Schritt naͤher, und begann bebend:„mein Herr!“— In demſelben Augenblick ſank er kraftlos zuruͤck auf das Bett, indem er rief:„Welch ein Geſchick! Amalia,— Sie?“ Mit innerer Dankbarkeit erkannte ich ſein Zutrauen zu mir; ſeine Worte waren mir ein Beweis, daß er ſelbſt in dieſem ſchmerzlichen Augenblick mich wegen einer Liſt nicht im Ver⸗ dacht habe. Die Tante ſtand wie vom Blitz getroffen; ſie ſtarrte ihn an, warf einen ſtechenden Blick auf mein aͤngſtliches Laͤcheln, und ſank mir zum zweitenmal ohnmaͤchtig in die Arme. Es dauerte lange, ehe ſie wieder zu ſich kam; es war mir waͤhrend deſſen nicht moͤglich, Grund zu beobachten, der ſich in quaͤlender Verlegen⸗ heit befinden mußte. Als ſie wieder die Augen erhob, hefteten ſich dieſe mit ſchmerzlichen Vorwuͤrfen auf mich. Leiſe fluͤſterte ſie:„Das war grau⸗ ſam!“ „Ja!“ entgegnete ich,—„allein wie konnte ich es anders machen? wie konnte ich nur ein Wort mehr ſagen, ohne Euch unwiderbring⸗ lich von einander zu reißen? Und bei dem ewigen Gott, Eure Herzen gehoͤren zuſammen! Ich kenne ja beide.“ Die Muͤhe, die es mir koſtete, Beider Erſtaunen, die Scham der Tante, die Verle⸗ genheit des Freundes zu bezwingen, laͤßt ſich nicht beſchreiben; doch als die erſten peinlichen Minuten voruͤber waren, ging es ſchon beſſer. Ich ſetzte mich zwiſchen ſie, bat mir ein tiefes Schweigen von Beiden aus, und nun erzaͤhlte ich ihnen offenherzig und treu den ganzen Zu⸗ ſammenhang; die Geſchichte meiner Tante, die ich nur leicht beruͤhrte, weil ich dem Freunde ſchon vorher den ſpaͤteren Theil der⸗ ſelben ſehr umſtaͤndlich berichtet hatte, machte jetzt, da er die eigene Geliebte darin erkannte, einen tiefen Eindruck auf ihn. Beſonders als ich mit der Verſicherung endete:„Sie hat Sie immer geliebt!“ 160 — „O!“ rief er, indem er ihre Hand er⸗ griff,—„dieſe Ueberzeugung wuͤrde mich vor ſiebzehn Jahren uͤberſchwenglich glucklich ge⸗ macht haben!“ „Wer weiß?“ fragte ich halb laut. Die Tante ſprach nur durch ihre Thraͤ⸗ nen; aber ſie ließ ihm willig ihre Hand. Wir ſchwiegen Alle; ſie Beide, unwill⸗ kuͤhrlich, ich mit Fleiß. Endlich nahm ich das Wort wieder; ich legte ihnen Fragen vor, die, wie ich wohl merkte, auf ihren Lippen brannten, ohne ſich in Worte ergießen zu koͤnnen. Ich mußte zwar mitunter auch ſelbſt Antwort geben, allein ich ſah deutlich, daß ich ihre Herzen traf. Ihre Haͤnde umfaßten ſich noch. Endlich ſagte Grund, indem er die Augen langſam gen Himmel richtete:„Sollte es mir wirklich noch gelingen, fuͤr Etwas auf dieſer Welt leben zu koͤnnen?— Es kommt auf Dich an, Amalia!“ 161 „Ja!“ entgegnete ſie mit Wuͤrde:„Ich nehme Deine Hand an, denn jetzt bin ich mei⸗ ner ſelbſt ſicher.“. Schoͤner Augenblick, worin zwei gute Seelen ſich den Gram ſiebenzehn unglucklicher Jahre einander zum Opfer brachten!— Ich ſtattete ihnen meinen Gluͤckwunſch ab, und jetzt uͤberhaͤuften ſie mich mit dem waͤrmſten Dank. Sie trennten ſich' mit ſolcher Innigkeit, und ſolcher Ergebung, als waͤre dieſer Auftritt den Tag nach jenem Balle, vorgefallen⸗ Niemand, nicht einmal die Mutter erfuhr, wie es mit dieſer erneuerten Verbindung eigentlich zuſammenhaͤnge. Amalia beſuchte ihren Freund noch verſchiedene Male ins Ge⸗ heim; ſobald er ſich aber wenige Tage darauf beſſer befand, eine natuͤrliche Folge ſeiner glucklicheren Gemuͤthsſtimmung, machte er dem muͤtterlichen Hauſe einen unerwarteten Beſuch, und hielt auf's Neue um die Hand meiner Tante an⸗ 14 162 —— Die Betroſſenheit der Mutter, das Geſpoͤtte ihrer Bekanntinnen und bald der ganzen Stadt, maächten ſie nicht irre. Die Hochzeit ward einige Monate hernach in aller Stille gefeiert.— Grund legte ſeine Stelle nieder, und ſie zogen auf ein Gut, das er ſich fuͤr eine namhafte Summe, die Erſpar⸗ niß dieſer langen Reihe von Jahren, gekauft hatte. 163 8. In einem Zeitraum von vier Jahren haben ſie mir es oft recht nahe gelegt, ſie zu beſuchen, um ein Angenzeuge ihres ruhigen, glucklichen Lebens zu ſehn. Meine Geſchaͤfte haben mich immer daran verhindert; jener Brief aber, der Anlaß zu dieſer Erzaͤhlung gab, ſchien mir doch einen Grund darzubieten, dem ich weichen mußte⸗ Sobald alſo dieſer Bericht wär, ließ ich ihn auf ſchoͤnes Velin abſchreiben, und in Saffian binden, und mit dem Buch in der Taſche, fuhr ich unter den froheſten Erwar⸗ tungen von ihrem Glucke, hinaus⸗ Keine einzige ward getaͤuſcht. Sie nah⸗ men mich auf, als den Stifter ihrer unge⸗ heuchelten Zufriedenheit, und es koſtete mir 164 Muͤhe, mich den zahlreichen Beweiſen ihrer Erkenntlichkeit zu entziehen „Demnach,“ fragte ich den folgenden Morgen beim Fruͤhſtuͤck, nachdem ſie mir eine kurze, lebendige Darſtellung ihres gegenwaͤrti⸗ gen Lebens vorgelegt hatten;„demnach fehlt Euch jetzt nichts zu Eurem Gluͤck?“ Sie zeigten Beide auf die Wiege, und erwiderten einſtimmig:„Nein!“ „Gut!“ rief ich, indem ich mich erhob⸗ und das Buch leiſe auf die Bruſt des Knaben legte. „Was iſt das?“ fragte die Tante. „Ein Pathengeſchenk!“ gab ich zur Antwort. Mein Oheim ergriff es ſchnell:„Unſere Heirathsgeſchichte!“ rief er verwundert! „Kommt, meine alten Kinder!“ fuhr ich fort, indem ich ihre Haͤnde faßte; „kommt, laßt uns ſie bei der Wiege Eures Sohnes mit Nachdenken durchleſen.“ 165 ℳ — Es geſchah! Als ich zu den Worten von mir:„Wer weiß?“ gekommen, legte ich das Buch weg, und wiederholte laͤchelnd meine Frage. „Wir!— Ich—1“ rief die Tante, mit funkelnden Augen ihrem Gemahl die Hand reichend:„Waͤre ich damals Deine Frau ge⸗ worden, haͤtteſt Du vielleicht noch mit dem eitelſten und undankbarſten Geſchoͤpf auf der Welt eine Hoͤlle verleben muͤſſen; jetzt dage⸗ gen,“ fuhr ſie fort,„darf ich mit freudigem Stolze ſagen; ich mache Dich gluͤcklich, mein Freund!“ „Mögen wir nur,“ ſagte mein wieder recht ruͤſtiger Oheim, indem er den Jungen kuͤßte,—„dieſes Kind noch gedeihen und aufwachſen ſehen, ſo haben wir alle Drei gewonnen!“ „Wohl, lieber Oheim!“ rief ich⸗„geben Sie ihm denn auch den Namen, den er nach altem Gebrauch und chriſtlicher Sitte erhalten haͤtte, wenn er zwanzig Jahre fruher geboren 166 waͤre. Ich bin genug belohnt, ſein Pathe zu ſeyn.“ Die Tante laͤchelte; der Oheim umarmte mich heftig.— Ich hielt den Knaben uͤber die Taufe, und er ward Hans Jacob genannt. 167 „ Als der Prediger ſeinen Vortrag beendigt hatte, legte er auf Lothars Hand die ſeinige und fluͤſterte mit leiſer Stimme und ſchalkhaf⸗ tem Blick:„Wer weiß? So darf ich auch fragen; denn dieſe Begebenheit hat mit der Ihrigen wenigſtens das gemein, daß die guͤtige Vorſicht in Beiden ein Band getrennt⸗ in dem Augenblicke, wo es denjenigen, die es zu knuͤpfen gedachten, unmoͤgiich geworden war⸗ ſich zu verſtehen, und wo es⸗ waͤre es ge⸗ knuͤpft worden, ſtatt die unerklaͤrliche Diſſonanz in den Herzen aufzuloͤſen, nur einen imme? wachſenden Knauel von Verworrenheit und Mißverſtaͤndniſſen hervorgebracht haben wuͤrde. Die zwiſchenliegende Zeit, wie langſam und 2 ſchmerzvoll ſie auch verlaufen iſt, koͤmmt mir doch wie die wohlthaͤtige Periode vor, worin 168 der Wein um klar und lieblich zu werden, in ſeinem dunkeln Behaͤltniſſe gaͤhren muß, und die weder geſtoͤrt noch durch aͤußere Einwirkung verkuͤrzt werden darf. So muß auch das fluͤchtige truͤbe Feuer der Leidenſchaft erſt ver⸗ fliegen, und die wahre Kraft ſich ſetzen, ehe das Herz gereift und faͤhig zu begluͤcken wird. Glauben Sie mir Lothar! das iſt kein Gluͤck, was wir nicht klar durchſchauen, und wuͤrdigen koͤnnen!“ „Bringen Sie mir das Gluͤck denn jetzt?“— rief dieſer;„Kennen Sie auch Thereſe?“ „Nein!“ ſagte der Prediger ruhigz“„Ich weiß nicht mehr als was Ihrer und unſerer Freundin Vertrauen uns gemeinſchaftlich mit⸗ getheilt. Meine Etzaͤhlung war nur eine Ant⸗ wort auf ihre unmuthigen Aeußerungen uͤber die harte Zeit des ſtillen Reifwerdens.— Allein ich fange allerdings auch an eine Ab⸗ ſicht zu ahnen,“ fuhr er laͤchelnd fort,—„ja — ſie? werde ich ſie wiederfinden?“ —— ich zweifle faſt gar nicht, daß unſere Freundin Ihnen naͤhere Aufklaͤrung uͤber die Vermißten geben koͤnne! Ja, ſie duͤrfe wohl ſelbſt hier der ermuthigende Geiſt in der Huͤlle eines liebevollen Freundes ſeyn, deſſen leitende Kraft uns erſt an dem erreichten Ziele recht ſichtbar wird.“ „Darf ich es glauben? meine wuͤrdige Freundin!“ ſiel Lothar mit einem vertrauen⸗ den Blick auf die Landraͤthin furchtſam ein. „Ich habe Sie ganz in meinem Herzen leſen laſſen. Sie wiſſen daß es eingeſehen⸗ wie es, ſtatt großmuthig ungerecht, thoͤricht und uͤber⸗ muͤthig geweſen! Ich ſehe jetzt klar⸗ und larheit iſt Wuͤrde; meine Seele fuͤhlt ſich feſter als je, an Thereſe gebunden. Ich wuͤrde ihr noch, aber ruhiger als damals— vor den Augen der ganzen Welt die Hand reichen, aber ich ehre ihr Gefuͤhl, und habe mich ſchon— ſelbſt ohne ihre erſehnte Gegenwart,— in der Abgeſchiedenheit bewaͤhrt. Verzeihen Sie meine Ungeduld: Kennen Sie 170 „Ihr Herz und Gemuͤth? wenn Sie nur dieſe ſuchen— das hoffe ich zwar, aber die ſchoͤne bluͤhende Thereſe gewiß nie! Liegt das nicht deutlich in den Worten ihres Brie⸗ fes?— Nur das unſichtbar ewig Dauernde, worauf die Menge nicht achtet, und an dem die Welt ſie nicht wieder erkennen kann, hat ein Recht, ohne das ausgeſprochene Wort zu verletzen, ſich Ihnen zu naͤhern? * „Nur das ſuche ich“— rief Lothar,— „ihr Aeußeres— nun! ich bin ja auch ge⸗ aͤltert, und ich habe etwas Beſſeres als den Sinnenreitz zu ſchaͤtzen gelernt.— Moͤchte nur mein Inneres eben ſo klar vor ihr lie⸗ gen— daun! ja, meine wuͤrdige Freundin⸗ ſeyn Sie die leitende Kraft, die unſere Herzen, ſo wie auch unſere Haͤnde vereint!“ „Ich baue in dieſer Ruͤckſicht,“ nahm die Landraͤthin das Wort wieder,„auf die ſo eben ſehr à propos vorgetragene Erzaͤhlung unſers geiſtlichen Freundes— obgleich ſie ihrer 171¹ Ungeduld vielleicht ſehr mal àpropos geſchie⸗ nen haben mag; allein auch darin haben Sie ſich zu meiner inneren Zufriedenheit bewaͤhrt; denn nicht blos Kraft zur Entſagung⸗ auch Mäßigkeit und Ruhe des Gemuͤthes machen die Wuͤrde des Mannes aus.— Ich habe es Ihnen angeſehen, wie tief das Vorgetragene auf Sie gewirkt hat; ſollte es die nehmliche Wir⸗ kung auf Thereſens Herz verfehlen⸗ glaube ich an keine Sympathie mehr!— Nein! cenn ſie in meinem Sinn die Worte unſers Freun⸗ des hier, ſich eigen macht, wird ſie wohl kaum widerſtehen, ihrem Sohn den Vater zu geben, zu beſſem Gluͤck ſie es jetzt gewiß eben ſo nothwendig fuͤhlen muß, als ſie fruͤher uͤber⸗ zeugt war, daß es ihm nur ungluͤck bringen könne!“ „Thereſens Sohn?“ wiederholte Lothar! „Ach! ihn hatte ich faſt uͤber iſie vergeſſen! Giebts denn einen groͤßeren Beweis, daß ſie mir theuer iſt?— Sagt mir, meine Freunde, habe ich mich denn nicht ſchon des Vater⸗ gluͤckes wuͤrdig bewaͤhrt? Liebe ich nicht— ja §. 172 —— ja— dieſer Knabe— wo iſt er? Er iſt mein! Sie laͤcheln— Wo iſt er? Wo weilt Thereſe?— O, quaͤlen Sie mich nicht! habe ich denn auch die Strafe der baͤngſten Erwar⸗ tung verdient 7“ „Nein!“ ſagte die Landraͤthin mild,—„in der That nicht!— aber ruhig, ruhig muͤſſen Sie ſeyn, und vor allen mit Thereſens jetziger Lage bekannt werden. Darum hoͤren Sie, Lothar! aber ruhig und ſtille.“ 13. „Thereſe,“ kuhr die Landraͤthin fort, „erreichte ohne Hinderniſſe das Haus der Pre⸗ diger Wittwe. Sie fand in ihr eine gutmuͤ⸗ thige, alte Frau, die ihre herzliche Freude an den Knaben hatte, obgleich ſeine kindiſche Wildheit ſie oft, zur ſtillen Qual der Mutter, in der gewohnten ruhigen Bequemlichkeit ſtoͤrte. Um ſo lieber war es ihr, daß der kleine— Julius hieß er ja in ihrer Erzaͤhlung? Lothar!— in dem Sohn der Nachbarsleute einen Spielgenoſſen, von gleichem Alter gefun⸗ den, mit dem er ſich in den an einanderſtoßen⸗ den Gaͤrten herumjagte.— Die Freundſchaft frohlicher Kinder fuͤhrt auch gern die Eltern einander naͤher. So geſchah es auch hier.— Thereſe, die durch die Sorgfalt der Schreiner⸗ frau fuͤr eine ehrſame Wittwe gehalten wurde, * 174 kam recht bald in ein trauliches Verhaͤltniß zu der Mutter jenes Knaben. Sie und ihr Mann waren rechtliche und zugleich wohlha⸗ bende Buͤrgersleute, die ſich unter den Bauern angeſiedelt hatten, weil die durch das Dorf fuhrende Landſtraße ihnen Gelegenheit geboten, hier ein kleines Wirthshaus anzulegen.— Dies befand ſich im beſten Gedeihen, obgleich nur ſelten Reiſende dort uͤbernachteten, da eine kleine Stadt nicht ſehr entfernt lag, doch hiel⸗ ten ſie gern dort an, um Erfriſchungen ein⸗ zunehmen. So gingen Thereſen einige Jahre in um geſtoͤrter Ruhe hin.— Es war, wenn Sie ſo wollen, die ſtille dunkle Zeit, in der ihr Gemuͤth ſich abklaͤrte, und ſich ſeiner inneren Kraft bewußt wurde. Die Liebe in ihrem Hetzen hatte eine feſte beruhigende Richtung genommen; denn ſie war ja Mutter, und ihren beſcheidenen Wuͤnſchen, ihren einfachen Anſpruͤchen auf Gluck, war es genug, daß ihr Sohn in dem Schulmeiſter des Dorfs, der die Prediger⸗ wittwe und ihre umgebung unter e erſten 175 Honoratiores des Dorfes ſtellte, einen recht vaͤterlich geſinnten und fuͤrs erſte auch hin⸗ reichenden Lehrer gefunden.— Allein ſie vergaß darum ſeinen Vater nie, obgleich ſie weder Gelegenheit fand noch ſuchte nach ihm und Seitings ſich zu erkundigen.— Ihren Traͤumen und Wuͤnſchen ſtellte ſie unermuͤd⸗ liche Thaͤtigkeit entgegen, wozu beſonders eine immer groͤßere, in ihren fruͤheren Jahren noch nicht recht nach innen gehende religioͤſe Bil⸗ dung gehoͤrte. Da ſtarb die alte Wittwe. Schon ſeit einiger Zeit auf dies Ereigniß bedacht, hatte Thereſe der Schreinerfrau verſprechen muͤſſen, nicht gleich das Haus zu verlaſſen, ſondern den kleinen Nachlaß unter ihrer Obhut zu be⸗ halten, bis jene oder ihr Gatte hinuͤber kommen koͤnnte, um ihn in Empfang zu nehmen; dies war auch ſchon mit den Behoͤrden ausge⸗ macht, an die das Haus zuruͤckfiel; und die Erben beeilten ſich um ſo weniger, da der Töbesfall mitten im Winter vorgefallen war, und die Schreinerfrau ſich in der Stille be⸗ 176 —— muͤhen wollte, Thereſen, welchen die Lobrede der Mutter dieſer Familie noch theurer ge⸗ macht, einen neuen Zufluchtsort zu eroͤffnen. Sie wuͤnſchte ſich eine aͤhnliche Stelle, und wo moͤglich in hoͤheren Verhaͤltniſſen. Ihr, nach ihrer Meinung, verlornes Leben der Lin⸗ derung menſchlicher Leiden widmen zu koͤnnen, genuͤgte ihrem Herzen; aber ihr Geiſt, der ſich in Seltings Hauſe in eine hoͤhere Sphaͤre erhoben fuͤhlte, forderte auch Nahrung, und die noch nicht ganz verwiſchten Spuren einer fruͤheren Bildung, die in den kleinſten Details der Haushaltung der Predigerwittwe noch im⸗ mer ſichtbar geweſen, machte ihr eine aͤhnliche oder noch vorzuͤglichere zwar hoͤchſt wuͤnſchens⸗ werth; allein einmal, wie ſie waͤhnte, von der Welt ausgeſchloſſen, und zitternd einen Namen zu nennen, der durch die Ver⸗ irrungen ihrer Jugend zweideutig geworden war, kaͤmpfte ſie ſtandhaft gegen die prunken⸗ den Vorſchlaͤge, welche ihr die jetzt einzige Ver⸗ traute ihres Lebens, wohlmeinend, aber diel⸗ leicht zu traͤumeriſch gemacht. 177 — „Indeſſen hielt ſie, der ruͤſtig und geſund, auch aͤußere Thaͤtigkeit nothwendig und wohl⸗ thuend war, ſich mehr bei den wohlwollenden Nachbarsleuten als in dem veroͤdeten Hauſe auf. Sie hatte ſich in weiblichen Arbeiten ſehr geuͤbt und ungeſehen von den Gaͤſten, beſorgte ſie in einem anſtoßenden Zimmer, alles was die Wirthin ihrer Sorgfalt uͤber⸗ trug mit ſolchem Fleiß, und wurde von dieſen Leuten ſo werth gehalten, daß es von ihrer Seite ſchien, als waͤre es ſchon ausgemacht, dieſes Haus nimmer zu verlaſſen.“ „Da geſchah es im Anfang des Fruͤhjahrs, daß eine Landkutſche gezwungen wurde, dort zu uͤbernachten, weil eine Frau, die ſie zu einem Staͤdtchen, das noch zehn Meilen entfernt lag, hinfuͤhren ſollte, ſich ploͤtzlich ſehr un— wohl fuͤhlte. Der Krayken wurde ein Zimmer angewieſen, und Thereſe erſucht, bei ihrer Pflege behuͤlflich zu ſeyn.“ „Sie blieb die Nacht bei ihr; die Krank⸗ heit nahm immer zu, und nachdem noch einige 125 178 — Tage vergangen, worin Thereſe nicht von ihrer Seite gewichen, zeigte das veraͤnderte Ausſehen der Kranken, daß ſie von den ſchon ſeltener gewordenen Blattern befallen ſey. Dieſe Entdeckung erfuͤllte das ganze Haus mit Furcht. Der Wirth behauptete anfangs in ſeiner Verwirrung, daß der Kutſcher weiter mit ihr fahren ſollte, und dieſer, der erſt wenige Meilen von dieſem Orte, wohin die Dame mit der Poſt gekommen, gemiethet war, zog lieber vor, den ſchon verdienten Lohn zu verlieren, als den ganzen auf eine Art zu ge⸗ winnen, die ihn und ſeinen Wagen in Ver⸗ ruf bringen konnte; demnach beeilte er ſich nur, die Sachen der Kranken los zu werden, und fuhr ohne ſie mit einem Worte davon zu benachrichtigen oder einen Erſatz zu fordern, pfeilſchnell von dannen. Wirth und Wirthin hatten beide den Kopf verloren.“ „Thereſe ſchlug ſich ins Mittel; obgleich ſie ihres Wiſſens nicht die Blattern gehabt, erbot ſie ſich doch, die Kranke ganz allein zu warten, in ſofern die Wirthin gaͤnzlich die Sorge fuͤr die Kinder, die bisher Thereſens liebſte Beſchaͤftigung geweſen, uͤbernehmen wuͤrde.— Dies wurde mit Freude ange⸗ nommen.“ „Die noch junge Kranke ſchien eine recht gebildete Frau zu ſeyn, der nach der⸗ Aus⸗ ſage des Arztes, der bei ziemlich langen Zwi⸗ ſchenraum von dem naͤchſten Staͤdtchen her⸗ geholt wurde, ein nicht zu verkennendes See⸗ * lenleiden, die Krankheit lang und gefaͤhrlich machte. Eine ſolche Ausſage mußte natuͤr⸗ lich Thereſens liebevolle Sorgfalt noch ver⸗ mehren, und in vielen ſchlafloſen Stunden legte die Kranke durch ruͤhrendes Vertrauen ihre Dankbarkeit dafuͤr an den Tag. Thereſe erfuhr bald, daß auch ſie, obgleich auf andere Art, mit dem Schickſal verfallen ſey.— Elternlos, ohne Verwandte, und kuͤrzlich von ihrem Gatten, den Einzigen den ſie gekannt und geliebt, getrennt, indem er kurz vorher eein Opfer des Krieges geworden war⸗ ſtand ſie eben in Begriff die letzte Zuflucht zu ergrei⸗ fen, die ihr noch laͤchelte, obgleich dieſe ihrer 12* 180 ganzen Denk⸗ und Erfindungsart entgegen war. Eine alte kraͤnkliche Dame, entfernte WVerwandte ihres verſtorbenen Mannes, von deſſen Familie ſie uͤbrigens verlaͤugnet wurde, und die ihr auch ganz unbekannt war, hatte ihr geſchrieben und ihr ihr Haus angeboten, wenn ſie miteinander ſich vertragen koͤnnten, und die junge Frau ſich darin finden wuͤrde, gleichſam in voͤlliger Abgeſchiedenheit mit ihr zu leben.— Auch dieſe Dame kannte ſie gar nicht, hatte ſie aber von ihrem Gatten,— der kurz vor jener Schlacht, in derer fiel, ſie geſehen,— ſehr loben hoͤren, und ſich entſchloſſen, ihr hartes Schick⸗ ſal auf die Art zu lindern, die ihr allein zu Gebote ſtand, und der die Kranke, nichts beßeres wiſſend, mit beklommener Bruſt nun entgegenſah.“ „Die junge Wittwe hatte ſchon fruͤher, als ſie Thereſen dies mittheilte, Feder und Dinte verlangt, um jener Frau ihre Krankheit, die ihre erwartete Ankunft unmoͤglich gemacht hatte, anzuzeigen. Sie hatte einige Zeilen geſchrieben, konnte ſie aber nicht vollfuͤhren; 2 181 und bat nun Thereſe einige Zeilen hinzuzufuͤ⸗ gen, die ihre Wohlthaͤterin uͤber ihr Ausblei⸗ ben zufrieden ſtellen konnte; indem ſie ihr doch nicht verhehlen wollte, von welcher Krankheit ſie befallen war. Sie verbarg der Pfle⸗ gerin nicht, daß ſie die beſte Hoffnung naͤhre, daß die alte Dame, die nicht gut eine Geſell⸗ ſchafterin lange entbehren konnte, eine andere erwaͤhlen, und ſie im Laufe der Zeit zu einer weniger traurigen Stelle empfehlen moͤchte.“ „Thereſe ward mit Verwunderung Inne, daß ſich ihre Handſchriften ſehr ahnlich ſahen, was auch E ſie zu bitten, den Brief in ihren Namen zu vollenden. Thereſe nahm keinen Anſtand es zu thun, und in der That konnte der Unterſchied nur von einem ſehr ſcharfen Blick bemerkt werden; waͤhrend ſie aber ſchrieb, konnte ſie nicht umhin, als einen Beweis, wie verſchieden die Anſichten und die Gemuͤthsſtimmungen der Menſchen ſind, gegen die neue Freundin zu bemerken, wie gluͤcklich ſie ſich fuͤhlen wuͤrde, wenn eine 182 — ſolche Aufforderung an ſie gelangt waͤre, und ſie dieſelbe haͤtte annehmen duͤrfen. Dieſe Aeußerung gab freilich zu Fragen Anlaß, die jedoch nur mit einem Seufzer und leiſen Kopf⸗ ſchuͤtteln erwiedert wurde.“ „Nach Verlauf von einigen Tagen fuͤhlte ſich Thereſe auch krank; eine Folge, wie ſie glaubte, von den Nachtwachen und ungewoͤhn⸗ licher Anſtrengung. Sie wollte gleichwohl die Kranke nicht verlaſſen, um ſo mehr, da ſie dadurch die Wirthin einer toͤdtlichen Angſt uͤberhob. Sie ließ ihr Bett in das Zimmer der Kranken anſfſtellen. Aber kaum hatte ſie ſich niedergelegt, als ſie deutlich fuͤhlte, daß ſie es nicht ſo bald wieder verlaſſen wuͤrde. Sie war wirklich fruͤher als gewohnlich ange⸗ ſteckt worden.“ „Zu dieſer Zeit kam zum Gluͤck fuͤr ſie die alte unverdroſſene Freundin an, die mit lobenswuͤrdigen Eifer und Sorgfalt beide Kranken ganz allein pflegte.— Die Frem⸗ — „ 183 — war indeß etwas beſſer geworden⸗ eben in dem Verhaͤltniß wie Thereſe immer ſchlechter ward. Dieſe redete bald irre, und ſprach in dieſer Ver⸗ worrenheit Empfindungen und Phartaſien aus, die wahrſcheinlich ihre Seele erfuͤllten. Sie ſchien ſich oft in dieſen Traͤumen mit der Kranken zu verwechſeln, und entwickelte noch deutlicher ſolche Aeußerungen, die jener ſchon aufgefallen waren; die verwunderte Schreiner⸗ frau fragte, und die Mittheilungen der Frem⸗ den, die nichts zu verheimlichen hatte, ließ die kluge Freundin tief in Thereſens Seele blicken.“ „Sie wurde unterdeſſen immer ſchlechter⸗ und als ſie nach geraumer Zeit endlich wieder zu voller Beſinnung kam, fand ſie ſich mit der Freundin allein.— Sie erfuhr nun⸗ daß die Fremde, eigentlich nicht durch die Kratkheit, die nachgelaſſen, aber von einem daraus ent⸗ ſprungenen unerwarteten Zufall geſtorben war⸗ und kaum fuͤhlte ſich Thereſe einigermaßen herge⸗ ſtellt, als die muthige Freundin ihr mit unge⸗ 184 — heuchelter Freude erklaͤrte, daß ſie zu ihren Gunſten thaͤtig geweſen. Thereſe ſah ſie groß an.— Sie erfuhr nun, was ſie in ihrer † wilden Phantaſie geſprochen, und was die Freundin aus dieſem herausgefolgert hatte. Wie gern wollte dieſe alles, was ſie quaͤlte, ihr von dem Herzen abwaͤlzen koͤnnen! Da wurde die Fremde von dem entſcheidenden Ruͤckfall ergriffen. Sie war bald ohne Hoff⸗ nung; zu gleicher Zeit geſchah es, daß die ſchwaͤchliche Verwandtin, die eben zu der Zeit ihren Aufenthaltsort veraͤndern mußte, und ihre Reiſe, in der Hoffnung, die Erwartete mit⸗ nehmen zu koͤnnen, ſchon uͤber die beſtimmte Zeit hinaus aufgeſchoben, dieſelbe in kurzen Tagereiſen von Freunden begleitet, unternahm. Sie machte indeſſen einen kleinen Umweg, um ſich perſoͤnlich nach der kranken Verwanoͤten zu erkundigen. Ihr Wagen hielt unerwartet vor dem kleinen Wirthshauſe, wo ſie jedoch theils ihrer eigenen Schwachheit, theils der aͤngſtlichen Freunde wegen nicht abſteigen wollte.— Die Schreinerfrau, die einzige die um die Kranken 5 185 — 3 war, wurde gerufen. Die alte Dame fragte ſie, wie ſich die Fremde befinde, waͤhrend die Freunde ihr zuwinkten, alles Beunruhigende zu verſchweigen.— Dieſe Sorgfalt fuͤr die alte Freundin der ſanfte Ausdruck der leidenden Matrone und ihre leiſe S timme zieht ſie an.— Ihr Gedanke faͤllt auf Thereſe, die ihr in dieſem Kreiſe hineinzugehoͤren ſcheint! Da blitzt es durch ihre Seele.— Sie ſagt muthig: die Kranke iſt ohne Geſahr; und bietet ſich an, der Dame allmaͤhlig von ihrem Befinden Rachricht zu geben. Es wird angenommen.“ „Obgleich die Fremde kurz nachher ſtirbt, in den Briefen der Krankenwaͤrterin faͤhrt ſie dennoch fort zu leben. Dieſe hat ſich ihrer wenigen Papiere bemäͤchtiget: deren Unbedeu⸗ tenheit— keine Briefe, nur Tauf- und Ehe⸗ ſchein waren vorhanden,— ſowohl als ihre vertraulichen Mittheilungen die unternehmende Freundin vollig beruhigte. Auch Thereſe trug ja einen von ihr gegebenen falſchen Namen; was war es denn mehr als eine Taͤuſchung⸗ mit einer andern umzuwechſeln. Sie uͤbergab — — 186 — die Kleidungsſtuͤcke der Verſtorbenen der Be⸗ hoͤrde, beſorgte fuͤr das vorgefundene Geld, das nur durch einen Zuſchuß von ihr ſelbſt hinreichte, das Noͤthige, und ließ die Leiche unter Thereſens Namen begraben, Meren Aeuſſeres wirklich ſo veraͤndert war, daß dieſe Verwechſelung, um ſo mehr, da keiner von den Hausleuten weder die Kranken, noch die Todte und der Geneſenden nahe zu kommen wagten, und bei der ſtillen Zuruͤckgezogenheit, in der ſie bis ihre ſchnelle Abreiſe nur zn leben brauchte— keinen Verdacht erregen wuͤrde. Thereſe galt alſo nun fuͤr die Fremde, und die Freundin muthete ihr zu, ſtatt der Verſtorbenen und unter ihren Namen die ihr noch offenſtehende Stelle anzunehmen.— So waren mit allen Spuren der, nach ihrer Meinung, befleckten Vergangenheit, auch alle ihre tauſenden Bedenklichkeiten; wieder in die Welt aufzutreten, auf einmal vernichtet, Die Beſſerung der Geſell⸗ ſchafterin war Jchon dorthin gemeldet, ſie wurde in kurzer Zeit erwartet. Die Ver⸗ wandtin wollte fuͤr Thereſens Sohn, der furs —— 187 ——— erſte bei den Wirthsleuten bleiben konnte, muͤtterlich ſorgen, bis die Verhaͤltniſſe es ge⸗ ſtatteten, ihn wieder in die Naͤhe der Mutter zu bringen.“ De Freundin war uͤber dieſes Auskunfts⸗ mittel Thereſen eine ruhige ehrenvolle Zukunft feſtzuſtellen, ſo erfreut, daß ſie es ſehr uͤbel nahm, als dieſe es beſtimmt ausſchlug.— Aber die neue Taͤuſchung war ja ſchon in vollem Gange; ohnedem beſaß die Freundin einen Willen, der ſchwer zu beſiegen war, und die Ueberzeugung in der beſten Meinung thaͤ⸗ tig geweſen zu ſeyn, und das Gefuͤhl dieſe verſchmaͤhet zu ſehen, gab ihren Gruͤnden eine Heftigkeit und Schaͤrfe, welchen die zum Ge⸗ horſam gewohnte und leicht verſchuͤchterte Thereſe nicht zu widerſtehen vermochte.— Sie konnte ſich ja immer zuruͤckziehen, meinte jene; man duͤrfe nichts ausſchlagen, das man nicht gepruͤft haͤtte.“ † „Thereſe, die es nicht uͤber's Herz bringen konnte, ein Weſen zu erzuͤrnen, das ſo viel „ 188 fuͤr ſie gethan, und zugleich einſah, daß eine beſtimmte Weigerung von ihrer Seite eine Entdeckung herbeifuͤhren wuͤrde, welche der Freundin den groͤßten Unannehmlichkeiten aus— ſetzen koͤnne, gab in ſofern nach, daß ſie ſich wirklich entſchloß, hinzureiſen,— aber entwe⸗ der unter ihren wahren Namen, oder doch nur als Stellvertreterin der Verſtorbenen dort zu erſcheinen, indem ſie ſich ſogleich damit ſchmei⸗ chelte, daß ihr offenes Geſtaͤndniß ihr doch vielleicht eine Freiſtaͤtte eroͤffnen wuͤrde, nach der ſie denn ſie konnte ſich es ſelbſt nicht verbergen, daß ſie von dem Augen⸗ blick an, als ſie Seltings Haus verlaſſen, doch wirklich auf niedrigere Stufe des ge ſelligen e war, eben in dem Verhaͤltniß⸗ wie ſie ſich der hoͤheren, im⸗ mer wuͤrdiger fuͤhlen mußte. Und ſo betrat ſie ſchuͤchtern das Haus, wo ſie erwartet wurde.“ „Die alte Dame fuͤhlte ſich noch nach der beſchwerlichen Reiſe ſehr angegriffen, und war durch einen kurz vorher von der Krankenwaͤr⸗ 3 terin empfangenen Brief uͤber die Herſtellung der Verſtorbenen vollkommen beruhigt; die ihr umgebenden Freunde, die nur die Ankunft der Geſellſchafterin abgewartet, uin wieder ihre Ruͤckreiſe anzutreten, empfingen Thereſe als die ſchon laͤngſt Erwartete; und die erſte Verhal⸗ tungsregel, die ihr angegeben wurde, war die, der ſchwaͤchlichen Frau vor jeder Gemuͤthsbe⸗ wegung zu huͤten. So mußte ſie noch ſchwei⸗ gen, waͤhrend die entſtellenden Spuren der vor kurzem uͤberſtandenen Krankheit die aͤrger⸗ liche Taͤuſchung nur vermehrten.“ Indeſſeh erholte die Hausftau unter The⸗ reſens zaͤrtlicher Sorgfalt ſich immer mehr; dieſe that ihrem Herzen und( nths ohl und das Gefuͤhl ſich von wahrer Liebe und Anhaͤnglichkeit umgeben zu ſehen, verfehlte, wie immer, den wirkſamſten Erfolg nicht. Doch, ſo wie die Kranke immer mehr Kraft gewann freier um ſich zu blicken, gewahrte ſie immer deutlicher Thereſens Unruhe, die mit dem Drange wahr zu ſeyn, und ängſtlicher Furcht, 190 die ſchnell erworbene Achtung und Liebe wie⸗ der zu verwirken, kaͤmpfte.“ „Da wollte die Vorſehung, daß die ein⸗ ſame Matrone einen weiblichen Beſuch em⸗ pfing, der aus jener Gegend kam, wo Thereſe ſich mit Seltings aufgehalten hatte. Die Rede fiel in ihrer Gegenwart, die ihre muͤtter⸗ liche Freundin keinen Augenblick gern entbeh⸗ ren mochte, auf Seltings; welche, wie ſie jetzt mit Erſtaunen, mit Entſetzen vernahm, nicht allein von dieſer gekannt, ſondern auch von der Seite der Frau mit ihr weitlaͤuftig ver⸗ wandt waren. Noch einmo zum letzten, riſſen die ve gehaͤſſigten Geruͤch e die kaum zugedeckten Wunden, von denen Thereſens Bruſt litt, wieder auf.— Sie hoͤrte ferner, wie die ge⸗ liebte Familie ſich in Italien niederlaſſen, ſie vernahm Strahlens Herunterſinken in ein beinahe koͤnnte man ſagen, ſelbſtgewaͤhltes Elend. Ein jaͤher Schmerz fuhr ihr zuckend durch alle Glieder. Sie wurde ohnmaͤchtig. Die Fremde entfernte ſich, ohne die Urſache dieſes plötzlichen Uebelbefindens zu ahnen. Die Hausfrau aber vollendete die Entdeckung, die ihre durchdringenden Blicke ſchon gemacht, indem ſie, ſobald Thereſe ſich nur erholt hatte, mit liebevoller Theilnahme in ſie drang.“ „Der Augenblick war nun gekommen. Sie geſtand ihr alles. Ihre Worte enthielten eine glaͤnzende Rechtfertigung der mißgehandel⸗ ten Familie; das lebhaft erregte Mitgefühl der Hausfrau, ihr eignes tiefgetroffnes Herz gaben ihren Lippen eine ſeltene uͤberzeugende Beredſamkeit. Da beſchloß Jene auch zu handeln!— Es iſt ſo belohnend wohlthuend in das Rad eines harten Schickſals einzugrei⸗ fen, und die Moͤglichkeit eines gluͤcklichen Erfolgs in die Wirklichkeit verwandeln zu koͤnnen, wird nur zu leicht fuͤr das Recht: es auch zu duͤrfen, genommen!— Lothar! werden Sie Wethen⸗ daß— denn Sie haben ja doch ſchor daß ich die kranke Hausfrau bin—% Sie, wird Thereſe verzeihen, daß handelte?“ 8 192 — „Alles! Alles; und Ihnen obendrein ewig dafuͤr dankbar ſeyn!“— rief Lothar faſt außer ſich;„in ſofern ich in dieſem Augenblick nur nicht das Opfer einer grauſa⸗ men Taͤuſchung bin!“— Er ſchritt raſch zu der Geſellſchafterin hin, ergriff ihre zitternde Hand, und ſah ihr in das matte an dem Bo— den haftende Auge.„Nur Ein Wort,“ ſagte er zitternd, und leiſe:„Thereſe!““— wir wol⸗ len dieſen Namen beibehalten—„Thereſe! Du biſts!“ „Ja, Lothar!“ eutgegnete ſie leiſe— „ich bin Thereſe— allen, Ihnen felbſt, un⸗ kenntlich geworden— das kahle entkleidete Erwachen eines jugendlichen Traums!“ „Keines Traumes! das Erwachen zu der ernſten Wirklichkeit des gereiften Lebens.— Aber Du zitterſt ja— Du wirſt uns wieder krank!“ heit bewirkten,“ verſetzte die Landraͤthin, * „Die Urſachen, welche Thereſens Krank⸗ „werden auch Mittel in ſich beſitzen, ſie wie der zu heben.— Mein muthiges Fortſchreiten bei den bangen Bedenklichkeiten ihres Innern hat ſie in dieſen kraͤnklichen Zuſtand verſetzt⸗ aber die Kriſis iſt gekommen, und die Heilung wird beginnen.“ „Und Ihr Sohn— unſer Sohn! The⸗ reſe! nicht wahr? Laßt mich zu ihm! Nein! Seht Ihr: mein Herz hat mich doch nicht getaͤuſcht!“ „Laßt ihn ſchlafen!“ ſagte die Land⸗ raͤthin;—„Er ahnet nichts. Und nur ruhige, beſonnene Ueberlegung,— kein ſtuͤrmiſches Treiben der Gefuͤhle darf uͤber ſeine Zukunft beſtimmen.— Ach! ich habe mich ſelbſt hin⸗ reißen laſſen. Es kommt darauf an, Lothar! und Du Thereſe! ob Ihr mir verzeihen wollt, daß unſer Freund hier, was doch nicht in meiner Abſicht lag, Zeuge Eures Wiedererken⸗ nens geworden iſt.— Aber nachdem ich ſeine ſo wunderbar auf dieſen Fall paſſende Erzaͤh⸗ lung gehoͤrt, kam es mir vor, daß ein Pfar⸗ rer nothwendig auch in unſer Geheimniß ein⸗ 13 194 geweiht werden mußte, das außer dieſen Klo⸗ ſterwaͤnden nie lautbar werden darf.“ „Sind wir denn nicht alle treue Glieder eines Ordens der inneren Wahrheit und des Beſtrebens nur dieſer zu leben?“ rief der Pre— diger;—„gehoͤre ich Euch nicht auf ewig an? Bin ich nicht der Erſte, der behauptet hat, daß ſelbſt eine Verirrung wahrlich guten Men⸗ ſchen entweder zum Gluͤck oder doch zu gluͤck⸗ aͤhnlicher inneren Ruhe fuͤhren wird? Wenn es nur ſpaͤt geſchiehet, oder nicht immer ge⸗ ſchieht, haͤngt es nur davon ab, daß wir eben dieſe Verirrung nicht recht zu wuͤrdigen wiſſen, und in die Mittel) welche ſie ausgleichen kon⸗ nen, uns nur zu leicht verirren. In der That, ich ſehe nun, daß ich) obgleich unwiſ⸗ ſend, eine Rolle in der Verkettung ausgefuͤhrt habe, worin unſere wuͤrdige Freundin, wie es ſcheint, das Geſchick geſpielt. Denn, gewiß nicht ohne Urſach, haben Sie mir uͤbertragen den unbe⸗ kannten Lothar, als er hier kaum angekommen war, nicht aus dem Geſichte zu verlieren, und endlich: Gelegenheit zu ſuchen, ihn in unſer Floſter einzufuͤhren.“ „Das habe ich!“ laͤchelte die Landraͤthin; und noch mehr: Vieles was uns in der Wirk⸗ lichkeit kaum auffaͤllt, kommt uns waͤhrend des Anhoͤrens einer vorgetragenen Begebenheit un⸗ wahrſcheinlich vor, weil wir darin immer einen innern Zuſammenhang ſuchen, den wir in den taͤglichen Ereigniſſen unter der Rubrik: Zufall finden; und wenn wir endlich den richtigen Zuſammenhang faſſen, verſchwindet die ſchein⸗ bare Unwahrſcheinlichkeit.— Selbſt Thereſe habe ich mit Fleiß, mehrere Wirkungen mei⸗ nes verborgenen Einfluſſes, bis heute fuͤr Zu⸗ fall anſehen laſſen. Ich bin ihrem Zartge⸗ fuͤhl dieſe Erklaͤrung ſchuldig; ich habe ihr Schritte verſchwiegen, die ſie in dem Gefuͤhl ihrer Weiblichkeit nie gebilligt haͤtte.— Es war aber nicht Zufall, daß jener Praͤſident in der Reſidenz Sie rufen ließ, daß Sie hieher ver⸗ ſetzt wurden, Lothar! Thaͤtige Freunde und eine umfaßende in einander greifende Correſpon⸗ dencs vermag vieles.— Als Thereſe mir 13* 196 — alles mitgetheilt hatte, ſahe ich— freilich auf eine hoͤchſt wunderbare Art, denn ſo muͤſſen wir ja die Wege der Vorſehung immer nennen,— die von ihr feſtgeſetzte Bedingung von dem Geſchick erfuͤllt.— Aber ich ſchwieg und wollte ſelbſt Lothar kennen lernen. Der tiefe Kummer, dem er ſeinen Wohlſtand aufgeopfert hatte, ſprach fuͤr ſeine Geſinnungen. Auch Thereſe war in der That nicht das Weſen mehr, das er an einem zweideutigen Orte ge⸗ funden.— Ich ließ ihren Sohn kommen. Er kannte nicht mehr die ſehr veraͤnderte Mut⸗ ter, obgleich er daſſelbe Herz wiederfand, und es ſogleich wuͤrdigte.— Aber auch ich wußte Thereſens Gefuͤhl, das ſich unter einem erborgten Namen leichter als unter dem eignen regte, zu wuͤrdigen, und mit meiner Beiſtim⸗ mung,— da ich auch meine Abſichten hatte— behielt ſie den angenommenen Namen. Es koſtete ihr freilich viel, den Ramen Mutter nicht mehr zu hoͤren⸗ aber die Liebe des Soh⸗ nes war ihr Erſatz.— Ich habe ſogleich Nachricht uͤber ſie eingezogen.— Ich habe Seltings geſchrieben— ich mußte klar in die⸗ ſer Sache ſehen, und ich ſah klar!— Da erfuhr ich, Lothar! Ihre Ankunft in der Reſi⸗ denz— das uͤbrige werden Sie leicht errathen. Indeſſen war ich, der peinlichen Stunden ein⸗ gedenk, die ich ſchon Thereſen aufgedrungen, die meiner Meinung nach, kein Wort Ihres unbefangenen Vertrauens verlieren duͤrfe— hoͤchſt ungewiß, wie ich die letzte endliche Ent⸗ deckung herbeifuͤhren ſolle. Da uͤberhob mich die Geſchichte unſeres Freundes der Verlegen⸗ heit,— ſo wie auch ſeine vorhergehende, die Entwickelung fruͤher als ich gehoft, ſchon ein⸗ geleitet hatte. Gewiß hat ſeine Erzaͤhlung Eurer beide Herz getroffen, ſo wie ſie das meine traf; und ihr haben wir die Aufloͤſung des Knotens zu verdanken. Laßt denn ſein Pathengeſchenk Euch ein wohlthuendes Braut⸗ geſchenk werden.“ — 14. So ſchien wirklich eine Verbindung, die Leichtſinn eingeleitet hatte, jugendliche Begei⸗ ſterung knuͤpfen wollte, und Uebermuth wieder getrennt— faſt moͤchten wir es behaupten— erſt zur rechten Zeit zu Stande zu kommen. Die Geſellſchafterin hatte ſchon lange gemerkt, daß ihre ſtille Thaͤtigkeit einen Kampf in Lothars Buſen erregte, in welchem die Gluͤck⸗ wahrſagende Gegenwart, gegen feindliche und wehmuͤthige Erinnerungen auftretend, eben aus der Vergangenheit Sehnſucht und Wuͤnſche erbeutete, die ſie nur unwiderſtehlicher machte.— Thereſe fuͤhlte ſich nun als ſich ſelbſt vermißt und erſehnt, als die neue unbekannte Freundin hochgeſchaͤtzt, als Mutter innig geliebt, und ſie fand Muth genug in ſich,— wenn ſie ihren gluͤcklichen Verhaͤltniſſen, worin ſie lebte, 4 — — auch entſagen mußte,— in der Welt wieder aufzutreten, doch forderte ſie weiblich ſtreng, treu beſorgt fuͤr die Ehre Lothars, daß nie der Schleier der Vergangenheit gehoben wer⸗ den duͤrfte. Er ging laͤchelnd alles ein.— Er fand ſich ſelbſt in der Bedingung, daß erſt ihr Sohn in reiferen Jahren erfahren ſollte, wem dieſer das Leben zu verdanken hatte,— obgleich ſeine liebkoſenden Lippen oft nahe daran waren, ſein Gelubde zu brechen; nur Thereſens Bei⸗ ſpiel gab ihm Staͤrke, die neue, unerwartete und erſehnte Freude zu bezwingen. Aber jeder verſchwieg dem andern, daß ſie insge⸗ heim geſinnt waren, dem Sohn einmal, wenn die Zeit gekommen, die Wahrheit nicht ganz enthuͤllt mitzutheilen. Lothar beſaß noch ſei⸗ nen Erlaubnißſchein zur Trauung in der Stille, welcher genug war, um den vertrauten Freund, der dieſe verrichten ſollte, uͤber dies in ſeinen Amtsberuf eingreifende Geheimniß zu beruhigen. 200 — Indeſſen ſollte diesmal Alles, was die aͤuſſere Convenienz gebot, genau befolgt wer⸗ den, waͤhrend es Allen, ſelbſt Seltings, vor der Hand ein Geheimniß bleiben ſolle, mit wem eigentlich Lothar ſich nun ſpaͤt verbunden hatte. Und ſo erwies ſich hier im ſchroffen Gegenſatz die unendliche Verſchiedenheit der menſchlichen Geſinnungen, indem Thereſe in ihrem Inneren eine leiſe faſt ehrerbietige Scheu vor dem Richterſpruch der Welt beibe⸗ hielt, welchen Frau von Selting getrotzt und wirklich uͤberwunden. Doch hatte die Meinung der Welt beiden viele und tiefe Leiden gekoſtet. Indeſſen gingen mehrere Wochen hin. um jedem Staunen aus dem Wege zu gehen, war es mit Fleiß allmaͤhlich in der Stadt verbreitet worden, daß Lothar ſich mit der Geſellſchafterin der Landraͤthin vermaͤhlen wuͤrde; wie es nun zu gehen pflegt, ward dadurch die allgemeine Aufmerkſamkeit auf die Braut geleitet, ohne daß die Neugierde ſich hinreichend befriedigt ſah;— es hieß nur, ſie waͤre eine weitlaͤuftige Verwandte der Land⸗ raͤthin. Da drohete noch einmal ein unerwarteter Zufall, daß ſo feſt geſichert ſcheinende Gluck aufs neue zu zerſtoͤren. Die Landraͤthin hielt ganz allein in dem Staͤdtchen, die Reſource ausgenommen, nebſt mehreren Blaͤttern, die zur Tagesordnung ge⸗ hoͤrten, den uͤberall geleſenen Hamburger Cor⸗ reſpondenten, welcher gern nur des Abends an den Poſttagen von dem Prediger durchgeſehen wurde, und dann Auszugsweiſe und ziemlich fluͤchtig mitgetheilt. gufaͤllig ſiel eines Abends der Name des Staͤdtchens, wo die Freunde ſich aufhielten, auf der letzten Spalte Lotharn auf. Da er die Anzeige von dem vorerwaͤhnten Arzte des Ortes unterſchrieben ſah, las er ſie ſorglos laut vor. Nan denke ſich aber das allgemeine Er⸗ ſtaunen, als folgende Zeilen in die Ohren des kleinen Kreiſes drangen; 2 — 202 Motto: Laßt die Kinder zu mir kommen. Die heilige Schrift ꝛc. „In einem hochvorgeruͤckten Alter, in „dem alle aͤußere Verhaͤltniſſe des Lebens mir „nichtig erſcheinen, und laͤngſt vergeſſene und „zuruͤckgebraͤngte Bande des Bluts und ju⸗ „gendlicher Anhaͤnglichkeit Farbe und Staͤrke „wieder gewinnen, ſehnt ſich Unterzeichneter „nach dem Gluͤcke, ein nicht ganz unbedeuten⸗ „des, ſauer erworbenes Vermoͤgen einem „Blutsverwandten hinterlaſſen zu koͤnnen. „Obgleich nun ſeine naͤchſten Verwandten fruͤh und laͤngſt vor ihm geſtorben ſind, ſchwebt „es ihm doch vor, als muͤſſe ein von ihm „voͤllig unbekannter Enkel ſeiner Eltern noch „am Leben ſeyn. Meine geliebte Schweſter „M** B**, verheirathet mit einem Gold⸗ „ſchmidt, Namens T**, iſt zwar ſowohl „wie er, ſchon gegen zwanzig Jahre geſtorben, „doch ſollen ſie eine einzige Tochter, Thereſe, „nachgelaſſen haben, die noch ſehr jung nach „Hamburg gegangen ſeyn ſoll, und den Nach⸗ „richten zufolge, die ich von den dortigen „Behoͤrden eingezogen, vor ungefaͤhr 14 Jah⸗ „ren, in unehelichem Stande einen Sohn ge⸗ „boren haben. Nach dieſer Zeit ſollen ſie ſich „Beide in einem ſonderbaren Verhaͤltniſſe „auf einem Gute, nicht weit von dem Staͤdt⸗ „chen** aufgehalten; von wo aus ſie aber „ſpurlos verſchwunden ſind⸗ und ſeitdem großer „Koſten und vieler Muͤhe ungeachtet, von den „dortigen Behoͤrden nicht zu erfragen waren. „Dennoch iſt Unterzeichneter Willens, dieſen „Enkel ſeiner einzigen Schweſter, und ſeinen „Neſſen,— der in einem ſo unmuͤndigen Alter „noch nicht ſo tief in die Abgruͤnde des „Lebens verſunken ſeyn mag⸗ daß er ja durch „gute Erziehung und ſorgfaͤltige Pflege geret⸗ „tet werden koͤnne— zu adoptiren und zu „ſeinem Erben zu ernennen, unter der Bedin⸗ „gung, daß ſeine Mutter ihm der Fuͤrſorge „des Oheims ganz uͤberlaſſe, und ihn demſel⸗ „ben foͤrmlich abtrete, ja in dieſem Falle „wird ſie ſelbſt auf Lebenszeit ein Legat ge⸗ „nießen, daß ſie in den Stand ſetzen kann, „ein ſorgenfreies und tugendhaftes Leben zu 204 — „fuͤhren. Unterzeichneter fordert daher beide „auf, ihm ſo bald als moͤglich, ihren Aufent⸗ „haltsort bekannt zu machen, und erſucht alle „Behoͤrden gegen Erſatz der Koſten und „eine namhafte Belohnung, ihm zur „Entdeckung vorerwaͤhnter Perſonen behuͤlflich „zu ſeyn.— Wenn Unterzeichneter auch vor „der Zeit ihres Auffindens mit dem Tode „abgehen ſollte, ſteht es beiden Perſonen den⸗ „noch vier Jahre von Dato an frei, in ihre „Rechte einzutreten; nach Verlauf dieſer Friſt „werden ſie als todt betrachtet, und der „ganze Nachlaß faͤllt an das Waiſenhaus in**— 4 Die Gegenwart des Knabens, der andaͤch⸗ tig zuhoͤrte, und ein Blick auf ihn hatte Lo⸗ thar abgehalten, ploͤtzlich abzubrechen, aber die Farbe war von Thereſens Wangen gewichen, und ſelbſt Lothars Blicke, als er endlich mit Muͤhe die Anzeige zum Ende ſe ſuchten duͤſter den Boden. Die immer beſonnene obgleich betroffene Landraͤthin wußte indeſſen bald durch einen ſchicklichen Vorwand das Kind zu entfernen, doch ſchien ſie nicht gleich Worte finden zu koͤnnen, um die Mutter anzureden. „Der Fluch der Welt!“ ſagte endlich Thereſe mit erkuͤnſtelter Ruhe.—„Ich wußte es ja wohl, der einzige Hafen meiner Jerfahrt iſt das Grab.— So nahe an meinem ge⸗ troͤumten Ziele zernichtet ein Hauch der Vor⸗ ſehung es, ſo wie den Rebel, woraus es beſtand!“ „Wir ſind im Hafen, Thereſe!“ rief Lothar raſch—„nur das Gefuͤhl des Schmer⸗ zes, das Dich ergriff, verduͤſtert meinen Blick.— Vergiß nur nicht, daß die Perſon⸗ welche dieſe Anzeige nennt, ſchon laͤngſt be⸗ graben iſt.“ „Keine Taͤuſchung, Lothar!“ verſetzte Thereſe ſanft.„Darf ich dem unvermutheten Oheim,— denn in der That, daß er den ſehr allgemeinen Namen meiner Mutter traͤgt, konnte 206 ihn mir nicht verrathen;— duͤrfen wir ihm eine letzte Hoffnung, den Troſt, wornach ſein Alter duͤrſtet, verweigern; meinem Sohn, der als Weltbuͤrger, als Erbe nun in ein neues nie geahnetes Verhaͤltniß zu uns tritt, ſein rechtmaͤßiges Erbtheil vorenthalten?“ Lothar ſah duͤſter zu Boden. „O! Ihr Kleinmuͤthigen!“ ſagte der Prediger warm;„Haͤtte ich doch nicht gedacht, daß Ihr in dieſen heiligen Mauern, ja! heili⸗ gen, denn unſere Anſichten haben ſie geheiligt und gereinigt— daß Ihr ein gemachtes ge⸗ ſelliges Recht hoͤher achtet, als das ewige, das Eure Gemuͤther verbindet? Was wollten Sie chun, Freundin? Geben Sie mir nicht Ant⸗ wort; ich weiß ſchon auswendig was Sie ſagen wollen. Aber glauben Sie auch mir, die ſtets bereite Entſagung iſt oͤfterer Furcht und Schwaͤche als Tugend!— Welches Recht haben wir, einen Wechſel zu ziehen auf das Glück jenſeits, wenn wir das Gluͤck dieſſeits, das uns derſelbe Gott der Zeit und der Ewig⸗ 3 keit vorhaͤlt, muthwillig verſchmaͤht, das hoͤhere in uns, die Zufriedenheit unſers Weſen einem Wahn opfert, dem uns die Welt hohn⸗ laͤchelnd aufſtellt?— Jede That traͤgt den Lohn, der ihr gebuͤhrt, in ſich! Warum hat der Oheim die— ſo lange verſchmachten laſſen in Noth, welche ſein fruͤheres hartes Benehmen zuerſt ins Elend geſtoßen? Seine ſpaͤtere nervenſchwache Troſtloſigkeit iſt mit Eurem theuer erworbenen Gluͤck zu theuer befriediget,— und was die Summen, die er hinterlaͤßt, betrifft, ſoll denn der ſchnoͤde Mammon noch ſchmerzliche Gewalt uͤben an Eure Seelen?— Gebt dem Jun⸗ gen, was Ihr beſitzt: Elternliebe, Muth, das Gluͤck zu verdienen! Ein ehrwuͤrdiges Bei⸗ ſpiel iſt beſſer als ein ſo zweideutiger Reich⸗ thum, den ihm Reue zuwirft, nachdem Geitz, Haͤrte und Unrecht ihn zuſammengehaͤuft haben! Laß mich indeß mit dem Manne reden; verſuchen koͤnnen wir allerdings, ob wir das Vermoͤgen dem Jungen erhalten koͤn⸗ nen, obgleich es, meinen Begriffen nach, ihm“ keinen Segen bringen wird! Doch das Ge⸗ —— 208 — heimniß Eures Glucks ſoll es nicht zerſtoren!— Gleichwohl hoffe ich nicht viel; die grelle Heffent⸗ lichkeit, die er ſchon ſeiner Abſicht gegeben, vermehrt noch die Schwierigkeiten. „Und was giebt uns ein Recht dem Sohn ſein Eigenthum vorzuenthalten?“ fragte Thereſe leifer. „Das Recht guter Eltern“— fuhr der Prediger ſort,—„die doch wohl kein Be⸗ denken tragen wuͤrden, dem Sohne lieber ſolche Geſchenke zu bringen, die ihm Herz und Ge⸗ muͤth bereichern, und die Seele ſchmuͤcken, als ſolche, die nur ſeiner koͤrperlichen Huͤlle einen eitlen und falſchen Glanz verleihn!— Die ₰ erſten beſitzt er ſchon in Euch, und wenn die Zeit kommt, da er ſelbſt das einſehen kann, wuͤrde er Euch nicht danken, ihm Flitterglanz fuͤr gediegenes Gold gegeben zu haben,— umgekehrt, wuͤrde er ja nicht einmal dieſes Glanzes wuͤrdig ſeyn! „Und kurz“ fiel die Landraͤthin ein— V „wuͤrde meine Thereſe nicht im Ernſt Be⸗ denken tragen, das unbeſonnene Vergehen ihrer Freundin ans Tageslicht zu ziehen? Fuͤrchter ſie in dieſem Punkt gar nicht die Meinung? Und koͤnnte ſie jemals ihren liebenswuͤrdigen Sohn, ihre muͤtterlichen Rechte, unſere liebe⸗ vollen Beſorgniſſe an einen Oheim abtreten?“ „Nein!“ rief Lothar heftig. Thereſe kuͤßte ſchweigend und tief die muͤtter⸗ liche Hand. Da trat der Knabe, der den ihm gegebe⸗ nen Auftrag vollendet hatte, wieder ein.— Er ward faſt betroffen uͤber die vielen Liebko⸗ ſungen, die ihm von allen Seiten entgegen kamen.— Es war, als fuͤhlte ein Jeder in ſeinem Herzen, daß es von nun an ein groͤß⸗ eres Recht an ihn haͤtte, ihm noch groͤßere Liebe ſchuldig ſey.— Dieſes Vorfalls wurde nicht mehr erwaͤhnt, Doch hielt der Prediger es der Muͤhe werth, den Arzt insgeheim zu beſuchen; dem Alten aber war nicht beizukommen; aber es 14 210 ſchien als haͤtte er, der ſein ganzes Leben hin⸗ durch im Grunde weder Catholik noch Prote⸗ ſtant geweſen war, nun in der Angſt ſeines Herzens zu den Gebraͤuchen der fremden Kirche Zuflucht genommen. Er ſagte dem Prediger Dinge, von denen dieſer ſich tief ergriffen fuͤhlte. Wenige Tage nachher ſtarb er; der Inhalt des Teſtaments war der An⸗ zeige gemäß. An den S Tage gab die Kirche durch ihren wuͤrdigen Diener den eben nicht jungen Brautpaare in aller Stille ihren Segen. Als die Trauung beendet war, fuͤgte der Prediger mit leiſer Stimme hinzu; „So ſey nun auch der letzte Sturn, der Euer Lebensſchiff drohte, durch den Tod des Oheims beſchworen!— In der That⸗ wenn es auch Eurem Glucke unbeſchadet geſchehen koͤnnte, wuͤrde ich doch nie ruhig dieſes Erbtheil in den Haͤnden unſeres Lieb⸗ lings geſehen haben. Ich bin nicht aber⸗ ——— — 2¹¹ gläubig, aber wolltet Ihr Eurem Sohne geſtatten, ein Geſchenk anzunehmen, von dem ihr den Verdacht haͤttet, daß es aus dem Schatz einer Kirche geraubt ſey? und wahrlich dieſer Nachlaß iſt ſchlimmer als geſtohlenes Gut, ſchlimmer als Kirchenraub; die Thraͤnen, die daran kleben, ſind nicht der Froͤmmigkeit entquollen, ſondern der Noth und der Ver⸗ zweiflung abgepreßt.“* Nach mehreren Jahren dauerte noch das innere Gluͤck der Verehelichten ungeſtoͤrt fort, aber ihre aͤuſſeren Verhaͤltniſſe hatten einen ſchmerzlichen Verluſt gelitten; die Landraͤthin,— in deren Haus Lothar an ſeinem Hochzeits⸗ tage eingezogen war, weil weder er noch feine Frau es uͤbers Herz bringen konnten, die treue Pflege der Letzteren von der immer ſchwaͤcheren obgleich immer klarer brennenden Lampe zu trennen,— war geſtorben. Lothar iand ſich, wirklich unerwartet, zum Univerſab 14* 212 erben ihres nicht großen, aber fuͤr die Beduͤrf⸗ niſſe einer gebildeten Familie hinreichenden Vermoͤgens eingeſetzt.— Aber von dieſem Augenblick war der Aufenthalt in dem veroͤde⸗ ten Hauſe,— deſſen ſtille Gottheit hin⸗ aufgezogen war, die, obgleich binnen vier kleinen Waͤnden gebannt, doch klare Friedens⸗ ſtrahlen uͤber das ganze Haus verbreitet hatte— heiden verleidet worden, deſſenungeachtet trugen ſie noch immer, eine Zeitlang unſchluͤßig⸗ die Feſſel der alten Gewohnheit; bis auch der Prediger ſich ploͤtzlich in einen groͤßeren ſeinen Kraͤften angemeſſenern Wirkungskreis verſetzt fand, und in dieſem Ruf noch eine nach dem Tode noch fortwirkende Wohlthat der verſtor⸗ benen Freundin erkannte.— Nun war auch fur das Ehepaar keines Bleibens mehr an dieſem Orte. Der Sohn war herangewachſen⸗ und er und die Welt machten ihre gegenſeiti⸗ gen Anſpruche auf einander geltend. Doch⸗ wohin?— Lothar hatte mit einem aufnerk⸗ ſamen Blick dem Gange der europůiſchen Bege⸗ benheiten gefolgt; den untuhigen Wegen der 2¹3 — Zeit, die ſeinem Gefuͤhle nach, einen nur auf⸗ geruͤhrten dunkeln Abgrund bildeten, mochte er nicht das muͤhſam gerettete Leben wieder auf⸗ opfern.— Er ſah ſich unſchluͤßig nach allen Seiten um. Da fuhr eines Tages ein bepackter Reiſe⸗ wagen vor. Er hoͤrte nach ſeinem Namen fragen; die Ankommenden eilten die Treppe hinauf, und in dem nachſten Augenblicke druͤckte er Seltings an ſeine Bruſt. Die glänzende Frau war noch nicht von den Grazien verlaſſen, aber eine heitere, noch im⸗ mer bluͤhende, Matrone geworden. Sie begruͤßte Lothar mit jugendlicher Waͤrme, ſeine Frau fremd aber mild. Aber der Anblick der treuen unveraͤnderten Freunde loͤſte bald das vorſichtig bewahrte Geheimniß von den Herzen ab. Frau von Seltings laute offene Freude ſteckte die Andern anz das Jauchzen war allgemein; der ſchlank aufgewachſene liebens⸗ wuͤrdige Sohn feierte zum Erſtenmal ſeinen wahren Tauf- und Namenstag.— Die, 244 — welche um ſeine Wiege geſtanden, waren die Pathen des Erwachſenen. i Auch Seltings waren auf einer langen Reiſe begriffen, deren Zweck und die Urſache, die ſie veranlaßt hatte, nicht hieher geho⸗ ren.— Lothar erſchrak vor der Laͤnge derſel⸗ ben, und ihrem Ziel.— Nach wenigen Tagen aber befreundete er ſich damit, und endlich nach ſtiller Ueberlegung mit Thereſen, boten ſich beide als Theilnehmer derſelben an.— Das neue Band ward mit Freuden geſchloſſen. Bei der endlichen gemeinſamen Abreiſe, als Lothar zum Letztenmal gerührt die ſtum⸗ men Waͤnde ſeines bald ganz veroͤdeten Hau⸗ ſes betrachtete, die ihn wie mit wehmuͤthigen Augen anzublicken ſchienen, erhob ſich ſein Herz.— Es war ihm als muͤſſe er der vaterlaͤndiſchen Welt zum Abſchied verkuͤnden, wie gluͤcklich er in ihrer Mitte, und doch ohne ſie, geworden ſey.— Er uͤbertrug dem Pre⸗ diger ſeine Begebenheiten dem Publikum mitzutheilen. ——————————— 2¹5 — „Warum?“ fragte der Prediger laͤchelnd. „Von vielen Gruͤnden nur Einen,“ erwiderte Lothar.„Die Welt ſoll ſehen⸗ daß das wahre Gluͤck des Lebens nicht ſo abhaͤngig von ihr iſt, wie ſie ſich wohl ein⸗. bildet, und zugleich erfahren, daß es keinen Zuſtand im Leben giebt,— er ſey auch noch beſchraͤnkter als der unſerer verewigten Freun⸗ din, die mehr als zwei Drittel des Lebens auf einem Schmerzenslager zubrachte, und nur die Fruͤhlingsluft genoß, die ihren Kerker ſpaͤrlich durchſtroͤmte— daß er ja, ſo wie ihr Leben, eine Quelle des wahren Gluͤcks fur ſich ſelbſt und Andere werden kann, ſo lange nur das Herz warm ſchlaͤgt, und der Geiſt frei bleibt.— Ihrem Andenken nun ſey die Begebenheiten meines Lebens, ſo wie es ſelbſt, gewidmet!“— „und welchen Titel ſoll ich daruͤber ſchreiben?“ „Hm!“ erwiderte Lothar,„iſt denn eben ein Titel nothwendig?“ „Sehr, mein Freund!— Es iſt immer ein Schein!— und nach dem Schein geht ja die Welt; doch ſeyn Sie deswegen unbeſorgt, ich ſchreibe das Buch nieder, und uͤberlaſſe es dem Verleger ihm einen Namen zu geben!“ Ende. verbefferungen. S. 10 3Z. 8 geflißentlich. S. 40 Z. 4 über⸗ eilten, ſchonungsloſen. S. 54 Z. 4„Herr Doctor. S. 97 Z. 18 deren Wohlwollen. S. 115 Z. 8 die Allee. S. 118 Z. 1 Gegenſtand der Huldigung. S. 118 3. 36 Artigkeiten der. S. 132 Z. 14 man ſich auch fuͤhlt. S. 177 3. 12 daß ſie das Haus nimmer verließe.“ S. 186 letzte Z. Die Freundin. S. 187 Z. 49 war man, Gedruckt bei Joh. Bernh. Appel. J—— — 2¹7 Pachwort des Yerlegers. Die geniale Gabe des Verf. hat es vermocht, aus drei fruͤher gelieferten kleinen wenig bekannt gewordenen Erzah⸗ tungen, eine ganz neue Geſchichte zu liefern, die gleich der gekannten„der eryſtallene Dolch und die Roſe“ ſpan⸗ nend und uͤberraſchend den Leſer anzieht. Das denkende Publikum findet in dem Ganzen eine philoſophiſche Geſchichte, ſo wie der Romanleſer durch die außer⸗ ordentlichen dennoch nie unnatürlichen Begebenheiten gewiß befriedigend unter⸗ halten wird⸗ n 10 11