Schl (2. Lesepreis. Bei e Tag 5 Pf. beza en angenommen. wird. beträgt: wöchentlich 2 6. Schadenersatz. defecte Bücher(namen lorene oder defecte Bu 7. Ausleihezeit. D 1. Oflensein der Biblioth der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. ieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen ſelben von mir geliehen, oßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Keſebedingungen. . ek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 1 Ihr offen. Rückgabe eines gelichenen Bu hlt. Die Zeit eines Tages iſt genen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ ür beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und tlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ n Werkes, ſo iſt ch ein Theil eines größere auch dafür zu ſtehen haben. iothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cdnard Oktmann in Gießen, ches wird von zu 24 Stun⸗ 3. Caution. linbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Pet. 50 Pf. 2— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre ei welche die⸗ — Das geheimnissvolle haus oder 8 5 Richterspruch der Melt. * Von *. Verf. des kryſtallenen Dolches u. m. a. Jn ei Thei in der Heroldſchen Buchhand 1825. . Das geheimnissvolle Paus — oder der Richterspruch der Welt⸗ De⸗ Schickſal, das in ſeiner aͤußeren Ge— ſtaltung uns manchmal eine truͤbe Zukunft zeigt, dabei aber nicht ſelten eine allmaͤhlige begluͤckende Beruhigung mit ſich fuͤhrt, ehe wir es gehofft,— hatte in einer kleinen ziem⸗ lich traurigen Landſtadt, zufaͤllig wie es ſchien, mehrere hoͤchſt verſchiedene Weſen zuſammen⸗ gefuͤhrt, um auf eine nicht ganz alltaͤgliche Weiſe vorerwaͤhnten Ausſpruch zu bewaͤhren. Ein junger Mann, kaum uͤber die dreißig, der ein ſehr reiches Jugendleben geführt,— in ſofern man es ſo nennen kann, daß er viele Jahre hindurch in Verhaͤltniſſen geſtanden, die ihm nicht allein die gebildeſten wiſſenſchaftlt 3 chen und geſelligen Kreiſe geoͤffnet, ſondern 5 ihm Gelegenheit verſchafft, durch viitge. 4 und weitlaͤuftige Reiſen einen Schatz in ſei⸗ nem Innern zu haͤufen, mit dem er noch im Alter zu wuchern gedachte.— Dieſer junge Mann,— den wir Lothar nennen wollen, ſah durch mehrere nicht vorſichtig genug er⸗ ſpaͤhete Schlaͤge des Gluͤrks, das Gebaͤnde ſeiner aͤußeren Hoffnungen ploͤtzlich zerſchmettert.— Zu ſpaͤt erkannte er nuh, da mehrere ſoge⸗ nannte Freunde ihm ſein unvorſichtiges Zu⸗ trauen und das trotzige Wagen, welches den Fall ſeiner Gluͤcksumſtaͤnde herbeigefuͤhrt hatte, hoͤren ließen, an der faſt gleichguͤltigen Gelaſ⸗ ſenheit, die fein ganzes Weſen ergriffen hatte, daß beide ihm vorgeworfene Gruͤnde, nur aus dem ſchon längſt vorhanden geweſenen Verfall ſeines innern Gluͤcks, und dem damit verbun⸗ denen Unmuth, entſtanden waren⸗ Ohne etwas mehr zu beſitzen als ſtin eigenes Selbſt fuͤhlte er mit einer Art Freude, daß ihn nun nichts mehr an einem Orte band, wo er laͤngſt mit ſich ſelbſt zerfallen war, und er begab ſich in der Abſicht eine neue Le bensbahn enuſhlgen, mch ſeiner Vaterſtadt, die er —— arm verlaſſen hatte, und zu weicher er nur an Erfahrungen reicher zuruͤckkehrte,— in der † Hoffnung, in dem Gewuͤhl der Reſidenz, und vielleicht durch einige wo moͤglich uͤbergeblie⸗ . bene Freunde ſeiner einſt glaͤnzenden Familie 6 irgend eine Beſchaͤftigung zu finden.— Man 6 hatte aber dort ſie und ihn vergeſſen, wie er es zutetzt gefuͤrchtet; was ihn aber mehr ver⸗ wunderte war, daß ein Anſing von freundli⸗ chen Ruͤckerinnerungen, die aus dem Herzen eines maͤchtigen Großen, eines jugenblichen Hausfreundes ſeiner herabgeſunkenen Familie nicht ganz verdunſtet waren, dieſen bewog, ihn aufſuchen zu laſſen, und ihm, deſſen Kennt— niſſe er freilich fruͤher in mehreren Auftragen Gelegenheit gehabt hatte zu benutzen— zu⸗ traulich antrug, die Directorſtelle bei einer koͤniglichen Fabrit in obenerwaͤhnten eutfernten WVinkel des Reichs zu uͤbernehmen. S Er ſchiug froh ein; aber nun, da ſeine gebeſſerte aͤuſſere Lage, ohne daß er es ſich ſetbſt bewußt war, almählig ſeine tieſſchlum, mernden Anſpruͤche auf die Welt wieder er 6 weckten, ohne jedoch ſeinen duͤſtern Unmuth, ſeine ihm angeborne Reitzbarkeit verſcheuchen zu koͤnnen,— wie mußte ihm in dieſer neuen Umgebung, die einzigſte, in der er ſich nie einheimiſch hatte finden koͤnnen, zu Muthe werden. Nicht die rauſchenden Freuden ſeines Jugendlebens, deſſen Concerte, BVaͤlle, deſſen mittelmaͤßige Theater, waren es, die er hier vermißte, ſondern die kaum bemerkte, in groͤßeren Städten nicht ſelten fein gebildeten Cirkel, in denen er ſich fruͤher ſo wohl befun⸗ den; uͤberhaupt— die nie genug geſchaͤtzte Annehmlichkeit des Lebens, ſich gleichgeſinnten Freunden zugeſellen zu koͤnnen.— Er hatte ſchon empfunden, daß die inter⸗ eſſanteſten Buͤcher, doch nicht ganz die leben⸗ dige Mittheilung des Worts erſetzen; auch konnte er nicht umhin, wenn er nicht ſeine Lage durchaus unleidlich machen wollte, ein gutes Vernehmen mit den Honoratioren der Stadt zu unterhalten.— Aber es gelang ihm doch nicht ganz; denn einen wahren Fieber⸗ Schauder floͤßte ihm die von Jabacks⸗Nebel 5 — gefuͤllte Reſource des Staͤdtchens ein, worin die zahlreichen Talglichter von den Whiſt⸗ und L'Hombre ⸗ Tiſchen nicht einmal dem uſſeren Auge eine freundliche Klarheit darbo⸗ ten; eine eiſerne Kaͤlte lagerte ſich bei dem Gaſtmaͤhlern der hieſigen Einwohner um ſein Herz.— Er war noch nicht verheirathet, und die freundlichen Einladungen der Muͤtter, die dreiſt verſchaͤmten Blicke der Taͤchter wirk⸗ ten auf ſein verwoͤhntes Gemuͤth, wie die feindlichen Pole des Magnets auf ein⸗ ander.— Indeſſen wurden ihm, faſt gegen ſeinen Willen, alle ſogenannten guten Haͤuſer des Staͤdtchens allmaͤhlig geoͤffnet, eins ausgenom⸗ men, das wenigſtens aͤußerlich Groͤßte von allen, das wie ganz iſolirt in keiner Beruͤh, rung mit den uͤbrigen Bewohnern des Städt⸗ chens ſtand.— Er bekuͤmmerte ſich nur we⸗ nig darum; doch hatte er mehrmals vernom⸗ men, das es von einer alten Landraͤthin be⸗ wohnt wuͤrde, deren kraͤnklicher Zuſtand e befand ſi ſi ch immer im Bette, hieß es— Bloͤdigkeit der einheimiſchen Kinder, wenn ein 8 es gleichguͤltig machte, an welchem Orte ſich ihr kangweiliges Leben hinſpann.— Sie hatte, ſagte man, mit den Truͤmmernihres vori— gen Wohlſtandes ſich in dies Winkelchen des Landes hingezogen.— Zwar hatten die vornehm⸗ ſten und neugierigſten Frauen der Stadt ſie im Anfang ihres Hierſeyns beſucht, waren aber almaͤhlig weggeblieben, weil ſie in dem herzloſen und geiſtesarmen Ton der Wittwe,— die vielleicht durch ihr glaͤnzendes Elend ſich fur nichts, und folglich auch nicht fuͤr die in⸗ neren Verhaͤtniſſe des Staͤdtchens warm in⸗ tereſſiren koͤnnte,— ſich nicht zu finden wußten. Lothars Aufmerkſamkeit war eigentlich nur durch den Anblick eines zehn bis elfjaͤhrigen Knabens, der in dieſes Haus gehoͤrte, auf daſ⸗ ſelbe gezogen worden. Dieſer Knabe beſaß keinesweges ein auffallendes Aeuſſere, nur durch eine gewiſſe Gradheit in ſeinem Weſen, durch eine Beſcheidenheit,— wenn man ihn anredete,— die eben ſo verſchieden von der —,— Fremder ſich ihnen nahete, als ſeine offenen Zuͤge von der trotzigen Unverſchaͤmtheit waren, womit jene ihren Aeltern unter die Augen traten;— und endlich durch die heitere zu⸗ friedene Miene, womit er, der großen Einge⸗ zogenheit und der Entfernung von andern Kin⸗ dern, worin er lebte, ungeachtet, den Begeg⸗ nenden gruͤßte, erregte er Theilnahme.— Das ganze Staͤdtchen bedauerte dieſen Jun⸗ gen, der auf einmal, ungefaͤhr ein Jahr vor⸗ her, wie heruntergeſchneiet, ploͤtzlich in dem Hauſe der Wittwe erſchienen war, und deim man gar nicht mit Fragen beikommen koͤnne, weil man ihn nirgends aus dem Hauſe als nur bei der Hand des Predigers, der ihm Lehrſtunden gab, und in deſſen Gegenwart er mitunter mit den gleichjaͤhrigen Stiefkindern dieſes Mannes ſpielte, denen indeß neu⸗ gierige Fragen unterſagt waren.— Lothar, dem eine erheiternde und das In⸗ nere erwaͤrmende Beſchaͤftigung fehlte, haͤtte gern dem wackeren Knaben einige von ſeinen immer mehr unbenutzten Kenntniſſen und Ta⸗ 10 lenten mitgetheilt; ſein reitzbares Gemuͤth ver⸗ langte ein niederſchlagendes Mittel, eine Ver⸗ ſoͤhnung mit ſeiner Lage, die ihm nur Liebe oder eine mit Liebe betriebene Beſchaͤftigung reichen konnte. Aber wie ſollte er dazu gelangen.— Dem Prediger den er freilich kannte, und der ihm oft mit dem anziehenden Knaben begegnet war, mochte er ſich nicht anvertrauen.— In ſei⸗ nem Unmuth widerte ihm die immer freundliche Mine dieſes Mannes, womit er dem fadeſten Mitglied der Reſource, und dem Eigenduͤnkel des aufgeblaſenſten Buͤrgers wie der anſpruchs⸗ vollſten Dummheit ohne Unterſchied entgegen kam, au; auch hatte er nie eine beſondere Un⸗ terredung mit dem Manne gehabt, den er nur in den Geſellſchaften und in der Reſource ge— ſehen; und dieſer ſchien ihm eben ſo wenig ſeine Aufmerkſamkeit zu ſchenken, wie er ihn der ſeinigen wuͤrdig hielt;— und doch war dieſer Mann der einzige, der in jenem Hauſe hatte. 11 — — Zum Gluͤck fuͤr ihn und auch fuͤr die Wittwe, war ihr kraͤnklicher Zuſtand unlaͤug⸗ bar, ſonſt wuͤrden gewiß die haͤufigen Beſuche, die er beinahe jeden Abend bis ſpaͤt in die Nacht bei ihr abſtattete, nicht den ſcharfen Bemerkungen der Laͤſterzungen des Staͤdtchens entgangen ſeyn; und es waͤre vielleicht doch der Fall geworden, wenn nicht zufaͤlligerweiſe der Prediger ein Gegenſtand der allgemeinen Hochachtung und des Wohlwollens geweſen. Er war ein Mann in den mittleren Le⸗ bensjahren, der die große Kunſt inne hatte, ſich auf eine wirklich bewundernswuͤrdige Art in allen Lagen ſchicken zu koͤnnen. Ein von den ſeltenen zufriedenen Gemuͤthern, das aus allen Blumen Honig zu ſaugen verſtand, und dabei eine ſo ungewoͤhnliche Zuruͤckhaltung von irgend einem unfreundlichen Urtheil uͤber Men⸗ ſchen und ihr Treiben bewaͤhrte, daß es ge⸗ nau beſehen, wirklich ſchien, als wenn er das allgemeine Vertrauen dieſes aus den groͤbſten Elementen zuſammengefuͤgten Kreiſes nur darum 12 beſaß, weil jedes einzelne Mitglied deffelben, die feſte Ueberzengung hegte, daß dieſer Mann nie von ihm boͤſes geſprochen, oder ihn in ſeiner Abweſenheit lächerlich gegchte Er hatte die Wittwe ſeines Vorgängers geheirathet— der einzige ſeiner Schritte, den die Einwohner nicht billigten; denn, meinten ſie, was wollte der verſtaͤndige, von allen ver⸗ ehrte Mann, mit einer Frau die nie ihr Haus verlaͤßt, und weder Kuͤche noch Keller den Ruͤcken zukehren darf, und obgleich es recht ordentlich in ihrem Hauſe zugeht, und alles blank und reinlich ausſieht, doch ſelbſt nicht ein Buch lefen kann.— Obgleich nun der Mann immer ganz allein Geſellſchaſten be⸗ ſuchte, und nie Geſellſchaft gab; ja ſelbſt, wie man behauptete, im Innern des Hauſes nie ſein Studierzimmer verließ, ſo verlor ſich doch bald das Geruͤcht von einer ungluͤcklichen Ehe, weil ſelbſt die ſorgfaͤltigſt ausgefragten Dienſt⸗ boten nicht das kleinſte Anekdötchen zum Beſten geben konnten, das ein ungleiches Verhältniß verrieth. 43 Uebrigens war der Prediger, ob zwar nie der Wortfuͤhrer bei den Gaſtmaͤhlern von und in der Reſource, doch nie der, welcher eine Unterredung vgrdarb;— ja, die breiten Be⸗ merkungen ub die faden Scherzreden der Tiſchgenoſſen“ ſchienen nicht einmal ihn zu er⸗ muͤden, waͤhrend der gute Lothar mitunter vor innerer Unmuth Geſichter dabei ſchnitt; nur blieb es dieſem nicht unbemerkt, daß jener fuͤr alles Hoͤhere ſichtbar gleichguͤltige Mann, ohne daß es der Umgebung einfiel, ihre Unterredung zu lenken, und allem, was uͤber das Manß der geſelligen Schicklichkeit zu ſchreiten drohete⸗ Schranken zu ſetzen wußte. Doch dieſe eigene Bemerkung war Lotha nicht genug, um dieſem Mann von dem allge⸗ meinen Verdammungsurcheil ſeines ſtummen Innerem auszuſchließen; im Gegentheil fuͤhlte er ſich mehr von ihm, als von jemand anderm verletzt, wie er gewahr wurde, daß die mitun ter fein beißenden Antworten, die leicht hinge⸗ worſenen Perſiſtagen, dir ſchelmiſchen nie durch⸗ . 14 ſchauten Deutungen, die ihm ſelbſt der Un⸗ muth entriß, eben ſo unbemerkt und unge⸗ ſchätzt von dem Prediger, wie von den uͤbri⸗ gen abglitt, ein Beweis, meinte er, daß ſeine Perlchen in Bezug auAlen auch wegge⸗ worfen waren. 15 2. So ging eine geraume Zeit hin. Lothar hatte Langeweile und verging vor Unmuth⸗ Der Prediger, der trotz ſeiner Wortkargheit, doch immer mehr bei zufaͤlligen Gelegenheiten den verſtaͤndigen, ja ſelbſt kenntnißreichen Mann verrieth, naͤherte ſich ihm auf irgend eine beſondere Art nicht, und eben dieſe ſcheinbare Vernachlaͤßigung, hielt der, ſeiner inneren hoͤheren Fuͤlle ſich bewußte Lothar,— deſſen Eigenliebe ſich dadurch beleidigt fuͤhlte,— davon ab, ihm naͤher zu treten. Da rich⸗ tete ein Augenblick ploͤtzlich aus, was ein Jahr nicht vermocht hatte. Derſelbe Augenblick, der die ganze Stadt vollends mit Lothar ent⸗ zweite, zog den Prediger an ſein Herz. In einem Gelage, bei dem ſich beide be⸗ fanden, erzaͤhlte ein ſehr ſpät gekommener Gaſt, einer von den Honoratioren des Staͤdtchens, 16 —— hachdem man lange mit dem Eſſen nach ihm gewartet, zu ſeiner Entſchuldigung, daß er in ſeinem Hanſe einen hoͤchſt unangenehmen Auf⸗ tritt mit einem Bebienten gehabt, den er auch gleich zur Strafe fortgejagt haͤtte.— Auf Verlangen der Tiſchgenoſſen erzaͤhlte er nun den Vorfall mit einer ſo genuͤgenden Breite, daß ihm nicht das kleinſte Detail entſchluͤpfte; aber aus dieſem unbefangenen Bericht ging zu⸗ gleich hervor, daß der ganze Auftritt von der Anmaßlichkeit ubermuthiger Herrſchſucht und roher Willkuͤhrlichkeit des Erzaͤhlers herbeige⸗ fuͤhrt, und der fortgejagte Bediente im Ge⸗ gentheil ein Opfer ſeiner Treue, ſeiner Red⸗ lichkeit, ja ſelbſt ſeines Zartgefuͤhls geworden war.— Es ſchien indeß, als wenn kein Ein⸗ ziger dies eingeſehen; alle uͤberhaͤuften den endlich athemſchoͤpfenden Erzaͤhler mit Lob ſei⸗ ner Mäßigung und Bedauern ſeines billigen Aergers.— Der Prediger ſchwieg allein und heſtete indeß ſeine Blicke ſtarr auf den Teller; nicht alſo Lothar! mit hochgluͤhenden Wangen unterbrach er die Lobeserhebungen mit der 17 ——— Frage:„Wiſſen Sie nicht, Herr*Rath, wo der Menſch ſich hinbegeben hat?“ „Vermuthlich nach dem Hauſe ſeiner El tern,“ erwiederte dieſer ſich blaͤhend,„in ſo⸗ fern die redlichen Leute ihn nach ſolchem Be⸗ tragen, das bald verlautbar werden wird, bei ſich aufnehmen wollen! darf ich aber fragen, warum!—“ „Weil,“ erklaͤrte Lothar, noch innerlich kochend, ſehr kurz,—„weil ich lange einen braven Burſchen geſucht habe, und ihn ſogleich in Dienſt nehmen will.—“ Ein verlegenes Schweigen foigte dieſer Antwort, und die allgemeine Verſtimmung waͤhrend der Mahlzeit war nur zu ſichtbar; es ſchien, daß jeder Tiſchgenoſſe ſich in dem Herrn Vetter oder Oheim— denn Verwandte waren ſie zuletzt alle— beleidigt fuͤhlten, und kaum war die Tafel gehoben, ſie ſich alle ſchen von Lothar zuruͤckzogen. Er ſchien es mit einem ſtolzen Laͤcheln zu bemerken, der jedoch mehr Unmuth und Aer⸗ ger⸗ als innere Zufriedenheit mit ſich ſelbſt, 2 18 obgleich er dieſe zu empfinden glaubte, ver⸗ rieth. Es war ein ſchoͤner Herbſttag, der maͤnnliche Theil der Geſellſchaft hatte ſich in dem anſtoßenden Garten in verſchiedene rau⸗ chende Gruppen vertheilt, deren halbleiſe Un, terredung und ſchielende Blicke den Gegen⸗ ſtand ihres lesbaren Grolls deutlich be⸗ zeichneten. Da trat auf einmal der Prediger, wie es ſchien, unbekuͤmmert um die Mißbilligung der Umgebung, welche auch der Leſer von dieſem Augenblick an ganz aus dem Geſichte verlieren 3 wird, zu dem verlaſſenen Lothar hin, und re⸗ dete ihn zum erſtenmal mit einem warmen Haͤnde⸗ druck vertraulich an. „Ich lobe Ihren Eifer und Ihre Feuer⸗ ſeele, Herr Director!“ ſprach er laͤchelnd,— aber ſelbſt ſchoͤne Flammen werden nur verge⸗ bens verſchwendet, um feuchtes und verfaultes Stroh anzuſtecken!— Sie erregen nur einen giftigen Geſtank, welcher die Bruſt, die an der reinen Luft gewoͤhnt iſt, auch am meiſten angreift.“ S 19 „Wollten Sie lieber—“ erwiederte Lo⸗ thar, der ihn betroffen anſah—„daß ich hier haͤtte ſchweigen ſollen?“ „Und doch den braven Burſchen in Dienſt genommen?—“ ſetzte der Prediger die Frage fort;—„allerdings.— Ihr vorlauter Un⸗ wille iſt ohne nuͤtzlichen Erfolg verhallt, und wird nur dazu dienen, Ihnen den hieſigen Aufenthalt, deſſen Sie doch nicht ohne ſchmerz⸗ lichen Verluſt ſich begeben koͤnnen, noch un⸗ leidlicher zu machen.— Ich habe oft in der Stille ihre unangenehme Lage empfunden!“ „Wirklich?“ rief Lothar, immer mehr verwundert—„und ſcheinen doch ſelbſt ſo zu⸗ frieden hier?“ — * „Ich bins!“ „Noch vor einer Stunde haͤtte dieſe Er⸗ * klaͤrung mich nicht uberraſcht; aber in Bezug auf die Theilnahme, die Sie mir in bieſem Angenblick erweiſen, erlauben Sie mir die Frage: Wie koͤnnen Sie untet S nenſc⸗ üchen Vieh zufrieden ſeyn?— 2* 5 Der Prediger laͤchelte: Geduld und Dul⸗ dung gebietet mir mein Amt, und Zuftieden⸗ heit mein Gemuͤth.— Sie ſcheinen noch nicht dieſen Schutzgeiſtern des Lebens zu huldi⸗ gen; und noch dieſe Stunde wuͤrden Sie ſchon zu einem voͤlligen Einſiedlerleben von dem gan⸗ zen Stäͤdtchen verdammt ſeyn, wenn ich nicht ſchon ganz in der Stille einen Erſatz fuͤr Sie bereitet haͤtte.“ „Und der waͤre?“ „Ich wuͤrde vielleicht ſo ſtolz ſeyn, vor⸗ aͤufig meine Freundſchaft zu nennen,“ ſagte der Prediger ihm die Hand hinhaltend, wenn ich nicht etwas in der Hinterhand haͤtte, das ſie vielleicht auf kuͤrzerem Wege zu dieſem Ziel fuͤhren duͤrfte?“ „Ich fuͤrchte nur,— erwiederte Lothar einſchlagend—„das ich mein inneres Recht auf die erſte, durch die Nachlaͤßigkeit verwirkt, mit der ich verſäumt habe, mich darum zu be⸗ werben.—“ „ „Sie haben nur mich, wie ich hoffe,— ſo wie ich fruͤher Sie verkannt,— ich ahnete ———.— 21 — nicht, daß Ihr zuruͤckhaltendes Benehmen, Ihre beißenden Bemerkungen, Ihr tiefaͤtzen⸗ der Witz auf einen ſo ſchoͤnen Grund ruheten, wie Liebe zum Recht und zur Wahrheit iſt.— Laſſen Sie mich ganz offen ſeyn.— Ich nahm fuͤr Unmuth uͤber ihre innere Lage, uͤber Sie ſelbſt, was nur Unmuth uͤber aͤußere Ver⸗ haͤltniſſe geweſen,— ich habe einen aͤhnlichen auch einſt gefunden, und ihn beſiegt.— Ver⸗ goͤnnen Sie mir, daß ich nach Vermoͤgen dazu beitrage, dieſen Zwieſpalt in ihren Vorſtellun⸗ gen auszugleichen.“ „Lehren Sie mich nur,“ entgegnete Lothar,„wie man dieſe immer gleiche Ruhe, dieſe Anſpruchloſigkeit bewahren, dieſes Richt⸗ Erkennen ertragen kann, unter Menſchen, deren Thun und Laſſen Sie doch— in dieſem Augenblick bin ich davon uͤberzeugt— nicht billigen koͤnnen, und uͤber die Sie ſich g weit erhabener fuͤhlen muͤſſen.—““ „Meine erſte Regel—“ ſagte der Pee⸗ diger laͤchelnd—„iſt die, mich nicht irgend 8 jemanden zu erheben.— Welchen großen Un⸗ 22 —— terſchied finden Sie denn wirklich zwiſchen un⸗ ſerem Flecken hier und der Hauptſtadt?— Dort iſt die Bildung zu Hauſe, wollen Sie ſagen!— Nun ja! und doch reicht dieſe ge⸗ ruͤhmte Bildung, das will ſagen was wir im Allgemeinen unter dieſen Namen verſtehen, die mitunter nur nothduͤrftig hinreicht, um eine Gewandtheit an den Tag zu legen, welche die herrſchenden Leidenſchaften, Anmaßung, Selbſtſucht, innerliche Roheit nicht vertilgt. Nein! nur uͤbertuͤncht, waͤhrend alle dieſe hier beleidigen, weil ſie plump aber ehrlich ſich aͤußern;— ich werde dieſe innere Ueber⸗ einſtimmung, welche die geſammte gebildete Welt verbietet, weit umſtaͤndlicher darlegen koͤnnen, wenn Ihre Frage mich nicht auf mich ſelbſt beſchraͤnkte, und auf dieſe erwiedere ich: ich bin durch Entſagung aller unweſentlichen Anſpruͤche zufrieden geworden, durch die Ueber⸗ zeugung, daß alles, was wir unter dem Na⸗ men Welt zuſammen faſſen, ſo eitel, ſo ver⸗ gaͤnglich, ſo ſcheinbar, ſo— Ausnahmen abge⸗ rechnet— ſo wenig werth iſt, auf unſer beſſeres 23 ich zu wirken, daß ich, nicht im Aenſſeren, denn das verbietet mir mein Amt, ſondern im Inneren, mich von ihr ganz getrennt, und dazu gewoͤhnt habe, meine ganze Umgebung wie auf einer Buͤhne vor mir zu ſtellen, uͤber deren Erſcheinungen ich ohne Aerger, aber nicht ohne Theilnahme reflectire. Ich geſtehe, eine ſolche innere Abſonderung ſeines Weſens von ſeiner aͤuſſeren Umgebung iſt nicht leicht,— wenige werden es ſogar ohne bedeutende Unfaͤlle, die ihnen den bunten Verkehr verleidet, ſchwerlich dahin bringen koͤnnen, und oft ſind mir bei die⸗ ſen Gedanken die Worte unſers Religionsſtif⸗ ters eingefallen: wie ſchwer es den Reichen und Maͤchtigen iſt, in Gottes Reich eiſzuge⸗ hen!— Ich bin indeß gluͤcklicher gewor⸗ den.— Beiſpiele, innere Anſchauung, und eine, ſo zu ſagen, zur Entſagung nur geſtaltete aͤußere Lage, haben dies Wunder an mir, den noch lebensfrohen Manne, ausgerichtet.— Ja, ich bin uͤberzeugt, daß meine innere Ruhe,— wenigſtens nur einige unmuthsvolle Augen⸗ blicke ausgenommen, worin doch immer Fleiſch „ und Blut ſeinen Einfluß auf den Geiſt be⸗ haupten muͤſſen,— mich ſelbſt in Kerker⸗ mauern nicht verlaſſen ſoll.— ich habe Bei⸗ ſpiele genannt, und ich will ihnen ſolche vor die Augen fuͤhren.“ Lothar fragte zweifelnd:„Hier im Orte 2“ „Allerdings—“ war die laͤchelnde Ant⸗ wort—„ich will Sie in ein Nonnenkloſter fuͤhren.—“ „Reden Sie deutlicher— wir ſind in ei⸗ 5 nem proteſtaneiſchen Lande.“ „Geſtatten Sie mir, daß ich Sie mor⸗ gen Abend, als meinen Freund, mit dem herz⸗ lichen Wunſch Sie alſo nennen zu duͤrfen, bei der Landraͤthin einfuͤhre!“ „Sie nennen ihr Haus ein Kloſter! nun, den aͤuſſeren Anſchein hat es allerdings.—“ „Noch mehr im Innern.— Dieſe wuͤrdige Frau— die beſchwerliche Reiſe hieher vor wenigen Sommern abgerechnet— hat ſeit — ————— ———— 25 ihrem neunzehnten Jahre,— wo ein ungluͤck⸗ licher Fall waͤhrend ihrer erſten Schwanger⸗ ſchaft ihr Nervenſyſtem⸗ und mit dem ihren ganzen Koͤrper, zerruͤttet— ihre vier Waͤnde, ja ich kann wohl ſagen⸗ ihr Bett nicht ver⸗ laſſen. Sie ſieht ſeit beinahe vierzig Jahren in der Regel nur wenige vertraute Perſonen., und iſt hieher gezogen, um noch weniger zu ſehen.— Trotz dieſer ſtrengen Clauſur hatte ſie ſich ſelbſt die unverſchuldete Buße aufge— legt, die vornehmſten Frauen der Klatſcheom⸗ pagnie dieſes Fleckens bei ſich vorzulaſſen.— Sie wußte im Voraus, daß ſie ſich bald zu⸗ ruͤckziehen wuͤrden— aber ſie wollte deren Neu⸗ gierde befriedigen, damit ſie bald von hnen vergeſſen werden koͤnnte;— alle geſchmacklo⸗ ſen Freuden der Welt nahen nicht ihrer Schwelle; nur die ſtillen, die unſichtbaren, moͤchte ich ſagen, der Kuͤnſte und Wiſſenſchaf⸗ ten, machen ihr oft freundliche Beſuche; nur die Muſik nicht,— und doch— denn ſie liebt ſie, ſie genießt ſie in den Noten, die ihre Seele ſingt, aber ein lauter harmoniſcher ʒ— Akkord zuckt ſchmerzhaft durch ihren Koͤrper; — ich warne Sie im voraus, in ihrer Gegen⸗ wart die Stimme nicht ſo ſehr zu erheben!— So hat ſie ſich freilich anfangs gezwungen, allem weltlichen zu entſagen, ohne daß doch darum das Weltliche ihr fremd geworden iſt.— Sie genießt, froͤhlich mochte ich ſagen, die Welt in Erzaͤhlungen und Bildern, und fuͤhrt eine groͤßere faſt beſchwerlichere Cor⸗ reſpondenz als irgend eine Priorin eines deut⸗ ſchen Stifts.— RNennen Sie dies nicht ein Kloſterleben, ihr Haus ein Kloſter? deſſen Clauſur freilich kein abgelegter Eid, ſondern Schmerzen, unaufhoͤrliche Krankheit, und im— mer eue Leiden aufrecht halten.— In bei⸗ den wohnt die Entſagung, beides von der Nothwendigkeit bedingt; ich will nicht unter⸗ ſuchen, wo die ſchoͤnſte zu Hauſe iſt,— denn als Proteſtant kenne ich nur dieſe; ihr zur Seite athmet unter den groͤßten Schmerzen der Witz, aber der racheloſe; ſelbſt Menſchenkenntniß, aber liebevoll und entſchuldigend.— An ih⸗ rem Beiſpiel werden Sie ſehen, Freund! wie —, „ N ₰ — wenig außer vier ruhigen Waͤnden der Menſch braucht, um zufrieden zu ſeyn, und wie wenig er mit dieſer Ueberzeugung ſich um die Albern⸗ heit der Welt kehrt, und ſich daruͤber aͤrgert! — Alſo morgen?“ Lothar ſchlug freudig ein⸗ 3. Den folgenden Abend holte ihn der Predi⸗ ger ab, und kaum war er in das große, ußerlich etwas baufaͤllig ſcheinende Haus der Landraͤthin eingetreten, da war es i als wenn ein gelinder Lichtſtrom aus vorigen ver⸗ ſunkenen Zeiten ihn erfriſchend umſaͤuſelte; zwei ſparſam aber genugſam erleuchtete, nicht praͤchtige aber beim erſten Anblick ſehr woͤhn⸗ liche Zimmer nahmen ſie auf.— Im dritten, aus dem das feinſte Rauchwerk, und eine an⸗ genehme Waͤrme,— noch vor dem Ausgang des Oetobers— ihnen entgegen wogte, — ruhete auf einen Sopha eine alte Frau, deren Aeuſſeres, ſo wie ihr ſchneeweiſſes Morgen⸗ kleid in der erfreulichſten Uebereinſtimmung mit der zierlichen Einfachheit des Zimmers ſtanden. Ihre Zuͤge, aus denen die Gewalt eines lang⸗ ſamen anhaltenden Schmerzes faſt jede Spur von jugendlicher Schoͤnheit verwiſcht, waren mit einer ſo verklaͤrten Milde uͤbergoſſen, daß man ohne jene nur einen Augenblick zu ver⸗ meiden, mit warmer Theilnahme in ihre noch glanzvollen Blicke hineinſchauete.— Vor ihr ſtand ein aufgedeckter Theetiſch, von dem das wuͤrzige Aroma ſchon duftete, und ihr gegenuͤber auf der andern Seite des Tiſches, ſaß fertig zum Eingießen eine zwar nicht ganz jugendliche Hebe, aber deren Hal⸗ tung, freundliche Anmuth und ſtille Be⸗ ſcheidenheit, nicht die Eigenſchaften wider⸗ ſprachen, welche jener Goͤttin beigelegt wer⸗ den.— Die untergeordnete aber liebevolle Ge⸗ ſellſchafterin der alten Dame war in ihr un⸗ verkennbar.— Ihr erſter Anblick ſchien bei Lothar eine tief in ſeinem Gemuͤth ruhende 29 Erinnerung zu erwecken, doch verſchwand dieſe ſluͤchtige Betroffenheit, ſobald er ſie naͤher ins Auge gefaßt.— Der Ausdruck ihrer Zuͤge ſowohl, als dieſe ſelbſt, waren von den unver⸗ wuͤſtlichen Spuren bösartiger Kinderblattern verwiſcht, die ihr die ſehr ausdrucksvollen Au⸗ gen allein unverunſtaltet gelaſſen hatten, welche mit liebender Sorgfalt, ſelbſt auf Koſten der hoͤflichen Aufmerkſamkeit⸗ worauf doch der Fremde Anſpruch machen konnte, nur auf die Gebieterin geheftet waren, um jedem Wunſch⸗ jedem Beduͤrfniß zuvorzukommen⸗ die ihre Blicke verrathen moͤchten. Der heitere fruͤher erwaͤhnte Knabe ſtand neben der kranken Frau, mit einem Zehhen⸗ brett eiftig beſchaͤfftiget, zu dem er auch gleich zuruckkehrte, ſobald er die Eintretenden gegrußt, und waͤhrend der Unterredung fleißig fortarbeitend, von Zeit zu Zeit ſeine Riſſe der alten Dame zeigte, die, wie es ſchien, ſeine Lehrerin in dieſer Kunſt war.— Als der Thee eingenommen, und der kleine Kreis un⸗ eingedenk daß der Nachtwaͤchter des Staͤdt⸗ 30 ——— chens ſchon die Schlafſtunde angezeigt hatte, wir zu einem traulichen Geſpraͤch noch naͤher zuſammenruckten, verlor er ſich unbemerkt aus dem Zimmer. Lothar fuͤhlte ſich in dieſem Kreiſe, wie mit einem Zauberſchlag in den feinſten Zirkel der Reſidenz verſetzt; dieſelbe Mannigfaltig⸗ keit der Ideen, die Bildung, die als voraus angenommen, weder den Redenden noch die Zuhoͤrer beſchraͤnkte, wodurch man ſich aber 3 gleich auf einem gemeinſamen Standpunkt be⸗ fand,— kurz alles was einen abgeſchloſſenen Kreis wiſſenſchaftlicher Menſchen, die mit hei⸗ terer Behaglichkeit ihre Erfahrungen und blickliche Eingebungen austauſchen, an⸗ . fand Lothar hier vor, und doch zugleich etwas ganz anderes,— etwas noch hoͤheres, etwas gelaͤutertes— meinte er bei ſich ſelbſt, — was doch immer daran erinnerte, daß man ſich hier wie auſſerhalb der Welt befand, und nur die reiche Fuͤlle der Welt zu ſich hereinge⸗ bannt hatte!— War es vielleicht der leiſe Ton worin —— 31 — alles ausgeſprochen wurde, und jedem Harthoͤ⸗ rigen die Unterredung ungenießbar gemacht haben wuͤrde, der wie ein hoherer Geiſterhauch etwas befremdendes feierliches in der Stim⸗ mung Lothars hervorbrachte?— jedoch machte die Gewohuheit, daß bald auch ihm dies Fremd⸗ artige nicht mehr auffiel— oder war es viel⸗ leicht, weil die Tagesbegebenheiten der Auſſen⸗ welt ſelbſt die neueſten Ereigniſſe des kleinen Staͤdtchens, eben ſo wenig wie der perſoͤnlichen Verhaͤltniſſe dieſes kleinen Kreiſes nie mit einem Worte erwaͤhnt wurden, obgleich der Prediger, die Kranke ſelbſt und ſpaͤter auch Lothar— theils muͤndlich, theils aus ſchriftli⸗ chen Aufſaͤtzen kleine Erzaͤhlungen ausder Welt, wie zum Belege irgend einer Behaup⸗ tung, oder um damit eine Aufgabe zu loͤſen⸗ oftmals vortrugen. Die alte Dame hatte wirklich einen un⸗ gewoͤhnlichen Reichthum ſolcher Novellen bei der Hand, die in ihrem langen mit eigenen Begebenheiten armen Leben, ihr von guͤtigen und gebildeten Fremden wie zum Erſatz ge⸗ 32 — reicht worden waren, und ſie ermangelte nicht dieſe, wie durch ihr eigenes Nachdenken wie⸗ dergeboren, mit einem ganz eigenen Fleiß ſorg⸗ fältig nach dem Augenblicke gewaͤhlt, zur rech⸗ ten Stunde— vorzutragen.— Von dem erſten Abend an gehoͤrte Lothar in dieſem Kreis, den er nie verſaͤumte, und ihm auch wirklich den Unwillen des Staͤdtchens reichlich erſetzte, der diesmal— eben wegen der Aufnahme des Widerſachers bei den bedenk⸗ lichen Abendbeſuchen ſich auf den Prediger mit erſtreckte.— Von deſſen vielfachen Aus⸗ bruͤchen hier aber nichts.— Der Leſer wird hoffentlich mit Lothar froh ſeyn, dieſem kleiulichen Treiben den Ruͤcken kehren zu koͤnnen. Ja wir wollen ſogar des ganzen erſten, von aͤuſſeren Begebenheiten entbloͤßten Jahres, waͤhrend deſſen Lothar in dieſem Hauſe recht einheimiſch ward, nur mit wenigen Worten erwaͤhnen; um ſo mehr, da er, nachdem dies unter einem ruhigen geſelligen Genuß, der einen hoͤchſt wohlthaͤtigen Einfluß auf ſein In⸗ 33 neres nach ließ, verſtrichen war, obgleich er mit dem Innern dieſer Menſchen vertraut ge— worden, doch nur in ſofern ihre aͤußerlichen Verhaͤltniſſe kannte, als die Rede davon ging, und er ſelbſt ſchon den erſten Abend bei ſeinem Eintritt in dies Haus erfahren hatte. Die Lage des Orts und ihre reine Luft, der ſeltenen unheilbaren Krankheit ſeiner lie⸗ benswuͤrdigen Wirthin hoͤchſt zutraͤglich, moͤchte wohl die wichtigſte Veranlaſſung zu ihrem dor⸗ tigen Aufenthalte geweſen ſeyn, und eben der täͤgliche Anblick dieſer unheilbaren Kranken war es, der mit einem Ruͤckblick auf die eigene Unzufriedenheit und den eigenen Unmuth, Lo⸗ thar mit der kleinen Stadt, mit ſeiner Lage, mit ſeinem oͤfters entzweiten Selbſt allmaͤhlig verſoͤhnte. Die Kranke war lahm; ſie konnte ſich nicht von der Stelle bewegen, mit unter nicht einmal ſelbſt die Taſſe zum Munde fuͤhren; und die Zeit, waͤhrend der ihr der freie Ge⸗ brauch ihrer Haͤnde beraubt war, ſchien ihr die ſchmerzlichſte zu ſeyn. 3 34 „Nicht meintwegen,—“ erklaͤrte ſie ſelbſt—„denn mir wird, Gott ſey Dank, die Zeit nie lang, ſondern theurer Freunde wegen, die abweſend ſich immer beunruhigen, wenn Sie nicht die Zeilen empfangen, die ich eben ſo gern niederſchreibe, wie ſie dieſelben zu verlangen ſcheinen! Dictirte Briefe mag auch ich nicht gern; es iſt mir als fehlte ihnen ob auch nicht der Geiſt ſelbſt, ſo doch der Flam⸗ menhauch des Geiſtes, der wie ein ſanfter Wind die Feder durch die innerſten Regionen des Herzens, oft dem Schreibenden ſelbſt un⸗ bewußt, fuͤhrt.— Briefe, die nicht ſelbſt ge⸗ ſchrigen ſind, ſagt ja ein Dichter— —„ſind nur der Freunde fluͤcht'ger Gruß, doch ein warmer Kuß des Geiſtes iſt die eigne Handſchrift.“ Selbſt ihr Kopf war mitunter von Mor⸗ gen bis zum Abend ſo' wuſt, ſo ſchwer, daß ſie ihn kaum von dem Kiſſen erheben konnte, nur des Abends, nur die Nacht fuͤhlte ſie ſich 35 — ganz gegen die Gewohnheit der meiſten Kran⸗ ken erleichtert, und freien offnen Geiſtes⸗ „Es iſt mir die Zeit, wo die ganze irdi⸗ ſche Natur ſchlaͤft—“ pflegte ſie zu ſagen— „in der meine Seele es vermag, ob auch nicht ihre Ketten zu ſprengen⸗ ſo doch den Druck ihrer Feſſel unwirkſam zu machen; da fuͤhle ich, was ich ſeit meiner kurzen Jugend— ohne es damals dankend erkannt zu haben— nicht genoß, eine Empſindung des Gluͤcks: ge⸗ ſund zu ſeyn, und die volle Geſundheit der Seele; dann hole ich, in ſofern meine Kraͤfte hinreichen, die Kenntniſſe nach, die ſonſt, weit fruͤher als mich, gebildete Menſchen begluͤcken. — Es iſt als ſcheut ſich meine Seele die Erde zu verlaſſen, ohne einen wuͤrdigen Begriff von den Kindern ihrer Natur und den Wunder⸗ werken ihrer Kunſt und ihrer Kenntniſſe zu beſitzen, ohne ſich einige der Schaͤtze anzu⸗ eignen, die ihren Kindern zu Gebote ſtehen.— Steht es nicht jedem an, geſchmuͤckt und be⸗ reichert aus der Fremde in die Heimath zuruͤck⸗ zukehren,— darf die kluge jungfraͤuliche 3* 36 Seele denn einen ſo wuͤrdigen Schmucrk ver⸗ ſchmaͤhen. Meine Reiſe durch die Welt iſt auf ein armſeliges Fahrwerk beſchraͤnkt, das ſogar dem Auge die offene Ausſicht benimmt; es iſt nun einmal ſo— darum ſuche ich nur es ſo bequem und woͤhnlich wie moͤglich um mich zu machen, und beſcheide mich— da es mir doch vergoͤnnt iſt, vieles unverkuͤmmert zu mir hineinbringen und genießen zu koͤnnen, was mit andern Umſtaͤnden leicht in dem guten Staͤdtchen fuͤr Contrebande angeſehen werden duͤrfte.“ Lothar fuͤhlte mit Beſchaͤmung wie erhaben bei ihren Leiden ihre Ergebung ſeinem Unmuth in einem ſo geſunden Koͤrper gegenuͤber ſtrahlte, und er gab ſich mit ganzer Seele der freudi⸗ gen Geſelligkeit hin, die hier zwiſchen vier undurchdringlichen Waͤnden ihren ſtillen unbe⸗ lauſchten Tempel errichtet hatte,— wo die Leiden der Erde, und die Erde ſelbſt ſeine Gewalt verloren, und ein jugenbliches Leben, Kraft und tuth in ſich zog, ſolcher dereinſt zu trotzen. 4. Aber ein noch herzlicheres Band feſſelte Lothar mit jedem Tag feſter an das Klo ſter— ſo wurde nun ſcherzweiſe das Haus der Wittwe von dieſem kleinen Kreis genannt⸗ nachdem Lothar einſt ſeinen Freundinnen dort jene Un⸗ terredung mit dem Prediger, die ihn in Be⸗ ruͤhrung mit ihnen gebracht, offen mitgetheilt hatte;— waͤhrend derſelbe in dem Staͤdtchen, wo es ſeit der Einfuͤhrung und der haͤufigen Beſuche des Ausgeſtoſſenen dort, wieder ein Gegenſtand der Unterhaltung und Neugierde geworden war, mit den Beinamen: das„Ge⸗ heimnißvolle“ beehrt wurde.— In der Regel kamen die Freunde erſt ziemlich ſpaͤt des Abends zuſammen; und Lothar, der, wie wir wiſſen, jetzt faſt eben ſo iſolirt von der ſoge⸗ nannten Geſellſchaft— er beſuchte ſelbſt die Reſource nicht mehr— wie die Wittwe ſelbſt⸗ — lebte; hatte von ſeinen Beruſsgeſchaͤften meh⸗ rere Stunden uͤbrig, brachte nun leicht ſeine fruͤher erwähnte Idee zur Ausuͤbung, dieſe ſich ſelbſt erfreulich, und dem Pflegeſohn der Wittwe nuͤtzlich zu machen;— deſſen Lehrer er nun mit noch groͤßerem Eifer und Aufwand von Zeit, als fruͤher ſelbſt der Prediger, wurde.— Es that auch wirklich dem Kinde Noth darum; denn es gelingt nur ſelten ſelbſt den trefflichſten Weibern einen Knaben fuͤr die Welt zu erziehen, und hier war der Fall um ſo ſchwieriger, da von beiden Damen des Hauſes, die eine wenigſtens factiſch mit der Welt unbekannt war, und die andere taͤglich mehr von ihr entfernt wurde. Beide uͤber⸗ ließen ihn mit einer ſichtbaren Freude gaͤnzlich das Kind, und er widmete auch dieſem mit einer faſt ſchmerzlichen Zaͤrtlichkeit, wie von ſchwerer Erinnerung uͤberwallend, die ueueß Vaterliebe.— Der Knabe ſchien uͤbrigens von ſeiner fruͤheren Jugendzeit nicht viel zu wiſſen, viel⸗ 39 leicht war es ihm ſogar bedeutet, nicht davon zu ſprechen. Lothar fragte auch nicht. Aus einzelnen Ausdruͤcken der Landraͤthin ließ es ſich nur ſchließen, daß jener geringen, viellelcht unbekannten Eltern ſein Daſeyn zu danken hatte. Es ſchien als ſpreche ſie nicht gern⸗ davon. Der Knabe nannte zwar die Land⸗ raͤthin Mutter, und die Geſellſchafterin Tante. Die Unmoͤglichkeit der erſten Benennung er⸗ klaͤrte ſich von ſelbſt, und die letztere war deutlich nur darum gewaͤhlt, um durch eine verwandte Beziehung ein genuͤgſames ver⸗ trauliches Verhaͤltniß ſeſt zu ſtellen. Von der Stellung der Geſellſchafterin zu der Welt wußte Lothar eben ſo wenig, ob⸗ gleich ſie ihm nach und nach immer groͤßere Theilnahme einfloßte.— Sie ſchien indeß auſſer allen Verbindungen mit der Auſſenwelt zu ſtehen.— Zufaͤllig hatte er erfahren, daß die Madame Link, noch nicht ſeit ihrem Hier⸗ ſeyn mit der Landraͤthin irgend einen Brief erhalten, noch irgend einen Beſuch empfangeni — 40 —— und ſo von der ganzen Welt vergeſſen, ſchien auch ſie nur dem Kleinen dieſes Hauſes ſich ganz anzuſchließen.— So wie beim erſten Anblick ihre Haltung Lothar ergriffen, ſo traf mitunter irgend ein Laut ihrer Stimme,— wenn ſich dieſer zufaͤllig ſtaͤrker als gewoͤhnlich erhob— ſonderbar ſeine Bruſt. Es war ihm ſelbſt deutlich, daß eine entfernte unbeſtimmte Aehnlichkeit mit einem Gegenſtand, der ihn im Innern wechſelsweiſe anzog und abſtieß, ſeine Erinnerung an dieſen lebhaft erweckte, und ihm dieſe Frau immer theurer machte. Ihre aͤuſſere Perſoͤnlichkeit, ihr von Blattern mas⸗ kirtes Geſicht war zwar nicht abſchreckend, aber doch auch an ſich nicht anziehend; nur ihre innere gleiche Ruhe, ihre ſtille doch innere Heiterkeit, ihre ſanfte Zuneigung zu dem Knaben, dem ſie unaufhoͤrlich vorhielt: wie viel Liebe er der Mutter ſchuldig waͤre, und wie er ſich nur beſtreben muͤſſe, ihr Frende zu machen; die ſtrenge Ordnung mit der ſie das Hausweſen der Wittwe beſorgte, die liebe⸗ volle Verehrung, die ihr die Dienerſchaft be⸗ 41 zeigte,— das alles lehrte Lothar ſie ſehr hoch zu ſtellen, obgleich es ihm mitunter ſchien, als wenn ſie ſich nicht ohne Aengſtlichkeit be⸗ ſtrebte, ein trauliches Verhaͤltniß zwiſchen ihr und ihm aus dem Wege zu gehen, und in ſolchen Augenblicken, in denen der Zufall ſie beide mit einander allein zuſammen fuͤhrte, eine gewiſſe Scheu verrieth; welche Scheu in ſeinen Augen auf Furcht vor neugierigen Fra⸗ gen uͤber fruͤhere Verhaͤltniſſe zu deuten ſchien⸗ und eben dadurch ſeine Neugier erregte; ob⸗ gleich mit dem Gefuͤhl, daß er um ſo weniger ein Recht auf Vertrauen behaupten koͤnne, da er ſelbſt gar nichts von ſeinem fruͤheren Leben mitgetheilt hatte.— Jedoch war es, als wenn ſie alle, beſonders die Wittwe, ſeine Seele durchſchaueten.— Ei nun! er meinte ja auch die ihrigen ganz zu kennen.— Da traf zum Zweitenmal ſeit Lothars Bekanntſchaft mit dieſem Hauſe⸗ der Geburts⸗ tag des wackern Knaben ein, der dem vaͤter⸗ lichen Lehrer ſo theuer geworden war. Ob⸗ 2 — gleich es ihm ſchon, ohne daß er es ſich ſeibſt geſtehen wollte, von Anfang an ſchneller zu den Knaben gezogen, daß dieſer zufaͤlligerweiſe denſelben Taufnamen wie er trug, ſo ſchien doch dieſer Umſtand ihn mit einer ſonderbaren Schwermuth zu erfuͤllen. Als das erſtemal dieſer Tag in dem kleinen Kreiſe gefeiert wurde, und er ſich noch nicht mit ſo unzerreiß⸗ baren Banden an denſelben gefeſſelt fuͤhlte, war dieſe Feierlichkeit,— die ſich damals nur durch einen kleinen Tiſch, auf dem mehrere unbedeutende Geſchenke lagen, und ein Deſſert, das nach dem Thee herumgereicht wurde, und wobei dem Knaben geſtattet war, laͤnger als gewoͤhnlich zu verweilen,— ohne ihn zu ergreifen, voruͤbergegangen; diesmal war es ihm aber, als ginge die Feier des Tages auch ihn an, als feierte er zugleich ſein eigenes Gluͤck, ſeine eigene dunkle Hoffnung auf die Zukunft!— Er begab ſich ſogar am Morgen dieſes Tages, ganz gegen Gewohnheit in das Haus 6 43 der Wittwe; doch ſprach er nicht ſie, nur die Geſellſchafterin, die ſichtbar erſchuͤttert ohne Wortevor ihm ſtand, als er ihr eine Menge ſehr zweckmaͤßige und ſehr theure Geſchenke mit der Bitte in die Haͤnde gab, daß ſie die Landraͤthin uͤberreden moͤchte, ihm, obgleich ihren fruͤheren geaͤußerten Grundſaͤtzen entge⸗ gen, zu vergoͤnnen, ein Weſen, das zwar un⸗ ter ihrer Furſorge ſtand, allein, an dem er ſich auch eine Art von Eigenthumsrecht angeeignet hatte, damit zu begluͤcken.— Die Geſellſchafterin verſprach ihm ziem⸗ lich kurz und trocken, nachdem ſie ſich nur mit Muͤhe gefaßt hatte, daß ſie ſogleich der Ge⸗ bieterin ſeine Wuͤnſche vortragen wuͤrde, glaubte ihm aber vorher verſichern zu koͤnnen, daß die Landraͤthin— die ausdruͤcklich ihrem Freunde verſagt hatte, koſtbare Geſchenke in ihr Haus zu bringen,— gewiß ruckſichtlich eines Knaben, der wie theuer und lieb er auch ihnen allen war, nur Anſpruche auf ein ſolches Gluͤck in der Welt hatte, das ſeine eigenen 44 — Kraͤfte ihm erwerben konnte, und durchaus nicht verwoͤhnt werden durfte— keine Aus⸗ nahme geſtattet wuͤrde, Sie verließ ihn, und nach wenigen Mi⸗ nuten zeigte der alte Bediente des Hauſes dem aͤngſtlich Harrenden, zu deſſen eigener Verwunderung uͤber einen ſo offenbaren Wi⸗ derſpruch, an, daß die Landräthin die Geſchenke dankbar angenommen;— bat ihn zugleich im Namen der Geſellſchafterin, die ihr Ausbleiben nicht ganz fein mit den Geſchaͤften des Tages entſchuldigen ließ, heute Abend etwas fruͤher als ſonſt ſich einzufinden.— 8 Kaum hatte Lothar zur beſtimmten Stunde, zugleich mit dem Prebiger die Schwelle uͤber⸗ ſchritten, als der Knabe von der bhevorſtehen⸗ den Freude ſchon im Voraus berauſcht, beiden um den Hals ſprang, uͤber ihre laͤngſt erſehnte Ankunft hoch jauchzend, denn er war aus den Zimmer der Mutter vertrieben, und ihm erſt geſtattet, mit den erwarteten Freunden es wie⸗ 45 der zu betreten.— Mit ihm in der Mitte naheten ſie ſich dem Zimmer der Kranken. Aber hineingetreten, weder horte noch ſah Lothar was um ihn vorging.— Es ſchien als haͤtte eine ploͤtzlich erwachte Erinnerung aus ſeinen fruͤheren Verhaͤltniſſen ihn lebhaft ergriffen, denn er blieb bei dem Anblick eines kleinen mit einem Teppich bedeckten, einem Altar aͤhnlichen Tiſch, auf welchem die Ge⸗ ſchenke des Knaben ausgebreitet lagen, und zu dem dieſer ſo gleich hingeſtuͤrzt war, betroſſen ſtehen, waͤhrend ſeine Blicke ſich uͤberraſcht zu einem Blumenkranz erhoben, der uͤber dem Tiſch ſchwebte, und in dem der Anfangsbuch⸗ ſtabe von dem Namen des Kindes transpa⸗ rent zu leſen war— doch wie erſchuͤttert ſenkte er ſie bald zu dem Boden nieder, und ließ ſie dann wieder ſchuͤchtern uͤber die Ge⸗ ſichter der Freunde hingleiten, von denen die Landraͤthin allein ihn feſt und laͤchelnd betrach⸗ tete. Der Blick des Predigers ruhete dage⸗ * 46 gen wohlgefaͤllig auf den frohen Knaben. Die Geſellſchafterin ſchien nur mit dem Theeapparat beſchaͤftigt.— Es war als fuͤhlte Lothar die Nothwen⸗ digkeit etwas zu ſagen, doch hatte er noch keine Worte gefunden, als der Knabe, welcher in den vorliegenden Geſchenken, ſeine kleinen und verwegenſten von Lothar erſpaͤheten Wuͤn⸗ ſche uͤber Erwartung erfullt ſah, und wahr⸗ ſcheinlich durch einen Blick des Predigers be⸗ lehrt wer der Geber ſey,— mit ſtürmiſcher Freude, die ihm doch nicht das Geſetz des leiſen Redens vergeſſen machte, die Arme um Lothars Hals ſchlang, und das Geſicht an ſei⸗ ner Bruſt verbarg. „Laß mich Dich Vater nennen,“ ſagte er leiſe und verſchaͤmt,„ſo wie ich die Mutter Mutter nenne, denn Du liebſt mich ja wie ſie, und ich habe Dich ſo gern, ſo gern!“ „Ja!“— rief Lothar, vergeßlicher als der Knabe, weit lauter als gewoͤhnlich—„Du —————— ——,—— ——— 47 ſollſt mein Sohn ſeyn, fuͤr den ich nur zu athmen ſtrebe.“ Er unterbrach ſich ſelbſt, denn ein jaͤhes Zuſammenfahren der Geſellſchafterin und ihr faſt zorniges Hinweiſen auf die nervenſchwache Gebieterin, belehrte ihn, daß er ſich vergeſſe. „Entſchuldigen Sie, theure Freundin!“ fuhr er ſich faſſend und dabei erroͤthend leiſe fort,—„wenn meine Lebhaftigkeit, die mich noch uber die Gebuͤhr hinreißt, Ihnen einen Augenblick wehe gethan hat.— „Nicht doch,“ erwiederte ſie ſanft— „₰ch bin im Gegentheil froh⸗ daß Ihre freundliche Aufmerkſamkeit Sie verhindert habe, eine Unbereilung gans auszuſprechen.— Kommen Sie! ſetzen Sie ſich bei mir,“ fuͤgte ſie ſchnell hinzu, um die Worte der Frage, welche ſeine Blicke ſchon ausgeſprochen, vorzu⸗ beugen.—„Sie wiſſen, daß ich noch mehr als laute Rede jede Ruͤhrung befuͤrchte, die mein Gemuͤth zu ſehr bewegt,“ und nun lenkte ſie mit der unnachahmlichen Biegſamkeit ihres Geiſtes die Unterredung auf ſolche Gegen⸗ 48 ſtaͤnde, die mit den Anſpruͤchen des kleinen Heros, dem die Feierlichkeit des Tag's gewid⸗ met, uͤbereinſtimmend waren. 5. Endlich kam die Stunde, wo der freude⸗ trunkene Knabe ſich zur Ruhe begab.— Kaum konnte Lothar, dem eine unruhige Schwermuth den ganzen Abend hindurch ſicht⸗ bar befangen gehalten, erwarten, daß er das 3 Zimmer verlaſſen, als er ſich mit leiſem Vor⸗ wurf in der Stimme, doch ſehr zart zu der Landraͤthin hinwandte. „Das Wort Uebereilung haben Sie fruͤher genannt, verehrte Frau! begann er, „glauben Sie das nicht.— In der Gegen⸗ wart ſo theurer Freunde ſcheue ich mich nicht auszuſprechen, was ich zwar ſchnell aber darum nicht weniger feſt im Herzen gelobt.— Ich fuͤhle das Beduͤrfniß fuͤr jemand insbeſondere zu leben; jemanden, den ich liebe, meine noch friſchen Kraͤfte zu widmen.“ 3 3 49 „Und lebt denn Niemand, der Ihnen naͤher angeht, als ein Weſen, dem es ja nicht an Liebe gebricht?“ fragte ihm die alte Dame freundlich, aber mit einem durchdringenden Blick!— „Was ich im Leben zu beſitzen glaubte, iſt mir verloren gegangen⸗„ erwiederte er fin⸗ ſter,„ſo wie mir das Leben ſelbſt. Es kann arm an eigenem Gluͤck, fort an nur durch frem⸗ des Gluͤck ſich fortſpinnen.“ „Arm am Gluͤck?“ rief der Prediger raſch, „woher nun wieder dieſer plotzliche Unmuth— dieſe truͤben Gedanken, die ich ſchon laͤngſt be ſiegt glaubte!— Und ſo ſprechen Sie hier— lieber Freund, in unſerer Mitte, wo wie ich hoffte⸗ Sie doch ſchon empfunden hatten, daß das Gluck, das beſſere, das des Herzens und des Gewiſſens jedem menſchlichen Gemuͤthe bluͤht, wenn er es nur ehrlich ſuchen will.— Iſt denn unſre arme Freundin hier— ja! ich wage es zu ſagen, denn ich kenne ſie,— iſt ſie nicht glucklich?“ 4 50 „Sie iſt es, und Sie verdient es zu ſeyn!“ erwiederte Lothar mit Waͤrme. „Und verdienen Sie es auch nicht, daß wir— wir, auf deren Urtheil ſie doch große Stuͤcke halten,— Sie ſchaͤtzen und lieben?“ fuhr der Prediger fort. „Warum nicht? und doch—“ fuͤgte er von ſeinen Erinnerungen noch niedergebeugt hinzu;—„kann Gluͤck aus Verirrungen ſprießen?— was der leichtſinnigen Jugend nur einen kurzen Seufzer gekoſtet— beſchwert oft in unzuberechnenden Folgen dem Mann den freien Athem—“ „Sie moͤgen Recht haben, Lothar!—“ ſiel die Geſellſchafterin unwillkuͤhrlich ein, und ſchwieg betreten eben ſo ſchnell wieder. Ihr Kleinmuͤthigen!“ nahm der Pre— diger laͤchelnd aufs neue das Wort.—„Ler⸗ net Staͤrke und Zuverſicht zu Gott und Euch ſelbſt, von dieſer Frau.— Nur aus dem Boͤſen kann, weil es das Boſe iſt, kein wah⸗ res Gluͤck ſprießen— denn das Boͤſe kennt nicht die Wahrheit.— Aber aus Verirrun⸗ — ůÜÜ 51 gen wohl— ſelbſt aus den blutigſten, und groͤßeres moͤchte ich faſt ſagen, als der erreicht, welcher ſich nie verirrt hat; denn wie kann der die Hoͤhe meſſen und ſchaͤtzen, der die Tiefen nicht kennt.— Verirrungen ſind nicht der Fluch der Menſchheit.— Ol glaubt das nicht;— ſie ſind der ewig bluͤhende Baum des Erkenntniſſes, von dem jeder Menſch ſeit Evas Apfelbiß koſten muß, um von dem irdi⸗ ſchen Paradies heraus getrieben, dem himmli⸗ ſchen, der innern Ruhe des verlorenen und wieder ſeibſt erworbenen Friedens zugefuͤhrt zu werden.— Ja! ich muͤßte mich ſogar vor dem fuͤrchten, von dem ich beſtimmt wuͤßte, daß er ſich nie verirrt haͤtte.— Der iſt kein wahrer Menſch— das warme, wallende Blut, das in unſerm Herzen klopft, und uns allen, die wir athmen zu einer großen Bruͤderſchakt vereint, fließt nicht in ſeinen Adern; Verirrungen ſind 23 die Bedingung der Menſchheit; darum machen* ſie, in ſofern ſie nur als Verirrungen erkannt werden, nicht das Ungluͤck der Menſchen, aber der Kleinmuth, die Geiſtes⸗Traͤgheit, die un⸗ 4 52 —— maͤnnlichen Schwaͤchen machen es, in welchen befangen man die Vergangenheit wegen dem anklagt, was eine muthloſe Gegenwart ver— ſchuldet.— Und deutet nicht ſelbſt die Vor⸗“ ſicht in vielen ihrer Winke darauf hin? Es faͤllt mir ſo eben ein ſolches ſtilles Seelengluͤck, das ſie ſichtbar aus einer groben Verirrung geleitet, ein,— eine Begebenheit, die mir fruͤher in zweifelhaften Stunden Troſt einge⸗ floßt, obgleich der Ausgang derſelben das Ge⸗ praͤge einer fremden Religionsform traͤgt. Ich will ſie Ihnen vortragen, ſo wie ſie mir mit⸗ getheilt iſt, und ſie meiner Behauptung zur Ehre: Gluͤck aus Verirrungen nennen.“ „Und auch wohl nach den Umſtaͤnden ein⸗ richten!“ ſagte die Geſellſchafterin lachend mit leiſem unglaͤubigen Kopfſchuͤtteln.— Obgleich mit Verſtand und auch Geiſt begabt, war doch ihr Sinn ſo vorzuͤglich auf das praktiſche Leben geſtellt, daß ſie nicht ſtets die hoͤheren Be⸗ ziehungen ſogleich zu faſſen ſchien, welche der Prediger aus den altaͤglichſten Geſchichten her⸗ * 3 —— — vorzuheben wußte, und die im Gegentheil ihre kraͤnkliche Gebieterin immer ſo ſchnell und maͤchtig ergriffen.— Uebrigens ein ſehr be⸗ greiflicher Gegenſatz;— denn die altaͤglichen Beziehungen des gewoͤhnlichen Lebens wurden von den theilnehmenden Freunden fern von der Leidenden gehalten, waͤhrend jene hoͤheren, erſt nachdem die Geſellſchafterin ſich ſpaͤt einem nur zu altaͤglichen Leben entriſſen, Gelegenheit fanden, auf ſie zu wirken.— „Nach den Umſtaͤnden—““ wiederholte der Prediger,„eben nicht! aber wohl ſolche Umſtaͤnde klar hervorheben, wodurch die Be⸗ gebenheit ein abgeſchloſſenes Ganze er⸗ ſcheint.— „Und darin eben beſteht die Kunſt mein Kind, nicht allein die des Erzaͤhlers, ſondern noch mehr die des Lebens!“ verſetzte die alte Dame.—„Es geht mit der Erzaͤhlung wie mit dem Bilde eines lebenden Menſchen.— Es muß eine hoͤhere Wahrheit darin ſeyn, als die, welche der aͤuſſere Farbenſchein des altaͤg⸗ lichen Lebens offenbart;— das nur ſo oft mit dem falben Nebel ſeines armſeligen Ver⸗ kehrs die edlern Zuͤge bedeckt,— und ſo wie nun der geiſtvolle Maler dieſen leicht wegzu⸗ heben ſucht, ſo muß auch der Erzaͤhler aus den vielen ſtoͤrenden aͤuſſeren Erſcheinungen, die zu entfernen, und die zu ergreifen wiſſen, wodurch der Charakter lebendig und am meiſten vollendet hervortritt.—“ „Oft,“ nahm der Prediger das Wort, „wenn von einem Ereigniſſe geſagt wird„es iſt nicht des Erzaͤhlens werth“ llegt doch dieſe angezeigte unbedeutenheit nur an dem Erzaͤh⸗ ler, oder an dem Beobachter; eben darum iſt oft die zweckmaͤßige Darſtellung des Lebens lehrreicher, als das Leben ſelbſt, wenigſtens in Beziehung auf manche leichtſinnige Gemuͤ⸗ ther, die viele Begegniſſe unbeachtet vorbei ziehen laſſen, welche in Buchſtaben ausgeſetzt und in das beliebte Taſchenformat eingefaßt, den lebhafteſten Eindruck auf ſie machen.— Ja noch mehr, was die Weltleute im allgemeinen im Leben ſelbſt, entweder nicht glauben wollen oder verſpotten, weil ſie,— theils aus Neid⸗ ——— 55 theils von ſo vielen ſtoͤrenden Rebenereigniſſen, von ihrer eignen traͤgen Nachlaͤßigkeit und lauen Bequemlichkeit verhindert, die oft unſichtbaren Faden der Begebenheit zu entdecken und zu verfolgen— immer geneigt ſind an gleiche Vollkommenheiten bei ihrer Umgebung zu zweifeln, das bewundern ſie glaͤubig und ge⸗ ruͤhrt, wenn ein guter Erzaͤhler ihnen die Muͤhe ſpart ſelbſt zu denken, und die wahre Motive darlegt, ſtatt deren ſie aus vorer⸗ waͤhnten Gruͤnden, mit einer kleinen Schaden⸗ frende gemiſcht, den erſten beſten gehaͤßigen Grund angenommen haben.— Ich behaupte ſogar, wenn die Menſchen ſich nur bemuͤhten, ſolche Begebenheiten, in denen ihre Bekannte und Freunde auftreten im hiſtoriſchen Sinn, und wie in einem Rahmen, in dem ſie ſelbſt nicht hinein gehoͤren, außzufaſſen, wuͤrde dadurch viele Klatſcherei in der Geburt erſtickt werden, und vielleicht Viele ſich in der Wirklichkeit aus Furcht vor der Meinung der Welt weniger ſchaͤmen, eben ſo unumwunden rechtlich zu han⸗ deln, wie die Perſonen, deren Handlungen ein 56 treuer Erzaͤhler uns nur klarer dargeſtellt hat, als ſie im Leben erſchienen ſind.— Eine gute vorgetragene Erzaͤhlung iſt und ſoll ja auch nichts anders ſeyn, als ein Spiegel des Lebens, aus dem die Flecken des irdiſchen Staubes und der Nebel der Aetherſchwere ſo ſorgfaͤltig verwiſcht ſind, daß in ihm alles durch das befleckende Anhauchen der Gemeinen, ſonſt unſichtbare, ſichtbar wird. Viele, die ſonſt im Leben aus Mangel an Muth allein das Rechte zu thun, dieſes aufgeben, wuͤr⸗ den aus ſolchen Erzaͤhlungen vielleicht Kraft ſchoͤpfen, das Urtheil der Menge zu verachten, ſo lange der innere Richter ſie freiſpricht.— Eben die unſelige Verwechſelung dieſer beiden Contraſte macht den Menſchen es zu ſchwer, ſich ſelbſt zu vertrauen.“ „Sie haben Recht!“ rief„und wir alle werden, beſonders ich, dem Sie ja einen Spiegel vorzuhalten gedenken, Sie mit wahrer Andacht zuhoͤren.— Fangen Sie getroſt an.“ Der Prediger erzaͤhlte:— Gliick aus Verirrungen. — Die belden einzigen Sproſſen zweier angeſe⸗ henen und maͤchtigen Geſchlechter in Rom, waren von der fruͤheſten Jugend an durch eine innige Freundſchaft verbunden, und ſo wie in ihrer Denkungsart und ihren Reigungen eine innere Uebereinſtimmung herrſchte, ſo ver⸗ breitete ſich dieſe nicht weniger auf ihre auſſeren Verhaͤltniſſe, nur mit dem Unter⸗ ſchiede, daß der junge Ranucelli ſchon fruͤh Vater und Mutter verloren hatte⸗ Sal⸗ vati ſich dagegen des ſchoͤnen und ehrwuͤr⸗ digen Alters ſeiner Eltern noch erfreuete; auch zog dieſer dadurch ſeinen Freund noch naͤher an ſich, welcher in dem Pallaſte dieſer gut⸗ muͤthigen Alten, und in ihrem liebreichen Um⸗ gange, das alles zu ahnen ſchien, was er bei⸗ nahe von ſeiner Geburt an hatte entbehren muͤſſen, und ſo jetzt mit Dankbarkeit und Ehr⸗ 60 — furcht eine Art von Erſatz dafuͤr genoß, welche ihm ſeine Freundſchaft verſchaffte. Mit Freude ſahen auch die Eltern, ſo wie beider Verwandte, wie die jungen Leute ſich immer enger an einander ſchloſſen, denn in jenen unruhigen und ſtreitſuͤchtigen Zeiten brachte die feſte Verbindung zweier ſo ange⸗ ſehenen Haͤuſer ein beſtimmtes Uebergewicht hervor. Salvati's Pallaſt ſtellte auch im Laufe der Zeit ein ſeltenes Schauſpiel dar, wobei die geſchmackvolle Pracht und der uͤppige Glanz der Medicaͤer nach Rom hinuͤber gezaubert ſchien, indem die Vermaͤhlung beider Freunde durch ein oͤffentliches, ſeit vielen Jahren ver⸗ mißtes Feſt, gefeiert wurde, als ſie ſich an Einem Tage, in der naͤmlichen Kirche mit den Toͤchtern zweier nicht minder maͤchtigen Haͤuſer verbanden, und nachher in Salvati's praͤchtigem Ritterſaale ihr vereinigtes Hochzeitsmahl hiel⸗ ten.— Die Freude dabei war allgemein und in allen Augen ſichtbar, deſſen ungeachtet glaubte doch Salvati in dem Blick der Mutter eine „ 61 ihm fremde Wehmuth wahrzunehmen, ſelbſt der Vater, bemerkte er, ſah oft ſtumm und ge⸗ dankenvoll auf den Boden⸗ Noch am Abend deſſelben Tages indem die Gaͤſte in froher Ausgelaſſenheit durch einander jubelten, ſchlich ſich Salvati zu ſei⸗ nem Vater hinaus, der ſich in dem anſtoßen⸗ den Garten unter den bluͤhenden Orangen ganz dem ernſten Nachdenken zu ergeben ſchien, zu welchem die mondhelle italieniſche Nacht mit ihrer wunderbaren Stille ſo ſehr einladet. Hier ergriff er liebevoll des Vaters Hand und fragte ihn um den Grund ſeines Lrübſinns. Der Alte ſah ihn lange ſchweigend an, darauf ſagte er in einem von Schmerz und Freude gemiſchten tiefen Gefuͤhl: Ich habe jetzt den froheſten Tag meines Alters erlebt, da ich das Gluͤck meines einzigen Sohnes durch Liebe und Freundſchaft befeſtiget ſehe; doch es darf ja keine irdiſche Freude ganz von allet Bitterkeit frei ſeyn, daß wir nicht in die Verſuchung gefuͤhrt werden, zu vergeſſen, wo wir noch ſind. Ja! ich fuͤhle mich mitten in meiner Freude tief gebeugt, und ich will Dir den Grund meiner Unruhe auch nicht verheh⸗ len. Es iſt Dir bekannt, daß Deine Mutter ſchon fruͤher in ihrem Leben bei beſonderen Gelegenheiten ganz ſonderbare Traͤume gehabt hat, welche, ſo ausgelegt, wie es nur die Vernunft und die Erfahrung eingab, mehr als einmal Begebenheiten, die nachher eingetroffen ſind, voraus geſagt haben. Nachdem wir geſtern Abend mit inbruͤnſtigen Gebeten vor der Madonna heiligem Bilde, ſie um ihren Segen fuͤr Euch Beide angerufen hatten, be⸗ gaben wir uns zur Ruhe und ſchliefen auch bald ein. Als ich gegen Morgen erwachte, fand ich Deine Mutter aufrecht an meiner Seite ſitzend, mit dem Kopf auf die Hand geſtuͤtzt, in tiefen Gedanken; ich merkte gleich, daß ſie irgend einen bedeutenden Traum ge⸗ habt haben muͤſſe, und befragte ſie um den⸗ ſelben. Nun erzaͤhlte ſie mir, daß ſie mit den Gedanken an Eure Vermaͤhlung und an eine lange Reihe froher Jahre eingeſchlummert war, —— ————— und wie es oft geſchieht, daß Traͤume unſere Trauer in Freude und unſrer Freude in Trauer kehren, ſich im Schlafe im Grabgewoͤlbe un⸗ ſeres Geſchlechts befunden; es war ſo eben ein Leichenbegaͤngniß gehalten worden, und es kam ihr ſogar vor, daß es unſer eignes bezeichne. Die Saͤrge waren ſchon hinuntergeſenkt, und das Trauergefolge zog ſich in einem undeutli⸗ chen Haufen zuruͤck; doch hielt ſie, die Mutter, das Auge auf zwei junge Pferde geheftet, deren Reuter abgeſtiegen waren, die ſie aber als Dein und Deines Freundes Leibſchimmel erkannte. Sie waren ganz mit koͤſtlichen Decken behangen, mit unſerem und Ranucellis Wap⸗ pen geſchmuͤckt, ſo wie dieſe denſelben Abend im Brautſaale aufgehangen waren, und ſo wie ſie dort zum Zeichen Eurer Freundſchaft mit Blumenketten zuſammengeſchlungen ſind, ſo ſchienen ihr auch im Traume die beiden Thiere mit ſchwarzen Riemen mMd Zůumen mit einan⸗ der verbunden zu ſeyn. Beide nahmen nun von der öbrigen Schaar ganz entgegengeſetzte Richtung; allein, indem ſie nun immer ſtaͤrker 6 64 und ſtaͤrker der eine an der Seite des andern vorwaͤrts eilten, und gleichſam ſcheu durch eine unerwartete Erſcheinung einander in immer unbaͤndigerem Gallope fortzogen, wodurch die Rieme zerriſſen, und ſie ſelbſt ſich an einan⸗ der ſtießen und rieben, ja ſogar Blut auf ihrer Spur zuruͤck ließen, ſturzten ſie beide in ihrer blinden Wuth in einen breiten und tie fen Strom hinab, worin ſie unterſanken. Aber als nun Deine Mutter mit Furcht und Her⸗ zensangſt ihnen in den aufgeruͤhrten Wellen nachſtarrte, ſiehe,— da ſtiegen ſie ploͤtztich auf der andern Seite des Stromes wieder herauf; alles Zeug abgeworfen, ja ſogar mit veraͤnderter Farbe, denn beide Thiere ſchienen von glaͤnzenderer Weiße zu ſeyn, und wandel⸗ ten alsdann ruhig und langſam neben einander einem, wie es ſchien, fernen Dome zu. Die Mutter wandte die Blicke von ihnen auf den Strom zuruͤck, voll tiefer Betruͤbniß, daß beide Wappen darin zu Grunde gegangen waren, allein als ſie recht genau auf das Waſ⸗ ſer hinblickte, wurde ſie das eine Wappen ge⸗ 65 wahr, daß von einer weißen Waſſerlilie empor⸗ getragen durch die Wellen leicht zu der Kuͤſte, woher es gekommen, wieder hinuͤber ſchwamm, wo es ſich groͤßer und anſehnlicher als vorher, an einen neuen und unbekannten Pallaſt an⸗ heftete. Aber indem ſie ſich alle Muͤhe gab zu erkennen, welchem von Euch jenes ange⸗ hoͤrte, ward es auf einmal ganz dunkel, denn der Stein wurde vor das Grabgewoͤlbe mit ſolchem Geraͤuſch und ſolchem Nachdruck ge⸗ waͤtzt, als ſollte dieſes nie wieder geoͤffnet werden, woruͤber ſie mit einem heftigen Schreck erwachte.— Ganz beſtuͤrzt gingen wir nun Beide daruͤber zu Rathe, was wohl ein ſolcher Traum bedeuten moͤchte, und in der That, nur Eine Auslegung ſtellte ſich deutlich und traurig uns Beiden dar. Eure Freundſchaft wird Euren Tod, und in dieſem den Untergang eines uhſerer Geſchlechter nach ſich ziehen; doch weſſen, iſt uns, Gott ſey gedankt! nicht bedeutet! und giebt mir noch Hoff⸗ nung.— „Mein Vater,“ antwortete Salvati ernſt 5 66 und beſonnen,„der Traum kann auch eine gluͤcklichere Deutung verſtatten. Ich will ihn meinem Freunde mittheilen, und ich hoffe, daß wir ſeiner Auslegung eine Wendung geben koͤnnen, wodurch Eure Furcht aufhoͤren wird! Wie es aber auch gehen mag, die Zukunft ſteht in Gottes Hand!“ Den folgenden Abend, als beide Freunde ſich allein mit den Alten in dem ſtillen mond⸗ hellen Garten befanden, indem ihre jungen Hausfrauen, ſich in einer vertraulichen Unter— redung verwebt, entfernt hatten, ergriffen die jungen Maͤnner die Hände ihrer Eltern, und Salvati nahm folgendermaßen das Wort. „Ich habe mit meinem Freunde Euren ſonder— baren Traum beherzigt, und wir laͤugnen nicht, daß, ſo wie er auf unſern unauflösba⸗ ren Bund durch alle Stuͤrme des Lebens, ja ſelbſt im Tode, und jenſeits des Grabes hin⸗ deutet, er doch auch auf den Untergang eines unſerer beiden Haͤuſer Beziehung zu haben ſcheint; wir wollen wenigſtens jener, ſo freundlich als 67 moͤglich, vorzubengen ſuchen, und dem Him⸗ mel das Uebrige uͤberlaſſen! Hoͤrt daher, was wir feſt beſchloſſen haben, damit nicht das Blut irgend eines unſerer Staͤmme untergehe; doch bleibe es, ſo wie auch der Traum ſelbſt, ein tiefes Geheimniß unter uns, und auch nicht einmal unſere Weiber duͤrfen das Ge⸗ ringſte davon erfahren, auf daß nicht, wie oft geſchehen iſt, ein kleines unbeſonnenes Wort in Folge der Zeit ein bedeutendes Uebel ge⸗ baͤre.— Wenn der Himmel, ſo wie wir hoffen und wuͤnſchen, unſere Ehen mit Kindern ſegnet, wollen wir ſie auch in einer treuen und freundlichen Ehe vereinen. Es ſteht nun in Gottes Hand, wem er den Sohn und wem er die Tochter ſchenken wird,— Wenn dann auch die beiden Haͤuſer zu Einem wuͤrden, das Blut beider wird doch in dem zuruͤckgebliebenen Geſchlechte fließen.— Laßt daher Eure Betruͤbniß fahren, denn das uͤberlebende Haus, ſo haben wir es geſchworen, ſoll den Namen des an⸗ dern zu dem ſeinigen fügen, und größer und anſehnlicher Beider Wappen vereinen. * 5 68 Wirklich ſchienen auch die Alten durch dieſen Bund getroͤſtet, welcher noch mehr dazu diente die Einigkeit nnd die Macht beider Haͤuſer zu befeſtigen, und ſo lebten alle ohne weitere Aengſtlichkeit freudig der Zukunft entgegen.— Auch dauerte es gar nicht lange, als die Schwangerſchaft beider jungen Frauen neue Hoffnung und Freude in den beiden Haͤuſern hervorbrachte. Doch wuͤnſchte ſich jeder von den Maͤnnern heimlich in ſeinem Herzen den Sohn, und ſie freueten ſich Beide ſcherzweiſe mit dem Becher in der Hand, zu der erwuͤnſch⸗ ten Schwiegertochter. Ja, als wenn alles in dieſen beiden Familien uͤbereinſtimmen ſollte, fuͤhlten beide Hausfrauen beinahe zu Einer Zeit ihre Niederkunft nahen, und die Maͤn⸗ ner erwarteten ſtille und aͤngſtlich das Lvos, welches ihnen der Himmel ertheilen wuͤrde. Ranucelli's Weib gebar zuerſt, und ſchenkte ihm einen Sohn. Er hatte kaum den Jungen betrachtet und einen leichten Kuß auf die Stirn ——— 3 p F 69 — des Neugebornen gedruckt, als er zu Salvatis Pallaſt hineilte, welcher ihm mit freudeſtrahl⸗ lenden Augen unter der Pforte entgegen kam. Beide riefen auf einmal mit hoher Freude, in⸗ dem ſie ſich umarmten:„Ein Sohn!“ darauf ſahen ſie ſich verlegen und beſtuͤrzt an, bis endlich Salvati, der ſich zuerſt faßte, freudig ausrief:„Siehſt Du, mein Freund, wie ge⸗ nau wir vereint ſind, daß nicht allein unſere Wuͤnſche, ſondern auch die Erreichung derſelben Eins ſeyn muß? Doch ſeyn wir darum nur deſto muthiger, Toͤchter werden wohl auch kommen. Geben wir denn nun den Jungen unſte Na⸗ men, der Deinige heiße, wie ich, Chechino, der meinige ſoll Ceſaro genannt werden.— So wurden auch die Kinder getauft, welche anwuchſen und gediehen zur Freude der Eltern.— unterdeſſen ſchien der Himmel in der fol⸗ genden Reihe von Jahren ſich der Erfullung der liebſten Wuͤnſche der beiden Freunde hart⸗ naͤckig entgegen zu ſetzen, denn Salvatis Gat⸗ tin gebar ihm nicht mehr als dieſen einzigen 70. Sohn, und die des Ranucelli beſchenkte wohl ihren Mann mit noch einem Sohne, und ein Jahr darauf auch mit einer Tochter, allein dieſe beiden uͤberlebten nur kurz Salvatis hoch⸗ betagte Eltern, welche kaum in das Grab hinuntergeſtiegen waren, als ſie die froheſte Hoffnung ihrer Kinder bei ſich einſchloſſen.— Der Verluſt der Toͤchter machte beide Freunde gleich troſtlos, und ſie nahmen ſich gemeinſam vor, aus allen Kraͤften dahin zu arbeiten, daß ihre Freundſchaft wenigſtens den Soͤhnen zu Theil wuͤrde, und daß ſie einander eben ſo feſt verbunden, wie ihre Vaͤter werden moͤchten, da keine leibliche Verbindung zwiſchen den bei⸗. den Haͤuſern mehr zu vermuthen war. Es ſchien aber, daß dieſe letzte Hoffnung auch ver⸗ loren gehen ſollte, denn dieſe Knaben, wiewohl beide von Natur gut, gleich an Geiſt und an Talenten, vielleicht auch gleich an Gemuͤth, erriethen doch, ſo wie ſie aͤlter wurden, eine immer groͤßere Abneigung gegen einander, wahrſcheinlich durch die eigene Schuld der Vaͤ⸗ ter, welche unablaͤßig, in der Meinung, die „ 74 Kinder feſter an einander zu knuͤpfen, den Einen dem Andern zum Muſter und zur Nach⸗ bildung vorhielten, und dadurch, obwohl mit entgegengeſetzter Abſicht dieſe zwei ſtolzen Her⸗ zen immer weiter von einander entfernten. Es half nur wenig, daß ſie ſowohl in den Spielen, als in den Waffenuͤbungen und Stu⸗ dien unzertrennbar waren, denn obſchon ſie faſt immer wechſelsweiſe den Preis gewannen⸗ fuhlte ſich doch der erbittert, der nicht der Erſte war. Er ſah immer in dem Anderneinen beſchwer⸗ lichen Nebenbuhler⸗ den er ſich nicht vom Halſe ſchaffen konnte, und die Vaͤter ſahen leider zu ſpͤt ein, daß ſich Freundſchaft eben ſo wenig als Liebe erzwingen läßt Jedoch, unge⸗ achtet unzaͤhligemale kleine Streitigkeiten ſich zwiſchen den halberwachſenen Knaben ent flammten, wurden dieſe immer durch ihr eige⸗ nes gutes Gemuͤth und durch die treng Freund⸗ ſchaft ihrer Väter, welche ſie nicht aus dem Geſichte verloren⸗ bald beigelegt; auch ver⸗ kannten ſie nicht die guten Eigenſchaften⸗ Kenntniſſe und Kraͤfte des Andern, worin Je —— der ſich ſelbſt erkannte. Sie glaubten nur zu fuͤhlen, daß ſie nicht fuͤr einander paßten, und Einer beklagte ſich immer uͤber den unbeugſa⸗ men Stolz des Andern. Folglich ſuchte Jeder auf verſchiedenen Wegen Umgang und Freunde, zwar gefaͤllig und wohlwollend unter den Au⸗ gen der Eltern, kalt aber und zuruͤckhaltend, wenn dieſe nicht zugegen waren. Dennoch entſagten die bekuͤmmerten Vaͤter der Hoffnung noch nicht, in der Freundſchaft ihrer Kinder wieder aufzuleben; allein jeder Verſuch ſie naͤher an einander zu bringen, hatte nur die entgegengeſetzte Wirkung. Ceſaro und Chechino, die beide den Wunſch ihrer Vater kannten, aber zugleich fuͤhlten, wie unmoͤglich es ihnen waͤre ſich demſelben zu fuͤgen, ſuchten nur, wie ſie älter wurden, jeder Gelegenheit wo ſie ſich begegnen konnten, zu entgehen, um nicht ihr eigenes leicht beleidigtes Gemuͤth, und ihre Liebe und Ehrfurcht gegen die Eltern auf eine zu harpe Probe zu ſetzen. Allein wer entgeht ſeinem einmal zugetheilten Schickſal! Nur unſer Wille kann ſeine Freiheit behaupten, den 73 beſtimmten Gang der Begebenheiten vermag der Menſch nicht zu wenden.— Mit Erlaubniß des Vaters, der das von der Trennung hoffte, was der taͤgliche Umgang nicht bewirken konnte, unternahm Chechino Ranucelli eine Reiſe nach Neapel. Hier, wo das unendliche Leben ſich in ſeinen vollſten Kraͤften aͤuſſert, vergaß der feurige Juͤngling recht bald das ſtillere Rom, und ſeine vorige Umgebung. An dem Orte, wo er ſich ſeiner Freunde nur leicht und ohne Sehnſucht erin⸗ nerte, bekuͤmmerte er ſich auch weniger um jene, die ihm gleichguͤltig waren, und vielleicht wuͤrde er mit einem Herzen, mehr als jemals zur Verſoͤhnung und Freundſchaft geneigt, zu rͤckgekehrt ſeyn, wenn ſein boͤſes Schickſal nicht das Entgegengeſetzte beſtimmt haͤtte. In Neapel ſollte ſeine junge Bruſt zuerſt die Liebe kennen lernen, wiewohl nicht mit ihrem gan— zen Gefolge von Seligkeiten und Schmerzen. Es war nureine voruͤbergleitende, lockende Schoͤn⸗ heit, die ſein Blut in Aufruhr brachte, ohne daß 5 74⁴ Zeit und Gelegenheit ſolchen zu ſtillen, wohl aber zu vernehmen, erlanbten. Ein junges Maͤdchen, Angelika genannt, hatte den kurzen Triumph, ihren Namen auf den Lippen der neapolitaniſchen Jugend wiederhallen zu hoͤren. Auch Chechino hoͤrte von dieſem Wunder von Schoͤnheit reden, das, ſo wie man erzaͤhlte, ſehr ſtill und eingezogen mit einer alten Mut— ter lebte. Aus Neugier ſuchte er ſie zu ſehen, und wurde in allem Ernſte ergriffen; wenig⸗ ſtens glaubte er es, denn es wurde auf ein⸗ mal ſeine wichtigſte Angelegenheit, die Be⸗ kanntſchaft des Mäbchens zu ſuchen. Dies gelang ihm mit weit geringerer Muͤhe, als die Geruͤchte ihn hatten vermuthen 8 laſſen; allein gegen ſeine Erwartung fand er Angelika ſtill und in Thraͤnen; jedoch empfing ſie ihn mit einer Holdſeligkeit, die ihm ſchmeichelte und ihn berauſchte, und als ſie er— fuhr, daß er ein Roͤmer, und von einem an⸗ geſehenen Geſchlechte ſey, zoͤgerte ſie nicht, ihm zu geſtehen, daß er ihr Freude machen wuͤrde, im Laufe der Zeit, ihre Bekanntſchaft in ſei⸗ ner Vaterſtadt zu erneuern⸗ wo ſie ſich vorgenommen haͤtte, recht bald einen Zufluchts⸗ ort gegen ihr hartes Schickſal zu ſuchen⸗ welches ſie zwaͤnge Neapel zu verlaſſen. Wie ſehr er in ſie drang⸗ konnte er doch nicht mehr erfahren, und als er den folgenden Tag ſie wieder beſuchen wollte, einen Beutel mit Gold⸗ und eine Empfehlung an den von ſeinen Freun⸗ den auf deſſen Treue er ſich am meiſten ver⸗ ließ, mit bringend, war ſie verſchwunden, und hatte nur ein raͤthſelhaftes Blatt hinterlaſſen⸗ worin der liebekranke Chechino Spuren einer angehenden, jedoch gewaltſam unterdruͤckten Leidenſchaft zu finden glau te.— War es ein Wunder, daß er in ſeiner Bruſt eine noch heftigere fͤhlte? MWit Erbit⸗ terung vernahm er, wie das Gerucht die ver⸗ ſchwundene Schoͤne mißhandelte, welches einer ungebuͤhrlichen Liebesgeſchichte die Schuld die⸗ ſer Flucht gab, die jedoch, ſo wie er ſich uber⸗ zeugt fuͤhlte, nur Ungluͤck und Verfolgung ver⸗ anlaßt hatten. Wie gern waͤre er gleich nach 76 ———— Rom zuruck geeilt, es war ihm, als erweckte Angelika's Gegenwart dort Sehnſucht und alle fruͤhere Erinnerungen in ſeinem Buſen; allein die Zeit ſeines Aufenthalts in Neapel war nun einmal von dem Vater beſtimmt, und er konnte keinen annehmlichen Grund erfinden, dieſelbe zu verkuͤrzen. Indeſſen ſchickte er doch den einmal geſchriebenen Brief an ſeinen Freund ab, indem er deſſen Freundſchaft aufs neue in Anſpruch nahm, um recht genau uͤber Angelika's Beduͤrfniſſe, Sicherheit und Ehre zu wachen. Allein es verging eine ſehr lange Zeit, ohne daß er Antwort erhielt, nun konnte er es nicht laͤnger aushalten. Als er ſich end— lich ſchmeichelte, einen Vorwand gefunden zu haben, der ſeine Verwandte befriedigen konnte, kehrte er ploͤtzlich zuruͤck nach Rom. Er riß ſich aus den Umarmungen ſeiner Eltern und eilte zu ſeinem Freunde, hoͤchſt be— gierig, wie dieſer ſein verraͤtheriſches Stillſchwei⸗ gen entſchuldigen koͤnne. Es fiel ſeinem Freunde gar nicht ſchwer: Chechino's Brief hatte ihn am Rande des Grabes getroffen. Erſt kurz⸗ lich hatte er ſich im Stande gefuͤhlt ihn durch⸗ zuleſen, und durch einen Andern die Veran⸗ ſtaltungen zu treffen, welche ihm ſein Freund zugemuthet hatte. Allein, als der bald ver⸗ ſoͤhnte Chechino mit Fragen, Angeliken betref⸗ ſend, in ihm drang⸗ wurde er immer mehr verlegen und einſylbig; endlich da er nicht mehr umhin konnte, dem heftigen, ungeduldi⸗ gen Juͤngling eine beſtimmte Antwort zu ge⸗ ben, ſagte er ernſthaft?„Vergiß dieſe Un⸗ wuͤrdige.—“ „Sie hat mir kein Verſprechen gegeben, und iſt mir nichts ſchuldig,“ antwortete Chechino, wie es ſchien⸗ ruhig;„ſie hat ihre Freiheit, und darf damit ſchalten; ſage mir daher ohne Umſtande, wer beſitzt ihre Liebe?“ „So wiſſe denn,“ fuhr ſein Freund fort, „daß ſie in einer genauen⸗ wiewohl ſehr ge⸗ heimen Verbindung mit Ceſard Salvati ſteht; wann dieſe Bekanntſchaft angefangen⸗ oder 78 wie ſie gekommen, weiß ich nicht zu ſagen; es iſt unbezweifelt, daß Angelika zwar einge⸗ zogen, allein im fuͤrſtlichen Ueberfluſſe lebt, und Ceſaro begiebt ſich jede Nacht in ihr Haus.—“ Chechino ſtand bleich und ſtumm vor in⸗ nerem Groll, Die Erbitterung, welche in ſei⸗ nem Buſen gegen das ſchlaue Maͤdchen ent⸗ glomm, das er wohl nicht der Untreue, ſo⸗ dern der Schmeichelei und der Falſchheit be⸗ ſchuldigen konnte, kehrte ſich durch den Namen Ceſaro mit all ihrer Staͤrke gegen den Juͤng⸗ ling, der ihn trug, und in dem Augenblick glaubte er zum Erſtenmal recht deutlich zu empfinden, daß er jenen haſſe.— „Ceſaro, und immer Ceſaro!“ rief er außer ſich ſelbſt mit geballten Faͤuſten;„ſoll er mir denn immer in den Weg treten?— Soll er denn immer ſiegen? Nein, beim Himmel! nun iſt meine Geduld vorbei!—“ Es gelang indeß ſeinem Freunde ihn zu beruhigen, ihm Geduld und Verſtellung einzu⸗ — 79 floͤßen; doch kochte nichts deſto weniger Haß und Rache in ſelner Bruſt; zwar achtete er nicht Angelika ſo hoch wie vorher, jetzt, da die Glorie der Unſchuld⸗ worin ſie vor ihm erſchienen, erloſchen war; allein ihr einneh⸗ mendes Bild beſchaͤftigte noch ſeine Sinnlich⸗ keit.„Ja, ich muß ſie beſitzen!“ ſagte er zu ſeinem Freunde,„Ceſaro zum Trotze! Mein Recht iſt das aͤltere; mag er oͤffentlich oder insgeheim in ſeinem Herzen ſich viel auf die Treue und Tugend ſeiner Geliebten zu Gute thun, ich will noch geheimer ihre Gunſt mit ihm theilen, das ſoll meine Rache ſeyn. Viel⸗ leicht machen ſie ſich jetzt uber des verliebten Knaben Chechinos Thorheit luſtig! aber der lacht am beſten, der zuletzt lacht!“ Mit Faſſung, jedoch mit ungedaͤmpfter Erbitterung legte er ſeinen Plan an. Sein Freund kannte Angelika's Wohnung, und die Kirche, worin ſie gewoͤhnlich die Meſſe hoͤrte, war bald ausgeforſcht. Einfach gekleidet und in ſeinen Mantel gehuͤllt, naͤherte er ſich dem —— 3 5 knieenden Maͤdchen, er wagte beinahe nicht, ſich zu erkennen zu geben, aus Furcht, daß ſie heftig erſchrecken moge; allein ein ruhiges Lächeln und ein ſchnelles Zeichen, weder ſich noch ihn zu verrathen, lehrte ihn bald, wie ſehr ſie ſeine Meiſterin ſey. Schweigend knieete er'ihr gegenuͤber, und ſie hielten nun in der neapolitaniſchen Zeichenſprache, worin er auch nicht ganz unerfahren war, eine lange Unterredung, die ihm eine muͤndliche vertrau— tere Mittheilung recht bald verhieß. Einige Vorſicht und an verſchiedenen Orten, wurden ihm auch bald zugeſtanden; allein befriedigten auch dieſe ſeine Sinnlichkeit, ſo waren ſie doch ſeiner Rache nicht genug!— „NRein, meine Angelika!“ ſagte er end⸗ lich einmal, ohne ihr doch ſein Verhaͤltniß zu Salvati zu eroͤffnen,„welche Freude haben wohl dieſe kurzen aͤngſtlichen Augenblicke? Willſt Du mich recht von Deiner Gunſt uͤber⸗ zeugen, und daß Du mich meinem Rebenbuh⸗ N geheime Zuſammenkuͤnfte, jedoch mit vieler 81¹ ler vorziehſt, ſo vergoͤnne mir eine Nacht in Deiner Wohnung; erſt dort werden Deine Lieb⸗ koſungen mein hoͤchſtes Gluͤck ausmachen.“ Angelika erſchrack, und ſtellte ihm vor⸗ wie ſchwer, ja faſt unmoͤglich es waͤre⸗ ſolche Forderung zu erfuͤllen; ihre Leute waren dem Ceſaro ergeben, dieſer beſuchte ſie faſt jede Nacht und blieb er auch je zuweilen aus⸗ ſo wußte ſie doch nicht ſicher, ob er nicht noch kommen koͤnne.— „Angelika,“ fiel ihr Chechino finſter in die Rede,„ich habe alles ſehr wohl uͤberlegt, und weiß, daß es in Deiner Macht ſteht, Dich in mein Verlangen zu fuͤgen. In we⸗ nigen Tagen faͤllt ein großes Feſt in Ceſaro's Familie ein; es iſt ſein Geburtstag und zu⸗ gleich ber meinige,“ fuhr er mit leiſerer Stimme fort.„Unſer Beider Namensfeſt iſt ſogar auf dieſen Tag verlegt. Ich muß auch zugegen ſeyn; er wird von alten Zeiten her in Salvati's Pallaſt gefeiert, und der verſteht ſeine Gaͤſte die ganze Nacht hindurch zuſam⸗ 82 men zu halten. Ceſaro muß die Pflichten des Wirthes mit dem Vater theilen; er kann ſich unmoͤglich wegbegeben; mir iſt das leichter, und werde ich auch vermißt, liegt nichts daran. Ich fordere nun dieſen Beweis jener Liebe, wovon Du mir taͤglich ſo viel vorſprichſt; ich ſelbſt ſchleiche mich ungern von dort weg; doch ich weiß keine bequemere Zeit.“ Angelika war lange unſchluͤßig, und gab ihm keine beſtimmte Antwort; allein als nun ſelbſt Ceſaro einige Tage darauf, ſich recht um⸗ ſtaͤndlich uͤber dies Feſt, uͤber die Pracht und die Herrlichkeit aͤußerte, womit ihre Vaͤter, wiewohl ſchweigend⸗ doch innig, zugleich den Bund ihrer Freundſchaft durch jenes feierten, und ſogar im Laufe der Unterredung bedauerte, daß er mitten in dieſer allgemeinen Freude, woran auch er einen ſo warmen Antheil nehme, doch die, die er am meiſten liebe, vermiſſen muͤſſe, nemlich ſeine Geliebte, und nicht ein⸗ mal dieſer einen Augenblick ins Geheim wid⸗ men koͤnne, wurde das Maͤdchen dadurch ſicher, 83 — und trug weniger Bedenken⸗ dem Chechinv, deſſen Heftigkeit und Starrſinn ſie ſhte gelernt hatte, das zuzugeſtehen⸗ was er mit ſo dringender Gluth verlangte.— Jaͤhrlich feierten beide Freunde mit allen Verwandten dieſen Tag und diesmal, wie es ſchien, mit noch groͤßeren Zubereitungen und Pomp als gewoͤhnlich. Es war der zwanzigſte Geburtstag ihrer Soͤhne. Dieſe ſtanden nun beide in demſelben Alter⸗ worin ſie einſt den Bund ſchloſſen de ihre Freundſchaft verewi⸗ gen ſollte, ach eſe Foluung war fuͤr immer verſchwunden, und de i gegen einander vermehti Jetzt wuͤrde es ſich zeigen weſenheit die erſehnte Abſich rreicht haͤtte, ſie wollten jebt einen raſchen Verſuch machen, die Herzen der Juͤnglinge zu ruͤhren, und ſie, wo moöglich, naͤher an einander zu bringen. Nach alter Weiſe begab ſich Ranucelli mit ſeiner Frau und ſeinem Sohne, fruͤher als die uͤbrigen Gaͤſte, in Salvati's Pallaſt damit S beide Familien allein unter ſich den Werth die⸗ ſes Tages empfinden moͤchten. Beide Vaͤter umarmten ſich mit demſelben Feuer, wie in ihrer Jugend; aus den Augen der Frauen quollen muͤtterliche Freudenthraͤnen, und Ceſaro reichte mit raſcher jugendlicher Gutmuͤthigkeit dem Chechino die Hand, welchen er ſeit deſſen Zuruͤckkunft nur fluͤchtig geſehen und faſt mit keinem Worte geſprochen hatte.— „So recht! mein Sohn,“ rief Salvati, 6 der mit Freude dieſe Gelegenheit ergriff; „allein laß es Dir auch angelegen ſeyn, dieſe Hand zu halten. Meine Kinder, betrachtet Eure Vaͤter! ſeit unſerer fruͤheſten Jugend iſt unſre Freundſchaft die untruͤglichſte Stutze un⸗ ſers Lebens geweſen; ſie iſt es noch, und wird es auch im Tode ſeyn. Soll ein ſo ſchoͤner Bund, eine ſo feſte Wehr faͤr unſte Staͤmme, mit uns untergehn? Der Himmel hat uns die Freude verſagt, eine leibliche Verbindung zwiſchen unſere Haͤuſer ſtiften zu koͤnnen; wollen unſere einzigen Soͤhne uns des Troſtes berauben, ſie in den geiſtigen Bund treten zu ſehen, der ihre Vaͤter vereinte? Wohlan! moͤge dann ein leiblicher Bund Euch zu einan⸗ der fuͤhren; vielleicht vermag jugendliche Liebe mehr als die Freundſchaft Eurer Vaͤter. Der edle Lageratti wird mit ſeinen beiden Toͤchtern uns heute beſuchen; wir wuͤnſchen, daß dieſe Euch gefallen moͤgen; in der That, Ihr koͤnnt nicht beſſer waͤhlen, denn ſie ſind die ſchoͤnſten Jungfrauen in Rom. Die aͤlteſte iſt Dir be⸗ ſtimmt, Ceſaro; die juͤngere fuͤr Chechino⸗ Meine Kinder! in Euern ſchoͤnen Frauen werdet Ihr lernen: Euch zu lieben, Gutes und Boͤſes mit einander zu theilen! und Eure Schwaͤgerſchaft wird endlich das Freundſchafts⸗ band knuͤpfen, welches das hoͤchſte und letzte Gluͤck zweier Vaͤter vollenden wird, die Euch beide gleich lieben, und keinen Unterſchied zwi⸗ ſchen dem eigenen, und dem Sohne des Freun⸗ des machen.“ Verwirrt ſchlugen beide Juͤngli ge die Augen nieder. Ceſaro, in deſſen Buſen eine geheime und verderbliche Leidenſchaft wuͤthete, war keiner Antwort faͤhig, und Chechino, wie⸗ wohl er ſich ſchmerzlich und tief durch Salvati's Rede getroffen fuͤhlte, warf, indem er die Hand zuruͤckzog, alles auf dem verhaßten Ceſaro; allein, als ſeine Augen zugleich den Thraͤnen ſeines Vaters begegneten, ſenkte er ſie zu Boden, und der raſche Spott, der auf ſeiner Zunge ſchwebte, verſtummte auf ſeinen Lippen. Indeß beugten ſich Beide ſchweigend auf die Haͤnde ihrer Vaͤter, als ſey dies ein ſtummes Zeichen ihres Gehorſams. Ein lan⸗ ges peinliches Stillſchweigen ward von den hereintretenden Gaͤſten unterbrochen, wodurch die Verlegenheit der Soͤhne zwar aufhoͤrte, allein nicht die Unzufriedenheit und der Un⸗ muth, welche dieſe ſtumme Scene in den Bu⸗ ſen der Vaͤter erweckt hatten.— Bald erſcholl nun der Pallaſt allmaͤhlig pon Freude und Jubel, und die beiden Soͤhne, die ihre geliebten Eltern ungern kraͤnkten, er⸗ heuchelten eiten Frohſinn, der ihren Herzen — — 87 — fremd war. Ceſaro ſuchte ſich durch Wein und Muſik vergebens in die Reize der jungen Lavelotti zu berauſchen, indem Chechino ſtiller, und minder theilnehmend an der allgemeinen Freude, mit Unruhe die anbrechende Nacht er⸗ wartete, die ſeine Rache vollenden ſollte, uͤber deren Ausfuͤhrung er jetzt zum Erſtenmal im Streit mit ſich ſelbſt begriffen war, bis Ceſaro ihm, gutmuͤthig und ſcherzhaft,— allein wie er glaubte, ſpottend— im Voruͤbergehen zurief: „Du biſt ſo ſtill, Chechino? dieſe Nacht darf unſre Loſung nur Freude ſeyn!“„Recht ſo,“ antwortete dieſer;„allein die meinige wohnt in mir Ceſaro; nichts deſtoweniger hoffe ich ſie mit Dir zu theilen!“ Endlich ſchlug die erſehnte Stundes Chechino eilte uus demn Pallaſte, verkleidete ſich, und begab ſih A gelika's Hauſe. C„. eſaro dagegen iner mit ſei⸗ ner beſtimmten Braut, bis ſie ſich wit ihrem Vater nach Mitternacht zuruͤckzog. Run kehr⸗ ten die Gedanken des von Wein und Muſik 88 berauſchten Juͤnglings mit verdoppelter Staͤrke auf Angelika zuruͤck. Chechino war vermißt worden; es fiel ihm ein, daß Jener vielleicht auch in einer geheimen Verbindung ſtehe, die, ſo wie die ſeinige, mit Untergang bedrohet war, und daß er ſich nun wohl einen Erſatz fuͤr den Zwang der vorhergegangenen Stunden hole.„Und warum thue ich nicht das Gleiche?“ ſagte er zu ſich ſelbſt;„die Zeit iſt ſo kurz; eilen wir denn zu genießen! Sie er⸗ wartet mich zwar nicht, allein meine jetzt dop⸗ pelt feurige Leidenſchaft mag die Ueberraſchung entſchuldigen. Er begab ſich auf ſein Zimmer, ergriff ſeinen Dolch, den er nie bei ſeinen Nachtwan⸗ derungen zu Hauſe ließ, winkte ſeinen treuen Bedienten, und eilte nach Angelika's Hauſe. Leiſe oͤffnete er mit ſeinem Hauptſchluͤſſel die Hausthuͤre, und ſchlich die Treppe hinaufz allein, als er das Zimmer oͤffnen wollte, fand er den Riegel vorgeſchoben; gewohnt jedes Hinderniß ſchnell zu beſiegen, ſtieß er mit einem tuͤchtigen 89 Druck die ſchwache Thuͤre ein. Angelika's Maͤdchen, welches in der erſten Stube ſchlief, warf ſich mit einem lauten Geſchrei zu ſeinen Fuͤßen; ſie redete gegen ihre Gewohnheit ſehr laut, und ſuchte ihn zuruͤck zu halten. Auch in Angelika's Schlafzimmer merkte er eine Bewe gung; es kam ihm vor, als mache man die Thuͤre von innen zu⸗ Eine raſende Eifer⸗ ſucht fuhr ploͤtzlich todtend durch ſeine Bruſt; er ſtieß heftig das Maͤdchen zuruͤck, das jetzt mit furchtbarem Geheul aus dem Zimmer zu den Nachbaren eilte. Schnell riß er mit einem derben Griff die Thuͤr zum Schlafzimmer auf.— „Loſche die Lampe nicht aus, Angelika,“ hoͤrte er eine bekannte Stimme ſprechen,„daß es ſo kommt, iſt um ſo beſſer Das Weib ſtand zitternd in einer Scke, in das Betttuch gehuͤllt und auf dem Lager ſaß Chechino halbaufrecht. „Halbpart, Bruͤderchen! ſo wollen es ja un⸗ ſere Vaͤter,“ rief er den Hereintretenden ſtolz und trotzig entgegen.— „Nein, ganz Dein Blut⸗ Verraͤther!“ ſchrie Ceſaro, dem zugleich Chechinv's letzte 90 Worte im Pallaſt, vor dem Sinn ſchwebten— und in demſelben Augenblicke ſtieß er ihm den Dolch in die Bruſt. Ohne ein Wort mehr hervorzubringen, ſank jener auf das Lager zu⸗ ruck, ſchwimmend in ſeinem Blute. Nun kehrte der raſende Ceſaro ſich gegen Angelika mit dem blutigen Eiſen, allein ſein eigner Diener, die Magd und die Leute vom Hauſe ſturzten hinzu, und ergriffen ihn, wodurch Angelika Zeit ge⸗ wann zu entfliehen, und als nun der Diener beim Anblick des Ermordeten mit dem tiefſten Schmerz ausrief:„Chechino Ranucelli todt? O die armen Eltern!“ ſchien es, als kaͤme Ceſaro auf einmal zu ſich ſelbſt; er ließ den Dolch fallen, wandte ſich mit Abſcheu weg, und bedeckte das Geſicht mit ſeinen Haͤnden.. ———— 5 Unterdeſſen hatte das Geſchrei der Weiber das ganze Haus in Aufruhr gebracht. Die Nachbaren waren alle auf den Beinen; einige ſtuͤrzten in das Haus hinein, andre eilten er— 1. ſchrocken nach der Wache. Ein Wundarzt, der in der Naͤhe wohnte, kam zugleich, aber, obſchon 91 — er die Wunde leicht verband, erklaͤrte er alle Huͤlfe fuͤr vergebens⸗ und den Verwundeten fuͤr todt. Bei dieſer Ausſage⸗ die nur bekraͤf⸗ tigte, was Alle vor den Augen ſahen⸗ befurch⸗ tete Ceſaro's Bedienter alles fur ſeinen Herrn⸗ der ſtumm und unbeweglich mitten zwiſchen der tobenden Mete ſtand. Er warf ſich zu ſeinen Fuͤßen, und beſchwor ihn⸗ ſich durch die Flucht zu retten; wozu die Anweſenden nach roͤmiſcher Weiſe⸗ mehr durch Mitleid gegen den Mörder, als durch Abſcheu gegen den Mord, geſpornt, ihm gern den Weg eroͤffneten; allein Ceſaro blieb unbeweglich und hoͤrte ſeinen Die⸗ ner nicht, oder wollte ihn nicht hoͤren; und als nun die Wache endlich kam, welche ſchon den Namen des Ermordeten⸗ aber noch nicht den Thaͤter erfahren hatte, ließ er ſich willig⸗ ohn⸗ geachtet der Einrede des Dieners⸗ der darauf drang, daß man ihn erſt zum Pallaſte ſeines Vaters bringen ſollte, in die neuen Gefaͤng⸗ niſſe fuͤhren Angelika wurde vergebens ge⸗ ſucht, ſchnell und beſonnen hatte ſie die kurze Friſt benutzt, und war ſammet der Mutter und 92 — ihren Koſtbarkeiten verſchwunden. Der Die⸗ ner, da er ſeinen Herrn in den Haͤnden der Wache ſah, floh entſetzt nach Salvati's Pallaſt.— Es war gegen Morgen. Die Muſik hatte aufgehoͤrt, die Gaͤſte hatten ſich zum Theil entfernt, und die Uebrigen, ermuͤdeten die bei⸗ den Freunde mit langweiligen und beſchwerli⸗ chen Abſchieds⸗Ceremonien. Vergebens ſuchten dieſe ihre Soͤhne in den großen nur noch matterleuchteten Saͤlen; eine geheime Unzu⸗ friedenheit erfuͤllte ihren vaͤterlichen Buſen; ein undeutliches Vorgefuͤhl des Graͤßlichen, das ihnen bevorſtand;— doch wollte der Eine nicht dem Andern ſeine Stimmung geſtehen, und von dem ganzen munteren Schwarm verlaſſen, wandelten ſie ſchweigend ohne Worte finden zu koͤnnen, neben einander. Ploͤtzlich erfuͤllte ein wildes Geſchrei den Pallaſt, und Ceſaro's alter Diener ſtuͤrzte bleich und unbeſonnen, von einer tobenden Schaar begleitet, in den Saal, und zu ihren Füßen.„Huͤlfe! Gnade!“ ſtammelte er hervor,„Chechino iſt eheS — * 93 ermordet!“— Die Vaäter ſtanden einen Augenblick ſtumm und ohne Faſſung da. „Wer?— wo iſt der Moͤrder?!“ riefen ſie endlich Beide auf einmal,„Ceſaro Salvati!“ fuhr der Diener mit aufgehobenen Haͤnden ſort;„o eilet, retten ihn; er iſt in die Cär- ceri nuovi gefuͤhrt!—“ Bleich und ſtumm vor Schreck, faſt beſinnungslos, ſtanden die ungluͤcklichen Vaͤter da, die Blicke auf den Boden geheftet. Der unendliche Jammer ihrer Frauen, das Weinen und die Verwirrung der Dienerſchaar, brachte erſt die Maͤnner zu ſich ſelbſt, als die erſten Strahlen der Sonne uͤber den matten Schein der herabgebrannten Lichter ſiegten, die zu dem froheſten Feſte angezuͤndet waren. Ohne ſich anzuſehen, ſtuͤrzten die Freunde einan⸗ der in die Arme; gewaltſam faſt druͤckten ſie ſich die Haͤnde, ſchloſſen ſie Herz an Herz; aber, was am ſonderbarſten war, der feſte ſtarke Salvati ſchien zum Erſtenmale von Ra⸗ nucelli's Beſonnenheit und Gegenwart des Gei⸗ ſtes uͤbertroffen zu ſeyn.—* 6 94 „Muth und Eile, mein Freund! in u ſerm ſchrecklichen Schickſal!“ rief endlich die ſer;„es koͤmmt nur darauf an, Deinen Sohn zu retten!“ 2 „Chechino's Moͤrder iſt mein Sohn nicht!“ rief Salvati mit Abſcheu. „Er iſt jetzt der meinige,“ antwortete Ranucelli,„denn Du kannſt nie aufhoͤren ſein Vater zu ſeyn. Er iſt jetzt die einzige Hoff⸗ nung Deines und meines Stammes, wir muͤſ— . ſen ſie in ihm aufrecht erhalten!“ —— „Deinen Sohn hat er ermordet, Dein Blut hät er vergoſſen!“ „Mein Blut war immer bereit fuͤr Dich zu fließen, Salvati! und das Deinige rollt auch in ſeinen Adern. Du biſt es! Dein Ge⸗ ſchlecht, das auch einſt meinen Namen tragen ſoll iſt es, welches ich retten will. Ach, jett kann ich kein anderes fuͤhren!— Ich will es iten⸗ wie wir ihn befreien koͤnnen, aber vor der naͤchſten Nacht laͤßt ſich nichts begin⸗ nen. Die jetzige Staatsverwaltung ſieht un⸗ ſere freundlichen Verhaͤltniſſe und unſern Ein⸗ fluß mit ſcheelen Augen an; der regierende Pabſt iſt uns nicht hold; auf geraden Wegen richten wir nichts aus; allein iſt er erſt fort⸗ und erhebt ſich kein Anklaͤger, ſo wird die Sache mit der Zeit vergeſſen. Wir ſehen uns wieder dieſen Abend! Ich muß nun die arme tutter zu Hauſe fuͤhren, und mich nach der Leiche des Sohnes umſehen; Beſchaͤftigung iſt jetzt uͤberdies gut fuͤr uns Beide.“ „Ja! mein edelmuͤthiger Freund,“ rief Salvati,„das iſt ſie; ſie iſt mir immer ein Troſt im Ungluͤck geweſen,— allein in die⸗ ſem?!— Wohlan, handle wie Du willſt; aber uͤberlaß auch mir etwas zu vollbringen. Erlaube mir, fuͤr das Begraͤbniß Deines, meines Chechino Sorge zu tragen; erlaube, daß auch mein Wappen ſeine Leichenfeier ſchmuͤcke. Ganz Rom ſoll erkennen, daß ich keinen Antheil an dem Verbrechen n 96 Sohnes habe, und daß keine irdiſche Gewalt unſern Bund zu zerſtoͤren vermag! Leb' wohl, ich eile an meine Geſchaͤfte!“ Beide Freunde umarmten ſich, heftig, krampfhaft, aber ohne Thraͤnen,— in einer Stimmung, mit einem Feuer, das ſie uͤber ſich ſelbſt erhob, und ihre Freundſchaft zeigte ſich in ihrer ganzen Staͤrke, indem Jeder nur an das Ungluͤck des Andern dachte. Wirklich begab auch Salvati ſich gleich in das unſelige Haus, wo der ermordete Chechino noch in ſeinem Blute lag; väterlich umarmte er den Todten und mit tiefem ruhigen Kum⸗ mer ordnete er ein praͤchtiges Leichenbegaͤngniß an; doch um den Seinen und Ranucellis un⸗ gluͤckliche Familie einen traurigen Anblick zu erſparen, ließ er die Leiche nicht nach Hauſe fuͤhren, ſondern von Angelika's Wohnung aus beim Anbruch der Nacht in der naͤchſten Kirche beiſetzen, um am folgenden Abende dieſelbe nach dem Grabgewoͤlbe ihrer Haͤuſer fuͤhren zu laſſen. Selbſt folgte er in ſeinem Mantel . 97 — gehuͤllt, unerkannt dem feierlichen Zuge, in welchem drei Bruͤderſchaften mit Trauergeſaͤn⸗ gen und brennenden Kerzen den ſchoͤnen Juͤng⸗ ling auf einer praͤchtigen Bahre trugen⸗ von einer zahlreichen und neugierigen Menge um⸗ geben. Er blieb zuruͤck in der Kirche, bis die Menge ſie verlaſſen hatte; dann knieete er an der Seite des Ermordeten nieder, und nach langen inbruͤnſtigen Gebeten beſchenkte er reichlich die Kirchendiener, und jene, welche bei der Leiche Wache halten ſollten; darauf begab er ſich mit ſchwerem Herzen nach ſeinem Pallaſt.— Hier traf er Ranucelli an, welcher ihn ſchnell auf die Seite zog„Gieb mir all das Gold, welches Du baar haſt,“ ſagte dieſer. Sch habe ſelbſt nicht völlig tauſend Zechinen⸗ und er muß gut verſorgt werden; wer weiß⸗ wann wir ihn wieder ſehen; auch der Gefan⸗ genwaͤrter wird theuer zu erkaufen ſeyn⸗ „Ach,“ entgegnete Salvati mit Thraͤnen in den Augen;„ich will Dir nicht entgegen ſeyn, aber wie willſt Du bei tiefer Nacht in den Kerker dringen?“ 7 98 — Dafuͤr iſt geſorgt. Einige meiner treuen Untergebenen fangen Haͤndel in einer Oſteria in der Nachbarſchaft anz ſie ziehen die Meſſer gegen einander; der erſchrockene Wirth wird nicht ermangeln die Wache zu holen, um die Ruheſtoͤrer ins Gefaͤngniß zu fuͤhren. In dem Getuͤmmel werde ich mich verkleidet mit hinein ſchleichen, und es ſoll mir wohl gelingen, den Kerkermeiſter zu taͤuſchen. In meinem Pal— laſt wartet Deines Sohnes ein raſches, ſchon geſatteltes Roß und eine ſorgfaͤltige Verklei⸗ dung; wenn die Sonne ſich erhebt, ſoll er ſchon weit von Rom ſeyn. Salvati, begieb Dich in mein Haus, und ertheile Deinem Sohne Deinen Segen auf den Weg!“ „Nein, nein! ich komme von Chechino's Leiche; ich kann ſeinen Moͤrder nicht ſehen! O Ranucelli, Du retteſt ihn, Du, der Du urſache haſt, ihm zu fluchen!“— „Ich ſehe nur Deinen Sohn in ihm; als ein Salvati hat er Anſpruͤche auf meine thaͤtigſte Huͤlfe. Wir wollen nicht von Ver⸗ 99 —— gebung ſprechen; bedenke aber, daß wir Beide in ihm zu Grunde gehen, und erlaube mir, ihm den Segen ſeines Vaters zu bringen.“ „Salvati druͤckte ſchweigend ſeine Hand, und Ranucelli eilte ſeine Liſt auszufuͤhren. Alles gelang ihm nach Wunſch. Die reiche Geldboͤrſe brachte bald den Gefangen⸗ waͤrter zum Wanken, und der Umſtand, daß der eigene Vater des Ermordeten ſelbſt auf die Flucht des Thaͤters drang⸗ beſtimmte ihn um ſo mehr, da ſeine Verantwortung dadurch er⸗ leichtert wurde.— Er nahm ſeine Schluͤſſel und ſie begaben ſich beide nach dem Kerker; auf dieſem Gange empfand Ranucelli erſt recht lebhaft, was es ihn koſte, den Moͤrder ſeines Sohnes zu ſehen; es fiel ihm weniger ſchwer ſeine Feſſeln zu töſen; und er ſann noch vergebens auf die Worte, womit er im Stande ſeyn wuͤrde ihn anzureden, als die ſchwere Thuͤre ſich oͤffnete. Mit klopfendem Herzen trat er, dicht hinter dem Kerkermeiſter hinein, und er vermochte 7* 100 kaum ſeine Angen in die Hoͤhe zu richten, als ein lauter Schrei ſeines Begleiters ihm die Faſſung wieder gab. Das Gefaͤngniß war leer, und Ceſaro nirgends zu finden. Keine Spur eines gewaltſamen Ausbruches war zu ſehen, und den einzigen Eingang des Kerkers hatten ſie ſelber Schloß fuͤr Schloß geoͤffnet. Ungeachtet es nun die wirkliche Abſicht des Kerkermeiſters war, den Gefangenen zu be⸗ freien, verurſachte ihm doch deſſen unbegreif⸗ liche Entweichung einen ſo heftigen Schreck, daß er ohne Zweifel die ganze Wache in Be⸗ wegung gebracht haben wuͤrde, wenn nicht Ranucelli ihn mit Gewalt zuruͤckgehalten haͤtte. Nachdem dieſer ſich uͤberzengt hatte, daß keine Irrung Statt faͤnde, und daß Ceſaro ſich nicht mehr innerhalb der Mauern des Gebaͤu⸗ des befaͤnde, ließ er dem Gefangenwaͤrter die verſprochene Belohnung unter der Bedingung, den Entwichenen zu befreien, wenn dieſer wie⸗ der ergriffen werden ſollte. Mit leichterem Herzen, jedoch unzufrieden, ſein Unternehmen nur halb gelungen zu ſehen, begab er ſich zu Salvati, den er von dem Vorgefallenen unter⸗ richtete. Beider Kummer fand in ihrem ge⸗ meinſamen Ungluͤck und ihrer Freundſchaft eine troͤſtende Erleichterung⸗ und ſie durchwachten die traurigſte Nacht ihres Lebens mit minde⸗ ren Schmerzen, jetzt da ſie dieſe theilten⸗ als Jeder einzeln fuͤr ſich gethan haben wuͤrde. Der Morgen war ſchon angebrochen⸗ als ſie ein ſtarkes und ſchnell auf einander folgendes Pochen an die Pforte des Pallaſtes vernah⸗ men, ſie eilten ſelbſt hinunter um aufzu⸗ machen, und kamen den ſchlaftrunkenen Die⸗ nern zuvor, in der Vermuthung, daß es Ceſaro ſey⸗ der, nachdem er gluͤcklich aus dem Ge⸗ faͤngniſſe entkommen⸗ vergebens einen Zufluchts⸗ ort geſucht haͤtte, und jetzt keinen beſſern, als das vaterliche Haus wußte; jedoch fuhlte Sal⸗ vati bei dieſem Gedanken ſeine ganze Erbitter— ung erwachen. Er hielt plotzlich Ranucelli zuruck, und ſagte finſter:„Laß ihn ſtehen, er ſoll nicht mehr mein Haus betreten!— Unterdeſſen hatte der Pfoͤrtner gebffnet, und zwei Kirchendiener warfen ſich bleich und 102 verlegen zu Salvatis Fuͤßen.„Herr!“ ſtot⸗ terten ſie endlich hervor,„beſtrafet uns nicht in Eurem Zorne. Es iſt ein Raub geſchehen, den wir nicht erklaͤren koͤnnen. Ihr beſchenktet uns geſtern Abend zu reichlich; in unſerer Freude daruͤber wurden wir einig, uns einige Glaͤſer Wein in der naͤchſten Oſteria ſchmecken zu laſſen; nachdem wir die Kirchthuͤre ange⸗ lehnt hatten, haben wir uns dort eine Weile verſpaͤtet; aber da es nicht das erſtemal war, und wir zugleich wußten, daß in der Kirche nichts bei der Nacht vorzufallen pflege, als etwa ein leerer Spuck, um die Lebendigen zu erſchrecken, ſo nahmen wir ſchon oft es nicht ſo genau. Als wir aber gegen Morgen zu⸗ ruͤckkehrten, trafen wir aͤuſſerlich alles an, wie wir es verlaſſen hatten, allein als wir eintra⸗ ten war—— der Todte verſchwunden, und hin und wieder auf den Boden nur einige Blutstropfen ſichtbar, uͤbrigens aber keine Spur, die verrathen konnte, wohin die Leiche gekommen ſey.“ Hoͤchſt beſtuͤrzt ſahen die Väter ſich einander * 103 — an, und bald theilte die ganze Stadt ihr Er⸗ ſtaunen, denn Tage und Wochen vergingen⸗ ohne daß die Sbirren die Spuren der Leben⸗ digen entdecken konnten, und eben ſo wenig vermochten die Freunde, trotz aller erdenklichen Verſuche, nicht einmal eine Vermuthung zu faſſen: auf welche Art der Todte unſichtbar geworden ſeyn koͤnne; ja dieſer letzte Umſtand war ſogar Ceſaro heilſam, denn gans Rom vergaß bald die Flucht des Moͤrders⸗ uͤber das Verſchwinden des Ermordeten. Auch von die⸗ ſem hoͤrte man endlich auf zu ſprechen, nur in Ranucelli's und Salvati's Haͤuſern blieb der Eindruck dieſes Ereigniſſes gleich neu und dauerhaft. Umſonſt wurden die Freunde hei⸗ der Juͤnglinge eingeladen und theits dure iſt, theils durch Geſchenke ausgeforſcht, ſie wußten von nichts. Endlich wandte der Verdacht der Vaͤter ſich auf einen dritten Gegenſtand, als den der moͤglicherweiſe Aufklaͤrung geben, oder vielleicht auch ſelbſt in dieſe unerklaͤrbare Be⸗ gebenheit verwickelt ſeyn konnte, nemlich auf Angelika. Es gelang ihnen nach einigen Mo⸗ 104 naten unermuͤdlichen Nachforſchens ihr im Toskaniſchen auf die Spur zu kommenz; allein aller Drohungen, Verſprechungen und Ge— ſchenke ungeachtet, zwangen ſie ihr nur einen ſchriftlichen Bericht uͤber die ganze Verwicke⸗ ung bis zu Chechino's Morde und ihrer Flucht ab. Mit den heiligſten Schwuͤren betheuerte . ſie, von jenem Augenblicke an nicht das geringſte von den beiden Juͤnglingen gehoͤrt zu haben; 7 auch war ein glaubwuͤrdiges Zeugniß von ih⸗ 3 rem jetzigen ſtillen und ruhigen Leben beige⸗ fuͤgt.— Damit hoͤrten nun die Hoffnungen der Vaͤter, ſo wie ihre Unterſuchungen auf⸗ und da ſie beide hoͤchſt ungern ſich an dieſe Begebenheit erinnert ſahen, wurde ſie auch immer weniger in den Zuſammenkuͤnften der Familien beruͤhrt; nur wenn die beiden Freunde allein mit einander waren, waren nur ihre verſchwundenen Kinder der Gegenſtand ihrer vertrauten Ergießungen, ihrer nicht mehr zu— ruͤckgehaltenen Seufzer, und ſie ſuchten wech⸗ ſelsweiſe einander in ihrem gleich tiefen aber doch verſchiedenen Kummer zu troͤſten.— 105 ——— „Warum ſtets ſo muthlos, Salvati?“ ſagte oͤfters ſein Freund;„wir haben ja doch die Gewißheit, daß Dein Sohn lebt, und wir duͤrfen darauf bauenz jener unſelige Traum hat nur allzu treu unſere kummervolle blutbe⸗ ſpruͤtzte, allein ſelbſt im Tode unzertrennliche Bahn bezeichnet; ſein letzter troſtreicher Wink wird uns auch nicht betruͤgen. Ein Geſchlecht ſoll nicht untergehen und das iſt Deines!“ Salvati ſchuͤttelte alsdann den Kopf⸗ und entgegnete duͤſter:„Was Geſchlecht? beſſer er waͤre todt, als daß er Dein Blut vergoß! Nennſt Du das ein Gluͤck, daß er ein dunkles elendes Leben fuͤhrt, welches er nicht geltend zu machen wagt? Ach Ranucelli, Du darſſt mit Liebe an Deinen Sohn denken; ich muß mich des meinen mit Haß erinnern „Chechino hatte ihn groblich beleidigt;— wir kennen ja jetzt alle Umſtaͤnde!“ „Wahr! wahr! es iſt mir auch ein ge⸗ heimer Troſt, daß Ceſaro nicht ein verwerfli⸗ 106 ches Ungeheuer iſt;— allein kann das einen Brudermord entſchuldigen? waren ſie nicht Bruͤder? ſind ihre Vaͤter nicht ein Leben, Eine Seele?!“ Unter ſolchen peinlichen ſinſtern Geſpraͤchen vergingen Tage, ja ſelbſt Jahre; doch fuͤhlten Beide tief im Innern, daß die Zeit auch Ceſaro's ſchweigender Vermittler geworden ſey. Ranucelli empfand, daß es ihm jetzt ſchon leichter ſeyn wuͤrde, den Moͤrder ſeines Soh— nes zu ſehen, und Salvati entzweite ſich oft mit ſich ſelbſt, wenn er ſein Herz in Sehn⸗ ſucht nach ſeinem einzigen Sproͤßlinge uͤber— raſchte. Allein fuͤnf Jahre waren nun bei— nahe verfloſſen, und jede Hoffnung mit ihm faſt zerronnen. Zwar kamen ſie, wie vorher auf dem Geburtstage ihrer Soͤhne zuſammen; aber wie verſchieden von den fruͤheren Feſten! Sie hoͤrten, wie vorher, die Meſſe in Salva⸗ ti's Hauskapelle, aber letztere war nicht mehr praͤchtig mit Seide und Blumen ausgeſchmuͤckt; eine Glorie von Lichtern drang nicht mehr durch die wohlriechenden Weihrauchswolken; ſeit ———— 107 jenem ungluͤckſeligen Tage ſtand die Kapelle ſchwarz bekleidet da, und zwei unſcheinbare Kerzen brannten demuͤthig vor! der heiligen Monſtranz. Zahlreiche Gaͤſte beſuchten nicht mehr den prunkenden Pallaſt, welcher vorher an die⸗ ſem Tage durch ſeine koſtbaren Teppiche, ſeine Beleuchtung und ſeine Feuerkraͤnze ganz Rom in Bewegung geſetzt hatte; nun umfaßte er nur innerhalb ſeiner ſtummen Waͤnde die bei⸗ den Maͤnner mit ihren Frauen in einer trau⸗ rigen Stille. Es war an einem ſchoͤnen Octobertage, als der fuͤnfte Jahrstag eintrat. Wie ge⸗ woͤhnlich, hatten beide Familien zuſammen die Meſſe gehoͤrt und begaben ſich hernach in Salvati's Garten hinaus, wo diesmal im Freien ihr einfaches Mittagsmahl aufgetragen ſtand. Es war unter demſelben Baume, wo man den Freunden den merkwuͤrdigen Traum ausgelegt hatte, wo jſie jenen vom Himmel verworfenen Bund in den Haͤnden der Alten geſchloſſen hatten. Alle dieſe Erinnerungen * 108 — durchflogen ſchmerzlich Ranucelli's Seele, doch verlor er darum nicht ſeinen Muth,„die Sonne ſcheint ſo mild und erfriſchend auf uns hernieder durch die ſtillen Pinien,“ nahm er das Wort;„ſie ergreift mich ſo ſonderbar, auch finde ich an dieſem Tage nach der Meſſe mein Herz neu geſtaͤrkt und erleichtert. Frei⸗ lich geht das bald wieder voruͤber, allein in ſolchen Augenblicken iſt es mir doch, als empfinde ich recht klar daß die Vorſehung mit uns Beiden es gut meint, wie tief und ſchmerzlich ſie uns auch beugte. An einem ſo geſegneten Tage, wo die Sonne als ein Bild Gottes ſich uͤber die ganze Natur und guch uͤber uns verbreitet, bin ich gezwungen zu glauben, daß ſie noch einen freundlichen Troſt fuͤr uns aufbewahren muß⸗ ob ich zwar nicht ſehe woher er kommen ſoll; mit der Fort⸗ dauer unſeres Schmerzes will uns der All⸗ maͤchtige nicht ſtrafen.—“ „Strafen?“ entgegnete Salvati fin⸗ ſter;„verdienen Freundſchaft, Liebe und Einigkeit Strafe?“ 109 — „Nein! aber Stolz und Eigenmacht! Durch einen raſchen Entſchluß griffen wir in die Rechte der Vorſehung ein, die ſtill und ſchweigend nur durch die Nichterfuͤllung unſerer Wuͤnſche uns zeigte, wie thoͤricht dieſe waren; nicht minder eigenmaͤchtig wollten wir, wie zum Trotze, den Soͤhnen unſere Gefuͤhle und unſte Denkungsart einfloͤßen⸗ und indem wir ſo unſeligerweiſe dem Willen Gottes vorgriffen, zerſtoͤrten wir den ruhigen Gang der Natur, und zwangen unſre Kinder ſich zu haſſen, die ſonſt vielleicht ſich geliebt haben wuͤrden.“ antwörtete Salvati leiſer,„das habe ich oft mir ſelbſt geſagt; nun, wir ſind dafuͤr geſtraft und haben gelernt⸗ uns in Gottes Willen zu fuͤgen.“ Er wollte noch ferner ſo fortfahren, als ſein Auge auf die Gartenthuͤr ſiel, die weit offen ſtand.„Wie?““ rief er verdrießlich, indem er ſich halb vom Sitze erhob,„wiſſen denn die Diener nicht, daß, wenn wir keine Beſuche annehmen, wir auch nicht fuͤr auf⸗ 1¹0 dringliche Moͤnche ſichtbar ſind? Kann man denn nie ungeſtoͤrt ſeyn?—“ Alle wandten jetzt die Augen gegen den Eingang, durch welchen zwei junge, bleiche, ganz weiß gekleidete Carmeliter Moͤnche ſich langſam gegen ſie hinbewegten; allein, was Erſtaunen bei Allen erregte, war, daß es ſchien, als ob ein kleiner Engel zwiſchen beiden ging, und ſie an der Hand haltend, ſchnell vorwaͤrts zog. Zwar ſahen ſie, als dieſe Drei naͤher kamen, daß es kein Engel, ſondern ein reich ausgeſchmuͤcktes etwa vierjaͤhriges Kind ſey, welches ein Tuch ſo um den Hals gewor⸗ fen trug, daß der leichte Herbſtwind deſſen Zipfel ruͤckwaͤrts hinausfuͤhrte, und ihnen da⸗ durch eine Aehnlichkeit mit Fluͤgeln verlieh; jedoch ward die Aufmerkſamkeit der Anſtau⸗ nenden jetzt beſonders auf die Maͤnner gelenkt, in deren Geſichter ſie nur zu wohl bekannte Zuͤge wieder erkannten. Die Herzen der Muͤtter loͤſten zuerſt dies Raͤthſel auf, mit dem lauten Ausruf:„Ceſaro, Chechino!“ lag jede an dem Herzen ihres Sohnes, indem 11¹ die Vaͤter noch regungslos, wie verſteinert auf ihren Sitzen verweilten.“ Es war kein Blendwerk! Sie waren es wirklich! Nachdem ſie ſich den Umarmungen der Muͤtter entzogen hatten, ergriffen ſie auſ's neue die Haͤnde des Kindes, und knieeten mit dieſem in ihrer Mitte vor den Vaͤtern nieder, welche beide nach Chechino und ſeinen Gewaͤn⸗ derg faßten, als wenn ſie ſich uͤberzeugen wollten, daß keine leere Erſcheinung ſie taͤu⸗ 66 dann riefen ſie laut des Erſteren Na⸗ 6 aus. „Ja, theure Vater!“ nahm dieſer das Wort:„Eure Kinder leben, und wenn es uns einigermaßen zur Vergebung des Euch ver⸗ urſachten langen Kummers dienen kann, ſo wiſſet, daß Ihr uns als vereinte, unzertrenn⸗ liche Freunde erblickt, die jett wiederkehren um Eure Verzeihung zu erflehen, und um Euch in dieſem Kinde einen Erben Eurer Ra⸗ men und Eurer Guͤter zu bringen!““„ „Weſſen iſt dieſes Kind?“ riefen die erſtaunten Vaͤter. * 112 „Mein Sohn,“ erwiederten beide Juͤng⸗ linge zugleich, mit einem Feuer als fuͤrchtete Jeder, daß der Andre ihm zuvor kommen moͤchte;„mein Sohn, der einzige und letzte Sproſſe Eurer edlen Geſchlechter!“ Jetzt zogen beide Vaͤter die Soͤhne hinauf in ihre Arme, und als endlich Erſtaunen und Theilnahme die allgemeine Freude und Ver⸗ wirrung zum Schweigen gebracht hatte, begann Ceſaro alſo ſeinen Bericht: „Die Gnade der Vorſehung, ja ich barf wohl ſagen ein heiliges Mirakel, hat uns Beiden das Leben gerettet und Euch Eure Soͤhne wieder geſchenkt. Ich weiß, daß Ihr jene ungluͤckliche Begebenheit genau kennet, ſammt allem was ihr voranging. Ach, erſt nach der verwerflichen bewußtloſen That, kam ich zu mir ſelbſt. Des Dieners Ruf:„Un⸗ gluͤckliche Eltern!“ zeigte mir ploͤtzlich den Abgrund, worin ich uns Alle geſtuͤrzt hatte, und meine augenblickliche Raſerei ging in eine matte Betaͤubung uͤber, in welcher man mich in die neuen Gefaͤngniſſe fuͤhrte. Erſt lang⸗ 113 — ſam in dem dunklen Kerkergewoͤlbe kehrte meine Faſſung und mit ihm das Gefuͤhl meines grenzenloſen Elendes zuruͤck. Nicht, daß ich ſchon meine That bereuete, nein, noch kam es mir vor, als haͤtte ich mit vollem Rechte Chechino beſtraft, und meine beleidigte Ehre geraͤcht! Der Gedanke an Eure Freundſchaft, an die tiefe Wunde, die ich zugleich Dir, mein ehrwuͤrdiger Vater! verſetzt hatte, der Jammer meiner Mutter, erweckte nur meine Verzweiflung. Dieſes Kummers Urſache, hatte ich den Tod verdient, und ich ging ihm willig entgegen. Ich hoffte, daß er Euren Zorn verſoͤhnen, und Nitleid in Euren Buſen erregen wuͤrde; unter ſolchen Vorſtellungen begann ich, mich wohl in meinem Kerker zu fuhlen, ja, ihn ſogar zu lieben⸗ Aus Ehr⸗ furcht vor meinem Namen hatte man mich mit Feſſeln verſchont und mir eine Lampe zu⸗ geſtanden. Ach, die letztere war eine Wohlthat und zugleich eine Strafe, denn ſie zeihte mir Dein Bild, meine geliebte Mutter! welches ich noch wie immer, auf meiner Bruſt trug. 8 114 Es war unveraͤndert und mild wie vorher; meine heißeſten Thraͤnen vermochten nicht das Laͤcheln aus dem Bilde zu verloͤſchen, welches ich auf immer aus Deinem Geſichte verloͤſcht hatte. Starr, unablaͤßig, zuletzt beſinnungslos, betrachtete ich es als gelte es einer ewigen Trennung von ihm und dem Leben; ich weiß nicht wie lange!— Es fiel mir aus der Hand, dies gab mir meine Beſinnung wieder;— ich vermuthete daß es Nacht ſey. Das tieſſte Schweigen herrſchte rings um mich. Das Bild war in eine Ritze im Boden gefallen, und je mehr Muͤhe ich mir gab, es heraus zu ziehen, je tiefer glitt es hinein.— Indem ich nun niederknieete, und mit aller Gewalt mich bemuͤhete, es wieder zu faſſen, muß ich eine geheime Feder zuruͤckge⸗ druͤckt haben, denn der breite Quaderſtein gab nach, drehte ſich, und zeigte mir dicht an der Wand eine ſchmale und dunkle Treppe, die zum Abgrunde hinab zu fuͤhren ſchien. Es ſiel mir ploͤtzlich ein, daß ich einſt gehoͤrt hatte, wie vor mehreren Jahren zwei von der Re⸗ 11⁵ — gierung beguͤnſtigte Verbrecher kurze Zeit nach einander, ohne daß jemand wußte wie, aus den Gefaͤngniſſen verſchwunden waͤren. War dies ein Wink der Vorſehung? Ich fühlte die Luſt zum Leben auf einmal in mir wieder erwachen; wenigſtens dachte ich, ſoll dohh mein Name, das ehrwuͤrdige Wappen meiner Eltern⸗ nicht durch eine oͤffentliche ſchaͤndliche Hin⸗ richtung entehrt werden?—“ „Ich ergriff ohne weiteres Bedenken die Lampe, und ſtieg hinunter. Der Stein uͤber meinem Haupte drehte ſich leicht durch meine Hand, und fuͤgte ſich in die alten Fugen; ſchnell wanderte ich durch einen langen, langen engen und feuchten Gang⸗ der nach allen Kenn⸗ zeichen dem Laufe der Tiber zu folgen ſchien⸗ Er wurde endlich durch eine niedrige verroſtete eiſerne Thuͤre abgeſchnitten; auf einen derben Druck meiner Hand gaben die muͤrben Riegel nach, und ich ſah mich in einem Gewoͤlbe, wo dieſer Eingang mit alten halbverfaulten und der Laͤnge nach aufgeſtellten Brettern ver⸗ 116 borgen war; durchgegangen, ſtellte ich ſie wie⸗ der an ihren Platz, und leuchtete mit der Lampe, ſo weit ich konnte; ach, ich befand mich dort, wo ich noch fuͤrchten mußte, bald zu Hauſe zu ſeyn: in der Behauſung der Todten! Ich fuhr zuſammen; die Lampe ſiel mir aus der Hand und erloſch. Ich tappte im Finſtern lange herum, mein Muth fing an zu wanken; end⸗ lich ward ich, wie durch eine Spalte, ein ſchwaches Licht gewahr, ich ſuchte mich ihm zu naͤhern und gelangte ſo an den Fuß einer engen Treppe; ich ſtieg leiſe hinauf; ſie war„ durch ein eiſernes Gittet verſperrt, das zum Gluͤck nur angelehnt wat. Ich ging immer weiter dem Lichtſchein nach, ſchlich mich durch einen engen Gang, und trat durch eine hohe Thuͤr, vor welcher ein tuchener Vorhang halb auf die Seite gezogen war, in einen großen dunkeln Raum hinein, in dem zwei große Wachskerzen brannten. In der ſchwach erhell⸗ ten Verzierung wurde ich Todtenkopfe und kreutzwels gelegte Knochen gewahr. Mit Schau⸗ der erkannte ich den Ort wieder. Ich befand — mich in der Kirche Della morte⸗ Mitten auf dem Boden, vor dem Hochaltar zwiſchen den beiden großen Lichtern⸗ lag auf einem ſchwarzen Teppiche, mit bunten Wappen ein⸗ 5 gefaßt, eine weißgekleidete Leiche; mechaniſch 6 trat ich naͤher, und erblickte— Chechino.—“ „Ach! dieſer unerwartete Anblick wandte das Herz in meinem Buſen! Ich vergaß zu 7 fliehen, und betrachtete die bleichen ſchoͤnen Zuͤge, in denen kalte Ruhe des Todes herrſchte, und aus welchen aller Uebermuth und Trotz verſchwunden war! Da loͤſte ſich mein Zorn, und mein eingebildeter Haß in tiefe Wehmuth auf. Ach, ſeufste ich, warum liege ich nicht dort an ſeiner Stelle, dann waͤre er mein Moͤrder geweſen⸗ Wie dem auch ſeyn mag, er iſt jetzt der Gluͤcklichere, der Beſſere! O! muß erſt die leidenſchaftsloſe Ohnmacht das Leben verſoͤhnlich machen? Seine Demuth im Tode hat den Stolz in meiner Bruſt gebrochen! Wie ſchoͤn iſt dieſe Stirn, wie edel ſind dieſe Zuͤge, wie lieblich — 118 dies Laͤcheln, worin ich nur Haß und Hohn gewahr wurde! und all dieſe Herrlichkeit, Gottes Meiſterwerk, den Stolz ſeines Hauſes, die Liebe zweier Geſchlechter habe ich er⸗ mordet!—“ „Geruͤhrt, zermalmt, außer mir ſelbſt, knieete ich an der Seite des Todten nieder, bog mich, ihn betrachtend, uͤber das ruhige Antlitz, und ſeinen Namen immer inbruͤnſtiger wiederholend, druͤckte ich einen heißen Kuß der Verſoͤhnung auf die bleichen Lippen und ſchwur, ihn jenſeits des Grabes zu lieben, wenn er mich nur ſeiner Vergebung wuͤrdigen wolle, indem ich zugleich feſt und feierlich meine Rechte auf die ſo oft verkannte Bruſt legte. Auf einmal kam es mir vor, als wuͤrde meine Hand warm und feucht; ich zog ſie ſchnell zuruͤck; ſie war voll Blut, und aus dem weißen Leichentuche quoll ein rother Strom hervor. Ein kalter, toͤdtender Schauder fuhr durch meine Glieder. Die Sage, daß der Erſchlagene blute, wenn ihm der Moͤrder ver⸗ wegen naht, fiel mir ein, und ſo auch, daß er — — 119 meine Reue verwerfe; jedoch gewann bald meine Beſonnenheit den Sieg uͤber den Aber⸗ glauben. Ich betrachtete aufs neue die Leiche recht genau; ich ergriff ihre Haͤnde, und fuͤhlte den Puls noch leiſe ſich bewegen. Er lebte!— Chechino lebte! Das zerronnene Blut und der ſchlechte Verband war durch den heftigen Druck meiner Hand auf die Seite geſchoben. Die Natur rief ihre unterdruͤckten Kraͤfte durch mich zuruͤck; dieſelbe Hand, die ihn erſchlagen hatte, erweckte ihn wieder vom Tode! O, gna⸗ denreiches Mirakel!“ „Mit der Gewißheit daß er tebte, mit dem Gedanken an ſeine moͤgliche Herſtellung⸗ kehrte mein ganzer Muth zuruͤck. Ich war mit dem erweckten Juͤngling ganz allein. Wo ſollte ich Huͤlfe und Rettung fuͤr uns Beide ſuchen? Die Seinige war zwar noch ſehr un⸗ gewiß⸗ doch die Hoffnung dazu hatte mir zwie⸗ fache Luſt zum Leben eingefloͤßt; jetzt wollte ich mich nicht aufs neue der Gefahr ausſetzen⸗ mich von ſeiner Seite reißen zu laſſen⸗ fuͤr deſſen Leben ich allein noch Sorge tragen mochte! Es ſiel mir ein, daß meine mit einem alten Diener unſers Hanſes verheirathete Amme in der Nähe wohnte, zwiſchen der Chiesa della morte und dem Campo di kori. Beide waren verſchwiegen und treu. Die Nacht war finſter, die Straßen leer. Ge— ſchwind und vorſichtig wickelte ich meine theure Buͤrde feſter in das Leichentuch und trug ſie leicht und mit ſchnellen Schritten zu dem klei⸗ nen Hauſe, deſſen Bewohner bald von meinem Ruf erweckt wurden. Ich brachte ſchnell ihr Erſchrecken und Erſtaunen zum Schweigen, und ließ ſie ein unverletzliches Stillſchweigen ſchwoͤ⸗ ren. Ein geſchickter Wundarzt wurde geholt; eine erdichtete Begebenheit und ein ftemder Name ließen ihn nicht ahnen, wen er pſflege. Ich zitterte, indem er Chechino's Wunde un— terſuchte, auf welche, wie es ſchien, unſere Nachtwanderung einen wohlthaͤtigen Einfluß gehabt hatte. Er lag noch immer ohne Be⸗ ſinnung; aber wer vermoͤchte meine Dankbar⸗ keit, meinen Jubel, meine Entzuͤckung zu malen, 12¹ — als der Arzt Hoffnung öu ſeiner Rettung gab!—“ „Ich wich nicht mehr von Chechino's Seite, und die guten Alten mußten alle ihre Ueberredung anwenden, um mich dazu zu be⸗ wegen, mitunter der hoͤchſt noͤthigen Ruhe zu pflegen. Ich hatte ſogleich, um die Aufmerk⸗ ſamkeit des Arztes abzulenken, die Tracht eines barmherzigen Bruders von Santa Magdalena angelegt, und in der That⸗ das ſchwarze Kleid und das rothe Kreuz, ein Biid der Reue, die in meinem Buſen brannte, war mir willkom⸗ men, und meinem Zuſtande entſprechend, denn meine Beſtimmung war jetzt nur, einen Kran⸗ ken zu pflegen, und einzig fuͤr Chechino Sorge zu tragen; lebend war ich von der Welt abge⸗ ſondert. Erſt nach vier langen Wochen hoͤrte ich, ach! mit welcher Freude! den Arst ſagen: „Meiſtens durch die unermuͤdete Sorge des frommen Bruders kehre die Beſinnung des Kranken vollkommen zuruͤck, und mit dieſer die Gewißheit ſeiner Herſtellung!““ Chechino kannte mich in dem fremden Sleide nicht; 122 alles was in dieſer langen Zeit vorgegangen, war ihm voͤllig fremd; nur als ſey es ein Traum, erinnerte er ſich, daß er verwundet worden, allein er hatte meine Pflege mit Wohlgefallen bemerkt und druckte oft dankbar meine Hand. Die alte Frau, die er, als ſie ſich ihn zu erkennen gab, leicht von dem Hauſe meiner Eltern her wieder erkannte, erzaͤhlte ihm nach und nach eine Fabel, die ich erdich⸗ tet hatte, und die, ſo wie ſeine Kraͤfte zuruck⸗ kehrten, ſich immer mehr der Wahrheit naͤherte, es ward ſogar darin erwaͤhnt, daß ich als ſein Moͤrder im Gefaͤngniß ſchmachtete. Er war beſſer als ich. Sein edles Herz konnte dieſen Gedanken nicht ertragen, er klagte ſich nun ſelbſt an, ſtrenger als ich es in meinem Zorn gethan hatte, und gab ſich ſelbſt alle Schuld unſerer Feindſchaft und unſeres Haſſes. Er wollte aufſtehen, um ſeinen Moͤrder zu be⸗ freien, ſein eigenes Verbrechen geſtehen und Vergebung von mir erbitten. Ich war nicht Herr meiner ſelbſt. Er wurde mein Weinen, meine heftige Bewegung gewahr, und betrach⸗ — 123 tete mich aufmerkſam; ich ſtand ſo eben im vollen Lichte, zu ſehr hingeriſſen, um noch an Verſtellung denken zu koͤnnen.„Iſt es moͤg⸗ lich?“ rief er auf einmal;„Ceſaro?!“ Ich ſturzte zu ſeinen Fuͤßen. Er bog ſich uͤber mich, ſeine Arme umſchlangen mich, die mei⸗ nigen ihn! Wir fuͤhlten, daß wir uns liebten! wir waren Freunde, wir waren geboren es zu ſeyn! Wie hatten wir uns ſo lange verkennen koͤnnen!?— „So bald ſein Zuſtand es erlanbte, er⸗ zaͤhlte ich ihm in der erſten vertraulichen Un⸗ terredung Alles. Unſere Blindheit und Ver⸗ irrung, die ſichtbare Einwirkung des Himmels, das unverdiente Gluͤck, dem wir jetzt Beide wiedergeboren waren, traten nun ans Licht, und mit Worten, mit heißen Thraͤnen und Dankbarkeit gegen die Barmherzigkeit der Ma⸗ donna beſchworen wir den Bund⸗ den wir ſchon ſchweigend geſchloſſen hatten. Wir wur⸗ den einig noch ein tiefes Schweigen zu beobachten, worin ich, um nicht unſte Eltern 3 124 mit einer falſchen Hoffnung zu taͤuſchen, bisher verharrt hatte, bis Chechino's Herſtellung voll⸗ kommen war, und wir beide verſoͤhnt, Hand in Hand, vor Euch erſcheinen konnten. Auch hatten wir noch ein Geſchaͤft, das wir erſt vollenden wollten. In unſern vertrauten Mit⸗ theilungen waren wir erſt recht inne geworden, wie niedrig Angelika uns Beide getaͤnſcht hatte. Die letzten Flammen der Rache und des Haders, die noch in unſerer Bruſt loder⸗ ten, kehrten ſich jetzt vereint gegen ſie, als die Quelle unſeres unſeligen Streits. Noch ver⸗ hlendet und unzugaͤnglich dem reinen Lichte des Himmels, ſahen wir nicht ein, daß ſie zugleich zu unſerer Freundſchaft den Grund gelegt hatte, und ſo wie unſere mit dem Leben neu erweckten Leidenſchaften nur durch Blut ſich ſaͤttigen konnten, ſchwuren wir ihr den Tod, und unſere erſte neue Ausflucht in die Welt, ſollte unſerer Rache gelten. Ihren Aufent⸗ halt entdeckten wir leicht. Unſer Wirth hatte erfahren, daß ſie ſich im Toskaniſchen auf⸗ hielte und es gelang ihm ſogar, auf unſer 125 dringendes Antreiben den Ramen des Orts zu evforſchen.“ 4 „Ausgeruͤſtet zu Mord und Rache bega⸗ ben wir uns beide dorthin. Wir trafen An⸗ gelika allein, und eroͤffneten ihr ohne Umſchweife unſere todtbringende Abſicht, und daß ſie ſter⸗ ben muͤſſe. Sie erſchrack heftig, doch faßte ſie ſich und ſagte mit Trotz:„Belohnt Ihr auf 5 ſolche Art das ſchwache Opfer Euker wilden Luͤſte, nur weil es nicht ſtark genug war, Euren Bitten zu widerſtehen? Wohlan denn⸗ Mord und Gewalt ſind Euch nicht fremd! Was liegt Euch daran, Moͤrder Eures Kindes zu werden?“ Ein einziger Blick verrieth uns ihren Zuſtand. Geſtehe denn, riefen wir Beide, wie aus einem Munde, wer von uns iſt Vater Deines Kindes?„Ich weiß es nicht, erwiederte ſie mir ſeyd Ihr es blößten Dolche und zogen uns zuruͤck, nach⸗ dem wir ihr eine zweideutige Beruhigung ge⸗ beide!—“ „Erſtaunt verbargen wir die ſchon ent⸗ geben; denn wir hatten ja einmal ihren Tod * 126 beſchworen; doch wollten wir vorher ihre Nie⸗ derkunft abwarten. Um unbemerkt in Ange⸗ lika's Naͤhe harren, und ein wachſames Auge auf ſie haben zu koͤnnen, ſuchten wir in ein nahes Karmeliterkloſter aufgenommen zu wer⸗ den, welches uns auch gelang. Dort in tiefer ungeſtoͤrter Einſamkeit und wiewohl in der Mitte der tobenden Welt, doch ganz von ihr abgeſchnitten, erlangten wir beide die reiche Gnade des Himmels, die uns auf eine ſo wunderbare Art durch Blut und Tod zuſam⸗ en gefuͤhrt hatte! Es wurde uns Beiden klar, daß dies ſichtbare Mirakel, wodurch uns Leib und Seele ſo unverdienterweiſe gerettet war, die Dankbarkeit unſers Weſens ganz und bedingungslos fordere. Schien nicht auch der Himmel in Angelika's Kinde ein Mittel anzu⸗ deuten, um auf einmal unſere Verpflichtungen gegen unſere armen Eltern, gegen die Welt und Gott zu erfuͤllen? Forderte nicht Gott eben in der Geburt dieſes Kindes unſere uͤbri⸗ gen Tage? War es auch nicht beſſer ſie dem zu widmen, der ſie ſo wunderbar erhalten ——— 127 hatte, als ſie den Gefahren der Welt aufs neue Preis zu geben? Hatten wir nicht juͤngſt ein neues Beiſpiel erlebt, wie wenig wir im Stande waren, ihren boͤſen Verſuchungen zu widerſtehen, in dem Geluͤbde von Mord und Tod, das wir Beide beinahe in derſelben Zeit, wo Gott jene von uns ablenkte, abgelegt hat⸗ ten? Alle dieſe Gedanken ergriffen wir wechſelſei⸗ tig in unſern Seelen, und wir wurden mit dankbarem Erſtaunen gewahr, indem wir unſer verſchwundenes Leben durchgingen, wie uͤber⸗ einſtimmend unſere Denkungsart und unſere Gefuͤhle ſogar in unſerm gegenſeitigen Ver⸗ kennen, geweſen waren, auch fanden wir, daß unſer unbeſonnener Schwur, wegen des Wei⸗ bes Tod, uns gleich ſchwer auf dem Herzen lag, denn wir ſchauderten Beide vor dem Ge— danken, die Mutter unſeres Kindes zu ermor⸗ den, und flehten die Madonna mit heißer In⸗ brunſt an, uns einen Ausweg zu zeigen, wie wir, ohne unſern Eid zu brechen, uns dieſer neuen Blutſchuld entziehen koͤnnten. Nach dieſem Gebete fuͤhlten wir uns zufriedener und leichter, und faſt in demſelben Angenblicke wurden wir durch einen eilenden Boten nach Angelika's Wohnung hinbeſchieden.“ „Das heftige Erſchrecken, wovon ſie ſich durch unſern Anblick und den der entbloͤßten Dolche ergriffen fuͤhlte, hatte eine unerwartete, und wie es ſchien, zu fruͤhe Geburt veranlaßt; doch brachte ſie einen geſunden und wohlgebil— deten Knaben zur Welt. Jeder von uns be⸗ trachtete ihn als ſeinen Sohn; doch regte ſich die vaͤterliche Selbſtſucht noch einmal in un⸗ ſerm Buſen. Beide traten wir vor das Bette der Mutter hin, um ihr ein Geſtaͤndniß abzu⸗ zwingen; allein in ihrer aͤußerſten Ermattung hatte ſie ſchon die Sprache verloren. Sie er⸗ griff nur mit Anſtrengung ihrer letzten Kraͤfte unſere Haͤnde, druͤckte ſie ſchwach— und ſtarb.“ „Beſtuͤrzt und dankbar knieeten wir an dem Lager der Todten, und verehrten Gott, der ſo gnaͤdig unſer Geluͤbde geloͤſet hatte. Wir baten fuͤr die Seele der Verſtorbenen⸗ gegen welche unſer Zorn jetzt in Mitleid ver⸗ ℳ i 129 wandelt war; und als wir nun dieſe letzte pflicht erfuͤllt hatten, nahmen wir als zaͤrt⸗ liche Eltern das zarte Kind in unſere Arme, und indem wir es hoch gen Himmel empor⸗ hoben, floſſen unſere begeiſterten Lippen uͤber, und wir thaten Beide das einmuͤthige, wie⸗ wohl unabgeredete Geluͤbde, von nun an der Frauenliebe ganz zu entſagen, die in ihrem vollſten Wonnebecher uns zugleich die bitterſte Galle des Lebens zugetheilt hatte; und geſtaͤrkt und vereint durch die heiligſte Freundſchaft, deren heiligen Bund dies uns beiden gleich nahe und gleich theure Kind beſiegelte,— der Welt zu entfliehen, worin wir uns verkannten, und unſere uͤbrigen Tage dem Dienſte Gottes und der Kirche zu widmen, wozu wir durch die letzte Gnade, die uns in Tod erwieſen wurde, deutlich berufen fuͤhlten. Jedoch— und auch dafuͤr erflehen wir Eure Vergebung,— damit Ihr Euch nicht unſerem Vorhaben widerſetzen moͤchtet, nahmen wir zu⸗ gleich die Abrede, Euch erſt dann vor die Au⸗ gen zu treten, wenn wir unſer Ordensgeluͤbde 130 abgelegt haben wuͤrden, ſollten wir auch da⸗ durch Euren Kummer verlaͤngern; denn wohl wiſſend, daß der Himmel nur eine reine und herzliche Hingebung annimmt, wollten wir noch einmal vollends unſere Herzen pruͤfen, indem wir erſt, wenn dieſes Kind, das unſern und Euren gemeinſamen Namen traͤgt, die erſten vier gefaͤhrlichen Jahre ſeiner Kindheit uͤberſtanden haben wuͤrde, ſo daß wir darin ein ſicheres Zeichen von des Himmels Wohlge⸗ fallen erkennen duͤrften, und folglich hoffen 3 konnten, die Anſpruͤche der Welt und Eure Er⸗* wartungen durch daſſelbe zu erfuͤllen, dann erſt wollten wir, in ſofern unſere Sinnesart noch unveraͤndert waͤre, in dieſe Tracht uns einkleiden laſſen.“ „Das iſt, ſo wie Ihr ſeht, jetzt geſche⸗ hen; nur haben wir, um Euch naͤher zu ſeyn, uns vorbehalten, unſern Aufenthalt in Rom waͤhlen zu duͤrfen. Vergebt uns den Kummer der verfloſſenen Jahre, um der Freundſchaft willen, die uns jetzt verbindet, und die immer der Wunſch Eurer Herzen war. Verehret den ———.— —,— 131 Willen der Himmliſchen, die uns ſo gnaden⸗ reich zu ſich gefuͤhrt haben, und verſchmaͤhet es nicht, dies Kind als unſern Sohn anzuer⸗ kennen, in deſſen Adern Euer Blut fließt. Denkt nicht an ſeine Geburt, vergeßt ſeine unwuͤrdige Mutter! Es beſitzt ja zwei lebende Eltern, Eins in ihrer adlichen Geburt, Eins in der Freundſchaft; ja in der That, wir ſind es! Gott hat dies Wunder zu den uͤbrigen gefuͤgt! Wir lieben den Sohn und uns dop: pelt in ihm, und alle unſte Anſpruche an die Welt tragen wir auf ihn uͤber. Setzet ihm zu Eurem Erben ein, belehnet ihn mit dem Namen beider Haͤuſer, deren einziger Sproß er iſt und verbleibt, damit er beide Geſchlechter fortpflanze und Beider Wappen vereine.—“ Ceſaro ergriff das Kind, hob es gegen die Eltern empor und endete auf dieſe Weiſe knieend ſeinen Bericht. Erſtaunt und ergriffen ſahen beide Vaͤter einander an. Jener merkwuͤrdige Traum, von welchem die Soͤhne nie gehoͤrt hatten, den aber jetzt Ceſaro's Worte, ohne daß er es 9* —— wußte, auf das deutlichſte, und doch wie weit anders auslegten, als die betagten Freunde es gethan, verfehlte ihre wohlthuende Wirkung, vielleicht ſogar ihre verborgene Abſicht nicht; denn dieſer im Bunde mit dem laͤchelnden Kinde, in dem ſie ihre ſo ſchmerzlich getaͤuſch⸗ ten Erwartungen auf eine ſo unvorhergeſehene Art erfuͤllt ſahen, bewog ſie, ſich mit Dank⸗ barkeit und Freude in den Willen des Himmels zu fuͤgen. Mit Thraͤnen umarmten ſie ihre Soͤhne ſammt ihren Enkel, und dieſer Tag, welcher wie die vier vorhergehenden Jahre unter Seufzern und ſchweren Sorgen hinge⸗ floſſen, und auch diesmal auf die nemliche Weiſe begonnen worden war, endigte jetzt in einer reinen Freude und mit innerer, erhebender Zufriedenheit, welche ſich auch dem Hausgeſinde mittheilte, denn die milde Ruhe und das gottergebene Gemuͤth der jungen Carmeliter entfernte jedes taumelvolle Geraͤuſch. Nur die ſchwarzen Teppiche wurden ſchnell von der Capelle heruntergeriſſen und die beiden Familien brachten den Himmliſchen vor dem von einer 133 funkelnden Lichtglorie beſtrahlten Altar ihren Dank vereint dar. Allein, als nun die Sonne ſich endlich neigte, und die Glocken von den benachbarten Thuͤrmen zum Ave Maria laͤu⸗ teten, erhoben ſich die beiden Juͤnglinge, knieeten noch einmal vor ihren Eltern nieder und empfingen ihren Segen. Dann ſegneten und umarmten ſie ihren Sohn, worauf ſie Hand in Hand zu dem Kloſter delli Carmini in den Baͤdern Diocletians hinwandelten; nur den kleinen Engel, der jetzt ein zwiefacher fuͤr dieſe beiden Familien geworden zu ſeyn ſchien, der Sorge der Großvaͤter hinterlaſſend, deren einziges froͤhliches Beſtreben von nun an nur dahin ging, dieſem Kinde eine Erziehung geben zu laſſen, die der Hoffnung der beiden Haͤuſer, den beruͤhmten Namen, und der Ehre der Geſchlechter, die ſich in ſeinem Daſeyn ver⸗ einten, entſpraͤche. 134 6. Der Prediger ſchwieg. Aber auch die Uebrigen. Indem er nun einen freundlichen zum Beifall auffordernden Blick auf die Zuhoͤrer warf, begegnete er nur den Augen der alten Dame, die recht klar und mild, wie von einem verklaͤrenden Strahl der Ewigkeit belebt, auf ihm ruheten. Lothar ſprang auf, ohne auf das Geraͤuſch, ſo er verurſachte, zu achten, und ging in ſichtbarer inneren Bewegung, erſt mit heftigen, dann mit immer langſameren Schritten auf und nieder. Die Geſellſchafterin, augenſcheinlich be⸗ treten, erhob die Augen nicht von dem Filet, an dem ihre Haͤnde emſig arbeiteten.— Der Prediger ſah ſie Beide verwundert an. Die Landraͤthin ſchien abſichtlich die Ver⸗ ſtimmung der Freunde und die Verwundetung des Predigers nicht bemerken zu wollen. „Nun!“ ſagte ſie endlich bewegt— „moͤchten immer die Verirrungen der armen Menſchen ſich in ſo reiner Harmonie aufloͤ⸗ ſen!— Es kann ja auf ſo vielerlei Weiſe — 135 ʒ— geſchehen, wenn nur ein freundlicher, ermuthi⸗ gender Geiſt ihnen zur Seite ſteht— ent⸗ weder er ſich nun in die menſchliche Huͤlle eines liebevollen Freundes kleidet, oder wie eine innere Stimme ſich, ſo wie hier, in der Tiefe des Herzens und des Gemuͤthes aus⸗ ſpricht.— Es wuͤrde vielleicht noch oͤfter, wenigſtens bemerkbarer geſchehen— wenn nicht ſo viele verkehrte und abſchreckende Verhaltniſſe die Ruͤckkehrenden verſchuͤchterten.— Der ſuͤdliche Geiſt der ſich in ihrer Novelle aus⸗ ſpricht, nimmt den Flug den er in den ſanften Ketten, die ihm Religion und Phantaſie an⸗ gelegt, nehmen muß.— Ich moͤchte aber wohl wiſſen, wie eine ahnliche Begebenheit von den Bedingungen unſter Zeit und unſers Nordens motivirt, ſich unter ihrem Fortſchreiten entwickeln und ſchließen wuͤrdez unſte, von einer heißen Sonne nicht ſo durchgluͤhte Herzen wuͤrden weniger die Phantaſie als den Ver⸗ ſtand benutzen, um zu einem feſten ruhigen Entſchluß zu kommen; dort wie hier⸗ muͤßte freilich die innere Religion das beſte thun, 136 — aber wie höchſt verſchieden wuͤrde dieſe wirken.— Die dortigen Kloſtermauern, hinter welchen die Seele Ruhe ſucht und durch Entſagung Beruhigung in dem Gewiſſen findet, beſitzen wir nicht; ſolche muͤſſen nun hier der verſtaͤn⸗ dige Geiſt zwiſchen ſich und die Welt errichten⸗ und ich zweifle nicht, daß, wenn ſie nur hoch und dauerhaft, ſo wie jene, und durch eine er— probte Ueberzeugung aufgefuͤhrt ſind, ſie, ob⸗ gleich unſichtbar, doch eben ſo unverwuͤſtlich gegen die Anfaͤlle der Welt daſtehen wuͤrden.— Warum ſollten wir mit unſerer eben ſo feſten nur vielleicht nuͤchterneren Ueberzeugung, nicht eben ſo weit kommen wie der Suͤdlaͤnder mit ſeiner gluͤhenden Phantaſie.— Was halten Sie davon Lothar?“ Lothar hatte ſich waͤhrend ihrer Rede dem Kreiſe wieder genaͤhert, und ſeinen vorigen Platz neben dem Lager der Duldenden eingenommen. „Wie meinen Sie?“ fragte er zerſtreut.— „Ich wette,“ ſagte der Prediger laͤchelnd, „daß Sie ſchon in Ihren Gedanken, ſo wie unſre Freundin ſich aͤußerte, damit beſchaͤftigt 137 ſind, der vorgetragenen Begebenheit eine andere Scene zu geben, und ſinnen nach wie ein aͤhnliches Ereigniß auf proteſtantiſche Gemuͤther wirken muß.. „Ein aͤhnliches Ereigniß koͤnnte wohl kaum unter uns ſtatt finden?“ fiel Lothar ein. „Daſſelbe wohl nicht— aber doch wohl eins, in dem der Scharfſinn innere Beziehungen mit jenem finden wuͤrde,“ fuhr der Prediger fort;„obgleich wohl nicht ruckſichtlich einer ſo ſchweren und nach unſeren Begriffen zu weit getriebenen Buße, wie die, welche die jungen Kloſterbruder ſich auflegen, da ſie ſelbſt das anmuthige Pfand ihrer Freundſchaft und ihres Bundes freiwillig von ſich entfernen um nur der Andacht zu leben.— Wir wuͤrden gewiß dagegen dieſe vaͤterliche Liebe immer hegen und pflegen, in der Ueberzeugung daß eben dies Gefuͤhl uns dem Himmel naͤher bringen wuͤrde.— „Gewiß!“ entgegnete Lothar mit Waͤrme:— „und doch blieb dieſen Bruͤdern ein beneidens⸗ werthes Gluͤck: der Troſt ſich gegenſeitig 138 achten und lieben zu koͤnnen, eben durch die Art, auf die ſie ſich Beide aus der gemein⸗ ſamen Verirrung erheben.“ „Nun,“ ſagte die Landraͤthin,„eben ein ſolches Verhaͤltniß, jedoch unter andern Mo⸗ dificationen waͤre wohl nicht unmoͤglich unter uns nachzuweiſen.“ „In der That,“ fiel Lothar heftig ein— „ich wuͤßte zwar eins— und doch“— fuͤgte er wie ſchnell bereuend, ſtockend hinzu,— „ℳje mehr ich es mir ins Gedaͤchtniß zuruͤck⸗ rufe— iſt es doch wieder ganz anders; dennoch hat der Freund durch ſeine Erzaͤhlung Toͤne in mir erweckt, deren Saiten ich ſchon laͤngſt geſprungen waͤhnte— ja, ich kenne eine zwar mehr proſaiſche, mehr— wenn Sie wollen proteſtantiſche Begebenheit, die in mehrere Beziehungen gleiche Anklaͤnge herbei fuͤhren, aber in der That— die Verirrungen, welche 8 ſie in ſich faßt, ſcheint nicht zum Gluͤck zu fuͤhren.“ „Scheint?— bemerkte die Landraͤthin— alſo iſt ſie nicht abgeſchloſſen?“ 4 —— ———— ſelbſt mit als ein proteſtantiſches Gegenſtͤck; 139 — „Ja und Nein!“ erwiederte Lothar.— „Ja, weil die darin aufgetretenen Perſonen es ſo gewollt! Nein,— in ſofern dieſe noch am Leben ſind, und die Folgen noch fortdauern.“ „Vielleicht fehlt es an ein Kloſter—“ taͤchelte die Wirthin—„Nun hier haben wir ja eins.“ „Damit wir das auch beurtheilen koͤnnen, ſo theilen Sie uns lieber die Begebenheit — nahm der Prediger das Wort.— „Gegenſtuͤck, kann die Begebenheit welche ich meine, wohl eben nicht genannt werden,“ entgegnete Lothar nicht ohne Verlegenheit,— „wenigſtens nur in ſofern, daß ſie ſich beide um eine ſinnliche Verirrung bewegen,— und ich weiß daher nicht ob ich wagen darf, ſie vorzutragen.— „Warum nicht?“ fragte die Ba unbefangen. „Lothar mag vielleicht nicht ganz Unrecht haben!“ bemerkte der Prediger—„Denn ſehen Sie nur wie untheilnehmend unſere 14⁴0 ———— Freundin hier, ihre Blicke feſt auf ihre Arbeit heftet, als muͤßte ich ſchon befuͤrchten, daß meine argloſe Erzaͤhlung— die ungebundene Lebensart einiger roͤmiſchen Juͤnglinge beruh⸗ rend— ihr ſittliches Gefuͤhl beleidiget habe.— Sagen Sie es gerade aus, meine Freundin! iſt es ſo?—“ „Die Geſellſchafterin ſah auf, wollte reden, aber es war als wenn etwas Unaus⸗ ſprechliches ihre Zunge band— ſie verſuchte nur zu laͤcheln und ſchuͤttelte den Kopf. „Mein Gott!“ nahm die Landraͤthin be † ſorgt und ſchnell das Wort,—„wie faͤllt Ihnen das ein? wie kann nur die fluchtige Bezeichnug einer Verirrung deren tauſend aͤhnliche nicht allein taͤglich vorfallen, aber die vielleicht weniger wie viele andere den Verirr⸗ ten beſchaͤmt, weil die Sinnlichkeit bei einer kraͤftigen Natur mehr oder weniger angeboren ſeyn ſoll, unſere Ohren beleidigen?“ „Es iſt mir lieb1“ erwiederte der Predi⸗ ger,„das ich geirrt, denn ich moͤchte doch am. wenigſten Aergerniß geben, und eben dies iſt ———— 141 doch mit der eben vorgetragen Erzaͤhlung ein⸗ mal geſchehen!— Eine in der That ſehr wuͤr⸗ dige Dame freuete ſich, daß es ihrem ſechs⸗ zehnjaͤhrigen Sohn, durch eine Verſpaͤtung entgangen war, Zuhoͤrer dabei zu werden.—“ „Das waͤre doch wohl eine zu ubertrie⸗ bene Beſorgniß,“ ſagte die Landraͤthin,„wenn mir uͤbrigens nicht ein ganz falſcher Begriff von der Welt beigebracht iſt.— Die noch derbere Croniques scandaleuses unſerer Zeit, unſerer Staͤdte und unſerer Geſellſchaften, vb ſie auch nur ins Ohr gefluſtert werden, machen uns mit groberen Verirrungen bekannt, die wir uns nicht ſcheuen, anzuhoͤren und zu be⸗ lachen, ohne an die Folgen zu denken, die mindeſtens ihre Erzaͤhlung uns auf eine erhe⸗ bende Weiſe vor die Augen ſtellt.“ „Das iſt uͤberhaupt eine von unſeren ge⸗ ſelligen Widerſpruͤchen, der mir ſchon fruher aufgefallen iſt—“ bemerkte der Prediger— „daß die ſogenannte gebildete Welt⸗ die, wie vorher erwaͤhnt worden— ſich gar nicht darin finden kann, und es hoͤchſt dumm oder laͤcher⸗ lich nennt, wenn Leute im taͤglichen Leben ſo ehrlich, großmuͤthig, tugendhaft und willens⸗ kraͤftig handeln, wie in den gedruckten Buͤchern, wo es die erſtere zu Thraͤnen bewegt,— und zu gleicher Zeit es unanſtaͤndig finden, wenn in denſelben nur beruͤhrt wird, wie die Welt⸗ leute im gewoͤhnlichen Leben taͤglich ſich be⸗ tragen.—“ „Es läßt,“ meinte Lothar, der ſelten eine Gelegenheit vorbei gehen ließ, ohne ſeinen Groll gegen die Sitten der geſitteten Welt mit Bitterkeit an den Tag zu legen—„Es laͤßt ſich vielleicht dadurch erklaͤren, daß der Menſch, der wie bekannt, aus einer geiſtigen und einer thieriſchen Natur zuſammen geſetzt iſt— wenn er ſich hoͤheren Genuͤſſen, wie zum Beiſpiel dem Leſen, einmal hingiebt, ſich geruͤhrt ganz in dem Adel ſeiner Natur be⸗ rauſcht, und ſich eben ſo ungern an ihre Nacht⸗ ſeite erinnern laͤßt, wie er mitten im Strom der Welt von dem Zufluͤſtern ſeiner edleren Seele geſtoͤrt werden will;— uͤberhaupt ſpie⸗ 143 — len die meiſten Weltleute zwei ganz entgegen⸗ geſetzte Rollen; die nemlich, welche ſie, ohne ſich irgend einen Zwang anzulegen, ſo wie unan⸗ gezogen innerhalb ihrer vier Pfaͤhle aus⸗ fuͤhren, und dann wieder: die im Gallakleid, in der ſie außer dem Hauſe die innere Wuͤrde, woran ſie in demſelben nie denken, aͤuſſerlich repraͤſentiren;— ſolchen Leuten, die nun dieſe beiden Rollen ſo tief eingeuͤbt haben, daß ſie ihnen zur zweiten Natur geworden, iſt es ſehr leicht, durch irgend etwas, daß ihnen zur un⸗ rrechten Zeit an ihre Haͤuslichkeit erinnert, An⸗ ſtoß zu geben; jedoch bei den Menſchen, in welchen ihr geiſtiger Urſprung und die irdiſche Natur in einem geſunden und kraͤftigen Gleichgewicht ſteht, die nur ſich ſelbſt darſtel⸗ len, und ſich beſtreben, alles Angelogene von ihrem Weſen zu entfernen, laͤuft man nicht ſo leicht eine ſolche Gefahr, denn ſie wiſſen und haben aus eigenen Kaͤmpfen erkannt, welche große Rolle der Sinnlichkeit in der Dar⸗ ſtellung des menſchlichen Lebens gebuͤhrt; und üeber ſehe ich dieſe in einem wahren dichteri⸗ ſchen Vortrag geradezu gewuͤrdigt, als die verkappte Sinnlichkeit, von der unter dem Namen Liebe, ſo viele Romane ſtrotzen.—“ „Vorausgeſetzt jedoch,“ fuhr der Predi⸗ ger fort,„daß der Dichter oder Erzaͤhler nicht ſelbſt eine rohe Sinnlichkeit an den Tag legt, oder ſie zum Zweck ſeines Gemaͤldes macht, welches durchaus unter ſeiner geiſtigen Wuͤrde iſt, und nicht in einen gebildeten Kteis hinein⸗ gehoͤrt.— Auch ich habe Leute gekannt, denen zum Beiſpiel Philine in den Lehrjah⸗ ren, und der Seelenreine Tom Jones als anſtoͤßige Erſcheinungen gelten, und doch zu derſelben Zeit keinen Anſtand genommen, ihren Toͤchtern die beliebte Mimili*) leſen zu laſſen;— begreife das wer kann!— Es koͤmmt mir ſo vor, als wenn eine Mutter ruhig zuſieht, daß ihr Kind tropfenweiſe Wein in einen ſchon *) Im Mannſeripte, das von einer älteren Zeit herzuruͤhren ſchien, haben andere Namen ge⸗ ſtanden, die nun neueren und bekannteren haben weichen muſſen. —, 145 vollen Becher gießt, und ihm dieſen erſt weg⸗ reißt, wenn er ſchon uͤbergelaufen.— Brauche ich Ihnen zu ſagen, daß ich ſehr hoch das Gefuͤhl ehre, welches wir Schamhaftigkeit nen⸗ nen?— Es iſt der ſich ſelbſt unbewußte Wi⸗ derwille der Seele gegen das Thieriſche, wo⸗ mit ſie doch ſo innig verbunden iſt; dieſem Gefuͤhl moͤchte ich freilich nicht gern Anlaß geben, aber eben weil es ganz rein und unbe fangen iſt, laͤßt es ſich nicht ohne Grund ver⸗ letzen, wie die befangene Ziererei, die ſo oft damit verwechſelt wird.“ „Und doch nicht ſchwer zu erkennen iſt,“ fiel Lothar ein,„obgleich ich Menſchen bei Tage bei den fluͤchtigen Aeußerungen ſolcher Gedanken habe erroͤthen geſehen, welche ſie doch bei der Nacht ohne Bedenken factiſch ausgeuͤbt haben;— das kann man doch wohl falſche Scham, wie wohl im andern Sinn als gewoͤhnlich, nennen.— Sehen wir ja doch noch mitunter Leute, die nicht ein Hemd nennen koͤnnen, ohne roth zu werden. Hier 146 liegt wohl doch nicht das Unſchickliche in der eben ſehr ſchickliche Sache, als vielmehr in den Ideen, welche die Erroͤthende damit verbindet. — ueber pieles, was wir unſchicklich nennen moͤgen, erroͤthen die ſuͤdlichen Frauen nicht— ja es giebt Schriftſteller, die jenen aus dieſem Grunde das feine Sittlichkeitsgefuͤhl der nor⸗ diſchen Weiber ſtreitig machen wollen— und doch habe ich nie die Schaam heiliger gluͤhen ſehen, als eben auf einem ſuͤdlichen Madonna⸗ Geſichtes— Wir duͤrfen in einer Erzaͤhlung, ohne daß es uns zur Laſt gelegt wird, auf Schwaͤchen Vergehen, auf Vergehen Ver⸗ brechen haͤufen, und man wird eine ſolche Darſtellung, wenn ſie mit Geſchick vorgetra⸗ gen wird, erbaulich und wenn die ſogenannte poetiſche Gerechtigkeit ſich nicht verlaͤugnet, ſo⸗ gar moraliſch finden; kommt aber eine ſinnliche Verirrung als Motiv darin vor, ſo wird es ge⸗ wiß nicht an Leuten fehlen, welche die Dar⸗ ſtellung unanſtaͤndig, ſelbſt unmoraliſch nen⸗ nen, obgleich dieſelben ſich doch hoͤchlich an ſolchen Erzaͤhlungen ergoͤtzen, die mit einer ſehr 147 anſtaͤndigen Heirath enden, da doch in der That, der Prieſterſegen an ſich, nicht die Ideen ausſchließt, welche einer ungeregelten Zuſaw⸗ menkunft den luͤſternen Reitz geben, von dem ſich die Sittlichkeit verſchaͤmt wegwondet.“ „Glaubt nicht,“ nahm der Prediger das Wort wieder,—„daß ich der Sinnlichkeit das Wort fuͤhren will, indem ich Lothar be⸗ dingungsweiſe beipflichte, welches ja auch ſeine Abſicht nicht iſt;— aber in ſoſern dieſe Be⸗ dingung der Menſchheit von ihrer Ratur un⸗ zertrennlich iſt, ſehe ich nicht ein, warum wir, wenn wir menſchliche Charaktere und Bege⸗ benheiten zur Schau aufſtellen, uns entbloͤden ſollen, einer Naturkraft, die uns allen mitge⸗ boren iſt, den Einfluß zu zugeſtehen und zu be⸗ nutzen, den ſie oſt genug verderblich ausuͤbt. Von dieſem Geſichtspunkt kann wohl die Sache ſelbſt nicht, nur die Darſtellungsart des Er⸗ zaͤhlers Anſtoß erregen. Da es aber uns nur um Wahrheit, nicht bloß im Leben, ſondern in den Erzaͤhlungen des Lebens zu thun iſt⸗ 10* 148 und wir aus Ihrem Munde keine frivole Dar⸗ ſtellung zu befuͤrchten haben, ſo erzaͤhlen Sie nur getroſt, Lothar. Ich traue Ihnen zu, daß Sie uns nicht irgend wo hinfuͤhren, wo unſere Gedanken Ihnen nicht folgen duͤrfen „Und wenn ich Sie dennoch in ein Haus einfuͤhrte,“ ſagte dieſer mit einem duͤſtern, faſt aͤngſtlichen Blick;—„in ein Haus, deſſen deutlichere Benennung die ſogenannte Schick⸗ lichkeit verletzen wuͤrde, obgleich ich es in einem juͤngeren Alter ſelbſt aus Neugierde beſucht, und noch kein Bedenken trage, jeden jungen Menſchen, den mir das Schickſal uͤbertruͤge, mit der Welt bekannt zu machen, auch dort hinzufuͤhren.“ Beide Frauen ſtutzten ſichtbar.— „Nein,“ ſagte die Wirthin,—„mit einem ſo bewaͤhrten Fuͤhrer duͤrfte ich es auch wohl wagen.“ „O! ſagen Sie das nicht,“ rief Lothar mit einem beinah ſchmerzlichen Laͤcheln, indem er ſchnell mit der Hand uͤber die Au⸗ 149 gen fuhr,— in der Wirklichkeit gewiß nicht; ſelbſt der zuverlaͤßigſte Fuͤhrer bewahrt eine Frau, die zu der Geſellſchaft gehoͤrt, vor dem anmaßenden Urtheile der Geſellſchaft nicht, wenn ſie, eben weil ſie in dem Gefuͤhl ihrer Schuldloſigkeit, unbefangener als viele handelt, die von jenen abgeſfeckten Graͤnzen der Schicklichkeit uͤberſchreitet! In dieſem Sinne koͤnnte wohl dieſe, noch namenloſe, Begebenheit der Richterſpruch der Welt heißen. „Es iſt freilich ſpaͤt im Staͤdten,“ ſagte der Prediger,„aber unſere Sonne ſteht noch hoch am Himmel— erzaͤhlen Sie nur.—“ „Habe ich es denn verſprochen?“ ſagte Lothar beſtuͤrzt, da alle ringsum ihn ſchwiegen; —„und doch, warum nicht!— Es iſt vielleicht um ſo beſſer.— Vor mehreren Jahren,“ fing er an, aber unterbrach ſich ſelbſt in dem⸗ ſelben Augenblick!—„Nein— ſo geht es nicht— ich bin ein ſchlechter Erzaͤhler im muͤndlichen Vortrage— und ſchon lange liegt die Begebenheit abgeſchrieben in meinem Pulte. 15⁰0 Ich werde ſie morgen vorleſen, und ſo ſind Sie ja auch gewiß, daß meine Launen keinen Zug darin verunſtalten.——“ Man ließ ihn gewaͤhren.— 7. Den naͤchſten Abend trat Lothar etwas ſpaͤter als gewoͤhnlich ins Simmer. Die ſchon verſammelten Freunde meinten ihm eine ſonſt fremde Befangenheit anſehen zu koͤnnen, und bemerkten zugleich, daß er ſich, vielleicht um die Aufmerkſamkeit von ſich zu lenken oder auch, weil die Anhaͤnglichkeit des Knaben, die ſich den vorigen Abend ſo leidenſchaftlich ge⸗ aͤußert, ihn noch waͤrmer an dieſen gezogen— faſt ausſchließlich mit dieſem beſchaͤftigte, bis endlich die Stunde ſchlug, die das gehorſame Kimd wie gewoͤhnlich entfernte, und mit dieſem die Erinnerung an ihn erfolgte— ſein Verſprechen zu löſen.— Lothar zog ein kleines Heft hervor und ſagte:„Sie wollen es und ich gehorche.— Sie 151 werden vielleicht die Begebenheit, die ich Ihnen ohne weitere Vorrede, ſo wie ſie von einem † Freunde abgefaßt worden, vortragen werde, hoͤchſt unwahrſcheinlich finden, eben weil ſie ſo nahe an das Proſaiſche ſtreift, daß der be⸗ glaubigende Anhauch der Poeſie ihr fehlt, beſonders weil das Ereigniß knicht aus einer 1 immer poetiſchen Entfernung hergeholt, ſondern ganz aus unſerm alltaͤglichen Treiben heraus⸗ genommen iſt.— Ich werde Ihnen darum Voltaires Ausſage:„Le vrai n'est pas „ toujours vraisemblable? ins Gedächtniß rufen.— Er las: ———— n i— 3 Der Bichterspruch der Melt. Der Buͤrgermeiſter einer kleinen Landſtadt gab ein ſehr großes Gaſtmahl einem jungen Rei⸗ ſenden zu Ehren, der einige Tage dort in Ge⸗ ſchaͤften verweilte, und ihm einen Brief von ſeinem Bruder, der noch in ihrer Vaterſtadt den Glanz des vaͤterlichen Hauſes aufrecht hielt, uͤberreicht hatte; der Buͤrgermeiſter wollte nun Beiden zeigen, daß auch er nicht weniger als jener, der ein angeſehener Kaufmann war, fuͤr den Ruf ſeines Namens beſorgt ſey⸗ Nachdem die Nengierde, welche die An⸗ weſenheit des Reiſenden erregt hatte, und die daraus entſpringenden Fragen befriedigt waren⸗ nahm die Unterredung nach und nach die ge⸗ woͤhnliche Richtung und in der menſchenfreund⸗ lichen Abſicht, den Fremden mit den Bewoh⸗ nern der Stadt und der Gegend recht bekannt zu machen, ward eine ſcandaleuſe Geſchichte nach der andern auf die Bahn gebracht, und keine Seele verſchont als die Anweſenden und ihre naͤchſten Verwandte, denn der Halbvettern und Halbmuhmen, die man doch nicht geradezu angreifen wollte, wurde wenigſtens mit einem gewiſſen Vorbehalt erwaͤhnt, der zu erkennen gab, daß man von Herzen bedauerte, die un⸗ terhaltendern Geſchichten nicht auch preis geben zu duͤrfen, zu welchen jene den Stoff hergege⸗ ben haben wuͤrden. Der Fremde hatte ſchon lange einen ſtum⸗ men Zuhoͤrer abgegeben, und erſt als der große fortreißende Strom ſich in mehrere kleine Baͤche verlor, die ganz leiſe und mit einem boshaften Lächeln begleitet in das Ohr des Nachbars hinein rieſelten, nahm er alſo das Wort: „Uum nicht bei dem Vertrauen dieſes ge⸗ ehrten Zirkels und bei der belehrenden trefflichen Weiſe, in der Sie, meine Verehrungswuͤrdige, mir die zarten Verhaͤltniſſe Ihrer umgebung mitgetheilt haben, ſtumm oder gar unerkennt⸗ lich zu erſcheinen, erbitte ich mir die Erlaub⸗ niß, eine kleine Begebenheit aus meinem Leben ——— 157 vortragen zu duͤrfen, die Sie alle uͤberzeugen kann, wie ſchwer es immer unſer einem, der guten Geſellſchaft angehoͤrend, fallen mag, wenn er behutſam ſeinen Umgang und ſeinen Zirkel zu waͤhlen ſtrebt, nicht in irgend eine Beruͤhrung mit Leuten zu kommen, die ent⸗ weder im uͤbeln Rufe ſtehen, oder doch mit der Zeit in ſolchen gerathen koͤnnen. Nach geraumer Abweſenheit, fuhr er fort, kehrte ich endlich nach der Stadt zuruͤck, wo ich mehrere Jahre meiner Jugend verlebt hatte, und mein erſter Gedanke war natuͤrlich, meine alten Freunde aufzuſuchen. Beſonders erin, nerte ich mich mit Liebe und Sehnſucht des Hauſes meines erſten Principals.— Ich 3 zaͤhlte, als ich vor fuͤnf Jahren Hamburg ver⸗ 3 ließ, ſelbſt kaum neunzehn, war ſehr leichtſin⸗ nig, ſehr gutmuͤthig und ſehr arm. Mein 3 Principal uͤberließ damals meine Dienſte einem ſeiner Freunde, der eben eines Reiſenden in einem Handelszweige, worin ich beſonders Ge⸗ legenheit gehabt hatte, mir Kenntniſſe zu er⸗ werben, bedurfte; das Gluͤck war mir guͤnſtig⸗ 158 —— mein neuer Principal ſetzte ſo viel Vertrauen in mich, und hatte wirklich anch ſchon ſo viel Nutzen von meinen Bemuͤhungen geerntet, daß er zu meiner eigenen Verwunderung ein be⸗ traͤchtliches Capital zur Erweiterung jenes Han⸗ delszweiges zu meiner Dispoſition anwies, mich zum Compagnon in dieſem Geſchaͤft an⸗ nahm, und mir den halben Vortheil zuſicherte. Die Wirkung davon auf mich war vermehrte Anſtrengung und erhoͤhetes Selbſtgefuͤhl, und als ich mich nun aufs neue der Heimath nahete, loderten Liebe und Erinnerungen mit dop⸗ pelter Waͤrme und Sehnſucht in mir auf, in dem Bewußtſeyn, eines groͤßeren eigenen Wer⸗ thes. Der Kreis, worin ich mich beſonders bewegt hatte, ſtand doppelt lebendig vor mir, und es erfreuete mich der Gedanke, mit Dank⸗ barkeit und einem gewichtigerem Selbſt den Menſchen unter die Augen treten zu duͤrfen, die mich ſchon fruͤher lieb hatten, und welche ich meiner Anſicht nach damals nicht genug anerkannt oder geſchaͤtzt hatte. Mit weit reiferem Blick meinte ich zum 159 — Beiſpiel nun den Werth des Ehepaars beur⸗ theilen zu koͤnnen, in deſſen Hauſe meine Lehr⸗ jahre verfloſſen waren. Wie lobenswerth kam mir nun dieſer Mann vor, der ernſter und ſtrenger gegen ſich ſelbſt, als gegen alle Andre, ſich nie in der Comtvirzeit die kleinſte Zerſtreu⸗ ung erlaubte, die nur eine Minute ſeine Ge⸗ danken von dem Gang der Geſchaͤfte abwen⸗ den konnte, als beſaͤße er nicht erſt ſeit kur⸗ zem, nur durch eine duͤnne Wand von ihm getrennt, eine junge und ſchoͤne Gattin, und doch ſchien es, wenn kaum die beſtimmte 3eit verſtrichen war, als waͤre kein anderes Geſchaͤft fuͤr ihn auf der Welt, als dieſe Frau anzube⸗ ten, fuͤr die er in der ganzen uͤbrigen Zeit nur athmete. Aber auch ihr Weſen ſchien ſich auf wunderbare Weiſe zu ſpalten. Immer ſchoͤn, immer hinreißend war es doch⸗ ſelbſt nach einer Ehe von mehreren Jahren, als verbrei⸗ tete ſich ein Schleier von jungfraͤulicher Schaam uͤber ihre lebhaften Zuͤge, wenn ihr Mann abweſend war. An ſeiner Seite dage⸗ gen kannte ihre Munterkeit und Ausgelaſſen⸗ 160 — heit keine Grenzen. Sie lebte dann nur fuͤr ihn und ihre Ideen. Sie dachte wenig oder gar nicht an ihre Umgebung, und ſie, die fern von dem Gatten ſich viel weniger erlaubte, als jede andere gebildete Frau, machte in ſei⸗ nem Beiſehn, und wenn er ſie nur nicht mis⸗ billigte, ſich nichts aus dem Urtheil der ganzen Welt; ja, aus ihrer Unbeſonnenheit, ihrer kuͤhnen aber doch unſchuldigen Phantaſie, und aus der Feinheit, die ſelbſt ihre verwegenſten Schritte begleiteten, folgte, daß der Gatte beinahe immer, und wenigſtens nach einem nur ſchwachen Widerſtande, allen ihren Grillen beipflichtete; denn ſelbſt ſeine groͤßere Kennt⸗ niß der Welt, und ihrer Urtheile wichen er⸗ röthend der heiligen Unſchuld, welche die im⸗ mer geniale Ausgelaſſenheit ſeiner Gattin um⸗ ſtralte. In ſeiner Naͤhe glaubte ſie ſich alles erlauben zu koͤnnen; ihn allein erkannte ſie als ihren Richter anz allein der Richter war immer von ihrer reinen Seele, von der Guͤte, Laune und Herzlichkeit befangen, die ſich von ihr aus uͤber ihre ganze Umgebung verbreitete. — 161 Auch mir war es, wie Allen, wohl in ihrer Naͤhe, obwohl ich mitunter ſelbſt das Ziel ihres ſchalkhaften Frohſinns war. Und ſo, indem ich zuruͤckkehrend die alten Bilder vor meiner Seele aufſtellte, erneuerte ſich eine Scene bei mir, in welcher ihre lie⸗ benswuͤrdige Nachſicht mich aus einer, fuͤr einen jungen Comptoriſten nicht geringen Ver⸗ legenheit, heraushalf. Wir bekamen alle in dieſem Hauſe ein recht ſchoͤnes Geſchenk zu Weihnachten, freue⸗ ten uns folglich zu dieſem Feſte, und waren wie aͤchte Kinder auch ungeduldig und neugie⸗ rig. An einem ſolchen Weihnachtstage kam ich am Mittag durch einen Zufall fruͤher in den Speiſeſaal herunter als gewoͤhnlich; es war niemand im Zimmer, allein auf einem Stuhl lag ein nachlaͤßig eingewickeltes Paquet; der Tag machte meine Neugierde rege; ich hob die Huͤlle deſſelben ein wenig auf, und ent⸗ deckte einen ſchoͤnen gruͤnen Manns⸗Oberrock, den ich mich nicht enthalten konnte, genauer zu betrachten. Er war weder lang noch weit genug fuͤr meinen Principal, dagegen zu groß fur ſeinen Bruder, einen Juͤngling von funf⸗ zehn Jahren, von kleinem Koͤrperbau; er muß folglich, ſo ſprach eine innere Stimme, mir beſtimmt ſeyn. Weihnachten macht nicht allein neugierig, ſondern auch verwegen. Ich ſah nach der Uhr, berechnete, daß ich keine Ueber⸗ raſchung zu fuͤrchten haͤtte, und beſchloß in der groͤßten Eile zu unterſuchen, wie das Kleid mir ſtaͤnde. Indeſſen hatte ich es kaum angezogen, und vor dem großen Spiegel gefunden, daß es mir wie angegoſſen ſaͤße, als eine nur ſelten benutzte Seitenthuͤr aufging, und mit den Worten:„Du wirſt ſehen, jetzt iſt es recht,“ die Hausfrau an der Hand des Mannes hereintrat. Ich wandte mich ſchnell um und verneigte mich ſehr tief, blutroth im Geſichte. Sie ſprang erſchrocken und verlegen zuruͤck, faßte ſich indeß gleich, und lachte uͤberlaut. Mein Principal ſagte ihr etwas ins Ohr. „Wirklich!“ rief ſie, und klatſchte in die Haͤnde, dann trat ſie vor mich hin, und ſah mir recht ſchalkhaft ins Auge. Ich wurde immer verlegener, und erroͤthete noch mehr; der Mann fuhr fort, mit ihr ins Geheim zu reden, bis ſie beinahe eben ſo roth ward, wie ich, waͤhrend ihr Blick bald auf mir ruhete, bald nach dem Spiegel ſich umdrehete; auf ein⸗ mal half ſie ſelbſt mir den Oberrock ausziehen, und ſagte laͤchelnd, mir leicht mit der Hand uͤber das Geſicht fahrend:„Beau masque! Rengierde taugt nicht; da haben Sie ſich ſelbſt um ein Weihnachtsgeſchenk gebracht, und mich in die Verlegenheit geſetzt, etwas Ande⸗ res ausfindig zu machen, denn weiß man voraus, was man bekoͤmmt, ſo hat das Spiel ſeinen beſten Reiz verloren.“ Mit dieſem Worten eilte ſie, das Kleid uͤber dem Arm und den Gatten an der Hand, in ihr Cabinet zuruͤck, und weder einige Au⸗ genblicke nachher bei Tiſche, noch jemals ſpaͤter, ward dieſer Begebenheit erwaͤhnt. Am Abend empfing ich ein in der That noch koſtbareres Geſchenk, das nicht einmal das 11* „ Anſehen hatte, in ſolcher Eile zuwege gebracht zu ſeyn; ja, ſtatt durch dieſen Pagenſtreich verloren zu haben, ſchien es vielmehr, als waͤre ich Beiden ſeit der Zeit noch lieber geworden. Der Herr behandelte mich mit mehr Nachſicht als zuvor, und ſelbſt die Frau war zutraulicher gegen mich, und zu dem naͤch⸗ ſten Oſtern, wenige Wochen fruͤher, als ich auf immer dies theure Haus verließ, ward mir auch nebſt andern Geſchenken der gruͤne Ober⸗ rock zu Theil, welchen mir mein Principal laͤchelnd mit einem freundlichen Haͤndedruck uͤberreichte.— 2 Kein Wunder alſo, daß ich bei meiner Zuruͤckkunft nach Hamburg, und kaum bei meinem vorherigen Principal und nunmehrigen Compagnon abgeſtiegen, ſobald ich dieſem nur in aller Kuͤrze Rechenſchaft wegen unſeres, in der That bluͤhenden, Handels abgelegt hatte, mich gleich nach Theodor Selting und ſeiner Frau erkundigte.— —,— — 165 — „Wie?— Nicht moͤglich!— Hoͤren wir auch recht?— Theodor Selting!“ ſo ſchrie die ganze Geſellſchaft verwirrt durch einander. Auf einmal ward das tiefe Stillſchweigen in eine allgemeine Beredſamkeit aufgeloͤſt. Ver⸗ worrene Fragen durchliefen den ganzen Saal; „Theodor Selting? Wie? der geweſene Kauf⸗ mann aus Hamburg, von dem wir ſchon ſo oberflaͤchlich geſprochen haben? Sie ſcherzen!“ „Derſelbe!“„ „Der dort den Handel aufgegeben, ja ſogar die Stadt raͤumen mußte, wegen einer ſcandaleuſen Geſchichte und einer noch ſchlim⸗ meren Sache vor dem Gericht?“ „Derſelbe!“ „Eine Sache, die jedoch noch mehr ſeine Frau anging, die von der Polizei in einem verdaͤchtigen Hauſe aufgehoben wurde, wie wir Ihnen ſchon erzaͤhlt haben?“ „Auf jeden Fall ein liederliches Weib!“ rief eine alte Dame mit einer durchdringenden Stimme,„ſelbſt wenn ſie nur dort geweſen wäre, um wegen des Baſtards ihres Mannes 166 zu unterhandeln, den ſie vor aller Menſchen Augen in ihrem Hauſe erzieht.—“ „Man will doch wiſſen, daß dies Un— gluͤckskind, durch welches ſie ins Gerede ge⸗ kommen, ſchoͤn wie ein Engel ſeyn, und eine gute Erziehung genießen ſoll,“ wandte einer von den Herrn ein. „Doch wohl nicht von der Hausfrau?“ meinte eine andere Dame,„denn die iſt den ganzen Tag ausgelaſſen, luſtig und guter Dinge, und tritt alle Schaam mit Fuͤßen.“ „Das krampfhafte Lachen der Verzweiflung“ bemerkte ein junger Theolog;„„vielleicht durch ſtarke Getraͤnke hervorgebracht.“ „Wiſſen Sie denn nicht, daß ſie in der That halb wahnſinnig iſt, und daß der Mann, nur aus Furcht, das Secandal zu vermehren, ſie nicht ſchon laͤngſt in ein Tollhaus ein⸗ geſperrt hat?“ „So viel weiß ich, die ich in der Nach⸗ barſchaft wohne,“ nahm eine junge Frau das 167 Wort,“„daß dieſes Kind eine Gouvernante hat, die doch im Grunde weder mehr noch weniger als deſſen Mutter iſt.“ „Oder vielmehr deſſen vorgebliche Mutter. In der That, die Nachſicht des Man⸗ nes iſt unbegreiflich;— kurz, die Leute ſuchen ſelbſt die Welt durch allerlei Geruͤchte zu taͤu⸗ ſchen; indeſſen iſt es mir doch aus guter Quelle bekannt, daß die Wahrheit in den Aus⸗ ſchweifungen eines jungen Herrn zu ſuchen iſt, eines Bruders des Gatten, eines Burſchen von ſiebenzehn bis achtzehn Jahren, und in ihr— daß Gott erbarme! Das Haus iſt noch ſchlimmer als ein oͤffentliches!“ „Um Verzeihnng! ich weiß aus den zu⸗ verlaͤßigſten Quellen, daß es gar nicht ſo zu⸗ ſammenhaͤngt; im Gegentheil, es iſt die Frau, die Mutter dieſes Kindes iſt,—““ und nun fluͤſterten ſich die frommen Seelen ſo ſcandaleuſe Dinge in die Ohren, daß bald eine Todtenſtille im Saale herrſchte, auch ver⸗ dienten ihre leiſen Anmerkungen nicht ans Licht gebracht zu werden. 168 „Ja, Gott mag wiſſen, wie das eigent⸗ lich zuſammenhaͤngt,“ rief endlich die alte Dame laut;„denn weder ich, noch irgend eine anſtaͤndige Familie ſeßt den Fuß in das Haus! Da ſieht man nun, wie leicht Sie ſich in einen Ameiſenhaufen hineingewuͤhlt haben koͤnnten,“ ſchloß ſie, zu dem Fremden hinge⸗ wandt. „Wir Alle!“ erwiederte dieſer ſchnell; „denn man hat mir erzaͤhlt, daß die ganze Nachbarſchaft bei ihrer Ankunft auf dem Gute ihnen Viſite gemacht hat.—“ „Bloße Neugierde! lieber Herr! und damals kannte man ſie noch nicht!“ „Auch iſt man ſeit der Zeit nicht einge⸗ laden worden;“ ſetzte der Fremde hinzu. Nein, im Ernſt,“ nahm der Buͤrger⸗ meiſter, unruhig uͤber das Feuer des jungen Mannes, mit aller Waͤrme ſeines Amtes das Wort,„meinen Sie den Theodor Selting, welcher, nachdem er mehrere Jahre Handel getrieben hatte, denſelben ploͤtzlich aufgab, der ſeine Geburt und alle fruͤheren adelichen Rechte, —— 169 trotz der buͤrgerlichen Schande, die ihn betrof⸗ fen hatte, wieder geltend machte, und nun ein einſames, beklagenswerthes Leben auf dem Gute fuͤhrt, das er zwei Meilen von unſerer Stadt gekauft hat?—“ „Derſelbe!— Meine Herren und Da⸗ men!“ fuhr der Fremde laͤchelnd fort;„Sie haben nun ſelbſt eine Scene in meiner Er— zaͤhlung dargeſtellt, und mir Anlaß gegeben, dieſe kuͤrzer zu machen.— Alle die Bemer⸗ kungen, welche Sie beliebt haben, in einer Viertelſtunde zu machen, ſind meiner erſten argloſen Anfrage in Hamburg ſchon begegnet, mir wurden lauter Dinge, das eine ſchrecklicher als das andere, von dieſer Familie berichtet: nur mein Compagnon redete von derſelben mit einer finſtern Verſchloſſenheit, wie von Leuten, die man nicht vertheidigen kann, und welche doch eine nicht ganz verletzte gute Meinung nicht geſtattet, geradezu zu verdammen. Auf mich machten dieſe ſich widerſprechenden Ge⸗ ruͤchte einen tiefen Eindruck, doch wankte meine Ueberlegung nicht, und ich beſchloß, wenigſtens 170 — durch eine kurze Anweſenheit perſoͤnlich das jetzige Schickſal dieſes Hauſes zu theilen, von deſſen fruͤherem glanzvollen Gluͤcke mir einſt ſo herzlich und gemuthlich ein Antheil zuge⸗ ſtanden wurde.“ „Indeſſen nicht allein lebenden Weſen waren meine Erinnerungen gewidmet, auch zu einem Ort in Hamburg zog mich das Anden⸗ ken einer kurzen, aber ſuͤßen jugendlichen Ver— irrung hin, die in ihrem raͤthſelhaften Fluge einen tiefen Eindruck in meiner Seele hinter⸗ laſſen hatte.— Doch, ehe ich weiter gehe, ſagen Sie, halten Sie mich fuͤr einen recht⸗ lichen Mann, der ſchaͤtzbaren Freundſchaft einer ſo verehrten Verſammlung wuͤrdig?“ „Dieſe Frage ſchien die ganze Geſellſchaft in Erſtaunen zu ſetzen; Alle wetteiferten, dem Fremden ihre ganz beſondere Hochachtung zu bezeugen, und das holde Laͤcheln der Damen fugte nicht undeutlich hinzu, daß ſie ihn nicht nur fuͤr einen ſehr rechtlichen, ſondern auch fuͤr einen ſehr ſchoͤnen Mann hielten.“ 8 4 171 „Ich danke Ihnen, meine Verehrungs⸗ wuͤrdigen! fuͤr Ihre gute Meinung,“ fuhr der Reiſende fort,„und um dieſe noch feſter zu begruͤnden, erſuche ich Sie hoͤflichſt, Herr Buͤrgermeiſter, der Geſellſchaft den Brief vor⸗ zuleſen, durch welchen ich Ihnen empfohlen bin; ein vorſichtiger und kluger Mann ſoll billig alles benutzen; man kann nie wiſſen, welcher boͤſe Daͤmon in der Folge ſo leichte Waare, als die gute Meinung⸗ verwehen wird.“ Der Buͤrgermeiſter ſah ihn verwundert an, ließ aber den Brief holen, und las mit lauter Stimme: „Dem hochgeehrten Herrn Bruder empfehle „ich hiedurch meinen Freund, Herrn Julius „Strahlen, einen jungen Mann, der ſich in „ſehr kurzer Zeit durch ſeine Rechtſchaffenheit, „Betriebſamkeit und Kenntniſſe das Zutrauen „der erſten Handelshaͤuſer, und als eine Folge „davon, ſchon ein betraͤchtliches Vermoͤgen „erworben hat. Ich halte es uͤberfluͤſſig, mehr 172 „von einem Manne zu ſagen, der durch ſein „angenehmes Aeußere und ſeine feinen Sitten „uͤberall ſeine Perſon geltend machen, und „wegen ſeiner Lage als ein erwuͤnſchtes Mit⸗ „glied jeder guten Familie willkommen ſeyn „wird.— Auch wird jede Hoͤflichkeit, welche „der Herr Bruder dieſem meinen Freunde „erzeigen, von mir angeſehen werden, als „wuͤrde ſie bewieſen, Deinem treuen und ergebenen Bruder.“ 3 Der Buͤrgermeiſter verneigte ſich, nach— dem die Vorleſung des Briefes vollendet war, ſehr tief; die anweſenden Muͤtter laͤchelten doppelt zuvorkommend, und die Maͤdchen ſchlugen die Angen doppelt verſchaͤmt nieder; der Fremde nahm wieder das Wort: 3. „Moͤchte ich auch nur, wenn ich nun zu reden aufhoͤre, dieſen ſchaͤtbaren Platz in ihrer guten Meinung behalten, vielleicht faͤngt ſie ſchon an zu wanken, wenn ich Ihnen ſage, daß der Hrt, wohin mich eine jugendliche 173 Erinnerung fuͤhrte, der bekannte Saal bei Ahrends iſt.—— Eine tiefe Wehmuth floͤßte mir das bewegliche Treiben ein, das mich dort umgab, und in ſo grellem Wider⸗ ſpruch mit dem ruͤhrenden Bilde ſtand, das eben dort meine Seele erfuͤllte,— von dieſem Bilde ſpaͤter; ich will nichts vorgreifen.“ „Ich war ſchon den Saal ein paarmal durchſtreift, als ich bemerkte, daß ich ins Auge gefaßt wurde. Ein junges⸗ verbluͤhetes Weib mit einem unbedeutenden, recht huͤbſchen, aber ſtark geſchminkten Geſichte, ſolgte mir, wie mein Schatten, und warf mir jedesmal, wenn ſie glaubte nicht bemerkt zu ſeyn⸗ durchbohrende Blicke zu. Ich begab mich in den anſtoßenden Garten, in der Vermuthung, daß es leichter dort, als im Saale zu einer Erklaͤrung kommen wuͤrde, denn ich erinnerte mich nicht, ſie je geſehen zu haben. Sie ging mir wirklich nach; ſchnell Fandte ich mich um und ergriff ihre Hand.“ „Kennſt Du mich?“ fragte ich leiſe:„ich 174 habe wohl bemerkt, daß mir Dein Auge folgte!“ „Vielleicht,“ gab ſie zur Antwort,„wenn Sie Julius heißen?“ „So iſt mein Name!“ erwiederte ich, erſtaunt uͤber dieſe mir unbewußte Bekannt⸗ ſchaft. „Und Sie wagen es wirklich, Herr Selting, ſich in Hamburg zu zeigen?“ fuhr ſie heftig fort.„Wo iſt ſie, meine ungluͤckliche Freundin, die Sie aufgeopfert haben? Ant⸗ orten Sie! im Elende, ermordet vielleicht! Wozu ſind Sie nicht im Stande?!“ Ich ward wie vom Blitz getroffen, doch behielt ich Faſſung genug, um zu erwiedern: „Du irrſt, mein Kind! mein Name iſt nicht Selting.“ „In der That nicht?“ fragte ſie bitter lachend. „In der That nicht!“ Sie ſtand einen Augenblick ſprachlos; ihre Hand zitterte in der meinigen. Auf ein⸗ mal riß ſie ſich heftig los, indem ſie außer ——————— ſich rief:„Schaamloſer Betruͤger!“ Mit dem erſten Laut ihres Mundes empfing ich eine tuͤchtige Ohrfeige, und mit dem letzten war ſie verſchwunden. So ſchnell ich mich faſſen konnte, eilte ich ihr nach. Sie war aber ſchon in den Saal hineingeſchluͤpft, und hatte ſich unter die Menge verloren. Alle Nachforſchung war fruchtlos, und jeder wiederholte Verſuch, ſie wieder zu entdecken, vergebens.—“ „Indeſſen hatte die mir unerklaͤrbare Scene, die ich nicht mit jenem Andenken in Beruͤhrung zu bringen wußte, und beſonders der Name Selting, auf ſo unbegreifliche Weiſe zu meinem Taufnamen gefuͤgt, mich in das groͤßte Er⸗ ſtaunen geſetzt. Ich fuhlte mich dieſer Familie naͤher geruͤckt, die ich, des allgemeinen Hohnes ungeachtet, welcher ihren Namen begleitete, allein nicht verdammen konnte, und die bis jetzt verſchobene Erfuͤllung meines Vorhabens, meine Freunde zu beſuchen, ſollte nun gleich ausgefuͤhrt werden. Ich hatte noͤmlich alle unſere Handels⸗ rechnungen erſt abſchließen wollen, welche mein Compagnon, obſchon ſie ſehr vollſtaͤndig in ſeinen Buͤchern aufgefuͤhrt waren, mir recht geheimnißvoll abgefordert hatte; allein ich er⸗ klaͤrte ihm gerade zu, daß er ſich bis zu meiner Wiederkehr gedulden muͤſſe, denn ich wollte meinen Beſuch um keinen Tag laͤnger ver⸗ ſchieben.“ 2t. „Er ſetzte ſchnell ſeine Brille auf und ſah mich durch dieſe mit großen Augen an.“ „Sie ſollten vielmehr Gott danken,“ brach er endlich los,„daß Sie aus dieſem fatalen Hauſe noch zur rechten Zeit gekommen ſind. Sie ſind ein reicher Mann und ein ſchoͤner Mann, auf den alle Augen gerichtet ſind, und folglich doppelt ausgeſetzt, in uͤbeln Ruf zu kommen.“ „Eben weil ich, wie Sie ſagen, ein reicher Mann bin,“ erwiederte ich erbittert und mit Verachtung,„kann ein uͤbler Ruf mir gleichguͤltig ſeyn.“ „Gott bewahre! im geſelligen Leben iſt es die erſte Pflicht eines rechtlichen Mannes, uͤber ſeinen guten Namen zu wachen!“ 177 ——— „Wenn dieſe Pflicht nur nicht eine noch heiligere Stimme in unſrer Bruſt unterdruͤckt! Dieſes iſt meine Richtſchnur, und nicht die inſipide Meinung der Welt.“ „Nun! Sie ſind ja volljaͤhrig! Es war nur ein freundſchaftlicher Wink, und ſo will ich Ihnen auch gleich anvertrauen, was ich Ihnen bis jetzt, weil die Zeit der Erklaͤrung mir uͤberlaſſen war, zu Ihrem eigenen Beſten verſchwiegen habe.— Aber Sie wollen es ja nicht beſſer!— Ich bin Ihr Compagnon nicht; ich trage nur den Namen.“ „Wie?“ rief ich erſtaunt.“ „So iſt's,“ fuhr er ruhig fort,„Sie koͤnnen nur Ihre Rechnung an Ort und Stelle abſchließen, denn der, deſſen Capital Sie fuͤr gemeinſamen Vortheil benutzt haben, der Sie in einem ſo jugendlichen Alter zum Compagnon gewaͤhlt hat, iſt ja eben Herr Theodor Selting, oder von Selting, wie er ſich jetzt nennt. „Wie haben Sie auch mir,“ ſetzte er mit zu⸗ friedenem Laͤcheln hinzu,„eine ſolchs Unvor⸗ ſichtigkeit zutrauen koͤnnen?“ 3 12 178 —— „Verzeihen Sie mir den jugendlichen Fehler!“ gab ich ihm eben ſo ruhig zur Ant⸗ wort, und verließ ihn augenblicklich, um ſchon in der naͤchſten Stunde im Wagen zu ſitzen, und mit der Bruſt voller Dankbarkeit ſchnell, aber doch nicht ſchnell genug fuͤr meine Sehn⸗ ſucht, mich mit meinen jetzt doppelt theuren Freunden vereinigen zu koͤnnen.—“ „Allein ſo wie ich mich der Gegend und dem Gute naͤherte, verloren ſich meine Traͤume von frohem Wiederſehen in aͤngſtliche Unruhe⸗ Wie werde ich dieſe einſt ſo gluckliche Familie wiederfinden? Dieſe muntere, hinreißende Frau? Die Welt ſchilt ſie jetzt wahnſinnig! Warum koͤnnen ſelbſt die vorurtheilsfreieſten Menſchen, trotz ihrer innern beſſern Ueberzeugung, nicht umhin, wenn ſie auch nicht daran glauben, doch durch die oͤffentliche Meinung irre gefuͤhrt zu werden?“ „Ich kam an einem Abende im Spaͤtherbſt an; es war ſchon dunkel; ich ließ meinen Wagen in dem naheliegenden Dorfe halten und befahl dem Kutſcher, wenn ich nicht fruͤher 179 zuruͤckkaͤme, erſt nach einigen Stunden ins Schloß zu fahren. Es gelang mir, unange⸗ meldet in das Wohnzimmer zu treten.“ „Wie erſtaunte ich, zu einem Feſte ge⸗ kommen zu ſeyn! Eine Art von Altar erhob ſich dem flammenden Kamin gegenuͤber; auf jenem lagen verſchiedene Gegenſtaͤnde, die ich keine Zeit zu betrachten hatte, denn meine Augen richteten ſich unwillkuͤrlich auf einen Blumenkranz, welcher uͤber demſelben ſchwebte, und in deſſen Mitte mein Taufname, Julius, transparent zu leſen war. Am Fuße des Altars hielt halbknieend ein junges Frauen⸗ zimmer einen Knaben von vier bis fuͤnf Jahren in den Armen, und erklaͤrte ihm, wie es ſchien, die Bedeutung des Ganzen. Einige Schritte weiter zuruͤck ſtand Selting mit ſeiner Frau, Hand in Hand; beide mit Theilnahme dieſe Gruppe betrachtend. Dies unerwartete Schauſpiel brachte mich um meine Beſonnen⸗ heit, und aus meiner Rolle. Ward ich denn hier erwartet? Mein ſogenannter, bisher da⸗ 12* 180 ——— fuͤr gehaltener Compagnon wuͤrde kaum, wenn es auch moͤglich geweſen waͤre, ſie von meiner ſchnellen Ankunft haben unterrichten koͤnnen. Woher denn dieſe Ueberraſchung? Womit hatte ich einen ſo feierlichen Empfang von Denen verdient, die meine Wohlthaͤter waren? Meine Gegenwart ward bald verrathen. Sel— ting wandte ſich, und ging mir, wie es ſchien, verdrießlich uͤber die Unterbrechung, verwundert und ſchnell entgegen.—„Mein Herr,“ be⸗ gann er,„darf ich fragen?—““ „Sie kannten mich nicht!— Der, in dem zwiſchenliegenden Zeitraume von fuͤnf Jahren, zum Mann herangereifte Juͤngling konnte ihnen wohl fremd erſcheinen; doch wunderte ich mich daruͤber.“ „Ihr kennt mich nicht!“— ſagte ich, „und doch brennt mein Name vor meinen Augen, und folglich auch in Euren Herzen? O! meine Wohlthaͤter!“ „Ich warf mich in Seltings Arme. „Strahlen!“ rief er erſtaunt, und umfaßte mich zaͤrtlich.—“ „Siehſt Du,“ nahm die Frau das Wort, waͤhrend ſie froͤhlich und laͤchelnd mir die Hand reichte;„ich wußte wohl, daß er uns beſuchen wuͤrde!“ Ich waͤre ſchon längſt gekommen, haͤtte ich nur fruͤher gewußt, was ich dieſem Manne ſchuldig ſey; aber auch ohnedies waͤre ich ge⸗ kommen; erſt bei meiner Abreiſe erfuhr ich Alles.“— „Das habe ich immer behauptet,“ fuhr die noch immer liebenswuͤrdige Frau fort- „Jedoch haben Sie mich heute nicht er⸗ warten koͤnnen,“ rief ich; indem ich den Blick auf den Altar und den Namen richtete.—“ „Es iſt heute der Geburtstag unſers Kindes. Es iſt Julius getauft!“ erwiederte Selting laͤchelnd.“ „Ihr Sohn? Selting!“ rief ich unwill⸗ kuͤrlich, hob den Jungen auf, kuͤßte ihn, und bemerkte zu gleicher Zeit, daß die junge Unbe⸗ kannte das Zimmer verließ.“ „Unſer angenommener Sohn, ich bin der Vater nicht.“ 33 „Warum,“ fiel die Frau raſch ein,„Ver⸗ ſtellung unter uns, und beſonders gegen einen ſo lieben alten Freund? Sie haben ſich ſchon ſo lange in Hamburg aufgehalten, daß es Ihnen nicht unbekannt ſeyn kann, wie man dort von uns urtheilt. Ich bin es, die man nicht allein zur Mutter des Kindes, ſondern ſogar zu deſſen Vater machen will; und in der That,“ fuͤgte ſie wehmuͤthig ernſt hinzu, „ich bin immer mehr das letztere als das erſtere.—“ „Ich leugne nicht,“ nahm ich das Wort, den freundlichen Knaben betrachtend, der mich ohne Furcht mit ſeinen großen hellen Augen anblickte,„daß ich das offentliche urtheil ge⸗ hoͤrt habe, es aber auch verachte, und doch meine liebe Freundin, ſieht dies Kind Ihnen wirklich aͤhnlich.—“ „Oder Ihnen ſelbſt, Strahlen!“ Selting ernſt.“ „Ich war und verlegen ohne ſelbſt zu wiſſen, warum.„Wie?“ fragte ich. 183 „Iſt es Ihnen denn nie eingefallen,“ fuhr er laͤchelnd fort,„daß Sie und meine Frau ſich aͤhnlich ſehen?“ „Wahrlich! ich habe nie einen ſo verwe⸗ genen Gedanken gefaßt!“ „Uns iſt es ſchon lange deutlich gewe⸗ ſen, jedoch unter gewiſſen Bedingungen,“ ſagte die Frau erroͤthend,„und das hat mich ſogar zu einem kleinen Mißbrauch verleitet, der— Geh zu Deiner Pflegerin, mein Kind, und bitte ſie, daß ſie uns den Thee beſorge— Erfriſchungen.— Was befehlen Sie?“ „Nach einem kleinen Zwiſchenſpiele, das allein meiner Bequemlichkeit gewidmet war, befanden wir uns, Selting, ſeine Frau und ich, bei dem Kamin allein. Weder der Knabe noch ſeine Waͤrterin kamen mehr zum Vor⸗ ſchein.“ „und was haben Sie zu den erſchreck⸗ lichen Dingen geſagt, die Sie von uns gehoͤrt haben?“ fragte Selting, als die Bedienten das Zimmer verlaſſen hatten.“ 184 — „Gar nichts, denn ich wußte nicht, was ich ſagen ſollte, aber geglaubt davon habe ich nur ſo viel, als mit meiner feſten Ueberzeugung von dem Charakter meiner Freunde beſtehen konnte, deren innere Beweggruͤnde gewiß von dem Scheine, den ihnen die Welt leiht, ganz abweichen.“ „Gut,“ entgegnete die Frau,„dieſe innere Ueberzeugung aber iſt uns nicht genug; unſer ganzes Benehmen, ſelbſt mit allen ſeinen Verirrungen, muß klar vor Ihren Augen liegen, und Sie duͤrfen nicht eine Nacht unter dem Dache ſchlafen, deſſen Beſitzer Ihnen ein Raͤthſel ſind. Ich will Ihnen gleich alles ohne Vorbehalt erzaͤhlen; Sie werden meinen Worten glauben und ſind wir irgend einem Menſchen Rechenſchaft ſchuldig, ſo iſt es nur Demjenigen, der den Glauben an uns nicht verloren hat.“ 4. „Sie haben gewiß Gelegenheit gehabt, zu bemerken,“ begann ſie,„daß ich verſchiedene — Sprachen verſtehe; allein ich hatte die Grille, dieſe Fertigkeit zu verbergen. Selbſt das Franzoͤſiſche habe ich nur, wenn es unum⸗ gaͤnglich noͤthig war, geſprochen, und Engliſch nie anders, als mit meinem Manne. Es ge⸗ nuͤgte mir, ihn mit meinen wenigen Talenten zu erfreuen. Indeſſen ſpeiſeten ſehr oft Aus⸗ laͤnder mit uns, und ungeachtet ich bei den Unterredungen in ihrer Sprache ein fortwaͤh⸗ rendes Schweigen beobachtete, beluſtigte mich doch ihr Geſpraͤch nicht wenig, das mitunter⸗ indem ſie meiner verſtellten Unwiſſenheit ver⸗ trauten, einen freieren Lauf nahm, als es ſonſt wuͤrde geſchehen ſeyn. Ja, ſelbſt mein Mann war zuweilen boshaft genug, an ſolchen Equivoquen oder auch nicht Equivoquen, die ein gebildeter und aufgeregter Cirket von Maͤnnern oft hervorruft, Theil zu nehmen, um ſich ins Geheim an meiner Verlegenheit zu ergoͤtzen.“— „Eines Mittags geriethen zwei junge Englaͤnder an unſerm Tiſche in einen freund⸗ ſchaftlichen Streit uͤber den Saal bei Ahrends; 186 — der Eine fand Aergerniß daran, der Andere hatte ſich dort recht gut unterhalten. Der Letztere entwarf einem aͤltern Landsmann, der auch unſer Gaſt war, ein ſo geiſtvolles Ge⸗ maͤlde von dieſem Orte und ſeinen kleinen Abenteuern dort, daß ich, die ich, wie Sie wiſſen, tauſend naͤrriſche Einfaͤlle habe, auch den bekam, dieſen Ort ſehen zu wollen. So⸗ bald ich allein mit meinem Manne war, er⸗ klaͤrte ich ihm dieſes gerade aus.“ „Rappelts bei Dir? war alles, was er mir zur Antwort gab.“ „Wie ſo 7 „Eine ehrbare und angeſehene Kaufmanns⸗ frau in dem Saal bei Ahrends?“ „Warum nicht? an der Seite ihres Gatten, und in ſeiner Geſellſchaft „Es geht nicht Kind! Du an einem ſolchen Orte!— „Meinſt Du, daß er fuͤr mich etwas Gefaͤhrliches haͤtte?“ 3 „Keinesweges! ſolche Gruͤnde koͤnnen 187 — mich nicht abhalten, Dich hinzufuͤhren; allein was wuͤrde die Welt nicht ſagen?—“ „Die Welt?— wer wuͤrde mich dort erkennen?“ „O, von den Maͤnnern mehrere, als Du glaubſt!— wenn es auch nur unſere Eng⸗ laͤnder oder andere Fremde waͤren, deren viele an uns adreſſirt ſind, und die nicht gerne eine der Merkwuͤrdigkeiten Hamburgs ungeſehen laſſen. Schlage Dir das aus dem Sinn!“ „Ich ſchlug es mir aber nicht aus dem Sinn, im Gegentheil, wenn ich mitunter einen Einfall habe, machen die Hinderniſſe, die ſich ſeiner Erfuͤllung entgegenſtellen, ihn noch un⸗ beſiegbarer, beſonders wenn meine Ueberzeu⸗ gung mir ſagt, daß er an ſich ganz unſchuldig ſey; indeſſen ſchwieg ich, zog ganz ins Geheim die Kleider meines Schwagers an, und als ich uͤberzeugt ward, daß dieſe mich unkenutlich genug machten, wiewohl ſie mir zu klein waren⸗ ließ ich unker der Hand einen vollſtaͤndigen maͤnnlichen Anzug verſertigen.“ 188 „Eines Morgens, als ich dieſen Anzug vom Schneider bekommen hatte, ſtand ich ſehr fruͤh auf, zog ihn an, und weckte meinen Mann in meinem neuen Koſtuͤme. Er kannte mich in dem erſten Augenblick nicht; allein ich warf mich in ſeine Arme, und als ich ihn auf dieſe Weiſe uͤberzengt hatte, daß mich Nie⸗ mand in dieſer Verkleidung erkennen wuͤrde, lockte ich ihm das Verſprechen ab, meine Wuͤnſche zu erfuͤllen.— Wir muſterten nun das Kleid genauer, und fanden, daß der Ober⸗ rock fuͤr die Figur und die Mode viel zu lang ſey, und er wurde wieder zum Schneider hin⸗ geſchickt, um geaͤndert zu werden, denn wir wollten genau darauf ſehen, daß gar nichts Auffallendes die Augen auf mich ziehen konnte.“ „An dem Weihnachtsabende, eben als ich ſehr viel zu thun hatte, meldete man mir, daß der Schneider ein Paͤckchen braͤchte. In einer augenblicklichen Zerſtreuung ließ ich es in das Speiſezimmer tragen; erſt nachher, als mein Mann zu mir hereintrat, ward ich durch ſeinen 189 Anblick daran erinnert, und wollte ſo eben an ſeiner Hand mein Verſprechen wieder gut machen, als wir Sie den Oberrock anpaſſend vor dem Spiegel erblickten. Sie haben gewiß auch nicht dieſe Scene vergeſſen; allein Sie wiſſen vielleicht nicht, daß ihr beinahe jung⸗ fraͤuliches Erroͤthen und ihre Verlegenheit ihren ſonſt kuͤhnen, aber bleichen, Zuͤgen einen frem⸗ den Anſtrich liehen, welcher meinen Mann An⸗ laß gab, mir ins Ohr zu fluͤſtern:„Mein Gott, wie er Dir aͤhnlich ſieht!—“ Dieſe Bemerkung ſchien mir gar nicht ungelegen fuͤr mein Vorhaben, und der Tag ſelbſt zog mich, wie Sie ſich wohl erinnern, aus aller Verlegenheit.“ „Am Arm meines Gatten betrat ich eines Abends kurz darauf den Saal bei Ahrends, und ich geſtehe Ihnen, die erſte halbe Stunde gewaͤhrte mir reichliche Unterhaltung. Die ſo verſchiedenen Phyſiognomien, aus denen die entgegengeſetzteſten ienſchsſten hervortraten, ganz junge Leute, die ſich mit Leib und Seele, von den betaͤubenden Toͤnen gelockt, dem un⸗ §* 190 — ſchulbigen Vergnuͤgen des Tanzes hingaben; Andere, etwas älter, oder vielmehr die ſchon laͤnger in der Welt gelebt hatten, und entwe⸗ der mit flacher Gleichguͤltigkeit die wirbelnden Reihen anſahen, oder auch mit gierigem Blick einen Gegenſtand ihrer unſtaͤten Begierden in jenen ſuchten; und endlich alle dieſe aufge⸗ putzten Nymphen, die in jeder Bewegung Speculation ſan den Tag legten; dies alles beſchaͤftigte meine Phantaſie. Doch ward ich bald dieſer Augenluſt muͤde, die meinem Geiſte nur eine traurige Befriedigung verlieh, und nachdem wir den Saal drei bis vier Mal herumgegangen waren, verſicherte ich meinem Manne, daß meine Neugierde vollkommen ge⸗ ſtillt ſey; aber er, der immer ein Vergnuͤgen darin fand, meine kleinen Unbeſonnenheiten zu beſtrafen, erklaͤrte mir frei heraus, daß er nun erſt beginne, ſich angenehm zu unterhalten, und daß die Billigkeit es fordere, daß ich ihm auch erlaube, ſeinen Scherz zu treiben, um der Goͤttin ſeiner Lanne die Cour zu machen. Kurz, ich mußte aushalten; ja er dachte ſogar * 194 — mich allein zu laſſen, und ich, die ich ſchon vor Angſt bebte, bat ihn mit verſtelltem Trotz, es nur zu thun. Einige Augenblicke ſpaͤter erſuchte ich ihn wirklich im Ernſt darum.—“ „Ein junges, kaum ſechszehnjaͤhriges Maͤdchen, bleich, mehr wie es ſchien durch Kummer als durch Ausſchweifungen, mit einem ernſten, allein ſehr ruͤhrenden Blicke, das auf den Befehl einer Frau, von der es abhaͤngig zu ſeyn ſchien, mit ſichtbarem Zwang mit einer andern Dirne walzte, zog ploͤtzlich meine ganze Aufmerkſamkeit auf ſich. Vielleicht um mei⸗ nem Manne ein klein wenig Trotz zu bieten, riß ich mich von ihm los, und ſetzte mich an die Seite des Maͤdchens.—“ „Ich fing damit an, ihr Artigkeiten zu ſagen. Sie ſchien, mich mit Gleichguͤltigkeit anzuhoͤren, und antwortete mir freundlich, je⸗ doch ohne irgend einen Verſuch, ſich geltend zu machen. Sey es nun daß meine Artigkeiten anſtaͤndiger waren, als die, welche ſie gewohn⸗ lich anhoͤren mußte, oder daß tiefes, inneres 192 Mitleid meinem Ton etwas Anziehendes gab, genug ihre ward nach und nach offener und herzlicher.— „Hier koͤnnen wir nicht frei reden,“ ſagte ſie endlich, indem ſie einen ſpaͤhenden Blick um ſich warf,„gehen wir in den Gar⸗ ten!—“ „Als ich bemerkt hatte, daß mein Mann in einer kleinen Ferne mich nicht aus den Au⸗ gen verlor, ſtand mir mein Muth ganz wieder zu Gebote. Ich ſetzte mich mit ihr in eine kleine Laube, nicht weit von dem Eingange und verhehlte ihr nicht, daß ich dieſe Einla⸗ dung als einen Anfang anſehe, um mich in ihr Garn zu locken.“ „Ich laͤugne es nicht,“ gab ſie mir nach kurzem Bedenken zur Antwort,„daß es Per⸗ ſonen im Saale giebt, die ich gerne uͤberreden moͤchte, daß wir uns zuſammen wegbegeben haͤt⸗ ten; es wuͤrde mir vielleicht morgen einen 6 ſern Tag verſchaffen!—“ „Du ſiehſt alſo nicht gern, wenn ich Dich nach Hauſe begleite?“ 193 „Wenn es endlich doch ſo ſeyn muß, dann lieber Sie als irgend ein Anderer.—“ „Und wenn ich Dich nun in den Stand ſetzte, daß Du nicht noͤthig haͤtteſt irgend Je⸗ manden zu empfangen?“ „Sie ſah mich mit großen Augen an, auf einmal ſank ſie halb auf die Knie vor mir nieder, und ſchluchzte:„Auf ewig! auf ewig!““ „Faſſe Dich, Maͤdchen!“ rief ich er⸗ ſchrocken;„nimm nicht eine bloße Frage fuͤr mehr als ſie iſt!“ „Sie erhob ſich ſchnell und ſagte ſchmerz⸗ lich.„Ach! ich verſtehe Sie wohl, daß ich nur ein verworfenes Goſchoͤpf bin.—“ „Sie koͤnnen leicht einſehen, welchen Ein⸗ druck dieſe ſo unerwartete Scene auf mich machte. Haͤtte mich ſchon das Aeuſſere des Maͤdchens fuͤr ſie eingenommen, ihr inneres Weſen, ihre Thraͤnen thaten es noch mehr.— Es gelang mir, ſie zu beruhigen, uͤber ihre Lage aufzuklaͤren, ihr Muth und Vertrauen einzufloͤßen. Mein Mann, uͤber die lange Un⸗ 13 194 terredung unmuthig, naͤherte ſich, und gab mir einen Wink; ich erhob mich ſchnell und druͤckte ihr meine Boͤrſe in die Hand.“ 3 „Sie erſchrack und wollte ſie nicht an⸗ nehmen.„O!“ ſagte ſie, tief niedergebengt, „was iſt mir Geld gegen Ihre Theilnahme, gegen jedes Wort Ihrer Lippen! Ich ver⸗ lange nur eine kleine Gabe, die meine hab⸗ ſuͤchtige Wirthin befriedigen kann, und das Gluͤck Sie wieder zu ſehen. Ich ſtehe am Rande des Abgrundes— Sie haben mir ihn in ſeiner ganzen Furchtbarkeit gezeigt; ach! ich ſchwanke ihm ſchon entgegen, wollen Sie mich darin umkommen laſſen?“ „Maͤdchen! wie kann ich?—“ erwiederte ich verlegen.—„Behalte die Boͤrſe; reiße Dich los aus Deinen Verhaͤltniſſen, ſuche ein ehrliches und ſtilles Haus!“ „Ich ein ehrliches Haus? Selbſt mit die⸗ ſer großen Summe ſteh ich verlaſſen und allein, doppelt ungluͤcklich, 1 wenn Sie mich auch verlaſſen! Sie ſind z zWar jung, äber auch gut. Ich vertraue Ihnen⸗ Glaubet Sie nicht, daß ich aus elendem Eigenlutz ſpreche: behalten Sie Sht Geld; Ihr Rath, Ihre Theilnahme ſind mir mehr von Noͤthen.— Ich komm morgen wieder her, komm jeden Abend; ich muß dieſen Ort noch eine Zeitlang beſuchen.— Ich habe Niemanden, dem ich mich anvertrauen kann; Niemanden, dem ich mein Herz eroͤffnen darf! O kommen Sie wieder, Sie mir, wiederzu⸗ kehren!— „Wis ſollte ich thun? Ich hoffte etwas recht Gutes bewirken zu koͤnnen. Jede Ein⸗ wendung ward von dieſem Gedanken beſiegt.— „Behalte die Boͤrſe,“ rief ich;„ich ſche Dich wieder, und mit hochklopfender Bruſt verließ ich an dem Arm meines Mannes den laͤrmenden Saal.“ „Ich erzaͤhlte ihm alles. Er lächelte uͤber meine Leichtglaͤubigkeit, ällein er mußte meine Beweggruͤnde ehren und gab dem hei⸗ ligen Feuer meiner Seele nach.“ G'est 1e prẽmier pas, qui coute! darauf eilte ich unter derſelben Verklei⸗ 13* 196 dung, und in der naͤmlichen Begleitung, um mein Verſprechen einzuloͤſen. Mein Mann und ich, wir hatten Beide einen Plan ent⸗ worfen, den ich in Ausfuͤhrung bringen wollte.“ „Ich entdeckte bald das wirklich ſchoͤne Maͤdchen. Mit einem duͤſtern, ſchwermuͤthi⸗ gen Blicke vor ſich hinſtarrend, ſaß ſie ſtill und untheilnehmend in einer Ecke des Saales; allein ſie ward mich kaum gewahr, als ein Strahl von Leben und Munterkeit aus ihren Augen hervorbrach. Sie ſprang mir ſo ſchnell entgegen, daß mein Begleiter, den ſie uͤbri⸗ gens nicht zu bemerken ſchien, kaum Zeit ge⸗ nug hatte, ſich zuruͤckzuziehen.“ „O!“ rief ſie,“„ich fuͤrchtete beinahe, daß Sie nicht mehr hieher kommen wuͤrden; wenigſtens nicht ſo bald!“ Sie zog mich ſchnell in den Garten, zu der erwaͤhnten Laube, und kaum waren wir dort, als ſie halbknieend meine Haͤnde mit Kuͤſſen bedeckte.“ „Sie haben mir ein neues Daſeyn gege⸗ ben,“ rief ſie lebhaft;„ich bin jetzt ein ganz 197 anderes Weſen. Wiſſen Sie auch, wie viel Geld Sie mir letzthin geſchenkt haben? Es iſt eine fuͤr mich ſehr große Summe! Allein ich will ſie auch recht gut anwenden.“ „Du willſt? Haſt Du Dir denn nicht ſchon viele kleine Beduͤrfniſſe angeſchafft, die Du doch gewiß noͤthig hatteſt?“ „Kein einziges!“ „Du biſt ſreilich recht gut gekleidet; aber——“ „Ach! dieſer Anzug gehoͤrt nicht mir, ſondern der Frau, bei der ich bin;— ich bin ſehr arm!“* „Nun, ſo kaufe Dir, was Du brauchſt!—““ „Daran darf ich noch nicht denken; wenn die Zeit erſt um iſt, und mir's gelungen ſeyn wird, mich dem Hauſe gluͤcklich zu entziehen.— Sehen Sie,“ fuhr ſie mit geſpraͤchiger Laune fort,„Sie koͤnnen wohl begreifen, daß alle meine Schritte bewacht werden. Sie ſind auch bemerkt worden; man haͤlt Sie fuͤr mei⸗ nen Geliebten, und nach jeder Unterredung, 198 die Sie mir ſchenken, oder ſchenken werden, zeige ich meiner Wirthin eine kleine Summe, als eine Gabe von Ihnen, von der ſie auch ihren Antheil bekoͤmmt; und ſo entſchluͤpfe ich dem zwange, einen Liebhaber ſuchen zu muͤſſen.— Dieſes wuͤrde mir ſehr ſchwer geweſen ſeyn! Seitdem ich Sie geſehen habe, iſt es mir unmoglich; aber nun, nun! Ich kann die Leute vom Hauſe taͤuſchen, und bin glůcklich⸗ indem ich an Sie denke“ 6 war tief bewegt, ich haͤtte das ver⸗ lorene Kind in meine Arme ſchließen moͤgen.— Sie iſt noch nicht ohne Rettung verloren, ſagte ich zu mir ſeibſt; ſie hat eine Freundin gefunden.— Ich bat ſie, mir ihre Geſchichte zu erzaͤhlen; ich will Sie nicht mit dieſer er⸗ muͤden; Sie haben gewiß hundert aͤhnliche gehoͤrt. Fruͤh ihrer Eltern beraubt, die ihr wenigſtens keine ſchlechte Erziehung gegeben hatten, noch halb Kind, in ihrem erſten Dienſte von dem Sohn ihrer Herrſchaft verfuͤhrt, er⸗ tappt, verſtoßen, ohne irgend eine Zuflucht, fiel ſie in die Haͤnde ihrer gegenwaͤrtigen Wir⸗ 1 4 7 * 499 thin, die ſcheinbar theilnehmend, erſt mit guten Worten und hernach mit Haͤrte, die Lage des M ädchens und ihren Mangel an Erfahrung zu ihren Abſichten zu benutzen ſuchte. Als ich ſie an jenem Abende in dieſem Saale ge⸗ ſehen, hatte ſie ihn zum Erſtenmal beſucht; meine Vekanntſchaft war ihr erſter Verſuch geweſen. Wohl hatte ihr ſchoͤnes Aeuſſere viele Andere ſchon fruͤher als mich in ihre Naͤhe hingezogen; allein ihr beſſeres Gefuͤhl fand ſich durch die plumpe Unterhaltung dieſer Andern tief verletzt, und ihr Schutzgeiſt breitete einen Schleier von Verlegenheit uͤber die weib⸗ liche Anmuth, die ſie in unſern Unterredungen mehr und mehr entwickelte.— Ich troͤſtete und ermunterte ſie, verſprach ihr Beiſtand wie vorher; ich wollte ihr einen geheimen Zu⸗ fluchtsort, bei einem Prediger, wenige Meilen von Hamburg, verſchaffen, den wir genau kannten; ihm ſelbſt ſollte ihr gegenwaͤrtiges Schickſal ein Geheimniß bleiben. Allein ſie glaubte in ihrer Unerfahrenheit, ſich nur durch Liſt aus ihren Verhaͤltniſſen losreißen zu kön⸗ 200 — nen.— Dies mußte ich erſt, mit meinem kanne uͤberlegen; auch mochte ich nicht gern etwas Abentheuerliches in ihre lebhafte, leicht irre geleitete Phantaſie hineinbringen. Ach, durch tauſend ſchlaue Fragen hatte ich ſchon ihr zerriſſenes Gemuͤth beſtuͤrmt;— jede ihrer Antworten bezeugte einen hellen Verſtand und ein unverdorbenes Herz. Endlich faßte ſie meine Hand, mit den Worten: Ich habe Ih⸗ nen jetzt alles, was ich von mir ſelbſt weiß, anvertraut, und Sie haben mir gar nichts von ſich geſagt! Nennen Sie mir nur Ihren Namen!“ Ich ſchlug die Augen verlegen nieder; ſie ſielen auf meinen gruͤnen Oberrock. Dieſer fuͤhrte Sie ploͤtzlich vor meine Seele,— und ich weiß ſelbſt nicht, wie mir der Ausruf: Julius! entſchluͤpfte.“ „Das Maͤdchen ſchwieg einen Augenblick. „Nur Ihren Taufnamen?“ ſagte ſie be⸗ truͤbt.—„Erlauben Sie mir nur eine kleine Frage:— Dem Herrn, der Sie begleitet, haben Sie ihm etwas von mir geſagt7“ — 201 „Es iſt mein Bruder,“ gab ich raſch zur „Antwort; er weiß won nichts!“ Ich erhob mich ſchnell.“ „Wann ſehe ich Sie wieder?“ fragte ſie aͤngſtlich, und ergriff meine Hand. „Ich war auf dieſe Frage gefaßt.“ Ich bin ſehr jung, erwiederte ich, und werde ſehr ſcharf beobachtet.— Ich darf nicht mehr hieher kommen.“ „So beſuchen Sie mich!“ rief ſie leb⸗ haft.—„Ich wohne in— No.— Es iſt um ſo beſſer,“ fuhr ſie fort und klatſchte in die Haͤnde,„dann zweifelt Niemand daran, daß ich Ihnen allein angehoͤre, und durch ein wenig Klugheit werde ich mich vielleicht ganz dem taͤglichen Fehee entziehen koͤnnen.“ „Ich ſchlug es ihr beſtimmt ab, und fuͤgte hinzu, daß ich meinem Bruder alles an⸗ vertranen wuͤrde, daß ich nicht mehr kommen duͤrfe noch koͤnne; daß ſie durch ihn von mir hoͤren ſolle, und daß ſie ſich auf ihn ganz wie auf mich verlaſſen koͤnne.“ * 202 „Sie ſtand wie vom Blitz getroffen.“ „Nein! um des Himmels Willen nicht!“ rief ſie mit ſichtbarer Angſt und gefalteten Haͤnden!„Seyn Sie barmherzig! Sie haben mir den Abgrund gezeigt, in den ich verſinke. Sie allein koͤnnen mich retten, wie Sie allein mich verderben koͤnnen. Jeder Andere ſtoͤßt mich zuruͤck in ein neues doppelt graͤnzenloſes Elend.— Wann ſehe ich Sie wieder hier? O bald, bald! Sie wiſſen nicht, welche Kraft mir Ihr Anblick einfloͤßt; entziehn Sie mir ihn nicht!“ „Mit Schrecken ward ich die Leidenſchaft, die ich erregt hatte, gewahr; aber ſie ruͤhrte mich, machte mich ſchwankend und nachge⸗ bend.— Ich verſprach ihr, zu kommen, doch nur in den Garten, und beſtimmte die Zeit; ich wollte den hellen Saal nicht mehr betreten.“ „Mein Mann machte mir Vorwuͤrfe, und doch mußte er erkennen, daß er an meiner Stelle es kaum beſſer gemacht haben wuͤrde. Auch fand er es uͤberaus luſtig, ſeine Frau, ———— — 203 ——— um ein verlornes ſchoͤnes Kind zu retten, einen gutmuͤthigen und tugendhaften Liebhaber bei ihr ſpielen zu ſehen; ich, meinerſeits, ent⸗ ſchloß mich, ſeinen leiſen Unglauben Luͤge zu ſtrafen. Niemand hatte mich erkannt; ein glucklicher Verſuch macht Muth zu mehreren. So ging es uns Beiden, beſonders aber mir, die ich nur Sinn fuͤr die Rettung des Maͤd⸗ chens hatte. Ihr ganzes Weſen lag klar vor mir; wenn ich ſie nicht verließ, war ſie ge⸗ rettet, davon war ich uͤberzeugt. Sie ſollte, ſie mußte von Hamburg fort! Mein Mann ſchrieb; die noͤthigen Maßregeln wurden ge⸗ nommen, allein ſie konnte nicht ſogleich bei dem Prediger aufgenommen werden und wir waren Beide daruͤber einig, daß alles ohne das mindeſte Aufſehen zu erregen geſchehen mußte; fuͤr die kurze Zwiſchenzeit wollten wir ihr einen Zufluchtsort in der Stadt aufſuchen. Eine alte Wittwe, auf deren Ehrlichkeit wir glaubten bauen zu koͤnnen, ſollte ſie, jedoch unbekannt mit dem Zuſammhange der Sache, bis dahin in ihr Haus aufnehmen, und ſie 204 ſelbſt alles Uebrige, ohne unſer Dazwiſchentreten, mit ihrer Wirthin abmachen.“ „So weit waren wir Beide einig, nur ein kleines Geheimniß, das ich— ich weiß ſelbſt nicht warum?— lange meinem Gatten verſchwieg, quaͤlte mich, naͤmlich, die Leiden⸗ ſchaft, welche das arme Kind fuͤr den jungen Mann gefaßt hatte, der ſo uneigennuͤtzig und nur aus edlem Antrieb Antheil an ihrem Schickſal genommen hatte. Ach, ich ſah es wohl, es war weniger Tugend, als die Allmacht der Liebe, die ſie der Bahn der Verfuͤhrung entzog! Sollte ich ſelbſt den Talismann ab— legen, der ihre ſchoͤne Jugend, ihre Seele dem irdiſchen und ewigen Verderben maͤchtig ent— riß?— Eine plotzliche, zu fruͤhe Entdeckung konnte ihr ergriffenes Gemuͤth in die Verwor⸗ renheit zuruͤckwerfen. Ich beſchloß in dieſer Rolle fortzufahren, das einzige Mal, wo ich, meines Verſprechens eingedenk, ſie noch ſehen wollte. Ohne dies kleine Spiel, das mir ſogar Unterhaltung gewaͤhrte, hatte ich, durch die Vorſtellungen meines Gatten, und durch eigenes + 205 Nachdenken uͤber dieſe mehr als je erſchrecken ſollen, doch beſchloß ich, getroſt dort wieder zu erſcheinen.— O! mein unbefangener Leichtſinn!“ „Arglos, und wie immer von meinem Mann begleitet, ſah ich ſie, als alle Maßre⸗ geln nun getroffen waren, ſo wie ich ver⸗ ſprochen hatte, wieder. Es war als loͤſte unter dieſem Geſpraͤch, das mir ſie noch lieber machte— ſich ihr Weſen ganz in Liebe und Hingebung auf; es blieb unverkennbar, daß ihre Leidenſchaft fuͤr mich, vielleicht ihre erſte wahre Liebe, die Seele aller ihrer Entſchluͤſſe war. Sie nannte mich Du; ſie ſchien ſtolz darauf zu ſeyn, mich ſo nennen zu duͤrfen. Die Achtung, die ich ihr immer bezeigt hatte, floͤßte ihr aufs neue Achtung fuͤr ſich ſelbſt ein, wiewohl ſie ſich tief unter mir fuͤhlte.“ „Wohl fiel es ihr ſchwer, ſich von mir zu trennen; ich fuͤrchtete aber keine Widerrede mehr, denn ein Wunſch von mir war ihr mehr als Geſetz. Es war ihr gelungen, ſich von ihrer Wirthin loszumachen, und ich uͤber⸗ gab ihr die Adreſſe der Frau, zu der ſie am 206 folgenden Tag ſich begeben ſollte. Sie wußte, daß ſie von jenem Augenblick an, wenigſtens bis ſie Hamburg verlaſſen haͤtte, mich nicht ſehen wuͤrde. Sie fuͤgte ſich darin, aber ſie erbleichte und hielt meine Hand krampfhaft in der ihrigen. Ich troͤſtete ſie, ſo gut ich es vermochte, ünd verſprach, ſie nie zu vergeſſen, wenn ſie nur meiner Freundſchaft wuͤrdig bleiben wuͤrde. Ich hatte meine Ausdrucke mit Umſicht gewaͤhlt; auch dachte ſie gewiß nicht an eine genauere fortgeſetzte Verbindung; allein ſie glaubte an meine Gegenliebe.“ „Verſtatten Sie mir bloß,“ ſagte ſi mit bebender Stimme, als ich mich wegbegeben wollte,„daß ich in der hoͤchſten Noth, wenn meine Seele ganz verzweifelt, Ihnen ſchreiben „Du weißt ja nicht meinen Namen.“ „Doch! doch! den habe ich ſchon lange gewußt.“ „Wie?““ rief ich erſchrocken.“ „Fuͤrchte nichts!“ verſetzte ſie ruhig. „Dein Name iſt in meiner innerſten Seele 207 verborgen.— Durch einen Zufall;— ich habe ja auch eine Freundin hier gefunden.— Einſt, als wir ans der Kirche gingen, begeg— neten wir Deinem Bruder.— Sie merkte, daß er meine Aufmerkſamkeit auf ſich zog⸗ und erzaͤhlte mir, daß er ein bekannter Kauf⸗ mann ſey, und Selting heiße.“ „Dieſe, wiewohl ganz naturliche Ent⸗ deckung erſchreckte mich. Ich riß mich ſchnell los, nachdem ich dem Maͤdchen die Erlaubniß ertheilt hatte, im obengenannten Falle, der nach meiner Meinung nie eintreffen konnte, ſich an mich zu wenden;„obgleich,“ fugte ich hinzu,„mein Auge und meine Sorgfalt Dir uͤberall insgeheim folgen wird.“ „Tief erſchuͤttert uͤber ihre Verzweiflung eilte ich zu Hauſe. Ich dankte Gott fuͤr ihre Errettung, die ich jetzt gefunden glaubte; auch erfuhr ich, daß ſie ſich wirklich an folgenden Tage mit ihrem kleinen Paket unter dem Arm in die Wohnung der Wittwe begeben hatte, und in dem naͤmlichen Augenblick beſchloß ich, mich nie m zu verkleiden; unſere lete L terredung hatte mich gelehrt, wie leicht ich verrathen werden koͤnnte. Ja, um mir jeden Ruͤckfall unmoͤglich zu machen, ward jener gruͤne Oberrock Ihnen zu Theil.— Allein- meine frohe Hoffnung ward getaͤuſcht. Kurz nachher ward mir berichtet, daß Thereſe nach einigen Wochen aus dem Hauſe der Wittwe verſchwunden ſey.— „Thereſe!?“ rief ich heftig und unwill⸗ kuͤrlich.“ „Iſt dieſer Name Ihnen auffallend?“ fragte Selting verwundert.“ „Sie haben das Maͤdchen ja nicht fruͤher genannt,“ gab ich mit ſchneller Faſſung zur Antwort.„Ich bitte, fahren Sie fort.“ 5. „Jetzt komme ich,“ ſo nahm meine lie⸗ benswuͤrdige Wirthin das Wort wieder,„3zu dem kuͤrzeſten, allein furchtbarſten Theil meiner Geſchichte. Mein Freund! ich habe, wie Sie gehoͤrt, ſehr unbeſonnen; aber habe ich 209 ſchlecht gehandelt? Warum muß auf dieſer Erde nur der Schein den Werth unſerer Tha⸗ ten, und ihren Namen beſtimmen?“ „Ein Jahr war beinahe verſtrichen, als eben den Tag vorher, an dem ich meinen Mann von einer kleinen Reiſe zuruͤck erwar⸗ tete, mir ein Brief mit der Aufſchrift an ihn gebracht wurde. Die Aufſchrift zeigte, daß er kein Geſchaͤftsbrief ſey, folglich eroͤffnete ich ihn nach meiner Gewohnheit. Stellen Sie ſich aber mein Erſtaunen vor, als ich Folgen⸗ des las:“ 4 „Mein Herr! „In meinem Hauſe iſt ein armes, „ungluͤckliches, jetzt beinahe wahnſinniges „Frauenzimmer mit einem Knaben in „die Wochen gekommen. Eine Freundin „des Maͤdchens hat mir endlich eingeſtan⸗ „den, daß dieſes durch Ihren Bruder in „dieſe Lage verſetzt ſey.— Wohl ſoll er „ſie in einem oͤſſentlichen Saale kennen ge⸗ „lernt haben, allein deswegen iſt es doch 14 * . „nicht minder gegen Pflicht und Recht, „eine Dirne, die durch ihn Mutter, und „ein Kind, deſſen Vater er iſt, in Elend „und Verzweiflung, und beide mir auf dem „Halſe zu laſſen, denn ich muß ſie jetzt „fuͤttern. Ich nehme mir daher die Frei⸗ „heit, zu hoffen, daß Sie recht bald etwas „in dieſer Sache thun werden, um mich „nicht zu noͤthigen, ſtatt Ihrer thaͤtig zu „ſehn. Ich wohne in—— Hof auf dem „Saal No.— und nenne mich*. Der „Name des Maͤdchens, deſſen ſich Ihr „Herr Bruder wohl recht gut beſinnen „wird, iſt Thereſe Be*.!—“ „Verwundert, jedoch mit Ruhe, und nur mit Unwillen uͤber die fruͤhen Ausſchweifungen meines kaum erwachſenen Schwagers erfuͤllt, las ich dieſen Brief, allein der Name, womit er endigte, ſetzte meine Seele in das furchtbarſte Erſtaunen, und raubte ihr Beſonnenheit und Faſſung.“ „Es ging nicht meinen Schwager; mich, nicht ging es an. Worin hatte ich mich aber 211 verwickelt? welcher Bube hatte meinen Namen, die Liebe des armen Maͤdchens gemißbraucht? denn einen niedrigen Betrug konnte ich ihr keinen Augenblick zutrauen! Sie mußte die Betrogene ſeyn! Aufklaͤrung forderte meine Seele, mein Herz, und war ich nicht im Stande, durch ein Wort die Taͤuſchung zu vernichten, meinen Namen zu retten, zum Zweitenmal eine Ungluͤckliche dem Elend zu entreißen? Ich wollte ſie nicht verdam⸗ men, und ungehoͤrt durfte ich es auch nicht.— Ich wollte auf der Stelle dahin fahren; ſie war Mutter, elend und wahnſinnig; es dul⸗ dete keinen Aufſchub;— aber eine Frau von meinem Stande in einem ſolchen Hauſe, nach dieſem Briefe? Es mußte ja die Augen der ganzen Stadt auf mich ziehen!— Immer⸗ hin!— Ploͤtzlich fiel es mir ein, daß mein Schwager in dem letzten Jahre recht groß geworden ſey. Seine Kleider mußten mir jetzt paſſen; ach! ich, die ich ſonſt nie einen Schritt ohne das Vorwiſſen und die Einwilligung meines Mannes gewagt, hatte uͤber dieſen 1 fatalen Brief meine Beſonnenheit ſo ganz ver— loren, daß ich ohne mir Zeit zur Ueberlegung zu laſſen, nur der Angſt meines bebenden Her⸗ zens, das mich dahin zog, folgte, und meines Gatten ganz vergaß. Ich weiß nicht, war es die Ueberzeugung, daß mein Mann ein ſolches Unternehmen nie wuͤrde gebilligt haben, ver⸗ bunden mit dem Gefuͤhl, das mir ein zu wei⸗ ches Mitleid einfloͤßte, daß Niemand ſo ſcho⸗ nend wie ich hier verfahren koͤnne, oder war es eine Vorherbeſtimmung, daß die fruͤher durch meine erſte Unbeſonnenheit verletzte Sitte end⸗ lich durch die Ausfuͤhrung eines ſo unſinnigen Gedankens Gelegenheit finden ſollte, ſich an der, welche im ſtolzen Bewußtſeyn ihrer inne— ren Schuldloſigkeit, ihrer geſpottet, ſchmerzlich zu raͤchen? Genug, von einem alten treuen Diener begleitet, dem ich Stillſchweigen gebo⸗ ten hatte, und von dem ich wußte, daß er fuͤr mich ins Feuer gehen wuͤrde, begab ich mich⸗ trotz meines Entſchluſſes, mich nie mehr zu verkleiden, aufs neue in Mannskleidern in das angezeigte Haus.“ * 2¹13 „Wer da?“ brummte mir ein langer duͤrrer Mann entgegen, als ich die Thuͤre oͤffnete.“ B „Selting iſt mein Name,“ gab ich bebend zur Antwort; ich begann ſchon die Folgen me⸗ ner Unbeſonnenheit zu ahnen.“ „Ach der junge Herr ſelbſt, wie ich ſehe!“ fuhr er mit widerlicher Freundlichkeit fort.„Gott ſey gelobt, daß Sie Barmher⸗ zigkeit und chriſtliches Blut beſitzen! Ja! junger Herr, wenn ich auch jetzt nicht chriſtli⸗ ches Gefuͤhl gehabt haͤtte, laͤgen nun alle beide, Mutter und Kind, entweder in der Erde, oder auf der Straße. Kommen Sie, kommen Sie!“ „Er oͤffnete die Thuͤre eines feuchten halb⸗ dunkeln Dachſtubchens, aus dem mir ein uͤbler Geruch von vermodertem Stroh entgegen drang.—„Die Augen auf, Thereſe!“ rief er,„hier bringe ich ihn.—“ „Eine blaſſe, abgezehrte weibliche Geſtalt erhob ſich bald von einem mit Lumpen bedeck⸗ tem Strohlager, das die Hälfte des Zimme 214 chens einnahm, und ſank mit dem Ausruf: „Julins!“ wieder zuruͤck.“ „Faſt ohne Beſinnung bedeckte ich meine Augen mit der einen Hand, und hielt mich mit der andern, um nicht umzuſinken, feſt an dem alten Jacob, der mir wie ein Schatten folgte.“ „Julius!“ wiederholte die mir nur zu gut bekannte Stimme anfs neue.—„Wie kommſt Du hieher; wer hat Dir mein Elend berichtet? So ſollteſt Du mich nicht wiederge⸗ ſehen haben! Ach! ich mache Dir keine Vor⸗ wuͤrfe; mein Anblick ſollte es auch nicht thun!— Erſt nach meinem Tode,— ich hoffe auf den Tod,— ſollte man Dir mein Kind gebracht haben! Erbarme Dich ſeiner, Julius! nicht um meinet; um Deinetwillen nur,— es iſt Dein Blut!—“ „Thereſe!“ erwiederte ich unwillkuͤhrlich, wie es mir der Augenblick eingab,„bedenke, was Du ſagſt; tritt nicht in die Ewigkeit mit einer Luͤge! Ich will fuͤr Dich, ich will fuͤr — — — — 215 Dein Kind ſorgen; aber ich bin deſſen Vater nicht!“ 8 8 „Nicht Du? Du nicht?“ rief ſie mit der Anſtrengung einer Sterbenden!„O, erbar⸗ mender Gott! darauf war ich nicht vorbe⸗ reitet! Nein! Es iſt nicht moͤglich! Er glaubt nicht mehr an mein Wort! er laͤugnet!—— ich habe nichts mehr zu ſagen! mit ihm kann ich nicht rechten! Ach! mein armes Kind! Warum habe ich Dich nicht erſtickt, als ich zum erſtenmal deine Stimme hoͤrte!“ „Unmenſch! niedriger Unmenſch!“ rief ein Maͤdchen, welches einige Jahre aͤlter als Thereſe ſeyn mochte, das ich nun erſt hinter der halbgeoͤffneten Thuͤre mit einem zarten Kinde im Schvoße, erblickte—„wenn Sie nur wuͤßten, wie viel es mir gekoſtet hat, nur Ihren Namen von ihr zu erpreſſen! wie oft ſie ſchon ihre Oſſenherzigkeit bereuet hat. Ich“ ſchrie ſie auf einmal, indem ſie von ihrem Schemel aufſprang, ganz wie ich mir eine Furie denke,„ich beſchwoͤre es ſtatt ihrer, daß 216 Sie, und kein Anderer, der Vater dieſes Kin⸗ des ſind!“ „Der alte Jacob bebte vor Erbitterung; ich gebot ihm zu ſchweigen. Mit dem ganzen Stolze, den der Unwille uͤber dieſe unwuͤrdige Scene mir eingab, fragte ich:„Woher kennt ſie mich? hat ſie mich je vorher geſehen, oder geſprochen 7““ „Doch! allein ſo fluͤchtig, daß ich Ihre Zuͤge wohl nicht ſo gut wie Thereſens Aus⸗ — ſage beſchwoͤren duͤrfte! Einmal habe ich Sie im Saale bei Ahrens mit dem armen Maͤd⸗ 7 chen im Geſpraͤch geſehen. O meinem Blick entgeht nichts! Ich kann auch Ihre ganze Kleidung beſchreiben.— Und ſpaͤter, habe ich denn nicht mit Ihnen geſprochen, habe ich Ihnen nicht ſelbſt den unſeligen Brief ge⸗ 3 bracht, der das ungluͤckliche Opfer aufs neue in Ihre Arme gefuͤhrt hat?“ „Welchen Brief? Sie faſelt!— Ich weiß von nichts! „Nein! das iſt zu toll! Er will ſie er⸗ morden! Schafft ihn weg von hier! Seht ihr 217 denn nicht, ſie ſtirbt? O ich moͤchte ihn mit meinen Haͤnden zerreißen!“ „Sie hielt dieſe gegen mich geballt. Der Wirth trat zwiſchen uns.„Was koͤnnt ihr wohl mehr verlangen, ihr Lumpengeſindel?“ rief er,„der junge Herr will ja bezahlen! Nun, das moͤget ihr ſelbſt abmachen! Hier iſt meine Rechnung fuͤr die letzte Zeiti: fuͤnfhun⸗ bert Mark! bezahlen Sie baar, oder geben Sie eine rechtsguͤltige Unterſchrift vor dem Notarius!— Ich laſſe Sie nicht eher aus dem Hauſe.“ „Wer wird mich zwingen?“ ſtammelte ich erbleichend, meiner ſelbſt kaum maͤchtig, und wich unwillkuͤrlich einen Schritt zuruͤck.“ „Nicht von der Stelle!“ rief er, mich feſthaltend.“ In demſelben Augenblick traf ihn ein Schlag von der geballten Fauſt meines Jacobs, ſo daß er niederſtuͤrzte.“ „Lege nicht Hand an meine Herrſchaft, Hund!“ rief dieſer auſſer ſich; und ergriff meinen Arm mit den Worten:„Liebe, beſte Madam!“ „Was? Madam 7“ ſchrie die Furie und trat zwiſchen uns,„Madam? Was hat das zu bedeuten?“ „Ja!“ verſetzte ich ſtolz,„ich bin ein Weib; und ich, das noͤmliche Weib, bin es, das Thereſe in dem Saale bei Ahrens gekannt und geſprochen hat. Ihr werdet euch doch nicht an mir vergreifen, da ihr die Unmoͤg⸗ lichkeit erkennen muͤſſet?“ „Schoͤne Geſchichten!“ ſchrie das Maͤd⸗ chen auſſer ſich;„nicht von der Stelle! Ihr eine Weibsperſon? dann ſeyd Ihr auch eine Hexe, und muͤſſet verbrannt werden!“ „Der Wirth, welcher ſich unterdeſſen ver— gebens bemuͤhete, ſich wieder aufzurichten, bruͤllte; Jacob fluchte und ſchlug um ſich, um uns einen freien Ausgang zu verſchaffen; allein ſein Gegner hielt ihn mit ſeiner ganzen Kraft bei den Beinen feſt. Ein paar Weiber, die ich nicht fruͤher bemerkt hatte, oͤffneten die Fenſter, und ſchrien aus vollem Halſe um 2¹9 Huͤlfe. Die Nachbaren ſammelten ſich, unbe⸗ kannte Leute drangen ein.— Aufklaͤrung war unmoͤglich; ich dankte Gott, daß ich meinen Namen nicht nennen hoͤrte. Auf einmal trat die Wache herein. In dieſem Anblick wichen meine letzten Kraͤfte, ich ward ohnmaͤchtig.“ „Erſt in einem Gefaͤngniß,— denn der alte Jacob, unbekannt mit meiner Abſicht, hatte, theils weil er nicht wußte, ob es mir recht ſey, theils in einer Art von Betaͤubung meinen Namen der Wache nicht genannt,— fand ich ganz meine Beſinnung wieder. Die Frei⸗ heit meiner Kleider, das Geruͤcht von meinem Geſchlecht, und noch mehr mein Geld, das man mir nicht genommen hatte, und womit ich nicht, karg umging, das alles floͤßte dem Kerkermeiſter Milde und Artigkeit ein, jedoch war es mir unmoͤglich, ihn zu bewegen⸗ daß er mir verſtatte, nur ein Paar Worte zu ſchreiben. O welche Nacht! Mit allen dem war ſie nicht halb ſo ſchrecklich, als Sie es ſich vielleicht vorſtellen moͤgen. Das Gefuͤhl meiner Unſchuld und der Reinheit meiner Ab ſichten hielt mich aufrecht.— Ja, in einzel— nen Augenblicken vermochte ich ſogar, Dank ſey es meinem Leichtſinn, uͤber das wirklich Komiſche meiner Lage zu laͤcheln. Was mir aber beſonders wieder den Muth benahm, war Thereſens Schickſal. Ach, aus jedem ihrer Worte leuchtete ihre reine, ſanfte Seele her⸗ vor. Ich dachte kaum an meinen auf immer verlornen Ruf.“ „Am folgenden Tage gegen Abend hoͤrte ich die aͤuſſere Thuͤre eilig und mit Geraͤuſch eroͤffnen; auch die innere ſprang aufz in dem⸗ ſelben Augenblick lag ich in den Armen meines Gatten.„Arme, arme Frau!“ war alles, was er ſagte, waͤhrend er mich heftig an ſein Herz druͤckte:„dieſer Ort iſt nicht fuͤr Dich!“ „Er fuͤhrte mich in ſeinen Wagen, und ohne Verzug rollten wir auf unſer Garten⸗ haus. Sobald ich es vermochte, erzaͤhlto ich ihm alles; kein einziger Vorwurf entfuhr ſei⸗ nen Lippen.„Arme, arme Frau!“ wieder⸗ 221 —— holte er bloß,„moͤgeſt Du nur nicht den Fol— gen unterliegen!“ „Er war den Tag nach meiner Verhaftung gegen Mittag von ſeiner Reiſe zuruͤckgekom⸗ men, und hatte unſer Haus in Unruhe und Verwirrung uͤber mein und des alten Jacob Verſchwinden getroffen, das auch er ſich nicht erklaͤren konnte. Ohne zu wiſſen, wohin er ſich wenden ſollte, eilte er in ſeiner Angſt auf die Straßen.— Wenige Schritte von unſerm Hauſe begegnet ihm gluͤcklicherweiſe ein Be⸗ kannter, der ihm eine verworrene Geſchichte von einer Dame erzaͤhlte, die den Tag vorher⸗ als Mann verkleidet, in einem verdaͤchtigen Hauſe verhaftet, und als Vater eines Kindes angegeben worden ſey. Obgleich mein Mann aus ſeinen Worten nicht klug werden konnte, brachte ihn doch dies dunkie Raͤthſel auf die Spur.“ Er eilte zum Praͤtor. Unſer alter Jacob wurde ſo eben verhoͤrt; nun begann alles ihm hell zu werden.— Sein Anſehen und die Freundſchaft des Praͤtors machten bald der 22 Sache ein Ende. Der Wirth und jenes raſende Weib ließen ſich leicht durch Geld be⸗ friedigen, keiner von beiden wußte wer ich eigentlich ſey. Wie auf den Befehl des Praͤ— tors, ward Thereſe mit ihrem Kinde aus dem elenden Dachzimmer, worin ſie ſich befand, unter einem angenommenen Namen in ein an— ſtaͤndiges Haus gebracht, wo niemand ihr vori⸗ ges Schickſal kannte.“ „Wir kehrten nach der Stadt zuruͤck, und in den erſten Wochen war es, als wenn gar nichts vorgefallen waͤre. Bald aber ſandte das Geruͤcht, das jedes, wenn auch jnur ganz kleine Ibweichen von dem duͤrren Pfad der Conve⸗ nienz unerbittlich beſtraft, ſeinen unſichtbaren Fluch uͤber uns. Mein Mann wurde zuerſt von ihm getroffen; ich ſah es ſeinen finſtern Zuͤgen wohl an; nach und nach ward unſer Haus leer, keine von meinen vielen Freundin⸗ nen beſuchte mich mehr; indeſſen, da Selting merkte, daß auch ich dieſen Wechſel der Dinge wohl einſah, allein daß dieſer mich durch den Beſitz ſeiner Liebe und Hochachtung weniger 2 W ſchmerzlich als ihn ergriff, machte er mich ſelbſt mit allen den ungereimten, widerſprechenden und erniedrigenden Geruͤchten bekannt, die auf unſer Koſten herumliefen. Hamburg hatte fuͤr ihn nichts Anziehendes mehr, und unſere Lage mußte uns dort ſehr widrig ſeyn. Zur Verwunderung der ganzen Stadt, die ſogar behaupten wollte, daß es meinem Manne unter der Hand von dem Rath angedeutet worden war, gab er ploͤtzlich ſeine Handlung auf, und uͤbertrug, wiewohl insgeheim, Ihrer Sorge und Ihren Kenntniſſen das Kapital, welches er noch zu dieſem Gebrauch verwenden wollte. Er kaufte ſich hier an, und machte einige alte angeborne Rechte, die zu benntzen ſein innerer Adel fruͤher verſchmaͤhet hatte, geltend, um ganz unabhaͤngig leben zu koͤnnen. Schon lange gewohnt, die, welche die ſoge⸗ nannte gute Geſellſchaft ausmachten, als Ma⸗ rionetten zu betrachten, die, nur an den Drath⸗ faͤden des angenommenen Schicklichen haͤngend, ſich dem allgemeinen Glelaͤchter preisgeben, wenn ſie auf eigene Hand einen, obgleich un⸗ 224 ſchuldigen, doch unberechneten Schritt wagen, vor dem ſie ſich folglich ſorgfaͤltig huͤten, ver⸗ miſſen wir jene nicht, und— ohnehin bluͤht uns hier fuͤr jede Bitterkeit, die uns die Welt zugetheilt hat, ein ſuͤßer Erſatz— Dies ſchoͤne, geiſtvolle Kind und ſeine fromme Mut⸗ ter, denn in der That das iſt ſie, ſchmuͤcken unſern ſtillen Pfad mit reichen Freuden. Thereſens Seele iſt einer anſpruchsloſen Tu⸗ gend, dem Gluck des Lebens und der ewigen Zukunft wieder gewonnen.“ „Keinem ihrer vorigen Umgebung ahnete es, wo ſie hingebracht war, auch mir nicht. Selting wollte fuͤr ſie ſorgen, mich ſollte ſie jedoch nicht mehr ſehen. Er hatte keine gute Meinung von ihr, und verachtete ſie; allein ihre abgebrochenen Worte auf jenem elenden Lager erlanbten mir nicht, ihr Inneres zu verkennen. Er mußte meinen Bitten nachge⸗ ben. Ich hatte ihrentwegen zu viel gelitten, um ſie aufgeben zu koͤnnen.“ Ich beſuchte ſie in ihrer abgelegenen Woh⸗ nung zum Erſtenmal in den Fleidern meines 225 Geſchlechts. Die freundliche Aufnahme und beſſere Pflege hatten Wunder bewirkt; ihr Koͤrper war geſund, ihr Gemuͤth aber tief niedergebeugt; nur die Liebe zu ihrem Kinde band ſie an das Leben. deine Gegenwart und die weibliche Kleidung machten einen ſchmerzlichen Eindruck auf ſie. Bei meinem erſten Beſuche war ich die allein redende. Ich erzaͤhlte ihr ganz offen, warum ich ſie nicht aus ihrem Irrthum geriſſen, verhehlte ihr nicht, wie viel Kummer ſie uns veranlaßt habe, in⸗ dem ich ſie doch wegen meines verlornen guten Rufes ganz frei ſprach; denn mir war es klar, daß nicht meine Bekanntſchaft mit ihr, nicht mein Beſuch in dem Saale bei Ahrens, ſondern nur Mangel an Klugheit und Beſon⸗ nenheit in einem entſcheidenden Moment dies ſogenannte Ungluͤck uͤber mich gebracht hatte; doch machte ich ihr begreiflich, wie elend wir beide, ich und mein Mann, haͤtten werden koͤnnen, wenn wir nicht genug Staͤrke des Geiſtes be— ſeſſen haͤtten, um uns uͤber das allgemeine Urtheil zu erheben, und forderte Wahrheit von 15 226 —— 1 * ihr, worauf ich ſo heiligen Anſpruch hatte.— Sie gab mir dieſe, aber keiner von uns ward dadurch befriediget.—““ „Mit der unverkennbarſten Aufrichtigkeit erzaͤhlte ſie mir, daß die Wittwe, bei der wir ſie zuerſt eingemiethet hatten, im Grunde nicht viel beſſer als ihre erſte Wirthin geweſen waͤre; daß dieſes Weib ihren vorigen Aufenthalt aus⸗ geſpaͤht, ſie des geheimen Verſtaͤndniſſes mit meinem Mann beſchuldigt, und ihr neue Bekannt⸗ ſchaften zuzufuͤhren verſucht, und als Thereſe ſtumm und zuruͤckhaltend geblieben, ihr ihr fruͤheres Leben vorgeworfen, ja ſie ſogar ge⸗ mißhandelt haͤtte. Thereſe mit ihrem ſanften Gemuͤth hatte es nicht laͤnger aushalten kon⸗ nen, und das Haus verlaſſen, jedoch mich zu gleicher Zeit ſchriftlich davon benachrichtiget, und mich gebeten, in den Garteß bei Ahrends zu kommen.— Ich hatte mich eingefunden, ſie hatte mich geſprochen, mich freilich einſylbig und zerſtreut gefunden, welches ſie doch dem Unwillen uͤber ihre Flucht, und daß ich von Jemand im Saale erkannt worden, zuge⸗ —,— —— 227 ſchrieben habe; ich waͤre nur einen Augenblick da geblieben; in dieſem habe ſie mich jedoch beſchworen, mich nur einmal in ihre neue Wohnung zu begeben, und ihre Rechtfertigung zu hoͤren.— Ich waͤre gekommen, und ſie das Opfer ihrer Liebe geworden. Sie hatte mich von dem Augenblick an nie mehr geſehen, mir auch nicht geſchrieben, denn ich wußte ja, wo ſie zu treffen war, und nach dem letzten Ereigniſſe durfte ich nur ſie, ſie mich nimmer⸗ mehr aufſuchen. Sie blieb ruhig und in ſtiller* Erwartung in ihrer neuen Wohnung, bis ſie ihren veraͤnderten Zuſtand bemerkte. Sie ſchwieg und verzweifelte; die fruͤher genannte Freundin, die trotz ihres Furiencharakters weil ſie es mit Thereſen gut meinte, ihr Zutrauen behalten hatte, war die Einzige, der ſie ſich anvertraute. Erſt nach der Geburt ihres Sohnes, im aͤuſſerſten Elend, von ihrem neuen Wirthe gemißhandelt, von ihrer Freundin ge⸗ draͤngt, in einem halb bewußtloſen Zuſtande, war der Name Selting uͤber ihre Lippen ge⸗ kommen. Die aufgebrachte Freundin ſchmiedete 15* 228 ohne ihr Wiſſen gemeinſam mit dem Wirthe einen Plan, deſſen Ausfuͤhrung Sie ſchon kennen. Thereſe wollte mich nie mehr ſehen. Die Ungluckliche konnte die Wahrheit dieſer Ausſage beſchwoͤren, und doch— mein Wort, mein Geſchlecht!— Sie rief ſich alles aufs neue in ihre Erinnerung zuruͤck.— Ja! es war doch moͤglich, daß ſie getaͤuſcht ſeyn konnte! Jetzt fiel ihr erſt die Blaͤſſe des vermeinten Julius und der Zahnſchmerz auf, der ihm eine undeutliche und veraͤnderte Aus⸗ ſprache gegeben hatte. Sie hatte ihn nicht im hellen Lichte geſehen. Ach! es ſchien, daß die verdachtloſe Ergebung ſelber, womit ſie ihm entgegen gekommen war, ſie in ein uner⸗ gruͤndliches Elend gefuͤhrt hatte.“ „Wer vermochte wohl dies Raͤthſel zu loͤſen? Sie ſchwebte lange an dem Abgrunds⸗ Rande eines tiefen Wahnſinnes. Jetzt iſt ſie . hergeſtellt.— Es iſt klar, einer unerklaͤrbaren Aehnlichkeit, dem gedankenloſen Leichtſinn eines jungen Mannes ſind wir Alle zum Opfer ge⸗ worden.— Ihre Seele betete nur die meine 29 — „ an; in ihren Gedanken iſt ſie nie ihrer Liebe untreu geweſen, und ſo bin ich in der That in einem hoͤheren Sinne Vater des ſuͤßen Kindes. Wer weiß, ob nicht noch eine moͤg⸗ liche, nicht geſuchte Entdeckung des Wahren ein wahres Ungluck uͤber uns bringen wuͤrde“ 6. „Meine Wirthin ſchwieg, aber es ſtuͤrmte in meinem Innern.“ „Das ſuͤße Bild einer Erinnerung hatte ſich ſchon laͤngſt lebendig vor meine Seele ge⸗ ſtellt. Das unerklaͤrbare Raͤthſel war nun geloͤſet: allein wie? Ach Gott! mußte ich denn, ohne es geahnt zu haben, ſo ſchuldig ſeyn?“ „Nein! Nein,“ rief ich,„kein neues Ungluͤck! Wenn Ihr dem Vater ſein Unrecht vergeben koͤnntet! Ach, die Folgen, die um⸗ ſtaͤnde haben zu einem ſolchen gemacht, was er nur als jugendlichen Leichtſinn angeſehen hat! Sagt Euch denn nicht mein Blick, mein Entſetzen, meine Todesblaͤſſe, daß ich, ich es bin, der Vater dieſes Kindes iſt? Haften nicht jetzt alle Eure bittern Stunden, wie gluͤhende Pfeile in meinem Herzen? Welchen Lohn habe ich meinen Wohlthaͤtern gezollt!—“ „Die Frau ſah mich hoͤchſt erſtaunt an; Selting laͤchelte.“ „Wegen Ihrer Aehnlichkeit mit meiner Gattin iſt es mir freilich eingefallen, und doch kam es mir wieder ſo unerklaͤrbar vor, daß ich mich wohl gehuͤtet habe, dieſem Gedanken Worte zu geben.“ „Unmoͤglich! reden Sie! Wie?“ ſtam⸗ melte meine Wirthin erbleichend.“ „Hoͤrt mich nur,“ gab ich zur Antwort, „bevor Ihr verdammt. Ihr werdet mich nicht ſchlechter finden, als die Erziehnng und die Beiſpiele unſerer Zeit ihre Kinder macht, vielleicht ſogar beſſer, denn in der That, ich habe mich nie meiner Verirrung gefreuet, und derGegenſtand derſelben iſt mir ſogar werth gewor⸗ den. Sie erinnern ſich,“ fuhr ich fort,„daß ich waͤhrend meines Aufenthalts in Ihrem — — 231 Hauſe, Selting, nie auf einem vertrauten Fuß mit Ihrem juͤngeren Bruder ſtand. Er, im⸗ mer ſtill, geheimnißvoll, ſparſam, war nicht wenig ſtolz auf ſein reichliches Taſchengeld. Ich dagegen, luſtig und ausgelaſſen, beneidete ihm oſt ſeine volle Boͤrſe, doch nur, weil ſie immmer unbenutzt blieb, und er keinen Sinn fuͤr kleine unſchuldige Vergnuͤgungen hatte, denen ich mit Leib und Seele ergeben war, aber ſelten Vermoͤgen genug beſaß, genießen zu koͤnnen.“ „Dies Verhaͤltniß dauerte unveraͤndert his zu meiner Abreiſe fort. Wenige Tage vorher, eines Sonntags, als ich von dem Anſehen, das mir mein neuer, feiner Oberrock verliehen hatte, ganz entzuͤckt in der Daͤmmerung von einem Spaziergange zuruͤck kehrte, huͤpfte mir nicht weit von unſerer Hausthuͤre ein geputtes Frauenzimmer, das ziemlich anſtaͤndig ausſah, entgegen, und druͤckte mir einen Zettel in die Hand.“ „Kennen Sie mich?“ fragte ich ver⸗ wundert.“ 232 „O recht gut!“ bekam ich zur Antwort; „nehmen Sie ſchnell, daß uns Niemand ge⸗ wahr wird!“ „Ich hatte den Brief in der Hand, und⸗ ſie war verſchwunden. Ich eilte auf mein Zimmer, erbrach das Siegel, noch bevor Licht gebracht wurde, und kaum war ich allein, als ich Folgendes las,— ich habe das Blatt noch, und weiß jedes Wort, auswendig: „Du ahneſt nicht, was mir begegnet iſt. „Laß mich nicht in Verzweiflung in die Welt „hinaus gehen. Ein Wort aus Deinem „Munde richte oder troͤſte mich. Ich kann „weder leben noch ſterben, ohne Dich noch „einmal geſehen zu haben. Komm zum letz⸗ „tenmale dieſen Abend bei Ahrends an den „„gewoͤhnlichen Ort; ich will Dich nie mehr „darum bitten; erhaͤltſt Du dieſe Zeilen, ſo „wirſt Du mich verſtehen, und nicht wahr?— „Du wirſt mich nicht vergebens harren „laſſen?“ „Hoͤchſt erſtaunt ruhten meine Blicke auf dieſem mir ganz fremden Inhalt; mechaniſch „5 N 1 233 kehrte ich das Blatt um, und las die Auf⸗ ſchrift:„An Herrn Selting den juͤngern.“ „Neues Erſtaunen! Der ſtille, noch nicht erwachſene Knabe unterhielt ein Maͤdchen, waͤhrend er meine bei weitem unſchuldigern Vergnuͤgungen verdammte?— In der That, ich wuͤnſchte ſeine Heuchelei ein wenig zu be⸗ ſtrafen, aber wie? Den Zettel konnte er doch nicht benutzen, denn er war den Tag vorher aufs Land gegangen, und kam in der ganzen Woche nicht wieder. Ich hatte nun Luſt, das kädchen zu ſehen, aber woran wuͤrde ich ſie wohl erkennen? Ei nun, den Saal bei Ahrends wollte ich doch wenigſtens kennen lernen; ich hatte ſo viel davon gehoͤrt, und wenn er dieſen Ort heimlich, und wie es ſchien, nicht ſelten, beſuchte, durfte ich wohl ein einziges Mal hingehn!— Eine jugendliche Neugierde, erweckt durch die geheimnißvolle Verbindung meines Collegen, zog mich dahin.“ „Ich ging den Saal einigemal auf und ab, betrachtete alle Geſichter, allein natuͤrlicher⸗ weiſe kannte ich keins von allen, und Nie⸗ 234 mand mich.— Ueberhaupt unterhielt mich dieſe neue laͤrmende Umgebung zu ſehr, als daß ich lange in meiner Spaͤherrolle bleiben konnte. Zufaͤlligerweiſe ſtand ich einige Au⸗ genblicke bei dem Ausgange zum Garten ſtill, und warf die Blicke in dieſen hinaus. Ein junges Maͤdchen mit ſehr anziehendem Geſicht, trat mir ploͤtzlich aus dieſem entgegen und ſah mich mit durchbohrenden Blicken anz darauf trat ſie wieder ſchnell zuruͤck, als er, wartete ſie, ich wuͤrde dieſem Winke folgen. Sollte hier wirklich Jemand ſeyn, der mich kannte? Nun! ein kleines Abentheuer durfte ich wohl beſtehn! Ich ging hinaus; ſchnell ergriff ſie meine Hand, und zog mich mit ſich in eine Laube.“ „O mein Gott!“ ſagte ſie mit bebender Stimme,„Du kennſt ja kaum Deine The⸗ reſe mehr! Du haſt den einzigen Zufluchtsort meines Gluͤckes vergeſſen! Was fehlt Dir? Du biſt ſo blaß?⸗ „Ich war aͤußerſt verlegen, allein da es mir deutlich war, daß ſie mich fuͤr einen An⸗ dern halten mußte, war ich ſchlau genug, die Aehnlichkeit zu benutzen, und antwortete nur ganz leiſe, um durch die Stimme nicht verra⸗ then zu werden: ——— 5 235 „Nein Thereſe; allein es iſt Jemand im Saale, der mich kennt, und auf jeden meiner Schritte merkt.“ „So gehe denn,“ rief ſie;„meinetwegen ſollſt Du keinen unangenehmen Augenblick ha⸗ ben; Du mußt mich aber ganz hoͤren, Du ſollſt meine Zukunft beſtimmen. Du kennſt nicht die Frau, bei der Du mich eingemiethet haſt. Der Aufenthalt in ihrem Hauſe iſt noch ſchlimmer, als mein voriger.— Ich habe ihn heute verlaſſen; meine Freundin, das einzige Weſen, das außer Dir mir einige Guͤte bezeigt, nd auch die einzige von meiner alten Uumgebung iſt, die weiß, wo ich hingekommen bin, hat mir ein kleines Zimmer auf der— No.— verſchafft. Das iſt ein ehrliches Haus; Du darfſt getroſt hinkommen, nur ein einziges, ein einziges Mal eine Unterredung wie fruͤher, ach! Es hat ſich ein Stein auf mein Herz gelegt; ich muß es vor Dir er gießen!— Niemand ſoll Dich zu ſehen kommen, mein Zimmer ſoll ohne Licht ſeyn; ein weiſſes Band aus dem offenen Fenſter ſoll 8 Dir das Haus bezeichnen.— Selbſt werde ich Dich in der Thuͤr erwarten; o ſage nicht nein, Julius!“ „Sie wollte mir die Hand kuͤſſen; ich hob ſie in die Hoͤhe; ihre Lippen begegneten den meinen. O— welch ein Kuß! Heiße Gluth durchſtroͤmte mein Inneres! Halb außer mir, verſprach ich den folgenden Abend zu kommen, und eilte in dem ſuͤßeſten Wonnetraum nach Hauſe.“ „Mein Blut war in einer ſtuͤrmiſchen Wal⸗ lung. Ich jauchzte uͤber das Ungefaͤhr, wel— ches mir den Brief an Selting in die Haͤnde gebracht und eine ſo unerwartete Bekanntſchaft veranlaßt hatte. Ganz gewiß, ſagte ich zu mir ſelbſt, uͤbertrifft dies Maͤdchen bei weitem das ſeine. Es fiel mir gar nicht ein, beide in Einer Perſon zu ſuchen. Doch— ſie hatte mich fuͤr einen Andern genommen, daran konnte ich kaum zweifeln.— Alſo die Moͤg⸗ lichkeit vorgusgeſetzt, war es dennoch recht, den Irrthum des ſuͤßen Maͤdchens zu mißbrauchen? Pah! ein Maͤdchen in einem oͤffentlichen Saale, und wenn ich es recht bedenke, ſie hatte ja obendrein meinen Taufnamen genannt. So mußte ſie mich ja doch kennen. Plotzlich kam mir ein ſchmeichelnder Gedanke, an deſſen Moͤglichkeit jedoch meine Beſcheidenheit zwei⸗ felte: ſollte ſie ſich nicht— Gott weiß wo?— 239 in der bdas Haus meines Prinzipals belegen war. Tauſend aͤngſtliche Betrachtungen machten uns Beide verſtummen.“ „Eile!“ rief ſie endlich,„eile! Du koͤnnteſt vermißt werden.— Jetzt weißt Du, wo ich wohne, und jetzt bin ich gewiß, Dich wiederzuſehen!“ —„Mein Inneres widerſprach dem. Ich bruͤckte einen brennenden Abſchiedskuß auf ihre Lippen. Zwei Tage hierauf lichtete das Schiff die Anker.— Ich habe ſie nie mehr geſehen! Aber— nun— nun! O nun iſt es mir klar, daß ich ein Verbrecher gegen ſie, gegen Euch bin!“ „Faſſen Sie ſich Strahlen!“ rief Sel⸗ ting, meine Hand ergreifend;„ Sie beſitzen einen liebenswuͤrdigen Sohn. Gott ſey ge⸗ lobt! das Rathſel iſt denn endlich gelsſt!“ „Zu meiner, des unwiſſenden Urhebers aller Eurer kummervollen Stunden, tiefſten Beſchaͤmung! Wie kann ich wieder gut machen? Fuͤhret mich zu ihr, fuͤhret———“ „Ruhig, mein Freund!“ ſagte die belei⸗ digte Frau mit ſanfter Guͤte.„In der That, Thereſe iſt kein gewoͤhnliches Weib; weniger jetzt⸗ als vor Jahren. Sie ſollen Beide 24⁰ ſehen; aber beruhigen Sie ſich! Sie muͤſſen ſich verſtellen, ſo gut Sie koͤnnen; ſie darf noch nichts erfahren; hier it Ueberlegung vonnoͤthen.“ „Auf einmal ging die hure auf. Eine junge, bleiche Frau trat ruhig und ahnungslos in das Zimmer, meinen Sohn an der Handz meine Blicke verſchlangen das Kind, die Mut⸗ ter. Ich erkannte die ſuͤßen, liebeathmenden Zuͤge. Es war meine Thereſe! Jede Verſtel⸗ lung war mir unmoͤglich; ich ſank zu ihren Fuͤßen.“ Ende des erſten Theils. Verbeſſerungen⸗ S. 6 3. 10 ſeltene. S. 9. 3. 15 Predigers ſah. S. 21 8. 10 erhaben. S. 22 3.45 darbietet. S. 26 Z. 21 ſtachelloſe. S. 35 Z. 17 Wundern. S. 56 Z. 6 Athmoſphäre. S. 42 Z. 12 Deſſert auszeichnete. S. 63 3. 21 nun eine. S. 74 Z. 2 vermehren. S. 86 3. 5 ſtatt: alles auf; einen finſtern Blick auf. S. 117 Z. 10 nur die kal S. 145 Z. 8 Anſtoß. S. 167 Z. 18 der Vater. S. 169 letzte Z. Ueberzengung. S. 190 letzte Z. drohte. S. 1938. 14. Sie, ich weiß wohl. S. 210 letzte Z. mich. S. 219 Z. 12. Fein⸗. Gedruckt bei Joh. Bernh. Appel. „ — ſſſ ſi 5 16 1 . 8 9 10 11 12 13 14 1 Emnm