Petersburg Tage und bei Nacht. Roman von E. P. Rowaleweki. Aus dem Ruſſiſchen übertragen von Philipp Löwenſtein. Fünftes bis achtes Bändchen. —0—— Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1847. ivthek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. ₰ Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ceih und Geſebedingungen. 1 Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 UUhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für hentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —.——.—— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf 1 Wet. 50 f 2 Wer.— Pf. 5. 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Für ihn war der Ver⸗ luſt Jenny's, die allein noch die dunkle Nacht ſeines Le⸗ bens in etwas erhellte, die ſchrecklichſte Pein; dazu kam noch die beſprochene Zuſammenkunft am Hafenplatze, und nun wieder die Noth, ſeine eigene und die der armen Frau; ſie lagen ihm beide gleich nahe; doch leider konnte er nicht mehr, wenu er der Noth des armen Weſens nach Kräften abhalf, wie früher die leuchtende Dankbarkeit ſeiner Jenny erwarten, für die er Alles mit einem Lächeln ertrug. Sie näherten ſich in Gram verſunken der Sumpf⸗ ſtraße und blieben bei dem Hauſe Nr. 41 ſtehen; ſie hatten keine Worte, ſie dachten nicht an's Abſchied⸗ nehmen. „Treten Sie ein, Anaſtaſie IJwanowna, beruhigen Sie ſich.“ „Feodor Jwanowitſch, was ſoll ich darin? wer er⸗ wartet mich darin, wer kommt mir da entgegen? „Mit Gottes Hilfe„ Er konnte nicht fort⸗ fahren. „Feodor Jwanowitſch, wer oͤffnet mir die Thüre? 4 mir fehit die Kraft: ich halte mich kaum mehr auf den Füßen.“ „Ich oͤffne gerne ſelbſt.. Blicken Sie mich nur nicht ſo an: ich werde mich ſchämen müſſen, wenn ich zu weinen anfange ein Mann „Denken Sie daran, wie gerne ſie Ihre Stirne küßte. Zuerſt bog ſie Ihnen das Köpfchen zurück, hob mit den Fingern die Haare in die Höhe, gerade wie mit einem Kamme.. und die Stirne war ſo blank. Jenny ſagte immer, ſie ſei aus Elfenbein gemeißelt.— Dann lächelte ſie, die Arme, und küßte wie ein Turteltäub⸗ chen „Schweigen Sie, Anaſtafie Jwanowna: ſpucken Sie mir lieber auf die Stirne, ehe Sie ſolche Dinge erzäh⸗ was fällt Ihnen denn gerade jetzt meine Stirne ein?“ „Möge lieber die ganze Welt ſich in einen Menſcher verwandeln, und dieſer mich anſpucken, ehe ich auf Sie ſpucke.“ „Nun, da iſt die Thüre offen, Anaſtaſie Jwanowna alles leer, keine Seele„ „ Keine Seele„Jennchen, Jennchen! Doch wer kann dieſen zermalmenden Schmerz mit Worten ausdrücken! Laſſen wir ſie— dieſe Frau Elkin. Was kümmert uns, daß eine Frau in einem Dachſtüb⸗ chen weint„ daß man der Unglücklichen ihren letzten Schatz geraubt. Gott ſei mit ihr! Wer trägt die Schuld, daß ſie das Unglück verfolgt: es iſt ordentlich eine Schande, an ihrem Schickſal Antheil zu nehmen. Miller ging zu ſich nach Hauſe, die Thränen mit der Fauſt trocknend. Schwarze Gedanken drängten ſich in ſeinem Kopfe.„Vor einem Monate,“ dachte er,„ſagte ich mir; ein größeres Unglück habe ich nicht mehr zu be⸗ fürchten, denn es iſt keines denkbar,— wie ſchlecht mir auch damals war, das Schickſal hatte noch etwas im Hinterhalte; nun iſt es noch ſchlimmer. Es ſcheint, jetzt — 5 kann ſich nichts Schlimmeres mehr ereignen, und doch wage ich es jetzt nicht mehr es zu denken. Wer weiß, was in der Zeiten Hintergrunde ſchlummert. Jetzt ruht meine einzige Hoffnung auf Wania: der verläßt mich nicht, wird mich nicht der Armuth zum Opfer werden laſſen, ſeine Angelegenheiten haben jetzt eine herrliche Wendung genommen. Er hat ein glänzendes Eramen überſtanden, wurde bemerkt, ausgezeichnet; er bekommt nun Gehalt; das Glück wurde ihm mit einem Male gün⸗ ſtig. er hat ſchon ſogar eine gute ärztliche Praris. Und wenn ihm gut iſt, werde ich ſelbſt Unterſtützung fin⸗ den, wenigſtens für die erſte Zeit, bis meine Umſtände ſich verbeſſern. Sein Brod iſt ja kein fremdes; ich habe ja das letzte Stuͤck mit ihm getheilt. Ich werde wenig⸗ ſtens ein glückliches Geſicht ſehen, vielleicht brauche ich nicht zu dieſer verdammten Zuſammenkunft zu gehen. Und wenn ſich mit Newſgodin etwas ereignete? was dann? Nun, ihm geſchieht nichts. Und wenn er ſtirbt!... Warum ſollte er denn ſterben? er iſt ja friſch und ge⸗ ſund. Mit Gottes Hilfe ſtirbt er nicht und befreit mich von der Zuſammenkunft am Hafenplatze„ Ich habe Wanja lange nicht geſehen, wenn er auch nicht bei Geld iſt ſo fehlis ihm nicht an Kredit; er kann ja auch auf Rech⸗ nung ſeines Gehaltes nehmen„ Niller ſtieg bis zu ſeinem Dachſtübchen hinauf, tappte mit der Hand an der Spalte über der Thüre herum, wo er gewöhnlich den Schlüſſel hinlegte, wenn er fortging. „Doch nein, er muß jetzt unter der Thüre liegen, da iſt er ſicherer, als ob etwas zu fürchten wäre! Meinetwegen könnte man ihn geradezu im Schloſſe laſſen; es führt Niemanden in Verſuchung. Richtig, der Schlüſſel iſt hier, es iſt ein gutes Zeichen. Wanja erinnerte ſich, daß er mich lange nicht geſehen hat, und wenn auch noch ſo ſehr beſchäftigt, ſprach er doch bei mir ein.“ Miller bemerkte ſogleich, wie er ins Zimmer trat, ein Zettelchen, das auf Jenni's unbeendigtem Bilde lag. 6 Er blickte lange auf's Bild; dann ſprach er traurig:— „Ich habe ſie nicht mehr, meine Tröſterin. ſchwer wird der Kummer auf mir liegen, der mich jetzt heim⸗ ſucht„ Er küßte das Bild und fing das Zettelchen mit thränengefüllten Augen zu leſen an: „Mein lieber Fritz' Aus altem Andenken kam ich, „von Dir Abſchied zu nehmen. Meine Dienſtgeſchäfte „und eine ſtarke Praris erheiſchen es unumgänglich, daß „ich im Mittelpunkte der Stadt wohne: bis jetzt habe ich „bald im Gaſthauſe, bald bei Schulkameraden genachtet. „Ich bin des Herumtreibens müde: es iſt Zeit, einen Ort „zu haben, den Kopf hinzulegen, um ſo mehr, da ich „Kranke bei mir aufnehmen muß. Du kannſt Dir kaum „denken, wie viel ich zu thun habe; man muß Tag und „Nacht arbeiten, und ich unterlaſſe es nicht, um Fortuna „nicht aufzubringen, die mich ſo huldreich anlächelt. Ich „rathe auch Dir, mein lieber Fritz, meinem Beiſpiele zu „folgen und nicht die leiſeſte Gelegenheit, Fortuna's Huld „zu erwerben, vorbeiſchlüpfen zu laſſen. Dieſe Gelegen⸗ „heiten ſind ſelten, Fortuna iſt ein Weib und hat Launen. „Nimm einmal Deine Geſchichte mit dem Fürſten: war „da nöthig, mit einem Manne auseinanderzugehen, der „Dir in der Welt wirklich nützlich ſein konnte. Etwas „Schmeichelei im Geſpräche, einige helle Farben auf dem „Bilde, und Du hätteſt einen zuverläßigen Beſchützer ge⸗ „funden. Das wäre wahrlich vernünftiger, als die geheim⸗ „nißvollen Zuſammenkünfte, der Himmel weiß wo und mit „wem Apropos, ſei doch ſo gut und trage meinen „Rock nicht, um mich und meine Schulkameraden nicht „zu kompromittiren. Ich rechne in dieſem Falle auf Deine „Ehrlichkeit und will Dir nicht durch die Forderung, ihn „mir zu überſchicken, zur Laſt fallen. Lebe wohl! Sei „glücklich. Jwan Newſgodin.“ Dann folgte das Datum. Die Adreſſe ſeiner Wohnung war nicht ange⸗ geben. Viller faltete das Zettelchen langſam und vorſichtig, 7 „ legte es in die Taſche des abgetragenen Rockes; dann zog er den Rock aus, legte ihn zuſammen, wickelte ihn in einen Fetzen, der Newſgovin als Decke gedient hatte und auf ſeinem Bette lag; ſetzte ſich darauf an's Fenſter, lehnte ſich daran... und blickte wohin? worauf? Der liebe Himmel mag's wiſſen! Die Augen waren tro⸗ cken, die Geſichtszüge ſtarr: nur die Lippen etwas zuſam⸗ mengekniffen, und auf der bisher marmorglatten Stirne zeigten ſich Falten, Furchen. Es dunkelte. Fünf bis ſechs junge Leute, in Män⸗ tel oder Paletots gehüllt, hinter denen die hellen Frack⸗ knöpfe hervorleuchteten, gingen in der Richtung eines der vielen Landungsplätze an der Newa. Oeftere Ausrufun⸗ gen und zurückgehaltenes Lachen wurde fortwährend durch die Worte unterbrochen!„Ruhig! leiſe, meine Herren, ſt. er kann ſich umſchauen 4 und das Geſpräch der jungen Leute hörte auf. „Er führt uns ja an's Ende der Welt,“ rief wieder ein weniger geduldiger junger Mann aus. „Sei nur ruhig: er ſchont zu ſehr ſeine Stiefel, um eine ſo weite Reiſe zu unternehmen.“ „Und wie ſchont er ſie, mehr als das Geſicht: das Geſicht, ſagt er, hat er nicht gekauft, aber die Stiefel hat er bezahlen müſſen.“ Der Witz war etwas gemein, aber alle lachten herz⸗ ich. „St, ſtiller, meine Herren, ſtiller! Sonſt endigt ſich unſere lange Reiſe mit nichts.“ „Unſere lange Reiſe und unſer langes Faſten, den ich konnte in dieſer elenden Kneipe nichts zu mir nehmen.“ Wollet Ihr wiſſen, warum dieſe junge Müßiggänger von fünf Uhr bis ſpät in die Nacht zu Fuß gingen, in der ſchmutzigen Kneipe warteten und ſo ungeheuer beſchäf⸗ tigt waren? Um ihrem wenn auch an Rang und Verdienſt unter ihnen ſtehenden Kameraden nachzuſpähen, um ſein Geheimniß zu erfahren, da er die perſonificirte Nichtig⸗ keit ein Geheimniß zu haben, gewagt hat; und um ſich über ihn zu beluſtigen. Dieſer Kamerad iſt niemand an⸗ ders als unſer alter Bekannter Jaſchelbizin. Jaſchelbizin war der kleinſte Kanzleibeamte in irgend einer Abtheilung, die letzte Speiche am Rade, ja nicht ein Mal eine Speiche, nur ein Stück Koth, das ſich ans Rad klebt. Von ihm wäre nichts beſonders zu ſagen, höchſtens, daß jeder wie er wollte oder konnte, ſich über ihn luſtig machte. Es ließe ſich noch von ihm ſagen, daß er für alle und für jede Kleinigkeit für ſeine mit leeren Taſchen und Köpfen verſehenen Kameraden die Dejour übernahm, weil dieſe für höhere Zwecke, aber nicht für ſolche Bagatelles geſch affen waren. In der letzten Zeit hatte Jaſchelbizins Loos ſich bedeutend verbeſſert, das heißt, nicht eben weſentlich, wohl aber in Bezug auf ſeine per⸗ ſoͤnliche Stellung gegen ſeine Kameraden und Obern, und das durch folgenden Zufall. Auf dem Tiſche lag ein Paket, dem Anſcheine nach ein ganz gewoͤhnliches, und doch zog dieſes Paket die Aufmerkſamkeit des Tiſchchefs auf ſich, bei dem(das heißt beim Tiſche, wie man ſich kunſtgerecht in der Kanzleiſprache ausdrückt) Jaſchelbizin diente. Was war alſo an dieſem Pakete beſonders be⸗ merkenswerth? Sie, ich, vielleicht noch viele Andere hätten natürlich nichts entdeckt, was zu bewundern wäre; aber der ſcharfblickende Chef des Amtstiſches ſah beim erſten Blicke etwas Ungewöhnliches: nämlich das Siegel! Ein reines, glattes, vollſtändig abgedrucktes Siegel, ohne ſchwarze Flecken, Spuren der Lichtſchnuppe, ohne irgend eine Scharte des Siegellackes, Spuren der unſichern Hand. Wer hat das Paket geſiegelt? war die erſte Frage; der Journaliſt iſt eben kein großer Meiſter im Siegeln.— 9 Joſchelbizin!— Beſitzt er wirklich eine ſolche Fähigkeit?— O, im ganzen Departement findet ſich kein ähnlicher Rünſtler!— Was Sie da ſagen! Und auch das Paket hat er gemacht?— Er macht ſie beſſer als eine Dampf⸗ maſchine.— Was Sie da ſagen! Dies ereignete ſich gerade an einem Poſttage. Der Chef des Amtstiſches ging in das Zimmer des Bureau⸗ chefs und ſah, wie dieſer ſich mit dem Verſiegeln eines Briefes abmühete, und wie der ungehorſame Lack durch⸗ aus unnöthige und unſchöne Zeichnungen auf dem Cou⸗ verte abdrückte. Der Chef des Amtstiſches betrachtete mitleidig die Anſtrengungen ſeines Vorgeſetzten. „Was iſt zu thun, Brüderchen; ich bin mit dieſer Kunſt nicht geſegnet; ich diene ſchon dreißig Jahre, ver⸗ ſtehe es ſo ziemlich eine Note oder einen Privatbrief zu ſchreiben; aber, mache was Du willſt, einen Brief zu ſiegeln oder eine Feder zu ſchneiden bin ich durchaus nicht im Stande.“ „Das ſchlägt nicht in Ihr Fach!“ erwiederte der Subalterne. Um dieſe etwas kühne Antwort eines Untergeordneten begreiflich zu machen, müſſen wir bemerken, daß die älteren Beamten im Allgemeinen gerne damit prahlen, daß ſie zu den niedern Kanzleiarbeiten unfähig ſind, und von ihrer Jugend auf nur Kurzweil getrieben. „Ich bin, wie es ſcheint nicht dazu geſchaffen, es fehlt mir das dazu erforderliche Organ! wie die Gelehr⸗ ten ſich ausdrücken. Aber es iſt wahrlich ſchlimm: eine Feder kann man ſich ſchon ſchneiden laſſen, aber ein Brief iſt ein ſo delikater Gegenſtand, daß man ihn nicht jedem anvertrauen kann. Der Spitzbube braucht nur eine Seite des Couverts zurückzubringen und einen verſtohlenen Blick hineinzuwerfen; genug fur einen Schuft um das Uebrige zu errathen.“ „Sehr gegründet.“ Petersburg am Tage ꝛc. U. 2 „Da plage ich mich nun, wie Du ſiehſt!“ „Sie werden ſich nicht lange mehr plagen.“ „Wie ſo?“ „Ich habe Ihnen in dieſer Art einen wahren Schatz aufgetrieben. Sehen Sie ſelbſt.“ Und der Chef des Amtstiſches zeigte mit triumphi⸗ render Miene das beſprochene Paket vor. Der Bureau⸗ chef entdeckte ſogleich die merkwürdige Seite desſelben. „Wirklich wunderbar, unvergleichlich!“ „Das iſt noch nicht Alles! Derjenige, der dieſes Paket geſiegelt hat, iſt ſo dumm, wie eine Gans; mit Mühe liest er ein offenes, mit großen Lettern geſchriebenes Blatt, und wenn er es auch liest, ſo findet er den Sinn nicht, und wenn auch der Direktor ſelbſt der Verfaſſer wäre; von einem zuſammengefalteten Briefe ſchon gar nicht zu ſprechen.“ „Das iſt ja für uns ein wahrer Schatz, für uns Unwiſſende, die wir, zu unſerer Schande ſei es geſagt, weder einen Brief ſiegeln, noch eine Feder ſchneiden können.“ „Ich glaube, wir können ihn auch beim Direktor anbringen; möge er erfahren, daß unſer Departement Talente aller Art beſitzt.“ „Ein herrlicher Gedanke: Seine Excellenz haben eine ungeheuere Correſpondenz. Da haben Sie auch einen Mann ähnlicher Art! Er iſt faſt mit der ganzen Welt in Briefwechſel, mit fremden Geſandten. Und kann eben ſo wenig wie ich ein Paket verſiegeln. Wir müſſen es zu unſerer Schande geſtehen, wir ſcheinen Alle in dieſe Kategorie zu gehören.“ „Jedem das Seinige! Man kann ja nicht alle Ta⸗ lente beſitzen.“ „Auch das iſt wahr!“ uf dieſe Weiſe wurde Jaſchelbizin dem Bureauchef, und ſpäter ſogar dem Direktor bekannt; aus derſelben urſache fand er auch Eingang bei Umanski. Er blieb freilich immer auf demſelben kleinen Poſten und bekam 11 denſelben unbedeutenden Gehalt. Höchſtens erhielt er von den für die nicht im Range ſtehenden kleinern Kanzlei⸗ beamten beſtimmten Summen, dann und wann einen kleinen Zuſchuß. Dafür kam er aber in's Haus des Direktors, und er ſagte niemanden, durch welche Thüre er hineinging, welche Stelle er dort bekleidete. Durch ſolche und ähnliche Wege ſtiegen und ſteigen gar viele Leute, und der liebe Himmel weiß, wie ſie mit einem Male Fähigkeiten, Verſtand, Geſchicklichkeit beſitzen. Wem Goit ein Amt gibt, dem gibt er auch Ver⸗ ſtand, ſagt ein deutſches Sprüchwort! Wenden wir uns nun wieder zu unſern jungen Leuten und zu dem Grunde, der ſie veranlaßte, dieſen ihnen völ⸗ lig unbekannten Ort, dieſe terra incognita des Kanzlei⸗ volkes zu betreten. Einer der Beamten hatte Jaſchel⸗ bizin gebeten, für ihn zu dejouriren.—„Es kann nicht ſein!“ Dieſe Antwort überraſchte alle Zuhörer. — Warum denn nicht?—„Ich gehe auf meine Villa!“ — Ha, ha, ha! Jaſchelbizin hat eine Villa! Er geht auf ſeine Villa und wann— Ende September! Dieſe Neuigkeit verbreitete ſich raſch durchs ganze Departement. Jaſchelbizin hat eine Villa!„ Wie die ausſehen muß? Das muß man erfahren, durchaus erfahren Man muß ſie entvecken und befände ſie ſich auch auf dem Grunde der Newa, näher wird ſie aller Wahrſcheinlichkeit nach wohl nicht liegen. Deßwegen hatten ſich einige junge Leute verabredet, nach den Amtsſtunden Jaſchelbizin zu folgen, ſo lange die Kräfte es ihnen nur erlaubten, wenn auch bis zum andern Morgenz darum befanden ſie ſich Abends heinahe ſchon außer der Stadt, an dem verabredeten Landungsplatze. Jaſchelbizin ging immer voraus, und kam endlich an eine Kneipe, die ſich eines Aushängeſchildes folgenden In⸗ haltes zu rühmen hatte:„Vorgebirge der guten Hoffnung, Frachtir und Gaſthaus⸗Erzeug⸗ niß. Ein Gank.“ Das Gaſthaus ſtand einſam da, 12 rundum ein leerer Platz, unweit die Newa. Jaſchelbizin trat ans Ufer und beſtieg durch ein ſchmales Brett eine zum Heutransporte dienende Barke. Die ihrem Kamera⸗ den gefolgten jungen Leute blieben verwundert an der Ecke des von außen höchſt ärmlichen Gaſthauſes ſtehen. Jaſchel⸗ bizin verſchwand unter dem Heu auf dem Grund des Boo⸗ tes; die jungen Leute ſtanden noch da und erſtaunten immer mehr. Jaſchelbizin kam wieder zum Vorſcheine, in einem ſchmutzigen Schlafrocke ſtatt der Vizeuniform, die er vor ein Paar Minuten an gehabt hatte. Sorglos ſtreckte er ſich auf das trockene und wohlriechende Heu, ſchien ſich an ſeiner Unthätigkeit zu ergotzen und blickte auf das herrliche Panorama der in einen leichten Nebel gehüllten Newa, wie auf die Zimmerdecke der Kanzlei, die auf ihr herumſpazierenden Fliegen bewundernd. Die jungen Leute lachten laut auf und gingen davon, mit ihrer Entdeckung ſehr zufrieden. Jaſchelbizin wendete un⸗ willkührlich den Kopf nach der Seite, von wo das Lachen herſcholl; ſeine Lippen verzogen ſich ganz eigenthümlich. Dann verblieb er wieder in der Stellung eines Menſchen, der etwas aufmerkſam betrachtet und doch nicht ſieht. Die Dämmerung ſenkte ſich immer tiefer und tiefer. Das prächtige Petersburg hüllte ſich gravitätiſch in ſeinen Ne⸗ belmantel. Jaſchelbizin ſeufzte— war es ein freies Aufathmen oder ein bitterer Seufzer, der liebe Himmel mags wiſſen! Er ſtieg auf den Grund der Barke hinab und zeigte ſich erſt gegen Mitternacht am Ufer; und die Kanzleibeamten erzählten hernach, daß Jaſchelbizin auf einer Heubarke wohnt und nach ſeiner Art ſich Naturge⸗ nüſſe verſchafft; man ſprach davon, machte Witze darüber und vergaß es. Vielleicht war dies eben Jaſchelbizin nöthig, denn hätten unſere jungen Leute nicht dieſe wich⸗ tige Entdeckung gemacht, wie viele Muthmaßungen, wie viele Vermuthungen würden ſie nicht erdacht haben, wie würden ſie ihr Gehirn in Unkoſten geſetzt haben; viel⸗ leicht würden ſie ſogar zufällig die Wahrheit errathen haben. Zweites Kapitel. Die Schickſalslvoſe fallen. Unter den Ereigniſſen, an welchen das Leben eines thätigen Menſchen, wenn man es genau beobachtet, ſo überreich iſt, und von denen wir einen bedeutenden Theil nicht in den engen Rahmen unſerer Erzählung zu faſſen vermocht, unter all den vielen Begebniſſen haben wir in⸗ deſſen eine vergeſſen, die durch ihre Folgen nicht ſehr wichtig(wahrſcheinlich vergaßen wir ſie eben darum), aber für die chronologiſche Ordnung der Erzählung un⸗ umgänglich berührt werden muß. Die Leſer haben dieſe Auslaſſung gewiß ſchon längſt bemerkt. Miller ſollte noch vor zehn Tagen zu einer feſtgeſetzten Zuſammenkunft an einem Landungsplatze der Newa ſich einfinden. Von der eiſernen Nothwendigkeit gedrängt, fehlte er dort nicht und folgendes war das Reſultat dieſer Zuſammenkunft. In einem oͤden Sackgäßchen unweit des berüchtigten Speiſe⸗ hauſes zum Vorgebirge der guten Hoffnung hielt ihn jemand an, indem er ihn kräftig an den Schultern faßte. „Pünktlich! Das iſt ſchön von Dir!“ ſagte dieſer Jemand:„auf Dich kann man bauen: doch dieſes Mal haben wir Dich bloß auf die Probe geſtellt, die Sache iſt noch nicht reif. Komme in zehn Tagen um Mitter⸗ nacht wieder hieher.“ „In zehn Tagen ſitze ich im Schuldgefängniſſe, weil 14 ich dem Hauswirthe nicht zahlen kann; und von dort läßt man einen zu keiner Zuſammenkunft frei, und wäre es auch eine mit dem Teufel ſelbſt.“ „Wozu von ſolchen Dingen um Mitternacht ſprechen! Uum die Wohnung bekümmere Dich nicht: hier haſt Du gerade ſoviel als Du ſchuldig biſt; wie Du Dich aber dieſe zehn Tage durchhilfſt, das ſei Deine Sorge. Die Noth erinnert Dich am beſten an unſere Zuſammenkunft. Sei nicht boͤſe, daß wir Dich mit ſo Wenigem entlaſſen. Wenn Du die Sache uns zu Willen machſt, ſo glaube mir, wirſt auch Du zufrieden ſein! Verlieren wirſt Du dabei nicht! Du haſt nicht mit ſolchen Leuten zu thun. Vergeſſe aber ja nicht, in zehn Tagen; doch Du erinnerſt Dich gewiß daran, der Hunger wird Dich mahnen. Siehſt Du, wie zeitlich Du Dich jetzt eingefunden Miller ging ſeiner Wege und ſtellte ſich in zehn Tagen noch etwas vor Mitternacht beim Gaſthauſe mit dem ei⸗ genthümlichen Aushängeſchilde ein. Es war Herbſt, und das Petersburger Wetter um dieſe Zeit iſt nur allzu be⸗ kannt: des Morgens Regen und Schnee, des Abends Schnee und Regen und des Nachts ein nicht zu unter⸗ ſcheidendes Gemengſel, jedenfalls Schmutz in Hülle und Fülle. Miller war aus der uns ſchon befannten Urſache ohne Rock; das hinreichend gelöcherte Hemd ließ dem Winde freien Lauf, und dieſer umſpielte etwas rauh Arme und Bruſt, die nicht mehr ſo kräftig wie früher furchtlos Stürmen und Unwetter trotzten; die Noth hatte ſie geſchwächt. Der arme Künſtler huſtete oͤfters und blies in die erſtarrten Hände, um ſie zu erwärmen. „Es fehlt an Unwettern wie an Unglücken nicht auf Erden, vor den einen wie vor den andern iſt kein Schutz zu finden.“ Das Wetter war übrigens ein ganz gewoͤhnliches, ein ächt Petersburger, mit dem nur angereiste Aus⸗ länder nicht zufrieden ſind. Die Petersburger ſagen ihnen vann zum Troſte; . 15 „Gedulden Sie ſich nur, es wird noch recht hübſch, der Herbſt iſt bei uns gewohnlich ungemein ſchön, nur etwas friſch.“ Doch die Ausländer harren vergebens des ſchoͤnen Herbſtes: in dieſem Falle ſchmieren die Ruſſen ſie an, wie die Ausländer ihrerſeits die Ruſſen in vielen andern Fällen anſchmieren. An einen ſchönen Herbſt iſt in Petersburg nie zu denken. Es ſchlug irgend eine Thurmuhr drei Viertel. Mil⸗ ler hatte noch eine Viertelſtunde zu warten. Wo indeſſen ein Obvach finden? In die Kneipe einzutreten konnte ſich Miller nicht entſchließen, da er ohne einen Heller war; auch fürchtete er die feſtgeſetzte Zuſammenkunft zu verfehlen und wollte lieber die ganze Nacht im Unwetter zubringen, als mit leeren Händen nach Hauſe zurückkehren, wo nicht einmal eine harte Brovrinde zur Stillung ſeines Hungers vorhanden war. Er lehnte ſich an eine Wand, wand ſich wie ein Igel, um wo möglich Wind und Re⸗ gen einen kleinern Theil ſeines Körpers Preis zu geben, und blickte mit einem unbeſchreiblich wehmüthigen Gefühle auf die ſchäumenden Wogen der Newa, als erwarte er von ihnen ſeine Rettung oder als ſuche er in ihnen die ihn ſchon gänzlich verlaſſene Hoffnung. Auf der Newa tauchte ein Flämmchen auf und verſchwand, dann kam zur ſelben Zeit ein Flämmchen zwiſchen den obern Fugen der gegenüber der Kneipe ſtehenden Heubarke zum Vor⸗ ſcheine und verſchwand gleichfalls. Bald darauf plätſcher⸗ ten die von Rudern durchſchnittenen Wogen und Miller bemerkte ein großes, hochbeladenes Boot. Das Boot ſchwamm der Barke zu, es kam jemand hervor, der mit den Ruderern ſich beſprach und dann unter dem Heu auf den Grund der Barke hinabſtieg. Die Ruderer banden das Boot an und begaben ſich in die Kneipe. „Was war's denn, das wir führten, Antizka, Waa⸗ ren oder irgend einen Schatz?“ „Es muß ein Schatz ſein: das war ſchwer!“ 16 „Was ſagſt Du dazu, er befahl, uns in der Schenke Pfefferbranntwein zu geben.“ „Ja wohl, Pfefferbranntwein.“ „Er iſt hier ausgezeichnet: Du kennſt ihn noch nicht.“ Und mit dieſen Worten begaben ſich die vier Ruderer zum„Vorgebirge der guten Hoffnung“.. Doch wir folgen demjenigen, den ſie mit dem Schatze auf dem Boote mit ſich führten. Auf dem Grunde der Barke, unter dem Heu, befand ſich ein kleines Zim⸗ merchen; in dieſem ſaß am Tiſche zuſammengekrümmt eine kleine Mißgeburt mit einem großen Kahlkopfe: es war Smolnew. Dünne Augenwimpern bedeckten nur zur Hälfte die in das Leſen einer Schrift vertieften Augen; das Geſicht drückte die gewöhnliche Sorge aus: nennen wir ſie, die angeſtrengteſte Aufmerkſamkeit. Jemand klopfte leiſe an die Thüre. Smolnew hörte nichts; das Klopfen wiederholte ſich; Smolnew erhob langſam den Kopf, die Augen mit der Hand beſchattend, gleichſam um die Ge⸗ genſtände leichter zu bemerken. „Wer da?“ fragte er. „Ich bin's, Väterchen, der Geſchäftsunternehmer Klimitſch mit ſeinen Kameraden.“ Smolnew fügte zu dem voll geſchriebenen Bogen Pa⸗ pier noch einige Zeilen hinzu, legte ihn auf die Seite und ging die Thüre öffnen. Ins Zimmerchen trat ein hochgewachſener Mann in einem langen Oberrocke, der, zuerſt gegen die öſtliche Ecke des Zimmers gewendet, das Zeichen des Kreuzes ſchlug, ſich dann gegen den Herrn tief verbeugte und in einer de⸗ müthigen Stellung an der Thüre ſtehen blieb. Wer die Vordertheile ſeines Rockes in die Höhe gehoben hätte, würde geſehen haben, daß dieſelben ungeheure Taſchen bil⸗ deten, und könnte aus dieſem bezeichnenden Merkmale leicht errathen, daß dieſer Geſchäftsunternehmer zur Ge⸗ 17 ſellſchaft verjenigen Induſtriellen gehörte, die ſich gewoͤhn⸗ lich um große Waarenlager bewegen. Der von Smolnew erwartete Gaſt Klimitſch war der Chef dieſer Induſtriellen. „Was gibt's, Freund Klimitſch?“ „Es iſt ziemlich viel zuſammengeſcharrt: was ſoll da⸗ mit geſchehen?“ „Bringt es zu Troſtinkow. Man kann ja dieſe Bro⸗ cken nicht auf ein Schiff bringen.“ „Und wie ſieht's mit unſerm Schifſchen aus, Vä⸗ terchen?“. „Nicht übel, gut! Es wurde alles auf der Börſe für dieſelben Preiſe wie die früheren Sachen verkauft.“ „Vortrefflich!“ „Da, ſieh ſelbſt. Du weißt, ich treibe das Ge⸗ ſchäft mit Euch ehrlich, ohne Betrug.“ „Wer zweifelt daran!“ „Da iſt die Rechnung; die ganze Jahresportion ha⸗ ben wir geſtern Abends für 468,000 Rubel verkauft!... Und das Geld ſogleich baar erhalten, nicht in einzelnen Parthieen... „In der That, vortrefflich!.. Kannſt Du denn eine Sache anders als gut leiten wir ſind auch da⸗ für erkenntlich. Nun verſage uns nur nicht, bei noch ei⸗ nem Geſchäftchen behilflich zu ſein.“ „In was für einem?“ „Wir wollen Dir auch von unſerer Hälfte was ab⸗ treten. Stehe uns nur bei.“ Auf Smolnews Geſicht zeigte ſich ein Lächeln, die Augenbrauen zuckten; beim Gedanken an einen neuen Ge⸗ winn durchſchauerte es ihn krampfhaft. Nun begann das Handeln und die Theilung. Smol⸗ new betrog Leute, mit denen er Geſchäfte machte, nicht um einen Heller, trotz der Verdächtigkeit ihres Gewerbes. Er hielt viel auf ſeinen Ruf unter ihnen, aber dafür zog er aus ihren Neigungen und ihrer Geringſchätzung des * 18 leicht erworbenen Geldes allen nur möglichen Nutzen, ſo daß dieſes Geld durch verſchiedene Kanäle größtentheils wieder zu ihm zurückkehrte. Einen Blick in ſein Konto⸗ buch werfend, ſah er triumphirend einen ungeheuren An⸗ wuchs des Kapitals in der letzten Zeit: die, die Einnahme ene Ziffer belief ſich auf anderthalb Millionen ubel. „Es iſt Zeit!“ ſagte Smolnew mit einem boshaften Lächeln:„nur noch ein Paar tüchtige Umſätze und dann ann wollen wir ſehen, wer gegen die alles ver⸗ nichtende Macht des Geldes. ℳ Und er hob mit Stolz den Kopf in die Höhe, doch, als erſchrecke er ſelbſt über ſeine Bewegung, ließ er ihn raſch finken, ſo daß es Kli⸗ mitſch nicht gelingen konnte, die Farbe ſeiner Augen zu bemerken, das übrigens noch Niemanden gelungen war.. „Klimitſch, Freundchen, ſei auch Du mir behilflich, bringt auf's Schiffchen alles, was ſich beim Häuptlinge angehäuft verſchiedener Trödel.. Ich ver⸗ traue Dir und den Deinigen; dieſen Schurken iſt durch⸗ aus nicht zu trauen, ſie betrügen ſich ſelbſt.“ Dieſer Trödel betrug ungefähr vier mal hunderttau⸗ ſend Rubel: es galt noch nicht für Kapital, weil er noch vielen Wechſelfällen ausgeſetzt war, ſo lange er nicht zu Gelde gemacht worden. „Schön! beunruhige Dich nicht, in einem Nu iſt alles hinübergebracht.“ „Dank, Freundchen, daß du mich alten Mann be⸗ ruhigſt: ſiehſt Du, ich athme kaum, bald werde ich mein Geſchäft verlaſſen müſſen.“ „Was fällt Dir ein!„. Wer wird dann unſere Unternehmungen leiten„ nein, wir trennen uns nicht von Dir„ ſchien eine innere Bewegung zu unter⸗ rü indeſſen ein wenig aus⸗“ en. „Gehe, Klimitſch, rufe mir Ochtin und ruhe Du 19 Klimitſch wußte, wo Ochtin zu finden ſei und dieſer folgte ſchnell dem Rufe. „Nun, Enkelchen, Du biſt ſehr heruntergekommen: Du haſt gar zu viel über die Schnur gehauen!“ „Was iſt zu thun?“ erwiderte Ochtin mit einer fle⸗ henden Stimme, wie ein Mann, der ſeine Schuld einge⸗ ſteht. Ich habe mich eine ganze Woche mit dieſem ver⸗ dammten Tſchornich herumgeplagt! Alles vergebens!.. Er trinkt nicht, und ißt wie ein Hund nichts als Kno⸗ chen er ſpielt nicht„er kennt keine ſinn⸗ lichen Freuden„was iſt mit einem ſolchen Menſchen anzufangen!„ Er drehete und wendete ſich und warf dann alles über den Haufen„ So kömmt kein Geſchäft zu Ende.“ „Nun, erzähle, wie es war; vielleicht läßt ſich aus Deinem Geſchwätz was entnehmen.“ „Anfangs ſuchte ich die Sache einzufädeln und ſagte dann endlich: Was habt Ihr von dieſer Kompagnie, be⸗ vor man ſich verſieht, ſeid Ihr betrogen.“ „Kann ſein, ſagt er, daß man mich betrügt.“ „Was habt ihr alſo nöthig, ſich um ſie zu beküm⸗ mern?— Hintergeht Ihr ſie zuerſt und ſchließt Euch an Eures Gleichen an, an einen ehrlichen, einfachen Mann, um mit ihm auf gleichen Theilen zu handeln, brüderlich, und nicht als bloßer Taglöhner wie jetzt. Man kann von der alten und neuen Geſellſchaft Nutzen ziehen„. und Ihr verpflichtet noch dazu gute Menſchen Sie 16ſ Euch nicht und bringen Euch dann unter die eute „Es gibt keine, die des Guten ſich erinnerten: ſie drucken den Saft dir aus, und werfen dich dann weg. „Nun, es können ſich doch welche finden. Trachte nur die Nachgrabung auf den Namen eines Andern zu übertragen und dann bürge ich, daß mein Herr alles für Euch thut, Willſt Du Rang haben, er ſoll Dir 20 nicht fehlen.. Ich weiß nur nicht, läßt ſich wohl die Nachgrabung auf einen andern Namen übertragen? „Dummes Zeug! Die Nachgrabung iſt an dem Kara⸗ gan: aber wo iſt der Karagan? Ich nenne Karagan welches Flüßchen mir beliebt, und es wird Karagan heißen: niemand hat dieſe Gegenden noch getauft; die Kompagnie bleibt bei ihren Berichten und ich zeige Ihnen, welches Flüßchen mir gefällt an: gar viele entſprechen dem Be⸗ richte, das wirkliche mit Goldgemenge taufe ich um und übergebe es dem der mir gefällt. „Ich konnte mich nicht länger halten und fiel ihm um den Hals„Iſchornich blieb ruhig, er wiſchte ſi bloß die Lippen. Ich dachte, die Sache wäre been⸗ digt. „Nun, ſagte ich ihm, ſo bringen wir alles in Ordnung. Unſer Herr— ich gab mich für Ihren Com⸗ mis aus— unſer Herr iſt ein herrlicher Mann: er wil⸗ in alles, was Euch recht iſt; und ihr willigt doch ein „Nein!.ſagte er kurzweg. Es war mir, als ob man mich mit ſiedendem Waſſer übergoſſen hätte. „Aber warum denn nicht?“ fragte ich ihn. „Es kann nicht ſein; es iſt ehrlos ſeine Kompagnie zu verrathen.“ „Ihr habt ja ſchon eine verrathen. Was iſt da für 3 Ungluck? Und dieſe Kompagnie iſt noch ſchlimmer „Ich habe jene darum verrathen, weil ſie mich ver⸗ rathen betrogen ich werde noch mehr als dieſes thun: ich will ſie auf's Aeußerſte bringen. Wenn ich nur meine Herren früher befriedige: dann bitte ich ſie um die einzige Gnade, dieſer Kompagnie einen Prozeß anzuhängen und ihr alle Nachgrabungen abzunehmen. Zr brauche nur Hände und dann vernichte ich ſie, ich ruinire ſie total, Jariſchkin und Kompagnie.. Ihr werdet 21 daran denken, was das heißt, meiner zu ſpotten, den ver⸗ dienten Groſchen mir vorzuenthalten. „Ja! Ein ſolcher Mann vollführt, was er ſich vor⸗ nimmt; einen ſolchen kann man mit nichts locken: es iſt ein ganz anderer, als Du zum Beiſpiele, Lehrling. Hier iſt alles Reden umſonſt, das weiß ichz doch wenn er nicht ganz unſer ſein kann, darf man ihn für jeden Fall nicht aus den Augen laſſen: er kann uns noch nützlich ſein. „Er ſagt es ſelbſt:„Wenn dein Herr in Sibirien etwas unternehmen will, ſo bin ich bereit ihm beizuſtehen, — ich bin in den Gegenden nicht unbekannt; nur unter einer Bedingung,— daß er mit mir zuſammen igegen Jariſchkin thätig ſei, daß er ihn verfolge— in Sibirien durch Gegenkompagnien,— bei den Gerichten durch Ränke, in der Geſellſchaft mit Verläumdungen. Es iſt mein Un⸗ glück, daß ich mich auſ's Schreiben nicht verſtehe, und unſere Kompagnie verſteht es nicht, daß man hier mit Feder und Zunge thätig ſein muß. Wenn nur Euer Herr die Sache gut leitet und die Kanzleikniffe kennt, die Gold⸗ e will ich dann ſchon unter meine Aufſicht nehmen. „Unvergleichlich. Das Schickſal ſelbſt ſchickt uns dieſen Menſchen! Man muß ſich die Gelegenheit zu Nutzen machen und mit Tſchornich Einen von den Unſrigen ſchi⸗ cken. Man muß ſich ſo lange mit ihm herumtreiben, ihm ſiſ tröſten, wenn man ihn nur für etwas intereſſiren ann. Ochtin erſchrak. „Du glaubſt, daß ich Dich nach Sibirien ſchicken werde? Beunruhige Dich uicht: Du taugſt nicht für ihn. Ich habe ein anderes Männchen, ein goldenes, der für Tſchornich wie geſchaffen iſt. Der wird ſeinen Umgang pflegen.“ „Sie entſagen alſo der Kompagnie ganz, Großpapa? Schade, es lohnte der Mühe, etwas dafür zu thun.“ Smolnew blickte Ochtin mit Verachtung an. und „Du verſtehſt noch immer nichts vom praktiſchen Leben, Enkelchen; Du biſt ein zehnjähriges Fiüd Sobald zwiſchen Newoki und der Fürſtin alles zu Ende iſt, gehört der dritte Antheil der Kompagnie mir„„ unabünderlich; und ich vermag dieſe Liebe zu ſtören. die Sache iſt abgemacht.“ Smolnew ging mit boshafter Freude im Zimmer auf ab. „Wozu iſt dieſer rohe, dieſer widerliche Kolja taug⸗ lich? ſprach der Alte zu ſich ſelbſt? Die unvernünftigen Eltern haben ihm ſchon einen Theil ihrer Bankbillette ab⸗ getreten; man ſagt, ſie thaten es gleich bei ſeiner Geburt; wundere Dich vann, wenn ſolche Leute Geld haben. Doch dieſes häßliche Söhnchen kann nur zum Spotte der Leute dienen, und hier muß man von ihm den letzten Nutzen ziehen„ Smolnew ſchwieg. Lange ging er im Zimmer auf und ab, trocknete ſich dann ven kalten Schweiß vom Geſichte und wendete ſich an Ochtin. „Doch das iſt ja nur ein Antheil! es bleiben noch zwei Drittel. „Iſt denn ein Drittel wenig? Tſchornich verſpricht fürs erſte Jahr eine Ausbeute von dreißig Pud Goldes; nach Abzug aller Ausgaben kömmt auf den dritten Theil über drei Mal hundert tauſend Rubel und im künftigen Jahre wahrſcheinlich das doppelte; wer weiß, wie unge⸗ 4 heuer die Einkünfte der Kompagnie mit der Zeit an⸗ wachſen.“ „Und das hat Tſchornich ſelbſt geſagt? Du lügſt nicht, Enkelchen?“ „Tſchornich ſelbſt. Welchen Nutzen habe ich zu lügen!“ „Das iſt wahr. Und Tſchornich lügt nicht. Hat er den Theilnehmern daſſelbe geſagt?“ „Lenin hat er etwas davon merken laſſen, um ſeine Thätigkeit anzuſpornen, den Uebrigen hat er nichs verſpro⸗ 23 chen. Tſchornich iſt ein ſonderbarer Menſch;z er geht hier ganz anders zu Werke: warum ſoll ich, ſagt er, mit un⸗ geheuern Verſprechungen die ungeduldige Erwartung reizen? Moͤge die Sache ſelbſt für ſich und mich ſprechen! „Ein unſchätzbarer Mann! Einem Solchen kann man kühn ſein Vermögen anvertrauen. Der Fürſt kennt alſo den wahren Stand nicht?“ „Er iſt ſogar ſehr mißtrauiſch, trotz dem allgemeinen Gerüchte, das fortwährend von den reichen Goldgemengen ſpricht. Ich glaube, daß er nur eine günſtige Gelegen⸗ heit abwartet, ſeinen Antheil ſo theuer als möglich zu verkaufen.“ ik. „Ja wohl, dieſer Menſch iſt zu keiner großen Unter⸗ nehmung fähig: er wird von kleinlichen Berechnungen und Krämergewinnſten zu leicht gereizt.. Höre, Enkel⸗ chen, man muß das Gerücht von den Geſchäften der Kompagnie etwas herabſtimmen, um die Anſprüche des Fürſten zu verringern, im Falle er ſeinen Theil verkaufen wollte. Halt Smolnew blieb ſtehen. Sein moraliſcher Triumph drückte ſich auf ſeinem widerlich⸗häßlichen Geſichte ab; die von den runzlichten, welken Augenlidern nur zur Hälfte bedeckten Augen glänzten von einem wilden Feuer; er ſchien nur deßwegen nicht zu ſprechen, weil ihm vor lauter Glück der Athem ſtockte. Endlich athmete er mit Mühe auf und ſprach: „Und dieſe Glücksgüter werden mir gehören. Doch um ſie zu erwerben, muß zur Entwickelung geſchritten werden. Es iſt Zeit! Hörſt Du, Enkelchen, es iſt Zeit! Bald wirſt Du Zeuge meines Triumphes ſein.“ „O, ich freute mich immer über Ihre Erfolge.“ „Und ich belohnte Dich für Deine Freude. Aber hier wirſt Du keinen momentanen Erfolg erblicken, nein, einen Triumph, der die Welt erſtaunen und erſchrecken wird, und die Welt erſtaunt doch heute über nichts mehr, 24 und fürchtet nichts, nicht ein Mal das Gewiſſen. Dann werde ich Dich anders belohnen, Enkelchen.“ Gott! was drückte ſich da nicht in Smolnews Ge⸗ ſicht ab! Ochtin zog ſich mit unwillkürlicher Furcht, von S unerklärlichen Angſt ergriffen zur Thüre zurück.. Smolnew ſprach langſam, mit Pauſen, als leſe er den geheimſten Gedanken ſeines Herzen, der ihn allein in dieſem Leben aufrecht zu halten ſchien: „Anderthalb Millionen baar. die Erbſchaft. zwei Antheile der Kompagnie... Wenig.. Nein, es iſt genug: mit dieſen Kräften kann man ſchon in den Kampf gehen, indeſſen wachſen ſie, erſtarken.. Es iſt Zeit! Ans Werk, Enkelchen, ans Werk! Sprechen wir's zum erſten Male aus: das Schickſal des Fürſten und ſeiner Familie hat ſich erfüllt!.. Und er ſprach dieſes ſo feierlich, als wäre er ſelbſt das Echo des unabänderlichen, des unbeugſamen, des grau⸗ ſamen Geſchickes!.. „Wie! Ganz? fragte der zitternde Ochtin, der ſelbſt nicht wußte, was er denn eigentlich fürchte, und der mit einem unbegreiflichen Glauben das Endurtheil Smolnews vernahm.“ „Ganz! Ihre Minute iſt gekommen.. Enkelchen, ſiehſt Du das Unwetter? dieſe Nacht ſtürmte es, und doch war ſie uns günſtig und wir haben unſere Schiffchen mit der Beute eines ganzen Jahres glücklich eingebracht; aber in meinem Gemüthe ſtürmt es noch heftiger, und bei alle dem iſt es die glücklichſte Nacht meines Lebens, denn ich habe bereits die verhängnißvollen Worte; es iſt Zeit! ausgeſprochen.. Und ich bin nicht Du! Lange habe ich Kräfte geſammelt, gelitten, geduldet, dieſe Worte tief in meinem Buſen verbergend. Aber, wenn ſie nun ein Mal der Zunge entfahren ſind, werden ſie zum unabänderlichen Schickſalsſpruche! Geh' in Frieden Enkelchen, und beſorge die Päſſe. Man muß Waaren und Leute in's 25 Ansland erpediren, je eher, deſto beſſer. Sprich' ſelbſt mit Klimitſch und bringe den Handel in Ordnung. Iſt der Zeichner da? „Ich ſah ihn unweit der Kneipe, als ich hieher ging. Er wartet.“ „Gut; das iſt ſchon Deine Sache, ich habe jetzt keine Muße dazu.“ Smolnew zitterte wie im Fieber. Er hatte ſogar im Selbſtvergeſſen ein Mal die Augen geoͤffnet: es war eine momentane Bewegung. Ochtin ſchien etwas Unge⸗ wöhnliches, etwas unausſprechlich Schreckliches in diefen Angen zu leſen. Aber was denn eigentlich? Das konnte er ſich nicht erklären, oder er hatte keine Zeit gehabt, ſie ſich gehörig anzuſehen. Ochtin ging und Smolnew gab ſich ganz ſeinem Unheil ſchwangern Glücke hin. Petereburg am Tage ꝛc. n. 3 Drittes Kapitel. Vas Porgebirge der guten Hoffnung. Ochtin trat in die Küche der Kneipe, wohin er auch im Vorbeigehen ſeinen Schulkameraden mitnahm. Miller trocknete ſich, zitternd vor Näſſe bei einem ungeheuern ruſſiſchen Ofen, von dem ihn hin urd wieder Küchenjungen und Auſwärter ohne ſich im Geringſten zu geniren fort⸗ ſtießen, ihm nur aus Mitleid ein Plätzchen am flammenden Herde laſſend. „Punſch!“ rief Ochtin mit dröhnender Stimme, und zog Miller in's Gaſtzimmer mit ſich. . Das Gemälde war bunt, der Lärm gewaltig, und doch bemerkten die Eintretenden nicht, was um ſie her vorging. Sich an einem kleinen mit einer ſchmutzigen Serviette bedeckten Tiſchchen einander gegenüber ſitzend, beobachteten ſie einige Zeit eine völlige Stille. Ochtin war ſtark aufgeregt; Miller, von dem Unwetter faſt er⸗ ſtarrt, zitterte noch krampfhaft; er ſaß da, gedankenlos, willenlos, ganz niedergedrückt von phyſiſchen Leiden. Gierig verſchlang er das heilende Naß, ohne Geſchmack oder Geruch daran wahrzunehmen, nur aus Inſtinkt ſeine brennende Eigenſchaft errathend. Nach und nach fing der Punſch zu wirken an. 3 5 27 ich„Ach!“ riefendlich Ochtin aus:„es iſt mir etwas eichter.„ Niller blickte verwundert auf ſeinen Kameraden, deſſen Aufregung er erſt jetzt bemerkte. „Iſ es denn wieder ſchlimm? fragte er ſchüchtern, die letzte Hoffnung verlierend.“ „Der liebe Himmel mags wiſſen!“ ſo ſah ich ihn nie, und ich habe ihn doch furchtbar genug geſehen; wie ein wildes Thier pflegte er durchs Zimmer zu rennen und den Kopf an die zu Wand ſchlagen, doch das war alles nichts: ich bin daran gewöhnt. Und jetzt iſt er luſtig, aber ſo luſtig, daß bei einem Blicke auf ihn die Haare zu Berge ſtehen: teufliſch luſtig!“ „Wer iſt das?“ „Unſer Patron, unſer Aelteſter!... Du wirſt ihn kennen lernen, wenn Du Dich uns anſchließeſt. Ach, Miller, Miller, wenn Du wüßteſt, was das für ein Menſch, was das für ein Teufel! WMir war er nicht mehr ſchrecklich, das macht die Gewohnheit. Aber jetzt zeigte er ſich ſo, daß ich mich noch immer nicht zu faſſen ver⸗ mag. Was hat er denn in den Augen! nicht umſonſt verbirgt er ſich vor jedermann es ſind keine Men⸗ ſchenaugen.. Er ſagt, die Zeit der Entwicklung ſei da. Das wird eine ſchöne Entwicklung, wenn ſie mit der ganzen Geſchichte im Einklange iſt. Wir wollen ſehen, was daraus wird. „Und ich habe wieder eine abſchlägige Antwort?“ „Nein! Ich werde einen Schulkameraden nicht ver⸗ laſſen. Ich heiße weder Newoki noch Lenin: Du ſollſt Gewinn haben!“ Millers Augen leuchteten, ob von den Worten Och⸗ tins oder von den drei Gläſern Punſch, an den er durch⸗ aus nicht gewöhnt war. „Ich hoffe, daß Du in der Auswahl der Beſchäfti⸗ gung nicht gar zu kritlich ſein wirſt und die dumme De⸗ likateſſe, die unzeitige Eitelkeit bei Seite legſt.“ 28 „Du lieber Gott, befinde ich mich denn in einer Lage, die mir erlaubt, wähleriſch zu ſein 2“ Miller war bereit alles zu erfüllen, was er in den von ihm verſandten Zuſchriften verſprochen: vielleicht ſo⸗ gar etwas mehr, was eben ſein Schulkamerad erwartete. „Nun, biſt Du verſtändig, Miller... Wer weiß, vielleicht habe ich mich in meinen frühern Vorausſetzungen geirrt: vielleicht bringſt Du es noch weit„ Du haſt Dich in der Welt faſt aufgerieben, tüchtig gelitten: da wird Dir vielleicht unſer ſorgloſes Leben beſſer ge⸗ fallen.“ „Sorgſoſes Leben!. „O, was das betrifft, wenn Du nicht die Gewohn⸗ heit haſt, alles bis aufs Hemd in einer Nacht zu ver⸗ lieren, wirds Dir an gar nichts fehlen; bei uns wird die Arbeit ehrlich bezahlt. Du biſt noch ein Neuling; man kann Dich nicht ſogleich in die Geheimniſſe einwei⸗ hen, Du erhältſt blos Arbeit als Freiwilliger. „Wird dieſe Arbeit meinen Kräften, oder beſſer ge⸗ ſagt meinen Fähigkeiten entſprechen?“ „Dafür bürge ich: nur bitte ich Dich, Miller, ſei nicht zu ſkrupulös!“ „Sprechen wir nicht mehr davon.“ „Nun gut! Da haſt Du Deine erſte Ardeit, kopire uns einige Papiere, ein leichtes Ding, aber gib acht, daß es genau ſei.“ „Ich bürge dafür.“ „Du mußt in einer Nacht endigen.“ „Wovon ſoll ich kopiren?“ „Ich gebe Dir alles Von hier begeben wir uns gerade zu mir. Dort finden wir Zeichnungen und Briefe, doch die Briefe nehme ich über mich.“ „Wie dankbar bin ich Dir!“ „Und weißt Du, wie viel Du für die Arbeit er⸗ hältſt?“ „Wie viel?“ 29 „Ich werde mit Dir nicht handeln: glücklicherweiſe überließ es der Aelteſte mir, über den Preis mit Dir einig zu werden.“ „Ich werde für alles dankbar ſein, das Du gibſt.“ „Du erhältſt für die ganze Nacht hundert Rubel.“ „Mein Freund! Mein Wohlthäter!“ „Es wird noch beſſer werden! Gern oder ungern, mußt Du nun mit jeder Arbeit zufrieden ſein. Noth! So habe ich zum Beiſpiele jetzt keinen Groſchen! .. Ich will Dich bitten mir etwas zu borgen „Ich habe bis jetzt noch keinen Heller.. „Von den hundert Rubeln, die Du erhältſt... ſei ſo gut und leihe mir fünfzig!“ Der Punſch hatte die Zunge gelöst und die Herzen der alten Schulkameraden, die ſo viele Jahre nicht zu⸗ ſammengekommen waren und jetzt unter ganz andern Au⸗ ſpizien als früher in der Schule zuſammentrafen, zur Offenherzigkeit geſtimmt. „Auch ich habe mein Geheimniß: es wird mich für mein ganzes Leben verſorgenz wahrhaftig, ſo iſts,“ ſagte Ochtin.„Und auch ich ſage wie der Großpapa: es iſt Zeit!. Ich weiß nur noch nicht, wem ich das Geheimniß verkaufe, dem Fürſten oder Smolnew; wer beſſer zahlt... Nöthig iſts für Beide; ſo nöthig, daß ſie ihr Leben dafür hingeben.“ Miller wagte es nicht, darnach zu fragen, aus Furcht, ſich Vorwürfe über ſeine Unbeſcheidenheit zuzuziehen. „Der Gegenſtand iſt unbedeutend, ein kleines Paket: aber es hat trotz ſeiner Unſcheinbarkeit einen bedeutenden Werth. Jetzt iſt die beſte Zeit, es an den Mann zu bringen: der Großpapa hat etwas entſcheidendes gegen den Fürſten vor. Der liebe Himmel mags wiſſen, was er auf dem Tapete hatz dem Anſcheine nach iſt er ihm mit Leib und Seele ergeben. Jedenfalls iſt ihnen dies Geheimniß unumgänglich nöthig, dem Großpapa und dem Fürſten„ Ich nehme nicht weniger als hundert 30 tauſend Rubel, nicht einen Groſchen weniger„ Was glaubſt Du, Miller, wenn ich hundert tauſend Rubel hätte, ich würde da manche Bank ſprengen!“ „Ich glaube, Du ſagteſt, wenn Du reich würdeſt, hörteſt Du zu ſpielen auf.“ „Ich wurde nur ein wenig ſpielen nur um zu ſehen, ob das verdammte Glück mir immer untreu iſt. Gehts nicht, ſo werfe ich gleich die Karten weg. Ich verſpiele jetzt darum alles, weil ich nicht viel einzuſetzen⸗ habe; hevor man ſichs verſieht, iſt der letzte Rubel da⸗ hin. Es brancht nicht viele Zeit, hundert Rubel zu ver⸗ lieren; aber hundert tauſend! Das iſt was anders!. nicht wahr?“ „Wahrlich, ich weiß es nicht, das mußt Du beſſer wiſſen.“ „Natürlich! Man trug das Nachtmahl auf. Miller aß wie ein Menſch, der lange keinen Biſſen in den Mund genommen. Er lebte wieder auf. „Es gehen auf dieſem Vorgebirge wichtige Dinge vor, ſcheint es.“ Er blickte um ſich mit der Selbſtzufriedenheit eines Satten, und dieſer Zuſtand war ihm ſchon ſeit gar lange fremd geblieben. Jetzt erſt ſah er alles, was um ihn vor⸗ ging, obgleich der betäubende Lärm die Aufmerkſamkeit Millers ſchon längſt erwecken konnte; doch ſie war bis zu dieſem Augenblicke auf den Punſch und das Nachtmahl conrentrirt. Unweit Miller ſaß Klimitſch mutterſeelen allein an einem Tiſchchen und blickte mit Abſcheu auf ſeine Umge⸗ bung, wie jemand, der ſich wider ſeinen Willen hier be⸗ fand. Kaum hatte ſich Ochtin zu ihm gewendet, als er eilig aufſtand und ſich tief verbeugte. „Ah, mein Wertheſter was iſts.“ „Es iſt Ihnen bekannt; ich erwarte die Päſſe.“ „Wir wollen gleich davon ſprechen.“ 3¹ „Wer iſt der?“ fragte Miller mit einer gegen ſeine frühere Schüchternheit ſehr abſtechenden Kühnheit, obgleich mit weniger Neugierde. 4 „Unſer Boͤrſenmakler,“ antwortete Ochtin ſtolz:„Ge⸗ ſchäfte voll auf.“ „Ein großes Schiff braucht eine hohe Fluth. Welche luſtige Geſellſchaft ſich dort zuſammengefunden! Glück⸗ liches Volk!“ „Die gehören alle uns.“ „Ihr habt ein gar großes Kommando!“ „Ja wohl!“ „An einem langen Tiſche ſaßen gegen zwölf Mann, ihrer Kleidung nach verſchiedenen Völkern angehörend, ihren Stellungen nach ziemlich frech, nach dem Ausdrucke ihrer Geſichter zu ſchließen, von einem plumpen Cha⸗ rakter. Indeſſen hatten der Punſch und das reichliche Eſſen Miller in eine ſehr gute Stimmung verſetzt, um ſo mehr, als die ihn bis jetzt umlagernde Noth und die Hoffnungs⸗ loſigkeit ſeiner Lage ihm das gegenwärtige Feſt als ein unbegränztes Glück erſcheinen ließen. Auch muß man nicht vergeſſen, daß Miller im Beſitze von fünfzig Rubeln war, ein Reichthum, den er noch nie erreicht hatte. All dies konnte gar manchen verblenden, und die ſchlechteſten Dinge aufs Vortheilhafteſte beleuchten. In einer Reihe mit den Zechenden ſaß ein hagerer* Mann mit einem ſchmalen Schnurrbarte, in einer ſchmu⸗ tzigen, durchlöcherten, ſogenannten Tſcherkeſſenjacke, mit einem enganſchließenden Leibgürtel, in rothen Stiefeln, den Kopf mit einem großen Kaſchemirtuche, einem Turban ähnlich, umwickelt. Dieſen Mann nannte man Tſcherkeſſe; nannte man ihn ſo ſeiner Kleidung halber, obgleich ſie mehr als einer Nation angehörte, oder trug er dieſes phan⸗ taſtiſche Koſtüm eben ſeines Zunamens wegen,— das war ſchwer zu beſtimmen. Gewiß iſt nur, daß er mit demſelben Rechte ſich Tſcherkeſſe nennen konnte, als man 32 ſeine Kleidung für eine tſcherkeſſiſche nehmen konnte. Er ſaß da, ſeinen Nachbar rechter Hand umarmend und bit⸗ terlich weinend. 5 „Nun, höre auf, Tſcherkeſſe, genug geſchluchzt: Du haſt Deine Portion abgejammert: trinke noch ein Glas, ſo, jetzt wird Dir leichter um's Herz.“ „Ach, wie ſoll ich nicht weinen,“ ſagte der Tſcher⸗ keſſe mit einer ſingenden Stimme.„War das recht, was wir mit dieſen Kindern thaten?.. Meine Täubchen!... Was wird man nun vom Tſcherkeſſen ſagen. Es waren ja nur Kinder nicht erwachſene Menſchen... „Was Du da plauderſt, was waren ſie für Kinder? Bei Dir iſt alſo auch Fedulka ein Kind?“ „Nein, Fedulka iſt ein Teufelchen, aber kein Kind.“ „Weine nicht, ſage ich Dir. Der Zerlumpte iſt nicht beſſer als Fedulka, auch aus dem Geſchlechte der Teufel.“ „Aber immer noch ein Kind.. Und das Mäd⸗ chen! Warum haben wir ſie beleidigt?“ „Trinke, trinke nur ſchneller.. ſonſt zerfließſt Du in Thränen.“ Der Tſcherkeſſe ſtürzte ein großes Glas Branntwein hinunter; aber je mehr er trank, deſto mehr weinte er und nicht nur um die Kinder allein, wie er den Zer⸗ lumpten und Jenny nannte.. Der Umſtand, daß ſie zur ſelben Zeit entführt worden, beſtätigte ſich immer mehr Der Nachbar tröſtete ihn fortwährend und ſchenkte immer ein und trank ſelbſt mit: nach ſolchen öftern Manipulationen iſt es kein Wunder, daß die Flaſche leer wurde. Der Tſcherkeſſe beweinte auch ſie, doch die Thränen verwandelten ſich nicht in Branntwein; er ſtreckte daher die Hand aus nach der Flaſche unſeres alten Be⸗ kannten— Oßka, der unweit ganz allein ſaß und ein Liedchen brummte. Oßka blickte mit Verwunderung auf eine ſo offene Verletzung des Eigenthumsrechtes, die bei ihnen nur gegen einen Fremden, aber nicht gegen einen 33 Kameraden zuläßlich war; dann nahm er ohne ein Wort zu ſagen das vom Tſcherkeſſen eingeſchenkte Glas und trank es aus; ebenſo wollte er mit der Flaſche verfahren, die noch bis zur Hälfte gefüllt war. Doch der Tſcherkeſſe, der von ſeiner erſten Handlung aus der Faſſung gekommen war, hatte ſich indeſſen geſammelt. Zur ſelben Zeit, als Oßka die Flaſche an den Mund brachte, hielt er mit einer Hand, noch immer ſchluchzend, das koſtbare Gefäß feſt, damit es nicht umfalle, ſchlug mit der andern ſeinem Anta⸗ goniſten hinter's Ohr, leerte nun ſeinerſeits, vhne ihm Zeit zur Beſinnung zu laſſen, die Flaſche bis auf den Grund und ſtellte ſie auf den Tiſch. „Was ſoll denn das heißen?..“ konnte Oßka Sen herausbrummen und fiel ganz blutig unter den Tiſch. „Ich bin aufrichtig und pünktlich, Brüverchen,“ ſagte der Tſcherkeſſe und fing wieder zu weinen an,„darum leide ich auch vor Allen.“ Um dieſe Zeit trat ein Frauenzimmer in die Kneipe. Viertes Kapitet. Chriſtel und Jutſchba. Die Menge umringte das Frauenzimmer. Der Eine wollte ſie umarmen, der andere brachte ihr ein Glas Branntwein an den Mund. Die Arme machte ſich los, wie ſie konnte. Sie war in einem einfachen Sarafan, der herrliche, wenn auch theilweiſe ſchon verkümmerte Formen umhüllte; das Geſicht war noch ſchön zu nennen, aber kränklich; die von Furcht und Thränen zitternden Augen gaben dem Geſichte einen Ausdruck tiefen Leidens. Der Haufen wurde immer dichter, man balgte ſich um das arme Weib, es fielen Hiebe, der Tſcherkeſſe ſchwang ſeinen Stock. Da erſchallte ein ſchreckliches: „In aller Teufel Namen! Hieher mit dem Weibe!“ Und vor dem Häuptlinge theilte ſich die Menge und bildete einen freien Weg, auf dem man die Frau zu ihm führte. Es war Chriſtel. „Wirth!“ ſchrie der Häuptling:„wer iſt's?“ „Sie ſagt, ihr Mann ſei hier ſie kam zu ihrem Manne ſie weinte ſo jämmerlich ſo daß ich ſie hineinließ... ſprach zitternd ein breitſchultriger Kerl in einem rothen ruſſiſchen Hemde, der Wirth des Speiſe⸗ hauſes„zum Vorgebirge der guten Hoffnung.“ 35 Miller, der nichts von dem Verhandelten verſtand, ließ ſeine Anſicht vernehmen: „Was iſt hier ſo ſchlimmes daran, daß ein Frauen⸗ zimmer dieſe herrliche Anſtalt oder„Speiſeerzeugniß“, wie es auf dem Aushängſchilde heißt, zu beſuchen wür⸗ digte: ein Frauenzimmer— die Zierde der Geſellſchaft.“ Dieſe unbedeutenden Worte brachten Ochtin auf be⸗ ruhigende Gedanken: es wurde ihm leichter um's Herz. „In der That,“ ſagte er:„wenn dieſes Frauen⸗ zimmer irgend einen wichtigen, ſie beſtimmenden Grund hatte, hieher zu kommen, kann man ſie einlaſſen. Waos iſt denn Schlimmes an unſerer Verſammlung?. Wir haben, Gott ſei Dank, nichts Ungeſetzliches bor, wir ſitzen da und zechen, das iſt Alles.“ „Zum Teufel! rief der Häuptling wieder dem Haufen zu, der Chriſtel umringte.„Nun, meine Schöne, welchen Teufel ſuchſt Du hier?“ „Meinen Mann. er muß hier ſein...“ n warum glaubſt Du, daß Dein Mann hier „Der Herzinnige läßt ſich gar nicht mehr ſehen.. ich ſuche ihn ſchon ſeit lange ich möchte nur wiſſen, ob er noch lebt... Ich folgte überall ſeiner Spur.. Jutſchka hat mich hoffentlich gut geführt... Erbarmt Euch! ſagt iſt er hier?„ Bei der Nennung Jutſchkas errieth der Häuptling, wen ſie brauche. „Schau hin, iſt er nicht da?.. „Mein Herz, mein Theurer,“ rief Chriſtel verzweifelt aus, ſich auf den in Schmutz wälzenden Körper werfend Sie hielt die Thränen in den Augen, das Schluch⸗ zen im Herzen zurück und gab ſich der Sorge und Pflege um ihren herzinnigen Freund hin; ſie wuſch die Wunden, ſpritzte ihm Waſſer ins Geſicht, rieb die Schläfe und brachte ihn endlich zum Bewußtſein zurück. „Wo kommſt Du her?“ ſagte Oßka zu ſich kom⸗ 36 mend und verwundert auf Chriſtel blickend:„wozu biſt Du hier? Um mich zu beweinen, zu bejammern, wie einen Todten...“ „Ich weine nicht.... mich die Lente auslachen, daß ich ſo wei⸗ biſch „Ich bin nur gekommen. Du wäreſt ohne mich geſtorben ſiehſt Du, von all den Leuten wollte Dir niemand beiſtehen.“ „Belfere nicht auf ſie: das ſind meine guten Genoſ⸗ ſen.. aber Du biſt hier überflüſſig, Weib.. Doch wenn Du bleiben willſt, ſo bleib! es iſt ein präch⸗ tiges Leben.. ein braves Volk. „Wie, ſchämſt Du Dich nicht!... Du weißt, ich habe für Dich Vater und Mutter geopfert.. Ich bin bereit, Dir überall nachzufolgen... mit Dir zu trinken aber denke nur, was die Leute dazu ſagen werden und wenn man mich in der Schenke ſieht wenn meine Schweſtern... Doch Gott mit ihnen. ich bin bereit, alles für Dich zu thun... aber nur für Dich allein, gebe ich mich nicht den Beleidigungen Anderer preis „Unſinn, Chriſtel: bei uns iſt alles zu gleichen Thei⸗ len Da fängſt Du wieder zu winſeln an Aus Dir wird nie ein tüchtiges Weibsbild. ſo gehe in Gottes Namen Deiner Wege.. Die Unſrigen lieben keinen Scherz. Aber was fiel Dir ein, mich aufzu⸗ ſuchen? 4 „Ich kam bloß, Dir zu ſagen... daß ein neues Unglück..“ „Dummheiten. was für ein Unglück kann uns noch erreichen..„ „Jutſchka 4 „Jutſchka„ Jutſchka... Und wo iſt mein Jutſchka? Was geſchieht meinem Jutſchka?. Warum iſt er nicht bei mir, mein Theuerer? Ach, ich Böſe⸗ 37 wicht bemerkte es nicht, daß er nicht da iſt... hätte er mich dann beleidigen laſſen, wenn er da geweſen wäre Sprich, Chriſtel, ſprich, wo iſt Jutſchka? was haſt Du mit Jutſchka gemacht? Du haſt ihn getödtet, weil ich ihn mehr als Dich liebe.“. „Biſt Du bei Sinnen! Werde ich den Hund töbten, der Dein einziger Wächter iſt; ohne ihn hätten Dich dieſe Seelenverkäufer ſchon längſt zu Grunde gerichtet...“ „Sprich nichts Schlimmes von ihnen, ich dulde es nicht. es gibt Schläge. Wo iſt Jutſchka? wo iſt er? ſprich ſchnell!“ „Er iſt erkrankt, der Arme... zu Hauſe Ei⸗ ner Deiner Freunde hat ihm ein Bein gebrochen.„ „Ach, die Verdammten... die Teufel... ihr Glück, daß ich es nicht geſehen! Ich hätte mich nicht geſchont, und Jutſchka gerächt... führe mich zu ihm, führe mich ſchnell zu ihm. Und Chriſtel führte den ſich mit Mühe auf den Fü⸗ ßen haltenden halbbetrunkenen und verſtümmelten Oßka mit ſich fort. Es war aber wieder das Einſchreiten des Häuptlings von Nöthen, damit ſie ſich durch die Menge drängen konnten. „Wohin, Hund!“ rief er dem Tſcherkeſſen drohend zu, der ſich zu der Thüre hinſtahl, die Beute zu erhaſchen hoffend. Der Tſcherkeſſe gehorchte wie ein Hund der Drohung ſeines Herrn, der ihm einen leckern Biſſen los⸗ zulaſſen befiehlt, und kehrte in ſich hineinbrummend zurück. „Es iſt auch für uns Zeit!“ ſagte Ochtin, ſich an Miller wendend.. Viel Arbeit... und ich muß noch heute irgendwo einſprechen.(Die fünfzig Rubel in ſeiner Taſche drückten ihn: er wollte ſie raſch ins Spielhaus tragen.) In einer Stunde komme ich zu Euch, um uns über das Mädchen im grauen Häuschen zu berathen. Ihr erinnert Euch wohl ihrer dem Fürſten will ſie nicht aus dem Kopf;z nach dem unglücklichen Zuſammentreffen 38 iſt er noch um ſo erpichter.„ ſagte er leiſe zum Häuptling. „Wir ſind immer bereit, Euer Gnaden zu dienen und was in unſern Kräften ſteht.. Prummte er zwiſchen den Zähnen. „Und Ihr, mein lieber Klimitſch, ſeid außer Sorgen alles wird in Ordnung ſein... kommt mor⸗ gen„„ —„Wir verlaſſen uns auf Euch wie auf den eigenen Vater(bei Seite)„Du verdammter Wiſtling!“ Auf dem Wege hatte ſich Millers Rauſch bedeutend vermindert und er dachte unwillkürlich an die Dinge, de⸗ ren Zeuge er geweſen: alles erſchien ihm nicht mehr in dem glänzenden Lichte, in dem er es vor einigen Minuten geſehen. Ochtin, zu ſehr mit ſeinen Gedanken beſchäftigt, ſchenkte ſeinem Begleiter keine Aufmerkſamkeit. Endlich kamen ſie in Ochtins Wohnung. „Hier iſt Deine Arbeit,“ ſagte Ochtin, Pergament und Farben auf dem Tiſche ausbreitend.„Kopiere dieſes da ſo ſchnell als möglich, mit allen Unrichtigkeiten und Ungenauigkeiten des Sriginals. Lebe wohl Ochtin griff eilig nach dem Hute und lief ins Spiel⸗ haus wie ein Jüngling, der dem erſten Stelldichein ent⸗ gegeneilt. Miller blieb allein. Er warf einen Blick auf die nackten Wände des leeren Zimmers, in dem nur eine Bettſtelle mit ſchmutzigem Bettzeuge und ein an das Bett gerückter Tiſch vorhanden war; ſonſt nichts, weder Stuhl noch Schrank.. Auf dem Tiſche lagen Papierſtöße und Karten.. Vor ihm lag eine in einer ihm unhekannten Sprache abgefaßte Schrift, von der er drei Exemplare kopiren ſollte... Wozu, wer braucht dieſe Kopien? Doch was bekümmert ihn, was einen Andern intereſſirt? Gibts denn wenig Sonderlinge auf Erden? Die Einen ſammeln ihr ganzes Leben lang Autographien, Andere wieder Scherben einer zerbrochenen antiken Vaſe; warum . 39 ſollte alſo ſein Freund nicht Kopien fremdländiſcher Doku⸗ mente ſammeln? Ochtin hatte immer eine ungemeine Lei⸗ denſchaft für Sprachen und Kalligraphien, die ihn manch⸗ mal zu eigenthümlichen Sonderbarkeiten verlockte. Miller ſetzte ſich an die Arbeit. Er brauchte ein Stückchen Pa⸗ pier, um die Farben zu probiren und das Pergament zu bedecken, auf welches er zeichnen wollte. Er griff nach dem erſten ihm in die Hand fallenden Bogen, als unter demſelben der Kopf eines Bildes ſichtbar wurde. Miller bemerkte ihn Eine wunderbare Aehnlichkeit mit einem bekannten Geſichte frappirte ihn... Ohne daran zu denken, vaß er vielleicht ein fremdes Geheimniß enthülle, und hingeriſſen von Neugierde und dem zarten Sinne des Künſtlers, der im Nu das Erzeugniß des Meiſters erkennt— ergriff er haſtig das Porträt; doch da ſchwand der Zauber; er fand nicht mehr die Aehnlich⸗ keit, die ihn im Anfange ſo ſehr frappirt hatte. Er ſah ein herrlich gemaltes Miniaturporträt eines Mannes in einer militäriſchen Uniform, ſonſt nichts.. Doch nein die Aehnlichkeit iſt da wenn auch keine große aber mit wem— das wollte ihm nicht einfallen. Warum hatte ihn aber dieſe Aehnlichkeit im Anfange ſo ſehr frappirt?. Das konnte er nicht begreifen... Vielleicht von anders aufgefallenem Lichte? Miller legte das Bild an den frühern Platz: immer nicht derſelbe Effekt. Endlich verſuchte er mit der Hand die Kleidung zu bedecken, nur das Köpſchen frei laſſend,— ſogleich ſchrie er vor Verwunderung, vor Entzücken laut auf.. „Jenny, Jenny.„ Sie iſt's, wie ſie leibt und lebt. habe ich denn nicht ihr Geſichtchen ſtudirt.. ihre tief⸗ blauen Aeuglein!. Doch dieſes Porträt iſt beſſer als die meinigen Etwas männlich„ der Künſtler hatte die ſonderbare Idee, ſie in einem Männeranzuge darzuſtellen, und gab ihr wahrſcheinlich deswegen dieſes männliche Anſehen„ mein Täubchen, mein Herzchen! „ Wie mußte er ſich daran weiden, Dich zu malen ja, es iſt ein großer Künſtler„. wie ſchön die Hände gezeichnet ſind Deine lieblichen„vollen Händ⸗ chen Verhüllen wir noch dieſe männliche Friſur.. So.. herrlich, unvergleichlich. jetzt fängt ſie zu reden an, mein Seelchen! ℳ Und Miller legte mit dem Selbſtvergeſſen des ächten Künſtlers das Ohr an den Mund des Bildes...„Nein, ſie ſchweigt!. vielleicht iſt ſie für ewig verſtummt, meine Herzinnige.. Ach, wo biſt Du, wo, meine Theuere2“ Und traurig neigte er das Haupt über das Bild. „Doch auf welche Weiſe kömmt das Bild hieher? Was ſoll das bedenten?. Jenny hat mir nie geſagt, daß ſie außer mir noch Bekannte habe„ Und Jennh war unfähig, etwas zu verbergen„—, Gott behüte, daß ich etwas Böſes von Jenny denke“ Miller verlor ſich in Muthmaßungen.. „Iſt dieſes Porträt nicht nach ihrer Entführung ge⸗ zeichnet? Es kann nicht ſein.„die Zeit iſt zu kurz das Bild iſt ſehr ſorgfältig gearbeitet. Und wenn doch!... Wenn es mir gelänge, durch dieſes Porträt ihren gegenwärtigen Aufenthalt zu entdecken Ich muß Ochtin fragen„ Doch ſagt er mir's, wenn er vielleicht ſelbſt Urheber oder Theilnehmer ihrer Ent⸗ führung.. Er iſt ein guter Menſch, aber.. die Geſellſchaft, in der wir uns befanden, iſt durchaus nicht ſo ordentlich, als es mir nach dem Punſche ſchien„„ Der weinende Trunkenbold ſprach von ſo Manchem, was, wenn ich jetzt darüber nachdenke,— mir gar ſonderbar erſcheint. Wenn ich die Papiere durchſehen ſollte.. wie iſt's möglich!„„fremde Papiere!. Und wenn in ihnen etwas verborgen wäre, was Licht über Jenny's Verſchwinden werfen würde?„„ Mögen ſie mich dann in Stücken hauen, ich weiß dann doch Alles.“ und Miller griff nicht vhne Gemüthsbewegung, nicht ohne Gewiſſensbiſſe nach dem Pakete, aus welchem das von ihm bemerkte Porträt hervorgeſchaut. Das Paket war 41 entſiegelt: er betrachtete es von allen Seiten, noch immer wankte er, die Papiere herauszunehmen Endlich entſchied er ſich er ſteckte die Finger hinein und zog ein zweites, gleichfalls entſiegeltes Paket hervor: auf ſelbem war folgende Aufſchrift:„Meinem geliebten Sohne Jwan O.., mein letzter Wille und Vermächtniß, wie auch der Briefwechſel mit ſeiner Mutter, meiner Frau“ Es war daſſelbe Paket, welches der Zerlumpte vom Vater als Erbſchaft erhalten und Olga Benski in Ver⸗ wahrung gegeben hatte. Die Leſer werden ſich noch erin⸗ nern, daß es aus ihrem Schlafzimmer verſchwunden war. Miller wußte nichts davon: mit zitternder Hand entfaltete er den in ſelbem liegenden Brief und letzten Willen. Petersburg am Tage ꝛc. I. 4 Fünftes Kapitel. Enthüllung des Geheimniſſes. Millers Blick gleitete über bekannte, ſeinem Herzen theure Namen: er unterdrückte eine krampfhafte Bewegung und begann den Brief zu leſen: „Gott iſt barmherzig! Er gab mir Verſtand, Ge⸗ vächtniß, Selbſtbewußtſein wieder, damit ich in dieſer ge⸗ heimnißvollen Vorſtunde des Todes mit einem Blicke um⸗ faſſe die Vergangenheit, ſchrecklich, wie das Grab, in das man mich bald verſenkt,— ſchrecklicher ſelbſt als das Grab: hier iſt Nacht und Ruhe, und dort, o, was war nicht Wles dort!... Wenn ich wieder umkehren müßte, — der bloße Gedanke wurde mich tödten. Gott iſt barm⸗ herzig! Er ſendet mir eine Minute zur Reue: daß ich vor ſeinem ſchrecklichen Gerichte nicht erſcheine, bevor ich nicht mein Herz auf Erden noch rein gewaſchen habe. In ſeiner unendlichen Güte,— ſorgt er vielleicht auch für Dich, den Verſtoßenen, den Verbannten, den Gedemüthig⸗ ten. Und ich war die Urſache aller Deiner Leiden, ich, Dein leiblicher Vater: mein Herz zieht ſich zuſammen; ich finde kaum Worte, um Dir meine Beichte zu übergeben, ich finde kaum Thränen, um mein Verbrechen abzuwaſchen. Du wirſt mich, Wanja, wie ich bin, erblicken; aber wiſſe, daß ich jenſeits Deine Verzeihung erwarte, ſehn⸗ „ 43 ſüchtig harrend, im Vertrauen auf Dich, im Glauben an die Vorſehung, und wenn Du mich hier verſchoneſt, mir alles Dir Erzeigte vergibſt, ſo vergibt mir auch der Barmherzige oben! Höre, mein Sohn, und fluche mir nicht! „Ich habe von meinen Vorfahren einen alten, ehren⸗ haften Namen geerbk, und laſſe Dir nur einen erniedrigen⸗ den Zunamen— den Ekelnamen„Zerlumpter.“ Ich habe reiche Güter geerbt und hinterlaſſe Dir Armuth und Schmach. Meine Kindheit war von Liebe und zarter Pflege umgeben,— Du hatteſt nichts als Sorgen um den verrückten, alten Vater. Ich war jung, voll Leben und Glück. Da ſah ich ein Frauenzimmer. Ihre leuch⸗ tende, flammende Schönheit blendete mich: ich ſah an ihr nichts weiter, ich ſah weder ihre guten, noch ſchlechten Eigenſchaften, ich ſah nur ihre Schonheit und ward von ihr bezaubert. Ich weiß noch jetzt nicht, aus welchen Elementen dieſes Weib geſchaffen war, und jetzt, nach all dem Böſen, dem unbegränzten Böſen, das mir dieſes Weib erzeigt hatte, ſelbſt jetzt habe ich Alles vergeſſen, außer ihrer Schönheit; würde ich jetzt vom Rande des Grabes in die Welt zurückkehren,— ich würde ſie wie⸗ der lieben,— denn es überſteigt meine Kräſte, es über⸗ ſteigt alle menſchlichen Kräfte, ſie zu ſehen und nicht zu lieben; und wenn ſie zum Gerippe würde, die bloße Er⸗ innerung würde meine Liebe erwecken. Ich heirathete ſie. Drei Jahre verfloſſen in unnennbarer Seligkeit. Ich glaubte an ſie;z ich ſchenkte Niemandem Glauben, wenn man ihr Boſes nachſagte, ich glaubte ihr ſelbſt nicht, wenn ſie offen meiner unbegränzten Liebe ſpottete. Endlich kam der Mann, der mich entzauberte. Ich haſſe ihn nicht dafür, daß er mich in den Abgrund der Schmerzen ſtürzte, aber dafür, daß er mich aus der ſüßen Täuſchung weckte, mir den ſchoͤnen Traum raubte. Mein Blut kochte. Ich ent⸗ zweiete mich mit meiner Frau, war aber am folgenden Tage bereit, ſie um Verzeihung zu bitten: es war zu „ N 44 ſpät! ſie ſchien nur einen annehmbaren Vorwand geſucht zu haben, um ſich von mir zu trennen. Sie verließ mich. Ich kann Dir nicht alle Intriguen auseinanderſetzen, mit denen uns dieſer Menſch umſtrickte, um uns für ewig zu trennen, um mich vom graden Wege der Ehre abzulen⸗ ken, um meinen Verſtand durch tauſend erdichtete oder wirkliche Verbrechen meiner Frau und der mir am näch⸗ ſten ſtehenden Leute zu verwirren. Und wirſt Du es glau⸗ ben, mein Sohn, daß er auf dieſe Weiſe nicht für ſich handelte, nicht hingeriſſen von einer ihn beherrſchenden Leidenſchaft, nein, bloß für's Geld, für einen Andern,— dieſer elende Boͤſewicht war— Ochtin. Er redete mir zu, die Welt zu verlaſſen und mich in eine völlige Ein⸗ ſamkeit zurückzuziehen: man betrachtete dieſes als klare Beweiſe des Wahnſinns und benützte ſie zum Vorwande einer geſetzlichen Eheſcheidung. Wir wurden geſchieden. Das brachte mich in Wuth; vielleicht hat mein Verſtand ſich damals wirklich getrübt, indeſſen erinnere ich mich, daß mein früherer Freund, mein Vetter Aleris, ſich mit meiner Frau verheirathete, und mein ganzes Vermögen unter dem Vorwande meiner Verrücktheit an ſich riß. „Aber, meine Kinder, mein Gott, warum habt ihr meine Finder ihres geſetzlichen Erbes beraubt? Nun gut, ich bin wahnſinnig, aber ſie, ſie ſind meine, unſere legitimen Kinder. Mein Gewinſel erregte bloß ein verächt⸗ liches Mitleid Bald ſah ich mich im Narrenhauſe: es iſt, als ob man Jemanden lebendig begrabe... Ich verlor wirklich den Verſtand... Ich weiß nicht, welcher theilnehmende Arm mich aus dem Narrenhauſe in's Ar⸗ menhaus leitete. Doch für mich war es ſchon gleich⸗ gültig, wo ich immer vegetirte: mir fehlte das Bewußt⸗ ſein, Dich erkannte ich kaum und das nur aus Gewohn⸗ heit, ohne das uns verknüpfende Band zu begreifen, wie der Gefangene den Kerkermeiſter erkennt, der ihm jeden Tag Brod und Waſſer bringt. Ich erinnere mich noch. eines ſonderbaren Umſtandes; von der Zeit an, daß ich verheirathet war, verfolgte mich ein boſes Geſchick, doch ich ſchenkte demfelben keine Aufmerkſamkeit und fuhr fort, mein Glück aus dem unerſchöpflichen Quell der Schön⸗ heit meiner Frau auszubeuten. Die Schläge des Schick⸗ ſals entluden ſich übrigens größtentheils auf das Haupt meiner Frau. Ihre ganze Familie ſtarb dahin und größten⸗ theils eines gewaltſamen Todes. Der Tod ihrer Mutter erweckte ein dunkles, unbeſtimmtes Gerücht man ſprach von Convulſionen, heftigen Krämpfen, von der Bläue des Geſichtes nach dem Tode, man ſprach und vergaß es wieder. Der Bruder meiner Frau fiel im Duelle, indem er in eine ihm ganz fremde Geſchichte verwickelt worden war; ein zweiter Bruder war verſchol⸗ len; eine Schweſter wurde an einen boshaften alten Mann verheirathet, ſie bekam die Schwindſucht und ſtarb. Als der einzige Zweig einer großen Familie erbte meine Frau ein ſehr bedeutendes Vermögen, aber für mein Glück brauchte ich nur ſie, die Strahlende, Heitere, Glückliche Ich berauſchte mich an ihrer Schönheit und vergaß alles Uebrige. Wie ein Trunkenbold gab ich mich unbe⸗ dingt meiner Leidenſchaft hin. O, warum hat dieſer Rauſch nicht mein ganzes Leben lang gedauert! „Ich hatte zwei Kinder, Dich und eine Tochter, Eugenie. Wo iſt ſie 2 ich weiß es nicht. Die Mutter nahm ſie zu ſich, Du bliebſt beim verrückten Vater. Mein Sohn! wenn Deine Stimme einſt Gewicht hat in der Welt, ſo fordere Deine Schweſter von ihr, ziehe ſie vor das Gericht der öffentlichen Meinung. Sei dieſem ſchwa⸗ chen Weſen Bruder und Beſchützer. O, wie ſehr liebte ich meine kleine Jenny; ſie glich mir auf ein Haar. Ich laſſe Dir mein Portrait; darnach erkennſt Du Deine Schweſter; ich laſſe Dir auch eine Abſchrift aus dem Taufbuche und alle Dokumente Eurer geſetzlichen Rechte auf den Namen O... und auf die von meinem Vetter und dem Manne Eurer Mutter geraubte Erbſchaft. Du biſt eine Waiſe, ſchutzlos, ein Bettler; Deine Stimme 1 46 wird in der Welt erſchallen, wie der Schrei der Ver⸗ zweiflung des armen Wanderers in der Wüſte. Aber es iſt ein Gott! Er wird Dir beiſtehen... Du haſt auch einen Verwandten: er iſt noch jung und darum ſind die edeln Gefühle ſeinem Herzen noch nicht fremd: er heißt Finski; geh' zu ihm... Sein Vater war mein Freund. Er ſelbſt war als Kind gut und großmüthig. Freilich, der Knabe in der Schule und der Mann in der Welt— das ſind zwei verſchiedene Weſen; doch vielleicht hat ihn die Welt nicht verhärtet.... Lebe wohl, mein Sohn! die Rache ſei Dir fremd, im Falle Dir einſt die Macht zu rächen gegeben iſt. Mehr als Alles ſchone Deine Mutter! Und wenn ſie einſt ihre Liebe meinen, ihren Kindern wiedergibt.... Aber das kann nicht ſein , Aleris, mein Bruder! wie ſchrecklich haſt Du mich getroffen!... und Du warſt mein Freund, mein wahrhafter Freund. S arich mein Ster⸗ benslager verlaſſen könnte.. Mein Gott, vergieb meine Gefühle.. WMein Sohn! vergieb mir all' das Böſe, das ich Dir verurſacht... Fluche nicht Deinem Vater, daß die Liebe ihn ſeine Kinder vergeſſen ließ, daß er ſchwach geweſen und gegen die Alles verſchlingende Lei⸗ denſchaft keinen Widerſtand geleiſtet; hüte Dich vor dieſer wahnſinnigen, Alles vernichtenden Leidenſchaft„ wenn Dein Herz einſt herangereift und für ſie empfänglich iſt. Lebe wohl, mein herzinniger, mein einziger Freund Miller hatte mit Schrecken dieſe fürchterliche, aus dem Grabe ertönende Beichte geleſen. Er war überzeugt, daß dieſes eben die koſtbare Sache ſei, die Ochtin reich machen ſollte, wenn er ſie Smolnew oder Aleris verkauſe. Trotz ſeinem Mangel an Lebenserfahrung ſah er klar, daß ſolche Dokumente in fremden Händen für Seine — Durchlaucht furchtbar ſein können und er ſie natürlich theuer bezahlen würde. Auch war nicht zu zweifeln, daß Eugenie und Jenny eine und dieſelbe Perſon ſeien erſlich — 47 die Aehnlichkeit der Namen, ihre Aehnlichkeit mit dem Bilde; zweitens erinnerte ſich Miller, daß die Frau des Fürſten Aleris, die Fürſtin Wjera, einzig und allein um Jenny zu ſehen, die arme Frau Elkin beſucht hatte, dann die Verwirrung der Fürſtin beim Anblicke des armen Kindes, ihre Liebkoſungen und die heftige Bitte an die Elkin, ihr Jenny als Tochter zu geben. Endlich ihre Entführung zu einer und derſelben Zeit mit der eines Gaſſenjungen, des Zerlumpten, den Miller recht gut kannte, weil er oft ſeinen Retter Newſgodin beſuchte. Alles bekräftigte Miller in dem Gedanken, daß Jenny die Schweſter des Zerlumpten ſei; und daß dieſe Beichte auf den Zerlumpten ſich beziehe, lag außer allem Zweifel. Doch, warum brauchte man ſich an dem Leben oder der Freißeit der ſchutzloſen Waiſen zu vergreifen? Waren ſie nicht ohnedem moraliſch todt? Hatten ſie denn irgend einen Namen, kraft deſſen ſie ihre Rechte auf die Güter des Fürſten behaupten konnten? Wer bekümmerte ſich um zwei der Willkür des Schickſals preisgegebene Weſen, von denen ſie das Eine auf der freien Straße, das Andere unter dem durchlöcherten Dache der Armuth gelaſſen. Doch die Fürſtin hatte das Geheimniß von Zenny's Aufenthalt erforſcht. Hat nicht die Elkin Recht, welche die Fürſtin der Entführung und vielleicht gar des Todes des armen Mädchens beſchuldigt, das ihm unbewußt als Theilnehmerin an der Erbſchaft ihrer Kinder, oder als die einzige Erbin der Familie O..., die Fürſtin in fort⸗ währendem Schreck erhalten könnte. Freilich war die Fürſtin Wjera ſelbſt reich, aber nach dem zu urtheilen, wie ſehr ſie bemüht geweſen, ihr Vermögen in baares Kapital zu verwandeln, um es der Welt leichter zu ver⸗ bergen, läßt ſich vorausſetzen, daß ſie ſelbſt für die Ge⸗ fahrloſigkeit ihres eigenen Vermögens beſorgt war. Von welcher Seite ihr, dem Anſcheine nach ſo geſetzlich, nach dem Tode ihrer ganzen Familie zugekommenes Vermögen bedrohtz werden konnte,— das war ihr Geheimniß. Erſt 48⁸ in der letzten Zeit hatte ſie ſich entſchloſſen, auf ihren Namen im Innern Rußlands zweitauſend Seelen zu kau⸗ fen; ſtolz und eitel, wie ſie iſt, freut ſie ſich, eudlich mit ihrem Reichthume prahlen zu können. Miller verlor ſich in Fragen und Muthmaßungen. In der Einfachheit ſeines Herzens konnte er ſich durchaus nicht denken, daß die Menſchen durch ſolche Verbrechen ihre Zwecke zu erreichen trachten. „Hu! wie furchtbar!“ rief er endlich aus, ſich den kalten Schweiß vom Geſichte trocknend.„Fort, fort von hier! Und dieſe Papiere, ſoll ich ſie ſtehlen?„ Soll ich denn hier zurücklaſſen das Werkzeug des Verderbens zweier Waiſen, von denen die Eine mir theurer als mein eigenes Ich?. Und wenn ich zur Rettung meiner Jennh ein größeres Verbrechen ſelbſt begehen müßte, ich würde mich, glaube ich, dazu entſchließen Was iſt mir dieſer Ochtin?. Er gab mir fünfzig Rubel! Gott mit ihm und ſeinem Gelde.. Hier iſt es.. Ich laſſe es hier zurück. Und daß er mich in irgend ein Verbrechen verwickeln wollte, das ich nicht recht be⸗ greifen kann; daß er, wie es ſcheint, ſelbſt kein ehrbares Gewerbe treibt Möge ihn Gott dafür richten! Ich danke der Vorſehung, daß ſie mir zur rechten Zeit die Augen geöffnet, mich vielleicht zum Werkzeuge der Ret⸗ tung zweier armer Waiſen erwählt hat. Wie aber mit den Papieren verfahren? Nun, das werden mir ſchon gute Menſchen ſagen. Ich wende mich an Finski; er ſieht freilich wie Knecht Rupprecht aus, doch vielleicht iſt er ein guter Menſch: ich habe nie etwas von ihm ver⸗ langt und dem Gerüchte iſt nicht zu trauen.“ Miller ſammelte alle im Pakete aufbewahrten Briefe von O.. und ſeiner Frau, die er nicht leſen wollte, ihm nicht gehörende Geheimniſſe ehrend; auch nahm er das Porträt, das Teſtament und alle Beilagen, verbarg Alles mit zitternder Hand auf der Bruſt und ſtürzte raſch zur Thüre, als fürchte er, daß eine innere Stimme ihn nicht ⸗ — v 49 zwinge, die Papiere zurückzulaſſen oder daß Ochtin ihn nicht hier treffe. In der heſtigen Bewegung wollte er das Schloß aufdrücken, aber die Thüre gab trotz ſeiner Anſtrengungen nicht nach„. Er lehnte ſich an ſie mit aller Leibeskraft,— vergebens! die Thüre blieb verſchloſ⸗ ſen Und während Alles im Zimmer häßlich und faul war, hing die Eichenthüre unbeweglich auf den dicken Angeln; das Schloß war feſt wie an den Kiſten eines reichen Kaufmanns. Die Haare ſtanden Miller zu Berge. Es war klar, daß Ochtin dieſe Vorſicht entweder Millers wegen gebraucht hatte, oder wegen gewiſſer Nebenbeſuche, die Ochtins ſcheues Gewiſſen jeden Augenblick erwarten konnte. Was war zu thun? Mit Ochtins Ankunft würde er die ſo wichtigen Dokumente einbüßen, von denen Jenny's Schickſal abhing. Vielleicht verwickelt man ihn noch ſelbſt durch Zwang, indem man ihm eine Piſtole auf die Stirne ſetzt, in's Verbrechen, wenn er nicht freiwillig ſich dazu bereit findet! Wie ſich aus dieſer ſchrecklichen Lage ziehen? Die Hinderniſſe reizten Miller noch mehr, wie das gewöhnlich mit Perſonen in ſeiner Lage der Fall iſt. Er klickte um ſich,— nirgends ein Ausgang. Er trat an's Fenſter: er befand ſich im vierten Stocke. Aber es war keine Zeit zum Nachdenken. Das Fenſter, an dem er ſtand, war das Aeußerſte im Hauſe, nur ein Zugloch befand ſich zwiſchen dem Fenſter und der Mauerecke, längs welcher ſich eine Abzugsröhre hinzog. An ihr könnte man ſich wohl hinablaſſen; aber wie zu ihr gelangen? Sie war ungefähr zwei Klafter entfernt. Miller bemerkte von außen, hart unter dem Fenſler ein ungefähr einen halben Fußtapfen hervorragendes Geſims, und da Ochtins Zim⸗ mer ſich faſt unter dem Dache befand, ſo konnte man, ſich an der länglichen Abzugsröhre haltend und an die Wand lehnend, den Winkel erreichen. Vom Hauſe aus wird es nimand bemerken; höchſtens im Zugloche, doch das geht gewiß in irgend eine Vorrathskammer und dient nur, um die Luft einzulaſſen. Es geſchehe was da will! ſagte Miller, löſchte das Licht aus, ſchlug ein Kreuz und ſteckte einen Fuß aus dem Fenſter. Schon iſt er ganz draußen, klebt ſich an die Wand wie eine Fledermaus, gleitet mit dem Fuße an dem ſchmalen Rande des Geſimſes dahin, ſich krampfhaft an das ſcharfe Eiſen der Röhre haltend. Unter ihm ein Abgrund: erfürchtet ſich, in die Tiefe zu ſehen und rich⸗ tet ſeinen Blick auf die Wand, als wollte er auf ihr den Erfolg ſeines Unternehmens berechnen. Schon hatte er mit der Hand das Zugloch erreicht, deſſen eiſernes Gitter er freudig erfaßte, als ſei es die dauerhafteſte Stütze. Schon hing er mit dem Gewichte des ganzen Körpers an diefer Eiſenſtange; die rechte Hand ſuchte im Finſtern tappend die wohlthätige Röhre, an der er ſich herunter⸗ laſſen ſollte. Doch plötzlich fiel ſein auf die Wand ge⸗ feſſelter Blick auf das Zugloch... Miller ſchauderte am ganzen Körper, die Füße gleiteten aus. Er war aller Fähigkeit zu denken vder zu handeln beraubt. Der Kopf ſchwindelte.. er ergab ſich in ſein Schickſal... Doch noch hat ſeine letzte Minute nicht geſchlagen. Die rechte Hand hatte ſchon die Röhre erreicht und war an ihr er⸗ ſtarrt, die linke drückte krampfhaft das eiſerne Geflechte des Zugloches; vom Inſtinkte geleitet, hatte er es mit den Zähnen erfaßt und hielt ſich ſo in einer faſt hängenden Stellung. Bald fand der zitternde Fuß einen Stützpunkt wieder. Er blieb unbeweglich: er hatte nicht die Kraft, den in die Tiefe des Zugloches gerichteten Blick loszu⸗ reißen, aber er behielt ſoviel Geiſtesgegenwart, um nicht über vas, was er ſah, laut außzuſchreien,— vielleicht war ihm auch die Stimme in der Bruſt erſtorben. Alles an ihm war geſpannt wie unter dem Einfluſſe eines eigen⸗ thümlichen Zaubers; ſo hatte ihn, was er ſah, wie ein Donmnerſchlag getroffen. In einem ſchmalen, ſchn utzigen Kämmerchen, in — 51 welches das Zugloch ſich mündete, das augenſcheinlich zum Einlaſſen des Tageslichtes beſtimmt war, obgleich es dieſe Beſtimmung nur in einem ſehr geringen Grade erfüllen konnte, in dieſem von einem Nachtlichte ſpärlich erleuch⸗ teten Kämmerchen erſchallte ein herzzerreißendes Geheul. In der Tiefe ſtand ein Weib, mit zerrauftem, granem Haare, funkelnden Augen, von einem ungeheuern Wuchſe und einem abſchreckenden Geſichte, einer Megäre oder einer Makbethiſchen Here auf ein Haar gleich: einen Arm in die Höhe haltend, hielt ſie mit dem Andern einen Knaben, der ſich ihr entreißen wollte. Der Knabe weinte nicht; das Winſeln der Verzweiflung, das im Kämmer⸗ chen erſchallte, kam aus einer andern nicht weniger leiden⸗ den Bruſt. Ein Mädchen von dreizehn oder vierzehn Jahren warf ſich mehrere Male auf den Knaben, aber die alte Megäre ſtieß ſie grauſam zurück: dieſes Mädchen war Jenny. Miller hatte ſie erkannt; er brannte vor Begierde, daß ſie einen Blick auf's Fenſter werfe, da er wünſchte, ihr durch ſeinen Blick nur einen Hoffnungs⸗ funken einzuhauchen, damit ſie alle Kraft und Geduld ſammle, um ihrer Befreiung entgegenzuharren, an die Miller jetzt feſt glaubte. Dieſer weibliche Henker ließ von Zeit zu Zeit ihren Arm fallen, horchte auf den Athem des Knaben und fragte: ² „Willigſt Du ein?“ Sobald Du einwilligſt, will ich Dir gutes Eſſen geben, führe Dich in ein reines Zimmer. Das Mädchen hat eingewilligt, willige auch Du ein.. Nun, willigſt Du ein?“ Doch der Knabe nahm alle ſeine Kraft zuſammen und ſprach mit feſter Stimme:„Nein!“„ Dieſer Knabe war der Zerlumpte. In einem der Zwiſchenakte dieſes Dramas bemerkte die Alte einen Schatten dem Zugloche gegenüber, ſie blickte auf— und ſah ein menſchliches Geſicht... Raſch ergriff ſie ein neben ihr liegendes Küchenmeſſer und ſtürzte ans Fenſter; Miller hatte aber Zeit gehabt, ſeine Lage zu 52 bedenken. Das Leben war ihm jetzt für die zwei Weſen unumgänglich nöthig und für nichts in der Welt wollte er es aufs Spiel ſetzen. Er wich raſch vom eiſernen Fenſter⸗ geflechte zurück, ſeine Hand hielt ſchon die Abzugsröhre feſt, ſo daß er nicht hinabſtürzte. Zu ſeinem Glücke war das Geflechte ſo dicht, daß die Hand der Alten nicht durch konnte und bloß in nutzloſer Bosheit mit dem Meſſer ans Eiſen pochte. Miller gleitete ſchon an der Röhre hinab, ſich an die gelötheten Ränder anklammernd und die Hände an den Haken und Scharten bis auf die Knochen durch⸗ ſchneidend. Gänzlich erſchöpft ſchien er ſchon ſein Ziel erreicht zu haben, doch plötzlich blieben ſeine Füße hängen, ohne eine Stütze unter ſich zu fühlen. In der Stock⸗ finſterniß war es unmöglich, zu unterſcheiden, ob ihn noch ein großer Raum von der Eide trenne. Millers Lage war eine verzweifelte; ſeine Hände waren erſtarrt und drückten ſich krampfhaft an die Roͤhre, von der ſie ſich bald trennen ſollten. Er fühlte, daß er mit jeder Sekunde immer mehr entkräfte; er wollte aufſchreien und um Hilfe rufen; doch was würde man von ihm denken, wenn man ihn in einer ſolchen Lage, vom vierten Stocke herunterklimmend, an⸗ träfe! Man wird ihn feſtnehmen und ſo lange halten, bis ſich die Sache aufklärt, und ihm iſt jede Minute koſt⸗ bar! Vielleicht konnte Miller nicht ein Mal all dies be⸗ denken, denn ſeine Hände wurden immer ſchwächer und ſchwächer, ließen die Röhre los und der Unglückliche fiel wie Blei auf's Pflaſter. Sechstes Kapitel. Senja. Der Morgen erhob ſich etwas träge, unwillig, als ſei er noch ſchlaftrunken, als würde ihm übel, wenn er Petersburg anſehe. Es war ein ſo grauer, neblichter Tag, daß wenn nicht der Schlag der Uhren, und das eilige Rennen der arbeitenden Volksklaſſe, vom einfachen Tag⸗ lohner bis zur armen Beamtenfrau, die mit ihrer Köchin demüthig auf den Markt wanderte, wenn nicht alle dieſe Zeichen einer geräuſchvollen Thätigkeit vorhanden wären, man nicht wiſſen würde, ob der Tag angebrochen war: ſo helle war er! An andern Orten, ja in Petersburg ſelbſt iſt manchmal der Abend heller als dieſer neugeborne Tag. Die Menge entfernte ſich bange vom Armen, der bewußt⸗ los auf dem Pflaſter lag: nur von Neugierde gequälte Frauenzimmer entſchloſſen ſich zuweilen, ſich ihm zu nähern und ins Geſicht zu ſehen, in dieſes ſchöne blaſſe Angeſicht; dann gingen ſie gleichgültig ihrer Wege, nachdem ſie ihre Neugierde befriedigt und am Aeußern des Armen ſich geweidet hatten. Da kam ein Paar vorbei: ein Mann, der ſich von einer Seite auf die Andere ſchaukelte, er war weder be⸗ trunken noch nüchtern, es war ihm nicht gelungen, ſeine Portion völlig einzunehmen; mit ihm ging ein Frauen⸗ zimmer in einem einfachen blauen Kleide, mit rothen, verweinten Augen. Dieſes Paar blieb öfters ſtehen und blickte zurück, wie es ſchien um nicht einen ſchmutzigen, ſtraubigen Hund aus dem Geſichte zu verlieren, der mit einem gebrochenen Fuße ihm nachhinkte. „Chriſtel, man muß Jutſchka auf den Arm nehmen: der Arme iſt ganz entkräftet. Chriſtel wollte ſchon Oßkas Befehl vollziehen, als ſie zufälligerweiſe auf Millers Körper ſtieß. „Schau' ein Mal her, Oßka, es iſt derſelbe, der mich geſtern in der Schenke gegen Eure Bande Böſewichter vertheidigte.“ „Sprich nichts Boͤſes von den Unſrigen, ſonſt bekömmſt Du Schläge! ſagte Oßka mit heiſerer Stimme. Ja wohl, es iſt derſelbe, der mit dem Herrn an einem Tiſche ſaß, er iſt von den Unſrigen: Man muß ihm beiſtehen. Möge Jutſchka wie er kann nachhinken: er ſchleppt ſich ſchon nach Hauſe, und wir ſuchen den fortzubringen. „Wohin aber mit ihm? Wir haben jetzt ſelbſt keinen Winkel, den Kopf hinzulegen.“ „Iſt das auch ein Unglück! haben wir auch keinen eigenen Winkel, ſo finden wir denn doch ein Plätzchen. Wir gehen ja irgendwohin, ſo bringen wir ihn auch hin. Nicht weit von hier iſt eine Kneipe, der Wirth iſt mir bekannt, er gibt vielleicht auf ſren es wäre nicht übel, ein klein wenig„ich habe ſchreckliche Kr ſchmerzen, und im Unterleibe tolleuts. So geh' Du allein aufs neue Quartier.. und ich laufe auch ein Stünd⸗ chen, vielleicht, treffe ich unſere Leute Ich habe etwas zu W Oßka! und ihn läßt Du hier zurück!. (Die Aeme it mit z in den Augen auf vi Und Jutſchka!„ Oßka blieb nachdenkend ſtehen. „Ein Menſch. freilich. und noch von den Unſrigen„„„Mit Jutſchka kannſt Du gar nicht umge⸗ „ 55⁵ hen.„ Nun ſo helfe mir ihn aufheben, Chriſtel. ha, er rührt ſich. er lebt auf.“ Wirklich kam Miller nach einer langedauernden Ohn⸗ macht wieder zu ſich, ſobald Oßka und Chriſtel ihn auf⸗ richteten. befehlen Sie, daß man Sie führe, gnädiger Herr?“ „Wohin? Miller dachte nach. Nach Hauſe! Doch wird ihn der Hausherr einlaſſen, wenn er ihn matt und krank erblickt? Er hatte ſchon mehrmals gedroht, das ärmliche Kämmerchen abzuſperren und jetzt fürchtet er noch auf ſeine Rechnung den Inwohner begraben zu müſſen.“ Die Armen erriethen, woran Miller denke, der in einer eben ſo elenden Lage wie ſie ſelbſt ſich befand. „Weißt Du was, Herr, ſagte Oßka ihn mit ſeinem Rocke bedeckend: wir würden Dich zu uns nehmen... aber ſiehſt Du„ wir wechſeln die Wohnung. Wäre es nicht beſſer ins Vorgebirge der guten Hoffnung.. Dort nimmt man uns auf.. Abends kommen die Unſri⸗ gen und verbürgen ſich.. „Um alles in der Welt nicht!“ rief Miller aus, den Reſt ſeiner Kräfte ſammelnd.„Führt mich lieber gerade auf die Polizei.“ „Auf die Polizei„ brummte Oßka, ſich den Nacken reibend. „Helft mir bloß ein wenig Bewegung zu machen, dann bin ich im Stande, mich ſelbſt fortzuſchlepp en.“ „Schön, ſchön!... Es liegt ſchon in der Natur der Sache, daß der Arme ſeinem Mitbruder viel eher eine hilfreiche Hand reicht, als ein Anderer; ſie haben das Gefühl ihres Zu⸗ ſtandes. Es waren hier ein verſpäteter Spieler und ein verſpäteter Galanthomme vorbeigefahren, nicht einer nahm Miller zu ſich in den Wagen, obgleich es ihnen leichter geweſen wäre, als Oßka und Chriſtel, die den Leidenden 56 faſt auf den Achſeln trugen. Ein Schwarm Gaſſenjungen folgte ihnen. Die Spötteleien fielen hageldicht auf die Armen. Unter den zerlumpten, barfüßigen, hungrigen Gaſſen⸗ jungen befand ſich ein alter Bekannter von uns. Er hatte auf der Straße den Scherben eines häßlichen Gefäßes aufgefunden, den er ſich auf den Kopf ſetzte und gravitä⸗ tiſch mit ſingender Stimme ausrief:„Himbeerenkwaß, mit Honig gebraut, mit Zucker gewürzt“ u. ſ. w. „Senjucha, gib her für einen Groſchen, rief ein Anderer.“ „Nein, Brüderchen, Du lügſt, Du ſchenkſt uns nichts ein; auf den Lippen zergehts und im Munde verweht's.“ Um dieſe Zeit erſchallte faſt über ſeinem Kopf ein Hahnenſchrei. Niemand ward darauf aufmerkſam, aber unſer Senja ſchauderte zuſammen, blieb unbeweglich auf einem Punkte ſtehen, und ward ganz Ohr. Wieder erſchallte der Hahnenſchrei, aber ſchwächer ale das erſte Mal, doch der ſchon darauf vorbereitete Senja hatte ihn deutlich vernommen; er bemerkte ſogar, woher der Schrei kam, und vom Inſtinkte der Vorſicht geleitet, näherte er ſich, als ob nichts vorgefallen, dem uns ſchon bekannten Hauſe, aus welchem Miller einen ſo ungewöhn⸗ lichen Weg genommen, und fing ein Liedchen zu pfeifen an. Es vergingen kaum einige Minuten, als ſchon ein Steinchen zu ſeinen Füßen fiel. Senja bemerkte ſogleich ein Papierchen daran, und trat wie zufällig, als vb ihn die Sache gar nicht intereſſire, mit dem Fuße darauf; nach einer Weile hob er einen Scherben, dann wieder einen, dann erſt das Steinchen auf, legte die Hände auf den Rücken und ſchlenderte wohin er nöthig hatte. An der Straßenecke angelangt, nahm er einen Anlauf und rannte fort, ſtieß aber plotzlich auf etwas und drehte ſich wie ein Kreiſel einige Male herum. Jetzt erſt bemerkte er Fedul, der ihm ein Bein untergeſtellt hatte und in der Ferne ſtehend aus vollem Halſe lachte. Senja erhob ſich 3 57 ſo gut es ging und wollte ſich auf Fedul ſtürzen, als zur ſelben Zeit ein widerliches, zerzaustes Weibsbild mit fun⸗ kelnden Augen und mit einem aus Müdigkeit ſchwer ath⸗ menden, vertrockneten Buſen ſich von hinten mit Händen und Zähnen an ihn klammerte. „Gib ſogleich heraus, was Du an unſerm Hauſe auf⸗ gehoben haſt, oder ich ſchlage Dich todt.“ Senja wand ſich unter ihren Händen und biß ſie wie ein Hündchen, das ihm anvertraute Zettelchen vertheidigend. Die Gaſſenjungen umringten ſie. Wie ein Zug Sper⸗ linge ſich auf einen berupften Raben niederſtürzt, ſo warfen ſie ſich auf die Alte; es waren Senjas Freunde, die er nach dem Verſchwinden des Zerlumpten befehligte, ob⸗ gleich er zu ſeinem größten Leidweſen es durchaus nicht erlernen konnte, das Hahnengeſchrei nachzuahmen und die Hähne der Sumpſſtraße jetzt ohne einen Vorkräher waren. Es war ſchwer zu beſtimmen, wer mit größerer Wuth mit Händen und Zähnen arbeitete: die Alte oder Senja; beide waren bis aufs Blut zerſchlagen und zerbiſſen, aber die Alte, an die ſich eine ganze Bande Straßenjungen gehängt hatte, ließ ihr Opfer nicht los. Endlich ſahen ſie in der Ferne eine Hellebarde blinken und liefen alle auseinander. „So wartet, Ihr Verdammten, ſchrie die Alte dem kleinen Volke nach, mit der Fauſt auf die flache Hand ſchlagend: an ihnen will ich mich rächen; und Euch will ich ſchon auflauern.“ Darauf ging ſie eilig in's Haus. Senja konnte kaum auf den Füßen ſtehen. Zu ſeinem Schrecken näherte ſich ihm der Straßenwächter. Der arme Knabe befand ſich in der ſchrecklichſten Verlegenheit: davonlaufen vermochte er nicht, ſich gegen den Diener der öffentlichen Sicherheit zur Wehre ſetzen, wagte er nicht, die Straßenjungen konnten ihm in einem ſolchen Falle auch nicht beiſtehen. Senja war in Verzweiflung. Es war ihm klar, daß Wanja ſich in Gefahr beſinde; die Alte Petersburg am Tage ꝛc. I. 5 wäre ſonſt nicht mit einem ſolchen Ingrimme einzig und. allein deßwegen über ihn hergefallen, weil ſie wahrſchein⸗ lich geſehen, wie dieſer das Zettelchen heruntergeworfen hatte. Senjas Einbildungskraft, durch den ſchrecklichen Anblick der Alten gereizt, ſtellte ihm alle nur möglichen Foltern dar, denen der Zerlumpte ausgeſetzt ſein mußte. Man muß zu Senjas Ehre ſagen, daß er ſeinen Straßen⸗ freund noch nicht vergeſſen hatte. In den erſten Tagen gab er ſich mit dem Ungeſtüme eines Kindes dem Schmerze hin. Am kränkendſten war es für ihn, daß er trotz ſeinen eigenen Bemühungen und denen ſeiner Hel⸗ fershelfer nichts von ſeinem Schickſale erfahren konnte. Sterben konnte der Zerlumpte nicht, ohne daß es Senja erfahre: Bettler ſterben vor aller Augen. Was wäre aus Wanjas Körper geworden, wenn er irgendwo unter einer Brücke an einem Zaune geſtorben wäre? Ertrinkt er, ſo ſehen die Gaſſenjungen am allererſten den Ertrunkenen, den die Wogen der Erde, als ihr geſetzliches Eigenthum wiedergeben. Wenn ihn ſelbſt eine wohlthätige Hand be⸗ graben hätte, ſelbſt da begleiten den Sarg des Armen aus Mangel an Freiwilligen oder gemietheten Leidtragenden, zerlumpte Gaſſenjungen, die mit dem Tode ihren Scherz treiben. Hier verjagt ſie niemand und oft gruppiren ſie ſich mit den Prügeln in den Händen recht maleriſch um den Sarg, die Fackelträger nachäffend. Ueberdem hatte Senja mehr als einmal im grauen Häuschen nach Wanja ſich erkundigt, und wußte ſogar das Wenige, welches die Benskis und Piroſchkow von ihm wußten. Dies konnte nur ſeine Verzweiflung vermehren, und der arme Knabe war jetzt ganz außer ſich. Endlich hat er erfahren, wo ſich Wanja befindet, er ſah klar, daß er der raſcheſten Hilfe bedürfe, und hier verhieß ihm die in die Hohe geho⸗ bene Hellebarde einen lang dauernden Arreſt„ 3Zu einer andern Zeit hätte er ſich nichts daraus gemacht; er hätte ein wenig ausgeruht: aber jetzt war Senja bereit, alles zu opfern, um nur loszukommen; er war bereit, 59 ſelbſt auf die Gefahr hin, es theuer zu bezahlen, wenn man ihn einfange, davonzulaufen, aber die Füße verſagten ihm den Dienſt. Er ſtand da wie ein zum Tode Verurtheilterz der Straßenwächter kam inmer näher. Da ſah Senja auf einem Fiaker einen Mann von gar ſonderbarem Aeußern. Einige Zeit betrachtete ihn Senja wie einen ihm bekannten Gegenſtand, endlich rief er freudig aus: „Gnädiger Herr, gnädiger Herr, hieher.. Ich bringe Ihnen Nachricht von Wanja, dem Zerlumpten! aber dieſer Hellebardier will mich einſtecken.“ „Will einſtecken„mich„ „Nein, mich.“ „Gut, mein Lieber, gut.“ „Gnädiger Herr,“ ſchrie Senja in Verzweiflung:„ſie ſchlagen den Wanja tedt... Bürgen Sie für mich, um Chriſtus Willen.“ „Wanja„ mein Gott! Was ſagſt Du? wo? was 7“ Die ſchweren Hände des Hellebardiers fielen ſchon auf Senjas Schultern. „Sehen Sie gnädiger Herr.. ſagen Sie doch dann machen Sie was Sie wollen.“ „Dann machen Sie was Sie wollen,“ ſprach die Figur von ſo ſonderbarem Aeußern, die mit Mühe kom⸗ biniren konnte, was um ihn her vorging und noch immer nicht wußte, warum es ſich handle. Senja's Schrei der Verzweiflung und der Name des Zerlumpten hatten dieſe menſchliche Figur indeſſen hoftig aufgeregt. „Mein Verehrteſter,“ ſagte ſie, ſich an den Straßen⸗ 3 — wächter wendend,„ich bitte Sie unterthänigſt, mir die Ehre zu erzeigen, und vieſem jungen Menſchen mit mir zu gehen zu erlauben.“ „Menge Dich nicht in fremde Angelegenheiten ich will dieſes Teufelchen bearbeiten. „Ich erkühne mich Ihnen vorzuſtellen, daß dieſer 60 kein Teufelchen.. Ihre Scharfſicht unterliegt keinem Zweifel. aber mit Ihrer Erlaubniß„ er iſt kein Teufelchen „Was iſt er denn? nun ſprich kein Teufelchen was iſt er alſo?“ „Er iſt. mein Sohn„ Unſer ſchätzenswerther Naſar Naſarowitſch Piroſch⸗ kow, den meine Leſer gewiß ſchon erkannt und ſich ge⸗ wundert hatten, ihm auf der Straße und noch dazu ſo früh zu begegnen, errothete bis über die Ohren, nachdem er dieſe, für ihn nicht ſchmeichelhafte Ausſage gethan hatte. Er ließ Senja neben ſich Platz nehmen und ſchrie ſogar dem Führer der hagern Fiakerklatſche zu: „Schneller, in die Sumpfſtraße Welche Umwandlung!. armer Naſar Naſarowitſch! Iſt alſo das, was wir ſo ſehr fürchteten,— nicht aus Neid, durchaus nicht, nur aus Theilnahme an dem Guten,— iſt es wirklich vollbracht? hat der allmich⸗ tige Geiſt der Verſuchung vermocht, ihn für den augen⸗ blicklichen Erfolg des alles in ſein Bereich ziehenden Ruhmes zu gewinnen?„ Iſt dem wirklich alſo? O, es kann nicht ſein!. Doch wir wollen uns gleich überzeugen. Siebentes Kapitel. Die Erwartung. Es iſt vollbracht, das Loos iſt geworfen. Naſar Naſarowitſch und ſeine Maſchine ſollen das Licht der Welt erblicken. Faſt die ganze Nacht brachte er in einem ihm eingeräumten Gebäude zu, ſtellte ſie auf, zeigte ſie einem jeden, der ſie ſehen wollte, und kehrt jetzt nach Hauſe zurück. Darum trafen wir ihn ſo früh auß offener Straße. Es blieben ihm nur noch einige Stunden bis dahin, wo er ſelbſt erſcheinen ſollte, um vor einer ganzen Gelehrtenverſammlung zu erperimentiren: um zwölf Uhr verſammelt ſich ein Ausſchuß und ſpricht ſein Urtheil, feſt und unveränderlich, über den Schöpfer und ſein Werk. Piroſchkow war in einem fieberhaften Zuſtande; ſein Herz klopfte bald hörbar, bald erſtarrte es, ſtockte faſt. Es gibt nichts Peinlicheres als die Erwartung der Entſchei⸗ dung ſeines Schickſales, und Naſar Naſarowitſch, der bis jetzt für die oͤffentliche Meinung, die für ihn nicht eriſtirte, kalt und gleichgültig geweſen, zitterte vor ihr, nun er von ihrer Gegenwart ſich überzeugt hatte und ſie an ſich ſelbſt erproben ſollte; von ihrem Urtheile hing ſein Schickſal ab, denn für Naſar Naſarowitſch war in dieſer Maſchine, ſeinem Lieblingskinde, ſeiner Seele, von der er ſich nicht ohne Schmerz für einen Augenblick tren⸗ 62 nen konnte, ſein ganzes Lebensgeſchick konzentrirt. In der Zerſtreuung ging er auf ſein Zimmer, nahm einen Hammer und ſchlug auf ein abgebrochenes Eiſenſtück an: dieſer Schall erinnerte ihn an etwas ja„ſo iſis gerade ſo tönte ein Theil ſeiner Maſchine, als er ihn mit einem andern zuſammenpaßte„ doch die Maſchine fehlt! Naſar Naſarowitſch ging mit raſchen Schritten im Zimmer auf und ab: jetzt ſtießen ſeine Füße an nichts; das Zimmer war leer; man hatte auf nichts den Blick zu richten; mit welcher Freude blieb ſonſt ſein Auge auf dieſem herrlichen Werke ſeines Geiſtes hängen, wo alle Theile im Ebenmaße waren, ein Ganzes bildeten, durch ihre Zuſommenſetzung und zugleich durch ihre Ein⸗ fachheit überraſchten. Naſar Naſarowitſch ſetzte ſich voller Verzweiflung auf ſeinen gewöhnlichen Platz: vor ihm ſchwebte das Schwungrad, das bis hundert Schwingun⸗ gen in der Minute machte, es dreheten ſich die ſechs⸗ drähtigen Schnüre, es bewegten ſich die mannigfaltigen Apparate,— es ging Alles ſo raſch, ſo leicht. Naſar Naſarowitſch nahm ſchnell die Hand von den Augen.. Ach! Alles öde ſein Kind iſt allein gelaſſen im lee⸗ ren Saale„. es wurde ihm ſchwer, ſich von ihm zu trennen,— doch er mußte nach Hauſe, ſich umkleiden, etwas zu ſich nehmen.. Der arme Piroſchkow war ganz matt vor Hunger und innern Qualen. Du haſt alſo ſchon das ſchreckliche Gefühl der Tren⸗ nung und das noch ſchrecklichere— das Gefühl eines Menſchen, der ſich einem Gerichte ſtellen ſoll, gekoſtet? Wer hieß Dich freiwillig dieſes Gericht herausfordern? Als Dir der Dämon der Eitelkeit die Reize des Ruhmes, den Glanz des Erfolges einfluſterte„. da verſtandeſt Du ihn nicht, armer Alter, Du fühlteſt nur ſeine ein⸗ ſchmeichelnde Wirkung, Du fragteſt um Rath bei einem Mädchen, das nur ſein Herz zum Lehrer hatte, und dieſes Herz war bereit, ſich in einen Loͤwenrachen zu ſtürzen um nur ihrer Liebe ein Genüge zu thun. Erinnerſt Du* 63 Dich, was wir Dir geſagt hatten? Die Welt ſcherzt nicht gern! Sie vuldet nicht die, welche geſcheidter als ſie ſein wollen. Nur Geduld: das iſt erſt die Erwartung, die Wirklichkeit ſelbſt wirſt Du erſt kennen lernen!. Das ſind erſt die Blüthen, die Früchte kommen noch Und der Erfolg! und der Ruhm!... Nun, Du erfährſt ſchon ſeiner Zeit, alter Mann, was Ruhm be⸗ deutet!... Der fieberhafte Zuſtand Piroſchkow's, der wie ein Raſender im Zimmer umherrannte, wurde durch den Ein⸗ tritt Tanjas unterbrochen, die, wie bekannt, bei den Benskis die Aemter einer Koͤchin und eines Kammer⸗ mädchens bekleivete. Einige Male wiederholte ſie, daß die gnädige Frau ihn herunterbitte; Naſar Naſarowitſch hörte, bemerkte ſie aber nicht. Endlich nahm ihn Tanja am Arme und führte ihn hinunter. „Naſar Naſarowitſch! Mein Gott! Was haben Sie?“ rief Olga Benski:„Sie ſind ſo blaß wie der Tod und haben Thränen in den Augen. Wo iſt Ihre Perrücke?. Raſar Naſarowitſch, ſo ſchauen Sie mich doch an.“ „Nichts, gar nichts, der Saal iſt zu klein„der Hauptapparat hat nicht hinreichenden Naum.„ ich habe verkürzen müſſen... Run, freilich, da iſt mehr Reibung... doch warum wollten ſie nicht meinem Rathe folgen und das Fenſter ausnehmen, durch welches man einen Hebebaum einbringen konnte!“ „Mein Gott, mein Gott erbarme ſich ſeiner!. Mein lieber, guter Naſar Naſarowitſch, ich bin's ja. Be⸗ ruhigen Sie ſich, Sie haben ſo viele ſchlafloſe Nächte verbracht, daß Sie Ihre Geſundheit ganz zerſtört haben. Setzen Sie ſich hieher, neben mich, ſo, wie in der guten alten Zeit, als Sie mir noch Lektionen gaben. Schauen Sie mich nun freundlicher an, ich bin es ja; laſſen Sie ſich küſſen. Seien Sie ruhiger, ſonſt martern Sie mich zu Und das Mädchen umfing mit ihren weichen, zarten 64 Armen den vertrockneten Hals des Alten, an dem die Adern gleich Stricken ſich hervordrängten, und neigte ſei⸗ nen von der Gluth des Gedankens ausgebrannten Kopf auf ihre Schulter, ſo daß die gelbe Pergamentfarbe ſeines Geſichtes von der matten Weiße der Schulter des neun⸗ zehnjährigen Mädchens ſtark abſtach. Ihr Kuß wirkte balſamiſch und unter ihrem reinen jungfräulichen Athem lebte die Seele des Alten nach und nach wieder auf. Er ſeufzte tief auf, als wäre er von einem böſen Alpdrücken befreit worden, kam zu ſich und erröthete vor Scham, als er ſich in einem ſolchen Zuſtande ſah; doch die Liebkoſun⸗ gen Olga's, ſo zärtlich wie die einer Tochter, beruhigten ihn bald. Wie ſehr unterſcheiden ſich die Liebkoſungen des Weibes von denen des Mannes! Das Gefühl des Weibes iſt zart, fein, Alles durchdringend, und wirkt auf das menſchliche Gemüth wie der Sonnenſtrahl auf die Pflanze: warm und heilſam. Sei dieſes Gemüth rauh, kräftig oder ſchwach, es fühlt unfehlbar ſeinen Einfluß, wenn auch dieſer Einfluß ſich mannigfach äußert. Ebenfo wirkt der Sonnenſtrahl auf das Syſtem des Pflanzenorganis⸗ mus: die uralte Eiche und das Veilchen fühlen ſeine wohlthätige Berührung, nur ſleht die erſte ſtolz und un⸗ beweglich, als ſchäme ſie ſich, den fremden Einfluß zu geſtehen; das zweite hebt freudig das Köpſchen der Sonne entgegen. „Warum bekümmern Sie ſich auch: Ihre Maſchine wird einen glänzenden Erfolg haben,— glauben Sie mir! Newski ſagt es ja, und Sie ſagen doch ſelbſt, daß er die Sache verſteht.“ „Ach, Olga Petrowna! wie ſündhaft wäre es, wenn er einen Greiſen in Verſuchung gezogen.. „Können Sie denn wirklich an dem Erfolge Ihrer Erfindung zweifeln? Glauben Sie denn Ihrem eigenen Genius nicht? Das iſt wahrlich eine Sünde!“ „Niemand kann Richter über ſein eigenes Werk ſein: eine Mutter überſchätzt immer die Eigenſchaſten ihrer 65 Kinder. Aber ſo viel ich nur reflektire, iſt der Gedanke ein glücklicher, ein glänzender alle verſchiedenartigen Faktoren der Natur zu vereinigen, um aus ihnen einen univerſellen Faktor hervorzubringen. Die Hauptmühe lag in dem dieſe Nebenzweige zuſammenfügenden Apparate; aber Sie haben meine Maſchine geſehen, Sie ſahen, wie einfach dieſe Mechanismen ſind, trotz ihrer Mannigfaltigkeit. Sie wiſſen„ Piroſchkow ließ ſich von ſeiner Ivee hinreißen. Wir wollen den Leſern ſeine Worte nicht wiedergeben, da dieſe vielleicht nicht ſo nachſichtig wären, als Olga, die trotz dem, daß ſie all' dies ſchon mehr als ein Mal ge⸗ hort hatte, jetzt nicht nur geduldig, ſondern ſogar auf⸗ merkſam zuhörte. Nur dann, wann die eigene Ueber⸗ zeugung die von Befürchtungen aufgeregte Phantaſie des Alten beunruhigte, ſuchte Olga ſeine Anfmerkſamkeit auf einen andern Gegenſtand zu leiten. „Endlich haben wir etwas vom Schickſale unſeres armen Wanja erfahren. Sein Freund, gleichfalls ein Lumpenſammler, wie Wanja es früher geweſen, erhielt von ihm auf eine wunderbare Weiſe ein Zettelchen, das er nun mir gebracht hat.“ „Ach ja ich habe es ganz vergeſſen, ich habe da Jemanden hiehergebracht, ich weiß wahrlich nicht; ich glau⸗ be, ich habe ihn auf der Straße gefunden„ich kann mich aber nicht erinnern was war es den„„ich begreife nicht.“ „Es war ein Menſch, mein guter Naſar Naſaro⸗ witſch, es war der Lumpenſammler Senja, der mir das Zettelchen brachte. Leſen Sie es durch und ſchicken Sie ſchneller nach Newoki: er hatte an unſerer Angelegen⸗ heit einen ſo warmen Antheil genommen.“ „Er wird gleich hier ſein. Unſer guter Freund wollte ſelbſt kommen und mich in den Ausſchuß abholen. Ach, warum habe ich mir dieſen Ausſchuß auf den Hals ge⸗ bracht?“ 66 „Schon wieder, Naſar Nafarowitſch!“ „Nun, es geſchehe, was da wolle 4 „Hier iſt das Zettelchen.“ „Welche ſchöne Handſchrift.. Wer hat dies ge⸗ ſchrieben?“ „Ich weiß es nicht: er iſt alſo nicht allein. Leſen Sie!“ Naſar Naſarowitſch las Folgendes: „Senja! Man bringt uns heute näher an's Waſſer: vielleicht um uns zu ertränken, oder vielleicht um uns bei günſtigem Winde über's Meer zu führen. Lebe wohl, Senjal Tauſend Dank, daß Du mir beigeſtanden, den Vater zur Erde zu beſtatten; ich will dieſen Dienſt nie vergeſſen. Sei nun ſo gut und verlaß mein Fräulein nicht: auf Naſar Naſarowitſch iſt ſo wenig zu rechnen!.. Sie haben mich abgequält, die Böſewichter doch zum Glück weiß ich, für wen ich leide: mit mir iſt auch eine ſolche Waiſe wie ich.. Sie— Sie iſt mir— eine wahre Schweſter. mehr als eine Schweſter.“ „Der Zerlumpte.“ Piroſchkow blickte unbeweglich und fragend auf Olga. „Armer Wanja!“ „Armer Wanja!“ „Man muß ſich ſo ſchnell als möglich mit ſeinem Schickſale beſchäftigen, ſonſt weiß der Himmel, was ſich noch ereignen könnte,“ bemerkte Olga. „Der Himmel weiß, was ſich noch ereignen könnte So eilen wir... Soll ich nicht die Maſchine laſ⸗ ſen? Wenn nur 4 „Was fällt Ihnen ein? Wie iſt das möglich Man wird Sie erwarten und kommen Sie dann nicht,— ſo kann es Ihnen ſchlimm ergehen.. man klagt Sie an„ „Es kann mir ſchlimm ergehen man klagt mich an Was iſt alſo zu thun! Sollen wir denn Wanja hilflos laſſen?„ 67 „Nicht um Alles in der Welt... Wir wollen es ſo einrichten.. Sie fahren mit Newöki in den Aus⸗ ſchuß allein wird es Ihnen zu mühſam ſein; ich und die Mutter begeben uns zu Umanski und bitten, ſo⸗ gleich nach dem guten Präſidenten zu ſchicken, der an Wanja ſo viel Intereſſe nimmt, als wir.“ Herrlich! herrlich erdacht.. So erzählen Sie alſo Alles Umanski, wie es ſich getroffen... Sie wiſſen ja, Olga Petrowna? Er ſelbſt konnte aus der Sache nicht klar werden. Konnte er auch jetzt daran denken? „Freilich, wir nehmen auch Senja mit uns er muß uns ja das Haus zeigen, wo man den armen Wanja zu⸗ rückhält.“ „Ja wohl, ja wohl!.. So fahren Sie alſo.“ „Ja wir wollen nur abwarten, bis Sie fort ſind. in einer halben Stunde iſt es höchſte Zeit.. 0 „In einer halben Stunde„ indeſſen gibt Ihnen vielleicht Newski einen guten Rath.“ Olga verließ eilig das Zimmer, unter dem Vor⸗ wande, die nöthigen Vorbereitungen für den vorhabenden Beſuch bei Umanski zu treffen. Der Zeiger der großen, im Saale ſich befindenden Wanduhr näherte ſich ſchon der zwölften Stunde und Newski war immer noch nicht da. Piroſchlow verließ in heftiger Bewegung ſein Zimmer und kehrte wieder dorthin zurück. Olga's Schmerz äußerte ſich auf eine andere Weiſe.. Das Frauenzimmer verſteht ſelbſt in ihrer kindlichſten Einfachheit ſeine Gefühle zu verbergen, oder wenn ſie überwallen, ihnen einen unbedeutenden Grund unterzuſchieben. Aber die Zerſtreuung Beider war ſo aus⸗ geſprochen, daß die alte Benski, welche ſie herausputzte, ihnen unaufhörlich bald das, bald jenes in's Gedächtniß zurückrufen mußte. Endlich näherte ſich Piroſchkow ſchüchtern Olga und fragte ſie flüſternd: 68 „Was ſollte das bedeuten?2„ „Ich kann es nicht begreifen.“ „Iſt er nicht krank geworden? „Er hat noch heute, früh Morgens, hieher geſchickt, daß Sie nicht die anberaumte Zeit vergeſſen.. und es iſt ſchon zwölf Uhr.. „Newski iſt ſonſt ſo pünktlich, und hier er kommt gewiß bald.“ Es verſtrichen noch zehn Minuten peinigenden Her⸗ zens. Piroſchkow trat wieder zu Olga, der Thränen in den Augen ſtanden. „Olga Petrowna, er hat mich ja ſelbſt zu dieſer Ausſtellung aufgefordert, um mich der Menge gleich wie ein wildes Thier zu zeigen, und nun läßt er mich allein, ohne einen Leiter was ſoll ich thun?“ „Sein Verſprechen zu vergeſſen es iſt unbe⸗ greiflich: er hat ja auch mir das Wort gegeben, Sie um zwölf Uhr abzuholen.“ „Auch Ihnen gab er ſein Wort er kommt alſo ganz beſtimmt... Newoki wird es nicht wagen, Sie zu täuſchen es wäre eine Schande!“ „Sie glauben?“ „Es kann nicht anders ſein.“ Die Uhr ſchlug halb eins. Die alte Benski ſchaute bald durchs Fenſter, bald ſchickte ſie Senja auf die Straße, um nachzuſehen, ob nicht Newski komme.— Nicht und wieder nicht!.. Olga näherte ſich in ihrer Angſt der Mutter. 3 Gottes Willen, ſagen ſie, warum kömmt er nicht?“ „Meine Theuere, die vornehmen Leute ſind nicht wie wir ſie haben ſo viel zu thun vielleicht hat ihn jemand aufgehalten.. vielleicht traf er gerade auf einen ſchlechten Fiaker..4 „Er hat ſeine eigenen Pferde„„ und ſehr raſche„ 69 „Vielleicht ein Geſchäft, das keinen Aufſchub leidet wahrſcheinlich „Er weiß es ja, daß wir ihn erwarten„daß ich ihn erwarte „Natürlich iſt es nicht ſchön, auf ſich warten zu laſſen, beſonders da er überzengt iſt, daß Naſar Naſaro⸗ witſch— dem Himmel ſei es geklagt— ſich wie ein kleines Kind gebärdet, und ohne eine Wärterin ſich nicht in eine Geſellſchaft hineinwagt. Doch vielleicht Ge⸗ ſchäfte „Um Gottes Willen, ſprechen Sie nicht von Ge⸗ ſchäften... Neweski opferte ſein Leben, nicht nur Ge⸗ ſchäfte, um irgend einen Bettler aus einer Gefahr zu ziehen, und hier wartet ſein beſter Freund„ ohne ihn kann Naſar Naſarowitſch alles verlieren, ſogar ſeinen guten Namen, er wird zur Zielſcheibe des Spottes.. o, hier muß ein wichtiger Grund vorhanden ſein, daß er nicht zur Zeit da iſt. Ich kenne Newski.“ „Hat ihn nicht der Fürſt Alexis vielleicht zurückge⸗ halten... Als er geſtern von uns Abſchied nahm, ſagte er, daß er den Fürſten Alexis ſprechen müſſe. „Den Fürſten Alexis. „Was haſt Du denn, meine Theuere?. Olga ſtand ſtumm, unbeweglich da... Nur nach einigen Minuten ſagte ſie mit einer leiſen, bebenden Stimme:... „Der Fürſt„nein, nicht er ſeine Frau... die Fürſtin Wjera ſie„ Meine Ehre, mein Leben war in Gefahr, und er brachte glücklich und zufrie⸗ den ſeine Zeit bei ihr zu. Was bin ich für ihn!„„ Was Naſar Naſarowitſch.. O, Fürſtin Wjera, biſt du ein ſolches Opfer werth!.. Die arme, in Fieberſchauer zitternde Olga fiel er⸗ ſchöpft auf den Divan. Die Mutter verſtand, hörte ihre Worte nicht: ſie war beſchäftigt, ihr Hilfe zu bringen; ſelbſt Piroſchkow vergaß ſeine verzweifelte Lage und be⸗ 7⁰ kümmerte ſich nur um die Kranke. Doch bald hatte Olga ihren Schmerz und ihr Unwohlſein überwunden. Mit Feſtigkeit erhob ſie ſich und wandte ſich entſchloſſen an die ſie Umgebenden: „Es iſt ſchon drei Viertel auf Eins: man erwartet Sie, Naſar Naſarowitſch. Der liebe Himmel weiß, was man denken wird, wenn Sie nicht erſcheinen„. Man könnte glauben, daß Sie ſich fürchten„ vielleicht noch Schlimmeres... daß Sie betrogen„ Dies wäre ſchrecklich, unerträglich für uns, nicht nur für Sie. Ihre Lage iſt eine ebenſo verzweifelte: man muß ſich be⸗ eilen fahren Sie allein in den Ausſchuß; wir fahren dann ſogleich zu den Umanskis.“ Ein kalter, eiſiger Schauer rieſelte durch Piroſch⸗ kows Adern bis zum Herzen, das erſtarrte und ſtockte. „Aber wie kann ich„allein„„ich weiß nicht „ich bleibe lieber„ „Naſar Naſarowitſch, meine Seele, mein Täubchen, denken Sie nur daran, daß Sie in den Ausſchuß gehen müſſen, da man ſchon dort Ihre Maſchine unterſucht, vielleicht tadelt, ohne daß Sie dabei ſind, Sie, ihr ge⸗ ſetzlicher Beſchützer. Sie kann nicht ſprechen, ſie kann. nicht zur Rede ſtehen.“ „Newski hat der Maſchine ſelbſt und jedem Theile in's Beſondere Namen beigelegt, die ich vielleicht „Die Benennungen find auf jedem Theile ſehr leſer⸗ lich aufgeſchrieben: ich habe es ſelbſt geſehen. Und was die Sache ſelbſt betrifft, ſo kennt ſie natürlich weder Newski, noch Jemand in der Welt beſſer, als Sie. Den⸗ ken Sie nur, mein guter Naſar Naſarowitſch, daß von Ihnen, von Ihrem Erfolge, auch unſere Ruhe und unſer Ruhm abhängt; Sie ſind ja ein Glied unſerer Familie, unſer Freund, unſer Beſchützer... Erinnern Sie ſich jeden Augenblick, wenn Sie im Ausſchuſſe ſind, daß Ihre Hlga für Ihren Erfolg ſich ängſtigt, und ſuchen Sie, ihn zu erringen„ wenn auch nur für mich„4 71 „Ja ja„ich werde mich daran erinnern. Das wird mir Kraft verleihen„. Sie werden mein Engel ſein.. wenn ich aber keinen Erfolg habe„ „Sprechen Sie nicht dvavon... Laſſen Sie ſich küſſen.“ „Ja ja küſſen Sie mich Dies belebt meine Gedanken. „Leben Sie wohl.. vergeſſen Sie nicht, was ich Ihnen ſagte.“ „Ich werde daran denken.“ „So warten Sie doch„ Sie haben die Per⸗ rücke vergeſſen... ſo... und dieſes Bündel mit Zeich⸗ nungen. So laſſen Sie ſich doch Ihren Mantel rein putzen, Naſar Naſarowitſch.. Hier iſt Ihre Tabaksdoſe„. Und Ihr Schnupftuch? Richtig ver⸗ geſſen 4 Und Mutter und Tochter waren um den Alten ge⸗ ſchäftig, ſetzten ihn in die Droſchke und ſchickten ihn fort. Naſar Naſarvwitſch ſchien es, er ſähe alles dieſes im Traume. Olga war nach einem ſo ſchrecklichen Kampfe mit ſich ſelbſt ganz erſchöpft; ſie bat die Mutter, allein zu 5n Umanskis zu fahren und ſchloß ſich in ihr Zim⸗ mer ein. Was in dieſem Augenblicke in ihrer Seele vorging, läßt ſich nicht beſchreiben: eben ſo wie man den Himmel nicht zu malen vermag zur Zeit des Sturmes, wenn die nächtliche Finſterniß mit dem Leuchten der Blitze jeden Augenblick abwechſelt und ein ſchreckliches, ergreifendes, nicht nur für den Pinſel, ſondern ſogar für das Auge unerfaßbares Chaos darſtellt. Nach einer halben Stunde ununterbrochener Stille hoͤrte man das Rollen eines Wagens immer näher und näher, bis es an dem Portale des grauen Häuschens verhallte. Olga ſprang auf, horchte, war ganz Auf⸗ merkſamkeit: ihr Herz ſchlug heftig. Iſt er's? fragte ſie ihr Herz, doch es ſchlug nicht freudig. Olga folgte nicht 72 dem widerſträubenden Schlage ihres Herzens. Man klopfte leiſe an die Thüre. „Es iſt Jemand gekommen,“ ſagte Tanja hinter der Thüre. „Wer?“ „Der liebe Himmel mag's wiſſen. Ein fremder „Iſt's nicht der, der oͤfters hieher kommt Newsli?“ „Er muß es wohl ſein. Eine große Kutſche, präch⸗ tige Pferde.“ Olga öffnete die Thüre. und prallte zurück, wie vom Schlage getroffen: ſie ſammelte ſich bald wieder und ſtürzte auf die Thüre zu, um ſie zu verſchließen, aber es war ſchon zu ſpät... Der eben Angekommene ſtand an der Schwelle ihres Schlafzimmers und ſchauete mit Frechheit auf dieſes Heiligthum der Reinheit und Jung⸗ fräulichkeit.. Es war der Fürſt Aleris„ Es war an ihm nicht mehr jene affektirte oder aufrichtige Leiden⸗ ſchaft, jene erkünſtelte Bereitwilligkeit zu bemerken, wie er zum erſten Male Olga erſchienen war„ Jetzt glänzten die Augen rachgierig, das Geſicht drückte Ver⸗ ſtockung aus, die Adern waren angeſchwollen, die Mus⸗ keln geſpannt„ Olga war allein, ſchutzlos„ Vergebens rief ſie Tanja, ſie kam nicht„ Olga er⸗ griff ein Tiſchmeſſer, das in der Eile hier liegen geblie⸗ ben.. Sie zeigte ſich als Weib, das ſeine Ehre, wie eine Löwin ihre Jungen, zu vertheidigen bereit iſt; das Geſicht athmete Stolz und Große, es war ſchon in ſei⸗ nem Zorne. Und dies war die ſchüchterne, ſanfte, lieb⸗ liche Olga, der wir zuerſt an der Kirchenſchwelle be⸗ gegneten, Umſtände kräften und erheben die Menſchen Wo iſt aber der, den ſie mit ſolcher Ungeduld er⸗ wartete, der die Urſache des Hinterhaltes, in den ſie jetzt gefallen war, als ſie die Zimmerthüre öffnete; der Naſar Na⸗ ſarowitſch in dem Augenblicke im Stiche ließ, als ihm 73 die Hilfe des Freundes am noͤthigſten war, und wo er auf dieſe mehr als auf ſein Wiſſen rechnete; wo der, welcher ſchon das arme Mädchen ein Mal geopfert hatte, es hernach ſo bitter bereuete und jetzt zum zweiten Male die, wenn auch unſchuldige, Urſache der neuen Gefahr Olga's war, weil er nicht zur beſtimmten Zeit Piroſch⸗ kow abholte. Olga wäre nicht durch die bange Erwar⸗ tung gepeinigt, entkräftet worden, und hätte die Mutter zu den Umanskis begleitet. Und wer rettet ſie jetzt von dem gewiſſen Verderben?„. Ihyr ſcharfſichtigſter Be⸗ ſchützer, Wanja, iſt ſelbſt des Schutzes bedürftig. Naſar Naſarowitſch fern. und würde er auch jetzt daran denken?„. Die Mutter kehrt nicht ſobald zu⸗ rück Newſgodin hat ſeit einigen Tagen die Benskis zu beſuchen aufgehört. Tanja hat ſie verrathen Selbſt ihr Geſchrei hört Niemand in dieſer Einöde Wer rettet ſie, die Arme, von Allen Verlaſſene?.. Wer? Iſt denn kein Gott?. Petersburg am Tage 1e. U. 6 Achtes Kapitel. Das Gottesgericht. Was hätte indeſſen Newoki nicht Alles geopfert, um jetzt bei Piroſchkow zu ſein, für den er bis nun ohne Abſicht, ohne Intereſſe, einzig und allein von ſeinem Ge⸗ nius, von ſeiner Erfindung hingeriſſen, gearbeitet.. Warum ſtellte er ſich alſo nicht zur beſtimmten Stunde ein? Lag es etwa nicht in ſeiner Macht?. Es wäre wohl in ſeiner Macht geweſen, wenn der Menſch hin⸗ längliche Kraft und feſten Willen beſäße, um die Leiden⸗ ſchaft zu zügeln, um die eine wenigſtens, die allmächtigſte und unbeugſamſte, ſich unterwürfig zu machen; doch wer könnte in ſolchem Falle für ſich gutſtehen 2. Newoki hatte nicht die Kraft, ſich dieſem berauſchen⸗ den Zuſtande zu entreißen— und wäre die ganze Welt zuſammengeſtürzt, nur durch äußere Gewalt hätte man ihn aus dieſem ſüßen Selbſtvergeſſen gezogen. Im Boudoir der Fürſtin Wjera ſtand Newski vor ſeiner Gottheit in Anbetung verſunken. Dieſe Gottheit war nicht mehr mürriſch und unerbittlich: der bloße An⸗ blick konnte ſchon als Beweis dienen. Newöki's Arme hielten ihren Leib umſchlungen; ihre in Newoki's vichte Locken verſenkten Hände drückten ſeinen Kopf ein wenig zurück und entblößten das ganze Grſichtsproſil, die 75 edle, hohe Stirne, die Wjera mit mehr als einem Kuſſe beſiegeite; und wirklich mußte man dieſes vom Glück ſtrahlende, von der begeiſtertſten Liebe leuchtende Geſicht ſchön nennen. „Wiera,“ ſagte Newski mit einer von heftiger Be⸗ wegung faſt ſtockender Stimme,„ich weiß, daß Du bis jetzt Niemand geliebt, weder Mann, noch Mutter und Schweſter, Niemanden, Niemanden„. Sage, daß Du mich liebſt, daß Du, die Stolze, die Unbeſiegbare, die vallen zarten Gefühlen fremd geblieben, mich lieb ge⸗ wonnen „Dieß ſchmeichelt Ihrer Eitelkeit, Herr Modeſt. Nicht wahr?“ „O, ſcherze nicht, ſpotte nicht meiner Liebe: man ſcherzt nicht mit den Klauen des Löwen„. Ich frage Dich in allem Ernſte ich muß es wiſſen.“ „Wozu, erkühne ich mich zu fragen.. und ſie ließ ihn nicht die Phraſe ausſprechen, die den Lippen Newoki's ſich entreißen wollte, und verſiegelte ſie mit flammenden Küſſen, die der Liebende verſchlang, als wären ſie die erſten; und das waren ſie lange nicht mehr.. Als der Moment des Entzückens vorüber war, fuhr Newski fort: „Jetzt ſchwöre mir, daß Du niemals J manden außer mir lieben werdeſt... Daß Du meine Liebe willig hin⸗ nimmſt, unter welcher Fori ſie auch erſcheine: als Ty⸗ rann oder ſanftes Turteltäubchen!... Daß Du verachteſt alle Bedingungen, die Dich an die Welt knüpfen; daß die ganze Welt, daß alle Leidenſchaften und Gefühle ſich in mir, in mir allein konzentriren ich ſei Dein Heil und Deine Verdammniß!“ „Modeſt, Du biſt wahnſinnig!“ „Wjera, ich würde dieſe Verſprechungen nicht for⸗ dern von einem ſchwachen Weibe, das nur verliebt wäre „und nichts weiter. Sie würde mich mit Schwüren 76 überhäuft haben,— aus Furcht, vielleicht aus Liebe, ohne ihren Sinn begriffen zu haben, ohne zu wiſſen, wo⸗ zu ſie dienen.. Dieſe klägliche, kandirte Liebe würde mich gleichgültig laſſen. Auch Kinder verlieben ſich: man gibt ihnen die Ruthe, und die Liebe iſt vergeſſen; ſieche Greiſe verlieben ſich in ihre Wirthſchafterinnen, weil es ein Mal Sitte iſt: bei den Frauen iſt die Liebe ein leichtes Fieber, das, was bei den Kindern das Zahnen; ſelbſt die phyſiſchen Symptome ſind dieſelben: man muß die Kranke nur eiwas ſtrenger halten: eine beſtimmte Doſis Cr⸗ mahnungen von Seiten der Männer, oder Drohungen von Seiten des Papa's— und die Kranke geſundet; Män⸗ ner verlieben ſich größtentheils aus Müßiggang. Die Liebe muß als allmächtige Gebieterin auftreten, der die Verliebten huldigen ſollen. Wjera! wir ſind würdig, ihre Prieſter zu ſein? wir ſind keine Kinder, für die die Liebe ein Spielzeug iſt; wir haben in der Schule des Lebens und der Leidenſchaften unſer Lehrgeld bezahlt. jede Leidenſchaft, jedes Gefühl iſt bei uns von den Schlacken gereinigt„ würdig der Gottheit, der wir dienen müſ⸗ e Modeſt, eine ſolche Liebe würde jedes Frauenzimmer erſchrecken.. Mir ſcheint ſie nur unmoͤglich wegen der Anforderungen der Welt„ „Schon wieder die Welt.. Hat ſie uns denn noch wenig Böſes zugefügt? Können wir uns denn nicht endlich über ſie ſtellen?... Steht denn die Menge ho⸗ her als wir und müſſen wir ihr alles Erhabene, alles Heilige in unſerem Herzen, im Univerſum unterwer⸗ fen 25. „Ach! iſt denn dem nicht ſo?“ „Schäme Dich, Wjera! Ich opfere ja der Liebe, Dir, Alles unbedingt... mein Vermögen, meinen Namen, mein Leben.... ja, wenn meine Ehre nicht mit unſerer Liebe unzertrennlich verbunden wäre, ſo un⸗ 77 zertrennlich, daß die Eine ohne die Andere nicht eriſtiren könnte, ich würde meine Ehre zum Opfer bringen 4 Ein hinter der Thüre erſchallendes Gelächter er⸗ reichte ſchon mehrere Male die Ohren der beiden in ihrer Unterhaltung verſunkenen Liebenden, aber nur leiſe, leichthin: Newoki hatte es indeſſen jedesmal gehört und mehrmals zuſammengeſchauert. Jrtzt erſchallte das Ge⸗ lächter laut, wild... Neweki ſprang unwillkürlich „Mein Gott! ſchon wieder dieſes wilde, ſchreckliche Lachen; ſchon wieder dieſer unbegreifliche Alte.“ „Schäme Dich, Modeſt Deine abergläubiſche Furcht würde ſich für ein Kind ſchicken.“ „Ich fühle es, ich bin überzeugt, daß Smolnew uns Beide zu Grunde richtet.. Dieſen Glauben wird mir Niemand benehmen. Die Liebe hat mich zum Hell⸗ ſeher gemacht.“ Und er hatte Recht: die Liebe iſt ſo ſcharfſichtig wie das Auge, und noch weitſichtiger, durchdringender; ſie hat ein Gehör wie die Ohren, nur ein viel feineres. „Wjera! Wenn Du ihn nicht entfernſt, ſo lange es noch Zeit iſt, wenn Du nicht vorſichtig biſt. er wird unſer Aller Strafe.“ „Ich will ihn entfernen, daß er unſer Glück nicht vergifte daß er Deine abergläubiſche Phantaſie nicht aufrege„ daß er auf dieſe reine, edle Stirne, die ich kaum mit meinen Küſſen aufzuheitern vermag, keine Wolken zuſammenjage. jetzt habe ich wieder eine neue Mähe Und Wijera ſetzte ihn mit einer koketten Liebens⸗ würdigkeit auf ein niedriges Tabouret zu ihren Füßen; ſie blickte ihn ſo zärtlich an, daß ſelbſt der Schatten einer Unglück weiſſagenden Ahnung aus Newski's Ge⸗ müth verſchwinden mußte. Das zärtliche Gemurmel der Liebe rauſchte bald als ein betäubender, berauſchender Bach der Verzückung.. Die Liebenden ſchwammen 76 im Selbſtvergeſſen, in der ſtürmiſchen Trunkenheit der Leidenſchaft.. Daſſelbe wilde Gelächter, das ſchon früher gehört worden war, erſchallte jetzt von Neuem, aber ſchrecklicher als zum erſten Male, und bald darauf das durchdringende Gewinſel eines Knaben, ſo daß die Liebenden aus ihrem Selbſtvergeſſen auffuhren: ſie ſprangen Beide auf und blickten im Zweifel, im Schrecken einander an. Die Ungewißheit war nicht von langer Dauer. Man klopfte an der Thürez kaum öffnete man ſie, als das Gejammer der alten Wärterin Koljas gehört wurde. „Hilfe, Hilfe,“ rief ſie:„Nikolai Alexejowitſch liegt in den letzten Zügen.“ „Mein Sohn, mein Sohn. 4 ——— Wjera lief in das Gemach, in dem der arme Knabe in konvulſiviſchen Zuckungen lag, und ſtürzte ſich auf ihn. Sie legte den zuckenden Körper des Sohnes auf ihren Schooß und bemühte ſich vergebens, ihn an ihrer Bruſt zu erwärmen: die Todesbläue bedeckte ſchon Stirne und Wangen des Knaben; die Konvulſionen wurden ſeltener die Glieder nahmen ihre natürliche Lage an, erſtarr⸗ ten die Augen wurden glaſicht und das ohnehin mißgeſtaltete Geſicht war mit dem hervorglotzenden Wei⸗ ßen der Angen, mit den in der Todespein zerzausten Haaren ſchrecklich anzuſehen. Eine abergläubiſche Furcht bemächtigte ſich Wjera's, die aus der Geliebten eine Mut⸗ ter, aus der Mutter ein Weib geworden war. „Einen Arzt, einen Arzt!“ preßte ſie hervor. „Man hat ſchon längſt geſchickt.“ „Ach, Sie ſind hier 4 ſprach ſie mit zitternder Stimme, ſich an Newoki wendend;„blicken Sie her.. das iſt Ihr Werk... Das Gottesgericht iſt vollzogen“ für Ihre Läſterung, für Ihre ſataniſche Forderung, für Sie dem Himmel und der Erde zu entſagen Schauen Sie, ſchauen Sie„ gewöhnen Sie ſich an die Strafe, die auch Ihrer harrt„ ſchrecklicher als —— 6 79 dieſe. wenn's noch etwas Schrecklicheres geben kann, als des letzten, geliebten Sohnes beraubt zu wer⸗ den j ſchrecklicher weil Ihr Verbrechen noch furchtbarer.... Flichen Sie von hier... das Haus, in dem Sie ſich befinden, iſt verflucht.. Die Ankunft des Doktors unterbrach den Strom der fanatiſchen Wuth des unglücklichen Weibes. Der Arzt betrachtete das Kind und fragte nach der Urſache ſeines plötzlichen Unfalles. „Das Kind ſpielte wie gewöhnlich mit dem Groß⸗ papa.(Die Leſer haben gewiß noch nicht vergeſſen, daß man im Hauſe des Fürſten Smolnew ſo nannte.) Und auch bei Nacht war es heiter; ein Paar Mal ſchrie es auf, als ob es Jemand drückte, aber der Großpapa be⸗ ruhigte es mit einem Zuckerwerke; plötzlich griff es nach dem Bauche, fing zu ſtöhnen an und fiel in Convulſio⸗ nen. Der Großpapa lief zum Doktor, ich zur gnädigen Frau.“ Der Doktor ſchüttelte bedenklich mit dem Kopfe und ſetzte ſich hin, ein Rezept zu ſchreiben; doch bevor er es noch zu Ende geſchrieben, hatte das Kind in den Armen der Mutter den letzten Seufzer ausgehaucht. Die Qualen den Fürſtin Wjera waren furchtbar. Die Leſer erinnern ſich noch, in welcher verzweifelten Lage wir Olga unter dem erſtarrenden Zauber der wil⸗ den Blicke des Fürſten Aleris zurückgelaſſen haben. Der liebe Himmel mags wiſſen, womit dieſe Scene geendigt hätte, wenn nicht ein heftiges Klopfen an der Haupt⸗ thüre des grauen Häuschens ſie unterbrochen hätte. Das ganze Haus war verſchloſſen und der Fürſt im Beſitze der Schlüſſel. Selbſt Tanja hatte ſich entfernt. Der Fürſt horchte einige Zeit auf's Klopfen, aber eine bekannte Stimme vernehmend, welche die verdammte Feſtigkeit der Thüren kaum bis zu ihm dringen ließ, rief er drohend aus; „Was willſt Du hier, Philka“)2“ Es war ſein Kammerdiener. „Eure Durchlaucht, ein Unglück, ein ſchreckliches Unglück„ Nikolai Alexejowitſch liegt in den letzten Zügen! Wenn ein Blitz aus heiterer Luft auf des Fürſten Haupt niedergefahren wäre, er hätte ihn nicht ſo ſtark ge⸗ troffen. „Ein Gottesgericht!„ flüſterte er und ſtürzte aus dem Zimmer in den ſeiner harrenden Wagen. „Ein Gottesgericht...“ wiederholte Olga, und warf ſich vor dem Bilde der Mutter Gottes, ihrer Be⸗ ſchützerin, nieder.. *) Diminutiv von Philipp. Anmerkung des Ueberſetzers. Neuntes Kapitel. Die Uachſuchungen. Wir befinden uns im Momente einer raſchen und vielſeitigen Entwickelung unſeres Romanes, ſo daß wir nothgedrungen den Faden der Erzählung oͤfters abbrechen müſſen, um die chronologiſche Ordnung nicht zu ver⸗ letzen und wichtige Perſonen unſeres Dramas nicht aus den Augen zu verlieren. Wir wollen daher Naſar Na⸗ ſarowitſch im Gelehrtenausſchuſſe laſſen und kehren zu Miller zurück. Nach langem Nachfragen hatte er endlich den Prä⸗ ſidenten des Tribunals aufgefunden, bei dem die Angelegen⸗ heit der Entführung Jenny's und des Zerlumpten in Unterſuchung war, und führte ihn ſelbſt zu dem Hauſe, wo die Leidenden im Kämmerchen eingeſperrt waren. Viller hielt es nicht für nöthig, ihm jetzt von den in Ochtins Wohnung gefundenen Papieren zu erzählen, aus Furcht, ein fremdes Geheimniß zu entdecken. Unerfahren in weltlichen Sachen und Verhältniſſen, wollte er ſich über dieſen Gegenſtand mit Finski oder wenigſtens mit der Frau Elkin berathen; der wichtigſte Theil,— die Herkunft des Zerlumpten und Jenny's, war daher dem Präſiventen noch ein völliges Räthſel. Es iſt unnöthig, zu bemerken, daß Miller Ochtins Namen nicht einmal 82 erwähnte. Nicht für Alles in der Welt hätte er ſich dazu entſchloſſen, ſeinen Schulkameraden zu kompromittiren, der, wenn er ihm auch nicht aus der Noth zu helfen vermochte, wenigſtens Theilnahme an ſeinem Schickſale gezeigt hatte; der arme, von Allen Verſtoßene, eine wahre Künſtlerſeele beſitzende Maler wußte auch dies zu würdigen. „Wie haben Sie das myſteriöſe Gefängniß des und des Mädchens entdeckt?“ fragte der Prä⸗ ident. „Durch ein kleines Fenſterchen, oder richtiger Zug⸗ loch, das auf die Straße geht.“ „Im vierten Stocke 2“ „Ja.“ „Vie kamen Sie dorthin? haben Sie von der Straße aus eine Leiter angeſtellt?“ „Ich kann Ihnen dieſes jetzt nicht erklären.“ „Warum?“ „Es iſt nicht mein Geheimniß hernach Der vorſichtige Präſident fürchtete mehr als Alles, das Zutrauen des jungen Mannes zu verlieren: er be⸗ griff, daß Leute von Millers Schlag in Betreff der Ehre höchſt ſkrupulös ſind, und begnügte ſich daher vorerſt mit den bloßen Fakten, ſich weitere Nachforſchungen für ſpäter vorbehaltend. Miller war gar nicht wohl zu Muthe. Zerſchlagen, hungernd, in Angſt, Jenny und den Zerlumpten, deren Folter er mit eigenen Angen geſehen hatte, nicht mehr lebend anzutreffen; in Furcht, diejenigen zu verrathen, welchen er noch geſtern Abend zu Dienſten geweſen, alles dies regte Miller gar ſehr auf: er konnte ſich mit Mühe fortſchleppen. Nachdem er das ihm ſo venkwür⸗ dige Haus erreicht hatte, ſammelte er alle ſeine Kräfte und ſtürzte die Treppe hinauf. Die Uebrigen konnten ihm kaum folgen. Bald erreichten ſie das Zimmer, in welchem Ochtin wohnte. Miller erkannte es, aber es 83 war keine Spur zu bemerken, als ob hier Jemand wohnte. Er zeigte auf das in einer Reihe liegende Kämmerchen. Sein Herz zitterte; es blieb ihm kaum ſo viel Geduld, ſo lange zu warten, bis der alte Hausmeiſter die Thüre aufſchloß. Miller ſtürzte in die finſtere Kammer, wo er nichts unterſcheiden konnte. Bsld gewöhnten ſich ſeine lugen an die Dunkelheit; er tappte in allen Winkeln herum, es war überall leer. Miller blieb in Wehmuth verſunken vor dem ſchmalen Zugloche mit dem Eiſen⸗ geflechte ſtehen. Die von der Hoffnung momentan ange⸗ ſpannten Kräfte erſchlafften wieder; er ließ den Kopf ſinken, die Thränen ſchwammen in ſeinen großen, blauen Augen. Er ſtund da, blaß, ſchweigend, unbeweglich. „Irren Sie ſich nicht? Konnte man in dieſes enge, feuchte Loch die unglücklichen Kinder ſperren?“ rief der Präſident ſchaudernd aus, ſich wegen der niedern Decke bückend, unter welcher ein Kind nicht aufrecht ſtehen konnte. „Gewiß ich irre mich nicht... ich erinnere mich ſehr gut.. hier peinigten ſie, wie ich Ihnen ſagte, den Einen 4 „Verzagen Sie nicht! wenn Sie ſich nur in Ihrer Ausſage nicht geirrt haben, ſo werden wir den Faden des Verbrechens erwiſchen und auf dieſe Weiſe mit Be⸗ harrlichkeit, indem wir uns gegenſeitig unterſtützen und uns mit aller Aufrichtigkeit unſere Entdeckungen mitthei⸗ len, das Ziel erreichen. Anders iſt's nicht möglich, Herr Miller. Jetzt nehmen wir den Hausverwalter vor.“ Das Haus gehörte in die Reihe jener ſchmutzigen, mit allem Unrathe überladenen, mit allen vagabundi⸗ renden Handwerkern, Fuhrleuten und anderm Bettel⸗ volke vollgeſtopften Häuſer, die ſelbſt den Hausherren ein Grauen erregen, und die darum die Verwalter nach Belieben in ſelben ſchalten und walten laſſen. Die Hauseigenthümer dulden einen ſolchen Beſtand, weil er ihnen bedeutende Vortheile verſchafft, und da ſie nur den zeitlichen Nutzen in Anſchlag bringen, ſo bekümmern ſie 84⁴ ſich wenig um die Hausordnung. So konnte man in gedachtem Kämmerchen nicht ohne Gefahr, in der faulen Luft zu erſticken, einige Minuten verweilen. Alle traten in den Korridor, auf welchen die Thüre einiger enger und feuchter Zimmerchen hinausliefen, in denen die Armuth oder das Verbrechen hauste. Einige Kämmerchen waren von innen verſchloſſen, als wünſchten die über die Nähe von Perſonen, die ſie nur in kritiſchen Augenblicken ihres Lebens zu ſehen gewohnt waren, erſchreckten Inwohner, ſich ſo ferne als möglich von ihnen zu halten. Aus den übrigen Zimmerchen blickten durch die halbgeöffneten Thüren einige unrafirte, ungewaſchene, ungekämmte Ge⸗ ſichter mit rothen Augen hervor, Folge der in ſchweren Arbeiten oder in liederlichen Gelagen verbrachten ſchlaf⸗ loſen Nächte.... Der Hausverwalter ſtand ruhig da, mit einem Geſichte, auf dem nichts zu leſen war, als wäre es in eine Form gegoſſen; ſolche Geſichter ſind in der Geſellſchaft am gefährlichſten: man glaubt einen Einfaltspinſel vor ſich zu haben,— und bleibt im Irr⸗ thume. Die Starrheit und Bläſſe des Geſichtes trat um ſo deutlicher hervor, weil die den Korridor erhellenden Lichter ganz auf ihn fielen. Vielleicht hatte ihn der Prä⸗ ſivent abſichtlich ſo geſtellt, um ihn beſſer beobachten zu können. „Wer wohnt in dieſem Kämmerchen?“ fragte der Präſident „Im Kämmerchen?. Und der Verwalter be⸗ gann in einem dicken Buche zu blättern, das ſo vollge⸗ ſchrieben und beſchmutzt war, daß er es allein nur leſen konnte. „Im Kämmerchen?— Niemand.“ „Du lügſt! Man hat hier geſtern Leute geſehen.“ Der Verwalter ſchauete wieder in's Buch. „Ja, ſo iſts! Riemand! Das Kämmerchen iſt nicht als Wohnung, ſondern nur als Speiſekammer angsführt und gehört zu dieſem Zimmer.“ —, 85 „Und wer wohnt in dieſem Zimmer?“ „In Nr. 18*7 Jetzt wohnt Niemand darin.“ „Wer wohnte hier früher?“ Der Verwalter las aus dem Buche:„Nr. 18:— Eine Deutſche vom eſthiſchen Stamme; Namens Eu⸗ dorie Jwanowna Rothſchwänzchen; ihr Handwerk: Kin⸗ derwärterin; ihre Beſchäftigung: Wittwe; ohne Holz, ſieben Rubel monatlich.“—„Sie verließ geſtern das Quartier und blieb einen Rubel und vierzig Kopeken ſchuldig.“ „Wer wohnte mit ihr?“ „Niemand Ja, hier ſind zwei kleine Deutſche angeführt. doch die zählen nicht.“ Der Verwalter ſagte dieſes mit einer ſolchen Miene, als ſpräche er von zwei Hündchen. „Wer ſind ſie? Wo wohnten ſie? Mit ihr oder im Kämmerchen?“ „Der liebe Himmel mag's wiſſen! Was habe ich mich in fremde Angelegenheiten zu mengen: ich werde mit meinen kaum fertig. Die Polizei und die Päſſe allein nehmen mir den Tag weg; es ſind hier im Hauſe 218 Inwohner.“ „Wohin zog Eudorie Rothſchwänzchen?“ „Ihrer Ausſage nach in die Galeerengaſſe Nr. 181.“ Der Präſident ordnete ſogleich einen Reiter ab, um in dem angezeigten Hauſe Erkundigung einzuziehen. In⸗ deſſen wurden die Polizeibücher durchgeſehen: der Paß der Eudorie Rothſchwänzchen war gehorig vivirt: Alles war in Ordnung und in Form Rechtens. Auch die Nachbarn von Nr. 18 wurden befragt, aber es ergab ſich nichts Beſonderes. Das Rothſchwänzchen lebte wie der größte Theil alter und häßlicher Weiber. Man hörte von Zeit zu Zeit in ihrem Zimmer ſchreien; aber was iſt hier zu verwundern? Ueberdem war das neben Nr. 18 befindliche Zimmer ſchon ſeit lange leer. Der Reiter aus der⸗Galeerenſtraße kam zurück; es war kein Rothſchwänz⸗ 86 chen zu finden. Der Präſident war außer ſich: er hatte den Hausverwalter in Verdacht, wenn auch nicht an der Theilnahme, doch wenigſtens an der Kenntniß des Ver⸗ brechens... Er verſuchte es, ihn mehrmals auszufragen, ſtellte ihm verſchiedene Querfragen, wie dieſes geſchickte Unterſuchungsrichter gewöhnlich thun; aber der Verwalter zeigte mit der Miene der Dummheit und Naivetät ſeine völlige Unkenntniß der Privatverhältniſſe ſeiner Partheien. Den Verwalter bis zur Aufklärung der Sache, ohne offene Beweiſe ſeiner Schuld, in's Zuchthaus zu ſperren, wäre eine Verletzung des perſönlichen Rechtes geweſen, zu welcher ſeine Zuflucht zu nehmen der Präſident ſich nicht entſchließen konnte. Vielleicht hat ſich Miller doch geirrt, der bei all' ſeiner augenſcheinlichen Güte und Ehrlichkeit einen ſonderbaren Charakter und eine immer⸗ während geſpannte Einbildungskraft hatte; hingeriſſen von dem ihm ſo ſehr am Herzen liegenden Gegenſlaände, hatte er nicht vielleicht dieſe wunderbare Geſchichte in der Einbildung geſehen. Sich in Muthmaßungen verlierend, ſtieg der Präſident ſchon die ſchmutzige Treppe hinab, als ihm einer ſeiner Beamten mit Senja entgegenkam.— Der Beamte händigte ſeinem Vorgeſetzten ein Brieſchen Umanskis ein, in welchem ihm dieſer den Gaſſenjungen übergab, und ſeine Bitte um Betreibung der Angelegen⸗ heit des Zerlumpten wiederholte. Freudig griff der Prä⸗ ſident nach dem neuen Anzeiger, wie dunkel auch Wanjas Zettelchen abgefaßt war, und ordnete ohne Zoͤgerung neue Nachforſchungen an. „Sie leiden gar zu ſehr,“ ſagte der Präſident, ſich an Miller wendend, gehen Sie nach Hauſe, ruhen Sie ein wenig aus und ſeien Sie verſichert, daß ich Alles an⸗ wende, um den Aufenthalt der armen Waiſen zu entdecken. Vergeſſen Sie auch nicht, Frau Elkin zu beſuchen und zu beruhigen.“ „Anaſtaſie Jwanowna, meinen Sie,“ ſagte Miller, mit einer vor Entkräftung matten Stimme. —— 87 „Nach Ihrem Anzuge zu urtheilen, müſſen Sie ge⸗ genwärtig nicht bei Gelde ſein,“ ſagte der Präſident, Miller freundſchaftlich bei Seite nehmend.„Nehmen Sie unterdeſſen.. Sie geben es mir wieder... wenn Ihre Angelegenheiten eine günſtigere Wendung neh⸗ men Und er ſteckte ihm eine Banknote in die Hand. 3 Schon ſaß Miller in einer Droſchke— es war ihm un⸗ 4 möglich, zu Fuß einen Schritt zu machen— als ihm Jemand von hinten folgende Worte zuflüſterte:„Wer die Seinen verräth, wird dafür theuer bezahlen. Der Ver⸗ rath wird ſchrecklich beſtraft.“ Miller ſchauete ſich um: neben ihm ging ein langer, hagerer Mann vorbei, in einem langen Ueberrocke; derſelbe Mann hatte die un⸗ gebetenen Gäſte in der Eigenſchaft des Hausverwalters be⸗ gleitet. Jetzt erſt, beim Tageslichte, erkannte ihn Miller als denſelben, der im Vorgebirge der guten Hoffnung Ochtin um Päſſe gebeten hatte. „Der Teufel hole Dich mit Deinen Drohungen, dachte unſer Künſtler: jetzt habe ich keine Zeit, an ſie zu denken,“ und fuhr geradezu zur Frau Elkin. Kaum war er im Stande, ihr ein Wort des Troſtes zu ſagen, denn es war ihm ſelbſt noch ſchwer um's Herz; er hörte ihre Klagen über Jenny's Verluſt und darüber an, daß er ſelbſt, der arme Fedor Jwanowitſch, in einem Tage um mehrere Jahre gealtert ſei, beruhigte ſie, wie er ver⸗ mochte, ohne ihr, verſteht ſich, etwas von dem nächtlichen Abenteuer mitzutheilen, nahm, was gerade da war, zu ſich, ruhete ein klein wenig aus und begab ſich ſogleich ju Finski, deſſen Wohnung er geſtern von Ochtin zu⸗ † fälligerweiſe erſahren hatte. Auf dem Wege trat er in einen Laden ein und kaufte ſich einen Rock. Aber der arme Miller hatte nirgends Glück. Finski hatte vor we⸗ nigen Stunden Petersburg verlaſſen. Was war zu thun! Zu Neweki gehen und ihm die ganze Geſchichte erzählen, um ſo mehr, als Neweki ſchon in einen Theil 88 des Geheimniſſes eingeweiht iſt„doch, wer weiß, hatte nicht vielleicht die Frau Elkin mit Recht Neweki ſelbſt als Theilnehmer an Jenny's Entführung beſchul⸗ digt? Unſer Künſtler hatte Newski mehr als ein Mal im Boudoir der Fürſtin Wjera geſehen, das er als Hand⸗ werker, dem man keine Aufmerkſamkeit ſchenkt, betreten hatte. Die Gerüchte über ihr näheres Verhäliniß waren gar zu bekannt. Ueberdem war Neweki ſo unzugänglich, zeigte ſich ſo vornehm, daß Miller bei ihrem frühern Zuſammentreffen ſich nicht entſchließen konnte, ſich ihm als Schulkamerad zu nahen. Armer Miller! Hätte er einen Freund, der ihm mit gutem Rathe beiſtehen könnte! Er ſelbſt, nur an den gewöhnlichen Gang ſeines Lebens gewöhnt, wußte nicht, wo ihm der Kopf ſtehe; alles, was er erfahren und was er nun ahnte, regte ihn fieberhaft auf; könnte er, was ihm auf dem Herzen lag, in den Buſen eines Freundes ausſchütten, ihm wäre leichterz vielleicht würde dieſer aus ſeiner Erzählung für ihn nutzbringende Folgerungen zie⸗ hen. Doch Miller ſtand allein auf der Welt. Die Elkin iſt eine gute Frau, doch ſie würde ihn nicht verſtehen; auch iſt es gefährlich, ihr viel mitzutheilen,— ſie plau⸗ dert alles ohne Zuſammenhang aus. Ach, Newſgodin, Newſgodin! es iſt eine Sünde, den Freund in einer ſolchen Minute zu verlaſſen. Miller machte eine ver⸗ zweifelte Bewegung mit der Hand, und ohne ſelbſt zu wiſſen was er thue, öffnete er, ſich noch immer bei Finski befindend, die Thüre ins nächſte Zimmer, durchſchritt die⸗ dann noch ein zweites und befand ſich in Newokis Kabinet. Zeh ntes Kapitel. Das Opfer. Newski war vor einigen Stunden von der Fürſtin Wjera zurückgekommen; er hatte noch ſeinen Freund zu Hauſe gefunden, ganz zur Abreiſe auf ein Gut ins Innere Rußlands vorbereitet, wohin ihn ſehr dringende, keinen Aufſchub leidende Geſchäfte riefen. Finski erwartete bloß Newski. Aber, mein Gott! in welchem Zuſtande erblickte er ihn! Bleich, furchtbar entſtellt, die Verzweiflung in jedem Zuge, ohne zu wiſſen, wo er ſich befinde, ſo trat Newoki ins Zimmer und warf ſich in einen Lehnſtuhl. Sein Zuſtand gränzte an Wahnſinn. So hatte der Freund ihn noch nicht geſehen, obgleich die empfängliche Natur Newokis ihn mehr als ein Mal in eine verzweifelte Lage gebracht hatte. Finski ging ſchweigend im Zimmer auf und ab, von Zeit zu Zeit auf ſeinen Freund einen Blick voller Theilnahme und Kummer werfend. Er ſchwankte zwiſchen der Nothwendigkeit zu reiſen oder zu bleiben. So verging eine Stunde. Endlich kam Newski etwas „Alexander.. du hier„ du biſt noch nicht verreist!— Nein! du biſt krank„ du leideſt ſehr Sprich, was haſt du?„„ Petersburg am Tage ꝛc. M. 7 90 Newski ſchwieg. Nur ſein Blick wurde noch düſterer. „Ich fahre nicht.. Ich bleibe bei Dir,“ fuhr Finski fort. „Du haſt unrecht. Du kannſt aus nichtiger Sentimentalität Dein ganzes Vermögen verlieren.. mir hilfſt Du nicht.“ Finskis Herz preßte ſich zuſammen und verurſachte ihm einen unausſprechlichen Schmerz. Der Egoismus des Schmerzes iſt härter als der Egoismus der Freude: der erſte konzentrirt ſich in ſich ſelbſt aus Verachtung für ſeine Umgebung, der zweite aus bloßer Eitelkeit, manchmal ſogar aus kleinlicher Berechnung. „Nun, ſo lebe wohl, Modeſt!.. Gott ſei mit Dir...“ Und die Thränen ſtanden Finski in den Augen. „Lebe wohl! Finski verreiste. Wie ſchrecklich auch Newskis Herz bon der furcht⸗ baren Kataſtrophe bei der Fürſtin Wjera getroffen war,— es fand ſich in ihm ein Gefühlsäderchen, das ſchmerzhaft zuckte, als das Geraſſel des fortrollenden Wagens horbar wurde; doch dieſes momentane Gefühl war von kurzer Dauer. Der Alles verſchlingende Gram beherrſchte ihn anz Newoki hatte in ſeiner brauſenden Thatluſt faſt alles erfahren, was ein Menſch nur erfahren kaunz er hatte viel geſehen, alle Leiden und Freuden gekoſtet. Er war reich und doch brachte ihn manchmal die Noth auf's Aeußerſte; er war der Abgott der Geſellſchaft und mußte ſich nicht ſelten vor ihren Verfolgungen ans Ende der WVelt flüchten. Er war völlig entzaubert! Dieſe Phraſe iſt heut' zu Tage etwas abgenutzt.— Wer iſt heute nicht entzaubert!. Wie Mancher, dem noch nicht die Muttermilch auf den Lippen vertrocknet iſt, ver die Welt durch den grünen Vorhang der Erziehungs⸗ anſtalt oder der Kadettenſchule ſieht, geräth gegen dieſe vermaledeite Welt in Harniſch, in die ſeine nach nicht „— — 91 mehr und nicht weniger als Fähndrichepauletten lechzende Seele bald einzutreten wünſcht. Newoski war wirklich ent⸗ zaubert. Die Welt konnte ihm keine Freude mehr bieten. Für einen Moment wurde er von irgend etwas angezogen, doch das war keine Leidenſchaft, nur eine Laune des Her⸗ zens oder des Willens. Fortwährende Thätigkeit war ihm unumgänglich nöthig wie die Luft. Freilich verfiel er manchmal in Folge einer moraliſchen Umwälzung oder einer kritiſchen Geſtaltung der Verhältniſſe in eine völlige Apathie, aber Finski gab ſich dann alle mögliche Mühe, ihn aus dieſer ihm verderblichen Lage zu ziehen. Ver⸗ gebens hofften ſeine Freunde— nach einer ſonderbaren Laune des menſchlichen Herzens finden ſolche Charaktere gewoͤhnlich Freunde, ſelbſt ſolche wie Finski— vergebens hofften ſie, daß er geſetzt werde und an etwas feſt halte. Wer das Menſchenherz genauer kannte, war überzeugt, daß Newski ſich martern, foltern wird, in der Feuereſſe der Welt zu Grunde geht, aber ſich nicht ändert. Der liebe Himmel mags wiſſen, wozu ſolche Leute in die Welt kommen? Fühlt unſer Zeitalter oder unſer Geſchlecht ein Bedürfniß nach ihnen?... Solche Perſonen ſinv zu ihrer eigenen und Anderer Qual geſchaffen. Man kann ſich leicht vorſtellen, mit welcher Freude Neweki das neue Liebesgefühl in ſich entdeckte: ſo freut ſich nur der arme Goldgräber, der ſein ganzes Vermögen in unnützen Grabungen verſchwendet und mit einem Male auf eine Goldgrube ſtößt. Newski glaubte Anfangs, es ſei eine bloße Täuſchung, eine momentane Herzenslaune, eine der vielen Neigungen, die er raſch gefaßt und eben ſo raſch verlaſſen hatte, aus Mangel an Beſtändigkeit oder Leidenſchaft zu den geliebten Gegenſtänden; doch der Wi⸗ derſtand, den er anfangs fand, ſtachelte ſeine Leivenſchaft, reizte ſeine Neugier. Die Fürſtin Wjera verſtand es wie ein erfahrner Reiter, ihrem feurigen Roſſe von Zeit zu Zeit den Sporn fühlen zu laſſen, und vies flog dahin über Berg und Thal. Wijera ſelbſt wurde in den Strudel die⸗ 92 ſer Liebe hineingezogen. Stolz, kalt und egoiſtiſch wie ſie war, wußte ſie, wenn auch nicht ſelbſt zu lieben, doch wenigſtens ſich von der Liebe elektriſch durchdringen zu laſſen,— ſich zu ihr zu erheben,— dazu iſt jedes kluge Frauenzimmer fähig—, um ihre künſtliche Liebe für die wirkliche auszugeben, ja ſie ſelbſt für eine ſolche zu halten. Natürlich iſt jede Anſpannung nicht von langer Dauer. Nichtsdeſtoweniger iſt die Täuſchung natürlich. Es iſt eine Art kata morgana, die das Frauenzimmer aus Liebe für den armen, müden, geplagten Lebenswande⸗ rer ſich ſelbſt verſchafft. Newski wurde von dieſer kata morgana der Liebe ganz hingeriſſen. Anfangs fühlte ſich ſeine Eitelkeit ge⸗ ſchmeichelt, daß die ſtolze, ſchöne Weltdame, die mit einer ſolchen Sprödigkeit die Bewerbungen ſo vieler Anbeter perſchmähete, auf ihn allein einen geneigten Blick gewor⸗ fen... Dann entſtand der Gedanke, wie dieſe lieben mußte, wenn die wahre Liebe ſie durchdränge! Wenn die Leidenſchaft die Eisrinde ihres Herzens durchbräche, wel⸗ cher Quell der Seligkeit würde aus dieſem für alle zar⸗ ten Gefühle bisher fremd gebliebenen Herzen rauſchen! Doch das iſt unmöglich! Es gibt keine Sonne, die dieſe Eisrinde zu ſchmelzen vermochte... Wjera iſt ſo un⸗ beugſam und zugleich ſo kokett.. Dieſes Weib will die ganze Welt, ihn, Neweki, mit eingeſchloſſen, zu ihren Füßen ſehen, ſich an dieſem Anblicke weiden, und dieſe Welt von Thoren, und beſonders ihn, Newski, auslachen und verſpotten. So ließ er ſich nach und nach, theils aus Eitelkeit, theils aus Stolz oder Neugierde hinreißen, bis er unbemerkt von wahrer Liebe entbrannte. Er war auferſtanden! Eine neue Welt, voller Liebe und Seligkeit lag vor ihm. Newoki hatte Wjera nicht betrogen, als er ihr ſchwur, daß er für ſie alles zu opfern bereit ſei: ſein Leben, ſein irdiſches und künftiges Heil; er trieb nicht ſeinen Spoit mit dem heiligſten Gefühle, als er den Ge⸗ genſtand ſeiner Liebe aus dieſer Welt hinübertragen wollte,. 93 in eine von ſeiner Phantaſie erſchaffene, in eine blumigte, regenbogenfarbige, nur Hoffnung und Glück athmende Welt! Endlich war es ihm gelungen, das zu erreichen, was ſeine Einbildungskraſt, ſein Herz das wahre Glück nannten; und wann war er ans Ziel gelangt? Da er von der Ueberzeugung durchdrungen war, das Glück ſei. nicht von dieſer Welt. Nach all dem kann man ſich leicht denken, wie Newöki zu Muthe war, da dieſe Phantaſiewelt nun zer⸗ trümmert worden, und zwar von derjenigen, für die er ſein Leben, ja mehr als das Leben gevpfert hatte. Nun wird man ihm wohl ſeine Gleichgültigkeit, ſeine Kälte für Finski, für den beſten Freund, für den edelſten Men⸗ ſchen etwas nachſehen. Als Miller einen todesblaſſen, unbeweglich im Lehn⸗ ſtuhle hingeſtreckten Menſchen ſah, erinnerte er ſich, daß er jemanden aufſuchen wollte: mehr war er nicht im Stande zu faſſen und lehnte ſich inſtinktartig an die Wand, ohne ſelbſt zu wiſſen, was mit ihm geſchehen ſei. Die Lage Beider war entſetzlich. Für Newski hatte die Welt zu exiſtiren aufgehört, eine völlige Apathie bezeichnete die hoͤchſte Stufe der Verzweiflung. Die Mutter, die ihr letzes geliebtes Kind im Grabe liegen ſieht, weint nicht, ſondern blickt ſtarr auf das Grab„. Millers Ver⸗ zweiflung ſprach ſich durch eine phyſiſche und moraliſche Erſchöpfung aus. Er hatte den Glauben an das Daſein der Freude und Luſt, aber er war feſt überzeugt, daß ſie nicht für ihn beſtimmt ſind. Miller fluchte dem ihn ſo grauſam verfolgenden Schickſale; Newski fluchte Nieman⸗ den, weil er von Niemanden etwas erwartete, weil er an Niemanden mehr glaubte. Wer weiß wie lange dieſe zwei Menſchen in dieſem Zuſtande verblieben wären, wenn nicht die Erſcheinung einer dritten Perſon ſie aus ihrem völligen Selbſtvergeſſen gezogen hätte. Das Geraſſel eines Reiſewagens, das der Erſcheinung der dritten Perſon voranging, weckte ſie nicht; 94 das Geräuſch beim Eintreten blieb unbemerkt. Wer iſt aber dieſer ueue Ankömmling? Finski! Wie 2 fragt Ihr; Finski, der vor einigen Stunden ſchon die Stadt verlaſſen? Derſelbe. Er hatte ſchon beinahe zwei Poſtſtationen zurückgelegt, aber Newskis Bild verließ ihn nicht für einen Augenblick. Finski konnte ſich nicht verzeihen, von ſeiner beleidigten Eitelkeit hingeriſſen, den Freund in einer ſo verzweifelten Lage verlaſſen zu haben, als ob Newski in dieſem Zuſtande ſeine Worte oder Handlungen bedenken koͤnnte. Er war freilich manchmal in einer ruhigern Stimmung gegen ſeinen Freund unge⸗ recht, doch wozu jetzt dieſe Erinnerungen, da es ſich um wichtigere Dinge handelt... Finski dachte nicht mehr an ſeine Geſchäfte, von denen vielleicht ſein ganzes Ver⸗ mögen abhing und kehrte nach Petersburg zurück. Er war betroffen, Neweki in derſelben Lage, wie er ihn ver⸗ laſſen hatte, zu finden. Er näherte ſich ihm mit aller möglichen Sanftheit, ergriff ſeine Hand und ſie leicht ſchüttelnd ſprach er: „Modeſt!„ denke, daß du einen Freund haſt Ueberlaſſe dich nicht ſo der Verzweiſlung. Modeſt ängſtige mich„ ängſtige Marie nicht, die du ſo ſehr liebſt. Modeſt, Modeſt! Newski kam zu ſich. „Alexander! Du biſt es?2„ „Ja, ich!“ „Du biſt ſchon zurück„ Iſt denn ſchon ſo viele Zeit verfloſſen? „Vor einigen Stunden 4 „Doch Deine Geſchäfte leiden keinen Aufſchub „Es geſchehe was da wolle! Ich dachte auf dem Wege an Dich und kehrte um Gott ſei Dank, daß ich Dich nicht allein gelaſſen habe. „O, Du wahrer Freund 4 „Wenn Du mich wirklich als ſolchen betrachteſt, ſo bringe mir ein Opfer„ 95 „Welches 2“ „Erhebe dich aus Deiner Apathie.... Suche Dich zu zerſtreuen. fahre aus! wenn auch nur zu den Umanskis.... „Wenn Du es haben willſt ich will mir Mühe geben. Du wirſt mit mir zufrieven ſein. E Finski drückte ihm gerührt die Hand; dann wollte er ins andere Zimmer gehen, um noͤthige Befehle zu er⸗ theilen, als er auf Miller ſtieß.. „Was ſoll das?7 4ℳ Newoki wendete ſich um. „Wahrlich, ich weiß nicht, ich ſehe zum erſten Male „Verehrter Herr, verehrter Herrt „Nun?„was? „Was iſt Ihnen gefällig? wenn Sie als Nachtwandler hier eingetreten, ſo können Sie wieder ehen.“ Miller rieb ſich die Augen, als ob er wirklich ge⸗ ſchlafen hätte. Er ſuchte ſich zu erinnern, wo er ſich be⸗ finde, und weßwegen er gekommen „Sie ſagen, ich ſei ein Nachtwandler ich glaube nicht.. Ach, das ſind Sie ja, Herr Finski! Und man ſagte mir, Sie wären verreist 7 Man hat mich alſo betrogen Gut, daß ich es nicht geglaubt Ich habe Ihnen eine Sache von der äußerſten Wichtigkeit mitzutheilen„. Iſt es Ihnen nicht ge⸗ fällig, mir zu erlauben Ihnen allein ℳ „Wollten Sie mir nicht wenigſtens ſagen, mit wem ich die Ehre habe zu ſprechen; ſonſt ſind Sie im Vor⸗ theile: Sie kennen mich, ich Sie aber nicht.“ „Ich ſelbſt komme hier nicht in Betracht. Wenn Sie übrigens durchaus wiſſen wollen ich heiße Miller, war Ihr Schulkamerade, meiner Beſchäftigung nach Maler Iſt es Ihnen jetzt gefällig mit mir allein zu ſprechen. Die Sache erfordert die größte 96„ Verſchwiegenheit: von ihr hängt das Loos zweier Lei⸗ denden ab.“ „Sie können vor meinem Freunde ſprechen „Vor Newski? Nein, das kann ich nicht, er iſt ein zu vornehmer Herr, um die menſchlichen Leiden zu begreifen.“ 5 Eine bittere Ironie für Newski! „Könnten Sie nicht Ihre Bemerkungen für ſich be⸗ halten?“ „Ich will ſie ſogar ganz beſeitigen, jetzt iſt keine Zeit an Newoki zu denken. Wichtigere, heiligere Gegenſtände ſollen uns Beide jetzt beſchäftigen wir müſſen ihnen nicht nur unſere ganze Aufmerkſamkeit ſchenken, ſondern ſogar unſer Leben zum Opfer zu bringen bereit ſein, wenn es nöthig wäre.“ Miller und Finski gingen in das Kabinet des Letz⸗ teren. Miller las den letzten Willen vor, den Jennys und des Zerlumpten Vater niedergeſchrieben, und erzählte dann vom Looſe der beiden Dulder. Es läßt ſich nicht beſchreiben, welchen Eindruck dieſe Erzählung auf den dem Anſcheine nach kalten Charakter Finskis machte; er war nicht mehr zu erkennen, als er wieder zu Newski zurück⸗ kehrte: Finskis Geſicht hrannte vor Ungeduld; in allen ſeinen Bewegungen ſprach ſich eine moraliſche Umwand⸗ lung ausz ſein phlegmatiſches Temperament hatte einen gewaltigen Anſtoß erhalten; Finski trat in eine neue Lebensphaſe... „Modeſt! ſchüttle die Sorge von Dir ab, lebe wie⸗ der auf! Dein Beiſtand wird mir nöthig ſein, und jetzt iſt die Reihe an Dir, mir zu dienen, mir Freund zu ſin Nie hatte Finski in einem ſolchen Tone geſprochen, der in ſeiner Freundſchaft ſchüchterne Finski, er, der ſie nie zu zeigen, geſchweige in ihrem Namen Opfer zu for⸗ dern gewagt hatte. „Schrecklich, ſchrecklichl!„ was in der Welt ——— 97 vorgeht.. WModeſt, gehe zu den Umanskis, gehe wo⸗ hin du willſt... Laß uns allein: wir haben noch vieles zu beſprechen, wir werden manchen hieher zu bitten doch alles dieſes bleibt indeß ſogar für Dich Ge⸗ eimniß.“ Eigentlich ſuchte Finski ſeinen Freund aus dem Hauſe zu bringen, damit er ſich zerſtreue. Für Newski war Finskis Wunſch wenn auch nicht Lebenszweck, wenigſtens der Schatten davon. Elftes Kapitel. Per Pweifel. Marie hüpfte Newski ſtrahlend vor Freude entgegen. Sie war ſo glücklich, daß ſie nicht das ſo ſchrecklich ver⸗ änderte Geſicht ihres Freundes bemerkte. Die Liebe iſt im höchſten Grade egoiſtiſch. Die immer klaren Augen Mariens ſtrahlten jetzt ſo freudig und ſelbſt zufrieden, und verliehen ihrem, wie ſchon bemerkt, nicht gerade ſchönen Geſichte, einen ſolchen Reiz, eine ſolche Lieblich⸗ keit, ſpiegelten die Reinheit ihrer Seele und die Unſchuld der ſie in Anſpruch nehmenden Gedanken aufs deutlichſte ab. Augen ohne Ausdruck, ſie ſeien noch ſo ſchon, gleichen einem wolkenloſen Himmel ohne Sterne: Mariens Angen waren wie der blaue, ſternbeſäete Himmel. „Was ich Dir zu ſagen habe, Modeſt! 4 „Daß Du heute ſehr luſtig und ſchön biſt.“ „Aber warum?“ „Das iſt ſchwer zu errathen! In deinem Alter er⸗ götzt uns ſo Vieles.“ „In meinem Alter!„. Das, was ich Dir ſo⸗ gleich ſagen werde, wird Dich überzeugen, daß für mich ſchon die ernſten Jahre, die Jahre der Erfahrung und des gereiften Urtheils eingetreten ſind.“ „Wir wollen ſehen„ 99 „Wir wollen ſehen! Ich bitte mit mehr Ehr⸗ furcht zu ſprechen..“ ſprach ſie in einem ſcherzhaft ernſten Tone:„ich ſage Ihnen, ich bin kein Kind mehr.“ „Ich bedauere. Du warſt ein ſo herrliches Kind; gebe Gott, Du bliebeſt es immer.“ „Phantaſiegebilde, Modeſt. Was würde Mamma dazu ſagen, wenn ich mein ganzes Leben lang, wenn auch kein Kind„das iſt unmöglich,— aber ein Mädchen bliebe! mit einem Worte, wenn ich mich nicht ver⸗ heirathete.“ „Ah, alſo vom Heirathen iſt die Rede?“ Marie wurde ſo roth wie das hellrothe Tüchelchen, das ihre runden, wahrhaft gemeißelten Schultern bedeckte und drückte ihr Geſicht ſchweigend auf Newskis Arm. Das Schweigen dauerte einige Zeit. Newoki gab ſich der ihn bewältigenden Verzweiſlung hin; Marie wußte nicht, wo ſie anfangen ſollte, erröthete und kam aus der Faſſung. „Höre, Modeſt! Kennſt Du Lenin?„ „Eine ſchöne Frage „Ja nicht das wollte ich fragen! Du weißt wie treubrüchig die Männer Ich rechne Dich nicht zu ihnen. Aber Mamma ſagt, daß der ehe⸗ loſe Stand uns weder Gläck noch Seelenheil bringt Ich will es Dir nicht verbergen, daß wenn man ſchon durchaus heirathen muß, ich wohl den Vorzug geben würde„ „Doch nicht Lenin „Modeſt! Du ſcherzeſt und weißt nicht wie weh Du mir thuſt „Marie, meine Theuere,“ ſagte Newski mit Zärt⸗ lichkeit, von der Theilnahme für die geliebte Schweſter hin⸗ geriſſen:„Du biſt... verliebt in Lenin ver⸗ liebt. es kann nicht ſein! 4 „Natürlich kann es nicht ſein! Sich in einen Mann 100 verlieben!.... pfull!„es wäre eine Schande! mogen ſie ſich verlieben, aber nicht wir!“ „Du biſt ſehr eitel.“ „Rein, das bin ich nicht, aber ich weiß wohl, daß nicht Lenin allein in mich verliebt iſt.. „Lenin verliebt!. „Das wäre eben kein Wunder„ aber ein Welt⸗ wunder iſts, daß unſer Philoſoph, unſer Menſchenfeind Finski verliebt iſt!.... „Gott ſei mit Dir, Marie!“ „Ich ſcherze nicht: ich bin überzeugt, daß er in mich verliebt iſt. Sage immerhin, daß ich noch ein Kind bin aber ich habe deutlich geſehen, daß ſeine ſchmachtenden, flehenden Augen auf mir ganz anders als auf einer Andern rnhten; mit andern iſt er kalt, leiden⸗ ſchaftslos, mit mir ſchüchtern, unruhig, ſeine Rede un⸗ terbrochen, verworren, anziehend. Er ſchien es zu vet⸗ meiden, mir zu begegnen, und doch traf es ſich immer, daß wir aufeinander ſtießen, wenn wir zuſammen in Ge⸗ ſelſchaft waren. O, wenn Dir Finski nichts geſagt hat, ſo iſt er ſehr zurückhaltend„. frage ihn aus, berühre ſeine zarte Saite, doch wiſſe, daß ſie keinen Ton von ſich gibt, wenn Du es nicht verſtehſt, gehörig anzu⸗ ſchlagen Newski rief ſich mehrere Andeutungen ins Gedächt⸗ niß zurück, die ſein Freund einem Bekenntniß voraus⸗ ſchicken wollte, die er aber damals nicht verſtand, weil er durchaus nicht daran dachte, daß Finski ſich verlieben konnte, und mit ſeinem Außenleben zu ſehr beſchäftigt war. Jetzt niſtete ſich ein Zweifel unwillkürlich in ſein Herz. Aber wie konnte Finski, vieſer ergebene, dieſer er⸗ probte Freund ihm ein Herzensgeheimniß verbergen, um ſo mehr, als er auf Newokis Beihilfe mit Beſtimmtheit zählen konnte. Vielleicht entſchloß er ſich eben deßwegen nicht, es zu entdecken er fürchtete als Bittender aufzutreten, wo er eine abſchlägige Antwort erhalten 104 konnte. Sein Stolz verwahrte ihn vor einer Demüthi⸗ gung. Ueberdem konnte die Liebe ſolcher ercentriſchen Leute wie Finski ihre Andern unbekannten Launen haben: er ſchämte ſich vielleicht der Liebe als einer Schwäche. „Aber erlauben Sie mir die Frage. woher wiſſen Sie es denn?“ fragte endlich Newski ſeine Muhme. „Ich?„Ach du mein Gott! Wie ſoll ich es nicht wiſſen! es iſt ſo klar. Ich habe es beim erſten Blicke errathen. „Und was weiter?.. 20 „Und bedauerte ihn. er iſt Dein Freund!“ „Sonſt nichts?“ „Sonſt nichts!. „Du haſt ihm Lenin vorgezogen 2 „Ich habe ſie durchaus nicht verglichen. Aber höre, Modeſt, ich will nicht davon ſprechen, daß Lenin verſtän⸗ dig, gut und liebenswürdig„. daß ich ſein. daß er mir mehr als alle Andern gefällt.. ich bitte Dich bloß, ſei für einen Augenblick ein Frauenzimmer und antworte mir: könnteſt Du einen Mann lieben, den man vor dem von ihm geliebten Weibe beleidigt, ernied⸗ rigt, und der alles ruhig, ſchweigend hinnimmt; der den von demſelben Weibe einem Andern ertheilten Vorzug gleichgültig betrachtet, oder ſeinen Unwillen ihr, aber nicht ſeinem Nebenbuhler zu zeigen ſich Mühe gibt, wäh⸗ et er voch eigentlich auf ihn ſeinen Groll entladen ollte. „Genug, Marie, genug.. Wenn Du aus was immer ſolche Schlußfolgerungen ziehſt, biſt Du in einem fürchterlichen. Irrthume befangen. „Und doch iſt die Sache ſehr klar: Du warſt ſelbſt Zeuge und fuhrſt auf über die einem Andern zugefügte Kränkung. „Wann?. Wie war das? 4 „Auf der letzten Soirée bei uns erinnerſt 102 Du Dich, vor der Ankunft des Grafen nach Dei⸗ nem Unfalle in der Sumpfſtraße„ „Jetzt erinnere ich mich.. Es fiel etwas vor gewiſſe beißende Anſpielungen von Lenin. Aber höre, meine Theuere, Du biſt ſehr bekannt in Her⸗ zensangelegenheiten: in einem ſolchen Falle erräth ein Frauenzimmer mehr aus Inſtinkt, als wir aus Erfahrung; doch Du biſt nicht in die Lebensgeheimniſſe, in die My⸗ ſterien der Geſellſchaft eingeweiht, deren Bedingungen und Forderungen mit denen des Herzens in Widerſpruch ſte⸗ hen. Weißt Du es, daß Finski nicht anders handeln konnte, daß er all die unwürdigen Ausfälle Lenins nur mit Verachtung zahlen mußte, daß er ſelbſt ſo gehan⸗ delt haben würde, wenn ſich all dieſes außer Euerm Hauſe in bloßer Männergeſellſchaft ereignet hätte. „Das weiß ich nicht, aber ich kann mir dieſe Ver⸗ achtung nur als Feigheit, als eine für einen Mann un⸗ würdige Feigheit vorſtellen.“ Marie gerieth, Lenin in Schutz nehmend, immer mehr in Eifer, ohne zu bemerken, daß ſie nach und nach ihr Herzensgeheimniß ausplauderte... „Kannſt du es denn verſtehen, daß Finski eine noch kränkendere Beleidigung von Lenin ertragen mußte, weil er von ihm keine Genugthuung fordern kann, wie es zwiſchen ſeines Gleichen der Fall iſt.... „Und warum denn nicht hier, wenn ich fragen darf? Weil Finski ein Feigling.. „Warum frägſt Du mich, wenn Dir die geſellſchaft⸗ lichen Verhältniſſe ſo genau bekannt ſind?.. „Nein, Modeſt, nicht ſo, ſage mir, belehre mich.. Ich kann Finski nicht lieben, möchte ihn aber nicht ver⸗ achten Warum kann Finski von Lenin für eine Beleidigung keine Genugthuung fordern?“ „Weil Lenin, ohne von ſeinen übrigen Eigenſchaften zu ſprechen, nicht mehr und nicht weniger als der Sohn eines Küſters iſt! 103 Neweki fühlte auf ſeinem Arm eine bedeutende Schwere: er ſchauete ſich um und ſchrie vor Schrecken auf. Marie hielt ſich kaum auf den Füßen; bleich und unbeweglich lehnte ſie an Newski's Arm. „Was iſt Dir, meine theuere Marie?“ „Nichts, gar nichts, konnte ſie kaum ausſprechen: ich bekam plotzlich einen ſolchen Schwindel es wurde mir ſo übel... nun iſi's vorbei.“ Sie ließ ſeinen Arm los, verließ aber nicht das Zim⸗ mer, ſei es, weil ſie ſeinen Argwohn zu erregen fürchtete, oder weil die Neugierde ſie zurückhielt. „Alſo das iſt's!“ ſagte ſie in einem erzwungen ſcherz⸗ haften Tone. Ich hätte in Ihnen, Monſieur Modeſt, nicht einen ſo tapfern Vertheidiger ariſtokratiſcher Grundſätze erwartet. Sie verachten alſo einen Menſchen, weil er von plebejiſcher Herkunft iſt, obgleich ſein Verſtand, ſeine Fähigkeiten ihn hoch über manche adlige Kreiſe ſtellen, obgleich ſein Gemüth edler als das manches Edelmannes, und vertheidigen einen Andern, weil er von reiner Race. Nein! wir Frauen geben unſerer Duldung einen größern Spielraum; wir ſind, zu unſerm Unglücke, oder vielleicht zu unſerm Glücke in die Geheimniſſe der Genealogie nicht ſo tief eingeweiht, und glauben Sie mir, wir werden einen Menſchen um ſo eiſriger vertheidigen, je eiſriger Sie ihn verfolgen.“ „Mademoiſelle Marie! Finski benöthigt meine Ver⸗ theidigung nicht; was Lenin betrifft, werde ich mich nie ſo ſehr erniedrigen, um ihn zu verfolgen. Zwiſchen dieſen Beiden kann gar kein Vergleich ſtattfinden, ſei es in Be⸗ zug auf ihre leibliche als geiſtige Herkunft. In bin nicht zu ſehr von den Vorurtheilen des Adels angeſteckt, aber nur die äußerſte Nothwendigkeit würde mich beſtimmen, mich mit Lenin zu ſchlagen. Mit ihm kommt man übri⸗ gens nie ſo weit.“ „Gewiß nicht, weil ſeine Tapferkeit allbekannt iſt, und nicht jeder ſich entſchließen würde, ſie zu verſuchen.“ 104 „Warum nicht gar! was Du mir da ſagſt! ich habe bis jetzt kein Sterbenswörtchen davon gewußt,“ ſagte Newski mit bitterer Ironie.„Lenin ſelbſt wird eben ſo wenig davon wiſſen. Gewiß fällt es ihm gar nicht ein, in Ihnen eine ſo eifrige Vertheidigerin zu beſitzen.“ „Nicht in mir allein: Papa und Mamma, deren Meinung für mich heilig iſt, nähren eine hohe Achtung vor dem Verſtand, den Talenten und den Gemüthseigen⸗ ſchaften Lenins. Sie lehrten mich dieſen Mann ehren, lieben.“ Marie brachte die letzten Worte mit Anſtrengung etv 5„Das hätteſt Du längſt ſagen ſollen. Ich wäre we⸗ nigſtens nicht veranlaßt worden, ſo viele bittere Wahrhei⸗ N ten vorzubringen. Aus Deinen letzten Worten erſehe ich, daß hier ſchon der elterliche Wille in ſein Recht getreten iſt; ſage alſo gradezu, daß Du ſchon Braut biſt. Das hätteſt Du mir früher ſagen ſollen!“ „Wir wußten, daß Du dagegen ſein würdeſt „Gott mit Euch! Gebe der Himmel, daß Du mit ihm glücklich ſeieſt,— wenn dies nur möglich iſt.“ Mariens Vater unterbrach die für Beide und beſon⸗ ders für die arme Marie allzu läſtige Scene. Trotz ihrer eigenen Worte, hatte der Zweifel in ihrem Herzen Platz gefunden. Sie hatte ſchon früher Newoski's Meinung von Lenin geahnt, aber ſo offen ausgeſprochen,— ward ſie von ihr betroffen.„Der Sohn eines Küſters! Schadet ihm dieſes in der Geſellſchaft? Iſt ihm dies ein Vorwurf, der ihm fortwährende Erniedrigungen bringen ſoll? Sei dem ſo! Um ſo weniger darf ich ihn verlaſ⸗ ſen, ich werde ihn auf dem dornichten Pfade, den ihm das Schickſal ſelbſt beſtimmt hat, aufrecht erhalten, und er ſoll in meiner unbedingten, unbegränzten Liebe Troſt finden.“ Und Marie regte ſich immer mehr auf, bis ſie ſich zu dieſem Grade der Selbſtaufopferung erhob! Trotz dem, daß die Wärme, mit welcher Newski mit Marie geſprochen, die Bläſſe ſeines Geſichtes etwas — 105⁵ vermindert hatte, entging doch ſein verſtörtes Ausſehen dem alten Umanski nicht. Die Theilnahme des Vaters und der Tochter wendeten ſich ihrem Lieblinge zu, der die Letz⸗ tere ſo eben zur Verzweiflung gebracht hatte und die im Stillen ſich vornahm, bei gelegener Zeit ſich zu rächen, aber nicht jetzt, wo Newski ſo ſehr litt, ja wo vielleicht eben dies die Urſache ſeiner Aufgeregtheit war. „Und welchen Erfolg hatte Piroſchkows Maſchine?“ fragte Umanski nach mannigfaltigen Geſprächen. „Mein Gott!“ rief Newski in ſichtbarer Verzweiflung aus:„ich habe ſie ganz vergeſſen.. Ich bin ſo un⸗ glücklich, daß in meinem Herzen nur der Gedanke an meine eigene Lage Platz findet. Armer, armer Piroſchkow, wie müſſen ſie ihn ohne mich zugerichtet haben! Ich muß ſogleich zu ihm, um das Urtheil des Gelehrten⸗ ausſchuſſes zu erfahren.“ Kehren auch wir zu Piroſchkow, nur um einige Stun⸗ den früher, zurück. Petersburg am Tage wc. U. 8 Zwölftes Kapitel. Der Gelehrtenausſchuß. Neweki hatte ſeine Gründe, ſich nicht an die von der Regierung angeſtellten Gelehrtenausſchüſſe zu wenden. Dieſe hätten Piroſchkow gerettet, denn die der Wiſſenſchaft wahrhaft ergebenen Perſonen laſſen ſich ſelten von der Lei⸗ denſchaft hinreißen und beurtheilen jeden Gegenſtand, ohne ſich von Perſonen oder Umſtanden leiten zu laſſen. Zur Prüfung der außerordentlichen Entdeckung Piroſchkows wurde daher ein beſonderer Ausſchuß zuſammengeſetzt, be⸗ ſtehend aus Perſonen, die in der Geſellſchaft eine gewiſſe Berühmtheit genoſſen. Newski dachte nicht daran, daß ſich eine derartige Berühmtheit nicht immer durch reelle Dienſte erwerbe, und daß mancher Seitenweg viel ſicherer als die wirkliche Befähigung zum Ziele führe. Vielleicht rechnete auch Newski darauf, daß einige der den Privatausſchuß bildenden Mitglieder ihm beſonders verpflichtet und dem Anſcheine nach ſehr ergeben waren und dieſe die geniale Erfindung Piroſchkows aufrecht erhalten werden. Der Ausſchuß hatte ſich verſammelt. Es befanden ſich hier wirklich einige wiſſenſchaftliche Celebritäten. Der Aelteſte im Range nahm den Präſidentenſtuhl ein; es war ein gelehrter Naturforſcher, der ſchon einigen Thieren und Steinen ſeinen Namen gegeben hatte. Freilich wurden 107 dieſen Thieren und Steinen nicht ſelten ihre urſprünglichen Namen wiedergegeben, den Thieren in Folge näherer wiſ⸗ ſenſchaftlicher Erläuterungen, die ihre ſcheinbaren Unter⸗ ſchiede von der allgemeinen Geltung aufhoben, und den Steinen in Folge chemiſcher Analyſen, die ſelbe auf den frühern Platz, in dieſelbe Ordnung zurückriefen. Doch unſerm Naturforſcher blieb wenigſtens zum Erſatze ein berühmter Name. Neben ihm ſtand am Fenſter ein Bu⸗ reau, an welchem Jemand mit dem Rücken gegen die Wand ſaß, ſo daß man ſein Geſicht nicht ſehen konnte; er war eifrig mit Berechnungen und Notiren beſchäftigt. Einige Perſonen nahmen am langen mit rothem Tuche bedeckten Tiſche Platz, andere ſpazierten um die Maſchine herum, die den größten Theil des großen Saales ein⸗ nahm, in dem ſich der Gelehrtenverein verſammelt hatte. Die Maſchine erhob ſich ſtolz, durch ihre Zuſammenſetzung die Augen des Profanen frappirend. Und all dieſes belebt ſich, bewegt ſich, folgſam dem Willen und dem Wiſſen eines einzigen Menſchen, und vieſes ſcheinbare Chaos von Walzen, Rädern und Springfedern hat ſeine regel⸗ rechte Ordnung, ſein Ebenmaaß. Mein Gott! wie ſchön muß es ſein, wenn all dieſes zu ſchnarren, zu wirbeln, zu kreiſen beginnt! Wie freudig muß dem zu Muthe ſein, der einen ſo mächtigen, gewaltigen Faktor erſchaffen! Auf der ſichtbarſten Fläche der Maſchine war ihr Name zu leſen:„El⸗Okab“, der Adler. Die Ungeduld der An⸗ weſenden ſprach ſich auf ihren Geſichtern und in ihren Worten aus. „Es iſt bald ein Uhr, und unſer Gelehrter iſt noch nicht da. Treibt er ſeinen Scherz mit uns?“ bemerkte ein Mitglied des Ausſchuſſes. „Und nicht die leiſeſte Spur einer Küche in der Nähe; nicht einmal die Spuren eines kalten Imbiſſes.“ „In rerum naturaz doch wer weiß? Vielleicht ſeine wunderbare Maſchine auch ein Früh⸗ u 108 „Er ſetzt wahrſcheinlich voraus, daß die mathemati⸗ ſchen Berechnungen uns ſättigen.“ „Sollen wir nicht auseinandergehen? Iſt es nicht eine Myſtificativn des Herrn Newski?“ „Das wird er ſich nicht erlauben! Ich kenne ihn genau; er iſt ein wahrhafter, achtungswerther Beſchützer der Wiſſenſchaften...“ „Aber erlauben Sie, meine Herren, ſo lange auf ſich warten zu laſſen!“ rief ein Mitglied unwillig aus: Die Entdeckung, daß keine Spur eines Frühſtückes vorhanden war, auf das er, als einem unumgänglichen Zubehöre eines privaten Gelehrtenausſchuſſes, ſtark rechnete, hatte auf ihn heftig gewirkt. Je länger die Geſellſchaft wartete, deſto ungeduldiger wurde ſie. Jemand bemerkte leiſe: „Welches Selbſtvertrauen! Ein wahrhaft gelehrter und würdiger Mann iſt immer beſcheiden, traut ſich ſelbſt am wenigſten aber hier. den ganzen Gelehrten⸗ ſtand ſo geringzuſchätzen!“ Die verehrte Geſellſchaft entſchloß ſich endlich, aus⸗ einanderzugehen, als Naſar Naſarowitſch außer Athem in den Saal gelaufen kam und von der zahlreichen Ver⸗ ſammlung überraſcht, betroffen ſtehen blieb; er ſah keinen einzigen Bekannten, kein einziges freundliches Geſicht.. Er wäre bereit geweſen, lieber in die Erde zu verſinken, als ſich dieſem ſchrecklichen Gerichte zu ſtellen. „Ach Newski, Newski, was haſt Du mit mir ge⸗ macht!“ dachte er. Piroſchkow, in ſeinem blauen Fracke mit langen Schößen, mit großen Meſſingknöpfen, mit der in Folge der Eile ſchief gerückten Perrücke, in Angſt und Ver⸗ wirrung ſich an die Wand lehnend, rief mehr als ein Lächeln, mehr als eine ſpitze Bemerkung auf die Lippen von Leuten hervor, die ſich nicht bloß durch tiefe Gelehr⸗ ſamkeit, ſondern auch durch feine Manieren, als einem 109 unumgänglich nothwendigem Zubehör der encyklopädiſchen Bildung eines Gelehrten unſerer Zeit auszeichneten. Der Präſident lud Naſar Naſarowitſch kalt aber höflich ein, Platz zu nehmen und befahl dem Sekretär, die Analyſe des neuen Mechanismus vorzuleſen. Piroſch⸗ kow kam die Stimme des Sekretärs nicht fremd vor und obgleich er ſeitwärts ſtand, ſchienen ihm doch die Geſichts⸗ züge an irgend einen nähern Bekannten zu erinnern. Die von Newski verfaßte Auseinanderſetzung hatte ihn durch ihre Klarheit, Genauigkeit, wie durch die Kraft des Ausdrucks, frappirt; ſie ſchien ihm hier, im Munde eines Andern, ganz neu, obgleich Piroſchkow ſie ſchon früher geleſen hatte. All dies beruhigte ihn etwas und er kam von ſeiner erſten Verwirrung zu ſich. „Richten wir vor Allem unſere Aufmerkſamkeit auf die Benennung der Maſchine und ihrer mamnigfachen Theile,“ ſagte der Präſident.„Bis jetzt war es Sitte, jede neue Entdeckung, Erfindung, Vervollkommnung ent⸗ weder mit dem Namen des Erfinders, Entveckers,“— der Präſident warf einen ſtolzen Blick auf die Geſell⸗ ſchaft—„oder mit griechiſchen oder lateiniſchen Namen zu belegen: auf ſolche Weiſe wird der Gegenſtand ſchon durch die bloße Benennung für Jeden begreiflich.(Der Präſident vergaß, daß die griechiſche und lateiniſche Sprache durchaus nicht Jedem begreiflich iſt und die Be⸗ nennung der Gegenſtände nach dem Namen des Ent⸗ deckers nichts erklärt.)„Ich frage nun, fuhr der Präſident fort, was bedeuten die hier aufgeführten Benennungen, welcher Sprache gehoren ſie an und haben ſie wirklich irgend eine Bedeutung?“ Der Naturforſcher ſchien wirklich eine Myſtiſikation zu befürchten; die Zuſammenſetzung, die Unbeſtimmtheit der Maſchine beim erſten Blick, die Unzugänglichkeit der Idee, die vielſeitigen Berechnungen, endlich die Benennung ſelbſt hatten ihn in eine große Verlegenheit verſetzt und dahin gebracht, mit Bezug auf den vorausgeſetzten, ſeinem 11⁰ Wiſſen zu ſtellenden Hinterhalt vorſichtig zu verfahren. Seine Kenntniſſe waren nemlich, trotz der allgemeinen Reputation, beſonders im Fache der mathematiſchen Wiſ⸗ ſenſchaften, eben nicht ſehr ausgedehnt. „Ich war der Anſicht, daß die Namen nicht von beſonderer Wichtigkeit ſind,“ antwortete Piroſchkow,„und habe, meinem Freunde Newski zu Gefallen, arabiſche Benennungen gewählt. Ich bin überzeugt, daß die Herren Anweſenden mir dieſe kleine Abweichung von der Form verzeihen, im Falle in derartigen Fällen allgemein ge⸗ bräuchliche, unveränderliche Formen exiſtiren.“ Schüchternheit in kriminellen Fällen läßt auf die wahrſcheinliche Schuld des Angeklagten, in wiſſenſchaft⸗ lichen Gegenſtänden— auf ſchwankendes Wiſſen ſchließen. Es iſt unnöthig, zu bemerken, wie unrichtig derartige Schlüſſe zu ſein pflegen. Doch trotzdem beſtärkte ſich der Präſident immer mehr und mehr in ſeiner unglück⸗ lichen Anſicht, in Bezug auf die Myſtifikation, bei wel⸗ cher vielleicht Piroſchkow ſelbſt nur das unſchuldige Werk⸗ zeng eines Andern ſei. Der Präſident ſchwieg. Der Sekretär reichte ihm einen mit Berechnungen vollgeſchriebenen Bogen. Der Naturforſcher betrachtete ihn, fing ſeine Bemerkungen von den einzelnen Theilen an, die eigentliche Idee der Erfindung, die tiefe, ihm unzugängliche Idee unberührt laſſend. Das Wiſſen ſeines Sekretärs, eines noch jungen Menſchen, beſchränkte ſich auf das in der Schule, ohne jedwede praktiſche Anwendung, ohne irgend eine Ideen⸗ entwickelung Erlernte. Dieſer Sekretär war niemand anders als Newſgodin, der ſchon das Vertrauen und die Liebe des Naturforſchers ſich zu erwerben gewußt atte. „Die Maſchine iſt bei Ihnen für fünf Kräfte be⸗ rechnet. Indeſſen ſcheint ſie, nach unſerer Berechnung, nachdem wir die unveränderlich gegebenen und von Ihnen uns mitgetheilten in Anſchlag brachten, wenigſtens ſieben — — 11¹ Kräfte in Anſpruch zu nehmen. Warum ſind hier zwei Kräfte verheimlicht? Nicht darum, damit die Maſchine bei ihrer Wirkung auf eine geringere Schwere ſich freier, leichter unaufhaltſamer bewege?“ „Verheimlicht.. Mein verehrter Herr, hier iſt nichts verheimlicht. Wenn Sie Ihre Aufmerkſamkeit auf die Vielſeitigkeit der Apparate richten, die nur dazu dienen ſollen, die Allgemeinheit der Verwendbarkeit der Maſchine darzuthun; wenn Sie in Anſchlag bringen, daß Alles nur von einem Rade in Bewegung geſetzt wird und daß allen Theilen eine verſchiedene Geſchwindigkeit mitgetheilt wird, wozu verknüpfende Mechanismen in hin⸗ länglicher Anzahl vonnöthen ſind,— ſo müſſen Sie ſich überzeugen, welcher große Kraftantheil zur Beſiegung des hier unvermeidlichen, aus der Verkettung der zackigen Räder miteinander entſpringenden Widerſtandes verwen⸗ det wird und können leicht berechnen, daß durchaus keine überflüſſige Kraft im Rückſtande bleibt.“ „Es folgt alſo daraus, daß der Widerſtand ſo groß iſt, daß zu ſeiner Aufhehung faſt ein Drittel der wirken⸗ den Kraft von Nöthen iſt? Gut, aber „Ich ſagte ſchon, daß dieſes die unvermeidliche Folge der Vielſeitigkeit der Apparate,— dies iſt übrigens Grund⸗ bedingung jeder Maſchine, ihre wirkende Kraft ſei wie immer beſchaffen; ſie kann alſo natürlich hier nicht als neu gelten und köͤmmt bei der Maſchine ſelbſt gar nicht in Betracht vermindern Sie die Zahl der Apparate und die Maſchine bedarf eines geringern Kraftaufwandes. Die Reibung der einzelnen Theile, als die Haupturſache des Widerſtandes, habe ich ſo viel als möglich durch dieſe ſchützenden elaſtiſchen Federn aus Reſina vermindert,— dieſe Federn nenne ich El⸗Egteraß(Bewahrer).“ „Ihre Federn vermehren, trotz ihrer arabiſchen Be⸗ nennung, den Widerſtand bei der allgemeinen Bewegung und fordern eigens für ſich einen bedeutenden Kraftauf⸗ 112 wand: das iſt die Urſache des ſo ſtarken Verluſtes der wirkenden Kraft. Eben dieſe Federn waren die Lieblingsidee Piroſchkows und erreichten wirklich ihren Zweck aufs Vortrefflichſte. Die Worte des Naturforſchers, auf einer grundloſen Vor⸗ ausſetzung fußend, da doch der Präſident die Wirkung der Maſchine ſelbſt noch nicht beobachtet hatte, dieſe lee⸗ ren Worte berührten die empfindſamſte Saite im Herzen des Naſar Naſarowitſch. „Nein, antwortete er barſch:— das iſt unrichtig. Ich will Ihnen das Gegentheil beweiſen mit einem eben von mir erfundenen Inſtrumente, Miſan⸗el⸗kue(der Kraftwäger) benannt. Wir brauchen nur die ſowohl für den Widerſtand der Maſchine als für ihre nutzbringende Wirkung ſelbſt verwandte Kraft zu meſſen, und zwar ſo⸗ wohl bei der Anwendung der El⸗Egteraſſe als ohne ſelbe, und Sie werden ſich überzeugen, daß im erſt angegebenen Falle viel mehr Kraft als im zweiten verloren geht.“ „Und wer birgt für die richtige Ausſage Ihres Mi⸗ ſan⸗el⸗kue?“ „Die auf allgemein bekannten Formeln und Berechnungen gegründete Probe.“ „Dieſe Formeln haben Sie nicht erfunden„ das iſt gewiß. Doch das wird gewiß für Jedermann neu ſein: Sie haben den ganzen Mechanismus außerhalb des Cen⸗ trums des Rades in der untern Hälfte deſſelben ange⸗ bracht: auf dieſe Weiſe verliert das in Bewegung ge⸗ brachte Rad die Gleichmäßigkeit der Bewegung, hält im Laufe an, dreht ſich langfam, unregelmäßig Ihr Mechanismus gleicht einem böſen Hunde, der ſich an die Seite dieſes unglücklichen Rades gehängt hat.“ „Aber, um Gottes Willen, wie können Sie dies alles behaupten, bevor Sie die Bewegung dieſes Mecha⸗ nismus beobachtet haben!“ „Das fällt ja beim erſten Blicke in die Augen; fra⸗ gen Sie einen Schüler und dieſer ſagt es Ihnen, daß * 113 wenn man den Mechanismus unfehlbar im wirkenden Rade anbringen muß, dies nicht anders als im Mittelpunkte deſſelben geſchehen kann.“ „Hat denn aber mein Mechanismus nicht ſeinen eigenen Mittelpunkt? Bewegt er ſich denn nicht um denſelben mit Berückſichtigung der allgemeinen Radbewe⸗ gung? Hat denn Wir wollen dem Leſer die langen Streitfragen erlaſ⸗ ſen, die der arme Naſar Naſarowitſch gegen die geſammte gelehrte Geſellſchaft durchfechten mußte. Wir bemerken— bloß, daß mehr und mehr von ſeinem Gegenſtande ange⸗ zogen, Piroſchkow weder ſchüchtern noch verlegen war. Der Präſident, gezwungen auf deſſen Behauptungen ohne vorheriges Nachſchlagen in ſeinen Büchern und ohne Be⸗ ſprechung mit ſeinem Secretäre zu antworten, zeigte in⸗ deſſen immer mehr ſeine Unwiſſenheit; kleinliche, unrichtige, bei den Haaren herbeigezogene Einzelnheiten ſpornten Piroſchkow noch mehr an und zerriſſen ſein von einem ſo unerwarteten Empfange blutendes Herz. Und er hatte ſich erſt vor Kurzem im Stillen vorgeſtellt, mit welchem Triumphe man ihn aufnehmen werde! Er hatte in der That Einwürfe erwartet, da er ſein Werk ſeibſt nicht als tadellos betrachtete; aber er erwartete ſolche Einwürfe, die ihm Nutzen bringen konnten, oder die er mit allem Aufwande ſeiner Gelehrſamkeit umſtoßen müßte, wobei er Gelegenheit finden würde, ſeine nicht unter das allgemeine Gleichmaaß des Wiſſens zu bringende, kühne, verſtändige, anziehende, durchaus originelle Auffaſſung auseinanderzu⸗ legen. Und hier befand er ſich in der Lage eines Men⸗ ſchen, den ein ganzer Bienenſchwarm umringte, deſſen er ſich kaum erwehren konnte, der ihn von allen Seiten ver⸗ wundete, und wobei die innere Bewegung ſeine Kraft er⸗ ſchöpfte. Man flel ihn an wie einen Feind, ja man be⸗ merkte ſo obenhin, daß ſeine Erfindung geradezu eine Marktſchreierei ſei. Doch was hatte der arme Piroſchkow gegen ſie verſchuldet?„. Sie fürchteten, daß man 114 ſie nicht wieder hinters Licht führe, wie das ſchon ſo oft geſchehen; ſie fürchteten eine Myſtifikation, ſie fürchteten aber auch Piroſchkows Ruhm. Und wer iſt dieſer Pi⸗ roſchkow? Er gehört nicht in ihre Gemeinſchaft, weder nach ſeiner Stellung in der Geſellſchaft, noch nach ſeinen gelehrten Dokumenten. Der liebe Himmel mags wiſſen, von wo dieſer Menſch herkömmt: niemand hat ihn früher gekannt. Der liebe Himmel weiß, was er für ein Wun⸗ der erdacht, was für eine kühne Theorie er erſchaffen haben mag„Doch warum beſchäftigten ſie ſich nicht ernſtlich mit der Erforſchung des ihnen vorgelegten Ge⸗ genſtandes? Das wäre zu viel verlangt! Sind ſie denn verpflichtet, ihre Zeit mit trockenen Berechnungen zu ver⸗ ſchwenden! Zahlt ihnen Jemand dafür? Sie verſam⸗ melten ſich zu richten, zu ordnen, durch ihren Scharfſinn zu glänzen, eine ſchmeichelhafte Erwähnung, eine Lobes⸗ erhebung in irgend einer Zeitſchrift oder in der Geſell⸗ ſchaft einzuernten und, zu guter Letzt, um ein gutes Frühſtück einzunehmen.... Und dieſe Theorie und die Erfindung? Dieſe iſt nichtig oder genial, je nach⸗ dem ſich der Erfinder benimmt.. Wäre Piroſchkows Maſchine einem der von der Regierung niedergeſetzten ge⸗ lehrten Comite's in die Hände gefallen, ſo wäre ſie nach Gebühr beurtheilt worden, freilich nicht ſo raſch, aber auch nicht ſo übereilt. Newski, raſch in ſeinen Voraus⸗ ſetzungen und in Vollziehung derſelben, hatte wahrſchein⸗ lich, eben aus Furcht zu viel Zeit zu verlieren, dieſen Ausſchuß von Privatgelehrten zur Beurtheilung eingeladen. Pipoſchkow war außer ſich. Gegen dieſe kleinlichen Anfälle blieb das wahre Wiſſen ohnmächtig: dazu braucht man einen leichten Witz, ein Uebermaaß von Charlatanerie. Der Bär kann mit all ſeiner Kraft nichts gegen einen Bienenſchwarm ausrichten. Der arme Naſar Naſarowitſch, dem bis jetzt die Welt ganz fremd geblieben war, konnte ſich eine ſolche Ungerechtigkeit der Menſchen kaum denken. Er dachte, daß die Bewegung der Maſchine ſelbſt am 8 — 1¹⁵ beſten von ihrem Nutzen überzeugen werde; daß die Her⸗ ren Mitglieder nur in einem Irrthume befangen, daß ſie beim erſten Blicke nicht in das Weſen der Theorie gehörig eingedrungen ſeien. Piroſchkow ſchlug ihnen daher endlich vor, die Maſchine in Bewegung zu ſetzen; die zur Her⸗ vorbringung der verſchiedenartigen Bewegung nothwendi⸗ gen Gewichte waren in Bereitſchaft geſetzt, die Apparate in Ordnung gebracht. Man brauchte nur eine Stunde, um alle Faktoren der Maſchine in Gang zu bringen, und eine zweite Stunde zur Beobachtung und zur Erhaltung überzeugender Reſultate. „Zwei Stunden! Mein Gott! Er will uns geradezu den Hungertod ſterben laſſen!“ „Zwei Stunden!“ wiederholte der Präſident. „Mein verehrter Herr,“ fuhr er fort, ſich an Piroſchkow wendend:„wo die Theorie auf falſchen Prinzipien ruht, kann unmöglich eine nützliche praktiſche Anwendung ſtatt⸗ finden; die Naturkräfte unterwerfen ſich nur dann dem menſchlichen Willen, wenn dieſer ſie vernünftig gebraucht, und nicht den unveränderlichen Geſetzen der Weltordnung Hohn ſpricht. Und darum,“ fügte er, ſich an die Aus⸗ ſchußmitglieder wendend, hinzu:„sapienti sat..4 Nach einem ſolchen weiſen Schluſſe erhob ſich der Naturforſcher von ſeinem Sitze und die Andern folgten ſeinem Beiſpiele. Piroſchkow ſtand da wie vom Blitze getroffen, die offenen Augen auf den unbeweglichen Punkt im Centrum ſeines Mechanismus gerichtet. Die Geſellſchaft ging hung⸗ rig, in ſehr ſchlechter Laune auseinander, indem der eine über das ſchlechte Wetter, der andere über das Schickſal und wieder ein dritter über die böſe Zeitrichtung, die ſo viel Marktſchreierel erzeuge, Klage führte. Der die Stelle eines Sekretärs vertreten hatte, erhob ſich zuletzt, nahm ſeine Papiere zuſammen und trat zu Piroſchkow. „Sie hatten unrecht, mein verehrteſter Naſar Naſa⸗ rowitſch, ſich nicht früher mit mir zu berathen,“ ſagte — 116 er mit dem Tone eines Gönners:„ich hätte Sie nie in eine Lage kommen laſſen, in die Sie ſich ſelbſt gebracht haben: Sie haben mit ihrem Newski viel Geräuſch ge⸗ macht, eine neue Theorie auspoſaunt... und was war die Folge?. Ein leeres Strohfeuer! Sie haben nur ſich kompromittirt, ja die Wiſſenſchaft ſelbſt, mit deren Namen zum Unglücke ſo viele Charlatane ihre Blößen decken wollen. Natürlich ſpreche ich nicht von Ihnen, wenn ich die Charlatanerie erwähne Sie wiſſen, wie ſehr ich Sie achte, ich rathe Ihnen daher, wenigſtens ſo ſchnell als möglich dieſes va(er zeigte auf die Maſchine) fortſchaffen zu laſſen... ſonſt wird es zur Vogelſcheuche dienen und die Tauben aus dem Schoppen jagen; Sie waren ja gegen dieſe unſchuldigen Vögelchen immer ſo gnädig; und um Ihnen die reine Wahrheit zu ſagen, es iſt gar nicht hübſch, wenn jemand dieſe Mißgeburt erblickt Warum ſie dem Spotte . Preis geben! Es iſt ja Ihr Lieblings⸗ werk Piroſchkow ſchwieg. Seine Augen glüheten. Ver⸗ gebens ſuchte er den innern Kampf zu unterdrücken, ſein Geſicht brannte, ſeine Lippen zitterten, ein kalter Schweiß trat auf die Stirne, die ſonſt blaſſen Wangen waren mit purpurrothen Flecken bedeckt. „Warum ſie dem Spotte Anderer Preis geben! Es iſt ja mein Lieblingswerk,“ ſagte Piroſchkow, nach ſeiner Gewohnheit die letzten Worte wiederholend, die ſein Ohr berührten, doch dieſes Mal ſchnitten ſich dieſe Worte grau⸗ ſam in ſein Herz ein„ Er ergriff die neben ihm liegende Art Langſam, mit Anſtrengung näherte er ſich der Maſchine. und alle ſeine Kraft anſpannend, hieb er ein, zwei, drei Mal in dieſelbe ein„ Der auf einem Punkte ſich konzentrirende Mechanismus flog auseinander.. Die Artſchläge ſielen gerade in das Herz des armen Piroſchkow... Eine unausdrückbare Pein zog ſeine Geſichtsmuskeln krampfhaft zuſammen„„ „ * — 117 er hielt's nicht länger aus.. wankte und fiel auf die Trümmer ſeines Werkes. „Sic transit gloria mundi!“ ſagte Newſgodin, den Andern folgend. Schrecklich nahm ſich dieſer Denk⸗ ſpruch eines Weiſen der alten Welt im Munde eines Jünglings unſerer Zeit aus, der erſt ins Leben tritt; noch ſchrecklicher war er in einem ſolchen Augenblicke aus⸗ geprochen. „Amen!“ antwortete jemand draußen, und bald da⸗ rauf erſchallte ein helles, wildes Gelächter. „Ach, das ſind Sie, Großpapa!“ „Ich Enkelchen! Ich kam, mich an deinen Erfolgen zu weiden.“ „An Ihrem Werke. Ich bin Ihnen für ſo vieles verpflichtet.. Ohne Ihre Unterſtützung hätte ich den allgemeinen Weg der Mühe und der Unbekannt⸗ heit gehen müſſen.“ „Es iſt nicht des Dankes werth, Enkelchen, Du wirſt mir mit der Zeit alles vergelten.... Und ein ironiſches Lächeln auf den vertrockneten Lippen Smolnews gab ſeinen Worten eine ganz eigenthümliche Bedeutung. „O, wie Du fein biſt,“ fügte er hinzu, als wollte er ſich Mühe geben, die unwillkührliche Bewegung ſeines Ge⸗ ſichtes zu verbergen.„Ich hörte, wie Du dem Alten den Tert laſeſt.“ Smolnew und Newſgodin machten ſich zuſammen auf den Weg. Dreizehntes Kapitel. Vas Loos des Genins. Der Saal, oder richtiger der geräumige Schoppen, in dem die von uns beſchriebene Scene vor ſich gegangen war, hatte urſprünglich zur Werkſtatt koloſſaler Bauwerke gedient und ſtand ganz iſolirt; nur ein kleines Stübchen für den Hausmeiſter gränzte an ſelben. Dieſer, ein alter Mann, den es langweilte, das Ende der gelehrten Sitzung abzuwarten, haite ſich mit einem Landsmanne, der ihm zufälligerweiſe in den Weg kam, wegbegeben, um mit ihm ein Paar Stündchen zu verbringen. Er hatte übrigens einem Betteljungen, der bei ihm von Zeit zu Zeit trockene Brodrinden aufklaubte, aufs ſtrengſte anbefohlen, ihn in der nächſten Schenke ſogleich von dem Ende der Sitzung zu benachrichtigen. Doch niemand fragte nach dem Haus⸗ meiſter, und wem war auch daran gelegen, die Maſchine oder richtiger die Reſte derſelben zu verſchließen oder zu bewahren! Der Betteljunge ſchlief alſo ganz ruhig in dem Kämmerchen des Alten, und dieſer leerte ganz ver⸗ gnügt mit ſeinem Nachbar eine Flaſche Branntwein. Der Tag neigte ſich gen Weſten. Einige Gaſſen⸗ jungen, die ſchon längſt an den obern Thürſpalten und den Dachſparren des Schoppens Taubenneſter bemerkt hatten, ſchlichen neugierig um die halbgeoffnete Thüre 119 herum. Schüchtern blickten ſie in den Schoppen hinein, und da ſie einen Menſchen neben der Maſchine bemerkten, zogen ſie ſich zurück, kamen aber gleich wieder. Da ſie indeſſen ſahen, daß die Thüren noch immer nicht geſchloſſen wurden und der Mann unbeweglich auf einem Orte blieb, wurden ſie etwas kühner; einige entſchloſſen ſich ſogar, den Kopf in den Schoppen hineinzuſtecken: der Mann zeigte nicht das leiſeſte Zeichen einer Drohung oder des Mißvergnügens; ſie übertraten die Schwelle traten endlich in den Schoppen ſelbſt„alles blieb ſtill. Der Mann ſchläſt entweder oder bekümmert ſich durchaus nicht um ſie. Die Jungen gingen ans Werk und kletterten an den Pfoſten bis zu den Taubenneſtern hinauf. Im Anfange ging die Arbeit ſtill, ſchüchtern vor ſich, ſie ſahen ſich öfters um, doch endlich erhoben ſie einen fürchterlichen Lärm, der bei kindiſchen Spielen nicht fehlen darf.„ Sie wiederholten die bekannte Fabel der Froͤſche mit dem Klotze, den ihnen Jupiter als König ſchickte, und näherten ſich nach und nach dem ſonderbaren Weſen, das auf den Splittern der Maſchine unbeweglich lag und ſo ziemlich einem Menſchen ähnlich ſah. Sie zupften ihn, zogen an ihm; dann nahm ihm einer die Perriſcke ab und ſetzte ſie einer der Kugeln auf, die zum Erhalten des Gleichgewichtes der Maſchine dienen ſoll⸗ ten; dann nahm ein Anderer das auf dem Boden liegende zackige Rad und ſetzte es auf das glänzende Haupt des Alten: konnte er ſich wohl einbilden, welch ſchrecklicher Sinn in dieſer Spielerei eines Knaben lag, der den Mär⸗ tyrer der Wiſſenſchaft mit dem eiſernen, gezähnten Ringe krönte! WMit einem Male rief einer der Jungen ans: „Haltet ein, Kinder! das iſt unſer Alter!“ „Aha! dieſer Dämon, der uns vor Kurzem mit der Hand winkte, als ob er Gott weiß was in der flachen Hand habez und als wir ihn umringten, uns mit einem * 120 Haufen kleiner Steinchen bewarf: den einen fielen welche au den Hals, den andern an den Kopf.“ „Richtig, er iſt's! Ich habe ſelbſt geſehen, wie er ſich hier mit einem angelegentlich unterhielt.“ „Was bellt Ihr da, dummes Volk! Borgt Euch Augen bei der Eule, wenn Ihr keine eigenen habt, und ſchauet dann her: das iſt der Unſrige, der mich letztens von dem Straßenwächter befreite.. der, bei dem Wanja in Dienſten ſtand.“ „Der Gute!. Wos iſt ihm aber geſchehen? Iſt er geſtorben? So belehre uns doch, Senjucha!“ „Ach, wenn Wanja dabei wäre, würde man nicht über ſeinen Alten ſpotten.“ „Ja wohl, wenn wir etwas Näheres wüßten, möch⸗ ten wir wohl das Schwätzen laſſen, aber ſo glaubten wir, es wäre der Kautz, der immer mit den Augen blinzelt, als ob ihn der Satan an den Augenlidern zupft... Nun, was iſt's denn, Senjucha, ſage doch, ſei ſo gut, wirſt Du uns Wanja wiedergeben, oder nicht?“ Senja hatte in der letzten Zeit bei dieſem kleinen Völkchen ſich eine große Autorität erworben, beſonders ſeit er die Polizei ſelbſt zur Erforſchung des Zerlumpten leitete; auch hatte ſich der Präſident mit ihm beſonders freundlich benommen. „Wenn Wanja, der Gute, noch bis jetzt nicht auf⸗ gefunden iſt, ſie finden ihn doch, und müßten ſie auf dem Meeresgrunde ſuchen; ich ſage es Euch, wir finden ihn.“ „Thue das, ſei ſo gut! Du lebſt ja mit ihnen auf freundſchaftlichem Fuße, ſo ſage es nur, es wäre eine Schande, wenn ein Menſch ſo verſchwindet. Wanja iſt doch ein Menſch und kein Hund.“ Unter dem Worte ſie verſtand das kleine Volkchen den Präſidenten mit ſeinen Polizeidienern. „Das ſage ich auch, Ich habe ſelbſt alle Gäßchen . 124 am Meere durchſtreift, wie es in Wanjas Brief heißt, wir haben alle Häuſer durchſucht, keine Spur!“ „Was iſt zu thun,“ fragt mich der Aelteſte. „Ja, was zu thun iſt? Wenn die Here mit uns vavongeflogen iſt, müſſen wir uns an ihren guten Freund halten.“ „Aber wer iſt vieſer gute Freund?“ fragt der Ael⸗ teſte wieder. 6 „Natürlich Niemand anders, als ihresgleichen.“ 3„ „Kennſt Du ihn nicht, mein Täubchen?“ „Wie ſollte ich ihn nicht kennen! Wir haben ſie ſehr oft beiſammen geſehen.“ „Wer, wer iſt es?“ drangen ſie in mich,„ſo ſage doch, wer?“ S „Der Häuptling!.„ „Aber wer iſt dieſer Häuptling, wo, wie?“ „Da ſagte ich ihnen: Kommt morgen, im Stillen will ich Euch hinführen, wo ſie jeden Abend ihre Zuſam⸗ menkunft haben; da ſpielen ſie Kopf oder Adler; da geht's hoch hinauf, ſo weit verſteigen wir uns nicht! Je⸗ desmal gibts blutige Köpfe!“ ſih n es ſei, was da will, wenn Du uns nur hin⸗ ih „Ich bereute faſt, mir wurde ſo unbehaglich, ich kratzte mich im Nacken „Nein,“ ſagte der Aelteſte,„Du mußt zu Ende füh⸗ ren, was Du begonnen.“ „Nun, meinetwegen, warum nicht dienen, wenn man vermag, eine Hand wäſcht die andere, wer weiß, ob wir nicht einmal Euch brauchen koͤnnen!“ „Schaut einmal den Senja an, wie der mit den ornehmen umgeht.“ „Laſſen wir die Vornehmen! Aber es iſt eine wahre Sünde! Du lieber Gott! den armen Wanjucha ſo zu verderben! Aber auch wir ſind in Gefahr! WMerkt Petersburg am Tage ꝛc. 11. 9 122 Euch das, Ihr Ferkel, laßt ja kein Wort fallen, von dem, was Ihr vernommen habt, ſonſt geht Wanja zu zu Grunde und auch Ihr werdet nichts Gutes davontra⸗ 6„Was fällt Dir ein! wie! ſind wir denn Supoſta⸗ ten(Apoſtaten)!“ Der Eintritt einer neuen Perſon ſetzte in demſelben Augenblicke Alle in Schrecken, ausgenvmmen Senja, dem die letzten Ereigniſſe ein gewiſſes Gefühl ſeines eigenen Werthes verliehen hatten, was im Vereine mit ſeiner an⸗ gebornen Kühnheit in ihm einen ziemlichen Vorrath von Selbſiſtändigkeit bildete. Dieſe neue Perſon war Nie⸗ mand anders, als der Hausmeiſter, der von der Flaſche zu ſeinen Pflichten zurückgekehrt war. „Was macht Ihr hier, Ihr Verdammten, wie Ra⸗ ben, die ein Aas umringen!“ „Knurre nicht, Onkel Eulampius! Meinetwegen ſind wir Raben, aber der da iſt kein Aas, ſondern ein Menſch, horſt Du!. Und noch was für ein Menſch!. „Ein Menſch!„ was denen nicht einfällt! ein ſchones Mährchen! In der That ein Menſch.. Ach, das iſt ja derſelbe, der die Maſchine aufſtellte.. Schaut nur, wie ſie ihn bearbeitet.. „Wie konnte der arme Alte es auch mit ihnen auf⸗ nehmen; ſie find ſo wohlgenährt, ſo aufgeblaſen, gedrehte Kalatſchen, ſind durch Waſſer und Feuer gegangen. gerade ſo wie Du, Onkel Eulampius. „Ja, Du mein Kalmucke, es war einſt eine Zeit; ich bin ein alter Sperling, mir wird man kein Salz auf den Schwanz ſtreuen. Da haben ſie ihn, die Voſen, allein im Finſtern zurückgelaſſen.“ „Die Herren dachten nicht daran, ſie werden mit ihren eigenen Angelegenheiten nicht fertig. Da muß was anderes vorgegangen ſein.“ „Man muß ſie nicht gehörig traktirt haben.“ „Es ſcheint ſ — 1 * 5 123 „Hat er nicht traktirt, ſo iſt er ein Schurke! mel⸗ ner Meinung nach iſt das Erſte ein gutes Traktement; und was mir gefällt, iſt gewiß den Herren ebenſo an⸗ genehm.“ 3* „Höre, Onkelchen, die Unſrigen laſſe in Ruhe!. Ich habe es Dir ſchon ein Mal geſagt.“ „Wie hitzig! nun, ich weiß es ja, Du biſt gar vornehm geworden: lebſt mit den Aelteſten in Freund⸗ ſchaft; aber ich will es Dir nur ſagen und Du kannſt es Deinem Alten ſagen: Schuſter bleibe bei Dei⸗ nem Leiſten. Doch wozu ihm jetzt Vorwürfe machen; ſchau nur recht, lebt er denn noch?“ „Ja wohl! er iſt warm, er athmet.. „Was ſteht Ihr alſo da und gafft, Ihr Bengel! Schleppt ihn hieher.“ „Wo ſollen wir hin mit ihm, Onkel Eulampins?“ „Wohin! Das iſt leicht zu errathen, verſteht ſich, nicht auf die Polizei zu mir, in mein Stüb⸗ en!“ „Ach Du gerechte Seele„ „Was gackſt Du da! Thut Ihr vas Euere, an mir ſoll's nicht fehlen. Glaubſt Du, ich bin zum Teufel nichts mehr nütze, weil ich alt und ſiech bin. Nein, Ihr lügt! an unſerer Glocke ſind die Stricke aus faulen Abſchnitzeln geflochten, und wenn man anzieht und die Stricke nicht reißen, ſo tönt die Glocke deßwegen nicht ſchlimmer.“ Während die Jungen den armen Naſar Naſarowitſch aufrichteten, kam ein zerlumpter, blatternarbiger Junge weinend und ſchreiend in den Schoppen gerannt. „Was iſt's mit Dir! Was haſt Du! Was hat ſich in meinem Stübchen ereignet?“ rief Eulampius aus, als er den in ſeinem Kämmerchen zurückgelaſſenen Knaben in einem ſolchen Zuſtande ſah. „Nein, Onkelchen, im Stübchen fiel nichts vor. 4 Eulampius ließ ihn nicht ausreden und verſetzte „ 124 „Nichts!. Was heulſt Du alſo, dummer Junge, und warum haſt Du mich erſchreckt? „Ich wartete immer, daß man nach Dir frage, aber nein, man frägt nicht; dann wartete ich, daß Du ſelbſt kömmſt, aber nein, Du kömmſt nicht: da glaubte ich, Du wäreſt zu Grunde gegangen „Da fand er ſich über etwas zu kränken „Ich nahm es mir nicht ſehr zu Herzen, ſchlief ſo⸗ gar ein, aber da kam Tanjuſcha.“*) „Und keilte dich, weil du eingeſchlafen wel⸗ ches Unglück!“ „Warum ſollte die keilen?“ „Tanjuſcha hat gewiß etwas Eßbares oder gar Trink⸗ bares gebracht?„ „Wie denkt die jetzt daran!..„ſie heult ja ſelbſt wie eine Verſeſſene!“ „Nun meinetwegen möge ſie heulen,“ ſprach kaltblü⸗ tig der Alle und half Naſar Naſarowitſch aufrichten. Sein wirrer Blick irrte auf ſeiner Umgebung herum, das Ge⸗ ſicht war ohne Ausdruck; ein kindiſches Lächeln ſchwebte um ſeine Lippen. Er war ſchwach, aber auf den Schul⸗ tern ſeiner Führer geſtützt, folgte er ihnen willig nach. Eulampins fragte ihn, ob er ſich etwas verrenkt habe, ob ihm etwas weh thue, ob er etwas eſſen wolle. Piroſchkow antwortete auf Alles mit einem verneinenden Kopfſchüt⸗ teln.. An der Schwelle ſtieß er auf ein Bruchſtück der Maſchine. er hob es auf, blickte es lange an und legte es behutſam auf die Seite: es ſchien, hier wirke bloß die Macht der Gewohnheit, aber nicht die Ge⸗ dächtnißkraft. In dem dunkeln Kämmerchen des Hausmeiſters an⸗ gelangt, zündeten ſie ein Rachtlicht an. Da lag die Ar⸗ *) Diminutiv von Tjatana. Anm, d. Ueberſ. * 125 muth nackt da. Auf drei zuſammengeſchlagenen Brettern, zwiſchen einem ungeheuern ruſſiſchen Ofen und dem Fen⸗ ſter lagen die wenigen Lumpen, die dem alten Eulampius zur Kleidung beim Ausgehen in kalten Tagen und zu Hauſe zum Lager dienten. Im Winkel der beiden vordern Wände war ein kleines Geſtell angebracht: da lagen ein zerbrochenes Rafirmeſſer, ein Stückchen Seife und einige Papierſchnitzel, wahrſcheinlich Ueberreſte gelehrter Verhand⸗ lungen. Auf dem Fenſter lag ein Stück ſchwarzes Brod, ein Löffel ſteckte in einer Wandſpalte, ein Topf ſtand im Ofen, der ſich gegen all die kleinlichen in dem Kämmer⸗ chen ſich befindenden Sachen mit ſeiner Größe beſonders aufblies wie eine wohlbeleibte Kaufmannsfrau auf der Hochzeit ihres Commis. Man ſetzte Piroſchkow aufs Bett, wenn man nämlich die mit Lumpen bedeckten Bretter ſo benennen kann. On⸗ kel Eulampius hatte gleich beim Eintritte die im Winkel ſtehende Tanja bemerkt, wie ſie mit der Fauſt die Thränen abwiſchte und das Schluchzen zurückhielt. Er eilte, zuerſt das kleine Völkchen hinauszuſchaffen. „Du, Zachar,“ ſagte er, ſich an den kleinen Bettel⸗ jungen wendend, der ihm, wie es ſchien, als eine Art Adjunkt diente:„nimm ven Schlüſſel und ſchlafe im Schoppen„ „Nein, Onkelchen,“ ich will mich lieber unter irgend eine Brücke legen da iſts doch beſſer„ denn im Schoppen nicht bequemer, dummer ung „Aber der Unreine haust dort.“ Man ſagt, ſie ha⸗ ben da eine Maſchine aufgeſtellt, die von ſelbſt geht und noch andere fortführt der Teufel muß alſo in ihr ſitzen 6 kutſchiren. „Nun, wie es dir gefällt! Ihr, Teufelchen, kriecht in Eure Löcher. Wühlt nur herum, vielleicht findet ſich noch etwas im Ofen oder im Topfe.“ Die Jungen kratzten den Topf aus, in dem ſie noch 125 etwas Grütze fanden und gingen dann ihrer Wege, nur Senja blieb zurück. „Was werden wir aber mit dem machen, Onkelchen!“ „Nun, wenn er weder Familie noch Verwandte, und nirgends den Kopf hinzulegen hat, ſo kann er indeſſen hier bleiben.“ „Das geht nicht recht, Onkelchen, er iſt ja nicht wie unſer eins! Vielleicht iſt er wirklich närriſch uud vielleicht über alle Maaßen vernünftig: wir Beide verſtehen nicht viel davon.“ „Wer verſteht ſie auch! Es ſind gar ſonderbare Zeiten.“ „Ich weiß wo er wohnt: die guten Leute haben den Geſunden gepflegt, ſie werden alſo auch den Kranken nicht verlaſſen.“ „Das iſt ja herrlich. Tania iſt hier, Ihr führt ihn Beide nach Hauſe und will man ihn nicht aufnehmen, ſo ſchleppt Ihr ihn zurück.“ „Vielen Dank dafür.“ „Da iſt nicht viel zu danken.“ „Tanja hat ohnedem denſelben Weg zu machen, ſie wohnt ja bei derſelben Herrſchaft, bei der der alte Herr ein Obdach hat.“ „Das fügt ſich ja prächtig! Nun ſo warte nur ein wenig, Senja, Du biſt ein verſchwiegener Junge, Du er⸗ zählſt es alſo nicht weiter, wenn Tanja etwas Weibliches plaudert, was die Andern nicht zu wiſſen brauchen.“ „Was denkſt Du von mir, Onkelchen!“ 5 „Und vor dieſem Herrn brauchſt Du Dich nicht zu ſchämen, Tanja, er hoͤrt wohl, aber er verſteht nichts. Nun, erzähle, was mit Dir vorgegangen iſt. Ich weiß es im Voraus, der gute Freund iſt Dir untreu geworden. welche Wichtigkeit! Iſt wohl das heulenswerth.“ „Der Zorn des Herrn iſt auf unſer Haus gefallen und ich trage an Allem die Schuld. Auch dieſer Alte iſt aus unſerm Hauſe Alles geht bei uns drunter und — —— . * 127 prüber. Da iſt Wanja verſchwunden und das Alles ſeit ich an meiner Herrſchaft und an Gott mich verſündigt. Ich will dir Alles beichten und mich dann ins Waſſer werfen: ich bin eine große Sünderin und habe durch meine Sünden das arme Fräulein zu Grunde gerichtet. „Nun, ſo ſprich verſtändlich! Ein Frauenzimmer gleicht auf ein Haar einer Glocke, läutet und läutet immer⸗ fort, in Dir muß einer ſitzen und ohne dein Wiſſen Dich an der Zunge ziehen. Erzähle in einer gewiſſen Ordnung.“ „Du kennſt den Burſchen, der vor Kurzem mit mir bekannt wurde wir liebten uns „Ich habe es Dir geſagt, Deine Liebelei wird keine guten Früchte tragen: Dein Burſche ſah keinem graden Gevatter ähnlich, es iſt ein Heuchler! was hat er mit gemeinen Leuten zu thun, ſo ſuptil, ſo telikad ſah er immer aus.... der Verſucher hat dich daran ge⸗ kriegt, Tanja.“ „Er verſprach mich zu heirathen.“ „Und Du ſperrteſt wie eine Närrin das Maul auf... Nun, was weiter?“ „Er ſagte zu mir:“ Tanjuſchenka, ſei ſo gut, erzeige mir eine Freundſchaft: wie will ich Dir danken„.— „Nun, was denn?„— Verſpreche nur.— „Sage früher, was es iſt?— Verſpreche Du früher, ſprach er, dann will ichs Dir ſagen— Ich willigte ein!.— Du erzählteſt mir, daß Wanja dem Fräulein Papiere in Verwahrung gegeben!— „Ja wohl!“— Wo find ſie aufbewahrt?—„Dort und dort!“— Tanjuſchenka, Täubchen, Herzchen, ſchaffe ſie mir.—„Wie, was 2— Ich will ſie nur anſchauen, dann gebe ich ſie gleich wieder.— Ich ſuchte auszuweichen er drohete mich zu ver⸗ laſſen: ich willigte ein.... „Ach Du, welche Verbrecherin! Hat Dir die Hand nicht gezittert?“ „Ja, ich habe mir dann ſelbſt geflucht; die Hand 128 een wohl gewaltig! Es zog mich ſo hin und zurückz ch ſchloß die Angen, ergriff die Papiere und lief zu ihm. Wie er mich da küßte, liebkoste!. Ich dachte, wir werden unſer ganzes Leben ſo verbringen.“ „Und die Papiere, gab er ſie zurück2“ „Warum nicht gar! Ich ſagte ihm ein Mal, zwei Mal:„Gieb die Papiere zurück!“ Er bittet und droht: „Warte nur ein klein wenig, ſo heirathen wir: diene nur noch bis zur Hochzeit!„— Doch das iſt nicht Alles„Ein vornehmer, reicher, prächtiger Bräu⸗ tigam,“ ſagte er,„will zum Fräulein kommen. Gieb alſo Acht, Tanjuſcha, wenn das Fräulein allein zu Hauſe bleibt, ſo benachrichtige mich, und wenn ihr Zukünftiger kömmt, ſo ſchließe die Thüre, gieb den Schlüſſel dem Geliebten und Du verläſſeſt das Haus.“ „Was plärrſt Du da? Wie geht das, ohne der gnädigen Frau?“— ſagte ich. „Tanja, das iſt Dein letzter Dienſt, und dann ſpie⸗ len wir gleich zur Hochzeit auf; willſt Du Dich alſo vor der Hochzeit mit mir entzweien 2“ „Ich dachte, daß das Fräulein ſelbſt ihren Bräu⸗ tigam allein ſprechen will, aber verlegen iſt und ſich ſchämt, es mir zu ſagen. Ich willigte alſo ein.“ „Du willigteſt ein?“ fragte Eulampius. „Heute früh fuhren die gnädige Frau und der alte Herr, eben dieſer hier, aus dem Hauſe. Ich that, wie mir's befohlen worden. Der Ankömmling war wirklich ſehr vornehm, er kam in einer Kutſche mit Vieren, fragte mich aus, ging dann in das Zimmer des Fräuleins, und ich aus dem Hauſe: ganz außer mir ſtand ich am Ffört⸗ chen und harrte. Mit einem Male rannte der vornehme Herr wie wahnſinnig heraus!„Den Wagen,“ ſchrie er, „den Wagen. Gottes Gericht!“— Ich lief zum Fräulein ſie lag vor dem Bilde der Mutter Gottes, halb todt, halb lebend. Ich denke, nun iſt Alles zu Ende, 129 und renne zu meinem Geliebten,— er war nicht in ſeiner Wohnung: ich wußte, wo er zu finden ſei.“ „Nun iſt's Zeit, Hochzeit zu machen,“ ſagte ich „Was willſt Du, Närrin! Wer biſt Du? Woher kommſt Du? Ich kenne Dich nicht, ich will Nichts von Dir wiſſen.“ „Ich fing zu weinen an, er brauste auf und warf mich zur Thüre hinaus.“ „Schurke Du!“ brummte Eulampius.„Nun, Mäd⸗ chen, was auch immer Dein Geliebter ſei, ein gnädiger Herr oder ein Bauer wie unſer eins, jedenfalls iſt er ein Schurke. Ich meine, eine Ratze bleibt eine Ratze, in welches Loch ſie ſich auch verkrieche: auf dem Glocken⸗ thurme oder in herrſchaftlichen Gemächern. Ich will Dir jetzt keine Predigt halten. Der Unreine hat Dich um⸗ garnt, dagegen iſt nichts zu thun; auch mir ereignete es ſich: da pflegt der Gottſeibeiuns einen ſo anzupacken, daß man ſich nicht losmachen kann. Ich denke, Du thuſt ſo: gehe zur gnädigen Frau oder zum Fräulein ſelbſt und werfe Dich ihnen zu Füßen und bekenne alles; was weiter geſchieht, das iſt der Wille der Herrſchaft, das wird ihr Verſtand entſcheiden: ſie mache, was ſie will.“ „Wenn man mich ſelbſt ins Waſſer wirft!„ doch noch eins!“ „Was weiter?“ Tanja fing noch mehr als früher zu winſeln an. Sie konnte vor lauter Schluchzen kaum Athem holen. „Was haſt Du, Gott mit Dir! Biſt Du nicht. doch das kann nicht ſein doch was iſts denn? Er⸗ barme Dich, mein Gott! vielleicht doch nein, neih. Sprich, Mädchen, peinige mich nicht!“ „Es iſt ſchrecklich zu denken, nicht nur auszu⸗ ſprechen.“ „Ein Mord vielleicht?“ 18 „Schlimmer!“ konnte ſie kaum hervorbringen. ihm 130 Onkel Eulampius richtete ſich in ſeiner ganzen Länge auf und blickte die Unglückliche mit ſeinen vor Alter er⸗ bleichten Augen an. Wieles hatten dieſe Augen geſehen, was ſie nicht ſchauen wollten; doch nie hatten ſie ſich ſo weit geöffnet; ſie belebten ſich wie in den Tagen der Jugend, entflammten ſich, ſaugten ſich in das arme Mädchen ein, ſich Mühe gebend, in ihrer Seele das zu leſen, was ſie auszuſprechen nicht wagte. Endlich ſam⸗ melte Tanja alle ihre Kräfte, blickte auf Piroſchkow, dann auf Senja, und neigte ſich, aus Furcht, man moͤchte ſie hoͤren, zu Eulampius Ohr: doch auch hier ſchwankte ſie noch einige Zeit zwiſchen der Nothwendigkeit, ihr Herz zu erleichtern und dem Schrecken, die fürchterliche Schuld auszuſprechen, die nur Gott allein richten konnte. „Nein, lieber tödte mich!“ rief ſie endlich aus, und wankte.. Eulampius hielt ſie feſt.—„Sprich!“ ſprach et befehlend. Tanja neigte ſich wieder zu ihm. und ſprach leiſe, kaum vernehmlich drei Worte... Der Alte wankte und ſiel auf die Bank„. Bald kam er zu ſich und bedeckte ſich mit ſeinen vertrockneten, aderigen Händen die Augen, als ſchäme er ſich, nach dem, was er ver⸗ nommen, in Gottes Licht zu blicken; vielleicht ſuchte er auch ſeine Thränen zu verbergen, wenn ſeine Augen noch welche vergießen konnten. Nach einiger Zeit nahm er die Hände von den Augen. „Schamloſe Buhlerin!... Was hätte Deine alte Mutter, meine Schweſter, dazu geſagt, wenn ſie noch lebte und der Vater er hätte ſich nicht zurückgehalten. er hätte Hand an Dich gelegt. Doch Gott mit Dir,“ fügte er hinzu, als er in das von innerer Pein entſteilte Geſicht der Dulderin blickte „Gott mit Dir.. Thränen und Murren vertrei⸗ hen den Schmerz nicht. Denken wir lieber, was zu thun 131 iſt. Man kann ja Deine Schande nicht auf den Pranger ſtellen. In einem ſolchen Zuſtande wird Dich kein ordentlicher Menſch im Hauſe behalten wollen; Du ſelbſt wagſt es ja nicht, mir in die Augen zu ſehen. Führt den Alten nach Hauſe und bringe Du Deine Lumpen hieher. Senja iſt ein guter Junge, er hilft Dir. Du wirſt bei mir wohnen; was vann geſchieht... Nun, bis dahin bin ich alter Mann ſchon längſt begraben und das Kind wächſt mit den Gaſſenjungen und Lumpen⸗ ſammlern auf... Sei nicht boͤſe, Tanjuſcha„. Ich ſollte Dir nicht ſo harte Worte geben; doch Du weißt es ja, einen alten Damm ſtopfe ſo viel Du willſt, das Waſſer ſickert doch durch... Weine nicht, weine nicht geh', geh', Gott ſei mit Dir, führe den Alten nach Hauſe und vergiß nicht, dem Fräulein Alles zu bekennen. Senjuſcha, ſteh' ihr bei, ſei barmherzig.“ „Gerne, gerne, Onkelchen.“ Naſar Naſarowitſch folgte maſchinenmäßig, wie ein Kind, dem ihn bei den Armen führenden Paare. Vierzehntes Kapitel. Die Erklärung. Des Nachts zeigten ſich bei Naſar Naſarowitſch Symptome eines Nervenfiebers: man fürchtete ſogar für eine Gehirnentzündung. Im grauen Häuschen, in dem⸗ ſelben Zimmer, in dem wir das erſte Mal mit ihm zu⸗ ſammentrafen, lag der arme Märtyrer der Wiſſenſchaft auf einem von den beſorgten Frauen von unten heraufge⸗ brachten Bette, erſchöpft von ſchweren Leiden, von Ge⸗ müthserſchütterungen. Er erkannte die ihn Umgebenden nicht, nur Olgas Stimme, die Annäherung ihrer Hand, brachte ihn manchmal dahin, den Kopf zu erheben, die entzündeten Augen dorthin zu richten, von wo die Stimme erſchallte Dieſe Zeichen des Bewußtſeins gaben Hoffnung, daß ſein Verſtand ihm bewahrt werde. Olga ſaß an ſeinem Haupte und reichte dem Kranken von Zeit zu Zeit Arznei. Die alte Benski ſchlummerte erſchöpft in einem Seſſel; auf der andern Seite des Bettes ſaß Olga, gegenüber, zu den Füßen des Kranken, Newoki und ſein auf die Bruſt geneigtes Haupt zeigte, daß auch er vom Schlafe ſich überraſchen ließ; aber ſein Schlaf war keine Ruhe, ſondern eine andere Art Pein. Die von der ſchrecklichen Wirklichkeit des vergangenen Tages erſchreckte Einbildungskraft ſtellte im Traume lebhaft abgebrochene 133 Stenen vor, ſetzte die Wirklichkeit fort, ergänzte ſie, verlieh den Begebenheiten neue Formen, ſchrecklicher als diejenigen, die ſtattgefunden hatten. Newski ſchauderte zuſammen, ſprang nicht ſelten vom Stuhle auf, ein kalter Schweiß trat ihm auf die Stirne. Er fürchtete ſich bei Nacht. Sein abergläubiſcher Geiſt ſtellte ihm die Wirk⸗ lichkeit ſchrecklicher vor als ſelbſt der Traum es vermochte. Vielleicht blieb er im grauen Häuschen weniger aus Theil⸗ nahme an den armen Freund, als aus reinem Egoismus, um die Nacht in Geſellſchaft zu verbringen. Natürlich beurtheilen wir unſern Helden etwas ſtrenge, doch wir wiſſen, daß er in der Haſt der Leivenſchaft, von ſeinen Geſühlen hingeriſſen, bereit war, die ganze Welt zu ver⸗ geſſen, ſie nur für ſich allein erſchaffen glaubend. Bei ruhiger lieberlegung, war Newski bereit, Viel für einen Freund zu thun; er verachtete die Gefahr, gab gerne ſeinen letzten Groſchen hin; aber dies vielleicht eben da⸗ rum, weil er ſich über alle Gefahr, aus der ihn jedes Mal das Schickſal oder beſorgte Freunde retteten, erhaben glaubte; er glaubte ſich auch erhaben über die Armuth, weil er ſich bis jetzt aus den verzweifeltſten Lagen herausgewickelt hatte. Eine ſonderbare moraliſche Er⸗ ſcheinung: das Schickſal, das ihn manchmal aufs äußerſte brachte, erhielt ihn am Rande des Abgrundes, als ob es ihn zu ſeiner Beluſtigung aufbewahre. Newski befand ſich ſehr ſelten in ſeinem gewöhnlichen, normalen Zuſtande, er war fortwährend in einer gewiſſen Anſpannung. Die geiſtige und phyſiſche Energie ließen ihm keine Ruhe, und man mußte ſich wundern, wie ſeine Natur einen ſol⸗ chen Zuſtand auf die Dauer ertragen konnte. Es war weit über Mitternacht. Newski ſchien et⸗ was ruhiger zu werden. Er ſchlummerte einige Minuten leiſe, ohne aufzufahren. Olga beobachtete ihn mit der⸗ ſelben Sorgfalt wie den kranken Piroſchkow und vielleicht mit mehr Zärtlichkeit. Dieſes ſchwache, zarte Weſen, von den Stürmen des vergangenen Tages geknickt, erhob kühn 134 ſein ſchönes Haupt, als ſeine Sonne, Neweki, erſchien. Olga ertrug geduldig die lange, ſchlafloſe Nacht, freute ſich ihrer, wünſchte daß ſie länger geweſen wäre. Newski fühlte die wohlthätige, beruhigende Wirkung ihrer Augen⸗ Sie ſchufen ihm wieder die fanfte Erſcheinung, dieſelbe,, die er einſt in demſelben grauen Häuschen in Olgas Zim⸗ mer geſehen hatte. Er ſchien wieder einen bodenloſen Abgrund und das Verderben und alle Schrecken des Meeres zu ſehen, in das man ihn hinunterſtieß; aber ein ſanfter, wohlthätiger Engel breitete ſeine Fittiche aus, auf die er, wie in die weichen Arme einer Mutter oder Schweſter fiel; und dieſer Engel war hellleuchtend und ſchoön und allbarmherzig. Da ſchien es mit einem Male dem Schlafenden, daß der Engel verſchwinden wolle; er breitete ſeine Arme nach ihm aus: eine unwillkührliche Bewegung erweckte ihn. Newski öffnete die Augen und vor ihm befand ſich dasſelbe Weſen, das er im Traume geſehen hatte; dasſelbe ruhige Geſicht voller Theilnahme; dieſelben klaren, blauen, wohithuenden Augen. Newski wußte nicht ob er ſchlafe oder wache. Er warf ſich dem Mäd⸗ chen zu Füßen, ergriff mit glühender Leidenſchaft ihre Handz Olga dachte im Rauſche des Glückes nicht, ſie zurückzichen. Ohne zu wiſſen, wo er ſei, was mit ihm vorgehe, ohne ſich von ſeinen Handlungen Rechenſchaft geben zu können, unfähig, ſich zu ſammeln, die zerſtreuten Gedanken auf einen Gegenſtand zu konzentriren, drückte Neweki dieſe bebende Hand an ſeine brennenden Lippen und küßte ſie. Der Lebensquell ſprudelte in den Adern des unerfahrenen Mädchens, Wolluſt und Seligkeit durch⸗ drangen alle ihre Poren. Olga ſtand da perklärt in ihren eigenen Augen, eine Opferprieſterin, die ihr Idol, dem ſie dienſtbar iſt, anzubeten gekommen, und es nun zu ihren Füßen ſieht, Gnade vder Ungnade von ihr erwar⸗ tend. Olga war in dieſem Momente wirklich ſchön, doch noch ſchöner erſchien ſie Newski, deſſen leicht entzündbare Einbildungskraft fürs Wunderbare gar zu ſehr geſtimmt 135 war. Er war noch nicht völlig überzeugt, ob es ein Traum, oder eine zauberiſche Wirklichkeit.... Ihm wie Olga war es ſo wohl, ſo freudig in ihrer Lage. Der Traum ging nach und nach in die Wirklichkeit über. Ein leiſes, leidenſchaftliches, unvernehmbares Geflüſter, das ſich eher mit dem Herzen auffangen, als mit dem Gehöre errathen ließ, trat an die Stelle der frühern Stille Worte ewiger Liebe, ſüße Schwüre wollten ſich den Lippen entreißen„als plötzlich eine ſchwere, kalte Hand auf Newokis und Olgas vereinigte Hände fiel: ſie ſchauderten, blickten ſich um.. es war die Hand Piroſchkows. Sich erhebend, ja ſich faſt auf den Rand des Beites neigend, um ſie durch ſeine Bewegung zum Innehalten zu bewegen, blickte er auf ſie ſtarr, mürriſch ſein Blick wanderte von einem zum Andern und blieb drohend auf Newöki ruhen„. Dieſe ſtumme Scene dauerte einige Zeit. Endlich riß ſich Newski aus der drückenden Erſtarrung los. Sich mit Anſtren⸗ gung von der eiſigen Hand des Alten befreiend, legte er ſie wieder aufs Bett zurück. „Mein Gott, mein Gott, welches ſchreckliche Loos verfolgt mich überall, meine Seligkeit, meinen Schlaf, jede Minute meines Seins vergiftend!“ „Schickſal Schickſal ſprach im De⸗ lirium der Alte, ſich auf ſeinem Lager, das ihn zu bren⸗ nen ſchien, herumwerfend.„ein böſes Schickſal. hüte Dich... Du vermagſt nichts gegen daſſelbe.. Verſtand? wo iſt er? Olga Petrowna„ hemmen Sie das Schwungrad. es dreht ſich vor den Au⸗ gen o Gott, mein Gott. Möge dein Zorn ſich auf uns allen entladen nur ſie nur ſie verſchone„.. Wehe dem, der ſie zu Grunde richtet Und der Blick des Dulders blieb wieder drohend auf Newski haften....„Man ſchleppt mich, ſchleppt mich geradezu in den Abgrund„ ſchon gut, nur nicht Newſgodin zum Opfer zufallen Er zerreißt 136 ſein Opfer grauſamer als das Krokodil und auch ſie, und ſie. ℳ Er ſuchte mit den Händen Olgas bebende Hand„„Mein Gott, wie viele Henker haben ſie umringt, der Fürſt und Newſgodin, und Er konnte nicht mehr ſprechen, aber ſein wilder Blick ſuchte wieder Newski, und der Alte drückte leidenſchaftlich die Hand des armen Mädchens, als bemühte er ſich, es vor einer Gefahr zu bewahren, die ihm unvermeidlich drohte. Der Zauber des wilden Blickes des kranken Alten war für Newoki unerträglich. Eine himmliſche Drohung und ein irdiſcher Vorwurf ſprachen ſich in ihm aus. Alles, was in ſeinem feurigen, leivenſchaftlichen, hinreißenden Charakter ſeinen Grund hatte, ſtellte ſich ihm jetzt dar als das Werk eines unbegreiflichen, ihn unerbittlich ver⸗ folgenden Geſchickes. Er war überzeugt, daß er zur Pein, zur Qual geſchaffen ſei.... Die kaum erwachte Lebensenergie erloſch wieder. Seine Lage war eben ſo wie die Piroſchkows dem Wahnſinne nahe. Er brauchte eine ſehr ſtarke Natur, um alle dieſe ununterbrochenen Erſchütterungen zu überwinden, beſonders wenn eine feu⸗ rige, zu Aberglauben geſtimmte Einbildungskraft auf den Verſtand wirkt. Die Seufzer des Kranken erweckten die alte Benski. „Mein Gott, der Tag bricht an, und du biſt noch hier, meine Theure,“ ſagte ſie, ihre Tochter zärtlich um⸗ armend„Geh', lege Dich nieder, beruhige Dich Und Sie, Modeſt Petrowitſch, wie können Sie bis zum Tagesanbruche am Bette eines Kranken wachen! Wer nicht daran gewöhnt iſt, beköͤmmt gleich Kopfſchmer⸗ zen„ So gehen Sie voch, Gott ſei mit Ihnen Naſar Naſarowitſch, wenn ihm nur beſſer iſt, wird Ihnen für alle Ihre Sorge um ihn ſehr dankbar ſein Olinka, wecke Tanja auf, damit ſie bis zum Morgen am Bette ſitze„ „Mamma, Tanja iſt ja nicht „Wie nicht?„.. Ach, mein Golt 5ch 137 habe ganz vergeſſen Alles geht mir ſo im Kopfe herum Wer hätte gedacht, daß ſie ſo böſer Thaten fähig wäre„Sie ſchien ein ſo gutes Mädchen Nun, Gott ſei mit ihr! Wir haben ihr verziehen, brau⸗ chen alſo das Böſe nicht mehr zu erwähnen. Und was ſagte der Präſident?“ „Er ſagte, wenn ihre Ausſage Wanja und ihre arme Schweſter auffinden hilft, ſo wird die Regierung ihr Ver⸗ zeihung ſchenken, weil ſie aus Dummheit zum Verbrechen ſich hinreißen ließ und ihre Reue ſehr aufrichtig iſt.“ „Ich habe immer gedacht, vaß der arme Waiſe Wanja mehr iſt, als er in der That ſchien. Er war immer ſo edeldenkend. Rufe wenigſtens Senja, meine theure Olinka Wenn uns nur die Nachbarin ſchnel⸗ ler ein Dienſtmädchen ſchicken wollte, ſonſt wirſt Du ja ganz erſchoͤpft. Leben Sie wohl, Modeſt Petrowitſch.“ Newski und Olga verließen das Zimmer. Die Alte legte ihre Hand auf die glühende Stirne Piroſchkows, ſchüttelte bedächtig mit dem Kopf, nahm die auf dem Tiſche ſtehende Arzneiflaſche, goß einen Löffel voll und brachte ihn an die Lippen des Kranken. „Der Herr erbarme ſich unſer, wir ſind große Sünder!“ ſprach ſie andächtig, in den halbgeoffneten Mund die Arznei ſchüttend.— Der liebe Himmel mags wiſſen, was mit Olinka vorgeht, dachte die Alte, die Arzneiflaſche hinſtellend und ſich in den Seſſel ſetzend: es iſt als ob ein böſes Auge einen Blick auf ſie geworfen hätte. Sollte ſie ſich wirklich um Newſgodin grämen? „ Er iſt freilich ein hübſcher, beſcheidener junger Mann. Sie pflegte ihn zwei, ja ſelbſt drei Mal in der Woche zu ſehen, ſollte ſie ſich an ihn gewöhnt haben. Doch er kömmt ſchon lange nicht mehr, und Olinka iſt erſt ſeit Kurzem ſo traurig und nimmt ſo ſehr ab. Wenn ſie wirklich in Newoki verliebt wäre? Ein ſchöner Spaß.. Wie kann ſie ſich in ihn verlieben„ Petersburg am Tage ꝛc. 1. 10 138 als ob er ihres Gleichen wäre? Ich habe mit Fleiß bemerkt: ſie ſind ſo gezwungen mit einander, gerade ſo wie Fremde. Nein, es muß ein phyſiſcher Schmerz ſein, ich will den Arzt zu Rathe ziehen. Indeſſen waren Olinka und Newski ſtillſchweigend die Treppe hinabgeſtiegen. An der Thüre blieb Olga ſtehen. „Leben Sie wohl, Modeſt Petrowitſch.“ Zewski hob den Kopf in die Höhe. Zwei Thränen blinkten in Olga's hellblauen Augen. Sie ſtreckte ihm Hand hin. Newski küßte ſie mit Andacht. Er wollte agen: „Vergeſſen Sie mich! Ich bringe jedem Unglück, der ſich mir nähert. Mit oder ohne Abſicht werde ich die Urfache Ihres Verderbens ſein, ich fühle es, ich bin davon feſt überzeugt.“ Doch er blickte auf das durch die Thränen verklärte Geſicht Olga's und es that ihm leid um ſie, und die Worte erſtarben auf den Lippen. Es fehlte ihm die Kraft, ſie zu entzaubern. Vielleicht that er wohl daran⸗ Ein Tag des Glückes— iſt ſchon eine Seligkeit, die vie⸗ len fremd iſt. So verfloſſen einige Sekunden in ſtiller Anſchauung. Newoski warf einen Blick auf die halbgeiff⸗ nete Thüre, die in Olga's Schlafzimmer führte, er ſah den ertaſirten Zuſtand des armen Kindes Ein krampfhafter Schauer lief durch ſeine Adern. Er ließ raſch Olga's Hand los, die ſo ſüß in ſeinen glühenden Händen bebte, und rannte fort aus dem grauen Häus⸗ chen„ Und Olga!... Sie hatte nichts bemerkt, nichts errathen. Sie liebte Newski mit einem Herzen voller Reinheit und mit innigem Glauben an den Gegenſtand ihrer gränzenloſen Liebe. Unſere ſpekulative Zeit ſucht alles zu ihrem Vortheile auszubeuten, die Gefühle und die menſchlichen Leiden eben ſo wie ven Dünger und den Wind, der da bläst, ohne e 139 ſich einfallen zu laſſen, daß von ihm gar vlele Reichthü⸗ mer abhängen, und daß er nicht ſelten gar manchem Unternehmer ziemlich quer bläst. So fanden ſich auch gute Menſchen, natürlich alle wahre Freunde Newskis, die ihn in einem ſolchen Zu⸗ ſtande ſehend, ſich entſchloſſen, ihm beizuſtehen, den Dulder zu zerſtreuen, ihn die ihn umlagernden Schmerzen ver⸗ geſſen zu laſſen. Natürlich brachten ſie bei ihren men⸗ ſchenfreundlichen Bemühungen ſeine pecuniären Verhältniſſe mit in Anſchlag; es zeigte ſich bei genauer Erkundigung, daß man Newski für ſeinen Antheil an der Goldgra⸗ bungscompagnie eine halbe Million angetragen hatte, daß er noch ein wenn auch über und über verpfändetes Gut beſaß, daß er eine Erbſchaft in Ausſicht hatte, auf die übrigens ſeine Gläubiger rechneten..„doch alles dies zuſammengenommen, lohnte es wohl noch der Mühe, ſich um den Kranken zu bekümmern. Doch wie die Sache anſtellen? Man könnte ihn in den Strudel wilder Orgien hineinziehen, doch Newski eckelten ſie ſchon ſeit lange anz dieſe Arznei mag für Neulinge gut ſein, deren Natur noch nicht zu ſehr zerſchlagen, blaſirt iſt, für die die Welt, wenn auch enge zu werden beginnt, aber noch immer mit ihren Regenbogenfarben blendet. Die Lockſpeiſe wahrer Liebe hatte er bereits eingenommen. Wetten, ho⸗ hes Spiel, wo ſein Vermögen oder das ſeines Nächſten als Einſatz dient das konnte noch Leute wie Newski zu neuem Leben, zur Thätigkeit erwecken, und ſeine Freunde entſchloſſen ſich, dieſes letzte Mittel zu verſuchen. Sie griffen die Sache ſo geſchickt an, daß Newski ihr Vor⸗ haben nicht errieth, ſonſt hätte er natürlich der vorgeſchla⸗ genen Arznei entſagt, wie ein verzweifelter Kranker, der alle Hoffnung aufgegeben oder ſelbſt den Tod herbei⸗. wünſcht Mewski ergab ſich dem Spiele mit all dem Feuer einer lange zurückgehaltenen Leidenſchaft„ Fünfzehntes Kapitel. Eine Erbſchaftsfrage. Das einſt geräuſchvolle, von Lurus glänzende, von Bällen belebte Haus des Fürſten Aleris war jetzt öde, düſter wie ſeine Bewohner. Der Fürſt Aleris und die Fürſtin Wjera nahmen jetzt nur die allernächſten Bekann⸗ ten auf, und auch dieſe ſuchten auf jede Weiſe dieſer Ehre auszuweichen, weil der Fürſt auch früher im Umgange nicht beſonders angenehm war: ſein mürriſcher, egviſtiſcher Charakter hatte mehr als ein Mal ſeine Beſucher verletzt, jetzt machten ihn der Gram, und mehr als alles die Reizbarkeit und der Ingrimm gegen die Welt noch uner⸗ träglicher. Er wollte ſeinen Groll auf jemanden entla⸗ den, er wollte ſein Unglück Andere fühlen laſſen. Fürs Erſte wollte er Finski, gegen den er ſchon längſt aufge⸗ bracht war, den Weg zur Erbſchaft verſperren. Wenn die Kinder ſeiner Frau ſich aufgefunden hätten, von welchen man ſchon in der ganzen Stadt ſprach, die Thatſachen verdrehend, ergänzend, auf mannigfache Art übertreibend, dann wären Finskis Rechte von ſelbſt nichtig; doch dieſe Kinder hätten den Fürſten Aleris noch bei Lebzeiten der Hälfte ſeines Vermoͤgens beraubt, das er von ſeinem Vet⸗ ter, dem Vater des Zerlumpten und Jennys geerbt hatte. Doch ein Gefühl tiefen Eigennutzes zwingt den Menſchen, 14¹ ſich um ſeine Hinterlaſſenſchaft, als einem unverwesbaren Theile ſeines Ichs, und um ſeinen Erben zu bekümmern, in dem der Sterbende ſein einiges, weder von der Per⸗ ſönlichkeit, noch vom Vermögen trennbares Weſen fort⸗ ſetzen will. Darum bekümmern ſich die größten Egoiſten immer um vie Beſtimmung eines Erben und ſuchen ihn nicht ſelten in einer frrmden Familie auf, mehr an die Zuſammenhaltung des Vermögens als an die Bande der Verwandtſchaft denkend. Der Fürſt ſah in ſeiner Umge⸗ bung Niemanden, dem er ſein ungeheueres Vermögen hin⸗ terlaſſen wollte. Wider ſeinen Willen mußte er ſich in ſeinem Hauſe iſoliren, dem die überall vorherrſchende ſchwarze Farbe ein ſo düſteres, myſteriöſes, vom Finger des Geſchickes ſelbſt gezeichnetes Ausſehen verlieh. Die Bedienten erfüllten ihre Obliegenheiten leiſe, aus Furcht, ihre Herrſchaften durch die kleinſte, ungeſchickte Bewegung, durch ein lautes Wort aufzubringen. In die Angelegen⸗ heiten des Fürſten mußte die Regierung unumgänglich einſchreiten. Die Diener der Gerechtigkeit überſchritten daher die Schwelle der fürſtlichen Gemächer. Der Fürſt gebärdete ſich wie ein im Käfige eingeſchloſſener Tiger. Seine Geſundheit ſelbſt unterlag den heftigen Gemüths⸗ erſchütterungen: er litt phyſiſch und moraliſch. Auf einem Armſtuhle in ſeinem Kabinette halblie⸗ gend, blätterte er ein Aktenſtück durch. Smolnew ſtand die Augen blinzend vor ihm. „Ich kann nicht recht begreifen,“ ſagte der Fürſt, ein längſt begonnenes Geſpräch fortſetzend,„auf welche Art die Kinder meiner Frau, wenn ſolche noch eriſtirten, auf mehr als auf die von ihrem Vater zurückgebliebenen fünfhun⸗ dert Seelen ein Recht hätten.“ „Der Vater dieſer Kinder, Ihr ſeliger Vetter, hat nicht fünfhundert, ſondern ein tauſend fünfhundert Seelen, und außerdem gegen fünfhundert tauſend Rubel an baarem Gelde zurückgelaſſen.“ „All dies hat in der Folge tauſend Umwandlungen 142 erlebt; die Dörfer ſind zu Geld, das Geld zu Spekula⸗ tionen und dann wieder zu Dörfern und endlich zu Gold⸗ grabungen geworden, ſo daß außer den fünfhundert See⸗ len, die ich erwähnte, von dem urſprünglichen Vermögen meines Vetters keine Spur vorhanden iſt.“ „Zum Unglücke exiſtiren nicht nur Spuren dieſer Erbſchaft, ſondern glänzende Reſultate, die ſich in Hän⸗ den Eurer Durchlaucht befinden, Reſultate, die ihr Vet⸗ ter nie zu Wege gebracht haben würde, weil er ſich mit Ihnen in den Fähigkeiten, ein Vermögen zu vergrößern, durchaus nicht vergleichen konnte.“ „Wie! Sollte es Jemand wagen, ſich an meinem ei⸗ genen Hab und Gut zu vergreifen— vas ich durch Ar⸗ beit, Entbehrungen, Opfer, Geiſtesanſtrengung erkämpft habe? O, ich will ein Mal ſehen, wer ſich vazu ent⸗ ſchließt! Er wird es mit einem Menſchen zu thun haben, dem man mehr als das Leben nimmt: ein durch alle Aufopferungen des Lebens erkauftes Gut; das Leben er⸗ hält man umſonſt, aber Vermögen. Du weißt wie man das erwirbt.—(Smolnew wußte es aus eigener Erfahrung.) Und was iſt am Ende das Leben ſelbſt ohne Geld!“ „Dieſe Worte athmen tiefe Philoſophie und Wahr⸗ heit Doch nichts deſto weniger iſt Ihr ganzes Vermögen in großer Gefahr. Erſtlich eriſtiren klare Do⸗ kumente und Fakta, in welcher Geſtalt und Zahl Sie die Erbſchaft Ihres ſeligen Vetters in Empfang nahmenz zweitens ſind Ihre übrigen Güter mit ſeinem Kapitale erworben, weil Sie bis zum Tode Ihres Vetters gar kein eigenes Vermögen beſaßen. Die Geſetzkundigen können daher leicht beweiſen, daß nicht nur das Vermögen Ihres Vetters in welcher Form es immer ſei, ſondern auch al⸗ les mit dieſem Vermögen Erworbene, welchen Umſatz es auch in Ihren geſchickten Händen erlebt hatte, den Kin⸗ dern des Verſtorbenen, als deſſen alleinigen Erben gehö⸗ ren. Ich will ſchon hier nicht von der Verantwortlichkeit — 143 für das Loos der Kinder ſelbſt ſprechen, die natürlich in den Augen vernünftiger Leute ſo viel als nichts bedeuten, was ſind ſie weiter als ſchmutziges Bettelpack; aber vor dem Geſetze haben ſie auch ihre Rechte.“ Der Fürſt horchte auf Smolnews Worte mit zuſam⸗ mengedrückten Zähnen, den aufwallenden Zorn kaum zu⸗ rückhaltend. Smolnew ſchien nichts zu bemerken: er ſprach langſam, wie gewöhnlich mit den Augen blinzelnd, ſie für einen Moment öffnend, um ſich an der Qual ſei⸗ nes Opfers zu ergötzen, jedes Wort grade auf das Herz ſeines Gegners richtend. Der Fürſt hielt's nicht länger aus. „Doch wo ſind ſie, wo ſind dieſe Kinder? ſind ſie denn aus dem Grabe oder aus dem Straßenkothe auf⸗ erſtanden?„ſtellen ſie ſich als Schatten dar, die mich verfolgen, oder als Erben, die mir mein Vermögen, mei⸗ nen guten Namen rauben wollen?„. Ich fürchte ſie nicht. ich bin hinreichend klug, um an den aus ei⸗ ner andern Welt Zurückgekommenen zu glauben; zu mäch⸗ tig, um zwei Bettlern Widerſtand zu leiſten, die boshafte Leute als meine geſetzlichen Erben aufſtellen wollten.“ „Eine bloß mündliche Ausſage iſt natürlich null und nichtig; aber ich weiß, daß ſich in Finskis Händen ein Auszug aus dem Taufbuche über die Geburt dieſer Kin⸗ der und im Teſtament ihres Vaters befindet.... Man ſagt, ihm iſt ihr ganzes verfloſſenes Leben bekannt„„. das heißt, alle ihre Leiden... „Doch wo ſind ſie, wo ſind dieſe Kinder? 4 „Wie kann ich das wiſſen!.. Da Ihr Name mit dem Leben dieſer Kinder eng verflochten iſt, wird's wohl nicht ſchwer fallen, Sie auch in ihre Entführung und in die Qualen, deren Zeuge der Maler Miller gewe⸗ ſen ſein ſoll, mit zu verwickeln.“ „Du glaubſt alſo, daß die in der Stadt über ſie verbreiteten Gerüchte einen Schatten Wahrheit haben? daß ſie nicht bloß deßwegen ausgeſtreuet worden, um mei⸗ 144 nen guten Namen, meinen Kredit zu untergraben, daß dieſe Kinder von Jemanden geraubt und ſcharf bewacht werden, und daß ihr Wächter, ihr Kerkermeiſter mich nicht um eine Belohnung angegangen hat Alter, du fängſt an ſchwachſinnig zu werden! „Was iſt zu thun, Euere Durchlaucht, das machen die Jahre. Ich war auch früher nur durch ihre Leitung klug; Sie wollten es nur nicht bemerken. Aber meine Ergebenheit für Ihr Haus zwingt mich, es zu wiederho⸗ len, die Kinder eriſtiren wirklich und find für Sie ſehr gefährlich.“ „Wie! Du wußteſt von ihrer Eriſtenz und ſie eri⸗ ſtiren!“ Dieſe furchtbaren Worte überraſchten Smolnew nicht im Geringſten. „Ich erfuhr es durch einen meiner Agenten, der Häuptling zubenannt, dem die Polizei ſo eifrig nachſtrebt und den ſie unlängſt beinahe erwiſchte.“ „Deine Agenten treiben gar verdächtige Gewerbe: Du weißt, ich miſche mich nicht in ihre Verhältniſſe, ich habe bloß mit Dir zu thun; aber gib acht, verwickle mich nicht in irgend eine unangenehme Geſchichte.“ „Wie iſt das möglich! Kennen Sie denn nicht meine Vorſicht, meine Ueberlegung in Angelegenheiten, die Ih⸗ ren Namen betreffen? Bald werden Sie ſich ganz da⸗ von überzeugen „Ja, ich glaube Dir, Alter! Ich glaube dir mehr darum, weil deine eigenen Intereſſen mit den meinigen eng verflochten ſind, auch deßwegen, weil ſchon die ſo viele Jahre dauernde Angewöhnung dich zur Dankbarkeit für meine Güte auffordert.... „O, Euere Durchlaucht! Ich diene Ihnen wie ein Hund, den nur Sie füttern, nur Sie liebkoſen 4 „Füge hinzu, wie ein räudiger Hund, den außer mir jeder verächtlich wegſtoßen würde.“ „Das werden wir bald ſehen,“ brummte Smolnew 14⁴⁵ zwiſchen den Zähnen, ſo daß der Fürſt es nicht hören konnte, und fuhr dann ſich an ihn wendend fort, als ob die Worte des Fürſten nicht die geringſte Wirkung her⸗ Lorgebracht hätten.„Glauben Sie mir, ich wende nicht weniger Mittel und Mühe auf, als die Polizei ſelbſt, die in der Aufſuchung der Finder ſo viel Thätigkeit entwi⸗ ckelte. aber alle meine Anſtrengungen ſind bis jetzt nutzlos geweſen und ich glaube, es bleibt nichts anders übrig, als ſich von ihnen loszuſagen, im Falle ſie ſich auffinden.“ „Das iſt unmöglich„ „Und nicht bloß von ihnen, ſondern auch von Finski der, wie es Euerer Durchlaucht bekannt iſt, auf die Erb⸗ ſchaft des Seligen auch Rechte hat. Bis jetzt hat er ſeinen Angelegenheiten nicht die geringſte Aufmerkſamkeit geſchenkt er hätte ſich ihrentwegen nicht von ſeinem Divane erhoben„ er blieb zu Hauſe, da ſeine bloße Gegenwart im Dorfe am Sterbenslager eines entfernten Verwandten ihm eine bedeutende Erbſchaft verſchafft hätte; aber jetzt treibt er ſich überall herum wie ein Abgebrann⸗ ter, ein wahrer Teufel haust in ihm, und es iſt kein Grund vorhanden, zu glauben, daß er nicht ebenſo ſeine Rechte an der Erbſchaft vertreten würde, wie er jetzt die Rechte der armen Kinder ſeines Onkels vertrit 4 „Er er iſt ein Eisklumpen!.... „Er ſelbſt! Ich weiß gewiß, daß Finski darauf beſtand, Ihnen von Amts wegen auf Ihre gege⸗ bene Erklärung, daß Ihre Güter ſelbſt erworbene ſeien, die Frage vorzulegen: mit welchem Kapitale, vder durch welche Mittel Sie die gedachten Güter erworben haben? Sie errathen leicht, was dieſe Frage bezweckte.. wie fein er Sie in Ihren eigenen Ausſagen verwickeln und wie vorſichtig Ihre Antwort abgefaßt ſein muß. „O, hier iſt eine Schlangenliſt thätig; aber Finski iſt zu nichts tauglich„ Doch wer es auch ſei, „ 146 es iſt alles eins: ich kann es mit ihm aufnehmen„ Ich werde antworten, daß ich mein Vermögen durch Ar⸗ beit, durch Umſatz erworben „Es iſt eine thatſächliche Baſis von nöthen„ „Kredit. „Den muß man ſich erwerben. Womit hätten Sie ihn erwerben können? Durch ſchon betriebene Geſchäfte ungefähr ſo! In ſolchen Fällen nimmt man ge⸗ wöhnlich zu der Mitgift der Frau ſeine Zuflucht. Wollen Sie nicht dieſes allgemeine, wenn auch etwas abgenützte Auskunftsmittel anwenden? Sie haben mit Ihrer Frau ein großes Kapital bekommen damit haben Sie Ihr noch größeres Vermogen erworben; alles dieſes liegt im Reiche der Möglichkeit, weicht von den geſetzlichen Formen nicht ab.“ „Dann kann die Frau Rechte auf mein Vermögen. haben 6 „Ein Frauenzimmer„ ganz unbekannt mit den geſetzlichen Formen „Doch Finski iſt noch weniger als ein Weib. So lange hatte er ſich um ſeinen eigenen Antheil an das in meinen Händen ſich befindende Vermögen des Seligen nicht bekümmert und mit einem Male nimmt er die Rechte Unbekannter in Schutz.— Geld erweckt ſelbſt Steine aus der ewigen Ruhe.. „Ja wohl! Doch Ihre Antwort bleibt ruhig in den Aktenſtößen.... Die Fürſtin wird von nichts erfahren⸗ In der Folge kann man ſich ſogar gegen ihre Anſprüche und die ihrer Erben nachdrücklicher ſchützen.“ „Ihre Erben? „Ja YNein Ich gebrauchte die Wörter und die ihrer Erben als eine allgemein gebräuchliche Formel.„ Ich weiß recht gut, daß die ganze Familie ihres Vaters von der Oberfläche der Erde verſchwunden Doch wenn von den Kindern der erſten Ehe nicht 147 die Rede ſein kann, ſo kann gewiß eben ſo wenig von ihren Erben 4 Der Fürſt bemerkte nicht die Verlegenheit Smolnews, aber der Gedanke an neue Prätendenten an das Vermö⸗ gen ſeiner Frau jagte ihm Angſt ein...„Dieſes fehlte noch. flüſterte er..„Die Gräber, die Hölle werden ihre Opfer wiedergeben, um mich zu mar⸗ te Nachdem er ſich von ſeinem Schrecken etwas erholt hatte, knüpfte er wieder das Geſpräch an, welches Smol⸗ new auf jede Weiſe zu unterhalten trachtete. „Ja,“ ſagte der Fürſt,„aus Mangel eines andern Vorwandes, kann man den von Dir vorgeſchlagenen ge⸗ brauchen„ Dann muß man ein Dokument ab⸗ faſſen„ und es meiner Frau zum Zeichnen unter⸗ ſchieben.“ ² „Ich habe daran gedacht, als ich von Bewahrung Ihrer Rechte, im Falle ſie Anſprüche erheben ſollte, ſprach, doch ich bin überzeugt, das wird nie der Fall ſein.“ „Es verſteht ſich von ſelbſt, daß ſie nur zu einem ſolchen Auskunftsmittel uns nöthig iſt.“ Smolnew triumphirte. „Ich werde die Geſetze zu Rathe ziehen, Erkundi⸗ gungen einziehen, werde mich mit bekannten Juriſten be⸗ ſprechen: verlaſſen Sie ſich auf mich.“ Smolnew wollte gehen, als ein Bedienter meldete, daß im Vorzimmer der Bevollmächtigte Lenins im Gold⸗ grabungsgeſchäfte warte. „Man rufe ihn hieher,“ ſagte der Fürſt.„Lenin machte ſich wichtig, geſtern unterhandelte er mit mir den ganzen Abend, ihm meinen Antheil an der Goldfom⸗ pagnie abzutreten, und heute will er wahrſcheinlich das Geſchäft durch ſeinen Bevollmächtigten zu Ende bringen.“ „Euere Durchlaucht wollen alſo Ihren Antheil an den Goldgrabungen verkaufen?2“ „Jal Ich habe immer dieſes Geſchäft als ein un⸗ 148 ſicheres betrachtet, und jetzt kömmt noch die Befürchtung hinzu, mein bekanntes Vermögen in fremde Hände überge⸗ hen zu ſehen und die Nothwendigkeit, baare Kapitalien zu beſitzen, um mich dagegen zu wehren; dann wieder der Wunſch, mit Leuten, wie Lenin, dem man bei jedem Schritte aufpaſſen muß, nicht in näherer Verbindung zu ſein; Newskis Antheil geht natürlich bald in Hände von Spie⸗ lern über, die auch hier nichts riskiren werden; alles dies beſtimmt mich, der Goldgrabungskompagnie zu entſagen.“ Smolnew hatte keine Zeit, etwas zu erwiedern, denn Lenins Bevollmächtigter trat ins Kabinet. Er erklärte, daß Lenin einwillige, die geforderte Summe für den An⸗ theil des Fürſten an der Goldkompagnie zu zahlen und nur den Fürſten bitte, die Zahlungsfriſt zu verſchieben; doch überlaſſe er auch dieſen Punkt der Gewogenheit des Fürſten, ohne ihn als feſte Bedingung zu betrachten; zum Schluſſe überreichte ihm der Bevollmächtigte ein Darangeld. „Wenn ich gewußt hätte, daß Herr Lenin um Ihren Antheil unterhandelt,“ ſagte Smolnew,„würde ich mich nie entſchloſſen haben, ihn in dieſem Geſchäfte zu über⸗ bieten.“ Der Bevollmächtigte blickte mit Schrecken, der Fürſt mit Verwunderung auf Smolnew. „Ja wohl,“ fuhr Smolnew fort, ſich an den Be⸗ vollmächtigten wendend:„die Sache iſt zwiſchen mir und Seiner Durchlaucht ſchon abgeſchloſſen: ich willigte un⸗ widerruflich in die Bedingungen ein, die Seine Durch⸗ laucht Lenin anboten und habe ſchon ein Darangeld ein⸗ gehändigt. Der Schlußzettel iſt vorläufig unterſchrieben.“ „Aber begann der Bevollmächtigte.. „mein Client bauete auf das Wort des Fürſten„ „Kein aber iſt hier am rechten Platze,“ erwiederte der Fürſt kalt, von dem Einwurfe des Bevollmächtigten verletzt.„Ihr Client hätte auf mein Wort wie auf die Kraſt eines Vertrages bauen können; aber es iſt 149 zwiſchen uns nichts entſchleden worden. Wiſſen Sie es, mein verehrter Herr, mein Wort iſt Goldes Werth: Herr Lenin hat ſich bereits davon überzeugt, lernen Sie von ihm die perſoͤnlichen Eigenſchaften Anderer ehren.“ „Ich habe es nie gewagt„ „Ich will nicht meine koſtbare Zeit mit Ihnen ver⸗ lieren: ſagen Sie Herrn Lenin, daß ich ihn bitte, mich heute Abend zu beſuchen.“ Der Fürſt, durch Smolnews Unterbrechung ſtutzig geworden, entſchloß ſich, das Darangeld nicht anzunehmen, er wollte aber auch nicht mit Lenin ganz brechen. „Was ſoll dies alles bedeuten 2“ fragte er ziemlich ärgerlich Smolnew, als ſie ſich allein befanden. „Um Gottes willen, verzeihen Sie mir, Euere Durchlaucht, daß ich mich zum erſten Male erkühnt habe, Ihre Gewogenheit für mich mir zu Nutzen zu ziehen und für alle meine treuen Dienſte für das Haus Euerer Durch⸗ laucht mir von Ihnen eine Gnade zu erbitten: Ihnen iſt es ja alles eins, wem Sie Ihren Antheil verkaufen.“ „Jedem gerner als Lenin, dieſem Parvenu!“ „Ich will ihn alſo ſelbſt kaufen.“ „Du.„ biſt Du bei Sinnen? Du weißt ge⸗ wiß nicht, wie viel wir den Antheil abgeſchätzt?“ „Wie viel?“ „Eine halbe Million Rubel in Aſſignaten.“ „Ich hoffe auf den Beiſtand guter Menſchen.“ „All dies iſt vielleicht ein Scherz, wie? Und in⸗ deſſen machſt Du mir einen Käufer abſpänſtig, verwirrſt meine Angelegenheiten mit Lenin.“ „Wie hätte ich es gewagt, mit Euerer Durchlaucht meinen Scherz zu treiben! Heute noch.... in einer Stunde erhalten Sie von mir fünfzig tauſend Rubel als Darangeld.... und die ganze Summe ohne weitere Friſten oder Verzögerungen allſogleich nach Abſchluß des Vertrages.“ 15⁰ „In einem ſolchen Falle wird Dir der Teufel ſelbſt behilflich ſein.“ „Nein, Euere Durchlaucht, heut zu Tage trauen ſelbſt die Teufel dem Menſchen nicht gegen die bloße Verpfändung ſeiner Seele. Ich kenne Perſonen, die das Geld vorſtrecken werden, und mir einen Antheil am Ge⸗ ſchäfte, das ich verwalten werde, laſſen.“ weſſen Namen alſo wird der Vertrag lau⸗ en „Wohl auf den meinigen. Ich habe die Erlaubniß der Regierung, Goldgrabungen anzuſtellen, während meine übrigen Geſellſchafter noch nicht im Beſitze einer ſolchen Bewilligung ſind.“ „Schoͤn! Ich bin ſehr froh, Dir dienen zu können nur vergeſſe nicht, ich liebe die Pünktlichkeit in den Zahlungen. „O, ſeien Sie ruhig, Eure Durchlaucht; habe ich mir denn je Ihren Argwohn zugezogen 2“ „Nein, Du biſt ein ehrlicher Mann; gebe Goit Dit Erfolg im neuen Unternehmen.“ „Wir wollen uns Mühe geben.“ Der Fürſt bereuete, daß er den wahren Preis des zu verkaufenden Antheils angegeben hatte; er hätte mit Smolnew handeln ſollen: wer weiß, vielleicht hätte er mehr geboten: aber nun war es zu ſpät, er konnte, ohne ſich zu kompromittiren, ſein Wort nicht zurücknehmen, und vielleicht wäre es auch nutzlos. Indeſſen wolite 7 doch etwas noch gewinnen. „Die Ausgaben auf Taren und Stempelgebühren „Wie gewöhnlich zur Hälfte.“ „Nein: es war mit Lenin ausgemacht, daß er alle dieſe Ausgaben allein trage.“ „So will auch ich dieſe Bedingung gerne über⸗ nehmen.“ „Was Teufels iſt aus ihm geworden!“ dachte der Fürſt,„woher mit einem Male dieſe Entſchiedenheit, 151 dieſe Geringſchätzung des Geldes, das er gleichſam um ſich wirft. Ich muß ihm indeſſen auf den Zahn fühlen. Natürlich nicht jetzt. Für's erſte Mal zeigen wir unſere Générosité.“ Smolnew beſchäftigte ſich eifrig mit den Angelegen⸗ heiten des Fürſten. Alle ſeine Bemühungen waren dahin gerichtet, das Vermögen des Fürſten auf den Namen ſeiner Frau zu übertragen und es als ihre geſetzliche Erbſchaft anerkennen zu laſſen. Dieſe Bemühungen konnte der Fürſt für nichts anderes als für Theilnahme an ſeine Perſon nehmen, durchaus nicht als Anhänglichkeit an die Fürſtin, weil Wjera ſeit einiger Zeit vor Smolnew einen paniſchen Schrecken äußerte und jede Begegnung mit ihm ſichtbar vermied. Fünttes Buch. Petersburg am Tage ꝛc. M. 11 Erſtes Kapitel. Petersburg im Winter. Petersburg iſt im Winter um vieles geräuſchvoller und lebhafter als im Sommer. Nur die Börſe iſt im Sommer in Thätigkeit: hier knüpfen ſich noch viele In⸗ tereſſen an; aber im Winter lebt Petersburg auf, gleich⸗ ſam zum Trotze der es umgebenden Natur, die nach einem kurzen Sommerſchlummer in einen tiefen Schlaf verſinkt. Wie viele neue Elemente, neue Leidenſchaften, neue Glücksſterne, neue Lebensläufe ſtürzen ſich im Win⸗ ter in dieſen alles verſchlingenden Strudel! Bälle, Mas⸗ keraden mit ihren Intriguen, Picknicks mit ihrer raffi⸗ nirten Einfachheit, Theater— alles dies kann man auch im Sommer finden, aber zu ihrer vollen Entwicklung harren ſie des Winters, der langen dunkeln oder von künſtlichem Lichte erhellten Nächte, die Wohlgerüche, üppige Luſt, heiße Leidenſchaften athmen; ſie harren der einladenden Kamine im Boudvire, des Halbdunkels der matten Lampe, ves allgemeinen Rauſches, denn unter all' dieſem Geräuſche kann man am leichteſten einſam ſein, kaun man am eheſten neugierigen Blicken, langwei⸗ ligen Phraſen ausweichen„ Und das Spiel! Gewiß wird nirgends mehr Leide nſchaft, mehr Lebensblut verſchwendet, als im Spiele„ Nicht weniger Zwiſt, 156 Intrigue, Ekſtaſe, Verzweiflung wird im Spiele in Un⸗ koſten geſetzt„ Im Sonmer geht das Spiel über die Gränze oder in die Provinz, Nutzen und Vergnügen Allen darbietend, die ſeine Dienſte in Anſpruch nehmen wollen. es iſt ein ſo viel Heil verſprechender Gevatters⸗ mann! Wie Queckſilber ſaugt es ſich in die Geſellſchaft ein, und da Queckſilber ſich am bequemſten mit Gold ſät⸗ tigt, ſuchen geſcheidte Leute dieſes Amalgam zu erhaſchen. Es gibt Häuſer, wo dem Anſcheine nach das Spiel eine bloße Nebenbeſchäftigung ausmacht,— einen Zwi⸗ ſchenakt; Familienzirkel, wo man tanzt, mufizirt; Häuſer von Junggeſellen— wo man zecht; und indeſſen haben eben hier die verrufenſten Spieler ihre Stelldichein. Die Hausherren richten darauf nicht ihre Aufmerkſamkeit; was kümmert es ſie, daß auf ihre Einfachheit Andere ihre Plane bauen. Und den Spielern iſt das gerade nöthig, ſie können auf keine andere Weiſe die gegen ihre Profeſſion eingenommenen Einfaltspinſel in ihre Netze locken. Aber wer wird hier argwöhnen, daß im Hauſe eines gutmüthigen Wirthes, der ein Aß nicht von einer Drei zu unterſcheiden verſteht, Spielmorde vor ſich gehen. Es iſt übrigens noch nicht enträthſelt, ob dieſe gutmüthi⸗ gen Wirthe mit den Spielern im Bunde ſind oder nicht. Wenn man in Betracht zieht, daß in unſerem aufgeklär⸗ ten Zeitalter, wo Alles ſich vervollkommnet, eine ſo kind⸗ liche Unwiſſenheit, und noch dazu in der Reſidenz, nicht ſehr wahrſcheinlich iſt, ſo wird man unwillkürlich arg⸗ wöhniſch. Da man aber in wiſſenſchaftlichen Gegenſtänden nur reine Fakta, aber keine Muthmaßungen aufſtellen muß, und es ſich hier um eine große Wiſſenſchaft, die Kenntniß des Menſchenherzens handelt, ſo wollen wir allen Verdacht beſeitigen und uns zu unſerer Erzählung zurückwenden. In einem dieſer reichen und eleganten, wenn auch für einen Junggeſellen eingerichteten Häuſer befanden ſich im Gaſtzimmer einige junge Leute. Die Unterhaltung 157 wurde leiſe, vorſichtig geführt, als ob im nächſten Ge⸗ mache, wohin ſich welche von Zeit zu Zeit begaben und wieder zurückkamen, etwas Wichtiges, Myſteriöſes, irgend eine mediziniſche Operation oder chemiſche Analyſe voll⸗ zogen würde. Es war ſchon weit über Mitternacht. Man ſchien Niemanden zu erwarten und doch öffneten ſich plotzlich die Flügelthüren mit Geräuſch, und ein ganzer Haufe junger Leute wälzte ſich in's Gaſtzimmer. „St. ſtille ſagte der Wirth, den An⸗ kommenden entgegengehend,„wie, iſt der Ball zu Ende?“ „Nein, er iſt gerade in ſeiner Blüthe.— Aber was geht dort vor?“ „Ein Kampf auf Leben und Tod.“ „Bah! „Wie iſt der Ball?“. „Tödtliche Langeweile.. Laß uns auch einen Blick hineinwerfen: es iſt intereſſant.“ „Aber nur um zuzuſchauen, geſpielt kann hier nicht werden. Ich verſtehe nichts davon, aber es ſcheint mir, Neweki iſt geradezu toll.“ Der Haufe ſchlich ſich leiſe in's Kabinet und um⸗ lagerte unbemerkt die am grünen Tiſche Sitzenden, an dem in der That ein furchtbares Geheimniß vollzogen wurde. Nur zwei nahmen daran lebhaften Antheil, noch zwei ſaßen bloß da, um das Gemälde zu kompletiren; ihre Einſätze waren höchſt unbedeutend. Das Geſammt⸗ intereſſe war auf den Banquier und einen Pointeur kon⸗ zentrirt: er hatte auf eine Karte eine Summe geſetzt, die mehr als eine Perſon ſelbſtſtändig machen könnte; dieſer Pointeur war Newski. Er ſaß, auf dem Ellbogen ge⸗ ſtützt, das Kinn in der flachen Hand; die Augen waren auf die Karten gerichtet, aber ohne jene ungeduldige Er⸗ wartung, jenes krampfhafte Herzzittern, das ſich durch einen plötzlichen Glanz oder durch eine verzweifelte Er⸗ ſtarrung ausdrückt. Das Geſicht war kalt. Die Stirne hatte keine Furchen, die Lippen waren nicht zuſammen⸗ 1⁵8 gekniffen, wie das bei einem angeſpannten Zuſtande der Fall zu ſein pflegt. Neweki war gleichgültig oder faſt gleich⸗ gültig, denn eine wahrhafte, vollkommene Gleichgültig⸗ keit läßt ſich bei ſo einem gewagten Spiele kaum den⸗ ken. Es iſt wahr, daß es Spieler gibt, die alle Ver⸗ ſuchungen des Geſchickes ertragen, bei allen Schlägen deſſelben als Sieger den Wahlplatz verlaſſen haben, und gleich erfahrenen, vom Pulverdampfe gebräunten Kriegern im Kampfe ihre Ruhe und Ueberlegung beibehalten: dieſe verrathen ſich nicht durch ein unüberlegtes Wort, durch eine Bewegung, die Ungeduld verriethe, ſie ſitzen da, ihren Blick auf den Gegner gerichtet, ihn durch und durch blickend und auf ſeinem geſpannten Geſichte die geheim⸗ ſten Gedanken ſeines Spieles leſend: Leute dieſer Art gehen faſt immer als Sieger hervor. Anvere hingegen ſpielen bloß die Rolle der Gleichgültigen, während in ihrem Innern ein ganzes Heer von Leidenſchaften wüthet: dieſe ſind ſich ſelbſt gefährlich. Es gibt endlich Leute, die Gewinn oder Verluſt wirklich gleichgültig läßt. Wozu ſpielen ſie alſo? fragt Ihr...— So! weil alles ſpielt. Manchmal wollen ſie erſchütternde Gefühle koſten, die Einförmigkeit des Alltaglebens vergeſſen, einer langweili⸗ gen Geſellſchaft entgehen; manchmal iſt es nur eine angenblickliche Laune, eine Verſuchung, die Andere ge⸗ ſchickt zu benutzen verſtehen. Zur erſten Kategorie gehörte unſer Banquier, zur letzten der Pointeur Natürlich hätte Newski am Anfange des Spieles nicht ſein ganzes Vermögen auf eine Karte geſetzt, wie ſehr er auch von den erlittenen Unfällen aufs Aeußerſte gebracht war; ſehr wahrſcheinlich, daß auch der Banquier gegen einen ſolchen Einſatz nicht riskirt hätte; aber jetzt war aus dem vollgeſchriebenen Tiſche, aus den langen Reihen weggewiſchter und wieder hingeſchriebener Ziffern leicht zu erſehen, daß der Kampf ſchon eine geraume Weile dauere; die Kämpfer ſchienen über die Unentſchie⸗ denheit des Spieles die Geduld verloren zu haben; bald 159 war es dem Ginen, bald dem Andern günſtig. Sie gli⸗ chen zwei Todfeinden, die, nachdem ſie die Schwerter ge⸗ brochen, den Kampf durch Piſtolen zur Entſcheidung brin⸗ gen. Es war auch nicht ſchwer zu bemerken, daß zwiſchen den beiden Spielern ein gegenſeitiger geheimer Groll vor⸗ handen war, der noch durch einige im Laufe des Abends von den Umſtehenden hingeworfene, unvorſichtige Worte und ſpitze Anſpielungen geſteigert wurde. Doch da ge⸗ endigt werden mußte, ſo ſollte ein Kampf auf Leben und Tod entſcheiden. Schrecklich und ſonderbar war es die⸗ ſem mit ſolcher Kaltblütigkeit geführten Kompfe zuzu⸗ ſehen, der doch mit dem moraliſchen Verderben eines der Gegner unvermeidlich enden mußte. Die ſie Umſtehenden drückten mehr Schrecken und Bangigkeit aus. Beſonders befand ſich unter ihnen eine Perſon, die gewiß die Aufmerkſamkelt Aller auf ſich ge⸗ zogen hätte, wenn dieſe nicht ganz auf die Spielenden ge⸗ richtet geweſen wäre. Es war ein junger Mann, der, wie es ſchien, kaum die Kinderſchuhe ausgetreten hatte, mit einem kleinen Schnurrbarte und ſchwarzen Augen, die im wah⸗ ren Sinne des Wortes brannten; er war ſpät mit dem letzten Haufen junger Leute eingetreten und hatte ſich ſchüchtern ins Spielzimmer geſchlichen. Hier trat er an Newski's Seite und ſeine Augen ſaugten ſich ſo in ihn ein, daß dieſer unwillkürlich den Kopf gegen die Seite hinwandte, wo der junge Mann ſtand, ohne übrigens ihn oder die neben ihm Stehenden zu bemerken. Einige traten nach einer ſolchen Bewegung eines der Spielenden zurück, glaubend, daß ihre Nähe ihm etwa unangenehm ſei, da ſie aus Erfahrung wußten, welche Vorurtheile Spieler beherrſche, und ſie dieſelben bei Andern duldeten, weil ſie ſelbſt von ihnen befangen waren; nur der junge Unbe⸗ kannte blieb unbeweglich. Die ganze Welt und alle ihre Vorurtheile waren für ihn verſchwunden, für ihn eriſtirte nur ein Menſch, derjenige, der ſo gleichgiltig zuſchaute, wie das gleichmäßige Kartenaufſchlagen des Banquiers 160 ihn in einem Augenblicke zum Bettler machen konnte. Einige Mal war der junge Mann im Begriffe, ſich Newoki zu nähern und ihn fortzuſpielen zu verhindern, doch uner⸗ fahren im Spiele, wußte er doch, daß Newski in was immer für einer Angelegenheit zurückhalten wollen, nur ihn zur ſchnellern Vollbringung derſelben zwingen hieße. Er wußte nicht, wozu er ſich entſchließen ſollte. In ſei⸗ nen Augen glich Neweki einem Nachtwanvler, der am Dachrande eines dreiſtöckigen Hauſes ſtand: ihn in einem ſolchen Augenblicke erwecken, hieße ihn von der Höhe auf's Steinpflaſter ſtürzen. Es blieb ihm alſo nichts anderes übrig, als in tödtlicher Angſt zuzuſchauen, vom Schickſale allein Hilfe erwartend. Der junge Mann blickte alſo wie die Andern auf das Kartenſchlagen des Banquiers, das ſo ruhig und regelmäßig vor ſich ging, wie die Schwingun⸗ gen des Pendels. Er wollte auf den Geſichtern der Spie⸗ lenden die Entſcheidung des Spieles leſen, aber dieſe wa⸗ ren und blieben unbeweglich, wie wir es ſchon bemerkten. Mit Schrecken blickte er auf die furchtbare Ziffer, die als Einſatz galt, und harrte mit erſtarrtem Herzen des Endes. Noch eine Karte, eine zweite„ der Banquier deckte die Karte linker Hand und machte eine unwillkür⸗ liche Bewegung auf dem Stuhle er deckte die Karte rechter Hand und athmete freier auf fiel dieſelbe Karte wie linker Hand gar manche Leidenſchaft wallte in den Herzen der Anweſenden auf und ſpiegelte ſich auf ihren Geſichtern ab; nur der Pointeur blieb gleichgiltig. Ohne ſeine Lage zu ändern, ohne die Karte zu wechſeln, ſagte er bloß ruhig: „Es gilt daſſelbe!“ „Auch dieſelbe Karte?“ Der Pointeur nickte beſtätigend mit dem Kopfe. Der frühere Kampf begann auf's Neue. Da der junge Mann ſah, daß das Spiel fortdauerte, begriff er, daß noch nicht alles verloren ſei, und ohne ſich darum zu bekümmern, daß man auf ihn aufmerkſam wurde, das er 161 anfangs ſo ſehr befürchtete und zu vermeiden ſuchte, da er ſich unter ihm völlig fremden Perſonen befand, trat er jetzt ganz in den Vordergrund. Nach einigen Abzügen hielt der Banquier ein, ſchwei⸗ gend auf die gedeckte Karte zeigend. „Ich ſehe,“ antwortete Neweki auf dieſe ſtumme Frage. in krampfhafter Schauer durchlief wie ein elektri⸗ ſcher Funke die ganze Geſellſchaft. Newoki hatte verlo⸗ ren! Es handelte ſich um die Auszahlung. Da die Anweſenden nicht wußten, wie Neweki einen ſo ungeheuern Verluſt decken werde, verließen faſt alle das Zimmer, einige aus Delikateſſe, andere aus Theilnahme an einem Unglücke, das Spielern nicht fremd iſt. Newski ſchrieb, an den Tiſch gelehnt, maſchinenmäßig mit“ der Kreide Ziffern, als berechne er den Verluſt und die zu bezahlenden Summen. Aber auf dem Geſichte war zu bemerken, daß ihn ein anderer, weſentlicherer Gedanke beſchäftige. Der Banquier hatte ſich von ihm halb abge⸗ wendet, und den Arm ſorglos über die Stuhllehne ge⸗ worfen, knüpfte er mit einem der im Zimmer Zurück⸗ gebliebenen ein Geſpräch an und fragte, ob es auf dem luſtig hergegangen? ob die oder jene heute hübſch war Um dieſe Zeit näherte ſich dem Tiſche ein bejahrter Mann von achtbarem Anſehen, mit grünen Brillen auf den Augen, neigte ſich gegen Neweki, ſtützte ſich ſo auf den Tiſch, daß er Newskl faſt ganz bedeckte, und flüſterte ihm einige Worte zu. Newski ſchien wieder aufzuleben; der ältliche Herr entfernte ſich gleichfalls zufrieden und ließ, den Andern unbemerkt, in Newski's Hand ein Bank⸗ billet auf eine ungeheuere Summe zurück. Newski gab das Billkt dem Banquier. „Es iſt hier ein Unterſchied um hundert Rubel, die fehlen oder zu viel da ſind,— ich weiß es nicht genau: berechnen Sie gefälligſt!“ 162 „Lohnt ſich's der Mühe von einer ſolchen Kleinigkeit zu ſprechen? Dieſes Billet kömmt wahrſcheinlich in Ihre Hände zurück, und ich ſtelle es Ihnen für dieſelbe Summe zurück, für die ich es erhalten.“ Newski hörte die Antwort nicht mehr. Er war an den am Fenſter ſtehenden Schreibtiſch getreten und ſchrieb. —— Der junge Mann mit dem kleinen Schnurrbarte und den ſchwarzen Augen hielt ſich kaum auf den Füßen, als er die Entwickelung des Spieles erfuhr; er wollte zu Newski treten, noch bevor der ältliche Herr ihm aus der Verlegenheit helfe; doch die Erſchöpfung, die Angſt, ſich vor Andern zu erkennen zu geben, die Furcht, daß Newski ſeine Hilfe verweigern werde, all dieſes hielt ihn auf ſei⸗ nem Platze feſt; da er aber ſeine Gemüthsbewegung den —— Anweſenden verbergen wollte, hatte er zuletzt ſo viel Gei⸗ ſtesgegenwart, in eine Fenſterbrüſtung zu treten, wo er von der Draperie faſt ganz verdeckt war. Nahe am Fenſter, nur durch den Seidenſtoff von ihm getrennt, ſtand Newoki und ſchrieb. Der Unbekannte konnte daher, den Vorhang lüftend, das Geſchriebene leicht leſen; er widerſtand nicht 3 Verſuchung und las. Der Zeitel enthielt folgende orte: „Meinen Antheil an der Goldgrabungsgeſellſchaft. Smolnew und Lenin trete ich für mich und meine Erben für immer und ewig an Smolnew ab; hiermit verpflichte ich mich auf mein Ehrenwort, einen geſetzlich gültigen Vertrag darüber mit ihm abzuſchließen.“ Darauf folgte die Unterſchrift. Guter Gott! Sein letztes Gut: jetzt iſt er ein Bettler, dachte der junge Mann, und ſein Geſicht drückte! Schmerz, Verzweiflung aus: doch plötzlich belebte es wie⸗ der eine unbegreifliche Hoffnung. „Wie, wenn.. Man muß thätig ſein!“ flüſterte er„ Herr Gott, ſtehe mir bei. Und er folgte Newski ins andere Zimmer, in der vollen Ueberzeugung, daß dieſer nicht einen Augenblick im —— 163 Hauſe bleiben würde, in das er als reicher Mann einge⸗ treten war, und das er nun als Bettler verließ. Der junge Mann war entſchloſſen, ihn nicht aus dem Geſichte zu verlieren. Doch Newski ſetzte ſich mit den Uebrigen zum Souper. Lärm, Gelächter, allgemeines Geplauder, freche Zweideutigkeiten betäubten den Unbekannten; aber er war auf alles gefaßt und nahm gleichfalls Platz. Neweki war ausgelaſſen luſtig. Es war keine ge⸗ zwungene, ſondern eine krampfhafte Luſt. Es iſt übrigens bei vielen Spielern zu bemerken, daß ſie im Augenblicke des Verluſtes das Verzweifelte ihrer Lage nicht empfinden, und ſich einer im Anfange vielleicht gezwungenen, aber dann aufrichtigen Freude hingeben, als wollten ſie das dargebotene Vergnügen ſich zum letzten Male zu Mutze machen, nun ſie für immer alle Freuden entbehren müſſen. Erſt am andern Tage faſſen ſie die Tiefe ihres Sturzes. Es iſt eine Art Rauſch. In der Geſellſchaft befand ſich auch Lenin, aber nicht mehr der kriechende, ſich bückende Lenin, der die Protek⸗ tion der Mächtigen, die Freundſchaft der Reichen ſuchte! Nein! Lenin handelte jetzt ſelbſtſtändig, lebte und wirkte für ſich und nicht für Andere: er ſprach laut, ſcharf, lebte mit der vornehmen Jugend auf einem freund⸗ ſchaftlichen Fuße, nahm manchmal ſelbſt eine Gönnermiene an und hatte einen Kreis von Verehrern. Die Sache er⸗ klärt ſich höchſt einfach: Lenin war reich!... Aber um ſo deutlicher, um ſo ſchneidender kamen jetzt ſeine Neigungen an den Tag, die mit der Muttermilch einge⸗ ſogenen, die durch Noth und Umſtände großgezogenen, durch eitle Eigenliebe, durch das Streben, Andere zu be⸗ herrſchen, entwickelten Neigungen. Lenin hatte Newski nicht aus den Augen verloren und wartete nur die Zeit ab, wo dieſer alles aufs Spiel ſetzen werde. Dann konnte Lenin ſeinen Antheil an der Goldkompagnie leicht für eine ihm beliebige Summe erhalten Aber zu derſelben Zeit, als die ſo ſehnlich ew inute heranrückte, als er 164 ſchon die Erfüllung ſeiner Abſichten vor Augen ſah, und Newski triumphirend im andern Zimmer erwartete,— zu verſelben Zeit eſuhr er, daß Neweki ſeinen Antheil ver⸗ kauft habe. Lenin konnte ſeine Wuth nicht verbergen; er, ſah keine Nothwendigkeit mehr— vor Newski— dem Bett⸗ ler, ſie zu verheimlichen; er wollte im Gegentheile ſein bis⸗ heriges Hofmachen und ſeine getäuſchte Hoffnung an ihm rächen. Nur die Furcht hielt ihn noch etwas zurück; aber in einem ſolchen Falle löst ein einziger entfahrener, kühner Ausfall die Zunge, und Neweki befand ſich nicht in einem Zuſtande jedes Wort auf die Waage zu legen. Auch Finski war hier. doch konnte er ſeinen Freund zurückhalten? Die Geſetze des Spieles ſind auf ſogenannte Begriffe der Ehre gegründet Sei es ein Freund, ein Bruder, der Jemanden während des Spieles bemerkt, daß er ſein letztes Gut eingeſetzt,— er fühlt ſich verletzt, er braust auf, er betrachtet jedes fremde Einmiſchen als eine Schikane gegen ſeine Selbſtſtändigkeit, als ob er ein Kind ſei, als ob er nicht ſelbſt Charaktet habe! Finski kannte ſeinen Freund gar gut, er ſchwieg daher und duldete Bei einem Souper ſpringt gewöhnlich das Geſpräch raſch von einem Gegenſtand zum Andern. „Der heutige Ball war ſehr fade,“ bemerkte Jemand. „Fade, weil die Fürſtin Wjera fehlte.“ „Apropos, habt Ihr von Ihrem ſogenannten Gemahle gehoͤrt.... vom Fürſten Aleris?“ „Und was?“ „Es iſt höchſt intereſſant! Er wurde es überdrüſſig als Einſiedler zu leben, und er öffnete wieder ſein Haus für einen engen Kreis von Freunden. Man ſpeiste bei ihm gut, und es fanden ſich daher Leute, die ihn beſuch⸗ ten. Aber ein Mal behorchte er ein geheimes Geſpräch ſeiner Gäſte.“ „Oh, welche Langeweile,“ ſagte der Eine. „Fürchterliche nh antwortete ein Zweiter⸗ „Es gehort ein gar zu ſchmackhafter Mittag und gar zu gute Weine dazu, um das Opfer aufzuwiegen, das wir dieſem goldenen Kalbe bringen.“ „Dieſem goldenen Drachen, bemerkte ein Anderer.“ „Auch das iſt wahr! Hier handelt es ſich nicht allein um die bloße Langeweile, auch die Ehre leidet, man kom⸗ promittirt ſeinen Ruf; auf dem Fürſtenmantel dieſes Men⸗ ſchen ſind ſo viele ſchwarze Flecken, auf ſeinem Wappen iſt ſo viel Roſt.... „Der Fürſt hörte dieſes... Sie können ſich ſeine Wuth, ſeinen Ingrimm leicht denken. Er zog ſich in ſein Kabinet zurück und ließ der bei ihm verſammelten Geſellſchaft ſagen, daß er auch ohne dieſelbe leben könne Seit dieſer Zeit hat er wieder ſein Haus abge⸗ ſchloſſen, und das mit einem Doppelſchloſſe. Es iſt be⸗ kannt, daß die liebenswürdige und geiſtreiche Fürſtin Wjera ihn verachtet; ſie weicht jedem Zuſammentreffen mit ihm aus, beſonders ſeit dem Tode des Sohnes, da ſie nichts mehr an einander feſſelt. Die Fürſtin ſpeist nie mit ih⸗ rem Manne. Er hat keinen Appetit, wenn er allein bei Tiſche ſitzt. Was hat er alſo erdacht? Er miethete zwei aus dem Dienſte gejagte Beamte, die verpflichtet ſind, zur Mittagsſtunde ſich punktlich einzufinden, zur Erweckung des Appetites Sr. Durchlaucht viel zu eſſen und ſogleich nach aufgehobener Tafel ſich fortzubegeben... Nicht wahr, ein luſtiges Leben!....“ Dieſe bittere Anekdote wurde mit einem allgemeinen Gelächter aufgenommen. „Zum Teufel mit allem Reichthum bei einem ſolchen Leben.“ „Sagen Sie das nicht! Er hätte ſonſt nicht Leute zur Stachlung ſeines Appetites zu miethen noöthig gehabt: beim Armen ſtellt er ſich von ſelbſt ein „Das iſt ja ein wahrer Troſt für ſolche, die ſich zu Grunde gerichtet haben, und es iſt daher kein Wunder, wenn ſie nicht verzweifeln,“ bemerfte Lenin, von der Seitz 166 einen Blick auf Newski werfend, der ſeine plumpe Bemer⸗ kung nicht vernommen hatte. „Das Vermögen des Fürſten ſoll ſich durch einen verlorenen Prozeß ſehr vermindert haben,“ bemerkte Je⸗ mand. dert Seelen verloren, das Uebrige hat er durch eine Ver⸗ ſchreibung auf den Namen ſeiner Frau gerettet.. „So! dann iſt ja die Fürſtin verteufelt reich.“ „Man ſagt, der Fürſt habe mit ihr einen geheimen Vertrag abgeſchloſſen.“ „Nun, darauf iſt nicht immer zu bauen. Die Für⸗ ſtin iſt ein Frauenzimmer, das iſt alles wahr; aber durch⸗ aus kein gewöhnliches Frauenzimmer; auch finden ſich in ſolchen Fällen immer Leute, die einen heilſamen Rath er⸗ theilen.“ „Aber was iſt denn das für ein Prozeß des Fürſten, von dem ſo viel die Rede geweſen?“ 8 „Unbedeutend!... Er hat ein Dorf mit fünfhun⸗ „Das iſt eine ſuperfeine Erdichtung des Monſieur Finski,“ fuhr Lenin fort.„In ſeiner Jugend hatte er es nicht ſeiner Aufmerkſamkeit werth gehalten, daß mit dem Tode eines Onkels ihm ein bedeutender Theil der Hinter⸗ laſſenſchaft gebühre, deren ſich der Fürſt Aleris nach dem Recht des Stärkern und Klügern bemächtigte. Endlich kam Finski zu ſich.. Aber es war zu ſpät! Die Sache war verjährt, es konnte nicht wieder gut gemacht werden. Da läßt er Kinder des Seligen auf den Schauplatz tre⸗ ten, verſtoßen von aller Welt, verfolgte Waiſen; er ver⸗ lieh ihnen ein romantiſches Intereſſe, es gelang ihm, all⸗ gemeine Theilnahme zu erregen und nun fordert er in ihrem Namen die Erbſchaft des Seligen. Trotzvem, daß er einen ſo mächtigen Gegner als der Fürſt Alexis es iſt, zu bekämpfen hatte, gelang es ihm, ein, wenn auch nicht großes Stück deſſen zu entreißen, was ihm von Rechts wegen gebührte. Die Kinder ſind natürlich, wie es ſih nun zeigt, nur ein Puff, und die fünfhundert Seelen hlei⸗ 167 ben Finski als Ihm gebührende Erbſchaft. Nun, was ſagt Ihr zu unſern Pappenheimern!“ fügte er triumphirend hin⸗ zu, als wollte er dadurch dem Erfindungsgeiſte ſeines Kameraden alle Gerechtigkeit wiederfahren laſſen. „Die Ehre der Erfindung gebührt Ihnen, Monſieur Lenin,“ erwiederte Finski,„und ich gebe Ihnen von Rechts wegen Ihr feierliches Lob zurück. Auf meiner Seite iſt nur die Realität. Die Kinder meines ſeligen Onkels exi⸗ ſtiren, und ich habe den Prozeß nur dann begonnen, als 7 ich durch klare Beweiſe davon überzeugt war.... „Wenn nicht durch klare, ſo doch durch glänzende,“ ſetzte Lenin hinzu. „O, ich weiß, Sie ſind an juridiſche Fakta gewöhnt; mündliche Ausſagen, wie Sie ſich ausdrücken, gelten bei Ihnen nicht. Was würden Sie übrigens dazu ſagen, wenn die gemachten Ausſagen ſich durch die wirkliche Entdeckung der Waiſen bekräftigten 2“ „Ich würde Ihnen zur neuen auf der Straße aufge⸗ leſenen Verwandtſchaft Glück wünſchen und Sie bedauern.“ „Ich würde Ihnen rathen, eben dort Ihre Verwandt⸗ ſchaft aufzuſuchen, ich werde mich über Ihre Entdeckun⸗ Ln herzlich freuen, ſehen Sie, ich bin nachſichtiger als ie. Lenin biß ſich in die Lippen, daß das Blut hervor⸗ ſpritzte. Wer weiß, was er geantwortet haben würde, wenn nicht in dieſem Augenblicke die ganze Geſellſchaft Finski mit Fragen umlagert hätte. „Wie! die Geſchichte beſtätigt ſich? Es eriſtiren alſo wirklich dieſe Kinder, die man bei ihrer Geburt in eine unterirdiſche Höhle geworfen. ſie haben alſo nie Menſchen geſehen, ſinv ganz verwildert? Iſt es wahr, man ſagt, es fehlt ihnen die Gabe, zu ſprechen, ſie bellen bloß wie Hunde?.. Iſt es wahr, daß die Unglücklichen in Wuth gerathen, wenn das Tageslicht zu ihnen dringt?„Sie ſind alſo entdeckt, dieſe Natur⸗ kinder? Wo ſind ſie? Wie kann man ſie ſehen?“ „ Es war des Fragens kein Ende. Die Bewohner Petersburgs wiſſen es ſehr gut, welche Umwandlung jede Anekvote, Geſchichte oder Reputation erleidet„ wenn ſie auf den Flügeln des Gerichts oder im Munde müßiger Neuigkeitskrämer die Runde durch die Stadt machen. „Meine Herten, ich kann Ihre Fragen nicht befrie⸗ digend beantworten, weil ich die Kinder noch nicht geſe⸗ hen. Heute hat man die Frau aufgefunden, welche dieſe Dulder bei ſich aufbewahrte; ſie bat bloß in Gegenwart eines Polizeibeamten ihren geliebten Sohn ſprechen zu dürfen, dann wird ſie den Ort, wo ſie ſich befinden, an⸗ geben. Sie werden ſich übrigens mit eigenen Augen von der Lächerlichkeit aller über dieſe armen Kinder erſonnenen Gerüchte überzeugen, denn ſie werden bei mir, als ihrem nächſten Verwandten, wohnen: ich laſſe es durchaus nicht zu, daß man ſie der Mutter übergebe, die ihre eigenen Kinder verleugnete.“ „Aber ich hörte, daß ſie dieſe Handlung bitter be⸗ reuet, und ſie auf jede Weiſe gut zu machen trachtet,“ bemerkte ein ſanftes Gemüth. „Die Handlung iſt ſo unbedeutend, daß ſie ſich leicht gut machen läßt nicht mehr als dreizehn oder vierzehn Jahre Leiden, dann aller Art Unterdrückung und Qualen zweier Kinder, die nach ihrer Geburt alle Rechte auf ein glänzendes Loos haben,“ antwortete Finski mit einem bittern Lächeln. „Doch wenn ſie ihnen ihr Vermogen zurückläßt, noch vermehrt, wie wir ſo eben vernommen„ durch das ungeheure Vermögen des Fürſten„ „All dies fällt ihnen ohnedem nach dem Tode der Mutter rechtmäßig zu.“ „Sie irren,“ bemerkte der ältliche Herr mit den grünen Brillen, derſelbe, der Newski das Bankbillet gege⸗ ben hatte;„das Vermögen der Fürſtin iſt ein ererbtes; der Fürſt hat gleichfalls erklärt, daß er ſeine Güter mit 169 dem Gelde der Fürſtin erworben; folglich bilden auch dieſe einen Theil ihres ererbten Vermögens „Daraus läßt ſich leicht der Schluß ziehen, daß ihre 8eebliche Erbſchaft ſich wieder auf ihre Kinder vererbt.“ „Und nach meiner Anſicht iſt hier die Frage aufzu⸗ werfen: beſitzt die Fürſtin ſelbſt Rechte auf die ihr zuge⸗ fallene Erbſchaft?“ Eine ſolche Wendung kam jedem unerwartet. „Das gefällt mir! Wer kann auf ihr geſetzlich ererbtes Vermögen Anſprüche haben, wenn dieſe Kinder die einzig und allein vorhandenen Erben ſind.“ „Sie ſprechen ſo beſtimmt, junger Mann, als ob ſie bei der Geburt der Fürſtin und bei dem Tode aller ihrer Verwandten zugegen geweſen wären,“ bemerkte der Herr mit der grünen Brille. „So ſprechen wenigſtens alle, dafür ſpricht die Sache ſelbſt.“ „Glauben Sie nicht immer dem, was andere ſprechen. Der Augenſchein ſelbſt iſt manchmal trügeriſch.“ „Aber ſind Sie etwa bei der Geburt der Fürſtin und dem Tode ihrer Verwandten zugegen geweſen?“ Der Bebrillte antwortete bejahend. „Nun, ſo ſagen Sie uns gefälligſt, was iſt nun die Fürſtin, wenn nicht die Erhin ihres Stammgutes?2“ „Was ſie iſt? ℳ Der Bebrillte knetete lang⸗ ſam ein Brodkügelchen, als denke er nach, wie er ſich aus⸗ drücken ſolle. „Jetzt iſt ſie noch die Gemahlin des Fürſten Aleris . Doch es iſt Ihnen bekannt, daß er der Vetter ihres erſten Mannes und daß eine ſolche Ehe ſich leicht auflöſen läßt„ „Was wird ſie nun dann?“ „Gar nichts 1“ „Doch ſie behält die Rechte und den Familiennamen, die ihr ihrer Geburt nach zukommen.“ Petersburg am Tage ꝛe. IM. 12 170 „Ihr kommen gar keine Rechte, ihr kömmt gar kein Familienname zu.“ „Verehrter Herr rief Newski mürriſch aus: „Sie treiben Ihren Scherz gar zu weit.“ „In meinen Jahren ſcherzt man nicht; und wenn Ihnen meine Worte nicht gefallen, ſo will ich ſchweigen. Ich habe es mir zum Satze gemacht, nie etwas zu thun, was Andern mißfallen könnte.“ ⸗ Und der ältliche Herr mit der grünen Brille verließ unbemerkt die Geſellſchaft. Zweites Kapitel. Vie Berausforderung. „Warum haſt Du dieſen alten Raben verſcheucht?“ fragte Neweki ſein Nachbar. „Daß ſeine Grabestöne nicht in unſeres heiteres Feſt hineinkrächzen.“ „Ja, Newoki muß jetzt gar zu abergläubiſch ſein, um über eine Prophetenſtimme zu erſchrecken. Seine Stunde hat geſchlagen,“ bemerkte Lenin. Newski war von den Annehmlichkeiten des Mahles ſo ſehr angezogen, daß er Lenins Sticheleien überhörte; aber Finski ſaß Lenin gerade gegenüber. Der junge Mann mit dem ſchwarzen Schnurbärichen hatte abſichtlich neben Finski Platz genommen, ſich gleichſam ſeinen ſanften, ru⸗ higen Charakter zum Schilde nehmend, doch dies Mal hatte er fehlgegriffen, denn eben in dieſem Winkel erhob ſich ein lebhaftes Wortgefocht, das auf eine noch ernſtere Weiſe ſich entſcheiden mußte. Lenin fürchtete Finski nicht, denn dieſer hatte bis jetzt alle ſeine Sticheleien geduldig ertragen. Doch wir haben ſchon bemerkt, daß Finski nicht mehr derſelbe war, wie wir ihn zum erſten Male ſahen; außerdem war er gegen ſeinen Schulkameraden aufgebracht, um ſo mehr, als er überzeugt war, daß Lenin an dem Newski gelegten Hinterhalte Theil genom⸗ 172 men hatte; vielleicht fehlte es ihm auch an andern Ur⸗ ſachen, ihm zu grollen, die er in die Tiefe ſeines Herzens verſchloß. „Lenin zählt die Lebensſtunden— nach Geld, wie der Arzt nach dem Pulſe; ein langſamer Puls,— der Menſch leidet; weniger Geld,— der Menſch wird weni⸗ ger leben.“ „Das iſt heut' zu Tage eine ſehr richtige Definition,“ bemerkte Jemand. — „So richtig,“ antwortete Lenin,„daß Finski ihre Richtigkeit erſt vor Kurzem an ſich ſelbſt erfuhr.“ „Ich?“ „Frinnern Sie ſich des letzten Ereigniſſes zwiſchen uns, als wir Beide uns auf einem Brette befanden, und eine ſchwache, Stimme über uns das Urtheil ſprechen ſollte. Ich bin nicht ſo eitel, um meinen per⸗ ſönlichen Eigenſchaften den mir ertheilten Vorzug zuzu⸗ ſchreiben Nein, ich war bloß reicher als Sie, das iſt Alles.“ Es gehörte die Charakterfeſtigkeit Finski's dazu, um die Pein dieſer Worte zu ertragen. Erſtlich hatte Lenin mit ſeinem böſen Geiſte ſein Geheimniß errathen und es nun öffentlich gemacht, während er es ſeinem beſten Freunde nicht zu vertrauen wagte. Zweitens hatte er ein Weſen erniedrigt, für das Finski ſein Leben hinzugeben bereit war. Lenin hatte nicht ein Mal ſo viel Edelſinn, ſeinen perſönlichen Eigenſchaften den Vorzug des guten und un⸗ ſchuldigen Mädchens zuzuſchreiben, das von dem Leicht⸗ ſinne der beiden Nebenbuhler nicht einmal einen Begriff hatte; er beſaß nicht ſo viel Zartheit, ſeine Braut faſt am Vorabende der Hochzeit zu ſchonen, und befleckte ſie ſelbſt mit ſeinem plumpen Sbie „Ich mit Ihnen auf einem Brette. erwieberte Finski mit äußerer Kaltblütigkeit; ich weiß nicht, wie wir ſo nahe ſein konnten und wieder ausein⸗ andeigingen wir müſſen alſo die Entfernung noch 173 vermindern dann bleibt einer von uns gewiß auf dem Platze.“ „Monſieur Finski,“ ſagte der neben ihm ſitzende junge Mann;„Sie vergeſſen, daß Sie gar kein Recht haben, das junge Mädchen zu vertheidigen und noch gegen wen gegen ihren Bräutigam. daß bei dieſer Ge⸗ ſchichte Mariens Ruf mehr als der Ihrige leidet„ Sie kompromittiren ſie. Seien Sie vernünftig, wie Sie es waren Glauben Sie mir, das Schickſal wird Ihre Partei ergreifen!“ Finski bezeugte dem jungen Manne durch einen leich⸗ ten Händedruck ſeine Erkenntlichkeit. Doch das hinge⸗ worfene Wort konnte nicht mehr zurückgenommen werden. Lenin erblaßte ohne etwas zu erwiedern. Der Lärm wurde immer ſtärker, bald wurde es an einem Tiſchende etwas ſtiller, bald erhob er ſich um ſo bedeutender am andern Ende. Die Kunde von Finski's und Lenin's Entzweiung gelangte endlich zu Newski und er näherte ſich dem erſtern. „Modeſt,“ ſagte ihm Finski leiſe:„wir müſſen uns mit Lenin ſchlagen.“ „Mit Lenin, dem Küſter.„ „Was iſt zu thun! Die Beleidigung war groß Du begreifſt, welchen Dienſt ich von Dir verlange?“ „Ich begreife wohl, obgleich ich geſtehen muß, daß ein derartiges Verhältniß mit dem Küſterſohne„ „Ich bitte Dich bloß, wirke mir bei ihm ein Paar Tage aus! Ich brauche ſie für unſere Waiſen.“ „O, für dies Mal wird Lenin gerne mit ſich handeln laſſen und gibt Dir ſelbſt für einige Jahrhunderte Aufſchub.“ „Ich verlaſſe mich ganz auf Dich. Lebe wohl.“ „Es iſt auch für mich Zeit, aufzubrechen!“ ſagte Newski, und ſo gleichgültig, als hätte er hundert Rubel und nicht ſein ganzes Vermögen verloren. Finsfi fuhr davon. Gleich darauf trat der junge Mann mit dem ſchwarzen Schnurbärtchen aus dem Hauſe. 174 „Newski's Kaleſche,“ ſchrie er. Der Wagen fuhr vor. „Fahre nach Hauſe,“ ſagte er dem Kutſcher.„Dein Herr fährt mit mir.“ Der Kutſcher, zufrieden, daß man ihn endlich frei laſſe, fuhr davon. Der Unbekannte blieb an einer Säule der Auffahrt gelehnt ſtehen, als erwarte er Jemanden. Bald darauf trat Newski aus dem Hauſe und rief ſeinen Kutſcher. „Er iſt nach Hauſe gefahren,“ antwortete ver Schweizer. Newöki brummte einige Scheltworte und wollte den Schweizer hinaufſchicken, bei einem der Gäſte oder beim Wirthe ſich einen Wagen auszubitten. „Meine Kaleſche ſteht zu Ihren Dienſten,“ ſagte der Unbekannte, hinter der Säule hervortretend.„Iſt es Ihnen gefällig? Ich führe Sie nach Hauſe.“ Newski und der junge Mann fuhren davon. Einige Zeit herrſchte Stille. Newski wurde nachdenkend: die friſche Luft zerſtreute den Rauſch des Feſtes. Der junge Mann entſchloß ſich endlich, das Schweigen zu brechen. „Sie haben heute ſehr unglücklich geſpielt!“ Das war eine jener banalen Phraſen, die Spielern ungemein ärgerlich find. Newski ſuchte ihn mit einem unverſtändlichen Laute ſtatt einer Antwort abzufertigen. Der Wagen rollte raſch vorwärts. Der junge Mann entſchloß ſich, keine Zeit zu verlieren, und trotz der Un⸗ aufmerkſamkeit ſeines Gefährten zur Sache zu ſchreiten. „Hören Sie. Sie konnen das Verlorene wie⸗ vergewinnen; Sie können in die Geſellſchaft eben ſo reich und glänzend, wie Sie waren, zurückkehren der⸗ ſelbe Haufen Anbeter beider Geſchlechter wird Sie um⸗ ringen„ glauben Sie nicht, daß man dafür von Ihnen irgend ein Opfer fordere,— ein klein wenig Freund⸗ ſchaft, für welche man Ihnen mit unbegränzter Ergeben⸗ heit lohnen wird„ dann wird man Sie im Namen dſchaft anflehen, nicht mehr zu ſpielen eben dieſer Freun — 175⁵ Wollen Sie unbedingt reich ſein? Sie ſollen auch dies erreichen ſagen Sie es nur, ſeien Sie nur mit mir aufrichtig.. Und die Stimme des jungen Mannes wurde in dem Maaße, als er von ſeinen Gefühlen ſich hinreißen ließ, immer zärtlicher, und ſein Blick drückte inſtändiges Flehen aus. Newski ſchwieg in Nachdenken verſunken; vielleicht hatte er die Worte ſeines Begleiters kaum vernommen. „Denken Sie daran,“ fuhr der junge Mann fort, „was Sie erwartet? Sie ſind ein Bettler, ohne Ausſich⸗ ten, ohne einen Tröſter ja, Sie ſtehen iſolirt da, denn Finski, trotz ſeiner Anhänglichkeit an Sie, kann Ihre kochenden Leidenſchaften, Ihren nach Thätigkeit und einem weiten Spielraume dürſtenden Geiſt nicht ganz begreifen Denken Sie daran, was ich Ihnen mit ſolcher Aufrichtigkeit, mit ſo gutem Willen anbiete.“ Die Kaleſche hielt an Newski's Haus. Der Bediente ließ den Wagentritt hinunter. „Junger Mann,“ ſagte Newski, aus dem Wagen ſteigend:„Sie haben viele ſchöne Worte in den Wind geſprochen; leben Sie wohl, ich denke wahrlich nicht an alle dieſe Dinge.“ „O! Modeſt, Modeſt, halten Sie ein„ nur zwei Worte. Verſprechen Sie mir, nichts zu unterneh⸗ men, bis nur einen, nur zwei Tage Er⸗ innern Sie ſich, daß Sie einen Freund haben„. welcher für Sie alles zu opfern bereit iſt. ein mäch⸗ tiger und reicher Freund, den Sie wie Ihr Werkzeug ge⸗ brauchen können.“ „Hören Sie, wenn Sie ſcherzen— ſo iſt die Zeit ziemlich ſchlecht gewählt; wenn Sie aber vom Herzen ſprechen,— was man aus dem Tone Ihrer Rede leicht entnehmen kann, ſo muß ich Ihnen ſagen, daß ich nur in mir ſelbſt Kraft und Hilfe ſuche.. Jetzt bevarf ich dieſer Mittel nicht, fügte er mit einer Entſchloſſenheit 176 hinzu, die den jungen Mann eiſig durchſchauerte. Leben Sie wohl.“ Es verſteht ſich, daß dieſes Geſpräch franzöſiſch ge⸗ führt wurde, und der Bediente davon nichts verſtand. Die Kaleſche blieb einige Zeit an der Auffahrt ſtehen, als er⸗ warte ſie Jemanden. Da leuchteten Lichter an den Fen⸗ ſtern des erſten Stockes ein Schatten näherte ſich dem Fenſter„ Der Unbekannte winkte mit dem Schnupftuche, als wollte er„auf baldiges Wiederſehen“ ſagen, und der Wagen rollte davon. „Wohin befehlen Sie?“ fragte der Kutſcher. „Wohin Du willſt, nur nicht nach Hauſe.“ Der Tag brach bald an. Der junge Mann nahm aus dem Wagenkaſten einen weißlichen Mantel und Hut, riß ſich das künſtliche ſchwarze Schnurrbärtchen hinunter, und legte die weiblichen Kleidungsſtücke an. „Jetzt fahre zu den Umanski's,“ ſagte das metamor⸗ phoſirte Frauenzimmer. Im Hauſe des Herrn von Umanski hatten die Be⸗ dienten ſich kaum vom Schlafe erhoben. Die Neuange⸗ kommene kannte man hier genau und ließ ſie geradezu in Mariens Zimmer hineingehen. Marie ſchlief den Schlaf der Gerechten, den Schlaf der Glücklichen. Ein Paradies heller, freudiger, reizender Träume wogten wie Paradiesvögelchen um ihr lockiges Köpfchen, ein ſüßes Lächeln wehete um ihre Lippen, eine leichte Röthe der Wangen hob die Weiße der Haut noch mehr hervor, Seligkeit war auf ihrem ganzen Weſen aus⸗ gegoſſen. Der unerwartete Gaſt blickte einige Zeit mit inniger Liebe, mit einem wahren Genuſſe auf Marie und konnte ſich nicht entſchließen, ihre glücklichen Träume zu ſtören, ihre Seligkeit durch die bittere Wirklichkeit zu ver⸗ uichten. Doch die Gefühle überwallten in dieſer Frau, die zum Erſatze für die ſüßen Träume der Freundin eine ſo ftürmiſche Nacht verbracht hatte. Sie war nicht nach Hauſe gefahren, um nicht allein zu ſein, durchſtrich die „ 177 Stadt von einem Ende zum andern, bis man Umanski's Haus öffnen würde, und endlich hatte ſie ein Weſen ge⸗ ſunden, in deſſen Herz ſie ihren Gram ausſchütten konnte. Sie ſetzte ſich auf Mariens Bett, ergriff leiſe ihre Hand und führte ſie an ihren wogenden Buſen, als finde fie daran Beruhigung. Marie ſeufzte tief auf und ſtreckte die andere Hand hin, als ſuche ſie die ſchwindende Traum⸗ erſcheinung. Der unerwartete Gaſt warf ſich ihr an die Bruſt. „Marie, meine Theuere, wie unglücklich ſind wir!. Marie konnte lange nicht zu ſich kommen. zoMein Gott, Du biſs ſo früh! Wo her? „O, wie unglücklich, unglücklich ſind wir, wieder⸗ holte Frau von Bronizin(denn ſie war es) und die lange zurückgehaltenen Thränen floſſen aus ihren Augen. „Mein Gott, was iſt denn geſchehen? wo iſt Papa, Mama?... „Beunruhige Dich nicht um ſie.... Sie ſind ge⸗ ſund, im Hauſe iſt alles wohlauf„. Aber die Män⸗ ner, dieſe Auswürflinge. wenn Du ſie kennen möch⸗ teſt, theueres Mariechen!“ „Ich bürge bloß für einen. und ich bitte Dich, für ihn eine Ausnahme zu machen.“ „O, der iſt noch ſchlimmer als die Anderen. Marie, Marie, ich weine um mich„und noch mehr um Dich: welches Unglück erwartet Dich!“ „Theuere Agnes! Du erſchreckſt mich. Erzähle, ums Himmels Willen, was iſt geſchehen?“ Frau von Bronizin war um zehn Jahre älter als Marie; aber ihr feuriger, ewig thätiger, eraltirter Cha⸗ rakter und noch mehr ihre maßloſe Güte hoben dieſe Alterungleichheit beider Freundinnen faſt auf. Agnes wurde wider ihren Willen verheirathet; aber ſie ertrug geduldig, unterthänig, das ihr aufgelegte Ehejoch, bis der Tod ihres alten Mannes ſie davon befreiete. Frau von 178 Bronizin wurde eine ſehr reiche Wittwe. Sie hatte ihre Schönheit ganz bewahrt, war daher von Anbetern um⸗ ringt; doch ſie dachte an die Laſt des Eheſtandes, und konnte ſich daher nicht ſo leicht entſchließen, den Hals unter ein neues Sklavenjoch zu beugen. Reiche Frauen⸗ zimmer glauben immer, daß nicht ſie, ſondern nur ihr Geld den Männern gefalle: vielleicht haben ſie auch theil⸗ weiſe recht. Frau von Bronizin war verſelben Anſicht. Ueberdem liebte ſie Newski, der ſie kaum bemerkte. Viel⸗ leicht gab ſie ſich eben darum ſo viele Mühe, ſeine Auf⸗ merkſamkeit auf ſich zu ziehen. Newoski war ſchön, doch was ſie an ihm beſonders anzog, war ſein von Abenteuern, Tollkühnheiten und Heldenthaten angefülltes Leben, ſein feuriger, von allem Schönen und Evlen angezogener, gleich dem ihrigen keine Ruhe kennender, aufwallender, brauſen⸗ der Charakter. Seine Fehler ſelbſt ergriffen ſie; ja ſein Lebensüberdruß, der ein anderes Frauenzimmer abgeſtoßen hätte, geſiel ihr an ihm, und ſtachelte ihre Hoffnung, ihn zu erneuerter, edler Thätigkeit zu erwecken. Agnes hing an ihm mit der erſten, tiefen Liebe, und war bereit, un⸗ bedingt Alles für ihn zum Opfer zu bringen.... um ihn nur der Welt zu erhalten. Dieſe überſpannte Frau erzählte Marie, wozu ſie ſich entſchloſſen hatte, um ſich perſönlich von dem Stande der Angelegenheiten Newoki's zu überzeugen. Sie ſchlug den Mantel zurück und zeigte ihren Männeranzug. Marie ſchrie vor Schrecken laut auf. „Und du warſt mutterſeelen allein in der Geſellſchaft von Männern! und Du biſt nicht vor Schaam und Angſt geſtorben? 4 „Ich geſtehe, meine Theuere, nachdem ich ſie in un⸗ ſerer Geſellſchaft geſehen hatte, konnte ich mir durchaus nicht einbilden, daß die Männer ſolche Auswürflinge, ſolche Unthiere ſeien,— ſonſt hätte ich mich eher ent⸗ ſchloſſen, einen Abend in Geſellſchaft von Wölfen zu ver⸗ 179 bringen, verſteht ſich, durch ein eiſernes Gitter vor ihnen geſchützt.“ „Ich habe dies immer gewußt: darum liebte ich nie die Männer: ſie ſind ſo garſtig.“ „Nicht geliebt und doch haſt Du Dir einen Bräutigam erwählt: er wird bald Dein Mann, Dein Tyrann: ich weiß es ja, was ein Mann iſt! „O, den ich mir erwählt, der iſt nicht wie die Andern!“ „Schlimmer als die Andern, meine Theuere, hundert Mal ſchlimmer,“ und die Frau von Bronizin brach in Thränen aus. „Mein Gott,“ rief Marie aus,„was ſoll das heißen? Sprich, quäle mich nicht länger! Die Ungewißheit iſt peinigender als die niederſchlagendſte Wirklichkeit. Geliebte, Agnes, höre auf zu weinen, ſprich„ Und Marie richtete ſich ungeduldig im Bette auf und ſtreckte die Arme der Freundin hin, um ſie zur geheimen Unterredung an ſich zu ziehen, zog ſie aber plötzlich zurück. „Du erſchreckſt mich mit Deinem Anzuge; wirf ihn ſchnell von Dir und nehme eines meiner Kleider um.“ „Ja, Du haſt recht, es kann Jemand kommen: Du im Bette, ich in Männerkleidung, ſo bringen wir das ganze Haus in Aufruhr.“ Nicht ohne Mühe zog Frau von Bronizin mit Hilfe der erröthenden Marie die unge⸗ wohnten Kleidungsſtücke aus und ſetzte ſich umgekleidet auf's Bett. „So ſprich, meine Theuere, meine Agnes, höre zu weinen auf.“ „Ach, Marie, Marie, ich habe nicht genug Thränen, unſer Geſchlecht zu beweinen, das man anſtatt das„Schö⸗ ne,“ das„Unglückliche“ nennen ſollte!... Arme, arme Frauenzimmer! Während Du hier weit über Mitter⸗ nacht von dem Erwählten Deines Herzens ſchwärmteſt, ihm jeden Gevanken, jedes Herzklopfen weihteſt, erwähnte er Dich in wilden Orgien nur deßwegen, um Deinen rei⸗ 180 nen Namen zu entweihen. Höre mich mit Geduld, mit Muth an.“ Und Frau von Bronizin erzählte ihr alles, was ſich dieſe Nacht ereignete; als ſie zum Duelle zwiſchen Finski und Lenin kam, ſchrie Marie auf,— aber nicht vor Schrecken, ſondern vor Freude. „Worüber freuſt Du Dich? Darüber, daß er Dich vor aller Welt erniedrigt, Dich geldgierig nennt, während Du nicht einmal weißt, ob er Vermögen hat oder nicht?“ „Ach, meine liebe Agnes, das waren nur bloße Worte, um Finski auf's Aeußerſte zu bringen Ach, Monſieur de Finski! Sie ſteigen von Ihrer ariſtokrati⸗ ſchen Höhe hinab, um ſich mit einem Plebejer zu ſchlagen!“ Und Marie erzählte, was ihr Newski von Lenins Herkunft geſagt hatte, hinzufügend, daß nur vergoſſenes Blut allein den Flecken dieſer Herkunft abwaſchen könne. „Aber Du vergißt, daß man bei einem Duelle ſich nicht im Scherze ſchlägt: er kann leicht getödtet werden, oder er ſchlägt ſeinen Gegner todt.... Dann iſt alles zu Ende„ „Ein Mord!.. WMein Gott, find dieſe Menſchen wirklich entſchloſſen, einander zu tödten!.... Kann denn das Duell nicht anders, als mit dem Tode eines von ihnen enden!. Das iſt ſchrecklich!. Sind ſie denn wilde Thiere, wie?“ „Ich ſage Dir, noch ſchlimmer!“ „In dieſem Falle muß man, es koſte was es wolle, das Drell nicht ſtatt finden laſſen.“ „Nun, das wird ſo leicht eben nicht ſein. Ich weiß, was bei ihnen Begriffe von Ehre heißen. Was hier am ſonderbarſten iſt, daß Finski ſich für eine Beleidigung ſchlägt, die, wenn auch nicht gerade gegen Dich gerichtet war, aber bei welcher Dein Name eben nicht die letzte Rolle ſpielte; und mit wem ſchlägt er ſich? mit Deinem Bräutigame. Das kompromittirt Dich geradezu.“ 18¹ „Heute Abend kommen ſie zu uns: Agnes, hilf mir ſie vexſohnen.“ „Und wie edel iſt Finski, wie hoch ſteht er über allen Männern!“ „Auch über Modeſt?“ fragte Marie ſchlau. „Nein, Marie, ich liebe Neweki für ſeine Fehler eben ſo wie für ſeine Tugenden; Finski achte ich für ſeine edlen Eigenſchaften. Lerne auch Du ihn hoch⸗ ſchätzen.“ „Sehr wohl!“ „Dieſer Mann, der es geringſchätzig hinnahm, als man ihm ſein gebührendes Vermögen raubte, kämpfte wie ein Löwe für das Eigenthum der Waiſen; derſelbe Mann, der ſeinen Sitz nicht verlaſſen hätte, wenn es ſich um ſeine eigenen Intereſſen handelte, arbeitete unermüd⸗ lich Tag und Nacht, um dieſe Kinder zu entdecken, und man ſagt, daß ſeine Mühe von Erfolg gekrönt wird.. ℳ „Mein Gott, mit welchem Enthuſiasmus ſprichſt Du heute von Finski.“ „Eben darum, weil ich mich heute ganz von dem Unterſchiede überzeugt habe, der zwiſchen ihm und den andern Männern eriſtirt.“ „Das iſt ja ein wahrer Verrath an Newski.“ „Nein, meine Theuere, es gibt Herzensverirrungen, welche man in unſern Jahren nicht gegen alle Schätze der Wirklichkeit austauſchen moͤchte: eine dieſer Verirrungen iſt meine unbedingte, gränzenloſe Hingebung an Newokis Schickſal. Das iſt eine Vorherbeſtimmung, die nichts zu verändern, nichts abzuwenden vermag. Ich muß mich unterwerfen, obgleich ich im Voraus weiß, welches ſchreckliche Loos mich erwartet.“ „Theuere, herzinnige Agnes, beruhige Dich, Du quälſt Dich mit vorzeitiger Furcht.“ „Mit mir iſt alles zu Ende,“ antwortete Frau von Bronizin unter heftigem Schluchzen„aber Du, meine Marie?“ 182 „Nun, was ſoll ich?“ „Biſt Du denn wirklich nach alle dem nicht über⸗ zeugt, daß Lenin. den und nichts wird meinen Entſchluß umändern. Nach dem, was Du mir von ihm erzählteſt, achte ich ihn noch mehr„ gebens bat Marie die Bronizin, ſich ein wenig niederzu⸗ legen, um nach der ſtürmiſchen Nacht etwas auszuruhen. Die arme Dulderin konnte nicht ſchlafen; ihr Herz gab ihr keine Ruhe, bald klopfte es heftig, bald ſtockte es faſtz ſie war immer mit dem Gedanken beſchäftigt, wie ſie Newski vor ſich ſelbſt retten ſolle. Schmeichleriſche Phantaſiegebilde tauchten dann und wann auf, aber die „Laſſen wir das, ich bitte Dich! Ich habe entſchie⸗ 7 7 „Gott ſei mit Dir!“ Die Freundinnen unterhielten ſich noch lange. Ver⸗ bittere Wirklichkeit verjagte ſie bald wieder. Drittes Kapitel. Der Berker. Während die Polizei die Spuren der Einkerkerung des Zerlumpten und der armen Jenny entdeckte, indem ſie endlich die Megäre, die ihnen als Kerkermeiſterin diente, aufgefunden hatte, während Finski den Prozeß der armen Waiſen auf die glänzendſte Weiſe durchgeführt hatte und alles in Bereitſchaft ſetzte, um ſie in ſein Haus aufzunehmen, während dem litten die armen Kinder unausſprechlich und hielten einander mit chriſtlicher Ge⸗ duld aufrecht, das Ende ihrer Leiden erwartend. Weder ſie, noch die Vollſtrecker dieſes ſchrecklichen Raubes zweier Menſchen, wußten die Urſache oder das Endziel ihrer Einkerkerung. Die unter der Botmäßigkeit des Häupt⸗ lings ſtehende Diebsbande war einem unſichtbaren Weſen unterworfen, und erfüllte mit einer geheimen Furcht, mit blindem Glauben die ihnen durch eine zweite oder dritte Hand zugekommenen Befehle. Die Scharfſichtigern unter der Bande erriethen, daß eine ihnen unſichtbare, ſchreckliche, ihnen überall folgende, allwiſſende Macht eriſtire, die im Stillen, aber ſicher, grauſam und unver⸗ meidlich die leiſeſte Abweichung von ihren Befehlen ſtrafe. Oft verſchwand der eine oder der andere der Tau⸗ genichtſe und es blieb keine Spur von ihm zurück: immer 184 waren es ſolche, die ſich gegen ihren unſichtbaren Ober⸗ herrn verſündigt hatten. Die Entführung der Kinder glich ganz den andern verübten Verbrechen: blind und unbewußt war ſie vor ſich gegangen; Ochtin hatte dem Häuptlinge ſeine Befehle ertheilt und dieſer hatte ſie vollzogen: das war alles. Die reiche Belohnung, die ihnen für ihre kühne und ſchlaue That zu Theil wurde, bewies, daß man mit ihnen zufrieden ſei. Hernach wußte außer der alten Megäre, die die Entführten bewachte, niemand mehr, was aus ihnen geworden war. Aber die Megäre, oder wie man ſie gewöhnlich nannte— Martha wurde von der Polizei aufgefangen und die Kinder blie⸗ ben allein. Neben dem, den Leſern wohlbekannten Wirthshauſe „zum Vorgebirge der guten Hoffnung“ dehnten ſich Ge⸗ müſegärten, leere Plätze und Moorgründe. Zwiſchen dieſen Gemüſegärten und öden Plätzen ſtand eine Hütte, eine Art Badehäuschen oder Wächterſtübchen; dieſes Häuschen gehorte zum Vorgebirge der guten Hoffnung. Hier ſchmachteten unſere Dulder ſeit dem Ereigniſſe, deſſen ſich unſere Leſer gewiß erinnern. In einem feuchten Kämmerchen, in welches von dem darangränzenden, von Martha bewohnten Zimmer kaum ſo viel Wärme ein⸗ drang, um das Daſein eines Menſchen kümmerlich zu erhalten, in dieſem Kämmerchen ſaß der Zerlumpte auf dem Boden. Er war hager, blaß, ſeine Augen einge⸗ fallen, aber in dieſen Augen brannte eine Tollkühnheit, die man bei einem fünfzehnjährigen Knaben ſchwerlich vorausſetzen konnnte. Der Zerlumpte beugte ſich über den dahingeſtreckten Körper der von Noth und Krankheit erſchöpften Jenny und ſuchte mit ſeinem Athem ihre et⸗ ſtarrten Hände zu erwärmen. Er kannte die zwiſchen ihm und ihr eriſtirenden Vande des Blutes nicht, er ſah in ihr nur gleichſam die Fortſetzung von Olgas Weſen und verehrte ſie als ſeinen Schutzengel. Der Kerker und die völlige Entfremdung von der Welt erhöhete noch ihren — 185 Werth in den Augen des Dulders. In den langen Stunden der Gefangenſchaft lehrte ihn Jenny alles, was ſie ſelbſt wußte; ſie verſtand es, ſeine wilden, ungezü⸗ gelten Sitten zu mildern; aber vergebens bemühte ſie ſich, die Flamme der Rache zu verlöſchen, für die dieſer Knabe, wie es ſchien, nur zu leben wünſchte. Ein ge⸗ wiſſer Inſtinkt ſagte ihm, daß— der Fürſt Aleris und deſſen Frau ſeine Feinde, ſeine Peiniger ſeien. Seit er ſich rückerinnern konnte, verfolgten ihn dieſe Leute, die durch ihre Stellung in der Welt von ihm ſo weit geſchieden waren, wie das hartnäckigſte Geſchick. Der Zerlumpte zweifelte nicht, daß die Kutſche, die ihn an dem verhängnißvollen Tage überfuhr, an dem die Benskis ihn auf der Straße aufhoben, dem Fürſten gehört habe; er erkanute ſie in der Folge an der Livree der Bedienten; weiterhin diente ihm der ominöſe Dukaten, den ihm die Fürſtin Wjera in jener Nacht, als wir zum erſten Male mit dem Zer⸗ lumpten zuſammen kamen, gegeben hatte, zum Verderben ſeines Vaters. Hätte er ihn nicht in das ſchwüle Erd⸗ gewölbe gebracht, vielleicht lebte ſein Vater noch, jeden⸗ falls wäre er nicht mit dem Verderben ſeines Geſchlechts zuſammengetroffen; Ochtin beſchleunigte ſeinen Tod, war die Urſache, daß der Vater nicht, wie es einem Chriſten gebührt, geſtorben war, und nicht ſeine geheime Beichte vollendet hatte. Auch hatte der Fürſt beinahe ſeine Ret⸗ terin Olga zu Grunde gerichtet. In den langen Tagen der Einſamkeit alle dieſe Umſtände kombinirend, begriff der Zerlumpte, daß die Frau, die zur Frau Elkin ge⸗ kommen war, um ſie mit Bitten und Drohungen zu überhäufen, niemand anders als die Fürſtin Wjera ge⸗ weſen. Mit andern Perſonen und Umſtänden unbekannt, war der Zerlumpte überzeugt, daß der Fürſt und die Fürſtin die Schuld aller ſeiner Leiden, wie der der armen Jenny tragen; er zerbiß ſich die Finger aus Verzweif⸗ lung, in ſeiner gegenwärtigen Lage an ſeinen Feinden ſich Petersburg am Täge ꝛc. U. 13 186 zu rächen außer Stande zu ſein. Die von dem Zerlump⸗ ten ſo ſcharf ausgeſprochenen Gefühle, daß ſelbſt die ſanfte, gutmüthige Jenny ihrem Einfluſſe ſich zu beugen begann, wurden natürlich von Martha behorcht, und ſtimmten, wie es nicht erwünſchter ſein konnte, mit den Planen des⸗ jenigen zuſammen, der unſichtbar wie der Dämon des Böſen, alle dieſe Verbrechen leitete. Dieſe Gefühle rette⸗ ten die armen Kinder wenigſtens für jetzt vom Untergange, denn der Dämon des Böſen war kein anderer als Smol⸗ new ſelbſt. Seinen raffinirten Racheplan anlegend, hatte er die Kinder nicht aus den Augen verloren, die ſeit dem Tage ihrer Geburt gleichſam auf vie Straße geworfen wurden. Auf den halbverrückten, im Kranken⸗ vder Ar⸗ menhauſe eingeſperrten Vater rechnete er nicht mehr: mit ihm war alles zu Endez aber die Kinder konnten ihm noch nützen. Als nun nach dem Tode ihres Sohnes von der zweiten Ehe, die Fürſtin Wjera ihre Blicke auf Jenny richtete, die durchaus nicht ſo rauh war, als es Smolnew für die Tochter der Fürſtin gewünſcht hätte, als ſpäter der Prozeß zu Jennys und ihres Bruders Gunſten ſich anknüpfte, beeilte ſich der böſe Rächer, ſie aus dem Kreiſe der Geſellſchaft zu entfernen. Ihm war jedenfalls nöthig, von ihnen eine Vollmacht auf den ihnen zufallenden Theil der Erbſchaft zu erhalten, venn er wußte noch nicht, wer der Nachfolger der Familie der Fürſtin Wjera ſein werde. Doch wir ſahen, daß der Zerlumpte trotz aller Grauſamkeiten das zu dieſem Zwecke ihm vor⸗ gelegte Aktenſtück zu unterſchreiben ſich weigerte. Smol⸗ new wollte ſchon mit den Kindern ein Ende machen, als er mit einem Male erfuhr, daß ſie alle Schuld ihrer Leiden dem fürſtlichen Paare zuſchreiben. Dies gab ihm einen glänzenden Gedanken ein; er wollte das Gefühl der Rache in ihnen aufs Aeußerſte entwickeln und der Fürſtin Wiera in den eigenen Kindern Rächer erziehen, wenn ſeine angewandten Mittel nicht ausreichen ſollten. Er hielt ſie in der ſtrengſten Haft, um ſie gegen die ver⸗ 187 meintlichen Urheber ihrer Gefangenſchaft noch mehr auf⸗ zureizen, um in ihnen alle menſchlichen Geſetze zu erſticken und ſie dann wie zwei wilde Wölfe auf die eigene Mutter loszulaſſen. Die Idee war wie Sie ſehen, glänzend und Smolnews Herzen und Kopfe würdig. „Jenny,“ ſagte der Zerlumpte:„ſiehſt Du, das Licht blinkt am Fenſter, bald wird die Sonne hinein⸗ ſcheinen; Du weißt es ja, ſie bleibt bei uns kaum ein Viertelſtündchen, und das nur in jenem Winkel; ich will Dich hintragen, die Sonne wird Dich etwas erwärmen und Deine Schmerzen ein wenig lindern.“ Und der Zerlumpte vereinte die That mit den Wor⸗ ten. Jenny war ganz erſchöpft; mit krampfhafter Un⸗ geduld blickte ſie in die Höhe, wo in der Wand ein klei⸗ nes Fenſterchen ins andere Zimmer angebracht war. „Wanja, es iſt ſchon der zweite Tag, daß der kno⸗ chigte Arm, der uns ſo ſehr erſchreckte, ſich nicht in die⸗ ſem Fenſterchen mit der gewöhnlichen Nahrung zeigt, ſchon zwei Tage hat man uns weder Brod noch Waſſer gegeben. Wenn Martha geſtorben wäre? Wenn man ſich entſchloſſen hätte, uns verhungern zu laſſen?“ Und da ſie ſah, daß Wanja ein düſteres Schweigen bevbachte, fügte ſie hinzu: „Nein, Gott läßt es nicht zu.“ „Sage mir, Jenny, wenn jemand ein ſolches Ver⸗ brechen an uns vollbringen würde, die Strafe des Him⸗ mels wäre ſchrecklich?“ „O, gewiß!“ „Und wenn eine Mutter an ihren eigenen Kindern ein ſolches Verbrechen vollbringen würde2“ „O, das iſt unmöglich.“ „Und wenn es der Fall wäre?“ „Dann würde Gottes Gerechtigkeit kaum eine Strafe finden, die eines ſolchen Verbrechens würdig wäre.“ „Die Verbrecherin wäre alſo dem Höllengerichte ver⸗ 188 fallen, und dies müßte erſt eine Strafe erdenken. Schade daß ich nicht allein der Gepeinigte bin!“ „Was dann?“ „Ich freuete mich des Todes, denn er würde eine ſolche Rache nach ſich ziehen, wie ich ſie weder erdenken, noch vollbringen könnte!“ „Wanja, laß dieſe ſchwarzen Gedanken! Und wenn uns Beiden ſchon zu leiden beſtimmt iſt, bedauerſt Du, daß wir unſere Leiden mit einander theilen?“ „O, meine Jenny, ohne Dich hätte ich mir längſt den Kopf an der Wand zerſchlagen... Wer anders als Du haſt mich vor Verzweiflung gerettet?„ Die Gefangenſchaft, unſere Qualen ſelbſt hoſt Du mir zum Nutzen gewendet. Du haſt mich alles gelehrt, was Du ſelbſt weißt; Du haſt in mir jene Wißbegier entwickelt, die mich jetzt das errathen läßt, was ich noch nicht be⸗ greife. Es erſchien mir ſonderbar, wenn meine Retterin mich wiederholt ermahnte, etwas zu lernen; ich lernte, um ihr gefällig zu ſein, aber alle meine Gedanken waren von der Unabhängigkeit, von den Spielen mit den Gaſſen⸗ jungen, von meinen unter ihnen errungenen Erfolgen ein⸗ genommen. Die Worte meiner Herrin flogen an mir vorbei; und jetzt legen ſie ſich mir aufs Herz. Ich will nicht ſagen, daß ich Dich mehr liebe, Jennyz nein! auch für ſie bin ich bereit, meinen Kopf auf den Block zu legen. vielleicht eben darum, weil Du mir öfters eines und daſſelbe wiederholſt; Du beſchäftigſt Dich mehr mit mir; und meine Lebensretterin hatte ihre Sorgen, ihren Schmerz. Das Unglück hat uns aneinander ge⸗ Fnüpft wie Bruder und Schweſter. Hier lebe ich nur für Dich; als ich frei war, hatte anch ich für mich zu ſorgen.“ 5„Höre, Wanja, wenn Du wieder frei biſt, wirſt Du meiner nicht vergeſſen?“ „Nein, möge Gott mich vergeſſen, wenn ich Dich Lerzeſſe 189 Und die guten Grundſätze, von dem armen Mädchen in ihm gepflanzt, entwickelten ſich ſichtbar in der Einſam⸗ keit, unterſtützt von der Unterwürfigkeit unter das Schick⸗ ſal, und hatten einen wohlthätigen Einfluß auf das em⸗ pfängliche Gemüth des Zerlumpten. Indeſſen ſtrahlte die Sonne hell hinein, als erbarme ſie ſich der armen Ge⸗ fangenen, ſie ſtrahlte und verſchwand, ſie in einem Halb⸗ dunkel, in der Kälte zurücklaſſend. Die letzte Hoffnung verließ das arme Mädchen. Sie litt heftig. „Jenny, Du biſt hungrig, fragte der Zerlumpte ſt„nicht wiſſend, wie er ihren Wunſch befriedigen olle. „Der Durſt plagt mich mehr als der Hunger.“ „Warte! dem kann abgeholfen werden; und er klet⸗ terte mit der Fertigkeit einer Katze zum kleinen Fenſter⸗ chen, das faſt unter der Zimmerdecke angebracht, und mit einem dichten Eiſengeflechte verſehen war. Dieſes Fenſter⸗ chen ging auf die Newa hinaus. Er kratzte mit den Nägeln den die Scheibe bedeckenden Schnee hinunter und drückte ihn mit Mühe zu einem Klumpen. Der Zer⸗ lumpte wollte einen Blick durchs Fenſter auf Gottes freie Welt werfen, vielleicht in der Hoffnung, Jemanden um Hilfe anzugehen; aber ſein Kopf konnte zwiſchen dem Fen⸗ ſter und der Zimmerdecke keinen Platz finden, und ſein Blick erhaſchte nur ein Stück Himmel, düſter und gefühl⸗ los für ſeine Leiden. Wanja ließ ſich eben ſo leicht und ſchnell hinunter und gab der Armen den Eisklumpen zu verſchlucken, obgleich er ſelbſt nicht minder durſtete. Es iſt bekannt, daß der Hunger beſonders Durſt erzeugt. Im Kämmerchen dunkelte es immer mehr und mehr. Die lange und frühzeitige Nacht näherte ſich. Jenny zitterte vor Hunger, Kälte und Angſt. Wie verzweifelt auch eine Lage ſei, ſie wird des Nachts noch ſchrecklicher: ſo ſehr wohnt dem Menſchen eine angeborene Furcht vor der Dunkelheit inne. Plötzlich erſchallte in Marthas Zim⸗ mer ein Geräuſch; der Zerlumpte und Jenny horchten 190 mit bangem Herzklopfen, das Geräuſch wurde horbarer, es entſtand ein Gepraſſel, wieder„. „Martha iſt gewiß gekommen,“ ſagte Jenny,„ſie hat ſich unſerer erinnert.“ Das Getöſe und Gepraſſel wiederholten ſich einige Male Endlich wurde es wieder ſtille. Der Zer⸗ lumpte und Jenny harrten, blickten auf die Scheidewandz bald, bald öffnet ſich das Fenſterchen und die gewohnte 3 knochige Hand kömmt zum Vorſcheine„. aber nichts rührte ſich. Eine Grabesſtille herrſchte rundum. Sie fühlten nur, daß es im Kämmerchen immer kälter und kälter wurde. „Es geſchehe, was da wolle!“ ſagte der Zerlumpte mit dem Tone feſter Entſchloſſenheit, Jenny verlaſſend und ſich der Scheidewand nähernd. „Was willſt Du thun?“ „Zum Fenſter hinaufklettern, aus welchem man uns Nahrung reicht und es hinaus zu nehmen verſuchen.“ „Mein Gott! Haſt Du denn Martha vergeſſen, ſie reißt Dich in Stücken, wenn Du ſiehſt, was in ihrem Zimmer vorgeht.“ „Möge ſie mich allein in Stücke reiſten. Es iſt hun⸗ vert Mal ſchlimmer zu ſehen, wie Du Dich quälſt, und Dir nicht helfen können.“ „Wanja, halt ein! Ich ſlehe Dich an.⸗ Slber der Zerlumpte ſtellte ſich ſo, daß er mit der Hand ein nahe am Fenſter hervorragendes Brett erfaſſen konnte; faſt an der Wand hängend, öffnete er mit der andern Hand das Fenſter und hob es heraus. Die Kälte blies ins Kämmerchen hinein und durchſchauerte den halb⸗ entblößten Körper Jennys, ſie ſchrie laut auf. Der Zer⸗ lumpte ſteckte die Arme bis zu den Ellbogen ins Fenſter, ſchwang ſich, ſo viel er vermochte, in die Höhe, blickte hinein„ und ſchrie vor Schrecken auf Mar⸗ tha's Zimmer war leer die Kiſten aufgeſchlagen, ihre Sachen durcheinander geworfen die Thüre in — 191 den Hof offen Es war ſichtbar, daß hier Niemand mehr wohne„ Der Zerlumpte und Jenny waren allein in der einſamen Hülte... Vergeblich würden ſie geſchrieen, nach Hilfe gerufen haben: Niemand hört ſie hier.. Das Fenſter war ſo klein, daß es unmöglich war, durchzukrieche. Der Zerlumpte verlor vor Schrecken beinahe das Bewußtſein aber er dachte an Jenny... riß ſich einen Theil ſeiner Kleider hin⸗ unter und verdeckte das Fenſter, um ſo viel er vermochte ſeine Leidensgefährtin vor der Kälte zu ſchützen Dann ließ er ſich hinunter und bemühete ſich vergebens, ſie zu beruhigen, oder irgend welche Mittel für ihre Rettung zu erdenken. Die Verzweiflung bemächtigte ſich Beider. Was war aber aus Martha geworden? warum kam Niemand ſtatt ihrer den Duldern zu Hilfe? Zu derſelben Zeit, als man im Wirthshauſe dieſes Weib ergriff, dem man ſchon lange auf der Spur war, näherte ſich ihm ein Betteljunge und flüſterte ihm unbe⸗ merkt folgende Worte zu:„Dulde ein wenig, alles wird ſich glücklich enden.“ In Folge dieſer von Niemanden außer Martha vernommenen Worte bat ſie um zwei Stunden Bedenkzeit, und verſprach dann Alles zu entdecken. Vergebens verhörte man ſie vor der von ihr feſtgeſetzten Zeit; ſie antwortete nichts. Nach einer Stunde reichte ihr derſelbe Junge durch das Fenſtergitter Brot und ein kleines Fläſchchen Branntwein. „Das iſt mein Söhnchen,“ ſagte Martha, und bat um Erlaubniß, ihre Kräfte zu ſtärken, dann ſei ſie bereit, mit den Andern zu gehen, und den Ort, wo der Zer⸗ lumpte und Jennh verborgen wären, anzuzeigen. Nach einer halben Stunde kam man Martha abzuholen. Sie lag auf dem Boden, purpurroth, die Augen herausgetre⸗ ten, die Zähne zuſammengepreßt, bewußtlos. Man rief So Aut⸗ aber ſeine Hilfe erwies ſich unnütz. Martha ar todt. Viertes Kapitel. Vie Erhebung des Einen, und das Perderben des Andern. An dem prachtvollen Hauſe des Fürſten Aleris fuhr ein mit vier prächtigen Pferden von echtem Vollblute be⸗ ſpannter Wagen vor. Die reiche Livree der Bedienten, das Wappen auf den Wagenthüren und dem Kutſchbocke bezeugten, daß die Kutſche einem vornehmen und reichen Manne gehoͤre, obgleich die aus ſelber ausſteigende Perſon durch ihr Aeußeres dieſe Vorausſetzung geradezu Lügen ſtrafte. Es war ein gebückter Alter, in einem abgetrage⸗ nen, fadenſcheinigen Rocke, mit rauhen, plumpen Manie⸗ ren, mit eben ſolchen Geſichtszügen; ein teufliſches Lä⸗ cheln der Selbſtzufriedenheit ſchwebte um ſeinen Mund; er blinzelte ſortwährend mit den Augen oder bedeckte ſie mit der Hand, ſich in der Straße umſchauend, als erwarte er Jemanden. Wirklich fuhr bald ein Schlitten vor, ein Polizeibeamter und ſein Sekretär ſtiegen aus demſelben. Alle drei begaben ſich in die Zimmer des Fürſten. Es war gegen Mittag. Die Bedienten des Fürſten blickten mit Schrecken auf die unerwarteten Beſucher, und wag⸗ ten nicht, ſie zu melden. Endlich zwang ſie das entſchie⸗ dene, dringende Verlangen des Dieners der Gerechtigkeit, 193 ſeinen Wunſch zu erfüllen. Die Fürſtin Wjera hoffte etwas von ihren Kindern zu erfahren, und kam wider Er⸗ warten ſchnell zum Vorſcheine. Als ſie den Alten er⸗ blickte, ſchauderte ſie unwillkürlich zuſammen; der Tod des Sohnes und die prophetiſche Prophezeiung Newki's ſchwebten lebhaft vor ihrer Erinnerung; da ſie ihn aber noch immer für den Bevollmächtigten des Fürſten hielt, und er daher nicht als drohende Perſon in ihrem Hauſe erſcheinen konnte, beruhigte ſie ſich bald, obgleich der Voll⸗ ſtrecker der Gerechtigkeit ſich mit ihm befand. Bald dar⸗ auf trat auch der Fürſt ein. Der Fürſt und die Fürſtin Wiera waren ſchwer zu erkennen, ſo ſehr hatten ſie ſich in kurzer Zeit verändert. Sein Geſicht drückte mürriſche Laune aus, ſeine eingefallenen Augen leuchteten düſter, die dichten Brauen waren noch ſtärker als früher zuſam⸗ mengezogen, und verliehen dem Geſichte ein Unheil ſchwan⸗ geres Ausſehen. Die Haare waren theilweiſe grau. Die Fürſtin hatte ſehr gemagert. Ihr Geſicht war mit Run⸗ zeln bedeckt, die vor kurzem zarte, durchſichtige Haut, welche die bläulichen Aederchen durchſcheinen ließ, war gefurcht, die großen ſchwarzen Augen mit blauen Ringen umgeben, trübe, röthliche Adern durchſchnitten das Weiße des Auges. So kann ſich nur ein Frauenzimmer verän⸗ dern ein Frauenzimmer, das allein, in der Stille, ohne Theilnahme, ohne Freund leidet; in ſein ſchwaches, furchtſames, der Leiden ungewöhntes Herz alle Pein auf⸗ nehmend. Das ſchwarze Kleid hob die Trümmer dieſes herrlichſten Weſens der Welt noch mehr hervor und regte unwillkürlich zum Nachdenken an. Der Polizeibeamte, ein junger, wie es den Anſchein hatte, gefühlvoller Mann, war von dem Anblick dieſes Paares betroffen, das er erſt vor Kurzem in aller Pracht des Lurus blühend, und dem Aeußern nach zu ſchließen, glücklich geſehen hatte; doch bald kehrte er zu ſeiner Pflicht zurück, wie ſchwer ihm auch die Erfüllung derſel⸗ ben dieſes Mal war. Er eilte die Fürſtin Wjera zu 194 enttäuſchen, und ihr ſo vorſichtig als möglich das Ziel ſeines Beſuches mitzutheilen. „Euere Durchlaucht erinnern ſich gewiß noch eines Prozeſſes,— eines alten, langedauernden, den man noch bei Lebzeiten Ihrer ſeligen Frau Mutter in Betreff Ihrer Stammgüter anknüpfte. „Was für ein Prozeß?„ Ich weiß nichts der⸗ gleichen. Mein Gott, ſteht uns ein neues Unglück be⸗ vor!„„ ſprach die Fürſtin furchtſam. „Leider kann ich Ihnen nichts Beruhigendes ſagen . —— Ich erkühne mich bloß, Sie zu bitten, alle Ihre Kräfte zu ſammeln, um dieſen Schickſalsſchlag zu er⸗ tragen„ Die Fürſtin wankte„ſie war gezwungen, eine Stütze zu ſuchen. neben ihr ſtand Smolnew,„ ihre Hand berührte faſt ſeine Schulter aber die Fürſtin zog inſtinktmäßig ihre Hand zuück, als berührte ſie ein ſchleimiges Ungeziefer. Eine kſolche Reihe von Leiden flößte ihr übrigens mehr Feſtigkeit ein, als von ihr zu erwarten war; ſie ſammelte ihre Kräfte, faßte ſich und ſprach befehlend: „Sagen Sie Alles Jetzt ertrage ich jede Folter„ Der Fürſt konnte durchaus nicht begreifen, warum es ſich handle, und ſtand da in einem ſonderbaren Zwei⸗ fel, ohne es jedoch zu wagen, zu Gewaltmaßregeln ſeine Zuflucht zu nehmen, wie er ſie in Zornausbrüchen nicht ſelten zu gebrauchen pflegte: er hatte ſich bereits gar zu ſehr überzeugt, daß die doppelte Macht ſeines Geldes und ſeiner Vornehmheit erſchüttert werden könne.. Er brummte bloß zwiſchen den Zähnen; „Was iſt das wieder für eine dumme Komödie!“ Smolnew zitterte vor Ungeduld. Der Diener der Gerechtigkeit nahm das Wort. „Ihre ſelige Mutter führte einen Prozeß mit deren Sohne aus der erſten Ehe; ſie verabſcheuete dieſes Ehe⸗ 195 band und folglich war ihr der Sohn auch nicht nach dem Herzen. Dieſer Prozeß erfuhr alle aus verwirrten, un⸗ enträthſelbaren Familiengeheimniſſen, der Verjährtheit und der Ungenauigkeit der frühern Gerechtigkeitspflege ent⸗ ſpringenden Zufälligkeiten. Bald wurde er zu Gunſten der Mutter, bald zu Gunſten des Sohnes entſchieden, ging von einer Inſtanz zur andern über, und wurde endlich in der letzten Inſtanz zu Gunſten Ihrer Frau Mutter beſtä⸗ tigt. Ihr ganzes Vermögen erbten ihre Kinder aus der zweiten Ehe. Sie waren unter ihnen die Aelteſte. Ihre Brüder und Schweſtern ſtarben und Sie blieben die alleinige Erbin des Geſammtvermögens und wußten wahr⸗ ſcheinlich nichts von den vorhergegangenen Umſtänden, nach welchen Ihrer Familie ein ſo ungeheueres Vermögen zu Theil wurde. Ihr Bruder gab indeſſen die Sache nicht verloren: anfangs führte er den Prozeß ſchwach, nach⸗ läſſig, wahrſcheinlich aus Mangel an Mitteln, um ihn zu fordern: aber in der letzten Zeit betrieb er ihn mit einer merkwürdigen Energie. Die von ihm vorgelegten Beweiſe ſeiner geſetzlichen Rechte auf das in den Händen der Mut⸗ ter ſich befindende Vermögen, das als Erbſchaft ihres Mannes und ſeines Vaters ihr zugekommen ſei, folglich alſo nicht auf die Kinder aus der zweiten Che übergehen könnte, dieſe Beweiſe waren ſo genau und klar, daß die Gerichte einſtimmig ihn als den einzigen geſetzlichen Erben des geſammten Stammvermögens anerkannten.“ „Ein Prozeß Stammvermögen Bru⸗ der ich fühle mich wie in einem Traume„ Von welchem Bruder ſprechen Sie? Ich habe keinen Bruder mehr„ Meine Mutter hatte keinen Sohn aus der erſten Ehe „Fürſtin,“ ſagte Smolnew, mit einer bis jetzt un⸗ gewöhnlichen Kühnheit:„ich muß Ihr Gedächtniß zu Hilfe rufen. Es iſt nicht zu verwundern, daß Ihnen im Verlaufe von vielleicht zwanzig Jahren Niemand Ihren Bruder erwähnte, aber es iſt zu verwundern, daß Ihr 196 Herz ſich ſeiner nie erinnerte„ und wie oft war Anlaß dazu vorhanden! Es iſt zu verwundern, daß ſich aus ihrem Gedächtniſſe ſelbſt die Spur einer Begeben⸗ heit verwiſchte, die Sie im Kindesalter beſonders ergrei⸗ fen mußte, und die ſich mit blutigen Buchſtaben im Her⸗ zen Ihres armen Bruders eingegraben hat„. Doch was iſt hier zu verwundern? Für ihn war es ein Er⸗ eigniß, das allen ſeinen Glauben, alle ſeine Hoffnungen begrub für Sie war es eine Nebenſache, die bloß Ihren von ſeiner eigenen Mutter und ihr zu Gefallen von ihrer ganzen Umgebung verfolgten Bruder betraf... Aber immer wundert es mich, daß Sie durchaus alles vergaßen, ein kindliches Gedächtniß iſt ſo empfänglich. „O, ſprechen Sie, ſprechen Sie ſchneller. berei⸗ ten Sie mir nicht ſo raffinirte Qualen„ „Sehen Sie es iſt lange her, Sie hatten noch nicht volle dreizehn Jahre Es war ein ſtür⸗ miſches Wetter, und ein armer, ungeſtalteter, kränklicher, verjagter Knabe ſtand an einem Gartenzaune, an dem Zaune des ihm gehörenden Gartens und wartete, bis das Unwetter ſich legen würde. Der Regen peitſchte das Geſicht des Dulders. die Kälte drang ihm bis zu den Knochen und er harrte ungeduldig, eine Hoffnung im Buſen: er harrte nicht der Sonne, die ihn getrocknet und erwärmt hätte, er harrte der Schweſter, die ihn vor dem ſichern Verderben retten konnte; der Arme zitterte, daß ihn die Dorfjungen nicht erblickten, ſeine leibeignen, erblichen Bauern und fortjagten„ Nur die Hunde bellten nicht und quälten die arme Waiſe nicht: von Kindheit auf an ihn gewöhnt, erkannten ſie ihn trotz dem allgemeinen Willen als ihren Herrn. Endlich zerſtreueten ſich die Wolken, der Himmel heiterte ſich auf, die Sonne erſchien und die neubelebten Blumen und Bäume erhoben ihre vom Sturme gebeugten Stengel und Gipfel. Es war ſo heiter und heimiſch rundum; die mit Wohlgerüchen geſchwängerte Luft lud gleichſam —————— 197 zum Einathmen ein. Der Knabe harrte immer, an den geflochtenen Zaun gelehnt Endlich wurde ein weißes Kleidchen ſichtbar„. ſie iſts ſeine Schweſter, ſeine letzte Hoffnung, ſein einziger Schutzengel auf Erden Der zerlumpte Knabe kletterte leiſe über den Zaun, um das Mägdlein nicht zu erſchrecken; da iſt er envlich nur einige Schritte von ihr, und der Arme zittert, fürchtet ſich der Schweſter zu zeigen, die er ſo zärtlich liebt, die er als Kind verlaſſen und als ein reizendes, aufgeblühetes, vreizehnjähriges Fräulein wieder findet Sie war allein. froh und glücklich lief ſie herum und ſchrie und ſpielte„Der Waiſen⸗ knabe ergotzte ſich lange an ihrem Anblicke; vielleicht dachte er: auch ihm war es bei ſeiner Geburt beſtimmt, an der Hand dieſes Mädchens froh des Lebens zu ge⸗ nießen, ſich mit Stolz ſeinen Bruder, ſeinen Beſchützer nennend„doch es iſt anders gekommen.. End⸗ lich trat er aus ſeinem Verſtecke; die zarte Maid er⸗ ſchrak, ſchrie auf, wollte fliehen aber der traurige Anblick des Bettelknaben, die vom nackten Körper herun⸗ terhängenden, durchnäßten Lumpen, die flehenden Worte, die ſich ſeiner erſchopften Bruſt entriſſen: all dieſes rührte ſie; ſie blieb ſtehen„. S* „Mein Gott! mein Gott! ſo war das, was mich ſpäter ſo oft heimſuchte, wie ein boͤſer Alp drückte, ſo war es kein Traum.... „Nein, es war eine bittere, ſchreckliche Wirklichkeit, die die Natur nicht ertragen konnte.. Sehen Sie, Ihr Gedächtniß fängt ſchon an zu wirken, ſich zu ſam⸗ meln, obgleich es noch nicht den Vorhang der Vergan⸗ genheit lüften will. ₰ch will Ihrem Gedächtniſſe beiſtehen faſſen Sie ſich, Fürſtin der Knabe hatte ja dieſe ſchreckliche Stunde überlebt und ihm war vamals nicht wohl zu Muthe,“ ſagte Smolnew mit dem Hohnlachen triumphirender Bosheit. „Sehen Sie Sie haben ſich ſchon erinnert, 198 Der Betteljunge war Ihr Bruder. Er, der ältere Bru⸗ daß Sie das Mädhen im weißen Kleide waren der warf ſich der Schweſter zu Füßen, küßte ihre Hände, umarmte ihre Kniee, ſich nur eine Gnade erbittend, gar zu unbedeutend im Vergleiche mit dem, was man ihm ge⸗ raubt hatte. Er flehete um einen Winkel im ſeinem väterlichen Hauſe, er bat um das tägliche Brod an ſeinem eigenen Tiſche.. er wollte Ihr Bedienter ſein, Für⸗ ſtin, deßwegen, um nur ein Weſen auf Erden zu haben, das, wenn es ihn auch nicht liebte, wenigſtens ſein Un⸗ glück bedauerte, für ſeine Dienſte, für ſeine unermüdliche Treue und Ergebenheit ihm erkenntlich wäre„Sie hätten ihm dies verſchaffen können, Fürſtin. Ihre Mutter, die den Sohn zum Opfer gebracht um Ihnen ſeinen Reichthum zu geben, ſie hätte Ihnen nichts ver⸗ ſagt aber Sie ſtießen mit Verachtung, mit Schre⸗ cken den Bettler zurück, als er ſich Ihren Bruder nannte Si „Nicht ich, nicht ich. von ihm ſagte ſich die eigene Mutter, alles los, die Natur ſelbſt hatte ihm das un⸗ verwiſchbare Kainszeichen der Verwerfung aufgedrückt Die Augen, ſeine Augen o, wie viel Schrecken flößten dieſe Augen ein! Sie gehörten einem wilden Thiere, vielleicht einem Dämon und wurden in ein menſchliches Geſicht eingeſetzt, gleichſam zum Hohne S der Menſchheit. vielleicht auch zur Warnung An⸗ derer, denn alles, was man von ihm erzählte, gehörte eher zu den Werken des Teufels als eines Menſchen „Und wenn auch, er bleibt immer Ihr Bruder, die Stimme der Natur hätte immer für ihn ſprechen ſollen, als Sie ihn zu Ihren Füßen ſahen, erſtarrt vor Kälte und Hunger. Sei er auch ein Teufel, Sie hatten ja ein menſchliches Herz, ein zärtliches, ſanftes Herz eines dreizehnjährigen Mädchens. Ich ſage dieſes übri⸗ gens nicht deßwegen, um Ihnen Vorwürſe zu machen, Fürſtin Nehmen wir ſelbſt an, daß alles dieſes ———— 199 ganz in der Ordnung geweſen war. Ich berührte bloß die Vergangenheit, damit Ihnen die Gegenwart klarer ſei. Dieſer von Ihnen, von ſeiner Mutter, von den Menſchen, von der Natur ſeibſt, wie Sie ſagen, verſtoßene Knabe, der ungeſtaltete halbtodte Betteljunge erklärte allen dieſen gegen ihn ſich verbündeten Mächten den Krieg und ging als Sieger heivor, Dank ſeinem eiſernen, durch Leiden gehärteten Willen. Er brauchte nur die phyſiſche Kraft, dieſe Leiden zu ertragen, für das Uebrige bürgte er, was ſowohl das Ziel als ſein Leben ſelbſt betraf Und nun erſcheint er nach zwanzigjähriger Folter ſtolz in dem Hauſe ſeiner Voreltern, und verjagt aus demſelben dieje⸗ nigen, die durch Ungerechtigkeit fremdes Gut ſich angeeig⸗ zet ſich wie Raben in einem fremden Neſte eingeniſtet atten.“ Der Fürſt, der wie in einem Taumel all dies an⸗ hörte und ſich im Zuſtande eines Menſchen befand, der erſt vor Kurzem erwacht und nicht begreift, ob er all dies ſchlafend oder wachend ſieht und hört, erfaßte bei den letzten Worten Smolnews den Stuhl, an dem er lehnte und hob ihn ſchon in die Hoͤhe, als der Polizeibeamte ihn zurückhielt: „Um Gottes Willen, Fürſt, halten Sie ein. Ziehen Sie ſich nicht neue Verfolgungen des Geſetzes zu: dieſer Menſch vergibt keine Beleidigung.“ Smolnew ſchenkte der Bewegung des Fürſten keine Aufmerkſamkeit. Die Fürſtin horte in ſchrecklicher Agonie dieſe vor Kurzem erſt ſchüchterne und unterthänige, jetzt gebieteriſche und freche Stimme und rief ängſtlich aus: „Wer biſt Du, wer biſt Du?„ Smolnew lachte wild auf, erhob ſich in ſeiner ganzen Größe, öffnete die Augen, die noch bis jetzt Niemand ganz geſehen, und wendete ſich triumphirend an die Fürſtin. Wiera verlor das Bewußtſein„ Der Fürſt 200 ſchwankte der Wand zu er lehnte ſich an ſie mit der ganzen Schwere ſeines Körpers in einer gewiſſen Er⸗ ſtarrung; mit offenen Augen und geöffnetem Munde ſtand er unbeweglich unter dem Einfluſſe der ſchrecklichen Augen. Der Polizeibeamte und ſein Sekretär traten un⸗ willkürlich einige Schritte zurück. Smolnew ſtand da, triumphirend, wie der Dämon des Böſen inmitten ſeiner Opfer. Wirklich war der Einfluß dieſer Augen unbe⸗ ſchreiblich ſchrecklich. Sie bildeten, wenn auch keine Aus⸗ nahme, doch jedenfalls eine ſeltene Erſcheinung in der Natur. Die wie bei der Katze in die Länge gezogene Pupille, leuchtete von einem wunderlichen, blendenden Lichte, gleichwie bei einer wüthenden Katze. Was bei dieſer Erſcheinung am bemerkenswertheſten, war, daß der Art geſtaltete Augen, die bei Menſchen äußerſt ſelten find, gewöhnlich von unbeſtimmter Farbe, von krankhaftem Aus⸗ ſehen, trübe zu ſein pflegen;.. bei Smolnew hin⸗ gegen waren ſie von hochſchwarzer Sammtfarbe, bewegten ſich ungemein raſch, brannten und ſprüheten Funken. Darum oͤffnete ſie Smolnew nie ganz vor den Leuten, oder er blinzelte fortwährend, damit man ſie nicht be⸗ merke. Sonſt hätte man ihn gleich erkannt, verfolgt, vernichtet, ſonſt hätte er ſich nicht in das Haus des Fürſten einſchleichen, ihn mit Schlingen umgeben, durch Vertrauen einſchläfern und von ihm die nöthigen Doku⸗ mente erhalten können; ſonſt wäre er, der Bettler ohne Freunde und Beſchützer, zum Spotte, zur Fabel der Stadt geworden. Jetzt, jetzt war es anders! jetzt brauchte er ſeine Augen nicht mehr zu verbergen. Jetzt wird man ſie höchſt vriginell finden. Man wird in ihnen einen ei⸗ genen Reiz entdecken, obgleich man ſich im Stillen mit Schrecken von ihnen abwenden wird. Die nothwendigſten Bedingungen der Schönheit waren vorhanden: Smolnew war, indem er ſeine ungeheuren Reichthümer mit dem Vermögen des Fürſten vereinte, einer der reichſten Leute 201 in der Welt; möge er dann auch Froſchaugen haben, wen kümmert das! Der Polizeibeamte erbat nicht ohne Mühe von Smolnecw, ſeine Opfer, deren Anblick ihn ſo ſehr ergotzte, ſür einige Zeit zu verlaſſen. Vergebens rief der gute Mann die Dienerſchaft zu Hilfe. Er ſchickte ſeinen Gehülfen nach einem Arzte. Dieſer kam, man brachte die Fürſten zu ſich. Aber der Fürſt.. d er war völlig gelähmt... Die Fürſtin ſtand in Ver⸗ zweiflung vor dem halbtodten, ſtarren Leichnam des Man⸗ nes, den ſie nie geliebt hatte. Was ſollte ſie nun allein, als Bettlerin thun was mit ihm beginnen? Ihhn verlaſſen! nein, eine Frau thut dieſes aus bloßem Stolze, aus Eitelkeit nicht. Ich will ſchon unerwähnt laſſen, daß ſelten eine Frau ſo wenig Treue beſitzt, ihren Mann im Unglücke zu verlaſſen. So viele Unglücksfälle in einem ſo kurzen Zeitraume, ſchienen ſie ſich gegenſeitig aufzuheben„ Wijera wurde wieder, was ſie ihrem Charakter nach war, ſtolz und unbeugſam, ſelbſt im Unglücke„ „Fort, fort, von hier ſchneller. Aber wohin? O, mein Gott, mein Gott„. Und die moraliſche Kraft drohete ſie wieder zu verlaſſen. „Beruhigen Sie ſich, Fürſtin,“ ſagte der Polizei⸗ beamte:„Ihnen blieb Ihr Antheil von dem Ihrer ſeligen Frau Mutter gehörenden Gute ein hochſt unbe⸗ deutender Antheil nur ſechszehn Seelen und ein kleines Häuschen, dreißig Werſt von hier.“ „O, um Gottes Willen, helfen Sie mir ihn ſchneller dorthin bringen. Laſſen Sie dieſes Unthier nicht eine Minute länger über unſer Elend triumphiren der Himmel wird es Ihnen lohnen 4 Und nach einer Stunde verließen die früheren, rei⸗ chen, vornehmen, üppigen Gebieter des fürſtlichen Palaſtes denſelben in einem mit Matten bedeckten Bauernwagen Petersburg am Tage ꝛc. M. 14 202 Der Fürſt Aleris lag ohne Bewußtſein Die Fürſtin Wjera ſaß da, das Geſicht mit den Hände bedeckend, und unter dem Schleier ihres Hutes verbergen Ihr gegenüber ſaß eine von den guten Polizt beamten gemiethete oder vielleicht ſeine leibeigene Mag Sie blickte mit ſtumpfer Gleichgültigkeit auf di allgemeine Bewegung im fürſtlichen Palaſte, auf di Pracht der Gemächer und auf das ſtumme Paar, du ſie begleitete. Der Polizeibeamte begleitete die Abreiſen den mit den Augen... große Thränentropfen rollin ihm über die Wangen, er, der ſo viele menſchliche L den geſehen hatte. Es dunkelte. Smolnew hatte an dieſem Tage nich einen Augenblick ausgeruhet; und ging jetzt in fieberhaft Bewegung von einem Ende der langen Zimmerreihe zu andern. Die Gedanken wogten und kreuzten ſis in ſeiner Bruſt, ſo daß ihm oft der Athem ſtockte: blieb ſtehen, lehnte ſich an die Wand, die innere Bew gung ließ ihn nicht zum Sitzen kommen, er fing wiedu an auf und ab zu gehen. Smolnew war allein in dieſe weiten, von mit matten Gläſern bedeckten Lampen trüb erleuchteten Gemächern. Alle beim Fürſten in Dienſt g. ſtandenen Bedienten wurden von Smolnew beibehalten aber er bedurfte ihrer Dienſte nicht; ſie waren ihm zu Laſt, ihm, der an das traurige Leben, das ihm zu Thel wurde, gewöhnt war. Die Bedienten ſollten ſich ſo be nehmen, daß er ihnen ſo ſelten als möglich begegne; darh ſollte ihr Dienſt beſtehen. Smolnew war in dieſem Hauſe geboren 6 lebte da, bis ſeine Mutter auſs Land ging abet die Erinnerung rief ihm nur ſchwarze Bilder, die ihr ängſteten, ins Gedächtniß zurück. Er blickte übri gens umher, als wünſche er bekannte Gegenſtände, die Zeugen ſeiner Demüthigung, zu finden: jetzt, im Augen blicke ſeines Triumphes, wären ſie ihm willkommen⸗ Plötzlich blieb er ſtehen und erbebte„„ Von der Hoͤhe 203 einer Wand blickte ein weibliches Bild wie lebendig auf ihn hinab: ſo magiſch wirkte auf ſelbes das auffallende Licht, das die Geſichtszüge gleichſam in Bewegung brachte, und denſelben einen eigenthuͤmlichen Ausdruck verlieh. Es war das Bild ſeiner Mutter.... Smolnew blickte dar⸗ auf mit boshafter Freude. „Auf dich fallen die Thränen und das Blut der lan⸗ gen Reihe Opfer, die meiner Rache gefallen ſind„. Hier ſind auch die Bilder deiner Kinder. ſie ſind alle dahin alle, außer deiner geliebten Tochter, aber auch vieſe beweint jetzt, daß ſie nicht das Loos der ganzen Familie getroffen.... Du allein biſt ſchuldiger als alle!.. Siehſt du, wozu du mich gebracht haſt! Ich erfülle mein Verſprechen„. Der ganze Stamm iſt mit der Wurzel zerſtört.... Wijera allein lebt noch.. jetzt muß ich ihr das Letzte nehmen,— den Namen, den ſie trägt, den ſie bei der Geburt getra⸗ gen;z ihre Ehe muß aufgelöst werden; ſie muß als Ba⸗ ſtard erklärt werden.... Die Beweiſe liegen klar vor! dann iſt es leicht, ihr das letzte Gütchen zu neh⸗ men!.. 1 was thut ſie dann? ſie, die Stolze, die Un⸗ beugſame, in ihrer Erniedrigung.... Wijera allein blieh mir zum Quälen. Ich habe mich zu ſehr beeilt; vas Leben kocht noch in meinen Adern was bleibt noch zu thun übrig? Alle frühern Schulkameraden ver⸗ ſchwanden vom Schauplatze auf verſchiedene Weiſe. Newoki, der mich als Kind quälte und marterte, mich, den erwach⸗ ſenen Jüngling, da er in der Nachbarſchaft meiner Mut⸗ ter wohnte.. er iſt an den Bettelſtab gebracht; alle, die der Familie meiner Mutter nahe ſtanden, haben für ihre Freundſchaft thener bezahlt. Sie bezahlten theuer die meiner Mutter gezollte Liebe, die ſich in Haß für den armen Knaben verwandelle; Allen, die ihn in den Koth getreten und mit Schimpf belegt, iſt dieſes theuer zu ſte⸗ hen gekommen... Und meine Braut„ meine ſchöne Braut„ mein Gott, wozu habe ich ſie ge⸗ 204 bracht, ſie, die ich fortwährend marterte, wenn ſie mir ihr Letztes verpfändete:.. Und wie viel Böſes wurde durch die Vermittelung ſolcher Menſchen, wie Ochtin, ge⸗ ſäet.... In welchen niedrigen Sphären wußte ich Leut wie Jaſchelbizin, Newſgodin aufzufinden„.. Urberal ſuchte ich Handlanger für meinen ſchrecklichen Rachevienß Alll das habe ich gethan, das hat der verſtoßen, von dir verfluchte Sohn gethan.... das iſt alles dein Werk, das haſt du, boſes Weib, aus deinem eigenen Kind gemacht!.. Regte ſich die Reue in der Bruſt dieſes Menſchen! in dieſem Augenblicke war ſein Triumph zu groß, zu gräu⸗ zenlos, um in ſeinem Herzen einem andern Gefühle Raum zu geben. Aber die Vorſehung ſiegtel eihren unerforſchlichen Geſetzen ließ ſie es zu, daß Kan ſeinen Bruder tödtete. Sie ließ es zu, daß ein Böſewicht ſich zu der Höhe übermenſchlicher Verbrechen hinaufſchwinge, ihre Früchte koſte, damit die Menſchenki der um ſo deutlicher ſehen, welchem Ziele ſie ihn zuführ Das Beiſpiel des Fürſten Aleris kann mehr als einen Menſchen erbeben laſſen, mehr als ein boͤſes Ge⸗ wiſſen aus dem ſichern Schlafe auſſchrecken. Die von Smolnew erreichte Höhe muß den Augen der Menſchen wirklich als der Gipfel des irdiſchen Glückes erſcheinen. Mit dem Stammvermögen wurde ihm auch der alte Name ſeiner Vorfahren wiedergegeben. Wir wollen ihn aber bis zum Ende unſerer Erzählung Smolneh nennen. Seine Reichthümer waren ungeheuer: zwei An⸗ theile an der Goldkompagnie mit Lenin und ſeine eigenen Goldgrabungen, die ſchon ihre Frichte zu tragen began⸗ nen Eine dieſer Unternehmungen brachte ihm be⸗ deutende Vortheile: nach den damaligen Begriffen von dem Ertrage der Goldgruben galt es bereits für* fabelhaften Reichthum! Man muß nemlich wiſſen, was die kaum entſtehende Goldgrabungsinduſtrie nach den Be⸗ 205⁵ griffen der Petersburger damals bedeutete. Die neu er⸗ weckte Leidenſchaft brachte viele an den Bettelſtab, wäh⸗ rend ſie nur wenige bereichertez aber dafür hat das Gold eine magiſche, anziehende Kraft. Das folgende Kapitel wird dies näher erläutern. Fünftes Kapitel. Die Macht des Goldes. Sibirien gab von jeher zahlreiche Erwerbsquellen an die Hand. Der regelmäßige Handel mit Rauchwaaren allein würde die endloſe Ausrottung der Thiere, oder ih Flüchten in die unzugänglichen, am Ozeane gelegenen Moorgründe oder in die mongoliſchen Steppen verhüten, und in kurzer Zeit die ſich damit beſchäftigenden Perſonen be⸗ reichern. Was würden Fabriken und Manufakturen, zweck⸗ mäßig angelegt, dort für Vortheile bieten!.... Auch die Nachricht von entdeckten Goldgruben wurde in Peters⸗ burg, wie wir es im Beginne unſerer Erzählung geſehen, nur wie ein dunkles, verworrenes Gerücht bekannt: manche hörten es, ohne es zu begreifen, andere ſahen hier nur ein gelehrtes, abſtraktes Problem, wieder andere betrachteten es geradezu als einen Puff!. Der größte Theil dachte an gar nichts, ſich in einer ſüßen Unwiſſenheit über Alles wiegend, was nicht ſein nächſtes Intereſſe berührte. Endlich wuchs die Privatgoldgrabung in nicht mehr als ſechs oder ſieben Jahren von einem einzigen Goldkörnchen bis zum Ertrage von einigen hundert Pud heran. Alles erſtaunte. Viele berechneten, daß hundert Pud Gold nach Abzug der an die Krone zu zahlenden Gebühr ſich mit mehr als vier Millionen Rubel verwerthenz wenn man 207 ſelbſt die Hälfte dieſer Summe für Ausgaben zum Aus⸗ beuten des Goldes verwendet, ſo erhalten immer Kom⸗ pagnien, die hundert Pud Gold gewinnen— und ſolche waren bereits vorhanden— zwei Millionen reinen jähr⸗ lichen Ertrags für eine Operation von vier Sommer⸗ monaten! Dieſe Berechnung brachte Viele in Auf⸗ regung.„ Jeder ſagte: wenn die Goldgrabung in den erſien Jahren ſolche glänzende Reſultate gegeben hat, was iſt erſt in der Folge zu erwarten? Wir, die wir im Jahre 1847 leben, wiſſen, daß der Goldertrag ſchon von hundert auf tauſend Pud geſtiegen iſt, daß einige Unternehmer die reichſten Leute in Rußland geworden find; aber damals wußte man dies noch nicht, und ſchloß nur nach den glänzenden erſten Erfolgen mit Sicherheit auf die ſpäter zu erwartenden. Die nicht ſelten die Zügel ſchießen laſſende Einbildungskraft ſchuf die Ausſichten noch üppiger und lockender. Jeder von uns war Zeuge des Enthuſiasmus, mit welchem man Kompagnieen zur Ent⸗ deckung und Ausbeutung der Goldgemenge bildete. Eine Reiſe nach Amerika bot mehr Mühen und Gefahren dar, als eine Reiſe nach Sibirien; nichtsdeſtoweniger erzeugte noch vor Kurzem das bloße Wort Sibirien in den Ohren und Herzen der Ruſſen einen ſchrecklichen Wieder⸗ hall. Jetzt iſt man daran gewohnt, der Menſch gewöhnt ſich an Alles. Wenn die Goldgraber in Amerika mit den Eingeborenen zu kämpfen hatten, ſo mußten ſie in Sibi⸗ rien einen nicht weniger verzweifelten Kampf mit der Natur beſtehen. Sie mußten in Wälder dringen, die noch nicht der Fuß des nach flüchtigem Wilde jagenden Tun⸗ guſen oder Tataren betreten; ſie durchſtreiften dieſe Wal⸗ dungen durch mehrere tauſend Werſte, oft gezwungen, ſich mit Aerten Bahn zu brechen, und Bündel mit Zwieback als einzige Nahrung mit ſich ſchleppend. Nicht ſelten mußten ſie Brücken aus Baumſtämmen über Moorgründe werfen, oder Filzmatten ausbreiten. Und wie viele Male verloren ſich von einem herumziehenden Wilden geführte 208 Partien im Walde! In einem ſolchen Falle war ve erſte Bewegung der Unglücklichen, ſich an dem Führer zu rächen; aber der Wilde entfloh, und gegen zwanzig oder dreißig Perſonen waren der Willfür des Schicſats, des Hungers und des Unwetters Preis gegeben. Die Annähe⸗ rung des Winters, der in dieſen Gegenden nicht ſelten im Oktober fällt, drohete Menſchen und Pferden mit unver⸗ meidlichem Verderben. Die Unglücklichen greifen zum letzten Mittel,— ſie tödten die Pferde, wenn dieſe nicht ſchon längſt verreckten; in dieſem Falle nehmen ſie die Aeſer als Eßvorrath mit, bauen aus Baumſtämmen ein Floß und überlaſſen ſich dem Laufe der reißenden Gebirgs⸗ ſtröme, in der Hoffnung, an den großen Flüſſen Anſiede⸗ lungen zu finden. Man kann ſich leicht denken, welchen Zufälligkeiten, welchen Gefahren eine ſolche Waſſerfahrt ausgeſetzt iſt. Größtentheils zerſchellt das Floß an den Felſen oder ſteilen Ufern; die dem Ertrinken entgangen, gehen neuem Elende entgegen; am Tage wandern ſie, von der Sonne geleitet, wenn dieſe ſichtbar iſt; des Nachts müſſen ſie abwechſelnd wachen, um nicht in die Klauen der Bären zu fallen. Selten gelingt es einem, den Rück⸗ weg zu finden, und der von der ganzen Partie allein Zurückgebliebene erzählt ſolche Abentener, daß man glaubt, ſie würden den Andern die Luſt zu ähnlichen Wagniſſen benehmen. Aber das iſt durchaus nicht der Fall! Mit dem Eintritte des Frühlings füllen ſich die Wälder und Verge mit Golvgrabern und der ſich raum erholte Dul⸗ der folgt den Andern. Die des Winters auf Schlittſchu⸗ hen abgeſchickten Partien ſind in einem Lande, wo der Froſt ſehr oft die Höhe von fünfunddreißig Grad erreicht, noch größern Gefahren ausgeſetzt. Nicht deſtoweniger erbebten Viele fieberhaſt, vom Dämone des Goldes beſeſſen. Sie waren unermüblich, tollkühn in ihren Unternehmungen. Hunderte Perſonen verloren unwiederbringlich ihre Kapitallen in den Steppen Sibiriens. Da ſagten die Andern:„das ſind Dumm⸗ 209 köpfe, ſie verſtehen nichts von der Sache!“ und wieſen auf die Wenigen, die ſich bereichert hatten. Zur allge⸗ meinen Verſuchung kamen, ihrer Ausſage nach, aus Si⸗ birien kommende Goldgraber zum Vorſcheine. Es war gerade daſſelbe, was in Spanien die Chercheurs waren, ja ſelbſt in einem größern Maßſtabe. Unſere Abenteurer verſicherten, die Grabungen dieſer oder jener Partei ge⸗ leitet zu haben, daß ſie eine Goldgrube entdeckt, ſie vor ihren Herren verborgen, und für erkenntlichere Perſonen aufbewahrt hätten. Man behandelte ſie zuvorkommend, trat mit ihnen in Unterhandlung, gab ihnen Vorſchüſſe zur Ausbeute, an der man nicht zweifelte, weil dieſe Goldgraber ihre Ausſagen mit Golvkörnern bekräftigten, die ſie von den entdeckten Gruben gewonnen haben woll⸗ ten. Dem geſchickten Taugenichtſe gelingt es, zwei Ka⸗ vitaliſten anznkocken, erhält von ihnen Summen zur Gold⸗ ausbeute; um die eigene Belohnung bekümmert er ſich ge⸗ woͤhnlich wenig: er iſt mit dem zehnten Theile des reinen Ertrages zufrieden. Er iſt ſeiner Sache ſo ſicher, daß gar keinem Zweifel Raum gegeben werden kann“ Es ſcheint nun, daß unſer Abenteurer ſeine Rolle zu Ende geſpiet hat: er hat das Geld erhalten, nun ſollte er ver⸗ ſchwinden. Durchaus nicht, wir leben in dem ſuperfeinen neunzehnten Jahrhunderte. Der unternehmende Tauge⸗ nichts will aus dieſer Unternehmung nicht nur mit frem⸗ dem Gelde, ſondern auch mit dem Rufe eines ehrlichen und thätigen Mannes treten; dies iſt ihm für die ſpätern Erfolge unentbehrlich. Er iſt ein wenig unglücklich.. doch das lag mehr an der Unwiſſenheit ſeines Prinzipals, an ſeinem Geize. Jeden Herbſt berichtet der abenteuernde Goldgraber von einer reichhaltigen Goldader, die freilich wegen des Waſſerzufluſſes— ein Ausdruck, der ſich allen Goldinduſtriellen tief eingeprägt hat— noch nicht gehörig erforſcht werden konnte; aber mit dem Eintritte des Frühlings beginnt die Erforſchung und Ausbeutung des Goldgemenges. Wenn der Prinzipal eine ſolche Nach⸗ 21⁰ richt zum erſten Male erhält, ſchenkt er ihr allen Glau⸗ ben; voller Entzücken koͤnnte er das Unternehmen mit be⸗ deutendem Gewinne veräußern, aber er ſchwärmt ſchon von Millionen, und für nichts in der Welt würde er ſeine Goldgrube jetzt weggeben. Aber da kömmt der Sommer, und ſeine Phantaſiegebilde verwirklichen ſich nicht. Man ſchreibt ihm aus Sibirien von den chemiſchen Prozeſſen von mißlungenen Verſuchen aller Art, von, bei dem noch nicht genau bekannten Verfahren, unvermeidlichen Irrthümern erſt mit Ende des Sommers kömmt wieder eine freudige Nachricht. Der Unglückliche ſchickt neue Geldſummen, und nun beginnen dieſelben Ausflüchte. Endlich hat er ſein Kapital und ſeine Geduld verſchwen⸗ det, und geht unter der Maſſe edler Armen zu Grunde, die bedauernswerther als die Straßenarmen, weil ſie nie um eine milde Gabe bitten,— oder er wird ſelbſt ein Goldgraber einer ſich neugebildeten Kompagnie. Für Lenins Thätigkeit eroffnete ſich ein neuer, weiter Spielraum, wo ſeine Fähigkeiten ſich frei und auf einer breiten Baſis entwickelten. Er war ſchon Theilnehmer der dritten Goldkompagnie, die ſich jetzt Smolnew und Lenin nannte. Smolnew hatte, wie wir geſehen, ihm Newskis Antheil entriſſen. Lenin, im Elend geboren, nie eine Kopeke beſitzend, war noch ſchüchtern im Handel und an großartige Geldzirkulationen ungewöhnt. Aber es gelang ihm auf ſeine Weiſe ſeinen Verluſt zu erſetzen. Während Smolnew, nachdem er alle ſeine Abſichten er⸗ füllt ſah, ſaumſelig wurde, mit Verachtung auf Leute, die er ſo leicht zu ſeinen Planen gebrauchen konnte, und mit Geringſchätzung auf das Geld, als eine ihm nun un⸗ nöthige Sache, blickte, arbeitete Lenin voller Kraft und Hoffnung unermüdlich. Viele vertraueten ihm ihre Ka⸗ pitalien an, und er verwendete ſie, nun er bereits an den Reichthum gewöhnt war, nach einem größern Maßſtabe. Er brauchte nur ein weites Feld, wo er als Sieger, als ſcheinbarer Wohlthäter Anderer, aber nicht als kleinlicher 211 Intrigant erſcheinen konnte. Mit Leuten aus allen Schich⸗ ten der Geſellſchaft bekannt, als Mann, der durch alle dieſe Schichten gegangen, wobei er in jeder von ihnen einen Theil ſeiner ſelbſt gelaſſen, verſtand es Lenin, ſeine Bevollmächtigte in Sibirien zu wählen und folgte uner⸗ müdlich ihren Schritten durch verſchiedene Agenten, die er ſich durch Dienſte oder Geld zu verpflichten wußte. Mit einem Worte, Lenins Angelegenheiten, wenn auch erſt in der Entwicklung begriffen, verſprachen die glän⸗ zendſten Reſultate. Nicht wenig hochmüthig und frech mit Andern, ertrug er geduldig, ja ſelbſt mit Unterthä⸗ nigkeit, das trockene, kalte Benehmen Smolnews. Die Sache war die, daß der Alte von dem Glanze ſeiner Millionen umgeben war und Niemand begriff ihre ma⸗ giſche Gewalt ſo ſehr, als Lenin, der ſein ganzes Leben dem Gelderwerbe geweiht hatte, und dieſes Ziel durch Mühſeligkeiten, Erniedrigungen und dann und wann durch fehlgeſchlagene Hoffnungen zu erreichen ſuchte. Ihm, als einem Zahlenmanne, konnte Smolnew mit ſeinem Gelde und Kredite nützen, überdem knüpften ihn an den Alten das gemeinſchaftliche Geſchäft: in Beziehung auf daſſelbe hing er geradezu von Smolnew ab, der das zur Aus⸗ beute des Goldes noͤthige Geld vorſtreckte. In eben dieſer Angelegenheit befand er ſich jetzt in Smolnews Kabinet. Rathſchläge oder richtiger Befehle erwartend, betrach⸗ tete Lenin einen Viertelbogen Poſtpapier, das nur gegen fünf Zeilen langer Zifferreihen enthielt; er konnte von dieſen magiſchen Zahlen nicht die Blicke abwenden, und betrachtete ſie mit ſichtbarem Vergnügen, wie ein Jüng⸗ ling auf ſeinen zum erſten Male gedruckten Namen blickt, der in einem Journale ein Gedicht„an ſie“ ziert. Die Lenin ſo lieben Zifferreihen waren von Tſchornich, ihrem Verwalter in Sibirien unterſchrieben, und enthielten die letzten Rechnungen und die Reſultate der Kompagnie. Trotz dem, vaß dvie Goldgrabungen erſt im Entſtehen 212 waren, erhielten die Theilnehmer jeder zweimal hundert fünfzig tauſend Rubel auf ſeinen Antheil reinen Ertrags; von dieſem Gelde mußte Lenin natürlich einen Theil an Smolnew zahlen, und einen zweiten für die Ausbeute des künftigen Jahres verwenden, aber was war dafür für die Zukunft von einem ſolchen Anfange zu erwarten! „Ein unſchätzbarer Mann, dieſer Tſchornich,“ rief envlich Lenin aus, der ſein Entzücken nicht länger zurück⸗ halten konnte:„man muß ihn beiſpiellos belohnen.“ Smolnew wendete langſam den Kopf zu ihm hin. „Sie ſind zu freigebig,“ brummte er zwiſchen den Zähnen:„aber da gerade von Tſchornich die Rede iſt, es iſt zut, daß Sie mich auf ihn gebracht haben. Ich habe eigens deßwegen nach Ihnen geſchickt, um Ihnen aufzutragen, einen Verwalter für unſere Kompagnie auf⸗ zuſuchen.“ „Und Tſchornich?“ Smolnew antwortete nicht auf die Frage, aber reichte ihm einen Brief und fügte hinzu: „Es iſt von meinem Bevollmächtigten Jaſchelbizin.“ (Erinnern ſich noch die Leſer Jaſchelbizins, des armen Beamten, den ſie zuerſt bei Umanski, und dann auf der Heubarke trafen ²) Der Brief war folgenden Inhalts: „Verehrteſter Herr und Wohlthäter! „Aus meinem letzten, unterthänigen Berichte erſahen Sie die Entdeckung einer reichen Goldgrube am Fluſſe Karataſchaka. Fürchtend, daß nicht Jemand mir mit der gerichtlichen Anzeige beſagter Goldgrube zuvorkomme, machte ich mich ſelbſt auf den Weg ins nächſte Amt, um meiner Entdeckung die geſetzliche Beſtätigung zu verſchaf⸗ fen. Auf dem Wege begegnete ich einer Partie, die eben ſo wie wir auf Schlittſchuhen reiste. Da ich erfuhr, daß dieſe Leute Ihrer Kompagnie mit Lenin und Newoki angehoörten(Jaſchelbizin wußte noch nicht, daß Smolnew nun auch Newskis Antheil beſaß,) ließ ich anhalten, weil 2¹3 ich Ihren Befehl, den Operationen dieſer Kompagnie zu folgen, nie aus den Augen verloren hatte. Hier ſah ich unſern Wohlthäter, der unſere Operationen ſo ſehr ge⸗ fördert hatte, den Verwalter der erwähnten Kompagnie, aber wie ſah ich ihn, mein Gott! krank, ſterbend, auf dem bloßen Schnee, in einem faſt unzugänglichen Walde, von zehn Verbannten umgeben, Ich näherte mich Tſchor⸗ nich, er erkannte mich noch.— Sie kommen vom Kara⸗ taſchaka? fragte er mit ſchwacher Stimme.— Vom Karataſchaka, antwortete ich.— Wie gehts der Partei. Riabtſchikoffs hat ſie Gold gefunden?— Nein, ſie hat nichts gefunden.— Ich danke Dir, mein Gott! Jetzt ſterbe ich ruhig Und als ob er nur darauf gewartet hätte. ſeufzte er tief auf und Geruhen Sie die nöthigen Befehle zu geben u. ſ. w.“ „Wie finden Sie einen ſolchen Tod?“ fragte Smolnew. „Schrecklich.“ „Warum denn ſchrecklich? Tſchornich ſtarb mit der feſten Ueberzeugung, daß ſeine Bemühungen gegen Rjabtſchi⸗ koff mit vollem Erfolge gekrönt ſind; daß die ihn ſo ſehr gekränkte Kompagnie bald verarmen, ſich auflöſen muß; daß er ganz gerächt ſei.. Rein Wunder, daß er ruhig ſtarb Nicht wahr, die Rache iſt ein ſüßes Gefühl?„„ ſ„ ich denke wie jede heftige Leiden⸗ haſt „Sie denken„ Als ob Sie ſie nicht, wenn auch nur in einem geringen Grade gefühlt! Als ob ſie nicht Menſchen vernichten wollten, die im Namen der Ehre Sie einer Piſtolenmündung gegenüber ſtellen? Und wann? Wenn das Leben ſich Ihnen in allem Glanze, mit allen Lockungen des Reichthums varſtellt. Und Smolnew blickte verſtohlen auf Lenin, alle ſeine Bewegungen verfolgend. 214 „Ja wohl, ich geſtehe, das Duell iſt eine dumme Sache„ „Es kompromittirt Sie in der Handelswelt. Wer wird ſein Kapital in den Händen eines Duelliſten laſſen wollen, den man, bevor man ſichs verſieht, todtſchlägt oder auf die Feſtung ſetzt.“ „Was iſt aber zu thun? wie ſich losſagen? 4 „Sollten Sie keine Mittel finden, ſich vom Duelle oder vom Duelliſten zu befreien! Fragen Sie nur Ochtin Doch wir ſind vom Gegenſtande unſers Geſprä⸗ ches abgewichen. Man muß für Tſchornichs Platz einen Würdigen finden: das iſt Ihre Sache. Außer dem beab⸗ ſichte auch ich, mich von den Geſchäften zurückzuziehen ich bin ihrer überdrüſſig.. Ich will Sie bevollmäch⸗ tigen zur Verwaltung der Angolegenheiten unſerer Kom⸗ pagnie, wie meiner eigenen Goldgrabungsgeſchäfte.“ Lenin triumphirte. „Sorgen Sie nur, daß man Sie nicht todtſchlägt. Die Verwaltung dieſer Geſchäfte verſchafft Ihnen gegen hundert tauſend Rubel reiner Einkünfte. und außer dem ein Uebergewicht bei andern Unternehmungen„ 4 „Ich weiß nicht, wie ich Ihnen vanken ſoll.“ „Uf, wie kalt iſt es hier,“ ſagte Smolnew, ſich in den warmen Schlafrock wickelnd...„Wie finden Sie es?“ „Ich glaube, es iſt ziemlich warm„ Smolnew ſaß keinen Augenblick ruhig, veränderte unaufhörlich ſeine Lage, und wälzte ſich im Seſſel wie ein vom Fieber oder Grame geplagter Menſch. „Sagen Sie mir doch, ich bitte Sie,“ fing er wie⸗ der an, ſich raſch an Lenin wendend:„Wenn Sie in Ihrem elaſtiſchen Lehnſtuhle ſitzen, von dem Glanze und dem Lurus reicher Gemächer umgeben, fällt Ihnen ein⸗ mal— ſo, zum Gegenſatze— eine ärmliche, eingefallene Bauernhütte ein? Darin iſts kalt und ſchmutzig; der Froſt dringt durch die mit Papier verklebten Fenſterchen, 215 die Armuth nimmt ihren Weg gerade durch die Thüre. Die Hausfrau hat ihre barfüßigen Knaben, den einen nach Waſſer, den andern nach Holz geſchickt; ein Säugling winſelt an der vertrockneten Bruſt. Die Mutter ſetzt ſich ſtillweinend ans Fenſter und erblickt durch die Fenſter⸗ ſpalte ihren Mann, der ſpät aus der Schenke kömmt... Auf der Straße iſt es öde.. Die arme Frau ſchnurrt zwiſchen den Thränen ein trauriges Lied.. hinter dem Dorfe verliert ſich eine Reihe dunkler Tannen in den trüben Horizont.. Nur ein hoher Glockenthurm durchſchneidet die Finſterniß.... Sonderbar„ unter⸗ brach Smolnew ſich ſelbſt, auf Lenin mit einem unaus⸗ drückbar boshaften Lächeln blickend;„mir iſts kalt, und Sie ſchwitzen wie in einem Schwitzbade So ſagen Sie mir doch, ich bitte Sie, ſtellt ſich Ihnen nicht ein⸗ mal dieſes Dorfgemälde vor und gibt Ihre lebhafte Phan⸗ taſie nicht Ihnen auf demſelben den erſten Platz?“ „Was für ein Gedanke Ihnen nicht einfällt!... „Ein ſonderbarer Gedanke. Aber wenn ſich dieſer Gedanke verwirklichte. wenn Sie auch nur im Traume ein Mitglied dieſer Bauernfamilie wären... in der Hüte wohnten.. „Hören Sie auf, Agaz Agazowitſch! Sie ſcheinen ſich heute vorgenommen zu haben, mich zu erſchrecken „Und auch Andere Und Smolnew triumphirte über die Verwirrung Lenins, aber dieſer leichte Triumph widerte ihn bald an. Er ſtand auf und ging mit ſchnellen Schritten einige Male im Zimmer auf und ab. „Ja, Sie haben recht,“ bemerkte er:„hier iſts wirklich warm. ſehr warm. Ich vernahm, daß Sie bald heirathen das heißt, wenn Sie Sie⸗ ger im Duelle bleiben. wenn Sie getödtet werden, heirathet Ihr Gegner Ihre Braut Das iſt ja ein wahres, des Mittelalters würdiges Turnier! Sie wollen ſich mit den Waffen in der Hand eine Braut erobern, haben Sie aber alle Chancen bedacht„. Verdient die Braut ein ſolches Opfer!„ „Es iſt ein herrliches Mädchen, von guter Fa⸗ milie„ „Alles das iſt recht gut! Doch Sie haben an eins nicht gedacht.. Wie ſoll ich Ihnen das erklären„. Sie haben nur an Ihr jetziges Vermogen gedacht, und das iſt der allerunbedeutendſte Theil von dem, was Sie erwartet„„ Lenin zitterte vor Ungeduld. Sollte dieſer Mann, der mich für die Beſorgung aller ſeiner Geſchäfte bevoll⸗ mächtigte, mich zu ſeinem Erben einſetzen wollen„ wenn dem ſo wäre? Und warum denn nicht? Er hat keine Erben, er liebt Niemand... An mir anerkennt er wenigſtens Eigenſchaſten, die ihm Achtung einflößen. „Ja wohl,“ fuhr Smolnew fort;„Umanski iſt ein Bettler im Vergleich mit Ihnen. Denken Sie wohl daran, und ſagen Sie mir dann.. Ich nehme an Ihnen den lebhafteſten Antheil.“ „Zu wem anders als zu Ihnen ſoll ich, um mir zu rathen, meine Zuflucht nehmen? Ich habe keine Verwandten, keine Freunde.“ „Gerade ſo wie ich.“ „In Ihnen ſehe ich meinen Wohlthäter, meinen Freund, wenn Sie mir Sie ſo zu nennen erlauben.“ „Ich glaube, Sie verlieren nicht viel, wenn Sie um den Preis Ihrer Braut ſich vom Duelle losſagen.“ „Ich werde trachten, Ihren Willen mit den Forderun⸗ gen der Ehre in Einklang zu bringen„ „Trachten Sie Hier iſt wirklich heiß... welche Langweile!„. Leben Sie wohl„ Ich i Sie nicht Ihren Beſchäftigungen, Ihrer Braut ent⸗ ehen.“ Lenin verließ ihn triumphirend. Das Duell ängſtete ihn freilich; doch man hat ihn ja um Aufſchub für einige Tage gebeten, und in dieſer Zeit hoffte er, daß die 217 Umſtände ſich günſtig geſtalten werden. Wenn wir nichts er⸗ denken können, um einem drohenden Ungemache zu entge⸗ hen, bauen wir gewöhnlich unfere Hoffnungen auf Zeit und Umſtände; dies iſt ſelbſt bei den klügſten Leuten der Fall. Smolnew hatte ſich einige Zeit an Lenin, wie die Katze an der Maus beluſtigt, und in ihm ſeinen Abſichten entſprechende Gefühle erweckt; dann verließ er ihn. Lenin langweilte ihn. Er wußte nicht, was er mit ſich, mit dem Leben, von dem er nichts mehr zu erhoffen, nichts mehr zu erwarten hatte, anfangen ſollte. Was hatte er von dem Kampfe, in dem er beinahe ohne Anſtrengung Sieger geblieben war!.. Wehmuth beſchlich ihn.„ Da meldete man ihm Ochtin's Ankunft. „Ochtin!“ ſagte er mit einem vielbedeutenden Tone: „gut, er komme!“ Ochtin war in faſt alle Geheimniſſe Smolnew's eingeweiht; ſein Zeugniß allein konnte dieſem, den andern unſichtbaren, böſen Dämone verderblich werden. Ochtin diente größtentheils als Träger der Befehle ſeines Pa⸗ trons, als Vermittler zwiſchen ihm und denjenigen, die ſich blind ſeinem Willen unterwarfen, manchmal ſogar als Vollzieher, wenn die ihm gegebenen Aufträge ſeinen Kräf⸗ ten entſprachen. Wie ſehr auch Smolnew vor ihm ſeine Pläne maskirte, wie ſehr er ſie auch mit dem Namen des Fürſten, für den er zu handeln vorgab, bedeckte, der ſchlaue und ſcharfſinnige Ochtin hatte, wenn auch nicht alle Geheimniſſe durchdrungen, doch Vieles errathen, be⸗ ſonders jetzt, da der Alte ſeinen ungeheuern Reichthum auf den Trümmern des Wohlſtandes des Fürſten Alexis gegründet hatte. Smolnew errieth, weßwegen Ochtin gekommen ſei; da er aber, ſeiner Gewohnheit nach, dieſes bedauernswerthe Geſchöpf ein wenig zu quälen wünſchte, warf er keinen Blick auf ihn, ſo ſehr ſich auch Ochtin in Glückwünſchungen, in Verſicherungen ſeiner Gefühle, ſei⸗ ner Freude ausſchüttete.. „Ach, biſt Du's, Ochtin? Ich glaubte Dich weit Petersburg am Tage ꝛc. II. 15 218 von hier beim Fürſten Alexis... die Leiden Deines Wohlthäters zu theilen.“ „Agaz Agazowitſch, Ihnen iſt es bekannt, wem ich mit mehr Eifer gedient.“ „Wer theuerer zahlte... „Dem ſei alſo!“ antwortete Ochtin empfindlich. Die⸗ ſer harte Vorwurf von einem Manne, dem er ſeine mo⸗ raliſche Eriſtenz zum Opfer gebracht, verwundete ſelbſt ſein verſtocktes Herz. „Dem ſei alſo!.... Doch Sie kannten mich früher als der Fürſt; Sie kannten mich anders, als ich jetzt bin Wer trägt die Schuld, daß ich ſo und nicht an⸗ ders geworden? Agaz Agazowitſch! Ich mache Ihnen keine Vorwürfe.. Aber waren Sie nicht der Erſte, der mein Gewiſſen in Verſuchung führte Erinnern Sie ſich, wie ich, nachdem ich Alles verloren hatte, in Gram verſunken in meinem Zimmer ſaß, waren Sie'es nicht, der mir die glänzendſten Anerbietungen machte, wenn es mir gelingen würde, das friedliche Ein⸗ verſtändniß B....'s, meines einzigen Freundes, mit ſei⸗ ner Frau, der jetzigen Fürſtin Wjera, zu zerſtören Haben Sie mich nicht hernach als Werkzeng ſeines Ver⸗ derbens gebraucht; haben Sie mich nicht von Verbrechen zu Verbrechen geführt, ſo daß ich nicht ein Mal bemerkte, in welchen Strudel ich hineingezogen wurde, mich nicht umſchauen konnte, bis ich mich am Rande des Abgrundes befand Sie haben aus alledem Nutzen gezogen⸗ Jetzt ſind Sie reich und vornehm. Ich bin ſehr froh! Ich murre nicht gegen Sie!.. Ihnen ge⸗ bührt's; Sie ſind klug,— ich bin ein Dummkopf! Aber ich glaubte.. ich hoffte.. daß ich mich jetzt mit den Brocken Ihres Reichthums nähren könnte, daß ich jetzt nicht vor Hunger umkomme, oder mich nicht zu erniedrigen brauche, indem ich bei den Vorübergehenden um ein Allmoſen bettle.. Ich werde alt es iſt Zeit, Buße zu thun... ich fühle es ſelbſt. — — 219 „Buße thun! Smolnew hohnlächelte bei dieſen Worten. Er kannte das menſchliche Herz zu gut, um der Reue eines Men⸗ ſchen, der ſo ſehr ſich vergangen, wie Ochtin, viel Glau⸗ ben zu ſchenken; Ochtin hatte nicht aus eigenem Antriebe, ſondern nach dem Willen eines Andern gehandelt, ihn konnte daher nur ein fremder Wille auf den Pfad des Rechts zurückführen; doch wer wird ſich um Ochtin's kümmern! Moöge er ſeinem boͤſen Schickſalt ver⸗ „Du haſt Dich in mir nicht geirrt, Enkelchen!.. „O, mein Wohlthäter, ich habe nie an Ihnen gezwei⸗ 3 wußte, daß Sie manchmal mit einem armen Menſchen Ihren Scherz zu treiben belieben, um ihn hernach durch Ihre Gnade noch mehr zu erfreuen.“ „Ich war übrigens ſowohl für Dich als für Alle nur der Vermittler jener unſichtbaren Perſon, der Ihr dientet, ich nehme daher Euern Dank nur zur Hälfte an. Hier iſt ein Zettelchen, auf welches Du von meinem Kaſſier dreißigtauſend Rubel erhältſt; davon nimmſt Du für Dich zwanzigtauſend, und zehntauſend gibſt Du dem Häuptlinge und ſeinen Kameraden. Damit hören un⸗ ſere Beziehungen unwiederruflich auf. Wir ſind nicht be⸗ kannt, wir waren nie mit einander bekannt. Das ſage auch den Uebrigen.“ Smolnew hörte nicht mehr die demüthigen Dankſa⸗ gungen Ochtins. Er gab ihm den Zettel und ging ins andere Zimmer. Hernach richtete er es ſo ein, daß der Häuptling im Voraus erfuhr, Ochtin ſei beauftragt, ihm und ſeinen Kameraden zwanzigtauſend Rubel zu ge⸗ ben und für ſich nur zehntauſend zu behalten. „Dieſe Maßregel gelingt!“ ſagte Smolnew;„auf Hunde muß man Hunde hetzen, und Lafür iſt es genug, ſie von der Kette loszulaſſen und einen Knochen hinzu⸗ werfen.“ ————— Sechstes Kapitel. Die Pefreiung. Bei Umanski war ein kleiner Kreis naher Bekannter verſammelt. Trotz dem herrſchte ein gewiſſer Zwang, eine beſonders trübe Laune. Alle waren mit Newski be⸗ ſchäftigt, der nicht da war. Jetzt hatte er ſich mehr als je von dem ſchrecklichen Einfluſſe des Schickſals auf ſich und alle, die ihm nahe und theuer waren, überzeugt. Seine Einbildungskraft, von Kindheit auf daran gewöhnt, Smolnew als ein höheres, dem Menſchengeſchlechte feind⸗ liches Weſen zu fürchten, ſtellte ihm jetzt dieſen Gedanken auf eine ſchreckliche Weiſe verwirklicht dar. Dieſes bos⸗ hafte Weſen, das ſeinen erſten Schmerz mit Hohngeläch⸗ ter begleitete, war mit allen Unglücken ſeines Lebens eng verbunden. Die fürchterliche Kataſtrophe mit der Familie des Fürſten Aleris ſtellte Smolnew als den Dämon der Zerſtorung, der Rache dar, gegen welchen der menſchliche Wille nichts vermag, ihn hochſtens nur reizen konnte. Bei Newski war dieſes eine idée lixe, die ihn zum Wahn⸗ ſinne bringen konnte. Er ſchloß ſich, nach ſeiner Gewohn⸗ heit, in ſein Zimmer ein und empfing Niemanden. Finski beſuchte die Umanskiſchen zum letzten Male, da er noch ein Mal die ſeinem Herzen ſo theuere Marie ſehen wollte Und wem mußte er ihr Schickſal anvertrauen? einem — 221 Manne, der eines ſolchen Schatzes durchaus nicht würdig war. Auch ihn beunruhigte der Gedanke an Newoki. Er dachte ihn zu bereden, mit ihm Petersburg zu verlaſſen, aber bis jetzt hatte er ihn nicht dazu bewegen können. Newski brütete etwas Verzweifeltes. Aber mehr als alles lag ihm das Schickſal des Zerlumpten und Jennys ſchwer am Herzen. In dieſer Angelegenheit war ſein eigener Name kompromittirt, weil jetzt Viele gleich Lenin zu den⸗ ken bereit waren, daß Finski die ganze Geſchichte nur zu ſeinem Vortheile erdacht habe. Lenin bekümmerte das Duell, von dem er ſich, es koſte was es wolle, loszuſagen entſchloſſen war; er ſann nur auf ein Mittel, dieſes mit dem kleinſten Abbruche ſeiner Ehre zu erreichen. Außerdem erregte der Gedanke an den ihm von Smolnew vorgeſpiegelten Reichthum in ihm gar ſonderbare Ideen. Jetzt erſchien ihm die Parthie mit Marie nicht vortheilhaft, ſeine Stellung erſchwerend, ihn in ſeinen weitern Unternehmungen ſtörend. Er be⸗ nahm ſich mit dem armen Mädchen äußerſt kalt; dies brachte daſſelbe zur Verzweiflung. Und Marie lag noch eine andere Sorge auf dem Herzen; ſie wollte das Duell zwiſchen ihrem Bräutigam und Finski beſeitigen, und wußte nicht, wie der Sache beizukommen; ſie erwartete Hülfe von Frau von Bronizin. Olga Benski lebte nur unter dem Einfluſſe der für ſie magiſchen Gegenwart Newskis; ohne ihn glich ſie jenen Blumen, die ihre Koͤpf⸗ chen ſinken laſſen, ihre Kelche ſchließen und dahin welken, wenn die Sonne verſchwindet. Ihr ganzes Weſen war mit dem Weſen Newskis eng verbunden, und in ſeiner Abweſenheit hielt ſie nur der Gedanke an ihn aufrecht. Der ältliche Herr mit der ſchwarzen Perrücke und mit dem grauen Backenbarte, der ſonſt gewoͤhnlich ſprach, ohne darauf zu achten, ob ihm jemand zuhöre oder etwas erwiedere, war heute, wahrſcheinlich von der allgemeinen Traurigkeit angeſteckt, wenig redſelig. Auch Miller war hier Die Bekanntſchaft und ſpäter die gegenſeitige k 222 Freundſchaft mit ſeinem Schulkameraden Finski näherte ihn auch Newski und brachte ihn zur Bekanntſchaft mit den Umanskiſchen. Miller zeichnete zerſtreut mit dem Finger auf den Tiſch, mit dem gewöhnlichen Gedanken, 3 ſein ganzes Weſen in Anſpruch nahm, beſchäf⸗ tigt In einem ſolchen Zuſtande befand ſich die Geſell⸗ ſchaft, als der eintretende Bediente Umanski etwas ganz leiſe meldete: dieſer betrachtete ihn mit Erſtaunen, als traue er ſeinen eigenen Ohren nicht; der Bediente flüſterte ihm wieder etwas zu, und Umanski ging hinaus. Alle waren gar zu ſehr von ihren eigenen Gedanken und Gefühlen eingenommen, um die Neueingetretenen zu bemerken, als plotzlich der Ausruf vernommen wurde: „Fritz, Fritz!“ und Jenny ſich von Umanskis Hand . und mit einem Schrei Miller um den Hals el.— „Fritz, mein theuer Fritz!.. Biſt Du es? Blicke mich nur an, gleiche ich Deiner Jenny!... 4 „Jenny, mein Schatz, mein Schutzengel!. Er küßte ſie mit Entzücken und ihre Thränen ver⸗ miſchten ſich, ihre Worte wurden abgebrochen und ſpra⸗ chen die geheimſten Gedanken nicht aus. „Schau, ſchau, Fritz, in welch einem Palaſte finde ich Dich! welche hübſche Kleider Du an haſt! Biſt Du nicht ein großer Herr geworden? Ich erinnere mich noch, wie Du immer für die Vornehmen ſprachſt.“ „Nein, Jennh, ich bin noch immer derſelbe arme Teufel, ich hatte Dich nicht ein Mal, mich zu tröſten.“ „Und erinnerſt Du Dich des Dachſtübchens, wo Du wohnteſt?“ „Wo Du mich beſuchteſt, mein Engel und mich vor dem Verzweifeln retteteſt.“ „Ach, Fritz ich will es nie vergeſſen, wie Du Deinen einzigen Rock verpfändet, um die Mutter während ihrer Krankheit vor dem Hungertode zu retten.“ 223 „Genug davon, Jennchen.... ſprechen wir lieber von Dir, freuen wir uns über Deine Rückkehr.“ „Nein, erzähle mir lieber zuerſt von der Mut⸗ ter. 10 „Die Mutter... das heißt Anaſtaſie Jwanowna Sie grämt ſich um Dich.... Du wirſt ſie bald ſehen.. „Schneller, ſchneller,“ rief Jenny aus und bemerkte in ihrer Freude nicht Millers Verwirrung. „Schnell.. ſchnell.... Sie ſchläft jetzt. Warte ein wenig.“ „Warten „Nicht lange, ſogleich.“ „Und was macht Newſgodin 2... „Nach ihm frage nicht... „Iſt er todt?“ „Er lebt, aber Gott ſei mit ihm... Wie Du mager geworden. mein Engelchen! Ach, wie Du gelitten haben mußt.... „So ſehr, Fritz, daß ich nicht weiß, wie ich es er⸗ tragen konnte Doch jetzt bin ich mit Dir, jetzt habe ich alles vergeſſen... Nein, Fritz! Wir wollen uns nie mehr trennen.“ „Arme Jenny... Du wirſt ja reich ſein.... Ja! ich vergaß, Dir zu ſagen... Du biſt reich. Wenn Du dies erfährſt, ſprichſt Du ganz anders mit Fritz, der eben ſo arm wie fräher, obgleich Du ihn jetzt in einem reichen Hauſe ſiehſt, ſagte Miller mit einem Lächeln. „Reich Wir werden Geld haben„Das heißt, Fritz, die Mutter wird nicht mehr weinen, daß wir nichts zu eſſen haben... Das heißt, Du wirſt immer Farben und Leinwand haben... Nicht wahr, das heißt Reichthum?“ „Ja dies mehr als dies!.. Ich kann 224 übrigens ſelbſt nicht gut erklären, was Reichthum ſei, weil ich nie reich geweſen bin.. Fritz und Jenny konnten ſich nicht ſatt reden, konn⸗ ten ſich nicht ſatt ſehen. Alle waren von dieſer Scene angezogen und vergaßen ganz des Kraben, der an die Wand gelehnt, düfter zuſah, wie Jenny einen ihm ganz Unbekannten liebkoste, ſie, die bis jetzt nicht ein Mal ſeiner erwähnte. Endlich erblickte man auch ihn: es war der Zerlumpte. Die ſortwährenden Leiden hatten ſeine harten Züge etwas gemildert, und die Einkerkerung hatte ſeinem gewöhnlich von Sonne und Wind verbrannten Geſichte, eine matte Weiße verliehen, die den Glanz ſeiner ſchwar⸗ zen Augen noch mehr hervorhob. Die Freude Olgas und der alten Benski waren nicht ſo hinreißend wie die Millers und Jennys; ihre Liebko⸗ ſungen waren nicht ſo leidenſchaftlich, nichts deſtoweniger wurde Wanja vom Wiederſehen mit dieſen Frauen heftig bewegt; waren ſie ja die einzigen Weſen, die ihn liebten, die er bis zu ſeiner Einkerkerung allein geliebt hatte. Außerdem konnte der Zerlumpte nicht vergeſſen, daß ſie ihm das Leben gerettet hatten, ihm, dem ſchmutzigen Straßenjungen, den Niemand berühren wollte. Solche Scenen ſind ſchwer zu beſchreiben.. Die ununterbrochenen Ausrufungen, die von Thränen erſtickten Worte, die mit Küſſen getrockneten Thränen All dies läßt ſich leichter fühlen als mit Worten ausdrücken. Endlich, als die allgemeine Aufregung ſich etwas gelegt hatte, rief Umanski den Beamten herbei, der den Zer⸗ lumpten und Jenny hergebracht hatte und bat ihn zu er⸗ zählen, auf welche Weiſe er die armen Dulder entdeckt habe. Von ihnen ſelbſt konnte man nur erfahren, daß ſie ſchon vom Leben Abſchied genommen hatten und in einer Umarmung die ſchreckliche Minute des Todes erwarteten. Jenny war ohne Bewußtſein, als die Befreier erſchienen. Der Beamte begann ſeine Erzählung: „Wir bemerkten ſchon ſeit lange, daß in der, unter der Benennung„zum Vorgebirge der guten Hoffnung“ bekannten Schenke ſich verdächtige Geſichter zeigten; in dunkeln, regneriſchen Nächten tauchte ein verdächtiges Licht auf; bald verſchwand es, balv tauchte es wieder auf, als wäre im Hauſe eine beſondere Bewegungz öfters landeten hier des Nachts Boote; endlich ſah man hier ein paar Mal eine Perſon, die der Beſchreibung nach dem unter dem Zunamen:„der Häuptling“ bekannten Spitzbuben glich. Die Polizei ſtellte ſich, als ob ſie alles dieſes nicht bemerke; folgte aber indeſſen ſcharf allen Be⸗ wegungen im„Vorgebirge der guten Hoffnung,“ und ent⸗ ſchloß ſich, dieſes Reſt aufzuheben, wenn es ganz gefüllt ſein würde. In Folge deſſen hielten zwei unſerer Leute, den Andern unſichtbar, fortwährend Wache. Die vorher⸗ gegangene Nacht bemerkten die Wächter eine beſondere Verſammlung in gedachter Schenke, und benachrichtigten uns zeitlich. „Wir legten uns in den Schneehaufen in den Hin⸗ terhalt, ſo daß wir alle in die Schenke Eintretenden im Auge behielten. Schon waren wir bereit, in die Schenke zu dringen, als ſich plötzlich hart am Uſer drei Männer zeigten, aus der Schenke kommend; ſie waren nicht beſonders nüchtern und unterhielten ſich freundſchaft⸗ lich; envlich umarmten zwei von ihnen den dritten, ein kleingewachſenes, mageres Männchen. Plötzlich erſchallte ein verzweifelter Schrei„. ein Theil der Unſrigen ging raſch der Stimme nach, der andere ſtürzte in die Schenke Ich war unter den erſten... Wir waren ſchnell am Orte, aber ſchon war alles zu Ende. Der kleine Mann lag in den letzten Zügen Seine Mörder warfen ſich in ein Boot... Unſere Leute ihnen nach. einer der Unſrigen warf einen tüchti⸗ gen Prügel ins Boot, gerade als die Böſewichter ſich hineinſetzten.. Gewiß hatte er gut getroffen, denn wir ſahen, wie einer über Bord fiel.„der kleine Kahn fing zu ſchaukeln an und füllte ſich bald mit Waſ⸗ 226 ſer. Es war ſehr dunkel, ſo daß es ſchwer war zu er⸗ kennen, was aus den Mördern geworden war. Wir haben ſogleich mehrere Kähne zum Nachſetzen abgeſchickt, aber wahrſcheinlich finden ſie nur zwei Leichen... Von dem Unglücklichen, der ſich im Blute wälzte, das in einem Strahle ſich aus zwei mit kräftiger und geübter Hand beigebrachten Bruſtwunden ergoß, von dieſem Unglückli⸗ chen war nichts herauszubringen.... Wir gaben uns nur Mühe, zu erfahren, ob er nicht etwas von dem Schick⸗ ſale der geraubten Kinder wiſſe, denn es war nicht ſchwer, zu errathen, daß auch er zu der Spitzbubenbande gehort hatte. Doch auch jetzt vor ſeinem Tode betrog er uns vielleicht war er nicht mehr bei Beſinnung. „Dort!“...„ ſagte er, auf eine Seite zeigend, ganz entgegengeſetzt derjenigen, wo wir die Kinder des ſeligen B... ſuchen ſollten, und ſtarb. „Mit Tagesanbruch betrachteten wir den Todten.. es war ein Mann, dem ſeiner Geburt und Bildung nach ein beſſeres Loos beſtimmt war, der aber nach und nach zu den niedrigſten Stufen der Geſellſchaft hinabſtieg. Die Polizei vesfolgte ihn ſchon lange, aber er verbarg ſich un⸗ ter fremden Namen, fortwährend ſeinen Paß ändernd, ſo daß man ihn kaum unter einem Namen erkannte und nach⸗ ſetzte, als er bald wieder unter einem andern Namen und mit einem andern Paſſe zum Vorſcheine kam Jetzt hat er ſich dorthin auf den Weg gemacht, wo ein ganz anderer Paß von Nöthen, mit dem er ſich natürlich auf dieſer Welt nicht verſehen hat. Dieſer Unglückliche hieß urſprünglich Ochtin!“ „Ochtin!. rief Miller mit unwillkürlichem Schrecken aus. „Ich ſah ihn heute, dort, am Ufer„. ſagte der Zerlumpte mit drohender Gebärde, ich erkannte ihn es iſt derſelbe, der vor meinen Vater in der Minute des Todes trat und ihn nicht ruhig ſterben ließ; er raubte 227 dem Sohne den letzten Troſt, den Segen des ſterbenden Vaters, denn dieſer Segen verwandelte ſich in Fluch und entlud ſich auf den unglücklichen Ankömmling. Es iſt derſelbe, der die Schuld trägt an dem Verderben un⸗ ſeres ganzen Geſchlechtes... Ich habe ihn überall ge⸗ ſucht und fand ihn todt. O, warum lebt er nicht mehr! Ich konnte des todten Körpers nicht ſpotten, konnte mich nicht an ſeiner Qual weiden„ lebte er „Wanja,“ bemerkte wie gewöhnlich die alte Frau Benski, als ſpräche ſie auch jetzt mit dem armen Waiſen⸗ knaben:„Du beleidigſt den allbarmherzigen Gott Man muß auch ſeinen Feinden vergeben, die Rache iſt eine fürchterliche Sünde Aber aus den funkelnden Augen des Zerlumpten war zu erſehen, daß dieſe Worte auf ihn wenig wirkten, und daß er dem Gefühle der Rache nicht entſagt habe, die ſich auf ein gegen die Familie B. nicht weniger als Ochtin ſchuldiges Haupt entladen ſollte. Finski und Miller wechſelten einen Blick mit einander. „Auf welche Weiſe kamen Sie alſo auf die Spur dieſer Dulder, wenn Ihrer Ausſage nach Ochtins Anzeige Ihnen zu nichts diente?“ fragte Umanski den Beamten. „Sie diente uns nicht nur zu nichts, ſondern führte uns auf eine falſche Spur. Ich ſagte Ihnen ſchon, daß ein Theil der Unſrigen wie eine Schneelavine auf die Schenke fiel, die den Spitzbuben zum Schlupfwinkel diente, und ſie feſtnahm; nur dem Wirthe des„Vorgebirges der guten Hoffnung“ gelang es, durch einen unterirdiſchen Gang, den wir ſpäter entdeckten, zu entkommen. Viele der Eingefangenen hatten an dem Kinderraube Theil ge⸗ nommen und geſtanden es einz aber alle ſagten einſtim⸗ mig aus, daß ſie nur auf Befehl ihres Obern, des Häupt⸗ lings gehandelt hatten; dieſer, einer der Mörder Och⸗ tins, iſt wahrſcheinlich ertrunken. Der Häuptling hatte auf Ochtins Auftrag geh andelt, aber zu welchem Zwecke 228 ſie dieſes Verbrechen vollzogen, wo die von ihnen geraub⸗ ten Kinder eingeſperrt ſeien,— das wußte Niemand. Wir warfen alles in der Schenke über den Haufen, durch⸗ ſuchten alle Orte in der uns von Ochtin angewieſenen Gegend und fanden nichts. Wir waren in völliger Verzweiflung Man konnte mit Beſtimmt⸗ heit ſchließen, daß von der Einkerkerung der Kinder nur Ochtin und Martha wußten, die ſie peinigten, aber auch nährten, und mit ihrem Tode die Armen der ſchrecklich⸗ ſten Hungerpein ausgeſetzt ſind. Aber was war zu thun? Es dunkelte ſchon, als plötzlich ſchwer Athem ſchoͤpfend auf den Ort unſerer Nachforſchungen ein Mann von ſehr verdächtigem Aeußern herbeirannte; er war uns wegen ſeines Händelſuchens in Schenken bekannt; aber hier war keine Auswahl erlaubt. Der Neuangekommene erklärte, er wiſſe, wo die Kinder verborgen ſeien, die wir ſo ſehr ſuchen, und ſei ohne jedwede Bedingung bereit, uns den Ort ihrer Einkerkerung zu zeigen. Ich war ſo erfreut, daß ich ihn nicht einmal fragte, wie er dazu ge⸗ kommen ſei, ich weiß es noch jetzt nicht. Dieſer Mann iſt hier, und wenn Eure Exeellenz erlauben, mag er ſelbſt erzählen, wie er das Geheimniß entdeckt habe, das wir vergebens zu erforſchen ſtrebten.“ Umanski und alle Anweſenden harrten mit Ungeduld des Retters der beiden Waiſen; endlich trat er ein. Es war unſer alter Bekannter— Oßka, erdfahl, hager, mit blauen Ringen um den Augen, in einer ſchmutzigen Jacke. Miller erkannte ihn ſogleich und warf ſich ihm beinahe an den Hals. „Schaut ihn an, ganz wie er iſt, ſelbſt ohne einen Biſſen Brod und half mir auf der Straße auf, während hunderte von Leuten vorbeigingen und mir nur neugierig ins Geſicht blickten. Was macht Deine Chriſtel? Warum habt Ihr nicht früher die Anzeige gemacht! Wie Du ge⸗ altert haſt, mein guter Oßka. Die Noth, nichts als die Noth! o, es iſt ſchrecklich!“ 229 Einige der Anweſenden blickten lächelnd auf das freundſchaſtliche Entgegenkommen Millers gegen einen Menſchen von gar ſehr verdächtigem Aeußern, aber das beirrte Fritz wenig und er fuhr fort, ſeinen alten Bekann⸗ ten über ſein Befinden zu befragen. Oßka antwortete kurz: „Was iſts weiter!.. Was für Dienſte Es iſt nicht des Dankes werth“ und dergleichen mehr. Endlich befahl ihm der Beamte zu erzählen, wie er den Aufenthaltsort des Zerlumpten und Jennys erfahren abe. „Soll ich alles ſagen?“ „Natürlich alles!“ „Das wird eine lange Geſchichte werden.“ „Das ſchadet nichts; erzähle.“ Oßka rieb ſich den Nacken, wie jemand, den man etwas thun läßt, wofür er nicht gewachſen iſt, und be⸗ gann, nachdem er einige Minuten unentſchieden geſchwie⸗ gen hatte. „Ich treibe mich ſchon ſeit lange wie ein herrenlo⸗ ſer Hund herum; ich weiß nicht, wo ich den Morgen begrüße, und wo mich die Nacht überraſcht. So ſchlen⸗ derte ich nun, allein, ohne Chriſtel; der liebe Himmel mags wiſſen, wohin ſie die Noth gebracht hat. Sieh, da treffe ich einen Landsmann; ein guter Mann, Ihr kennt ihn vielleicht, den Onkel Eulampius.—„Geſund?“— Geſund!—„Nun was gibts?“— Was ſoll's, Lands⸗ mann,„ſchlimm, ſehr ſchlimm!“ ſagt der Onkel.— (Nun, gewiß, kein kleines Unglück, wenn der Alte klagt.) —„Was iſt's denn, biſt Du vom Brode?“— WMich ſelbſt kann ich ernähren, aber da hat mir der Herr Gott meine Nichte, Du kennſt ſie, Tanjuſcha, beſcheert.—„Ja wohl, kenne ich ſie.“— Und noch dazu in geſegneten Umſtänden, verſtehſt Du?..—„Ach, Du Jemine! Was iſt nun zu thun?“— Das weiß ich ſelbſt nicht!—„Nun, ſo komm' in die Schenke„zum Vorge⸗ birge der guten Hoffnung!“ dort iſt ein vornehmer Em⸗ pfang: man kennt mich dort und gibt mir auf Kredit...“ — Ach, Du liederlicher Menſch,“ ſagte derOnkel.„Wirſt Du einmal ſolid werden?—„Ja, Du mein Gott, es geſchieht ja nur aus Gram, Onkel Eulampius! Gehen wir.“— Und ſo gingen wir, nahe an der Kupferfabrik, ſchweigend mit hängenden Köpfen. Es iſt noch gut, daß wir einen bekannten Pfad einſchlugen, denn es war ein ſchreckliches Schneegeſtöber... Da glauben wir jeman⸗ den zu hören. Wir gingen noch leiſer... kaum, daß wir uns vorwärts bewegten ein Menſch! Wir blicken genauer hin, es iſt Fedulka! Was zum Teu⸗ fel macht er hier! gewiß nichts Gutes. Neben ihm ein ganzer Haufe Lumpen ich erkannte ſogleich einige Sachen, die Martha angehabt hatte. Ich blicke weiter in Oßka ſchwieg, dann wendete er ſich an den Beam⸗ ten und fügte hinzu: „Hören Sie, ich will nun ein Mal Alles bekennen, aber dafür, daß ich die da rettete,— machen Sie mich nicht unglücklich!“ „Ich gebe Dir mein Wort, daß ich Dir Verzeihung erbitte. Außer, Dein Verbrechen iſt gar zu groß.“ „Welches Verbrechen!.. Man befahl mir, mit dem Andern dieſe Kinder da aufzufangen, und ich ging, und that, was die Andern thaten. Hernach quälte ich mich, wie ein Verdammter: weder Schlaf, noch Eßluſt hochſtens hatte ich Durſt, und auch das nicht recht bei Gott, durchaus nicht, wie früher„Jetzt iſt mir leichter ums Herz.“ „Nun, was haſt Du hei Fedulka geſehen?“ „Das Röckchen, das der junge Herr da an hatte, als wir ihn fortſchleppten, und das Leintuch, worein ſie das Mädchen hüllten. Ich denke mir: ach, Du Spitz⸗ bube! der weiß, wo die Krebſe wintern. So warte! ich faſſe ihn an der Gurgel und drücke ihn nicht ſanft; bald 231 laſſe ich nach, wiſſen Sie, damit er Athem ſchöpfe, dann drücke ich wieder zuſammen, daß er die Zunge herausreckt: der Onkel, ich muß es ihm nachſagen, half mir ehrlich, denn der Fedulka, das Teufelchen, kratzte wie eine Katze. End⸗ lich fing er zu winſeln an!—„Erbarme Dich, ich will Alles ſagen, wo ſie ſind, und wie man zu ihnen kommen kann.— Sprich!...—„Schwöre, daß Du mich loslaſſeſt.— Meinetwegen, der Teufel hole Dich!.. Aber ſprich, ſonſt ſterbe ich nicht ruhig. Fedulka ſagte Alles. Ich ſchickte den Onkel Eulampius, nachzuſehen, ob es wahr ſei, und blieb ſelbſt, das Teufel⸗ chen zu bewachen. Eulampius kam und ſagte, alles ſei, wie es beſchrieben worden. Wir gaben dem Teufelsjun⸗ gen einen tüchtigen Stoß und ſchickten ihn zu ſeinem Ge⸗ vatter; dann lief ich, da ich erfuhr, daß Sie mit Ihren Leuten in dem„Vorgebirge der guten Hoffnung“ ſeien, zu Ihnen, und führte Sie gerade in die Hütte. das iſt jetzt richten Sie mich, wie Sie es für gut fin⸗ hn „Dir wird verziehen werden, ich bürge Dir dafür. Erſtens, für den geleiſteten wichtigen Dienſt; zweitens, weil noch Ausſicht da iſt, daß Du Dich beſſerſt.“ „Schlimme Ausſichten, Euere Wohlgeboren!“ „Wir werden uns Mühe geben.“ „Geben Sie ſich lieber keine Mühe; ich bleibe ſchon, wie ich bin!“ „Sie verſprechen ihm Verzeihung auszuwirken,“ ſagte Finski,„und unſere Pflicht iſt es, ſeine Zukunft zu ſichern, ſo daß er ſich die Wohlthat der Regierung zu Nu⸗ tzen machen kann.“ „Ich bin Euerer Gnaden ſehr dankbar; aber mir ſcheint, es wird nicht mehr was Rechtes aus mir. Aber wenn Sie helfen wollen, ſo verlaſſen Sie den Onkel Eu⸗ lampius nicht; er braucht ſelbſt nichts, er hilft ſich ſchon durch,— aber ſeine arme Richte.. Er weiß nicht, was mit ihr anfangen, der Arme.. was verſteht er, 232 wie man mit Frauenzimmern umgehen muß, und noch dazu, wenn ſie ſich, wie der Onkel Eulampius in der Bücherſprache ſagt,„in geſegneten Umſtänden“ beſinden.“ „Natürlich wollen wir auch für ſie ſorgen. Aber wo iſt denn der Onkel Eulampius?“ „Er iſt hier.“ „Warum fürchtet er uns, und will nicht hereinkom⸗ men? Rufe ihn.“ „Nein, nein! Er wagt es durchaus nicht.“ „Und warum nicht?“ „Er erfuhr, daß ſein Soͤhnchen hier iſt, ſo fürchtet er, ihm das Blut ins Geſicht zu jagen; es verſteht ſich, wir ſind gemeines Volk, und können uns nicht wie die großen Herren benehmen. Nu, das Söhnchen hat ſich auch früher des Vaters geſchämt, jetzt ſagt man, iſt er der erſte Herr in Petersburg; ſo denkt er um ſo weniger an den Alten. Ich trage ſelbſt die Schuld, ſagt er, daß ich ihn in die Schule ſchickte; jetzt habe ich einen Sohn und doch keinen! Niemanden, der mich in den alten Ta⸗ gen ernährt. Und der Onkel Eulampius iſt aber nicht von der unterſten Klaſſe;— er war Küſter!“ „Aber von welchem Sohne ſprichſt Du? wo iſt „Dort!. Ah, er iſt fort; ſobald er roch, daß der Alte im Vorzimmer ſei, gab er das Ferſengeld; er flieht ihn wie die Peſt.“ Lenin war wirklich verſchwunden. „Nun, jetzt wird auch der Onkel Eulampius ſich zei⸗ gen; er kann mit Herren beſſer als ich verkehren. Er ſpricht gelehrt.“ „Es iſt nicht nöthig, es iſt unnöthig!. ſagte ei⸗ lig Finski, als er bemerkte, welchen Eindruck Oßka's Worte auf Umanski und beſonders auf Marie hervorge⸗ bracht hatten.“ daß ſie bei ihm wohnen werden, al Dann erklärte er den Kindern mit zärtlicher Sorgfalt, les ſei zu ihrer 233 Aufnahme bereit; auch beredete er Miller, gleichfalls bei ihnen zu wohnen, um Jenny zu tröſten. „Und die Mutter! rief Jennh aus: wird ſie auch mit zuſammen ſein? „Morgen, morgen, ſagte Finski: aber Sie finden hei ſich eine gute Alte, die Sie wie eine Mutter lieben wird.“ Frau Elkin hatte nämlich die unſichtbaren Verfol⸗ gungen Smolnews, ihres einſt verſchmäheten Bräutigams nicht länger ertragen können und ſtarb. Man ſuchte ihren Tod ſo lange als möglich vor Jenny zu verbergen, die für einen ſolchen Schlag noch allzu ſchwach war. Der Zerlumpte führte Finski bei Seite. „Ich kenne Sie ſeit lange ſeit Sie unſer armes Fräulein gerettet haben. Ich glaube Ihnen unbedingt. Sagen Sie mir die Wahrheit, die reine Wahrheit, als ob der Ewige in vieſem Augenblicke auf Ihre Worte horchte. Wer trägt die Schuld unſerer Qualen, unſerer Martern, wer verfolgte uns mit ſo barbariſcher Ausdauer faſt von der Wiege an?“ „Wanja, du mußt ihn vergeſſen, das iſt Alles, was ich dir ſagen kann!“ „O, nie, nie vergeſſe ich ihn! Wenn auch nicht für mich, für ſie will ich Rache nehmen Obgleich ſie mich ganz vergeſſen hat, ſeit ſie frei iſt, und er blickte düſter auf Jenny, die nicht aufhörte, Miller zu liebkoſen: ich vergeſſe ihre Qualen nicht.“ „Uind wenn Ihr Verfolger Ihnen durch Bande des Blutes allzu nahe wäre „Wer er auch ſei „Genug, genug davon fahren wir.“ 5r„Noch ein Wort. Jenny hat eine Mutter.„ und „Jenny nennt eine ihr nicht verwandte Frau, Mutter „ Aber ihre Mutter lebt.. Petersburg am Tage ꝛc. 1. 16 234 „Lebt und hat ſie verſtoßen„ „Auch Du haſt eine Mutter „Mein Gott, wo iſt ſie?“ „Wanja! Jennh iſt deine Schweſter das iſt Alles, was ich dir ſagen kann. Von der Mutter ſuche nichts zu erfahren.. „Jenny, Jenny! hieher... Du biſt meine Schweſter „o, jetzt kann mich Niemand hindern, dich zu lieben und zu vertheidigen! Finski ſah deutlich ein, daß es das Beſte ſei, die Umanskiſchen allein zu laſſen; daß Oßka's Worte ſie zu ſehr ergriffen hatten, um ſich in der Geſellſchaft behaglich zu finden. Finski ſuchte daher, die Kinder und Miller ſchnell wegzubringen. Der Beamte fuhr gleichfalls zu ihm, um einige nothwendige geſetzliche Formen zu erfüllen. Oßka nahm auch vorthin ſeinen Weg, zufrieden, daß er für dieſes Mal ein Nachtlager habe, und Eulampius erhielt den Befehl, ſich am andern Morgen in aller Frühe mit ſeiner Nichte einzuſtellen. Der ältliche Herr in der ſchwarzen Perrücke verließ wehmüthig das Haus, da er das neue Unglück der Familie Umanski, der er ſehr zugethan war, vorausſah. Er kannte die Grundſätze des Vaters, der als Muſter häuslicher Tugenden dienen konnte; kannte auch ſeine unbegränzte Liebe für die Tochter und ſah voraus, wie viele Anſtrengungen es den armen Vater koſten werde, dieſe zwei Gefühle in Einklang zu bringen. Frau von Bronizin und Olga hatten ſich ſchon ſeit lange in Mariens Schlafzimmer begeben. Die alte Benski wickelte die Kin⸗ der ein und gab Finski einige nothwendige Lehren. Herr und Frau von Umanski blieben mit ihrer Tochter allein. Siebentes Kapitel. Unnütze Aufapferung. Marie ſaß bleich, unbeweglich wie Marmor in einer Sophaecke. Der Vater näherte ſich ihr und ergriff mit Zärtlichkeit ihre eiskalten Hände.. „Marie! theure Marie!. höre auf, dich zu grä⸗ men Das Herz hat dich betrogen„ Wir haben uns Alle in der Auswahl geirrt„ Vergeſſen wir ihn.“ „Niemals!. ℳ antwortete Marie entſchieden, ihre kalte Hand an die glühende Stirne legend. „Mein Kind,“ ſagte Umanski mit feſter Stimme,„ich konnte in deine Verbindung mit dem Sohne eines Küſters einwilligen. weil ich dein Herz mehr als meinen Stammbaum berückſichtige... Aber dich einem Manne geben, der den leiblichen Vater mit Verachtung von ſeiner Schwelle ſtieß!. „O, ſprechen Sie nichts Schlimmes von ihm, ich flehe Sie darum er iſt mein Bräutigam.. „Aber er wird nicht dein Mann ſein.“ „Er wird, er muß es ſein!“ Und als wollte ſie für einen ſolchen Eigenſinn ihn um Verzeihung bitten, warf ſich ihm das arme Mädchen wei⸗ nend und ſchluchzend um den Hals. „Marie, Du haſt mit Schrecken die Geſchichte der Fürſtin Wjera vernommen, die ihre eigenen Kinder von 236 zum Sohne aus der zweiten Ehe, ſie handelte einzig und allein zu ſeinem Vortheile, ſie wünſchte nur ihm ihr un⸗ geheures Vermogen zu hinterlaſſen.. Und Lenin.. welches Gefühl beherrſchte ihn, als er ſeinen Vater ver⸗ ſich ſieß; aber ſi leitete das Gefühl der mütterlichen Lebe ——— ſtieß! Das Gefühl falſcher Scham„. Das Ge⸗ fühl des tiefſten Egoismus!.. „O, was er auch ſei, ich verachte ihn nicht„ich breche mein gegebenes Wort nicht„ beſonders jetzt!“ „Jetzt. da du ihn ganz erkannt„ „Ja, jetzt! Da er allein da ſteht, ohne Ver⸗ wandte, ohne Freunde, da ſein Benehmen gegen den Vater in der ganzen Stadt ſich verbreiten wird und ihn zwingt, ſich von der Geſellſchaft zurückzuziehen„ „Marie, du kennſt weder Linin noch unſere Geſellſchaft Lenin braucht weder Verwandte noch Freunde. und in der Geſellſchaft findet er Leute genug, die ſeine Gefühle, ſeine Anſichten theilen „Sprechen wir nicht mehr davon, ich beſchwore Sie Lenin iſt meinem Herzen ſo theuer, wie früher; ich laſſe von ihm nicht„ Und Sie werden Ihre Marie, die Sie ſo zärtlich lieben, nicht mehr kränken.“ Und ſie küßte dem Vater die Hände, ſie mit heißen Thränen benetzend. „Gebe Gott, daß die Nacht dir beſſere Gedanken elezebe,“ ſagte der Vater, und begab ſich, nachdem er ſeine Tochter geſegnet hatte, in ſein Kabinet.. Marie ging in ihr Schlafgemach. Aber hier erwartete ſie ein neuer Auftritt. Olga hatte die Arme um den Hals der Frau bon Bronizin geſchlungen und weinte, an ihre Bruſt gelehnt, bitterlich. Auch aus den reizenden, ſchwarzen Augen der Bronizin floſſen Thränen, und indem ſie die des armen Mädchens abtrocknete, konnte ſie kaum den ihrigen Ein⸗ halt thun. Die gute Frau küßte Olga mit Zärtlichkeit; ſie begriff und theilte ihren Schmerz. „ ——,————————— 237 Marie blieb verwundert an der Schwelle ſtehen. Die Bronizin verſtand ihre Unentſchloſſenheit. „Tritt näher, Marie, auch Du biſt unglücklich und Du wirſt ihre Thränen verſtehen. Ich bemerkte ſchon ſeit lange, daß dieſem armen Mädchen ein ſchwerer Gram auf dem Herzen liegt, daß ſie niemanden ſich vertrauen, an niemandens Bruſt ſich ausweinen will. Ich bat die Mutter, ſie bei Dir nachten zu laſſen, um ſo mehr, als auch Du, wenn auch nicht des Troſtes, doch der Thränen einer Freundin bedarfſt. Das arme Mädchen warf ſich mir, als wir allein waren, um den Hals und vertraute mir ihre hoffnungsloſe Liebe. Ich bin überzeugt, daß ihr jetzt leichter iſt.“ Olga ſeufzte tief auf Sie hörte zu ſchluchzen auf, erhob ihr Köpfchen und blickte mit feuchten, innige Erkenntlichkeit ausdrückenden Augen auf die Bronizin.. „Marie, Du weißt nicht Alles. Newski hat ſich eine gefährliche Erpedition nach*** ausgebeten. Der edle Graf Lawr⸗Sokolnick gab ihm eine Nacht zur Ueber⸗ legung. Die Erpedition iſt ſchon beſtätigt, alles iſt ent⸗ ſchieden; wenn ſich Modeſt nicht eines Beſſern beſinnt, reist e morgen ab. und kehrt gewiß nie wie⸗ „Nie!“ rief Olga verzweifelt aus. „Aber noch iſt uns eine Nacht geblieben„. Man muß handeln. Bete, Olga!. Lebe wohl, Marie!. „Was willſt Du thun?„ „Ihr denkt nicht ans Schlafen, ich weiß es!„ Vielleicht ſehen wir uns heute noch. Zum Wiederſehen.“ Frau von Bronizin umarmte eilig ihre jungen Freundinnen und verließ ſie. Die in Newskis Wohnung herrſchende Unordnung, die überall herumliegenden Mantelſäcke und Wagenkiſten, zeugten deutlich von Newskis Vorhaben. Die Bedienten ſchliefen. Neweki allein wachte. Er verließ Petersburg, um ſeine Schmach weit, weit von den Menſchen zu ver⸗ 238 bergen. Er ging einem ſichern Tode entgegen, um die letzten, ſchlecht verbrachten Lebensjahre abzubüßen. Er ſchämte ſich, er verwunderte ſich ſelbſt, daß er, furchtlos in den verzweifeltſten Unternehmungen, ſich mit einer ſolchen Feigheit von dem Schickſale beherrſchen ließ, das er mit ſeiner feurigen Einbildungskraft in Smolnew perſonifizirt erblickte. Er wunderte ſich, daß er nicht ſo viel Kraft beſaß, um wenigſtens mit ſeinem Geſchicke in den Kampf zu gehen— um, wenn er auch unterliegen mußte, mit Ruhm zu fallen. Die Welt zog ihn an, beſchäftigte ihn, verſchlang alles und er hatte nie Zeit, an ſich zu denken, und er ertrug mit Demuth die Schläge des Geſchickes. Hätte er keinen edlen Mann gefunden, der ihm im Augen⸗ blicke der Gefahr die Hand reichte, der ſeinen Ruhm ge⸗ rettet, und nur ſein Leben in Gefahr brachte.. Neweki wäre. es iſt ſchrecklich zu denken„ vielleicht ein Ochtin geworden!. Aber jetzt war Alles entſchieden. Newski verließ mit ſchwerem Herzen Petersburg, nach dem jeder ſeufzt, und in dem ſelten jemand nicht weinte. Man klingelte. Der Ton der Glocke zog Newski aus ſeinem Nachdenken. Er glaubte, daß man ihm auf ſeine Expedition Bezug habende neue Aufträge bringe, und beeilte ſich, die Thüre zu öffnen. Wie erſtaunte er, als er eine Dame„ Frau von Bronizin, vor ſich ſah. Sie ſchloß eilig die Thüre und zog ihn ins Kabinet. „Sie zu einer ſolchen Zeit. in meiner Wohnung! „Ich habe mehr gethan. Ich ging verkleidet in eine Männergeſellſchaft, wo ich in Gefahr war, jeden Augen⸗ blick entdeckt zu werden und mich für immer zu kompro⸗ mittiren. Und alles, um Sie zu retten„ Erin⸗ nern Sie ſich des jungen Mannes, welcher in der für Sie verhängnißvollen Nacht Ihnen im Wagen ſein gan⸗ zes Vermögen anbot.“ „Mein Gott!. Alſo das waren Sie?“ „Damals fürchtete ich mich wirklich. Ihre Kame⸗ — 239 raden ſind ſo wild„ Jetzt aber vertraue ich meine Ehre Ihnen, Ihnen allein ich bin daher ruhig! e jetzt mit denſelben Anerbie⸗ tungen„. Nein, Anerbictungen können auf Sie nicht wirken, ich will Sie fußfälligſt anflehen, Modeſt, Sie fönnen noch glücklich ſein„. Hier„„ „Hier„ niemals!“ „Man liebt Sie.. liebt Sie mit der erſten, all⸗ mächtigen Liebe eines Mädchens; dieſe Liebe würde alle Ihre Leiden vergeſſen machen, ſie allein reicht hin, einen Mann völlig zu beglücken. Wir umgeben Sie mit unſerer Freundſchaft. Wir verſchaffen Ihnen Wohlſtand, Reichthum, wenn er zu Ihrem Glücke nothig it„ Sie werden des Lebens Sorgen und Schmerzen nicht kennen... Sie werden nur an Ihren Ruhm denken, für den es, glauben Sie es mir, keinen weitern Spiel⸗ raum gibt, als hier, und an Ihrem Ruhme wird Ihre ganze Umgebung zehren. Nur Eins erbitte ich bei Ihnen für alle dieſe Opfer. Nur um Ihre Freundſchaft bitte ich.... Alles Uebrige bleibt Ihnen, bleibt jenem herrlichen Weſen, das nur in Ihnen lebt und athmet, das kurze Zeit nach Ihrer Abreiſe welkt, dahinſtirbt.“ „Wer iſt ſie? Quälen Sie mich nicht länger, ſpre⸗ chen Sie ſchneller,“ rief Newöli mit geſpannter Reugierde aus, die deutlich zeigte, daß ihn noch ein theueres Band un die Welt knüpfe, das zu zerreißen ihm ſchwer alle. „Olga Benski„4 „Olga Benski!“ wiederholte Newoki nachdenkend, mit dem Schmerze getäuſchter Erwartung:„Ja, ich konnte es bemerken.. Armes Mädchen, ein Vor⸗ wurf mehr in meinem Leben„„ Doch hier trage ich keine Schuld.“ „Sie klagt Sie nicht an. Das arme Kind wagt kaum zu hoffen.“ „Alles iſt zu Ende... Ich habe den Tag nicht 240 abgewartet und ſchickte dieſe Nacht noch meine Einwilli⸗ gung: ich nahm mit Dank den mir ertheilten Auftrag an. Morgen früh reiſe ich.“ „O, Modeſt, Modeſt.„ ueberlegen Sie.. Noch iſt es zu ändern.. Ihre Eingabe iſt gewiß noch nicht an den Grafen gelangt... Ich will ſelbſt zu ihm fahren... Ich bin bereit, mich ihm zu Füßen zu werfen Ich ſage ihm Alles... „Es iſt zu ſpät. Es iſt gethan, die Vergan⸗ genheit kann nicht wiederkehren.“ „Aber die arme unglückliche Olga.. „Agnes,“ ſagte Newski, mit Zärtlichkeit ihre Hand ergreifend:„Sie ſind ein Engel der Güte„ er⸗ füllen Sie meine Bitte und Gott wird Ihnen die edle That lohnen.“ „O, ſprechen Sie, befehlen Sie. „Verlaſſen Sie Olga nicht„ Sie hat eine Mutter eine Mutier, die ſie zärtlich liebt, aber ſie kann dieſes ſchöne, dieſes herrliche Weſen nicht begreifen Seien Sie ihre Freundin, Ihre Tröſterin ihre Retterin. Sie verſprechen es mir, Mie „Ich ſchwore es Ihnen.“ „Noch eine Bitte: Verzeihen Sie, daß ich Ihre erhabene, ihre edle Freundſchaft nicht begreifen, nicht würdigen konnte; verzeihen Sie, daß ich Ihren Geldopfern entſagte: glauben Sie mir, ich that es nicht aus Stolz, nicht aus Eitelkeit, nur,“ fügte er mit einem ſanften Lächeln hinzu,„weil ich ihrer jetzt nicht bedarf. Die Regierung gibt mir mehr, als in dem Lande, wohin ich mich begebe, nöthig iſt... Erlauben Sie mir zu hof⸗ fen, daß ich hier eine Freundin zurücklaſſe, daß ich Ihnen meine Freuden und Leiden mittheilen varf; ach, die Letz⸗ tern verfolgen mich gar zu beſtändig Sie thun es für mich. Und er küßte mit Ehrfurcht Agneſens Hand. Frau von Bronizin ſchwieg, große Thränen rollten 241 ihre Wangen hinunter und fielen auf Newskis brennendes Geſicht. „Morgen,“ fügte Newski hinzu,„fahre ich bei den Umanskiſchen an, von Euch allen Abſchied zu nehmen.. Und als erinnerte er ſich erſt jetzt dieſer herrlichen Familie ſetzte er hinzu: „O, ich bin nicht ganz dem unerbittlichen Schickſale zur Beute überlaſſen, ich habe noch Freunde„ „Und welche Freunde!„ Frau von Bronizin blickte einige Minuten mit Zärt⸗ lichkeit auf den Mann, den ſie ſo innig liebte und den ſie einer andern, ihrer Meinung nach Würdigern zum Opfer bringen wollte. Dann fügte ſie mit einer leiſen, von Schluchzen erſtickten Stimme hinzu: „Lebe wohl, Modeſt!“ Und ſie umſchlang ihn mit ihren Armen und drückte auf ſeine edle, offene Stirne einen feurigen Kuß, als wollte ſie damit den großen Gedanken der Selbſtaufopferung einweihen, der in einer ſo kritiſchen Lebensepoche in dieſem Kopfe entſtand. Man mußte dem edlen Geiſte Neweski volle Gerech⸗ tigkeit wiederfahren laſſen; im Momente der ſchrecklich⸗ ſten Verzweiflung ſuchte er in ſich ſelbſt Hilfe und Ret⸗ tung, und eben da zeigte er ſich in der ganzen Kraft ſeines Geiſtes und Charakters; er ſuchte keinen Schutz gegen die Macht der Verhältniſſe, ſich kühn über ſie ſtel⸗ lend. Er ließ ſich daher auch jetzt nicht von der glück⸗ lichen Zukunft hinreißen, die ihm Frau von Bronizin vorhielt, nein! er war unerſchütterlich in ſeinem Ent⸗ ſchluſſe. Am andern Tage erhielt Marie von Lenin ein Brief⸗ chen folgenden Inhalts: „Meine Geſchäfte in Sibirien fordern unausweichbar und vielleicht für längere Zeit meine perſönliche Leitung am Orte ſelbſt. Heute ſchon verlaſſe ich Petersburg. Indem ich mich dieſer freiwilligen Verbannung unterwerfe, 242 tröſte ich mich mit dem Gedanken, daß Ihr Herz ſich einen Beſſern, Ihrer Würdigern erwähle, der fähiger ſein wird, Ihr Lebensglück zu bereiten. Indem ich mich von Ih⸗ nen trenne, ſage ich der Hoffnung, dem Glücke Lebewohl.“ An demſelben Tage erhielt Finski von ihm gleichfalls einen Brief, der folgende Worte enthielt: „Marie Umanski iſt mir und Ihnen in jeder Be⸗ ziehung fremd. Uns für ſie ſchlagen— hieße ihren Namen, den wir Beide zu ſehr achten, für immer kompro⸗ mittiren. Wenn meine Beleidigung Sie perſönlich berührt, ſo genehmigen Sie gewiß die Entſchuldigung eines alten Kameraden, der Ihnen dieſe Genugthuung mit aller Offen⸗ herzigk eit eines edlen Gemüthes anbietet.“ „Und dieſer Elende ſpricht von einem edlen Gemüthe!“ dachte Finski. Aber was empfand Marie in dieſem Augenblicke,— ſie, die mit Charakterfeſtigkeit, mit einer bei einem Weibe ſeltenen Energie allen Lockungen einer wahren Liebe wi⸗ derſtanden und dem Erwählten ihres Herzens treu geblie⸗ ben war,— das läßt ſich nicht beſchreiben. 1 Achtes Kapitel. Tod und Hochzeit. An einem ſchönen Sommertage hielt eine mit einem Paare ſchöner Pferde beſpannte Kaleſche in einem entfern⸗ ten Stadttheile vor einem kleinen, aber netten Häuschen. Zuerſt ſtieg Finski aus, ihm ſprang Jenny nach, die unter dem Einfluſſe ihr ſo ſehr günſtiger umſtände ſich raſch entwickelt hatte und nun in voller Blüthe ſtand; endlich ſtieg auch, aber ſehr ungern, Wanja B. aus, im Verlaufe unſerer Erzählung unter dem Namen: der Zerlumpte bekannt. Er war im halbkindlichen, ele⸗ ganten Anzuge faſt unerkennbar, und der Letztere zeigte, welche Sorgfalt Finski auf ſeine Pflegekinder, trotz ihres ziemlich beſchränkten Vermögens verwandte. Nur der düſtere Ausdruck der pechſchwarzen Augen erinnerte an den frühern Zerlumpten, wenn er einem ſeiner Straßenkameraden drohete. Im Vorzimmer dieſes Häus⸗ chens hielt Wanja an. „Nein,“ ſagte er entſchieden, ſich an Finski wendend: ich bin bereit, Ihnen jedes Opfer zu bringen, aber for⸗ dern Sie nicht das Unmoöͤgliche: ich kann ſie nicht ſehen. 3½ überſteigt die menſchliche Kraft„. ich kann nicht Finski wendete ſich an Jenny, als bitte er mit ſeinem Blicke ſie um Verſtärkung. 244 „Jenny,“ fuhr Wanja fort:„erinnere Dich Deiner Verſchmachtung, Deiner Qualen im Käſige, in dem man uns wie wilde Thiere einſperrte 4 „Aber ſie iſt daran unſchuldig ich zweifle nicht.“ „Unſchuldig... Nun meinetwegen! Doch hätte ſich dieſes ereignen können, wenn ſie uns nicht aus ihren prachtvollen Gemächern, in denen für hunderte von Die⸗ nern, aber nicht für ihre eigenen Kinder Platz genug war, auf die Straße geworfen hätte.“ „Bruder! Denke, daß ſie im Sterben liegt daß dieſes ihre letzte Bitte iſt.„ „Gott mit ihr ich verzeihe ihr, aber ich ver⸗ mag ſie nicht zu ſehen„. Ich habe alle Kräfte an⸗ gewendet Ich entſchoß mich ſogar, mitzufahren. Ich wollte ins Haus treten aber ich fühle, daß der Entſchluß im Augenblicke der Vollziehung mich ver⸗ laßt.“ Da trat ein Geiſtlicher aus dem nächſten Zimmer. „Wie ſtehts?“ fragte Finski. „Sie will durchaus nicht vor Gott in der heiligen Beichte ihre Sünden offenbaren. Sie wage es nicht, ſagte ſie, Gottes Verzeihung anzuflehen, wenn ihre eigenen Rinder ihr nicht verzeihen; ſo groß, ſo ſchrecklich ſei ihr Verbrechen!„ Finski blickte auf den unentſchloſſen daſtehenden Wanja, als wollte er ihn mit ſeinen Blicken fragen, ob er noch immer in ſeinem Eigenſinne verharre? Jenny ergriff ihn, da ſie ſah, daß der Bruder ſchwanke, bei der Hand und zog ihn mit ſich hinein. In einem, von dem durch die herabgelaſſenen Fen⸗ ſtervorhänge eindringenden Lichte ſchwach erieuchteten Zim⸗ mer lag auf dem Bette eine fürchterlich leivende, ſterbende Frau: es war die frühere Fürſtin Wjera, ihres Namens, ihrer Groͤße, ihres Reichthums beraubt. Neben dem Bette lag mehr als ſaß, in einem weiten Armſtuhle ein ältlicher 245 Mann; er war nachläſſig gekleidet, die Barthaare waren lang gewachſen; aus der Unbeweglichkeit der trüben, mat⸗ ten Augen, aus der ſtumpfen, gedankenloſen Aufmerkſamkeit, mit der er auf den Pendelſchlag der neben ihm hängenden Wanduhr horchte, war leicht zu erſehen, daß Alles, was um ihn vorging, ihm fremd war; er ſchien ſich nur hier zu befinden, um das Gemälde menſchlichen Leidens zu ver⸗ vollſtändigen. Der größte Theil ſeiner Glieder war ge⸗ lähmt: es war eine Fleiſchmaſſe, in der das organiſche Syſtem ſich nur durch die Kraft des Galvanismus erhielt. Dieſe ſtarre Fleiſchmaſſe war der Fürſt Aleris. Wjera errieth mehr durch Inſtinkt die Anweſenheit der Kinder; ſie ſammelte den Reſt ihrer Kräfte, und den Kopf in die Höhe hebend, ſtreckte ſie ihnen die Arme ent⸗ gegen: Jenny und ihr Bruder knieeten nieder.. Wijera ſieß ihre erſtarrten Hände auf die Häupter der Kinder nieder „Mein Gott! ich danke dir!“ ſagte ſie. Dann konnte ſie kaum noch hinzufügen:„den Geiſtlichen. 4 Und in einigen Minuten ſtarb ſie als wahre Chriſtin. Zu derſelben Zeit ſtarb im Mittelpunkte der Stadt, in prachtvollen Gemächern ein Mann, deſſen Tod ganz anderer Art war. Smolnew, von Leben und Thatkraft überwallend, ſo lange das Ziel, das er ſo ſehnlich zu er⸗ reichen wünſchte, noch fern war, verfiel mit Erreichung deſſelben in eine tiefe Schwermuth; ihm blieb keine Hoff⸗ nung, kein Wunſch mehr im Leben. Seine an Thätigkeit gewöhnte Phantaſie fing daher bald an, die Bilder der Wirklichkeit mit Traumgebilden zu vertauſchen: ſeine Hy⸗ pochondrie nahm eine andere, ſchreckliche Richtung. Smol⸗ new ſchien es, man richte, foltere ihn. Alle Werkzeuge der ſchrecklichſten Folter ſchwebten ihm vor. Sein herz⸗ zerreißendes Geheul zeigte deutlich, daß er alle Schmerzen der Folter empfinde; dies dauerte ſo lange, bis er ermattet war und das Bewußtſein verlor. Am zweiten Tage ſchien es ihm, daß man ihm die Glieder verrenkt, gebrochen, die 246 Adern geſprengt hatte; ſein Geſicht drückte unausdrückbaren Schmerz aus. Die Zimmer wiederhallten vom Morgen bis zum Abende von ſeinem Geheule und Geſtöhne. Ohn⸗ machten dienten ihm anſtatt des Schlafes. Er nahm keine Nahrung zu ſich, denn er wünſchte den Tod. Einige Male wollte er zum Selbſtmorde ſeine Zuflucht nehmen, aber man kam ihm zuvor, man bewachte ihn, und es ſchien ihm, all' dies ſei nur Ränke der Kerkermeiſter und müſſe mit einer Hinrichtung endigen, die die Welt in Schrecken ſetzen ſollte. Zuletzt bildete er ſich ein, man brenne ihn mit glühenden Eiſen; im hoͤchſten Grade erſchöpft, ertrug er nicht mehr dieſe ſcheinbare Folter; dieſes Mal litt er lange. Er ſchrie ein Mal, zwei Mal auf— und ſtarb.. Smolnews ungeheures Vermögen, das ihn mit den reichſten Männern Rußlands in eine Reihe ſtellte, erb⸗ ten die Kinder B.. 8, der Zerlumpte und Jenny. Wanja vergrößerte bei der Theilung den geſetzlichen Antheil der Schweſter ſo bedeutend, daß ſie faſt gleiche Theile be⸗ ſaßen. Jenny hatte das ſechszehnte Jahr erreicht; ſie war ſchoͤn, reif, ſehr reich; nach ihren Gemüthsſchätzen fragte Niemand, und doch waren ſie unſchätzbar. Es iſt daher kein Wunder, daß die Anbeter ſie in Maſſe beſtürmten. Aber ſie lachte jedes Mal, wenn man ihr vom Heirathen ſprach, und wartete doch mit Ungeduld ihres ſiebzehnten Geburtstages. Dieſer kam endlich und an an demſelben wurden an einem Altare zwei Paare getraut: Miller und Jenny, Finski und Marie„ Es waren die glücklichſten Paare unter der Sonne. Miller, der in der Minute der ſchrecklichſten Verzweiflung in ſeiner Lage eine Lichtſeite aufzufinden ver⸗ ſtand, fand in der Fülle ſeines Glückes eine Schattenſeite. „„Wie Schade, nicht einmal der Schatten eines Kum⸗ mers, wiederholte er ſeiner ſchönen Jenny, die über eine ſolche Philoſophie herzlich lachte. Millers Name wurde einer der bekannteſten in der Geſchichte der Malerei. —— —-—— —— 247 Zu verſelben Zeit, als unſere Erzählung ihrem Ende ent⸗ gegengeht, trat Wanja, der Zerlumpte, wie wir ihn zu nennen uns angewohnt haben, auf den bewegten Schauplatz des Lebens, mit einem von Thatkraft und Leidenſchaften überwallenden Herzen, mit einem energiſchen Geiſte, der die ſpäte und geringe Bildung ſich zu Nutze zu machen verſtanden hatte, und endlich mit einem ungeheuren Reich⸗ thume. Er war bereit, ſein Leben der Familie Benski und beſonders Olga zu weihen; er war von Dankbarkeit und Ehrfurcht für ſie durchdrungen. Aber das Schickſal fügte es anders. Vergeſſen wir nicht hinzuzufügen, daß Oßka nach und nach ſich wirklich an die Arbeit gewöhnte. Finski ſtreckte ihm eine Summe vor, bürgte für ihn, und Oßka wurde einer der fleißigſten Arbeiter. Er lebt mit Chriſtel in völ⸗ ligem Wohlſtand. Neuntes und letztes Kapitel. Das graue Häuschen. EFrinnern Sie ſich noch des grauen, von außen und innen reinlichen Häuschens, in dem eine etwas pedantiſche Symmetrie und Ordnung herrſchte, und des heitern Gärt⸗ chens, das ſich an dasſelbe zu lehnen ſchien, und der hohen Birken, die es vor Wind und Sturm ſchützten, und endlich der friedlichen und holbſeligen Familie, die es bewohnte! Glücklich floſſen ihre Tage in Liebe dahin, die ſie in ſich ſelbſt fand. Aber ach! das böſe Geſchick hatte die herr⸗ liche, friedliche Familie Benski in den allgemeinen Stru⸗ del der Lebenswirren gezogen, und was iſt aus ihr, was iſt aus dem grauen Häuschen geworden! Der Hof war mit Brenneſſeln verwachſen, die Stiegen waren faul und theilweiſe abgebrochen, die die Wände bekleidenden Bretter waren an vielen Orten abgeriſſen und hingen wie die Lumpen eines alten Kleides hinunter; ihre hellgraue Farbe hatte ſich in eine ſchmutzige verwandelt. Im Innern war es öde und feucht. Der Regen vrang an vielen Stel⸗ len durch das Dach, und lange Streifen zogen ſich über die abgeriſſenen Tapeten hinab„ Wie traurig iſt die⸗ ſer Anblick der Versdung! Aber wo find ſeine friedlichen Bewohner? Piroſchkow war zuerſt verſchwunden. Er genas vom ————— 249 Nervenfieber, aber der Gedanke, daß er in den alten Ta⸗ gen ſich der offentlichen Schmach Preis gegeben habe, daß er von ſeiner geliebten Olga geachtet und geehrt, nun vor ihr als Narr erſcheine, von dem man die Maske des Wiſſens abgeriſſen;— und er war bis zu dieſer Epoche von ſeinem Wiſſen überzeugt.— Dieſer quälende Gedanke gab ihm keine Ruhe. Vergebens verſicherten ihn die Bens⸗ ki's, daß ſie ihn wie früher achten, daß ſie ihm mehr als allen gelehrten Geſellſchaften glaubten: Piroſchkow ſchämte ſich vor ſich ſelbſt, wagte nicht, ihnen grade in die Augen zu ſehen und verſchwand zuletzt, ſo daß man keine Spur von ihm finden konnte. Die alte Benski konnte die Leiden ihrer theuren Olga nicht ertragen. Die arme Mutter quälte ſich für ſie und für ſich ſelbſt, und ihr ſchwacher Körper unterlag dieſer doppelten Folter. Sie ſtarb, ihre Tochter unter dem Schutze der Frau von Bronizin und Wanja B. szurücklaſſend. Olga überlebte den Tod der Mutter. Der Menſch kann gar manchen Verluſt, manchen Schmerz ertragen.. Die Hoffnung hielt ſie noch aufrecht. Von Zeit zu Zeit erhielt Frau von Bronizin Briefe von Newski aus weiter Ferne, und das arme Mädchen hoffte und betete.. Seit die Benskiſchen das graue Häuschen verlaſſen hatten, hatte es Niemand gemiethet, und darum befand es ſich in einem ſo traurigen Zuſtande. Nur in der letzten Zeit bemerkte man im obern Stockwerke, wo die Zerſtö⸗ rung noch bedeutender war, des Nachts ein Lichtchen, und uu daraus, daß ſich endlich ein Bewohner gefunden abe. Das Schickſal verfolgte das arme Mädchen auch im Hauſe der Frau von Bronizin, die im vollen Sinne die Stelle einer zärtlichen Mutter bei ihr vertrat. An einem der vielen Tage ungeduldigen Harrens, die ihr Leben aus⸗ füllten, beſuchte ſie der Graf Lawr⸗Sokolnik. Beide kamen ihm raſch entgegen, aber der traurige Blick des edlen Grafen ließ ſie erſtarren. Petersburg am Tage ꝛc. I. 17 250 „Was iſt aus ihm geworden? Sprechen Sie ſchnel⸗ ler, um Gottes Willen, ſprechen Sie, ſagte Frau von Bro⸗ nizin mit zitternder Stimme. „So eben erhielt ich einen Bericht von Newski's Ad⸗ jutanten. Sie haben errathen fuhr er mit zitternder, bewegter Stimme fort: ein nicht gewöhnlicher Menſch iſt weniger!. Er ſtarb als Held„ Und aus dem Ausdrucke des Grafen war zu erſehen, vaß er die rühmliche That ſeines würdigen Freundes in ihrer ganzen Größe begriff. Wie viele Gräber ſind für das von der unbezähmbar⸗ ſten Leidenſchaft, von der Liebe erfüllte Herz geſchaffenz es iſt unbegreiflich, daß das menſchliche Herz ſo viele Qua⸗ len zu ertragen vermag! Olga lebte noch einige Zeit nach dieſem ſchrecklichen Schlage; aber was war es für ein Leben! Frau von Bronizin wünſchte ſie von dem vernichten⸗ den Gedanken an ihr Weh etwas abzuziehen und ihre Thätigkeit auf einen ihrem ſanften, barmherzigen Gemüthe verwandten Gegenſtand zu richten, und beſchäftigte ſich nur mit Werken chriſtlicher Milde. Auch vom eigenen Herzen, für das die Welt eine traurige Einöde geworden, geleitet, unterſtützte ſie verſchämte Arme, die ſich nicht entſchließen, um ein Almoſen zu bitten. Sie ſuchte ſie ſelbſt in den Dachſtuben und in den Kellergewölben auf, Olga, die Unglücklichſte unter allen, mit ſich führend; die gute Ag⸗ nes begriff ganz ihre unendliche Herzenspein. Wanja B.„ Finski und Miller waren ihre thätigen Gehülfen. Einmal erfuhr ſie, daß ein verborgener Armer ihrer be⸗ ſondern Hilfe bedürfe, und eilte ſelbſt zu ihm hin. Olga war mit ihr. Der Wagen fuhr in einen entfernten Stadttheil, an dem Wolfsfelde und am Häuschen vorbei, das wir früher das graue nannten, und deſſen Farbe ſich, wie wir ſchon bemerkten, in eine ſchmutzige verwandelt hatte. Der Wagen hielt an eben dieſem Häuschen, und von einem Führer geleitet, ſtiegen Olga und Agnes die faule Treppe — 251 mit ſchwerer Mühe hinauf. Olga konnte ſich kaum auf den Füßen halten und zitterte am ganzen Körper. Sie langten endlich an.. Die Näſſe und die Zerſtörung hatten überhand genommen„. Agnes blickte ſich ver⸗ wundert um, da ſelbſt keine Spur von Wohnlichkeit vor⸗ handen war. Der Führer bemerkte ihr Erſtaunen. „Er wird ſogleich kommen, ſagte er, wahrſcheinlich hat er abgeſchriebene Hefte fortgetragen. Davon lebt er jetzt. Sehen Sie, das iſt ſein ganzes Vermögen, und er wies auf einen Scherben mit etwas Dinte und auf eine vor einer Ewigkeit geſchnittene Feder. Olga war erſchöpft. Die Erinnerung drückte ſie ſchwer. Frau von Bronizin bereute, dieſe Fahrt unter⸗ nommen zu haben. Sie befahl, die Wagenpolſter hinauf⸗ zubringen und ſie auf den Boden zu legen, um der Lei⸗ denden einen weichen Sitz zu bereiten. Hieher! flüſterte Olga und ließ ſich auf demſelben Platze nieder, wo ſie einſt am Krankenlager des armen Piroſchkow geſeſſen war. Oilga ſchluchzte wie ein Kind;z dies erleichterte ihre Bruſt, und es ſchien, eine lichte Erſcheinung ſei zu ihr hinabge⸗ ſchwebt.. Ein Lächeln kam zwiſchen den Thränen wie ein ſegenvoller Regenbogen zum Vorſchein. „Bald, bald, meine theure Mutter.. flüſterte ſie und drückte Agnes Hand an ihre Lippen. „Beruhige Dich, mein Kind, was haſt Du denn? Du glühſt ja!“ ſagte Frau von Bronizin, ihre Worte nicht begreifend. „Nichts, nichts! jetzt iſt mir um Vieles beſ⸗ er a Nach einiger Zeit trat ein alter Mann ein, gebückt, mit Runzeln bedeckt, in einem abgetragenen fadenſcheini⸗ gen Rocke es war Piroſchkow! Gehen wir etwas zurück. Piroſchkow hatte ſelbſt ſeine frühere Wohnung verlaſſen, weil er ſich der Wände, weil er ſich Aller, die ihn früher kannten, weil er ſich vor ſich ſelber ſchämte. Der Alte führte ein unausdrückbar . trauriges Leben; in der weiten Welt allein ſtehend, ernährte er ſich vom Abſchreiben von Schulheften. Ein Mal kam ein Student, ſeine Schulhefte abzuholen und erzählte Wun⸗ der von einer merkwürdigen Maſchine, die weder Men⸗ ſchen⸗ noch Pferdekraft benöthigt, die Alles thut und zu ihrer Bewegung nichts verbraucht. Piroſchkow hoͤrte An⸗ fangs gleichgültig zu, aber nach und nach begann er den Sinn der Rede zu begreifen; er fragte nach einigen Ein⸗ zelheiten, der Student erwiederte, daß er ſich nicht mehr genau erinnere, aber er habe das Zeitungsblatt, in dem alles beſchrieben ſei, in ſeiner Wohnung. Wirklich ſtellte er ſich am andern Tage mit dem verſprochenen Zeitungs⸗ hlatte ein. Der Artikel über die neu erfundene Maſchine begann, wie folgt: „Mit Freuden ſetzen wir alle diejenigen, denen die Fortſchritte der Wiſſenſchaft theuer ſind, in Kenntniß, daß der junge Gelehrte Newſgodin, der ſich bereits durch viele Vervollkommnungen im Fache der Naturwiſſenſchaften aus⸗ gezeichnet, eine Maſchine erfunden hat, die ſeinem Namen eine europäiſche Berühmtheit verleiht und die den Dank der ganzen Menſchheit verdient, denn⸗ ſie erſetzt die für ein vernünftiges Weſen ſchwere und erniedrigende Arbeit.“ Darauf folgt die Beſchreibung der Maſchine, die Piroſch⸗ kow die von Newski verfaßte glänzende Analyſe ſeiner Theorie vollſtändig ins Gedächtniß zurückrief. Der Schluß lautete:„Unſer junger Gelehrter geſteht offen, daß er für ſeine Erfindung den tiefen Forſchungen und überhaupt der Leitung des in Europa berühmten Raturforſchers Perophilit viel verbunden ſei.“ Dies war der Name des Präſidenten des Gelehrtenausſchuſſes, der Piroſchkows Maſchine beurtheilen ſollte. Auch war in dem vieler⸗ wähnten Zeitungsblatte bemerkt, daß man die Maſchine zu jeder Zeit an einem beſtimmten Orte in Augenſchein nehmen könne. Piroſchkow lief an den angezeigten Ort und erblickte ſeine Maſchinel„... Nur einige unbedeutende Theile 253 waren umgeändert, und das zum Nachtheile der wirken⸗ den Kraft, einige andere bloß verziert; die arabiſchen Na⸗ men gegen griechiſche ausgetauſcht. Piroſchkow war außer ſich vor Freude. Was kümmerte es ihn, weſſen Name die Maſchine als Erfinder zierte, wenn man nur ſeiner Idee Gerechtigkeit widerfahren ließ, wenn man nur ſeine Theorie nicht als falſch, ſeine Berechnungen als rich⸗ tig anerkannte! Er hatte ſich nicht geirrt, als er die Größe der Idee erkannte; auch die hatten ſich nicht geirrt, die in ihm den ſchaffenden Genius ſahen. Jetzt konnte er der ganzen Welt gerade in die Augen ſehen, das heißt den Benski⸗ ſchen und Newski, denn in ihnen konzentrirte ſich für ihn die Welt. Er lief gerade zu Newski, der allein die Ur⸗ ſache war, daß ſeine Maſchine der Oeffentlichkeit überge⸗ ben worden; aber Newski hatte längſt Petersburg verlaſ⸗ ſen. Bei ſeiner Anweſenheit, als dem einzigen Zeugen der Arbeit Piroſchkows, hätte Newſgodin, ſo kühn auch die Jugend iſt, eine ſo freche Lüge nicht gewagt. Piroſch⸗ kow begab ſich ins graue Häuschen, aber ach! auch hier fand er Niemanden. Es ward ihm ſo weh ums Herz, aber wenigſtens drückte die Verachtung ſeiner ſelbſt ihn nicht mehr: er fürchtete keine Zeugen mehr, im Gegen⸗ theile, er wünſchte ſie. Auf dieſe Weiſe war der gute Alte wieder in ſeine frühere Wohnung eingezogen, für die, wie es ſchien, der Hausherr keine Miethe forderte, wegen der Armuth des Bewohners und der Baufälligkeit des Häuschens. Als Naſar Naſarowitſch Olga bei ſich erblickte, blieb er betroffen ſtehen. Es ſchien ihm, er lebe noch in den ſrühern glücklichen Zeiten, und er lächelte auf ſeine Schü⸗ lerin blickend, und wie früher lief ihm Olga entgegen und küßte ihn auf die Stirne. „Sie weinen, Olga Petrowna! Sollte ihre Mutter . Ja, ich glaube... Ihre Mutter... Mein Gott, ich habe ein ſo kurzes Gedächtniß Was war aber alles? ein Traum!... Iſt der jetzige Zuſtand ein Traum oder der frühere Und der Alte rieb ſich die Stirne, als ſuchte er die zerſtreuten Gedanken zu ſammeln. „Sind Sie es, mein theurer Naſar Naſarvwitſch? Sind Sie es?„ „Ja, ich und ich erkühne mich, Sie zu verſi⸗ chern, Ihrer Achtung, Ihrer Liebe, die ich höher als alles ſchätze, würdig. da ſehen Sie Und er las ihr das Zeitungsblatt vor„ Es verſteht ſich von ſelbſt, daß die Frauen Naſar Naſarowitſch mit ſich nahmen. Er war für Olga ein lebendiges Bild der Vergangenheit, die ihr das wirkliche Leben erſetzte. aber ach, nicht für lange. Am dritten Tage nach dem Beſuche des grauen Häuschens erkrankte Olga und ſtarb nach drei Tagen!... Jetzt erſt begriff Frau von Bronizin die Beveutung der von Olga im grauen Häuschen geſprochenen Worte. Naſar Naſaro⸗ witſch nahm ſeine Wohnung bei Wanja B lebte aber ſchon ohne Bewußtſein. Seine Erinnerungen, ſeine geiſtigen Fähigkeiten, ſein inneres Leben erwachten nur dann, wenn man ihm von Olga ſprach. Sn d⸗ —— —— In dem bei uns erſcheinenden„Weltpanorama“ (94— 9oſtes Baͤndchen) iſt erſchienen und in allen Buch⸗ handlungen zu haben: Wanderungen durch die Praͤrien und das noͤrdliche Mexiko von dem Amerikaner Joſias Gregg. Aus dem S überträgen Gottlob Fink. 6 Bändchen. Preis: 1 fl. 12 kr. oder 24 Ngr. Die Gegenden, von welchen Gregg eine ſo leben⸗ dige Darſtellung entwirft, ziehen die Aufmerkſamkeit des Publikums mit jedem Tag in hoͤherem Grade an. Die noͤrdlichen Provinzen von Mexiko, das ungeheure Gebiet, welches dieſe Republik von den Vereinigten Staaten trennt, der Prairien⸗Ozean,— Laͤnder, die viel⸗ leicht ſchon in naͤchſter Zeit der Schauplatz der wichtig⸗ ſten Ereigniſſe ſein werden— ſind es zunaͤchſt, über die Greggs Wanderungen hoͤchſt anziehende Aufſchluͤſſe gewähren, aber auch uͤber Texas, den„fernen Weſten“ n. ſ. w. ſind Nachrichten eingeſtreut, die einen werth⸗ vollen Beitrag zur Vervollſtändigung des Bildes jener' „Staaten der Sukunft“ liefern. Nicht nur diejenigen, welche ſich uͤberhaupt fuͤr Laͤnder- und Volkerkunde inter⸗ eſſiren, ſondern auch Fachgelehrte, Ethnographen, Na⸗ turforſcher, Geographen ꝛc. werden dieſe Schilderungen, zu denen eine urkraͤftige Ratur den Stoff hergab, mit großem Genuſſe leſen. Stuttgart im Februar 1847. Frauckh'ſche Verlagshandlung. In der Unterzeichneten iſt ſo eben erſchienen und in allen Buchhandlungen zu haben: Heinrich Roller oder Vaterländiſcher Roman von Hermann Kurtz. Zweite wohlfeilere Ausgabe. 3 Bde. eleg. geh. Preis: 5 fl. 24 kr. od. 3 Thlr. 12 Ngr. X „Schillers Heimathjahre“ haben bei ihrem erſten Erſcheinen eine uberaus freundliche Aufnahme in allen Kreiſen des deutſchen Volkes gefunden. Um nun jedes Hinderniß ihrer weiteren Verbreitung hinwegzuräu⸗ men, haben wir uns zu einer wohlfeilern Ausgabe ent⸗ ſchloſſen, deren Preis dem Buche Zugang, nicht nur in die Leſegeſellſchaften, ſondern auch in die Familien ſichern wird. Stuttgart im Maͤrz 1847. Franckh'ſche Verlagshandlung. ſ 8 9 10 11 12 18 14 15 16 5