† deutſcher, engliſcher franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Giefen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih und eſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 ühr offen. 2. Lesepreis. Bei üchabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Cäution. Unbekannte ien müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, ein dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei ſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: Bücher: ——— auf 1 Monat:— f 1 Wr 50 2 W— 5. Auswärtige honhenten! haben für Hin⸗“ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit ve.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, rr ver⸗ lorene oder deferte Buch ein Theil eines Werte ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage fteſegt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß da eiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche vie⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —— ſ. † 3 4 Petersburg am Tage und bei Nacht. Roman von E. P. Rowalewski. Aus dem Ruſſiſchen übertragen von Philipp Löwenſtein. Erſtes bis viertes Bändchen. ——— Stuttgart. Verlag der Frauckh'ſchen Buchhandlung. 1847 Petersburg am Tage ꝛc. 1. Erſtes Kapitel. Der Tumpenſammler. Der Himmel war umwölkt. Die Nacht hüllte die herrliche Stadt des Nordens immer dichter und dichter in ihren dunkeln Mantel, gleichſam um das Kind der Moräſte vor einer Erkältung zu ſchützen. Und die war wirklich zu befürchten. Ein ſtürmiſcher Meerwind jagte links und rechts ergiebige Regenſtröme. Der Mond war nicht zu ſehen, kein Sternchen am Himmel, auf den Straßen keine Seele. Zur ſpäten Nachtzeit iſt's in Peters⸗ burg außer in einigen ſtark beſuchten Straßen überall leer und öde, um ſo mehr bei einem ſolchen Unwetter. Wer verläßt da gerne ſein ſchützendes Obdach, und wäre es auch noch ſo unwohnlich?„ Nur der wagt ſich hin⸗ aus, den nur der Platzregen reinwäſcht, Wind und Wetter trocknet, und dem ein Loch an einem Zaune oder Brücken⸗ pfeiler Schutz und Ruhe bietet. Der Art Leute ſind Ihnen gewiß unbekannt, wollen ſie auch vielleicht gar nicht kennen lernen. Schadel Auch dieſe Leute haben ihren Werth; freilich find ihre guten Eigenſchaften ganz eigner Art und können ſich durchaus nicht mit den Ihrigen vergleichen: jedenfalls Lohnt's der Mühe, auf ſie einen geneigten Gön⸗ nerblick zu werfen. Doch wer verläßt in einer ſolchen Stunde auch das ungaſtlichſte Obdach? Wenn Sie in⸗ 38 5 In dieſem Augenblick hörte man das Rollen eines Wagens. Der Junge ließ die aufgehobene Hand fallen, warf den Stein leiſe bei Seite und ging ganz ruhig, als ob nichts vorgefallen, ſeiner Wege. Doch der Wagen rollte raſch dahin, als er plotzlich bei einer Wendung krachte, auf die Seite ſiel, ein Rad ſich weit abwälzte, und den Lakaien auf dem Hinterſitze abwarf. Der Zerlumpte lachte den Bedienten aus, wie er ſich mit ſchwerer Mühe erhob und einige Stellen ſeines Körpers mit jämmerlicher Miene rieb. „Ach, du Langohr, er verſteht nicht ein Mal zu fallen!“ Die Pferde hatten ſich indeſſen im Geſchirr ver⸗ wickelt und ſchlugen aus, im Wagen ſtieß eine weibliche Stimme einen Schrei ver Verzweiflung aus, der Zer⸗ lumpte hörte zu lachen auf und ſtürzte an den Wagen. Da er die Wagenthüre nicht öffnen konnte, ſchlug er die Scheiben ein, und trotz dem, daß das Beipferd wüthend ausſchlug, zog er aus dem Wagen einen alten Herrn, ſchleppte ihn etwas weiter und ſtellte ihn grade in die Straßenpfütze, dann trug er mit mehr Vorſicht ein junges Frauenzimmer auf ſeinen Armen aus dem Wagen, ſonſt war niemand darin. Der Zerlumpte ging etwas auf die Seite und hielt das Frauenzimmer immer auf den Händen, da er ſich nicht entſchließen konnte, ſie auf das ſchmutzige Pflaſter abzuſetzen: wie konnte et auch, da ſie, wenn auch mehr erſchrocken als verletzt, wie im Fieber zitterte und gewiß ſich nicht auf den Füßen halten würde! Das Herz klopfte ihr hörbar, und ihr Buſen hob ſich heftig an der entblößten Bruſt des Straßenjungen. Eine ſonderbare Gruppe bildete dieſe zwei ſo ſchnur⸗ ſtracks entgegengeſetzten Weſen; die eine im glänzenden Ballkleide,— der Mantel war längſt von den Schultern gefallen— der Andere in Lumpen. Das Geſicht des Fräuleins lag auf des Zerlumpten ſchmutziger Achſel und berührte faſt ſein Geſicht. Vom trüben Lichte der Wagen⸗ 6 laternen beleuchtet, ſtellten ihre Geſtalten ſelbſt einen nicht weniger ſchneidenden Kontraſt dar; ſie waren freilich beide jung und blickten ſich mit ihren ſchwarzen glühenden Augen zweifelhaft an, als fragten ſie ſich durch welches Wunder ſie zuſammenkamen; doch ihr Geſicht konnte zum Modelle einer antiken Schönheit dienen und das ſeinige war häßlich und ſchmutzig; die Züge der einen waren zart, äſthetiſch, die Haut faſt durchſichtig,— die Züge des Andern rauh, plump, die Haut wie gegerbtes Kalbfell. Ol wie viel hätte mancher darum gegeben, ſich an der Stelle dieſes Knaben zu befinden und dieſes Weib, wie er, in ſeinen Armen zu halten, ihre Haare, ihr Geſicht zu berühren. Doch was fühlte unſer Straßenjunge dabei Wenn er ſie im erſten Augenblicke nicht ruhig in den Koth legte, ſo hatie ſie es weniger ihrem leidenden Zu⸗ ſtande als ihrem reichen Putze zu verdanken, den zu be⸗ ſchmutzen es ihm leid that, und der ſeine Nachſicht beſon⸗ ders in Anſpruch nahm. Doch nach und nach wurde es ihm immer wohler, dieſen weichen, zarten, üppigen Korper in ſeinen Armen zu halten; er wollte ſogar ihr Geſicht mit ſeinem ſchmutzigen Aermel vor dem Regen ſchützen. Das Fräulein wendete ſich mit Widerwillen ab, ſie ſchau⸗ derte vor dieſer Berührung zurück, wie vor der Berührung eines Ungeziefers. Endlich näherte ſich der Lakai hinkend und die Seiten reibend und erklärte, daß am Wagen nichts gebrochen, und daß nur ein Rad abgerollt, aber ſchon wieder hinaufgewunden ſei. Der Lakai fragte, ob Ihre Ercellenz nicht befehle, ſie in den Wagen zu tragen. „Keinen Schritt, Langohr,“ antwortete der Zerlumpte barſch und trug ſie ſelbſt vorſichtig in den Wagen, wo ſchon der alte Herr ſich befand. „Gebe dieſem hier etwas,“ ſagte er zu ſeinem Be⸗ pienten, auf den Jungen zeigend. „Bin ich denn ein Bettler, um Dein Almoſen anzu⸗ nehmen?“ erwiederte der peleidigte Straßenjunge⸗ 7 Der alte Herr wickelte ſich in ſeinen Paletot und ſchenkte ſeinen Worten keine Aufmerkſamkeit mehr. Der Lakai ſtieß den Zerlumpten bei Seite und wollte die Wagenthüre zuwerfen, doch das Fräulein hielt ihn auf. „Höre,“ ſagte ſie, fich an den Jungen wendend,„nimm dieſes hier„es iſt kein Almoſen, nur zum Andenken an mich„„horſt Du, nur zum Andenken.“ Ihr ſehet, ſie war großmüthig: ſie wollte durch⸗ aus nicht die Schuldnerin des armen Straßenjungen bleiben; und mit Gold läßt ſich Alles bezahlen, ſelbſt unſere gewaltigſten Geſühle und die momentanen Launen des Herzens. Und was war's hier weiter als ein Straßen⸗ junge? der Lohn dieſes Weibes war ungewöhnlich und mußte ihn entzücken. Der Zerlumpte ſtreckte jedoch höchſt ungern die Hand hin, ungewiß, wozu er ſich entſchließen ſollte und nahm die Goldmünze, die ihm das kleine in einen Glagehandſchuhe gehüllte Händchen reichte. Der Wagen rollte fort, der Knabe blickte bald auf den fortrollenden Wagen, bald auf die auf der flachen Hand liegende Münze. Ein neues Gefühl ſchlich ſich durch ſeine Bruſt,— und verſchwand wieder: ſeine Ge⸗ danken nahmen ihren gewöhnlichen Lauf; er drückte das Golvſtück in die Hand und ſchüttelte den Kopf. „Nun find ſie fort!“ rief er aus:„wie Zugvögel; ſie kommen in ein warmes Gemach, eſſen ſich ſatt und ſchlafen bis zum hellen Tage Ein wahres Herrenleben!“ Er ging weiter, aber er ſang nicht mehr, er pfiff nicht mehr, trat in die Vorhalle einer Kirche, legte ſich in einen Winkel nieder, krümmte ſich zuſammen und ſuchte einzuſchlafen. Doch gegen alle Gewohnheit ſchlief er diesmal faſt gar nicht; fürchtete er, daß man ihm im Schlafe das Golpſtück ſtehle, oder nahm ihn ein anderes Gefühl in Anſpruch, ich weiß es nicht. Genug, noch vor Tagesanbruch ſtand er auf und ſein erſtes Geſchäft war, ſeinen Reichthum in Augenſchein zu nehmen. 8 „Warte nur Senja!“²) dachte unſer Zerlumpter:„Du bellſt mich nicht mehr an, daß mein Vater im Armen⸗ hauſe ſei heute noch ſoll er frei ſein.„ Mein Alter wäre gar nicht hineingekommen, wenn mich nicht eine Krankheit niedergeworfen hätte, und er ſelbſt taugt nun zu gar nichts mehr.“ Und nun machte ſich der Zerlumpte auf den Weg, für ſeinen Vater einen Zufluchtsort aufzufinden, verſteht ſich in nur ihm bekannten Straßen der Armuth und der Sittenverderbniß, die faſt immer von einander unzertrenn⸗ lich ſind. Er hatte ſich ſchon von der ſchlafloſen Nacht und den traurigen Nachtgedanken aufgeheitert und ging ſpringend nicht auf dem Trottoir, ſondern in der Mitte der Straße, weil man ſich da auf den Hinterſitz einer antideluvianiſchen Equipage ohne Lakai ſchwingen, und ſo Hals und Kopf auf's Pflaſter ſchleudert... wenn dies gratis genannt werden kann!... Man konnte da einem blinden Bettler ein Bein unterſtellen, oder in die für eine milde Gabe ausgeſtreckte Hand einen Stein legen,— Bettler verfolgte der Zerlumpte mit beſonderer Grauſam⸗ keit. Er konnte eine Mulde mit gekochtem Birnwein um⸗ werſen, ein Fiakerpferd ſchrecken und dergleichen mehr. Es verſteht ſich wohl von ſelbſt, daß all dieſes nicht ſo leicht und ungeſtraft von der Hand ging. „Da iſt der Schelm! der Kobold! er entgeht dem Galgen nicht!“ ſagten die Herumträger von allerlei Eß⸗ waaren und die Fiaker, als er an ihnen vorbeiſtrich. Und *) Der abgekürzte Name für Simon, wie überhaupt faſt alle Namen im Ruſſiſchen theils aus Zärtlichkeit, theils aus Geringſchätzung verkleinert werden. So wird aus Wafſil Waßka, aus Sophie Sonja, aus Peter Petruſchka ꝛc.* Anm. d. Ueberſetzers. lange gratis fahren konnte, bis ein Peitſchenhieb ihn über . 9 wußte einer von ihnen, welch edles Ziel ihn jetzt beſchäf⸗ tigte? Gibt's viele, die gleich ihm hungrig, barfuß, halb⸗ nackt ihr ganzes Vermögen zu opfern bereit wären, um den Vater aus dem Armenhauſe zu befreien? Am Tage zeigte ſich die Seſutt des Zerlumpten in ihrem ganzen phantaſtiſchen Kolorite. Wenn wir ſagen, daß ſeine Blouſe völlig zerlumpt war, ſo bleibt uns nichts mehr übrig, um den Zuſtand ſeiner Beinkleider zu bezeichnen: ſie beſtanden aus lauter Löchern, die durch grobe Leinwand⸗ ſtreifen mit einander vereinigt waren, und ſich nur dadurch auf den Beinen erhielten, vaß ſie mit verſchiedenen Strick⸗ chen und Lappen umwunden waren. Ein großer Quer⸗ ſack auf dem Rücken und ein ſogenannter Zweizack auf einem Stocke befeſtigt, zeigten deutlich ſeinen Stand als Lumpenſammler, der die niedrigſte Stufe auf der Leiter der großſtädtiſchen Induſtrie einnimmt. Das Aeußere des Zerlumpten war mit ſeinem Aufzuge in vollem Einklange: ein kleines, nach aufwärts gedrücktes Geſicht, mit Blat⸗ ternarben und Schrammen beſäet, vom Mangel ausgemer⸗ gelt; die Naſe einem Knopfe ähnlich, das Maul bis zu den Ohren reichend; nur ein Paar kohlenſchwarze Augen und zwei Reihen körniger, wie Elfenbein weißer Zähne waren eines beſſern Platzes würdig. Auf dem Wege zum Armenhauſe, wohin er doch ſo eilig ſich auf den Weg gemacht, blieb er plötzlich ſtehen, und ſchaute zu, wie ein anderer Straßenjunge eine Katze peinigte, die ihn zerkrallte und kläglich miaute. Der Zer⸗ lumpte verlor die Geduld, ergriff die Katze beim Schwanze, beſchrieb mit ihr einige Kreiſe in der Luft und ſchleuderte ſie weit weg. Die Katze ſtand bald auf den Füßen und lief, was ſie laufen konnte. Der Junge ſchauete unentſchloſſen zu und wußte nicht, ob er über dieſen Streich lachen oder ſich ärgern ſollte. Da kam gerade ein Weib mit faulen Aepfeln vorbei und hetzte die Knaben aufeinander. „Ach, Fedul! der Lumpenſammler beleidigt Dich!“ Fedul fiel dem Zerlumpten in die Haare, ein hart⸗ näckiger Kampf begann. Endlich ließen die ermüdeten Knaben von einander ab, jeder ſtellte ſich in einer gewiſ⸗ ſen Entfernung auf und nun begannen ſie folgendes Ge⸗ ſpräch; „Gib acht, Du aufgeſtülpte Naſe!“ „Und Du, was biſt Du, was?“ Fch vas „Ho, ſo!“ „Ja, ſo, ſo!“ „Wie heißt Du?“ „Wer, ich?“ „Ja, Du.“ „Ich heiße Wanja„ Und Du?“ „Ich? Ich heiße Fedul.“ „So? Nun ſo komm mit mir.“ Und der Frieden war geſchloſſen und die neuen Freunde gingen zuſammen; der eine hatte ſowohl die Schimpfworte als die Schläge ſeines Kameraden vergeſ⸗ ſen, der andere hatte die Beleivigung im geheimſten Her⸗ zenswinkel verſteckt. Zweites Kapitel. Vas Geheimniß. Erſt gegen Abend, und das durch die Hilfe ſeiner Gönner, oder richtiger Gönnerinnen, die, wie wir ſehen werden, der Zerlumpte hatte, gelang es ihm, ſeinen Va⸗ ter aus dem Armenhauſe zu befreien, und nun führte er ihn in die für ihn bereitete Wohnung. Man muß ein eigenthümliches Gefühl der Abneigung für geſchenktes Brod, ein inſtinktives Schamgefühl vor der Armuth be⸗ ſitzen, um das reinliche Bett des Armenhauſes gegen die Wohnung auszutauſchen, in die der Zerlumpte ſeinen Va⸗ ter brachte. Der Alte hatte übrigens ſchon ſeine Zeit vurchlebt, und aus der apathiſchen Bewegung ſeiner Glie⸗ der, aus den ſtarren, lebloſen Augen, wie aus dem auf der Bruſt geneigten Haupte konnte man leicht entnehmen, daß der Zerlumpte nicht für lange dieſen halberkalteten Körper hier einquartirt hatte. In einem feuchten Kellergewölbe, von einem trüben Nachtlichte erleuchtet, lagen auf ſchmutzigen Pritſchen einige Büſchel Stroh und ein Paar von Fett glänzende, zerriſſene Matten. Aus den Lumpen, welche auf ihnen lagen, war zu erſehen, daß jedes Strohbüſchel ſeinen eige⸗ nen Herrn habe: es waren abgeſonderte Quartiere; nur einige Bewohner waren zu Hauſe; die andern kamen ge⸗ wöhnlich erſt gegen Morgen zurück. Ein Strohlager war aufgeworfen: dorthin legte der Zerlumpte ſeinen ater. „Es iſt ſchlimm,“ ſagte der Alte mit dumpfer Stimme. „Das ſcheint Dir nur ſo, Väterchen; es iſt friſches, weiches Stroh, ich habe es ſelbſt geſichtet.“ „Ich meine es nicht ſo,⸗ ſagte der Alte, dem, wie es ſchien, die ungewöhnliche Bewegung und die Ortsver⸗ änderung das Blut in Wallung gebracht, die Nerven auf⸗ geregt und einen gewiſſen Grad von Selbſtbewußtſein wiedergegeben hatte: zhier iſt es ſchlimm, es brennt.. er zeigte auf die Bruſt. Der Zerlumpte nahm aus der Taſche einen irdenen Becher, der bewies, daß er für die Befriedigung der Be⸗ dürfniſſe ſeines Vaters Sorge getragen und ging, Waſ⸗ ſer zu holen. Der Alte ſchaute um ſich: grauer Schim⸗ mel an den Wänden, auf dem ſchwarzen Plafond beweg⸗ ten ſich Blattlauskäfer und fielen von Zeit zu Zeit auf den Boden und auf die ärmlichen Lager; dem Fenſter, oder richtiger dem ſchmalen Zugloche gegenüber, das von innen unter der Zimmerdecke, von außen auf dem Trottvire ſich befand, ſtand ein von der Zeit und von Würmern zernag⸗ ter Tiſch; daneben— eine Bank; das war Alles. Der Zerlumpte kam zurück und brachte an die vertrockneten und geſpaltenen Lippen des Alten den Waſſerbecher: er hielt auch ein Stück ſchwarzes Brod in Bereitſchaft. „Trinke langſam und iß das dazu. dann ſchlafe mit Gott. Vielleicht erinnerte ſich der Zerlumpte, daß die zwölfte Stunde ſchon herannahe, und um dieſe Zeit mußte er ſich durchaus in einem beſtimmten Stadttheile einfinden; dort ahmte er, von einem ganzen Heere Knaben umringt, das Hahngeſchrei nach, und ihm folgten dann immer die henachbarten Hähne, die ſich an ſein Anſtimmen ſo ſehr gewöhnt, daß ſie oft verſpäteten, die Mitternacht anzuzei⸗ „ — 13 gen, wenn ſich der Zerlumpte verſpätete, und es iſt nicht bekannt, ob ſie nicht ganz verſtummten, wenn er gar nicht erſchien. Der Alte drückte mit den Händen ſeinen Kopf zu⸗ ſammen, ſchloß die Augen und ſchien ſich überhaupt Mühe zu geben, ſich zu ſammeln und an etwas zu erinnern. Der Zerlumpte wollte gehen. „Warte, Wanja*) ich habe Dir etwas zu ſagen, bevor ich ſterbe und ich ſterbe bald„ „Wozu ſollſt Du denn ſterben, Vater! Das iſt ja kein Armenhaus, hier kannſt Du ganz nach Wunſche leben und an Brod ſoll's Dir nicht fehlen, ich ſtche mit meinem Kopfe vafür: ſelbſt Leckerbiſſen werde ich erarbeiten.“ „Du biſt ein guter Sohn ich habe an Dir viel verſchuldet„„ „Welche Schuld trägſt Du! Wahrſcheinlich mußte ich als Solcher geboren werden wer iſt alſo hier ſchuldig?“ „Du allein haſt mich nicht verlaſſen. WMein Gott, ich danke Dir ℳ ſprach der Alte. Da trat jemand in den Keller. „Mit milden Gaben von frommen Leuteß,“ ſagte der Ankömmling, die Angen ſchließend, um ſich etwas an die Finſterniß zu gewöhnen. „Euer Gnaden ſind willkommen,“ ſprachen mehrere Stimmen, und wie Schatten erhoben ſich einige Männer von den Pritſchen und umringten den Gaſt.„Fürchtet nichts, hier iſt nur armes Bettelvolk, alte Bekannte„ „Alte Bekannte 2“ wiederholte vieſer und ſchnitt ein Geſicht, als hätte er eine faule Auſter verſchlungen.„Und dieſer da?„er zeigte auf den Alten. *) Verkleinerung von Jwan. Anmerk. des Ueberſ. Petersburg am Tage ꝛc. 1, 2 14 „Der leidet keine Noth; es iſt gut, daß er das Quartier für einen Monat vorausbezahlt: morgen wird er wohl den Platz räumen.“ „Wie das?“ „Da ſehen Sie, es geht zu Ende mit ihm!“ „Hm!„ und der Junge?“ „Haben Sie den Zerlumpten nicht erkannt 2 „Was hat er nun da um den Alten zu ſchaffen?“ „Er ſagt, es iſt ſein Vater„der Spaßvogel! ob ein ſolcher Auswürfling einen Vater haben ann!“ Der Zerlumpte hatte nie ſeine Hände, weder um Al⸗ moſen zu bitten, noch zum Stehlen gebraucht und doch kannten ihn viele Bettler, Diebe und Tangenichtſez ja ſie ſtellten ihn zuweilen in gefährlichen Fällen als Wache auf, und der Zerlumpte hätte eher alles erlitten, ehe er die verrathen, die ſich ihm anvertraut. Und um ihre Vor⸗ haben bekümmerte er ſich nicht im Geringſten!„ wahrſcheinlich hatten ſie gute Abſichten, da ſolche Leute, wie der neue Ankömmling, ſich mit dieſen Dingen abga⸗ ben, und deſſen Aeußeres und Reden waren ſo ſalbungs⸗ voll und eben ihn hatte der Zerlumpte in ſolchen Fällen oft angetroffen. „Wir danken ſehr für die milden Gaben: doch wäre es beſſer, wenn's etwas zu thun gäbe: es iſt eine wahre Sünde, die Hände in den Schvoß zu legen.“ „Es fehlt auch an Arbeit nicht, ſie iſt aber gar fein und zart: ich fürchte, ſie geht Euch nicht gut von Statten.“ „Nu, vielleicht gelingt's: wie manches Kunſiſtückchen vollbrachten wir nicht!„. Euer Gnaden iſt es wohl bekannt.“ Der Ankömmling, den Alle, wie es ſchien, aus be⸗ ſonderer Hochachtung für ihn„Euer Gnaden“ nannten, holte nun aus ſeinem zerriſſenen, ſchmutzigen Rocke, in dem er ſich ziemlich unbehaglich fühlte, eine Flaſche 15 Branntwein und ein Glas hervor und ſtellte beide auf den Tiſch. „Auch das iſt eine Gabe guter Menſchen.“ „Auf ewige Ruhe oder auf die Geſundheit zu trinken?“ „Auf ewige Ruhe,“ antwortete„Seine Gnaden,“ ſich auf die Bank ſetzend und die Andern einladend, ſeinem Beiſpiele zu folgen; dieſe nahmen etwas Anſtand und ließen ſich endlich nieder. Auf dieſem dunkeln Grunde, zwiſchen Geſichtern, die dem Kolorite des ganzen Gemäldes vollkommen entſpra⸗ chen, hob ſich die Geſtalt des neuen Ankömmlings in ſei⸗ ner ſchmutzigen Kleidung beſonders hervor. Das Geſicht gutmüthig, ſanft, freundlich, umſchattet von hellblonden Locken, die jetzt in Unordnung auf ſchmachtende blaue Augen fielen, aber früher dem Kamme unterthänig waren und noch nach franzöſiſcher Pommade rochen; die Stimme zart und einſchmeichelnd; die Hand, welche den Brannt⸗ wein einſchenkte, ſo klein und weiß, daß man ſie für eine Frauenhand nehmen konnte, wenn ſie aus einem Atlas⸗ ärmel und nicht aus einem groben Bedientenrocke zum Vorſcheine gekommen wäre. Dieſe äſthetiſchen, zarten Formen ſtachen noch mehr in die Augen in der Nähe der⸗ jenigen Perſon, neben welcher„Seine Gnaden“ Platz ge⸗ nommen. Denken Sie ſich einen Mann von fünf Fuß Höhe mit dem Kopf eines Stieres, grade auf den Schul⸗ tern liegend, als hätte die Natur vergeſſen, ſie durch den Hals zu trennen, mit dem Geſichte einer Bulldogge, mit langen, krummen Armen, als ſeien ſie zufällig an den Rumpf gehängt, grade wie bei einem Affen, endlich der Rumpf ſelbſt von dem Durchmeſſer eines Unthiers mit Füßen, die krummen Parallellinien glichen,— denken Sie ſich eine ſolche Geſtalt, und Sie haben einen unge⸗ fähren Begriff von dem, den alle am Tiſche Sitzenden den Häuptling nannten, ſeines ungeheuren Kopfes we⸗ gen oder wegen der Uebermacht, die er auf die Andern ausübte. Wir wollen die übrige Geſellſchaft nicht näher beſchreiben, weil Sie, denke ich, mit ihnen zu unſerm Leidweſen noch öfters zuſammenkommen werden. „Das Geſchäft gehört, wie Ihr ſeht, ins„„weibliche Fach,““ ſagte„Seine Gnaden.“ Die Uebrigen grinsten: wenn Wölfe lachen, ſo ge⸗ ſchiehts gewiß auf dieſe Weiſe. — In einer an die Ligowka ſich hart anſchließenden Straße ſteht ganz abgelegen ein graues Häuschen„ in einem Hofe„mit zwei Giebeldächern. Der Zerlumpte, der bis jetzt einen gleichgültigen Zuhörer abgegeben, ſpitzte nun die Ohren; er vernahm etwas ihm Bekanntes. „Daneben ein Garten und etwas weiter ein Küchen⸗ garten,“ unterbrach einer aus der Geſellſchaft. „Ganz richtig.„ nicht weit von der Fabrik „Ich weiß ſchon, ich weiß ſchon.“ Der Zerlumpte trachtete, kein Wort zu verlieren. Dort wohnen zur ebenen Erde zwei Frauenzimmer ſie haben nur eine Köchin im Dienſte.“ „Das iſt zu ebener Erde„ aber oben?“ „Nichts von Bedeutung! eine Vogelſcheuche!„ ſo gut als nichts. 4 „Und in der umgegend?“ „Ein leerer Platz.“ „So, ſo! brummte der Häuptling. „Von den Frauenzimmern iſt eine jung 4 „Die wird geſtohlen und das Ding iſt zu Ende!“ „Wozu der Scherz: ein Frauenzimmer iſt keine Schatulle, ſie erhebt ein Geſchrei.4 „Sie wird beruhigt man ſtopft ihr das Maul „Wozu Unſinn erdenken; ich ſpreche im Ernſte„ Stehlen iſt unſchicklich 2ℳ wozu ſtehlen?“ „Ach,„Euer Gnaden!“ was haben Sie heute?“ „Stehlen iſt kein edles Handwerk,“ fuhr„Seine 7 17 Gnaden“ fort, als hoͤrte er nicht die Worte ſeines Nach⸗ bars:„ich brauche nur einen kleinen Dienſt.“ „Nu, wer will denn anders! Wir ſind bereit, guten Herren immer zu dienen.“ „Hier, ſiehſt Du, iſt noch ein anderer Fall 1 Man wills im Anfange mit Schmeicheleien verſuchen.“„ „Nun, was haben wir alſo dabei zu thun?“ „Das will ich Euch ſagen. Die Schöne iſt ſchrecklich mildthätig, geht ſelbſt zu Kranken, unterſtützt Arme, ſie iſt gar ſehr mildherzig. Alſo einer von Euch, der ein rechtes Faſtengeſicht macht, muß den Kranken, den Un⸗ glücklichen ſpielen.“ »Das kannſt Du, Oßka*); Du biſt ganz vünn ge⸗ worden und ſiehſt wie eine Leiche aus.“ Hier beſprach ſich die Geſellſchaft ſo leiſe, daß der Zerlumpte, ſo ſehr er auch den Hals dehnte und das Gehör anſtrengte, doch nichts hören konnte. „Nun, und was weiter 2“ fragte laut der Häuptling. „Das Uehrige kannſt Du uns überlaſſen.“ „Hm! es iſt alſo für ihn Nu, Oßka, die Sache muß auf's Beſte beſorgt werden.“ Oßka rieb ſich verlegen den Nacken: die Rolle eines Büßenden ſchien ihm nicht beſonders zu behagen. Ein ſchreckliches Drama hatte ſich indeſſen im Ge⸗ müthe des Alten abgeſponnen, der, von Allen verlaſſen und vergeſſen, auf dem feuchten Stroh lag. Der Zer⸗ lumpte war zu ſehr vom Geſpräche in Anſpruch genom⸗ men; die Andern betrachteten ihn als Leiche, und wirk⸗ lich hatte er auch nichts gehört. Doch das Leben regte ſich in der Bruſt des Leidenden,— zur Qual, zur Fol⸗ ter, die ihm in den letzten Lebensaugenblicken zu erdulden beſtimmt war. Der Alte hatte„Seine Gnaden“ erkannt, *) Verkleinerung von Oſſiz, Joſeph. Anm. d. Ueberſ. ſein Blick war auf ihn feſtgebannt; die Erinnerung eines ganzen Lebens war in dieſem Blicke verſchmolzenz ſie ſtand vor ihm, ſchrecklich, aufrühreriſch. Vergebens be⸗ mühte ſich der Alte, aufzuſtehen, er wollte durch einen Schrei die Aufmerkſamkeit auf ſich ziehen: Niemand be⸗ merkte ihn; es war die Qual eines vom lethargiſchen Schlafe Ergriffenen, den man ſchon in's feuchte Grab hinabläßt, der Alles fühlt, weder ſeine Stimme erheben, noch eine Bewegung machen kann„ und lebendig be⸗ graben wird! Endlich beſiegte der unbeugſame Wille des Alten die Natur: er ſammelte den Reſt ſeiner Kräfte, erhob ſich vom Lager und ſtand da, drohend, fürchterlich, wie der Geiſt des Todes. Er war im bloßen Hemde; ſeine hohe Geſtalt hatte ſich in ihrer ganzen Höhe aufgerichtet; er war ſo abgemagert oder beſſer vertrocknet, daß die dünne, gelbe Haut an die Knochen angewachſen ſchien, und ſich feſt an ſie ſchließend, glich er einem künſtlich zu⸗ ſammengehaltenen Skelette. Nur die bisher trüben Augen Wn aus ihren tiefen Höhlen hervor und verliehen eben dieſem aus dem Grabe Erſtandenen, der, bevor der Hahn krähet, in vaſſelbe eingehen ſollte. Trotz der innern Aufregung war der Gang des Alten ernſt, feierlich; die Sprechenden bemerkten ihn erſt, als er hart an ihnen ſtand: erſchreckt ſprangen ſie von ihren Sitzen auf. Der Alte legte die Hände auf die Schultern„Seiner Gnaden“ und dieſer blieb ſtarr, ſtumm wie unter der Macht eines wunderbaren Zaubers. „Mein Sohn,“ ſprach der Alte, ſich an den Zer⸗ lumpten wendend:„Da ſteht er, der Verderber Deines Vaters, unſerer ganzen Familie, unſeres Vermögens, unſeres guten Namens unſerer Ehre.. und die Hände in vie Höhe hebend, als rufe er den Zorn des Herrn auf ihn hinab, ſprach er mit unterbrochener, ſter⸗ bender Stimme:„Möge er ewiger Schmach und ewigem Verderben Preis gegeben werden.. 19 Die Hände des Alten fielen wie Blei auf das Haupt des Angeklagten. Er wollte noch etwas ſagen, doch die Lippen bewegten ſich bloß und ſchloßen ſich auf ewig; der Körper taumelte und fiel auf die Schulter„Seiner Gnaden;“ die Hände glitten vom Kopfe ab und legten ſich eiskalt aufs Geſicht, als wollten ſie das Brandmal der Schmach darauf vrücken. Der Unbekannte ſtand er⸗ ſtarrt da die Haare ſtanden ihm zu Berge; die Augen konnten ſich von der ſchrecklichen Erſcheinung nicht los⸗ reißen. „Fort! fort!.. rief er endlich angſtvoll aus, mit aller Kraftanſtrengung den gewaltigen Zauber von ſich abzuſchütteln ſuchend. Er ſtieß den kalten Leichnam von ſich, und dieſer fiel zu ſeinen Füßen Das Geſicht des Alten drückte noch eine Drohung aus, die Augen waren offen, aber glaſicht ſtarr er hatte ausgelitten Dieſe Scene ging ſchneller vor ſich, als wir ſie er⸗ zählen konnten. „Seine Gnaden“ trat raſch an den Tiſch und ſtürzte ein ganzes Glas Branntwein hinunter. „Uf!„ rief er ſchwer aufathmend aus, und wiſchte ſich den kalten Schweiß, der ihm in dichten Tro⸗ pfen vom Geſichte perlte:„gehen wir ſchnell fort; hier hauſen Todte. „Zerlumpter, die Wohnung des Alten gehört mir, ich ſagte zuerſt, daß er den Morgen nicht erlebt,“ ſprach einer der Vagabunden, mit ſeinem Kameraden und dem Unbekannten ſich entfernend. Der Zerlumpte ſah ſich, nachdem er um ſich ge⸗ ſchaut, ganz allein mit dem Todten, der auf ihn, wie es ihm ſchien, ſeine ſtarren glaſichten Augen richtete: eine abergläubiſche Furcht bemächtigte ſich ſeiner, und er lief über Hals und Kopf aus dem feuchten Keller. Erſt auf der Straße dachte er an den Tod ſeines Vaters, an ſeine 20 Verwaiſung und gab ſich einem gränzenloſen kindiſchen Kummer hin. „Was heulſt Du da, Faullenzer!“ ſprach jemand hinter dem Zerlumpten und ein geſchickter Fußtritt folgte gleichſam als Komma dieſer Anrede, um anzuzeigen, daß ſie ſich unmittelbar auf den Zerlumpten beziehe.„Die Unſrigen ſind ſchon ſeit lange verſammelt und wir erwar⸗ ten nur Dich: die Hähne wollen nicht krähen, bis Du ſie daran erinnerſt.“ An vieſer Beluſtigung nahmen nur Auserwählte Theil, weil ſich nur wenige entſchloſſen, bis Mitternacht auszuharren und ſich allen möglichen Gefahren auszuſetzen. Der Zerlumpte dachte mit Stolz daran, daß er— das Haupt dieſer Auserwählten; doch jetzt lag ihm das nicht im Sinne. Er konnte kaum unter Schluchzen die Worte hervodüringen:„Der Vater iſt geſtorben!“ „Da haben wir's! Und wo, im Armenhauſe?“ „Nein, ich habe ihm ein ſauberes Quartier gemie⸗ thet. hhier in dieſem Hauſe. „Das war ſchoͤn von Dir, Wanjal! Was ſtehſt Du nun da und der todte Vater liegt alleing⸗ „ weiß nicht, was 3 S. 2 „Was„man muß den Sel 63 rde be⸗ ſtatten.“ F „Ja, aber wie. ich habe weder Verwandte noch Freunde.“ „Warum nicht gar! Und was ſind wir denn! Mö⸗ gen die Hähne krähen, wann es ihnen beliebt oder wir laſſen Aleris dort, um vorzukrähen. die Uebri⸗ gen graben ein Grab und wir legen Deinen Vater hinein.“ „Nein, Senja, das geht nicht: es muß ein Prieſter das Grab einweihen und ein Todtenamt halten, auch muß ein Sarg da ſein. „Einen Sarg würden wir ſchon zuſammennageln. die Bretter kann man aus dem Verſchlage irgend eines F 21 leeren Hofes nehmen und Marim verſtehts wie der beſte Zimmermann..„ „Ach, Senja! ſchlimm, Bruder... es war noch nie ſo ſchlimm: der Vater liegt todt im Keller, und ich ſtehe da und weiß nicht, was ich anfangen ſoll!... ich möchte wie ein Wolf heulen!.... Senja ſtand indeſſen in Gedanken verloren. „Ich hatte früher eine hübſche Summe,“ fuhr der Zerlumpte fort,„es ging alles darauf, um ihn hier einzu⸗ quartieren.. ich dachte, jetzt geht erſt das Leben an, und eben jetzt ſtirbt er. Was vor ſeinem Tode vorging, erzähle ich Dir ein ander Mal, Senja. Ich kenne freilich gute Leute, die mir Hilfe nicht verſagen, doch ſiehſt Du, nicht von den Unſtigen.. es heißt ſo viel als betteln „Schweige, Wanja! ich habe was Wr⸗ dacht Nicht weit von hier wohnen tüchtige Arbei⸗ ter, die mit mir aus demſelben Dorfe. Ich ſage ihnen, daß mein Onkel geſtorben: ſie verlaſſen uns nicht und beerdigen ihn, ich kenne meine Leute; morgen iſt noch dazu ein Feiertag und ſie brauchen nicht an die Arbeit zu gehen.“ „Nun, Senjuſchka, nie werde ich Dir dieſen Dienſt vergeſſen! Helfe mir jetzt den Alten aufs Strohlager bringen, damit er nicht in der Mitte des Zimmers da liege wo er ſtand, da ſtarb er, der Gute Die Straßenjungen traten ins Kellergewölbe mit der abergläubiſchen Furcht, die ſie vergebens einer vor dem andern zu verbergen ſuchten. Das Nachtlicht war herun⸗ tergebrannt; es herrſchtz eine Grabesſtille; ſchüchtern näherten ſie ſich dem ſtorbenen, hoben den ſchwerer gewordenen Körper auf und trtzgen ihn aufs Lager. „Senja, man muß vom HSeligen Abſchied nehmen.“ „Er iſt ſchrecklich anzuſehen.“ „Schließen wir ihm die Augen.“ Die armen Jungen ſptachen leiſe— warum?— ———— 22 das wußten ſie ſelbſt nicht: ſie wollten gewiß die ewige Ruhe des Todten nicht ſtören. Sie küßten ihm die Hand, bekreuzten ſich dreimal und wollten ſich eilig davon machen. „Wanja!“ ſagte der Andere, auf etwas weißes auf dem Boden zeigend:„das hat gewiß der Selige fallen laſſen nimm', es gehört Dir?“ Wanja hob es auf, es war ein Päckchen Papiere, er ſteckte ſie zu ſich, ohne recht zu wiſſen, wozu ſie ihm nützen konnten. Erſt im Freien athmeten die armen Jun⸗ gen frei auf. Am andern Morgen holten die benachbarten Arbeiter einen Geiſtlichen, beerdigten den Alten auf dem ſogenann⸗ ten Wolfsfriedhofe, und begaben ſich in die nächſte Schenke für die Ruhe ſeiner Seele zu trinken. Der Zerlumpte blieb allein am Grabe ſeines unglücklichen Vaters. Er war kein zärtlicher Sohn geweſen: wer hätte auch in ihm das tröſtende Gefühl kindlicher Liebe zur Reife bringen ſollen. So weit die Erinnerungen des Zerlumpten gingen, hatte ſein Vater ſich immer in einer gewiſſen Verſtandes⸗ ſchwäche befunden; wenn er ſeinen Sohn erkannte, war es mehr aus Gewohnheit als aus Naturtrieb. Nur vor ſeinem Tode war er zu ſich gekommen, vor ſeinem Tode hat er ſich zum erſten Male mit Liebesworten an ihn ge⸗ wandt, damit er nur den Schmerz ewiger Trennung um ſo heftiger fühle. Der Gedanke, nun eine völlige Waiſe zu ſein, iſt wie der Gedanke einer völligen Entfremdung vom Vaterlande für das Herz eines Ruſſen unerträglich, da dieſem der Kosmopolitismus ganz fremd iſt. Wanja hatte den Inſtinkt ſeiner Lage, und es war dem Armen gar ſchwer ums Herz. Für Niemanden hatte er nun einen Groſchen zuſammenzulegen, oder irgend einen Wunſch zu äußern. Für ſich ſelbſt?— doch Wanja hatte im Gefühle des Egoismus noch keinen Genuß gefunden. „Eine Waiſe„in jeder Beziehung verwaist! dachte der Zerlumpte; eine Waiſe fürs ganze Le⸗ 23 ben!„ Hätte ich nur wie Oßka einen Hund, der mich liebkoste. Wie hätte ich Dich jetzt gehegt unt ge⸗ pflegt, Väterchen.... nein, das feuchte Grab öffnet ſich nicht wieder.. hoͤrte ich nur Deine Stimme, ich würde Dich allein ausgraben„ Wo ſoll ich jetzt mein betrübtes Haupt hinlegen! Und wenn ich auch man⸗ chen Tag durchlumpte, immer kehrte ich doch zum Vater zurück„ und war er auch im Armenhauſe„ Doch jetzt!. Und ſo ſirich mancher Gedanke durch den Kopf des armen Jungen, ſo drängte ſich manches Gefühl in ſeinem Buſen! Der Zerlumpte ſchlich ſchluchzend ganz leiſe fort — wohin? wußte er ſelbſt nicht. Einige Tage war er unſichtbar; ſelbſt niemand von den Straßenjungen hatte ihn geſehen, bis er endlich in der Straße in der Nähe des grauen Häuschens ſich zeigte. Drittes Kapitel. Ver Gelehrte. In einem öden und abgelegenen Stadttheile, ſtand in einem Hofe ein kleines, hölzernes, niedliches Häuschen⸗ An dasſelbe gränzte ein Garten, einige Birken erreichten die Höhe des erſten Stockes und ſchauten in die Fenſter hinein; die kühnern lehnten ihre Zweige ans Dach; das graue Häuschen lächelte ſie an, es war ihm ſo heimlich unter ihrem Schutze. Im Innern des Häuschens herrſchte gleichfalls Ruhe und Frieden, aber nicht aus Mangel an Bewohnern: weder Näſſe noch Verwüſtung war zu bemer⸗ ken; ſchon ſeit einigen Jahren beſaß es dieſelben Bewoh⸗ ner und das Häuschen war an ſie und ſie an das Häus⸗ chen gewoͤhnt, als bildeten ſie zuſammen ein Ganzes. Be⸗ trachtet nur, wie freudig es ſeine Giebeldächer gewölbt, als ſtrecke es die Arme aus, die guten Bewohner zu umfan⸗ gen: Beſuche ſind hier gar ſelten. Ein kleines Fenſterchen war immer offen, um den Obdachloſen Schutz zu verlei⸗ hen: Hier fliegt eine Schaar Tauben aus und ein, und niemand ſtört ſie, niemand geräth in Verſuchung, ihr Fleiſch zu koſten: es iſt eine Sünde!„ Die Taube iſt das Sinnbild der Reinlichkeit, und bei den Bewohnern des Häuschens hat die Seelenreinheit den höchſten Grad erreicht. Die Tauben flogen auch in die Fenſter des obern 25 Stockes, ſpazierten in den Zimmern herum, ſetzten ſich dem einſamen Bewohner auf die Achſel, ohne daß dieſer es be⸗ merkte; aber zu ebener Erde war alles rein, gewaſchen und geſcheuert, alles in der ſchönſten Ordnung und Sym⸗ metrie aufgeſtellt. Doch ſteigen wir zuerſt hinauf. Von einem Zimmer ins andere gehend, ſtreifen Sie überall mit der Hand an ein hölzernes Modell, einen ei⸗ ſernen Cylinder, oder einen mechaniſchen Apparat. Man konnte faſt durch die aller Orten übereinandergeworfenen Stahl⸗ und Kupferſtangen, Bruchſtücke von Nägeln und Schrauben, Haufen von Schlacken und Feilſpänen, Stoͤßen von Papieren und Büchern und aufgerollten oder irgend⸗ wie befeſtigten Planen und Zeichnungen keinen Schritt vorwärts machen. Auf allem lag eine dichte Staubſchichte und manche Spinne hatte dieſen Schutt mit ihrem künſt⸗ lichen Spitzengewebe bedeckt. Nachdem Sie drei Zimmer durchwandert, die alle einen gleichen Anblick darbieten, treten Sie endlich in dasjenige Gemach, in welchem ſich der alleinige Bewohner des ganzen Stockes, der Beherr⸗ ſcher aller dieſer Schätze befand, die er ſeit einer Reihe von Jahren gehäuft hatte, mit Aufopferung ſeines Ver⸗ mögens und ſeiner Geſundheit, und die ihm theurer als Alles in der Welt waren. Hier ſaß am Arbeitstiſche, über Papiere gebückt, der freiwillige Märtyrer der Wiſſenſchaft, ein hagerer, wie Pergament vertrockneter alter Mann, im Schlafrocke, die Schlafmütze über die hohe Stirn gezogen, unter welcher ein Paar tief eingefallene Augen wie zwei Sterne in finſtrer Nacht hervorblitzten. Die welken Augen⸗ lider und die dunkelblauen Kreiſe um die Augen zeugten von langen ſchlafloſen Nächten, und der trockene Huſten, der ihn von Zeit zu Zeit die Arbeit bei Seite zu legen zwang, zeugte von ſeiner ununterbrochenen Anſtrengung, von der phyſiſchen und moraliſchen Anſpannung. Naſar Raſarowitſch Piroſchkow war ein ruſſiſcher Ge⸗ lehrter, und dem zu Folge war die geduldige Sitzfähigkeit des deutſchen Gelehrten bei ihm zu einer beſtändigen ner⸗ vöſen Aufregung geworden, die auf ſeine Geſundheit zer⸗ ſtörend wirkte. Das langſame Forſchen und die Wißbe⸗ gier, mit welcher der Sohn Germania's die Wahrheit zu ergründen trachtet, hatten bei ihm ſich als lebhafte Ein⸗ bildungskraft, raſches Auffaſſen, klares Begreifen ausge⸗ ſprochen. Scholaſtik und Theorie, in die ſich der deutſche Gelehrte ſo oft verpuppt, waren ihm fremd, dafür hatte er ſich auch durch beſtändiges Studium eine Univerſalität, eine Vielſeitigkeit des Wiſſens erworben. Wir hätten noch die zwei übrigen Zimmer durchſtrei⸗ fen können um durch die der Eingangsthüre gegenüberlie⸗ gende Thüre wieder hinauszukommen; überall würden wir daſſelbe zu Geſicht bekommen haben. Höchſtens wären wir noch irgendwo auf ein Taubenneſt in einem leeren Cylinder geſtoßen, den Naſar Naſarowitſch ſchon nicht mehr berührte, aus Furcht, die Ruhe und das Familien⸗ glück der beflügelten Bewohner zu ſtören. Am meiſten mußte aber jedem auffallen die völlige Abweſenheit irgend eines Gedankens an die Befriedigung phyſiſcher Bedürf⸗ niſſe; da weder ein Bett noch irgend ein Lager, weder Taſſen noch Loͤffel, nirgends eine Brodkrume, oder eine Spur von etwas Genoſſenem vorhanden waren; nur einige Waizenkörnchen lagen am Boden, doch gewiß waren auch dieſe von fremder Hand geſtreuet: Naſar Naſarowitſch wäre nie auf den Einfall gekommen, ob es ihm gleich nicht an gutem Willen und an Liebe für ſeine befiederten Beſucher fehlte. Wo ſchlief aber dieſer Mann? Dort, wo den Erſchöpften der Schlaf oder richtiger die Erſtar⸗ V rung, die Gefühlloſigkeit aller Glieder überraſchte; auf einem Stuhle, auf dem Boden, wo er die verſchiedenen Theile ſeiner Maſchine zuſammenpaßte, oder auf dem Bal⸗ kone, auf den er dann und wann heraustrat, um friſche Luft zu ſchöpfen. Wer verpflegte dieſen Menſchen, der die Nahrung eben ſo wie den Schlaf vergaß? Das wer⸗ den wir bald erfahren. Noch eine Frage, und eine nicht weniger wichtig⸗ VI 27 Wer konnte dieſes unauslöſchliche Feuer in der Bruſt des armen Asceten fortwährend anfachen, wer dieſes Streben, die Geheimniſſe der Natur zu enthüllen, die wichtigſten Fragen zu löſen, wach erhalten, wer zur Entdeckung neuer Hebel, neuer Faktoren des Weltalls anſpornen,— wer, frägt es ſich, und was? Ein Mäcen, der ihn mit ſeiner Gunſt und Gnade beglückt, eine Kompagnie, die ſeine Mühe mit ſchwerem Golde lohnt, der Ruhm, der ihn mit ſeinem berückenden Tranke berauſcht, der ihn das Leben und alles Freudige und Tröſtende im Leben vergeſſen läßt? Nichts von all dem. Niemand kannte ihn, niemand hörte von ihm. Doch vielleicht wird er bekannt werden, vielleicht wird man von ihm ſprechen? Der Him⸗ mel mag's wiſſen! Wenn das auch einſt geſchieht, er er⸗ fährt nichts davon. Was iſt alſo der Hebel ſeines Wir⸗ kens? Die eigene innige Ueberzeugung ſeines Nutzens, das Bewußtſein ſeines Talentes, das er nicht in die Erde ver⸗ graben wollte, wie der Sklave im Gleichniſſe aus der heiligen Schrift? Es iſt faſt zu bezweifeln! Naſar Naſa⸗ rowitſch hatte nie daran gedacht, hatte ſich nie in ſich ſelbſt vertieft, hatte nie einen Blick in ſein Gemüth ge⸗ worfen. Ich glaube, er arbeitete ohne das geringſte Be⸗ wußtſein. Natürlich freute ihn jede Entdeckung, die er nach jahrelanger Mühe envlich errang: oh! wie ſehr freute ſie ihn; doch mit dieſem Lohne war er zufrieden. Ihr nennt dies Egoismus? Mit Unrecht: einen ſo tiefen Egois⸗ mus erreicht man nur, nachdem man die Höhen der Ge⸗ fühle, die Gebirge der Leidenſchaften überſtiegen. Naſar Naſarowitſch war das Gemüthsleben fremd; er hatte ein reines kindliches Herz; laſſet es mit der Au⸗ ßenwelt in Berührung kommen, laſſet nur einen Wunſch darin auftauchen, nur einen praktiſchen Zweifel außer dem Gebiete der Wiſſenſchaft, wer weiß, was dann ge⸗ ſchieht: Wiverſteht dieſes Herz der lockenden Verſuchung der Welt? Doch hier war ein Leben anderer Art. Kaum hatte er eine Aufgabe gelsst, kaum hatte er das eine Ende v 28 des geheimnißvollen Schleiers gelüftet, und ſchon zog ihn eine neue Idee an, ſchon ſtrebte er zu erfahren, wohin es weiter führe, und die energiſche Spannkraft wurde nicht geſchwächt, und er ſpann den Faden immer länger, immer feiner, und er arbeitete unermüdlich, ohne Aufhör, mit Leib und Seele. Auch dieſes Leben hat ſeine Auserwähl⸗ ten, ſeine Ritter, wenn auch wenige, aber die kühnſten, die edelſten unter denen, die ſich der Natur, der Menſch⸗ heit weihen. Seit einiger Zeit war Naſar Naſarowitſch beſonders beſchäftigt. Eine kühne, großartige Idee, aus der Natur ſelbſt geſchöpft, war in ihm erſtanden, und er trug ſie mit ſich herum, wie das Weib die Frucht ihrer Liebe unter dem Herzen trägt, und quälte und freute ſich beim Gebären dieſer Idee. Nachdem er die verſchiedenen, von der Natur oder dem Menſchen hervorgebrachten Kräfte näher betrachtet hatte, überzeugte er ſich endlich, daß nur diejenigen beſtändig, relativ ewig exiſtiren können, nur die den Geſetzen der Natur angemeſſen ſind, welche nach der allgemeinen Ordnung der Dinge von ſich ſelbſt oder durch die Beihülfe des menſchlichen Willens ſich fortwährend reproduziren, ohne Anwendung von Prinzipien oder Ma⸗ terialien, die der Menſch zu ſchaffen nicht die Kraft be⸗ ſitzt, oder welche die Natur im Verhältniſſe des Verbrau⸗ ches nicht zu erzeugen vermag. Nachdem er nach dieſem Grundſatze berechnet, wie viele Wälder und Steinkohlengruben die Dampfmaſchinen ſeit zehn Jahren aufgezehrt haben, erſchrak er faſt 6. den Erfolg; er erſah, daß dieſes Alles verſchlingende Un⸗ thier, bei ſeiner raſchen Vergrößerung, alles Brennmaterial eher zu vernichten droht, als die Natur neue Waldungen zu ſeiner Ernährung zu erzeugen Zeit gewinnt, Stein⸗ kohlenſchichten gar nicht mehr erwähnend. Die armen Leute fühlen ſchon jetzt die immer ſteigende Theurung des Brennmaterials. Und indeſſen beſitzt die Natur Faktoren, die entweder allein oder durch andere, von der Natur nach 29 dem Bedürfniſſe erzeugte Kräfte in Bewegung geſetzt werden können. Sich unaufhörlich überzeugend, daß jede freiwillige Bewegung, das Reſultat zweier ſtreitender Kräfte, zweier antagoniſtiſcher Pole, des anziehenden und abſtoßenden, daß ſelbſt die Bewegung der Welt dieſen Geſetzen unter⸗ than, auf denſelben Grundſätzen ſich ſtützt, auf den Ge⸗ genſatz zweier Kräfte, der Centripetal⸗ und Centrifugal⸗ kraft, kam Naſar Naſarowitſch auf die Idee, im Syſteme eines und desſelben Mechanismus mehrere ſich einander entgegenwirkende Kräfte zu vereinigen. Dadurch mußte unbedingt jede von ihnen insbeſondere ſich vergrößern, ebenſo wie die Maſſe aller zuſammen— und ſo fort. Einige ſolcher Faktoren der Natur ſind bereits bekannt, als: der Electromagnetismus, die Schwerkraft und der⸗ gleichen; wie viele gibt's noch, die uns erſt die Zeit offen⸗ baren wird. Auf dieſe Weiſe bildete ſich bei Naſar Naſarowitſch die Idee, eine ungeheure Maſchine zu errichten, welche, wenn ſie irgendweiche Stoffe zu ihrer Erhaltung ver⸗ braucht, wie man Säuren beim Elektromagnetismus ver⸗ wendet, dafür andere, nicht weniger nützliche Produkte erzeugte: es wäre alſo nur eine Verarbeitung, aber keine Vernichtung des Stoffes. Schon hatte er ſein Gebäude auf dem Papiere aufgeführt, eine Menge auf dem Tiſche aufgerollte Zeichnungen waren der Umriß ſeines Gedan⸗ kens; ſchon hatte er aus den Kartonen einzelne Theile ausgeſchnitten; er berechnete ſchon die Bewegung der Räder, die Reibung der Cylinder, das Schwanken des Regulators; der Maſchine war ſchon ein Lebenshauch ein⸗ geblaſen. Das Geſicht des Naſor Naſarowitſch umleuch⸗ tete ein Lächeln„ doch plötzlich umwölkte ſich ſeine Stirne, er zog die Augenbrauen zuſammen, er vertiefte ſich wieder in die Ziffern, fand ſeinen Fehler, half dem⸗ ſelben ab, freute ſich wieder, manchmal lachte er wie ein Kind: er war ja nicht allein,— er war in Geſellſchaft Petersburg am Tage ꝛc. 1. 3 30 ſeiner Ideen, ſeiner Gedanken, dieſer theuern Kinder ſei⸗ nes Geiſtes, mit denen der ewige Gefangene ſein ganzes Lehen in glücklicher Ruhe verbrachtè. Um dieſe Zeit war im Vorzimmer ein Geräuſch zu vernehmen. Die aufgeworfenen Haufen überſpringend, die im Wege ſtehenden Gegenſtände bei Seite ſchiebend, und ohne ſich in ſeinen Bewegungen im geringſten zu zwingen, trat der Zerlumpte ein. Da er ſah, daß Naſar Naſarowitſch nach dem lauten Auflachen plötzlich ſtille geworden, und von einer zufälligen Idee erfaßt, die Augen unbeweglich auf die Zimmerdecke gerichtet hielt und etwas in ſich hinein brummte, ſetzte ſich der Zerlumpte, inſtinkt⸗ mäßig dieſes tiefe Nachdenken achtend, indeſſen auf den nächſten Cylinder und ſchwieg. Viertes Kapitel. Der Zweifel. Wir müſſen indeſſen erklären, auf welche Weiſe zwei in jeder Beziehung einander entgegengeſetzte Weſen ſich unter einem Dache, in einem Zimmer, ſo zu ſagen auf einem Brette und dem Anſcheine nach in einem ſo nahen Verhältniſſe befinden konnten. Ein Jahr vor dem Zeitpunkte, in dem unſere Er⸗ zählung beginnt, am Morgen eines Feiertages, lag nicht weit von einer Kirche, aus der eben das Volk nach der Meſſe herausſtrömte, ein noch warmer, zuckender Körper, der aber ſo ſehr verunſtaltet und mit Schmutz und Blut beſpritzt war, daß man an ihm nicht nur mit Mühe Spuren des noch vorhandenen Lebens, ſondern auch kaum erkennen konnte, daß dieſer Körper der eines dem An⸗ ſcheine nach armen Knaben, der erſt zu leben und.. zu leiden begonnen. Die Leute gingen eilig an ihm vor⸗ über, aus Furcht, in irgend eine Geſchichte verwickelt zu werden; nur einige Kühnere ſtanden in der Ferne und er⸗ zählten, wie eine mit Vieren beſpannte Kutſche dieſen Jungen überfahren und davongerollt ſei. Sie bedauerten, daß Niemand den Wagen aufgehalten und der Polizei übergeben; ein einziger Fiaker hatte ihm ſeine Droſchke in den Weg geſtellt, ſie wurde aber mit ſeinem magern 32 Pferde vom Wagendeichſel bei Seite geworfen. Man lachte über den armen Fiaker, der das zerriſſene Geſchirr ſeines Pferdes zu repariren ſuchte, und Niemand näherte ſich dem armen Jungen; wahrſcheinlich erwartete man einen Polizeibeamten, obgleich Niemand ihn von dem Vorgefallenen in Kenntniß geſetzt hatte. Das Schauſpiel begann ſelbſt die Müſſiggänger zu langweilen, und die Menge verlief ſich nach und nach. Um dieſe Zeit traten aus der Kirche zwei Frauen, die wegen eines abgehaltenen Dankgebets länger darin ge⸗ blieben. Die ältere hatte ungefähr vierzig Jahre, eine hohe, ſchlanke Geſtalt mit einem ſanften Geſichtsausdrucke: ſie war ſchwarz gekleidet; die Andere, in einem einfachen weißen Kleide, zart und ſchüchtern, hing am Arme der ältlichen Frau, wie eine junge Taube ſich unter dem Fittiche der Mutter birgt: ſie ging mit geſenktem Köpf⸗ chen; die feuchten blauen Augen glänzten noch von der Heiligkeit des Gebetes, vas ſie mit heilbringenden Thrä⸗ nen erquickt hatte; ihr Herz bebte noch vor Ehrfurcht. Beim Anblicke des unglücklichen Knaben blieb die ältliche Frau plötzlich ſtehen: dieſe raſche Bewegung zwang ihre Begleiterin, den Kopf zu erheben. „Der Unglückliche!“ rief das junge Mädchen mit wahrer Zerknirſchung aus und eilte, ihm beizuſtehen. Die ältliche Frau folgte ihr. Ohne auf die ſonder⸗ baren Umſtände Rückſicht zu nehmen, hoben die Frauen den blutigen Körper auf und thaten ihr Möglichſtes, um ihm Hilfe zu bringen; um ſie bildete ſich wieder ein Kreis Neugieriger. Endlich trat aus dem Haufen ein junger Mann: gerührt von der chriſtlichen Barmherzig⸗ keit der beiden Frauen, ſuchte er ihnen eifrig beizuſtehen, legte den Jungen auf ſeine Droſchke und folgte den Frauen. Sie fuhren gerade zum grauen Häuschen, von dem eben die Rede geweſen: die beiden Frauen hießen Benski, der Junge war— der Zerlumpte. Den jungen Menſchen werden wir bald wieder zu Geſichte bekommen⸗ 33 Der Zerlumpte erholte ſich nicht ſo bald, und be⸗ deutende Narben auf dem Geſichte und dem Körper blie⸗ ben auch nach ſeiner Wiederherſtellung zurück. Die Benskis pflegten ihn während ſeiner Krankheit, und der junge Menſch, der gerade ein Student der Medizin war, kurirte ihn. Kaum konnte der Zerlumpte das Bett verlaſſen, als er zu ſeinen Retterinnen ſich begab. Er verbengte ſich tief, zuerſt vor der Mutter, dann vor der Tochter, und ſtand da ohne ein Wort hervorbringen zu können, verlegen an ſeinem Leibgürtel zupfend; Thränen floßen ihm aus den Augen und fielen auf die entblößte ſchwarze ruſt. Die Frauen erriethen, warum es ſich handle. „Höre auf zu weinen, Wanja!“ ſagte die Mutter; „wir haben für Dich nichts Beſonderes gethan. Beſprechen wir lieber, wo wir Dich unterbringen„ Siehſt Du wir haben keine männliche Bedienung.. ſie ſchickt ſich für Frauen nicht.“ Wanja weinte ſtärker und ſchluchzte hörbarer. Der Arme hielts nicht länger aus, ein Strom von Thränen oß aus ſeinen Augen und doch haben Leute dieſer Art, heißt es, ein verhärtetes Gemüth und konnen nicht dankbar ſein! Woher denn dieſe Thränen? Solche Thränen fließen getade vom Herzen. anja verließ das Zimmer, und die Frauen dachten ernſtlich an ein Unterkommen für ihn. Endlich fanden ſie, was ſie ſuchten,— ſie wollten ihn Naſar Naſarowitſch übergeben; ein Bedienter iſt ihm unentbehrlich, ob er gleich ſich nicht darum bekümmere, und dazu iſt ja der Zerlumpte ein ſo wenig koſtſpieliger, um ſo mehr, da er die Koſt immer bei ihnen haben wird. Geſagt, gethan. Der Zer⸗ lumpte hatte bei Naſar Naſarowitſch ein herrliches Leben; er war immer ſatt, hatte ein warmes Plätzchen, wurde gut behandelt und mußte endlich ſelbſt die Vortheile ſeiner Lage eingeſtehen. Doch er hatte, ſoweit er zurückdenken konnte, immer unter freiem Himmel, unabhängig wie der Vogel in der Luft, gelebt; er hatte viel Raum nöthig, er 34 mußte auch dann und wann ſeinen Fäuſten zu ſchaffen geben. Freilich fehlten ſeinem Geſichte früher nie Beulen in Menge; doch dafür hatte er eine kleine Bande um ſich, obdachlos und hungrig wie er ſelbſt, aber ſeine Macht anerkennend, Dank ſeiner Stärke und Verſchlagenheit, welche er in gefährlichen Fällen beurkundete, zum Bei⸗ ſpiele bei einem Anfalle von Hauswächtern oder ſelbſt bei der Verfolgung von Polizeidienern. In Folge dieſer über⸗ zeugenden Gründe verließ er immer öfter und öfter das graue Häuschen und kam zuletzt nur ſelten, bloß aus alter Erinnerung, um ſo mehr als ihn hier, das heißt zu ebener Erde die Vorwürfe und Lehren des alten Benski begrüßten, die ihm das Herz zuſammenklemmten; er fürchtete dieſe Verweiſe mehr als alle möglichen Scharmützel. Was hätte er nicht darum gegeben, um Lob einzuernten, was hätte er nicht geopfert, um nur ſeinen Retterinnen gefällig zu ſein! und doch konnte er ſeine freiheitliebende Natur nicht Doch dieſes Mal kam der Zer⸗ lumpte, wie wir gleich ſehen werden, in einer wichtigen Angelegenheit. Naſar Naſarowitſch hatte ihn durchaus nicht bemerkt, griff raſch zur Feder, ſchrieb etwas nieder, machte voller Freude einen Sprung im Stuhle, bewegte dann die Arme wie Pendel, jede Schwingung laut zählend. „Jetzt hat ers!“ flüſterte der Zerlumpte, näherte ſich Piroſchkoff und zog ihn am Aermel, als wollte er ihn aus dem Schlafe wecken. Naſar Naſarowitſch ſchenkte ihm nicht die geringſte Aufmerkſamkeit, erſt nachdem er ſeine Arbeit beendigt, ſtand er auf, bemerkte den Zerlump⸗ ten und wendete ſich triumphirend an ihn. „Wanja!“ ſagte er,— wir müſſen bemerken, daß man ihn nur in dieſem Hauſe Wanja nannte, ſonſt überall der Zerlumpte—„Wanja! jetzt ſind die Kräfte in meiner Macht: man muß ſie nur mit verhältnißmäßigen Apparaten in Verbindung bringen; doch dafür habe ich ein unvergleich⸗ liches Modell; betrachte dieſes Skelett 1... wie künſt⸗ 35 lich ſind hier die Muskeln und Adern verflochten. welches Ebenmaaß der Theile!. welches Gleichgewicht der Streck⸗und Beugkraft!.. welcher herrliche Mechanismus!.. man braucht ihn nur nachzuahmen: ja, ja, die Natur lehrt beſſer als Watt!.. Watt iſt ein Genie— die Natur— ein Schopfer! Ha, ha! welches Wunderthier erbaue ich wenn es die Flügel entfaltet, die Räder in Bewegung ſetzt. doch nicht durch die Ausdehnung des Dampfes, Wanja, nicht durch die Zuſammendrückung der Luft, nein, durch meinen eigenen Willen. ja, Wanja, meinen alleinigen Willen!“ Den Kopf des Zerlumpten mit beiden Händen er⸗ greifend, ihn zu ſich wendend und ſich hart an ſein Ge⸗ ſicht beugend, hatte er ihm alles dieſes ſo laut als es ihm nur möglich war, hergeſagt. „Nun geht das alberne Geſchwätz los!. ſpreche ietzt mit ihm von etwas Ernſtem!. Gnädiger Herr! es iſt ſchlimm!.. es iſt gar kritlich! ℳ „Nein, Wanja, neinz es iſt alles gut! es ging noch nie ſo gut.“ „Ach du lieber Gott!. das böſe Weſen faſſen. Doch bald verſchwand die geräuſchvolle Freude des Naſar Naſarowitſch und er ging wieder in die frühere beſchauliche Lage über und vertiefte ſich in Berechnungen. Der Zerlumpte ſtand da und rieb ſich verlegen den Nacken; endlich verließ er von einem glücklichen Einfalle erfreut das Zimmer, lief hinunter und kam bald mit einem Waſch⸗ becken zurück. Er ſchob es dem Naſar Naſarowitſch faſt unter die Naſe, legte ihm ein Stückchen Seife hin, und der ſchon an dieſe Operation Gewohnte, ſtreckte mechaniſch die Hände hin, auf die der Zerlumpte Waſſer ſchüttete. Als ſich Naſar Naſarowitſch gewaſchen, ohne ſelbſt zu wiſſen warum, zog ihm der Zerlumpte den Schlafrock aus und ſteckte ihn in einen breiten, altmodiſchen Frack, indem er ſich ſo bequem fühlte, wie ein türkiſcher Rekrut in mußte ihn gerade jetzt 36 einem europäiſchen Solbatenrocke. Ebenſo unberhältniß⸗ mäßig waren die Beinkleider ohne Struppen, und die Weſte; das Halstuch reichte bis zu den Ohren und be⸗ herbergte ſein ganzes Kinn. DBa ſich Naſar Naſarowitſch ganz angekleidet ſah, ſchien er ſich zu beſinnen, was er zu thun habe. „Ach, du mein Gott! ich habe ganz vergeſſen, daß es Zeit ſei, meinem Zöglinge Lektion zu geben! ſchneller! meinen Stock und dann„ dieſe Bücher da.“ „Was für Bücher? heute iſt ja Feiertag.“ „Warum haſt Du mich alſo angekleidet? ſagte ärgerlich Naſar Naſarowitſch; an Feiertagen ſpeiſe ich ja immer zu Hauſe! An Wochentagen ſpeiste er bei den Benskis, wo er der Tochtre Lektion gab. „Unglück über Unglück!“ ſagte der Zerlumpte, ver⸗ legen wie er die Urſache ſeines Kommens erklären und ſie raſch herauszuſagen wünſchend, um die Aufmerkſam⸗ keit des Naſar Naſarowitſch auf einen Gegenſtand zu lenken, deſſen Wichtigkeit ihm ganz klar war.„Hier im Hauſe iſt nicht alles wie es ſein ſoll!. es iſt ſehr ſchlimm!“ platzte er endlich heraus.“ „Was ſagſt Du?“ „Ich ſage, daß unſer Fräulein bevor man ſich's ver⸗ ſieht, in's Verderben ſtürzt!“ „Wie, was?“ „So iſts! Sie geht zu Grunde, und Sie ſitzen da, als ob nichts vorgefallen wäre.“ „So ſprich doch, zur Sache, was iſt den?„Iſt ſie krank?“ „Wäre ſie krank, könnte ſie wieder geneſen; aber ſchlimmer als das. ein unvermeidliches Unglück!.. Das Manover des Zerlumpten gelang vollkommen. um ſich die Ungeduld des Naſar Naſarowitſch vorſtellen zu können, muß man wiſſen, daß die Benskis die einzigen Perſonen waren, die er beſuchte. Piroſchkow unterrichtete 37 Olga Benski in den Naturwiſſenſchaften und liebte ſeine kluge, ſanfte, beſcheidene Schülerin. Hätte er ſie gekannt, ehe er ſich der Wiſſenſchaft in die Arme geworfen hatte, er würde ſich ihr mit derſelben Gluth, mit derſelben auf⸗ opfernden Leidenſchaft hingegeben haben: einem ruſſiſchen Herzen iſt die Liebe ein Bedürfniß.*) Naſar Naſaro⸗ witſch lebte bis er mit den Benskis bekannt wurde, allein, ohne Verwandte, ohne Freunde, ohne Freude, ja ſelbſt ohne Leiden, mit denen ſeine nach Thätigkeit dürſtende Seele kämpfen konnte. Piroſchkow hörte mit wachſender Unruhe die ver⸗ worrene Erzählung des Zerlumpten. Er ſah deutlich, daß Olga Gefahr drohe, doch was für eine, wie ſie abwen⸗ den, und womit konnte dieſes ſanfte, ſtille Weſen ſich irgend einen Haß zuziehen? Naſar Naſarowitſch, dem alle Lebenserfahrung fremd war, verlor ſich in Räthſeln. Er war indeſſen ganz mit dem Zerlumpten einberſtanden, daß man aus Vorſicht die Benskis warnen müſſe, ſie aber ſelbſt unermüdlich über die Ruhe der zwei Frauen wachen müßten. * Es wird gewiß mancher deutſche Leſer es etwas anmaßend finden, daß der Ruſſiſche Autor alle edlen Eigenſchaften für ſeine Nation vindizirt, da dieſe doch gewiß Gemeingut der Menſchheit ſind. Doch hoffentlich wird man ihm dieſe etwas kleinliche An⸗ ſicht zu Gute halten, um ſo mehr, als er auch die Schwächen und Fehler ſeines Volkes frei bekennt. Anm. des Ueberſetzers. Fünftes Kapitel. Die erſten Schmerzensthrünen. „Naſar Naſarowitſch?„. Wie gut ſind Sie! das nenne ich klug! er erfuhr, daß Mama Migrän habe, daß ſeine Schülerin mutterſeelenallein da ſitze und ſich langweilt, die Arme ſehen Sie, wie ich mich langweile?. Und das Mädchen, von dem wir ſchon mit ſolcher Liebe geſprochen, die mit Selbſtaufopferung dem in Blut und Schmutz ſich wälzenden Zerlumpten beigeſprungen, Olga Benski, näherte ſich dem eintretenden Naſar Na⸗ ſarowitſch, ergriff mit beiden Händen die Frackumſchläge und blickte mit ihren großen blauen Augen in die ſeini⸗ gen: ihr bei den erſten Worten lächelndes, heiteres Ge⸗ ſicht nahm einen komiſch⸗ernſten Anſtrich an, gleichſam zur Bekräftigung, daß ſie ſich wirklich langweile. Nein, ich wußte nicht ich wußte nicht, daß Ihre Frau Mutter unwohl, doch bin ich ſehr froh. Der achtungswerthe Naſar Naſarowitſch, der ſich durch die erhaltene Nachricht, die ihm wie ein Stein auf dem Herzen lag, ſchon unbehaglich fühlte, kam nun ganz aus der Faſſung. Das war übrigens beim Beginne je⸗ der Lection der Fall, bis die aufmerkſame Zuvorkommen⸗ heit des Fräuleins ihm zu Hilfe kam, wo er dan in 39 die Sphäre ſeiner gewöhnlichen Beſchäftigungen eintretend, die Kraft und Schönheit ſeines Geiſtes zeigte. Doch hier war nun ein ſo ungewöhnlicher Umſtand. „Setzen Sie ſich hierher„ hier haben Sie es bequemer. Doch da iſt auch die Mutter!“ „Naſar Naſarowitſch!. welchem Wunder haben wir es zu verdanken, Sie an einem Feiertage bei uns zu ſhn „Ein wichtiges Geſchäft erwiederte Naſar Na⸗ ſarowitſch. „Sollten Sie wirklich das perpetuum mobile ge⸗ funden haben?“ fragte die Tochter. „Nein, Olga Petrowna, man kann mit Beſtimmtheit ſagen, daß das perpetuum mobile, das iſt, die ewige Bewegung nur dann möglich wäre, wenn man einen Kreis finden könnte, deſſen Diameter gleich wäre dem dritten Theile ſeines Umfanges.“ Naſar Naſarowitſch gab den Damen immer die ver⸗ ſtändlichſten Erläuterungen. „Da nun ein ſolcher Kreis,“ fuhr er fort,„wie Ih⸗ nen wohl bekannt iſt, in der Natur rein unmöglich, ſo iſt er es auch in der Mathematik.“ „Warum aber iſt mir dies bekannt?„ Sie wol⸗ len mich ja keine Mathematik lehren.“ „Die Mathematik, die alles in der Natur ewigen Geſetzen unterwirft, macht auch das Herz dem Verſtande unterthan, bringt es unter das Gleichmaß des menſchli⸗ chen Wiſſens, gibt ihm keinen Willen, keinen freien Raum und beim Weibe muß das Herz ihre ganze Natur beherrſchen „Herrlich, herrlich, mein guter, lieber Naſar Na⸗ ſarowitſch!. doch iſt dies nicht bloße Theorie?. Ereignet es ſich nicht auch, daß allen mathematiſchen Folgerungen des Verſtandes zum Trotze das Herz ſein Joch abwirft, und kräftig an die Bruſt klopft und ſeinem Herrn einen Poſſen ſpielt wenn auch dieſer es nicht 40 gleich bemerkt? Ereignet ſich dies nicht manchmal, Naſar Naſarowitſch 2„ Das Fräulein drohete ihm liſtig mit dem Finger. Ein anderer würde die Geduld verloren haben und hätte dieſen Finger zerküßt, aber Naſar Naſarowitſch wurde roth wie ein Schulknabe, den man auf einem loſen Streiche ertappt. „Unſere Welt iſt alſo zur Beſtändigkeit, zur Ruhe geneigt? ich glaube, daß dies ihre gute Seite,“ ſagte Olga Petrowna, den Philoſophen in die Bahn des vorigen Geſpräches zu bringen wünſchend. „Nein! Im Weltall iſt eben ſo wenig ewige Ruhe als ewige Bewegung möglich. Alles lebt, oder exi⸗ ſtirt, und beurkundek ſein Leben, ſein Daſein durch Bewe⸗ gung oder Formveränderung, oder wenigſtens durch den Einfluß auf andere Gegenſtände. Früher hat man hart⸗ näckig den Thieren Verſtand, den Pflanzen Willen verſagt; doch ich will Ihnen noch heute ein kleines Buch ſchicken, das deutlich zeigt, wie einige Thiere leben, und ob dies Leben Verſtand beurkundet. Und die Pflanzen: mein Gott, als ob die Blume, die ihr Köpfchen der Sonne entgegen⸗ ſtreckt, ſich bei eintretender Dunkelheit zuſammenfaltet, ihren befruchteten Staub andern mittheilt, nicht deutlich ihr Leben, ihr Athmen offenbart. Gibt's nicht dem un⸗ bewaffneten Auge unſichtbare Thiere in Schneefeldern und ſelbſt in den Polargegenden, wo dem Anſcheine nach alles todt und öde. Ueberall, ſelbſt auf dem Meeresgrunde, unter dem Waſſerdrucke, der fünfzig Mal ſtärker, als der der Atmoſphäre, findet man mikroſkopiſche Weſen, die man durch die Berührung einer Feder erdrücken kann.. Das organiſche Leben kennt keine Gränzen!„Selbſt Steine löſen ſich auf, verändern ihre Form, zerlegen ſich in ihre einzelne Beſtandtheile; Welten gehen wie König⸗ reiche zu Grunde.“ „Mein Gott! Sollte dies auch auf die moraliſche Welt ſich beziehen? unterliegen auch unſere heiligſten Gefühle 41 einem ſolchen Zerlegungsprozeſſe?“ rief Olga aus, von der Erzählung des Raſar Naſarowitſch angezogen und in Angſt, um ihr inneres Fühlen. „Ich weiß nicht.. doch die moraliſche und phy⸗ ſiſche Welt ſind ſo eng mit einander verbunden In dieſem Augenbliche richtete Naſar Naſarowitſch zufällig die Augen auf den Zerlumpten, der durch Huſten und Geberden ſeine Ungeduld an den Tag legte. „Ach, ich vergaß!... ich bin ganz von der Urſache meines Beſuches abgekommen dies iſt bei mir keine Seltenheit; ich bin ſo wenig an ernſte Dinge ge⸗ wöhnt.„ nannte er gewöhnlich weltliche Dinge, denen er eine große Wichtigkeit beilegte, weil er ſie gar nicht begriff „Wie erzähle ich Ihnen da alles in der Reihenfolge?“ ſetzte er hinzu.„Ja, da iſt Wanja Er wird Ihnen alles ſagen. Warte, Wanja, warte,“ unterbrach er den Zerlumpten, ſich wieder an die Damen wendend.„Ich muß ſie vorbereiten, damit Sie nicht erſchrecken; es iſt keine beſondere Gefahr dabei Natürlich läßt ſich nicht ſagen, daß gar keine Gefahr vorhanden, aber. wenn Sie berückſichtigen, daß wir über Sie wachen wer⸗ den, ſo haben Sie nichts zu fürchten nicht wahr, Wanja?“ „Wir wollen Sie wie unſern Augapfel bewachen.“ „Ja wohl, wie unſern Augapfel,“ fügte Naſar Na⸗ ſarowitſch hinzu, ohne recht zu wiſſen, was er ſagte. „Sie erſchrecken uns,“ ſagte die Mutter. „Fürchten Sie nichts! ich bitte, fürchten Sie nichts! Da haben wirs, jetzt wird ſie nicht ruhig ſchlafen. Wir hatten unrecht, Wanja, uns zu entſchließen, es ihnen zu erzählen.“ ſ verſetzte Wanja, ſeinen Körper un⸗ ruhig hin und her bewegend. „So ſpreche ſchnell!“ 42 „Die Gefahr betrifft Olga Petrowna, wenn nicht.. „Meine Olinſa? Iſts möglich! gerechter Gott!... Und die Mutter drückte die Tochter ans Herz, beim bloßen Gedanken, der ihr drohenden Gefahr, wie die ſchüch⸗ terne Taube ihre Täubchen mit ihren Flügeln vor dem Fluge des Habichts ſchützt. „Seien Sie ruhig, Mamma!... der gute Naſar Naſarvwitſch liebt uns ſo ſehr, daß er ſelbſt den Schat⸗ ten einer Gefahr für die Wirklichkeit nimmt.“— Und als fürchtete ſie, damit den alten Mann zu verletzen, wen⸗ dete ſie ſich an ihn mit ihrem ſanften Lächeln:„Guter, lieber Naſar Naſarowitſch! ℳ „Ja wohl!. vielleicht Olga Petrowna kann recht haben. und ich weiß es nicht, ob es nö⸗ thig iſt, daß Wanja erzähle „Laſſen Sie ihn nur alles ſagen.“ Der Zerlumpte wiederholte wie er vermochte, das den Leſern ſchon bekannte Geſpräch zwiſchen den Be⸗ wohnern des Kellergewölbes und ihrem ſonderbaren Gaſte; doch dieſes Geſpräch an und für ſich, und beſonders im Munde des Zerlumpten, der es weder ganz verſtehen noch behalten konnte, vermochte die Frauen nicht zu erſchrecken. Selbſt Naſar Naſarowitſch vergaß den ſchrecklichen Schluß der Geſchichte und wunderte ſich, daß ſie ihn zum erſten Male ſo ſehr beunruhigt hatte. „Aber wie konnten ſie erfahren, daß wir manchmal uns entſchließen, die Leiden einiger Unglücklichen zu mildern ſie unterſtützen... es ereignet ſich ja ſo ſelten... daß man mich eher tadeln ſollte Vielleicht war's guch ſo, nur Wanja hat's nicht recht verſtanden.„ Naſar Naſarowitſch, die Beſcheidenheit Olgas ganz würdigend, ſenkte beſchämt den Kopf und es war ſchwer, zu entſcheiden, wer von ihnen mehr aus der Faſſung ge⸗ kommen. „Was iſt da Wunderbares, meine Theuere, wenn ein 43 guter Menſch, der den Dürftigen beiſteht, zufällig auf einen armen Teufel geſtoßen iſt, den Du irgend ein Mal unter⸗ ſtützt haſt und dieſer ihm das Geheimniß Deiner Mildthätigkeit entdeckte.“ „Ein guter Menſch? ein guter Menſch?“ rief der Zerlumpte zornig aus.„Höret nur, den Schluß Da iſt eben der Hacken... Da werdet Ihr den guten Menſchen kennen lernen!.. Der Zerlumpte erhitzte ſich immer mehr und mehr und erzählte haſtig, wie ſein Vater dieſen ſonderbaren Unbekannten verfluchte und wie der Alte ſeine Leidens⸗ laufbahn beendet hatte. Es iſt ſchwer, den Schreck der Zuhörer zu beſchrei⸗ ben, für die Scenen, wie die vom Zerlumpten beſchriebenen, als übernatürlich, als Erzeugniſſe der Hölle, aber nicht der Menſchen erſchienen, und in deren Augen ſelbſt der Zerlumpte nur eine phantaſtiſche Geſtalt erhielt. Der Lumpenſammler war mit ſeiner Erzählung zu ſehr beſchäftigt, um den Eindruck, den er hervorgebracht, zu bemerken. Er hielt daher nicht ein, und niemand wagte es, ihn zu unterbrechrn. „Mein Vater pflegte ſelbſt, als er noch geſund war, nicht beſonders redſelig zu ſein,“ fuhr er fort:„um ſo weniger, als er ſchon halbtodt war! er erhob ſich eigens vom Lager, um dieſen hlonden Dämon zu verflu⸗ chen.„Was iſt er nun für ein guter Menſch? ein Räuber!. ein Mörder iſt er! er hat den Vater zu Grunde gerichtet und ſeine ganze Familie. daß er unſtät und flüchtig auf Erden ſei.„„ der Wü⸗ therich!„ Die vier Perſonen bildeten eine ſonderbare Gruppe. Olga drückte die Hände ihrer Mutter ans Herz, als wollte ſie damit zeigen, daß niemand ſie von dieſem Herzen zu reißen im Stande ſei: ſie ſuchte ruhig zu ſcheinen und die leiſeſte Aeußerung der Angſt zu verbergen, obgleich ſie 44 ſich unwillkührlich auf ihrem klaren Geſichtchen ab⸗ drückte. „Als ob es ſolche Leute auf Erden geben könnte? oh! es kann nicht ſein,“ flüſterte ſie zu ihrer Mut⸗ ter und ihrer eigenen Beruhigung. 2 Die Verzweiflung war auf dem Geſichte der Alten deutlich zu leſen; die nach aufwärts gerichteten, in Thrä⸗ nen ſchwimmenden Augen, die halb geöffneten blaſſen Lip⸗ pen ſchienen den Himmel um Hilfe anzuflehen: und an wen anders ſollte ſie ſich mit der Bitte um Schutz wen⸗ den?— An wen? An den guten Alten? er kannte noch weniger als ſie die Welt mit ihrer Argliſt und ihren Ränken, war weniger noch als ſie fähig, mit ihnen in den Kampf zu gehen, aber ſein Gemüth über⸗ wallte von edler Aufopferung, bereit, mit dem Leben ein⸗ zuſtehen, und zu Grunde zu gehen für dieſe unglücklichen Schutzloſen, die außer Gott auf Erden niemand beſaßen. Und was war für ſie die Welt, für ſie, die ihr völlig fremd geworden, indem ſie ſich nur dem Gebete und gu⸗ ten Werken geweiht hatten? Sollte dieſe Welt ſie benei⸗ den, ihr friedliches Leben beneiden, ſie, die jeden Tag in Saus und Braus verbringt und faſt in ihren Grundpfei⸗ lern wankt von den ſie erſchütternden Leidenſchaften, vom ſie niederdrückenden Schmerze, von bittern Sorgen oder wildem, unnatürlichem Jubel.“ Die Mutter ſtreckte ſchweigend dem Alten die Hand hin; dieſer küßte ſie ſchüchtern, erkenntlich für dieſes un⸗ bedingte Vertrauen. „Fürchtet nichts, gnädige Frau, wir ſtehen für ſie! ich entferne mich nicht aus dem Hauſe, außer um etwas Näheres zu erfahren,“ ſagte der Zerlumpte, in die⸗ ſer andächtigen Stille ſeine Stimme erhebend. Die Alte erinnerte ſich nun, daß ſie noch einen Be⸗ ſchützer auf Erden habe und wendete ſich dankend an den Zerlumpten, indem ſie den auf die Bruſt geſenkten Kopf in die Höhe hob„ als plößlich ihr Bück auf einem * 45 fremden Geſichte haften blieb„ das niemand bis jetzt be⸗ merkt hatte, weil jedes mit dem Gegenſtande des Ge⸗ ſpräches zu ſehr beſchäftigt geweſen. Die Alte ſchrie vor Schrecken auf, ſprang in die Höhe und ſtellte ſich vor ihre Tochter. Es ſchien ihr, daß ſchon Gefahr eingetreten, und ſie war bereit, ihr Kind mit der Wuth einer Löwin zu vertheidigen, der man ihre Jungen raubt. Die Unge⸗ wißheit dauerte einige Minuten. Der Unbekannte löste ſie. Unbeweglich, kalt, gleichgültig, in ruhiger Haltung auf der Thürſchwelle ſtehend, ſagte er mit einem kaum bemerkbaren Kopfnicken: „Ich habe Sie erſchreckt?.. entſchuldigen Sie.“ „Das iſt nicht der bekannte Boͤſewicht, ſagte der Zerlumpte, einen düſtern Blick auf ihn werfend. Doch auch dieſen halte ich für nicht beſſer, murmelte er zwiſchen den Zähnen. „Was iſt Ihnen gefällig?“ fragte Naſar Naſaro⸗ witſch mit feſter Stimme. i Ich brauche Naſar Naſarowitſch Piroſchkow zu prechen.“ „Ich bin zu Ihren Dienſten. Was befehlen Sie 2“ „Der Gegenſtand erfordert eine etwas weitläufige Erklärung, den Damen könnte es langweilig ſcheinen, ſagte der Unbekannte, ſorglos einen zufällig in die Hand gefallenen Strohhalm nagend. „So wollen Sie ſich gefällig in mein Kabinet be⸗ mühen; Wanja, führe den Herrn hinauf. Ich bin gleich bei Ihnen.“ Der Unbekannte bemerkte in der That nicht oder ſchien die Verwirrung nicht zu bemerken, die er durch ſein höf⸗ liches Erſcheinen hervorgebracht hatte. Er ſchenkte ſelbſt dem jungen Mädchen keine Aufmerkſamkeit, während dieſe, ſich vom erſten Schrecken erholend, mit beſonderm Er⸗ ſtaunen die ſtolze, gewölbte Stirne, das ſtolze Geſicht, das ſorgloſe Verwegenheit ausvrückte, die glanzvollen Augen und die zerſtreuten, in Unordnung herabwallenden Petersburg am Tage ꝛc. 1. 4 46 ſchwarzen Locken betrachtete. Man konnte ihn keine Schön⸗ heit nennen, durchaus nicht; doch war ſein Geſicht voller Ausdruck und von anziehender Gewalt; ſeine, einzeln be⸗ trachtet ganz unregelmäßigen Züge harmonirten im En⸗ ſemble vollkommen mit einander und trugen den Stempel der Kühnheit; ſeine durchaus nicht geckenhaften Kleider waren wie angegoſſen und hatten den Anſtrich äſthetiſcher Einfachheit; ja ſelbſt die Unaufmerkſamkeit des Unbekann⸗ ten auf ſeine ganze Umgebung zeigte weder Trotz noch Frechheit, ſondern eher eine gewiſſe Unbekümmertheit, die bei ſichtbarer Charakterſtärke ein feſtes Selbſtvertrauen beurkundete und ihm ſehr gut anſtand. „Ein ſonderbarer Beſuch,“ ſprach der Alte, als er mit den Damen allein blieb;„er hat übrigens nichts Un⸗ heilbringendes, außer dem etwa, daß ich meine liebe Schülerin verlaſſen muß,“ fügte er hinzu, ſie ſanft an⸗ blickend und ſich ſelbſt über ſeine Schmeichelei wundernd. Doch dieſes Mal hatte Naſar Naſarowitſch das ge⸗ wöhnliche Lächeln auf ihren Lippen nicht hervorgerufen. Das Stillſchweigen dem noch dauernden Schrecken zu⸗ ſchreibend, ſetzte er hinzu: „Fürchten Sie nichts! fürchten Sie nichts! ich hoffe, ich habe eine Dummheit begangen das heißt, alle unſere Befürchtungen ſind grundlos. „Gebe Gott, ſprach die Alte mit einem tiefen Seuf⸗ zer, mit den Händen ihren heißen Kopf drückend. „Thut er weh? erlauben Sie mir den Puls.. frequent!„ ich will Ihnen Tropfen ſchicken.“ Olga ſchwieg immer. „Und Ihnen, meine Schülerin, ſchicke ich die Be⸗ ſchreibung der Gemüthsart und des Lebens der Thiere; ein herrliches Werk, arm an trockenen, verworrenen No⸗ menklaturen, die uns Alten ſelbſt überdrüſſig ſind; es wird Sie nicht langweilen. Ach, wie ich nun einmal bin,“ rief er ſcherzend aus, als ob er ſich an etwas er⸗ innerte.— Der gute Alte! Er wendete alles an, die Da⸗ 47 men in eine beſſere Stimmung zu verſetzen.—„Ich habe ganz vergeſſen, daß heute ein Feiertag Iſt's nicht ſo fragte er, um ein Geſpräch anzuknüpfen. „Was gebe ich mir nun für vergebene Mühe? Heute kömmt alſo unſer würdige junge Mann, unſer gelehrte Studioſus der Medizin an, unſer gute Jwan Andrejewitſch Newſgodin. „Gott mit ihm! er iſt ſo ſchüchtern, ſo lang⸗ erwiederte Olga, die Thränen zurückhaltend. Mamma! Sie ſind heute ſo unwohl„ a ich bedaure, heute unſern jungen Freund nicht empfangen zu können.“ „Gute, liebe Mutter! Naſar Naſarowitſch, ſchicken Sie mir die Lebensbeſchreibung der Thiere„ Naſar Naſarowitſch empfahl ſich. Olga warf ſich an die Bruſt der Mutter und fing laut zu weinen an. Worüber? Das wußte ſie ſelbſt nicht; und wir eben ſo wenig. Die Arme! ſie fühlte bloß, daß ihr ſo ſchwer, ſo ſchwer ums Herz ſei. ——— Sechstes Kapitel. Berzensunruhen. Hatte die alte Benski die Qual ihrer Tochter erra⸗ then? hatte ſie mit dem zarten, alles durchdringenden Muttergefühle, mit ihrem für unbedingte und unbegränzte Liebe geſchaffenen Herzen inſtinktartig die noch unbekannte Quelle des Schmerzes ihrer Tochter begriffen 2 Jedenfalls litt ſie doppelt: für ſich und ihre geliebte Tochter und mußte ihre Pein in's Herz verſchließen, ſich vergeblich bemühend, Olga's Thränen mit der heftigen Aufregung, mit der Erſchütterung der Gefühle, denen das arme Mäd⸗ chen an dieſem Tage ausgeſetzt geweſen, zu entſchuldigen. „Ja wohl, ja!“ ſprach die Tochter, die Thränen zu⸗ rückhaltend:„Wanja's Erzählung hat mich ſehr angegriffen.“ Und ſie ſuchten ſich gegenſeitig zu beruhigen, keine Ruhe in ſich ſelbſt findend. Olga brachte die leidende Mutter ſorgſam zu Bette, und legte ſich ihr zu Haupten. Die Mutter ſchloß die Augen, als ob ſie ſchliefe, und Hlga, aus Furcht, ſie zu erwecken, ging auf ihr Zimmer. Ihre Angen waren ſchon trocken, aber brannten noch von den ätzenden Thränen. Sie drückte die Bruſt zuſammen, um dem häufigen Herzklopfen Einhalt zu thun, Ihr Herz ſchien ihr aus dem Buſen ſpringen zu wollen; 4 49 das Blut war in Wallung, die Wangen wurden bald purpurroth, bald leichenblaß, und wie ſchön war dieſes immer ſanfte, beſcheidene Geſicht, das nun zum erſten Male von unbekannten Leidenſchaßten entflammt wurde. Und dieſe unbekannten Leidenſchaften waren natürlich von den ſonderbaren Ereigniſſen des Tages, wie von ihren achtzehn Frühlingen zur Reife gebracht. Vor Olgas Phantaſie ſchwebte die Geſtalt von des Zerlumpten Vater, drohend, mit dem Ausdrucke des Todes auf den bebenden Lippen, deren letzter Hauch nicht Gebet, nicht Verſoͤhnung mit der Welt, ſondern Fluch ge⸗ weſen: und der, auf den er ihn entladen, der ihn im Herzen und auf der Stirne trägt, den nach ihren Begrif⸗ fen in Ewigkeit nicht zu verwiſchenden Fluch, der iſt vielleicht ganz unſchuldig. Sie dachte an den Zer⸗ lumpten, deſſen evle Aufwallungen oft die rauhe Hülle durchdrangen und ſonderbar abſtachen gegen ſeinen Stand und ſein Aeußeres. Endlich tauchte vor ihr das Geſicht des Unbekannten auf: ſie hatte ihn kaum geſehen, konnte ſich ſeine Züge nicht ins Gedächtniß zurückrufen, aber um ſo phantaſtiſcher ſtellte ſich ihr ſein Geſicht dar: die Ein⸗ bildung malte helle Umriſſe auf einen an Licht und Schat⸗ ten reichen Grunde. Vergebens ſuchte ſie die auf ſie ein⸗ dringenden Gedanken fern zu halten, vergebens ſuchte ſie in ihrem Innern Ruhe und Frieden: und um ſie war alles ſo ruhig, ladete das Gemüth zur ſtillen Beſchauung ein, die Olga nun eingebüßt, nachdem ſie irdiſche Ge⸗ fühle in ihre Feſſeln geſchlagen hatten! Ihr Zimmer athmete jungfräuliche Reinheit; am Heiligenbilde brannte eine Lampe, auf dem Tiſche ſtanden zwei Porträte, ihrem Herzen theuer: ein weibliches, mit einem beſcheidenen Lächeln, mit dem Ausdrucke der Sanft⸗ muth im Geſichte, in einer großen Haube, eine Roſe an der Bruſt; ein männliches Porträt mit einem ſtolzen Blicke, einem entblößten Degen in der Fauſt, zu Pferde, in voller Uniform aus dem Zeitalter Pauls; er ſchien 50 bereit zu ſein, ſich in den Kampf zu ſtürzen, um eine ſchwere Beleidigung blutig zu rächen. Man brauchte nur einen Blick auf Olga zu werfen, in deren Geſicht beide Bilder in einander parſchmolzen, um zu ſagen, wen ſie vorſtellten. Der ſo ſchrecklich in den Kampf eilt, iſt längſt von einer verhängnißvollen Kugel getroffen und ſchläft den Todesſchlaf weit, weit von ihr; ſie, deren Geſicht ſo ruhig, ſo ſtill, liegt jetzt auf dem Schmerzenslager mit Gram und Verzweiflung kämpfend. Neben den Bildern — eine aufgeſchlagene Bibel; etwas weiter einige Bü⸗ cher in einem Wandſchranke, ein Stickrahmen, das Bett hinter einer Gardine, das Bett, in welchem das reine, unſchuldige Gemüth ſuße Träume umgaukelten. An den Fenſtern— einfache weiße Vorhänge; auf einem Fenſter — zwei Töpfe mit blühenden Roſen, auf die das Auge des reinen Kindes ſo oft, mit ſolcher Liebe geruht und ſich mit ihnen unterhalten hatte; jetzt ſind ſie ſtumm, ſie erinnern ſie an nichts. Olgas Blck gleitete über ſie hinweg, und fiel im Leeren herumirrend auf das Buch, das ihr Naſar Naſarowitſch geſchickt; und blieb dann auf den Fenſter, auf dem hellen Grün des Gartens haften. Dort war es eben ſo ſiill und friedlich wie im Zimmer: der Straßenlärm war nur dumpf zu hören, wie das Ge⸗ räuſch eines Waſſerfalls; das Dickicht der Zweige ſtand unbeweglich; aus der dichten Maſſe erhob ſich hie und da der Nachwuchs einer jungen Birke, oder eine ſchlanke, pyramidaliſche Tanne zeichnete ſich am Horizonte ab, der an dieſem Tage leidlich war, was übrigens in Peters⸗ burg ſelten der Fall iſt; die Luft wehete leiſe und ſchwül; die Lerche wirbelte in der Höhe oder blieb unbeweglich, hängend im klaren Elemente, als bade ſie in ihren flie⸗ genden Wogen und ſang ſo luſtig„ Doch Olga langweilte dieſer Geſang: er ſprach ihr Gemüth nicht mehr an. Da kam am Garten der junge Studioſus vor⸗ bei, wie ihn Naſar Naſarowitſch nannte: er ging zu den Benskis: ſein Geſicht lächelte; es war rein, anſtändig, — 51 weder häßlich noch ſchön; die Stirne glänzend, eben, ohne irgend eine Wölbung oder einen Bug, ſo daß eine Fliege ohne zu ſtolpern auf ihr herumſpazieren konnte; aus dem Hute hervor waren die hellblonden Haare zu ſehen, die ſorgfältig auf den Schläfen geglättet waren; die Farbe der Augen war ſchwer zu beſtimmen: ſie ver⸗ ſchwammen mit den Brillengläſern und reflektirten blos zwei helle, zitternde Punkte; die eine Hand lag auf dem Rücken, die andere hielt ſich mit einem Finger an den letzten Uniformknopf. Er ging mit kleinen, aber raſchen Schritten und bewegte die Lippen: vielleicht wiederholte er die Anrede, die er zu halten gedachte; er ſchien über⸗ haupt mit ſich zufrieden zu ſein. Doch da kehrt er ſchon zurück; er erfuhr an der Thüre, daß die Hausfrau un⸗ wohl ſei und wie konnte nun des Fräulein einen jungen Menſchen empfangen! Jetzt geht er langſam, mit ge⸗ ſenktem Haupte, mit einem traurigen Geſicht. Slga hatte all dies bemerkt und bedauerte ihn nicht und ſie war doch ſo gut! Faſt auf ihn folgte der Unbekannte, der ſeine lange Unterredung mit Piroſchkow beendet hatte, nahe am Fen⸗ ſter vorbeikommend, wendete er den Kopf dorthin, viel⸗ leicht um das Grün des Gärtchens anzuſehen, das ſich zwiſchen ihm und dem Fenſter befand. Olga bemerkte dieſe Bewegung, ſah das Geſicht, in dem wie früher ent⸗ weder unbedingte Sorgloſigkeit, oder völlige moraliſche Erſchoͤpfung ſich abſpiegelte: während dieſer Feuerblick ſo viel vom Leben erzählte, von dem er, wie es ſchien, ſich nichts erbat, ſondern alles ſtolz, gebieteriſch forderte. Das Mädchen ſchauderte unwillkührlich zuſammen und verließ das Fenſter. Sie befand ſich in einem fieberhaften Zuſtande; ihr Kopf brannte, die Arme hielt's nicht länger aus. Sie ſetzte ſich an den Tiſch und legte ihren Kopf auf den alt⸗ modiſchen ledernen Einband der Bibel. Suchte ſie Küh⸗ lung für ihre heiße Stirne oder heilige Inſpiration beim 52 Buch der Bücher; weinte oder betete ſie„man konnte es nicht ſehen. Sollte ſie wirklich ſchon lieben? o nein! Fraget ſie ſelbſt, und ſie wird euch aus der Tiefe des Herzens, ihres reinen, jungfräulichen Herzens— nein ſagen! Was iſt dies alſo für ein dunkler, unbewußter, aufregender, zerknirſchender Zuſtand? Iſt's wirklich keine Liebe, ſo doch wenigſtens das erwachte Bedürfniß, zu lie⸗ ben, ein Gefühl, das uns mit dem Leben zugleich einge⸗ haucht wurde, das ſich bei dem warmen Einfluſſe der Welt nach und nach entwickelt, gleich einem Blümchen, das bei Einigen im Keime von Unkraut erſtickt wird oder von der Hitze oder dem Unwetter zu Grunde geht, bei Andern, lange verborgen, in der Entwicklung gehemmt wird, bis ein einziger wohlthuender Strahl es zur Reife bringt, ſo daß es üppig aufſchießt und das menſchliche Gemüth ſein ganzes Weſen beherrſcht. Dieſe moraliſche Erſcheinung— iſt daſſelbe, was in der phyſiſchen Welt Meteore, fallende Sterne, Feuerkugeln. Was ſind ſie? woher kommen ſie? aus welchen unbekannten Gegenden und Elementen? Aus den über den Wolken liegenden Räumen, die ſich außerhalb der Atmoſphäre unſerer Planeten befinden, aus aufwallenden Mondvulkanen? Sind's nicht umgewandelte Theilchen der Erde ſelbſt, die wieder zu ihr zurückkehren, oder Trümmer zuſammenfallen⸗ der Welten— da ſieht die Gelehrſamkeit ſtill oder verliert ſich in Hypotheſen! Olga hob den Kopf in die Hoͤhe, drückte erſchöpft die Hände an den hochſchlagenden Buſen und ſeufzte end⸗ lich tief, tief auf, als wollte ſie den böſen Zauber löſen. Ihre von Thränen feuchten Augen irrten traurig im Zim⸗ n umher, und blieben plötzlich auf einen Gegenſtande aften. „Wanja!„was willſt Du hier?“ „Ich„ſo weinen Sie nicht, gnädiges Fräulein 4 * 53 „Du bedauerſt mich?“ Ger ſehr „Es iſt nichts, Wanja. Ich habe Kopfſchmerzen . Hier thuts weh.“ „Unter dem Herzen? Trinken Sie geweihtes Waſſer: Fedoſius ſagt— das hilft. Wartet nur, Ihr Boͤſewichte, wenn ich Euch nur kriege!“ fügte der Zer⸗ lumpte hinzu, mit der Fauſt eine Welt bedrohend, wenn ſie es wagte, ſeine Retterin zu kränken. Olga warf einen kummervollen Blick auf ihren Be⸗ ſchützer. „Gnädiges Fräulein,“ ſagte der Zerlumpte,„mir blieb eine Erbſchaft vom Vater, hier iſt ſie Und er übergab Olga ein verſiegeltes Paket, das er im Kellergewölbe neben dem Leichnam ſeines Väters ge⸗ funden. „Sehen Sie, was darin iſt. Vielleicht iſt es etwas Unreines: hier iſt etwas hartes anzufühlen! Soll ich es nicht in den Ofen werfen?“ „Was fällt Dir ein, Wanja? Das einzige Andenken, das Dir Dein Vater zurückgelaſſen, es muß Dir heilig ſein. Bewahre es auf, Wanjaz vielleicht ſind es ſeine heiligſten Gedanken, feine innerſten Gefühle, vielleicht Briefe Deiner Mutter, und wer weiß, vielleicht iſt hier etwas verborgen, woraus Du etwas Näheres über Deine Herkunft erfährſt?“ „Vielleicht, ſagte der Zerlumpte gedankenlos. Wie kann man's alſo erfahren?“ „Man muß die Papiere durchſehen, leſen.“ „Kann man das?“ „Ja wohl; nur wage ich es nicht, das hier aufbe⸗ wahrte, für die, welche es berührt, gewiß heilige Ge⸗ heimniß zu enthüllen. Ich glaube, auch die Mutter wird ſich dazu nicht entſchließen.“ „Was iſt alſo hier zu thun?“ 54 „Du allein mußt dieſe Papiere leſen; ſie gehoren eigentlich nur Dir allein.“ „Ich verſtehe aber nichts in den Büchern.“ „Lerne leſen.“ Der Zerlumpte rieb ſich verlegen den Nacken. „Kann man das?“ „Warum denn nicht!“ „Wird man davon nicht närriſch?“ „Was fällt Dir ein!„. Sind wir denn alle verrückt? wir leſen ja alle.“ „Sie, wer ſagt das! Gott behüte, verrückt! Aber der Herr da oben bei dem iſt's nicht ganz richtig„ „Höre auf, Wanja! Deine Befürchtungen ſind kin⸗ diſch. Lerne nur ernſtlich: es wird Dir mit der Zeit nützen; wir werden Dir alle behilflich ſein.„ „Wenn Sie es haben wollen, warum denn nicht?.. ich will's verſuchen„ Er konnte nicht ausreden und lief raſch an's Fenſter, als ob er dort Jemanden erblickt hätte. Bevor Olga noch ſeine Bewegung bemerken konnte, war er ſchon im Gar⸗ ten, ſprang über den Zaun, riß einen Knittel aus dem⸗ ſelben und lief eiligs davon. Siebentes Kapitel. Vns Wolfsfeld. Der Garten des grauen Häuschens gränzte an die Landſtraße, die ſich zwiſchen einer Reihe größtentheils hölzerner oder einſtöckiger ſteinerner Häuschen, Gemüſe⸗ und Obſtgärten auf der einen, und der Ligowka auf der andern Seite hinzog. Auf der Straße lagen Kieſel und Schutt, die für's Pflaſter galten: an manchen Stellen fehlte auch dieſes. Eine wirkliche Brücke über den Li⸗ gowkakanal war eigentlich nicht vorhanden, nur dienten zum Hinübergehen Bretter und⸗ Balgen, welche die Einen der nächſten Bewohner zum allgemeinen Nutzen hingelegt und Andere zum eigenen Nutzen ſtahlen. Jenſeits des Kanals lag ein freier, moraſtiger Grund, Allen unter dem Namen des Wolfsfeldes(Wölkowo Pölja) bekannt, derjenige Theil nämlich, der noch Beſitzthum der Leben⸗ digen war. Die Todten ſchlafen etwas entfernter, hinter der Straße, unter dem Schutze einer Kirche. Die vom andern Theile des Wolfsfeldes Nutzen ziehenden Lebenden bekümmern ſich nicht im geringſten um die Ruhe ihrer friedlichen Nachbaren. Hier ſehen Sie ein gelbes Häuschen, etwas weiter eine Batterie, einige Kanonen, manche kupferne mit guß⸗ eiſernen Kanälen, manche gußeiſerne mit ganz eigenthüm⸗ lichen Zündlöchern, mit ſcharfſinnigen Laffetten, mit einem Worte, keine gewohnliche Batterie; auch ſehen Sie in — 56 der Ferne einige Stangen, welche die Beobachtungslinie oder etwas Aehnliches anzeigen. Das Wolfsfeld iſt leer, todt, als ſei es ſchon in die Gewalt ſeiner Nachbaren ge⸗ fallen, denen es früher oder ſpäter nicht entgehen kann. Nur wenn vor das gelbe Häuschen eine Kaleſche oder eine Droſchke anfährt, und ſich in der Nähe der Batterie* ein Offizier in Uniform, mit einem ſchwarzen Sammt⸗ kragen und einem rothen oder blauen Streifen zeigt, ſo⸗ gleich kommen Leute an den Pulverkaſten in der Nähe der Kanonen zum Vorſcheine. Mit einem Male erſchallt's: die erſte Linie— Feuer, auf der Batterie erhebt ſich ein Rauch und das Feld wiederhallt von der Salve, vom Fortrollen der Schüſſe. Die lebenden und todten Nachbaren ſind ſchon an dieſen plötzlichen Lärm und Wirr⸗ warr gewoͤhnt. Wir ſagten ſchon, daß der für das graue Häuschen an Unruhen ſo reiche Tage ein Feiertag war, und an einem ſolchen Tage ruht das Wolfsfeld aus. Der Unbekannte, der den gelehrten Einſiedler wegen eines ganz einfachen und ſpeziellen Falles beſucht hatte, hinterließ, wie wir geſehen haben, im grauen Häuschen den ſonderbarſten Eindruck. Nachdem er das Häuschen verlaſſen hatte, überſchritt er die wankende, improviſirte Brücke über den Kanal und ging auf's Wolfsfeld zu. Aus den unſichern Schritten, aus dem zerſtreuten Geſichte des Unbekannten konnte man leicht entnehmen, daß er keinen eigentlichen Grund für ſeinen Gang habe. Sich einmal in dieſem entfernten Stadttheile befindend, erinnerte er ſich an die Erfindung des engliſchen Profeſſors Witſtone und des ruſ⸗ ſiſchen Offiziers Konſtantinow mit Beihilfe des franzöſ⸗ ſchen Uhrmachers und Mechanikers Breguet, an den Ap⸗ parat zur Zeitbeſtimmung des Kugellaufes: er kannte ihn nur aus ausländiſchen Berichten. Dieſe mathematiſche Berechnung, die dafür aufgelegte Geiſter ſo ſehr anzieht, mußte für ihn Intereſſe haben, und er wollte ſich von der Richtigkeit derſelben durch die That überzeugen, und wenn 57 er auch keinem Verſuche beiwohnen konnte, wenigſtens das Inſtrument ſelbſt, dieſes Wunder der Mechanik, in Augen⸗ ſchein nehmen. Der Unbekannte ſtieg von Hügel zu Hü⸗ gel, um das Thürmchen zu erreichen, das für dieſe Ver⸗ ſuche eigens errichtet worden. Voll von den Gedanken, die der helle, kühne Geiſt, die neue glänzende Theorie und der originelle Charakter Piroſchkows in ihm erweckte, verlor ſich der Unbekannte in Zweifel, auf welche Weiſe ſolche Leute der allgemeinen Aufmerkſamkeit entgehen, in der Welt durchaus unbemerkt bleiben, und warum bei uns in Rußland, beſonders im Publikum, eine ſolche Gleichgültigkeit für neue vaterlän⸗ diſche Erfindungen vorhanden ſei. Wir ſind noch jung, das iſt wohl wahr; aber unſer friſcher Verſtand, unſere jugendliche Wißbegier und energiſche Thatkraft, die uns vor andern Völkern beſonvers eigen ſind, geben den Ruſſen keine Ruhe. Während dem bleiben Namen, auf die viel gebildetere Nationen ſtolz geweſen wären, faſt unbemerkt;z und wie viele herrliche, geniale Erfindungen blieben nutz⸗ los aus Mangel an Theilnahme, ohne Mitwirkung des beſſern Theiles unſeres Volkes! Mangel an Kredit herrſcht nicht nur in der merkan⸗ tilen Welt, ſondern auch in der Sphäre unſeres Wiſſens. Die erſte Frage, die im Publikum bei jeder neuen Entdeckung auftaucht, iſt es keine Charlatanerie? Als wollte oder könnte es nicht die Mühe über ſich nehmen, der Sache auf den Grund zu ſehen; und erſt wenn die Regie⸗ rung, immer bereit, das Nützliche zu unterſtützen, die neue Erfindung ankündigt, fängt das Publikum an, ihr Aufmerkſamkeit zu ſchenken, und auch da mit Mißtrauen in den Erfinder, mit geringem Glauben an ſich ſelbſt. Natürlich gibt es bei uns Leute, die auf die Leichtgläubig⸗ keit Anderer ſpekuliren, und die theilweiſe den geſellſchaft⸗ lichen Kredit untergraben. Doch vielleicht ſind ihrer we⸗ niger bei uns, als bei den andern Völkern, wo man trotz dem allen Arten der Erfindungen Glauben ſchenkt; ſie 58 zu benützen ſucht, wo hei aller Achtung vor dem Anden⸗ ken der Vorfahren man ſich nicht mit dem begnügt, was ſie auf den Altar des Wiſſens niedergelegt und ſelbſt er⸗ denkt und verarbeitet. Wir werden in der Folge ſehen, welch' einen eigenthümlichen Eindruck im Publikum eine Entdeckung hervorbrachte, die unzählige Folgen gehabt, ſo viele Leute in Kröſuſſe verwandelt und uns eine unerſchöpf⸗ liche Quelle des Reichthums erſchloſſen hat. Der junge Mann blickte um ſich, einen Wächter oder ſonſt Jemanden ſuchend, der ihm als Führer zum Thürm⸗ chen dienen könnte. Er bemerkte bald in der Ferne einen Hund, der ſich um einen Ort herumdrehte, und daraus ſchließend, daß ſich dort Leute befinden, begab er ſich zu ihnen. Er hatte ſich nicht geirrt. Hinter dem Gebüſche eines dichten Birkenwaldes ſtanden zwei Men⸗ ſchen und beſprachen ſich ziemlich laut, in der vollen Ueber⸗ zeugung, daß rundum keine lebendige Seele. Die erſten, das Ohr des Unbekannten erreichenden Worte frappirten ihn ſo ſehr, daß er unwillkührlich ſtehen blieb. „Höre, Oßka, ſprach ein etwa vierzehnjähriger Junge in einer bunten Jacke, wie ſie gewöhnlich Handwerks⸗ lehrlinge tragen; mache mir nur kein& für ein U vor!“ „Was legſt du mir das Meſſer an den Hals?“ ant⸗ wortete ein Mann in den Mitteljahren, hoch, hager, mit wenigen Haaren auf dem Kopfe; die ſchwarzen Augen ſtanden unbeweglich im Weißen derſelben, das mit rothen Streifen durchzogen war; blaue Ringe ſchloſſen nach un⸗ ten die Augen; das Geſicht war ſo zerſchlagen und zer⸗ knittert, daß es einem ſchmutzigen, zerlöcherten Fetzen glich, mit dem ein Kind aus Muthwillen ihrer Puppe den Kopf umwickelt; ſeine Kleidung beſtand aus einer kurzen Jacke, auf einem Aermel angezogen, und von der andern Schul⸗ ter nachläßig herunterhängend, mit einem in die Höhe ſte⸗ henden Kragen, wie dies gewöhnlich bei den großruſſiſchen Bauern der Fall iſt. „Was legſt Du mir das Meſſer an den Hals? Ich 59 muß es unternommen haben. Habe ich es denn gewünſcht? Sie wälzten mir die verdammte Arbeit auf. Dem Teu⸗ fel hätte man ſie übergeben ſollen, und nicht mir! Heute werde ich nicht arbeiten, ich habe es ein Mal geſagt: heute iſt Feiertag, und ich bin kein Hund; ich weiß den Feiertag in Ehren zu halten; heute iſt das Feſt des hei⸗ ligen Prochor— iſt das ein Scherz? Und am zweiten Tage muß man den Rauſch vertrinken, das iſt bekannt. Uebermorgen werden wir ſehen, was zu thun iſt.“ „Und das Darangeld?“ „Was für ein Darangeld! Ich habe es zurückgegeben, und damit Baſta.“ „Höre auf, gibſt Du was wieder?“ bemerkte der ſchlaue Knabe. „Bei Gott! ich hätte es zurückgegeben, wenn ich's nicht bei Glaſow in der Schenke gelaſſen hätte.“ „Das eben iſt's! Gieh acht, Oßka; dieſe Arbeit iſt ja für jenen Herrn.„ Du weißt ſchon! er ſcherzt nicht gern.“ „Was geht mich jener Herr an. Ich bin mein eigener Herr. Höre, Fedul: Du verfluchter Teufel, haſt immer Geld. Leihe mir auf einen Schnapps.“ „Wie ſoll ich zu Geld gekommen ſein!“ „Sei nur nicht ſo eigenfinnig! ich gebe Dir's ja wieder Du Kobold„bei Gott! ich zahle Dir's! Mein lieber Junge, ich habe ja nur ein Daran⸗ geld genommen, aber nicht den eigentlichen Lohn.“ „Welchen Lohn; wenn Du die Arbeit nicht unter⸗ nimmſt!“ „Nun, ſchon gut! ärgere Dich nur nicht. übermorgen nun ſo ſei's, übermorgen. Nicht nur ein Weib, meinetwegen auch ein Kind bringt zu mir, ich verrathe Euch nicht, ich werde kein Mitleid haben, und wenn es auch noch ſo kläglich weinte!“ Und dieſer Mann„der dem Aeußern nach ein Vier⸗ 60 ziger ſchien, obgleich er noch keine dreißig Jahre hatte, demüthigte ſich vor dem Knaben. „Gieb acht, Oßka! genug des Scherzes. Die Sache iſt wichtig und viel Ehre zu erwerben. Da haſt Du Geld: heute betrinke Dich, morgen trinke um den Rauſch zu vertreiben, und übermorgen liege mir ſo ruhig wie ein Todtes, und ſtöhne wie weiland Mutter Akulina, als man der Here am Feierabend eine Rippe brach„ daß ja kein Branntweingeruch zu ſpüren ſei!.. und fluche und ſchwöre nicht. Jetzt erzähle, wo wohnt ſie? Man muß zuerſt Alles genau in Angenſchein nehmen, um zu wiſſen, welche Seite am zugänglichſten; von Dir iſt her⸗ nach kein geſcheidtes Wort herauszubringen, ſo lange Du noch einen Groſchen in der Taſche haſt. Oßka brummte einen Fluch zwiſchen den Zähnen. Es juckten ihm ordentlich die Hände, um dieſen Hund von ſchmutzigen Jungen niederzuwerfen, der trotz ſeiner Jugend ſichtbar über ihn die Oberhand gewonnen hatte; doch er erinnerte ſich, daß dieſe Abhängigkeit mit dieſem Tage noch nicht ihr Ende erreiche. „Gehe da grade über den Kanal, dort wende Dich links, ſo ſiehſt Du rechts einen Garten: geh vorbeiz wei⸗ ter unten iſt ein Pförtchen, klopfe nicht daran: es iſt im⸗ mer verſchloſſen; ſpäter iſt ein gleichfalls verſchloſſenes Thor; nach dem Thore kömmt wieder ein Pförtchen: öffne und gehe kühn auf das graue Häuschen zu am Ende des Hofes. Lebe wohl.“ Oßka wußte, daß er Geld in der Taſche habe und konnte nicht ruhig ſein, bis er's nicht in die Schenke ge⸗ tragen. ⸗ „Halt!„Iſt nur eine Stiege? nur ein Eingang? Grade in die bewohnten Zim⸗ F „Ein Eingang, einer! doch nein, zwei: der erſte grade zu den Weibern: dorthin geh. Lamentire nur 61 ſchrecklich vor dem Fräulein, heule wie ein Wolf: ſie er⸗ barmt ſich Deiner; ich weiß es, ſie erbarmt ſich. „Wie weißt Du es denn?“ „Meine Schwägerin diente bei ihnen als Köchin; ſie iſt gar fein, meine Schwägerin!... und wie barm⸗ herzig iſt das Fräulein! Wenn's nicht nöthig wäre, ich würde die Arbeit für nichts in der Welt unternehmen. Nun, lebe wohl, ich habe zu thun!“ „Ich weiß es, ich weiß es. Lebe wohl.“ Fedul machte ſich nach Oßkas Beſchreibung auf den Weg, um das Terrain zu rekognosciren, und Oßka pfiff ſeinem Hunde, brachte die Jacke auf der Schulter in Ordnung, ſetzte ſeine Mütze zurecht und ging ſeines Weges. Der Unbekannte ſchien abſichtlich die Entfernung Fe⸗ duls abgewartet zu haben, nicht als ob er fürchtete, mit dieſen zwei Taugenichtſen nicht fertig werden zu können, ſondern weil er aus ihrem Geſpräche deutlich erſah, daß der Knabe trotz ſeines Alters ſchon ein erfahrener Spitz⸗ bube ſei, und daß man von ihm die Wahrheit nicht er⸗ fahren könne; ſeine Gegenwart könnte nur den andern zur Verheimlichung und zur Vorſicht aufmuntern, während eben dieſer Andere den Auftrag nur mit Widerwillen übernommen und eben nicht viel Klugheit gezeigt hatte. Der Unbekannte ſtellte ſich ihm in den Weg. Oßka bemerkte ſeinen drohenden Blick, aber verwirrte ſich nicht. Jutſchka!*) rief er ſeinem Hunde zu, und dieſer ſtand neben ihm, die Zähne zeigend und bereit, beim erſten Zei⸗ chen ſeines Herrn ſich auf ſeinen Gegner zu ſtürzen. Der Hund war unter den Seinigen das, was fein Herr unter *) Hier der Name des Hundes, eigentlich vom Worte Juckt ein Käfer. Das Jwird wie im Franzöſiſchen ausgeſprochen. Anm. des Ueberſetzers. Petersburg am Tage ꝛc. 1. 5 62 Menſchen: ein häßlicher Hofhund, mit einem abgehauenen Ohre und einem ausgeſchlagenen Auge, die Wolle bildete verworrene Klumpen, der Schweif fegte die Erde. „Höre,“ ſagte der Unbekannte:„fange keinen Streit an; ich kann allein mit Dir fertig werden.. auch iſt hier keine ſolche Wüſte, daß nicht jemand zu errufen wäre.“ „Ich kenne Dich nicht. Gehe deines Weges und laſſe mich ungeſchoren. Es iſt Gott ſei Dank Platz für uns Beide.“ „Kein Zweifel! aber ſiehſt Du, ich habe von Euch ſolche Dinge vernommen, die unumgänglich eine Erklä⸗ rung fordern.“ Oßka kam aus der Faſſung. „Und wenn Du mir dieſe nicht hier gibſt, dann bitte ich Dich dorthin... Du verſtehſt mich„ „Ich verſtehe.“ „Alſo, rede.“ „Was ſoll ich reden, wenn ich ſelbſt nichts weiß.“ „Du ſcherzeſt! etwas mußt Du ſchon wiſſen; ſagſt Du es, ſo entlaſſe ich Dich mit einer Belohnung, und wenn nicht.. Da kömmt grade zur rechten Zeit ein Soldat von der Batterie: ich rufe ſogleich. So ſprich! welche Arbeit hat man Dir gegeben?“ „Man befahl mir, mich krank zu ſtellen: man bringt zu mir ein Fräulein, die dort wohnt„ die wird mich kuriren, was weiß ich. ich bin nicht ſehr gelehrt. Das iſt alles, was ich weiß. Möge mich die Erde ver⸗ ſchlingen, wenn ich noch etwas weiß!“ „Und wohin bringt man das Fräulein?“ „Sie ſagten, zu mir,“ antwortete Oßka, einer be⸗ ſtimmten Antwort ausweichend. „Und wo wohnſt Du?“ „Ich wohne„mit den Meinigen.“ „So wird man das Fräulein dorthin bringen?„. Gib acht; Du wirſt aus Petersburg nicht entwiſchen!„ 63 Du haſt ein gar zu kenntliches Gefriß; ſage die reine Wahrheit, ſei nicht ſchlau.“ „Gewiß!„ Und was geſchieht, wenn ich die Wahrheit ſage?“ „Dir geſchieht nichts, dafür bürge ich Dir.“ „Und den Andern?“ „Was kümmern Dich die Andern!“ „Freilich. Was kümmern mich die Andern! Sie ſind Herren, ich bin nur ein gemeiner Mann. Schuſter bleib bei deinem Leiſten. „Alſo wo denn?“ Oßka ließ den Kopf ſinken und nannte nicht ohne eine gewiſſe Bewegung die Straße und das Haus, wo man ihn für eine gewiſſe Zeit einquartirt, um eine ſchlechte Rolle durchzuſpielen, weßwegen wußte er ſelbſt nicht. „Und wann kömmt das Fräulein?“ Auch dies gab Oßka an. „Jetzt geh' deiner Wege.“ „Ach! den hat der Teufel hergeweht!“ brummte Oßka. Der Unbekannte wollte gehen, hielt aber plötzlich an. „Ich habe vergeſſen, ſagte er: nimm das fur Deine Sferherigkeit; dafür kannſt Du Dir einen rechten Rauſch trinken. Oßka blickte auf das Geld, das ihm der Unbekannte anbot, dann auf ſeine flache Hand, auf welcher einige Kupfermünzen lagen, dann auf Jutſchka, als frage er ihn um Rath. Jutſchka wedelte mit dem Schweife und bleckte die Zähne. Oßka ſeufzte ſchwer auf. „Ach, mein Gott! ſprach er traurig, und die arme Chriſtel ſitzt den dritten Tag ohne Brod.“ „Nun, ſo trage ihr das Geld hin.“ „Hintragen! Wenn ſie auf dem Wege wohnte und nicht ſo ſeitwärts. Und gehſt du in die Schenke, bringſt du nichts hinaus: ſie ſind ſolche Schurken! Einen Silber⸗ rubel haben ſie in Kupfermünze verwandelt: wäre es denn möglich, einen Silberrubel zu vertrinken, da wir uns noch 64 ganz nüchtern fühlten?„ wahrlich, ſie ſind ſchreckliche Spitzbuben! ja, das ſind ſie!„ „Du trauſt Dir alſo nicht ſo viel zu, zuerſt zu Dei⸗ ner Chriſtel und hernach in die Schenke zu gehen? „Gehe ich zu Chriſtel, gehl's Weinen an. die Arme ſagt kein Wort mehr und weint nur; und mir wird dabei ſo ſchlecht zu Muthe es iſt beſſer, gar nicht hinzugehen! Nicht wahr, Jutſchka? Der verdammte Jutſchka ſchien ſein Vorhaben auf⸗ zumuntern und bleckte luſtig die Zähne. „Es iſt wahr, Jutſchka, es iſt wahr!„ Cyriſtel wird Gott nicht verlaſſen, ſie iſt ein gutes Weib. Leben Sie wohl, Eure Wohlgeboten!“ „Und das Geld?“ „Geld iſt eine herrliche Sache, das iſt bekannt.. aber wenn ich es nehme, ſo will ich auch übermorgen trin⸗ ken, und für dieſen Tag, wiſſen Sie ja, habe ich Arbeit. Wenn Eure Gnaden ſo gütig wären. und der Chri⸗ ſtel!. jemanden hinſchicken, oder auf irgend eine Weiſe „Recht gern. Ich trage es ſelbſt hin.. „Wie iſt das möglich! Sie? ſpotten Sie meiner nicht.“ „Das iſt meine Sache: ſage mir, wo ſie wohnt. Oßka ſagte es ihm; es war gar nicht weit, nur ſeitwärts von der Schenke. „Das iſt nicht für einen ſolchen Herrn!“ Der Unbekannte machte ſich der gegebenen Anweiſung nach auf den Weg. Gut von Natur, eingenommen für alles Außergewöhnliche, mit einer lebhaften Einbildungs⸗ kraft begabt, glaubte er, daß ihn das Schickſal zum Werk⸗ zeuge erwählt hatte, Armuth und Sorge zu lindern und die Unſchuld zu beſchützen. In der Schule des Elends bittere Erfahrungen ſammelnd, ergriff ihn immer weh⸗ müthig die Unaufmerkſamkeit und die Verachtung reicher Leute für die Leiden der niedrigen Klaſſen der Geſellſchaft, als ob dieſe weder zu fühlen noch zu leiden fähig wären⸗ — 65 Und jetzt ſtand in ihm die Geſtalt des Wüſtlings mit deſſen verbrecheriſchen Begierden vor Augen, zu deren Befriedi⸗ gung Oßka ſich und ſein Gewiſſen vpfern ſollte. Noch hatte er dieſes wie ſeine Seele nicht völlig zu Grunde gerichtet, während dieſer Fürſt nicht einmal an ihn dachte, und ſich wenig varum bekümmerte, ob mit ihm noch ein unſchuldiges Weſen dem Verderben anheimfalle. Oßfa ſah einige Zeit dem Unbekannten nach und ſchüttelte dann in traurige Gedanken verloren mit dem Kopfe. „Ach, Oßka, Oßka!“ ſprach er für ſich,„warſt im Anfang bloß ein Trunkenbolt nun biſt Du ein Schurke, ein Böſewicht, ein zweiter Kain! Du haſt Deine eigene Seele gemordet! und der heilige Prochor wird Dich jen⸗ ſeits nicht losbitten auch Dein Kopf iſt auf den Schultern nicht ſicher. Doch der iſt nicht viel werth. Mein Leben iſt— keine Kopeke werth. Eh! was war, iſt nicht mehr,“ ſagte er mit einer gewiſſen Entſchiedenheit, „nur luſtig gezecht, bis Du vom Branntwein verbrennſt, oder des Winters im Schneegeſtöber erfrierſt! Hieher, Jutſchka! ich habe Geld, wir gehen in die Schenke!“ Der Hund, gleichſam die Freude ſeines Herrn thei⸗ lend, ſprang ihm mit den Vordertatzen an die Bruſt und beleckte mit der geifernden Schnauze Oßka's Geſicht. „Und ſterbe ich, Jutſchka, ſo vergib mir meine Grob⸗ heit und Ungeſelligkeit!. Du weißt ja, es iſt der Branntwein, der in mir da wüthet.“ Oßka brachte wieder die Jacke in Ordnung, rückte die Mütze etwas ſchief, pfiff ein melancholiſches Liedchen, und nahm die ihm leider nur zu bekannte Richtung. Indeſſen beſchaute Fedul die Oertlichkeit des grauen Häuschens, wie ein erfahrner Feldherr das Schlachtfeld rekognoscirt. Er hatte ſchon den Rückweg eingeſchlagen, als ihn ein kräftiger Arm eben nicht ſehr ſanft beim Kra⸗ gen faßte. Er wendete ſich um. „Wanjucha!“ „Fedul!„ Du biſ's?“ 66 „Ja, ich bin's.“ „Nun, das iſt gut; ich wollte ſchon. er zeigte auf den Knittel. „Nein, das bin ich.“ „Was machſt Du hier?“ „Ich ſuchte Dich, ich langweile mich. Wenn Du willſt, gehen wir zu den Unſrigen und ſpielen Knöchel.“ „Nein, es iſt jetzt keine Zeit dazu. Ich habe im ¹ Hauſe zu thun.“ „Du biſt alſo im Dienſte?“ „Das gerade nicht, bloß dann und wann warte ich bei den Bewohnern des grauen Häuschens auf.“ „Unten oder oben?“ „Da und dort.“ „Herrlich, lebe wohl!“ „Wohin 2. „Die Wahrheit zu ſagen, denke ich jetzt nicht an's Spiel. Es iſt ſchlimm, Wanja!“ „Was iſt's denn?“ „Mein Alter iſt ſchon die zweite Woche krank.. und ernſtlich krank.“ „Du ſollteſt ihn kuriren.“ „Wie iſt daran zu denken! es iſt kein Brod da, wo ſoll man da noch auch Medizin hernehmen.“ 7 Der Zerlumpte dachte an ſeinen Vater. „Ach, Bruder, das iſt ſehr ſchlimm! Wart' einmal, ich muß meine Herrſchaften bitten, ſie find ſo mildthätig.“ „Wenn das wäre?“ „Schweige nur und komme morgen.“* „Beſſer übermorgen, für morgen iſt noch was zu* beißen da, aber übermorgen können wir Hungers ſterben.“ „Nun gut, alſo übermorgen.“ „Du haſt mir eine große Freundſchaft erwieſen, Wan⸗ jucha, das muß ich geſtehen. Lebe wohl!“ Jetzt folgen wir dem Unbekannten, der nicht ohne Mühe das ihm von Oßka beſchriebene Haus gefunden — 67 hatte und nicht wußte, wer denn eigentlich Chriſtel ſei, ob Oßka's Frau, Mutter, Schweſter oder Geliebte. In den entfernten Stadttheilen ſind die Wohnungen der Armuth äußerlich nicht ſo abſchreckend: hier ſind die Dürftigen nicht in einem Winkel zwiſchen zwei ſchimme⸗ ligen Wänden zuſammengedrängt, wie das im Mittel⸗ punkte der Stadt mit ganzen Familien der Fall iſt, ſon⸗ dern Jeder bewohnt mit ſeiner Familie ein abgeſondertes Kämmerchen. Freilich nimmt in einem ſolchen Stübchen der Ofen die Hälfte des Raumes ein, die Schlafpritſche die andere Hälfte, und in dem daranſtoßenden Verſchlage blickt hingegen nur ein Ofenwinkel verſtohlen hinein, die Bewohner deſſelben an die Möglichkeit erinnernd, auch im Winter warm zu haben; doch immer ſind hier nicht mehrere Familien in einen Haufen zuſammengeworfen. Am Ende des Ligowkakanals, in der Tiefe eines Hofes, ſtand ein hölzernes Häuschen, das von der Fagade des Hauptgebäudes ganz verdeckt war, ſo daß man es von der Straße aus nicht ſehen konnte: es hielt ſich da⸗ her berechtigt, ſich etwas auf eine Seite zu lehnen, und in dieſer Stellung auszuharren, bis die Zeit oder das ſchlechte Wetter es ohne überflüſſige Ausgaben des Haus⸗ wirthes oder Beihülfe der Polizei umſtürzen würde. In dieſem Häuschen ſaß am Fenſter ein noch jun⸗ ges Frauenzimmer, den Kopf auf den Ellenbogen geſtützt, in einer ſehr wehmüthigen Stimmung. Die Wachsfarbe des Geſichtes, ſeine Aufgeblaſenheit, die eingefallenen, mit blauen Ringen umgebenen, trüben Augen und die von einem zum andern ſich erſtreckenden, parallel laufenden Falten, bezeugten nicht nur die Armuth und den Hunger, die in dieſer Hütte den Eingang gefunden hatten, ſondern auch, daß hier auch ſchon ihr unvermeidlicher Begleiter, der Scharbock, eingetreten war, der ſo zerſtörend in der niedrigen Volksklaſſe herrſcht. Große Thränentropfen ſielen auf die breiten Hemdärmel oder auf die einſt weiche, runde, jetzt knochige und rauhe Hand. Ein einfacher Sa⸗ 68 rafan von Glanzleinwand und ein ſchmutziges Tuch um den Kopf vollendeten den Anzug. Die Arme bemerkte ihre eigenen Thränen nicht: ſie floſſen ihr unbewußt, ge⸗ rade aus dem Herzen; die Augen waren in die Ferne gerichtet, als ſuchten ſie etwas, während ſie nichts ſah: nur den ſie ſuchte, würde ſie erblickt haben! Der Unbekannte trat ins Kämmerchen, ohne von deſſen Bewohnerin bemerkt zu werden: ſie ſchien ſich ſchon ohne Murren, ohne Widerſtand zu leiſten, in ihre Armuth ergeben zu haben, ſie ſuchte ſich nicht aus ihrer Gewalt zu befreien, wie das öfters bei Solchen der Fall iſt, die einen bittern Schmerz im Herzen tragen, der ihr ganzes Sein verſchlingt. Ihre Geſichtszüge zeigten noch Spu⸗ ren von Schönheit, die nicht die Zeit— ſie war noch jung— wohl aber Gram und Sorge vernichtet hatten; um ſo bedauernswerther war ſie. „Hier haſt Du Geld,“ ſagte der Unbekannte, ſie an der Schulter faſſend, um ſie aus dem Selbſivergeſſen zu ziehen, in dem ſie verſenkt war. Die Frau blickte auf, richtete auf ihn ihre trüben Angen, aber man ſah, ſie begriff nichts und war noch ganz in ihre innern Gedanken verloren. „Komme zu Dir, ſagte der Unbekannte, ſie etwas ſchüttelnd: ſiehſt Du, hier iſt Geld jett wirſt Du nicht mehr Hunger leiden n „Geld!„ Und ſie ſchrie plötzlich auf, jetzt erſt den Unbekann⸗ ten neben ſich erblickend. „Wozu biſt Du hier? Was dringſt Du in mich? Glaubſt Du, ich kann mich nicht vor Böſewichtern ſchützen?“ „Ich thue Dir nichts Böſes; ich bringe Dir Geld, um Dich von der Armuth zu erlöſen, vas iſt Alles.“ „Nichts Böſes thun? Wir kennen Euch, ihr Schmeich⸗ ler! Und das Geld wollt Ihr umſonſt geben? Ja wohl! Ihr Herrchen gebt das Geld nicht umſonſt, * — —,— 69 Gott mit Euch! So laſſe mich ſogleich in Ruh', ſonſt will ich ſchreien, daß die Leute zuſammenlaufen.“ Der Unbekannte ſuchte ſie wo möglich zu überzeugen, daß er durchaus keine ſchlechten Abſichten habe. „Dies Geld kommt von Oßka,“ ſagte er.„Oßka ſelbſt bat mich, es Dir zu bringen.. Er ſprach: Sie hungert, die Unglückliche, und weint, möge ſie ſich doch ein wenig tröſten.“ „Von Oßka,“ ſagte Chriſtel nachdenkend.„Wo haſt Du ihn aber ſehen können?.. In die Schenke gehſt Du nicht, und ordentliche Häuſer beſucht er nicht, der Böſewicht.“ Das gemeine Volk, im Anfange mißtrauiſch, wird beim geringſten Zeichen der Theilnahme offenherzig, und die Aufrichtigkeit dieſer Theilnahme erräth es ſchnell aus Inſtinkt, der den, dem Naturzuſtande nahen Menſchen beſonders eigen iſt. Der Unbekannte hatte kaum Zeit, auf ihre Fragen zu antworten. „So denkt er noch an mich, erinnert ſich meiner? Was ſagte er von mir? Wie er ausſehen muß, der Herzinnige, zerlumpt, abgetragen!„ iſt's denn ein Spaß, ſchon mehr als eine Woche war er nicht hier, und wer wäſcht ihn rein, wer gibt ihm ein weißes Hemd, wenn ich nicht bei ihm bin; er wälzt ſich überall herum, wo es auch ſei. Mein Herzenskummer, meine Qual iſt er! Sagt er's alſo ſelbſt, daß ſie nur weint, die Arme„warum kömmt er alſo nicht? Sage ihm, mein edler Herr, daß ich nicht mehr weinen werde; daß ich ihm nie ein ſchlimmes Wort gegeben, es wäre ſündhaft, wenn er ſich beklagte und wenn er mich todtgeſchlagen, ich hätte nicht gemurrt. dafür iſt er mein Herr.... Und iſt Jutſchka mit ihm?. Nun gut, es iſt ein treues Thier; es läßt ihn nicht be⸗ leidigen; man könnte ja ſonſt dem Trunkenbolde das letzte Hemd ausziehen. Mein Ernährer! ſage ihm, daß er komme!„ wenn auch nur für eine Stunde!. 70 ich will ihm Alles kochen, auch Branntwein ſoll vorräthig ſein ind Und ihr Schmerz ergoß ſich wie das Girren der ver⸗ waisten Taube: ſanft ohne Murren. Chriſtel erzählte mit inniger Herzensreinheit, wie ſie mit Oßka bekannt geworden. Sie, die Tochter eines wohlhabenden Krämers, erwartete ein beſſeres Loos; doch ſie liebte Oßka, den armen Ladendiener ihres Vaters. Dieſer bemerkte wahrſcheinlich ihre Liebe: er begann dem Ladendiener nachzurechnen, wollte Vieles nicht richtig fin⸗ den, obgleich Oßka zu dieſer Zeit noch ordnungsliebend war, und an keiner unehrenhaften Sache Theil genom⸗ men hatte; kurz, er ſagte ihm den Dienſt auf. Doch bald bemerkte der alte Krämer auch einen Rechnungs⸗ fehler in ſeiner Familie. Seine Tochter Chriſtel folgte Oßka, dem ſie ſo unbegränzt ergeben war, obgleich dieſer ſie innig gebeten, dem armen Manne nicht zu folgen und zu Hauſe zu bleiben. Im Anfange ging's leidlich. Oßka arbeitete für Taglohn und verdiente ſein Stückchen Brod; doch wenn ſich keine Arbeit zeigte, oder wenn ſie ſeine Kräfte erſchöpfte, oder ſie ihm überdrüſſig wurde, fehlte es an Brod. Die Geliebte ärgerte ihn noch bei nüchternem Magen mit ihren Thränen: einer würde ſich noch durchbringen, dachte er, aber ſo habe ich mir eine Laſt auf den Hals gehängt und ſie abzuwerfen, thut mir doch leid. Oßka verpfändete ſeinen Kaftan und fing zu trinken anz hernach konnte er nicht mehr inne⸗ halten. Er vertrank alles, was ihm in die Hand kam, und brachte es endlich dahin, daß ihm Gott und Menſchen auswichen. Nichtsbeſtoweniger wiederholte ſie beim Abſchiede vom Unbekannten einige Male: „Vergeſſe ihn nicht, mein Ernährer, und Gott wird Dich nicht vergeſſen! aber ſchelte ihn nur nicht zu ſehr: er iſt ſo eigenfinnig! mit ſanften Worten iſt er eher zu gewinnen; ich kenne ihn, Gott mit ihm!“ * 71 Für ſich hatte die Arme nichts erbeten. Wenn nur er, der Herzinnige, zufrieden wäre. Nachdem der Unbekannte envlich in eine lebhaftere „ Straße gekommen, nahm er einen Fiaker und ließ ſich nach Hauſe fahren. Wir wollen ihm folgen. Im erſten Stocke, in einem Zimmer, in dem eine ziemliche Unordnung herrſchte, lag auf einem Divane, die Füße an einen Tiſch gelehnt, ein noch junger Mann, in einen Schlafrock gehüllt, nicht raſirt, eine Cigarre im Munde, und ergötzte ſich augenſcheinlich an den ſich kräu⸗ ſelnden Rauchwolken, die er von Zeit zu Zeit aus dem Munde hervorblies, und an ſeinem dolce far niente. „Da biſt auch Du endlich, Newski,“ ſagte er träge, ohne ſeine Lage zu verändern, oder den Kopf zum Ein⸗ tretenden zu richten. Er hatte aus dem Gange erkannt, wer es wäre. „Nun, mein guter Finski, ich ſah, ich hörte Wun⸗ der,“ ſprach unſer Unbekannter,„Piroſchkow mit ſeiner Maſchine ſind in der That Wunderwerke.“ „Ein gutes Zeichen! Ich bemerke ſeit einiger Zeit, daß Du wieder auflebſt. Es iſt hochſte Zeit.“ „Und Du? Kommſt Du ein Mal aus Deinem apa⸗ tiſchen Zuſtande, aus Deinem ſchmierigen Schlafrocke, aus dieſer tödtenden Unthätigkeit heraus?“ „Wozu? Mir iſt ſo wohl in meinem Schlafrocke, in meinem apatiſchen Zuſtande, in meiner tödtenden Un⸗ thätigkeit! Bei Dir iſt's was anders. Ich ſah, wie Deine Abſchließung Dich quälte. Du ſteckteſt mich mit Deiner Langweile beinahe an.“ „Ich denke, Du ſtirbſt ohnedem aus Langweile, Dich von meiner Seite des Divans auf die andere wäl⸗ zend, und nur den Tag als bedeutende Lebensepoche be⸗ trachtend, an dem Du zu Deinem Onkel auf Beſuch zu fahren gezwungen biſt.“ „Ich fange nur an Langweile zu fühlen, wenn dieſer Tag herannaht; doch ich hoffe auch dieſen Tag bald los zu werden.“ „Nein, mein Guter, mein neuer Bekannter Piroſchkow ſagte die Wahrheit;“„Das Leben iſt eine beſtändige Be⸗ wegungz leben— heißt handeln.“ „Herrlich, prächtig; ich ſehe, Du beginnſt Dich zu beſſern. Handle Bruder, handle. Du vermagſt viel; ich bürge dafür. Handle!“ „Und Du?“ „Ach, laß' nur mich in Ruhe!„. Nun, erzähle.“ „Komm' auf mein Zimmer.“ 3 „Wozu? Ich liege hier ſo gut. Setze Dich mir gegenüber, daß ich Dein Geſicht ſehe: ich kann noch nicht recht begreifen, was es eigentlich ausdrückt? i ſehe bloß, daß es nicht wie gewöhnlich, nicht wie ſeit gar langer Zeit iſt.“ „Du Faullenzer!“ Unſer Unbekannter rückte einen Lehnſeſſel à la Vol- taire an den Tiſch, warf ſich nachläſſig in denſelben, rauchte eine Cigarre an und erzählte von ſeiner Zuſam⸗ een mit Piroſchkow und ſeinem Abentener mit ßka. Um aber unſere Leſer mit einem Male und ſchneller mit ihm und noch einigen handelnden Perſonen unſerer Erzählung bekannt zu machen, gehen wir nur für einen Abend zehn Jahre zurück, und kehren ſodann zur Gegen⸗ wart wieder. v 8 Die Entlaſſung aus der höhern Lehranſtalt. Im Leben des Menſchen gibt es Momente, die einen ſtarken unvermiſchten Einfluß auf ſein ganzes übri⸗ ges Leben ausüben. In dieſen Momenten ſfällt der Geiſt entweder niedergedrückt, kraftlos zuſammen, oder er erhebt ſich ſtolz und ſtreitluſtig, und beginnt den Kampf mit dem Geſchicke; in dieſen Momenten verkümmert der Menſch entweder ganz, oder er entwickelt ſich mächtiger als in den früheren Jahren des alltäglichen Lebens, die mora⸗ liſche Umwälzung geht vor ſich, ſeine Beſtimmung auf Erden tritt in klaren Zügen hervor. Eine dieſer feierlichen Epochen des Lebens iſt— die Vollendung ſeiner Studien und der darauf folgende Ein⸗ tritt des jungen Mannes in die Welt, in den Dienſt, was in Rußland ſo eng mit einander verbunden: bis zu dieſem Zeitpunkte hatte der junge Mann, ſo zu ſagen, nur mit einer Seite ſeines Weſens, freilich der beſſern gelebt. In die Welt eintretend, ſchöpft er aus allen mög⸗ lichen Lebensquellen, als wollte er alles mit einem Male verſchlingen; er ſucht den Genuß mit allen Poren ſeines jugendlichen, kräftigen, leidenſchaftlichen Körpers einzu⸗ ſaugen, bis der Körper und die in ihm eingeſchloſſene Seele ihm ihre Dienſte verſagen. Dann iſt aus dem 74 Menſchen eine wandelnde Leiche geworden, ohne Wünſche, ohne Leidenſchaften, ohne Hoffnungen. Die verhängnißvolle Zeit der Eramen näherte ſich in einer hohen Lehranſtalt ihrem Ende. Die Betheiligten verbrachten Tage und Nächte bei den Büchern, in den Naturalienkabinetten, zwiſchen Maſchinen. In Geſell⸗ ſchaften waren ſie nicht zu ſehen, und wenn ſich einer von ihnen dort zeigte, ſo ſagte ſein abgearbeitetes Geſicht, ſeine rothen Augen, ſein zerſtreutes Ausſehen deutlich ge⸗ nug, daß er hier aus Nothwendigkeit, aber nicht zur Unterhaltung ſich befinde. Doch alles hat ein Ende, und alſo auch die Schulprüfung. Es kam der feierliche Tag, der die Eramen beſchloß, und an dem die Namen der aus der Anſtalt zu Entlaſſenden genannt worden: ein unendlich freudiger Tag für die akavemiſche Jugend. Lehrer und Schüler athmeten frei auf. Die Herzen der Zöglinge, die bis jetzt ruhig und einförmig geſchlagen, klopften jetzt ungeſtum, das Blut kochte und wallte⸗ Aber als fürchteten ſie zu raſch ihre Schulerinnerungen verwiſcht zu ſehen, entſchloſſen ſich noch die Meiſten den Abend dieſes Tages zuſammen zu verbringen; bald trennen ſie ſich ja fürs ganze Leben! In der Welt erwirbt man ſich größtentheils Einfluß durch äußere Verbindungen, Goͤnnerſchaft, Reichthum; anders in der Schule; nur durch geiſtige Fähigkeiten und Charakterfeſtigkeit, ſeltner durch größere Fortſchritte in den Wiſſenſchaften üben junge Leute einen gewiſſen Einfluß aus, beſonders aber durch rein gemüthliche Eigen⸗ ſchaften. Newoki hatte ſichtbar ein Uebergewicht über die Andern. An ihn drängten ſich beſonders diejenigen jungen Leute, deren Leidenſchaften etwas überſpannt und zur Extaſe geſtimmt waren; gegen ihn und ſeinen Kreis er⸗ hoben ſich nicht ſelten die Profeſſoren ſelbſt, weil ihre Regeln mit der Raſchheit dieſer Brauſeköpfe nicht harmo⸗ nirten und mehr Ordnung und Beſtändigkeit in den * 75 Studien erheiſchten. Sie mußten aber immer den edlen Neigungen Newskis, ſeinem offenen, graden Charakter Gerechtigkeit wiederfahren laſſen. In dem Studentenquartiere Newskis ſaßen vier Freunde, die ihm gränzenlos ergeben waren. Unter ihnen befand ſich Finski, der uns ſchon bekannt iſt. Sie ſprachen ganz verzückt, mit dem vollen Glauben ihrer jungen Her⸗ zen, mit dem höchſten Vertrauen in die Zukunft, wie nur Fanatiker der Wiſſenſchaft oder des Gefühls zu reden pflegen. „Ich will mir eine ruhige, beſcheidene Bahn erwäh⸗ len, ohne weltliche Zerſtreuungen, ohne öffentliches Aerger⸗ niß, ohne den Stachel des Ruhmes, aber deßwegen eine nicht weniger nütziche, ſagte einer der Freunde, Ochtin: ich gebe mich ganz meinem Lieblingsgegenſtande hin, den Sprachen. O, wie viele Freuden erwarten mich! In dem Maaße, als ſich vor mir die mannigfaltigen Zweige einer und derſelben Wurzel entfalten, werde ich ſie vergleichen, unter allgemeine Geſetze bringen, ihre Verwandtſchaft ausmitteln, unterſuchen wie dieſe Zweige ſich geſpalten, in welchen Punkten ſie ſich vereinigen, welches Schickſal ſie erwartet; zerſplittern ſie ſich noch mehr, oder werden ſie nach und nach in eine Wurzel aufgelbst. Ach, glau⸗ bet mir, das Glück der Sprachforſcher iſt jedem andern Glücke an die Seite zu ſetzen!“ „Wir glauben's, denn die Ueberzeugung iſt— die erſte Bedingung des Glückes und das vorzüglichſte Be⸗ dürfniß der Seele. Ich meinerſeits wähle mir noch einen beſchränktern Wirkungskreis, die Kunſt. Ich werde die Akademie beſuchen, die Natur ſtudiren, beſchäftige mich mit Anatomie, dann reiſe ich nach Italien, ins Vater⸗ land der Kunſt, wo der Himmel eigens für ſie erſchaffen, und ich bürge Euch, es vergehen keine drei Jahre, und man nennt den Namen Miller unter der Zahl der ruſſiſchen Maler, und Ihr ſagt vielleicht mit Stolz: es iſt unſer Freund.“ 76 „Und ich ſchlage den gewöhnlichen Weg ein: ich trete in Dienſt, werde ein Beamter, nicht weil ich dieſen Weg für leichter, gebahnter hielte, aber weil ich hoffe auch auf ihm, wenn ich mich mit Aufopferung, mit„ unermüdlicher Thätigkeit demſelben weihe, vorwärts zu kommen, und den Andern zu zeigen, daß wir nicht um⸗ ſonſt unſere Studien gemacht und keine unwichtigen Ma⸗ terialien geſammelt haben, um ſie zum Nutzen und Frommen des Vaterlaudes zu verarbeiten,“ ſagte Lenin. „Ach, Freunde! mein Gemüth iſt ſo übervoll von verſchiedenartigen Gefühlen, Wünſchen und Ahnungen, daß ich mich noch nicht entſchließen konnte, eine Laufbahn zu erwählen,“ ſagte Newski mit einem tiefen Seufzer. Dieſer Seufzer entſchlüpfte ohne Anſtrengung, ohne Weh, ohne Kummer, wie es manchmal bei einem ſchla⸗ fenden Kinde der Fall iſt, und die Reinheit ſeines Ath⸗ mens, die engelgleiche Unſchuld nimmt nicht unſer Mit⸗ leid, wohl aber unſere ſtille Theilnahme, unſre Liebe in Anſpruch. „Ich werde indeſſen nicht lange wanken, glaubet mir, und Ihr werdet mich bald handelnd ſehen,“ ſagte Newski mit Ueberzeugung.„Und Du, Finski?“ „Ich? Ich wähle gar nichts!“ „Ach! Warte, die Anziehungskraft der Welt, die Ehrſucht wird mit ihrem Aetzſteine das Herz berühren, und belebt wie ein erfahrener Wundarzt Deine That⸗ kraft.“ „Ich glaube kaum.“ „Doch wo wir uns auch befinden, was uns auch träfe, werden wir je das Gelübde brechen, das wir vor zwei Jahren gethan— treu zu bleiben unſerer Freund⸗ ſchaft und den Forderungen der Ehre? Wir haben es ohne Eide, ohne Bedingungen ausgeſprochen; moͤge dann jeder ſeine Hand aufs Herz legen und ſich ſagen; habe ich dieſes Gelübde erfüllt?“ 77 „O ja! ja!“ riefen alle aus der Tiefe des Her⸗ zens aus. „Jetzt, da wir zum letzten Male verſammelt und unſerm Studentenleben die Leichenpredigt halten, da wir morgen uns von einem Punkte aus nach verſchiedenen Radiuſſen des Weltkreiſes zerſtreuen, wiederholen wir jetzt unſer freiwilliges Gelübde; werden wir wie bis jetzt un⸗ ſere Freundſchaft treu und unverletzlich bewahren? Ver⸗ ſprechen wir, bereit zu ſein, das Koſtbarſte für den Freund zum Opfer zu bringen? Auf ſeine Stimme Antwort zu geben, in welchem Welttheile ſich auch ein jeder befinde, ihm beizuſtehen in der Stunde der Noth, ſeine Bruſt preiszugeben in dem Augenblicke der Gefahr?. und in weſſen Herz die Liebe ihren Wohnſitz aufſchlägt, daß ſie das Oel ſei, die das himmliſche Feuer der Freund⸗ ſchaft nährt?. Meine Freunde! ich ſpreche aus Ueberzeugung, aus Erfahrung; von inniger Liebe zu ihr jzu der durchdrungen„ fühle ich mich reiner und beſſer, und unſerer Freundſchaft würdiger. Doch wer die Pflicht der Ehre oder Freundſchaft verräth, die er ſich freiwillig auferlegt, möge jeder von uns den Verräther verfolgen. Seid Ihr bereit, dieſes Gelübde für das ganze Leben zu bekräftigen?“ „Wir ſind bereit!“ riefen einſtimmig die entzückten Jünglinge. Da erſchallte plötzlich ein lautes, ſchneidendes, lange anhaltendes Gelächter hinter der Thüre. Die Freunde ſchauderten unwillkürlich zuſammen und blickten fragend einander an. „Es iſt hier nichts Sonderbares,“ ſagte endlich einer von ihnen,„es lacht jemand im nächſten Zimmer, das iſt alles; wir erlauben uns oft, noch ſtärker zu lachen, ohne ſich um die Ruhe unſeres Nachbaren zu kümmern.“ „Es mag ſein,“ bemerkte Newski, der ſich noch un⸗ ter dem Einfluſſe des unbegreiflichen Eindruckes befand, den dieſes Gelächter auf ihn hervorgebracht hatte;„ich Petersburg am Tage 1. 1. 6 78 wohne indeſſen ſchon einige Zeit hier, und habe nie das leiſeſte Geräuſch vernommen.“ „Vielleicht, weil der Nachbar erſt vor Kurzem ein⸗ gezogen.“ „Und dieſes Gelächter, dieſe wilde, ſchreckliche Lache iſt mir bekannt, liegt mir im Gedächtniß.“ „Höre auf, Newski, es war das dröhnende Lachen eines alten Mannes und darin liegt nichts Unheilverkün⸗ dendes,“ bemerkte Ochtin, der den Freund aus ſeinem düſtern Nachdenken ziehen wollte. „Ich habe es nur ein Mal gehört und vergeſſe es e wie „Du biſt abergläubiſch wie ein Kind!„ ſiehſt Du den Neumond linker Hand, begegneſt Du einer Frau mit leeren Kannen, alles das bringt Dich zur Ver⸗ zweiflung.“ „Und wiſſet ihr, wenn ich zuerſt dieſes Gelächter hörte? In einer eben ſo feierlichen Minute, als die jetzige.“ „Wann das?“ „Vor ſechs Jahren, als ich zum erſten Male das heimatliche Dach verließ. Beim Abſchiede von der Mut⸗ ter, als ich weinend ihr in die Arme ſank und ſie ſchluch⸗ zend verſicherte, daß ich nur für ſie allein leben werde, da erſchütterte dasſelbe Höllengelächter mein Ohr. ich dachte damals nicht daran, und ich weiß nicht, woher es erſchallte, aber ſein Ton widerhallt gerade jetzt in meinen Ohren.“ „Phantaſiebilder!“ ſagte Ochtin,„fort mit ihnen! widmen wir lieber dieſe Minuten der Einweihung unſerer Freundſchaft.„ möge ſie, immer dieſelbe, uns zur reinen, belebenden Quelle dienen, in der wir Kraft und Ausdauer fürs Leben ſchöpfen!“ Ochtin galt für den Verſtändigſten unter ſeinen Ka⸗ meraden, obgleich man dieſe Eigenſchaft weder aus ſeinen Geſichtszügen, noch aus ſeinen andern Körpertheilen erra⸗ 79 then konnte, weil dieſe ſo fein, zart und mehr weiblich waren, ſo daß er noch jünger erſchien, als er wirklich war. „Ja!“ ſagte Miller, der ſich durch ſeine blonden Locken und eine beſonders ausdrucksvolle Phyſiognomie von den Andern unterſchied:„bald trennen wir uns; jeder muß dann in ſich ſelbſt Kraft und Feſtigkeit finden: er keinen Freund als Schutzengel auf dem Lebenspfade aben!“ Wir könnten auch das Aeußere der zwei übrigen Freunde, Finski und Lenin, beſchreiben, der Eine war Blondin, der Andere Brünett, aber es wäre ſehr ſchwie⸗ rig, ihre moraliſchen Eigenſchaften aufzuzählen: ſie hatten ihre vorwiegende Seite noch nicht in einer beſondern Cha⸗ rakterrichtung ausgedrückt, die ſich nur in dem Getriebe der Welt, durch die Kraft der Erfahruug und der Um⸗ ſtände ausbildet. Man könnte bloß von ihnen ſagen, daß Lenin ein ziemlich lebhafter und witziger Junge, Finski dagegen durch und durch phlegmatiſch war; der eine war thätig, fleißig, und von den Profeſſoren als der Beſte und Fähigſte betrachtet; der andere— nachläſſig: die Studien⸗ hefte ſah er nur vor, und die Profeſſoren bei den Era⸗ men. Uebrigens galten beide für gute Kameraden und herrliche Jungen. Meine Brüder, die Romanſchreiber, machen gewöhn⸗ lich ihre Helden von der Kindheit an zu ausgeſprochenen Charakteren und ſuchen ſie als ſolche bis zum letzten Ka⸗ pitel durchzuführen: ich kann mich dieſes ſchönen Vorzu⸗ ges nicht rühmen, weil ich mich der praktiſchen Wahrheit blind unterwerfe. Wie oft ſehen wir, daß der Charakter des Jünglings von der Anziehungskraft der Welt eine an⸗ dere Richtung bekömmt! Der Menſch wird nicht gut oder ſchlecht geboren, die Vorſehung iſt gerecht. Nur einzelne Ausnahmen ſind nach dem für uns unerforſchbaren Wil⸗ len derſelben möglich: Die Freunde gaben ſich ganz der freudigen Offen⸗ 8⁰ herzigkeit hin, für die die Jugend ſo empfänglich iſt. Es kamen noch andere Kameraden. Die Unterhaltung wurde immer geräuſchvoller. Sie fing unvermeidlich mit den Erfolgen der Eramen an: ſie erzählten, wie einer der Zöglinge, um aus einem Gegenſtande die beſte Klaſſe zu erhalten, die Vorleſungen, die nur er allein nachgeſchrie⸗ ben, verbrannt, nachdem er ſich vorher gut vorbereitet hatte, und ſeine Kameraden der Willkür des Schickſals preisgab; wie ein anderer die Profeſſoren beſuchte; ein dritter eine andere Frage gezogen: doch dieſes Geſpräch war nicht von langer Dauer. Mit den Prüfungen war alles beendet, und damit wurden ſie alle dem ewigen Ver⸗ geſſen anheimgegeben. Die Blicke der Jünglinge richteten ſich jetzt aufs Leben, das nach ihren Begriffen ſich ihnen als ein herrliches, üppiges, blühendes Land darſtellte; ſie brannten nach dem Genuſſe der Freiheit, des Sichgehen⸗ laſſens, nach neuen Verbindungen und Verhältniſſen, als ob allks in der Lehranſtalt einen eigenthümlichen Zug der Verneinung, der Langweile an ſich trage: ihren Augen erſchien das gutmüthige Geſicht des Profeſſors der Litera⸗ tur unheilbringend; die rothe Naſe des Schuldieners— ſataniſch; der Schlag der Uhr— ein Grabesgeläut; ſelbſt der Anblick des ſehr gewöhnlichen Hauſes erregte in ihnen verdrüßliche und melancholiſche Gedanken, und dieſes Haus beherbergte ſo treu, ſo gaſtfreundlich, ſo viele Ju⸗ gendgenerationen! „Fort mit den Eramen, mit den Büchern und den Gelehrten!“ rief einer aus:„Das Geſchäft hat ſeine Zeit, auch die Luſt hat ihre Stunde,“ pflegte der Czar Alexis Michailowitſch zu ſagen.“ „In vino veritas,“ ſagte ein Weiſer.“ Verſe, Citate in allen möglichen Sprachen, Aus⸗ rufungen in allen Tonarten wurden immer lauter und lauter. „Meine Herren Philoſophen, Redner, Hiſtoriker, Mathematiker, Naturforſcher u. ſ. w.!“ rief der älteſte „ 81 unter den jungen Kameraden aus:„ich trinke dieſen Po⸗ kal zum Abſchiede!“ Alles verſtummte. „In dem Augenblicke der Trennung, dieſen Ort und einander, wenn nicht für immer, doch wenigſtens für lange verlaſſend, erwähnen wir zweier Kameraden, die in der Mitte der Laufbahn uns entriſſen worden und jetzt den Todesſchlaf ſchlafen! Erwähnen wir diejenigen, die uns vorangegangen mit ihrem Eintritte in das Feld des Lebens! Kaum treten wir in die Welt und ſchon konnen wir mit den Worten des Dichters ſagen: „Der Traum, den man das Leben nennt, er iſt dahin „Am Scheidewege des Lebens ſtehend, geben wir uns das Wort— bei der Begegnung mit dem Freunde, ihm brüderlich die Hand zu reichen, wie verſchieden auch unſere Stellungen ſein mögen in dieſem Traumleben 4 „Gott weiß, ob wir uns je wieder ſehen.“ „Wenn nicht hier, ſo doch oben, im Himmel.“ Eine geheimnißvolle Stille trat ein; die Freunde reichten einander die Hände und umarmten ſich zum Ab⸗ ſchiede. Man hoͤrte kein Wort; die Augen waren feucht oder voller Thränen. Man konnte ſagen, der Friedens⸗ engel umſchatte das Zimmer. In dieſem Augenblicke erſchallte plötzlich daſſelbe ſchneidende Gelächter, das ſchon Newski und ſeine Kame⸗ raden gehoͤrt, von neuem, die allgemeine Stille erſchüt⸗ ternd. Newski ſchauderte zuſammen und ſprang aus der Thüre, hinter welcher dieſes Unheil verkündende Gelächter zu erſchallen ſchien, doch er kehrte bald zurück, verwirrt, erſchrocken; ein kalter Schweiß bedeckte ſein Geſicht. „Es wohnt niemand rund herum!“ antwortete er dumpf auf die Fragen ſeiner Kameraden. ——————— Neuntes Kapitel. Fortſetzung des früheren Geſpräches. Die Leſer werden ſich erinnern, daß dieſe Scene vor zehn Jahren vor ſich ging, und daß wir in der Gegen⸗ wart Newski und Finski in einem Geſpräch mit einander zurückgelaſſen. Sie wohnten zuſammen, ſeit ſie die Lehranſtalt ver⸗ laſſen hatten und trennten ſich nur, wenn Newski die Stadt verließ, was ſich übrigens ziemlich oft ereignete, denn ſeine brauſende Gier nach Thätigkeit gab ihm keine Ruhe. Newski hatte, nachdem er die Schule verlaſſen, den Lockungen der Welt nicht widerſtanden. Durch Vermö⸗ gen und Familienverhältniſſe ganz unabhängig, ſeinem feurigen und ſtrebenden Charakter nach ein Feind jeder Abhängigkeit, wurde er bald in den Wirbel der Welt hineingezogen. Wenn er manchmal nach kräftiger Selbſt⸗ überwindung zur Beſinnung kam, erſchrak er ſelbſt über ſeine Lage, und ſuchte ſich wieder ſelbſt zu vergeſſen im Strudel der Gefühle oder Leidenſchaften, in einer krampf⸗ haften Anſpannung des Geiſtes, oder in den verzweifelt⸗ ſten Unternehmungen. Finski war indeſſen phyſiſch und moraliſch unbeweglich geblieben. Nicht ſelten ſein eigenes Vermögen opfernd, um ſeinem Freunde aus den kritiſch Lagen zu helfen, in die ihn oft das Spiel verſetzte, 83 er ſelbſt Mangel, aber bemerkte ihn nicht oder ließ ihn wenigſtens nie ſeinen Freund merken; immer ruhig, immer in derſelben Stimmung, zeigte er ſich manchmal beſonders heiter und das, wenn ſein Freund ſich ein Mal von den unerträglichen Lagen frei erhielt, denen er faſt immer hingegeben war. Es war übrigens eine Zeit, in welcher Finski ſeine Freude mit allen moöglichen Aus⸗ brüchen, mit allem Lärmen eines Kindes äußerte: dieß ließ vorausſetzen, daß auch er aus ſeinem Phlegma heraus⸗ treten, und daß ihn dann Niemand und Nichts in Schran⸗ ken halten koͤnne. Die Urſache ſeiner Freude war der Triumph Newski's; an ihn hatte ſich Finski mit aller Liebe hingegeben, für ihn und von ihm leidend, und ge⸗ vuldig ſeinen Einfluß ertragend. „Höre, meine Seele, mein Modeſt! Du haſt Dich wieder dem Wohle der Menſchen geweiht, nun läßt ſich mit Dir wieder ein Wort ſprechen„ ob ſür lange, weiß ich nicht; ſo benutzen wir den Augenblick und reden von der Sache: was iſt aus Dir in der letzten Zeit gewor⸗ den? Seit einem Monate iſt kein Sterbenswörtchen aus Dir herauszubringen; Du pflegteſt ſonſt auch übler Laune zu ſein, aber ſo habe ich Dich noch nicht geſehen!“ „Mein lieber Alexander, es iſt mir noch nie ſo ſchlimm geweſen.“ „Und Du ſagſt mir kein Wort davon!.. A erwie⸗ derte Finski mit einem ſtillen Vorwurfe. „Eben weil ich meine Ungerechtigkeit gegen Dich ganz fühle. Ich ziehe allen möglichen Nutzen aus unſerer Freundſchaft, ich bediene mich ihrer mit bewundernswer⸗ them Egoismus und dies alles, weil Du zu gut biſt, um Bemerkungen darüber zu machen.“ „Du ziehſt aus unſerer Freundſchaft materiellen Nutzen, und das, um ihn mir hundertfach zurückzugeben; ich ziehe aus ihr einen moraliſchen Nutzen, für den ich Dir gar nicht vergelten kann, ſelbſt nicht durch Theil⸗ nahme an Deinem Kummer, weil Du ihn mir nicht an⸗ 84 vertrauen, ihn mit mir nicht theilen willſt. Und ſo, wenn von Gewinn die Rede iſt, habe ich ihn ganz auf meiner Seite.“ „Höre auf, mein guter Alerander: ich bekenne mich für ſchuldig„Doch was koͤnnte ich Dir erzählen das Dir nicht ſchon längſt bekannt wäre? Wenn Du wiſſen willſt, es hat ſich nichts Neues ereignet; ſammle die Reſultate des Alten, analyſire ſie genau, und ſage dann, wie es um mich ſteht!“ „Und iſt's ſonſt nichts? Du biſt ehrgeizig, ich weiß es; doch Du haſt Deinen Theil Ruhm erhalten, über Deine Jahre und über Deinen Rangz alles beneidet Dich im Dienſte man kann Dich doch nicht gleich zum Direktor oder ſonſt„Wichtigem“ machen, wie Ihr es heißen möget!“ „Du denkſt ſchlecht von mir, wenn Du glaubſt, daß ich darin eine Befriedigung meiner Ehrliebe finde.“ „Da wirſt Du gleich böſe! Was willſt Du denn eigentlich?“ „Ich will, daß alle Fähigkeiten meiner Seele und meines Geiſtes von was immer für einer Thätigkeit in Anſpruch genommen ſeien, wenn ſie nur heilbringend wirke und ihr Ziel erreiche.“ „Wer hindert Dich alſo, wiederum mit den Natur⸗ e Dich zu beſchäftigen, in welchen Du ſo viel genützt?“ „Sie befriedigen mich nicht mehr.“ „Und warum?“ „Der liebe Himmel mags wiſſen! Der unun⸗ terbrochen aufgeregte Zuſtand erlaubt mir nicht, mich in„ die Bücher zu vertiefen, ja ſelbſt nicht für kurze Zeit bei ihnen zu hocken: ich quäle mich vergebens.“ Vielleicht darum, weil Deine Fortſchritte nicht mit Ruhm gekroͤnt ſind, weil die Welt ſie nicht bewundert, weil bei uns Niemand ſolchen Dingen ſeine Aufmerkſam⸗ keit leiht, weil vas Spiel keinen Pfifferling werth iſt?“ 85 „Vielleicht.“ „Doch Du findeſt ja ſelbſt Genuß in ſolchen Be⸗ ſchäftigungen: ſo arbeite für Dich und nicht für die Welt.“ Newski ſchüttelte traurig den Kopf. „Ich verſtehe dieſe Sachen wenig, Brüderchen; doch Du haſt es mir ſelbſt geſagt, daß dieß bei Euch möglich iſt.“ „Ich ſagte Dir bloß die Worte Piroſchkows.“ „Iſt er denn anders als Du beſchaffen?“ „Gewiß.“ „Dann haſt Du recht.“ „Ich habe eine ſolche Thätigkeit wie vor drei Jah⸗ ren noͤthig, Du erinnerſt Dich deſſen wohl, als von mir allein der Ruhm, die Ehre der ganzen Expedition ab⸗ hing; ihr Erfolg übertraf trotz den ſchwierigen Umſtän⸗ den die allgemeine Erwartung; damals ſprachen auslän⸗ diſche Blätter unaufhörlich von mir mit einem gewiſſen Bedenken, das gar zu nahe an Neid gränzt, und die unſrigen fragten; wer iſt er denn und darf man von ihm nicht ſprechen?... damals kam man mir mit ge⸗ heimer Furcht oder Zeichen offener Bewunderung ent⸗ geßen „Ja wohl, das war eine ſchöne Zeit und ich erinnere mich derſelben mit Stolz.“ „Und was bin ich nun jetzt?“ „Ich habe es Dir ſchon geſagt: Andere würden freudig an Deiner Stelle ſein wollen.“ „Ich bin vielleicht zu ſtolz, um ven Platz eines An⸗ dern ausfüllen zu wollen: ſonſt würde ich gewiß jeden Taglöhner beneiden.“ „Ich habe es ja nur ſo geſagt; ich weiß genau, wie ſchlimm Dir zu Muthe iſt,“ ſagte Finski, da er ſah, daß ſein Freund wieder in Eifer gerathe. „Ich glaube wohl. Drei Jahre ſeines Lebens todtzu⸗ ſchlagen, ſie in häßlichen Bacchanalien zu verbringen, einen 86 großen Theil ſeines Vermögens zu verſpielen, ſeine Freunde zu plündern „Genug, genug!„. Du übertreibſt; doch wir haben uns vom eigentlichen Gegenſtande unſeres Geſprä⸗ ches entfernt,“ ſagte er mit ſchmeichelnder Stimme.„Sage mir doch, mein lieber Modeſt, was hat uns denn aus unſerm apathiſchen Zuſtande aufgerüttelt? was hat ſich Beſonderes ereignet?“ „In der That, gar nichts.“ „Du haſt lange eingeſchloſſen gearbeitet: nicht etwa ein neuer Fortſchritt in unſern Forſchungen, die ſo viel Lärm in der Welt machen?“ „Du willſt ſagen, im Kreiſe einiger Pedanten... nein, Alexander, wenn ich mich auch mit ihnen beſchäf⸗ tigt hätte, ich würde ſie jetzt bei Seite werfen, da ich ſehe, daß ein Genius wie Piroſchkow im Dunkel bleibt, und er hat für ſeine Erfolge in der Wiſſenſchaft theuer bezahlt: er hat ihr nicht mehr und nicht weniger als ſein Leben geopfert.“ „Nun, was weiter, Modeſt?“ „Wahrlich, gar nichts! Apropos, was machen meine Roſen?“ „Welche Roſen?“ „Iwann!“ Newski's Bedienter kam aus der andern Hälfte der Wohnung, die ſein Herr einnahm; dieſe Hälfte glich durch⸗ aus nicht der, die Finski bewohnte. „Wo ſind meine Roſen?“ „Ich habe ſie in die Blumenvaſe geſtellt.“ „Bringe ſie her. Sieh', Alerander, wie hübſch ſie ſind 2“ „Ja, das ſind ſie.“ „Und dieſe Knoſpen?“ ſie ſcheinen ſich bloß entfaltet zu haben, um den Liebeskuß zu empfangen.“ „Nun, ſo küſſe ſie.“ „Sonderling, Dich rührt nichts.“ * . —————— 87 „Seit wie lange intereſſiren ſie Dich?“ „Du weißt, ich habe immer Blumen geliebt und be⸗ ſonders Roſen.“ „Warum haſt Du früher keine kaufen laſſen, oder wenigſtens nicht mir geſagt; ich hätte Dir einen Wagen voll Roſen verſchafft, um Dich nur zum Reden zu brin⸗ gen, wenn auch nichts Angenehmes.“ Newoki hatte kein Wort gehört: er blickte lange und mit beſonderer Aufmerkſamkeit auf die Roſen, von einer eigenthümlichen Gedankenrichtung angezogen; dann warf er den Strauß auf den Tiſch, als ob ihn die Blumen in den Händen brannten, erhob ſich und ging raſchen Schrittes im Zimmer auf und ab. „Modeſt, ſind dieſe Roſen von ihr?“ fragte Finski mit Theilnahme. „Ja,“ antwortete Newoki barſch. „Zetzt begreife ich, was Dich belebte, was Dich wieder auf den Schauplatz des Handelns rief.“ „Sie könnten ſich in Ihren Folgerungen irren.“ Finski ſchwieg, verletzt von dieſer Erwiderung. Newski ſetzte ſeinen Spaziergang im Zimmer fort; ſeine Stirne war umwölkt, ſein Geſicht drückte Verdruß aus. Er wendete ſich endlich an ſeinen Freund. „Alexander, Du zürnſt mir?“ „Worüber?“ ſagte dieſer mit edler Herzensgüte. „Jeder kann manchmal zur Offenherzigkeit nicht auf⸗ gelegt ſein. Mir ſcheint nur, es würde Dir leichter ſein, wenn Du mir ſowohl Dein Mißlingen, das Dich für einen ganzen Monat zu Hauſe zurückhielt, als das mittheilteſt, was Dich endlich von Deinem Einſiedlerleben befreite, ob ich gleich immer der Meinung bin, daß ich das letzte er⸗ rathen habe.“ „O, Du guter, treuer Freund! Du allein haſt mich nicht verlaſſen, trotz meiner Ungerechtigkeit! Doch iſt's meine Schuld, wenn in mir ein Dämon haust, der weder 88 meiner Seele, noch meinem Leibe Ruhe gönnt? Du haſt's errathen: dieſe Blumen kommen 4 „Von Deiner Fürſtin... von der ſchönen Wien „Ja— von Wjera. Doch können ſie denn wirk⸗ lich auf mein Herz irgend einen Einfluß ausüben, dem die Liebe ein Gräuel ſein ſollte? der Name Wjera allein wäre hinreichend, um es von einer unausſprechlich widerlichen Erinnerung zuſammenzudrücken, oder Qual und Groll in daſſelbe zu pflanzen.“ „Ich dachte ſelbſt ſo... doch ich ſehe jetzt, daß es anders iſt.“ „Nein, es wird nicht anders ſein. Sage, was hat ſie an mir? wozu dieſes Geſchenk? warum dieſe Sorge um mich,— bin ich nicht krank, bin ich nicht traurig, warum ich ſo lange bei ihr nicht geweſen, da ſie mich ſelbſt gleichſam verbannt? ja, verbannt, denn ihre Kälte, ihre Unaufmerkſamkeit waren hinreichend, daß mein Herz ſich empöre. „Dieſe Kälte war ſehr erklärlich: Du biſt mit einem Male verarmt, durch ihren Gemahl verarmt.“ „Nun, und jetzt dieſe Roſen? Ich hoffe, daß ich ſeit dieſer Zeit weder reicher noch beſſer geworden?“ „Wer ergründet die Frauen! Doch iſt hier etwas verborgen!... Du mußt vorſichtig ſein und nicht Deine Wunden wieder aufreißen laſſen.“ „Das gewiß nicht! O, wenn ich wieder reich wäre, wenn ich wieder die Höhe erreichte, auf der ich mich be⸗ fand, um ſie meinerſeits zu demüthigen, mit der ganzen Schwere meiner Verachtung zu erdrücken!„ „Oder ihr Alles auf's Neue zum Opfer zu brin⸗ „Nein, nein, nein! Der Beweis liegt auf der Hand: ich bin über dieſe Roſen entzückt, aber ſie haben mich nicht dahin gebracht, das Haus des ßürſten zu beſuchen.“ „Gott ſei Dank!“ —— 89 „Doch, Goit der Gerechtigkeit! was gäbe ich nicht darum, um meine frühere Stellung in der Geſellſchaft zu erringen!“ „Dein Geiſt, Deine Kenntniſſe, Deine Charakter⸗ feſtigkeit, Dein eiſerner Wille werden Dir bald neue Mittel an die Hand geben. Nur Geduld, Geduld, Modeſt!“ „Ach! das Maaß meiner Geduld iſt erſchöpft.“ „Und ſehr Apropos!“ ſagte ein eben Eintretender: „ich bringe die Mittel, Ihr braucht ſie nur zu benutzen.“ Dieſer unerwartete Gaſt, der unbemerkt bei den letzten Worten der beiden Freunde ins Zimmer getreten, war Lenin. Zehntes Kapitel. Ein Schulfreund. Die Verhältniſſe der Schulfreunde hatten ſich nach und nach verändert; die Veränderung war je nach dem Charakter und beſonders je nach der Stellung eines Jeden in der Welt mehr oder weniger bemerkbar. Die Richtung Lenins zeigte ſich bald. Er wendete akle ſeine Fähigkeiten, alle ſeine Geiſteskraft dazu an, ſich Unabhängigkeit zu er⸗ ringen. Von niedriger Herkunft, der Sohn eines Küſters, arm, bemerkte er erſt beim Eintritte in die Welt die Verſchiedenheit des Empfanges, den man ihm und Newski angedeihen ließ, obgleich ſie auf der Schule nicht nur gleich waren, ſondern die Profeſſoren ſogar Lenin öfters als fleißiger und eifriger ausgezeichnet hatten. Der Neid hrachte das Blut in Wallung und regte die Galle auf. Liſtig, ſchleichend, thätig, arbeitſam, beharrlich und zu all dem ein im höchſten Grade geduldiger Egoiſt, wie das bei Leuten niedriger Herkunft faſt immer der Fall iſt, konnte er ſich ſowohl im Guten als im Böſen, von wel⸗ chen er das Eine nur aus Berechnung, das Andere— aus Neigung übte, als ein Weſen höherer Art betrachten. Von der angeſtrengteſten, ſieberhaften Thätigkeit zu wil⸗ den Orgien übergehend, fand er keine Freude an der erſten, keinen Genuß an der letztern, und ließ ſich nur einzig und 91 gllein vom materiellen Nutzen beſtimmen, den er aus ſei⸗ ner ewig in Spannung ſich befindenden Lage zog. Selbſt die Liebe war bis jetzt für ihn nur ein vortheilhaftes Ge⸗ ſchäftchen, und er ließ nur für Schoͤnheit und Laune, nicht aber für eine ernſte Leidenſchaft eine Ausnahme gel⸗ ten. Voller Eigenliebe und Eitelkeit, konnte Lenin ſie nur auf Koſten Anderer befriedigen; doch er mochte nie eine ihm erzeigte Gefälligkeit leiden, er ſah darin immer die Abſicht, ihn zu erniedrigen, denn er konnte ſich nicht zu jenen edlen Gefühlen erheben, in deren Aufwallungen man zu allen Dienſten bereit iſt. Er ſpielte keine Karten, da er ſich von der Berechnung leiten ließ und ſich keiner Gefahr ausſetzen wollte. Unſere unternehmende Zeit gab ihm Veranlaſſung, manches mit Erfolg zu betreiben, und ſein Name hatte ſchon eine gewiſſe Bekanntheit erlangt: ſpielen, auf eine bloße Karte ſpekuliren, hieße dieſen koſt⸗ baren Namen kompromittiren. Eine ſo ſtarke, eine ſo mannigfaltige Natur mußte ſich natürlich alle diejenigen unterordnen, die bloß in den Tag hinein lebten, ohne irgend ein beſtimmtes Ziel, ohne Reflerivn, nur um nach ihrem geringen Verſtändniſſe ſich irgend einen Genuß zu verſchaffen. Einige waren Lenin wirklich zugethan, wenn auch gleich mit jener leichten Freundſchaft, die ohne Urſache ſich bildet, ohne Bedauern ſich auflöst; andere fürchteten ihn; doch alle fühlten ſein Uebergewicht. Newski und Lenin begegneten ſich oft in der Geſell⸗ ſchaft, theils aus Neigung, kheils aus alter Freundſchaft, dann kamen ſie in den Häuſern zuſammen, in welche ihn Newski im Anfange einführte und Lenin ſich einzuwurzeln verſtand, envlich ſahen ſie ſich bei ihren alten Kameraden. In der Geſellſchaft blieb immer der Vorzug auf Newski's Seite: er hatte ſich da durch die Geburt das Bürger⸗ recht erworben, und wenn ſeine neue Lage ihn aus ihr entfernte, ſo geſchah es aus eigenem Antriebe, da er eine nachſichtige Aufmerkſamkeit mehr als das Zuſchlagen der 92 Thüre vor der Naſe fürchtete. Lenin wußte, daß man ihn in Geſellſchaft nur dulde, und wenn man ihm ſchmeichle, es aus Berechnung, aber nicht aus Gefallen an ſeiner Perſon geſchehe. Newski hatte mit ſeinem ſcharfen Verſtande ſeinen Freund bald begriffen. Wenn ſein Muth, ſeine Tollkühn⸗ heit in der Verfolgung eines Zieles Newski anzogen, mußten ihm dagegen die geringe Wahl der gar zu oft bedenklichen Mittel zur Erreichung eines Zieles und der eigenthümliche Cynismus in den gemüthlichſten Lebens⸗ fragen einen wahrhaften Groll gegen ſeinen Schulkamera⸗ den einflößen. Newoki äußerte ſeine Gefühle nie, blickte auf Lenin immer als auf einen Jugendfreund, und ſchämte ſich mehr für ihn als er ſelbſt; aber die Verachtung, die er Leuten, die Lenin nahe ſtanden, fühlen ließ, empörte mehr als ein Mal den Sohn des Glockenthurms. Eine gegenſeitige, wenn auch verdeckte Antipathie hatte ſich alſo ſeit lange bei ihnen eingeniſtet; in Geſellſchaft dutzten ſie ſich wie früher. Die Stellung Finski's zwiſchen den beiden Freunden war eine ganz ſonderbare: er war ſonſt immer Lenin näher geſtanden, wenn nicht aus Neigung, doch durch den Einfluß, den der Liſtige auf ihn ausübte. Da er endlich inſtinktartig die Richtung Lenins errieth, dem übrigens die Welt nichts vorzuwerfen hatte, ihn ſogar als hoͤchſt ver⸗ ſtändig preiſen mußte, begann Finski unbemerkt, ohne ſich ſelbſt Nechenſchaft geben zu können, von ihm ſich zurück⸗ zuziehen, und da ihm ein Weſen, das ihn zu leiten bereit wäre, unumgänglich nöthig war, ſo gab er ſich eben ſo unbemerkt Newski hin. Dieſer Abfall des Freundes, der Lenin materiell nützlich ſein konnte, da er ihm durch ſeine Verbindungen in der Welt zur Stütze zu dienen vermochte, dieſer Abfall war hinreichend, um in ihm Haß gegen Newoki zu erzengen, der ihm ſo oft hemmend in den Weg getreten war. Wir müſſen übrigens wiederholen, daß die feindlichen Beziehungen der beiden Schulkameraden, — 93 der beiden frühern Freunde ſo langſam entſtanden waren und ſich ſo geheim ausgebildet hatten, daß nicht nur die Welt nichts bemerken konnte, ja ſie ſelbſt noch nicht ganz davon überzeugt waren. Nicht ſelten ſagte Newski in einer Aufwallung der Aufrichtigkeit, ſeinem Freunde, daß Lenin mit ſeinem Verſtande, ſeiner Charakterfeſtigkeit und vorzüglich mit ſeiner Geduld, wenn er die gehörige Rich⸗ tung bekommen hätte, die glänzendſte Stellung in der Geſellſchaft würde erlangt haben, und derſelben wirklich nützlich geworden wäre. Und Lenin dachte oft bei ſich ſelbſt— er theilte niemanden gerne ſeine innern Gedanken mit,— was würde er nicht alles erreicht haben, wenn er ſich beim Antritte ſeiner Laufbahn in einer ſo günſtigen Stellung wie Newski befunden hätte, der ſo wenig Vor⸗ theil aus ihr zu ziehen verſtand. „Freunde,“ ſagte Lenin: es exiſtirt eine Idee, unend⸗ lich kühn für den ſchüchternen, fürs Nachdenken nicht ge⸗ ſchaffenen Verſtand, aber hoͤchſt einfach für den, der ſie von allen Seiten betrachtet, methodiſch durchdringt und analifirt, und den alten Aberglauben verwirft. Ihre Folgen ſind unberechenbar: ſie wird Ruhm und Millionen denen eintragen, die zuerſt ſie zu verwirklichen ſich entſchließen, und zur unerſchöpflichen Quelle des Reichthums für Ruß⸗ land werden. Dazu brauchen wir Kapital, That⸗ kraft und Wiſſen, drei Elemente, die es mir zu vereinigen gelang, drei Elemente, die man zu einem feſten Vorſatze und unerſchütterlicher Ehrenhaftigkeit eng ver⸗ binden muß: denn gegenſeitiges Vertrauen im hoöchſten Grade iſt für die Sicherheit des Erfolges unentbehrlich. Newoki und Finski hörten zweifelnd zu: ſie wußten, daß ſich Lenin ſelten betrüge, doch ſie fürchteten ſelbſt be⸗ trogen zu werden. „Und in wem gelang es Dir Deine drei Elemente zu vereinigen?“ fragte Newski. „In unſerm Fürſten, in Dir und in meiner Wenig⸗ Petersburg am Tage ꝛc. 1. 7 94 keit.“ Wir kennen uns einander zu genau, um befürchten zu dürfen, daß meine Worte prahleriſch erſchienen. „Was iſt's alſo?“ „Der Gegenſtand iſt höchſt komplizirt, vielſeitig, und fordert die Unterſuchung vieler Fakta; doch Du wirſ ſchneller als irgend jemand ſeine Wichtigkeit begreifen. Hier wird uns zu enge ſein: gehen wir zu Dir hinüber, ſtören wir etwas Finskis Ruhe.“ Lenin ging ins Vorzimmer und kehrte bald mit einen Manne in einem langen Ueberrocke zurück, der mehren Säckchen unter den Armen und auf den Schultern trug Er war hager, furchtſam, plump, verbeugte ſich und blü an der Thüre ſtehen. Während Lenins Abweſenheit zeigte Finski auf die Roſen, und ſagte zu Newoki:„Man braucht Dich.“ Dieſer ſchien die Anſpielung zu begreifen, und niät bekräftigend mit dem Kopfe. „Gehen wir,“ ſagte Lenin, und die Freunde begaber ſich in Begleitung des Mannes im langen Ueberrocke u Newkis Zimmer.“ Elftes Kapitel. Vie Goldkompagnie. Viele Dinge, viele Gegenſtände tragen deutlich an ſich den Charakter ihres Beſitzes, oder desjenigen, deſſen moraliſches Eigenthum ſie darſtellen. Die Handſchrift, die Kleidungsſtücke, die Stimme— alles dies ſpricht mehr oder weniger für oder gegen einen Menſchen. Wenn man zum erſten Male zu jemanden ins Kabinet tritt, kann man ſich im Fluge eine moraliſche Skizze ſeines Bewohners entwerfen und ſelten irrt man ſich in ſeinem idealen Entwurfe. Newskis Kabinet war ſehr geräumig und ſtellte ein Gemiſch von Lurus und Unordnung dar. Aus Allem war zu erſehen, daß die Hand des Beſitzers nirgends gewaltet, und alles der Sorge des Bedienten überlaſſen wurde, der die in Staub und Vergeſſenheit verſunkenen Gegenſtände nach ſeinem Geſchmacke aufgeſtellt und ächt komiſche Grotesken unwillkürlich erzeugt hatte. So ſtand neben der Erdkugel, wahrſcheinlich der Symmetrie halber, eine aufgeblaſene Gummikugel, die zu irgend einem Verſuche in Bereitſchaft geſetzt worden; die nachläſſig hingeworfene Statuette einer Sängerin ſtand neben der Büſte Napo⸗ leons, und ſo fort. Bücher, die früher überall durchein⸗ anderlagen, gufgeſchlagen, und in denen manche Blätter 96 eingebogen, oder in welchen Bleiſtifte oder andere kleinere Bücher als Zeichen, oder um zum Commentare zu dienen, hineingelegt waren, lagen jetzt geſammelt in derſelben Unordnung auf einem Platze. Der Schreibtiſch bot gleich⸗ falls ein eigenthümliches Bild der Ordnung und der Rein⸗ lichkeit dar, auch hier ſprach ſich die alleinige Sorge des Bedienten aus. Mit einem Worte, das Kabinet, in dem vor Kurzem erſt große Gedanken herumſchwärmten, die alles belebten und zum Blühen brachten, auf alles einen lichten, poetiſchen Abglanz warfen, überall eindrangen und im Augenblicke der Begeiſterung alles reich geſtalteten, dasſelbe Kabinet, ſah jetzt, trotz der varin herrſchenden ſymmetriſchen Ordnung öde, verwildert, melancholiſch aus. Auf dem Boden lagen einzelne Linealſplitter herum, die nur zu deutlich zeigten, daß dieſes Lineal nicht zufällig, ſondern in einer heftigen Aufwallung gebrochen worden, wenn die Aufregung der Nerven die Bewegungskraft der Muskeln in Anſpruch nimmt, und der Menſch im krampf⸗ haften Schmerze ſein eigenes Herz zu zertrümmern bereit iſt. An den Wänden hingen Alhaneſer Piſtolen, eine lange Flinte mit ſilberner Damaszirung, ein perſiſcher Sattel, verſchiedene aſiatiſche Geräthe und Damaszener⸗ Klingen, Gegenſtände, die Newski an ſeine Reiſe, ſeine weiten Erpeditionen und Abenteuer, die Zeit ſeines Ruhmes und ſeiner Freuden, erinnerten, Gegenſtände, die ſein Ge⸗ müth in den Augenblicken des Friedens und der Ruhe erheiterten, und in den Augenblicken der Aufregung und der Trauer mit beläſtigenden Empfindungen erfullten. Da drang ſich ihm gebieteriſch der Vergleich auf: was war und was bin ich? und die Wirklichkeit erſchien ihm noch dunkler. Newski und Lenin nahmen am Tiſche Platz. Finski ſtreckte ſich etwas entfernt in einem Lehnſeſſel hin, ſich mehr um ſeine Bequemlichkeit als um das Geſpräch be⸗ kümmernd, das für ſeinen Freund ein ſolches Intereſſe in ſich ſchloß. Der Mann im langen Ueberrocke ſtand hinter 97 Lenins Stuhl und blickte ſchweigend auf die Vorbereitun⸗ gen ſeines Beſchützers; dann richteten ſich ſeine trüben, von ſparſamen Augenwimpern umſchatteten Augen lang⸗ ſam auf die Sprechenden, mehr der Form halber, gleich⸗ ſam um nur auf etwas zu blicken; aber aus ihrer Unbe⸗ weglichkeit und Ausdrucksloſigkeit konnte man ſchließen, daß er nichts ſehe und nichts höre, oder wenigſtens nicht begreife, wovon die Rede ſei, obgleich das Geſpräch in ruſſiſcher Sprache geführt wurde und der Gegenſtand des Geſpräches ihm wohl bekannt war. Die träge Bewegung, ſein welkes, gedankenloſes, faſt todtes Geſicht mußte jeden, der ihn zum erſten Male ſah, in Furcht und Trauer ver⸗ ſetzen, und es war wirklich Lenins Talent dazu noͤthig, in ihm einen zu irgend etwas tauglichen Menſchen zu erken⸗ nen wenn er es wirklich war. Newski warf einen zweifelhaften Blick auf den Unbekannten. Lenin bemerkte dies Mißtrauen. „Du wirſt Deine Meinung gewiß ändern, wenn Du ihn näher kennſt,“ ſagte er auf Franzöſiſch zu ihm, als wollte er gleichſam ſeinen Gedanken beantworten.„Es iſt ein Schatz und kein Menſch!“ „Vielleicht; nur wird dieſen Schatz niemand be⸗ ſitzen.“ „Das iſt meine Sache. Ich habe ein magiſches Wort, das ihn meinen Händen überliefert.— Jetzt ſchaue hieher,“ ſetzte Lenin auf ruſſiſch fort, auf eine geogra⸗ phiſche Karte Sibiriens zeigend, höchſt ausführlich gezeich⸗ net, und wie zu erſehen, nach neuen Anweiſungen aus bis jetzt ganz unbekannten Dokumenten geſchöpft.„Siehſt Du dieſen ungeheuern Flächenraum, gegen fünftauſend Werſt in der Länge und dreitauſend in der Breite von Teletzker zum Laikatſee ſiehſt Du ihn?.. er iſt größtentheils unbewohnt, mit wildem Gebüſch und Moorgrund bedeckt mit einem Worte eine Wüſte. Hieher drang bis jetzt höchſtens der Fuß des Jaſſatſchoer Tataren im Süden oder des Tunguſen im Norden; die 98 Endpunkte dieſes Flächenraumes ſind etwas hevölkert ſiehſt Du?„ Lenin neigte ſich zu Newskis Ohr, aus Furcht, daß ihn jemand hinter der Thüre oder hinter der Wand behorche, oder um dadurch einen ſtärkern Eindruck zu machen.„Hier iſt ein Schatz ℳ fagte er, auf das Wort Nachdruck legend„„Ja, ja! dieſe Berge, dieſe Urberge enthal⸗ ten wirkliche Schätze. Blicke auf die Stufen in den ver⸗ ſchiedenen Oertern des Tomsker, Itſchinsker, Minunſinsker und Kansker Kreiſes: Siehſt Du— das ſind Dioriten! hier haben ſie ſich unter den ihnen untergeordne⸗ ten Arten erhoben, und dieſelben durchbrochen, zerſplittert, aufgelöst, Gemenge gebildet, die in der Folge mit den zuletzt angeſchwemmten Schichten bedeckt wurden. Und betrachte die Proben dieſer Gemenge: wodurch unterſchei⸗ den ſie ſich z. B. von den Uralern? Dieſelben Beſtand⸗ theile, mit hochſt unbedeutenden örtlichen Modifikationen: Quarzbrüche, Divritporphyr, Feldſpath, etwas Ocker, viel Eiſenſtein„ „Höchſt merkwürdig! unterbrach ihn Newskt, bald die Karte, bald die verſchiedenen Stein⸗ und Sand⸗ arten betrachtend, die der Mann mit dem langen Ueber⸗ rocke hinreichte, indem er ſeine Säckchen leerte.— Aus der Vergleichung der Gemenge mit den umliegenden For⸗ mationen, aus ihren Niederſchlägen und eckigen Arten iſt zu erſehen, daß dieſe Gemenge ſich an Ort und Stelle gebildet und nicht aus der Ferne, vom Urale zum Bei⸗ ſpiele hingeſchwemmt worden, wie viele damals geglaubt: Brüche von Gebirgsarten auf ſolchem Raume wären viel glätter, runder, kleiner.“ „Ganz richtig.“ „Die Fakta ſind im höchſten Grade intereſſant.“ „All dieſes Intereſſe ſoll ſich nun in Thatſachen, in der engſten Bedeutung des Wortes uns zuwenden. Ich will Dir nur eine Frage vorlegen: Können dieſe Ge⸗ menge Goldſand enthalten?“ ———— —— 99 „Sie unterſcheiden ſich durch nichts von den Uralern, Ungariſchen und Amerikaniſchen. Gewiß konnen ſie Gold enthalten!“ „Sie enthalten es alſo auch.“ „Du ſprichſt nach allgemeinen Gerüchten; ich habe ſelbſt gehoͤrt, daß man aus Sibirien Nachrichten, offizielle Nachrichten erhalten, von der Entdeckung Goldſand ent⸗ haltender Gemenge, doch ich vernahm auch die Zweifel, die ſich dagegen erhoben.“ „Der Neid, der ſich an alle Erfolge und an alle Menſchen von Talent hängt, brummt ſein altes Lied: wenn es wirklich dort Gold gegeben, würde man es längſt entdeckt haben!„„das iſt ganz einfach!„ Daß aber die Nachgrabungen von goldbergenden Gemen⸗ gen erfolglos waren und ſein werden, das iſt auch jedem bekannt!. So ſprechen Kinder und alte Weiber.“ „Man muß indeſſen in ſolchen Fällen ſehr vorſichtig ſein. Der feinſte Goldſtaub, der liebe Himmel weiß, aus welcher Gegend hergeweht, kann als Beweis der nicht zu bezweifelnden Gegenwart des Goldſandes von ſelbſt kennt⸗ nißreichen, aber wenigerfahrenen Leuten betrachtet wer⸗ den: die Sache iſt die, daß die Verſuchung gar zu groß und anziehend.“ „Goldſtaub!„. Hörſt Du, Tſchornich?“ ſagte Lenin, ſich lächelnd an den Mann im langen Ueberrocke wendend. Tſchornich zog die Unterlippe rechts und die Oberlippe links; war es ein Lächeln oder der Ausdruck des Be⸗ dauerns, das war ſchwer zu entſcheiden. „Iſts nicht gefällig, dieſen Golpſtaub in Augenſchein zu nehmen?“ Lenin nahm aus Tſchornichs Händen eine Kapſel und öffnete ſie: große Körner reinen, gediegenen Goldes glänz⸗ ten von den auf ſelben fallenden Sonnenſtrahlen. Alle drei beugten ſich über ſie, gleichſam aus unwillkürlicher und unbezwingbarer Anziehung des Menſchen zu dieſem 100 edlen Metalle; Aller Augen waren auf einen Punkt ge⸗ richtet: zwiſchen ihrem Glanze und dem des Goldes war eine gewiſſe zauberhafte, übernatürliche Verwandtſchaft. Newski und Lenin, gleichſam Scham fühlend über die Habſucht, mit der ſie ſich auf das Gold geſtürzt und mit ihren Augen verſchlangen, ähnlich der Gier des Wilden, der ſich auf ein glänzendes Spielzeug wirft, wendeten ihre Augen von den gelben Körnern unwillkürlich auf⸗ einander: Lenins Geſicht ſtrahlte von Triumph und Selbſt⸗ vertrauen. Newski blickte auf ihn mit Verwunderung und einem gewiſſen Zweifel: er verlor ſich in Gedanken, da er ſich von den Abſichten dieſer zwei ſonderbaren Theil⸗ nehmer keine Rechenſchaft geben konnte: waren ſie ſeine Retter in der kritiſchen Lage, in der er ſich befand, oder nur liſtige Verſucher? Tſchornich konnte noch immer ſeine Augen nicht vom glänzenden Metalle abwenden, obgleich er es ſchon mehr als ein Mal geſehen, da ſich die Kapſel in ſeiner Be⸗ wahrung, ja ſogar in ſeinem, wenn auch ungeſetzlichen Beſitze befand. Dieſer wunderbare Menſch ſcharrte mit den Fingern unter den Goldkörnern, ſie bald liebkoſend, bald den Finger in dieſe koſtbare Materie verſenkend, die in ziemlicher Menge vorhanden war: er genoß ſichtbar das angenehme Gefühl, das Gold zu betaſten; ſo ſchwelgt der leidenſchaftliche Liebhaber in Wolluſt, wenn er die Seivenlocken ſeiner Geliebten berührt, ſeine Hände in ihre Wellen verſenkt, und Glück für einige Lebensalter daraus zieht. Tſchornich ſprach halb vor ſich: „Staub!„ Ein ſchöner Staub; rundes, ſchwe⸗ res, gewichtiges Gold... iſt denn hier viel? und doch wiegt's ein halbes Pfund! kein Flitterchen, das auf dem Waſſer ſchwimmt: wie Blei ſchlägt es ſich auf dem Waſchherd nieder. abgelagertes, gleiches Gold, Korn für Korn. ſolches Gold betrügt nicht, führt nicht hinters Licht: hier iſt nichts einzuwenden.“ Und eigenthümlich mußte einem zu Muthe werden, 101 bei der Redſeligkeit dieſes Menſchen, der ſo plötzlich hin⸗ geriſſen wurde, und ſeine wild belebten Züge jagten Furcht uud Schrecken ein. Tſchornichs Augen, bis jetzt ſtarr und gläſern, funkelten wie Irrwiſche; der Mund war halb geöffnet, der Athem unterbrochen, krampfhaft: als wollte er dieſen koſtbaren Stoff mit ſeinen Augen verſchlingen, in ſich einathmen; ſelbſt eine leichte Röthe zeigte ſich auf den gelben Wangen des Langröckigen; ſeine Sitellung glich der eines Geiers, der die Flügel entfaltet, den Hals bogenförmig geſtreckt, und die Klauen in Bereitſchaft geſetzt hat, um ſich auf ſeine Beute zu ſtürzen. Newoki und Lenin wendeten lange keinen Blick von ihm ab: der Eine blickte mit Verwunderung, mit Neugierde, der Andere mit wahrem Genuſſe auf ihn, wie ein ächter Gaſtromon, der ſich an dem eingeſtandenen Appetit ſeines Gaſtes ergötzt. „Ein koſtbarer Mann!“ rief endlich Lenin aus. „Höre, Lenin: Alles, was Du mir da erzählſt, kann wichtig ſein als gelehrtes Faktum, wichtig in Beziehung auf den Staatsreichthum; doch ich hoffe, Du wirſt mir nicht einreden wollen, daß Du aus dieſen zwei Gründen ſo aus der Haut fahren kannſt; Du ſiehſt, ich bin auf⸗ richtig.“ „Und Du thuſt wohl daran,“ ſagte Lenin, ohne ſein Geſicht zu verändern, obgleich dieſe Bemerkung ſeine reizbare Eigenliebe verletzen mußte.„Ich habe durchaus nicht die Abſicht, Dich zu verſichern, daß ich den Vor⸗ theil Anderer meinem eigenen vorziehe; ich wunder⸗ mich aber, daß Du, der Du bei Deinem ausgedehnten Wiſſen jede verwickelte Frage ſo leicht entwirrſt, den einfachſten Gegenſtand nicht begreifen kannſt, wenn er Deinen per⸗ ſönlichen Vortheil betrifft. Das zeigt eine ſchlechte prak⸗ tiſche Richtung. Du betrachteſt die Sachen nicht aus dem gehorigen Geſichtspunkte, und darum kannſt Du weder Deinen Reichthum, noch Dein Wiſſen, noch Deinen Verſtand Dir zu Nutzen ziehen. Du wirſt es in der 102 Folge bitter bereuen; Du wirſt erfahren, ob ich Recht hatte, rein praktiſchen Schlüſſen zu folgen und nicht der leeren Theorie, die von der lebhaften Einbildungskraft des Kopfes oder von einem Herzensfieber geſchaffen worden. Doch dann wird's zu ſpät ſein, glaube mir, Newski; dann heilt Niemand Deine Körper⸗ und Seelenleiden.. Niemand wird Dich ſelbſt bedauern.. Du ſiehſt, ich bin ebenſo aufrichtig.“ Newoki ſchwieg, in Nachdenken verſunken dachte er an das, was Lenin ſagte, oder ſchenkte er ſeinen Worten gar keine Aufmerkſamkeit— wer mag's wiſſen!“ „Doch, unſer Geſpräch nimmt eine Seitenwendung,“ fuhr Lenin fort,„und in einer ernſten Angelegenheit liebe ich es nicht, vom Gegenſtande abzukommen, ſondern verfolge geradeaus mein vorgeſtecktes Ziel. Ich werde Dich gleich beruhigen in Bezug auf meinen Vortheil bei dieſem Geſchäfte, ich hoffe auch, Du wirſt den Deinen dabei finden. Wende Deine Augen wieder hieher, auf die Karte, auf dieſe ungeheuern Bergketten, die ſich bald in unzählige Schichten ſpalten, bald ſich wieder vereini⸗ gen, dann in die Wolken ſich erheben, bald dem Laufe der Flüſſe folgen oder die See— das Meer— umgeben und ſich endlich in die Küſten des Oceans verlieren ſiehſt Du? Nur der ſüdliche Theil dieſer Berge, im Weſten und Oſten, bilden das Eigenthum der Altaier und Nertſchiner Bergwerke: der übrige unendliche Raum iſt frei.. frei für Jeden und Alle; und aus dieſem Raume kann man einige Königreiche herausſchneiden. „Wie, frei? ich begreife nicht„ „Du begreifſt es aus demſelben Grunde nicht, weil es Andere nicht begreifen. Dir ſind die allereinfachſten Wahrheiten unbekannt, Du kennſt die Lokalgeſetze nicht, und doch ſind ſie öffentlich bekannt gemacht worden. Je⸗ der, der Dir gleicht, hat ſie an ſeinem Ohre wie etwas Unverſtändliches vorbeigehen laſſen, obgleich Ihr vollkom⸗ men Auskunft geben könnt, was im Monde oder im In⸗ 103 nern Afrikas vorgeht, und von der ruſſiſch⸗indiſchen Han⸗ delskompagnie ein Weites und Breites ſprecht. Die Berge in Sibirien ſind frei, und Jeder, oder faſt Jeder kann in ſelben Minen edler Metalle aufſuchen, für die unbedeu⸗ tende Abgabe von fünfzehn Prozenten von den gewonnenen Metallen, für das Recht und für die von Seiten der Re⸗ gierung geleiſtete Hilfe. Bis jetzt iſt nur dieſer kleine Erdfleck im Tomsker Kreiſe nach dem Flußſyſteme bear⸗ beitet. Der Kaufmann Pozow war der erſte Privatmann, der es wagte, in dieſen unerforſchten Gebieten zu graben, und opferte einige Jahre ſein Kapital ohne Erfolg vas iſt ſehr viel in unſerm poſitiven Zeitalter! Füge noch hinzu, daß er durchaus keinen Haltpunkt hatte und auf's Gerathewohl handelte, gleichſam aus Begeiſterung, und Du begreifſt, welch' ein ungewöhnlicher Menſch dieſer Pozow geweſen. Unſtreitig gehört ihm die Ehre, der erſte Privatmann geweſen zu ſein, der Gold enthaltende Gemenge in Sibirien entdeckte. Vor Kurzem hat ſich noch eine Compagnie in Katherinenburg gebildet: Das ſind alle handelnden Perſonen auf dieſem unfangreichen Schauplatze; ſie haben den Flecken in Beſitz, von dem ich früher geſprochen. Alles Uebrige gehört— uns!... verſtehſt Du nun? Das iſt Alles unſer!“*) Und Lenin legte beide Hände auf die Karte Sibiriens und konnte noch immer nicht den ungeheuern Raum be⸗ decken, den er auf dieſe Weiſe in Beſitz nahm, im Namen ſeiner tiefen Schlußfolgerungen, die er auf die weltlichen Bedürfniſſe des Verſtandes angewandt. Lenin liebte nicht zu glänzen, wünſchte wenig be⸗ merkt zu werden: er wußte, daß er auf dieſe Weiſe nicht zum Ziele komme. Die Welt liebt keine Vordringlinge und Jeder bemüht ſich, ſie in die Maſſe zurückzuſtoßen oder ſie durch ihren Groll zu ervrücken, wenn ſie ſich *) Es iſt vielleicht nicht unnöthig, zu bemerken, daß dies vor dreizehn Jahren ſpielt. Anm. d. Verf. 104 lange im Vordergrunde aufgehalten. Doch hier konnte Lenin nicht länger hinter dem Berge halten, er konnte die Gefühle der Selbſtzufriedenheit, des Stolzes, das Be⸗ wußtſein ſeiner Vollkommenheit, die ihm die Seele er⸗ füllten, nicht mehr verbergen. Er ſtellte ſich gerade vor Newski hin und blickte ihn triumphirend an, Der feu⸗ rige, für alles Ungewöhnliche leicht entbrannte Neweki begriff gleichfalls alles Große, welcher Art es auch ſei. Oft hatte er ſich über die Menge erhoben, die kleinen Begierden zu ſeinen Füßen geſehen und ſie verachten ge⸗ lernt; voft hatte er der Welt die Gelegenheit verſchafft, ihn zu bewundern, mit den Fingern auf ihn zu zeigenz doch war er bis jetzt jedes Mal beim kleinſten Mißlingen „ in der Geſellſchaft oder im Dienſte in einen apathiſchen Zuſtand verfallen, oder er hatte im Strudel der Alle vernichtenden Leidenſchaften Selbſtvergeſſen geſucht. Newski hatte dieſes Mal ſeine Abneigung gegen Le⸗ nin vergeſſen und ſtreckte ihm freundſchaftlich die Hand hin, damit gleichſam ſeinen Schlußfolgerungen alle Ge⸗ rechtigkeit wiederfahren laſſend und mit ihm für die ſo wichtige und ſo unzählige Reſultate verſprechende Unter⸗ nehmung einen Bund ſchließend. Sie konnten in der That, ihre Mittel durch Aktionäre vergrößernd, das ge⸗ ſammte, ungeheure Land in ihre Hände bekommen, und mit dem Rechte als erſte Begründer an die Spitze der Compagnie treten, welche, die engliſch⸗oſtindiſche Com⸗ pagnie etwa abgerechnet, durch ihren unberechenbaren Reich⸗ thum nicht ihres Gleichen hätte. „Und Du, Finski? trittſt Du unſerem Triumbirate bei, das aus drei furchtbaren Elementen, aus den drei Hebeln des Weltalls zuſammengeſetzt iſt, wie ſich unſer gemeinſchaftlicher Freund Newski ausgedrückt haben wür⸗ de? aus der moraliſchen, phyſiſchen und elektro⸗ magnetiſchen Kraft, das heißt, aus Wiſſen, Thätigkeit und Geld? Wir geben Dir einen Antheil an unſerm Gewinne.“ 105 „Ich danke.“ „Wie? Du ſchlägſt es aus?“ „Das thue ich.“ „Mein lieber Alexander, die Sache iſt ſo ſicher!... wozu verlieren!“ „Ich bin mit dem zufrieden, was ich beſitze.“ „Du biſt eine wahre Auſter: er ſchloß ſich in ſeine Muſchel ein, und mit keinem Schwerte kannſt Du dieſen harten Kalk ſpalten,“ ſagte Newski. „Mit dem Schwerte ſpalteſt Du ihn nicht, bemerkte ſchlau Lenin: doch gibts einen elektriſchen Funken, vor dem die Muſchel auseinanderfällt.“ Newski hatte Lenins Worten keine Aufmerkſamkeit geſchenkt, aber da er zufällig auf Finski blickte, bemerkte er, daß dieſe dem Anſcheine nach nichts ſagenden Worte ihn perwirrt hatten. Newski gab dem Geſpräche die vo⸗ rige Richtung. „Und nun zur Sache,“ ſagte er. „Zur Sache!... und zwar müſſen wir eilen. Die ganze Arbeit fällt natürlich auf uns zwei: Du übernimmſt den techniſchen, ich den ökonomiſchen Theil; dann wollen wir Beide in eins verſchmelzen. Tſchornich wird Dir viele Daten geben: er war Steiger in einem ſibiriſchen Bergwerke und iſt uns unentbehrlich. Newski blickte zweifelhaft auf dieſes Schalthier, das ſich nur beim Goldſcheine belebte und ſich wieder ſchloß, ſobald das Gold verſchwand. „Morgen ſchicke ich Dir dieſen Menſchen, heute be⸗ halte ich ihn für mich.“ Lenin und Tſchornich gingen. „Sage ihm nichts von unſern weitern Unternehmun⸗ gen,“ ſagte Lenin ſeinem Begleiter.„Dazu wird noch Zeit ſein. Man darf nichts mit einem Male entdeckenz etwas bewahren wir für uns. Ich ſage dieſes übrigens nur ſo, eigentlich iſt es Alles eins. Ich und Newöki find— alte Freunde. 106 „Was ſoll ich denn erzählen! Ich bin ein einfacher Arbeiter, ich habe keine Stimme; machen Sie es unter einander aus, wie Sie glauben. Newski und Finski blieben allein. „Sage mir doch, mein Lieber, warum willſt Du keinen Antheil an der Kompagnie, die ſich auf ſo poſiti⸗ ven Baſen gründet und ſo viele günſtige Ausſichten er⸗ öffnet?“ fragte Newski. „Ich will nicht mit Lenin in Verbindung treten.“ „Sei doch geſcheit! Der allgemeine Nutzen ſchafft Aſſociation und beſtimmt dieſe in gegenſeitiger Abhängig⸗ keit, aber nach einem vorgeſteckten Ziele zu wirken. „Es mag ſein... moöglich, daß ich mir ſelbſt keine Nechenſchaft von meinem Betragen geben kann. Wahr⸗ ſcheinlich iſt's die Trägheit, die mich zum Entſagen be⸗ ſtimmte.“ „Gott mit Dir!. doch was iſt das für ein elek⸗ triſcher Funke, der auf Dich zu wirken vermag.. erinnerſt Du Dich, was Lenin ſagte?“ „Ach, erinnere mich nicht an Lenin, ich bitte Dich— und Finski wurde noch verwirrter als vorher. Zwölftes Kapitel. Vie wiedererwachte Leidenſchaft. Newski arbeitete unermüdlich. Es war ein Stoß zur Erweckung ſeiner Thätigkeit nöthig, und ſie ließ ſich weder vom Schlafe noch von Zerſtreuungen befiegen; raſch, alles umfaſſend, zog ſie ihn ſchnell an's erſehnte Ziel. Newski arbeitete an dem Entwurfe der Kompagnie und bemühte ſich zu derſelben Zeit, ſelbſt wider Willen Piroſch⸗ kows, daß man ihn auf das Felv nützlicher praktiſcher Thätigkeit berufe und ſeine wunderbare Erfindung in Gang bringe. Unſer beſcheidener Gelehrter gerieth in einen pa⸗ niſchen Schrecken; er aus ſeiner Einſiedelei auf den Richt⸗ platz des geräuſchvollen Lebens treten, er, der glückliche Bewohner der friedlichen Zelle!. wenn man ſeine bewußtloſe Welt Glück nennen kann! Doch Newoki, von der glänzenden Idee Naſar Naſarowitſch ſelbſt hinge⸗ riſſen, hatte noch nicht die Hoffnung aufgegeben, ſein Ziel zu erreichen. Dieſe ganze Zeit hindurch wachte Finski über ſeinen Freund, jeden langweiligen Beſuch und alle möglichen Unannehmlichkeiten vorſichtig von ihm abwen⸗ dend: ſie könnten den Faden ſeiner Beſchäftigungen un⸗ terbrechen, vder gar demſelben eine andere Richtung geben, weil, wie wir ſchon bemerkt, Newski allem zuſtrebte und eben ſo raſch wieder erkalten konnte, als er für irgend 108 einen Gegenſtand in Flammen gerieth. Er hatte ein Weſen oder ein inneres Gefühl vonnöthen, welches das wohlthätige Feuer nährte. Doch wir vergeſſen beinahe die wichtige Begebenheit, die ſich im Laufe dieſer Zeit zugetragen. Am dritten Tage nach der von uns beſchriebenen Begegnung auf dem Wolfsfelde, trat Finski in das Ka⸗ binet ſeines Freundes. „Es iſt Zeit! Es bleiben uns nur kaum zwei Stun⸗ den; es iſt ziemlich weit!“ „Ich weiß, ich weiß: ich fahre nur zum Fürſten, laſſe ihm den Plan zurück und hole dann Dich ab. Wir fahren gerade auf den Ort des Verbrechens; beugen Allem vor, daß das Mädchen nichts erfährt und befreien uns dadurch von allen Dankſagungen und rührenden Scenen von ihrer Seite und der ihrer Mutter. Mache Dich be⸗ reit; in einer Viertelſtunde bin ich zurück.“ ſ6 irt betrachtete ihn mit ſichtbarer Theilnahme und wieg. „Was nun? fragte Newski?“ „Höre, Modeſt, fahre jetzt nicht zum Fürſten: laſſe es auf morgen.“ „Ich verſtehe, ich verſtehe, mein guter Alerander: Du fürchteſt für mich, für mein Herz. Doch ſei ruhig: ich will ſelbſt die Hausfrau nicht aufſuchen.“ „Wenn nur ſo! aber noch beſſer wäre es, wenn Du gar nicht hinfährſt. Wir verſpäten uns.“ „Wo denkſt Du hin! Du ſagſt ja ſelbſt— es blei⸗ ben noch zwei Stunden; und wir werden in einer Stunde ſchon dort ſein. Zum Wiederſehen, in einer Viertelſtunde bin ich hier.“ „Es iſt alſo, wenn man das Wolfsfeld vorbeipaffirt, nach dem Laboratorium?„ „Ja doch, ja! Glaubſt Du denn, daß ich Ort voder Zeit vergeſſe, wenn es ſich um das Leben, oder was noch ſicherer, um die Ehre eines Weibes handelt?“ 109 „Das iſt's eben, Modeſt! es iſt eine Ehrenſache. Ich will Dein Intereſſe an der Fürſtin nicht näher be⸗ leuchten... aber. aber es iſt in der That nicht viel Gutes daran Finski hielt inne, aus Furcht, Newoskis Eitelkeit zu verletzen. Er glaubte ſich ſchon zu viel erlaubt zu ha⸗ ben; in ſeinem dolce far niente hätte er auch dies nicht zuſammen gebracht; er war kein Freund, die Worte zu wählen und nahm die erſten beſten, die ihm in den Mund kamen, wenn ſie nur ſeine Gedanken bezeichneten. „Lebe wohl, Alexander, erwarte mich!“ Nicht ohne eine kleine Herzenswallung fuhr Newoki vor dem Hauſe vor, wo er einſt ſo glückliche Stunden, oder beſ⸗ ſer geſagt, ſo viele Stunden glücklicher Verirrung verbracht. „Der Fürſt iſt nicht zu Hauſe,“ ſagte der Schweizer. „Ich muß ihm dieſe Papiere zurücklaſſen.. in ſeinem Kabinette.. ſie ſind wichtig.. ſagte Newski ſtockend, ohne aus dem Wagen zu ſteigen. „Befehlen Sie, daß ich die Papiere hinauftrage und ins Kabinet legen laſſe 2“ „Nein ich will lieber ſelbſt ich muß auch ein Zettelchen ſchreiben.“ Und Newski ſtieg aus dem Wagen, ſchrieb das Zet⸗ telchen ſehr langſam, obgleich es durchaus keines Nach⸗ denkens bedurfte; noch langſamer verließ er das Kabinet, als erwarte er etwas; ſchon ſtieg er die Treppe hinab; doch dieſes Mal hatte ihn ſein Vorgefühl nicht betrogen. Ein Lakei holte ihn ein und ſagte, daß ihn die Fürſtin zu ſich bitte. „Ah!“ dachte Newski:„ſie will mich ſehen. gut! jetzt iſt die Reihe an mir; ich brauche mich nicht zu ſtellen, als ob ich von meinen kindiſchen Verirrungen geheilt ſein ich brauche nur wie gewöhnlich zu ſein ſie wird mich nicht mehr berücken.“ Newoki ging zur Fürſtin. Die Fürſtin Wjera war in der Periode ihres Lebens, Petersburg am Tage ꝛe. J. 8 11⁰— in welcher Frauen, wie ſanft und vernünftig ſie auch wären, mehr oder weniger launiſch, mehr oder weniger aufbrauſend werden, je nach dem angeborenen oder in der Folge ſich ausgebildeten Charakter; in der Periode, in der die Frauen zu bemerken anfangen, daß das Leben raſch vorſchreitet, und die Freude nicht andern Freuden Platz macht; in der der Schmerz ſtechender wird und ſich tie⸗ fer ins Herz bohrt; in der die Gegenwart die Roſenfarbe nach und nach mit der grauen vertauſcht und die Zukunft ſich als ein in Nebel gehülltes Leichentuch enthüllt; hin⸗ ter ihm iſt ſchon der ſchwarze, ſchreckliche Punkt ſichtbar, zu dem der ſchüchterne Blick nicht durchzudringen wagt, aber den der Verſtand verräth: dieſer ſchwarze Punkt iſt — das Grab, die letzte Zuflucht der Unglücklichen, das Schreckbild aller. Wjera, ſagen wir, war in der Periode, in welcher der Zauberſchleier herunterfällt, die blumichte, prächtige Regenbogenwelt verödet, ärgerliche Runzeln die glatte und helle Stirn furchen, das erſte graue Härchen hittere Gedanken erweckt, die Hautfarbe, gleich einem zar⸗ ten Elfenbeinblättchen auf einer Unterlage von Roſaatlaß weniger durchſichtig wird, ſich trübt, verwelkt; wenn der Athem nicht mehr ſo heiß und ungleich wird, wenn ſich die Reihen der Anbeter und Vergötterer ſichten, und ihr ſüßes, leidenſchaftliches Geflüſter ſich in ein klares, ber⸗ ſtändliches Geſpräch verwandelt. Wjera konnte das wahr⸗ Glück nicht faſſen, darum ſuchte, jagte ſie vergebens darnach. Sie hatte das Unglück kennen gelernt und die Quellen ihres Herzens waren verfiegt. An die Vergangen⸗ heit wagte ſie nicht zu denken, ſie hätte auch aus ihr keinen Troſt geſchöpft; ſie war ihr ſchrecklich und Wjera wendete eilig ihren ängſtlichen Blick von ihr ab. Ja ſie war aber auch ſehr unglücklich in der Gegenwart; hier iſt der Grund. Der einzige Sohn, auf den ſie alle ihre egoiſtiſche Liebe konzentrirte, dem ſie ihr Vermögen und ihren vornehmen Stand übergeben ſollte, dieſer einzige Sohn war ihr nicht zur Freude geſchaffe. — — 1¹1 Das eitelſte, weltlichſte Weib fängt in dem Maaße, als es von der Welt abfällt an, in ſeinen Kindern zu leben: ſie ſchmückend, ſpiegelt ſich ſeine Eitelkeit in ihnen und ſtolzirt über ihre Vorzüge, als über eigene. Doch welche Vorzüge konnte Wjera in ihrem Sohne trotz aller müt⸗ terlichen Vorliebe finden? Dieſes ſchwache, kränkliche, ſtumpfe, hinwelkende Kind, das die kunfifertigſten Aerzte nicht beleben, eine ganze Maſſe von Lehrern in nichts un⸗ terrichten konnten, dieſer todtenähnliche Leib, der nur zeit⸗ weiſe zuckte, und ſein in ihm enthaltenes Leben nur durch Bosheit beurkundete. Die Aerzte ſagten, es ſei eine Ner⸗ venſchwäche, die Mutter ſchrieb es der Unfähigkeit zu mit dem Kinde umzugehen, und unaufhörlich wurden die Hof⸗ meiſter und Diener gewechſelt. Nur einen ſchien das Kind zu lieben, einen alten Mann, der jeden Tag ins Haus des Fürſten kam. Dieſer Alte wurde auch von Allen im Hauſe geliebt. Die Fürſtin Wjera war verdrüßlich, nachdenkend; und einen ſolchen Gemüthszuſtand ſuchen Frauen in einem gewiſſen Alter zu vermeiden, weil er ſie noch älter er⸗ ſcheinen läßt, als ſie wirklich ſind. Da ſie erfahren, daß Newski im Kabinette ihres Mannes geweſen und nun, ohne nach ihr zu fragen, das Haus verlaſſen wollte, ent⸗ ſchloß ſie ſich, nach ihm zu ſchicken. Sie hatte ihn ſo lange nicht geſehen. Newski trat ein. Er glaubte ſie wie immer glän⸗ zend, heiter, die Welt und das Leben belachend zu finden, und fand ſie blaß und bekümmert.„Konnte meine Ab⸗ weſenheit ſie ſo verändern?“ war ſein erſter Gedanke, doch er erinnerte ſich, daß ſie ſelbſt, ihre Kälte die Urſache ſeiner Entfernung geweſen. Er dachte an alles, was zwiſchen ihnen vorgefallen und das in ſeinem Gemüthe erwachte Mitleid verſchwand. „Was würde die Welt ſagen, welche Schlüſſe würde ſie nicht daraus gezogen haben, wenn ſie mich in einem 112 ſolchen Zuſtande erblickte, in dem Sie mich jetzt ſehen?“ fragte Wjera nach den erſten Begrüßungen. „Sie würde ſagen, daß Sie ſchön ſind! Das hat ſie Ihnen immer geſagt.“ Newski ſprach dieſe Worte mit einem Tone, in dem man gewöhnlich fade Komplimente ausſpricht, an denen weder das Herz noch die Ueberzeugung Antheil haben. Ein ſolches Kompliment iſt manchmal bitterer als die bitterſte Wahrheit, je nach der Perſon, von welcher man es vernimmt. Indeſſen war Wjera wirklich noch ſehr ſchön. Ihre gewöhnlich kalten, ſtolzen Züge nahmen un⸗ ter der Hülle des Kummers einen weichen, fanftern Aus⸗ druck an, und erweckten nicht bloß Bewunderung, ſondern auch Theilnahme. „Ja! die Welt würde es ſagen: doch was vächte ſie dabei?“ fragte ſie, als wünſchte ſie zu erfahren, was Newski ſelbſt denkt.. „Die Welt denkt an gar nichts.“ „Aber ſie erdenkt viel und läßt andere viel nach⸗ denken.“ „O! Sie haben keine Urſache, über die Welt Klage zu führen: ſie war Ihnen immer ſo gnädig. ſo gerecht, wollte ich ſagen.“ Wiera begriff die Jronie, die aus der feinen Rede hervorblickte, ſchien ſie aber nicht zu bemerken. „Ja! gnädig! wenn man ihren Wor⸗ ten Glauben ſchenken darf. wenn man Ihnen glau⸗ ben ſollte! Doch laſſen wir die Welt, wir haben genug an ihr außerhalb dieſes Zimmers. Denken wir jetzt für eine Minute wenigſtens an uns ſelbſt.“ „Sie wünſchen etwas von unſerer Unternehmung mit dem Fürſten zu erfahren?“ „Nein, ich miſche mich nicht in die Geſchäfte des Fürſten: wir haben unſere Rechnungen ſchon ſeit lange abgeſchloſſen, Sie wiſſen es ja.“ Der Mann iſt gewöhnlich von einer Leidenſchaft, 113 dem Ehrgeize, dem Spiele und dergleichen ganz ein⸗ genommen; bei der Frau bleibt immer ein Winkelchen, ein heiliges Winkelchen im Herzen für andere Gefühle, beſonders für die Liebe zurück. Ein erfahrener Phyſiolog würde vielleicht auf Wjera's kummervollem Geſichte ein ſolches Gefühl geleſen haben, das mehr als ein Mal plötz⸗ lich, wie im Fluge aufloderte, und eben ſo ſchnell, von niemanden bemerkt, von niemanden erhaſcht, verſchwand, ſo daß Wjera immer kalt und allen unzugänglich blieb, trotz den Seufzern und Bemühungen der verzweifelteſten Tageslöwen. Einige Zeit hindurch war ſie für Newski beſonders gütig geweſen, doch bald erkaltete ſie auch für ihn, ſei es, weil die Welt davon ſprach, oder weil ſich die Beziehungen Newski's zur Welt änderten. „Modeſt blicken Sie nicht ſo oft auf die Uhr ich errathe Ihr Vorhaben; Sie haben ab⸗ ſichtlich beſchloſſen mich zu reizen iſt Ihnen nicht genug, daß ich leide?“ „Aber ich erkenne Sie nicht„Sie ſind immer ſo vernünftig„. ſagte Newoki mit geheuchel⸗ tem Gleichmuthe. „a wohl! in der Welt ſind wir alle ſehr venünf⸗ tig, glücklich wir tanzen und lachen und vergehen faſt in Seligkeit im prachtvoll erleuchteten Ballſaale. aber hier wenn wir allein.„„Ja! beſonders wenn eine Frau ganz allein iſt und wenn ſie endlich der Schmerz oder ein Unglück erfaßt, welche zu ertragen ſie nicht die Kraft beſitzt.... O! was leidet da ihr armes, ſchwaches, troſtloſes Herz Ihr Männer wollt es nicht wiſſen Ihr fordert mit Euern egviſtiſchen Gefühlen, daß ſie vor Euch immer im vollen Putze erſcheine, mit einem Vorrathe von Geiſt und Lächeln und immer nur für Euch nur für Euch allein: ſie wage ja nicht an ſich zu denken; Ihr ſagt Euch ſogleich von ihrer Freundſchaft los, weil ſie ſich Euch gezeigt, wie ſie wirklich iſt und ihren Antheil 114 an Troſt, an moraliſcher Selbſtaufopferung fordert. Ihr braucht nur Liebe, weil eine verliebte Frau alles hingibt, was ſie Heiliges in ihrem Herzen bewahrte, und Ihr dann damit wie mit einen Spielzeuge ſpielen könnt: ſie iſt die Sklavin Eurer Launen, Ihr koͤnnt ſie zerdrücken und dem Schimpfe und der Schmach der Welt Preis geben, Ihr könnt ſie erheben, aber nur deßwegen, daß man Euer Geſchöpf, worauf Ihr ſtolz ſeid, beſſer bemerke, und die Welt Euch beneide. Doch wenn dieſe Frau, matt und betrübt im leeren Gaſtzimmer auf Euch zueilt, die Augen in Thränen, Bläſſe auf dem Geſichte, ohne Antwort auf Euere Späße, auf Euer Gelächter, wendet Ihr Euch von ihr, langweilt Ihr Euch mit ihr, Ihr blickt auf die Uhr, gleichſam gebieteriſch von ihr Unterhaltung fordernd und im entgegengeſetzten Falle ſie mit ihrem Schmerze allein zu laſſen drohend.“ „Ach! Spotten Sie meiner nicht mehr!. ſagte Newski, unfähig ſeine Leidenſchaft länger zurückzu⸗ halten.„Sie wiſſen nur zu gut, daß ich für ein einziges Wort der Theilnahme bereit war, Ihnen alles zum Opfer zu bringen.“. „Ich hatte keine Opfer nöthig„ Als ob Sie nicht wiſſen, daß in der Selbſtaufopferung eben ſo viel Stolz, eben ſo viel egoiſtiſches Gefühl liege, als in der unbegränzten Liebe, die Ihr von uns Frauen fordert, als in der Unterthänigkeit, zu der wir nach Euerer Meinung geſchaffen? Ihr ſeid in den gebrachten Opfern auf Euere moraliſche Kraft, auf Euere Vollkommenheit ſtolz, und fordert von uns nur Opfer, die nur unſere Schwäche darlegen: zu andern Opfern haltet Ihr uns für unfähig. In der ununterbrochenen Aufwieglung der Gefühle, in den Zerſtreuungen der Welt bleibt Euch keine Zeit, in das Herz des liebenden Weibes einen Blick zu werfen, wäh⸗ rend ſie ihr ganzes Leben dem Studium desjenigen Her⸗ zens weiht, dem ſie ſich ergeben; Ihr verletzt ſie fort⸗ während, und ſie, die Dulderin, verſchluckt den Schmerz 11⁵ und ſucht ſogar, ſeine Spuren zu verwiſchen Sie ſagen, Sie ſind bereit, für ein Wort von mir Alles zu opfern; doch, welche Frau wird ſo wenig Stolz beſitzen, Opfer zu fordern, wenn Sie ſie ſelbſt nicht errathen?“ „Ich ich begreife Sie nicht„ Aber ich ſchwöre Ihnen: früher hätte ich für Sie Alles aus unbe⸗ ſiegbarer Herzensneigung gethan, jetzt will ich Alles thun m mich wenigſtens für ſo manches Weh zu rächen„ „Oh! In dieſem Falle können Sie ſich beruhigen.. Sie hätten ſich nie ſo rächen können, als das Schickſal ſich für Sie gerächt„doch vielleicht nicht für Sie, vielleicht für einen Andern... Sie ſprach dieſe Worte mit einem ſolchen Ausdrucke des Grames, den Newoki nie in dieſem Weibe gemuth⸗ maßt hatte. „Sagen Sie mir, ſagen Sie mir ſchnell, was ge⸗ ſchieht mit Ihnen?“ vielleicht läßt ſich dieſem Kum⸗ mer abhelfen ſollte Jemand gewagt haben, Sie zu beleidigen „Dieſe Beleidigung läßt ſich weder beſeitigen, noch abwaſchen.“ „Doch vielleicht kann man ſie theilen?. Sie ſagen es mir. nicht wahr?“ Wiera reichte ihm ſchweigend die Hand hin, die er zärtlich, aber leidenſchaftlos küßte. Die Stille währte einige Minuten. Newoski bemerkte, daß die großen, ſchwar⸗ zen Augen Wjeras feucht waren.“ „O! ſo kann man ſich nicht verſtellen, dachte er: „ſie leidet ſo ſchwer, und ich denke noch daran, ihr Vor⸗ würfe zu machen!.. ich dachte an mich, während ſie vielleicht nach Hülfe ſchmachtete, um die ſchwere Laſt des Kummers ertragen zu können!.. ſie hat Recht, uns Egoismus vorzuwerfen.“ Wijera fing zuerſt zu ſprechen an. „Sie können das Gefühl der Mutter zu ihrem Kinde, 116 zu ihrem Sohne, beſonders wenn er der einzige iſt wenn ſie ſelbſt den Verluſt der Uebrigen verſchuldet die vielleicht ihrer würdiger geweſen wären Sie kön⸗ nen dieſes Gefühl nicht begreifen, aber vielleicht mit dem Herzen errathen.„Sie wiſſen, wie ich meinen Kolja*²) liebe. Wie viele Sorge, wie viele Bekümmerniſſe um ihn, um ihn allein! Doch, Sie wiſſen nicht, was jetzt geſchehen iſt. Er war in eine Lehranſtalt eingeſchrieben: mir mit Hoffnung ſchmeichelnd, träumte ich ſchon, ihn verſtändig, gebildet, in der Geſellſchaft glänzend zu erblicken; er wäre mein Freund, mein, wenn auch junger, aber ſicherer Be⸗ ſchützer geworden; meine Einbildungskraft malte ſich ſeine glückliche Zukunft aus Und was nun!„als er das geſetzliche Alter hatte, laſſe ich Kolja ſich zu den Framen melden: man hat mir ihn als unfähig zurückge⸗ ſchickt. meinen Sohn meinen eigenen Sohn hat man um Beginne ſeiner Laufbahn für unfähig, für untauglich erklärt. Wenn er übrigens nur Unfähigkeit für's Studium gezeigt, das wäre noch zu entſchuldigen; aber dieſe Gleichgültigkeit für Alles, dieſe ſtumpfe Kälte, ſelbſt für ſeine Mutter dies tödtet mich„ uUund warum ſollte er mich nicht lieben, da ich doch bereit bin, meine Seele für ihn hinzugeben, und bei ihm, dem Schwachen und Kränklichen, ganze Nächte ſchlaflos ver⸗ bringe?“ Wjera war ſo ſchönredneriſch— unglücklich und ſo rührend ſchön, daß Newski wie im Fieber bebte. „Oh! ich ſchwöre Ihnen,“ rief er endlich aus, ohne zu bemerken, daß das Geſpräch immer anzüglicher gewor⸗ den:„ich ſchwöre Ihnen, in Allem unterthänig zu ſein!. ich will Sie lieben, ſo viel Sie mir erlauben ich will Sie mit einer ſolchen Vorſicht vor Allem bewahren, daß Sie ſelbſt nicht bemerken wenn Sie nur dazu Ihre Einwilligung geben„ „ *) Verkleinerung von Nikolaus. Anmrk. d. Ueberſ. 117 Um dieſe Zeit erſchallte ein lautes Gelächter aus dem nächſten Zimmer und traf unſern glücklichen Liebhaber wie ein Donner. Newski ließ Wjeras Hand los und ſprang vom Divane auf. „Kind!“ ſagte ſie zärtlich, und ihn an der Hand faſ⸗ ſend, zog ſie ihn zu ſich hin: Sie ſind noch ſo abergläu⸗ biſch wie früher. ein zufälliges Gelächter erſchreckt Sie.“ „Dieſes Gelächter iſt unglückweiſſagend, theure Wiera ich weiß es, ich habe es erfahren.“ „Gewiß nicht dieſes, ſagte Wjera lachend: Dieſes Gelächter kam aus der achtbarſten und ehrenhafteſten Bruſt, in der nur je ein menſchliches Herz geſchlagen. Der wird im ganzen Hauſe Großpapa genannt, unſer Geſchäfts⸗ führer.. Sie haben Smolnew früher nicht in unſerm Hauſe getroffen, weil er Petersburg verlaſſen, ich weiß nicht, ob in eigenen oder in Geſchäften des Fürſten. Ihn allein liebt unſer Kolja. Dieſen guten Alten kann man nicht anders als lieben; er unterhält das Kind mit Späſſen und Erzählungen, und findet ſelbſt ein Vergnügen in Kinderſpielen, der gute Mann!“ Man hörte Schritte hart an der Thüre. „Ah! da iſt er ſelbſt,“ ſagte Wjera in demſelben ſcherzhaften Tone: Sie werden ſich gleich überzeugen, daß dieſer Mann uns nichts Boſes zufügt; er iſt mir ganz ergeben Herein!„ Er tritt überall unver⸗ wehrt ein, außer in das Arbeitskabinet des Fürſten. Jetzt trat ein kleines, altes Männchen ins Zimmer, in einem abgetragenen, fadenſcheinigen Rocke, mit einer freilich nicht Unheil weiſfagenden, aber wahren Mißgeburt⸗ phyſiognomie. Man kann ſich nichts Häßlicheres denken, als dieſes niedrige, kahlköpfige Männchen. Er verbeugte ſich tief und überreichte der Fürſtin ein Billet. Wjera ergriff es zitternd, als erwarte ſie etwas, fürchtete ſich, es zu entſiegeln, und blickte dem kleinen Manne in die ugen, mit welchen dieſer, als wollte er ſie verbergen, fortwährend blinzelte. Sein Geſicht machte eine Grimaſſe; 118 ſeine großen, filzartigen Augenbrauen hoben ſich in die Höhe; man muß annehmen, daß es ein gutes Zeichen war; ſicher war es ein Lächeln des Alten, denn Wjera offnete mit ſichtbarer Freude den Brief. Newski dachte jetzt erſt an die verfloſſene Zeit: mit einer krampfhaften Bewegung griff er nach der Uhr. „Es iſt noch früh,“ ſagte der Alte, mit einer ſüß⸗ lichen Stimme und ſeinem gewöhnlichen Lächeln,„erſt acht Uhr.“ Ein kalter Schweiß trat auf Newskis Stirne.„Acht Uhr!“ wiederholte er mit dumpfer Stimme. „Ja! acht Uhr: ich habe meine Uhr heute rach dem Chronometer gerichtet.“ „Mein Gott! ich habe mich verſpätet ich konnte dem Uebel abhelfen und that es nicht,“ dachte Newski:„o, mein Gott! was habe ich gethan! Das arme Mädchen! und ich gebe mich hier einer zweifel⸗ haften Hoffnung hin!„. Doch vielleicht komme ich noch zur rechten Zeit!. vielleicht haben ſie verſpätet vielleicht fand dieſe geheime Zuſammenkunft nicht ſtatt.„O, Gott gebe!“ Ich danke Ihnen, ich danke Ihnen, mein guter Großpapa, fordern Sie für dieſen Dienſt welchen Lohn Sie wünſchen,“ ſagte Wjera, den Brief zu Ende leſend. Der ſogenannte Großpapa verbeugte ſich mit Unter⸗ würſigkeit, lächelte nach ſeiner Art und verließ leiſe das Zimmer, ohne auf den Antrag der Fürſtin zu antworten, wie jemand, für den es ſchon der größte Lohn, einen ſol⸗ chen Antrag verdient zu haben. „Laſſen Sie meinen Wagen vorfahren,“ rief ihm die Fürſtin nach: „Die Kaleſche iſt angeſpannt.“ „So ſoll die Kaleſche vorfahren.“ Was haben Sie, Modeſt?. Sie find ſo blaß?„ Sie ſtehen kaum auf den Füßen?.. Wohin wollen Sie? Bleiben Sie!.. Ich kann Sie ſo nicht fortlaſſen„ Ich be⸗ 1¹9 fehle Ihnen, zu bleiben, wiederholte ſie, da ſie ſah, daß Newoki ſich zum Gehen anſchickte, und hielt ihn an der Hand zurück. Sie ſind mir nöthig. Faſſen Sie ſich ſchnell, Sie fahren mit mir: Sie ſehen, ich brenne vor Begierde. „Und dieſes unglückliche Opfer! dachte Newski. Doch Du kannſt das Vergangene nicht rückbringen es iſt ſpät! Finski erwartet mich gewiß„ Und viel⸗ eich 3 O! Das Gewiſſen findet ſelbſt bei den Skrupulöſeſten irgend eine Ausflucht, wenn das alles verſchlingende Ge⸗ ſühl der Liebe es zu bearbeiten beginnt. „Trinken Sie etwas Waſſer ſo. ich will Ihnen die Schläfe mit Spiritus einreiben der Kopf iſt eiskalt, und der Schweiß rieſelt von der Stirne!“ Newski fühlte eine wohlthuende Wärme aus der warmen Hand Wjeras ſich ergießen, die mitzarter Sorge ihm die Schläfe rieb; er fühlte, wie unter dieſer Hand„ jeder Nerv zuckte und bebte, wie ſein Herz von dem ſüßen Taſtgefühle freudig klopfte. „Gott ſei Dank, Sie leben wieder auf!. Fahren wir! Ja! Nicht wahr, Modeſt, Sie fahren mit? und ſie blickte ihn mit von Liebe und Glück trunkenen Augen an. Vielleicht bedarf ich Ihres Schutzes! „O! Gott behüte!“ ſagte Newski.„Doch jedenfalls werden Sie ſich überzeugen, ob ich Sie zu vertheidigen vermag. Wjera antwortete nicht: ſie drückte ihm die Hand, und dieſer Druck ſagte mehr als das zärtlichſte Geſtänd⸗ niß; dann entfaltete ſie noch ein Mal das Briefchen: es ſtanden auf ſelbem nur folgende Worte:„Wohnt in der Sumpfgaſſe, unweit des Wolfsfeldes Nr. 41.“ „Es iſt in der Nähe des von Oßka angegeben Ortes, dachte Newoki: nur ein anderes Haus.“ „Die Kaleſche iſt vorgefahren„. gehen wir raſcher!“ Dreizehntes Kapitel. Ver Verrath. Die Frau iſt für die Liebe geſchaffen. Ein halbes Leben liebt ſie und dankt dem Geſchicke für ihre Liebe; die andere Lebenshälfte bemüht ſie ſich, nicht zu lieben, oder bereut ihre Liebe, oder lebt in der Erinnerung der frühern Liebe, und immer bleibt die Liebe— ihre Sphäre, ihr Leben, ihr Glück, ihre Qual. An die Liebe denkt ſie in den langen, ſchlafloſen Nächten, wenn das unbekannte Gefühl in dem noch unerfahrenen, zärtlichen, leidenſchaft⸗ lichen Herzen keimt; in der Liebe ſchwelgt ſie, glückerfüllt, wenn der, deſſen Ideal ſie ſich geſchaffen und ſchon in ihrem Herzen trägt, plötzlich vor ihr erſcheint, in ſeiner leiblichen Schönheit noch reizender als die Einbildung ihn ihr gezeigt hatte, denn das Herz kennt keine Grenzen in ſeiner Erfindungsgabe und iſt ſelbſt fähig, das noch zu vollenden, was die Einbildungskraft ſchon vollendet ge⸗ ſchaffen. Olga Benski fühlte ſich bis jetzt beglückt durch die Anhänglichkeit der Dürftigen und Leidenden, denen ſie mit dem Gefühle unbewußter Barmherzigkeit beiſtand. Ein ſolches Gefühl kann nur in ſeiner ganzen Fülle ein Frauenzimmer, oder noch richtiger, ein Mädchen empfin⸗ den, das den Weltbewegungen völlig fremd, noch nicht ——— 121 ihre berückende Luft eingeathmet. Nun ſprang Olga den Armen mit einem gewiſſen Zittern im Herzen bei, und gab ihrem Gewiſſen und dem Gefühle religiöſer Furcht Rechenſchaft von ihren Hanvlungen. Jetzt erinnerte ſie ſich, daß es unrecht, ſündhaft wäre, diejenigen der Will⸗ kühr des Schickſals zu überlaſſen, die mit ſolcher Hoff⸗ nung, mit ſolcher Zuverſicht ihre Hülfe erwarteten, und ſie beſuchte ſie, wenn auch vielleicht mit der frühern Eile und Bereitwilligkeit, aber nicht mehr, wie wir geſagt, unbewußt, ſondern ſich ſelbſt Rechnung ablegend. Sie hatte etwas auf dem Herzen, das ihre Gedanken, ihren Glauben, ihre Zweifel aufregte. Am dritten Tage, nachdem die Erſcheinung Newskis auf der Schwelle der Benski'ſchen Wohnung in Olga's Herzen eine ſo wunderbare Metamorphoſe bewirkt hatte, erſchien Fedul ſchluchzend und weinend und bat ſie, ſeinen Vater zu beſuchen, der unweit, am Ende der Straße, in den letzten Zügen liege, ſagte Fedul. „Was kann ich da für ihn thun? womit kann ich ihm beiſtehen?„ſchicken wir lieber nach dem Arzte.“ „Was ſoll der Arzt! Du biſt uns in der Umgegend mehr als alle Aerzte. Du biſt unſer Schutzengel „Wenn ſie nur mit ihrer Hand mich berührt, wird mir ſogleich leichter ums Herz!“ ſagt der Alte. Gewiß wird ihm dann beſſer!. Erzeige uns die Gnade, komme zu uns, wenn auch nur für eine Minute, laß' uns nicht für immer ſchutzloſe Waiſen werden.. Und Fedul warf ſich ihr zu Füßen. Ein ſonderbares Gefühl bewegte das Mädchen: es iſt wohl wahr, ſie unternahm jedes Mal mit Schüchtern⸗ heit eine neue That der Barmherzigkeit, als ſchäme ſie ſich der Kühnheit ihres Herzens; doch von ſeinen Wallun⸗ gen hingeriſſen, gab ſie ſich demſelben ganz hin. Aber jetzt flüſterte ihr eine innere Stimme zu, der Schutzengel, der die reinen Seelen immer bewacht„auf den zu ihren 122 Füßen heulenden Knaben nicht zu achten. Zur ſelben Zeit forderte ſie ein anderes Gefühl, das der einfachen Neu⸗ gierde wie auch der weibliche Eigenſinn auf, dem Knaben zu folgen. Dem Unglicklichen helfend beizuſpringen, zwang ſie endlich die Pflicht: ſie befand ſich in der Lage jenes unglücklichen Opfers, das vor dem aufgeſperrten Rachen der Schlange ſteht, und unter dem magiſchen Einfluſſe ihres Blickes weder fortzugehen, noch das Auge abzuwenden vermag. Dieſes eigenthümliche phyſiologiſche Faktum zeigt ſich ſehr oft im Gemüthe des Menſchen und iſt einer ge⸗ nauen Analyſe würdig. Erklärt dieſes Faktum nicht die vrientaliſche Mythe von dem fortwährenden Kampfe zweier Prinzipien, zweier Geiſter, des Guten und Böſen im Menſchen?„ Olga entſchloß ſich zu gehen. Erſchöpft von langem Wachen am Lager ihrer kranken Mutter und innern Her⸗ zensunruhen, befand ſie ſich ſelbſt leidend. Doch ſie war daran gewöhnt, ihre eigenen Leiden beim Anblicke der Schwächen Anderer zu vergeſſen. Die Magd bei der Mutter laſſend, nahm ſie nicht ohne innere Bewegung von der Mutter Abſchied, und machte ſich in Begleitung Feduls und des Zerlumpten, der zum Zeichen der Bereit⸗ willigkeit, ſein Fräulein zu vertheivigen, ſich mit einem tüchtigen Knittel bewaffnet hatte, auf dem Wege längs des Ligowkakanals. „Wir ſind gleich dort!“ ſagte Fedul; indeſſen gingen ſie immer fort, und kamen endlich zu einem mit einem Zaune umgebenen und mit Unkraut bedeckten leeren Platze, wie man ſie noch jetzt an der Ligowka finden kann, die hier als ein ſumpfiges Waſſer fließt. Fedul führte ſeine Begleiter in eine neben dieſem leeren Platze ſtehende Hütte, zeigte auf einen Winkel, wo auf einer Art Bett mit faulem Stroh bedeckt, die Leidens⸗ geſtalt Oßkas lag, und winkte dem Zerlumpten bedeut⸗ am. „Und nun was denn?“ fragte dieſer. ¹ * 123 „Wir müſſen gehen!“ Und ſie traten beide aus der Thüre in einen geräu⸗ migen, verwachſenen Hof. Oßka litt wirklich. Aus ſeinem verſoffenen Geſichte war zu erſehen, daß er in dieſen Paar Tagen viel Lebens⸗ kraft verbraucht, im Zweikampfe mit dem Branntweine oder im Handgemenge mit andern Trunkenbolden. Außer⸗ dem quälte ihn eine Art Gewiſſen, das die beſſern Na⸗ turen ſelbſt am Rande des Abgrundes nicht verläßt. Er ſchämte ſich, ein armes, ſchwaches Mädchen zu betrügen, das er einſt gekannt hatte und achten mußte. Und womit hat es ihn beleivigt? Warum alle dieſe Hinterliſt gegen dieſes arme Weſen? Und daß hier nur ein böſes Ziel im Hintergrunde ſei, das mußte ſelbſt der kurzſichtige Ver⸗ ſtand Oßka's eingeſtehen. Als Olga ſich an die Dunkelheit der Hütte etwas gewöhnt, näherte ſie ſich dem elenden Lager des Kranken, ohne beſondere Furcht, ohne Ekel, an ähnliche Schau⸗ ſpiele gewöhnt. Oßka wendete ihr den Rücken zu, viel⸗ leicht um ſeine unwillkührliche Aufregung zu verbergen. Bald fühlte er auf ſeiner glühenden Stirne die Berüh⸗ rung eines zarten, weichen Händchens, und es wurde ihm noch heißer wie früher, und ein kalter Schweiß bedeckte ſein Geſicht. Faſt zu derſelben Zeit öffnete ſich ein kleines Thür⸗ chen, welches Olga nicht bemerkt hatte, da ſie durchaus nicht vorausgeſetzt hatte, daß dieſes Häuschen noch ein Zimmer beſitze. Ein Mann kam aus ſelbem zum Vor⸗ ſcheine. Sein Anblick übte eine magiſche Wirkung auf Oßka aus; er blieb unbeweglich. Olga ſprang, von un⸗ willkührlichem Schrecken ergriffen, vom Bette zurück zur entgegengeſetzten Thüre. „Sie ſind mir zuvorgekommen in der Wohnung des Kummers und der Krankheit ℳ ſagte der Mann. „Gehen Sie nicht fort„„ich bitte Sie! blei⸗ ben Sie!„ Ihre Gegenwart, Ihr himmliſcher Troſt 124 ſind dieſem Armen natürlich nützlicher als irdiſche Hilfe, und wenn einer von uns Beiven gehen ſoll, ſo iſt die Reihe an mir Der Unbekannte blieb mit verſtellter Schüchternheit an der Thüre ſtehen. „O! nein, Ihre Hilfe wird ihm weſentlicher ſein! was vermag ich?„ „Viel, alles was zarte, weibliche Theilnahme ver⸗ mag.“ 6 Er ſchien ſo aufrichtig zu ſprechen, ſein Benehmen war ſo ruhig, beſcheiden, daß der Gedanke an Gefahr, der das arme Mädchen, ſeit der vom Zerlumpten gemach⸗ ten Unheil weisſagenden Entdeckung, nicht verließ, nach und nach verſchwand. Der Unbekannte, von der herrſchen⸗ den Stille ermuntert, machte einen Schritt vorwärts. ⁴Olga faßte unwillkührlich den Thürgriff; doch die Thüre war verſchloſſen und dies erweckte in ihr den vorigen Schrecken. „Wo iſt Wanja? wo iſt der Sohn des Kran⸗ ken?„ ſprach ſie, einen ängſtlichen Blick auf das leere Zimmer werfend:„warum iſt die Thüre verſchloſ⸗ ſen? öffnet doch, ich bitte! ich will gehen.“ „Allein?„. Wollen Sie nicht Ihre Begleiter erwarten?“ „Sie ſind gewiß hinter der Thüre.“ „Sie haben keine Urſache, zu fürchten: die Thüre ſiel gewiß durch einen ſtarken Stoß von ſelbſt ins Schloß; die verroſteten Angeln ſind noch immer zu ſtark für Ihre Kraftanſtrengung.. Klopfen Sie ſtärker!“ „Ich habe keine Kraft. ſagte Olga, ſich ver⸗ gebens abmühend, die Thüre zu öffnen.„Helfen Sie, um Himmels willen, öffnet!“ 3 Der Unbekannte näherte ſich der Thüre. Olga konnte ihn näher betrachten. Seine Kleidungsſtücke waren ein⸗ fach, aber mit Geſchmack gewählt, und er trug ſie mit 125 einer gewiſſen Koketterie; ein großer Brillant im Finger⸗ ringe zeigte deutlich, daß der Unbekannte in dieſe Hütte der Armuth aus einer entgegengeſetzten Sphäre komme; die grauen Augen glänzten gar ſonderbar für die uner⸗ fahrene Olga, jedes Mal, als er ſelbe auf ſie richtete. Er war ein ſtarker Vierziger: eine lange Naſe, dicke Lippen, eine ſchmale und eckige Stirne und überhaupt ſcharfaus⸗ geprägte, aber plumpe Geſichtszüge konnten beim erſten Anblicke für ihn kein Vertrauen einflößen, um ſo mehr, da ſein Benehmen entſchiedener zu werden begann. „Ja! wirklich verſchloſſen... wer hätte ſich die⸗ ſen Scherz erlaubt?„„ſicher Ihr Führer. „Mein Gott! Wo iſt Wanja? Alle haben mich ver⸗ laſſen „Nicht Alle. Sie ſehen, das Schickſal hat mich Ihnen zum Beiſtande geſandt.“ Und er näherte ſich dem Mädchen. Trotzdem, daß er ſich den Anſchein der groͤßten Sanftmuth zu geben ſuchte, ſprang Olga, von ihrem eigenen Gefühle gewarnt, zur Seite. arme Mutter! was wird aus Dir wer⸗ den?„ Sie ſtürzte ſich an das Krankenlagrr, ſich gleichſam unter den Schutz des Leidens und der Ohnmacht ſtel⸗ lend. Oßka verſteckte ſeinen Kopf ins Stroh, um nicht den Schrei der Verzweiflung zu vernehmen. „Ich begreife nicht, warum Ihnen mein bloßer An⸗ blick einen ſolchen Schreck einjagt,“ ſagte der Unbekannte, ſeinen Verdruß bemeiſternd. Olga hatte in der That einem Manne, der ihr gar kein Leid zugefügt, zu viel Mißtrauen gezeigt. Mit dem Wunſche, ſich vor ihm zu entſchuldigen, ſprach ſie:„Ihre plötzliche Erſcheinung.. die verſchloſſene Thüre.. Sie ſagte nicht:„Ihr Anblick,“ aber ſie dachte es. „Meine Erſcheinung kann ebenſo, wie die Ihrige, er⸗ klärt werden!„ Der Thüre habe ich mich nicht ge⸗ Petersburg am Tage ꝛe. 1. 9 126 nähert.„ich trage daher k ſchloſſen iſt. Wenn Sie ſich ſo eine Schuld, daß ſie ver⸗ ſehr beeilen, dieſen Lei⸗ denden zu verlaſſen, ſo will ich Ihren Zorn nicht über mich ergehen laſſen, weil ich ihn nicht verdient habe, und wenn Sie ſchneller von hier wegkommen wollen, ſo führe ich Sie durch einen andern Gang, denſelben, durch den ich gekommen, und wage zu hoffen, daß Sie mir den Ihnen unfreiwillig verurſachten den„ Der Unbekannte ſprach wi Schreck verzeihen wer⸗ eder mit aller möglicher Sanftmuth. Olga athmete freier. „Ich fühle, daß ich dieſem ſtehen im Stande bin„ich erfüllen und kam hieher. ihm, Sie helfen ihm, Sie ſind Zeigen Sie mir nur den mich nach Hauſe finden.“ Der Unbekannte reichte ihr Unglücklichen nicht beizu⸗ wollte nur ſeinen Wunſch Sie bleiben übrigens bei ja gut und theilnehmend Weg, ich will ſchon ſelbſt den Arm. Olga ſah da⸗ rin die einfache Bewegung eines an Weltmanieren ge⸗ wöhnten Mannes. „Ich bedauere ſehr, Sie e er:„andrerſeits aber ſegne ich rſchreckt zu haben,“ ſagte den Zufall, der mir ſo unerwartet das Glück verſchafft, mit Ihnen zuſammenzu⸗ treffen.. Ihr Name iſt den Unglücklichen heilig.. und kann auch mir nicht unbeka nnt ſein. Sie verbreiten überall Troſt, trocknen Thränen, wirken ſo viel Gutes! Wohlthätigkeit und Sch önheit und Jugend vereint — iſt eine große Gottesgabe!„ Unerwartet begeg⸗ neten wir uns auf einem und demſelben Schauplatze, und müſſen daher näher bekannt werden Sie finden an mir, ich wage es, Sie zu verſichern, eihen zu guten Werken bereitwilligen Menſchen leicht einen Mithelfer, einen können wir des Guten mehr wirken, wenn wir freund⸗ ſchaftlich zuſammen handeln. Olga's Kopf brannte un W per weiß! viel⸗ Freund Jedenfalls d ſchwindelte bei dieſen 127 ſchmeichelnden Worten, ihre Hand zitterte und ſie fühlte, wie ihr Herz erbebte bei der bloßen Berührung des Unbe⸗ kannten. Kaum waren ſie über die Schwelle der Hütte getreten, als die Thüre, durch welche der Unbekannte ge⸗ kommen war und ſie jetzt das Zimmer verließen, mit Ge⸗ räuſch zufiel. Oßka zog ſeinen Kopf aus dem Stroh ervor. „Uf!“ ſprach er ſich ſchüttelnd und ſich überall um⸗ ſchauend,„Gott ſei Dank, ſie ſind fort! Auch ich will nicht länger weilen. Nein, Brüderchen, ein zweites Mal kriegſt Du mich nicht daran; um mit einem Frauen⸗ zimmer fertig zu werden, muß man zwei Herzen im Vor⸗ rath haben eines, das Thränen nicht erweicht, das unter einer Schwanenhand nicht aufthaut, und noch ein zweites, das aus den mit Igelhaut überzogenen Händen einer Kalatſchenbäckerin unverſehrt oder nur mit einer kleinen Scharte herauskömmt. Wo iſt jetzt mein armer Jutſchka?„ Auf dieſe Weiſe reflektirend, näherte ſich Oßka der Thüre, die geradeaus auf den Hof führte, ſteckte die Hand durch eine Thürſpalte, und öffnete auf eine ihm allein be⸗ kannte Art den äußern Riegel. Kaum war die Thüre offen, als Jutſchka an ihm hinaufſprang. „Mein Herz! meine Freude!“ ſagte Oßka, ihm Kopf und Rücken ſtreichelnd. Der häßliche Hund ſchnaubte, winſelte vor Freude, wedelte mit dem Schweife und beleckte mit der rothen, rauhen Zunge Oßkas Geſicht. „Nun in die Schenke!“ flüſterte ihm Oßka ins Ohr, Jutſchka ſeine Herzensgeheimniſſe anvertrauend, und beide trabten fort, zufrieden und glücklich über ihre Begegnung, Oßka um ſo mehr, da er ſeine mühſelige Rolle los ge⸗ worden. Der Unbekannte und Olga befanden ſich in einem Zimmer, das nicht nur bequem, ſondern ſogar mit einem gewiſſen Lurus eingerichtet war und ſonderbar abſtach ge⸗ 128 gen das Elend, das im anſtoßenden Zimmer herrſchte. Olga blickte verwundert um ſich; die Unſchuldige, der ſelbſt der Gedanke eines Verbrechens fremd war, konnte nicht begreifen, was das alles zu heißen habe. „Sie ſind ſo aufgeregt,“ ſagte der Unbekannte be⸗ ſorgt:„ruhen Sie hier etwas aus.“ Olga gehorchte. Der Unbekannte ſetzte ſich ihr zur Seite. Das geheimnißvolle Halbdunkel, wohlriechende Räucherungen, ſchwellende Divane, weiche Teppiche, alles machte für Wolluſt und Sinnenluſt empfänglich; aber Olga begriff die zuckenden Bewegungen ihres Herzens nicht: unbewußt hatte ſie ihre Hand in der des Unbe⸗ kannten gelaſſen. Nur an das Gute und Edle glaubend, ſah ſie in den Schmeicheleien dieſes Mannes eine väter⸗ icr Sorgfalt, wie ſie manchmal Naſar Naſarowitſch für ie hatte. „Für wen glauben Sie iſt dieſes Zimmer eingerich⸗ tet?“ fragte der Unbekannte. „Ich denke für Leidende, die ihrer Geburt und Ge⸗ wohnheit nach eher Bequemlichkeiten benöthigen, als der Arme im benachbarten Zimmer.“ „Ja wohl!„ ganz recht! für Leidende ober auch für Glückliche. Sehen Sie?.. Ich habe abſichtlich dieſes Idol der Seligkeit mit der Wohnung der Armuth vereinigt, damit der Menſch ſelbſt in den feurigſten Entzückungen, in dem heftigſten Glücks⸗ ausbruche daran denke, daß dieſes Glück nicht ewig dauere, daß das Leiden ihm zur Seite ſei, und er ſich um ſo lebhafter der Verzückung hingebe und mit größerer Luſt den Kelch des Selbſtvergeſſens leere.“ „Ich verſtehe Sie nicht„aber ich bin über⸗ zeugt, daß Sie das alles zu einem edlen Zwecke eingerich⸗ tet haben.“ „O! glauben Sie, glauben Sie mir, geben Sie ſich dem hinreißenden Gefühle hin, und Sie werden dann be⸗ greifen, faſſen was Gluck bedeute.“ 129 Er drückte ihre Hand an ſein Herz und wollte ſie an ſeine Bruſt ziehen. Olga erblickte im Helldunkel ſeine brennenden Augen, ſein krampfhaft geſpanntes Geſicht. Sie ſing wieder zu fürchten an. „Es iſt Zeit, daß ich gehe„ ſagte ſie, ihre Hand zurückziehend,„die Mutter erwartet mich.“ „Bleiben Sie, ich bitte Sie!„ rief er ge⸗ bieteriſch aus, die Rolle eines zärtlichen Liebhabers, die er ſpielen wollte, vergeſſend. Olga gehorchte ſcheu. „Was wünſchen Sie von mir? warum halten Sie mich zurück?“ „Ich will Sie zur Freundin haben„ Ich bin reich es fehit mir nicht an Mitteln, Ihnen alle Genüſſe, alle Vergnügungen, alle Gemüths⸗ und Herzens⸗ freuden zu verſchaffen. Sie ſind barmherzig, Sie lieben, den Armen beizuſtehen. Unterſtützen Sie die Armuth mit meinem Hab und Gut, gebieten Sie über alles, was mir gehört, benützen Sie es für ſich, für Ihre Launen, Zerſtreuungen, für Putz und Moden, für Ihre Unterhal⸗ tung. Ich gehöre ganz Ihnen an! 4 Bweites Zuch. „— Erſtes Kapitel. Berzenslaunen. Olga horchte aufmerkſam und mit dem Intereſſe eines edlen Herzens auf die großmüthigen Anträge ihres Geſellſchafters, über ſeine Reichthümer zur Unter⸗ flützung der Armen zu gebieten. Die Freundſchaft eines ſo tugendhaften Mannes ſchmeichelte ihrem unerfahrenen Herzen. Sie wankte, ungewiß, wozu ſie ſich entſchließen, und was ſie antworten ſollte. Doch ſeine gar zu große Zärtlichkeit beunruhigte das Mädchen. Sie mußte alle ihre phyſiſche Kraft anwenden, um ſich ſeinen Armen zu entreißen, ſchrie auf und wollte davon laufen. Er be⸗ merkte ſpottend: „Sie ſchreien vergebens, Sie ſuchen umſonſt von hier loszukommen: hier iſt alles verſchloſſen und rund herum keine Seele.“ „Ol! ich beſchwöre Sie, im Namen Ihrer Tochter, wenn Sie eine haben; im Namen deſſen, was Ihnen am Heiligſten auf Erden, im Namen Gottes, laſſen Sie mich fort und ich vergeſſe alles, was ſich hier zugetragen, und ich will für Sie beten wie für meinen Retter.“ Vom Widerſtande immer mehr entflammt, gab der Unbekannte keine Antwort. 134 „Ich habe eine Mutter. Ich bin ihr einziges Gut. Ich flehe Sie an im Namen ihrer Mutter Ihre Worte erſtarben auf den Lippen, denn ſie ſah mit Schrecken ſich den furchtbaren Unbekannten wieder nahen; ſie ſtrengte die letzten Kräfte an, um ſeinen aus⸗ geſtreckten Armen zu entgehen.. ſie ſtieß einen Schrei Küs Plötzlich wurde an die Thüre heftig geklopft. Der Unbekannte blieb betroffen ſtehen. Olga ſtürzte ſich an die Thüre, wollte ſie öffnen, aber vergebens, der Schlüſſel war abgezogen. Das Klopfen dauerte fort, man verſuchte die Thüre einzuſchlagen, als ob der Klopfende nicht er⸗ wartete, daß man freiwillig öffnen werde oder darum nicht bitten wollte. „Fliehen Sie.. raſcher,“ ſprach der Unbekannte, „hier iſt ein Schlüſſel: hinter dieſem Vorhange iſt eine zweite Thüre„„ fliehen Sie ſchneller, ich wiederhole es Ihnen: Ihre Anweſenheit, ſie kann Ihnen nicht viel Ehre bringen.“ „Fliehen!“ erwiederte ſtolz und unwillig das Mäd⸗ chen und ſchleuderte den Schlüſſel von ſich.„Möge der fliehen, der ſich ſchuldig fühlt, ich bin bereit, mich dem Gerichte der ganzen Welt zu ſtellen.“ „So halten Sie wenigſtens die Thüre, bis ich fort bin,“ und er bückte ſich nach dem Schlüſſel, doch zur ſelben Zeit rieß die nicht mehr von innen gehaltene kleine Thüre aus den Angeln und ſiel zu Olgas und des Un⸗ bekannten Füßen. „Mein Neffe!„Der Teufel hat Dich in dieſer Stunde hergebracht, und wo haſt Du die Gewohnheit ge⸗ lernt, ohne Dich anzumelden, einzutreten? Hätteſt Du doch gebeten, Dir zu öffnen.. doch nein, er fällt wie in ein feindliches Lager ein! Wahrlich, ſolche Manieren zeigen keinen Menſchen von gutem Tone.“ Der junge Mann ſprach kein Wort. Einige Minuten ſtand er auf der Schwelle, als wolle er ſich an das 135 Dunkel gewoͤhnen, da er kaum die Gegenſtände unterſchei⸗ den konnte. Die ruhige Feſtigkeit, die ſich auf ſeinem Geſichte abſpiegelte, und die Milde ſeiner blauen Augen flößten Olga ein unwillkürliches Vertrauen ein. „Onkel,“ ſagte er endlich mit Ruhe,„danket Gott, daß ich noch zeitlich anlangte. nach den letzten Worten zu ſchließen, die ich hinter der Thüre horte.“ „Finski, Sie kamen, ſcheint es, um Ihre philanthro⸗ piſchen Ideen zu predigen; in dieſem Falle hätten Sie wohl einen paſſendern Ort wählen können.“ „Fürſt, ich verlaſſe ſogleich dieſen Ort, wo unter dem edelſten Vorwande die abſcheulichſten Verbrechen voll⸗ zogen werden; dieſer Schimpf der Tugend, dieſer Cynis⸗ mus des Herzens iſt wahrhaft ekelhaft.“ „Oho! Monſieur Finski, es ſcheint Ihre empfind⸗ lichſte Saite berührt zu haben; Sie erhitzen ſich zu ſehr, mein Lieber, und verrathen Ihre Geheimniſſe; ſo kann man nur ſeine Geliebte vertheidigen.“ Die zitternde Olga verſtand nichts von dem, was um ſie her vorging; die Worte drangen an ihr Ohr wie das Geräuſch des Waſſers an das Ohr des Ertrinkenden. Finski wendete ſich an ſie, ohne den Fürſten einer Ant⸗ wort zu würdigen. „Wenn Sie ſich entſchließen können, ſich einem Ihnen unbekannten Menſchen zu vertrauen, deſſen Ehre Ihnen aber von der Reinheit ſeiner Abſichten Zeugniß ablegen kann, ſo erlauben Sie mir, Sie zu begleiten„. Iſt's Ihnen aber gefällig, hier zu bleiben.. „Oh! nicht für Alles in der Welt!“ rief Olga aus und faßte die Hand ihres Retters. Finski verbeugte ſich höflich, aber trocken vor dem Fürſten und wollte gehen. „Erlauben Sie, mein theurer Neffe, ich überlaſſe meine Beute nicht ſo leicht einem Andern,“ und der Fürſt verſperrte ihnen den Weg. Finski betrachtete ſeinen Onkel ſchweigendz ſein Ge⸗ 136 ſicht drückte wie früher Ruhe aus; er war noch nicht entſchloſſen, zur Gewalt ſeine Zuflucht zu nehmen, und Gott weiß, womit dieſe Scene geendet hätte, wenn nicht die Ankunft einer neuen Perſon die Entwicklung beſchleu⸗ nigt hätte. In's Zimmer drang nämlich ein Knabe, mit Blut und Schweiß bedeckt, Schaum am Munde;z mit ſtarker Hand ſtieß er Finski zurück und ſtand in drohender Stel⸗ lung, mit in die Höhe gehobenem Knüttel vor den zwei Männern, Olga unter ſeinen Schutz nehmend. „Wer ſich nur ihr zu nähern wagt!“ „Wanja!“ rief Olga freudig aus, als ſie den Zer⸗ lumpten erkannte. „Einen ſchönen Wanja haſt Du,“ ſagte der Zer⸗ lumpte, der vor Müdigkeit, aus welcher zu erſehen war, wie er ſich Mühe gegeben, zur rechten Zeit zu kommen, kaum ſprechen konnte,„ein Schurke bin ich, nichts weni⸗ ger!. habe meine Retterin ſelbſt den Spitzbuben überliefert. Ja, wenn Du wüßteſt, wie gut ſich dieſer Teufel von Fedul zu verſtellen wußte„ wenn Du wüßteſt, wie er mich bewirthete, ſchmierte, mit welchem Kraut er mich vergiften wollte! Ich ſagte ihm:—„Viel⸗ leicht frägt Dein Vater nach Dir, geh' doch, der Kranke kann dieß und jenes brauchen, wer reicht's ihm?“ Und er gab zur Antwort:„Wir kommen immer noch recht, nimm nur noch das zu Dir.“—„Doch, woher haſt Du das Alles, Fedulka? Du haſt Dich ja erſt für ſo arm ausgegeben?“—„Woher? Gute Leute geben's!“—„Wel⸗ che Leute?“—„Sei von den Unſrigen, ſo erfährſt Du es. Iß nur zu.“—„Was Teufel ſoll das heißen,“ dachte ich,„er wartet immer auf und ſpricht Dinge, die keinen rechten Sinn haben.“ Ich fing an, etwas zu argwöhnen und ſagte ihm:„Mache, was Dir gefällt, ich gehe zum Fräulein, es iſt ohnedem Zeit, nach Hauſe zu gehen.“— „Warte, warte nur!“—„Es iſt keine Zeit!“—„So ſage ich Dir, Du bleibſt.“—„Du ſcherzeſt.“— Ich —,— 137 wollte gehen, als er— pfiff!— und der liebe Himmel weiß, woher fünf ſolcher Teufelchen, wie er, hervorkamen; ich an's Fenſter; ſie mir nach und zerrten mich von allen Seiten; ich ſchwang meinen Prügel rechts und links, und lief was ich laufen konnte. Sie warfen mir Stöcke und Steine nach und ſchrieen:„Verſpätet! verſpätet!.. ein ſchoner Ritter! ein ſchöner Beſchützer!“— Ich weiß nicht mehr, was ſie dort bellten, der Kopf ging mir in der Runde.“ „Mein guter Wanja!. und Olga wiſchte ihm mit ihren Händen Blut und Schweiß vom Geſichte. „Gut! der ſchlimmſte Feind hätte nicht ärger han⸗ deln können. Du haſt mich dem Tode entriſſen: und was habe ich gethan? Doch Gott ſei Dank, ich kam zur Zeit. Es iſt Dir doch nichts geſchehen?.. Sage nur die reine Wahrheit; ich werde mich und ſie nicht ſchonen!“ Und er ſchwang drohend ſeinen Prügel. „Nichts. Gott iſt gnädig.. Er ſorgt für die Schutzloſen. Und dieſem Herrn drohe nicht, Wanja: es iſt ein guter Mann,“ und Olga zeigte auf Finski.— „Jetzt gehen wir, um Gottes Willen, nur ſchnell fort von hier, ſonſt ſterbe ich vor Schreck.„ Olga ergriff Wanja's Arm und trat aus dem luru⸗ riöſen Boudoir in die elende Kammer, in der Oßka ge⸗ legen, jetzt aber ſich Niemand befand. Eilig ſchritten ſie der Thüre zu, aber ein lautes Gelächter und die Worte des Fürſten ließen Olga unwillkührlich innehalten. „Alſo der, mein Lieber, iſt unſer glücklicher Neben⸗ buhler! Sein rauhes Geſicht trocknete ſie mit ihren zarten Händchen, ohne Dir nur die geringſte Aufmerk⸗ ſamkeit zu ſchenken, ohne Dir einmal für Deine ritter⸗ liche That zu danken, die anderer Zeiten, einer andern, weniger ſpröden Schönen würdiger wäre! Herrlich, un⸗ vergleichlich!. Wahrlich, Deine Rolle war nicht be⸗ neideuswerther als die meine und Du wirſt Dich mit Nichts bei Deinen Kameraden zu rühmen haben.“ 138 Die natürliche Güte Olga's und das Gefühl der verletzten Eitelkeit, die ſelbſt vom ſanfteſten Charakter des Weibes unzertrennlich iſt, empörten ſich in ihr. Sie wen⸗ dete ſich um. „Glauben Sie ihm nicht,“ ſprach ſie mit Würde, auf den Fürſten zeigend,„ſchenken Sie ihm keinen Glau⸗ ben. Ich bin Ihnen dankbar vom Innerſten meines Her⸗ zens und vergeſſe ſelbſt auf dem Sterbenslager Ihren Dienſt nicht: ich werde für Sie beten wie für einen Bru⸗ der, für einen Freund!“ Und ihn wie früher ruhig, milde, gutherzig anblickend, fuhr ſie fort: „Ich glaube an Sie wie an einen Schutzengel. Be⸗ gleiten Sie mich zu meiner Mutter, damit ſie wiſſe, wem ſie zu danfen, für wen ſie zu beten habe.“ Sie verließ in Finski's und des Zerlumpten Beglei⸗ tung die Hütte. „Ich kenne dieſen Herrn,“ ſprach der Zerlumpte, auf den Fürſten drohende Blicke werfend,„ich ſehe ihn öfters, ich weiß nicht, ob ſchlafend oder wachend; nur kommt er mir nicht aus dem Kopfe. Der Schlaue hat mich auch ſo bedeutend angeblickt. Auch mein Vater ſprach oft von einem gewiſſen Fürſten— gewiß hat er ihn gemeint.“ Doch die Begleiter des Zerlumpten ſchenkten ſeinen Worten keine Aufmerkſamkeit, denn ſie waren von einer ihnen entgegenkommenden Raleſche ganz in Anſpruch ge⸗ nommen. Die in der Kaleſche Sitzenden ſchienen nicht weniger betroffen; der darin ſitzende Mann erhob ſich von ſeinem Platze und bog ſich aus dem Wagen hinaus; Neugierde, Zweifel, Furcht wechſelten auf ſeinem Geſichte. Er ſchien die Fußgänger erkannt zu haben. Als die Ka⸗ leſche ſich ihnen genähert hatte, wendete ſich der darin ſitzende Mann an Finski, mit krampfhafter Aufmerkſam⸗ keit Antwort erwartend; die Dame an ſeiner Seite lã⸗ chelte ironiſch, ihren Cavalier betrachtend. Finski, ruhig wie früher, ſchien mit einer Kopfneigung zu antworten; — 139 „ſei ruhig,“ und grüßte höflich die Dame, ohne ihr Lä⸗ cheln oder die Nichterwiederung ſeines Grußes zu bemer⸗ ken. Der Wagen rollte fort. „Wer war dies?“ fragte Olga zitternd und faſt außer Stand, Athem zu ſchöpfen. „Newski,“ antwortete zerſtreut ihr Begleiter, als müßte dieſer Name Allen bekannt ſein. „Newski!“ ſagte das Mädchen im Stillen, während es verſtohlen, aber unwillkührlich den Unbekannten mit den Augen begleitete. „Ohne ihn hätte ich Ihnen nicht beiſtehen können,“ fügte Finski hinzu, die Laſt der Dankbarkeit für die Ret⸗ tung des Mädchens von ſich auf einen andern zu wälzen ſuchend. Er war überhaupt kein Freund, auf welche Weiſe es auch ſei, an was immer für Ereigniſſen Antheil zu nehmen; doch die Pflicht, die Ehre ſeines Freundes, end⸗ lich die Rettung eines Frauenzimmers, das er freilich nicht kannte und das er nun, da er es kannte, mit Freu⸗ den vergeſſen wollte,— Alles dieß hatte von ihm dieſes Opfer gefordert. „Wie! ihm bin ich für meine Errettung verpflichtet?“ fragte Olga: auf welche Weiſe?“ „Er erfuhr die Ihnen drohende Gefahr und ſagte mir davon.“ „Er erfuhr„daß einem ſchutzloſen, ſchwachen Weibe Gefahr drohe— und warnte es nicht und kam ihm nicht zu Hilfe?2„ Finski bemerkte, daß er ſich vergriffen; er wollte ſeine Worte zurücknehmen, aber es war zu ſpät. Selbſt bei unbedeutenden Dingen nicht an Verſtellung gewöhnt, wußte er nicht, wie er ſeinen Freund wegen einer That rechtfertige, die ihm wirklich keine Ehre machte. Die Sache verhielt ſich, wie bekannt, der Art, daß Newski zum Fürſten ſich nur begab, um den beſprochenen Plan wegen einer goldgrabenden Compagnie zurückzulaſſen und 140 dann zurückkehren wollte, um mit Finski auf den von Oßka bezeichneten Ort ſich zu begeben, einem Ver⸗ brechen, deſſen Weſen ihnen noch unbekannt war, vorzu⸗ beugen und die Schuldigen zu entdecken. Finski erwartete ihn; mit Gewißheit darauf rechnend, daß er ſchon dort ſei, und für ihn gefährliche Folgen befürchtend, hatte ſich Finski allein dorthin begeben. Glücklicherweiſe hatte Oßka beim Fortgehen die Thüre auf die Straße offen gelaſſen, und er erreichte, von den aus dem Kabinette ſchallenden Stimmen und Ausrufungen geleitet, ungehindert die Thüre deſſelben. Das Uebrige iſt uns bekannt. „Doch wer iſt ſie?. die Dame„ in der Kaleſche?. ſeine Frau?. oder Schweſter?“ Wie ſchwer ſiel es Olga, eine verneinende Antwort zu vernehmen. „Nicht einmal ſeine Schweſter?„ rief ſie aus. Und ihr hatte er das Glück, vielleicht das Leben eines Mädchens geopfert? „Ol Wie wenig liebte ihn Olga in dieſer Minute! Uund als ſie indeſſen zum grauen Häuschen kamen und Finski ſie verließ, um ihren und ihrer Mutter Dank⸗ ſagungen zu entgehen, bemerkte Olga ſeine Abweſenheit nicht, der ihr mit wahrem Edelmuthe, mit ſolcher Selbſt⸗ aufopferung beigeſtanden, deſſen Geſicht ſo ſanft, ſo gut, ja ſelbſt ſo anziehend war, denn die gewöhnliche Starrheit, Matt⸗ heit deſſelben— war vor dem Bewußtſein, eine edle That vollbracht zu haben, gewichen, und die für ihn ungewöhn⸗ liche Thätigkeit hatte ſeine immer blaſſen Wangen mit einer leichten Röthe übergoſſen. Sie aber— haßte den nichts⸗ nutzigen Herrn, der an ihr vorbeigefahren war. Olgas Mutter harrte ihrer ſchon ſeit lange. Sie ihre feuchten Augen in die Ferne. Die Alte ſtürzte ſich ihr entgegen und Olga umarmte ſie ſchweigend. Sie weinte nicht. Die heißen, das Herz erleichternden Thränen waren ſchon verſiegt; es blieben uur noch die bittern, ſtand unruhig und beſorgt auf de Schwelle und richtete 141 brennenden Thränen, die nicht aus den Augen ſtrömen, ſondern tropfenweiſe als Gift entfließen. Die Mutter blickte ſie ängſtlich an. „Was iſt Dir geſchehen, theures Kind?“ „Ich bin krank,“ antwortete ſie, und folgte blaß und erſchöpft der Mutter ins Zimmer und legte ſich auf's Bett wie ein geknickter Blumenſtengel. Arme, arme Olga! Das Leben hat ſich Dir kaum aufgethan, und wie freudlos, wie ſchwarz blickt es Dich an! Du haſt ſchon zu haſſen angefangen: Du wirſt ſo oft an ihn denken, um ihn zu haſſen, bis er Dir endlich unentbehrlich wird! O, fliehe den Haß, meine Liebe! mit ihm beginnt nicht ſelten die Qual desjenigen, das die Menſchen Glück nennen. Doch mit Leiden er⸗ kämpft man ſich das ewige Heil, arme Olga: Du biſt in der Furcht des Herrn erzogen, alſo weißt Du es. Und wie ſehr litt ſie, indem ſie haßte! Es ſchien ihr, eine Schlange habe ſich um ihr Herz gewunden und drücke es zuſammen und ſauge daran, und es war ihr ſo unerträg⸗ lich ſchwer, um ſo ſchwerer, da ihr die Kraft fehlte, ihren Schmerz in das Mutterherz auszuſchütten; und was hätte ihr auch Olga anvertrauen können, da ſie den aufrühre⸗ u Zuſtand ihres ſchwachen Herzens ſelbſt nicht be⸗ gr Indeſſen war der Fürſt Aleris allein im Boudoir zurückgeblieben, das ſo viele Male, vielleicht immer, Zeuge ſeines ungeſetzlichen Triumphes geweſen, und zwar ein ſtiller Zeuge, denn der Fürſt galt in der Welt für einen Mann von ehrbaren Sitten. Der Fürſt wußte den Anſtand auf's Genaueſte zn beobachten, die Welt diente ihm zur Beluſtigung— und beſonders zur Befriedigung ſeines Vergnügens, das für ihn theurer als Alles war, in wel⸗ cher Form es ſich ihm auch darſtellte, im Bouquet eines herrlichen Rheinweines, in der Röthe oder Weiße eines Frauenzimmers, friſch und geſund wie eine blühende Petersburg am Täge ꝛc. I. 10 142 Roſe, im Glanze des Goldes oder der Ehrenz beſonders im verführeriſchen Glanze des Goldes, dieſes Welthebels der Leidenſchaften und Gefühle. Der Fürſt blickte den Fortgehenden nach, knirſchte mit den Zähnen, zog Athem in die Bruſt, als wollte er den Ausbruch der wallenden Gefühle unterdrücken, die in ihm ziſchten und brausten. Dieſe Gefühle waren— der Grimm über unbefriedigte Sinnlicheit, der Verdruß, daß ein Anderer, an deſſen guter Meinung ihm gelegen war, Zeuge ſeiner Demüthigung, ſeiner Schmach gewe⸗ ſen, endlich Rachgier, heiße, glühende Rachgier, die in groben, egviſtiſchen Naturen, im Vereine mit der Habſucht, eine Energie erzeugt, die ſie, ſcheint es, der wilden That⸗ kraft eines Dämons entliehen haben. Der Fürſt ſchwur in Gedanken, es dem nichtigen Mägdlein zu vergelten, die ihn ſo ſchwer, mit ſolchem Triumphe gedemüthigt, ihn, dem andere Schoͤnheiten, durch Schmeicheleien b ſiegt, oder gelockt durch den Zauber des Goldes, zu Willen waren. Die vor Zorn zitternde Hand des Fürſten fand mit Mühe im Halbdunkel den von Olga weggeſchleuderten Schlüſſel und dann die geheime Thüre. Der Fürſt trat durch den leeren Platz in ein kleines, ver⸗ nachläſſigtes Gärtchen und von da auf die Straße, der⸗ jenigen entgegengeſetzt, durch welche Olga und ihre Be⸗ gleiter gekommen und fortgegangen waren. Dort fand er ſeine Kaleſche. Der Lakai flüſterte dem Fürſten in den Wagen helfend, zu: „Die Fürſtin iſt an uns vorbeigefahren.“ per Fürſtin, in dieſem abgelegenen und öden Stadt⸗ theile?“ „So iſt's, Eure Durchlaucht.“ „Und ſah ſie Euch?“ „Ja wohl, Eure Durchlaucht.“ „Warum hieltet Ihr an?“ „Wir ſind immer hier ſtehen geblieben und haben — — 143 nie einen Wagen bemerkt; mußte gerade Ihre Durch⸗ laucht 4 „Schweige, Bengel! War die Fürſtin allein?“ „Ich weiß nicht, Eure Durchlaucht,“ antwortete der Lakai, ſich verwirrend. Ein einziger Blick des Fürſten war hinreichend, ihn zum Reden zu bringen. Er antwortete eilig: „Die Fürſtin fuhr mit Modeſt Iwanowitſch.“ Der Fürſt ſetzte ſich in äußerſt ſchlechter Laune in den Wagen und dieſer rollte fort. Zweites Kapitel. Ver Plan der Compagnie. Das Haus des Fürſten befand ſich im ſchönſten Stadttheile. Der Schweitzer hörte in der Ferne das be⸗ kannte Rollen der Kaleſche auf dem Pflaſter, öffnete die Thüre weit auf und harrte in gehöriger Poſitur ſeines Herrn. Da glitſchte unter ſeinem Arme ein kleines Fi⸗ gürchen durch, ſehr knapp gekleidet, mit Anſprüchen auf Eleganz im Koſtüme und Geſchmeidigkeit in den Manie⸗ ren, aber nur mit Anſprüchen, die durchaus nicht befrie⸗ digt wurden. Denn der Frack, wenn auch von einer Modefarbe, war etwas zu ſehr abgetragen und zeigte eben nicht den beſondern Werth des Schneiders und des Tu⸗ ches, und die Manieren waren mehr als geſchmeidig, ſie waren kriechend, ſchlau. Das kleine Figürchen war von zarter Konſtitution und hatte faſt weibliche Hände, die er immer vorzeigte. Er trug keine Handſchuhe, entweder aus Mangel derſelben, oder um mit ſeinen Händen zu prahlen. Dieſes Figürchen öffnete eilig die Wagenthüre, ſtieß aber wortlich auf Nadeln— auf den durchbohren⸗ den Blick des Fürſten— und trat unwillkührlich zurück. Langſam folgte er dann dem Fürſten, wie ein ſchuldbe⸗ wußter Schulknabe, den man vor den Aufſeher führt, oder, daß die Vergleichung dem Gegenſtande näher komme, 145⁵ wie ein Hund, dem es bekannt iſt, daß man ihn prügeln wird, und doch ſelbſt die Peitſche zwiſchen den Zähnen hält, und ſeinem Herrn, oder dem, der ihn füttert und dreſſirt, folgt, ſei es aus Inſtinkt oder aus Berechnung, daß wenn ihn niemand prügelt, ihn auch niemand füttern wird. Leider folgen auch gar zu vft die Menſchen dieſer Philo⸗ ſophie und erfüllen den Willen desjenigen, der ſie füttert, obgleich dieſer Wille nicht immer ihren eigenen Gefühlen entſpricht. „War niemand hier?“ fragte der Fürſt einen Be⸗ dienten. „Lenin wartet im großen Kabinette.“ Der Fürſt begab ſich zu ihm; das kleine Figürchen blieb im Zimmer, das als eine Art Antichambre diente, in welches aber nur Perſonen zugelaſſen wurden, die gleiſam zum Hauſe gehörten oder im Dienſte des Fürſten waren. „Keine Hoffnung!“ dachte das kleine Männchen: „und ich habe nur auf ihn gerechnet, als ich heute zu zahlen verſprach; wenn ich heute nicht zahle, ſpielt man mit mir nicht mehr; vielleicht noch ſchlimmer und jetzt ſind gleichſam abſichtlich ſo viele Chancen zu ge⸗ winnen!“ „Was gibts, mein Verehrteſter?“ fragte der Fürſt, ſich an Lenin mit dem gewöhnlichen Gönnertone wendend; doch aus der Intonation der„Verehrteſter“ erſah Lenin, daß er keine paſſende Stunde gewählt, um mit dem Für⸗ ſten von einem Geſchäfte zu ſprechen, worauf er ſeine Zu⸗ kunft geſetzt hatte; doch er konnte nicht mehr zurück; die Papiere in der Hand bezeigten den Zweck ſeines Kommens. „Ich komme, Euerer Durchlaucht den Plan unſeres Goldgeſchäftchens vorzulegen... Der Plan iſt fertig Doch, vielleicht wünſchen Sie zu einer anderen 3it „Jetzt, oder ſpäter, das macht die Sache nicht beſ⸗ ſer. Wollen Sie mir nicht in mein Kabinet folgen?“ 146 Der Anfang verſprach nichts Gutes. Der Fürſt öffnete die Thüre mit einem Schlüſſel, den er immer bei ſich trug, und ſie traten in das ſogenannte Arbeitskabinet des Fürſten, in welches niemand ohne den Herrn deſſelben hineingehen durfte; ſelbſt kein Bedientrr, wenn er nicht gerufen wurde. Der Fürſt ging aufgeregt im Zimmer auf und ab; zerrauchte einige Male Cigarren und warf ſie bei Seite, unter dem Vorwande, daß ſie ſchlecht rau⸗ chen; endlich bemerkte er ſelbſt, daß er ſeine ſchlechte Laune gar zu ſehr an den Tag legte und wendete ſich an Lenin. „Worin beſteht denn das Geſchäft?“ fragte er:„iſts nicht Zeit, ſich näher zu erklären? Ich warte immer, daß Sie anfangen.“ „Ich wagte es nicht, Ihre Gedanken zu unterbrechen: Sie haben ſo viel zu thun!“ „Ja wohl; verlieren wir darum keine Zeit.“ „Der Teufel weiß, was mit ihm vorgeht?“ dachte enin. „Newoki hat Ihnen ſeine Arbeit zurückgelaſſen,“ ſagte er laut. Bei Nennung dieſes Namens zeigte ſich unwillkürlich des Fürſten Ungeduld, die Lenins Aufmerkſamkeit nicht entging. „Ich habe auch meinen Theil zu Ende gebracht, und ſo bilden Beide ein Ganzes„ den Plan unſerer Kompagnie, das Ziel und die Richtung aller unſerer Be⸗ ſtrebungen. Wünſchen Sie nicht einen kurzen Umriß zu haben 2 Ich laſſe Ihnen übrigens das Ganze, um es bei Muße näher zu unterſuchen.“ „Um was handelt es ſich? Erklären Sie Alles; 36 weiſe nichts ab, bis ich nicht ganz eingeweiht n.. „Wenn ich zu bemerken mich erkühnen dürfte.„ hier iſt nur die nähere Auseinanderſetzung des ſchon be⸗ ſprochenen Gegenſtandes„ Sie haben bereits Ihre 147 Einwilligung gegeben. Vielleicht habe ich nicht recht verſtanden doch ich habe die Sache ganz, wie Sie gewünſcht, erläutert.“ Lenin gab ſich Mühe, ſich ſo gelind als moglich aus⸗ zudrücken, da er ſich fürchtete, es gerade herauszuſagen, daß der Fürſt jetzt ſein Wort zurücknehme. Das hätte der Fürſt durchaus nicht gelitten. Er griff zu einem ſol⸗ chen Mittel nur da, wo keine Zeugen vorhanden waren, oder der Wortbruch ſeinem Kredite nicht ſchadete; er hatte ſich überhaupt allgemeinen Vertrauens zu erfreuen, worauf er ſehr ſtolz war, und nur Leute, die ihn genau kannten, traten mit ihm vorſichtig in Geldverhältniſſe. „Ich geſtehe, ich erinnere mich, etwas von Ihnen ge⸗ hört zu haben, und Sie ſprachen mit ſolcher Hitze, mit ſolchem Eifer, daß ich Sie nicht enttäuſchen wollte, und die Sache zur nähern Erörterung überließ, wenn Sie küh⸗ ler werden. Nach Ihrer Anſicht iſt hier nicht die ge⸗ ringſte Gefahr. Sagen Sie kaltblütig, mein Theuerſter; wer hat je gewonnen, ohne etwas gewagt zu haben? Vielleicht war dieß bei unſern Vorfahren der Fall; doch wir müſſen ſchon gleiches Spiel ſpielen, mit eigenem Ver⸗ ſtande, eigener Mühe und eigenem Kapitale arbeiten.“ Lenin konnte trotz ſeines Scharfſinns nicht recht be⸗ greifen, was denn der Fürſt eigentlich meine: wollte er ſich wirklich von dem, ſo viele Vortheile verſprechenden Geſchäfte losſagen, oder wollte er bloß die Miene haben, um ſich günſtigere Bedingungen auszuwirken. Lenin lag die Unternehmung zu ſehr am Herzen, er ſah in ihr das einzige Mittel, ſich in einem ungeheuern Maße zu berei⸗ chern, und ſtrebte darnach mit allem Feuer ſeines thätigen Charakters; er vergaß daher jetzt ſeine gewöhnliche Vor⸗ ſicht; er konnte nicht gegen den Fürſten mit denſelben Waffen wirken und den Kaltblütigen ſpielen, denn er war ihm unentbehrlich. Geld hätte er noch auftreiben können; doch er brauchte Verbindungen, Einfluß, und dazu war der Fürſt unſchätzbar. Er war Meiſter in ſeinem Fache. 148 „Euere Durchlaucht haben vollkommen recht; ich habe die Sache mit zu viel Hitze aufgefaßt; doch ich wage, zu glauben, daß Ihnen theilweiſe meine Vorſicht bekannt iſt; ich habe nicht die Gewohnheit, von etwas mit Ueberzeugung zu ſprechen, ſo lange ich nicht den Gegen⸗ ſtand von allen Geſichtspunkten betrachtet habe.“ „Ja, ja! Sie ſind ein ſolider Mann und ich habe mich mehr als ein Mal von Ihrem richtigen Blicke über⸗ zeugt.. doch ich habe auch Eigenliebe und traue auch mir etwas zu, doch zur Sache.“ Der Plan faßte das Unternehmen im weiteſten Um⸗ fange. Man ſollte die ganze ſibiriſche Gebirgskette zu Nachgrabungen in Beſchlag nehmen, und die Operationen an allen Oertern beginnen, die nur Ausſichten eröffnen; man ſollte Aktionäre nach den von den Gründern der Kompagnie feſtzuſetzenden Rechten aufnehmen, oder ein⸗ zelnen Partieen Nachgrabungen in Pacht geben. Doch zu alledem brauchte man wenigſtens fünf Jahre und ein ungeheueres Kapital, das dieſe ganze Zeit über keine In⸗ tereſſen tragen konnte; man mußte die Sache ſelbſt geheim halten, um nicht andere goldgrabende Geſellſchaften anzu⸗ locken; oder das Gerücht vom ſchlechten Erfolge der Grabungen verbreiten, um die Andern abzuſchrecken. Newski konnte ſich nur mit Mühe zu einem ſolchen Plane verſtehen, denn er wollte ſchnell die Früchte genießen: einfacher geſprochen, er brauchte Geld und wieder Geld. Außerdem gefielen Newski gewiſſe Winkelzüge nicht, be⸗ ſonders die Geheimnißkrämerei, die ſie des Ruhmes beraubte, die erſten handelnden Perſonen auf dem Schauplatze einer neuen Gewerbthätigkeit geweſen zu ſein, die nicht allein Mühe und Kapital, ſondern auch etwas Wichtigeres er⸗ heiſcht. Lenin verſtand es aber, alle Unebenheiten aus⸗ zugleichen, zu ebnen, oder die Schattenſeiten zu mildern, Newski durch das Unermeßliche der Unternehmung zu ſtacheln und damit zu beruhigen, daß man leicht auf Rechnung der, wenn auch fernen, aber ſo ſichern Vortheile 149 Geld aufnehmen könne. Beim Fürſten hatten alle dieſe Gründe keinen Gehalt: er erſchrak hingegen über die Ausdehnung der Unternehmung, die er mit ſeinem Ver⸗ ſtande nicht umfaſſen konnte, nicht etwa weil er zu Geld⸗ 4 geſchäften unfähig war, nein, er konnte einen jeden Gegen⸗ ſtand raſch begreifen, verſtand es ohne große Gefahr, einen ſichern und ſchnellen Gewinn daraus zu ziehen, doch bei einer Unternehmung dieſer Art, wie bei einer jeden bedeutenden Handelsangelegenheit, reicht eine bloße arithmetiſche Berechnung nicht aus; da braucht man eine ſtarke Doſis Feinheit, Einvringlichkeit, Begeiſterung ſogar, wenn es ſich ſo auszudrücken erlaubt iſt; man muß ſich zu der Höhe erheben, von welcher aus man das Ganze überſchauen kann und wohin furchtſame Menſchen kaum ihre Blicke zu richten wagen. Der Fürſt dachte, daß er ſein Kapital hergeben, daß er erſt nach Verlauf von fünf Jahren es zurückerhalten ſollte, während er die zu erhal⸗ tenden Vortheie nicht berechnen konnte, da ſie außer der mathematiſchen Evidenz lagen. Der Fürſt verweigerte gerade zu. Lenin ſah mit Verzweiflung, daß er einen Theil ſeiner Vorſchläge aufgeben müſſe; doch er gab langſam, nur Schritt vor Schritt nach, wie ein nicht ſtarker, aber erfahrener und geübter Fechter, und kam endlich wieder auf den Punkt zurück, auf dei er vor zwei Tagen ſtehen geblieben, als der Fürſt eingewilligt, an der Kompagnie Theil zu nehmen, nämlich auf den Beſchluß, daß man ſogleich zur Bearbeitung jedes entdeckten Fundes ſchreite, und aus dem gewonnenen Golde dem Fürſten ſein Kapital mit Zinſen zurückgezahlt werde, weil er auch für die zwei andern Theilnehmer Geld vorſchießen müſſe. Wie wurde aber Lenin betroffen, als der Fürſt unter bieſen Bedingungen entſchieden jede Theilnahme ablehnte! Es war klar, daß der Fürſt die günſtige Stellung ſich zu Nutze machen wollte. Da er die Möglichkeit der Ent⸗ deckung von Goldgemenge begtiff, wollte er entweder allein dieſen Gegenſtand ausbeuten, oder aus der vorgeſchlagenen 150 Kompagnie ſo viel Nutzen als möglich ziehen. Lenin ſah die Unmöglichkeit ein, abgeſondert vom Fürſten zu han⸗ deln, er wußte aber auch nicht mehr, welche Vortheile er ihm noch einräumen konnte. Es blieb ihm nichts anders übrig, als zum letzten Mittel ſeine Zuflucht zu nehmen, und das Geheimniß zu entdecken, das Lenin allem An⸗ ſcheine nach zum eigenen Nutzen ausbeuten wollte, ſich gleich am Anfange dazu entſchließend, ſeine Kompagnons zu hintergehen. „Fürſt, ich muß Ihnen endlich das entdecken, was ich mir ſelbſt gleichſam zu verheimlichen ſuchte, aus Furcht, daß es irgend wie offenbar würde, und das ich Ihnen natürlich in der Folge mitgetheilt hätte..“ Wir haben ſchon Goldgemenge aufgefunden, man darf nur die Waſchungen vornehmen um Gold zu erhalten. „Ah! wir haben alſo entdeckt, bevor wir die Ausgrabungen begonnen 2 Das iſt ja ein wahres Wunder!“ „Ja, Fürſt, wirklich enideckt, doch nicht von uns.“ Der Steiger Tſchormich der mit Ausgrabungen von einer andern Kompagnie beauftragt war, hat die Goldgemenge entdeckt, ſie geheim gehalten und übergibt ſie nun uns.“ Der Fürſt blickte Lenin ſtarr an. Er machte ihm keine Vorwürfe über den nicht gelungenen Betrug; aber er nahm ſich vor, in ſeinen Beziehungen mit ihm noch vorſichtiger zu ſein. „Ich ſehe jetzt, daß Sie die Sache mit Verſtand geleitet haben, und trete gern der Kompagnie bei, ver⸗ ſteht ſich unter den Bedingungen, die wir früher feſtgeſetzt hatten.“ Lenin war auch darüber froh und bat ihn, den Plan zu unterſchreiben, aus Furcht, daß er nicht wieder ſeinem in niemandens Beiſein gegebenen Worte untreu werde. wollte er ſich entfernen, aber der Fürſt hielt ihn auf. „Noch ein Umſtand iſt mir nicht recht klar; warum geben wir noch einer einem Geſchäfte, das ſpricht?“ Der Fürſt gab ſi 151 dritten Perſon einen Antheil an wirklich ſo poſitive Vortheile ver⸗ ch den Anſchein, als ſei er mit ſeinen Papieren beſchäftigt, die er mechaniſch auseinander⸗ legte, während er unter den geſenkten Augenlidern ſeine ſcharfen Augen auf Le nin richtete, das zu erforſchen ſuchend, was die Antwort unbeſtimmt laſſen koͤnnte. Die Liſt der Thiere beſitzend, glich einem Hunde, der ſei der Fürſt in dieſem Augenblicke nem Gegner gegenüberſteht und es nicht wagt, ſich auf ihn zu ſtürzen, ſei es, weil es der Herr nicht erlaubt, oder weil er mit ſeinem Feinde auf⸗ zunehmen, ſich außer Kräften fühlt; doch folgt er allen ſeinen Bewegungen und blekt ſchon die Zähne, in der Hoffnung, daß ſie ba einhauen. ld in die Knochen des Feindes ſich „Ich habe daran gedacht,“ antwortete Lenin, ohne ſich zu verwirren:„doch Rewski iſt uns in vieler Hinſicht un⸗ entbehrlich; erſtens iſt er mit dem techniſchen Theile voll⸗ kommen vertraut und kann allein die Waſchung des Goldes leiten, was für nicht eingeweihete Perſonen, wie Ihnen wohl bekannt iſt, gar zu komplizirt iſt.“ Man muß bemerken, daß vor zwölf Jahren dieſer, noch gänzlich neue Gegenſtand wirklich für äußerſt ſchwie⸗ rig galt. „Zweitens iſt Newski ſo ſehr von ſeinen ercentriſchen Ideen in Anſpruch genommen und ſeine Geldangelegen⸗ heiten ſind ſo ſehr in Unordnung, daß man ſeinen Antheil leicht hernach ihm abkaufen kann, ſobald er uns nicht mehr nöthig iſt.“ „Unt Du willſt dieſen Antheil gewiß an Dich reißen!“ dachte der Fürſt. „Endlich gibt es treten. eben nicht perſoͤnliche Auftreten Fälle, wo Ihr unmittelbares Auf⸗ paſſend wäre; während dem das eines Mannes mit ſo ritterlichen, geradezu aus Romanen und nicht aus der Lebenserfahrung 152 geſchöpften Grundſätzen bei Ihrer Verwendung der Sache vor der Welt einen glänzenden Anſtrich gibt, und uns keinen Tadel zuziehen kann.“ „Hm! nicht ſchlimm erdacht!“ ſagte der Fürſt zwei⸗ deutig. ² Der Wunſch zu zeigen, daß er die Abſicht Lenins, ihn hinters Licht zu führen, errathen, verſenkte ihn in ein tiefes Nachdenken.„Gut,“ dachte er,„Du fürchteteſt, mit mir allein nicht fertig zu werden, und haſt Dir einen Kompagnon gewählt, um in der Welt und bei den Ge⸗ richten ein Uebergewicht zu haben! Dazu brauchſt Du freilich einen Menſchen wie Newski! Doch möge man mich einen gekochten Schafskopf ſchelten, wenn Du mich betrügſt! Man muß beim Abſchluſſe des Vertrags alle Augen offen haben.“ Lenin hatte um dieſe Zeit ebenfalls ſeine Geheimniſſe, ſeine innerſten Gedanken ſowohl in Bezug des Fürſten als Newski, doch die ſind nicht ſo leicht zu errathen. Das kleine Männchen hatte ſich indeſſen nicht von der Thüre des Kabinets entfernt und gehorcht, ob er gleich nicht wußte, was er mit dem Vernommenen thun ſollte. „Es kann vielleicht ein Mal nützen!“ dachte er, entfernte ſich erſt von der Thüre, als er ſich Lenin derſelben nähern hoörte, und ſtellte ſich ans Fenſter, mit dem Rücken gegen den Abgehenden, als ob nichts vorgefallen wäre. Drittes Kapitel. Der Künſtler. Der Fürſt Aleris hatte die Operation, die wirklich goldene Berge verſprach, beendigt: er war ſchon gegen die urſprünglichen Bedingnngen im Vortheile, hatte einen ſo erfahrenen Geſchäftsmann wie Lenin darangekriegt, und beruhigte ſich daher in etwas über den ſo ärgerlichen Unfall. Er dachte:„Die Benski entgeht mir nicht!“ Indeſſen ſtachelte das Mißlingen ſeine Eigenliebe. Der Fürſt klingelte und fragte den eintretenden Be⸗ dienten, ob jemand im Vorzimmer warte. „Ein gewiſſer Maler.“ Das kleine Männchen wurde nie angemeldet: er mußte zu jeder Zeit da ſein. Das that er und es blieb ihm noch immer Zeit genug, überall hinzugehen, wo ſeine Gegenwart nöthig war. Ein junger Mann mit einer hohen, offenen, edlen Stirne, mit blauen Augen, mit den heiligen Flammen der Poeſie leuchtend, mit blonden, auf die Schulter fal⸗ lenden Seidenlocken, trat beſcheiden in's erſte Kabinet und erwartete die Ankunft Seiner Durchlaucht. Seine Wangen waren eingefallen, blaß, aber der helle Blick des Auges und das auf den Lippen ſich zeigende Lächeln, beurkundeten ein inneres Leben und zeigten, daß er die Noth verachten und über die noch ſo ſchwere Lebensbürde zu lachen im Stande ſei. „Ach! mein Theuerſter! Was befehlen Sie?“ 154 „Ich in Bezug des Bildes, Euere Durchlaucht das Sie zu beſtellen geruht„„ „Ich erinnere mich.... Nun, iſts fertig?“ „Noch nicht aber bald, in dieſen Tagen werde ich die Ehre haben, es zu überreichen.“ „Gut! ich liebe das Talent anzuſporen, und wenn ich zufrieden bin, will ich noch Arbeit beſtellen.“ „Die dankbare Kunſt wird den Namen Euerer Durch⸗ laucht in ihre Annalen verzeichnen.“ Der junge Mann wollte noch ein Kompliment ſagen, aber die Worte blieben ihm in der Kehle ſtecken. Miller — er wars— konnte ſich überhaupt nicht gut ausdrü⸗ cken, wenn das Herz ſchwieg, oder wenn es Dinge ſagen mußte, die es lieber mit ſeiner Zunge zuſammen ver⸗ ſchlungen hätte. „Studieren Sie Ihr Fach, arbeiten Sie, junger Mann, vertrauen Sie nicht zu viel auf ſich ſelbſt und vorzüglich verſchwenden Sie Ihre Zeit nicht umſonſt: ſie iſt koſtbar!“ Und als wollte der Fürſt ſeine eigenen Worte mit der That belegen, ſetzte er ſich an den Schreibtiſch und legte ſich Papier zu recht, während Miller das eigent⸗ liche Ziel ſeines Beſuches erklären wollte, aber keine Worte finden konnte. „Eure Durchlaucht, ich kam, um zu fragen, wie Sie auf dem Bilde ſich dargeſtellt zu ſehen wünſchen mit über die Bruſt gekreuzten Armen oder mit einem nach vorwärts gerichteten „Nun, wie Sie es effektvoller findenz ſehen Sie vorzüglich darauf, daß die ganze Figur auf dem erſten Plane, im Vordergrunde zu ſtehen komme.“ „Es wird geſchehen.“ „Gut, ich danke Ihnen!“ Und der Fürſt griff zur Feder. Millers Magen mahnte ihn jetzt gar zu ſtark: Er hatte ſeit mehr als vierundzwanzig Stunden nichts em⸗ — ——— —,— 15⁵ pfangen und nicht, weil er ſchlecht verdauete, im Gegen⸗ theile. er hatte ſich noch nie ſo gut aufgeführt, und wenn er litt, ſo geſchah es aus einem ganz andern Grunde: er hatte nichts zu verdauen. Außerdem erinnerte ſich Miller, daß nicht er allein hungre, und der junge Mann beſiegte ſeine angeborene Schüchternheit. „Euere Durchlaucht, ich erkühne mich, Sie zu bitten das Bild. Leinwand, Farben fordern Ausgaben.“ „Nun, was denn, man wird Ihnen wie es ausge⸗ macht iſt, zahlen!“ „Ich bin überzeugt. ſehr dankbar doch ich wollte Euere Durchlaucht bitten, auf Rechnung dieſer Summe ſo viel es Ihnen gefällig iſt„ „Welche Ungeduld! endigen Sie ſchneller das Bild und Sie erhalten die ganze Summe mit einem Male.“ „Es fehlen mir Farben.“ „Das iſt Ihre Sache.“ „Außerdem die äußerſte Noth„ „Wird Sie zur Eile drängen. Und gewöhnen Sie ſich nicht auf Rechnung künftigen Heils, das heißt auf Borg zu leben, junger Mann.“ „Ich werde mir gewiß Ihren Rath zu Mutzen ziehen, u dieſes Mal, nur eine Kleinigkeit, Euere Durch⸗ aucht„ „Glauben Sie wirklich, daß ich nur mit Ihnen zu ſprechen habe!“ ſagte der Fürſt mit einem Lächeln des Bedauerns. O, wie mußte Millers Eigenliebe leiden! „Euere Durchlaucht, ich würde es nicht gewagt haben, Sie zu beläſtigen, doch wenn ich offenherzig ſpre⸗ chen ſoll, ich habe nicht zu eſſen; ich bleibe heute wie⸗ der ohne Mittag, das heißt, ohne einen Biſſen Brod, wenn Sie mir nicht etwas vorſtrecken. Das wäre noch nichts, aber„ „Miller, wahrlich, ich bin nicht zum Scherzen auf⸗ gelegt.“ 156 „Euere Durchlaucht, ich ſcherze nicht.“ „Soll ich denn alle bettelnden Künſtler, Harlekine und Taſchenſpieler füttern?“ Miller litt alles dieß. „Doch ich bitte ja auf Rechnung meiner Arbeit; der größte Theil iſt beendigt.“ Der Fürſt hörte nichts und ſchien mit ſeinen Ar⸗ beiten beſchäftigt. Die Verzweiflung bemächtigte ſich Millers. „Fürſt, Sie verachten die Künſtler, Sie ſtellen fie in eine Kategorie mit Taſchenſpielern und Harlekinen; doch Sie achten die Kunſt, Sie ſagten es wenigſtens ſelbſt; um Ihre Liebe zur Kunſt, geben Sie mir nur ſo viel, um Farben zu kaufen und mich und noch zwei Geſchöpfe zwei Tage zu ernähren; bis dahin endige ſch das Bild.“ Der Fürſt hörte nicht. Da meldete man dem Fürſten, daß die Tafel ſer⸗ virt ſei. „Ich wünſche Ihnen guten Appetit,“ ſagte er zum Maler mit einem giftigen Lächeln. Dieſes Lächeln ſchnitt in Millers Innere wie die Schneide eines Meſſers; er drückte die Zähne zuſammen; der Unwille malte ſich auf ſeinem Geſichte; verächtlich blickte er auf den Egoiſten und verließ, ohne ſich zu ver⸗ beugen, in der Stille das Kabinet. „Ochtin, ich bedarf Ihrer heute nicht,“ ſagte der Fürſt, am kleinen Männchen vorbeigehend. Ochtin! Dieſer Name frappirte Miller; trotz ſeiner eigenen bitteren Lage, blickte er auf den, den man ſo ge⸗ nannt, und konnte ſich nicht einbilden, daß dieſes abge⸗ nutzte, von Runzeln durchfurchte, blaſſe, aber immer noch angenehme Geſicht demſelben Ochtin angehörte, der ſein Schulkamerad geweſen, den ſie nicht anders als Mädchen nannten,— ſo weiblich waren ſeine Formen, ſeine Manieren,— ſo zart und empfindlich war ſeine Moralität „ 3 157 geweſen. Ochtin verbeugte ſich tief vor dem Fürſten, und ſeine Phyſiognomie mit dem mürriſchen Blicke ſeines Goͤnners in Einklang zu bringen ſuchend, begleitete er iſc bis an die Thüre. Dann wendete er ſich an er. „Ja, Bruder, ich bin Ochtin; blicke mich nicht ſo ſtarr an: ich liebe es nicht, wenn man mich lange an⸗ ſieht; es wird einem ſo unbehaglich. „Wie haſt Du Dich verändert!“ ſprach Miller weh⸗ müthig. Es wurde ihm um ſeinen Kameraden wehmüthiger zu Muthe als um ſich ſelbſt. „Ja wohl, verändert! doch auch Du fiehſt nicht ſehr heiter aus.“ „Es iſt ſchlimm!“ „Wie? der„gab Dir kein Geld?“ „Nein.“ „Schade! Und ich wollte bei Dir etwas bor⸗ gen. Wir ſind ja Schulkameraden.“ „Schade!“ „Der früher fortging, auch der iſt unſer Kamerad, doch ihn bitte um nichts; er iſt ärger als ein Wildfrem⸗ der; er iſt ein Kieſel, kein Menſch!“ „Lebe wohl, Ochtin! Gebe Gott, daß wir einander in beſſern Umſtänden begegnen.“ „Warte einen Angenblick. Was denkſt Du zu thun?“ „Ich denke, es iſt das Geſcheidteſte, mich ins Waſſer zu werfen.“ „Nein, Miller, thue es nicht; ſie ziehen Dich her⸗ aus, bei GOtt, ſie ziehen Dich heraus.“ Mit Wehmuth und Ekel blickte Miller auf ſeinen Schulkameraden und verließ mit ſchwerem Herzen das üppige Haus, wo der letzte Knecht weniger Noth litt als er, der Auserwählte der Kunſt. Petersburg am Tage ꝛc. J. 11 Viertes Kapitel. werzweifelte Mittel. Langſam, den Kopf auf die Bruſt geſenkt, niemand ſehend, ganz in ſeinen bittern Gedanken vertieft, kehrte Miller in ſeine Wohnung zurück. Erſt auf der Stiege, auf welcher er ſein Dachſtübchen erſteigen mußte, blieb er ſtehen, um aus der von Gram und Arbeit zuſamme⸗ gedrückten Bruſt Athem zu ſchöpfen. Dann füͤrchtete et ſich auch, ſeine ärmliche Stube zu betreten: was erwar⸗ tete ihn da? Doch es war nichts zu thun, er mußte im⸗ mer höher und höher klimmen, er mußte wieder di Schwelle überſchreiten, über die er nie ohne einen tiefen Seufzer ſchritt. Miller trat in das von der Nähe drs Daches von Eiſenblech ſchwüle Stübchen, da hier, wie iu den berüchtigten venezianiſchen Bleigefängniſſen, das Dach faſt über den Häuptern der leidenden Bewohner ſchwebte⸗ Ein Glück, daß unſere Sonne keine venezianiſche! „Nun, was gibts?“ fragte ein kränklicher, hagem junger Mann von ſanftem Aeußern und traurigem Blice, auf einem ſchmutzigen Bette halb liegend. „Das wirſt Du gleich ſehen 4 6 Miller nahm einen auf dem Fenſter liegenden Nogl und näherte ſich der Staffelage, auf der das noch nich heendete Bild ſtand; ſchon wollte er es mit dem Nagi 159 zerreißen, doch der Kranke erhob ſich und wollte das Bett verlaſſen, um ſeinen Freund zurückzuhalten. Miller erſchrak für den armen, kranken Dulder und hielt ihn zurück, das Bild in Ruhe laſſend. „Hand an ſein eigenes Kind legen, pfui, mein guter Miller. welches Verbrechen!“ Im Zimmer herrſchte eine traurige Stille; man hörte bloß das Zirpen der Grille hinter dem Ofen und das ſchwere, unterbrochene Athmen des Kranken auf dem Bette. Wer weiß, wann Miller ſich aus ſeiner unerträg⸗ lich kritiſchen Lage, die ſeinem heitern Geſichte durchaus nicht eigen war, erhoben hätte, wenn zwei kleine, zarte Händchen ihn nicht erweckten, indem ſie ihm von hinten die Augen bedeckten. „Wer iſts? errathen Sie ſonſt nehme ich die Hände nicht fort.“ „Wer anders, als meine Jenni? meine kleine, gute Jenni, mein lieber Schutzengel! Noch nie kamſt Du ſe zur rechten Zeit; ich wäre ohne Dich vor Gram ge⸗ ſtorben oder hätte mir aus Verzweiflung den Kopf an der Wand zerſtoßen.“ „Sprich nicht ſo ſchreckliche Dinge,“ ſagle das dem Anſcheine nach dreizehnjährige, hagere, blaſſe, aber lebhafte liebliche Mävchen, in einem gar ſehr abgetragenen, aber immer noch reinlichen Perkalkleide:„ſprich nicht ſo, mein Fritz, Du ſpaßeſt, und es iſt eine Sünde, mit ſolchen Dingen ſeinen Scherz zu treiben.“ „Ach, meine theure Jenni! mir würde jetzt das Spa⸗ ßen eben ſo anſtehen, wie die Schellenkappe einem Todten. Nein, Jenni, es iſt ſchlimm, ſo ſchlimm wie es noch nie geweſen. Doch Dein Geſichtchen iſt heute ſo heiter, ſo leuchtend. Was gibts Gutes? Hat das Geſchick aufge⸗ hoͤrt, Dich zu geißeln?“ „Ja, mein lieber Fritz, ich bin luſtig, ſo heitere auch Du Dich auft die Mutter befindet ſich, Gott ſei Dank, beſſer ſo ſei heiter, mein theurer Fritz!“ chen Augen an, daß ich mich zu fürchten begann; hier die Stirne und küßte ſie, um alle ſchwarzen Gedanken zu verſcheuchen. Und ſie glättete ihm die Haare, befreite von ihnen „Jenni, erinnerſt Du Dich, wie ich Dir einmal einen Raphael'ſchen Engel auf einem Bilde gezeigt?.. Ra⸗ phael hat im Traume Dein Lächeln, Deinen Blick geſe⸗ hen und ſie einem andern Geſichte einverleibt. Ich male Dich ſo wie Du biſt und wenn ich Deinen Aus⸗ druck ſo glücklich erhaſche als Raphael, werde ich Raphael übertroffen haben... Doch wie ſoll ich malen, wenn ich weder Leinwand noch Farben habe,“ ſagte Miller betrübt. Als der junge Mann wieder auf Jenni blickte, ſtand ſie ſchon nachdenkend, traurigz ſie hatte ſich ſo raſch wie eine fliehende Wolke verändert. „Jenni, meine innige Freundin, ich habe auch Dich in Trauer verſetzt. „Fritz!.. ſprach ſie ſchüchtern, mit den Enden ihrer Leibbinde ſpielend;„die Mutter wünſcht zu eſſen; zum erſten Male ſeit ihrer Krankheit dachte ſie daran, etwas zu verlangen. Miller ſchwieg, in Schmerz verſunken. „Ich habe dieſe Nacht die Strümpfe zu Ende ge⸗ ſtrickt, Du haſt mich öfters daran arbeiten ſehen; heute Morgen trug ich ſie verkaufen. Ich ſchämte mich, die Hand auszuſtrecken und ſie den Vorbeigehenden zu zeigen, aber ich hielt ſie ſo, daß ſie jeder ſehen konnte. Niemand warf einen Blick auf ſie; mich betrachtete man freilich mit einem Lächeln, und ſie ſprachen laut, mit dem Finger auf mich zeigend, und führten ſolche Reden, daß ich mich ſchä⸗ men mußte: ich litt alles; endlich kam ein ältlicher Mann vorbei, er ſah ſo ehrerbietig aus und hieß mich ihm fol⸗ gen, ſprach ſo ſanft und verſprach, die Strümpfe zu kau⸗ fen. In ſeiner Wohnung angekommen, umarmte er und küßte mich, dann wieder und blickte mich mit ſol⸗ 161 erinnerte ich mich Deiner Worte, Fritz, den Männern nicht zu trauen, riß mich aus ſeinen Armen und lief gerade nach Hauſe; ich wagte mich nicht mehr auf der Straße zu zeigen.“ „Und Du haſt wohl gethan, Jenni. Küſſe ſolcher Leute, wie dieſer achtbare Mann, können Dich für Dein ganzes Leben beſchmutzen.“ „Ja, Fritz, ja wohl! Es war mir auch wirklich übel und eklicht zu Muthe, als er mich küßte, und ſchwer und traurig ums Herz, als er mich umarmte; aber wenn Du mich küſſeſt, ſo iſt's ſo angenehm,“— und Jenni küßte Miller auf den Mund, wie im Fluge, und die Lippen des Armen wurden hellroth. „Aber Du ſagteſt, Jenni, daß die Mutter zu eſſen gewünſcht.“ „Ja, Fritz, das iſt ja ein gutes Zeichen und der Kopf thut ihr heute weniger weh, auch hat ſie weni⸗ ger Hitze. Doch die Strümpfe find nicht verkauft ich weiß nicht, was zu thun.“ Miller wurde wieder nachdenkend. Jenni wendete kein Auge von ihm, als wollte ſie ſeine innerſten Gedanken auf dem Geſichte leſen. „Mein Gott, mein Gott!“ rief er endlich aus:„und wie viele Reiche werfen die Reſte ihrer überladenen Tafel den Hunden hin „Und Wanja? was macht Wanja?“ fragte Jenni: „welch ein unnützes Ding bin ich! und habe die ganze Zeit nicht nach ihm gefragt und ihn nicht geküßt,“ — und die Kleine lief eilig an das Bett des Kranken. Newſgodin fand in ſich noch ein Lächeln, das letzte vielleicht, das auf ſeinen Lippen erſchien. In der That, wer dieſe nackte Dürftigkeit betrachtete, die auf alles ihren Stempel gedrückt, dieſes inkarnirte Lei⸗ den, mußte das Weſen einen Engel heißen, welches das Geſicht dieſer zwei armen Teufel etwas aufheitern konnte, und Jenni hatte es gethan. * „Wollen wir ſie denn Hungers ſterben laſſen?“ fragte Newſgodin. „Sie!„nicht für Alles in der Welt!„ ein glücklicher Gedanke! wir ſind durchaus nicht ſo arm als es uns ſcheint.“ „Du glaubſt, es ſcheine uns nur ſo? Du zweifelſt noch an der bittern Wahrheit?“ „Ich verſichere Dich. Wir haben z. B. zwei Röcke.“ „Nun 2 „Ich einen, Du einen.“ „Freilich.“ „Geſtehe, daß es ein überflüſſiger Lurus iſt, und in gegenwärtiger Lage dürfen wir uns gar keinen Ueberfluß erlauben.“ „Ich bin ganz mit Dir einverſtanden.“ „Einen Rock vrerpfänden wir alſo.“ „Herrlich erdacht, um ſo mehr, als ich krank bin und nicht auszugehen brauche.“ „Nein, Dein Rock kann nicht verpfändet werden: Du haſt dann, wenn Du geſund wirſt, ja nichts ins Kollegium zu gehen; meiner aber— das iſt was anders.“ „Nun, aber Du?“ „Wenn es höchſt nöthig iſt, will ich ſchon in Dei⸗ nen Rock mich hineinzwängen, auch der Meinige iſt nicht ſehr bequem.“ Gedacht, gethan. Es wurde Eßvorrath angeſchafft, ſo viel man für das Geld, das der knickeriſche Pfand⸗ leiher auf den alten Rock gab, kaufen konnte, und es blieb ſogar noch etwas für die nächſten Tage. „Und der Hauswirth, der Jude, vergaß nicht, als er mich aus dem Brodladen kommen ſah, mir zuzuflüſtern: „wenn Sie bis Sonntag nicht Zins zahlen, ſo werfe ich allen. Ihren Plunder hinaus und loſſe Sie nicht mehr ins Haus.“ Nun, der Teufel hole ihn! bis zum Sonntag iſt's noch weit. Jenni, den Bullion trage der Mutter hin, nehme auch den Nagel mit; die Verſuchung iſt gar — —,— 163 zu ſtark! Halt, küſſe mich noch ein Mal: ſo. Komme aber zu uns für ein Weilchen, wenn die Kranke ſchläftz ſonſt ſterben wir vor Gram.“ Dann machten ſich die zwei armen Teufel daran, ihren Hunger mit Schwarzbrod und Waſſer zu ſtillen. Wenn auch die gewöhnliche Heiterkeit nicht in Millers Herz wieder einkehrte, ſo wurde ihm wenigſtens nach ge⸗ ſtilltem Hunger leichter und weniger ängſtlich zu Muthe. „Mein Gott, was thäte ich nicht alles für fünf⸗ hundert Rubel!.. nur für fünfhundert Aſſignatenrubel!“ rief er begeiſtert aus. „Ich würde ihn das ganze Leben hindurch umſonſt kuriren.“ „Ich würde auf jedem Bilde ſein Porträt anbringen und ihn ſo unſterblich machen.“ „Ich wäre bereit, ein Kalb zu heirathen.“ „Und ich geräuchertes Schweinefleiſch.“ „Ich würde mich zum Narren verdingen.“ „Höre, Wanja! ſchreiben wir an die reichſten Leute in der Stadt, zu alle dem wären wir für's Geld fähig, verwendet uns nach Belieben.“ „Und was glaubſt Du?“ „Eine herrliche Idee.“ Miller fand zum Glück noch etwas Papier und ſchrieb mit dem Pinſel: „Es iſt Nichts auf Erden, was ich nicht zu thun „bereit wäre, Allem will ich mich unterwerfen, für bloße „fünfhunvert Rubel in Aſſign. Nur darf es nicht gegen „die Grundſätze der Ehre ſein und die menſchlichen Kräfte „nicht überſteigen. Zu erfragen am Jamskoi, Hausnum⸗ „mer unter dem Dache, Thürnummer... Künſt⸗ „ler.“„Den Namen braucht man nicht anzugeben.— Doch nein, Künſtler geht nicht an,“ fügte er hinzu,„ſie ſagen: es iſt ein Schwank, ein Puff, Künſtler ſind an loſe Streiche gewöhnt; ich ſchreibe lieber: Maler.“ Miller ſchrieb eine ganze Menge ſolcher Zettel und 164 verſchickte ſo viele mit der Stadtpoſt, als es ſeine Kaſſe erlaubte. Dann warteten ſie in der geſpannteſten Auf⸗ regung den ganzen Abend und den folgenden Tag, ob nicht Jemand an der Thüre ihres Kämmerchens klopfe. Ach, Niemand kam, der Sonntag nahete heran. „Warte,“ ſagte Miller zu ſeinem Freunde,„Sie wollen nicht glauben, daß mein Briefchen mehr als Spaß; doch ſie überzengen ſich und kommen; ich bürge dafür. Mir ahnt, daß ich mich nicht täuſche.“ Wirklich brachte man am dritten Tage einen Brief von der Stadtpoſt. Mit zitternder Hand öffnete ihn Miller. Auf einem Stückchen grauen Papiers war ge⸗ ſchrieben:„Man bittet den im Quartiere Nr. 8 wohnen⸗ „den Maler, um zwei Uhr nach Mitternacht, von Sonn⸗ „abend auf Sonntag ſich auf dem Kalaſchinkower Lan⸗ „dungsplatz einzufinden. Es wird ihm gerathen, nicht „zu plaudern, ſonſt wird er wider Willen und für immer „ſchweigen. Er glaube, wer ihm das Wort Barabar*) „ſagt, und folge, wohin man ihn führen wird.“ „Was habe ich geſagt! Siehſt Du! Das Schickſal iſt müde, uns zu geißeln.— Freilich,“ fügte er etwas nachdenkend hinzu,„nach dem Orte, wohin man mich ladet, nach der Wahl der Parole und nach dem Tone des Briefes ſelbſt zu urtheilen, kann man freilich nicht ſagen, daß es ein Liebesbrief ſeiz; doch darf man nicht vergeſſen, daß wir uns durchaus nicht in einer Lage be⸗ finden, die Liebe einzuflößen vermag. Man muß einen ganz eigenen Geſchmack haben, um ſich in ein von Noth und Gram zernagtes Skelet zu verlieben, das noch dazu ſo gekleidet iſt, daß man nicht weiß, ob es ein Rock oder Jacke, Tuch oder Leinwand iſt.“ *) Barabar heißt auf perſiſch, türkiſch und tartariſch: zuſammen. Dieſes Wort ging wahrſcheinlich aus dem Tartariſchen in die myſtiſche Sprache einer be⸗ ſtimmten Klaſſe von Leuten über. 165 Miller warf jetzt erſt einen Blick auf ſeinen Freund. Dieſer ſaß aufrecht im Bette, den Kopf auf beide Ell⸗ bogen geſtützt, und große Thränentropfen floſſen auf's Kiſſen. „Ach, Wanja, verzeih'! Ich bin ſo leichtſinnig! Doch glaube mir, ich hatte nicht die Abſicht, Dich zu verletzen; ich achte Deine Liebe, Deine, wenn auch hoff⸗ nungsloſe, aber feurige, reine Liebe, die mit Dir in den Himmel ſteigt und dort erſt ein Herz findet, das ſie zu würdigen und mitzufühlen vermag. Ich kenne Deine Olga nicht, aber ich bin überzeugt, wenn ſie Dein von Leidenſchaft für ſie entbranntes Herz kennen lernte, ſie würde es zu ſchätzen wiſſen, ſie würde Dich ſo lieben, wie ich.“. i gute Menſch, der arme Miller, wie unbewußt, wie rein war ſein Glaube! Die Schule des Unglücks hatte ihn nicht verhärtet. Newſgodin reichte ihm ſchwei⸗ gend die Hand und dieſer drückte freundſchaftlich die Hand des Unglücklichen. „Tröſte Dich, Wanja; wahrlich, unſere Lage hat auch ihre gute Seite.“ „Vielleicht die, welche wir nicht ſehen können.“ „Nein, ſie iſt ſichtbar! Wir können nichts Schlim⸗ meres erwarten, denn es kann nichts Schlimmeres geben. Und wie viele Leute müſſen für jeden Augenblick zittern, weil dieſer Augenblick ihr Glück entführen könnte! Bei uns trägt er nur den Schmerz fort, und den begleiten wir mit Freuden hinaus; da haſt Du auch die Freude, da haſt Du die gute Seite unſeres Lebens. Warum alſo traurig ſein?“ Und Miller munterte ſich immer mehr und mehr zur Heiterkeit auf, ſtimmte mit dem Waſſerglaſe in der Hand ein luſtiges Tiſchlied an und endigte damit, daß er in ein heftiges, unverſtelltes Gelächter ausbrach. „Genug, Fritz, Dein Lachen greift mich mehr als Deine Betrübniß an. Sage ſelbſt, worüber lachſt Du?“ „Erbarme Dich, mein Theurer, wie ſoll ich über 166 dieſe närriſche Lage nicht lachen! Nichts zu eſſen. buchſtäblich nichts zu eſſen, bereit die eigenen geſunden Zähne einem Zahnarzte zu verkaufen, um Brod dafür einzuhandeln, das ich hernach nicht werde kauen konnen. Iſt's nicht zum Todlachen?“ Miller lachte herzlich; er ſpottete des Schickſals, das entſchloſſen ſchien, ſeinen Muth ganz zu brechen und ſich dann an ſeiner Verzweiflung zu weiden. Es gab einen Mann, noch boshafter, als das Geſchick ſelbſt, der ſich die Zunge blutig gebiſſen hätte, könnte er erfahren, daß Miller ruhig lache, daß kein Unglück ihn ete vermochte. —,— Fünftes Kapitel. wieder Srmuth und Grauſamkeit. Ochtin dachte ſchon ſeit lange an nichts; nichts griff ihn an, als das an Noth und Aufregung reiche Leben; aber jetzt, allein im Vorzimmer des Fürſten, ließ er un⸗ willkührlich den Kopf ſinken. Früher, wenn heilige, geheimnißvolle Gedanken aus der Tiefe des Herzens, aus dem Schmutze der Leiden⸗ ſchaften, die es umlagerten, ſich erhoben, früher floh Ochtin dieſe Gedanken wie ſchreckliche Geſpenſter. Son⸗ derbar! die Erſcheinung des ſterbenden Greiſes, der auf der Schwelle des Todes innehielt, um den Stempel der Schmach ihm aufzudrücken, griff ihn weniger an, als die Begegnung des Schulkameraden nach zehnjähriger Tren⸗ nung. Was konnte ihm, dem armen Ochtin, die Ver⸗ folgung eines Todten ſchaden, da er unaufhörlich vor den Verfolgungen der Lebenden ſich ſchützen mußte? da die Wirklichkeit ihm wie ein Stein auf dem Herzen lag und ihn durch ſeine Schwere beinahe erdrückte? Doch das unerwartete Zuſammentreffen mit einem alten Schul⸗ kameraden brachte ihn unwillkührlich zum Nachdenken, rief ihm die Vergangenheit, die lichte, hoffnungsvolle Ver⸗ gangenheit, die ihn ſo bitter getäuſcht hatte, in ſein Ge⸗ dächtniß zurück. Im Alter vergeſſen wir nicht ſelten, was 168 wir einen Tag zuvor gethan, und die Jugendzeit ſchwebt uns lebhaft vor mit allen kleinlichen Einzelnheiten. „Nun, was weiter!“ dachte Ochtin zu ſeiner Beru⸗ higung:„ich und Miller, wir ſchlugen jeder einen andern Weg ein und kamen Beide auf die breite Straße der Ar⸗* muth und des Grams; ich habe doch hin und wieder manche Hilfsquelle: doch was fängt er an? Schade, jam⸗ merſchade um den Armen! Gern oder ungern wirft er ſich aus ſeiner Dachſtube auf's Pflaſter oder er nimmt den Weg, den ich betreten! Ach, er iſt gar ſteil!.... wenn auch lockend; ich würde ihm nicht rathen, da ein⸗ zulenken: wie hält er's aus!.. da kommen Dinge vor, die meine Kräfte überſteigen.“ Der liebe Himmel mags wiſſen, lag in dieſen Ge⸗ danken Ochtins das Bewußtſein ſeiner Kraft, oder auf⸗ richtiges Bedauern des den armen Miller bedrohenden Looſes. Doch dieſe Gedanken beſchäftigten Ochtin nicht lange: die Sorge, Geld aufzutreiben, nahm ihn ganz in Anſpruch und zog ihn in die verwickelteſten Kombinationen hinein. Auf geradem Wege war dieſes Ziel nicht zu er⸗ reichen. Geld war ihm unumgänglich nöthig, um ſpielen zu können, um dieſes alles verzehrende Ungeheuer zu ſät⸗ tigen, für deſſen Heißhunger alle Schätze unzureichend 1 ſind. Rothſchild würde ſelbſt zum armen Mann werden, wenn er leidenſchaftlich ſpielte, und Ochtin dachte mit fünfhundert Rubel eine günſtige Wendung zu erzwingen ſo weit geht die menſchliche Verirrung. Bei jedem Ver⸗ luſte gewann Ochtin die größere Ueberzeugung, daß er mit der Zeit bedeutend gewinnen müſſe„ warum das kann niemand erklären, aber jeder hat es an ſich ſelbſt verſucht, und Ochtin glaubte jetzt mehr als je an ſein Glück und hätte alles geopfert, um in den Beſitz der ſo ſehnlich gewünſchten fünfhundert Rubel zu kommen und ſeinen Kredit für eine neue Spielparthie auf⸗ recht zu erhalten. In England fürchtet man mit Recht, daß das raſche N 169 Wachsthum der Dampfmaſchinen den Geſammivorrath des Brennmaterials erſchöpft, und die Welt, obgleich ſie ſich ſehr raſch vorwärts bewegt, an einem ſchönen Tage, vom Froſte erſtarrt, ſtehen bleibt. Dasſelbe iſt vom Spiele zu erwarten: alles, was nur in Geld umgewan⸗ delt werden kann, wird aus der allgemeinen nutzbringen⸗ den Cirkulationen gezogen und verſchwindet im Wirbel des Hazardſpieles. Die ſchnellen Fortſchritte des Spieles übertreffen die allerkünſtlichſten Vervollkommnungen der Dampfmechanik, und das Kartenſpiel iſt ſeiner Kataſtrophe um ſo näher. Niemand denkt daran, Maßregeln dagegen zu ergreifen. Im Gegentheile ſtrebt alles mit verzwei⸗ felnder Gier dieſe ſeelenverderbende Beſchäftigung immer mehr auszubreiten. Man nimmt an, daß die Karten zur Zerſtreuung des blodfinnigen franzöſiſchen Königs Karls VI. erfunden wurden, doch wir haben vor Kurzem erfahren, daß die Figuren aller vier Farben, Coeur, Carreau, Tréfle und Pique ſchon von den Egyptiern gezeichnet wurden.*) Wer ſie erdacht, war gewiß entweder ſehr weiſe, oder von einer dämoniſchen Kraft beſeelt, die er auch ſeiner, die arme, menſchliche Natur ſo ſchrecklich tyranniſirenden Erfindung einflößte. Ochtin war vom Dämone des Spieles beſeſſen; beim bloßen Gedanken daran verdunkelte ſich jede andere Idee, wie der letzte Morgenſtern beim Sonnenaufgange: jetzt wie immer hatte er nur eine Sorge, Geld und wieder Geld. Er hatte ſtark auf den Fürſten gehofft, und war überzeugt, daß dieſer ihn für die glänzende Liebesintrigue, die er ihm angeſponnen, belohnen werde; doch wir kön⸗ *) Der Herausgeber der Monatſchrift;„Leſebibliothek“ Nenkowski, unter dem Pſeudonym Baron Bram⸗ bäus bekannt, hat varüber einen hochſt intereſſanten Artikel geſchrieben. Anm. des Ueberſ. 170 nen ſchon den Ausgang derſelben. Er unterſuchte im Geiſte die Unzahl von Mitteln, zu denen er ſo oft ſeine Zuflucht genvmmen, doch ſie waren alle erſchöpft; es blieb ihm noch, ſich an den„Großpapa“ zu wenden, er hatte ihm ja mehr als ein Mal geholfen. Freilich, der gibt nichts ümſonſt, doch vielleicht kann er Ochtin zu . gebrauchen: eine wichtige Neuigkeit hatte er ja für hn ⸗ 0 In vieſer Vorausſetzung machte ſich Ochtin auf den Weg in einen entfernten Stadttheil, kam in einen ſchmu⸗ tzigen Hof, ging von da in einen zweiten, der gewöhnlich der„Hintere“ genannt wurde, und der natürlich um vie⸗ les ſchmutziger war, durch eine hölzerne Stiege kam er in eine ſtinkende Gallerie; von da aus ſtieg er zwei Stufen hinab in einen finſtern Korridor, wo er ſich taſtend weiter⸗ half; dann wendete er ſich rechts; wieder ſtieg er auf⸗ wärts, bis er endlich nach vielfachen Wendungen, die nur eine Katze oder ein mit der Oertlichkeit ſehr vertrauter Menſch ohne Gefahr paſſiren kann, an eine kleine, höl⸗ zerne Thüre kam, an deren Eiſenringe kein Schloß zu ſehen war. Ochtin ſchloß mit Recht daraus, daß der Wirth zu Hauſe, klopfte und hob das Auge in die Höhe, als erwarte er etwas. Wirklich bewegte ſich nach einigen Minuten über der Thüre ein Vorhängchen, von der Größe eines Groſchens, wie von einer unſichtbaren Gewalt und rückte ſich von der Stelle. Ochtin wußte, daß ihn jetzt ein Auge von oben durch ein vom Vorhange bedecktes kleines Loch beobachte, und ſenkte den Kopf. Bald darauf erſchallte eine Stimme:„Wer da?“ als ob der Fragende von nichts wiſſe und nichts ſehe. „Das bin ich, Ochtin,“ ſprach dieſer mit anſpruchs⸗ loſer Naivetät.„Darf man Sie beläſtigen, Großpapa, oder befehlen Sie zu einer andern Zeit?“ „Nur hinein, Enkelchen, nur hinein; ich ſtehe immer braven Menſchen zu Dienſten.“ Der Alte nannte immer im Scherze diejenigen Enkel, — 17¹ die ihn zum Großpapa erhoben, verſteht ſich, wenn ſie mit ihm in gleichen Verhältniſſen ſtanden, oder auf irgend eine Weiſe ſeinen Einfluß auf ſie anerkannten. Er oͤffnete die Thüre in ein Stübchen, aus dem Feuchtigkeit und Fäulniß entgegenrochen. Ochtin trat ein, aber ein Frauen⸗ zimmer erblickend, blieb er ſtehen, und ſetzte ſich dann in ein Winkelchen auf einen großen Kaſten, der mit zwei Stühlen und einem am Fenſter ſtehenden Tiſche, das ganze Haus⸗ geräthe ausmachte. Ein Schrank war in eine Wandniſche faſt verborgen, ſo vaß er nicht in Rechnung zu bringen war. Die Frau verwirrte ſich heim Eintritte des Unbe⸗ kannten, ſuchte die Thränen zu verſchlucken und die Augen zu trocknen, doch es war vergebene Mühe: die Thränen wollten nicht gehorchen und ſtrömten aufs Neue, vom Schluchzen ausgepreßt, und der Buſen der Dulderin hob ſich krampfhaft. „Thut nichts, Mütterchen, ohne Ceremonie, weinen Sie nur zu; das erleichtert Sie, und mein Enkelchen nimmts nicht übel: es iſt ein guter Menſch, und weiß, daß jeder ſeine Portion— Gram hat; habe ich auch keinen Gram, ſo iſt dafür die Armuth eingezogen.“ Und er blickte um ſich, als wollte er ſich und An⸗ dere von ſeiner Armuth überzeugen. Wirklich konnte man ſich nichts Aermlicheres, Unreinlicheres, Widerlicheres als dieſes Stübchen denken, und wenn man nach der Woh⸗ nung den Bewohner beurtheilen ſollte, ſo mußte man ihn freilich bedauern, wenn man noch dazu einen Blick auf den Tiſch warf, wo ein Stück hartes Schwarzbrod, Salz und ein Glas Waſſer ſtanden, wie es ſchien, für den Mittag des Alten vorbereitet. Doch das Geſicht hatte einen ſo ſon⸗ derbaren Ausdruck; zwei von den Mundwinkeln ſich herab⸗ ziehende Falten ſchienen ſo geheime Gedanken zu bergen, daß man die Worte des Großpapa für einen Scherz neh⸗ men konnte. Freilich, womit war hier zu ſcherzen! Doch die Phyſiognomie des Alten war wegen des Ausdruckes der Augen, die den Menſchen ſo oft verrathen, nicht zu n enträthſeln, denn der Alte blinzelte fortwährend mit ihnen, oder bedeckte ſie mit den Händen, als fürchte er das Licht, das nach ſeinen Worten kranken Augen ſehr ſchädlich ſei. Nur Wenige, die mit ihm genau bekannt waren, konnten die Farbe ſeiner Augen angeben. „Wo blieben wir alſo ſtehen!“ ſagte der Alte, ſich in Abſätzen an die Frau wendend.„Jal. Sie ha⸗ ben drei Kinder!.. „Drei Kinder, Väterchen, Agaz Agazewitſch! und eines kleiner als dus Andere.“ „Und ſie haben nichts zu eſſen, ſagt Ihr?“ „Seit zwei Tagen nichts zu eſſen. Eines ſtille ich noch ſchaut ſelbſt, die Bruſt iſt vertrocknet vor Hun⸗ ger und Fieber.“ „Schade, wahrlich ſchade.... Und der Hauswirth jagt Euch aus der Wohnung?“ „Ja wohl, er jagt uns aus dem Hauſe.“ „Sehr unangenehm, meine Wohnung iſt freilich nicht ſehr bequem, aber es wäre mir doch unlieb, mich unter freiem Himmel einzuquartieren.“ Die Arme glaubte ſchon, daß der Alte von ihrer Lage gerührt, ſich ihrer erbarmen, und vor einer Neben⸗ perſon ſich grauſam zu zeigen fürchte; ſie entſchloß ſich, ihren Sieg über das Herz des Großpapas zu vollenden und warf ſich ihm zu Füßen. „Sie waren ſo viele Male mein Retter, ſeien Sie es auch dieſes Mal, laſſen Sie uns nicht Hungers ſter⸗ ben; ſobald die Kinder größer werden, lehre ich ſie für Sie, wie für den eigenen Vater beten.“ „Urtheilen Sie ſelbſt, ſagte der Alte, ſich an Ochtin wendend: ſie bittet um Geld, Sie wiſſen es, was habe ich für Geld!“ „Freilich, freilich, was haben Sie für Geld!“ ant⸗ wortete Ochtin mit einem mitleidigen Lächeln, wahrſchein⸗ lich der Armuth des Alten gezollt. „Und doch habe ich ihr mehr als ein Mal geholfen.“ 173 „Geholfen, ja wohl, geholfen!“ ſagte die Frau ſich vom Boden erhebend. Ich habe ihr ſchon gegen Hundert Rubel gegeben. Und ſie hat noch nichts zurückgeſtellt: ſie hat mich faſt an den Bettelſtab gebracht!. und jetzt kommt ſie wieder um Geld„was ſagen Sie zu der?“ „Iſt's möglich, was Sie da ſagen?“ bemerkte Ochtin mit Abſcheu. Die Frau konnte tretz ihrer demüthigen Rolle als Flehende dieſe Vorwürfe nicht ertragen. „Ich habe Ihr Geld nicht umſonſt genommen:“ ich habe Ihnen Pfänder im dreifachen Werthe zurückgelaſſen; ich habe ſie noch nicht ausgelöst— das iſt wahr; dafür bleiben ſie Ihnen, und Sie find nicht im Verluſte. „Das weiß der liebe Himmel,“ antwortete der Alte, ohne ſich im Geringſten zu verwirren. Geld iſt beſſer als Alles. Nun, ich bin nicht dagegen, Ihnen auch jetzt etwas vorzuſtrecken; nur der Ordnung halber laſſen Sie wieder ein Pfand: ich habe es Dir ja ſchon geſagt.“ „Ich ſchwur ja, daß ich nichts mehr habe.“ „Worte, ich muß, ſcheint es, ſelbſt an alles denken und um Deine Familie Sorge tragen.. Ich ſehe es nicht gern, wenn Bettler mit leeren Händen von mir gehen.“ „Ich bin keine Bettlerin!“ „Nun, meinetwegen, wie Du es verſtehſt. Ich bin ein alter Mann und irre mich in den Benennungen Du brauchſt Dich deßwegen nicht beleidigt zu fühlen. Ich denke übrigens, dieſes Tuch da, das Du um haſt es iſt die Wahrheit zu ſagen, nichts werth. „Ich habe dafür zwanzig Rubel gezahlt.“ „Warum nicht gar, zwanzig! Laſſe es als Unter⸗ pfand, ich werde zuſammenſcharren„ vielleicht finde ich noch fünf Rubel... Die Frau nahm ſchweigend das Tuch herunter und Petersburg am Tage 1. 1. 12 entblößte ihren abgemagerten Nacken, deſſen Knochen her⸗ vorragten, aber aus deren Runde der Künſtler die einſtige Schoͤnheit dieſes Nackens errathen hätte. Die Arme er⸗ röthete beim Gedanken im bloßen ärmlichen Kleide, das ihre ſchlanke Taille hervorhob, geblieben zu ſein, und ihre reichlichen Thränen und bitteres Schluchzen nahmen wo möglich noch zu. Indeſſen öffnete der Alte eine Neben⸗ ſtube; in ihr war es ſtockfinſter. Der Großpapa Smolnew brannte ein Lichtſtümpfchen an und ſchloß die Thüre hinter ſich haſtig ab. Ochtin blieb mit der Unbekannten. Er hatte ſchon ihr ſchoͤnes, wenn auch von Krankheit und Noth entſtelltes Geſicht bemerkt, und kombinirte, ob nicht aus ihr irgend ein Vortheil zu ziehen wäre. „Ein ſonderbarer Menſch, dieſer Alte, ſagte er: und doch ſcheint er nicht boshaft zu ſein.“ Die Unbekannte ſchwieg. „Sagen Sie mir gefälligſt, ww Sie wohnen: viel⸗ leicht kann ich Ihnen einen Dienſt erzeigen. In dieſem Augenblicke beſaß Ochtin ſelbſt nicht einen Pfennig. Er ſprach mit ſo einſchmeichelnder Stimme, blickte ſo großherzig auf die Unglückliche, in ſeiner ganzen Phy⸗ ſignomie ſprach ſich ſo viel Sanftmuth und etwas Weib⸗ liches aus, ſo, daß die arme Dulderin offenherzig ihre Wohnung angab. Was hatte ſie auch zu fürchten! Wer hätte ſie, die vom Schickſal ſo hart Verfolgte, noch ver⸗ folgen, noch beleidigen wollen? Der Alte kam aus ſeiner Vorrathskammer mit Geld in der Hand; er legte in die Hand der Frau einzelne Kupfermünzen, zählte laut, und rechnete wieder nach, als ob Gott weiß wie viel Geld da zuſammen wäre; und nahm es wieder zurück, indem er ſagte, er gebe zuviel für ein ſo altes Tuch; und legte das Geld wieder in die Hand, mit Bedauern hinzufügend: „Warum eine Bettlerin kränken!. Doch ja, Sie ſind eine gnädige Frau, keine Bettlerin„ ſo, ich habe 175 nur die Prozente abgezogen, das übrige Geld gehört ganz Ihnen... Hu, welch ein Haufen! was werden Sie mit all dem Gelde machen? Geben Sie acht, gnä⸗ dige Frau,— und er legte auf das Wort beſondern Nachdruck— geben Sie acht, daß man Sie nicht plündre.“ Die von Erwartung und Hoffnung gepeinigte Un⸗ glückliche, die jeden Augenblick fürchtete„ daß der Alte das Geld zurücknehmen könnte, zählte es nicht, verbeugte ſich und ging. Der Alte verſchloß hinter ihr die Thuͤre und kehrte mit den Fingern ſchnalzend und die Zähne blekend zurück. Das war ſchon ein wirkliches Lächeln, aber welch ein Lächeln. Der Teufel würde es ihm gewiß abgelernt haben, wenn er es geſehen hätte. „Betrogen!. ℳ um ein und zwanzig Kopeken be⸗ trogen!. und tüchtige Procente, und das Pfand iſt ſein Geld werth?„Dies ſagend, drehte er das Tuch von allen Seiten herum, und betrachtete es durchs Licht.„Wie kann Sie das Tuch auslöſen? es bleibt bei mir und ich verkaufe es mit Gewinn. Lerne, Enkelchen, lerne, wie man zu Gelde kömmt!“ Und der Alte klopfte Ochtin mit ſeinen knöchernen Händen auf die Schulter. „Ein und zwanzig Kopeken!„ wiederholte er: dafür kann man ſich drei Tage ernähren, und hat man ſich von der Krankheit oder was immer für einem Un⸗ glücke erholt. arbeitet man wieder und lebt wie früher... Siehſt Du, ein und zwanzig Kopeken ſind kein Spaß, ſie koſten einen armen Teufel manchmal das Leben. Lerne, Enkelchen! lerne. Ochtin konnte auf dieſe weiſe Rede keinen Antwort finden. Er verſuchte zu ſagen, daß er ſich Mühe geben werde, ſeinem Beiſpiele zu folgen. „Du? ſagte der Alte mit Verachtung.“ Ochtin ſchwieg. Der Alte ging einige Male im Zimmer auf und ab, 176 als wollte er vom heftigen Freudenausbruche zur Ruhe kommen, und wendete ſich dann an Ochtin: „Keine Neuigkeiten, Enkelchen?“ Ochtin erzählte mit allen nur möglichen Einzeln⸗ heiten die Unternehmung des Fürſten in Bezug der Gold⸗ kompagnie. Je mehr er ſprach, deſto aufmerkſamer hörte Agaz Agazowitſch zu; er rückte ſeinen Stuhl dem Er⸗ zähler näher, und ſetzte ſich endlich neben ihn auf den Kaſten. „Und unſer Fürſt hat den urſprünglichen Plan Lenins nicht angenommen? das find ja unzählige Schätze! das konnte ſein beſchränkter Verſtand nicht faſſen! rief der Alte mit Verachtung aus: Und es gibt doch Leute, denen ſich das Glück ſo mir nichts dir nichts an den Hals hängt!... und ein anderer arbeitet, müht ſich zehn Jahre ab, und was hat er davon.... Nun, nur weiter, Enkelchen, ich habe Dich unterbrochen.“ Sobald Ochtin zu erzählen begann, daß Lenin ge⸗ zwungen war, das von dem Steiger verheimlichte Gold⸗ gemenge zu entdecken, das man ſogleich in die Arbeit nehmen könne, wurde der Alte ganz Ohr: er ſe ſich auf Ochtins Schulter, ohne zu bemerken, daß dieſer eine ſo ſchwere Laſt kaum ertragen konnte und den Kopf zurückwerfend, wendete er ſich mit dem Geſichte zu ihm, ſo daß er faſt Ochtins Geſicht berührt: dabei blinzelte er beſtändig, als ſei ihm das Sehen ſchmerzlich. „Man kann alſo ein entdecktes Goldgemenge ver⸗ heimlichen und der wirkliche Beſitzer wird davon nichts erfahren?“ „Es ſcheint ſo.“ „Gut! gut! herrlich!. Dank für die Nach⸗ richt, Enkelchen!“ Ochtin verſtand nicht, worüber ſich der Alte freuete. „Ueberdem, ich ſage es im Voraus, wird Newski's Anth eil mir gehören nun und dan Er merkte jetzt, daß er ſeine Freude zu ſehr ge⸗ —————— 177 äußert habe. Auch konnte Ochtin gar zu viel für ſeine Neuigkeit fordern oder wenigſtens weiterhin vorſichtiger ſein. „Biſt ein tüchtiger Junge, Enkelchen! Dir wirds an Geld nicht fehlen. Aber ſieh, mein Täubchen, wie naiv Du biſt: Du haſt mir alles erzählt, was Du auf dem Herzen hatteſt, ohne früher zu handeln, wie viel ich Dir für die Neuigkeit zu zahlen habe. Doch ich will ehrlich verfahren. Sage, wie viel brauchſt Du?“ „Wenn Sie mir für eine kurze Zeit ſechs⸗ hundert Rubel leihen wollten. „Sechshundert iſt zu viel,“ ſagte der Alte, augen⸗ ſcheinlich froh, daß er für den wichtigen Dienſt ſo wenig verlange. Er ging wieder in die Vorrathskammer, Ochtin in gewaltiger Reue zurücklaſſend, daß er ſo wenig ge⸗ fordert, und daß er ihm noch davon abhandeln und ab⸗ zwacken werde. Er war jedenfalls entſchloſſen, erſt nach langem Kampfe, nach mannigfachem Diſpute nachzugeben. Der Großpapa kam und führte dieſelbe Scene wie mit dem Frauenzimmer, nur in größerm Maßſtabe auf. Doch Ochtin erinnerte ſich der vorigen Lehre und gab genau acht, daß richtig gezählt werde. Nach langem Handeln entſchloß ſich der Alte, Ochtin fünfhundert Rubel zu ge⸗ ben, nachdem er übrigens zehn Prorente abgezogen, aber ohne Wechſel, ohne Pfand, auch ohne Rückzahlung. Alle dieſe Bedingungen wären unnütz geweſen: ein Pfand konnte Ochtin aus Mangel deſſelben nicht geben, und das Geld hätte er in keinem Fall zurückgeſtellt; er gebrauchte das Wort leihen nur des Anſtandes halber, für den Effekt. „Das iſt übrigens nicht alles,“ ſagte der Alte: „treibe mir dieſen Tſchornich auf, werde mit ihm bekannt, zechet zuſammen. ſpare kein Geld ich gebe es gern; befreunde Dich mit ihm und bringe ihn zu mir. Das Uebrige machen wir zuſammen aus; Du wirſt da⸗ bei nicht verlieren, ich verſichere Dich.“ Kaum hatte Ochtin das Geld in Händen, als er der Thüre zuſtürzte. „Willſt Du nicht meinen Mittag theilen?“ fragte der Alte, ſein Brod in zwei Hälften brechend. „Ich danke, ich habe ſchon geſpeist!“ Und er lief ſo viel er konnte, ſich der Gefahr aus⸗ ſetzend, ſich im finſtern Korrivore die Stirne einzuſchlagen, oder auf der ſteilen Treppe den Hals zu brechen. Sechstes Kapitel. Vie ſinnreiche Rache. Das Benehmen des Alten war gar ſonderbar: er hatte ſich ſo innig gefreut, als er die arme Frau um einige Kopeken betrogen, hatte ſich mit ſolchem Bedauern von den fünf Rubeln getrennt, und nun zahlte er fünf hundert Rubel für eine mitgetheilte Neuigkeit, die ihm dem Anſcheine nach nicht den leiſeſten Geldvortheil ver⸗ ſprach. Noch ſonderbarer war es, vaß in der ärmlichen Wohnung dieſes Mannes einige hundert Tauſende ver⸗ ſteckt waren, daß er, ein Stück Schwarzbrod zu Mittag eſſend, viele Tanſende auf oft unſichere Un⸗ ternehmungen verſchleuderte, und eben durch ſolche Wage⸗ ſtücke ſich ein ungeheures Vermögen, wie es ihm niemand zugeſchrieben hätte, erworben hatte. Der Alte war mit dem Tage und ſeinem Mittage zufrieden. Nachdem er ſeine Beſchäftigungen und ſein Mittagsmahl beendet hatte, pflegte er gewöhnlich auszu⸗ ruhen; doch ſeine Ruhe glich nicht der unſtigen: jeden Abend ſetzte er ſich an den Tiſch und berechnete den Be⸗ ſtand ſeines Vermögens, und bemerkte jeden Tag mit Freuden den raſchen Anwuchs veſſelben. Dieſes zu einer ungeheuern Summe angewachſene und mit bewunderns⸗ würdiger Kombinationsgabe verwendete Vermögen ver⸗ mehrte ſich durch Zinſen gleich einem Schneeballen, det ſich bei jeder Wendung vergrößert und zu einer Lawine anwächst. Agaz Agazowitſch Smolnew gehörte nicht in bie Zahl derjenigen Geizhälſe, die das Geld nur des Goldes wegen lieben, die jede in ihre Hände fallende Geldmünze herauszugeben fürchten, ſich an ihr ergötzen, ſie wie eine theuere Geliebte verzärteln, verbergen, mit ihr ſpielen, in den Kaſten ſperren, wieder hervorholen und an ihrem Tone, an ihrem Glanze ſich erfreuen. Smolnew liebte das Geld als ein Mittel zur Erreichung ſeines Zieles, das ihn ganz gränzenlos und allmächtig beherrſchte, und daher das Ziel des knickeriſchen Geizhalſes weit übertraf. Stellte ſich Agaz Agazowitſch eine Unternehmung dar, die nach ſeiner Berechnung unfehlbar wäre, aber die ſein geſamm⸗ tes, unermeßliches Kapital forderte, er würde es ganz hingeben, ohne einen Rubel für ſich zu laſſen. Je älter er wurde, deſto tollkühner wurde er in ſeinen Unterneh⸗ mungen, denn er beeilte ſich, die ungeheuere Summe zu⸗ ſammenzubringen, die ihm zur Durchführung ſeines wun⸗ derbaren Planes nothwendig war. Dieſer Mann zeigte ſo viel Feſtigkeit, ſolche Geduld in der Erreichung des vorgeſetzten Zieles, daß wenn er durch irgend einen Zu⸗ fall ſein ganzes Vermögen einbüßen würde, er aufs Neue es zu erwerben begonnen, aufs Neue mit Feſtigkeit den⸗ ſelben Weg der Mühe und Demüthigung eingeſchlagen hätte, den ſeine unbeugſame Natur nicht anders nehmen konnte, als indem ſie ſeine Spuren mit Schweiß und Blut benetzte. Agaz Agazowitſch ward jeden Tag zufriedener mit den Reſultaten ſeines Hauptbuches, wurde augenſcheinlich heiterer und begann ſchon die abgeſonderten Theile ſeines ungeheuren Planes in Ausführung zu bringen. Um dieſen eiſernen Charakter, den entgegentretende Hinderniſſe weder beugen noch brechen konnten, zu begrei⸗ fen, um das unaufhaitſame Streben des Alten nach einem 181 Ziele zu erklären, müſſen wir in Etwas ſein früheres Leben und jene Umſtände berühren, die dieſen Charakter wie in einem Schmelzofen gehärtet hatten. Agaz Agazowitſch wurde von ſeiner Mutter gehaßt, ehe er noch das Licht der Welt erblickt hatte. Ihn unter dem Herzen tragend, wäre ſie bereit geweſen, mit der Schwere eben dieſes Herzens die Frucht ihr verhaßter und ſchon zerriſſener Ehebande zu erſticken. Smolnews Geburt koſtete ſeiner Mutter beinahe das Leben; dies vergrößerte ihren Haß, der auch ohne dem keine Gränzen kannte. Die Mißgeſtalt des Agaz Agazowitſch war wieder eine Quelle neuer Leiden. Seine Häßlichkeit ver⸗ größerte ſich, aus Mangel an Aufſicht, ſei es durch die Maſern, oder durch öfteres Beulenſchlagen, oder durch Vernachläßigung. Endlich wurde er in eine Privatpen⸗ ſion abgegeben, mit der ſtrengen Anweiſung, ihn als einen eigenſinnigen und verdorbenen Knaben zu behandeln. Die würdigen Lehrer begriffen das Verhältniß der Mutter zum Kinde, und bekümmerten ſich natürlich eher darum, ſich den Dank der reichen Beſitzerin von tauſend Seelen als die Liebe des armen, von allen verſtoßenen Knaben zu erwerben. Starke Charaktere entwickeln ſich langſam, gleich rieſigen Eichen. Der gejagte, gedemüthigte, kränk⸗ liche Knabe war matt und ſtumpf; er wollte ſich dem Lernen mit Fleiß ergeben, doch er begegnete in der Schule neuen Feinden, die ihn in ſeinen Beſchäftigungen ſtörten: das geſammte kleine Völkchen nahm ihn zur Zielſcheibe ihres Muthwillens. Die Schulknaben erriethen mit kin⸗ diſchem Scharfſinne, daß ſich dieſes Opfer ihnen ohne erantwortung überliefert, und ſie erſchöpften ihren Witz, um es zu peinigen. Die Ungeſchicklichkeit, die Häßlichkeit, der Stumpfſinn und ſelbſt die Sanftmuth Smolnews dien⸗ ten als reicher Vorrath zur Auswahl der Martern; nie⸗ mand wollte den armen Jungen vertheidigen, der unbe⸗ dingt der Beluſtignung ſeiner Altersgenoſſen Preis gegeben war. Ihr fraget gewiß: fand ſich denn unter allen Kameraden kein einziger, der ihn vertheidigte? fand er keinen Freund, der ſeine ununterbrochene Schmach mit ihm getheilt hätte? Die Kindheit vertraut ſo leicht! Ja, wenn man dieſes Vertrauen auf irgend eine Weiſe zu er⸗ wecken verſteht. Doch Agaz Agazowitſch blieb ſelbſt bei den größten Kränkungen kalt und ruhig, obgleich der Himmel wiſſen mag, was in ſeiner Seele vorging. Auch muß man geſtehen, daß der Zerſtörungstrieb bei den Kin⸗ dern ſtärker als bei Erwachſenen iſt, vielleicht weil jene unbewußt der Neigung folgen, während dieſe nach Be⸗ rechnung handeln, den Schlag für wichtige Gelegenheiten aufſparen und ihre feindlichen Abſichten eine Zeit lang verheimlichen können. Swolnew litt allein, litt unerträg⸗ lich, weil das Gefühl der Selbſterkenntniß in ihm heftig erwacht war, und ſich gegen die allgemeine Verfolgung auflehnte. Gleich einem von allen Seiten gedrängten, und von Hunden gejagten, wilden Thiere, floh er lange, bis er endlich innehielt, feſten Fuß faßte, eine defenſive Stellung annahm und die Anfallenden ſogar bebrohete. Dieſer unvorhergeſehene Widerſtand erregte bei dem kleinen Schulvolke eine ungemeine Verwunderung: Klagen ſtürm⸗ ten von allen Seiten. Smolnew wurde beſtraft, man ſetzte ihm die Narrenkappe auf, er wurde geſchlagen, ge⸗ züchtigt, er duldete alles, ſchwieg, weinte nicht, verhär⸗ tete ſich immer mehr und mehr. Endlich wurde er aus der Schule gejagt. Die Mutter nahm ihn nicht auf, zufrieden, daß die Welt ihren Haß für den eigenen Sohn laut billigte. Sie ſehen nun, daß ſchon die Welt im Vereine mit der Mutter das arme Kind verfolgten, der ſich auf dieſe Weiſe plötzlich ohne Verwandte, ohne Ob⸗ dach ſah, den Stürmen und dem Unwillen der Menſchen, der gewaltiger und unabwendbarer als der Anfall der Elemente als Opfer Preis gegeben„ GEs —zz———————————— —————————————————————————————————————— 183 fanden ſich indeſſen einige Zahlenmenſchen, die da wohl ſahen, daß Agaz Agazowitſch ſich in einem Alter und in einer Lage befinde, aus denen ſich Nutzen ziehen laſſe und nahmen ihn zu ſich auf dieſem Scheidewege des Lebens. Smolnew blieb noch immer ein Hoffnungsſtrahl im Her⸗ zen. So lange der Prozeß ſich auf ſeine Seite neigte, zeichnete den jungen Mann ein ziemlich hübſches Mädchen aus, mit einem verſtändigen Zuge im Geſichte, mit ſanften Re⸗ den auf den noch nicht ganz verwelkten Zügen. Smolnew ſchienen dieſe Reden aufrichtig, dieſe Blicke keine künſt⸗ lichen, und der Arme vergaß ſich: Schmeicheleien waren ihm ſo neu!.. er wurde von ihnen angezogen, und liebte das Mädchen mit aller Kraft ſeines eiſernen Wil⸗ lens; er, den man heut zu Tage in Geſellſchaft einen Quaſimodo geheißen hätte, dachte, man könnte auch ihn lieben, wenn auch nur für ſeine heiße Liebe, die zu allen nur möglichen Opfern bereit war. Doch wie grauſam, wie furchtbar täuſchte er ſich! Als er den Prozeß gegen ſeine Mutter verlor und ſich als obdachloſe und verfolgte Waiſe an die wendete, welche er ſeinen Schutzengel nannte, lachte ſie über ſeine leidenſchaftliche Rede laut auf; ſie gab ihr früheres, Hoffnung und Troſt athmendes Beneh⸗ men als Scherz aus; ſie ſpottete ſeiner Liebe vor aller Welt. Was bleibt da dem Menſchen noch heilig, wenn er mit den edelſten Gefühlen ſeinen Spott treibt, wenn er das Erbe des Himmels in den Koth wirft und ſtolz auf ſeine materiellen Leidenſchaften, nur für ſie athmet, nur in ihnen lebt! Smolnew war moraliſch todt. Einige Zeit konnte er ſich nicht ſammeln; er irrte durch die Straßen wie ein Betrunkener oder ein Verrückter; blieb dann und wann ſiehen und blickte auf die Fußgänger, auf die Vorbei⸗ fahrenden. Und nicht einer unter dieſer Maſſe fühlt Mitleid für mich? wo ſoll ich nun jetzt hin?“ dachte er. Er rief den Tod herbei. „Doch nein!“ rief er aus:„ich will leben. um mich an den Menſchen zu rächen!„ Was hatte dieſer Mann nicht erfahren, erlebt, der ſich an das Leben anklammerte, oder beſſer, der das Le⸗ ben an ſich gekettet hatte, das ſeinen unbeugſamen Willen, ſein ſchreckliches Rachegefühl zu achten ſchien. Er hatte damit angefangen, daß er von dem im Schweiße ſeines Angeſichts verdienten fünf Kopeken nur drei zu ſeinem täglichen Bedarfe verwendete, und zwei bei Seite legte, bis er ſo viele zuſammen hatte, daß er ſchon zu wuchern anfangen konnte. Auf dieſe Weiſe legte er den Grund zu ſeinem Vermögen, das nur nach vielen in mühſeligen Arbeiten verbrachten Jahren, bei beſtändigen Entbehrungen und allen nur möglichen Opfern ſo hoch anwachſen konnte. Ihn kam nichts leicht an. Wir haben manchen geſehen, der in drei oder vier Jahren aus einem Zöllner ein Mil⸗ lionär geworden. Doch Smolnew mußte jeden Erfolg mit Blut bezahlen. Das Geſchick hielt ihn fortwährend in einer peinlichen Preſſe. Endlich konnte er die einzelnen Theile ſeines Planes mit der Feinheit eines wahren Maeſtro entwickeln, mit Vorſicht und ſataniſchem Genuſſe in Vollziehung brin⸗ genz er haßte die Menſchen bis zum Fanatismus, er hielt jedoch ſeinen Ingrimm in Schranken und handelte im Verhältniſſe der Mittel langſam und ſicher, ſo daß kein einziger von ihm gerichteter Schlag ſein Ziel verfehlte. Menſchen hatten ihn ungerechter Weiſe ſeines anſehnlichen Vermögens beraubt: er wollte in ſeiner Bosheit ihnen das Zweifache, das Dreifache nehmen, ſein Herz vor ihren Nöthen, Unglücksfällen, Leiden verſchließen, wie ſie die ihrigen vor ſeinem Schmerze verſchloſſen hatten, aber alles das unbemerkt, vorſichtig, unter einer falſchen Maske, ſo daß die, dem Großpapa am nächſten ſtehenden, in ihm nür einen halbverrückten Geizhals ſahen, der eine Kopeke ſpart und auf Dummheiten Tauſende verſchleudert. Die Uebrigen wußten nicht, was ſie von Smolnew denken ſoll⸗ 185 ten: der größte Theil betrachtete ihn als einen gutmüthi⸗ gen Sonderling; beſonders war dies bei denen der Fall, deren Vertrauen er zu gewinnen ſuchte. Sehen Sie nun ſelbſt, mein verehrter Leſer, wie ge⸗ wiſſenhaft ich mit Ihnen verfahre, wie nachſichtig ich mit Ihrer Neugierde bin, wenn ſolche nur für die handelnden Perſonen meiner Geſchichte vorhanden iſt! Ein Anderer würde an meiner Stelle Smolnew durch den ganzen No⸗ man in ſeiner ärmlichen Kleidung, ſtill, gutmüthig, ge⸗ demüthigt führen, und erſt dann, wenn ſich eine hinläng⸗ liche Anzahl von Miſſethaten auf ſeinem Haupte geſammelt hätte, würde er vor Ihnen dieſen nämlichen Smolnew in ſeiner ganzen Größe hinſtellen, ſeinen Kopf mit Stolz er⸗ heben, und auf ſeine zuſammengeſchrumpfte Stirne zeigend, mit Würde ausrufen:„Hier iſt er, leſen Sie die lange Reihe ſeiner Verbrechen: wie in einem Spiegel ſind ſie hier zu erblicken; dieſe hagern Arme haben alle Schläge geführt, dieſes mißgeſtaltete Haupt hat ſie geleitet....“ Und die Wahrheit zu geſtehen, es wäre ſehr effektvoll. Doch ich erzähle ohne viele Kniffe, und wenn gegen meine Abſicht bei mir eine unerwartete Begebenheit oder ein romantiſches Ereigniß zum Vorſchein kömmt, iſts nur, weik die Natur ſelbſt manchmal eine Freundin von Effekt und ihn öfter, als uns ſcheint, hervorbringt; man muß ſie nur behorchen, und in ſolche Winkelchen des Menſchen⸗ herzens blicken, wohin zu ſchauen Sie gewiß keine Luſt haben: dazu iſt Zeit und Mühe nöthig, und wozu beide verlieren! Ihre Ruhe iſt Ihnen ſo koſtbar? Schonen Sie ſich, meine verehrten Leſer; ich bitte, ſchonen Sie ſich. Wir, die Taglöhner des Lebens, müſſen uns abmühen, es iſt unſer Beruf, aber uicht der Ihre! Sonſt bliebe uns ja kein einziger Leſer, und wir in unſerer hochmüthigen Verirrung glauben wirklich, daß wir für viele und nicht ausſchließlich für uns allein ſchreiben. Doch Sie haben Eile, Sie wollen das Buch ſchneller zu Ende leſen„ Alſo raſch zur Sache. Smolnew ging mit ſelbſtzufriedener Miene einige Male im Zimmer auf und ab. Er hatte herrliche Dinge erdacht, ſo herrlich, daß er ſeine Freude nicht bergen konnte. Er trat ans Fenſter, auf dem ein Kater, ſich beleckend und brummend, lag; auch er war mit ſich hoͤchſt zufrieden, denn es war ihm gelungen, eine fette Maus zu fangen, e aus der Nachbarſchaft ſich hieher verirrt hatte. Smol⸗ ew ergriff den Kater am Ohre, hob ihn höchſt unerwar⸗ et in die Höhe und hielt ihn eine Minute in dieſer ſchwebenden Lage: der Kater winſelte und Smolnew er⸗ gotzte ſich daran und lachte herzlich über ſeinen naiven Schwank, ſein Lachen war kläglicher als das Winſeln des Katers. Um dieſe Zeit war auf dem winterlichen Himmel eines jener z manchmal zur Luſt der Müßiggänger ereignen. Die Sonne verlor ſich hinter dem bläulichen Flußſtreifen, der von Smolnews Dachſtübchen aus ſichtbar ward. Hinter den Wolken verſinkend, umgürtete ſie mit einem Goldſaume Himmel und Waſſer; dann floſſen Beide in eins zuſam⸗ und verſchwammen wie eine wunderbare Dekoration; die Wolken blieben dunkel; nur ihre Ränder glüheten; und in der Höhe war eine klare Himmelsfläche ſichtbar, auf welche die Sonne ihre Strahlengarben warf, die ſchon etwas verblichen, ihren hellen Glanz verloren hatten, ſo daß man ungeblendet auf ſie blicken konnte. Endlich nahm der lichte Horizont eine Purpurfarbe an, wurde dann blaßroth, dann verſchwommen, dunkelte immer mehr und erloſch. Wenn ruſſiſche Landleute einem ſolchen Sonnenunter⸗ gang zuſehen, ſagen ſie„die Abendröthe verglüht“ und wahrſagen ſchlechtes Wetter für den nächſten Tag. Dieſes Mal ging die Prophezeiung ſchnell in Erfüllung. Es dämmerte noch und ſchon blies ein friſcher Wind, der erhaften Schauſpiele zu ſehen, wie ſie ſich men und ſtrahlten in Regenbogenfarben, und ſchwankten —,— ſich bald in einen heftigen Sturm verwandelte. Smolnen 187 wandte kein Auge von der dunkeln Weite. Er hatte dem Sonnenuntergange keine Aufmerkſamkeit geſchenkt, der natürlich nichts Verwandtes in ſeinem Gemüthe aufregte, aber krampfhaft erhob er ſich von ſeinem Platze und ſteckte ſelbſt den Kopf zum Fenſter hinaus, als er in der Ferne ein auftauchendes Flämmchen erblickte, und errieth, daß es vom Waſſer her leuchte. Bald darauf zeigte ſich ein zweites Flämmchen und dann verſchwanden beide, wie Blitze, die zeitweiſe den ſchwarzen Himmel ſpalten. „Gut,“ dachte der Alte,„gut, das ſind meine Schiff⸗ chen. Vorſichtiger, Freund, vorſichtiger: ſehen wir, wie Euere Ladung jetzt ausſehen wird, was ſie Euch einträgt! Schon lange ſah's nicht ſo herrlich aus, die ver⸗ maledeite Dürre war an allem Schuld! Ach, das Alter, das Alter, Du wirſt unerträglich.... Halte nur noch ein klein wenig aus und ich laſſe Spuren zurück, daß man ſich lange meiner erinnere„.4 2 Siebentes Kapitel. Wiſſenſchuft und Liebe. Laſſen wir den unruhigen Traum des Alten und kehren wir in das graue Häuschen zurück, deſſen friebliche Bewohner vor Kurzem erſt ſo ſtill und heiter gelebt hat⸗ ten. Noch ſind keine zwei Wochen ſeit unſerm erſten Beſuche verfloſſen, und wie hat ſich alles verändert!.... Im obern Stockwerke und zu ebener Erde herrſchte ein ganz anderer Geiſt: das Leben war aufregender, man dachte an Gegenſtände, die früher niemanden eingefallen waren. Piroſchkow beſuchte ſeine Schülerin öfter und nicht immer zur Lektionszeit: ſeine Zerſtreuung wurde noch auffallender, aber Olga bemerkte nichts. Naſar Na⸗ ſarowitſch ſaß ſchon ſeit einer Viertelſtunde ſchweigend ihr gegenüber, auf dem Sande, der auf dem Tiſche verſtreut lag, mit dem Finger Figuren zeichnend. Olga ſchaut⸗ ihm, dem Anſcheine nach, aufmerkſam zu, obgleich hier nichts zu beobachten war, da ſeine Figuren mit nichts ähnlich waren. Endlich unterbrach Naſar Naſarowitſch zuerſt das Stillſchweigen, was früher nie der Fall geweſen⸗ „Ich wollte mich ſchon lange mit Ihnen berathen, Olga Petrowna. Olga Petrowna!„ Sie athmete ſchwer auf und richtete ihre blauen Augen auf ihn. 3 189 Man ſagt, daß Koketten ihre Blicke einſtudiren und ſie nach freiem Willen regieren; doch kann man kühn behaupten, daß ſie mit ihnen nür unerfahrene Jünglinge oder abgelebte Greiſe betrügen konnenz ein Mann, deſſen Herz bereits geſprochen hat, wendet ſich verächtlich von ſolchen Blicken ab. Leichter iſt es mit dem Klange der Stimme, mit Bewegungen, zu hintergehen: darum ſchla⸗ gen unſchuldige Mädchen, dieſes Gefühl inſtinktartig er⸗ rathend, verſchämt die Augen nieder, die Verwirrung ihres Herzens zu verbergen wünſchend. Olgas Augen war jede Verſtellung fremd. Immer klar, von einem unbeſchreiblichen Lichte glänzend, waren ſie jetzt feucht, eingefallen, ſchwammen nicht in Thränen, nein,— in Gefühlen, die niemand errathen hätte, die ſie ſelbſt nicht begriff; früher flogen Olgas Augen von einem Gegenſtande zum andern, jetzt blieben ſie langſam, wie ermüdet auf irgend einem Gegenſtand haften, den ſie gar nicht bemerkten. Immer der treue Spiegel ihres Gemüthes, glichen ihre Augen früher einem glatten, klaren Spiegel; jetzt ſchien ein glühender Hauch über ſeine Ober⸗ fläche gefahren zu ſein, der noch immer nicht verſchwunden war. Sonſt war Olga ganz die frühere, höchſtens etwas bläſſer; ihr gutmüthiger Charakter wurde durch ihren aufgeregten Gemüthszuſtand nicht reizbarer. „Ich wollte mich mit Ihnen berathen, Olga Pe⸗ trowna, wiederholte Piroſchkow in Betreff eines wichtigen Umſtandes.“ „Worüber?“ fragte Olga, es nicht ſonderbar findend,. daß der gute Lehrer bei ihr Rath ſuche, ſondern ſich nur verwundernd, daß er außer ſeinen gelehrten Kombinationen, in welchen ſie ihm natürlich nicht rathen konnte, noch Sorgen haben könne. „Erinnern Sie ſich des jungen Mannes, der vor zwei Wochen aus Irrthum hier eintrat und nach mir fragte?. der uns alle ſo ſehr erſchreckt weil er ſo unerwartet, ſo plötzlich erſchienen war?“ Petersburg am Tage ꝛc. 1. 13 „Ich erinnere mich, ja wohl erinnere ich mich!“ ſagte Olga, die ſchon längſt errathen, wen Naſar Raſarowitſch meine, aber ihre Bewegung zu verbergen ſuchte. „Ein herrlicher junger Mann!“* Olga ſchwieg. „Er geräth etwas zu leicht in Ekſtaſe wie alle jungen Leute, ja ſelbſt wie unſer gelehrter Studioſus, unſer guter Newſgodin, der nichts deſtoweniger der vor⸗ trefflichſte junge Mann auf Erden iſt.“ „Sie wünſchen alſo, Naſar Naſarowitſch, meinen Rath? unterbrach ihn Olga.“ „Ja, Olga Petrowna, in einer ſehr wichtigen An⸗ gelegenheit.“ Naſar Naſarowitſch huſtete, ſtatt eines Taſchentuches ergriff er aus Zerſtreuung eine auf dem Tiſche liegende Karte Frankreichs und hatte ſie ſchon an die Naſe ge⸗ bracht; doch Olga befreiete das Erbe der Bourbonen geſchickt aus ſeinen Händen und reichte ihm ein Schnupf⸗ tuch. Naſar Naſarowitſch fuhr fort, ohne etwas bemerkt zu haben. „Dieſer junge Mann heißt Modeſt Newski.“ „Ich weiß es.“ „Es kann Ihnen nicht unbekannt ſeln,“ fuhr Piroſch⸗ kow fort, durchaus nicht verwundert, daß Olga den Namen dieſes Mannes wußte, obgleich ſie ihn dem An⸗ ſcheine nach von Niemanden erfahren konnte. Newol kömmt immer an Ihrem Fenſter vorbei, wenn er mich beſucht; er hat auch Sie geſehen.“ ⁴Olga ſaß da wie auf Nadeln. „Sie wollten mich um Rath fragen 7 Sie dachte ohne ſelbſt zu wiſſen warum, der Gegen⸗ ſtand, über den ſich Naſar Naſarowitſch Rath holen wolle, habe eine gewiſſe Beziehung auf ſie. „Ich will Ihnen ſagen, warum es ſich handelt,“ Olga Petrowna. Rewski floßte mir eine ſonderbare Ide 191 ein, die, ich wills nur geſtehen, mich im Anfange ſehr überraſchte; ſpäter erſchreckte ſie mich; ich wollte von ihr nichts hören; jetzt fange ich nach und nach an, mich an ſie zu gewöhnen. Newski wurde vom Syſteme meines neuen Mechanismus zu ſehr angezogen und, im Vorbei⸗ gehen bemerkt, er lobt es mehr als es verdient.“ Piroſchkow ſprach mit einer gewiſſen Scham und ſchlug die Augen nieder, aber ach! ſchon in dieſen Wor⸗ ten, die Naſar Naſarowitſch früher nicht auszuſprechen gewagt hätte, war ſchon ein Gefühl des Stolzes vernehm⸗ bar. Der Dämon der Verſuchung hatte, wenn auch nur leicht, ſeine Seele berührt. „Ich muß Ihnen ſagen,“ fuhr Piroſchkow fort,„daß Newski in den poſitiven Wiſſenſchaften, beſonders in der Mechanik ſehr gründliche Kenntniſſe beſitzt, und ſein un⸗ gemein heller Geiſt alles erforſcht. Er hat mir auch eine ſehr glückliche Idee mitgetheilt, die Reibung zwiſchen Rad und Achſe aufzuheben, ich hatte dafür ein Stahl⸗ ſpiral angegeben, welches 4 „Naſar Naſarowitſch, ich verſtehe davon wenig.. beſonders ohne Zeichnung.“ Und früher pflegte Olga ſo geduldig alle Einzeln⸗ heiten ſeiner Beſchäftigungen anzuhören!.. „Ich will es Ihnen ſogleich aufzeichnen.“ „Wir gehen vom eigentlichen Gegenſtande ab. Ich möchte wiſſen, was Sie ſo ſehr bekümmert?“ „Ja wohl, Olga Petrowna, ich muß geſtehen, daß die von Newöki in mir geweckte Idee mich ſehr beküm⸗ mert. Stellen Sie ſich vor, er will, daß ich außer meinem Kabinette Experimente mit meiner Maſchine ver⸗ ſuche, daß ich meine Erfindung in Gang bringe, ſie bekannt mache, mein geliebtes Kind öffentlich ausſtelle, es vor dem Publikum vertheidige. Ich fürchte durchaus nicht, Einwendungen zu widerlegen. Newski ſagt näm⸗ lich, daß Neid und kleinliche Intrigne mir Hinderniſſe in den Weg legen werden. Aber urtheilen Sie ſelbſt, Olga Petrowna, wie werde ich mich unter all den Leuten aus⸗ nehmen! Sie werden mich beſchauen, zergliedern, mich, der ſo ungeſchickt und ſonderbar, mich und mein Werk, mein geliebtes Werk, von dem ich mich werde trennen müſſen, wenn ich es den Richtern übergebe. Freilich bleibt mir die Idee: doch ſie wird auch Andern eben ſo gut als mir angehören; ich werde dann nicht mehr ſagen können, daß nur Sie und ich ſie kennen, daß wir Beide ſie hegen und pflegen Sie, Olga Petrowna, ſind in dieſe Idee ganz eingeweiht, Sie haben mich ſogar oft angeſpornt, eine oder die andere Seite mehr zu entwickeln: und wer wird jetzt nicht alles über ſie aburtheilen! Viel⸗ leicht ſpottet man gar meines Lieblings, den ich nach langen, langen Nächten ausgebrütet. Doch wer trägt da die Schuld, wenn es ſo trifft? wer gebietet mir denn, ihn dem Spotte der Welt Preis zu geben?„ Piroſchkow blickte Olga an, als erwarte er eine Antwort von ihr. Olga ſchwieg. Warum hat er uns nicht um Rath gefragt? Wir würden ihm antworten: „Wenn Du Dein Ziel mit ſchüchternen, unſichern Schrit⸗ ten, bloß auf Deine geniale Erfindung Deine Hoffnungen gründend, erreichen willſt, ſo betrete lieber gar nicht die ſchlüpfrige Vahn: dazu braucht man einen feſten Charaktet, um die Amboßſchläge der Welt, um die Nadelſtiche der Intrigue, um die Stöße der Leidenſchaſten zu ertragen; ſelbſt Eiſen erleidet in der Eſſe und unter dem Hammen einen bedeutenden Verluſt, bis es gereinigt zum Vorſchei kömmt. Denke nach, guter Alter, in welchen Strude Du Dich ſtürzen willſt? Laſſe Dich nicht hinreißen vol der Verſuchung, die Dir ein im Weltwirbel ſich Bewegel der ſo lockend ſchildert. Dir iſt ſo wohl in Deinem fried⸗ lichen Kabinete. Die Liebe zweier Frauen bewahrt Di ſorgſam vor allem irdiſchen Ungemache! Was willſt Du. mehr? Warum ſuchſt Du ſo dringend Olga's Rath; Der Böſe führt Dich in Verſuchung! Ergebe Dich ihm nicht, guter Alter!“ 193 „Was glauben Sie alſo,“ Olga Petrowna: ſoll ich auf Rewski's Rath nicht hören? Er iſt für meine Er⸗ findung zu ſehr eingenommen, übertreibt in ſeiner Phan⸗ taſie den Nutzen, den man aus ihr ziehen kann. „Ja wohl, hören Sie ihn nicht, er wird auch Sie verrathen... „Wer, Olga Petrowna?“ fragte überraſcht Pi⸗ roſchkow, eine ſolche Antwort durchaus nicht erwartend. „Newski!“ ſagte Olga laut, und dachte bei ſich:„Ich haſſe ihn!“ „Warum das?“ „Ich weiß es ſelbſt nicht.. aber ſo iſt's; ganz gewiß iſt es ſo 4 „Aber erlauben Sie, Olga Petrowna, wie iſt das zu denken?. er iſt ſo gut!. wenn Sie wüßten, g er über das Ihnen zugeſtoßene unglückliche Ereigniß geſagt.. 6r ſagte! was kann er denn ſagen?“ „Er ſagte, die Reue werde ihn bis in's Grab ver⸗ folgen, daß er Sie nicht gewarnt. der Arme! als ob er wiſſen konnte als ob wir wußten WMit ſeinem Leben möchte er dieſe That wieder gut machen Sehen Sie? wie ſoll man ihm da nicht glau⸗ ben?„* „Sind Sie aber überzeugt, ob er das alles aufrich⸗ tig gemeint?“ „Ich habe es mit meinen eigenen Ohren gehoört. ganz aufrichtig!“ „Und er ſah Ihnen gerade in die Augen, als er ſo ſprach?“ „Wie ich Sie jetzt anſchaue.“ „Dann glauben Sie ihm, folgen Sie ſeinem Rathe: er wird Sie nicht betrügen! Gewiß habe ich mich be⸗ trogen!„ich habe nicht recht verſtanden, nicht gut gehört; ich allein trage die Schuld. oder vielleicht wieder die ſchreckliche Einmiſchung eines unbegreiflichen Geſchickes, 194 das ſeit Kurzem mich ſo grauſam verfolgt? Was habe ich gethan, was verſchuldet? Sagen Sie es mir, guter Naſar Naſarowitſch.“ „Gegen wen und in was ſollten Sie ſich verſchulvet; haben? Gegen die Mutter, gegen Menſchen? Hat denn je eine Mutter ein ſanfteres und lieberes Kind ge⸗ habt?“ Olga ſchloß ihm den Mund mit der Hand und küßte die von der Arbeit und von Gedanken vergelbte Stirne. „Genug, mein guter Naſar Naſarowitſch! Ich kenne Sie ja, Sie ſind ein ſolcher Schmeichler!“ Piroſchkow wußte ſelbſt nicht, wie ihm dieſes feurige Lob entfahren, und wurde ganz verwirrt. Olga mußte zu ihrem gewöhnlichen Kunſtgriffe ihre Zuflucht nehmen, um ihn auf das frühere Geſpräch zu bringen. „So kehren wir alſo zu unſerm Gegenſtande zu⸗ rück,“ ſagte er, ſich ſammelnd.„Auch ich glaube, daß ich Newski trauen darf und mit ihm in nähere Be⸗ rührung treten muß; durch ihn erſpähen wir die Gefah⸗ ren, die Ihnen noch immer drohen.. doch wer und wofür?.. das iſt mir unbegreiflich!“ „Ja! Naſar Naſarowitſch, Sie dürfen das von Gott Ihnen verliehene Tulent nicht vergraben und Ihre ge⸗ niale Maſchine, die Tauſenden armer Leute Ueberfluß be⸗ reiten wird, der Welt nicht länger vorenthalten.“ 6 „Mehr als Alles moͤchte ich erforſchen, wer dieſe Leute ſind, die Sie mit ſolcher Grauſamkeit verfelgen; dann läßt ſich gegen ſie Maaßregeln ergreifen. „Das Alles läßt ſich durch die Verbindungen be⸗f wirken, durch die vielſeitigen Beziehungen, in die Sie tr⸗ ten.. Ihr Name wird nicht nur in Rußland erſchal⸗ len, und ich und die Mutter werden ſtolz darauf ſein, wenn man Sie in allen Zeitungen preist; wir werden uns dann ſagen: Alles das hat er vor unſern Augen vollbracht, uns hat er es zuerſt erklärt und aufgezeich⸗ 195 net!... Damals hatte er das verändert, damals das ergänzt„„ „Sie verleihen meiner Erfindung zu viel Wichtigkeit, Olga Petrowna. Indeſſen, von welchem Geſichtspunkt ich auch die Sache betrachte, ſehe ich, daß uns Newski unentbehrlich iſt!“ „Ja! unentbehrlich!“ ſagte Olga,„und wenn er ſo ehrenhaft, ſo edel iſt, als Sie ſagen.. „Ol dafür ſtehe ich Ihnen, Olga Petrowna; es gibt unter der Sonne nichts Evleres als Sie und ihn..“ „Und mit was für einem Frauenzimmer fuhr er in dieſer unglücklichen Minute?.. Sagte er es Ihnen nicht?“ „Ja wohl ſagte er es mir! Er fuhr mit einer gewiſſen Fürſtin in einer ſehr wichtigen Angelegen⸗ heit, die keinen Aufſchub erlaubte... Eine ſehr ehren⸗ werthe Dame!. Er hoffte noch Zeit zu haben.. Sie bat ihn, mit ihr ſchnell zu fahren, und er konnte es nicht gut ausſchlagen. „Und das iſt alles wahr?“ fragte Olga mit merk⸗ barem Vergnügen. „Newski lügt nie,“ antwortete Piroſchkow ernſt: „was meine Maſchine betrifft, übertreibt er freilich Vie⸗ les, aber alles aus reinem Herzen er iſt ſo über⸗ zeugt „So verzeihe ich ihm,“ dachte Olga. Armes Mädchen! ſie verzeiht einem jungen Manne, den ſie gehaßt hat. Die Verzeihung eines Weibes. was iſt ſie anders als Liebe!“ „Und darum ſage ich,“ fuhr Piroſchkow fort,„daß Newski uns in jeder Beziehung unentbehrlich iſt. Die Wahrheit zu geſtehen, iſt Wanja unſer einziger Vertheidi⸗ ger; er allein theilt uns die gegen Sie geſponnenen Ka⸗ balen mit; doch wer kann ſie unſchäblich machen. Gott allein! Ihre Frau Mutter quält ſich in Beſorgniſſen 196 Auf dieſe Weiſe neigten dieſe zwei verſchiedenartigen Naturen ſich einem und demſelben Gegenſtande zu. Die Mutter trat ein. Die Sprechenden veränderten, als ob ſie es mit einander ausgemacht hätten, den Ge⸗ genſtand der Unterhaltung, obgleich doch keine vorläufige Uebereinkunft deßwegen ſtattgefunden hatte: es dachte auch, Gott bewahre, Niemand daran, der Alten etwas zu verheim⸗ lichen! Sie fingen bei ihrem Eintritte von andern Sachen zu ſprechen an, vielleicht weil der erſte Geſprächsſtoff ſich bereits erſchöpft hatte. Das war alles. Die alte Benski näherte ſich ihrer Tochter, ergriff mit mütterlicher Zärtlichkeit ihr Kinn, beugte das Köpf⸗ chen zurück und richtete das Geſichtchen in die Höhe. „Sehen Sie,“ ſagte ſie zu Piroſchkow, mit inniger Liebe ihre Tochter anblickend;„ſehen Sie, heute iſt ſie gerade ſo, oder faſt ſo, wie vor zwei Wochen, vor dieſem unglückſeligen Ereigniſſe Das Geſichtchen hat ſich et⸗ was belebt. es zeigt ſich eine leichte Röche Gott ſei Dank! Das haben wir alles Ihnen zu verdan⸗ ken, Naſar Naſarowitſch, Sie haben ſie aufgeheitert; daß ſie in dieſen Tagen etwas abgemagert, das thut nichts. Es vergeht mit Gottes Hilfe.“ „Es vergeht mit Gottes Hilfe!“ Naſar Naſarowitſch hatte die Gewohnheit, ſobald er in Nachdenken vertieft nicht hörte, wovon man mit ihm ſprach, die letzten Worte der an ihn gerichteten Rede zu wiederholen. Olga's Mutter gehörte zu den gutmüthigen, gottes⸗ fürchtigen Frauen, die von Allen geachtet werden. Sie wurde einfach, nach den Regeln ſtrenger Sittlichkeit und ächter Frömmigkeit erzogen, das einzige Erbe, das ihre guten Eltern ihr als die treueſten Begleiter auf dem Lebenspfade hinterließen. Sie verlor ihren Mann, da ihre Tochter noch nicht ſechs Jahre zählte. Die letzte Zeit in der Hauptſtadt lebend, wohin der Dienſt ihren Mann vor dem beginnenden Feldzuge gerufen, hatte ſie die 197 Mängel ihrer Erziehung einzuſehen begonnen. Die Ge⸗ ſellſchaft, die ſie durch die Verbindung ihres Mannes beſuchte, verletzte ſie mehr als ein Mal mit den zar⸗ teſten Anſpielungen, mit den bitterſten Mitleidsbezeugun⸗ genz ihr Herz zog ſich vor Scham zuſammen und ſie gab ſich das Wort, alle Mittel anzuwenden, um ihrer Tochter eine glänzende Erziehung zu geben. Die eigene Demü⸗ thigung konnte ſie noch ertragen, aber die ihrer Tochter— der Gedanke daran brachte ſie ſchon zur Verzweiflung. Doch wie konnte ſie Olga's Erziehung leiten, da ſte ſelbſt faſt keine erhalten und ſie dieſelbe nur ſo zu ſagen er⸗ rathen hatte? Sie fremden Menſchen anvertrauen, in irgend eine Erziehungsanſtalt geben oder unter der Auf⸗ ſicht einer Gouvernante erziehen, dazu fehlte ihr die Kraft, um ſich von ihrer Tochter zu trennen, von ihrem einzigen Kinde, das ihr ans Herz gewachſen war. Sollte ſie es der Aufſicht einer Andern übergeben... Schon die Eiferſucht, die Tochter würde einer Andern einen gleichen Platz in ihrem Herzen anweiſen, ſchon dieſer Gedanke hätte die Mutter zu Tode gequält. Und die Beſorgniß, die Furcht, daß Olinka*) vielleicht das er⸗ fahre, was einem weiblichen Herzen ſchädlich„ Alles das beſtimmte ſie, ihr Kind bei ſich zu behalten, es wie ihren Augapfel zu bewahren und ſie nach eigenem Ver⸗ ſtändniſſe, ohne etwas zu ſparen, ausbilden zu laſſen. Unter ſolchen Umſtänden war der Fund eines Man⸗ nes, wie Naſur Naſarowitſch, ein wahrer Schatz. Sein immerwährendes Grübeln über den Büchern, oder ſein Sitzen am Schreibtiſche, die Feder in der Hand, ſein ein⸗ ſames Leben, ſein Alter, ſelbſt ſeine Sonderbarkeiten, alles gefiel der Alten, als nach ihren Begriffen unentbehrliche Attribute eines Mannes, der Alles weiß und Olinka in Allem zu unterrichten vermag. Wir ſahen, wie Naſar Naſarowitſch ſeine Iflicht ehrenhaft und ſelöſt mit mehr 6 Vrrlleinerung von Olga. Anm. d. Ueberſ. 198 Auswahl erfüllte, als man bei ſeinem Eingenommenſein von den Wiſſenſchaften vorausſetzen konnte. Er beſchwerte das Mädchen nicht mit mathematiſchen Kenntniſſen, die eine fortwährende Anſpannung des Geiſtes erforderten, was, wie Piroſchkow ſelbſt ſehr richtig bemerkte, das Herz eines Frauenzimmers ertödtet, das ſich für eine wichtigere Beſtimmung frei erhalten muß. Naſar Naſarowitſch hatte dieſe Wahrheit mehr errathen als begriffen. Er unter⸗ richtete ſie nur in Naturwiſſenſchaften. Olga war die Geſchichte faſt ganz unbekannt. Sie hatte nie Romane geleſen, nie Geſellſchaften beſucht und befand ſich in völ⸗ liger Unwiſſenheit über den innern Kampf des Menſchen mit ſich ſelbſt oder mit der Geſellſchaft, über das furcht⸗ bare Spiel der Leivenſchaften, dem das Menſchengeſchlecht zu jeder Lebenszeit ausgeſetzt iſt. Ihr Herz entfaltete ſich unter dem zarten Hauche der Mutterliebe und der freund⸗ ſchaftlichen Zuneigung des Naſar Naſarowitſch. Sie be⸗ rauſchte ſich auch an der Harmonie der Muſik, denn die Mutter hatte einen alten Lehrer aufgeſtöbert, der ſo fa⸗ natiſch für die Muſik war, als Naſar Naſarowitſch für die Wiſſenſchaft. Sie ſuchte ihre Tochter dem Einfluſſe der Frauen zu entziehen, da ſie all das Gift ihrer böſen. Zungen an ſich erfahren hatte und überzeugt war, daß das eigene Schamgefühl ſie vor allem Böſen bewahren würde; auch waren ſolche Männer, wie Naſar Naſaro⸗ witſch und der Muſiklehrer Schulz, nicht ſehr geföhrlich. Ueberdem glaubte ſie feſt an die Herzensreinheit ihrer Tochter. 8 Wenn auch frei und unerfahren, aber von Natur aus zur Thätigkeit geneigt, von der innigſten Frömmigkeit durchglüht, die die Mutter ihr einzuflößen gewußt, konnte Olga vom Pfade der Tugend nicht abweichen. Sie kannte keine andere Gefühle als die Liebe ihrer Mutter und die Dankbarkeit der Armen, die ſie unterſtützte. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß ſie an die Aufrichtigkeit dieſer Dank⸗ barkeit unbedingt glaubte. 199 Scheint es nicht, daß dies für's Glück— für den innern Frieden hinreiche!— Doch ſo ſehr Ihr auch das Herz eines Frauenzimmers behütet, eine innere Stimme, die Stimme der uns umgebenden Natur, flüſtert ihm zu, es gibt noch andere Gefuͤhle, andere Genüſſe; und wenn ſich nur die leiſeſte Gelegenheit darbietet, ſo wallt dieſes unerfahrene Herz um ſo gewaltiger auf, um ſo lauter, um ſo gebieteriſcher fordert es ſeinen Theil fieberiſcher Auf⸗ regungen, nur die lichte Seite an ihnen errathend: es begreift noch nicht das durch die weite Welt in ſeinem ganzen Umfange verbreitete Uebel. Dann läßt ſich nicht mehr eindämmen die Fluth der Leidenſchaften und Begier⸗ den, nach denen dieſes Herz fortwährend lechzt. Die Alte weidete ſich an ihrer Tochter wie ein Geiz⸗ hals an ſeinen Schätzen. Sie ſchmückte ſie, obgleich Olga faſt nie ausging; ſie bewahrte ſie vor allen Beſchäftigun⸗ gen, die ihre Hände oder ihre Hautfarbe verderben könn⸗ ten; entfernte ſie von jeder Berührung mit den Dienſt⸗ boten des Hauſes, um ſie dadurch von allem Materiellen, von allem Weltlichen fern zu halten. Die Alte duldete den Umgang Olga's mit dem Zerlumpten, weil man die Waiſe, wie ſie ſagte, nicht verſtoßen könne: Gott habe ihn ihnen geſandt; auch beſaß er trotz ſeinem rauhen Aeußern ſo viele erhabene Gefühle, er war von ſo inniger Dankbarkeit für die zwei Frauen beſeelt, daß ſie die alte Benski bemerken und werth halten mußte. Erſtes Kapitel. Die Entführung. Die alte Benski hatte das blonde Köpfchen ihrer Tochter an ihre Bruſt gelehnt und wiegte ſie mit ihrem warmen Hauche ein. Olga blickte durch die halbgeſchloſ⸗ ſenen Augenlider auf ſie und lächelte; ſie war, Dank den wenigen Worten des Naſar Naſarowitſch, in freudigen Phantaſien verſunken. Piroſchkow war von ſeinen unru⸗ higen, aufregenden Gedanken in Anſpruch genommen. Der Zerlumpte hatte das Buch, woraus er gelernt, fallen laſ⸗ ſen und blickte ſchweigend und zerſtreut auf die Gruppe. Sein früheres ſorgloſes, kühnes Ausſehen war verſchwun⸗ den, ſelbſt die Geſichtszüge ſchienen geglättet und jſtachen nicht ſo ſcharf hervor. „Was gibt's, Wanja,“ ſagte Olga:„willſt Du uns nicht wieder mit Unglück weiſſagenden Nachrichten er⸗ ſchrecken?“ „Wer weiß, ob ſie gut oder ſchlecht ſind, genug, es ſind welche da!“ Die Mutter wendete den Kopf erſchrocken zu Wanja; die Tochter behielt ihre vorige Lage, aber ſie entſetzte ſich ſelbſt im Schwelgen der Gefühlsluſt. „Was iſt's wieder?“ „Geſtern ging ich ſpät Abends nach Hauſe; es war finſter und wolkicht, und ich fiel faſt auf einen Menſchen, der da ſtand wie ein Klotz; ich gehe vorbei;— nein, halt! ſagt er: eben Dich erwarte ich.— Und wozu?— Du ſollſt's gleich hören, ſagt er: ſchaue Dich an, was biſt Du für ein Menſch? Ein wahrer Zerlumpter, auf den die Hunde anſchlagen!— Ich will ihm meine Fäuſte zu koſten geben, aber er drückt mir die Hände wie mit Zangen zuſammen.— Schweige und höre, ſagt er. Du hatteſt einen Vater,— er ging zu Grunde, er verreckte wie ein Hund auf dem Stroh, auch Dir wird's nicht beſſer ergehen„ Du haſt eine Mutter und Du willſt ſie nicht kennen; Ihr werdet beide ſterben, ohne Euch in die⸗ ſem Leben geſehen zu haben, und wenn Ihr Euch ſehen ſolltet, ſo geſchieht's, ohne daß Einer vom Andern etwas weiß: ſie ſpuckt Dich an: Du biſt ja ein ſchmutziger, häß⸗ licher Lumpenſammler! Und Du wirſt ſie aus Aerger anbellen. Eine ſchöne Begegnung, eine ſchöne Mutter!— Nun, was bleibt mir denn da zu thun, welche Schuld trage ich hier? fragte ich.— Du trägſt die Schuld, daß Du wie ein Kalb aufwächſt, ohne an etwas zu denken. Der Tod des Vaters war der Art, vaß er Deine Gedan⸗ ken wohl aufregen konnte. Ich weiß noch ſelbſt nicht, was Du zu thun haſt. Komme morgen um dieſe Zeit hieher vielleicht habe ich etwas ausgedacht.— Gut, ſagte ich. So trennten wir uns. Das iſt eine harte Nuß.“ „Was gedenkſt Du nun zu thun, Wanja?“ fragte Olga, ihren etwas ſchwer gewordenen Kopf erhebend und ſich raſch vom lichten Gegenſtande ihrer Phantaſiegebilde zum trautigen Geſchicke des Zerlumpten wendend, denn ihr gutes Herz kannte keinen Egoismus, nahm an den Leiden eines Andern wie an ihren eigenen Theil. „Gehe nicht zu dieſer Zuſammenkunft,“ ſagte die Alte:„wer weiß, ob's nicht noch ſchlimmer wird.“ „Glbt's denn noch Schlimmeres für mich?“ „Wie ſprach dieſer Mann mit Dir„.. gutmü⸗ 205 thig, ſanft?“ fragte Piroſchkow,„haſt Du nichts be⸗ merkt?„ „Was läßt ſich im Finſtern bemerken. ich fand nichts Beſonderes ℳ Es trat eine Pauſe ein, Alle waren in Nachdenken verſunken. „Ich will gehen, ich will gehen!“ rief der Zerlumpte entſchloſſen aus:„wenn ich wirklich eine Mutter habe, ſo will ich Alles für ſie thun.„ und wenn ich auch mei⸗ nen Kopf hinlege.. Vielleicht iſt meine arme Mut⸗ ter im Armenhauſe— nicht umſonſt hat er mich ein Kalb geheißen. Ich bin wirklich ein wahres Vieh! Ich denke an nichts, ich habe es gut, und die Arme ſtirbt vielleicht vor Hunger. Ich freſſe wie ein Wolf und die Mutter wälzt ſich irgendwo im Schmutze Ich gehe, und wenn ſie mir auch den Garaus machen Wenn Senja wüßte, daß ich noch eine Mutter habe! Ich lebte fünfzehn Jahre und wußte nicht, daß ein ſolches Unthier, ein ſolcher armer Schelm, wie ich, eine Mutter haben kann, wie ein ordentlicher Menſch.“ „Kränke Dich nicht, Wanja, beſchuldige Dich nicht umſonſt,“ ſagte Olga, die nicht ohne Schmerz auf die zwei Thränentropfen blicken konnte, die das unendliche Weh den großen, ſchwarzen Augen des Zerlumpten erpreßt hatte. „Wir haben ja noch ein Mittel, etwas von Deiner Her⸗ kunft zu erfahren, und wenn ich mich nicht irre, ein ziem⸗ lich ſicheres Mittel.“ „Mein gutes Fräulein, um des Heilands willen, er⸗ barmen Sie ſich meiner und ſagen Sie mir, ob ich eine Familie oder Verwandte, ob ich eine Mutter habe; Sie wiſſen es ja, welcher Schatz eine Mutter iſt. Sie ſehen es ſelbſt, wer da will, ſpottet meiner, hat mich zum Beſten und das alles, weil ich weder Vater noch Mutter, weder Bruder noch Schweſter habe.“ Der Zerlumpte warf ſich dem Mädchen zu Füßen. Petersburg am Tage z. 1. 206 Noch nie hatte er ſo gebeten, noch nie hatte ſein Herz ſo tief empfunden, vas durch den Umgang mit dieſem zarten, ſanften, liebenden Weſen ganz weich geworden; es war durch die ununterbrochenen Ereigniſſe aufgeregt worden, und hatten dieſe auch keinen tiefen Nachhall gefunden, ſo mußten ſie doch einen gewiſſen Eindruck zurücklaſſen. „Höre auf, Dich zu betrüben, Wanja. Ich will Dir ſagen, wié wir Deine Herkunft erfahren können. Du haſt gewiß das Paket nicht vergeſſen, das Du mir aufzube⸗ wahren gegeben. Es koͤmmt von Deinem Vater; es iſt vielleicht ein Briefwechſel mit Deiner Mutter oder ſein letzter Wille; jedenfalls kann man aus dieſen Papieren ſeine Verhältniſſe, ſeine Stellung in der Welt erfahren. Damals wagte ich es nicht, das Paket zu öffnen, doch dieſer ungewöhnliche Fall, die zu erwartende Zaſammen⸗ kunft, ſelbſt Deine Verzweiflung, alles beſtimmt mich, es zu entſiegeln, wenn die Mutter es erlaubt und es Dir recht iſt, Wanja; jetzt kannſt Du ja auch, wenn auch nur buchſtabirend, leſen; Du haſt in der letzten Zeit bedeutende Fortſchritte gemacht.“ Alle entſchieden, daß man die Papiere des Zerlump⸗ ten durchſehen, und wenn man etwas erfahre, ſich für ihn mit aller Macht ihres freilich begränzten Einfluſſes ver⸗ wenden müſſe. Olga ging auf ihr Zimmer, ſie zu holen. Man harrte ihrer lange, bis ſie endlich beſtürzt, faſt außer ſich, zurückkehrte. „Was iſt Dir, Olinka?“ rief die Mutter aus. „Die Papiere ſind fort!“ antwortete ſie mit von hef⸗ tiger Bewegung unterbrochener Stimme. „Es kann nicht ſein! Du haſt ſie gewiß nicht finden können, nicht überall geſucht.“ „Ich habe alles auseinander geworfen— vergebens die Papiere lagen im Heiligenſchränkchen, ich er⸗ innere mich ſehr gut, ich habe ſie ſelbſt hineingelegt,— und ſie konnten nicht verlegt werden, konnten nicht verlo⸗ ren werden.“ 207 „Sie ſind alſo geſtohlen worden.“ „Ich weiß nicht; ich wage niemanden zu beſchuldi⸗ gen; außer mir kömmt nur noch Tanja auf mein Zim⸗ mer, und Sie wiſſen, wie treu ſie mir iſt.“ „Unbegreiflich.“ „Wanja, mein lieber Wanja, ich werde vielleicht die Mitſchuldige Deiner Verwaistheit, Deiner traurigen Lage ſein, weil ich dieſe Papiere nicht gut verwahrt habe und ſie enthielten gewiß wichtige Fakta über Deine Her⸗ kunft; es iſt unmöglich, daß Dein Vater nicht an Dich in der Todesſtunde gedacht hätte, da ihm der Wille des Herrn den Verſtand wieder gegeben hatte. Gott verläßt die Waiſen nicht.“ „Nein, mein Fräulein, Sie tragen keine Schuld; böſe Leute tragen die Schuld: unſere Ruhe, unſer Leben möchten ſie verbittern. Die Papiere ſind gewiß geſtohlen. Unlängſt ſah ich Fedul nicht weit von hier; ich jagte ihm nach, konnte ihn aber nicht einholen: der böſe Junge hat ſich hier nicht umſonſt umhergetrieben. Er weiß, wenn er mir in die Hände fällt, laſſe ich ihn nicht los, bis ich für alles Unglück Rache genommen: er hat ſich alſo nicht umſonſt in mein Gebiet gewagt.“ „Es konnte aber kein Fremder in mein Zimmer kommen, beſonders jetzt, wo ich faſt gar nicht ausgehe.“ „Gewiß iſt Fedul mit dem Unreinen im Bundez von ihm iſts zu erwarten!“ „Spreche nicht ſo,“ ſagte die Alte ein Kreuz ſchlagend. „Vielleicht iſt er ſelbſt der Böſe. Er kann alles ein!“ „Wanja 1“ „Nur nicht gleich aufgebracht, gnädige Frau, ich ſage nur ſo, ich weiß es ja nicht gewiß. Und Sie be⸗ truben ſich nicht, mein Fräulein, ſonſt habe ich doppelten Kummer. Nur ſtille, ich gehe jetzt und erfahre alles 208 vom Manne, der mich auf heute Abend beſtellte. Ich erfahre alles genau und brauche dann die Papiere nicht.“ „Und wenn Dir etwas zuſtößt, Wanja? Wie kön⸗ nen wir Dich allein fortlaſſen! Der liebe Himmel mags wiſſen, was das für ein Mann,“ ſagte die Alte. „Und wirklich,“ fiel Piroſchkow ein,„muß man ihm einen Begleiter auf den Weg geben.“ „Aber wen? Wir haben ja niemanden außer Tanja.“ „Aber es gibt ja Wächter der Ordnung 4 „Wachtmeiſter,“ ſagte die Alte, die ſich noch der militäriſchen Untergebenen ihres Mannes erinnerte. „Nein, das ſind nicht gerade Wachtmeiſter, aber etwas der Art. „Aber wo nimmt man die her?“ „Sie ſollen überall da ſein es iſt ja ihr Beruf, die Schutzloſen zu behüten, die Boehaften zu ver⸗ folgen.„ „Ich brauche niemanden... Ich gehe allein.. aber vielleicht bleibe ich lange aus, ſo haben Sie die Güte und bewachen Sie das Fräulein.... Es iſt eine Nacht, zum Raube geſchaffen.... Fedul, der böſe Junge, iſt“ mit einer Diebsbande in Verbindung das iſt eine Nacht für die ich bitte, geben Sie acht... Ihnen, gnädige Frau, brauche ich nichts einzuſchärfen.. Schauen Sie nur, daß ſich niemand durch den Garten einſchleiche.. ſchließt hinter mir das Thor. ich habe immer geſagt, daß Sie ſich einen Hund anſchaffen. doch dazu iſt keine Zeit „ Biücher und nichts als Bücher, und was hat man von ihnen!. Legen Sie ſie wenigſtens dieſe Nacht bei Seite; nehmen Sie einen Knittel.... und geben Sie auf den Garten acht... „Sei ruhig, Wanja, ich will die ganze Nacht kein Auge ſchließen.. Wie ſoll mir auch der Schlaf kommen, wenn Du Dich auf eine ſo gefährliche Erpe⸗ dition begibſt. Wir pflegten Dich wochenlang nicht zu 209 ſehen und hatten keine Sorge; aber dieſe unbegreifliche Verkettung der Umſtände, die verlorenen Papiere, die unaufhörlichen Drohungen, der liebe Himmel weiß woher und wofür; dies ſtellt einen ſo komplizirten Mechanismus dar, eine ſo unbegreifliche Kombination, daß ſich nicht leicht eine Analyſe... „Laſſen Sie jetzt die Kabala, und behüten Sie mir das Fräulein ſonſt fürchte ich, daß Sie wiſſen ſchon es möchte ſich etwas ereignen„ „Wie, ſchämſt Du Dich nicht, Wanjal!„ „Gut, gut. ſo leben Sie wohl. Machen Sie das Kreuz über mich, gnädige Frau; ich glanbe dann, die Mutter habe das Kreuz über mich geſchlagen und es wird mir leichter ums Herz. Vergeſſen Sie nicht, mein Fräulein, die Läden auf der Klinke zu ſchließen, und den Schlüſſel an der Thüre zwei Mal umzudrehen; laſſen Sie auch nicht Tanja heraus, wenn bei Nacht geklopft wird Hu, welche Nacht!“ Wirklich war die Nacht nicht die ſchönſte. Der Wind heulte wölfiſch und ächzte wie ein Dämon. Auf dem Fluſſe zerriß er die weißen Segel, in der Stadt warf er die am ſchwarzen Himmel ſich bewegenden Maſſen weißlicher Wolken in einzelnen Partien rechts und links, und im zum grauen Häuschen gehörenden Garten ſpottete er der ſchlanken Birken, bald beugte er ſie zur Erde, bald ſtäubte er die bebenden Blättchen aus einander. Es war eine Nacht wie ſie in Petersburg beſonders im Herbſte nur gar zu oft vorkömmt. „Wanja, wir wollen Deiner harren und ſür Dich beten.“ „Wartet gegen zwei Stunden, und komme ich dann nicht, ſo komme ich wohl heute nicht; wenn ich nicht morgen hier bin, dann erwartet mich gar nicht mehr. Ach, wenn ich nur Senja hier laſſen könnte, ich würde ganz ruhig ſein.“ 21⁰ „Sei um uns unbekümmert, denke an Dich ſelbſt, Wanja.“ „Lebet wohl!“ Und von dem Segen der Frauen begleitet, machte er ſich auf den Weg. Zum erſten Male war dem Zerlumpten bange ums Herz. Es zitterte ſo ſonderbar und ſo andauernd, wie es noch nie in dieſer Bruſt gezittert, die vom Schickſale ſelbſt der Willkühr des Sturms, des Unwetters und des irdiſchen Elends Preis gegeben war, und die ſich an ihr brachen, ohne das Herz zu berühren. Ein Paar Male waren Gefühle in dieſem Herzen aufgetaucht, aber ſogleich wieder ſpurlos verſchwunden; jetzt aber drückte der Zer⸗ lumpte die Bruſt zuſammen, aus Furcht, daß das Herz nicht zerſpringe; vergebens wollte er deſſen Wüthen mit Geſang übertäuben, das Lied ſtockte„es ſtockte, weil eben dieſes melancholiſche ruſſiſche Lied jetzt zum erſten Male einen Nachhall in ſeinem Gemüthe gefunden, wäh⸗ rend er früher die Lieder hergebrüllt hatte, ohne daß ſein Gemüth irgend einen Antheil daran nahm. Der liebe Himmel mags wiſſen, was mit dem armen Knaben vor⸗ ging. Er dachte anfangs, die Kälte habe dieſes Zittern hervorgebracht, doch ſein Kopf brannte; auch war er ja, Dank der liebenden Sorge der Benskis, wärmer als ge⸗ wöhnlich angezogen; es war nicht Furcht: der Zerlumpte ließ in ſeiner Einbildungskraft die ſchrecklichſten Dinge aneinander reihen, aber ſie erſchreckten ihn nicht, und wenn er zurückſchauete, ſo geſchah es nur, um das graue Häuschen noch ein Mal zu ſehen: dort tauchten dann und wann Schatten auf und blieben lange am Fenſter, als horchte man auf das Wetter„.„Gut,“ dachte der Zerlumpte:„der Alte iſt nicht in den Büchern ver⸗ graben. er hält Wache... Und beim Gedanken an dieſe Frauen, dachte der Zerlumpte an eine Mutter, eine Schweſter..„wenn ich eine Mutter, eine Schwe⸗ 211 ſter hätte!.... wie würden ſie mich lieben, wenn ſchon dieſe. und was ſind die mir! Wie eigenthümlich, wie unbegreiflich entfaltet ſich auch die gröbſte Natur! und wo ſchöpft ſie dieſe Gefühle, dieſen Seelenglauben! wer lehrt ſie! wer lehrt die Blume ihr Köpfchen gegen die Sonne neigen, ihrem Laufe am Firmamente folgen!... Still und finſter war es rundum, nur der heftige Regen peitſchte die lange Reihe Umzäunungen, und der Wind ſtimmte ſeine Herbſtlieder an und übertäubte die Schritte des Wanderers. Der Zerlumpte kam ans Ende der Sumpfſtraße; er lenkte rechts ein und ſtolperte bei⸗ nahe über etwas Lebendiges, das ſich an der Straßenecke bewegte. Er blickte hin— es iſt ein Mann! nicht der geheimnißvolle Unbekannte, der ihm die nächtliche Zuſam⸗ menkunft beſtimmt hatte. Doch den ſollte er am Ende der zweiten Straße finden. Bald darauf bemerkte der Zerlumpte einen zweiten Schatten am Zaune: jetzt un⸗ terſchied er erſt, daß dieſe zwei Perſonen ihm ſichtbar waren, weil auf ihn das Licht einer Blendlaterne ſiel, die der eine in der Hand hielt, während der Zerlumpte im Schatten blieb. Seine Zweifel wurden noch mehr rege, als er Stimmen vernahm. „Wohin leuchteſt Du, Ratze, ſiehſt Du denn nicht, daß hier ein Zaun und kein Thor!“ „Der Teufel kann in dieſer Finſterniß ſehen. Nun, da haſt Du das Thor. Nun kannſt Du leſen.“ „Es iſt ganz recht: Nro. at, und hier iſt die Sumpfſtraße„. Jetzt gib acht, Ratze, ſpitze die Ohren; in einem Augenblicke habe ich alles beendet die Leiter hieher an den Balkon, ſo Und bei den heftigen Windſtößen, bei der raſchen Wendung der Laterne, manchmal beim Scheine eines Blitzes, tauchte vor dem Zerlumpten bald die Geſtalt des Mannes auf, den ſein Kamerad leſen ließ, bald war alles in Dunkelheit und Stille gehüllt, bald ſchallten ab⸗ * 212 gebrochene Worte. Seine Ungewißheit dauerte nicht lange. Er war noch nicht mit ſich einig, was er zu thun habe, als aus einem Fenſter etwas Weißes zum Vorſchein kam. Ein ſchwacher, erſtickter Seufzer war hörbar Der Zerlumpte ſchrie laut auf und ſtürzte mit ſeinem Knittel an den Ort, wo der Diebſtahl oder das Verbrechen vollzogen worden. Doch die Laterne erloſch es war gar nichts zu ſehen alles war ſtill„ Nur am entgegengeſetzten Ende der Straße waren Schritte hoͤrbar, und bald darauf ſprach jemand: „Was iſt hier für ein Lärm 2.„ſeid Ihr ver⸗ rückt, Ihr Verdammten, was geht hier vor?“ Der Zerlumpte wußte nicht, was das für Leute waren: kamen ſie ihm oder ſeinen Gegnern zu Hilfe; doch die Stimme ſchien ihm bekannt, es ſchien ihm dieſelbe, die er geſtern vernommen, und die ihm eine Zuſammen⸗ kunft beſtimmt... Der Zerlumpte war froh. „Hilfe, Hilfe, ſchrie er, ich bin's, der Zerlumpte: ich wollte Sie aufſuchen, als hier...* Er hatte noch nicht ausgeredet, als eine allgemeine Lache ſelbſt den Wind übertäubte. „So, ſchon, ſchön. wo biſt Du denn, Freund⸗ chen 2 Im Finſtern kann ich Dich ja nicht faſſen, und dieſe Dummköpfe haben aus Schrecken die Laterne aus⸗ geloͤſcht. Da ſieht man gleich das Ratzengeſchlecht.“ Jetzt ahnte der Zerlumpte, mit welchen Leuten er zu thun habe. Er wich zurück und wollte fliehen; doch da ſtieß er wieder auf einen Menſchen und ein heftiger Schlag in die Bruſt warf ihn zu Boden. Er konnte kaum aufſchreien und verlor das Bewußtſein. „Ein feines Händchen! ſagte jemand, wie ein Ham⸗ mer ſiel es auf ihn nieder.“ „Was läutet er da? Biſt Du auf dem Glocken⸗ thurme? rief der den Streich geführt hatte, ſtrenge aus: An die Arbeit St... horcht, ein Wagen kömmt. 213 Wem zum Teufel fällt es ein auf einen ſolchen Ort und zu einer ſolchen Zeit zu fahren!... Hat man uns viel⸗ leicht ausſpionirt?.„ Wirklich rollte eine Kaleſche in aller Eile grade dem Orte zu, von wo der Schrei erſchollen war. Die Nacht heiterte ſich etwas auf. Der Kutſcher hatte gewiß die am Verſchlage verſteckte Gruppe bemerkt. Sich ans Wagenfenſter wendend, ſagte er:„Es find ihrer ſcheint es, gar viele.“ „Halt!. ſchrie jemand aus der Kaleſche.“ Der Kutſcher gehorchte ungern... Der im Wagen Sitzende öffnete ſich ſelbſt die Thüre, denn es war fein Lakai da; mit einem Sprunge ſtand er draußen und ging kühn der ſichtbaren Gefahr entgegen. Die nächtlichen Vagabunden ſahen jetzt, mit wem ſie zu thun hatten, ver⸗ ließen ihren Hinterhalt und gingen an die Arbeit. Einer aus der Gruppe, derſelbe, der ſo ſtrenge gebot, trennte ſich von den Uebrigen; der Ankömmling war noch nicht dem Orte nahe gekommen, als ein kräftiger Schlag von hinten ihn zu Boden warf. „Auch dieſer Schlag iſt nicht von den Letzten! Der Henker hole mich, wenn der ſchwächer iſt als verjenige, womit Du den Jungen traktirt haſt.... Ein herrlicher Schlag, Häuptling!“ „Schweig! raſch an die Arbeit!“ Derjenige, an den dieſe Worte des Häuptlings ge⸗ richtet waren, ergriff den Knittel des Zerlumpten und ſtürzte dem Wagen zu. Der Kutſcher bemerkte dieſe Be⸗ wegung, und hieb auf die Pferde ein, doch der ihm nach⸗ geſchleuderte Knittel traf ihn ſo heftig, daß er vom Bocke ſtürzte und ſich mit Mühe am Kutſchtritte hielt. Der agen rollte fort. „Jetzt raſch davon, rief der Häuptling, den Herrn da laſſet ungeſchoren. Er erwacht nicht ſo ſchnell von meinem Kuſſe. Und die halbtrunkene Bande ging mit Geräuſch da⸗ — ———— ——— 214 . erſt als ſie in belebtere Straßen kam, wurde ſie er. Der im Wind und Regen auf der Straße Zurück⸗ gelaſſene erholte ſich nicht ſobald. Der Schlag hatte ihn betäubt; wie ein Trunkener hin und her wankend, machte er einige Schritte und war wieder genoͤthigt, ſich an den Verſchlag zu lehnen. Mit Mühe erinnerte er ſich der nähern Umſtände des Vorfalls. der Kopf drehte ſich, es ſchwindelte ihm vor den Augen. Soll ich nicht an dieſes Thor klopfen, dachte er.. doch das Haus iſt unbewohnt; nichts rührt ſich darin, obgleich dieſe lärmende Scene faſt unter den Fenſtern vor ſich ging; freilich ſind die Läden geſchloſſen; aber das Schreien, das Stöhnen... ſollte man die im Hauſe nicht gehört haben, wenn Leute darin ſind, oder wenn ſie nicht mit dieſen Räubern unter einer Decke ſpielen.... Der Kranke blickte um ſich. „Ein bekannter Ort.. ja, ſo iſts, am Ende dieſer Straße wohnt Naſar Naſarowitſch. Was kann es da Beſſeres geben„ich werde mich ſchon bis zu ihm ſchleppen.“ Und er ſuchte ſich langſam fortzuhelfen, ſich immer an die Umzäunungen haltend und jeden Augenblick ſtehen bleibend, um Athem zu ſchöpfen. Nicht ohne geringe An⸗ ſtrengung erreichte er endlich das ihm bekannte graue Häuschen. Zweites Kapitel. Pie Lüſung des räthſelhaften Gefühls. Die von uns beſchriebene Scene ging raſcher vor ſich, als wir ſie erzählen konnten; aber der Herr, wie ihn der Häuptling nannte, war ziemlich lange bewußtlos da gelegen, und es war ſchon daher weit über Mitternacht, als er das graue Häuschen erreichte. Nichts deſtoweniger war Licht im Hauſe, Naſar Naſarowitſch erfüllte pünkt⸗ lich den Auſtrag des Zerlumpten und berließ nicht ſeinen Poſten. Kaum vernahm er, daß man klopfe, als er ſo laut, ſo ſchrecklich als er vermochte ausrief: Wer da? und ans Thor eilte, in Hoffnung, den Zerlumpten zu finden. Aber Piroſchkow fuhr unwillkürlich zurück, als er den Ankömmling erkannte. „Wie, Sie ſinds 2“ ſagte er wie ſehen Sie aus„„ „Ich bin's, Newski! Oeffnen Sie ich halte mich kaum noch auf den Füßen. Piroſchkow öffnete eilig die Thüre und den nun ganz geſchwächten Newski faſt auf den Händen tragend, ging er ins Haus. An der Schwelle erwarteten ihn die Frauen, ebenfalls voller Hoffnung, den Zerlumpten zu finden. „Was iſt ihm geſchehen?“ fragte beſorgt die Mut⸗ ſe da ſie nicht unterſcheiden konnte, wen Piroſchkow ühre. 2¹16 „Schlimm! er hat das Bewußtſein verloren.. Olga ſtürzte ſich auf den Leidenden und von der unerwarteten Begegnung ergriſſen, ließ ſie das Licht fallen.. „Das iſt nicht Wanja. konnte ſie kaum hervor⸗ bringen.“ „Wer hat Ihnen denn geſagt, daß es Wanja ſei! „CEs iſt mein Freund„ Newoki. „Man darf ihn nicht ſo lange ohne Hilfe laſſen.“ Olinka, rufe ſchnell Tanja, ſie wird helfen, ihn zu Naſar Naſarowitſch hinaufzubringen. „Hinauf es iſt ſo hoch„ ſeine Kräfte er⸗ lauben es nicht und für einen Kranfen iſt es ſo unruhig bei Naſar Naſarowitſch.“ „Wo bringen wir ihn alſo hin?“ „Man könnte hier„ „In unſere Wohnung. ein Mann!“ Denke ſelbſt, Olinka, das geht nicht!. „Es iſt kein Mann es iſt ein Sterbender!“ „Doch was wird die böſe Welt ſagen?“ „Was bekümmern uns die böſen Zungen, wenn wir einem Leidenden Linderung bringen„ „Freilich laſſen ihm bei Naſar Noſarowitſch die Tauben keine Ruhe, wo ſoll man ihn auch hinlegen, er hat ja ſelbſt nicht, worauf zu ſchlafen!“ „So führen Sie Ihren Freund hieher, guter Naſar Naſarowitſch, ſagte Olga eilig und mit merklicher Freude; ich werde Ihnen helfen, den Kranken zu unterſtützen.“ „In's Gaſtzimmer, auf den Divan, ſagte die Mutter.“ „Wie iſt das möglich, Mamma!„ Der Divan iſt ſo hart, er wird keine Ruhe haben auch ſind keine Läden im Gaſizimmer ſo heil! Es paßt gar nicht für einen Kranken. „Wohin alſo? vi.“ „Nun meinetwegen auf mein Zimmer.“ ———— 217 Und wenn Licht dageweſen wäre, hätte die Mutter geſehen, daß Olga mit Purpur wie übergoſſen war. „Was fällt Dir ein!.. rief die Alte erſchreckt aus.“ „Was iſt da für ein Unglück, Mamma! Als ob mein Zimmer dadurch ſchlimmer würde, wenn es einen Leidenden beherbergt.“ „Du weißt nicht?“ „Ich weiß alles...“ Neweki iſt ein Freund des Naſar Naſarowitſch, kann alſo kein böſer Menſch ſein. „Aber wer wird ihn denn pflegen? Wanja iſt nicht da!“ „Wer anders als ich!... Wenn ich weit von hier gehe, um Kranke zu befuchen, werde ich doch nicht den in meinem Zimmer verlaſſen?“ „Wie iſt das möglich.... auf Deinem Bette!“ „Nun was denn; es iſt ſehr bequem.. Sie willigen alſo ein, mein liebes Mütterchen es iſt ſchon recht. gutes, unvergleichliches Mütterchen.. fürchten Sie nichts. im Hauſe wird nicht die ge⸗ ringſte Unordnung ſein... Ich werde ſelbſt an alles denken MNaſar Naſarowitſch, hieher, hieher Da iſt auch Tanſa! Tanjuſcha, Du Gute, ſchnell heißes Waſſer man muß dem Kranken Thee bereiten.. nicht wohr, Mamma?“ „Nein, man muß ihm Fliederthee zu trinken geben.“ „Alſo Fliederthee, Tanja!“ Und Olga beeilte ſich, den Kranken auf ihr jung⸗ fräuliches Lager zu betten, lief hin und her und hatte ver⸗ geſſen, daß ſie die ganze Nacht nicht geſchlafen. Die Mutter ſchüttelte nur bedenklich mit dem Kopfe. Sie war zu gut, um ihrer Tochter etwas zu verweigern. Und was iſ's denn auch für eine Sünde, mein Gott, einem Kranken ein Obdach zu geben 2 Gefahr war keine vor⸗ handen: die Mutter glaubte feſt an die Tugend ihrer Olga, und ihr Glaube war nicht grundlos. Ueberdem 218 wußte ſie ſelbſt nicht, wie ſie die Erlaubniß hätte geben können, Newski im Zimmer ihrer Tochter anzubringenz Alles war ſo raſch geſchehen, daß ihr ſchüchterner Verſtand das vor ihren Augen Vorgefallene nicht recht zu kombini⸗ ren vermochte. Im grauen Häuschen trat nach und nach Stille ein. Die von der unruhigen, ſchlafloſen Nacht erſchöpfte Alte legte ſich nieder, den Kranken der Pflege ihrer Tochter und ſie dem ehrenwerthen Naſar Naſarowitſch anvertrauend; ſeine Anweſenheit in Olga's Zimmer ſollte ſie vom Tadel der Welt freiſprechen, denn die zärtliche Mutter bewahrte nicht nur die ſchöne Seele ihrer Tochter, ſondern auch ihren Namen vor jedem Makel. Außerdem war Piroſch⸗ kow dem Kranken ſelbſt von Nutzen: er beſtimmte die Frauen, ihn nicht zu beunruhigen, ihm nichts zu trinken zu geben und ihn, nachdem ſeine Wunde gewaſchen war, der Pflege der wohlthätigen Natur zu überlaſſen, die ſür die Jugend der beſte Arzt iſt. Wirklich beruhigte ſich Newski, der zuerſt im Fieber delirirte, nach und nach und fiel in einen heilſamen Schlaf. Naſar Naſarowitſch war im Lehnſeſſel eingeſchlummert. Nur Olga wachte. Sie ſchloß kein Auge, ſie wandte keinen Blick von dem blaſſen, leidenden Geſichte des Krau⸗ ken, ſie ſaß ſchweigend, ſelbſt den Athem zurückhaltend, auf dem Rande des Bettes. So ſaß ſie lange unbeweg⸗ lich da, während ſich in ihrem Innern ein Drama aus dem Leben eines neunzehnjährigen, unerfahrenen Mädchens entwickelte, ein Drama, veſſen Ende weder der Zuſchauer, noch die handelnde Perſon ſelbſt vorausſehen konnten⸗ Endlich erhob Olga ſchüchtern ihre brennende, zitternde Hand und legte ſie auf die hohe, edle, gedankenreiche Stirn des Dulders; in ihrer Eigenſchaft als Krankenpfle⸗ gerin hielt ſie es für erlaubt: ſie mußte ja wiſſen, ob die Hitze ſich vermindert habe oder nicht. Doch warum zit⸗ terte ſie ſo ſtark, warum klopſte ihr Herz heftiger als das 2¹9 des Kranken? Weil der Kranke nur ein phyſiſches, ſie aber ein moraliſches Fieber hatte. 6 Arme, arme Olga! Haſt Du Dich wenigſtens jetzt verſtanden! Gewiß nicht, denn Du betrachteſt Dich als die Allerglücklichſte auf Erden, weil Du glaubſt, daß die⸗ ſer Zuſtand das ganze Leben hindurch andauern würde! Und was wäre, wenn Olga dieſe brennend heiße Stirne mit ihren Lippen berührte.... O, wie viel Seligkeit in einem ſolchen Kuſſe! Doch Olga würde dies nie wagen.. es iſt ſchrecklich. Warum? Nie⸗ mand ſieht's ja... Naſar Naſarowitſch bemerkt wachend faſt nichts; überdem würde er Alles herrlich finden, was ſein Liebling thut, und hier ſchläft er ſogar... Nacht und Stille rundum und im Zimmerchen beleuchtet das Lämpchen nur ſchwach das ſchöne Geſicht Newskis, von Krankheit und irdiſchen Sorgen durchzuckt. Warum alſo nicht die Stirne küſſen? Olga nahm mit einem unter⸗ druͤckten Seufzer die Hand vom Haupte des Kranken. Vielleicht hatte fie bemerkt, daß ſie ſie länger gehalten habe, als zur Beobachtung des Krankheitslaufes nöthig ſei. Das angeborne Schamgefühl war, wie es ſchien, ſelbſt dadurch verletzt. Olga blickte immerfort auf Newski, horchte auf ſeinen Athem und ſchien ihn mit Wolluſt einzuſaugen. Mein Gott, was iſt Dir, meine arme Olga? und wie ſchön biſt Du!... Doch Newski hat aufgeſeufzt, ſich bewegt, die Augen geoffnet. und die Nacht des Südens, die ſternenbeſäete, voll berau⸗ ſchender Wolluſt und Ueppigkeit lag vor Olga„Sie verlor faſt das Bewußtſein vor Schreck, daß ſie Newski hier neben ſich erblicke Doch die Augen des Kran⸗ ken ſchloſſen ſich wieder. Olga ſeufzte vor lauter Glück und blieb in der früheren, beſchaulichen Stellung. So fand ſie die Dämmerung, der Morgen, ſo fan⸗ den ſie die Mutter und der erwachte Naſar Naſarowitſch. Plötzlich ward das Rollen eines Wagens vernom⸗ 220 men und bald darauf traten zwei neue Perſonen in's Zimmer. Voraus ging ein Fräulein in einem ſehr aufgereg⸗ ten Zuſtande; ſie ging haſtig vorwärts und blieb an der Thürſchwelle ſtehen, die Gegenſtände beim ſchwachen, durch die geſchloſſenen Läden und die geöffnete Thüre eindringenden Lichte mit Mühe unterſcheidend. Das Ge⸗ ſicht dieſes Fräuleins war, wenn auch nicht regelmäßig ſchön, aber ungemein ausdrucksvoll; die großen, runden, blauen Augen waren klar, voll Verſtand und Leben, ein eigenthümlicher Goldſchimmer um die Pupillen gab ihnen einen außerordentlichen Ausdruck. Wenn Grübchen auf den Wangen, nach den Worten der Dichter, vurch den Kuß Amors entſtehen, ſo waren die Grübchen auf der Oberlippe und auf dem Kinne des eintretenden Mädchens gewiß vom Finger der Venus eingedrückt; eine beſondere Friſche des wahrſcheinlich aus überflüſſiger Beſorglichkeit gerötheten Geſichtes verlieh demſelben nicht bloß Jugend, ſondern Kindlichkeit; das ganze Köpfchen war bezaubernd geſchaffen; die blonden, weichen Haare wanden ſich wie ein Kranz in langen Locken um's Haupt; die Schultern rund, von matter Weiße, die Arme ſchön geformt. Sie trug ein Kleid von farbigem Neſſeltuch; der Hut hing am Arme; in allen ihren Bewegungen war Eile, Unge⸗ duld zu bemerken, ſo daß der nach ihr eintretende ältliche Mann ihr kaum folgen konnte. Das Mädchen erblickte endlich das Bett des Kranken und eilte raſch auf das⸗ ſelbe zu. „Modeſt! ſagte ſie leiſe, aus Furcht, ihn zu erwecken.„Mein Gott, was iſt ihm geſchehen?„ Und ſie ſuchte mit den Blicken, an wen ſie dieſe Frage richten könnte, und ihr Blick blieb auf Olga haf⸗ ten, die noch immer unbeweglich da ſtand und nicht wußte, was um ſie vorging. Dieſe Frage zog ſie indeſſen aus ihrem Selbſtvergeſſen. Sie erhob den Kopf und die Blicke beider Mädchen begegneten ſich,„ Zweifelhaft, verwirrt 221 blickten ſie einanver an; ſie waren Beide jung, mit reinen Gedanken, und darum war das erſte Gefühl, das ſie bei dieſer unerwarteten Begegnung durchdrang, nicht Neid, aber Mitleid, Theilnahme, und dazu kam noch die Dank⸗ barkeit der Unbekannten.. Sie wären nicht ſo bald aus ihrer ſchwierigen Lage herausgekommen, wenn nicht die übrigen Perſonen ſich dem Bette genähert und in das Geſpräch gemiſcht hätten. Naſar Naſarowitſch erzählte, wenn auch nicht ſehr umſtändlich, auf welche Weiſe und in welchem Zuſtande Newski zu ihm gekommen war. Der ältliche Herr erzählte ſeinerſeits und viel genauer, was Newoki vor ſeiner Erſcheinung in dem gaſtfreundlichen Häuschen zugeſtoßen, was wir als Zeugen des Vorfalls wiſſen und er vom Kutſcher erfahren hatte. Der Wagen gehörte dem ältlichen Herrn und die Pferde jagten mit dem zerſchlagenen Kutſcher geradezu in's Haus. Der Kranke erwachte. Naſar Naſarowitſch fühlte ihm den Puls und erklärte feierlich, daß das Fieber ver⸗ ſchwunden und Newoki faſt geſund ſei. Newski fühlte es ſelbſt; er konnte ſich nur nicht ſammeln, konnte ſich nicht erinnern, was mit ihm geſchehen ſei, wußte nicht, wo er wäre, und blickte wild um ſich. „Modeſt, theurer Modeſt!“ rief das mit dem ältli⸗ chen Herrn eingetretene Mädchen aus,„wenn Du wüßteſt, wie wir erſchrocken waren! Schau nur, der Papa iſt ſelbſt gekommen.“ „Wie gut ſind Sie, wie gut biſt Du, mein Engel, meine Marie Doch, um Gottes Willen, ſaget mir, vnn ich, was geſchieht mit mir, träume oder wache O ja, Du wachſt; fühlſt Du denn nicht meine Liſeß Und Marie küßte Newski mit Gluth, mit iebe. Was fühlte dabei die arme Olga? Sie war nicht fähig, Jemanden zu haſſen; und dazu war ja Marie ſo Petersburg am Tage ꝛc. I. 15 ————— ————— 222 lieb, ihr Geſichtsausdruck ſo ſanſt, daß Olga der Muth gefehlt hätte, ſie zu haſſen.. Aber warum küßt ſie ihn vor Allen, während Olga, die arme Olga, ihm nicht einmal in die Augen zu ſchauen wagt. „Es iſt alſo kein Traum!... Was geſchah alſo mit mir während der Nacht?... War das auch kein Traum?“ fragte Newski, der ſich noch nicht ſammeln konnte. „Was war's denn?“ „Ich ſah die ganze Nacht meinen Schutzengel neben mir... Bald erhob ich mich in den Himmel, bald fiel ich in einen tiefen Abgrund— und mein Engel war im⸗ mer bei mir; er hielt mich im Fluge, er breitete mir beim Falle die Flügel unter und ich fühlte keinen Schmerz „ Deffnete ich die Augen, ſo war's faſt dasſelbe. Ich ſah denſelben milden, lichten, herrlichen Engel; er blickte mich mit ſolcher Sanftmuth an, er hielt meine brennende Hand mit ſolcher Zärtlichkeit, daß mir durch ſeine Gegen⸗ wart leichter wurde und ich allen Schmerz vergaß. Es ſcheint mir, ja ich bin faſt gewiß, daß ich ohne dieſe wunderbare Erſcheinung mich nie aus dieſem unerträglich ängſtlichen Zuſtande, in dem ich wie verſunken war, ge⸗ riſſen hätte. Ach, wie unendlich ſchwer war's mir; der Kopf wollte mir zerſpringen, das Gehirn brannte 4 „Mein Modeſt, Du lebſt immer und ewig in Deiner phantaſtiſchen Welt,“ ſagte die gute Marie, Olgas Ver⸗ wirrung eher errathend als bemerkend. Olga bebte, glühte.... Sie hielt ſich am Bette, um nicht umzufinken. „Es war alſo ein Spiel der Phantaſie! 4 ſagte Newski ſtill vor ſich hin mit augenſcheinlichem Be⸗ dauern..„Ja wohl, ein Spiel der Phantaſie!“ Warum zerriß er ſo grauſam das Herz der armen Olga, die faſt aufſchreien wollte:„nein, es war kein Phan⸗ taſiegebilde, ich war es!. ich bin Dein Schutzengel zuf Etin„ 223 „Nun, Modeſt,“ ſagte Mariens Vater, ſich an den Kranken wendend:„der ehrenwerthe Doktor— er war überzeugt, daß Naſar Naſarowitſch ein ehrenwerther Dok⸗ tor— ſagt, daß Du fahren kannſt. Wir wollen Dich aus dieſer phantaſtiſchen Welt in die wirkliche bringen, in welcher es wahrlich nicht ſo ſchlimm, als Du gewöhn⸗ lich verſicherſt.“ Neweski ſeufzte tief auf. Der ältliche Herr wendete ſich an die Benskis. „Ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken ſeltt ſprach er ſtockend, wie jemand, der zu erfahren wünſcht, ob man eine erzeigte Gefälligkeit mit Geld belohnen könne.„Sie haben mit ſolcher Sorgſamkeit, mit ſolcher Gutherzigkeit meinen kranken Neffen aufgenommen. Neweki, mein Neffe„ „Ihr Neffe!“ rief Olga aus. Ein ſo kühnes Ein⸗ fallen in die Rede war ihr durchaus nicht eigen und zog die allgemeine Aufmerkſamkeit auf ſich. „Ja, er iſt mein Coufin!“ ſagte Marie:„ich liebe ihn, wie einen Bruder. und bin Ihnen ſo dankbar, ſo dankbar, daß ich es nicht auszudrücken im Stande bin.“ Olga warf ſich ihr in die Arme und ſie drückte ihre brennenden Wangen an Mariens Geſicht und eine heiße Thräne fiel auf daſſelbe. Marie fühlte dieſe Thräne vielleicht begriff ſie ſie auch; aber jedenfalls fühlte ſich ihr Herz zu dieſem reinen, zu dieſem herrlichen Herzen hingezogen. „Ich verlaſſe Sie nicht,“ ſagte ſie,„bis Sie mir nicht Ihr Wort geben, uns zu beſuchen.“ „Ich wäre fehr froh wenn Mamma 4ℳ ſagte das tief aufgeregte Mädchen. „O, Ihre Mutter wird unſere Bitte nicht abſchlagen,“ fügte der ältliche Herr hinzu. „Gewiß ſchlägt ſie es uns nicht ab und zum Beweiſe, beſuchen Sie uns noch dieſen Abend Nicht wahr?“ —— Marie bat ſo aufrichtig, daß man wirklich nicht ab⸗ ſchlagen konnte. Olgas leivendes, im Gedanken ewiger Trennung dahinſchmachtendes Herz zuckte freudig zuſam⸗ men, es war wieder auferſtanden: ſie ahnte, daß ſie mit Newski, und zwar nicht ſpäter als dieſen Abend zuſam⸗ mentreffen werde. Alle gingen ins Gaſtzimmer, um Newski ankleiden zu laſſen; er ließ nich,t lange auf ſich warten und trat bald darauf auf Piroſchkow geſtützt ein. Umanski— das war der Name des alten Herrn — empfahl ſich bald mit Tochter und Neffen, nachdem ſich alle vor den Benskis und Naſar Naſarowitſch in Dankſagungen ausgeſchüttet, nnd Piroſchkow über die Geldanerbietungen in feiner Eigenſchaft als Doctor herz⸗ lich gelacht hatte. Sobalv ſich Oiga allein ſah, lief ſie in ihr Zimmer, warf ſich auf das Polſter, auf welchem vor Kurzem noch das brennende Haupt Newekis gelegen, küßte und benetzte es mit reichlichen Thränen. O, jetzt hatte ſie ihr unklares Gefühl ganz begriffen Alles, was Glühendes, Großes in ihrer reinen, edlen Seele vorhanden war, verſchmolz in einem einzigen Ge⸗ fühle, und dieſes Gefühl verſchlang ſie ganz, belebte und tödtete ſie, dieſes Gefühl war Liebe!.... —————— Drittes Kapitel. Das Perhängniß. Olga freuete ſich über ihre Entdeckung, wie Kolom⸗ bus, als er zuerſt das Feſtland des neuen Welttheils er⸗ blickte. In ihrem Entzücken lief ſie in das Zimmer der Alten und warf ſich ihr an den Hals: „Mamma, ich bin glücklich,“ rief ſie aus, mit einer von heftiger Bewegung ſtockenden Stimme:„ich bin glücklich!“ „Warum ſollteſt Du denn unglücklich ſein,“ erwie⸗ derte die etwas überraſchte Mutter:„Gott ſei Dank, Dir fehlt nichts; es iſt ſogar etwas Ueberflüſſiges für einen Nothleidenden vorhanden.“ „Alles das hatte ich auch früher und ich war nicht ganz glücklich.“ „Du begehſt eine Sünde gegen unſern Herrn und Heiland. voder ich verſtand es nicht, Dir das zu ver⸗ ſchaffen, was Du Glück nennſt. Ich weiß es, ich bin gar einfach, die Wiſſenſchaſten ſind mir fremd: der Herr Gott hat es ſo gewollt. Doch was iſt Dir denn, mein Kind? Du zitterſt wie im Fieber!“ ſagte die Alte, die ſich anfangs etwas verletzt fühlte, aber nun erſchrak. „Nichts als Uebermaaß des Gluckes.“— „Was hat ſich denn Ungewöhnliches ereignet?“ 226 „Mamma, ich liebe! Die Alte blickte ihrer Tochter in die Augen, verſtand deren Worte nicht, trauete ihren Ohren nicht. „Du liebſt? haſt Du mich denn früher nicht geliebt?„ „Dich! meine Einzige! O, Dich habe ich ſehr ge⸗ liebt, Dich liebe ich unausſprechlich.„ aber jetzt liebe ich ganz anders „Mich?“ „Dich liebe ich wie früher, glühend, mit ganzer Seele. Ich begreife wie ich Dich liebe, aber ihn liebe ich anders.“ „Wen?“ „Newski.“ Die Alte trat erſchrocken einige Schritte zurück. „Warum biſt Du denn böſe? Willſt Du denn nicht mein Glück? Nein, das kann ja nicht ſein! Ich habe wahrſcheinlich nicht recht geſagt, was ich fühle, oder Du haſt mich nicht recht verſtanden, gutes Müt⸗ terchen.“ „Es ſcheint ſo!... Ich will es nicht glauben, daß Du, mein Kind, gottesfürchtig, ſanft wie Du biſt, Dich entſchließen konnteſt, Dich in einen Mann zu verlieben, den Du kaum geſehen haſt, wie im Fluge, ſich verlieben wie eine Kokette O, das kann nicht ſein, ich habe Dich beleidigt, Olinka, habe Dich eine Kokette ge⸗ ſcholten, Dir harte Worte geſagt, es iſt ſchrecklich!. Verzeihe!“ „Aber wie hat es ſich denn gemacht?“ ſagte Olga zerſtreut.„ich verſtehe es wahrlich nicht. Ich bin keine Kokette, das iſt gewiß, und indeſſen weder Du noch ich trage die Schuld Gott weiß es, ich habe an nichts Böſes gedacht, und wenn ſolches geſchehen, ſo geſchah es gegen meinen Willen „Nein, mein Engel, Du haſt nichts Böſes gethan. Du haſt Dich verſprochen, das iſt alles. Oder Bu haſt 227 geſpaßt„. Du Muthwillige!. Die Mutter ſo zu erſchrecken!. Du biſt nicht verliebt? nicht wahr, Du biſts nicht?.... „Aber wie iſt denn das ich weiß wahrlich nicht 4 „Du weißt nicht.... die Spitzbübin, ganz wie der Vater der liebte es auch, mich zu erſchrecken.. Olga ſtand verwirrt da.. Sie konnte nicht be⸗ greifen, was die Mutter ſo Schlimmes in ihrer Liebe finde Zum erſten Male hatte ſie der Dämon des Mißtrauens erfaßt.... Und wem mißtrauete ſie? der Mutter! Und wer ſollte hier nicht mißtrauiſch ſein? Olga war ein ſo gutes, ſo gehorſames Kind!.. Was war zu thun, wenn ſie an ihre Liebe mehr als an ihre Mutter glaubte! Mutter und Tochter verſtanden einander nicht. An ihrem Bande riß der feſteſte Knoten, der die Frauen vereint; unbedingte Offenherzigkeit. Oiga mußte jeman⸗ den ſuchen, dem ſie ihre Gefühle, ihre Liebe anvertrauen konnte, ſonſt hätte dieſe Liebe ihre Seele überfüllt, ihr Herz zuſammengeklemmt. „Nun, laß' das Kopfhängen, meine Theuere, Du haſt geſcherzt, das iſt alles! Auch ich bin ja nur zum Scherze böſe geworden. Denken wir lieber an Deine Toilette für den heutigen Abend. Die Umanskis ſind reich und vornehm! Du mußt geputzt ſein wie es ſich gebührt: ich mag nicht, daß man mit den Fingern auf Dich zeige. Im Ernſte, welches Kleid willſt Du an⸗ ziehen?“ Beim Gedanken an den Abend, der ihr ſo viel An⸗ genehmes verſprach, erwachte Olga. „Was für ein Kleid, Mamma? Wahrlich, ich weiß es nicht; wie glauben Sie 2“ „Ich denke das von Neſſeltuch mit Roſablümchen.“ „Das ich an Ihrem Namenstage trug: Naſar Na⸗ ſarowitſch hat es mit Dinte beſpritzt.“ 228 „Ach, wie ungeſchickt! Und das Kleidchen ſtand Dir ſo gut! Alſo das Weiſe mit den Falbeln?“ „Der Schnitt iſt zu hoch, auch ſind die Falbeln nicht mehr modern.“ „So nehme das himmelblaue mit dem Spencer..“ „Ich bin darin ſo blaß wie ein Geſpenſt: ich bin auch ſo nicht recht geſund.“ „Nun, ſo laſſen wir's: ich möchte, daß Du die Schonſte ſeieſt!“ „Wie iſt das möglich, Mamma.. ich bin ſo ein⸗ ach „Du Liſtige!.... Höre auf, Dich zu verſtellen . Doch was ziehſt Du dieſen Abend an? weißt Du das Battiſtkleid mit den Schleifen.“ „Es iſt ſo lang. Erinnern Sie ſich, Mamma, wie ſich Newſgodin darin verwickelte, daß er beinahe umfiel und mich mit ſich gezogen hätte.“ „Du neckiſches Ding! Alſo, ſage Du ſelbſt.“ „„Ich denke das graue mit den ſchwarzen Sammt⸗ bändern „Ja wohl, ich kenne es, herrlich.... Und Jwan Jwanowitſch ſagte, daß es Dich ſehr gut kleide; er iſt ſo leichtſinnig, dieſer Newſgodin!.... Dann noch ein Battiſtkragen mit Spitzen 4 „Gut.“ „Und was noch?“ „Was braucht man mehr?“ „Nun, das Tüchelchen wähle nach Belieben, Du mußt aber darauf ſehen, daß Tanja Dir den Kopf ſchön aufputzt: ich werde Dir vielleicht ſelbſt das Haar ordnen?“ „Warum nicht gar? Seien Sie ruhig, Mamma⸗ chen. Es wird alles in der ſchoͤnſten Ordnung ſein.“ Wirklich beſchäftigte ſich Olga mit ihrer Toilette ſo eifrig, wie es nie geſchehen war. Man denke aber deß⸗ wegen nicht, daß unſere Damen Wanja vergeſſen hätten. Es iſt wahr, Olgas Herz war von Gefühlen überfüllt, 229 denen ſie ſich in der Einſamkeit ihres Zimmers ganz hin⸗ gab; doch der Gedanke an das Schickſal des armen Waiſen kam ihr oͤfters in den Sinn. Man hielt deßwe⸗ gen Berathungen mit Naſar Naſarowitſch und entſchloß ſich, Abends mit Newoki Larüber zu ſprechen und ſelbſt Umanskis Hilfe anzugehen. Olga trat in das Zimmer der Mutter ſchon im völligen Staate und die Alte be⸗ trachtete ſie lange mit inniger Freude; endlich nahm ihr Freude athmendes Geſicht nach und nach einen traurigen Ausdruck an, und die Thränen floßen. „Erinnerſt Du Dich, Olinka,“ ſagte ſie,„Du trugſt dieſes Kleid, als wir den halbtodten Wanja auf der Straße fanden.“ Olga wendete ſich ab, damit die Mutter ſie nicht weinen ſehe. Die Abendgeſellſchaft bei Umanski war nicht groß. Im kleinern Gaſtzimmer ſaßen zwei Mävchen, Olga und Marie, deren Benehmen ſo ungezwungen war, als wären ſie ſchon ſeit einer Ewigkeit bekannt; auch befanden ſich hier Finski, Lenin und Neweki. Olga war ſo wohl, ſo heiter zu Muthe. Anfangs fühlte ſie ſich in dieſer langen Reihe Zimmer etwas befangen, gewöhnt an ihr heimli⸗ ches Stübchen; auch ſchüchterten ſie die fremden Männer ein, die ſo gar nicht Naſar Naſarowitſch und dem Herrn Newſgodin glichen,— die einzigen Männer, deren Ge⸗ ſellſchaft ſie bis jetzt genoſſen hatte. Doch bald fühlte ſie ſich heimlich, als hätten Alle es ausgemacht, ſich ihr gleichzuſtellen. Olgas Benehmen war ſo lieb, ſo naiv, war von einer ſolchen Friſche, Reinheit und Offenherzig⸗ keit durchhaucht, daß man von ihr eingenommen werden mußte, und darum nahm der kleine Kreis, der ſich in dieſem Gaſtzimmer verſammelte, Olga als ein einge⸗ wohntes, liebes Mitglied auf. Die Geſellſchaft war in der heiterſten Stimmung; vergangene Gefahren ſind im⸗ mer in der Erinnerung angenehm, und es waren ihrer ſo manche geweſen, die Erinnerung daran noch friſch. Und 230 wie eng auch dieſer Kreis gezogen war, für einige Glie⸗ der deſſelben lagen in ihm all ihre Glückslvoſe, und in den Augenblicken der Täuſchung ſcheint ja das Glück ſo faßbar, die Verwirklichung aller Hoffnungen ſo nahe. Im Salon ſaßen der Reihe nach die Alten und führ⸗ ten ernſte Geſpräche: da waren Umanski und ſeine Frau, die alte Benski, Naſar Naſarowitſch, ein alter Herr in einer ſchwarzen Perrücke und mit einem ſchneeweißen Ba⸗ ckenbarte, Frau Bronizin, eine noch friſche, anziehende Dame von fünfunddreißig Jahren: ſie nahm wenig An⸗ theil an dem Geſpräch der Frauen, weil es ſie wenig intereſſirte; aber aus ihren unaufhörlichen Bewegungen, aus den ſichtbaren Zeichen der Ungeduld, aus dem Hor⸗ chen auf das, was im kleinen Gaſtzimmer geſprochen wurde, war gar zu ſichtbar, daß ſie mit Freuden an dieſen Geſprächen Antheil nehmen oder wenigſtens eine aufmerkſame Zuhörerin abgeben wollte, und nur aus be⸗ ſonderer Güte wie auf Nadeln da ſaß, um nicht die Hausfrau mit dem Gaſte, wie ſie ſich ausdrückte, aus der andern Welt allein zu laſſen. Sonderbar war das Geſpräch des Herrn in der ſchwarzen Perrücke mit Umanski: der erſte ſiel mit aller Grauſamkeit über die geſammte Menſchheit her, obgleich ſeine gute, ſanfte Phyſiognomie gegen ſeine Worte gar ſehr abſtach; Umanski verfocht die Menſchheit, wie man in der Welt einen ſtreitigen Gegenſtand verficht, an dem man bloß des Anſtandes halber Antheil nimmt. Für Beide war dieſe Frage ziemlich fremd, und wer miſcht ſich gern in fremde Angelegenheiten. Naſar Naſarowitſch ſaß da, in ſeine Lieblingsgedanken verſenkt, ohne ſeinet Umgebung die geringſte Aufmerkſamkeit zu ſchenken, woraut ſeinerſeits manches Quiproquv entſtand, worüber die alte Benski mehr als ein Mal erröthete. An der Thüre, gleichſam an der Gränze beider Gaſt zimmer ſtand ein Mann von nicht zu beſtimmendem Alte und nicht zu beſtimmendem Charakter. Man ſchenkte ihm 231 ſoviel Aufmerkſamkeit als der Fußbodenbürſte, ja noch weniger: dieſe würde man forttragen laſſen, ihn berührte niemand; nicht daß man ihn gar nicht berührte: die Vorbeigehenden ſtießen ihn öfters an, und er verbeugte ſich bloß; manchmal öffnete er den Mund zum Sprechen und richtete ſogar an die neben ihm Stehenden einige Worte; doch niemand antwortete ihm; er näherte ſich öfters den Perſonen, die leiſe mit einander ſprachen, ſtellte ſich vor ſie unbeweglich, gedankenlos hin und trat trotz der deutlichſten Anſpielungen nicht aus ſeiner Apa⸗ thie heraus; nicht ſelten ſetzte man vor ihm das Ge⸗ ſpräch ruhig fort, als ſtände da ein Meubel, das wegzu⸗ ſchieben ſich nicht der Mühe lohne. Dieſes Weſen nannte ſich Jaſchelbizin; es hatte die Eigenthümlichkeit, daß man es ſehen und nicht zu bemerken brauche; man be⸗ gegnet ihm fünf Mal in der Woche und erkennt es nicht. Solche Perſonen ſind für die Kriecherrollen unſchätzbar, und ſie find zum Glücke bei uns nicht ſelten. Wer ſind ſie? Welche Stellen nehmen ſie in der Geſellſchaft oder im Dienſte ein? Ich glaube gar keine; ſie zählen bloß, wo und als was, das iſt ihr Geheimniß. Im kleinen Gaſtzimmer war das Geſpräch um ſo viel lebhafter und geweckter, um ſo viel die daran Theil Nehmenden jünger waren, als die im Salon Sitzenden: vielleicht ſogar mehr, denn manche Perſonen verſchwenden an einem Tage mehr Leben, als Andere in einem Jahre, in einer Unterredung mehr Wärme, als Andere in den heiligſten Gefühlen; die Stufenleiter der Gefühle iſt ſo gar mannigfaltig! Newski war in der angenehmſten Stimmung. Es war ihm ſo wohl, ſo leicht ums Herz nach der überſtan⸗ denen Gefahr und hier ſtimmte ihn die zarte Sorge, die ihn in dieſem Hauſe immer umgab, noch heiterer. Ueber⸗ dem hatten ſeine Verhältniſſe, die ihn faſt zur Verzweif⸗ lung gebracht, eine ſo überraſchende Wendung genommen. ie Goldgemenge Sibiriens, von denen früher in Peters⸗ 232 burg nicht die Rede geweſen, wurden plötzlich der Gegen⸗ ſtand des allgemeinen Geſprächs, allgemeiner Verwun⸗ derung. Man zeigte auf ein Paar Beiſpiele raſcher, faſt phantaſtiſcher Bereicherung und alles verhieß der Kom⸗ pagnie des Fürſten denſelben Erfolg; die Vorausſetzung war um ſo begründeter, da ſie ſchon im Beſitze eines, dem Gerüchte nach, ungemein reichen Goldgemenges ſich befand;— niemand bekümmerte ſich übrigens darum, wie die kaum entſtandene Kompagnie ſchon ein Goldge⸗ menge einige tauſend Werſt von ihr entfernt, erworben hatte, und wäre dieſes zur Sprache gekommen, ſo wäre man auch darauf die Antwort nicht ſchuldig geblieben. Der ſcharfſichtige Lenin hatte ſich übrigens die Erlaubniß zu Goldgrabungen ausgewirkt, wie ſich nur das Gerücht von vorhandenen Goldgemengen verbreitete. Kraft dieſer Erlaubniß wurde das im vorigen Jahre entdeckte Gold⸗ gemenge auf Lenins Namen angezeigt und von ihm in den geſetzlichen Formen der Kompagnie abgetreten. Sie ſehen, alles wird auf feſten Pfeilern begründet: Worte allein bedeuten hier nichts. Man brauchte Thaten, Fakta. Die vom Augenſcheine angezogenen Leute boten der Kom⸗ pagnie bedeutende Summen an, um ſie als Theilnehmer zuzulaſſen; doch die Kompagnie wollte nichts annehmen, wollte niemanden einen Antheil geben und erweckte da⸗ durch mehr Vertrauen und zugleich Neid: man zählte ſchon den Erfolg der Unternehmung nach Millionen. Die Profanen, die kein Geſchäft verſtehen, ſagten, die Kom⸗ pagnie beſitze ein Monopol, habe ganz Sibirien in ihrer Gewalt und dergleichen mehr. In Folge dieſer Gerede erhielt Newski ſein altes Bürgerrecht in der Geſellſchaft wieder, und wurde noch wichtiger als da er eines euro⸗ päiſchen Rufes genoß; vas war bloß ein raſch verfliegen⸗ der Erfolg, den eigentlichen Ruhm erwirbt man ſich durch — Millionen, durch Geld!.... In der Abendſtille, wenn die ſternloſe Nacht durch's Fenſter blickt, wenn der kleine Kreis aus Perſonen beſteht, 233 die eng mit einander verbunden ſind,— beſonders, wenn die ſie beherrſchenden Gefühle noch im Halbdunkel ſchlum⸗ mern,— ſind dieſe Perſonen gewöhnlich zu geheimniß⸗ vollen, gemüthlichen Unterhaltungen beſonders aufgelegt. Unſer Kreis war ſchon durch die Ereigniſſe dazu geſtimmt, gleich einem heftigen Sturme, der die Wogen eines Stro⸗ mes bis in den Grund erſchüttert, ihn gegen Abend ruhig fließend in leichter Wallung gelaſſen hat. „Ich bin kein Fataliſt,“ ſagte Newski:„ich wollte mich für nichts in der Welt einem fremden Einfluſſe hin⸗ geben; aber ein unwillkürliches, inneres, zwingendes Ge⸗ fühl mahnt mich fortwährend, daß eine außer uns liegende Gewalt vorhanden iſt. Ruhe, wirkliche Gemüthsſtille iſt mir fremd; nicht, daß mein Herz ihr entſagte, nein, es lechzt nach Frieden; doch kaum iſt die erſehnte Ruhe in mein Herz gezogen, als ein Dämon ihrer ſpottet, mein kurzes Glück verhöhnt, es Trägheit, thörichte Unthätig⸗ keit ſchilt, alle friedlichen Gefühle aus dem Herzen reißt, auf den lärmenden Schauplatz der That lockt, und mich quält und geißelt, wie ein geſchickter Reiter das wilde, aufgezäumte Pferd, das er in ſeine Gewalt bekömmt.“ „Lerne bei unſerm gemeinſchaftlichen Freunde,“ ſagte Lenin:„möge die ganze Welt in Trümmer fallen, wenn nur dieſer Weltſturz ihn unberührt läßt, wird er ruhig ſeine Cigarre zu Ende rauchen, und ſeines Lebens froh ſein. Ihm hat gewiß das Schickſal Ruhe gegönnt, da ihn ſogar die Menſchen in Ruhe laſſen, und alte Fräu⸗ lein ihn nicht verfolgen, trotzdem, daß er eine ſo vortheil⸗ hafte Partie iſt.“ Der Pfeil war geſchickt abgeſchoſſen; Newski, vom Ausbruche ſeiner Aufrichtigkeit hingeriſſen, hatte ihm keine Aufmerkſamkeit geſchenkt; Finski ſchwieg, obgleich ſein leichtes Zucken auf dem Stuhle bewies, daß der Pfeil ſein Ziel nicht verfehlt hatte. „Die reinſte Freude trägt den Keim des Schmerzes in ſich,“ ſagte Newski,„ich bin überzeugt, daß auf die Luſt 234 gewiß ein Unglück folgen wird, und kann mich alſo der erſtern nicht ganz hingeben; ich kann nicht wie die Andern ausgelaſſen luſtig ſein.“ „Und Alles darum, weil Du Dich des unglücklichen Gedankens nicht entſchlagen willſt, der Dir die Ruhe raubt, ſagte Marie.“ „Nein, dieſer Gedanke iſt mit mir, mit meiner gan⸗ zen Exiſtenz verſchmolzen, ich würde vergebens ihn auszu⸗ rotten trachten.“ „Phantaſiegebilde, bemerkte Lenin: ich habe es Dir ſchon geſagt, es iſt nichts als der Mangel praktiſchen Wirkens: Du lebſt mit der Einbildungskraft und nicht mit dem Verſtande. Nun, urtheile ſelbſt, was wäre die Welt, wenn jeder ſeiner Phantaſie die Zügel ſchießen ließe; wenn nicht der gewaltige Führer auf dem Lebenspfade vor⸗ handen wäre, der alles ordnet, ſchafft, wiederherſtellt, den wir Verſtand zu nennen uns gewoͤhnt haben, und deſſen magiſchen Einfluß jeder anerkennen muß; ja viele unter⸗ werfen ſich lieber der Macht der Gewohnheit, der Träg⸗ heit, um ſich nur nicht den Herzensſtürmen, der Glühhitz der Einbildungskraft hinzugeben. Dieſe ſind die Glück⸗ lichſten: ihr Leben fließt ruhig, leidenſchaftslos dahin, und es iſt wahrlich beneidenswerther als das Deine, Madeſt.“ Ein ironiſches Lächeln, ein flüchtiger Blick ergänzten den Sinn ſeiner Rede. Von Finskis Schweigſamkeit auf⸗ gemuntert, ſetzte Lenin den ganzen Abend das Geſpräch auf dieſe Weiſe fort. Marie bemerkte es und konnte nicht begreifen, wie ein Mann ſchweigſam ſolche Vorwürfe hin⸗ nehmen könne; dieſer Mann muß entweder die Wahrhei dieſer Vorwürfe fühlen, oder ein Feigling ſein: und fit das Weib gibts nichts Widrigeres am Mann als die Feigheit,— vielleicht die Trunkenheit. Doch Marie vachte an Finskis Benehmen mit Olga, das Newski ſelbſt, und vielleicht abſichtlich, erzählt hatte, obgleich er ſich ſelbſ vamit ſo ſehr herunterſetzte. Dieſe edte That hatte Marie aufgefordert, Finski zu achten und ſie begann ſelbſt in 235 ſeinem ruhigen, unbeweglichen Geſichte einen gewiſſen Werth zu entdecken. „Wenn ich ſelbſt von irgend einer Luſt angezogen, mich in ſie verſenken wollte,“ fuhr Newski fort,„ſo würde mich ein inneres Gefühl, ja noch mehr eine Stimme von Außen daran mahnen, eine Stimme, die ich deutlich, mit meinem Gehörsorgane vernehme, ja, lacht mich nur aus: dieſe Stimme würde mich aus dem Selbſtvergeſſen auf⸗ ſchrecken, dieſe Stimme würde mir den Angſtſchweiß auf die Stirne preſſen, würde mich zwingen, zur bittern Wirk⸗ lichkeit zurückzukehren, zur äußern Unterwürfigkeit, der ich mich keineswegs entziehen kann.“ „Aber, mein theuerer, mein guter Modeſt,“ bemerkte Marie mit der zarten Theilnahme einer Freundin und Schweſter:„Du haſt ja ſelbſt erzählt, daß Du endlich einen Menſchen gefunden, deſſen Stimme, deſſen Lachen Dich ſo oft ergriffen hatte.“ „Und dies überzeugte mich noch mehr von der un⸗ bekannten, unüberwindlichen Gewalt des Schickſals, oder, nennt es, wenn Ihr wollt, dieſes geheimnißvollen, mich regierenden Weſens. Dieſer Menſch kann auf mein Schick⸗ ſal nicht den geringſten Einfluß ausüben: ein alter, wie man ſagt, ſogar guter Mann, der ſeine Zeit durchlebt hat, mit Kindern ſpielt und im Hauſe des Fürſten ein und ausgeht! Es kann zwiſchen uns keine Gemeinſchaft ſein, und doch, wie ſonderbar, wenn ich mir das ſchreckliche Weſen vorſtellen will, das mein Leben, mein Geſchick ver⸗ höhnt, ſo gebe ich ihm die Geſtalt dieſes Alten; ſelbſt als ich ihn noch nicht gekannt hatte, malte ihn mir die Phantaſie gerade ſo widrig, vor dem Lichte und den Menſchen die Augen zu Boden ſchlagend; ich ſehe in ihm die Verkörperung meines eigenen Schickſals.“ „Schickſal, Schickſal,“ ſagte leiſe Olga, als ſpräche ſie mit ſich ſelbſt:„was ſoll es2 wo iſt es 2 Verfoigt es uns nicht mit ſolcher Hartherzigkeit; die Menſchen können nicht ſo boshaft ſein.“ 236 „Die Arme!“ ſagte Lenin leiſe zu Marie:„ſie kennt die Menſchen nicht, und wehe ihr, wenn dieſes arme, un⸗ erfahrene Herz den Kampf mit der Welt zu beſtehen hat.“ „Sie beurtheilen die Welt zu ſtrenge.“ „Ich bin nur gerecht; ich beſchuldige nicht unbedingt, wie es bei Modeſt oft der Fall iſt; aber ich ſage mit Ueberzeugung, die Welt iſt eine Brandung, ſo, daß man eines erfahrenen Steuermannes bedarf, um den Lebens⸗ kahn ungefährdet durchzubringen. Dieſes arme Weſen iſt glücklich, wenn ſie einen ſolchen Steuermann findet; auch iſt ihr Herz ein ſo gebrechliches Boot.“ Olga hörte die leiſe geſprochenen Worte; ihr Herz war bereit, zu erwiedern:—„Mein Glaube iſt mein Steuermann;“ aber die Lippen' öffneten ſich nicht. Sie flüſterte bloß:„Schickſal! ſchreckliches Schickſal; doch wie es auch ſei, ſe in Schickſal wird auch das Meine. „Modeſt! Haſt Du wirklich nicht die Kraft, den fremden, ſchmachvollen Einfluß abzuſchütteln... Du, Modeſt vas iſt mir unbegreiflich...“ ſagte Marie tief betrübt, denn ſie fühlte für Newski die innigſte Achtung. „Haſis ſagt: Und ſei Dein Roß raſcher als der Sand der Wüſte, dem Schickſale entgehſt Du nicht!“ „Hafis war ein mohamedaniſcher Dichter,“ erwiederte Lenin:“ ein europäiſcher Weltweiſer, ich glaube Kant, ſagt: nicht der iſt ein Mann, der ſeinem Schickſale wie ein blinder Bettler ſeinem Führer, oder wie ein Sclave ſeinem Herrn folgt, ſondern der das Schickſal nach ſich zieht!“ Und ſonderbar, dieſe zwei Männer bewegten die Her⸗ zen zweier Frauenzimmer: ſie waren die Saiten, auf denen Newski und Lenin ihnen gefällige Akkorde anſchlugen; doch die Saiten waren ſo ſtark geſpannt, daß ſie zu reißen be⸗ reit waren, um in einem wollüſtigen Leben den letzten Ton auszuhauchen. Finski blieb ganz im Schatten. Viertes Kapitel. Ein Familienabend. Die Ankunft eines neuen Gaſtes brachte im Salon eine allgemeine Aufregung hervor, die auch in unſerm engen Kreiſe trotz der entziehenden Unterhaltung wieder⸗ allte. „Modeſt,“ ſagte Marie,„hoͤrſt Du, es iſt die Stimme des Grafen: geh' in den Salon, ich werde den Thee ſer⸗ viren laſſen.“ Newski eilte, ihrem Wunſche Folge zu leiſten. Olga, aus Furcht ohne ihre Freundin zu bleiben, oder vielleicht von ihrem Herzen hingezogen, begab ſich gleichfalls in den Salon unter den Schutz der Mutter. Finski bemerkte, daß er mit Lenin allein geblieben ſei, wendete ihm raſch den Rücken und verließ das Zimmer. „Sehr ſchlechtes Wetter!“ ſagte Jaſchelbizin, der ſich plötzlich an Lenins Seite befand. Dieſes Mal ließ ſich Lenin mit ihm in ein Ge⸗ ſpräch ein. 3 „Sagen Sie, beſucht der Graf öfters Umanski?“ „Ein Mal, zwei Mal im Monate. Es ſcheint, der Herbſt beginnt.“ „Und Newski hat mit ihm keine neuen Anknü⸗ pfungen?“ Petersburg am Tage ꝛc. 1. 16 238 „Was für Anknüpfungen! Mit dem Neumonde hört der Regen auf. Dann iſt ein Wechſel der Witterung zu hoffen.“ Lenin ging in den Salon. Der Graf Lawr⸗Sokolnick ſaß auf dem Divane, umgeben von der zarteſten Aufmerkſamkeit aller Anweſen⸗ den. Er unterhielt ſich mit Newski und ſein freundſchaft⸗ licher Ton ſtach gar ſonderbar ab, gegen das ſtolze Weſen und die Kälte, die er gegen alle, außer gegen den Wirth und die Wirthin, an den Tag legte, dieſen bezeugte er ſogar eine gewiſſe Achtung. Es iſt nöthig, zu bemerken, daß umanski einſt eine der wichtigſten Springfedern der Staatsregierung in Händen hatte; damals wurde er mit dem Grafen bekannt, war beinahe ſein Vorgeſetzter: er kannte ſeinen Charakter, ſeine Fähigkeiten, konnte trotz der äußeren Rauheit des Grafen den Werth des jungen Mannes würdigen und gab ſeinen bedeutenden Geiſtesgaben eine gewiſſe Richtung. In der Folge war Umanski, von Arbeiten erſchoͤpft, vom Schauplatze ſeiner Wirkſamkeit getreten, und nahm als Lohn ſeiner nach ihrem Werthe geſchätzten Dienſte einen bedeutenden Ehrenplatz ein. Der Graf hatte indeſſen, von ſeiner günſtigen Stellung in der Geſellſchaft, von ſeinen Verbindungen, ſeinem Reichthum und ſeinem Verſtande unterſtützt, ſich raſch emporge⸗ ſchwungen und ſpielte jetzt eine der wichtigſten Rollen. Trotz ſeines raſchen Aufſteigens, das Emporkömmlinge ſo oft ſchwindlicht macht, war der Graf ſeinem frühern Vorgeſetzten immer anhänglich geblieben und zeigte dies bei jeder Gelegenheit. Auf ſeine Bitte hatte er Newski eine günſtige Carriere eröffnet; von ſeinen glänzenden Gaben in der Folge angezogen, und in ſeiner Lage eine gewiſſe Aehnlichkeit mit der ſeinigen findend, ſuchte er ihn ſo viel als möglich weiter zu bringen: er vertrauete ihm Aufträge, deren Erfolge ſo glänzend waren, daß ſie ſogar ſeine eigenen im Dienſte verdunkeln konnten. Doch dem Grafen war der Neid fremd und er fürchtete keine — — 239 Nebenbuhlerſchaft. Lawr⸗Sokolnik war jung, von hoher Statur und hatte ſchoͤne Geſichtszüge. Seine gewöhn⸗ lich trockenen und kalten Manieren ſtachen gar ſehr ab gegen ſein faſt ehrerbietiges Benehmen mit der Familie Umanski, und frappirte beſonders, die zum erſten Male Zeugen davon waren. Man ſervirte den Thee, und gleich darauf trat Marie ein. „Iſt der Thee hinlänglich ſüß 2“ fragte die Wirthin beſorgt. „Ja,“ antwortete Marie,„Sie haben ſelbſt den Thee vorbereitet und ich kenne den Geſchmack des Grafen.“ „Ich werde mir Mühe geben, Sie zu ſtudieren, um eben ſo ſorgfältig Ihren Wünſchen zuvorzukommen,“ ant⸗ wortete der Graf. „Sie werden vielleicht Ihren Geſchmack nicht billi⸗ gen, Graf, wenn er Ihnen bekannt wird.“ „Und warum das?“ fragte Marie auffahrend und die Roſenlippen aufblaſend, obgleich wie es ſchien Newskis Bemerkung nichts beſonderes in ſich ſchloß, und im allge⸗ meinen Geſpräche leicht hingehen konnte. „Warum? das bleibt mein Geheimniß, ſo lange Du vor Deinen Freunden Geheimniſſe haben wirſt.“ Marie wurde ſo purpurroth wie das Tüchelchen, das ihre weißen ſchön gerundeten Schultern bedeckte. „Newski, Sie necken Ihre Couſine gar zu ſehr: das iſt nicht ſchon, hüten Sie ſich, ich will mich auf ihre Seite ſtellen.“ „Und was hat er denn mit einem Male?“ ſagte Marie faſt weinend:„er war früher ſo gut„ „Sei nur nicht boͤſe, meine liebe Couſine: Du weißt, nicht um alles in der Welt moͤchte ich Dir abſichtlich weh thun.“ „Guter Modeſt! Warum alſo ſolche Dinge ſpre⸗ chen! Geſtehe, Du ſagteſt es ohne jedwedes Ziel?“ 240 „Meinetwegen!“ antwortete Modeſt, ſeine Couſine küſſend. 6 „Ah, alſo deßwegen dieſer kleine Auftritt,“ ſagte der Graf lachend und ſich an dem jungen Paare weidend: „um ihn mit einer Verſohnung und einem Kuſſe zu endigen.“ Marie lief davon. „Newski! ich wende mich jetzt an Sie: man ſpricht in der Stadt, daß Sie unendlich reich geworden; ich freue mich darüber, aber Sie wiſſen, damit iſt auch unſer Ruhm ſo eng verbunden. Sagen Sie aufrichtig: wäre Ihnen jetzt noch eine den frühern ähnliche Erpedi⸗ tion nach Wunſche? ohne Umſchweife, Sie wiſſen ja, ich liebe es, nicht von meinen Untergebenen Arbeiten, Er⸗ folge oder Gaben mit Gewalt herauszupreſſen; Sie habe ich am wenigſten bedrängt: ich ſuche nur die Augenblicke Ihrer Begeiſterung mir zu Nutze zu machen.“ „Graf! meine Geſchäfte ſind jetzt in ihrer Entwick⸗ lungsperiode indeſſen„ 1¹„Genug, Newski! Wir wollen abwarten, find ſogar genöthigt, zu warten, weil wir dieſe Erpedition außer ſ Ihnen niemanden anzuvertrauen haben und ſie kömmt nicht zu Stande, wenn Sie ſie nicht unternehmen könnenz zu ihrem Erfolge bedürfen wir eines Mannes, dem wir vertrauen. Ich fürchte nicht, Ihnen dies frei zu geſtehen, weil ich die Gewohnheit habe, offen zu Werke zu gehen, und ich überzeugt bin, Sie mißbrauchen meine Offenherzigkeit nicht.“ „Gkaf „Ich will noch mehr ſagen; wenn Ihre Unterneh⸗ mung in Betreff der Goldgrabungen Ihnen in dem Grade gelingt, wie man in der Stadt davon ſpricht, will ich mich darüber freuen und Sie nicht für gewagte Unter⸗ nehmungen verwenden, die Ihnen übrigens ſo viel Ruhm gebracht haben: warum Sie einer Welt entreißen, die Ihnen ſo viele Genüſſe bietet; warum das Murren Ihres 241 Herzens wecken, das immerfort nach Petersburg ſich ſeh⸗ nen wird und bei den erſten Entbehrungen tritt noch die Reue dazu! und der Durſt nach einem freien, unabhängigen, an Freuden überfließenden Leben, — bei der erſten Gefahr wird er um ſo brennender. Ich will all dieſes nicht auf mein Gewiſſen laden, ich will Sie nicht vorthin ſchicken, wohin ich ſelbſt unabhängig im Dienſte und in der Geſellſchaft nicht hinreiſen wollte. Man muß nach eigener, moraliſcher Ueberzeugung, aus Luſt und nicht aus Zwang ſeinen Kräften angemeſſen nützlich wirken: das iſt immer mein Grundſatz bei der Beſetzung der Stellen, und eben darum harmoniren wir vielleicht mit einander. Es verſteht ſich, daß die Be⸗ fähigung das Werk vollendet.“ „Wie wenig würdigt man Ihren Edelmuth)„ Der Graf lächelte verächtlich. Er wendete ſich an Umanski. Das Geſpräch nahm die gewöhnliche Richtung und nach einigen Minuten empfahl ſich Lawr⸗Sokolnick, Wirth und Wirthin über dieſen unerwarteten Beſuch in einer ſehr zufriedenen Stimmung zurücklaſſend. Aus dem Vorzimmer, bis wohin er den ſo theuern Gaſt begleitet hatte, zurückkehrend, ſah Newski Marie mit Lenin in einem Winkel ſich eifrig unterhalten; er wollte vorbei⸗ gehen, als ob er ſie nicht bemerkt hätte, doch Marie war ſeinem Blicke begegnet, verwirrte ſich und trat raſch zu⸗ rück; vann lief ſie auf ihn zu, und ihre beiden Hände auf ſeine Schultern legend, ſah ſie ihn mit einem ſanften, zärtlichen Lächeln an; und ihn, als fühlte ſie ſich in et⸗ was ſchuldig, zu beſänftigen wünſchend, ſagte ſie: „Modeſt, ſei nicht boͤſe nun, wenn Du willſt, werde ich ſingen? Ja? was wünſcheſt Du alſo zu hören? Ah, da iſt Dein Freund, er ſoll das Geſangsſtück wäh⸗ len. Monſieur Alexandre, es iſt entſchieden, daß ich ſingez gern oder ungern, müſſen Sie mich alſo hören. Sagen Sie alſo, was Sie mit größerer Geduld anhören wür⸗ den, denn ich wünſche, Ihnen gefällig zu ſein.“ *— 242 Die Frage ſchien auf den Lippen des jungen Mäd⸗ chens höchſt einfach, und doch verletzte ſie Finski bis in die tiefſte Tiefe. Er glaubte bloßes Mitleiden habe Marie aufgefordert, ſich an ihn zu wenden, während ſie den ganzen Abend hindurch ihn nicht einmal zu bemerken ſchien, und dieſes Mitleid drang durch das Herz, von dem ſogar die ſpitzen Pfeile Lenins wirkungslos abgeprallt waren. „Was Sie immer ſingen, es iſt alles vortrefflich,“ antwortete Finski raſch und großmüthig. „Sie wünſchen alſo, daß ich gar nicht ſinge„. ſchon gut. Wählen Sie doch mir etwas zu ſingen, Olga Petrowna; denn ich will allen zum Trotze fingen.“ Olga, die eben die Noten durchſah, hielt bei der Se⸗ renade von Schubert an. „Ach, ſingen Sie doch das herrliche Ständchen, ich bitte.“ Marie ſetzte ſich ans Piano. Sie ſang ohne irgend einen Anſpruch auf tiefes Muſikſtudium; aber ihre reine, metallreiche Stimme, die herrlichen Motive dieſes Liedes, vrangen tief in Olgas Gemüth, die, leidenſchaftlich für Muſik, ſie mehr mit dem Herzen ahnte als mit dem Verſtande faßte. Sie ſtand unbeweglich hinter dem Stuhle der Singenden; ihr Gehör hing an den Tönen, aber ihre Augen, wo waren ihre Augen?. Von ihrem ent⸗ zückten, in Zärtlichkeit aufgelösten Herzen ihre Richtung erhaltend, waren ſie auf Newskis blaſſes Geſicht gerichtet und verſenkten ſich in den tiefen Blick des jungen Man⸗ nes, der ſich ſchweigſam, zerſtreut an die Thüre gelehnt hatte. Gewiſſe Geſichter, Phyſiognomien bleiben uns wegen irgend eines ſcharfen Zuges, einer großen Naſe, eines Fuchsauges, oder dicker Lippen im Gedächtniſſe, und wir können uns dieſe Menſchen nach dieſen Eigenthümlichkeiten vorſtellen; Anderer erinnern wir uns durch ihre Namenz wieder Anderer durch ihre bunte, geblümte Weſte, ihre 243 großen Frackknöpfe, ihr bis ans Ohr reichendes Halstuch. Wir ſtellen uns manche Perſon nicht anders als mit dem zu einem Bogen gekrümmten Rücken und einem ſüßlichen Lächeln auf den Lippen vor, eine Andere wieder, wie ſie langſam, mit einem wahren Seelengenuſſe, in plaſtiſcher Ruhe Tabak ſchnupft und ſo weiter. Doch es gibt Ge⸗ ſichter, die, nur ein Mal geſehen, ſich für immer ins Ge⸗ dächtniß einprägen. Warum? Man kann ſich keine Rechnung darüber geben. Zu dieſen Phyſiognomien ge⸗ hörte auch die Newski's. O, mit welcher Luſt, mit wel⸗ chem Selbſtvergeſſen blickte Olga auf ihn! Sie ſiand da mit halbgeoffnetem Mündchen, mit unbeweglichen Au⸗ gen, mit dem Ausdrucke tiefen Genuſſes auf dem Geſichte. Um dieſe Zeit ſaugten ſich ein Paar ſchwarze, durchboh⸗ rende Augen faſt in Newski ein. Ihre magnetiſche Kraft wirkte; er wendete ſich unwillkührlich um; die ſchwarzen Augen begegneten ſeinem Blicke und blieben doch an ihm hängen, ſei es, daß ihnen die Kraft, ſich los⸗ zureißen, fehlte, oder daß ſie die Kraft beſaßen, an ihm feſtzuhalten; genug, ſie waren immer auf Newski ge⸗ richtet, der ſorglos die frühere Stellung annahm. Dieſe Augen gehörten der Frau Bronizin. Marie hatte zu ſingen aufgehoͤrt. Die entzückte Olga warf ſich in ihre Arme und küßte ſie. „Theuere, theuere Marie, wie reizend biſt Du!“ ſie aus, und fügte dann, ſich ſammelnd, Mhüchtern inzu: „Entſchuldigen Sie„ ich bin ſo unhöflich. ich wagte es Sie zu umarmen„ja ich dutzte „O, mein Engel, benehme Dich mit mir immer wie jetzt, und Du wirſt ſchöner noch als ſonſt ſein, und ich werde Dich wo möglich noch mehr lieben.“ Doch die Zeit verſtrich und Naſar Naſarowitſch hatte immer noch nicht ſo viel Muth geſammelt, um mit den Freunden über das Schickſal des Zerlumpten zu be⸗ rathen und die Maaßregeln zu beſprechen, die zur Ent⸗ 244 deckung dieſes Gewaltſtreiches führen könnten. Piroſchkow fürchtete bald Newekis Geſpräch zu unterbrechen, bald ihn im Nachdenken zu ſtören. Endlich„als die alte Benski ihn merken ließ, daß man bald ſich empfehlen müſſe, entſchloß er ſich, kühner aufzutreten. Neweki ging mit Umanski im Salon auf und ab: der Alte liebte aufrichtig ſeinen jungen Verwandten, obgleich die Auf⸗ wallung ſeines Charakters, ſeine loſen Streiche, wie er ſagte, ihn ſehr betrübten und im ſtrengſten Sinne des Wortes, ſo theuer zu ſtehen kamen. Und jetzt war er gelaunt, den Neffen für ſein unzeitiges Ausſteigen auf der Straße zu ſchelten; aber die ein Mal verſtrichene Ge⸗ fahr, wie die huldreiche Aufmerkſamkeit des Grafen, der mit dem jungen Manne ſich wie mit ſeines Gleichen un⸗ terhielt, verſöhnten ihn nicht nur mit ihm, ſondern ſporn⸗ ten den alten Umanski an, Neweki mit beſonderer Nach⸗ ſicht, ja mit Achtung zu behandeln. Umanski erzählte von den erſten Dienſtjahren des Grafen Lawr⸗Sokolnick, Newski hörte mit anſcheinender Aufmerkſamkeit zu. Na⸗ ſar Naſarowitſch hatte ſich ſchon lange um ſie gedreht, indem er ſich durch wiederholtes Huſten bemerkbar zu ma⸗ chen ſuchte. Endlich gelang es ihm. Er erzählte, wie er konnte, das Abenteuer des Zerlumpten. Aus der An⸗ näherung der Umſtände und aus dem Drte der Handlung, konnte man ziemlich ſicher ſchließen, daß der nächtliche Anfall und der Schrei, der Neweki angezogen, mit dem Schickſale des armen Wanja in der engſten Verbindung ſtehe. Man entſchloß ſich, die friſchen Spuren zu benützen, am folgenden Tage die Polizei davon in Kenntniß zu ſetzen und um ihre Mitwirkung anzugehen. Neweki erbot ſich ſelbſt, Naſar Naſarowitſch ins Gericht zu begleiten. Umaneki bemerkte Anfangs, daß eine derartige Geſchichte ſeinen Neffen kompromittiren könne, indem er als Zeuge im einem Diebs⸗ und Räuberprozeſſe auftrete; da er ſich aber überzeugte, daß vieſe Zeugenſchaft vielleicht das ein⸗ zige Mittel ſei, die Entdeckung des Verbrechens möglich 245 zu machen, und wenn möglich den armen Knaben zu er⸗ retten, entſchloß er ſich ſogar, in dieſer Sache ſelbſt thä⸗ tig einzugreifen. Alles empfahl ſich. In einer Stunde war es in Umanskis Hauſe ganz dunkel: nur in Mariens Schlaf⸗ zimmer verbreitete ein ſtark heruntergebranntes Licht einen trüben Schein. Marie ſaß noch angekleidet, unbeweglich in einem Lehnſtuhle, die Finger auf den Lippen, die Augen ohne Richtung, gedankenlos vor ſich hinſtarrend. An der Thüre ſtand ihr Kammermädchen, die Vertraute gewiſſer, nicht ganz geheimer, aber auch nicht ganz bekannter Ge⸗ danken— und ſchlummerte. Plötzlich ſprühte das Licht einige Funken und brannte darauf heller; das Kammer⸗ mädchen zuckte zuſammen und erwachte. „Heilige Mutter Gottes! Was iſt Ihnen!... Marie Michailowna, Marie Michailowna, der Hahn hat bereits gekräht und Sie ſind noch angekleidet. Marie Michailowna!“ „Was gibts?“ „Es iſt weit über Mitternacht; laſſen Sie ſich doch wenigſtens das Kleid ausziehen.“ „Wozu? Was? Ach, Du biſts, Fenja!“) „Ach, es iſt ja eine wahre Sünde. laſſen Sie das Korſett aufſchnüren.“ „Wie, ich habe geſchlafen 2“ „Warum nicht gar! Als ob gute Menſchen mit offenen Augen ſchlafen.“ „Ach, welcher Traum!“ „Was für ein Traum?“ fragte das neugierige Mädchen. Marie ſeufzte tief auf, erhob ihr ſchönes Köpſchen, ſchüttelte die halbaufgelösten und über Geſicht und Schul⸗ *) Diminutiv von Feodoſia. Anmerk. des Ueberſetzers. 246 tern fallenden Locken zurück, blickte unwillkürlich in den Spiegel und bedeckte das Geſicht ſchnell mit den Händen. „Nein, Fenja,“ ſprach ſie faſt in Thränen;„es war ein Traum: ich bin ja nicht ſchön.“ „Was fällt Ihnen ein, gnädiges Fräulein! Der Herr ſei mit Ihnen! Nun, zeigen Sie Ihr Geſichtchen, blicken Sie mich an möge ich nicht Weihnachten erleben, wenn Sie nicht ſchöner als alle die Fräulein, die uns beſuchen etwas blaß; aber wie wäre das anders möglich! bis zum Hahnenſchrei wachen! Stehen Sie auf, ich will Sie auskleiden!.. Und das zarte, feine, weder von einem ſündigen Ge⸗ danken, noch von heißer Leidenſchaft angegriffene Geſicht⸗ chen Mariens ſtrahlte durch den Nebel des Grames und der Schlaftrunkenheit. Fenja entkleidete ihr Fräulein, und Marie ergab ſich matt und erſchöpft ihren Künſtlerhänden; ſie bemerkte nicht, wie Fenja ihre Haare lockte und in Papilloten hüllte, ſie wußte nicht, wie ſie ins Bett kam und ſetzte ihre Phantaſiegebilde halb ſchlafend, halb wachend fort, in einem unklaren Halbdunkel, in einem unbegreiflichen Zu⸗ ſtande.— Fenja löſchte das Licht aus und ging gähnend in ihr Kämmerchen. Fünftes Kapitel⸗ Das Perhär. Der Gerichtspräfident unterbrach beim Eintritte Newskis und Piroſchkows das Verhör und ſchickte für eine Weile die Verhörten ins Vorzimmer, obgleich ihn dieſelben ſehr intereſſirten. Er beeilte ſich, die unerwar⸗ teten Beſuche zu empfangen, um ſo mehr als ſie von einer wichtigen, keinen Aufſchub leidenden Sache zu ſprechen erklärten. Newski erzählte. Zu ſeiner Verwunderung unter⸗ brach ihn der Präſident mit ſolchen Fragen, die deutlich bezeugten, daß ihm der Gegenſtand nicht fremd ſei. Er fragte, ob Neweki keinen weiblichen Schrei während des nächtlichen Ueberfalles vernommen habe. „Ja, in der That, eben dieſer Schrei war es, der mich hinzufahren bewog! dann hörte ich das Winſeln eines Knaben, gewiß war's der Zerlumpte.“ „Die Annäherung der Umſtände bekräftigt Ihre An⸗ ſicht... Aber dieſer weibliche Schrei?. Bemerkten Sie nicht auf der Straße ein Frauenzimmer oder irgend einen Gegenſtand, als ein Frauenkleid oder etwas der⸗ gleichen, das über das an dem Frauenzimmer verübte Verbrechen uns nähern Aufſchluß geben könnte.“ „Nein.„ Und wenn ich auch etwas geſehen hätte, ſo denke ich, würde der heftige Schlag auf den Kopf, 248 der mir das Bewußtſein raubte, jede Frinnerung verwiſcht haben. Dieſer ganze Auftritt erſcheint mir wie im Traume. Indeſſen erlauben Sie Ich erinnere mich in der That eines weißen Bündels.. was darin war, welche Form er hatte, ich weiß es nicht! Ich kann ſogar nicht behaupten, daß ich es wirklich wachend, und nicht in der Folge im Fieber geſehen habe.“ „Ja, Ihre Ausſage.. Ich nehme Ihre Erzählung als amtliche Ausſage... Sie erlauben doch?“ „Ohne Zweifel.“ „Ihre Ausſage ſcheint mit dem, was ich ſo eben vernommen, in genauem Zuſammenhange... Der Ort, die Zeit, die Annäherung einiger Umſtände, alles bekräf⸗ tigt meine Vermuthung, trotz der verworrenen Ausſagen der Frau, die ich ſo eben verhört habe. Doch ich will noch mit dem jungen Manne, der ſie begleitet, ſprechen. Dieſes ungewöhnliche Verbrechen, ohne die geringſte Plünderung an zwei armen Weſen verübt, muß ein eigenes, außer⸗ halb dem Kreiſe dieſer Verbrecher liegendes Ziel haben: ſie würden ohne gar zu anreizende Urſachen ein ſo kühnes Unternehmen nicht gewagt haben. Seien Sie verſichert, meine Herren, daß ich zur Entdeckung des Verbrechens Alles anwenden werde; ich will meine Stelle nicht be⸗ halten, wenn ich nicht zum Ziele gelange!.. Der Präſident klingelte. „Die früher Verhörten ſollen wieder eintreten, ſagte er zum eintretenden Poltzeidiener. Und Sie bitte ich hier zu bleiben, damit wir die verſchiedenen Ausſagen verglei⸗ chen und die Einen durch die Andern ergänzen können. Ich bitte Sie bloß etwas bei Seite zu gehen, um die zu verhörenden Perſonen nicht zu verwirren. Die Verworren⸗ heit Ihrer Ausſagen bringt mich ſchon ohnedem zur Ver⸗ zweiflung. Es wurde eine ſehr ärmlich gekleidete Frau in den Mitteljahren eingeführt. Die Leſer haben ſie ſchon ge⸗ ſehen, aber nur wie im Fluge; übrigens war ſie jetzt ſo 249 zerſtört, daß man in ihr ſchwerlich das demüthige Weib erkannt hätte, die Smolnew fünf Rubel abgeborgt hatte. Ihr folgte ein junger Mann in einem abgetragenen Rocke, der übrigens ſeinen Beruf, den menſchlichen Körper gegen das Untretter und unbeſcheidene Blicke zu beſchützen, durchaus nicht erfüllte; der junge Mann ſuchte ſo viel als mög⸗ lich aus ihm herauszutreten, indem er die Nähte mit allen Gelenken auseinanderdehnte, doch dieſes verdammte Kleid drückte und preßte ihn immerfort. Dem Rocke ent⸗ ſprachen die übrigen Kleidungsſtücke: Die Beinkleider reichten mit den zerriſſenen Struppen etwas über die Knie, um den Hals hatte er ein Frauentüchelchen ge⸗ wunden, es bedeckte auch in etwas die Bruſt,— das war alles! Und der Schnitt und die Form zeigten nur zu deutlich, daß dieſe Kleidungsſtücke nicht an ihrem gewöhn⸗ lichen Platze ſich befanden. Der Präſident ſetzte ſich mit der Miene eines Man⸗ nes, dem es bewußt iſt, daß hier eine tüchtige Doſis Ge⸗ duld von Nöthen ſei. „Iſt es Ihnen jetzt nicht gefällig, uns die Begeben⸗ heit zu erzählen, welche wir von Ihrer... Begleiterin vernommen,“ ſagte der Präſident, ſich an den jungen Mann wendend. „Was2 Sie glauben vielleicht, daß er anders erzäh⸗ len wird, Sie glauben mir nicht, wie?“ erwiederte die Frau, deren flammendes Geſicht klar bewies, wie viel Hitze und Leidenſchaſt ſie bei der Erzählung des ihr ſo ſehr am Herzen liegenden Erreigniſſes verſchwendet. „Ich frage bloß in Ihrem eigenen Nutzen und bitte Sie dringend, die Erzählung nicht zu unterbrechen. Sie ſahen, daß ich gleich bei den erſten Worten auf den Schauplatz des Verbrechens geſchickt habe, um den Spuren desſelben nachzugehen. Die Sache liegt mir ſo ſehr am Herzen wie Ihnen, wenn auch aus andern Gründen.“ „Nein, und wiederum nein! Niemanden auf der Welt kann die Sache ſo nahe liegen! Sie liegt mir hier, 250 hier und hier, ſagte ſie auf die Bruſt, die Kehle und den Kopf zeigend, und ich werde ſie in die Welt hinein⸗ ſchreien.“ „Vergebens; dies ſchadet nur unſern Nachforſchungen, weil die Verbrecher Vorſichtsmaßregeln ergreifen.“ „Was, ich ſoll alſo ſchweigen, wie? Ich ſoll Ihnen noch danken?“ „Ich bitte! Sie haben für nichts zu danken.“ „Das denke ich wohl.“ „Glauben Sie mir, ich ehre Ihren Schmerz, weiß Ihren Verluſt zu würdigen. und bitte Sie dringend, zu Ihrem eigenen Vortheile ſich zu beruhigen und mir die Möglichkeit zu verſchaffen, das Ereigniß mit allen Ihnen wenigſtens bekannten Einzelnheiten zu erfahren.“ „Unterbrechen Sie uns nicht, Anaſtaſie Jwanowna,“ bemerkte der junge Mann mit dem Schatten eines Rockes, „wenn der Gegenſtand Oeffentlichkeit erfordern ſollte, will ich ihn einem Bilde anvertrauen, ihn verewigen, den Nach⸗ kommen übergeben.“ „Nun, ſo ſprechen Sie, Feodor Jwanowitſch.“ Der junge Mann begann ſeine Erzählung mit einer Einleitung, die wir größtentheils weglaſſen. „In der Sumpfgaſſe wohnt in einem hölzernen Häus⸗ chen, im oberen Stocke, im oberſten, ſeit einigen Jahren Anaſtaſia Jwanowna.“ „Ich glaube Elkin?“ „Frau Elkin!„ Alle Nachbaren kennen und lie⸗ ben ſie.“ „Das gehört nicht hieher, Feodor Jwanowitſch,“ be⸗ merkte Frau Elkin. „Das gehört nicht hieher. fuhr Feodor Jwa⸗ nowitſch fort... Anaſtaſie Jwanowna wohnt in einem Stübchen, ſo groß wie ein Fingerhut.“ „Nun, wenn's auch größer..“ „Natürlich iſt es größer als ein Fingerhut.. ſo daß darin zwei Betten ſtehen, ohne ſich zu berühren.. 251 es wäre auch noch Platz für einen Tiſch, doch es iſt kei⸗ ner vorhanden.. das iſt unſere Schuld... „Aber ſagen Sie mir, wer ſind Sie ſelbſt, welche Beziehungen haben Sie zu dieſer Frau?..“ bemerkte der Präſident ſehr ſanft. „Wer, er ſelbſt!. erwiederte Frau Elkin,„es die ehrlichſte Seele in der ganzen Stadt es „Ich glaube, ich glaube; aber bei einer gerichtlichen Ausſage iſt eine ſolche Bezeichnung nicht hinreichend.“ „Ich heiße Miller, meines Berufes ein Künſtler.“ „Aber dieſer Rock. „Das iſt eine andere Geſchichte, die gehört nicht zur Sache 4 „Schon gut ich fragte bloß. bemerkte der Präſident, dem andere Mittel zu Gebote ſtanden, über Miller Näheres zu erfahren. Sie ſind natürlich ein naher Verwandter dieſer Dame?“ „Er iſt mir Vater, Bruder, Sohn ſagte Frau Elkin mit Wärme,„er iſt mir das Theuerſte auf Erden; er ließ mich nicht vor Hunger und Krankheit auf der Straße umkommen, während er ſelbſt keinen Biſſen e hatte; während man ihm ſelbſt die Wohnung auf⸗ agte.“ „Alſo Ihre Verbindung. „Was!. Verbindung? Was glauben Sie denn?“ „Oh, ſeien Sie verſichert, nichts Schlechtes. Fahren Sie fort, junger Mann, fahren Sie fort,“ ſagte eilig der Präſident, ein neues Auffahren der Frau Elkfin be⸗ fürchtend. „Im Stübchen ſchliefen gewoͤhnlich Anaſtaſie Jwa⸗ nowna auf dem einen Bette, auf dem andern Jenny. 4 „Das heißt Eugenie!“ „Jenny„ Wenn Sie wüßten, was Jenny für ein ſeltenes Weſen!. Haben Sie je Raphaeliſche Engel geſehen, geben Sie ihnen Jenny's Seele, aber nur 25² Jenny's, denn nirgends findet ſich eine ebenſo ſchöne, und Sie werden einen Beßriff haben von meiner, das heißt von unſerer Jenny, wollte ich ſagen!. „Mein theures, mein unſchätzbares Kind!“ rief die arme Frau mit einem Gewinſel aus, das ihre frühere, un⸗ zuſammenhängende, unverſtändliche Erzählung ſo oft un⸗ terbrochen hatte, daß der Präſident mit Mühe aus dem⸗ ſelben entnehmen konnte, daß man ihr in der Nacht vorgeſtrigen Tages ein Mädchen aus dem Zimmer raubte. „Ihre Augen ſind klar, blau, blau wie der Himmel, aber nicht wie dieſer nordiſche Himmel, auf dem ſich keine einzige lichte Farbe bemerken läßt, auf dem man keinen einzigen glücklichen Gedanken erhaſchen kann— ihre Augen „Weiter, weiter. „Ihre Haare ſind von der ſchönſten Kaſtanienfarbe, ſeidenartig, weich, ſo weich, daß ich mir oft mit ihnen das Geſicht trocknete. verſteht ſich, bloß im Scherze als ob man ſich mit Sammt trocknet, ſo zart...“ Der Präſident rückte in Verzweiflung auf dem Stuhle erum. „Mein Verehrteſter,“ ſagte er endlich,„alle dieſe Gegenſtände ſind Ihnen natürlich ſehr theuer, liegen Ihnen am Herzen; zu einer andern Zeit würde auch ich gerne zugehört haben, aber jetzt kann ich wahrlich nicht daran denken: die Sache leidet keinen Aufſchub und ich fürchte, daß die mit Ihnen verbrachten zwei Stunden. anfangs mit dieſer Frau...4 „Mit Anaſtaſie Jwanowna, wollen Sie ſagen.“ „Und dann mit Ihnen, und doch weiß ich noch im mer nicht, was denn eigentlich dieſes Mädchen, dieſe Jenny, wie Ihr ſie nennt, oder dieſe Eugenie, wie wir ſie nennen wollen. „Jenny„ „Meinetwegen Jenny. Antworten Sie mir auf mein 253 Fragen; ſonſt will ich nichts wiſſen. ſagte der Prä⸗ ſident, der bereits die Geduld verlor.„Ihr Taufname, ihr Familienname?“ Miller blickte erſtaunt und fragend auf Frau Elkin. „In der That, wie iſt ihr Familienname?“ „Und wen bekümmert das? Sie nennt ſich wie ich.“ „Natürlich,“ antwortete Miller, ſich an den Prä⸗ ſidenten wendend:„ſie nennt ſich wie Anaſtaſie Jwa⸗ nowna.“ „Meine arme Jenny! wo ſie jetzt ſein mag?“ Und wieder erſchallte das Weinen und Schluchzen der Frau im Gerichtszimmer. „Jenny ſchlief mit Anaſtaſie Jwanowna zuſammen?“ fragte wieder der Präſident, der ſich über dieſe Leute ärgerte und ſie doch bedauerte. „Natürlich mit ihr,“ antwortete Miller. 2 „Iſt Jenny Ihre Tochter?“ „Natürlich ihre Tochter. doch erlauben Sie. Anaſtaſie Jwanowna„ es iſt ſo. oder viel⸗ ch „Tochter oder nicht Tochter— es bleibt ſich gleich! Natürlich iſt ſie meine Tochter, mehr als meine Tochter.“ Der Präſident zeichnete ſich mit einer Bleifeder etwas auf, und zum wichtigſten Gegenſtande übergehend, fügte er hinzu: „In der Nacht von Montag auf Dienſtag traten in Ihr Zimmer Leute wie ſo, woher, welche Art von Leuten? „Das ſind mir ſchöne Fragen!.„ Hätte ich ſie denn eingelaſſen, wenn ich fie geſehen hätte?“ unterbrach Frau Elkin. „Schweigen Sie!“ ſagte der Künſtler,„ich werde ſprechen„ ich habe mich ſchon in manchen kritiſchen Fällen befunden„ für Sie, als Frauenzimmer, iſt es nicht ſchicklich, nicht ſchon.“ Petersburg am Tage ꝛc. J. 17 254 „Nun, ſo ſprechen Sie, Feodor Jwanowitſch, Sie ſind ſo gelehrt, aber alles wie ſichs gehört „Seien Sie ruhig„ Die Leute ſind wahrſchein⸗ lich durchs Fenſter eingeſtiegen, weil ich am andern Tage das Fenſter offen und die Thüre verſchloſſen fand, wie ſie Abends Anaſtaſie Jwanowna ſelbſt verſchloſſen hatte.“ „Um wie viel Uhr mags geweſen ſein?“ „Um eilf Uhr.“ „Dieſe Dame ſagte, es ſei um zwoͤlf Uhr geweſen.“ „Nun, ich habe keine Uhr. ob ich gleich früher eine hatte: alles hat er weggenommen, der verruchte... Sie hielt den Namen zurück: Vielleicht um eilf Uhr, vielleicht um zwölf, vielleicht gar um ein Uhr; ich weiß nur, daß ich im erſten Schlafe war und um dieſe Zeit ſchlafe ich ſehr feſt...“ S „Man kann vorausſetzen, daß ziemlich viel Leute da waren. Als Jennys Schreien Anaſtaſie Jwanowna auf⸗ geweckt hatte, konnte es ihr nicht gelingen, ſich auf die Räuber zu werfen,— und ich bürge dafür, ſie hätte ſich nicht geſchont, um Jenny zu retten. „Natürlich.. „Es konnte ihr nicht gelingen, weil ſie ihr gleich einen Sack über den Kopf warfen und feſt banden..„ Anaſtaſie Jwanowna konnte weder ſehen noch ſchreien... ſie banden ſie an das Bett.. In einer ſolchen Lage fand ich ſie, als Jenny am andern Tage nicht zu mir kam„O, meine herzinnige, meine theuere Jenny! Fnh fehlt bloß das Leintuch, auf dem Jenny ief. „Sagen Sie nun gefälligſt, warum ſetzten Sie mich nicht geſtern von dieſem Vorfalle in Kenntniß 2“ „Zuerſt mußte ich Anaſtaſie IJwanowna ins Leben zurückrufen: die Arme erſtickte ja beinahe im Sacke. das läßt ſich leicht denken, welche unbequeme Lage.. Dann weinten und ſchluchzten wir lange vann 7 255 ſuchten wir bei den Nachbarn„ ſo verging der Sg. „Schade! Doch es iſi nichts zu thun!.. Können Sie zu Ihren Ausſagen nicht noch etwas hinzufügen?“ „Was ſoll ich hinzufügen, vielleicht Jennys Portrait warten Sie, ich laufe nach Hauſe. ich habe mehrere.„ „Auch das wird nöthig ſein; doch Sie bringen es hernach... Jetzt erlauben Sie Ihre Ausſagen mit denen dieſer Herren zu vergleichen; vielleicht erhellen die gegen⸗ ſeitigen Erklärungen das Vorgefallene, oder bringen das Vergeſſene in Erinnerung.“ Der Präſident blickte auf die Seite, wo Newski und Piroſchkow geſtanden; doch der letzte war nicht mehr da, er blickte um ſich und ſah Naſar Naſarowitſch in einem Winkel am Tiſche des Sekretärs ſitzen und ſchreiben, in ſeiner Arbeit ganz vertieft; für ihn waren weder der Präſident, noch alle Anweſenden, noch die ganze wirkliche Welt vorhanden; unſer Gelehrter befand ſich in einer an⸗ dern, in ſeiner Welt. Der Diener der Gerechtigkeit war über eine ſolche Freiheit in ſeiner Gegenwart ſehr über⸗ raſcht; er ſtand auf mit dem Wunſche nachzuſehen, was wohl dieſer Mann ſchreiben möge? Wahrſcheinlich notirte er ſich die Fragen und Antworten des Verhörs„ eine ſtreng verbotene Sache: alſo mit dieſer Abſicht.„Er ſtellte Kombinationen auf, doch ſie flogen alle anseinander, als der Präſident ganze Zifferſäulen erblickte, die Piroſch⸗ kow auf amtlich geſtempeltem Papier vollgeſchrieben; der Präſident blickte Naſar Naſarowitſch an, und lächelte unwillkürlich. Indeſſen hatte ſich Newski dem Tiſche genähert, an dem die mitwirkenden Perſonen dieſes Auftrittes ſtanden. Frau Elkin bemerkte ihn eben jetzt. Einige Zeit blickte ſie ihn an, ihre großen Augen weit aufſperrend, ungewiß und erſchrocken, auf ihn mit den Finger zeigend und ſich feſt auf Millers Arm ſtützend, da ihr die Kraft weder zu 256 reden noch aufrecht zu ſtehen fehlte. Alle blickten ver⸗ wundert auf dieſe ſtumme Scene. Newski verwirrte ſich unwillkürlich unter dem magiſchen Einfluſſe der ſtarr auf ihn gerichteten Augen und der allgemeinen Aufmerkſamkeit. Endlich brach Frau Elkin in einen Redeſtrom aus. „Das iſt er, rief die Unglückliche aus, das iſt er! Ich ſchwöre Euch, er hat meine Jennh zu Grunde gerichtet; die Mutter Gottes ſelbſt hat ihn hieher ge⸗ führt... Ah, mein ſchöner Herr, Du glaubſt vielleicht, ich habe Dich nicht bemerkt, als Du Deine aufgeblaſene Dame zu mir aufs Dachſtübchen begleiteteſt, dann zurück⸗ kehrteſt und ſie in der Kaleſche erwarteteſt; Du haſt Dich in Deinen Mantel gehuͤllt, aber ich habe Dich doch ge⸗ ſehen; und wer Dich ein Mal ſieht, vergißt Dich ſein Leben lang nicht: Du ſelbſt biſt wohl gewaltig ſchön... Dein Handwerk iſt aber nicht beſonders ſchön... Und bei dieſen Worten ging Frau Elkin in drohen⸗ der Stellung, mit funkelnden Augen Newski immer näher auf den Leib. Die Erinnerung erwachte in Newskis Gedächtniß; ſie ſtellte ihm manch aufregendes Bild vor Augen; doch er konnte doch nicht recht begreifen, nicht ganz den Zu⸗ ſammenhang erfaſſen und war daher ſehr befremdet über das Benehmen dieſer Frau, deren Zorn immer heftiger aufwallte. Der liebe Himmel mag wiſſen, was das i geweſen wäre, wenn Miller ſie nicht zurückgehalten ätte. „Halten Sie ein, um Gottes Willen, halten Sie ein, Anaſtaſie Jwanowna, flüſterte er,“ ihren Kleidärmel erfaſſend:„die Geſchichte kann ein ſchlechtes Ende nehmen; man ergreift Sie und ſperrt Sie ins Gefängniß, wer weiß, was man mit Ihnen macht.„ „Man mache mit mir was man wolle, wenn man nur mit ihm nach meinem Wunſche verfährt.“ Der Präſident nahm einen ſtrengen Ton an. „Hören Sis, Frau, ich fordere Sie im Namen des 257 Geſetzes auf, daß Sie ſich endlich erinnern, wo Sie ſich befinden und ſich demgemäß betragen. Ich war zu nach⸗ ſichtig, aus Achtung für Ihren Schmerz, aber jetzt warne ich Sie: wenn Sie ſich auf ein Haar vergeſſen, ſo ſchicke ich Sie von hier fort; ja noch mehr, ich laſſe Sie ins Zuchthaus bringen wegen verletzter Ehrfurcht gegen die Gerichte, vor denen Sie ſich beſinden. Sprechen Sie ohne alle Umſchweife, und unterlaſſen Sie alle beleidigenden Ausdrücke. Aus welchem Grunde beſchuldigen Sie Herrn Newoki eines Verbrechens, das wegen ſeiner Abſcheulich⸗ keit keinen Namen hat? Die Drohungen des Präſidenten wirkten auf die Frau, die übrigens nicht ſo ſehr für ſich, als für ihre Jenny fürchtete. „Wenn man mich einſteckt, geht ſie ganz zu Grunde, dachte Frau Elkin, und verhielt ſich ruhig.“ Miller erinnert ſie ſeinerſeits fortwährend durch Ge⸗ flüſter doch vernünftiger zu ſein. „Vor drei Wochen, vielleicht noch länger, ich war ſehr krank geweſen und erholte mich eben: hörte ich das Nollen eines Wagens vor meinem Fenſter. Bei uns in der Sumpfgaſſe, Sie wiſſen es wohl ſelbſt, iſt eine Equi⸗ page eine Seltenheit; mein Jennchen warf die Arbeit weg und lief an's Fenſter. Mamma, rief ſie, die Kaleſche ſteht vor unſerer Thüre, gewiß zu uns!— Was fällt Dir ein, Närrchen, wie kann das ſein, wohnen denn ſo wenig Leute im Hauſe 2 Wer bekümmert ſich um uns, und noch dazu ſolche, die in Kutſchen fahren.— Zu wem denn ſonſt, wenn nicht zu uns. Es wohnt ja jetzt außer der Hebamme Niemand im Hauſe.“ „Ich ſtand auf und blickte durchs Fenſter. Richtig, eine Kaleſche an der Thürſchwelle, in der Kaleſche ſitzt eine Dame, grade wie eine Prinzeſſin; ich warte der Dinge, die da kommen ſollen; da kömmt der Herr aus dem Hofe zurück; er hat gewiß ſich um etwas erkundigt; er nähert ſich der Dame, hebt ſie aus dem Wagen, führt ſie ins unle 258 Haus. Mir und Jennchen ſtockten faſt der Athem, als wir ihre Schritte an unſerer Thüre hörten. Wen hat uns Gott zugeſandt?“ fragte ich.—„Ich weiß es nicht, Müt⸗ terchen.“—„Warum fürchteſt Du dich, Schätzchen? Gehe und öffne.“— Sie offnete. Die Dame, aufgebla⸗ ſen wie ein Pfau, trat ein, der Herr flüſterte ihr etwas zu und ging zurück. Er ging raſch fort, ja, ſehen Sie— ich habe dieſen Herrn bemerkt, dann ſah ich, wie er ſeine Schöne in der Kaleſche erwartete, er hat ein Geſicht, daß ein Frauenziimer es nie vergißt, und wenn es auch das⸗ ſelbe nur ein Mal ſieht. Das iſt er, dieſer Herr iſt's! Ich ſehe ſie noch jetzt, dieſe Augen, die wie zwei Irrwiſche in mein Stübchen hinein funkelten. Die Dame ſetzte ſich, betrachtete lange mein Täubchen, meine Jenny, rief ſie dann zu ſich, umarmte und küßte ſie ich glaube gar, ſie ſchluchzte.. Dann knüpfte ſie mit mir ein Ge⸗ ſpräch an, und zwar ſo ſüß, ich glaubte, eine Nachtigall ſingen zu hören.—„Hören Sie, meine theure Anaſtaſie Jwanowna,“— woher Sie meinen Namen wiſſen mochte, —„mir iſt es ja bekannt, daß Jenny nicht Ihre Toch⸗ ter“— Es war mir, als ob man mir einen Stich in die Seite verſetzte.—„Ich weiß, daß ſie es bei Ihnen gut hat, daß Sie ſie lieben, aber ſchauen Sie ſie an, ver⸗ dient ſie ein ſolches Lvos? Sehen Sie, wie ſchon ſie iſt.!“ Und Jenni, ärgerlich über die Liebkoſungen der vornehmen Dame, war noch ſchöner als immer„. Was iſt zu thun, Mütterchen, antwortete ich ihr, unſer Stand erlaubt's nicht beſſer!„.—„Es hängt von Ihnen ab,“ ſagte ſie,„ihre Lage zu verbeſſern!“— Wie ſo von mir?—„Ja! geben Sie das Kind mir, und es wird in Seide gekleidet gehen, in einem Pallaſte wohnen, alle Lebensfreuden genießen Es war mir, als ob man mich mit ſiedendem Waſſer überſchüttet hätte!— Jenny verließ die Dame und hing ſich mir an den Hals —„Für nichts in der Welt will ich Dich verlaſſen,“ rief mein Kind aus„„ Die Dame ſchlug alle Saiten S 259 an, bat, drohete mit den Gerichten und dergleichen. Ich gerieth auch in Eifer. Sie rief mir die Bedingung, unter welcher ich Jenny zu mir genommen hatte, ins Ge⸗ dächtniß zurück, und warf mir vor, ſie nicht gehalten zu haben und dergleichen mehr; ich gab zur Antwort, daß Gott mich dafür geſtraft, eine ſo ſataniſche Bedingung eingegangen zu haben,— was war zu thun, ich war jung, und die Noth drückte ſo ſehr, daß ſie mir die Seele aus dem Leibe preßte,— ſo ſtrafte mich Gott.. bloß für das Verſprechen, es iſt gut, daß ich die Bedin⸗ gung nicht erfüllt habe, es iſt wahr, daß ich, gleich wie ich ſie gab, ſie nicht zu erfüllen dachte Jetzt wird Jenny meine Sünden abbitten, ſie wird der Herr gewiß erhören. werkann ſie, das Herzenskind, unerhört laſſen!... „Was zwiſchen mir und dieſer Dame weiter vorfiel, das erzähle ich nicht, es dient auch zu nichts. Es endigte⸗ damit, daß ſie böſe wurde, aus dem Zimmer lief und nicht wieder kam„ Alber eine Spur ließ ſie zurück Jenyy entging ihren Händen nicht, gewiß nicht; die Dame hat ſie geſtohlen, um mich zu kränken„ Und dieſer Herr ſpielt mit ihr unter einer Decke!“ Der Präſident hörte ſehr aufmerkſam der Erzählung der Frau Elkin zu, hin und wieder als Kenner des menſch⸗ lichen Herzens einen Blick auf Newski werfend; aber das früher von Unwillen flammende Geſicht Newskis war jetzt ruhig, kalt, wie das Geſicht eines an alle möglichen Ge⸗ fahren und Drohungen gewoͤhnten Mannes, der übrigens noch nicht die Fähigkeit verloren, Seelenqualen und Ge⸗ müthoſchmerzen zu fühlen. „Nur das Herz einer Mutter, die überall die Urſache ihres bittern Verluſtes ſucht und findet, konnte einen ſol⸗ chen Argwohn hegen,“ ſagte der Präſident mit Ruhe. „Können Sie wirklich glauben, daß dieſe Dame, wer ſie auch ſei, und deren Namen wir übrigens erfahren werden, daß ſie ein mit Gewalt geraubtes Mädchen in ihrem Hauſe zu behalten im Stande ſei, ohne daß es Jemand erfahre? 260 Können Sie wirklich glauben, daß Jenny nicht zu entkom⸗ men ſuchen und Ihnen das Verbrechen enthüllen werde; — oder ſollte man ſie abſperren, das unſchuldige Kind quälen wie können Sie das glauben?. Wen hielte nicht die Furcht vor Strafe von einem ſo abſcheu⸗ lichen Verbrechen zurück, wenn ſchon nicht die Verant⸗ wortung vor dem ewigen Richter ihn abſchreckte.“ Der Präſident hatte ſeinen Worten abſichtlich eine ſolche Wendung gegeben; er richtete ſeine Augen auf Frau Elkin, damit dieſe ſeinen Beſcheid richtig auffaſſe. Die Frau Elkin wurde nachdenkend, ſchwieg „Sie ſind ein guter Mann,“ ſagte ſie endlich zum Präſidenten: aber Sie kennen dieſes Weib nicht. Laſſen Sie mich über die Sache nachdenken.. Indeſſen werden ich und Feodor Jwanowitſch den Gegenſtand nicht aus den Augen laſſen, thun Sie, was Sie nothig finden„ Mein halbes Leben, das ganze Leben gebe ich Ihnen für Jenny hin.“ Der Präſident beruhigte ſie ſo viel er konnte, ver⸗ ſprach ihr, ſie von dem Erfolge ſeiner Nachforſchungen fortwährend in Kenntniß zu ſetzen, und ſich bei ihr ſelbſt zu erkundigen. Für dieſes Mal aber beendigte er ſein langes Verhör, da er die zur Nachſuchung auf den Ort des BVerbrechens Abgeſandten zurück erwartete. Allein ge⸗ laſſen, betrachtete er die Ausſagen von allen Seiten und konnte durchaus nicht begreifen, welches Band die Ent⸗ führung eines Mädchens,— deren Herkunft, wie er aus den Antworten der Frau Elkin erſah— ſo dunkel und verworren— und die gleichzeitige eines gemeinen Straßen⸗ jungen, eines Lumpenſammlers, verknüpfe; dann war noch die Frage zu löſen, ob denn wirklich beide Entführungen in einer und derſelben Nacht, zu einer und derſelben Zeit ſtattgefunden haben: die Beweiſe ſind ſo ſchwach, daß er dieſe Vorausſetzung faſt nicht zuließ und ſich nur aus Mangel haltbarerer an dieſelbe hielt. 7 1 12 13 14 15 16 1 10 1 17 18