deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur. Eduard Oktmann in Gieffen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih und Leſehedingungen. 1. Oflensein der Bihliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden ag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. „2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von † jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenymmen. 3. Cäution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme 1 eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe ——— binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. E Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Biücher: 4 Bücher: 6 Büchen: auf1 Monat; 1 N 2W—f Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr feibſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und 5 defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmützte, ver⸗„ brene oder deferte Buch ein Theil eines größeten Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkfam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — — Le Pragon rouge. Novelle. Die Juden auf Bald. Dem Däniſchen des S. S. Blicher nacherzählt. Von L. Rruse. Leipzig, 1331. bei Chriſtian Ernſt Kollmann. — Le Dragon rouge. Novelle. M Wer ſollte wohl glauben, daß eine ſchoͤne, reinmenſchliche That, die einen Sterbenden die ſuͤſſeſten Thraͤnen der Dankbarkeit und kindlichen Liebe einernten ließ, die Saat ei⸗ nes tiefen Kummers und bittern Jammers in ſich truͤge? Ein herzzerreiſſendes Beiſpiel, daß auch ſelbſt der unſchuldigſte Schritt uͤber die Schranken, welche die Geſetze dem geſel⸗ ligen Verein abgeſteckt haben, zum ſo unvor⸗ hergeſehenen als unermeßlichen Verderben fuͤh⸗ ren kann. In jenen immer noch nicht genug be⸗ kannten Gegenden, welche die Rhone zwi⸗ ſchen Genf und Lyon durchfließt, in einem Thale, das in ſeinen bald breiten bald ſchma⸗ len Kruͤmmungen die majeſtaͤtiſchen Reize der 1* — 4— nicht fernen Schweiz mit Italiens lauen Luͤften vereint, liegt noch, wie in angeborner Unſchuld, der Flecken Cerdrons. Ziemlich weit von dem Laͤrm und den Laſtern der Stuͤdte entfernt, ſelten und immer nur kurz von den durchfahrenden Reiſenden beſucht, von den wenigen reichen Gutsbeſitzern, deren alterthuͤmliche Schloſſer die ſanft abhaͤngenden Gebirge ſchmuͤcken, waͤhrend ſie ſelbſt in Pa— ris dem Gluͤcke, das ſie hier nicht ſeſſeln kann, nachjagen, unbeachtet, gleitete dort das Leben, rein wie der wolkenfreie Himmel, oh⸗ ne Stuͤrme hin, zwar wohl zuweilen von Leidenſchaften bedroht, die nun einmal die Erbſuͤnde des Menſchengeſchlechts ausmachen, wurden dieſe dort nur ſelten von dem Peſt⸗ hauch einer in der groſſen Welt befleckten Phantaſie zu einer verderbenbringenden Hoͤhe geſteigert. Selbſt in den blutigſten Zeiten der wuͤthenden Revolntion verfinſterten da keine Rauchſaͤulen den heiteren Himmel; denn es ſiel den Beſitzern der Schloͤſſer nicht ein⸗ — — 5— mal ein, in dieſen Wildniſſen die Ruhe zu ſuchen, welche ſie in weiter Ferne dennoch nicht fanden, und ihre Abweſenheit hielt den Neid und die Wuth fern, die innerhalb Frankreichs Grenzen ſie ſonſt uͤberall draͤngend umgaben. Wie liebenswuͤrdig mußte denn nicht die Familie ſeyn, die unter den zufriedenen Be⸗ wohnern dieſes reizenden Landſtriches vorzugs⸗ weiſe„die gluͤckliche« genannt wurde. Dieſe Familie hieß Gonard. Sie beſtand aus dem Vater, einem Manne in ſeinen beſten Jah⸗ ren, von ſchwaͤchlicher Geſundheit, die doch eine ſtille, ergebene Freudigkeit nicht aus⸗ 3 ſchloß; aus der Mutter, einer kleinen, im⸗ mer laͤchelnden, lebhaften Frau, deren viel⸗ leicht fruͤher uͤberſprudelnder Jugendmuth, durch ſchwere Lebenserfahrungen gemildert, in eine heitere, Alles um ſich begluͤckende Ent⸗ ſchloſſenheit uͤbergegangen war, und aus vier Kindern. Das juͤngſte, ein kaum ſechszehn⸗ jaͤhriges Maͤdchen, beſaß nicht allein eine ſo ſanfte Anmuth, daß die enthuſiaſtiſche Jugend des Landes ihr die Benennung:„die Taube von Cerdrons« beigelegt hatte, ſondern auch eine ſo anſpruchloſe Schoͤnheit, einen ſo un⸗ befangenen reinen Sinn, daß Niemand zwei⸗ felte, ſie waͤre vor allen ihren Geſpielinnen zur Roſenkoͤnigin erwaͤhlt worden, wenn die⸗ ſes ſchoͤne Feſt zur Sitte dieſer Gegenden ge⸗ hoͤrt haͤtte. DDie drei Soͤhne, von denen der juͤngſte nur ein, und der aͤlteſte kaum vier Jahe aͤlter als ſie war, zeichneten ſich ſowohl durch Verſchiedenheit der Zuͤge als des Charakters aus. Alle drei waren ſchoͤn und brav; die Grundfaͤden des Gewebes waren dieſelben, nur der Einſchlag war verſchieden, und ſchil⸗ lerte mit wechſelnden Farben im Sonnen⸗ glanze des jugendlichen Lebens. Firmin, der Aelteſte, hatte bei aller Heiterkeit einen beſon⸗ nenen Ernſt angenommen, gleich als mahnte ihn die guͤtige Natur, daß er einſt in Rath und That bei den juͤngeren Geſchwiſtern die — ———— Stelle des Vaters vertreten ſollte; und wirk⸗ lich war er, noch im Aufwachſen, ſchon der Vertraute der ganzen Familie geworden, in deſſen beguͤtigendes Gemuͤth ſie ihre kleinen Sorgen und noch kleinern Mißhelligkeiten niederlegten. Olivier, der zweite Bruder, legte einen mehr hochfahrenden, leidenſchaftli⸗ chen Sinn an den Tag; aber wenn auch dieſes ihn mitunter verleitete, in der ſchnelle⸗ ren Stroͤmung des heiſſen Blutes ſich uͤber die Geſchwiſter oder Nachbarn in Gedanken und Betragen zu erheben, ſo erwachte im nuͤchſten beſonnenen Augenblick doch gern eine ſtille Reue in ſeinem Herzen, und gleich weit von Stolz und Demuth ſuchte er dann dieſe durch eine in die Augen fallende Zuvorkom⸗ menheit und durch Wohlwollen zu äuſſern. Jean, der juͤngſte Bruder, war der Liebling Aller. Seine ſanfte Nachgiebigkeit wuͤrde ſei⸗ ner erſten Jugend etwas Maͤdchenhaftes ver⸗ liehen haben, wenn nicht zu gleicher Zrit ſein heiterer, faſt tollkuͤhner Muth, der doch erſt durch eine aͤuſſere Veranlaſſung geſpornt wer⸗ den mußte, dieſen Eindruck wieder verwiſcht haͤtte. Obgleich heftig, wußte er ſich doch ſchnell zu beſinnen; und ſo wie der aͤlteſte Bruder mit ruhiger Klugheit kleine drohende Verhaͤltniſſe allmaͤhlig zum Guten zu leiten wußte, ſo vermochte der Zauber ſeines ſanf⸗ ten Blickes alle Mißverſtaͤndniſſe, wenigſtens fuͤr den Augenblick, zu beguͤtigen. Bemerkte er ſelbſt unter Fremden, wie eine ſchnelle Zorngluth ihre Zuͤge verdunkelte, ſo draͤngte es ihn, zwiſchen ſie zu treten, und nicht ſelten wurden ſein kuͤhner, obgleich naſſer Blick, ſei⸗ ne ſchmeichelnden Liebkoſungen eine Bruͤcke, woruͤber ſie ſich freundlich die Haͤnde reichten. Daher wurde er auch auſſer dem Hauſe ſcherzweiſe Saint Jean genannt. Der Vater Gonard war ein vermoͤgender Mann, ja in dieſer genuͤgſamen Gegend konnte er wohl fuͤr reich gelten. Er war in Cerdrons von feinbuͤrgerlichen, aber armen Eltern geboren, war fruͤh zur Waiſe gewor⸗ — den, und mußte in einem noch zarten Alter ſein Gluͤck in weiter Ferne ſuchen. Seine Unbefangenheit und Rechtlichkeit erwarben ihm Goͤnner. Sein Verhaͤngniß fuͤhrte ihn in die Vendee. Hier erhaſchte er das fruͤh ent⸗ flohene Gluck wieder. Ein dort einheimiſches, nicht ganz unbemitteltes Maͤdchen, Waiſe, wie er, gab ihm ihre Hand. Seine Han⸗ delsſpekulationen gelangen. Innere und aͤuſ⸗ ſere Gluͤcksgaben: Kinder und Vermoͤgen, wurden ihm zu Theil. Da zog das drohende Gewitter uͤber dieſe ungluͤckliche Provinz auf. Sey es nun Ahnung,»Feigheit, erwaͤgender Scharfſinn oder— Gluͤck, genug, er ver kaufte noch eben zu rechter Zeit ſeine dortigen Beſitzungen und Handelsguͤter, und eilte mit Frau und Kindern in die geliebte Heimath ſeiner erſten Jugend zuruͤck, die immer, wenn truͤbe Wolken ſeinen Sommerhimmel bedeckten, als ein heller Abendſtern vor ſeiner Phantaſie aufgegangen war, und hier fand er auch die Ruhe, die geſchaͤftige Muße, das Gluͤck, das er ſuchte. Das letztere blieb ihm in einer ziemlich langen Reihe von Jahren getren; aber ſo wie ein Nachtwandler, der in Zuckungen erwacht, wenn ſein Name laut gerufen wird, ſchien es erſt ein verraͤtheriſches Laͤcheln anzunehmen, als man begann, die Familie die gluͤckliche zu nennen. Dieſe Benennung hatte ſie wahrſcheinlich der vor⸗ lauten Freundſchaft des Herrn d' Ayot zu ver⸗ danken. Dieſer, ein Edelmann, der trotz groſſer, Sinn⸗ und Geiſt zerruͤttender Unglucksfaͤlle nicht ausgewandert war, hatte mit ſeinen Güͤtern und mit ſeinem Vermoͤgen doch nicht alle Freunde verloren. Einem von dieſen, der damals viel bei der anerkannten Regie⸗ rung galt, und der des Herrn d' Ayot Faͤhig⸗ keiten, Ungluͤck und Geſinnungen kannte, war es gelungen, deſſen herannahendem Alter einen Hafen der Ruhe, mit ſtiller Thaͤtigkeit verbunden, in Cerdrons zu verſchaffen. Er wurde, als der Code Napoleon wieder Ord⸗ — nung und Ruhe begruͤndet hatte, zum Rich⸗ ter dieſer und mehrerer Communen ernannt, und hatte ſeinen Sitz in dieſem Flecken. Er war ein ernſter, beinahe finſterer Mann von der ſtrengſten Rechtlichkeit. Das Leben hatte hart mit ihm verfahren; dies ſprach aus ſeinen duͤſtern Zuͤgen, aus dem ſchwermuͤthigen Menſchenhaß, den er in muͤſ⸗ ſigen Stunden in allen ſeinen Anſichten, nur nicht mit ausdruͤcklichen Worten, ausſprach. Man wollte wiſſen, daß er die Gattin, ſeine naͤchſten Verwandten, ja ſogar einen Sohn durch die Guillotine verloren hatte. Selbſt erwaͤhnte er ſeiner Vergangenheit nie; dieſe ſchien indeſſen eben ſein Gemuͤth verhaͤrtet zu haben. Er war in Cerdrons nicht beliebt; doch wußte man nichts eigentlich Boͤſes und gar nichts Unrechtes von ihm. Auch hatte die eiſerne Strenge, die unter den buſchigen Augenbraunen, aus den ſtieren Blicken hervor⸗ leuchtete, unter dieſen gutmuͤthigen und guten Leuten noch keinen Gegenſtand getroffen, der ſie reizen konnte, mit der Wage des Geſetzes hart und ſchonungslos hervorzutreten. Was indeſſen ſeine Umgebung am meiſten ab⸗ ſchreckte, war ein Charakterzug, dem doch wahrſcheinlich eine Reihe bitterer Erfahrungen dies Gepräge aufgedruͤckt hatte: er glaubte, wie es ſchien, an ein boͤſes Princip im Innern des Menſchen, ſuchte jede anſcheinend gute That aus verborgener Selbſtſucht herzuleiten, nannte jede Schwaͤche ein Laſter, und bei ei⸗ nem zweideutigen Ereigniſſe konnte man ge⸗ wiß ſeyn, daß er es immer am ſchlimmſten deuten wuͤrde. Ja ein alter Hausgenoſſe, den er mit ſich in dieſe Gegend gebracht, und der mehr aus langer Gewohnheit als herzlichem Wohlwollen an ihm hing, wollte ſogar behaupten, daß er, ſo lange er ihn ge⸗ kannt, nur Einem lebendigen Geſchoͤpfe Nach⸗ ſicht erwieſen, allein dieſem auch in einem uͤbermaͤſſigen Grade, nehmlich ſeinem einzigen Sohne. Dieſer war in den nicht wenigen Jahren, die der Vater ſchon in Cerdrons gewohnt, noch nicht da erſchienen. Man wollte wiſ⸗ ſen, daß dieſer junge Mann einige Zeit ſich in mehrern Faͤchern herumgetrieben, dann allen den Ruͤcken gekehrt habe, nun in Lyon in groſſen Zerſtreuungen lebte, und dort, weil der Vater ihm durchaus nichts abſchlagen konnte, den letzten Reſt des vaͤterlichen Ver⸗ moͤgens verſchwendete. Der blutige Verluſt der uͤbrigen Familie hatte die ganze Zaͤrtlich⸗ keit ſeines ſonſt unzugaͤnglichen Herzens auf den einzigen Sohn, und zwar in einem Uebermaß concentrirt, das dieſem zum Ver⸗ derben geworden war. Richt ſowohl Amtsgeſchaͤfte, als ſolche Zurechtweiſungen und verſtaͤndige Aufklärun⸗ gen in Bezug auf die inneren Verhaͤltniſſe der Gemeinde, deren geſetzliche Sicherheit ihm anvertraut war, Aufklaͤrungen, deren ein Fremder bei dem Antritt eines neuen Wirkungskreiſes immer bedarf, hatten ihn — allmaͤhlig in Gonards Hauſe einheimiſch ge⸗ macht, in deſſen Beſitzer er einen verſtaͤndi⸗ gen und fuͤr dieſe Gegenden ſelten aufgeklaͤr⸗ ten Mann erkannte, bei dem er ſogar einen unerwarteten, und mehr als er es ſich ſelbſt geſtehen wollte, anziehenden Beruͤhrungs⸗ vunkt gefunden: Beide hatten ihre ſchoͤnſte Jugend in der Vendee verlebt, und obgleich ſie ſich nicht fruͤher gekannt, trafen doch ihrs Erinnerungen und Empfindungen aus jener Zeit oft auf eine ergreifende Weiſe zuſammen. Dieſe, ja noch mehr, die ganze Familie des neuen Freundes, zauberten die laͤngſt vergeſ⸗ ſenen Traume der eigenen Jugend vor ſeine Phantaſie zuruͤck, indem ſie ihm das noch Vorhandenſeyn einer Reinheit und einer Un⸗ ſchuld zeigten, die er in ſeinen menſchenfeind⸗ lichen Vorſtellungen aus dem franzoͤſiſchen Boden ſchon laͤngſt ausgerottet waͤhnte. Wirklich loſte ſich in dieſem ſtillen haͤus⸗ lichen Kreiſe ſich ſelbſt unbewußter Tugenden die harte Rinde ſeines Gemuͤths in ſofern ab, daß er ſelbſt, wenn auch nicht heiterer, doch wenigſtens geſelliger wurde, und immer oͤfterer den Abend in dieſem Hauſe, zwar einſilbig und oft ſcheinbar untheilnehmend, zubrachte, allein man merkte es ihm doch an, daß er ſich gern dort befand. Die ganze Familie, wovon der juͤngere Theil mit der Welt ganz unbekannt war, ſah in dem duͤ⸗ ſtern, wegen ſeiner Strenge verſchrieenen Manne weniger den vom Schickſal Verhaͤrteten, als den ungluͤcklich Leidenden. Dies Gefuͤhl gab ihrem gewoͤhnlichen Wohlwollen eine lie⸗ bevolle Zartheit, eine Innigkeit, die ihn all⸗ maͤhlig immer geſpraͤchiger machte; und ſo ward er, ohne es ſelbſt zu merken, der Leh⸗ rer des juͤngern Theils der Familie in einer Weltweisheit, wozu dieſer, wie wohlgemeint ſeine Reden auch ſeyn mochten, doch un⸗ glaͤubig den Kopf ſchuͤttelte. Indeſſen konnte im Ganzen der wohlthaͤ⸗ tige Einfluß dieſes neuen Umgangs auf ſein Gemuͤth ihm ſelbſt nicht unbemerkt bleiben, und nun machte ſich ſeine Dankbarkeit immer mehr und mehr zum Lobredner dieſer Familie, die er bei jeder Gelegenheit zum Muſter und Beiſpiel eines ſeltenen haͤuslichen Gluͤcks auf⸗ ſtellte. n Vor allen war die Tochter ſein Liebling. Obgleich ein Altadelicher, ders freilich eine weit haͤrtere Schule, als ſeine ausgewanderten Standesgenoſſen, durchgegangen war, ſchlich ſich, erſt als Traum, ſpäter als leiſer Wunſch, die Vorſtellung in ſeine Seele, daß der Sohn bei dem Anblicke des reinen, ein— fachen Sinnes der lieblichen Arſene ſo tief er⸗ griſſen werden moͤchte, daß er die Hede und Leere ſeiner verſcherzten Jugend erkennete. Konnte er ſelbſt eine lieblichere Tochter, beſ⸗ ſere Verwandte ſich wuͤnſchen, als dieſe Menſchen, die ihn faſt auf's Nene, wenn„ auch nicht mit den Menſchen, doch mit dem 3 Leben verſoͤhnt hatten? Da nun zu derſelben Zeit ein Korreſpondent in Lyon bedenkliche Aeuſſerungen uͤber den Geſundheitszuſtand des —— ————— — 17— Sohnes und den zweideutigen Kreis, mit dem er Umgang hielt, hingeworfen hatte, ſo fand der Vater in der erſten Nachricht einen guͤltigen Vorwand, um Saint Marc auf ei⸗ nige Zeit in das vaͤterliche Haus zu locken, und ihm vorzuſtellen, wie er erſt hier den Werth des Lebens kennen lernen, und wie es den Vater gluͤcklich machen wuͤrde, wenn der Sohn Sinn dafuͤr beſaͤſſe. Aber ehe dieſer eintraf, wurde plötzlich der Vater Gonard krank. Die liebevollſte Pflege begleitete ihn auf ſein Lager, von demn er nicht wieder auſſtehen ſollte. Nach mehre⸗ ren ſehr gewaltſamen Paroxismen befand er ſich endlich in einem matten, ſchmerzloſen Zuſtande, deſſen Gefahr er allein erkannte. Die Heiterkeit der Kinder kehrte allmählig zuruͤck; nur die Mutter weinte ſtill. Der Vater ſchien zufrieden. Der Richter d' Ayot, der ſich in dieſen Tagen der Truͤbſal als einen bewaͤhrten, theilnehmenden Freund bewieſen, brachte jede 0 — — Stunde, die er ſeinen Geſchaͤften abmuͤſſigen konnte, an dem Lager des Kranken zu. Ihm noch weniger als den Kindern wollte die verdoppelte Thaͤtigkeit, welche die Seele des Freundes ſichtbar beſchaͤftigte, behagen. Plotzlich, nachdem dieſer eine geheime Unter⸗ redung mit der Gattin gehabt, ließ er auf einmal alle ſeine Kinder und auch den Rich⸗ ter zu ſich berufen, um in dem Kreiſe ſeiner Lieben das heilige Abendmahl als Weihe zu einer langen Trennung zu genieſſen. Als der Prieſter ſich nun mit dem Aller⸗ heiligſten wieder entfernt hatte, und der letzte Ton der ſilbernen Glocke in der Ferne ver⸗ hallt war, aͤuſſerte der Vater den Wunſch, ſeine Familie allein um ſich verſammelt zu ſehen. Die uͤbrigen Hausgenoſſen verlieſſen ſogleich das Zimmer. Die Thuͤre wurde ver⸗ ſchloſſen. D' Ayot allein war bei der Fami⸗ lie zuruͤck gehlieben. Er ſaß noch unbeweglich in demſelben Winkel, wo er ſich niedergelaſ⸗ ſen hatte, in tiefe Betrachtungen verſenkt, —— die Blicke faſt ſtarr auf den entſagenden Freund gerichtet. Hatte er den Wunſch des Kranken nicht vernommen? oder waͤhnte er, daß ſeine warme Freundſchaft ihm das Recht gebe, ſich unter die Familie zu rechnen? Mutter und Kinder ſahen ihn unruhig und ungeduldig, der Vater feſt und ſinnend an. „D' Ayot« ſagte dieſer endlich, verwa⸗ chen Sie aus Ihren Traͤumen, und hoͤren Sie zu. Es betrifft ein tiefes Geheimniß, das ich nur mit meiner Familie zu theilen gedacht, weil mein Gewiſſen mir nicht ge⸗ ſtattet, es ganz allein fuͤr mich zu behalten. Der Menſch darf kein Geheimniß, deſſen Folgen uͤber ſein Daſeyn hinausreichen, mit ins Grab nehmen. Ich glaubte keiner frem⸗ den Zeugen zu dem zu beduͤrfen, was ent⸗ weder offenbar, oder als ein tiefes, ewiges Geheimniß in Euren Buſen verſchloſſen wer⸗ den ſoll. Vielleicht aber iſt die Gegenwart des Freundes ein hoͤherer Wink, damit auch das Verborgene das Zeugniß eines bewaͤhrten 2* zu. Mannes und Rechtsgelehrten weder entbehren ſolle noch ſcheuen duͤrfe. Haben Sie mich verſtanden 26 D' Ayot, der bei den erſten Worten aus ſeinen Betrachtungen emporgeriſſen wor⸗ den, nickte ihm mit ſichtbarem Erſtaunen „Meine Kinder le hub der Kranke wieder an, vin dem Augenblicke, wo ich fuͤhle, daß mir eine Reiſe bevorſteht, die nur die Tren⸗ nung von Euch Allen mir ſchmerzlich macht, habe ich noch eine ſuſſe Genugthuung nothig. Sagt mir, bin ich Euch Allen ein gleich lie⸗ bevoller Vater geweſen? habe ich keinen Un⸗ terſchied unter Euch gemacht 24 Nein! nein lk riefen ſie Alle. vUnd liebt Ihr Euch unter einander,« fuhr er fort, Fmit einer vollig gleichen Em⸗ pfindung, ſo wie ich Euch liebe?« „Ja! jalk ſchluchzten die Kinder, und reichten einander die Haͤnde; nur Jean ſtot⸗ terte kaum hörbar:„Rein! nicht ganz.« — Die Uebrigen ſahen ihn verwundert an, und dem Vater entſchluͤpfte ein leiſes: vWie 74 „Ich darf es nicht verhehlen,« verſetzte er, ohne aufzuſehen, vich muß ja wahr ſeyn; und ſo bekenne ich, daß ich die Schwe⸗ ſter Arſene noch mehr als die Bruͤder liebe.« Der Vater ſah ihn mit einem milden, feſten Blick an. „Nun, ſie iſt ja auch unſere einzige Schweſter,« laͤchelte Firmin, ihr die Hand reichend, vund der Augapfel der Eltern; ei⸗ nen kleinen Vorzug geben wir ihr wohl Alle, und duͤrfen es frei bekennen. Auch darin denken wir gleich.« vUnd gleich nahe ſteht Ihr Alle meinem Herzen,« nahm der Vater das Wort;„Ihr ſeyd Alle daran groß gezogen. Dennoch iſt eines von Euch nicht mein und meiner Gat⸗ tin Kind; aber Ihr waret mir ſchon Alle gleich theuer, als mir die Entdeckung ward, daß mein eigenes, todtes Kind mit einer — lebenden Waiſe vertauſcht worden ſey. Meine Liebe aber blieb unveraͤndert; der ar⸗ me Elternloſe ward mir vielmehr noch theu⸗ rer. Seyd Ihr es zufrieden, Eure Rechte mit dem fremden Kinde zu theilen? Wollt Ihr es aus dem Kreiſe der Geſchwiſter ver⸗ ſtoſſen? Soll ich es nennen? oder fuͤhlt Je⸗ mand von Euch ſich nicht mein— und will es nicht bleiben 24 2 Nein! nein la rief der ſiitne Kreis, vwir ſind Alle Seine Kinder, Alle— ſier& „Nenne ihh— Firmin nſch hinzu. »So habe ich es eatet, ſo ſey es,« ſprach der Vater, mit einem ruhiger laͤchelnden Blick gen Himmel. vIhr wollt es, ſo darf ich es auch wollen.« Er warf einen feſten Blick auf den Richter, der, mit Thraͤnen in den Blicken vor ſich pin ſtarrend, unbeweglich blieb.„Das Geheimniß«— fuhr er fort— viſt dann nicht mehr; ich —— nehme es mit ins Grab, obgleich es noch auſſer demſelben in eben ſo ſicherem Gewahr⸗ ſam, in dem Herzen Eurer guten Mutter, ruht; denn wir haben Beide das Sakrament darauf genommen, nur Einen Willen dar⸗ uͤber zu haben. Mit meinen Lippen verſtum⸗ men in dieſer Ruͤckſicht auch die ihrigen; nur eine Stunde der hoͤchſten Noth, ein drohendes Gebot, das ich mir nicht vorſtellen kann, darf dieſe Verpflichtung loſen. So kommt denn, meine F Alle an meine Bruſt Alle umfabten ihn mit 6 liebenden Herzen. „Gluͤckliche Menſchen, ſelbſt unter dem Fluͤgelſchlage des Todes l« ſeufzte der Richter, indem er ſich erhob. 20 wäͤre mein Sohn wie Ihr „Der Sohn des beſten Shes des Va⸗ ters— unſeres Freundes, iſt ja auch unſer Bruder,« ſagte Firmin herzlich, ihm die Hand reichend. »Gott gebe es j« flſterte d' Ayot, und umarmte ihn feſt; dann trat er zu dem Kranken hin, druckte ihm mit lebhafter Ruͤh⸗ rung die Hand, und verließ in groſſer Bewe⸗ gung das Zimmer. Um Mitternacht war bereits Vater Go⸗ nard in einem ruhigen Schlummer verſchie⸗ den. n Der Kummer der Familie war innig, herzlich, aber nicht uͤbermaͤſſig; denn ſie hat⸗ ten fruͤh gelernt, den Tod nicht als ein Un⸗ gluͤck zu betrachten. Auch ging in ihrer Le⸗ bensweiſe keine beſondere Veraͤnderung vor. Firmin war, als verſtuͤnde es ſich von ſelbſt, der Stellvertreter des Vaters geworden; nur koſtete es ihn, ſo wie die Uebrigen, die ihre gewoͤhnlichen Berufsgeſchäfte fortfetzten, an⸗ fangs Muͤhe, ſich an die entſtandene Lucke ihres haͤuslichen Kreiſes zu gewohnen. Sie draͤngten ſich wo moͤglich noch herʒlichet an einander. um dieſe Zeit erſt kam Saint Marc an⸗ Mit aufwallender Vaterfreude eilte der Rich⸗ ter dem Ankommenden entgegen, trat aber nicht wenig verletzt zuruͤck, als dieſer in Mi⸗ litäruniform vor ihm ſtand. Der Sohn in⸗ deſſen, ein recht angenehmer, junger Mann von Firmins Jahren, in deſſen hoͤchſt beweg⸗ lichen Zuͤgen leiſe Abdruͤcke eines ungeregelten Lebens und feiner Weltſitte, einſchmeichelnder Anmuth, koͤrperlicher Schwaͤche und ungebro⸗ chenen Jugendmuthes mit einander wechſelten, wußte ihm ſoviel von innerem Triebe und aͤuſſeren Verhaͤltniſſen vorzuplaudern, daß der, wie wir gehoͤrt haben, gegen ihn nur zu nachſichtige Vater doch bald beſaͤnftigt wurde. Es war in dem kurzen Zeitraume, wo eine ſchwuͤle Windſtille Europa mit einem Frieden zu begluͤcken ſchmeichelte, an deſſen Dauer leider Niemand glaubte; und da ſein ziemlich entferntes Regiment noch keiner ei⸗ gentlichen Beſtimmung vorbehalten war, hatte der junge Mann Urlaub erhalten, bei dem —— Vater verweilen zu— bis den wuͤrde. 3uu ſun Bei tieferer— war es dem Peten d' Ayot nicht unwillkoinmen, den Sohn und deſſen Freiheit in engeren Banden„als denen des väterlichen Einfluſſes zu wiſſen, die ſich bisher eben nicht ſehr maͤchtig erwieſen. Ja, er hoffte ſogar, daß dieſes neue Verhaͤltniß, im Bunde mit ſeinem Lieblingswunſche, Ar⸗ ſenen betreffend, faͤhig ſeyn wuͤrde, dem jungen Manne die innere Haltung zu verlei⸗ hen, an der es ihm ſo ſehr gebrach. Indeſ⸗ ſen durch dies Verfahren des Sohnes noch immer verletzt, und von Vielem in ſeinem Betragen unangenehm beruͤhrt, war aufs Nene etwas Schroffes in ſein dazu nur allzu geneigtes Weſen gekommen, dem es vielleicht zugeſchritben werden kann, daß ſein erſter Beſuch mit dem Sohne bei der ihm ſo cheuren Familie keineswegs zu ſeiner Zufrie⸗ denheit ausſiel. Er wurde einſilbiger, je be⸗ redtet der Sohn ſich zeigte, und ſchien ſeinen — 27— dort gewoͤhnlich heimiſchen Ton gar nicht ſin⸗ den zu koͤnnen. Arſene war zufaͤllig nicht gegenwaͤrtig, und es wollte, wie es oft zu geſchehen pflegt, ihm nicht gelingen, die Fa⸗ milie in das Licht zu ſtellen, in welchem ſei⸗ ne Vorliebe fuͤr ſie ihn wuͤnſchen ließ, daß der Sohn ſie ſehen moͤchte. Saint Marc fand an den drei Bruͤdern, von welchen er ſowohl ſchriftlich als muͤndlich ſo viel Lobenswerthes hatte hoͤren muͤſſen, nur ganz gewoͤhnliche Menſchen; und nicht anders erſchienen ſie auch wirklich dem ge⸗ woͤhnlichen Auge. Das ſtille, ſich ſelbſt unbe⸗ wußte Verdienſt, das mehr in innerer Be⸗ freiung von den gangbaren Untugenden der Welt, als in glaͤnzenden Vorzugen beſteht, bleibt dem Blicke des bloſſen Weltmannes verſchloſſen. Dagegen fuͤhlte ſich Saint Marc von einem jungen Manne, Namens Ledroux, der ſich zufaͤllig da befand, und ihm mit einer Art ſtaͤdtiſcher Huldigung entgegen kam, die ihm mehr als die herzliche Geradheit — der Bruͤder— weit mehr angezo⸗ gen. Dieſer junge— war ein Freund des Hauſes und ein treuer Genoſſe Oliviers, mit dem er ſonderbar genng in Geſtalt und Hal⸗ tung, ja ſogar in den Geſichtszuͤgen eine mehr als fluͤchtige Aehnlichkeit hatte, welche ihm wahrſcheinlich bei dem uͤbrigen Theil der Familie beſonders das Wort ſprach, indem ſeine nnerſchoͤpfliche drollige Heiterkeit, die ganz nach Oliviers Sinn war, den Andern weniger zuſagte, weil ſie zuweilen, wenn es darauf ankam, ſich durch irgend eine Poſſenreiſſerei geltend zu machen, von einem ruckſichtsloſen Leichtſinn begleitet wurde, den er freilich nachher immer tief bereuete,— ihn doch ablegen zu koͤnnen. Als nun der Vater, nachdem ſie e nach Hauſe zuruͤckgekehrt waren, den Sohn ſragte: wie ihm dieſe vortrefflichen Leute ge⸗ ſielen? entgegnete Saint Marc: Ei nun, auf Ihre gute Meinung, mein Vater, mich beziehend: kecht gut; ich fuͤr meinen Theil habe nur recht manierliche Bauern an ihnen gefunden.« „Bauern 7½ wiederholte d' Ayot heſtig. „Bauern? O ja, auch das, wenn Du willſt, in ſo fern ſie Landbeſitzer ſind; und haͤtte ich nicht ſchon vorher dieſen Stand geachtet, ſie wuͤrden es mich gelehrt haben: allein ſie ſind mehr— ſie ſind, was man nur zu oft in den hoͤchſten Stäͤnden nicht findet— ſie ſind Menſchen, wahre Menſchen, die dieſer Be⸗ nennung Ehre machen.« Und nun, in ſeinem ruckſichtsloſen Eifer, dem Sohne eine recht ehrenhafte Meinung von ihnen beizubringen, vertraute er dieſem, nachdem er ihm einen Schwur der Verſchwiegenheit abgenommen, den wahrhaft ruͤhrenden Auftritt am Sterbe⸗ lager des Vaters, der bereits vorgetragen iſt. Fuͤhlte auch der Oberrichter ſelbſt waͤhrend der Mittheilung, daß er ſich von dem Beſtre⸗ ben, das ſtille Verdienſt dieſer Familie recht anſchaulich zu machen, zu weit haͤtte hinreiſ⸗ ſen laſſen, ſo war er ſich doch zugleich bewußt, nichts durch dieſes Vertrauen gewagt zu ha⸗ ben. Zu den wenigen Tugenden des jungen Mannes gehoͤrte vorzuͤglich, freilich auf be⸗ rechnende Klugheit begruͤndet, die echt fran⸗ zoͤſiſche Bedentung des Wortes discrétion; und ein heilig gegebenes Verſprechen hatte er noch nie gebrochen. Auch fand der Vater in dieſer Ruͤckſicht nie Anlaß, vuleitge Ver⸗ trauen zu bereuen. MRenne mir«— ſchloß er ſeinen Bericht — Hein ſolches Beiſpiel geſchwiſterlicher Liebe in den hochſten Standen! denn in der That, unſere Freunde gehoͤren nicht zu den niedern, und lerne ſie achten. Dennoch fuͤhle ich ſelbſt recht gut« fuͤgte er hinzu,„daß es heute dem gaſtfreundlichen Hauſe an der Anmuth gebrach, deren Wiederſchein ſich ſonſt allemal darin mittheilt. Denn die Taube von Cer⸗ drons war nicht in ihrem Reſte.« — Die Schlangenklugheit iſt da auch recht intereſſant, mein Vater z4 laͤchelte St. Marc; »nun wir wollen hoffen, daß ihr diele nicht abgeht.« in 1153120 Mein 4 verſetzte der Richter— vvon Schlangenklugheit wiſſen die Leute nichts. Was ihre Seele M 5 Blick.« Nach Verlauf von wenigen Tagen anßn Saint Marc nicht allein dieſe Ausſage beſtaͤ⸗ tigen, ſondern es ſchien zugleich, daß die eigne Schlangenklugheit, worauf er ſich et⸗ was zu gute that, von der ſiegenden Wahr⸗ heit in dem Blicke der Taube von Cerdrons ſehr ſchnell uͤberliſtet worden war. Es iſt keine neue Erſcheinung, daß jene, die ſchoͤnſte Tugend der Seele, die alle andern in ſich faßt, mit anſprechender Anmuth vereint, der nicht ganz entarteten Bruſt, die ihr nahet, ſtatt ſie mit dem verhoͤhnenden Trotz des eige⸗ nen Unwerthes zu fuͤllen, ein neues Ver⸗ trauen zu ſich ſelbſt einſloͤßt, ein begeiſtertes — 3— Beſtreben, die Hoͤhe wiederzugewinnen, von der ſie ſich nun erſt hinabgeſunken fuͤhlt; und oft gelingt es dann einer ticbeyollen Hand, einem treuen Herzen, in ſchoͤner Neigung die⸗ ſen muthigen Entſchluß ans Ziel zu leiten. Saint Marc, tief im Innern alles erkannt Schlechte verabſcheuend, war bisher nur von der nicht bekaͤmpften Gewalt maͤchtiger Lei⸗ denſchaften hingeriſſen worden, und nur die maͤchtigſte von allen; die noch nicht ihren Einfluß auf die Seele geltend gemacht, weil ſie fruͤher nichts weiter, als ſeine Sinne und ſeine Phantaſie gefeſſelt hatte, vermochte ihn von der Herrſchaft der uͤbrigen zu befreien. Dies ſtand, zwar nicht deutlich, aber tief empfunden vor ſeiner Seele, als Arſenens Blick ihn ergriff. Zwar erkannte er nicht, das etwas eigentlich Schlechtes lange in ſei⸗ ner Bruſt gehauſet hatte, aber doch, daß dieſe ſich zu etwas Groͤſſerem und Beſſerem erweitern koͤnnte, wenn ſie ihm huͤlfreich die Hand reichen wuͤrde. Sie erſchien ihm, wie — 33— dem Vater ſchon laͤngſt, als ein rettender Engel aus einer unheimlichen Verwitrung, der ſeinem ganzen Daſeyn eine andere Rich⸗ tung geben, und ihn von einem Uebel be⸗* freien könnte, das er zwar nicht durchſchaue⸗ te, aber doch fuͤhlen konnte, wie es ihn— bereits wie vom Herzen abgefallen, aber noch an ſeinen Ferſen haͤngend— an einem hoͤhe⸗ ren Aufſchwunge verhinderte. Wollte Arſene ihm aber auch ein ſolcher Engel ſeyn? Was ſie betraf, hatte der Va⸗ ter ihm nicht zuviel geſagt. Dieſe einfache, ſpiegeltrene Wahrheit ihres ganzen Weſens, ſo himmelweit verſchieden von Allem, was fruͤher bei dem Weibe angezogen hatte, und von deren allbezwingender Gewalt er nicht die geringſte Ahnung gehabt, nicht aber das Lob des Vaters war es, was ihn unwider⸗ ſtehlich in einen Zauberkreis bannte, von⸗ dem die Meiſterin ſelbſt am allerwenigſten träͤumte. Nun wurde auf einmal Alles in⸗ nerhalb dieſer Waͤnde ihm recht. Ihre Bruͤ⸗ 3 der ſchienen ihm angeborne Freunde. Ihre Mutter war die ſeinige, und ſelbſt der Haus⸗ freund Ledroux wurde ihm täglich ein immer theurerer Genoſſe. Dennoch ſchuͤttelte er igich immer be⸗ denklicher den Kopf. Arſene kam ihm zwar ſtets freundlich wohlwollend entgegen; ſie lachte uͤber ſeine Scherze, hoͤrte ihm auf⸗ merkſam zu, ſchien ihm, wenn er mit Feuer ſprach, die Worte von den Lippen aufgreifen zu wollen; aber ſo wie gegen ihn war ſie gegen Alle. Mitten im Geſpraͤche konnte ſie ihn verlaſſen, um dem heimgekehrten Firmin einen Erfriſchungstrank zu beſorgen. Ihr Blick ſchwebte von ihm unſtaͤt auf Olivier hinuͤber, wenn dieſer, jugendlich ſturmiſch, wie er war, zuweilen leidenſchaftlich erregt nach Hauſe kam, oder bei ſeinem Anblick in ihrer Naͤhe einen leiſen Anſtrich von Unmuth aͤuſſerte. Aber trat nun erſt der blonde, maͤdchenhafte, ſchmaͤchtige Jean ein, dann war an kein Halten oder Bleiben mehr zu denken. Der ſanfte Strahl ſeines ſchwermuͤ⸗ thigen Blickes zog wie ein Magnetſtein ihre Gedanken, ſie ſelbſt unwiderſtehlich zu ihm hin. Sie hatten ſich immer ſo viel zu ſagen, zu vertrauen, unaufhoͤrlich mit einander zu plaudern. Von dem Augenblicke an, wo dieſer zugegen war, ſchien ſie ihn ganz, ja ſelbſt die uͤbrigen Bruͤder zu vergeſſen. Es duͤnkte ihn, als koͤnne er in Oliviers Blick K Vorwurf leſen. Wirklich hatte auch Saint Marc's Be⸗ kanntſchaft und Verkehr in dem Hanſe, ſo wie ſeine lebhafte Bewerbung um Arſenens Gunſt, bisher ſchlummernde Gefuͤhle, neue Vorſtellungen in der Seele faſt aller Geſchwi⸗ ſter erregt. Arſene hatte von der Stunde an, wo ſie nicht ohne Schrecken empfand, daß der neue Freund eine Reigung fuͤr ſie hegte, deren befreindender Heftigkeit ſie nicht entſpre⸗ chen konnte, einen dunklen, argwoͤhniſchen Strahl aus Olivier's Feueraugen hervorbre⸗ chen geſehen; ja ſelbſt dem ſonſt gleichmuͤ⸗ 3* 6 thigen Firmin hatte ſie einen ungewoͤhnlichen Ernſt angemerkt. Dies, aber vor allem die immer truͤberen, faſt thranenvollen Blicke, die, wenn die ihrigen ihnen fragend begegne⸗ ten, Jean niederſchlug, ſeine ſonderbare Un⸗ ruhe, hatte eine aͤhnliche in ihrem Innern um ſo mehr erregt, als dieſes auch von einem kleinen Geheimniß beunruhigt war. Ihre junge Phantaſſe hatte ſchon weit fruͤher mit maͤdchenhafter Unbefangenheit hin und wieder in der Stille Bemerkungen gemacht. Jean war der einzige Blondkopf von allen Geſchwi⸗ ſtern, und den Uebrigen gar nicht aͤhnlich. Dieſe Unaͤhnlichkeit wurde ihr täglich auffal⸗ lender; ein leiſer Zweifel bewegte ſich in ih⸗ rem Herzen, ob nicht er das n umge⸗ tauſchte Kind ſey. Mag es auch ſeyn 4 meinte ſie, ver ſoll doch nie eine Schweſter in mir vermiſſen. Wie auch der dumme Gedanke mir gekom⸗ men iſt? um ſo mehr muß ich mich durch verdoppelte Sorgfalt bemuͤhen, daß er dieſen — haßlichen Argwohn nicht errathe« Und ſeit Saint Marc's fleiſſigen Beſuchen ſchien ſie die Sorgfalt fuͤr alle Bruͤder zu verdoppeln. „Er iſt ein recht huͤbſcher Mann, und gut mag er wohl auch ſeyn,« ſagte ſie dann zu ſich ſelbſt, vaber die Bruͤder moͤgen ihn nicht, und ſo— nun, Firmins offener Blick geht ihm doch ab, Olivier's etwas rauhe Worte ſind mir doch lieber, als ſeine ſchoͤnen Re⸗ densarten, und daß er mir wirklich widerlich wird, wenn er den guten Saint Jean ſo barſch anſieht, kann ich nicht laͤugnen. Ach! wir Alle lebten vorher ſo gluͤcklich und trau⸗ lich zuſammen.« Ein aͤhnlicher Seufzer entſtieg der Bruſt der juͤngeren Bruͤder. Wir koͤnnen freilich nicht ſagen, ob auch ihre Phantaſie, von einem geheimnißvollen Triebe geleitet, den wir doch nicht Reugierde nennen wollen, an ein Geheimniß ſich gewagt, das eben durch ſein Daſeyn geeignet ſchien, das Band lok⸗ kerer zu machen, das es feſter zu knuͤpfen be⸗ ſtimmt war; nur wiſſen wir, daß bei Jean der Gedanke, auf den er unter dem fruͤheren freudigen Znſammenleben nie gekommen war, daß die Schweſter, an deren Leben, wie die befuͤrchtete Gefahr ihn belehrte, das ſeinige durch alle Faſern des Herzens gebunden war, dem vaͤterlichen Hauſe und ſeiner Naͤhe entzo⸗ gen werden koͤnne, ſeine Seele mit einem muthloſen Schmerz erfuͤllte, den ſeine Ver⸗ nunft vergeblich zu bekaͤmpfen ſuchte; waͤh⸗ rend in Olivier's Herzen der Unmuth laut waͤrd, ein unſchaͤtzbares Kleinod, zu deſſen Huͤter er von Natur beſtellt ſchien, Jeman⸗ den hingeben zu muͤſſen, der keinen ſo hellen Blick fuͤr deſſen Werth, als er ſelbſt, beſaß, und dieſen traute er dem Saint Marc nicht zu. Der lebensluſtige Olivier hatte eine rich⸗ tigere Anſicht von den Angelegenheiten der groͤſſeren Welt, als die uͤbrige Familie, und durch Ledroux, der oft in Geſchaͤften Reiſen nach Lyon machte, waren ihm Geruͤchte zu Ohren gekommen, denen er nun erſt Auf⸗ merkſamkeit widmete, da es das Wohl eines geliebten Weſens betraf. Nur dem aͤlteſten Bruder vertraute er ſeine Beſorgniſſe, waͤh⸗ rend die Schaͤrfe und der Unmuth ſeines pruͤ⸗ fenden Blickes ſchweigend, aber verletzend den unwillkommenen Bewerber traf. Ohne Muͤhe hatte Saint Marc gehofft, wie ein zweiter Caͤſar das Herz des unerfahr⸗ nen Maͤdchens zu gewinnen; und nun ſah er ſich von zwei Waͤchtern umgeben, wovon der Eine mit eiferſuͤchtigen Augen jede An⸗ naͤherung von ſeiner Seite ängſtlich zu ver⸗ wehren ſchien, waͤhrend der andere ihn mit Feuerblicken zum Kampfe aufforderte, und ihm ſo Hinderniſſe entgegenſtellte, die ſeine Leidenſchaft beunruhigten und ſteigerten. Wie oft bebten ſuͤſſe Liebesworte auf ſeinen Lippen, allein ſie verſtummten immer wieder aus Furcht vor einer Zuruͤckweiſung, vor der ſowohl ſein Stolz als ſeine Leidenſchaft zit⸗ terte; denn er empfand, daß ſie ihn um ſeine Sinne bringen wuͤrde. Einmal, in ei⸗ nem Anfalle von Eiferſucht, konnte er nicht umhin, Arſenen vorzuwerfen, daß ſie einem Knaben, der ſogar ihr Bruder war, den Vorzug vor ihm gaͤbe. »Kann ich denn anders erwiederte ſie unſchuldig. NJean hat eimmal bei einer hochſt ergreifenden Veranlaſſung bekannt, daß er mich vor allen Geſchwiſtern liebe; und ich ſollte ihm nicht vor allen bn. ſeyn 74 Saint Mare erſchrack uͤber dieſe Antwort. Dieſe argloſe Unſchuld, der anſcheinend lei⸗ denſchaftlichen Eiferſucht der Bruͤder gegen⸗ ͤbergeſtellt, gab dieſer, bei dem Lichte ſeiner Anſichten und ſeiner Bekanntſchaft mit der Welt und ihrer Verworfenheit beſehen, einen gehaͤſſigen Anſtrich, von dem er ſich in einem kalten Augenblicke gewiß mit Abſcheu vor ſei⸗ nem Verdacht abgewendet haben wuͤrde, wenn nicht nun erſt das ihm von dem Vater an⸗ vertraute Geheimniß ſich als eine giftige Saat bewaͤhrt haͤtte, die ſein boͤſer Daͤmon, —— die vaͤterliche Schwaͤche benutzend, hohnla⸗ chend in ſeine Bruſt geworfen hatte und auf einmal aufkeimen ließ. Auch ſeine Phantaſie hielt ihm alle Moͤglichkeiten vor. Einer von Beiden, ja ſogar alle Beide waren vielleicht ihre Bruͤder nicht. Das ahneten dieſe viel⸗ leicht ſelbſt, und wagten, in ſolcher Ungewiß⸗ heit, ſie mit einer Leidenſchaft zu bedrohen, welcher ihr oͤffentliches Verhaͤltniß als Ge⸗ ſchwiſter einen nur zu freien Spielraum ver⸗ lieh; und ſie, die Arme, naͤhrte arglos eine ſo ſuͤndhafte Vermeſſenheit, die eine Beein⸗ traͤchtigung ſeiner erſten unſchuldigen, beſeli⸗ genden Liebe war, und dieſer wie ein chen gegenuͤberſtand. 115 Er knirſchte mit den Zaͤhnen; n als nun einmal der Vater, ungeduldig uͤber die Zoͤgerung des Sohnes, deſſen Liebe er mit Frende ſich entfalten geſehen hatte, ihm jene als einen ihm unbegreiflichen Mangel an Zu⸗ trauen zu ſich ſelbſt verwies, gab Saint Marc, es ſey nun aus Unmuth oder Berech⸗ * — nung, mit der ganzen Bitterkeit ſeines Her⸗ zens ihm zu verſtehen, daß jenes unſelige Geheimniß ſeinen Wuͤnſchen in den Weg ge⸗ treten ſey, weil es Gefuͤhle und Leidenſchaften geweckt haͤtte, welche die Ungewißheit ſteigerte und die Unmoͤglichkeit der Erfuͤllung verwerf⸗ lich machte. Der Vater erſchrack. In dem erſten Au⸗ genblicke empfand er eine Art Ingrimm ge⸗ gen ſich ſelbſt, Reue, daß er, als Handhaber der Geſetze, ſich nicht einer That widerſetzt hatte, deren ungeahneter Erfolg wie verbre⸗ chendrohend vor ihm lag. Doch bald wurde es ihm klar, daß, wie geneigt er auch ſey, an die Verworfenheit alles Menſchlichen zu glauben, dieſe theure Familie dennoch eine Ausnahme machte, und ſo erkannte er in der bittern Aeuſſerung des Sohnes nur die eigene Unvorſichtigkeit, durch Mißbrauch des in ihn geſetzten Vertrauens Anlaß zu einer verletzenden Mißdeutung gegeben zu haben⸗ Zorn gegen ſich ſelbſt und gegen den Sohn * — erfuͤllte ſeine Bruſt. Er wandte ſich ohne Autwort mit einem faſt— Laͤcheln von ihm ab. Da nun dieſer durch das kalte, mißbilli⸗ gende Benehmen des Vaters die Beſorgniß, oder vielmehr die Ueberzeugung ſeiner Leiden⸗ ſchaft, ſein aͤngſtliches Vertrauen zuruͤckgewie⸗ ſen ſah, wandte er ſich, von allen erwachen⸗ den Schlangen ſeines Herzens beſtuͤrmt, zu der Klugheit in ſeiner Bruſt, die der Zauber einer beſeligenden Hoffnung ſo lange ohnmäch⸗ tig gemacht hatte, und jene ſloͤſte ihm den unſeligen Gedanken ein: die Bruͤder, ihre vermuthete geheime Leidenſchaft benutzend, mit einander zu entzweien, und dadurch eine ge⸗ yäſſige Heffentlichteit zu bewirken, die Arſene erſchrecken und ſie in ſeine Arme fuͤhren ſoll⸗ te. Das Erſte gelang ihm nur zu gut; zwar nur auf einen Augenblick, aber hinreichend, um das Gluͤck der gluͤcklichen Familie in noch kuͤrzerer Zeit zu zerſchmettern. Lange ſann Saint Marc, wie er ſeinen Zweck erreichen könne. Da fand er die ver⸗ anlaſſung dazu in einem Vorfalle, der di ganze richterliche Strenge des Vaters, 4. dieſer ſeine menſchenfeindliche Haͤrte au und, wie fern dieſes Ereigniß auch dieſt Verhaͤltniſſen und denen ſeiner Freunde hag, dennoch einen ſaß auf dieſe hatte. Ein in dieſer Gegend vtntes Verbre⸗ chen war begangen, das die frommen und einfachen Bewohner mit Entſetzen erfuͤllte, während es bei den mehr Gebildeten von die⸗ ſen ein Laͤcheln erregte, das mit bedauerndem Mitleid vermiſcht war. Eines Sonntags, kurz vor der Zeit, wo der Prieſter das Hoch⸗ amt zu halten und er ſich dem Altar genaͤ⸗ hert hatte, um nachzuſehen, ob auch Alles in Ordnung ſey, bemerkte er in der Mitte deſſelben eine kleine Erhoͤhung, die ihn ver⸗ muthen ließ, daß etwas unter dem leinenen Tafeltuch verborgen laͤge. Er erhob daher das — Tuch, und entdeckte ein darunter verſtecktes Buch, das er wegnahm und in die Sakri⸗ ſtei trug. Es war ein durch langen Gebrauch unſcheinbares Buͤchlein, von der Art, welche dem Aberglauben reiche Nahrung gibt, und deſſen Haupttitel:„Le DPragon rouges mit groſſen, rothen Buchſtaben abgedruckt war, waͤhrend deſſen Tugenden, mit ſchwarzen und auch zuweilen gruͤnen Buchſtaben bezeichnet, den uͤbrigen Theil des Blattes ausfuͤllten. Der rothe Drache war dem Geiſtlichen vom Hoͤrenſagen nicht unbekannt. Eine Verir⸗ rung des Aberglaubens hier vermuthend, ent⸗ ſchloß er ſich, in der Stille Nachforſchungen anzuſtellen, wo jenes hergekommen ſeyn moͤchte. Allein ſchon den zweiten Tag darauf wurde ein an ihn adreſſirter Brief auf der aͤuſſerſten Schwelle ſeiner Hausthuͤre gefun⸗ den. Mit kaum leſerlicher Hand und in hoͤchſt mangelhaftem Styl, der doch mehr treuherzige Leidenſchaftlichkeit als ein boͤſes Herz ausſprach, wurde er darin herzlich be⸗ ſchworen, inſofern ihm ſein Leben lieb ſey, und er der Rache der Verzweiflung entgehen wollte, das weggenommene Buch heimlich wie⸗ der auf den Altar hinzulegen, es durch die Naͤhe des Allerheiligſten und mit darauf ſich beziehenden Worten zu weihen, und ſich dann nicht weiter zu bekuͤmmern, damit es dem Eigenthuͤmer wieder in die Haͤnde fallen koͤnne, deſſen Gluͤck im Leben auf dem guͤn⸗ ſtigen Erfolg ſeiner dringenden Bitte beruhe. Jetzt hielt der Pfarrer, der hierzu un⸗ moͤglich ſeine Einwilligung geben konnte, es fuͤr ſeine Pflicht, die Behoͤrde davon in Kenntniß zu ſetzen; kaum aber war er von dieſer nach Hauſe gekehrt, als ein Gefuͤhl banger Rene einen der Chorknaben bewegte, ihn aufzuſuchen, und ihm zu geſtehen, daß ein junger, ungefaͤhr zwanzigjaͤhriger Bauer, Louis Nicolas, ihn uͤberredet habe, das Buch hinzulegen. Dieſer wurde nun ſogleich gefaͤnglich ein⸗ gezogen, und bekannte auch ohne Hehl, daß — — 6— er der Urheber ſey. Die Zeit ruͤckte nehmlich heran, daß die Looſe der angeordneten Kon⸗ ſkription gezogen werden ſollten, und da ihm nun ſehr daran gelegen ſey, ein gluͤckliches, das ihn von der Heimath nicht entferne, zu ziehen, habe er ſich an einen gewiſſen Rogi⸗ bert Bloyer, der im Rufe ſtaͤnde, geheime Kenntniſſe zu beſitzen, gewendet, um durch ſeine Beihuͤlfe ein ſolches Loos zu erhalten⸗ Dieſer habe ihm nun obenerwoͤhntes Buch als ein zu dieſem Zwecke untruͤgliches Mittel gezeigt, inſofern es ihm gelingen moͤchte, dieſem zuerſt eine heilige Weihe zukommen zu laſſen, und ihm zu dieſem Zwecke daſſelbe uͤbergeben. Recht gut einſehend, daß dieſer nicht auf geradem Wege zu erreichen ſey, hat⸗ te er gewaͤhnt, auf obengenannte Weiſe dazu gelangen zu koͤnnen; da es nun aber verlau⸗ tete, daß dieſe Liſt mißlungen waͤre, hatte ſich nicht blos eine ſo uͤberwältigende Ver⸗ zweiflung ſeiner bemaͤchtigt, ſondern Rogibert Bloyer ihm mit ſo betaͤubenden Drohungen und Verwuͤnſchungen zugeſetzt, wenn er nicht das Buch geweiht zuruͤckerhielte, daß er, von der doppelten Noth verlockt, jenen Drohbrief geſchrieben, deſſen Strafwuͤrdigkeit er nun erſt, bei kuͤhler gewordenem Blute, vollig erkenne; dies erklaͤrte er ſchluchzend mit aufrichtiger Ergebung und Thraͤnen der Reue mn 6 5 Nach ſeinem erſten Verhoͤre wurde ſogleich Nogibert Bloyer eingezogen; allein vor das Gericht gebracht, wo beinahe der ganze Flek⸗ ken hingeſtroͤmt war, leugnete er jeden An⸗ theil an dieſer Sache, ja ſelbſt Louis Nicolas zu kennen; indeſſen widerlegte er bald ſelbſt dieſe Ausſage, indem es ihm gelang, die folgende Nacht dem Gefaͤngniſſe zu entſprin⸗ gen. Dieſer Mann war zur Zeit, als Herr d' Ayot ſein Amt uͤbernahm, und noch laͤn⸗ ger nachher, als von ſeinem Vorgaͤnger an ihn uͤbergegangen, als Hausſchreiber bei ihm in Dienſten geweſen, dann aber, ſeiner aberglaͤubigen Schwaͤrmerei und eines zwei⸗ — 49— deutigen Betragens wegen, aus demſelben entlaſſen worden, und hatte ſich zuletzt in einen Winkel des Fleckens hingezogen. Ein⸗ zelne Geruchte von ſeinem unheimlichen Trei⸗ ben, aber auch nur bloße Geruͤchte, waren freilich ſpaͤter dem Richter zu Ohren gekom⸗ men.— Alle Nachforſchungen nach ihm blie⸗ ben fruchtlos, weshalb zu vermuthen ſtand, daß er unter den Landleuten viele Anhaͤnger beſaͤſſe. R Dieſer Vorfall, dem die Umſtaͤnde eine groſſe Oeffentlichkeit gegeben hatten, erregte einen heftigen Meinungsſtreit unter der Ge⸗ meinde. Die am wenigſten Aufgeklaͤrten wa⸗ ren ganz natuͤrlich am meiſten empoͤrt. Ob⸗ gleich nun der Richter in allen Beziehungen zu den Erſten der Gebildeten gehoͤrte, brach⸗ ten ihn doch ſeine Anſichten von der Wuͤrde und den Verpflichtungen ſeines Amtes in ei⸗ nen Eifer, der zu ſeinen helleren Begriffen in keinem Verhaͤltniſſe ſtand, um ſo mehr, als ſeine gallſuͤchtige Meinung von der Ver⸗ 4 werflichkeit des geſelligen Vereins ſeiner rich⸗ terlichen Strenge die Hand bot. Da ſein Arm den des Aberglaubens bei weitem ſchul⸗ digern Adepten nicht erreichen konnte, ſchien er entſchloſſen, den armen Louis Nicolas das ganze ſchwere Gewicht des Geſetzes fuͤhlen zu laſſen. Hier aber legte nun Saint Marc eine wahrhaft humane und wohlthuende Geſin⸗ nung an den Tag. Er trat vor dem Vater als Vertheidiger des Juͤnglings auf, indem er nur ein Opfer des Mangels an allem ge⸗ ſunden Unterrichte, der noch immer wie ein Fluch auf dieſen einfachen Landbewohnern ru⸗ hete, in ihm erblickte, und warf die Straf⸗ wuͤrdigkeit dieſes Vergehens auf die alten vornehmen, noch ſchwerlaſtenden Grundſatze, welche dieſe ſchuldloſeſten Mitglieder der geſel⸗ ligen Verfaſſung in eine gefliſſentliche Unwiſ⸗ ſenheit verſtrickte. Trotz der groſſen Nachgie⸗ bigkeit gegen den Sohn war der Vater doch immer unerbittlich, wenn es den vermeintli⸗ — — 51— chen Pflichten ſeines Amtes, oder vielmehr dem Widerſpruch ſeiner Anſichten galt, und Saint Marc's ſchoͤne Waͤrme wuͤrde wenig ausgerichtet haben, wenn nicht die ernſte Milde des ehrwuͤrdigen Pfarrers ihm beigetre⸗ ten waͤre, der, ſeinen Gruͤnden vollkommen beipflichtend, die Meinung geltend machte, daß ein beſſerer Religionsunterricht und ge⸗ ſunde Begriffe auf dieſen, uͤbrigens als gutar⸗ tig bekannten Burſchen, ja auf die ganze Gemeinde wohlthaͤtiger wirken wuͤrden als ei⸗ ne ſchmaͤhliche Strafe, die vielmehr dem Ent⸗ laufenen gebuͤhrte, den unſchuldigeren Ver⸗ fuͤhrten aber zu einem dann erſt neheni Boͤſewicht ſtempeln wuͤrde. Da nun das Gericht dieſer Meinung ſtimmte, zog, der ſtrengeren Anſicht des Richters ungeachtet, dies Gewitter, nur eine gelinde Zuͤchtigung nachlaſſend, ſchonend uͤber das Haupt des Angeklagten hin, waͤhrend Herr d' Ayot dem Sohne auf das Beſtimm⸗ teſte unterſagte, kuͤnftig in einer Sache, die 4* ſein Amt betraͤfe, als Vermittler aufzutreten, indem es ihm noch immer zweifelhaft blieb, ob nicht die väterliche Nachgiebigkeit mehr, als die religiöſen Gruͤnde des patriarchaliſchen Pfarrers, ihn verleitet haͤtten, der Wuͤrde des Geſetzes, der eigenen Ueberzeugung und der Strenge ſeines Amtes zu viel zu vergeben; und mit einer Art bitterer Reue that er ſich ſelbſt das Geluͤbde, nie mehr ſo wie bei dem erſten criminellen Falle ſeit ſeinem Hierſeyn ſich von Anſichten uͤberraſchen zu laſſen, die, auf Gefuͤhl begruͤndet, ihm eine Beeintraͤch⸗ tigung der ruͤckſichtsloſen Handhabung der Gerechtigkeit zu ſeyn ſchienen. Die Erfah⸗ rung, meinte er, ſollte ihn W immer gewiz⸗ ziot haben. unterdeſſen war die Karnevalszeit heran⸗ geruͤckt, der wielleicht einzige Zeitpunkt in die⸗ ſen Gegenden, wo der jugendliche Muthwille ſich den Zuͤgel ſchieſſen laͤßt, der ſelbſt in dem Kreiſe aͤlterer Maͤnner zu einer Zeit, die ſie an ſo viele Jugendſpaͤhe erinnert, noch immer froͤhlich und wohlgemuth eine will⸗ kommene Aufnahme und ſogar Theilnahme findet. Die alten halbgeiſtlichen Feſtſpiele, von zeitgemaͤſſeren Anſichten, ja ſelbſt von der Revolution verdraͤngt, hatten weltlicheren Mummereien Platz gemacht; beſonders war amn titten Abend, wo chemals der Karneval begraben wurde, der Jubel allgemein. Ver⸗ kleidete, Spaßmacher, ſchlichen ſich in die Haͤufer, und ein altes Herkommen geſtand dieſem Feſte ausgelaſſene Freiheiten zu, die um ſo ruckſichtsloſer waren, als das alte Her⸗ kommen gebot, an dieſem Abend keine Spoti⸗ rede uͤbel zu nehmen; und dennoch war es gerade an dieſem Abend, der ſo vielfachen Anlaß dazu darbot, wo Saint Marc ſich entſchloſſen hatte, die gehaͤſſige Saat der Uneinigkeit, die ihm eine ſuͤſſe— brin⸗ gen ſollte, auszuſtrenen. Er als Vorſteher hatte ſich mit hn jungen Leuten, die nach mehr ſtaͤdtiſchen Ge⸗ braͤuchen luͤſtern waren, vereint, um durch aͤhnliches Veranſtalten die Luſtigkeit, wenn auch nicht allgemeiner, doch mehr zuſammen⸗ gedraͤngt zu machen. Statt des Herumſtrei⸗ fens und Tanzens in den Haͤuſern, das frei⸗ lich, wie es hieß, zu Unordnungen, die doch noch nie vorgefallen waren, Anlaß geben koͤnnte, ward eine allgemeine Verſammlung beſchloſſen, und durch Saint Marc's Ein⸗ fluß auf ſeinen Vater ein dem Gerichte zu⸗ ſtaͤndiges Gebaͤude den Einwohnern fuͤr dieſen Abend eingeraͤumt. Er wußte recht gut, daß Arſene mit ihren Bruͤdern, obgleich die Trauer noch lange nicht abgelegt war, zu ei⸗ ner Zeit, wo ein altes Herkommen ſogar jede Erinnerung an Trauer zu verbannen ge⸗ bot, ſich nicht entſchlagen koͤnnte, der frohen Verſammlung beizuwohnen. Nur aͤlteren Wittwen und Kranken war es geſtattet, ſich davon auszuſchlieſſen, und ſelbſt der Richter, wiewohl ihm jede lärmende Fröhlichkeit höchſt zuwider war, ſah ſich genoͤthigt, einen Au⸗ genblick dort zu erſcheinen. Auf dieſe Abneigung hatte uͤbrigens Suint Marc ſeinen Plan gebaut; denn er kannte ſeinen Vater zu gut, um in deſſen Gegen⸗ wart ſich einen Spaß erlauben zu duͤrfen, der verdrießliche Erinnerungen in ſeiner Seele erregen, und ihm gewiß auch hoͤchſt unge⸗ ziemend ſcheinen wuͤrde. Den Tag vorher, mitten unter dem ſchon einige Wochen dauern⸗ den Taumel, zog er Ledrour, an den er ſich ſeit einiger Zeit immer feſter angeſchloſſen, bei Seite, um durch ſeine Huͤlfe ein Vorhaben zu Stande zu bringen, wozu ihm vorer⸗ waͤhntes Ereigniß und das Talent des Freun⸗ des, welches ſich in dieſer Zeit vielfach be⸗ waͤhrt hatte, nicht blos durch eine leichte Verkleidung, ſondern noch mehr durch ein hochſt treffendes Mienenſpiel, und eine eigene Gabe, mit wenigen Pinſelſtrichen ſich die Phyſiognomie desjenigen, den er nachahmen wollte, zu eigen zu machen, faſt alle Be⸗ kannte vorſtellen zu können, die Idee gegeben hatten. „Hoͤrt K begann er, vich habe mich in dem Aktenzimmer des Vaters des Hexenbuͤch⸗ leins bemaͤchtigt. Seht einmal her: Le Dragon rouge, oder die Kunſt, uͤber die Geiſter des Himmels, der Erde, der Luft und der Hoͤlle zu gebieten, nebſt dem wah⸗ ren Geheimniſſe, Todte ſprechen zu machen, in der Lotterie bei jedem Einſatz zu gewin⸗ nen, verborgene Schaͤtze zu entdecken, u. ſ. w. Es wuͤrde einen wahren Spaß geben, wenn wir den Zauberer Rogibert Bloyer da⸗ zu haͤtten. Ich ſollte meinen, Ihr könntet dieſen Mann, den Ihr ja, wenn auch nicht ſonſt, doch vor Gericht geſehen habt, ſo trefflich vorſtellen, daß Alle glauben muͤſſen, er ſey von ſeiner Flucht zuruͤckgekehrt; und was wetten wir, die glaͤubigen Seelen des Fleckens werden Euch reiche Kundſchaft ein⸗ bringen. Allein nur wir Zwei duͤrfen darum wiſſen.« In der That,« rief Ledrour, von einem Gedanken befeuert, der ſeinem Talente ein ſo — — weites Feld eroͤffnete,„Ihr habt Recht, Saint Marc. Doch neinl« fuhr er, ſich ſchnell beſinnend und kopſſchuͤttelnd fort,„es geht nicht; es wuͤrde den einfaͤltigen Leuten nur ein Aergerniß geben, und Euer Vater woͤrde dem Spaßmacher ſchlechten Dank wiſ⸗ ſen.4 Saint Marc hoͤrte indeſſen nicht auf, dieſen Einfall recht verfuͤhreriſch auszumalen, indem er verſprach, Alles bei dem Vater zu vertreten; und da Ledroux ſeinen groſſen Einfluß auf dieſen kannte, ging er endlich, und zwar um ſo mehr darauf ein, da ſeine Geſchaͤfte ihn eben in dieſen Tagen nach Lyon beriefen, er ſich bereits fertig gemacht hatte, den Morgen nach dem Feſte die Reiſe anzutreten, und ſeine Abweſenheit diesmal ſo lange dauern wuͤrde, daß er wohl hoffen duͤrf⸗ te, ſie wuͤrde ſein Wagniß in Vergeſſenheit bringen. Das Nothige zur Verkleidung war bald beſorgt, und als nun der feſtliche Abend herangekommen war, begleitete Saint Marc Arſene und ihre Bruͤder in den Saal. Hier wich er nur einen Augenblick von ihrer Sei⸗ te, um Ledroux, der, unter dem Vorwande, den Spaß zu erhoͤhen, aber eigentlich, um ſeine Abweſenheit beſſer zu decken, ganz ſo wie der ihm ſo aͤhnliche Freund angezogen, vor der Ausfuͤhrung aufgetreten war, und nach derſelben aufzutreten dachte, noch einen beſondern Auftrag zu ertheilen. Er traf ihn in einem Zimmer unfern des Salons, wozu er ſich den Schluͤſſel zu verſchaffen gewußt hatte, bereits vollkommen n mit— Verkleidung. ri „Trefflich! uͤber Erartung 4 rief Saint Marc, ihn von allen Seiten genau betrachtend.„Aber habt Ihr Euch auch auf recht luſtige Neckereien gefaßt gemacht? Da iſt mir ein Scherz eingefallen: wir wollen doch ſehen, ob der faſt allgemeine Schauder vor Rogiberts geheimnißvollem Zauber ſich auch auf unſere Freunde Gonard erſtreckt. 55— Da nehmt dies Blatt. Ich habe hier aller⸗ hand tolles Zeug zuſammengeſchrieben, das Ihr freilich nicht verſtehen werdet, denn das vermag ich ſelbſt nicht: allein eben darum um ſo beſſer; es iſt recht grauſig, und das iſt genug. Ihr werdet Zeit genug haben, es auswendig zu lernen; thut mir aber den Gefallen, und ſagt es Wort fuͤr Wort her, wenn Ihr, nach Abrede, uns zuletzt anre⸗ det.«„ Das Feſt begann. Mit Larven und ohne Larven wand ſich in einem nicht leicht zu ent⸗ wirrenden Knaͤuel die bunte Menge durch ein⸗ ander. Kaum hatte der Richter ſich gezeigt, als er wirklich ſich auch wieder zuruͤckzog, um, wie der Sohn zu ſeiner groͤſſeren Be⸗ ruhigung ſchon vorher erfahren hatte, den Reſt des Abends bei dem Pfarrer zuzubrin⸗ gen, den er ſeit Vater Gonard's Tode, ob⸗ gleich jener ihm nicht den Freund erſetzen konnte, doch oͤfter als vorher beſuchte. Bald darauf trat Rogibert ohne Maske ein. Sei⸗ — 60 ne Erſcheinung war, ſogar bis auf die Spra⸗ che, ſo taͤuſchend, daß Alle bei ſeinem An⸗ blick ſich wirklich mit einem kleinen Schauder halb ungewiß zuruͤckzogen. Saint Marc's raſche Annaͤherung und ſein launiges Beneh⸗ men brachte aber eine kleine Beſchaͤmung bei den Meiſten wegen ihres aͤngſtlichen Zuruͤck⸗ ziehens hervor. Alle draͤngten ſich um Beide zuſammen, und es dauerte nicht lange, ſo nahmen gerade diejenigen, die ſich am Be⸗ ſtuͤrzteſten gezeigt, Theil an dem heiteren Spiele, und fragten, wenn auch noch im Innern ungewiß, den Schwarzkuͤnſtler balt um Rath, bald lieſſen ſie ſich von ihm wahr⸗ ſagen. Nach allen Seiten hin theilte er nek⸗ kende Antworten aus, fluͤſterte Mehreren, deren Verhaͤltniſſe ihm bekannt waren, ge⸗ heimnißvolle Ausſagen zu, die, wenn gleich nur von den Fragenden vernommen, ihre Wirkung durch Ueberraſchung und ſelbſt kleine Beſchaͤmungen an den Tag legten, welche die allgemeine Beluſtigung erhoͤheten. — 61— WVon den Geſchwiſtern, die ſich wie ge⸗ woͤhnlich zu einander hielten, und denen er, der Abrede gemaͤß, ſoweit es ohne Aufſehen zu erregen geſchehen konnte, bisher ausgewi⸗ chen war, hatte Hlivier, der in allen Be⸗ ziehungen des äuſſeren Lebens unter ſeinen Bruͤdern am meiſten eine heitere Gewandheit beſaß, ſich allein an ihn gedraͤngt.„Was fuͤr eine Nummer werde ich bei der Conſcrip⸗ tion ziehen% fragte er neckend, auf das Buch deutend. Eine gluͤckliche,« gab der falſche Rogi⸗ bert eben nicht leiſe zur Antwort,»wenn ſie Dich weit von der Heimath fuͤhrt; denn un⸗ ter Deinem Dache flimmern Gluthen und Flammen, die dem Altare ein noch groͤſſeres Aergerniß als mein rother Drache ſeyn wer⸗ den.« a5 Olivier bezwang mit Muͤhe die Wallung eines bittern Unmuths und kehrte ſich raſch weg. Dieſe halblauten Worte aus dem Munde eines Unbekannten, die auf einige — 62— fruͤhere Stachelreden Saint Marc's, Jean's warme Anhaͤnglichkeit an die Schweſter be⸗ treffend, eine geheime Beziehung zu haben ſchienen, durchdrangen wie Eis ſein Inner⸗ ſtes. Was er nur fuͤr eine unwuͤrdige Eifer⸗ ſucht eines nicht gluͤcklichen Bewerbers gehal⸗ ten hatte; klang ihm, ſo ausgeſprochen, wie Nachhall eines allgemeinern Geſchwaͤtzes, und wie eine neckende Warnung, die ihn tief verletzte. Verſtimmt zu den Seinen zuruͤck⸗ kehrend, trennte er faſt ungeſtuͤm Arſene und Jean, die traulich an einander gelehnt da ſtanden. Seine heitere Laune war dahin; er, der Luſtigſte von ihnen, ſtarrte finſter ſinnend auf den Boden. Rogibert's ſchnar⸗ rende Stimme, deſſen Darſteller, ſich beei⸗ lend, eine Rolle zu ſchlieſſen, die immer groͤſſeres Aufſehen erregte, ſich ſeinem Kreiſe genaͤhert, riß ihn erſt aus ſeinem Bruͤten empor. ig „Taube von Cerdrons,« hoͤrte Olivier die⸗ ſen ihr zufluͤſtern,„Du allein fragſt mich um nichts? Lege den Ruͤcken Deiner weiſſen Hand auf die rothen Buchltaben des Buches, damit ich in den zarten Lilien ihrer. Deine Zukunft leſe.« k Arſene, von Saint Marc's ei und noch mehr von Jean's und Firmin's bei⸗ faͤlligem Laͤcheln verleitet,— zoͤgernd ſei⸗ ne Weiſung. Weiße Taubes— fuhr Rogibert, ſeine Blicke auf die ſelbſt bei dem Scherze zitternde Hand heftend, waͤhrend vielleicht eine dunkle Ahnung von etwas Unheimlichem ihr Herz durchbebte, mit einem erkuͤnſtelten Erſchrecken ſo leiſe fort, daß nur der kleine Kreis die Worte vernehmen konnte— vweiße Taube! unſichtbare Gefahren bedrohen Dich in Dir und auſſer Dir; ſie verwirren Dein Herz und vergiften Dein Blut. Um Dein Reſt lauert Schande und ein Blutgeruͤſt; verlaſſe es, ehe die Flammen es ergreifen. Ein Hei— liger ſteht bereit, Dich in ſeine Arme aufzu⸗ nehmen. 6 WMit einem leiſen Schrei des Entſetzens ſank Arſene in Firmin's Arme, der, ſelbſt erſchuͤttert, auf die Bitte des zitternden Maͤdchens ſie ſchnell nach Hauſe fuͤhrte; aber mit Olivier's Beſinnung war es aus. Le⸗ droux, bei dieſem unerwarteten Erfolg das Gewicht der leichtſinnig auswendig gelernten Worte nun erſt erkennend, wollte ſich eben ſchnell zuruͤckziehen, als Olivier, wie aus ei⸗ ner augenblicklichen Erſtarrung ploͤtzlich erwa⸗ chend, mit Loͤwengrimm den Arm ausſtreck⸗ te, um den Zauberer an der Bruſt zu faſ⸗ ſen. WVerruchter le rief er auſſer ſich,„gieb Rechenſchaft von Deiner ſchnoͤden Rede l Saint Marc war aber noch ſchneller zwi⸗ ſchen Beide getreten; und da in demſelben Augenblick die Menge, durch die laute Wuth betroffen, ſich um die kleine Gruppe draͤngte, gelang es dem falſchen Rogibert, unbemerkt zu entſchluͤpfen. Der Sohn des Richters, ſein Anſehen als ſolcher benutzend, beſchwich⸗ tigte mit groſſer Geiſtesgegenwart die Ver⸗ ſammlung ſehr bald, indem er den halb wi⸗ derſtrebenden Olivier mit ſich aus dem Saale zog. Jean, ſonderbar getheilt zwiſchen det Angſt der Schweſter und der Wuth des Bru⸗ ders, wollte dieſem folgen, nachdem er ſich uͤberzeugt, daß Arſene unter Firmin's Obhut ſich ſchon entfernt hatte; allein Olivier ſtieß ihn zuruͤck. vLaß uns, Knabe l« ſagte er heftig, doch leiſe,„fort aus meinen Augen, damit ich mich nicht vergeſſe. Du, nur Du biſt an Allem Schuld.« Jean blieb betroffen,“ erſtaunt ſtehen. Thraͤnen zitterten in ſeinen Augen. Man draͤngte ſich um ihn; man fragte ihn um die Urſache der lebhaften Stoͤrung. Er woll⸗ te von nichts wiſſen, und wußte wirklich auch ſehr wenig. Die Worte des Wahrſa⸗ gers waren nicht deutlich zu ihm gedrungen, und die, welche er vernommen waren ihm eben ſo befremdend als ſchauderhaft. Doch recht bald ſtand Ledrour, ſo wie er bei An⸗ — 5 — —65 fang des Feſtes angezogen geweſen, doch ohne Maske, die er fruͤher getragen, an ſeiner Sei⸗ te; mit ausgelaſſener, faſt wilder Laune wuß⸗ te er dem Vorfalle, der, ſeiner Angabe nach, ein plotzliches Uebelbefinden Arſenens veran⸗ laßt hatte, eine ſcherzhafte Wendung zu ge⸗ ben. Seine Poſſen brachten bald Alles ins Geleis; und als nun auch Hlivier und Saint Marc, Beide jedoch verſtimmt und er⸗ hitzt, hinzutraten, zog er alle Drei in einen Winkel des Saales, wo er, bald dem Einen bald dem Andern zufluͤſternd, es endlich da⸗ hin brachte, daß ſie ſich anſcheinend beſaͤnf⸗ tigt um den beſtellten Wein niederlieſſen. Firmin kehrte auch bald zuruͤck, und ohne Abrede mit Ledroux getroffen zu haben, be⸗ ſtaͤtigte er Arſenens ſchon voruͤbergegangenes Uebelbefinden. Saint Marc, den entweder eine, nach den erhitzten Zuͤgen Beider zu urtheilen, heftige Unterredung mit Olivier, oder auch Arſenens Abweſenheit nur zu klar fuͤhlen ließ, daß er zu weit gegangen ſey, oder viel⸗ leicht einen wunden Fleck zu hart getroffen habe, wurde allmaͤhlig bleicher, bis er end⸗ lich aufſprang und hinweg eilte, nachdem er zuvor Ledroux uͤbertragen, ihn mit einer ploͤtzlichen Schwaͤche zu entſchuldigen. Allein wiewohl dieſer Alles aufbot, eine heitere Stimmung unter den Bruͤdern zu verbreiten, wollte es ihm doch nicht gelingen. Als nun ein Paar bejahrte Maͤnner, deren Wohnun⸗ gen nicht weit von der ihren entfernt waren, und die auch hier in ihrer Naͤhe ſich befan⸗ den, ſehr fruͤh aufbrachen, ergriffen ſie die⸗ ſen Anlaß, um ſich mit ihnen zuruͤckzuziehen, und Ledrour miſchte ſich, nun auch etwas verſtimmt, unter die froͤhlich laͤrmende Schaar. Es war eine hoͤchſt ſtille, aber ſehr dunkle Racht. Die Straſſen waren oͤde und leer. Die wenigen in den Haͤuſern Zuruͤckgebliebe⸗ nen ſchliefen; nur aus weiter Ferne erſcholl die Muſik und das Jauchzen der lauten Ju⸗ 5* gend in dem erleuchteten Tanzſaale. Man konnte beinahe die Tritte der etwas entfernt Gehenden auf dem ungepflaſterten Boden ho⸗ ren. Der Weg der Heimkehrenden fuͤhrte um die Kirche herum. An der einen Seite der Straße ſtanden einzelne Haͤuſer, unter dieſen die Pfarre. Auf der andern zog ſich eine lange, in der dunkeln Nacht noch dunk⸗ ere Lindenallee hin, die durch niedriges Buſch⸗ werk von der ſich lang hinſtreckenden Kirch⸗ hofsmauer getrennt war. Firmin ging mit den beiden Nachbarn in geſelliger Unterre⸗ dung. Ihnen folgte in einiger Entſernung Hlivier, tief in ſich verſunken. Er war ſchon auf der Hauptſtraße des Fleckens in ſichtbarer Verſtimmung, um nicht durch Fragen geſtoͤrt zu werden, hinter den Anderen zuruͤckgeblie⸗ ben. Jean, der eben ſo untheilnehmend, während die Unruhe ſeiner Seele bald in lei⸗ ſem Inſichmurmeln, bald gegen ſeine Ge⸗ wohnheit in einem oft unterbrochenen Selbſt⸗ geſpraͤche ſich auſſerte, an der Seite Firmin's fortgeſchlendert war, hielt beim Eintritt in die Allee auf einmal ſeine Schritte ein, geſellte ſich zu dem hinten nachfolgenden Bruder, und redete ihn mit gedaͤmpfter, doch heftiger Stimme an. „Nun ſollſt Du mir Rede ſtehen,« hoͤrte Firmin deutlich und nicht ohne Unruhe Jean fluͤſtern; vich will wiſſen, an welchem Un⸗ heil ich Schuld bin.« S Die Voruͤbergehenden bemerkten Alle deutlich, daß ein zwiſchen dieſen Bruͤdern ungewoͤhnlicher Wortſtreit ſtatt fand, der doch an dieſem Abend nach einer Verletzung des Gemuͤths, das obendrein durch eine vielleicht erkuͤnſtelte heitere Stimmung und durch Le⸗ droux's gefliſſentliches Noͤthigen zum Trinken noch mehr erhitzt worden, ſehr natuͤrlich ſchien. Firmin wurde immer unruhiger, ein⸗ ſilbiger; einzelne Drohworte drangen immer ſchaͤrfer durch die Nacht. „Schweige, Olivier!« klang es durch die kurze Ferne.„Treibe mich nicht aufs Aeuſ⸗ — 70— ſerſte! Die Antwort war noch ſchärfer, aber leiſer. Sie vernahmen nur die Worte: „Blutgeruͤſt— Tod.« Die Streitenden wa⸗ ren unter dem Wortwechſel ſtehen geblieben. Auch die Begleiter hielten ihre Schritte an. Firmin kehrte ſich ſchweigend um, im Be⸗ griff, zu den Bruͤdern hinzueilen. Da ver⸗ nahmen ſie ein aufſchreiendes Aechzen und einen dumpfen Fall. Was war das« rief Firmin entſetzt und laut. Keine Antwort erfolgte. Alle ſtuͤrzten nun, er voraus, die kurze Strecke zuruͤck. Wie finſter es auch war, vermochten ſie doch die Umriſſe zu unterſchei⸗ den. Sie erblickten Olivier ſeitwaͤrts gegen die Mauer hin regungslos auf dem Boden liegen. Jean ſtand wie erſtarrt an ſeiner Seite; als ſie hinzutraten, buͤckte er ſich, vor ſich tappend, zu ihm hinab. „Er iſt todt!W ſagte er dumpf;„todt!« wiederholte er lautaufſchreiend. vEr ſchwimmt in ſeinem Blute! Huͤlfe! Huͤlfe!« —— „Ungluͤcklicher K raunte ihm Einer der beiden Nachbarn zu, Du haſt ihn ermordet. Entſfliehe ſchnell K „Ich 6 war die verworrene Antwort. „Iſt es ſo? hab' ich es gethan? Fort denn, fort! Rein, ich kann nicht fort, ich will nicht fort.« Er hing faſt ohnmaͤchtig in den Armen des einen ihn auffaſſenden Mannes. »„Ein Mord iſt geſchehen! O gerechter Gott! Huͤlfe! Huͤlfe K rief Firmin auſſer ſich. Die Nachbarn ſtimmten in ſein Ge⸗ ſchrei ein. Ein Fremdet war in der Nahe weder zu erblicken noch zu hoͤren. Plotzlich aber oͤffnete ſich die Hausthuͤr der an der andern Seite der Straße nicht ſehr entfernt ſtehenden Pfarre. Der Richter trat, von dem ehrwuͤrdigen Geiſtlichen und einem Die⸗ ner, mit einer Kienfackel in der Hand, be⸗ gleitet, heraus. Auf das laute Geſchrei um Huͤlfe eilten Alle hinzu. Aus der Ferne na⸗ heten ſich auch einige von dem Feſte heimkeh⸗ rende alte Leute, und ſo waren die armen — 72— Bruͤder, von einem rothen Schein beleuchtet, bald umringt.„ Das duͤſtere Fackellicht machte ſelbſt dem kleinſten Zweifel an einem Mord ein Ende. Hlivier war gut getroſſen, denn jede Spur von Leben war ſchon entflohen; doch rieſelte noch das Blut in Stroͤmen aus einer Wun⸗ de in der linken Seite. Jean betrachtete ſtumm erſtarrt, aber mit ſprechender Verzweif⸗ lung in allen Zuͤgen, den Todten. Allein ein faſt noch groͤſſeres Entſetzen, als das, wel⸗ ches in ſeinen Blicken lesbar war, ergriff den Richter d' Ayot bei dem Anblick des Mordes an Einem, den er unter die weni⸗ gen Thenren ſeines Herzens zaͤhlte. Indeſſen ſchien dies Entſetzen dennoch zu ſteigen, als auf ſeine heftige Frage nach dem Thaͤter alle Haͤnde und alle Blicke— denn das Boͤſe verbreitet ſich noch eiliger als der Blitz— auf Jean hindeuteten, der ihm noch thenrer war. Er ſtarrte ihn einen Angenblick erblei⸗ chend, ungewiß an, dann ſtammelte er: MUn⸗ moͤglich! Sprich, Firmin— ſprich, Jean— nur ein Wort! Du haſt noch nie gelogen: haſt Du ihn ermordet ²6 »Ich 4 entgegnete er ſchandernd, die Blicke nicht von dem Todten abwendend⸗ „Ach, ich weiß nur, daß er hier todt vor mir liegt, und daß ich hoͤchſt elend bin. Kannſt Du mir vergeben, Bruder?« Er ſank die Leiche nieder. Jean rief ſelbſt zuerſt um Huͤlfe,« ſagte Einer der Nachbarn ſchluchzend. vUm Huͤlfe? Jean?4 rief der Richter ge⸗ preßt; valſo doch in demſelben Augenblick Reue.« n demſelben Augenblick!c wiederholte Jean dumpf. vSie hatten Beide, er das erſte Mal in ſeinem Leben, zu viel getrunken. Das iſt Alles, was ich weiß« rief Firmin.„O un⸗ gluͤckſelige Faſtnachtl« „Das hat man von ſolcher Thorheit le ſagte der Richter, in welchem bei der erſten — Erinnerung an das Treiben der Welt die tief⸗ ſte Wehmuth in Bitterkeit verſchmolz, ob⸗ gleich innerlich entſetzt von dem Geſtaͤndniß, das ſich in Jean's verworrenen Worten aus⸗ ſprach. vWie iſt es gekommen? ſprecht, Ge⸗ vatter Allain l Dieſer theilte in wenigen Worten Alles, was er unterwegs geſehen und gehoͤrt, mit. Nachdem er aufgehoͤrt hatte zu reden, ſtand der Richter noch lange in Sinnen verſunken; endlich tief aufathmend, als wollte er ſich zu einer ſchweren Pflicht ermannen, befahl er, die Fackeln nahe an die Leiche zu brin⸗ gen, und da er ſich nun uͤberzeugt hatte, daß Olivier's Mund auf immer verſtummt ſey, ließ er den Todten aufheben und in das Haus des Pfarrers tragen, der dies gern zu⸗ geſtand, bis am folgenden Morgen die ge⸗ richtliche Unterſuchung geſchehen koͤnne. Mit ſchwerem Herzen uͤbergab er Jean der Haft des Gefangenwaͤrters, der zufaͤllig mit immer mehreren Leuten hinzugekommen — 6— war; dann winkte er dieſem, ſich ſtill weg⸗ zubegeben, und blieb ganz allein im Dunkeln mit Firmin zuruͤck, den er noch, ehe er ihn fort ließ, um die unglucklichen Frauen vor⸗ zubereiten, in einem kurzen Geſpraͤche um mehrere umſtaͤnde fragte, und eilte, nachdem er ihn ſeufzend entlaſſen, tief erſchuttert nach Hauſe, nicht ohne Verdacht, daß wohl der Sohn an der Erſcheinung des falſchen Rogi⸗ bert Bloyer's Theil haben mochte, von wel⸗ cher er nun erſt durch Firmin Kunde erhal⸗ ten, der das Buͤchlein und die Wahrſagung als die erſte Urſache des zwiſchen den Bruͤ⸗ dern entſtandenen Haders erwaͤhnte, obgleich er ſelbſt jener Gaukelei, als einer verworre⸗ nen Poſſe, keine beſondere Aufmerkſamkeit gewidmet hatte. D' Ayot verfluchte im Ge⸗ hen ſeine Nachgiebigkeit, mit der er eine Be⸗ luſtigung geſtattet, die ſolche Graͤuel gebaͤren konnte. Es empoͤrte ihn, den Sohn noch dort zu wiſſen. — um ſo mehr uͤberraſchte es ihn beim Ein⸗ treten in ſein Haus, wo er, beim Anblick einer ſpäͤten Beſchaͤftigung beim Feuerheerde in der offenen Kuͤche, auf die Frage nach der Veranlaſſung dazu, erfuhr, daß der Sohn ſchon fruͤh unwohl nach Hauſe gekom⸗ men war, ſich zu Bette gelegt hatte, und nur vor kurzem geklingelt, ſich uͤber Froſt und Fieberhitze beklagt hatte, und ſich nun einen warmen Kraͤutertrank bereiten ließ. Betroffen uͤber dieſe Nachricht, und dennoch uͤber dieſelbe beinahe froh, begab er ſich⸗ nachdem er gegen Gewohnheit den groſſen blauen Mantel ſelbſt abgelegt, und denſelben in ſein Arbeitszimmer gebracht, in die Schlaf⸗ kammer des Sohnes, die nur durch das ſo⸗ genannte Aktenzimmer von jenem getrennt war.„Du biſt krank?« fragte er theilneh⸗ mend. Saint Marc bejahte es, doch nur als eine voruͤbergehende Kleinigkeit, und ging ſchnell in groſſer Bewegung zu Fragen, den begangenen Mord betreffend, uͤber, von dem das Hausgeſinde noch vor der Ruͤckkehr des Herrn vernommen und ihm Kunde gegeben hatte. Der Vater trug ihm nun, ſich ſelbſt das Herz dadurch erleichternd, den traurigen Auf⸗ tritt vor, von dem er Zeuge geweſen, wie ſchrecklich, die menſchliche Natur herabwuͤr⸗ digend es ſey, unter ſo gutartigen Weſen ein ſo unerhoͤrtes Verbrechen erleben zu muͤſſen, an dem ihm um ſo weniger irgend ein Zwei⸗ fel uͤbrig blieb, als der, trotz ſeines gewoͤhn⸗ lichen Gleichmuthes doch hier faſſungsloſe Firmin ſelbſt, als dieſer mit ihm allein blieb, durch uneigentliche Worte die Ueberzeugung ausſprach, daß Jean die That begangen haͤt⸗ te, obgleich er auf Einmal, wie ſich plotzlich beſinnend, behauptete, daß weder er noch die Bruͤder gewoͤhnlich Waffen bei ſich zu tragen pflegten. »Wir waren«— fuhr der Richter fort — vim Sprechen der Kirchhofsmauer etwas — 28— naͤher getreten, und noch ehe es mir bei ſei⸗ nen Worten auffiel, daß kein Mordinſtru⸗ ment gefunden worden, oder ich in meinem betaͤubenden Entſetzen daran gedacht, ſchleu⸗ derte mein Fuß, indem ich einen Schritt ſeitwaͤrts that, etwas vor demſelben Liegendes laut klirrend gegen einen Stein. Ahnend was es ſeyn koͤnnte, buͤckte ich mich, vor mir tappend, zur Erde, und erhob wirklich ein entbloͤßtes, dolchaͤhnliches, vielleicht bluti⸗ ges Meſſer, das der Moͤrder ohne Muͤhe ſo weit ſeitwaͤrts hatte ſchleudern koͤnnen. Ich zeigte meinen Fund dem Bruder, der eben ſo wenig wie ich es mehr als der Form nach unterſcheiden konnte; allein er verſtummte, indem er wohl eben ſo gut wie ich empfand, daß ſeine vorhergehende Erklaͤrung die Sache inſofern noch verſchlimmerte, als ſie einen hoͤßlichen Vorbedacht zu erkennen gab.« vUnmoͤglich!« rief Saint Marc mit tie⸗ fem Abſcheu. „So rief es auch in mir,« verſetzte der Vater mit einem bittern Laͤcheln. Wie kann ich aber hoffen, daß es ſich viel beſſer auflo⸗ ſen wird? Ich trennte mich von dem armen Firmin, nachdem ich das Meſſer in die Ko⸗ pie eines gerichtlichen Dokuments, die ich ebeg in der Taſche mit mir fuͤhrte, und an dem nicht viel liegt, vorſichtig eingewickelt und Beide in die Bruſttaſche meines Mantels geſteckt hatte. So habe ich die blutige Schuld desjenigen, den ich aus meinem Herzen reiſ⸗ ſen muß, unwillkuͤhrlich an dem Herzen ge⸗ tragen. Mir graut vor dem Mantel, worin der Stahl noch ruht, vor dem Augenblicke, wo ich morgen, trotz meines Abſcheues, ihn hervorziehen muß, um bei deſſen Anblick mein letztes Vertranen auf einen Menſchen aufzugeben.« Saint Marc war tief erſchuͤttert. vMit Vorbedacht? UnmoͤglichK wiederholte er dumpf. „Wer koͤnnte ſelbſt einen Feind mit ruhigem Vorbedacht ermorden? Es kann nicht ſo ſeyn.« „Eben daruͤber habe ich einige Fragen an Dich,« fuhr der Vater fort.»Iſt Dein Ge⸗ wiſſen bei dieſem Ereigniß auch ganz ruhig? Wer hat heute den Rogibert gemacht? Wer anders als Du hat das Buͤchlein haben koͤn⸗ nen? Und wenn es auch ein untergeſchobenes geweſen, welcher Andere haͤtte es gewagt, eine ſo anſtoſſige Mummerei zu treiben? Was hat er von Tod und Butgrt gewriſ⸗ ſagt?4 5* Saint Marc war bei jedem ſeiner Worte bleicher geworden.„0 mein guͤtiger Vater!“ rief er, vin dieſer Hinſicht erkenne ich meine Schuld. Von mir dazu verleitet hat Ledroux den alten Thoren vorgeſtellt, von mir ſind die Worte. Ach mein Gott! wie konnte ich ah⸗ nen— Vater! haben Sie Nachſicht mit mei⸗ ner Eiferſucht: ich wollte Arſenen vor ihrem eigenen Herzen, vor den Lockungen ſuͤndhafter Leidenſchaften warnen. Es ſcheint in der That, als habe die Gewalt dieſer Worte zwar nicht die Greuelthat veranlaßt, aber die 8— Eiferſucht der Broͤder auf eine Weiſe erregt, die fruͤher als ſonſt die Strafe ſolcher Geſin⸗ nungen herbeigefuͤhrt hat. Schweigen Sie um Gotttswillen uͤber dieſen Vorfall, der, indem er mich compromittirt und ſelbſt die arme Arſene der Verlaͤumdung blosſtellt, in den Augen der Menge auf eine aͤrgerliche Weiſe die Schuld der Bruͤder erhoͤhen wird, eine Schuld, die doch weniger in ihnen ſelbſt, als aus jenem ungluͤcklichen Geheimniſſe ent⸗ ſprungen iſt, das ihre Leidenſchaften der Ver⸗ ſuchung uͤbergeben.« Dieſe Worte, waren ſie nun unwillkuͤhr⸗ lich oder mit kluger Berechnung ausgeſpro⸗ chen, machten den Verdacht, welchen der Richter fruͤher als durchaus unwuͤrdig verwor⸗ fen hatte, ploͤtzlich in ſeiner Seele lebendig. Das Ungeheure war bereits geſchehen, und ſo kam ihm nun die abſcheuliche That, wenn auch nicht klar, ſo doch erklaͤrlicher als fruͤ⸗ her vor. Die alte Verachtung der Menſchen, die ſo lange ſeine Seele verduͤſtert hatte, 6 ſchien mit doppelter Stäͤrke zuruͤckzukehren. Ohne dem Sohne Antwort zu geben, erhob er ſich noch finſterer, als er gekommen war, ging in ſein Zimmer, riß ſich die Kleider vom Leibe, und warf ſich, von Mattigkeit uͤberwaͤltigt, auf ſein Lager, das Licht ſchnell ausloͤſchend, um es rings um ſich eben ſo finſter zu machen, als es in ſeiner Seele war. Die vorher ihm ſo werthe Familie, die Mutter, Arſene, Alle kamen ihm nun als elende Heuchler vor; es war ihm in die⸗ ſem Angenblicke, als ſtuͤnde er, zwar nicht von menſchlicher Schuld frei, doch allein ehrlich und aufrecht da, um mit dem Schwer⸗ te des Geſetzes Alles um ſich zu Boden zu werfen. Und doch beſchlich auf Einmal mit⸗ ten in dieſer eiſernen Strenge ein wehmuͤthi⸗ ges Gefuͤhl ſein Herz. Er brach auf Einmal in Thraͤnen aus. Es war ihm, als muͤſſe er mit dieſen, den letzten in ſeinem Leben, jedes mitleidige Gefuͤhl aus dieſem herausweinen. Unterdeſſen verlangte die Natur ihr Recht; — — doch erſt, nachdem ſein Auge mit Schaudern das erſte Dunkelgrau des anbrechenden Mor⸗ gens begruͤßt hatte, ſchloß ſich dieſes in einem unruhigen Schlummer zu. Es war ſchon gegen die Stunde der er⸗ ſten Meſſe, welche der Richter aus alter Ge⸗ wohnheit nur ſelten verſaͤumte, als er durch ein Klopfen an ſeine Thuͤr geweckt wurde. Er ſprang auf und oͤffnete. Der Sohn ſtand angezogen, aber bleich, verwacht, von kraͤnk⸗ lichem Anſehen vor ihm. »Du biſt ſchon auf, und trotz Deines Uebelbefindens im Begriff auszugehen?« frag⸗ te er verwundert. vIch fuͤhle mich koͤrperlich etwas beſſer,« war die Antwort, Jaber die Seele ſo er— ſchuͤttert und niedergedruͤckt, daß die heilige Meſſe mir Noth thut.« Der Vater druͤckte ihm ſchweigend die Hand, warf ſich in die Kleider, ſtreckte die Hand nach dem Mantel aus, beſann ſich aber mit einem kleinen Schander, und ging 6* vor dem Sohne zur Thuͤr hinaus, indem er ihm zurief:»Schließe die Thuͤr ab K eine Vorſichtsregel, die er nur ſelten beobachtete. Sie gingen zuſammen nach der Kirche, an der Stelle voruͤber, welche die Nacht ſo traurig gemacht hatte. Ein Haufen Leute ſtund um dieſe herum. Einige der Vorneh⸗ meren geſellten ſich zu ihnen, und wie gern der Richter auch aller peinlichen Fragen uͤber⸗ hoben geweſen waͤre, ſah er ſich doch bald mit Mehreren in ein Geſpraͤch verwickelt, das nur die Ankunft in der Kirche unterbrach, und das nach Beendigung der Meſſe auſs Neue fortgeſetzt wurde. So wie nach der Kirche begleitete der Sohn ihn nach Hauſe zuruͤck. Schweigend oder doch einſilbig ge⸗ noſſen Beide das aufgetragene Fruͤhſtuͤck; da ſchlug die verhaͤngnißvolle Stunde, die den Vater ins Gericht rief. Raſch ſich ſelbſt durch Eile ermuthigend, trat er in das Arbeitszimmer, um das Meſſer mitzunehmen, das mit einem Menſchenleben den letzten Glauben an die Menſchen in ſei⸗ ner Bruſt getödtet. Verwundert ſah er ſich um. Es war kein Mantel mehr da. Seinen Augen nicht trauend, klingelte er heftig, und rief den Sohn. Zu gleicher Zeit trat dieſer und der alte Schreiber, der mit ſeiner Frau abwechſelnd den Pfortnerdienſt in ſeinem Hauſe verrichte⸗ te, nebſt dem Dienſtmaͤdchen ins Zimmer. „Wo iſt mein Mantel*6 rief er ihnen entgegen. Sohn und Dienſtmaͤdchen ſchuͤttel⸗ ten den Kopf. „Haben Sie ihn denn nicht ſo eben an⸗ gehabt?6 fragte der Schreiber verwundert. „Der Herr Richter haben ihn ja ſelbſt holen laſſen von der Kirche aus.« „Ich? durch wen4 fragte dieſer be⸗ ſturzt. „Ich kann es nicht ſagen,« war die Ant⸗ wort. vEs giebt jetzt ſo viel junge Geſichter im Flecken, die ich nicht kenne. Das Ge⸗ ſicht ſchien mir freilich nicht unbekannt; al⸗ — 65— lein ich habe nicht viel darauf gemerkt, denn er brachte ſchriftliche Ordres.« „Schriftliche? Laßt ſehen! Der Alte ſuchte in ſeiner Taſche, und uͤberreichte dem Richter ein mit Bleiſtift beſchriebenes kleines Blatt, das ſichtbar in der Eile zuſammenge⸗ faltet geweſen. Herr d' Ayot las:„Es iſt doch kaͤlter dieſen Morgen als ich gedacht. Schicke mir den Mantel mit dem Boten. Uebrigens mer⸗ ke genau auf Alle, welche heute Morgen nach mir fragen moͤgen. D' Ayot.« Beim erſten fluchtigen Anblicke hatte die Schrift ziemliche Aehnlichkeit mit ſeiner Hand⸗ ſchrift, welcher die ungewoͤhnliche Eile freilich einige befremdende Zuͤge hatte geben koͤnnen. Die Hauslente ſtanden entſchuldigt vor ihm. Welch holliſcher Betrug!s rief er aufge⸗ bracht. vUnd die Thuͤr? Gebot ich Dir nicht, den Schluͤſſel zu Dir zu ſtecken, mein Sohn 74 — „Das habe ich uͤberhoͤrt, mein Vater,« entgegnete Saint Marc unbefangen; vindeſ⸗ ſen habe ich ihn ſicher umgedreht.« „Die Thuͤr war verſchloſſen, aber der Schluͤſſel ſteckte im Schloſſe,« ſagte der Schreiber. Der Richter ging mit heſtigen Schritten auf und nieder. Hat Niemand nach mir gefragt?6 rief er plotzlich. „Niemand anders als Firmin Gonard; Sie konnten kaum um die Ecke ſeyn,« war die Antwort. Der Verſtand des Richters ſtand ſtill; keine ſeiner Vermuthungen reichte hin, ſich dieſen liſtigen Raub auch nur erklaͤrlich zu machen. Bei Firmin blieb erſt ſein Gedanke haften. Er war da geweſen, hatte den Man⸗ tel an deſſen gewöhnlicher Stelle auf dem Vorplatz vermißt, hatte vielleicht ihn ſelbſt ohne denſelben geſehen; wie hatte er aber er⸗ rathen koͤnnen, daß das verraͤtheriſche Werk⸗ zeug des Mordes ſich noch in deſſen Taſche — 38— befand? Durch wen anders, als durch den Sohn, den Einzigen, der es vermuthen konn⸗ te, und der den Bruder der Geliebten doch gern zu retten wuͤnſchte. Allein dieſer hatte ihn ja in die Kirche und wieder nach Hauſe begleitet. Der haͤtte ja auch viel bequemer und ſelbſt verdachtloſer das Eiſen auf die Seite bringen koͤnnen. Oder waͤre es blos— und das war er zuletzt verſucht anzunehmen — eine Liſt, um ſich ſeines neuen Mantels zu bemaͤchtigen, die nun durch ein freilich hoͤchſt ſonderbares Zuſammentreffen der Um⸗ ſtände einen wichtigeren Verdacht erregte? Es wimmelte ja in dieſer luſtigen Zeit der Flek⸗ ken von Fremden, und vielleicht von Vaga⸗ bunden. Wie dem nun auch ſey, das Cor⸗ pus Delicti war verſchwunden. Es blieb ihm nichts Anderes uͤbrig, als durch den Austrommler des Fleckens demjeni⸗ gen, der ihm den Mantel oder Nachricht, dieſen betreffend, bringen koͤnnte, eine anſehn⸗ liche Belohnung verſprechen zu laſſen. In⸗ deſſen hatte die Stunde des Gerichts geſchla⸗ gen. Aber wie hochſt verſchieden von den trau⸗ rigen Erwartungen des Richters war die Scene, die ſich ihm hier darbot. Jean wur⸗ de vorgefuͤhrt. Das Entſetzen, welches in der vorigen Nacht ſein ſonſt ſo ſanſtes Antlitz ent⸗ ſtellt hatte, war nun dem Ausdrucke des in⸗ nigſten Schmerzes, verbunden mit einer ſicht⸗ baren Ruhe, gewichen, die bei denjenigen, die ihn kannten oder kennen ſollten, nur auf ein ſchuldloſes Gewiſſen hindeuten konnte, waͤh⸗ rend ſie freilich im Auge eines Richters, den eine lange Erfahrung mit der ſchlauen Ver⸗ worfenheit des Abſchanms der Menſchheit nur zu genau bekannt gemacht hatte, auch fuͤr Verſtocktheit und Ueberzeugung von dem Man⸗ gel vollgultiger uͤberfuͤhrender Beweiſe gelten durfte. War es das Gefuͤhl der Schande und der Scheußlichkeit eines Brudermordes, oder nur die demuͤthigende Empfindung, einem empoͤrenden Verdachte zu ſeyn, 1 — 90— was die Augen dieſer edlen jugendlichen Ge⸗ ſtalt, welche die Statue der leidenden Geduld vorſtellen konnte, an den Boden feſſelte? Mit kraͤftigem Muth, der bei der erſten Anrede des Richters ihn zu beleben ſchien, mit Ab⸗ ſcheu leugnete er den Mord ab, deſſen er in dem naͤchſten Augenblick nach der That ſogar ſich ſelbſt anzuklagen ſchien. Der Richter erſtaunte, die herbeigerufenen Zeugen, deren Sinne, trotz des Widerſpru⸗ ches ihrer Seele, nicht den kleinſten Zweifel hegten, nicht minder.»Ihr habt Alle die Wunde geſehen 76 rief Jean mit Abſcheu, vach, ich ſehe ſie noch! ſie hat mir zuerſt die Beſinnung wieder gegeben. Womit ſoll ich denn den Bruder ermordet haben? Ich hatte ja keine Waffe.« „Iſt Jemand dieſen Morgen bei dem Verhafteten geweſen*6 fragte der Richter ploͤtzlich. »Sein Bruder Firmin,« entgegnete der hatte noch kein aus⸗ —————— druckliches Verbot bekommen; auch wurde er mir als ein in flagranti ergriffener Verbrecher, der zumal ſeine Schuld ſelbſt eingeſtanden hatte, uͤbergeben; ich blieb uͤbrigens zugegen. Sie haben nichts Heimliches mit einander ge⸗ ſprochen.« „Haben Sie denn nicht gefuͤhlt,« wandte ſich der Richter an Firmin, Fwie ſehr dieſe eigenmächtige Voreiligkeit die an ſich ſchon be⸗ denkliche Sache des Angeklagten noch mehr verſchlimmern wuͤrde? Oder wagen Sie zu hoffen, daß Sie um unſerer bisherige Freundſchaft willen auf eine partheiliche Nach⸗ ſicht rechnen durſten? Was wollten Sie bei ihm 76 „Ich traf Sie nicht mehr zu Hauſe, mein Herr,« erwiederte Firmin, vund es draͤngte mich, dem Bruder den Segen ſeiner troſtloſen Mutter und der armen Schweſter zu bringen, deren feſtes Vertrauen auf ſeine Uunſchuld mich allein davon uͤberzengt haben wuͤrde, wenn auch miugen das zu ſe⸗ hen gewaͤhnt haͤtten, was meine uͤbrigen Sinne in dem erſten Schrecken vernommen zu haben glaubten.« „Alſo auch Sie, Firmin, haben öhe Meinung ſeit dieſer Nacht veraͤndert?« ver⸗ ſetzte der Richter mit bitterer Schaͤrfe.„Run, Sie ſind ſein Bruder; ich werde Sie mit dergleichen Fragen verſchonen.« MRein, Herr Richter,« ſagte Firmin, „das habe ich nicht, denn ich hatte die Nacht gar keine Meinung; ich war betaͤubt, ver⸗ irrt. Was ich gehoͤrt und geſehen habe, werde ich nicht lengnen, und ich verhehle nicht, daß der äuſſere Schein ganz ₰ den armen Jean zengte.« „Sprach Firmin Gonaid ſonſt nichts mit dem Gefangenen 24 fragte der Richter den Gefangenwaͤrtex. Doch, Er bat ihn, offen zu ſagen, ob er geſtern Abend irgend ein der Wunde entſprechendes Werkzeug bei ſich ge— foͤhrt, und in dieſem Falle, in welcher Ab⸗ ———— —„— —— — ſicht er es denn mitgenommen? Da rief der Verhaftete zu meiner Verwunderung faſt freu⸗ dig aus, daß er gar kein toͤdtendes Werkzeng bei 10 gehabt. vGottlob las entgegnete dann Firinin,„darauf habe ich meine Hoffnung geſetzt. Nun ſo wird auch Deine Unſchuld an den Tag kommen; denn dies Mordinſtru⸗ ment iſt ſchon da, und wo das iſt, muß auch der Eigenthuͤmer ausgefunden werden koͤnnen. 44 „Man hat Beiſpiele,« ſagte der Richter finſter,„daß in einer Unterredung mit einem Verhafteten im Beiſeyn eines Aufſehers den Worten oft ein entgegengeſetzter Sinn beige⸗ legt wird. Warum«— fragte der Richter Jean— vmachten Sie mir nicht gleich in dieſer Nacht die Bemerkung, womit Sie mir heute entgegentreten*6 „Ich war nicht Herrmeiner Beſinnung,« entgegnete dieſer ruhig; ves war mir in dem Augenblick zu Muthe, als haͤtte ich den ar⸗ men Bruder wirklich getodtet,« — „Das will ich glauben. Sie baten ihn um Verzeihung, raͤumten ein, daß Sie Reue fuͤhlten.« „Das thue ich noch,« verſetzte Jean. „Es war das erſte Mal in meinem Leben, daß ich in einem ſo haͤßlichen, widerſinnigen Streit mit ihm, mit irgend Jemanden gera⸗ then bin; ich war auffahrend, heftig, unge⸗ recht gegen ihn, er vielleicht noch mehr gegen mich; kurz, es war ein Augenblick des Haſ⸗ ſes, und— o mein Gott! in dem Augen⸗ blick mußten wir ſcheiden! Er kann mich nicht mehr verſoͤhnt an ſein Herz druͤcken le „Sie ſind, will man wiſſen, betrunken geweſen 74 W Jean errothete. vIch hatte mehr als ge⸗ woͤhnlich getrunken; aber betrunken iſt Keiner von uns Bruͤdern je geweſen.« „Woruͤber habt Ihr Euch denn geſtrit⸗ ten 24 fragte der Richter weiter. WVerzeihung, Herr Richter,« verſetzte Jean entſchloſſen, vdas ſage ich nicht, das — —,— — 95— gehört mir allein. Machen Sie mit mir, was Sie wollen, aber kein Wort kommt uͤber meine Lippen.« „Ich begreife es, denn es wuͤrde nur zu viel aufkläͤren,« murmelte der Richter in ſich, von einem plotzlichen Jaͤhzorn ergluͤhend, und eben ſo ſchnell erbleichend; aber ſchnell das, was ihm noch auf der Zunge bebte, in ſich verbeiſſend, wandte er ſich raſch zu Firmin mit der Frage:„Sie wußten alſo nicht, als Sie bei dem Bruder waren, was jetzt wahrſcheinlich der ganze Flecken weiß, daß mir durch eine ungeheure Frechheit das Meſſer wieder geraubt iſt? „Wie? Mein Gott! Rein le rief Firmin erſchrocken. Der Richter ſah ihn durchbohrend an; dann erklaͤrte er laut Alles, was er bei dieſer Veranlaſſung zu ſagen fuͤr noͤthig erachtete, und ſetzte das Zeugenverhoͤr nach den ge⸗ braͤuchlichen Formen fort. Eine ſpaͤtere Aus⸗ ſage von Jean erregte ſogar ein allgemeines 6 — * Murren. Als man ihm vorhielt, daß, wenn er nicht den Mord begangen, ein Dritter dann nothwendig in der Naͤhe geweſen ſeyn muͤſſe, erklaͤrte er, daß es ihm wirklich vor⸗ gekommen, als gewahrte er, da der Bruder gefallen war, einen niedrigen, dunklen Koͤr⸗ per, wie einen Schatten, der uͤber ihm ſchwebte; doch waͤre dieſer ſogleich entſchwun⸗ den, und er ſo ganz mit dem Ermordeten beſchäſtigt geweſen, daß er nicht weiter dar⸗ auf geachtet, und ſich nun erſt eines Beſſe⸗ ren beſonnen habe. Der Richter wandte ſich mit Widerwillen von ihm ab. Es ergab ſich leider aus Allem, daß die Wahrſcheinlichkeit, ja ſelbſt die vorhandene Ausſage der Zeugen ſo ganz gegen den Angeklagten waren, daß ſeine bevorſtehende Verurtheilung als morder unvermeidlich ſchien. Aus den Eroͤrterungen der Nebenumſtaͤnde ging klar hervor, daß Hlivier in dem Tanz⸗ ſaale ſelbſt dem Bruder eine wegwerfende Antwort, bei welcher Wort und Ton eine ———— —————————— — 9 heftige Anklage ihn ausſprachen, gege⸗ ben; daß derſelbe beim Nachhauſegehen, ob⸗ gleich in ſichtbarem Aufruhr, ihm doch ſorg⸗ faͤltig ausgewichen, und weit hinten geblieben war; daß Jean in duͤſterem Sinnen, wie ſchon bemerkt worden, die Uebrigen gefliſ⸗ ſentlich verlaſſen, und ſich beim Eintritt in die Allee an den Bruder gedraͤngt hatte, daß ein lauter Wortwechſel, ja ſelbſt drohende Worte aus Jean's Munde, darauf eine plotz⸗ liche Stille, dann auf Einmal das Aechzen und der dumpfe Fall vernommen, und HOli— vier, faſt in demſelben Augenblicke, todt und in ſeinem Blute ſchwimmend angetroffen wur⸗ de. Jean's augenblickliches Benehmen dabei war, der ſpaͤteren Zuruͤcknahme ungeachtet, nur wenig geeignet, ihn ſchuldlos zu finden. Er konnte nichts fuͤr ſich anfuͤhren, als ſein bloßes Nein, und ein zorniger Abſchen ſchien ihn noch zu durchzucken, eine Angſt ihn zu ergreifen, wenn nur die kleinſte Frage die Urſache ihres Streites beruͤhrte. 1 — 6 Der hoͤchſt wichtige und unerklaͤrbare Vor⸗ fall mit dem wahrſcheinlichen Inſtrumente des Mordes ſprach weit mehr gegen ihn, als zu ſeinem Vortheile. immer eine Moͤglichkeit da, daß die weſenheit dieſes Inſtrumentes die Entdeckung der Unſchuld, auf der er beſtand, herbeifuͤhren könne, allein keine Wahrſcheinlichkeit; denn wer hatte es wohl brauchen koͤnnen, anſſer er allein, da weder Augen noch Ohren der Zengen die Ge⸗ genwart eines Dritten bemerkt hatten? Anch ward ſelbſt dadurch der Argwohn gegen ihn beſtarkt, daß ſeine Behauptung, keine Waffe gehabt zu haben, nebſt der beinahe noch kek⸗ keren ſeiner Unſchuld, ſo ſehr abſtechend ge⸗ gen die Kleinmuͤthigkeit, die er im Augen⸗ blick der That bewieſen hatte, erſt nach dem Verſchwinden des Meſſers, und endlich die Erklärung: die Gegenwart eines Dritten ge⸗ merkt haben zu wollen, noch ſpaͤter erfolgt war. um ſo gewiſſer ſcheint es, nein, iſt es dagegen, daß jenes Inſtrument, wenn es vorhanden waͤre, als ſein Eigenthum erkannt, ſeine voͤllige Verurtheilung bewirken mußte. Obgleich das Verſchwinden des muthmaßlichen Corpus Delicti, von welcher Seite man es auch betrachten moͤge, noch immer unerklaͤr⸗ bar, ja unbegreiflich bleibt, ſcheint es doch weniger wahrſcheinlich, daß der Raub von einem Fremden oder Einheimiſchen— denn hier fehlt es an aller Vermuthung, da Oli⸗ vier, ſo viel man weiß, im Flecken ſelbſt kei⸗ nen Feind, und auſſer demſelben nur wenige Bekannte beſaß— oder ſonſt von Jemanden in der Abſicht hatte veruͤbt werden koͤnnen, um ſich ſelbſt der Verfolgung zu entziehen, als von einem Freund des Angeklagten, der durch die Hinwegſchaffung des Mordinſtru⸗ mentes den hauptſaͤchlichſten Beweis der An⸗ klage zu vernichten dachte, um ſo mehr, als nur ſolchen, die jene Benennung fuͤhren oder gefuͤhrt haben, der Fund des Meſſers bekannt war, nehmlich dem Bruder des Angeklagten und ihm ſelbſt,»ſo wie auch«— fuͤgte der 3 — 100— Richter— denn aus ſeinen ſcharfſinnigen Bemerkungen ging dieſe Darſtellung hervor — mit ſchwankender Stimme hinzu— Je⸗ manden in ſeinem Hauſe; ja er ſelbſt habe in ſo genauer Beruͤhrung mit dem Verhafte⸗ ten geſtanden, und fuͤhle ſich noch deſſen Fa⸗ milie ſo geneigt, daß er tief empfinde, wie nur ſeine anerkannte Wuͤrde als Menſch und Beamter ihn ſelbſt bei dieſer Veranlaſſung von dem Argwohne, zur Rettung eines bis⸗ her untadelhaften Lebens die Geſetze uͤbertreten zu haben, freiſprechen koͤnne. Und ſo«— ſchloß er— vſcheint der Mangel des Corpus Delicti einen neuen Beweis gegen den Ange⸗ klagten aufzuſtellen.« Zwar nicht das erſte Verhor allein, ſon⸗ dern alle ſpäteren Unterſuchungen und Eroͤr⸗ terungen der Sache hatten allmaͤhlig dieſes Reſultat herbeigefuͤhrt, das der als hoͤchſt ge⸗ recht anerkannte Richter in und auſſer dem Ge⸗ richte mit feſter, innerer Ueberzeugung aus⸗ ſprach. War es aus Schonung gegen den — 101— Sohn, oder aus Mitleid mit der ungluckli⸗ chen Familie, deren Haupt ſein theurer Freund geweſen, aus Achtung fuͤr die unbe⸗ fleckte Schneefarbe der Taube von Cerdrons, damit dieſe nicht einmal ein Anflug von Ver⸗ dacht, der ihre Reinheit truͤben konnte, an⸗ wehen moͤge, daß er die Erſcheinung Rogi⸗ bert's bei dem Feſte nicht beruͤhrte, damit der Anlaß eines Streites, an deſſen moͤgliche Quelle er nur mit Schaudern denken konnte, um ſo mehr, da Jean ſelbſt ſich hartnaͤckig geweigert, dieſen Gegenſtand zu eroͤrtern, nicht laut werden, und die gewiß ſchuldloſe Familie einer neuen Schmach blosſtellen moͤchte*6 Saint Marc hatte mit ſichtbarer Unruhe allen Gerichtsſitzungen beinahe verſtohlen bei⸗ gewohnt. Obgleich es ſchien, daß er dem fruͤheren Verbot des Vaters: ſich nicht in ſei⸗ ne Amtsangelegenheiten zu miſchen, diesmal ſehr gewiſſenhaft nachkam, konnte et doch nicht umhin, deſſen ſtrenge Folgerungen als — 402— uͤbertrieben zu tadeln; wenn indeſſen der Richter mit einem ſcharfen, durchdringenden Blick ihn auf ſein Gewiſſen fragte, ob er denn Jean fuͤr unſchuldig halten koͤnne, ſuchte ſein Blick den Boden, als wage er ſelbſt nicht, ihn freizuſprechen. Der Zwieſpalt in ſeinem Innern ging uͤbrigens aus ſeinem Benehmen hervor. Zwar beſuchte er die Fa⸗ milie Gonard wie fruͤher, aber es ſprach ſich mehr eine ſtille Verehrung gegen Arſene, als die vorige heiſſe Leidenſchaft in ſeinen Blicken aus. Er, der fruͤher ſo luſtige junge Mann, der nie ein Buch zu Ende las, und nur in dem wilden Getuͤmmel der Welt des Lebens recht froh war, konnte nun ganze Stunden unter den betruͤbten Bewohnern des nun faſt oden Hauſes ſitzen, und mit einer bußeaͤhn⸗ lichen Empfindung ihnen aus Andachtsbuͤchern vorleſen, die er fruͤher nie zur Hand nahm. Ihm, der fruͤher nur vor Lachen weinte, ſtanden nun, wie bei nervenſchwachen Leuten, bei jedem Anklang, der das Gefuͤhl nur leiſe 46 — 103— in Anſpruch nahm, die Augen voll Thraͤnen. Ja, als wenige Tage nach dem ungluͤck⸗ lichen Ereigniſſe der Ermordete zur Erde be⸗ ſtattet werden ſollte, war er der Erſte, der laut und eifrig darauf drang, ihm eine Be⸗ gleitung zu geben, welche die ehrenvolle Theil⸗ nahme des Fleckens bewies, und auch noch einen Abglanz der Achtung auf die trauernde Familie werfen konnte. Er uͤberredete ſogar den Vater, deſſen täglich zunehmendes menſchenfeindliches Betra⸗ gen nur durch den Anblick des Kummers ſei⸗ nes einzigen Sohnes etwas gemildert wur⸗ de, in dem Zuge zu erſcheinen; doch betrat d Ahot das Haus des Ungluͤcks nicht. Schwei⸗ gend ſchien er die Beſuche des Sohnes dort zu dulden, obgleich er, mit Ruͤckſicht auf die nationellen Vorurtheile, denen er ſo wie alle Menſchen unterworfen war, und zu Folge welchen in der Denkart der Franzo⸗ ſen begruͤndeten Charakterzuges die ganze Fa⸗ milie, aus welcher ein nahes Mitglied dem — 104— Geſetze verfallen iſt, die Entehrung trifft, die fruͤher erwuͤnſchte Verbindung nun als ahe hoben betrachtete. Um ſo entſchloſſener ſchien der Sohn, ſich nicht zuruͤckziehen zu wollen. Nur den un⸗ gluͤcklichen Jean beſuchte er nie. Dieſem war es nach den geſchloſſenen Verhoͤren erlaubt worden, ſeine Familie zu ſehen. Firmin, die Mutter mit der Schweſter beſuchten ihn taglich. Das Ungluͤck hatte ſie wo moͤglich noch feſter an einander geknuͤpft. Arſenens ſchweſterliche Neigung hatte, alle fruͤheren Traume vergeſſend, durch die ſchreckliche Drohung, die jene Weiſſagung ſo kurz vor ihrer Erfuͤllung ſcharf ausgeſprochen hatte, ei⸗ nen leidenſchaftlichen Charakter angenommen, der Saint Marc's Abneigung gegen den Ver⸗ r erklärt haben wuͤrde, wenn nicht irſene, untroͤſtlich uͤber eine ſonderbare Ver⸗ änderung in Jean's Betragen gegen ſie, ſich laut daruͤber geaͤuſſert haͤtte. Er, der fruͤher ſo warm, ſo innig an ihr gehangen hatte, — — 105— gab ihr nunmehr keine ihrer zaͤrtlichen Liebko⸗ ſungen zuruͤck, obgleich die alte Innigkeit ſeiner Blicke noch in ihr Herz drang. In ſeinem aͤuſſeren Weſen aber herrſchte eine ſcheue Ehrfurcht, der aͤhnlich, womit man einem Heiligenbilde nahet, zu dem man wohl heiſſe Gebete hinauf ſendet, es aber nicht mit irdiſchen Armen, ohne es zu entweihen, umfaſſen darf. Aus Arſenens unbefangener Klage erſah Saint Marc, daß ſeine plumpe, ſo blutig ausgefallene Warnung in Jean's Herzen die damals gewuͤnſchte Frucht getragen, und maͤchtiger ſchwoll ihm das Herz, den Armen zu retten. Er ſowohl als die Mutter und Firmin, dem der Richter ſein vorthes Zutrauen ganz entzogen zu haben ſchien, ſahen Alle recht gut ein, daß, wenn die Sache in den Sitzungen des entfernten hoͤhern Gerichts vorgetragen wuͤrde, die Anhaͤnglichkeit und inneren Zweifel der Bewohner von Cerdrons keinen uͤberzeugenden Einfluß zu Jean's Vor⸗ — 106— cheil haben koͤnnten, ſofern der Bericht des Richters, der die Verhore begleiten ſollte, in einem ſo kalten und ſcharfen Tone abgefaßt waͤre, wie der, welchen er immer in ſeinen Amtsgeſchaͤften behauptete, und beſonders in dieſer Sache, vielleicht die verborgenen Be⸗ wegungen ſeines Innern als partheiliche Schwaͤche befuͤrchtend, an den Tag gelegt hatte. Und dennoch waren es nur ſolche edelmuͤ⸗ thige Regungen, worauf die Familie ihre letzte Hoffnung ſtutzen konnte. Es war ihnen einleuchtend, daß eine mitleidsvolle und von dem Herzen dictirte Auseinanderſetzung von Seiten des Richters, mit Beſeitigung der haͤßlichen Folgerungen, den Raub des Mord⸗ werkzeuges betreffend, und deſſen Ermange⸗ lung mit der Feinheit eines gewandten Advo⸗ katen benutzt, vielleicht die vollige Freiſpre⸗ chung des Angeklagten herbeifuͤhren koͤnnte. Mutter und Kinder hofften in dieſer Hinſicht auf Saint Marc's Verwendung. Aber war —— — 107— eine ſolche Rachſicht, die den Begriffen des Vaters ſo geradezu zuwider bei ihm denkbar? Er aber ſchuͤttelte bitter und ſchaudernd den Kopf. Er ſelbſt hoffte nichts in dieſer Sache thun zu koͤnnen; bei der leiſeſten Er⸗ waͤhnung ſeiner Theilnahme kam der Richter, mit bitterer Anſpielung auf unerlaubte Einmi⸗ ſchung, immer auf den Mantel zuruͤck, und ſah dabei den Sohn ſo argwoͤhniſch und durch⸗ dringend an, daß dieſer mitten in der am Beſten ausgedachten Rede verſtummte, und eben dieſes Verſtummen, in den Augen des Vaters eine Anerkennung von Jean's Ver⸗ brechen, ſchien ſeinen Starrſinn nur uner⸗ bittlicher zu machen. Indeſſen ſchoͤpfte der Sohn eben aus der Haͤrte, womit der Vater jede Erwaͤhnung der armen Familie zuruͤckwies, und ihr ſelbſt auszuweichen ſchien, eine leiſe Hoffnung, und ſo wagte er den letzten Verſuch, auf die Ge⸗ fehr hin, den Vater durch dieſe mittelbare — 108— Einmiſchung noch mehr gegen ſich aufzubrin⸗ gen. Zu einer freilich ſehr unbequemen Stunde, einer derjenigen, die, der Arbeit gewidmet, Niemand ſonſt zu ſtoͤren wagte, fuͤhrte Saint Marec ſchweigend Madame Go⸗ nard zu dem Vater hinein, und zog ſich zu⸗ ruͤck. Der Vater warf ihm einen erbitterten Blick zu. Die zitternde Matrone war in tiefe Trauer gekleidet. Herr d' Ayot erkannte ſie freilich; allein dennoch glaubte er ein ganz fremdes Geſicht zu ſehen. Keine Spur mehr von der zufriedenen, herzlichen Heiterkeit, die fruͤher alle ihre Zuͤge belebt hatte. Ihr Blick, ein⸗ mal aufgeſchlagen, ruhte ernſt, durchdringend, an ſeine Seele redend, auf dem ſeinen. Der Richter war bei ihrem Anblick beinahe er⸗ ſchrocken aufgeſprungen; wie zwei regungsloſe, ſtarre Geſtalten von Wachs ſtanden ſie einan⸗ der gegenuͤber. Keines von Beiden vermochte ein Wort hervorzubringen, Keines das Auge von dem Andern zuruckzuzichen. Dem Rich⸗ — 109— ter gelang es indeſſen, ſich zuerſt zu faſ⸗ ſen. „Was ſteht zu Ihren Dienſten, Mada⸗ me74 fragte er in einem ſo ſcharfen und kalten Tone, in dem nur das geuͤbte Ohr eines Dritten ein leiſes Zittern haͤtte unter⸗ ſcheiden köͤnnen, daß ſeine Eiſeskälte den Buſen der armen Frau durchzuckte. „Die Milde und Theilnahme,« entgegnete ſie tonlos,„die immer einem menſchlichen Gemuͤthe gut ſtehen und die ich ſeit einer langen Reihe von Jahren bei Ihnen zu fin⸗ den gewohnt bin; das Herz, das alle die Meinigen vor Kurzem mit, ich darf ſagen, vaͤterlicher Liebe umſchloß. Nun durchdringt mich Ihr Blick mit Schandern; er iſt gläͤ⸗ ſern geworden, es iſt keine Seele mehr dar⸗ in.« „Ich habe nie in meinem Herzen aufge⸗ hort derſelbe zu ſeyn,« erwiederte der Richter, wo moͤglich noch kaͤlter und ſtrenger, vaber das Verhaͤngniß hat mich Ihnen als Richter —— gegenuͤber geſtellt; wenn dieſer ſeinen Pflich⸗ ten Genuͤge gethan, wird der Freund ſich nicht verleugnen.« Bei den letzten Worten brach ſeine Stimme, er ergriff zitternd ihre Hand; aber obgleich die Pulſe ihrer beiden Hände neben einander ſchlugen und brann⸗ ten, gelang es ihm immer, trotz dieſer war⸗ men Leiter treuer Freundſchaft, Herr ſeiner Empfindungen zu bleiben; und ſo fuͤhrte er ſie zu der Bergere hin, waͤhrend eine ceremo⸗ nielle Verbeugung ſie zum Niederſitzen einlud. „Sie, und wer Sie dazu verleitet hat, thun Unrecht, dieſe, ich leugne es nicht, ſchwere Stunde uͤber mich zu verhaͤngen,« ſagte er mit Haͤrte.„Es iſt eine gegenſeitige Qual, die zu nichts fuͤhrt. Waͤre ich nicht«— fuhr er, ſich erhitzend, fort— vein Elender, wenn meine Geſinnungen ſo ſchwankend und unzu⸗ verlaͤſſig waren, daß eine Empfindung, dieſe Schwaͤche des warmen Blutes, woraus das Verbrechen entſpringt, mich verleiten koͤnnte, von dem abzugehen, was ich fuͤr Recht an⸗ — 111— erkannt habe? Hoſſen Sie dies nicht! Die Prieſter duͤrfen Gefuͤhl mit ihrem Gewiſſen vereinen, denn Golt iſt barmherzig; der Richter mit dem ſeinen nur das Geſetz— das Recht iſt unerbittlich. Was Neues, das ich nicht gewußt, nicht erwogen, koͤnnen Sie mir ſagen.« „Erwogen 74 wiederholte ſie. Nur zu er⸗ wägen, werde ich Sie anflehen. Was haben Sie erwogen? Aeuſſeren Schein. Wohl! duͤrfen Sie nicht der innern Wahrheit ver⸗ trauen, ſo erwaͤgen Sie auch Alles, was Sie in meinem Hauſe erlebt, was Sie dort gehoͤrt und geſehen, die innige Liebe der Kinder unter einander. Konnte ein Augen⸗ blick Eins von ihnen zum Moͤrder des Andern gemacht haben*6 Sie haͤtte ſchwerlich etwas ihrer Abſicht verderblicheres ſagen koͤnnen, denn eben dieſe zu innige Liebe war es ja, der er ein ſonſt unerklͤrliches Verbrechen zuſchrieb. vSie ſind Menſchen,« ſagte er bitter. Beiſpiele, Gott⸗ — 112— lob! nicht viele, auſſer Ihrem Hauſe bewei⸗ ſen, daß ſelbſt in dieſen Leidenſchaften ge⸗ ſchlummert haben koͤnnen, die ihrem Opfer den Gebrauch der Vernunft, ihr beſſeres Ge⸗ wiſſen, wenigſtens auf einen Augenblick rau⸗ ben. Ich will nicht in das Herz des Schul⸗ digen hinabſteigen; ſelbſt nicht, glauben Sie mir auf mein Wort, ſelbſt nicht aus Freund⸗ ſchaft fuͤr Sie. So laſſen Sie mein Herz in Ruhe! Es muß kalt bleiben, denn dasje⸗ nige, deſſen Rechte ich zu vertreten geſetzt bin, wird nimmermehr warm werden. Darf ich um des Lebenden willen den Todten ver⸗ geſſen? War er nicht auch ein guter Sohn, ein liebevoller Bruder? Und nun liegt er er⸗ ſchlagen da, nicht von einem Unbekannten, der ſeinen Werth nicht ſchaͤtzen konnte, oder von einem Feinde, den der Haß blind mach⸗ te, nein! von ſeinem angebornen Freunde, von dem, der das Bett mit ihm theilte, Freu⸗ de und Leid, elterliche Liebe, daſſelbe Gluͤck— erſchlagen liegt er da von dem eigenen Bruder K — 113— vUnd rief nicht eben dies Verhaͤltniß ſeine Unſchuld laut aus 4 rief die Mutter erſchuͤt⸗ tert. Arme Frau! eben dies Verhaͤltniß«— fuhr der Richter in ſeinem Eifer, warm durch ſei⸗ ne grauenhafte Anſicht, fort—„Sie kennen nicht die Welt, nicht die Gewalt eines Au⸗ genblicks— er kann das Boͤſe zu einem Rie⸗ ſen machen; und dieſe That, ſo wie ich ſie vor mir ſehe— Wie? unterbrach er ſich ſelbſt ſchaudernd, vIhr verlangt, daß ich einen Brudermord beſchoͤnigen, den rein waſchen ſoll, der Kains Mahl an der Stirne tragt? Giebt es ein ſcheußlicheres Verbrechen naͤchſt dem Vatermord, als das, welches hier ein guter Menſch begangen hat? Und der Bru⸗ dermoͤrder ſollte frei geſprochen werden, weil er Jahre lang ein guter Menſch geheiſſen? Hoffen Sie das nicht lK vEs ſey le ſagte die Matrone entſchloſſen; »die Stunde einer Noth, die ich nicht zu er⸗ leben gedacht, iſt da.„Moöͤge er denn auch, 8 — — 114— was ich nicht glauben kann, ein Moͤrder ſeyn; ein Brudermorder iſt er dennoch nicht. Hlivier und Jean ſind nicht Bruͤder.« „Wie 4 ſtaunte der Richter. vAch! ja ſo,« fuhr er ruhiger mit derſelben ſchroffen Haͤrte fort; vaber wer ſteht mir fuͤr die Wahrheit dieſer Angabe ſelbſt aus Ihrem Munde? Koͤnnen Sie beweiſen, was Sie da ſagen? Vor dem Gerichte wuͤrde es aller⸗ dings einen Unterſchied machen; habe ich aber Ihren ſterbenden Gatten recht verſtan⸗ den, ſo iſt ja das Geheimniß und, Be⸗ weis mit ihm begraben.« 2 vIch habe«— verſetzte ſie leiſe und zit⸗ ternd— veinen Beweis, von dem der Gatte nie etwas gewußt hat; ob er hinreichend iſt, weiß ich freilich nicht.« „Es ſpricht ſich freiliche— entgegnele der Richter mit einem bittern Laͤcheln—„ſchon eine Art Beweis ſelbſt in Ihrem Geſtaͤndniß aus. Ich kenne ja das Herz der Mutter. Das fuͤr uns Verlorne, Todte pflegt ja ſonſt — 115— immer in den Tagen der Trauer, ehe noch die Narbe verharſcht iſt, das Liebſte, das Theuerſte zu ſeyn. Das ſcheint mir hier nicht der Fall zu ſeyn. Die Stimme, die ſonſt aus dem Grabe um Rache, Vergeltung und Strafe des Moͤrders ſchreit, hat hier in keinem muͤtterlichen Ohr wiederhallt. Im Tode muß der arme Olivier ſich als die Wai⸗ ſe erkennen.« „Harter Mann lK ſagte die Mutter, in Thraͤnen ausbrechend. Gott nur weiß es, wie ſehr ich ihn beweine; in den ſchlafloſen Naͤchten hat ſeine bleiche, blutige Geſtalt mir bittere Thraͤnen abgepreßt. Sie irren ſich, mein Herr! Den Todten habe ich mit Schmerzen und zu Schmerzen geboren, den Lebenden nicht; und dennoch ſteht er meinem Herzen nicht ferner als die Uebrigen. Seine Menſchenkenntniß hatte dieſes Mal das ſich verhaͤrtende Gemuͤth des Richters irre geleitet. Er ſtand da wie von einem Blitz⸗ ſtrahl gerͤhrt, der jede kuͤnſtlich umſchlingen⸗ 8* — 116— de Rinde ſeines Herzens zerſchmolz.„Wuͤr⸗ dige, verehrte Fran,« ſagte er bewegt, vver⸗ zeihen Sie eine Muthmaßung, die eine be⸗ waͤhrte Erfahrung rechtfertigt. Ich bin hart mit Ihnen verfahren; ich konnte nicht an⸗ ders. Ich bin Diener gebieteriſcher Pflich⸗ ten: nach meinen Einſichten kann dieſe Ent⸗ deckung nicht allein eine mildere Anſicht her⸗ beifuͤhren, ſondern ſie iſt auch wichtig in Hinſicht auf Ihre Familie und deren guten Namen; kein Makel wird nun an dieſem haften. Sie brauchen ihn nunmehr, nach der bei uns gebraͤuchlichen Sitte, nicht mit einem anderen zu vertanſchen, denn die Schande der Verurtheilung kann ihn nicht treffen.« „Daran habe ich nicht gedacht,« verſetzte die Matrone ruhig,„deswegen ſoll ihm nicht der Name geranbt werden, den die väterliche Liebe ihm beigelegt hat; Freude, Leid und Liebe haben wir mit ihm und er mit uns ge⸗ theilt, und ich ſollte die unverdiente Schmach F B 8 — 117— ſcheuen, mit denſelben Silben, wie das ungluͤckliche Kind, gensan zu werden, das ſchon ein harter Verdacht, dem ich eben durch ein ſo liebloſes Verfahren noch groͤſſeres Gewicht geben wuͤrde, zu Boden druͤckt? Die ganze Welt darf, ſoll es wiſſen, daß die Familie, die ihn fuͤr den Ihrigen anerkannt, ihn fuͤr unſchuldig haͤlt, und ſtolz darauf iſt, eine Schande, die er nicht verſchuldet, mit ihm zu theilen. Doch wenn es ſein Schick⸗ ſal erleichtern, Sie milder ſtimmen kann, daß ich ihn nicht geboren, ja dann will ich die Beweiſe holen. Moͤgen ſie nur als guͤl⸗ tig erkannt werden!« Mit einer faſt freudi⸗ gen Eile verließ ſie das Zimmer. Tief erſchuͤttert folgte ihr des Richters Blick. Unwillkuͤhrlich draͤngte ſich eine Thraͤ⸗ ne in ſein Auge.„Und dieſes liebevolle Herz ſoll ich brechen?« ſagte er bei ſich. Darf ich denn anders 4 fuͤgte er, ſich ermuthi⸗ gend, hinzu. vUnd iſt dies ſchoͤne Gefuͤhl liebender Gewohnheit, wiewohl ich ſie ver⸗ . — 118— ehre, nicht auch eine Verirrung des Herzens, die mich nur um ſo mißtrauiſcher gegen das eigene machen muß? Dem guten Ruf ihres Ramens will ſie entſagen aus einer Ueberzen⸗ gung, der alle Umſtände widerſprechen, und die nur beweiſt, wie ſehr der Wahn unſerer Empfindungen truͤgt. Aber der Name des verſtorbenen Freundes, der Ruf ſeiner Fami⸗ lie muß bei Ehren erhalten werden; das ge⸗ bietet mir Amt und Pflicht, um ſo mehr, als eben dieſe ruckſichtsloſe Liebe denjenigen, der ſie ſo ſchaͤndlich gemißbraucht, einer nach⸗ ſichtigen Schonung unwerth macht.« Unter ſolchen, das Gemuͤth aufs Neue verhärtenden Betrachtungen ſah er die Mut⸗ ter mit einem kleinen Paquet, ſorgfaͤltig in ihr Tuch gewickelt, zuruͤckkehren. Sie brach⸗ te eine ruhigere Faſſung als vorher mit ſich zuruͤck, und trug nun dem Richter nen Bericht vor: 43 „Mein Gakte wird Ihnen gewiß oͤfters erzählt haben, daß die Eile, womit drohen⸗ — — 119— de Gefahren uns nothigten, die ungluͤckliche Vendee zu verlaſſen, mehr einer Flucht als einer Reiſe aͤhnlich war. Ich war ſo eben von unſerem juͤngſten Sohne geneſen. Ziem⸗ lich weit von unſerem Wohnorte, in einem ſo friedlichen Dorfe tief in den Gebirgen, daß die Aufwiegler des herrſchenden Parthei⸗ geiſtes es hoffentlich unbeachtet laſſen wuͤrden, lebte die Wittwe eines Landmannes, Frau Claude Marcou, die, einige Jahre aͤlter als ich, und in dem Hauſe der Eltern erzogen, unſer vollſtes Vertrauen beſaß. Unſere aͤlte⸗ ren Kinder waren alle von ihr geſaͤugt wor⸗ den, und ſo nahmen wir auch nicht den ge⸗ ringſten Anſtand, ihr den kleinen Jean zu uͤbergeben. Sie hatte ihn ſchon abgeholt, mit liebender Sorgfalt, wie die Uebrigen, an ihre Bruſt gelegt, und war in ihr Dorf zuruͤckgekehrt, als wir, ich noch nicht ganz hergeſtellt, die Reiſe antreten mußten. Nur ungern entfernten wir uns ſo weit von dem Kinde; aber haͤtten wir es auch abholen koͤn⸗ — 120— nen, ſo hielten wir es doch noch fuͤr zu zart, um Beſchwerden zu theilen, die wir uns er⸗ muͤdender vorſtellten, als ſie in der That waren. Wir fanden in Cerdrons Sicherheit und Ruhe. Allein erſt nach Jahren, nach⸗ dem die blutigen Grenel in jenen ungluͤckli⸗ chen Gegenden zum Theil aufgehoͤrt hatten, oder doch milder geworden waren, gelang es dem Gatten, ſelbſt das Kind abzuholen, und der guten Frau fuͤr ihre vielen Sorgen ver⸗ gelten zu koͤnnen. Sie hatte ſich indeſſen wieder verheirathet, war aber in druͤckende umſtände gerathen; dennoch fehlte es dem kleinen Pflegling an nichts. Wir nahmen ihn dankbar und arglos aus ihren Haͤnden, und er erwarb ſich bald mit Recht und Zin⸗ ſen den ihm ſo lange entzogenen Antheil an unſerer und der Geſchwiſter Liebe, deren Lieb⸗ ling er bald ward. Er mochte wohl ſein dreizehntes Jahr bereits erreicht haben, als eine kranke Bettlerin, die halb ohnmaͤchtig an der Landſtraße gefunden ward, und deren — 121— matte, faſt wortloſe Lippen auf alle Fragen nur den Namen Gonard wiederholt hatten, in unſer Haus gebracht ward. Nur mit Muͤhe erkannten wir in ihr Claude Marcou. Sie könnte nicht ſterben, ſagte ſie, ehe ſie uns geſprochen, und hatte ſich daher, trotz der zunehmenden Schwaͤche, den weiten Weg hergeſchleppt. Unſere theilnehmende, dankbare Pflege verſchaffte ihr einige Erholung; zu⸗ ſammenhaͤngende Sprache wurde ihr wieder zu Theil. Da berief ſie mich und den Gat⸗ ten zu einer heimlichen Unterredung. Sie geſtand uns, daß Jean nicht unſer Kind ſey. Unſere Hoffnung, daß ihr entlegenes Dorf von den Graͤueln blutiger Verfolgung nicht beruͤhrt werden wuͤrde, war nicht in Erfuͤl⸗ lung gegangen. Viele Fluͤchtlinge, die dort auf eine verborgene Zuflucht hofften, hatten die Feinde ihrer Ruhe hingezogen. Eine junge ſchoͤne Frau, die, obgleich in laͤndli⸗ cher Tracht, eine angeſehenere Herkunft ver⸗ rieth, hatte mit einem Kinde im Arme, waͤh⸗ — 122— rend blutige Metzeleien und Verhaftungen im Dorfe ſtatt fanden, ſich in ihr niedriges Haus gefluͤchtet. Kaum glaubte ſie ſich dort* in Sicherheit, als ein wilder Laͤrm vor dem Hauſe entſtand. Mehrere entdeckte Fluͤchtlinge hatten ſich zur Gegenwehr geſetzt. Bald uͤbermannt drangen ſie in die Haͤuſer, in der Hoffnung, ſich dort zu retten. Sie wurden aber auf den Ferſen verfolgt, und ſo fiel in den Haͤuſern ſelbſt eine ſchauderhafte Metzelei vor. Indem Claude Marcou erſchrocken aus der Kammer trat, in welcher ſich die Fremde verſteckt hatte, drang man in das Haus; die Zimmerthuͤr wurde geſprengt; ein Verfolgter wurde ruͤckwärts uͤber die Wiege, in der un⸗ ſer Kind ſchlummerte, niedergeworfen— das Schwert, das jenen durchbohrte, machte es ebenfalls zu einer blutigen zerquetſchten Lei⸗ che. Als der Mord vollbracht war, eilten die Wuͤthenden davon. Claude Marcou waͤlzte mit Rieſenſtaͤrke den unbekannten lebloſen Koͤrper von den Truͤmmern der Wiege weg, — 123— und warf ſich laut ſchreiend uber die zerdruͤck⸗ ten blutigen Reſte ihres Saͤuglings. Die Fremde verlaͤßt, ohne an die eigene Gefahr zu denken, ihren Verſteck, um Clauden zu Huͤlfe zu eilen, und es gelingt ihr, dieſe mit kräftigen Worten aus ihrem betaͤubten Zuſtande zu reiſſen. Da erblickte ſie durch das Fenſter eben den Volkstribun aus ihrer Gegend, der ſie zu verhaften ausgeſchickt, und dem ſie gluͤcklich mit ihrem Kind entflo⸗ hen war. Er iſt ihr auf der Spur geweſen und hat ſie ſchon erkannt. An Entkommen iſt nicht mehr zu denken, denn er iſt ſchon im Begriff, in das Haus zu treten. Da er⸗ griff die Fremde mit ſchneller Geiſtesgegen⸗ wart die blutige Leiche des Kindes, druͤckte es an ihre Bruſt, giebt der Hausfrau einen verſtohlenen Wink nach dem Zimmer hin, wo das ihrige ſich noch befindet, und laut erklaͤrend, daß ihr nichts mehr am Leben lie⸗ ge, nachdem das Letzte, was dieſem Werth geben koͤnnte, ihr geraubt iſt, tritt ſie ſelbſt — 124— den Bewaffneten entgegen und wird von ih⸗ nen fortgefuͤhrt. So war ein Tauſch geſche⸗ hen, den die Natur ſelbſt in dem nachſten Augenblick ſich nicht weigerte anzuerkennen; und als nun der neue Saͤugling der armen Frau von ihrer Bruſt entgegenlaͤchelte, fuͤgte ſie ſich allmaͤhlig in das, was nicht ungeſche⸗ hen gemacht werden konnte. In dieſer Zeit der Unruhe und Verwirrung wurde der Tauſch nicht einmal von den Nachbarn bemerkt. Das laͤndliche grobe Gewand des Kindes be⸗ wies ſchon eine fruͤhere Verkleidung, und von der Fremden erfuhr ſie nichts weiter, als die traurige Gewißheit, daß ſie mit mehreren ungluͤcklichen von beiden Geſchlechtern in der erſten Stadt, wo ſich ein Revolutionstribu⸗ nal befand, guillotinirt worden war⸗ Als es nun fortwährend im Dorfe unruhig her⸗ ging, fuͤhlte Clande Marcou mehr und mehr das Beduͤrfniß, ſich und ihren Kindern einen treuen Beſchuͤtzer zu geben. Dadurch wurde eine zweite Ehe veranlaht, welche die Zeitver⸗ — 125— haͤltniſſe weniger gluͤcklich machten, als es wohl ſonſt der Fall geweſen waͤre. Die Ehe⸗ lente geriethen in immer groͤſſere Armuth; allein deſſen ungeachtet ließ Blaiſe, obgleich ſelbſt mit Kindern beſchenkt, das Vorrecht nicht aus der Acht, das er dem Kinde ſchul⸗ dig zu ſeyn glaubte, das einſt ihm und der Gattin eine freigebige Verguͤtung treuer Sorg⸗ falt bringen wuͤrde. Claude Marcon hatte lange, waͤhrend der Zeit, wo es unmoͤglich war, uns Kunde zukommen zu laſſen, im Innern geſchwankt, ob ſie nicht beſſer thaͤte, ein Geheimniß, das nur ihr bekannt war, und wodurch ein Weſen, das ihre Liebe ge⸗ wonnen, einem Geſchicke, ſeiner rechtmaͤſ⸗ ſigen Geburt angemeſſen, entgegenging, zu verſchweigen, als durch den ſchrecklichen Be⸗ richt von dem Morde unſers Kindes uns, den Argloſen, eine unheilbare Wunde beizu⸗ bringen, und ſich ſelbſt dem Verdachte der Fahrlaͤſſigkeit, oder einer Unterſuchung, die ihr vielleicht ſchwere Verantwortlichkeit zuzie⸗ . — 126— hen wuͤrde, bloszuſtellen. Als mein Gatte endlich vor ſie trat, um den Knaben abzuho⸗ len, entſchieden die Umſtände ihren Entſchluß. Ihr Mann hatte auf die erwartete Geldſum⸗ me gebaut. Das Ausbleiben derſelben wuͤrde die Familie in groſſen Mangel geſturzt, und ihre Offenherzigkeit Beiden ein Geſchoͤpf aufge⸗ burdet haben, das aus einem rettenden Engel nur zu leicht in den Angen des nothleidenden. Mannes ſich in einen Gegenſtand des Haders und Haſſes hätte verwandeln konnen. Des⸗ halb ſchwieg ſie noch immer. Allein, als in wenigen Jahren ihr Mann geſtorben, als die Kinder nach langer Kraͤnklichkeit, die ihr Jammer und ihr Elend noch mehr vermehrt hatte, ihm ins Grab gefolgt waren, entſtand aus dieſem vielfachen Verluſte, den ſie als eine Strafe von oben betrachtete, eine Ge⸗ wiſſensangſt, die ſie nun aus ihrer Heimath⸗ und trotz tauſend erlittenen Muͤhſeligkeiten in unſer Haus getrieben hatte. Wir ſaßen da, Beide erſchoͤttert und gerährt. Das — — 127— Kind war uns lieb— wir zogen keins der Kinder den andern vorz; und ſo erkannten wir in dem Schweigen der Frau eine hohere Fuͤgung, um ſo mehr, als uns alle Quel⸗ len verſchloſſen ſchienen, die Herkunft des Mamenloſen auszumitteln. Wir verziehen ihr von ganzem Herzen, unter der Bedingung jedoch eines fortdauernden Schweigens, und verſprachen uns Beide noch in ihrer Gegen⸗ wart, die arme Waiſe, die wir einmal als unſer Kind anerkannt hatten und liebten, durch eine liebloſe Entdeckung in das Dunkel, das ihre Geburt bedeckte, nie hineinzuſtoſſen. Die Frau ſtarb nachher beruhigt in meinen Armen.« Aber, liebe Freundin,« nahm, als ſie ſchwieg, ungeduldig der Richter das Wort, „den Beweis! Ich glaube Ihnen; allein das iſt leider ja nicht genug.« Hoͤren Sie nur,« hob die Matrone wie⸗ der an. Die arme Frau war durch unſer Benehmen, unſern ſchnell gefaßten Entſchluß — N in dankbare Thraͤnen hingeſchmolzen. Dieſer verſoͤhnende, von ihr unerwartete Erfolg, wo ſie ſich auf Vorwuͤrfe, Ausbruͤche des Zorns und Entſetzens, und auf ein ſie ſchwer treffen⸗ des Ungewitter gefaßt gemacht hatte, band ihr die Zunge. Sie fuͤrchtete, die unverhoffte Aus⸗ gleichung durch ein Wort mehr vielleicht zu zerſtdren. Allein in einer folgenden einſamen Stunde, als ich allein bei ihrem Bette ſaß, kurz vor ihrem Hinſcheiden, uberreichte ſie mir ein altes, kleines Gebetbuch, in deſſen recht zierlichem Einband ein nicht leicht zu bemer⸗ kendes Fach ſich befand, das die Frau erſt nach Jahren entdeckt hatte, und worin nur ein kleines Blatt Papier lag und liegen konn⸗ Das Buch hatte neben dem Kinde gele⸗ r wie der armen Claude. an einem Verhaͤltniſſe zu ruͤt⸗ Es war dieſe ſpaͤte Ueberlieſerung eine ſen oder lockerer machen Zunge und unſere gen. Es ging mi Ich fuͤrchtete, teln, das mir lieb und theuer war. ja möglich, daß Abrede wieder auflo konnte, auf die unſere — 129— ℳ Herzen das Siegel eines ewigen Schweigens gedruͤckt hatten. Und ſo entdeckte ich ſelbſt dem Gatten dieſen Fund nicht, den ich, noch immer tren aufbewahrt, wenn es Gottes Wille waͤre, erſt in meinen letzten Stunden dem Eigenthuͤmer heimlich uͤbergeben wollte; denn nur, wenn mir Kraͤfte und Zeit dazu uͤbrig blieben, wuͤrde ich daran den Finger⸗ zeig der Vorſehung erkennen. Hier uͤbergebe ich Ihnen das Buch. Was das Papier ent⸗ haͤlt, weiß ich nicht; ich kann nichts Ge⸗ ſchriebenes leſen; und hat mich auch zuwei⸗ len die Neugierde geplagt, habe ich doch nie gewagt, es irgend Jemanden zu zeigen. Sie haben aber Worte ausgeſprochen, denen ich nicht widerſtehen kann. Moͤge denn dieſes Blatt dem Schickſal des Ungluͤcklichen nur eine mildere Wendung geben koͤnnen!« Mit dieſen Worten uͤberreichte ſie dem Richter das kleine Paquet. Langſam wickelte er das Tuch ab, und hielt nun ein altes Gebetbuch in der Hand, 9 — 130 das dieſer ein plotzliches Zittern mitzutheilen ſchien; doch kaum hatte er es geoͤffnet, kaum waren ſeine Augen auf das erwaͤhnte Fach gefallen, als ein ſonderbarer, von Freude, Wehmuth und Erſchrecken gemiſchter Ausruf ihm entſchluͤpfte. Das Buch entſiel ſeinen Haͤnden, waͤhrend dieſe ſich bemuͤheten, das kleine zuſammengelegte Blatt zu entfalten; und als ihm dies nun gelungen war, als ſei⸗ ne Augen wie unglaͤubig die wenigen Zeilen wiederholt durchſtogen hatten, ſank er ſprach⸗ los in den Seſſel zuruͤck. Der Schleier, der den Schmerz ſeiner Jugend bedeckte, der Schwermuth und Men⸗ ſchenhaß um ſein Herz gewickelt, ſchien ſich einen Augenblick von ſeinen Augen zu luͤpfen. Claude Marcon hatte einen ihm unbekannten Theil des Schickſals ſeiner ungluͤcklichen Gat⸗ tin erzaͤhlt. Es war der namenloſe Zettel, worin er ſie beſchworen, ſich mit ihrem juͤngſten Sohne zu retten, den ſeine Blicke, ſeine Seele ſo eben wieder erkannt hatten. ——, — — 131— Er wollte den Namen ſchon frendig ausrufen, als ſein glaͤnzender Blick den Trauerkleidern der Matrone, ihren ſchmerzenbleichen Zuͤgen aufs Neue begegnete, und ihn daran erinner⸗ te, daß dieſe Zuͤge ihn ſo eben um Scho⸗ nung und Milde fuͤr das fremde Kind, das ihren Sohn erſchlagen, fuͤr ſein eignes Kind angefleht hatten. „Mein Gott! was iſt das 7½ rief die be⸗ ſtuͤrzte Mutter.»Sie kennen ſeine Herkunft? ſie ſteht darin 74 „Jal« erwiederte er ſchwach.„Ohne ſie zu nennen, ſpricht das Blatt laut zu mir. Ja! er iſt ehrlicher Leute Kind.« »Muß ich ihn denn aufgeben 6 ſagte ſie ſchmerzlich, als fuͤllte nur dieſer Gedanke ihre Seele. »Beruhigen Sie ſich,« verſetzte Herr d' Ayot gefaßter, duͤſter und leiſe, vund ſez⸗ zen Sie mit mir Ihre Hoffnung auf Gott. Was auch geſchehen mag, Ihre Familie, Ih⸗ ren Namen ſoll keine Entehrung treffen. — 132— Vertrauen Sie mir und verlaſſen Sie mich nun. Sie haben mir neue ſchwere Sorgen und Pflichten auferlegt.« Er druͤckte ihr in dem blitzſchnellen dank⸗ baren Gefuͤhle ſeines erſchuͤtterten Herzens we⸗ gen ihrer Mutterſorge die Hand ſo warm und feſt, daß ſie daraus, und ſelbſt aus dem Argwohn, welcher tief im Buſen jedes Geringern wohnt, daß ihm nur ſeiner Ge— ringfuͤgigkeit wegen auch geringerer Beiſtand wird, eine leiſe Hoffnung ſchoͤpfte, jedoch mit der ſchmerzlichen Empfindung vereint, als habe ſie in dieſem Augenblicke den zweiten Sohn verloren. Wer aber wagt die Gefuͤhle zu ſchildern, welche die Bruſt des Mannes, der bisher, im Bewußtſeyn der Erfuͤllung eines ſtrengen Amtes ſelbſt ſtreng, jede Mahnung ſeines doch menſchlichen Herzens mit Kraft niederge⸗ kaͤmpft hatte, nun plotzlich beſtuͤrmten? Er fuͤhlte alle ſeine Anſichten wie umgewandelt, und erkannte die Verwandlung mit Schrecken. „ — 133— Ein unwiderſtehliches Gefuͤhl in ſeinem In⸗ nern zwang ihn, gegen die auf ſeine Kennt⸗ niſſe der Welt begruͤndete und laut ausgeſpro⸗ chene Ueberzeugung, das begangene Verbre⸗ chen in einem weit milderen Lichte zu ſehen. Viele kleine Umſtaͤnde, die ihm fruͤher nicht eingefallen waren, regten ſich nun in ſeiner Seele, um Jean vor dieſer zu entſchuldigen. Es war ihm ſelbſt nun, als koͤnne er, der ſonnenhellen Wahrſcheinlichkeit zum Trotz, nicht an ſein Vergehen glauben. Die vorher dunkel gemuthmaßte unheimliche Leidenſchaft in der Bruſt des Juͤnglings hatte, in erlaub⸗ te Liebe verwandelt, alles Empoͤrende verlo⸗ ren. Konnte er ſich doch nun ſelbſt die Vor⸗ liebe erklaͤten, die der Juͤngling ihm immer eingefloßt hatte. Er mußte wieder, wenn auch nicht an Jean's Unſchuld die That be⸗ treffend, doch an die Unſchuld ſeines Innern glauben. Die leiſe Vermuthung eines gehaͤſ⸗ ſigen Vorbedachts, obgleich es erwieſen war, daß die Bruͤder ſonſt nie Waffen und Meſſer Abſchen. Die Pflegemutter glaubte an ſeine 3 vollige Unſchuld, und der Vater, der ihm ſeit der Kindheit faſt mit einem ruhigen, um ſo mehr ſichern Blick, da keine Ahnung der nahen Verwandtſchaft ihn blendete, wohlge⸗ faͤllig gefolgt war, durfte er daran zweifeln? „Der Vater— hals fuhr er ploͤtzlich wie aus einem Tranme, ſich an das Herz grei⸗ fend, auf,„kommt das auch vom Blute? Muß denn in unſeren Adern, in den an⸗ ſcheinend unſchuldigſten Gefuͤhlen ſelbſt ein von dem Richter ablockender Verſucher lauern? Der Vater, als duͤrfte er hier Vater ſeyn, wo er zum kalten, partheiloſen, beſonnenen Richter berufen iſt!« Durfte er ſich dieſer Um⸗ wandlung ſeiner Anſichten, die er, Gottlob! mit Schrecken erkannte, hingeben? Mußte er ſie nicht vielmehr mit aller Kraft ſeiner See⸗ le, ſeiner vorher ſo klaren, kalten, ruhigen Ueberzengung vorhandener Thatſachen, mit allen Gruͤnden der geſunden Vernunft ver⸗ bei ſich trugen, verwarf nun auch er mit 3 —,—— —— werſen, mit der kalten Vorſicht ſeines Amtes und ſeiner Wuͤrde ſich gegen ihren Einfluß verwahren, noch mehr als zuvor ſich huͤten, die Pſlichten, die jene ihm auflegten, durch ein ſo natuͤrlich ſchoͤnes Gefuͤhl, das aber hier unerlaubte Schwaͤche war, zu verletzen? Ja! ja, ſo ſollte, ſo mußte es ſeyn— erſt ſogleich dieſen Pflichten kalt, ſtreng, unparthei⸗ iſch Genuͤge leiſten— aber ſchnell, ehe das Herz ihm vor Schmerz, Wehmuth und Ver⸗ zweiflung brach. Er ſprang auf, ſetzte ſich an den Schreib⸗ tiſch, ſah, duͤſter ſinnend, die Zuͤge wie ge⸗ woͤhnlich in eiſerne Bande ſchmiegend, vor ſich hin, und zog die Akten raſch hervor; als er aber die Feder eintauchen wollte, und Jean's Namen auf dem Hefte las, ſtellte ſich auf Einmal deſſen ſchoͤnes Bild, erſt als Juͤngling ſo friſch, bluͤhend, laͤchelnd, wie er ſelbſt ihm vor wenigen Wochen gegenuͤber ge⸗ ſtanden, dann immer zuruͤckgehend als er⸗ wachſener Knabe, dann als Kind, aber im⸗ — 136— mer ſo auf ſeine Unſchuld vertranend, vor ihn, bis es in den Thraͤnen, die ſeinen Augen entſtroͤmten, verſchwand. Allein dieſe Thraͤnen verwehrten ihm auch das Schreiben. Er warf die Feder weg, und gab ſich den verfuͤhreriſchen Bildern ſeiner Phantaſie hin. Die gluͤcklichen Tage ſeiner Jugend daͤmmer⸗ ten aus langer Verſunkenheit vor ſeiner Seele auf. Er ſah die bluͤhende, ſchoͤne Fran, welche die Krone ſeiner Jugend und der Schmuck der reichen Beſitzungen der Vorfah⸗ ren war. Ach! der blutige Hader, die blin⸗ de Treue gegen das koͤnigliche Haus, welche die ungluͤckliche Vendee zerriſſen, zerriſſen auch das Innere ſeines Hauſes und— ſein Herz. Er dachte anders als ſeine Frau und ihre Verwandten. Die große Frage des Lan⸗ des hatte auch das Ehepaar entzweit. Er entzog der Gattin die Pflege des aͤlteren Soh⸗ „nes, den, obgleich ein noch zartes Kind, er dennoch mit Eiferſucht bewachte, damit Mei⸗ nungen, die ihm ein Graͤuel waren, und in — — ihnen Haß gegen den Vater, dem Sohne nicht eingefloͤßt werden ſollten. Das juͤngſte Kind, deſſen Geburt eine ſchoͤne Scene der Verſoͤhnung zwiſchen den Eheleuten herbeige⸗ fuͤhrt hatte, wodurch es eine noch hoͤhere Liebe Beider in ihren wieder vereinten Herzen gewann, ſollte— ſo beſchloſſen ſie— als ein ſuͤſſer Vermittler von Beiden unzertrenn⸗ lich ſeyn; da erhielt die blutige Parthei in ihrer Provinz die Oberhand. Er wurde un— weit ſeiner Heimath verhaftet. Kaum fand er noch vorher Gelegenheit, in wenigen Zei⸗ len ſie zu warnen. Auf dem Wege nach der Stadt ſah er ſchon ſeine Schloͤſſer brennen, und aus ſeinem Kerker endlich auch ſie, mit einem todten Kinde im Arme, die vor dem Fenſter des Gefaͤngniſſes errichtete Guillotine beſteigen. Er ſank ohne Beſinnung zur Erde nieder, und erwachte durch einen der ſonder⸗ baren Zufaͤlle, die waͤhrend der Blutepoche* in Frankreich nicht ungewoͤhnlich waren— zur Rettung und Freiheit. Er ſollte nach — 138— Paris gebracht und dort verurtheilt werden. Ein Freund fuͤhrte das Kommando, und Beide verſchwanden. Des Verluſts ſeiner Guͤter und ſeiner Familie, den aͤlteſten Sohn ausgenommen, den ein anderer gluͤcklicher Zufall in ſeine Arme leitete, war er nur zu gewiß. Jenen, was die erſten betraf, hatte er bald verſchmerzt. Das Andenken der letz⸗ tern dagegen koſtetete ihm nach Verlauf ſo vieler Jahre ſchwere Seufzer. Und nun in dem Augenblicke, wo ſein Amt, zum erſten Mal, ſeitdem er es uͤbernommen, zur Er⸗ fullung einer ſchweren Pflicht beruft, die ſeine ganze Stäaͤrke erfordert, muß er noch oben⸗ drein in ihrem Opfer das theuerſte Kleinod ſeines Lebens, das er unwiederbringlich ver⸗ loren wähnte, nur wiederfinden, um es dem Henkertode zu uͤbergeben! Vergebens ſah er ſich nach Rettung um. Zeigte aber auch ein Strahl der Hoffnung ſie ſeinem Scharfſinne vielleicht als moͤglich, ſo loͤſchte ſeine ſtrenge Rechtlichkeit jenen ſogleich wieder aus. Durf⸗ — 139— te die Selbſtſucht, der Trieb des eigenen Blu⸗ tes ihn zu Schritten bewegen, die ihm vor⸗ her, als es einem Fremden zu gelten ſchien, ungerecht, ja verwerflich vorgekommen wa⸗ ren? Dieſe Gedanken und Vorſtellungen, wo⸗ mit der arme Mann den Reſt des Abends und die ſchlafloſe Nacht gekaͤmpft hatte, ent⸗ ſprachen in der That wenig der Hoffnung der von der Mutter etwas getroͤſteten Familie, und ſchienen die Rettung des Sohnes noch zweifelhafter, den Bericht, von dem Alles abhing, in den Haͤnden des Vaters, je mehr ſein Herz bei jedem Federzuge bluten mußte, noch kaͤlter und ſtrenger machen zu wollen. So brach der nächſte Morgen an, und beleuchtete ihn, der noch regungslos vor den ausgebrannten Lichtern mit vor Mattigkeit zugefallenen Augen in dem Lehnſtuhl ſaß. Da oͤffnete ſich ſchnell die Thuͤr, und Saint Mart trat nun, da der Vater gegen Gewohnheit nicht beim Fruͤhſtuck erſchienen war, in heſ⸗ — 140— tiger Bewegung ins Zimmer. Auch er ſchien eine ſchlafloſe Nacht zugebracht zu haben. Er war blaͤſſer als gewoͤhnlich, und ein unſteter Blick verrieth die Unruhe ſeines Herzens. Bei dem Geraͤuſche des Eintretenden fuhr der Richter ſchlaftrunken in die Hoͤhe. Beide ſa⸗ hen ſich hoͤchſt betroffen an. Der Vater, dem ein Blick auf ſich ſelbſt Beſinnung und Faſſung wiedergab, nahm zuerſt das Wort. »Was fehlt Dir% fragte er, dem das Schickſal des ungluͤcklichen Bruders, den er ehedem gern dem Aelteſten als Muſter aufge⸗ ſtellt hatte, bei ſeinem Anblick doppelt ſchnei⸗ dend durchs Herz fuhr;„was bedeutet die ſtuͤrmiſche Eile 24 6 vIch bin«— ſagte Saint Marc, ſich faſſend— vwegen Ihrer Geſundheit beſorgt. Ich war geſtern mehrmals an ihrer Thuͤr. Sie haben mein leiſes Klopfen nicht beachtet. Geſtern Abend habe ich einen Brief vom Regiment bekommen, der mich ſpaͤteſtens in wenigen Tagen abruft. Ich war bei der Fa⸗ — 141— milie Gonard. Zuͤrnen Sie nicht, daß ich es gewagt, die Mutter zu Ihnen zu fuͤhren. Sie hat zwar uͤber den Erfolg geſchwiegen; doch meinte ſie, ſie duͤrfte eine leiſe Hoffnung hegen.« Der Vater, durch die Worte verletzt, warf ihm einen duͤſtern, zornigen Blick zu, denn er empfand, daß die Hoffnung nur auf eine Muthmaßung, die ſeiner Pflicht zu na⸗ he trat, begruͤndet ſeyn koͤnne; aber er ſchwieg. Was darf ſie, was darf ich von Ihrer Menſchlichkeit erwarten 6 fuhr Saint Marc dringend fort. »Sie? Du*« ſagte der Vater feſt—„daß ſich Niemand mit einer falſchen Hoffnung ſchmeichle, wo ich ſelbſt keine hegen darf. Und Du? Was geht der Erfolg Dich an 4 Er unterbrach ſich ſelbſt ſchandernd. Vater K entgegnete der junge Mann, ſich muͤhſam bezwingend, vbisher habe ich meine Angſt niedergekampft; allein in dieſem — 142— Augenblicke, da ich von hinnen muß, durch⸗ bricht meine Ungeduld alle Daͤmme. Koͤn⸗ nen Sie mir vorwerfen, daß ich meinen vorigen Leichtſinn abgelegt, bei welchem ich froh war, allem Unangenehmen nur aus dem Wege gehen zu wollen? So denke ich nicht mehr. Mir iſt, als entferne ſich mit mir der Schutzgeiſt des armen Jean. Fruͤher konnte ich nicht reden, nun muß ich. Retten Sie ihn, Vater K fuhr er fort, indem er mit einer Heftigkeit und Angſt, die ihm durch⸗ aus fremd war, die Kniee des Richters, vor ihm ſich niederwerfend, umklammerte, vretten Sie ihn! denn ſein Tod wird die Ruhe mei⸗ nes Lebens toͤdten.« „Was iſt das ½ fuhr der Richter beſtuͤrzt fort.„Erklaͤre Dich! Bisher haſt Du das harte Geſchick unſerer Freunde maͤnnlich ge⸗ tragen.« „Was ſoll«— ſagte Saint Marc mit zuſammengeraffter Beſonnenheit— vans dem armen Maͤdchen werden, das Sie ſelbſt mich — 143— zu lieben gelehrt, ja ermuntert haben? Darf ſie, die Reine, einen ſchuldbelaſteten Namen tragen, der ſie von der Liebe jedes ehrlieben⸗ den Juͤnglings ausſchließt, und Ihre Jugend einer dunklen Vergeſſenheit weiht? Retten Sie Jean um Ihres Sohnes willen, Vater! denn trifft die Schande Arſene und die Ihri⸗ gen, ſo habe ich Alles auf eine verlorne Kar⸗ te geſetzt. Des betrogenen Spielers Loos iſt Verzweiflung. Ich gehe nicht von der Stel⸗ le, ehe Sie mir nicht verſprechen—4 »Du haſt einmal meine Zuſtimmung,« ſagte der Richter, innern, duͤſtern Vorſtellun⸗ gen, wie es ſchien, ſich hingebend. Aeuſſe⸗ re Schmach laͤßt ſich ertragen, wenn nur nicht das Gewiſſen damit behaftet iſt. Fordre nur nicht von mir, was meine Pflichten ver⸗ letzt.« Pflichten W rief Saint Marc, nicht mehr Herr ſeiner Faſſung, hohnlaͤchelnd aus, Pflichten! Ein bequemes Wort, um damit Haͤrte und Eigenſinn zu beſchoͤnigen. Lieber — — 144— ein Menſch, der fuͤhlt und denkt und irrt, als ſich zu einem blinden Werkzeuge todter Buchſtaben zu machen! Irren Ihre ſtarren Silben nie? Sprechen denn die Thraͤnen der Freunde, die Verzweiflung des Sohnes nicht zu Ihrem Gewiſſen? Ich moͤchte ein ſolches Gewiſſen nicht. Wiſſen Sie denn: ich zweifle nicht an Jean's Schuld, ich liebe ihn ſogar nicht, und doch gebietet mir mein Gewiſſen, ihn um jeden Preis zu retten. Kommen Sie denn zu Huͤlfe! Sie koͤnnen es, Sie, der Richter, der Rechtskundige. Trennen Sie nur Ihren ungerechten Scharfſinn von der Sache. Vereinen Sie Herzlichkeit mit Klug⸗ heit. Seyn Sie nicht ſtrengeh als die Geſez⸗ ze ſelbſt, die mildere Deutungen zulaſſen. Laſſen Sie mich nicht in dieſer Angſt von Ihnen fort. Seyn Sie kein unnatuͤrlicher Vater l Dieſes Wort traf, tiefer als Saint Mare es vermuthen konnte, das vaͤterliche Herz. Es dämpfte plotzlich, wie ein Sturzregen — 5 — 145— glimmende Funken, den bei den Vorwuͤrfen des Sohnes immer mehr auflodernden Zorn. Er bedeckte die Augen ſchnell mit beiden Haͤn⸗ den, und ſetzte ſich erſchoͤpft nieder. vIch weiß ein noch beſſeres Mittel, das Sie nicht kompromittiren kann« flehte Saint Marc leiſe und vertraulich, durch die ſichtbare Bewegung des Vaters ermuthigt, mit Waͤrme fort.„Ich muß Ihnen vertrauen, denn es gehoͤrt Geld dazu, und ich habe nicht genug. Ich ſorge fuͤr ſeine Flucht, ich nehme ihn mit mir; Niemand, ja ſelbſt die Familie nicht, ſoll etwas davon wiſſen; und geſetzt, daß man auch Ihre Mitwirkung ah⸗ nen koͤnnte, ſo wuͤrde Jeder Sie deshalb ſegnen.« Zorngluͤhend fuhr der Richter auf. Das mir?« rief er heftig.„Bin ich denn nicht mehr ich ſelbſt? Fort aus meinen Augen! Gehe, gehe le wiederholte er leiſe, in ſich zu⸗ ſammenſinkend,„gehe, mein Sohn! ich zuͤrne Deinem Eifer nicht. Aber laß mich, 10 — 146— und wende Dich an den, der mehr als ich vermag, an Gott; er wird mich leiten.« Der Sohn ſah ihn mit einem ſonderba⸗ ren, unausſprechlichen Blick an.„Möge er es le ſagte er dumpf, waͤhrend der Vater ihn, obgleich ſanft, beinahe aus der Thuͤr ſchob, die er raſch abſchloß. Unwillkuͤhrlich ſank er auf die Kniee nieder. Es war das erſte Mal ſeit der Antretung ſeines Amtes, daß er ſich unter deſſen Erfuͤllung in tiefer Anerkennung der Ohnmacht aller ſeiner Kraͤf⸗ te, und der Unzulaͤnglichkeit ſeines Willens ſo vor Gott in den Staub niedergkzogen fuͤhl⸗ te. Worte vermochte er nicht auszuſprechen. Die Zerriſſenheit ſeines Herzens, an dem die menſchliche Natur durch ſein eigenes Blut ihre mildern Anſpruche geraͤcht, war ſein Ge⸗ bet. Das Wort des Sohnes:„Flucht,« an die er nie zuvor gedacht hatte, bewegte ſich ſinnverwirrend in ſeinen Gedanken. Ein theures Leben, die Ehre des eigenen Namens, den er nur, um dem der Familie, der er zu 3 9 —,. — 147— viel ſchuldig war, Gerechtigkeit wiederfahren zu laſſen, preisgeben mußte, weil er nur in ſeiner Bruſt die Beweiſe verbarg, konnte ge⸗ rettet, wie viele Leiden mehrerer Unſchuldiger konnten gemildert werden, wenn nur Ein Schuldiger entkam! Aber auch dieſe Verſu⸗ chung uͤberwand er, zu Gott demuͤthig fle⸗ hend, ihn durch dieſen Irrgang, der ihm ſelbſt mit Vergehen drohete, zu leiten. Seinem gewiſſenhaften Rechtsgefuͤhl ſollte eine ſchnelle Erhoͤrung werden. Er erhob ſich wirklich ruhiger und gefahter, und nahete ſich abermals mit ſchweren Schritten dem Schreibtiſche, wo das Papier, das fuͤr den Bericht, der ſein Herz zu brechen drohete, und den er nun nicht laͤnger verſchieben durf⸗ te, gefaltet und bereit da lag. Da klopfte es, wie es ſchien, leiſe, verſtohlen an die Thuͤr. Obgleich gewohnt, ſich nicht unter⸗ brechen zu laſſen, und jede Stoͤrung zu ahn⸗ den, kehrte er doch nun ſogleich um, als waͤre jeder Augenblick willkommen, der dieſe 10* — 148— ſchwere Arbeit verſchob; oder erregte vielleicht das wirklich geheimnißvolle Klopfen, als er⸗ warte er einen Boten von oben, um ihn von der Qual dieſer Stunde zu erloͤſen, ſeine Aufmerkſamkeit? Es ſiel ihm gewiß nicht ein, daß es ihm eine neue bereitete. Er oͤffnete die Thuͤr und trat uͤberraſcht zuruͤck. »Sie, Ledrour?« fragte er befremdet. „Schon wieder in Cerdrons zuruͤck 4 vIch habe meine Ruͤckreiſe beſchleunigt,« ſagte dieſer.»Dunkle Geruͤchte trieben mich nach Hauſe.« vUnd was fuͤhrt Sie zu mir 74 vUnruhe— Gewiſſensunruhe, wenn Sie wollen. Ich bringe Ihnen Auskunft uͤber Ihren Mantel.« vSie 74 vIch habe ihn durch eine Liſt aus Ihrem Hauſe geſchafft.« vSie 4 rief der Richter betroffen. vUnd das geſtehen Sie ſo offen? mir, deſſen Na⸗ men Sie nachgemacht haben*6 — ———— — 149— »Davor habe ich mich wohl gehuͤtet 1e entgegnete Ledroux zuverſichtlich. vIch weiß wohl, was ich wage. Kein Name iſt nachge⸗ macht; denn der, welcher jene Zeichen ge⸗ ſchrieben, traͤgt den Namen, der darunter ſteht.« »Mein Sohn? Gerechter Gott le Daß Sie in der gegenwaͤrtigen Lage der Sachen dies nicht ſchon wiſſen, fuͤhrt mich eben hieher,« ſagte Ledroux mit Gewicht. »„Koͤnnen wir nicht geſtoͤrt werden 74 Der Richter ſchloß die Thuͤr ab.„Reden Sie,« ſagte er geſpannt. »Sie wiſſen vielleicht auch 6 daß ich bei jenem ungluckſeligen Feſte den tollen Ein⸗ fall ausfuͤhrte, Rogibert Bloyer darzuſiel⸗ len 24 Der Richter nickte. „Wer häͤtte ſolche Folgen eines unbeſon⸗ nenen Scherzes vorausſehen können,« fuhr Ledroux fort, vzu einer Zeit, wo man Alles gut aufnimmt? Ich hatte nicht das Giſt — 160— darein gelegt. Ach! die Schande und das Blutgeruͤſt, deren ich erwaͤhnte, ſind nur zu ſchrecklich wahr geworden l Fahren Sie fort,« ſagte der Richter dumpf. „Meine Rolle war mit der ungluckſeligen Wahrſagung zu Ende,« fuhr Ledroux lebhaft fort. vHader und Streit erhob ſich rings um mich. Ich verlor mich in den Haufen. Saint Marc verließ, nach einem lebhaften Streit mit Olivier in dem Vorſaal, das Haus, und als die Bruͤder verſtimmt ſich auch bald wegbegaben, miſchte ich, ſelbſt frohlich, mich unter die Frohlichen. Doch bald lief das Geruͤcht von einer verruchten Mordthat durch den Saal. Mit der Luſtig⸗ keit war es aus. Die Namen unſerer Freunde klangen zerreiſſend in mein Ohr. Ich ſuchte das Lager, fand aber keine Ruhe. Obgleich der Wagen fruͤh Morgens beſtellt war, verſchob ich doch meine Abreiſe, um den traurigen Hergang der mich ſo tief er⸗ N —— — 15— greifenden Miſſethat zu erfahren. Zu dieſem Zwecke begab ich mich in die Meſſe, wo ich orwarten konnte, die meiſten Bewohner des Fleckens verſammelt zu finden. Ich ſah Sie, mein Herr, unter der Vorhalle der Kirche, noch ehe der Gottesdienſt angefangen war, von einem groſſen Haufen umgeben, eifrig reden. Unter dieſen befand ſich Saint Marc. Er bemerkte auch mich, gab mir verſtohlen einen Wink, und in einem Seitengewoͤlbe der Kirche trafen wir zuſammen.„Ees war meine Abſicht, Sie zu ſuchen,«« ſprach er, waber ſoll mein Vorhaben gelingen, darf der Vater meine Abweſenheit nicht merken. Wir muͤſſen den ungluͤcklichen Jean retten. Ich fuͤrchte nun, daß unſer verwerflicher Spaß viel Uebel angerichtet haben kann. Das blutige Meſſer, womit die That began⸗ gen worden, hat mein Vater; aber er hat es nicht angeſehen. Es ſteckt noch in ſeinem Mantel. Sie waren geſtern zum Unheil Ro⸗ gibert Bloyer; verguͤten Sie das nun wieder unter einer andern Verkleidung, und bemaͤch⸗ tigen Sie ſich des Mantels und mit ihm des Meſſers.«« Er ſprach mir, ich kann faſt ſa⸗ gen, gebietend Muth ein. Auch mich draͤng⸗ te es, den armen Burſchen zu retten, und Saint Marc ſprach ſo uͤberredend, bewies mir ſo klar, daß der Mangel des eigentlichen Corpus Delicti vor allem zu ſeiner Rettung beitragen koͤnne— er ſchrieb ſelbſt in der Sa⸗ kriſtei jene Zeilen, ſo daß ich mich endlich ent⸗ ſchloß, auch dieſe Rolle zu uͤbernehmen, und ſie mit Zuverſicht ausfuͤhrte. Es gelang, wie Sie wiſſen, und gelang ohne Muͤhe. In der Laube unſeres Gartens konnte ich ſo fruͤh am Tage, wo faſt Alle in der Kirche waren, ſehr leicht die Kleider eines Arbeiters anlegen, und durch die hintere Thuͤr deſſelben unbe⸗ merkt entſchluͤpfen und zuruͤckkommen. In⸗ deſſen erfuhr ich in Lyon, daß Jean, gegen den alle Beweiſe mit dem Mordwerkzeuge fehlten, dennoch nicht frei geſprochen war. Allerlei Zweifel kamen in mir auf, und ſo . ——————.——— — 153— bin ich geſtern Abend hier angekommen, und ſtehe nun vor Ihnen.« „Bin iche— fragte der Richter, der un⸗ ter dieſem Berichte, der ihm nicht ganz un⸗ erwartet kam, ſeine gewoͤhnliche Faſſung wie⸗ der gewonnen hatte— obin ich von denjeni⸗ gen, denen dieſe Sache am Herzen liegt, der Erſte, mit dem Sie nach Ihrer Ankunſt ge⸗ ſprochen 74 »Nein le gab Ledroux ruhig zur Antwort; „denn ſonſt wuͤrde kein Grund zu meinem vorhergehenden Geſtaͤndniſſe vorhanden ſeynz meine Abſicht iſt ja noch immer, den guten Jean zu retten, um ſo mehr, als ich ihn nun an der That unſchuldig glaube. Ich be⸗ gab mich dieſen Morgen zur Familie Gonard. Ich befragte mit Angſt Firmin, wie die . che ſtaͤnde, wollte in Lyon gehoͤrt haber kein Mordinſtrument da waͤre, das gegen ihn zeugen koͤnnte.„Aber leider auch nicht fuͤr ihn, c6 gab er zur Antwort, Jean iſt gar nicht bewaffnet geweſen; waͤre nur das un⸗ gluͤckliche Werkzeug nicht auf eine ſo unbe⸗ greifliche Weiſe verſchwunden« Dieſes Wort, der untrͤgliche Ton ſeiner Stimme waren mir genug. Von ihm 3 gerade zu Ihnen. e⸗ »Gerade zn mir? Es iſt emich Fi vIch wartete nur verſteckt in der Naͤhe, bis Saint Marc, ſeiner Gewohnheit nach, das Haus verlaſſen haben wuͤrde.« vUnd warum gingen Sie nicht lieber zu ihm, der doch, Ihrer Behanptung nach, der Urheber Ihres Unternehmens iſt 4 Weil ich in dem, was ich endlich fuͤr Recht erkannte, nicht geſtort oder mißgeleitet ſeyn wollte.« WVortrefflich K rief der Richter bitter. »Sie bringen da eine neue Verwirrung, die Ihüen, trotz dem, daß Sie meinen Sohn einzumiſchen ſuchen, thener zu ſtehen kommen wird. Wer buͤrgt mir wohl dafuͤr, daß ich nicht aufs Neue hinter das Licht gefuͤhrt werde? daß Ihr nicht das wirkliche Mordinſtrument —,—————— ——,—— Sobald ich mh et eines ttaurigen Mordes erkannte, als ich es blos in dem Papier, worein es gewickelt iſt, angefaßt hatte, ergriff eine unnennbare Angſt, eine toͤdtliche Unruhe, nun erſt Zweifel uͤber die Folgen meines Verfahrens, trotz meiner guten Meinung, mein Herz. Nach Abrede ſollte ich meinen Fund in Saint Marc's Haͤnde uͤbergeben; ich that es aber nicht. Zu einem willenloſen Werkzeuge durfte ich in einer ſo wichtigen Sache mich nicht hergeben; ich wollte Herr meines Willens bleiben, und mich zugleich in den Stand ſetzen, wenn es Noth thaͤte, Rechenſchaft von jedem meiner Mantel, — 166— ſo wie i bekommen, zuſam⸗ men, dann in eit KBelte⸗— wundert u antat. „Er iſt, was Sie vielleicht nicht wiſen ein Verwandter von muͤtterlicher Seite. Waͤhrend meiner vielen Reiſen habe ich oft Sachen von Werth bei ihm niedergelegt. Mein Wagen ſtand bereit; ich fuhr ab, ließ bei dem Pfarrer anhalten, und uͤbergab ihm zur Verwahrung den verſiegelten Kaſten, in⸗ dem ich unter einem Vorwand ihn erſuchte, die Stunde meiner Abreiſe genan zu bemer⸗ ken. Sie wird ſo ziemlich mit der Zeit ſtim⸗ men, wo der Deſſervant die Meſſe beendigt hat. Sie werden daher ſehen, daß mir keine Zeit zur Abrede mit der Familie Gonard ge⸗ blieben, und das Werkzeug ſelbſt ſammt Ihrem Umſchlage wird vielleicht auch einen den ich ver⸗ . —,— — 157— Beweis abgeben koͤnnen, daß an keine Unter⸗ ſuchung deſſelben gedacht iſt; denn in dem Falle wuͤrde wohl keine der gebrauchten Maß⸗ regeln Jemanden eingefallen ſeyn. Hier iſt der Schluͤſſel. Erlauben Sie mir, in Ihrer Gegenwart ein Billet an den Geiſtlichen zu ſchreiben, damit er Ihrem Boten den Kaſten uͤbergebe.« Schweigend reichte der Richter ihm Feder und Papier. Nachdem Ledroux geſchrieben, zeigte er jenem folgende Zeilen vor: „Theurer Oheim! Ich bin ſeit geſtern Abend zuruͤck. Haͤndigen Sie dem Boten »den verſiegelten Kaſten ein, den ich Ihnen vbei meiner Abreiſe anvertraut habe, und be⸗ »merken Sie guͤtigſt dabei Tag und Stunde, vwo ich Ihnen denſelben uͤbergeben. Naͤch⸗ vſtens die Urſache.« Der Richter ſchickte ſogleich einen zuver⸗ lͤſſigen Boten die kurze Strecke hin, um den Kaſten herbeizuſchaffen. Waͤhrend der Zeit ging er ſchweigend und tief ſinnend auf und — 158— ab. Auf Einmal ſagte er:„Ledroux, Sie ſcheinen auf das Mitwiſſen meines Sohnes zu pochen. Womit beweiſen Sie dieſes, in dem Falle, daß er es ableugnen ſollte 24 „Sie kennen ja ſeine Handſchrift,« ent⸗ gegnete Ledroux ruhig, indem er ihm ein kur⸗ zes Schreiben uͤberreichte, das er aus ſeiner Brieftaſche zog. Der Vater, die Handſchrift ſogleich erken⸗ nend, las:* vIch bin nicht wenig unzufrieden, daß vSie abgereiſt ſind, ohne die Frucht Ihres vUnternehmens in meine Haͤnde niederzulegen. Hier geht Alles nach Wunſch. Was Sie vaber auch hoͤren moͤgen, verhalten Sie ſich vruhig; denn wird unſer Geheimniß verra⸗ vthen, ſo iſt mein Einfluß nicht hinreichend, »den traurigſten Folgen fuͤr uns Alle vorzu⸗ vbeugen. Verbrennen Sie dieſe Zeilen.« „Dennoch haben Sie ſie nicht verbrannt?4 ſagte der Richter mit einem ſcharfen Blik⸗ —— —— Wie Sie ſehen, mein Herr.« »Und warum 4 »Weil ich zu derſelben Zeit erfahren,« verſetzte Ledroux ruhig, aber finſter,„daß nicht Alles nach Wunſch ginge, wenigſtens nicht nach dem meinen.« Der Richter ſchwieg wieder, waͤhrend er immer heftiger auf und nieder ging. Dieſe anſcheinend bittere Anſpielung kam ihm zu abſichtlich vor, um nicht ſeine Aufmerkſam⸗ keit zu erregen; indeſſen duͤnkte ihn zugleich Ledrour's Mittheilung ohne Einverſtaͤndniß mit dem Sohne ſo gewagt, und jenem ſo gefaͤhr⸗ lich, daß er nicht zweifelte, daß eine neue Liſt im Gange, und das Mordwerkzeug, vielleicht doch mit einem ganz unſchuldigen ver⸗ tauſcht, den mit Ledronx vermuthlich abgere⸗ deten Plan nicht blos unverdächtiger ma⸗ chen, ſondern auf dieſe Art ans Licht brin⸗ gen ſollte. Um ſo mehr nahm er ſich vor, Alles mit der hochſten Beſonnenheit zu unter⸗ ſuchen. — 160— Der Kaſten wurde gebracht. Beide be⸗ fanden ſich wieder allein. Das Siegel wurde“ vorſichtig abgeloͤſt. Der Schluͤſſel drehte ſich leicht in der Hand des Richters.„Ich brau⸗ che keine Zengen,« ſagte er, den Deckel er⸗ hebend,„denn ich ſehe das Alles als ein Poſ⸗ ſenſpiel an, das nur mich betrifft, und das ich auch zu durchſchauen wiſſen werde.« Aufmerkſam beſah er den Mantel, den er ſogleich erkannte. Die Lage und das Ausſe⸗ hen bezeugte, daß er behutſam niedergelegt war und lange ſo gelegen hatte. Durch Riz⸗ zen im Deckel waren Streifen von durchge⸗ fallenem Staube auf der oberſten Flaͤche ſicht⸗ bar. Kein Schander erfaßte ihn diesmal, als er das dolchaͤhnliche Meſſer hervorzog. Es war deutlich, daß es in der Eile eingewickelt worden; aber die urſpruͤnglichen Falten wa⸗ ren alle vorhanden; keine neuen waren hinzu⸗ gekommen. Im Herauswickeln erkannte er ſogleich das Dokument, deſſen er ſich dazu bedient hatte; die eine Seite deſſelben war * — 161— mit Blut befleckt, an dem das moͤrderiſche Eiſen noch feſt klebte. Es war ihm allerdings klar, wozu der Prieſter ja auch als Zeuge vorgefordert werden konnte, daß eine ſpaͤtere Verwechſelung nicht hatte ſtatt finden koͤn⸗ nen; und ein ſolcher Vorbedacht im Augen⸗ blick des Raubes war ihm eben ſo unwahr⸗ ſcheinlich, als damals zwecklos. Erſt nachdem alle dieſe Vorſtellungen der Seele ſchnell vor⸗ uͤbergeſchwebt waren, wendete er den Blick auf das Werkzeug ſelbſt. Nun erſt ſtand er vor Erſtaunen ſtarr; ſeine Blicke ſprachen jedoch mehr Verwunderung als Erſchrecken aus. Das Meſſer kam ihm bekannt vor. Eben ein ſolches war noch vor ſeiner Zeit, ſcharf ge⸗ ſchliffen und als der ſichtbare Ueberreſt eines in der Gegend zur Sage gewordenen Ereig⸗ niſſes, in dem Aktenzimmer aufbewahrt wor⸗ den. Ohne ein Wort zu ſagen, eilte er da⸗ mit in der Hand in das anſtoſſende Zimmer, wo alle ſolche Sachen, auf Faͤcher gelegt, ih⸗ ren beſtimmten Platz hatten. Das aͤhnliche 11 — 462— Meſſer war nicht da. Er beſah es genauer, und konnte nicht zweifeln, es muͤſſe daſſelbe ſeyn. Er hatte ſeit Jahren nicht daran ge⸗ dacht, es nicht vermißt; er erinnerte ſich jedoch nun, daß es dem Sohne, gleich nach deſſen Ankunft, als dieſer ſich einſt im Aktenzimmer umſah, aufgefallen war. Nur dieſem und ihm ſelbſt ſtand dieſes Zimmer offen, weil man aus ſeinem eigenen in das Zimmer des Sohnes kommen konnte, und Keiner ſonſt im ganzen Hauſe hatte von dem Daſeyn die⸗ ſes Dolches etwas gewußt. Nun erſt fiel ihm Saint Marc's ſonderbares Betragen von dem erſten Augenblick deſſen, wie er nun meinte, verſtellter Krankheit bis auf den heutigen Tag auf. Nun glaubte er erſt meh⸗ rere Ausdruͤcke in ſeinem Schreiben an Le⸗ droux zu verſtehen; er ſchauderte. Mit duͤ⸗ ſterm Entſetzen in ſeinen Blicken kehrte er zu dem uͤber die ſichtbare Veraͤnderung in ſeinem Benehmen auch erſtaunten Ledroux zuruͤck. —— —————— — 163— „Wiederholen Sie mir Alles,« ſagte er mit dumpfer Stimme,„was Sie vorhin von jenem Feſte ſprachen, von der Wahrſa⸗ gung, von einem Streit Olivier's mit mei⸗ nem Sohne, von dem ich nie zuvor etwas gehoͤrt.« Ledroux wiederholte ihm Alles, was er wußte. »Sagen Sie mir,« unterbrach ihn der Richter v— Ihre plotzliche Wiederkehr, Ih⸗ re Unruhe, Ihre Vorſicht, Ihre Sorgfalt, mich allein zu treſfen, und endlich Ihr of⸗ fenes Geſtaͤndniß fordern mich zu der Fra⸗ ge auf:— argwoͤhnen Sie den Thaͤter nicht?4 „Welcher ehrliche Mann giebt einem ſchwankenden, unwuͤrdigen Verdachte Raum, noch weniger Worte?« entgegnete Ledrour ausweichend. Auch nicht,« verſetzte der Richter, die letzten Kraͤfte zuſammenraffend,„wenn ich Ihnen ſage, was ich nicht verhehlen darf, was ich nie zuruͤcknehmen werde, daß dies 11 1 — 164— blutige Meſſer mein, daß es meiner Woh⸗ nung entnommen iſt 24 Ledroux ſchlug erblaſſend den Blick zu Boden. Der ungluͤckliche Vater, ihn ſcharf be— trachtend, erblaßte mit ihm.»Sind Sie«— fuhr er mit leiſer Stimme fort— vbereit, Alles, was Sie mir mitgetheilt, vor Gericht zu wiederholen 74 »Wenn Sie befehlen,« ſagte Ledroux leiſe. »Befehlen?« wiederholte der alte Mann ſcharf.„Die Gerechtigkeit beſiehlt es. Ge⸗ hen Sie mit Gott! ich verhafte Sie nicht— noch nicht. Schweigen Sie oder reden Sie, wie es Ihnen gut duͤnkt, und Sie es Ihrer Lage angemeſſen finden. Ich kann nicht da⸗ fuͤr, und werde es nicht verhehlen,« fuͤgte er mit ſchaͤrfer erhoͤheter Stimme hinzu,„daß ein ſchmaͤhlicher Verdacht in mein eigenes Haus eingekehrt iſt.« — 165— MNicht dafuͤr?«c wiederholte er fuͤr ſich ſelbſt, als er allein blieb.„Hat nicht jenes unſelige Geheimniß durch meine Unbeſonnen⸗ heit alle dieſe Graͤuel veranlaßt? Bin ich nicht der erſte Schuldige? Wer iſt ohne Schuld? Und doch habe ich ſelbſt mit ruch⸗ loſer Hand die Steine der Gerechtigkeit erho⸗ ben, und gegen den beſſern Theil des eigenen Herzens geſchleudert! Starr und kalt habe ich, der Schuldige, nach truͤgeriſchem Schei⸗ ne die Unſchuld verfolgt— denn das Meſſer iſt nicht umgetauſcht, und laut ruft es den Namen— meinen Namen aus! Iſt das auch Schein? Nein! meine blinde Affenliebe, meine fruͤhrere Nachſicht— bei der Gewalt fruͤh erregter Leidenſchaften— Gott! mein Gott! ich verwarf das Zengniß eines reinen Lebens, und hier dringt ſich mir das Zeugniß eines verlornen gebieteriſch gegen dieſes, gegen mich ſelbſt auf. Ich habe ihn zum Moͤrder gemacht! ich!— da hoͤrt mein Richteramt auf. Nein! nein!l ſchrie er laut, herzzer⸗ — 166— * reiſſend auf.»Hier muß es erſt recht begin⸗ nen! denn ſagt nicht das Wort des Herrn: Handle gegen deinen Naͤchſten wie gegen dich ſelbſt? Und ſo muß ich ja unaufhoͤrlich gegen mich ſelbſt handeln; wie ich hart gegen mei⸗ nen Naͤchſten verfahren bin. Ich muß, o Gott! wenn du es willſt k In dieſem Augenblicke ſtuͤrmte Saint War durch die offengelaſſene Thaͤre des Zimmers herein.„Wiſſen Sie es, Vater 4 um er, ſchwieg aber beſtuͤrzt bei dem Anblick des Richters, der bei dem Klang ſeiner Tritte, bei dem erſten Laut ſeiner Stimme heftig zu⸗ ſammengefahren war, und ſchen die Augen von ihm abwandte. »Warum ſchweigſt Du« ſagte endlich dieſer mit muͤhſamer Anſtrengung.„Was willſt Du?— Du haſt mich wieder ſehr zur Unzeit geſtoͤrt.« „Ledroux iſt zuruͤckgekommen, wie ich hoͤ⸗ re. Er ſoll lange bei Ihnen geweſen ſeyn.— Was er 74 — 16 Der Vater ſah ihn durchdringend an. So ruhig als es ihm moͤglich war, verſetzte er: „Eine Entdeckung, die Dich, die uns Beide betrifft, iſt mir geworden. Hoͤre mich, und erkenne die Fuͤgung der Vorſehung l Saint Marc erblaßte ſichtbar. vEine Entdeckung 4 wiederholte er faſt mechaniſch. „Das Geheimniß, das ich Dir einſt an⸗ vertrant, das ſo viel Unheil angerichtet hat, iſt nun aufgeklaͤrt. Jean iſt das fremde Kind, das die ungluͤckliche Familie aufgenom⸗ men. Er iſt Dein beweinter juͤngerer Bru⸗ der und mein Sohn. Nicht Gonard's ehr⸗ licher Rame, der unſere wird die Schande tragen.« „O mein Gott! mein Gott!« rief Saint Marc laut aufathmend; und plotzlich froh und aͤngſtlich vor ihm niederſinkend, ver⸗ ſetzte er: vUm ſo beſſer! So muͤſſen Sie ihn retten, Ihren Namen, Ihr Blut K „Mein Blut!le ſagte der Vater ſchatf. Mag es hinſtroͤmen, wenn es verdorben und — 168— entartet iſt! Ich fuͤrchte, das ſteht nicht mehr zu retten l arter, unmenſchlicher Vaterls rief Saint Marc auſſer ſich, vund Sie ſind noch immer der Einzige, der an der Unſchuld des eigenen Kindes zweifelt 4 »„Du, Saint Marc, glaubſt ja eben ſo gut wie ich nicht daran. Doch an Jean's Unſchuld zweifle ich nicht laͤnger, und ſie ſoll erkannt werden laut und offenbar— wenn auch die feige Verruchtheit eines Bruders ihn dem Tode zu uͤbergeben denkt.« „Ich verſtehe Sie nicht, mein Vater le rief Saint Marc aufſpringend,„Sie reden irte.« vO daß ich es thate! Sieh her,« fuhr er kalt und truͤber fort, indem er das Mord⸗ werkzeug entbloͤßte, das, noch von dem blut⸗ befleckten Papiere bedeck“, auf dem Tiſche lag.„Das Eiſen iſt gefunden, das Hlivier todtete. Ledroux hat es mir uͤbergeben. Es gehoͤrt hier im Hauſe uns zu; nur Du, — 469— Saint Marc, oder ich vermoͤgen den Thaͤter zu nennen.« Der Sohn ergriff es heftig, und ſtarrte es ſchweigend mit unbeweglichen Blicken an. „Du wagſt, es anzufaſſen? Du ſchweigſt 24 verſetzte der Richter.„Soll ich ihn nennen? Du weißt, meine Stimme reicht weit.« Saint Marec legte es ſchnell erblaſſend nie⸗ der, dann ſah er lange den Vater mit einem unbeſchreiblichen, durchdringenden Blicke an. Wie l« ſagte er endlich, langſam gepreßt— vSie koͤnnten?— Geſetzt, daß Sie den Thaͤter in mir ſehen, wollen Sie denn— 24 vVon Wollen iſt nicht die Rede,« rief der alte Mann mit kraͤftiger Anſtrengung, ich muß; meine Seele will es, mein Amt fordert es und die goͤttliche Gerechtigkeit. Mag mein Herz brechen, Schande meinen ehrlichen Namen bedecken; ich habe es ver⸗ dient, denn ich habe einen Boͤſewicht erzogen. Hilf Dir, wie Du kannſt. Mache den Schein zur Luͤge. Ueberzeuge mich, daß Du kein — 170— Moͤrder biſt. Du erblaſſeſt. Du kannſt es nicht. Du ſtehſt entlarvt vor mir. Ich be⸗ greife es nicht; aber ich ſehe es, und dies Geſtaͤndniß Deines Gewiſſen verbietet mir, Dich frei aus dieſem Zimmer gehen zu laſ⸗ ſen.« Er ſtreckte die Haͤnde raſch aus, um ihn anzufaſſen, aber ſein Koͤrper, kraftlos wie ſein brechendes Herz, verſagte ihm den Dienſt. Der Sohn dagegen griff den ohn⸗ maͤchtigen Mann in ſeine Arme auf, druͤckte ihn heftig, ſchmerzlich an ſeinen Buſen, legte ihn dann in den Stuhl zuruͤck, und klingelte nach Huͤlfe. Als der Richter endlich, viel ſpaͤter als die Lebensgeiſter zuruͤck gekehrt waren, wieder zur Beſinnung kam, fand er ſich ausgekleidet und in ſeinem Bette. An dieſem ſaßen Ma⸗ dame Gonard und Arſene. Firmins Blick ſchien mit aͤngſtlicher Trene jeden Zutritt zum Arbeitszimmer zu verwehren.»Gottlob le ſagte der Arzt, der vor dyon Bette ſtand, „die Kriſis iſt voruber.« — 171— Wo bin ich? Bin ich krank? Liege ich hier ſchon lange 6 fragte der Richter, ſich matt erhebend und alle Gegenwortigen er⸗ ſtaunt betrachtend.„Was iſt mit mir vorge⸗ gangen 74 553 Die Matrone ſah den Arzt an, als wollte ſie aus ſeinen Blicken die Antwort heraus⸗ leſen. »„Keine Taͤuſchung!« ſagte der Arzt. WDieſer Zuſtand hat ſechsunddreiſſig Stunden gedauert. Sie haben, wie es ſcheint, einen erſchuͤtternden Auftritt uͤberlebt.— So wer⸗ den Sie auch Alles ruhig und ohne Gefahr erfahren koͤnnen.« einen erſchuͤtternden Auftritt?«c wieder⸗ holte der Kranke.„Jawohl! Jawohl! Wo iſt mein Sohn?6 h Sohn entgegnete e Arzt. Be⸗ ſinnen Sie ſich; er iſt ja abgereiſt, noch ehe wir Sie wieder zum Leben gebracht hatten. Er war untroͤſtlich! aber die Stunde draͤngte, die Pflicht rief.— Der Abſchied von ihm, meinte er, habe Sie in dieſen Zuſtand ver⸗ ſetzt. Er iſt mit dem Herrn Ledroux, was nur die Pferde laufen konnten, von hier fortgeritten.«. »Mit Ledroux 74 rief der Richter.„Was iſt das% Ein ploͤtzliches Entſetzen malte ſich auf ſeinem Antlitz; denn mit einer jugendlich friſchen Kraft, die ihm nur die Anſtrengung der Seele verleihen konnte, fuhr er aus dem Bette.»Ich muß ſelbſt, ich muß Alles un⸗ terſuchen. Ich bin, fuͤrchte ich, ſchaͤndlich verrathen l Kaum nahm er ſich Zeit, ſich den Man⸗ tel umwerfen zu laſſen. Dann eilte er in ſein Arbeitszimmer zu dem Schreibtiſche hin. Das blutbefleckte Papier lag noch da, aber das Meſſer war wieder verſchwunden. Er wollte aufſchreien, ſprechen, aber er ſank kraftlos zuruͤck; nur nach ſehr ſorgfaͤltigen Bemuͤhungen fing er an ſich wieder zu erho⸗ len. — 173— „Lieber Arzt,« ſagte er endlich ſchwach, „was nuͤtzt Ihre Sorgfalt, wenn die Seele einer quaͤlenden Unruhe, einem toͤdtlichen Kummer unterliegt? Auf! handelt, arbeitet fuͤr mich! dann erſt kann mir beſſer werden. Trefft alle Anſtalten! Es gilt dem Leben ei⸗ nes Unſchuldigen! Jetzt darf ich es ſagen: es gilt Jean's Leben! Setzt dem Sohne nach! ſchreibt an das Regiment! Nein! dort wird er wohl nicht zu finden ſeyn. Er muß ſich ſtellen, gezwungen oder frei. Nein! frei nicht.— Er kennt den Moͤrder.— Er hat das Meſſer l Faſſen Sie ſich, theurer Mannl« ſagte der Arzt beguͤtigend.»Beſinnen Sie ſich!— Ihr Sohn hat mir ein verſiegeltes Billet an Sie uͤbergeben. Moͤge der Inhalt Sie be⸗ ruhigen.« Der Richter ergriff es begierig, oͤffnete es mit zitternden Haͤnden und las: WVater!— Bei unſerm Namen, bei Ihrer unbefleckten Ehre: ich bin unſchuldig! — 174— Jallein ich muß mich entfernen, denn ich „kann es nicht beweiſen, und fuͤrchte die Haͤrte eines Mannes, der zum zweiten Ma⸗ „le nach aͤuſſerem Schein verurtheilt, ohne vauf innere Wahrheit zu achten. Ich fuͤrchte „die Geſchwornen, deren Gewiſſen blind iſt, vund die mit einem Menſchenleben nach „Stimmenmehrheit ſchalten. Leben Sie wohl! vielleicht auf immer „Was iſt das wieder ½ ſagte er ſinnend in immer ſteigender Unruhe bei ſich ſelbſt. „Iſt dies Spott? Hohn? Mit Ledroux, ſagt Ihr? War es eine Abrede? War das Meſſer doch ungetauſcht? Wollte er die Schuld auf ſich waͤlzen, in der mißlungenen Hoffnung, daß ich den Sohn verſchonen wuͤrde? Er muß hierher! er muß!— Nein!— ſeine Todtenblaͤſſe war nicht Schein. Auf! ſetzt ihm nach l« Seine leiſe Rede war immer lauter ge⸗ 3 worden. Die Umſtehenden ſahen ſich bedenk⸗ lich an. Sie zweifelten nicht, daß er irre — 416— redete. Ihr Unglanbe, ihre Unthaͤtigkeit ſchien ihn aufs Aenſſerſte zu bringen. Haͤtte dieſer Zuſtand laͤnger gedauert, ſo wuͤrde wahr⸗ ſcheinlich ſein mattes Herz gebrochen, ſein Leben in der Todesangſt, die in ſeinen faſt wirren Blicken ſichtbar war, erloſchen ſeyn. Zum Gluͤck unterbrach ein hoͤchſt unerwarteter Auftritt dieſen peinlichen Zuſtand. Erſt ein nahendes Getrampel von Pferden, dann das laute Raſſeln eines eilenden Wagens wurde immer ſtaͤrker vernommen, bis der Zug vor der Hausthuͤr ſtill hielt, und faſt in demſel⸗ ben Augenblick Saint Marc und Ledroux, von Landleuten begleitet, die einen Gefange⸗ nen umringten, in das Zimmer traten. „Theurer Vater lK rief Saint Marc, vor dem hoͤchſt erſtaunten Richter niederknicend, mit frendeſtrahlenden Blicken— Jals ich Sie, vor vaͤterlicher Angſt hinſinkend, ohn⸗ maͤchtig an meinen Buſen druͤckte, gingen mir zum zweiten Male die Augen uͤber mei— nen Unwerth auf. Ich mußte Ihnen das — 1½6— Gefuͤhl der Schande, des Grames erſparen, Ihren Sohn feſſeln zu laſſen. Gottlob! das Blatt hat ſich gewendet. Den Schein gegen mich, den weder meine bloßen Worte noch mein Gewiſſen haͤtte verbannen können, kann ich nun mit vollguͤltigen Thatſachen abſtreifen. Gott war mit mir— ich bringe Ihnen hier Olivier's Moͤrder. Er hat Alles eingeſtan⸗ den.« Alle wandten nun ihre Augen auf den Gefeſſelten, der mit niedergeſchlagenen Angen da ſtand, und Alle erkannten mit Erſtaunen Rogibert Bloyer. Alſo doch unſchuldig? Dich wirklich auch nach einem Schein verdammt?« ſagte der noch faſſungsloſe Richter, kaum Herr ſeiner Zunge. Ihm kam Alles wie ein gluͤcklicher, taͤuſchender Traum vor.»Sprich! ſprich lK vIch habe Schuld zu bekennen, mein Vater K ſprach Saint Marc, vobgleich kein Vergehen. Was mich ſelbſt betrifft, gehoͤrt blos Ihnen allein; dies iſt mit dem innern — 1771— Gange des Geſchehenen ſo genau verbunden, daß ich mit meinem Freunde Ledroux um eine Unterredung unter uns ſelbſt vorlaͤufig bitten muß.«* Die Landleute mit dem Verbrecher und die Uebrigen traten Alle ab, und nun trug Saint Marc Folgendes vor:. NLaſſen Sie mich von jenem Abend, der uns Allen ſo verhaͤngnißvoll geworden iſt, nur erwaͤhnen, daß HOlivier's Erbitterung, deſſen argwoͤhniſcher Blick, ſogleich den Urhe⸗ ber jener unſinnigen Worte erkannte, und alle Graͤnzen uͤberſchritt. Er folgte mir aus dem Saale, ſagte mir in einem Winkel des Vorplatzes Beleidigungen, die ich nur dem halb betrunkenen Muthe eines tief gekraͤnkten Gemuͤths beimeſſen kann, indem er mich ſei⸗ ner Freundſchaft, der Liebe der Schweſter unwerth, und daß ich, ſo lange er am Leben waͤre, nie ihre Hand erhalten ſolle, erklaͤrte. So magſt du ſterben! fluͤſterte mein kochendes Blut aus allen Adern, die es zu ſprengen 12 — 178— drohete. Sie war nicht mehr da, um es durch ihren ſanften Anblick zu beſaͤnftigen. Ich war krank und wurde noch kraͤnker vor Wuth. Ich eilte nach Hauſe; es litt mich aber nicht daheim. Es war mir in dem Auf⸗ ruhr meiner nie gezuͤgelten Leidenſchaften, als muͤßten ſie mich erwuͤrgen, wenn ich durch deſſen Tod, der mich ſo herausgefordert hatte, ihrer Wuth nicht zuvorkam.« „Sie beſaſſen, mein Vater, eine gute Windbuͤchſe; ich holte ſie aus ihrer Ecke her⸗ vor, und beſchloß, Olivier, wenn er das Feſt verließe, mitten unter den Seinigen nie⸗ derzuſchieſſen. Allein gewohnt, mich aͤuſſer⸗ lich zu beherrſchen, verließ die Beſonnenheit mich nicht. Ich gab vor, daß ich mich nie⸗ derlegen wollte, ſchloß meine Thuͤr ab, und ließ mich durch das Fenſter meines Zimmers, das nach der kleinen, nie ſo ſpaͤt beſuchten Seitengaſſe fuͤhrte, uhd das ich im Hinab⸗ ſteigen behutſam wieder anlehnte, muͤhſam durch Huͤlfe des alten Espaliers hinab. Die — 179— Nacht war dunkel. Ich wartete wohl eine Stunde am Eingange der Lindenallee auf den Verhaßten. Sey es nun die freie Luft, oder ein Reſt von etwas Beſſerem in meiner See⸗ le, genug mein Blut wurde allmählig abge⸗ kuͤhlt; allein umzukehren, dazu hatte ich noch keine Kraft, ich ſchwankte noch immer zwi⸗ ſchen Wollen und Nichtwollen. Endlich ka⸗ men die Bruͤder mit Mehreren. Olivier ſchlenderte ganz allein hinten nach. Welch ein Fingerzeig! Ich legte ſchon die Buͤchſe an das Kinn. In demſelben Augenblicke trat Jean zu ihm hin, und mein Arm ſank kraft⸗ los nieder. Doch konnte ich den Vorſatz noch nicht ganz auſgeben. Ich folgte ihnen lang⸗ ſam, ſchwankend nach. Der laute Streit der Bruͤder klang wie Gellaͤchter in mein Ohr. Ploͤtzlich vernahm ich ein aͤngſtliches Aufſchreien; mein ſcharfes Auge ſah Jeman⸗ den fallen. Mehrere Stimmen wurden lant. Es wurde Mord, Huͤlfe geruſen.« 12* — — 180— „Ich ſtand wie verſteinert. Die Angſt, die meine Seele ergriff, als wäre ich ſelbſt der Moͤrder, ließ mich alle Gefuͤhle des un⸗ glucklichen Verbrechers mitempfinden. Meine Fuͤße wurzelten am Boden; da erſchien Fak⸗ kelſchein. Von mehreren Seiten eilten Leute herbei, und meine Beſinnung kehrte zuruͤck. Ich ſchlich langſam vorwaͤrts. Durch behnt⸗ ſame Entfernung jedem Begegnenden auswei⸗ chend, erreichte ich endlich unſer Haus, bei dem ich voruͤber gehen mußte, um durch das Fenſter in der kleinen Seitengaſſe meinen Ruͤckweg zu nehmen. Die Sitte will, wie bekannt, daß vor dem Hauſe des Richters eine Laterne, vielleicht die einzige im ganzen Flecken, brennt. Indem ich bei dieſer in ei⸗ ner Entfernung ſchnell vorbei ſchreiten wollte, bemerkte ich mitten in dem hellen Schein, den ſie warf, einen Einſiedler, eine zu unſe⸗ rer Zeit freilich ſeltene Erſcheinung, die ich fuͤr eine Maske, die vom Feſte zuruͤckkaͤme, hielt, und die, von derſelben Seite wie ich — — 184— kommend, ſich wie ſchwebend laͤngs dem Hauſe hinſchlich. Die Kapuze war ihm ab⸗ gefallen; die Zuͤge ſchienen mir Rogibert Bloyers. Mich mit ſtieren, drohenden Blik⸗ ken anſtarrend, zog er ſchnell die Kapuze uͤber den Kopf, und verdoppelte ſeine Schritte. Seine Haͤnde ſchienen mir blutig; ich ſchau⸗ derte. Konnte mir in dieſem Augenblicke eine drohendere, neckendere Geſtalt erſcheinen, als die, welche ich ſelbſt zum urheber ſo blutigen Unheils hervorgerufen hatte? Ich wandte mei⸗ nen Blick erſchrocken hinweg, und hielt die Erſcheinung fuͤr eine Taͤuſchung meiner aufge⸗ Phantaſie.« Ich ſchlich in die Seiunguſt hinein. Halb beſinnungslos kam ich in groſſer Eile, ich wußte kaum ſelbſt wie, und mit vieler Leichtigkeit die Mauer hinauf, durch das Fenſter hinein, wo ich zu meiner Verwunde⸗ rung bemerkte, daß ich mich in dem Akten⸗ zimmer befand; doch eilte ich bald daruͤber hinweg, ſchloß das Fenſter zu, trat in mein Zimmer, und begierig, den blutigen Vorfall, von dem ich Zeuge geweſen, genauer kennen zu lernen, machte ich Laͤrm und ſchuͤtzte ein plotzliches Schlechterbefinden vor, um den Va⸗ ter, wenn er zu Hauſe kaͤme, zu mir herzu⸗ locken.« Das gelang. Ihre Erzaͤhlung, mein Vater, durchbohrte mein Herz mit peinlichen Dolchſtichen. Ich zweifelte keinen Augenblick an Jean's Schuld; allein ich fuͤhlte mich ganz an ſeiner Stelle. Er hatte meine Em⸗ pfindungen getheilt, hatte mich geraͤcht, war mein Wohlthaͤter, mein Erretter. Ich theilte ſein Verbrechen, ich ſah ihn in dieſem Au⸗ genblicke der Wallung ſo ungluͤcklich, ſo ganz entſuͤndigt vor mir ſtehen. Es war mir, als gaͤlte es dem eigenen Leben; das Wort des Vaters: Vorbedacht, durchzuckte mich mit Schauder, denn nicht ihn, mich traf es, und doch nicht ganz, denn ich ſchwankte ja ſchon wieder. Er war ſchuldloſer als ich; ich mußte ihn retten. Ihr Bericht, der ſon⸗ * —— ——— — 183— derbare Vorfall mit dem Meſſer gab mir An⸗ laß dazu. Fruͤh fand ich mich bei Ihrem Lager ein, und begleitete Sie in die Meſſe, um, wo moͤglich zu verhindern, daß mein Plan geſtört werde. Als bei der Rücktehr das Verſchwinden des Mantels mich uͤberzengt hatte, daß Alles gelungen ſey, athmete ich wieder leichter. Ich konnte mich aufs Neue auf das Vorgefallene beſinnen. Es wurde mir immer unbegreiflicher, wie ich mit ſolcher Leichtigkeit die Mauer hinaufgeklettert war⸗ Daß das Fenſter im Aktenzimmer offen geſtan⸗ den, wußte ich mir zu erklaͤren. Wahr⸗ ſcheinlich hatte ich vergeſſen, es zuzumachen, als ich es denſelben Nachmittag, was freilich oͤfters geſchah, aber diesmal unter unruhigem Sinnen, geoͤffnet hatte, um deutlicher nach dem Schlage, wo meine Taube hauſte, zu ſpaͤhen.«— vIch entſchloß mich daher, verſtohlen die Auſſenſeite des Hauſes genauer zu betrachten⸗ ſchlich in die Nebengaſſe hinein, und wurde zu meinem Erſtaunen gewahr, daß eine Lei⸗ ter an der Mauer angelehnt ſtand, deren ich mich in meiner Betaͤubung, ohne daß es mir klar geworden war, bedient hatte. Wie war aber dieſe dorthin gekommen? Wäͤhrend ich vergebens darauf ſann, warf ich ſie im Vor⸗ uͤbergehen mit dem Fuße um und entdeckte neben ihr die Scheide eines Meſſers. Un⸗ willkuͤhrlich hob ich ſie auf, und ſteckte ſie zu mir. Ich huͤtete mich indeſſen wohl, dieſes Fundes gegen irgend Jemanden zu erwaͤhnen, theils in der Ueberzengung, daß dieſer Vor⸗ fall doch nicht in Verbindung mit jenem Morde ſtehen konnte, und theils, weil des Vaters Ange nicht ohne Grund ſich bereits mit einem ſo ſcharfen Verdacht auf mich ge⸗ richtet hatte, daß ich fuͤrchtete, dieſen durch den kleinſten Nebenumſtand noch mehr zu rei⸗ zen.« emi »Allein auch des Freundes Argwohn muß⸗ te ich unbewußt auf mich lenken; denn nach meiner Meinung ging hier, trotz Jean's dro⸗ — — —— — 185— hender Lage, noch Alles gut, ſo lange die Auffindung ſeiner uͤberzengenden Waffe jene nicht ganz rettungslos gemacht. Selbſt Fir⸗ mins Verzweiflung uͤber das Verſchwinden des Meſſers ſtorte mich nicht. Ich glaubte mich vollig uͤberzeugt; aber um ſo haͤrter fand ich Ihr Verfahren, mein Vater, das nur wahr⸗ ſcheinlichen Beweiſen ein Recht einraͤumte, dem ſein ganzes voriges Leben widerſprach⸗ Deſſenungeachtet noch immer waͤhnend, den⸗ noch Jean's Rettung bewirken zu koͤnnen, brachte meine plotzliche zur — o6nn „Es war nicht meine Libe zu ahnn denn ich hatte ihre Gegenliebe verwirkt; es war das Gefuͤhl, daß nur ein Gluͤck, ein umſtand, deſſen ich mir nicht deutlich be⸗ wußt war, mich davor gerettet hatte, in Jean's Lage zu ſeyn, was mich zu Ihren Fuͤſſen zog. Ledroux's Ruͤckkehr und geheim⸗ nißvolle Erſcheinung in unſerm Hauſe ſteiger⸗ te mein Entſetzen. Ich ſah meine unerlaubte — 186— Einmiſchung entdeckt, Ihren Zorn unbeſieg⸗ bar, Jean verloren. Der Anblick des Dol⸗ ches, den ich erſt bei der Erklaͤrung des Va⸗ ters, daß er unſerm Hauſe angehoͤre, wie⸗ dererkannte, warf ein Licht in meine Seele, ſo undeutlich und verworren zwar, daß wohl die aufglimmende Ahnung von Jean's Un⸗ ſchuld ſich als Entſetzen ausgeſprochen haben mag. Ihren Verdacht auf mich, mein Va⸗ ter, der mir nicht gleich deutlich war, vergaß ich uͤber dem ruͤckſichtsloſen Rechtlichkeitsgefuhl, das keinen Angenblick Anſtand nahm, obgleich das Herz dem Brechen nahe war, ſelbſt die mit Ihrem Leben ſeſt verzweigte Liebe zu Ih⸗ rein Sohne und ihn ſelbſt Ihrer Pflicht auf⸗ zuopfern und mit ihm unterzugehen. Nie war mir Ihre Achtung theurer geweſen als in dem Augenblick, da Sie, dem Zwieſpalt Ihres Innern unterliegend, leblos in meinen Armen hingen. Um ſo mehr mußte ich alle Kraͤfte meiner Seele, die ganze Thaͤtigkeit meines Geiſtes aufbieten, un Ihren Verdacht — 181— zu widerlegen. Die wahrſcheinliche Unmog⸗ lichkeit, dies zu erreichen, floͤßte mir einige vielleicht bittere Zeilen ein. Ich uͤberließ Sie mit einer Faſſung, die mir ſelbſt unbegreiflich iſt, der herbeieilenden und huhh— mein Zimmer.« vEin frendiger Blitz durchzuckte nih as das Meſſer in die gefundene Scheide paßte; aber noch war mir Alles dunkel. Ich eilte zu Ledroux. Die uͤberredende Kraft einfacher Wahrheit, die— verzeihen Sie, mein Vater — der Richter leider am Leichteſten uͤberhort, beſeitigt bald ſeinen nicht undeutlichen Arg⸗ wohn. Ich theilte ihm unverholen Alles, was mir jene ungluͤckliche Nacht des Mordes begegnet war, ſelbſt die Erſcheinung in der Einſiedlerkutte, mit, die nun auf einmal— keine Taͤuſchung mehr— ins Leben trat. Denn erſtaunt berichtete Ledroux mir, daß er wirklich in der Naͤhe von Lyon Rogibert Bloyer in ſolchem Gewande, dem Landvolk ohne Scheu neue Proben ſeines geheinniß⸗ — 188— 5 vollen, von ihm ſelbſt geglaubten Zaubers ge bend, angetroffen habe. Da, ſey es nun durch einen von dieſen unerklaͤrbaren Lichtfun⸗ ken, dieſen blitzſchnellen Combinationen des Geiſtes, die ſo oft im Leben anf eine faſt unbegreifliche Art die Wahrheit herbeifuͤhren, obgleich ſie wohl auch zuweilen nutzlos auf⸗ blitzen, wenn der Sinn nicht durch eine in⸗ nere Kraft faͤhig geworden iſt, ſie aufzuneh⸗ men— genug, das Meſſer dort, die Scheide hier, Rogibert's fruͤhere Bekanntſchaſt in un⸗ ſerem Hauſe, deutliche Spuren eines naͤcht⸗ lichen Beſuches, unſer ſonderbares Zuſam⸗ mentreffen, ſein Erſchrecken, das Blut, das ich zu ſehen gewaͤhnt, und vielleicht wirklich geſehen, Alles ließ uns einen furchtbaren Zu⸗ ſammenhang ahnen, den wir freilich nicht durchſchaueten, der aber, wie ein Fingerzeig von Oben, ein ſchnelles Licht in unſere Sec⸗ le warf. Diesmal bewaͤhrte ſich die geheim⸗ nißvolle Kraft. Mit ihm durften wir ja auch einen Verſuch wagen. Wir eilten ohne — 189— Siumen, ihn aufzuſuchen, und fanden ihn bald.« „Alle Bewohner der Gegend von Mire⸗ mieux kannten die Wohnung des frommen Bruders Sansnom; dieſen negativen Namen hatte er ſich beigelegt. Die Reiſe, der helle Tag, die nuͤchterne Wirklichkeit, die Alltaͤg⸗ lichkeit hatten meine Hoffnung mit meinem Blute abgekuͤhlt. Der Zuſammenhang, der einen Augenblick ſo klar und deutlich ſich vor meine Phantaſie geſtellt hatte, war durch be⸗ ſonnenere Erwaͤgung auseinander gefallen; kaum hielt noch ein inneres Vertrauen meinen Muth aufrecht, als wir in die Huͤtte traten, Ledroux an der Spitze. In der klugen Ab⸗ ſicht, ihm durch Ueberraſchung ein Geſtaͤnd⸗ niß abzulocken, trat er mit dem blutbefleckten, 3 entbloͤßten Meſſer in drohender Haltung vor ihn, und hielt ihm dieſes, ihn feſt anblickend, vor die Augen. Rogibert ſtarrte es einen Augenblick entſetzt an, dann ſagte er erblei⸗ chend, doch gefaßt, mit dumpfer Stimme: — 660— vDu willſt mein Blut wieder haben; ich weiß, Du mußt es haben, denn Dein Tod hat mir keine Frucht gebracht.«c vMein lc4 verſetzte Ledrour, ſeiner Aehn⸗ lichkeit mit Olivier ſich erinnernd, Hvich bin zum Leben zuruͤckgekehrt, um Dich vor Ge⸗ richt zu fuͤhren, damit Du Dich ent⸗ larveſt, blutiger Heuchler la« vIch habe das Meſſer erwartet ent⸗ gegnete er, zuruͤckſinkend.„vch folge, wo⸗ hin es will.«* vDas Geſtaͤndniß war gethan, und willig bekannte Rogibert hernach den Hergang des Mordes. Tragen Sie dieſen vor, Ledroux, denn ich habe an meinem—— e ge⸗ nng. Auf die ſinnend nickende Einladung des Richters nahm jener das Wort: MNoch, wie es ſchien, uͤberzeugt von der treuen Huͤlfe des Buches, dem, obgleich nicht mehr in ſeinen Haͤnden, er ſein gelun⸗ genes Entſpringen zuſchrieb, halte er ſich lan⸗ — 191— ge unweit Cerdrons in Felſenſchluchten ver⸗ borgen gehalten, nicht ohne geheime Unter⸗ ſtuͤtzung von befreundeten Landleuten, die ihn als einen verfolgten Heiligen betrachteten. Er faßte taͤglich mehr Muth und mehr Zutrauen zu ſich ſelbſt; dennoch gebrach es ihm immer an ſeinem Buche. Wenn es ihm nur gelaͤn⸗ ge, dies wieder zu erhalten, dann meinte er vor allen weltlichen Gerichten geborgen zu ſeyn. Er bereuete bitter, daß er ſich auch nur ei⸗ nen Augenblick von ihm getrennt hatte, ob⸗ gleich es blos in der Abſicht geſchehen war, dem Buͤchlein gewaltige Kraͤſte angedeihen zu laſſen. Nichts in der Welt, hatte er ge⸗ meint, konnte dieſem und ihm etwas anha⸗ ben, wenn dieſes hoͤlliſche Werk einer heili⸗ gen Weihe theilhaft werden konnte. Um dies zu erreichen, nicht um dem Louis Nicolas ſelbſt behuͤlflich zu ſeyn, hatte er es dieſm nach einem harten Kampfe zu ſolchem Zwecke ubergeben. Allein nicht blos dieſe Hoffnung war ihm ſehlgeſchlagen, des Buches ſelbſt — 192— war er verluſtig geworden. Alles, ſein Leben ſelbſt wollte er daran ſetzen, es wieder zu erhalten. Seit alter Zeit in des Richters Hauſe einheimiſch, war es ihm recht gut be⸗ kannt, wo in der Aktenkammer ſolche dem Gerichte verfallene Sachen aufgehoben wur⸗ den. Oft hatte er, ſo gut er nur konnte vermummt, in regnigten Abenden und bei dunkler Nacht ſich um Ihr Haus geſchlichen, allein es war ihm nie gelungen, mit Sicher⸗ heit hineinſchluͤpfen zu können. Da kam der Abend jenes Freudentaumels. Er war von allen Vorgaͤngen im Flecken, ſo auch von den Vorkehrungen zur Luſtigkeit und Mummerei wohl unterrichtet. Seine Einſiedlerkutte lei⸗ ſtete ihm nun gute Dienſte. Wurde er auch bemerkt, ſo wuͤrde man dieſe fuͤr eine Ver⸗ kleidung anſehen. Er durfte hoffen, daß Bei⸗ de, der Vater und Sohn, abweſend waͤren, und daß ein Theil des Geſindes auch das Haus eben nicht huͤten wuͤrde. Allein wie in dieſes hinein kommen? Er ſchlich ſich mehr⸗ — 193— mal um daſſelbe herum und in die Neben⸗ gaſſe hinein. Dort bemerkte er, daß gegen alle Gewohnheit ein Fenſter des Aktenzimmers noch bei dunkler Nacht offen ſteht.« vIndem er nun ſinnend und ſpaͤhend die Espaliers unterſucht, die er theils zu be⸗ ſchwerlich, theils zu ſchwach fuͤr das Gewicht ſeines Koͤrpers findet, und das Geraͤuſch des Herunterfallens befuͤrchtet, entdeckt er laͤngs der Mauer eine Leiter, die wahrſcheinlich Ar⸗ beiter, welche am Tage das Haus ausbeſſer⸗ ten, aus Nachlaͤſſigkeit und Bequemlichkeit dort verborgen hatten, und, ohne ſich lange zu bedenken, lehnt er dieſe an die Mauer, ſteigt hinauf, und durch das offenſtehende Fenſter in das Zimmer hinein. Leiſe und be⸗ hutſam ſchleicht er nach dem wohlbekannten, ziemlich hoch angebrachten Fache. Das Buͤch⸗ lein iſt aber nicht da. Mit klopfendem Her⸗ zen ſucht er immer eifriger, immer unruhi⸗ ger— vergebens. Indem er nun mißmuthig daran denkt, ſich wieder zuruͤckzuziehen, und 13 — 194— noch Einmal laͤngs des Faches hinſtreicht, reißt er ein groſſes Meſſer mit herunter, das ihm gerade auf den Kopf faͤllt.« »Seinem Aberglauben zufolge iſt dies ihm ein Zeichen, eine Huͤlfe, welche die Geiſter des Buches, obgleich anweſend, ihm zuſen⸗ den, allein zugleich eine Warnung vor Ge⸗ fahr, die ihn erſchreckt. Er ſteigt eilig in heftiger Bewegung wieder hinunter, das Meſ⸗ ſer noch immer in der Hand, und eilt da⸗ von. Als er ſich eine kurze Strecke glucklich entfernt hatte, bei dem erſten Lichtſchein aus dem erleuchteten Zimmer eines Hauſes, an dem er voruͤberſchreitet, betrachtet er den Dolch, den er von alten Zeiten her wieder⸗ erkannte. Er iſt, bemerkte er nun erſt, ent⸗ bloͤßt. Ein neues Zeichen, jenem Buche nach, daß er ihn brauchen ſoll, um, wie er waͤhnte, dieſes zuruͤckzugewinnen; aber wo, und wie? Nur wo Menſchen, Leben und Bewegung ſind, kaun ihm Auskunſt daruͤber werden. Er verſteckt das Meſſer in — 195— dem Buſen, und von dieſem wie ermuthiget, betritt er, gewiß, fuͤr einen Verlarvten gehal⸗ ten zu werden, mit der Kaputze das Geſicht bedeckend, den Salon, der Allen offen ſteht. Aber wer malt ſein Entſetzen, als ſein Eben⸗ bild, rechts und links wahrſagend, ihm ent⸗ gegen tritt? Wer ſein Erſtaunen, mitten in dem Erſchrecken, als er in der Hand der Er⸗ ſcheinung den wahrhaften rothen Drachen er⸗ kennt? Der Anblick des Kleinodes ruft ſeine Faſſung zuruͤck. Der ſchnoͤde Mißbrauch, der damit getrieben wird, erbittert ihn zwar, iſt ihm aber auch ein Wink, daß er zu deſſen Befreiung beſtimmt iſt. Seine angeborne Schlauheit beſchwichtigt den Zorn ſeines Ge⸗ muͤthes, und lenkt alle Gedanken feſt auf einen Zweck. So verfolgt er unablaͤſſig die eigene Erſcheinung Schritt vor Schritt, ver⸗ liert ſie, als dieſe ſich durch die Menge hin⸗ ausdräͤngt, nicht aus dem Geſichte, folgt ihr aus dem Saale bis zu dem kleinen Re⸗ benzimmer, welches die Erſcheinung hinter 13* — 196— ſich verſchließt. Allein eine Spalte in der Thuͤr, wodurch ein Lichtſchimmer dringt, koͤmmt ſeinen ſpaͤhenden Blicken zu Huͤlfe. Er ſieht einen jungen Mann, den er, ſo wie die meiſten jungen Leute, die waͤhrend ſeines eingezogenen Lebens im Flecken emporgewach⸗ ſen ſind, nicht kennt, die Verkleidung aus⸗ ziehen, und ein anderes Kleid anlegen, das er ſich genau merkt. Er ſieht ihn das Buch, das ich Saint Marc nach Abrede ſogleich zuruͤckzugeben hatte, in den Buſen ſtecken, und ſich der Thuͤr naͤhern. Rogibert zieht ſich ſchnell in einen Winkel zuruͤck, und folgt dem Heraustretenden in einiger Entfernung nach. Er weiß nun genug, und iſt ent⸗ ſchloſſen, nicht mehr von ſeiner Seite zu weichen. Indeſſen, ehe er ihn erreicht, tre⸗ ten einige aus dem Saale herausſtromende junge Leute zwiſchen ſie. Er hat ihn auf ei⸗ nen Augenblick aus dem Geſichte verloren. Unruhig ſpaͤht ſein Blick uͤberall umher; da hoͤrt er unweit von ſich heftige, drohende, — 197— mit gedaͤmpfter Stimme ausgeſprochene Wor⸗ te.« vUnwillkuͤhrlich wirft er die Augen ſeit⸗ waͤrts, und erblickt, ihm unbegreiflich ge⸗ nug, ganz nahe den jungen Mann, den er bereits im Saale glaubte. Es war Olivier, noch immer in jenem ungluͤcklichen Wort⸗ wechſel mit Saint Marc begriffen. Nogibert, durch die Aehnlichkeit und den gleichen Anzug getaͤnſcht, den jungen Mann in ihm wieder⸗ erkennend, ſtand einen Augenblick betroffen, dann ſchlich er ſich immer näher. Da ver⸗ nimmt ſein leiſehoͤrendes Ohr ſeinen Namen, den Namen des Buches, hoͤrt von etwas, das er nur mit dem Leben laſſen wollen, und zweifelt nicht mehr;— zwar behauptet er, der noch bis in dieſem Augenblick die Ver⸗ wechſelung nicht ahnet, daß feindliche oder warnende Geiſter ſpaͤter in dem Saale ſelbſt durch die Erſcheinung eines Doppelgängers des jungen Mannes ſeine Augen zu blenden, zu verwirren, und ihn von ſeinem Entſchluſ⸗ — 198— ſe abzuwenden geſucht haͤtten; er aber, mit ſolchen lockenden Taͤuſchungen vertraut, waͤre in dieſem dadurch noch mehr beſtärkt worden; die Worte, die er vernommen hatte, erklaͤr⸗ ten ihm nun die Beſtimmung des Meſſers. Hatte ihm doch bereits, nicht ſeit heute erſt, ſondern ſeit dem Verluſt des Buches am Al⸗ tare dunkel vorgeſchwebt, daß es nur durch Blut wieder erkauft werden koͤnne. Rief der Fund des Dolches ſeinem erbitterten Gemuͤthe nicht laut zu, das Kleinod an dem Verruch⸗ ten, der es vor ſeinen Angen entweiht hatte, zu raͤchen 24 „In einen Winkel zuruͤckgezogen, verließ ſein Blick nicht mehr das Opfer ſeines Aber⸗ glaubens, ſeiner Wuth. Seine Seele haf⸗ tete an dem unſichtbaren Buͤchlein, das er unter Olivier's Bruſtlatz waͤhnte; in jeder ſeiner Bewegungen ſpaͤhete er nach einem Winke von dem Drachen. Endlich ſieht er Hlivier ſich erheben, und vernimmt, daß dieſer in der Begleitung der Nachbarn nach — 199— Hauſe gehen will. Dieſe kennt er, und weiß nun auch den Weg, den ſie nehmen muͤſſen. Das war das Zeichen. Er kennt es an der ploͤtzlichen Ruhe ſeines bisher aͤngſtlich ſchwel⸗ lenden Buſens, an dem kraͤftigen Entſchluß, der ihm geworden. Auf Einmal weiß er, was er zu thun hat; nun zweifelte er nicht mehr, daß ſich eine Gelegenheit darbieten werde, wenn er ſie nur zu ergreifen weiß⸗ Er eilt beſonnen voraus bis in die Mitte der Allee, wenige Schritte von der Kirchhofs⸗ mauer, wo der Zauber am kraͤftigſten wirkt, und wo die Gebuͤſche eine Heffnung zum Durchſchluͤpfen darbieten. Sein langes Lauern an der dunkelſten Stelle der Allee, alle ſeine Sinne in Einen zuſammendraͤngend, ſchaͤrft ſeinen Blick. Frohlockend ſieht er die Nach⸗ barn voruͤberſchreiten, Jean's Gegenwart macht ihn indeſſen um den Erfolg beſorgt; doch als die Bruͤder im lauten Wortwechſel anhalten, als der innere Aufruhr ihrer See⸗ le ſie fuͤr alles Aeuſſere blind macht, winkt — 200— ihm die Gelegenheit gar zu dentlich. Das Buch, das er in demſelben Augenblick, wo der Stoß trifft, zu ergreifen hoſſt, wird ihn ja auch ſchutzen; das ihm geſchenkte Meſſer buͤrgt ihm dafuͤr. Leiſe ſchleicht er ſich von hinten zwiſchen die Bruͤder, ſtoͤßt Olivier das Meſſer durch die Seite in die Bruſt, und ſchiebt ihn im Fallen gegen die Gebuͤſche hin, wirft ſich, ehe der entſetzte Jean ſich faſſen kann, uͤber ihm ieder und greift ihm nach dem Buſen. ein es iſt kein Buch mehr da. Die Maͤnner werden laut, Jean ſchreit um Huͤlfe. Nun erſt er⸗ griff ihn Angſt und Entſetzen; allein der Be⸗ ſonnenheit blieb er dennoch Herr. Auf allen Vieren kriecht er leiſe in die nahen Gebuͤſche hinter der Allee, ſchleicht laͤngs der Mauer, ſich dieſer anſchmiegend, fort, und kommt gluͤcklich aus der Allee. Aber mit jedem Schritte waͤchſt die Unruhe des getaͤuſchten Moͤrders. Er hat das Meſſer fallen laſſen, um ſich des Buches zu bemächtigen. Mit — 201— dem Verluſt beider iſt ſein Muth dahin. Die Angſt befluͤgelt ſeine Schritte, als er bei dem Hauſe des Richters ſich verfolgt waͤhnt; unter tauſend Beaͤngſtigungen erreichte er die neue Heimath, und von den an ihn glau⸗ benden L dleuten aufgeſucht, wagte er end— lich, doch nur mit Schen, ſeine gaukleriſchen Zauberkuͤſte wieder zu treiben, bis er end⸗ lich, verrathen durch das Meſſer, das uns auf ſeine Spur geleitet, und indem er die raͤchende Gerechtigkeit erkannte, dieſes jetzt von mir zwar umſtaͤndlicher ihm entlockte Geſtaͤndniß ablegte. Und ſo mußte hier, wo freilich durch unſere Schuld die Wahrſchein⸗ lichkeit auf Abwege leitete, das Unwahrſchein⸗ lichſte ſich als Wahrheit bewaͤhren. Duͤrfen wir,« fuͤgte Ledroux hinzu,„wenn auch nicht von dem Richter, doch von dem Vater Verzeihung hoffen*4 Geſtern«— ſagte der Richter, der waͤh⸗ end dieſer Berichte ſich allmaͤhlig erholt hat⸗ te— Hgeſtern wuͤrde ich Nein geſagt haben. — 202— Komme ich mir doch ſelbſt noch ſchuldiger vor als Ihr. Haͤtte ich mich nicht ſelbſt an dem mir gewaͤhrten Zutrauen verſuͤndigt, wä⸗ re mir vielleicht groͤſſeres Vertrauen geworden. Haͤtte ich mir doch mehr Muͤhe gegeben,« fuhr er wieder eifriger fort,„den en ohenen Rogibert wieder einzufangen. Wo iſt er? Laßt ihn eintreten! Ja, dem Menſchen, in Erkenntniß eigener Schwäche, Milde mit dem Geſetze zu vereinen, nicht dem eigenen Blick allein zu vertrauen.« Der Verhaftete trat nun vor, der inſo⸗ fern ſein Geſtaͤndniß wiederholte, daß er be⸗ kannte, zu jener Stunde, in jener Nacht und an jener Stelle einen Unbekannten, der, ſeiner von vorhergehenden Beweiſen belegten Ausſage nach, kein Anderer als Olivier hatte ſeyn koͤnnen, ermordet zu haben. Er wurde ſogleich ins Gefaͤngniß abgefuͤhrt. vUnd nun, mein Vater K ſagte Saint Marc mit einer Zuverſicht, die doch nicht ganz frei von Unruhe war, vwas haben — 203— Sie, da nun der Moͤrder und mit ihm das Corpus Delicti wieder da iſt, uͤber uns be⸗ ſchloſſen? Ließe unſer vorhergehender Antheil ſich nicht von der neuen Wendung der Sache trennen 24 vEs kommt mir vor,« ſagte der Richter feſt,»„daß mein Gewiſſen in dieſer Sache ſelbſt Parthei geworden iſt, und mich unfaͤ⸗ hig macht, das Urtheil zu ſprechen. Es iſt entſchieden: ich lege mein Richteramt nieder, und uͤbergebe die Sache einer hoͤheren In⸗ ſtanz. Was ich uͤber mich ergehen laſſe, er⸗ warte ich auch von meinem Sohne und ſei⸗ nem Gefaͤhrten. Es verſteht ſich, Deine Seelenbeichte gehoͤrt nur mir an; aber was der Oberrichter im***, der mein Freund lange geweſen, und von heute an mein Kon⸗ ſulent iſt, verfuͤgt, dem will ich mich unter⸗ werfen.« Saint Marc ſchien betroffen; doch bald gefaßt, ſagte er ernſt:»„Dem Berufe und der Pflicht folgend thun Sie denn, was Sie — 204— thun muͤſſen; die meinen haben mich ſchon vor drei Tagen gerufen. Mein Regiment ſoll marſchiren; zu dieſem muß ich mich begeben, und dort werde ich mich in das, was Sie uͤber mich verhaͤngen, zu fuͤgen wiſſen. Ha⸗ ben Sie doch nun einen beſſeren Sohn— ſchenken Sie ihm das Gluͤck, das eigener Unwerth vielleicht dem Erſtgebornen raubte. Ich werde ihn, Sie, Euch Alle erſt wie⸗ derſehen, wenn ich Euch frei in die Augen ſehen kann. Segnen Sie mich getroſt, Va⸗ ter! denn das darf ich Ihnen betheuern: obgleich ich hier einige Augenblicke recht ſchlecht geweſen bin, gehe ich doch beſſer von hier, als ich herkam.« Er kniete nieder. Der Richter legte die Haͤnde ſchweigend, aber, wie es ſchien, tief geruͤhrt auf ſeine Stirn. Dann ſprang Saint Marc auf, druckte den Vater heftig an ſeine Bruſt, reichte Ledroux die Hand, und war verſchwunden. — 205— Ich bleibe im Orte,« ſagte Ledroux ru⸗ hig, Nund harre Ihres Gebots.— Was ich auch Ungerechtes gethan, es galt, einen Un⸗ ſchuldigen zu retten; das wird mich troͤſten, welche Strafe auch uͤber mich verhaͤngt wer⸗ den mag.« „So verkuͤndigen Sie denn«— ſagte der Richter ruhig und entſchloſſen—„dieſem Unſchuldigen, daß ich, ſobald es mir geſtat⸗ tet wird, ſelbſt ſein Gefaͤngniß oͤffnen wer⸗ de.« Mit welchen verſchiedenen Gefuͤhlen, mit welch heiſſem Dank gegen die Vorſehung ſetz⸗ te er ſich nun vor das bereit liegende Papier hin, das zu einem ganz anderen Berichte beſtimmt war! Diesmal galt es, ſich ſelbſt anzuklagen. Streng wahr, was ihn ſelbſt betraf, ſchonender als je gegen die zwei jun⸗ gen Leute, ſchrieb er einen confidentiellen Bericht an den Oberrichter nieder, ſo wie ei⸗ nen ſtreng gerichtlichen in Bezug auf Ro⸗ gibert an das Gericht. Mit dieſem folgte ein — 206— Geſuch um Entlaſſung von ſeinem Amte, und eine Bitte an ſeine Vorgeſetzten um Be⸗ freiung von allem weitern Antheil an dieſer Sache. Dann erſt ſchien eine neue Thaͤtig⸗ keit ſeine Seele anzuregen. Sobald allen Formalitaten, die ihm zum erſten Male langweilig und läſtig vorkamen, ihr Recht ge⸗ ſchehen war, eilte er an der Spitze der laut jubelnden Familie, von Ledroux begleitet, nach dem Gefangenhauſe, um deſſen Thuͤren dem Liebling Aller, ſo wie jetzt mehr als je dem ſeinigen, zu oͤffnen. Jean wußte, ſo⸗ wohl als alle Geſchwiſter, nur, daß ſeine Unſchuld ſiegreich anerkannt war; um ſo groͤſſer war ſein und der Uebrigen, ſelbſt der Mutter Erſtaunen, als der Richter mit ei⸗ nem ſo heitern Laͤcheln, daß Niemand ſich entſinnen konnte, je ein aͤhnliches um ſeine Lippen geſehen zu haben, beim Eintreten in die trauliche Wohnung, wo ſie fruher alle Freude und Leid zuſammen getheilt hatten, ihn an ſeine Bruſt druckte, ihm ſo anhaltend in die ſanften Augen ſah, als könne er an ſeinem Anblicke nicht ſatt werden, und end⸗ lich mit tiefer Ruͤhrung ſprach: »So mußte mir dennoch das Zauberbuch, das ſo viel Unheil angerichtet, zum Segen werden; die boͤſen Stunden ſelbſt muͤſſen wir ſegnen, die mir und Dir zu einem unmöglich geglaubten Gluͤck ausgeſchlagen ſind. Dieſen muͤſſen wir es danken, daß Du Dir Deinen wahren Vater, ich mir einen geliebten Sohn gewonnen; denn Dein Name iſt nicht Jean, ſondern Ernſt d' Ayot. Fuͤrchte nicht, daß er Dich von den Geſchwiſtern trennen ſoll; im Gegentheil, er wird Dir dieſe, wo moͤg⸗ lich, noch feſter, durch heiligere Bande des Blutes verbinden, inſofern ich mich nicht in Euren Herzen geirrt habe, meine Kinder! Schlage Dein Auge nicht zu Boden, Taube von Cerdrons! Ihr duͤrft Euch von nun an nicht mehr trennen; keine Gefahren drohen, und Du branchſt nicht mehr in die Arme ei⸗ nes andern Heiligen zu fluͤchten.« — 208— Faſt zu eilig fuͤr die Ueberraſchung des Augenblicks legte er die Haͤnde beider Geſchwi⸗ ſter, die dieſen Namen nun ablegten, um ihn mit einem noch innigern zu vertanſchen, in einander. Der Segen aller Anweſenden ſank auf die Gluͤcklichen nieder. Der Richter erhielt zwar, weil er darum nachgeſucht, ſeine Entlaſſung, aber das noch zu befuͤrchtende Gewitter zog, und am mei⸗ ſten zu ſeiner Verwunderung, leicht uͤber ih⸗ re Haͤupter hinweg. Der Oberrichter, ein gewiß nicht weniger rechtlich geſinnter Mann als d' Ayot ſelbſt, aber mehr als er gewohnt in den Handlungen der Menſchen die Geſin⸗ nungen zu wuͤrdigen, hatte es nicht gegen ſein Gewiſſen gefunden, Alles, was nicht ganz ſtreng zur Sache ſelbſt gehoͤrte, davon zu trennen, um ſo mehr, da kein Anſpruch auf Unterſuchung von der Seite der Familie Gonard zu befuͤrchten war, und Rogibert Bloyer's Anhaltung und Geſtaͤndniß der Sa⸗ che ſelbſt eine ganz neue Wendung gab. Die — 209— zu große Gewiſſenhaftigkeit des Vaters ſchien die zu geringe des Sohnes und ſeines Freun⸗ des gutzumachen. Es wurde von dieſem Theile der Sache nichts weiter beruͤhrt. Nur Ein Schmerz mußte noch wenige Jahre nachher den Vater d' Ayot und ſeine Verwandten unſanft treffen, als ihnen die Rachricht kam, daß Saint Marc's Herz in Rußlands Schneegefilden erſtarrt war. Seit⸗ dem ſchmuͤckt das ſtille Gluͤck, dem nun ein⸗ mal dieſe Gegend geweiht zu ſeyn ſcheint, das Leben aller Mitglieder dieſer wieder zufriede⸗ nen Familie. Hlivier's blumenbepflanzter Grubhůge iſt nicht blos ihnen, ſondern den Einwohnern von Cerdrons ein Segensgarten geworden, von welchem mehr als ein in ſtillen Betrach⸗ tungen Vertiefter in dunklen Stunden, ſo wie ſeine Verwandten in froͤhlichen, ſeiner mit Wehmuth gedenkend, Friede, Troſt und Beruhigung holen. Und wer weiß, ob er nicht ſelbſt von oben herab den fruͤhen Tod 14 — 210— ſegnet, der Veranlaſſung gab, nach kurzem aber tief ergreifenden Kummer alle ſeine Lie⸗ ben in ſo reichem Maaße zu begluͤcken? 1 die Juden auf Bald. Dem Däniſchen des S. S. Blicher nacherzählt. 14* Einleitung. Doe gegenwärtige Herrenhaus dieſes Namens, im Herien der juͤtländiſchen Halbinſel, iſt das vierte, das auf einem Flecke, einige tauſend Fuß im Umkreiſe, aufgefuͤhrt worden iſt. Nirgends im ganzen Lande findet man ſo re⸗ dende Ueberreſte von der vorherrſchenden Ge⸗ walt der Zeit, oder vielmehr von den menſch⸗ lichen Uumwechſelungen. Faſt ſollte man glau⸗ ben, daß die dunklen Maͤchte der Geiſterwelt hier gehauſt und allmaͤhlig die verkoͤrperten Bewohner verdrängt hätten, ſo wie man ſagt, daß der Fuchs, wenn er ſeine Wohnung mit dem tagſcheuen Dachs theilen muß, ſich davon macht. — 214— Die alleraͤlteſte Burg, die auf einem Raum ſich erhob, der noch Altenhald genannt wird, ſtand auf einer von Waſſer umfloſſenen Inſel, in einem duͤſteren Winkel am ſüdweſt⸗ lichen Ende des Sees, auf drei Seiten von maͤſſig hohen, waldbewachſenen Bergen um⸗ geben, und nur gegen Norden offen. An die⸗ ſer Stelle ſieht man Wiborg in der Entfer⸗ nung einer Meile. Man kann ſich Altenhald als einen Raͤuber vorſtellen, der hier ſpähend auf Auslug nach der uralten Hauptſtadt des Landes gelegen. Von deſſen Erbauer ſpricht die Sage nicht; ſie bemerkt aber, daß vzwei Helleden, Aage und Ebbes, die in der Hungersnoth unter dem Koͤnig Snie die Longobarden gegen Suͤden hinausfuͤhrten, hier gewohnt; ſo auch, daß der däniſche Arthur vom runden Tiſch, der ſtarke Tidrick und ſeine Kaͤmpen hier gehauſt haben ſollen. Der letzte Bewohner derſelben war jener derbe trotzige Ritter Niels Bugge, den der Daͤ⸗ nenkoͤnig mit Waffenmacht vergebens zu be⸗ ———————— „—————— —— — 215— zwingen ſuchte, und der nur dem Meuchel⸗ mord unterliegen konnte*). Er ſoll Alten⸗ hald niedergeriſſen, und aus deſſen Ueberre⸗ ſten das zweite, ſogenannte Hald⸗Schloß, ebenfalls auf einer Bank im See, aber wei⸗ ter gegen Norden, aufgefuͤhrt haben. Hier hat er die Belagerung ausgehalten; gerade uͤber an dem feſten Lande ſieht man noch Ueberreſte von der ſogenannten„Schanze des Koͤnigs«. Hier war die Scene der Angelegenheit, wel⸗ che folgende in dieſe Blaͤtter niedergelegte Handſchrift enthaͤlt. Dies Hald des Mittel⸗ alters ſtand von der Mitte des vierzehnten Jahrhunderts an viertehalbhundert Jahre. In dieſem Zeitraume gehorte es zuerſt den Ver⸗ wandten des ermordeten Erbauers; dann den wiborgſchen Biſchoͤfen, bis auf den letzten ₰ *) Mit gegebenem Geleit zog er nach Middelfart, wo Waldemar ſich damals aufhielt; hier aber wurde er meuchleriſcher Weiſe ermordet. um die Schuld von ſich abzuwälzen, legte der König den Bürgern eine jährliche Steuer auf, die unter dem Namen»Mannsbuße für Herrn Bugge⸗ noch heu⸗ tigen Tages bezahlt wird. — 216— katholiſchen Joͤrgens Friis. Darauf wur⸗ de es konigliches Schloß und Sitz eines Lehns⸗ mannes, dann endlich Amthaus. Der letzte Amtmann, Jacob Brockmann, ſoll im Ge⸗ faͤngniß, in welches er zum dritten Male we⸗ gen Kaſſendefects gebracht war, geſtorben ſeyn. Nun wurde es verpfaͤndet, und ſpater von drei reichen hollaͤndiſchen Juden, den Gebruͤ⸗ dern Lima, in Beſitz genommen, und einige Zeit hindurch bewohnt. Dieſe verkauften es kurz hernach an Gre⸗ gers Dan, der als Obriſt in der Schlacht bei Gadebuſch fiel. Dieſer fuͤhrte das dritte Hald auf einem ſchoͤn gelegenen Berge, in⸗ mitten der beiden aͤlteren, auf. Auch dieſes iſt niedergeriſſen, und das vierte und letzte, etwas weiter vom See ent⸗ fernt, vor ohngefaͤhr funfzig Jahren erbaut. Hier befinden ſich noch drei alte myſtiſche Bilder, nach deren Bedeutung lange verge⸗ bens geforſcht worden iſt, und von deren Driginalen die Sage nur dunkel ſpricht. 5 — 217— Das eine iſt ein Bruſtſtuͤck und ſtellt ei⸗ nen Mann von mittleren Jahren und athle⸗ tiſcher Geſtalt, mit einem groſſen, vollen, grimmigen Geſichte vor. Das grobe Wams mit viner Reihe Knoͤpfe ſchließt ſich dicht an dem dicken Hals zuſammen. Das ſchwarze Maͤhnenhaar theilt ſich uͤber der Stirn, und fallt in wogenden Locken bis auf die breiten Schultern herab. Seine groſſen dunkelblauen Augen, von buſchigten Braunen beſchattet, haben mir als Kind oft Entſetzen erregt⸗ wenn ich allein durch den Saal ging und ſie drohend mich vom Thor bis zur Thuͤr ver⸗ folgten. Naͤchſt der gehoͤrnten Figur im Orbispictus hat mich kein Bild in ſolchem Reſpekt gehalten, wie Niels Bugge auf Halde. Daß es auch wirklich das ſeinige ſey, laͤßt ſich wenigſtens vermuthen; ſo viel iſt gewiß, daß dies Gemaͤlde der Vorſtellung eines echten, alten nordiſchen Kaͤmpen keines⸗ weges widerſpricht. — 218— Das zweite iſt ebenfalls ein Bruſtſtuͤck, aber viel kleiner, eine braͤunliche, magere, ſehnigte, im ſchwarzen Mantel eingehuͤllte Ge⸗ ſtalt; die eine Hand faßt nach dem Buſen, wahrſcheinlich nach einem Dolche. Man hat mir geſagt, daß es einen Juden darſtelle, und ich dachte unwillkuͤhrlich an Eſau, den wilden, trotzigen Jaͤger; ſo mußte er ausge⸗ ſehen haben, als er des Betruges der Mut⸗ ter und des Bruders inne ward, und als er ſpaͤter dieſem mit feindlichen Geſinnungen und blutigen Gedanken entgegentrat. Als ich aͤl⸗ ter wurde, duͤnkte es mich, als muͤſſe es dem Barcochba, da er ſich entſchloß, das zer⸗ riſſene Reich wieder zu errichten, aͤhnlich ſe⸗ hen. Dies duͤſtere Geſicht ſpricht Zorn uͤber die Erniedrigung des Volks, ſchwankende Hoff⸗ nung von der Ernenerung der verlornen Herr⸗ lichkeit, und dunkle Ahnungen eines traurigen Erfolgs dieſes letzten verzweiflungsvollen Ver⸗ ſuches aus. Wohin zielt dieſer ſtarre, ſcheue, gehaͤſſige Blick? Zu Aelia Capitolina— zum — 240— Roͤmeradler auf Zions Felſen. Huͤte dich! er ſpreitet ſchon die Klaue, um dich zu zer⸗ reiſſen! Er zittert nicht— er hat noch den Dolch, die letzte Zuflucht und Rettung. Das dritte Bild ſoll auch einen Juden, den Bruder des Vorigen, vorſtellen. Wie un⸗ ähnlich aber jenem, wie Jacob dem Eſau. Ja! dies iſt, muß nach der Natur gemalt ſeyn. Klugheit, Sanftmuth, Geſchmeidigkeit; patriarchaliſche Wuͤrde, Gutmuͤthigkeit; den⸗ noch nicht ohne ein wenig tuckiſche Zuruͤck⸗ haltung. So hat er gelaͤchelt, als er das Linſengericht umtauſchte, und als er die bun⸗ ten Stoͤcke in den Waſſertrog legte. Er iſt von Blumen, den Symbolen ſuͤſſer, zahlrei⸗ cher Familienfreuden, der Hoffnung, der kuͤnftigen Bluͤthe Iſraels, umgeben. Ein Hahn, das Zeichen der Wachſamkeit und Vorſicht, ſteht in ſeinem Schooße, er ſtrei⸗ chelt ihn mit zaͤrtlichem, liebevollen Blick. Freilich le dachte ich ſpaͤter, als ich, kein Kind mehr, das Bild wiederſah, vfreilich — 220— brauchſt du, wunderbare Nation, die ganze Wachſamkeit des Hahns, um dein ſchwaches Daſeyn aufrecht zu halten; nur Schade, daß du dich ſo oft von deinem Uebermuthe hin⸗ reiſſen oder vielmehr aufblaſen laͤßt, und ver⸗ giſſeſt, daß die Kerne, die dich voll und uͤber⸗ muͤthig gemacht haben in den Haͤuſern und Gaͤrten geſtrenger Herren, oft muͤhſam genng aufgeſammelt ſind. Darum haben ſie dir auch oft die Fluͤgel beſchnitten, wenn du zu laut damit hinaufflatterteſt, und die bunte Feder herausgeriſſen, daß Fett und Blut mitfolgten. Aber immer wirſt du von einer hoͤheren Gewalt aufrecht gehalten, die dich unter alle Geſchlechter der Erde zum Unter⸗ richt und zur Warnung durch deine Tugenden, deine Fehler und dein Ungluͤck, herumgeſtreut hat.«„ Es iſt eine geraume Zeit her, als ich auf einer Morgenwanderung mich in der Koͤ⸗ nigs⸗Schanze niederſetzte und in den an⸗ muthigen See hinausſah. Die Koͤnigin des „ — — — 221— Tages erhob ſich im unverdunkelten Glanze der Jugend, und kleidete die oſtlichen Berge der Haide mit Morgenroth. Der See er⸗ wachte und kraͤuſelte ſeine glaͤnzende Bruſt; der Wald erklang, und die gegenuͤberliegenden Gebirge hallten von dem Fruͤhlingsgeſange der Vogel wieder; hoch in der Luft kreiſte der Aar und am Rande des Waldes tauchte die wilde Ente aus den ſchimmernden Wogen her⸗ auf. Der bleiche Nebel ſtand uͤber Bugge's Inſel, und verſchmolz in dem Morgenlichte. Er erhob ſich von den Ruinen, wie ein Geiſt aus ſeiner naͤchtlichen Wohnung. Ein Fuchs ſaß oben am Walle und ſpaͤhete nach voruber⸗ fliegenden Voͤgeln. Zwei Schwoaͤne ſegelten am Fuße deſſelben; ſie wurden den Feind ge⸗ wahr, kruͤmmten ihre ſtolzen Haͤlſe und brauſten mit den gewaltigen Fluͤgeln; allein der Fuchs verſchwand hinter der Mauer, und ſie zwiſchen dem Schilf des ufers.— Ein Kahn lief hinter der Waldſpitze aus; leiſe ſchlugen die Ruder die glaͤnzende Flaͤche; er * legte ans Land. Ein Fiſcher ſtieg mit ſeinem fruͤhen Fange aus, ein alter ruſtiger Monn; ſein Haar ſchien aͤlter, als er ſelbt; denn es fiel in weiſſen Locken um ein volles, braͤun⸗ liches Geſicht herab. Sein Weg fuͤhrte an der ewene vor⸗ uͤber. Ich redete ihn an, in der Hoffnung, irgend eine Sage von der zerſtoͤrten Ritter⸗ burg zu fiſchen; ſie wurde uͤber meine Ernn⸗ tung erfuͤllt. »Mein Vater,« erzaͤhlte er, Ider vor mir Fiſcher war, iſt mit dabei geweſen, gleich nachdem die Juden abgereiſt und der Obriſt hier angekommen war, das Schloß abzubre⸗ chen, und die Steine zu dem neuen Gebaͤude hinuͤber zu fuͤhren. Das war eine muͤhſelige Arbeit! ſie konnten bei weitem nicht ſo ſchnell niederreiſſen, wie jene da druͤben aufbauen. Jedes Stuͤckchen mußte mit eiſernen Stangen losgebrochen werden, und bevor die Sonne unterging, mußten Alle zuſammen auſſer dem Schloſſe ſeyn, denn es war nicht geheuer da⸗ 7 — ——— 1 — 223— Ein Knabe hatte hier einmal zu lange gezo⸗ gert, aber er wurde nie mehr zum Menſchen. Es duͤnkte ihn, als ſäͤße ein Schreiber an ei⸗ nem Tiſch und ſchriebe; vor ihm auf dem Tiſche ſtand ein Mannskopf, und jedesmal, wenn er die Feder eintauchen wollte, oͤffnete der Kopf den Mund, und er tauchte hinein. Ein Bild gab ihnen viel zu ſchaffen; eine Frau ſollte es zu dem neuen Gebaͤude hintra⸗ gen, als ſie jedoch damit uͤber den Damm ge⸗ kommen war, wurde ihr das Gemaͤlde ſo ſchwer, als waͤre es Blei. Darauf wurde es auf einen Wagen gelegt, allein die Pferde konnten ihn nicht von der Stelle ruͤcken; zu⸗ letzt muhten ſie nach dem Pfarrer ſchicken. Er trug es hinauf. Allein als ſie es nun an der Wand anfgehaͤngt hatten, ging der Unfug von vorn an, denn es ſiel jede Nacht her⸗ unter; entweder zog es den Nagel mit ſich heraus oder der Strick ging entzwei. Zuletzt nahmen ſie einen Nagel von einem Sarge— der trug! Leute ſagten, daß es der alte Herr — 224—* Bugge ſey, der das Schloß erbaut hatte; er wollte nicht gern davon fortziehen. Noch be⸗ ſinne ich mich darauf,« fuͤgte er hinzu, „daß ich als Knabe dabei geweſen und Frohn⸗ dienſt hier mit gethan habe; denn die Keller waren noch uͤbrig, und die mußten wir ein⸗ mal im Jahre auskehren.« vHabt Ihr denn da unten nie etwas ge⸗ funden?4 fragte ich. »Richt daß ich wuͤßte,« gab er zur Ant⸗ wort, vetwas altes Geſchriebenes ausgenom⸗ men, das Riemand leſen konnte.« Was iſt daraus Geworden 24 fragte ich eifrig, aber dabei hoffnungslos. vIch glaube, meine Frau hat es noch l« klang die geſegnete Antwort.„Es lag viele Jahre hindurch in der Lade meiner Truhe; nun habe ich es ihr gegeben, um damit den Flachs am Rockenſtock zu umwickeln.« Ein Alterthuͤmler mag ſich am beſten mei⸗ ne Ungeduld vorſtellen, ehe ich die Wohnung des Fiſchers erreichte und vor Augen ſah, was —— ich kaum noch zu hoffen wagte. Der ruͤſtige Alte hatte Muͤhe, mir folgen zu koͤnnen. Ich kam, ich ſah, ich— fand. Der Rockenſtock, dick von Flachs, war mit einer großen Tute von braͤunlichem Per⸗ gament umgeben. Nach letzterem griff ich mit raubgierigen Haͤnden, zum groſſen Er⸗ ſtaunen des alten Weibes, das von einem ganz Fremden ſich des Futterals ihres Flach⸗ ſes beraubt ſah. Ihr Schrecken aber mag bei weitem nicht ſo groß geweſen ſeyn, als meine Frende, als ich eine Handſchrift ent⸗ deckte, von deren Alterthum die Zuͤge und die abgebleichte gelbliche Farbe der Schrift ſo deutlich zeugten. Es war eine Art Tagebuch in hollaͤndiſcher Sprache; es fuhr mir wie ein froͤhlicher Schauder laͤngs des Ruͤckens hinab, und antiquariſche Wonne draͤngte das Blut in meinem Herzen zuſammen. Wenn es Jemanden einfallen ſollte, ge⸗ ſetzlichen Beweis der Wahrheit dieſer Ent⸗ deckung, oder uͤberzeugende Belege des Da⸗ 15 — 226— ſeyns dieſer Handſchrift zu verlangen; ſo muß ich einen Solchen erſuchen, mit meinem Worte als Dichter ſich zu begnuͤgen. Und ſollte dieſe Beſtaͤtigung ihm keine annehmbare Sicherheit zu geben ſcheinen, ſo moͤge er im Namen Apollo's und der Muſen ſich an die angenommene Meinung halten: daß bei Leu⸗ ten meiner Profeſſion Wahrheit und Phanta⸗ ſie ſchwer zu unterſcheiden ſind; ja zuweilen ſind wir ſelber deſſen nicht mehr faͤhig. So viel iſt gewiß: daß Hald mit ſeiner Umgebung, ſo wie auch die drei oben beſchriebenen Bilder noch da ſind, und beſehen werden koͤnnenz ſo auch, daß die Handſchrift, obgleich et⸗ was defect, in dieſen Blaͤttern zu leſen — 227— Das Manuſeript. 1. Hald⸗Schloß, den 11. Octbr 16.*). Ich habe von Seefahrenden gehoͤrt, daß es in aͤuſſerſter Seenoth ihnen der ſchrecklich⸗ ſte Gedanke iſt, von der Oberflaͤche des Mee⸗ res zu verſchwinden und in der Tiefe begraben zu werden, ohne harrenden Verwandten und Freunden die kleinſte Nachricht oder Spur hinterlaſſen zu koͤnnen. Deshalb ſchreiben ſie die Umſtaͤnde ihres letzten Ungluͤcks nieder und uͤbergeben dieſe Mittheilung in einer wohlverſchloſſenen Flaſche den Wogen. So will den auch ich, der ich mich ſelbſt als le⸗ bendig begraben, und von der Erde ausge⸗ *) Die beiden letzteren Jahrzahlen ſind unleſerlichz vermuthlich werden ſie einige und neunzig bedeu⸗ ten. 45* — 228— tilgt betrachten kann, meine letzten Gedan⸗ ken in der Hoffnung außzeichnen, daß dieſe meine unterirdiſche Wohnung einmal in der Zukunft geoͤffnet und meine Knochen einem heiligeren Orte der Ruhe uͤbergeben werden moͤgen. Es ſind nun vier Monate her, ſeit ich hier eingemauert wurde, und ich habe noch Nahrungsmittel fuͤr eine doppelt ſo lange Zeit. Koͤnnte aber mein Vater nicht ſchon laͤngſt hier zuruck geweſen ſeyn? Ach! wenn ihn ſeine Hoffnung getaͤuſcht? Wenn er keine Huͤlfe bei ſeinen Freunden in Holland gefun⸗ den hat, oder wenn er krank geworden, oder gar— todt iſt! todt?— ja! ſo muß es ſeyn! Es war ſonſt nicht moͤglich, daß er ſo einen Sohn verlaſſen konnte, der Ehre und Leben ſeiner Rettung geopfert hat— geopfert? Was habe ich denn geopfert? ein Leben ohne Werth, weder Andern noch mir ſelber; ein Leben, einzeln, ohne irgend eine Verbindung, der Welt eben ſo gleichgaͤltig wie mein Tod. — 229— Und die Ehre? welche Ehre beſitzt wohl ein nameuloſer Baſtard? Ich habe ja verſchenkt, was ich eigentlich nie beſeſſen habe. Doch das klingt ja wie ein Vorwurf gegen den Vater, deſſen ungluͤckliche Liebe mir das Daſeyn gab? Hinweg von mir, unkindliche Gedanken! Er hat mich ja ſo warm, ſo innig geliebt! Die Pflege meiner Kinderjahre, meine Erziehung iſt es ja, die ihm Schulden aufgebuͤrdet und ihn zu dem ungluͤcklichen Vergehen verſucht, das ihm die Ehre und nun mir das Leben ko⸗ ſtet. Was feſſelt mich an dieſes elende Leben? Die zwei einzigen Banden ſind geloͤſet: mein Vater, und— o! Sulamith! 2. Den 15. Octbr. Heute erfuͤlle ich mein ein und zwanzig⸗ ſtes Jahr— das ietzte meines jungen Lebens. — 250— Allbarmherziger! verzeihe dem armen Wurm, daß er fragen darf: warum? Daß er in der Bitterkeit des Herzens an der Nothwen⸗ digkeit ſeines jammervollen Daſeyns zweifeln darf? Waͤre denn die Welt auseinander ge⸗ fallen, wenn ich nicht geboren worden und einen abgeſonderten Theil der Maſſe ihres Elendes ausgemacht haͤtte? Ein Gefaͤß der Entehrung, des Zertretens! Still, elender Staub! hadre nicht mit dem, der dich form⸗ te. O! Liebe, Liebe! du wundervolle, erhal⸗ tende Kraft des Univerſums! warum mußte der Vater dein gewaltiges Gebot vernehmen, und ihm unterliegen? warum mußte dies Gebot ſo hart gegen menſchliche Geſetze und Verhaͤltniſſe anſtoſſen?* Nicht fruͤher als Gefuͤhle und Gedanken mir vergehen, wird die Stunde, da er mich zum erſtenmal an ſeine Bruſt druͤckte, aus meinem Gedaͤchtniſſe vertilgt werden! Zwei Jahre ſind es nun, ſeit ich von Holland — 231— abgeholt wurde, und hicher kam. Er rief mich in ſein Zimmer, und ſchloß mich ſchluchzend in ſeine Arme— von der Mutter habe ich nie gewußt— dagegen fand ich nun einen Vater.„O mein Sohnl« ſprach er, vdas erſtemal, da dein Vater mit dir ſpricht, geſchieht es nur, dir die Suͤnde ſeiner Ju⸗ gend zu berichten, um deine Verzeihung zu erflehen.« Ich verbarg meine thraͤnenglaͤnzenden Au⸗ gen in ſeine Hand. Er erzaͤhlte mir von der Mutter: wie er ſie gefunden und geliebt; wie die Liebe beide ſo bethoͤrt hatte, daß ſie mir das Daſeyn gaben; und wie endlich harte Verwandte ſie trennten. Sie war von einem anderen Glauben— Jene wußten ſie zu ver⸗ bergen. Vergeblich waren alle ſeine Nachfor⸗ ſchungen— mich— nur mich hatte er ſich erhalten.„Sohn! mein Sohn!« ſprach er zuletzt, vgelobe mir heilig, bei der Reue und dem Seelenſchmerz deines Vaters, von verbo⸗ tener Liebe dich nie, nie hinreiſſen zu laſſen! — 232— Der obere Schaum vom Becher der Wonne iſt ſuͤß wie Honig— auf dem Boden iſt Gift und Galle.«— O1 Sulamith! 3. Den 16. Oetbr. Der Spätherbſt iſt ſchon da. Durch mein kleines Lugloch kann ich die noͤrdliche Spitze des Buchenwaldes ſehen; der faͤngt merklich an, gelb zu werden. Bald kommt der Win⸗ ter, und nach ihm wieder Fruͤhjahr— wo bin ich dann? da, wo keine Morgenſonne den Schlummernden erweckt? Ach, bin ich denn nicht ſchon unter der Zahl der Todten? der Erde und allen ihren Freuden abgeſtorben, blos der hoffnungsloſen Verzweiflung lebend? Ha! worauf warte ich denn? warum verlaͤn⸗ gere ich dieſen entſetzlichen Todeskampf? Der⸗ ſelbe Stahl, womit ich das Brod ſchneide, das mein elendes Leben erhaͤlt, vermag ja in — 233— einem Angenblicke den bald ausgeſponnenen Lebensfaden zu durchſchneiden und die vom Kummer beklommene Bruſt zur Ruhe zu bringen. Weiche von hinnen, Verſucher! zuruͤck! in den Abgrund hinab, dem du ent⸗ ſtiegen biſt, um meine arme Seele zu ver⸗ derben. Um das einzige menſchliche Weſen, dem ich angehoͤre, zu retten, ließ ich mich freiwillig begraben; allein von jener unſicht⸗ baren Hand, die mir dies lebendige Leben gab, darf der Tod mir kommen. Iſt dieſe meine That denn nicht die Frucht kindlicher Liebe? der Dankbarkeit— der un⸗ umgaͤnglichen Pflicht? Schreckliche Stunde, da mir der Vater ſein Ungluͤck offenbarte! Er hatte ſo ſicher gehofft, das Fehlende erſetzen zu koͤnnen; aber nichts war aufzutreiben, es waͤre denn, daß er ſelbſt nach Holland abgin⸗ ge. Er ſchlug mir vor, ihn nach Amſterdam, wo er dieſen Anker in der Noth noch beſaß, zu begleiten. Da war es, daß der Himmel — ja! denn ein ſolcher Gedanke kann nicht — 234— dem Reiche der Finſterniß entſteigen— daß der Himmel mir einfloͤßte, Leben und Ehre zu wagen, um die ſeinige zu retten. Zuerſt wollte ich mich ſelbſt als denjenigen, der aus der Kaſſe entwendet hatte, angeben; ich bin es ja doch, dem dies Geld zu gute gekom⸗ men war. Dies verweigerte er aber mit un⸗ beugſamer Hartnaͤckigkeit. Da ich ihn aber darauf mit heiſſen Thraͤnen beſchwor, mir zu geſtatten, mich bis zu ſeiner Ruͤckkehr von Holland hier verborgen zu halten, und die Welt glauben zu laſſen, daß ich mit der feh⸗ lenden Summe gefluchtet ſey; da ſiegte end⸗ lich mein inniges Flehen. Drei Naͤchte hin⸗ durch half er ſelber mir mein geheimes Ge⸗ faͤngniß mit allen Beduͤrfniſſen zu verſehen. O, wie zitterte er in meinen Armen, als ich zum letztenmal mich ſeiner Umarmung ent⸗ riß. Die Mauerkelle, womit er den Eingang zu meinem unterirdiſchen Kerker verſchloß, klirrte gegen die Steine, und als er nun durch die letzte enge Heffnung mir die kalte — 235— zitternde Hand reichte— o dieſe Thraͤnen, womit ich ſie benetzte, dieſe Thraͤnen, die im Dunkeln floſſen, haben ſie die allesſehen⸗ den Augen des Erlöſers nicht erblickt? ſind ſie ein heilender Balſam in die toͤdtliche Wunde meines Herzens nicht ſchon gewor⸗ den? t Ach, Vater! Vater! dein Herz hat wohl laͤngſt zu klopfen aufgehoͤrt— du biſt gewiß bereits in einer beſſeren Heimath, wo du mit Sehnſucht deines Sohnes harreſt! O mein Gott und Erloͤſer! erloͤſe mich bald aus die⸗ ſem ſchrecklichen Kerker! Den 18. Octbr. Iſt es moglich, daß ich unſeliger Todes⸗ gefangener noch eine thoͤrichte Reigung zum Leben naͤhren mag? daß ich an jene Wogen, die im Morgenlichte glaͤnzen, noch mit Sehn⸗ — 285— ſucht meine Augen heften kann? daß ich den Schwan, der da drauſſen ſchwimmt, um ſei⸗ ne Freiheit beneiden muß? O, daß ich die eigene Freiheit, die kurze Luſt meiner Jugend vergeſſen könnte, daß ich die Reize der Natur nie geſchauet haͤtte, daß ich doch lieber immer wie die Krote in einem ſteinernen Felſen ein⸗ geſchloſſen gelebt! ohne Sehnſucht— aber auch ohne Vermiſſen. O! waͤre ich mit der Freiheit doch auch des Gedaͤchtniſſes beraubt! Es war zu dieſer Zeit im vorigen Jahre, daß ich druͤben im Walde meine Dohnen beſuchte — nun bin ich ſelbſt ein gefangener Vogel; wenn werde ich aus der Schlinge des Todes erloͤſet werden? Gerathe ich je wieder an das Licht des Tages, ſo wird der Galgen mein Loos; das weiß ich, und dennoch moͤchte ich meinen Kerker ſprengen, um auf dem Wege zur Ge⸗ richtſtaͤtte die Augen an dem Anſchauen der Erde noch einmal ſättigen zu können. Doch nein! das waͤre ja ein Selbſtmord! das wäre — 237— etwas noch Schlimmeres: das Geheimniß des Vaters aufs Spiel ſetzen! Wer weiß, welche Bekenntniſſe mir die Folter entreiſſen moͤch⸗ te. Ich will ausharren, bis die Stunde der Erloͤſung ſchlaͤgt— wann werde ich ſie hoͤren? 5. Den 20. Octbr. Auch neugierig kann ich noch ſeyn? Oſt wuͤnſche ich zu wiſſen, wer uͤber meinem Haupte verkehrt, wer nun wohl im Schloſſe wohnt? Es war vom Koͤnig an einige Juden in Amſterdam verpfaͤndet— ob ſie es in Be⸗ ſitz genommen haben werden? Ich vernahm geſtern Abend das Geraſſel von Wagen auf der Bruͤcke, und ein ungewoͤhnliches Getuͤm⸗ mel hier oben. Doch was geht das mich an? kummert es den Todten, wer auf ſein Grab tritt? Den 21. Octbr. Soll ich dem Papiere das fuͤſſeſte und ſchmerzlichſte Geheimniß meines Herzens an⸗ vertrauen? Soll ich Erinnerungen auffriſchen, die mich zugleich entzuͤcken und martern? Warum nicht? ihnen entfliehen iſt mir doch unmoͤglich— vielleicht kann es meinen Schmer⸗ zen Linderung bringen, ſie niederzuſchreiben. Ich will es verſuchen, muͤßte ich auch da⸗ durch den Stachel noch tiefer in meine ver⸗ wundete Bruſt hineindruͤcken. Sulamith! Traum meines Herzens! meine erſte, meine— letzte Liebe! Doch gelobt ſey Gott! ſie war rein und unentweiht, des⸗ halb iſt die Erinnernng an dieſe flaͤchtigen, taͤuſchenden Freuden noch immer ſuͤß. Sulamith! Ich will deiner gedenken, ſo wie ich zum erſten Mal dein ſchoͤnes An⸗ — 239— tlitz unter den Hyazinthen erblickte. In dem Augenblick empfand ich, ob auch unbewußt, daß du die erkohrne Braut meiner Seele ſeyſt. Es ſchien mir ein Zufall, daß ich je⸗ den Tag, ohne ſelbſt zu wiſſen warum, in meiner taͤglichen Wanderung nach der Boͤrſe, eben dieſe ungewoͤhnliche Straße einſchlug. Seit der Stunde ging ich keinen anderen Weg. Sobald ich in die Straße hinein bog, erkannte ich ſogleich dein Fenſter. Immer ſuͤßer bebte mein Herz, ſo wie ich deiner Wohnung nahete; meine Schritte wurden kleiner, aber ich wagte nicht, mein Geſicht zu dir aufzuheben; ich ſchielte nur ſeitwaͤrts; dennoch entdeckte ich, daß du mich bemerkt hatteſt. Ich weiß nicht, wie viele Tage ver⸗ gingen, ehe ich es wagte, dich zu begruͤſſen. Ich erſtaunte ſelbſt uͤber meine Verwegenheit; aber, o Himmel! du begruͤßteſt mich wieder — mein Loos war geworfen! Der letzte Wintermonat ging zu Ende, das Fruͤhjahr kam; einen Tag erſchienſt du — 240— nicht, den zweiten, dritten ebenfalls nicht, da war es mir, als waͤre meine Sonne un⸗ tergegangen. Unausſprechliche Sehnſucht droh⸗ te die Bruſt zu ſprengen. Mein Prinzipal zog auf ſeinen Garten. Ich ſeufzte, ich weinte; ich ahnte nicht, wie nahe ich dir gekommen war. Ich ſaß in der Jasmin⸗Laube und träum⸗ te von dir, Geliebte! da vernahm ich einen tiefen Seufzer hinter mir im Garten des Nachbars. Ich ſah durch einen Riß der bretternen Umzaͤunung— Sulamith! Du warſt es; da ſaſſeſt Du, von deinen braunen, ſeidenen Locken umwoben; den Kopf gegen die Schulter geneigt, deine ſchneeigen Finger ſpielten mit den Blumen in deinem Schooßez deine Augen waren bei den Leokojen, aber deine Gedanken— ja, die Gedanken waren bei deinem unbekannten Freunde. Ich zitterte vor Entzuͤcken; allein die Zunge klebte an dem Gaumen feſt, ich vermochte keinen Laut hervorzubringen— ach! ich wußte ja nicht — 241— einmal deinen Namen— da erhobſt du dich und gingſt langſam ius Haus; ich ſaß noch immer traͤumend auf der Bank, bis der Prinzipal ſelbſt mich aufſuchte und zu meinen Geſchaͤften rief. Wie klopfte mir das Herz, als ich mich den naͤchſten Tag mit meinem vSoleil bril- lant« der Laube naͤherte. Es war in der Wahrheit die wirkliche vglaͤnzende Sonnes meiner Seele; daher erkohr ich dieſe Blume. Sie war noch nicht da; ich ſchwang mich auf die Umzaͤunung, und ſtellte die vergoldete Vaſe mit der ſchoͤnen Hyazinthe auf den ſtei⸗ nernen Tiſch. Ich verbarg mich und harrte. Sie kam, erblickte die Blume, errothete, ſah ſich nach allen Seiten um, ſogar uͤber die Um⸗ zaͤunung hinaus— ich konnte das Klopfen des eigenen Herzens hoͤren. Endlich entdeckte ſie mich in meinem Winkel. Was ich ſagte, wie ich zu ihr hinuͤber kam, das habe ich vergeſſen, oder ich habe es vielmehr nie gewußt. Vergebens ſuchte ich 16 — 242— mein Gedächtniß anzuregen. Es ſchwieg bis zu dem Augenblicke, wo ſie ſich aus meinen Armen riß, und fragte:»Wer iſt Er denn 74 Aber nur zu ſehr beſinne ich mich auf die Todesblaͤſſe, die ſich uͤber ihr Antlitz verbrei⸗ tete, als ich ihr meinen Namen und mein Verhaͤltniß als erſter Buchhalter bei van der Leete nannte. Ihre duͤſter werdenden Blicke ſanken zur Erde nieder, ihre Haͤnde falteten ſich: vIch dachte,« ſagte ſie kaum hoͤrbar, „daß Er einer der Unſrigen ſey.« Bei dieſen Worten erhob ſich ein Felſen zwiſchen uns. Sie war aus meinen Augen verſchwunden, ehe ich ihre Entfernung be⸗ merkt hatte. Ich kann nicht weiter ſchreiben. Ich werde mich in die Arme des Schlummers werfen— ach! warum iſt er ſo kurz? war⸗ um verweilt er nur bis morgen? Den 22. Octbr. vEiner der Unſtigen In der That! Man hat mich oft fuͤr einen Juden gehalten. Fremde haben mir ſcherzweiſe bethenert, daß meine Naſe und meine Augen ganz israeli⸗ tiſch ſeyen. Wohl moͤglich: meine Mutter war ja nicht von dem Glauben des Vaters! Barmherziger Himmel! von welchem Glauben iſt denn Liebe? O, daß ich einer der Ihrigen, oder ſie eine der Meinigen geweſen! dann waren wir einem Gebote gefolgt, das— ja das uns vom Himmel erklang; allein die Menſchen haben andere Gebote, andere Gluͤck⸗ ſeligkeit. Ach Gott! ſie iſt auch danach! Wie ſtill und klar iſt heute der Ste; ein Spiegel des Himmels uͤber uns, den ich nun nie mehr erblicken werde. Das Waſſer 16* — 244— ſchlaͤgt Kreiſe. Es iſt der Fiſcher in ſeinem Kahn. Ach! mein Blut dreht ſich bei dem Anblicke eines Menſchen auch in ſchnelleren Kreiſen;— ich fuͤhle, daß ich noch nicht von der Welt getrennt ſey. Er läßt einen kleinen Anker fallen— er wirft das Netz aus— er pfeift die Melodie eines Morgen⸗ pſalms. O, mein Gott! mein Gott! wie ſonderbar werde ich ergriffen— ich kann die Buchſtaben vor Thraͤnen nicht mehr ſehen— die Feder zittert in meiner Hand. 2 Den 25. Octbr. Mein! mein Pinſel ſoll ihr himmliſches Antlitz nicht entſtellen. Brauche ich denn ein Bild von ihr? Iſt es nicht zu tief in mei⸗ nem Herzen eingepragt? Oles vergeht nicht, bevor dies arme Herz aufgehoͤrt hat zu ſchla⸗ gen. — 25— Erſt geſtern habe ich meine Zeichengeraͤthe entdeckt— der Vater hat ſie in die Truhe hineingelegt, damit ſie mir zur Zerſtreuung in meiner Einſamkeit dienen moͤchten. O mein theurer Vater! du mein einziger Freund auf der Erde! Biſt du in dem Lande, nach dem dein Sohn ſich ſehnt? oder lebſt du noch, ein Verbannter, in meinem Vaterlan⸗ de, waͤhrend ich in dem deinigen Gefangener bin? Biſt du bei meiner Mutter? Hat ein mitleidiger Himmel endlich vereint, was grau⸗ ſame Menſchen getrennt haben? Vater! Mut⸗ ter! wenn werdet ihr den Sohn abrufen? Wie es doch ſchmerzlich iſt, die Arme, die uns zuerſt umſchlungen hielten, die Bruſt, die uns die erſte Nahrung gab, nicht gekannt zu haben! der Zuͤge, die mit Entzucken und Zaͤrtlichkeit ſich in unſern Angen ſpiegelten, ſich nicht erinnern zu koͤnnen! Ach! ob auch in den meinigen? in denen der Frucht verbo⸗ tener Liebe? Vielmehr werden wohl bittere — 246— Thraͤnen auf meine zarten Wangen herabge⸗ traͤufelt ſeyn, und die Seufzer des tiefſten Kummers ſich mit dem Geſchrei des Kindes vermiſcht haben. 9. Den 26. Octbr. Ja, er iſt geſtorben! Erfreue ihn Gott in ſeinem Himmel! Es war kein Traum! Zwar lag ich vom Schlummer feſtgehalten, allein die Vorſtellun⸗ gen waren zu lebendig, zu wahrſcheinlich, um das gewoͤhnliche Blendwerk einer gefeſſel⸗ ten Phantaſie, jenes ekle Gemiſch wiederge⸗ kaueter Begebenheiten zu ſeyn. Mein! dieſe Erſcheinung war kein Aufſteigen einer fehler⸗ haften Verdauung, ſie war ein Herabſteigen vom Himmel der Geiſter. War es meine Mutter, deren anmuthige Geſtalt neben ihm ſchwebte? Sie war es— — — — 247— ſie ſah meiner Sulamith aͤhnlich. Das Geſehene ſchmilzt mit dem Ungeſehenen in ein Weſen zuſammen: ſo liebe ich in dem einen Beide. Sonderbar! hoͤchſt ſonderbar! Abweſenheit und Zeit, ſagt man, macht die Liebe verduͤn⸗ ſten; bei mir iſt es umgekehrt: ich habe nie heftiger als jetzt geliebt. Iſt dies eine Zuga⸗ be, ein Wermuthstropfen mehr in den Kelch meiner Leiden? Nein! es iſt die hellglaͤnzende Thauperle des Troſtes. Thor! der ich war, indem ich mich ſo lange bemuͤhet habe, der freundlichen Geſtalt, die mir die ſuͤße Hoff⸗ nung, daß wir uns wiederſehen werden, zu⸗ fluſterte, mein inneres Auge zu verſchlieſſen! Ehe ich mich ſelbſt dieſer Einſamkeit hin⸗ gab, glaubte ich auf gutem Wege zu ſeyn⸗ ſie zu vergeſſen. War es wirklich ſo? Nein! es waren nur die Reiſe, der Umgang mit ſo vielen Menſchen, die mannichfachen Freuden des Lebens, die ihre Anſpruͤche auf mein jun⸗ ges Herz noch nicht auſgegeben hatten, das — 248— alles war es, was mich zerſtreute. Nun, in dieſer voͤlligen Abgeſchiedenheit von der Welt, macht das ſtaͤrkſte aller Gefuͤhle ſein Recht wieder geltend. Dagegen nimmt es mich nun Wunder, daß ich an Jagd und Fiſcherei, an Muſik und Tanz habe Vergnuͤgen finden kön⸗ nen. War es ein Vergehen gegen Dich, Ge⸗ liebte! ſo wird es vollig ausgeſohnt werden. Was iſt das? Der Kahn gleitet naͤher an mir voruͤber, er traͤgt zwei fremde Geſtalten in hollaͤndiſcher Kleidung. Sollten es wirk⸗ lich dieſe Jnden ſeyn? Sulamith's Lands⸗ leute?— Sie verſchwinden. Sonderbar! es will mich beduͤnken, als ſeyen jene Geſtalten dieſelben, die bei ihr im Boote waren, als ich den Tüg vor meiner Abreiſe, in der Jasmin⸗Laube ſitzend, waͤh⸗ rend ſie auf dem Kanal voruͤberſegelten, ſie zum letztenmal ſah. Sie erblickte mich, denn ſie erbleichte plotzlich und faßte nach dem Rande des Boots. Einer von der Begleitung rief: »Sulamith! was fehlt Dir 6— Sula⸗ — 249— mith! Es war zum erſtenmal, daß ich dei⸗ nen ſuͤſſen Namen hoͤrte, ach! es war zum letztenmale, daß ich dein himmliſches Antlitz ſah! O! du ſchwaches Herz! warum dich wie⸗ der von einer truͤgeriſchen Hoffnung taͤuſchen laſſen? wozu dieſe Wuͤnſche, die hie in Er⸗ fullung gehen werden? Koͤnnen dir dieſe Ju⸗ den etwas offenbaren, das dir werth zu wiſe ſen ſey? Nein! ſie werden mir meine Ster⸗ beſtunde nicht vorausſagen koͤnnen. % Den 1. November. Ein gewaltiger Sturm! Es iſt der Herold des Winters, ſein wilder Poſaunen⸗Engel! Er heult im Schilfe und bricht das raſſelnde Rohr. Er hat den Wald entkleidet; ich er⸗ blicke den grauen Himmel zwiſchen ſeinen duͤnnen, wehenden Zweigen. Die Wogen —— 2 brüllen. Ihr Schaum peitſcht wie Schuer⸗ geſtoͤber an meinem Luftloch voruͤber. Ich will es verſchlieſſen, den Stein hineinſchieben und die Lampe anzuͤnden. Ich will den Tag zur Nacht machen— iſt mein Leben denn anders? Geſtern wurde im Walde gejagt. Als ich aus meinem Auslug hinausſah, entdeckte ich an der Spitze des Waldes, der einzigen Stelle von der ganzen Erde, die noch vor meinen Augen liegt, einen ſtattlichen Hirſch. Er ſah uͤber den Ruͤcken hin zuruͤck und ſchuttelte das gewaltige Geweih. Ich vernahm Ruͤden⸗ gebell, da ſprang er in den See hinab. Die Wellen ſchlugen uͤber ihm zuſammen; ihr Schaum glaͤnzte im Morgenlichte. Nach ei⸗ ner Weile ſah ich ſeinen gezweigten Kopf uͤber dem Waſſer; bald aber war er auſſer dem ſchmalen Strich, den ich von meinem kleinen Fenſter uͤberſchanen kannz er hatte das Land und die ſerneren Waͤlder geſucht. Nun vernahm ich einen Schuß, dann noch — 251— einen— es rollte wie Donnerſchlaͤge uͤber die Gebirge hin. Mein Herz klopfte vor Jagd⸗ luſt; allein ich ſaß da, wie der Fuchs in ſei⸗ ner Grube. Die Jagd nahete. Mehrere ſtar⸗ ke Schuͤſſe fielen, das Ruͤdengebell wurde lauter. Das von Bellereine klang wie eine ſilberne Glocke unter den uͤbrigen; ich erkann⸗ te es genan. Wie oft habe ich ſie zur Jagd gefuͤhrt, waͤhrend ſie, heulend vor Freude, mit dem braunen Schweif wedelte. Armer Hund! nun haſt du einen andern Herrn— der alte ſitzt da, wo er weder Sonne noch Mond ſieht; du ſpringſt nicht, wenn der Morgen leuchtet, vor ihm hin; du folgſt des Abends mit haͤngendem Schweif und niedergebeugten Kopf nicht mehr ſeiner Spur. Wenn al⸗ les ſtill wurde, vernahm ich das gewaltige Hallo, Hallo des Schuͤtzen Michels. Ob er noch ſeines vorigen Jagdgenoſſen gedenkt? oder hat auch er, wie Bellereine und die andern, meiner vergeſſen? Ja! meiner ge⸗ * denket niemand, Themis ausgenommen; ſie — 252— allein bewahrt den angeblichen Verbrecher im blutduͤrſtigen Angedenken. Sonderbar! unerklaͤrlich! nie fruͤher iſt mein Gefaͤngniß mir ſo eng vorgekommen; die Waͤnde ſtehen mir zu nahe, die niedrige Decke drohet mich zu erdrucken; ich muß mich bewegen. Der Eingang iſt verſchloſſen — ſollte kein Ausgang zu entdecken ſeyn? Jenen Schutthaufen habe ich noch nicht ver⸗ ſucht hinwegzurͤumen; ich muß was dahinter verborgen iſt. 11. Den 8. Novbr. So bin ich denn nicht mehr lebendig ein⸗ gemauert; ich kann zu jedem Augenblick mir die Freiheit wieder verſchaffen. Es iſt mir, als habe ich ſie ſchon, als vergaͤße ich, daß der Galgen jenſeits des Kerkers meiner harr⸗ te. — 23— Sonderbar, daß Niemand von dieſem ge⸗ heimen Gange gewußt! daß es Niemanden eingefallen iſt, dieſe verwitterten Mauerſtuͤcken und Schutt hinwegzuraͤumen. Es ſey; al⸗ les hier unten will ich in Beſitz nehmen. Die Hausmiethe iſt theuer— Leben und Eh⸗ re!— ſo darf ich mir wohl die Catacombe ſo nutzbar wie moͤglich machen. Wie ein Maulwurf will ich hier unten herumwuͤhlen, wie er vor dem Tageslicht und den Men⸗ ſchen mich huͤten; bis zur Nacht will ich meine Unterſuchungen fortſetzen— fort! den Stein vor das Luftloch! die Lampe angezuͤn⸗ det! den Pinſel in die Hand! Ich will eine Anſicht von meinem Geburtsort entwerfen: mein erſter Blick ſiel auf das unendliche Meer, auf das oͤde ſturmbewegte Ufer— es war ein Bild meines kuͤnftigen Geſchicks! 12. Den 9. Novbr. Der geheime Gang endet am Kamin im groſſen Ritterſaal; der Quaderſtein kann leicht herausgenommen werden, und die Oeffnung iſt groß genug, dadurch zu kriechen. Eine ſchlaue Erfindung, das kleine runde Loch, das durch den Stein gebohrt iſt! Dadurch kann man recht bequem hoͤren, was in dem Saale vorgeht, und einen Theil deſſelben uͤberſehen. Mit welcher heftigen, ich moͤchte faſt ſagen frohen Erſchuͤtterung ſah ich die Halle wieder. Aufs neue begruͤßte ich den groſſen Schrank von Eichenholz, den marmor⸗ nen Tiſch, die Jäger, die Hunde, den Hirſch an der Tapete als alte Bekannte. Die Morgenſonne warf röthliche Strahlen auf die Gipfel der gewirkten Baͤume hinein— es war mir, als ſey ein Strahl der Hoffnung — 255— darunter, der das tiefe Dunkel meiner Seele erhellte. Blendwerklwein Irrwiſch am Rande des Abgrundes! 13. Den 11. Novbr. Sie ſind's, dieſelben, die ich in ihrer Begleitung geſehen— die reichen Lima's; und wer iſt denn ſie? und wo? Im Calender ſtand Mondſchein. Es war eilf Uhr, eben die Stunde, wo er aufgehen ſollte. Es beſiel mich eine unbezwingliche Begierde, ein Paar Stunden im Ritterſaale zuzubringen. Um ſo weniger nahm ich An⸗ ſtand es zu thun, als dieſer Fluͤgel wahr⸗ ſcheinlich noch unbewohnt, und die Halle zu⸗ mal nicht im beſten Rufe ſteht. Das letztere konnte mich, den Sohn des Grabes, den Vertrauten des Todes, nicht abhalten. — 256— Der Stein war bald herausgenommen, ich athmete die Kuͤhle erfriſchender Winterluft ein; mein Herz klopfte in ſeltſamer Bewe⸗ gung; Thraͤnen ſtuͤrzten aus meinen Au⸗ gen. Es war finſter in der Halle; ich ſetzte mich an das mittlere Bogenfenſter. Der Himmel begann im Oſten heller zu werden. Der Mond kuͤndigte ſeine Erſcheinung an; ich harrte ſeiner, als eines geliebten, lange vermißten Freundes. Es wurde immer heller und heller; die kleineren Sterne verſchwan⸗ den, flammenroth ſtieg der Koͤnig der Nacht uͤber die dunkeln Spitzen des Buchenwaldes empor; die Wellen ſpielten mit ſeinem freund⸗ lichen Bilde. Innig entzuͤckt, mich ſelbſt und mein gan⸗ zes Elend vergeſſend, blieb ich da ſitzen im ununterbrochenen Beſchanen des mondhellen Himmels. Alle meine Gedanken verweilten in der Vergangenheit, bei der Erinnerung der Tage, da meine unſchuldige Seele eben ſo — 257— rein und klar, als dies ſchoͤne Licht der Nacht war, da muthige Lebensluſt meine kleinen Sorgen durchſchimmerte und verflieſſen mach⸗ te, wie der Mond die leichten Nebelwolken, die an ſeinem milden Antlitz voruͤberſchwam⸗ men. Da nahete eine ſchwarze, ungeheure Wolke, die zu durchdringen ſeine Strahlen nicht vermochten. Er ſank in ſie hinab, loͤſchte aus, verſank in tiefe Finſterniß. Fuͤrchterlich aus meinen truͤgeriſchen Traͤumen herausge⸗ riſſen, ſeufzte ich aus ſchwerer, zuſammenge⸗ preßter Bruſt: vO! ſuͤßes Gluͤck meiner Ju⸗ gend, ſo biſt auch du verſchwunden, von der undurchdringlichen Nacht meines duͤſtern Ge⸗ ſchicks verſchlungen?4 Ich wandte den Blick vom Fenſter weg, mein Haupt ſank gegen meine Bruſt hinab, die Thraͤnen kehrten zu ihrer Quelle zuruͤck— ſie verſchließt ſich der Verzweiflung. Nicht lange aber, da erhellte ein ploͤtzli⸗ cher Strahl die dunkle Helle; der Mond war wieder frei. Sein Licht ſiel— o Gott im 17 — 258— Himmel, fiel gerade auf das Geſicht meines Vaters! Es war nicht Schrecken, nicht Freude, was Leib und Seele zu gleicher Zeit ergriff, keine mir bekannte Empfindung, gewiß aber dieſelbe, die, wenn Seele und Leib ſich tren⸗ nen werden, letzterer zur Verſenkung in die lange Winternacht des Grabes, erſtere zum Hinaufſteigen in das Licht, worauf ſie hofft, und nach dem ſie, obgleich mit Zittern, ſehnt, uns durchdringen mag. Ach! es war ſein Geiſt nicht! mein Herz flog ihm entgegen, er kam ja, mir die Frei⸗ heit zu verkuͤnden! Nein! es war nur ſein Bild. Das gaͤnzliche Hervortreten des Mon⸗ des aus der Wolke entriß mich dieſem Irr⸗ thum— warum mußte auch der nur von kurzer Dauer ſeyn? Sie haben es alſo aus der Wohnſtube— mir zur Geſellſchaft in naͤchtlichen Stunden — hier hetaufgebracht? Ja, jede Nacht will ich dich beſuchen, theures Bild! ich will zu — 259— dir reden, vor dir will ich ſeufzen, weinen und die Antwort in deinem ernſten Blicke zu leſen glauben; an deinem Schatten will ich mich troͤſten, bis ich ſelber, Gott gebe es! recht bald, aus dem Schatten des Leibes her⸗ vortrete. Das Mondlicht ſchritt weiter, es verließ das Bild des Vaters, um das Joſeph Li⸗ ma's zu beleuchten. Der gute ehrliche Jo⸗ ſeph! So hieß er auf der Boͤrſe und auf allen Comtoiren. Gut getroffen! wie er lebt und webt! Daſſelbe milde, kluge Geſicht, das immer ſich zwiſchen Juden und Chriſten her⸗ umdrehete. Jeder dieſer vielen Runzeln ſind milde Gewogenheit, guter Credit eingepraͤgt. Das iſt der unter den Aegyptern wie unter ſeinen Bruͤdern gleich fromme, gleich kluge Joſeph. Dieſer Jude iſt mir recht lieb— er kennt ja Sulamith!— vielleicht iſt er ihr naher Anverwandter! Ein tuͤchtiger Maler hat dies Stuͤck ge⸗ macht. Wie natuͤrlich ſind dieſe Blumen! wie — 260— lebhaft ihre Farben! auch ein Soleil brillant iſt unter ihnen— ob er nach jenem gezeich⸗ net iſt? ob ſie das Original aufbewahrt, ge⸗ pflegt und vielleicht mit Wehmuth des armen Gebers gedacht hat? Noch ein Bild! es iſt das des Bruders! Beim erſten Anblick erkennt man den rauhen, trotzigen, ungeſtuͤmen Salamiel, den beſten Billardſpieler und verwegenſten Schlittſchuh⸗ laͤufer in Holland. Dieſe beiden ſind alſo hier. Der aͤlteſte, der Chef des Hauſes, iſt noch in der Heimath in Amſterdam; ach, wo aber iſt Sulamith? So unruhig, wie noch nie fruͤher, ver⸗ ließ ich den Ritterſaal. Es war mir, als muͤſſe ich mich ungern von einer lieben Ge⸗ ſellſchaft losreiſſen, als hätte die Einſamkeit meiner Hoͤhle etwas vorher Ungekanntes, un⸗ erklärlich Schreckhaftes fuͤr mich bekommen. Ja, ich kam mir ſelbſt wie ein Geſpenſt vor, das Morgenluft und Hahnenruf von dem Lager eines geliebten Schlummernden in — 261— die oͤde Wohnung des Grabes zuruͤckban⸗ nen. 14. Den 12. Novbr. Welche Nacht! Haͤtte ich wohl geglaubt, eine ſolche noch erleben zu ſollen? oder, daß jene ſuͤße Wehmuth, welche die Muſik er⸗ weckt, den Weg zu meinem Herzen finden moͤchte? Die eigene Mandoline liegt ja unbe⸗ ruͤhrt, tief auf dem Boden der Truhe— wer ſpielt wohl im Grabe? Beinahe waͤre ich deſ⸗ ſen faͤhig, nur daß ich es unvernommen thun koͤnnte, oder nur von denjenigen vernommen, die jetzt blos fuͤr das Halleluja der Seraphe Ohr haben. War es aber auch eine Bruſt von Staub, die dieſe Tone aushauchte? ſtroͤmte dieſer ſchmelzende Klang von ſichtbaren Saiten aus? O! laß mich glauben, daß es ihr verklarter — 262— Geiſt geweſen, der in der Zung der Engel zu mir ſprach. Ich ſtand vor dem Bilde des Vaters. Meine Seufzer ſprachen meine Leiden, meine Sehnſucht aus, da erklangen liebliche Tone, einer Harfe ſanftanregende Accorde, und dann eine Stimme, hell wie Harmonikaglocken, und ſuͤß wie die erſten Liebestrͤume des Her⸗ zens. Ich ſtand wie feſtgewurzelt da. Es wurde wieder ſtill; ich nahete der Thuͤr zum Gange; der Wohllaut ſchien von dem Eck⸗„ zimmer am Ende deſſelben zu dringen. Es ſteht im Winter unbewohnt, und wird, weil es die Fenſter gegen Norden und Oſten hat, nur in den warmen Sommermonaten ge⸗ braucht. Sollte es vielleicht ein weiblicher Beſuch aus dem fernen Ritteralter ſeyn? Ein Geiſt, der einſt hier in ſeiner Huͤlle von Staub geliebt und hoffnungslos geliebt hat, — unerwiedert, oder grauſam getaͤuſcht wurde? Nein! Harfe und Lied lieſſen ſich aufs neue vernehmen; letzteres war— portugieſiſch. . — 263— Ich erkannte es an jener klagenden National⸗ melodie, und an jenem ſchwermuͤthigen, oſt wiederholten, lang dusgehaltenen Ton des Wortes Coraguo*). Mein Gedaͤchtniß ſlog nach van der Leete's Landhaus in den Garten des Nachbars zuruͤck. In der Nacht nach unſerer erſten und letzten Zuſammen⸗ kunft hatte ich dieſe klagenden Toͤne vernom⸗ men. O Gott! iſt es Sulamith oder ihr Geiſt geweſen? 15. Den 14. Novbr. Geſtern Nacht waren Leute im Ritterſaa⸗ te. Ich ſchlich in meine Zelle zuruͤck. Mit Bildern darf ich reden, mit Geiſtern konnte ich vertraut werden; allein vor Menſchen zit⸗ *) Wird ausgeſprochen: Corasauns, Herz. — 264— tere ich. Durch mein Verſchwinden habe ich mich ſelbſt als ihren Feind erklaͤrt und ich fuͤrchte eine Strafe, die ich nicht verdient habe. Verwichene Nacht wagte ich mich noch nicht aus meinem ſichern Verſteck hinaus. Laͤnger aber halte ich hier nicht aus; wenn die Sonne hinauf unter den Nordpol gelangt, muß ich fort. 16. „ b Den 15. Novbr. Die Neugierde war alſo ſtaͤrker als die Furcht; ich erſchrecke vor den Menſchen und dennoch ſuche ich ſie; ich komme mir ſelbſt wie ein Schakal vor, der den ganzen Tag hindurch in ſeiner Hoͤhle lauert, aber bei dunkler Nacht ſich nach den Wohnungen der Menſchen hinſchleicht. Es war nicht fern von Mitternacht, als ich mit meiner Lampe behutſam heraufſtieg. Noch bevor ich das Ende des geheimen Gan⸗ ges erreichte, vernahm ich wieder Stimmen in der Halle. Leiſe ſchritt ich weiter vor⸗ waͤrts; ich legte das Ohr an den Stein, konnte aber nichts Dentliches vernehmen; dann wagte ich den Pfropfen heraus zu neh⸗ men. Am Tiſchchen ſaſſen die beiden Gebruͤder: Joſeph, das Geſicht mir zugewandt, Sa⸗ lamiel kehrte mir den Ruͤcken zu. Ihr Geſpraͤch betraf einen Gegenſtand, der ſogleich meine ganze Aufmerkſamkeit erregte. Sie hatten guten Grund, die abgelegenen Zimmer zu waͤhlen. „Sage mir aufrichtig, BruderlK hoͤrte ich Salamiel ſprechen, vſind es nicht Gold und Silber, welche die Welt regieren? Mit dieſen Metallen kann ich mir Haͤuſer und Felder, Schiffe, Waͤlder, ja ſelbſt Sol⸗ daten verſchaffen. Sind ſie es nicht, die uns — 266— zu Herren dieſer alten Ritterburg, und einige tauſend Bauern zu unſern Leibeigenen gemacht? Und konnen wir nicht durch dieſelben Mittel uns zu däͤniſchen Grafen oder Baronen auf⸗ ſchwingen? Ja waͤre es nicht ſogar moͤglich, auf Stufen von Gold einen n zu erſtei⸗ gen 74 »Salamiellæ erwiebert darauf Jo⸗ ſeph mit ſeinem gewohnlichen Laͤcheln,»Geld hat groſſe Gewalt; Geld regiert die Welt. Unſer Volk iſt das reichſte und das ohnmaͤch⸗ tigſte auf der Erden. Haben alle unſere Gold⸗ haufen bis jetzt uns ein Stuͤckchen Erde, das wir unſer eigen nennen duͤrften, erkaufen koͤnnen? Kann ein Vater den Kindern den Beſitz ſeines theuer erkauften Eigenthums ſicherſtellen? Leben wir vielmehr nicht in im⸗ mer dauernder Heimathloſigkeit? Muͤſſen wir nicht immer bereit ſeyn, unſer Gold und un⸗ ſere Habe der Rettung unſeres unſicheren Daſeyns aufzuopfern? Unſere Vorfahren wan⸗ derten vierzig Jahre in der Wuͤſte; vierzigmal — 267— ſo lange wandern wir nun herum, oder wer⸗ den vielmehr von dieſen Fremden, die wir fuͤrchten und verabſcheuen, von Land zu Land herumgejagt.« Salamiel ſprang auf, ſchritt einigemal heftig auf und nieder und trat darauf dicht vor den Bruder hin.„Joſephl« ſagte er, vwas iſt Schuld daran? iſt es nicht unſer eigener Mangel an Eintracht, an zweckmaͤſſi⸗ ger Thätigkeit? iſt es nicht unſere eigene Feigheit? ja— das iſt das Wort.« „Oder Jehova's Wille!« verſetzte Jo⸗ ſeph. Seine Antwort klang wie eine Fra⸗ ge. „Jehova's Wille c wiederholte Sala⸗ miel,„daß faule Moͤnche uns aus dieſem Spanien, das unſer Fleis bereichert hatte, verbannten? daß dieſe Waſſerbienen ſich des Honigs bemaͤchtigten, den wir Jahrhunderte hindurch ſtill und friedlich eingeſammelt hat⸗ ten? Kann es Gottes Wille geweſen ſeyn, daß uns Portugal zuerſt mit offenen Armen — 268— empfing, um hernach die Kinder aus den Ar⸗ men der Eltern zu reiſſen? daß—4 „Bruder lK unterbrach ihn Joſeph ſanft, warum die alten Wunden aufreiſſen 74 »Um uns gegen neue zu ſchirmen K rief Salamiel.„Es iſt doch wohl einmal Zeit, daß unſer ungluͤckſeliges Volk es lerne, die Quellen des eigenen Verderbens zu kennen und zuzuſtopfen, daß es endlich lerne zu ern⸗ ten, ſtatt bis auf ewige Zeiten fuͤr Andere zu ſaͤen! lerne, das Gold als ein Mittel zur Unabhaͤngigkeit und nicht als den Zweck des Daſeyns anzuſehen.« Joſeph ſchlug die Augen nieder, und legte die Haͤnde auf den Tiſch.„Wie lange, Salamiel« ſagte er mit tiefer und ge⸗ däͤmpfter Stimme, vwirſt Du noch an Dei⸗ nen politiſchen Traͤumen haͤngen? Funfzehn⸗ hundert Jahre hindurch hat das Jahr ſeinen Lauf vollendet, ſeitdem der Sohn des Sterns fuͤnfmal hunderttauſend ſeiner Bruͤder verge⸗ bens aufopferte, und noch herrſchen die Hei⸗ — 2690— den in der heiligen Stadt des Herrn. Noch taäglich wird Jeremia's Weiſſagung erfuͤllt: Ich will ſie hingeben dem Unbeſtand, dem Ungluͤcke in allen Reichen der Erde, zum Hohne und zum Sprich⸗ wort, zum Spott und Fluch uͤberall in allen Läͤndern, wohinich ſie trei⸗ ben werde.« Salamiet warf ſich in einen Stuhl, und ſtarrte ſchweigend und duͤſter vor ſich hin. »„Wer hat geſagt,« erhob er endlich die Stimme, vIhr werdet mich ſuchen und finden; ich werde euer Gefaͤng⸗ niß aufmachen, und euch aus allen Heiden hervorſuchen, und aus allen den Oertern, wohin ich euch kommen ließ, und euch in das Land zuruͤck⸗ kommen laſſen, aus dem ich euch her⸗ ausgefuͤhrtle „Das iſt ſchon geſchehen le erwiederte Jo⸗ ſeph,„das iſt einmal erfuͤllt worden, nach⸗ dem das Volk ſiebenzig Jahre hindurch gepruͤſt — 0— und gedemuͤthigt worden war. Sage mir aber: wer kann jetzt das Ende einer ſechs⸗ zehnhundertjaͤhrigen Sklaverei abſehen oder hoffen? Wer wird nun ein Volk ſammeln, das in den ganzen Kreis der Erde zerſtreut iſt? das durch Sprache und Sitten ſich ſelbſt mehr, als den Nationen, unter welchen es lebt, entfremdet worden iſt 4 »Wer den Muth dazu hat« rief Sala⸗ miel;»Muth, Klugheit und Gild, nur darum thut es Noth.« »Und um den Beiſtand der Vorſehung,« fuͤgte der Bruder hinzu.„Geld kann ſchneller verloren gehen, als gewonnen werden; lug⸗ heit hat Graͤnzen, und Muth iſt oſt Thor⸗ heit. Sabathai Sevi griff nach dem Schwerte, und erhielt—4 Joſeph« unterbrach Salamiel bit⸗ ter,„Dein Gedaͤchtniß ſcheint am liebſten bei den traurigen und erniedrigenden Zeitpunk⸗ ten unſerer Geſchichte zu verweilen; ich ge⸗ denke lieber der Zeiten, da Aſien vor Davids 72 * — 2—* Hirtenſtabe bebte, da Tyrus und Sidon, Ophir und Saba um Salomon's Freundſchaft buhlten, und der Weisheit von ſeinen Lippen lauſchten.« „Warum bei Erinnerungen verweilen, die nur zu ermuthigenden Vergleichungen fuͤh⸗ ren fuhr Joſeph fort;„warum nicht lieber ſich an bittere aber nuͤtzliche Erfahrun⸗ gen halten?4 vUm von ihnen zu lernen?4 fragte Sa⸗ lamiel etwas ſpoͤttiſch. „Daß wir«e— fuhr der Bruder feſt und ernſt fort— vdaß wir unſer Daſeyn als Na⸗ tion, unſere Hoffnungen und unſere Weiſſa⸗ gungen uͤberlebt haben. Sechszig hinabſtei⸗ gende Geſchlechter haben vergebens des Er⸗ loͤſers geharrt, der nun in zweiundzwanzig Jahrhunderten gar zu lange gezoͤgert hat, wenn er nicht— ſchon gekommen iſt.« Hier erhob ſich Salamiel wieder, und ging mit ſchnellen Schritten hinter dem Bru⸗ der auf und nieder. Dieſer, mit dem Finger auf dem Tiſche ſchreibend, fuhr beſonnen alſo fort: „Die Menſchen, die wir Heiden nennen, deren Schwerter aber uͤber unſeren Haͤuptern ſind, beten einen Propheten an, den unſere Väter aus den Synagogen ſtieſſen. Sie bauen ihre Hoffnung auf einen Eckſtein auf, den unſere weiſen Baumeiſter verwarfen. Sie ſteigen, und wir ſinken; ſie bluͤhen und triumphiren, waͤhrend wir die Drohung des Herrn erfuͤllen: Seht, ich will ihnen Wermnth zu eſſen und Galle zu trinken geben; ich will euch in die Haͤuſer der Fremden geben, und mein Gericht an euch ausuͤben. Iſt nicht der Meſſias der Heiden den Lenden Abra⸗ hams entſproſſen? Iſt er nicht von Davids Hanſe ausgegangen? Waͤhrend ſiebzehnhundert Jahren ſchwingt er ſein Seepter uͤber die Er⸗ de, und erweitert ſtets die Graͤnzen ſeines Reiches— Salamiel! wo iſt unſer Meſſias4 — 273— Salamiel gab keine Antwort, ſchritt aber ſchneller auf und nieder. Bruder lc fuhr Joſeph fort; ves ſteht geſchrieben: Finſterniß ſoll die Erde bedecken und Dummheit die Voͤlker; die Heiden aber ſollen wandeln in deinem Lichte, und die Koͤnige in dem Scheine, der vor dir aufgegan⸗ gen iſt. Bruder! wer hat dieſe Worte ge⸗ redet? an wen ſind ſie ausgeſprochen? Iſt das nicht unſer Licht, in dem die Heiden und ihre Koͤnige wandeln? Und ſind nicht unſere Wege, wie ſehr ſchluͤpfrige 8 ge in der Finſterniß?« „Weſſen Licht iſt das hellſte 24. Salamiel, noch immer im Gehen.„Die Chriſten haben das ihrige in viele Stuͤcken zerriſſen. Jeder lobt ſein Stuͤmpfchen als das einzige reine und echte Licht, und wagt Blut und Leben, um das der Andern auszu⸗ loͤſchen—6 — 00 — 274— vSie ſind doch alle Theile eines einzigen Ganzen,« ſiel ihm der Bruder ins Wort; ves liegt in der ſchwaͤchlichen Natur des Men⸗ ſchen, an Meiſterſtuͤcken beſſern und pfuſchen zu wollen, das Reine zu beſlecken, das Ech⸗ te zu verfaͤlſchen, und die himmliſche Gabe der Religion mit frechen Zuſaͤtzen von eigenen Traͤumen und eigenen Leidenſchaften zu ver⸗ miſchen und zu entheiligen. Haben unſere Rabbinen es beſſer gemacht? Lange vor der Zeit der chriſtlichen Prieſter hat der Herr ge⸗ ſagt: Sowohl Propheten als Prie⸗ ſter ſind Angenſchalken— ſie weiſ⸗ ſagen Luͤgen in meinem Namen, ſa— gend: Ich traäumte, ich traͤumte— ja, ſie ſind Propheten, welche den Trug des eigenen Herzens weiſſa⸗ gen.« Allein die Chriſten«— fuhr Sala⸗ miel fort— vhaben das Licht ihrer Reli⸗ gion in eine Mordbrennerfackel verwan⸗ delt. Dem Ende des Hirtenſtabes haben ſie — 275— ein Henkerbeil angeheftet; ſie feſſeln und peinigen, ſie morden und verbrennen— nicht blos Fremde, ſondern die eigenen Bruͤ⸗ der.« 3 „So thun nur die roͤmiſchen Bruͤder!“ entgegnete Joſeph. „Weil ſie die maͤchtigſten ſind,« meinte Salamiel; vgewinnen erſt die Proteſtanten die Uebergewalt, werden ſie, wie jene, dieſe mißbrauchen.« Joſeph laͤchelte und trommelte mit den Fingern auf dem Tiſche.»Nun biſt auch Du Prophet!e ſagte er, vund Deine Traͤume ſind duͤſter! Laß uns nicht blos die Thaten der Chriſten betrachten! ſie ſind mangelhaft, wie alles Menſchliche. Wir, wir alle ha⸗ ben uns wie die Schafe verirrt, wir ſuchten ein jeder ſeinen Pfad, ſagt Jeſaias; allein ihre Religion? iſt ſie nicht die Tochter der unſtigen 74 vWarum«— rief Salamiel— vha⸗ ben denn unſere Vaͤter ſie nicht angenom⸗ — 276— men? warum wurde ſie nur von Fiſchern, Bauern und Bettlern ergriffen 24 Weil«— bemerkte Joſeph— des ein Glaube ſowohl fuͤr Bettler als fuͤr Koͤnige iſt; weil die Gelehrten von der eigenen Weisheit bethoͤrt waren; weil unſere Prie⸗ ſter, die Reichen und die Gewaltigen von ir⸗ diſcher Macht, Groͤſſe und politiſchem Glanze nur traͤnmten. Wir ſahen ihn, allein es war kein Anſehen da, wodurch wir Luſt nach ihm bekommen koͤnn⸗ ten.« Es entſtand ein langes Stillſchweigen; Salamiel trat zum Fenſter hin, und ſtarr⸗ te in die Nacht hinaus. Endlich erhob ſich Foſeph und ſprach:„Glaube mir, Bruder, 6 Deine Hoffnungen ſind eben ſo dunkel wie die Nacht da dranſſen, und eben ſo vergaͤng⸗ lich wie dieſe Wolken, die verſchwinden und nie zuruͤckkehren. Glaube mir, Salamiel, unſer Reich iſt laͤngſt zu Grunde gegangen; es wird ſich nie mehr erheben. Noch ſind wir ein Volk— leider; aber ein Bund ohne Eintracht, eine Geſellſchaft ohne geſellige Vortheile und Rechte. Unſer Reich iſt, wie alle uͤbrigen der Erde— aufgeloͤſt: ſie ſtehen eine geraume Zeit, dann verſinken ſie in Schutt. Aus ihren Ueberreſten werden neue erbaut, um einſt demſelben Geſchick zu unter⸗ liegen. Nur ein Reich wird beſtehen koͤnnen, weil es ein geiſtiges iſt. Seine Graͤnzen werden nicht von Wogen oder Gebirgen be⸗ ſtimmt. Es beſchraͤnkt ſich nicht auf ein Land, eine Sprache, ein Geſetzbuch. Es uͤberſchreitet alle Graͤnzen, und durchbricht alle Schranken; denn der Geiſt kann nicht durch Feſſeln von Staub gebunden werden. Hat dies Reich nicht ſchon Wurzel geſchlagen, dann iſt alles ein Traum, und Gott hat ſei⸗ nen Geiſt in den Leib des Menſchen nie ein⸗ gehaucht. Salamiel trat vor den Bruder hin, und ſah ihn lange ſchweigend an. Darauf faltete er die Haͤnde, kehrte ſich um, und — 278— ging mit geſenktem Haupte langſam aus der Halle. Joſeph ſtand noch lange in Gedan⸗ ken vertieft; endlich breitete er die Arme wie zu einer Umarmung aus, ſah gen Himmel auf, und folgte dem Bruder nach. 17. Den 16. Novbr. Ekin beſonderes Gefuͤhl zieht mich zu die⸗ ſen Juden. Aufrichtige, wohldenkende Menſchen! Sie ſuchen ehrlich die Wahrheit, gebe Gott, daß ſie ſie finden mogen! Dieſe Racht erwartete ich ſie vergebens. Als die Mitternacht voruͤber war, wagte ich die Halle in Beſitz zu nehmen, ja ſogar meine angeſteckte Lampe mit zu bringen— das Licht kann ja nur vom See bemerkt wer⸗ den. Ich bemuͤhete mich, mich ſelbſt in die vorige wehmuͤthige Stimmung zu verſetzen— — 279— es gelang nicht; ich war zu zerſtrent, meine Seele war, ſo zu ſagen, zwiſchen vielfachen, hoͤchſt verſchicdenen Empfindungen getheilt. Joſeph und Salamiel, Sulamith und der Vater traten bald einzeln, bald zuſammen vor meine Einbildungskraft. Die Welt oben, das Grab unten, zogen mich wechſelsweiſe zu ſich. Das letzte begruͤndete ſeinen Anſpruch auf meinen eigenen, freiwilligen Entſchluß; die erſte ſtrebte aͤltere Rechte geltend zu ma⸗ chen! Ach! ſind denn dieſe nicht verſcherzt? Habe ich dieſen nicht auf immer entſagt, als ich hier Alles aufgab? So mag es dem Juͤngling zu Muthe ſeyn, der die ſchwere Kloſterpforte zwiſchen ſich und der Welt zu⸗ macht, der die weite ſchoͤne Erde mit der en⸗ gen, duͤſteren Zelle vertauſcht, und ſein Herz mit allen dieſen ſuͤſſen Empfindungen in die Moͤnchskaputze verbirgt. O, du anmuthige, frohliche Erde! muß ich ſo von dir getrennt ſeyn? 18. Den 17. Nobbr. Ich kamn zu ſpaͤt— doch auch nicht zu ſpät— ich bin ja in menſchlicher Naͤhe gewe⸗ ſen; ich habe ja alte Bekannte geſehen, re⸗ den gehoͤrt. O! jeder Bekannte iſt mir ein⸗ ſamem Todesgefangenen ein Freund. Man hatte ſchon gegeſſen; es waren ſechs Perſonen am Tiſch geweſen; die Stuͤhle ſtan⸗ den noch da. Die Ueberreſte von einer Reh⸗ keule und einem Aepfelkuchen brachten meinen Mund zum Waͤſſern. Waͤhrend mehr denn fuͤnf Monaten habe ich von trockenem und kaltem Eſſen gelebt. Der Geruch des war⸗ men erregte mir einen faſt unbezwingbaren Appetit; nun begreife ich, wie Eſau ſein Recht der Erſtgeburt verkaufen konnte. Ich ſtand im Begriff, wie eine Mans aus meinem Loche hervorſpringen, als ich — 281— Stimmen und Fußtritte im Gange vernahm. Es war Michel, der Schuͤtze, und die alte Elſe— ſie haben die neuen Herren auch be⸗ halten; das iſt huͤbſch von ihnen. Auch Bellereine war mit dabei. Michel nahm ſich von der Rehkeule, Elſe von dem Kuchen. Bellereine ſprang auf einen Stuhl neben dem Schuͤtzen. Ich beneidete ſie alle drei; ja ich beneidete den armen Hund um die halb abge⸗ nagten Knochen, die ihm Michel hinreichte. „Da,« ſagte er,„du haſt auch Antheil an dem Thiere, alte Belle! du haſt es brav ver⸗ folgt! und dein Herr traf es wie ein tuͤchti⸗ ger Jäger. Der Teufels⸗Jude!— er iſt beina⸗ he eben ſo gut Chriſt, wie wir andern, Elſe! Er raucht ſeine Pfeife, trinkt ſeinen Schnaps, und ſpricht eben ſo gut anf wie wir in unſerer Sprache.« „Ich gebe mehr auf Joſeph als auf Sa⸗ lamiel,« entgegnete Elſe, ver iſt immer freundlich und mild, und er lächelt ſogar, wenn er ſchilt, was doch ſelten geſchieht.« ð —— — 282— »Allein er kann nicht ſchieſſen,« ſagte Michel, indem er eine Flaſche an den Mund ſetzte, ver iſt auf der Jagd eben ſo dumm, wie du, alte Orgel! Gieb mir ein Stuck Kuchen le. Elſe reichte ihm ein Stuͤck hin, er gab es ſogleich dem Hunde, mit den Worten: »Da, Bellereine! das kriegſt du, weil du du biſt.« vEi, ſo ſchlage doch das Donnerwetter drein œ rief Elſe,»glaube ich nicht, daß Ihr dem Hunde Aepfelkuchen gebt.« vDas kommt daher,« erwiederte Michel, „daß unſer Johann ſeliger— Gott weiß, wo er jetzt ſeyn mag— ſo viel auf ihn hielt.« Ich fuͤhlte mich ſo ſonderbar ergriffen; das war das erſtemal ſeit fuͤnf Monaten, daß ich den eigenen Ramen hoͤrte. Lieber Mi⸗ chel! dachte ich, wenn du wuͤßteſt, daß ich dir ſo nahe bin, bliebſt du gewiß nicht ſo ruhig ſitzen. Und dennoch, dennoch koͤnnteſt auch du mich vielleicht verrathen! O! daß ich — 283— nur auf ein Paar Augenblicke den Hund bei mir hätte haben duͤrfen! wie wuͤrde ich ihn geſtreichelt, angeredet, geliebkoſt haben! er wuͤrde meine Haͤnde geleckt, die Augen, der wedelnde Schwanz wuͤrden mir geſagt haben, daß es noch ein lebendiges Weſen gäͤbe, das mich lieb habe. „Es wurde zuletzt noch ein tuͤchtiger Schutze aus ihm, dem ſeligen Johann,« fuhr Michel fort.„Dagegen anfangs, als er hier ankam, wußte er kaum, ob das Pulver oder die Kugel zuerſt in die Buͤchſe hinein mußte; ich aber habe es ihn gelehrt. Das war recht ſchlimm, daß er in den Irrthum mit dem Gelde des Koͤnigs gerathen mußte, allein dieſe Hollaͤnder, ſie haben den Teufel im Leibe.« Elſe nahm eine Priſe Tabak.„Nun, nun le ſagte ſie, vich habe es bei mir ſelbſt vorausgeſagt, wie es gehen wuͤrde. Der Herr machte gar zu viel aus ihm. Wenn er ſein leiblicher Sohn geweſen waͤre, Michel 6 Sie ſah ihn fragend und ſchlau an. Er nahm ſich ein Schluͤckchen, und ſchiel⸗ te uͤber die Flaſche zu ihr——— etwas frahte er langſam. Was ſollte ich denn hi i ſe zur Antwort, vuͤbeigens kam er ja her, als waͤre er vom Himmel herabgefallen, und der Herr iſt ja in ſeiner Jugend in der Freide geweſen; ſie ſehen ſich auch— von Angeſicht nicht unaͤhnlich.« vAuch nicht von Geſi innungen,« entgeg⸗ nete Michel.„Johann war faͤhig, das Hemd vom Leibe weg zu geben, und der Alte geſtand ja den Bauern eine gar zu lange Verzoͤgerung mit der Auszahlung ihrer Abgaben zu— das iſt vielleicht ſein ungluͤck geweſen; ich bin mitunter nahe daran, zu glauben, daß Johann dennoch unſchuldig iſt.« vAllein als die vornehmen Herten von dort hier eintrafen, um die Kaſſe nachzuſehen, haben ſie ja einen Brief darin gefunden, in welchein er ſich ſelber angeklagt,« ſagte El⸗ ſe. nbid Alles recht gut,« wandte Michel ein, „allein weshalb denn der Alte fortge⸗ reiſt? „O! das begreife ich n ph entgeg⸗ nete ſie.„Der Alte wollte hin und verſu⸗ chen, ob er Geld auftreiben koͤnnte, bevor die Kaſſe unterſucht wuͤrde. Wenn er das vermochte, ſo waͤre alles gut geweſen; wenn nicht, ſollte der junge Herr die Schuld uͤber ſich nehmen.« „Das waͤre der rue kK rief Michel; vwo habt Ihr das alles her 76 „Nun! das laͤßt ſich ja alles heraus fuͤh⸗ len lk war die Antwort. Auf dieſe Weiſes— fuhr Michel fort — vwar ja der Alte doch Hehler? Hm! der Teufel mag wiſſen, wie das alles zuſammen⸗ haͤngt.« „Ich kann Euch uͤbrigens ſagen,« verſetzte Elſe,„daß ich einmal ganz unverſehens dazu gelangte, etwas von einer Unterredung zwi⸗ ſchen ihnen zu hoͤren.„Wir muͤſſen alle — 286— Beide abreiſen ſagte der Alte.*v3ch blei⸗ be,«« ſagte der junge Herr.« »Nun! und was dann?4. Schuͤtze begierig. »Ja weiter habe ich nichts m fuhr Elſe fort,„denn das wurde ge⸗ fluͤſtert.« vHm k entgegnete er nach einigem denken,„da hat Sie doch wohl unrecht gehoͤrt. Johann huͤtete ſich wohl zu bleiben. Na! das ſoll auf ſeine Geſundheit ſeyn! Proſit, Musje Johann! und bedanke Dich, wo Du auch ſeyn magſt l« Ich weiß nicht, woher ich den luſtigen Einfall bekam— allein ich konnte die Luſt, mich in die Unterredung ein wenig hineinzu⸗ miſchen, nicht bezwingen, und es war ge⸗ ſchehen, faſt noch bevor ich es ſelber wußte. Ich ſchnalzte mit der Zunge und ſteckte dann ſchnell den Pfropfen in das Loch. Daß Elſe laut aufſchrie, Bellereine anſchlug, daß ein Stuhl uͤber den Haufen ſiel, und die Thuͤr — 287— zugeworfen wurde, das alles vernahm ich, und ich— in der That— ich lachte laut auf, doch erſchrack ich in demſelben Augen⸗ blick bei dem Klange der eigenen Stimme. Mein Gott! iſt es moͤglich, in einer Lage, wie in der meinigen, ſo leichtſinnig zu ſeyn? Wegen einer Entdeckung brauchte ich nichts zu fuͤrchten, dazu ſind ſie viel zu aberglaͤubig; allein daß ich ſcherzen konnte, ich, der ich ſchon mit beiden Fuͤſſen im Grabe ſtehe, das erſcheint mir ſelbſt ſchauerlich— geſpenſterhaſt. Indeſſen, ſollte es nicht ein dunkler Inſtinkt geweſen ſeyn, um ſie fortzujagen, damit ich mich der Ueberreſte bemaͤchtigen konnte? Wie hat es mir geſchmeckt! und dennoch durfte ich nicht nach Herzensluſt eſſen; zuviel haͤtte mich Armen verrathen koͤnnen. Wenn ich ſonſt dieſe Unterredung be⸗ denke, wird es mir recht ſonderbar zu Muth⸗ Mein Opfer iſt gebracht; allein die Frucht ſcheint nicht reif werden zu wollen. Ich warf die eigene Ehre von mir weg, um die eines — 288— geliebten Vaters retten zu koͤnnen, und ſiehe! die ſeinige geht mit meiner verloren. Soollte das eine Lehre ſeyn, daß die Wahrheit nie hintangeſetzt werden darf, wie hart und bitter ſie auch iſt, und daß ſelbſt die edelſte ihren Zweck verfehlt? Wie ſchwer iſt es doch nicht, die Wehr— heit zu verhehlen oder zu entſtellen! immer ſtrebt ſie— halb oder ganz, fruͤh oder ſpaͤt — an den Tag zu kommen. Darf ich mich der ſchonenden Meinung, die von mir aus⸗ geſprochen wird, erfreuen, obgleich ich ohne Nutzen alles gethan, um einer ſolchen ver⸗ luſtig zu gehen? Ob das Geruͤcht wahrhaſfter als ich ſelber ſey, das weiß ich nicht; ich weiß nur, daß eine neue und ſtaͤrkere Gewalt mich aus der Finſterniß, in die ich freiwillig, aber ſchuldfrei mich ſelbſt verſenkt habe, her⸗ ausziehen wird. Sdechs Stuͤhle! fuͤr wen ſind denn die vier geweſen? Coraguo! o! wie ſchwach, wie thoricht biſt du! — 289— 19. Den 18. Novbr. Der Winter faͤngt fruͤh und ſtreng an. Der See iſt weit hinaus gefroren und das Eis iſt mit Schnee bedeckt— vielleicht ſind auch ſchon Spuren da. In der That! ich gewahre hier ganz nahe die Faͤhrte eines Haſenfuſſes— ja gehe du nur! vor mir kannſt du ruhig im Geſträuche ſitzen; ich werde dir nicht mehr nachſtreben, armes Thierchen! Ich ſelber ſitze zuſammengekauert in meinem verſteckten Lager. Ich fuͤrchte mich eben ſo ſehr vor den Jaͤgern, wie du, ob⸗ gleich mein Abſprung ſchwerer aufzufinden iſt. Wie ganz anders war es doch den vorigen Winter! Da trabte ich frei und harmlos in dem neugefallenen Schnee herum, und jetzt — da kommt Jemand! Druͤcke dich, armer Haſe! Es iſt Salamiel und Michel⸗ 19 Sie gehen wirklich der Spur nach; ſie bleiben ſtehen— er iſt gerettet! Sie gehen weiter. Es knallt; Michel ruft: Apport Gute Nacht, mein Thierchen! Ach! ich elen⸗ der Thor! Muß denn alles, was ich ſehe und hoͤre, mich nach der Welt, der ich ein ewiges Lebewohl geſagt, zuruͤckziehen? Ewiges? Warum? Iſt mein Vater todt, was bindet mich dann laͤnger? Furcht vor dem Tode— iſt er gewiſſer drauſſen als hier! Ach! ſchlimmer als ſelbſt der Tod iſt die Ungewißheit, in der ich lebe. So ſey es denn entſchieden: noch vierzehn Tage will ich aushalten. Vernehme ich vor Ablauf der Zeit nichts von ihm, dann ſprenge ich meinen Kerker. Ein Tag der Freiheit iſt mehr werth als ein Jahr in Sklaverei. — 291— 20. Den 19. Novbr. Sie iſt es! ſie iſt hier— hat ſeit meh⸗ reren Monaten mit mir unter einem Dache gelebt. Ol ich habe es geahnt, gefuͤhlt, ohne es zu wiſſen. Waͤre es ſonſt moͤglich, daß ich dieſe peinliche Lage ſo lange haͤtte aushal⸗ ten koͤnnen? Diesmal kam ich zu rechter Zeit. Die Bruͤder hatten ſich ſo eben mit Joſephs Frau und zwei kleinen Knaben zu Liſche ge⸗ ſetzt, der ſechſte Stuhl ſtand noch leer.„Wo bleibt Sulamith?« fragte Joſeph. Es durchfuhr mich wie eine elektriſche Erſchuͤt— terung. Da oͤffnete ſich die Thuͤr— ſie trat ein, und ſetzte ſich an den leeren Platz. Ich mußte mich feſthalten, um nicht ruͤcklings die Stufen des Geheimganges hinabzufallen. 19* — 202— Wie ſchoͤn ſie war, aber auch wie bleich! Ach! iſt es der Gedanke an mich, der auf dieſen ſuͤſſen Wangen die rothe Roſe der Freude mit der weiſſen der Sehnſucht umge⸗ tauſcht hat? Und waͤre es auch ſo, umfaßte ſie auch meinen Glauben— was dann? Wer bin ich? Ein ehrloſer, geaͤchteter Ver⸗ brecher. Gott! o mein Gott! jetzt erſt wird das ſchwere Opfer vollbracht. Erbarme dich, mache ein Ende dieſen Leiden, bevor meine Hand ſich gegen mein Herz waffnet! A. Den 20. Novbr. Noch einmal will ich dies himmliſche An⸗ tlitz ſehen, und meine Augen an ihrem An⸗ ſchauen ſaͤttigen. Noch einmal, bevor ich der Welt Lebewohl ſage, und dorthin gehe, woher Niemand zuruͤckgekehrt, will ich ihr ſagen— Vermeſſener! eigenſuͤchtiger Thor! was willſt . — 293— du? Sie mit dir in den Abgrund hoffnungs⸗ oſer Liebe hinabziehen? aufs neue eine Wun⸗ de aufreiſſen, die Zeit und Abweſenheit viel⸗ leicht ſchon geſchloſſen haben? Nein! ich will allein dulden, allein in das Meer der Vergeſſenheit unterſinken! Kei⸗ ne Thraͤne ſoll meinen elenden Staub benez⸗ zen! 2. Den 22. Novbr⸗ Es iſt beſchloſſen. Die Barmherzigkeit Gottes wird mir dieſen letzten verwegenen Schritt verzeihen. Sie wird in die ſteigende Wage kindliche Liebe und ein unbeflecktes Le⸗ ben hineinlegen, und mich mit dem Vater vereinen, um deſſenwillen ich mein junges Blut vergieſſe. Bin ich nicht ſchon ein zum Tod Zet⸗ urtheilter? Was thue ich denn anders, als — 294— das unwiederrufliche Urtheil vollziehen? Wo⸗ zu nutzt, was erheiſcht eine noch längere Marter? Gott der Gnade! iſt dies nicht ge⸗ nug? 5 Mein Befreier liegt vor mir— er iſt bereit, mir die Pforten der Ewigkeit aufzu⸗ thun. Nur noch ein Lebewohl der ſchonen Erde! Noch eine Stunde hindurch will ich dem ſuͤſſen Tageslichte— meinem letzten Tag — in die Augen ſehen. Der See iſt ganz zugefroren. Er leuch⸗ tet wie ein Spiegel in den Strahlen der Morgenſonne. Das Eis ſingt— drauſſen iſt ein Schlittſchuhläͤufer. Ich habe auch einſt mit jugendlicher Luſt mich auf der blan⸗ ken Flaͤche herumgetummelt; damals war meine Seele eben ſo ruhig und klar wie der ſtille, laͤchelnde See. Das Geraͤuſch naht— er iſt es— es iſt Salamiel! Mit in ein⸗ ander geſchlungenen Armen kreuzt er das Eis in gewaltigen Schwingungen. Lebe wohl, du lettes menſchliches Weſen, das meinen Augen begegnet! Moͤgen ſie Kraft haben, je⸗ den Fluch des Schickſals, das mich zu Bo⸗ den druͤckt, von dir abzunehmen! moͤgen meine ſterbenden Blicke dir den Segen brin⸗ gen, der mir abwendig geworden iſt, und ein langes Leben dich begluͤcken! Er laͤuft gerade gegen den Rohrholm hin! Vom Boden ſpru⸗ delt eine Quelle auf. Es iſt eine gefaͤhrliche Stelle, bis die Sonnenwende vorbei iſt. Ich will ihm durch mein Lugloch zurufen! Er hat es gehoͤrt— er ſteht ſtill und ſieht ſich um. Nein! nun ſetzt er ſeinen Lauf fort⸗ — Himmel! er ſinkt. iſt das mein St⸗ gen? 23. Die Feder lanzt in meiner Hand— kann ſie denn anders, wenn mein Herz tanzt? — 296— O, du gnaͤdiger Gott und Erloͤſer! wie ſoll ich ſterblicher Menſch ſo viel Seligkeit ertra⸗ gen? Als ich unter der Pruͤfung kaͤmpfte, als meine ſchwache Hand ſich vermaß, durch eine raſche That mich deiner Zuchtruthe zu entzie⸗ hen, als meine Scele die Hoffnung verwarf, und ſich in Verzweiftung von deinem Himmel abwendete, da ward er mir ſchon geoffnet, und die Sonne der Frende lächelte uͤber mei⸗ nem Kerker. Nur noch ein Paar Angenblicke und das Entſetzliche waͤre geſchehen— daher ſchickteſt du mir einen rettenden Engel, darum mußte Salamiel weit auf den See hinaus, dar⸗ um mußte das Eis unter ſeinen Fuͤſſen ber⸗ ſten. 0 Gott! wie wunderbar ſind deine Wege! ſie ſind alle die der Liebe. Nun erſt hatte ich zu buͤßen— aber du beſtrafteſt mich mit Segen. So werde ich ſelber denn mir die unzulaͤngliche Buße auflegen, und dieſe letzte Nacht in meinem Kerker zubringen, mit Thraͤnen der Freude und der Reue willig die noch kurze Zeit meiner Pruͤfung zubringen. Noch eine Nacht will ich in dieſer Finſterniß verleben, aus welcher deine allmaͤchtige Hand mich gerettet. Ich riß die Tuͤcher von meinem Beite, eilte durch den Geheimgang hinauf in die Ritterhalle, und kletterte aus dem Fenſter hinab. Salamiel kampfte mit den Wel⸗ len, die ihn zu verſchlingen droheten. Das Eis brach unter ſeinen Haͤnden; er ſank und ſtieg wieder auf. Er rief um Huͤlfe, Nie⸗ mand aber vernahm ſein Geſchrei, denn alle waren in dem entgegengeſetzten Fluͤgel, der gegen das Land ſieht. Das Eis war ſchwach, ich konnte zu ihm nicht hinkommen, aber ich knuͤpfte die Betttuͤcher aneinander, warf ihm das eine Ende zu und legte mich ausgeſtreckt auf das Eis nieder. Er faßte an, und ich ſchleppte ihn hinter mir her.— Er war ge⸗ rettet. — 298— »Wer biſt du, theuter Erretter?« fragte Salamiel, als wir auf dem feſten endlich ſtanden. vEin Todter, der einen Lebenden geret⸗ tet!e gab ich zur Antwort, und zog ihn mit mir fort. Er zitterte vor Kaͤlte und Mattig⸗ keit, ich mußte ihn beinahe tragen. Ich konnte ihn nicht verlaſſen, bevor er in ſein Haus gekommen war. Im Zimmer ſaß Joſeph mit ſeiner Frau beim Fruͤhſtuͤck. Sulamith trat aus der entgegenſtehenden Thuͤr ein. Da begann alles mit mir herum zu gehen; Geſicht und Bewußtſeyn verlieſſen mich— ich wurde ohnmaͤchtig. Als ich mich erholte, ſtanden Alle beſorgt um das Bett, auf welches man mich ge⸗ bracht hatte. Meine Blicke fielen zuerſt auf Sulamith, ſie war bleich wie eine Leiche. Noch che ich die Augen oͤffnen konnte, hoͤrte ich Salamiel ſagen: vEin Hollaͤnder iſt er, denn er gab mir ſogleich in dieſer Spra⸗ — 299— che Antwort; wie er aber hergekommen iſt, mag Gott wiſſen, der ihn zu meiner Rettung geſchickt.« „Es iſt mir,« ſagte Joſeph, vals habe ich ihn fruͤher geſehen, wo aber, kann ich mich nicht beſinnen.« Da war es, daß mein Blick auf Sulamith ſiel; ein ſchwaches Erroͤthen erſchien auf ihren Wangen, und verſchwand wieder. „Wer iſt Er, guter, lieber Mann d4 frag⸗ te Joſeph's Gattin ruhig und liebreich. Ein Schluchzen uͤberfiel mich— ich konnte keine Antwort geben.— Ein Bote trat ein, einen Brief uͤberbringend. Ich verbarg mein Geſicht in das Bettkiſſen. Da vernahm ich ein leiſes Wimmern, und daß etwas, wie eine Zunge, meine Hand leckte.„Mein Gott,« bemerkte eine Stimme,„der Hund kennt ihn!« Ich warf das Betttuch zuruͤck— Bellereine ſprang zu mir hinauf. — 300— Es war niemand anders im Zimmer als Salamiel und ſeine Schwaͤgerin. Er trat zu mir ans Bett.»Wer Er auch ſey,« ſagte er,„der Erretter meines Le⸗ bens kann ohne Gefahr ſich mir anvertrauen. Er ſcheint nicht erkannt ſeyn zu wollen; al⸗ lein bei Gott, der Ihn als Werkzeug meiner Rettung gebraucht, hier hat Er nichts zu be⸗ fuͤrchten! Und hat Er irgend einen Wunſch, den menſchliches Vermoͤgen in Erfuͤllung brin⸗ gen kann, dann braucht Er nur denſelben auszuſprechen.« Ich war in der peinlichſten Lage. Es draͤngte mich, einem theilnehmenden Weſen, einem Menſchen nur mein Geheimniß anzu⸗ vertrauen; allein es war nicht blos das mei⸗ ne. Wie viel durfte ich wohl offenbaren? Mochte der Vater leben oder todt ſeyn, ſein guter Leumund war mir gleich heilig. Ich erinnerte mich, einmal getraͤumt zu haben, daß ich bis an die Spitze eines ſehr hohen Thurmes an einem Tau hinauſgeſtie⸗ — 301— gen war; vor mir lag die ungeheure, unab⸗ ſehbare Tiefe; mich umkehren durfte ich nicht— ich umarmte den Knopf; das Tau verſchwand unter meinen Fuͤſſen; ſo hing ich in ſchrecklicher Todesangſt zwiſchen Himmel und Erde! Ach! dieſer Traum war ein Vor⸗ zeichen meiner gegenwaͤrtigen Gemuͤthsſtim⸗ mung. Lange durfte ſie nicht dauern! Da trat Joſeph in unruhiger Eile mit dem Briefe in der Hand ein, mit der ande⸗ ren zeigte er auf den Boden. Ein Wort nur lK rief er,„kommt Er von dort un⸗ ten 24 t Ich ſagte zwar vjal« aber ich zitterte wie ein Espenlaub. „Nun, gelobt ſey Gott in Ewigkeit le rief er, ließ den Brief fallen, nahm mich in ſeine Arme, und druͤckte mir einen Kuß auf die Stirn.»Sey mir willkommen, Nef⸗ fele jauchzte er— aber ſeine Stimme bebte, die Thraͤnen rollten uͤber ſeine Wangen nie⸗ der. — 8 Seiner Fran entſchlupſte ein Schrei der Verwunderung; der Bruder hob den Brief auf. »Recht ſo, Salamiel« fuhr Joſeph, ſich am Rande des Bettes niederſetzend und meine Hand in der ſeinigen haltend, fort. vLies Du dieſen Brief, deſſen Inhalt uns allen, beſonders aber dieſem theuren Freund, ſo hoͤchſt erfrenlich iſt— lies uns ihn laut vor; er kommt von ſeinem Vater. 4 Er las: „Sehr geehrter Herr Schwager! »Er wird ſich mit Fug uͤber dieſe An⸗ vrede von einem Manne verwundern, der vIhm bis hierher kaum dem Namen nach be⸗ „annt geweſen iſt. Erlanbe Er mir daher vguͤtigſt, Ihm dies Raͤthſel zu loͤſen.« vAls ich vor zwanzig und einigen Jahren vin Geldangelegenheiten mich in Anmſterdam vaufhielt, wurde ich zufaͤlligerweiſe mit Sei⸗ »ner Schweſter Eva bekannt, die damals vim Hauſe Eures gemeinſamen Mutterbruders — 303— „lebte. Wir wurden uns beide bald gut, vund in einem ſchwachen Angenblick lieſſen vwir uns von unſerer gegenſeitigen Neigung vhinreiſſen. Daß Euer Vater, wegen der vStrenge ſeiner Religionsbegriffe, die Zu⸗ „ſtimmung zu unſerer Verbindung nie geben vwuͤrde, wußte meine Braut gar zu gut. „Auf die Zukunft hofſend, meinen ziemlich „guten Vermoͤgensumſtaͤnden vertrauend, und vvon heftiger Leidenſchaft beſtuͤrmt, ſchlug ich vihr geheime Ehe und Flucht nach meinem WVaterlande vor. Sie willigte in alles; al⸗ vlein wichtige Hinderniſſe zwangen uns, die Ausfuͤhrung zu verſchieben. Indeſſen be⸗ „gann ihre Schwangerſchaft ſichtbar zu wer⸗ »den. Ich entfuͤhrte ſie, und verbarg ſie bei veinem Freunde und Landsmanne, der ſich vin Rotterdam niedergelaſſen hatte. Dort „wurde ſie Mutter eines Sohnes, der in die⸗ »ſem Augenblick— gebe es Gott! noch am „Leben, ſich auf Hald beſindet. Alles wur⸗ »de zur Flucht vorbereitet. Ein daͤniſches „Schiff, das im Hafen lag, ſollte uns zu „meiner Heimath fuͤhren. Meinen kleinen „Sohn mit ſeiner Amme hatte ich ſchon an Bord bekommen, und wartete blos die „Nacht ab, um die Mutter abzuholen. Ach! vals ich kam, war ſie verſchwunden. Alle „meine Nachforſchungen waren vergebens; vich muß unſer Kind zu meinem Freunde vzuruͤckbringen. Er trug fuͤr deſſen Pflege vund Erziehung Sorge.« „Daß der Vater den Aufenthalt der Toch⸗ „ter entdeckt, und ſie zur Ruͤckkehr uberredet vhabe, konnte ich freilich vermuthen; allein verſt jetzt habe ich erfahren, daß er ſie zu ei⸗ vnem Verwandten in Antwerpen gebracht, vund das Geluͤbde von ihr genommen hatte, „daß ſie, ſo lange er am Leben waͤre, keinen WVerſuch machen wolle, wieder mit mir ver⸗ „eint zu werden.« „Nach zweijuͤhrigem, fruchtloſen Forſchen „nach meiner verborgenen Braut, kehrte ich „nach Daͤnemark zuruͤck. Dort unterhielt ich — 305— „einen ununterbrochenen Briefwechſel mit vmeinem Freunde. Er ſtarb; doch noch vor »ſeinem Tode hatte er meinem Sohne eine »Stelle in van der Leete's Comptoir in »Amſterdam verſchafft, von welcher ich ihn vvoriges Jahr genommen habe, und Hgid kommen ließ.« 9 6 Ungluͤckliche Umſtaͤnde, deren ae Er⸗ voͤrterung nicht hierher gehoͤren, veranlahten, »daß ich in einen Kaſſenmangel von einigen „tauſend Thalern gerieth. Wohl doppelt ſo vviel hatte ich an ein Haus in Amſterdam zu »fordern. Ich ſchrieb; das Haus hatte ſeine „Zahlungen eingeſtellt, und konnte kein Geld vverabfolgen laſſen; wuͤrde ich aber ſelber „kommen, oder einen zuverlaͤſſigen Mann her⸗ ſchicken, wollte man ſich, es bei vzu ſchaffen.« »Ich mußte alſo fort. Aber 8 dem ge⸗ vle, daß mein Ausbleiben ſich verlaͤngerte— »was leider auch geſchah— und die Kaſſe waͤhrend der Zeit umterſucht werden moͤchte, 20 — 306— »war dennoch meine Ehre und mein Amt vverloren. Da erbot ſich mein guter Sohn, oploͤtzlich zu verſchwinden, und verborgen vund eingemauert in einem abgelegenen Keller „des Schloſſes zu leben, um, im Falle, daß „die Gelder vermißt wuͤrden, die Behoͤrden vauf die ſehr wahrſcheinliche Muthmaßung zu „bringen, daß er ſich damit aus Finbe „gemacht habe.« »Bei meiner Anknnft hier, ne einer vlangen und beſchwerlichen Seereiſe, ſiel ich vin eine ſchwere Krankheit, die mir drei Monate hindurch den Gebrauch meiner Sin⸗ »ne raubte. Als ich dieſer wieder maͤchtig wurde, fand ich, daß diejenige, die meiner »gepflegt, die an meinem Lager gewacht, und „der ich, naͤchſt Gott, die Rettung meines „Lebens zu verdanken habe, meine theure, „treue Eva, Seine Schweſter ſey.« „Nach dem Tode des Vaters hatte ſie ei⸗ vnen Zufluchtsort, der gewiß auch ihren Bruͤdern gaͤnzlich unbekannt geweſen, ver⸗ — 307— Hlaſſen, und wurde von dem Mukterbruder vaufgenorumen; dieſer war naͤchſter Nachbar »des Mannes, der mir das Geld ſchuldig war.«4 Geſtern wurde unſere ſo lange verſchobe⸗ vne Verbindung endlich vollzogen. Dieſes „nehme ich mir nun die Freiheit und Ehre, vIhm anzuzeigen; hoffend, daß er, nebſt »Seinem Bruder, uͤber dieſen Schritt einer »Schweſter, die beiden ſo lange verloren »geweſen, und die volle zwanzig Jahre hin⸗ „durch mit groſſem Leiden ein Vergehen ge⸗ „bßt, wozu die Liebe ſie verleitet hat, nicht vzuͤrnen wird.« „Ob aber unſer armes Kind noch am Le⸗ vben ſey? Dieſer Zweifel bringt uns zur WVerzweiflung. Alle Tage ſeufzen wir zu Gott, und flehen ſeine Guͤte an, daß dieſer „Brief nicht zu ſpaͤt kommen moöͤge. Nur vein Troſt haͤlt uns aufrecht: die Fuͤgung „der Vorſehung, die Euch unter daſſelbe „Dach der Mauer, innerhalb welcher er dul⸗ 20* — 308— »det, gebracht, und Euch den Gedanken ein⸗ Igefloͤßt hat, Euch dort, in einer ſo unge⸗ wiſſen halben Beſitzung, niederzulaſſen.— »Wenn Er in einem Kahn dem öſtlichen Fluͤ⸗ »gel des Schloſſes, der in den See hinaus⸗ „gebaut iſt, entlang rudert, wird Er unter »dem zweiten Fenſter des Gebaͤudes, dicht vuͤber der Waſſerflaͤche, ein kleines viereckiges „Loch entdecken. Dadurch kann Er ihm zu⸗ vrufen. Es gebe der allmaͤchtige Gott, daß „Er Antwort erhalten moͤge! Der Sohn „wird Ihm dann ſelber zu erkennen geben, „wo ſein Gefaͤngniß geoͤffnet werden kann; „giebt er keine Antwort— ach! ſo wird Er vim nordoͤſtlichen Eck des Kerkers einen „Quaderſtein vorfinden, der mit einem rothen „Kreuz, wie einſt die iſraelitiſchen Thuͤrpfo⸗ „ſten, bezeichnet iſt; unter dieſem muß die „Mauer aufgebrochen werden— ich kann vor »Schmerz und Beaͤngſtigung nicht weiter „ſchreiben.« — 309— »Die Gelder, welche an der Kaſſe fehlen, vhabe ich mit derſelben Gelegenheit geſchickt. Beliebe Er den Behoͤrden zugleich mit beige⸗ „fuͤgtem Schreiben, das ganz meinen Sohn „rechtfertigt, dieſelben zuzuſtellen. Ach! moͤ⸗ »ge es ihm nur noch zu Gute kommen! „Lebt er noch, dann ſag' Er ihm, lieber Schwager, mit welchem Schmerz ſowohl Vater als Mutter ſich nach ihm ſehnen.« „O! gnadenreiche Vorſehungle rief ich— „ſowohl Vater als Mutter! ja— ich will fort!« Ich ſprang mit obich Lebenskraft auf. Miebſter Freund und Reſe,« ef Jo⸗ ſeph,»wir wollen Alle fort! Habe einige Tage Geduld, dann wollen wir einander be⸗ gleiten. Wir ſehnen uns eben ſo ſehr, die verlorne und wiedergefundene Schweſter, wie Du die Mutter zu umarmen. Hald iſt ver⸗ kauft und wir erwarten alle Augenblicke den — 310— neuen Eigenthuͤmer, um den Kaufbrief aus⸗ zuwechſeln.« Als er noch ſprach, hoͤrten wir einen Wagen in den Hof hereinrollen.„Da iſt er,« ſagte Salamiel, und beide. eilten, ihn zu empfangen. Noch war mein Freudenbecher nicht voll. Ich vernahm hinter mir einen tiefen Seufzer. Es war Sulamith. Ihre Augen ſchwam⸗ men in Thraͤnen; ein wehmuͤthiges Laͤcheln ſpielte um ihren Mund. Joſeph's Frau ſah wechſelsweiſe uns Beide an. Meine Schweſter«— laͤchelte ſie— vbeſitzt auch ein Geheimniß, das ich mit ihr theile— ſoll es ihren Buſen laͤnger druͤcken?4 Sulamith her und ſah die Schwe⸗ ſter flehend anz ich ahnete mein Gluͤck. vAch l« rief ich auſſer mir,„duͤrfte ich hoffen, daß ich nicht ganz vergeſſen bin 26 Sie gab keine Antwort, ihre Blicke ſuch⸗ ten dagegen den Boden; aber Madame Lima — 311— zeigte laͤchelnd auf das Fenſter. Da ſtand mein Soleil brillant! ich erkannte den porzel⸗ lainenen Topf an den zwei brennenden Her⸗ zen wieder. Ich faßte ihre Hand und druckte ſie an meine Bruſt.„Bin ich denn jetzt nicht einer der Eurigen 74 fluſterte ich und las in demſelben Angenblicke die Antwort in ihrem lieblichen Auge. „Mehr vielleicht, als Er guube mag,« ſagte die Schweſter,„denn wir Alle ſind entſchloſſen, eine Religion zu bekennen, de⸗ ren Wahrheit und beſeligenden Frieden mein Joſeph uns anſchaulich gemacht.« Ich ſchloß die Geliebte in meine Arme, und druͤckte den erſten Kuß auf ihre brennen⸗ den Lippen. So erfreulich loͤſte ſich denn das verwor⸗ rene, dunkle Raͤthſel meines Geſchicks. Alles hatte ich verloren, ſelbſt die Hoffnung hatte ich aufgegeben, und ſiehe! ein liebevoller Himmel gab mir alles zuruͤck, und noch dazu: Ehre und Freiheit, Braut und Verwandte, — 3412— Vater und Multer— eine Mutter, die fuͤr mich fruͤher gar nicht da geweſen! So ſchlieſſe ich die Geſchichte meiner Lei⸗ den und meiner Frenden, und lege ſie hier nieder, wo ich dachte, mir mein eigen Grab zu bereiten. Morgen verlaſſe ich es; hinter mir ſoll es feſt verſchloſſen werden. Wird es einmal wieder geoͤffnet, ſo werden dieſe Blätter vielleicht einem Kleinmuͤthigen vor Angen kommen und ihn lehren: daß der Himmel noch Rettung hat, ſelbſt wenn die Hoffnung dem verzweifelnden Herzen untreu wird. —— —— —— —— —— In gleichem Verlage ſind erſchienen; Adeline v. T.., Der Zug nach Canoſſa. Ro⸗ man aus dem 10. Jahrh. 3 Thle. S. 1830. Adolphi, M., Die Schweſtern. Roman. 2 Thle. 8. 1829. Alben, W. v., Graf Branzka. Ein geſchichtlicher Roman aus Griechenlands neueſter Zeit. 2 Thle. 8. 1329. —— Eliſe von Erlen. Roman in 2 Theilen. 8. 1827. Alvensleben, L. v., Romantik und Liebe. Eine Sammlung von Erzählungen nach dem Engl.. 1830. Ir ü. 2r Bd. Dalini, B., Adelaide von Hohenſtein. Roman. Ewald, Die Vergleute zu Goslar. Erzaͤhlung aus dem Ende des 14. Jahrhunderts. 3 Thle. 8. 1825. —— Der Friede zu Prag. Erzählung aus den Zeiten des zojährigen Krieges. 3 Thle. 8. 182. —— Die Prinzeſſin vom Ilſenſtein am Harz. 8. —— Die Rabenneſter und Wachtelbuben. Erzäh⸗ aus dem Anfange des 13. Jahrhunderts. 8. 1826. —— Das Salzbergwerk zu Wieliczka. 8. 1327. —— Sandſteine. Geſammelte Erzaͤhlungen. 4 Bochn. 8. 1826— 28. —— Schlacht am Kapellenberge bei Lauban. 8. 1824. Ewald, Der Weiberkrieg in Lowenberg. Erzaͤh⸗ lung. 8. 1828. Falkh, J., Gunhilde die Wilde oder das Wald⸗ kapellchen im Hubthale am Rheine. Eine Sage 12. den Zeiten des Fauſtrechtes. 3 Theile. 8. 1827.— —— Die Schauerburg oder Abenthener und Tha⸗ ten des reichſaſſen u. ſemperfreien Grafen Wuni⸗ bald von Altenrothenburg als Adelſchalke. Ritter⸗ und Geiſtergeſch. aus den Zeiten der Kreuzzuͤge. 3 Thle. 8. 1825. Fels, R., Die Entſceiung des Augenblicks. Ein Roman. 8. 1826. Floraldin, E., Die Calviniſten in Leipzig. Er⸗ zählung. 8. 1827. Gronau, J., Kunigunde, Koͤnigin v. Boͤhmen. Hiſtoriſch-romantiſches Gemaͤlde aus dem 13ten Jahrh. 2 Thle. 8. 1830. Heeringen, G. v., Rudolph v. Eggenberg. Hi⸗ ſtoriſch-romantiſche Erzaͤhlung. 2 Thle. 8. 1829. Heſſe, W., Kaiſer Konrads Kreuzzug. Romanti⸗ ſche Erzählung. 2 Thle. 8. 1830. Hildebrandt, C., Berthold von der Nidda, oder die Horde im Schwarzwalde. Ein Gemaͤlde ans der letztern Hälfte des 3oiährigen Krieges. 3 Thle. Mit 1 Kpfr. 8. 1826. —— Die Familie von Manteufel. Ein hiſioriſch⸗ romantiſches Gemälde aus den Zeiten Friedrichs des Großen. 3 Thle. 8. 1826. —— Lilienſtrom und Nordenſtern. Ein geſchicht⸗ liches Gemälde aus den Kriegen Karls XIl. 3 Thle. 8. 1827. — ——— ——— —————— — 1 Hildebrandt, Th., Die Doppelehe, oder das zu Reichenſtein. Roman. 2 Thle. S. 1826.. —— Abentheuer des Grafen von Hohenſtein. Rit⸗ tergeſchichte. 2 Thle. 8. 1826. nt —— Der Brillant, od. d.Raͤuberhöhle im Schwarz⸗ walde. Roman. 2 Thle. 8. 1826. —— Die Entfuͤhrung, od. die Abentheuer in Ma⸗ drid. Roman. 2 Thle. 8. 1829.. —— Marie, oder das eiferſüchtige Geſpenſt. Ein Roman. 3 Thle. Mit Kpfrn. 8. 1827. —— Die Nebenbuhler, oder die Schrecken im Schaudergewoͤlbe. Roman. 2 Thle. 3. 1826. —— Die geheimnißvollen Schloͤſſer, od. der Geiſt des Ermordeten. Ein ſpaniſcher Roman. 2 Thle. 8. 1329. —— Der Vampyr, oder die Todtenbraut. Ein Roman nach neugriech. Volksſagen. 2 Thle. 8. 1828. —— Das Wirthshaus im Uri⸗Thal. 2 Thle. 8. 1827. Ingemann, V. S., Die erſte Jugend Erick Menveds. Aus dem Daniſchen ubertragen v. L. Kruſe. 4 Thle. 8. 1829. Joger, S., Die heilige Schaar. 2 Theile. 3. 1830. —— Die Wanderung. Frei bearbeitet nach dem Italieniſchen der Madame Nichelotti. 2 Bochn. 8. 1830. Joͤrdens G., Amalfried der Thuͤringer. Hiſto⸗ riſche Nobelle aus dem 6, Jahrh. 8. 1828. Krnſe, L., Donna Concha. Die Freundinnen. Zwei Erzaͤhlungen. 8. 1831. —— Die Kloſterruine in Norwegen. Das Jubas⸗ bild. Zwei Erzaͤhlungen. 8. 1830. —— Der Maurer. Ein Gemaͤlde der Pariſer Volks⸗ „ſitten. Nach J. Raymond. 4 Thle. 8. 1830. —— Nord und Suͤd. In zwei Novellen. 8. 1329. —— Die Rache. Erzaͤhlung. 8. 1829. —— Der Solitaär. Der Pfarrer zu Weilby. Zwei Erzaͤhlungen. 8. 1831. —— Bwiefache Treue. Erzählung. 3. 18290. —— Der Verſchollene. Novelle. 8. 1830. —— Waldemar der Sieger. Hiſtoriſcher Roman. Dem n nacherzaͤhlt v. L. 4 Thle. 8. 1827 Leibrock, A., Aranzo, der edle näuberhaupt⸗ mann. Ein Schrecken in Spaniens Thälern und Gebirgen. Mit Kpfr. v. Roßmaͤßler. 2 Thle. 8. 1820. —— Der verwuͤnſchte Ball und drei andere Er⸗ zaͤhlungen. 8. 1828. —— Bligger von Steinach, der Geächtete. Eine Geſchichte aus den Zeiten der Kreuzzuͤge.*Chle. Mit lithogr. Abbildung. 8. 1827. —— Carlos de Manſora, Chef eines ſpaniſchen Inſurgenten⸗ Corps während des franzoͤſiſchen KRriegs in Spanien. 8. 1830. —— Die furchtbaren Erſcheinungen in der Sanct Annen⸗Kavelle des Clariſſen⸗Kloſters zu Nea⸗ pel. Eine Floſtergeſch. 8. 1839. Leibrock, A., Der Doctor. Hiſtoriſch⸗ romantiſches Sittengemaͤlde des 17, Jahrhunderts. 2 Thle. 8. —— Eckbert der Einäugige, oder die Ermordung der Braunſchweiger Vurgermeiſter. Hiſtoriſch⸗ ro⸗ mantiſches Gemälde des 15. Jahrh. 2 Thle. Mit 1 Titelkupfer. 8. 1829. —— Gerillo, der große Räuberhauptmann. Eine Geſchichte aus den neueſten Ereigniſſen in Ita⸗ lien, beſonders im Kirchenſtaat. 2 Thle. Mit Kpft. 8. 18335.§ —— Gonzalvo, Raͤuber und Zeitgenoſſe Aranzo's. Mit Kpft. v. Riedel. 3 Thle. 8. 1820. —— Die Grafen von Loͤwenhaupt. Hiſtoriſch⸗ ro⸗ mantiſches Gemaͤlde des 13. Jahrh. 2 Thle. 8. —— Guſtav und Eliſe, oder die Leiden der Fami⸗ 2 Thle. Mit Eliſens Bildniß. 8. 1828. i —— Quorato Orſini, der große Raͤuberhaupt⸗ mann, Gerillo's Nachfolger. 2 Thle. Nebſt Ab⸗ bildung in Steindruck. 3. 1826. —— Das Schlachtfeld bei Tprente. Eine Raͤuber⸗ und Revolutionsgeſch. 2 Thle. 8. 1829. —— Der Leufel und ſein Liebchen, vd. der Stu⸗ dent v. Antwerpen. 8. 1831. —— Das Turnier zu Goslar, oder Kaiſer Otto 1 ſeine Schutzlinge. Eine Geſchichte der Vorzeit. Melindor, H., Die Raubritter. Ein hiſtoriſcher Roman aus der Geſchichte der Kucksburg auf der Teufelsmauer b. Blanfenburg. 3 Thle. 8, 1826. Morani, G., Arzobiſo, od. die Raͤuberkluft im Cabrillas⸗ Gebirge. Die Novize, oder das Klo⸗ ſter Santa Speranza. Zwei Novellen. 8. 1829. —— Mareb und Hlivades, od. die Freiſchaar der kantrabiſchen Gebirge. Nomant. Erzählung aus der letzten Haͤlfte des 18. Jahrh. 2 Thle. 8. 1831. —— Thanatos und Valdea, od. Zaubermacht und Liebe. Romant. Raͤubergeſch. 8. 1828. Niedmann, C., Heinrich d. Loͤwe. Ein biograph. Roman. 4 Thle. Mit 2 Spfrn. 8. 1827 u. 1828. —— Das Schickſals⸗ Kätzchen. Hnmoriſtiſche Er⸗ zaͤhlung. 8. 1828. Hefele, Freih. v., Hermenegild und Ingunde, oder die Arianer. Eine gothiſch⸗ſpaniſche Legende. 2 Thle. 8. 1830. —— Die letzten Johanniter auf Rhodus, od. die Belagerung dieſer Ordensinſel durch die Türken im J. 1322. Ein hiſtoriſch. Gemälde mit Noten. 2 Thle. Mit Villier's Bildniß. 8. 1829. Rathe, Dr., Otto von Rheinberg. Romantiſche Erzaͤhlung aus der Rheiniſchen Geſchichte zur Zeit Kaiſer Rudolphs I. 8. 1830. Reichenbaͤch, M., Freiſchuͤtzfunken. Erzählungen. 3 Bochn. 8. 1. u. 2. Bochn. 1829. 3. Bochn. 1830. Wolff, O. L. B./ Herbſtzeitloſen. Erzaͤhlungen und Novellen. 8. 1831. —— Die Irtwiſche des Tages. Ein Roman aus der neueſten Zeit. 3. 1831. „ ————— nn 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 1