— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur . von Ednard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Veih- und Heſebedingungen. 1. Oflensein der Pibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2. hesepreis. Vei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe e⸗ bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird S 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: chentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. * 3 S. 8& S 5. Answärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Wenige Meilen davon beſaß er ein herrliches Landgut, das er, wie reizend die Umgegend, wie la⸗ chend das niedliche Gebaͤude ſelbſt auch war, ſelten und auch dann nur auf einige Wochen beſuchte. Man wollte den Grund dazu in dem Umſtande ſuchen, daß nicht weit davon, von einem waldbekraͤnzten Huͤgel, das anſehn⸗ liche, alterthuͤmliche, wiewohl nicht feſte Schloß Murviedro, oder vielmehr deſſen Be⸗ ſitzer, ſtolz uhd drohend darauf herabſah; ein Mann, mit dem Don Cäſar ſeit laͤngſtver⸗ ſchwundenen Jahren, jugendlicher Verhaͤltniſſe 1 wegen, von welchen doch nur dunkle und un⸗ zuverlaͤſſige Sagen in der Umgegend ſich ver⸗ breitet hatten, in erklaͤrter Feindſchaft lebte. Jene wuͤrden ſich indeſſen bald verloren ha⸗ ben, wenn nicht die beiden Maͤnner ſich auf eine auffallende Weiſe vermieden, und, wenn ſie zufaͤllig mit einander zuſammentrafen, oh⸗ e gerade in rohe Feindſeligkeiten auszubre⸗ chen, kalte, ſtolze und zornige Blicke gewech⸗ ſelt haͤtten, weniger jedoch, wie es ſchien, um ſich herauszufordern, als aus einer tiefen Abneigung; beſonders ſchien ein verhaltener Zorn des muͤrriſchen Murviedro's Blicke zu verduͤſtern, wenn dieſe auf einen altmodiſchen Brillantring fielen, den der lebensfrohe Don Caͤſar am Finger trug, und wenn dieſer, je⸗ ne Blicke bemerkend, nicht ohne ſichtbare Schadenfreude ſich bemuͤhete, ihn recht in al— len ſeinen bunten Strahlen glaͤnzen zu laſſen. Der Urſprung dieſer Feindſchaft wurde im Allgemeinen einem fruhen Liebeshandel zug⸗ ſchrieben, bei welchem Murviedro der Ge⸗ — 3 taͤuſchte ſeyn ſollte, ohne daß deshalb Don Coͤſar der Gluͤcklichere geworden waͤre. Von Murviedro's uͤbrigens zahlreicher Familie iſt uns nichts weiter bekannt gewor⸗ den. Don Caͤſar dagegen beſaß eine ſanfte und zaͤrtliche Gattin, und eine Tochter, die in der Taufe nach Santa Maria de la Con⸗ ception genannt, gemeiniglich aber nur Don⸗ na Concha genannt wurde. Dieſe hatte bald das dreizehnte Jahr erreicht, als Ferdinands Entfuͤhrung aus Spanien die Looſung zu al⸗ len den blutigen Graͤueln gab, welche die ge⸗ ſegneten Fluren dieſes ſchoͤnen Landes entvoͤl— kerten, und es noch immer mit Buͤrgerblut duͤngen. Von einem juͤngeren Adel entſproſ⸗ ſen, durch ein großes Vermoͤgen fruͤh an Un⸗ abhaͤngigkeit gewoͤhnt, und durch eine ſorgfaͤl⸗ tigere Erziehung, als ſie bisher den Meiſten ſeiner Landsleute zu Theil geworden war, mit vielſeitigen Anſichten begluͤckt, ſchien Don Caͤ⸗ ſar, wenigſtens ſeiner vorlauten Rede nach, einer Regierung abgeneigt, die, von innerem * — 6— Zwieſpalt erſchuttert, weniger mit dem Gluͤck der Unterthanen, als mit dem Treiben ſelbſt⸗ ſuͤchtiger Leidenſchaften beſchaͤftigt war. Und obgleich er, im Herzen echt ſpaniſch geſinnt, jede fremde Einmiſchung haßte und verwarf, machten doch die freieren Geſinnungen, die er nicht verbarg, daß man ihn hauptſaͤchlich unter diejenigen, denen man den Namen Afrancesos beigelegt hatte, rechnete. Da war es, daß er, dem da“ haͤusliche Gluͤck noch immer nicht untren geworden war, welchem er vor Allem huldigte, in der Hoffnung, von aller Partheiſucht frei zu bleiben, den Aufenthalt auf ſeinem Landgute mehr und mehr verlaͤngerte, wo er, in thaͤti⸗ ger Muße lebend, ſich weniger mit der inne— ren Unruhe des Landes beſchaͤftigte, als ſich der aufbluͤhenden Reize der Pochter erfreute, an der er mit faſt leidenſchaßllicher Neigung hing, und die ihm eine aͤhnliche mit einer faſt ſchwaͤrmeriſchen Weiche kindlicher Liebe zuruͤckgab. Sie ſtets ſelbſt etwas maͤnulich 6 zu bilden, ihn immer zaͤrtlicher zu lieben, ſchien Beider gemeinſames Streben zu ſeyn. Das kleine Schloß Lauvedra ſah eine Reihe frohlicher Feſte. Tanz und Muſik verſchoͤner⸗ ten deſſen Abende; es ſchien, als wolle der Beſitzer alle frohen Kuͤnſte innerhalb ſeiner Mauern feſtbannen, um den wachſenden Ha⸗ der und die Streitſucht auſſer demſelben im⸗ mer fern zu halten. Er war eben im Be⸗ griff ein heiteres Feſt zu veranſtalten, um Donna Concha's Namenstag, wie gewohnlich, feierlich und froͤhlich zu begehen. Ein Feuer⸗ werk ſollte abgebrannt werden, ein glaͤnzendes Mahl darauf folgen, und ein Ball, wozu al⸗ le jungen Leute beiderlei Geſchlechts ans den erſten Haͤuſern der Stadt eingeladen waren, ſpäͤt in der Nacht das Ganze beſchließen. So erſchien der Vorabend dieſes Tages, be⸗ ſtimmt, durch eine blutige That ſein Leben und das Gluͤck ſeineß kleinen Familie zu ver⸗ nichten. — Murviedro hatte ein ganz umgekehrtes Verfahren gewählt. Statt, wie Laüvedra, ruhig innerhalb ſeiner alten Mauern zu vet⸗ bleiben, hatte ein duͤſteres Treiben ſich ſeiner, der mit den aͤlteſten Geſchlechtern des Neiches verwandt war, und aller ſeiner Sinne be⸗ maͤchtigt. Er zog nach der Stadt, erſchien daſelbſt in allen ſowohl offentlichen als gehei⸗ men Verſammlungen, machte viele Reiſen in die Umgegend und in die Gebirge, und ſo⸗ wie die Franzoſen immer feſteren Fuß in Spanien faßten, zog er immer heftiger und ſchonungsloſer gegen ſie los. Er war einer der Erſten, die davon ſprachen, Guerillas zu bilden, und es iſt nicht unwahrſcheinlich, daß ſein Eifer und unermuͤdliches Treiben in mehr als einer Beziehung dies Unternehmen gefor⸗ dert hat. Durch ſeine Aeuſſerungen war Don Cäſar immer mehr in den Ruf eines geheimen Franzoſenfreundes getommen„und er benuͤtzte jede Gelegenheit, Zunder in die uͤberall gaͤh⸗ renden Gemuͤther zu legen. Er hatte ſich mit allen Kloͤſtern der Gegend in thaͤtige Verbindung geſetzt, handelte im Einverſtaͤnd⸗ niß mit der proviſoriſchen Junta, die es oͤf⸗ fentlich mit den Franzoſen hielt, waͤhrend ſie insgeheim ſich um ſo feſter gegen ſie verband; und ſo gewann er taͤglich mehr Einfluß und Gewalt, ohne daß man gigentlich wußte, wo⸗ her dieſe ihm kamen. Hefters erſchien er be⸗ waffnet, in militairiſcher Kleidung und hin und wielar von Bewaffneten, bald in kleine⸗ ren bald in groͤßeren Haufen, begleitet. Mehr als einmal hatte bereits Don Cafar geheime, halb myſtiſche Warnungen erhalten, welche unter den Zubereitungen zu ſeinem Feſte ſich noch vermehrt hatten, ohne doch ſeine ruhige Zuverſicht zu ſtoͤren. Von zahl⸗ reichen Arbeitern, die viel bei ihm verdienten, und von Unkerthanen, die ihm ergeben wa⸗ ren, eben in dieſen Tagen mehr als gewoͤhn⸗ lich umringt, glaubte er jede ernſtliche Be⸗ ſorgniß wenigſtens bis nach der Feier des Feſtes aufſchieben zu duͤrfen. Er hatte ſich getäuſcht. Eben wie er in dem großen Saale neben der Vorhalle ſeines Schloſſes die Transparentgemaͤlde betrachtete, die den folgenden Abend in einer Glorie von tauſend bunten Lampen das Feſt der Tochter und ihrer Schutzheiligen, zu Ehren Beiber, verſchoͤnern ſollten, erſchien auf ſchnellen Roſ⸗ ſen ein Trupp Bewaffneter vor dem Schloſſe. Don Murviedro ließ ſich anmelden.— Be⸗ vor der Hausherr ſich von ſeinem Erſtaunen erholen konnte, trat dieſer ein, hielt ihm mit hoͤhniſchem Ausdrucke eine Art Verhaftsbefehl vor die Augen, und gebot ihm, ſich unver⸗ zuͤglich nach dem Stadtgefaͤngniſſe in Jaen unter ſeiner Begleitung zu begeben. Donna Concha und ihre Mutter hatten ſich in der Angſt zugleich mit Murviedro und zwei ſei⸗ ner Behleiter— denn die uͤbrigen blieben vor dem Schloſſe halten— in den ihnen bisher verſchloſſenen Sagl gedraͤngt. Kaum hatte die erſtere, noch ein halbes Kind, ge⸗ hoͤrt, wovon die Rede war, als ſie mit einer — Geiſtesgegenwart, die bei der erſten Noth ih⸗ res jungen Lebens ſich jetzt blitzſchnell entwik⸗ kelte, den Saal wieder verließ, und waͤhrend die beiden Maͤnner noch immer uͤber die Guͤl⸗ tigkeit des erſchlichenen Verhaftsbefehls und das cigenmaͤchtige Verfahren des Vollſtreckers deſſelben ſtritten, ſchnell zuruͤckkam; verſtoh⸗ len gab ſie dem Vater einen muthigen Wink, der, ihrem Blicke folgend, durch die halboffe⸗ ne Thuͤre alle Leute des Schloſſes, ſo gut die Eile es geſtattet hatte, mit Waffen verſehen, in der Vorhalle verſammelt erblickte. Lauvedra's voriges ſchwankendes Benehmen wurde nun kraͤftig und entſchloſſen. Er er⸗ klaͤrte, nicht gehorchen zu wollen, und zeigte dem Ruheſtoͤrer, kalt und nicht ohne ein viel⸗ leicht herausforderndes Läͤcheln, die wahrſchein⸗ liche Uebermacht. Murviedro ſtutzte, riß aber ſchnell eine Piſtole hervor, und mit dem Ausruf:„So bleibe denn, aber bleibe auf immer le druͤckte er auf Don Caͤſar los, der ohne einen Laut — in ſeinem Blute niederſank. Die Hausfrau, laut aufſchreiend, wollte ſich uͤber den Gatten werfen, lag aber, noch bevor es ihr gelang, ohnmaͤchtig in Donna Concha's Armen. »Heil dir, ſpaͤte Rache! Endlich biſt du mein!« rief der Moͤrder, indem er ſchnell dem Sterbenden den glaͤnzenden Ring vom Finger zog, und an den ſeinen ſteckte;„ſo wie von ſeiner Hand ſoll der Tod dich von der meinen trennen.« „Alſo nicht blos Moͤrder, auch gemeiner Raͤuber K ſchrie die Tochter, noch immer die beſinnungsloſe Mutter in den Armen, mit erſchuͤtterndem Tone. mit dem Moͤr⸗ der l „Der iſt immer mein Eigenthum gewe⸗ ſen,« ſagte Murviedro ſtolz;„dennoch ſollt Ihr den Werth behalten Er warf eine Boͤrſe, ſchwer von Gold, zu ihren Fuſſen, und mit dem Rufet Vorwärts, Gefaͤhrten le ſtuͤrzte er ſich mit ihnen unter die laͤrmende, empoͤrte Menge, drang mit vorgehaltener Degenſpitze glucklich hindurch, vereinte ſich mit der harrenden Schaar, und ſprengte da⸗ von. Das Ganze war das Werk weniger Augenblicke geweſen. Dieſe erſte Gewaltthat unter den uneini⸗ gen Partheien dieſer Gegend erregte in der Stadt Jaen große Bewegung und Erbitte⸗ rung; aber ſie wurde bald von ſo vielen und beinahe ſchrecklicheren begleitet, daß der Ein⸗ druck von jeder einzelnen dadurch geſchwaͤcht ward. Wie viele Stimmen ſich auch anfangs gegen Murviedro erhoben, wurde dennoch von der Seite der aͤngſtlichen Behoͤrden dieſe That nicht weiter beachtet, oder er ſelbſt des⸗ halb beunruhiget, ſo wenig als die hartge⸗ troffene Familie, die von ihren Mitbuͤrgern eine groͤßere Beruͤckſichtigung, einen unthaͤti⸗ gen Troſt einerntete, weder von Murviedro noch von ſonſt Jemand gefaͤhrdet wurde. Es war allen, welche die Verhaͤltniſſe kannten, deutlich, daß Jener nur eine in der Stille lange gehegte Rache befriedigt hatte. — 11— Zwei Jahre waren ſeit der Zeit vergan⸗ gen. Donna Lauvedra, reich an Erfahrun⸗ gen, und von aͤhnlichen Ereigniſſen, in wel⸗ chen ſie einen freilich nur unbefriedigenden Troſt gefunden, belehrt, hatte ſich in das einmal Geſchehene gefuͤgt. Richt ſo leicht Donna Concha. Sie hatte den Vater zu innig, zu einzig, koͤnnte man ſagen, geliebt, um nicht, mit allen Flammen ihres jungen Herzens, die noch von dem heißen Clima des Vaterlan⸗ des erhoͤhet wurden, nach einer Rache zu duͤr⸗ ſten, welche die Geſinnungen, in denen ſie groß geworden war, ihr heilig machten, und nach welcher ihre ſpaͤhenden Blicke ſich nur vergebens mit lauernder Ungeduld umſahen. So wie die Sonne ihren Koͤrper, ſchien das fruͤhe Ungluͤck ihren Geiſt ſchnell gereift zu haben. Der jugendliche Leichtſinn ſchien ihr bereits abgeſtreift zu ſeyn, obgleich ihre Augen deshalb nicht die lebhafte Heiterkeit ihres Al⸗ ters verloren hatten; allein ihre Anſpruͤche auf das Leben waren ernſter geworden. Ihre — Blicke hafteten mit geringerem Feuer an den jngendlichen Reizen und aͤuſſeren Vorzuͤgen der zahlreichen Freierſchaar, welche das an⸗ muthige, ſchoͤne und reiche Maͤdchen umlager⸗ te, als ſie in die Seelen zu dringen ſuchten. Allein trotz des laut ausgeſprochenen Wunſches der Mutter, die noch tiefer als ſie fuͤhlte, wie Noth es ihnen in einer ſo bewegten Zeit um einen maͤnnlichen Beſchuͤtzer thaͤte, wollte doch keiner von den vielen Mayorazgos— ſo wurden die erſtgeborenen Soͤhne der Gutsbe⸗ ſißer genannt, die um ihre Gunſt ſich bewar⸗ ben, ihr gefallen; ſie waͤren aufgeblaſen, meinte ſie, und Dummkoͤpfe dazu. Die jungen Offi⸗ ciere eben ſo wenig; ſie ſchienen ihr— trotz ihrem Stande, der ſie doch aur zu halben Sklaven machte— zu ſelbſtgefaͤllig, einem Maͤdchen gegenuͤber. Einen Kaufmann moch⸗ te ſie auch nicht. Es fehle ſolchen an Muth, aͤußerte ſie; der ließe ſich mit ihren aͤngſt⸗ lichen Berechnungen des Gewinnes von dem vierten Theile eines Reals, und mit ihren 6 geiſtloſen Geſchaͤften durchaus nicht vereinen; ihre Waarenartikel gingen ihnen uͤber Alles, und am Ende wäre die Liebe ihnen auch ei⸗ ner. Indeſſen gab ſie, mit einem kleinen Aus⸗ drucke von Geringſchaͤtzung, nur in ihren heimlichen Unterredungen mit der Mutter ſol⸗ che Aeuſſerungen von ſich, wenn jene in ſie drang, eine Wahl zu treffen. Sonſt war ſie faſt ohne Ausnahme gegen Alle gefaͤllig, und ſelbſt zuvorkommend; nur wenn die Lippen der Redenden von zaͤrtlichen Liebesworten uͤber⸗ fließen zu wollen ſchienen, legte ſich ſogleich etwas wie ein Schleier von Eis auf ihre Zuͤ⸗ ge, der dem Strom der Rede plotzlich Ein⸗ halt that. Die Multer machte ihr dann oft Vorwuͤr⸗ fe. Sie hoͤrte ſie gern ſchweigend an, doch mit jedem Tage— Donna Concha war nahe daran, ihr funfzehntes Jahr zu vollenden— wurde jene immer dringender. »Laß mich bei Dir bleiben, Mutter le ſagte ſie endlich einmal.»Es iſt ja Niemand da, der unſere Ruhe bedrohet; zwar bin ich jung, aber ein druͤckendes Gefuͤhl in mir hat mich ſeit zwei Jahren gelehrt, ſcharf zu ſe⸗ hen.— Ich heirathe Keinen, den ich nicht lieben kann, und nenne mir nur Einen hier, der Liebe verdient 24 Liebes— erwiederte die Mutter— vpflegt doch gern Gegenliebe zu erregen; huldigt Dir nicht die ganze teiche Jugend des Landes? oder macht es Dich vielleicht unempfindlich, daß Du von ſo Pielen begehrt wirſt l« vIch geliebt? wer kennt, wer ahnet, wer verſteht mich? Meinen Reichthum lieben ſie; mein glattes Geſicht! das dauert vielleicht nur kurze Zeit, und wie ſieht es dann mit ihrer Liebe aus? Auſſerdem«— fuͤgte ſie ernſt, die Augen niederſchlagend, doch ohne Erroͤthen hinzu— dich habe ſchon einen Braͤutigam, den ich liebe.« Wie? fragte die betroffene Mutter Donna Concha ſchuͤttelte den Kopf. »Wen, theuerſte Tochter ℳ wiederholte die Wittwe.„Ich ſinne, und ſinne verge⸗ bens. Es will mir Niemand einfallen, dem „Du nur ein recht herzliches Laͤcheln geſpen⸗ det!— wen 74 Die Tochter ſchwieg noch einmal. Haͤlt mein liebes Kind mich ſeines Ver— trauens unwuͤrdig?c fuhr die Mutter mit Thraͤnen in den Angen fort—„das iſt hart 4 »Wen kann ich nennen*6 ſagte end— lich die Tochter leiſe— pich kenne ihn nicht „Und Du liebſt ihn, haſt Du geſagt? was ſoll ich davon denken 24 »Ich werde ihn lieben— Mutter, Du quaͤlſt mich,« fuͤgte Donna Concha raſch hin⸗ zu. vEs ſey, ich will Dir vertrauen; aber ſpotte meiner nicht, betruͤbe Dich nicht, und ſuche mir nicht auszureden, was unerſchuͤtter⸗ lich meiner Seele ſteht. Ich liebe den, der den Tod meines Vaters raͤcht. Nur der Ning, der an ſeinem Finger ſteckte, in das Blut ſeines Moͤrders getaucht, ſey mein Verlobungsring l— Die Mutter erblaßte.»Armes Kindle ſagte ſie kleinlaut,»dann, fuͤrchte ich, wirſt Du keinen Gatten finden. Recht haſt Du zwar: Murviedro verdient das Licht der Son⸗ ne nicht; aber er iſt hoch geſtiegen. Sein Name iſt ein Schrecken der Fremden, und ſein Anhang groß.— Dir wird ſo kein Braͤu⸗ tigam werden.« »Doch, Mutter læ erwiederte Donna Con⸗ cha ernſt;„wenn auch nicht auf Erden, ein himmliſcher gewiß. Was nicht hienieden ge⸗ ſchehen kann, muß Er dort oben thun! Ich habe gewaͤhlt, Mutter: meine Hand dem Raͤcher des Vaters hier, oder den Schleier fuͤr Den uͤber uns læ Donna Lanvedra hatte tief ſinnend zuge⸗ hoͤrt. vIch koͤnnte,« ſprach ſie,„weil Du o feſt entſchloſſen biſt, Dir Einen hier utin 2* — nennen. Was meinſt Du von dem Vetter Manzares 74 Von dem bleichen, ſchmaͤchtigen Geſellen mit den lauernden Blicken? Er ſagt, daß er mich liebe. Er iſt der naͤchſte Erbe des Vaters; wenn ich ſtuͤrbe, kaͤme er recht be⸗ quem zu ſeinem Erbtheile.« WVerkenne ihn nicht. Feuer lauert in ſeinen Blicken, und er liebt Dich ehrlich— kannſt Du ihn lieben?4 „Ich weiß nicht, Muͤtter! ich kenne nicht, was Ihr Liebe nennt.— Was ich da⸗ von gehoͤrt, was in Buͤchern ſteht, was in zaͤrtlichen Liedern toͤnt, das hat noch keinen Wiederhall in meiner Bruſt geweckt. Hat er Muth, ſo koͤnnte ich ihm guk ſeyn l Die Mutter ließ ſich dies nicht vergebens geſagt ſeyn, und ſie entſchloß ſich, bei der erſten Gelegenheit mit Manzares zu reden. Dieſer erſchien bald, aber diesmal nicht al⸗ lein. Ein franzoͤſiſches Streifkorps war eben in dieſen Tagen in Jaen eingeruͤckt, und 3 4 8 * Manzares gehoͤrte unter die, die es nicht ver⸗ ſchmaͤheten, was man nennt vbonne mine à maouvais jeu« zu machen. Der Zufall hatte einem jungen franzoͤſiſchen Oberſten Buignolles in dem Hauſe ſeiner Eltern Quartier ange⸗ wieſen; und je ſcheuer dieſe ſich zuruͤckzogen, je mehr meinte der Sohn, daß Vorſicht und gute Lebensart ihm geboͤten, dem eben nicht erwuͤnſchten Gaſte freundlich entgegen zu kom⸗ men. Ueberall waren die Franzoſen unter den vornehmeren Familien in Jaen nicht ſo ungern, wie von dem Volke geſehen. Ihr Beſuch war diesmal unter Verhaͤltniſſen ein⸗ getreten, die dieſen weniger unwillkommen machten, als es ſonſt der Fall geweſen ſeyn wuͤrde. Die Umgegend, ſeit einiger Zeit von allen einheimiſchen Truppen— einige zuwei⸗ len erſcheinende und eben ſo ſchnell wieder verſchwindende Guerillas ausgenommen— entbloͤßt, war den haͤufigen Anfaͤllen einer be⸗ ruͤchtigten Raͤuberbande unterworfen, die * blitzſchnell von den Gebirgen herabſtieg, und nach vollbrachtem Raube in die faſt unzu⸗ gaͤnglichen Waldungen entſchluͤpfte. In der Stadt ſelbſt zitterte man vor Ueberrumpelun⸗ gen, die, mit unglaublicher Verwegenheit und Geſchicklichkeit ausgefuͤhrt, die nicht hinlaͤngli—⸗ che Vertheidigung friedlicher Buͤrger verhoͤhn⸗ ten, und eine ſtrenge Partheiloſigkeit ausub⸗ ten, indem ſie, unbekuͤmmert um jede Mei⸗ nungsverſchiedenheit, bald dieſes bald jenes Haus betraten, wo es die Bande werth hielt, einen Beſuch zu machen. Eine Beſatzung, ſey es auch von Franzoſen, wurde in dem Augenblicke, beſonders von den Landesbeſitzern, als eine Wohlthat betrachtet. Vielleicht war es auch nur dieſe Anſicht, die dem Oberſten, von Manzares eingefuͤhrt, eine gaſtliche Auf⸗ nahme in Donna Lauvedra's Haus verſchaff⸗ te. Dieſer zwar liebte, oder bildete ſich we⸗ nigſtens ein, Donna Concha zu lieben; aber der ihm angeborenen vaterlaͤndiſchen Eiferſucht wurde von dem wenig ermunternden Betra⸗ gen des Maͤdchens gegen Alle, oder vielmehr von ſeiner Eitelkeit, das Gleichgewicht gehal⸗ ten, und da es— Kraft der allgemeinen, und ſelbſt in dieſem Hauſe ausgeſprochenen Abneigung— nicht zu vermuthen war, daß ein ſpaniſches Maͤdchen von edlerem Blute ſich einem Franzoſen guͤnſtig bezeigen koͤnne, ja da es ihm insgeheim ſogar wohl that, die entzuͤndbaren Fremden der hoͤhniſchen Kaͤlte ſeiner Landsmaͤnninnen bloszuſtellen, ſo beeilte er ſich ſelbſt, den Fremdling dem bewunder⸗ ten Monde unter den andaluſiſchen Sternen vorzuſtellen. Er wollte ſeine Leidenſchaft, ſei⸗ nen Neid erwecken, und ſich an dem Gleich⸗ muth weiden, womit die reizende Donna Concha ohne Zweifel auch ihm entgegenkom⸗ men wuͤrde. Er ſah ſich inſofern getaͤuſcht, als dieſe den lebhaften Juͤngling, aus deſſen Blicken raſche Entſchloſſenheit und kuͤhner Muth leuchtende Strahlen ſchoſſen, gefaͤlliger, als er es je zuvor erlebt, aufnahm; aber mit geheimer Schadenfreude gewahrte er, wie die⸗ ſer freundliche Empfang, der nicht wenig ge⸗ gen das geſuchte kalte Betragen einiger zum Beſuch anweſender Damen abſtach, den Fremden immer mehr belebte. Er hatte die⸗ ſem ſchon vorher die ſchoͤne Couſine als ein Wunder unter den weiblichen Wundern ſeines Landes abgemalt, ihm nicht undeutlich zu verſtehen gegeben, daß er von ihrer Hand das Gluͤck ſeines Lebens hoffe, und es war ihm wirklich, da er ſah, wie ſehr ſie noch, trotz ſeiner Beſchreibung, Buignolles Erwartungen uͤbertraf, als wuͤrde ſie ſeinem Herzem noch theurer, ihre Schoͤnheit in ſeinen Augen noch vollkommener. Ohne Argwohn verließ er den Kreis der hier verſammelten Jugend, als ihm Donna Lauvedra verſtohlen einen Wink gab. Er folgte ihr in ein Nebencabinet. vIch habe es heraus, Vetter Manzares lg ſagte ſie vertraulich zu ihm, mit einem Eifer, der zu beweiſen ſchien, daß auch ſie in einem gewiſſen Grade die Geſinnung der Tochter theile;„Concha iſt unſeren Wuͤnſchen nicht abgeneigt, aber«— ſie eroffnete ihm nun, — wiewohl mit anderen Worten, die ausſchlieſ⸗ ſenden Bedingungen, unter denen allein die Tochter ſich einen Gatten waͤhlen wuͤrde. Er ſchien betroffen.»Laßt mich ma⸗ chen,« ſagte er ſinnend— dich habe fruͤ⸗ her Zutritt in Murviedro's Hauſe ge⸗ habt, und koͤnnte dieſen leicht wieder erhal— ten.— Wie es auch kommen wird, ich ken⸗ ne nun die Saite, die ich anſchlagen muß.« Noch denſelben Abend, bevor ſie ſich trenn⸗ ten, fand er Gelegenheit, mit Donna Concha insgeheim zu ſprechen. Wie ſchlan er ſich auch benahm, ahnete ſie dennoch, daß die Mutter wenigſtens einen Theil ihres Geheim⸗ niſſes verrathen, welches ihr nicht ganz un⸗ willkommen war; ja ſelbſt der Vetter verhehl⸗ te ihr nicht, daß ihm jene mit halben Wor— ten eine Hoffnung gegeben, die er kuͤhn auf⸗ gefaßt, weil ſie den eigenen Geſinnungen ent⸗ gegenkaͤme, Geſinnungen, fuͤgte er hinzu, die alle, denen an einem bloſen Laͤcheln von ihr gelegen waͤre, billigen und theilen muͤß⸗ ten. »Der Moͤrder ſoll ſterben,« verſetzte er nach einigem Sinnen, Haber es will Zeit ha⸗ ben. Habe ich doch ſchon lange in der Stille auf eine Gelegenheit gelauert, allein nur durch Liſt laͤßt ſich ein guͤnſtiger Augenblick herbeifuͤhren.« Liſt 74 viebhole Donna Concha ein⸗ tonig. Wie anders? Immer zeigt er ſich ja nur, wie mit einer Leibwache umgeben! Es gilt, ſich in ſein Vertrauen einzuſtehlen; ich muß ſogar wohl, um nicht ſelbſt verdaͤchtig zu werden, und mein theuerſtes Gut zu er⸗ halten, deſſen ſuͤßer Gegenwart auf laͤngere Zeit, ſowohl vor als nachher, mich entziehenz vorher, um den Zweck zu erreichen; hernach, um nicht durch die Rache ſeiner Freunde je— nen wieder zu verlieren, wenn ihnen unſer Einverſtaͤndniß einiges Licht gaͤbe. Er ſoll durch Gift enden.« — »Pfui, Vetter!e ſagte Donna Concha entruͤſtet.»Die Rache muß offenbar, nicht erſchlichen ſeyn; ſein Blut muß ſließen, ſey es durch eine Kugel oder ein Schwert; Gift iſt nur eine Aushuͤlfe der Feigen. Geht! Ihr ſeyd mein Mann nicht lK »Wie, ſchoͤne Couſine! ihn niederſtoßen? Ha! Ihr wollt meinen Tod, aber nicht mei⸗ nen Lohn l vIch dachte, Vetter, Ihr haͤttet Muth? Ein ſolcher Tod koͤnnte nur den Beutel, den er uns hinwarf, bezahlen; ich weiß nicht einmal, wo der geblieben iſt.— Geht! toͤdtet ihn nicht, denn ich koͤnnte Euch doch nicht meine Hand reichen— ich muß Achtung vor demjenigen haben koͤnnen, den ich zum Gat⸗ ten erwaͤhle.« Sie verließ ihn ſchnell, und eilte zu der Geſellſchaft zuruͤck; eine faſt heitere Freude, der aͤhnlich, die wir durch das Bewußtſeyn, einer dunkel geahneten Gefahr entgangen zu ſeyn, empſfinden, ruhete auf ihren Zuͤgen. Stpaͤter erſchien Manzares, duͤſter, in ſich verſunken. Dieſe Veraͤnderung an Beiden konnte von dem Oberſten nicht unbemerkt bleiben. Er wagte auf dem Ruͤckwege eine verſtohlene Frage. Da brach der ſo ploͤtzlich erregte, noch kochende Joͤhzorn in Manzares Buſen den Damm der Vorſicht. Er bedurfte in dieſem Augenblicke eines Vertrauten, um ſeiner Erbitterung Luft zu geben; und wen konnte er beſſer dazu waͤhlen, als den Frem⸗ den, deſſen nationales Ehrgefuͤhl ihm ein kur⸗ zes Stillſchweigen verbuͤrgte, das eine Ent⸗ fernung, hoffentlich auf immer, recht bald unnoͤthig machen wuͤrde. »So ſind die Frauen le rief er unmuthig; vaͤußerlich von Schnee und Zucker, von in— nen Nacht und Galle! Wie taͤuſchen dieſe Taubenaugen! welch ein Feuermeer brennt in ihrer Seele! Huͤten Sie ſich, Freund, vor den ſpaniſchen Maͤdchen l 4 Er erzaͤhlte nun dem Oberſten die genug⸗ ſam bekannte Geſchichte der ungluͤcklichen Fa⸗ — —— milie.»Aber«— fuͤgte er geheimnißvoll hinzu— vnun erſt weiß ich, warum ſo Viele vergeblich zu ihren Fuͤßen geſeufzt! Ach! ſie war heute verfuͤhreriſcher, entzuͤckender als je! Die Bewunderung, Colonel, die ich auch in Ihren Blicken las, brach endlich mein zu langes, zu ehrfurchtsvolles Schweigen. Sie ſagte mir Ihre Hand unter einer Be⸗ dingung faſt zun: um— wer haͤtte dieſe hinter ihrem unſchuldigen, heitern Laͤcheln ge⸗ ſucht— um das Herzblut des Moͤrders ihres Vaters lc „Durch einen Meuchelmord 24 fragte der Oberſt ergriffen. vJa«— war Manzares im Begriff zu ſagen; aber Donna Concha ſtellte ſich in die⸗ ſem Angenblicke mit ihrer ganzen Anmuth, die ſelbſt im Zorne ſie nicht verließ, ſo leb⸗ haft vor ſeine Seele, daß eine unumwundene Luͤge ihm unmoͤglich war. Das eben nicht,« ſagte er ſtockend— vaber Blut! Blut lg Er ſchauderte unfreiwillig, ungeheuchelt, denn —— nach den Geſinnungen, in deren Schule er ſich gebildet hatte, war ein jedes Aufſehen, alles, was grauenerregend die aͤuſſeren Sinne ergriff, emporend, waͤhrend ihm ein geheimes Gift blos als ein unangenehmes Huͤlfsmittel erſchien. „Nun dennl« verſetzte der Oberſt, auf welchen Manzares Bericht, eben durch den unſichern Ton, womit er dieſen vorgetragen, einen Eindruck gemacht hatte, der Donna Concha faſt noch hoͤher vor ſeine Phantaſie ſtellte; und ſo mußte es geſchehen, daß ein jedes von Manzares Worten, unter welchen dieſer, nach der erſten Ergieſſung des Un⸗ muths, ſich ſelbſt allmaͤhlig beſaͤnftigt fuͤhlte, und die, ſowie der Gedanke an ihre Schoͤn⸗⸗ heit und ihren Reichthum wieder bei ihm vorherrſchend wurde, immer mehr zu ihrem Lobe uͤbergingen— eine Neigung in Buignol⸗ les Buſen erregte, die einen Samen hin⸗ einlegte, der, wie fern die Zeit auch lag, dennoch Fruͤchte tragen ſollte, von welchen * —— weder der Franzoſe, noch Donna Concha ſelbſt die kleinſte Ahnung hatte. Auch trug er nicht wenig dazu bei, den Unmuth ganz aus Manzares Buſen zu vertreiben, wo zwar noch immer der Stachel ihrer letzten Aeuſſerung zuruͤckblieb; allein ein Charakter, ſo geſchmeidig wie der ſeinige, laͤßt ſich durch eine veraͤchtliche Antwort nicht abſchrecken. Donna Concha hatte der Mutter, wenn auch nicht ganz, doch zum Theil ihre Unter⸗ redung mit Manzares berichtet. Dieſe hatte einen ſehr herben Eindruck in ihrem Herzen nachgelaſſen. Sie empfand, wie weitent⸗ fernt die Welt, die ſie umgab, war, ihre muthige Entſchloſſenheit zu theilen. Sie ver⸗ zweifelte immer mehr, ein Gemuͤth zu finden, das durch die muthige Aufnahme ihrer Rache in das ſeinige, aller Empfindungen ihrer Flammenſeele wuͤrdig ſey.»Ich ſehe es,« feunſzte ſie, ſtill vor ſich hinbruͤtend, vmein Loos wird das Kloſter ſeyn, und meine Rache dem himmliſchen Braͤutigam anheimfallen l& — Dennoch ſtraͤnbten ſich alle erregten Sinne ihrer geſchmeichelten Ingend gegen dieſen Ge⸗ danken. Die Mutter dagegen, die bereits das Alter, das unter dem ſuͤdlichen Himmel fruher eintritt, erreicht hatte, wo Familien⸗ und Vermoͤgens⸗Verhaͤltniſſe die auf das Ir⸗ diſche immer mehr gehefteten Seelenkraͤfte nur zu gern in Anſpruch nehmen, theilte zwar den Abſcheu der Tochter, aber da ſie zugleich weit mehr Erfahrung und Duldung beſaß, hoffte ſie noch immer eine Verſoͤhnung herbei⸗ zufuͤhren, um ſo mehr, da ſie keinesweges an Manzares Liebe zweifelte. Indeſſen waren weder er, noch die Wuͤnſche ſeiner oder ihrer Familie ihr ſo feſt ans Herz gewachſen, daß ſie nicht haͤtte wuͤnſchen ſollen, auch durch einen Andern die Zukunft der Tochter ſicher zu ſtellen. Sie ſah ſich daher nach einem WMittel um, wodurch die ihr nicht verhehl⸗ te Bitterkeit im Herzen der Tochter, das ſie nicht ſo entſchloſſen und innerlich verduͤ⸗ ſtert, wie es war, glaubte, in ſanftere Ge⸗ — 3 fuͤhle verſchmelzen koͤnnte.— Sie meinte, zu⸗ erſt auf ihre jugendlichen Sinne wirken zu muͤſſen. Seit dem Tode des Gatten hatten Beide ſehr einſam gelebt. Ihre geſelligen Verhaͤltniſſe waren auf einige Tertulien be⸗ ſchraͤnkt geweſen; und obgleich, wie ſchon er⸗ waͤhnt, ſich viele Freier gemeldet, hatte es ihnen, ſo wie der Tochter, an Gelegenheit gefehlt, ſich beiderſeits genauer kennen zu ler⸗ nen. Sollte es denn in Jaen und in ſeiner weiten Umgebung keinen einzigen jungen Mann geben, deſſen kuͤhner Muth Donna Concha's Herz, und deſſen Liebenswuͤrdigkeit dieſem vielleicht eine mildere Wendung geben koͤnne? Seit dem Morde Don Caͤſars hatte ſie ihr ſchoͤnes Landgut nur wenig, die Toch⸗ ter es faſt nie beſucht. Die Veranſtaltungen zur verungluͤckten Feier ihres Namenstages waren noch alle vorhanden, nur zur Seite 6 gebracht, und ihr Namenstag ruͤckte aufs neue heran. Was ihr in dem erſten An⸗ drange des Kummers eine Entweihung ge⸗ 3 — duͤnkt haben wuͤrde, ſchien ihr nun, wo die alltaͤgliche Gewohnheit des Lebens die alten Rechte wiedergewonnen hatte, gleichguͤltig, ja ſelbſt ganz in der Ordnung. Ohne daß die Tochter es ahnen durfte, daß die damali⸗ gen Vorbereitungen dabei benutzt werden ſoll— ten, bemuͤhete ſie ſich, jene zu bereden, daß es doch einmal Zeit ſey, den unnuͤtzen Gram abzuwerfen, und ſich den Frenden des jungen Lebens aufs Neue zu weihen, ihrem Na⸗ menstage und auch ihrer Schutzheiligen die Huldigung an der Stelle wieder darzubringen, wo bei Lebzeiten des Vaters dieſe ihnen im⸗ mer dargebracht worden war, und dort wie fruͤher einen heiteren Kreis um ſich zu ver⸗ ſammeln. Es wollte freilich der ernſtergeſtimm⸗ ten Seele der Tochter nicht einleuchten; doch um der theuren Mutter eine Freude, worauf ſie ſich viel zu gute that, nicht zu verderben, gab ſie nach. Mit froͤhlicher Thaͤtigkeit brachte nun Donna Lauvedra das Feſt zu Stande. Die ganze vornehme Jugend, die Verwandten wurden eingeladen, und zum Zeichen der Verſoͤhnung mußte ihr Manzares verſprechen, den Colonel Buignolles mitzubringen. Es war ihr vorgekommen, als haͤtte ſeine feine Aufmerkſamkeit der Tochter wohl gethan; das war ihr genug. Dieſer war leicht zu bere⸗ den. Er hatte Donna Concha ſeit jenem Abend nicht geſehn, und ſein Herz ſchlug ihr ſehnſuchtsvoll eutgegen. Schon des Mor⸗ gens ſollten ſich die Gaͤſte verſammeln. Der ganze Tag ſollte dem Feſte geweiht ſeyn; jeder Stunde war eine froͤhliche Beſtimmung zugetheilt. Den Abend zuvor begaben ſich Mutter und Tochter nach dem Landgute; die erſte, um alle Veranſtaltungen zu muſtern; Beide, um zu einer fruͤhen Stunde, im vollen Glan⸗ ze, nach endlich abgelegter Trauer, die Gaͤſte wuͤrdig empfangen zu koͤnnen. Allein die auſſerlich abgeworfene Farbe der Nacht ſchien ſich innerlich in Donna Concha's Bruſt nur 3* 56— um ſo duͤſterer zu verdichten, als ſie um ein Freudenfeſt, ihr ſelbſt zu Ehren, zu begehen, das Haus, wo die blutige Quelle jener Trauer entſprungen war, wiederſah. Mit dem erſten Schritt uͤber die Schwelle war die dazwiſchenliegende Zeit ihrer Seele entruͤckt. Der blutige Anblick, von dem ſie hier wegge⸗ riſſen worden war, ging in ſeiner ganzen Friſche vor ihren Augen auf. Es war, als riefe jeder Pulsſchlag in ihren Adern: Rache! Ein bittrer Schmerz— aber ein ſiegender Schmerz, worin ein Gefuͤhl der Beruhigung und der Aengſtlichkeit ſonderbar mit einander verſchmolzen war, als ginge ſie hier einer Entſcheidung entgegen— dehnte ihren Buſen bis zum Zerſpringen aus. Es war, als flͤterte bei dem Eintritt in die Halle, wo ſie einſt nichts anderes als die Leiche des Va⸗ ters und die hohnerfuͤllten Zuͤge ſeines Moͤr⸗ ders geſehen, ihr eine innere Stimme zu, daß hier kein heiteres Feſt, weder begangen werden duͤrfte, noch ſollte; als erwartete ſie — in jeder Minute mit voller Gewißheit irgend ein Ereigniß— welches? wußte ſie nicht herauszufinden; allein dieſe innere Ueberzeu⸗ gung gab ihr Kraft, dem, ihrem Gefuͤhle nach ſo frevelnden Beginnen, ſcheinbar theil⸗ nehmend entgegen zu gehen, wie groß auch die innere Empoͤrung dagegen war. Trotz dieſer ſchlief ſie, da ſie muͤde angelangt war, und hier ſich noch mehr angegriffen gefuͤhlt„ hatte, ruhig und bald ein. Ein heller, glaͤn⸗ 5 zender Morgen begruͤßte die ſich wieder oͤff⸗ nenden Angenlieder. Zu ihrer eigenen Ver⸗ wunderung hatten keine ſchweren Träume ih⸗ ren ſtillen Schlummer beunruhiget. Sie er⸗ wachte heiter. Der klare Himmel ſpiegelte ihre Seele ab. Den reichen Anzug, von milchweißem Atlas, womit die Mutter ſie uͤberraſchte, zog ſie ſogar ohne Abneigung an; nur ein befremdendes Zucken, wie von einem voruͤberziehenden ſtechenden Schmerze, fuhr durch ihren Buſen, als die Kammerfrau laͤ⸗ chelnd bemerkte, daß ihr nur die Myrtenkro⸗ ne fehle, üm, ſo angezogen, vor den Trau⸗ altar treten zu koͤnnen. vUm den Brautanzug mit einer Hrdens⸗ tracht, und einem ewigen Schleier umzutau⸗„ ſchen K ſagte ſie ſinnend; aber in dem naͤch⸗ ſten Angenblicke gelang es ihr, uͤber eine Aeuſſerung zu ſcherzen, die ihr, ohne daß ſie 6 wußte wie, uͤber die Lippen gefloſſen war. Sie eilte zu der Mutter hinab, die ſie ſchon in dem verhaͤngnißvollen Saale zum Empfan⸗ ge der Gaͤſte bereit fand. Da fuͤhlte ſie aufs Neue ihr Herz ſo gepreßt, daß ſie kaum Athem holen konnte; indeſſen gelang es ihr, die Herrſchaft uͤber ihre Zuͤge zu behalten, wiewohl die ſiegende Wirklichkeit des Tages ihr die Kraft benahm, die ein innerer Traum ihrer Bruſt den Abend vorher eingefloßt hat⸗ te.— Die meiſten Gaͤſte wurden aus der Stadt erwartet. Allein obgleich man wohl darauf rechnen durfte, daß Niemand ſich gern an dieſem Tage verſpaͤten wuͤrde, blieben doch — faſt alle laͤnger, als erwartet, ans.— Endlich kamen einige, aber einzeln— eine lange Reihe von Kutſchen naͤherte ſich nicht der Auffahrt.— Es war, als habe ein Jeder ge— fuͤrchtet, der Erſte zu ſeyn. Mit keinem heitern Laͤcheln traten ſie der Wirthin entge⸗ gen. Es lag etwas Aengſtliches, Verlegenes in den Zuͤgen faſt aller Ankommenden. Es kam Mutter und Tochter vor, als wechſelten ſie zuweilen mit einander bedtutende Blicke; dennoch wurde bald die Heiterkeit laut, wenn auch nicht allgemein; aber ſelbſt der Ton der froͤhlichen Gaͤſte hatte etwas Erzwungenes, als wenn ſie eine innere Aengſtlichkeit verbergen wollten. Dieſe Stimmung theilte ſich bald der Mutter mit; die Tochter ſchien dagegen immer gefaßter, ruhiger, ſogar froͤhlicher da⸗ durch zu werden.— Die Geſellſchaft war in⸗ deſſen immer zahlreicher geworden; nur eini⸗ ge bejahrte Matronen— ſo auch wenige jun⸗ ge Frauen— hatten ſich durch den uͤbrigen Theil ihrer Familie entſchuldigen laſſen. Nach — und nach ſchien ſogar die Dienerſchaft des Hauſes von dieſer befremdenden Stimmung angeſteckt zu werden. Die beiden Frauen, wiewohl auf ganz verſchiedene Weiſe, wurden immer geſpannter. Waͤhrend Erfriſchungen herumgetragen wurden, erſchienen junge Land⸗ leute aus der Umgegend, um die vornehmen Zuſchauer mit ihren eigenthuͤmlichen Taͤnzen zu beluſtigen. Das Feſt hatte ſchon den An⸗ fang genommen— da erſchien endlich Man⸗ zares— bleicher, ernſter als gewoͤhnlich. Wie le fragte die Hausfrau, indem ſie ihn begruͤßte,„Sie bringen nicht den Colo⸗ nel mit?4 vSie bringen nicht den Colonel mit 4 wiederholten fragend beinahe alle Anweſenden, unter welchen ſich vielleicht nicht zehn befan⸗ den, die nicht den Tag vorher bereit geweſen waͤren, ſeine Einladung, wenn ſie davon ge⸗ wußt haͤtten, laut zu tadeln. »Er wird etwas ſpäter zu Pferde kom⸗ men,« erwiederte Manzares, vund er hat ————„ —— verſprochen, ein kleines Detachement von ſei⸗ nein Corps mit heraus zu nehmen.« »O! das iſt ſchoͤn! das iſt gutlæ riefen Alle; die vorhergehende niedergekaͤmpfte Aengſt⸗ lichkeit war blitzſchnell aus allen Geſichtern verſchwunden; die Freude glaͤnzte nun aus allen Augen. »Ein Detachement? und weshalb? woher dieſe Freude daruͤber? Erklaͤrt mir doch das Unbegreifliche lc bat die Wirthin. vJa, Señora,« nahm ein alter Herr das Wort, Hjetzt duͤrfen wir ſprechen, ohne Furcht, Sie zu bennruhigen; denn der brave Colonel wird aller Gefahr vorbeugen!— Sie wiſſen alſo nicht, was geſtern Abend geſchehen iſt 76 Mein l« ſagten Mutter und Tochter, in dem Augenblicke gleich betroffen und aͤngſt⸗ lich. „Der fuͤrchterliche Horqueta mit ſeiner Bande hat das Schloß Murviedro unverſe⸗ hens uͤberfallen und rein ausgepluͤndert, ob⸗ gleich, wie man behauptet, der Beſitzer einige Stunden fruͤher zufaͤllig heimgekehrt war. Es ſcheint, daß die Raͤuber nicht ſo viel Furcht wie andere ehrliche Leute vor ihm gehegt ha⸗ ben; er ſoll erſchlagen oder entflohen ſeyn, welches von beiden, weiß man noch nicht beſtimmt, nur, daß er ſich raſend gewehrt haben ſoll. Der Schrecken hat ſich der gan⸗ zen Stadt, wohin die Nachricht zuerſt ge⸗ kommen, und nun wohl auch der Umgegend mitgetheilt, der es, trotz der groͤßeren Naͤhe, ein Geheimniß geblieben war; mit einer ſo ſchnellen Tollkuͤhnheit, einer ſo ſchlauen Vor⸗ ſicht fuͤhrte der Teufel ſeine Streiche aus. Uns Allen liegt noch der Schrecken im Blu⸗ te.« „Wuͤrde er es denn wagen«— ſagte Donna Lauvedra, nicht ganz ohne Unruhe, doch mit einem Laͤcheln, das von innerer Genugthuung zeugte—„wuͤrde er es denn wagen, hier, wo wir zu Hunderten verſam⸗ melt ſind, einzudringen 4 — 45— Was wagt der Horqueta nicht 4 erwie⸗ derte Manzares.„Aber mit den wohlbewaff⸗ neten Franzoſen koͤnnen wir ſccher'ſeyn.« Donna Concha ſchwieg; aber ihr Herz klopfte ungeſtͤn. Murviedro's Schloß ge⸗ pluͤndert, er ſelbſt vielleicht erſchlagen!— Rein! das Letzte konnte ſie nicht glauben; ſie ſchauderte; ſie durfte nicht daran denken, und dennoch ließ ſich unter den Schlaͤgen ihres Herzens rin Freudiges Gefuͤhl nicht ver⸗ leugnen. Sie verſtand nichts mehr von al⸗ lein, was geſprochen wurde; ſie erblickte nichts von dem ſich immer mehr entwickeln⸗ „ den Feſte, ſie hoͤrte nichts von der Muſik, von den Liedern, die ihr zu Ehren ertoͤnten, ſie ſah nur Murviedro's Schloß gepluͤndert werden, ihn ſelbſt wie einen Verzweifelnden ſich wehren, ihn fallen, entfliehen; ſie begriff ſelbſt nicht Alles, was die Phantaſie ihr vor⸗ malte. Ploͤtzlich wurde ſie durch eine Art von haſtigem Aufſchreien aus ihrer Betaͤu⸗ bung geriſſen. Sie ſah auf; eine allgemeine 2 —— Beſtuͤrzung, eine Art Beklemmung war auf allen Geſichtern ſichtbar. Manzares ſtand nicht weit von ihr entfernt mit einem Billet in der Hand. vWie geſagt,« ſprach er, ver koͤmmt nicht. So wie er zu Pferde ſteigen wollte— ſchreibt er— iſt ein Courier mit ploͤtzlicher Ordre zum Aufbruch angekommen. Das ganze Corps ruͤckt in dieſem Angenblicke nach Murcia vor.« „Wir ſind nun blosgeſtellt k rief der vor⸗ erwaͤhnte alte Herr aͤngſtlich. „Es iſt nichts zu befuͤrchten,« lächelte Manzares, ſich zuſammenraffend. vLaßt uns nicht uns ſelbſt um unſere heitere Unterhal⸗ tung bringen. Unſere treffliche Wirthin hat Recht. Wuͤrde wohl Horqueta, wie vermeſ⸗ ſen er auch iſt, ſich hieher wagen, wo wir zu Hunderten verſammelt ſind? Und auſſer⸗ dem ſind zwei Anfaͤlle, ſo nahe nacheinander, unerhoͤrt »Wer wird ſich hier fuͤrchten?6 ſagte Donna Concha muthig.„Es iſt mir, als —— koͤnne uns kein Leid durch dieſe Raͤuber ge⸗ ſchehen. Sie haben Murviedro's Schloß ab⸗ gebrannt, und ihn ſelbſt— es lebe Horque⸗ ta l 18 vSeüora lK rief ein Gaſt erſtannt. WVerzeiht mir K verſetzte Donna Concha, ſich ſchnell faſſend.„Ich bin Don Caͤſar's Tochter. Dort, an jener Stelle, ſah ich ihn bluten 0 Sie ſank halbohnmaͤchtig zuruͤck. Die ganze Geſellſchaft verſammelte ſich um ſie; doch ſie erholte ſich bald. Mit einer faſt heftigen Heiterkeit, die alle anſteckte, wußte ſie der Verſammlung Muth und Zuverſicht einzufloͤßen, jede Beſorgniß laͤcherlich zu ma⸗ chen. Auf ihre Veranſtaltung mußten die Landleute verweilen, und, um ihre Menge recht offenkundig zu machen, auf einer großen Ebene vor dem Schloſſe, unweit der Auffahrt, den ganzen Abend verſammelt bleiben und tanzen. Nachdem das Mahl, wobei der treffliche Wein alle Lebensgeiſter erfriſcht und erhoben hatte, beendigt war, eroffnete ſie ſelbſt den Ball mit Manzares, der uͤber das Laͤcheln, womit ſie ihm ſo unerwartet wieder entgegen kam, entzuͤckt war, obgleich ſie ihm ebenſowenig, wie den uͤbrigen um ſie ſchwaͤr⸗ menden Maͤnnern, eine beſondere Aufmerk⸗ ſamkeit bewies; ſie war nur mit undeutlichen Traͤumen beſchaͤftigt, die ſie froͤhlich ſtimm⸗ ten. Nur eine kurze Stunde wurde, nach⸗ dem es ganz dunkel geworden war, dazu ver⸗ wendet, das Feuerwerk abbrennen zu ſehen. Als die bunten Freudenſterne, die ſich zu Donna Concha's vollem Namen vereint hat⸗ ten, wieder erloſchen waren, begann der Ball aufs Nene. Sie hatte ſeit zwei Jah⸗ ren nicht getanzt; heute ſchien ſie das Ver⸗ ſaͤumte nachholen zu wollen. An eine fre⸗ velnde Entweihung, wovon die Vorſtellung ſie fruͤher beaͤngſtigt, mahnte ſie kein unheim⸗ liches Gefuͤhl mehr— ihre Gedanken ſchweb⸗ ten immer weiter von dem Orte fort, wo ih⸗ re leichten Fuͤße ſich dreheten. Oben hallte die Muſik betaͤubend in der gewoͤlbten Halle wieder, unten, auſſerhalb des Gebaͤndes, toͤn⸗ te ſie beſcheidener in das große Gewoͤlbe des Himmels hinauf; allein die Tanzenden unten, ſo wie die Tanzenden oben, hatten, nur mit ſich ſelbſt beſchaͤftigt, ſich wechſelsweiſe ver⸗ geſſen. Da ſtuͤrzte auf einmal die erſchrockene Dienerſchaft in den Saal, den Namen Hor⸗ queta laut ausſchreiend. vHorqueta le wieder⸗ holte die ploͤtzlich wie zu Stein gewordene Verſammlung.»Wie? Wo 24 „Durch den Garten læ erwiederte der zit⸗ ternde Haushofmeiſter. NEiner ſeiner Leute hat ſich unbemerkt uͤber den Hof bis zu dem vorderen Schloßthore geſchlichen, und es zu⸗ geriegelt; wir ſind von den Unſrigen da draußen voͤllig abgeſchnitten.«* »Zu den Waffen« ſchrie Manzares er⸗ blaſſend, ſchnell aus einer Seitenthuͤre ſtuͤr⸗ zend; einige junge Maͤnner folgten ihm nach— aus allen Rebenthuͤren ſtroͤmte die wogende, laut kreiſchende Verſammlung, ohne ſelbſt zu —— wiſſen, was ſie that, hinaus. Nur Wenige hatten bemerkt, daß bereits unter der vorher⸗ gehenden Erklaͤrung der fuͤrchterliche Raͤuber mitten unter ihnen ſtand, daß in demſelben Augenblicke mehrere bewaffnete, graͤßliche Ge⸗ ſtalten durch die großen Fluͤgel der Hauptthuͤ⸗ ve des Saales eingetreten waren. Unter die⸗ ſen Wenigen befand ſich Donna Concha; auch ſie war wie erſtarrt ſtehen geblieben, aber keine beklemmende Angſt, ein Gefuͤhl, wie von ſiegender Freude, durchzuckte ihre Adern. Nicht erbleichend, vielmehr von ei⸗ nem ſchoͤnen Muthe erroͤthend, mit Freund⸗ lichkeit in dem ſtrahlenden Auge ſtarrte ſie, einen Schritt nur ihm eutgegenſchreitend, den fuͤrchterlichen Raͤuber an. Er war ein ſchoͤ⸗ ner, noch junger Mann; zwar hatten rohe, ſtuͤrmiſche Leidenſchaften tiefe Furchen in ſeine Stirne, in ſeine bleichen, wilden Zuͤge ge⸗ zogen; aber jeder Ausdruck in dieſen rief laut, daß er ein Mann ſey. War es dieſe Empfindung, oder war es der Ring, den ihr —,— — — Blick ſuchte und an ſeinem Finger fand, was ihr Herz ſtuͤrmiſch, freudig, unwiderſtehlich zu ihm hinzog. Sie bemerkte kaum, daß die Mutter, die Arme gegen ſie ausſtreckend, halb ohnmaͤchtig in die Knie geſunken, zu ihren Fuͤſſen lag; bemerkte nicht, daß Er laͤ— chelnd den Seinigen einen Wink gegeben: Alle aus dem Saale entflichen zu laſſen, und vor die Thuͤren zu treten, um jeden neuen Eindrang zu verhindern. Sie ſah nur ihn. Er warf einen begierigen Blick auf das von Silber uͤberladene Buͤffet, auf die maſſiven Leuchter und die Koſtbarkeiten, die ihm von allen Waͤnden, von dem Boden ſelbſt, wo die flichenden Damen, in ihrem Schrecken, freiwillig ihren Schmuck hingeworfen hatten, entgegen ſtrahlten; dann rief er laut:„Fuͤrch⸗ tet nichts, inſofern Euch das Leben theurer iſt, als dies Gold und Silber, das ihr nicht braucht, um zu athmen.« Aber ploͤtzlich ver⸗ ſtummte er, ſo wie ſein Blick auf Donna Concha's zauberiſche Anmuth traf, und immer 4 laͤnger, immer feſter auf ihr verweilte. Ge⸗ wohnt, nur entſtellender Angſt und bleichen, zitternden Zuͤgen zu begegnen, mußte ihn dieſe aufrechtſtehende, furchtlosblickende Ge⸗ ſtalt, in dem vollen Glanze der Schoͤnheit und der Jugend, befremden; auch ſein Herz fuͤhlte ſich von einem Zauber, dem aͤhnlich, der Donna Concha's ſich bereits bemaͤchtigt hatte, ergriffen. Mein lk rief er auf einmal entſchloſſen. MNichts von dem Allen, nur ſie— ſie wiederholte er, und ſank wie vor einem Hei⸗ ligenbilde vor dem Maͤdchen, die Arme, wie flehend, gegen ſie emporſtreckend, nieder. „Stecke jenen Ring an meinen Finger, und ich muß die Deinige ſeyn le ſagte ſie ge⸗ preßt. Dieſen Ring*4 rief er frendig verwirrt. „Ja le verſetzte ſie, veben dieſen, inſofern Du ihn einem Finger abgezogen, der ſich jetzt nicht mehr regt!« »So iſt es,« fuhr er fort. vIch habe Murviedro getoͤdtet; der Raſende ließ ſich mit mir in einen Zweikampf ein.« vIch bin die Deinige! Komm le „Tochter! Tochter lK ſchrie auf einmal Donna Lauvedra auf. »Arme Mutter K ſagte dieſe ſchmerzlich; »„Du weißt, ich habe es geſchworen l »Und wenn er nuns— verſetzte die Mutter, alle Kraͤfte zuſammenraffend— vbe⸗ reits ein Weib hat?4 Donna Concha erbleichte. Dann«— fluͤ⸗ ſterte ſie zitternd— diſt mein Schickſal ent— ſchieden; und ehe die Sonne wieder ſinkt, laſſe ich mir die Haare abſchneiden, und tauſche das Brautkleid, das Du mir geſchenkt, mit einem kloͤſterlichen Gewande.« »Ich habe keins l« ſagte Horqueta, zum erſtenmal vielleicht vor Freude und Ueberra⸗ ſchung ohge Faſſung. t »So komm le rief däs Maͤdchen. Die Roſen kehrten gluͤhend auf ihre Wangen zu⸗ 4* 6 — ruͤck. Weine nicht, Mutter le verſetzte ſie, einen heiſſen Kuß auf ihre Haͤnde druͤckend, vund gieb mir, wenn ich fern bin, Deinen Segen. Ungluͤcklich wird Deine Tochter nicht werden; denn ich liebe ihn.— Seit Minuten weiß ich, was Liebe iſt.— Aber thue, was Du Deinem Namen ſchuldig, und verbirg mein Geheimniß— ſage, daß er mich ent⸗ fuͤhrt habe.« „Das thue ich.— Mit allen Schaͤtzen hier, mit den freien Athemzuͤgen dieſer haſen⸗ herzigen Wichte habe ich die Braut erkauft rief er, und eilte mit ihr nach dem Ausgange des Saals. Auf einen Wink zogen die be⸗ waffneten Raͤuber ſich von den uͤbrigen Thuͤ⸗ ren zuruͤck, wo ſie, wenigſtens bei einer, ei⸗ nen eben nicht ſehr heftigen Anfall unter Manzares Anfuͤhrung widerſtanden hatten. Nun mit ſeinen Begleitern hineinſtuͤrzend, wollten ſie durch die Fluͤgelthuͤre der Ge⸗ raubten nacheilen, wurden aber von Horque⸗ ta's, zur Deckung ſeines Ruͤckzuges aufgeſtell⸗ —— ten Gefaͤhrten zuruͤckgehalten. So geſchah es auch beim Eingang des Schloſſes, deſſen Thor erſt eingerennt wurde, nachdem die Entfliehenden ſchon den Garten betreten, wo⸗ hin die Raͤuber, ihnen nach, und immer fechtend ſich langſam zuruͤckzogen, indeß die Vorderſten ſchon auſſer dem Bereich der Mauern waren; ſelbſt den zuletzt Zuruͤckbleibenden gelang es ohne Muͤhe zu entkommen, waͤh⸗ rend die noch immer zitternden Gaͤſte, in den Saal zuruͤckkehrend, die verzweifelnde Mutter umgaben, die Kraft genng uͤbrig behalten, ſie anzuflehen, das entfuͤhrte Maͤdchen zu retten. vEntfuͤhrt?« wiederholte der zuruͤckkehrende Manzares bitter. Es war, als klaͤnge ein dunkler Zweifel in dem Tone ſeiner Stimme, der indeſſen wohl nur eine Frucht ſeines Un⸗ muths und des Schauders vor Donna Con⸗ cha's ahnungsloſem Ausſpruche ſeyn mochte; und kaum war das Lhor wieder ſrei, und die Raͤuber verſchwunden, als die Gaͤſte, und — — mit ihnen Manzares, zu Pferde und zu Wagen ſich nach allen Seiten zerſtreuten, waͤhrend die troſtloſe, jetzt auch kinderloſe Wittwe mit der beſtuͤrzten Dienerſchaft al⸗ lein zuruͤckblieb. So war Donna Concha's ſonderbare Ueberzeugung von der Stoͤrung eines Feſtes, das nun erſt der armen Mutter zu ſpät als ein Frevel gegen die Manen ihres Gatten erſchien— ein Frevel, den ſie mit ſchwerer Reue buͤßen mußte— in Erfuͤllung gegangen. Sie ſollte die theure Tochter nie mehr wiederſehen. Bald befanden ſich die Raͤuber mit Don⸗ na Concha in ihrem praͤchtigen Anzuge, der dennoch ſo unerwartet ihr Brautkleid werden ſollte, in den unzugaͤnglichen Gebirgsſchluch⸗ ten in voller Sicherheit. Sie ſchienen indeſ⸗ ſen unzufrieden mit der leichten Beute, die nur dem Anfuͤhrer zu Theil geworden war. Gluͤcklicher aber, als er ſich vielleicht je ge⸗ — fuͤhlt, ſchien er wenig darauf zu merken, waͤhrend er ſie nach ihrem verborgenen Zu— fluchtsorte fuͤhrte, wo er durch eine Verthei⸗ lung eines großen Theils ſeiner eigenen Habe, auf die er weniger Werth als zuvor zu ſetzen ſchien, die allgemeine Zufriedenheit in erhoͤhe⸗ ter Fuͤlle zuwege brachte. Waͤhrend die Un⸗ tergebenen ſich nun wilden Hochzeits-Orgien uͤberließen, warfen er und ſeine Braut ſich in einfachere Kleider— deren er genug von al— len Arten aufbewahrte, denn auch er hatte einen beſſeren, wenigſtens ausgezeichneteren Anzug getragen— und ſo begaben ſich Beide allein zu einer mehr abgelegenen als entfern⸗ ten Kapelle, deren geiſtlicher Huͤter, ſey es nun durch ihr Flehen, oder durch ein rei⸗ cheres Geſchek, als ihr Aeuſſeres erwarten ließ, bewogen, ſie unaufloͤßlich verband. Dann eilten ſie zuruͤck. Horqueta's Gattin mußte ihren vorigen wreichen Anzug wieder anlegen und erſchien ſo wit dem Braͤutigam, der ſich nicht weniger gläͤnzend, obgleich phantaſtiſch geſchmuͤckt hatte, bei dem Gaſt⸗ mahle der Raͤuber. Von dieſem Augenblicke hing ſie an dem gewaͤhlten Gatten mit treuer Liebe, die nicht allein ſein Herz ganz auszu⸗ fuͤllen, ſondern ſelbſt ſeine wilde Rohheit zu mildern ſchien. Er ſegnete ſeine Spaͤher, die, ſo wie rings herum in der Gegend, er auch bei ihrem Feſte gehabt, welche zuerſt durch den ſchnellen Bericht von der Betrof⸗ fenheit und Verwirrung, die das Geruͤcht von ſeinem Anfall auf das Schloß Murviedro's unter der Verſammlung auf ihrem Gute er⸗ regt hatte, und ſpaͤter durch die Anzeige von der bevorſtehenden Ankunft der zu ihrer Sicherheit herbeigerufenen Franzoſen ihm den Entſchluß eingefloͤßt, ſchnell ſeine ganze Macht zu verſammeln, um, trotz des verhaßten Bei⸗ ſtandes, ſein Anſehen durch einen verwegenen Streich noch mehr zu erhoͤhen, und eine rei⸗ che Beute zu machen. Das Ausbleiben der Huͤlfe hatte ſein Unternehmen unblutig ge⸗ macht. Donna Concha laͤchelte. Es war, als fuͤhlte ſie ſich innerlich uͤberzengt, daß weit mehr als ſeine Spaͤher die Gewalt ih⸗ res Geiſtes, ihr ſelbſt unbewußt, ihn herge⸗ rufen haͤtte; aber ſie verbarg ihm, wie ſehr die Erfuͤllung ihres geheimſten und heiſſeſten Verlangens ſie in ſeine Arme gebracht. Wußte ſie doch ſelbſt nicht, ob ihr raſcher Entſchluß das Werk der erreichten Rache oder der Ge⸗ walt einer plotzlichen Liebe, die bei dem An⸗ blicke des ſchoͤnen, muthigen Mannes, deſſen kuͤhne That den lauernden Gram in ihrem Buſen in ſuͤße Genugthuung verwandelt hat⸗ te, ihr ganzes Weſen durchſtroͤmte, oder vielleicht das Werk beider geweſen. Von ihrem Leben in den Waͤldern mehre⸗ re Monate hindurch koͤnnen wir nur einen hoͤchſt unvollſtaͤndigen Bericht geben. Nur wiſſen wir, daß ſie unter der Bande, eine Fran zu ihrer Bedienung ausgenommen, das einzige Weib war. Zwar waren mehrere Raͤuber verheirathet, aber ihre Frauen lebten ruhig in der Heimath, oder dienten auf ein⸗ — zelnen Hoͤfen, wo ſie eine Art Spaͤherdienſt verrichteten. Nichts aber konnte Donna Concha bewegen, ſich von dem Manne zu trennen, dem ſie ſich einmal ergeben hatte. Seine Leidenſchaft und die Gefahr ihrer La⸗ ge entſprachen ihrem Entſchluſſe; auch mußte wohl dieſer Vorzug dem Hauptmann einge⸗ ſtanden werden. So verlebten ſie, wie es ſcheint, die Honigmonate ihrer Ehe in einem Zauberrauſche, waͤhrend deſſen ſie wenigſtens ſich nicht ungluͤcklich fuͤhlte. Ihre Umgebung entſprach, wo nicht ihren Sitten, ſo doch ih⸗ rem kuͤhnen Jugendmuthe, der fruͤher uͤber die glaͤnzenden Worte ihrer feinen aber blut⸗ ſcheuen Anbeter geſpottet. Was ſonſt ſchroff und verletzend ihr dennoch zartes Gemuͤth be⸗ ruͤhrt h wuͤrde, zog nun weniger verwun⸗ dend an dieſem voruͤber, weil alles, worauf ihr Auge ſiel, von den helleren, inneren Strahlen der begluͤckten, zuvor nie gekann⸗ ten Liebe uberguͤldet war. Die zaͤrtliche Sorg⸗ falt des Vaters, der ſich in der Tochter ſo „ — 55— gern einen Sohn getraͤumt, und die eigene, durch ihre broͤtenden, duͤſteren Jugendtraͤume geſtaͤhlte Seele, erwarben ihr die Achtung und Bewunderung der rohen Umgebung. Sie zitterte nicht, wo ein anderes Weib in Ohn⸗ macht gefallen waͤre; wo dieſe ſich entfaͤrbt haͤtte, verſchoͤnerte ein ſtaͤrkeres Erroͤthen ihre Wange, eine feſte Entſchloſſenheit ihr Gemuͤth; dieſer gelang es oft, mitten unter Raub und unter rohen Ausbruͤchen der Leidenſchaft, ſol⸗ chen mit gebietender Willenskraft Einhalt zu thun, Leben zu retten, Blutvergießen vorzu⸗ beugen. Sie verſtand auf ein Haar mit der Piſtole zu treffen, und uͤbte zuweilen an Voͤ⸗ geln und Blumen dieſe Kunſt zu allgemeiner Bewunderung der Raͤuber und noch groͤßerer Liebe ihres Gatten aus. Wahrßhlich auf ihr Geheiß, oder auch von einem nicht ganz ausgeſtorbenen Zartgefuͤhle geleitet, verließ Horqueta mit ſeiner wilden Schaar ihre vaͤ⸗ terlichen Gegenden, und ſtuͤrzte ſich durch die iberiſchen Gebirge und Waͤlder, in welchen — 0 er mit ſchlauem Scharfſinne die geheimſten und verborgenſten Schlupfwinkel aufzufinden verſtand, in die Laͤndereien von Murcia, ja verbreitete ſelbſt in Valencia Angſt, Schrecken und Verheerungen. Aber allmaͤhlig mußte doch der Rauſch, der ſich Donna Concha's ganzen Weſens be⸗ maͤchtigt hatte, verdunſten. Ungemach und Beſchwerden vermochten wohl ihren friſchen Jugendmuth, der ſich in den Waͤldern immer heiterer und kuͤhner entwickelte, nicht zu beu⸗ gen; aber die Rohheit, die Gemeinheit, der Durſt nach Gold, Blut und Granſamkeit, der ſie umgab, beruͤhrte ſie immer unangeneh⸗ mer. Ihre leiſen Bemuͤhungen, das, wie ſie ahnte, in fruͤherer Zeit edle Gemuͤth des Gatten aus dem Schlamme der Verworfen⸗ heit, worein es verſenkt war, emporzuziehen, zu erheben, gelangen ihr nur in den voruͤber⸗ gehenden Augenblicken, wo ſein Herz, von ih⸗ ren zauberiſchen Liebkoſungen ſchwellend, ſich weniger einer beſſeren Wirklichkeit als phanta⸗ — — — — 35 ſtiſchen Traͤumen hingab. Der gebietende Ruf ſeiner Gefaͤhrten zog ihn immer wieder in die wilde Verruchtheit hinab. Sie ſchau⸗ derte insgeheim, wenn ſie Zeuge davon war, wie er ſelbſt an ihrer Seite ſich rohen Orgien uͤberließ, und dennoch war es, als koͤnnte ihr Herz von der Hoffnung nicht laſſen, wohl⸗ thaͤtig auf ihn wirken zu koͤnnen, wenn ſie ſah, wie er nur laͤchelte bei dem wilden Ge⸗ laͤchter der Uebrigen, zwar, das Mahl mit ge⸗ ſundem Appetit theilend, den Wein mit ih⸗ nen in langen Zuͤgen trank, aber nie mit ih⸗ nen Zoten riß, und mehr einen ſchweigenden Zuhoͤrer als eifrigen Theilnehmer bei den haͤu⸗ ſigen Gelagen abgab. Ja, ihre Liebe kam ihr ſogar heilig und ehrwuͤrdig vor, denn es galt ja eine theure Seele, die ſie ſich gewonnen hatte, zu erretten; darum durfte ſie nicht verzagen. Zwar erfuͤllte immer mehr eine ge⸗ heime Trauer ihr Herz; eine liebevolle Sehn— ſucht zog ihre Gedanken auf die verlaſſene Mutter zuruͤck, von der ſie ſeit ihrer ſchnellen Flucht nicht das Geringſte gehoͤrt, und wegen der immer groͤßeren Entfernung auch nichts hatte erfahren koͤnnen. In ſolchen Augen⸗ blicken, bei einem ernſten Blick auf eine Lage, von der ſie nie getraͤumt, fuͤr die ſie nicht geboren war, und uͤber welche alle Kraͤfte ih— rer Seele ſich erhaben fuͤhlten, ſchlich ein ge— heimes Grauen durch ihr Herz. Dieſe Au⸗ genblicke wurden immer haͤufiger, und dehn⸗ ten ſich allmaͤhlig zu Stunden aus. Ihre Schwermuth entging Horqueta's faſt eifer⸗ ſuͤchtigem Scharfſinne nicht. Immer mehr erregte ſie ſeinen Unmuth, zuweilen ſeinen Spott; aber die flehenden, thraͤnenvollen Blicke der Gattin brachten ihn mit einer Art Reue gleich zum Schweigen. Der wilde Horqueta war wirklich zahmer, milder gewor⸗ den. Die Raͤuber ſelbſt gewaͤhrten ihr eine Art von Achtung dadurch, daß ſie in ihrer Gegenwart leiſer als fruͤher ſprachen, und den dankbaren Blick, die kleinen Geſchenke, wo⸗ mit ſie jede Unterwerfung unter ihren Willen —— 6 belohnte, ſchaͤtzen lernten; doch empfand ſie tief eine gewiſſe Leere in ihrem Herzen, die ſie mit keinen Troſtgruͤnden ihrer reichen Phan⸗ taſie auszufuͤllen vermochte. In einer ſolchen ſchwermuͤthigen Stunde ſaß ſie einmal tief ſinnend in den Waͤldern von Murcia, an einen Baum gelehnt. Hor⸗ queta und mehrere ſeiner Gefaͤhrten, er in ernſtere Gedanken als gewoͤhnlich verſenkt, waren in ihrer Naͤhe gelagert. Er hatte nach mehreren Seiten Spaͤher ausgeſchickt, denn unten an der Landſtraße wollte man ein fran⸗ zoͤſiſches Streiſcorps, und in dem hoͤheren Gebirge uͤber ihnen mehrere Abtheilungen von? Guerillas bemerkt haben. Der Auſmerkſam⸗ keit Beider mußte er, deſſen Thaten und Verheerungen ihn zum Feinde aller Partheien gemacht hatten, zu entgehen ſuchen. Da. vernahm Donna Concha's Ohr eine laute, laͤrmende Bewegung in ihrer Naͤhe; allein dieſe riß ſie nicht aus ihren Gedanken empor, weil ſie aͤhnlichen Laͤrms nur zu gewohnt war, bevor die Worte Horqueta's: Mieder mit ihm! Es iſt ja nur ein Franzoſe K ſcharf ausgeſprochen in ihr Ohr drangen. Sie erhob die Augen. Drei Raͤuber, einen bleichen, entwaffne⸗ ten jungen Mann in halb zerriſſener Uniform umgebend, ſtanden vor ihr. Ein Blick auf ihn, und ſie erkannte— trotz den von inne⸗ rer Bitterkeit entſtellten Zuͤgen— Buignol⸗ les. Tief erroͤthend ſprang ſie mit ſchneller Entſchloſſenheit auf.„Wann, 4 rief ſie, vſah ich Horqueta, nach beendigtem Kampfe, den Befehl zur Ermordung eines Wehrloſen er⸗ theilen 74 „Es iſt nur ein Franzoſe,« wiederholte dieſer, vein Feind des Vaterlandes l« vUnd biſt Du es denn nicht auch?4 ſagte ſie feſt— Fein Feind der Freunde wie der Fremden? Warum wollt Ihr ihn ermor⸗ den 74½ „Was ſollen wir mit ihm thun?*« entgeg⸗ nete Horqueta. Gefangene koͤnnen wir — 55— nicht mit uns herumſchleppen, und in un— ſere Reihens— fuͤgte er duͤſterer hinzu— „wird er wohl ſchwerlich eintreten.« Buignolles ſah auf; ein Blitzſtrahl aus ſeinem Auge verrieth, daß er Donna Concha erkannt. Sie bemerkte es und warf ihm ei⸗ nen Blick zu, der ihm Schweigen gebot. Wie iſt er in Eure Haͤnde gefallen 4 fragte ſie. »Wir kamen eben recht,« berichtete einer der Raͤnber, vum Zeuge zu ſeyn, wie ein uͤberlegener Guerillashaufen von oben herab mit ſeinen Kugeln in einem Hohlwege eine kleine Schaar Franzoſen niedermetzelte. Ver⸗ theidigung war dieſen unmoͤglich— ſie ſuch⸗ ten nach allen Seiten zu entkommen.— Die⸗ ſer Herr ſprang in die Gebuͤſche, aber wir verfolgten ſeine Spur.— Von hinten um⸗ klammerten wir ihn; Degen, Achſelbaͤnder und einen ſchweren Beutel mit Gold hat er uns laſſen muͤſſen.« — — „So hat er ſich geloſt K rief Donna Con⸗ cha mit entſcheidendem Tone. „Nieder mit dem Franzoſen le ſagte Hor⸗ queta rauh und duͤſter; ver kann uns nur ſchaden und zu nichts nuͤtzen.« Ein gebietender Wink der Frau hielt die erhobenen Saͤbel zuruck; ſie ſtuͤrzte ſich ſchnell vor die Muͤndung der Piſtole, die Horqueta ſo eben anlegte. Mir kann er nuͤtzen, Hor⸗ queta le rief ſie gepreßt.„Du weißt, wie es mich quält, daß ich von der Mutter ſo gar nichts erfahre. Du haſt mir verſprochen, wo moͤglich Erkundigung von ihr einzuziehen, aber unſere Lage, die Vergeblichkeit des Wag⸗ ſtuͤckes, einen von den Unſrigen hinzuſchicken, hat bisher die Erfuͤllung verſchoben. Laß ihn meinen Boten ſeyn!— Er wird die Sendung tren ausrichten.« „Du kennſt ihn?4 ſagte Horqueta betrof⸗ fen. „Ich habe ihn geſehen,« erwiederte ſie mit einem feſten Blick auf Buignolles,„da ich noch nicht Horqueta's Frau war. Sieh, unſere Heiligen haben ihn geſendet, um die Sehnſucht Deiner Gattin zu ſtillen, und damit Du wieder ein heiteres Laͤcheln auf ihren Lippen erblickeſt. Laß ihn die Tanbe ſeyn, die ein Helblatt des Friedens meinem Herzen bringe.— Kannſt Du mir dies ver⸗ weigern 24 Und kannſt Du glauben, daß er uns nicht verrathen, daß er zuruͤckkehren werde 74 „Des Erſten bin ich gewiß« verſetzte ſie;»und zuruͤckkehren ſoll er nicht! Gieb ihm einen zuverlaͤſſigen Wegweiſer durch iberiſchen Gebirge mit; wenn er die Gren⸗ zen von Jaen erreicht, wo ja noch franzoſi⸗ ſche Truppen ſtehen, wird er, in ihrer Naͤhe entlaſſen, ſelbſt fuͤr das Uebrige ſorgen.— Laß nur michl« fuhr ſie raſch fort, als Hor⸗ queta ſie ſinnend anhoͤrte.„Buignolles l wendete ſie ſich auf franzoͤſiſch, das ihr Gatte allein verſtand, zu dem Officier. vWollen Sie die gute Mutter aufſuchen, Sie allein 4 6 Buignolles nickte. „Sagen Sie ihr im geheim, nicht eben was Sie geſehen, aber daß ich nicht ungluck⸗ lich bin, daß ich meinen Gatten liebe und„ ehre, daß er mir noch keine Bitte, die er erfuͤllen konnte, abgeſchlagen. Sie ſelbſt ſind Zenge davon; und dann beruhigen Sie ihr Herz, ſo gut Sie es koͤnnen. Schmuͤcken Sie meine Lage mit Ihrer Phantaſie aus. Die gute Mutter darf um ihr verlornes Kind ttrauern, aber ſeinetwegen nicht leiden. Sa⸗ Sie ihr die Wahrheit, daß nur Beſorg⸗ ß um ſie mein einziger Kummer iſt.— Moge ſie mir einige Nachrichten zukommen laſſen!— Legen Sie ihr ans Herz, unſer Geheimniß tren zu bewahren, und mir den braven Joſe' Riaz mit einer Botſchaft zu ſenden. Der Alte iſt uns Beiden treu. Er moͤge nach Murcia gehen, und ſich in der unweit dieſer Gegend liegenden Venta di WPablos einige Tage aufhalten, bis er mich ſicht oder von mir hoͤrt.— Er wird ſich i — 56 wohl vor umherſtreifenden Truppen zu huͤten wiſſen. Dies Zeichen«— fuͤgte ſie hinzu, ihm ein ſolches, das ſie eben von Horqueta empfangen hatte, hinreichend— vwird ihn ſicher durch Waͤlder und Schluchten fuͤh⸗ ren.« Buignolles ergriff mit dem Zeichen ihre Hand, die er mit einem unbeſchreiblichen Blick an ſein Herz druͤckte. Da trat Hor⸗ queta hervor, gebot, daß man dem Fremden das zerriſſene Kleid ſo gut wie moͤglich her⸗ ſtellen, und daß der Bote, den er zugleich aus dem Haufen erwaͤhlte, ihm den Degen, deſſen Werth er den Raͤubern erſetzte, bei der Trennung zuruͤckgeben ſollte; dann ergriff er die Hand der Gattin und zog ſie, ohne ſelbſt ein Wort mit dem Gefangenen, auf den er ſtolz hinab ſah, zu wechſeln, mit ihr zuruͤck. Wie gefaͤhrlich dieſe Bande den Schloͤſ⸗ ſern, und den Reiſenden zu Wagen und Pferde auch ſeyn mochte, ſahen doch die — Landleute, die in ihren niedern Wohnungen vor jeder bedeutenden Beeintraͤchtigung ſicher waren, eben keinen Feind in ihr. Nur Furcht vor den Behoͤrden vermochte ſie, trotz den Unruhen der Zeit, ſich als Widerſacher der Raͤuber zu ſtellen, wäͤhrend ſie ihnen im geheim Vorſchub leiſteten. Daher kam es auch, daß die Bande hin und wieder, des Lebens in dunklen Hoͤhlen und unbequemen Schluchten uͤberdruͤſſig, ſich zuweilen in ge⸗ ringer Anzahl in die Haͤuſer der Landleute begab, ſich gegen gute Bezahlung das eben Vorraͤthige ſchmecken ließ, und auf die aus⸗ geſtellten Poſten vertrauend, wohl auch da⸗ ſelbſt uͤbernachtete.— Haͤufig beſuchte Hor⸗ queta unter andern die Venta di Pablos, wo er beſonders gut, obgleich nicht ohne Aengſt⸗ lichteit, aufgenommen ward, aus Beſorgniß vielleicht, daß dieſe naͤchtlichen Beſuche ent⸗ deckt werden moͤchten. Indeſſen ſchien eben ſo ſehr Furcht als Wohlwollen bei dieſer guten Aufnahme in der Gegend obzuwalten, und — es entging den Raͤubern nicht, daß man uͤberall ihr Betragen genau beobachtete, und ſelbſt mit verborgenen Waffen verſehen war; dennoch ließen ſie nichts davon merken, um nicht muthwillig einen doch angenehmen Er⸗ friſchungsort einzubuͤſſen. Indeſſen waren zwei lange Monate ver⸗ ſtrichen, ohne daß irgend eine Nachricht von Jaen eingetroffen waͤre. Donna Concha hat⸗ te die gaͤnzliche Unwiſſenheit geduldig ertragen koͤnnen, aber dieſe frendig⸗ſchmerzliche Erwar⸗ tung nicht.— Ihre Sehnſucht und Schwer⸗ muth ſtieg mit jedem Tage, bis zum bangen Herzklopfen; dazu kam noch, daß ſie ſich gu⸗ ter Hoffnung fuͤhlte, und ihr jede Gemuͤths⸗ bewegung, jede fruͤher fuͤr nichts geachtete Beſchwerde immer unerträglicher wurde. Es war ihr, als wenn mit dem Gedanken an das Ungeborene, deſſen leichte Bewegungen ſie allmaͤhlig wahrnahm, ein vorher ungeahneter Abgrund ſich vor ihren Blicken oͤffnete. Kaum vermochte es ſie zu troͤſten, daß Horgqueta 6 1 — 72— mit jedem Tage nachgiebiger und zaͤrtlicher wurde. Die Hoffnung, Vater zu werden, hatte ſeine Aufmerkſamkeit und Schonung gegen ſie vermehrt. Haͤufiger beſuchten ſie Beide mit ihren Getreueſten die Venta, und hielten ſich daſelbſt immer laͤnger auf. Endlich eines Abends, als die tiefbetruͤbte Frau an der Seite des Gatten und eines ſeiner Gefaͤhrten— ein anderer war auf Po⸗ ſten ausgeſtellt— in die geraͤumige Kuͤche der Venta trat, erblickte ſie in einfacher Klei⸗ dung einen alten Mann, in welchem ſie den Haushofmeiſter der Mutter, Joſe' Riaz, er⸗ kannte. Sie gab Horqueta einen Wink. Unter dem Vorwande noch groͤßerer Vorſicht, die bei ihren immer haͤufigeren Beſuchen viel⸗ leicht auch noͤthig war, ſchickte er den ihn begleitenden Raͤuber auch zur Wache aus, und erſt, nachdem er ſo mit dem Alten und der Gattin allein geblieben war, forderte dieſe den treuen Boten zum Reden auf. N „Was bringt Ihr, Joſe' Riaz*½ fragte ſie ihn, ohne den durchdringenden, bekuͤmmer⸗ ten Blick, den er auf ſie, und den verſtohle⸗ nen, erbitterten, den er auf Horqueta warf, bemerken zu wollen.„Was macht die Mut⸗ ter?4 vIch bin ein Bote des tiefſten Friedens,« erwiederte er mit zitternder Stimme,„denn Donna Lauvedra, den Verluſt der Tochter nicht verſchmerzend, hat ſich zur Ruhe bege⸗ ben. Nach ihrer Entfuͤhrung, Donna, war⸗ fen Sehnſucht und Kummer ſie bald auf ein Krankenlager, das allmaͤhlig ihre letzten Kraͤfte aufrieb. Sie ſchlummert nun an der Seite des Gatten. Sie uͤbertrug mir, ihren muͤtterlichen Segen, und noch etwas, das Ihr allein ahnen koͤnntet, wenn Ihr deſſen beduͤrftig zu ſeyn glaubtet, Euch zu brin⸗ gen.« „Sie hat mir verziehen le ſeufzte die er⸗ griffene Frau ſtill fuͤr ſich. Gott ſey gelobt! aber konnte ich denn anders?— Nun, Al⸗ — ter! fuhr ſie, ſich ermannend, laut fort. „Dann«— verſetzte er— vhauchte ſie, wenige Tage hernach, in den Armen des Franzoſen ihre Seele aus.« „Gott iſt mir gnaͤdig l fluͤſterte Donna Concha.„Es hat ihrer letzten Stunde an treuer Sorgfalt nicht gebrochen. Sie hat ei⸗ nen Abglanz meines Schmerzes in ſeinen Blicken geſehen.— Siehſt Du, Horqueta le rief ſie, ſich vergeſſend, laut,»Gott hat uns fuͤr ſein Leben ſchon belohnt.« vUnd die Guͤter, die reiche Rachtaſen⸗ ſchaft der Verſtorbenen? wie ſteht's damit 4 unterbrach ſie Horqueta. „Der Vetter Manzares«— verſetzte Joſe' Riaz— vhat alles verſiegeln laſſen, und als näͤchſter Erbe uͤbernommen, bis Donna Con⸗ cha wieder erſchiene, und eine den Behoͤrden genuͤgende Ausweifung ihres Wandels ſeit ih⸗ rer Entweichung— ſo hat er ſich a druͤckt— darlegen koͤnne,« „Ruhig, Horqueta K vat die Gattin, mit einem ſtolzen Laͤcheln, den aufbrauſenden Mann. Auch ſcheint es,« fuhr der Bote fort, „daß Donna Lauvedra an der Rechtlichkeit des Vetters ſchon im voraus gezweifelt haben mag; denn ſie hat eine huͤbſche Summe in Gold heimlich aufgenommen oder zuſammen⸗ geſpark, die ſie Euch als einen geringen Er— ſatz eines ien Verluſtes nach⸗ laͤßt. 6 Wo haſt Dn ſie 76 fragte Horgueta. „Ich habe ſie gar nicht, Seüor!« ent⸗ gegnete Joſe Riaz mit einem faſt unmerkli⸗ chen Laͤcheln der Zufriedenheit.»Die Ster⸗ bende hat das Gold dem Franzoſen uͤberge⸗ ben, der ihr verſprechen mußte, es aufzube⸗ wahren, bis eine Stunde großer Noth, die eihr halb verklaͤrter Blick vorauszuſehen glanb⸗ te, es der Tochter erſt recht willkommen ma⸗ chen wuͤrde, vorausgeſetzt, daß ſie jene erleb⸗ te. Das hat er willig verſprochen, obgleich — ℳ —„ ungern das Gold empfangen; und damit iſt meine Sendung zu Ende.« Horqueta ſchwieg verdrießlich.„Du ſollſt mit uns eſſen,« ſagte Donna Concha— »nicht wahr, Horqueta? ich habe ihn noch ¹ nach vielen Dingen zu fragen.« „Wenn Du es wuͤnſcheſt,« gab er zur Antwort.— Sie ließ den Tiſch zu Drei dek⸗ ken. Horqueta ſtand indeſſen ſinnend am Fenſter.— Nicht ohne Befremden entdeckte ſie, waͤhrend ſie geſchaͤftig an allem Antheil nahm, aus dem halblauten Geſpraͤch mit den 5 Bewohnern der Venta, daß Joſe Riaz, nicht blos ein alter Bekannter des Hanſes aus weit fruherer Zeit war, ſondern ſie glaub⸗ te zugleich aus mehreren mitleidigen Winken zu bemerken, daß er ihre Verhaͤltniſſe, ſo wie er, der, wie alle in der Heimath, an eine Entfuͤhrung glaubte, ſie kannte, nicht ver⸗ 3 ſchwiegen habe, und muthmaßte daher, daß er, im Verein mit den Bewohnern des Hau⸗ der ſich hier bereits zwei Tage aufgehalten, 3 ℳ — ſes, vielleicht darauf ſaͤnne, wie er ſie aus einer Gefangenſchaft, die ſie, nach ſeiner Meinung, zwar geduldig, jedoch mit Haß im Herzen ertruͤge, durch einen Gewaltſtreich be⸗ freien koͤnne. Sie wurde in dieſer Vermu⸗ thung beſtaͤrkt, als Joſe' ihr im Voruͤberge⸗ hen zufluͤſterte: wie ſtark ihre Bedeckung ſey? vZehn MannlK gab ſie ſchnell beſonnen zur Antwort. »Ihr irrt Euch gewiß,« raunte er ihr kurz hernach zu.»Hier im Hauſe wil von nicht mehr als einem, hoͤchſtens Mann wiſſen; doch ſeyd gutes Muthes, n ren ihrer auch zwanzig la Eine heſtige Angſt befiel die licbende Frau. Horqueta hatte ſich eben vom Fenſter wieder umgedreht, ließ ſich ſchon im voraus am Ti⸗ ſche nieder, und goß Wein in ſeinen Becher. Donna Concha ſtand ihm gerade uͤber im vol⸗ len Lichte bei einem Rebentiſche, wo er ſeine Piſtolen hingelegt hatte. Da es ihr ſo un⸗ — 78— möglich war, unbemerkt und ohne Verdacht, ja vielleicht ohne großes Unheil zu erregen, geben zu koͤnnen, trat ſie mit ſchneller Ent⸗ ſchloſſenheit zu den Waffen hin, und nahm die eine, auf einen Vorwand ſinnend, um dieſe auf eine argloſe Weiſe in die Haͤnde des unbewaffneten Gatten zu ſpielen, in die Hand. Glaubte vielleicht Joſe' Riaz in dieſem Treiben die Abſicht zu erkennen, ſich eines 2 Vertheidigungsmittels, das dem Gegner ab⸗ 3 ging, zu verſichern? genug, Donna Concha K. ſah ihn, ohne ſich um die ab⸗ und zugehen⸗ den Hausgenoſſen zu kuͤmmern, ploͤtzlich, mit einem ſchnellen, ermuthigenden Blicke auf ſie, ſich dem Gatten leiſe hinter ſeinem Ruͤcken wit aufgehobenem Dolche naͤhern. Statt ängſtlich warnend außzuſchreien, faßte ſie eben ſo ſchnell einen kraͤftigeren Entſchluß.— Ehe noch Joſe' Riaz zuſtoßen konnte, ſank er durch einen Piſtolenſchuß blutend zu Bo⸗ dem treuen Diener einen verneinenden Wink 1 — 36— den. Horqueta ſprang betroffen auf; ſchnell und beſonnen ergriff die Gattin ſeine Hand, und zog ihn raſch mit ſich aus der Thuͤre, und nachdem ſie den ausgeſtellten Poſten ein Zeichen gegeben, zogen ſie ſich alle in großer Eile nach dem Walde zuruͤck; und noch be⸗ vor die durch dieſe That eben ſo empoͤrten als erſchrockenen Bewohner der Venta, deren augenblickliche Ueberraſchung bald in ein miß⸗ billigendes Murren uͤberging, unter welchem ſie zu den Waffen griffen, ihnen nachſetzen konnten, hatte die Eile und Beſonnenheit der Raͤuber jede weitere Verfolgung vergeblich ge⸗ macht. Joſe Niaz war indeſſen nicht ſo⸗ gleich todt. Es war, als muͤſſe er noch vor dem Tode Zeit“haben, das bittere Gefuͤhl, von der getoͤdket zu werden, zu deren Ret⸗ tung er froh das Leben eingeſetzt, in Worten auszugiehen; doch kaum war dieſes geſchehen, als Mitleid und Ergebenheit aufs Neue ſieg⸗ ten.„Die Ungluͤckliche muß behert ſeyn! Der verruchte Raͤuber hat die arme Entfuͤhrte — 80— durch Zauber an ſich gefeſſelt. Mein Blut wird ihn loſen.«— Das waren ſeine letzten Worte. Es ſchien, als ſolle die Wahrſagung des Sterbenden wenigſtens in einer Beziehung in Erfuͤllung gehen. Das fruhere gute Verſtänd⸗ niß mit den Landleuten der Gegend war durch dies Ereigniß geſtort.— Der undankba⸗ re Meuchelmord des Ränberweibes an dem al⸗ ten treuen Diener, der ſie hatte befreien wol⸗ len, erregte allgemeinen Abſcheu, und warf einen dunklen Schatten auf ſie, die vorher als ein leidender Engel, obgleich nichts in ih⸗ rem Weſen dazu aufforderte, bemitleidet wor⸗ den war. Die Raͤuber wurden nun auf die Gebirge und ihre Hoͤhlen beſchraͤnkt, von wo ſie nun immer wildere, ſchonungsloſere Streif⸗ zge, ſelbſt gegen die Haͤuſer der Paͤchter und Lanvleute machten, um das durch dieſe Be⸗ ſchruͤnkung vermehrte ungemach der Gattin ihres Hauptmanns zu raͤchen, die durch ihre Entſchloſſenheit nicht blos in ihrer Achtung, — ſondern wo moͤglich ſelbſt in Horqueta's Liebe gewonnen hatte. Dies feindliche Verhaͤlt⸗ niß kam ihm um ſo ungelegener, als die Zeit nahete, wo die geliebte Fran groͤßerer Sorg⸗ falt und zarterer Pflege bedurfte. Die Stun⸗ de ihrer Niederkunft ruͤckte heran. Allein ihre Beſonnenheit fand bald Rath. Als Reiſende gekleidet, welche der Zuſtand des Einen, der Frau nehmlich, zum Stillliegen noͤthigte, kehrten ſie in einem abgelegenen, aͤrmlichen Flecken ein, wo Horqueta men nur vom Hoͤrenſagen bekannt, ne Perſon nie geſehen worden war⸗ großer Vorſicht ſchlich er des Nachts in nahen Wald, wo er mit ſeinen Getreneſten zuſammentraf, denen er indeſſen uͤbertragen, die Unternehmungen zu leiten. Niemand in dem Flecken ſchoͤpſte Verdacht; in ungeſtorter Ru⸗ he genas Donna Concha von einem Knaben, den ſie mit muͤtterlichem Entzuͤcken an ihre Bruſt druͤckte. Doch bald verſchmolz dies in eine beinahe duͤſtere Wehmuth.»Was iſt 6 Dir, Liebe« fragte der eben ſo gluͤckliche Vater die ſichtbar beklommene Gattin. „Wie nennen wir den Jungen?« ſagte Donna Concha ſeufzend. WVerzeih, theurer 5 Mann! aber der Enkel meines Vaters darf keinen Namen tragen, der Entſetzen einfloͤßt und Abſcheu erregt.« „Wie hieß Dein Vater?4 „Don Caͤſar K „Nun, ſo nenne ihn ſo l „Um den Taufnamen war ich nicht verle⸗ gen— ja! er heiße Cäſar!— aber— Hor— quetal— fuͤgte ſie ſinnend ſo ſcharf hinzu, daß der Gatte in Ungewißheit blieb, ob ſie durch den Namen einen Vorwurf ausſprach, oder ihn nur rief. „Was willſt Du?4 fragte er. „Leugne es nicht,« verſetzte ſie,„auch haſt Du mir es fruher zu verſtehen gegeben, daß Du ſonſt einen anderen Namen getra⸗ gen habeſt. Laß unſern unſchuldigen Sohn den unbeſcholtenen Namen ſeiner Großeltern — 88— tragen.“ Horqueta! ich habe noch nie nach Deiner Familie gefragt; aber nun muß ich ja.« vIch wars— ſagte er finſter— vein ent⸗ arteter Sohn, ihres Namens unwuͤrdig; ich habe mir geſchworen, ihn zu verſchweigen, und doch habe ich den Eid einmat ſo halb und halb umgangen, indem meine Feder die geheimen Buchſtaben zog.« „So thue es noch einmal; laß Deinen Eid nicht zum Meineide werden, indem er Deinen Sohn ſeines heiligſten und ehrwuͤr⸗ digſten Erbtheiles beraubt.« Mein l entgegnete er, vaber um Deinet⸗ willen ſteht er in dem Kirchenbuche' der Ka⸗ pelle der Santa Maria de los Dolores, wo unſere Haͤnde zuſammengefuͤgt wurden.« „Koͤnnen wir denn dahin?« ſeufzte ſie, ihm einen zaͤrtlichen Blick zuwerfend; vund noch heute, noch in dieſer Stunde ſoll er getauft werden.« 6* — — 84— »Ich habe geſchworen, den Namen nie laut zu nennen.« „So fluͤſtere ihn mir zu, ſo wie er doch wohl zuweilen auf Deinen eigenen Lippen ₰ ſchwebt; ich bin ja auch die Haͤlfte Deines Weſens.« Er that es. Sie nickte freudig; und als nun der Pfarrer zur Taufe bereit ſtand, uͤber— gab die Mutter ihm, unter einem Vorwande, der in einem Lande voll Verdacht und Empoͤ⸗ rung leicht zu erſinden war, eine Weiſung an das Kirchenbuch der Santa Maria de los Dolores auf die Namen der Eltern, die dort. an einem gewiſſen Tage, und zu einer ge⸗ wiſſen Stunde getraut worden waren.— Es ſchien, als waͤre ihr in dieſem Namen ein Hoffnungsſtern aufgegangen, der ihr eine ſtil⸗ le, verborgene Zukunft erwuͤnſcht, und die loͤſtige Gegenwart noch unertraͤglicher machte. Ach! es war ja auch von dem Augenblicke an, wo ſie an Horqueta's Hand) mit dem Kinde an ihrem Herzen, die Waͤlder und Schluch⸗ 3 — — 85— ten wieder betrat, als muͤſſe der Fluch des von ihr vergoſſenen Blutes ihr mit jedem Schritte verderbendrohend entgegen grinſen. Die Raͤuber hatten die Abweſenheit des Haupt⸗ manns benutzt, um auf ſeine Rechnung mit ruckſichtsloſer Willkuͤhrlichkeit ſcheußliche Grau⸗ ſamkeiten, ja ſelbſt Kirchenraub zu begehen, welche, beſonders der letztere, ſelbſt in den Augen ſeiner immer wenigeren Anhaͤnger Hor⸗ queta's Namen ſchaͤndeten. Die Behoͤrden, von der Noth gedrungen, ja ſelbſt die franzd⸗ ſiſchen Truppen, obgleich ſo gut wie zum Abzug aus Spanien geruͤſtet, ſchickten, der eigenen Sicherheit wegen, Streifcorps nach den immer verwegeneren Raͤubern aus; und faſt das erſte, was Donna Concha erfuhr, als ſie mit dem Gatten ihren noch ſichern Schlupfwinkel erreicht hatte, war, daß alle Behoͤrden einen bedeutenden Preis auf Hor⸗ queta's Kopf, er moge todt oder lebendig ein⸗ gebracht werden, geſetzt hatten, waͤhrend die ausgeubten Siünſmten und ſelbſt ihre Geſchichte, beſonders der letzte Vorfall, alles bis zur Unkenntlichkeit entſtellt, uͤberall der Gegenſtand der Tagesgeſpraͤche waren. Auch wurde jedem niedern, ſich ſelbſt anzeigenden, Raͤuber vollkommene Amneſtie zugeſagt. Von dieſem Augenblicke an ſchien ein ſtets ſteigen⸗ des Mißtrauen alle inneren Bande der Naͤu⸗ berſchaar allmaͤhlig aufzuloͤſen. Der vorige ſtrenge Gehorſam wurde immer lockerer; die Theilung der immer ſeltneren Beute ging nie ohne Streit ab; die Mehrzahl verweigerte den Hauptleuten den vorher zugeſtandenen groͤſſeren Antheil. Horqueta's kraftvolle Ent⸗ ſchloſſenheit und noch ein Reſt ſeines vorigen Anſehens waren hoͤchſt noͤthig, einer volligen Anarchie in dem kleinen Reiche vorzubengen. Auch begannen ſie allmaͤhlig Mangel zu lei⸗ den, zwar nicht an Geld und Geldeswerth, wovon, trotz des uͤppigen Lebens, noch ein ziemlicher Vorrath vorhanden war, ſondern an Lebensmitteln, die nur ſchwer zu erhalten waren, weil ſie ſich ſowohl ſelbſt, als die 5 auflauernden Truppen ihnen den Zugang in die Doͤrfer und in die Poſaden verſperrten⸗ Demnach ſiel nun auch heimliches Ausreiſſen toͤglich vor. Die Entlaufenen ſchienen jedem Einzelnen noch gefaͤhrlicher, als die zuruͤckblei⸗ benden ſtreitſuͤchtigen und mißtrauiſchen Ge⸗ faͤhrten. Verraͤtherei, Angebereien, ſelbſt Mord, waren immer mehr zu befuͤrchten. Zuletzt waren nur noch ſechs Raͤuber, Hor⸗ queta mit ſeiner Frau ausgenommen, uͤbrig — das dienende Weib war ſchon-laͤngſt mit ihrem Manne gefluͤchtet— und ſechs bis ſieben andere waren vor einigen Tagen auf eigene Hand zu einem Hauptſtreich ausgezo⸗ gen, und noch nicht zuruͤckgekehrt. Wenn ſie aufgefangen waren, und nun die Uebrigen verriethen? Wiewohl Donna Concha mit ge⸗ heimer Freude, mit ungeduldig klopfendem Herzen, der nahen Aufloͤſung der Bande ent⸗ gegen ſah, war doch ihre und Horqueta's La⸗ ge zu bedenklich, als daß nicht ſchwarze Ah⸗ nungen, die jenes Gefuͤhl uͤberwogen, ſich in ihrem Herzen haͤtten zuſammendraͤngen ſollen, wie ſehr ſie auch in muͤtterlicher Sorge ſuͤr das geliebte Kind ihrer Liebe— deſſen Daſeyn indeſſen ihre vorige Kuͤhnheit in immer baͤn⸗ gere Beſorgniſſe verwandelt zu haben ſchien— ſie zu unterdruͤcken ſtrebte. Da trat in einer Nacht, als ſie eben ein⸗ geſchlummert war, Horqueta, ſie leiſe zupfend, vor ihr Lager.»Komm4 fluͤſterte er ihr ins Ohr,»wir muͤſſen entfliehen; ich habe die Schurken belanſcht. Sie uͤberlegten unter ſich, wie ſie mich am leichteſten fangen und ausliefern koͤnnten; freilich habe ich noch Freunde unter ihnen, aber wer weiß, wie lange? Sie ſind ſo eben einig geworden, uns vor der Hand ſcharf bewachen zu wollen; wir haben keine Zeit zu verlieren. Morgen iſt es vielleicht zu ſpaͤt K Sie gehorchte ſchnell und beſonnen, raff⸗ te ihre unentbehrlichſten Sachen ſtill zuſam⸗ men, und wollte eben das Kind aufheben. »Der Knabe moͤchte uns verrathen,« ſagte — 89— Horqueta mit dumpfer Stimme; plaß ihn lieber lK Sie gab ihm keine Antwort, warf ihm nur einen unbeſchreiblichen Blick zu, den er eben ſo wenig wie ſie ſeine Zuͤge in dem ungewiſſen truͤben Scheine der Nachtlampe unterſcheiden konnte, und ſchloß, ohne ſich ſtören zu laſſen, das Kind um ſo feſter in ihre Arme. Er hatte indeſſen Geldboͤrſe und Piſtolen zu ſich geſteckt, einen kleinen Sack mit den ihnen noch uͤbrigen Lebensmitteln auf den Nacken geworfen, und nachdem er auch ihr ein Paar Piſtolen gereicht hatte, ſchlich der kleine Zug unbemerkt, durch einen ihm faſt allein bekannten Nebenausgang, aus der Hoͤhle, und ſchlug einen Pfad ein, auf dem ſie hoſſen durften, nicht verfolgt zu werden. — Es war immer die Gewohnheit wie das Geſchaͤft Horqueta's geweſen, die geheimſten Pfade und Schlupfwege in den Gebirgen aufzuſinden, und die ſich kreuzenden und ſchwer zu entdeckenden, engern Schleichgaͤnge, — 5 womit jene mit einander in Verbindung ſtan⸗ den, waren ein Geheimniß, das er gern ſich ſelbſt vorbehielt. Es war ſeine Abſicht, vor der Hand eine Zuflucht in der Sierra More⸗ na zu ſuchen; aber der Weg dahin war nicht ohne Gefahr.— In dieſer Nacht und an dem ganzen folgenden Tage war es ihnen gelun⸗ gen, einen Vorſprung zu gewinnen, der Hor⸗ queta's Hoffnung beſtaͤrkte, den gefaͤhrlichen Spießgeſellen wenigſtens zu entrinnen. Gluͤck⸗ licherweiſe war er in der Morgendaͤmmerung auf ein geſatteltes Maulthier getroſſen, das einer Poſada entlaufen zu ſeyn ſchien; dieſes hatte er aufgegriffen, und dadurch der todt⸗ muͤden Gattin mit ihrem Kinde keine geringe Erleichterung verſchafft. Nachdem ſie nun wieder bei Sonnenun⸗ tergange geruht, und ſich durch ein ſpaͤrliches Mahl erquickt hatten, ſetzten ſie die Reiſe mit gleicher Behutſamkeit fort. Obhleich ſie noch immer durch dicke Waldungen zogen, waren ſie doch gezwungen, um das vorgeſetzte —— — — — — — 914— Ziel zu erreichen, einen Pfad einzuſchlagen, der hin und wieder dicht hinter Doͤrfern und an einzelnen Gehoͤften voruͤber fuͤhrte, wo moͤglicher Weiſe Verraͤther aus der eigenen, zerſtreuten Bande ihnen auflauern, oder ſie auf Guerillas ſtoßen konnten, die vielleicht ſogar zur Jagd auf ſie ausgeſchickt waren. Horgueta ermahnte daher die Gattin, kein lautes Wort zu ſprechen, waͤhrend er ſelbſt, nachdem er dem Maulthiere Stroh unter die Fuͤße gebunden hatte, dieſes, das ſeine Gat⸗ tin mit dem Kinde trug, vorausgehend am Zuͤgel nachzog. Der Vollmond war ſo eben aufgegangen, und warf ſein unſicheres Silberlicht durch die in dem»Winde hin und her rauſchenden Wi⸗ pfel junger Baͤume herab, das zuweilen von kleinen, ſchnell voruͤberziehenden Wolken ver⸗ dunkelt wurde. Donna Concha, die Haͤn⸗ de uͤber der leiſe ſchwellenden Bruſt des Kindes anduͤchtig gefaltet, betrachtete ſinnend den kleinen Schatten, den ſie und das Maul⸗ —— thier, dicht neben ihr, von ſich warfen. Auf einmal bemerkte Horqueta in der tiefen Stil⸗ le, die in den Augenblicken, wo der Wind nicht wehete, rings um ſie herrſchte, daß ſie weinte. „Warum ſchluchzeſt Du?« fragte er lei⸗ ſe. vIch ſinne«— ſagte ſie mit gepreßter Stimme— vuͤber eine heilige Geſchichte.« „Nun, welche*4 vAch l« verſetzte ſie, vhaſt Du ſo ganz die frommen Lehren der Jugend verlernt? Denkſt Du nie an ſie zuruͤck?— Sieh Dich um: ſie wird auch Dir aufgehen, denn wir ſtellen ſie ja dar: die Flucht nach Egypten.— Zwar bin ich ein armes Weib, weit entfernt, eine ſchuldloſe Maria zu ſeyn, ſo wie Du kein ehrlicher Joſeph, und der ſuͤße Knabe, wie engelrein er mich auch anlaͤchelt, kein— doch ja, Horqueta!— er kann uns, Dir wie mir, ein Erloͤſer, wenigſtens ein Mittler werden.— Der Name, der ſein Eigenthum waſchen und naͤhen, Du kannſt, wenn es iſt, hat ja einen guten Klang in den Ohren der Leute; nehmen wir dieſen von ihm wie⸗ der an— mit dem, mit einer ruͤſtigen Geſund⸗ heit uud unverdroſſenen Haͤnden koͤnnen wir noch das Gluͤck erringen, das uns nie ent⸗ flieht, dem wir aber ſelbſt den Ruͤcken zuge⸗ kehrt haben. Wirf das Gold weg, deſſen Verſuchung Deine Haͤnde in Blut gefaͤrbt, mit fremder Habe befleckt und uns noch im⸗ mer mit Unheil droht.— Ich will fuͤr Leute am ſchlimmſten gehet, Holz ſpalten; es bringt genug ein, um ehrlich zu leben, und unſerm Sohne, der uns ſchnoͤden Reichthum erſetzt, ein gutes Beiſpiel zu geben.« „Woher kommen Dir ſolche Gedanken 74 entgegnete Horqueta duͤſter— ſonſt biſt Du nicht ſo kleinmuͤthig geweſen. Koͤnnen boͤſe Buben und Uufaͤlle ſo leicht den Muth brechen, der meine Seele an die Deinige ge⸗ bunden hat? —— „Ich fuͤrchte jene nicht; Du ſollſt mich auch nicht zittern ſehen, wo es mir ſelbſt gilt; aber ſeit ich Mutter bin,« fuͤgte ſie mit leichtem Stolz hinzu, vbin ich eine Andere geworden, und habe einen beſſeren Muth be⸗ kommen.« „Still, ſtill lg ſagte er gebietend.„Der Mond ſcheint hell, und wir kommen bald hin, wo Menſchen wohnen.« Der Zug ging ſchweigend immer weiter. Da ſtrauchelte das Maulthier, und veranlaßte einen heftigen Ruck, wobei das Kind erwach⸗ te. Es fing laut zu weinen an; vergebens ſuchte die Mutter es zum Schweigen zu bringen. Horqueta fluchte leiſe in den Bart. Auf einmal, als das Schreien immer aͤrger wurde, yielt er das Thier an.„Weible ſagte er,»wenn wir nicht Beide verderben wollen, muͤſſen wir uns des Knaben entledi⸗ gen. Hier iſt keine Wahll „Was willſt Du thun?« rief die Frau erſchrocken. — —— „Still, und ſey vernuͤnftig! Ich kenne die Gegend, und weiß genau, wo wir ſind. Zwei Buͤchſenſchuͤſſe von hier ſteht die ſteiner⸗ ne Huͤtte des ehrlichen Gomez. Zwar ſucht er ſelbſt noch, hoffe ich, das verraͤtheriſche Geſindel im Zaum zu halten, und kommt uͤberdies, wie Du weißt, ſelten nach Hauſe; aber ſein Weib iſt daheim; freilich eine alte, gebrechliche, boshafte Katze, aber treu und verſchwiegen, wie er— wir wollen ihr unſe⸗ ren Knaben vor der Hand ih Obhut geben.« Mein la war die beſtimmte Antwort; vich traue dem finſteren Gomez nicht— ſeine Luchsaugen haben in den letzten Tagen jeden meiner Schritte bewacht.« Aus guten Gruͤnden: weil er fuͤr unſere Sicherheit beſorgt war; als ich die vorige Nacht ihr geheimes Geſpräch belauſchte, war er der Einzige, der eifrig fuͤr mich ſprach. Glaube mir, wir waͤren nicht hier, haͤtte er ſich nicht recht derb ins Mittel gelegt, und ihrer unſinnigen Wuth kalte Eniſchloſſenheit 3 entgegen geſtellt. Er hat unſer Leben ſo gut wie gerettet; wir duͤrfen ihm vertrauen.« vIch gebe mein Kind nicht in Raͤuber⸗ haͤnde le verſetzte Donna Concha entſchloſſen. vEs ſoll die Bruſt der Mutter nicht entbeh⸗ ren, nicht in einem ſo zarten Alter verpeſtete Athemzuͤge einathmen.« „In Raͤuberhaͤnde?4 wiederholte Horqueta dumpf; vbin ich denn beſſer 24 »Wir ſind ſeine Eltern— und in Deinem Herzen wohnt noch Liebe!— darauf vertraue ich. Riefen auch alle Gerichte, tanſend fromme Engelſtimmen: Horqueta iſt ein Ver⸗ ruchter, ein verlornes Geſchoͤpf— eine leben⸗ dige Hoffnung in meiner Seele wuͤrde laut widerſprechen. Thue, was Du willſt; den Jungen gebe ich nicht her.— Still, ſtill, mein ſuͤſſes Kind! ſtill! Das Kind war wieder ruhiger geworden. Horqueta ſchwieg muͤrriſch; der Zug ging langſam weiter. Mehr als eine Viertelſtunde mochte wohl vergangen ſeyn, da fing auf ein⸗ —— mal der Knabe wieder an zu ſchreien.— Horqueta hielt beſtuͤrzt wieder an. Verdammte Rachſicht l« ſagte er in e— nem wilden Tone.„Siehſt Du dort die Doͤrfer? Es iſt noch fruͤhe; die Leute ſchla⸗ fen nicht. Mache, daß er den Augenblick ſchweige, oder bei meinem Schwerte, es durchbohrt ihn, haͤtte er auch eine Haut von Stahl! Es gilt doch ſeinem Leben und dem unſeren.« Komm zu Dir ſelbſt, Du raſeſt!« er⸗ wiederte aͤnſſerlich ruhig, inßerlich bebend Donna Concha, die, ohne ſich mit dem Kin⸗ de zu beſchaͤftigen, mit feſtem Blicke jeder ſeiner Bewegungen folgte— denn ſie kannte ihn, und wußte, daß da, wo es dem Leben galt, er, immer entſchloſſen, nur zu leicht Ernſt aus ſeiner Drohung machen koͤnne— waͤhrend ſie eben ſo entſchloſſen die Piſtole aus der Satteltaſche hervorzog, und im Her⸗ vorziehen mit der rechten Hand den Hahn auf⸗ ſpannte. Das Kind ſchrie immer aͤrger. 7 ——— — „Du ſpotteſt meiner K rief Horqueta auſ⸗ ſer ſich, ſelbſt im Kampfe zwiſchen Verzweiſ⸗ lung und Zaͤrtlichkeit— vnun denn— es muß ſeyn, lieber als Dich auf dem Schaffot zu ſehen.« Er erhob raſch das Schwert— ſey es nun, daß das Verhaͤngniß des mit Verderben drohenden Augenblickes ſich ſeiner bemaͤchtigt, oder daß er ſie nur zu ſchrek⸗ ken gedachte— aber zu gleicher Zeit druckte ſie mit ihrer gewoͤhnlichen Sicherheit die Pi⸗ ſtole ab, und das Schwert fiel klirrend aus ſeiner Hand. „Biſt Du toll, Weib 24 ſagte er, durch ihre Entſchloſſenheit ploͤtzlich wieder beſonnen, indem er das Schwert aufhob, und den Zuͤ⸗ gel des Maulthiers wieder ergriff. vHaſt mich erſchießen wollen? den Gatten, deſſen Leben Du vor Kurzem gerettet 24 Wollen wiederholte ſie, in Thraͤnen ausbrechend.„Es gilt kein Wille, wo eine Gewalt gebeut, die ſtaͤrker als der Wille iſt: die Gewalt der Wnt Ich liebte Dich, — Horqueta, das erſtemal, als mein Blick Dich ſah, mit einer wahrhaften Liebe. Du haſt mich tief, tief in einen Schlamm hin⸗ abgezogen, deſſen Flecken ſich nicht abwa ſchen laſſen, und ich liebe Dich noch innig und treu; dennoch iſt dieſer Knabe mir noch theurer. Du und ich— und ein Beſſerer als wir Beide, ſind in ihm vereint. Ein Kind iſt die Dreinigkeit der Liebe. Gott hat ihn mir anvertraut, ſo wie Dir auch! Ich habe nur fuͤr ihn gethan, was Du fuͤr mich thun wollteſt; verzeihe mir l Sie reichte ihm die Hand, er ſchuͤttelte ſie ſtumm, und zog ſchweigend weiter. Ach! keines von Beiden ahnete, daß jener Piſtolen⸗ ſchuß ihr Schickſal bereits entſchieden hatte. Horqueta hoͤrte dicht neben ſich hinter den Gebuͤſchen die Blaͤtter raſſeln. Er lauſchte mit verhaltenem Athemzuge; das Geraͤuſch ſchien ſeine Schritte zu begleiten.“ Auf ein⸗ mal hielt er die Schritte an; doch noch bevor er der Piſtole eine ſtimmte Richtung geben 7* — 100— 7 konnte, theilten ſich die Gebuͤſche, und Go⸗ mez ſtand vor ihm. „Laßt ab, Horqueta la fluͤſterte er.»So habe ich mich doch nicht geirrt; dachte ich doch, Ihr wolltet Zuflucht in meinem Hauſe ſuchen, und bin deshalb Euch nachgeeilt!— Aber Ihr ſeyd zu weit herabgekommen; ein Gluͤck, daß mir, der ich aͤngſtlich nach Euch herumgeſpaͤhet habe, der Piſtolenſchuß Euch verrieth. Kehrt um, ſchnell, ſchnell! dort lauert eine ganze Brigade, um Euch aufzu⸗ fangen; ſie koͤnnen auch den Schuß gehoͤrt haben. Ihr muͤßt auf ein Paar Tage bei mir vorlieb nehmen.— Meine Alte habe ich zu ihrer Muhme geſchickt, damit ſelbſt nicht ein Schein von Unvorſichtigkeit nur Euch be⸗ unruhigen moͤge.« »„Du ſiehſt, Fran, daß auch hier eine hoͤhere Gewalt gebietet,« fluͤſterte ihr Hor⸗ queta mit gutmuͤthigem Spott ins Ohr; vich will Gomez vertrauen, und muß mich in das Unvermeidliche Feen.— Zu unſe⸗ —— 3 rem Heil haſt Du ſelbſt ihn herbeigeru⸗ fen l ½ Seufzend ließ ihn Donna Concha das Maulthier wenden, und bald waren ſie in die raͤucherige Huͤtte gelangt.— Der ſonſt ſo rohe, finſtere Gomez war hier in ſeiner Hei⸗ math die Gefalligkeit ſelbſt. Nur ein karges Mahl konnte er auftragen, hartes, faſt un⸗ genießbares Brod, Zwiebeln und Salat; um ſo beſſer war der Wein, den die Maͤnner, der Wirth, wie es ſchien, beſonders nicht ſparten. Er wollte der Mutter, waͤhrend ſie Beide noch immer bei dem Weinſchlauch ſaſ— ſen, ihr Nachtlager in einer Nebenkammer anweiſen, aber ſie beſtand darauf, das Stroh mit dem Gatten zu theilen, das fuͤr ihn im Ueberfluß ſchon bereitet war, und warf ſich, in ihren Mantel gehuͤllt, darauf; doch ſchloſ⸗ ſen ſich die Augen nicht, wie ermuͤdet ſie auch war, bevor ſie nicht auch ihn ſich nie⸗ derlegen geſehen, und Gomez in die Neben⸗ kammer ſich begeben hatte. Das Kind ruhete — 1— — zwiſchen Beiden; ſie hatte ſich an die uͤuſſere Seite gelegt, als wollte ſie Beide bewachen. Dennoch ſchlief ſie ruhig und feſt ein. Kurz nach Mitternacht wurde ſie durch ein ſonderbares Geraͤuſch, das ihr doch nur dunkel vorſchwebte, aus dem Schlafe ge⸗ ſchreckt. Das Zimmer oder vielmehr die Kuͤ⸗ che war durch eine Lampe am Feuerheerd truͤ⸗ be erhellt.— Sie hob ſich, auf die Hand geſtuͤtzt, halb in die Hoͤhe.— Es war alles ruhig, nur die Kammerthuͤr ſtand offen. Eine Bewegung hinter ihr bewog ſie, den Kopf ſchnell umzudrehen. Gomez kniete noch dicht an der Wand, neben der blutigen Leiche des Gatten, dem er durch einen behenden Schnitt mit einem ſcharfen Meſſer die Gur⸗ gel abgeſchnitten hatte; das kurze Roͤcheln des Sterbenden hatte ſie erweckt, und nun erblickte ſie den Mörder, wie er lauernd ei⸗ nen Strick in der Hand hielt, um ihn ihr uͤber den Kopf zu werfen. Mit einem Sprung erhob ſie ſich vom Lager, und ergriff die Pi⸗ — 103— ſtole, welche ſie mit ſchlauer Vorſicht unter dem Stroh verborgen; allein eben ſo ſchnell hatte der Verraͤther das ſchlafende Kind er⸗ griffen, hielt es wie ein Schild vor ſich hin, und ſagte barſch: FZielet nur gut, Frau!« WVerruchter!« rief ſie mit verſagender Stimme, vuͤbſt Du ſo die Gaſtfreundſchaft aus? Er bauete auf Deine Treue; Du haſt ihm die vorige Nacht das Wort geredet, und nun—4 „Hile ſagte Gomez.»Was werft Ihr mir da vor? Sollte ich vielleicht den Preis, der auf ſeinen Kopf geſetzt iſt, mit fuͤnf Lum⸗ pen theilen? Nein! das Ganze, oder lieber gar nichts. Er dachte es klug zu machen; aber ich war doch noch kluͤger. Er war nicht mein Gaſt, ich habe ihn nur in die Falle gelockt.— Hebet die Piſtole hinweg, Frau! dann lege ich das Kind nieder; denn ich muß Eure zarten Haͤnde binden.« „Binde meine Fuͤſſe, Gomez, binde mei⸗ nen ganzen Leib an die Wand feſt,« ſagte ſie⸗ — 104— doch im gefaßten Tone, Haber laß mir die Haͤnde. Der arme Wurm«— rief ſie herz⸗ zerreiſſend, indem ſie das Kind ergriff und es an ihren Buſen druͤckte— braucht ihre Huͤlfe! ich ſchwoͤre es Dir, zu nichts anderm will ich ſie verwenden.« Er ſchloß ſie in das Zimmer ein, aber ſo groß war noch die Gewalt, welche ihre ge⸗ woͤhnliche Wuͤrde uͤber dies rohe und harte Gemuͤth ausuͤbte, daß Gomez bei dem erſten Laut ihrer jetzt klangloſen Stimme, vor der ruhigen, kaltſcheinenden Ergebung, zu der ſie Seelenſtaͤrke genug uͤbrig hatte, die Augen niederſchlug, und waͤhrend er ſſe an die Kam⸗ merwand mit einer eiſernen Kette feſſelte, zitterten ihm die Hände, die ſicher und feſt einen neuen Mord ausgefuͤhrt haben wuͤr⸗ den. Dann verſchloß er das Haus und eite hinweg, aber bald kam er mit einem Paar bewaffneter Bauern und einem Karren wie⸗ derz auf dieſen hoben ſie die arme Frau mit dem Kinde, legten hinter ihrem Nuͤcken in das friſche Stroh, damit der Anblick ſie doch nicht zu ſehr erſchuͤttern moͤchte, den Kopf des Gatten, und ſo fuhren ſie nun auf ei⸗ nem bequemeren, obgleich gewoͤhnlich nur von Maulthieren betretenen Wege, der hinab ins Thal fuͤhrte, nach dem nächſten Flecken. Hier umſtroͤmten nun Weiber und Kinder den Karren, die hundertfach den Ruf:„Hor⸗ queta's Kopf! des grauſamen Horqueta's Kopfl« wiederholten, während ſie mit lautem Geſchrei die ſelbſt in ihrer Todesblaͤſſe immer noch ſchoͤne Frau verſpotteten. Ein Blick von ihr wuͤrde ſie ohne Zweifel zum Schwei⸗ gen gebracht haben, aber ſie erhob das Haupt nicht. Alle hre Empfindungen, alle Gedan⸗ ken ſchienen nur auf einen Punkt, auf ihr Kind gerichtet, das unſchuldig und froh, aber taub fuͤr ihren Schmerz, blind fuͤr ihr glanzloſes Auge, ihr heiter entgegenlaͤchelte. Sie merkte ſelbſt nicht, daß ſie im Flecken angekommen war, bevor man ſie abſteigen ½ — 106— hieß, um vor dem Alkalden zu erſchei⸗ nen. Gomez war ihr ſchon laͤngſt vorangeeilt, und der rohe Alkalde verſchmaͤhte es nicht, ſeine Schadenfreude an der Frau des nicht mehr gefuͤrchteten Raͤubers auszuuͤben. vEuer Name fragte er hoͤhniſch. Nun zum erſten Mal vor einen andern, als ihren inneren Richter geſtellt, empfand ſie, daß ſie, muͤſſe ſie reden, ſo viel zu ſagen hatte, daß es ihr an Worten dazu gebrach. Sie hielt das Kind in ihrem linken Arme, die Rechte preßte ſie feſt an ihre hochklopfende Bruſt, aber kein Wort wollte uͤber ihre Lip⸗ pen. »Nun! warum ſchweigt Ihr?« fuhr der Dorfrichter fort. vEi, was glaͤnzt da an Eurer Hand? ein Brillantring?6— So groß war des Meuchelmoͤrders unwillkuͤhrliche Scheu fuͤr die, welche ſeine Gebieterin ge⸗ heißen, daß er es nicht gewagt, ſelbſt waͤh⸗ rend er ſie feſſelte, ihr dieſe ihm gewiß ſonſt — ——————— ———— — ſehr willkommene Beute abzunehmen. vIhr ſeyd wohl gar das adeliche Fraͤulein, das, wie die Lente ſagen, ihn auf allen ſeinen Zuͤgen begleitet hat 4 fuͤgte der Richter hinzu. Donna Concha's Blick ruhete auf dem Kinde. Es war ihr bei dieſer Mahnung, als muthete das ſchuldloſe Weſen ihr zu, durch eine ſchnelle Erfindung es, und ſich ihm, wo moͤglich zu retten. Eine Fabel von der Entfuͤhrung, woran ja alle glaubten, ſchweb⸗ te ihr vor dem Sinne; aber da nun der Gerichtsdiener ihr den Ring behende abzog, war es ihr ein Wink, daß ſie ja laͤngſt auf⸗ gehoͤrt habe, die Tochter ihres Vaters zu ſeyn. Sie ſchwieg noch immer; und als nun der Richter hinzufuͤgte: vSprecht doch, Seño⸗ ra!— Seyd Ihr, wie auch die Leute ſagen, ſeine Frau, oder wart Ihr ſeine Metze 26 da ſchwoll der Stolz in ihrem Buſen, der ſich uͤber jede Luͤge erhaben fuͤhlte, und in— dem ſie ihren Blick zum erſten Male auf den Richter und auf die Verſammlung heftete, 2 ſagte ſie ernſt und mit Selbſtgefuͤhl:»Seine Gattin 1« „Iſt es wahr,« fragte der Richter weiter, „daß Ihr den mitleidigen Diener niederge⸗ ſchoſſen, der Euch aus den Armen des Raͤu⸗ bers reiſſen wollte, und daß Ihr ſeine treue Anhaͤnglichkeit ſo ſchlecht belohnt 24 »Er wollte meuchelmorden,« gab ſie ruhig zur Antwort. das er machher vergoſſen, habt Ihr zu ver⸗ antworten.— Weh uͤber Euch, daß Ihr nicht mit Jenem gemeinſame Sache ge⸗ macht l Alkalde læ unterbrach ſie ihn ſtolz,»Ihr habt mich ein adeliches Fraͤulein genannt; ſo iſt es! Ihr wißt, daß ich nur meines Gleichen Rede zu ſtehen habe. Schickt mich zu dem Correggidor.— Eure Rohheit empoͤrt mich! „Soll geſchehen, Seüora— Horqueta! — ich danke den Heiligen, daß Ihr mich »Einen elenden Raͤuber!— Das Blut, e — 109— ſelbſt einer ſauren Muͤhe entledigt.— Ihr ſollt ſogleich hin!— aber zuerſt— der wak⸗ kere Gomez muß ſeinen Lohn erhalten.— Kommt her— erkennt Ihr dieſen Kopf fuͤr den Eures Gatten?— Ihr nickt? gut!— ich will doch in dieſer Beziehung das Zeugen⸗ verhoͤr fortſetzen, des tapfern Gomez wegen. — Er mag Euch ſpaͤter mit dem Kopf m folgen. Fort denn! fort l« Donna Concha wurde wieder auf den Karren gebracht. Zwei bewaffnete Bauern ſetzten ſich neben ſie, vier andere begleiteten ſie zu Fuße, alle von noch ſcheußlicherem Anſehen, und nicht viel beſſer geſinnt als diejenigen, an deren Spitze ſie fruͤher im Triumphe einhergezogen. Bald bog der Kar⸗ ren auf die breite Landſtraße ein, die nach der Hauptſtadt der Provinz fuͤhrte. Auf dieſer ruͤckten ſie indeſſen nur lang⸗ ſam fort. Die Zuͤge mehrerer franzoͤſiſcher — 140— Armeecorps, die eben zu der Zeit, immer auf Vertheidigung bedacht, ſo gut wie geſchlagen, Spanien raͤumten, hatten die Wege ſo ver⸗ dorben, daß ſie beinahe nicht zu befahren waren. Auch jetzt wurde in kurzer Zeit der Karren von einem kleinen Detachement, dem Vor⸗oder Nachtrupp eines groͤßeren Corps, eingeholt. Die Landleute, die ſich auf dem Wege befanden, ſowohl als der Karren ſelbſt, ließen ſich eben nicht weiter dadurch ſtoren, als der letztere an der Seite der Straße an⸗ hielt. Die Franzoſen, der ewigen Metzeleien muͤde, zogen gern ruhig voruͤber, wo ſie kei⸗ nen Hinterhalt zu befuͤrchten hatten, und kei⸗ ne feindliche Abſicht erblickten. Mit Verwun⸗ derung betrachteten die Voruͤberziehenden den Karren, worauf, von halbbekleideten, mit Dolchen und Gewehren bewaffneten Bandi⸗ tengeſtalten umgeben, eine todtenblaſſe, noch junge Frau, ohne zu vernehmen, was um ſie her vorging, ohne ſelbſt zu merken, daß das Fuhrwerk ſtill hielt, mit einem ſchoͤnen, zar⸗ — ten Kinde an der Bruſt, an dem ihr Auge ſtarr und ſinnend hing, gefeſſelt ſaß. Meh⸗ rere Officiere hielten ſtill und erkundigten ſich bei den Bauern. Bald hallte der wohlbekann⸗ te Name Horqueta im ganzen Corps wieder. Da ſtuͤrzte ein hoͤherer Officier zu Pferde mit verhaͤngtem Zuͤgel heran. Es war Buignol⸗ les. War es Zufall, oder die Vorſehung— denn wie himmelweit dieſe beiden Begriffe auch auseinander liegen, wiſſen doch die kurzſichti⸗ gen Soͤhne des Staubes ſie in der Gegen— wart nie von einander zu unterſcheiden— was ihn in dieſem Augenblicke hergefuͤhrt hat⸗ te? Donna Concha erkennen, die Officiere ru⸗ fen, einen Kreis um den Wagen bilden, war das Werk weniger Augenblicke. Dieſe Fraus — rief er, den heftigen Sturm in ſeinem Innern bekaͤmpfend— vhat mein Leben, das Leben Eures Generals gerettet, als die Saͤ⸗ bel einiger Schurken, wie dieſe, ſchon auf meine Bruſt gezuͤckt waren. Ach, vergebens — hat meine Seele ſie geſucht, und ſo muͤſſen nun meine Augen ſie wiederſehen! Freunde, duͤrfen wir ſie zum Tode fuͤhren laſſen, weil ſie ein kuͤhner Raͤuber einſt entfuͤhrt, und ſie in ſein Ehebett geſchleppt*4 Kaum hatte er dieſe Worte ausgeſprochen, als Donna Concha bereits befreit war. Es waͤre ganz ohne Blutvergießen abgelaufen, wenn nicht Gomez, der kurz zuvor den Kar⸗ ren eingeholt, im Eifer, ſeine Begnadigung, oder aus Furcht, den Lohn ſeines Verraths geſchmaͤlert zu ſehen, die Bauern, obgleich vergebens, zur Gegenwehr ermuntert, und in ſeinem wilden Ungeſtuͤm einen entbloͤſten Dolch geſchwungen haͤtte, wodurch er jene Hoffnung, mit ſeinem ruchloſen Leben zugleich, durch einen einzigen, gutgefuͤhrten Schwert⸗ ſtreich verlor. Sie war die Einzige, die die eigene Ret⸗ tung nicht faßte. Erſt als Buignolles ſelbſt ihre Bande loͤſte, erkannte ſie ihn; ein dum⸗ pfer Schrei entfuhr ihrer Bruſt. Sie ſtreckte ————— — 113— die Arme, das Kind hoch emporhaltend, ge⸗ gen ihn aus, und ſank ohnmaͤchtig zuruͤck. So uͤbte das freudige Gefuͤhl der Rettung ei⸗ ne Gewalt uͤber ihre Secele aus, die der tief⸗ ſte Schmerz, der graͤßlichſte Anblick nicht hat⸗ ten hervorbringen koͤnnen. Erſt allmaͤhlig erholte ſie ſich wieder; aber dies freudige Ge⸗ fuͤhl ſchien verſchwunden zu ſeyn. Sie ſchwieg wie zuvor.»Seinetwegen danke ich Euch! er bedarf noch der Mutter!« war Alles, was ſie, auf den Knaben deutend, zu Buignolles ſagte.„Aber was ſoll, was kann aus ihr werden vSie muͤſſen Spanien verlaſſen, meine Freundin!« gab er ihr leiſe zur Antwort. Laſſen Sie mich fuͤr Ihre Zukunft ſorgen; ich habe heilige Rechte auf Sie geerbt, die mir in dieſem Augenblicke noch heiliger ge⸗ worden ſind, da mich die Vorſehung ſo au⸗ genſcheinlich zu Ihrer Hulfe ſandte. Ach! ich war in Gedanken mit Ihnen beſchaͤftigt; ich dachte daran, wie ich nun, da unſere Trup⸗ 8 pen, zuruͤckgedraͤngt, Spanien verlaſſen muͤſ⸗ ſen, einen wichtigen Auftrag an Sie erfuͤllen koͤnnte.« Als ſie ſich ſoweit erholt hatte, daß man ſie ein Maulthier beſteigen laſſen durfte, wollte ihr Buignolles zugleich ein Paar Pi⸗ ſtolen uͤberreichen, um ſie fuͤr den Fall eines unvorhergeſehenen Angriffs in die Sattel⸗ taſche zu ſtecken; ſie ſchob aber ſeine Hand leiſe zuruͤck.„Zweimal vor allen«— ſag⸗ te ſie— vhabe ich eine ſolche mit Er⸗ folg gebraucht; das drittemal, als ſie mir am meiſten Noth gethan haͤtte, wurde mein Arm gelaͤhmt. Ich ruͤhre keine Waffe mehr an. So wie einige Tage vergangen waren, wurde ſie ruhiger und gefaßter. Der Erho⸗ lung des Koͤrpers folgte auch die der Seele. Es wurde ihr nach und nach wie einem von einer ſchweren Krankheit Geneſenden zu Mu⸗ the. ZJe mehr ſie ſich den Grenzen Spaniens noͤherte, war es ihr, als lage die Vergangen⸗ — 115— heit wie ein fuͤrchterlicher Traum hinter ihr; der Verluſt des Ringes ſchien ſie einer pein⸗ lichen Wirklichkeit entruckt zu haben, und der Anblick ihres Kindes richtete ihre Blicke auf die Zukunft. Ganze Stunden ritt ſie, Buignol⸗ les allein an ihrer Seite, dem Truppencorps voraus.— Er betrachtete ſie mit ſchweigender, ſtiller Wehmuth, nicht wagend, das Geſche⸗ hene zu beruͤhren. Sie ſelbſt war die Erſte, * die, nachdem ihre Blicke lange mit einem leb⸗ haften Ausdruck von Dankbarkeit und Ruͤh⸗ rung auf ihm geruhet hatten, waͤhrend viel⸗ fache Erinnerungen aus einer beſſeren Zeit eine ſchwache Roͤthe auf ihre Wangen zuruͤck⸗ riefen, leiſe anfing, nach der Mutter zu fra⸗ gen. So wie ſie ihm ſelbſt einſt geboten hatte, verſchoͤnerte ſeine Phantaſie auch die letzten Stunden ihrer Mutter; bei dieſer Gelegen⸗ heit konnte er nicht umhin, Joſe' Riaz zu erwaͤhnen, und unwillkuͤhrlich ſchloß er: „Auch im Betreff ſeiner hat die Verlͤumdung 8 N — 116„— ſich an Sie gewagt.— Freilich ſoll er nicht zuruͤckgekehrt ſeyn, und davon hat Ihr Vet⸗ ter Manzares, deſſen Liebe zu Ihnen in wahren Haß verwandelt zu ſeyn ſcheint, Anlaß genommen, in Jaen eben ſo laut als laͤcherlich zu behaupten, daß Sie ihn niedergeſchoſſen haͤtten« Er wiederholte ihr nun ziemlich genan die Umſtaͤnde, die ſie beſſer kannte, und die ſchon vorgetragen ſind. „Ich habe laut widerſprochen K fuͤgte er hin⸗ zu. „Sie thaten Unrecht daran,« erwiederte Donna Concha; Idenn es iſt ſo l »Wie, Señora? den treuen Boten der Mutter——4 „So ſagen auch Sie« verſetzte ſie ver⸗ wundert. vUnd koͤnnte derſelbe Augenblick wiederkehren, ich muͤßte daſſelbe thun! Der Himmel iſt mein Zenge, wie ich ihn in mei⸗ nem Herzen beweint habe; ich hatte nur zwiſchen ſeinem und dem Leben eines gelieb⸗ ten Gatten zu waͤhlen.— Wuͤrde denn eine — 0— ſchnelle, dem von Riaz mit dem unvermeid⸗ lichen Tode Bedrohten gegebene Warnung Beider Leben gerettet haben? Durch einen kurzen Schmerz habe ich ihn von einem ge⸗ wiſſen, langſamen Martertode von den Hen— kershaͤnden der Raͤuber befreit. Ihm zu win⸗ ken war zu zweifelhaft; er haͤtte mich nicht verſtanden, und jeder Wink, von Horqueta bemerkt, mußte in ſeiner Seele den Verdacht von einem ſchaͤndlichen Einverſtändniß er⸗ regen, an dem ich eben ſo unſchuldig war, als die von mir herbeigefuͤhrten Umſtaͤnde ge⸗ gen mich zu zeugen ſchienen, einen Verdacht, oder wenigſtens ein bitteres Gefuͤhl, das ich ihm, um ſeines Zutrauens willen zu mir, erſparen mußte. So war es beſſer fuͤr uns Alle; dies ſtand in demſelben Augenblicke klar vor meiner Seele.« 5 „In demſelben Augenblicke 24 »Wuͤrde ich ſonſt auf eine freundliche Bruſt gezielt haben?— ich bin nicht ſo reich an Freunden.« —— Buignolles ſchwieg. Doch kurz hernach wiederholte er ſinnend, halblaut vor ſich hin:»Das Leben eines geliebten Gat⸗ ten?4 Es war, als haͤtte Donna Concha dieſe Aufforderung erwartet. »„Sie ſollen mich ganz kennen, mein Freund! nahm ſie ruhig das Wort— »ſo ſchlimm wie ich vielleicht bin, ſo gut wie ich zuweilen ſcheine. Sie wiſſen ja das Schlimmſte: ich war die Gattin eines Raͤubers, war es willig und gern! So hoͤ⸗ ren Sie nun auch, wie ich es geworden bin.« Mit ſchlichten Worten entwickelte ſie ihm nun die hoͤchſt ſonderbare Lage, in die ihr Geſchick, ein unfreiwilliger Durſt nach gerech⸗ ter Rache, und das eigene Herz ſie verſetzt hatten.— Er hoͤrte ſie, ohne ſie zu unterbre⸗ chen; und wo Viele und abermal Viele von den Leſern dieſer Blaͤtter ſie ohne Zweifel wenigſtens frevelhafter Verirrungen ſchuldig 2 — 119— erkennen wuͤrden, vermochte er, die noch immer geliebte und liebliche Geſtalt vor den Angen, ſie deren nicht anzuklagen— War es ihre ruͤhrende, muthige Offenheit, die klare, reueloſe Darſtellung ihres Innern, ſein eignes in Liebe und Schmerz bewegtes Herz, oder das Alles zuſammen, was ſeine geſunde Urtheilskraft beſtach? Er ſah in ihr ein durch herbe Leiden veredeltes Weſen, das zwar hicht unter die Goͤtter gehoͤrte, aber den gewoͤhnlichen Menſchen eben ſo fremd war, und er waͤre vielleicht in Worte ausgebrochen, welche die ſtuͤrmenden Gefuͤhle ſeines Buſens ihm auf die Lippen draͤng⸗ ten, wenn er ihren unverhohlenen Schmerz und ihr noch friſches Ungluͤck nicht geehrt haͤtte. ⸗ Unter aͤhnlichen Geſprächen hatten ſie we⸗ nige Tage nach dieſem die Bibaſſoa paſſirt. vSie ſind in Sicherheit, Donna Con⸗ cha,« ſagte Buignolles; vunſte Roſſe ſtam⸗ pfen franzoͤſiſche ℳ und nun beſtimmen — 120— Sie, wohin ich Sie fuͤhren ſoll. Ueberall koͤnnen Sie leben, denn Sie ſind nicht ganz arm. Sie beſitzen ein hinreichendes Vermoͤ⸗ gen in baarem Gelde, das, wie Sie ja wiſ⸗ ſen, Ihre ſterbende Mutter mir uͤberreichte, um es Ihnen in einer Stunde der Noth zu uͤbergeben. Die rechte Stunde, meine ich, iſt nun da, obgleich die Noth, Gottlob! vor⸗ uͤber iſt, die nicht mit Gold ſich Wollen Sie nach Paris hinzi werde ich bald mit Ihnen zu entreffen. Es wirde— fuhr er, von dem Gefuͤhle ei⸗ nes nahen Scheidens hingeriſſen, fort— vei⸗ ne Zeit kommen, wo vielleicht der arme Buignolles Ihnen Gefuͤhle geſtehen darf, die ſeine Bruſt fuͤr Sie erfuͤllten, bevor noch die Ihrige aͤhnlichen Raum gegeben hatte. Moͤchten Sie mir einmal geſtatten, Sie auf einen Standpunkt— ſo hoch wohl nicht, aber doch auch nicht viel niedriger, als der, wozu Sie geboren ſind— wieder zu erheben! Ihre Mutter hat in meiner Seele geleſen, 5 ſie hat ihren Schmerz erkannt, wir haben unſern Kummer um Sie zuſammenfließen laſ— ſen; ihr Segen wird Sie, wird uns beglei⸗ ten.« 3 »Buignolles g gab ſie ihm zur Antwort, vwarum Ihnen verhehlen, daß ich Sie recht gut verſtehe? warum verhehlen, daß Sie, als der unwuͤrdige Vetter Sie bei uns ein⸗ fuhrte, mir ſehr werth haͤtten werden koͤnnen, wenn nicht eine Leidenſchaft, die bei dem An⸗ blick des theuerſten Blutes in dem jung Buſen entſtand, dieſen ganz erfullt hoͤtte.— Dies iſt nun alles vorbei— ich habe nur noch eine Leidenſchaft uͤbrig: die Liebe zu meinem Sohne. Und waͤre ich auch thoͤricht genug zu waͤhnen, daß ich Sie liebe, duͤrfte ich denn eben in dem Falle vergeſſen, daß ich entehrt, wenn auch nicht in den Angen einer fremden Welt, doch in Ihrem Wiſſen, in dem meinigen, es bin?— Sie— Gene⸗ ral, bald Marſchall, bald vielleicht einer der Erſten an dem Drehres großen Kaiſers— 5 — 122— Sie wollten eine Wittwe heirathen, deren Namen ſchlechter klingt, als waͤre ſie ohne Namen, eine Wittwe, die aus treuem Her⸗ zen einen Gatten beweint, deſſen Kopf noch auf dem Schandpfahl ſteckt? Rufen Sie Ih⸗ re Ehre, Ihren ganzen Stolz hervor, und laſſen Sie uns hier, als theure Freunde, uns trennen.— Was ſollte ich, die Namenloſe, in Paris? Ich werde hier bleiben; die Ge⸗ gend iſt nicht ſchoͤn, aber von jenen Gebir⸗ ſehe ich in ein geliebtes Land, das mir, wiewohl es mich verſtoßen hat, darum nicht minder theuer iſt. Ich athme die Luft, die uͤber die Gräber meiner Eltern geſtreift, die die hingewelkten Lippen des thenren Gatten gekuͤßt! Hier ſoll mein Sohn groß werden; hier ſoll er ſein ungluͤckliches Vaterland lieben lernen. Moge er in dem Schmerze uͤber das Schickſal ſeines Volkes vergeſſen, daß die kleinern Quellen der Leiden ſeiner Mutter nie ſein Ohr beruͤhren werden.— Kaufen Sie uns hier ein kleines Eut; nicht ſo klein, — — 123— daß es uns nicht hinlaͤngliche Nahrung ge⸗ waͤhrte, und nicht ſo groß, daß es das Ver⸗ moͤgen des Kindes zu ſehr ſchmaͤlerte; nur der Enkel darf ſeine Großeltern beerben.— Nehmen Sie das Uebrige mit nach Paris, oder legen Sie es an, wo es Ihnen gut duͤnkt. Von Ihnen ſoll der Knabe es einmal zuruͤckfordern. Indeſſen moge ein Theil der jaͤhrlichen Zinſen, ſo viel als zu einer guten Erziehung noͤthig iſt, der freundliche Bote zwiſchen uns ſeyn l Buignolles konnte nichts einwenden. Ein kleines Gut war ſo bald gefunden und gekauft, daß ſein Dienſt dadurch nicht einmal in Ge⸗ fahr gerieth, die kleinſte Unterbrechung zu lei⸗ den. Er folgte bald dem vorauseilenden Corps nach, unter ſchweren Seufzern freilich, denn ſein Herz blieb bei Donna Concha und ihrem Kind in der ſtillen Einſamkeit. — 124— Geraͤnſchloſe Thaͤtigkeit, die gewohnte Lie⸗ be, Beſchaͤftigungen, welche des kleinen Caͤ⸗ ſars aufwachſende Jugend, ſein heller Kopf und lernbegieriges Gemuͤth nur eifriger mach⸗ 5 ten, hatten den bitteren Gram der Mutter allmaͤhlig in Wehmuth verſchmolzen. Nie⸗ mand wuͤrde, ausgenommen an den noch immer ſchonen Zuͤgen, Donna Concha wie⸗ dererkannt haben. Zwar hatte ihre Seele noch die alte ſchnelle Entſchloſſenheit behaup⸗ z doch fand ſich immer weniger Veran⸗ laſſung, ſie auszuuͤben. Aber der jugendlich frohe Muth, die Kuͤhnheit, die allen Ge⸗ fahren Trotz bot, der ſpaniſche Stolz, alles dies ſchien auf immer dahin zu ſeyn. Am wenigſten ſchien ſie den letzteren in das Ge⸗ muͤth des Sohnes verpflanzen zu wollen, und jeder Augenblick, deren ſie nicht viele hatte, den ſie ungeſtört ſtillen Betrachtungen weihen konnte, war der Abſonderung von allen irdi⸗ ſchen Dingen gewidmet. Ihr Haushalt war klein. Sie, der Sohn, ſein geiſtlicher Leh⸗ 5 rer, wenige Bediente, und noch weniger Maͤgde machten den ganzen Hausſtand aus. Umgang hatte ſie wenig. Niemand ahneke, wer ſie eigentlich ſey; ſie gab der Neugier⸗ de keine Nahrung. Ungluͤckliche, Verbannte waren genug da; ſie wurde nur unter der Bezeichnung:»die fremde Wittwes, ge⸗ nannt. So war eine Reihe von Jahren verfloſ⸗ ſen; da ſtieg eines Morgens, als ſie nach dem Fruͤhſtuͤck, waͤhrend der Unterrichtsſtun⸗ den des Sohnes, in dem abgelegenſten Theil des Gartens in einer Laube in ſtillen Be⸗ trachtungen ſaß, ein noch junger Mann uͤber die ziemlich hohe Mauer. Er trug eine un⸗ ſcheinbare Blonſe, ungefaͤhr was man in Deutſchland Staubmantel nennt, die einen ſehr untergeordneten Stand verrieth.— Kum⸗ mer und Schwermuth ſprachen aus ſeinen entſtellten Zuͤgen. Er ſah ſich behutſam nach allen Seiten um, dann nahete er ſich der Beſtherin mit raſchen Schritten. Sie war „ — 126— betroffen aufgeſtanden, als ſie ihn im Herab⸗ ſteigen gewahr wurde, und blieb erſtaunt, doch ruhig ſtehen, als er den breiten Hut ab⸗ riß und zu ihren Fuͤßen ſank.„Gottlob l« ſagte er leiſe,»daß ich gluͤcklich zu Ihnen gelangt bin.« »„Buignolles le rief ſie uͤberraſcht, und reichte ihm beide Haͤnde. „Still! nennen Sie den Namen nicht,« unterbrach er ſie raſch.— vSie ſehen nur ei⸗ nen namenloſen Schatten; Rang, Titel, Eh⸗ renkranz, Alles iſt mir abgefallen— nur die ewige Ergebenheit in meiner Bruſt fuͤr ein Weſen, vor deſſen weltlichem Blick ich vor⸗ her zu hoch ſtand, iſt noch immer da; allein ſie hat das Recht verloren laut zu werden. Ich bin fluͤchtig.— Der ſcharfe Blick der Polizei verfolgt meine Schritte; das Henker⸗ ſchwert haͤngt an einem Haar uͤber meinem Haupte, wenn ich nicht noch heute uͤber die Grenze komme; doch, Gottlob! Ihr Eigen⸗ thum habe ich gerettet. Nehmen Sie, theu⸗ — 127— re Donna, es zuruͤck; ich kann es nicht laͤnger aufbewahren.« Sie ſtarrte ihn ſchweigend an. Als ich«— verſetzte er, das Hanpt wie⸗ der ſtolz erhebend—„die Gefahren bemerkte, die mir immer bedrohlicher werden konnten, war meine erſte Sorge, das Geld, das in meinem Namen fruchtbringend gemacht war, einzuziehen. Ich vertraute es einem Freun— de an, um es aufs Neue in ſeinem Namen anzulegen; da ſchlug der Blitz ein. Der Freund verbarg mich, bis es ihm gelang, mich ſo Ziemlich ſicher aus Paris und weiter zu bringen; aber das Geld gab er mir zu— ruͤck. Er wagte nicht, mit einem ſo ſchwe— ren Auftrage eines Geaͤchteten ſich zu befaß⸗ ſen. Ich mußte es mit mir nehmen; das allein, und nicht die drohenden Todesgefah⸗ ren, erfuͤllte mein Herz mit bangen Beſorg⸗ niſſen. Gott ſey gelobt! ich habe es Ih⸗ nen, Ihrem Sohne gerettet.— Nehmen Sie es hin!« Er hatte einen ſchweren Beu⸗ — 128— tel, mit Gold gefuͤllt, unter dieſen Wor⸗ ten abgeloſt, und reichte ihr dieſen ſammt einer Brieftaſche mit Bankpapieren hin. „Aus mir werde nun, was das Verhaͤngniß will „Und Sie, mein Freund lK ſagte ſie, es nehmend, mit leiſem Beben in der Stim⸗ me, ihn feſt anſehend—„Was bleibt Ih⸗ nen 74 Nichts! wenig! genug, genug, wenn ich gluͤcklich uͤber die Grenze komme! Ich habe noch nicht allen Muth und Kraft eingebuͤßt; aber— ich habe keinen Paß; jedoch ich bin ja weit genug gekommen. Laſſen Sie mich Ihren Sohn umarmen, und dann fortl „Wir theilen, mein Freund« „Nein! Es gehoͤrt ja Ihnen nicht; und doch— ich fuͤhle bei Ihrem Anblicke mei⸗ nen Muth ſich erheben— der Knabe braucht bald eine zuverlaͤſſige Stuͤtze; auch Sie!— Er muß in die Thaͤtigkeit der Welt hin⸗ aus, um zur Kraſt zu gelangen— die — 120— beſchraͤnkte Stille taugt nicht fuͤr— Ihren Sohn.— Nichts will ich— oder Alles— das Geld, Sie, ihn!— Ha, ich koͤnnte noch gluͤcklich werden Ein Strahl von neuem Feuer belebte ſeine Blicke, ein dunk⸗ les Brann faͤrbte die erblaßten Wangen. Sie ſah ihn, beinahe ſanft erroͤthend, feſt und ſinnend an. „Sie haben keinen Paß 24 ſprach ſie end⸗ lich;»Sie brauchen keinen. Ich bin zu lange in dieſer Gegend geweſen, habe hier zu viele Ungluͤckliche kennen gelernt, um nicht einen verborgenen Pfad zu kennen. Es war ja auch einſt mein Beruf, ſolche auszuſpaͤ⸗ hen!— Aber Sie ſind fremd und Franzoſe;“ der Einzelne erregt ſo leicht Argwohn.— Auch ich habe mich lange geſehnt, den lie⸗ ben, blutgeduͤngten Boden, der meine Wiege trug, noch ein Mal zu betreten.— Es ſey entſchieden; ich begleite Sie mit meinem Sohne.— Welchen Weg denken Sie zu neh⸗ men?6 9 — 130— »Wenn ich«— ſagte er, indem eine plotzliche Frende in ſeinem Blicke auflo⸗ derte— vkeinen ſichern Aufenthalt finden kann—6 Mein K unterbrach ſie ihn raſch, vin Spanien iſt bei dem Kampf der Partheien. nunmehr ſobald keine Sicherheit, auſſer fuͤr die Todten« „So dachte iche— verſetzte er— vin Ca⸗ dir oder anderswo ein engliſches Fahrzeug zu ſuchen, um damit nach Amerika zu ſchiffen, wohin das europäiſche Ungluͤck, und manche Neigungen und Kraͤfte ſich ſluͤchten, die ſich hier nicht entwickeln koͤnnen. Moͤge das Land der freiern Regſamkeit auch mich aufneh⸗ men Folgen Sie mir; Sie brauchen Erholung.— Niemand hat Sie geſehen, und Niemand wird Sie in meinem unverdaͤchtigen Hauſe ſuchen.« „So iſt es recht lK entgegnete ſie muthig. 1 Sie ließ ihn durch eine Nebenthuͤr in das Haus, fuͤhrte ihn in ihr eigenes Schlaf⸗ zimmer, und hieß ihn daſelbſt ſich niederlegen, nachdem ſie ſelbſt fuͤr Erfriſchungen geſorgt. Dann ſetzte ſie ſich zu ihrem Schreibtiſche, uͤbertrug in einem Schreiben dem geiſtlichen Lehrer des Sohnes die Sorge fuͤr ihr zuruͤck⸗ gelaſſenes Eigenthum, ſiegelte das Blatt, und ſteckte es zu ſich. Darauf kramte ſie in ih⸗ ren Sachen, ſuchte das Wenige, das Werth fuͤr ſie hatte, zuſammen, und als der Knabe, nach vollendetem Unterrichte, wieder in ihre Arme flog, druͤckte ſie ihn mit einer befrem⸗ denden Feierlichkeit ſchmerzlich an ihre Bruſt; dann ſetzten ſich beide zu einem frugalen Mahle. vLaß es. Dir ſchmecken, mein Sohn! aber heute nicht ſo fluͤchtig wie gewoͤhn⸗ lich.— Bemerke, was Du iſſeſt, und trin⸗ keſt, damit dies heutige einſame Mahl Dir unvergeßlich bleibe! aber«— fuͤgte ſie, ſei⸗ nem erſtaunten Blicke mit ernſtem Laͤcheln 5 — begegnend, hinzu— pfrage nicht wei⸗ ter.« Als ſie vom Tiſche aufgeſtanden waren, fuͤhrte ſie ihn in allen Zimmern herum, dann in den Garten hinab, machte ihn auf jeden zwar wohlbekannten, aber fruͤher nur fluͤchtig beobachteten Gegenſtand aufmerkſam. Praͤge Dir Alles genau in Dein Gedaͤchtniß ein,« ſagte ſie. Miemand ſollte die Wiege ſeiner Erinnerungen, die Heimath ſeiner erſten Ju— gend leichtſinnig vergeſſen; und Du ſiehſt die Deine heute zum letzten Male, vielleicht fuͤr immer. Moͤgen Deine Gedanken oft zuruͤck⸗ kehren, wo ſie erſt anfangen duͤrfen! Dann hieß ſie ihn, ſich ſorgfaͤltig und warin anzie⸗ hen, waͤhrend ſie ein Gleiches that;»denn«— fuͤgte ſie hinzu—„die Naͤchte ſind rauh.« Sie rief hernach den Aufſeher des kleinen Ei⸗ genthumes, gebot ihm, den Brief an den Geiſtlichen, der ſich, wie gewoͤhnlich, nach einem nicht ſehr entfernten Kloſter hinbegeben hatte, ſogleich zu beſtellen, ergriff darauf die —,—— Hand des Sohnes, oͤffnete mit dem vorher abgezogenen Schluͤſſel die Thuͤr ihres Schlaf⸗ zimmers und fuͤhrte ihn da hinein. Buignol⸗ les hatte ſich ſchon aus dem Schlafe ermun⸗ tert, und trat ihnen laͤchelnd, faſt froͤhlich entgegen. vUmarme ihn, mein Sohn,« ſag⸗ te ſie,»Deinen Wohlthaͤter, Deinen Va— ter l« Buignolles umarmte mit freudiger Innig⸗ keit, mit Thraͤnen in den Augen, den ſchoͤ⸗ nen, hoch emporgeſchoſſenen Knaben, an dem er ſich nicht ſatt ſehen konnte, denn die Zuͤge der Mutter, mit einem fremden Ausdruck von wilder Kuͤhnheit, ſpiegelten ſich in den ſeini— gen ab. Das betroffene Kind gab ſich indeſ⸗ ſen ohne Scheu ſeinen Liebkoſungen hin. Die Mutter betrachtete Beide mit Blicken voll ſtrahlender Zufriedenheit. »Kommt denn,« ſagte ſie endlich; vAlles iſt bereit. Ich habe Mittel mit und in mir, die uns ſtatt der Paͤſſe dienen werden. Der Tag ſinkt, der Abend dänmert und der 5 — 134— Mond— nun, wir duͤrfen ihm vertrauen, dent' ich, obgleich ſein Licht uns einſt auf einem aͤhnlichen Zuge nicht guͤnſtig geweſen iſt.« Coſar trug ein nicht ſchweres Paͤckchen. So gingen ſie durch den Garten, an deſſen Thuͤre ſie ein geſatteltes Maulthier vorfanden, das Donna Concha unter einem Vorwande hatte dahin fuͤhren laſſen. Unbedenklich ſetzte ſie ſich auf, nahm Cäſar vor ſich, nachdem das Paͤckchen hinten auf dem Sattel befeſtigt worden war, und uͤbergab dem Freunde, der, ſo wie vorher, die Blouſe trug, den Zuͤgel. „Eine Flucht nach Egypten,« flaſterte ſie lei⸗ ſe fuͤr ſich, veine beſſere und reine, als die letztere; und, Gott gebe es! eine gluͤck⸗ lichere lK Bald verſchwand das kurze Zwielicht. Ei⸗ ne willkommene Dunkelheit umgab ſie, und als ſpaͤt in der Nacht das krumme Horn des Mondes bleiche Strahlen auf ſie herabwarf, hatten ſie ſchon wieder ſpaniſchen Boden be⸗ ——— — — 166— treten. Die gefaͤhrlichen Grenzmarken lagen hinter ihnen. Dann erſt ſprach Donna Concha, leicht aufathmend, ein lautes Wort:„Wir ſind in Sicherheit! Nun, Buignolles, muß ich Ihr ungluͤck kennen.« „Es iſt mit wenigen Worten erzaͤhlt,« ſagte er ploͤtzlich duͤſter, wie es ſchien, aus angenehmen Traͤumen jaͤh herausgeriſſen.— Die alten Zeiten mit ihrem verjahrten Hoch⸗ muth und ihren verjaͤhrten Gebrechlichkeiten kehren nach Frankreich zuruͤck. Haß, Intri⸗ gue, Selbſtſucht und Rache ſitzen am Ru⸗ der.— Ich konnte den großen Mann nicht vergeſſen, der es verſtand, auf eine große Nation wuͤrdig zu wirken, konnte nicht un⸗ thaͤtig die heiligſten Verpflichtungen und Rech⸗ te verſpottet und mit Fuͤſſen getreten ſe⸗ hen.— Ich verband mich mit Mehreren. Unſer Verein wurde durch falſche Freunde verrathen. Man nannte mich einen Empo⸗ rer, ſtempelte meinen Ramen mit dem Ge⸗ praͤge eines Hochverraͤthers, und erklaͤrte mich fuͤr vogelfrei.— Ich verdiene dieſen Namen, inſofern das Feſthalten an dem heiligſten Ei⸗ de, der aͤlter iſt, als der Vielen abgedrun— gene, womit die Politik ſpielt, Meineid iſt.— Nach Ihrer fruͤheren Meinung, Seño⸗ ra, ſcheint unſere Lage jetzt gleich; meine aber ſteht noch tiefer, denn meine Habe gilt nur wenig auf der Waage der Welt. Was an mir einigen Werth hat, iſt al⸗ les unſichtbar in meiner Bruſt verſchloſſen. Nun iſt die Reihe wieder an mir, ſchweigen zu muͤſſen. Damals ſollte ich ja zu hoch geſtiegen ſeyn; jetzt bin ich zu tief geſun⸗ ken.« 5 Donna Concha ſchwieg. Als er aber die Blicke bitter zu Boden ſchlug, hafteten die ihrigen mit einem Demantblitze inneren Feuers an ihm.— Einige Minuten darauf hielten ſie an einer Poſada an.„Sie denken«— ſprach ſie, indem er ihr von dem Maulthiere herabhalf— vnach Cadix hin? warum nicht — 431— nach Barcelona, oder Valencian? Der Weg dahin iſt kuͤrzer; auch dort finden Sie eng⸗ liſche Schiffe.« „Meinetwegen le entgegnete kurz Buignol⸗ les, der, in truͤbere Betrachtungen als zuvor verſenkt, ihr beharrliches Stillſchweigen ſich nicht zu deuten wußte. Donna Concha ſprach emſig mit den Wirthsleuten. Er hoͤrte ſie einen ihm unbe⸗ kannten Ort nennen, der an der Straße nach Barcelona liegen ſollte. Alle waren dar⸗ uͤber einig, daß dies die ſicherſte und unver— daͤchtigſte Straße ſey, und mit ihrer fruͤheren Entſchloſſenheit erklaͤrte Donna Concha, ob⸗ gleich ſie nie zuvor in dieſen Gegenden gewe⸗ ſen, den Wegweiſer machen zu wollen. Nach wenigen Tagen, waͤhrend welcher die thaͤtige, innerlich ſichtbar immer mehr be⸗ wegte Frau, trotz der Muͤhe, die ſie ſich gab, ruhig zu ſcheinen, alle Geſpraͤche, die ihr gegenſeitiges Verhaͤltniß betrafen, ab⸗ ſichtlich vermieden hatte, kamen ſie an dem — 138— bezeichneten Orte an.— Hinter dem Flek⸗ ken erhoben ſich zwei ſtattliche Thuͤr⸗ me. »Zwar bin ich hier nicht bekannt,« ſagte Donna Concha, Hallein ich muͤßte mich ſehr irren, wenn nicht jene Thuͤrme das Kloſter Santa Maria de la Conception bezeichnen, nach deſſen Heiliger ich genannt bin. Eine Verwandte von mir, von muͤtterlicher Seite, war dort Priorin; ob ſie wohl noch am Le⸗ ben iſt 74 In dem Wirthshauſe, wo der kleine Zug einkehrte, erfuhr ſie mit aufwallender Freude, daß Donna Ineſilla di Coſtolda noch bei gu⸗ ter Geſundheit und im Beſitze ihres geiſtli⸗ chen Amtes war. FFuͤhren Sie mich hin, Buignolles K ſagte ſie. vEs draͤngt mich, die unbekannte Muhme zu ſehen. Ich ſehne mich nach einem weiblichen, treuen Buſen, in dem allein das Weib ſeine innerſten Ge⸗ heimniſſe niederlegen kann.— Ihr ſollt Beide mich hinfuͤhren.« — 139— Buignolles ſah ſie mit einem durchdrin⸗ genden Blicke an, der doch mehr bange Be⸗ ſorgniß als Mißtrauen ausſprach. „Warum ſo bedenklich, mein Freund 4 verſetzte ſie; vlaſſe ich Ihnen nicht ein hei⸗ liges Unterpfand unbegrenzten Vertrauens? Fuͤhrt mich hin, und erwartet mich in zwei Stunden vor dem Kloſterthore wieder.— Ach, wie zittert mein Herz! wie wird die fromme Tante das verlorne Schaf aufneh⸗ men 74 Beide begleiteten ſie dahin. Bevor ſie hineintrat, umarmte und kuͤßte ſie den Sohn zu wiederholten Malen mit unverkennbarem Schmerze. Sie reichte Buignolles die zit⸗ ternde Hand mit einem ſo warmen und inni⸗ gen Drucke, daß ſeine ſchon ſchwankende Hoffnung aufs neue belebt wurde. Als Beide nach zwei Stunden dem Klo⸗ ſterthore naheten, ſtuͤſterte die Schweſter Pfoͤrtnerin, die auf ſie gewartet zu haben ſchien, ihnen durch das kleine Sprachgitter — 140— zu: WDie Seßora bleibt dieſe Nacht im Klo⸗ ſter.— Ich habe Befehle, Sie einzuladen, morgen, um dieſelbe Stunde wie heute, hier zu erſcheinen.« So geſchah es auch. Aber eine bange Ahnung beſchlich aufs neue Buignolles Herz, als die Pfoͤrtnerin, bei ſeinem Anklopfen, ih⸗ nen die kleinere Thuͤre aufſchloß, und den Knaben, Don Caͤſar, in ihre kleine Zelle einlud, waͤhrend ſie ihn, den fremden Mann, die breite Treppe hinauf, nach dem Sprach⸗ zimmer hinwies, an deſſen Thuͤre eine die⸗ nende Laienſchweſter ſeiner zu harren ſchien. Aber ſowie er eingetreten war, ſtockten ſeine Schritte, denn erblaſſend ſah er Donna Concha, in der Novizentracht des Hauſes, hinter dem Gitter, das ſie trennte, erſchei⸗ nen. Die gewoͤhnliche Entſchloſſenheit, von dem Abglanze einer neuen inneren Befriedigung erhellt, war auch jetzt in den zuvor nie ſo edel ſcheinenden Zuͤgen ſichtbar. Ihre Augen * —————————— — — 141— ſtanden voll Thraͤnen, derer milder Glanz es ungewiß ließ, ob die Quelle, aus der ſie floſſen, dem Schmerze oder der Freude ent⸗ ſprang. „Theurer Freund& ſagte ſie, ſchnell hinzu⸗ tretend, und ihm die Hand durch die vergol— deten Gitterſtaͤbe reichend, vwarum erblaſſen Sie?— Sie ſind zu ſehr Mann, um ſelbſt⸗ ſuͤchtig zu ſeyn, um nicht bald von dem treuen Verein unſerer Seelen einen Wahn trennen zu koͤnnen, der nie unſerem Verhaͤltniſſe an⸗ gemeſſen war. Freuen Sie ſich lieber mit mir, wuͤnſchen Sie mir Gluͤck, daß— was ich ſelbſt nicht zu hoffen wagte— mein kux⸗ zes, ſturmbewegtes Leben ſo fruͤh einen wuͤr⸗ digen Hafen der Ruhe gefunden hat. Was als ein noch fernes, faſt nicht deutlich zu er⸗ kennendes Ziel vor meinen Augen ſtand, habe ich bis heute verſchwiegen, nicht weil der Entſchluß meiner Seele noch zweifelhaſt war, ſondern weil die Gegenwart noch ihre Herr⸗ ſchaft uͤber mich behauptete.— Ein unverhoff⸗ — 142— tes Gluͤck machte mich frei. Ihr Erſcheinen, mein Freund, Ihre Lage ſelbſt, Ihr Ge⸗ muͤth!— Gott ſey gelobt! Ich weiß Sie ge⸗ borgen. Waos ich noch in der Welt beſeſſen habe, gehort Ihnen, denn Ihnen gehoͤrt von nun an mein Sohn. Ich ſelbſt brauche nichts mehr. Koͤnnte ich Ihnen wohl beſſer beweiſen, daß ich den Mann uͤber Alles liebe und ſchaͤtze, der zuerſt zu meinem Herzen leiſe ſprach, bevor noch maͤchtigere, vorlautere Lei⸗ denſchaften mich in die Arme eines Gatten warfen, deſſen Andenken in meiner Bruſt nur mit meinem Leben endet, obgleich Laſter und Verworfenheit einen befleckenden Nebel um ſein Gemuͤh gewoben, den nur der Liebe Blick durchdrang?— Ja, Buignolles! meine Seele liebt Sie. Koͤnnte ſonſt mein Herz Ihnen ganz hingeben, was mir theurer als mein Leben iſt? hätte ſonſt mein Vertrauen zu Ihnen mir dieſes Himmelsthor oͤffnen koͤnnen? Ich habe der Tante Alles gebeichtet; alle die erſchuͤtternden Begebenheiten meines — 143— Lebens, Alles, was mein Herz umhuͤllte, ha⸗ be ich in das ihre niedergelegt. Die fromme Frau billigt meinen Entſchluß, und hat mich in ihr Haus und in ihre muͤtterlichen Ar⸗ me aufgenommen. Gruͤſſen Sie unſern Sohn— wie ſtark mein Herz auch ſey, ich habe keine Kraft, ihn mehr zu ſehen, mit dem Bewußtſeyn, daß ich ihn vielleicht nie mehr wiederſehen werde. Fuͤhren Sie ihn in das Land der Freiheit, wo das natuͤrliche Gefuͤhl, nicht zum Knecht geboren zu ſeyn, nicht mit dem Henkerſchwert beſtraft wird. Sagen Sie ihm, daß Gehorſam gegen Sie meine letzte Bitte an ihn, und daß mein Segen von ſeiner Liebe zu Ihnen unzertrenn⸗ lich iſt. Lebt Beide wohl! mich ruft ein neues Leben. In dem alten, in jugendlichem Duͤnkel hatte ich meine Wahl zwiſchen zwei? Braͤutigame geſtellt; Beide ſind mir gewor⸗ den— der erſte zu Leiden, Schmach und Buße; der andere winkt das hartgepruͤfte Herz zu Frieden und Seligkeit.« Sie ſprach noch der Worte mehr. Ei⸗ ne hoͤhere Roͤthe, gluͤhend, wie einſt in dem plötzlichen Sonnenglanz ihrer jun⸗ gen Liebe, mahlte ihre Wangen; Strah⸗ len leuchteten aus ihren Blicken.— Es war die letzte auflodernde Begeiſte⸗ rung. Sobald ſie wieder allein war, drang der Schmerz der Trennung mit ſturmiſcher Ge— walt in ihre Bruſt; allein ihre Seele ge⸗ wann bald wieder Kraft, ihn niederzukaͤm⸗ pfen. Was blieb Buignolles anders uͤbrig, als ſich in das Unabaͤnderliche zu fuͤgen? Ja, es gelang ihm, der mit den LTaͤnſchungen menſchlicher Hoffnungen hinlaͤnglich befreun⸗ det war, ſich ſelbſt zu troͤſten, indem er den kleinen Caͤſar troͤſtete. Er glanbte, ih⸗ rer Liebe, an der er nicht mehr zweifelte, nicht wuͤrdiger entſprechen zu koͤnnen, als indem er ihren Willen ſtreng befolgte. Das Gluͤck ſchien ihm wieder guͤnſtig zu wer⸗ den.— Er erwarb ſich in Amerika ein neues Vaterland, eine neue, aͤuſſere Ehre, denn die innere hatte er nie eingebuͤßt; und die Leere ſeines Herzens fuͤllte der dankbare Caͤ⸗ ſar mit ſeiner kindlichen Liebe immer mehr aus. Anfangs, waͤhrend noch die Bruſt in ungeduldiger Sehnſucht klopfte, weihte ſich Donna Concha weniger einem beſchaulichen Leben, als der äuſſeren Thaͤtigkeit, die ihr ein Beduͤrfniß geworden war, und die man uͤberall, ſelbſt in den Kloͤſtern, Gelegenheit findet, auszuuͤben, wo ſonſt nur guter Wil⸗ le die Hand begleitet. Sie hatte, ohne die kloͤſterliche Pruͤfungszeit, ſogleich das Geluͤbde abgelegt. Die ihrige, meinte ſie, habe lan⸗ ge genug gedauert. Sie nahm gern ihren Ordens⸗Schweſtern, wo es geſtattet wur⸗ de, jede beſchwerliche Buͤrde ab, und in die niedrigſten Arbeiten, welche ihr der Reihe nach zufielen, wußte ſie ſich leicht und ohne Unmuth zu fuͤgen. Allein nach 10 und nach, ſo wie ſie Meiſterin der An⸗ ſpruͤche des noch jngendfriſchen Herzens wur⸗ de, erſchien dieſe Thaͤtigkeit immer mecha— niſcher, und ihre ſich beruhigende Seele wendete ſich mehr nach Oben. Den Be⸗ griffen und Geboten ihrer Kirche getren, verſäͤumte ſie keine Gelegenheit, fuͤr die Seele ihrer theuren Verſtorbenen zu be⸗ ten, beſonders fuͤr einen, den alle From⸗ men, ſie allein ausgenommen, fuͤr ver— loren achteten. Es war ihr immer, als muͤſſe ſie mehr fuͤr ihn als fuͤr ſich ſelbſt Buße thun, wenn ſie in ihren ernſten Be⸗ trachtungen den Blick immer muthiger in die Vergangenheit zuruͤckkehren ließ. Sie erkannte, daß Leidenſchaften, die tief in ihrem Weſen begruͤndet geweſen, zwar mehr, als die Tugend es billigen konn⸗ te, ihre Anſpruͤche geltend gemacht hatten. Die Suͤnden und Fehler ihres Lebens uͤber⸗ dachte ſie oft mit Seufzern, und buͤßte gern und willig die Verirrungen ihrer im — 147— Fluge verlebten Jugend ab; aber von Reue wußte ſie nie, und ſie nahm keinen An⸗ ſtand, ſich ſelbſt zu bekennen, daß, wenn ihr Leben und deſſen Ereigniſſe noch ein Mal wiederkehren koͤnnten, ſie eben ſo und nicht anders aufs Reue handeln wuͤrde und muͤſſe. Daß indeſſen ihr Gemuͤth keine ſo unerſchuͤtterliche Ruhe und ein BGleichge⸗ wicht, wie ſie es ſelbſt waͤhnte, ge⸗ wonnen, mußte ſie an dem inneren Auf⸗ ruhr bemerken, welchen die Nachricht, daß Caͤſar mit dem Vater, den er gegen die Mutter eingetauſcht hatte, gluͤcklich in Amerika angelangt war, in demſelben er— regte; und die emporlodernde Freude, wo⸗ mit ſie die todten Blaͤtter empfaͤngt, wel⸗ che die rauſchenden Meereswogen zwi⸗ ſchen ihrem ſtillen Kloſter und der neuen Welt noch immer hin und her tragen, belehrt ſie durch das lebhafte Klopfen ihrer Bruſt, daß die Seele, obgleich von dem 10* — 148— Irdiſchen abgewendet, ſo lange das Herz noch ſchlaͤgt, dennoch der Welt hienieden angehoͤrt. — — — — —— — 2 5 An einem ſchoͤnen Fruͤhlingsabend in jenen geſetzloſen, in geiſtiger Beziehung dunklen Zeiten, aus deren Nebel, neben einigen großartigen Zuͤgen, noch mehr rohe und verwerfliche hervorleuchten, welche in unſern Tagen nur der Krampf einer verkehrten Gei⸗ ſtesrichtung und bethoͤrten Phantaſie hat zu⸗ ruͤckwuͤnſchen koͤnnen, ſtand der Herzog Louis Gonzaga, Erbe zu Mantua, duͤſter und auf⸗„ geregt, am Fenſter ſeines geraͤumigen Gema⸗ ches im Louvre. Er hatte es kurz zuvor in heftiger, inne⸗— rer Bewegung betreten, und den vorleuchten⸗ den Diener mit einem Winke kaum entlaſſen, als er im jugendlichen Unmuthe die angeſteckten „Kerzen ſchnell wieder ausloͤſchte, um es rings um ſich eben ſo finſter zu machen, wie es in — 1 — ſeinem Gemuͤthe war. Es wollte ihm aber nicht ganz gelingen.— Das ſilberne Licht des Mondes, das vorher mit dem Scheine der Kerzen gekaͤmpft hatte, ſtrahlte, als die Hand des Herzogs ihm zu Huͤlfe gekommen war, mit feierlichem Siege in das Zimmer, und hell lag die breite, noch belebte Straße vor ſeinen Blicken da. Allein der falben Schein, die Sonne gluͤcklicher Liebestraͤume, die dem hoffenden Herzen ſuͤße Wehmuth einſloͤßt, ſiel nicht begluͤckend in die Nacht der ſeini— gen, aus welcher ein unerwartetes Mißlin⸗ gen jede Daͤmmerung der Hoffnung ſo eben verjagt hatte. Das aͤußerliche Licht, wie ſanft und ruhig es ihn auch umſtrahlte, ver— mehrte ſeinen Unmuth. Es war ihm, als hoͤhnte es ſeinen herben Schmerz, und regte ihn, den ſonſt ruhigen Mann, zum Zorn, zur Rache auf. Bruͤtend ſtarrte er auf das helle Pflaſter hinab. „Bin ich denn nicht ein Thor?6 rief er, ſich ploͤtzlich ermannend— Hein Thor, der ich mich bis zum Wahnſinne in ein Bild verlieben, und noch thoͤrichter, daß ich dar⸗ uͤber unmuthig werden konnte, daß eine Statue— ſie ſey nun aus Stein, oder aus Fleiſch und Blut— ohne Gemuͤth und Geiſt iſt!— Ja wohl eine Statue, eine ſchoͤne Statue, ſo wie der ganze Hof ſie nennt, und nichts anders iſt Diana von Nevers. Dieſe regelmaͤßigen, nur zu ſchoͤnen Zuͤge, dieſe verſchloſſenen Lippen, die ſich kaum oͤff⸗ nen, um die gewoͤhnlichen Gebete herzuflu— ſtern, und fuͤr die ſie umgebende, durch ihre Engelsſtimme Fntflainmte Maͤnnerſchaar kaum ein wiederholtes v„Nein læ« und ſelten ein vJa lac haben, ſprechen es ja laut genug aus. Aber ihre Augen, dieſe lebendig fun⸗ kelnden Sterne, die ein Strahlenmeer von Klarheit und Milde ergieſſen, haben mich ge⸗ taͤuſcht! wie habe ich vergeſſen koͤnnen, daß das Sternenlicht ohne Waͤrme leuchtet, ohne Waͤrme, wie ihr ganzes Weſen? Allein ihre Farbe haͤtte mich davon belehren ſollen; weiß 8 — 154— wie die des Schnees, der ſtolzen Lilie, wie die einer kalten Leiche, ohne Gefuͤhl und Feuer. Hinweg mit dieſer Schleife W ver⸗ ſetzte er unmuthig, indem er ein zierlich ge⸗ knuͤpftes, weißſeidenes Band aus dem Bu⸗ ſen hervorzog, das in dem blaſſen Lichte des Mondes wirklich wie ein Leichenſchmuck er⸗ ſchien.„Hinweg! Aber weiß ich denn auch gewiß,« fuhr er plotzlich bedenklich fort, ſie noch immer zierlich zwiſchen den Fingern hal⸗ tend, vob dieſer verlorne Bandſchmuck auch der ihrige iſt? Hm! weiß iſt ja auch die Farbe ihrer ſchoͤnen Freundin, der holden kleinen Sylphide, die wie ein Schmetterling ſie umflattert, als waͤre ſie ihre Dienerin, und nicht die reizende Schweſter ihres und meines Koͤnigs. Warum giebt das bloße Mondlicht in dieſem Angenblicke dem Bande einen gruͤnlichen Schein? Steht denn meine Bruſt fuͤr irgend eine Hoffnung noch offen? Run, ich will mich der Gewalt dieſes aͤrgerli⸗ chen Unmuths entreiſſen. Es liegt mehr in — 1556— der Ordnung der Dinge, daß der Prinz, dem eben nicht in weiter Ferne ein Fuͤrſtenhut winkt, das Auge zu der Schweſter ſeines Koͤnigs erhebe, als daß die unvermoͤgende Prinzeſſin von Nevers, der nur eine eitle Schoͤnheit Anſpruche verleiht, ſeine Hand ausſchlaͤgt— meine Hand ausgeſchlagen hat! Aber meine Thorheit hat es verdient; wie konnten mich auch in der Naͤhe des lebendig⸗ ſten Lebens, das aus den ſchwarzen Augen, auf den roſigen Wangen der Prinzeſſin Renée ſtrahlt, die alabaſternen Zuͤge, das tiefe, ernſte u der kalten Blicke ſo unwi⸗ derſtehlich anziehen? Ich will dieſe Schleife dennoch aufbewahren, der weißen Farbe noch ferner tren bleiben; die Prinzeſſin Rense kann ſie eben ſo gut wie ihre eiſige Begleite⸗ rin verloren haben; und, bei Gott! der kal⸗ ten Mondkoͤnigin zum Trotz ſoll mein Herz „in ihrer Naͤhe bleiben, aber nicht mehr fuͤr ſie ſchlagen. Diana ſoll ihren Willen ha⸗ ben l. — 156— Kaum hatte er die Schleife wieder in den Buſen verborgen, als der Diener ins Zimmer trat, aber, uͤber die Dunkelheit beſtuͤrzt, ohne Worte ſtehen blieb. »Was willſt Du?6 rief ihm der Herzog verdrießlich entgegen. »Euch anzeigen, Herr, daß der unbekann⸗ te Juͤngling, der nun zwei Abende nach ein⸗ ander vergeblich nach Euch gefragt hat, zum dritten Male da iſt. Er hat Euch herauf gehen geſehen; aber, obgleich ich ihm geſagt habe, daß Ihr nicht geſtoͤrt ſeyn wollet, will er ſich doch nicht abweiſen lafſtn. Er beſteht darauf mit Euch zu ſprechen, und da Ihr doch ſonſt Niemand das Gehoͤr verweigert, habe ich es fuͤr meine Schuldigkeit gehalten, ihn wenigſtens zu melden. „Stecke die Kerzen wieder an,« entgeg⸗ nete der Herzog, dem ſein letzter Entſchluß Muth gegeben, ſich dem fruͤheren Unmuth zu entreißen, vund laß ihn herein.« 5. — So geſchah es auch. Auf den Wink des Dieners, der ſich ſogleich entfernte, trat ein junger Mann, kaum den Knabenjahren ent⸗ wachſen, in gewoͤhnlicher, buͤrgerlicher Klei⸗ dung ein, die, neben einer faſt geſuchten Einfachheit, etwas Freies und Phantaſtiſches hatte, wodurch die juͤngeren Hofleute jener Zeit ſich auszeichneten. Die dunkle Farbe derſelben war durch eine ſchmale, weiße Ach⸗ ſelſchaͤrpe nach Ritterſitte erhoben. Der Her⸗ zog ſah ihn immer betrofſener an; denn die⸗ ſer unſcheinbare Anzug umſchloß eine Geſtalt, deren Gleichelnan nur wenige bei Hofe ſah, der gleichwohl einen Ueberfluß an ſchoͤnen, jungen Maͤnnern beſaß. Das Ebenmaß der Glieder erſchien in dem hellen Kerzenlichte eben ſo ausgezeichnet, als die Schoͤnheit ſei⸗ ner Zuͤge, welche durch ein offenbares Be⸗ wußtſeyn von der ſiegenden Kraft ſeiner Blik⸗ ke einen Ausdruck von Kuͤhnheit an den Tag legte, der doch ſeine beſcheidene Haltung wi— derſprach. — 158— „Was wollt Ihr ½ fragte Don Louis, mit einem durchdringenden, ſtrengen Blick, und einem Tone, in welchen beiden ſein ge⸗ heimer Unmuth noch wiederhallte. Der Juͤngling machte ſchnell, faſt unwill⸗ kuͤhrlich eine Bewegung, als wollte er ihm die Hand reichen; doch eben ſo ſchnell ließ er ſie wieder ſinken, und ſagte, ein wenig betreten: vEtwas, das Ihr in dieſem Augen⸗ blicke nicht geneigt ſcheint, gewaͤhren zu wol⸗ len, und worauf ich doch meine ganze Hoff⸗ nung geſetzt.« „Und das waͤre?« fuhr vM gerzog, ohne den Blick von ihm abzuwenden, fort. „Eine Gunſtle verſetzte der Juͤngling. „Ich bin vor drei Tagen nach Paris gekom⸗ men; eben denſelben Tagen ſtarb, wie Ihr wißt, durch einen ungluͤcklichen Sturz auf der Jagd Euer erſter Edelknabe. Ich komme, Euch um ſeine Stelle zu erſuchen; denn von unten auf anzufangen, bin ich nicht ge⸗ wohnt.« — 459— „Ho, ho! das geht nicht ſo leicht!— Wer ſeyd Ihr*4 „Ein Fremder lK erwiederte der Juͤngling, „wie Euch ſchon meine unbiegſame Ausſpra⸗ che verkuͤndet haben mag. Ich bin, der ich ſcheine. Gefaͤllt Euch nur mein Aenßeres, in meinem Innern ſollt Ihr Euch nicht getaͤuſcht finden; aber Empfehlungen habe ich nicht.« »„Woher ſeyd Ihr? Aus welcher Fami⸗ lie?4 Gefalle ich Euch, Herr Herzog, werde ich durch meinen Eifer dieſer keine Schande machen.« „Ihr koͤnntet mir gefallen! aber das iſt nicht genug.« „Laßt es genug ſeyn. Seht) ich koͤnnte ja eine lange Fabel herſagen, Briefe und Papiere vorzeigen. Aber einen guͤtigen und vertrauenden Herrn moͤchte ich nicht gern durch eine Luͤge gewinnen, wenn ich es durch mich ſelbſt nicht vermoͤchte. Und die Wahrheit kann ich Euch nicht ſagen. Ich — — 160— wuͤnſche nur unter einem ſo tapfern Waffen⸗ meiſter mich zu bilden und werde Euch gewiß keine Schande machen.« „Wie nennt Ihr Euch 24 „Cauſſade de St. Megret; aber das iſt nicht mein wahrer Name.« „Junger Mann! obgleich noch jung, bin ich doch älter als Ihr. Glaubt mir, ein halbes Geheimniß taugt nicht. Wollt Ihr Zutrauen von mir, ſo kommt mir mit Ver⸗ trauen entgegen.« „Herr Herzog,« unterbrach ihn der Juͤng⸗ ling ſchnell, vliegt denn nicht n den wenigen Worten, die ich ſchon geſprochen, ein groſſes, ein ſchoͤnes Vertrauen? Ich vertraue Euch mein Leben, mein Gluͤck an; noch mehr: ich vertraue darauf, daß Ihr mir traut! Wie gern theilte ich Euch mein ganzes Geheim⸗ niß mit, aber ein meiner Dame gethanes Geluͤbde hindert mich daran.« „Eurer Dame?« wiederholte der Herzog, indem ſein Blick nicht ohne einen kleinen 1 — 161— Ausdruck von Spott, uͤber die unbaͤrtige Schoͤnheit des Juͤnglings hinſtreifte, und dann plötzlich an der weißen Schaͤrpe haͤngen blieb.„Tragt Ihr vielleicht an dieſer Schuͤr⸗ pe die Farbe Eurer Dame*« „Ja, Herrle ſagte der Juͤngling treu⸗ herzig. „Sonderbar lK fluͤſterte Gonzaga leiſe; aber das Wort war auch kaum ausgeſprochen, als ein plotzlicher Gedanke ihn zu uͤberraſchen ſchien. Mit einem einzigen langen und ſchnel⸗ len Schritte trat er vor den Spiegel, mit ſcharfem Blicke die eigene Geſtalt meſſend, hin, und mit einem ſelbſtgefaͤlligen Laͤcheln— das die Zuverſicht auszudruͤcken ſchien, daß ein Weſen, das des ſeinen wuͤrdig war, dies kraſtvolle, entſchloſſene und dabei muthige Antlitz, aus welchem Geiſt und Charakter ſprachen, den gedrechſelten Formen und der glaͤnzenden, obgleich nicht durch Thaten ent⸗ falteten Bluͤthe eines kaum reifen Juͤnglings auch vorzichen wuͤrde— ſagte er, mit einer 11 Vorempfindung ſiegender Rache, leiſe bei ſich: vEs ſey! kann ich beſſer geraͤcht werden, als wenn ſie den Edelknaben dem Manne vor⸗ zieht, oder vielleicht ſchon vorgezogen hat?. Ich will es mit Dir verſuchen, Cauſſade,« fuͤgte er laut und entſchloſſen hinzu, vinſo— fern Du verſtehſt, was erforderlich iſt, um mir meinen armen Jungen erſetzen zu koͤn⸗ nen.« Nachdem er eine fluͤchtige Pruͤfung, die Jagd und andere damals gebraͤuchliche Gegen⸗ ſtaͤnde betreffend, mit dem Juͤnglinge ange⸗ ſtellt, und dieſer ſich hierin als tuͤchtig be⸗ waͤhrt hatte, gebot Gonzaga dem Haushof⸗ meiſter, ihm ein Pagenkleid ſeiner Farbe zu geben, und noch denſelben Abend trat Canſſa⸗ de ſeinen Dienſt an. Dieſer ſchien herzens⸗ froh daruͤber; nicht ſo Gonzaga. Als er ſich dieſelbe Nacht unruhig und ſchlaflos auf ſei⸗ nem Lager waͤlzte, beſchlich eine leiſe Reue ob dieſer raſchen Aufnahme ſein Herz. Es war ihm, als ergriffe er ſich ſelbſt auf einer — 463— unedlen Rache, wodurch er einem Abentheu⸗ rer vielleicht Thuͤre und Thor zu einem Lie⸗ beshandel geoffnet habe, an welchem Mit⸗ wiſſer und Mithelfer zu ſeyn unter ſeiner Wuͤrde war; dennoch vertraute er, ſelbſt un⸗ ter dieſen Vorwuͤrfen, dem kalten Herzen Dianens. Eine innere Stimme fluſterte ihm zu, daß es, wenn er keinen Eindruck dar⸗ auf machen koͤnnte, auch den Pfeilen einer tändelnden Liebe unzugaͤnglich ſeyn wuͤrde; dennoch beſchloß er, weder ſie noch den muth⸗ maßlichen Bewerber um ihre Gunſt aus den Augen zu laſſen, ſchon im Voraus uͤber alle Folgen beruhigt, die im ſchlimmſten Falle ihm nur den Beweis geben koͤnnten, daß Diana ſeiner Liebe unwuͤrdig geweſen ſey. Allein im Laufe mehrerer Wochen entdeck⸗ te er, mit einer faſt unbewußten Genngthu⸗ ung, nichts, das nur zur Muthmaßung eines Verſtaͤndniſſes, ja auch nur einer Bekannt⸗ ſchaft zwiſchen Beiden Anlaß geben konnte. 11 — 164— Und dennoch war ſie die Einzige bei Hofe, welche die weiße Farbe auserkoren; die Prin⸗ zeſſin Renie ſtand ja fuͤr ihn ſelbſt faſt zu hoch, als daß es ihm einfallen konnte, daß ein unbedeutender Edelknabe ſeine Angen haͤt⸗ te auf ſie werfen duͤrfen. Obgleich er jede äuſſere Aufmerkſamkeit von der ſogenannten ſchoͤnen Statue abgewendet hatte, ja ſelbſt hoͤchſt ſelten nur kurze und nichtsſagende Worte im gemeinſchaftlichen Geſpraͤche an ſie richtete, hatte er ſich, ſeinem Entſchluſſe ge⸗ treu, ihrer Naͤhe nicht entzogen. Sie war ja die unzertrennliche Freundin der Schweſter des Koͤnigs, der Prinzeſſin Rente von Frank⸗ reich, der er von jener Stunde an, wenn auch nicht mit Worten, ſo doch mit Blicken den Hof zu machen wagte, mehr doch, wie es ſchien, aus einer Art von Trotz, als aus wirklichem Ernſte; denn er wußte recht gut, daß der junge Koͤnig hoͤhere Zwecke mit ihrer Hand beabſichtigte. An Gelegenheit fehlte es ihm nicht, weil ſeine Mutter, mehr aus muͤtterlicher Nei⸗ gung, als durch ihre Stellung am Hofe, ei⸗ ne Art traulicher Gouvernante bei ihr bildete, welche zarte Zuneigung die Prinzeſſin mit kindlicher Ergebung zu erwiedern ſchien, und oft halbe Tage in ihren Zimmern zubrachte. Bei dieſen Beſuchen war ſie immer von der Prinzeſſin von Nevers begleitet, die in der Gunſt der klugen, theilnehmenden Matrone faſt noch hoͤher ſtand. Wiewohl dieſe die Liebe des Sohnes geahnt und auch wohl lei⸗ ſe befoͤrdert, ja ſogar zu bemerken geglaubt hatte, daß eine Erklaͤrung zwiſchen Beiden Statt gefunden haben muͤſſe, welche die ſchoͤn⸗ ſten Hoffnungen des Sohnes getaͤuſcht, ließ ſie doch nicht den geringſten Unmuth blicken, und kam beiden Prinzeſſinnen mit dem ge⸗ woͤhnlichen, immer gleichen Wohlwollen ent⸗ gegen; ja ſelbſt Diana war nach jener muth⸗ maßlichen Erklaͤrung, wie zuvor, unveraͤn⸗ dert dieſelbe, in Betrefſ ſeiner, geblieben, ge⸗ — 166— faͤllig gegen ihn, wie gegen Alle, ohne doch mit irgend einem jungen Manne ſich in eine Unterredung einzulaſſen, woraus dieſer auf den Reichthum von Geiſt und Empfindung, die ihr ſchoͤnes Aeuſſere zu verheiſſen ſchien, ſchlieſſen konnte. Dennoch kam es dem Her⸗ zog in einzelnen Augenblicken, wo ſie ſich nicht bemerkt glaubte, vor, als hafteten ihre Augen mit wehmuͤthiger Innigkeit auf ihm, welche indeß die leiſeſte Annaͤherung, ein Wort aus ſeinem Munde, oder ein begegnen⸗ der Blick, ſogleich wieder verſcheuchte. »Rein K ſagte er dann oft unmuthig zu ſich ſelbſt—„was wollte auch mein Herz von Feuer in der Naͤhe dieſes Eismeeres? es anzuͤnden? wo nicht einmal ſo viel brennba⸗ rer Stoff iſt, als der Witz zu einem Funken bedarf! oder mein Feuer darin verloͤſchen und ſelbſt untergehen? Gottlob! ſo weit iſt es noch nicht mit mir gekommen. Was kann Cauſſade hoffen? Ich ſehe wohl, wie in ih⸗ rer Gegenwart ſein ganzes Weſen in ſeinen — — — — 167— Blicken brennt, und ſie bemerkt dieſe Flam⸗ men eben ſo wenig, wie ihn ſelbſt. Mit alle dem muß mein geheimnißvoller Page doch Abſichten haben. Nun, was kuͤmmert's mich? ihn ohne Urſache wieder fortjagen will ich nicht, und er giebt mir keinen Anlaß, mit ihm unzufrieden zu ſeyn.« Allein ſo zufrieden Gonzaga ſich gnit dem neuen Pagen auch fuͤhlte, ſo weit entfernt war ſeine uͤbrige Umgebung, dieſe Meinung zu theilen. Einſchmeichelnd und ſchlan be⸗ obachtete er beſonders vor den Augen des Ge⸗ bieters den leichten Dienſt, den ſeine Stelle mit ſich brachte, genau; allein um ſo uͤber⸗ muͤthiger und herriſcher betrug er ſich gegen die Genoſſen, und verſtand das wenige Laͤſti⸗ ge ſeines Amtes ihnen ſo geſchickt zuzuſchie⸗ ben, daß, wenn etwas verſaͤumt wurde, die Schuld davon immer auf ſie ſiel, die ſich nicht daruͤber zu beſchweren wagten; denn die ſchnelle und geheimnißvolle Weiſe, womit er, der Unbekannte, der noch Allen ein — 158— Räthſel war, ſich die erſte Stelle unter ih⸗ nen zu verſchaffen gewußt hatte, ja ſelbſt die freie und dabei gewandte Weiſe, mit der er ſich gegen den Herrn benahm, lieſſen ſie ver⸗ muthen, welches er auch fein genug zu mer⸗ ken und zu beſtaͤrken verſtand, daß er, in weit hoͤherem Grade als ſie, das Vertrauen des Herzogs beſaß. Seine ungemeine Fertig⸗ keit in Allem, was die Jagd betraf, die Geiſtesgegenwart, die er nicht ſelten Gelegen⸗ heit bekam, an den Tag zu legen, hatte ihm auch wirklich allmaͤhlig die Gunſt des Herzogs gewonnen, um ſo mehr, da der Koͤnig ſelbſt, an deſſen Jagdzuͤgen dieſer immer Antheil nehmen mußte, dem blutjungen Jaͤger, um jener Eigenſchaften willen, ſo wie auch wegen ſeiner ausgezeichneten Schoͤnheit und gaͤnzli⸗ chen Mangels an Bloͤdigkeit, einen gnaͤdigen Blick vergoͤnnt, und mehrere Worte ſogar an ihn gerichtet hatte. Auf eine Anfrage des Koͤnigs hatte er ſich fuͤr den juͤngeren Sohn eines ſavoyiſchen Edelmannes ausgegeben, und — 169— wiewohl man in ſeiner Ausſprache immer den Fremden horen konnte, rodete er doch die franzoſiſche Zunge mit einer ſolchen Gewandt⸗ heit, daß ein geuͤbteres Ohr, als ſich damals bei Hofe befand, dazu gehoͤrte, um genau zu beſtimmen, welcher Nation er ſeinen Urſprung verdankte. Gewannen ihm nun aber dieſe Eigen⸗ ſchaften die Gunſt der Maͤnner, mußte ihm die Schoͤnheit, dieſes offne und zu rechter Zeit ſelbſt unbeſcheidene Weſen, bei einem Hofe, auf welchen die ritterliche Galanterie der nächſten Vorfahren ſich mit noch feineren Sitten vererbt hatte, noch mehr die Gunſt der Frauen erwerben, wiewohl keine von die⸗ ſen, ſelbſt nicht ſolche, von denen die Chro- nique scandaleuse der Zeit vielfache Aben⸗ theuer zu fluͤſtern wußte, und welche doch ohne Zweifel ihm im Verborgenen einladende Blicke zugeworfen, inſofern man davon wuß⸗ te— und ſelten bleiben bei Hofe die Aben⸗ thener eines Neulings ganz verborgen— ſich — 170— ſeiner Huldigung mehr als im Allgemeinen ruͤhmen konnte. Indeſſen dauerte es nicht lange, bevor die erſte Schwermuth des Herrn und die muthwillige Sproͤdigkeit ſeines Pa⸗ gen dem heitern, jugendlichen Hofe Anlaß zu vielfachen Witzeleien darboten, an welchen, die ſchoͤne Statue allein ausgenommen, uͤber deren bloͤde Wortkargkeit jener in noch hoͤhe⸗ rem Grade witzelte, Alle Antheil nahmen. . Zu dieſer Zeit war es, an einem ſchoͤnen Sommermorgen, waͤhrend die erſten Strah⸗ len der Sonne, obgleich ſchon einen heißen Tag verkuͤndend, mit einer mild erquickenden Waͤrme von dem blauen, klaren Himmel herab ſchienen, in einer ſo fruͤhen Stunde, wo die ganze heutige Frauenwelt noch in ſuͤſſen Traͤumen ſchlummert,— als zwei weib⸗ liche Geſtalten auf dem Balkone eines Er⸗ kers im Schloſſe von Vincennes, wohin der Hof mit Anfang des Sommers gezogen war, 3½ —— — —— eng aneinandergeſchmiegt ſtanden. Eine le⸗ bendige Laube, welche große Blumentoͤpfe mit hoch aufgeſchoſſenen Schlingpflanzen von uͤp⸗ pigem Laub und duftenden Blumen und Bluͤ⸗ then bildeten, verſteckte ſie halb und uͤber⸗ ſchattete ſie ganz ⸗ Die Eine war klein, zierlich und äthe⸗ riſch, ſo wie man ſich eine leichte Sylphe denkt; nur eine etwas braͤunliche Haut, und zwei ſchwarze, funkelnde, wie ein Blitz durch⸗ dringende Augen,— wovon die erſte demjeni⸗ gen, der davon blos gehoͤrt, befremdend klingt, aber in welchen beiden zuſammen der ent⸗ zuͤckte, beſchauende Blick einen noch hoͤheren Reiz entdeckte— verriethen ihre irdiſche Her⸗ kunft. 5 Die Andere dagegen mochte man ohne Bedenken fuͤr einen Cherub halten. Sie war groß, ſchlank, alle Formen vom ſchoͤnſten Ebenmaße, alle Zuͤge von regelmaͤßiger Schoͤn⸗ heit; nur ein Anflug von Roͤthe belebte ihre Wangen, und aus dem dunkelblauen Himmel — 172— des Auges ſprachen Milde und Ruhe, waͤh⸗ rend ein feuchter Thau darin ihrem Antlitze einen Ausdruck der ſtillen Wehmuth gab, die eine ſchoͤne Entſagung hervorlockte.— Die Erſte war die Prinzeſſin Renée von Frank⸗ reich, die Zweite ihre Freundin, Diana von Nevers. Die heiteren Fanfaren der Jagd, die vom Schloßhofe hinauftonten, hatten die koͤnigli⸗ che Prinzeſſin ermuntert. Sie weckte ihre vertraute Freundin und Dame d' Atour, die nach damaliger Sitte Schlafzimmer und Bett mit ihr theilte, und im leichten Morgenkleide eilten Beide auf den Balkon, wo ſie, hin⸗ ter den Blumen verſteckt, dem Abzuge des Koͤnigs und ſeines Jagdgefolges lanſchten. Schweigend ſtanden ſie Beide da, die See⸗ le im Auge und Ohr, bis der letzte Ton der Hoͤrner auſſerhalb des wieder geſchloſſenen Schloßthores verhallte. Schelmiſch ſah die Prinzeſſin Renée zu der Freundin hinauf. Sie gewahrte, daß die ſonſt blos dunkle — — 173— Wehmuth ihres Blickes zu einer perlenden Thraͤne verſchmolzen war. „Habe ich recht geſehen 6 rief ſie freudig aus. Nein! Du biſt die kalte Statue, wie der Hof von Dir ſagt, nicht. Der Blick von unten, der verſtohlen herauf ſah, hat ſein Ziel zu treffen gewußt.« Diana ſah ſie betroffen an. vIch habe keinen Blick bemerkt,« ſagte ſie mit einem gezwungenen Läͤcheln, durch welches ein un⸗ terdruͤckter Seufzer klang. „Gluͤckliches Maͤdchen lK verſetzte die Prin⸗ zeſſin, das Herz ungeſcheut durch einen lauten Seufzer erleichternd.»Warum willſt Du leugnen? Dich hindert nicht der Glanz eines Hofes und die Launen eines gebieteriſchen Bruders, der ſuͤſſen, maͤchtigen Neigung des Herzens zu folgen. Warum ſiehſt Du mich ſo betroffen, ſo argwoͤhniſch an? Druͤcke lie⸗ ber dieſe gluͤhenden Wangen an meine klo⸗ pfende Bruſt, und geſtehe ehrlich und ofſen: vSchweſter, ich bin gluͤcklich« Ach! haͤtte — 174— mich der Blick getroffen Sie umarmte die Freundin heftig, Wangen und Augen an ihren Buſen preſſend, als wollte ſie unbe⸗ merkt in dem wallenden Flor eine Thraͤne zerdruͤcken. vIch verſtehe Dich nicht, Renie! ſprich deutlicher K ſagte Diana verwundert. „Der Blick des ſchoͤnen Cauſſade?« fluͤ⸗ ſterte die Prinzeſſin, lauernd aufblickend; ver allein bemerkte uns, und im Fortreiten hat er ſich zweimal umgeſehen.« „Ich habe ihn gar nicht bemerkt,« ſagte Diana kalt, beinahe geringſchaͤtzend. vUnd doch ſchimmert ein feuchter Glanz in Deinem Auge; auf wem hat es denn ſo ſtill, ſo beſeligend geruht? und warum erroͤ⸗ theſt Du? Ich leugne es nicht: das Gefolge des Bruders, aus der Bluͤthe der Ritter⸗ ſchaft, bildet einen ſchoͤnen, glaͤnzenden Kranz. Carl ſelbſt gehoͤrt nicht unter die Haͤßlichen; aber ich habe nur Angen fuͤr Ei⸗ nen. Verzeihe, daß der Blick Deiner Freun⸗ — ———— — 175— din, ſelbſt im Anſchauen berauſcht, nicht dar⸗ an gedacht, Deinen Liebling auszuſpaͤhen; ſey daher um ſo aufrichtiger gegen meine Reue, denn auch Deinem Blick iſt etwas Liebes begegnet, und ſage mir ohne Hehl, wer in dieſem prangenden Maͤnnerkranze in Deinen Augen der Schoͤnſte und Liebenswuͤr⸗ digſte iſt? Keinen Predigerton lK ſetzte ſie ſchnell hinzu, indem ſie Dianen, die zu ei⸗ ner mißbilligenden Antwort die Lippen offnen zu wollen ſchien, die Finger auf dieſe legte. „Sey menſchlich, Maͤdchen, und ſtoſſe nicht mein Vertrauen zuruͤck, denn es draͤngt mich, ein ſuͤſſes Geheimniß auch in Deine Bruſt niederzulegen. Wozu dieſe ernſte Strenge, der der Thau Deines Auges doch ſchon wider⸗ ſprochen? Wer iſt Dir der Schoͤnſte und Liebenswuͤrdigſte 74 Es ſey le verſetzte Diana, ſie faſt aͤngſt⸗ lich anſtarrend.„Dein Pertrauen iſt mir theurer als Alles.— Der Schoͤnſte, fragſt Du? Aufrichtig, Rense, ich weiß es nicht; — 176— aber der Liebenswuͤrdigſte iſt der Herzog Gon⸗ zaga. 4 vGonzaga 76 rief die Prinzeſſin betroffen. „Ihn liebſt Du?4 „Lieben?6 wiederholte Diana;„davon war ja die Rede nicht, und doch, Renée,« ſagte ſie heftig, die Thraͤnen mit Muͤhe zu⸗ ruͤckhaltend— vich glaube es faſt; aber fuͤrch⸗ te nichts! Du ſiehſt ja ſelbſt, wie er ſeine ganze Neigung, jede ritterliche Aufmerkſam⸗ keit Dir zugewendet hat. Ach! verkenne mich nicht. Es iſt nicht Neid, es iſt ſchwe⸗ ſterliche Beſorgniß!— was ſoll daraus wer⸗ den? denn nie wird Dein Bruder ihm Dei⸗ ne Hand bewilligen vIch liebe ihn nicht lW ſagte die Prin⸗ zeſſin raſch.„Aha! kleine Sproͤde,« fuhr ſie laͤchelnd und mit dem Finger drohend fort, vhabe ich Dich doch ertappt! mußte die Ei⸗ ferſucht eintreten, um dies kalte Herz aufzu⸗ thauen? Indeſſen«— fugte ſie plotzlich ernſt hinzu—„das hatte ich nicht erwartet! — 17— Kommt die Reue nur nicht zu ſpaͤt— faſt ſechs Wochen zu ſpaͤt! ich fuͤrchte— ich furchte 2. Reue% wiederholte die Prinzeſſin von Nevers ruhig und ernſt; vich habe nichts zu bereuen— wenn die Empfindung in meiner Bruſt fuͤr ihn Liebe iſt, ſo iſt ſie nicht neu. Sie entſtand in demſelben Augenblicke, wo ich den Herzog kennen lernte.« „Wie? Warum haſt Du denn ſeine Hand ausgeſchlagen? Oder luͤgen die Geruͤch⸗ te, die von ſeiner geheimen Bewerbung und Deiner Verweigerung leiſe gefluͤſtert haben? Ich kann es nicht glauben.« vUnd wenn er mir die Hand heute aufs Neue antruͤge, ich ſchluͤge ſie dennoch aus,« ſagte Diana, den ernſten Blick niederſchla⸗ Wie ſoll ich das verſtehen?, In der That, eine ganz neue Art von Liebe.« „Es iſt wohl auch nicht dies Gefuͤhl, das mich an ihn bindet, weil er— weil 12 . 178— Du— die Ihr Beide ja die Liebe kennen wolltet, mich Beide nicht verſteht; aber ſein Gluͤck iſt mir unendlich thener, ich darf die⸗ ſem nicht in den Weg treten. Ihm winkt in der Ferne ein Fuͤrſtenhut; aber ſelbſt in dem Augenblicke, wo der alte Oheim in Mantna ſtirbt, ſind ſeine Rechte nicht ſo klar, ſo unbeſtritten, daß ihm nicht in die⸗ ſem Lande der Intrigue maͤchtige Verhaͤltniſſe, thaͤtige Verwandte, bedeutende Summen zu Huͤlfe kommen muͤſſen. Was koͤnnte denn die arme, elternloſe Prinzeſſin von Nevers fuͤr ihn thun? Eine Verbindung mit mir moͤchte ihm die Thuͤr zu ſeinen Rechten verſchlieſſen und die Gattin ihm laͤſtig wer⸗ den« „ Die arme Prinzeſſin von Revers, die Schweſter des Herzogs 24 „Jede Schweſter in Frankreich, wenn nicht von koniglichem Blute, iſt arm, weil ſie von den Launen ihrer Bruͤder abhaͤngig iſt. Der Herzog iſt reich, aber geizig; und 8 1 6 —————— — 10— haben wir nicht Beide noch einen Bruder, der den Herzog, ſo klagt er wenigſtens, nur zu viel Geld koſtet? Sie ſtehen jetzt Beide von Kriegsgefahren umringt. Die heilige Mutter gebe ihnen Gluͤck und Sieg! aber je hoͤher Beide ſteigen, je tiefer ſinkt die mit⸗ telloſe Schweſter. Die Eltern haben, mit klugem Vorbedacht, mir nichts hinterlaſſen. Der Wunſch, oder vielmehr das Gebot der Sterbenden war, daß ich in ein Kloſter ge⸗ hen moͤchte, und nur Deine Freundſchaft, Renée, nebſt dem Zureden der Herzogin von * Mantua, unſerer muͤtterlichen Freundin, ha⸗ ben bisher die Ausfuͤhrung dieſes Gebotes verſchoben. Ihr Sohn iſt mir ſehr theuer; aber meine Hand erhaͤlt er nicht.« Wunderliches Maͤdchen le ſagte die Prin⸗ zeſſn, ſie ſtarr anſehend. Mein! ſo ritter⸗ lich denke ich nicht. Du haͤtteſt gluͤcklich ſeyn 4 koͤnnen, und ſetzeſt einer Grille wegen Dein Gluͤck aufs Spiel. Ach! was haben wir armen Maͤdchen denn auß der Welt, wenn 1 8 12* — 180— wir das Beſte darin, die ſchöne Liebe, auf⸗ geben muͤſſen? Ich ſoll es miſſen, ich bin ja dazu geboren; aber Du?— ſonder⸗ bar læ 5 zLerne von mir, theure Rente, geduldig Opfer zu bringen, die gebracht werden muͤſ⸗ ſen.« „Ich bringe keines, wozu aͤuſſere Gewalt mich nicht zwingt,« ſagte Renie heftig.»Und mir ſcheint jetzt Dein Ungetreuer den Hof zu machen? Dich ſieht er nicht mehr an, und auf mir brennt ſein Blick. Ich leugne es nicht, es ſchmeichelt mir, durch ein mildes Lächeln Deine anſcheinende Kaͤlte gut machen zu koͤnnen; aber nun, ſeit Deinem Ver⸗ trauen, ſehe ich die Verhaͤltniſſe anders. Ich liebe ihn nicht, und moͤchte— ach, Diana! Undankbares Maͤdchen lW unterbrach ſie ſich ſelbſt heftig, ihre gluͤhenden Wangen in den Buſen der Freundin verbergend.„Du haſt noch einen ſuͤſſeren Blick auf Dich gezo⸗ gen, und willſt nichts davon wiſſen? wie ————————————— „— 5 verwuͤnſche ich dieſe Groͤſſe, die alle Liebe verſcheucht 1« „Was meinſt Du?6 fragte Diana, vund von welchem Blick ſprichſt Du*4 Von dem, der Dich vorhin, ohne daß Du es gemerkt, getroſſen hat; von dem des ſchonen Cauſſade.« „Des Wahnſinnigen*4 verſetzte Diana entroͤſtet. vSeinen unverſchaͤmten Blick habe ich wohl, wenn auch nicht heute, doch um ſo oͤfter zu andern Zeiten bemerkt; aber nicht auf mich, auf Dich war er dann verſtohlen gerichtet, obgleich ich nicht lengne, daß es mir vorkommt, als wolle er ſich meiner zum Schalksdeckel bedienen. Sey nur ehrlich, Re⸗ nie! Du weiſt es eben ſo gut wie ich; traue dem unverſchämten Burſchen nicht.« Ich wollte es auch nur von Dir hoͤren,« ſagte Renée gluͤhend.„Aber Du nennſt ihn unverſchaͤmt? Warum? weil er ein ofſenes Herz und einen oſſenen Blick fur Schoͤnheit und Anmuth hat? weil die Liebe ihm Muth — 182— einfloßt, das Kuͤhnſte zu wagen? Was iſt hoͤher, als Liebe mit Muth vereint 4 »Aber wenn ſchleichende Schlangenliſt da⸗ zukommt? Hute Dich, Renée! Was bei dem Herzoge Gonzaga ſchon vermeſſene Kuͤhn⸗ heit ſcheint, iſt bei ſeinem Pagen verbrecheri⸗ ſcher Wahnſinn l »Kaltes Herz, Du luͤgſt nur Gefuͤhl! Du liebſt den Herzog nicht! Du weißt nicht, was Liebe iſt. Sie gluͤhet nur, lodert in Flammen auf, und theilt ſie wieder mit,« ſagte Renée, ſich heftig wegwendend; aber in demſelben Augenblicke warf ſie ſchnell be⸗ reuend, ſich in Dianens Arme, und, ſie heftig umſchlingend, ſetzte ſie leiſe hinzu:„Sie iſt ein thoͤrichtes Kind, und weiß kaum, was ſie ſpricht. Moͤge Deine Freundſchaft mei⸗ nen Wahnſinn beſchuͤtzen, und laß mich an Dein Herz voll Eis mich halten— ich bran⸗ che Kuͤhlung l Die Sonne war indeſſen hoͤher geſtiegen. Es wurde im Schloſſe immer lebendiger, und ——— —— 6 — 183— die Freundinnen wurden geſtoͤrt. Der Tag mit ſeinem gewoͤhnlichen langweiligen Treiben nahm ſie in Anſpruch. Erſt als die Sonne ſich wieder dem Untergange naͤherte, die Glocken zur Veſper laͤuteten, und der frohli⸗ che Jagdzug, unter Begleitung vom munte⸗ rem Hoͤrnerklang, heimgekehrt war, fanden die Prinzeſſinnen eine trauliche Stunde wieder. Renée druͤckte feſt Dianens Hand. „Wie viel beſſer biſt Du doch, als ich K fluſterte ſie ihr zu.„Ich habe Alles, wovon wir geſprochen haben, erwogen. Du biſt eine Heilige, Diana, wie heidniſch Dein Name auch klingen mag! Aber ſelbſt die Hei⸗ ligen duͤrfen gluͤcklich ſeyn; ich will es we⸗ nigſtens ſo— Gonzaga muß noch der Dei⸗ nigen werden l vUm Gotteswillen lk erwiederte erſchrocken die Prinzeſſin von Nevers, plaß mich nicht mein Zutrauen zu Dir bereuen.« „Das ſollſt Du nicht,« verſetzte Rensée, ſie heiter umfaſſend; vwir wollen nur einen — — 184— Bund zu Schutz und Trutz ſchlieſſen. Ach, Diana! ich bedarf ja ſelbſt, mehr als je, einer Freundin, und gern moͤcht ich mich Dir auf das innigſte verbinden. Wir ſind ja beide Maͤdchen, jung und heiter; darum laß uns recht maͤdchenhaft mit einander von Liebe und Hoffnung traͤumen; wir haben Zeit genug, wenn wir nicht beiſammen ſind, Prinzeſſinnen vorzuſtellen. Ach! wovon habe ich zu traͤumen, als nur von Thraͤnen? wer weiß, wem ich geopfert werden ſoll! Von mir denn vorlaͤufig nicht, aber von Dir, Dia⸗ na! Gonzaga und Du, welch ein Paar! und Du kannſt Dich weigern, die Mutter heiterer Liebesgoͤtter zu werden? »Du biſt muthwillig, Rente! welche Sprache læ vLaß uns träͤumen, ſage ich ja, und Bil⸗ der und Sprache nehmen, wie ſie in Tran⸗ men fallen koͤnnen. Was gaͤbe ich darum, Deine Zukunft ſehen zu können! Nun, ſchlage den Blick nicht ſo ernſt nieder; ins Kloſter —— — 185— ſollſt Du mir nicht. Hoͤre, ich will mich zwar nicht in Dein Geſchick miſchen, aber es kennen moͤchte ich doch, moͤchte wiſſen, ob nicht doch Gonzaga— nun, zuͤrne nicht! Siehſt Du!— Da habe ich den ganzen Mor⸗ gen, als ich bei der Herzogin von Mantua war, in ihren Schriften geblaͤttert. Es iſt doch eine erſtaunlich gelehrte Frau, wiewohl man es ihr nicht anſieht. Da fand ich unter andern einen dicken Quartanten, auf ſchoͤnen pergamentenen Blaͤttern geſchrieben, mit wun⸗ derlichen, gemalten Figuren darin. Weißt Du wovon das Buch handelte? Denk Dir, Kind— von der weißen Magie! Wir haben viel davon geſprochen; es ſind lauter unſchul⸗ dige Sachen, und ich habe auch recht Vieles daraus gelernt— was mir die Herzogin vor⸗ geleſen, denn ſelbſt leſen iſt eben meine Sache nicht.— Sage mir«— fuhr ſie, die kleine Stirn ſich reibend und ſinnend, fort— vſa⸗ ge mir, haſt Du kein Maͤnnerſchwert, keine kurze Waffe, die in die Familie gehoͤrt?« — 186— vWas faͤllt Dir ein 6 ſagte Diana ver⸗ wundert.— Freilich! die Bruͤder haben mir, als ſie zum Heere abgingen, mehrere Sachen zum Aufheben geſchickt. Meine Gar⸗ derobe iſt von dem Plunder voll. Es giebt auch Waffen darunter.« „Herrlich, herrlich!K rief die heitere Freundin, in die Haͤnde klatſchend. vKomm, komm« Sie eilte in die Garderobe, und hatte bald ein Schwert aufgefunden. Diana folgte ihr nach.„So erklaͤre mir doch K fragte ſie. »Wir haben, was wir brauchen lK ſagte Renée zuverſichtlich. MNoch bevor ich Dir morgen:„„Gut geſchlafen?c6 zurufe, ſollſt Du wiſſen, ob nicht doch Gonzaga einmal der Deine werden wird, inſofern Du jedoch Muth haͤtteſt, den guten Geiſtern zu ver⸗ trauen.« »Den Geiſtern wohl,« ſagte Diana gereizt, vaber keinem Menſchen mehr, keiner Freundin, da Du mein Vertrauen ſo hart beſtrafſt.« —— ——— — 187— „Mehr iſt auch nicht noͤthig,« verſetzte die Prinzeſſin, das Letzte uͤberhoͤrend; willſt Du es aber auch thun?6 vEs kommt darauf an, was ſie verlan⸗ gen« entgegnete Diana; dich moͤchte Vie⸗ les thun, wenn ich dadurch erlangen koͤnnte, daß Du dieſe Saite nie mehr beruͤhrteſt.« „Das verſpreche ich Dir heilig! Gewiß! aber darum auch ſogleich Hand ans Werk. Die weiße Magie, ſiehſt Du, lehrt, daß wenn irgend eine Perſon, ſey es Mann oder Frau, die liebt, zu wiſſen wuͤnſcht, ob der Geliebte ihr auch werden ſoll, ſie nur unter ſeinem Kopfkiſſen ein entbloͤſtes Schwert zu verſtecken braucht; traͤumt ſie dann in der Nacht, wo er darauf ruht, von ihm, ſo wird er auch ihr Gemahl werden. Warum ſiehſt Du mich ſo betroffen an? Komm! die Stunde iſt guͤnſtig. Der Herzog befindet ſich bei der ſpaͤten Tafel des Koͤnigs; wir gehen durch die Zimmer ſeiner Mutter, die ſo eben in die Veſper gegangen iſt; der Weg ſteht — 138— uns offen. Von ihrem innern Zimmer fuͤhrt, wie Du weißt, eine kleine Treppe hinauf in das Schlafzimmer des Herzogs. Wir koͤnnen nicht uͤberraſcht werden, und die Waffen verſtecken wir in den Falten unſerer Kleider.« Die Prinzeſſin von Revers hatte ſtill zu⸗ gehort. Eine hoͤhere Roͤthe uͤberzog ihre Wangen; unwillkuͤhrlich hatte ſie die Hand der Freundin gedruͤckt. Es war, als leuchtete eine leiſe, ihr ſelbſt unbewußte Hoffnung aus ihren Blicken; doch ſchnell ſich faſſend, rief ſie ploͤtzlich:„Wo denkſt Du hin? ich— ich in des Herzogs Zimmer? NRie 6 MNie 6 wiederholte Renie ſpottend,»nie? Spuckt es denn dort? oder ſeit wann biſt Du vor leeren Waͤnden furchtſam geworden? Es wird jetzt kein Menſch da ſeyn, und Du kannſt, ſo wie ich es Dir angewieſen, unent⸗ deckt dahin kommen.« Neinl« ſagte ſie nach kurzem Sinnen entſchloſſen, vich thue es nicht! ich thue — 189— nichts, woruͤber ich vor mir ſelbſt erroͤthen muͤßte; nichts, was nicht die ganze Welt ſehen darf. Will Rencée von Frankreich ihrer Freundin zumuthen, das zu thun, was ſie ſelbſt unter ihrer Wuͤrde haͤlt?6 „Haͤtte ich etwas Gluckliches zu erſpaͤhen, Diana, ich wuͤrde mich keinen Augenblick be⸗ denken.« vIch thue es nicht le MNäͤrriſches Maͤdchen lK ſchalt die Prin⸗ zeſſin Renée, viſt es Furcht, Zucht oder Sproͤdigkeit, die Dich zuruͤckhaͤlt? alle drei ſind hier gleich läͤcherlich! Glaubſt Du, daß ich die Freundin in eine Falle fuͤhren wollte? Es ſey! gieb mir die Waffe, ich will ſie ſelbſt an Deiner Stelle hinlegen.« „Du, die Schweſter des Koͤnigs, in des Herzogs Schlafzimmer 24 „Warum nicht! er iſt ja nicht da?— Komm ans Fenſter. Siehſt Du, wie ge⸗ ſchaͤftig Pagen und Diener nach dem Speiſe⸗ ſaale hin und wieder laufen? oder ſtecken die — 190— Waͤnde dort mit irgend etwas an? Fuͤrchteſt Du vielleicht die Luft, worin er Athem ge⸗ holt? ich nicht! Komm! ich gehe an Dei⸗ ner Stelle.« „Renie, ſey klug! wenn Dir Jemand begegnete—6 „Folge mir mit in die Zimmer der Her⸗ zogin; dorthin koͤnnen wir doch unverdaͤchtig gehen? und auf der kleinen Treppe begegnet mir gewiß Niemand. Sollte auch das Un⸗ moͤgliche eintreten«— fuͤgte ſie leicht hinzu— „die Prinzeſſin irrt ſich, leichter als irgend ein Anderer, in den dunklen Gaͤngen des Schloſſes. Komm, damit ich nicht beim Herzoge ſelbſt—6 „So thue denn was Du willſt,« unter⸗ brach ſie Diana raſch, vaber gedenke Deines Verſprechens l« Die Zimmer der Herzogin Mutter wur⸗ den ihnen ſogleich geoffnet. Kaum waren ſie in das Kabinet getreten, wo ſie angezeigt hatten, die Bewohnerin erwarten zu wollen⸗ — 104— als Rente; leicht wie eine Nymphe, mit dem Finger auf dem laͤchelnden Munde, und in der andern Hand das Schwert, ohne Bedenken nach der Tapetenthuͤr eilte, und in demſelben Angenblick verſchwunden war. Aengſtlich beklommen, mit zuruckgehaltenem Athem, blieb Diana voll Erwartung in der Mitte des Zimmers ſtehen; die leichten Trit⸗ te der Prinzeſſin erreichten ihr Ohr nicht— ſo unhoͤrbar ſchwebte ſie die Treppe hinauf, daß man daraus faſt ſchlieſſen moͤchte, daß ſie, ohne die Thuͤre zu oͤffnen, durch dieſe ſchluͤpfen koͤnnte. Dennoch zaͤhlte Diana in immer ſteigender Angſt die Minuten bis zu ihrer Zuruͤckkunft. Dieſe fand plotzlich ſtatt, aber bei weitem nicht leiſe und leicht, wie ihr Fortgang. Sie ſtuͤrmte die Treppe her⸗ unter, gluͤhend trat ſie in das Kabinet⸗ athemlos, faſt hinſinkend, noch immer das Schwert in der Hand, und mit ſichtbarem Erſchrecken, warf ſie ſich in die aͤngſtlich um⸗ klammernden Arme der Freundin.*7 — 192— vWas iſt Dir?6 rief dieſe, einer Ohn⸗ macht noch naͤher, als die Hereingeſturzte. Michts! nichts, und Alles 1a fluͤſterte Renée leiſe, und immer bebend. MRichts, was uns verrathen wird, aber ich— ich bin verloren! O ich armes Maͤdchen! und doch moͤchte ich den Augenblick nicht mit einer Krone vertanſchen l „Rede, rede! ich ſterbe vor Angſtle fiel Diana ein. „ waͤre ich jaͤh geſtorben la ſeufzte die Prinzeſſin, plötzlich in Thraͤnen ausbrechend; aber da war es, als kehrte ihr in den Thra⸗ nen Muth und Faſſung zuruͤck. Aengſtige Dich nicht, weil ich ein Kind bin,« verſetzte ſie laͤchelnd.„Geſchwind ſollſt Du Alles ho⸗ ren, ehe die Herzogin aus der Veſper zuruͤck⸗ kehrt. Dein Schreck und Deine Blaͤſſe moͤchten uns verrathen; wo verbergen wir nur das Schwert?« Sie warf ſich auf einen Seſſel, es behend mit den Falten ihres Klei⸗ des bedeckend. Hoͤre!e fuhr ſie laͤchelnd fort, — 193— indem mit jedem Worte der Strahl ihres Blickes ſchaͤrfer und funkelnder wurde: vich erreichte des Herzogs Zimmer. Deine Furcht mag Recht haben: die Atmoſphaͤre dort iſt ge⸗ fahrlich— es war, als athmete ich nichts als aufgeldſte Liebesſeufzer ein; ich habe mich nie ſo beklommen, ſo aͤngſtlich gefuͤhlt. Dennoch raffte ich meinen Muth zuſammen, und blieb horchend unter der Thuͤre ſtehen. Alles war ſtil um mich; kein Lant ließ ſich verneh⸗ men— ach! es war eine verraͤtheriſche Stil⸗ le. Ich nahete dem Bette leiſe, ſchleichend, als wollte ich nehmen, ſtatt zu bringen; aber raſch ſchlug meine Hand den ſeidenen Vorhang zuruͤck. Das Zimmer liegt gegen Weſten; die letzten rothen Strahlen der ſchei⸗ denden Sonne vergoldeten das Lager. Denke Dir mein Erſchrecken: da lag Er—6 „Wie? der Herzog? O mein Wott K MNein! der ſchoͤne Knabe Cauſſade de Saint Megret; ſo nennt er ſich ju. Der faule Page, ermuͤdet von der Jagd und viel⸗ 13 leicht aus Scham, von ſeinen Genoſſen ſchlafend uͤberraſcht werden zu koͤnnen, hatte, dem Dienſte ſich entziehend, das Lager des Gebieters gewaͤhlt, um eine geſtohlene Ruhe ungeſtoͤrter zu genieſſen. Nie habe ich ihn ſo nahe, ſo genau betrachtet, ſo recht mit der ganzen Seele des Anges betrachten duͤr— fen— ach! ſah ich dieſen Morgen nur ihn, ſo werde ich ihn von jetzt an immer vor mir ſehen! Da begriff ich, warum mir gleich ſo ſchwuͤl geworden war.«4 »Du eilteſt doch ſogleich hinweg*6 rief Diana, ihre Hand faſſend. Renee ſchuͤttelte den Kopf.„Ich konnte nicht. Konnte ich mich einem Anblick ent⸗ reiſſen, deſſen geringer Zauber ein Geheim⸗ niß in meiner Bruſt gebildet, das ich Dir dieſen Morgen ſchon anvertrauen wollte 4 Die Prinzeſſin von Nevers wurde immer ſtiller, faſt zuruͤckhaltend.»Warum ſeyd Ihr denn ſo erſchrocken zuruͤckgekehrt, Prinzeſſin? fragte ſie. — 195— „Er erwachte,« verſetzte dieſe, die kaͤltere Anrede uͤberhoͤrend. MNur getroſt! er hat mich nicht erkannt. Ich ſtand in ſeinem An⸗ blick verloren; ſo ſtand einſt die arme Pſy⸗ che! Da ſchlug er ploͤtzlich die Augen auf; ich erſchrack, aber gluͤcklicher als ſie, ent⸗ kam ich. Er mag wohl die Flucht bemerkt haben, doch ehe er ſich aufrichten konnte, war ich ſchon verſchwunden. Zuͤrne nicht, Diana! Es geſchah ja aus Liebe zu Dir.« »Aber nicht auf mein Begehren, Prin⸗ zeſſin.« Sie wurden von der Herzogin unterbro⸗ chen. Die Prinzeſſin Rence war zu ſehr an Hoſſitte gewoͤhnt, und Diana hatte ihren ge⸗ woͤhnlichen Gleichmuth ſo ſchnell wieder ge⸗ wonnen, daß die innere Aufregung ihrer Zoͤg⸗ linge der Matrone nicht auffiel; aber ſie kuͤrzten einen Beſuch ab, der ihrer Seele eben ſo peinlich war, als es ihnen Muͤhe koſtete, auf eine ungezwungene Weiſe das. entbloͤſte Schwert zu verbergen; und als ſie 13* — 1406— wieder gluͤcklich ihre traulichen Zimmer er— reicht hatten, warfen ſie es Beide ſchnell zur Seite. Diana hatte ſich indeſſen voͤllig ge⸗ faßt. Ihr unwillkuͤhrlicher Unmuth war ſchnell verſchwunden, und in eine unruhige, beinahe ſchmerzliche Theilnahme uͤbergegan⸗ gen. vArmes Kind læ ſagte ſie, der Freundin beide Haͤnde reichend,„faſt fuͤrchte ich, ja— ich zweifle nicht, daß dieſer Sturm in Dir das iſt, was Du Liebe nennſt. Wenn die Liebe ſo waltet, danke ich Gott fuͤr das Herz, das Ihr kalt ſcheltet!— Es iſt nicht kalt, aber es kennt keine ſolche Flamme. Du erſchreckſt mich. Einen Abentheurer alſo liebſt Du, von dem der Herzog ſelbſt, wie es ſcheint, nur wenig weiß, und ſeine un⸗ wiſſenheit mit einem geheimnißvollen Schleier decket, weil er fuͤhlt, daß er ſich eine Un⸗ vorſichtigkeit hat zu Schulden kommen laſ⸗ ſen. Rence— Prinzeſſin! bedenke die Fol⸗ gen l4 — »Die Folgen?« wiederholte dieſe mit Muth; vich will ſie Dir ſagen: ein kurzes Liebesgluͤck, und eine lange, ungluͤckliche Ehe! Wohl derjenigen, welche auf einen Augenblick das erſte erreichen kann! Allen wird es nicht ſo gut; ich will gluͤcklich ſeyn, um Muth zu gewinnen, ungluͤcklich zu wer⸗ den.« „Habe lieber Muth zu einem kurzen Un⸗ gluͤck, um eine lange, gluͤckliche Ruhe zu er⸗ ringen.« „Ruhe? ich will keine Ruhe! Ruhe iſt Kaͤlte, Eis! und meine Seele brennt. Laß ſie ausbrennen, damit ſie ruhig werde, ſtill, oͤde wie eine verlaſſene Ruine! Verkenne mich nicht,« fuhr ſie weniger heftig, die Freundin umarmend, faſt ſchluchzend fort, „weil ich nicht ſo bin wie Du. Ich kann weder ſo kalt ſeyn, noch ſo gluͤcklich werden, wie Du es meinſt, und ich will es auch nicht. Was habe ich von der Zukunft zu er⸗ warten? Mein iſt nur die Gegenwart, und — 093 ich will ihr fluchtiges Laͤcheln genieſſen.— Fuͤrchte nichts; ſich vergeſſen wird Deine Freundin und die Schweſter des Gekroͤnten nicht; aber Ihn ſehen, ſeiner Stimme lau⸗ ſchen, ihm ſagen—4 »Sagen 74 rief Diana erſchrocken. »Mit Worten nicht; allein ich fuͤrchte, meine Blicke haben ſchon laͤngſt geredet.— Hoͤre! ich will Dir etwas vertrauen, was mir der Koͤnig mitgetheilt, und was bis jetzt nur zwiſchen ihm und ſeinen geheimſten Raͤthen beſprochen iſt. Ich habe einen Freier! der zweite Sohn von England, der Herzog von— ach! was kuͤmmert mich der Name. Sein Bild wird bald eintreffen. Ich habe nur eine kurze Zeit, Herrin meiner ſelbſt zu ſeyn; verliere ich die, werde ich nicht einmal aus Unmuth in der neblichten Inſel ſterben koͤnnen.— Nur in Frankreich allein iſt die Liebe, die zwar auf Zucht und Ehre haͤlt, aber ſonſt keine Ruͤckſichten kennt, kein Ver⸗ brechen« — 199— »Doch! wenn nun ein Spaͤher— wenn der Koͤnig ſelbſt— „Der Koͤnig% unterbrach ſie Dianen er⸗ blaſſend. vIch fuͤrchte ihn nicht, aber es waͤre dann um ein geliebtes Leben geſchehen! Ich muß ihn warnen,« fuͤgte ſie hinzu, die Hand ſchmerzlich feſt gegen das Herz druͤk⸗ kend.»Zwar«— ſagte ſie aufathmend— „naht ſich keine Eiferſucht mit ſcharfen Blik⸗ ken, wenn wir nur nichts von denen des Gonzaga zu fuͤrchten haben, und die einer beſorgten Freundin werden uns ja auch war⸗ nend bewachen.« »Meine'« rief Diana ängſtlich. „Warum erſchrickſt Du? Es iſt ja noch keine Gefahr da. Ich kenne Deine ruhige, treue Seele, Diana! Waͤre Gefahr da, wuͤr⸗ deſt Du nicht erſchrecken. Aber ſieh! ſein Blick hängt an Dir, an uns! Wir Beide ſind ja unzertrennlich. Weiß ich doch kaum ſubſt, ob ich nicht Urſache habe, Jauf Dich eiferfuͤchtig zu ſeyn. Sllill, ſtill! verſichere 0 mir nichts! Es iſt ja genug, daß ich weiß, daß Deine Liebe ihm nicht gilt. Stoſſe nun auch mein Vertrauen nicht zuruͤck. Bewache meine Schritte, meine Blicke, die ſeinigen, fange ſie auf, wo die Welt lauert; ſey mein Schutzgeiſt, wenn Du nicht der meiner Liebe werden willſt.« Verſoͤhnt, aber nicht beruhigt zog Diana ſich aus ihrer Umarmung. Die Lebhaftigkeit der Freundin, die Ruͤckſichtsloſigkeit, womit ſie gewohnt war, ihren kleinen Leidenſchaften den Zuͤgel zu laſſen, waren nicht geeignet, ihr die Furcht vor einem unbewachten Aus⸗ bruche, der ſturmiſcher als alle fruͤheren zu werden drohete, zu benehmen. Mit dem ſchmerzlich verletzten Gemuͤthe voll truͤber Ah⸗ nungen, gingen ſie zur Ruhe. Rence wuͤrde dagegen recht bald ihren ge— woͤhnlichen Leichtſinn wiedergefunden haben, wenn nicht eine ſpaͤtere Entdeckung ihr eine neue Angſt eingefloͤßt haͤtte. Beim Ausziehen vermißte ſie ein Strumpfband; zwar ein ein⸗ 5 — — 201— faches, weißſammtenes Band, woran aber eine goldene Schnalle mit rothen Steinen— ein Geſchenk des koͤniglichen Bruders— mit einer ſeltenen Vollendung gearbeitet, die ihr Aeuſſeres nur zu kenntlich machte, befeſtigt war. Wo hatte ſie dieſes verloren? Sie be⸗ ſann ſich auf das heftige Zuſammenfahren, die eilige Flucht aus dem Zimmer des Her⸗ zogs, und zitterte, daß es auf der Treppe, oder gar in jenem gefunden werden moͤchte. In dieſem Falle moͤchte es leicht dem Herzoge ſelbſt, oder einem Diener in die Haͤnde ge⸗ fallen ſeyn, der nicht verfehlen wuͤrde, den Fund auszuplaudern, und eine Erkennung herbeizufuͤhren, die ſehr aͤrgerliche Folgen ha⸗ ben konnte. Ihr Schreck war ſo groß, daß ſie ſelbſt Dianens Vorwuͤrfe fuͤrchtete, und es nicht wagte, ihr die Quelle der Unruhe zu geſtehen, die den naͤchſten Tag in ihren Zuͤgen ſichtbar war. Fruͤher als gewoͤhnlich beſuchte ſie die Herzogin; vergeblich ſpaͤhete ihr Blick in allen Ecken, lauſchte ihr Ohr⸗ 5 ℳ . * * — 202— jedem Fluͤſtern, aber nichts von einem Funde wurde hier vernommen; und die Gewißheit, daß der Verluſt auſſerhalb dieſer Wohnung ſtatt gefunden, vermehrte ihre Angſt. Sie erſchrack, wenn nur Jemand ſich ihr naͤherte, und lauernd ſpaͤhete ſie in allen Blicken. Aber Alles vergebens. Weder dieſen Tag noch den folgenden ereignete ſich das Gering⸗ ſte, woraus ſich auf eine wahrſcheinliche Ent⸗ deckung ihres Verluſtes ſchlieſſen ließ. Am dritten Morgen zog der Koͤnig wieder auf die Jagd. Sie hatte diesmal nicht das Herz, den Auszug zu belauſchen. Die Moͤglichkeit war ihr indeſſen eingefallen, daß wahrſchein⸗ lich ein habſuͤchtiger Diener das Verlorene gefunden, und ſich deſſen insgeheim verſichert hatte, oder daß vielleicht ein Treugeſinnter, ein Geheimniß ahnend, und die Eigenthuͤ⸗ merin muthmaßend, nur einer Gelegenheit harrte, um ihr das Gefundene heimlich zu⸗ ſtellen zu koͤnnen. * Mit dieſen Gedanken beſchaͤftigt wußte ſie es ſo einzurichten, daß ſie einen Theil des Morgens ungeſtoͤrt blieb, die Freundin allein die Herzogin beſuchen ließ, waͤhrend ſie unter einem nichtsſagenden Vorwande eine Gallerie beſuchte, die eine Verbindung zwiſchen ihrer Wohnung und den Gemaͤchern des Koͤnigs bildete, und wohin ſie uͤber ein Paar einſa⸗ me Gäaͤnge gelangen, und ſich ihr unbemerkt naͤhern konnte. Eben wie ſie durch einen ſolchen ſchluͤpfte, trat ihr auf einmal Cauſſa⸗ de aͤngſtlich und doch dreiſt entgegen. Sie hatte ihn auf der Jagd vermuthet, und er⸗ ſchrack bei ſeinem Anblicke. Er dagegen warf einen ſchnellen Blick nach allen Seiten, knie⸗ te dann ohne Worte vor ihr nieder, und reichte ihr das Band mit der goldnen Schnal⸗ le hin. Was ſie vielleicht aus einer andern Hand ſchnell ergriffen haben wuͤrde, ließ ſie einige Angenblicke in der ſeinigen. Seine Gewiß⸗ heit, daß ſie die Eigenthuͤmerin ſey, ſeine — 204— Stellung, ſein Schweigen, Alles ſchien ihr zu ſagen, daß er ſie in jenem Augenblicke er— kannt, und Gott weiß was Alles aus ihrer Erſcheinung geſchloſſen hatte. Sie wagte kei⸗ ne Frage, nicht einen ſtrafenden, ſelbſt nicht einen dankenden Blick auf ihn zu richten; und indem ſie endlich mit niedergeſchlagenen Blicken den Arm zum Empfange ausſtreckte, zitterten beide Haͤnde ſo ſtark, daß ſie unver— ſehens einander beruͤhrten, und eine Erſchuͤt⸗ terung im Innern Nenée's hervorbrachten, der ſie unterlegen waͤre, haͤtte nicht ſeine Stimme dreiſte Worte geflaͤſtert, deren Ge⸗ wicht, ihr Inneres verletzend, ſie ihr ſelbſt zuruͤckgab. NIch allein«— ſo klangen dieſe —„weiß um dieſen Fund, und ich bin ver⸗ ſchwiegen und treu.« Der Verdacht eines Einverſtaͤndniſſes mit dem Herzog ſchien zu deutlich aus dieſer An⸗ rede zu ſprechen, als daß Renee ſich nicht fuͤr verpflichtet hielt, ihm dieſen benehmen zu muͤſſen; dennoch konnte ſie nicht ſogleich — 25— Worte ſinden; der Zorn gekraͤnkter Wuͤrde gab ihr ſie erſt.»Gut fuͤr Euren Herrn, daß Ihr es ſeyd,« ſagte ſie ernſt, die Hand wieder zuruͤckziehend. Mir ſeyd Ihr nichts ſchuldig, als die Achtung, welche, wenn auch nicht mein Stand, ſo doch mein Geſchlecht euch einfloͤſſen muß. Ihr koͤnnt demnach be⸗ greifen, daß nur ein Irrthum dieſe Fuͤſſe aus den Zimmern der Herzogin Mutter dahin, wo ſie nichts zu thun hatten, fuͤhren konnte, und ſelbſt das Erſchrecken bei Eurem Anblick, wenn Ihr es geſehen, haͤtte Euch davon uͤberfuͤhren muͤſſen.« Sie kam nicht weiter; eine dunkle Gluth aber bedeckte ihre Wangen, und ihr ſelbſt unbewußt, traf ihn ein Blick, der ihm das, was der Mund der Prinzeſſin nicht um eine Welt verrathen haben wuͤrde, verrieth. Der Schalk hatte ſie wirklich und genau geſehen. Kaum hatte er ſich niedergelegt, als er die Tapetenthuͤr knarrend auſgehen hoͤrtg. Erſchrocken, da uͤberraſcht zu werden, wo er 3— — 206— auch nichts zu thun hatte, zog er die Gardi⸗ nen ſchnell zu, und guckte durch die ſchmale Ritze.— Die offene, faſt laͤchelnde Miene der Prinzeſſin, das entbloͤſte Schwert in ih⸗ rer Hand, die Raſchheit und Aengſtlichkeit, womit ſie dem Lager ſich naͤherte, gaben ihm zwar ein Raͤthſel auf, aber ihr Schrecken, der bei ſeinem Anblick in demſelben Momente in ein nur zu ausdrucksvolles Erſtaunen ver⸗ ſchmolz, das ſeinem blitzenden Auge nicht entgangen war, ſchmeichelte ſeiner heiſſen Phantaſie zu ſehr, um nicht jeden eiferſuͤch⸗ tigen Argwohn zu benehmen; und ihr Ver⸗ ſchwinden, ihre jaͤhe Flucht, als er vermeſ⸗ ſen, wie er nun einmal war, durch ein ver⸗ ſtellles Auſwachen ihrem Zartgefuͤhle Hohn ſprach, machte ihn vollends gluͤcklich. Denn die Freundinnen hatten beide recht geſe⸗ hen: nicht die ſchoͤne Diana, ſondern die reizende Renée war der Gegenſtand, den ſeine Blicke zuerſt ſuchten, obgleich ſie lange und ſchlau mit Abſicht auf der Erſten zu verwei⸗ à — 207— len ſchienen; und nicht ohne Abſicht— die er auch wirklich jetzt erreicht hatte— war er unter einem Vorwande heute zu Hauſe geblie⸗ ben. vIch war«— verſetzte er, der, trotz der Strenge der Anrede, keinen Augenblick die Faſſung verloren— vſogleich eines Irrthums gewiß, als mein Blick Euch im Abgehen erkannte, Ein Beweis dafuͤr iſt, daß ich es gewagt habe, dieſes Fundes vor meinem Herrn nicht zu erwaͤhnen, was doch ſonſt meine Schuldigkeit geweſen wäre, und daß ich ſeit zwei Tagen vergebens Gelegenheit ge⸗ ſucht habe, Euch das S unbemerkt zu⸗ zuſtellen.« vIch danke Euch l 4 F in milder, nach dem Bande reichend, Nund werde Eurer Discretion eingedenk ſeyn.« »O, Prinzeſſin jK ſeufzte er noch immer knieend, vzuͤrnt Ihr mir darob nicht, ſo laßt mir ein Andenken dieſer Stunde, der ſuͤſſeſten meines Lebens, wo es mir vergoͤnnt war, * — 208— Worte mit Euch zu wechſeln. Laßt mir dies fuͤr Euch werthloſe Band, das Eure Far⸗ be traͤgt, und nehmt den Schmuck allein hin.« Ach! die arme Renée konnte ihm nicht mehr zuͤrnen. Sie empfand indeſſen, daß ein ſolches Geſchenk, Jemanden, wer es auch ſey, beſonders einem Niedern gemacht, eben weil das Werthloſe auf den hoͤchſten Werth deutete, ihrer weiblichen Wuͤrde nicht entſpreche, und doch mochte ſie ihm eine Bitte nicht verweigern, die ihrem Herzen wohl that, weil es dieſem ſchmeichelte, et⸗ f was, das ihre Naͤhe geweiht, in deſſen Be⸗ ſitz zu wiſſen, der ihr wachend und im Trau⸗ me vor der Seele ſchwebte, und ſo ſagte ſie, ſchnell entſchloſſen, mit einem Tone, in den ſie ſich vergebens bemuͤhete Kaͤlte und Stolz zu legen:„Behaltet das Ganze; es iſt mir genug, daß ich es in treuen Haͤnden aufge⸗ hoben weiß.« — Sie verließ ihn ſchnell, aͤngſtlich, wie ſie ihm das erſte Mal entflohen war; aber ſo wie ſie durch die naͤchſte Thuͤre ſchlupfte, traf ihn noch ein Blick, der in ſein Inneres drang. Nun erſt ſprang er ſchnell in die Hoͤhe, und waͤre ihr mit ruͤckſichtsloſer Un⸗ beſonnenheit nachgeeilt, haͤtte ſie nicht ſchon die Thuͤr hinter ſich zugemacht. MNein l« rief er ſtolz, vein Ungeheuer waͤre ich, koͤnn⸗ te ich nach dieſem Blicke an ein Einverſtaͤndniß mit Gonzaga glauben!— Nun iſt mein Ge⸗ ſchick entſchieden.« Er entfernte ſich ſchnell. In ihr Gemach gelangt— denn ſie war, ohne es ſelbſt zu wiſſen, wieder umgekehrt— ſank ſie erſchoͤpft in einen Seſſel. Beſtuͤr⸗ zung, Reue, Scham durchzuckten ihre Seele; aber bald waren dieſe Gefuͤhle von einem maͤchtigern verdraͤngt, das ihr zufluͤſterte, daß Alles doch ſo recht gut ſey. Aber auch das Geheimniß dieſer Stunde verſchwieg ſie der Freundin, die doch recht gut an ihrem ausgelaſſenen Muthwillen, an ihren heftigen 14 —— Umarmungen, an ihrem bewußtloſen Hin⸗ traͤnmen merkte, daß eine innere Veraͤnde⸗ rung mit der Prinzeſſin vorgegangen ſeyn mußte, die ihr wuͤrdevolles Gemuͤth in ſeiner unbeſangenen Einfachheit nicht zu entraͤthſeln vermochte. Zu einer Zeit, wo noch die chevalereske Richtung der jugendlichen Liebe, ohne auf materiellen Genuß Anſpruͤche zu machen, die Herzen begluͤckte, duͤrfen wir vernehmen, daß die Ueberzengung gegenſeitiger Liebe genug war, um Rensée's Herz auszufuͤllen. Dieſe Genuͤgſamkeit wuͤrde hinreichend geweſen ſeyn, ein Verſtaͤndniß, das, auſſerhalb der Gemaͤ⸗ ther ins Leben treten zu laſſen, unter ihrer Wuͤrde war, vor der Welt zu verbergen, wenn nicht der gereizte, bittere Muthwille, neben der ſpottiſchen Gleichguͤltigkeit, womit ſie aus den Haͤnden des engliſchen, zu die⸗ ſem Zwecke Bevollmaͤchtigten, das Bild ihres fuͤrſtlichen Bewerbers empfing, den Unmuth des Koͤnigs erregt haͤtte. — 211— Dieſes Conterfei ſtellte einen zwar noch jungen Mann vor, deſſen unangenehme Zuͤge jedoch des Malers Kunſt ſich vergebens be⸗ muͤht hatte zu verſchoͤnern, und die Aeuſſe⸗ rung des Abgeſandten, daß nur die Zeit und die Begierde beider Hoͤfe, die Verbindung abzuſchlieſſen, die Nothwendigkeit herbeige⸗ fuͤhrt habe, zu dem von dem Ceremoniel un⸗ zertrennlichen Bilde ein ſo ſchlecht getroffenes zu nehmen, daß er ſich gezwungen ſehe, die Prinzeſſin ſowohl als den ganzen Hof zu er⸗ ſuchen, ſich bis zum Eintreffen des Originales ſelbſt jedes Urtheils zu enthalten, vermoch⸗ ten den Eindruck deſſelben nicht zu verwi⸗ ſchen; doch in der ſchwaͤrmeriſchen Stim⸗ mung, in der ſich die Prinzeſſin befand, ſchien das widrige Aeuſſere des Braͤutigams ſie ſogar zu erfrenen, und unter ihrer ver⸗ traulichen Umgebung ließ ſie ſo offenbar ei⸗ nen ſchonungsloſen Muthwillen walten, daß die muͤtterliche Herzogin und die jugendli⸗ che Freundin nicht umhin konnten, ihr des⸗ 14* wegen ernſte Vorſtellungen zu machen. Der Koͤnig, in deſſen Gegenwart ſie in dieſer Hinſicht ſich keinen Zwang anlegte, maß ſie mit einem duͤſtern Blicke, aber er ſchwieg. Er war nicht ſo auffahrend wie fruͤher, aber argwoͤhniſcher, verdrießlicher geworden; und wichtigere Sotgen beſchaͤftigten ohnedies ſein Gemuͤth. Seit einem Jahre aus Ita⸗ lien zuruͤckgekehrt, wo er eine groſſe Heeres⸗ macht hinterlaſſen, hatte er eine korperliche Schwaͤche mitgebracht, welche ſeine haͤuſigen ⁰ Jagdzuͤge noch vermehrten, ſtatt, wie er gehofft, durch die raſche Bewegung im Freien die ſchlaffen Glieder zu ſtaͤhlen. Indeſſen wollte er weder ſich ſelbſt noch Anderen die⸗ ſes bedrohlichen Zuſtandes geſtändig ſeyn. Er dachte nur daran, wie er die Gewalt und das Anſehen, das er allmaͤhlig in Italien ver⸗ loren, durch eine Verbindung ſeiner Schwe⸗ ſter im Norden befeſtigen konnte. Da traf plotzlich von Neapel eine Trauer⸗ botſchaft ein, welche den ganzen Hof erſchuͤt⸗ f ————— — 2— terte. Die immer mehr weichende Armee des Koͤnigs war total geſchlagen; verſchiedene Hauptlente waren gefallen, noch mehrere ver⸗ wundet; unter dieſen die beiden Nevers. Der junge Herzog war auf dem Schlachtſelde ge⸗ todtet, und der Bruder lag ſo hart verwun⸗ det darnieder, daß er kaum mehr unter die Lebenden gezaͤhlt werden konnte. Bald dar⸗ auf erfolgte auch die Nachricht von ſeinem Ableben. Dieſe Botſchaft, die Dianens Herz, ohne daß ihr gewoͤhnlicher Gleichmuth es ver⸗ rieth, dennoch ſchmerzlich traf, entriß ſie auf einmal der kloſterlichen Beſtimmung, worauf ſie ſeit ihrer Kindheit gefaßt geweſen war. Mitten in der allgemeinen Trauer des Hofes, die tief in ihrem Herzen wiederhallte, war indeſſen mit ihr allein eine glaͤnzende 2 Veraͤnderung vorgegangen. Die ſchoͤne Sta⸗ tue, bis hieher von dem ganzen Hofe zwar mit Bewunderung, aber ohne waͤrmere Theil⸗ nahme betrachtet, weil, aller jugendlichen Be⸗ muͤhungen ungeachtet, ihrer marmornen Kaͤl⸗ — 214— te, der Meinung nach, weder Geiſt noch Gefuͤhle abzulocken waren, wurde nun auf einmal der Gegenſtand enthuſiaſtiſcher Seufzer und demuͤthiger Anbetung. Die elternloſe, arme Prinzeſſin von Nevers war durch den plötzlichen Tod ihrer beiden Braͤder unermeß⸗ lich reich geworden. Als Erbin einer bluͤhen⸗ den Landſchaft hatte ihre Hand eine Fuͤrſten⸗ krone zu vergeben. Es ſchien, als haͤtten ſie und die Prinzeſſin Rente plotzlich die Rollen getauſcht; denn wiewohl dieſer, als der Schweſter des Koͤnigs und bald verlobten Braut des engliſchen Koͤnigſohnes, wie vor⸗ her die tieſſte Verehrung gezollt wurde, ſtand ſie doch zu hoch fuͤr die lebhafte Anbetung, fuͤr die eigenſuͤchtigen Intriguen, die ſich nun ſchaarenweiſe um die faſt einſam ſtehende Freundin draͤngten. Diana von Nevers er⸗ ſchien auf einmal als die Sonne des Hofes, deren kalte Strahlen nun alle Buſen erwaͤrm⸗ ten, alle Herzen entzuckten, ſelbſt an Geiſt und Gemuͤth reich, weil ihr Laͤcheln Geiſt — 5 den trockenſten Lippen, Empfindungen dem verwelkteſten Herzen abzulocken wußte, und alle Hoffnungen der maͤnnlichen Jugend des Hofes entſtammte. Und dennoch war ſie unveraͤndert dieſelbe geblieben, wenn man nicht als Veraͤnderung annehmen wollte, daß ſie dieſe beſchwerliche, geraͤuſchvolle Aufmerkſamkeit mit vielleicht noch milderer Gefaͤlligkeit ertrug. Auch wollte die vielleicht nicht ganz ohne Neid gebliebene Freundin bemerken, daß ihr Auge, oͤfter als zuvor, Gonzaga ſuchte, und verſtohlen auf ihm ruhete, der auch, ſich ſelbſt gleich, noch im Innern verletzt, faſt bemerkbarer als vor⸗ her, es verſchmaͤhete, der von Allen gefeierten Schoͤnen ſeine Huldigung darzubringen. Bei Hofe ging indeſſen Alles den gewoͤhnlichen Gang fort; kaum duldete der Koͤnig, daß ein aͤuſſeres Zeichen von Trauer in ſeinen Gemaͤchern zum Vorſcheine kam, und Dia⸗ na ſah ſich ſo gendthigt, wie vorher in allen Zirkeln zu erſcheinen; denn die Niederlage in Italien, wie tiefe Wunden ſie auch dem Herzen des Koͤnigs und ganz Frankreich ge⸗ ſchlagen hatte, ſollte wie ein kaum gewahr⸗ tes, ſchon verſchmerztes Uebel voruͤbergehen. Aber jedes dieſer Feſte wuͤrde an der Stelle »der kalten Mondgoͤttin«— ſo nannte der Neid ſie doch noch immer— fuͤr jede Andere ein Trinmph geweſen ſeyn. Grafen, Mar⸗ quis, ſelbſt Prinzen lagen zu ihren Fuͤſſen, und nicht ohne geheime Befriedigung gewahr⸗ te der Herzog, waͤhrend er, faſt kuͤhner als vorher, der Prinzeſſin Rense ſehr redende Blicke zuwarf, daß Niemand bei Dianen gluͤcklicher ſchien, ja nicht einmal mit ſo ſanfter Milde begruͤßt wurde, als er, der Verſchmaͤhte. Selbſt der Koͤnig nahete ihr aufmerkſamer als ſonſt; es war deutlich, daß er durch die Vergebung ihrer Hand ſich einen oder den andern maͤchtigen Vaſallen zu ver⸗ binden ſuchte, und ſelbſt ſchlug er ihr die glaͤnzendſten Parthien vor. — 217— Unter dem Vorwande der Trauer, ſowohl ihres Herzens als ihres Hauſes, lehnte ſie alle Antraͤge mit Gleichmuth ab. Sie hatte indeſſen Cauſſade immer mehr aus den Ge⸗ danken, wenn auch nicht aus den Angen verloren; denn noch wie vorher unzertrenn⸗ lich von der Prinzeſſin, die ſeiner nur ſelten erwaͤhnte, ſich aber in ſeiner Anweſenheit faſt ängſtlich an die Freundin anſchloß, konnte er ihr nicht unbemerkt bleiben, ohne doch mehr als des ihr aufgebuͤrdeten Vertrauens wegen die leuchtenden Blicke zu dulden, die er, durch das Beiſpiel des ganzen Hofes noch mehr ermuthigt, hin und wieder von der Prinzeſſin Rense auf ſie lenkte, die aber, als eine Anmaſſung ohne Gleichen, um ſo mehr von der allgemeinen Eiferſucht aufgegriffen wurden, die indeſſen dieſe Huldigung als ei⸗ nen Tropfen im Meere anſehend, ſie entſchul⸗ digungswuͤrdig und gleichguͤltig fand; waͤhrend Diana ſich heimlich freute, das geheime Ein⸗ verſtaͤndniß, in welchem vier Augen und zwei — 218— Herzen ſtanden, ſo leichten Kaufes decken zu koͤnnen, obgleich ihr doch davor grauete. So ſchienen alle Umſtaͤnde dieſes Geheimniß, fuͤr deſſen Unſchuld alle aͤuſſeren Verhaͤltniſſe buͤrgten, zu beguͤnſtigen, als ein unvorherge⸗ ſehener Umſtand ihm mit einem ſchnellen Verrath drohete. Der Koͤnig, durch koͤrperliche Leiden im⸗ mer muͤrriſcher und verſtimmter geworden, jagte eines Tages mit einem kleinen Gefolge, worunter Gonzaga und Cauſſade, in dem Walde von Vincennes. Der Letztere ſchien immer mehr in ſeiner Gunſt zu ſteigen, ſo wie ſein Gebieter dieſelbe allmaͤhlig verlor; denn vor dem Koͤnige war die taͤndelnde Auf⸗ merkſamkeit, die der Herzog ſeiner Schweſter zu widmen ſchien, nicht unbemerkt geblieben. Dieſe, die abſichtlich nicht ohne Geſaͤlligkeit von ihrer Seite aufgenommen wurde, mußte ihn zu einer Zeit, wo ſie ſeine Bemuͤhun⸗ gen, ſie einem Throne nahe zu ſtellen, mit Trotz und muthwilligem Eigenſinne vergalt, — 219— um ſo mehr erbittern, da eine ſolche Annaͤ⸗ herung nur auf ernſtliche Abſichten begruͤndet ſeyn konnte, wozu doch die Stufe, auf der Gonzaga ſtand, ohne eine beſondere Beguͤn⸗ ſtigung des Koͤnigs, nach deſſen Meinung nicht berechtigte. Allein noch verbarg er mit leichter Verſtellung ſeinen Unmuth, feſt, wie immer, entſchloſſen, bei der erſten guͤnſtigen Gelegenheit das, was ſeinen Abſichten hin⸗ derlich war, zu beſeitigen. Carl hatte ſich in der Verfolgung eines Wildes, nur allein von Canſſade begleitet, von ſeinem Gefolge entfernt, und war, ſey es nun aus Unbeſonnenheit oder Ungeſchick⸗ lichkeit, in eine Gefahr gerathen, der ihn Cauſſade mit Geiſtesgegenwart entriß, jedoch mit einer Anſtrengung, wodurch er ſich eine Wunde und eine ſchnelle Ohnmacht zuzog. Der Koͤnig war ſogleich vom Pferde ge⸗ ſprungen, und waͤhrend er das nachkommende Gefolge herbeiwinkte, beeilte er ſich, dem Hingeſunkenen Luft zu verſchaffen, indem er ihm, ſchnell alles zerreiſſend, die Bruſt ent⸗ bloͤſte. Da ſiel ihm plotzlich, eben wie Gonzaga ſich naͤherte, das Strumpfband, das auf Cauſſade's Bruſt geruhet, in die Hand. Ein Blick auf die goldene Schnalle war genug, es zu erkennen; der zweite traf den Herzog Gonzaga, der mit Erſtaunen ein Kleinod anſtarrte, das er zwar nicht kannte, das aber dennoch, in dem Buſen ſeines Pa⸗ gen anfbewahrt und an einem weißen Ban⸗ de befeſtigt, ihn faſt erſchreckte. Dennoch den ſcharfen Blick des Koͤnigs auf ſich bemer⸗ kend, hielt er es fuͤr das Kluͤgſte, ſich zu ſtellen, als haͤtte er nichts bemerkt, und ſo eilte er ſchnell voruͤber, um bei einer nahen Quelle Waſſer zu holen, waͤhrend der Koͤnig, ſchnell gefaßt, das Band in den eignen Bu⸗ ſen ſchob. Cauſſade hatte ſich ſchnell erholt, und den Verrath ſeines Geheimniſſes nicht ahnend, in der Freude, dem Koͤnig wenn auch nicht das Leben, ſo doch ihn aus einer uͤber ihm ſchwebenden Gefahr gerettet zu ha⸗ ben, gab er ſich arglos dem kleinen Ueber⸗ muthe hin, den der Erfolg einer ſolchen That einer jugendlichen Bruſt gern einfloͤßt. Es war, als wolle er nicht mehr aus der Naͤhe des Koͤnigs weichen. Dieſem, wie duͤſter auch die Wolke war, die ſeine Stirn uͤber⸗ zog, ſchien dieſes Benehmen recht gelegen zu ſeyn. Er gab dem Gefolge einen gebietenden Wink voraus zu reiten, waͤhrend er mit Cauſſade in einiger Entfernung zuruͤckblieb. vEin Geheimniß haſt Du verrathen, Cauſſade lK ſagte er plotzlich, einen durchboh⸗ renden Blick auf ihn heftend;»doch— und dafuͤr danke allen Heiligen!— hoffentlich nur mir; denn ſo iſt es mir geſtattet, Leben um Leben zu vergelten.— Siehe her, was ich auf Deinem Buſen fand! Wie kommt dies Strumpfband meiner Schweſter in Deine Haͤnde 76 Cauſſade war einen Augenblick wie vom Blitze getroffen.„Ihrer Schweſter, Sire 76 ſtammelte er faſt mechaniſch. »Wie kommt es in Deine Haͤnde 6 wie⸗ derholte der Koͤnig mit der vorigen Strenge. vSire le rief Cauſſade, bereits ſchnell ge⸗ faßt, vich koͤnnte Euch Rede ſtehen, aber ich verletze dadurch eine Pflicht, deren Ueber⸗ tretung den Tod verdient.« vIch verſpreche Dir, was Du mir an⸗ vertrauſt, zu verſchweigen; aber die Ehre mei⸗ nes Hauſes fordert, daß ich es wiſſe: wie koͤmmt das Band an Deinen Buſen? »Koͤnnte ich denn ein vertrautes Pfand beſſer und heiliger aufbewahren?— und ich — ahnete die Eigenthuͤmerin nicht— ein Rubin in der goldnen Schnalle war losge⸗ gangen. Der Herzog gebot mir, es in aller Stille herſtellen zu laſſen; vielleicht hat die Prinzeſſin ihm den Auftrag—6. „Die Prinzeſſin? ihm? Du willſt nur einen Liebeshandel mit einer ihrer Dienerin⸗ nen verhehlen, Bube! ich ſehe es wohl. Aber ich will Deine Luͤge nicht verrathen! Gieb es der Perſon, die es Dir anvertraut — 223— hat, zuruͤck, und ſchweige von dieſer Unterre⸗ dung, wenn Dir Dein Leben lieb iſt.« Der Koͤnig ſprengte vorwaͤrts. Cauſſade biß ſich aͤrgerlich in die Lippen.»Ei, Maje⸗ ſtät K fluſterte er leiſe,„das haͤtte ich frei⸗ lich auch ſagen koͤnnen; allein da haͤttet Ihr mir doch nicht geglaubt. Mag der Herzog es nun ausbaden! Was liegt auch mehr daran? ihm wird es nicht ſo leicht den Kopf koſten, wie einem armen Pagen; und ich goͤnne ihm wohl ein kleines Ungemach, weil es ihm ſeit einiger Zeit beliebt, mir recht ungnaͤdige Blicke zuzuwerfen.« Cauſſade war nicht der Mann, den ein ſolcher Streich entmuthigen konnte; er folgte dem Koͤnig nur etwas langſamer nach, und hatte, als Gonzaga ſpät des Abends aus den koͤniglichen Gemaͤchern, wo der Hof verſam⸗ melt geweſen, zuruͤckkam, das Vorgefallene bei⸗ nahe vergeſſen; nicht ſo der Herzog. Hefters hatte die Mutter, deren Aufmerkſamkeit nicht ſo leicht etwas entging, ſeine gefliſſentliche — 224— Annaͤherung an die Prinzeſſin Rende bemerkt. War es ihr auch lieb, daß der Sohn, durch eine neue Leidenſchaft, wie es ſchien, die Kraͤnkung ſo bald verſchmerzte, die er durch Dianens Zuruͤckweiſung ſeiner Hand erlitten hatte, ſo erſchrack ſie dennoch vor der offen⸗ baren Huldigung, die er der Schweſter ſeines Koͤnigs darbrachte. Sie hatte ihn oͤfters ge⸗ warnt, und ſelbſt dieſen Abend, als er zu ihr, die in dem Salon zwiſchen beiden Prin⸗ zeſſinnen ſaß, hintrat, hatte ſie, nicht ohne Beziehung, ein Beiſpiel vorgetragen, wie ruͤckſichtslos furſtlicher Unwille ſich zuweilen uſſert, welches nicht verfehlte, einen, wie⸗ wohl verſchiedenen, Eindruck auf den kleinen Kreis zu machen. Der noch immer aufge⸗ regte Koͤnig, deſſen duͤſterm, argwoͤhniſchen Blicke die Annaͤherung des Herzogs an die Schweſter nicht entgangen war, hatte ſich ihnen heftig und unbemerkt genaht. Sie ge⸗ wahrten ihn nicht, bis er plotzlich und ziem⸗ lich barſch fragte:„Wovon ſpracht ihr 76 „Von einem Eurer Verwandten, Sire,« entgegnete die Herzogin ruhig, mit einem ſchnellen Blick auf den Sohn, vhabe ich ei⸗ nen Vorfall erzaͤhlt, wovon der Eindruck noch auf unſern Geſichtern ſichtbar iſt. Zuͤrnt nicht, wenn dieſer Euch als Mißbilligung er⸗ ſcheint; Ihr wuͤrdet ſie gewiß auch getheilt haben, haͤttet Ihr ihn mit angehoͤrt K „So laht mich ihn hoͤren,« verſetzte der Koͤnig. »Als Carl der Kuͤhnee— erzaͤhlte die Matrone— von der ſchon angefangenen Schlacht unfern Murten mit den anruͤckenden Schweizern Nachricht erhielt, entſchloß er ſich raſch, ſeinen Truppen in Perſon zu Huͤl⸗ ſe zu eilen. Er gebot ſeinem kleinen Gefolge, zuruͤck zu bleiben, und warf ſich allein mit ſeinem Pferde in den eine Viertelmeile brei⸗ ten See, der ihn von dem Schlachtfelde trennte. Sein alter Waffentraͤger aber, der in allen Schlachten noch nicht von ſeiner Seite gewichen, manchen Schwertſtreich von 15⁵ ſeinem Haupte abgewehrt, und dem es nicht moͤglich war, in einer Stunde der Gefahr den Gebieter zu verlaſſen, waͤhnte, daß dies Gebot ihm nicht gelten koͤnne. Er warf ſich zu gleicher Zeit mit dem Herrn in den See. Da er aber nicht ſchwimmen konnte, ergriff er den Schweif des Pferdes, und ſo ſtiegen ſie Beide unweit des Schlachtgewuͤhles ans Land. Erſtaunt blickte Carl den Burſchen an, und als dieſer ihm nun frendig berichtete, was er gethan, und warum er haͤtte ſo thun muͤſſen, verfinſterte ſich immer mehr des Herrn Stirn. Auf einmal flog eine braͤun— liche Roͤthe uber ſein Geſicht. v„Wahnſinni⸗ ger læ« rief er,»vwenn nun Deine Schwere uns Beide auf den Grund hinab gezogen haͤtte? Du haſt den Tod verdient, und da haſt Du ihn la« Ehe er noch ausgeſprochen, hatte ſein Schwert die Bruſt des treuen Dieners durchbohrt. Dieſe raſche That hat uns alle mit Unwillen erfullt. Er war ja doch gluͤcklich ans Land gekommen, und ſol⸗ — 2 che Trene waͤchſt nicht auf den Baͤu⸗ men.« »Er hat recht gethan K ſagte der Koͤnig, ſich abwendend, indem ſein Blick im Abgehen ſcharf auf den Herzog fiel; vnur der Gebie⸗ ter ermißt die Wichtigkeit des Angenblicks, und keine Treue kann die Unverſchaͤmtheit und Anmaßung gut machen, die jene, wenn auch nicht verwirkt, doch haͤtte verwirken koͤnnen.— Carl hat in meiner Seele gehan⸗ delt.« »Moͤge dieſe Lehre Fruͤchte tragen l ſeufz⸗ te die Herzogin, ſich erhebend. Gonzaga, der in dem Blicke des Koͤnigs einen beſtimm⸗ ten Argwohn las, und dieſen ſchnell mit dem Vorfalle deſſelben Morgens zuſammenhielt, fuͤhlte den ſchon dadurch in ſeiner Bruſt em⸗ voſpdernden Unwillen gegen den zweideutigen Pagen, der ihm immer mehr ein Raͤthſel wurde, nun bei Carls Unmuth noch vergroͤſ⸗ ſert. vEs iſt Zeit, Herr Cauſſade de St. Me⸗ gret,« ſagte er duͤſter, ſobald er ſich mit die⸗ ſem allein in ſeinem Zimmer befand,„daß endlich zur Sprache koͤmmt, was ich ſchon zu lange verſchoben habe. Eure Blicke haben mir ſchon lange zu viel geſprochen! Aber damit ſcheint Ihr Euch nicht laͤnger zu be— gnuͤgen. Ein Abentheurer vielleicht, der ſelbſt ſeinem Goͤnner ein Raͤthſel iſt, und doch von ihm geduldet wird, ſollte ſich wenigſtens huͤ⸗ ten, ſelbſt auch nur mit den Augen einem Elemente zu nahen, zu welchem er, trotz ſei— ner Amphibien⸗Natur, ſich doch ſchwerlich erheben kann. Was der Koͤnig dieſen Mor⸗ gen aus Eurem Buſen gezogen, koͤnnte mir gleichguͤltig ſeyn, wenn es ihm nicht vielleicht beifallen moͤchte, mich fuͤr die Streiche mei⸗ nes Dieners verantwortlich machen zu wollen, und wenn ich nicht eine Farbe bemerkt haͤtte, die ſo rein iſt, daß wohl die Haͤnde, die ſie anfaſſen, vorher unterſucht werden muͤſſen. Es ſah einem Liebespfande nur zu ähnlich. 229 Ich rathe Euch, mich zu Eurem Vertrauten zu machen. Beliebt es Euch, Herr Cauſſade, mich noch ein Mal das Kleinod ſehen zu laſ— ſen 24 Unmuth und Beſchaͤmung ſchienen in Cauſſade's Zuͤgen mit einander zu kaͤmpfen, doch gelang es ihm, voͤllig beſtuͤrzt zu ſchei⸗ nen.»Wie?6 rief er, vin die Haͤnde des Koͤnigs iſt es gefallen? Ich habe es freilich mit Schmerz vermißt!— Nun, ſollte er mich fragen, werde ich ihm wohl Rede ſtehen muͤſſen, ſo gut ich kann.« vUund mir nicht?« rief Gonzaga ent⸗ ruſtet. „Gegen Euch bin ich wahr, Herr Her⸗ zog! Ich habe Euch geſagt, daß mich ein Geluͤbde bindet,« verſetzte Canſſade in einem voͤllig ehrlichen Tone. * »Wenn es Euch noch eine Minute bin⸗ det, ſeyd Ihr auf immer aus meinem Dien⸗ ſte entlaſſen— Nun! wo wollt Ihr hin?6 — 230— »Mich empfehlen, Herr Herzog, inſofern das Euer Ernſt iſt! Erlaubt mir aber, zu bemerken, daß ich glanbe, Ihr thaͤtet wohl daran, mich gerade zu dieſer Zeit nicht fort⸗ zuſchicken.« »Das ſieht ja einer Drohung aͤhnlich! Fort! aus meinen Augen! aus dem Schloſ— ſe l Eine plotzliche dunkle Gluth ſchoß in Cauſſade's Wangen auf, wechſelte aber eben ſo ſchnell mit Todtenblaͤſſe ab. Er machte eine Bewegung, als wollte er nach dem Schwerte greifen; doch faßte er ſich ſchnell, warf einen zornſpruͤhenden Blick auf den Herzog— verbeugte ſich dann ehrerbietig, und entfernte ſich ſchweigend. „Was iſt das% ſagte Gonzaga, ihm nachſtarrend, vhabe ich eine Schlange in meinem Buſen genaͤhrt? Warum nicht gar! ein Pagenſtreich, und weiter nichts! Mag es geweſen ſeyn was es will; hat es auch den Argwohn des Koͤnigs erregt, wird doch das N ſchnelle Fortjagen des Butſchen beweiſen, daß mir nichts an ihm gelegen war, und daß er mein Vertrauen nicht beſeſſen.« Den naͤchſten Morgen legte der Koͤnig ei⸗ nen Beſuch bei der Schweſter ab. Er ſchien aufgeraͤumter, heiterer als ſeit langer Zeit. Sein Scherz erregte den Muthwillen der Prinzeſſin. Ihr koͤniglicher Bewerber wurde auf die Bahn gebracht, und Renee unterließ nicht, indem ſie das Bild vor ſich hinſtellte, auf eine recht komiſche Weiſe ſich uͤber ihn luſtig zu machen. Pſt, pſt!« ſagte Carl ein wenig ernſt. vSey doch behutſam, Re⸗ nee! Die Verbindung iſt abgeſchloſſen. Ich habe Deine Einwilligung vorausgeſetzt.« „Er mag kommen! ſehen will ich ihn zuerſt, und dann— kommt Zeit, kommt Rath l Die Stirn des Koͤnigs zog ſich zuſam⸗ men.»Zeige mir, Renie,« ſagte er auf ein⸗ mal ſcharf,„die goldnen Strumpfbaͤnder⸗ Schnallen, die ich Dir geſchenkt; die Arbeit daran gefaͤllt mir gar zu wohl! Aber alle bei⸗ de!s fuͤgte er hinzu, als Renee, ein wenig betroffen, ſich raſch erhob. Sie wurde gluͤhend roth und blieb vor ihm ſtehen.„Nein l« ſagte ſie ſchnell, vich will Dich nicht taͤnſchen, Bruder! und Du wirſt mir auch verzeihen. Ich habe ſchon vor einiger Zeit der Prinzeſſin von Nevers ein Angebinde damit gemacht. Seit ihrem groſ⸗ ſen Gluͤcke,« fuͤgte ſie leicht hinzu, vmuß auch das kleinſte Geſchenk ihrem neuen Glanz entſprechen. Sie verdunkelt ja jetzt ſelbſt Dei⸗ ne Schweſter l verſetzte ſie ſcherzend, ungewiß, ob aus einem ganz kleinen Anflug von Reid, oder nur, um ſeine Aufmerkſamkeit auf einen andern Gegenſtand zu lenken; vund wer weiß, ob ſie nicht bald darauf ausgehen wird, Koͤnige zu ihren Fuͤſſen zu ſehen. Noch bevor ihr von dieſem Gluͤcke träumte, hat ſie ja die Hand des Herzogs Gonzaga ausgeſchlagen.« — 233— „Wahrlich,« ſagte Carl entruͤſtet,„ſie frent ſich wohl gar darauf, daß Du mit ih⸗ rem Abhub vorlieb nehmen werdeſt.« Er ent⸗ fernte ſich ſchnell, ſo wie er immer that, wenn er einen zwar aufbrauſenden, aber noch nicht zur Reife gekommenen Unwillen verber⸗ gen wollte. Die Prinzeſſin freute ſich im Stillen, daß ſie dieſer Verlegenheit ſo leichten Kaufes entſchluͤpft war. Allein als Cauſſade auf ein⸗ mal aus der Naͤhe des Herzogs, ja vom Ho⸗ fe ſelbſt wie verſchwunden war; als Gonzaga, als Niemand des Verſchwundenen erwaͤhnte; als die fein ausgefragte Dienerin nur erfah⸗ ren hatte, daß er ſeines Dienſtes plotzlich entlaſſen worden, da erwachte eine Unruhe in ihrem Herzen, die von Tag zu Tage peinli⸗ cher wurde. Seit jenem kurzen Zuſammen⸗ treffen mit Cauſſade hatte ſie ſelbſt ihrer ver⸗ trauten Freundin den Gluͤcksrauſch, womit dieſer Augenblick ihre Bruſt erfuͤllt, verſchwie⸗ gen, vielleicht weil ſie empfand, daß dieſe Mittheilung ihr nur einen gerechten Tadel zuziehen wuͤrde. Aber wiewohl ein wenn auch nicht fremderes, ſo doch mehr unterbro⸗ chenes Verhaͤltniß zwiſchen Beiden entſtanden zu ſeyn ſchien, ſeitdem der neue Stern, der Dianen aufgegangen war, ihr einen ganz neuen Kreis von Beſchaͤftigungen und Ver— bindungen geoͤffnet hatte, ſtand Rence doch eben im Begriffe, die neue Angſt ihres Her⸗ zens ihr erſchlieſſen zů wollen, als plotzlich eines Abends Cauſſade in dem Gefolge des Koͤnigs, und in dem Anzuge der juͤngeren Hofleute auftrat. Auch dem Koͤnig war es aufgefallen, daß er Cauſſade nicht mehr um den Herzog er⸗ blickte; und da er ihn nun auch waͤhrend der Jagd vermißte, wo er ſich ihm auf gewiſſe Weiſe unentbehrlich zu machen gewußt hatte, wurde durch dieſes plotzliche Verſchwinden ſein Unmuth und Verdacht gegen den Herzog ver— — 235— mehrt. Vielleicht hatte jene Anſtrengung dem Burſchen eine Krankheit zugezogen; aber wahrſcheinlicher ſchien es, daß der Herzog ihn, zur Strafe ſeiner Ungeſchicktheit, oder aus Furcht irgend einer Entdeckung, in die Heimath geſchickt hatte. Nachdem einige Ta⸗ ge hingegangen waren, fragte er den Herzog, dem er, ſeit der Unterredung mit der Schwe⸗ ſter, um ſo mehr, da er die Einmiſchung des Namens Dianens in dieſe Sache fuͤr eine Ausflucht hielt, nur wenige Worte vergoͤnnt hatte, geradezu nach dem Pagen. »Ich weiß nicht«— gab der Herzog un⸗ befangen zur Antwort—„wo der Bube ſich herumtreibt— ich mochte ſein geheimnißvolles Weſen nicht, und habe ihn fortgejagt.« Es ſchien, als muͤßte jede Kleinigkeit den Argwohn des Koͤnigs gegen den Herzog rege machen. Selbſt an dieſem Verfahren glaubte er ein geheimes Schuldbewußtſeyn zu erken⸗ nen. Er ſchwieg; aber noch denſelben Abend gab er einem ſeiner Vertrauten einen Auftrag, 3 † — 236— und den zweiten Morgen danach ſtand Cauſ⸗ ſade im Vorzimmer des Koͤnigs. Er wurde bald in ſein Kabinet gerufen. „Cauſſade le begann Carl laͤchelnd, Gon⸗ zaga hat Dich ja aus ſeinem Dienſte fortge⸗ jagt; warum 74 a66 »Wahrſcheinliche— erwiederte dieſer dreiſt, mehr doch mit geheimer Anſpielung auf ſich ſelbſt, als auf den Herzog— vwahrſchein⸗ lich habe ich mich nicht ſchlau genug in dem⸗ ſelben betragen.« »Kann der meine Dir dafuͤr Erſatz ge⸗ ben 24 vAllerdings la rief Cauſſade uͤberraſcht und lebhaft; doch beſonnen, mit einer Art ban— ger Empfindlichkeit, fuͤgte er hinzu:„Auf welche Weiſe denkt mein gnaͤdigſter Herr ſich meiner zu bedienen 24 vTrage nur immer meine Farbe le verſetz⸗ te der Koͤnig, ves koͤnnte Dir vielleicht Noth thun, zu meinem Hofe zu gehoͤren. Pagen⸗ dienſt brauchſt Du aber nicht zu verrichten. Rein Jagdgenoſſe magſt Du ſeyn!— Du fuͤhrſt eine ſichere und geſchickte Hand. Sa⸗ ge mir— haſſeſt Du den Herzog 74 vIch liebe ihn eben nicht, Sire le erwie⸗ derte Cauſſade, nach kurzem Schweigen, ver⸗ wundert. „Ich haſſe ihn,« ſagte der Konig duͤſter; vthue es auch, Cauſſade! ich erwarte Treue und Ergebung von Dir. Weißt Du von ir⸗ gend einer Beleidung gegen mich, gebuͤhrt es Dir, dieſelbe zu raͤchen.« „Beleidigungen gegen Euch ſollen die mei⸗ nigen ſeyn l rief Canſſade mit unbeſonnener Lobhaftigkeit. Der Koͤnig ſah ihn ſcharf an.„Dies⸗ mal mah es ſeyn! Bedenke uͤbrigens was Du ſprichſt, Cauſſade, ſoll ich Dir gut ſeyn! Ich bin mitunter verdrießlich, dann kann mich ein Wort zu mehr als Worten reizen. Da, nimm dieſe Waſſe zu Dir,« fuhr er laͤchelnd fort, ihm einen reichen Dolch, wie man ſie zu jener Zeit im Guͤrtel trug, der neben ihm auf dem Tiſche lag, hinſchiebend, „damit ich nicht in Verſuchung gerathen moͤchte, ihn im ſchnellen Unmuthe gegen Dich zu gebrauchen, wenn er mir ſo nahe liegt. Einen Koͤnig darf man nicht reizen. Nimm ihn zu Dir, und gebrauche ihn nuͤtz⸗ licher gegen meinen und Deinen Feind, wenn es Noth thut.« Cauſſade nahm erblaſſend den Dolch. vUnd wenn thut es Noth* fragte er ſchnell, mit faſt verſagender Stimme. »Wenn er noch einmal vergißt, daß Carl keine Schonung gegen denjenigen kennt, waͤ⸗ re er auch zehnmal ein Herzog, der ſeine Schweſter zu verleiten wagt, ſeinem Willen zu widerſtreben, und ihre Wuͤrde zu vergeſ⸗ ſen. Begoleite mich morgen auf der Jagd, Cauſſade, damit er ſchon an Deinem Anblick lerne, wie ohnmaͤchtig ſein Wille gegen den meinigen iſt. Gehe nun l Cauſſade ging; kaum aber war er in dem ihm ſchnell angewieſenen Zimmer angelangt, als er den Dolch mit Abſcheu von ſich warf. „Nein, Carllæ ſagte er bei ſich,„ſo haben wir nicht gewettet; um eine Banditenrolle zu ſpielen, bin ich nicht in Deine Dienſte getre⸗ ten, und nicht in dies Land gekommen. Ich mag den herriſchen Gonzaga nicht. Ich will mich aber an ihm raͤchen, und Boͤſes mit Gutem vergelten. Jett iſt er ſicher, da ſein Leben in meine Hand gegeben iſt. Habe doch vielleicht ich die Ungnade uͤber ihn verhaͤngt. Nun! verdient er es denn beſſer? warum will er ſich in die Gunſt derjenigen hineindraͤngen, die nur fuͤr mich Augen hat, und dabei den Aufgeblaſenen ſpielen. Der Uebermuͤthige muß gedemuͤthigt werden.« Auch konnte Cauſſade nicht unterlaſſen, als ihn der Herzog den folgenden Tag mit Verwunderung unter der Umgebung des Koͤ⸗ nigs bemerkte, und ihn vielleicht mit einem Anſtrich von Verachtung anſah, dieſe mit ei⸗ nem Blicke voll Uebermuth zu vergelten; die Gegenwart des Koͤnigs hielt indeſſen die feuer⸗ — 240— ſpruͤhenden Blicke Beider im Zaume; den ei⸗ gentlichen Feind bemerkte der Herzog nicht. Ein Vertrauter und zugleich, wie es ſchon damals hieß, Favorit des Koͤnigs, einer der eifrigſten Anbeter der Prinzeſſin von Nevers, deſſen lauernder Aufmerkſamkeit Dianens ver⸗ ſtohlener Blick auf den Herzog eben ſo wenig als des Koͤnigs ſteigender Unwille gegen ihn entgangen war, und der, ſey es nun aus Eiferſucht, aus Verlangen, dem Koͤnig zu gefallen, oder vielleicht aus uns unbekannten Gruͤnden, dem Herzog uͤbelwollte, dieſer Mann verfehlte nicht, durch Anſpielung auf die Bewerbung Gonzaga's um die Gunſt der Prinzeſſin Renie, und durch Wiederholung ihres muthwilligen Spottes, in Betreff des aufgedrungenen Braͤutigams, den Koͤnig ſo zu reizen, daß dieſer ſeine Erbitterung kaum bezwingen konnte. Dennoch gelang es ihm. Es ſchien, als hoͤtte jene Erinnerung an Carl den Kuͤhnen gegen ſeinen Willen eine Art Eindruck auch —— auf ihn gemacht. Als er denſelben Abend nach der Jagd, von ſeiner gewoͤhnlichen Um⸗ gebung begleitet, in welcher ſich Gonzaga, und nun auch Cauſſade im zierlichen Hofklei⸗ de, befanden, in die glaͤnzende Verſammlung der Damen und des Hofes trat, und die Blicke der Schweſter, mit ſich belebendem Feuer, mit hervorfunkelnder Frende an ihm voruͤberſtreiften, und nun, dieſe bemerkend, ſein Auge, im ſchnellen Umdrehen ihrer Rich⸗ tung ſolgend, auf den Herzog fiel, vor dem ſo eben Cauſſade zur Seite trat, war in die⸗ ſem Augenblicke heftiger Wallung ſein Ent⸗ ſchluß gefaßt. Jedoch um ſich ſelbſt ſagen zu koͤnnen, daß er nicht ohne Erwaͤgung, nicht im blinden Zorn verfahren haͤtte, ließ er noch zwei Tage, bis zu der naͤchſten Jagd, vor⸗ uͤbergehen. Da er aber dieſen Morgen ſeinen Entſchluß, von neuen Einfluͤſterungen ſeines Guͤnſtlings unterſtuͤtzt, noch immer unerſchut⸗ tert fand, raunte er Cauſſaden, der ihm, als er zu Pferde ſtieg, den Steigbaͤgel hielt, ins 16 Ohr:»Haſt Du Deine neue Waffe bei Dir, Cauſſade 26 Cauſſade nickte. „Nun gut! ſo laß das edle Hochwild noch heute bluten; ich will Dir Gelegenheit geben, das Ziel auf eine unverdaͤchtige Weiſe erreichen zu koͤnnen.« Der Koͤnig ließ es wirklich nicht daran fehlen. Er gab im Laufe des Tages bald dem Herzog einen Auftrag, bald dem Pagen ein Geſchaͤft, die Beide von dem Gefolge mehrmals trennten, und an welchen Cauſſa⸗ de die Abſicht, ſie in dem Dunkel des Wal⸗ des zuſammentreffen zu laſſen, nicht verken⸗ nen konnte. Aus den geſpannten Zuͤgen des Koͤnigs begegnete dem oͤfters zuruͤckkehrenden Pagen ein unruhig fragender Blick, in wel⸗ chem der Zorn der Taͤuſchung emporloderte, wenn der Herzog kurz nachher, geſund und heiter, zum Vorſchein kam. So ging der Tag allmählig hin, und mit duͤſterem Un⸗ muth, mit einem ſo durchdringenden Zorn⸗ — 248— blick auf Cauſſade, daß dieſer davor erſchrack, gab endlich der Koͤnig, als er bemerkte, daß ſelbſt das Zwielicht ſeine Abſichten nicht be⸗ guͤnſtigen wollte, das Zeichen zur Heimkehr. Selbſt zog er an der Spitze der Jaͤger vor⸗ aus, und wie oft er ſich auch unterwegs um⸗ ſah, folgten ihm Alle in der groͤßten Ordnung ruhig und ſtill nach. Noch denſelben Abend, in der erſten freien Stunde, ließ er Cauſſade in ſein Kabinet ru— fen. Eine Art von muthigem Trotz ruhete auf dem Geſichte des Juͤnglings, ſo wie er in das Gemach trat; aber der junge Koͤnig, der unheilbaren, aus Italien mitgebrachten Schwaͤche ungeachtet, ſah ihn mit einer Kraft des Zorns und einem ſo racheſpruͤhen⸗ den Blicke an, daß ſein leichter Muth ver⸗ ſchwand, und daß er ſich, vielleicht zum er⸗ ſten Male, ein Nichts vor den Angen eines Maͤchtigeren fuͤhlte. »Knabe l« donnerte es in ſein Ohr, Du haſt Spott mit mir getrieben, und wagſt es 16*.— dennoch, heimzukehren in ein Haus, das Du lebend nur dann betreten bedurfteſt, wenn durch Dich ein Todter in daſſelbe geſchafft worden war? Hat Furcht Deine Hand ge⸗ feſſelt gehalten, wo es Dir doch nicht an be⸗ hauͤnſtigender Gelegenheit hat fehlen koͤnnen? rede l Sire6 ſagte Cauſſade, ſich faſſend, und muthiger aufblickend,»Euretwegen! Reue koͤmmt immer zu ſpaͤt, ſagt man; daher wollte ich ihr Zeit geben, bei Euch fruͤh ge⸗ nug zu kommen. Erlaubt—6 vSchweig l unterbrach ihn Carl.»Der 3 Koͤnig kennt dies Wort nicht. Beſinne Dich aber auf den Sinn der Worte, womit der nig Dir jene Waffe uͤbergab, und reize mich nicht! Dich oder ihn treffe der Dolch. Es giebt kein Drittes! Gehe nun und waͤhle. 1 Uebermorgen iſt wieder Jagd; bis dahin haſt 1 Du Friſt.« Cauſſade ging. Das Gefuͤhl einer Ver⸗ zweiflung, das ſeinem fruͤheren Leben ganz P unbekannt war, hatte ſich ſeiner bemaͤchtigt. »Moͤrder oder ermordet— oder«— er ſprach den Gedanken nicht aus, aber er ſchuͤttelte den Kopf. vUnd dennoch muß es ein Drit— tes geben,« ſagte er entſchloſſen, nach einem kurzen inneren Kampfe.„Thor, der ich bin! Ich habe Demuͤthigung verdient, ſo will ich mich denn auch demuͤthigen; mein Knaben⸗ unmuth gegen ihn muß vor ſeiner Gefahr verſchwinden.« Er eilte ans Fenſter. Es war im Schloſ— ſe noch fruͤh. In allen Zimmern brannte noch Licht. Er fuͤrchtete, den Herzog nicht in ſeinem Gemache zu treſſen, weniger we⸗ gen deſſen Gefahr, als des eigenen Entſchluſ— ſes; er zitterte, wie eniſchloſſen er auch war, kein Moͤrder ſeyn zu wollen, dennoch, daß die demuͤthige Regung ſeiner Bruſt vor⸗ uͤbergehen moͤchte. Zum Gluͤck befand ſich Gonzaga ſchon in ſeiner Wohnung— Cauſ⸗ ſade ſchob den Pagen im Vorzimmer unſanft zuruͤck, als dieſer, Bedenken ͤuſſernd, ob — 246— er ihn auch anmelden duͤrfte, ihm trotzig und uͤbermuͤthig in den Weg trat. So ſtuͤrzte er unangemeldet ins Zimmer. Der Herzog ſprang unwillig auf, als er ihn erblickte, und als er nun Cauſſaden ei⸗ nen entbloͤſten Dolch hervorziehen ſah, machte er eine Bewegung nach ſeinem Schwerte; doch ehe er dieſes aus der Scheide ziehen, und ſelbſt zu Worte kommen konnte, war jener, bei ſeinem Anblicke ſonderbar geruͤhrt, den Dolch weit von ſich werfend, zu ſeinen Fuͤſſen geſunken, und umklammerte ſeine Knice. »Was giebt's?« fragte der Herzog ver⸗ wundert. »Sehtl« ſagte Cauſſade mit bebender und dennoch kraͤftiger Stimme, Iſeht! da liegt ſie, meine Schande! Der Koͤnig hat mir den Stahl aufgedrungen, um Euch, den heim⸗ lichen Bewerber um ſeine Schweſter, wie er, wie Mehrere glauben, zu ermorden. Ihr ſeyd doch ein anderer Mann! Das haͤttet Ihr einem armen Knaben nicht zumuthen koͤnnen! Ich kann nicht, oder vielmehr ich will nicht morden K fuhr er inuthig, aus der demuͤthigen Stellung ploͤtzlich aufſprin⸗ gend, fort; vaber es gilt unſer Beider Leben! Ihr muͤßt— wir muͤſſen Beide ſchnell ent⸗ fliehen „Entfliehen« entgegnete der Herzog, deſ⸗ ſen ploͤtzliche Aufwallung ſchnell in kalte Ru⸗ he uͤbergegangen war.„Gonzaga entſlieht nie.« MNicht*4 verſetzte der Juͤngling faſt ſpot⸗ tiſch. WVerlangt Euch denn, kalt und ſtumm— todt dahingeſtreckt zu liegen? denn dem Koͤnig werden zehn, und wieder zehn Meuchelmoͤrder zu Gebote ſtehen, ob auch der guͤnſtige Zufall, ſonderbar genug, ihn diesmal keinen finden ließ. Ich habe viel⸗ leicht unbedachtſam dazu beigetragen, den Argwohn gegen Euch zu vermehren; doch ich komme nicht, um mich anzuklagen, ſondern um Euch zu retten. Erwaͤgt, was Ihr thun —— wollt; bis zur naͤchſten Jagd haben wir Friſt. 4 Cauſſade eroͤffnete ihm nun mit einer halb hoͤhniſchen Miene, die doch ſichtbar nicht ihm galt, ſein Geſpraͤch mit dem Koͤnig, ſo wie den Hergang deſſelben Tages. Er wie⸗ derholte ihm die Aeuſſerungen des koͤniglichen Guͤnſtlings, die ihm nicht unbekannt geblie⸗ ben waren, ſo wie auch die Geruͤchte, die bei Hofe herumliefen, und die zum Dheil mit ſeinen eigenen Beobachtungen zu ſtimmen ſchienen, und ihm noch beſſer als dem Koͤ⸗ nig bekannt waren, mit ſo vieler Offenheit, und ſelbſt einer Art von Vorwurf, daß der Herzog ſich mit dem jungen Abentheurer faſt verſoͤhnt fuͤhlte. Gonzaga ſtand einen Angenblick duͤſter ſinnend da; dann ſagte er kalt:»Hebe den Dolch auf, Cauſſade, und— laß mich doch ſehen«— unterbrach er ſich ploͤtzlich— din der That, recht mit Fleiß geſchliffen! wie durch Wachs waͤre er mir durch Kleid und — 249— Fleiſch ins Herz gefahren, und hielte ich ihn nun nicht in meiner Hand, laͤge ich wohl ſchon gefuͤhllos danieder, und koͤnnte Dir, Cauſſade, nicht ſo, wie jetzt, mit einem war⸗ men Haͤndedrucke fuͤr mein Leben danken; aber meiner Wunde wuͤrde, Dir ſo nahe, kaltes Blut entflieſſen. Nicht wahr, Cauſſa⸗ de, es iſt beſſer ſo? Gehe! Gonzaga vergißt Dir dieſen Augenblick auch nie. Schleiche Dich aber morgen zu derſelben Stunde wie⸗ der hieher; ich will uͤberlegen. Gehe nun und nimm den Dolch mit. Das Zeichen der Ehre, und nicht der Schande, bleibe er Dir von dieſer Stunde an.« Cauſſade ging in heftiger Bewegung. Der Herzog ſtarrte ihm anſcheinend ruhig nach, doch kanum war er ſeinen Blicken ent⸗ ſchwunden, kaum uͤberſah er im Geiſte die Gefahr, die ſein Haupt ſo nahe umſchwebt hatte, der er ſo unbefangen und unwiſſend entronnen war, und die, wiſſentlich faſt noch bedrohender, noch jetzt uͤber ſeinem Haupte — 260— ſchwebte, als die ſterbliche Natur einen au⸗ genblicklichen Sieg uͤber den Geiſt gewann. Es war ihm, als fuͤhlte er in ſeinem Herzen das kalte Eiſen; er ſchauderte bebend zuſam⸗ men. Sein bezwungener Geiſt zeigte ihm in dieſem Augenblicke keinen Ausweg vor der kochenden Wuth des jungen Koͤnigs, der noch keine andere Stimme, als die ſeiner Leidenſchaften, wenn dieſe aufgeregt waren, gehoͤrt hatte. Wo er auch den Blick hin⸗ wandte, begegnete ihm eine blutige Spitze. Sein naͤchſter Gedanke, auſſerhalb der eige⸗ nen Lage, war ſeine Mutter und ihr Schmerz. In ihr laͤchelte eine Hoffnung wie⸗ der; wie oft hatte ihre muthige Klugheit Unheil von ihrem Hauſe, von ihm abgewen⸗ det. Ohne ferneres Bedenken, mit einer bangen, hoffenden Eile, als gaͤlte es, jaͤhlings verfolgenden Dolchen zu entfliehen, ſturzte er die kleine geheime Treppe hinunter in ihr Ge⸗ mach. — Die Herzogin war nicht allein. Die Prinzeſſin von Nevers, die in einem halb⸗ ſtuͤndigen Geſpraͤche mit der ſeelenvollen Ma⸗ trone mehr wahre Geiſtesnahrung, als in ganzen in den glaͤnzenden Zirkeln zugebrachten Stunden fand, hatte ſie, wie gewoͤhnlich in der letzteren Zeit, in ihre Zimmer begleitet, waͤhrend die Prinzeſſin Rense ſich auskleiden ließ. Als nun Beide den Herzog auſſer ſich hereinſtuͤrzen ſahen, zog ſich Diana, waͤhrend die Mutter ihm beſtuͤrzt und eilig entgegen trat, in eine Fenſtervertiefung zuruͤck, um nicht eine Unterredung zu ſtoͤren, die vielleicht keine Zeugen duldete. Gonzaga, in dem hef⸗ tigen Aufruhr aller Lebensgeiſter, bemerkte ſie kaum. Mit maͤſſig gedaͤmpfter Stimme, die doch mehr die Wichtigkeit des Berichts, als das Bewußtſeyn einer Anweſenden zu gebie⸗ ten ſchien, und aus den eigenen Worten wieder maͤnnliche Faſſung ſchoͤpfend, erzaͤhlte er der Mutter den Vorfall mit allen Umſtaͤn⸗ den, und fragte ſie um Rath. —— »Rath« ſagte ſie ſchaudernd,„wo der Koͤnig wuͤthet?— Doch warte,« unterbrach ſie ſich ſelbſt, wie von einem plotzlichen Ge⸗ danken uͤberraſcht; dann ſagte ſie, nach kur⸗ zem Sinnen, entſchloſſen: vich weiß nur ei⸗ nen Rath; Du mußt heirathen— ſogleich — noch in dieſer Nacht. Es gilt, die Braut zu finden.« Der Sohn ſtarrte ſie betroffen an. Die Sicherheit dieſes Ausweges leuchtete ihm eben ſo klar ein, als ihm die Ausfuͤhrung unmog⸗ lich ſchien. In demſelben Augenblicke aber erblickte er die entſchloſſene Mutter zu den Fuͤſſen der Prinzeſſin.„Seyd Ihr unſere Wohlthaͤterin, flehete ſie, vmeine, unſers ſonſt hingemordeten Hanſes! rettet meinen Sohn l Diana, die nichts von dem Geſprochenen gehoͤrt, und nur der heftigen Bewegung des Herzogs etwas Auſſerordentliches angemerkt hatte, behielt kaum Faſſung uͤbrig, die Ma⸗ trone zu erheben, die mit beredter Zunge ihr ——— — 253— die dringenden Verhaͤltniſſe mittheilte.„Nur ſo koͤnnen wir den Zorn des Koͤnigs entwaff⸗ nen,« ſchloß ſie;»denkt an Karl den Kuͤh⸗ nen und ſeinen Getreuen le Waͤhrend ſie ſprach, hatte der Herzog mit ſichtbarem Unwillen ſie zu unterbrechen ge⸗ ſucht. Eine dunkle Schamroͤthe, die ein Ge⸗ fuͤhl, ſchmerzlicher als die Todesangſt, verkuͤn⸗ digte, hatte ſeine Wangen belebt, waͤhrend ſein durchdringender Blick mit einem Aus⸗ druck bittern Unwillens auf der Prinzeſſin ruhete, deren von Schrecken erblaßte Wangen ſich nach und nach mit den holdeſten Roſen faͤrbten.„Mutter! was thut Ihr?« rief er auſſer ſich, ſo wie ſie innehielt— oſie hat ja dieſe Hand—4 vAusgeſchlagen l ſiel Diana raſch und mit Eifer ein, vausgeſchlagen, als ſie noch ein unbedeutendes Maͤdchen war, dem Kloſterle⸗ ben vom elterlichen Willen geweiht; die Euch viel zu hoch ſchaͤtzte, um ein Leben zu verdunkeln, deſſen inneren Glanz ſie gern — 254— mit allen Sonnenſtrahlen des aͤuſſeren Glucks geſchmuͤckt haͤtte. Als ſie es endlich konnte und durfte, ſaht Ihr ſie ja nicht mehr an. Verſchmaͤht Ihr dieſe Hand wirklich nicht, ſo legt ſie getroſt in die ſeinige, theure Mut⸗ ter!— Sie reichte ihre Rechte der Herzo⸗ gin. vAus Mitleid k ſprach der Herzog zoͤgernd und doch uͤberraſcht. „Laßt uns nicht einen ſchoͤnen Bund mit Hader ſchlieſſen, Gonzaga lK fuhr ſie fort. Mein Mitleid, wie Ihr es nennt, kann wohl gegen den Unwillen und Zorn, womit Ihr meinen Blicken ſeit jener Stunde begeg⸗ net habt, aufgehen. Ich glaubte eben nicht ſehr daran; ſo glaubt denn auch Ihr an et⸗ was Beſſeres, als an Mitleid. Euer Leben zu bewahren, ginge ich gern in den Tod; aber wie viel lieber denn leben, um es zu retten und zu begluͤcken.« »Traume ich denn?4 rief der Herzog, zu ihren Fuͤſſen ſinkend.„Muß ich denn dem ———— toͤdtlichſten Haß in dem Augenblicke des dro⸗ henden Todes das ſchoͤnſte Lebensgluͤck ver⸗ danken? O Diana! keinen Augenblick habe ich aufgehoͤrt, Euch zu lieben! was war mein Unwille, mein Zorn, mein Haß an⸗ ders 24 Die Mutter fugte weinend ihre Haͤnde zuſammen, und eilte, einen Boten nach ih⸗ rem Beichtvater zu ſenden und der Prinzeſſin Renée anzeigen zu laſſen, daß die Freundin dieſe Nacht bei ihr verbliebe. Die Brautleu⸗ te blieben allein. Es kam unter ihnen zu ei⸗ ner Erklarung, in welcher Diana ſo einfach, unbefangen und wahrhaft dem Herzoge ihre Anſichten mittheilte, daß er, berauſcht von der warmen, ſchoͤnen Neigung, die aus ihren Blicken drang, ſie wie in Verzuͤckung be⸗ trachtete, erſtaunt ob der Fuͤlle eines Werths, gegen den ihre bezaubernde Schoͤnheit ſelbſt ihm nur gering erſchien. Er geſtand ihr nun auch offenherzig ſein falſches Spiel, um ihr zu trotzen, und wie er ſeine Blicke mit Ge⸗ — 256— walt auf Rence's Reize gerichtet, damit ſie unbeachtet auf ihr ruhen duͤrften. vWir ha⸗ ben uns Beide gefliſſentlich getaͤuſcht,« meinte er. „Ich nicht,« unterbrach ſie ihn. vSelbſt als ich Euch meine Hand verweigern zu muͤſ⸗ ſen glaubte, hat denn wohl ein Wort, ein Blick Euch geſagt, daß Ihr mir zuwider waͤ⸗ ret? Wie haͤtte meine Seele, die alle Luͤge haßt, eine ſolche Unwahrheit ausdruͤcken koͤn⸗ nen? Euer Stolz, Gonzaga, der ſich an mir irrte, und nicht ich, hat Euch getaͤuſcht. Ich war, von der zarteſten Jugend an, auf eine Beſtimmung hingewieſen, die mein fruͤh entſagendes Herz gelehrt hat, ſeine Gefuͤhle zu meiſtern; darum ſind auch die, welchen ich mich hingeben darf, unwandelbar. In dieſer Beziehung iſt mein Herz und Gemuͤth harter Marmor; ſie laſſen ſich zerſchmettern, aber ſchmiegen ſich nie der wandelbaren Zeit und wandelbaren Regungen an. Nicht un— wahr hat man mich eine Statue genannt.« — 257— „Nun denn« rief Gonzaga feſt, ſo ru⸗ hig, als die Umwandlung ſeines Schickſals und ſeiner Gefuhle es erlaubte; vſo ſey mein Glaube an Euch eben ſo unwandelbar! Was Ihr auch thun moͤget, ich glaube an das Herz, das Ihr mir geſchenkt; was die Er⸗ eigniſſe auch herbeifuͤhren moͤgen, wie ſie Euch auch handeln laſſen, vertrauet meinem unwandelbaren Glauben an Euch. Wir ſind Menſchen; wir koͤnnen irren, an uns ſelbſt irren, wir muͤſſen es ſogar; aber nie ſoll mein Glaube an Euch von dieſer Stunde an wanken! Seyd Ihr damit einverſtanden, ſo ſind wir ein beneidenswerthes, gluckliches Paar.« Er reichte ihr feierlich ſeine Rechte dar. vIch bin es, denn ich vertraue Euch l entgegnete ſie einſchlagend. Hat dies Vertrauen Stand gehalten?— Wir wollen ſehen.— Die Nacht war ihnen bereits wie ein Augenblick verſchwunden, und der Morgen 17 —— daͤmmerte beinahe, als die Mutter mit dem Geiſtlichen ins Zimmer trat. Sie wurden, was in jenen Zeiten haͤufig der Fall war, und es nun auch ſeyn mußte, heimlich ge⸗ traut. Als die Stunde zum Lever des Koͤnigs gekommen war, trat der Herzog, zierlicher als ſonſt gekleidet, unbefangen vor dieſen hin, kniete vor ihm nieder, und erſuchte ihn, die Gnade zu haben, ſeiner Hochzeit mit Diana von Nevers, mit der er bereits in geheimer Ehe verbunden ſey— uͤber den Zeitpunkt, wo dieſer Bund geſchloſſen ward, ſchluͤpfte er leicht hin— oͤffentlich die Beiſtimmung zu geben, und die feierliche Begehung derſel⸗ ben am Hofe zu geſtatten. Aeuſſerſt beſtuͤrzt, aber dennoch froh uͤber⸗ raſcht, horte ihn Carl an. Mit ſchnell zu⸗ ruͤckgekehrter Huld wuͤnſchte er dem Herzoge Gluͤck. Sein Unwille war verſchwunden, und Gonzaga's Wunſche, die Hochzeitsfeier betreſſend, ſtimmte er in Allem bei. Es — 250— ſchien, als waͤre ſeine immer ſeltner geworde⸗ ne frohe Laune auf eine kurze Zeit zuruͤckge⸗ kehrt; wie vor Jahren freuete es ihn, Vor⸗ kehrungen zu einem Maskenball zu treffen, der ihm Gelegenheit darbot, ſich unter der Larve einer heitern Ungebundenheit zu uͤber⸗ laſſen. Zugleich aber machte er der Schwe⸗ ſter einen Morgenbeſuch, die von der Freun⸗ din ſelbſt, und ohne Zweifel genauer als der Koͤnig, dieſe Neuigkeit bereits erfahren hat⸗ te— Wie heimlich triumphirend der ſpaͤhende Blick des Bruders in ihre Seele zu dringen ſuchte, ſprach ihr Ange doch nur Ueberra— ſchung, aber, zu ſeiner Verwunderung, keine getaͤuſchte Erwartung aus. Die Schlaue hatte ihn ſogar uͤberliſtet. Waͤhrend Diana, begluͤckt und ſeelenfroh, in die Bruſt der Freundin ihr ſuͤſſes Ge⸗ heimniß niederlegte, dachte dieſe, mit einem Blick ihre dadurch bedenklich gewordene La— ge uͤberſchauend„ ſchnell daran, Nutzen da⸗ von zu ziehen, und das eigene gefaͤhrli⸗ 4 2 ** — 260— che Geheimniß dadurch noch ſicherer zu verber⸗ gen. „Laß mich«— ſagte ſie, Dianen heftig umarmend und ihr gluͤckwuͤnſchend— Dich an dieſem ſchoͤnen Tage mit einer unbedeuten⸗ den Gabe anbinden.— Siehe,« fuhr ſie, in ihrer Toilette kramend, fort, vdies weiß⸗ ſammtne Band mit der goldnen, rubinbeſetz⸗ ten Schnalle! Es iſt, wie Du Dich wohl erinnerſt, ein Geſchenk meines Bruders. Ich trage es nicht; es iſt zu ſchoͤn, um nur im Verborgenen zu glaͤnzen. Das Eine iſt treu aufgehoben. Hebe Du das Andere, als ein Pfand meiner Freundſchaft, als die Haͤlfte meiner Liebe auf, und trage es heute, als Zei⸗ chen meiner frendigen Theilnahme, um den Blumenſtrauß an Deinem Buſen zuſammen zu halten. Vorlaͤufig bringe ich es hier unter der ſchwellenden Roſe an,« ſetzte ſie hinzu, das Band um die Schnalle zu einer Schleife bildend, und es ihr an den Bruſtlatz hef⸗ tend.— MNein, nein! laß es nur ſo! Sicher — 26— wird der Bruder dieſen Morgen bei uns er⸗ ſcheinen! Er ſoll ſehen, daß Du mit einem Zeichen unſerer Freundſchaft geſchmuͤckt biſt. Es wird ſeine Freigebigkeit erregen.« Carl erſchien wirklich. Die Schweſter hatte ihm ſelbſt zugemuthet, die Freundin zu uͤberraſchen und ihr Gluͤck zu wuͤnſchen. Als er nun ſelbſt die Schnalle bemerkte, wurden ihm auf einmal ſein thoͤrichter Ver⸗ dacht, die Unſchuld der Schweſter und des Herzogs ſo einleuchtend und deutlich, daß er noch im Laufe des Tages Gelegenheit ſuchte und fand, Cauſſaden, der in der Stille dieſe meiſterhafte Wendung, ohne eben an ein aͤl⸗ teres Verhaͤltniß zu glauben, bewunderte, zuzufluͤſtern:„Gieb die Waffe zuruͤck, ich gebe Dir ein anderes Kleinod dafuͤr; willſt Du ſie aber behalten, ſo hebe 3. behutſam auf.« Geſtattet, daß ich ſie als ein Memento mori und koͤniglicher Gnade aufbewahre,« entgegnete der vermeſſene Juͤngling; und Carl war, in dieſem Augenblicke einer beſſe— ren Freude, gutmuͤthig genug, es zu uͤber⸗ hoͤren. Die Freude am Hofe war indeſſen nichts weniger als allgemein. Am allererſten verduͤ⸗ ſterten ſich die Blicke der Prinzeſſin Renie aufs Neue ſo ſchnell und auffallend, daß der Koͤnig inſofern auf ſeinen fruͤheren Argwohn zuruͤckkam, als er die ſonderbar zunehmende uͤble Laune der Schweſter fuͤr Haß und Un⸗ muth getaͤnſchter Liebe nahm. Es war jedoch nur Unmuth eines getäuſchten Liebesgluͤcks. Die verſtohlene Augenweide war beiderſeits ihres ſichern Deckmantels beraubt. Die be⸗ glaͤckende Naͤhe, die einzige kärgliche Gunſt des geheimen Einverſtändniſſes, hatte ihren groͤßten Zauber, die geheime Angenſprache, verloren. Nie zudor hatte Nente ſo tief die Leere, die Hede, den Zwang ihrer erhabenen Lage gefuͤhlt. Jeder Anlaß zu einer Mitthei⸗ lung war ihr verſperrt. Sie verſtand es nicht zu ſchreiben, und haͤtte ihr auch dieſes Mittel zu Gebote geſtanden, wie wenig wur⸗ de es ihr geholfen haben. Schwerlich wuͤrde die Herzogin Gonzaga ſich dazu verſtanden haben, die Liebesbotin einer, wenn auch an ſich unſchuldigen, ſo doch, der Verhaͤltniſſe wegen, tadelnswerthen Verbindung zu ſeyn; und durfte ſie auch nur einer ihrer Dienerin⸗ nen vertrauen? Diana hatte ihr nicht ohne Abſicht die Gefahr des Herzogs durch den Zorn des Koͤnigs anvertrant. Waͤre Er bei⸗ nahe ein ungehoͤrtes Opfer geworden, wie wuͤrde dann das Geſchick eines unbedeutenden Pagen werden, wenn der Verdacht des Ko⸗ nigs ihn traͤfe! Dieſer Gedanke, dieſe Furcht gab der letzten freudigen Hoffnung in ihrer Bruſt den Todesſtoß. Von nun an empfand ſie nur das eiſerne Joch ihres Standes, und die her⸗ be Bitterkeit dieſes Gefuͤhl warf ſie in eine Verzweiflung, in welcher ſie ſich aus Stolz entſchloß, ſich mit allen boshaften Waffen der Seele und des Witzes zu wehren; und ſo erzuͤrnte ſie taͤglich den reizbaren Bruder, welcher, der Sitten wegen, eine foͤrmliche Einwilligung von ihrer Seite zu dem bevor— ſtehenden Ehebuͤndniſſe vonnoͤthen fand, wel⸗ che ſie nun eifriger als zuvor mit Trotz, nek⸗ kender Bitterkeit und ausgelaſſenem Spott uͤber den aufgedrungenen Braͤutigam, verwei⸗ gerte. Vergebens war Dianens Muͤhe, ſie zu troͤſten und milder zu ſtimmen; ja es war, als ſaͤhe Renée ſelbſt in der Freundin eine plotzliche Stoͤrerin des ſchwachen Schim⸗ mers ihres Gluͤckes.— Die Verſtimmung des Hofes war zwar weniger ſichtbar; aber wie viele Vaͤter, Muͤtter, Toͤchter, die ſich im ſtillen Herzen mit einer Verbindung mit dem kuͤnftigen Herzog von Mantua, dem ſchlanken Don Louis Gonzaga, geſchmeichelt hatten, waren getaͤnſcht. Wie viele Herzoͤge, Gra⸗ fen, junge und alte, waren mitten in ihren Seufzern nach den Reizen, dem Reichthum und Anſehen der Prinzeſſin von Rovers ge⸗ hemmt worden. Unwille und Verlaͤumdung — 265— erhoben, noch ehe die Hochzeitsfeierlichkeiten zu Ende waren, ihre, auf kurze Zeit von der ſich taͤuſchenden Eigenliebe beſiegten Haͤupter. Der Spottname:„die ſchoͤne Statues, in welchem wohl auch zuweilen das Beiwort „ſchons in valbern« verwandelt ward, wurde wieder vernommen; eine kleinliche Rache lauerte in den getaͤuſchten Herzen der Groſ⸗ ſen; aber Niemand traͤumte davon, wie ſehr bald dieſe einen Anlaß finden ſollte, ihre unſichtbaren Pfeile in Gift zu tauchen. Es war das letzte Auflodern einer Flam⸗ me, die, von dieſer Nacht an, taͤglich mehr erloſch, bis ſie mit dem Tode des jungen Koͤnigs vollig ausging, das in dem erwaͤhn⸗ ten Hoffeſte frendig emporflackerte. Alles war auf das Prächtigſte, aber mit vieler Vorſicht eingerichtet. Keine groſſen Aufzuͤge, ſelbſt keine Fackeltaͤnze fanden ſtatt. Alle Masken⸗ ſpiele bei Hofe verriethen, ſeit jener ungluͤck⸗ lichen Mummerei, wobei die Flammen das Gehirn Carls des Sechſten durch einen * „ — 266— Schrecken verſengten, der ſeit der Stunde ſeinen verworrenen Sinn gefeſſelt hielt, eine gewiſſe Aengſtlichkeit. Um ſo mehr ſachten die juͤngern Hofleute durch einzelne Verklei⸗ dungen, uuter welchen ſie den Muthwillen bis zur Frechheit ſteigerten, eine allgemeine Verwirrung herbeizufuͤhren, die nicht ohne Ergotzlichkeit war. Der Spaß beſtand, wie heut zu Tage, darin, ſich recht unkenntlich zu machen, und unter der Maske viele In⸗ trignen anzuſpinnen und Einigen aufzulauern. Cauſſade war in dieſer Beziehung eben ſo thaͤtig als ſchlau. Jener Vorgang, der ihm ſo leicht haͤtte verderblich werden konnen, hat⸗ te ihm Anlaß gegeben, die Gunſt des Her⸗ zogs wieder zu erlangen, und ſich in der ſei⸗ nes neuen Herrn zu befeſtigen; denn Carl zweifelte nicht, daß der Leibknappe nicht, von den Verhaͤltniſſen ſeines Herrn unterrichtet, durch irgend eine Schlauheit die ſo gelegene Bekanntmachung der geheimen Verbindung herbeigefoͤhrt habe, und wußte ihm in der — 267— Stille, weil er ſeinem gekräͤnkten Gemoͤthe eine harte Nothwendigkeit, die er weit ent⸗ fernt war als eine Unthat anzuſehen, ge⸗ ſpart hatte, Dank. So mit der Gunſt der Hauptperſonen des Feſtes begluͤckt, und wahrſcheinlich auch ins⸗ geheim mit jener der huͤbſchen Hoſdirnen bei⸗ der Prinzeſſinnen geſegnet, ſiel es ihm nicht ſchwer, ihre Masken im Voraus zu erfahren, und durch vielerlei Verkleidungen Alle an ihm ſelbſt irre zu machen. Es war ihm, mehr als je, daran gelegen, ſo ein, wenn auch nur kurzes Zuſammentreffen mit Renee herbei⸗ zufuͤhren; denn nur da, oder nie mehr, konn⸗ te ihm ein ſolches gelingen, und er hatte ihre unmuthige Schwermuth bemerkt, theilte ihren Schmerz, hatte vergebens geſucht, ihre Blicke auf ſich zu ziehen, und verzweifelte uͤber ihre Muthloſigkeit. Allein er hatte ſich verrechnet. Renée, ſey es nun aus Furcht, daß Cauſſabe durch eine unvorſichtigkeit ſich und ſie— denn ſie fuͤhlte, daß ſein Verderben das ihrige nach — 268— ſich ziehen wuͤrde— ins Ungluͤck ſtuͤrzen moͤchte; ſey es aus einer erkaͤmpften, trotzi⸗ gen Erhebung uͤber ihr Geſchick, oder aus Entſagung der Verzweiflung, kurz: ſie ſchuͤtz⸗ te in dem Augenblicke, wo das Feſt den An⸗ fang nahm, eine ſchnelle Unpaͤßlichkeit vor. Erſt nachdem Cauſſade ſie vergebens mit ſtei⸗ gender Ungeduld geſucht hatte, erfuhr er ihre Abweſenheit. Er war wie vom Blitze getrof⸗ fen; er knirſchte mit den Zaͤhnen, und nahm dann einen ſchnellen Entſchluß. Unter einer ehrwuͤrdigen Larve— denn ſelbſt unter Mas⸗ ken vermag eine ſolche uͤber den darin ver⸗ ſteckten Schalken zu taͤnſchen— und mit ei⸗ ner verſtellten Stimme, an welcher ſie einen achtungswerthen Bekannten zu erkennen glanb⸗ te, gelang es ihm, ſich der jungen Herzogin Gonzaga zu naͤhern, und ſich ein geheimes Gehoͤr von ihr zu verſchaffen. Hier, in einem entfernten Winkel, gab er ſich ihr zu erken⸗ nen, und ſo maͤchtig erwies ſich die beredte Zunge des Juͤnglings, auf den ſie vorher, — 269— trotz ſeiner auffallenden Schoͤnheit, mit einer Art Geringſchaͤtzung herabgeblickt hatte, daß die kluge, ſonſt ſo vorſichtige Diana nicht allein ſeine Liebesklagen anhoͤrte, ſondern ſo⸗ gar, vielleicht durch die von ihm erregte, leb⸗ hafte Vorſtellung von der muthloſen, trauri⸗ gen Stimmung der Freundin, die durch ih⸗ ren launenhaften Eigenſinn ihre Zukunft nur verſchlimmern konnte, geruͤhrt, ihm eine ge⸗ heime Unterredung in ihrem Zimmer auf den folgenden Tag verſprach. Ob nun dieſe verrathen worden, oder wie weit auch ihre Verlaͤumder und Auf⸗ laurer, das Schuldloſe entſtellend und das nicht ganz Untadelhafte uͤbertreibend, ihr licht⸗ ſcheues Handwerk getrieben, muͤſſen wir un⸗ eroͤrtert laſſen. Genug! dieſer Ball war die erſte Quelle einer willkommenen Verlaͤum⸗ dung.* Noch waͤhrend des Feſtes hatte der Koͤnig ein Wort von der bevorſtehenden Ankunſt des engliſchen Prinzen fallen laſſen, der die Braut —— ſehen und ſelbſt abholen wollte. Es ſchien alſo ausgemacht, daß die Zuſtimmung von Seiten des franzoͤſiſchen Hofes ſchon erfolgt war. Das war ſie auch wirklich; jedoch die der Braut noch nicht. Carl ſelbſt hatte noch denſelben Morgen, wie es ſchien, von einem ſonderbaren Geiſt des Widerſpruches getrieben, dem Herzog Gonzaga, der faſt noch oͤfter, als bei ſeiner Mutter, jetzt bei der Gemahlin Anlaß hatte, ſich der Prinzeſſin zu naͤhern, mit einem ſcharfen Blicke aufgetragen, Renée fuͤr dieſen unausweichbaren Schritt zu ſtim⸗ men, und es ſeiner Klugheit, ſo wie der ſei⸗ ner Mutter und ſeiner Frau, zur Pflicht ge⸗ macht, ſie zu uͤberreden, dieſer Verbindung mit weniger Muthwillen und mehr Wuͤrde entgegen zu gehen. Diana hatte, ſowohl als der Herzog, in dieſem Auftrage neue Stuͤrme ahnend, mit zweifelndem Kopfſchuͤtteln den Verſuch uͤbernommen. Eines Morgens, als endlich wieder die Jagdhoͤrner— denn die plotzlich zunehmende — B— Schwaͤche des Koͤnigs, gleich nach dem Froſte, machte dies Vergnuͤgen immer ſparſamer— vom Hofe herauftoͤnten, und Gonzaga ſeine Gattin ſchon zum Lebewohl umarmt hatte, ſchluͤpfte dieſe zu der noch ſchlafenden Prin⸗ zeſſin hinunter. Geſchwind, Langſchlaͤferin la ſagte ſie, ſie aufweckend, vhoͤrſt Du die Fanfaren nicht? Geſchwind, ehe der Koͤnig Dir zuvor⸗ kommt. Es iſt lange her, ſeitdem wir von dem belaubten Balkon ſie hinausziehen geſe⸗ hen haben. Komm! heute darf ich dreiſt nur fuͤr Don Lonis Augen haben, und ich erlau⸗ be Dir, faſt zaͤrtlich auf ihn hinabzublicken, verſteht ſich, wenn Dein Blick huͤbſch an ihm voruͤber ſtreift, dahin, wo der ſchoͤne Cauſſade nur mit Muͤhe den Rappen bezwingt, der ſich unter ihm baͤumt und Kapriolen macht.« vIch begreife Dich nicht, Dianalk ent⸗ gegnete die Prinzeſſin, ſie mit großen Augen anſtarrend.„Ei nun denn! um Dir eine —— Freude zu machen, denn ich habe den meinen Lebewohl geſagt Trotz dieſer entſagenden Antwort, vermochte ſie ſich doch kaum vor Eile das Morgenkleid zuzumachen. Aber ſie Dir vielleicht nicht?« laͤchelte die Herzogin. Rence ſah ſie, auf den Balkon hinaustre⸗ tend, immer verwunderter fragend an. „Als wir«— fuhr Diana fort—„das letzte Mal hier ſtanden, wie verſchieden wa⸗ ren damals unſere Anſichten! ſollten wir ſie nun mit einander getauſcht haben? Du, mit dem Unvermeidlichen vertraut, und mit Muth, ihm zu begegnen, gewaffnet, pochteſt traͤu⸗ mend auf ein Liebesgluͤck, das ich, das Herz von Verzweiflung uͤberquellend, mißbilligte; und dennoch troſteteſt Du mich ſanft und guͤ⸗ tig, mich, die unbewußt in Thraͤnen ſchwamm. Das vergeſſe ich Dir nicht, Rente! Nun bin ich gluͤcklich und munter, und Du— wie wenig Deine Lage ſeitdem auch veraͤndert iſt — Du biſt trauriger geworden. Damals 2 wuͤrde ich es angemeſſen gefunden, und Dich in der Trauer beſtaͤrkt haben.— Sonderbar genug, ſeitdem ich Frau geworden bin, denke ich nicht mehr ſo gar ſtrenge, und dieſe maͤd⸗ chenhafte Schwermuth geht mir weit tiefer zu Herzen. Wie ſtarrſt Du ſo gerade vor Dich hin, Maͤdchen? Schau nur, ſie ziehen ab, und Cauſſade ſieht heraufl« »Der Unvorſichtige kK rief Rente erblei⸗ chend, und fuhr zuruͤck. »Woher dieſe befremdende Angſt?4 fragte die Herzogin, wirklich daruͤber erſtaunt. Das fragſt Du, Diana? deren Gelieb⸗ ter wegen einer leichten Taͤndelei, vielleicht wegen eines meiner aufgefangenen Blicke— ach! noch vor zwei Naͤchten habe ich ge⸗ traͤnmt, daß ich Cauſſade ſah bleich und blutig ſich aus einem Grabe erheben.« »Du wollteſt ja, theure Rense, Gonzaga zu mir zuruͤckfuͤhren, und Du haſt es ge⸗ than; freilich durch ein klein wenig falſches Spiel, aber— darum bin ich doch dem 18 Spielen weniger gram; ich moͤchte gern dankbar ſeyn, Dich troͤſten, durch die That Dir helfen! Alſo darum trauriger als zu⸗ vor 74 „Darum! und ruͤckt denn die Zeit nicht immer naͤher, wo ich geopfert werden ſoll? ich bin es ja ſchon! Was hat mein Spott, mein Trotz, mein Widerſtand geholfen? hat der Bruder nicht ſchon gegen meinen Willen entſchieden und—6 »Und Dein Liebesgluͤck? Armes Maͤdchen! mußte Dein Traum ſo kurz ſeyn? der fein lauernde Blick, den Du, an dem Herzog vor⸗ uͤber dem ſchoͤnen Cauſſade zuwarfſt, ſobald Glanz und Muth verlieren? wo iſt die Kuͤhn⸗ heit geblieben, womit Du aus der Liebe Kraft holen wollteſt, die Liebe zu entbehren? Du ſiehſt mich an— nun freilich, ſo ſprach ich nicht als Maͤdchen; da kannte ich ſolche Sprache nicht— nun bin ich aber Frau!— dem aufgedrungenen Gatten muͤſſen Pflicht und Zucht genuͤgen, Liebe iſt des Herzens 2————————— — 275— freies Eigenthum, und darf frei ſeyn, in⸗ ſofern ſie rein genug iſt, jene beiden nicht zu verletzen.« Raſch, in Thraͤnen ausbrechend, ſturzte ſich Renée in Dianens umſchlingende Arme. „Freundin lK ſchluchzte ſie, vſey mir huͤlf⸗ reich, und ich will Dich anbeten. Ja! ich liebe ihn noch, den ſchoͤnen Cauſſade mit den Augen voll Geiſt und Flammen. Ach! aber Du weißt auch Alles, was mir den Muth benimmt, den Muth zu leben gebro⸗ chen hat. Meine Blicke wagen ſich nicht mehr an die ſeinigen, und wenn auch Blik⸗ ke!— was ſind Blicke? Blicke allein wer⸗ den toͤdtende Pfeile— Pfeile, in ein leben⸗ verzehrendes Gift getaucht. Blicke ſind wenig — das verlangende Herz will doch auch Wor⸗ te, eine beſeligende Naͤhe, nur einen Augen⸗ blick fuͤr das ganze Leben. Glanbe mir, wenn ich uͤber mein Geſchick verzweifle, iſt es nicht aus Mangel an Liebe. Laß ihn aber nur kommen, den aufgedrungenen Braͤutigam 18* — ich will ihn nicht! was kann der Bruder thun? mir das Leben nehmen? Darauf kommt es ihm nicht an— immerhin l »Sey vernuͤnftig, Nenée, ſoll ich Dir helfen! Erbittere den Bruder nicht; lenke lieber ſeine Augen durch Nachgeben von Dir ab. Vergieb Deinem Stande, Deiner Wuͤr⸗ de nichts; bringe muthig ihren Anſpruͤchen Deine Jugend, Dein Leben zum Opfer,— dann will ich fuͤr das Gluͤck Deines Herzens ſorgen, verſchwiegen und treu.« Verſtehe ich Dich recht? darf ich Dich verſtehen, wie mein Herz es verlangt? ich ſoll ihn ſehen, ihn ſprechen? Wo— wenn?6 „Still, Maͤdchen! hoͤre erſt meine Bedin⸗ gungen! Wenn Du vor der Welt ganz Prinzeſſin, die koͤnigliche Braut von Eng⸗ land, laͤchelnd, zufrieden ſcheinen willſt, ſol⸗ len die Augen Deines Herzens Cauſſade in meinem Gemache erblicken.« »Ich bin Prinzeſſin,« ſagte— das Haupt ſtolz in die Hoͤhe richtend,„die Ge⸗ mahlin einer Mißgeburt, wenn ſie nur der Erbe einer Krone iſt; ich gebe noch heute laͤchelnd meine Beiſtimmung! Deine Freund⸗ ſchaft, Diana, giebt mir Muth zu Allem. In Deinem Gemache aber, ſagſt Du? ahnt denn Gonzaga— 24½ fuͤgte ſie, die Augen niederſchlagend, faſt erſchrocken, hinzu. „Behuͤte! Die Unſchuld der Liebe in einer jungfraͤulichen Seele iſt zu heilig fuͤr die Ge⸗ danken eines Mannes. Er denkt immer et⸗ was Sinnliches dazu; ich kenne meine, und die unſrigen ſind ja verwandt. Kein Mann, ſelbſt Gonzaga nicht, darf, Dich betreffend, etwas ahnen, was er ſich ohne einen ſelbſt unbewußten Verdacht nicht denken kann. Weiß ich ja doch die Stunden, wo ſeine Ge⸗ ſchaͤfte ihn auſſer dem Schloſſe halten, und mittelſt jener Treppe, auf die Du Dich wohl beſinnſt, kannſt Du ja ungeſehen in meine Zimmer kommen. Lieber duͤrfte noch die Mutter etwas ahnen.«— —— — 28 Rence hatte die gluͤhenden Wangen waͤh⸗ rend dieſer Rede an den Buſen der Freundin gedruͤckt. Nein! Rein le ſagte ſie ſchnell— vund Cauſſade 6— „Sey getroſt! Gonzaga vertraut mir. Er darf wiſſen, daß ich Cauſſade de St. Megret ſehe, ob ich es ihm auch nicht ſage. Er iſt nicht mehr der unbedeutende Edelknabe, ſeit er den Koͤnig auf der Jagd begleitet, und erſcheint zuweilen bei Gonzaga. Sieh, Re⸗ nie, ich zweifle nicht an ſeinem Glauben an mich! Es waͤre frevelhaft, ihn auf eine Pro⸗ be zu ſtellen; allein da nun dieſe ſich von ſelbſt darbietet, warum ſollte ich fuͤr das ban⸗ gen, was meine Liebe zu ihm nur erhoͤhen kann 74 Dieſe Blaͤtter duͤrfen nicht verrathen, was die Fluͤgel treuer Freundſchaft verhuͤllten. So viel wiſſen wir nur, daß ein kurzes Zu⸗ ſammentreffen, das bei Renée das Gefuͤhl eigner Wuͤrde und die Gegenwart des viel⸗ erſehnten Gluͤcks ſchon rein und unſchuldig wuͤrde gehalten haben, wenn auch nicht Dia⸗ nens ernſte Anweſenheit allein dafuͤr geſorgt haͤtte, oͤfters ſtatt fand. Renie bluhte wieder heiter auf, wie eine thaubeperlte Roſe, welche das den Abend vorher geſenkte Haupt erquickt gegen die Morgenſonne erhebt. Der ſcharfe Muthwille war verſchwunden; zwar entſchlupf— te der Bruſt ein ſchwerer Seufzer, wenn von der Ankunft des engliſchen Prinzen die Rede war; allein ſie waͤhlte ſelbſt ihren Braut⸗ ſtaat, und nahm die Gluͤckwuͤnſche des Ho— ſes, zwar ein wenig erbleichend, aber mit der Wuͤrde ihres Standes an. In den Zir⸗ keln des Hofes, welche, ſo wie die Jagd, die zunehmende Kraͤnklichkeit des Koͤnigs ſeltner machte, wo Canſſade immer in der Beglei— tung des Koͤnigs erſchien, beim taͤglichen Be⸗ gegnen im Freien oder in der Meſſe, ſuchte ihr Blick den Geliebten nicht. Es war, als ſaͤhe ſie ihn alsdann nur in ihrem Herzen, gegen welches ihre Blicke geſenkt waren. Er dagegen hob das Haupt ſiegreich empor. Sein —— Blick ſuchte ihre Naͤhe, wenn auch nicht ſie ſelbſt; und glaubte ſein Blick, an ihrem An⸗ blicke ſich weidend, lauernde Spaͤher zu ge⸗ wahren, ſo ſiel deſſen Flammenſtrahl viel⸗ leicht zu ruͤckſichtslos auf Diana, die, wie vorher, immer an ihrer Seite erſchien. Der in manchem weiblichen Herzen ſchlum⸗ mernde Rachedurſt gegen den Herzog, die durch Dianens geheime Wahl beleidigten Groſſen hatten alle ſcharfe Angen. Cauſſadens fragende Blicke auf die junge Herzogin, die nur zu ſehr eine Art von Einverſtaͤndniß aus⸗ ſprachen, verſtohlene, nicht behutſam genug gegebene Winke, das Fluͤſtern der Zofen und der uͤbrigen Dienerſchaft, denen es nicht un— bemerkt blieb, daß Cauſſaderzu Zeiten, wenn Gonzaga abweſend war, ſeine Wohnung auf eine halb geheimnißvolle Weiſe beſuchte und daſelbſt verweilte, das Alles wurden nun klei⸗ ne Mittel zu einem groſſen Zwecke. Ehe noch die Flitterwochen der jungen Ehe zu Ende waren, waͤhrend das ſchoͤnſte, ruhige Ver— —— hältniß zwiſchen den Vermaͤhlten herrſchte, wurden Geruͤchte ausgeſtreut und angehoͤrt, die von der beſonderen Gunſt ſprachen, wel⸗ che der ſchoͤne Cauſſade bei der jungen Herzo⸗ gin, der vorher kalten Statue, erreicht haͤt⸗ te. Freilich waren dieſe Geruͤchte denen, welche ſie betrafen, noch nicht zu Ohren ge⸗ kommenz aber bald wurden der Herzogin Mutter, waͤhrend man ſich laut uͤber ihre Blindheit verwunderte, oder ihre Nachſicht verlaͤumdete, verſtohlene Winke gegeben. Sie ſchien dieſe nicht verſtehen zu wollen. Da bildete ſich ein Kreis von den ſogenannten vertrauten Freunden des Herzogs, die mit an⸗ ſcheinendem Eifer und heimlicher Schaden⸗ frende unter ſich berathſchlagten, ob es nicht Freundespflicht ſey, ihn aufmerkſam zu ma⸗ chen. Auch ihm wurden Winke gegeben. Er verſtand, aber er lächelte veraͤchtlich. Ein Paar italieniſche Grafen, nahe Verwandte ſeines Hauſes, deren ſeine leicht bluͤtigere einheimiſche Umgebung ſich mit Erfolg be⸗ 8 diente, um das Feuer zu ſchuͤren, ſpruͤhete, zu allen Arten von Eiferſucht geneigt, Feuer und Flammen. Sie entſchloſſen ſich, gerade aus mit dem verblendeten Vetter zu ſprechen, und ſie thaten es. Schien er auch durch dieſe Zudringlichkeit ſich beleidigt zu fuͤhlen, ſo ver⸗ ſtanden ſie dagegen ihren Eifer, ihre Rechte als Verwandte, ihre Beſorgniſſe fuͤr ſeine Ehre mit ſo vieler Schlauheit geltend zu ma⸗ chen, daß er ſich gezwungen ſah, ſie anzuho⸗ ren. Dennoch blieb er wenigſtens aͤuſſerlich ruhig. »Cauſſade«— ſagte er kalt— viſt mein Leibknappe geweſen, und iſt, in ſeiner durch die Gunſt des Koͤnigs hoͤheren Lage, mir noch immer zugethan. Er hat— unter uns — mir einmal das Leben gerettet. Ich mei⸗ nes Theils koͤnnte vielleicht der Frau den Hof machen, deren Gatten ich ans Leben wollte, nicht aber derjenigen, deren Eheherr mir ſein Leben zu verdanken hat. Wer mag ſelbſt ſein Geſchick herabwuͤrdigen? Soll ich von dem, — welchem ich Dankbarkeit ſchuldig bin, ſchlech— ter als von mir ſelbſt denken? und muß ich meine Frau in Verdacht haben, weil Cauſſa⸗ de der ſchoͤnſte Mann bei Hofe iſt? ich, ihr Gemahl, bin eben nicht ſchoͤn, aber ich bin mehr.— Ich habe beſſere Gedanken von mei⸗ meinem Werthe, als ich zu meinem Leidweſen ſehe, daß Ihr ſie habt.« Allein,« wandte ein aufbrauſender jun⸗ ger Vetter ein,„Cauſſade, ſagt man, hat ſich ſelbſt der Gunſt Eurer Frau geruͤhmt! Ich ſollte es nur gehoͤrt haben la Eine Thorheit,« verſetzte der Herzog ru⸗ hig,„die allerdings dem leichten Vogel aͤhn⸗ lich ſieht; aber eben die zeugt fuͤr meine Frau! Sie iſt zu klug, Jemanden ihre Gunſt zu ſchenken, der ſich ihrer ruͤhmen wuͤrde.« War auch der Herzog im Herzen ſo ru⸗ hig, als ſein Antlitz erſchien, konnte es doch nicht fehlen, daß er ſich insgeheim uͤber die ſchmaͤhlichen Geruͤchte aͤrgerte, wozu, das — 284— ließ ſich nicht leugnen, die Gattin ſelbſt, vielleicht ohne daran zu denken, einigen An⸗ laß gab. Freilich hatte er ſelbſt Cauſſade auf Blicken ertappt, denen nur zu aͤhnlich, die fruͤher, zu der Zeit, wo er ſich in der Liebe ungluͤcklich waͤhnte, ſeinen Unmuth erregten; aber hatte nicht Diana ſelbſt ihn von dem Ungrund eines Argwohns uͤberzeugt? waͤre es nicht moͤglich, daß ſie, ſeines Wortes und Geluͤbdes eingedenk, ſeinen Glauben an ſie auf eine Probe zu ſiellen dachte? Und wenn auch— geſtattete denn ſeine ritterliche Ge⸗ wiſſenhaftigkeit, ſie durch irgend ein Miß⸗ trauen zu kraͤnken? Ihr reines, einfaches Gemuͤth, der ehrenvolle, ruͤhrende Kampf ihrer Liebe zu ihm, dem das Verhaͤngniß ein Ende gemacht hatte, ſtanden zu lebensfriſch vor ſeiner Seele, als daß ihm das kleinliche Treiben der Freunde etwas andres, als ein Laͤcheln abzwingen konnte, deſſen Schaͤrfe in⸗ deſſen ihren Eifer anſpornte. Da trat ein Ereigniß ein, das, wie tief es auch ſeine Ehre zu verletzen ſchien, dennoch den Freun⸗ den faſt willkommen war, weil es ihren Be⸗ ſorgniſſen einen faſt oͤffentlichen Triumph ver⸗ lieh, an dem die laͤcherliche Zuverſicht des Herzogs ſcheitern mußte. Eines Nachmittags, nach fruͤh aufgehobe⸗ ner Tafel, als der kraͤnkliche Koͤnig ſich et⸗ was wohler fuͤhlte, und von einem kleinen heitern Kreiſe umgeben war, brachte plotzlich ein Kourier die Nachricht, daß der engliſche Braͤutigam in Frankreich gelandet ſich, und ſchon den folgenden Abend einzutreffen ge⸗ daͤchte. Carl, der mit dem Benehmen der Schweſter in der letzten Zeit hoͤchſt zufrieden, und durch ihr Nachgeben in ſeinen Willen uͤber ihre wahre Geſinnung leicht getaͤuſcht worden war, waͤhnte vielleicht, daß ſie ſeine Freude theilen wuͤrde, und lud mehrere von dem Kreiſe, worunter auch die italieniſchen. Verwandten des Herzogs ſich befanden, ein, einen kleinen Zug zu bilden, an deſſen Spiz⸗ ze er ſelbſt ohne Auſſchub die Prinzeſſin mit * — 6— dieſer Kunde uͤberraſchen wollte. Die Aus⸗ fuͤhrung folgte ſogleich dem Entſchluſſe; aber in der Prinzeſſin Vorgemach angelangt, er⸗ fuhren ſie, daß ſie ſich ſo eben zu der Herzo⸗ gin Gonzaga begeben hatte. Der Koͤnig ver⸗ ſtand: bei der jungen Herzogin, wo ſie auch wirklich war, obgleich ſie einen Beſuch bei der Herzogin Mutter angegeben hatte. Er ſtieg ſogleich die groſſe Treppe hinauf. Die Beſorgniſſe banger Liebe uͤberfliegen alle Kuriere. Schon eine Stunde fruͤher, als der Koͤnig, hatte die Prinzeſſin dieſelbe Nach⸗ richt erhalten, und unterlag beinahe derſelben. Sie hatte es laͤngſt, vielleicht durch Dianens ſtrenge Anſichten bewogen, ſich und dem Freunde zum Geſetze gemacht, daß dieſer, noch vor der Ankunft des fuͤrſtlichen Braͤuti⸗ gams, fuͤr ſie wie verſchwunden ſeyn ſollte. Der Blick ihres lieblichen Auges durſte ihn nicht mehr ſehen von dem Augenblicke, wo die Pflicht ihr aͤnſſeres Leben ganz in An⸗ ſpruch nahm. Allein noch eine Zuſammen⸗ — —— — —— — 287— kunft, das letzte Lebewohl, war ſie dem ſchei⸗ denden Liebesgluͤck ſchuldig. Um dieſen trauri⸗ gen Genuß nicht verloren zu geben, glaubte ſie in ihrer Angſt, dieſen keinen Augenblick verſchieben zu duͤrfen. Sie ſah voraus, daß, ſobald die oͤffentliche Rachricht von der An⸗ kunſt des Prinzen eintraͤfe, jede ihrer Stun⸗ den auf die verdrießlichſte Weiſe in Anſpruch genommen werden wuͤrde. Von Cauſſaden ſelbſt, durch die Herzogin, hatte ſie die ge⸗ fuͤrchtete Kunde erhalten, und durch ſie war auf ihr Flehen eine Zuſammenkunft, ach! die letzte, dies Mal zu einer ungewoͤhn⸗ lichen Stunde, und ohne die gewoͤhnliche Porſicht genau zu beobachten, ſchnell her— beigefuͤhrt worden; allein es war ja die letz⸗ te, und Angſt, Schmerz behaupteten ihre Rechte. Cauſſade harrte ihrer ſchon bei der Herzo⸗ gin; die Prinzeſſin Rence war ſo eben leiſe, mit zuruͤckgehaltenem Athem, an der Bergere, worauf die Herzogin Mutter ihre Sieſte hielt, voruͤber, die kleine Treppe hinauf geſchlichen, und in das vorige Schlafzimmer des Herzogs, das vielleicht nicht ohne Abſicht von der Gat⸗ tin zum Wohngemach gewaͤhlt worden war, getreten, als Dianens Kammerfrau, die eben nicht viel, aber gerade genug dachte, und oh⸗ ne die Gebieterin auf irgend eine unwuͤrdige Weiſe in Verdacht zu haben, in der ſichtba⸗ ren Angſt und Unrnhe dieſer Stunde es dennoch angemeſſen gefunden, Schildwache zu ſtehen, an die Thaͤre klopfte, und erſchrok⸗ ken fluͤſterte:»Der Koͤnig kommt von den Gemaͤcher der Prinzeſſin gerade hieher.« Bei⸗ de Frauen ſtanden einen Augenblick wie er⸗ ſtarrt, aber ſchon im naͤchſten rief die Herzo⸗ gin:»Schnell, Rense! zu der Mutter hin⸗ ab K und ſchob ſie faſt aus der Tapetenthuͤ⸗ re. »Und Du? Er 4 ſtammelte die Prinzeſ⸗ ſin. Ich bin mir keiner Schuld bewußt! Nur fort! fort! aber Ihr—6 ſagte ſie, dennoch * — 289— erbleichend zu Cauſſade, die Tapetenthuͤre nach Rente zudruͤckend. »Ich muß bleiben, großmuͤthige Freun⸗ din,« rief Cauſſade; Naber befuͤrchtet keinen Verdacht.« Vermuthete er vielleicht, die Warnung der Kammerſrau buchſtaͤblich nehmend, daß der Koͤnig allein nahete, deſſen durchdringen⸗ der Argwohn, jener Schnalle eingedenk, die er noch immer im Buſen trug, ihm drohend vorſchwebte, und den er, es gelte was es wolle, ſelbſt auf Koſten der Herzogin beſei⸗ tigen mußte, um ſo mehr, da Carl zu er⸗ haben dachte, um einen Verrath von ihm zu befuͤrchten; genug, mit jenen Worten, un⸗ bedenklich dem erſten Zuflaͤſtern der Seele folgend, ſank er zu ihren Fuͤſſen, und erſt ſo wie die Thuͤre jaͤh aufſprang, und der Koͤnig eintrat, war er wieder ſo ſchnell auf⸗ geſprungen, daß die ſpaͤter Eintretenden im⸗ mer ungewiß bleiben mußten, ob er ſich aus⸗ einer ſo anklagenden Stellung wirklich erho⸗ 19 290 ben habe. Seine Abſicht, in Betreff des Koͤnigs, mochte erreicht ſeyn; allein er hatte nicht an die ſcharfen, im Voraus argwoͤhni⸗ ſchen Blicke der Begleiter gedacht, die im⸗ mer noch mehr, als die Wirklichkeit darbot, zu erblicken nur zu geneigt waren.— Auch ſchien wirklich nur die Begleitung Beide be⸗ troffen zu machen. Der Koͤnig, dies bemerkend, warf einen zornigen Blick auf Cauſſaden, und dann in dem Gemach ſchnell herum. WVerzeiht, Frau Herzogin, vſagte er,„dieſe unritterliche Ueber⸗ raſchung; ich glaubte aber die Schweſter hier.« Diana, zum erſten Mal in ihrem Leben ohne Zeugen einem freinden Juͤngling gegen⸗ uͤber gefunden, und die Gefahr ihres Rufes empfindend, erbleichte faſt, als ſie hervor⸗ preßte:»Sie wird wahrſcheinlich unten bei der Herzogin Mutter ſeyn. Bei mir«— fuͤgte ſie errothend hinzu— diſt ſie nicht.« — 291— Es freut mich,« entgegnete der Konig, unwillkuͤhrlich frei aufathmend. WVerzeiht, ich ſuchte nur ſie.« Schnell verließ er mit den Begleitern das Gemach; doch behielt der italieniſche Graf noch Zeit, Cauſſaden halblaut veraͤchtlich zu⸗ zufluͤſtern:„Hinter dem Schloſſe, wenn es dunkelt; ich raͤche die Ehre meines Vet⸗ ters.« »„Dazu iſt er ſelbſt der Mann,« gab ihm dieſer in demſelben Tone zuruͤck; vich aber raͤche dieſe Beleidigung ſeiner Gemahlin.« Stolz, aber dennoch im Innern verwirrt, verließ auch er mit dem Gefolge ſelbſt, als haͤtte er zu dieſem gehoͤrt, das Gemach, und erſt bei den Wohngemächern der Herzogin Mutter trennte er ſich davon, als ihn der Koͤnig nicht mit eintreten hieß. Allein trotz ihres, wie gewoͤhnlich, vor⸗ wurfsfreien Gewiſſen, empfand Diana zum erſten Male, wenigſtens in dieſem aͤngſtlichen Augenblicke, daß ſelbſt dies dem Geſetze des 19* Scheines unterworfen iſt, und mit dem be⸗ fremdenden Gefuͤhle, daß ſie dem Gatten Recht zu Mißtrauen gegeben, und mit drin⸗ gender Sehnſucht, Alles, was ihre Bruſt be⸗ laſtete, an der ſeinigen auszuweinen, harrte ſie in ſonderbarer Unruhe, die mit jeder Viertelſtunde zu immer groͤßerer Angſt ſtieg, ſeiner Ruͤcktkehr. Er erſchien aber nicht. Kaum hatten die Begleiter des Koͤnigs und er ſelbſt die Prinzeſſin neben der noch ruhenden aber wachen Herzogin, ein wenig beſtuͤrzt freilich, welches doch die Ueberra⸗ ſchung bewirkt haben mochte, angetroffen, ihr den Gluͤckwunſch uͤberbracht, und ſich wieder zuruͤckgezogen, als die Gemuͤther, jedes auf ſeine eigenthuͤmliche Weiſe, in thaͤtige Bewe⸗ gung geriethen. Waͤhrend die Anderen mit ei⸗ ner etwas verbeſſerten Darſtellung jenes Ereig⸗ niſſes vollauf zu thun hatten, eilte der Italie⸗ ner bei den uͤbrigen Verwandten und Freunden Gonzaga's herum, die auch Alle augenblick⸗ lich Feuer ſingen; ſie beſchloſſen, Alle wie Einer, den Herzog aufzuſuchen, und fanden ihn bald. Zwar faͤrbte bei der Exzaͤhlung ein gluͤ⸗ hender Jaͤhzorn ſeine Wangen braun; zwar ballte er die Faͤuſte; doch faßte er ſich ſchnell wieder.„Dennoch iſt ſie unſchuldig« ſagte er ernſt. Micht Mißtrauen zu ihr bewegt mein Inneres. Rennet mir nur eine ſchoͤne Frau in Paris, in ganz Frankreich, zu deren Fuͤſſen ſich nicht mehr als ein Thor ge⸗ worfen haben mag, wenn er dazu Gelegen⸗ heit gefunden. Freilich, ſeine Frechheit for⸗ dert Strafe la „Die erhaͤlt er in dieſem Augenblick,« rief der andere italieniſche Vetter; mein Bruder hat ihn irgendwo hinbeſchieden, und die Stunde muß bald voruͤber ſeyn. Es iſt ja ganz finſter.« „Das thut mir um das Blut Eures Bru⸗ ders leid K rief Gonzaga auffahrend. Denn trifft ihn nicht Cauſſade's Degen, wird der meine es thun! Ich werde ihn lehren, ſich unberufen um meine Ehre zu bekuͤmmern, wo ich ſelbſt da bin.« In dieſem Augenblicke trat dieſer Bruder, wie wuͤthend, ein. Cauſſade war ausgeblie⸗ ben; und als er ihn noch in blinder Wuth im Schloſſe geſucht, hatte er erfahren, daß er ſo eben auf einem aufgepackten Pferde fortgeritten war; hoͤchſt wahrſcheinlich hatte er die Flucht ergriffen.„Ers— fuͤgte er haͤmiſch hinzu—»Er, der die Beleidigung gegen den Ruf Eurer Gemahlin raͤchen woll⸗ te 4 Leicht iſt es zu begreifen, wie ſehr der Herzog nun von allen Seiten beſtuͤrmt wur⸗ de. Die Schuld der Gattin ſchien durch die Flucht des angeblichen Mitſchüldigen auſſer Zweifel geſetzt zu ſeyn. Die ſchlan gewaͤhlten Redensarten, die Heftigkeit der Verſammel⸗ ten, ihre Wuth konnten den beabſichtigten Zweck, den Herzog zu reizen, nicht lange ganz verfehlen. Es wurde zur Rache, zur Scheidung, zum Einſperren der Schuldigen „ aufgerufen. Tauſend kleine Vorfaͤlle, welche fruͤher im mildern Lichte geſehen worden wa— ren, wurden nun entſtellt und vergiftet dem Gatten vorgehalten. Jedes fernere Ausweichen des Herzogs mußte als unmaͤnnliches Saͤu⸗ men, als blindverliebte Bethoͤrung erſcheinen; das fuͤhlte er ſelbſt. vEs ſey læ rief er auf einmal heſtig; Hich will mich raͤchen. Hinweg mit Einſperrung, Scheidung; moͤgen ſie dem Poͤbel genuͤgen! Die beleidigte Ehre des Herzogs fordert Blut, den Tod! Ehe die Sonne wieder aufgeht, ſollt Ihr und ich wiſſen, woran ich bin. Ihr Alle ſollt Zeugen ſeyn, Mitrichter und Raͤcher! Es gilt, ſagt Ihr ja Alle, auch Eure Ehre? Jaber doch meine Ruhe, mein Gluͤck allein! Ihr verlaßt mich und ich Euch nicht, bevor Alles voruͤber iſt. Eine Viertel⸗ ſtunde iſt mir genng, um die noͤthige Vor⸗ kehrung zu treffen; ſorgt daher fuͤr Wein und Luſtigkeit. Mit ſchwerem Herzen zur bluti⸗ gen Rache zu ſchreiten, zengt vom Bewußt⸗ — ſeyn eigner Schuld! Nun! warum ſtaunt Ihr mich an? thue ich denn nicht Alles, was Ihr begehrt, und noch daruͤber 24 Der Herzog kehrte dieſe Nacht nicht zu ſeiner Wohnung heim. Roch nie, ſeit ihrer Ehe, hatte ihn Diana an ihrer Seite ver— mißt. Die naͤchtliche Stille, ſonſt Zengin ih⸗ res ſuͤſſen Schlummers, durchſeufzte ſie dies⸗ mal wach und in Thraͤnen. Aber ſonderbar genug: in dem laͤrmenden Gelage der Verwandten und Freunde, unter welchen ſich der Herzog befand, war er der Heiterſte unter Allen. Er allein unterhielt das hin und wieder ins Stocken gerathene Geſpraͤch. Der Wein wollte nicht recht mun⸗ den, eine Art reuevolle Traurigkeit, der man vergebens eine trotzige Erbitterung entgegen zu ſetzen ſtrebte, beſchlich die Gemuͤther. Bei dem erſten traurigen Lichtſchein der Morgen⸗ daͤmmerung gab der Herzog das Zeichen zum Aufbruch. Sie folgten ihm Alle ſchweigend und ſtill in ſeine Wohnung im Schloſſe und ——— in ſein Zimmer. Nachdem ſie hier nicht ohne Schaudern, aber durch einen gebieteriſchen, ernſten Blick Gonzaga's zur Ruhe gewieſen, die traurigen Vorkehrungen zu ſeiner Rache, die er ſelbſt mit tiefem, duͤſtern Schweigen, aber kalter Ruhe betrieb, angeſtaunt hatten, traten ſie Alle, zwei von ihnen mit Kerzen in der Hand, er an der Spitze, in das ehe⸗ liche Schlafgemach. Selbſt trug der Herzog, ohne daß auch nur das kleinſte Zittern an ihm bemerkbar war, einen Kredenzteller, worauf ein entbloͤßter Dolch lag und ein gefuͤllter Giftbecher ſtand. So naheten ſie dem Bet⸗ te.. Die Herzogin richtete ſich aͤngſtlich in die Hoͤhe, in ſtummer Erwartung und erbleichend ſie anſtarrend. Diana l« ſprach der Herzog ſtreng, Du biſt der Untreue angeklagt, und nach der Meinung dieſer Herren derſelben uͤberfuͤhrt. Meine Ehre fordert Rache und Strafe! Die erſte ſoll dieſer Stahl in dem Herzen Deines — 298— Verfuͤhrers mir verſchaffen. Die Strafe ent⸗ hält dieſer Becher voll Gift.— Erwiedere nichts,« fuhr er ſchnell fort, als ſie eine Bewegung mit den Lippen wie zum Sprechen machte; vwas Du auch ſagen moͤgeſt, es kann meinen Entſchluß, der aus Ueberzeu⸗ gung hervorgeht, nicht aufheben. Meines Glaubens an Dich eingedenk, leere getroſt den Becher, fuͤhlſt Du Dich unſchuldig; denn nur die Schuld darf vor dem Tode zit⸗ tern.« War es vielleicht das Gefuͤhl einer Verſchul⸗ dung an dieſem Glauben, das ihr eine Angſt eingeſloͤßt, wodurch ſie dieſe Anſpielung uͤber⸗ hoͤrte, denn eine noch ſtarkere Todesblaͤſſe be⸗ deckte ihre Wangen. Aber mit einem ruhigen, beinahe himmliſchen Lächeln, mit einem ver⸗ klaͤrten Blick, die beide einen tiefen Ein⸗ druck auf alle Herzen der Anweſenden nicht verfehlten, ſtreckte ſie die Hand nach dem Becher aus. —— »Ich trinke,« ſprach ſie,„da Du es gebieteſt, mein Louis; aber erhoͤre meine letzte Bitte: wirf den Dolch hinweg, laß mich das einzige Opfer eigner Schuld ſeyn.— Verſprich mir wenigſtens« fugte ſie hinzu, als ſie den beſtuͤrzten Blick Gonzaga's be⸗ merkte, verſt, wenn die dreimal wiederkeh⸗ rende Sonne Deinen Blick und Dein Ge⸗ muͤth wieder erhellt hat, ihn gegen den, dem Du ihn beſtimmt, zu zucken, wenn Du es dann noch darfſt.« Mit einem unſichern, wehmuͤthigen Blick auf ſie, nickte Gonzaga. Sie ſah ihn ruhig an, und trank aus dem Becher; als ſie ihn zur Haͤlfte geleert, rief der Herzog; MHalt! der Reſt gehoͤrt mirz ich habe geſchworen, Deine Unſchuld nicht zu uͤberleben.« »Gonzagal« verſetzte ſie, den Reſt raſch verſchuͤttend— vlebe, wenn Du kannſt; denn meine Unſchuld wird mich uͤberleben, ſie hat nichts an Dir verſchuldet.« „Bedenke«— ſagte der Herzog ſtreng, wie es ſchien, mit zuruͤckkehrenden Muth— „bedenke: die Schwingen des Todes rauſchen um Dein Haupt! Tritt nicht mit einer Un⸗ wahrheit aus dem Leben. Der Menſch lugt, es zu retten, ſo lange Rettung moͤglich iſt; wenn die aber verſchwunden, behauptet die Wahrheit ihr Recht.— Biſt Du unſchul⸗ dig 4 NIch bin es, Gonzaga le „Iſt ſie es 6 fragte dieſer, ſich zu den Uebrigen kehrend.„Seht Ihr dies klare An⸗ ge? Kann dieſes Weib ſchuldig ſeyn 24 „MNein! Nein l« riefen ſie Alle, und zu⸗ erſt die jungen Brauſekoͤpfe, denn die aͤltern Maͤnner ſanken weinend an dem Bette nie⸗ der. „Dahin alſo habt Ihr mich gebracht! zu Verzweiflung und Tod haͤttet Ihr mich brin⸗ gen koͤnnen, waͤre ich ein Thor wie Ihr ge⸗ weſen, und dieſes Engels nicht mehr als Ihr Alle wuͤrdig. Geht! Ihr ſeid meine Ver⸗ — 301— wandten nicht; aber Du, Diana«— fuhr er zu ihr gewandt fort—„ſchuͤttle ſchnell die Todesfurcht ab, wenn der Sinn meiner Worte Dich nicht ſchon davor gehuͤtet. Ich habe nicht meinen Glauben an Dich verlo⸗ ren, und der Trank, den Du leerteſt, war unſchuldig, wie Dein Leben es iſt. Verzeihe, daß ich Dich aͤngſtigen mußte; aber Du ſelbſt haſt mich gezwungen, Dich, ſo wie ich Dich ſehe, auch der Welt ſehen laſſen zu muͤſſen.« Er ſchlang den linken Arm um die froh erſtaunte Frau, waͤhrend er mit der Rechten der Begleitung winkte, ſich zuruckzuziehen, indem er ihnen noch nachrief:»Wer von uns Allen hat nun am beſten fuͤr die Ehre ſeines Namens geſorgt 24 Die Verwandten ſchlichen leiſe von hin⸗ nen. Als ſie allein geblieben; umfaßte er Dia⸗ na zaͤrtlich, die, ihn heftig umſchlingend, die Lippen an ſeinen Buſen druͤckte.»Du konn⸗ teſt mich fragen,« ſagte er weich:„vWarum haſt Du mir das gethan!« und ſiehe, theure Diana, ich thue Dir dieſe Frage:„vWo⸗ her das ruckſichtsloſe Betragen einer klugen Frau 766 Auch die Tugend muß ihren Glanz dem Scheine abborgen; und meiner Gemah⸗ lin darf es daran nicht fehlen.— Der Koͤ⸗ nig, ſagt man, hat Cauſſaden in Deinem Gemache, vor Dir knieend, uͤberraſcht. »Ich habe gegen Deine Liebe gefehlt, mein Louis l« entgegnete Diana; vaber ich mußte es thun, um nicht gegen die Freund⸗ ſchaft noch aͤrger zu fehlen; dem geliebten Manne durfte ich nicht eine geheime Liebe verrathen. Nun, nach dem, was geſchehen, bin ich Dir es ſchuldig.— Keine Minute bin ich mit Canſſaden allein geweſen, denn keine Minute, bevor der Koͤnig eintrat, war die Prinzeſſin Renée entſchluͤpft.« vUm Gotteswillen le rief der Herzog auf⸗ ſpringend.»Bedenke, wohin ſein Verdacht mich hat bringen wollen lK — 303— vSiehſt Du! eben darum durſte kein Mann um dies Geheimniß wiſſen! Fuͤrchte aber nichts; der Braͤutigam iſt da. Pflicht verbannt nun die Liebe, und— Cauſſade wird nicht mehr erſcheinen. Der Koͤnig ſelbſt«— fuhr ſie ſtolz fort— Idarf mir nicht zuͤrnen— hat er, haſt Du ſelbſt mir nicht aufgetragen, Renée fuͤgſam zu ſtimmen? Nur Nachſicht mit der Liebe— ihre Liebe gab ihr Kraft, in ein Buͤndniß zu willigen, wozu Land und Koͤnig ſie nicht bewogen haͤt⸗ ten. Wenn die Hochzeit voruͤber iſt, werde ich gerechtfertigt vor Dir, ſelbſt vor Deinen blutdurſtigen Freunden ſtehen le Ein Bote vom Koͤnig unterbrach die Unterredung. Die nahe bevorſtehende An⸗ kunft des engliſchen Prinzen hatte Alles in thaͤtige Bewegung gebracht. Die Geſchaͤfte wurden feierlich betrieben, und Feierlichkeiten wurden Geſchaͤfte. Der Koͤnig befand ſich heute ſchlechter. Eine aufgeregte Gemuͤths⸗ ſtimmung, die korperliche Anſtrengung von — 304— geſtern, hatte ihm die Kraͤfte wieder geraubt. Der Herzog Gonzaga erhielt den Befehl, von mehreren Hoſleuten begleitet, dem Prinzen entgegen zu eilen, ihn in das fuͤr ihn berei⸗ tete Hoͤtel, und darauf, wenn er es wuͤnſch⸗ te, zum Koͤnig zu fuͤhren. Er reiſte ſogleich ab. Nicht viel ſpaͤter ſchickte die Prinzeſſin nach der Herzogin. Sie bedurfte mehr als je die beſchwichtigende, wuͤrdevolle Gegenwart, den ſanften Ton der Freundin. Dennoch wurden ſie alle Angenblicke unterbrochen. Wie ſchoͤn, aber zugleich wie bedauernswerth er⸗ ſchien Rende, wenn ſie mit kummervollem Herzen Gleichmuth heucheln mußte, und mit Thraͤnen in den Augen, die ſie unter Laͤcheln zu verbergen ſuchte, an Berathſchlagungen uͤber Feierlichkeiten und Vorkehrungen, in welchen ſie mit der freudeloſen Bruſt die Hauptrolle ſpielen ſollte, Antheil nahm. Aber dem verborgenen Gram zum Trotz machte doch die Reugierde ihre Rechte gel⸗ tend. Zwar erblaßte ſie, als am dunkeln — 305— Abend Pferdegetrampel, rauſchende Muſik und heller Fackelſchein ihr verkuͤndigten, daß der befuͤrchtete Braͤutigam da ſey, und ſo eben einen Beſuch bei dem Bruder abſtatte; aber in dem naͤchſten Augenblick war ſchon ein Vertrauter abgeſchickt, der den Prinzen im Voruͤbergehen betrachten, und Kunde von ſeinem Aeuſſeren bringen ſollte. Der zuruͤck⸗ gebrachte Beſcheid war, obgleich mit verlege⸗ ner Schonung ausgeſprochen, eben nicht ſehr troͤſtlich. Er ſah, hieh es, nicht dem Bilde aͤhnlich, er ſchien ſogar aͤlter, aber ſattlicher, und nicht ſchoͤner. Gonzaga's duͤſteres Ge⸗ ſicht, als er ſpäter in ihr Gemach trat, war auch nichts weniger als Gluͤck verkuͤndend. Er hatte den Prinzen geſprochen und ihn hergefuͤhrt. Seine Ausſage, von einem weh⸗ muͤthigen Blick begleitet, ſtimmte zum Theil mit dem des vertrauten Pagen. Er hatte ſich ihn unleidlicher vorgeſtellt, als er ihn gefun⸗ den, aͤuſſerte er. Uebrigens berichtete er, daß der Koͤnig, mit dem Beſuche des Prinzen 20 ungemein zufrieden, obgleich unwohl, doch entſchloſſen ſey, morgen bei der Praͤſentation ſelbſt anweſend ſeyn zu wollen, und ihn her⸗ geſchickt habe, um der Prinzeſſin die Stunde anzuzeigen, zu welcher ſie darauf gefaßt ſeyn muͤſſe, zu erſcheinen. Sie ſchlang die Arme ſchluchzend um Dianens Nacken, die von dem Gatten ohne Muͤhe Erlaubniß erhielt, bis dahin bei der beaͤngſteten Freundin blei⸗ ben zu duͤrfen. Ihre Frauen mußten ihren Anzug in die Garderobe der Prinzeſſin brin⸗ gen. Endlich brach der entſcheidende Morgen, der letzte unſers Berichtes, an; und als nun die beſtimmte Stunde ſchlug, trat die Prin⸗ zeſſin, ſchoͤn trotz ihrer Blaͤſſe und den ver⸗ weinten Augen, die von den funkelnden Dia⸗ manten, womit ſie wie uͤberſaͤct war, wenig⸗ ſtens diesmal uͤberſtrahlt wurden, ein Bild duͤſterer Eutſagung, von der Herzogin und ihren Frauen begleitet, in den Saal. Der Koͤnig und die Koͤnigin mit ihren Damen, —— ——— —— — 307— der ganze Hof waren ſchon verſammelt. Der Koͤnig trat ihr lächelnd entgegen, und raun⸗ te ihr nickend ins Ohr:„Gehorſam bringt Lohn.« Seine Worte klangen ihr wie Spott; ſie vermochte nicht den thraͤnenſchweren Blick zu ihm aufzuheben. Kaum hatte ſie, von Dia⸗ nen unterſtutzt, den ihr beſtimmten Platz ein⸗ genommen, als ein nahendes Geraͤuſch die Erſcheinung des Braͤutigams anzeigte. Da erſt uͤberfiel ſie eine ungeheure Angſt. Sie ſah, ſie hoͤrte nichts mehr; als die Fluͤgelthuͤ⸗ ren aufrauſchten, wurde es ihr ſchwarz vor den Augen. Erſt bei einem unwillkuͤhrlichen Ausruf, in dem ſie Gonzaga's Stimme er⸗ kannte, fuhr ſie wie aus einem Traume auf; der Koͤnig ſtand vor ihr mit dem Prinzen an der Hand. Sie mußte die Augen auf ihn richten; aber es war als verſteinerte ihr Blick, als ſie in dem Braͤutigam im Anzug erkannte. 20 »Kann meine ſchoͤne Braut«— ſagte er, niederknieend—„die Voreiligkeit verzeihen, womit ich nach ihrem Blicke gehaſcht? Ich wollte ſie allmaͤhlig an meinen Anblick ge⸗ woͤhnen. Gottlob! Widerwillen las ich nicht in ihrem Blicke, ſonſt waͤre ich ungekannt zuruͤckgekehrt. Betrachtet mein vorhergehen⸗ des, in Betreff Eurer, ſtummes Erſcheinen als ein wohlgetroffenes aber phantaſtiſches „Bild. Seit geſtern Abend weiß der Koͤnig um mein Geheimniß. Der Herzog von—, der, waͤhrend es hieß, daß er in Calais un⸗ paͤßlich zuruͤckgeblieben war, geſtern unter meinem Namen hier einzog, hat ihn davon unterrichtet.« Das Erſtaunen des Hofes, die frohe Ueberraſchung Gonzaga's, die Beſtuͤrzung ſeiner Verwandten, die wenn auch nicht ganz klar in das Vorgefallene eindrangen, doch dieſes nun aus einem ganz anderen Ge⸗ ſichtspunkte ſahen, uͤberſtiegen nicht den Ver⸗ ein von allen drei Empfindungen in der — —— — — Bruſt der Braut; auf ihre Wangen und in ihre Augen kehrten bald Roſen und Glanz wieder zuruͤck, doch hatte die Gewalt dieſer Zauberverwandlung einen befremdenden Ernſt in ihrem Weſen zuruͤckgelaſſen, der dem ihr ſonſt gelaͤufigen Muthwillen den Platz nicht wieder einraͤumen wollte. 3 »Kennt Ihr nun die Herkunft des armen Cauſſade und ſeiner Dame, Herzog?« ſagte der Prinz von England zu Gonzaga ihn bei dem erſten guͤnſtigen Anlaß zur Seite zie⸗ hend.„Ich hatte ein Geluͤbde gethan, ihr erſt in dem ſo eben erlebten Augenblick, und keinem Menſchen vor ihr, mich zu entdecken; aber um ein Geſtaͤndniß zu hoͤren, wonach mein ungeduldiges Herz ſich ſehnte, mußte ich dennoch mein Geheimniß einem Engel, Eurer Gemahlin, verrathen, damit ſie unſer Beider Engel werden moͤchte. Sie iſt es ge⸗ worden, und hat wie ein Mann geſchwie⸗ gen.« Zu dem italieniſchen Vetter des Her⸗ zogs fluͤſterte er gelegentlich, ziemlich kurz: ——* — 310— „Nun, mein Herr! habe ich nicht auf die beſte Art, durch Nichtachtung, die Ehre der Herzogin bereits geraͤcht? oder wollen Sie jetzt gegen mich fuͤr eine gemeinſame Meinung fechten? Ich bin bereit K Die Hochzeit wurde bald, aber nicht un⸗ ter gluͤcklichen Vorzeichen gefeiert. Es war, als haͤtte die von dem Prinzen gluͤcklich durch⸗ gefuͤhrte Rolle plotzlich die Braut gegen ihn kaͤlter gemacht. Es war, als koͤnnte die gluͤckliche Gegenwart das Andenken an die tändelnde Haͤrte, womit er ſie hatte leiden ſehen, nicht ganz vertilgen. Und er ſagte denſelben Abend zu Gonzuga:„Ich bin gluͤck⸗ lich, denn ich bin um meiner ſelbſt willen ge⸗ liebt,— und doch wollte ich einen guten Theil meines Erbes hingeben, wenn der Prinz von England nicht wuͤßte, wie zaͤrt⸗ lich ein gewiſſer Cauſſade einſt geliebt worden iſt! Apropos! geſtattet mir, Euch zum An⸗ denken eine goldene Schnalle zu uͤbergeben, fur Eure Dame. Sie hat die dazu gehoͤrige * — 311— ſchon als eine kleine Freundſchaftsgabe von der Prinzeſſin empfangen. Sie iſt von ge⸗ ringem Werth— aber es liegt mir daran, ſie in freundſchaftlichen Haͤnden zu wiſſen; ihr habt Ihr vielleicht Eure Gemahlin zu verdanken, und ich mag nicht einen neuen Strumpfband⸗Orden errichten.« Auch ſchuͤttelten viele Leute den Kopf, weil die täglich wachſende Krankheit des Koͤ⸗ nigs, der von keinem Aufſchub hoͤren wollte, es nothwendig machte, daß bei der Hochzeit alle glaͤnzenden Feierlichkeiten eingeſtellt wur⸗ den. Waͤhrend der Brautnacht ſtarb Carl der Achte, und die Abreiſe des koͤniglichen Brautpaares aus Frankreich ſchien einem Trauerzuge aͤhnlich. Wurde dieſe Ehe auch nicht ungluͤcklich, ſo war ſie wenigſtens kurz. Der Prinz ſtarb eines ſchnellen Todes, und die bluͤhende Wittwe entſchloß ſich, ihre Schoͤnheit und ihren wiederkehrenden Muth⸗ willen in ein Kloſter zu verſchlieſſen. — Ein um ſo reicherer Segen ſchien auf Gonzaga's gluͤcklicheres Haupt, und das ſei⸗ ner holden Gattin, herab zu ſinken. Die ſchoͤne Statue entwickelte, als Mutter und Gäattin, den ganzen Reichthum von Empfin⸗ dungen und Geiſt, den ihre eingezogene Er⸗ ziehung, und ein vielleicht zu ſtrenger Begriff von weiblicher Wuͤrde, der aber in ihrer Na— tur begruͤndet war, damals mit einem Schleier bedeckt hatte, deſſen thauaͤhnlicher Glanz nur von verwandten Gemuͤthern erkannt, waͤh⸗ rend er von ihrer nur zu leicht von jedem falſchen Schimmer bethoͤrten Umgebung fuͤr Eis genommen wurde. Unſtreitig theilten Beide lange ein geraͤuſchloſes und beneidens⸗ werthes Gluͤck; denn die Geſchichte nennet oft mit Ruhm Gonzaga's Namen, aber nie den ſeiner Gattin, und ihre Ehe nur inſo⸗ fern, daß ihre Fruchtbarkeit an vielen und bluͤhenden Kindern erwaͤhnt wird. In gleichem Verlage ſind erſchienen: Adeline v. T.. Der Zug nach Canoſſa. Ro⸗ man aus dem 10. Jahrh. 2 Thle. 8. 1830. Adolphi, M.⸗ Die Schweſtern. Roman. 2 Thle. 8. 1829. Alben, W. v., Graf Branzka. Ein geſchichtlicher Roman aus Griechenlands neueſter Zeit. 2 Thle. 8. 1829. —— Eliſe von Erlen. Roman in 2 Theilen. 8. 1827. Alvensleben, L. v., Romantik und Liebe. Ei⸗ ne Sammlung von Erzählungen nach dem Engl. 8. 1830. Ir u. 2r Bd. Dalini, B., Adelaide von Hohenſtein. Roman. 8. 1827. Ewald, Die Vergleute zu Goslar. Erzahlung aus dem Ende des 14. Jahrhunderts. 3 Thle. 8. 1825. —— Der Friede zu Prag. Erzaͤhlung aus den Zeiten des 30jährigen Krieges. 3 Thle. 8. 182. —— Die Prinzeſſin vom Ilſenſtein am Harz. 8. 1825. —— Die Rabenneſter und Wachtelbuben. Erzaͤh⸗ aus dem Anfange des 15. Jahrhunderts. S. 1826. —— Das Salzbergwerk zu Wieliczka. 8. 1827. —— Sandſteine. Geſammelte Erzaͤhlungen. 4 Bdochn. 8. 1826— 28. —— Die Schlacht am Kapellenberge bei Lauban. 8. 1824. Ewald, Der Weiberkrieg in Loͤwenberg. Etzaͤh⸗ lung. 8. 1828. Falkh, J., Gunhilde die Wilde vder das Wald⸗ kapellchen im Hubthale am Rheine. Eine Sage aus den Zeiten des Fauſtrechtes. 3 Thle. 8. 1827. —— Die Schauerburg oder Abentheuer und Tha⸗ ten des reichſaſſen u. ſemperfreien Grafen Wuni⸗ bald von Altenrothenburg als Adelſchalke. Ritter⸗ und Geiſtergeſch. aus den Zeiten der Kreuzzuͤge. 3 Thle. 8. 1825. Fels, R., Die Eutſcheidung des Augenblicks. Ein Roman. 8. 1826. Floraldin, E., Die Calviniſten in Leipzig. Er⸗ zählung. 8. 1827. Groͤnau, J., Kunigunde, Königin v. Vöhmen. Hiſtoriſch⸗romantiſches Gemalde aus dem 13ten Jahrh. 2 Thle. 8. 1830. Heeringen, G. v., Rudolph v. Eggenberg. Hi⸗ ſtoriſch-romantiſche Erzahlung. 2 Theile. 8. 1829. Heſſe, W., Kaiſer Konrads Kreuzzug. Roman⸗ tiſche Erzählung. 2 Thle. 8. 1830. Hildebrandt, C., Berthold von der Nidda, oder die Horde im Schwarzwalde. Ein Gemaͤlde ans der letztern Halfte des Zojahrigen Krieges. 3 Thle. Mit 1 Kpfr. 8. 1826. —— Die Familie von Manteufel. Ein hiſtoriſch⸗ romantiſches Gemälde aus den Zeiten Friedrichs des Großen. 3 Thle. 8. 1826. —— Lilienſtroͤm und Nordenſtern. Ein geſchicht⸗ liches Gemälde gus den Kriegen Karls XII. 3 Thle. 8. 1827. Hildebrandt, Th., Abentheuer des Grafen von Hohenſtein. Rittergeſchichte. 2 Thle. 8. 1826. —— Der Brillant, od. d. Raͤuberhöhle im Schwarz⸗ walde. Roman. 2 Thle. 8. 1826. —— Die Doppelehe, oder das Geſpenſt zu Rei⸗ chenſtein. Roman. 2 Thle. S. 1826. —— Die Eutführung, oder die Abentheuer in Madrid. Roman. 2 Thle. 8. 1829.— —— Marie, oder das eiferſuͤchtige Geſpenſt. Ein Roman. 3 Thle. Mit Kpfrn. 8. 1827. —— Die Nebenbuhler, oder die Schrecken im Schaudergewölbe. Roman. 2 Thle.. 1826. —— Die geheimnißvollen Schloſſer, od. der Geiſt des Ermordeten. Ein ſpaniſcher Roman. 2 Thle. 8. 1829. —— Der Vampyr, oder die Todtenbraut. Ein Roman nach neugriech. Volksſagen. 2 Thle. 8. 1828. —— Das Wirthshaus im Uri⸗Thal. 2 Thle. s. 1827 St. Hubert und andere Erzaͤhlungen von der Ver⸗ faſſerin der Erna, Felicitas, Amadea. 8. 182. St. Jacobifeſt, das, und andere Erzählungen von der Verfaſſerin der Erna, Felicitas, Amadea. 8. 1829.. Ingemann, B. S., Die erſte Jugend Erick Menveds. Aus dem Daͤniſchen übertragen p. L. Kruſe. 4 Thle. 8. 1829. —— Waldemar der Sieger. Hiſtoriſcher Roman. Dei Daniſchen nacherzaͤhlt v. L. Kruſe. 4 Thle. 8. 1827. Joger, S., Die heilige Schaar. 2 Theile. 8. 1830. —— Die Wanderung. Frei bearbeitet aus dem Italieniſchen der Mad. Nichelvtti. 2 Bdchn. 8. 1830. Joͤrdens, G., Amalfried der Thuͤringer. Hiſto⸗ riſche Novelle aus dem 6. Jahrh. 8. 1828. Kruſe, L., Die Floſterruine in Norwegen. Das Indasbild. Zwei Erzaͤhlungen. 8. 1830. —— Der Maurer. 4 Thle. 8. 1830, —— Nord und Suͤd. In zwei Novellen. 3. 1829. —— Die Rache. Erzaͤhlung. 8. 1829. —— Der Solitaͤr. Der Pfarrer zu Weilby. Zwei Erzaͤhlungen. 3. 1831. —— Zwiefache Treue. Erzaͤhlung. 8. 1829. —— Der Verſchollene. Novelle. 3. 1830. Leibrock, A., Aranzo, der edle Räuberhaupt⸗ mann. Ein Schrecken in Spaniens Thälern und Gebirgen. Mit Kpfr. v. Roßmäßler. 2 Thle. 8. 1820. —— Der verwuͤnſchte Vall und drei andere Er⸗ zaͤhlungen. 8. 1828. —— Bligger von Steinach, der Geachtete. Eine Geſchichte aus den Zeiten der Kreuzzuͤge. 2 Chle. Mit lithogr. Abbildung. 8. 1327. —— Der Doctor. Hiſtoriſch-romantiſches Sitten⸗ gemälde des 17. Jahrh. 2 Thle. 8. 1830. —— Die Familie von Kronſtein. 2 Thle. Mit 1 Fpfr. 8. 1826. 4 Leibrock, A., Carlos de Manſora, Chef eines ſpaniſchen Inſurgenten⸗Corps während des fran⸗ zöſiſchen Kriegs in Spanien. 8. 1830. —— Eckbert der Einaͤugige, oder die Ermordung der Brauſchweiger Burgermeiſter. Hiſtoriſch⸗ ro⸗ mantiſches Gemalde des 15. Jahrh. 2 Thle. Mit 1 Titelkupfer. 8. 1829. —— Die farchtbaren Erſcheinungen in der Sanct Annen⸗Kovelle des Clariſſen-Kloſters zu Neapel. Eine Floſtergeſch. 8. 1829. —— Gerillo, der große Raͤuberhauptmann. Eine Geſchichte aus den neueſten Ereigniſſen in Ita⸗ lien, beſonders im Kirchenſtaat. 2 Thle. Mit Kpfr. 8. 1835. —— Gonzalvo, Raͤuber und Zeitgenoſſe Aranzo's. Mit Kpfr. v. Riedel. 3 Thle. 8. 1820. —— Die Grafen von Löwenhaupt. Hiſtoriſch⸗ro⸗ mantiſches Gemaͤlde des 13. Jahrh. 2 Thle. 8. 1831 —— Guſtav und Eliſe, oder die Leiden der Fa⸗ milie Mahlmann. 2 Thle. Mit Eliſens Bildniß. 8. 1828. —— Quorato Orſini, der große Raͤuberhauvt⸗ mann, Gerillo's Nachfolger. 2 Thle. Nebſt Ab⸗ bildung in Steindruck. 8. 1826. —— Das Schlachtfeld bei Torente. Eine Raͤuber⸗ und Revolutionsgeſch. 2 Thle. 8. 1829. —— Der Teufel und ſein Liebchen, od. der Stu⸗ dent v. Antwerpen. 8. 1831. —— Das Turnier zu Goslar, oder Kaiſer Otto und ſeine Schützlinge. Eine Geſchichte der Vor⸗ zeit. 8. 1830. 2 ¹ Morani, G., Arzobiſo, oder die Räuberkluft im Cabrillas⸗Gebirge. Die Novize, od. das Klo⸗ ſter Santa Speranza. Zwei Novellen. 8. 1829. —— Mareb und Hlivades, oder die Freiſchaar der kantrabiſchen Gebirge. Romant. Erzaͤhlung aus der letzten Haͤlfte des 18. Jahrh. 2 Thle. 8. 1831. —— Thanatos und Palden, oder Zanbermacht und Liebe. Romant. Raͤubergeſch. 8. 1828. Niedmann, C., Heinrich der Loͤwe. Ein bio⸗ graph Roman. 4 Thle. Mit 2 Kpfrn. 8. 1827 u. 1328. —— Das Schickſals⸗Kätzchen. Humoriſtiſche Er⸗ zählung. 8. 1828. Oefele, Freih. v., Hermenegild n. Ingunde, od. die Arianer. Eine gothiſch⸗ſpan. Legende. 2 Thle. 8. 1830. —— Die letzten Johanniter auf Rhodus, od. die Belagerung dieſer Ordensinſel durch die Turken im J. 1522. Ein hiſtoriſch. Gemälde mit Noten. 2 Thle. Mit Villier's Bildniß. 8. 1829. Rathe, Dr., Otto von Rheinberg. Romantiſche Erzaͤhlung aus der Rheiniſchen Geſchichte zur Zeit Kaiſer Rudolphs I. 8. 1830. Reichenbach, M. Freiſchuͤtzfunken. Exzaͤhlun⸗ gen. 3 Bochn, 8. 1. u. 2. Bochn. 1829. 3, Bochn. 1830. ————— ſſ 8 9 10 11 12 1 14 15 16 17