ivt deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von S Ednard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Seſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme 1 eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und 1 eträgt für chentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mt.— Pf. „„„.„ 4 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung 4 der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene vder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe i auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird ₰ beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, bek jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗§ —8— Das Vierte Gebot, oder: Die ungleichen Prüder. Eine unterhaltende und belehrende Erzählung Für nn n d Von Guſtav Nieritz. Zweite Auflage. Leipzig Verlag von Im. Tr. Wöller⸗ —— Erſtes Rapitel. Du ſollſt deinen Vater und deine Mutter ehren. Opbſchon der Vollmond hoch am Himmelszelte ſtand, deckte doch die weite Erde ein grauenſchwarzes Wolkengewebe. Dafuͤr aber leuchtete deſto heller der Winterſchnee durch die niedrigen Fenſter herein, welche, obwohl im Erdgeſchoß gelegen, kein ſchuͤtzender Laden verſchloß. Schaute man aus der dunkeln Stube in das Freie hinaus, ſo duͤnkte es dem Auge, als laͤge ein weiter, großer Friedhof vor ihm ausgebreitet, auf welchem ein⸗ zeln ſtehende Baumſtumpfe und entlaubtes Strauchwerk die ſchwarzen Kreuze und Leichenſteine darſtellten. Im⸗ mer wiederkehrende Windſtoͤße ſauſten heulend uͤber die Flaͤche daher und warfen den feingekoͤrnten Schnee, wie aus einer Streuſandbuͤchſe prickelnd, an die kleinen Glas⸗ ſcheiben. In der ziemlich großen, aber niedern Stube war es, bis auf das ziemlich laute Schnarchen zweier Schlaͤfer, ganz ſtill. Endlich knarrte ein Raͤderwerk, 136 dunkle Geſtalt erhob ſich von einem aͤrmlichen Lager und kleidete ſich an. Dann klapperte es unter ſuchen⸗ den Fingern, und„pick pick pick!“ blitzten flammende Funken auf in dem gefundenen Feuerzeuge. Als die kleine Blechlampe brannte, erkannte man einen Mann in mittlern Jahren, der nach der verlaſſenen Lagerſtaͤtte ſich umſchaute und ſorglich nun ein Maͤdchen von et⸗ wa zwoͤlf Jahren zudeckte, welche zur Hälfte das ziem⸗ lich federloſe und darum federleichte Deckbette von ſich geworfen hatte. „Ja! ja!“— brummte der Mann dabei gutmuͤ⸗ thig—„die Jugend hat immer Hitze und heißes Blut. Warte nur, mein Loͤchterchen, bis du in meine Jahre gekommen ſein wirſt. Dann huͤllſt du dich auch im feſteſten Schlafe bis an die Naſe ein. Na, Gott er⸗ halte dir deine Geſundheit und deinen frohen Muth!“ Unter dieſem Wunſche war der Mann aus der Stube gegangen.„Brr!“ ſprach er, ſich ſchuͤttelnd, als er nach einer kleinen Weile wieder hereintrat— „iſt es doch nicht anders, als laufe Einem der Tod uͤber den Nacken, bringt man das eiskalte Waſſer auf den Leib.“ Er ſetzte die Lampe hin und ſchlug, ſich Bald darauf regte ſich's in einem Winkel. Eine = 4— — — Lederwerk oder Handwerkzeug langte, zog er das kleine zu erwaͤrmen, die Arme wiederholt gegen „Das kalte Waſſer war doch auch gut“— die Lampe wieder aufnehmend, fort—„rein we es den Schlaf aus den Augen gebiſſen und ſchaͤr als die beſte Brille ſie gemacht.“ Er näherte ſich einen Fenſter, wo die kleine Werkſtatt eines Schuhfli⸗ 1 ckers— in Schemel und Tiſchchen beſtehend— auf⸗ geſtellt war. Hinter eine aufgehaͤngte Glaskugel ſchob er die Lampe, die nun einen ſanften Schimmer uͤber das ganze Gemach ausgoß, er ſelbſt ſetzte ſich in dem ausgehoͤhlten, harten Schemel zurecht. Bevor er nach geſtrickte Käͤppchen vom Haupte, faltete die Haͤnde und ſprach halblaut:„Ach lieber Gott! ich danke Dir fuͤr die Ruhe der uͤberſtandenen Nacht. Schenke mir im⸗ mer ein gutes Gewiſſen und dauernde Geſundheit. Erhalte mir mein Kind und gieb uns heute das täg⸗ liche Brod. Laß mich nicht in Suͤnd' und Schande fallen, ſondern Gnad' erlangen durch Jeſum Chriſtum. Amen.“ Froͤhlich ging er nun an die Arbeit. Die Ahle bohrte ihre Löcher; die Schweinsborſte, mit dem Hanf⸗ faden durch Schuſterpech verbunden, heilte klaffende Wunden im Stiefel und Schuh; aber der gewichtige Hammer bekam nichts zu thun.„Denn“— ſprach der Schuhflicker vor ſich hin—„die arme Frau Hille 4 einmal zu ſchlummern, und Suͤnde waͤrs, ihr hen Ruhe nicht goͤnnen zu wollen.“ ett ſchallte ein Seufzer aus einem Winkel daher n laut knackte eine wurmſtichige Bettſtelle. — Der Schuhflicker drehte das Haupt nach dieſer Seite hin und ſah ein abgezehrtes Weib im Bette halb ſich aufrichten.„Guten Morgen, Frau Nachba⸗ rin!“ ſprach er freundlich.„Wie iſt's, habt Ihr ein⸗ mal ſchlafen koͤnnen?“ „Eine halbe Stunde etwa“— war die Antwort. „Und ſchon das erkenne ich mit Dank.“ „Ihr habt Recht“— verſetzte der Schuhflicker, indem er tapfer nun ſeinen Hammer ſchwang—„der Schlaf iſt eine große Gabe Gottes, die man gewoͤhn⸗ lich nicht eher ſchaͤtzen lernt, als bis ſie Einem abgeht. Eine ſchlafloſe Nacht iſt ſchon ſchrecklich genug, ge⸗ ſchweige eine lange Reihe hintereinander. „Ja,“— klagte die Frau—„und noch viel ſchlim⸗ mer, wenn man ſie, wie ich, unter immerwaͤhrenden Schmerzen verleben muß.“ „Ich glaub's gern“— erwiderte der Schuhma⸗ cher—„doch verzweifelt nur nicht. Der Herr ver⸗ mag auch Euer Leid zu ſtillen.“ „Im kalten Grabe, ſonſt nicht“— ſprach die Kranke. „Halt'n auf! halt'n auf! Jacob!“— rief ein ju⸗ 5 gendlicher Schläfer, welcher neben dem Bette der Frau auf einer Streu lag.„Blaͤu ihn tuͤchtig durch!“ „Sogar im Schlafe haͤlt der Junge keine Ruh“ — ſeufzte die Frau, indem ſie auf den Träumer her⸗ abblickte, der mit beiden Fäuſten um ſich ſchlug. „Es iſt wahr“— ſprach der Schuhflicker—„ei⸗ nen recht wilden Buben habt Ihr zum Sohne. Nach Euch iſt er nicht gerathen. Wenn meine Pauline nur halb ſo ausgelaſſen waͤre— ich ertruͤge es nicht.“ „Eure Tochter“— antwortete die Frau—„iſt ein Engelskind, und Gott wollte ich danken, haͤtte mein Veit nur eine Ader von ihr.“ „St!“ warnte der Schuhflicker, indem er ſich nach ſeiner Tochter umſah— laßt das dem Maͤdel nimmer hoͤren. Es verderbt die beſten Kinder, lobt man ſie in's Geſicht. Aber was wahr iſt, iſt wahr⸗ Das Blitzmaͤdel iſt meine groͤßte Freude auf der Welt, und fur alle Schaͤtze der Erde wäre ſie mir nicht feil. Aber wie ſteht's? Moͤchte ich nicht einheizen, weil Ihr Euch aufgeſetzt habt und frieren werdet? Zwar iſt der Holzvorrath eben nicht groß und der Tag noch lang, aber—“. „Bewahre“— fiel die Frau ein—„wenn Euch nicht friert— auf mich nehmt keine Ruͤckſicht. Aber man ſieht ja Euern Odem, und die Fenſterſcheiben ſind mit Eis uͤberzogen wie die Breter.“ 6 „Ei“— lachte der Schuhflicker—„ich haͤmmere die Kaͤlte von mir fort.“ Damit ſchlug er aufs Le⸗ der, und das Geſpräch hatte ein Ende. „Tut!“ blies nach einer Weile der Waͤchter draußen in's Horn.„s hat fuͤnfe geſchlagen. Der Tag vertreibt die finſtre Nacht; ſeid munter, ihr lieben Chriſten, und wacht.“ „Es iſt ja nicht wahr“— ſprach der Schuhffli⸗ cker laͤchelnd, indem er nach der Wanduhr aufſchaute, welche erſt auf halb fuͤnf zeigte.„Nun, ehrlicher Ki⸗ lian, verargen kann ich dir's nicht, wenn du bei ſol⸗ cher Jahreszeit eine halbe Stunde eher in dein war⸗ mes Bette kommen kannſt. Ich moͤchte nun ſchon nicht mit dir tauſchen, noch viel weniger aber mit dem Manne meiner Frau Nachbarin, dem Grenzijaͤger, der alle Nächte, in Graus und Faͤlte, in Wald und Hohlwegen lauern muß und ſeines Lebens dabei nie⸗ mals ſicher iſt.“ Zufriedenen Sinnes ſetzte er ſeine Arbeit fort. Mloͤtzlich fuͤhlte er ſich von zwei weichen Armen umfaßt, und eine ſuͤße Stimme ſprach:„Guten Morgen, lieber Vater! Ueverraſcht wendete ſich der Schuhflicker um. Er ſchaute in ein Paar helle, freundliche Augen, die mit inniger Liebe auf ihm hafteten. „Ei der Potz!“ rief er gutmüthig, indem er einen herzlichen Morgenkuß von den ftiſchen Lippen des Toͤch⸗ —— —— — 7 terchens empfing—„biſt Du ſchon ſo fruͤh aus den Federn? Du haſt ja erſt geſtern Abend bis eilf Uhr hinter dem Kloͤppelkiſſen geſeſſen!“ „Der Herr Kaufmann Schreckenberger in Schnee⸗ berg will aber auch die Spitzen uͤbermorgen ſchon ha⸗ ben“— verſetzte Pauline und ging, wie vorhin ihr Vater, den letzten Ueberreſt von Schlafſucht ſich aus den Augen zu waſchen. Mit friſchglaͤnzendem Ange⸗ ſichte und hochrothen Wangen kam ſie wieder herein, holte ihr Kloͤppelkiſſen herzu und ſetzte ſich neben den arbeitenden Vater, der manchen verſtohlnen Freuden⸗ blick auf die Tochter warf, unter deren kleinen Fingern die Unzahl der Kloͤppel flink heruͤber und hinuͤber flog. Zuweilen hauchte die kleine Kloͤpplerin in die ver⸗ klommenen Haͤnde, dann aber arbeitete ſie munter wei⸗ ter. So ging es, bis der Kuckuk ſechsmal rief. Da legte der Schuhflicker ein Paar ausgebeſſerte Schuhe bei Seite, dabei mit zufriedenem Sinne ſprechend: „Das Fruͤhſtuͤck waͤre ſchon verdient! Sieh doch, Pau⸗ linchen!“— er wieß auf die Menge alter Stiefeln neben ſich—„lauter Brod! Gott ſei Dank! Nur im⸗ mer Arbeit vollauf, und ich will gewiß nicht murren. Denn“— er ſang:„Arbeit macht das Leben ſuͤß, wir⸗ ket Froͤhlichkeit; macht die Welt zum Paradies— nicht wahr, Paulinchen?“ An ihrer Stelle erwiderte Frau Hille ſeuſzend: „Gewiß, Nachbar Schlegel! konnte ich doch auch wie⸗ der arbeiten, wie fruͤher:— auf den Knieen wollte ich Gott dafuͤr danken.“—„Ich glaub's gern, gute Frau,“ — verſetzte Schlegel.„Aber nun wird's Zeit einzu⸗ heizen und fuͤr das Fruͤhſtuͤck zu ſorgen. Der Magen will doch nicht laͤnger Geduld haben.“ Bevor er aber noch von ſeinem Schemel herun⸗ terſteigen konnte, war Pauline ſchon bald an der Thuͤre. „Laßt mich's machen, Vater!“ bat ſie—„Ihr koͤnnt mehr verdienen, als ich mit dem Kloͤppeln. Und dann ſchmeckt mir der Kaffee auch viel beſſer, wenn ich ihn ſelbſt gekocht habe.“ „Das liebe Kind!“— ſprach Schlegel, als Pau⸗ line hinaus war—„wo ſie mir eine Arbeit erleichtern oder erſparen kann, thut ſie' nicht mehr wie gern.“ Nun ward's im großen Kachelofen lebendig. Die Ofengabel rumorte gewaltig in dem eiſernen Kaſten herum, und bald hoͤrte man ein tuͤchtiges Feuer praſ⸗ ſeln. Gleich darauf trippelte Pauline wieder in die Stube und nach einem kleinen, geſchwaͤrzten Wand⸗ ſchraͤnkchen hin, aus welchem ſie ein rothes Papier⸗ paͤcktchen nahm, auf dem ein weißer Streifen mit der Aufſchrift klebte:„Feiner praͤparirter Cichorien⸗Kaffee von Jordan und Timaͤus in Dresden.“ Dieſes vaterlaͤndiſche Erſatzmaterial des uͤberſeei⸗ ſchen, theuern Kaffees erfreut ſich namentlich im ſaͤch⸗ — — — ſiſchen Erzgebirge— dem Schauplatze dieſer Erzählung — deshalb einer ſo weit verbreiteten Aufnahme, weil es in ſeiner Pulverform die Kaffeemuͤhle entbehrlich macht, woran es den meiſten armen Familien jenes Landſtrichs mangelt. Bald dampfte das fertige Wur⸗ zelgetraͤnk, das ohne Zucker, mit Vermiſchung von ein wenig blaͤulicher Milch und unter Zukoſt eines Stuͤckes groben, harten Haferbrodes, von dem Schuhflicker und ſeiner Tochter genoſſen wurde. Auch die arme Kranke erhielt ein kleines Toͤpfchen voll des beliebten Tran⸗ kes, den dieſelbe dankend in Empfang und dann zu ſich nahm. Mit einem Male drang ein kreiſchendes Kinder⸗ geſchrei aus dem dritten Winkel der Stube, wo die Wiege eines Saͤuglings neben dem Bette ſeiner Mut⸗ ter ſtand, welche hart und feſt fortſchlief. „Hm!“ brummte Schlegel—„ſonſt hoͤrt's eine Mutter doch am allererſten, wenn ihr Kind weint. Aber das macht die vorige Nacht, wo die Kleine nicht zur Ruhe kommen wollte und die Mutter kein Auge zuthun ließ. Kein Wunder, wenn's die Frau Nach⸗ barin wieder einzubringen ſucht. Paulinchen! erbarme Dich doch des kleinen Schreihalſes.“ Ohne eine verdrießliche Miene zu machen, ſprang Pauline vom Klöppelkiſſen weg und zur Wiege hin, aus welcher ſie den Säugling nahm und durch Wie⸗ 5 16 gen auf dem Arme zu beruhigen ſuchte. Allein das Kind ſchrie immer aͤrger, ſo daß daruͤber der Sohn der Frau Hille munter wurde. „Geht denn das Bruͤllen ſchon wieder an?“ ſchalt er, ſich die ſchlaftrunknen Augen reibend.„Erſt vorige Nacht hat man ſich die Ohren muͤſſen volllarmen laſ⸗ ſen. Pauline! wirf doch den Schrei⸗Balg gegen die Wand, wenn er nicht das Maul halten will.“ Hurtig verließ der Schuhflicker ſeinen Sitz; den ſcheltenden Buben bei dem Hemdenhalſe erfaſſend, ſprach er zornig:„Hoͤre Burſche, ſprich, ob Du es um ein Haar anders oder beſſer gemacht haſt, als Du ſo klein warſt, wie dort das Kind der Frau Ruppert? Frage, wenn Du es nicht mehr weißt, Deine Mutter da. Dieſe wird Dir's ſagen.“ „Ja wohl, ja wohl“— betheuerte dieſelbe— „noch viel toller hat er's gemacht.“ „Da haſt Du's!“ ſprach Schlegel.„Und was wuͤrde aus Dir geworden ſein, wenn Deine Mutter Dich allemal, ſo oft Du ſchrieſt, gegen die Wand haͤtte werfen wollen? He?— Junge! Du begreifſt gar nicht, welch' unendliche Geduld die Auferziehung eines Kin⸗ des erfordert.“ Indeß ſchrie die Kleine immer aͤrger, daß ſie ordentlich braunroth im Geſicht wurde. Pau⸗ line wiegte, piſchte, ſang, ſchmeichelte, holte gewaͤrmte Vilch herbei— nichts fruchtete.„Es hilft nichts“— 11 ſprach ihr Vater—„wir muͤſſen die Mutter wecken. Hole Du tauſend Menſchen herbei— ſie alle werden das Kind nicht beruhigen koͤnnen. Reiche ihm die theuerſten Leckereien— beſchenke es mit Säcken voll Gold: nichts kann ihm in der erſten Zeit ſeines Le⸗ bens die Mutter erſetzen. Daraus erkennen wir, daß des Menſchen erſte und groͤßte Wohlthaͤterin die Mut⸗ ter ſei, und ihr deshalb auch unſere groͤßte Liebe und Dankbarkeit gebuͤhre.“—„Und dem Vater dazu“— ſprach Pauline eifrig, indem ſie der munter gewordenen Mut⸗ ter das Kind hingab, welches ſofort ſein Schreien ein⸗ ſtellte und an der Mutterbruſt jedes Schmerzes vergaß. „Mein Fruͤhſtuck will ich haben!“ hob Veit tro⸗ tzig zu ſeiner Mutter an, welcher er nicht einmal einen guten Morgen gewuͤnſcht hatte. „Du ſiehſt ja, daß der Vater noch ſchläft“— verſetzte dieſe.„Ich mit meinen lahmen Armen und Beinen kann nichts verrichten, wie Du weißt.“ „Ich will aber mein Fruͤhſtuͤck haben“— rief Veit muͤrriſch.„Was ſcheer' ich mich um Eure Arme und Beine? Ich wecke den Vater!“ „O Du gottloſer Menſch!“ zuͤrnte der Schuhfli⸗ cker—„haſt Du nicht eben gehoͤrt, daß man ſeinen Aeltern die groͤßte Liebe und Dankbarkeit ſchuldig iſt? Haſt Du nicht in der Schule gelernt, daß man ſeinen Vater und ſeine Mutter ehren ſolle? und Du fuͤhrſt ſolche abſcheuliche Worte gegen Deine arme, kranke Mutter im Munde? Goͤnnſt Deinem Vater nicht ein⸗ mal einen ruhigen Schlaf? Dir kann und wird's nim⸗ mer wohl gehen auf Erden!“ „Das geht Euch auch nichts an“— antwortete Veit—„und was kann ich dafuͤr, wenn meine Mut⸗ ter krank iſt?“ „Merk auf, ungluͤckliches Kind!“ ſprach Schlegel feierlich—„ich will Dir erzaͤhlen, wie Deine Mutter zu ihrer Krankheit gekommen iſt. Als ſie noch geſund und ruͤſtig war, wuſch ſie einſtmals im rauhen Herbſte in der Kunathsmuͤhle. Die heißen Daͤmpfe des ko⸗ chenden Waſchwaſſers, ſowie ihre Emſigkeit hatten ſie in einen ſtarken Schweiß gebracht, welchen zu vermin⸗ dern ſie die warme Decke abgelegt hatte. Plotzlich er⸗ toͤnt das Geſchrei, daß ein kleiner etwa dreijahriger Knabe, der ſeine Mutter aufzuſuchen gekommen war, in den reißenden Muͤhlgraben gefallen ſei. Vom Schreck ergriffen, ſpringt Deine Mutter vom Waſchfaß hinaus an das Waſſer, in welchem ſie einen blonden Locken⸗ kopf bald auf⸗, bald untertauchen ſieht. Ohne ſich zu beſinnen, ſtuͤrzt ſie ſich ſchweißtriefend in das eiſige Waſſer und bezahlt die Rettung des kleinen Kindes mit dem Verluſte ihrer Geſundheit. Und dieſes Kind warſt— Du! und Dir zu Liebe opferte Deine Mutter Geſundheit, Gluͤck und Leben. Kuͤmmert Dich der beiam⸗ 3. — 8 13 mernswerthe Zuſtand Deiner Mutter nun noch nicht?“ Statt der Antwort hierauf, rief der undankbare, lieb⸗ loſe Sohn:„Vater! ſo ſteht doch auf. Ich will mein Fruͤhſtuͤck haben.“ Hierauf langte ſeine ſieche Mutter nach dem Toͤpf⸗ chen, welches ihr vorhin Schlegels Mitleid voll Kaffee gereicht hatte.„Hier Veit,“ ſprach ſie—„habe ich Dir ein wenig Kaffee aufgehoben, den mir der gute Nachbar Schlegel geſchenkt hat. Den Vater laß noch ſchlafen.“ „O Mutterliebe! Mutterliebe!“ rief der geruͤhrte Schuhflicker—„die gleich dem Vogel Pelikan die eigne Bruſt ſich zerfleiſcht, die begehrlichen Jungen zu ſaͤugen— du laͤſſeſt nimmer nach, obſchon dein Kind lieber mit Fuͤßen dich treten moͤchte.“ Ohne ſeiner Mutter zu danken, trank Veit den Kaffee hinter, uͤber welche geringe Menge er unwillig brummte und nicht eher ruhete, als bis er ſeinen Va⸗ ter aufgelaͤrmt hatte. Dieſer, welcher vollig angezogen dagelegen und laut geſchnarcht hatte, ſtand, ohne ſei⸗ ner Frau oder den uͤbrigen einen guten Morgen zu bieten, auf und holte eine Flaſche mit Schnaps, ein Brod und ein ſchmuziges Papier herbei, aus welchem er ein Stuͤck Speck hervorzog und daſſelbe mit ſeinem begehrlichen Sohne theilte. Weder ihm, noch dem Veit fiel es bei, einen Morgenſegen zu beten. Einen ſehr verdrießlichen Blick bisweilen auf die kranke Frau 14 werfend, verzehrte Hille das Fruͤhſtück, welches beſon⸗ ders für den Knaben ein ſchädliches zu nennen war. Pierauf legte ſich der Mann, welcher von ſtarkem Kor⸗ perbaue, aber tuckiſchem Anſehen war, wieder auf ſein Lager nieder. „Nicht wahr, Pauline,“— ſprach Schlegel zu ſeiner Tochter—„Du haſt nicht vergeſen, Deinen Morgenſegen zu beten?“ Pauline blickte von dem Kloͤppelkiſſen auf und nickte ihrem Vater freundlich zu. „So muß es auch ſein“— ſprach dieſer—„denn recht gebetet, iſt die Haͤlfte geurbeitet⸗ Bweites RKapitel. Den Aeltern Gleiches vergelten, iſt wohlgethan und angenehm vor Gott. Am Abende deſſelben Tages ſchob ein 14jaͤhri⸗ ger Knabe einen hochbepackten Schiebebock auf der Straße nach Zſchopau vor ſich hin. Es ging viel bergauf, und die Laſt war nicht leicht, daher der junge Fuhrmann öfters niederſetzen und verſchnieben mußte. Sein Anzug zeugte von großer Duͤrftigkeit. Hoſen und Jacke waren mit bunten Flickſtuͤcken beſetzt, doch —————*. 15 ohne Loͤcher. Ein Gleiches konnte man jedoch nicht von den Stiefeln ſagen, aus deren Vorder⸗ und Hin⸗ tertheilen zuweilen eine nackte Ferſe oder Zehe ſichtbar wurde. Indeß der Schweiß dem Knaben uͤber's An⸗ tlitz rann, waren die Haͤnde, welche die Enden des Schiebebocks umſpannten, blauroth gefroren. Als rauche er Taback, entquoll ihm der Odem aus dem geoͤffne⸗ ten Munde, der, alsbald in weißen Reif ſich verwan⸗ delnd, Haupthaar und Muͤtze beſaͤumte. Laut quiet⸗ ſchend glitt das kleine Rad des Fuhrwerks uͤber den gefrornen, ſchneebedeckten Weg, den nur das Mondlicht erkennbar mach Zwei freundlich blinkenden Ster⸗ nen gleich, glaͤnzten dem kleinen Wandrer endlich die lichthellen Fenſter eines großen Gaſthofes an der Straße entgegen und luden ihn traulicher, als der blecherne Loͤwe an der Ecke des Hauſes, zum Eintritt ein. Der Knabe ſetzte ſeine Buͤrde vor der Hausthuͤre nieder, entnahm derſelben einige kleine Gegenſtände und begab ſich damit in die Unterſtube, wo Fuhrleute, Reiſende und Bauern an verſchiedenen Tiſchen zechten. Zu je⸗ dem derſelben tretend, ſprach der Knabe mit bittendem Tone:„Kaufen Sie keine Rußbuttel, meine Herren?“ Dabei zeigte er die genannte Waare vor. Niemand achtete auf ſeine Worte, bis endlich am letzten Tiſche ein Gaſt ein Rußbuttel in die Hand nahm und dabei fragte:„Was ſoll das Ding koſten?“ 16 „Drei Pfennige!“ war die erfreute Antwort. Der Mann wieß ſeinem Nachbar das Buͤttchen * hin, indem er ſagte:„Mir iſt es unerklaͤrlich, wie die Leute ſo etwas fuͤr drei Pfennige machen koͤnnen. Das Ding hat, wie ein ordentliches Faß, ſeine Dauben, ei⸗ nen Boden, zwei Reifen, einen Deckel, zwei Henkel, einen Riegel, und iſt obendrein mit Ruß gefuͤllt. Ich moͤchte das Buͤttchen allein nicht fur einen Groſchen machen.“ „Das thut die Menge“— verſetzte der Andere— „und die Uebung. Das geht Alles fabrikmaͤßig.“ „Wo haſt Du Deine ne fragte der Erſte wieder. „Aus dem Voigtlande“— antwortete der Knabe. „Und was profitirſt Du an einem ſolchen Ruß⸗ buttel?“ „Einen Pfennig.“ „Ein ſchoͤner Gewinn und Handel!“ hoͤhnte der Gaſt.„Doch ſprich: wie gelangen denn Deine Voigt⸗ länder zu dem Ruße? Holen ſie ihn etwa aus ihren Schornſteinen herunter, oder wie fangen ſie es an?“ Der Knabe laͤchelte freundlich, indem er entgeg⸗ nete:„Dieſer Ruß kommt aus den Theer⸗ und Pech⸗ ſiedereien. Wenn da die Aufheberle verbrannt wer⸗ den, ſpannt man einen Sack über die Rußkammer aus 3 17 und dieſer wird dann ausgeklopft. Viele tauſend Thaler werden alle Jahre damit verdient.“ „Dafuͤr will mancher Sack ausgepocht ſein“— bemerkte der Mann.„Doch wer braucht nur ſo viel Ruß? Mit dieſem Buͤttchen getrau ich mir Stiefel⸗ wichſe, auf ein halbes Jahr hinreichend, zu machen.“ „Unſer Herr Schulmeiſter ſagte“— verſetzte der Knabe—„von dem Ruße wuͤrden faſt alle Bücher in der Welt gedruckt, und deshalb kaufen die Druck⸗ herren ganze Wagen voll Rußfäſſer. Aber auch die Maler und Wachstuch⸗Verfertiger brauchen genug.“ „Hier haſt Du Deinen Dreier, Junge!“ ſprach der Kaͤufer.„Alſo haſt Du heute Abend einen gan⸗ zen Pfennig verdient?“ „Ja!“ erwiderte der Burſche munter und ging, ſeine Waare auch dem Wirthe anzubieten. „Luͤgen— nichts als Luͤgen!“ antwortete dieſer auf alle Anpreiſungen des kleinen Haͤndlers, welcher ſich nun ſtill auf die Ofenbank ſetzte und auswärmte. Die Anweſenden hingegen genoſſen theils warme Suppe, Fleiſch und Gemuͤße, oder Wurſt, Schinken, kalten Braten, Kaͤſe, Butterbrod, Bier und Branntewein. Dieſer verfuͤhreriſche Anblick ſchien auch des Rußbut⸗ tenhaͤndlers Eßluſt rege zu machen. In die Taſche greifend, zog er einen kleinen Ueberreſt hart gefrornen Brodes hervor, welches ſein warmer Mund aufthaute Nieritz, viertes Gebot. 2 18 und verſchlang. Hierauf naͤherte er ſich wieder dem wohlgenährten Wirthe und bat ſchuͤchtern:„Wollten Sie nicht ſo guͤtig ſein und mir erlauben, daß ich die Nacht uͤber in Ihrem Pferdeſtalle bleiben durfte? Ich habe kein Geld, ein Lager hier auf der Streu zu be⸗ zahlen.“ „Lügen— nichts als Lügen!“ war die barſche Antwort.— Voller Angſt ſah der Knabe bald den Un⸗ erbittlichen an, bald hinaus in's Freie, wo ein beißend kalter Nebel, alle Gegenſtände einzuhuͤllen, aufſtieg. „Haſt Du's nicht gehoͤrt?“ rief der Wirth.„Ge⸗ hen ſollſt Du— in den Pferdeſtall oder wohin Du willſt, obſchon es nichts als lauter Luͤgen ſind.“ Leichten Herzens ging der Burſche, doch nahm er den Weg nach dem Stalle durch die Kuͤche, wo er ſich in kaltem Waſſer ſatt trank. Dankend ſetzte er das gebrauchte Glas hin, und dem Kuͤchenmaͤdchen eine gute Nacht wuͤnſchend, ging er aus der Kuͤche in den Hof, wohin er ſeinen Schiebebock mit der Waare in Sicherheit brachte und dann den Stall aufſuchte. Nach einer Weile hoͤrte er die Stallthuͤre aufklinken und eine weibliche Stimme rufen:„He! Rußbutteljunge Hurtig war dieſer von ſeinem Heubuͤndel in die Hoͤhe und nach der Thuͤre hingeſprungen, wo er eine Magd fand, welche eilig ſprach:„Da haſt Du ein 19 Bißchen warmes Eſſen. Schuſſel und Loffel bringe nachher in die Kuͤche.“ Fort war ſie. Die Freudenthränen ſchoſſen dem Beſchenkten in die Augen. Er tappte nach dem Heubuͤndel zuruͤck, ſetzte ſich darauf und die Schuͤſſel in den Schooß. Dankend faltete er ſeine Haͤnde— ſein Auge erhob ſich andächtig zur ſchwarzen Decke des Stalles— doch hurtig hatte er das Schuͤſſelchen wieder hingeſetzt und war eben ſo ſchnell in die Gaſtſtube zum Wirthe hin⸗ gerannt, zu welchem er unter aufſteigendem Etroͤthen ſagte:„Lieber Herr! Ihre Magd hat mir alleweile ein Schuͤſſelchen voll Eſſen gebracht. Darf ich es mit Ihrem Wiſſen und Willen auch annehmen?“ Der Wirth machte große Augen. Kopfſchuͤttelnd maß er den Burſchen von oben bis unten, dann ſprach er:„Luͤgen— nichts als Lugen! ich ſage Dir: iß in Gottes Namen, was man Dir giebt. Da“— er maß ihm ein halbes Glas Bier ein—„haſt Du noch einen Trunk Bier dazu. Und nun fahr' ab.“ Unter wiederholten Dankesaͤußerungen verließ der Knabe die Gaſtſtube. Lange war es ihm nicht ſo wohl geworden, wie heute. Moͤtzlich hielt er mitten in der Mahlzeit inne. Die Thraͤnen kamen ihm wieder in die Augen, und beide Hände gegen ſeine Bruſt drü⸗ ckend, ſeufzte er:„Ach Gott, meine arme Mutter! Indeß ich hier ſo wohlgemuth ſitze und mir das gute 2* 20 Eſſen ſchmecken laſſe, muß ſie ſo große Schmerzen aus⸗ — ſtehen. Koͤnnte ich ihr doch etwas hiervon heimtra⸗ gen! Ach lieber Gott! gern will ich frieren, hungern und in keinem warmen Bette ſchlafen, wenn Du nur meine gute Mutter wieder geſund machen wollteſt.“ Der Biſſen quoll ihm im Munde und es ward ihm ſ ordentlich ſauer, das Eſſen vollends zu verzehren. Noch zitterte ihm eine Kumtthräne im blauen Auge, als er dankend Schuͤſſel, Glas und Loͤffel in die Kuͤche zuruͤckbrachte. Am andern Morgen erſchien er reiſefertig in der Gaſtſtube, ſich bei dem Wirthe nochmals zu bedanken und Abſchied zu nehmen. Dieſer aber empfing ihn mit ſeiner gewohnten Redensart:„Luͤgen— nichts als Lugen! So geſchwind geht das nicht! Nicht zum er⸗ ſten Male bin ich von ſolchen Burſchen, wie Du biſt, und die ich beherbergt und bekoͤſtigt hatte, beſtohlen worden. Bald hatten ſie eine Spannkette, bald einen Pferdezaum, einen Schlußnagel oder deß etwas mitgehen heißen. Deshalb, mein Buͤrſchchen, wollen wir Dich erſt ausviſitiren, ob Du es Deinen Kameraden etwa nachgemacht haſt.“ 5 Dieſer ausgeſprochene Verdacht ſchmerzte den Knaben gewaltig. Das Weinen war ihm daher nä⸗ her, als das Lachen. Allein der Wirth achtete nicht darauf, ſondern unterzog ſich vielmehr der ſorgfoͤltigen. 21 Unterſuchung des Burſchen. Die Taſchen der Jacke enthielten nichts, als ein loͤcherreiches Schnupftuch und harte Brodkruͤmel; die der Hoſen hingegen, außer einem alten Taſchenmeſſer, zwei Geldpacktchen, vielfach in Papier eingewickelt. „Dieſe muß ich fuͤr die Rußbuttel bezahlen“— erklärte der Knabe, als der Wirth aus dem erſten Päcktchen 18 Groſchen zum Vorſchein brachte. Das zweite enthielt ungleich mehr— 2 Thlr. 14 Gr. 3 Pf. „Nun— und dieſes?“ forſchte der Wirth. „Das iſt mein ganzes Erſpartes in einem halben Jahre“— antwortete der Burſche. „Sagt' ich's nicht“— rief der Wirth triumphi⸗ rend—„daß es nichts als Lügen— lauter Lugen waren? Geſtern verſichert mir der Junge, er habe kein Geld, ein Streulager zu bezahlen, und heute weiſet ſich's aus, daß er 2 Thlr. 14 Gr. 3 Pf. ſein nennt.“ „Sie ſind nicht mein“— betheuerte jener—„ich bin ſie ſchuldig und noch viel mehr dazu.“ „Wem denn, mein Buͤbchen?“ „Meiner lieben Mutter!“ „Deiner Mutter?“ „Ja! und wenn ich ihr täglich 2 Thlr. 14 Gr. 3 Pf geben koͤnnte, würde ich ihr damit nicht all meine Schuld abzutragen vermögen fuͤr alle die Liebe und Treue, welche ſie mir von Kindesbeinen an erwieſen.“ 22 „Der uͤberraſchte Wirth ſah dem Jungen lange in's ehrliche Antlitz. Endlich fragte er wieder:„Weiß denn Deine Mutter ſchon von Deinem Reichthume?“ „Ach nein!“ verſetzte dieſer.„Meine Mutter iſt ſehr ungluͤcklich. Mein Bruder ſfiel einmal in den Muͤhlgraben und da ſprang meine Mutter, uͤber und uͤber ſchwitzend, ihm nach in das kalte Waſſer. Seit⸗ dem hat ſie das Reißen und muß beſtandig im Bette liegen unter ſchrecklichen Schmerzen. Der Doctor hat geſagt, er koͤnne ihr nicht helfen, ſondern blos das Teplitzer Bad. Das koſtet aber erſchrecklich viel Geld, und dieſes zuſammenzubringen, hab' ich mich, ſo wie ich aus der Schule kam, auf den Handel gelegt. Von einer Haͤlfte des Profits zehre ich, die andere hebe ich fuͤr meine Mutter auf. Ach, wenn ſie nur nicht eher ſtirbt, als bis ich das ganze Geld zuſammen habe!“ „Luͤgen— nichts als lauter Lugen!“ murmelte der Wirth, wendete aber ſein Angeſicht bei Seite und fuhr ſich mit dem weißen Pelzarmel uͤber die naſſen Augen.„Wie heißt denn Du und Deine Mutter?“ fragte er dann.„Und wo wohnt ſie?“ „Ich heiße Peter und meine Mutter Frau Hille. Wir wohnen in Ruppertsgruͤn, nicht weit von Schnee⸗ berg.“ „Haſt Du noch einen Vater?“ „Ja.“ „Nun? kann dieſer die Badekoſten nicht auf⸗ bringen?“ „Nein“— verſetzte der Junge, indem er verlegen die Naͤgel ſeiner Finger betrachtete. „Warum nicht? Heraus mit der Sprache!“ draͤngte der Wirth. „Unſer Herr Schulmeiſter ſagt“— antwortete der Knabe—„jeder Menſch habe ſeine Fehler und Schwächen, und am allerwenigſten muͤſſe man ſeinen Aeltern etwas Boͤſes nachſagen.“ „Das iſt ſchon richtig“— verſetzte der Wirth— „allein ich ſetze den Fall: ich waͤre geneigt, Deiner Mutter mit einigen Thalern unter die Arme zu grei⸗ fen, daͤchte aber— i, ſie hat ja ihren Mann, der fuͤr ſie Sorge tragen kann— dann behalte ich mein Geld und Deine Mutter ihre Noth.“ Peter kaͤmpfte ſtill mit ſich ſelbſt. Endlich ſprach er leiſe:„Mein Vater ſorgt nicht fuͤr meine Mutter. Alles, was er verdient, behaͤlt er fur ſich. Auch trinkt er gern Schnaps und dann ſchilt er meine Mutter noch aus, daß ſie nicht mehr arbeiten und nichts ver⸗ dienen kann.“ „Das wollte ich nur wiſſen“— ſagte der Wirth. „Frau! reiche dem Rußbutteljungen ein Paar Taſſen Kaffee und eine Semmel. Indeß will ich ſehen, was ich fuͤr Deine Mutter thun kann.“ Stiefeln von mir fuͤr Dich hervorgeſucht und meine Neuen Dank von Seiten Peters brachte dieſe neue Wohlthat hervor. Als dieſer, geſaͤttigt und erguickt, abmarſchiren wollte, reichte ihm der Wirth zwei be⸗ ſchriebene Zettel, indem er ſagte:„Da, mein Sohn. Geld gebe ich Dir nicht fuͤr Deine Mutter, aber Gel⸗ deswerth, naͤmlich Credit. Dieſer wird Dir nutzlicher ſein, als jenes. Hier dieſen Zettel giebſt Du an den Blaufarben⸗Faktor in Zſchopenthal ab. Er wird Dir ein Faͤßchen voll Smalte dagegen einhaͤndigen. Mit dem zweiten Zettel gehſt Du nach Beierfeld in die Blechloͤffel⸗Niederlage und erhaͤlſt dafuͤr ſechs Dutzend Blechloͤffel, welche Du, ſo wie die Smalte, im Einzel⸗ nen wieder zu verkaufen ſuchſt. Auch rathe ich Dir, noch etwas Feuerſchwamm und Schwefelfaden dazu zu kaufen. Damit kannſt Du die Jahrmirkte beziehen. Auch faͤhrſt Du dann, wenn die Rußbuͤttchen verhan⸗ delt ſind, nicht leer in's Voigtland zyruͤck. Haſt Du Alles abgeſetzt, ſo kommſt Du zu mir und legſt Rech⸗ nung ab. Sehe ich, daß Du ehrlich und genuͤgſam bleibſt, bekommſt Du immer groͤßern Credit bei mir. Im entgegengeſetzten Falle aber will ich Dich ſo ſchlecht machen, daß nicht einmal ein Hund einen Biſſen Brod von Dir annehmen ſoll. Fuͤnf Thaler an Werthe be⸗ tragen Loͤffel und Smalte. Darnach richte Dich. Hier habe ich auch ein Paar aſte, aber noch ganze ———— 25 Frau ein Paar warme Struͤmpfe hinzugelegt. Lauter Luͤgen— nichts als Luͤgen“— ſchloß der Mann, als Peter thraͤnenden Auges von Dankbarkeit und punktlichem Zuruͤckzahlen des Geliehenen ſprach. Letz⸗ terer aber duͤnkte ſich reicher als ein Croͤſus und ſchob ruͤſtig ſeinen Schiebebock dem Zſchopenthale zu. Prittes Rapitel. Der ungleiche Bruder. Wauline und Veit kamen aus der Vormittags⸗ Schule. Letzterer warf nach jedem Hunde, nach jeder Katze, die er zu Geſicht bekam, mit Schneebaͤllen oder Eisſtuͤcken. Unter Hohngelächter nahm er die daruͤber erhaltenen Verweiſe der Eigenthuͤmer auf, ſo daß Pau⸗ line ſich innigſt ihres unartigen Begleiters ſchaͤmte, welcher ihr zum Poſſen nicht von der Seite wich. Endlich hob er mit roher Stimme an:„Line! ſaheſt Du, was fur ſchwere Hocken unſer Stubennachbar, der Grenzjaͤger, mit heimbrachte? Die hat er alle den ar⸗ men Paſchern abgenommen. Und wie dumm er dabei noch iſt! Statt die ſchönen Sachen fuͤr ſich zu behal⸗ ten, liefert der einfaͤltige Kerl ſie richtig ins Haupt⸗ Zollamt ab. Ich ſollte dagegen an ſeiner Stelle ſein!“ 26 „Er muß ſie ja abliefern“— verſetzte Pauline— „ſonſt wäre er ja ein Spitzbube und noch ſchlechter als die Paſcher, welche, wie der Herr Schulmeiſter ſpricht, auch gegen das ſiebente Gebot handeln.“ „Das iſt nicht wahr!“— fiel Veit ein—„Die Paſcher ſtehlen nicht, denn ſie kaufen die Waare, die ſie heruberpaſchen wollen; ſondern die Grenzjäger und das Zollamt dazu.“ „Ja, ſo geht's“— ſprach Pauline—„wenn man in der Schule nicht Achtung giebt. Haſt Du nicht gehoͤrt, was der Herr Schulmeiſter ſagte, als er uns das vierte Gebot und dabei den Spruch erklaͤrte: Schoß, dem der Schoß gebuͤhrt, und Zoll, dem der goll gebuͤhrt? die Obrigkeit hat das Recht, den Zoll zu fordern und wer ſie darum betrugt, iſt ſo gut ein Dieb, wie jeder andere.“ „Geh mir nur mit Deinem einfaͤltigen Schul⸗ meiſter!“— rief Veit verächtlich—„der red't nur ſo um Liebedienerei willen. Und er ſteckt mit den Grenz⸗ jägern unter einer Decke, denn neulich hat er mir auch meine Platzbuͤchſe in der Schule weggenommen.“ „Daran hat er ganz recht gethan,“— verſetzte Pauline—„wer heißt Dich ſolches Spielzeug in die Schule mitbringen und vorzeigen? Du obſcheulicher Menſch! ſo veraͤchtlich von Deinem guten Lehrer zu — 27 ſprechen! Er muß ſich aber auch alle Tage uͤber Dich undankbaren Schuͤler argern.“ „Undankbar?“— lachte Veit—„ich ſoll mich wohl noch bei ihm bedanken, daß er mir meine Platz⸗ buͤchſe weggenommen hat?“ verſetzte Pauline—„noch mehr aber dafuͤr, daß er Dich lehrt und einen chriſtlichen Men⸗ ſchen aus Dir ziehen will, der Du jedoch in Deinem ganzen Leben nicht werden wirſt, fährſt Du ſo fort, wie jetzt.“ „Danken? danken?“— ſpottete Veit.„Gebe ich doch mein Schulgeld, und bedanke ich mich auch nicht beim Baͤcker, hole ich mir für einen Dreier Semmel bei ihm.“ „Mein Vater hat mir geſagt,“— eiferte Pauline —„daß man ſeinem Lehrer nie genug dafuͤr danken koͤnne, daß er uns den Weg zur ewigen Seligkeit zu zeigen ſich bemuͤht. Das Schulgeld dient nur dazu, ihm einigermaßen die auf ſeine Schuͤler verwendete Zeit zu bezahlen. Kannſt Du das vierte Gebot nicht mehr, welches ſpricht: Wir ſollen Gott furchten und lieben, daß wir unſere Aeltern und Herren nicht ver⸗ achten, noch erzurnen, ſondern ſie in Ehren halten, ihnen dienen, gehorchen und ſie lieb und werth haben. Und der Herr Schulmeiſter und die Obrigkeit ſind eben mit tief bewegter Stimme an—„fuͤrchteſt Du den unſere deien ja der Erſtere iſt mehr noch als dies — unſer zweiter Vater.“ Seinen Aerger uͤber die gehaltene Strafpredigt Paulinens auszulaſſen, zielte hier Veit mit einem di⸗ cken Eiszapfen nach einer dahinſchleichenden Katze. Der Wurf ſtreifte die Planke eines Zaunes, prellte ſeitwärts und fuhr klirrend in eine Fenſterſcheibe. „Pauline iſt's geweſen,“ rief Veit der Baͤuerin zu, welche zornig mit dem Kopfe aus dem Fenſter fuhr, dann lief er lachend davon. „Ja! ja!“ ſchalt ihm die Frau nach—„man muͤßte Dich gottloſen Luͤgner nicht ſchon kennen!“ Pauline hatte nicht einmal noͤthig, ihre Unſchuld zu betheuern, denn ihre Sittſamkeit war im ganzen Dorfe wohl bekannt und geſchätzt. Betruͤbt uͤber Veits gäͤnzliche Verdorbenheit ging ſie nach Hauſe. Hier fand ſie den Veit, welcher einen Topf mit Erdbirnen voll Waſſer plumpte. „Abſcheuliche Zucht!“ murrte er—„da muß ich nun die Kuͤchenmagd machen! meine Mutter will nur immer auf der faulen Baͤrenhaut liegen, damit ſie nichts arbeiten darf. Der Vater ſprichts auch, daß ſie ſich blos krank ſtellt.“ Nit gefalteten Händen trat die erſchrockene Pau⸗ line vor den ruchloſen Sohn hin.„Veit!“ hob ſie 2 Zorn unſers Gottes nicht, daß Du alſo zu freveln wagſt? Der Herr iſt zwar langmuͤthig, geduldig und von großer Guͤte; aber er drohet auch zu ſtrafen Alle, die ſeine heiligen Gebote uͤbertreten. Gedenkſt Du nicht an des böͤſen Sohnes Abſalon erſchreckliches Ende? an die Soͤhne Jakob's und Eli's?“ „Ei!“ ſpottete Veit—„davor will ich mich ſchon in Acht nehmen. Ich werde mich weder auf ein Maulthier ſetzen und unter einem Eichbaume wegrei⸗ ten, noch mir einfallen laſſen, die Bundeslade den Feinden entgegen zu tragen.“ Seufzend ging Pauline von dem unverbeſſerlichen Knaben fort, der ein treues Abbild ſeines rohen Va⸗ ters war. Auch ſie ſetzte jetzt einen großen Topf mit“ Kartoffeln an das Feuer; denn mit wenig Ausnahmen genießt der aͤrmere Erzgebirger gewöhnlich dreimal des Tages von der köſtlichen amerikaniſchen Knollenfrucht. Bevor ſie ſich an ihr Klöppelkiſſen ſetzte, wuſch ſie ſich ihre Hände ganz rein; eine Sache, welcher die Kloͤppelmaͤdchen ſo vielmal des Tages ſich unterziehen muͤſſen, als ſie eine andere Arbeit vorgenommen haben, denn je reiner die Spitzen ſind, deſto beſſer werden ſie bezahlt. Im Begriff nach einer guten halben Stunde aufzuſtehen, um nach den Kartoffeln zu ſehen, tritt Veit mit einer Schuͤſſel voll der dampfenden Fruͤchte herein in die Stube. 30 „Das ſind meine Erdbirnen!“— ruft Pauline, einen Blick auf dieſelben werfend. „Du luͤgſt!“ antwortete Veit, ein fluͤchtiges Er⸗ roͤthen nicht unterdruͤcken koͤnnend. „Nein, ich weiß es gewiß“— behauptete Pau⸗ line—„denn ich hatte meine Erdbirnen, bevor ich ſie an's Feuer ſetzte, rein gewaſchen, Du aber nicht. Auch war mein Topf groͤßer als der Deinige und ganz voll. Gleich will ich Dir's beweiſen.“ „Beweiſe es ſo viel Du wrillſt“— trotzte Veit —„ich behalte doch dieſe Erdbirnen, denn ſie ſind und bleiben mein.“ „Da habe ich auch ein Woͤrtchen mit hinein zu ſprechen, Burſche!“ ſagte der Schuhflicker—„abſon⸗ derlich, wenn Pauline ihr Recht darzuthun vermag.“ „Und ich auch!“ rief Veits Vater, welcher ſich jetzt von ſeinem Faulbette erhob.„Bekuͤmmere Er ſich um Sein Schuſterpech und Seinen Leiſten, nicht aber um unſere Erdbirnen. Hat Er mich verſtanden, Meiſter Flicker? oder ſoll's ihm erſt meine Fauſt ein⸗ blaͤuen?“ Er hob dieſelbe drohend empor. Indeß trat Pauline, ganz roth vor Aerger und Zorn, mit ihrem Erdbirnentopfe in die Stube.„Schaut her, lieber Vater!“ ſprach ſie—„ob ich unwahr ge⸗ ſagt habe. An meinem Topfe fehlt ein volles Dritt⸗ theil und die ganze Erde klebt noch an dieſen Kartof⸗ 5 31* feln. Veit hat meine Kartoffeln in ſeine Schuͤſſel und ſeine dafuͤr in meinen Topf geſchuͤttet. Verſucht's nur, ob die Kartoffeln da in der Schuͤſſel in des Veits Topfe Platz haben werden.“ „Gieb her Deine Kartoffeln, Junge!“— ſprach Hille, Veits Vater—„und Gnade Gott demjenigen, der ſie uns ſtreitig machen will.“ Damit griff er in die rauchende Schuͤſſel und nahm gleich eine Hand voll Kartoffeln heraus, die er zu verzehren begann. „Ach, Mann!“ ſagte hier ſeine kranke Frau— „glaube nur um Gotteswillen dem luͤgneriſchen Jun⸗ gen nicht. Er iſt noch mein Tod. Pauline hat Recht, verſichere ich Dir.“ „Wirſt Du gleich ſchweigen?“ fuhr ſie ihr Mann an. Ich weiß nur zu gut, daß Du es ſtets mit un⸗ ſern Widerſachern haͤltſt. Wer bei Dir recht ſchmei⸗ cheln und heucheln kann, iſt Dein Mann, und der arme Junge moͤchte zuletzt ſchier den Mund nicht mehr aufthun vor dem naſeweiſen Dinge da.“ Damit zielte er auf Paulinen, welche ſchon den Mund, ſich zu ver⸗ antworten, oͤffnete. Allein der Vater winkte ihr Still⸗ ſchweigen zu und ſofort ſchloß ſie ihre Lippen, ohne ein Wort geſagt zu haben. Der Schuhflicker aber trat vor den kauenden Hille hin und ſprach ganz ru⸗ hig„Nachbar Hille, bildet Euch nicht ein, durch Eure Drohungen mich einſchuchtern zu koͤnnen. Gegen die⸗ ſelben vermag meint liebe Obrigkeit mich zu ſchutzen. Allein um des lieben Friedens und Eurer kranken Frau willen moͤget ihr in Gottes Namen unſere Kartoffeln verzehren. Unſer lieber Heiland ſagt: Selig ſind die Friedfertigen, denn ſie werden Gottes Kinder heißen, und ſo jemand dir den Rock nehmen will, dem laß auch den Mantel.“ „Schade“— hoͤhnte Hille—„daß Ihr weder einen ganzen Rock, noch Mantel habt, der des Neh⸗ mens werth waͤre.“ „Der Herr wird Euer Richter ſein“— ſproch Schlegel und ging an ſein Tiſchchen, welches Pauline mit einem reinlichen Stuͤcke Linnen gedeckt und mit den ſchmuzigen Kartoffeln Veits beſetzt harte. „Auch fuͤr dieſe Gabe muͤſſen wir dem milden Geber danken“— ſprach der Schuhſlicker und betete andaͤchtig ſein Mittagsgebet.„Laß Dir ſagen, liebe Tochter“— hob er waͤhrend des Eſſens an—„was geworden wäre, wenn ich nicht nachgegeben hätte. Wir beiden Maͤnner haͤtten uns zuſammen gezankt, geſchimpft, gepruͤgelt, blutruͤnſtig oder wohl gar todt⸗ geſchlagen. Geſetzt nun auch, daß ich, wiewohl dies ſehr zu bezweifeln iſt, Sieger geblieben waͤre— meinſt Du, daß ich im Stande haͤtte ſein koͤnnen, einen ein⸗ zigen Biſſen zu eſſen? Zu Gifte waͤre er mir gewor⸗ den! Vor Schreck und Angſt haͤtte die arme Kranke 33 wohl gar den Tod und Du eine Krankheit davon tra⸗ gen koͤnnen. Welche ſchrecklichen Vorwuͤrfe haͤtte ich mir dann machen muͤſſen! So aber genieße ich voll des freudigen Bewußtſeins, nach dem Willen unſers Erloͤſers gehandelt zu haben, meine Kartoffeln, und mache mir wenig daraus, daß ſie noch mit Erde be⸗ deckt ſind, obſchon ich dies ſonſt nicht wohl leiden mag. Hieraus lerne, daß es beſſer iſt, Unrecht zu lei⸗ den als zu thun. Dein verletztes Gerechtigkeitsgefuͤhl aber beſchwichtige mit dem Gedanken, daß Gott einem Jeden geben wird nach ſeinen Werken. Alſo habe ich es von dem Herrn Paſtor in der Kirche gehoͤrt und wir ſollen nicht blos Hoͤrer des Wortes, ſondern auch deſſelben Thäter ſein.“ Pauline gab ihrem wackern Vater vollkommen Recht und verſchmerzte ergebungsvoll den kleinen Verluſt. Nach gehaltener Mahlzeit legte Hille ſich wieder nieder, um ſein Schlaͤfchen zu halten, weil er, wie er behauptete, die nächſte Nacht bei dem Meiler zubrin⸗ gen muͤſſe, der dieſen Abend in Brand geſteckt werden ſollte. Er war nämlich ſeines Gewerbes nach ein Koh⸗ lenbrenner, doch nur um Lohn, indem er, um ſelbſt Herr und Meiſter zu ſein, nicht genug Vermoͤgen beſaß. Schlegel kehrte dagegen auf ſeinen Schuſterſchemel und Pauline zu ihrem Klöppelkiſſen zuruͤck, welches ſie Nieritz, viertes Gebot. 3 34 nicht eher verließ, als bis ſie von der Uhr in die Schule gerufen wurde. Veit hingegen blieb daheim und achtete nicht der deshalb an ihn ergangenen Er⸗ mahnungen ſeiner Mutter, welche mehr noch von der Boͤswilligkeit ihres Sohnes, als von ihrer Krankheit zu leiden hatte. Kaum war Pauline aus der Schule wieder da und hatte ihre alltägliche Arbeit mit nie aufhoͤrender Emſigkeit begonnen, als wiederholt die Thuͤre ſich aufthat, und, verſehen mit einem niedrigen Baͤnkchen, einer glaͤſernen, waſſergefuͤllten Kugel und dem Kloͤppelkiſſen, ohngefaͤhr 12 Maͤdchen von Pauli⸗ nens Alters hereintraten und die Inwohner freundlich gruͤßten. Wie Pauline waren ſie aͤrmlich, aber ſehr reinlich gekleidet, und ihre Geſichter und Haͤnde ſtachen gar vortheilhaft gegen die des ſchmuzigen Veites ab. Freundlich und freudig empfing Pauline ihre Ka⸗ meradinnen, welche ihre Glaskugeln auf ein dazu ge⸗ fertigtes Geſtelle— den Kloͤppelſtock— und ihre Baͤnk⸗ chen in einem Kreiſe um denſelben herumſetzten. Bald brannte Paulinens Laͤmpchen hinter den Kugeln; die Maͤdchen nahmen Platz und begannen, nachdem ſie den reinlichen Ueberzug von dem Kiſſen entfernt hat⸗ ten, ihre kunſtfertige Arbeit. Das Kloͤppelkiſſen glich einer Walze oder einem Muffe, war gepolſtert und mit der Muſterzeichnung uͤberzogen, deren Figuren durch aufrecht ſtehende Stecknadeln bezeichnet waren „ 35 und um weſche die Kloͤppel mit ihren feinen Zwirns⸗ fäden blitzſchnell herumgeſchlungen wurden. Die Gattin des Grenzjaͤgers, welche erſt ſeit Mi⸗ chaelis in dem Dorfe wohnte und welcher demnach das Kloͤppelweſen noch neu war, konnte ſich nicht ſatt ſe⸗ hen, wie die hoͤlzernen Kloͤppel unter den kleinen Fn⸗ gern der Maͤdchen mit ſo unbegreiflicher Geſchwindig⸗ keit klappernd herumflogen. Selbſt der Schuhflicker hielt mit ſeiner Schuhahle inne und ſchaute freundlichen Blickes auf die unermuͤd⸗ lichen Arbeiterinnen; der Saͤugling auf dem Arme der Jägersfrau ſtreckte begehrlich die kleinen Haͤndchen nach dem vermeinten Spielzeuge aus und ſein Zjähriges Schweſterchen bat die Mutter:„Mir auch ſolche huͤb⸗ ſche Kegel: bitte, liebe Mutter!“ Dieſe buͤckte ſich zu dem naͤchſtſitzenden Kloͤppel⸗ maͤdchen, fragend:„Was fuͤr Spitzen machſt Du denn da?“ Die Gefragte ließ ihre Finger ruhen, und ihre Ar⸗ beit vorzeigend, verſi etzte ſie:„Hahnbottel, liebe Madam.“ „Und Du?“ „Pfefferkuchle“— eine Zweite. „Und ich Krohaͤgel“— eine Dritte.„Ich Hoͤßle“ — die Vierte„Ich Schiebekäſtle“— die Fünfte. Immer neue Benennungen kamen zum Vorſchein „Die Namen kann ſich der Kuckuk merken; ich 3. 36 nicht“— verſetzte Frau Ruppert laͤchelnd.„Doch, wie viel verdient ihr wohl in einem Tage, ihr fleißigen Kloͤpplerinnen?“ „Einen Groſchen bis 18 Pfennige, wenn man den ganzen Tag daruber bleiben kann,“— war die Antwort—„außerdem aber nur 4 bis 6 Pfennige.“ Hier lachte der munter gewordene Hille auf rohe Weiſe und ſein Soͤhnchen ſtimmte weidlich mit ein. „Es iſt immer beſſer, als nichts thun“— ſprach Frau Ruppert mit Bezug auf die beiden lachenden Muͤſſiggänger, und Pauline begann mit heller Stimme zu ſingen: „Zur Arbeit, nicht zum Müſſiggang, find wir, o Gott, auf Erden, Drum muß auch ich mein Lebenlang kein Knecht der Trägheit werden. biez mir Verſtand und Luſt und Kraft, geſchickt, treu und gewiſſenhaft Zu thun, was mir gebühret.“ Schon nach den erſten zwei Worten war der ganze jugendliche Chor eingefallen. Der Schuhflicker ſang— Frau Ruppert auch— ſelbſt die Kranke be⸗ gleitete leiſe den bekannten Kirchengeſang. Und wie der boͤſe Geiſt vom Saul vor Davids Harfenſpiel— alſo entwich vor der tief erſchuͤtternden Macht des rei⸗ 5 nen, kindlichen Geſanges der boͤſe Kohlenbrenner aus der Stube. Veit aber gahnte laut und ahmte dann ſpottend des Nachtwächters Hornton nach. Doch der Schuhflicker ſchloß ihm ſchnell den Läſtermund durch eine geſchickt angebrachte Maulſchelle. Piertes Rapitel. Der Näſcher. Ungehindert und ungeſtoͤrt ſang die kleine Ge⸗ meinde das Lied zu Ende. In ihrer Andacht hatten ſie nicht bemerkt, daß ein lauſchender Kopf durch das eine Fenſter hereinſchaute. Mit der Schlußzeile ver⸗ ſchwand er, und ein Mann im dunkelgruͤnen Oberrocke mit weißem Kragen, eine Flinte uber die Schulter ge⸗ worfen und mit einem Seitengewehr verſehen, trat in die Stube. „Guten Abend geb' Euch Gott!“ gruͤßte er freund⸗ lich.„Sind die lieben Engelein vom Himmel herab⸗ geſtiegen oder wird hier ſchon das heilige Chriſtfeſt ge⸗ feiert? Das klingt ja wie in der Kirche ſo feierlich.“ Es war der Grenzjaͤger Ruppert, der alſo ſprach. „Liebe Frau“— fuhr er heiter fort—„heute hab ich einmal frei und darf in meinem warmen Bette ſchlafen. Hab' mich drei Tage und Nächte lang weid⸗ lich herumgetrieben in Schnee und Windwehen, um den heilloſen Paſchern aufzulauern; komme eben vom Haupt⸗Zollamte, wohin ich die Hocken mit der Con⸗ trebande getragen habe, welche Du dieſen Morgen ge⸗ ſehen haſt. Nun gedenke ich mir auch eine Güte zu zu thun nach der Strapaze; erhalte ja meinen An⸗ theil von der eingelieferten Paſchwaare!“ Frau Ruppert ſprach hierauf leiſe mit ihrem Manne, welcher beifaͤllig mit dem Kopfe nickte und ſagte:„Ja, mache es ſo. Auf einige Groſchen mehr oder weniger ſoll es mir nicht ankommen. Sie ſind es werth.“ Die Mädchen hatten in ihrer Emſigkeit nicht Acht auf die Jagersfrau, welche erſt mit Frau Hille heim⸗ lich verkehrte und dann geſchaͤftig ſich hin und her bewegte. Deſto mehr ſpannte der traͤge Veit auf. „Nun wird erzaͤhlt“— hob ein Klöppelmaͤdchen fröhlich an.„Kiefers Hanne! Du biſt an der Reihe.“ Dieſe ſchaute ſich erſt nach dem Grenzjaͤger ver⸗ legen um, welcher an ſeinem Tiſche mit ſeinen beiden Kindern ſpielte; dann erzaͤhlte ſie, anfaͤnglich mit ge⸗ daͤmpfter Stimme:„Es war einmal ein heidniſcher Koͤnig von Griechentand oder dort in der Gegend her⸗ um, der, wie alle Konige, ſehr reich, doch gar nicht ſtolz war. Dieſer beſuchte zuweilen den Marktplatz, 39 um zu ſehen, was ſeine Unterthanen kaufken und verkauften. Da traf ſich's denn, daß er unter den Verkaͤufern auch einen Weltweiſen ſtehen ſah, von de⸗ nen es, wie Ihr wiſſen werdet, in Griechenland ſieben an der Zahl gab.„Nun,“— ſagte der Koͤnig zu ihm — ich glaube gar, Du handelſt auch?“—„Ja, Herr geſtrenger Koͤnig!“ verſetzte der Weiſe.—„Womit denn? ich ſehe ja keine Waare in Deiner Hand?“ ſprach je⸗ ner wieder.—„Ich handle mit Weisheit“— antwortete dieſer—„und dieſe iſt unſichtbar.“—„Wie viel ſoll ſie denn koſten?“—„Zweitauſend Thaler!“ ſagte der Weltweiſe. Der König, dem dieſe Summe gerade ſo viel war, wie einem armen Manne bei uns eine Priſe Schnupftabak, verſetzte hierauf:„Wohl, Du ſollſt ſie bekommen. Nun gieb aber auch Deine Weisheit her.“ Der Mann jedoch hätte muͤſſen kein Weiſer, ſondern vielmehr ein großer Thor ſein, wenn er ſeine Waare eher hergegeben, als bis er die Bezahlung dafuͤr em⸗ pfangen gehabt hätte. Es half nichts, der König mußte ſich bequemen, die 2000 Thaler ſofort auszah⸗ len zu laſſen. Als dies geſchehen war, ſprach der Weiſe!„Merk auf, o Koͤnig! Bei Allem, was du thuſt, bedenke das Ende Das iſt meine Weis⸗ heit.“ Ihr könnt Euch denken, daß der Koͤnig, wel⸗ cher dieſe Paar Worte ſo theuer bezahlt hatte, von ſeinen Hofleuten furchterlich ausgelacht wurde. Ich glaube, daß dem Koͤnige auch die 2000 Thaler nicht wenig gewurmt haben moͤgen, nur wollte er es ſich nicht merken laſſen und machte deshalb gute Miene zum boͤſen Spiele.„Was lacht Ihr denn, Ihr dum⸗ men Kerle?“ ſprach er.„Die erhandelte Weisheit iſt ganz prachtig und gewiß nicht zu theuer bezahlt. Euch zum Poſſen will ich die Worte, welche Euern Spott erregt haben, uͤberall in meinem Palaſte und auf allen meinen Sachen anbringen laſſen.“ Und ſo geſchah es auch. Nun hatte der Koͤnig, wie alle Menſchen, ſeine Feinde; denn man kann es Niemand in der Welt ganz recht machen. Dieſe hatten des Koͤnigs Barbier beſto⸗ chen, daß er waͤhrend des Bartabnehmens ſeinem Herrn die Kehle abſchneiden ſollte, und dieſer war auch, ge⸗ gen die Verheißung einer großen Geldſumme, dazu bereitwillig geweſen. Alſo gut. Der Koͤnig, mit der weißen Serviette angethan, ſitzt mit eingeſeiftem Barte vor dem Barbier, welcher, das ſcharfe Meſſer in der Hand, ſich ſchon anſchickt, den boͤſen Schnitt zu voll⸗ bringen. In dieſem Augenblicke fäͤllt des Koͤnigs Auge zufällig auf das goldene Barbierbecken, das neben ihm auf dem Tiſche ſteht und auf deſſen breitem Rande die Worte des Weltweiſen eingegraben ſind. Da lieſt und ſpricht der Koͤnig mit lauter Stimme:„Bei Al⸗ lem, was du thuſt, bedenke das Ende.“ Pardautz! ließ. der Barbier vor Schreck das Meſſer fallen. Er ſelbſt 41 warf ſich vor dem Koͤnige auf die Kniee nieder und geſtand ſein blutiges Vorhaben. Entweder hatten ihn die Worte das Gewiſſen geruͤhrt, oder an das Ende denken laſſen, welches er nach vollbrachter That ge⸗ nommen haben wuͤrde. Denn was hätte ihm der groͤßte Schatz geholfen, waͤre er wegen des begangenen Mordes von des Königs Trabanten in Stuͤcken ge⸗ hauen worden, was gar nicht fehlen konnte? Der Koͤ⸗ nig, ſeelenfroh, ſeine Kehle gerettet zu ſehen, verzieh dem reuigen Barbier, beſtrafte ſeine Feinde und ließ dem Weltweiſen fur ſeine weiſen Worte noch eine große Geldſumme auszahlen. Und damit iſt meine Geſchichte zu Ende!“ „Schade“— ſagte hier der Schuhflicker, welcher, wie die Uebrigen alle, aufmerkſam zugehoͤrt hatte,„daß der gute Koͤnig nicht in unſrer Zeit gelebt hat. Dann hätte er nicht ſo viele Tauſend Thaler fuͤr ein Paar Worte hingeben duͤrfen. Fuͤr einen bloßen Gulden haͤtte er tauſendmal mehr und groͤßere Weisheit in einer Bibel kaufen konneh, wo wir faſt auf jeder Seite die ſchoͤnſten Spruche leſen koͤnnen. Alles, was ihr wollt, daß euch die Leute thun ſollen, das thut ihr ihnen auch, ſpricht ſie und: Liebe Gott uͤber Alles, und deinen Naͤchſten wie dich ſelbſt. Das ſind Worte wie guͤldene Aepfel in ſilbernen Schalen. Und wenn die Menſchen ſtets nach der goͤttlichen Weisheit ſich 42 richteten, wie jener Barbier: ſo wuͤrde das meiſte Boͤſe unterbleiben und wir recht gluͤckſelig ſchon hier ſein koͤnnen.“ „Nun biſt Du d'ran, Pauline!“ hieß es jetzt. „Meine Geſchichte iſt nur ganz kurz“— ſprach dieſe—„aber ganz gewiß wahr. Es war einmal ein Bauerknabe, der durch ſeine Ungezogenheit und gottlo⸗ ſen Streiche allen Menſchen, beſonders aber ſeinen Ael⸗ tern und ſeinem Schulmeiſter große Noth machte.“ „O!“ fiel hier der aufhorchende Veit ein—„ich weiß lange, auf wen Du damit ſtichelſt, Pauline!“ „Deſto beſſer fur Dich“— ſprach dieſe und fuhr dann fort:„Wenn nun der böſe Bube wieder einmal ſeinen Schulmeiſter recht geärgert hatte, ſo pflegte die⸗ ſer gewoͤhnlich zu ſagen:„Fritz! Fritz! gedenke an mich! Du wirſt in Deinem Leben auf keinen gruͤnen Zweig kommen.“ Was geſchieht? Mein Schulmeiſter, der ſchon ein alter Mann war, ſtirbt, ohne daß ſeine Prophe⸗ zeihung an Fritz eingetroffen wäͤre. Wohl ein ganzes Jahr ſpäter iſt mein Mosje Fritz mit andern wilden Schulkameraden einmal im Walde. Da heißt es: Wer hat das Herz, das Elſterneſt von dieſer hohen Buche herunter zu holen? Keiner meldet ſich, denn das Neſt hing auf dem oberſten Zweige des Baumes. Nur mein Fritz ruft:„Ich hole es.“ Und richtig! er klettert und klettert von einem Aſte zum andern, bis 43 et oben iſt und das Neſt At der Hand erlangen kann. Da ſchreit er triumphirend herab:„Der alte Schul⸗ meiſter drohte mir immer: Fritz! Fritz! Du wirſt in Deinem Leben auf keinen gruͤnen Zweig kommen. Und jetzt, ha! ha! ſtehe ich auf vielen gruͤnen Zweigen.“ Er hatte die hoͤhnenden Worte kaum ausgeſprochen, da ging es— knacks! und der Aſt, worauf er ſtand, brach, und Fritz lag, das Elſterneſt in der Hand, mit gebrochnem Halſe todt auf der Erde. Alſo war des Schulmeiſters Rede doch noch eingetroffen.“ „Ja, ja,“— meinte der Schuhflicker—„das weiſe Bibelwort lehrt uns gleichfalls, daß man Gott nicht verſuchen dürfe. Mir iſt auch eine Geſchichte be⸗ kannt, wo ein undankbares Kind den Teufel im Spaße an die Wand malte und dieſer nachher wirklich kam.“ „O, erzaͤhlt ſie doch, Meiſter Schlegel!“ baten ſaͤmmtliche Kloͤppelmädchen. „Es war einmal“— hob dieſer an—„ein Va⸗ ter, welcher große Reichthuͤmer und nur zwei Söhne hatte, von welchen er den älteſten gar nicht, den juͤn⸗ gern aber deſto mehr leiden konnte. Während er mit dem juͤngern, Carl genannt, gemeinſchaftlich Schnaps, Brod und Speck fruͤhſtuͤckte, mußte Auguſt, der ältere, ſehen, wo er von fremden Leuten ein Stuͤck trocknen Brodes erſchwingen konnte. Carl wurde ge⸗ ſtreichelt, Auguſt geprügelt; Carlchen ritt und fuhr mit 44 dem Vater weg, Auguſt mußte zu Fuße laufen und ſich mit den abgetragenen Kleidern Carls begnuͤgen, welche ihm obendrein in der Regel zu klein und zu enge waren. So ging das fort, bis beide Jungen zu großen Maͤnnern herangewachſen waren. Damit nun Auguſt nicht einſt mit ihm erben koͤnne, wußte Carl ſeinen leichtglaͤubigen Vater zu uͤberreden, daß er noch bei Lebzeiten ihm ſein ganzes Vermoͤgen ſchenkte. Da⸗ gegen hatte Carl hoch und theuer ſich vermeſſen, daß er ſeinen lieben Vater auf das Beſte halten und ver⸗ pflegen wolle. Als er jedoch ſeine Abſicht erreicht ſah, ging es aus einem ganz andern Tone. Der betrogene Vater erhielt von ſeinem ſchaͤndlichen Sohne kaum das tagliche Brod. Er ließ ihn nicht einmal bei ſich woh⸗ nen, ſondern miethete ihm in einem weit entlegenen Haͤuschen ein aͤrmliches Stuͤbchen zu ſeinem Aufent⸗ halte. Hier mußte der Vater allein ſeine alten Tage zubringen und mit Schmerzen darauf lauern, bis ihm ſein Carl durch eine grobe Magd ein wenig Eſſen zuſchickte. Da gingen endlich dem betrogenen Manne die Augen auf, und tauſendmal bereuete er, ſeinen beſſern Sohn Auguſt verſtoßen und enterbt zu haben. Dieſer war durch eigenen Fleiß und Sparſam⸗ keit zu maͤßigem Wohlſtande gelangt, hatte ſich ver⸗ heirathet, Kinder bekommen und lebte, von allen Recht⸗ ſchaffenen geſchätzt und geliebt, in Zucht und Ehrbar⸗ 45 keit. Obſchon von ſeinem Vater uͤbel behandelt, ach⸗ tete und liebte er ihn dennoch; jener aber, von ſeinem eigenen Gewiſſen geſchlagen, traute ſich nicht, den ver⸗ ſtoßenen Sohn heimzuſuchen. Eines Abends trieb den Vater der grimmige Hunger und das Ausbleiben der Magd zu ſeinem Sohne Carl hin. Dieſer ſaß eben mit ſeiner ihm gleichgeſinnten Frau bei einer leckeren Abendmahlzeit, deren Hauptgerichte eine große, gefüͤllte Paſtete ausmachte. Da ſturzte die darauf abgerichtete Magd mit der Schreckensbotſchaft herein:„Der alte Herr kommt!“ Hurtig wurde die Paſtete in die heiße Bratroͤhre zuruͤckgeſchoben, die uͤbrigen Speiſen, ſo wie die Weinflaſchen verſteckt, und nur ein Stuͤck ſteinhar⸗ ten Brodes und ranzige Butter auf den Tiſch ge⸗ ſtellt. Beides ſetzte man hierauf dem zahnloſen Alten vor, der natürlicherweiſe eben ſo hungrig vom Tiſche aufſtehen mußte, als er ſich niedergeſetzt hatte. Da faßte dieſer ſich endlich ein Herz und ſagte:„Aber, lieben Kinder! habt Ihr denn wirklich weiter nichts zu eſſen? Es riecht doch in der ganzen Stube ſo lieblich nach einem guten Gerichte, daß mir der Mund ordent⸗ lich voll Waſſer läuft.„Das wird der Speck ſein“ — verſetzte die Schwiegertochter ſchnippiſch—„den die Magd fuͤr die naͤſchigen Maͤuſe in die Falle gebra⸗ ten hat.“—„Nein, nein,“ ſprach der Vater—„Speck riecht ganz anders. Schwoͤren wollt' ich faſt, daß es 46 eine Truͤffelpaſtete ſei, was mir ſo gut in die Naſe zieht.“„Zu Gifte ſoll ſie uns werden!“— betheuerte der Sohn—„wenn Ihr die Wahrheit ſprechet!“— „Den Tod wollen wir uns daran eſſen, verheimlichen wir Euch ein Gericht.“ Da ging der alte Mann be⸗ truͤbt davon. Als er nun ſo allein und hungrig auf der Gaſſe dahin wankte, fiel ihm der Gedanke bei: Wie, wenn du zu deinem Auguſt gingeſt? Gedacht— gethan! Und Auguſt empfing ſeinen Vater mit Freu⸗ denthraͤnen, ſo auch ſeine Gattin und Kinder, welche den Großvater liebkoſend umringten und zu dem weich⸗ ſten Lehnſtuhle fuͤhrten. Und Auguſts Gattin tafelte das Beſte auf, was Speiſegewoͤlbe und Keller ver⸗ mochten, und Alle riefen, daß der gute Vater nicht wie⸗ der von ihnen fortgehen duͤrfe und bei ihnen wohnen muͤſſe. Und der alte Mann erkannte mit tiefer Reue, welch' einen koͤſtlichen Edelſtein er in ſeinem aͤlteſten Sohne beſeſſen und daß er ihn gegen einen glatten Kieſelſtein vertauſcht hätte. Als aber nach des Va⸗ ters Weggange das gottloſe Ehepaar ſich wohlgemuth über die herbeigeholte Paſtete hermachte, ſprach der ſchaͤndliche Sohn lachend:„Das ſollte der Alte jetzt mit anſehen, wie wir das angebliche Gift uns ſo wohl ſchmecken laſſen.“ Und ſeine Frau machte ſich gleich ihm uͤber den betrogenen alten Vater luſtig. Am an⸗ dern Tage aber fand man das ſchaͤndliche Ehepaar 47 mit hoch aufgeſchwollenen Leibern und gräßlich ver⸗ zerrten Geſichtern todt auf den Dielen liegend. Die Magd, welche gleichfalls mit dem Tode rang, ver⸗ mochte nur noch muͤhſam herauszuſtammeln, daß ſie und Alle ſich den Tod an der Paſtete gegeſſen haͤtten, indem ſie aus Verſehen ein Säckchen mit Mehl dazu verbacken habe, welches, fuͤr die Ratten und Maͤuſe beſtimmt, mit Arſenik vermiſcht geweſen waͤre. Da das vergiftete Ehepaar keine Kinder beſaß, fiel ihr ganzer Reichthum an den alten Vater zuruͤck, der ihn ſofort dem Auguſt uͤberließ und ſolches auch niemals zu bereuen Urſache hatte.“ „Dieſe Geſchichte ließ Euch Gott erzaͤhlen, Nach⸗ bar“— ſprach hier die Grenzjaͤgersfrau mit großer Aengſtlichkeit. Ohne dieſelbe hätte ein ſchreckliches Un⸗ glück ſich ereignen koͤnnen. Hoͤrt nur an. Meinem Manne da und den fleißigen Klöpplerinnen eine Freude zu machen, kochte ich fuͤr Alle Faffee und buk, nach Anweiſung der kranken Frau Hille, eine Pfanne voll Goͤtzen.“ „Ach, Goͤtzen!“ toͤnte es mit frohem Erſtaunen von den Lippen ſaͤmmtlicher Kloͤppelmaͤdchen. „Ja, hoͤrt nur weiter, ihr lieben Kinder. Die Göten ſtehen zwar fertig und wohlgetathen dort in der Ofenroͤhre; allein ich getraue mir nicht, ſie Euch eſſen zu laſſen. Schlegels Geſchichte hat mir ſo bange 48 gemacht. Mein Gevatter, der Kammerjaͤger Siegel in Dresden, hatte mich gebeten, ihm zu ſeinen Rat⸗ tenpulvern einige Loth Arſenik aus der nahen Gift⸗ huͤtte zu beſorgen. Dies habe ich gethan und das Giftmehl, wie ich glaubte, gut aufgehoben. Jetzt faͤllt mir durch Schlegel's Erzaͤhlung bei, daß ich vorhin Mehl aus einem kleinen Papierſaͤckchen unter das uͤbrige geſchuͤttet habe, und da ich jetzt das Gift ſuche, kann ich es nirgends auffinden. Ich fuͤrchte wirklich, daß ich in der Eile die Goͤtzen vergiftet und Euch ſomit die ganze Freude verdorben habe. Mein tauſendes Gluͤck iſt nur, daß noch Niemand davon gegeſſen hat, denn aus den weggeworfenen Eiern, dem Mehle, der Milch und Butter mache ich mir eben nicht viel. Wenn ich nur gleich andere haͤtte, um den Schaden zu erſetzen!“ Frau Ruppert ging hierauf, das Backwerk wegzu⸗ thun, damit es Niemandem ſchaden koͤnne. Indem ſie die Pfanne aus der Roͤhre zog und die Zahl der Goͤ⸗ tzen uͤberflog, gewahrte ſie, daß drei Stuͤck daran fehl⸗ ten.„Um Gotteswillen!“ rief ſie erſchrocken—„wer hat von den Goͤtzen gegeſſen? Schnell, ehe es mit der Huͤlfe zu ſpaͤt wird.“ Niemand in der ganzen Stube veiz ſich als den heimlichen Naͤſcher, obſchon Veit wie eine Leiche ſo weiß geworden war. Dieſe Veraͤnderung entging den Anweſenden nicht. 49 „Bekenne, Veit!“ drängte Frau Ruppert.„Jetzt biſt Du vielleicht noch zu retten.“ Trotzig, wie immer, doch bebenden Mundes, ver⸗ ſetzte dieſer:„Ich habe keine Goͤtzen genommen.“ „Sollte ich mich wirklich in der Zahl geirrt ha⸗ ben?“ ſprach Frau Ruppert.„Zwei Stück hatte ich auf Jedes gerechnet.“ Sie uͤberzaͤhlte nochmals das Backwerk, deſſen ſchoͤnes Ausſehen und herrlichen Ge⸗ ruch die Kloͤppelmädchen bedauernd ruͤhmten. Daru⸗ ber vergingen mehrere Minuten. Da platzte Veit laut weinend los:„Mein Bauch thut recht weh!“ „Ungluͤckskind!“ ſchrie Frau Ruppert unter all⸗ gemeiner Aufregung— hab' ich nicht Recht gehabt?“ „Nur ein Paar hab' ich gegeſſen“— heulte Veit, ſich kruͤmmend den Leib haltend. Seine Mutter fiel vor Schreck faſt aus dem Bette. Herr Ruppert kam mit der Baumoͤlflaſche herbeigerannt. Er und der Schuhflicker zwangen dem ſich furchterlich Sträuben⸗ den zwei ganze Eßloffel voll davon ein. Frau Rup⸗ pert bereitete lauliches Butterwaſſer zum Nachtrinken; S55 kitzelte Veits Schlund mit einem Gaͤnſefederbarte, eiß Anderes ſteckte ihm den Finger in den Schlund— Mles, um ihn zum Erbrechen zu bringen. Veit ſchnitt Kräßliche Geſichter. Er zankte, weinte. ſchrie, ſtrubte ſch wie ein Verzweifelnder— nichts half— er mußte ae Proceduren mit ſich vornehmen laſſen. gan⸗ Nieritz, viertes Gebot. 6 50 zer Magen wurde voll Baumoͤl, Butterwaſſer und lauer Milch geſchwemmt. Er bekam einen Leib wie eine Trommel, ſo dick. Man puffte ihn in den hohlen Ruͤcken, preßte ſeinen Magen, jagte ihn in der Stube umher—„Ha!“ rief auf einmal Frau Ruppert, nach einem neuen Brechmittel umherſuchend—„Gefunden!“ jauchzte ſie „Gott ſei ewig gelobt!“ Alle ſtaunten ſie an. Ihre Rechte hielt triumphi⸗ rend ein gefulltes Papierſaͤckchen in die Hoͤhe, auf welchem die Aufſchrift ſtand:„3 Loth Giftmehl.“ „Die Goͤtzen ſind nicht vergiftet!“ toͤnte es nun frohlockend durch die ganze Stube. Frau Ruppert fuhlte ſich wie neugeboren. So viel Taſſen, als ſie auftreiben konnte, holte ſie herbei, und begann nun den vielgeliebten Kaffeetrank einzugießen. Die Klop⸗ pelmaͤdchen legten ihre Kloͤppelkiſſen bei Seite und lie⸗ ßen ſich die Götzen und den Kaffee vortrefflich ſchme⸗ cken. Es war nicht anders, als habe der heilige Chriſt beſcheert, und Veit, anſtatt Aepfel und Nuͤſſe, vom Knecht Rupprecht die Ruthe bekommen. Denn er war der einzige Betruͤbte unter den Gluͤcklichen, und zrn mit Recht. Was erſt das zu heiß verſchlungene Bast⸗ werk und die Todesangſt bewirkt hatten„vollendeten nun das Baumoͤl, Butterwaſſer und die Milch unte einander. Immer uͤbler wurde ihm und er brach 51 eine ſchreckliche Nacht zu. um ſo verhaßter war ihm die allgemeine Froͤhlichkeit umher. Ja, er hielt in ſei⸗ nem Grimme die ganze Giftgeſchichte für eine abge⸗ kartete Sache, erſonnen, um ihm wehe zu thun, und gelobte, ſich dafuͤr beſonders an Paulinen zu rächen. Kilian hatte bereits die eilfte Stunde draußen abgeſungen, als endlich die Klöppelmädchen dankend Abſchied nahmen und fröhlich heimwanderten. Fünftes Rapitel. S Erfahrungen. WPeter, der Rußbutteljunge, hatte mit ſeinem Schiebebocke das Zſchopenthal erreicht. Ein Haufe großer und kleiner Gebaͤude, ſämmtlich ſchön himmel⸗ blau getüncht, lag vor ihm. Es war dies das Blau⸗ farbenwerk. Aus dem einen Schornſteine wirbelte eine dicke, ſchwarze Rauchſäule empor. Dahin lenkte er ſeine Schritte und gelangte zuerſt in einen großen Hof, wo mehrere Haufen Steine aufgethurmt waren, welche ſeine ganze Neugierde in Anſpruch nahmen. 52 Einige davon ſchienen gewoͤhnliche Feldſteine zu ſein, ſahen weiß glaͤnzend aus und waren ſehr hartz andere von grauweißer Farbe ſchimmerten wie Silber ſo ſchoͤn; noch andere waren dunkelblau und ähnelten großen Stuͤcken Steinkohle. Indem er aufmerkſam dieſe ihm noch fremden Dinge betrachtete, rief ihn eine Stimme an:„Junge! was machſt Du da?“ Peter ſchaute auf und ſah einen Arbeiter mit ei⸗ ner ganz blau gefärbten Naſe auf ſich zukommen. Seine Muͤtze ziehend, ſprach er:„Ich will zu dem Herrn Faktor, an den ich einen Zettel abzugeben habe.“ „Er wird druͤben im Pochhauſe ſein“— verſetzte der Mann, wobei er mit der Hand auf ein niedriges Gebaͤude zeigte, aus welchem ein fuͤrchterlicher Lärm ertoͤnte. Hier eingetreten, erblickte Peter eine Menge Burſchen ſeines Alters, welche mit großen Haͤmmern die weißen Steine ſowohl, als die grauen, ſilberglaͤn⸗ zenden zu Pulver pochten. Man verſtand vor Lärm ſein eignes Wort nicht, daher Peter ſchon mehrere Male und immer lauter gefragt hatte:„Iſt der Herr Faktor hier?“ ohne daß er eine Antwort bekommen hatte. Die Knaben waren ſo emſig auf ihre Arbeit, daß ſie den Eintritt Peters gar nicht bemerkt hatten. Endlich ſah Einer zufaͤllig auf und Peters Mund geoͤff⸗ net. Schnell legte er ſeinen Hammer nieder, und dicht an Petern herantretend fragte er:„Was ſoll ſein?“ —,——— 53 Als jener ſeine Frage wiederholte, antwortete der Pochjunge kurz:„Eben iſt der Faktor zu dem Schmelz⸗ ofen hinuͤber gegangen.“ Die Feuersgluth, welche Petern aus einer offen ſtehenden Thuͤr entgegenſchimmerte, war ſein Fuͤhrer nach dem Schmelzofen. Hier trugen Maͤnner in klei⸗ nen Waſchfäſſern die gepulverten Steine herbei und ſchuͤtteten ſie in den großen Ofen von Backſteinen, unter welchem ein Feuer brannte, daß man nicht blos einen, ſondern mehrere ganze Ochſen haͤtte daran bra⸗ ten koͤnnen. Hier traf auch Peter den Herrn Faktor, welcher ihm den Zettel des Loͤwenwirthes abnahm und nach dem Leſen deſſelben ihm gebot, mit ihm zu gehen. Sie kamen nun durch Stuben, in welchen die blauen Steine zu Pulver gepocht und auf Reibeſteinen mit Waſſer fein abgerieben wurden. Auf dieſen blauen Brei wurde, nachdem er in ein flaches Gefaͤß gethan worden war, abermals Waſſer zugegoſſen, dieſes eine Minute lang darauf ſtehen gelaſſen und dann wieder, blau gefaͤrbt, davon weggenommen. Auch ſah Peter viele hundert kleiner und großer Faͤſſer auf einander gebaut, welche ſaͤmmtlich mit blauer Farbe gefuͤllt wa⸗ ren. Auch trugen die meiſten Geſichter der Arbeiter deutliche Spuren davon; denn womit man umgeht, haͤngt Einem an. Sah doch Peter noch weit aͤr⸗ 54 ger geſchwaͤrzt aus, und verrieth ſchon dadurch ſein Gewerbe als Rußbutten⸗Händler. Jetzt gelangte die⸗ ſer in ein Gemach, wo Smalte von verſchiedener Schattirung und Beſchaffenheit zu ſchauen war. „Nun, Burſche!“ hob der Faktor an—„willſt Du das Loth Smalte zu 2 Pfennige oder zu einem halben Thaler?“ Als ihn Peter verdutzt und ſtumm anſchaute, fuhr er fort:„Na, ich ſehe ſchon, daß ich fuͤr Dich einkau⸗ fen muß. Hier haſt Du ein Fäßchen mit Farbe, wo⸗ von das Pfund 4 Groſchen koſtet. Wenn Du das Loth fuͤr 3 Pfennige wieder verkaufſt— wie viel pro⸗ fitirſt Du dann am Pfunde?“ „Vier Groſchen“— rechnete Peter richtig aus.* „Ganz recht!“ nickte der Faktor.„Der Handel iſt gewiß nicht ſchlecht, an welchem man die Hälfte Ge⸗ winn hat. Aber wie ſteht's? Fuͤhrſt Du eine Wage und Gewicht bei Dir?“ „O nein!“ verſetzte Peter kleinlaut. „Wie willſt Du denn die Smalte verkaufen koͤn⸗ nen ohne Wage?— Handvoll, oder wohl gar Ruß⸗ buttelweiſe? He?“ In großer Verlegenheit ſah Peter zur Erde. „Ich begreife“— ſprach der Faktor—„ich muß mich abermals in's Mittel ſchlagen.“ Er holte ein kleines blechernes Maͤßchen herbei, in welches er zwei 3 55 Loth Smalte abwog.„Sieh doch“— ſprach er zu Petern—„ob ich es nicht gerade getroffen habe? Ein ſolches Maͤßchen voll koſtet 6 Pfennige und halb voll 3. Nun brauchſt Du nicht erſt Wage und Ge⸗ wicht. Da, ich ſchenke Dir das Maͤßchen, und ein Dutzend Rußbuttel kaufe ich Dir auch noch ab.“ Man kann ſich leicht denken, daß Peter dem guͤ⸗ tigen Faktor herzlich dankte. Auch faßte er ſich noch das Herz, zu fragen, woraus die wunderſchoͤne blaue Farbe gemacht wuͤrde. „Saheſt Du die grauen und weißen Steine im Hofe liegen?“ fragte ihn der Faktor. Als Peter dies bejahte, ſprach Jener:„Die erſteren ſind Kobaltſteine und geben das Blau her, welches Du hier erblickſt. Die zweiten ſind Quarzſteine, welche, nebſt Pottaſche, dem Kobalte beigemiſcht werden, um es im Feuer in Fluß zu bringen oder fluſſig zu machen, daß es zu Glas wird. Dieſes blaue Glas iſt nun eben die Smalte, welche durch Pochen, Reiben und Schlaͤmmen ſo rein gemacht wird.“ „Aber“— ſagte Peter kopfſchuttelnd—„ich kann mir gar nicht vorſtellen, wie aus den ſilberblinkenden Steinen blauke Farbe werden kann. Ich haͤtte ſie eher fur Silbererz gehalten.“ „Alſo dachte man auch wirklich vor mehrern hun⸗ dert Jahren,“ verſetzte der Faktor—„wenn man das 56 Kobalterz in dem Schacht entdeckte. Brachte man es aber in den Schmelzofen, ſo wurde es, ſtatt zu Sil⸗ ber, nur zu tauben Schlacken und Aſche. Daher glaubte man, der boͤſe Berggeiſt Kobold habe das Erz verzaubert und benannte es nach ihm Kobalt oder Silberraͤuber. Auch ſchuͤttete man es als nichtsnutzi⸗ ges Zeug auf die Halden, bis endlich im 16ten Jahr⸗ hunderte ein gewiſſer Peter Weidenhammer die blaue Farbe in ihm entdeckte und dieſe Erfindung durch ei⸗ nen boͤhmiſchen Glasmacher, Schuͤrer, vervollkommt wurde. Wer ſaͤhe es dem rothen Eiſen⸗ und Zinnerze an, daß es ein weißblinkendes Metall in ſich enthaͤlt? Wer ſuchte in dem ſchoͤngruͤnen Kupfererze eine rothe, und in dem grauſchmuzigen Silbererze eine blitzend ſchoͤne Maſſe, wie es doch wirklich iſt? Sie gemahnen uns an die Nachtigall, Grasmuͤcke und Lerche, welche, obſchon mit einem ſchlichten, grauen Federkleide ange⸗ than, doch die ſchoͤnſten Stimmen beſitzen. Und der goldig und ſilbern⸗blitzende, nutzloſe Glimmer ähnelt⸗ ganz dem bunten, aber einfaltigen Gimpel oder Stieg⸗ litze. Denn nicht immer macht das Kleid den Mann.“ Peter rollte ſein Fäßchen Smalte hinaus bis zu ſeinem Schiebebocke, von welchem er die begehrten Rußbuͤttchen entnahm und dem Faktor uͤberbrachte, der ihn freundlich hierauf verabſchiedete. Nun ging die Reiſe nach dem Dorfe Beierfeld, die andere Halbſchied 3 . 57 der Waare auf Credit in Empfang zu nehmen. Un⸗ terwegs kehrte er in einer Schwefel⸗Schmelzhuͤtte ein, um einige Gebuͤndel Schwefelfaden zu erhandeln. Ein erſtickender Geruch zog ihm beim Eintritte entgegen. Wie in den Gifthuͤtten trugen die Arbeiter Mund und Naſe mit großen Tuͤchern verbunden; demohngeachtet hatten ſie eine ſchwefelbleiche Geſichtsfarbe. Gern haͤtte ſich der wißbegierige Peter laͤnger die Schwefel⸗ kieſe betrachtet, welche, durch Feuer geſchmolzen, in Stuͤcken und Stangen den gelben Schwefel darſtellten. Auch ſah er die Pfannen, in welchen der Schwefel wie fluͤſiges Waſſer kochte und durch welchen duͤnne Baumwollenfaͤden gezogen wurden, um ſolche in Schwefelfäden umzuwandeln. Allein ſeine Lunge konnte den Geruch nicht lange aushalten. Nieſend und huſtend verließ er mit der erkauften Waare die Huͤtte. Es war ihm ganz recht, daß er in dem nach⸗ ſten Dorfe an einem Hauſe die Aufſchrift haͤngen ſah: „Feuerſchwamm⸗Verkauf.“ Mann, Frau und Kinder fand er mit Zubereitung des Schwammes beſchaͤftigt. Peter ſah einen ganzen Haufen Schwaäͤmme liegen, wie man ſie gewöhnlich auf den Stämmen alter Roth⸗ buchen, Linden, Birken, Eichen, Ulmen und Nußbäume findet. Drei Kinder ſchnitten mit ſcharfen Meſſern die holzige äußere Umkleidung davon ab, worauf ſie der Vater in ein Poͤkelfaß legte, mit Pottaſchenlauge, 58 worin etwas Salpeter aufgeloͤſt war, uͤbergoß und den darauf gepaßten Deckel mit Steinen beſchwerte. Die Frau hingegen klopfte dergleichen eingelaugte und wie⸗ der abgetropfte Schwämme mit einer hoͤlzernen Keule in duͤnne, breite Felle aus, welche zwei andere Kinder durch fortgeſetztes Reiben geſchmeidig machten. Da man in dem Rußbutteljungen keinen Nebenbuhler fuͤrchten zu muͤſſen glaubte, ſo erfuhr dieſer auf ſeine Frage, daß die Schwaͤmme im Winter 3, im Som⸗ mer nur 2 Wochen lang in dem Laugenfaſſe liegen muͤßten. NWit einem großen Buͤndel Feuerſchwammes verſe⸗ hen, fuhr er, froͤhlich uͤber die gemachte Erfahrung, wie⸗ der fort. Allmählig verloren ſich die zerſtreut gelegenen Häuſer; der Weg ward immer unebner und einſamerz endlich fuͤhrte derſelbe in einen düſtern Wald hinein, wo die tiefſte Grabesruhe herrſchte. Die gruͤnen Nadelbäume beugten ſich unter einer Laſt von Schnee, bis endlich hier knackend ein Aſt brach, dort ein anderer ziſchend ſeine Buͤrde heruntergleiten ließ. Die winterliche Sonne war hinter dem Walde untergegangen; truͤber ward der Himmel und greller leuchtete der weiße Schnee. Petern wurde endlich doch etwas bang um's Herz. Sicher hatte er einen falſchen Weg eingeſchla⸗ gen. Sehnſuͤchtig blickte er nach einem Wegweiſer, nnch einem Menſchen umher, welcher ihn belehren ſollte 9— — er ſah nichts als die dunkeln Staͤmme zu beiden Seiten des holprigen Weges. Schon fuͤrchtete er, die Nacht im Walde zuzubringen und dann erfrieren zu muͤſſen, als ihn der Anblick eines einzelnen Wandrers, welcher auf ihn zukam, mit großer Freude erfuͤllte. Faſt odemlos ſetzte er ſeinen Schiebebock nieder, denn in der Angſt pflegt man gewoͤhnlich tapfer auszuſchrei⸗ ten, und wartete, ſich die Schweißtropfen abwiſchend, bis der Mann an ihn heran war. „Guten Abend!“ rief er dieſem ſchon von weitem zu.—„Geht hier der Weg nach Beierfeld?“—„Fehl⸗ geſchoſſen!“ war die barſche Antwort—„viel zu weit links biſt Du gerathen. Es hilft nichts, Du mußt ſchon wieder mit mir umkehren und nach Gruͤngraͤb⸗ chen zuruͤck, wo Du dann nicht mehr fehl gehen kannſt. Ach ſieh! Rußbuttel haſt Du geladen und ein Fäßchen obendrein? Wart' ich will Dir noch eins dazu geben; es drückt mir ohnehin die Achſel bald wund und dar⸗ um kommſt Du mir juſt wie gerufen.“ Der Mann nahm bei dieſen Worten ein feſt ver⸗ ſpündetes, ziemlich gewichtiges Fäßchen von der Achſel und ſetzte es auf die Erde neben Peters Schiebebocke nieder. Peter wollte fuͤr daſſelbe Platz machen und ruͤckte daher ſeine Smalte bei Seite. Der Mann aber ſprach:„Laß mich nur ſchaffen. Wer biſt Du und wie heißeſt Du?“ 60 „Ich bin des Kohlenbrenners Hille aus Rupperts⸗ gruͤn ſein Peter“— verſetzte derſelbe.„Ei ſieh doch!“ entgegnete der Mann freundlich—„dann ſind wir gute Bekannte.“ Er nahm die Rußbuttel vom Schie⸗ bebocke, legte ſein Faͤßchen an deren Stelle und packte jene um daſſelbe herum, ſo daß es ganz damit ver⸗ deckt wurde. „Warum macht Ihr das?“ fragte Peter aͤngſtlich. „Es iſt doch keine Paſchwaare? weil Ihr das Ding ſo verſtecket?“ „Darum kuͤmmere Dich gar nicht“— ſprach der Mann—„und wenn Dir ein Grenzjäger begegnet, ſo muckſeſt Du nicht uͤber das Fäßchen, das will ich Dir gerathen haben.“ „Da fahre ich Euer Faͤßchen gar nicht“— ſprach Peter entſchloſſen—„denn luͤgen koͤnnt' ich nimmer, wenn mich der Grenzjaͤger anhielte und ausfragte.“ „Was? Du alberner Burſche? Iſt Dein Vater nicht der allerkeckſten Paſcher einer, und ſein Junge wollte ſo vernagelt dumm ſein? Nimm Dich in Acht, aß Du nicht Eins ausgewiſcht bekommſt.“ Heftig erſchrack Peter uͤber dieſe Rede.„Was ſagt Ihr da?“ ſtotterte er—„mein Vater ein Paſcher? Ihr lügt wie ein Rohrſperling.“ „O Du dummer Junge!“ lachte der Mann. „Glaubſt Du wirklich, daß Dein Vater die vielen 8 61 Naͤchte, wo er nicht daheim iſt, am Meiler zubringe? Wenn Du ihn heute noch, bepackt wie ein Eſel, uͤber die Grenze ſchleichen ſehen willſt, brauchſt Du nur mit mir zu gehen.“ Peter ſchuͤttelte unglaͤubig das Fe wagte aber nicht zu widerſprechen. Wie im Traume erfaßte er ſeinen Schiebebock und drehte ihn um auf den Ruͤck⸗ weg; mechaniſch ſchob er ihn dann vor ſich hin. Ploͤtzlich war der Mann von ſeiner Seite verſchwun⸗ den. Schon oͤffnete er den Mund, ihn zu errufen, als er noch zu rechter Zeit die Urſache des Verſchwin⸗ dens erſah. Es war ein Grenzjäger, der, die Buͤchſe im Arme, ſich ihm naͤherte. Dieſer Anblick wirkte gleich einem electriſchen Schlage auf den Knaben, dem jetzt das Herz wie ein Schmiedehammer zu pochen an⸗ fing. Er fuͤhlte, wie ihm alles Blut in's Antlitz ſchoß, und nur muͤhſam vermocht' er die Enden des Schiebebocks feſtzuhalten. Seine Angſt wurde zum Schreck, als der Grenzjaͤger vor ihm ſtehen blieb und die Frage an ihn richtete:„Woher kommſt Du?“ „Ich wollte nach Beierfeld“— ſprach Peter kleinlaut—„habe mich aber im Wege geirrt und muß deshalb, wie mir ein Mann vorhin ſagte, nach Gruͤngraͤbchen zuruͤck.“ „So! was haſt Du auf Deinem Schiebebocke? Was enthaͤlt dieſes Faͤßchen?“ 1 62 „Smalte, Herr Grenziäger, die ich im Zſchopen⸗ thaler Blaufarbenwerke auf Borg bekommen habe. Es ſteht auch darauf geſchrieben, wie Ihr ſehen koͤnnt. 4 Wollt Ihr, daß ich den Deckel abnehmen ſoll?“. Der Grenziäger pochte prufend mit dem Knoͤchel ſeines Mittelfingers an das Fäßchen, dann ſprach er: „Ich ſollte Dich kennen, Burſche! Biſt Du der Sohn der kranken Frau Hille?“ Verwundert, daß ihn ſchon wieder Jemand ken⸗ nen wollte, ſah er dem Manne genauer in's Geſicht. „Ach, Ihr ſeid es, Herr Ruppert!“ ſprach er freudig. „Was macht meine Mutter? Sagt ihr doch, wenn Ihr heim kommt, einen ſchoͤnen Gruß von mir, auch noch, daß ich jetzt erſchrecklich viel Geld zu verdienen. hoffte und ſie bald einmal beſuchen würde.“. „Das wird die gute Frau erfreuen“— verſetzte der Grenziäger.„Nun, ich werde Alles ausrichten⸗ Adieu, lieber Peter!“ Ein großer Stein, ſchwerer als ſein Smaltefaͤß⸗ chen, fiel Petern vom Herzen, als er den wackern Rup⸗ pert gehen ſah.„Ach!“ ſprach er zu ſich ſebſt—„wie hat mir wegen fremder Suͤnde ſchon mein Geniſen geſchlagen! Viel aͤrger aber noch muß es hämmern, wenn man ſelbſt auf ſund'gem Wege geht. In— nem Leben mag ich ſo etwas nicht wieder unterneh⸗ men, und ſollt' es auch deshalb einige Kopfnuͤſſe oden 3 63 Ohrfeigen ſetzen. Ich waͤre richtig um meine ganze Waare gekommen, hätte man das verſteckte Fäßchen ausgeſtoͤbert; denn ſicher hätte mir Niemand die Wahr⸗ heit glauben wollen, und der abſcheuliche Kerl von Paſcher hätte mich in der Patſche ſitzen laſſen.“ Eben kam dieſer wieder aus dem Gebuͤſche vor. „Nun“— hob er lachend an—„ging's nicht gleich uͤber den Kopf her? Siehſt Du nun ein, daß die Lumperei nicht der Worte werth war, die Du vorhin unnuͤtz verlorſt?“ Peter gab keine Antwort hierauf, ſetzte ſtumm ſeinen Weg fort und dankte Gott, als der Paſcher ſein Fäßchen unter den Rußbuͤttchen vornahm und damit abtrollte. Sechstes Rapitel. Wirthshaus⸗ Geſpräch und Kampf mit den Paſchern. A Peter nach Gruͤngräbchen kam und nach dem nachſten Wege auf Beierfeld fragte, hoͤrte er zu ſeinem Verdruſſe, daß er gaͤnzlich von der Richtung abgekommen und bereits weit uͤber Beierfeld hinaus ſei. Auf ſeine Klagen antwortete der Mann, welcher ihn berichtet hatte:„Nun, ich dächte, daß Leute Dei⸗ nes Schlages nichts umgaͤngen. Ob Du Deine Waare in Zſchorlau oder Johanngeorgenſtadt oder ſonſt ir⸗ gendwo verkauſſt, kann Dir ja ganz einerlei ſein. Ueberall, wo es Menſchen und Geld im Beutel giebt, bluht Dein Gluͤck. Deshalb brauchſt Du Dir um ei⸗ nige Stunden Umweg nicht den Kopf abzureißen.“ Peter konnte nicht umhin, dem Manne Recht zu geben. Obſchon er weder von der Smalte, dem Schwefel und Feuerſchwamme bis jetzt etwas verkauft hatte, war er doch ſeine Rußbuͤttchen ziemlich alle los⸗ geworden. Und ob er heute, morgen, oder erſt in ei⸗ nigen Tagen nach Beierfeld kam, konnte ihm am Ende gleich ſein. Daher ſchob er froͤhlichen Muthes ſein einrädriges Fuhrwerk weiter, ſich um den Weg nicht viel mehr bekuͤmmernd. Die Glocke eines entfernt lie⸗ genden Hammerwerkes ſchlug gerade neun Uhr, als Peter in einem tiefen Thale vor einem anſehnlichen Hauſe Halt machte, welches er an ſeinem Schilde als einen Gaſthof erkannt hatte. Wie uͤberall, ſo auch hier, bot er erſt ſeine Waare an und bat dann um die Erlaubniß, im Stalle ſchlafen zu duͤrfen. Bis jetzt hatte ſeine Bitte ſtets eine guͤnſtige Aufnahme gefunden, hier nicht minder.„Du magſt Dich noch erſt auswaär⸗ men“— ſprach der Wirth— bevor Du auf's Heu gehſt.“ „Solche Gäſte konnt Ihr brauchen, Herr Virth!“ ſagte ein Gaſt lachend.„Am Ende thaͤt' es Noth, Ihr fuͤlltet dem Jungen noch obendrein Magen und Beutel.“ „Meiner Treu!“ verſetzte der Wirth—„Ihr habt Recht. Aber ſolche Gäſte, wie der Burſche da, ſind mir immer noch lieber, als ganz vornehme, welche zwar einen vollen Beutel haben, aber nicht bezahlen wollen. Jene bitten— dieſe befehlen, und zuletzt habe ich von dem Einen ſo viel, wie von dem Andern. Da kommt dieſen Sommer der Herzog von Pamphi⸗ lien mit einem Poſtzuge von Sachſen vor mein Haus gefahren; denn da hier die Hauptſtraße nach Carlsbad durchgeht, ſo iſt ſolcher Beſuch nichts Seltenes. Ich laſſe Alles ſtehen und liegen, ſpringe mit gleichen Fuͤ⸗ ßen und abgezogenem Käͤppchen an den Wagenſchlag —„Was ſteht zu Befehl, Ew. Durchlaucht?“ frage ich unterthaͤnig.„Ein Glas Waſſer!“ war die kurze Antwort. Dafür konnte ich doch nichts auf die Rech⸗ nung ſetzen! Ich ſchicke alſo meine Magd mit dem beſten Kaffeebrete und meinem ſchoͤnſten Glaſe hinaus, vermeinend, dem Maͤdel wenigſtens zu einem Trink⸗ gelde zu verhelfen. Ja, fehlgeſchoſſen! Sie ſoll heute noch etwas dafür bekommen. Bald darauf verlangt der Prinz von Galatien bei mir Vorſpann, denn es geht den Berg gewaltig hoch hinaus. Es geſchieht. Oben angelangt, ſpannt mein Knecht aus und naͤhert ſich, den Hut in der Hand, dem Prinzen, ſeine Be⸗ Rieritz, viertes Gebot. 5 66 zahlung zu empfangen.„Im zweiten Wagen!“ ruft dieſer ihm zu. In demſelben ſitzt der Kammerherr, welcher fragt:„Kerl, wie viel bekommſt Du?“„Ew. Gnaden“— verſetzte der ſchlaue Burſche—„von je⸗ dem Frachtfuhrmanne bekomme ich meine 14 Groſchen.“ Da legt ihm der Kammerherr ein preußiſches Achtgro⸗ ſchenſtuͤck auf den Wagenrand und ſchimpft dabei ge⸗ waltig uͤber die Geldprellerei; und ich mußte meinem Knechte das Trinkgeld aus meinem eignen Beutel be⸗ zahlen. Was ſagt Ihr dazu, he?“ „Das iſt ein ſtarkes Stuͤck“— verſetzte der Gaſt — obſchon ich glaube, daß, wer nur ſolche große Herren anſieht, auch Geld von ihnen haben moͤchte. Da kehrt, zum Beiſpiel, unſer Konig einmal in Lips⸗ ſtadt ein und bleibt etwa zwei Tage dort in einem großen Gaſthofe. Dafür macht der Wirth eine Rech⸗ nung— ich glaube— von mehr als 500 Thalern.“ „Fuͤnfhundert Thaler!“ ſeußzte Peter vor ſich hin. —„Ach lieber Gott! dafur könnte meine arme Mut⸗ ter wohl 50 Mal nach Teplitz in's Bad reiſen.“ „Als der Koͤnig“— fuhr der Etzähler fort— „dieſe Forderung großmuͤthig bezahlt hat und den Fuß in den Wagen ſetzen will, kommt haſtig ein Kellner gelaufen und verlangt noch 5 oder 6 Ducaten fuͤr einige Portionen Thee, welche auf die Rechnung zu bringen vergeſſen worden waren. Auch dieſe wurden 67 bezahlt, aber der Koͤnig iſt nicht wieder in dem Gaſthofe eingekehrt.“ „Das iſt nicht mehr als recht“— ſprach der Wirth. Peter aber wiederholte immer und immer: „Fuͤnfhundert Thaler fuͤr zwei Tage!“ Endlich wagte er die ſchuͤchterne Frage:„Wie viel verdient wohl un⸗ ſer Herr Koͤnig täglich?“ „Mehr als 1300 Thaler“— ſprach der Gaſt. Peter verſteinte. Das war ja, die Nacht dazu gerechnet, mehr als 50 Thaler in der Stunde! Und er mußte von der Haͤlfte derſelben ein ganzes Jahr le⸗ ben!„Mehr als 1300 Thaler täglich!“ wiederholte er auf's Neue und mit dem groͤßten Erſtaunen. „Duͤnkt Dir das zu viel, Junge?“ ſprach der Wirth.„Ich ſage Dir, der Koͤnig reicht damit nicht aus, ſo Viele wollen alle von ihm haben. Er ſelbſt genießt das Wenigſte davon. Ja, wenn er das Ganze fuͤr ſich behalten duͤrfte!“ „Aber 1300 Thaler!“ ſagte Peter wieder. „Dafuͤr kann der Koͤnig“— fiel der Wirth halb ärgerlich ein—„nicht einmal eine halbe Pfennig⸗ ſemmel ſeinen Unterthanen in den Kaffee brocken laſ⸗ ſen. Rechne dies nur ſelbſt aus. Anderthalb Millio⸗ nen Unterthanen hat der Koͤnig. Da kommt auf tau⸗ ſend Menſchen noch nicht ein Thaler von ſeiner Ein⸗ 68 nahme, und alſo auf einen Einzelnen noch kein Dritt⸗ theil⸗Pfennig.“ Peter mußte dem Wirthe beipflichten, welcher fort⸗ fuhr:„Der Schatz des Koͤnigs im gruͤnen Gewoͤlbe iſt doch gewiß ſehr anſehnlich. Gleichwohl wuͤrde er nicht hinreichen, um die Einwohner des Königreichs nur ein Vierteljahr zu erhalten.“. Peter verſank in tiefes Nachſinnen. Welch' eine ungeheure Summe war erforderlich, um nur die Ein⸗ wohner Sachſens ein Jahr lang zu erhalten, geſchweige diejenigen in Preußen, Oeſtreich, Frankreich— in ganz Europa— in den uͤbrigen Erdtheilen. Der Kopf ſchwindelte ihm unter der Berechnung. Und das Alles ſchafft Gott der Herr Jahr aus Jahr ein, ſeit Jahr⸗ tauſenden ſchon! Peter bekam jetzt eine ganz andere Meinung von der Macht eines Koͤnigs und derjenigen des allmaͤchtigen Gottes. Ihm ſiel bei, wie einſt ſein Schulmeiſter geſagt hatte, daß nur ein niedriger Schmeichler den Titel:„Allergroßmaͤchtigſter Herr“— fuͤr den Menſchen erfunden haben könne. Sinnend verfügte ſich Peter in den Stall und träumte in der Nacht von einem hohen Berge von Pfennigſemmeln, von welchen jeder Sachſe gleichwohl nur eine einzige erhalten konnte. 4 Fruͤh nach zwei Uhr ward ſchon Lärm imn Stalle. Die Fuhrleute ſpannten ein und fuhren ab. Peter 69 hatte auch ausgeſchlafen und fuͤhlte ſich wie neugebo⸗ ren. Dazu leuchtete der Vollmond ſo freundlich und hell durch die offene Stallthuͤre herein, daß Peter nicht laͤnger auf ſeinen Heubuͤndeln bleiben konnte. Bald war er mit ſeinem Schiebebocke auf der Straße, welche meiſtentheils durch dichten Wald ſich hinzog. Nach einer Weile hörte er ein durchdringendes Pfeifen im Gebuͤſche, dem ein lautes Rufen folgte. Bald toͤnte der Wald von furchtbarem Geſchrei wieder, in welches jetzt Flintenſchuͤſſe drein knallten. „Das ſind die Grenzjaͤger und die Paſcher“— ſprach der lauſchende Peter zu ſich.„Wie, wenn dein Vater wirklich dabei waͤre? Ach, wie würde die arme Mutter erſchrecken, wenn ſie ihn zerſchoſſen heimbraͤch⸗ ten!“ Er horchte mit verdoppelter Aufmerkſamkeit. Der Lärm kam naͤher und naͤher. Peter ſah ſchon die Blitze der Schuͤſſe und ſah ſich nach einem ſichern Verſteck um, im Fall, daß das Gefecht die Straße er⸗ reichen ſollte. Kaum hatte er ſich mit ſeinem Schie⸗ bebocke hinter eine ſteinerne Stundenſaͤule gefluchtet, als er mehrere Männer uͤber den Straßengraben ſprin⸗ gen ſah, welche den nachruͤckenden Grenzjagern unter ſchrecklichen Fluͤchen den Uebergang ſtreitig zu machen ſuchten. Zwei von ihnen waren mit Feuergewehren und einige mit alten Franzoſenſaͤbeln verſehen, die uͤbri⸗ gen hielten ſtarke Prägel in der Fauſt, mit welchen 70 ſie auf die Grenzjäger losſchlugen. Allein dieſe ſchie⸗ nen doch die Oberhand zu behalten. Schuͤſſe auf Schuͤſſe folgten, und der Haufe der Paſcher ward im⸗ mer kleiner. Ploͤtzlich fluͤchteten zwei der letzteren dicht an dem verſteckten Peter vorber.„Ich habe genug, Haͤkel!“ ſprach der Eine—„das will ich dem Rup⸗ pert ſchon gedenken.“ Sie verſchwanden zwiſchen den Bäumen, und Peter ſtand erſtarrt. Ja, es war kein Zweifel— der Sprecher war ſein Vater geweſen! an der Stimme hatte er ihn augenblicklich erkannt. Es ſt ſchrecklich, wenn Aeltern in ihrem Kinde einen Ver⸗ brecher entdecken; nicht minder ſchrecklich iſt es aber auch, wenn ein Kind, welches nach dem Geſetze Got⸗ tes und der Natur ſeinen Vater ehren und lieben ſoll, in demſelben einen verabſcheuungswuͤrdigen Boͤſewicht erkennt. Alſo erging's dem armen Peter, welcher hin⸗ ter ſeiner Säule bitterlich weinte und in voller Angſt betete, was er wußte. Längſt ſchon war es um ihn wieder ſtill geworden, als er ſich ſo weit gefaßt hatte, daß er ſeinen Weg weiter fortſetzen konnte. Er that dies traumend. Gewiß, waͤre er in einer andern Ge⸗ müthsſtimmung geweſen, als er endlich nach Beierfeld kam, ſo wuͤrde er ſich nur gefreut haben uͤber den An⸗ blick der Blechloffel⸗Verfertigung. Peter hatte immer geglaubt, daß die Loffel aus einer großen Tafel Blech geſchnitten und dann vertieft und üͤberzinnt wuͤrden. 71 Allein er hatte ſich geirrt. Der Plattenſchmied nahm eine am untern Ende rothgluͤhende, duͤnne Eiſen⸗ ſtange aus dem Feuer, ſchmiedete ſie oben breit, un⸗ ten ſchmal und zuletzt wieder etwas breiter und duͤn⸗ ner, worauf er die Loͤffelplatte von der Eiſenſtange abtrennte und ſie in die Haͤnde des Loͤffelſchmieds gab. Dieſer gab der Platte erſt die gehoͤrige Loffelform, in⸗ dem er ſie beſchnitt und vertiefte. Nun wanderte der rohe, ſchwarze Loͤffel abermals in andere Haͤnde, welche bemuͤht waren, denſelben rein zu beizen und zu ſcheu⸗ ern; dann gelangte er in das Zinnhaus, wo er ver⸗ zinnt und polirt wurde. Peter glaubte, in einen Gold⸗ ſchmiedsladen zu kommen, als er 70 verſchiedene Sor⸗ ten von ſilberblinkenden Loͤffeln ausgelegt fand, welche rund, langlich, klein, groß, grob, fein, mit punktirten Figuren und Verſen zum Theil verziert waren. Er ſah und hoͤrte, daß ein Loͤffel, deſſen Kaufpreis nur drei Pfennige iſt, wenigſtens zwanzigmal durch die Haͤnde gehen muͤſſe, ehe er zum Verkaufe fertig werde. Er wunderte ſich aber auch, daß ein Plattenſchmied täglich 25 Dutzend, der Loffelſchmied eben ſo viel zu liefern, drei Arbeiter hingegen 300 Dutzend in einem Tage zu verzinnen im Stande wären. Nachdem er ſeine Waare gegen Abgabe des Zettels richtig erhalten hatte, trieb ihn ein unwiderſtehlicher Zug, ſeine Aeltern zu beſuchen. Den Hauptbewegungsgrund dazu hatte ein 72 anſcheinend geringfuͤgiger Vorfall hervorgerufen. Als er naͤmlich aus Beierfeld planlos fortgewandert war, hatte er ein kleines Mädchen an einer gefaͤhrlichen Stelle des Weges, welcher an einer ſteilen Tiefe hin⸗ lief, ſpielend gefunden und es unter freundlichem Zu⸗ reden in die alterliche Wohnung zuruͤckgefuͤhrt. Daruͤ⸗ ber kam ihm ploͤtzlich der Gedanke bei: auch dein Va⸗ ter wandelt auf einem gefaͤhrlichen Wege, der wohl gar in den ſchrecklichſten aller Abgruͤnde— die Hölle — fuͤhrt. Koͤnnteſt Du nicht auch ihm freundlich zu⸗ reden, daß er umkehre, weil es noch Zeit iſt? Zwar fuͤhlte er, daß es wohl nicht recht ſchicklich ſei, wenn er, ein Kind, ſeinen viel aͤltern Vater lehren wolle. Ueberdies hatte derſelbe Moſen und die Propheten, ja den lieben Heiland ſelbſt, welche Alle er hoͤren konnte. Aber dennoch hielt es Peter fuͤr ſeine heilige Pflicht, den Vater zu warnen und ihn auf das ſchreckliche Ende aufmerkſam zu machen, welches ſeiner ohnfehlbar war⸗ tete, aͤnderte er ſeinen zeitherigen Lebenswandel nicht. Daher ſchritt Peter tapfer darauf los, Ruppertsgruͤn baldigſt zu erreichen. Nit der innigſten Freude empfing die kranke Frau Hille ihren wohlgerathenen Sohn, welcher noch das feſteſte Band war, das ſie an dieſes irdiſche Jammer⸗ thal feſſelte. Nicht ſatt konnte ſie werden, den guten Jungen zu betrachten und ihn erzaͤhlen zu hoͤren. Der ——————— 18 guͤtige Loͤwenwirth empfing die beſten Segenswinſche der Kranken, welche uͤber der Freude, ihren Peter zu ſehen, faſt ihrer Schmerzen vergaß. Erſt, als derſelbe nach dem Vater fragte, fuhlte ſie ihr Elend wieder. „Er iſt auf Arbeit bei dem Meiler“— verſetzte ſie traurig. „Und Veit?“ „Er wird ſich wohl mit den Gaſſeniungen herum⸗ treiben, denn die Schule iſt längſt aus. Ach, er hat mich wieder unausſprechlich gekraͤnkt. Denke Dir nur: ſeinetwegen ſollen wir hier ausziehen; Niemand mag es mehr bei ihm aushalten, ſo gottlos iſt er. Und wir haben ſo gute Nachbarn an dem Schuhflicker und der Grenzjägersfamilie.“ Bei dem letzten Worte fuhr Peter zuſammen. „Mutter!“— ſprach er eilig—„ich muß— ich will den Vater beſuchen. Mein Schiebebock mit der Waare mag einſtweilen hier bleiben, bis ich wiederkomme. Auf Wiederſehen, liebe Mutter!“ Er rannte fort. Siebentes Rapitel. Der mißglückte Verſuch. At Peter ein Stuͤck von dem Hauſe weg war, kam ihm Schlegels Pauline in den Weg. Das Maͤd⸗ chen hatte dickverweinte Augen und trug unter dem linken Arme ein rundes Päcktchen. 74 „Wie geht Dir's, Pauline?“ ſprach Peter nach der erſten Begruͤßung.„Ich daͤchte gar, Du hätteſt geweint! Was iſt Dir denn?“ Dieſe Worte riefen einen neuen Thränenguß aus Paulinens Augen hervor. Denſelben mit der Schuͤrze abtrocknend, verſetzte ſie ſchluchzend:„Ich ſoll wohl nicht, wenn Dein Bruder Veit—“ Sie vermochte nicht weiter zu ſprechen. „Sage mir nur um Jeſu willen“— bat Peter —„was der Junge jetzt wieder gethan hat? Schon meine Mutter munkelte ſo etwas davon.“ „Sieh nur her, Peter!“ ſprach Pauline, indem ſie ihr Kloͤppelkiſſen unter dem Arme vorzog und von dem Ueberzuge befreite.„Da habe ich ſchon viele Monate an dieſer Spitze gekloͤppelt, und freute mich im Geiſte darauf, wenn ſie endlich fertig ſein und mir zwei ganze Thaler einbringen wuͤrde. Vergangenen Donnerſtag Abend war ich endlich damit zu Stande gekommen, und wie freute ich mich daruͤber, beſon⸗ ders, weil die Spitze ſo ſchoͤn weiß gerathen war! Als ich ſie den Freitag fruͤh nach Schneeberg zu Herrn Schreckenberger tragen will und, ſie zuvor noch einmal zu beſehen, den Ueberzug wegnehme— da— ſieh einmal her! iſt meine Spitze, ſo weit ſie um's Fiſſen geht, voll ſchmuziger Finger! Und das hat Dein gottloſer Bruder Veit mir zum Poſſen gethan, 75 weil ich neulich eine Geſchichte von einem Knaben er⸗ zählt habe, der ſeinem Schulmeiſter gar nicht gehorcht hatte. Nun bin ich in meiner Angſt zum Schrecken⸗ berger gelaufen. Der will ja aber die Spitze nicht, ſondern obendrein den Zwirn dazu bezahlt haben. Eben komme ich von ihm aus Schneeberg.“ Pauline weinte wieder bitterlich in ihre Schuͤrze.„Und was hätte noch fuͤr Ungluͤck daraus entſtehen können“— hob ſie wieder an.„Herr Ruppert war ſo böſe auf Deinen Bruder, daß er ihn mit ſeinem Stocke durch⸗ hauen wollte. Dagegen aber widerſetzte ſich Dein Va⸗ ter und drohte, dem Grenziäger ein Leids anthun zu wollen, wenn er nicht den Jungen losließe. Mein Vater, der doch ſonſt immer zur Sanftmuth geneigt iſt, wollte erſt die Sache bei den Gerichten anhaͤngig machen, und doch beruhigte er ſich wieder, als der Hauswirth ſich erbot, Euch ausziehen zu heißen.“ Peter hatte bald das weinende Mädchen, bald de⸗ ren verdorbene Spitze angeſehen. Jetzt ſprach er un⸗ ter einem tiefen Seufzer:„Liebe Pauline! ſoll der Un⸗ ſchuldige mit dem Schuldigen, meine arme Mutter wegen des boͤſen Veits leiden? Du biſt lange noch nicht ſo ſchlimm daran wie ich. Zwar haſt Du eine verdorbene Spitze, ich aber dagegen einen verdorbenen Bruder und——“ Das Wort„Vater“ erſtarb dem Peter auf der Lippe.„Dein Gang zum Schrecken⸗ 76 berger nach Schneeberg“— fuhr er fort—„mag Dir allerdings ſauer geworden ſein, der aber, welchen ich ſo eben thun will, wird mir weit, ach! weit ſchwerer!“ „Wohin gehſt Du denn?“ forſchte Pauline neu⸗ gierig. „Das darf ich Dir noch nicht ſagen“— ant⸗ wortete Peter.„Bitte aber den lieben Gott für mich, daß er dieſen meinen Gang ſegnen moͤge, denn es kommt ſehr viel darauf an. Und was Deine Spitzen anbelangt, ſo verzweifle deshalb noch nicht. Ich kenne eine Frau in Schneeberg, welche die Spitzen ſo gut zu waſchen verſteht, daß ſie wie neu wieder werden. Zu ihr will ich Deine Spitzen tragen, wenn ich zuruͤck⸗ komme, auch, weil mein Bruder ſie verdorben, das Waſchlohn aus meinem Beutel tragen.“ „Du guter Peter!“ ſprach Pauline geruͤhrt.„Dei⸗ nen Schaden will ich nicht und gern die Unkoſten fuͤr das Waſchen mir von meinen 2 Thalern abziehen laſ⸗ ſen, wenn nur die Spitze dadurch wieder weiß wird.“ „Verlaß Dich darauf“— verſicherte Peter und ging mit einem Gruße fort. Ziemlich eine kleine Stunde hatte er bis zu dem Meiler zu gehen, der mitten im dickſten Walde lag. Jener aͤhnelte einem kleinen Vulkane, nur mit dem Unterſchiede, daß er ſtatt Feuer blos weißen Rauch ausſpie. Es war nam⸗ lich ein runder Spitzberg, aus einer trocknen, ſchwar⸗ 77 zen Erde beſtehend, welche eben ſo körnig und grob wie Hammerſchlag ſich anfuͤhlen ließ. Rund um den Fuß dieſes Berges waren unzaͤhlige kleine Gruben von der Groͤße eines Suppentellers in die erhitzte Erde ge⸗ druͤckt, aus welchen eben ſo viel kleine Rauchſaulen aufſtiegen. Der groͤßern Oeffnung aber auf der Spitze des Meilers entquoll der Dampf in dichten Maſſen. Von einer helllodernden Flamme war keine Spur zu ſehen. Auf die Hoͤhe des rauchenden Berges fuͤhrten halsbrechende Stiegen, eine jede aus einem ſtarken Baumſtamme grob gezimmert und ſtatt der Stufen blos mit tiefen Einſchnitten verſehen. Sie ruhten auf holzernen Böcken von aufſteigender Hoͤhe und endigten auf der Oberfläche des Meilers. Wenige Schritte da⸗ von ſah Peter ſeinen Vater und einige Arbeiter mit dem Aufbaue eines zweiten Meilers beſchäftigt. Die großen, dicken Holzſcheite wurden in kunſtgemäßer Oidnung uͤber einander aufgethuͤrmt, ſo daß auch hier wieder ein runder Spitzberg gebildet wurde, in deſſen unterſten Mittelpunkt ein freigelaſſener Gang fuͤhrte, um von da aus den koloſſalen Holzhaufen, in welchem ein Werth von 6 bis 7hundert Thalern ſteckte, in Brand ſetzen zu koͤnnen. Peter getraute ſich nicht ganz nahe hinzuzutreten, ſondern rief aus einiger Ent⸗ fernung ſeinem Vater gruͤßend zu, worauf dieſer den Meiler verkeß und ſich ſeinem Sohne näherte. Da 78 gewahrte Peter, daß ſein Vater etwas hinkte und das linke Bein verbunden trug. Dieſer Anblick war fuͤr ihn eine niederſchlagende Beſtaͤtigung ſeines Verdachtes. Ungewiß uͤber die Art der Einleitung zu ſeinem Be⸗ kehrungsverſuche hob er verlegen an:„Vater! ich dächte, Ihr hättet ein boͤſes Bein und hinktet? Was habt Ihr denn daran gemacht?“ „Es iſt mir ein ſchwerer Holzklotz darauf gefallen“ — war ſeines Vaters finſtre Antwort. „Da iſt's Euch ergangen wie mir;“— ſprach Peter beklommen— mir iſt ein ſchwerer Stein auf's Herz gefallen. Denkt Euch nur: vorgeſtern behauptete ein fremder Mann, Ihr waͤret ein Paſcher, und zwar der allerſchlimmſten einer.“ „Wer ſagt das?“ fuhr Hille wüthend auf—„den Schurken ſchlag ich kurz und klein!“ „Der Mann wollte ein guter Bekannter von Euch ſein“— verſetzte Peter—„auch mußte ich ihm ein Fäßchen voll Wein heruͤberpaſchen helfen.“ „Das wäre!“ ſprach Hille eben nicht unwillig. „Solchen Muth hätt ich Dir nicht einmal zugetraut.“ „Ich that's auch nur gezwungen“— verſetzte Peter—„denn eine große Suͤnde iſt's doch immer, die Obrigkeit zu betrugen, welcher Jedermann unter⸗ en ſein ſoll.“. 79 „Ach, papperlapap! Du redeſt, wie Du es ver⸗ ſtehſt.“ „Vater, ich muß Euch nur ſagen, weshalb ich zu Euch komme. Es ſteht Euch ein großes Ungluck bevor.“ Hille erſchrack ſichtlich und ſtammelte betroffen: „Ein Ungluͤck? welches?“ „Ihr ſeid die vorgeſtrige Nacht mit den Paſchern auf die Grenzjäger eingegangen, habt einen Schuß mit Schrot in's linke Bein bekommen und darauf gedroht, ſolches dem Ruppert gedenken zu wollen.“ „Wa— wa— was?“ ſtotterte Hille, indem ein heftiges Zittern ihn befiel.„Sollte Haͤkel, der Spitz⸗ bube, den Verraͤther gemacht haben?“ „Er nicht“— ſagte Peter.„Ein Anderer hat die Anzeige gemacht.“ „Weiß etwa Ruppert ſchon davon?“ „Ach, wenn's dieſer nur wäre!“ „Der Obercontroleur? Das Hauptzollamt?“ „Ein viel, viel Hoͤherer— bei dem kein Anſehen der Perſon gilt und wo ſich die Sache weder vertu⸗ ſchen noch bemäͤnteln laͤßt.“ „Alſo muͤßte ich in's Zuchthaus?“ „Damit kommt Ihr lange ſchon nicht weg. Den Tod kann es Euch bringen.“ „Nun, ſo laufe ich auf der Stelle davon und über die Grenze. Sage der Mutter, ſie ſolle“— 80 „Ach, Vater! Ihr entkommt nicht mehr. Der vornehme Herr hat Euch mit ſeinen Wachen von al⸗ len Seiten umzingeln laſſen.“ „So ſpringe ich eher in den brennenden Meiler, ehe ich mich fangen laſſe“— ſprach Hille entſchloſſen, und hob das Bein, ſein Wort wahr zu machen. Peter packte ihn beim Schoͤßel der Jacke und rief: „Halt, Vater! ein Nittel giebt es noch, zu ent⸗ kommen.“ „So ſprich, Herzensjunge!“ jauchzte Hille, indem er Petern die Wangen bald ſtreichelte, bald kuͤßte. „Der vornehme Herr“— ſprach Peter mit gro⸗ ßer Innigkeit— will Euch die ganze Strafe erlaſſen, wenn Ihr verſprechet, nimmer wieder paſchen und dem Ruppert den Schrotſchuß nicht gedenken zu wollen.“ „Ach, Du prächtiger Peter! rief Hille neugeboren —„weiter nichts als dies verlangt der gute Herr? Mit Freuden will ich Alles erfullen!“ „Dann verſpricht auch der hohe Herr, Euch nim⸗ mer zu verlaſſen und lauter Gutes Euch zu erweiſen. Und er haͤlt Wort, verſichere ich Euch.“ „O der gute, liebe, goldne Herr!“ ſprach Hille jubelnd—„wo iſt er, daß ich ihm kniefaͤllig danken kann? Geſchwind, fuͤhre mich alsbald zu ihm!“ „Dort oben iſt er“— ſprach Peter, gen Hiſhmel 81 deutend.„Der gute, liebe, goldne Herr iſt unſer lieber Herr Gott, der ſein Wort noch nie gebrochen hat.“ Hille ſtand erſtarrt, verdutzt und regungslos, wie eine Mauer. Er traute ſeinen Ohren nicht. „Ja“— fuhr Peter feierlich fort—„Vater! des Herrn Auge hat, gleich dem Vollmonde, Euch in der vorgeſtrigen Nacht geſehen und erkannt; ſein Ohr hat Eure Rede vernommen, ſeine Hand Euch mit einer undurchdringlichen Kette von Huͤtern umgeben, denen Ihr nimmer entgehen koͤnnt. Und floͤhet Ihr bis an's ͤußerſte Meer, ſo wuͤrde ſeine Hand Euch daſelbſt finden. Schlimmer als Zuchthaus iſt der Hoͤlle Qual — ſchrecklicher als der leibliche Tod, der ewige. Und ſeine Guͤte—“ Plautz! brannte eine ſchreckliche Ohrfeige von des erzurnten Vaters Hand auf des Predigers Wange. „Wart', Du heilloſer Bube!“ ſchrie er, von ſeinem Er⸗ ſtaunen ſich erholend—„ich will Dir lernen, Deinen Vater alſo zum Narren zu haben. Hat mir der Schlin⸗ gel da einen Schreck eingejagt, den ich in meinem Le⸗ ben nicht vergeſſen will.“ Damit holte er auf's Neue zum Schlage aus. Bitterlich weinte Peter; aber er machte keinen Verſuch, der Mißhandlung auszuweichen. Geduldig nahm er die Schlage hin.— Als ſich ſeines Vaters Wuth etwas gelegt hatte, ſprach er ſanft: e hab viertes Gebot. 82 ich denn nicht die lautere Wahrheit geſagt? Iſt un⸗ ſer Herr Gott nicht viel mehr als Ruppert, der Ober⸗ controleur und das Hauptzollamt, ſeine Hölle nicht ſchlimmer als Zuchthaus und Pranger? Sieht, hort und weiß er nicht Alles, ſelbſt unſre Gedanken? Glaubt Ihr ſeinen Händen entrinnen zu koͤnnen? Und wie lange verzieht er noch mit ſeiner Strafe! Konnte der Schrotſchuß, ſtatt Euer Bein, nicht auch das Herz treffen? Aber der Herr wollte Euch damit warnen, zur Beſſerung fuͤhren; und darum gab er auch mir ein, daß ich zu Euch hergehen und Euch warnen mußte. Ach, Vater! verachtet doch ja die Langmuth unſers Gottes nicht! Irret Euch nicht, denn Gott läßt ſich nicht ſpotten.“ „Wirſt Du gleich machen, daß Du fortkonnſtt⸗ rief ſein Vater, in neuen Zorn ausbrechend.„Ich ſchlage Dich noch todt, wenn Du Dein Maul nicht haͤltſt. Wage es nur, ein Sterbenswoͤrtchen von der ganzen Geſchichte irgendwo fallen zu laſſen, und Du ſollſt ſehen, wie trubſelig es Dir ergehen wird.“ Peters nochmaliger Verſuch, ſeines Vaters Herz zu ändern, wurde mit einer Tracht Prugel belohnt, welche ihn endlich zum Fortgange zwangen. Achtes Rapitel. Der Gang nach Schneeberg⸗ Ruf dem Heimwege klagte Peter ſeinem beſten Freunde— dem lieben Gotte— ſeine Noth. Er durfte dies ja ſonſt gegen Niemanden thun; denn ſeine Mutter durch die Erzaͤhlung des Geſchehenen noch mehr betruͤben wollte er um keinen Preis; gern erſparte er ihr jeden Kummer. Eine andere ſchwere Sorge lag ihm nun noch auf dem Herzen. Da ſein Vater nicht zu beſſern war, hielt er es fuͤr ſeine Pflicht, dem Grenziäger Ruppert eine Warnung zukommen zu laſ⸗ ſen, damit derſelbe ſich vor dem Kohlenbrenner und deſſen racheduͤrſtender Drohung in Acht nehmen moge. Doch auf welche Weiſe ſollte er dies anfangen, ohne ſeinen Vater anzuklagen und zu verrathen? Hierzu kam der ſchlimme Umſtand, daß Ruppert noch auf Com⸗ mando war, und Peter nicht wußte, wo er ihn auffin⸗ den konnte. Deſſen Gattin von der Gefahr, in wel⸗ cher ihr Mann ſchwebe, in Kenntniß zu ſetzen, hielt er aus mehreren erheblichen Gruͤnden fuͤr bedenklich, und gleichwohl litt die Sache keinen Aufſchub. Noch ganz unentſchloſſen kam er nach Hauſe, wo ihn Pau⸗ line ſogleich an die Erfuͤllung ſeines gegebenen Ver⸗ ſprechens erinnerte. „Sogleich will ich mich une— ch er. 84 „Gieb her Dein Klöppelkiſſen. In drei, hoͤchſtens vier Stunden bin ich wieder da.“ Als Pauline ihm ein Stückchen Wegs das Ge⸗ leite gab, ſprach er:„Pauline! ich bin recht in Sor⸗ gen, weil mein Vater dem Grenzjäger Ruppert ſo hart gedroht hat. Wenn er ihm nur kein Leids anthut!“ „Ach!“ ſagte Pauline—„wenn Du weiter keine Sorge haſt als dieſe! Ruppert hat Buͤchſe und Sei⸗ tengewehr, womit er Deinen Vater mit ſeiner Drohung auslachen kann.“ „Das ſage Du nicht. Wenn ihm nun mein Va⸗ ter unverſehens auflauert oder im Schlafe uͤberfaͤllt?“ „Er wird doch ſo etwas nicht thun?“ erwiderte Pauline.„Das moͤchte ihm uͤbel bekommen.“ „Wenn ſchon“— ſagte Peter.„In der Wuth denkt man gewoͤhnlich nicht an die Folgen, und wenn mein Vater zumal ein Glaͤschen uͤber den Durſt ge⸗ trunken hat—“ „Und das thut er ſehr oft“— fiel Pauline ein. „Pauline! verſprich mir, daß Du den Ruppert, ſobald Du ihn zu Geſichte bekommſt, vor meinem Va⸗ ter warnen willſt— in Deinem und meinem Namen. Denn auch gegen mich— ich wollte ſagen, in meinem Beiſein hat er verlauten laſſen, daß er es dem Grenz⸗ 3 jäger ſchon gedenken werde. Sage ihm, daß er mei⸗ nen Vater nicht nahe an ſich herankommen— daß er 85 vielleicht in einen andern Bezirk ſich verſetzen laſſen moͤge. Verſprich mir's, damit ich ruhig werde.“ „Gern lbetheuerte Pauline.„Auch hoffe ich, daß, wenn Dein Vater ſich wo anders einmiethen muß, und er dann den Ruppert nicht mehr ſo oft vor Au⸗ gen hat, ſein Grimm ſich wieder legen werde.“ „Nein! nein!“ rief Peter eifrig.—„Glaube das nicht! Beſſer verwahrt, wie beklagt. Hoͤrſt Du?“ Pauline gab ihm die Hand darauf und ging. Peter aber trollte nach Schneeberg, wo er, weil die Spitzenwäſcherin gerade ausgegangen war, laͤnger auf⸗ gehalten wurde, als er gedacht hatte. Sich vor dem Frieren zu bewahren, marſchirte er mehrere Straßen auf und ab; endlich ſetzte er ſich ermuͤdet auf einen Eckſtein, welchem gegenuͤber er an einem Hauſe die mit großen Buchſtaben geſchriebenen Worte las:„Garn⸗ und Spitzen⸗Handlung von Jonas Schreckenberger.“ Hier war es alſo, wo Pauline ihre Spitzen abſetzte und zwei Thaler fuͤr Garn ſchuldig war. Herr Schre⸗ ckenberger mochte wohl ein ſehr reicher Mann ſein. Davon zeugte ſein großes, ſchoͤnes Haus, die Eiſen⸗ gitter vor den Parterre⸗Fenſtern, die vergoldeten, bli⸗ tzenden Knöpfe an der Hausthuͤre, die vielen Kiſten und Kaſten, welche da auf⸗ und abgeladen wurden. „Wenn ich wuͤßte“— dachte er—„daß ich mehr Gluͤck hätte als Pauline, ſo ſuchte ich den Herrn Schre⸗ 86 ckenberger zu bewegen, daß er die Spitzen annähme wie ſie ſind, oder daß er der armen Pauline das Geld für das Garn erließe. Das ſollte eine Freude fur ſie und mich abgeben!“ Er hatte genau Acht, ob er ein guͤn⸗ ſtiges Zeichen entdecken koͤnnte, was ihm Muth gäbe, den Verſuch zu wagen. Die Ladendiener, welche un⸗ ten im Kaufgewoͤlbe mit der Feder hinterm Ohre ſtill auf ihren Stuͤhlen ſaßen, ſahen ſo finſter und verdroſ⸗ ſen aus, daß er ſchnell ſeinen Blick weiter wendete. Am Fenſter des erſten Stockwerks las eine Dame in einem Buche, von welchem ſie nur zuweilen das Auge wegwendete, einen fluͤchtigen Blick auf die Straße herab zu werfen. So oft dies geſchah, fuhr Peters Hand nach der Mütze, doch bevor er ſeinen Gruß ma⸗ chen konnte, ſah die Dame ſchon wieder weg. Wohl ʒehnmal hatte er dies Manoeuvre wiederholt, als endlich ein ältlicher Herr in einem großgeblumten Schlafrocke, eine Kaffeetaſſe zum Munde fuͤhrend, neben der leſen⸗ den Dame ſich zeigte. Wie der Korks von einer Cham⸗ pagnerflaſche ſprang hier Peter von ſeinem Steine her⸗ unter; den rechten Fuß zierlich nach hinten ausſtrei⸗ chend, machte er mit der Muͤtze in der Hand dem Kaufmanne eine ehrfurchtsvolle Verbeugung. Dabei ſtreckte er die Linke mit dem Kloͤppelkiſſen zeigend vor, und ſeine Augen ſprachen die ſtille, doch brünſtige Bitte um Erhoͤrung aus. Hierdurch glaubte Peter nichts 87 Geringeres zu bewirken, als daß Herr Schreckenberger entweder ſofort das Fenſter oͤffnen und ihn zu ſich ru⸗ fen, oder doch wenigſtens einen Markthelfer abſenden werde, um zu erfahren, was ſein Begehren ſei. Aber Herr Schreckenberger verzog keine Miene; ſie blieb eben ſo eiſern, wie ſein eiſerner Buchhalter, den er ſtets bei ſeiner Schreiberei vor ſich liegen hatte. Wenn er nur wenigſtens uͤber den baͤueriſchen Gruß des ar⸗ men Jungen gelacht haͤtte! Es wäre doch ein Zeichen von einem menſchlich⸗empfindenden Gemuͤthe geweſen. Dieſe Bemerkung benahm ihm alle Luſt, einen weitern Verſuch zu unternehmen, beſonders als ihm beifiel, wie wenig es ihm heute fruͤh bei ſeinem Vater gegluͤckt war. Traurig ſchlich er von dannen und nach der Wohnung der Spitzenwaſcherin zuruͤck, wo er erſt leiſe, dann lauter und lauter klingelte, ſo daß beinahe der Klingeldraht riß. Zum erſtenmale faſt in ſeinem Le⸗ ben weinte er vor Ungeduld.„Ob mir heute nicht Alles entgegen iſt!“— ſeufzte er.—„Gerade, da ich ſo nothwendig habe, muß die einfältige Spitzenwäſche⸗ rin ausgehen! Iſt es nicht zum Verzweifeln?“ Indem er alſo murrte, ging eine Thuͤre gegenuͤber auf.„Was lärmſt Du ſo, Junge?“ ſprach ein altes Mutterchen keifend.„Hörſt Du nicht, daß Frau Thieme nicht daheim iſt, daß Du die Nachbarn in ihrer Ruhe ſtören mußt?“ 88 „Nichts fuͤr ungut, Muͤtterchen“— verſetzte Pe⸗ ter—„den beſten Menſchen wuͤrde es verdrießen, wie mir's heute geht. Laufe da zwei Stunden weit her, treffe die Frau Thieme nicht zu Hauſe, ſtreiche wieder ein Paar Stunden in den Straßen umher und finde ſie immer noch nicht heimgekehrt. Gleichwohl muß ich die Frau ſprechen— auch heute noch den weiten Weg zuruͤck. Wenn's Sommer und lange Tag waͤr', ließ ich mir's noch eher gefallen.“ „Was willſt Du von Frau Thieme? Kann ich's nicht ausrichten?“ fragte die Frau etwas freundlicher. „Nein!“ verſetzte Peter—„ich danke für Euern guten Willen. Aber ich muß ſelbſt mit der Spitzen⸗ waͤſcherin ſprechen. Es haͤngt gar zu viel davon ab.“ „Weißt Du was“— hob das Muͤtterchen an— „Du koͤnnteſt mir den Gefallen thun und mir ein Paar Fahrten Waſſer holen. Dann wird Dir die Zeit nicht lang, auch frierſt Du dann weniger. Ich will Dir auch einen Dreier geben.“ 3 „Bewahre“— verſetzte Peter dienſtfertig—„ich thue es umſonſt und gern. Stundenweit muß ich manchmal laufen, ehe ich an meinen Rußbutteln einen Dreier verdiene, und von Euch ſollte ich es fuͤr eine ſolche Kleinigkeit verlangen? Nein, das thue ich F lange nicht.“ Peter legte ſeinen Kloͤppelſack in die Stube der — „ 89 alten Frau, nahm die Waſſerkanne und trug ruͤſtig berbei. Dann ſpaltete er noch Holz klein, wie man es zum Kaffeebrennen braucht, und hegte es unter dem Heerde in Ordnung, was dem Muͤtterchen baß zu be⸗ hagen ſchien. Daruͤber war es duͤſter geworden und die Wäſcherin immer noch nicht zuruͤck. Als Peter, auf das Geheiß der alten Frau, noch eine Weile am warmen Ofen geſeſſen hatte, hob er an: „Nun wird mir's doch ſchier zu lange: Wenn ich wuͤßte— daß, daß Ihr—“ „Nun, was denn?“ fragte die Alte. „Daß Ihr meine Sache ordentlich ausrichtetet und die Spitze— richtig abgäbet, ſo koͤnnte ich mich ſchon entſchließen, Euch das Klöppelkiſſen anzuver⸗ trauen. Ihr ſcheint mir ſo weit eine ehrliche Frau zu ſein, die, mit einem Beine ſchon auf der Grube ſtehend, gewiß in ihren alten Tagen nicht gegen das ſiebente Gebot ſuͤndigen wird.“ „Ei ſieh doch!“— ſprach die Alte—„Du biſt ja ein wahrer Prediger Salomo. Solche Weisheit haͤtt' ich gar nicht in Dir Jungen geſucht.“ „Ja“— ſprach Peter, ſich in die Bruſt werfend— „das lernt ſich Alles durch den Handel. Dieſer hat auch aus mir dummen Jungen einen etwas geſcheu⸗ ten gemacht. Alſo, ſeht her! es iſt keine Kleinigkeit. Dieſe wunderſchoͤne, theure Spitze iſt von einem blut⸗ 90 armen, fleißigen, ehrlichen, ſeelensguten Maͤdchen— von Schlegels Paulinen in Ruppertsgruͤn— geklöp⸗ pelt, und als ſie fir und fertig war, von einem gott⸗ loſen Jungen, der leider mein Bruder iſt, alſo be⸗ ſchmuzt worden, wie Ihr auch ohne Brille erkennen werdet. Nun mag der Schreckenberger die Spitze nicht bezahlen, will im Gegentheil zwei Thaler fuͤr den dazu gelieferten Zwirn haben, alſo iſt die Pauline ein ge⸗ ſchlagenes Kind, wenn die Frau Thieme den Schaden nicht wieder gut zu machen weiß. Sie ſoll daher ihr Moöglichſtes daran thun und gleichwohl nicht zu hoch mit dem Waſchlohne hinaus wollen. Sagt Ihr das pübſch. Auch ſol ſie ſo bald als möglich die Wäſche vornehmen.“ „Eine ſchoͤne Spitze!“ lobte die Alte, mit Kenner⸗ miene die Arbeit pruͤfend.„Hab' auch ſonſt ſolche Sachen gemacht, als meine Augen noch gut waren. Alſo Schlegels Pauline hat ſie geklöppelt? Iſt das des Schuhflickers Tochter?“ „Ja!“ ſprach Peter—„und das beſte Kind unter der Sonne dazu. Ein ſolches wird nicht wieder jung.“ „Aber ihr Vater iſt ein Starrkopf“— ſagte die Alte. „J, nicht doch!“ verſetzte Peter.„Schlegel heißt er ja und nicht Starkopf. „Ich meine“— ſprach die Alte ärgerlich—„daß 91 er einen harten, trotzigen Kopf hat, der ſich nicht in die Leute ſchicken will.“ „Da luͤgt Ihr wie gedruckt— mit Eurer Erlaub⸗ niß“— eiferte Peter.„Der Schlegel iſt ein kinds⸗ guter Mann, dem es ſchon leid thut, wenn er mit ſei⸗ ner Ahle in das todte Leder bohren muß, obgleich es kein Gefuͤhl hat. Wenn mein Vater nur den kleinen Finger von ihm hätte, wollte ich froh ſein, obſchon ich meinen Vater gerade damit nicht ſchlecht machen will. Hätte meine arme, kranke Mutter nicht den Schlegel und ſeine Pauline— ja— dann wuͤrde ſie es gewiß nicht lange treiben. Und nun fragt einmal in ganz Ruppertsgrun herum, ob ſie nicht Alle den Schlegel das beſte Lob ertheilen werden.“ „So, hm! hm!“ huſtete die Alte—„nun man kann ſich irren.“ „Ja, und das gewaltig!“ betheuerte Peter.„Mich koͤnnt Ihr ſchlecht machen, wie Ihr wollt— kurz und lang heißen— aber dem Schlegel laſſe ich nichts Un⸗ rechtes nachſagen.“ „Was fehlt denn Deiner Mutter?“ fragte die Alte ausweichend. „Sie hat das Reißen! Du lieber Gott! Seit drei Jahren ſchon liegt ſie hart und feſt, und ſeit acht Jahren kann ſie ihre Gliedmaßen nicht ordentlich brau⸗ chen. Das iſt ein Jammer!“ 92 „Wie heißt Du, Junge?“ „Peter Hille, der Rußbutteljunge.“ Die alte Frau verſprach, die Sache wegen des Spitzenwaſchens getreulich auszurichten, und reichte dem Peter einen Sechſer als Lohn fuͤr die gehabte Be⸗ muͤhung. „Behaltet Euer Geld“— ſprach dieſer abwehrend, indem er ſich dabei in dem aͤrmlichen Stuͤbchen um⸗ ſchaute.„Ihr ſeid alt und, wie mich beduͤnkt, eben nicht reich. Wollt und koͤnnt Ihr mir aber ein Stuͤck⸗ chen Brod ſchenken, ſo nehme ich's mit Dank an, denn ich habe ſeit Mittag nichts gegeſſen und vor Abends 8 Uhr komme ich ſchwerlich heim.“ Peter erhielt die erbetene Gabe und ging dankend fort. Aber er hatte heute eignes Ungluͤck. Das Ver⸗ ſaͤumte nachzuholen, ſchlug er einen kuͤrzern Heimweg ein, welcher freilich ungebahnt war und meiſt durch dicken Wald fuͤhrte. Der tiefe Schnee ermuͤdete ihn außerordentlich, auch verirrte er ſich mehrmals, ſo daß er weit kluͤger gethan haͤtte, wenn er die Straße ge⸗ gangen wäre. Es war ſchon ſehr ſpat, als er noch uber eine Stunde weit von Ruppertsgruͤn entfernt war. Matt ſetzte er ſich auf einen Baumſtumpf nieder, nur mit Muͤhe dem Schlafe widerſtehen koͤnnend. Da er wußte, wie gefährlich eine ſolche Lage, die den Tod des Erfrierens herbeizuziehen pflegte, ſei, ſo raffte er 93 eine Handvoll Schnee auf, ſeine Augen wieder mun⸗ ter zu machen. Wirklich vermochte er darnach klaren Blicks umherzuſchauen. Unter ihm, in maͤßiger Tiefe, lag ein kleines, baumfreies Thal, welches der Voll⸗ mond faſt wie mit Tageslicht erhellte. Indem er ſo hinabſah, erblickte er etwas, was ihm das Haar un⸗ ter der Mutze zu Berge ſteigen machte. Er fuhr vom Baumſtumpfe empor, ſtreckte die gerungenen Arme flehend von ſich, wollte ſchreien und— konnte nicht! Die Kehle war ihm wie zugeſchnuͤrt. Endlich ſank er mit dem dumpfen Ausrufe:„o Chriſte Jeſu!“ be⸗ ſinnungslos zu Boden. Meuntes Kapitel. Der ſchlimme Fund. „Wo nur der Peter bleibt?“ſprach am Spaͤt⸗ abende deſſelben Taßes Paurne mit beſorgtem Tone. „Er kann doch kein Unglück genommen haben?“ „Wo wir gehen und ſtehen, ſind wir in Gottes Hand“— verſetzte der Schuhflicker.„Will er uns ein Leiden auflegen, weiß uns ſeine Hand im freien Felde ſo gut wie in der ſichern Stube zu finden.“ „Ich wäre außer mir, wenn ihm was Uebels widerfuͤhre, weil er meinetwegen den weiten Weg un⸗ ternommen hat“— verſetzte Pauline. 94 „Er iſts ja ſchon gewohnt“— troͤſtete Frau Hille. „Wie vielmal hat er nicht das Land durchſtrichen, und immer iſt der Herr mit ihm geweſen.“ „Er wird's auch diesmal gethan haben“— ſprach Schlegel—„denn Gott iſt der Frommen Schild und Schirm. Und Peter iſt ein frommer Junge, das kann man nicht anders ſagen. Er iſt nach Euch gerathen, Frau Nachbarin.“ „Ach!“ rief Frau Ruppert—„wenn ich auch ſo ängſtlich ſein wollte, wie Pauline, ſo hätte ich nicht einen Augenblick Ruhe, ſo lange ich meinen Mann auf Commando weiß. Du mein Himmel! wie viel⸗ mal habe ich ſchon vergeblich auf ihn gewartet, wenn er mirs verſprochen hatte, nach Hauſe zu kommen. Nun bin ich ſein Wegbleiben gewohnt und ſorge mich nicht gleich, wenn er einen Tag oder eine Nacht uͤber die Gebuͤhr außen bleibt.“ Alſo getroſtet, legte Pauline ſich nieder; die uͤbri⸗ gen Bewohner der Stube ſpäter auch⸗ Alle ſchliefen feſt, nur, wie gewoͤhnlich, die Kranke nicht. Als der Waͤchter eine Stunde nach der andern abſang, und Peter immer noch nicht kam, befiel ſie eine immer größer werdende Angſt. Mitternacht war bereits vor⸗ über, als die Stubenthuͤr leiſe aufgeklinkt wurde und Jemand in die Stube hereingeſchlichen kam. „Biſt Du's, Peter?“ fragte die Mutter erfteut, —————————— 95 „Ja! liebe Mutter!“ verſetzte dieſer. „Woher ſo ſpät?“ „Von Schneeberg. Ich wurde lange aufgehalten.“ „Du biſt ja ſo kleinlaut. Fehlt Dir etwas?“ „Nein, Mutter! ich bin ſehr müde, hab' mich ver⸗ irrt gehabt und tuchtig herumwaden muͤſſen.“ „Biſt Du hungrig, mein Sohn?“ „Nein— ich hab' in Schneeberg ein Stuͤck Brod gegeſſen.“ „Nun, ſo leg' Dich und ſchlafe aus, lieber Peter.“ ² Ein Seufzer war hier Peters Antwort. Nach einer Pauſe hob er wieder an:„Wer ſchnarcht doch ſo fürchterlich, Mutter? Mir grauſets ordentlich davor. Klingt's doch faſt wie Todesroͤcheln.“ „Hoͤrſt Du's denn nicht? es iſt ja der Vater.“ „Der Vater?“ ſprach Peter erſtaunt.„Der Va⸗ ter iſt's, der ſo ſchnarcht?“ „Nun freilich! wer ſonſt? Nimmt Dich das Wunder?“ „Der Vater ſchnarcht?“ wiederholte Peter unter erneutem Staunen. „Ja doch!“ erwiederte die Mutter.„Er war kaum heim, ſo ſchlief und ſchnarchte er auch ſchon.“ „Er ſchnarcht! er ſchlaͤft!“ ſprach Peter entzuͤckt. „Gott ſei ewig gelobt!“ 96 „Was haſt Du nur mit Deinem Schnarchen und Schlafen?“ fragte die Mutter, neugierig gemacht. Peter blieb ihr die Antwort ſchuldig. Das muͤde Haupt auf das Bette der Mutter gelegt, ſaß er an ihrer Seite auf dem Fußboden. Er ſchloß das Auge zum Schlafe, aber die Ruhe floh ihn.„Mutter!“ ſprach er ſpäter—„was meint Ihrk vermag der Böſe— ich meine den Satan— wohl die Geſtalt eines Menſchen anzunehmen, um uns zu äffen?“ „Wie kommſt Du nur auf dieſe Frage?“ ant⸗ wortete die Mutter, indem ſie eines geheimen Schau⸗ ders ſich nicht erwehren konnte. „Ich hatte unterwegs ein ſo ſonderbares Geſicht“ — verſetzte Peter eintoͤnig. „Welches denn?“ forſchte die Mutter. „Erlaßt mir die Beſchreibung“— bat Peter, ſich ſchuͤttelnd—„hu! mich friert.“ „So deck Dich doch zu“— rieth die beſorgte Frau.„Warum legſt Du Dich nicht nieder?“ „Laßt mich immer ſo. Alſo: was meinet Ihr von der Sache! Hat der Teufel die Macht oder nicht?“ „Ach, mein Sohn! ich weiß nur ſo viel, daß die Schrift ſpricht: Wachet und betet, daß ihr nicht in Anfechtung fallet.“ „Ja, Mutter! ſo iſt's recht. Beten wollen wir zuſammen— geht's doch Euch auch mit an!“— 97 Mit großer Anſtrengung unterdruckte hier Peter das Weinen. Dafuͤr begann er deſto bruͤnſtiger zu be⸗ ten, und ſeine Mutter, ohne recht zu wiſſen warum? mit ihm. So beteten ſie, bis auch auf ſie ein Engel vom Himmel herabſtieg und ihnen den Staͤrkungsbe⸗ cher— den Schlaf— darreichte. Wiederum rief der Kuckuk in der Uhr viermal, und wiederum regte ſich's in dem Winkel, den der Schuhflicker bewohnte. Das Feuerzeug pickte— das Lämpchen flammte— der Schuhſlicker betete wieder. Statt aber nach Ahle und Hammer zu greifen, ſprach er, indem er nach dem Winkel des Kohlenbrenners das Lämpchen hinwendete, wo Peter, immer noch ſi⸗ tzend, feſt neben der Mutter ſchlief:„Da iſt ja der Nachtwandler richtig eingetroffen! Der gute Junge, wie bleich er ausſieht! Wenn er ſich nur keine Krank⸗ heit erholt hat! Das Nervenfieber ſoll wieder recht herumgehen. Doch mein Weg iſt der weiteſte, denn in unſerm Buſche Holzleſe zu halten, verlohnt ſich wahrlich nicht der Muͤhe mehr. Habe mich geſtern bis zum Abend herumgeplagt und kaum einen Arm voll duͤnner Reißer heimgetragen. Das reicht nicht auf einen Tag, geſchweige auf eine ganze Woche. Darum muß ich anders ausholen. Erſtens borge ich mir Peters Schiebebock. Er wird wohl nichts dage⸗ gen haben. Waͤre er geſtern zeitiger heimgekommen, Nieritz, viertes Gebot. 7 98 hätt ich allerdings ihn erſt darum begruͤßt. Doch Suͤnde wär's, ihn deshalb aus dem beſten Schlafe aufzuwecken. Zweitens nehme ich mein Beilchen mit, wenn ſchon die Herren Jäger kein eiſernes Werkzeug beim Holzleſen leiden wollen. Wie wollt' ich auch ſonſt etwas loskriegen?— kann ich doch nicht mit den Haͤnden die Aeſte abbrechen. Iſt mir das Gluͤck guͤnſtig, ſo bin ich um 7 Uhr wieder da. Eine Stunde hin— eine dort— eine her— thut drei Stunden. Dann finde ich daheim meinen warmen Kaffee, eine warme Stube dazu, und habe noch den ganzen Tag vor mir. Alſo, vorwärts, marſch!“ Er ſtellte das Laͤmpchen hin, blies es aus und fuhr mit Peters Schiebebocke von dannen. Noch ſtand der Mond am blaudunkeln Himmel; noch leuchteten die Sterne in hehrem Glanze, als Schlegel uͤber den kniſternden Schnee dahinſchritt. Der leere Schiebebock erlaubte ihm, in kurzem Trabe zu fahren, wodurch er den Froſt von ſich abhielt.„Wenn ich zuruͤckkomme,“ ſprach er zu ſich—„wird mich des Holzes Laſt ſchon warm machen.“ Bergauf, bergab fuhrte ſein Weg, bis nach einer Stunde ein dunkler Wald vor ihm lag. Dahin richtete er ſeine Schritte, und im Dickicht angelangt, begann er mit Huͤlfe des Beiles ſeine Ernte zu halten.„Doch“— ſprach er dabei—„Harf ich es nicht zu arg auf einem Flecke 99 machen; ſonſt wird's zu merklich, und ich darf nicht wieder kommen.“ Er ſchob den beinahe halb belade⸗ nen Schiebebock weiter bis auf einen kleinen freien Platz, der auf der andern Seite wieder von Schwarz⸗ holz begrenzt war. Hier gewahrte er auf der weißen Schneeflaͤche einen dunkeln Gegenſtand liegen, den er aus der Ferne fuͤr einen Baumſtumpf hielt.„Das wäre ſo etwas fur dich!“— brummte er zufrieden— „Ein ſolcher Klotz wiegt der Aeſte gar viele auf.“ Doch wie ward ihm zu Muthe, als er beim Nähertreten ei⸗ nen Menſchen leblos ausgeſtreckt fand! Derſelbe war gänzlich in einen dunkeln Mantel gehullt und nur der Kopf ohne Bedeckung. Bei genauerer Beſichtigung entdeckte er zwei Schritte von dem Menſchen ein mi⸗ litairiſches Czako und einen großen Blutfleck um das im Schnee ruhende Haupt ausgegoſſen. Dieſer An⸗ blick erfullte den friedlichen Schuhflicker mit einem tödt⸗ lichen Schrecken. Jedenfalls war der Todte ein Grenz⸗ läger und das Opfer ſeines gefährlichen Dienſtes ge⸗ worden. Denn die Linke des Mannes hielt krampf⸗ haft den Lauf einer Buͤchſe umſpannt; auch ſah das meſſingbeſchlagene Ende eines Seitengewehrs unter dem Mantel hervor. Eine furchtbare Ahnung durchſchauerte ietzt den Schuhflicker. Geſtern Abend hatte Frau Rup⸗ pert ihren Mann erwartet. Wie? wenn dieſer der ₰ Erſchlagene wäre? Gewißheit zu erlangen, beugte er 100 ſich zu dem Geſichte des Todten herab, welches der hoch heraufgeknoͤpfte Mantelkragen bis uͤber die Naſe verhuͤllte. Nit zitternder Hand beſeitigte er dies Hin⸗ derniß und, von dem Glanze des Mondes beguͤnſtigt erkannte er das bleiche Todesantlitz ſeines Stuben⸗ nachbars Ruppert! Das Beil entfiel ihm.„Barm⸗ herziger Gott!“ ſeufzte et, die Haͤnde jammernd zu⸗ ſammenſchlagend—„alſo wirklich der arme Ruppert und ermordet!— Doch nein! es kann nicht ſein— ich habe ſicher mich geirrt. Es giebt ja viel Grenzjager mit Schnurr⸗ und Backenbart, wie dieſer iſt. Auch iſt das Mondlicht noch lange kein Tageslicht und täuſcht nur zu oft durch truglichen Schein.“ Naͤher als vorher buͤckt Schlegel ſich darnieder;— forſchend überſchaut er alle einzelne Theile des erblaßten Ge⸗ ſichtes. Himmel! was war das? Ein leiſer Athem⸗ zug haucht ihm entgegen— noch hebt die Bruſt des Lebens Kraft!„Noch lebt er!“ ſchreit Schlegel mit lautem Jauchzen. Zum Schiebebocke ſpringt er hin, ihn zur Rettung des Ungluͤcklichen anzuwenden. Mit dem Fuhrwerke zuruckgekehrt, wirft er mit zwei Grif⸗ fen die Aeſte bei Seite, dann berlegt er ſchnell, wie er den Nachbar am ſchonendſten aufladen koͤnne. Kräf⸗ tig, doch behutſam erfaßt er ihn bei den Schultern 3 und bemuͤht ſich, den Koͤrper ſanft auf den Schiebe⸗ bock zu verſetzen. Da erfaßt den Schuhflicker plotzlich 101 eine derbe Fauſt, und eine rauhe Stimme ruft frohlo⸗ ckend:„Haben wir Dich erwiſcht, Hallunke?“ Betroffen ſieht Schlegel auf und zwei Grenzjä⸗ ger neben ſich ſtehen, deren Annaͤherung er in feinem Eifer nicht vernommen hat, und welche ihn nun als den Moͤrder ihres Kameraden anſehen und behandeln. „Liebe Herren!“ ſagt er treuherzig—„helfen Sie mir nur erſt meinen braven Nachbar da unter Obdach und Pflege bringen, dann will ich gern Ihnen Rede ſtehen.“ „Der Kerl macht noch gute Miene zum boͤſen Spiele“— ſprach der Eine mit rohem Lachen.„Uebri⸗ gens hat er Recht mit dem, was er da vorſchlaͤgt.“ Die drei Maͤnner legten nun den Bewußtloſen auf den Schiebebock, Schlegel mußte ſich vorſpannen und, bewacht von den zu ſeiner Seite gehenden Grenz⸗ jägern, vorwaͤrts fahren. Als er nach einer Weile links ſich wenden wollte, ſprach der Eine barſch:% hin? Kerl!“ „Wohin anders“— verſetzte Schlegel—„als nach Ruppertsgruͤn, wo wir beide zuſammen wohnen?“ „Nein!“ erwiderte jener,„iſt noch eine Huͤlfe moͤg⸗ lich fuͤr unſern Kameraden, ſo kann dies nur in Schnee⸗ berg geſchehen und nicht in Euerm Dorfneſte, wo nicht einmal ein Viehdoctor aufzutreiben iſt. Ueberdies ha⸗ ben wir nach dem einen Orte ſo weit faſt, wie zum andern. Alſo, marſch nach Schneeberg!“ —0 Das mußte ſich Schlegel gefallen laſſen, welcher im frohen Bewußtſein ſeiner Unſchuld mehr an den armen Ruppert, als an ſich ſelbſt dachte. Es war in der achten Stunde des Morgens, als der auffällige Zug in Schneeberg anlangte, welcher bereits unterwegs durch neugierige Begleiter vermehrt worden war und in der Stadt zu einem großen Haufen anſchwoll, wel⸗ cher ſich in laute Verwuͤnſchungen uͤber den vermeinten Moͤrder ergoß. Sofort wurde Ruppert den Haͤnden der herbeigerufenen Aerzte, Schlegel hingegen dem Frohnvoigte uͤbergeben, welcher ihm eben nicht das ſchoͤnſte Gemach ſeines Schloſſes anwies, auch zum ueberfluß des Schuhmachers Haͤnde und Fuͤße in Feſ⸗ ſeln ſchlug. „Herr, wie Du willſt, ſo ſchick's mit mir“— ſeufzte dieſer, als er die ungewohnte, ſchmerzende Buͤrde an⸗ gelegt bekam. Wohl ſehnte er ſich nach ſeiner war⸗ men Stube und nach dem warmen Kaffee nebſt dem Stuͤcke ſchwarzen Haferbrodes, welches ihm in ſeiner Nuͤchternheit trefflich haͤtte munden ſollen. Noch mehr aber ſehnte er ſich nach ſeiner Tochter Pauline. Welch einen Schreck mußte das Maͤdchen haben, erfuhr ſie die fuͤrchterliche Kunde. „Habe ich ſeither nur Gutes vom Herrn empfan⸗ gen“— troͤſtete er ſein zagendes Gemuͤth—„ſollte ich denn nicht auch einmal das Boͤſe geduldig von ihm hinnehmen?“ Nach einigen Stunden wurde er in's Verhör ge⸗ fuͤhrt. Zuerſt wurden die beiden Grenzjaͤger vorge⸗ nommen. Dieſe ſagten aus, daß ſie dieſen Morgen, auf der Heimkehr begriffen, einen lauten Schrei ver⸗ nommen, demſelben nachgeſpuͤrt und dieſen Mann ge⸗ funden hätten, wie er bemuͤht geweſen, den am Bo⸗ den ausgeſtreckt liegenden Ruppert fortzuzerren. Es habe ihnen geſchienen, als habe der Schuhflicker die Abſicht gehabt, den von ihm Gemordeten auf den Schiebebock laden und mit dem umherliegenden Reiß⸗ holze verdecken zu wollen, um ihn wahrſcheinlich an irgend einen verſteckten Schlupfwinkel zu ſchaffen und ſo den Augen der Menſchen zu entziehen. Ein bluti⸗ ges Beil, ohnſtreitig das Werkzeug des Mordes, habe nicht weit von dem Entſeelten gelegen und ſei von ihnen mitgenommen worden, um gegen den Thaͤter zu zeugen. Als hierauf Schlegel hereingefuͤhrt wurde, entle⸗ digte man ihn erſt ſeiner Bande, ehe er ſeine Ausſage ablegen mußte. Er that dies, der Wahrheit getreu, in ſchlichten, unerſchrockenen Worten. Dieſelben wur⸗ den gleich denen der beiden Grenzjäger genau nieder⸗ geſchrieben, worauf man den Schuhflicker in ſeinen Ge⸗ wahrſam zuruͤckbringen ließ. Schlegels Bitte, ſeine — 104 Tochter im Gefaͤngniſſe ſehen zu dürfen, wurde ihm rund abgeſchlagen, doch verſprach man ihm, fur deren Unterhalt Sorge tragen zu wollen. Geduldig fuͤgte er ſich in ſein Schickſal, das zu ändern nicht in ſei⸗ ner Macht ſtand. Behntes Rapitel. Die Reiſe. Durch den beſchriebenen Unfall war plötzlich die Stube, in welcher die drei Familien, die des Schuhflickers, Kohlenbrenners und Grenzjaͤgers beiſammen gewohnt hatten, wie ausgeſtorben. Der erſte ſchmachtete im Kerker; ſeine Tochter Pauline war in Schneeberg bei einer Rathsbeamten⸗Wittwe in Aufſicht und Pflege gegeben worden; Frau Ruppert widmete ſich in der⸗ ſelben Stadt der Abwartung ihres hoffnungslos dar⸗ niederliegenden Gatten; Hille und der ſchlimme Veit waren faſt den ganzen Tag abweſend, und ſo blieb demnach die Kranke jetzt in dem alleinigen Beſitze des weiten Gemachs— eine Sache, welche ihr weder lieb, noch nuͤtzlich war. Denn nun hatte ſie Niemand, wel⸗ cher ihre wenigen Wuͤnſche befriedigen konnte, und die Zeit ward ihr noch einmal ſo lang als ſonſt. Als der Magiſtrat von Schneeberg in der Stadt umher hatte Anfrage thun laſſen, wer ſich wohl geneigt finden laſſen 105 wuͤrde, die Tochter des angeſchuldigten Schuhflickers aufzunehmen, hatte ſich zu Aller Verwunderung die⸗ ſelbe alte Frau,— wie ſchon geſagt, die Wittwe eines ehemaligen Rathsbeamten,— welcher Peter kurz vorher Paulinens Spitze zur Beſorgung an die Spitzenwä⸗ ſcherin uͤbergeben hatte, erboten, das Maͤdchen zu ver⸗ pflegen. Jedenfalls hatte Peter's Ruͤhmen von Pau⸗ linens Verdienſte ein Anerbieten hervorgerufen, welches bei der bekannten, ſtrengen Rechtlichkeit der alten Wittwe mit Dank angenommen wurde. Pauline, ohnehin ſchon gut erzogen und folgſam, that in ihrem gegen⸗ waͤrtigen gedruͤckten Zuſtande Alles, was die Alte von ihr verlangte und bekraͤftigte damit die von ihr vorge⸗ faßte gute Meinung ihrer neuen Pflegemutter. Die⸗ ſelbe erzaͤhlte Paulinen auch, daß ſie bei deren Vater Pathenſtelle vertreten, ſich aber ſpaͤter mit ihm uͤber⸗ worfen und ſeitdem nicht um ihn bekuͤmmert habe. Frau Ruppert fand ihren geliebten Mann in ei⸗ nem Zuſtande, welcher faſt ſchlimmer als der Tod war. Einem Geſtorbenen gleich, lag er regungslos auf ſeinem Lager; kaum daß ſein Athem und zuweilen ein leiſes Stöhnen noch von ſeinem Leben zeugten. Von Be⸗ wußtſein war keine Spur zu entdecken und die Zunge keines Lautes mächtig. Sein Hinterkopf war mit einem harten Gegenſtande ſo zerſchlagen worden, daß die Hirnſchale mehrere Riſſe bekommen und deshalb einer höchſt gefaͤhrlichen Operation hatte unterworfen werden muͤſſen. Peter war ſeit Schlegel's Gefangennehmung nicht wieder heimgekommen. Sein Vater hingegen zeigte eine an ihm ſonſt ungewöhnliche Theilnahme uͤber Ruppert's trauriges Schickſal. Oft mußte Veit nach Schneeberg wandern, ſich nach des Grenzjaͤgers Be⸗ ſinden zu erkundigen, welches leider gleich hoffnungs⸗ los blieb. Mehr als eine volle Woche war vergangen, ſeitdem die Unterſuchung des mörderiſchen Ueberfalls betrieben wurde, als wiederum nach Mitternacht Peter Hille, diesmal mit einer kleinen, brennenden Laterne verſehen, zu ſeiner Mutter in die Stube trat. Es war ein Gluͤck fuͤr die Frau, daß der Schatten der Laterne auf ihres Sohnes Geſicht fiel, denn ſie wurde uber deſſen bleiches, entſtelltes Anſehen gewiß erſchro⸗ cken ſein. Nachdem er die Mutter leiſe gegruͤßt hatte, ſetzte er die Laterne hinter den Ofen, ſich ſelbſt aber wieder neben das Bette auf den Fußboden hin. „Kommſt Du endlich,“ hob die Kranke erfreut an—„einmal nach Deiner Mutter zu ſehen? Ach, wie hab' ich mich nach Dir geſehnt!“ „Ich mich nicht minder, Mutter!“ verſetzte Peter traurig—„das könnt Ihr mir glauben.“ „Biſt Du im Lande umhergezogen und haſt Du gute Geſchafte gemacht?“ 107 „Ich komme eben, Euch daruber Rechnung abzu⸗ legen.“. „Das haſt Du ja nicht nöthig, denn der Kram iſt Dein Eigenthum.“ „Und ich bin das Eure, Mutter!“ „Ach, Peter! Peter! welch' Ungluͤck hat hier bei uns eingeſchlagen! Wirſt's wohl gehoͤrt haben?“ „Es kann noch groͤßer kommen, Mutter!“ „Das wolle Gott nicht!“ „Ja wohl! Doch Mutter, ich wollte Euch nur ſagen, daß ich eine große Reiſe antreten muß.“ „Du willſt wohl in's Weite handeln?“ „So iſt's. Ja, handeln will— handeln muß ich, entſtehe auch daraus, was da wolle.“ „Du biſt ein guter Junge; darum iſt Gott der Herr mit Dir und wird Deinen Handel ſegnen.“ „Das wolle er thun!“— ſprach Peter andäch⸗ tig.„Auf ſein Gebot reiſe ich auch. Hoͤrt, Mutter! dem Löwenwirthe in Gelenau bin ich 5 Thaler ſchul⸗ dig. Hier ſind ſie in Papier eingewickelt. Hebt mir ſie auf und das andere Geld auch, bis ich wiederkehre. Und nun gebt mir Euern Segen und einen Kuß mit auf die Reiſe. Wer weiß, ob wir uns wiederſehen.“ „Du haſt Recht, Peter! der Tod kann mich ein⸗ mal ſchnell von meinem Leid erlöſen.“ „So meinte ich's nicht, Mutter! Ihr muͤßt noch lange leben und Eure geſunden Glieder wiederbekom⸗ men. Aber noch eins, Mutter! Sagtet Iht nicht, daß ich ein guter Junge waͤre? Iſt das Euer Ernſt?“ „Mein voͤlliger“— verſetzte die Mutter bewegt. „Du haſt mir nur Freude gemacht.“— „Wenn mir nun die Leute ſo was recht Schlech⸗ tes tchſgte— wuͤrdet Ihr, käme es Euch zu Oh⸗ ren, es wohl glauben?“ „Nein, mein Sohn, Du wirſt gewiß gut bleiben.“ „Verſprecht mir dies mit der Hand, Mutter! Ich muͤßte ja vergehen vor Gram, wenn Ihr je auf mich ungehalten wuͤrdet.“ „Da haſt Du meine Hand und auch einen Kuß. Der 6 ſegne Dich, Deinen Aus⸗ und Eingang.“ „Amen!“ ſprach Peter feierlich und kußte in n die welke Hand ſeiner Mutter. „Willſt Du nicht auch vom Vater Abſchied neh⸗ men?“ fragte dieſe. Bei dem Worte„Vater“ fuhr Peter zuſammen. „Vom Vater!“ wiederholte er traͤumeriſch.„Iſt er 3c da?“ „Ja wohl. Horſt Du ihn nicht ſchnarchen?“ „Guter Gott!“ ſeufzte Peter—„r ſchnarcht! und Schlegel ſitzt im Gefaͤngniſſe! Ob der wohl auch ſchnarchen wird? und Ruppert?“ 109 „Die armen Leute“— ſprach die Kranke.„Einer iſt faſt ſo ſchlimm daran wie der Andere.“ „Ich weiß Einen, der noch ſchlimmer daran iſt, Mutter!“ „Und wer wäͤre das?“ forſchte dieſe. „Der, welcher den Ruppert erſchlug!“ „Du haſt Recht. Denn daß es der S ge⸗ weſen iſt, glaub' ich nimmer.“ „Ich auch nicht“— ſprach Peter gepreßt. Dann ging er und knieete neben das Lager ſeines Vaters hin. „Lebt wohl, Vater!“ ſprach er zitternd—„wenn Ihr das koͤnnt. Habt großen Dank, daß Ihr mich erzo⸗ gen und fuͤr mich gearbeitet habt. Gott lohne Euch dafur, wenn ich's nicht kann. Er ſchenke Euch Gnade und Barmherzigkeit hier und— in Ewigkeit.“ Seine Thraͤnen floſſen reichlicher. Jetzt beugte er ſich herab, als gedenke er die herabhaͤngende Hand des Vaters zu kuͤſſen. Doch voll Schauder wendete er ſich ab. „Sie iſt voll Blut!“ ſprach er in ſich hinein. Sein Blick fiel auf ſeinen Bruder Veit.„Veit!“ ſeufzte er—„geh' in Dich, eh' es zu ſpaͤt wird. Ehre Va⸗ ter und Mutter, auf daß Dirs wohl gehe und Du lange lebeſt auf Erden. Mutter!“— wendete er ſich in großer Angſt zu derſelben—„meine Seele iſt be⸗ truͤbt bis in den Tod, ſpreche ich mit meinem Hei⸗ lande. Ach, wuͤrde mir doch der Kelch erſpart! Doch 110 es muß alſo ſein. Lebt ewig wohl, o meine liebe Mutter!“ „Wos iſt Dir denn? Du haſt's ja noch nie ſo arg getrieben, wenn Du fortgegangen biſt“— fragte dieſe.„Wohin geht denn Dein Weg?“ „Ich kann's Euch noch nicht ſagen, Mutter! Es tommt nicht auf mich allein an. Aber ſauer iſt der Gang, das iſt wahr.“ „Du wirſt doch warten, bis es Tag wird? Die Nacht iſt ja keines Menſchen Freund.“ „Regte ſich's nicht dort in dem Winkel, wo der Schuhflicker und Pauline ihr Lager hatten?“ ſprach Peter, ſich grauſend.„Lebt nochmals wohl“— fuhr er ſchnell fort—„und gedenkt Eures Wortes!“ Er entwich eilig von dannen. Es ſchlug gerade funf, als er aus dem Hauſe des Schulmeiſters von Ruppertsgrün trat. Derſelbe beglei⸗ tete den Knaben bis vor die Thuͤre, wo er noch zu ihm ſagte:„Peter! beſſer koͤnnen wir es nicht andre⸗ hen. Nächſt Gott xann nur die Huͤlfe von dorther kommen. Mag aber auch daraus entſtehen, was da wolle— Du kannſt nicht anders— Du mußt! Ver⸗ liere nur das Papier nicht und ſei hubſch beherzt, wenn Du vor ihn kommſt. Er iſt ja auch ein Menſch, und ein liebevoller, gnädiger obendrein. Die Laterne be⸗ halte bei Dir. Es hat nichts zu bedeuten, wenn Du 111 ſie auch nicht wieder mitbringſt. Gott ſei mit Dir, mein Sohn!“ Peter kuͤßte dem alten Manne weinend die Hand und ſchritt mit ſeiner Laterne, die wie ein Johannis⸗ wuͤrmchen in die noch dunkle Luft hineinleuchtete, eil⸗ fertig fort. Sonder Ruh und Raſt ſetzte er ſeine Reiſe fort, ſich nur wenige und kurze Ruhepunkte vergoͤn⸗ nend. Wollten die muͤden Füße nicht recht mehr fort, bat er den Fuhrmann eines Wagens, daß derſelbe ihm erlaubte, hinten auf dem Brete Platz nehmen zu duͤrfen. Am zweiten Nachmittage ſeiner Reiſe kam er von dem Gebirge herab in ein weites Thal, wo⸗ rin eine große Stadt mit hohen Thuͤrmen lag. Bei dieſem Anblicke begann ihm das Herz unruhiger zu pochen. Schuͤchtern nahte er ſich dem Stadtthore, be⸗ ſorgend, die vor demſelben herumſpatzierende Schild⸗ wache werde ihn nicht hineinlaſſen. Froh, daß dieſe den kleinen Wandrer ohne Gepaͤck nicht beachtete, hinkte er uͤber das Straßenpflaſter, denn jetzt erſt fuhlte er die Anſtrengungen der zuruͤckgelegten Reiſe. Noch dringender als die Fuͤße forderte der Magen eine Staär⸗ kung. Auf einem Baͤckerladen ſah er einen großen Vorrath von Semmeln und Broͤdchen liegen, der ihm nicht weiter zu gehen erlaubte. Mehrmals glitten ſeine Kupferpfennige und Dreier durch die zaͤhlenden Finger, bis er endlich, mit ſeiner Rechnung auf's Reine 112 gekommen, nach dem Preiſe eines weißen Brodchens fragte. Die Bäckerin, welche an dieſer Frage den Fremdling erkannte, nannte den Preis der Waare, konnte ſich aber auch nicht enthalten, zu fragen, wo⸗ her er waͤre und käme. „Ich bin von Ruppertsgruͤn im obern Erzgebirge“ — verſetzte er bloͤde—„und will morgen zu u Audienz bei dem Herrn Koͤnige gehen.“ „Du?“ ſprach die Frau verwundert—„Was willſt Du denn da?“ „Das darf ich nur dem Herrn Koͤnige anver⸗ trauen“— antwortete Peter, welches die Fragerin nur deſto neugieriger machte. Als aber jener feſt bei ſeiner Zuruckhaltung verharrte, wurde dieſe boͤſe und ſprach ſchnippiſch:„Seht mir doch den gebirgiſchen Lummel, wie patzig er thut! Du wirſt weit mit Dei⸗ nem Eigenſinne kommen, wenn Du's uberall ſo machſt.“ So niederſchlagend dieſe Rede fuͤr Peter war, nahm er doch daraus die gute Lehre, daß er der Frau ſchon zu viel geſagt habe und er ein andermal noch ver⸗ ſchwiegener ſein müſſe. In einer gemeinen Gaſtwirth⸗ ſchaft, welche ihm der Schulmeiſter genannt und em⸗ pfohlen hatte, ſchlug er ſein Nachtlager auf, unter ban⸗ ger Erwartung dem nächſten Morgen entgegenſehend. Elftes apitel. Die Audienz. Um 10 Uhr des Vormittags war die Eroͤffnung der allmonatlichen, oͤffentlichen Audienz bei dem Mo⸗ narchen. Lange vorher ſchon war Peter, reinlich in Geſicht und Kleidung, um das koͤnigliche Schloß her⸗ umgeſchlichen. Kaum wagte er, in das Schloßthor zu treten, welches von großen, baͤrtigen Grenadie⸗ ren bewacht wurde. Als gehe er auf Eiern, ſchritt er ſachte die breiten Treppen hinauf, und unter einem ehrfurchtsvollen Schauer betrat er ein hohes Zimmer, welches ganz mit Bewaffneten angefuͤllt war. Einige von ihnen ſtanden an den großen Fenſtern und ſchau⸗ ten auf die Straße hinab; die meiſten aber ſaßen auf gepolſterten Bänken, welche laͤngs der goldverzierten Waͤnde angebracht waren. Einen prachtig gekleideten Offizier, welcher in dem Wachſaale auf⸗ und abſchritt, fur den König ſelbſt haltend, nahete ſich Peter demſel⸗ ſelben zitternd. In der Angſt ſeines Herzens vergaß er, daß ihm ſein Schulmeiſter geboten, einen Fußfall vor dem Koͤnige zu thun. Er holte richtig zu einem gewoͤhnlichen, nur ſehr tiefen, Buͤcklinge aus und kratzte weit mit dem linken Beine nach hinten aus. Die Glätte des gebohnten Fußbodens aber kam ſeiner Vergeßlichkeit zu Huͤlfe, indem ſie ihn zieni geraͤuſch⸗ Nieritz, viertes Gebot. 114 voll längelang hinfallen machte. Unter einem Lach⸗ Chor von mehr als dreißig groben Kehlen haspelte er ſich wieder auf die Beine und uͤberreichte, gänzlich aus ſeiner Rolle gebracht und mit Schamroͤthe ubergoſſen, dem Offizier die Bittſchrift. Dieſer, gleichfalls lachend, warf einen fluͤchtigen Blick in dieſelbe, gab ſie dem Knaben wieder und ſagte, auf eine Thuͤre deutend: „Dort hinein, mein kleiner Seiltänzer.“ Beſchaͤmt gehorchte Peter, welchen jetzt ein noch viel praͤchtigeres Zimmer empfing. Er war weder der Einzige, noch der Erſte, welcher Audienz beim Koͤnige zu erhalten begehrte; denn er fand in dem Zimmer eine Anzahl Bittender jeglichen Standes und Ge⸗ ſchlechts, die bereits, wie ſie gekommen, in eine Reihe aufgeſtellt waren. Bevor Peter dieſelbe genauer be⸗ trachten konnte, hoͤrte er unvermuthet ſeinen Namen mit dem Ausdrucke großer Verwunderung ausrufen. Schnell blickte er nach der Stelle hin, von welcher der Ton ausging, und— Himmel!— „Pauline! Du auch hier?“ riefen ſeine Lippen uͤberraſcht. Alles vergeſſend, wollte er auf das Mäd⸗ chen losſchreiten, als ihm der Kammerportier mit ſei⸗ nem ſilberbeſchlagenen Stabe in den Weg trat. „Still!“ gebot derſelbe mit gedämpfter Stimme. „Das Vorzimmer Seiner Majeſtaͤt iſt keine Klatſch⸗ boutique und wer hier herein will, muß ſich manierlich * 115 aufführen. Was iſt Dein Begehr? Wie heißt Du? Woher biſt Du?“ Die Antwort auf dieſe drei Fragen wurde von einem Herrn, der an einem Schreibtiſche ſaß, auf ei⸗ nen großen Bogen geſchrieben, mit welchem, als alle Bittende beiſammen waren, der Kammerportier ſich in das Audienzzimmer verfuͤgte. Peter bekam ſeinen Platz ziemlich weit hinten in der Reihe angewieſen, und ſollte ſich weder von der Stelle ruͤhren, noch laut ſprechen. Nur durch Blicke und Winke konnte er ſich mit Pau⸗ linen unterhalten, welche die Vierte von oben herein war. Indeß hatte ſich Peter ein Herz gefaßt und ſeinen Nachbar um den Titel des Stabtraͤgers befragt. Als dieſer jetzt wieder aus dem Audienzzimmer und dicht bei Petern vorbeikam, ſprach derſelbe mit bitten⸗ der Stimme und Geberde:„Ach, gnaͤdigſter Herr Kammerportirer! fern ſei es von mir, der Majeſtät ihr Vorzimmer fuͤr eine Klatſchperuͤcke halten zu wol⸗ len. Aber, duͤrfte ich denn nicht nur zwei Woͤrtchen mit dem Maͤdchen dort ſprechen, das gewiß in gleicher Abſicht mit mir da iſt?“ Die Reihe der Supplikanten kicherte in ſich hin⸗ ein; der Kammerportier hingegen ſchluckte die Klatſch⸗ peruͤcke ſtill hinab und ſprach dann mit großem Ernſte: „Nichts da! entweder Du fugſt Dich in die Hoford⸗ nung, oder Du gehſt Deiner Wege.“ 8* 116 Das Letztere mochte nun Peter freilich nicht und ſchwieg daher. „Wenn Sie, geehrte Anweſende“— unterrichtete jetzt der Portier—„Ihre unterthaͤnigſten Bitten bei Sr. Majeſtät angebracht haben, ſo verlaſſen Sie Hoͤchſt⸗ deſſen Audienzzimmer durch die entgegengeſetzte Thuͤre.“ Die Weiſung machte einen neuen Strich durch Peter's Rechnung, dem ſonach gar keine Ausſicht blieb⸗ mit Paulinen zuſammenzutreffen. Als daher die Reihe an dieſe kam, ſuchte er ihr durch Zeichen zu verſtehen zu geben, daß ſie auf ihn warten moͤge. Pauline, nicht minder in Angſt als Peter, ſollte nun vor den mächtigen Konig, den Gebieter uͤber Le⸗ ben und Tod, treten. Ihre Pulſe ſchlugen ſtuͤrmiſch, die Kniee wankten, die Hände zitterten ihr. Im Geiſte ſah ſie den Monarchen auf ſeinem goldenen Throne ſitzen, umgeben von ſoͤmmtlichen Großwuͤrdenträgern des Reichs. Es funkeln die Diamanten der Krone auf dem ehrwuͤrdigen Haupte— der Purpur rauſcht — hervor ſtreckt ſich die Rechte und neigt gegen die Bittende gnädig den goldnen Scepter, indeß die Linke den kreuzgezierten Reichsapfel umſchließt. „Was iſt Dein Vegehr?“ hoͤrt ſie feierlich und gemeſſen die Worte von den koͤniglichen Lippen gleiten — da zertann der Traum vor der einfachen Wirklich⸗ keit. Wohl flimmerte ihr beim Eintritte in das Au⸗ dienzzimmer des Goldes und Silbers viel entgegen; von den hohen, reichtapezierten Waͤnden ſchauten ſie ernſt und lächelnd ſchon gemalte Herren und Frauen an;z des Kronenleuchters Cryſtall, der Fenſter Spiegel⸗ glas, der Gardinen ſeidene Fuͤlle blendeten,— ihr eig⸗ nes Bild, fuͤnffach in den deckenhohen Spiegeln zurück⸗ geworfen, verwirrte,— die tiefe, feierliche Ruhe um⸗ her durchſchauerte ſie. Aber von einem Throne und dem ihn umgebenden Gefolge, von Krone, Scepter und Reichsapfel war hier keine Spur. Ein Tiſchchen ſtand an dem einen Fenſter, vor welchem ein Herr, in einem feinen, doch nicht ungewoͤhnlichen Anzuge ſtand, der in einigen darauf liegenden Schriften umherblaͤt⸗ terte. Außer ihm und den beiden Thuͤrſtehern er⸗ blickte Pauline Niemand im ganzen Zimmer. Ver⸗ dutzt blieb ſie ſtehen, ſich vergeblich nach dem Koͤnige umſehend. Jetzt ſah der Herr am Tiſche von ſeinen Papieren auf und ſprach freundlich:„Was willſt Du, Kleine?“ „Ich wollte zu meinem gnädigſten Herrn Koͤnige“ — verſetzte Pauline ſchuͤchtern. „Er ſteht vor Dir“— ſagte der Herr unter einem feinen Lächeln—„was ſuchſt Du bei mir?“ Pauline maß den angeblichen Koͤnig mit großen Augen. Nein, dieſer Herr, viel junger als ihr Vater, in ſchwarzem Frack und langen Hoſen, mit den blauen — i —— —— 118 Augen und braunem, unbedecktem Haupthaare konnte nicht der Koͤnig ſein! Unglaͤubig ſchuͤttelte ſie das Koͤpfchen. „Nun?“ fragte der Herr wieder. „Verzeiht, gnaͤdiger Herr!“ platzte jetzt Pauline los—„mein Herr Koͤnig traͤgt doch eine Krone auf ſeinem koͤniglichen Haupte und Ihr—“ „Meine Tochter“— entgegnete der Monarch lieb⸗ reich—„die Krone iſt ſchwer und, zumal jetzt im Winter, obendrein kalt. Daher liegt ſie wohlverwahrt bei Scepter und Reichsapfel. Ich aber bin wirklich Dein Koͤnig.“ Die letzten Worte ſagte der Monarch mit ſolcher Hoheit, daß Pauline nicht länger zweifeln konnte, zu⸗ mal da ſie jetzt auch den goldnen Stern auf der lin⸗ ken Bruſt blinken ſah. Erſchrocken knirte ſie daher zuſammen und ſprach mit zitternden Lippen:„Ach, allergnaͤdigſter Herr König! verzeihen Sie mir, daß ich Euch— ich wollte ſagen Ihnen— nicht gleich die königliche Ehre erwieſen habe. Ach, allerliebreichſter Koͤnig und Herr! erbarmt Euch— erbarmen Sie ſich meiner und laſſen Sie meinen armen Vater los. Er iſt unſchuldig wie ein Kind in der Wiege. Er truͤbt mit Willen kein Waſſer im Dorfe, geſchweige denn einen Menſchen. Er hat nicht den Ruppert erſchlagen — nein, er nimmer! Fragt das ganze Dorf, die Nach⸗ 119 barn, die Leute in der Stadt— fragt meinen Vater ſelbſt— und Alle werden ſagen, daß er kein Moͤrder iſt. Weshalb haͤtte er auch den Grenzjäger erſchlagen ſollen, unſern lieben Stubennachbar, der uns erſt neu⸗ lich mit Götzen und Kaffee tractirte? Mein Vater iſt ja kein Dieb und kein Paſcher, und der Peter hatte Recht, als er zu meiner jetzigen Pflegemutter ſagte, daß es meinem Vater ſchon weh thut, wenn er mit der Schuhahle in das todte Leder ſechen muͤſſe. Darum, o mein Herr Koͤnig! Gnade fuͤr meinen ar⸗ men, ungluͤcklichen Vater!“ Paulinens liebliches Geſicht hatte ſich im Eifer des Sprechens mit friſcher Roͤthe uͤberzogen; ihr Auge glänzte, und wie Honigſeim quollen ihr die Worte von dem kleinen Munde. Der Monarch hatte ihr voll Verwunderung zu⸗ gehoͤrt. „Aber“— hob er jetzt an—„ich weiß ja von der ganzen Sache nichts. Zeig' her Dein Bittſchrei⸗ ben.“ Pauline überreichte es bebend, und der Fuͤrſt las es mit großer Aufmerkſamkeit durch. „Wer hat dies geſchrieben?“ fragte er, eine große Bewegung unterdruckend. „Ich, allergnaͤdigſter Herr König!“ verſetzte Pau⸗ line furchtſam. 120 „Vie? Du ſelbſt? ohne Beihulfe?“ rief der Mo⸗ narch verwundert aus. „Ja, mein gnädigſter Herr Koͤnig! Dreimal hab' ich das Ding auf's Reine geſchrieben, und jedesmal tropften meine Thraͤnen während des Schreibens dar⸗ auf. Daher ruͤhren die vielen Schweine, die Ihr ſonſt in meinen ganzen Schreibebuchern nicht finden werdet. Auch taugte die Feder und das Papier nicht viel. Nehmen Sie es ja nicht uͤbel!“ Dies ſchien nicht der Fall zu ſein, vielmehr fuhr der Koͤnig mit der Hand uͤber ſeine Augen, welche wie von Ruͤhrung naß zu ſein ſchienen. Auch legte er Paulinens Bittſchrift nicht zu den uͤbrigen Papie⸗ ren, ſondern barg ſie in ſeinem Buſen. Dann legte er die Rechte auf Paulinens Haupt und ſagte recht väterlich:„Du biſt ein gutes Kind— eine dankbare, liebevolle Tochter, die da thut, was des Herrn Gebot verlangt. Darum biſt Du ihm und den Menſchen angenehm. Gern erfuͤllte ich Dir Deine Bitte, allein dies kann ich jetzt noch nicht, weil die Unterſuchung nicht beendigt iſt. Dann erſt wird ſich's ergeben, ob Dein Vater ſchuldig oder unſchuldig iſt, und ob ſich etwas fuͤr ihn thun laͤßt.“ „Ach, lieber Gott!“ klagte Pauline traurig— „dann muß mein Vater noch lange, ach ſehr lange im Gefängniſſe ſchmachten, und noch lange die ſchwe⸗ 121 ren Ketten tragen. Denn alle Leute, welche das Ding verſtehen, ſprechen, daß die gottloſen Advocaten kaum in Jahresfriſt dahinter kaͤmen, wer den Ruppert er⸗ ſchlagen und die Strafe zu buͤßen habe.“ „Beruhige Dich, meine Tochter!“ erwiderte der Koͤnig.„Ich will die Unterſuchung moͤglichſt beſchleu⸗ nigen laſſen.“ So uͤberaus gnaͤdig und liebreich auch der Fuͤrſt ſich gegen Paulinen bewieſen hatte, war dieſe doch mit dem Erfolge ihrer Bitte nicht eben zufrieden. Da⸗ her wagte ſie die Frage zu thun, bevor ſie das Zim⸗ mer verließ:„Allergnaͤdigſter Herr Koͤnig! darf ich wohl auch zu der Frau Koͤnigin gehen?“ „Was willſt Du bei ihr?“ fragte der Monarch verwundert. „Sie ſoll“— antwortete Pauline treuherzig— „noch viel beſſer und gnaͤdiger ſein als Sie, Herr Koͤnig! Und da wollte ich auch bei ihr mein Heil verſuchen; hab' ihr deshalb auch etwas mitgebracht.“ Der Monarch mußte die Treuherzigkeit des Land⸗ mädchens beläͤcheln und ſagte:„Du wirſt bei der Ko⸗ nigin nicht mehr ausrichten als bei mir. Doch ſprich⸗ was iſt's, das Du fuͤr ſie beſtimmt haſt?“ Pauline griff in die Taſche und brachte die Spitze hervor, welche die Wäſcherin in ganz guten Stand wieder geſetzt hatte. Sie von der papiernen Huͤlle be⸗ 122 freiend, ſprach Pauline:„Da ſie der Schreckenberger erſt nicht haben mochte, ſoll er ſie nun gar nicht be⸗ kommen, obſchon kein Unthaͤtchen mehr daran zu ſehen iſt. Meine Pflegemutter hat die zwei Thaler fuͤr das Garn bezahlt und mir den Gedanken eingegeben, die Spitze der gnaͤdigen Frau Koͤnigin zu ſchenken. Meine Pflegemutter ſagte auch, die Schiebkaͤſtle drinn waͤ⸗ ren ohne Tadel, und auch die Hoͤsle nicht uͤbel gera⸗ then. Und die verſteht's, weil ſie ſelbſt ſonſt viel ge⸗ kloppelt hat.“ „Kommt die Spitze von Dir?“ forſchte der gürſt mit Wohlgefallen die Arbeit betrachtend. „Ja, mein gnaͤdigſter Herr Koͤnig!“ bejahte Pau⸗ line unter einem tiefen Knipe. „Die Koͤnigin kannſt Du jetzt nicht ſprechen“— ſagte der Monarch—„doch werde ich ihr Dein Ge⸗ ſchenk einhändigen. Und nun noch einmal: beruhige Dich, mein Kind, und traue meinem koͤniglichen Worte.“ „Alſo kann ich nun gehen?“ fragte Pauline klein⸗ laut, und als der Koͤnig ihr nickte, fuhr ſie, ſich ploͤtz⸗ lich beſinnend, ſchnell auf:„O gnaͤdigſter Herr Koͤnig! der Peter ſteht auch draußen und moͤchte gern herein. Gewiß hat er daſſelbe Anliegen, wie ich, darauf wollt' ich ſchwoͤren. Wir ſind aus einem Orte, ja aus ei⸗ ner Stube vielmehr und moͤchten darum gern zuſam⸗ men wieder heim.“ 123 Der Füͤrſt ſprach einige Worte zum Portier, wel⸗ cher hinausging und den Peter hereinbrachte. Pauline ging ihm einige Schritte entgegen und ſprach leiſe, auf den Fürſten zeigend:„Das iſt der Herr Koͤnig!“ Pardautz! lag Peter auf beiden Knieen.„Gnade! Gnade! Herr Majeſtaͤt!“ begann er laut zu ſchreien —„Gnade fuͤr den Schuhfflicker! er hat den Grenz⸗ jäger nicht erſchlagen. Ich weiß es beſſer. Nimmer will ich Euch wieder zu nahe kommenz nur thut mir das eine Mal den Gefallen.“ Hier gab Pauline dem Burſchen einen leichten Stoß in die Seite und ſagte:„Grobſack Du! wer wird denn den Herrn Koͤnig„Ihr“ und„Euch“ beti⸗ tuliren? Du wirſt ſchoͤn in's Fettnäpfchen treten.“ Der Koͤnig hingegen fragte:„Wer biſt Du und wie kommſt Du zu dieſer Bitte fuͤr einen Dir frem⸗ den Menſchen?“ „Haltens zu Gnaden, Herr Mafeſtät“— rief Peter mit einer Loͤwenſtimme—„ich bin der Ruß⸗ buttel⸗Peter aus Ruppertsgrun, handle aber auch noch mit Smalte, Schwefel, Schwamm und Loffeln. Ich weiß, daß Nachbar Schlegel unſchuldig iſt, und deshalb ſchickt mich der Schulmeiſter zu Euch— zu Ihnen.“ „Und wie willſt Du wiſſen, daß der Schuhma⸗ cher unſchuldig ſei?“— forſchte der Koͤnig. „Ich hab's ja mit angeſehn!“ ſchluchzte Peter. „Er war's wirklich nicht, darauf konnt Ihr Euch ver⸗ aſſen.“ „Und wer war denn der Moͤrder? Kannteſt Du ihn?“ Auf dieſe Frage wurde Peter leichenblaß. Die Sprache verſagte ihm und gewaltſam kaͤmpfte er mit ſich ſelbſt. Endlich rutſchte er auf ſeinen Knieen bis zu des Koͤnigs Fuͤßen.„Wenn Ihr es durchaus wiſ⸗ ſen muͤßt“— ſprach er bebend—„ſo laßt mich's nur Euerm koͤniglichen Ohre anvertrauen.“ Willfaͤhrig neigte ſich der Monarch herabz erſchro⸗ cken fuhr er aber ſogleich wieder in die Hoͤhe. „Wie?“ rief er voll Entſetzen—„hab' ich recht gehoͤrt?! Ha, ungluͤckliches Kind! Du wagſt es, eine ſo furchtbare Anklage auszuſprechen? Weißt Du, be⸗ ſtaͤtigt ſie ſich, was Deines Vaters Lvos ſein wird?“ „Ich weiß es“— verſetzte Peter, tief aufathmend —„der Schulmeiſter hat mir ein helles Licht daruͤber aufgeſteckt. Doch ſollt' ich ruhig zuſehen, daß ein Un⸗ ſchuldiger die Strafe tragen muß?“ „O Du unnatuͤrlicher Sohn!“ ſeufzte der Koͤnig —„o ſchrecklicher Fall, wo das eigne Kind ſeinen Vater dem Blutgeruͤſte zufuͤhren will.“ „Nein! nein!“ rief Peter außer ſich—„ſagt das nicht wieder, Herr Majeſtaͤt! Deshalb bin ich ia 125 zu Euch gekommen, weil mir der Schulmeiſter verſi⸗ chert hat, daß in Eurer Hand das Leben und der Tod liege, und das obendrein nur durch einen Federſtrich. Ach, großer Koͤnig! zieht einen großen, ſchwarzen Strich durch den Tod! Greift auf die Seite, wo das Leben liegt! Bedenkt doch: wenn der Kopf einmal herunter iſt, koͤnnt Ihr ihn mit all' Eurer Macht nicht wieder aufſetzen. Ein Paar Jahre Zuchthaus, meinte der Herr Schulmeiſter, konnten nichts ſcha⸗ den; aber nur nicht todt machen laſſen! Und wenn Ihr durchaus Blut haben muͤßt, ſo nehmt meinen Kopf hin— es iſt nicht viel an ihm verloren— und wenn ſich auch die Mutter darob zu Tode haͤrmen ſollte. Ich bin ein gottloſer Sohn gegen meinen Vater, ich weiß es, aber ich kann nicht anders, wie auch der Herr Schulmeiſter ſpricht. Die Leute wer⸗ den mit Fingern auf mich weiſen und von Weitem ſchon vor mir ausſpucken. Drum mag ich lieber nicht mehr leben.“ „Allergnaͤdigſter Herr Koͤnig,“ nahm Pauline das Wort—„der Peter iſt wirklich der beſte Junge von der Welt. Ohne ihn muͤßte ſeine arme, kranke Mut⸗ ter vergehen in ihrer Noth. Darum erhoͤren Sie ſeine Bitte! Ach, Du armer Peter! alſo Dein leiblicher Vater hat den Ruppert erſchlagen, und Du ſelbſt mußt ihn anklagen? Das iſt freilich ſchrecklich. Aber 126 nun wird auch mein Vater freigelaſſen, nicht wahr, gnaͤdigſter Herr Koͤnig?“ „Das kann ich noch nicht ſagen“— verſetzte der⸗ ſelbe—„die Sache muß erſt weiter unterſucht wer⸗ den. Das Zeugniß eines Kindes gegen ſeinen eignen Vater iſt unguͤltig. Wenn Peters Vater nicht ſelbſt die That eingeſteht, hilft Peters Ausſage wenig. Haſt Du Dich denn aber auch ganz gewiß uͤberzeugt, daß kein Anderer, als Dein Vater, der Thaͤter war?“ „Es war faſt ſo hell wie am Tage,“ erzahlte Pe⸗ ter—„als ich den Grenziaͤger ein Stuͤckchen unter mir erblickte. Er ging voran und mein Vater dicht hinterdrein. Auf einmal gab ihm mein Vater mit dem Schuͤreiſen einen Treff hinten auf den Kopf, daß dem Ruppert das Czako herunterfiel, und dann noch einen, worauf er hinſtuͤrzte.“ „Schrecklich, wenn das wahr iſt!“rief der Monarch. „Herr Majeſtaͤt“— bat Pauline auf's Neue— „geben Sie doch nur meinen Vater frei. Sie ſehen ja, daß er's nicht geweſen iſt!“ „Und meinem Vater“— ſchluchzte Peter—„laſ⸗ ſen Sie nicht den Kopf abhacken.“ „Kinder“— erwiderte der Koͤnig—„wollte ich ohne Weiteres Eure Bitte gewaͤhren und Eure Vaͤter los laſſen, wuͤrde ich nicht gerecht handeln.“ „Ach!“ ſagte Peter—„der liebe Gott iſt und ——————- ——— 2 bleibt auch gerecht, wenn ſchon er uns die Sünden⸗ ſchuld erlaͤßt.“ Den Monarchen ergriff dies einfache Wort.„Weißt Du auch“— ſprach er—„warum Gott die Suͤnde vergeben und doch gerecht bleiben kann?“ „Ach ja,“ verſetzte Peter—„weil ſein lieber Sohn unſte Strafe auf ſich genommen hat.“ „Ganz recht!“— nickte der Fuͤrſt. Bei Eurer Sache iſt es aber ganz anders.“ „Ich will ja auch meines Vaters Strafe erleiden“ — rief Peter. „Kann doch Niemand ſeinen Bruder erlöſen, ſteht in der Schrift geſchrieben“— verſetzte der Monarch, und deshalb kann auch Dein Anerbieten nicht ange⸗ nommen werden.“ „Haben Sie denn Kinder, Herr Konig?“ fragte Pauline naiv. Ein ſchnell voruͤbergehender Schatten glitt uͤber deſſen Antlitz, dann verſetzte er freundlich:„Sehr viele Kinder habe ich, meine Tochter, Ihr Alle ſeid meine Kinder.“ „So meint“ ich's nicht“— ſprach Pauline. „Wenn Sie Kinder von Ihrem Fleiſch und Blut haͤtten, ſo wuͤrden Sie gewiß eher unſern Bitten nachgeben.“ „Nun iſt's gut!“ antwortete der Fuͤrſt.„Es 128 warten noch viele meiner Kinder auf mich. Geht und ſeid verſichert, daß ich mich Eurer annehmen werde.“ Da gingen die beiden Kinder, nachdem ſie ehrer⸗ bietig von ihrem guͤtigen Landesvater Abſchied genom⸗ men hatten. Bwölftes Rapitel. Die Heimfahrt. As Peter und Pauline das Audienzzimmer ver⸗ laſſen hatten, begleitete ſie ein koͤniglicher Diener. Sie glaubten, dies geſchähe, damit ſie ſich in den vielen Gängen und Zimmern des großen Schloſſes nicht ver⸗ moͤchten. Dem war aber nicht ſo. Sie kamen endlich in ein ſehr warmes Zimmer, wo ſie ſich nieder⸗ ſetzen mußten. Nicht lange dauerte es, ſo wurde ein Tiſch gedeckt und mit einer dampfenden Suppe beſetzt. „Ihr habt doch noch nicht auf den Mittag ge⸗ geſſen?“ fragte ſie der Hofbediente, welcher F noͤthigte, ſich's wohlſchmecken zu laſſen. Ach, die Kinder hatten nicht einmal gefrühſtuct in ihrer Angſt vor der Audienz, und ihre nuͤchternen Magen freuten ſich daher nicht wenig uͤber die Aus⸗ ſicht, mit etwas Gutem gefuͤllt zu werden. Und dies geſchah auch. Der Suppe folgte Braten nebſt einge⸗ machten Fruͤchten. Dazwiſchen ſchenkte der Hofbe⸗ 129 diente goldgelben Wein ein, den die bloͤden Kinder erſt gar nicht trinken mochten, ſpäter aber auf freundliches Zureden ſich trefflich ſchmecken ließen. Nun wurden ſie auch geſpraͤchig und erzaͤhlten dem Diener Alles, woruͤber er ſie befragte. Auch Backwerk wurde ihnen vorgeſetzt, gegen welches die beruͤhmten Götzen ganz zuruͤcktreten mußten. So gut hatten die Kinder in ihrem ganzen Leben nicht gegeſſen. „Denke Dir nur“— ſagte Pauline leiſe—„ſo⸗ gar einen Bedienten haben wir.“ „Und Kirſchen mitten im Winter, und ſo zucker⸗ ſuͤße“— verſetzte Peter. „Und das Brod iſt ſo weiß, wie nimmer unſere Semmel“— Pauline. „Wein habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht getrunken“— meinte Peter—„blos bis zu ei⸗ nem einzigen Schlucke bairiſchen Bieres habe ich's ge⸗ bracht, den mir ein Reiſender einſt ſchenkte.“ „Und der Kuchen voll großer und kleiner Roſi⸗ nen, voll Mandeln und Citronat, und obendrein mit Zucker und Zimmt beſtreut— Butterzopf nennen ſie ihn, glaub' ich, hier“— ſagte Pauline. „Einen ſolchen Zopf laſſe ich mir gefallen,“ ſprach Peter.„Ach, wenn das meine Mutter wuͤßte, wie gut es mir jetzt geht!“ „Was haſt Du denn?“— fragte Pauline, als Nieritz, viertes Gebot. 9 1 130 Peter ploͤtzlich das Stuͤck Butterzopf hinlegte und den Arm ſorgenvoll unter das Haupt ſtutzte. „Ach!“ ſeufzte dieſer—„wie gottlos bin ich doch, daß ich mich ſo freuen konnte! Ganz vergeſſen hatte ich unſere Noth.“ „Aengſtige Dich nicht im Voraus“— troͤſtete Pauline.„Haſt Du's nicht gehoͤrt, daß Deine An⸗ klage nichts gilt?“ „Ja, dann wird auch Dein Vater nicht losgelaſ⸗ ſen. Denn daß mein Vater freiwillig geſteht, glaub' ich nimmer. Ich zwar koͤnnte, wenn ich's geweſen waͤre, nicht eine Minute damit hinter dem Berge hal⸗ ten. Aber mein Vater— denke Dir nur— kann noch ſchlafen, was ich kaum im Stande war, ſeitdem ich den Todſchlag mit angeſehen hatte.“ „Ich verlaſſe mich auf des Herrn Koͤnigs Wort“ — ſprach Pauline.„Wuͤrde er uns wohl ſo tractiren laſſen, wenn er's nicht gut mit uns meinte?“ Indeſſen hatte eine Frau einen Tragkorb, gedruͤckt voll Kleider, in das Eßzimmer der Kinder gebracht. „Seid Ihr ſatt?“ fragte der Hoſdiener die Let⸗ teren. Als ſie dies bejahten, raͤumte der Diener die Ueberbleibſel der Mahlzeit zuſammen, welche noch fuͤr vier Eſſer hingereicht haͤtten. Den Braten, das Weiß⸗ brod und den Kuchen packte er in ſchoͤne weiße Bo⸗ gen Papier und legte Alles auf das Fenſterbret. Hier⸗ 131 auf paßte den verſteinten Kindern jene Frau einen vollſtändigen, neuen Anzug an, uͤber welchen als Zu⸗ gabe ein warmer, weißer Schaafpelz mit buntfarbigem Ueberzuge kam. Peter und Pauline wußten nicht, wie ihnen geſchah. Sie blickten bald auf ſich, bald auf den Hofdiener, welcher ſich hoͤchlich uͤber das Erſtau⸗ nen der beſchenkten Kinder ergoͤtzte. Als dieſe ihm jetzt aus Dankbarkeit die Hand kuͤſſen wollten, ſprach er abwehrend:„Das Alles giebt Euch die allerhoͤchſte Herrſchaft. Zerreißt die Sachen geſund.“ Die Beſchenkten ergoſſen ſich nun in Dankſagun⸗ gen uͤber den gnädigen Monarchen und Pauline ſagte triumphirend:„Nun, Peter, hatte ich nicht Recht? Du wirſt ſchon ſehen, was weiter folgen wird.“ Und ſie ſahen es. Der Hofbediente zog ſeine Uhr heraus und ſagte:„Kommt, Kinder! gleich wird es drei Viertel auf Zwoͤlf ſein. Ihr gedenket doch nicht, Euch laͤnger in der Stadt aufzuhalten?“ „Nein! nein!“ verſetzten dieſe. Sie mußten noch die eingepackten Lebensmittel und die Weinflaſche nebſt deren Inhalt zu ſich ſtecken und dem Diener folgen, welcher ſie nach dem Poſthauſe brachte. Hier ſtand bereits der Eilwagen angeſpannt. Die Kinder muß⸗ ten einſteigen; der Poſtillon blies zur Abfahrt; die Peitſche knallte und fort ging es. Geraume Zeit getrauten ſich die Kinder kein Wort „ *7 132 zu ſprechen. Sie warfen einander nur ſelige Blicke zu. Ja, das war ein anderer Wagen, als das rump⸗ lige Fuhrwerk des gebirgiſchen Buttermannes, auf welchem Peter einen Theil der Herfahrt zuruͤckgelegt hatte. Wie weich ſaß und lag ſich's auf dem gepol⸗ ſterten Sitze und in der warmen Ecke! Eh' ſich's die Kinder verſahen, waren ſie, halbtrunken von dem un⸗ gewohnten Weine, feſt entſchlafen. So ſuͤß hatten ſie kaum in ihren Betten geſchlummert als hier. Sie holten die ſchlaflos verbrachten Naͤchte der vorherge⸗ gangenen Tage wieder nach und erwachten erſt, als der Poſtwagen in einer großen Stadt anhielt. Es war ſchon ganz dunkel und mit Verwunderung hoͤrten die Kinder, daß ſie ſchon uͤber acht Meilen weit von der Hauptſtadt entfernt wären. Obgleich ſich der Hun⸗ ger und Durſt bei den allezeit eßluſtigen Kindern wie⸗ der anmeldeten, haͤtten ſie doch um keinen Preis ihren bei ſich tragenden Vorrath angegriffen, denn ſie muß⸗ ten ja den Ihrigen damit einen Begriff von dem bei⸗ bringen, was ihnen im koͤniglichen Schloſſe zu Theil geworden war. Peter und Pauline erinnerten ſich, daß ſie ihre wenigen Zehrdreier in ihren alten Klei⸗ dungsſtucken gelaſſen hatten, welche wohl zuſammen⸗ gepackt draußen im Poſtkoffer lagen. Daher bequem⸗ ten ſie ſich, die wenigen Stunden ihrer Reiſe noch zu hungern. „Wenn ich nur wenigſtens mein Schnupftuch bei mir behalten hätte!“— klagte Pauline und fuhr mit der Hand mechaniſch in die Seitentaſche ihres Pelzes. Mit einem ſchweren Papierpaͤckchen kam dieſelbe wie⸗ der heraus, auf welchem Pauline beim Scheine der na⸗ hen Straßenlaterne die Worte las:„Fuͤr die Spitze.“ Ahnend entfaltete ſie die neue Gabe. Zehn fun⸗ kelneue Speciesthaler blitzten der Ueberraſchten entge⸗ gen. Das war des Guten zu viel! In dankbaren Thränen kuͤßte ſie das Bild des großmuͤthigen Landes⸗ vaters, welches ſie auf den Silberſtucken ſo freundlich anſah. Und Peter theilte die Freude des Madchens, weit entfernt, die leiſeſte Regung des Neids in ſich zu verhalten. Denn wofur haͤtte er wohl ein äͤhnliches Geſchenk in Anſpruch nehmen duͤrfen? War nicht ſchon das, was er bereits empfangen, uͤberſchwenglich viel und unverdient? Wahrhaft aͤngſtlich hutete er ſich, eine Unterſuchung ſeiner Pelztaſche vorzunehmen. An ſeiner Statt that es die weibliche Neugier. Ohne daß er es bemerkte, glitt Paulinens Hand in ſeine Taſche. „Gefunden!“ rief ſie triumphirend, ein gleiches Päck⸗ chen emporhaltend.„Fuͤr die gichtkranke Mutter!“ las Peter durch Thränen der tiefſten Ruͤhrung. Nun war die Freude vollkommen. „Bei Euch beſcheert wohl der heilige Chriſt?“ rief der Poſtſchaffner zu den beiden jugendlichen Paſ⸗ 134 ſagieren hinein, welche die einzigen im Wagen waren und deren Jubeln er vernommen. Und wirklich war dem alſo. Nun wurden Luftſchloͤſſer gebaut, welche aber frei⸗ lich eben ſo ſchnell vor dem Gedanken zerrannen, daß die Hauptſache— die Freiſprechung der Väter— noch mangle und demnach die Freude nur unvollkom⸗ men ſei, wie Alles auf Erden. „Wie biſt Du nur auf den Einfall terhe Pau⸗ line“— fragte jetzt erſt Peter—„zu der Majeſtaͤt in die Audienz zu gehen? Mir hat es der Herr Schulmeiſter gerathen, als ich ihm meine große Her⸗ zensangſt entdeckt hatte.“ „Und mir die Frau Kuͤnzel, gegen welche Du mich ſo herausgeſtrichen haſt. Ja, Peter! Dir hab' ich es zu danken, daß ſie meine Pflegemutter gewor⸗ den iſt, und mir den Einſchlag zur Reiſe und auch das Geld dazu hergegeben hat, ſo daß ich mit dem Bo⸗ tenwagen fahren konnte.“ „Wunderbar!“ ſagte Peter.„Ich war ganz un⸗ gehalten, als die Spitzenwaͤſcherin gar nicht heimkom⸗ men wollte. Gleichwohl war dies mein und Dein Gluck; denn ſonſt haͤtten wir vielleicht alles das nicht erlangt, was heute mit uns geſchehen iſt. Denn Deine Rede hat doch den Ausſchlag beim Herrn Kö⸗ nige gegeben.“ 6— „Das glaube ich nimmer!“ rief Pauline, die Ehre beſcheiden ablehnend.„Du ſprachſt ja wie ein Buch oder ſchrieeſt vielmehr. Auch haſt Du geknieet und ich nicht.“ „Aber Deine Spitze“— wandte Peter ein—„die Spitze! die beſtach Dir den Landesvater ordentlich. Und viel hoͤflicher wareſt Du als ich. Ich mochte mich zuſammennehmen wie ich wollte: immer fuhr mir das „Ihr“ und„Euch“ heraus.“ „Am Ende“— ſprach Pauline—„hat Alles der liebe Gott gethan, der die Herzen der Menſchen lenket wie Waſſerbaͤche.. „So iſt's!“ nickte Peter.„Darum will ich auch fortan noch einmal ſo andaͤchtig das„Allein Gott in der Hoͤh' ſei Ehr“ in der Kirche ſingen, als zeither.“ Ehe die kleinen Reiſenden ſich's verſahen, waren ſie wieder in Schneeberg. Unter großen Dankſagun⸗ gen und Kratzfuͤßen nahmen dieſe von dem Poſtſchaff⸗ ner Abſchied, welcher ihnen ihre Kleiderbuͤndel einhaͤn⸗ digte und ſie— denn ſie waren von des Koͤnig's Ma⸗ jeſtät ihm empfohlen worden— unter wohlwollenden Worten entließ. Beide theilten, ſo gut dies anging, ſich in die Ueberreſte der königlichen Tafel und trennten ſich hier⸗ auf, Pauline zu ihrer Pflegerin, Peter nach Rupperts⸗ gruͤn zuruͤckeilend. Beide aber fanden, daß ſeit ihrer 136 Abreiſe eine große Veränderung in dem Stande der Dinge eingetreten war, welche der geneigte Leſer in dem folgenden Kapitel erfahren ſoll. Preizehntes Rapitel. Das Gericht. Fuu Hille hatte in ihren ſchlafloſen Naͤchten Ge⸗ legenheit gehabt, zu bemerken, daß ihres Mannes Schlaf jetzt weit unruhiger ſei, als fruͤher. Er ſprach, was ſonſt nicht der Fall war, laut im Traume und manch⸗ mal entfielen ihm Worte, welche ſeiner Gattin die ent⸗ ſetzlichſte Angſt einjagten. Haͤufiger als je ergab er ſich dem Branntweintrinken und unumwunden erklaͤrte er ihr, daß ſie mit ihrem ſtets ſiechen Koͤrper eine Laſt fuͤr ihn ſei, welche er lieber heute als morgen los ſein moͤchte. Gewiß, waͤre die arme Frau nicht ſchon durch jahrelanges Leiden an den Gram und Schmerz ge⸗ woͤhnt und dagegen abgehaͤrtet geweſen: ſie wuͤrde ſich uͤber die unverdiente Liebloſigkeit ihres Mannes zu Tode gehaͤrmt haben. In dem Maaße, als derſelbe ihr geringſchätzig begegnete, ſtieg auch ihres Sohnes Veit Undankbarkeit gegen ſie; denn— wie die Alten ſungen, ſo zwitſcherten die Jungen. Ihre Bitten uͤberhoͤrte— ihre Ermahnungen verachtete— ihre Drohungen verhohnte er. Welche unzaͤhlige Kummer⸗ 137 thränen entpreßte der böſe Sohn ſeiner Mutter, welche ſeine Rettung aus dem Muͤhlgraben mit dem Verluſte ihrer Geſundheit bezahlt hatte. Waͤre es nicht fuͤr beide beſſer geweſen, wenn Veit als ein noch unver⸗ dorbenes Kind geſtorben und er von ſeiner Mutter als ein ſolches beweint worden wäre? Doch laͤßt der Herr im Himmel zuweilen ſolche Fälle geſchehen, damit die uͤbrigen Kinder, wie an dem Ende des boͤſen Abſa⸗ lon's, ein warnendes Beiſpiel ſich nehmen und die ſtrafende Gerechtigkeit unſers ſo langmuͤthigen Gottes erkennen und fürchten moͤgen. An demſelben Morgen, wo Peter und Pauline in der Audienz beim Koͤnige waren, ſagte Veit beim Auf⸗ ſtehen zu ſeinem Vater:„Ich habe keine Luſt, heute in die Schule zu gehen. Ich begleite Euch, Vater! zum Meiler. Dort wird Einem die Zeit nicht ſo lang und da ich auch ein Kohlenbrenner, wie Ihr, wer⸗ eden will, ſo kann ich immer etwas davon lernen.“ Die Mutter getraute ſich nicht ein Wort dage⸗ gen zu ſagen, weil ſie ſchon im Voraus das Nutzloſe ihrer Ermahnung und den daraus entſtehenden Zank erſah.— „So komm mit!“ ſprach Hille und entfernte ſich mit ſeinem Sohne, ohne ſich um die verlaſſene Frau und deren Abwartung im Mindeſten zu kuͤmmern. Unterwegs ſagte er:„Veit! vor allen Dingen magſt . 138 Du nach Schneeberg gehen und Dich bei Frau Rup⸗ pert erkundigen, ob ihr Mann noch immer ohne Hoff⸗ nung und Beſinnung liege.“ „Ach gar!“ verſetzte Veit muͤrriſch.„Das Ren⸗ nen nach Schneeberg, des einfaͤltigen Grenzjägers we⸗ gen, haͤtt' ich endlich ſatt. Ich ſehe gar nicht ein, was Ihr Euch um ihn ſo bekuͤmmert, da Ihr doch ſonſt eben nicht ſein beſter Freund waret.“ „Du gehſt aber, wenn ich Dir's heiße!“ ſagte Hille. „Ich mag nicht! Schickt wen Ihr wollt od geht ſelbſt“,— trotzte Veit. Dieſe Worte verſetzten den Kohlenbrenner, welcher gar oft ſchon ein gleichguͤltiger Zeuge geweſen war, wenn Veit eben ſo ungehorſam und unehrerbietig ge⸗ gen ſeine Mutter geſprochen hatte, in die unbändigſte Wuth. Schnell hatte er den widerſpenſtigen Buben bei den Haaren gefaßt und bearbeitete nun deſſen Kopf und Geſicht auf eine unbarmherzige Weiſe. Veit ſchrie furchterlich; doch nicht eher ließ ſein Vater mit Schla⸗ gen nach, als bis er keinen Athem mehr hatte. „Da haſt Du's!“ ſprach er, nach Luft ſchnap⸗ pend.„Meinſt Du etwa, Du duͤrfteſt mir eben ſo kommen, wie Deiner lahmen Mutter? Ha, ich will Dich folgen lehren! Wirſt Du nun gleich nach Schneeberg gehen oder ſoll ich noch einmal von vorn anfangen?“ 139 Das mochte Veit doch nicht abwarten. Heulend lief er fort, wobei ihm noch ſein Vater nachrief, daß er nicht eher einen Biſſen zu eſſen bekommen wuͤrde, als bis er Nachricht von dem kranken Grenzjaͤger braͤchte. Kaum anderthalb Stunde war vergangen, ſo ſtellte Veit ſich ſchon wieder beim Meiler ein. „Wie?“ rief ſein Vater zornig—„biſt Du doch nicht gegangen? J, ſo ſoll doch gleich—“ „Ich bin ja geweſen!“ fiel Veit hurtig ein. „Das iſt nicht moͤglich—“ verſetzte ſein Vater— „ſo ſchnell kannſt Du nicht wieder da ſein.“ „Ei, ich bin hin und her mit einer leeren Kutſche gefahren, auf welche ich mich hinten geſetzt habe.“ „Nun“— forſchte Hille begierig—„wie ſteht's mit dem Ruppert?“ „Es hat ſich ausgeſtanden mit ihm“— antwor⸗ tete Veit gleichgiltig—„denn vergangene Nacht um 1 Uhr iſt er geſtorben.“ „Geſtorben?“ wiederholte Hille mit uͤbel verhehl⸗ ter Freude.„Wirklich geſtorben? Iſt es auch gewiß wahr?“ „Ihr koͤnnt Euch darauf verlaſſen. Es war ein gar jämmerliches Geheul in der Stube, wo die Leiche lag. Die Frau konnte vor Weinen mir kaum die Sache erzaͤhlen.“ 140 „Du biſt ein guter Junge!“— ſprach Hille— „da haſt Du auch etwas fuͤr die Pruͤgel von vorhin.“ Er gab ihm einen tuͤchtigen Schluck Branntwein und ein Stuͤck Butterbrod.„Trink noch einmal— und noch einmal“— fuhr er fort.„Die Flaſche muß leer werden. Und nun brauchſt Du auch nicht mehr nach Schneeberg zu laufen.“ „Darauf hab' ich's auch angefangen“— brummte Veit vor ſich hin.„Mag der Ruppert geſund werden oder ſterben, das geht meinem Vater gar nichts an. Wär' ich nur eher ſo klug geweſen!“ „Heute wollen wir uns eine Guͤte thun“— rief Hille vergnuͤgt.„Wir muͤſſen doch Ruppert's Leichen⸗ meſſen feiern. Er iſt ſeiner Qual ledig und“— ſetzte er leiſe hinzu—„ich der meinigen auch. Veit! nach⸗ her mußt Du anſchaffen— Speck, Brod, eine volle Flaſche Schnaps. Und ſoll ich das Geld dazu bor⸗ gen muͤſſen.“ „Das geht ja beſſer, als ich dachte“— trium⸗ phirte Veit vor ſich hin—„Da bringt mir meine Luͤge doch noch etwas ein. Und wenn ſie auch ſpaͤter an den Tag kommt, hab' ich doch das Eſſen und Trinken weg und eine neue Luge dafuͤr in der Taſche.“ Als jetzt Hille ſich wegwendete, ſeine Kameraden aufzuſuchen, beſtieg Veit, bei welchem der uͤbermaͤßig genoſſene Branntwein zu wirken anfing, eine der früͤ⸗ 141 her beſchriebenen Leitern, welche auf den rauchenden Meiler hinauffuͤhrten. Balancirend kam er weit uͤber die Haͤlfte dieſer gefaͤhrlichen Stiege und, ſeine Ge⸗ ſchicklichkeit im Steigen ſehen zu laſſen, erhob er jetzt ſeine Stimme:„Schaut her, Vater! was ich ſchon kann! bald werde ich oben ſein.“ Hille, obſchon gleichfalls im Zuſtande halber Trunkenheit, kam herbeigerannt und ſchrie, ſich uͤber den Anblick entſetzend, mit erſchrockener Stimme:„Veit! willſt Du gleich herunter?! Wenn Du herunter faͤllſt, kann Dich kein Menſch retten.“ „Wenn's weiter nichts iſt!“ entgegnete Veit uͤber⸗ muͤthig—„ich werde auf der trocknen Aſche nicht gleich den Hals brechen, wenn ich auch den Hoppas machte.“ „Gottvergeßner Junge!“ ſchrie Hille, zornig und zitternd zugleich—„augenblicklich gehorchſt Du oder es geht Dir wieder truͤbſelig. Herunter, ſag' ich Dir zum letzten Male!“ Veit, ſich des vorigen Drangſales erinnernd, er⸗ ſchrak und wollte ſich auf dem ſchmalen Holzſtamme umwenden, ſeinen Ruͤckzug anzutreten. Die Schwere ſeines Kopfes, erzeugt durch den Branntweinrauſch, machte ihn jedoch taumeln, ſo daß er unter einem leich⸗ ten Schrei von der mißlichen Leiter glitt. Deſto furcht⸗ barer ſchrie ſein Vater, der ſeines Sohnes Haupt und 142 Arme noch einmal aus dem dampfenden Berge her⸗ vorkommen und dann auf immer verſchwinden ſah. Gleich einem Raſenden eilte er nach dem Ungluͤcksflecke hin; denn ſelbſt diejenigen, welche doch arg ſind, kön⸗ nen ihr Vater⸗ oder Mutterherz nicht ganz verleugnen. Nit ſeinen Händen wuͤhlte er die heiße Erde hinweg, in welcher er ſelbſt bis an die Huͤften verſenkt um das Grab ſeines Kindes aufzufinden. Er fuhlte nicht, daß ihm Stiefeln und Hoſen von dem Leibe brannten; dafuͤr aber ſah er aus der ge⸗ machten Oeffnung des Meilers eine hohe, feurige Lohe aufſchlagen, welche ihm die Haare vom Kopfe ver⸗ ſengte und die Haut zuſammenſchrumpfte. Alles nicht achtend, ſtrebte er unter den entſetzlichſten Qualen ei⸗ nes freiwillig beſtiegenen Scheiterhaufens, der durch den Zutritt der äußeren Luft jetzt in helle Flammen aufloderte, ſeinen Sohn denſelben zu entreißen. Ver⸗ gebens! das unglückliche Kind war bereits wie eine leichte Gerte, welche das Feuer erfaßt, zuſammengedorrt und vermochte weder einen Laut von ſich zu geben, noch eine Bewegung auszuuͤben. gum ſchrecklich⸗war⸗ nenden Beiſpiele Aller hatte das eben ſo ungehorſame, als undankbare Kind einen zwar fuͤrchterlichen, doch ſchnellen Untergang gefunden. Den vor Schmetzen des Leibes und der Seele gräßlich bruͤllenden Hille zogen die herbeigeeilten Kohlenbrenner mittelſt ihrer — 143 langen Haken aus dem Bereiche der immer weiter um ſich greifenden Flammen. Dieſelben zu daͤmpfen und dem drohenden Untergange des ganzen Meilers vorzu⸗ beugen, ließen die Arbeiter ihren halb gebratenen Ka⸗ meraden im Stich, warfen auf die von ihm gemachte Oeffnung ſchwere Holzſcheite und dann daruͤber die erſtickende Erde, ſo daß nur noch eine dunkle Rauch⸗ ſäule die Grabſtaͤtte Veits bezeichnete, von welchem, ſelbſt nach ſpäter erfolgter Sichtung des ausgebrann⸗ ten Meilers, keine Spur, kein Bein, ja nicht einmal ein Aſchenhaͤufchen aufzufinden war. Schrecklicher, als das Ende der ungehorſamen Soͤhne Eli's, als des boͤſen Abſalon, deren Beiſpiel ihm fruͤher von Pauli⸗ nen zur Warnung aufgeſtellt und von ihm verhoͤhnt worden war, war das ſeine geweſen. Denn der Herr, unſer Gott, iſt ein ſtarker, eifriger Gott, der nicht un⸗ geſtraft laßt Alle, die ſeine Gebote uͤbertreten. Der liebe Leſer begiebt ſich jetzt im Geiſte nach der Wohnung des Kohlenbrenners, um dort zwei ſchwer leidende Menſchen, doch von verſchiedener Art, zu beobachten. Der Branntweinrauſch bei Hille war verflogen, wie eine ſchnell verdunſtende Waſſerblaſe. Die Wirk⸗ lichkeit in ihrer ganzen Furchtbarkeit war geblieben. Nachdem die Kohlenbrenner ihren faſt unkenntlich ver⸗ 144 brannten Kameraden in ſeine Behauſung getragen und ihm auf dieſe Weiſe den letzten Liebesdienſt erwieſen hatten, entfernten ſie ſich, den huͤlfloſen Mann ſeiner gleichfalls hulfloſen Frau zur Pflege uͤberlaſſend. Die⸗ ſer ward es ſchwer, in dem unbekleideten, hochaufge⸗ dunſenen, ſchwarz geſengten Fleiſchklumpen ihren vor wenig Stunden noch ſo ruͤſtigen Gatten wieder zu er⸗ kennen. Als man die kunſtloſe Trage mit dem Un⸗ gluͤcklichen unter einem ſich andrängenden Troſſe Neu⸗ gieriger vor ihrem Bette niederſetzte, glaubte ſie ein ſchreckhaftes Traumbild zu ſehen. Ihr Jammergeſchrei beantwortete ein unverſtaͤndliches Schmerzgebruͤll ihres Mannes, dem auch nicht ein Troſt in ſeiner Lage ge⸗ blieben war. Zwar verlieh die ſchrecklichſte Angſt der Frau noch ſo viel Kraft, daß ſie ſich muͤhſam von threm Lager aufmachen und dem Verbrannten nahen konnte; allein womit ihm helfen? Haͤnderingend be⸗ ſchwor ſie die Anweſenden, einen Arzt herbeizurufen. Als dieſer nach langem Harren endlich kam und den Zuſtand des Verungluͤckten zu unterſuchen begann, ſchrie dieſer unter der ſchonendſten Beruͤhrung graͤßlich auf. Sein laͤſternder Mund verwuͤnſchte Alle, die ſich theilnehmend ihm nahten, ſeine Gattin, den Urheber des Ungluͤcks— Veit— ſich ſelbſt. Der Atzt zuckte die Achſeln und erklärte, daß hier Huͤlfe unmoͤglich und hochſtens eine kleine Linderung 145 der unſaͤglichen Qualen zu bewirken ſei. Er verord⸗ nete hierzu das Nöthige und ging. Allgemach ward die Stube leer, ſo daß zuletzt nur Frau Hille mit ih⸗ rem Gatten allein zuruͤck blieb. Noch nie hatte dieſe ſo bittere Thraͤnen uͤber ihre eigene Huͤlfloſigkeit ge⸗ weint als heute, denn ſie geſtattete ihr kaum, die gicht⸗ ſteifen Finger ein wenig zu biegen und dem Verbrann⸗ ten kuhlende Umſchlaͤge aufzulegen. „Waſſer!“ aͤchzte Hille, da Eiweiß und Oel nichts fruchteten—„Waſſer!“ Unter furchtbarer Anſtrengung ſchleppte die Kranke daſſelbe herbei. Als der heiße Mund des Ungluͤcklichen eine große Menge davon hinabgeſchluckt hatte, gebot er:„Ueber mich weggießen!— Mehr!“ rief er zor⸗ niger, als die Frau nur behutſam Folge leiſtete. „So iſt's recht!“ ſprach er zufrieden, indem der kalte Strom uͤber ihn wegrann. Doch nach wenig Secunden ſchyn verwandelte derſelbe ſich in weiße Dunſtwolken, welche von dem gluͤhenden Koͤrper em⸗ porſtiegen. Bald war die vorige Qual zuruckgekehrt. Da toͤnte es wieder von Hille's Lippen:„Schnee!“ und gehorſam wankte die Kranke mit einem ergriffenen Faſſe zur Stubenthuͤre, wo ihr beim Oeffnen ein eiſi⸗ ger Luftzug entgegen kam und ſie einer Ohnmacht nahe brachte. Dieſe mit der letzten n bekaͤmpfend, Nieritz, viertes Gebot. 146 trat ſie in die Hausflur, in welcher ſie ein kleines Maͤdchen muͤßig ſtehen ſah. „Liebe Lene!“ bat ſie mit froſtbebendem Munde —„ſei doch ſo gut und fuͤlle mir das Fäßchen mit Schnee.“ Willig nahm ihr die Kleine das Gefäß ab und Frau Hille kehrte zum Gatten in die Stube zuruͤck, welcher ſie mit Vorwuͤrfen ob ihrer vermeinten Unter⸗ laſſung des gegebenen Gebotes empfing. Indem ſie dieſelben ſtill erduldete, dachte ſie: Wenn doch nur dein Peter jetzt hier waͤre oder wenigſtens der unge⸗ horſame Veit, damit er dir in dieſer großen Noth bei⸗ ſtehen koͤnnte. Der ſtumme Wunſch ward zur lauten Frage an ihren Mann:„Wo mag nur Veit ſein? Er ging ja mit Dir!“ „Im Meiler!“ verſetzte dieſer mit Zähneknirſchen —„verbrannt!— zu Aſche! Er iſt Schuld an Al⸗ lem!“ O! die ungluͤckliche Mutter taumelte bei dieſer neuen Schreckensbotſchaft;— ſie brach zuſammen auf ihre Kniee; denn hatte nicht Veit unter ihrem Herzen gelegen? Hatte ſie ihn nicht mit Aufopferung ihrer Geſundheit aus dem Muͤhlgraben gerettet, und ſolches noch nie bereut, obſchon er ihre Liebe mit dem ſchwär⸗ zeſten Undanke vergolten! O ewige Gerechtigkeit! darum mußte er, der aus dem Waſſer Gerettete, den Tod durch's Feuer erleiden und zwar durch ſeine ei⸗ — gene Schuld:— durch die Luͤge—! den Ungehor⸗ ſam—! Und der Vater, welcher die Bosheit des un⸗ dankbaren Kindes mit angeſehen und nicht gezuchtigt hatte, mußte eben wiederum durch daſſelbe ſeine Strafe erleiden. Aber die Gerechtigkeit unſers Gottes iſt wie der Berge Tiefen. Ihr war noch nicht genug gethan; denn noch war die blutige That, an Ruppert began⸗ gen, nicht gerochen! In ein ſchneeweißes Sterbehemde gehuͤllt lag jetzt Hille— eine lebendige Leiche. Denn als ein ſolches umſchloß ihn der aufgelegte Schnee, der immer wie⸗ der erneuert werden mußte, ohne mehr als eine ſchnell voruͤbergehende Linderung zu bewirken. Endlich kam die Nacht— der Frommen Troͤſterin— der Uebelthä⸗ ter Schrecken— mit dichter Finſterniß herangezogen. Frau Hille mußte auf Geheiß ihres Mannes ſo viel Lichter anzunden, als ſie nur aufzutreiben vermochte. Der Kuckuk in der Uhr rief 11 Mal und dieſe blieb hierauf ſtehen, weil Hille ſie heute fruͤh und ſeit⸗ dem Niemand wieder aufgezogen hatte. Es war tod⸗ tenſtill in der weiten Stube, denn des Verbrannten Mund war endlich auch muͤde geworden, die fruchtlo⸗ ſen Schmerzenstone auszuſtoßen. Indem Frau Hille neben ihres Mannes Lager ſaß, bereit, den geſchmol⸗ zenen Schnee hies und da zu erneuern, gewahrte ſie urplötzlich eine auffällige Veränderung auf des Ge⸗ 10 ½ 148 quälten Antlit. Eine Leichenbläſſe uͤberzog daſſelbe, in einer ſcharf begrenzten Linie von der Stirne aus⸗ gehend. Die Augen richteten ſich glaͤſern und mit ei⸗ nem Ausdrucke ſich ſteigernden Entſetzens auf einen Punkt in die Ferne. Das ſtruppige Haupthaar ſträubte ſich empor— die Lippen bewegten ſich hin und her — endlich machte ſich die Rechte unter ſchmerzhafter Anſtrengung von der weißen Schneehuͤlle frei, um ſich zu erheben und mit dem lang ausgeſtreckten Zeigefin⸗ ger auf einen weiten Gegenſtand zu deuten. Der An⸗ blick war grauſenerregend. Mit heiſrer, mehr und mehr anwachſender Stimme ſprach jetzt Hille:„Siehſt Du? dort ſteht er, den ich erſchlug— Ruppert!— Er kommt mich abzuholen— Schau, wie drohend er auf mich herblickt— Weg, bleiches Schreckensgeſicht!“ Frau Hille glaubte in der That, daß ihr Mann jett Geiſter ſeche. Mit ihren Augen folgte ſie dem Zeigefinger des Sterbenden. Heiliger Gott! dort an der Fenſterſcheibe lag ein bleiches Antlitz mit ſchwar⸗ zem Schnurr- und Backenbarte. Ein weißes Tuch, um den Kopf gebunden, blickte unter dem Czako hervor; ein Kragen von derſelben Farbe umgab leuchtend die ſchwarze Halsbinde. Es war der Anzug eines Grenz⸗ jägers— ob Ruppert's? Wer wollte daran zweifeln? Hille ſchlug jetzt beide Hände vor ſein Angeſicht — da ſchaut' er wieder hin. Die Schreckgeſtalt blieb, 149 mit dem dunkeln Geiſterauge fort und fort herein⸗ bohrend.— Da ſchrie Hille mit gellender Stimme:„Herr Jeſu! erbarme Dich meiner!“ Dann fiel er um— er war todt! „Amen!“ betete ſeine Frau und kußte den erſtor⸗ benen Mund ihres Gatten. Nun war dieſer erloͤſt von ſeines Leibes Qual. Ob auch von derjenigen der Seele? Die Frau hoffte es von dem Allbarmherzigen und betete ſtill fuͤr den Geſchiedenen. Auch ſie hatte nun Ruhe, und Ruhe war es rings um ſie her. Schluchzend kroch ſie in ihr Bett zuruck. Darauf ward die Stubenthure aufgeriſſen und ein Grenziäger, das Haupt mit einem weißen Tuche ge⸗ gen die Winterkaͤlte verwahrt, trat in Begleitung zweier Gensd'armen herein.„Wo iſt Euer Mann?“ riefen ſie der Frau zu—„Er, und nicht der Schuh⸗ flicker, hat den Ruppert geſchlagen. Wir kommen, uns ſeiner zu verſichern.“ „Er iſt ſchon gerichtet—“ verſetzte die Frau— „dort liegt er und wird Euch nimmer davon laufen.“ Die Maͤnner betrachteten mit einem Gemiſch von Staunen und Entſetzen den ſchrecklich anzuſchauenden Leichnam und murmelten dann:„Wir kommen zu ſpaͤt. Ihn hat Gott gerichtet. Er erbarme ſich ſei⸗ ner Seele!“. 150 Still entfernten ſie ſich, die Frau allein laſſend, welche zuletzt in einen tiefen S der Erſchoͤpfung verſank. Pierzehntes Rapitel. Der Lohn. AVm Nachmittage des im vorigen Kapitel ze⸗ ſchriebenen Tages ſaß Frau Ruppert in dem Kranken⸗ zimmer ihres Gatten in Schneeberg und naͤhete an einer Kappe fur ihren Saͤugling, welcher ſanft in der Wiege ſchlief, indeß ſeine Schweſter zu der Mutter Fuͤßen ſpielte. Nach vielen kummervollen, ſchrecklichen Tagen war heute ihr Herz zum erſten Male wieder getröſtet worden, denn die Aerzte hatten ihren Gatten nunmehr außer Gefahr erklart. Fieberfrei genoß er ſeit dem Morgen eines ſanften, erquickenden Schlafes. Dankbar gegen Gott blickte Frau Ruppert mit inniger Zufriedenheit auf ihre beiden Kinder, denen der Vater erhalten worden, und mit großer Sehnſucht ſah ſie dem Augenblicke entgegen, wo, wie die Aerzte prophe⸗ zeiht hatten, der Kranke mit voͤlliger Beſinnung er⸗ wachen wuͤrde. Und dies geſchah. Denn plotzlich oͤff⸗ nete der Schläfer hell die Augen und ſagte verwun⸗ dert:„Chriſtel! wie iſt mir denn? Wache oder traͤume ich? Hat mich wirklich unſer boſer Nachbar Hille ſ2 151 entſetzlich auf den Kopf geſchlagen oder iſt es mir nur im Traume ſo vorgekommen?“ Die erſten Worte des Grenzijaͤgers hatten deſſen Gattin mit Entzuͤcken, die letztern mit Entſetzen erfuͤllt. Der Freudenruf erſtarb ihr auf den Lippen, als ſie des Schuhflickers Unſchuld, an welche ſie immer ge⸗ glaubt, durch ihres Mannes Ausſage beſtaͤtigt hoͤrte. Der letztere theilte ihre Gefuͤhle, ſobald er vernahm, wie Nachbar Schlegel als der vermeintliche Thaͤter ſchon geraume Zeit im Kerker ſchmachte. Sofort trieb er ſeine Frau, daß ſie ſchleunigſt Anzeige von dem wahren Hergange der Sache machen mußte. Als dieſe in die Wohnung des Stadtrichters kam, erfuhr ſie, daß derſelbe nebſt den uͤbrigen Gerichtsperſonen ſo eben zu der alten Wittwe Kuͤnzel gerufen worden ſei, welche ihr Teſtament zu machen begehre. Frau Ruppert hielt dies fuͤr einen Fingerzeig der guͤtigen Vorſehung, denn ſie wußte, daß des Schuhflickers Tochter, Pauline, eben jener Wittwe zur Pflege anvertraut worden war und ſie daher dem Kinde eine große Freude durch die Nach⸗ richt von der an den Tag gekommenen Unſchuld ih⸗ res Vaters bereiten koͤnne. Dies war freilich nicht der Fall, denn Pauline war noch nicht aus der Haupt⸗ ſtadt zuruͤck, allein einen faſt eben ſo freudigen Ein⸗ druck machte die Nachricht auf die Wittwe, welche, obſchon ſich ſehr ſchwach fuhlend, ſogleich erklärte, wie 152 ſie mit Feſiſtellung ihres letzten Willens gern bis nach geſchehener Vernehmung des geneſenen Grenzjägers warten wolle. Die Ausſage des Letzteren, welche nun eiligſt im Beiſein der Gerichte und unter Zuziehung der Aerzte zu Protocoll gebracht wurde, ſetzte den Schuhflicker ſogleich auf freien Fuß und dieſer hatte nichts Eiligeres zu thun, als ſeine Pauline aufzuſu⸗ chen. Nicht wenig erſtaunte er, als er in deren Pfle⸗ gerin ſeine Pathe erkannte, welche ihn einſt, als er in einer kleinen Angelegenheit bittend zu ihr gekommen war, ziemlich hart abgewieſen hatte und von ihm ſeit⸗ dem gefliſſentlich gemieden worden war. Um ſo mehr verwunderte er ſich jetzt uͤber die wohlwollende Auf⸗ nahme, welche ihm zu Theil wurde und welche er nicht mit Unrecht dem Verdienſte ſeiner Tochter zuſchrieb. Von der Wittwe erfuhr er auch, daß Pauline nach der Hauptſtadt gereiſt ſei, bei dem Landesherrn die Freiſprechung ihres Vaters auszuwirken, und tief ruhrte ihn deren kindliche Liebe, welche um ſeiner Rettung willen keine Aufopferung geſcheut hatte. Von der Feſtſtellung ihres letzten Willens, noch mehr aber von den ergreifenden Ereigniſſen des heu⸗ tigen Tages vollig erſchöpft, begab ſich die ohnehin altersſchwache Wittwe, nach Entfernung des Schuh⸗ fückers, zur Ruhe, um nicht wieder zu erwachen. Von einem Schlagfluſſe betroffen, fand man ſie am anderm 153 Morgen todt auf ihrem Lager und die heimkehrende Pauline, ſo wie deren Vater, konnten der Geſchiede⸗ nen, welche mit einem ſeligen Lächeln auf dem ehr⸗ wuͤrdigen Matronenantlitze dalag, nur die Augen in dankbarer Liebe zudruͤcken. Die Nachricht von dem ſchrecklichen Ende des Kohlenbrenners war bereits am fruͤhen Morgen durch die noch in der Nacht unverrichteter Sache zu⸗ ruͤckgekehrten Gensd'armen in der Stadt verbreitet worden. Peter aber, welcher von dem Poſtwagen aus ſich ſogkeich auf den Heimweg gemacht hatte, wußte von dem Allen kein Wort. Unter den widerſtreitend⸗ ſten Gefuͤhlen naͤherte er ſich der älterlichen Wohnung. Mit welchem Geſichte ſollte er ſeinem Vater, deſſen Ankläger er geworden war, unter die Augen treten? was der Mutter ſagen, wenn dieſe ſeine neue ſchoͤne Kleidung erblickte? Immer kleiner, langſamer wurden ſeine Schritte, je naͤher er dem Dorfe kam. Endlich fiel ihm der gluͤckliche Gedanke bei, ſeinem vaͤterlichen Freunde, dem Herrn Schulmeiſter, ſeine Sorgen zu entdecken. Von demſelben erfuhr er mit Erſtaunen und Betruͤbniß den zugleich zwiefachen Tod, welcher in ſeiner Familie uͤber Vater und Bruder, eben ſo ſchrecklich als unvorhergeſehen, hereingebrochen war. Doch fand er eine ſuͤße Beruhigung darin, daß er des 154 Schmerzes nun enthoben war, ſeinen eigenen Vater in's Ungluͤck bringen zu müſſen. „Aber“— fragte er unter hervorquellenden Thraͤ⸗ nen den Herrn Schulmeiſter:„Wird denn mein ar⸗ mer Vater und Bruder auch ſelig geworden ſein?“ „Dies wollen wir von dem gnadenreichen Vater aller Barmherzigkeit hoffen“— verſetzte jener—„in⸗ dem ſchon, ſollte man meinen, durch die qualvolle To⸗ desart der beiden Schuldigen der goͤttlichen Gerechtig⸗ keit genug geſchehen iſt. Und ſelbſt der reuige Aus⸗ ruf, womit Dein Vater aus der Welt ging, wird von dem Vater unſers Herrn Jeſu Chriſti gnadenvoll auf⸗ genommen worden ſein.“ Da ging Peter getroͤſtet in das Trauerhaus, wo er ſeine Mutter feſt entſchlafen, ſeinen Vater aber als einen unfoͤrmlichen Leichnam auffand. Bitterlich ſchluch⸗ zend knieete er neben demſelben hin. Jetzt konnte und durfte er die brandgeſchwollne Hand des Vaters küſ⸗ ſen und mit ſeinen Zähren benetzen, denn der Tod hatte ſie von ihrer Blutſchuld entſuͤhnt. Nachdem er das Tuch, welches der mitleidige Hauswirth zur Be⸗ deckung des Todten hergeliehen, wieder uͤber denſelben weggebreitet hatte, ſetzte er ſich an das Bette der ge⸗ liebten Mutter, welche bei ihrem ſpaͤten Erwachen ei⸗ nen Engel in ihm zu erblicken vermeinte. Und nun begann durch Peters wahrheitstreue Erzählung heilen⸗ 33 155 der Balſam in die friſchblutenden Wunden der Wittwe zu traͤufeln. Eben zeigte er der erſtaunten Mutter das konigliche Gnadengeſchenk, welches fuͤr ſie beſtimmt war, als ein Schlitten unter munterm Schellengelaͤute bei dem Hauſe vorfuhr. „Lügen ſind's— nichts als lauter Luͤgen!“ toͤnte es durch die geoͤffnete Thuͤre herein und der wohlbe⸗ kannte Loͤwenwirth aus Gelenau ward in derſelben ſichtbar. Ihm auf dem Fuße folgten Pauline, deren Vater und Frau Ruppert. „Friede dem Todten!“ ſprachen die beiden Letzte⸗ ren, als ſie einen Blick nach dem Winkel geworfen hatten, wo der Kohlenbrenner unter dem Leichentuche lag. Der Loͤwenwirth aber ſchritt auf deſſen Wittwe zu und rief mit derber Gutmuͤthigkeit:„Iſt's wahr, Frau! oder wiederum eine Luͤge, daß der Peter da keinen Vater mehr hat? Da, dieſe drei Perſoͤnchen, welche ich unterwegs mit meinem Schlitten einholte und, weil wir ein Ziel hatten, auflud, haben mir's alſo vorgeredet. Topp! ſo will ich ſein Vater ſein! Ein ehrlicher Junge iſt er und diesmal iſts keine Luge, obſchon ſonſt nichts als lauter Lugen in der Welt anzutreffen ſind. Der liebe Gott hat mir keine Kinder geſchenkt, darum will ich mir in Eurem Peter ein's aufziehn nach meinem Geſchmacke. Meinen 38— goldnen Loͤwen in Gelenau habe ich verkauft und da⸗ fuͤr den Gaſthof zum wilden Mann in Schneeberg erſtanden. Er iſt groß genug, daß ſich noch ein Stuͤb⸗ chen fuͤr Euch darin vorfinden wird, und Noth ſollt Ihr auch im Uebrigen nicht bei mir leiden, liebe Frau! Koͤnnen wir es noch ermoͤglichen, ſo laſſe ich Euch zum Sommer mit meinem Fuhrwerke nach Teplitz ſchaffen, damit Ihr Eure Knochen nur einigermaßen wieder brauchen und das Leben genießen lernt. Na, ich habe doch Eure Einwilligung?“ Stumme Freudenthraͤnen waren die bejahende Antwort der tiefgeruͤhrten Frau. Jetzt kam der Schuh⸗ flicker an die Reihe des Sprechens.„Frau Nachbarin!“ hob er an—„wir bleiben die alten, guten Freunde. Mehr als ich, habt Ihr durch Euern boͤſen Mann leiden muͤſſen. Gott verzeihe ihm die Suͤnde! Nun aber ſcheint uns auch dafuͤr die Freudenſonne. Bevor ich heute früh aus Schneeberg mit meiner Pauline abmar⸗ ſchirte, hat mir das Stadtgericht eroffnet, daß meine Frau Pathe— Gott habe ſie ſelig!— in ihrem Te⸗ ſtamente, das ſie erſt geſtern aufſetzen ließ, 600 Tha⸗ ler fuͤr mich und 200 fuͤr meine Pauline ausgeſetzt hat. Nun bin ich dadurch in den Stand gebracht, mein ehrſames Schuhmacherhandwerk mit Erfolg be⸗ . treiben zu können, weshalb ich auch meinen kuͤnftigen Wohnſitz in Schneeberg nehmen werde. Demnach — 157 bleiben wir fortan gute Freunde, getreue Nachbarn und desgleichen.“ „Und Dir“— ſprach jetzt Pauline frohlockend zum Peter—„hat Frau Kuͤnzel gleichfalls 260 Tha⸗ ler vermacht. Dafuͤr kannſt Du Deine Mutter viel⸗ mal nach Teplitz kutſchiren laſſen.“ „Und dazu noch die ſchoͤnen, neuen Speciesthaler von dem gnaͤdigſten Herrn Koͤnige— und die ſchoͤnen Sachen!“ ſchluchzte der zerknirſchte Pete„Wie mir einmal ein Mann vorgerechnet hat, kann unſer gnä⸗ digſter Herr Koͤnig von ſeinem Einkommen täglich kaum eine halbe Pfennigſemmel jedem ſeiner Untertha⸗ nen in den Kaffee zu brocken geben, und wir— ach! wie viele Pfennigſemmeln mögen dieſe neuen Kleider und Thaler gekoſtet haben! Und ich bin doch nur ein dummer Junge unter ſeinen Unterthanen und Du ein einfaͤltiges Mädel.“ „Das wollt' ich mir ſchoͤn ausgebeten haben⸗ ſprach Pauline verletzt—„obſchon Du uͤbrigens ganz wahr geſprochen haſt.“ Auch Frau Ruppert reichte der reichgewordenen Kranken freundlich die Hand, wobei ſie ſprach:„Auch mein Mann laͤßt Euch herzlich gruͤßen. Ich komme nur, um unſere hier zuruͤckgebliebenen Sachen abzu⸗ holen. Denn mein Mann wird, wie die Doctors be⸗ haupten, immer ein Wetterglas an ſeinem Kopfe be⸗ 158 halten und darum iſt ihm eine ruhige Stelle beim Hauptzollamte in Schneeberg zugeſagt worden. So bleiben wir Alle fortan hubſch beiſammen.“ „Und koͤnnen wieder zuſammen Goͤtzen eſſen und Faffee trinken“— ſprach der gluckliche Schuhfflicker. „Und den guten Koͤnig ſegnen“— fielen die Kinder ein. 2 „Und den lieben Gott preiſen, der Alles beſſer ge⸗ macht hat, als wir dachten“— die beiden Frauen. „Amen!“ ſchloß der ehemalige Loͤwenwirth mit toͤnender Stimme—„und diesmal ſind's wieder keine Luͤgen“ * Druck von Sturm und Koppe in Leipzis⸗ 159 Im Verlage von Im. Tr. Wöller in Leipzig erſchie⸗ nen ferner unter anderen nachſtehende empfehlenswerthe Werke, welche ſich bei anerkanntem inneren Werthe und ſchöner Ausſtattung durch verhältnißmäßig ſehr billige Preiſe em⸗ pfehlen und wovon ſich ein großer Theil ganz beſonders zu Feſtgeſchenken für die Jugend und Erwachſene, ſo wie zu Prämienbüchern eignet: Schriften von Garstav MWerit⸗ für die Jugend und Erwachsene: Erzählungen und Novellen v. 6ustav Mierit?. 2 Boch. Inhalt: Bie Vertriebenen. Schuld und Büßung. Der Schwede auf Rügen. Der Wundarzt. Die Incognitos. Wohlf. Auss gabe. 1 Thlr. 8 gGr.(1 Thlr. 10 Ngr. oder Sgr.) 2 Fl. 24 Fr. rhein. Hieraus iſt apart zu haben: Die proteſtantiſchen Salzburger und deren Ver⸗ treibung. Als Beiſpiel chriſtl. Duldung und Glaubensfeſtig⸗ keit für Familienkreiſe und die reifere Jugend erzählt. Wohl⸗ feilere Ausgabe. 8S. br. 10 gGr.= 124 Ngr. od. Sgr.= 45 Xr. rhein.— Der Schwede auf Nügen. Erzählung aus dem 30 jährigen Kriege. Seitenſtück zu Obigem. S. broch⸗ 8 gGr.= 10 Ngr. od. Sgr.= 36 Fr. rhein. Insbesondere zur Belehrung für die Jugend und zur Unter- haltung für Erwachsene. Gutenberg n. ſeine Erfindung. Erzählung über Sprache, Schrift u. Buchdruckerkunſt. Fur Jung und Alt dargeſtellt. Mit ill. Kpfr. 8. broch 12 gGr.= 15 Ngr.= 54 Fr. rhein. — Seppel voder der Synagogenbrand zu München. Zu Nutz und Frommen für Jung und Alt erzählt. Zweite Auflage. Mit ill. Kpfr. broch. Preis 9 gGr.= 114 Ngr. = 40 4 Tr. rhein. Den Leſern vorliegender Schrift etwas zur Empfehlung der übrigen Schriften des wackeren, für das Edle und Gute ſtets thätigen Guſtav Nieritz, welcher mit dem ſegensreich⸗ ſten Erfolge die von Kampe, Salzmann, dem Verfaſ⸗ ſer der Oſtereier ꝛc., gegründete Bahn fortführt und ver⸗ vollkommnet, zu ſagen, wäre wohl überflüſſig. Der kleine Hauſirer, oder: Gott lenket die Schickſale der Menſchen wunderbar. Erzählung aus dem Leben 160 für Kinder und Kinderfreunde, v. C. 6. Holzmüller. Wohl⸗ feile Ausgabe mit illum. Kpfr. 10 gGr.= 12 ½ Ngr. oder Sgr.= 45 Tr. rhein. D. Allgem. Anz. d. Deutſchen 1843 Nr. 32 ſagt hier⸗ über:„Wer die trefflichen Salzmannſchen Volksbücher: Haber⸗ feld, Schwarzmantel u. ſ. w. liebgewonnen und aus ihnen Gott, Natur und Menſchenleben kennen gelernt hat, wird auch dieſe Schrift nicht ohne Gewinn für Geiſt und Gemüth aus den Hän⸗ den legen, wenn ihm die Verſicherung gegeben wird, daß er in derſelben eine nicht zu verkennende Verwandtſchaft mit dem eben genannten gemüthvollen Menſchen- und Kinderfreunde antrifſt. Die Pilgerreiſe nach dem heiligen Lande, oder Gott⸗ lieb Brunner's und ſeiner Gefährten Schickſale und Erleb⸗ niſſe im Orient. Eine unterhaltende und in Bezug auf bibli⸗ ſche Geſchichte und Geographie belehrende Erzählung für die Jugend und deren Freünde. Von Pr. Friedrich öchwed. Mit 1 fein illum. Titelkupfer und 2 in Stahlſtich ausgef. An⸗ ſichten von Bethlehem und Jeruſalem. Preis: 12 gGr.= 15 Ngr. oder Sgr.= 54 Fr. rhein. Dieſe Schrift iſt nach dem einſtimmigen Urtheile eine der veſten und lehrreichſten Jugendſchriften der neueſten Zeit. Der Verfaſſer hat darin ein lebendiges und farbenreiches Reiſege⸗ mälde aufgeſtellt, und zwar ganz mit Rückſicht auf das Bil⸗ dungsbedürfniß und das Anſchauungsvermögen der Jugend, wo⸗ bei er ſeinen Stoff ſo verarbeitete, wie er in dieſer Weiſe der Jugend noch nicht vorgeführt worden iſt. Die Familie Toaldi oder der Tyroler Kampf für's Vaterland unter Andreas Hofer. Unterhaltende und beleh⸗ rende Erzählung für Jung und Alt, von Eberhard Stein. Mit 1 Kpfr. broch. 6 gGr.—= 7 ½ Ngr. oder Sgr.= 27 Er rhein. Die deutſche Chronik 1843 Nr. 49 ſagt hierüber, bei der zahlloſen Menge von leider gehaltloſen Jugend⸗ und Volks⸗ ſchriften müſſe auf dieſe erfreuliche Erſcheinung beſonders aufmerkſam gemacht werden, da ſie der Jugend und dem Volke eine wahrhaft geſunde und kräftige Nahrung darböte.— Billigstes Prachtbibelwerk: Leipziger Jubiläumsausgabe. Das Neue Teſtament. 5 Nach der deutſchen Ausgabe Dr. M. Luther's von 1545, revi⸗ dirt von Hofrath Dr. Gersdorf und Dr. K. A. Espe. Ori⸗ ginalſtereotyp⸗ Auflage, mit einem höchſt ausführli⸗ chen Ueberſichtsverzeichniſſe über den Inhalt aller Kapitel in ih⸗ — 161 ren einzelnen Theilen(zum leichtern Nachſchlagen), Nach⸗ weiſungen über die Zeit und urſache der Entſtehung der ein⸗ zelnen heil. Bücher, Darlegung des Charakters und der Ei⸗ genthümlichkeit derſelben(zu ihrem leichtern Verſtändniß), ſo⸗ wie Nachrichten über die Lebensumſtände ihrer Verfaſſer(wo⸗ durch ſich dieſes Bibelwerk vor andern Bibel⸗Ausgaben be⸗ ſonders auszeichnet). Ausgabe No. 1. 3 3 mit 5 herrlichen Stahlſtichen im Buche ſelbſt und als Prä- mie für die Subscribenten: einem großen Kunſtblatte in Stahlſtich zur Zimmerverzierung„Chriſtus beim Abend⸗ mahle“ nach Carlo Dolci. Vollſtändig in 6 Lieferungen à 3 9Gr.= 33 Ngr. oder Sgr.= 13 ½ Fr. rhein.— Auf je 12 Exemplare 1+ 13tes gratis. 8 Ausgabe No. 2. mit nur 1 Stahlstiche und ohne das grosse Kunstblatt, welche jedoch nicht auf dem Wege der Subscription, sondern auf einmal ausgegeben wird, und Paar 12 g Gr. = 15 Neugr.= 54 Xr. rhein. kostet.— Bibelgesellschaf- ten, Schulanstalten u. s. w. erhalten hiervon auf je 24 emplare ein 25stes gratis. Dieſe Ausgabe des Grundbuchs des chriſtlichen Glaubens, welche urſprünglich im Jahre 1840 als Denkmal an das Jubelfeſt der Erfindung der Buchdruckerkunſt veran⸗ ſtaltet ward, iſt in ihrer Ausſtattung eine vorzügliche und da⸗ bei äußerſt wohlfeile. Allgemein iſt der Tert als ein auf das ſorgfältigſte nach Luthers ſelbſt beſorgter letzter Ausgabe revi⸗ dirter anerkannt; desgleichen die höchſt ausführliche Ueber⸗ ſicht über den Inhalt der Kapitel als ein beſonderer Vorzug vor den ſonſt gewöhnlichen Kapitelüberſchriften; ſowie die Nachwei⸗ ſungen als auf das zweckmäßigſte in klarer und einfacher Weiſe abgefaßt und vorzüglich dazu geeignet, das Leſen der heiligen Bücher erſt recht fruchtbar zu machen. Der Schutzgeiſt, Morgen⸗ und Abendbetrachtungen über allgemeine re⸗ ligiöſe Wahrheiten, an kirchlichen Feſten und beſondern Ta⸗ gen und Zeiten. Für die Jugend vor und nach dem Aus⸗ tritt aus der Schule. Von Mag. 6. Krüger. Mit einem ſchö⸗ nen Titelkupfer und Prachttitel. Dritte Ausgabe. 8.(244 B.) br. 1 Thlr.(1 Fl. 48 Tr. rhein.)— elegant gebunden 1 Thlr. SgGr. oder 10 Ngr.= Sgr.(2 Fl. 24 2r. rhein.) Der Sächſ. Hausfreund(1842 Nr. 7) ſagt hierüber: 11 162 „Die in dieſem Buche enthaltenen Worte der Belehrung, Er⸗ mahnung u. des Troſtes durchwehet ein ſo ächt chriſtlicher Geiſt, daß Aeltern ihren Kindern auf den neuen Weg, den ſie betreten ſollen, wohl keinen treueren Führer mitgeben können, als die⸗ ſes Buch.“— Einſtimmig hiermit ſagt ferner die Allgem. Schulzeitung(1843 Nr. 111):„Der das Ganze bele⸗ bende Geiſt echter Frömmigkeit dringt mächtig zum Herzen, die Belehrungen darin ſind klar und überzeugend, die Warnungen väterlich dringend, die Fröſtungen herzlich und wohlthuend. Darum mag dieſes treffliche Buch recht dringend empfohlen ſein.“ Glaube, Liebe, Hoffnung in Geſängen der Andacht und der Erhebung, v. Karl Grumbach. Zweite Aus⸗ gabe. 8. broch. 6 gGr.= 71 Ngr. od. Sgr. od. 27 Fr. rh. Grumbach hat ſchon längſt Plotz genommen in der Reihe der beliebteſten religibſen Dichter, und es wäre uberfluͤſſig, Etwas zu ſei⸗ nem Lobe beizufügen— doch mögen zur richtigen Wuͤrdigung dieſer Geſange hier die Worte eines Recenſenten Platz finden:„Ein edler, frommer Geiſt weht in dieſen religiöſen Gedichten, ſie reißen das Ge⸗ muͤth hin zu ſanftem, wohlthuendem Ernſt, und der Erbauung Su⸗ chende wird dieſes Buͤchlein nicht aus der Hand legen, ohne ſtaͤrker im Glauben, voölliger in der Liebe und reicher an Hoffnung geworden zu ſein.“ Rudolph Stier's(Pfarrer) Andeutungen für gläubiges Schriftverſtändniß, 2te Sammlung. Auch unter dem Titel:„Beiträge zur bibliſchen Theologie.“ gr. 8. (33 Bogen) Preis 2 Thlr.= 3. Fl. 36 r. rhein. Deſſelben Werkes 3te Sammlung, auch unter dem beſon⸗ dern Titel:„Die Reden der Apoſtel nach Ordnung und Zuſammenhang ausgelegt.“ 1. Th., Kap. 1—13 der Apoſtelgeſch. enth. gr. 8.(25 B.) Preis 2 Thlr.= 3 Fl. 36 Er. rhein. Deſſelben Werkes ate Sammlung, auch unter dem beſon⸗ dern Titel:„die Reden der Apoſtel u. ſ. w.“ 2. Th. Kap. 14— 28 der Apoſtelgeſch. enth. gr. 8.(33 ½ B.) Preis 2 Thlr.= 3 Fl. 36 Xr. rhein. Alle drei Bände zuſammengenommen koſten nur 3 Thlr.= 5 Fl. 24 Er. rhein. Die Geiſtesproducte dieſes Verf., ſo wie überhaupt das oben angezeigte Werk, von welchem unter anderen die Jen. Allgem. Lit. Ztg. 1840 Nr. 102 beſonders die hierin wal⸗ tende, ſehr kernige und ſchöne Sprache und den Scharfſinn des Verf. hervorhebt, ſind ſo rühmlich bekannt, daß ſich der Ver⸗ leger einer weiteren Empfehlung derſelben enthält, und nur dar⸗ —— 163 4— auf aufmerkſam macht, daß er von jetzt an dieſes Werk Jeder⸗ mann dadurch zugänglich gemacht hat, daß alle 3 Bände zu⸗ ſammengenommen zur Hälfte des Ladenpreiſes der einzelnen Bände zu haben ſind.(Der Preis der einzelnen Bände bleibt der volle Ladenpreis.) Briefſteller für die weibliche Jugend während und nach der Schulzeit. Eine Anweiſung zum Brief⸗ ſchreiben durch Regeln, Beiſpiele und Stoff zu Briefen aus dem Kreiſe des weiblichen Geſchlechts. Für Lehrer und Schü⸗ lerinnen in Töchterſchulen, ſowie zum Selbſtunterrichte. Von 0. E. Hartmann, Conſiſtorial⸗Aſſeſſor und Schulinſpector zu Cöthen. Dritte verbeſſerte und vermehrte Auflage, enthaltend eine Sammlung wirklich geſchriebener Briefe von berühmten Männern und Frauen, zu Muſterbriefen und Leſeübungen. Vollſtändig in 4 Lieferungen à nur 6 gGr.= 7 4 Ngr. oder Sgr.= 27 Tr. rhein. E Das Werk wird in 4 regelmässig monatlich erschei- nenden Lieferungen zu 96 höchst reichhaltigen Sei- ten des grössten Oktav-Formats ausgegeben. Dieſes Werk iſt bereits ſo rühmlich bekannt, daß es in ſei⸗ ner neuen Geſtalt wohl erſt keiner weitläufigen Empfehlung be⸗ darf.— Es iſt kein gewöhnlicher Briefſteller, welcher bloß Sche⸗ mas zu Briefen giebt, ſondern ein wohlangelegtes, höchſt in⸗ ſtructives Werk, von einem tüchtigen, ſeinen Unterricht auf feſte unterlagen gründenden Pädagogen, herrührend; überhaupt eine gründliche und vollkommene Anweiſung zum Briefſchreiben, die den Elementen beginnt und bis zur höchſten Stufe fort⸗ reitet. Muſterſammllung zu Gedächtniß⸗ und Declamirübungen, zunächſt für das frühere Jugendalter und zum Gebrauche für Elementarklaſſen in Schulen. Von H. A. Kerndörffer. Neue, völlig umgearbeitete und verbeſſerte wohlfeile Auflage. Er⸗ ſter Lehrgang, gr. 8.(174 B.) broch.. Thlr.— Zweiter Lehrgang. gr. S.(24 B.) broch. 7½ Thlr. Die deutſche Jugendzeitung 1841 Nr. 5 ſagt über die⸗ ſes in ſehr vielen Schulen der verſchiedenſten Gegenden Dektſch⸗ lands ſeit einer langen Reihe von Jahren ſchon bekannte Werk, daß es declamatoriſchen Uebungen und unterhaltungen ſehr zu⸗ träglich ſei, und daß der rühmlichſt bekannte Verfaſſer, der ſtets 1 164 glücklich wählte, beſonders dieſe Sammlung mit Geſchmack und Umſicht zuſammengeſtellt habe. Ferner d. Allgem. Anz. d. Deutſchen 1842 Nr. 313: „Der Verf. gehe bei Anordnung dieſes Werkes, deſſen Inhalt nach dem Bildungsgange der Denk⸗ und Seelenkräfte angeord⸗ net worden ſei, von ächt pädagogiſchen Grundſätzen aus.— Da⸗ bei ſei das Buch als ein trefflicher Dichtergarten des deut⸗ ſchen Vaterlandes zu betrachten.“ Systematische Tabelle für den ersten Elementarunterricht im Pianoforte-Spiel. dem kindlichen Fassungsvermögen gemäss, so wie zum Selbstunterricht bearbeitet von A. W. Müller. 2 Blatt gr. Folio. 6 gGr.= 74 Ngr. oder Sgr.= 27 Xr. rhein. Nützliche und unterhaltende Belehrungen für die Jugend. Ein Hand⸗ und Hülfs buch für die Schule und das Haus. In drei Abtheilungen. Von Mag. Chr. Fr. L. Simon, Verf. d. Erzähl., Fabeln und Lieder, und d. chriſt⸗ lichen Religionslehre in Sätzen, Bibelſprüchen und Lieder⸗ verſen. Zweite Ausgabe. 3 Abth. in 1 Bd. broch. 1 Thlr. —= 1 Fl. 48 Ar. rhein.— Iſte Abth. gr. 8.(15 Bog) broch. 12 gGr.= 15 Ngr. oder Sgr.= 54 Er. rhein.— 2te Abth. gr. 8.(11 ½ Bog.) br. 8 gGr.= 10 Ngr. oder Sgr.= 36 Kr. rhein.— 3te Abth. gr. 8.(17 ½ Bog.) br. 10 gGr.= 12 ½ Ngr. oder Sgr.= 15 Er, rhein. Henkels Taſchenbuch für deutſche Volksſchullehrer 1839 3tes Heft u. die deutſche Jugendztg. 1842 Nr. 12 referiren hieruber:„Dieſes umfangreiche Werk ſei ein reines Handbuch zu Denküb ungen, nur weit praktiſcher, auf's Leben angewandter, als viele andere. Es komme da keine todte Regel ohne Anwendung auf's Leben, kein kritiſcher Lebensfall ohne Re⸗ get vor und beſonders ſchön und einfach habe der Verfaſſer am Schluſſe der 3ten Abth. die Colliſionsfälle behandelt. Der lſte Theil ſolle beſonders dienen, die geiſtige Kraft der Kinder mit⸗ tels Verſtand und Herz durch Erweckung und Uebung des Denk⸗ vermögens, zu beleben und zu ſtärken. Der zweite ſolle ſie zu allen für ſie nöthigen Kenntniſſen und Fertigkeiten führen. Das Ganze ſei ein wohlgeordneter und mit großem Fleiße zur unmaßgeblichen Anwendung bearbei teter Inbegriff des Wiſſens⸗ würdigſten für die Jugend, wobei Schriften von Dolz, Hem⸗ pel, Krauſe, Löhr, Wilmſen, Adelung, Campe, Heinſius u. a. nicht unbenutzt geblieben wären und verdiene jdie ausgezeich⸗ netſte Empfehlung. Durch verſtändige Benutzung deſſelben wür⸗ 165 den dem Lehrer die oft ſo trockenen Denkübungen angenehm, dem denkenden Vater die daran geknüpften Unterhaltungen mit ſeinen Kindern zu einer Lieblingsſache werden.“ Inbegriff alles deſſen, was ein Mädchen aus den gebildeten Ständen bis zum vollendeten zehnten Jahre in wiſſenſchaftlicher Hin⸗ ſicht zu lernen braucht. Ein ſicherer Leitfaden für Mütter, welche ihre Kinder ſelbſt unterrichten wollen. Von Emma. Zweite wohlfeilere Ausgabe. gr. 12.(8 B.) geb. 15 gGr. od. 18 ½ Ngr. od. Sgr.= 1 Fl. 8 r. rhein. Denkwürdige Handlungen, Reden und Schickſale berühmter Männer des Alterthums aus dem Valerius Ma⸗ rimus und andern Claſſikern für die Jugend bearbeitet von Dr. Rauschnick. Dritte Ausgabe. gr. 8.(17 4 B.) br. 16 gGr.= 20 Ngr. od. Sgr.= 1 Fl. 12 r. rhein. Der ſächſ. Hausfreund 1841 Nr. 13 empfiehlt dieſes Werk wegen ſeiner lehrreichen und anziehenden Unterhaltung, welche es gewährt, nicht nur der Jugend, welche dadurch zu einer heilſamen Leſebegierde geweckt werde, ſondern auch Erwach⸗ ſenen, und ſpricht den Wunſch aus, daß es in keiner Familien⸗ bibliothek fehlen ſollte. Cg. A. Winter's(Oberlehr. 2. Kirchberg) Schriften: Der Unterricht in der deutſchen Rechtſchreibung in ſeinem ganzen umfange, verbunden mit dem Leſeunter⸗ richte und der Sprachlehre. Mit einer großen Anzahl ſtreng ſyſtematiſch geordneter Sprech- und Dictirübungen und Auf⸗ gaben zum Hausfleiße. Ein Hülfsbuch für Lehrer an Volks⸗, Sonntags- und Fortbildungsſchulen. Von 6g. A. Winter, Oberlehrer in Kirchberg. Erſter Band, enthaltend: Me⸗ thodik der deutſchen Rechtſchreibung und erſter vorberei⸗ tender oder Elementar-Lehrgang, verbunden mit dem Leſe⸗ unterrichte(11 4 Bog.) broch. Preis 12 gGr.= 15 Ngr. od. Sgr.= 54 Tr. rhein. Zweiter Band, enth.: Zweiter oder Begründungs⸗Lehr⸗ gang, verb. mit der Sprachlehre, und dritter oder Ergän⸗ zungs⸗Lehrgang. Mit 275 Dictirübungen. broch. Preis i6 gGr.= 20 Ngr. oder Sgr.= 1 Fl. 12 Kr. rhein. Dritter Band, enth.: Vierter od. Vollendungs⸗Lehrgang, behandelnd die Interpunctionslehre, verbunden mit der Satz⸗ lehre, für Oberklaſſen berechnet, und für Lehrer und Schü⸗ ler beſtimmt.(Führt als Schulbuch auch den Titel: Der Interpnnktions⸗ und Satzſchüler.) 166 Der kathol. Jugendbildner vom Seminardir. Barthel widmet dieſem Werke im Jahrg. 1845 Seite 269 u. ff. ſeine Aufmerkſamkeit auf mehr als 6 Seiten, und ſagt hierüber unter Anderm, daß es ein vorzügliches Werk ſei; überall leuchte das Princip der Anſchauung und Zuführung von Begriffen und Gedanken durch; überall herrſche die Verbindung aller ſprachlichen Elememte und die Vereinigung derſelben zu einer einzigen Totalwirkung vor, indem Sprachlehre, Sprech⸗ übungen, Bictirübungen in Sätzen, Beſchreibungen, Mittheilun⸗ gen verſchiedener Art und kleine Briefe regelmäßig mit einan⸗ der abwechſelten, zu dem ſich noch in ununterbrochener Folge Aufgaben für den Hausfleiß geſellten. Ein Vorzug des Buches ſei, daß die Kinder nicht mit Dingen behelligt würden, die für ſie weder praktiſchen Nutzen haben, noch auch überhaupt als ein ergiebiges und fruchtbares Material für den kindlichen Geiſt betrachtet werden könnten u. ſ. w. Die ſächſ. Schulzeitung 1843 Nr. 4, empfiehlt dieß Werk auf folgende Weiſe:„Dieß iſt ein in der Schule aufge⸗ wachſenes, von einem praktiſchen Schulmanne verfaßtes, durch⸗ weg praktiſches Werkchen, das den ſo ſchwierigen Unterricht in der Sprachlehre und Orthographie weſentlich erleich⸗ tern muß. Theorie und Praxis gehen hierin Hand in Hand, und dadurch wird Zeit und Kraft geſpart.. Dieß Handbuch enthält einen wahren Schatz von Regeln und Beiſpielen, kurz den mannigfaltigſten Stoff für Sprech-, Denk⸗ und Schreib⸗ übungen im organiſchen Zuſammenhange und methodiſcher Stu⸗ fenfolge... Die Lehrerwelt iſt dem unermüdlichen Winter für dieſe neue Gabe ſeines Fleißes und Talentes zu großem Danke verpflichtet.“ Ebenſo empfehlen d. Schulbl. f. d. Großh. Heſſen 1845 Heft 4, d. Schulbl. f. d. Elſaß 1844 Septbr., Erz⸗ gebirg. Anzeiger 1844 No. 51, dieß Werk als ein durch ſtrenge Methode ſich auszeichnendes, muſterhaftes u. reichhal⸗ tiges Lehr⸗ und Hülfsbuch für den Sprachunterricht. Mit obigem Werke genau verbunden, doch ſo, daß jedes für ſich be⸗ ſteht erſchienen zugleich von demſelben Verfaſſer nachſtehende zwei: Der kleine Elementarſchüler, oder: die erſten Anſchauungs⸗, Leſe-, Schön⸗ und Rechtſchrei⸗ beübungen des Kindes, methodiſch und ſtreng ſtufenweiſe bear⸗ beitet. Eine wohlfeile Handfibel mit Druck⸗ und Schreib⸗ ſchrift für die unterſten Klaſſen in Volksſchulen. Ven 6g. A. Winter. Zweite Auflage. Preis eines gebunde⸗ —,— 167 nen Exemplars: 3 gGr.= 3 ½ Ngr. od. Sgr.= 14 Fr. rh. (Bei Beſtellungen von Partieen findet noch ein billigerer Preis ſtatt.) Kurz nach ſeinem Erſcheinen wurde die Einfuͤhrung die⸗ ſes Werkchens ſelbſt in mehreren Gegenden des fernen Auslan⸗ des bewerkſtelligt, ſo daß ſchon nach Verlauf von kaum zehn Monaten ein neuer Abdruck davon nothwendig ward, was wohl der deutlichſte Beweis für ſeine große Brauchbarkeit iſt. Im Verhältniß zu ſeinen Herſtellungskoſten iſt es ungemein billig.— Das Lit.⸗Bl. d. ſächſ. Schulztg. 1844 Nr. 1, ſagt über daſſelbe:„In dieſem Werke beweiſt abermals unſer durch ſeine literariſchen Leiſtungen in Ehren wohlbekannter Wim⸗ ter, den wir Lehrer Sachſens nicht ohne Stolz unſern Col⸗ legen nennen können, wie er voll regen Eifer ohne Raſt für das Wohl der Volksſchule thätig iſt.— Möge er nie aufhören, unſern ſo ſchwierigen Beruf durch ſolche treffliche Hülfs⸗ mittel zu erleichtern!“ Ebenſo empfiehlt es d. Schulbl. f. d. Großh. Heſ⸗ ſen, Februarheft 1845 den Anhängern der ſich immer mehr verbreitenden Schreibleſemethode vor andern derartigen Hülfsmitteln.— Auch das Schulbl. f. d. Elſaß 1844 S empfiehlt es der beſondern Aufmerkſamkeit der ehrer. Lehrer-Conferenzen, welche diese Fibel näher kennen lernen wollen, steht ein Exempl. davon(direct durch den Verleger) gratis zu Diensten. Der Denk-, Sprach- und Schreibschüler. Ein methodiſch und ſtreng ſtufenweiſe geordnetes Uebungs⸗ und Wiederholungsbuch mit einer großen Anzahl Aufgaben zu Verſtandes⸗, Sprech- und Rechtſchreibeübungen. Nebſt ei⸗ nem Anhange, enthaltend 12000 Rechnungsaufgaben. Für die Hand der Schüler in Mittelklaſſen deutſcher Volks⸗ ſchulen. Von 6g. A. Winter. Preis 4 gGr.= 5 Ngr. oder Sgr.= 18 Fr. rhein.(Im Partiepreis bei je 25 Exempl. auf einmal nur 3 ½ gGr.= 4 Ngr. od. Sgr.= 14 ½ r. rh.) Der kathol. Jugendbildnerv. Seminardir. Bar⸗ thel 1845 pag. 275 ſagt hierüber:„Das Büchlein enthält über jede einzelne Regel aus der Rechtſchreibung und über jeden wichtigen Punkt aus der Sprachlehre eine Menge, beſonders für den Hausfleiß beſtimmter Aufgaben, und kann, da die nö⸗ thigen Erklärungen und Regeln den Aufgaben immer beige⸗ fügt ſind, ſehr wohl als Wiederholungsbuch dienen.“ Das Lit.⸗Bi. zur ſächſ. Schulztg. 1845, Nr. 4: 168 „Rec. kennt kein Buch, das dieſenunterricht ſowe⸗ ſentlich erleichterte, ſo praktiſch durchführte und ſo reichen Aufgabenſtoff böte.“ Das Schulblatt f. d. Großherz. Heſſen von Dir. Pr. Schaumann 1845, Aprilheft, referirt, das Werkchen ſei ein ſehr reichhaltiges Hülfsmittel in der deutſchen Sprache. Es vehandle mit ausführlicher Gründlichkeit die ſämmtlichen Wör⸗ terklaſſen der deutſchen Sprache und die Wortbildung, durch⸗ gängig mit vorzüglicher Berückſichtigung der Orthographie, auch werde das Nothwendigſte vom reinen, einfachen und erwei⸗ terten Satze beigebracht, ſo daß in vielen Landſchulen ein wei⸗ terer deutſcher Sprachkurſus überflüſſig ſein und mit dieſem Buche vollkommen ausgereicht werde.— Beſonders wird gerühmt, daß bei einer Durchführung, wie hier, dieſer Lehrſtoff auf die ganze Geiſtesrichtung unſerer Jugend einen auffallen⸗ den Einfluß üben müſſe. Acht arithmetiſche Wandtafeln(mit 14 Zoll hohen Ziffern) oder: 12000 Rechnungsaufgaben in möglichſt ſtrenger Stufenfolge, enthaltend: die vier Spe⸗ cies mit gleich- und ungleichbenannten Zahlen und die Re⸗ ſolutions⸗ u. Reductionsrechnung. Ein Hülfsmittel für Volks⸗ ſchullehrer, um mit einer einzigen Tafel zugleich hundert und mehr Rechenſchüler aus ganz verſchiedenen Ab⸗ theilungen beſchäftigen zu können. Von 6g. A. Winter. 8 Bo⸗ gen in umſchlag.(gr. Folio.) Preis 160 gGr.= 20 Ngr. oder Sgr.= 1 Fl. 12 2r. Facitbuch zu Gg. A. Winter s 8 arithmetiſchen Wandtafeln, enthaltend die Auflöſungen und die Anlei⸗ tung zum zweckmäßigſten Gebrauche deſſelben. gr. 8. broch. (10½ Bogen.) Preis 12 gGr.= 15 Ngr. oder Sgr.= 54 Xr. rhein. Dieſe eigentlich zur Vorbereitung auf des Verfaſſers Rechnungsaufgaben nach dem neuen Sächsi- schen Münz-, Mnss- und Gewichtssysteme für Bürger- und Landschulen, 2 Bändchen, 18 à 4 Ngr.(pei je 25 Exempl. auf einmal bedeutend pilliger) 28 à 6 ½ Ngr.(bei je 12 Exempl. auf einmal ebenfalls bedeutend pilliger) (von welchen in kaum 4 ½ Jahren 6 Auflagen nöthig wur- den und in welchem Zeitraume in den Schulen des König- reichs und der Herzogthümer Sachsen vom 1. Bänd- B 169. chen über 20,000 Hxemplare, und vom 2. über 14,000 ver- breitet worden sind) beſtimmten Wandtafeln haben ſich bisher in allen Theilen Deutſchlands als ein großes Erleichterungsmittel beim Unter⸗ richte im Tafelrechnen, namentlich in zahlreichern Claſſen, be⸗ währt, und wurden als ſolches wiederholt von tüchtigen Schul⸗ männern angelegentlichſt empfoblen. Vol ksliederkranz für Schule und Haus. Eine Samm⸗ lung der beſten und beliebteſten Volkslieder und Volksweiſen. Von 6g. A. Winter.— A. Volkslieder.(Dertbuch.) Dritte Auflage. Preis 11 ½ gGr.(1 ½; Ngr.= 6 Tr. rh. (Partiepreis bei je 30 Exempl. 1 Thlr. 4 gGr.[1 Thlr. 5 Ngr. od. Sgr.]= 2 Fl. 6 Fr. rh.) B. Volksweiſen. (Melodienbuch.) Preis 3 gGr.(3 ½ Ngr. od. Sgr.) 14 Kr. rh.(Partiepreis bei je 12 Exempl. 1 Thir.= 1 Fl. 48 Tr. rh.) Wird heftweise fortgesetzt.) Die ſer Volksliederkranz zeichnet ſich vor vielen andern der⸗ artigen Sammlungen dadurch aus, daß er nur Volkslie⸗ der u. Volksweiſen im ſtrengſten Sinne des Wor⸗ tes enthält.— Auch die Singweiſen ſind ebenfalls beliebte, aute und leicht ſingbare Volksweiſen.— Alle ſind zweiſtimmig, einige auch dreiſtimmig.— In ½ Jahren wurden vom Text⸗ buche 2 Auflagen vergriffen, da Schulen und geſellige Zirkel dieſes Büchlein wegen der glücklichen Wahl und Zuſammen⸗ ſtellung der darin enthaltenen Lieder und Melodien unter ſich heimiſch machten. Die Zeitſchrift Figaro 1845, Nr. 32, Leipz. Zeitung 1845, No. 4, Sächſ. Schulzeitung 1844, No. 7, Deut⸗ ſche Jugendzeitung 1844, No. 12, Erzgeb. Anzeiger 144, No. 51, Schleswig⸗Holſtein. Schulbl. 1845, 78 H., Augsb. Quartalſchr. f. prakt. Schulw. 1845, 28 H. empfehlen dieſes Werkchen Schülern und Familien als eine der beſten Sammlungen dieſer Art, die ihrem Zwecke treff⸗ lich entſpreche, bei der Jugend Geſangluſt und bei Alt und Jung Frohſinn und Keime guter Geſinnung und Zufriedenheit des Herzens erwecke. Als theoretiſcher Theil und Vorläufer zu dem Volks⸗ liederkranze und allen ähnlichen Sammlungen kann beſtens empfohlen werden:* Theoretiſch⸗praktiſche Geſanglehre für Bürger- und Landſchulen, oder: Stufenweiſe fortſchreitendes Handbuch für Lehrer und Schüler zum Gebrauche beim Geſangunterrichte. 170 Mit ausgewählten zwei⸗, drei⸗ und vierſtimmigen, vom Leichtern zum Schwerern übergehenden Uebungsſtücken im Tontreffen, Takthalten, Pauſiren und Schönſingen, worun⸗ ter eine große Auswahl von Leichenarien. Bearbeitet v. H. 6. Länger, Gantor, bevorwortet don 6g. A. Winter. Preis 10 gGr.(124 Ngr. od. Sgr.) 45 Fr. vh(Im Pan⸗ tiepr. bei je 12 Expl. nur 6 ½ gGr.(S Nar. od. Sgr.) 30 Tr. rh. Tüchtige Pädagogen ſprechen ſich hierüber auf folgende Weiſe aus:„Man ſehe es dem Buche an, daß es von einem ächt praktiſchen Schulmanne herrühre, der es verſtehe, Geſang⸗ unterricht zu ertheilen. Die Schüler würden darin nicht mit unnöthigen muſikaliſchen Kenntniſſen überladen(woran die meiſten derartigen Werke für Volksſchulen leiden) und doch ſei auch alles Nöthige darin abgehandelt und zwar gut ſyſtema⸗ tiſch, ſchrittweiſe und lichtvoll. Nächſt anderen Zeitſchriften, die dieſes Werkchen auf das Wärmſte empfohlen haben, ſagt die Leipz. Zeitung 1845 No. 14 hierüber:„Winters Volksliederkranz und dieſe Geſang⸗ lehre werden das edle Bildungsmittel des Volks, den Geſang, in den deutſchen Volksſchulen gewiß mit gluͤcklichem Er⸗ folge befördern.“— Die deutſche Jugendzeitung 1844 No. 12.:„Dieſe Geſanglehre läßt den Verf. als einen denkenden und erfahrenen Lehrer erkennen. Jeder, der die Be⸗ kanntſchaft dieſes Werkchens macht, wird ſich überzeugen, daß daſſelbe, nach Methode, Kürze, Deutlichkeit und übriger Ein⸗ richtung für den Geſangunterricht ſehr zweckmäßig und fördernd iſt, Eigenſchaften, die es, ſo wie Ausſtattung und deutlicher Notendruck, ſehr empfehlen. 300 Geschichtsaufgaben mit Andeutung ihrer Ausführung nach der Zeitfolge der Personen und Thatsachen. Von Prof. Fr. Fd. Petri. 8.(9 B) 10 g6r. od. 12 ½ Ngr. od. Sgr. od. 45 Xr. rhein. vordlätter zu manchen Hand- und Lehrbüchern alter 6e- schichte, besonders von Schlosser und Galetti. Von Prof. Fr. Id. Betri. gr. 8.(2 Bog.) 4 gGr. od. 5 Ngr. od. Sgr. od. 18 Xr. rhein. Deutſche Alterthümer, für Schulen barbeitet v. F. A. Ka· pisius 8.(5 B.) 6 gGr. od. 74 Ngr. od. 27 Er. rh. Es wird in dieſem Buche das Eigenthümliche des deut⸗ ſchen Volkes und Vaterlandes, als ein für ſich beſtehendes Ganze, getrennt von der eigentlichen deutſchen Geſchichte, wozu es eine Einleitung iſt, betrachtet, und bildet ſo ein ſelbſtſtän⸗ — — —% 171 diges vaterländiſches Buch für deutſche Bürger- und Volks⸗ ſchulen. 384 Zauber⸗Quadrate vder arithmetiſche Beluſti⸗ gungen für Freunde der Rechnenkunſt. Nebſt Anleitung zu ihrer Bildung und Berechnung, von Gustav Hohndell. 4.(34½ B.) br. 18 gGr. od. 224 Ngr. od. Sgr. od. 1 Fl. 21 Tr. rhein. Durch dieſe reichhaltige Sammlung von eben ſo verſchie⸗ denartigen, als ſinnreichen Zuſammenſtellungen der Zahlen in ein Quadrat, in welchem alle Reihen nach den verſchiedenen Richtungen mit einander übereinſtimmende Summen enthalten, bekommt die unterhaltung Erwachſener ſehr viel Annehmlichkeit und der Scharfſinn der Schüler Uebungsſtoff, welcher letzteren das Studium der Rechnenkunſt angenehm macht und ihre Lern⸗ luſt belebt. Le verbe frangais. Das geſammte franzöſiſche Zeit⸗ wort in 180 praktiſchen Uebungsaufgaben nach ſyſte⸗ matiſcher Reihenfolge mit genauer Angabe der Beugung und Anwendung deſſelben und allen nöthigen grammati⸗ kaliſchen Nachweiſungen, beſonders auf Hirzels Sprach⸗ lehre. Zur Erleichterung gründlichen Lehrens und Ler⸗ nens der franzöſiſchen Sprache für Lehrer und Schüler bearbeitet von Johann Adolph Petri, Sprachlehrer.— Preis 8 gGr.(10 Ngr. od. Sgr.) 36 Tr. rhein.— Partie⸗Preis für Schulen bei Abnahme von mindeſtens 12 Exempl. auf einmal bezogen gegen baar nur 2 Thlr. 16 gGr.(20 Ngr.) 4 Fl. 48 Tr. rh. Dieſes, durch die Erfahrungen einer langjährigen Praxis im unterrichte der franzöſiſchen Sprache entſtandene und wegen ſeiner großen Nützlichkeit in ſehr vielen Lehranſtalten eingeführte Werkchen empfehlen d. Königsb. Lit.⸗Bl. 1844, 21. Gu⸗ tenberg 1844, 190, Lit.⸗Bl. z. Geſellſch. 1845, 11, Päd. Lit.⸗Ztg. f. Bürgerſchulw. IV, 1, auf folgende Weiſe: „Da der Charakter dieſes Buches durchaus praktiſch und gründlich, die Beiſpiele entſprechend, faßlich, klar, be⸗ ſtimmt, wohlgeordnek, aus dem Leben gegriffen und wegen ih⸗ res innigen Zuſammenhanges nach geſchehener Uebertragung auch zu Memorirübungen geeignet ſeien, ſo müſſe durch den Gebrauch deſſelben in kurzer Zeit die genaueſte Fertigkeit in Behandlung ſelbſt der ſchwierigſten Zeitwortform erzielt wer⸗ den, weshalb das Buch eine große Verbreitung verdiene.“ 172 Drei Worte des Glaubens, der Liebe und Hoff⸗ nung, oder letzte Ermahnung eines Lehrers an die Jugend vor der Feier des Abendmahls, von Mag. 0. 6. Rebs. 8.(3 Bogen) 4 gGr.= 5 Ngr. oder Sgr.= 18 Tr. rhein. Vier Reden, bei der Vorbereit ung auf das heilige Abend⸗ mahl vor fämmtlichen Schüllern gehalten von H. F. 6. Schubert. gr. 8.(4½ Bog.) Pr. 6 gGr.= 7½ Rgr. od. Sgr.= 27 Tr. rhein. Henkels Taſchenbuch für Volksſchullehrer 1ſtes Heft ſagt hierüber;„Hieſes Buch enthält nach Form und In⸗ halt gute und gemüthliche Reden, welche ächte Religioſität athmen und eine erbauliche Wirkung nicht verfehlen können.“ Dr. J. V. Hennebergs, philolog. hiſtor. und kritiſcher Commentar über die Geſchichte des Begräbniſſes, der Auf⸗ erſtehung und Himmelfahrt Jeſu, nach den Evangelien des Matthäus, Marcus und Lucas. gr. S.(94 B.) Pr. 16 gGr. = 20 Ngr. od. Sgr.= 1 Fl. 12 Tr. rhein. Hiſtoriſch⸗praktiſche Einleitung in die bibliſchen Schriften. Ein Handbuch für Lehrer und für jeden, beſon⸗ ders wiſſenſchaftlich gebildeten Chriſten. Herausgegeben von Dr. Christian Abraham Wahl. Zwei Theile gr. 8.(49 B.) Pr. 2 Thlr= 3 Fl. 36 r. rhein. Der Verf. dieſes als ausgezeichnet anerkannten, höchſt wich⸗ tigen Werkes hat, nach dem einſtimmigen Urtheile aller Kriti⸗ ker, in demſelben mit Scharfblick, parteiloſer Unbefangenheit und geſichteter Gelehrſamkeit auf eine lichtvolle und deutliche Weiſe alle Fragen beantwortet, welche der Bibelforſcher nur ſtel⸗ len mag. Lehrbuch der chriſtlichen Sittenlehre von Dr. L. F. O Baumgarten-Crusius. gr. 8.(26 B.) Pr. 1 Thlr. 4 gGr. = 5 Ngr. oder Sgr.= 2 Fl. 6 Tr. rhein. Etwas zur Empfehlung dieſes als claſſiſch anerkamten Werkes zu ſagen, hält der Verleger für überflüſſig;— und will nur ſo viel bemerken, daß es von jetzt an, ſo weit der Vor⸗ rath noch reicht, auf unbeſtimmte Zeit, zu dem angegebenen, bedeutend ermäßigten Preiſe reſe werden ſoll, um es ſelbſt Unbemittelteren zugänglich zu machen. Ueber die vorliegende Schrift des allbeliebten Volks- und Jugendſchriftſtellers„Guſtav Nieritz,“ „Das vierte Gebot,“ welche ihrer Trefflichkeit halber ins Franzöſiſche überſetzt worden iſt, ſagt unter Anderem die Allgem. Schulztg. v. Hoſprediger Dr. Zimmermann 1844, No. 119,„daß dem betr. Recenſenten noch keine ſo gelungene Erzäh⸗ lung bekannt ſei, als eben Nieritz's viertes Ge⸗ bot, weshalb ſie als Volks⸗ und Kinderſchrift an⸗ gelegentlichſt empfohlen wird. Ferner empfiehlt es das Correſpondenzbl. z. Mo⸗ denſpiegel 1840, No. 51, mit folgenden Worten:„Es iſt dieſer Jugendſchrift auf den erſten Blick anzumerken, daß ſie einen Schriftſteller zum Verfaſſer hat, der in den belletriſtiſchen Fächern ſchon Ausgezeichnetes producirt hat, und nicht blos die Jugend, ſondern auch Erwachſene werden vielfach Gelegenheit finden, ſich an der lebendigen, gemüthlichen Darſtellung, der geſunden Charakteriſtik und den trefflichen Localſchilderungen, in welchem Allen ſich der gewandte Novelliſt nicht verkennen läßt, zu erfreuen. uUnterhaltung und Belehrung bietet das Buch in reichem Maaße, und zugleich wird es die Jugend in ihrer Richtung zum Wahren und Guten, beſonders inſofern ſich dieſe auf das genannte göttliche Gebot bezieht, mächtig beſtärken.“ Gutenberg 1843, No. 185:„Der Spruch: Du ſollſt Vater und Mutter ehren! iſt hier in eine Erzählung einge⸗ kleidet, welche, das Intereſſe von Seite zu Seite ſpannend, vor Allem geeignet ſein dürfte, dieſes heilige Gebot dem kindlichen Gemüthe auf's Tiefſte und Nachhaltigſte einzuprägen.“ Allgem. Pommerſches Volksblatt, 1843, No. 94: „Aeltern und Erzieher, welche ihren Lieblingen ein Weih⸗ nachtsgeſchenk durch ein hübſches Buch machen wollen, können für dieſen Zweck nicht leicht eine beſſere Wahl treffen, als Rie⸗ ritz's viertes Gebot. Uebrigens fügt Rec. noch hinzu, daß in dem Buche auch manche Winke für diejenigen zu finden ſind, denen die geiſtige Bildung der jugendlichen Gemuͤther als Pflicht anvertraut iſt.“ Bl. f. Lit. u. Kunſt, 1841, No. 70:„Es muß ein ſehr verſtocktes oder ſchon ganz verdorbenes Gemüth ſein, welches ſich bei Durchleſung dieſes Buches nicht innig ergriffen und gerührt fühlt; bei dem, wandelt es auf dem Wege des Ver⸗ derbens, nicht die Reue, der feſte Vorſatz zur Beſſerung entſteht.“ Ebenſo belobend ſprechen ſich noch aus: Lit. Bl. z. Ge⸗ ſellſchafter 1843, No. 43, Literaturbl. z. d. Roſen 1841, No. 2, Athenäum 1841, No. 49. Zei ſeinem anerkannten innern Werthe und ſchöner usſtat- tung empfiehlt ſich bei verhültnißmäßigi ſehr billigem Preiſe ganz bſonders zu Feſtgeſchenken für die Jugend und Er⸗ wach ſene, beſonders als Prämienbuch: Die Pſalmen. Lieder der Andacht, des Troſtes und der Erhebung. Nach dem urterte der heil. Schrift, meiſt nach kirchlichen Sing⸗ weiſen, metriſch überſetzt von Dr. M. A. Zille, Prediger an der Univerſitätskirche zu Leipzig. Mit 1 Stahlſtich und Pracht⸗ titel in Bronze- und Farbendruck, broch. Preis 20 gGr. (25 Ngr. oder Sgr.) 1 Fl. 30 Er. rhein. Die Gediegenheit dieſes Werkes, deſſen Verf. als geiſtli⸗ cher Liederdichter bereits rühmlichſt bekannt iſt, hat durch die vielen günſtigen Urtheile der tüchtigſten Männer verſchiedener Confeſſionen hinlängliche Anerkennung gefunden, und es lauten dieſelben(Allgem. Kirchenztg. 1844 Nr. 177, Sächſ. Kirchenztg. 1845 Nr. 4, Leipz. Ztg. 1344 Nr. 278, Frie⸗ densbote 1844 Nr. 10, Pilger aus Sachſen 1844 Nr. 51, Bergedorf. Bote 1844 Nr. 47, Marbachs Lit.⸗Be⸗ richt 1844 Nr. 29, Guttenberg Geſſ. Volksblatt) 1844 No. 220 u. ſ. w.) zuſammen dahin:„Die Zille'ſche Pſalmenüberſetzung gebe die ſchöne und erhabene Sprache des urtertes in geiſtlichen Liedern nicht nur ſehr treu wieder, ſondern zeichne ſich auch vor allen früheren durch poetiſchen Schwung aus. Durch dieſe ueberſetzung würden Vielen die Pſalmen erſt näher gebracht, denn wenn man Zille's Pſal⸗ menlieder leſe, ſei es, als ob man die chriſtliche Bedeutſamkeit der Pſalmen erſt recht innig empfinde; Viele würden erſt durch ſie zu der friſchen, lebendigen Quelle wahrer Erbauung, die unverſiegbar aus dem Pſalter fließe, hingeführt werden;— es ſei hierin die Kraft des Gedankens mit der Schönheit des poe⸗ tiſchen Ausdrucks herrlich gepaart.— Dabei ſei die Aus⸗ ſta.ttung des Buches ſelbſt glänzend zu nennen, zu⸗ mal in Betracht des billigen Preiſes.“ Nicht nur in ascetischer, sondern auch in ästhetischer Hinsicht ist hierbei Tüchtiges geleistet worden und muss diese Vebersetzung für jeden Freund der Poesie im All- gemeinen von hohem Interesse sein. — 7 2 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 1