——— — Leihbibliothet deutſcher, engliſcher Uut franzöſiſcher Literatur on 2 Cdnard Otlmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Biblipthek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8. Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnament. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————— auf 1 Monat:— bf. 1 M. 50 Pf 2— Pf. „ 3 5. Auswärtige Ahonnenten haben für Hin⸗ und Zurück der Bücher eußehr eigenen Koſten und Gefahr ſekbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern zc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer ſit Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen ſ endung der Bücher nicht ſtattfinden darf indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —— 6 cLeih und eſe ebedingungen. 6 ( . —— —— —— —— — Das Schicksals⸗Rätzchen. Humoriſtiſche Erzaͤhlung von C. Niedmann. Es muß das Herz an Etwas hangen, Sonſt muß es in ſich ſelbſt vergehn. —e6o0 SSoeo—— Leipzig, bei Chriſtian Ernſt Kollmann. 1828. ——————— Das Schickſals⸗Kätzchen. Humoriſtiſche Erzaͤhlung. ——4. ————— ————— ——— ———————— —— 1. Die Filial⸗Kutſche. Ee war ein ſchwuͤler Sommerabend. Fern⸗ her durch den Hoͤhenrauch daͤmmerten die Thuͤrme der reichen Handelsſtadt. An bei⸗ den Seiten der ſandigen Heerſtraße zogen ſich unabſehbare Kornfelder uͤber die weite Ebene. Links im Hintergrunde, doch nicht gar allzuweit, begraͤnzte ein dunkler Schat⸗ tenwald die Ausſicht. Da bewegte ſich langſam der Stadt zu eine dicke altmodige Filialkutſche, mit ſechs klappernden Fenſtern, ſchaukelnd auf den langen Schwungriemen. Der hohe Vock 1 X uͤberragte den breiten Wagenhimmel, wel⸗ cher mit ſechs hoͤlzernen Engelsköpfen, die Federbuͤſche trugen, geſchmuͤckt war. Doch uͤber Beides hinaus ragte das hohe Gepaͤck, hinten und vorn Koffer, Kaſten, Schach⸗ teln, Futterſaͤcke und Heubuͤndel. Dieſe wunderliche Maſchine, welche, als ein Mi⸗ rakel von der prunkenden Hofhaltung des Koͤnigs Augnſt von Polen, verdient haͤtte in Spiritus aufbewahrt zu werden, zogen drei kleine abgemagerte Roͤßlein, mit wei⸗ ßem duͤrftigen Geſchirr verſehen, keuchend und huſtend durch den tiefen Sand, und der niedrigen Kanonenraͤder langſames Um⸗ waͤlzen ſchien mit der Rotation der Welt⸗ axe, in Hinſicht der Geſchwindigkeit, zu wetteifern; denn es war faſt, als ob auch nur alle vier und zwanzig Stunden der Preislauf der Radſpeichen mit der dicken Nabe um die Spille der Axe vollendet werde. — 5— Im Wagen ſchliefen drei Menſchenge⸗ ſichter und nickten dabei fort und fort ge⸗ gen einander, oder machten wiegende Sei⸗ tenbewegungen, ſo ungefaͤhr, wie betende Juden in der Synagoge. Das eine dieſer Geſichter war breit und gutmuͤthig und mit einer weißen ehrwuͤrdi⸗ gen Stutzperucke bekleidet. Ein ſchwarzer Rock deckte den breiten Ruͤcken und die fleiſchigen Arme; aber vorn herab uͤber den Rundbauch ſchimmerte die weiße ſaubere Leibwaͤſche durch die aufgeplatzte Schoß⸗ weſte. Das zweite Geſicht war laͤnglich, hager; ein ſpitzes Kinn, zwei vorſtehende Backen⸗ knochen und eine duͤnne nadelfoͤrmige Naſe waren die vier rothen Punkte, welche die Zeit auf dem Antlitze der Matrone entweder noch uͤbrig gelaſſen, oder erſt darauf ge⸗ malt hatte. ueber den rabenſchwarzen Seidenlocken, welche der Stirn zum Relief dienen ſollten, war eine hohe Fluͤgelhaube aufgethuͤrmt. Eine Menge vergelbter Flor⸗ und Bandſchleifen von Roſa, Gelb und Himmelblau waren auf das künſtliche Draht⸗ geſtell wunderbar befeſtigt, um Preis und Ehre der Beſitzerinn einzubringen, welche, im unveraͤnderten Fortbluͤhen eines vor vierzig Jahren gebildeten Geſchmacks, dieſes baby⸗ loniſche Wunderwerk einer Prachtdormoͤſe, fuͤr die Reſidenzreiſe ſich zurecht gebaut hatte. Das dritte Geſichtchen— du lieber Himmel!— wer konnte das ſehen unter dem auch gar zu neidiſchen Strohhute?— Aber was wir ſehen konnten, war ſchon tauſendmal genug, um das Blut des jun⸗ gen Menſchen in die Wangen zu treiben— der da ſo eben mit der Flinte auf dem Ruͤcken, von ſchlanken Hunden umtanzt, uͤber den Sandweg hin, nach dem Fußſteig einbiegen wollte, welcher durch das Korn⸗ feld dem Walde zufuͤhrte. Er blieb ſtehen, und, wie geſagt, eine hohe Röthe zog ſich uͤber das feine, ſehr edel geformte Antlitz deſſelben. Die große Wagenthuͤr war aus dem morſchen Schloſſe geſprungen— da— da— ein Fuͤßchen— nein, ſo wunderzart vom ſchneeweißen Struͤmpfchen bekleidet— die Taille, wie ein Bluͤthenſtengel— die Arme, blendend, voll und wie zierlich abgedrechſelt gegen die kleine Hand zu— aber—!— da war das Tuͤchlein von der Schulter ent⸗ fallen und blendend weiß, wie Anadyomene den Wellen entſtiegen ſein mochte, hob ſich aus dem großgebluͤmten altmodigen Zitz ih⸗ res Kleides— ein Nacken— zum Kuͤſſen— und welche Formen des Buſens verhuͤllte ſo zuͤchtig das Blumenkleid! und wie ſei⸗ denweich und uͤppig wiegten ſich die ſo ganz natuͤrlichen Locken in ihrer hellblonden ſtillen Pracht!— Nein— es war nicht zum Aushalten! 8— Wie ein Sirocko wehte es ihn an im Ge⸗ fuͤhl der eignen unbewußten Glut. Auf dem brennenden Sande ſchlich er naͤher. Er buͤckte ſich— ſah unter den Strohhut, von einem Kranz bluͤhender Eriken ge⸗ ſchmuͤckt— und erblickte— einen ſchlum⸗ mernden Engel, laͤchelnd in Jugendtraͤu⸗ men— einen Seraph, der aber eben mit den ätheriſchen Schwingen ſich aus dem Blumenreiche der Kindheit erhob, um in den Sternenhimmel der Jungfrau hinauf⸗ zufliegen. Kaſtor und Pollux ſprangen, ungeduldig liebkoſend, an ihrem Gebieter in die Hoͤhe und weckten ihn aus tiefen Traͤumereien.— Aber dann fuhr der Jäger leicht mit der Hand uͤber die Stirn unter die braunen Locken und ſprach bitter vor ſich hin:— „Du biſt auch nicht beſſer, Wilibald, als hundert deines Gleichen.— Thor! das erſte huͤbſche Kind auf der Landſtraße be⸗ ——— ,————— 2 uihielau—— — 6— zaubert dich— was wuͤrde Iduna, deine Braut— was dein Vater ſagen?— Jage auf andres Wild!— Es iſt ein Ungluͤck— ein reizbares Gemuͤth— und druͤckende Verhaͤltniſſe.“— Rit ſolchen Gedanken— ſchwer auf⸗ ſeufzend, ging der junge Menſch weiter, oft ſtehen bleibend, oft ſich umſchauend nach dem ſchwankend dahin kriechenden Wagen. Sodann verſchwand er mit ſei⸗ nen Hunden auf dem ſchmalen Steige im goldenwogenden Aehrenfelde. ² Mit dem idylliſchen Stillleben im Wa⸗ gen, der dumpfen Schwuͤle der Luft, der eintoͤnigen Landſchaft und dort, in dem Bu⸗ ſen des Jaͤgers, mit dem erſten Aufwallen einer tiefen Leidenſchaft contraſtirte gar ge⸗ muͤthlich der volle rothwangige Bube, wel⸗ cher im Bauernkittel neben den Pferden dahinſchritt, mit Peitſchenknall die ſinken⸗ den Kraͤfte ermunterte und dabei, ſeelenfroh 6— in die Welt hineinblickend, zur eignen Er⸗ gotzlichkeit gedankenlos ein Kirchenlied ſang, vielleicht das einzige, was er konnte und wußte: „Begrabt den Leib in ſeine Gruft“„ Maurentia. „Maurentia!— o meine Maurentia!“— rief eine Weile ſpater ein klagendes Stimm⸗ chen aus dem Wagen. „Maurentia!“— kreiſchte wimmernd eine Falſetſtimme nach, und:—„Mauren⸗ tia!“— orgelte die Baßpoſaune des Pfarr⸗ herrn hinterdrein. Aber der Junge bei den Pferden ſchrie mitten in das Trio der Jere⸗ minade hinein, ſein Kirchenlied unterbre⸗ chend:— Mietz Mietz!— Meitz!— Kaatz! Katz!— Miau— mau— mau— mau!“— Als aber alle ſeine Lockungen ſo wenig anſchlagen wollten, wie das: Maurentia!— ſeiner Herrſchaft, da trat er wehmuͤthig theilnehmend an den offnen Wagenſchlag, zog die rothe mit Fuchs verbraͤmte Pelz⸗ muͤtze von dem glatthaarigen Kopfe und ſprach treuherzig:—„Mit Verleef, Herr Paſter!— eck weet, wo dat Beeſt iſt.“—*) „Wo— wo— wo?— Hanfriedel! wo?“— fragten die drei Stimmen in der Pfarrkutſche in einer ſich ſelbſt uͤberhaſpeln⸗ den Eile.. „Nu dat iſt denn doch ſo klaar wie *) Mit Erlaubniß, Herr Paſtor!— ich weiß, wo das Thier iſt.— Woſtſuppe— dat Gedierte hot de Důwel 7ℳ ehalt!“. 2) Der Pfarrer ſchickte ſich eben an, dem Hanfriedel begreiflich zu machen, daß er denn doch der duͤmmſte aller dummen Jun⸗ gen im Dorfe ſei, und die Hausehre des Pfarrers fing an dem Hanfriedel vorzu⸗ werfen, wie er ſo deſpectirlich von der lie⸗ benswuͤrdigen Maurentia reden koͤnne?— aber dahin ſprang das Elfenkind aus dem Wagen und rief im herzzerſchneidenden Schmerz einer kindlichen Verzweiflung ihr: „Maurentia! o du meine ſuͤße Maurentia!“— und huſchte dahin uber den Sand weg, mitten hinein in die blaue Cyanen⸗Welt des Korn⸗ feldes, ſo recht als ob ihre beiden blauen Wunderaugen noch fehlten, um dort als *) Run das iſt denn doch ſo klar wie Wurſtſuppe— das Thier hat der Teufel geholt!— ———— Koͤniginnen der himmelfarbenen Blumen zu prangen. „Miedchen! Miedchen!“— rrief die Mutter ihr Kind. „Maurentia!“— klang ſo weit her, wie Scholaut, das klagende Silberſtimm⸗ chen zuruͤck. Aber in dem hohen Aehren⸗ walde war das fluͤchtige Elfenkind laͤngſt verſchwunden; nur noch der Mutter bunt⸗ bewimpelte Drahthaube wackelte, uͤber die ſich wiegenden Halmen hinausragend, auf einer ganz verfehlten Richtung im Rocken⸗ ſelde. Lange genug hatte der Pfarrherr Ar⸗ miden, ſeine Tochter, und Renzchen oder Emerentia, ſeine Gattinn, gerufen. Da endlich entſchloß er ſich, der Bequem⸗ lichkeit ein Opfer zu bringen und ſeine drei Lieben: Maurentia, Emerentia und Armida in den Rockenbreiten aufzuſuchen, ſchrotete mit Muͤhe und Hanfriedels kraͤftiger Huͤlfe — ſeine runde Figur ruͤcklings zum Wagen⸗ ſchlage hinaus und ſchob ſich keuchend und puſtend gleichfalls hinein in den wogenden Aehrenwald. „Maurentia! Emerentia und Armida!“— die drei Worte verhallten mehr und mehr in der Ferne. Bald war außer der Wimpel der Pfarrerinn in den goldgelben Wellen nichts mehr von lebendigen Weſen zu ſehen. Der Junge aber hatte ſich dämiſch gegen das Sattelpferd gelehnt, glotzte lange kopfſchuͤttelnd in die niedergetretene Breite hinein und brummte dann vor ſich hin: „Was Gott thut das iſt wohlgethan! ſteht in der Bibel. Darum mag es auch wohl⸗ gethan ſein, wenn der Diener des Herrn die Gaben des Herrn in Grund und Boden hineintritt— denn der Pfarrer verkuͤndet ja Gottes Wort— doch das kuͤmmert mich nicht. Waͤre es meine Breite—— nun —— meinethalben moͤchten ſie niedertreten, wenn ſie nur's herzliebe Beeſt wiederkriegten.“ Wer aber die ſuͤße Maurentia— das herzliebe Beeſt— eigentlich ſei, wird uns der folgende Abſchnitt mittheilen. Blumenbaſch. „Halt!“— donnerte dem Pfarrer am naͤchſten Rain die baͤrbeißige Stimme eines vierſchroͤtigen Menſchen entgegen. „Ah— der Flurſchütz!“— ſprach der Pfarrherr nach dem erſten Schreck vor ſich hin und verſuchte erſt mit der chriſtlichen Liebe abzukommen. „Lieber Mann!“— ſprach er freund⸗ lich;—„ich bin, ſo wie ihr mich hier ſeht, der Paſtor Schmolke zu Bauernrode und Filiis Saurode und Buſchrode— ſieben Meilen von hier— ich reiſe in der chriſt⸗ lichen Intention—“ „Gottes Segen in den Grund hinein zu treten?“— zuͤrnte der Baͤrbeißige mit einer Regung ſeines keulenfoͤrmigen Dornen⸗ ſtockes:—„das heißt, mit Verlaub, bei den Herren Schwarzroͤcken: Handelt nach meinen Worten— nicht nach meinen Wer⸗ ken— alle ihr dummen Schafe meiner Heerde!“— „Ah ſchon gut— ſchon gut!“— grin⸗ ſete er gleich darauf, in demuͤthiger Freund⸗ lichkeit, die Hand nach dem blanken Vier⸗ groſchenſtuͤck hinſtreckend, welches der Pfar⸗ rer ihm zur Ergoͤtzlichkeit und Gemuͤths⸗ beruhigung ſo eben darreichte. „So, nun habe ich meine Schuldigkeit ————— ——,——— — gethan und Ew. Hochehrwuͤrden gepfaͤn⸗ det!“— fuhr der Flurſchuͤtz fort—„nun moͤgen dieſelben in Gottes Herrn Namen niedertreten, ſo viel als beliebt. Ich bin ſo meinem Herrn, dem die Breite gehoͤrt, noch einen Denkzettel ſchuldig dafuͤr, daß ich von Pfaͤndewegen, bei grundloſen Stellen der Heerſtraße, nicht wegelagern ſoll, wo mir doch von Gott und Rechtswegen der Pfandgroſchen gebuͤhrt. Wenn es alſo Ew⸗ Hochehrwuͤrden ein ſo abſonderliches Plai⸗ ſirchen macht, ſo——“ „Ach, lieber Mann!“— ſeufzte Paſtor Schmolke:—„Ungluͤcks genug iſt die Ver⸗ anlaſſung meines Frevels, woruͤber mir ſelbſt das Herz blutet. Ich muß weit aus⸗ heben, lieber Mann, um ihn die ganze Groͤße unſres Herzeleids mit empfinden zu laſſen. Kennt er Blumenbach in Goͤt⸗ tingen?“— „Ja,“— ſagte der Flurſchutz nach ei⸗ 0 — nigem Bedenken:—„die Wucher blume in den Felbern und den faulen Bach mit der Flachsrotte— aber Süttingeni⸗— Naͤ!“ „Blumenbach— ich meine den großen Naturforſcher— den mit der beruͤhmten Schaͤdelſammlung.“— „Naͤ— will mich freſſen laſen-—— „Nun gleichviel— ſieht er, dieſer Blu⸗ menbach hat einmal fuͤr einen dreifarbigen Kater dreißig Louisd'or ausgeboten, aber kein Menſch hat ihm ein ſolches Wunder⸗ thier ſchaffen koͤnnen.“ „Dat waͤrre de Deuker!“— „Ich erwaͤhne dieſes nur, um zu be⸗ weiſen, was eine Katze werth ſein kann unter gewiſſen Umſtaͤnden, beſonders wenn das pretium afiectionis— aber lieber Mann— dum loquimur, perit tempus!— hat er unſere gute Maurentia nicht geſehen?“— —.——————— 8 — 1— „Naͤ! ſall mick de Deuker halen!“— „Auch nicht Emerentie?— nicht Ar⸗ mida?“— „Naͤ, alle dei Gedierte nich.“— „Menſch! es ſind ja keine Thiere— Maurentia iſt unſre ſuͤße Katze, Emerentia iſt meine Frau, und Armida iſt der zarte Sproßling unſerer Liebe.“ „Dei hat den Summenkoller!“— ſprach der Flurſchutz, wendete ſich um und ging ſeines Weges. 6 Die Dort am Rain jauchzten die Schnitter und flinken Bauerdirnen. Ploͤtzlich blickten )* — —— ſie uͤber das Kornfeld hin. Da wackelte und flackerte es ſo bunt und wunderlich uber die Wogen der Halme herbei. „Was iſt das?“— ſie riethen:—„eine Pfingſtkuh?— ein Erndtekranz?— eine aufgeſetzte Braut?— nein— nein, eine Todtenkrone. Himmel ein altes Weib traͤgt ſie auf dem Kopfe. Lauft! das iſt die Ackerhere!“— Die Maͤdchen liefen. Aber die Maͤnner blieben ſtehen und beſchloſſen, nach manchem Hin⸗ und herberathen, ein wildes Feuer anzumachen und die Ackerhexe zu verbren⸗ nen, damit doch endlich die Flur einmal geſichert werde gegen Hagelſchaden, Miß⸗ wachs und Maͤuſefraß. Zwei Burſche rieben eifrig Holz aneinander, die Maͤdchen, wieder drei⸗ ſter werdend, trugen Queken und Reiſig zuſammen, um die Hexe zu braten. Andre legten ſich mit Strohſeilen in den Hinter⸗ —1 halt an den Graben.—„Maurentia!“— kreiſchte die Hexe ganz nahe. Die Bur⸗ ſche entſetzten ſich. Sie wollten entfliehen. Aber einer hielt ſich an den andern, und Alle hatten Muth wie Einer; da lief die Hexe ſelbſt in's Garn gegen das vorge⸗ ſpannte Strohſeil und fiel, und die Schnit⸗ ter druͤber her und ſchnuͤrten ſie zuſammen wie ein Wickelkind und umwanden ſie mit Strohſeilen ſo oft und dicht, bis daß nur der Kopf noch zu ſehen war, und das ganze Gebinde wie eine Strohpuppe, mit einer zerknitterten Dormoͤſe bekleidet ausſah. „Ich bin ja die Pfarrerinn aus Bau⸗ ernrode!“— jammerte dieſe, aber laut jubelnd achtete deſſen nicht die aberglaͤubige Schaar. Luſtig brannte das wilde Feuer, und wild wurde die ungluͤckliche Pfarrerinn zum Feuer geſchleppt. Da, in dieſer ihrer hoͤchſten Erdennoth, — W— kam der junge Jagersmann mit Kaſtor und Pollux des Weges daher. „O Rettung! Rettung! Engel des Lichts!“— ſchrie die Gebundene. Und wenige zuͤrnende Worte von ihm genuͤgten, um dieſelbe zu befreien. „Lohne es Ihnen Gott, junger Herr!“— ſprach die Befreite:—„mein Leben danke ich Ihnen; doch hat es nur Werth fuͤr mich, wenn wir unſre ſuͤße Maurentia wie⸗ der einfangen werden. Ach, die Ungluck⸗ liche hat eine zaͤrtliche Paſſton für Maͤuſe gefaßt, und beſonders mit einer Feldmaus kann ſie Stundenlang ſpielen— da iſt denn die Gute uns, waͤhrend des Schlafes, aus dem Wagen entſprungen, um ſich ein Maͤuschen zu haſchen.— Maurentia!— o du ſuͤße Maurentid mein!“— „Wer iſt die curioſe Perſon?“— fragte der Jaͤger verwundert. „Unſere himmelvolle Katze!“— „Huß! Such! Kaſtor— Polluxr!— allons cherchez!“— Auf dieſen Ruf des Jäͤgers ſtreiften die Hunde ab. „O du mein— rief die Pa⸗ ſtorinn aͤngſtlich:—„unſre Maurentia iſt durchaus keine Hundeliebhaberinn, und ich fuͤrchte: Ihre beiden Jagdhunde werden ſie nicht mit dem gehoͤrigen Zartgefuͤhl behan⸗ deln, woran die Gute durch den Umgang mit gebildeten Menſchen einmal gewoͤhnt iſt.— Ich beſorge— ach Gott, meine Angſt iſt doppelt— wenn nur Riedchen ſich nicht verlaufen hat.“— „Noch eine Katze?“— „Bewahre der Himmel, mein Herr!— Armida iſt noch lange keine Katze, ſie iſt nur meine Tochter.“ „Der Engel?— das junge Maͤdchen dort im Wagen?“— „Nichts zu engeln— Monſieur!— Jung iſt ſie uͤbrigens noch und Maͤdchen auch— ſie huſchte mir aus dem Wagen der holden Maurentia nach, und verſchwand im Getraide.— O bitte, incommodiren Sie ſich nicht— nein, nein— da wird nichts geengelt, Monſieur Gelbſchnabel!“— Wir koͤnnen uns denken, daß die letzten Worte rein in den Wind geredet waren, denn der Monſieur Gelbſchnabel war ſchon wie auf den Flügeln des Windes verſchwun⸗ den, um den Engel zu ſuchen.— „Mau⸗— Mau⸗— Maurentia!“— fiſtulirte noch lange hinterdrein die duͤnne klagende Stimme der Pfarrftau. 5 Das magnetiſche Fluidum. Noch weit übler ging es dem armen Maͤdchen, welches, in weichen klagenden — Toͤnen„Maurentia“ rufend, dahin geeilt war durch das Feld, ohne die Richtung zu beobachten. Jetzt— mit ſhſete Herzchen ſtand ſie ſtill und horchte. Sie wollte um⸗ kehren; aber woher war ſie gekommen? Unter ihren fluͤchtigen Elfentritten hatten die Halme ſich nur gebogen und dann wie⸗ der aufgerichtet, und rings umher begrenz⸗ ten die ſtarren Getraideſtengel, hoͤher als ſie ſelbſt, und die ſchwankenden Aehren die Ausſicht. Still war es— eine Einode. Es wurde ihr ſo aͤngſtlich, ſo beklommen um's Herz. Das Gefuͤhl des Alleinſeins draͤngte ſich ihr auf, ſo drückend, ſo unge⸗ wohnt. Auf dem Lande zwar erzogen, aber ohne Freiheit, in den Fluren umherzuſtrei⸗ ſen— auf jedem Schritt und Tritt behuͤtet durch uͤberzaͤrtliche Aelternſorge, mußte ihr ſetzt ihre Huͤlfloſigkeit tauſendmal gefahr⸗ voller ſcheinen, als ſie es war.— Nur ihre —— Liebe zu der entflohenen Maurentia und ueberraſchung des lebendigen Gefuͤhls hat⸗ te das ſo hoͤchſt reizbare Madchen, ohne ihr Zeit zu laſſen zur Ueberlegung, verleitet, ſich unbedachtſam hinein in das unermeß⸗ liche Kornfeld zu wagen. Und jetzt— keine Rettung— kein Erbarmen?— Aber hoch oben ſpannte der Aether ſeinen lichtblauen Bogen. Das Auge Gottes ſchauet ja ſo milde herab auf die Geaͤng⸗ ſtigte. Unten am Boden bluheten himmel⸗ blaue Cyanen und der dunkelrothe wilde Mohn. D ihr wunderhimmliſchen Blumen!— ihr Genoſſen und Geſpielen der Jugend!— den ſtillen Reizen eurer Lichtaugen wider⸗ ſteht kein eben aufknoſpendes Maͤdchen⸗ herz.— Jene unnennbare Sympathie der Blumenwelt und der Maͤdchenwelt zog die harmloſe Kleine nieder zum Blumenpflucken, und aller ihr Gram, ihre Sorge und ihre — Angſt war verſchwunden— ſie dachte nicht an die Rückkehr— nicht an die harrenden Aeltern. Dieſe Augenblicke wenigſtens ge⸗ hoͤrten ganz den Blumen, woraus ſie ein Kraͤnzchen um ihren Strohhut wand und ein Straͤußchen in den Guͤrtel ſieckte, unter ihren kaum erſt ſich woͤlbenden Buſen. Treue und Liebesgluth ſprach der Selam dieſer Blumen, aber die kleine Unſchuld ahnete die hohe Bedeutung derſelben noch nicht. Horch!— Hunde⸗Gebell!— O Him⸗ mel— wenn Maurentia—— Sie wagte nicht den Gedanken auszu⸗ denken und ſprang auf und flog der Rich⸗ tung entgegen, woher der Schall kamz aber kaum war ſie aus dem Kornfelde heraus an dem Saume des Waldes angelangt, ſo ſollte ſie das Schreckliche— was ſie zu denken nicht wagte— erſchauen.— Mau⸗ rentia mit gekruͤmmtem, geſtraͤubten Ruͤcken — 28— zum Kampfe geruͤſtet gegen zwei dreimal größere Jagdhunde. „Maurentia!“— flehte die Erſchrockene. Das getiegerte Kätzchen wollte durch einen Sprung ſich zu der erkannten Pflegerinn retten; aber die Hunde hatten es geſtellt gehabt und packten jetzt an und ſchuͤttelten das Thierchen, welches ſich mit den kral⸗ lenden Pfoten zu wehren ſuchte und dadurch nur noch mehr die Hunde erbitterte. O du Himmel— jetzt ſchleuderte das eine Ungeheuer den Liebling umher— Armide, ohne Ueberlegung, ſtuͤrzte heran gegen die wuͤthenden Hunde;— aber dieſe zeigten ihr knurrend die weißen Zaͤhne, und das eingeſchüchterte Kind floh, aͤngſtlich zuruck⸗ blickend, faſt in die Arme des jungen Jaͤ⸗ gers, welcher eilig den Fußſteig daher, durch das Kornfeld kommend, ſo eben um die Ecke bog. Unmoͤglich iſt es, die Befangenheit von beiden jungen Leuten zu ſchildern. So nahe— ſo ploͤtzlich— ſo Auge in Auge fanden ſie ſich einander gegenuͤber. Aber die Noth brach die Bahn. „O retten Sie meine Maurentia!“— flehete das junge Maͤdchen, und eine flie⸗ gende Roͤthe jagte, ſo ſchnell wie Wolken⸗ ſchatten, üͤber das Schneegefilde ihres Nak⸗ kens und Buſens.: Der Jaäͤger pfiff den Hunden. Aber die Katze hatte ſich in der Kehle des Einen verbiſſen und die Krallen in den Leib des⸗ ſelben eingehakt— der andere Hund da⸗ gegen ſchien ſich eben ſo ſehr in den Pelz der Katze feſtgebiſſen zu haben. Der Jäger legte die Flinte an—— „O um des Himmels willen kein Blut vergießen!“— flehte Armide und umſchloß mit ihren kleinen weißen Häͤnden den Arm des Jaͤgers. Da ſtand der junge Menſch ganz wie gedankenlos. Er blickte ſie an und lächelte und glühte dabei über und uͤber, und des Madchens Hand ruhte ſchon lange in der ſeinigen, ehe weder ſie noch er es bemerkt zu haben ſchien. Nur wie ein elektriſches Fluidum ſchoß es durch die Fingerſpitzen aus einem Herzen in das andere, und Beide haͤtten gewiß alle Hunde und Katzen auf der ganzen Welt vergeſſen, wenn nicht Mau⸗ rentia ſo gar erbaͤrmlich gewinſelt und Ka⸗ ſtor ſo ſchmerzlich geheult haͤtte. „O retten Sie! retten Sie!“— flehte Armida in ſeelenvollen Toͤnen. Da ſtrzte der Juͤngling ſich auf die Kaͤmpfenden und brach Pollux ſcharfe Zaͤhne los und riß die wuͤthende Maurentia von dem blutenden Kaſtor ab— dann trug er das erboſte, ſich ſtraͤubende Thierchen zu dem Maͤdchen, welches durch Liebkoſen gar bald ihre Mau⸗ rentia beſaͤnftigte. In ihr ſchwarzes Tafftſchuͤrzchen gewik⸗ 3 31 S kelt, trug ſie das Leibkaͤtzchen auf den wei⸗ ßen Armen und ſtreichelte ihm die wider⸗ borſtigen Haare zurecht, indem ſie altklug ihrer Maurentia vorhielt, das ſei die Folge des Ungehorſams. „Siehſt du, Mamſell Vorwitz!“— fuhr ſchmollend das liebliche Kind fort:—„ſo geht es: wer ſich in Gefahr begiebt, ver⸗ dirbt darin. Undank iſt aber der Welt Lohn. Habe ich dir nicht dreimal taͤglich deine gezuckerte Milch mit eingebrocktem Konfekt gereicht?— wagt es Muͤtterchen wohl aufzuſtehen, wenn du auf ihrem Schvoße ſchlaͤfſt, und hat nicht Vater neu⸗ lich den Kantor fuͤr ſich leſen laſſen muͤſſen in der Kirche, weil du dir ſeine Peruͤcke in deine Wiege getragen hatteſt und ſo ſanft darauf ſchliefeſt, daß wir es alle drei nicht über das Herz bringen konnten, dich zu wecken?— Und ſieh, du boͤſes, himmliſches Geſicht! iſt das wohl halb recht, uns Allen —— ſolchen Schrecken— ſolche Angſt zu ma⸗ chen?— du du— wenn du nur noch ein⸗ mal wieder fortlaͤufſt——“ „Herr Jeſus, Sie bluten!“— rief Armida plotzlich aufblickend, ließ das Kaͤtz⸗ chen fallen und ergriff theilnehmend die Hand des jungen Menſchen. Sie ſchau⸗ derte innerlich zuſammen vor dem Anblick des Bluts, und doch konnte ſie es nicht laſſen, genau darauf zu ſehen, ob die Wunde auch gewiß nicht gefaͤhrlich ſei. „O— bitte— Kleinigkeit,“— ſtam⸗ melte der junge Menſch:— die Katze—“ „Hat gebiſſen“— ſiel die liebliche Ar⸗ mida ein:— o du mein Gott!— das Thier war in Wuth— Gift, Gift iſt ein ſolcher Biß— Sie ſterben!— ein Opfer Ihres Edelmuths— nein— nein——“ Damit hatte ſie die friſchaufgebrochenen Purpurroſen ihrer Lippen auf die wunde Hand des jungen Mannes gedruͤckt und ſog ihm das nach ihrer Meinung vergif⸗ tete Blut aus. Ihm aber war ſo wohl und ſo weh. Er konnte die Hand nicht fortziehen— denn die Wonne des magnetiſchen Fluidums, welches ſeine Nerben durchſtroͤmte, war ſo wunderſuͤß, ſo betaͤubend und begeiſternd zugleich, daß er um die Welt gern die zarte, liebliche Figur in ſeine Arme geſchloſſen haben moͤchte, daß er ihr im Herzen tau⸗ ſendmal die feurigſte Liebe ſchwur und tau⸗ ſendmal wieder ſeinen Wahnſinn bereute, dabei aber doch nicht den Muth hatte, nur die Augen aufzuſchlagen gegen das zitternde, ſo hoͤchſt aufgeregte Kind.. Doch nahm er ihr, ehe ſie es bemerkte, ganz leiſe mit der Linken den blau und rothen Kranz von dem herabhaͤngenden Strohhut und ſchob denſelben heimlich in ſeine Jagdtaſche. Beſeligt ſchon fuͤr dieſen Augenblick 3 durch den Blumenraub, erfaßte doch eine ganz wunderliche Angſt den unerfahrenen jungen Menſchen. Er zog die Hand fort, wendete ſich kurz um, faſt wie trotzig, und lief ohne Abſchiedsgruß, was er nur laufen konnte, davon. Ach, er wollte ſeiner Liebe entlaufen, der aͤltern Pflicht eingedenk gegen die un⸗ geliebte, ihm noch faſt in den Knabenjahren von dem gutmüthigen, aber etwas phanta⸗ ſtiſchen Vater verlobte Braut. Ob aber unter dem Monde wohl ſchnel⸗ les Laufen ein Mittel gegen die Liebe ſein mag?— Gedankenlos ſtand Armida. Es war ihr ſo wunderlich ums Herzchen. Eine Maſſe von Gefuͤhlen wogte in ihr auf und nieder— unverſtanden, ohne Klarheit der Vorſtellung. Und doch war es ſchon das erſte dunkle, ſo unbeſchreiblich ſuͤße Ahnen der Liebe. Sie druͤckte die beiden kleinen Haͤnde an ihr klopfendes Herz— Thraͤnen fuͤllten ihre zu Boden geſenkten Augen. Fuͤr ſie war keine Maurentia mehr in der Welt, und doch— das ſo namenlos himmliſche Weh——„Ach wäre ich todt— laͤge ich im kuͤhlen Schatten der Kirchhofslinde— mir waͤre dann doch ſtill und wohl!“— ſeufzte ſie. Da ſchrie es ploͤtzlich, ſo recht mitten hinein in alle ihre idylliſchen Traͤume, ſo proſaiſch, ſo nuͤchtern, ſo aus der grellen Wirklichkeit gegriffen:—„Mamſellken, t⸗Beeſt ſitt im Wagen, un Pappa un Mamma jodeln nah't Miedken wat ſe mant koͤnnt!“*) Es war der Hanfriedel, welcher ſie von ihren Idealen zur dicken Filialkutſche geleitete. *) Manſellchen, das Thier ſitzt im Wagen, und Vater und Mutter rufen nach Miedchen was ſie nur koͤnnen. 3* Die Geſeltſchaft. Ueber den Markt her leuchtete die ge⸗ ſchmackvolle Favade eines Prunkgebäudes. Vollſtimmige Tanzmuſik, mit kraͤftigen Po⸗ ſaunenbaͤſſen, hallte herab. Nach der huͤ⸗ pfenden Taktweiſe drehten ſich unten auf den erleuchteten Steinplatten des Trottoirs die muntere Jungemagd und der elaſtiſche Schneider-Burſche. Oben aber tanzte die ſchoͤne Welt der reichen Handelsſtadt zu Ehren der praͤchtigen Iduna, dem ein⸗ zigen eheleiblichen Toͤchterchen des Commiſ⸗ ſionsraths Doctor Wunderlich. Die vollſtaͤn dige Garnitur eines Schmucks von veilchen⸗farbenem Amethyſt, in Gold gefaßt, verkuͤndete der Welt den Geburts⸗ tag der Gefeierten. Juwelen⸗Kenner be⸗ rechneten und taxirten danach auf das Haar den derzeitigen Cours der elterlichen Liebe. Andre veranſchlagten danach den muthmaß⸗ lichen Reichthum des Commiſſionsraths. Ueberall in den Prunklaͤlen ſchimmerte Gold, Bronce, Sammt, Silber und Kry⸗ ſtall. Der Tanzſaal war in einen Feen⸗ garten verwandelt. Blumengewinde und Orangerie bekleideten die Waͤnde, in duf⸗ tenden Niſchen ſtanden blendendweiße Sta⸗ tuen. Sylphidenleicht, in gewobene Nebel gekleidet, ſchwebten die ſchoͤnſten Maͤdchen auf und nieder. Eine Reihe Nebenzimmer, mit Tapeten von koͤſtlichen Stoffen behan⸗ gen, waren dem Spiel und der Converſa⸗ tion geoͤffnet. In einem runden Salon, ganz entfernt vom Tanzſaal, thronte die Commiſſionsraͤthin hinter der Batterie von ſilbernem und kryſtallenem Theegeraͤth, und im weiten Halbkreiſe ſaßen die Da⸗ men, welche durch die Kunſt der Toilette ihre tempi passati conſervirt zu haben 38— glaubten, und converſirten wispernd uͤber Theater und Stadtneuigkeiten, während ein junger Dichter, bald triumphirende, bald wilde Blicke umherwerfend, ſein neue⸗ ſtes Muſenkind vorlas— in dem entgei⸗ ſterten Kreiſe war er allein der Begeiſterte. Im Allgemeinen behauptete der Ton der Geſellſchaft hier ein ganz eignes Ge⸗ praͤge. In dieſer Handelswelt galt nur der Geldadel. Um den NMillionaͤr bildeten ſich Kreiſe demuthvoller Verehrer. Der Menſchenwerth wurde nach Tonnen Gol⸗ des gewogen. Nur Reichthum fuͤhrte das Wort. Das Thema der Unterhaltung war Agiotage. Die ſchoͤnen Kuͤnſte waren Die⸗ ner des Plutus. Allerdings herrſchte wohl hier und dort einiger Kunſtgeſchmack, aber kein Raphael, kein Titian wurde genannt, ohne die unermeßliche Kaufſumme zu be⸗ zeichnen. Gelehrte und Dichter ſtanden zu dem Handelsherrn im Reſpectsverhaͤltniſſe. 3 veberall begegnete man hellen Blicken in die Politik der Staaten, einem geſunden urtheil, einer praktiſchen Lebensklugheit; aber die Tiefe der Wiſſenſchaften war nur Wenigen geoͤffnet. Doch ſchimmerten uͤber das Ganze der Converſation eine gewiſſe Gelecktheit und Geſchmeidigkeit des Tons, eine Vielſeitigkeit des Halbwiſſens, ſo daß nur der feinſte Beobachter hier Geiſt und Gemüth und den Seelenadel vermißt ha⸗ ben wuͤrde, wodurch ſich die hoͤhern geſell⸗ ſchaftlichen Kreiſe auszuzeichnen pflegen. Nur der reich gewordne Rechtsconſu⸗ lent ſtand, als vielſeitig in Anſpruch ge⸗ nommener Geſchaͤftsmann, mit dem rei⸗ chen Handelsherrn auf gleicher Stufe der oͤffentlichen Bedeutſamkeit, weshalb man ihm auch einige Sonderbarkeiten gern zu Gute hielt; der meiſtens arme Landadel hingegen lebte eingezogen und unbemerkt. Nur die juͤngern Officiere von der nicht — 15— unbedeutenden Garniſon hatten durch hoͤch⸗ ſte Geſchliffenheit gewußt, ſich in manchen Haͤuſern bei den Damen in Gunſt zu ſetzen. Bei Tanzfeſten aber war es faſt nothwen⸗ dig, ſie in Maſſe zu requiriren, denn die jungen Herren vom Civilſtande ſpielten die Greiſe beim Tanz. Mit dem Hut unter dem Arme, mit der Lorgnette vor den Au⸗ gen, beobachteten ſie im ſtoiſchen Gleich⸗ muth das Treiben der tanzenden Ju⸗ gend. So wollte es der Ton.— Aber damit war den Füßen der Kinder Terp⸗ ſichorens, die ſchon in den blinkenden Schuhen tanzten, wenn nur ein Dreivier⸗ teltact erſchallte, im mindeſten nichts ge⸗ dient. So war Geiſt und Form der Geſell⸗ ſchaft, aus deren Mitte wir jetzt ing Scenen ausheben wollen. 7 3 Die Parade⸗ Uniform. Ganz unerſchopflich ſchien heute der fin⸗ gerduͤnne Lieutenant von Fink in dem Erfinden neuer Tanzfiguren zu dem ganz endloſen Cotillon. Doch endlich war auch die lebendigſte Tanzluſt geſttigt; die Ge⸗ duld der Zuſchauer war ſchon zehnmal er⸗ ſchoͤpft. Der Nothwendigkeit nachgebend, ſchloß der Lientenant das kuͤhne Tanige⸗ baͤnde mit der großen Ronde. ueberſelig im Vollgenuß der Triumphe ſeiner Kunſt, welche der Eitle auf allen Geſichtern zu leſen glaubte, führte er die glaͤnzend geſchmuͤckte Iduna zu dem einzi⸗ gen noch leerſtehenden Tabouret in einer Fenſtervertiefung, zu einem herrlichen Lauſch⸗ und Fluͤſterplaͤtzchen,— huͤllte galant um die weit entbloͤßten Schultern der Gluͤhen⸗ den den weichen Cachemir⸗Shawl— wel⸗ cher von Meßfieranten geradesweges aus Perſien mitgebracht war,— trat dann zu⸗ ruͤck, halb hinter dieſelbe, und begann fluͤ⸗ ſternd und wispernd ein hoͤchſt intereſſan⸗ tes Geſpraͤch. „Wenn ich wagen duͤrfte, auf Ihre Ver⸗ ſchwiegenheit zu rechnen, holde Iduna“— hob er an—„ſo haͤtte ich Ihnen eine hoͤchſt wichtige Neuigkeit mitzutheilen.“ „Auch Sie, mein Guter!— befan⸗ gen im Vorurtheil der Welt— glauben nicht an die Verſchwiegenheit unſres Ge⸗ ſchlechts?“— „Das Grab iſt tief und ſtille— bo⸗ denlos, ganz unergruͤndlich iſt ein Maͤd⸗ chenherz. Alſo reparation d' honneur— vans Spaß! ich riskir⸗ auf Ehr⸗ mein Porte d'epee— mein Alles— aber Bagatelle gegen einen huldvollen Blick aus Iduna's ſchoͤnen Augen.“ — 43— „Schmeichler!— Sie ſpannen meine Neugier auf's hoͤchſte!“— „Wohlan denn— ſo vernehmen Sie — was noch tiefes Geheimniß iſt— wir werden neue Parade⸗Uniform erhalten.“ „Ach „Und ich habe die Ehre, Ihnen zu ver⸗ ſichern, der Schnitt iſt ganz einzig— auf Seeb gottvoll— eine idealiſche Bruſt⸗ breite— eine Taille, ſo aͤtheriſch— weiß mit gold———“ „Ei ſehen Sie, Freund— das muß Sie einzig kleiden. In Wahrheit! ich freue mich in Ihre Seele.“ „Und ich bin entzuͤckt— ich traͤume Tag und Nacht von der idealiſchen Para⸗ deuniform und daneben— nein, Verzei⸗ hung!— ganz par excellence— von dem himmelvollen Weſen, welchem ich ſo eben die Ehre gehabt habe Confidence zu machen.“ „TDraͤume ſind Schaͤume“— gab Idu⸗ na mit einem ſchwaͤrmeriſchen Blick ſeuf⸗ zend zuruͤck:—„ach! uͤber die reine pla⸗ toniſche Liebe— die hoöhere geheime Har⸗ monie verwandter Geiſter geht doch Gluͤck auf Erden.“. „Und dennoch“— erklaͤrte der Lieute⸗ nant hochſt ſenkimental:—„ſoll einmal hienieden keine Roſe ohne Dornen, kein Gluͤck ohne Schmerz erſcheinen. Die Hälf⸗ te meines Lebens gaͤbe ich darum, duͤrfte ich um die andere Haͤlfte—————“ „Sprechen Sie es nicht aus, gelieb⸗ ter Freund“— unterbrach ihn Iduna:— „wo hoͤhere Maͤchte feindlich walten, da muß der Menſch———“ „Ungarſche Parade⸗Pantalons iie mit goldenen Schnuͤren beſetzt“— fuhr der Lieutnant in ſeiner Rede fort, der wohl, ganz befangen in ſeinem Ideenkreis, ihre Zwiſchenrede nicht verſtanden haben mochte— — 45— „Denken Sie ſich, Theuerſte! dieſen Wahn⸗ ſinn— kurze weiße Modeſten, ſeidene Waden, Eskarpins mit Schnallen— das iſt ordonnanzmaͤßig.— Auf Ehre— die Subordination haͤngt ſich wie Blei an die Flägel eines genialen Geſchmacks.— Aber bſt!— wer ſchiebt ſich dort an den Waͤn⸗ den herauf, ſo bloͤde wie ein Rekrut in der Caſerne?— Auf Seel' und Seligkeit— es iſt das Nillionenkerlchen— der Krautjun⸗ ker.— Seh ich den Kartoffelgott——“ „Herr von Fink— er iſt mein Verlob⸗ ter“— ſagte Iduna verweiſend. „Verzeihung, ſchoͤnes Maͤdchen!— ich beſcheide mich deſſen. Die Ehe iſt das. Grab der Liebe, aber das Militär bildet die Blumen auf ſolchen Gräbern.— Soll ich nicht wehmuͤthig werden, wenn ich mir denke, daß der da— der— der— nun ich ſage nichts— aber ich meine, ob der. ſchwarzgekleidete truͤbſinnige Baron— das Recht haben wird, zu jeder Stunde des Tages und der Nacht Rektar und Ambro⸗ ſia von den Goͤtterlippen dieſer Hebe zu ſchluͤrfen?“— „O ſtill!“— klagte Iduna:—„Plu⸗ tus hat meiner Zukunft ein dunkles Loos geworfen.“— „Mir iſt zu Sinne, wenn ich ihn ſehe, als ob ich an die kurzen Modeſten zu der herrlichen Parade⸗Uniform denke.“ „Eine ſchwarze Zukunft daͤmmert mir auf— das Landleben, ſo poetiſch in Geß⸗ ner's Idyllen, Voß's Luiſe und Göthe's Herrmann und Dorothea— wie hochſt arm und proſaiſch iſt es in der kalten Wirklichkeit— kein Theater— keine Thees— keine Bälle— nichts als Schweizerſtiere, Rambouilletſchafe und Moldauer Schweine. In ſolcher Geſellſchaft———“ —— „Wird die Sehnſucht nach Ihrem aller⸗ getreueſten Finken geweckt werden,“— wis⸗ perte ſchnalzend der Lieutenant. „und die hoͤlzerne Haltung des unge⸗ liebten Gemahls——“ „Wird der goͤttlichen Tournuͤre des geliebten Ungemahls zur Folie dienen.“ „Der Vaͤter tyranniſcher Wille ſchmie⸗ det die Roſe in eiſerne Feſſeln.———“ „Des Freundes zartbeſaitetes Gemuͤth wird das Eiſen in Blumenketten verwan⸗ deln.“— „Schelm!— wie Sie mir das Blut in die Wangen jagen!— HO! es geht doch nichts uͤber die reine Harmonie der Seelen!“— „Als die ungarſchen Parade⸗„Panta⸗ lons“— ſeufzte der Lieutenant vor ſich hin. Die Staatspapiere. Es war indeß ein altes, zimmtbraun gekleidetes Maͤnnchen eingetreten— duͤrr und beweglich mit kurz tonpirter, weißer gepuderter Zopfperuͤcke— der lebendigſte Abguß des devoteſten Reſpekts. Rings herum ſich verneigend, hatte der alte, wohl⸗ bekannte Inventarien⸗ Buchhalter des welt⸗ beruͤhmten Wechſelhauſes R.... u. Comp. den geehrten Chef deſſelben herausgefunden und uͤberreichte mit geheimnißvoller Miene ein bereits geoͤffnetes Briefpacket, nebſt einliegenden engliſchen Zeitungen. „Per Dampfſchiff: der Delphin auf Hamburg, von dort per Eſtafette,“— lautete ſein Bericht. Der Banquier R... las, uͤberſchlug ſchnell in Gedanken gewiſſe Summen, er⸗ * —— bleichte dann plotzlich und gebot dem Buch⸗ halter, bis morgen Mittag an Papieren losſchlagen zu laſſen, was moͤglich ſei, ſelbſt mit drei Procent Discontv. Dagegen aber ſollten Scheinkaͤufe zum hoͤchſten Courſe geſchloſſen werden.„Fruͤher wird bie Kri⸗ ſis nicht bekannt ſein,“— fuhr er fort,— dahin muͤſſen wir gedeckt 9 Ein allgemeines Fläͤſtern S Spannung der aufgeregten merkantiliſchen Neugier. Mehrere der gewandteſten Han⸗ delsgeiſter ſuchten den Banquier auszuhor⸗ chen; kamen aber mit der Rachricht zuruͤck, es ſcheine, als ob der Cours in London eminent geſtiegen ſei; der Banquier ſuche Papiere iu den hoͤchſten Courſen. Der Zimmtſtengel hatte ſich zur Thur hinausgewunden. Den Commiſſions⸗ Rath aber zog der Bangquier in eine Fenſterber⸗ tiefung und theilte ihm, als dem verſchwie⸗ 4 X — genen vieljhrigen Rechtsfreunde, die em⸗ pfangenen Nachrichten mit. Es war eine bedeutende Kriſis auf dem Geldmarkte erfolgt. Verſchiedene Land⸗ banken in England hatten ihre Zahlungen eingeſtellt. Das Mißtrauen war allgemein geworden. Alles Papier war von ſchwin⸗ delnder Hoͤhe heruntergegangen und fiel von Tage zu Tage mehr. Alles wollte Geld haben. Einzelne Banquierhaͤuſer hat⸗ ten ſchon uͤber hunderttauſend Pfund aus⸗ gezahlt— andere fallirt. Selbſt fuͤr die Bank in London war man beſorgt— ein Staatsbanquerott ſtand bevor. Die Er⸗ ſchuͤtterung mußte ſich uͤber ganz S und Amerika verbreiten. Der Commiſſionsrath war wie ü Tode getroſſen— auch er war verwickelt geweſen in die Schwindeleien der Zeit. Zum Ungluͤck hatte er ſo eben noch die durch Zufaͤlle verſpaͤtete Nachricht empfan⸗ ————— — 1— gen, daß der Paſtor Schmolke wahrſchein⸗ lich noch heute eintreffen wuͤrde— der Erbe des reichen Weſtindiers, deſſen Erb⸗ ſchaft er, als gerichtlich beſtellter Teſta⸗ ments⸗Executor, in Verwahrung hatte. Richt leicht iſt wohl auf einen Men⸗ ſchen das Gefuͤhl, aus dem Schooße des Reichthums ohne Rettung an den Bettel⸗ ſtab gebracht zu ſein, ſchneller und klarer eingedrungen, als in dieſem Augenblick auf den Commiſſionsrath. Aber die Gewohnheit der Selbſtbeherrſchung machte es ihm moͤg⸗ lich, dem ſcharfen Auge des Banquiers die Erſchuͤtterung ſeines Gemuͤthszuſtandes zu verbergen. Mit Anſtrengung beſprach er die zu nehmenden Maßregeln in den Geſchaͤften des Banquiers. Als dieſer aber ihn verließ, ſtuͤrzte er ein Glas Zuckerwaſſer hinunter und winkte dann Frau und Tochter heimlich, ihm in ſein im linken Fluͤgel des Hauſes liegendes Geſchaͤftszimmer zu folgen. 4* — 9. Selbſt mord. Erwartungsvoll ſtanden dieſe. Schwei⸗ gend mit großen Schritten ging der Com⸗ miſſtonsrath zwiſchen den Aktenſtoͤßen und dem mancherlei altmodigen Geruͤmpel der ſchmalen Geſchaͤftsſtube auf und nieder. Er ſuchte nach Worten, um eine mil⸗ dere Einleitung— einen Mantel fuͤr die eigne Unbeſonnenheit zu finden. Aber eben in dieſem Ringen mit ſich ſelbſt erſchoͤpfte ſich ſeine Seelenſtaͤrke. Das Gemuͤth in der Aufregung kennt keine mildernde Ueber⸗ gaͤnge. Schroff beruͤhren ſich die Extreme. Er war verloren ohne Rettung. Das Eine nur war ihm klar. Er fuͤhlte ſeine Schuld ohne Milderung. Das Leben bot ihm Entehrung— Armuth. Dort ſtanden —— — die, welche er in ſein Verderben mit hin⸗ abgeriſſen hatte. Ihr fragender Blick war ein ſtechender Vorwurf. Der Tod ſtand ihm als Nothwendigkeit vor Augen. Plötz⸗ lich riß er ein Terzerol von der Wand⸗ ſpannte den Hahn und rief dann:„Toch⸗ ter! Weib!—— in einer andern Welt wieder!“— „Vater!— Mann! um Gotteswil⸗ len!“— riefen Beide haͤnderingend. Es war ein Donnerſchlag aus heiterm Him⸗ mel, der ſie, welche nichts ahneten, getrof⸗ fen hatte. „Meine letzte Sorge für Euch ſei durch ein Verbrechen beſiegelt.— Dort im Kaſten liegen 50,000 Thaler Gold— aus der Erbſchaft des Weſtindiers. Sie gehoͤren dem Pfarrer, der in jeder Minute eintreffen kann. Mag die ewige allbarm⸗ herzige Liebe ſuͤhnen, was die zeitliche Liebe —— fuͤr Euch verbrach.— Aber ich keine andre Rettung.“ „Pfui— ſchaͤme dich deines Klein⸗ muths— Albert!“— rief die Commiſſions⸗ rathinn:—„mag kommen was da will⸗ ſo iſt doch kein Ungluͤck ſo groß, daß es nicht durch Seelenſtaͤrke und Geiſteskraft gemildert werden koͤnnte.“ So ſprach ſie fort. Ihr vieljaͤhrig be⸗ hauptetes Uebergewicht in haͤuslichen An⸗ gelegenheiten und Iduna's ſchmeichelnde Bitten brachten ihn dahin, ruhig zu er⸗ zaͤhlen: wie alle Actien und Staatspapiere gefallen waͤren, kein Wechſel mehr geſichert ſei; wie ſchon der redliche Kaufmann, der umſichtige Speculant, am Rande des Ab⸗ grundes ſtehe, der leichtſinnige Boͤrſenſpieler aber ohne Rettung verloren ſei. „Ich aber“— rief er—„bin ein ſolcher Boͤrſenſpieler. Ich habe auf drei⸗ — 355— mal hunderttauſend Thaler drei procentige Conſols Lieferungskaͤufe geſchloſſen. Schon wenn der Cours um fuͤnf Procent fiel, ſo war ich verloren— nun aber iſt die Frage, ob es mit zehn Procent Disconto abge⸗ macht ſein wird.— Das Geld dort koͤnnte mich retten. Bis morgen Mittag wird der Cours noch gehalten werden. Nun aber fuͤhrt mir ein boͤſer Daͤmon den Er⸗ ben auf den Hals. Zoͤgere ich mit der Auszahlung, ſo iſt mein Kredit verloren. Zahle ich aus, ſo gehe ich auch zu Grunde. Und der reiche Schwiegerſohn, welcher mich halten koͤnnte, wird taglich kaͤlter. Heute, dieſe Mal⸗Attentivn— an Iduna's Ge⸗ burtstage auf die Jagd zu gehen——“ „Baron Waldhauſen“— ſprach die Commiſſionsraͤthinn mit einer ganz wunder⸗ lichen Zuverſicht—„heirathet binnen drei Tagen unſre Tochter, und der Pfarrer ent⸗ ſast der Erbſchaft zu deinen Gunſten.— Iſt das genug, um dich zu retten?“— „unbegreiflich!“— rief der Commiſ⸗ ſionsrath, aber ſchon ſichtbar beruhigt durch die Zuverſicht ſeiner Gattinn. „Nicht unbegreiflich“— fuhr dieſe fort:—„oder meine Wenigkeit, die vor⸗ malige Hofdame, eine geborne von Endor, muͤßte ganz verlernt haben, eine paſſable Intrigue zu leiten.“ „Vater! Mutter!“— rief Iduna er⸗ ſchrocken:—„der hoͤlzerne Herrgott mir? O noch Friſt— nur noch ein Jahr Freiheit.“ „Mein K Kind,“— verſicherte die Wut— ter ſehr ernſthaft:—„mit einer halben Nillion iſt man liebenswerth, man magg aus Holz oder wie Adam aus einem Er⸗ ſein.“ —7— „Weib! du woaͤrſt ein Engel des Lichts!“— rief der Commiſſionsrath im Feuer der erſten Ueberraſchung, und wollte ſeine Gattinn umarmen. „Laſſen wir das, mon cher!“— ſagte dieſe, kalt zuruͤcktretend:—„ich daͤchte, wir haͤtten an dieſer einen Scene zur Ge⸗ nuͤge gehabt.“ „Aber wie—— wie waͤre das moͤglich?“— fragte zweifelnd der rathloſi Mann. „Nun— was die Pfarrerfamilie be⸗ trifft“— entgegnete die Commiſſionsraͤ⸗ thinn:—„ſo wird ſich Gottes Wort vom Lande nicht gar ſchwer duͤpiren laſſen. Vorerſt macht man ihnen ein Ridicuͤl, um Freunde und Rathgeber abzuhalten. So⸗ dann werde ich die ehrlichen Seelen ſtudi⸗ ren. Haben ſie nur irgend ein ſogenann⸗ tes Steckenpferd, ſo ſind ſie verloren. Der Baron aber iſt von Adel, alſo mit reizba⸗ rem Point d'honneur begabt— unerfahren in der Welt, alſo taͤuſchbar. Voila! mon cher— zwei ganz erbauliche Hoͤrner, um ein artiges Seilchen daran zu knuͤpfen.“ „Frau“— ſprach der Commiſſtonsrath finſter:—„das laͤuft auf ein Verbrechen hinaus.“— „Eh bien!— ſo erſchieß dich, Kind— und begeh' ein doppeltes“— antwortete Jene. S „So bin ich denn den Maͤchten der Hoͤlle verfallen!“— rief der Commiſ⸗ ſionsrath. In dieſem Augenblick oͤffnete ſich die Thuͤr, und Liſette, das Kammermaͤdchen, huſchte herein. „Mein Fraͤulein!“— rief ſie eilig— „Frau Commiſſionsraͤthinn! Herr Commiſ⸗ ſionsrath!— Ne ſo etwas von Mord⸗ 5 Pirakel!— ich bin denn doch nir nichts dir nichts gleichſamermaßen wie vom Don⸗ ner geruͤhrt geweſen. Waͤre die ſelige Arche nicht mit Noah begraben, und waͤre die Suͤndfluth nicht abgelaufen, ſeitdem die Suͤnde angelaufen iſt, ſo wuͤrde ich mir nichts dir nichts behaupten, daß unten vor dem Hauſe die Arche Noah angelan⸗ det ſei. Im Kaſten aber giebt es mir nichts dir nichts allerhand Gethiere zu ſchauen— einen ſchwarzen, aber keinen Pudel oder Baͤr— ein Kaͤtzchen, aber kein Kammermaͤdchen— und eine Fledermaus, nein ſo etwas von Flor und Band— kein zerſchoſſener Dreimaſter hat ſolche Takelage aufzuweiſen—— ein Dorfgaͤnschen end⸗ lich mit tauſend Millionen Schock Blumen⸗ beeten auf dem Kleide—“ „Paſtor Schmolke nebſt Frau Gemah⸗ linn und Tochter,“— meldete, ganz ehr⸗ bar eintretend, der alte Diener. —— „Gerechter Himmel!“— ſeufzte der Commiſſionsrath:—„die Saat des Boͤſen bedarf nur eines Keimes in der menſchli⸗ chen Bruſt, und wuchernd, wird ſie aufgehen.“ „Ueberlaß mir den Empfang!“— rief ſeine Gattinn und eilte voraus in die Vpz bahe des Hauſes. . 10. Salon⸗ Scene. Verſetzen wir uns in den früher er⸗ waͤhnten runden Salon. Denken wir uns recht lebhaft den faſt feierlich ſtillen Thee⸗ zirkel, die ſteife Haltung der hoͤchſt elegant gekleideten Damen, die rings umher wis⸗ pernde Mediſance, die Herren ſchwarz ge⸗ kleidet, mit den Hüten unter den Armen hinter dem Damen„Kreiſe ſtehend, das Vorleſen des Dichters— von fernher die Tanzmuſik ſchallend, alles duftend, glaͤnzend, hell und feierlich,— ſo moͤgen wir uns eine Vorſtellung machen von dem Eindruck der folgenden Scene. Ploͤtzlich wurde die Thuͤr aufgeriſſen. Alles verſtummte. Alle Blicke richteten ſich dorthin. Da ſtand, hereingeſchoben oder her⸗ eingefuͤhrt, die Pfarrerfamilie aus Bauern⸗ 62— rode, bepackt mit Maͤnteln, Schachteln, Brotbeutel und Eßkober. Ehren Schmolke nahm ſich zwar wun⸗ derlich aus, mit weit ausgeſpreizten Armen, die kaum die großen Pappeartons umfaſſen ronnten, dabei den kleinen dreieckigen Hut zwiſchen den Zaͤhnen haltend, aber in ſeiner glucklichen Unbefangenheit wendete er ſich damit ſogleich zu einem Rebentiſchchen, ſetzte die Schachteln ab, legte ſein Huͤtlein darauf und machte eine tiefe Verbeugung gegen die Geſellſchaft. Als er aber dieſe nicht erwiedert ſah, zog er freundlich ſeine große Familiendoſe und praͤſentirte dem naͤchſtſtehenden Herrn eine Priſe Tabak, welche er mit der geiſtreichen Bemerkung begleitete: daß es heute ſehr ſchoͤnes Wet⸗ ter geweſen ſei, aber heiß zum Braten. Die Pfarrerinn, vormals Gonvernante in einem adligen Hauſe, waͤre nicht in Ver⸗ e —. „— legenheit gerathen, haͤtte ſie nicht das Be⸗ wußtſein einer zerknitterten Drahthaube gehabt. Verſtohlen blickte ſie in einen der deckenhohen Spiegel und ordnete, unbemerkt, wie ſie glaubte, das bebaͤnderte Geſtell derſelben. Ihr gebluͤmtes Seidenkleid, mit den ſteifen, ringsumgehenden Falten, war am Tage ihrer Hochzeit, als ein abgelegtes Brautkleid ihrer gnädigen Frau, bewundert worden. Deſſen aber erinnerte ſich die Frau Pfarrerinn noch gar wohl und hatte daſſelbe zu dieſer Reiſe angelegt, um bei Commiſſionsraths ſogleich im Erſcheinen einen guͤnſtigen Eindruck zu machen.* Am uͤbelſten daran war das arme Kind, die wunderhuͤbſche Armida. Mit dem einzigen ſchuͤchternen Blick erkannte ſie voll Zartgefuͤhl ſogleich, daß ihr Ein⸗ treten hier eine große Unziémlichkeit ſei. Ihr großgebluͤmtes Kattunkleid war von ganz anderm Stoff und andrer Form, als — die Kleider der uͤbrigen Damen— dezu der einfache Strohhut, die natuͤrlich herab⸗ fallenden blonden Locken und— was das Schlimmſte war— unter dem linken Am trug ſie die gute Maurentia, in der rechten Hand das gepolſterte Bettchen derſelben. Recht aͤngſtlich blickte das arme Kind zuruͤck nach der ſchon wieder geſchloſſenen Flůgelthuͤr. Die Commiſſionsraͤthinn, die ſie draußen ſo wortreich mit gewinnender Freundlichkeit empfangen hatte, war bos⸗ hafter Weiſe unter der Thuͤr des Salons wieder umgekehrt, um, wie ſie ſagte, Mann und Tochter mit der angenehmen Nachricht zu uͤberraſchen, aber eigentlich nur, um die Landprediger⸗Familie der hoͤchſten Verlegenheit Preis zu geben. Niemand war da, der ſie der Geſellſchaft hätte vor⸗ ſtellen koͤnnen. So waren die drei Angekommenen den ſtechend neugierigen Blicken des ganzen — . — 65— Zirkels Preis gegeben; ſichtbar lag ein moquanter Zug auf den meiſten Geſichtern, doch hatte der gute Ton zu viel Gewalt uͤber jedes Mitglied der Geſellſchaft, als daß eines derſelben es haͤtte wagen ſollen, laut zu lachen, wie ſehr auch hier und dort der Lachreiz an den Mundwinkeln wi mochte. Aber nur wenige Sekunden ſtand Ar⸗ mida in dieſer grenzenloſen Verlegenheit, da trat aus dem Hintergrunde des Salons ein blühend ſchoͤner, Fhetiieibei jun⸗ ger Mann auf ſie zu. Sichtbar kaͤmpfte derſelbe mit einer gewiſſen druͤckenden Verlegenheit des Au⸗ genblicks. Aber es war, als ob eben die Seltſamkeit des Verhaͤltniſſes, welches die ganze Kraft von Beſonnenheit und Welt erforderte, in ihm eine Sicherheit im Takt entwickelt gehabt habe, die fruͤher Riemand dem ſtillen, etwas unbeholfenen jungen 5 Menſchen zugetraut haben mochte; denn Alle blickten mit Verwunderung auf ihn. „Bei det augenblicklichen Abweſenheit der Familie vom Hauſe,“— ſprach er:— „legen meine Verhaͤltniſſe zu derſelben mir die angenehme Pflicht auf, die geehrten Gäſte des Herrn Commiſſionsraths zu em⸗ pfangen.“ Damit nahm er dem jungen Maͤdchen, welches kein Auge aufzuſchlagen wagte, die Maurentia und das Bettkoͤrbchen ab, uͤber⸗ gab Beides einem Bedienten und fuͤhrte das bildhuͤbſche Kind in den obern Theil des Salons zu zwei ehrwuͤrdigen aͤltern Damen. „Liebe Tanten,“— ſagte er zu die⸗ ſen:—„Ihr gutes Herz bedarf wohl keiner Anregung, um ſich dieſes jungen Maͤdchens anzunehmen, welches hoffentlich nur ein Mißverſtaͤndniß in dieſe heit gefuͤhrt haben wird. — Aber Armida hatte ihn erkannt.— Sie glühte und erbleichte abwechſelnd, doch war ihr ſo heimathlich, ſo vertrauend wohl unter dem Schutze dieſes Mannes; denn er war ja eben derſelbe junge Jäger, welchem ſie in der Ueberraſchung ihres lebendigen Gefuͤhls das Blut aus der Wunde an der Hand geſogen hatte. Daß derſelbe von ſei⸗ nem nahen Gute aus, auf Richtewegen, mit einem raſchen Pferde, fruͤher hier ein⸗ getroffen ſein konnte, als die Filialkutſche mit ihrer Weltaxen⸗Rotation, darf uns wohl eben nicht Wunder nehmen⸗ Die wohlwollende Freundlichkeit der beiden aͤltern Damen beruhigte bald voͤllig alle die kleinen Bedenklichkeiten des harm⸗ loſen Kindes, beſonders da der junge Menſch ihre Mutter Liſettens Fuͤrſorge uͤbergeben hatte, um ihr beim Ordnen ihres Kopfputzes in einem andern Zimmer behuͤlf⸗ lich zu ſein, auch der, bis auf ſeine ſchwa⸗ 5* 6— chen Seiten, gar wuͤrdige Pfarrer, ſchon einen Amtsbruder gefunden hatte, welchem er erzaͤhlte, daß er, um die Elbſchaft des alten Weſtindiers, ſeines wunderlichen Bru⸗ ders, ju bc die Reiſe 5rheß nich habe. Kaum war dieſe Bemerkung von Ohr z Ohr gegangen, ſo wurden die Hundert⸗ tauſendthaler⸗Erben ſchon mit ganz an⸗ dern und nachſichtsvollern Augen betrachtet. Man verdachte es der Commiſſionsräthinn, daß ſie eine ſolche, ſo viel Ruͤckſicht verdie⸗ nende Familie ſo exponirt habe, und meh⸗ rere Damen wendeten ſich freundlich zu dem jungen Landmaͤdchen, deſſen anſpruchloſe Schoͤnheit und beſcheidene, nichts weniger als geiſtloſe Antworten in der That ſchon anfingen, fuͤr eine ſehr einnehmende Erſchei⸗ nung gehalten zu werden. — 60— 11. Er ſ o l g⸗ Es laͤßt ſich denken, wie wenig ange⸗ nehm Commiſſionsraths durch die Bemer⸗ kung uͤberraſcht wurden, daß die Mißdeu⸗ tung, welche ſie den unwillkommenen Gaͤſten hatten zuziehen wollen, auf ſie ſelbſt zuruck⸗ gefallen ſei. Selbſt die Pfarrerinn war von der gewandten Zofe, die das Komplott ihrer Herrſchaft nicht kannte und ſchlau genug war, den Wuͤnſchen des freigebigen jungen Barons entgegen zu kommen, leicht beredet worden, eine anſtändigere Kleidung anzu⸗ legen. Zum Ungluͤck wurde ſogar Armidens leidchen, mit dem faſt idealiſchen Schnitt und den großen Blumen, in allem Ernſie huͤbſch gefunden; denn zu dem wunderhuͤb⸗ ſchen Geſichtchen des Maͤdchens ſtanden die — 70— lebhaften Farben derſelben ganz einzig, und ein ſolches Figuͤrchen war doch durch alle die gepreßten Kunſtformen des eleganteſten Kleiderſchnitts nicht wieder hervorzuzaubern. Iduna beſonders wollte ganz vergehen im heimlichen Aerger, als ſich dieſe Bemer⸗ kung ihr aufdraͤngte. Dem Lieutenant aber konnte ſie es lange nicht vergeben, als die⸗ ſer ihr zufluͤſterte:—„Auf Ehr' und Seel, meine Holde!— die Landſchoͤne hat eine gewiſſe Friſchheit— ein Relief— ein je ne sais quoi“— Sie ſchwur in Herzen, dieſe Be⸗ merkung an dem Dorfgänschen— wie ſie in ihrer bittern Laune das harmloſe Kind nannte— zu raͤchen. Je feindſeliger es aber im Innern des Commiſſionsrathes und ſeiner Frau und Tochter wuͤthete, deſto aufmerkſamer ſuchten dieſe einen ſolchen Eindruck zu verbergen. — 71— Ganz uͤberglücklich fuͤhlte ſich daher auch bald die treuherzige Pfarrer⸗ Familie unter den Freundſchaftsverſicherungen ihrer liebenswuͤrdigen Wirthe, die zugleich durch verdoppelte Aufmerkſamkeit bemuͤhet waren, den Vorwurf des Mangels an gutem Ton von ſich abzuwenden. Paſtor Schmolke war von dem Com⸗ miſſionsrath in Beſchlag genommen und in einem entfernten Rauchzimmer mit einer Pfeife aͤchten virginiſchen Knaſter bewirthet worden. Die Commiſſionsraͤthinn dagegen hatte ſich neben der Pfarrerinn niederge⸗ laſſen und hoͤrte mit großer Aufmerkſam⸗ keit die breite, mit eingeſchachtelten Do⸗ meſtiken⸗Anekdoten ausgeſchmuͤckte Dar⸗ ſtellung von der Entenzucht und dem Aufſaͤu⸗ gen der Kalber an. Dabei war Maurentia, zur großen Gluͤckſeligkeit ihrer Herrinn, auf einen weichen Polſterſtuhl zwiſchen Beide ge⸗ bettet und wurde bewundert und geſtreichelk. Iduna und Armida ſchienen ſchon nach fuͤnf Minuten ein Herz und eine Seele zu ſein. Von fernher aus dem Saale hallte die Tanzmuſik heruͤber, in itzien belebenden Accorden. „O Gott! das Weideſchäfchen ſoll uns durch einen Bauerntanz beluſtigen!“— flͤſerte Iduna aufſpringend ihrer Mutter zu. Dieſe laͤchelte ſarkaſtiſch und winkte Beifall gebend. „Sie tanzen doch, ſuͤße Freundinn?“— flͤſterte darauf Iduna gegen die Pfarrers⸗ tochter. „Ich habe noch nie Gelegenheit gehabt, in einer ſo feinen Geſellſchaft——“ „So ſei dieſe die erſte. Sie muͤſſen mir die Frende machen.— Lieutenant!— „Nicht um eine Million!“— flüſterte dieſer, um ſeine fruͤhere Bemerkung wieder gut zu machen:—„ſtrafen Sie mich, ſo „ hoch Sie wollen, nur machen Sie keinen Siebenbuͤrger Baͤrenfuͤhrer aus mir.“— „Goͤttlich!“ rief Iduna leiſe in glůck⸗ licher Laune:—„einen ſolchen haben wir ja ſchon disponibel— mein hoͤlzerner Ver⸗ 6 ſobter.—— Lieber Waldhauſen!“—— „Auch moͤchte ſich mein Reiſekleid“— entſchuldigte Armida einfallend:—„wenig eignen——“ „Ihren Schmuck“— ſprach errothend) mit gedämpfter Stimme, der junge Baron von Waldhauſen zu der lieblichen Armidat „hat die gutige Allmutter Natur ſo ſchon geordnet, daß Sie kein Bedenken tragen duͤrfen, ſich in die Reihen der nur von Menſchenhand geſchmuͤckten Schoͤnen zu ſtellen. Wenn Sie alſo einem ſelten auf⸗ tretenden Taͤnzer ſich anvertrauen wollen, ſo werden Sie mir damit ein noch weit ſeltneres Vergnuͤgen gewaͤhren.“ Dahin ſchwebten Beide. „Wer hat dem Staarmatz die Zunge geloͤſet?“— fragte Iduna, verwundert ih⸗ nen nachblickend. „Amor— der große Regiments. chi⸗ *— lachte der Lieutenant. „Sie moͤgen Recht haben!“— ent⸗ gegnete nach einigem Beſinnen Iduna:— „aber den Triumph laſſe ich ihr nicht. Ja, jetzt ſoll mir der Stockfiſch in's Netz— zu⸗ dem ſcheint er kulturfaͤhig zu ſein— ein roher Diamant vielleicht— waͤre er facet⸗ tirt— ich koͤnnte mich entſchließen, n zu lieben.“— „Deffne dich, Erde— den ungluͤcklichſten aller Lieutenants,“— pero⸗ rirte dieſer. „Und Sie machen dem Landgänschen die Cour“— „Senden Sie mich Sturm auf ein Kreuzfeuer von Fartaͤtſchen-—— — S— ——,— 6— „Ich befehle— Sie verdrehen dem Geſicht den Kopf; es gehoͤrt in meinen Plan.— Aber jetzt laſſen Sie uns eilen, damit wir ſehen, wie beide Humpeltänzer ſich blamiren.“ Aber du meine Gäte!— Drs war ein Ziſcheln und Tuſcheln im Saal. So etwas von Elaſticitaͤt, Leichtigkeit und Schnellkraft im Geſchwindwalzer, ſolch eine hinreißend anmuthige Haltung und dabei das blonde, natuͤrlich fallende Ringelhaar⸗ gegen welches die dicken ſteifen Seidenlok⸗ ken der uͤbrigen Taͤnzerinnen als wahre Ungeheuer erſchienen— nein ſo etwas war, ſo lange eins der jungen Dinger nur herdenken konnte, noch gar nicht auf irgend einem Balle der großen Handels⸗ ſtadt geſehen worden. Der giftigſte Neid ſelbſt konnte doch Anerkennung und Be⸗ wundrung nicht bergen, beſonders wie der Walzer in einen Contretanz uͤberging, in welchem eine Tanzfigur von der Dame al⸗ lein in den grazioͤſen Stellungen des Fan⸗ dango ausgefuͤhrt werden mußte. „Iſt die nicht von Veſtris gebildet, ſo muͤßte mich alle meine in Paris erworbne Fenntniß taͤuſchen,“— ſagte halb laut ein vielgereiſeter Herr, deſſen Urtheil als das Orakel in Kunſtſachen galt. Selig, ja uͤberſelig aber war das tan⸗ zende Paar. Armida hatte noch nie ſich von den Armen eines jungen Mannes um⸗ ſchlungen gefuͤhlt, noch nie gewalzt nach einer ſo ergreifenden, vollſtimmigen Muſik“ Eine juͤngere Schweſter ihrer Mutter, die fruͤher in Paris fuͤr das Ballet erzogen, dann in einer Opern⸗Geſellſchaft zu Flo⸗ renz fuͤr den Geſang gewonnen war und es durch eine herrliche Stimme bis zur Prima⸗Donna gebracht hatte, war, zu ih⸗ rer Erholung, ein Jahr lang Hausgenoſ⸗ ſinn der Schmolkeſchen Familie geweſen —. und hatte Armiba's herrliche Naturgaben ausgebildet. Wir duͤrfen uns daher nicht wundern, wenn wir im Converſationszimmer das anſpruch⸗ loſe Landmaͤdchen gleiche Triumphe erndten ſehen durch ihren nach der beſten italieni⸗ ſchen Schule gebildeten Geſang. Das noch ſo gar junge Kind hatte ſchon eine Run⸗ dung und Kraft, dabei eine weiche Bieg⸗ ſamkeit, ein Portamento der ſchoͤnen Stimme, entwickelte zugleich ein Gefuhl im Ausdruck, eine Fertigkeit und Sicherheit im Treffen⸗ und war voͤllig bewundernswerth in den großartigen geſchmackvollen Verzierungen und dann wieder am rechten Orte in einer halben Stimme, welche die Zuhoͤrer electri⸗ ſirte, ſogar den Tanz unterbrach und die alten Herren aus den Rauch⸗ und Spiel⸗ zimmern herbeilockte. Und alle dieſe Triumphe hatte ihr Iduna bereitet, indem ſie ſich durch die — 6— Hoffnung taͤuſchte, das einfache Landmad⸗ chen laͤcherlich werden zu ſehen. Dieſes aber ſtand da, ſo anſpruchlos, ſo liebens⸗ werth, daß man wohl ſah, ſie ſelbſt war die Einzige, welche ihre Kunſt, die ihr ſo wenig Muͤhe koſtete, unmoͤglich fuͤr etwas Außerordentliches halten konnte. WMehrere ſchoͤngeiſtige junge Maͤnner und hochgebildete Damen nahten ſich ihr mit ungeheuchelter Achtung. In dem Ge⸗ ſpraͤch, welches ſich jetzt entwickelte, bildete ihr muntrer Geiſt mit der naiven lebendi⸗ gen Beweglichkeit faſt den Mittelpunkt. Man wußte kaum, ob man mehr das reine tiefe Gemuͤth, welches ſich entfaltete, ihren reinen Kunſtſinn, oder die Kenntniſſe in der ſchoͤnen Literatur und in den fremden lebenden Sprachen, welche ſie ungeſucht und voͤllig arglos verrieth, bewundern ſollte. Der Baron aber ſtand duͤſter und ſtumm im Hintergrunde des Salons. Seine „ ———— — 79— Glutblicke waren auf die reizende Fremde gerichtet. Seine Lebendigkeit ſchien nur ein Aufflammen geweſen zu ſein. Aber erſt jetzt fuͤhlte er ſich niedergedruͤckt durch das Bewußtſein eines ihm widrigen Verhaͤltniſ⸗ ſes, welches um ſo ſchwerer auf ihm la⸗ ſtete, je klarer ſein heller Geiſt einerſeits die Unmoͤglichkeit, es abzuſchuͤtteln, erkannt hatte, und andrerſeits mit jedem Pulsſchlage ſeines Herzens die unermeßliche Liebe fuͤr dieſes wunderliebliche, ſo hochgebildete und doch dabei ſo einfach kindlich gebliebene Mädchen hoͤhere Flammen aufſchlug. Als daher um Mitternacht die Gaͤſte ſich entfernt hatten, die glückliche Pfarrer⸗ familie einander in den hohen Prunkgemaͤ⸗ chern gute Nacht gewuͤnſcht und die ſchla⸗ fende Maurentia Eins nach dem Andern leiſe gekuͤßt hatte— durchwachten der Commiſſionsrath mit Frau und Tochter den Reſt der Nacht im ſtummen Grimm und Aerger; denn ſie alle waren durch ei⸗ gene Schuld jetzt weiter vom Ziele entfernt worden, als jemals der Fall geweſen war⸗ Der Pfarrer hatte Freunde und Be⸗ kannte gefunden— wie leicht konnte einer derſelben ihn mit Rath und That unter⸗ ſtuͤtzen? Die Pfarrerinn war, als reiche Er⸗ binn, geduldet worden— Armide, faſt ver⸗ goͤttert, hatte eine Bedeutſamkeit gewon⸗ nen, welche dieſer Familie die Theilnahme der halben Stadt ſichern mußte— und der Baron, offenbar in Liebe für dies Wunderkind entbrannt, hatte ſeine Ver⸗ lobte mit einer faſt ſchneidenden Kaͤlte be⸗ handelt. Auch der Lieutenant, dieſer ſo leicht brennbare Stoff, ſchien Feuer gefan⸗ gen zu haben, doch ſtand die Gefeierte ihm geiſtig viel zu hoch, als daß der ſonſt ſo kecke junge Menſch es haͤtte uͤber ſich ge⸗ winnen koͤnnen, ſie anzureden. — Iduna haderte die halbe Nacht mit dem Kammermaͤdchen. Der Commiſſions⸗ rath hatte ſchon einige Male nach den Ter⸗ zerolen gegriffen, nur die Commiſſonsrä⸗ thinn war launig geblieben. „La la la la“— ſang ſi ſie:—„die guten Narren ſind in ihre Katze verliebt— wenn nicht boͤſe Geiſter dazwiſchen kom⸗ men, ſo ſind ſie verloren.“ „Du ſollteſt den Satan nicht an die Wand malen“— ſprach der Commiſſions⸗ rath, in. feiner uͤberreizten Stimmung un⸗ willkuͤhrlich zuſammenfahrend;—„ich bin zwar Freigeiſt gewi iſſermaßen, indeß durfen wir Menſchen ohne Vorwitz nicht die Moͤg⸗ lichteit eines gewiſſen geiſtigen Rapports ablaͤugnen. Ich koͤnnte Beiſpiele erzaͤhlen— doch laß uns abbrechen— es iſt kein Nachtgeſpraͤch, zumal wenn einem ohnehin die Haare zu Berge ſiehn vor Seelenangſt.“ 6 — 12. Die zerbrochene Taſſe. Ein wenig lauſchen mag wohl dem Erzahler nachgeſehen werden; woher wollte er ſonſt ſeine Blicke in die Gemuͤthswelt gewinnen, welche ſich doch immer mehr und mehr unter den Erſcheinungen des aͤußern Lebens zu verbergen ſtrebt? Sehen wir das wunderholde Kind ſchon fruͤh Morgens aus dem ſuͤßen Schlummer erwachen. Wie Vergißmeinnicht im Mor⸗ genthau, ſo rein und klar blickten tie blauen Augen deſſelben hinein in den jungen Tag, welcher durch die Silberpappeln hn urten, durch die Gehaͤnge von Weinlaub vor den Fenſtern und einige bluͤhende Hortenſien in das lauſchige Schlafgemach hereinblinzelt. Einen herzinnigen Blick hat ſie auf das Himmelbette der Mutter geworfen. Dieſe ſchlummert noch— auch der Vater ſchnarcht im dunkeln Alkoven. Jetzt faltet Armida die kleinen weißen Haͤnde, ſchlaͤgt den Sonnenblick auf und ruht auf einen Arm geſtuͤtzt, anzuſchauen wie ein betender Cherub. Frieden und Gottvertrauen iſt in ihrer Seele wieder rein und feſt geworden. Auch fur Vater und Mutter hat ſie gebetet. Jetzt kommt Maurentia, kruͤmmt den Ruͤk⸗ ken, ſchnurrt und ſchmeichelt und weicht nicht eher von dannen, bevor ſie nicht die erſie Liebkoſung des holden Maͤdchens em⸗ pfangen hat. Wenden wir uns einen Augenblick ab.— Anadyomene iſt im Begriff, ſich aus den Wellen der Thetis zu erheben. e Nur wenige Minuten ſpaͤter ſehen wir das liebliche Roſenbluͤthenkind im großen Prunkzimmer, welches ihren Aeltern einge⸗ raͤumt war, fuͤr Muͤtterchen den Thee be⸗ 6 reiten und des Vaters Kaffee ſorgfaͤltig umhuͤllen. Die Morgenkleidung des Naturkindes war kein ſogenanntes Negligee der Staͤdter, deſſen gewäͤhlte Sorgfalt mit dem Namen und Zweck deſſelben im Widerſpruch ſteht, ſondern ein einfaches weißes Rachtjaͤckchen ſchloß ſich mit einem kurzen weißen Roͤck⸗ chen an die feinen reizvollen Formen des niedlichen Maͤdchens, ſo lockend und un⸗ ſchuldig zugleich, daß ſelbſt das verwoͤhn⸗ teſte Auge das nette appetitliche Kind nicht ohne inniges Wohlgefallen haͤtte betrachten koͤnnen, wie es da ſo geſchickt und eifrig ſchaͤfterte mit dem Theegeraͤth, und Vater und Mutter immer noch nicht kamen, das erſte Taͤßchen, zum Koſten gleichſam, fuͤr ſich ſelbſt einſchenkte und behaglich ſchluͤrfte. Maurentia hatte auch ſchon ihre kleine Morgengabe an gezuckerter Milch empfan⸗ — — 85— gen und ſaß jetzt ihrer Freundinn— moͤch⸗ ten wir uns verſucht fuͤhlen zu ſagen— gegenuͤber auf einem der ſeidnen Tabourets. „Was meinſt du, ſuͤße Maurentia!“— ſprach das unbelauſchte Maͤdchen, in der Kindlichkeit ihres ganzen Weſens, zu dem ehrbar und altklug dort vor ihm ſitzenden Kaͤtzchen:—„das war geſtern ein gar wunderlicher Tag.— Dir armes, gottloſes Geſicht haͤtte es am allerſchlimmſten be⸗ kommen konnen.— Aber boͤſe— nein boͤſe koͤnnte ich dir daruͤber nicht werden— der ſchoͤne Jaͤger— nein der Baron.— Ich weiß auch gar nicht, warum ich mich ent⸗ ſetze, wenn ich daran denke, daß der edle Menſch Baron iſt— hu!— Baron!— das iſt eine ganz erſchreckliche Geſchichte.— Heirathen muß ich einmal— das weiß ich— ich bin ja ein Maͤdchen, und der Brautkranz iſt doch das Ziel aller Maͤd⸗ chen.— Die Rebe ſucht und ſchlingt ja ſo 6 lange, bis ſie die Ulme findet, woran ſie ſich aufrankt— und eine Relke ohne Stab ſchwankt und bricht.— Ach— wie ſuͤß— wie lieblich habe ich mir das Alles ſchon oft getraͤumt!— wie habe ich mich im Stillen ſo manches Mal als Braut ge⸗ ſchmuͤckt!— Du weißt ja Alles, gute Mau⸗ rentia, wie ich ſo ein albernes Kind gewe⸗ ſen bin;— aber jetzt iſt es anders. Mit Furcht und Schrecken denke ich an's Hei⸗ rathen. Ja, wenn der Jaͤger ein Jaͤger geblieben— und kein Baron geworden waͤre!— aber ein Baron— nein, das iſt unmöglich. Das liefe gegen die Ordnung der Welt— und die ſoll man achten und ehren, ſagt der Vater.“ „Maurentia!— ſuͤße Maurentia! du ſagſt ja gar nichts— ſoll ich denn immer nur allein plaudern?— Ach— ich haͤtte dir noch viel Geheimniſſe zu vertrauen.— Sieh, da er ſeinen Arm um mich gelegt —— —,—— — 87— hatte im raſchen Walzer— da ſeine Blicke ſo gluͤhend auf den meinigen hafteten, ſein Athem ſo warm an meiner Wange ſaͤu⸗ ſelte— ach Maurentia— mir war ſo wunderlich, ſo wohl und ſo wehe. War das Litbe?— wenn das nun Liebe waͤre?— was dann?— Liebt er dich denn, Ar⸗ mida?— ach wenn er dich liebte!— ein Baron iſt reich und maͤchtig.— Der darf ſeinen Wuͤnſchen nur immer folgen, auch eine Pfarrerstochter heirathen. O, man hat Beiſpiele— da iſt der Baron von N.—— Ja er liebt mich!— nein, doch nicht.— Hat er es dir geſagt, Armida?— Ach nein— ohne Abſchied lief er als Joͤ⸗ ger davon— finſter und in ſich gekehrt ſtand er da, während ich ſang;— und doch liebt er dich.— O mit Flammenzuͤgen ſteht es ja in ſeinen Blicken geſchrieben. Da liegt offen ſeine Stele auf dem ſchoͤnen Antlitze, ohne eine Lüge zu kennen. Mau⸗ — rentia!— ſtille dieſes Bangen, dieſes Seh⸗ nen. Dieſe Thraͤnen, dieſes Hallelnja mei⸗ ner Seele— wo will das?— Maurentia— „Horch! Peiegilett ach du unzlic. liches Geſicht— v du Jungfer Ungeſchick— die herrliche Mundtaſſe!“ Maurentia war bei dem ticftluntin Hundegebell draußen auf dem Vorſaale aufgeſprungen— uͤber den Tiſch hinweg⸗ geſetzt und hatte eine der großen Prunktaſſen hinabgeworfen. Die Scherben lagen am Boden. In ſtummer ſtiller Angſt ſtand das holde Maͤd⸗ chen.—„Komm nur!“— floͤtete Armi⸗ da:—„das Ungluͤck iſt einmal geſchehenz aber die Mutter iſt gar ſtreng, und bei aller Liebe wuͤrdeſt du doch nicht der Ruthe entgehen.— Komm nur, armes Thierchen, die Schuld nehme ich auf mich und dulde fuͤr dich.“— — 89— Die Mutter, durch das Geraͤuſch auf⸗ geweckt, erſchien in der Thuͤr. „Mein Himmel!“— rief ſie:—„der unerſetzliche Verluſt!— was wird die Com⸗ miſſionsraͤthinn denken, die ſo eigene gebil⸗ dete e Wer hat das angerichtet?,— Armida ſtand mit niedergeſchlagenen xicn bald bleich, bald roth werdend. Die kleine Luͤge wollte nicht uͤber ihre Zunge. Noch weniger konnte ſie ihren Liebling ver⸗ klagen. Sie ſchwieg. Die Mutter hielt das Schweigen für Geſtaͤndniß. Die alte Gouvernantenſtrenge lag ihr noch immer gleichſam in der zweiten Natur. Dazu hatte ſie ſich noch immer nicht daran gewoͤhnen koͤnnen, in dem ſo ſchnell und ſchlank aufgeſchoſſenen Maͤdchen mehr als das oft muthwillige Kind zu ſehen. „Strafe muß ſein!“— ſprach ſie daher ſtreng:—„folge mir!— Eine Stunde Arreſt!“ ternden Tochter, in dem langen Corridor hinab, verſuchte mehrere Thuͤren zu oͤffnen, die aber alle verſchloſſen waren— endlich, die letzte ging auf. Unwillig ſchob die Mutter das arme Maͤdchen hinein und ſprach leiſe:„Hier lerne dich mit Geſchick benehmen.“— Dann ſchloß ſie ab, zog Sl aus und eilte zuruͤck. Darauf ging ſie, gefolgt von der zit⸗ F— — 7— 13. Der Arreſt. So ziemlich mochte nun wohl die Strafſtunde Armidens bald verlaufen ſein. In ſolchen Fällen pflegte die Pfarrerinn ſich mit der Conſequenz ihrer Erziehungs⸗ Kunſt etwas zu wiſſen und auch nicht eine Ninute an dem einmal verhaͤngten Straf⸗ arreſt zu erlaſſen. Weh that es ihr ſelbſt, das ſah man wohl. Schmollend ſaß ihr der Pfarrer gegenuͤber und huͤllte ſeinen Unmuth in die Dampfwolken, die er ſchnell und in kurzen Zuͤgen aus der langen Thonpfeife entwik⸗ kelte. Er wagte indeß kein Wort einzure⸗ den in die Erziehungs⸗ Methode ſeiner Frau, denn dieſe hatte durch die Ausbil⸗ dung einer Graͤfinn und dreier Fraͤulein bereits vor ihrer Verehelichung specimina — 0— eruditionis gegeben, wofuͤr der vieljaͤhrige Paͤdagoge, welcher nur an Buͤrgerkindern die Virtuoſitaͤt ſeines Schulzepters erprobt hatte, allemal die Segel ſtreichen mußte. Selbſt Maurentia ſchien von Gewiſ⸗ ſensbiſſen gemartert zu ſein, denn ſie lag gar betruͤbt in einer dunkeln Ecke des Zimmers und hatte eben ſo wenig einen freundlichen Blick der beiden em⸗ pfangen. In dieſer peinlichen Stimmung wur⸗ den Beide nicht unangenehm unterbtochen durch den Beſuch der Commiſſionsrathinn und ihrer Tochter, welche ſich nur einen Augenblick vorher hatten anmelden laſſen, um ſich zu erkundigen, wie die werthen Gaͤſte auf der neuen Stelle geſchlafen haͤt⸗ ten. In hoͤchſt elegante und reich geſtickte Morgenoberroͤcke vom feinſten weißen Bat⸗ tiſt gekleidet, mit zierlichen Points⸗ Hüub⸗ chen bedeckt, traten Beide ein. — 93— Die Paſtorinn verbarg die Scherben der Taſſe; der Pfarrer duckte ſich, um die Halbſtruͤmpfe mit den Pantoffeln unter den rothen, blanken Schlafrock zu verſtek⸗ ken, und entſchuldigte wortreich die weiße baumwollene Nachtmuͤtze, welche er nicht gar fuͤglich vom kahlen Scheitel nehmen könnte, weil die Peruͤcke dort auf dem Kopfe eines kleinen Gypsapoll hing.— Die Bedienten ſtürzten wie athemlos an die Fenſter und jagten den Tabacksrauch hinaus, zerbrachen auch nebenbei, wie aus Verſehen, die Thonpfeife in der Hand des argloſen Pfarrers— und bald war, durch die Gewandtheit der Damen vom Hauſe in der Converſation, ein leichtes Geſpraͤch uͤber den geſtrigen Abend in Gang gebracht. „Aber wo iſt denn meine ſuͤße Freun⸗ dinn, die holde Armida— 7— das liebe Kind ruht wohl noch auf den ungewohnten Lorbeeren?“ fragte Iduna. So unzart es auch war, von der Strafe ihrer Tochter zu ſprechen, beſonders da das Vergehen derſelben nicht genannt werden durfte, ſo konnte doch die kleine Eitelkeit der Pfarrerinn ganz unmoͤglich ſich den kleinen Triumph verſagen, hier gerade als Erzieherinn zu glaͤnzen. Sie entdeckte daher mit einiger Selbſtgefaͤllig⸗ keit, daß ſie an dem unvorſichtigen Kinde eine kleine Execution vollzogen habe— die Stunde des Arreſtes ſei aber bald ver⸗ laufen, und dann wolle ſie eilen, die Reuige zuruͤckzufuͤhren.— „Arreſt— wo?“— fragte die Com⸗ miſſionsraͤthinn, nicht ohne eine heimliche kleine Schadenfreude.— „Ich habe mir die Freiheit genom⸗ men,“— entgegnete die Pfarrerinn:— „das letzte Zimmer im Corridor——“ „Die blaue Stube?“— rief die Com⸗ miſſionsräthinn und bedeckte ihr Geſicht 3—. — 55— mit beiden Haͤnden:—„o, daß ich ſo etwas erleben muß!— in meinem Hauſe!— ſolche Unſittlichkeit— ſolch ein Afftont!— Frau, Frau!— Ihr Kind iſt verloren! In die Wolfsgrube haben Sie das Lamm geworfen.— Dort ſchlaͤft der Baron—“ „O fi donc!— mein Verlobter!“— rief Iduna geziert.*. Die Pfarrerinn machte Niene, ſich alle Haare auszuraufen— doch der Pfarrer ſprach mit Ruhe:—„Frau, was tobſt du!— unſer Kind iſt die Unſchuld ſelbſt— wir laſſen es wieder heraus, ſo iſt der ganze Kaͤſe gegeſſen.“ „Das iſt auch wahr,“— entgegnete beruhigt die Pfarrerinn:—„Sie iſt noch ein pures Kind, die Kleine.“ „Dem Reinen iſt Alles rein!“— ſchloß der Paſtor, und die Karavane, um die Ge⸗ fangene zu befreien, ſetzte ſich im Sturm⸗ ſchritt in Bewegung. 14. Das Traum„Vörtchen. So war es auch. Das reine Herz iſt der Unſchuld beſter Schutz und Schirm. Da ſtand das funfzehnjahrige Kind— mit dem ahnenden, erwachenden Gefihl der erſten jungfraͤulichen Liebe. Der Schluͤſſel hatte ſich umgedreht, die Tritte der Mutter waren verhallt; noch hatte die Tiefbeſchaͤmte nicht aufzublicken gewagt. Jetzt aber ſchlug ſie das ſonnen⸗ helle Auge auf, und ihr erſter Blick traf—— den Geliebten, bluͤhend und gluͤhend, und tief athmend im geſunden Schlafe dort ru⸗ hend, auf dem niedrigen, ſeidnen Feldbette. Das war eine Situation, die keine Be⸗ ſchreibung zulaͤßt. Nur das engelreine Ge⸗ muͤth vermag dabei frei ſich zu erhalten von allen lockenden, luſternen Vorſtellungen, ————— —— —— welche unter ähnlichen Verhaͤltniſſen das Weltkind ergriffen haben wuͤrden. Ganz anders waren die Gefuhle der ſchuldloſen Armida. Schrecken und das druͤckende Bewußtſein der Unſchicklichkeit, die Angſt fuͤr das Erwachen, die Sorge mißgedeutet zu werden von dem, an deſſen Achtung ihr vor allen Menſchen auf Erden am meiſten gelegen war, fuͤllten die erſten Sekunden aus— dann warf ſie einen furchtſamen Blick auf den reizenden Schlaͤ⸗ fer, dann noch einen, dann einen langen und ſeelenvollen— es ſah es ja Niemand, auch er ſelbſt nicht— und ehe ſie ſich deſſen bewußt war, hatte ſie ſich in dem Anſchauen des herrlichen Juͤnglings ver⸗ tieft, daß ſie Alles um ſich her vergaß.— Immer tiefer und tiefer ſog ſie in ihre Seele das Zauberbild deſſelben ein.— Dort der braune Lockenkopf— die ſchoͤn ge⸗ formte Naſe, das bluͤhende weichgerundete 7 — Oval— ruhend auf dem halbentbloͤßten, nervigen Arme— und dann herabhaͤngend die linke Hand, von welcher ſie geſtern ſein Herzensblut eingeſogen hatte.— Dieſer Arm hatte ſie im Walzer um⸗ ſchlungen— dieſer ſaͤnſelnde Athem hatte ihre Wange beruͤhrt. Aller der magnetiſche Rapport, welcher ſie fruͤher wunderbar an ihn gefeſſelt hatte, erwachte von Neuem— nur lebendiger, gluͤhender. So lange hatte ſie ja noch nimmer gewagt, alle dieſe Herr⸗ lichkeit der Schoͤpfung zu betrachten. Im⸗ mer, in jedem Augenblick, entdeckte ſie wie⸗ der neue Reize, neue Zuͤge in dem Spiegel ſeiner Seele, aus welchem ſie ſein edles rei⸗ nes Gemuͤth herausleſen zu koͤnnen glaubte. Jetzt oͤffnete er die feinen friſchrothen Lippen. Die herrlichſten weißen Zaͤhne wurden ſichtbar. Er laͤchelte.— Ein neuer Zauber! ſüße Traͤume beſeligten ſeinen Schlummer. Ein Fluͤſtern ſaͤuſelte von ſeinen Lippen.— O haͤtte ſie ſeine Traͤume belauſchen konnen!— die halbe Welt haͤtte ſie darum gegeben!— Sie ſtand ſo fern an der Thuͤr des großen Gemachs.— Sie horchte— es war nichts.— Es klang ſo leiſe, wie Lispeln der Silberpappel im Abendwinde. Nur einen Schritt naͤher!— ſtill! horch!— er ſchlaͤft!— noch einen!— er ſchlaft noch. Jetzt flͤſtert er wieder. Die gruͤnen Pantoffelchen hatte ſie an der Thuͤr ſtehen laſſen. Auf den ſchneeweißen Struͤm⸗ pfen— leiſe— leiſe— ganz leiſe ſchlich ſie naͤher und naͤher. Ihr Herzchen klopfte— ach, waͤre es uur ſtiller geworden! es ver⸗ rieth ſie gewiß!— Ihr Athem war kurz und ſchnell. Sie hielt ihn an und drohte zu erſticken. Jetzt ſtand ſie ganz nahe nein ſie ſtand nicht— ſie zitterte, ſchwankte. Es war faſt ein Entſchluß der Verzweif⸗ 100 lung: um nur ſchneller entfliehen zu koͤn⸗ nen, mußte ſie das Wort ſeines Fluͤſterns vernehmen.— Sie beugte ſich nieder— warm ſaͤuſelte ſein Athem und wunderbar ſinnvetwirrend liſpelten ſeine Lippen ihren Namen:„Armida!“— „Armida?— ſo liebt er dich?— ſo biſt du der Engel ſeiner Traͤume— das Wunderbild ſeiner Liebe?“— dachte das uͤberſelige Maͤdchen und wollte fliehen— aber kann die Liebe ihre Zauberworte ge⸗ nug horen?— Sie beugte ſich tiefer und tiefer, und wieder hauchte es von ſeinen Lippen:„Armida!— ſuͤße Armida!“— dann aber die Schreckensworte:—„ſchwar⸗ zes Verhaͤngniß!— gebrochene Herzen!“— Sie erbleichte. Eine Locke ihres Haa⸗ res war auf ſeine Lippen herabgeſunken.— Er erwachte.— Das war zu viel fuͤr ihr zart beſaitetes Leben.— Sie ſprang zuruͤck, aber eine Ohnmacht wandelte ſie an. Sie ——— — 101— hielt ſich an den Stuhl vor feinein Bette, aber ſie ſank— ſank zuruͤck, in die Arme des Geliebten. Keine Feder würde ſchilbern koönnen, was in dieſem Augenblick der junge Menſch empfand. Er hatte wirklich ſuß und ſchwel⸗ gend von dem holden Maͤdchen getraͤumt; dann war das Bewußtſein der Feſſeln, welche der Willen ſeines Vaters ihm angelegt hatte, ſo grell und druͤckend in ſeine Liebe, in ſeine Wonne hineingefallen. Bis geſtern war er durch die Macht der Gewohnheit mit dem Gedanken befreundet geblieben, ein Mäd⸗ chen, welches er weder lieben, noch achten konnte, mit der er immer noch auf einen. ſehr fremden Fuß geſtanden hatte, einſt die Seinige nennen zu muͤſſen. War doch die Zeit der Erfuͤllung noch fern, ſein Herz noch frei, und hatte er doch im heitern Ju⸗ gendmuthe noch niemals ernſtlich uͤber Liebe und Ehe nachgedacht.— — 102— Aber ſeit geſtern war es anders. Er bezweifelte das Recht eines Vaters, dem Sohne die Gefährtinn für das Leben auf⸗ zudringen. In halb klaren Traͤumereien hatte er ſich bemuht, aus dem Urrechte der Menſchen das Unrecht einer ſolchen Verfüͤ⸗ gung abzuleiten.„Der Menſch“— ſagte er:—„iſt Zweck an ſich ſelbſt. Er darf den freien Willen zur Richtſchnur ſeines Wandels nehmen, ſo bald er ſittlich und geiſtig muͤndig geworden iſt. Beides bin ich— ſo Gott will— Rechte und Pflich⸗ ten bedingen ſich gegenſeits. Die der Er⸗ ziehung haben mindeſtens da ihre Grenzen, wo der Sohn einen eignen Familienſtand ſich begruͤndet, alſo eben bei der Wahl der Gattinn. Nut rathen, nicht gebieten darf der Vater——“ daruͤber war er einge⸗ ſchlafen. Bald nannte er traͤumend die Verfuͤgung ſeines Vaters uͤber ſeine Hand unerhoͤrte Tyrannei— aber er hatte ja — 103— eingewilligt. Sein Vater hatte geſchworen. Das feine unentweihte Gefühl des Juͤng⸗ lings hatte im Zuſtande des Schlafes alle Sophiſtereien des Wachens uͤber den Hau⸗ fen geworfen— er fuͤhlte ſich gebunden und verpflichtet, ſein Wort zu loͤſen, ſelbſt wenn, wie er nicht zweifelte, ſein Herz dar⸗ uͤber brechen wuͤrde.— Er beſeufzte ſein dunkles Verhaͤngniß, erwachte und— der Gegenſtand ſeiner Liebe lag faſt ohnmaͤchtig in ſeinen Armen. Im erſten Augenblicke war er keines laren Gedankens maͤchtig. Sie war es— ſie ſelbſt—— in dieſem Bewußtſein lag eine Welt von Gefühlen.— Kein Raum daneben fur die Frage: wie war das ge⸗ liebte kindliche Weſen in dieſe Nähe, an ſein Lager, in ſeine Arme gekommen?— Kein Zweifel an ihrer Reinheit.—— Im erſten Ueberwallen des uͤberraſch⸗ ten Gefuhls ſenkte er ſeine Lippen, um den — 104— erſten ſchwelgenden Minutenkuß auf die noch unentweihten Lippen des bewußtloſen Kin⸗ des zu druͤcken. Aber die reine Unſchuld übt auf reine Gemuͤther eine wunderbare Zaubergewalt. Er fuͤhlte das Zittern ihres Herzens unter ſeiner Hand.— Ihr gebro⸗ chener Blick war Liebe.— Das Lächeln ihrer gebleichten Lippen gab Liebe, aber Willibald war kein weichlicher luͤſterner Schwaͤchling, wie ſie die feine Welt zu Hunderten bildet. Auf dem Lande erzogen, hatte er Reinheit der Sitten und Kraft des Willens bewahrt.— Er— der Verlobte einer Andern, durfte ſie nicht ien und kuͤßte ſie auch nicht. Nur einen Augenblick hatte Armidens beſinnungsloſer Zuſtand gewaͤhrt. Sie richtete ſich auf, und uͤber eine Lilie hauchte die holde Scham ihre Roſen⸗ gluth. Furchtſam und mit niedergeſchlage⸗ nen Blicken, in abgebrochenen Worten, er⸗ — 105— zaͤhlte ſie die Veranlaſſung ihres Hierſeins.— Aber Alles konnte ſie ja doch nicht ſagen. Dort an der Thuͤr ſtanden ihre Pantof⸗ feln— ſie ſtand hier am Bette— ſie er⸗ ſchrak uber ſich ſelbſt und ſchwieg. Willibald aber hatte eben in dieſen umſtaͤnden das ſtille Bekenntniß ihrer Liebe geleſen. Seine Seele rief Halleluja, und ſeine Augen fuͤllten ſich mit Thraͤnen, denn ſie durfte ja nicht die Seinige werden. Sie trat wieder einen halben Schritt naͤher und fragte furchtſam, ob ſie ihn betruͤbt habe— ob er ſie denn nun gar nicht mehr achten koͤnne?— „O du reines Himmelsweſen!“— rief er entzuͤckt, ergriff ihre Hand und druͤckte ſie an ſeine Lippen, und Thraͤnen rannen heiß darauf hinab.— „Du haſt Kummer?— Herr Baron! Sie tragen ſchweres Leid— o mein Gott, — 106— verzeihen Sie— ich bin ganz verwirrt!“— liſpelte Armida, und auch ihre Augen hatten ſich in maͤdchenhafter Sympathie mit 5 nen gefüllt. „Das darf ſo nicht bleiben!— es muß klar werden zwiſchen uns Beiben,“— ſprach der Juͤngling in einer ſchnell geſam⸗ melten Beſonnenheit:—„Sagen muß ich es dir, damit wir mit vereinter Kraft ent⸗ gegenſtreben.— Ich liebe dich, Armida— mein ſuͤßes holdes Weſen!— Du biſt ja das Ideal meines Lebens— das Hoͤchſte, was ich von Gott erflehen koͤnnte, wäre das Gluͤck deiner Liebe— und doch— nein! ehe ich den Schleier zerreiße— noch einen Augenblick Taͤuſchung!— Armida— o ſprich es aus— damit wir die Große bes Opfers erkennen— Armida— liebſt du mich wieder?“— Zwar hatte das liebende Maͤdchen, im Taumel des ihrem ſo reizbaren Gemuͤthe — 107— ganz wunderbar neuen Hochge fuͤhls, die Andeutungen auf das dunkle Verhaͤngniß nicht verſtanden, aber es war ihr, als ſei mit ſeiner Liebe, mit ſeiner Frage an die ihrige, vor ihren geiſtigen Augen das himm⸗ liſche Gnadenthor aufgethan— als ſei Gott in der Liebe und die Liebe in Gott, und in der Inbrunſt der Anbetung ſank ſie vor dem Lager des Geliebten nieder auf die Kniee, druͤckte deſſen Hand zwiſchen den ihrigen gefaltet an ihr Herz und blickte hinauf zum Ewigen, mit dem begeiſterten Schwur einer hochheiligen Liebe, die treu und unerſchuͤtterlich durch alle Verhältniſſe des Lebens ausdauern ſolle. Leiſe weinend, erſchoͤpft durch die Macht der eignen Empfindung, war ſie mit dem blonden Engelskoͤpfchen auf ſeine Hand niedergeſunken. Willibald fuͤhlte die unmöglichkeit, einer ſolchen Liebe zu entſagen.— Beide waren — 106— ſie viel zu hoch über die Sterne emporge⸗ hoben in dem lautloſen Drange gewaltiger, ſo ſchmerzlich ſuͤßer Gefuͤhle, um zu bemer⸗ ken, wie die Thuͤr aufgegangen war.— Jetzt aber blickte Willibald auf. Unwill⸗ kurlich— mit dem Accent des Entſetzens— rief er:„Meine Braut!“— „Ei, ei!“— rief eine ſpitzige ſpottende Maͤdchenſtimme zuruͤck:—„mein werther Herr Braͤutigam ſcheint es mit der Treue eben ſo genau nicht zu nehmen.“ „Voye⸗ l'innocence!— voila l'en- fant!“— ſpottete die Commiſſionsraͤ⸗ thinn;— aber Armida war zu den Fuͤßen des Bettes niedergeſunken gegen den Bo⸗ den— die Braut des Geliebten hatte ihr mit dem erſten heiligen Wahn der Liebe auch das Leben gebrochen.— Sie war kalt— bewußtlos— bleich.— Ihr Herz hatte aufgehoͤrt zu ſchlagen. Der Traum. Das Teſtament des ſeligen Herrn George Schmolke war an demſelben Tage rite ac sollemniter publicirt worden. Ehren Schmolke und Familie konn⸗ ten wohl damit zufrieden ſein. Funfzigtau⸗ ſend Thaler in Golde baar, ein Weinberg, ein huͤbſches Landhaus, ein Hoͤtel in der Stadt, Alles ganz einfach, ja faſt ärmlich meublirt, dazu ein gar koſtbares Silberge⸗ ſchirr, nie gebraucht, von altmodiger Form, ein Paͤckchen Staatspapiere, Alles in Allem an hunderttauſend Thaler werth: das wa⸗ ren, laut des gerichtlichen Inventars, die gar nicht zu verachtenden Brſionigei⸗ der Erbſchaft. Bei dem Allen aber wollte denn doch die Freude ſich nicht ſo recht in dem Grund der Seele einfinden bei dem guten Pfarrer. — 110— So manches liebe lange Jahr hatte er auf ſeiner kleinen, aber auskoͤmmlichen Pfarrſtelle ſtill und zufrieden gelebt. Bei der Beſcheidenheit ſeiner Wuͤnſche, woran er, durch die Armuth ſeiner Aeltern, von Jugend auf gewoͤhnt war, hatte er in der ſtillen, taͤglich wiederkehrenden Lebensordnung lange ſchon die Ruhe und Behaglichkeit gefunden, welche ſein ohnehin reines und heiteres Gemuͤth vollkommen befriedigte. Emerentia, ſeine Gattinn, dagegen ſprach ſchon von einem Dutzend neuen Hauben, die expreß von Paris verſchrieben werden ſollten, um ſie wider alle Hexen⸗ prozeſſe zu ſichern. Dabei ſollte ein elegan⸗ ter Wagen, ein Paar ſchoͤne Pferde ange⸗ ſchafft werden, und das alte Gerumpel im Hauſe mußte nothwendig ſolchen glaͤnzen⸗ den Moͤbeln weichen, wie hier die Frau Commiſſionsraͤthinn beſaß.— Ueberhaupt das kleine Pfarrhaus— der winzige Blu⸗ — ———— r ———— — 411— mengarten——— O du allguͤtiger Him⸗ mel, der arme Pfarrer ſah ſchon mit blu⸗ tendem Herzen ein liebes altes Stuͤck nach dem andern verſchwinden, ſogar den leder⸗ nen Seſſel mit den großen gepolſterten Backen— am Ende ſeine Pfarre, ſein Landleben, ſeine Ruhe.— „Und Maurentia“— fuhr ſie fort:— „bekommt ein elaſtiſches Ruhebett vom weichſten Sammt, mit Eiderdunen gepolſtert. Es wird ein Koch angenommen, der ſoll weiter kein Geſchaͤft haben, als ihren Ge⸗ ſchmack zu ſtudiren und ihr die liebſten Leckerbißchen zur beliebigen Auswahl zu bereiten. Ein Bedienter traͤgt ſie mir nach, wo ich gehe und ſtehe. Einige Bauerjungen werde ich expreß bezahlen, damit ſie ſich gutwillig von der holden Maurentia krallen und beißen laſſen, wenn ſie uͤble Laune hat, und die herrlichſten Maͤuschen ſollen — 112— ihr zur vergnuͤglichen Motion täglich vor⸗ gelegt werden.“ Dort aber in der Ecke ſaß Armida, das betruͤbte ungluͤckliche Kind, nachdem ſie ſich aus der Ohnmacht erholt, hatte die ſchlafende Maurentia auf ihrem Schooße liegen und klagte der ſuͤßen Vertrauten ih⸗ rer Leiden und Freuden ſo ganz im Stillen all ihr ſchweres Herzeleid. Armida war es, die fuͤr die ganze Erbſchaft wohl die wenigſte Theilnahme hegte.— Willibald verlobt?— dieſe Worte umfaßten das ganze Reich ihrer Ideen.— Die ganze Welt außer Willibald war fuͤr ſie nicht vorhanden. In dieſem Augenblick trat der Commiſ⸗ ſionsrath ein. Es war augenſcheinlich etwas Zerſtoͤrtes, Unſicheres in der Haltung dieſes im Aeußern ganz gewandten Weltmannes, der jedoch im Innern, nur wenigen vertrauten Freunden bemerkbar, nicht ſelten in einer Phantaſiewelt lebte und ſich von gewiſſen, — 113— in der fruheſten Jugend empfangenen Ein⸗ druͤcken nicht ganz frei erhalten konnte. „Ich komme, um Ihnen meine freund⸗ ſchaftliche Theilnahme zu bezeugen. Eine ſo reiche Erbſchaft iſt ein Gluͤck——“ „Oft kehrt das wahre Gluͤck den Ruͤk⸗ ken“— entgegnete der Prediger ahnungsvoll: —„wenn das Scheingluck einkehrt.“ Durch dieſe Bemerkung ſchien der Com⸗ miſſionsrath ſichtbar erheitert zu werden, aber dem ſcharfen Auge der Frauen entgeht ſo leicht nicht die muͤhſam verborgen ge⸗ haltene Gemuͤthsbewegung eines Mannes. „Die ſchönen Goldfritzchen“— ſagte die Pfarrerinn mit mehr Offenheit als Zart⸗ gefuͤhl:—„ſcheinen denn doch dem Herrn Commiſſionsrath ein wenig an's Herz ge⸗ wachſen zu ſein. Das war wenigſtens ein wahres Armenſündergeſicht, was Sie uns da mitgebracht haben.“ 8 — 114— Der Commiſſionsrath erſchrak, warf einen ſchnellen Blick in den Spiegel und ſammelte ſich wieder. Er fuͤhlte, daß jetzt eben das leiſeſte Mißtrauen ſeinen Plaͤnen nachtheilig werden koͤnne, und zog es daher vor, ſelbſt auf die Gefahr hin, ſich laͤcherlich zu machen, einen ſchweren Traum zu er⸗ zaͤhlen, der ihn wirklich in der vergangnen Nacht geaͤngſtigt haͤtte.„Es war“— ſo erzaͤhlte er:— ploͤtzlich hell geworden in meinem Comptoir. Ich ſah keine Flamme. Es war ein magiſches Licht— dann hoͤrte ich kniſtern. Der eiſerne Geldkaſten gluͤhte. Zitternd ſchloß ich auf. Da waren die Goldſtuͤcke der Erbſchaft lauter Gluͤhwuͤr⸗ mer geworden, die aber bald wie kleine Teufel ſich geſtalteten, an mich heraufſpran⸗ gen und mich zwickten wie mit gluͤhenden Zangen.“ Waͤhrend dieſer Erzaͤhlung hatte ſich der Commiſſionsrath, ohne es zu wollen, — — 115— ſelbſt erhitzt. Er blickte einigemal furcht⸗ ſam in allen Ecken des Zimmers umher. Die letzten Strahlen der Abendſonne war⸗ fen den zitternden Schatten der Weinlaub⸗ gehaänge auf die gegenuͤberliegende Wand. Eine aufgeregte Phantaſie mochte darin immer groteske Geſtalten erblicken koͤnnen. Die Pfarrerinn wollte ihm den Traum auslegen.„Feuer,“— ſagte ſie:—„be⸗ deutet Gold— wenn es hell brennt, aber ungluͤck, wenn es nur gluͤht. Soll ich Ihnen rathen, Herr Commiſſionsrath, ſo machen Sie ſich je eher je lieber von dem Golde los— wir koͤnnen morgen ſchon abreiſen. Ihnen bringt es doch keinen Segen.“ „Keinen Segen“— wiederholte der Commiſſionsrath finſter und leiſe vor ſich hin. 8* — 116— 16. Der Vaterfluch. „Der Traum hat vielleicht tiefere Be⸗ deutung— als wir Alle es ahnen“— ſprach der Pfarrer, wehmuͤthig nachſin⸗ nend:—„ich erinnere mich noch, es war eines Sonntages Morgens— mein ſeliger Vater hatte ſich ſchon in den Kirchenornat geworfen, da trat mein aͤlterer Bruder, Georg, herein, mit dem kleinen Reiſebuͤn⸗ del auf dem Rücken, und knieete nieder, um des Vaters Segen zu empfangen zu der Reiſe nach Weſtindien, wohin ihn, der die Handlung erlernt, ein reicher Ohm geru⸗ fen hatte. Der Vater gab den Segen wehmuthig und feierlich. Dann aber erhob er hoͤher die Hand und die volltoͤnende Stimme und ſprach die mir ewig unvergeßlichen Worte: — 117— So du aber den Glauben deiner Vaͤter ver⸗ laſſen, oder den Urrechten der Menſchheit durch Befoͤrderung des Sclavenhandels Vor⸗ ſchub geben wuͤrdeſt, ſo flehe ich hiermit die Strafe des Allmaͤchtigen auf dein Haupt herab— es moͤge dann das ungerecht er⸗ worbene Gold wie gluͤhende Kohlen auf deiner Seele brennen, und mein vaterlicher Fluch treffe ſodann den ewig verdammten Verbrecher an Gott und an der Menſchheit. Tief erſchuͤttert ſtand Georg auf, ſchwur bei dem Allmaͤchtigen, des Vaters Fluch zu meiden, und eilte davon. Mein Vater ging in die Kirche. Kaum hatte er knieend das Vaterunſer geſprochen, ſo ſank ſein Kopf in den Betpult der Kan⸗ zel— die Gemeinde harrte. Der Kuͤſter huſtete. Vergebens. Mein Vater ſtand nicht wieder auf. Ein Schlagfluß hatte ihn getoͤdtet— und ſeinen Fluch beſiegelt. — 118— Vor zwei Jahren erfuhr ich, daß der reiche Pflanzer George Schmolke aus Porto⸗ rico in hieſiger Stadt ſich angekauft hatte. Ich war kraͤnklich damals, ſonſt waͤre ich ſogleich hergeeilt, um mich in die Arme des kaum gekannten Bruders zu werfen. Doch mit dem vollen warmen Herzen der bruͤder⸗ lichen Liebe ſchrieb ich an ihn und beſchwur ihn, mein Haus als das ſeinige zu betrach⸗ ten, und mir die Freude zu goͤnnen, ein Herz voll Liebe an das ſeinige zu druͤcken. Mit umgehender Poſt langte ein Brief an unter meiner Adreſſe. Von ihm, von ihm!— rief ich jubelnd — Frau und Kind, Knecht und Magd rief ich herbei— ſie ſollten alle meine Freude theilen. Selbſt Maurentia ſaß horchend auf dem Tiſche. Jetzt erſt erbrach ich das Siegel.— Kein Schreiben— keine Zeile von ſeiner Hand!— ſtatt deſſen ein Zei⸗ — 119— tungsblatt in engliſcher Sprache. Von Portorico war ein roth vorgeſtrichener Ar⸗ tikel datirt. So eben— hieß es dort— läuft das Schiff: die Freiheit— ein⸗ mit dreihundert Negerſtlaven, welche fuͤr Rech⸗ nung des Hauſes George Schmolke auf der Kuͤſte von Kongo geladen ſind. Der geehrte Chef dieſes Hauſes, ein Deutſcher, iſt geſtern in den Schooß der roͤmiſch⸗ka⸗ tholiſchen Kirche zuruckgekehrt, nachdem er feierlich den evangeliſch⸗ lutherſchen Glau⸗ ben abgeſchworen hatte. Da hielt ich den Vaterfluch in meinen zitternden Handen— und darum iſt keine Gemeinſchaft zwiſchen uns geweſen— und darum brennt das von meinem Vater ver⸗ uͤnſchte Gold auf der Seele des Ungluͤck⸗ lichen, wie in der Hand eines jeden Be⸗ ſitzers.— unrecht Gut gedeiht einmal nicht.“— — 120— „Fromme Verwendung wird es wieder heiligen,“— flſterte ganz leiſe, doch den Eltern vernehmbar, das liebliche Maͤdchen. An beide Geſchichten knuͤpften ſich nach und nach eine Menge Beiſpiele von bedeut⸗ ſamen Traͤumen und erfuͤllten Ahnungen an. Man kam auf die ſo vielfach beſpro⸗ chene Moͤglichkeit einer Erſcheinung nach dem Tode, beſonders ſolcher Menſchen, die noch eine ſchwere Schuld auf Erden zu loͤ⸗ ſen hinterlaſſen haͤtten. Der Commiſſions⸗ rath ſuchte erſt mit einem ſichtbar erzwun⸗ genen Spoͤtteln ſolche Moͤglichkeit, als der geſunden Vernunft entgegenlaufend, zu laͤug⸗ nen. Doch der Pfarrer ſprach mit der ſteigenden Begeiſterung eines kindlich from⸗ men Glaubens:„Gott der Allmaͤchtige iſt wunderbar und groß in ſeinen Werken und unerforſchlich in ſeinem Wandel. Des Menſchen Wiſſen dagegen iſt eitel Stuͤck⸗ werk. Vermeſſen bleibt es daher— die — ,— —,—— — —,— —— Noglichkeit der Wunder, welche die heilige Schrift uns aufbewahrt hat, bezweifeln— alle Einwirkung der Geiſterwelt, einer hoͤhern Ordnung auf den Organismus der Men⸗ ſchenwelt in Abrede ſtellen zu wollen, nur darum, weil wie kurzſichtigen Menſchen die Moͤglichkeit davon nicht begreifen, nicht entraͤthſeln können.— Wer hat je noch in dem Begriff: Ewigkeit— ohne Anfang, ohne Ende— nach menſchlichen Berech⸗ nungen die Moͤglichkeit ergruͤndet, und doch ſteht dieſer Begriff: Ewigkelt— feſt und unerſchuͤtterlich da in unſrer Seele— denn er iſt die Säule unſres Glaubens an Gott. Wer da glaͤubet, der wird ſelig werden— wer aber zweifelt, der wird verderben in alle Ewigkeit— Amen!“— So überzeugend hatte der Commiſ⸗ ſionsrath noch nicht uͤber dieſen Gegenſtand reden gehoͤrt. Jedes Wort mußte aber auf dem tiefſten Grunde ſeiner Seele den Bo⸗ — 122— den finden, worauf es keimen und fortwu⸗ chern konnte. In ſeinen Knabenjahren hatte eine fehlerhafte Erziehung ſeine Phantaſie mit Wundergeſchichten angefuͤllt. Mit Ge⸗ ſpenſtern drohend hatte man den unarti⸗ gen, verzogenen Liebling ſeiner Mutter zur Ruhe gebracht. Solche Eindruͤcke bleiben oft haften und bilben in der Seele ſelbſt des gewandteſten Weltmannes, welchem Jahrelang die Zerſtreuungen des Lebens keine Einkehr in ſich ſelbſt geſtatten, einen dunkeln myſtiſchen Hintergrund. Dort gau⸗ keln in den Stunden der Erſchuͤtterung des Gemuͤths dann die unverſtandenen Ahnun⸗ gen und ſpukhaften Schreckbilder umher. Ein eiſiges Froͤſteln ergreift ſolche Men⸗ ſchen ſchon, wenn ſie nur um Mitternacht uͤber einen Todtenacker gehen. Sie ſpotten ihrer Furcht und zittern, indem ſie ſpotten. Sie fordern die Geiſterwelt heraus, und entſetzen ſich vor ihrer eignen Stimme.. —— — — 123— Eben eine ſolche Schwaͤche verrieth ſetzt der ubrigens ſehr aufgeklärte Commiſ⸗ ſionsrath, indem er den Pfarker bei der tiefen Abenddaͤmmerung, die ſchon herrſchte, in eine der Fenſtervertiefungen fuͤhrte und ihm ganz heimlich bekannte, daß ſein ge⸗ ſunder Verſtand es fuͤr Thorheit halte, aber er ſelbſt ſich nicht losmachen koͤnne von einem geheimen Grauen, wenn er nur an die Moͤglichkeit denke, daß es manches Ge⸗ heimniß in der Natur gebe, wovon ſich der Aberwitz der Menſchen nichts traͤumen laſſe. Sein Gemuͤth war im hohen Grade aufgeregt. Er hatte faſt den eigentlichen Zweck ſeines Beſuchs vergeſſen oder wagte wenigſtens jetzt nicht, nach ſolchen Geſpraͤ⸗ chen damit hervorzutreten. Es dämmerte ſchon tief, da brachten die Bedienten die hellſtrahlenden Wachsker⸗ zen, und er athmete wieder freier. — 124— 17. Da s Codieih Zugleich trat auch die Commiſſions⸗ raͤthinn ein, und fragte den Pfarrer, was er zu dem wunderlichen Codicill ſeines Erb⸗ laſſers geſagt habe? „Allerdings“— warf Paſtor Schmolke dazwiſchen:—„rechtfertigt der Schluß des Teſtaments die Vermuthung, daß ſich noch ein Codicill finden wuͤrde.“ „Ich glaube, mein Herr Gemahl“— ſagte die Commiſſionsraͤthinn, mit einem ſtechenden Blick auf ihren Gatten:—„ber⸗ gaͤße Frau und Kind, wenn ich mir nicht bisweilen die Freiheit naͤhme, ihn an unſer Daſein zu erinnern.“ Der Commiſſionsrath ſchauderte inner⸗ lich zuſammen; dann erhob er ſich und ſprach ſo gepreßt, als haͤtte er eben einen — 125— ſchweren Kampf mit ſeinem Gewiſſen beſei⸗ tigt:—„Das Unangenehme, werther Freund, ſchiebt man gern ſo lange als moͤglich hin⸗ aus, und doch wird nichts damit gebeſſert. Das Codicill hat ſich wirklich gefunden, es enthaͤlt eine kleine, wenn auch vielleicht Ih⸗ nen etwas laͤſtige Bedingung.“ Damit uͤberreichte er dem Prediger ein mit: George Schmolke, unterzeichnetes und mit deſſen Wappen unterſiegeltes Papier. Nicht ohne Ruͤhrung betrachtete der gute Prediger die theuern Zuͤge ſeines leib⸗ lichen, ſo ungluͤcklich geweſenen Bruders, die ihm voͤllig neu waren; denn fruͤher hatte er nie etwas von der Handſchrift deſſelben geſehen. „Ferner verpflichte ich meinen Erben“— ſo lautete die Schrift:—„meinen alten treuen Freund Marko nicht allein bis an ſeinen Dod zu verpflegen, ſondern auch — 126— demſelben keine andre Wohnung als in ſei⸗ nem eignen Wohnzimmer anzuweiſen. Wuͤrde aber mein Bruder und Erbe Bedenken tra⸗ gen, dieſen meinen Freund Marko unaus⸗ geſetzt um und neben ſich zu dalden, ſo ſehe ich dieſes als einen Beweis unbrüder⸗ licher Geſinnungen an, enterbe auf dieſen Fall meinen Bruder, und will an deſſen Statt denjenigen als Univerſal⸗Erben ſub⸗ ſtituiren, der von Gerichtswegen mit der Teſtamentsvollſtreckung beauftragt worden und ſich dieſer Bedingung unterziehen wird. Zugleich verordne ich, daß mein Freund Marko mindeſtens einmal in jeder Woche mit der Lieblingsſpeiſe bewirthet werde, welche meine Neger John und Jack nam⸗ haft machen werden.“ „O du mein Himmel, du machſt mich gluͤcklich!“— rief der Prediger mit inni⸗ ger Waͤrme:—„willkommen ſei mir die Gelegenheit, den letzten Wunſch meines —— Bruders zu erfuͤllen.— Laßt den ehrlichen Marko herbeikommen— er ſoll mein Freund und Bruder ſein—“ „Und ich werde ihm ſogar das Ta⸗ backsdampfen zu gute halten,“— ver⸗ ſicherte die Pfarrerinn. „In mir“— lispelte Armida—„wird der Freund meines Oheims immer eine dankbare Pflegerinn finden.“ Der Commiſſionsrath klingelte. „Marko ſoll kommen!“— rief er dem eintretenden Diener zu. Gleich darauf traten zwei graͤuliche Reger ein und fuͤhrten, an doppelten Ket⸗ ten gehalten, einen ehtuefß zottigen Wolfshund herbei. „Da iſt Marko“— ſagte der Com⸗ miſſionsrath mit einem ſcheuen Blick. Der Hund knurrte und riß in die Ket⸗ ten, um auf Maurentia loszuſpringen. —— Dieſe aber ſchmiegte ſich furchtſam hinter Armida und drohte mit krummem Ruͤcken und aufgeſträͤubtem Haar den Erbfeind al⸗ ler Katzen zu empfangen. „Hu Marko!— Braten!— ſekt Bra⸗ ten fuͤr Marko!“— rief ſchmunzelnd die eine der Teufelslarven. „Ah Maſſa!— atz Leibgericht fuͤr Marko— alle Sonntag ein Katz. Gleich kapores, Maſſa!— ſoll ſehn— loslaſſen Marko!— Katz kaput!“— grinſete der Andre.— „Fort— fort— hinaus!— um Gott hinaus!“— riefen alle Drei— und um⸗ ſtellten, wie die Henne das Kuͤchlein gegen den Habicht zu ſchuͤtzen ſucht— die Maurentia. Marko wurde abgefuͤhrt. — 129— 18. Entſagung. „Aber was wird aus der Erbſchaft werden, bei ſo unfreundlichen Geſinnungen gegen den armen Marko?“— fragte die Commiſſionsraͤthinn mit heimlicher Freude. „Hätte ich nicht Frau und Kind zu bedenken,“— entgegnete der Pfarrer mit feierlichem Ernſt:—„ich haͤtte das Fluch⸗ und Blutgeld, an welchem die Thraͤnen gegeißelter Sclaven haͤngen, ſchon fruͤher von mir gewieſen.“ „Ich habe mehr verloren, als das arme Gold“— ſeufzte Armida ganz leiſe, und ſchmeichelnd legte ſie ihre vom Liebes⸗ gram ſchon etwas gebleichte Wange an die ſeidenweiche Maurentia:—„Du biſt ja noch die einzige ſtille Vertraute meines — 4 Herzens— mein fuͤßer Liebling— nicht um Millionen wollte ich dich miſſen.“ „Keine Pariſer Hauben!“— rief die Pfarrerinn:—„moͤgen ſie mich noch zehn⸗ mal einfangen als Ackerhere!— Keinen eleganten Schwimmer!— keine Pferde!— keine Moͤbeln!— nur meine Maurentia und das ſtille Gluͤck,— dann fort, fort mit dem Suͤndengeld!“— „O ihr Guten!“— ſprach der Paſtor und umfaßite mit dem einen Arme ſeine Emerentia, mit dem andern ſeine Armida, und ſchnurrend draͤngte ſich Maurentia auf ſeinen Schvoß:—„o habe ich euch, ihr drei Lieblinge meiner Seele, dann habe ich Alles, um gluͤcklich— uͤbergluͤcklich zu ſein. Genugſamkeit, ein heitres Gemuͤth und des Hauſes ſtiller Frieden geht ja uͤber allen Glanz und Prunk der eitlen Welt.— So kehren wir denn zuruͤck, arm— aber gluͤck⸗ — 131— lich auf unſer liebes Doͤrfchen und danken es der trauten Maurentia, daß ſie uns alle⸗ ſammt wider den ⸗„Teufel be⸗ wahrt hat.“— O hierher blicket, ihr Veltkinber, die ihr, mit hundert Freunden begabt, nicht Freundſchaft, nicht Liebe begreifen lernt— die ihr, umgaukelt von den Sinnengenuͤſſen des Lebens, von dem Glanz des Reich⸗ thums, von der prunkenden Eitelkeit der Weltluſt, raſtlos nachjaget, um das Gluͤck zu haſchen, und nimmer es erjagen werdet. Hierher ſchauet in dieſes Stillleben voll Liebe und Eintracht!— ſeht!— hier ſind Herzen voll Liebe— die in dem unuͤber⸗ ſchwenglichen Reichthum an Liebe auch den vernunftloſen Gegenſtand ihrer gemeinſchaft⸗ lichen Sorge und Pflege mit eingeſchloſſen haben in den Blumenkranz ihrer Herzen⸗ Ihr opfert eure Liebe fuͤr Gold— ihr weiſet das treue gluͤhende Herz des unbe⸗ 9* — 132— mittelten Liebenden zuruͤck und leget, kalt und hart wie die Brillanten, welche euch bedecken, eure Hand in die des reichen Freiers;— hier aber werden reiche Schätze der Welt zuruͤckgewieſen, um nur nicht die Liebe zu einem huͤlfloſen Weſen 3ufgebt⸗ zu muͤſſen. Dem Commiſſionsrath waren die Thraͤ⸗ nen in die Augen geſchoſſen.— „Alwine“— ſagte er zu ſeiner Gattinn leiſe, aber tief bewegt:—„was muß ich fuͤhlen?— Dort eine idylliſche Unſchulds⸗ welt— hier der Verbrecher mit dem laſten⸗ den Bewußtſein der erſten ſchwarzen, ernie⸗ drigenden That. O, haͤtte ich dieſes Bild der Genuͤgſamkeit fruͤher geſehen— hattet ihr Alle gelernt, eure Wuͤnſche auf den engen Kreis des Hauſes— auf einen Lieb⸗ ling aus der Thierwelt zu beſchraͤnken, ich duͤrfte jetzt nicht hier ſtehen und zittern vor den Blicken jener engelreinen, ſchuld⸗ — 133— loſen Menſchen.— Bedenke, Alwina! und ſchaudere— dieſer Betrug iſt meine erſte Suͤnde.“— „Mais hélas!— wozu die Tiraden“— entgegnete die Commiſſionsraͤthinn kalt:— „il faut hattre le fer pendant qu'il est chaud!“— „Weib!“— ſprach er mit gedaͤmpfter Stimme und druͤckte krampfhaft ihren Arm:—„Du biſt der gefallene Engel⸗ welcher mich nachzieht zur Hoͤlle.“ Damit ſtand er auf und naͤherte ſich, kalt entſchloſſen, das angefangene Werk zu vollbringen, dem gluͤcklichen Familienkreiſe des Landpredigers.. „Kaum kann ich mir denken, daß es Ihr Ernſt ſein koͤnnte, zu entſagen“— hob er an. „Feſter, heiliger Ernſt!“— verſicherte der Pfarrer. — 14— „Zumal“— fuhr der Commiſſionsrath fort:—„durch eine Kleinigkeit Ihr Be⸗ denken gehoben werden koͤnnte. Sie geben Ihr Kaͤtzchen bei guten Leuten in die Koſt—“ „Maurentia!“— riefen alle Drei:— „von dir mich ſcheiden?— Dein armes, freudenloſes Daſein in gemiethete, liebeleere Haͤnde geben?— O nimmermehr— nicht um aller Schaͤtze der Erde willen.“ „So werden Sie alſo den Entſagungs⸗ akt ſchreiben und fuͤrchten keine Reue?“— fragte mit ſteigender Theilnahme der Com⸗ miſſionsrath. Der Pfarrer laͤchelte ſtatt der Antwort und oͤffnete den Sekretair. Mit feſter Hand ſchrieb er die Ent⸗ ſagungs⸗Urkunde und hielt ſie noch einmal laͤchelnd, mit einem fragenden Blick auf Frau und Tochter, zwiſchen den Fingern. Als dieſe nun freundlich und beifaͤllig nick⸗ — 135— ten, uͤbergab er das Blatt dem Commiſ⸗ ſionsrath und ſprach:—„Moͤge der Herr der Welten damit Freude und Gluͤck. uͤber Ihr Haus ergießen,— ſo habe ich doch wenigſtens das Bewußtſein als ein benei⸗ denswerthes Erbtheil behalten— daß ich durch meine Liebe und Genugſamkeit gluck⸗ liche Menſchen gemacht habe.“ „Menſch!“— ſagte der Commiſſions⸗ rath mit gedaͤmpfter, von einer großen, inneren Bewegung faſt erſtickten Stimme und nahm das Blatt und druckte es krampf⸗ haft in der eiskalten Hand zuſammen:— o Menſch! du biſt beneidenswerth gluͤck⸗ lich— und ich bin beneidenswerth un⸗ gluͤcklich.“ Damit ſchritt er hinaus, gerettet vom Untergange, reicher um hunderttauſend Tha⸗ ler, aber— belaſtet mit der erſten ſchweren Schuld auf ſeinem Gewiſſen.— — 136— Der Pfarrer kußte ſeine theuer erkaufte Maurentia. Es war ihm, als hätte er jetzt das Thierchen noch um zehnmal lieber gewonnen, denn die Liebe waͤchſt mit der Groͤße der Opfer, die ſie dargebracht hat. . ————— — 137— 19. Die Blockade. Während oben in einem der Fremden⸗ zimmer Geſpenſter und Freund Marko und das Hunderttauſendthaler⸗Kaͤtzchen eine komiſch⸗ groteske Schickſals⸗Tragoͤdie ein⸗ geleitet hatten, ſaßen unten in der großen Familienſtube zwei ſtumme Figuren, die man kaum noch in der tiefen Abenddaͤm⸗ merung erkennen konnte. Der braune Lockenkopf am Fenſter gehoͤrte dem jungen Baron.„f dem Fauteuil hinter dem Ofen, ſo recht im dunkelſten Schmollwinkelchen, ſaß Iduna. Jener trommelte Reveille und Zapfenſtreich mit den Fingern an den großen Spiegel⸗ ſcheiben und ſtarrte im wirren tollen Ge⸗ dankenſpiel hinab auf die Gaſſe, wo ſchon das raſtloſe Treiben der Menſchen anfing — 138— eine dunkle bewegliche Maſſe zu bilden. Das Weltkind aber dort im Schmollwin⸗ kelchen ſchien bereits mehr mit ſich ſelbſt einig geworden zu ſein. Es warf einen halben Seitenblick heruͤber nach dem huͤb⸗ ſchen Wirrkopf und aͤrgerte ſich eigentlich ein wenig uͤber ſich ſelbſt. Daß ihr der Dorfjunker, der Oelgoͤtze, mit ſeiner ſteifen Haltung, mit ſeinem Erroͤthen und der ganz abſcheulichen Blodigkeit vollig uuausſtehlich geweſen war, das wußte ſie noch ſehr genau— aber ſeit geſtern Abend— der junge Menſch mußte es ihr angethan haben⸗ „Ds war ja ein wahrer Gyps⸗Apoll, ſo ganz auf einmal, ſo bildhuͤbſch war er geworden“— geſtand ſie ſich ſelbſt ganz leiſe:—„und eine Appretur hat er bekom⸗ men, daß man das ganze Junkerchen fuͤr ein extrafeines Vigogne⸗Tuch halten ſollte.— Hunderttauſend Maͤdchen, die Tonnen Goldes ſchwer ſind, wuͤrden alle — 139— zehn Finger danach kuͤſſen, wenn ihnen der Himmel einen ſolchen Ausbund von Schoͤn⸗ heit als Braͤutigam zufüͤhren ſollte. Zu⸗ dem— das muß ein Blinder ſehen, ſolche friſche kraͤftige Naturen, wie dort mein ſtummer Herrgott, ſind heut' zu Tage wahre Wunderthiere.— Betrachte ich mir nur meinen Finken— es iſt wahr, eine goͤtt⸗ liche Tournuͤre hat der Menſch— aber daß er Roth auflegt, iſt doch ſo gewiß, als zwei mal zwei vier iſt;— dann da den jungen Greuel und Compagnie, den forcir⸗ ten Faſhionable mit den hohlen Wangen und tiefliegenden matten Augen, und alle die bleichen Comtoirmenſchen— hu!— ils sont passés les jours de Féte!— Und dieſen meinen Paradiesvogel, der von Gott und Rechtswegen in meine Netze flattert— dieſen Goldfiſch, der an meiner Angel haͤngt, ſollte mir ſo ein Dorfgaͤnschen vor dem Munde wegſchnabeliren?— und alle Welt — 140— ſollte mich auspochen, wie eine verlaſſene Dido?— Nun und nimmermehr!— Aber wie den ſtummen Fiſch zum Reden brin⸗ gen?— wie den ſteinernen Peter erwaͤr⸗ men?— nein— nun wird die Sache in⸗ tereſſant— ich muß ihm naͤher ruͤcken.“ Sie ſtand auf und warf ſich ſeufzend auf den ſchwellenden Divan, der naͤher am Fenſter ſich befand. Auf ſeine Anrede hoffte ſie vichisehe Wie war es auch moͤglich, daß der junge Menſch etwas Andres denken konnte?— Seine Seelenangſt war eben nicht feder⸗ leicht. Aber immer mehr, von Minute zu Minute, trommelte er ſich Gemuͤthsruhe zuſammen.„So viel“— berechnete er— „war ausgemacht: kam die Geſchichte von heute Morgen erſt an die große Glocke, ſo war der unbeſcholtne Ruf des armen Maͤdchens— des lieblichſten aller Himmels⸗ kinder— auf ewig verloren. Die Com⸗ — 141— miſſionsraͤthinn kannte er genug, er hatte ſie nur ein einziges Mal eine ganz unbe⸗ deutende Geſchichte wieder erzaͤhlen hoͤrenz aber du Himmel, was war aus der Ge⸗ ſchichte geworden?— Auch Iduna wird ein Hallo blaſen.— Das Wenigſte, was ich dem lieben, unſchuldigen Kinde zu lei⸗ ſten verbunden bin, iſt doch wohl Sicherung ſeiner Ehre gegen die argen Laͤſterungen.— Aber wie?— die Sache iſt hoͤchſt delikat— Bitte ich geradezu, ſo macht meine Theil⸗ nahme an dem Maͤdchen die Geſchichte noch dreimal aͤrger. Nichts alſo von Ar⸗ miden— ich muß die Sache ſo vorſtellen, daß meine eigene Ehre geſchont werden muͤßte.— Dann aber werden ſie ſagen, ich ſoll wieder gut machen— Iduna— das widerwaͤrtige Geſchoͤpf, die mich um meine hoͤchſte Erdenſeligkeit betrogen hat— heirathen—— nein das geht auch nichts aber wie— wie dann?“— —— Sorgenvoll hatte er die heiße Stirne gegen die Fenſterſcheiben gelehnt und traͤumte noch einmal alle die lieblichen Bilder durch, welche ſeit geſtern ſeine ganze Welt aus ihren Angeln gehoben hatten— da ſchrak er ordentlich zuſammen.— So leiſe, ſo ſchwaͤrmeriſch, ſo innig Iduna's Floͤten⸗ ſtimme auch fragte:—„Fehlt Ihnen et⸗ was, guter Willibald?“— ſo war es doch immer ihre Stimme— die Stimme, welche kaltend, ſchneidend in die Poeſie ſeines hei⸗ ligſten innerſten Lebens hineinfuhr.— Aber es war ja fuͤr Armida— er bedachte ſein Ziel— der Verlobten das Verſprechen des Schweigens abzulocken und ſetzte ſich neben dieſelbe auf den Divan, indem er mit gro⸗ ßer Selbſtüberwindung freundlich ihre Hand ergriff und fuͤr ihre Theilnahme dankte. Haͤtte der gute Willibald nur die arge Welt in ihrer Ueberfeinerung und fur den Naturmenſchen ganz unbegreiflichen Ver⸗ — 143— kehrtheit gekannt— er wuͤrde weniger ſor⸗ genvoll bei ſeiner ungeliebten Braut geſeſ⸗ ſen haben. Aber er wußte ja nicht, daß die Welt mehr ſich fuͤrchtet, ein Ridicul zu geben, als eine ſchwache Seite blicken zu laſſen— daß Iduna, wenn die Pantoffel⸗ geſchichte zur Sprache kam, als der duͤpirte Theil ausgelacht worden waͤre, waͤhrend man die Pfarrerstochter, mit ihrem kleinen Kler an der Ehre, binnen vier Wochen vergeſſen gehabt haͤtte; daß alſo die ſo weltkundige Commiſſionsraͤthinn und ihr ſchlaues Toͤchterchen eher alles Andre als die in ihren Augen ſo anſtoͤßige Geſchichte ausgebracht haben wuͤrden— und haͤtte es ihm Einer mit heiligen Eiden zuge⸗ ſchworen, er wuͤrde es in der Unſchuld ſei⸗ nes Gemuͤths nicht haben glauben koͤnnen⸗ unvermerkt waren Beide in ihren Ge⸗ ſpraͤchen, welche das kluge Weltkind ſo ge⸗ ſchickt zu leiten gewußt hatte, traulicher — und waͤrmer geworden. Jetzt, glaubte er, ſei es Zeit von der Sache zu reden, die ihm bald das Herz abdruͤcken wollte; allein bruͤhſiedendheiß wurde er uͤber und uͤber, wenn er nur an den himmliſchen, ſeligen— ungluͤcklichen Augenblick dachte. Halb leiſe ſtammelte er einige kaum verſtaͤndliche Worte— wie dankte er Gott, daß es beinahe ſchon ganz dunkel war. Er haͤtte ja in die Erde ſinken moͤgen vor Scham, wenn ſie ſeine Glutroͤthe geſe⸗ hen haͤtte. 6 Iduna horchte. Sie verſtand die Worte:—„Armida— Pantoffeln— Bett argloſe Unſchuld— Heiligkeit des guten Rufs— ewige Verſchwiegenheit geloben“— „Aha!“— lachte das Weltkind in ſich hinein:—„alſo da hinaus will der Monſieur?— Nun wart— jetzt haben wir ſein Herz an der Haarnadel ſtecken und — 145— können es braten und nien nach Her⸗ zensluſt.“— „Willibald,“— hob ſi ſie an, mit aller Weichheit einer hoͤchſt melodiſchen Stimme, „mein armer Freund, ehren Sie den Zart⸗ ſinn, welcher mich ſchweigen heißt uͤber je⸗ nen unſeligen Augenblick, der mir die Ruhe meines ganzen Lebens geraubt hat. Ich bekenne, daß unſer bisher leider ſo frem⸗ des Verhaͤltniß Sie gewiſſermaßen berech⸗ tigte, in kleinen Debauchen Ihre Erho⸗ lung zu ſuchen. Willibald, ſoll denn das nimmer anders werden?— Laſſen Sie uns goldne Fruͤchte aus dieſer theuer erkauften Lebenserfahrung ſammeln. Heilige Geluͤbde haben uns ja Eine fuͤr den Andern zu Le⸗ bensgefährten beſtimmt.— Seit Jahren bin ich deine Braut, Geliebter— und bin deine Wittwe geweſen— wir haben An⸗ weiſung auf die Liebe empfangen und die⸗ ſen Wechſel, auf den Erdenhimmel indoſſirt * — 146— mit Proteſt zuruͤckgewieſen. Wie ſoll das werden— wie ſoll das enden?“— Sie hatte, traulich und dreiſt gemacht durch die tiefe Dämmerung, ihren elaſti⸗ ſchen, fein gerundeten Arm um ſeinen Nak⸗ ken geſchlungen, und ſich ſo ganz in den Traum eines gluͤcklichen Liebesverhaͤltniſſes hineingeſprochen, daß ſich unwillkuͤhrlich ihre ſchwellenden Lippen ſchon denen des unmerklich, doch in hoͤchſter Seelenangſt zuruͤckweichenden Juͤnglings genaͤhert hat⸗ ten. Ihre Glutblicke konnte er ja nicht ſehen, ſie mußte alſo mit Worten vollen⸗ den, um ſein ſproͤdes Herz zu ſchmelzen. „Mein Gemuͤth“— ſagte ſie:—„iſt ſo tief bewegt. Der Augenblick, wo ſich das Herz zum Herzen findet, iſt ſo erha⸗ ben, ſo feierlich.— Laß uns ſchwoͤren, Willibald, ſchwoͤren mit heiligen, theuern Eiden, daß wir Hand in Hand, mit Liebe und Treue——“ * — 147— „Engliſches Fraͤulein!“— rief plotz⸗ lich das Schelmengeſicht Liſettens zur Thuͤr herein:—„Fgeſchwind, geſchwind— um tauſend Gottes willen! es ſtehen denn doch gleich mir nichts dir nichts neun und neunzig Schock Millionen Menſchenleben auf dem Spiel—“ „Wirſt du ſchweigen, Unſinnige!“— gebot Iduna aufſpringend, bitterboͤſe dar⸗ ber, daß ihr ſo ſchmaͤhlich die allerſchoͤnſte Tirade in Grund und Boden gefahren war.— „Was giebts den ſchon wieder?“— fragte ſie draußen, zwiſchen Neugier und Unmuth ſchwankend:—„Du ſiehſt ja, ich 4 habe ein téte 4 téte zu beſorgen—“ Ale Mauschen!“— lachte das Maͤt⸗ chen:—„der Herr Braͤutigam ſind da?— Haͤtte ich mir denn doch eher von Pfann⸗ kuchen und Gurkenſalat traͤumen laſſen, als 10 — 148— ſo etwas— da iſt es denn doch mir nichts dir nichts noch ein vernuͤnftiges Gluͤck, daß un⸗ ſer eins ſchweigen kann, wie ein gebratner Fiſch— haͤtte ich da mit meiner Beſche⸗ rung herausgeplatzt, das waͤre mir nichts dir nichts eine ſchoͤne Proſtemahlzeit ge⸗ worden.“ „Nun, was giebt's denn ſo eilig?“— „Ach, mein gutes Fraͤulein— die Augen ſtehen mir voll Waſſer, als hätte ich mir nichts dir nichts friſchen Zwiebelkuchen ge⸗ geſſen. Nein, aber ſo etwas— der Menſch hat Sie auch ein jar zu judes Gemiethe. Was die ſchoͤne Seele Sie gut iſt— Sie glauben's gar nicht—“ „Willibald?“— fragte Iduna, halb in Gedanken ſeufzend. „Nee— nun geht mir die Lampe aus!“— rief Liſette und ſchlug beide Haͤnde in einander:—„kommen Sie nur— man „ — 149— darf hier keinen Finken und keinen Lieut⸗ nant nennen. Die Waͤnde haben Ohren, ſo lang wie die Eſel“— fuhr ſie dann heim⸗ licher fort:—„aber ſchon ſeit einer Stunde ſitzt die gute Seele mir nichts dir nichts unten in meinem Stuͤbchen und ſchwoͤrt mir Stein und Bein darauf, daß er ſich mit dem Baron uͤber das Schnupftuch auf Kanonen ſchießen will— kommen Sie um des Himmels willen und reden Sie ihm die Mordgedanken aus— ich kann nicht einmal einen Schafskopf bluten ſehen.— Und dann, was die kurzen Modeſten zu der neuen Paradeuniform betrifft——“ „O ſchweig, Plaudertaſche!“— gebot Iduna hoͤchſt unmuthig und konnte doch das Lachen nicht laſſen. Jetzt erſt erſchien ihr der Lieutenant in ſeiner ganzen Flach⸗ heit. Es war ihr heute zum erſten Male in ihrem Leben die Ahnung von einem hoͤ⸗ — 150— hern Maͤnnerwerthe aufgegangen, und ſie uͤberzeugte ſich, daß ſie dieſe als die naͤchſte Gelegenheit ergreifen muſſe, um ſich von der ihr jetzt ſo laͤſtig werdenden Zudring⸗ lichkeit des ſogenannten Anbeters loszu⸗ machen. Sie folgte daher dem vertrauten Kammermaͤdchen in ihr verborgenes Hin⸗ terſtuͤbchen. Hoſchzeit⸗ Gleich darauf trat die Commiſſions⸗ rathinn in das Familienzimmer, wo Willi⸗ bald allein in tiefen Gedanken ſaß. „Herr Sohn“— hob ſie an:—„es iſt mir lieb, daß ich Sie allein treffe. Ge⸗ wiſſe Umſtaͤnde machen es nothwendig, daß wir Beide mit einander ein ernſthaftes Wort reden uͤber eine der wichtigſten An⸗ gelegenheiten des Lebens.“ „Das war auch mein Wunſch,“— entgegnete Willibald:—„Ein ungünſtiger Zufall, ja ſelbſt die eigene Unvorſichtigkeit der Pfarrerinn, hat den Ruf, das Wohl und Wehe, ja das ganze Lebensgluͤck eines unſchuldigen Maͤdchens in Ihre Hand ge⸗ legt; ich ſchmeichele mir mit der Hoff⸗ nung—“ — 152— „Sie kommen meinen Bemerkungen entgegen, Herr Sohn!“— fiel die Com⸗ miſſtonsräthinn ſehr ernſthaft ein:—„Sie werden fuͤhlen, daß ich erroͤthen mußte, dieſe Saite zu beruͤhren; dagegen aber auch nicht verkennen, wie ſehr ein Mutterherz in Sorge fuͤr das kuͤnftige Wohl eines Kin⸗ des zittern muß, wenn ſich der Verlobte derſelben erlaubt, ein ſolches mehr als zweideutiges Verhaͤltniß zu unterhalten—“ „Frau Commiſſionsraͤthinn!“— rief Willibald, voll Schreck keines Wortes wei⸗ ter maͤchtig.— „Sich nicht ſcheut,“— fuhr dieſe fort:—„ſelbſt in dem Hauſe der Braut ein dummes Geſicht vom Lande zu ver⸗ fuh„ „Frau Commiſſionsraͤthinn!“— ſprach Willibald, in tiefſter Indignation aufſte⸗ hend:—„vollenden Sie das Wort nicht, — 153— oder bei Gott dem Allmächtigen! Sie haben mich auf ewig von Ihrer Schwelle ver⸗ bannt.“— Die Commiſſionsraͤthinn wunderte ſich uͤber den entſchloſſenen Ton des Junkers, welchen ſie dem ſtillen, beſcheidenen jungen Menſchen nicht zugetraut hatte, fuͤhlte aber ſogleich, daß ſie zu weit gegangen war, und lenkte ein. „Nun, ſein Sie nur ruhig“— ſprach ſie laͤchelnd:—„das brauſet gleich bei den zungen Leuten wie in Schillers Taucher: wie wenn Feuer und Waſſer ſich miſcht.— Ich bin ſelbſt jung geweſen— kenne die Welt, die Gewalt der Leidenſchaft, bin uͤberhaupt durchdrungen von der Humanitaͤt unſeres Jahrhunderts und weiß ſolche kleine Schwachheiten zu nehmen. Ich habe ſchon zu meiner Tochter geſagt: ſchlag dir die Grille aus dem Kopfe— die Treue — 154— der Maͤnner bekommt bei jeder Schuͤrze einen Leck und faͤhrt dann doch am Ende immer noch ganz ſtolz wie der Wrack eines Dreideckers in den Hafen der Ehe ein.“ „Ihre Andeutungen, Frau Commiſ⸗ ſionsraͤthinn!“— ſagte Willibald ſtolz und kalt:—„in Beziehung auf mich zu wi⸗ derlegen, halte ich unter meiner Wuͤrde. Sie wuͤrden mein Gefuͤhl tiefer verletzen, wenn— verzeihen Sie, der gerechte Un⸗ wille draͤngt mir das unzarte Bild auf— wenn ich mich nicht zu beſcheiden wüßte, daß aus einem Sumpfe ſich nur Moder ſchoͤpfen laͤßt. Ihre Weltanſichten ſind, ohne Ahnung von Menſchenwuͤrde, aus dem Sumpfe der Frivolität geſchoͤpft; die meinigen aber habe ich am Buſen der Natur und an dem reinen Herzen edler Menſchen eingeſogen. Mich ſchaudert wo Sie laͤ⸗ cheln.— Sie ſehen, wie weit unſre Ge⸗ muͤthswege auseinander liegen.— Bleibt 8 — der Wunſch nicht verzeihlich, daß auch unſte Lebenswege ſich trennen moͤchten?“— In tiefer Aufregung war Willibald an's Fenſter getreten und blickte hinaus, durch die großen Spiegelſcheiben, gegen das funkelnde Firmament am naͤchtlichen Himmel. D, Herr Baron!“— antwortete die Commiſſionsraͤthinn beleidigt, uͤberraſcht und doch bedraͤngt von der Nothwendig⸗ keit, die ſich entwickelnde Charakterfeſtigkeit des jungen Mannes nicht auf die Spitze zu ſtellen:—„glauben Sie nicht, daß wir Ihnen unſte Tochter aufdraͤngen werden, aber Schwuͤre zu loͤſen vermag keine menſch⸗ liche Kraft.— Mein Mann iſt von Jugend auf ein bischen Schwärmer geweſen, und Ihr Herr Vater. mit Ehren zu re⸗ den— Enthuſiaſt— „Fuͤr Tugend und Menſchenwuͤrde und Freundſchaft— wenn Sie den Ausdruck — 166— im edelſten Sinne nehmen wollen,“— fiel Willibald ein⸗ „Es war eine jugendliche Uebereilung,“ fuhr die Commiſſionsraͤthinn fort. „Nein,“— unterbrach ſie Willibald mit leuchtenden Blicken:—„es war ein ſchoͤner, rein menſchlicher Moment eines großen, edlen Herzens, als Ihres Gatten Entſchloſſenheit meinen Vater bei den ver⸗ witterten Lavaſtroͤmen, unter welchen Terra del Greco in Ruinen lag, von Banditen⸗ dolchen errettet hatte, und dann beide Juͤnglinge ſchweigend vollends hinaufſtie⸗ gen bis an den Rand des Kraters vom Veſuv, und dort plotzlich in der aufgehen⸗ den Sonne die duftigen Nebelſchleier zer⸗ riſſen und das unermeßliche Rundgemaͤlde der heiligen Natur ſich ihren begeiſterten Blicken aufſchloß— da erſt ſanken Beide einander in die Arme, und ſchwuren, er⸗ griffen von den Wunderwerken des all⸗ — maͤchtigen Gottes, einander ewige Treue und Freundſchaft. Und wie ſie dann ſchwaͤrm⸗ ten hinaus uͤber alle Zukunft— uber das Leben hinaus, und der Wunſch ſich regte, dieſes Bundes Zeichen auf Kind und Kin⸗ deskind zu uͤbertragen: da gelobten ſich Beide gegenſeits, daß, wenn ihr Leben durch Kinder verſchiedenen Geſchlechts ge⸗ ſegnet werden wuͤrde, dann ſolle durch das Band der Ehe zwiſchen ihren Kindern der Bund ihrer Freundſchaft verjuͤngt werden. Mein Vater beſchwur, im raſchen, tiefglůͤ⸗ henden Jugendfeuer, dieſes Geluͤbde. Es kam ihnen die Ahnung nicht ein, daß ſchon ihre eigene Verheirathung mit Frauen von verſchiedner Gemuͤthsart ihre Freundſchaft erkaͤlten wuͤrde— noch weniger glaubten ſie, damit das Gluck ihrer Kinder zu un⸗ tergraben. Jahrelang hatten ſich Beide nicht ge⸗ ſehen. Mein Vater, lebend auf ſeinem — 168— ſchoͤnen Gute, floh die Stadt; Ihr Gatte, der verwoͤhnte Staͤdter, mied das Land— da— o ich vergeſſe nimmer die unſelige Stunde, welche meines Lebens Bluthe, mir ſelbſt unbewußt, zerknickte— da brachte der Commiſſionsrath die kleine Iduna hin⸗ aus— wir ſpielten— ſeelenfroh wie Kin⸗ der ſind.— Aber Ihr Gemahl hatte mei⸗ nen Vater an ſeinen Schwur gemahnt— wir wurden gerufen und Beide mit einan⸗ der verlobt. Wir freuten uns damals der blanken Ringe und ſpielten Braut und Braͤutigam mit einander, ach, und ahne⸗ ten nicht, daß damit alle Lebensfreuden un⸗ tergegangen waren, und daß die Ringe mit unſerm Leben ein verhaͤngnißvolles Spiel geſpielt hatten.“ „Sie wuͤnſchen alſo die Aufloͤſung die⸗ ſes Bandes?“— fragte die Commiſſions⸗ raͤthinn, um erſt eine beſtimmte Erklaͤrung von ihm zu erlangen. — 169— „Meine Wuͤnſche kommen nicht in Be⸗ tracht,“— entgegnete Willibald finſter— „wo es gilt heilige Schwüre zu erfuͤllen.“ „Sie ſind ein guter Sohn, Willi⸗ bald!“— ſprach die Commiſſionsraͤthinn ſehr milde:—„und werden auch meiner Iduna ein guter Gatte werden. Verzeihen Sie dem beſorgten Mutterherzen die frü⸗ hern Mißdeutungen. Doch werden Sie meinen Wunſch: das Geſchick meiner Toch⸗ ter recht bald geſichert zu ſehen, natuͤrlich finden. Die Pfarrerstochter hat tiefern Eindruck auf Ihr unerfahrnes Gemuͤth ge⸗ macht, als Sie mir ſelbſt geſtehen werden; deßhalb waͤre es beſſer, Sie beeilten die Verbindung. Iduna's Ausſtattung iſt fer⸗ tig. Ihr Vater ſelbſt— ſchwächlich und kraͤnklich— wuͤnſcht ſehnlichſt noch vor ſeinem Ende einen Stammhalter auf den Knieen zu ſchaukeln— in drei Tagen koͤnn⸗ ten wir die Hochzeit feiern.“ — 160— „Nimmermehr!“— rief Willibald entſetzt:—„ja ich will loͤſen den Schwur meines Zeit laſſen Sie mir— ich muß erſt reiſen— mich ſammeln— ich bin noch zu jung—“ „Zu reizbar und fluͤchtig,“— ergaͤnzte die Commiſſionsraͤthinn:—„glauben Sie⸗ daß ich das Gluͤck meiner Jochk r uf die Feuerprobe Ihres unbeſtaͤndigen S ſetzen werde?— Und dann— Genugthu⸗ ung ſind Sie meinem Kinde ſchuldig.— Was wird die Welt dazu ſagen— der junge Herr im Bette— ein junges Maͤd⸗ chen, knieend vor demſelben, erſchrickt, uͤber⸗ raſcht, bis zur Ohnmacht— die Pantoffeln an der Thuͤr u. ſ. w.— Wenn ich auch für meine Perſon an die Reinheit ihres Herzens glauben will— ſo iſt die Welt doch— wie Sie wiſſen— ſtark im Com⸗ biniren——“ zens — 161— „Sie werden doch nicht?——“ „Laſſen Sie mich ohne Maske reden, Herr Baron!— Ihr Urtheil uͤber mich iſt das eines jungen Schwaͤrmers, welches fur eine Frau von Welt unmoͤglich von Ge⸗ wicht ſein kann. So moͤgen Sie denn auch immer noch etwas ſchlechter von mir den⸗ ken, als ich es verdiene, wenn ich Ihnen unumwunden erklaͤre: nur ſofern Sie ſich entſchließen, meiner Tochter am dritten Tage, von heute an gerechnet, Ihre Hand vor dem Altare zu reichen, werden wir Beide die aͤrgerliche Scene verſchweigen— im entgegengeſetzten Falle aber wird heuke noch Ihre und Armidens Ehre dem Ge⸗ ſpoͤtt und dem Gellaͤchter der Welt Preis gegeben.“— „Iſt das Ihr Ernſt?“— fragte Wil⸗ libald, leichenblaß naͤher tretend⸗ mit der Feierlichkeit eines großen Entſchluſſes.— 11 — — 162— Die Commiſſionsräthinn erſchrak, ſam⸗ melte aber die Kraft ihrer Beſonnenheit und ſagte mit einer kalten Frechheit, wie man es wohl nennen darf;—„Ich habe einmal mein Koͤpfchen darauf geſetzt— und ſie werden es noch erfahren, Baron, den Eigenſinn einer Frau bricht ſelbſt der Tod auf der Zunge nicht— alſo— ent⸗ weder—— oder——“ „Frau!“— ſprach Willibald erſchuͤt⸗ tert:—„ich bin reicher um eine furchtbare Erfahrung geworden, aber aͤrmer um mei⸗ nen Glauben an die Menſchheit. Hier ſteht das Opfer, um Armidens unbefleckte Ehre von den Harpyen der Verlaͤumdung loszu⸗ taufen. In drei Tagen iſt Hochzeit.“— Finſterer hat das Wort wohl nie ein Braͤutigam geſprochen. Seine Kraft war erſchoͤpft mit dieſem Worte. Er ſtuͤrzte hinaus und warf ſich in ſtummer Ver⸗ — 165— zweiflung in der dunklen Kammer auf ſein Bett. Erſt lange nachher gewann er Kraft zu beten, und damit floſſen milde Thraͤnen des unermeßlichen Schmerzes. A p9 t h o ſe Aber Maurentia! mein ſüßes Kaͤtz⸗ chen— ich bitte dich um tauſend Gottes willen!— was haſt du angerichtet?— eine Feuersbrunſt entflammt?— den Brei in die Aſche geworfen— dir ſelbſt die Pfoͤt⸗ chen verbrannt?— Das waͤre nun eben ſo ſehr nicht gegen deine Katzennatur;— doch hier haſt du die Schickſalskatze geſpielt,— zwei Herzen in Gluth und Flammen ge⸗ ſetzt, die nach allen menſchlichen Berech⸗ nungen einander nicht angehoͤren durften, eine arme Landprediger⸗Familie— deine Wohlthäter— haſt du vermocht, ihrem reichen Erbtheil zu entſagen,— den bis dahin rechtlichen Mann haſt du zum Be⸗ truͤger gemacht, der intriguanten Commiſ⸗ ſionsraͤthinn in die Karte geſpielt, und den — 165— armen Villibald par dépit in den heiligen Eheſtand gejagt, aus dem hoͤlzernen Herr⸗ gott einen liebenswuͤrdigen Weltmann ge⸗ bildet, ſogar das Herz der ungeliebten Braut deſſelben in Liebesflammen fuͤr den ihr abgeneigten Verlobten geſetzt— und ach, den unglucklichen Lieutenant in Folge deſſelben um ſeine Anwartſchaft auf ein Cicisbeat gebracht. O du Schickſals⸗Kaͤtzchen!— dem Dichter ſtehen die Haare zu Berge. Wie ſoll er ſich herausfinden aus dieſem Laby⸗ rinth! Er beſchwoͤrt dich bei Apis und Oſiris, bei den vergotterten Ibismumien und Katzenmumien in den Pyramiden Egyp⸗ tens— loͤſe du uns den verworrnen Kno⸗ ten— fuͤhre du die Kataſtrophe herbei— mach' eine Schickſals⸗Tragödie oder ein Schickſals⸗Luſtſpiel aus dem verſchuͤtteten Brei der wunderlichen Begebenheiten— — 466— laß Armiden entweder wahnſinnig werden oder heirathen.— Punktum!— Das Gebet an die Muſe hat Dichter gekraͤftigt von Homer bis Blumauer. Seit⸗ dem aber hat das Schickſal die Muſen ver⸗ drängt. Darum gebuͤhrte auch dir, o Mau⸗ rentia— dieſe Apotheoſe!— S 6r bſ hi ed. „Auf Ehr' und Seele, meine Gnaͤ⸗ dige!“— wisperte der Lieutenant im Zo⸗ fenſtubchen der eintretenden Iduna entge⸗ gen:—„wir haben uns gottlich amuͤſirt— ich und das Kätzchen—“ „Liſette?“— fragte Iduna erroͤthend. „Gott bewahre!— nicht das Kam⸗ mer⸗, ſondern das Pfarr⸗Kaͤtzchen,“— fiel der Lieutenant ein:—„Liſette hat es glůͤcklich gehaſcht, und ich habe ihm, auf Ehr', einen gottlichen Dampf angethan.“ „Das wird mir nichts dir nichts einen Hauptmarakel im Hauſe geben,“— lachte die Zofe:—„ne— aber ſo was! Ein Geſicht hat Ihnen mir nichts dir nichts das Gethiert geſpielt, als wunderte es ſich uͤber ſich ſelber.“ — 166— „Ich ſage Ihnen, Verehrteſte!“— er⸗ gaͤnzte der Lieutenant:—„laͤuft die ſich nicht uͤber Nicht todt, ſo will ich, Gott ſtraf mich! die Ehre haben, von Ihnen ein Haſenfuß genannt zu werden.— Aber ich verrathe nichts. Wo Thaten reden, darf der Mand ſchweigen—“ „Ich komme nur,“— ſprach jetzt Iduna ſehr ernſthaft:—„um Sie zu er⸗ ſuchen, Herr Lieutenant! unſer Haus we⸗ der heimlich, oͤffentlich wieder zu be⸗ treten.“— „Auf Ehre, gottvoll!“— lachte Je⸗ ner:—„Sie ſind himmliſch, meine Gnä⸗ dige!— ſo ein wenig uͤble Laune iſt für ſchoͤne Geſichter ein wahres Relief der Goͤttlichkeit.“ „Herr von Fink! ich fühle zu meiner tiefen Beſchaͤmung, daß ich, hingeriſſen durch leichtfertige Weltſitte, den Werth meines Verlobten verkannt und unwuͤrdig — 169— Ihrer Flachheit mein Ohr geliehen habe,“— ſprach Iduna mit Wuͤrde. „Nun aber geht die Welt unter!“— rief der Lieutenant ganz betroffen. „Ich geſtehe es ohne Erroͤthen,“— verſicherte Iduna:„die Liebe hat mich von einer Thorheit geheilt.— Ich war ein Kind, als ich mit Ihnen taͤndelte, Hert Lieutenant! Die Jungfrau iſt fuͤr den Ernſt des Lebens erwacht.“— Sie verbeugte ſich und ging. Der Lieutenant blickte ihr lange nach— ganz beſtuͤrzt; dann wendete er ſich um⸗ lachte laut und ſang: „Ich liebte in Jsmenen Auf Ehre alle Schoͤnen, Geſchieden von Jsmenen Lieb' ich d'rum alle Schönen, Will gern Jömenen miſſen, um Andre nun zu kuͤſſen.“ —— — 170— Damit nahm er Liſettchen beim Ko⸗ pfe, kuͤßte ſie, daß ſie laut quiekte, und huſchte uͤber die Hausflur lachend zur Thuͤr hinaus. — 17— 23. N Vater Schmolke und Mama Schmolke hatten ſich, nach gewohnter Sitte, fruͤh in die Federn begeben. „Wo iſt Maurentia?“— fragte Einer den Andern. „Das Kind hat ſie ganz gewiß auf dem Schooße liegen“— war die Antwort. Beruhigt ſchliefen Beide ein. Spaͤter kam Armida aus dem Familien⸗ zimmer in ihr Kaͤmmerlein. Sie hatte mit Willibald das herrliche Duett aus Axur geſungen: In dieſen Fruͤhlingsluͤften u. ſ. w.— Sie war ganz uͤberſelig im halben Bewußtſein, ſchwimmend in einem Meere voll Wonne, und doch nur der einzige Ge⸗ danken: Willibald— verlobt!— durfte ſich ihr aufdraͤngen, ſo war ſie zum Tode betruͤbt. — 17— Mechaniſch warf ſie einen ſorgenden Blick auf das Bette der fuͤßen Maurentia. Es war leer.„Der Vater“— dachte ſie:— „wird wohl das Schmeichelkaͤtzchen in ſeinen Armen haben. Ich wage nicht ihn zu ſtoͤren. Gute Nacht, alle Ihr Guten! O wie ſanft koͤnnt Ihr ruhen!— Aber hier— in meinem Herzen klopft es ſo bange, ſo ſiß“— Auch Armidens weiße Glieder ſenkten ſich in das ſchwellende Bettchen, und wech⸗ ſelnd wiegte ſich das liebliche Kind in gold⸗ nen Traͤumen oder badete ſich in herben Thraͤnen. Aber Maurentia— deren Ruhe um hunderttauſend Thaler erkauft war— Mau⸗ rentia, der Liebling dieſer ſtillen, genuͤg⸗ ſamen Menſchen— Maurentia war ver⸗ ſchwunden. Das Geſpen ſt. Es war gegen Mitternacht. Unruhig warf ſich der Commiſſionsrath auf dem Dornenlager des boͤſen Gewiſſens umher. Entfernt, im linken Fluͤgel des geraͤumigen Hauſes, lag ſein Schlafzimmer. „Albert! Albert!“— ſeufzte er:—„es iſt deine erſte boͤſe That.— Du haſt einen redlichen Mann betrogen. Waͤre ein Rap⸗ port der Abgeſchiedenen mit den Lebenden moglich— der alte Sklavenhaͤndler von Portorieo müßte ſich im Grabe umwen⸗ den. Ruhe kann ihm ſo nicht zu Theil werden.— Mit dem Vaterfluch beladen, giebt es keine Ruhe im Grabe. Auch das Gold iſt fluchbeladen. Wie aber werde ich einſt Ruhe finden?— wie vor dem Richterſtuhle des Ewigen beſtehen?— Gott S S — 174— iſt barmherzig!— der Suͤnder findet Gna⸗ de— aber nur der reuige. Und bin ich nicht reuig?— hat die boͤſe That mein Leben nicht vergiftet mit Scorpionenſti⸗ chen?— Dann mach' wieder gut, Albert.— Noch iſt es Zeit!— ohne Beſſerung keine Reue. Gedenke deines edlen Freundes Waldhauſen— der heiligen Stunde, gluͤ⸗ hend fuͤr Gott und Tugend, auf der Hoͤhe des Veſuv.— Ich kann wieder gut ma⸗ chen.——— Nein ich kann nicht— den Jammer von Frau und Kind ertragen— mein Leben dahinſchleichen, am Bettelſtabe, durch Schande gebrandmarkt— das ver⸗ mag ich nicht.— O Leben, Leben— nur der Erfolg deiner Thaten vertheilt Ehre und Schande. Dahin ſchreitet der unent⸗ deckte Verbrecher, ſtolz und mit Ehrenbe⸗ zeugungen uͤberhaͤuft, und will er ſich ab⸗ ſinden mit ſeinem Gewiſſen, verguͤten, was er verbrach— ſo trifft ihn, den Gebeſſer⸗ — 175— ten— Schande, die der Beharrende im Schlechten haͤtte vermeiden koͤnnen. Ein Schritt von der Bahn der Rechtlichkeit und Tugend regt die Lawine auf.— Kein Weg fuͤhrt zuruͤck— mit— fort— fort hinab— in den Abgrund, wo dich Nacht und Grauen bedeckt.— Horch!— was war das?“— Es raſſelte draußen, wie Menſchen⸗ tritte— nein ſchwerer, wie bleierne Glie⸗ der— wie Sklavenketten.— So ging es Trepp' auf— Trepp' ab— in den Vor⸗ gemaͤchern— auf dem Boden— überall— alluberall war das furchtbare Getoͤſe.— Wild und ſchnell, aber nicht ungeregelt— wie ein Todter, der von ſchwerer Schuld gedruckt nicht ruhen durfte im Grabe— ſo ſchritt es und wandelte es draußen umher. „Der Sklavenhaͤndler von Porto⸗ rico!“— dachte der Commiſſionsrath — 56— im erſten Augenblick:„Thorheit!“ lachte er wild:—„wer todt iſt, unter den Todten.“— Jetzt hoͤrte er es ganz deutlich:— ein Poltern im naͤchſten Vorzimmer— jetzt in ſeinem Arbeitskabinet. Da ſtand die Kaſſe.—„Diebe vielleicht?— Um Gott! die werden ſolchen Laͤrmen nicht veruͤben.“— Es raſete zwiſchen den Akten und Papieren— warf die hohen Lehnſtuͤhle um,⸗ Glaͤſer und Bouteillen klirrend durcheinender.— Wie im eiskalten Schweiße gebadet, lag der Commiſſionsrath. Er faßte die volle Kraft ſeines Willens zuſammen und wollte auf⸗ ſtehen, den Spuk unterſuchen, aber der Schuldbewußte hat keine Willenskraft mehr. Die Worte des Pfarrers:— vermeſſen bleibt es, bezweifeln zu wollen, was wir kurzſichtige Menſchen nicht begrei⸗ fen— fielen jetzt, in dieſem Augenblick, ſchwer wie Blei, auf ſeine Seele. — 1— Er zweifelte noch.— Sein Verſtand war zu hell, zu gebildet, um nicht erſt im Reiche der Moͤglichkeiten zu forſchen uͤber die Urſache des grauenhaften To⸗ bens;— aber keine Spur einer Moͤglich⸗ keit zeigte ſich.— Immer rief es und immer— tief im Grunde ſeiner Seele, wie ein heraufbeſchworenes Jugend⸗Phan⸗ tom;— es iſt ſein Geiſt— es iſt der raͤchende Sklavenhaͤndler. „und ware das Unmoͤgliche mog⸗ lich— ſo mußt du erſtatten, Albert!— doch erſt— Ueberzeugung.“ Dieſer Vorſatz, das ungerecht gewon⸗ nene Gut zu erſtatten, hatte ihn mit Muth ausgeruͤſtet. Er rief:„Wer da?“— Alles war ſtill.—„Wer ſtort meine Ruhe?“— Keine Antwort.— „Biſt du ein Menſch? ſo rede!“— Kein Laut—— 12 — 178— „Geiſt des Entſchlafenen!— ich will erſetzen.“— Noch immer war es ſtill— da huͤllte er ſich in ſeinen Pelzrock, nahm die dunkel glimmende Nachtlampe, und leuchtete durch die großen Glasſcheiben der Thuͤr, welche das Arbeitszimmer mit dem Schlafimmer verband. Nichts war zu ßzen Plotzlich aber blitzte es am Boden— im Winkel.— Ein Schuß fiel. Die Lampe entſank ſeinen Haͤnden und erloſch.— Voll Entſetzen ſtuͤrzte er in's Bett.—„Das war Gottes Finger!“— rief er in ſich hinein:—„gerade in jene Ecke hatte ich aus Scham das Piſtol un⸗ bemerkt nedergeſtellt, womit ich vor vier und zwanzig Stunden meinem Jammer ein Ende hatte machen wollen.“ Aber er hatte nicht Zeit den Gedanken auszudenken. Die Fenſter der Glasthuͤr — 19— zerſchmettert— das Geſpenſt raſaunte im Schlafzimmer umher.— Alles wurde uͤber und uͤber geworfen— der Toiletten⸗Spie⸗ gel zerbrochen— Glaͤſer und Flaſchen und Leuchter in Truͤmmer geſchlagen— jetzt— hu!— war es uͤber ihn ber durch das Bett gehuſcht—— Seine BVeſinnung war fort.— Jetzt half kein Scheingrund der Vernunft mehr Seine Glieder waren erſtarrt.— Er ver⸗ ſuchte zu rufen; aber die Zunge verſagte ihm den Dienſt. Endlich ſtammelte er hei⸗ ſer mit halb erſtickter Stimme:—„Alle guten Geiſter loben Gott den Herrn!— ich will erſtatten— ſo wahr Gott lebt!“ Zugleich ſchlug die Stutzuhr— ſo tief wie Glockenklang einer fernen Dorftirche— zwoͤlf Schläge an.— Noch einmal— die Fen⸗ ſter— welche nach dem Hofe im zweiten Stockwerk hinausfuͤhrten, wurden einge⸗ ſchlagen, und ſil war es jetzt. 12* —— — 180— Es waͤhrte lange, ehe er ſich beſinnen konnte, ob er noch lebe oder todt ſei. Endlich hob er den Arm. Er horchte. Kein Laut war zu vernehmen.— Scharf zog der Nachtwind durch die zerſchlagenen Fenſter. Er klingelte dem Bedienten. Der alte Diener— noch ein Erbſtück aus dem väterlichen Hanſe— erſchien nach einer Weile, die ihm Ewigkeit daͤuchte, mit Licht. „Herr Gott!— welche Wirthſchaft!“— rief derſelbe ſchon im erſten Zimmer:— „hier hat der— Gott ſei bei uns— ſei⸗ nen Spuk getrieben,“— ſprach er im Ar⸗ beits⸗Kabinet des Herrn. Jetzt aber, als er in das Schlafzimmer trat, ſetzte er ſchwei⸗ gend das Licht auf den Tiſch und ſah ſich umher.— „Was meinſt du dazu?“— fragte der Commiſſionsrath geſpannt. — 181— „Herr!“— entgegnete der Diener feierlich:—„es giebt Dinge, wobei uns Menſchen der Verſtand ſtehen bleibt—“ „Haſt du nichts gehoͤrt?“— „Ich ſchlafe entfernt, Herr; aber es war mir wie— ein Schuß— und Trepp' auf, Trepp' ab hat es gerannt— ich habe ſo meine eignen Gedanken—“ „Sag' heraus, Alter!“— „Ich wollte, wir waͤren das neunmal verfluchte Suͤndengeld des alten Sklaven⸗ haͤndlers erſt los aus dem Hauſe.“ „Du magſt Recht haben“— ſprach der Commiſſionsrath nach einigem Beden⸗ ken:—„geh— wecke mir den Pfarrer.— Ich muß ihn nothwendig ſprechen; aber ſogleich— im Familienzimmer.“ —— 25. Aber Alles war ſchon wach. Der Pi⸗ ſtolenſchuß hatte Reveille geſchlagen. „Ou biſt doch nicht todt, Albert?“— fragte die Commiſſionsraͤthinn, auf dem langen Corridor dahertrippelnd, und zog die ſeidene Enveloppe dichter zuſammen⸗ um das Vergeſſen ihres Nöckchens nicht ju verrathen. „Mir waͤre beſſer daran“— entgeg⸗ nete, finſter an ihr vorbeiſchreitend, der Commiſſionsrath. „Das waͤre jetzt auch gerade eine ke tale Geſchichte geweſen“— fuhr Jene fort:—„mit der neuen Erbſchaft weiß kein Andrer Beſcheid, und Hochzeit ſoll auch binnen drei Tagen ſein—“ — 163— „Mein Himmel, dem Vater iſt doch nichts zugeſtoßen?“— rief Iduna, und hatte in dringender Eile die gruͤn ſeidne Bettdecke um ſich geſchlagen. Wunderlich traveſtirt war der Pfarrer. Er hatte ein weißes Tuch um den Kopf gebunden, deſſen Enden vorn uͤber der Bruſt lang herabhingen, und, weil er den Schlafrock ſo ſchnell nicht hatte finden koͤn⸗ nen, den ſchwarzen ſeidnen Taftmantel ſei⸗ ner Emerentia uͤber die wohlgenaͤhrten Schultern geworfen, ſo daß er faſt wie in einen phantaſtiſchen prieſterlichen Or⸗ nat gekleidet erſchien. Die Frau Pfarrerinn aber prangte mit einer ſpitzen Mannsnachtmuͤtze und dem rothen blanken Schlafrock des Ge⸗ mahls angethan. Auch Armida ſchluͤpfte herbei, aber die Eile mit Beſonnenheit verbindend, hatte — 184— ſie nicht vergeſſen, das blendend weiße Un⸗ terroͤckchen uͤberzuwerfen, und die Fuͤßchen mit den feinen Struͤmpfen und gruͤnen Halbpantoffeln zu bekleiden. Das blonde Lockenkoͤpfchen ſteckte noch in dem feinen Battiſthaͤubchen. Nur einzelne Locken hat⸗ ten ſich darunter hervorgeſtohlen, und das wunderniedliche Maͤdchen war geſchmückt ſo appetitlich und lockend, wie eine junge Frau in der Brautkammer. NWit offner Bruſt, ohne Halstuch, in weißen Hemdaͤrmeln— ſtͤrzte Willibald herbei.— Der braune Wirrkopf, die friſche bluͤhende Geſundheit mit den Roſen des Schlafs auf den Wangen, in der ganzen Geſtalt Kraft, Lebendigkeit und Schönheit hatten ihm ein ſo herrliches Anſehn gege⸗ ben, daß Armida in ſußer Verwirrung die Augen zu Boden ſchlug, Iduna aber, ih⸗ ren Vater und Alles vergeſſend, ſich ſchmei⸗ chelnd an ſeinen Arm hing und ihm mit den ſüßeſten Accenten der Liebe zufluͤſterte:— „O du Himmel! wie ſchön biſt du, Willi⸗ bald— wie bin ich ſo gar mit Blindheit geſchlagen geweſen!“— „Erſt in drei Tagen iſt dir das Opfer verfallen“— entgegnete dieſer, ſich los⸗ windend, mit einer tiefen Bitterkeit. Iduna weinte. Armida erbleichte und zitterte. Alle verwirrt, ſchaͤmten ſich jetzt Einer fuͤr den Andern. Der Commiſſions⸗ rath antwortete auf keine der vielen Fra⸗ gen und mancherlei Anreden und Ausru⸗ fungen. So gelangte endlich die hoͤchſt komiſch verpuppte Geſellſchaft im großen Familienzimmer an. Das eine Licht, welches der alte Be⸗ diente mitgebracht hatte, wurde auf den runden Tiſch in der Mitte geſtellt. Jeder„ ſuchte ein Plätzchen, ſo gut als es gehen wollte, im dunkelſten Theile des Zimmers. — 1856— Der Commiſſionsrath aber trat in die Nitte und ſprach: „Vermeſſen iſt es, das Unbegreifliche be⸗ zweifeln zu wollen, weil wir Menſchen das unerforſchliche Geheimniß der hoͤhern Welt⸗ ordnung nicht durchſchauen koͤnnen. Alſo ſtill davon— keine Frage an mich uͤber die Veranlaſſung dieſer Zuſammenkunft. Genug— ich bin entſchloſſen, als recht⸗ licher Mann zu ſierben. Hunger und Noth thut weh— aber es iſt immer noch nicht die ewig nagende Pein des befleckten Gewiſſens—“ „Albert— Mann!“— rief die Com⸗ miſſionsräthinn—„bedenke Frau und Kind.“— „Erſt das ewige Heil— dann das zeitliche“— gab er im tiefen Ernſt zu⸗ ruͤck:—„erſt die Seele, dann den Leib.“ „Herr Paſtor!“— rief er mit erho⸗ bener Stimme:—„hier iſt Ihre Abtre⸗ — 187— tungs⸗ urkunde— ich werde es tragen lernen, arm und verachtet zu leben— aber nicht— ſchuldbeladen zu ſein.“— Damit zerriß er die Handſchrift des Pfarrers.— Lautſchreiend fiel ihm ſeine Gattinn in die Arme und ſank dann ohn⸗ maͤchtig zu Boden. Der Pfarrer aber in ſeinem wunder⸗ lichen Aufzuge trat auf ihn zu und ſprach, feierlich die Hand des Commiſſionsraths ergreifend:— „Selig iſt der Mann, der die Anfech⸗ tung erduldet, denn nachdem er bewaͤhrt iſt, wird er die Krone des Lebens empfan⸗ gen— ſo ſpricht die heilige Schrift Jakobi im erſten Kapitel und zehnten Verſe. Ich aber fuͤge hinzu, daß ich einen neuen Ver⸗ zicht aufſetzen will, denn Maurentia werde ich nun und nimmermehr der Gefraͤßigkeit des unchriſtlichen Marko Preis geben.“ 8 3 — 188— „Darin eben lag ja meine Falſch⸗ heit,“— ſprach der Commiſſionsrath mit gedaͤmpfter Stimme:—„das ganze Co⸗ dicill war von mir faͤlſchlich geſchmiedet worden. Der Hund mag Kettenhund blei⸗ ben, wie bisher.“— Der Pfarrer ſtand eine Weile nach⸗ denkend. Er bedurfte Zeit, um in ſeinem einfachen ehrlichen Gemuͤthe nur die Vor⸗ ſtellung von einer ſolchen heilloſen Betruͤ⸗ gerei aufzunehmen.— Dann zog er den Commiſſionsrath in die Ecke und ſprach ihm leiſe und angelegentlich zu. Nicht lange, ſo wendete der Commiſ⸗ ſionsrath ſein Angeſicht— Thraͤnen fuͤllten ſeine Augen, dann rief er:—„Dieſer Mann Gottes hat mir Leib und Seele zu⸗ gleich gerettet. Frau!— Kind!— wir behalten das Geld als Darlehn, ohne Zin⸗ ſen, bis ich durch redlichen Fleiß und Spar⸗ 16— ſamkeit im Stande ſein werde, das Geld zuruͤckzuzahlen.— Und dazu ſoll Gott mir helfen!— Von heute an wird eine andre Wirthſchaft eingefuͤhrt.— Ich will nicht mehr im Scheingluͤcke leben.— Nur in der Genuͤgſamkeit liegt der aͤchte Lebens⸗ ſchatz verborgen. — 190— 26. Der Todesfall. „Ach't arme Beeſt!— nu haͤtt et de Deuker doch ehaalt!“—*) rief plotzlich in das Chaos dieſer unruhigen Nacht hin⸗ ein das volle Poſaunen„Engel„Geſicht des ehrlichen Hanfriedel, und helle Thraͤnen liefen dem guten Jungen uͤber die rothen Wangen, wie er ſich all das Herzeleid dachte, welches ſeine Nachricht aufregen wuͤrde. „Maurentia!“— ſchrie die Paſtorinn, plötzlich erſchreckend. Aber der Bube zog aus dem Sack mit einem betruͤbten Jam⸗ mergeſicht das todte, blutende Leibkaͤtz⸗ chen hervor. *) Ach das arme Thier!— nun hat es der Teufel doch geholt!— —— Denken wir uns den Schmerz dieſer Familie, wenn wir uns an die Liebe der⸗ ſelben erinnern. Die Pfarrerinn lag auf den Knieen und rang lautweinend die Haͤnde wund, herabgebeugt uͤber das todte aͤtzchen, welches Hanfriedel mitten in's Zimmer gelegt hatte. Der Pfarrer aber faßte ſein Gemuͤth zuſammen und ſprach herantretend mit Kraft und Erhebung:—„Laſſet ruhen die Jodten! der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen. Erhebe dich, Frau. Trach⸗ tet nach dem, was droben iſt, nicht nach dem, was auf Erden iſt— darum ſollen wir unſre Liebe nicht haͤngen an irdiſche, vergaͤngliche Dinge, ſondern das Heil un⸗ ſrer Seele bedenken.— Unſre Truͤbſal aber, die zeitlich und leicht iſt, ſchaffet eine ewige und uͤber alle Maaße wichtige Herrlichkeit.“ — 192— Armida hatte bei dem blutigen Anblick mit beiden Haͤndchen ihre Augen verhuͤllt und ſeufzte halb laut:—„Ich habe ja doch einmal Alles— Alles verloren!— Meine Freude hat keine Heimath mehr auf Erden!“— Es war nicht ſowohl die Vorſtellung von dem Verluſte ihrer Maurentia, als das allgemeine Gefuͤhl, nun mit aller ihrer reichen Liebe im Herzen ſo ganz verwaiſet zu ſtehen in der kaum erſt ihr aufgebluͤhe⸗ ten Welt. Wenn aber ein ſolcher Schmerz ein junges zartes Gemuͤth ſo ganz aus⸗ fuͤllt, ſo ſchließt es gleichſam ſeine Rech⸗ nung ab mit der Außenwelt und verſinkt in ſeine eigne Tiefe. „Ich ahne ein Bubenſtuͤck!“— rief plotzlich der Commiſſionsrath, mit einer drohenden Donnerſtimme:—„wer hat den Frevel verübt?— Nußſchaalen unter die — 493— Pfoten geklebt,— eine Klemme auf den Schwanz geſetzt,— eine Blaſe mit Erbſen daran gebunden?— Ha!— jetzt iſt es klar— hier liegt das Geſpenſt.“ „Marko haͤtt et caput ebetten— et is ut dem Fenſter eſprungen, dat arme Beeſt“—*) fiel Hanfriedel ein.— „Wer that das?— Keine Antwort?— Wartet, hier iſt ein Corpus delicti—— ein Strumpfband um den Hals gelegt.— Was ſteht darauf?— hony soit qui mal y Pense— Wem gehoͤrt das?“— „Liſetten“— ſagte Iduna leiſe. „Alſo ein boshafter Kammermaͤdchen⸗ ſtreich?“— fuhr der Commiſſionsrath auf:—„fort aus meinen Augen, boͤsarti⸗ ges Geſchoͤpf!— Sie hat einer redlichen ) Marko hat es kaput biſen— es iſt aus dem Fenſter geſprungen, das arme Thier⸗ 13 — 194— Familie ihre einzige unſchuldige Freude ge⸗ raubt.— Abgelohnt!— noch in dieſer Nacht packt ſie ſich aus dem Hauſe.“ „Nun das heißt denn doch mir nichts dir nichts deutlich geſprochen;“— rief das Kammermaͤdchen mit der Frechheit eines verdorbnen Geſchoͤpfs:—„aber ich kann auch deutlich ſprechen— der Herr Lieu⸗ tenant——“ „Schweig— ſchweig!— ſnd dir deine Knochen lieb!“— füͤſterte dringend Wil⸗ libald, indem er herbeiſprang und ihr eine volle Boͤrſe in die Hand druͤckte. „Ja ſo— das iſt mir nichts dir nichts raiſonnabel,“— laͤchelte die Zofe. „Was iſt mit dem Lieutenant?“— fragte der Commiſſionsrath. „O nichts— er bat mich, mir nichts dir nichts, in Ehren beſucht.“ Aber Willibald trat leiſe heran zu Iduna und fuͤſterte ſcharf betont:— — 496— „Entſagen Sie mir freiwillig, mein Fraͤulein?“— „Ich bin Deiner nicht werth, Wil⸗ libald!“— rief Iduna in den Accenten des tiefſten Schmerzes und ſank laut weinend in die Arme ihrer Mutter. Der Commiſſivnsrath aber, ein fei⸗ ner Menſchenbeobachter, hatte ſchnell und ſicher alle Verhaͤltniſſe ergruͤndet. Mit dem unendlich tiefen Schmerz eines um alle ſeine Hoffnungen betrogenen Vater⸗ gefuͤhls, noch nicht ohne Seelenadel, trat er auf den jungen Menſchen zu, druͤckte ihm die Hand und ſprach:— „Ich gebe dir das Wort deines Vaters zuruͤck; daß Iduna fuhlt, ſie ſei deiner nicht wuͤrdig, gewaͤhrt mir die Hoffnung, daß ein großer Schmerz noch ihre Seele wieder veredeln werde. So wie ich deinen Vater kenne, Willibald, wird er, befreit 8 — 406— von ſeinem uͤbereilten Schwure, jedes edle Maͤdchen, welches Ranges es ſei, ſofern es dich gluͤcklich machen wird, mit offnen Armen empfangen. Ich habe dir eine Braut genommen, darf ich fuͤr dich um eine willkommnere werben?“— „Herr Commiſſionsrath!— mein guͤ⸗ tiger zweiter Vater!“— ſtammelte der Juͤngling, mit niedergeſchlagenen Blicken, hochergluͤheud, ganz verwirrt. „Freunde!“— ſprach Jener darauf und fuͤhrte Armida an der Rechten, Wil⸗ libald an der Linken dem geiſtlichen Paare zu:—„hier ſei Erſatz fuͤr Euren Verluſt.“— Aber ſchon waren Willibald und Armida auf ihte Kniee niedergeſunken und flehten Billigung und Segen herab uͤber den heiligen Bund ihrer Herzen. Als aber der Pfarrer ſein Haupt ent⸗ bloͤßet und mit ausgeſtreckter Hand uͤber — 197— die Koͤpfe ſeiner Kinder die Worte der Weihe geredet hatte, da ſank Armida wei⸗ nend an die treue Bruſt ihres Willibald und hatte nur Thraͤnen der Wonne— nicht Worte— und Willibald kuͤßte die Bluthenlippen des geliebten Maͤdchens mit einer ſo heiligen Scheu und Inbrunſt, wie ein begeiſterter Schwaͤrmer das Mut⸗ tergottesbild kuͤßt. Die Pfarrerinn ſeufzte ſchwer vor ſich hin:„Gottes Gnade iſt groß, aber ach— alle die Freude giebt mir keine Maurentia zuruͤck!“— Im Juli des vorigen Jahrs fuͤhrte eine Reiſe in das ſuͤdliche Deutſchland mich, den Vovfaſſer dieſer Erzaͤhlung, durch die angeſehene Handelsſtadt L.... — 198— Es war ſchon ſehr ſpaͤt Abends, da geleitete mich der freundliche Wirth des glaͤnzenden Hotels, worin ich abgeſtiegen war, in die eigentliche Weinſtube des Gaſthauſes. Dort ſaß bei einer Bowle voll kalten Koͤnigspunſches eine kleine Geſellſchaft jun⸗ ger Leute, von welchen die meiſten ſchon in die allerheiterſte Weinlaune verſetzt waren. Mehrere derſelben ſchienen, der buͤrgerli⸗ chen Kleidung ungeachtet, der Garniſon der Stadt anzugehoͤren, wenigſtens verrie⸗ then die kleinen ſchwarzen aufgewichſten Schnurrbaͤrtchen, die duͤnnen Taillen und wattirten Bruſttheile ihrer Leibroͤcke ſo et⸗ was.— Der Gegenſtand ihrer Geſpraͤche: Hunde, Pferde, Parade, Uniformen und Maͤdchen, mit der ganz eignen, etwas af⸗ fectirten Ausſprache und Haltung gegeben, beſtaͤtigten dieſe meine Vermuthung. — 199— Ich ſetzte mich in eine Ecke und ließ fur mich Rheinwein bringen, wurde aber bald ſehr zuvorkommend in die Geſellſchaft gezogen. Plotzlich trat ein junger, ſchlanker Of⸗ fizier ein, in voller Uniform, die reich und geſchmackvoll war, beſonders aber ausge⸗ zeichnet adrett ſaß. „Ah Fink!— Guten Abend, Fink!“— riefen Mehrere ihm entgegen:—„Allons heran! noch iſt der Boden nicht zu ſehen.“ Es war etwas Wuͤſtes und Verlebtes ganz unverkennbar in den Zuͤgen des jun⸗ gen Mannes. Er ſtrich ſich die Haare aus der Stirn, und ſagte gahnend:—„Auf Ehr', kein Ruͤpel hat mich heut' auf der Thorwacht beſucht.— Da bin ich nun, und uͤberlege, ob ich mich todtſchießen oder todttrinken ſoll?“— —— „Er iſt aus Langerweile langweilig ge⸗ worden“— lachte ein munterer Wirrkopf, ihm ein Kelchglas voll Punſch darreichend. „Proſit, Ihr Herren!“— rief der Lieutenant:—„verflucht ſei alle Liebe— pereat tief!“— „Ha ha ha!“— lachte ein Zweiter— „der kann immer noch den Abſchied von ſeiner ſchoͤnen Iduna nicht verknuſen.“ „Es war ein Goͤttermaͤdchen zu ihrer Zeit,“— ſprach der Lieutenant, ſchwel⸗ gend in Ruͤckerinnerung:—„aber ſeitdem ſie die Caprice gehabt hat, ſolide zu wer⸗ den— und der Alte ein geiziger Filz ge⸗ worden iſt— der keinen Hund mehr hinter dem Ofen hervorlocken kann— mag ſie alleſammt der Teufel holen.“ — 201— „Heute hat ſie Hochzeit,“— bemerkte der Wirth. „Alle Donner!“— rief der Lieute⸗ nant:—„und ich bin dabei uͤberfluſſig?— God-dam— das iſt auf Ehre verflucht!— Alſo den Krautjunker?“— „Gott bewahre!— einen jungen Aſſo⸗ cis von dem reichen Handelshauſe M... u. Comp. aus H...— Die Hochzeit iſt in aller Stille, und ſogleich nach der Trauung reiſen ſie ab,“— entgegnete ein junger Advokat. „Apropos— bei Waldhauſen“— lachte der Lieutenant aus vollem Halſe:—„faͤllt mir ein wer hat denn von Euch das ver⸗ rckte Katzen⸗Monument im Waldhaͤuſer — 202— Park geſehen?— Das iſt eine nu Ge⸗ ſchichte; laßt Euch erzaͤhlen—— „Erlauben Sie mir ein kleines avis au lecteur,“— unterbrach ihn der junge Ad⸗ vokat:—„jedes Ding hat— wie wir Juriſten ſagen— zwei Seiten. Ueberhaupt giebt es Menſchen, die Alles nur durch die Vexirglaͤſer ihrer eignen Inbidualität be⸗ trachten.— Daher, meine Herren, ſcheint oft Manches lächerlich, was tiefere Gemuͤ⸗ ther mit Ahnung des Göoͤttlichen im Men⸗ ſchen erfuͤllen wuͤrde. So weit meine kri⸗ tiſche Vorrede.— Jetzt beginnen Sie Ihre Erzaͤhlung, mein Herr Lieutenant!“— Damit verbeugte ſich der junge Mann und ging hinaus. — 203— „Herr Kamerad! ich glaube auf Seeb, man ſtichelt auf mich!“— ſagte der Lieute⸗ nant nach einer Pauſe. Ich aber ſchluͤpfte dem jungen An⸗ walde nach, welcher im vordern Speiſe⸗ ſaal ſaß. Die nähere Bekanntſchaft war bald gemacht. Ich fragte nach dem Katzen⸗ Monument. Er aber entgegnete:—„Da⸗ zu gehoͤrt eine Geſchichte, und dieſe iſt zu lang fuͤr den heutigen Abend. Wollen Sie mich aber nach Waldhauſen beglei⸗ ten— morgen fahre ich hinaus, um dem Schwiegervater des jungen Barons funf⸗ zigtauſend Thaler vom Commiſſionsrath Wunderlich einzuhaͤndigen— ſo werde ich Ihnen nicht nur die Geſchichte, worauf 3 — W— der Fant angici erzaͤhlen, gvh auch einer hoͤchſt Fa⸗ vorſtellen.“ So etwas konnte ich unmoͤglich von der Hand weiſen. Auf der zweiſtuͤndigen Fahrt nach Waldhauſen erzaͤhlte mir der junge Mann, welcher ein tiefes Gemůth zu erkennen gab, die vorſtehende Ge⸗ ſchichte der geliebten Mautentia. Ich aber liebte ſchon Alle— den Pfarrer, ſeine Gattinn, beſonders Armida und Wil⸗ libald, zum Voraus, und konnte kaum das Gluͤck, ihre Bekanntſchaft zu ma⸗ chen, erwarten. Vir ſtiegen aus auf dem hochſt rein⸗ lichen Schloßhofe. Ein ſchoͤner junger Mann, in eine gruͤne Jagdblouſe geklei⸗ — 205— det, empfing uns mit einer biedern, ein⸗ fachen Herzlichkeit. „Meine kleine Frau und Schwieger⸗ eltern ſind im Garten,“— ſagte er mit einem gutmuͤthigen Lächeln:—„heute iſt Maurentia's Todestag— und der Ge⸗ burtstag meines Jubeljahrs; das wird am Monument gefeiert werden.“ Er fuͤhrte uns durch die herrlichen Partien des großen Landſchaftsgartens.— O du mein Gott— in welchem Elyfium lebten dieſe gluͤcklichen Menſchen!— „Alſo noch immer Trauer wegen des Kaͤtzchens?“— fragte der junge Anwald theilnehmend. „Ei Gott behuͤte!“— entgegnete der Baron:—„das lebt und webt hier Alles — 206— in Gluͤck und Freude.— O ſehen Sie dort!— leiſe aufgetreten— wir wollen ſie uͤberraſchen!— Da ſitzt meine Ar⸗ mida— wie eine jungfraͤuliche Gottes⸗ mutter— ſo fromm und ſchoͤn, und lä⸗ chelt herab auf das neugeborne Schoß⸗ kaͤtzchen unſrer Liebe— und dort, wie der alten Dame die großmuͤtterliche Freude aus den Augen ſtrahlt— da der glückliche gemuͤthliche Alte, welcher mit meinem Vater raucht und bechert: das iſt Ehren Schmolke und Familie.— O glauben Sie mir— jeder von den gluck⸗ lichen Menſchen dort hat ſeine Mauren⸗ tia Millionen Mal wiedergefunden.— O meine Freunde!— nur in reinen, kindlich frommen Herzen fließt der Urquell aller 7 2 6 = — — 207— Liebe— und das Alles danke ich der armen Maurentia, welche unterging, indem ſie des Lebens Hoͤchſtes uns gab.—“ Gar bald wurde ich heimiſch in der liebenswuͤrdigen Familie. Und Alle fuͤhr⸗ ten ſie uns in einer durch ganz leiſe Wehmuth gemilderten Freude zu dem Wuͤrfel von weißem Marmor, welcher den Sockel einer antiken Blumenvaſe, voll blauer und rother Hortenſien, bil⸗ dete. ueber das Ganze woͤlbten him⸗ melhohe Buchen ihre zitternden Zweige, und in dem Dunkel der Schattenhalle luden weiche Moosbaͤnke zum Ausruhen ein.— — 208— Dort aber auf der Vorberſeite des Denkmals ſtand mit goldnen Buchſtaben: H i e ruhet Maurentia. Wandrer, lächele nicht! Auch dieſe Liebe zu ihr war aus dem Urquell aller Liebe gefloſſen. — . — —————— ———— n— * 1 ſfſi ſſüſiiſ 4 15 16 17 18 19 8 9 10 11 12 13 — 4 4 mm . 3 *