eibiunorhet deutſcher, engliſcher unt franzb öſiſcher Literatur Cdnard Otlmunn in Gieſten, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih und geſebedingungen. 1. offensein der Pibliothek. Die Bibliother ſteht zur Em⸗ und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr vſen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von ſe Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonuement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt für chentlich 22hücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf1 Monat: 1 Mr— Pf 1 F Auswärtige honnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutze, ver⸗ oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werke 8, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe if auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden basf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben“ 5 1 6 — Eine Erzählung von der Verfaſſerin des„Tagebuchs eines armen Fräuleins.“ Aus dem Volksblatt für Stadt und Land, Jahrgang 1856, abgedruckt. Zweite Auflage. Halle, Verlag von Richard Mühlmann. 1858. 8 3 * 8 1 3 4 11 — Skizzen aus meinem Leben will ich niederſchreiben. Dies Leben iſt nicht ganz beſonders ungewöhnlich und wunderbar, es iſt wie hunderte und noch hunderte ſich ab⸗ wickeln ganz unbemerkt. Und doch,— wenn ich es recht bedenke, es iſt ſo wunderbar, ſo reich, ſo ganz ſeltſam, ich ſehe ſtaunend zurück, ich überblicke jetzt erſt, welche Gnade und Barmherzigkeit und Treue mich geführt:— ich ſehe mich übermüthig und unbeſorgt an Abgründen wan⸗ deln, und ſehe wie mich eine Liebeshand gehalten,— ich war verblendet, ich wollte einen eignen Weg gehen, aber ich durfte nicht, die Liebe hat mich gezwungen zu meinem Heil. Jetzt liegt dies Leben hinter mir, mit aller Luſt, mit allem Leid, das goldene Licht einer Abendſonne liegt darüber. Abendſonne? Nein, noch bin ich nicht ſo alt. Weil ein junges Fräulein noch im Dorfe, nennen mich die Leute das alte Fräulein, alt und grau aber bin ich noch nicht, nur gegen den Ramen einer alten Jungfer darf ich mich nicht ſträuben. Durchrieſelt es mich nicht bei dieſem Worte mit kalten Schauern? Ach nein. Vor zwanzig Jahren wohl, damals durfte ſich mir der Gedanke der Ein⸗ ſamkeit nicht nahen. und jetzt? O möchte ich es doch be⸗ ſchreiben können, der Herr weiß es, wie es mir zu Sinne iſt. 1* 4 Ich will dich lieben, v mein Leben Als meinen allerbeſten Freund, Ich will dich lieben und erheben, So lange mich dein Glanz beſcheint, Ich will dich lieben, Gotteslamm, Als meinen Seelenbräutigam! Ach, daß ich dich ſo ſpät erkennet, Du hochgeliebte Liebe du, Und dich nicht eher mein genennet, Du höchſtes Gut und wahre Ruh! Es iſt mir leid, ich bin betrübt, Daß ich dich hab ſo ſpät geliebt. Es iſt erſt Mitte März, die warme Frühlingsſonne trieb mich heute hinaus, ich ging nach meiner Lieblings⸗ höhe, und als ich den Fußſteg zwiſchen den jungen Haſel⸗ ſtauden ging, ſah ich über mir an der ſonnigen Höhe Kinder klettern. Sollten ſchon Blumen blühen? dachte ich freudig und rief ihnen zu: Suchet Ihr Leberblümchen? Nein, war ihre Antwort. Das war dumm gefragt, dacht ich und rief noch einmal: ich meine Haſſelblumen. Ja! riefen die Kinder, und drüben über dem Bach ſind auch Schneeglöckchen. O welch eine Jugendluſt fühlte ich in meinem Herzen und auch in den Füßen, ich kletterte rüſtig höher hinauf und pflückte im warmen Sonnenſchein die lieblichen lichtblauen Haſſelblumen, damit ging ich hinab in das kleine Thal und fand zwiſchen Ellerngebüſch im feuchten Mooſe die ſchönen großen Schneeglöckchen mit den goldnen und grünen Kanten an den zarten weißen Kleidern. Grüne Epheuranken und junge Erdbeerblätter pflückte ich dazu und ſo reich beladen erreichte ich meinen Lieblings⸗ platz. Da war es ſtill und lieblich, ich ſaß auf grünem Mooſe und die goldbraunen Haſelblüthen wehten leiſe in der Frühlingsluft und gegen den tiefen blauen Himmel. Ich ordnete meine Blumen, ich ſchaute hinab auf die Ge⸗ gend. Ja, alles war daſſelbe, wie ich es vor mehr als zwanzig Jahren geſchaut. Blumen und Höhen und das kleine Thal. Das Dörſchen lag wie früher zu meinen Füßen, der ſpitze dunkle Kirchthurm und die Pfarre mit den beiden großen Linden. Rechts vom Dorfe das liebe elterliche Häuschen an dem Hügel mit den Kaſtanien und Kirſchbäu⸗ men, der Spielplatz der Dorfkinder, die Weingitter ſchmückten das Haus jetzt wie früher, und dieſelben graden Wege und kleinen Lauben waren im Garten davor. Noch mehr rechts die abwechſelnden ſchönen Baumgruppen des herrlichen Parkes und das hellſchimmernde Schloß, bewegte der Anblick, die Erinnerungen, die ſich daran knüpften, nicht mein Herz? Rein, nicht mehr,— oder doch wohl: zum Danken und Preiſen des lieben Vaters im Himmel, der ſich ſeiner Kinder ſo treulich erbarmt. Ich fühlte Frühlingswehen in der Bruſt, nicht wie in der Jugend, wo die Sehnſucht erwecken⸗ den blauen Höhen das Herz in die Ferne und in die Zu⸗ kunft ziehen, nein mein Sehnen war ohne Bangen und zog einen ſeligen Weg. Im Hinabgehen mußt ich leiſe ſingen: Ach das war ein ſchöner Segen, Als er mit den Jüngern ging. An den Feldern, an den Wegen Jedes Herz wie Maienregen Seinen Troſt, ſein Wort empfing. 8 Da durchzuckte mich der Gedanke: der Herr iſt immer bei uns, er hat geſagt: Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende, auch hier iſt er, er wandelt dir zur Seite. Ich ſchloß die Augen,— ich ruhte im Geiſt zu ſeinen Füßen, ich ſchaute ein Angeſicht voll Gnade,— es war mir nur wie ein Schritt zum ſchönen Himmel hinauf, wo die Palmen ſtehen und die Lebensbrunnen rauſchen. Wenn der Herr aber jetzt ſpräche: Komm, gieb mir deine Hand, ich will dich mit mir nehmen! Ein freudiger Schrecken geht durch meine Seele. Auf, hinauf zu meiner Freude!— o kleine Welt, mit deinen kleinen Leiden, dei⸗ nen kleinen Freuden, mein Herz läßt dich gern, weil es ſich oft ſo einſam fühlt. Und doch— will ich denn ſo⸗ gleich und willig dem Herrn folgen? Ich beſinne mich. — O lieber, treuer Herr, habe Geduld mit mir, bitte ich demüthig, ich bin doch nicht recht vorbereitet, ſieh, ich habe dort unten ſo manches Herz, das mich liebt und das ich wieder liebe, und ich war bis jetzt ſo thöricht, an einen Abſchied ernſtlich nicht zu denken, ich habe noch ſo manches Liebeswort zu reden. Der Herr lächelt dennoch freundlich, und ich wandele weiter meinen Weg und prüfe mich, was mir noch fehlt, um jeden Augenblick bereit zu ſein, Seinem Gnadenrufe zu folgen. Der Herr wolle es ſegnen. Am Häuschen am Kaſtanienhügel ging ich vorüber, die einſame Stube mit dem einſamen Sonnenſchein zog mich jetzt nicht, ich wollte unter lieben Menſchen ſein und ging nach dem Pfarrhauſe mit den beiden Linden. — — —— 7 Du kömmſt zur rechten Zeit, Tante Anna, riefen verſchiedene Stimmen, Fritz hat hier ernſthafte Fragen auf⸗ geworfen, wir können ſie ihm nicht recht beantworten, und der Vater hilft uns nicht. Ich ſetzte mich zu meinen lie⸗ ben Neffen und Richten, Kindern meines lieben Bruders und einer theuren verwittweten Schweſter, die ſich hier in der Pfarre zur Feier des Oſterfeſtes zuſammen gefunden. Erſt aber mußten meine Frühlingsblumen bewundert und geordnet werden, dann kamen die ernſthaften Fragen an die Reihe. Die neuern chriſtlichen Erzählungen, die eng⸗ liſchen und amerikaniſchen und auch die deutſchen, hatten dieſe Fragen angeregt. Fritz, der zwanzigjährige ernſthafte Theologe, der Sohn des Bruders, wollte finden, daß in dieſen Erzählungen der Kampf gegen Fleiſch und Blut und gegen die Sünde im eignen Herzen zu leicht hingeſtellt wird; daß den Nachfolgern des Herrn alle Herzen ſo leicht zufallen, was durchaus nicht ſein darf, weil der Welt Freundſchaft Gottes Feindſchaft iſt; daß, wenn es den Helden in dieſen Erzählungen auch anfänglich ſchlecht geht, äußeres Wohlergehen und eine glückliche Heirath meiſtens das Ende ſind, da des Chriſten Ziel nur die Seligkeit und nicht das irdiſche Glück ſein ſoll. Fritz wollte die Urſache dieſes leichten lieblichen Chriſtenthums in der Ge⸗ ringachtung der Sünde, im Abwenden von der eigentlichen häßlichen Geſtalt, in der wir alle hier noch wandeln, fin⸗ den, und fürchtete, das manche kämpfende Seele könnte muthlos werden im Vergleiche mit dieſen idealen Bildern, denen alles gelingt, die alles liebt, die weder von Unge⸗ ſchicklichkeiten noch von der Sünde ſich gehemmt fühlen, immer freudig und glücklich ſind, da es doch in der Bibel heißt: die hier mit Thränen ſäen, ſollen dort mit Freu⸗ den erndten. Schließlich müßten die Feinde des Herrn mit deſto ſchärferem Blick die Fehler an ſeinen Jüngern entdecken, wenn ihnen von Chriſten ſolche Bilder der Lie⸗ benswürdigkeit und Vollkommenheit als möglich hingeſtellt werden. Die beiden Couſinen, die in dieſen Erzählungen ihre Lieblinge hatten, waren deren ſo warme Vertheidiger, daß ſie eigentlich meiner Hülfe nicht bedurft hätten. Das letzte Bedenken wollten ſie gar nicht berückſichtigt wiſſen. Was die Feinde Chriſti denken und ſchließen von Sachen, die zum Nutzen und Segen der Kinder Gottes geſchehen, darf gar nicht in Betracht kommen, es kann nur erwogen wer⸗ den, ob es den Jüngern des Herrn wirklich zum Segen oder zum Schaden gereicht. Nebenbei aber, wenn die Feinde Chriſti zufällig ſolch eine Erzählung in die Hände bekommen, iſt es ihnen beſſer von der Seligkeit und Freu⸗ digkeit des Glaubenslebens zu leſen, als die Schwachhei⸗ ten und Fehler der Chriſten, die innern Kämpfe und Zweifel kennen zu lernen. Das ernſte Leben im Herrn, der Kampf mit der Sünde muß die Grundlage einer jeden chriſtlichen Erzählung ſein, aber ſolche Schriften können und ſollen doch nicht Erbauungsbücher ſein, ſie ſind zur erfriſchenden Unterhaltung und Erholung geſchrieben. Oder 6 3 — —— —— es iſt eine leichte Speiſe, die Kindern gegeben wird, ernſte Chriſten, die darin keine Nahrung mehr finden, wiſſen ja, wohin ſie ſich zu wenden haben. Daß den Chriſten die Nahrung mannigfaltig zu Theil werden muß, ſteht in der h. Schrift, der Herr hat darum ſeine Gaben ſo verſchie⸗ den ausgetheilt. Du Fritz, wandte ich mich zu meinem ernſthaften Neffen, würdeſt vielleicht in ernſten, eindring⸗ lich mahnenden Geſetzespredigten und eben ſolchen Erbau⸗ ungsſchriften Deinen Beruf vom Herrn empfangen, zum Segen und zur Hülfe nicht allein für Kinder im Evange⸗ lium, ſondern für reifere und erfahrenere Chriſten; da⸗ gegen würde Eliſabeth,(wandte ich mich zur 16 jährigen Tochter meiner Schweſter), wenn ſie etwas ſchriebe, ſich einen beſcheideneren Wirkungskreis erwählen, vielleicht für junge Mädchen und Frauen, ſie würde dann aber auch nicht anders konnen, als das Chriſtenthum wie es in ihrem Herzen lebt darzuſtellen. Du Fritz könnteſt ihr den Vor⸗ wurf machen, daß es zu leicht und lieblich iſt; daß aber die Urſache in ihr eine Geringſchätzung der Sünde, ein ſich Abwenden von unſerer natürlichen menſchlichen Ver⸗ derbniß und Häßlichkeit iſt, würdeſt Du ihr nicht zum Vorwurf machen können, wohl nur Mangel an Erfahrung und Kenntniß der Welt. Außerdem überwindet eine fröh⸗ liche und zuverſichtliche Natur äußere und innere Schwie⸗ rigkeiten leichter als eine, die ernſter und ängſtlicher iſt. Nach dieſen Eigenthümlichkeiten, die eben ſo viel Licht⸗ als Schattenſeiten haben, geſtaltet ſich natürlich auch ein „ Glaubensleben. Dieſe Mannigfaltigkeit kömmt vom Herrn und gehört ſo recht in das Reich Gottes hinein: der be⸗ denkliche und vorſichtige Chriſt ſoll dem Bruder eine ernſte Mahnung ſein, der fröhliche Chriſt dem andern eine Be⸗ lebung und Stärkung. Wie verſchieden läßt ſich auch das Wort Gottes auffaſſen und verſtehen. Der eine trägt das Kreuz des Herrn mit großen Schmerzen und tröſtet ſich mit der ſeligen Verheißung: die mit Thränen ſüen, werden mit Freuden erndten. Der andere findet in dieſer ſeligen Ver⸗ heißung ſchon hier ſo reichen Erſatz, die Thränen ſind für ihn keine Schmerzensthränen mehr; die Freude liegt zu nahe dabei. Warum ruft der Herr(nahm Eliſabeth et⸗ was lebhaft das Wort) die Mühſeligen und Beladenen zu ſich und ſpricht: mein Joch iſt ſanft und meine Laſt iſt leicht, wenn es für ſeine Nachfolger unmöglich wäre dieſe Laſt leicht zu fühlen? Der Herr Chriſtus verheißt uns auch, wenn wir in ihm leben, eine vollkommene Freude, das ſchließt die Kämpfe mit der Sünde, das Aufſtehen und immer wieder Fallen nicht aus, es iſt die Freude, wie Paulus ſagt: Ich bin überſchwänglich in Freuden, trotz aller unſerer Trübſal.— Ich weiß auch nicht(nahm die beſcheidene Emilie, Fritzens Schweſter, das Wort) mich ſtört es gar nicht, ſo Ideale vor mir zu ſehen, die ich noch nie erreicht habe und nicht erreichen werde, erſtens ſind ſie nicht ſchriftwidrig, der Herr ſelbſt ſtellt ſolche Glaubensfreudigkeit, die da Berge verſetzen kann und den Himmel offen ſieht, ſeinen Jüngern als Ziel hin, und — —,. zweitens giebt es in der Welt auch genug Beiſpiele von wunderbarer Glaubensmacht und vom Ueberwinden der Hinderniſſe, die Welt und Sünde und Teufel in den Weg legen. Sollen dieſe Beiſpiele nicht entmuthigen? Nein, ich weiß, daß der Glaube eine Gnadengabe iſt, wird mir dieſe Gnade noch in dem Maaße nicht zu Theil als an⸗ dern Brüdern oder auch dieſen geſchilderten Idealen, ſo gehe ich demüthig meinen etwas mühevollen Weg, tröſte mich an den ſeligen Verheißungen, bitte deſto eifriger und hänge mich deſto inniger an den Herrn. Auch möchte ich ſtreben, mich immer mehr in der Liebe und in der Ge⸗ meinſchaft mit allen Gotteskindern einzuleben, daß ihre Kraft auch meine Kraft, ihr Reichthum mein Reichthum wird, und eben eine Gemeinſchaft in der Liebe die ver⸗ ſchiedenen Gaben ausgleicht, die der Herr verliehen. Sollte es nicht auch ein verſteckter Hochmuth ſein, wenn ſolche Ideale uns entmuthigen, ſtatt uns zu freuen und uns zu begeiſtern? ſagte Eliſabeth mit einigem Zagen.— und die Ideale, die wir in den chriſtlichen Erzählungen lieben (fuhr Emilie fort) beſtehen nicht darin, daß ſie dem Kampf mit Fleiſch und Blut ausweichen und tadellos ſind, ſon⸗ dern daß ſie! mit beſonderer Glaubensfreudigkeit kämpfen, und wenn die Sünde ſie im Zuſammenleben mit dem Herrn geſtört hat, demüthig wieder zu Ihm eilen und bei Ihm Troſt ſuchen und finden.— Das alles erſcheint mir ſo natürlich, fügte Eliſabeth hinzu.— Rechneſt Du Dich zu den Demüthigen? fragte Fritz lächelnd.— Ich möchte es wenigſtens von Herzen gern ſein, entgegnete Eliſabeth warm, und ich vertraue dem Herrn ſo zuverſichtlich, daß er mir weiter helfen wird. Er wird mich vor der Gewalt des Böſen bewahren, und wenn es mir oft bange und öde im Herzen iſt, da fühle ich dennoch, Er wird mich wieder tröſten, Er wird es mich bald wieder fühlen laſſen, daß ich ſein liebes Kind bin. O gerade in ſchweren Zeiten iſt dieſe Hülfsbedürftigkeit, dies Angewieſenſein ganz auf den Herrn ſo wunderbar ſelig. Die ſchwerſten, kummervollſten Zeiten meines Lebens ſind mir die reichſten geworden, ich fühlte mich in einer Begeiſterung und Erhebung, die den Leuten ganz unverſtändlich war, ich glaube man hat mich für leichtſinnig gehalten.— Fritz ſah ſie nachdenklich an. Ich erinnerte mich, daß er ſelbſt damals, als ihr Vater ſtarb, ſie nicht begreifen konnte, und die Leichtigkeit, mit der ſie den Schmerz trug, ſo erklärte, als ſuche ſie ſich zu zerſtreuen und dem Kreuze aus dem Wege zu gehen. Als Eliſabeth jetzt vor innerer Erregung ſchwieg, mußte ich ihre Sache weiter reden. Was Eliſabeth anführt, begann ich, läuft auf daſ⸗ ſelbe hinaus, was wir vorhin ſagten: der Herr läßt das Glaubensleben ſich in den verſchiedenen Herzen verſchieden geſtalten und verſchieden in das Leben hinaustreten.— O ich möchte nur immer von des Glaubens Seligkeit und Leichtigkeit reden, nicht von ſeiner Schwierigkeit, unterbrach mich Eliſabeth wieder: daß der Herr Chriſtus unſer Er⸗ löſer von Sünde, Hölle und Tod iſt und uns rein wiſcht — 13 von aller Miſſethat, und uns jedes Kreuz tragen hilft, mag es vom Herrn ſelbſt oder von Menſchen bereitet werden, und daß wir hier ſchon in der Welt trotz aller Trübſal freudig und ſelig ſein können, nicht aus eigner Kraft, ſon⸗ dern aus Gnade und Barmherzigkeit unſeres lieben Vaters und treuen Hirten, unter deſſen Schutz und Schirm wir als demüthige Kinder wandeln ſollen, ja demüthig, aber warme Liebe im Herzen, auch mit recht warmer Liebe im Herzen gegen die Menſchen, die noch nicht mit uns auf gleichem Glaubensgrunde ſtehen.— Lieber Fritz,(nahm die ſanfte Emilie wieder das Wort) wenn Du ſagſt, daß den Rachfolgern des Herrn die Feindſchaft der Welt wer⸗ den müſſe, ſo iſt das gewiß wahr, aber es iſt auch eine große Gefahr für Chriſten, ein Märtyrerthum in dieſer Feindſchaft zu ſuchen. Wie kann mich Spott und Haß von Menſchen bedrücken, die ſo unglücklich ſind, ſo viel entbehren? fiel Eliſabeth wieder ein.— Laß mich einmal beenden, ſagte Emilie ruhig. Sie fuhr fort: Ich habe ſchon manche theure, liebe Chriſten ſich damit entſchuldigen hören, ihre Liebloſigkeit, ihre Härte, ihr Richten, womit ſie der Welt Veranlaſſung zum gerechten Tadel gaben, da⸗ mit rechtfertigen hören:— die Feindſchaft der Welt iſt uns eine Ehre, iſt Kindern Gottes unvermeidlich, Menſchen⸗ feindſchaft und Gottes Freundſchaft, die gehören zuſammen; — ich meine aber, der Welt Feindſchaft ſollte auch uns bedenklich und vorſichtig machen. Den Herrn konnte und durſte ſie das nicht, Er war ohne Sünde, bei uns aber 14 kann es der Fall ſein, daß die Feindſchaft der Welt nicht gerade die Folge einer zu innigen Gemeinſchaft mit dem Herrn iſt, ſondern auch die Folge unſerer eigenen Sünde. — Das iſt unbeſtreitbar(verſicherte Fritz), aber auf der andern Seite iſt die Gefahr der Menſchengefälligkeit. Alſo überall Klippen und Gefahren, denen eure Ideale ſo leicht und ſchnell entgehen. Wo ſie ſich zeigen, fliegen ihnen alle Herzen, von Freund und Feind, entgegen.— So ganz denn doch nicht(vertheidigte Emilie ihre Lieblinge), es ſind doch immer zwei Parteien, daß nun allerdings manche von der feindlichen Partei durch ein wahrhaftiges, aufrichtiges Erfülltſein vom Evangelium gewonnen werden, iſt wahr und doch auch nicht unnatürlich.— Ueber dieſen Punct haben wir ſchon neulich geſprochen(wandte ſich Eliſabeth zu Fritz) und ich muß Dir darin Recht geben, die Bekeh⸗ rungen ſind meiſtens ſo ſchnell und leicht, und ich glaube, je mehr man die Welt kennt, je mehr man ſelbſt erfahren hat, wie ſchwer es iſt, dem Herrn Seelen zu gewinnen, je mehr wird man das finden und tadeln. Ich glaube, fügte ſie lächelnd hinzu, ich könnte auch ſo etwas ſchreiben, ich fühle mich oft ſo freudig und zuverſichtlich, es iſt mir, als könnte ich die ganze Welt zum Glauben bekehren,— aber wie unerfahren und thöricht!(fügte ſie ſchnell hinzu), und wir mögen nur immer ſelbſt bitten: Herr, führe uns nicht in Verſuchung, und: Herr, ich glaube, hilf meinem Unglauben.— Fritz hatte, während Eliſabeth ſprach, ſie mit beſonderer Aufmerkſamkeit angehört, ja ich ſah etwas — 15 über ſeine Züge fliegen was vielleicht nur mir verſtändlich war. Ihr werdet es vielleicht bald im Leben erfahren, dachte ich, wie gut es iſt, daß der Herr ſeinen Geiſt auf verſchiedene Weiſe in ſeinen Kindern walten läßt. Eliſa⸗ beth bedarf eines ernſten, gewiſſenhaften Führers, und ihr froher und zuverſichtlicher Kinderglaube wird ihm Freude und Erquickung ſein auf dem mühevollen Pilgerpfad. Nun wäre noch ein Punct zu erörtern— nahm die Mutter das Wort, die bis jetzt mit großem Intereſſe, aber ſchweigend den ernſthaften Fragen zugehört: das meiſtens glückliche Ende der Erzählung und die glücklichen Heirathen. — Das glückliche Ende kann man doch eigentlich nicht ſagen,(entgegnete Eliſabeth),— ein glücklicher Ruhepunct! Es wird doch auch meiſtens angedeutet, daß mit der Ver⸗ heirathung der eigentliche Kampf, der mühſame Weg erſt beginnt.— Ja(ſagte die Mutter), die Jugend iſt die Zeit, wo uns noch alles leicht und lieblich deucht, und uns auch die ernſten Seiten des Lebens mehr fern bleiben, und ich meine, wer ſeine Jugend mit dem Herrn verlebt, und von ihm Troſt und Kraft holt in den kleinen Kämpfen und wenn ihm das Kreuz nur von Ferne gezeigt wird, dem wird Er auch beiſtehen, wenn er ihm mehr zu tragen giebt. Meinſt Du nicht, liebe Mutter,(fragte Emilie) daß es oft ſchwerer iſt, die leichten Verſuchungen, die das ge⸗ wöhnliche Leben, eigentlich jeder Tag für uns hat, zu be⸗ kämpfen, als große, ſchwere Anfechtungen, womit der Herr auch ſeine Kinder heimſucht? Wich bewegt es ebenſo zu 16 ſehen, wie ein junges Mädchen mit den Eigenheiten ihres Herzens kämpft, mit Eigenwillen, Hochmuth, Liebemangel, Trägheit im Leben mit dem Herrn, als die Anfechtungen und Kämpfe eines großen Sünders, es kömmt doch nur auf die Treue an, womit gekämpft wird.— Es giebt aber auch ernſte und eifernde Chriſten(nahm Eliſabeth das Wort), welche die kleinen Verſuchungen des täglichen Le⸗ bens und ihre eigenen kleinen Lieblingsſünden ſehr nach⸗ ſichtig betrachten.— Die Verlegenheit, mit der ſie Fritzens Blicken zu entgehen ſuchte, zeigte deutlich daß ſie nicht ohne Abſicht ſprach.— Und ich meine(fuhr Emilie in ihrer Weiſe fort), den Herrn Chriſtus bekennen, ſich von der Welt Treiben entfernt halten, kann einem Chriſten nicht hoch angerechnet werden, eben ſo wenig das Eifern; ſein Hauptkämpfen ſollte ſein gegen dieſe täglichen kleinen Lieb⸗ lingsſünden, dieſe Treue im Kleinen muß uns auch im Großen fördern. Fritz nahm auch ziemlich lebhaft das Wort. Ich weiß nicht was Ihr immer von Eifern ſprecht! — Eifern(fiel ihm die Mutter ein) iſt eine bedenkliche Sache und kann ſehr leicht in den Kreiſen der Chriſten daſſelbe Gelüſte des Herzens befriedigen, was in der Welt klatſchen und ſich moquiren heißt, es liegt dieſelbe Gefahr in dieſem Eifern im Namen des Herrn, als im Suchen der Feindſchaft der Menſchen im Gegenſatz mit der Freund⸗ ſchaft Gottes, und die Selbſttäuſchung des natürlichen Herzens iſt unbeſchreiblich. Darin ſollt Ihr Euch aber jetzt nicht weiter vertiefen, ich fürchte Ihr würdet nicht fertig 47 werden.— Nur noch eine Bemerkung wegen der glück⸗ lichen Heirathen darf ich machen(nahm Emilie das Wort). Wenn Chriſten einander heirathen, ſollte es immer eine glückliche Heirath ſein.— Da haſt Du Recht(entgegnete 3 die Mutter), wenn auch unſere Sünde uns in jedem Zu⸗ ſammenleben viel Schmerzen und Kämpfe bereitet, ſo wird eine Ehe, die im Geiſte des Herrn und ſo in der wahren Liebe geſchloſſen iſt, uns doch zum großen Troſt und zur treuen Hülfe auf unſerm mühevollen Pilgerpfad, mit dieſer Liebe hilſt einer dem andern auf und weiter fort dem Ziele zu, ſo muß eine Ehe, die Chriſten ſchließen, immer eine glückliche ſein, mehr oder weniger, wie eben der Herr die verſchiedenen Leute zuſammenführt und ihnen durch dieſe Verſchiedenheit ihnen ſein Kreuz zu tragen giebt. Liebe Mutter(ſagte Fritz), ich glaube, Deine Erzählungen würden alle mit einer glücklichen Heirath ſchließen, das Glück einer alten Jungfer zu ſchildern würde dir ſchwer fallen.— Die * Mutter nickte freundlich.— Und doch hat Fritz mit dem * Vorwurf dieſer glücklichen Heirathen am meiſten Recht † Crach ich endlich mit einigem Eifer mein Schweigen). Ich will gar nicht von alten Jungfern reden; allen jungen wird damit vorgeſpiegelt, daß das einzige irdiſche Glück im Hei⸗ rathen beſteht und das iſt nicht wahr, ja wie die Welt einmal jetzt iſt, ſo ſind die wenigſten Ehen glücklich, und wenn ich den Kreis meiner Jugendbekannten überblicke, ſo könnte ich wirklich traurige Dinge erzählen.— Liebe Tante (unterbrach mich Emilie) ſchreibe zum Nutzen für uns Die alte Jungfer. 2. Aufl. 2 18 junge Mädchen die Geſchichte eimr alten Jungfer!— O nein(erſetzte ich lachend) das würde ich nicht können. Du ſollſt ja keine Geſchichte machen(warf Fritz ein), nein ge⸗ rade ganz einfache erlebte Dinge aus Deinem Leben nieder⸗ ſchreiben, es iſt recht gut, wenn wir einmal Wahrheit und nicht Ideale ſchauen. Aber lieber Fritz(wandte ich mich zu ihm), ein gutes Ende müßteſt Du Dir doch gefallen laſſen, eine ſehr fröhliche alte Jungfer.— Dieſe Erlaub⸗ niß mußte er mir nun ſchon geben, aber wirklich der Plan gefiel mir und wurde im Ernſt und doch ſehr ſcherzend weitläufig beſprochen. So gut Leute, die glücklich verhei⸗ rathet ſind, dies als ein beſonderes Glück hinſtellen, werde ich es verſuchen, das Leben einer alten Jungfer getreulich abzumalen, ich möchte die jungen Mädchen mit dieſem Stande ausſöhnen und ihnen dieſe thörichte Heirathsluſt verleiden. Mein Bruder Fritz war aus ſeiner Studierſtube zu uns getreten und hatte meine letzten Worte gehört. Das wird Dir doch nicht gelingen(ſagte er lächelnd); denn wenn Du aus Deinem Leben berichteſt, wirſt Du auch einiger Ehen erwähnen müſſen, die nichts abſchreckendes für junge Mäd⸗ chen haben.— Gut(ſagte ich), daß aber eine alte Jungfer ſolch ein Glück in ihrer Rähe ſehen kann, ganz unbeſchadet ihres eigenen Glückes und ihres Friedens, das wird die Sache ſein.— Ich wurde nun förmlich beſtürmt, bald an das Werk zu gehen, ich hatte nichts dagegen, ſtellte mir aber zur Bedingung, daß man nach den meiſten ge⸗ 19 machten Namen, die in dem Leben dieſer alten Jungfer vorkommen müßten, nicht forſchen und grübeln dürfe. Aber Dich wirſt Du doch Anna nennen? hieß es.— Und mich Fritz(ſagte der Bruder), und unſere Schweſter Eliſabeth auch nicht anders.— Das wird ſich finden, war meine kurze Antwort. 2* Wer hätte in dem Kreiſe, worin er lebt, nicht mit alten Jungfern zu verkehren, es giebt deren ſo viele und ſo verſchiedene. Von denen, welche noch nicht reſignirt haben, die noch in der Welt leben und ſich eine Zukunft erringen wollen, die ſich ſelbſt und andere gern über ihr Alter täuſchen und ſich entſchieden gegen den Namen einer alten Jungfer ſträuben, von denen wird in der Welt am meiſten geredet, weil ſie ihr Stoff zum Spott und Lachen geben. Endlich kömmt dann die Zeit, wo ſie jede Hoff⸗ nung aufgeben müſſen und dann iſt es traurig genug. Sie werden entweder verbitterte, moquante, aller Welt läſtige Perſonen, oder, nachdem ihre Anlagen verſchieden ſind, ſie gewöhnen ſich daran, die Zielſcheibe der Necke⸗ reien und des Spottes zu ſein, ja dieſe Neckereien geben ihnen Veranlaſſung zu einem Fantaſieleben, daß ſie ent⸗ ſchädigen ſoll für die traurige Wirklichkeit. Wenn auch das ihre Zeit nicht mehr ausfüllen kann, beſchäftigen ſie ſich mit Liebesangelegenheiten anderer, vergiften oft genug junge Herzen mit ihren albernen und unlautern Fantaſien und bleiben daneben thöricht und lächerlich bis zu ihrem troſtloſen Ende. Es giebt andere, die mit ſoliden und 21 vernünftigen Anlagen und durch äußere Verhältniſſe ge⸗ zwungen, früh genug reſigniren und in einem nützlichen Wirkungskreiſe das Wünſchen und Sehnen des Herzens zu beruhigen ſuchen, man nennt ſie unter Umſtänden:„eine liebenswürdige alte Jungfer,“ aber eine„glückliche“ wer⸗ den ſie nie ſein, die Welt ſieht nicht die ſtillen Stunden des Verlaſſen⸗ und Einſamſeins, ſie kennt nicht die Ge⸗ fühle des Wehes über das verfehlte Leben, und wie un⸗ befriedigend es iſt, ſich die Broſamen der Liebe in frem⸗ den Häuſern oder bei Brüdern und Schweſtern zu ſuchen. Außer dieſen liebenswürdigen alten Jungfern giebt es aber auch glückliche, und dem Herrn ſei Dank, ſie werden immer weniger zu den Seltenheiten gehören. Es ſind die, welche weder in den Thorheiten der Welt, noch im welt⸗ lichen Schaffen und Arbeiten Befriedigung ſuchen, ſondern deren Herz und Liebe zum Himmel gehört, einer Welt, wo ſie nicht freien noch ſich freien laſſen, deren Beruf es iſt, eine Chriſtin, ein Kind Gottes zu ſein, der höchſte, glücklichſte, ſeligſte Beruf für dieſe Welt und für die Ewigkeit, ein Beruf, der Verheiratheten und Unverhei⸗ ratheten gleich offen ſteht, ein Beruf, der weder einſam noch verlaſſen läßt, noch die Liebe in Broſamen austheilt. Nein, dieſer Beruf führt uns an einen reichen, uner⸗ ſchöpflichen Liebestiſch, wo einer Jungfrau nicht kärglicher gegeben wird als einer Frau, nein wer am meiſten ver⸗ langt, dem wird am reichſten ausgetheilt. Im Korinther⸗ briefe ſteht: Ich wollte aber, daß ihr ohne Sorge wäret. 22 Wer ledig iſt, der ſorget, was dem Herrn angehöret, wie er dem Herrn gefalle. Und wer ledig iſt, iſt ſo ganz auf den Herrn angewieſen, das iſt ein unveränderlicher, treuer, liebreicher, zartfühlender und theilnehmender Freund, bis die Erde ſchwindet, bis unſer Jugendleben mit aller weltlichen Hoffnung und Luſt, aller weltlichen Freude und Herrlichkeit in grauem Nebel zurücktritt, und das Gefühl des Alters mit dem ſeligen Gefühl der Himmelsnähe ver⸗ bunden iſt und uns friſch und fröhlich und jung und ſehn⸗ ſuchtsvoll und wunderbar poetiſch bewegt. O Jeruſalem du ſchöne, Ach wie helle glänzeſt du! Ach welch lieblich Lobgetöne Hört man da in ſtolzer Ruh⸗ O der großen Freud und Wonne, Jetzund gehet auf die Sonne, Jetzund gehet an der Tag, Der kein Ende nehmen mag. — Es war im Herbſt 1828, ein wunderſchöner Septembertag, die Sonne kochte die vollen Weintrauben hinter den Spalieren, heiß war es aber dennoch nicht,. ein erquickender Hauch kühlte die Wange, alles glänzte in den friſcheſten Farben, der blaue Himmel, die Aſtern und Georginen und Malven, und der Wald drüben und die Wieſen davor, ich ſaß vor der Thür des Häuschens, das unter dem Kirſchen und Kaſtanienhügel ruht, unter der Weinlaube, einige Stufen führten zu mir herauf, ich mußte etwas hinabſchauen auf die übrige Welt. Ich war neunzehn Jahr und ſehr glücklich, meine Fantaſie träumte —½ 23 von Mährchen und Wundern, die ich erleben mußte. Das Glück eines thörichten Mädchens läßt ſich nicht beſchreiben, alles was die Welt nur Schönes bieten kann, iſt ihr ſicher, ſie darf nur zugreifen, ſie thut es nicht, weil ſie ſchwankt, ob das Erwarten und Sehnen und Hoffen nicht noch ſchöner ſei als das Beſitzen. Mir gegenüber ſaß mein zwanzigjähriger Bruder Fritz, er befand ſich vielleicht auf einem ähnlichen Höhepunct ſeiner Jugendluſt, mit Nr. 1. von der Schule abgegangen, war er eben im Be⸗ griff, die Univerſität zu beziehen. Wir neckten uns mit den jüngern Geſchwiſtern, die unten im Garten beſchäftigt waren, dann wandte er ſich zu mir: Es iſt doch eigentlich ein fürchterliches Onus, das auf dieſem Hauſe ruht.— Ich ſah ihn fragend an. Dieſe Tante Adelgunde, jedes Johr ſechs Wochen hier, ſagte er. Die Arme! entgegnete ich unwillkürlich. Warum denn arm? fragte er verwundert. Allein darum, weil ſie eine alte Jungfer iſt. Wer iſt eine alte Jungfer? fragte Lottchen, die gute Couſine der Mutter, ſie war aus der Hausthür getreten und ſetzte ſich zu uns. Tante Adelgunde iſt eine alte Jungfer, ſagte ich. Das iſt nichts Beſonderes, entgegnete Lottchen, das kannſt Du auch werden, Anna. Ein kalter Schrecken durchrieſelte mich, aber welche Thorheit! ich mußte ſelbſt darüber lachen. Fritz nahm es ernſthafter, ſein brüderlicher Stolz war verletzt, er wurde auf Lottchen ordentlich böſe und hielt in Schülerweisheit eine Art Ab⸗ 24 handlung über das Unnatürliche und Widerwärtige einer alten Jungfer. Eben weil es vom lieben Gott nicht ge⸗ wollt iſt, haben dieſe Perſonen etwas Unnatürliches, Lächer⸗ liches, Unleidliches.— Ich unterbrach ihn nicht, weil mir die Sache ſehr ſpaßhaft war, und weil ich höchſt geſpannt auf Lottchens Entgegnung war. Sie konnte ſich auch nicht länger zurückhalten. Vortrefflich, lieber Junge, begann ſie etwas feierlich, ich habe mich noch nie ſo abkonterfeit geſehen. Fritz ſah ſie mit ſeinen großen blauen Augen wirklich ſehr albern an. Dich, Lottchen? war ſeine ſtotternde Frage. Nun ja mich als alte Jungfer, ſagte ſie ziemlich gereizt. Rein, Dich habe ich nicht gemeint, ſagte er gutmüthig, ich habe wirklich nie daran gedacht, daß Du eine alte Jungfer biſt. Es lag in dieſer treuherzigen Verſcherung viel zu viel Schmeichelet, als daß Lottchens Herz davon hätte unge⸗ rührt bleiben können. Lottchen gehörte zu den ſoliden alten Jungfern, ſie hatte ihr Leben uns Kindern gewidmet, ſie war unauf⸗ hörlich beſchäftigt für uns zu nähen, zu waſchen, zu plet⸗ ten, zu flicken, und erquickte ſich an den Broſamen un⸗ ſerer Liebe.— Du wirſt vielleicht noch einmal Gott danken, ſagte ſie zu Fritz, eine alte Jungfer im Hauſe zu haben. In einer Keinen Pfarre mit wenigen Einnah⸗ men und vielen Kindern iſt Hülfe, die um Liebe und nicht um Geld dient, meine ich, ſehr willkommen. Weiſe darum Anna nicht ſo entſchieden ab.— Du haſt Recht 25 Lotichen, entgegnete Fritz ſehr verſtändig, ich werde nie etwas dagegen haben, aber Anna paßt nicht dazu(ſetzte er nachdenklich hinzu), lieber Eliſabeth. In ſeinen Worten lag ein Tadel für mich und doch wieder eine Schmeichelei, die ich gern hörte. Eliſabeth, meine ſechzehnjährige Schweſter, war weit weniger begabt und hübſch als ich, das wußte ich, und ſie war ſtets be⸗ reit, mir ihre Suldigung darzubringen, und dennoch hatte ich ein Gefühl des Reſpectes vor ihr, deſſen Urſach zu er⸗ gründen ich nie Luſt hatte. Sie trat eben zu uns, ihr ſchlichter blonder Scheitel, ihre guten blauen Augen, ihre roſigen Wangen ſahen hübſch genug aus, ſie trug die ganze Schürze voll trockner Blumen. Die Rabatten habe ich ſo ſchön geſäubert, ich hoffe, Tante Adelgunde wird keine einzige trockne Blüthe entdecken, ſagte ſie vergnügt. Mit dieſer Tante Adelgunde, entgegnete Lottchen, es iſt wirklich als ob der Großmogul käme. Länger als einen Tag habe ich auch nicht Luſt, hier den Feinen zu ſpielen, ſagte Fritz, dann ziehe ich ab und mache meine Fußreiſe. Du brauchſt Dich auch nicht den einen Tag zu bemühen mit der Feinheit, lachte Lottchen, es wird Dir nichts helfen. Adel⸗ gunde hat mir ganz ernſthaft verſichert, die blonden unter euch Kindern ſchlügen nach den Freimans, die würden nie begreifen, was Manier und Sitte iſt. Als ich ihr ent⸗ gegnete, euer Vater, mein ſehr lieber Vetter, ſei doch ein recht feiner, manierlicher Herr geweſen, ſagte ſie ganz ver⸗ traulich: Liebes Lottchen, Sie ſind geſcheut genug, den 26 Unterſchied zwiſchen guten adeligen und guten bürgerlichen Manieren zu fühlen; Freiman war ein feiner bürgerlicher Mann, aber dies adelige je ne sais quoi wird nur an⸗ geboren. Fritz als ein entſchiedener londer Freiman war ziem⸗ lich verletzt. Wie konfus iſt das wieder, und eigentlich wie ärgerlich, ſagte er. Eliſabeth, die ja auch zu den Blonden gehörte, ſagte ſehr ruhig: Die Tante hat aber doch recht, es kömmt nur darauf an, ob dieſes je ne sais quoi für uns wünſchenswerth iſt. Eliſabeth hat Recht, rief Fritz etwas begeiſtert, nur der Geiſt iſt es, der da mächtig iſt und alle Formen beherrſcht, und Lott⸗ chen, ich werde es gar nicht verſuchen, bei der Tante den Feinen zu ſpielen. Das Kapitel wurde noch weiter aus⸗ geſponnen, unſere jüngſte Schweſter Minna war auch zu uns gekommen und nahm theil an unſerem Geſpräche und ließ ihre eilfjährige Altklugheit hören. Minna und ich waren die Brünetten unter den Kindern und auch die Lieb⸗ linge von Tante Adelgunde, was in jugendlicher Thorheit jeder auf ſeine Art wohl zu ſchätzen wußte. Der Mutter ernſte Erſcheinung ſtörte unſer Lachen⸗ Seit des Vaters Tode hatte ſie die Trauerfarben nie ab⸗ gelegt. Auch als der Vater noch lebte, war ſie immer ernſthaft und ſchweigſam, und wir Kinder fühlten uns eigentlich in Lottchens lachender und ſpaßender Nähe weit wohler. Von der Mutter Vergangenheit wußten wir wenig, aber was wir wußten, war mir beſonders ſehr intereſſant. „ 27 Sie und Tante Adelgunde waren in dem Hauſe ihres Großvaters, des reichen und vornehmen Generals v. Gro⸗ buſch erzogen, die Mutter als die geringgeachtete bürger⸗ liche Enkelin. Des Generals Tochter hatte mit dem höch⸗ ſten Widerſtreben der Eltern einen bürgerlichen Offizier ge⸗ heirathet und war dann früh Wittwe geworden und auch früh geſtorben. Adelgunde dagegen trug den Namen des Großvaters, und obgleich ihr Vater ein entſetzlicher Ver⸗ ſchwender geweſen und nur ſein früher Tod den alten El⸗ tern etwas Vermögen gerettet, ſo war Adelgunde doch die geliebte und bevorzugte Enkelin. Ob unſere Mutter den Vater aus Liebe geheirathet, oder ob um der drückenden Lage im großelterlichen Hauſe zu entgehen, wißte ich nicht; ich erinnerte mich aber wohl, wie der Vater immer glück⸗ lich und fröhlich war und mit der Mutter im beſten Frie⸗ den lebte. Der Großvater hatte bei ſeinem Tode Adel⸗ gunden ziemlich den ganzen Reſt des Vermögens vermacht, damit ſie ihres Namens und Standes würdig leben konnte. Tante Adelgunde lebte mit der Mutter immer im freund⸗ lichſten Verkehr, ſie war viel zu gutmüthig und unſelbſtän⸗ din, um der Mutter die bürgerliche Heirath lange nachzu⸗ tragen, eine Reiſe zu uns war ihrſ in jedem Jahr eine Nothwendigkeit, ſie hatte außer uns keinen Verwandten in der Welt und wegen ihrer Sonderbarkeiten auch we⸗ nig Freunde. Tante Adelgunde gehörte zu der traurigſten Art von alten Jungfern. Von Jugend auf darauf hingewieſen, in —— 28 der Welt und in einer glänzenden Stellung ihr Glück zu ſuchen, hatte ſich ihr geiſtiges Leben in eine völlig nichts⸗ ſagende Oberflächlichkeit aufgelöſt. Dabei war es ein un⸗ unterbrochener Kampf, ein Sträuben, ein Hinabſteigen von einer Stufe der Hoffnung zur andern. Jetzt war ſie an einem gewiſſen Puncte der Reſignation angelangt; nur an ſich denkend, für ſich lebend, ſuchte ſie in geſelligen Zer⸗ ſtreuungen der vornehmen Welt einen Tag nach dem an⸗ dern todtzuſchlagen, ohne Troſt für die Gegenwart und ohne Hoffnung für die Zukunſt. Dieſes Urtheil würde ich damals als neunzehnjähriges Mädchen nicht ganz ſo gefällt haben, der Tante vornehme Erſcheinung, ihre Er⸗ zählungen aus den adligen Kreiſen ihrer Bekanntſchaft, und die Hoffnung, durch ſie einſt in dieſe Kreiſe als in eine wunderbar herrliche Welt eingeführt zu werden, ließen mich ihre Schwächen und Eigenthümlichkeiten in etwas milderem Lichte ſehen. Ein Poſthorn drüben vom Walde her meldete die Ankunft der Tante. Wir waren alle an der Gartenpforte des Gartens verſammelt, als die Reiſechaiſe hielt. Die Tante allein im Fond, ihre alte Kammerjungfer Erneſtine, oder abgekürzt, Tina, ſaß beim Poſtillon. Die Stene, die jetzt folgte, war uns allen bekannt und wunderte uns nicht. Mit halb geſchloſſenen Augen und ſeufzend nahm die Tante unſere Begrüßungen an.— Wie geht es Dir, liebe Adelgunde? fragte die Mutter theil⸗ nehmend, die Tante nickte freundlich, aber ſie ſchien zu 29 einer Antwort zu angegriffen. Während deſſen war Tina vom Bock herunter geklettert und übernahm die Antwort: Meinem Fräulein geht es gut, ſehr gut. Was thut denn ein Bischen Hitze? ich bin da auf meinem Thron auch nicht elyſäiſch zu Muthe geweſen. Alberne Perſon! hauchte die Tante. Tina lachte gutmüthig und klopfte dabei der Tante vertraulich auf die Schulter. Liebe Tante, wir wer⸗ den Dich ſehr pflegen, daß Du Dich bald erholſt, ſagte Eliſabeth in herzlicher Theilnahme. Die Worte wurden nicht ſehr von der Tante berückſichtigt, wohl aber ſah ſie mich höchſt aufmerkſam und mit dem Ausdruck der Befrie⸗ digung an; ich verſtand dieſe Bewunderung. Minna küßte der Tante manierlich die Hand, während der kleinſte, ſechs⸗ jährige Karl ſie auf ſeine eigene Weiſe begrüßte: er ſtand mitten im Wege, die Hände in den kleinen Hoſentaſchen, Augen und Mund weit auf, ob vor Erſtaunen oder ge⸗ heimen Schrecken ließ ſich nicht genau beſtimmen. Die Tante, ſchlank und hoch, mit einem mächtigen Strohhut, wie man ſie damals trug, auf dem ſchwarzen Lockenkopfe, überreichlich mit coclicorothen hochſtehenden Schleifen garnirt, in einem Sommermantel von grünem Atlas, hatte ſeine Fantaſie wer weiß auf welche Weiſe in Bewegung geſetzt.— Was hat denn dieſes Kind? hauchte die Tante verdrieß⸗ lich. Der arme Junge gehörte ſehr entſchieden zu den Blonden. Komm Karlchen, küſſe der lieben Tante die Hand, wollte ihn Minna ſchmeichelnd überreden, er aber ſchielte bedenklich von der Seite die ſeltſame Erſcheinung 30 an, ſchüttelte den Kopf und ſchlug ruhig einen Seitenweg ein. Wir ignorirten dieſe kleine Seene und führten die Tante mit deſto größerer Aufmerkſamkeit nach ihrem Zim⸗ mer. Wie gewöhnlich wurden wir außer der Mutter vor der Thür entlaſſen,— uns ſchon recht, denn die erzwun⸗ gene Gravität war unſerem Uebermuthe höchſt läſtig. Lott⸗ chen an der Spitze eröffneten wir unten im Familienzim⸗ mer eine höchſt amuſante Sitzung. Lottchen war gut und brav, ſie würde nie ihren Näch⸗ ſten verleumdet oder abſichtlich gekränkt haben, aber ſeine Schwächen ganz gelegentlich zum eigenen Vergnügen aus⸗ zubeuten, machte ſie ſich kein Gewiſſen. Fritz und ich ebenfalls. Unſer Uebermuth war ſprudelnd bis zur Albern⸗ heit. Nur Eliſabeth ſagte: Ich weiß nicht, wenn ich et⸗ was über Menſchen rede, was ſie eigentlich nicht hören dürfen, das macht mir bange. Lottchen und ich ſuchten ſie zu überzeugen, daß, wenn man es nicht böſe meine und es auch nur in ganz bekannten Kreiſen geſchähe, es kein Unrecht ſei. Eliſabeth wußte nichts dagegen einzuwen⸗ den, aber ſelbſt Fritz hatte nach ihrer Aeußerung uns be⸗ denklich angeſchaut und gewiſſenhaft mit dem Kopfe genickt, er ſchien auch ſehr geneigt, eine gelehrte Abhandlung über erlaubte und unerlaubte Kritik zu halten. Lottchen und ich ließen es nicht dazu kommen, wir ließen aber Tante Adelgunde aus dem Spiel und richteten unſere Heiterkeit und Lachluſt auf andere Gegenſtände. Die Dämmerung war vorüber, wir hatten auch un⸗ 31 ſer einfaches Abendbrod bereits genoſſen, als die Thür ſich leiſe öffnete. Darf ich hereinkommen? fragte Tina. Sie erhielt gern die Erlaubniß.— Wir beiden da oben lang⸗ weilen uns wie die Möpſe, ſagte ſie höchſt unehrerbietig. Glauben Sie nur, das Fräulein wäre von Herzen gern unten, wenn ſie nur nicht angegriffen ſein müßte. Ich habe jetzt zu ihr geſagt, wenn man krank wäre, wäre man am beſten allein aufgehoben, und ich wollte mich hier unten etwas verpuſten. Sie hat mich auch entlaſſen, aber ich ſoll ihr Bericht abſtatten, warum Sie hier unten ſo laut lachen. Für Eliſabeth war es eine große Genug⸗ thuung nicht ſagen zu müſſen: Wir haben über Tante Adelgunde gelacht. Fritzens zukünftige Studentenwirthſchaft war unſer letztes Thema, und zu Tinas Entzücken wurde das weiter von uns ausgeſponnen. Ihr Vergnügen wurde durch die Klingel der Tante unterbrochen, aber bald hör⸗ ten wir ihre laute lachende Stimme als Berichterſtatterin durch die dünnen Wände hindurch, und ſie war gewiß die Urſache, daß die Tante ſich ſchon zum Frühſtück als völlig hergeſtellt anmelden ließ. Am andern Morgen wurde die Tante von uns herz⸗ lich begrüßt, ſie war viel zu gutmüthig, hatte uns trotz aller Wunderlichkeiten zu lieb, als daß wir ſie nicht hätten ſollen wieder lieben. Auch war ſie nicht immer nervös, ſie konnte oft ſehr vergnügt mit uns ſein, und als ſie dieſen Morgen bei uns eintrat, ſahen wir ihren Augen an, daß ihr Barometer auf Sonnenſchein ſtand. Schon beim Früh⸗ * 32 ſtück verſicherte die Tante, der Aufenthalt bei uns ſei der Champagner ihres Lebens. Tina, welche dieſe Bemerkung zufällig mit anhörte, fragte: Fräulein, was trinken wir wohl, wenn wir allein ſind? Die Tante fragte gütig: Nun was meinſt Du Tina? Dieſe gab die unartige Ant⸗ wort: Ich glaube gar Kamillenthee, gnädiges Fräulein. Die Tante fand das ſehr witzig, und wir durften alle darüber lachen. Nach dem Frühſtück wußten wir, folgte eine verhäng⸗ nißvolle Scene. Tante Adelgunde theilte ihre Geſchenke aus.— Geſchenke, wie Eliſabeth einmal der Mutter treu⸗ herzig verſicherte, wo man vſft nicht weiß, ob man darüber weinen oder lachen ſoll. Es waren nur abgelegte Sachen, immer ſehr guter Stoff, aber ſeltſame Formen, und da die Mutter zu wenig auf das Aeußere gab, waren wir Kinder oft genöthigt uns nach unſerer Meinung höchſt geſchmacklos anzuziechen. Als Tina mit dem bewußten Koffer in die Stube trat, konnte Fritz wohl gleichmüthig ihr beim Oeffnen behülflich ſein, er konnte ja von den abgelegten Sachen keinen Gebrauch machen; wir andern ſtanden mit klopfen⸗ den Herzen dabei.— Für die beiden lieben Mädchen habe ich hier zwei Anzüge, begann die Tante feierlich, faſt noch neu: wenn die Verhältniſſe, in denen ich lebe, die vielen Geſellſchaften mich nicht zum Wechſeln der Toilette zwän⸗ gen, ſo würde ich ſie ſelbſt noch auftragen. Sie entfaltete ein blauſchwarzes Seidenkleid, Aermel und Taille mit vielen Zacken und Franzen garnirt, dazu gehörte ein weißer 33 Maria⸗Stuart⸗Kragen. Dann folgte ein kanariengelber Tuch⸗Oberrock mit Kapuchon und großer ſeidener Quaſte. Ich weiß noch nicht recht, welchem von euch Mädchen dieſes ſchöne Gelb am beſten ſtehen wird, ſagte ſie nachdenklich. Mir wohl das Schwarze beſſer! ſtotterte ich in Herzens⸗ angſt, aber ohne an die arme Eliſabeth zu denken. So nimm das dunkele, ſagte die Tante entſchieden; ja der Stuart⸗Kragen wird Deinem ſchlanken Halſe ſehr gut ſtehen. Ich bedankte mich beſonders lebhaft in dem Gefühl, den Kanarienvogel nicht nehmen zu müſſen. Dir, liebe Eliſa⸗ beth, wandte ſich die Tante zu der Erſchrockenen, ſchenke ich den Tuchrock, er iſt einfach und nobel und viele Jahre wirſt Du ihn tragen können, er iſt unverwüſtlich. Eliſa⸗ beths ſtummer Dank, ihre Verlegenheit hatte die Tante ſicher wieder auf ihre blonde Abſtammung geſchoben, denn die brünette Minna, die jetzt mit einem wunderlichen blauen Sammetſpenzer an die Reihe kam, ſprach ihr aufrichtiges Entzücken mit ſchmeichelhaften Worten aus. Karlchen ſollte aus einer großen Mancheſter⸗Pellerine eine Art Kurrende⸗ mäntelchen bekommen, er ſchien ſich nicht ſehr dafür zu intereſſiren, dagegen entſchloß er ſich für einige Bonbons, der Tante die Hand zu küſſen. Die Mutter und Lottchen erhielten wie gewöhnlich neue Sachen, und Fritz wurde mit dem Verſprechen entſchädigt, die Tante wollte ſich an der Einrichtung ſeiner Studentenwirthſchaft betheiligen. Am Abend ſaßen Fritz, Eliſabeth und ich im Neben⸗ zimmer, es war dämmerig, am klaren blauen Himmel ſtand Die alte Jungfer. 2. Aufl. 8 34 die erſte feine Mondſichel und ließ ihre goldnen Lichter durch das Weinlaub ſpielen. Wie ſchön iſt ſo geſchwiſter⸗ liches Beiſammenſein, wenn die Liebe noch kein fremdes Ziel gefunden, wenn ſi ſich am elterlichen Hauſe hält mit ihrem vollen jungen Frühlingsleben. Wir drei erwachſenen Geſchwiſter hielten eng zuſammen, noch hatte kein fremdes Intereſſe ſich in unſere Herzen gedrängt, nur meine Sehn⸗ ſucht zog zuweilen unruhig in die Zukunft, wie feine grüne Ranken ſehnend hinaus ſproßen und wanken und ſchwanken in der blauen Luft, aber Leben und Heimath in dem alten Stamme findend. Wir waren heute ernſt geſtimmt, Tante Adelgunde hatte uns auch hierzu veranlaßt. Sie war den ganzen Tag ſo liebenswürdig und freundlich geweſen, gegen Abend auf einem Spatziergange wurde ſie weich und mit⸗ theilend, ſie beklagte ihre Einſamkeit und ihre vielen be⸗ trübten Stimmungen. Wir drei wollten jetzt die Urſache eines ſo traurigen Lebens ergründen. Ich weiß nicht, wie man im Alter ſich ſchützen ſoll vor dieſer innern Betrüb⸗ niß und Einſamkeit, ſagte Eliſabeth. Wie viele Menſchen würden uns wie Tante Adelgunde, wenn ſie den Vorhang von ihrem Herzen zögen, viel Klage und Unglück zeigen. Je mehr ſie ſich an äußeren Dingen zu halten und zu zer⸗ ſtreuen ſuchen, je fröhlicher ſie in Geſellſchaft erſcheinen, deſto unglücklicher ſind ſie in den einſamen Stunden; denn Geſelligkeit und äußere Dinge können nicht vorhalten und wirkliche Beftiedigung ſchaffen. O liebe Eliſabeth, unter⸗ prach ich ſie begeiſtert, davon rede ich ja ſo oſft, wir müſſen 35 uns nicht ſo ſehr von äußeren Dingen hinnehmen laſſen, wir müſſen unſerer inneren idealen Welt leben, folgen dem Sehnen unſeres Geiſtes, das uns hinzieht zu etwas Un⸗ endlichem und Unausſprechlichem. Liebe Anna, ſagte Eliſa⸗ ſabeth ruhig, ich verſtehe das nur nicht. Unendlich— Un⸗ ausſprechlich— dabei kann man ſich zu wenig denken, ich muß doch etwas Beſtimmteres haben, daran ich mich halten kann.— Nenne Poeſie, Geſang, Kunſt überhaupt, ſagte Fritz. Ach ja, fuhr ich fort, es giebt ſo viel Herrliches und Schönes, was die Seele erfüllen kann mit Entzücken und Seligkeit. Hier in dieſer armen irdiſchen Welt können wir uns mit allen edlen Dichtern eine eigne ſchöne Geiſtes⸗ welt ſchaffen, die das Alter friſch und glücklich erhält. Aber nicht alle Menſchen haben Verſtändniß für Poeſie und haben die Geiſteskraft, ſich eine ſolche eigne Welt zu ſchaffen, entgegnete Eliſabeth traurig. Ich mußte augen⸗ blicklich ſchweigen, die arme Eliſabeth that mir leid.— Das iſt zu erwägen, nahm Fritz bedenklich das Wort, nicht alle Menſchen haben was man ſo nennt eine pvetiſche und künſtleriſche Natur, wie Du es haſt, liebe Anna, ich ſage Dir das ohne zu ſchmeicheln, denn Dein Verdienſt iſt es nicht. Männer finden nun immer Erſatz und Befriedigung in ihrem Beruf, wie geht es aber ſo armen Mädchen, die ſich nicht verheirathen, und auch keinen Erſatz in höherem Geiſtesleben finden? Er ſchwieg einen Augenblick, dann fuhr er lebhafter fort: Und doch, Eliſabeth, iſt auch für dieſe geſorgt, ſie mögen ſich einen Beruf ſuchen, wie ihn 36 Lottchen gefunden hat, ſie iſt ſicher vergnügt und glücklich. Solch einen Beruf zu finden iſt mir auch nicht bange, ent⸗ gegnete Eliſabeth zuverſichtlich, ich helfe gern bei Kindern, und habe auch Luſt zur Arbeit, aber meint ihr denn, daß die Freude an ſolchem Beruf bis zum Tode vorhält? Da hat Eliſabeth wieder Recht, nahm ich jetzt das Wort, das iſt natürlich nur für das rüſtige Alter, Freude und Poeſie und ein beſonderes geiſtiges Leben aber erhalten jung bis zum Tode. Es iſt gewiß wahr, es muß etwas geben, darin alle Menſchen Frieden finden, begann Eliſabeth haſtig. — Was iſt das? fragte ich neugierig, als ſie zögernd inne hielt. Wenn wir den Weg zum Himmel gehen, ſetzte ſie leiſer hinzu.— Dieſe Worte beftemdeten mich ſo ſehr, daß mir die Antwort fehlte, auch Fritz blieb ſchweigſam. Ich habe neulich eine Predigt gehört, die mir nicht mehr aus dem Sinne will, fuhr ſie fort, vom breiten und vom ſchmalen Wege, von der Seligkeit des ſchmalen Weges,— und da muß ich immer denken, wir alle gehen den breiten Weg, ſetzte ſie faſt unhörbar hinzu. Mir fiel augenblicklich ein, daß Eliſabeth vor einiger Zeit in der nächſten Stadt einen jungen Candidaten predigen hörte, einen ſogenannten Pietiſten. Dieſe Leute waren zu der Zeit noch ſelten und wurden von den gebildeten Ständen von oben herab und höchſt bedenklich angeſehen. Ich weiß, liebe Eliſabeth, nahm ich ſehr zuverſichtlich das Wort, Du haſt einen jun⸗ gen Schwärmer predigen hören, einen Mann, der die Re⸗ ligion höchſt einſeitig und nur nach dem Buchſtaben auf⸗ 37 faßt, der Buchſtabe aber tödtet, der Geiſt macht lebendig. Meinſt Du nicht, daß Fritz und ich auch einem Ideale nachleben, einem ſchönen, edeln Ideale, und daß dieſes Streben eben ein Theil unſrer innern Befriedigung bleiben wird?— Ideal— ſagte Eliſabeth kopfſchüttelnd, das iſt wieder ſo unbeſtimmt, ich kann mir wieder nichts rechtes dabei denken. Sollte es nicht leichter ſein, nach Gottes Wort zu leben, es täglich, ſtündlich, ja jeden Augenblick im Herzen und vor Augen zu haben?— Ich war wieder etwas verblüfft über dieſen allerdings treffenden Einwand. Anna, ſagte Eliſabeth jetzt mit einiger Lebhaſtigkeit, als ob ſie damit ihre Scheu überwinden wollte, ich glaube, Gottes Wort iſt es allein, was jedem Menſchen bis zum höchſten Alter Frieden und Glück geben kann. Was iſt in der Bibel für eine ſelige Welt und nichts Unausſprechliches und Unbeſtimmtes, alles ſo klar, ſo beſtimmt, man hat ſo einen feſten Halt, ſo eine gewiſſe, untrügliche Zuſicherung eines ewigen Glückes. Wir dürfen uns vor keinem Unglück, keiner Einſamkeit fürchten, wenn wir nur das Evangelium haben, und es in unſerem Herzen lebt, ſo ſind wir geborgen. Wie fremd mir das klang, wie viel Kluges ich da⸗ gegen hätte einwenden können, und doch wagte ich es nicht, ich hatte Eliſabeth zu herzlich lieb, ich glaubte in meinem Hochmuthe, da ihr einmal eine höhere Begabung fehlte, wäre es ja ein Glück für ſie, wenn ſie auf dieſe Weiſe ſich zu tröſten ſuche. Ich ſchlang meinen Arm um ihren Nacken und ſagte: Eliſabeth, wir wollen uns immer ſehr lieb 38 haben. Fritz ſaß gedankenvoll im Fenſter: Ich freue mich wirklich, daß das Studium der Bibel jetzt meine Pflicht ſein wird, ſagte er treuherzig; ich weiß auch nicht ſehr viel davon. Mutter und Tante traten in dieſem Augenblicke in das Zimmer, Lottchen folgte mit der Lampe. Wollt ihr nicht etwas ſingen? fragte die Mutter, in der guten Abſicht, die Tante, die ſo ſehr weichherzig geſtimmt war, zu zerſtreuen. Eliſabeth ging ſchnell an das Klavier, ſchlug haſtig ein Lied auf, ganz gegen ihre Gewohnheit, ohne mich zu fragen, und ich weiß nicht, wie ich dazu kam, auch ohne irgend einen Vorwand mit ihr einzuſtimmen: Jehovah iſt mein Hirt und Hüter, Nun wird kein Mangel treffen mich, Auf grünen Auen ſeiner Güter Erquicket er mich ſüßiglich; Er leiter mich zu friſchen Quellen, Da häufig ſich zu mir geſellen Viel krank und matte Schäfelein; Wenn ich in Ohnmacht ſinke nieder, So holt er meine Seele wieder Und flößt ihr Lebensbalſam ein. Er führet mich auf rechten Wegen, Er geht voran, ich folge nach, Und wenn ich gleich in finſtern Stegen Und Thälern voller Ungemach, Durch dick und dünn, durch Dorn und Hecken Muß wandern, ſoll mich doch nichts ſchrecken, Denn du biſt bei mir ſtetiglich: Du biſt mein Licht, mein Stern, mein Führer, Dein Stab und Stecken mein Regierer, Auf deinen Achſeln ruhe ich, 39 Hallelujah ſei dir geſungen, O holder Hirt, o ſüßes Lamm! Ach hätt ich hunderttauſend Zungen Zu rühmen dich, mein Bräutigam! Doch du willſt nicht viel Zungen haben, Nur eins iſt, das dein Herz kann laben, Ein Herz, das dich nur liebt allein: Das wollſt du mir, o Jeſu ſchenken, So will ich ſtets bei mir gedenken: Mein Hirt iſt mein und ich bin ſein. O wie wehmüthig? ſagte Tante Adelgunde. Lottchen trat flüſternd zu uns: Kinder, wie kommt ihr denn zu dieſem Schäflein⸗Liede, das iſt am allerwenigſten für die Tante. Ich erröthete faſt vor Schaam. Der Tert war mir heute zum erſten Male, in der Idee daß wir Zuhörer hatten, aufgefallen, bis jetzt hatte ich das Lied nur in künſtleriſcher Hinſicht betrachtet; die Melodie war ſo wun⸗ derſchön, und meine Stimme ſchmiegte ſich ſo beſonders gut daran, machte einen eigenthümlichen Effect. Ich ſchob Eliſabeth etwas eifrig vom Klavier und nahm den Arion zur Hand, ich blätterte und entſchied mich ſchnell: Mir auch war ein Leben aufgegangen, Welches reich bekränzte Tage bot, An der Hoffnung jugendlichen Wangen Blühte noch das erſte zarte Roth, Auf der Gegenwart umrauſchten Wogen Brannt' ein Morgen, ſchön wie Opfergluth, Hohe Traumgeſtalten zogen Stolz wie Schwäne durch die rothe Flut. Entzückend! ſagte die Tante als ich beendigt. Anna, Deine Stimme iſt noch melodiſcher und umfangreicher ge⸗ 40 worden. Aber, liebe Anna, nahm Fritz jetzt treuherzig das Wort, dies Lied iſt doch wie Waſſerſuppe gegen den herrlichen Choral. Welch ein Sturm erhob ſich über den armen Fritz. Ich war ganz entſetzt über dieſen Vergleich, ich wollte zwar den Chorälen ihr Recht nicht nehmen, es ſei Bedürfniß ſie zu ſingen, beſonders in ernſten Zeiten; aber die Muſik bleibe immer einſeitig. Ich erklärte ungefähr ſo: ſie wären gut und nöthig; aber nicht angenehm und ſchön. Was meiner Rede an Sinn und Vernunft fehlte, erſetzte ich durch Gewandtheit und Wortreichthum. Lottchen war eigent⸗ lich auf meiner Seite, aber ſie hatte doch mehr Freude an den Chorälen als ich, ich fand dies natürlich, weil ſie künſt⸗ leriſche Genüſſe in der Muſik nicht kannte. Sie lobte ihr: Befiehl du deine Wege, Wer nur den lieben Gott läßt walten, Auf Gott und nicht auf meinen Rath, Wie groß iſt des Allmächtgen Güte. In dieſen Liedern fand ſie Verſtand und frommen Sinn; aber Lieder, worin Schäflein und Lämmlein vorkamen und mehr dergl. myſtiſche Sa⸗ chen, die ſeien herrenhutiſch und ſchwärmeriſch und pieti⸗ ſtiſch. Eliſabeth und Fritz ſchwiegen ganz ſtill, das machte mich eigentlich deſto eiftiger. In Eliſabeth fürchtete ich einen Zug zu dieſem pietiſtiſchen Aberglauben, ich mußte ihr bei dieſer Gelegenheit die Sache klar machen, ich that das mit ſo gutem Gewiſſen, denn wir alle waren kirchliche Leute, ließen kaum ohne Noth einen Sonntag hingehen ohne den Gottesdienſt zu beſuchen. Ueber die Gründe und 41 Reſultate dieſes Kirchengehens dachte ich damals nicht nach. Es war vom Vater her, der ein natürlich gottesfürchtiger Mann war, eine gute Gewohnheit, ſich Sonntags feierlich anzuziehen, feierlich in die Kirche zu gehen, die Predigt theilweiſe nachzuſchreiben und ſie dem Vater wieder vorzu⸗ tragen. Wie ich es fertig gekriegt habe, jahrelang hinzu⸗ gehen, zu ſingen, zu beten, doch wenigſtens Epiſtel und Evangelium zu hören, ohne in ein innigeres Verhältniß zum lieben Gott zu kommen, iſt wohl unbegreiflich; aber wie vielen Menſchen geht es ſo. Ein Gefühl der Andacht, der Ueberſchwenglichkeit erfüllte mich oft, das höchſte Weſen dort oben erſchien mir ſo unendlich, ſo unausſprechlich, es war ein ſo pvetiſches Vergnügen, mich in ſolche Gefühle zu verſenken und ich hatte die zuverſichtliche Erwartung, da ich ſchon ſo ſehr begabt und bevorzugt war, es werde mir ganz beſonders wunderbar und glücklich in der Welt ergehen. Tante Adelgunde erzählte noch, daß ſie eine alte Freun⸗ din habe, die ſei entſetzlich fromm geworden: ſie ſpräche von der Ewigkeit, als ob ſie dort geweſen, und von der Hölle und vom Teufel ganz abſurde Dinge. Sie habe jetzt ganz den Umgang mit der Dame aufgegeben, aber ſie fühle doch noch den Nachtheil davon; früher ſei ſie ſo harmlos in die Kirche gegangen, jetzt höre ſie aus den Predigten die abſurdeſten Dinge heraus und werde von Bildern der Hölle und der Ewigkeit geſtört, ſo daß ſie es ihrer Nerven wegen für beſſer gefunden, gar nicht mehr in die Kirche zu gehen. Es klang ſo albern, wie die Tante in ihrer 42 gutmüthigen Haltloſigkeit erzählte, daß ich ganz unruhig in mir wurde und verlegen nach Fritz und Eliſabeth ſchaute. Sie ſaßen beide, jeder in einer tiefen Fenſter⸗ niſche und ſchauten in den Mondſchein, ich konnte mir denken was in ihnen, beſonders in Eliſabeth, vorging. Um Lottchens Mundwinkel ſpielte der Schalk bei der Tante Schilderung, die Mutter aber wandte ruhig, wie ſie es bei ſol⸗ chen Gelegenheiten that, wo die Tante eigenthümlich und wun⸗ derlich ward, das Geſpräch auf einen andern Gegenſtand. Am zweiten Morgen nach ihrer Ankunft rüſtete ſich Tante Adelgunde zur Viſite bei unſrer adligen Nachbar⸗ ſchaft. Schloß Müggeburg lag zehn Minuten von unſerem Dörſchen entfernt. Der Herr des Schloſſes war Patron unſerer Pfarre in Müggedorf und zugleich Gerichtsherr der Juſtitiariusſtelle, die mein Vater bekleidet hatte. Herr und Frau von Müggeburg hatten nur einen Sohn und eine Tochter. Eugenie war ſo alt als ich und war meine Freundin, ich fühlte mich im Schloſſe wie zu Hauſe, und der Unterricht, den ich von einer franzöſiſchen Gouver⸗ nante mit Eugenien zuſammen genoß, und mein häufiger Aufenthalt dort übten einen großen Einfluß auf mein ganzes Leben. Es iſt gewiß ſehr gefäͤhrlich, Kinder über ihren Stand zu erziehen, ſie an Umgebungen zu gewöhnen, die über ihre Verhältniſſe hinaus ſind und ihr Fantaſie⸗ leben, ihre Anſchauung von Glück und Wohlbehagen ſo auf Irwege führen. Von der Familie auf Müggeburg läßt ſich nichts Be⸗ ——— 43 ſonderes ſagen, die Verhältniſſe und Perſonen waren ſo wie ſie überall noch heut zu Tage zu finden ſind. Herr von Müggeburg hatte ſeine Jugend genoſſen, eine glän⸗ zende Rolle in der Stadt geſpielt, Schulden gemacht, war dann ſolide geworden und hatte durch das Vermögen ſei⸗ ner Frau ſeine Verhältniſſe auf das beſte geordnet. Er war jetzt ein braver und geſcheuter Mann, hochgeachtet von der ganzen Gegend. Daß ſein Sohn in des Vaters Fußſtapfen trat, von Zeit zu Zeit Gymnaſien und Pen⸗ ſionen wechſelte, hier die Nacht über eine Mauer ſtieg um ein Tanzvergnügen zu haben, dort Konditor⸗Schulden oder auch Rauch⸗ und Spielverſuche machte, das alles war nichts Auffallendes in dem Bekanntenkreiſe, und Herr von Müggeburg ſelbſt würde es ihm eher verziehen haben, wenn er dabei geſcheit ausgezeichnet und fleißig geweſen wäre; aber es war ausgemacht, Rudolf ſchlug nach ſeiner Mut⸗ ter) und dieſe war eine oberflächliche und unſelbſtändige Dame. Frau von Müggeburg fand das eben ſo wenig von ſich als von ihrem Sohne, ſie war ſehr lebhaft und geſprächig, beſonders wenn ſie von ihrem Gemahl nicht beobachtet und gemeiſtert wurde, dazu war ſie trotz aller Gutmüthigkeit ſehr ſtolz und wußte durch das gewiſſe je ne sais quoi wie Tante Adelgunde es nannte, den Man⸗ gel an beſonderem Geiſte zu erſetzen. Die Aufgabe ihres ländlichen Stilllebens war, ihre Tochter zu erziehen, aber trotz ihrer Bemühungen und den Bemühungen der alten höchſt albernen Gouvernante war Eugeniens friſche lieb⸗ liche Natur faſt unverändert geblieben. Daß ſie etwas eigenthümliche Anſchauungen von ihrer höchſt eigenen Per⸗ ſon, von ihren Umgebungen und von der ganzen Welt hatte, war nicht zu verwundern, ich am wenigſten ver⸗ wunderte mich darüber, ich war eher geneigt, ihre An⸗ ſchauungen zu theilen und mich ihr gleich zu ſtellen. Der Tante war dieſe vornehme Nachbarſchaft bei den Beſuchen in unſerm bürgerlichen Hauſe eine große Entſchä⸗ digung. Ich ging natürlich mit ihr als ſie ſich zur Viſite auf dem Schloſſe anſchickte. Sie war ganz in ſilbergrauer Seide gekleidet und ſah etwas eigenthümlich aber ſehr ſtatt⸗ lich aus, und mir war es durchaus nicht gleichgültig, eine vornehme adlige Tante zu haben. Wir gingen plaudernd durch den ſchönen Park, ich erzählte ihr, daß Rudolf, der jetzt zwanzigjährige Sohn des Herrn von Müggeburg, ſein Abiturienten⸗Examen gemacht hätte und nach dreijähriger Verbannung von Haus dort jetzt erwartet werde. Tante Adelgunde fand dieſe Verbannung ſehr hart und fand es ſehr natürlich, daß ein junger Herr mehr ritterliche Nei⸗ gungen als Luſt zum Studieren habe. Unter dieſen Geſprächen hatten wir das Schloß er⸗ reicht, die Tante ließ ſich in der gehörigen Form mit der Viſitenkarte als Freiin von Grobuſch anmelden und wurde mit der gebührenden Höflichkeit empfangen. Wir fanden außer Eugenien und ihren Eltern auch Rudolf und zwei ſeiner Freunde im Wohnzimmer. Eugenie empfing mich ſehr fteudig, zugleich aber merkte ich, daß ſie übler Laune 45 ſei. Nach Mädchenart ſaßen wir bald allein in der Fen⸗ ſterniſche und ich erfuhr die Urſache ihres Verdruſſes. Die Ankunft der beiden Herren, die ſo unleidlich al⸗ bern waren, ſtörte ſie; ſie hatte ſich ſo ſehr auf den lang⸗ entbehrten Bruder gefreut. Außerdem aber bekümmerte es ſie, daß der Vater gegen den Bruder immer noch unfreund⸗ lich und hart war, und dieſer Bruder war doch ſo unbe⸗ ſchreiblich liebenswürdig. Ich ſah mir dabei Rudolf an, er war ungewöhnlich ſchlank und hübſch geworden, eine Fluth von thörichten Gedanken überſtürzte mich, ich konnte mich ihnen jetzt nicht hingeben, weil wir auf den Wink der Frau von Müggeburg uns zu der Geſellſchaft ſetzten. Die Tante war ſehr belebt und jedenfalls allen intereſſant. Sie war mit den vornehmſten Familien in der Stadt liirt, und dieſe hingen wieder mit unſrer adligen Nachbarſchaft nahe zuſammen. Sie hatte zu berichten, daß eine junge Frau heimlich Schulden gemacht, ſich ſehr mit dem Manne entzweit und nun ſchon ſeit Monaten bei den Eltern ſei, dann wieder, daß Herr von. in dieſem Winter fürſtlichen Aufwand machte, niemand wiſſe wovon— und Frau von Müggeburg fügte hinzu, daß wenn er mit ſeiner Frau au dem Lande ſei, ſie ſelbſt mit vier Ponies fahre, obgleich der Pächter ſchon Jahre lang die Pacht vorausgezahlt. In dieſem Style ging es weiter. Aber lieber Herr Baron Reinking, wandte ſich die Tante jetzt zu einem von den jungen Herren, wie unendlich iſt es zu beklagen, daß Ihre Tante, die Generalin von Schochwitz, ſchwermüthig gewor⸗ 46 den iſt!— Ich hörte davon, ich glaube der Präſident Tauber iſt bemüht, einen ſeltſamen Ton in ſeinen Kreiſen einzuführen.— Höchſt ſeltſam! nahm die Tante eiftig das Wort, in den größten Geſellſchaften zum Beiſpiel ſtellt er ſich hin und betet vor Tiſche. Dies iſt übrigens mit allgemeiner Indignation aufgenommen worden, fügte ſie wegwerfend hinzu, und er würde überhaupt wenig durch⸗ gedrungen ſein mit dieſen Dingen; aber er hat einen Haus⸗ lehrer, daß muß ein entſetzlicher Menſch ſein. Ich habe nur eine Predigt gehört und bin nie wieder hingegangen. Dieſer junge Mann vergißt ganz, daß er ein gebildetes Publikum vor ſich hat, er iſt höchſt unvorſichtig und un⸗ zart in ſeinen Bemerkungen. Man ſollte nun zwar meinen, Leute aus den gebildeten Ständen würden ſich dergleichen nicht anziehen oder noch lieber gar nicht in eine ſolche Pre⸗ digt gehen, aber es giebt einige, die ganz verſeſſen darauf ſind, beſonders Damen, und ihre Frau Tante an der Spitze. Sie hat ſich plötzlich von aller Geſelligkeit zurück⸗ gezogen, beſucht Betſtunden und iſt wirklich in einem be⸗ klagenswerthen Zuſtande. Sie war neulich ſo aufmerkſam, mir ihre Glückwünſche zu meinem Geburtstage ſelbſt zu bringen, es war gerade eines Sonntagmorgens nach der Kirche, wo der unglückliche Hauslehrer wieder gepredigt hatte. Gleich in den Ausdrücken ihres Glückwunſches lag etwas Fremdes und Unheimliches für mich; ich war an⸗ fünglich geneigt die Sache zu ignoriren, ich bin der Mei⸗ nung, man muß mit den Schwächen ſeiner Nebenmenſchen 47 Geduld haben; aber die Liebe und Verehrung, die ich für dieſe theure Frau fühle, trieb mich an, ſie einmal ernſt⸗ lich zu ermahnen. Ich bitte Sie, meine theuerſte Freundin, ſagte ich. Sie ſind noch in den beſten Jahren, ſchön, an⸗ geſehen, beliebt, haben einen vortrefflichen Gemahl, liebe Kinder, leben in den glänzendſten Verhältniſſen und ſind ſchwermüthig! Iſt dies nicht Undank gegen das höchſte Weſen, das Ihnen dieſes beneidenswerthe Lvos beſchieden? Die Generalin ſah mich an— mit einem Blick, Sie wiſſen, ſie iſt eine ſehr geſcheute Frau: Mit der Gegen⸗ wart ginge es wohl, ſagte ſie, wer aber bürgt mir für die Zukunft? Ich bitte Sie, theuerſte Frau, was haben Sie von der Zukunft zu befürchten? Ihre Verhältniſſe werden immer ſo glänzend und reizend ſein als ſie es jetzt ſind, entgegnete ich tröſtend. Wenn mir aber um meine ewige Seligkeit bange wäre? ſagte ſie plötzlich. Ich wußte wirklich nicht wie mir im erſten Augenblick wurde; doch ich behielt Contenance. Liebſte, theuerſte Freundin, ſagte ich, wie kann Ihnen davor bange ſei? Sie ſind aus einer der beſten Familien, bewegen ſich in den erſten Krei⸗ ſen, Ihr Herr Gemahl iſt General.— Und was hilſt es mir, wenn ich eine verdammte Generalin bin! verſetzte ſie haſtig, drückte mir warm die Hand und eilte mit Thrä⸗ nen im Auge fort. Nun denken Sie! Ja, ſie ſcheint etwas verwirrt, wenigſtens eine arge Schwärmerin, ſagte der Baron, ſie war übrigens früher ſehr lebhaft, ſehr lebensluſtig, und man findet es, daß 48 ſolche Leute am leichteſten in das Gegentheil umſchlagen und ſich Gewiſſensbiſſe machen. Bitte ſehr, Herr Baron unterbrach ihn die Tante, die Frau Generalin hat nie et⸗ was Unpaſſendes begangen, in dieſer Hinſicht hat ſie ſich nie Vorwürfe zu machen, dieſer Menſch, dieſer Hauslehrer hat alles zu verantworten. Wegen dieſes Hauslehrers kann ich Sie beruhigen, mein Fräulein, nahm jetzt Herr von Müggeburg das Wort, der wird nicht mehr lange in ihrer Nähe ſein, ich habe ihm die Predigerſtelle in Müggedorf gegeben.— Wir ſahen den Sprecher ſtaunend an, und Eugenie ſagte mit ſtockender Stimme: Wirklich, Papa? Herr von Müggeburg ſchien ſich über dieſen Schrecken zu amüſiren. Ich denke er wird nicht ſo gefährlich ſein, ſagte er lächelnd, ich habe ihn kennen gelernt als einen geſcheuten und angenehmen Geſell⸗ ſchafter, das übrige wird ſich finden. Es entſpann ſich nun ein weitläufiges Geſpräch über die Gefährlichkeit dieſes neuen Predigers, die Tante fürchtete für meine Mutter, für Lottchen, für uns alle, ſie deutete an, daß unſere Bildung doch ziemlich einfach und ländlich ſei, wir würden uns von dem Paſtor beunruhigen laſſen, alle übrigen hatten auch ihre Bedenken, nur Herr von Müggeburg und ich blieben die Furchtloſen. Ich dachte, ſo ein verdüſterter, einſeitiger armer Kandidat ſoll an deiner Klugheit genug Widerſtand finden. In dieſem Sinne verſuchte ich, und zwar zum Vergnügen des Herrn von Müggeburg, der ſtets meine Waffen des Uebermuthes und Witzes herausforderte, über 49 die Gefahr dieſes neuen Paſtors zu ſcherzen. Es gelang mir vollkommen, und ich verließ die Geſellſchaft mit dem befriedigenden Gefühl, der ganzen Geſellſchaft und beſonders den drei ritterlichen jungen Herren imponirt zu haben. Dieſer Streit beſchäftigte mich übrigens weiter gar nicht, meine thörichte Fantaſie hatte ein ganz anders Feld ge⸗ funden, ein ſo herrliches, großartiges, ich verſenkte mich hin⸗ ein, baute Luftſchlöſſer, die für mich auf den feſteſten Bo⸗ den ſtanden. Rudolf war wirklich eine ſehr hübſche Er⸗ ſcheinung, die Tante hatte nicht nöthig, mir das zu ver⸗ ſichern, dabei gutmüthig und liebenswürdig, ich kannte ihn ja von Kindheit an. Jetzt war er leichtſinnig, gewiß in ſchlech⸗ ter Geſellſchaft, er mußte gerettet werden— durch wen wohl leichter als durch mich? Ich war Eugeniens Freundin, eigentlich ſchon Kind im Hauſe, Eugenie hatte mich oft verſichert, daß ihr Vater mich ſehr lieb habe, ja daß er ſicher wünſche, ſie gliche mir in allen Stücken. Herr von Müggeburg, zweifelte ich eigentlich nicht, würde, wenn Ru⸗ dolfs Wahl auf mich fiele, ſehr damit zufrieden ſein, und Frau von Müggeburg kam nach meiner Meinung gar nicht in Betracht. Eines war freilich zu bedenken: mein Ideal war Rudolf noch nicht, wir beide Freundinnen hatten unſer Ideal nach dem Vater, den ich ebenſo verehrte und liebte als Eugenie, gebildet; ritterlich, ernſt und männlich mußte der Mann ſein, denn wir lieben ſollten. Daß dieſer Mann, den ich ſo verehrte, auch mein Vater ſein würde, gab mei⸗ nen Luftbildern beſondern Sonnenſchein. Dazu die künf⸗ Die alte Jungfer. 2. Aufl. 4 50 tige Stellung, das Schloß, das Dorf, ich wollte meine Pflichten im ſchönſten und edelſten Sinne erfüllen, ich wollte ein Muſterbild aller Edelfrauen ſein. Kurz die Sache war fir und fertig. Ich ſchwelgte ſo ſehr in Tugend und Edel⸗ muth, daß mir Thränen der Rührung dabei in die Augen traten. Von dieſem Tage an hatte meine Sehnſucht, die ſo gern in die blaue ungewiſſe Ferne hinauszog, einen Ruhepunct gefunden. Denſelben Tag ſaßen wir gegen Abend auf einer hüt⸗ ſchen Stelle im hintern Theile des Gartens, wo an der Mauer ein etwas erhöhter Platz den Blick auf einen Wald⸗ weg gewährte, der mit den Parkwegen in Verbindung ſtand. Pferdegetrappel und Stimmen richteten unſere Aufmerkſam⸗ keit dahin, es war Rudolf mit ſeinen beiden Freunden. Ich hatte mich nicht getäuſcht, ich wußte beſtimmt, er würde ſich heut noch zeigen, und die Art, wie er ſein Pferd ſprin⸗ gen und manövriren ließ, ſagte mir deutlich, daß er ſich mir und zwar auf eine intereſſante Weiſe bemerklich ma⸗ chen wollte. Er ritt zu uns heran, ſtellte der ganzen Fa⸗ milie die Freunde vor und begrüßte Fritzen in alter herz⸗ licher Weiſe. Er lud uns Geſchwiſter auch zum folgenden Worgen nach der Kegelbahn ein, wie er es früher ſo oft gethan, er that es zugleich in Eugeniens Namen die uns dort empfangen wollte. Fritz kegelte gern, er ſagte zu, ich hatte ebenfalls nichts dagegen, und Eliſabeth war bis jetzt noch gewöhnt, bei ſolchen Gelegenheiten nicht gefragt zu werden. Der nächſte Morgen war wunderſchön, ich ſaß mit 51 Eliſabeth in der Weinlaube, als Eugenie von der Garten⸗ thür uns einen freundlichen guten Morgen zurief und dann zu uns trat. Jetzt ſchon? fragte ich verwundert. Sie ſchüttelte lächelnd den Kopf. Ich komme ſo früh, ſagte ſie, um überhaupt erſt mit euch von dem Kegeln zu reden. Eliſabeths Augen leuchteten auf, und ich wußte was jetzt folgen würde. Eugenie war ſo ſcheu und verlegen, und Eliſabeth ſo gewiſſenhaft, ſie hatten ſicher beide nicht Luſt zu dem Rendezvous. Ich hatte es längſt herausgefühlt, daß beide in ihren Eigenthümlichkeiten vortrefflich zuſammen paßten, mehr als ſie ſelbſt es ahnten; aber in einem ge⸗ wiſſen Gefühl von Eiferſucht wußte ich ſie fern zu halten. Eliſabeth war das Kind, das ich von Herzen liebte und protegirte, aber ich wollte allein die Freundin und Ver⸗ traute Eugeniens ſein. Eugenie rückte mit ihren Bedenken hervor, ihres Bru⸗ ders Freunde wären ihr unleidlich, ſie fühle ſich immer be⸗ fangen in ihrer Nähe, habe ſich auch mit Rudolf gründ⸗ lich gezankt, der Vater ſei ſonderbarer Weiſe auf ſeiner Seite, aber ihr Entſchluß ſei gefaßt, ſie gehe heut Mor⸗ gen nicht nach der Kegelbahn. Eliſabeth war ſehr froh darüber, ſie fand die Herren ſo fremd und übermüthig, ſie wollte nicht gern ſo vertrau⸗ lich mit ihnen zuſammen ſein. Ich ſprach dagegen ſehr klug und weiſe. Im eigenen Garten mit Brüdern kegeln — ich konnte dabei nichts finden. Ueberdem würde Euge⸗ niens Bruder nicht unpaſſende Freunde in das Haus brin⸗ 4* 52 gen, ja ſollten ſie ſelbſt etwas zu übermüthig ſein, ſo wäre es ihnen recht gut, mit zartfühlenden Damen umzu⸗ gehen. Eugenie verſicherte, ſie wollte die jungen Herrn nicht beſſern, und Eliſabeth meinte höchſt bedächtig, das Sprichwort ſage: Böſe Geſellſchaften verderben gute Sit⸗ ten, und nicht umgekehrt. Ich täuſchte mich ſelbſt noch mit einigen hochklingenden Phraſen, und würde empört geweſen ſein, wenn mir jemand entgegnet hätte, daß ich nur meiner Gefallſucht und meinen Luftſchlöſſern zu Liebe nach der Geſellſchaft wünſche. Eugenie lud mich ein, einen weiteren Spatziergang mit ihr zu machen, ſie fühlte ſich bei uns vor den Herren nicht ſicher, und ich hatte nichts dagegen, der Morgen war zu ſchön. Wir wählten einen Weg durch einen prächtigen Buchenwald, der theilweiſe zu Müggeburg und theilweiſe zu einem benachbarten und zwar von ſeiner Herrſchaft nicht bewohnten Gute gehörte. Die mächtigen ſilbernen Buchen⸗ ſtämme mit den vollen Kronen, an die der Herbſt ſein erſtes leiſes Gold gehaucht, ſtanden in ernſter geheimniß⸗ voller Ruhe; die beiden grünen Raſenſtreifen, die am Wal⸗ desſaume hinliefen, lagen noch im Schatten und ſchimmer⸗ ten im bläulichen Thau, wir mußten ganz in der Mitte des wenig benutzten Fahrweges gehen, um nicht ſehr naß zu werden. O wie erquickend kühl und duftig iſt es hier, ſagte Eugenie entzückt, und dieſe Einſamkeit und Stille, wie gern habe ich ſie! Eugenie klagte mir nun, daß ihr Vater heute ſehr 53 böſe, ihr Betragen gegen die jungen Herrn albern genannt habe; er wollte nun ihretwegen öfter Leute einladen, da⸗ mit ſie ſich in Geſellſchaften benehmen lerne. Die Mutter hatte hinzugefügt: ſie könne nicht begreifen, woher dieſer Mangel an Manieren käme, da an der Erziehung nichts verſäumt ſei. Ich tröſtete und ermahnte zu gleicher Zeit. Da ſah mich Eugenie mit ihren großen lichtbraunen Au⸗ gen höchſt kindlich an und ſagte: Nicht wahr, man kann ſeinen eigenen Geſchmack haben und dabei doch ſo etwas ſtolz und vornehm ſein? Ich führte das deutlicher aus und wir ſchwärmten in einer höchſt idealen Zukunft. Der Weg theilte ſich jetzt, links führte er hinauf nach einer Höhe, rechts noch tiefer in den Wald hinein nach einem Waldſchlößchen, die„Einſamkeit“ genannt. Schon in unſerer Kindheit war dies Schlößchen gern das Ziel unſerer Wanderungen, es lag dort ſo verwildert und mär⸗ chenhaft. Nach dem Schlößchen! entſchieden wir beide und befanden uns bald auf einer geraden dorthin führenden Allee, die nur ſchmal durch den dichten Wald gehauen war. Hier waren wir auf fremdem Grund und Boden, aber ſicher genug, keinem lebenden Weſen zu begegnen außer einigen Rehen oder Hirſchen, und das wäre uns ganz recht gewe⸗ ſen. Die Allee führte uns aus dem dunkeln Walde hinaus auf den lichten runden Raſenplatz, in deſſen Mitte das ein⸗ ſtöckige Gebäude mit den vier ſpitzen Giebeln, die alle reich⸗ lich mit Geweihen geſchmückt, vor uns lag. Vier gerade Alleen führten von dem Platze aus in den Wald, uns 54 gegenüber ſtand unter einigen alten Ahornen ein kleiner Brunnen, der leiſe rauſchend ſein ſilbernes Waſſer in eine ſteinerne Röhre ergoß. Das einzige Geräuſch— ſonſt la⸗ gen Schlößchen, Brunnen und Raſenplatz im heißen Son⸗ nenſchein wie träumend. Wir gingen über den Raſenplatz nach der Bank am Brunnen, ſo leiſe als ob wir dieſes Träumen nicht ſtören dürften. Der tiefblaue, friedliche Himmel über uns, rundum der glänzende Wald— wir ſaßen beide ſinnend neben einander, zuweilen wehte ein gol⸗ denes Ahornblatt vor uns nieder, mit einem leiſen Geräuſch, wie mit einem leiſen Seußzer legte es ſich auf den grünen Grund, es mußte ſeine luftige goldene Höhe wohl ungern verlaſſen. Dann hörten wir das feine Zirpen eines Vö⸗ gelchens— war es von ſeinen Gefährten verlaſſen und trauerte in der Einſamkeit? O nein, ein Zaunköniglein mit der Rubinkrone auf dem feinen Köpfchen hüpfte ganz fröhlich neben uns auf den Raſen und dann auf die ſtei⸗ nerne Röhre. Hier ſah es uns mit ſeinen klugen glänzen⸗ den Augen ganz ſorglos an, tauchte dann den Schnabel flink in das kühle Waſſer, noch einmal und noch einmal, wie erquicklich mußte ihm das ſein. Es hüpfte noch einige⸗ mal munter auf dem feuchten Rande auf und ab, flatterte dann höher hinauf auf den Brunnen und dann in den grünen Wald hinein. Jetzt erſcheint ein Schmetterling, er wiegt ſich über dem Raſen, er ruht hier und dort auf einem verſpäteten Blümchen, dann ſteigt er höher, er ſchwebt zwiſchen den bunten Ahornzweigen, dann höher und höher, 55 zwiſchen den grünen Wipfeln der Buchen verſchwindet er unſern Blicken. O wie ſchön iſt es hier! ſn i leiſe. Und die Fenſter des Saales ſtehen auf, fuhr Eugenie fort, es iſt ſchön, daß die alten Ahnenbilder einmal friſche Luft ſchö⸗ pfen dürfen. Wir erinnerten uns des Frühlingstages, wo wir Thüren und Fenſter offen fanden und eine alte Frau hier trafen, die mit Lüften und Stäuben des Schlößchens beſchäftigt war. Wir waren natürlich eingedrungen und hatten uns von ihr die Geſchichten der Ahnenbilder erzäh⸗ len laſſen. Eine ſchöne junge Frau im königsblauen Reit⸗ kleide, einen kleinen Federhut auf den blonden vollen Locken, hatte ſie ſelbſt noch ſehr wohl gekannt, es war die Ge⸗ mahlin eines ſtattlichen Herrn im grünen Jagdrock, der, wie Eugenie fand, ſo wunderbare klare vertrauenserweckende Augen hatte, daß man ihm ſein ganzes Herz erſchließen könnte. Bei dieſem Paar hatte unſere alte Erzählerin im Dienſt geſtanden, viele Jahre hatte ſie den Herbſt mit ih⸗ nen im Schlößchen gewohnt. Der Herr ſei täglich mit drei Söhnen auf die Jagd gegangen und wenn er des Abends zurückgekehrt, habe er ſich gefreut über die hellen Saalfen⸗ ſter, die ihm von ferne geleuchtet und ſei auch auf das Geſims geſtiegen und habe Gemahlin und Töchter belauſcht, wie ſie plaudernd am Kamin ſaßen oder wie das eine Fräulein die Harfe ſpielte und ſie mit einander ſangen. Sie lebten ſo glücklich wie die Engel mit einander, und als das Paar ganz alt war und die Hälfte ihrer Kinder 56 ihnen ſchon vorangegangen war in den Himmel, da waren ſie beide hergekommen um die Stille zu genießen. Der jetzige Beſitzer war der dritte übrig gebliebene Sohn, ein Junggeſell, der in der Hauptſtadt angeſtellt, ſich weder um das Jagdſchloß, noch um das Gut, das eine Viertelſtunde weiter im Dorfe lag, je bekümmert. Die Alte hatte uns er⸗ zählt, daß der alte Herr ein Sonderling ſei, dabei aber gut⸗ müthig, er gäbe den Rock vom Leibe fort, und man fürchte, daß ſein Gütchen noch vor ſeinem Tode alle werden könnte. Indem wir dieſe Bilder zurückriefen, erzählte mir Eu⸗ genie, daß der alte Herr kürzlich geſtorben wäre, und es ſich ausweiſen müſſe, was von dem Gute übrig ſei. Wir bedauerten beide die Waldeinſamkeit, vielleicht durften wir zum letztenmal ſo ungeſtört hier ſein. Und was wird aus den alten lieben Ahnenbildern? klagte Eugenie. Sehen möcht ich ſie doch noch einmal. Vielleicht iſt die Thür offen.— Ihre feine ſchlanke Geſtalt im weißen Kleide und gelben Strohhut eilte mit leichten ſchnellen Schritten über den Raſen, ich folgte ihr langſam nach. Sie ver⸗ ſuchte die Thür zu öffnen.— Wie ſchade! ſie iſt ver⸗ ſchloſſen, ſagte ſie betrübt; aber die Bilder muß ich doch ſehen, ſetzte ſie entſchloſſen hinzu, ich werde es wie mein Liebling machen, wie der Herr im grünen Jagdrock, und auf das Geſims klettern, ihn und ſeine ſchöne Frau muß ich von dieſem Fenſter ſehr gut ſehen können. Zu mir gewandt und mit fröhlicher Stimme hatte ſie das geſpro⸗ chen, ſie erſchien mir ſo lieblich und ſchön in dieſem Augen⸗ 57 blicke, ihre ganze Erſcheinung erinnerte mich an ein Reh, dieſe klaren, kindlichen Augen, das ſcheue und zaghaſte und doch ſo friſche und bewegliche in ihrer Geſtalt. La⸗ chend kletterte ſie auf das Sims, ſchlang ihre weiße Hand um den Fenſterrahmen und ſchaute.— Aber wie vom Blitz getroffen, ſprang ſie ſchnell hinab, ſie erröthete heftig und ergriff meine Hand. Was iſt Dir? fragte ich beſorgt. In dem Augenblick öffnete ſich die Saalthür und das Räthſel war gelöſt. Der Liebling im Jagdrock trat heraus. O nein, es war zwar ein grüner Rock, aber ganz modern, und anſtatt des geſtickten weißen Battiſttuches trug das Bild, das vor uns ſtand, ein graues ſeidenes Halstuch, die Augen nur waren jedenfalls dieſelben. Ich bitte um Verzeihung, ſagte der Herr lächelnd, ich habe Sie erſchreckt, ich werde ſogleich das Feld räumen, Sie ſcheinen hier äl⸗ tere Anſprüche zu haben. Durchaus nicht, ſtotterte Euge⸗ nie und wollte ſich entfernen; ich war zwar erſtaunt, aber nicht ſo verlegen, ich konnte wenigſtens eine vernünftige Antwort geben. Ich ſagte, wir hätten geglaubt, das Schloß ſei wie bisher unbewohnt, und bat um Entſchuldigung daß wir geſtört. Er forderte uns noch einmal auf in den Saal zu treten. Ihre alten Freunde in den goldenen Rahmen würden doch ſehr traurig ſein, Sie nicht geſehen zu haben, ſagte er ganz ernſthaft, er hatte jedenfalls Eugeniens Ge⸗ ſpräch mit angehört, und ſie ſah ihn ſo nachdenklich jetzt an, als ob es mit der Traurigkeit der alten Bilder wirk⸗ lich ſeine Richtigkeit habe und ihr das zu Herzen ginge. Als 58 wir noch zögernd ſtanden, erſchien eine zweite Geſtalt neben dem grünen Herrn, eine alte Dame im ſilbergrauen feinen Wollenkleide, ein weißes Spitzentuch um den Kopf geſchlun⸗ gen. Sie erfuhr mit wenigen Worten, um was es ſich handele, und nahm nun ohne Weiteres die beiden Wald⸗ fräulein, wie ſie uns nannte, bei der Hand und führte uns in den Saal. Sie war ſo liebreich und freundlich, daß ich gar keine Scheu fühlte. Ich erzählte ihr von unſeren Gän⸗ gen hierher ſchon in der Kinderzeit, wie uns die Bilder intereſſirt, und die Erzählungen welche die alte Frau daran geknüpft. Sie ſagte uns dagegen, daß ſie eine von den Töchtern der ſchönen Dame ſei, und daß unſer Liebling im grünen Jagdkleid, ihr theurer Vater, auch der Liebling vie⸗ ler Menſchen geweſen. Ich war ſo unvorſichtig zu entgeg⸗ nen, unſer Schrecken ſei deshalb ſo groß geweſen, weil wir geglaubt hätten, das Bild würde lebendig.— Eu⸗ genie hätte das nicht geſagt. Nach wenigen Minuten wurde in einem von den klei⸗ nen Seitenkabinetten des Saales geſchellt. Der Sohn der freundlichen Dame, der junge Herr im grünen Rock, ver⸗ ließ uns ſogleich. Wieder nach einigen Minuten wurden die beiden Flügelthüren geöffnet, und eine neue Erſcheinung zeigte ſich unſeren Blicken. Ein alter Herr im ſchwarzen ſeidenen Morgenrock und weißem Halstuch ſaß in einem Lehnſtuhl. Er begrüßte uns freundlich und ſagte: da er die ganze Unterhaltung mit angehört, möchten wir entſchul⸗ digen, daß er auch Verlangen habe, die beiden Waldfräu⸗ — lein zu ſehen. Wir überzeugten uns, daß der alte Herr gelähmt war und ſeinen Stuhl nicht verlaſſen konnte; ſein Geiſt ſchien deſto beweglicher, und ſehr fröhlich war er, er ſcherzte über dies Schlößchen in der Wildniß, über die alten Ahnenbilder, die ſich freuen würden in ſeiner Frau und ſeinem Sohne gute Bekannte zu finden, er aber ſei ein Eindringling und würde nur aus Nachſicht hier geduldet. Ich ging auf ſeine Scherze ein, während Eugenie ſich be⸗ gnügte ihn mit ihren hellen Augen theilnehmend anzublicken. Als aber ſein Rückenkiſſen in der lebhaſten Rede ſich auffallend verſchoben hatte und zu fallen drohte, ſtand ſie auf und legte es ſorgfältig zurecht. Sie ſetzte ſich nicht wieder, wir mußten gehn, die Sonne ſtand ſchon hoch. Der alte Herr entließ uns mit dem Wunſche, es möchten ſich bald wieder ſo Waldfräulein nach der Einſamkeit ver⸗ irren. Die Dame des Hauſes und der junge Mann be⸗ gleiteten uns zum Saale hinaus. Wie kühl der Brunnen rauſcht in der Mittagshitze, ſagte Eugenie. Ja es iſt ſehr heiß, und wir haben Sie mit nichts erquickt, bedauerte die freundliche Dame. Viel⸗ leicht dürften wir um ein Glas bitten, ſagte ich kühn, dies Waſſer ſchmeckt ſo ſchön. Der junge Herr eilte davon, kehrte mit einem Glaſe zurück und ſchritt gleich damit zum Brunnen. Als er es gefüllt, reichte er es Eugenien. Aber lieber Werner, welche Art zu präſentiren! ſcherzte die Mut⸗ ter. Die Art der Bewirthung, glaube ich, paßt ganz zu einer ſo eigenthümlichen Morgenpromenade, ſagte er mit 60 der ruhigſten Faſſung von der Welt; das Waſſer iſt köſtlich. Wir beſtätigten das. Jetzt nehmen wir wohl dieſe Allee? wandte ich mich zu Eugenien, wir kommen am Gat⸗ ter gleich auf die Straße, ich glaube der Weg iſt weit nä⸗ her. Eugenie und ich, wir ſahen beide fragend auf den grünen Herrn. Ehe ich darüber beſtimme, nahm er mit einem beſonderen Lächeln das Wort, müßte ich das nächſte Ziel Ihrer Wanderung wiſſen. Müggedorf, ſagten wir beide. So iſt allerdings die Allee zum Gatter die nächſte, war ſeine Antwort. Da die Gatterthür aber ſeit einiger Zeit verſchloſſen iſt, müſſen Sie mir erlauben den Pfört⸗ ner zu machen. Wir proteſtirten beide dagegen, wir dürf⸗ ten niemanden in der Wittagshitze bemühen. Sie werden mir doch erlauben müſſen, zu thun was mir beliebt, ent⸗ gegnete er, ich bin hier der Herr auf eigenem Grund und Boden. Oder möchten Sie lieber allein gehen? ſetzte er plötzlich zögernd hinzu, und wollte mir fteundlich den Schlüſſel reichen. Die Höflichkeit verlangte nun ſeine Be⸗ gleitung anzunehmen, es waren ja nur zehn Minuten, ich zweifelte auch nicht daß es ihm Vergnügen machte, zugleich aber fühlte ich deutlich, daß ich nicht die Urſach davon war. Ein Mädchenherz iſt wunderbar eingerichtet es ahnet und ſchaut etwas wo andere vernünftige Menſchen gar nichts ſehen, es hat einen Thermometer für Sympathien und An⸗ tipathien, der ziemlich richtig zeigt. Der grüne Herr ging neben uns her, wie eine Re⸗ ſpectsperſon neben Kindern hergeht, er war ſo vernünftig, 61 faſt herablaſſend gegen uns, obgleich er die feine Sitte auf keine Weiſe verletzte. Mein Thermometer hatte mir gleich angezeigt, daß man in ſeiner Geſellſchaft vernünftig reden müſſe. Eugenien wurde das in ihrer ſcheuen Weiſe leichter. Ich ſprach allerhand romantiſche Dinge, die unſer würdiger Führer belächelte, und die ihm gar nicht zu imponiren ſchienen.— Als er hinter uns die Gatterthür wieder ver⸗ ſchloſſen und im Schatten des nahen Fußſteiges verſchwun⸗ den war, ſtanden wir noch einmal ſtill und ſchauten zurück. Die Allee lag jetzt im vollen heißen Mittagsſonnenſchein, eben ſo das Schlößchen,— eine tiefe Stille, nichts regte ſich, nur die Fußtritte des grünen Herren verhallten ferner und ferner. Wie ſeltſam war das, ſagte Eugenie: die Menſchen waren alle ſo beſondets. Beſonders? fragte ich; aber nicht intereſſant. Mutter uhd Sohn könnten mir mit dieſen hellen prüfenden Augen faſt unbequem werden. Das beſtimmte Gefühl, dort nicht die erſte Rolle geſpielt zu haben, leitete mein Urtheil.— Nicht wahr? Als ob ihre Augen Fenſter wären, ſagte Eugenie lebhaft, und ſo ein⸗ fach ſind ſie mit einander, ich mag das gern leiden, es erweckt ſo Vertrauen. Ich wagte nichts zu entgegnen, es waren dies kleine Anfänge, wo unſere Anſichten, die durch Jugend und Gewohnheit ſtets innig nebeneinander gingen, einen ſelbſtändigeren Weg einzuſchlagen begannen. Wir hätten uns das aber nicht geſtehen mögen, und trennten uns mit der gewöhnlichen Zärtlichkeit. Als wir uns am anderen Tage wieder ſahen, konnte 62 Eugenie meine Neugierde wegen der Bewohner des Wald⸗ ſchlößchens befriedigen. Von der Mutter und von Lottchen hatte ich nichts erfahren können; ſeit ſie hier wohnten, war das Schloß nie bewohnt. Eugenie hatte von ihrem Vater gehört, daß die Dame die einzige noch lebende Schweſter des verſtorbenen Beſitzers, eine Frau von Hartwig war, ihr Mann war Landwehrhauptmann in einer kleinen Stadt geweſen, aber längſt Invalide. Der einzige Sohn war Juriſt, und da dies verſchuldete und ganz verkommene Gut niemanden anſtändig ernähren konnte, werde er ſicher bei ſeiner Karriere bleiben müſſen. Die Familie gehört übrigens zu den Pietiſten, ſetzte Eugenie bedenklich hinzu; ſchon die Eltern der Frau von Hartwig hatten gar keinen Umgang mit der Nachbarſchaft, außer mit dem alten Land⸗ rath in Grundſtedt, der ſeiner Sonderbarkeiten wegen be⸗ rühmt war. Dieſe Hartwigs ſollten wo möglich noch ſon⸗ derbarer ſein, der Vater würde nie ihren Umgang wünſchen, und ſie würden ihrer beſchränkten Verhältniſſe wegen keinen vornehmen Umgang ſuchen.— Ich fügte ſehr altklug hinzu, daß ich ihnen dieſe einſeitige Bildung gleich ange⸗ fühlt, ſie glichen Quäkern oder Herrenhutern und würden in unſere Kreiſe nicht paſſen. Die Pietiſten, auch die vor⸗ nehmſten, ſollen unſere geſellige Form ganz verwerfen, ſie dürfen zum Beiſpiel nicht lügen, ſagte Eugenie mit ſolcher Treuherzigkeit, daß ich lachen mußte.— Aber, liebe Eugenie, dürfen wir denn lügen? Nein, entgegnete ſie ebenfalls lachend, aber in der Geſellſchaft wird doch man⸗ 63 ches geſagt, was ganz anders gemeint iſt, es iſt eigentlich ein gegenſeitiges Uebereinkommen ſich etwas vorzulügen, und wer es am beſten verſteht, der wird am meiſten be⸗ wundert. Mir iſt es aber unbequem, fügte ſie hinzu, und mir ſind die Leute lieber die es nicht verlangen. Aber doch nicht Pietiſten! ſagte ich nachdrücklich. Eugenie lächelte und ſagte: Wir müſſen Frau von Hartwig einmal fragen was das für Leute ſind. Ich machte eine Definition von Pie⸗ tieſten, die abſchreckend genug war, Eugenie aber war über⸗ müthig und lachte mich aus, bis ich endlich mit ihr lachte. Tante Adelgunde, die ſich ſchon auf dieſe neue adelige Nachbarſchaft gefreut und ſich vorgenommen, ein Waldfräu⸗ lein zu ſpielen und ſich mit mir nach der Einſamkeit zu verirren, gab mit Entſetzen dieſen Plan auf, als ſie hörte, daß die Leute eigentlich nicht recht zur Geſellſchaft gehörten. und noch dazu Pietiſten wären. Deſto eifriger nahm ſie an dem jugendlichen Verkehr mit dem Schloſſe Theil und Frau von Müggeburg, die wegen eines Unwohlſeins das Zimmer hüten mußte, hatte ſie ſelbſt aufgefordert, die Stelle einer Ehrendame bei uns zu vertreten. Ich befand mich bald in einem völligen Rauſche des Vergnügens. Die ſchönen Herbſttage boten immer neue Gelegenheit zu fröh⸗ lichen Wanderungen und Luſtfahrten. Rudolf lag zu mei⸗ nen Füßen und ich nannte das eine Leidenſchaft für die Ewigkeit. Daß Herr von Schoberſtein, ein gutmüthiger leichtſinniger Student, ebenfalls eine Neigung zu mir ge⸗ faßt, die er wahrſcheinlich in jeden Ferien wechſelte, war 64 mir günſtig, ich konnte Rudolf eiferſüchtig machen— ein wichtiges Erziehungsmittel, wie ich ernſtlich meinte. Der Baron Reinking war ebenfalls aufmerkſam gegen mich, aber nur weil ich die Freundin Eugeniens war. Der Wechſel der Ferienzeit war für ihn vorüber, er war ſchon Referen⸗ dar, vielleicht 26 Jahre alt, ein Mann mit bleichem Ge⸗ ſicht, glänzenden Augen und glänzendem kleinen Schnurr⸗ bart: von Rudolf wußten wir, daß er in ſeinen Kreiſen „der Schöne“ hieß; wir aber fanden das nicht. In dieſer Zeit hörte Eugenie auf, die Vertraute mei⸗ nes Herzens zu ſein. Meine Gefühle und Anſichten über Rudolf durfte ich ihr nicht ſagen, ich glaube, ſie wurde vollſtändig darüber getäuſcht. Ich ſprach ſo vernünftig von ſeinen Fehlern, von der Art wie auf ihn gewirkt werden müſſe, ich ſtellte mich ſo hoch gegen ihn— nein, Eugenie konnte nicht ahnen, daß dieſer unſelbſtändige, ſo knaben⸗ hafte junge Mann die Wirklichkeit meiner hochtrabenden Ideale war. Ebenſo wurde Herr von Müggeberg lange Zeit getäuſcht, ich unterließ es nicht, in ſeiner Gegenwart en Sohn zu necken und mit Pfeilen des Witzes zu ver⸗ letzen. Daß wenn der Witz den Sieg vor den Leuten da⸗ von getragen, das ſchwache Herz deſto bereitwilliger zur Verſöhnung war, bemerkte nur die eine Perſon die ich da⸗ mit glücklich machte. Und machte ich mir Vorwürfe über das Spiel? Nein. Ich bat ſogar den lieben Gott um Hülfe bei dieſem Rettungsunternehmen, mein ganzes Leben ſollte dann nur gut und edel und vortrefflich ſein. 65 Dies war mein verborgener Herzenszuſtand; Eugeniens Herz lag dagegen offen vor mir. Baron Reinking war ihr unleidlich, und nachdem ſie die erſte Zeit ſo dumm verlegen, wie ſie es nannte, in ſeiner Nähe geworden war, ſtand ſie ihm jetzt in ſchweigender Erhabenheit oder auf ernſtem Kriegsfuße gegenüber. Es war klar, daß der Baron vom Herrn von Müggeburg begünſtigt wurde. Der Baron war einer von den Männetn wie er ſie liebte: ge⸗ ſcheit, witzig, hervortretend; er war aus einer bedeutenden Familie und Beſitzer mehrerer Güter. Herr von Mügge⸗ burg war mit Eugenien, mit ihrem kindiſchen, eigenſinnigen Weſen ſehr unzufrieden. Es war ein wunderſchöner Octobertag; in der Nacht hatte es ſtark gereift; ein reiner blauer Himmel ſchaute jetzt herab auf die Pracht des Herbſtes, der im königlichen Glanze ſein Panier, von der Sonne Gold umwoben, gar glänzend aufgeſteckt. Eugenie, in einer eleganten Droſchke fuhr vor, und ich und Tante Adelgunde und Eliſabeth ſtiegen fröhlich ein.— Es galt heute eine Hetzjagd bei⸗ zuwohnen, Herr von Müggeburg hatte verſchiedene Nach⸗ baren eingeladen, der Verſammlungsort war jenſeits Mügge⸗ burg am Ausgange des Buchenwaldes. Unſer Kutſcher hatte den Auftrag, nicht durch den Park und am Schloſſe vorbei, ſondern einen Richteweg durch den Buchenwald zu fahren. Dürfen wir da auch fahren? fragte Eugenie be⸗ denklich. Wir fahren nur den alten Weg, verſicherte der Kutſcher. In dem Augenblick ſprengten unſere drei Ritter Die alte Jungfer. 2. Aufl. 5 66 heran, ſie ſcheuten den Umweg nicht um in unſerer Geſell⸗ ſchaft zu ſein. Tante Adelgunde lobte dieſe ritterliche Ga⸗ lanterie und erzählte von ſchönen vergangenen Zeiten, uns allen zur harmloſen Beluſtigung. Wir kommen dem Schlößchen auf dieſem Wege aber gar zu nahe, bemerkte Eugenie. Jetzt wenden wir uns ſchon, entgegnete der Kutſcher, und fahren beim Gatter vorbei.— Wir waren allerdings im Gebiete des Jagd⸗ ſchlöschen, an der einen Seite, wo ſich kein Gatter befand, waren wir herein gekommen, an der Seite des Gatters, das aber ſehr vernachläſſigt war und allen Wegen freien Durchgang ließ, wollten wir wieder hinausfahren. Wie traulich ſo ein Gatter durch den Wald blickt! ſagte ich eben, als wir um die letzte Ecke bogen; da— welch ein allgemeines Erſtaunen: eine ganz neue Gatterthür verſchloß uns den Weg. Der Kutſcher hielt die Pferde an und ließ einen ge⸗ linden Fluch hören, Rudolf desgleichen. Die Sache war allerdings unangenehm, wir mußten denſelben Weg zurück und über Müggeburg. Es wurde darüber hin und herge⸗ redet, Eugenie fand das unnöthige Zeitverſchwendung. Meine Damen, begann der kleine Student pfiffig: ich weiß einen Ausweg. Wir nehmen dieſe beiden Latten ab, daran das Schloß ſitzt, dann ſind wir aus aller Noth. Das werden wir nicht thun, entgegnete Eugenie entſchieden und befahl dem Kutſcher umzukehren. Halt, rief Rudolf, die Sache iſt zu überlegen, wir drei würden wohl mit den Pferden 67 einen Durchgang in der Rähe finden, wir müſſen ihn auch finden, ſonſt kommen wir zum Rendezvous zu ſpät; der Wagen kann uns aber nicht folgen, und wenn die Damen umkehren, verſäumen ſie gerade die Hetzen auf dem einzigen fahrbaren Terrain, alſo— ungewöhnliche Uebel verlangen ungewöhnliche Mittel, lachte der Student.— Und wenn wir dem Hartwig das Gatterthor wieder machen laſſen, ſo iſt das großmüthig an ſeiner Börſe gehandelt, ſcherzte der Baron.— In meinem Rauſche des Vergnügens fand ich die ganze Sache mehr genial als unrecht, ich proteſtirte nicht. Tante Adelgunde nannte die Gefahr, in welche ſich die Herren für uns ſtürzten, ſehr ritterlich, und ſcherzte nur über das Unternehmen. Die Herren machten wirklich Anſtalt vom Pferde zu ſteigen, um an das Werk zu gehen. So kehre ich zu Fuße zurück, ſagte Eugenie, ich finde dies Verfahren durchaus nicht ritterlich, nein, ſo gewöhnlich als möglich. Sie ſagte das mit ſo großer Entſchiedenheit, daß der Baron bedenklich wurde. Zu gleicher Zeit aber begann Rudolf mit Hülfe eines ſtarken Meſſers und eines Steines, einen Nagel von der Latte loszuklopfen. Es bedarf gar keiner Hebelkräfte, lachte der Student, meine Hand allein drückt die Latten ab, beruhigen Sie ſich, Fräulein Eugenie, wir laſſen es dem Herrn von Hartwig feſter machen, ſo hat er nur Vortheil davon.— Eugenie hatte in höchſter Auftegung den Wagen verlaſſen, Eliſabeth folgte ihr in ähnlicher Geſinnung und ich wollte eben die Herren von ihrem Vorhaben zurückhalten, als ein vierter Reiter neben 5* 68 uns hielt. Es war Herr von Hartwig mit zürnenden Mienen, und unſere Ritter ſtanden wie Knaben, die auf einem dummen Streich ertappt ſind. Alle drei ſchienen etwas ſagen zu wollen und ſagten nichts. Herr von Hart⸗ wig faßte ſich zuerſt, ein Lächeln flog über ſeine Züge: — Erlauben Sie, ſagte er höflich, ich kann es Ihnen bequemer machen, ich habe den Schlüſſel in der Taſche. Er ſprang vom Pferde, ſchloß auf, öffnete das Gatter und während die andern drei ihre Pferde beſtiegen, war er noch Eugenien und Eliſabeth beim Einſteigen behülflich. Jetzt wandte ſich Rudolf zu ihm: Ich vermuthe, Sie ſind unſer neuer Nachbar. Mein Name iſt Hartwig, war die Antwort. Verzeihen Sie mir, fuhr Rudolf fort, ich werde nie wieder einen dummen Streich machen, um nicht ſo unangenehm erſchreckt zu werden. Er reichte ihm dabei ſo gutmüthig lachend die Hand, daß Herr von Hartwig— und gewiß ſehr aufrichtig— die Hoffnung ausſprach, ſie würden gewiß gute Nachbarſchaft zuſammen halten.— Unſere Wagen und die Reiter eilten durch den prächtigen Wald dahin, aber die gute Laune war vorüber. Eugenie ſagte kein Wort, der Baron von Reinking hatte die Lippen feſt geſchloſſen und ſah finſter aus. Als wir das Ziel erreicht hatten, ſprach er ſich zuerſt aus. Er fand das Betragen des Herrn von Hartwig hochmüthig und unpaſſend. err von Schoberſtein nannte ihn etwas ſtolz in ſeiner Er⸗ ſcheinung, aber nicht unhöflich. Rudolf ſtimmte ihm bei. Tante Adelgunde war entzückt über ſeine Aufmerkſamkeit, — —̃̃ĩ 69 ſie war überzeugt, der Damen wegen hatte er die Sache ſo leicht arrangirt. Wir mußten alle lachen, nur Eugenie blieb ſchweigſam und der Baron ärgerlich. Meine Anſicht über die Sache ließ ich nicht laut werden, Herr von Hart⸗ wig wäre zu ſchmeichelhaft dabei fortgekommen, ich berech⸗ nete mit meinem thörichten Herzen, daß Rudolf noch 5 bis 6 Jahr Zeit habe, ſich in ſolcher würdigen Männ⸗ lichkeit und Gewandtheit zu zeigen, durch die Herr von Hartwig uns allen gewiſſermaßen imponirt hatte. Trübes, ſtürmiſches Wetter unterbrach dieſe Luſtbarkeiten und auch unſer tägliches Zuſammenkommen. Eines Tages machte mich Tante Adelgunde mit ihrer Lebensweisheit be⸗ kannt, ich ſollte mir daraus nicht geringen Nutzen ziehen. Tina, wirſt Du Dich bald entfernen? fragte meine Tante ihre Kammerjungfer, es war früh Morgens, ſie hatte der Tante eben den Kaffee gebracht. Ich dachte eigentlich nicht daran, entgegnete Tina. Ich habe mit meiner Nichte wichtige Dinge zu beſprechen, fuhr die Tante fort. Das merkte ich wohl, ſagte Tina mit ihrer ſcherzhaften Zu⸗ dringlichkeit, und darum wurde mir das Fortgehen ſo ſchwer. Die Tante lächelte über ihre verzogene Freundin. Tina iſt eigentlich eine gebildete Perſon, ſagte ſie zu mir, und ich gönne ihr die Gelegenheit wo ſie ſich fortbilden kann. Tina erhielt hiermit die Erlaubniß zum Bleiben und nun entwickelte die Tante uns beiden ihre Weltweisheit, die darin beſtand, daß obgleich ihre Stellung in der Welt ihr das Alleinſtehen erleichtere, ſo ſei es im Ganzen beſſer ſich 70 zu verheirathen, und ihr Rath an junge Mädchen ſei, in den Jahren wo ſie Anſprüche machen könnten, nicht zu p viel Anſprüche zu machen, beſonders nur nicht ihren idealen Träumereien zu folgen, ſondern mehr den reellen Werth der Männer im Auge zu haben. Nicht wahr Tina, wir beide ſind daran geſcheitert? fragte ſie bedeutungsvoll. Ge⸗ ſcheitert, gnädiges Fräulein, beſtätigte Tina. Als ich in Deinem Alter war, liebe Anna, da habe ich mir eine andere Zukunft ausgemalt, fuhr die Tante fort.— Liebe Tante, ich werde nur den wahren Werth eines Man⸗ nes im Auge haben und gar keine Anſprüche machen, war meine Antwort. Jetzt folgte eine Fluth von Schmeicheleien, die mir ſüß klangen und ein verderbliches Gift waren, obgleich ich meinte darüber erhaben zu ſein. Anna! ſagte die Tante feierlich: wenn Du Gelegenheit hätteſt mit Für⸗ ſten zuſammen zu kommen, Du würdeſt ihre Herzen in Beſchlag nehmen; ja, Anna, wenn Du Gelegenheit hätteſt, Dir würde ein wunderbares Schickſal beſtimmt ſein. Aber wie geſagt, ſei mit dem zufrieden was Dir der Himmel jetzt darreicht, und noch einmal, laß den glücklichen Zeit⸗ punct Deiner Macht nicht verſtreichen, junge Leute wollen von Dir geliebt, aber nicht gemeiſtert ſein. Obgleich ich ſcherzend der Unterhaltung ein Ende machte, war ich doch nicht ganz ruhig dabei. Es war ſo trübes, melancholiſches Wetter, ſeit zwei Tagen hatte ich Rudolf nicht geſehen, das hatte mich etwas aus dem Rauſche des Vergnügens gebracht.— So junge Leute wollen geliebt und nicht gemeiſtert ſein, hatte die Tante geſagt. Du darfſt nicht zu weit gehn! ſprach ich bedenk⸗ lich nach und ich nahm mir vor meine Erziehungspläne etwas vorſichtiger einzurichten. Es war Sonntag, der neue Paſtor ſollte heute ſeine Probepredigt halten, die Mutter, Lottchen, Fritz und Eliſa⸗ beth waren in der Kirche, ich hatte gar kein Bedürfniß hin⸗ zugehen, ich wollte dieſen Morgen mich ſtill mit mir ſelbſt beſchäftigen. Ich ſchrieb ſchöne Gedanken auf über das Bedürfniß und das wahre Glück des Herzens, ich ſang Lieder von großartiger Entſagung, vertieſte mich in Hei⸗ nens und ähnliche Poeſien und ſuchte in dieſen Kunſtge⸗ nüſſen Troſt für meine wehmüthige Stimmung. Aber ſelt⸗ ſam, dieſe Kunſtgenüſſe wollten in der Praxis ſich nicht bewähren, als ich fertig war, fühlte ich mein Herz ebenſo ſchwach als vorher, ich verſank wieder in liebliche Bilder der Zukunft und geſtand mir ſeufzend, daß hierin allein mein Frieden zu finden ſei. Herr und Frau von Müggeburg holten mich, als ſie von der Kirche zurückkehrten, in ihrem Wagen ab. Der Sonntag war faſt noch trüber und ſtürmiſcher als die Tage vorher. Tante Adelgunde lag an nervöſem Kopfweh auf ihrem Zimmer, ich hatte ſie den Morgen noch nicht geſehen. Im Fortgehen hört ich Fritz und Lottchen über den neuen Prediger ſprechen. Fritz war ganz aus ſeinem gewöhnlichen Gleichmuth, er war begeiſtert für den Mann, und Tante Lottchen verſicherte, er ſei ein ſehr guter Chriſt und habe 72 gar nichts beſonderes an ſich, als daß er etwas feurig und ſtrenge das Wort Gottes ausgelegt. Im Wagen wurde derſelbe Gegenſtand beſprochen, Frau von Müggeburg fand den Paſtor eine anziehende Erſcheinung, und ihr Gemahl bemerkte: er wolle, wenn er einmal in die Kirche ginge, lieber eine geiſtreiche als eine langweilige Predigt hören. Es iſt doch ſonderbar, wie dieſes Wetter auf die Nerven wirkt, ſagte Herr von Schoberſtein, als wir alle im Wohnzimmer verſammelt waren, eine allgemeine Herab⸗ ſtimmung iſt zu bemerken, oder ſollte vielleicht der Grund noch ein anderer ſein? Er ſah uns mit erzwungener Ernſt⸗ haftigkeit an. Sollte es vielleicht der Abſchied ſein? wandte er ſich an Eugenien. Gewiß iſt ein Tag der Ab⸗ reiſe nie ſo fröhlich als der Tag der Ankunft, entgegnete ſie ruhig, ich kann aber nicht ſagen, daß ich darüber traurig bin, da Rudolf ſo bald wiederkommt. Von Ih⸗ rer Seite richtig kalkulirt, bemerkte Herr von Schoberſtein, wir dagegen müſſen uns bemühen uns in das Unvermeid⸗ liche zu ſchicken, ich bin immer ſehr für ſo männliche Ent⸗ ſchlüſſe.— Sind Sie ſtillvergnügt? wandte er ſich zu mir. Ich habe nicht Urſach zum Traurigſein, entgegnete ich. Davon habe ich mich hinlänglich überzeugt, ſagte er nit einet komiſchen Verbeugung. Er hatte es längſt über⸗ wunden, daß Rudolf bei mir den Sieg davon getragen. Wegen des Abſchiedes und wegen meiner neuen Erzichungs⸗ pläne war ich heut etwas ſtiller und ſanfter geſtimmt, Ru⸗ dolf ſchien ſehr damit einverſtanden. 73 Ein Wagen fuhr jetzt vor. Herr von Hartwig! rief Rudolf. Das wundert mich, ſagte Herr von Müggeburg und fertigte den anmeldenden Bedienten ziemlich gleichgültig ab. Herr von Hartwig und ſeine Mutter traten ein. Das Erſcheinen der alten aber äußerſt anmuthigen und gewand⸗ ten Dame änderte die Sache ſogleich, der Herr des Hau⸗ ſes wurde verbindlich, übernahm das Vorſtellen und man nahm feierlich den Kreis am Sofa ein. Herr von Hart⸗ wig ſchien mehr geneigt ſich unterhalten zu laſſen, als ſelbſt zu unterhalten. Es war als ob er geahnet hätte, daß es für ihn in dieſer Geſellſchaft nicht einer gewöhnlichen Lie⸗ benswürdigkeit, ſondern eines gewiſſen Uebergewichtes be⸗ dürfe, um geſchätzt zu werden. Ich bin überzeugt, er er⸗ reichte dieſe Anerkennung ſchon heute in nicht geringem Grade. Nachdem Herr von Müggeburg ihn erſt mehr von der Seite beobachtet, nahm er Herrn von Schoberſtein, dem überall fertigen Vermittler der Unterhaltung ſein Amt ab. Herr von Hartwig war jetzt auch ein anderer, das beſondere Lächeln, womit er Herrn von Schoberſteins Un⸗ terhaltung angehört, verſchwand, er war zuvorkommend und aufmerkſam. Eugenie ſaß neben Frau von Hartwig, die hellen Glasfenſter ſchienen ſehr viel Anziehendes für ſie zu haben, zuch die Furcht vor den Pietiſten ſchien verſchwunden. Sie lächelte ſo harmlos, war ſo geſprächig, aber auch ſo offen⸗ herzig, daß Frau von Müggeburg es nicht laſſen konnte, der Formloſigkeit der Tochter nachzuhelfen. Auch gegen 74 mich war Frau von Hartwig ſehr freundlich, ſie freute ſich heute die nähere Bekanntſchaft der beiden Waldftäulein zu machen. Ich muß es aber geſtehen, fügte ſie hinzu, ich habe ſchon ein wenig geforſcht und konnte den Zuſammen⸗ hang mir denken; wir waren nur noch im Zweifel, wer von den Damen nach Müggeburg und wer nach Müggedorf gehöre. Sie glaubten ſicher, Anna gehöre nach Müggeburg, ſagte Eugenie fröhlich. Ich nicht, entgegnete Frau von Hartwig, aber wieder andere waren allerdings der feſten Meinung.— Wer dieſe„andern“ waren, blieb uns kein Räthſel, und es war uns überlaſſen dieſe Muthmaßungen unſerer Heimath nach Belieben ſchmeichelhaft auszulegen. Als die Gäſte fort waren, wurden ſie vielfach beſpro⸗ chen. An der Erſcheinung war eigentlich nichts auszuſetzen, aber man zog vor ſich an die Gerüchte zu halten, die ihnen vorausgegangen. Eugenie ſchaute dabei mit ihren hellen Rehaugen ſehr aufmerkſam um ſich und ſagte nichts. Erſt als der Baron Reinking eine etwas feindſelige Abhandlung beendet, begann ſie ſchnell, als ob ihre Keckheit ſie nicht reuen ſollte: Das finde ich alles gar nicht, ich habe noch nie jemand liebenswürdiger geſehen, als Frau von Hart⸗ wig. Und nicht wahr, Papa, wandte ſie ſich zu dieſem: ſchweigſame Männer ſind immer angenehmer, als ſolche, die nichts als Unſinn reden? Gewiß, entgegnete Herr von Müggeburg, wer nichts Geſcheites zu ſagen weiß, thut beſſer er ſchweigt.— Das Mittagseſſen beendigte dieſe Unterhaltung. 75 Nach der Nachmittagskirche erſchien der neue Paſtor Arnold. Wie ganz anders hatte ich mir den gedacht. Die Paſtoren, die ich kannte, waren entweder gemüthliche, ein⸗ fache Leute, die auf dem Schloſſe ſehr unterwürfig waren, oder ſteife, würdevolle Herren, die man der Langweiligkeit wegen gern vermied. Von dieſem Paſtor hatte ich mir eine beſondere Vorſtellung gemacht, ich erinnere mich noch deut⸗ lich des Bildes: Eine unbedeutſame Figur, ſchwarzes Haar, leiches Geſicht, eine große Naſe, runde hervorſtehende Au⸗ gen und gefaltete Hände— ſo mußte ein Pietiſt ausſehen. Dieſer ſah ganz anders aus. Groß und ſchlank war er, das Haar eendré oder dunkelblond, ſeine Stirn hoch und weiß, ſeine hellbraunen Augen ſchauten lebhaft über eine ent⸗ ſchiedene Adlernaſe fort, und ſein fein geſchwungener Mund war ſprechender als die Augen. Und wie ſonderbar ſeine Formen! Nach der Suppe legte er beide Arme auf den Tiſch und zerpfluckte gemüthlich ein Stückchen Brod auf dem leeren Teller. Dabei war er aber ſo ſicher in ſeinen Be⸗ wegunzen, daß niemand auf den Gedanken kommen konnte, es fehle ihm an Tact. Dieſer Weltmann ſoll ein Pietiſt ſein? dachte ich verwundert. Selbſt mit dem Baron Rein⸗ king konnte er rivaliſiren; wenn dieſer mit einiger Aufre⸗ gung ſeine geiſtreichen Bemerkungen hervorgebracht, ſo ent⸗ gegnete ihm Arnold höchſt gleichmüthig, und gar nicht um den Effekt beſorgt. Es genirte mich ordentlich, mit wel⸗ cher Kennermiene er einer höchſt langweiligen Pferdeaventüre Rudolfs zuhörte,— dabei lachte er zuweilen ohne Rück⸗ 76 halt und ich war ſehr in Zweifel, ob er über die Geſchichte lache, oder über den Erzähler, der ihm zutraute an einer ſolchen Geſchichte Intereſſe zu finden. Während die anderen Herren ſich in Rudolfs Ge⸗ ſchichte mit verwickelten, nahm Arnold die Gelegenheit wahr, ſich an die Frau des Hauſes zu wenden. Es war jetzt in ſeinem Geſicht und Weſen ein ernſter, zarter Aus⸗ druck, der mir weit beſſer gefiel. Er ſchilderte ihr ſeine Freude über dieſe neue Heimath, und daß er oft nur zu träumen glaube, das Ziel ſeiner Wünſche ſo bald erreicht zu haben. Sie gab ihm zu bedenken, daß er nach dem Leben in der großen Stadt auf dem Lande viel entbehren würde, und er entgegnete ruhig, daß die Stadt nicht viel Anziehendes für ihn gehabt habe. Dann ſprach er von den lieben Bewohnern des Waldſchlößchen, auf deren Umgang er ſich ſehr freue. NRiemand entgegnete darauf ein Wort. Und ſchließlich hoffte er auch mit manchem Prediger der Umgegend zu verkehren. Darauf rechnen ſie nicht zuviel, ſcherzte Herr von Müggeburg, Sie ſind eine allgemin ge⸗ fürchtete Perſon. Ich? fragte Arnold verwundert. Gewiß, ich und Fräulein Anna waren neulich in einer größeren Geſellſchaft die einzigen Perſonen, die keine Furcht vor Ihnen hatten. Arnold ſah mich jetzt ſo prüfend an, daß ich mein Erröthen fühlte. Fürchten Sie keine Gefahr, oder fühlen Sie ſich darüber erhaben? fragte er lächelnd. Ich hätte Luſt gehabt gar nicht zu antworten, aber das wäre ja ein ſchlechter Anfang mit dieſen nicht gefürchteten Pietiſten 7 geweſen. Ich glaube eigentlich das Letztere, entgegnete ich, aber ohne ihn anzuſehen. Er antwortete mir nicht darauf, ſondern wandte ſich mit ganz allgemeinen Dingen zur Ge⸗ ſellſchaft. Wenn Sie Luſt zum Disputiren haben, erwähnte Herr von Müggeburg bei einer anderen Gelegenheit, ſo werden Sie an Fräulein Anna einen würdigen Gegner finden. Arnold ſah mich wieder ſehr prüfend an, und ich konnte es nicht laſſen, dem Herrn des Hauſes meine Unzufrieden⸗ heit mit dieſer Bemerkung kund zu geben. Mit Damen disputire ich nicht gern, ſagte Paſtor Arnold bedenklich, beſonders nicht mit jungen Damen. Warum nicht? fragte ihn Herr von Müggeburg lachend. Sie werden mich zu keiner Antwort verleiten, Herr von Müggeburg, entgegnete Arnold entſchieden, das wäre zu unvorſichtig von mir. Hiermit brach er das Geſpräch wieder ab. Die Herren zogen ſich in das Rauchzimmer zurück, Eugenie und ich folgten Frau von Müggeburg in ihr Ka⸗ binet.“— Wie ſonderbar iſt dieſer neue Paſtor! ſagte Eugenie. Die Mutter fand das gar nicht. Aber: wie ſonderbar! mußte auch ich ſagen. Er gefällt mir nicht, ſagte Eugenie, ich glaube, man kann ihm nicht trauen. So ſcheinen doch nicht alle Pietiſten Glasfenſter zu haben, entgegnete ich ſcherzend. Eugenie blieb nachdenklich und Rudolf, der jetzt zu uns kam, brachte unſere Gedanken auf ſeine Abreife und auf ſein Wiederkommen zu Weihnachten. Ich mußte endlich an den Rückweg denken. Es wurde 78 ſchon dämmrig, aber Regen und Wind hatten ſich gelegt, ich fürchtete mich nicht vor dem Gange.— Ich hatte eben meine Abſicht ausgeſprochen, als die übrigen Herren ein⸗ traten. Ganz leiſe wollt ich mich entfernen, doch Herr von Schoberſtein verhinderte dies. Wir werden das Fräulein natürlich begleiten, ſie nicht allein gehen laſſen? wandte er ſich zu Rudolf. Sehr gern, ſagte Rudolf mit erzwungener Höflichkeit, ich wußte, daß dieſes„ſehr gern“ mehr bedeute. — Ich habe aber ohnehin denſelben Weg zu machen, nahm Arnold jetzt das Wort, ich hoffe Fräulein Anna wird ſich meiner Führung anvertrauen. Ich wußte nicht recht, was ich ſagen ſollte, doch da Herr von Müggeburg die Sache arrangirte, hatte ich von allen Abſchied genom⸗ men und befand mich mit dem nicht gefürchteten Herrn allein im Garten, ehe ich zu mir ſelbſt kam. War es mir ſehr unlieb mit ihm zu gehen? Ich wußte es nicht, mein Herz ſchlug gewaltig, ich hätte ſo gern wichtige Dinge mit ihm geſprochen, ihm erklärt warum mir ein Pietiſt nie gefährlich ſein könne, er ſollte dieſe Aeuße⸗ rung nicht mißverſtehen, nicht glauben daß ich Gottes Wort verachte, ich wollte ihn ſo gern mit meinen vorzüglichen Eigenſchaften bekannt machen. Er aber ſchien meine Aeuße⸗ rung ganz vergeſſen zu haben, er ſprach nur wohlwollend und freundlich zu mir, erkundigte ſich nach der Mutter und den Geſchwiſtern,— von Fritz dem angehenden Theologen hatte er ſchon gehört, und freute ſich ſeiner Freundſchaft. Oder iſt es vielleicht in Ihrem Hauſe, daß man mich fürch⸗ 79 tet? ſetzte er zögernd hinzu. O nein, da am wenigſten, entgegnete ich zuverſichtlich. Ich dachte an Fritz und Eli⸗ ſabeth und an Lottchens Lobeserhebungen von heut Mor⸗ gen, und es machte mir augenblicklich Freude, ihm etwas Angenehmes ſagen zu können. Ich möchte nicht gern ge⸗ fürchtet ſein, ſagte er, noch weniger aber möchte ich, daß man gar keine Notiz von mir nimmt. Ich vermied ſeinen Blick, um nicht zu ſehen, wie er bei dieſen Worten aus ſeinen großen Augen ausſchauen würde. Mein Muth war ziemlich verſchwunden in der Nähe dieſes ſonderbaren Man⸗ nes; es war aber jetzt der beſte Zeitpunct meine Erklärung anzubringen. Mit einem gewiſſen Anlauf nahm ich das Wort: Ich meinte vorhin nicht, daß mir die Religion gleichgültig ſei, ich mag ſie nur nicht einſeitig auffaſſen. Was verſtehen ſie unter einſeitig? fragte er wohlwollend. So düſter und ernſt, entgegnete ich zögernd.— Düſter — nein; aber ernſt doch wohl? Aber nicht zu ernſt, fuhr ich etwas zuverſichtlicher fort, das wird auch in der Bibel gar nicht verlangt. Leſen ſie fleißig in der Bibel? fragte er ſchnell. Ach nein, das that ich freilich nicht, ſeit meiner Confirmation hatte ich nur zuweilen hineingeſehen. Jetzt nicht, aber früher, entgegnete ich etwas zögernd. Sie meinen, dieſe Lectüre iſt nur für die Schule? ſagte er lüchelnd. Das reizte mich. O nein, ſagte ich haſtig, ich meine, man lieſt, wenn man gerade das Bedürfniß dazu hat. Und das haben Sie nicht? fragte er weiter. icht N oft, war meine kurze Antwort. Er ſah mich jetzt ſo ruhig —— 80 und forſchend an, daß mir mein Herz von neuem gewaltig ſchlug, dann ſagte er, wie betrübt es ſei, wenn man nicht gern in der Bibel läſe. Ich hätte ihm ſo gern etwas ent⸗ gegnet, aber es war, als ob mir alle klugen Gedanken ausgegangen wären. Ich fühlte daß ich ihm nicht mit Poeſie⸗ und Kunſtgenüſſen kommen dürfe, nein ich ſchwieg und hörte aufmerkſam ſeinen Worten zu. Ich weiß nicht wie es kam, daß er ſagte: Sie wiſſen, daß ich Ihr Seelſorger ſein werde. Seelſorger? das klang mir ſchrecklich,— Beichtvater fiel mir dabei ein, und Katholiſchſein und Inquiſition, mein ganzer evangeliſcher Stolz empörte ſich. Das werden Sie nicht ſein, entgeg⸗ nete ich haſtig. Das werde ich nicht? fragte er in einem ſo gelaſſenen Tone, daß ich mich etwas beruhigte. O nein, fuhr ich mich bezwingend fort, ich bedarf keiner menſchlichen Perſonen zwiſchen mir und dem lieben Gott. Wir waren an unſerer Gartenmauer angelangt, wie ftoh war ich. Könnten Sie ſich nicht denken, daß andere Menſchen mehr Erfahrung haben als Sie ſelbſt? fragte er weiter. Das glaube ich, war meine Antwort, aber ich will meine Erfahrungen ſelbſt machen. Das wünſche ich Ihnen von Herzen, ſagte er ruhig, der Herr gebe ſeinen Segen dazu.— Wir ſtanden an der Gartenpforte, er reichte mir die Hand. Verzeihen Sie mir, wenn ich zu eindringlich war, ſagte er ſanft. Meine Lippen zitterten, ich hätte weinen mögen vor innerer Erregung. Nein, nein, ſagte ich ſtotternd, dann eilte ich fort. Zuerſt auf meine Schlaf⸗ 81 tammer. Ich ſchob den Riegel vor die Thür, trat an das Fenſter und ließ meinen Thränen freien Lauf.— Noch ſah ich in der Dämmerung die Geſtalt verſchwinden. Es giebt geheimnißvolle Gewalten, die Menſchen über andere Seelen haben, dacht ich mir, dieſer Mann könnte das über mich,— es war mir ſo ſchauerlich und doch hätte ich ihn zugleich ganz demüthig bitten mögen, mir den Weg zu zeigen, den ich gehen müſſe, ich hätte wünſchen mögen, daß er nicht unzufrieden mit mir wäre. Im Wohnzimmer wehte gemüthliche Luft, ich fand die ganze liebe Familie, Tina und die Tante dazu, am Thee⸗ tiſch, alle in beſter Laune. Ich überwand die ſeltſamen Eindrücke der ernſten Unterhaltung. Der neue Paſtor wurde gar nicht erwähnt, Tante Adelgunde führte meiſtens das Wort und ſie wählte andere Themata. Den folgenden Dienſtag wollte ſie mit Fritz abreiſen, ſie hatte uns noch ſo manches mitzutheilen, und die Mut⸗ ter mußte ihr das feierliche Verſprechen geben, mich nach Weihnachten zu ihr zu ſchicken. Anna iſt in dem Alter, in die Welt eingeführt zu werden, ſagte die Tante, bei mir wird ſie paſſende Gelegenheit finden, ſich mit den Formen bekannt zu machen, welche ihr in ihrer einſtigen Stellung nöthig ſind. Sie ſagte dies in Beziehung auf Rudolf; aber meine An⸗ gehörigen kannten ſie zu gut, beſonders Lottchen zog die Sache in das Lächerliche, und ich bemühte mich ihr zu helfen. Es war vierzehn Tage vor Weihnachten, ich ging im Wohnzimmer auf und ab, und ſtudierte eine Rolle ein, Die alte Jungfer. 2. Aufl. 6 82 laut und mit Geſtikulationen. Mein kleiner Bruder ſaß in ſeiner Ecke und ließ eine Arche Noah aufmarſchieren. Er ſah mich verwundert an, ſtand auf und fragte Minna: Was ſagt Anna? Sie ſpielt Theater, entgegnete dieſe. Theater? wiederholte er und ſchien damit beruhigt. Nach einiger Zeit ſtund er wieder vor Minna, ſah mich höchſt bedenklich an und fragte wieder: Was ſagt denn Anna? Sie ſpielt Theater, war wieder dieſelbe lachende Antwort. Der Junge genirte mich aber wirklich mit ſeinen Blicken, die immer bedenklicher wurden, ich ging lieber oben in das kalte Schlafzimmer um ungeſtört vor dem Spiegel geſtiku⸗ liren zu können.— Am zweiten Weihnachtstage ſollte auf dem Schloſſe ein Luſtſpiel aufgeführt werden, eine kleine deutſche Nachahmung von Shakeſpeares Zähmung der Wi⸗ derſpänſtigen. Herr von Müggeburg hatte es ſelbſt arran⸗ girt, und ſicher nur in der Abſicht, Eugenien mit dem Baron Reinking, der Weihnachten mit Rudolf erwartet wurde, zuſammen zu bringen. Eugenie hatte ſich entſchie⸗ den gegen die Theilnahme am Spiele geſträubt, anfänglich des Barons wegen, ſpäter kamen auch andere Gründe da⸗ zu. Wir müſſen uns vor allen vernünftigen Menſchen ſchämen, wenn wir mitſpielen, ſagte ſie eines Tages zu mir. Ich wußte, daß ſie mit den vernünftigen Menſchen Arnold und Hartwigs meinte. Sie ging faſt ſonntäglich in die Kirche und ließ ſich dann ſo gern von Frau von Hartwig und dem Herrn mit den Vertrauen erweckenden Augen zu uns geleiten. Von den Adventspredigten waren 83 nun Eugenie und Cüſabeth beſonders hingenommen und ſie beriethen ſich mit mir, wie man nicht die Predigten nur hören, ſondern auch danach thun müſſe. Ich war klug genug, nie eine entſchiedene Meinungsverſchiedenheit merken zu laſſen; ich täuſchte mich auch theilweiſe ſelbſt, ich war ja ſo voller tugendhafter Abſichten und Pläne und war eigentlich bis jetzt Eugeniens und Eliſabeths Ideal geweſen. Das Einüben der Rolle nannte ich einen un⸗ ſchuldigen Zeitvertreib, Eugenie durfte ſich aber auch nicht zurückziehen, um den Vater nicht zu erzürnen. Den letzten Grund fand Eliſabeth ſehr einleuchtend, ſie hatte ſelbſt ge⸗ hört daß Herr von Müggeburg böſe mit Eugenien war, ihr Sträuben gegen das Spiel und ihr ganzes Betragen in Geſellſchaft mit jungen Leuten albern fand. So hatte ſich Eugenie für jetzt gefügt, ſie vertraute mir aber, ſie möchte Arnold gern um Rath ftagen, ob ſie mitſpielen dürfe oder nicht, wenn er nur nicht ein ſo ſeltſamer Menſch geweſen wäre. Dabei blieb es aber. Ich hatte mit großem Vergnügen die Rolle übernom⸗ men, das Einüben wurde mir aber vielleicht ebenſo ſchwer als Eugenien, wenn auch in anderer Art. Als ich jetzt in der Schlafſtube in voller Arbeit war, hörte ich Eliſa⸗ beth zum Klavier ein Adventslied ſingen. Ich hielt inne, und trat an das Fenſter, legte meine Stirn an die Schei⸗ ben, es war mir ſo ſeltſam. Von der Adventszeit hatten wir früher nichts weiter gewußt, als daß es gerade Ad⸗ ventszeit war; ſeitdem Paſtor Arnold unſer häufiger Gaſt 84 geworden, hatte ſich das geändert. Unſer häufiger Gaſt war er, natürlich wir waren die einzigen gebildeten Leute in Müggedorf, er war mit ſeiner Stieſſchweſter, die ihm die Wirthſchaft führte, auf unſer Haus angewieſen. Den wun⸗ derbaren Einfluß, den er im Anfang auf mich übte, hatte ich abgeſchüttelt, und zwar mit ſchweren Kämpfen und auf keine liebenswürdige Art; ich war zu hochmüthig mich zu unterwerfen, ich wollte meine Erfahrungen ſelbſt machen. Ob ich froh oder betrübt darüber war, lag geheimnißvoll in meiner Bruſt verborgen, ich ſuchte es nicht zu ergrün⸗ den, nur fühlte ich zuweilen etwas wie eine Laſt auf der Seele, und ſonderbar— jedesmal wenn Arnold kam, war ich in freudiger Aufregung, und jedesmal wenn er ging war ich auch froh und athmete leichter. Als ich jetzt dem Liede lauſchend am Fenſter ſtand, ſah ich im Dämmerlicht ſeine Geſtalt den Burbaumweg von der Gartenthür heraufkommen, er blieb ſtehen, hörte dem Geſange zu, erſt als Eliſabeth aufgehört, trat er in das Haus. Meine Theaterrolle war längſt aus der Hand geflogen, mein Herz klopfte etwas ſtärker als gewöhnlich, ich hatte hier keine Ruhe mehr, ging hinab. Lottchens la⸗ chende Stimme hörte ich ſchon vor der Thür, ich fand den kleinen Karl auf des Gaſtes Schvoß, und Minna vor ihm, wie ſie lebhaft und in ihrer gewandten Art etwas auszu⸗ ſchmücken, Karlchens Verwunderung über das Einüben mei⸗ ner Rolle beſchrieb. Du guter Juge, entgegnete Arnold, in einem Ton der zweifelhaft ließ, ob es Ernſt oder Scherz 85 ſei, es iſt dir gar nicht zu verdenken, daß Dich ſo etwas wundert. Ich glaube auch wir hätten es abſchlagen kön⸗ nen, ſagte die Mutter ernſthaft, ich mag ſolche Dinge nicht gern leiden. Arnold ſchwieg. Herr Paſtor, halten ſie es für eine Sünde? fragte Lotttchen vertraulich. Mit ja und nein läßt ſich das nicht gut abmachen, war ſeine Ant⸗ wort, jedenfalls würde ich mich nicht dazu hergeben. Wie mich das ärgerte, ich wußte, daß er mich damit meinte. Seine Nähe ſollte mir heute ſehr bald eine Laſt werden. Bei ſolchen Gelegenheiten hatte ich es früher nicht laſſen können zu disputiren, aber ich war immer nur ſchlecht weggekommen, nicht durch Nachgeben— meine äſthetiſchen und edelſinnigen Reden klangen recht gut; aber mit zittern⸗ den Lippen, Thränen in den Augen und Unruhe im Herzen, mußte ich mich zurückziehen. Da Sie eines fremden Ra⸗ thes im Verſtehen der heiligen Schrift nicht bedürfen, hatte er mir das letzte mal geſagt, ſo ſuchen Sie ſich ſelbſt dieſe Worte des Herrn zu erklären:„Gehet ein durch die enge Pforte, denn die Pforte iſt weit, und der Weg iſt breit, der zur Verdammniß führet, und ihrer ſind viel, die darauf wandeln. Und die Pforte iſt enge und der Weg iſt ſchmal, der zum Leben führt, und wenig ſind ihrer, die ihn fin⸗ den.“— Seitdem er mich, wie ich ſicher glaubte, zu den Verdammten zählte, wollte ich nie wieder über ſolche Dinge mit ihm reden. Ein Liebhabertheater konnte auch ſicher nicht auf dem engen Wege ſtehen. Heute ſchien er ſelbſt nicht aufgelegt zu ernſten Ge⸗ — ſprächen, ehe ich mit einem kurzen Entſchluß des Schweigens fertig war, wandte er ſich zu Eliſabeth mit der Frage: Was arbeiten Sie denn ſo emſig? Nur Kleinigkeiten, entgegnete Eliſabeth und wurde verlegen. Arnold war gewohnt, Eli⸗ ſabeth von uns allen noch wie ein Kind behandelt zu ſehen, er war faſt gezwungen ein Gleiches zu thun, aber eine ge⸗ wiſſe zarte Zurückhaltung, die in ihrem Weſen lag, und ihre kürzlich 17jährige Geburtstagsfeier, ließen ihn nicht recht dazu kommen. So ſprach er meiſtens in Scherz und Ironie zu ihr— die unrichtigſte Art: Eliſabeth war immer ſcheuer und zurückhaltender gegen ihn geworden. Lottchen führte dieſes mal Eliſabeths kurze Antwort weiter aus. Sie räumt die Lumpenſäcke auf, ſagte ſie lachend, dem hei⸗ ligen Chriſtkind zu Ehren, für alte Botenfrauen und abge⸗ riſſene Kinder, entſtehen da herrliche Sachen. Ich bin neugierig was die geſchickten Hände einmal aus dieſem goldgelben Anzug, wenn er ausgrſtrahlt hat, machen wer⸗ den, ſagte Arnold ſcherzend. Eliſabeth ſaß ſchweigend in dem kanariengelben Tuchrock, zu deſſen Tragen ſie ſich übri⸗ gens nach längerem Sträuben und vergeblichen Färbe⸗Vor⸗ ſchlägen erſt kürzlich entſchloſſen hatte. Die Mutter wollte ſie nicht gerade zwingen, aber ſie hatte ihr freundlich vor⸗ geſtellt: Wir müßten den Rock auseinander trennen, färben laſſen, wieder nähen, das koſtet Mühe und Geld; uns wirſt Du darin ebenſo gefallen als im dunkeln Kleide; die winterliche Einſamkeit bringt uns keinen unverhofften Be⸗ ſuch, außer dem der Frau von Hartwig, die denkt mit uns — 87 in dieſer Hinſicht gleich und wird ſich nur freuen wenn Du keine Umſtände mit dem Rock machſt; er kann ſpäterhin immer noch gefärbt werden. Kurz und gut, Eliſabeth trug den Rock. Ihr erſtes Erſcheinen darin war allerdings eigenthümlich, Lottchen konnte ihren Spaß darüber nicht zurückhalten, ſo viel ich wehrte. Arnold aber war beſon⸗ ders unvorſichtig in ſeinen Scherzen und nicht nur das erſtemal; er hatte ſchon einigemal, als es ihm an Stoff der Unterhaltung mit Eliſabeth fehlte, den Kanarienvogel be⸗ wundert. Lottchen verlor ſich jetzt in Hypotheſen, was aus dem Vogel einmal werden ſollte. Sie kam dabei auf Tante Adelgunde, und wie ſchade es ſei, daß ſie an der Komödie Weihnachten nicht theilnehmen könne, ſie ſpiele ſo leiden⸗ ſchaftlich gern Theater. Es iſt doch noch ſehr die Frage ob etwas daraus wird, ſagte Eliſabeth jetzt zur Tante, Eugenie hat ſich noch gar nicht entſchließen können. Sie lernt aber die Rolle, ſagte Lottchen. Sie iſt eben un⸗ ſchlüſſig und möchte gern einen ernſten Rath darüber hören, fuhr Eliſabeth fort. Das kann ſie nahe haben, entgegnete die Tante, ſie kann nur den Herrn Paſtor fragen. Eliſa⸗ beth ſchüttelte) den Kopf. Warum nicht? fragte Lottchen. Sie will einen ernſten Rath haben, wiederholte Eliſabeth etwas verlegen. Kann ich den nicht geben? fragte Arnold ziemlich verwundert. Sie ſcherzen immer, ſtotterte Eliſa⸗ beth. Arnold ſchwieg, wir ſchwiegen alle einen Augenblick. Eliſabeth war ebenſo erſchrocken über ihre Kühnheit, als wir erſtaunt darüber waren. Ich wußte daß ſie mit Eugenien einmal ernſtlich berathen, wie man Arnold ſein ſcherzendes ironiſches Weſen abgewöhnen könne. Eugenie meinte, zuweilen fühle ſie ordentlich Muth dazu, beſonders ſeitdem er neulich die Gemeinde aufgefordert für ihn zu beten; Eliſabeth aber ſchüttelte bedenklich den Kopf. Jetzt hatte ſie ganz ohne ihren Willen eine Aeußerung gethan die ihn ſchweigſam machte, in der Verlegenheit da⸗ rüber wurde Eliſabeth deſto geſprächiger. Eugenie will ihren Vater nicht erzürnen und doch hält ſie das Spiel für ein Unrecht, ſie will in der Adventszeit nicht immer ſo al⸗ bernes Zeug ſtudieren, ſagte ſie. Mir war jedes Wort was Eliſabeth ſprach ärgerlich, der unſchuldige Scherz ſoll Sünde ſein, und wie ungereimt— zu einer Zeit des Jah⸗ res mehr, als zu einer anderen. Wenn Eugenie es wirk⸗ lich für ein Unrecht hält, ſagte Lottchen, ſo mußte ſie es ſagen. Oder ſie müßte es nur aus Liebe und Gehorſam für den Vater thun, das meinte Anna auch, entgegnete Eli⸗ ſabeth. Arnold ſah mich forſchend an, ich wurde roth, es war unerträglich wie der Menſch die Leute durchſchauen konnte. Und dann, fuhr Eliſabeth fort, müßte ſie es ver⸗ ſuchen, ſich dadurch die Feſtzeit doch nicht trüben zu laſſen. Es giebt ja manche Dinge die man aus Liebe und Gehor⸗ ſam zu den Eltern tragen muß, die recht ſchwer werden. Hört nur das Kind, unterbrach ſie Lottchen lachend, ſie ſpricht als ob ſie wirklich ſchon ſchlimme Erfahrungen ge⸗ macht hat. Eliſabeth ſchwieg ietzt, ſie ſchaute nicht auf und nähte emſig. Biſt Du ſchon ſo geprüft, liebe Eliſabeth? —— 89 fragte die Mutter ſanft. Nicht ſehr, liebe Mutter, begann Eliſabeth mit unſicherer Stimme, aber— Aber? forſchte die Mutter. So ganz ohne Prüfung geht es im Leben doch nicht ab, entgegnete Eliſabeth und ſah dabei ſo bedenk⸗ lich aus, daß es uns faſt alle zum Lachen reizte, nur Ar⸗ nold ſah ſie mit unverwandter Aufmerkſamkeit an. Eine Prüfung aus Gehorſam zu mir? fragte die Mutter drin⸗ gend. Dieſer gelbe Rock, ſtotterte Eliſabeth. Du ſollſt ihn nicht wieder anziehen, liebe Eliſabeth, ſagte die Mutter freundlich, ich habe das nicht gewußt. Rein, liebe Mutter, entgegnete Eliſabeth haſtig, ich trage ihn jetzt gern, es iſt alles gut, wenn ſie auch ſpotten.— Die Mutter ſtrich ihr ſanft das Haar von der Stirn, und brach das Geſpräch ab, Lottchen war ihr behülflich dabei, auch ſie war betrof⸗ fen über Eliſabeths Eröffnung und beſchämt dazu.„Das Kind“ hatte ſich ja allen Scherz ſo ruhig gefallen laſſen. Die Unterhaltung kam wieder auf Gegenſtände, wo ich theilnehmen konnte, Arnold und Eliſabeth blieben ſchweig⸗ ſam. Als wir alle ſehr unterhaltend waren, ſprach Arnold leiſe zu Eliſabeth, ich konnte es nicht laſſen hin zu lauſchen. Verzeihen Sie mir, Eliſabeth, ſagte er mit ganz unge⸗ wöhnlich ſanfter Stimme, ich habe Sie gekränkt. Er reichte ihr die Hand, ſie legte die ihre hinein, ſchlug die großen blauen Augen zaghaft auf, ihr Mund zitterte. Möchten Sie auch nie ernſthaft mit mir ſprechen? fragte er wie oben. Ich möchte wohl, aber— Aber? ftagend er dringend. Ich weiß nicht, ob Sie nicht darüber ſcherzen würden.— Sie 90 ſchwiegen jetzt beide und mir ging ein ahnender Schmerz durch die Seele, mir war es, als hätte ich ein Bild der Zukunft geſchaut, ja es war mir gewiß: Arnold und Eli⸗ ſabeth! er mußte ſie ſo ſehr lieb haben, und ihr durfte nie um ſeine Treue bangen. Wir waren längſt zur Ruhe gegangen, ich uuſie Eliſabeths regelmäßigen ſanften Athemzügen, da wacht ich noch. Leichte Wolken zogen ruhig über die halbe Mond⸗ ſcheibe, das Herz war wir bange und bewegt.„Dich würde er geliebt haben:“— das hatte ich ſeit dem erſten Abende, wo er mit mir ging, gefühlt; aber ich hatte alles abge⸗ ſchüttelt, mein Herz ſelbſt wieder frei gemacht, ich wollte durchaus ihn nicht, aber einen andern lieben. Jetzt war er ſehr ruhig in meiner Rähe, das hatte mein Thermometer mir wieder richtig angezeigt. Was willſt du nur? fragte ich mich. Ich wußte es ſelbſt nicht. Ich ſah meine Rolle dort auf dem Spiegeltiſch— o nein, Sünde iſt es nicht, du biſt eine Thörin. Warum bangt dir vor dem Spiel und vor der Freude und vor der ganzen Zukunft? Die Welt iſt ſo ſchön, dieſe einſeitigen Pietiſten möchten ſie zum Jammerthal machen, der liebe Gott verlangt das nicht. — Ich bat den lieben Gott um eine glückliche Zukunft und verſprach ihm ein tugendhaftes Leben. Es war in den Tagen vor Weihnachten als Eugenie kam, uns zu einem S zu Frau von Hartwig abzu⸗ holen. Seit ihrem ſiebzehnten Geburtstage gehörte Eliſa⸗ beth zu uns, es hatte ſich das ganz von ſelbſt gemacht und „ 94 war wohl weniger der Geburtstag als die ſtille Wahlver⸗ wandtſchaft, die ſich zwiſchen Eugenie und Eliſabeth immer deutlicher herausgeſtellt. Uebrigens waren ernſte Geſpräche nicht alle Tage an der Reihe, und wir lebten eben fröhlich und harmlos mit einander, wie es junge Mädchen mit ein⸗ ander thun. Nichts iſt hübſcher, als in der Weihnachtszeit, wo man die langen Abende und überhaupt ſehr fleißig iſt, ein hüb⸗ ſcher Spatziergang durch Feld und Wald und noch dazu mit einem ſolchen Ziel. Ja ſeltſam war es, daß mir der Verkehr mit Hartwigs, obgleich ſie ja entſchieden zu den Pietiſten gehörten, gar nicht unbequem war. Sie waren ſo wenig eindringlich und Frau von Hartwig ſo mütterlich und freundlich gegen mich. Wenn ſie ſtrenge und ernſte Lebensanſichten ausſprach, that ſie immer als ob wir alle mit ihr einverſtanden ſein müßten, und das that mir ſo wohl. Ebenſo hatte ſie der Mutter und Lottchens Herz gewonnen. Unſer Verkehr war ziemlich lebhaft, und wenn Wetter und Weg für die Mutter und Lottchen zu unſicher waren, wurden wir Mädchen abgeſchickt, dem einſamen Paare die erſehnte Geſellſchaft zu leiſten. Herr von Hartwig, der Sohn, war gewöhnlich auf dem Gute im Dorfe, jetzt war er ſeit acht Tagen verreiſt. Zwiſchen Müggeburg und dem Waldſchlößchen war eine Art Verkehr eingeführt, aber mit der beſtimmten Ausſicht, daß er ſich auflöſen würde, je mehr ſich die Verſchiedenheit der beiden Familien herausſtellte. Es war heut ein ſchöner milder Wintertag, der Him⸗ * 92 mel war bedeckt, es hatte etwas gefroren, und ein wenig Schnee ſchien hingeſtreut, nur um die Wege hübſch reinlich zu machen, zwiſchen Gras und Haide und auf den Bäu⸗ men war nichts zu ſehen. Wir waren ſehr vergnügt, ſcherzten, neckten uns und ſuchten mit glücklichem Erfolge viel Urſach zum Lachen. Wir waren jetzt an eine Stelle gekommen, wo mehrere große Steine lagen, von einem Kranze kleiner grünen Tan⸗ nen umgeben. Eugenie machte den Vorſchlag hier ein wenig zu ruhen. Dieſer Platz ſollte ein altes Heidenbegräbniß ſein und war uns immer ſehr intereſſant. Auch jetzt ſpra⸗ chen wir darũber. Ja, ſagte Eugenie, wenn man bedenkt, wie viel Großes auf der Welt vorübergerauſcht iſt, nach dem jetzt niemand frägt, an dem niemand theilnimmt, ſo iſt es wirklich komiſch, wie wir kleinen Perſönchen hier ſo wichtig von uns denken, und uns oft ſo viel Kopfbrechen um unſer Schickſal machen. Und es wäre doch unnatür⸗ lich, wollten wir es nicht thun, ſagte ich entſchieden. Ja, wenn wir wüßten, wie es in zehn Jahren mit uns aus⸗ ſieht! ſetzte ich etwas zagend hinzu, und: Wollen wir uns verſprechen, wenn es irgend möglich iſt, in zehn Jahren hier auf den Steinen eine Konferenz zu halten? machte ich den Vorſchlag. Warum nicht, entgegnete Eugenie, ich hoffe mich ganz in der Rähe zu befinden. Wie ſo? fragte ich verwundert. Nun, als Fräulein Eugenie auf Müggeburg. Ich kann mir auch nicht denken, jemals wo anders zu woh⸗ nen, ſagte Eliſabeth, und doch wäre es möglich. Gedenkſt 93 Du Dich zu verheirathen? fragte Eugenie lächelnd. Eigent⸗ lich doch wohl, entgegnete Eliſabeth treuherzig; aber(fügte ſie ſcherzend hinzu) der Gedanke ſoll mich nie beunruhigen, denn wenn mich vielleicht niemand will, kann ichs nicht ändern.— Ach! dacht ich, dieſe Einfachheit des Gemü⸗ thes iſt doch ſchön, aber mich verlangte nicht darnach. Wir eilten nun mit ſchnellen Schritten dem lieben Waldſchlößchen zu. Die Familie, die nur gezwungen in den kalten Monaten hiergeblieben, weil das Haus auf dem Gute vom Pächter bewohnt war, fühlte ſich jetzt ſo heimiſch darin, daß ſie meinten, wohl noch manchen Winter die kleinen Unbequemlichkeiten überwinden zu können. Ja es war auch jetzt hier wunderlieblich und ſchön, der Brunnen rauſchte ſo traulich und die mit grünem Moos eingefaßten Fenſter ſahen ſehr gaſtlich aus. Wir wurden mit Freuden empfan⸗ gen, und wie wir es gewohnt waren, durften wir auch heute mit Wirthſchaft machen. Der Saal war durch einen großen Ofen wohl durchwärmt, aber es deuchte uns eigen⸗ thümlich und romantiſch, wenn im Kamin ein Feuer brannte. Es anzuzünden war mein Amt. Eliſabeth ordnete mit Frau von Hartwig den Kaffeetiſch, und Eugenie drang in das Kabinet und rollte den Stuhl des alten Herrn an das Kaminfeuer. Es währte nicht lange bis alles arrangirt war, und der Kaffee ſchmeckte vortrefflich. Nachdem wir manches geplaudert, erzählten wir auch von unſerm Kongreß auf den Steinen. Der alte Herr, der ſehr heiter und ſpaßhaft war, verſicherte uns, er beſitze eine 94 Art Seherglaube und er würde uns, wenn er Luſt dazu hätte, unſere Zukunft wohl enthüllen können. Wir wollten ihm Luſt dazu machen, er ſträubte ſich mit den ſpaßhaf⸗ teſten Gründen. Im Ernſte möchte ich es auch wirklich nicht hören, ſagte plötzlich Eliſabeth. Ach nein, ich möchte gewiß nicht in meine Zukunft ſehen können, verſicherte Eu⸗ genie. In dem Augenblick öffnete ſich die Thür und ein unerwarteter Gaſt trat ein.% Werner! Woher kömmſt Du? fragten die überraſchten Eltern. Vor einer Viertelſtunde aus dem Wagen, entgeg⸗ nete der Sohn nach freundlicher Begrüßung; ich denke aber daß es mir hier beſſer gefallen wird, als dort. Ein großer ſchwarzer Neufundländer war ihm gefolgt und ſtand beſchei⸗ den an der Thür. Auch hier darfſt du nicht ſtehen, wandte ſich der Eingetretene zum Hunde; wenn Damenbeſuch da iſt, gehörſt du vor die Thür. Er wollte ihn hinaus laſſen; wir proteſtirten, Ponto war uns allen bekannt und unſer guter Freund, beſonders aber von Eugenien, ſie liebte ſo große Hunde und lockte ihn und ſtreichelte ihm das ſchwarze glänzende langhaarige Fell. Der Hund ſchien die Unter⸗ redung verſtanden zu haben und ließ ſich dankbar mit dem Schwanze wedelnd zu den Füßen ſeiner Gönnerin nieder. Bei dem allgemeinen Aufſtande hatten wir übrigens zu unſerem Schrecken bemerkt, daß es nicht nur ſtark dämme⸗ rig geworden, auch, daß die Schneeflocken in dichten Maſſen niederrieſelten. Wir wollten eilig aufbrechen, Herr von Hartwig fand, daß es ſchon zu dunkel ſei, und rieth uns 1 95 noch eine halbe Stunde geduldig auf den Mond zu war⸗ ten, dann würden er und Ponto uns ſicher eskortiren. Wir fügten uns, wir ſahen ein, daß es ſo am beſten war, und wir fügten uns gern.— Als wir in etwas vergrö⸗ ßertem Kreiſe die Plätze wieder eingenommen, ſagte Herr von Hartwig zu Eugenien: Ich habe Sie vorhin in der Unterhaltung unterbrochen. Sie wünſchten eben, glaube ich, Ihre Zukuuft nicht ſehen zu können. Gewiß nicht, entgeg⸗ nete Eugenie. Ernſtlich wünſchen wir das alle nicht, fügte ich hinzu.— Warum aber?— Aus Furcht nichts Gu⸗ tes zu ſehen, war meine Antwort. Ich denke, Glück oder Unglück— gut muß es doch ſein, ſagte er. Aber ich möchte lieber glücklich als unglücklich werden, verſicherte Eugenie. Das möchte ich auch, entgegnete Herr von Hart⸗ wig und ſah dabei mit den hellen Vertrauen erweckenden Augen des grünen Jägers auf Eugenien. Ich wußte was ich mir dabei zu denken hatte, und ich bedauerte Eugenien, ihr Vater würde nie einen Herrn von Hartwig zum Schwie⸗ gerſohn wählen, das war ſicher.— Glück und Unglück iſt ein unbeſtimmter Ausdruck, nahm Frau von Hartwig das Wort, die Welt kann etwas ein Unglück nennen, was eigentlich ein Glück iſt, ſie glaubt jemand arm und entbeh⸗ rend, der reich und ſelig dabei iſt. Ich ſah ſie kopfſchüt⸗ telnd an. Ich weiß doch nicht, Unglück iſt Unglück, ſagte ich, nur die Kräfte der Seelen ſind verſchieden; eine Seele ſchwingt ſich leicht hinauf über alles Unglück, die andere krankt ihr Leben daran. Wir iſt eigentlich gar nicht bange 96 vor ſchweren Schickungen, fügte ich keck hinzu, ich fühle es, ich würde darüber hinkommen, es giebt ja ſo viele Hülfs⸗ mittel.— Ich kenne nur Eines, unterbrach mich Herr von Hartwig.— Ich aber werde es zu dieſer Einſeitigkeit ſchwer⸗ lich bringen, war meine ſchnelle Antwort. Meinen Sie Kunſt und Pveſie mit den Hülfsmitteln? fragte er lächelnd. Er kannte meine ſchwache Seite nur zu wohl und machte immer ein vergnügtes Geſicht, wenn ich begeiſtert wurde. Ich meine alle die reichen Geiſtesgaben, die der Herr Gott uns ſelbſt geſchenkt hat, ſagte ich etwas gereizt. Die ſind uns eine angenehme Unterhaltung, entgegnete er jetzt ruhig und freundlich, aber ein Troſt in der Noth werden ſie uns nie ſein.— Ich ſchwieg und Eliſabeth ſagte nachdenklich: Ich freue mich nur, daß es mehr Leute giebt die nicht viel von Kunſt und Poeſie verſtehen. O bitte ſehr! lachte der alte Herr von Hartwig, glauben ſie nicht, daß wir ſo ungebildete Leute ſind. Liebe Frau, wandte er ſich zu dieſer, thue doch gleich das Klavier auf und trage ein Kunſtwerk vor. Das überlaſſe ich den jungen Damen, entgegnete Frau von Hartwig freundlich.— Sie führte uns an das Klavier, wir willigten gern ein, wir ſangen: Es ſingt ein Vögelein, witt, witt, witt,— und noch anderes; dann rezitirte der alte Herr:„Die Pappelweide zittert, vom Abendſchein durchblinkt,“ und Lieder von Salis und eine allgemeine Fröhlichkeit erfüllte unſern Kreis. Als die verheißene Mondenſcheibe über den Buchen⸗ wipfeln heraufſtieg, traten wir den Rückweg an. Herr von 97 Hartwig ging mit Eugenien voran, Eliſabeth und ich folg⸗ ten, Ponto bahnte uns allen den Weg. Es war ganz ſtill, die Schneeflocken rieſelten leiſe vor uns nieder, die Welt ſchien ſo traulich und eng, ich hätte mich auf dem Wege nicht fürchten können, auch ohne Herrn von Hart⸗ wigs Gegenwart. Alles bereitet ſich zum Chriſtfeſte vor, ſagte Herr von Hartwig, die Erde legt ein weißes Feſt⸗ kleid an, und die Bäume ſind ſchon überzuckert. Und wir üben uns ein Luſtſpiel ein, ſagte Eugenie wie in Gedan⸗ ken. Wirklich? fragte Herr von Hartwig ganz erſchrocken. Beunruhigen Sie uns nur nicht, nahm ich ſcherzend das Wort, Sie ſehen das wieder zu einſeitig an. O nein, verſetzte er, die Sache hat viele Seiten, aber eine iſt immer ſchlimmer als die andere. Es kömmt doch nur auf den Sinn an, in dem man das thut, warf ich ein; ich verſichere Sie, mir iſt das ganze Spiel höchſt gleichgültig, ich thue es aus Gefälligkeit, anderen zum harmloſen Zeit⸗ vertreib. Ich würde aber aus Gefälligkeit, weder mit⸗ ſpielen, noch zuſehen, ſagte er kurz. Er brach das Ge⸗ ſpräch ab und bewunderte die ſchoͤnen Buchen und die feier⸗ liche Stille des Waldes. Die Natur iſt doch im Winter und Sommer ſchön, ſagte Eugenie, und ich bin glücklich, daß die Freude da⸗ ran bei mir mit dem Alter zunimmt. Wie alt ſind Sie denn? fragte ihr Führer.— Neunzehn Jahr, war ihre Antwort.— Da können Sie freilich noch nicht viel Er⸗ fahrungen gemacht haben. O doch, ſagte Eugenie lebhaft, Die alte Jungfer. 2. Aufl. 7 98 55 es iſt mir als ob die Jahre von 15 bis 20 die wichtig⸗ ſten ſind. Nein, Eugenie unterbrach ich ſie, Du mußt den Zeitraum bis 23 oder 24 hinausſchieben. Wir blie⸗ ben ſtehen, Eugenie ſah mich ernſthaft, an, ſie ſchüttelte den Kopf. Zwanzig Jahre, meine ich, wäre das Höchſte, behauptete Eliſabeth. Wir ſtritten etwas hin und her: Sie werden ſich darüber nicht vereinigen, nahm Herr von Hartwig das Wort, der Grund liegt darin, daß ein junges Mädchen eher zur Vernunft kömmt als das andere. Für mich nehmen Sie einige Jahre mehr in Anſpruch? fragte ich ſcherzend. Ich fürchte ja, entgegnete er freund⸗ lich, und ſah mich mit ſeinen verſtändigen Augen ſo wohl⸗ wollend an, daß ich ihm nicht böſe ſein konnte. Ich halte das aber noch für kein Unglück, wenn Sie nur ei⸗ nige Jahre mehr gebrauchen, fügte er hinzu; wenn der Zeitpunct nur kömmt.— Was meinten Sie heute damit, unterbrach uns Eugenie etwas lebhaft: die Zukunft müßte gut werden? Meinen Sie, daß wenn wir ernſtlich um unſer Glück bitten, wir auch glücklich werden? Gewiß, war ſeine ruhige Antwort. Daß der liebe Gott alle unſere Wünſche erhören wird? fragte ſie verwundert. Er erhört den Wunſch entweder, oder er ſchenkt uns anſtatt des Wunſches Ergebung in ſeinen Willen, und dieſe Ergebung macht uns glücklicher als die Erfüllung des heißeſten Wun⸗ ſches.— Wenn das möglich wäre! ſagte ich mit einem leiſen Seufzer. O gewiß, das iſt möglich! beſtätigte Eli⸗ Jabeth freudig. NRicht nur möglich, das iſt ganz gewiß, 99 entgegnete Herr von Hartwig. Ehe man ſich aber entſchlie⸗ ßen kann ſeine Wünſche aufzugeben und mit allem zufrieden zu ſein,— ich finde das eigentlich unmenſchlich ſchwer, ſagte ich kopfſchüttelnd. Das kann auch kein Menſch mit dem eigenen Herzen. Kein Menſch mit dem eigenen Her⸗ zen? fragte ich wieder verwundert.— Es gehört ein neues Herz dazu.— Wie ſchwierig und verwickelt iſt das wieder! warf ich ein. Gar nicht ſchwierig, Sie haben den lieben Gott nur darum zu bitten, war ſeine Antwort. Nur darum zu bitten? fragte ich wieder. Ja, aber nicht nur einmal wie zum Verſuch, nein immer dringender und immer demüthiger; wenn der Herr auch verziehet, er erhört uns ganz gewiß. Wie er es mit dem kananäiſchen Weibe gemacht, ſagte Eugenie ſehr vertrauend. Ja, ent⸗ gegnete Herr von Hartwig ebenſo, und ſie ſchien ſehr befrie⸗ digt, daß ſie einmal etwas Richtiges geſagt— gewöhnlich hatte er Einwendungen zu ihren Bemerkungen zu machen. Wir ſtanden ſchon an unſerer Gartenthür, Eliſabeth reichte Herrn von Hartwig die Hand und machte einen Knix, wie ſie es vor nicht gar langer Zeit ihrem guten Lehrer gethan, Eugenie und ich mußten ihr darin ſchon folgen. Es war mir auch ſo ſeltſam dankbar zu Muthe, vielleicht war es die Ahnung, daß ſeine Worte, die mir jetzt ſchwärmeriſch und völlig unnatürlich ſchienen, mir ſpäter noch einmal zum Segen dienen ſollten. Eugenie ging mit uns, ſo war es verabredet, der Wagen ſollte ſie nach dem Abendeſſen von uns abholen. 7* 100 Wir ſtanden noch unter der Weinlaube, als ob wir uns von der ſchönen ſtillen Winterlandſchaft nicht trennen könn⸗ ten.— Warum läßt ſich mit Herrn von Hartwig über ſolche Dinge ſo gut ſprechen? mußte ich noch bemerken. Obgleich ich ſeine Anſichten ſehr überſpannt und einſeitig finde(ſchob ich zuverſichtlich dazwiſchen), ſo iſt er doch freundlich und höflich; Arnold kann nie etwas entgegnen, ohne daß man ſich ärgert und bitter gekränkt fühlt. Viel⸗ leicht, nahm Eliſabeth mit außerordentlich geſcheiter Miene das Wort, es iſt uns zuweilen weit nützlicher, wenn wir dieſe Sachen hören, daß ſie uns ärgern und kränken, als wenn ſie uns immer nur ſanft und freundlich geſagt wer⸗ den. Ach, dummes Zeug! entgegnete ich abwehrend und ging ihnen voran in das Haus. Die Mutter hatte uns mit einiger Beſorgniß erwartet, aber bald ſah ſie uns er⸗ wärmt und vergnügt am Theetiſch, und Lottchen war die Anführerin harmloſer Scherzereien. Doch war es kaum möglich(mußt ich mir mit innerer Auftegung geſtehen), einen Abend in dieſer Weiſe zu Ende zu bringen, ſo hatte Arnolds Einfluß auf unſer Familienleben gewirkt. Es kam meiſtens noch zu irgend einem ernſteren Schluß, und ſelbſt Lottchen that, als ob das ganz natürlich ſei; als ich ihr gelegentlich ſcherzend drohte, ſie würde nächſtens wohl mit Arnold die Lämmlein⸗Lieder ſingen, entgegnete ſie ganz unbefangen: Wenn es ihm Freude machte, warum nicht? Wie mich dieſe Inconſequenz reizte und zum Wi⸗ derſpruch trieb! Auch heute mußte die Unterhaltung wieder 101 ein myſteriöſes Ende nehmen. Auf Lottchens Wunſch holte Eliſabeth erſt die kleinen Sachen hervor, wozu ſie das Material wirklich beinah nur aus dem Lumpenſäckchen ge⸗ nommen hatte. Einige Mützen für alte Frauen, Kinder⸗ mützen, Tücher und Schürzen, alles kunterbunt anzu⸗ ſchauen. Eugenie ſtand bewundernd dabei, und machte ſehr lebhafte Pläne auf die eigenen Lumpenſäckchen. Das war mir auch unangenehm. Liebe Anna, wollen wir noch zum Schluß ein Weihnachtslied ſingen? fragte Eliſabeth zaghaft. Thue das, entgegnete ich, Du kannſt das beſſer als ich. Ich bezwang mich und ſagte es freundlich. Eli⸗ ſabeth ſetzte ſich an das Klavier, Eugenie trat zu ihr. Der Anfang des Liedes war: In dir iſt Freude In allem Leide, O du ſüßer Jeſu Chriſt.— Es klang rührend und ſchön, Worte und Melodie ſenkten ſich tief in mein Herz,— die Worte aber nur zum Zür⸗ nen. Ich war an das Fenſter getreten, die Schneeflocken fielen nicht mehr, der Mond ſchien aus unbewölktem Him⸗ mel auf die glänzend weiße Decke. Wie ſind die Leute mit einem Mal ſo ſeltſam geworden? dachte ich, ſie wer⸗ den dir noch deinen Gottesglauben verleiden! Ich hätte weinen mögen. Warum reden ſie immer von dem ſüßen Jeſus Chriſt, warum nicht vom lieben Gott? Und welch' eine Schwärmerei!„In dir iſt Freude, in allem Leide.“ Ich hatte nach den folgenden Worten weiter nicht hingehört, bis zum letzten Halleluiah. Aber, als Eugenie fort war 102 und wir waren zur Ruhe gegangen, und Eliſabeths ſanfte Athemzüge ihren ſanften Schlummer verriethen, da klang es immer in meiner Seele: In dir iſt Freude In allem Leide O du ſüßer Jeſu Chriſt— Hallelujah! Die Weihnachtstage waren vorüber und zwar ohne Luſtſpiel. Als wir am erſten Weihnachtstage aus der Kir⸗ che kamen, erzählte mir Eugenie glücklich, der Vater habe ihr erlaubt nicht mitzuſpielen, habe zugleich aber das ganze Feſtſpiel aufgegeben. Auf meine Bitte war der Vater gleich bereit, ſagte ſie, und wunderbar iſt es, liebe Anna, (ſetzte ſie nachdenklich hinzu) ich habe vorher den lieben Gott ernſthaft gebeten, meines Vaters Herz zu lenken, und er hat es gethan. Ich konnte ihr aufrichtig verſichern, daß es auch mir lieb ſei. Das Einüben der Rolle hatte mir ja ſo viele Störungen und unangenehme Gefühle ver⸗ urſacht. Den Grund von Herrn von Müggeburgs Nach⸗ giebigkeit glaubte ich übrigens zu ahnen, und die Ahnung beſtätigte ſich augenblicklich; Eugenie mußte im Namen der Eltern uns alle zum Neujahrstage einladen, dagegen war von der früheren Einladung zum zweiten Feſttage und zum Sylveſterabende für ſich keine Rede. Am zwei⸗ ten Feſttage hatte große Probe des Luſtſpiels und am Syl⸗ veſter die Aufführung ſelbſt ſein ſollen, ihr Wegfallen war ein äußerlicher Grund auch die Geſellſchaft aufzuheben. Ich war früher aber gar nicht als fremd im Schloſſe be⸗ 103 trachtet und eigentlich in Feſtzeiten faſt täglich dortgeweſen. Dies war der erſte bittere Vorgeſchmack eines tiefen, vollen Kelches. Am heiligen Abend war Herr von Müggeburg zuerſt aufmerkſam auf mich und Rudolf geworden, ich war im Schloſſe, um wie gewöhnlich Herrn und Frau von Mügge⸗ burg meine kleinen Arbeiten zu bringen und wurde wie ge⸗ wöhnlich reich von ihnen beſchenkt. Rudolf und Baron von Reinking waren als Weihnachtsgäſte da und Rudolf war ſo vergnügt, ſo glücklich, daß er mich rückſichtsvoll mit Aufmerkſamkeiten überhäufte. Nur einige Male war ich Herrn von Müggeburgs forſchenden Blicken begegnet, ich kannte ihn zu gut um nicht die Wahrheit darin zu leſen. Rudolfs Wahl war nicht ſeine Wahl— eine bittere Ent⸗ täuſchung. Die Aufhebung des Feſtſpiels ſo wie aller Einladungen für mich bezeugten mir, daß mein Thermo⸗ meter nicht geirrt. Ich verlebte einen traurigen Weih⸗ nachtstag. Am zweiten Feſttag ging ich wieder in die Kirche, nicht um mich zu erbauen, nur um jemand vom Schloſſe zu ſehen. Sie waren alle dort und Rudolf wandte kein Auge von mir. In meiner eigenthümlichen Art mit dem lieben Gott zu verkehren, dacht ich mir, dieſe Hinderniſſe ſchickt Er, um Rudolfs Herz feſt zu machen, um ihn edel und männlich zu machen. Es ging mir wie ein Licht auf, und die Sache war fertig und abgemacht. Während der ganzen Predigt vertiefte ich mich in Bildern der Zukunft, 104 ich war in derſelben dne Jusgezeichnete Frau, bewundert, geliebt von Arm und Reich, der Stolz der Schwiegereltern, Eugeniens Liebling,— ſelbſt Arnold mußte eingeſtehen, daß er ſich in mir geirrt, er mußte überhaupt von ſeinen Sonderbarkeiten zurückkommen, alles durch mich. Ich feierte in dieſer Stunde ſo viel Triumphe, ich ging völlig getröſtet aus der Kirche. Denſelben Rachmittag ging ich im Garten auf und ab, den Weg am Stacket nach der Straße hin. Rudolf und der Baron kamen aus dem Park geritten und hielten bei mir an. Rudolf überreichte mir ein weißes Päckchen. Hier iſt der Band von Arion, den Sie neulich wünſchten, ſagte er. Ich dankte, er ritt ſchnell weiter. Dies kurze Begegnen war für uns beide beweglicher, als ein Geſell⸗ ſchaftsabend. Ich ging in mein Schlafzimmer, öffnete das Päckchen, eine wunderſchöne halb aufgeblühte Monatsroſe lag auf dem Buche. Ich begann im Buche zu blättern, meine Hoffnung ein Zeichen zu finden hatte mich nicht ge⸗ täuſcht. Die erſten Zeilen eines Liedes waren mit Blei⸗ ſtift unterſtrichen.„Treu geliebt und ſtill geſchwiegen, treue Liebe ſpricht nicht viel“ nur in unhörbaren Zügen, wallt das heiligſe Gefühl.“— Mein Herz ſchlug gewal⸗ tig, es ſprach die Worte in höchſter Bewegung nach, und nie! nie! wird dieſes Gefühl enden, ſetzte ich hinzu. Ich war den Tag wie eine Träumende. Arnold mit ſeiner Schweſter kamen den Abend, Fritz war auch zu Hauſe und hatte ſchnell mit Arnold Freund⸗ 105 ſchaft geſchloſſen. Sie ſchienen alle ſehr vergnügt, aber ich meinte ich hätte einen Himmel im Herzen und träumte mich immer tiefer hinein. Einige Mal wurde ich ſehr in dieſer Süßigkeit geſtört, Arnolds ernſter und ſo ſehr mitlei⸗ diger Blick ruhte auf mir. Ich fühlte es: er ahnete meine Thorheit, das war mir unbequem. Ich bemühte mich unbefangen und theilnehmend zu ſein, aber es half nichts, ich träumte doch wieder und mußte wieder dieſem Blicke begegnen. Ich ſchüttelte den ſonderbaren Eindruck, den ſelbſt ſeine Blicke auf mich üben wollten, muthig ab. Ar⸗ mer Arnold, dacht ich, wie wirſt du dich wundern!— Am Sylveſter waren wir mit. Arnold auf dem Wald⸗ ſchlößchen, unſere Geſellſchaft war ſehr belebt, aber meine Gedanken waren auf Müggeburg. Die adlige Fachbur⸗ ſchaft war dort zum Spiel und Tanz verſammelt, auch Hartwigs waren dazu eingeladen, hatten aber natürlich die Einladung abgelehnt, ſie waren nicht gewohnt den Syl⸗ veſter Abend ſo zu feiern. Waren wir aber etwa nicht vergnügt? O gewiß: ich mußte es mir geſtehen, ich hätte ſehr glücklich ſein können, wenn nur mein Herz nicht ſo thöricht war. Ich hatte Zeit mir noch manches andere zu überlegen, die Gedanken kamen ohne meinen Willen. Warum vrängten ſich Hartwigs nicht zu vornehmen Ge⸗ ſellſchaften? warum ſuchten ſie bürgerlichen Umgang, wenn ſie nur Gleichgeſinnte darin fanden? warum waren ſie ſo zufrieden und froh dabei? Es war mir ein Räthſel. Wenn ich es begreifen könnte? Wenn ich eben ſo glück⸗ 106 lich ſein könnte? So flogen mir Gedanken durch den Sinn, ich war etwas aus dem Rauſche meines Vergnügens. An unſerer Gartenthür luden Lottchen und Fritz Ar⸗ nold dringend ein, mit uns das neue Jahr zu erwarten. Mit Spannung erwartete ich ſein ja oder nein, ich wünſchte ja. Er ließ ſich nöthigen, es war auch ſchon eilf durch, es ſollte noch geſungen werden. Die Mutter und Lottchen hatten Thee beſorgt, wir ſaßen traulich beiſammen. Auch Eliſabeth war ſeit einiger Zeit mittheilender, ſelbſt gegen Arnold, und es war auffallend, wie er gegen ſie jede Schärfe und Ironie zu vermeiden ſuchte, mit welcher zart⸗ ten Rückſicht er ſie behandelte, wie ein Kind, das man nicht bange machen darf. Er ſuchte erſt leiſe ihre Stim⸗ mung zu erforſchen, um ihr beizuſtimmen, oder ſie zu be⸗ lehren. Ich machte es mir nicht klar, warum mir der Gedanke tröſtend war, daß er ſie wie ein Kind behandle. Als er jetzt, die Stirn in die Hand gelegt und gedanken⸗ voll ihrem Geſange lauſchte, wurde mein Herz ſchwer⸗ Warum wohl? Ich war einmal aus dem Rauſche des Vergnügens. Meine bunten Phantaſien drohten zu ver⸗ wehen, graue Bilder der Wirklichkeit ſtanden vor der Seele. Es iſt alles Thorheit, du täuſcheſt dich, du wirſt nach Jahren einſam und verlaſſen ſein. Es grauete mir faſt. Und Eliſabeth? ſie ſäng mit heller Stimme: Andre mögen ſich erquicken An den Gütern dieſer Welt, Ich will nach dem Himmel blicken Und zu Jeſu ſein geſellt. 107 Denn der Erde Luſt vergeht, Jeſus und ſein Reich beſteht. Reicher kann ich nirgends werden Als ich ſchon in Jeſu bin, Alle Schätze dieſer Erden Sind ein ſchnöder Angſtgewinn. Jeſus iſt das rechte Gut Das der Seele ſanfte thut. Glänzet gleich das Weltgepränge, Iſt es lieblich anzuſehn, Währt es doch nicht in die Länge Und iſt bald damit geſchehn. Plötzlich pfleget aus zu ſein Dieſes Lebens Glanz und Schein. Ja, da war es ſo ein Augenblick, wo die Wahrheit ſich Bahn brechen wollte; es that nur immer zu weh und ich ſträubte mich dagegen. Es ſchlug zwölf Uhr, wir ſtanden auf und wünſchten uns ein fröhliches Neujahr. Arnold fügte noch hinzu ein„ſeliges.“ Während meine Geſchwi⸗ ſter, die Mutter und Lottchen mit ſeiner Schweſter im Glückwünſchen waren, trat er zu mir, reichte mir die Hand, ſah mich einen Augenblick forſchend an, dann ſpielte ein etwas ironiſches oder wehmüthiges Lächeln um ſeinen Mund — erklären läßt es ſich nicht, aber ich fühlte ſehr wohl die Bedeutung, es war ernſt und ſollte doch nicht feierlich ſein. Ich wünſche Ihnen aufrichtig ein glückliches Neu⸗Jahr, ſagte er, und verzeihen Sie mir, wenn ich Sie im alten Jahr ſo oft gekränkt habe, es war nur die ungeſchickte Ausführung einer guten Abſicht. Und nun leben Sie wohl. Er ſagte auch den andern Lebewohl, aber mein Lebewohl klang ſo 108 beſonders, es legte ſich ſo ſchwer auf mein Hetz und es war mir als ob mein Leben plötzlich um vieles ärmer ge⸗ worden. Wenn wir allein waren, ich glaube ich hätte ihn um Verzeihung gebeten, ich hätte ihm ſagen mögen, mich nicht aufzugeben, und ich weiß ſelbſt nicht was. Neujahr waren wir zuſammen in Müggeburg. In der mir ſehr angenehmen Geſellſchaft wurden die Eindrücke des vergangenen Abends bald verwiſcht. Ich machte meine Sache auch ſehr gut, kam mit Herrn von Müggeburg ganz in den alten geiſtreichen ſcherzenden Ton, der ihm ſo wohl gefiel, Rudolf war ebenfalls ſehr vorſichtig, und mein Ther⸗ mometer ſagte mir, daß ſeines Vaters Befürchtungen in den Sintergrund getreten waren. Der Baron Reinking und Rudolf reiſten eine Stunde früher ab als wir, ſie mußten in der Nacht auf der nächſten Poſtſtativn ſein. Lottchen hatte vorher erwähnt, daß ich bald nach der Reſidenz zur Tante gehen würde, beim Abſchied flüſterte mir Rudolf zu er würde mich dort aufſuchen. Nachdem bie beiden jungen Herren fort waren, trat Herr von Müggeburg zu mir und Eugenien. Wenn Ru⸗ dolf doch ſeinem Freunde ähnlicher wäre! ſagte er ſeufzend. Aber Papa, Rudolf iſt weit liebenswürdiger als Baron von Reinking, entgegnete Eugenie. Der Baron iſt ein geſcheiter fleißiger Mann, der weiß was dazu gehört, um mit Eh⸗ ren durch die Welt zu kommen, ſagte Herr von Müggeburg ſtrenge. Vor der Welt etwas ſcheinen und wirklich lie⸗ benswürdig ſein, iſt doch ein Unterſchied, Papa, nahm * 109 Eugenie ſehr freimüthig das Wort. Wer hat Dir das an⸗ vertraut? fragte er ſpottend. Findeſt Du das nicht auch, lieber Papa? war Eugeniens etwas zaghaftere Entgegnung. Es thut mir leid, mein Kind, daß Du eine geiſtvolle Män⸗ nerunterhaltung nicht zu würdigen weißt, und einen alber⸗ nen Knaben wie Rudolf in Schutz nimmſt.— Er wandte ſich von uns und Eugenie ſchüttelte unzufrieden den Kopf. Für mich war dies Urtheil ſehr niederſchlagend, aber von meiner Thorheit heilte es mich nicht. Ich machte ſehr ge⸗ ſchickt aus dem albernen Knaben einen männlichen Helden, der ſelbſt dem Vater imponiren mußte. Nach vierzehn Tagen kam ich bei Tante Adelgunde an. Die Mutter hatte ungern die Erlaubniß gegeben, aber mich trieb es fort aus der Heimath. Meine Umgebungen und der Geiſt, der ſie immer mehr beſeelte, fingen an mir wirk⸗ lich läſtig zu werden. Es war natürlich, entweder mußte ich angezogen oder abgeſtoßen werden; gleichgültig daneben hingehen war unmöglich. Fritz, der auf der Univerſität mit geiſtlichen Profeſſoren und Studenten verkehrte, war ganz hingenommen von der Sache des Glaubens. Obgleich ich in den Ferien ſo ſchweigſam und zurückhaltend als möglich war, konnte ich es nicht vermeiden, daß er von der Sache zu mir ſprach, die ſein Herz bewegte, und dabei konnte ich ihm meine Richtung nicht verbergen. Anna, Du biſt zu groß und ſtolz, hatte er am letzten Tag zu mir geſagt, Du wirſt ſo nicht durch die kleine Pforte kommen können. Das wird ſich finden, lieber Fritz, hatte ich ruhig geantwortet. In meinem Herzen fühlte ich mich nicht ſo ruhig, es ärgerte und reizte mich, mich fortwährend beobach⸗ tet und häufig getadelt zu ſehen, ſelbſt Lottchen, die mich nur gelobt und bewundert, wollte mich belehren. Daß ihre Worte nur das Echo waren von Arnolds Schweſter, ihrer intimen Freundin, die mir mit ihrem kränklichen ſentimen⸗ talen Weſen unleidlich war, machte mir die Sache nicht leichter. Sie ſind ſo einſeitig, ſo engherzig, dachte ich bitter, wenn du hier bliebeſt würden ſie dir nur deine Re⸗ ligion verleiden. Du lieber Gott, ſetzte ich wohl mit feuch⸗ ten Augen hinzu, du weißt es, ich will gut und edel ſein, wenn auch auf andere Weiſe. O ich bitte Dich, mache mich glücklich, erfülle die Wünſche meines Herzens, laß mich ihnen dann beweiſen, daß ich anders bin als ſie glauben, laß mich ſie überzeugen, daß ich Recht habe. Mein Leben bei der Tante war reizender als ich mir gedacht. Ich war bewundert auf den Bällen und beliebt in den alten Damen⸗Geſellſchaften, ich lebte in einem Rauſche den ich nicht beſchreiben will, die Mädchen in der Welt kennen ihn, die übrigen ſollen mit der Beſchreibung ihre Zeit nicht unnütz verbringen. Bei alle dem galt ich für ein unſchuldiges einfaches Landmädchen. O ja, den meiſten übrigen Mädchen gegenüber war ich es noch. Als Theil⸗ nehmerin eines Mädchenkränzchens hatte ich Gelegenheit ſie kennen zu lernen, und ich erſchien mir ſelbſt als eine Tu⸗ gendheldin. Anſtatt der ſchlechteſten Romane, die hier mit und ohne WViſſen der Eltern geleſen wurden, ſuchte ich klaſ⸗ 111 ſiſche, poetiſche Sachen einzuführen, o und hielt lange Reden über dieſen Punkt. Einige von den jungen Mädchen traten auch auf meine Seite, aber die übrigen nannten uns neckend die unſchuldigen Tauben, und da ich nicht Muth hatte mich wirklich von dieſer Geſelligkeit loszuſagen, mußte ich mich ſchon fügen. Ich that es mit der Beſchönigung: Dem Reinen iſt alles rein; ich verwarf ja entſchieden dies leicht⸗ fertige Weſen, ja ich meinte ſogar meine Nähe ſei den Miädchen gut und nöthig, nach und nach müßte ich immer mehr Einfluß gewinnen. Daß ich mich jedesmal auf dies Kränzchen freute und mir dies thörichte Treiben, das mich aber immer in die vornehmſten Häuſer führte, ein ange⸗ nehmer Zeitvertreib war, durfte ich mir nicht geſtehen. Es war eines Sonnabends Mitte März, in der Faſten⸗ zeit(dies letztere ſtörte mich nicht)— da waren die Tante, ich und Tina mit meiner Balltvilette beſchäftigt. Es ſollte am Abend der vornehmſte und glänzendſte Ball der ganzen Saiſon ſein, die Tante hatte einen Feenanzug an mich ge⸗ wandt, wie ſie es nannte, ein weißes Kreppkleid mit Mai⸗ blumen und Roſenknospen. Tina unterhielt uns mit ro⸗ mantiſchen Phraſen, die ſie ihrer Leihbibliotheken⸗Lectüre entnommen; die Tante verwies ihr, ſolchen Unſinn zu ſchwatzen, und ließ dann ihre Belehrungen folgen, die im Grunde wo möglich noch unſinniger waren. Tina wollte in der Nacht mein glänzendes Schickſal, wie ſie ſagte, ge⸗ träumt haben, ich ſollte nur aufpaſſen, ob nicht ein junger Fürſt mit blonden Locken auf dem Balle ſein würde. Ich 112 lachte über den Unſinn, in der Fantaſie verſchmähte ich es aber nicht, die wunderlichſten Abenteuer zu erleben, ganz unbeſchadet,(wie ich mir vorſpiegelte) meiner tiefen ſtillen Liebe zu Rudolf. Ich fuhr auf den Ball, ich fühlte daß ich die Krone deſſelben war, gefeiert von Jung und Alt, es war mir ſelbſt faſt ſo, als ob ich heute etwas beſonderes erleben müßte. Aber mein Kleid war vertanzt, meine Locken hingen ſchlaff unter den zerknitterten Roſenknospen, der Abend war verrauſcht, und es hatte ſich nichts ereignet. Es war mir ordentlich drückend, daß, als Tina am andern Worgen das Frühſtück brachte und neugierig forſchte, nichts zu berichten war, weder von dem blonden Fürſten, noch von einem andern Helden. Nein, das iſt unbegreiflich, ver⸗ ſicherte Tina, der Traum war doch zu lebhaft! Tina, Sie ſind eine Närrin, begann die Tante ſie zu belehren. Jetzt ſchon zu wählen, wäre in jedem Falle höchſt voreilig, erſt muß Annas guter Ruf begründet werden, dann kann erſt von wirklichen ſoliden Partien die Rede ſein. Ich denke immer: friſche Fiſche, gute Fiſche! warf Tina ein. Die Tante wehrte ſich dagegen ſehr von oben herab, aber für mich war der Eindruck dieſer Unterhaltung etwas demü⸗ thigend: trotz aller Bewunderung keine Reſultate, und die ziemliche Gewißheit, daß es dabei bleiben würde. Dieſe jungen und alten Lieutenants und Referendare und noch andere jüngere Tänzer konnten mein Glück nicht machen, wenn ich reich war, würde ſich die Sache leichter arrangiren laſſen; und ſollten ſolidere Leute durch meinen guten Ruf 113 als Ballſchönheit herbei gelockt werden? Ich war verſtändig genug das zu bezweifeln. Seit lange hatte ich nicht ſo ernſthaft an Rudolf gedacht, als dieſen Morgen, ich nahm mir vor das thörichte Treiben aufzugeben und meiner Liebe zu leben,— die erſte Frucht meiner Erfahrungen. Mit Eugenien hatte ich ziemlich fleißig correſpondirt, ſie hing mit treuer Liebe an mir und ſchätzte mich höher, als ich es werth war. In meinen Briefen hatte ich von den jungen Mädchen und ihren Geſinnungen geſchrieben, und meine Entrüſtung ebenſo wie meine Beſtrebungen ge⸗ ſchildert. Es war dies alles keine Unwahrheit und klang ſo ſchön, tugendhaft und ideal. An dieſem Morgen, wo ich den Reichthum meiner Erfahrungen überſchaute, erhielt ich einen Brief von ihr. Sie ſchrieb unter anderm: „Die Mama machte mir neulich Vorwürfe, daß ich ſehr unliebenswürdig gegen junge Herren ſei, ich entgegnete ſcherzend, ich würde das immer noch beſſer lernen, bis ich dieſe Art Gäſte alle aus dem Hauſe vertrieben hätte. Es war mein völliger Ernſt. Die Einſamkeit jetzt gefällt mir ſehr gut, ich führe ein herrliches Leben, Spaziergänge habe ich gemacht, Du hätteſt dabei ſein müſſen, liebe Anna. Eines Morgens, wo die ganze Welt in roſigen Kriſtall⸗ Blüthen ſchimmerte und blitzte, ſtund ich unter der Bruder⸗ Eiche, über mir war der Himmel blau, der ganze Horizont war ein roſiger, violetter Duft, ebenſo die ferne Landſchaft. Um mich herum war es ein Leuchten und Blitzen wie in einer Zauberwelt. Die Eiche mit den knorrigen Stämmen, Die alte Jungfer. 2. Aufl. 8 114 die ſchlanken Buchen, die feinen hängenden Birken waren mit funkelndem Laube geſchmückt, jedes in ſeiner Weiſe gab den verſchiedenſten Baumſchlag. Die Weis dornſträucher, die Brombeeren, bis hinab zur Diſtelſtaude und zu den trock⸗ nen Blumen und Gräſern, waren ſo kandirt und mit Blüthen überſäet. Ich konnte mich von der Schönheit nicht trennen. Herr von Hartwig ſtörte mich. Auch ihn hatte dieſer Winterfrühling aus dem Walde hinaus nach unſerer freien Ausſicht getrieben. Ich kann Dir auch ſagen, daß er es nicht zu langweilig findet mit einer Flinte zu gehen, er trug einen Haſen in der Jagdtaſche. Ich habe mich mit ihm gezankt, ich übernehme zuweilen Deine Rolle, aber Recht habe ich noch nie bekommen und diesmal lief es et⸗ was albern ab. Von der Schönheit des kalten Tages ka⸗ men wir auf die Noth der Armen. Er behauptete, daß die Art des Gebens dem Werth der Gabe oft gleich käme, ja, daß ein Beſuch von vornehmen Leuten Armen und Kranken oft eine größere Erquickung ſei, als die Gabe ſelbſt. Ich wollte das nicht zugeben, eine materielle Erquickung geht ſolchen Leuten doch ſehr über eine geiſtige. Wie könnte ich auch die Leute ſelbſt beſuchen? Es iſt für meine Stel⸗ lung zu auffallend. Ich trug nur neulich im Auftrage der Mutter unſerer alten Waſchfrau etwas Wein ſelbſt hin, da riſſen alle Leute die Fenſter auf, und die Hausbewohner verſammelten ſich um mich und konnten ſich nicht genug wundern, daß das gnädige Fräulein ſelbſt in die ſchmutzige Hütte käme. Ich war ſo verlegen, daß ich kaum einige 115 Worte ſagen konnte und eilte nach Hauſe. Sollte es von den Leuten nicht ein richtiges Gefühl ſein, wenn ſie ſelbſt es ſo ſeltſam finden? Herr von Hartwig, dem ich dieſe Bedenken ſagte, rieth mir dieſe Wege ſo oft zu machen, daß die Leute ſich daran gewöhnten. Er nannte mir Deine Schweſter Eliſabeth zum Beiſpiel, die eigentlich von Kind⸗ heit an das Lumpenſäckchen verarbeitete und überhaupt viel mit den Leuten verkehrte. Iſt aber Eliſabeths Stellung nicht eine ganz andere als meine? fragte ich. Er ſah mich ſo nachdenklich und ernſthaft an, daß ich erſchrak. Dann ſagte er plötzlich höflich: Ich darf Sie wohl in der Kälte hier nicht länger zurückhalten? Liebe Anna, kannſt Du Dir denken, daß ich ſo thöricht war, ihn noch einmal anzu⸗ reden? Er ſollte mir Recht geben, daß meine Stellung eine andere ſei, als die von Eliſabeth. O ja, entgegnete er ruhig, der Herr fordert weit mehr ſolcher Liebesdienſte von jungen Mädchen, die Zeit und Geld übrig haben, alſo von vornehmen und reichen, ihre Verpflichtungen ſind weit größer. Ich weiß nicht ob es gekränkter Stolz war, oder ob ich mich ſchämte, daß ich ihn zurückgehalten, ich konnte ihm kaum auseinanderſetzen, daß Eliſabeth von Kindheit an mit den Dorfleuten bekannt war, daß ſie von Deiner Mutter als gefälliges und zuverläſſiges Kind zu allen Be⸗ ſtellungen benutzt wurde, ihr auch von niemand gewehrt wurde, ſich mit allen Leuten zu ſchaffen zu machen. Da⸗ gegen war mir von früheſter Jugend an ein ſolcher Ver⸗ kehr ſtreng verboten, meine Gouvernante würde mir nie 8 116 erlaubt haben, mit einem Dorfkinde zu ſpielen oder mit armen Leuten eine Unterhaltung anzuknüpfen, ſie fand das unter meiner Würde, und fürchtete es möchte den Reſpekt der Leute gegen die Herrſchaft verringern. Die Folge da⸗ von iſt, daß ich verlegener und befangener gegen die Leute bin, als ſie gegen mich, und daß ich mich ungeſchickt fühle, ihnen etwas zu nützen wie Eliſabeth. Es half nichts, daß Herr von Hartwig dieſer Erklärung. aufmerkſam zuhörte und wieder höflich wurde. Ich fühlte, daß meine Stimme immer unſicherer wurde, und in der Ansſt, meine kindiſchen Thränen nicht zurückhalten zu können, eilte ich fort. Nach einigen Minuten ſtand ich ſtill, ich überlegte mir meine Thorheit, ich ſah mich um, Herr von Hartwig ſtand noch auf derſelben Stelle und ſchaute mir nach, ich ſchämte mich ſehr und lief eilig weiter. Du wirſt ſehr lachen, liebe * Anna, ja ich fühle, der Vater hat Recht: ich bin albern im Verkehr mit Menſchen und werde es nie beſſer lernen. — Herr von Hartwig iſt aber auch ein ſonderbarer Mann, er ſagt einem nie etwas Angenehmes, tadelt lieber, und dann thut er es ſo höflich, daß es iſt als ob man ihm dafür noch danken müßte. Auch diesmal, glaube ich, würde er mir nicht Recht geben, er verlangt ja, daß ich weit mehr thun ſoll, als Eliſabeth. Wenn ich das meiner Mama erzählen wollte! Aber ich werde mich hüten. Ich muß Dir nur geſtehen, daß ich mir wenig aus meiner Stellung machen würde, wenn ich nur dürfte; es ließe ſich auch weit bequemer und angenehmer leben.“ ———————————— — 117 Ich las Eugeniens Brieſ zweimal, ich fühlte Heimweh im Herzen, fort von hier, fort von dieſem Getreibe das Leib und Seele hinnimmt, und— ohne Reſultate bleibt. — Ich ſchrieb ihr augenblicklich wieder, von meinem Ver⸗ langen zu ihr und der lieben Heimath, wie wir wieder ſo ſchön unſere Tage zuſammen verleben wollten. Ich ſchrieb ſo warm und ſehnſuchtsvoll,— es war freilich nicht zu Eugenien allein, ach nein, meine Sehnſucht zog mich mehr zu meinen ſchönen Fantaſien für die Zukunft, ich war den ganzen Tag vertieft in Bildern einer edeln Schloßfrau auf Müggeburg, ich wollte ſchon Muth und Geſchick haben, Arme und Kranke zu beſuchen und Sorge für ihr geiſtiges und leibliches Wohl zu tragen. Gegen Abend ſtand ich am Fenſter, leichte Schnee⸗ huſchen füllten von Zeit zu Zeit die Luft, das Wetter war nicht geeignet mein Heimweh zu mildern, da ſtürzte Tina plötzlich herein: Herr von Müggeburg und der Herr Ba⸗ ron von Reinking! meldete ſie in großer Aufregung. Einen beſſeren Zeitpunkt hätte Rudolf zu ſeinem Beſuche nicht wählen können, meine Freude war unbeſchreiblich. Wir ſaßen am Theetiſch neben einander, zum erſtenmal ohne Rückhalt, und wir ſprachen eben ſo viel Unſinn als man bei ſolchen Gelegenheiten ſprechen kann. Als ich noch ſpät allein war, fielen meine Augen auf Eugeniens Brief, unwillkürlich mußt ich Herrn von Hart⸗ wigs Bild neben Rudolf ſtellen, und es fiel mir wie eine Laſt auf die Seele, daß Rudolf doch auch anders ſein müſſe, 118 daß er eigentlich gar mein Ideal nicht war. Ich war ja klüger und ſelbſtändiger als er, und ich wollte den Mann, den ich liebe, auch bewundern und verehren. Aber die Herren hier in meinen Geſellſchaften waren mehr oder we⸗ niger ebenſo als Rudolf, alſo lag die Schuld an mir, mein Ideal war zu hoch. Freilich, Arnold und Herr von Hart⸗ wig waren Männer, vor denen ich im Stillen Reſpekt ha⸗ ben mußte, aber das waren Pietiſten, und es war ſehr unbequem mit ihnen umzugehen.! Am folgenden Abend trafen wir mit den beiden Herrn noch einmal auf einem Balle zuſammen. Es war mir eine Genugthuung, von Rudolf heute zu hören, daß er ſehr fleißig arbeite, um vom Vater unabhängig zu ſein, und daß er hoffte, in drei Jahren eine Landrathsſtelle zu bekleiden. Ich beſtärkte ihn in dieſem Vorhaben mit vielen edlen ernſten Worten und wir ſchieden glücklich und befriedigt. Vierzehn Tage ſpäter entließ mich die Tante mit der Verſicherung, das mein Ruf begründet ſei und meine Bil⸗ dung in dem Grade vollendet, um in den höchſten Kreiſen der Geſellſchaft meinen Platz würdig auszufüllen. Ich wurde zu Hauſe mit Liebe und Freude begrüßt. Die Oſtertage waren liebliche ſchöne Frühlingstage, ich verlebte ſie wieder wie im Traume, ich war zu glücklich um mich von Arnolds oder Herrn von Hartwigs Eigen⸗ thümlichkeiten ſtören zu laſſen. Ich hatte mir vorgenom⸗ men, jeden Streit mit ihnen zu vermeiden; die Zukunft 1¹9 ſollte über uns entſcheiden, das gab mir eine gewiſſe Si⸗ cherheit im Verkehr mit ihnen, die mir nicht ohne Grund als Hochmuth ausgelegt wurde. Auch Eliſabeth gegenüber behauptete ich auf dieſe Weiſe wieder die Stellung einer älteren Schweſter. Auf ernſte Geſpräche ließ ich mich nicht ein, ich behauptete ſehr von oben herab, die geſcheiteſten Leute hätten ſchon verſichert, daß ſich über ſolche Sachen nicht ſtreiten laſſe, ihtem Beiſpiele wollte ich folgen und meinen Glauben in meinem Herzen für mich behalten. Rudolf, der mit dem Baron kurz vor Oſtern angekommen, verhehlte gegen meine Angehörigen ſeine Liebe nicht, und ich war es zufrieden, ich meinte, meine Stellung würde dadurch in unſerem Hauſe gehoben. Eines Tages war ich mit der Mutter allein, da trat ſie zu mir, ſie legte meinen Kopf zärtlich an ihre Bruſt. Liebe Anna, ſagte ſie, ich bange für Dich, ich warne Dich, gieb Dich nicht thörichten Hoffnungen hin, ſie ſind zu Dei⸗ nem Unglück. Ich entgegnete erröthend: Mama, ſorge Dich nicht, ich bin ſehr vernünftig. Du kennſt nicht die Vor⸗ urtheile des Adels, fuhr ſie ernſter fort, nur Stand oder Geld können ſie beſiegen; Anna, laß Dich nicht täuſchen. Sorge Dich nicht, liebe Mutter, verſicherte ich noch einmal zärtlich, und die Mutter hatte nach ihrer Meinung genug geſagt.— Einige Tage ſpäter ſagte Lottchen neckend zu mir: Ich glaube wirklich Tante Adelgunde hat Recht, die Urenkelin des Generals Grobuſch tritt wieder in die Fuß⸗ ſtapfen ihrer Ahnen. Ich ſagte lachend, ſie möchte ſich nur —————F,—,.——FÜ⅛⅞ÜFYFYF⅛F— 120 jetzt ſchon um meine Gunſt bewerben, und wirklich Lottchen war ſo ſchwach meiner glänzenden Zukunft im voraus Re⸗ ſpekt zu zollen⸗ Auf Müggeburg war Rudolf vorſichtiger, und mit Glück. Selbſt ſein Vater ließ ſich täuſchen. Die Tage gingen dahin in Luſt und kindiſcher Thorheit, wundervolle Bilder und Ausſichten knüpften ſich daran, ja für mich die heiligſten Gefühle. Die Verwirrung eines ſolchen Herzens iſt unbeſchreiblich. Ich habe in der Zeit viel gebetet, aber nicht wie Salomo um ein weiſes Herz, ſondern um Glück und Reichthum und Anſehen vor den Menſchen. Ein wei⸗ ſes Herz wollte ich mir ſelbſt ſchon verſchaffen, durch eigene Kraft, durch eigenes edeles Streben, dieſes Streben erfüllte mich ſo ganz, befriedigte mich ſo vollſtändig, mußte mich liebenswürdig und bedeutend vor den Menſchen machen und wohlgefällig vor Gott,— ja der liebe Gott, das war ich überzeugt, mußte ſeine Freude haben an meinen tugend⸗ haften und ideal poetiſchen Lebensanſchauungen. Ich liebte jetzt ſehr die Einſamkeit. Ich ſaß jenſeit des Dorfes am Eingange des Thales auf einer Lieblingshöhe, ich bewun⸗ derte die Schönheit der Natur und in ihr den Schöpfer; ich ſchaute durch die goldenen Haſelblüthen hinauf zum blauen Himmel, pflückte blaue Leberblümchen und weiße Schneeglöckchen, knüpfte aus fünf Grashalmen einen Kranz, aber knuͤpfte ſo lange bis er gelang und ſah glücklich darin eine Gewähr für die Erfüllung meiner Wünſche. Nach dem Vorftühling entzückte ich mich an Nachtigallen und Blüthen⸗ bäumen, und als die Blüthen verwehet, war Pfingſten vor der Thür und mit Pfingſten die Zeit des Wiederſehens. An einem wunderſchönen ſommerduſtigen Morgen kam ich mit Eugenien und Eliſabeth aus dem Park zurück. Wir hatten rothblühenden Weißdorn, Schneeball, Goldregen und Flieder gepflückt um ſie in Vaſen zu ordnen, ein jeder trug einen Arm voll von den kühlen Blumen mit dem ſüßen Dufte, wir legten ſie alle zuſammen in Eugeniens Zimmer nieder und wollten behaglich ausruhen vom wun⸗ derſchönen Gange. Da fand Eugenie einen Brief auf ihrem Schreibtiſch. Von Rudolf! ſagte ſie erfreut. Ich gerieth in einige Spannung, Eugenie war die unbewußte Trägerin unſerer Liebesgrüße, Eliſabeths Verſtand und Einſicht war mir freilich etwas unbequem bei ſolcher Er⸗ öffnung. Aber nichts von Liebesgrüßen heute; Eugeniens Züge wurden immer ernſter, dann reichte ſie uns den Brief. Lest und rathet mir, ſagte ſie traurig. Mein Herz ſtund mir faſt ſtill beim Leſen, und als ich geendet, wußte ich kein Wort zu finden. Erſt als Eliſabeth ruhig ſagte: Liebe Eugenie, Dein Vater muß alles wiſſen— fuhr ich auf: Wie! Das brüderliche Vertrauen ſo mißbrauchen? fragte ich erſchrocken. Es entſpann ſich ein Diſput. Ru⸗ dolf hatte Spielſchulden gemacht, vom Baron Reinking ver⸗ führt, dieſem ſchändlichen Reinking, der, wie Eugenie wußte, zugleich der Berichterſtatter über ihn an den Vater war, während er ihn heimlich ausbeutete. Rudolf bat flehentlich, mit Hülfe der Mutter Geld zu ſchicken. Wie 122 gern hätte ich Eugenien überredet ſeinen Wunſch zu erfüllen, Eugeniens Bitten würden auch gewiß Frau von Müggeburg vermocht haben, hinter dem Rücken des Vaters Geld anzu⸗ ſchaffen, vielleicht mit Hülfe des Inſpectors, weil ſie ſelbſt über die Summe nicht verfügen konnte; aber es gelang mir nicht, trotz der ſchönſten Phraſen über die Heiligkeit des Vertrauens, dieſem betrügeriſchen Treiben eine edle Seite abzugewinnen. Eliſabeth ſtand da, ſo ruhig ge⸗ waffnet mit Gottes Wort; Eugenie ſtimmte ihr lebhaft bei; ich ſchwieg endlich, äußerlich ruhig, innerlich in höchſter Aufregung— ich ſchämte mich in tiefſter Seele vor mir ſelbſt.— Wenn wir die zehn Gebote aus dem Katechis⸗ mus auswendig können, hatte Arnold einmal zu mir ge⸗ ſagt, ſo wiſſen wir immer was wir zu thun haben. Ich hatte ihm entgegnet, für geiſtig gebildete Leute müßte man auch eine feinere geiſtigere Auslegung haben, und wendete den Spruch dabei an: Der Buchſtabe tödtet, der Geiſt macht lebendig. Ich ſollte mich aber immer mehr in der Praxis überzeugen, daß die zehn Gebote der feinſten Bil⸗ dung der richtigſte Wegweiſer ſeien. Eugenie ſchrieb auf Eliſabeths Rath ſogleich an Ru⸗ dolf, ob er ſelbſt dem Vater alles geſtehen wolle, oder ob ſie es in ſeinem Namen thun dürfe, einen andern Ausweg hätte ſie für ihn nicht. Schon nach wenigen Tagen kam Rudolfs Antwort, ſehr eingehend und fügſam. Eugenie ſollte alles dem Vater mittheilen. Als Beweis für Rein⸗ kings Schuld ſchickte er ein Zettelchen von ihm mit, in dem 123 ungefähr auch folgende Worte ſtanden:„Lieber Junge, gräme Dich nicht ſo ſehr, es iſt ja eine Lumperei, die Dir auf Deinen Namen jedermann borgt, ich verſichere Dir, Dein Alter hat es in ſeiner Jugend weit ſchlimmer getrieben. Sie viel er auch brummt, im Grunde wird er es von Dir nicht viel anders erwarten.“ Eugenie hatte Muth, dem Vater alles mitzutheilen; ſie konnte mir aber nichts weiter berichten, als daß er die Briefe genommen und augenblick⸗ lich abgereiſt war. Mir war die ganze Sache höchſt de⸗ müthigend und unbequem, und es bedurfte wieder neuer Anſtrengungen, um mein in den Staub gezogenes künſt⸗ liches Ideal in dem nöthigen Glanze wieder herzuſtellen. Doch gelang es mir glücklich und ich lebte in meinen Träu⸗ mereien ſo weiter. In den Pfingſtferien kam Rudolf nicht. Es folgte nun ein langer ziemlich einförmiger Sommer. Win nähten fleißig neue Wäſche für Fritz, arbeiteten im Garten, gingen ſpatzieren, machten Beſuche. Herr von Hartwig war ſchon im Vorftühling nach einer größeren Oekonomie gegangen, weil er ſich überzeugt hatte, daß ein ſtudierter Mann nicht augenblicklich mit Nutzen Landwirth ſein könne. Seine Ab⸗ weſenheit gab dem Umgang mit dem Waldſchlößchen einen andern Character. Erſtens durfte Frau von Hartwig ſelten den alten kranken Herrn verlaſſen, und wenn wir hinkamen, war es ein ſehr harmloſer Frauenverkehr. Eugenie ſchloß ſich unſern Beſuchen oft und gern an, was ihr bei des Vaters häufigen Reiſen und der Mutter nervöſen Zuſtänden nicht ſchwer wurde. Wie ſie früher ganz der Gouvernante überlaſſen war, war ſie es jetzt ſich ſelber; nur zuweilen wenn die Eltern merkten, daß das Mädchen ganz anders ſei als ſie es wünſchten, wurden Erziehungs⸗Anläufe ge⸗ nommen, die aber gewöhnlich an Eugeniens Eigenſinn und ſpäter an einer gewiſſen kecken Selbſtändigkeit zu ſcheitern pflegten. Eugenie hatte ſich jetzt mit ihrer ganzen Kind⸗ lichkeit und Unſelbſtändigkeit an Frau von Hartwig ange⸗ ſchloſſen und ſie verſicherte oft, es ſei gar ſo ſeltſam, daß alles, was Frau von Hartwig von einem jungen Mädchen verlange, ihr gerade Vergnügen mache. Sie nähte mit Eliſabeth für arme Kinder und Frauen, ſie beſuchte mit ihr Kranke, und wenn ſie ſich auch ziemlich paſſiv bei die⸗ ſen Beſuchen verhielt, ſo hatte ſie doch die Abſicht es immer beſſer zu lernen. Auch ich ſchloß mich natürlich von dieſen Dingen nicht aus, aber wie verſchieden waren die Urſachen die uns drei Midchen dazu trieben. Eliſabeth hatte es gern gethan von Jugend auf, durch ihr erwachtes inniges Glaubensleben hatte es eine innere Weihe bekommen; ſie that alles mit ſo großer Freudigkeit mit einer gewiſſen ſtillen Begeiſterung. Eugenie bemühte ſich, die Anſchau⸗ ungen vom Leben, die ihr von Jugend auf eingeprägt waren, zu ändern, ſie that es aus Liebe zu den Menſchen, an die ihr Herz mit aller Jugendwärme ſich angeſchloſſen; es wurde aber ihren Anlagen nicht ſchwer, ſie war glück⸗ lich dabei. Es iſt wunderſchön, ſagte lſie einſt zu Frau von Hartwig, wenn man jemand hat, der immer ſagt, das 125 iſt Recht und das iſt Unrecht. Weil Du ſo gern gehorchſt? ſagte ich ſcherzend. Ich gehorche nur, wenn ich einſehe daß ich Unrecht habe, entgegnete Eugenie ſtolz. Wir wußten, daß ſie dabei ihre Eltern im Auge hatte, und Frau von Hartwig ſagte freundlich: Liebe Eugenie, Sie werden auch noch gehorchen lernen, wo Sie Recht zu haben glauben. Eugenie ſchwieg und gewiß nur zufällig ruhten ihre Augen auf dem Bilde des grünen Jägers, aber mir war es als ob ſie ſagen wollte: Einem zu Liebe vielleicht? Auf dem Schloſſe war ich wieder ſehr heimiſch, ſeine Befürchtungen wegen Rudolfs Neigung zu mir hatte Herr von Müggedorf ſicher aufgegeben, er hielt mich für ein zu vernünftiges Mädchen, vielleicht war es auch nicht ohne Abſicht, daß er ihn ſtets als einen albernen unſelbſtändigen Jungen ſchilderte. Es bedrückte dies mein Herz zwar immer ſehr, aber ich ließ mich doch nicht irre machen, ich rechnete auf Rudolfs eifriges Beſtreben, bald Landrath zu ſein, dann mußte der Vater endlich anders mit dem Sohne ſein, ja dann mußte alles anders werden, und alles gut. So war in dieſem Stillleben, was ja eben ſchneller hingeht als man beſchreiben kann, wieder ein Jahr ver⸗ gangen, ich hatte Rudolf nicht geſehen, ich glaubte ihn fleißig bei ſeinen Studien und war glücklich im Harren und Hoffen und Träumen. Eine herrliche drei Wochen lange Reiſe die ich mit Herrn und Frauen von Müggeburg und Eugenien im Sommer 1830 machte, brachte mich der Familie immer näher, es war eine Zeit des höchſten Glückes ————— 126 für mich. Dieſe Stimmung konnte ich nach meiner Rück⸗ kehr meinen Angehörigen nicht verbergen, und ſelbſt meine Mutter ließ ſich über die Stellung, die ich im Schloſſe einnahm, täuſchen, ſie legte die väterliche Güte des Herrn von Müggeburg für mich nicht richtig aus. Der Herbſt kam und mit ihm Rudolfs lange Ferien. Aber die Ausſicht auf ein langes ſchönes Zuſammenſein mit ihm wurde bitter getäuſcht, ich war faſt drei Wochen durch ein rheumatiſches Fieber an das Zimmer gefeſſelt, und als ich wieder ausging, war Herr von Müggeburg im Begriff mit Rudolf eine Reiſe anzutreten. Die vielen Liebeszeichen, die verſtohlen in mein Krankenzimmer drangen, hatten mich entzückt, deſto ſchmerzlicher war mir die plötzliche Trennung. Nur einmal hatte ich Gelegenheit ihn zu ſehen, und da mußte ich ihm das Verſprechen geben, den Winter bei der Tante zuzubringen. Dies Verſprechen konnte ich leicht hal⸗ ten die Tante war in dieſem Herbſt nicht da geweſen, ſie bat ſchon im October um meinen Beſuch, ſie litt ſo ſehr an nervöſem Kopfweh, daß ſie ſich von aller Geſelligkeit zurückziehen mußte, ich ſollte ihr Geſellſchaft leiſten. Von dieſem ganzen Winter will ich nur berichten, daß mir das Stillleben im Krankenzimmer wohl geſiel, Rudolf beſuchte uns einige Mal, außerdem correſpondirte die Tante mit ihm, aus jugendlichem Mitgefühl, wie ſie ſagte, für unſere ſehnenden Herzen. Unſer Liebesverhältniß wurde immer feſter— nach meiner ueberzeugung; daß es keine ausgeſprochene Verlobung war, machte es um ſo anziehender. 127 Auch der Sommer verging ohne wichtige Ereigniſſe für mich. Ich lebte lange mit der Tante auf dem Lande, wo ſie Brun⸗ nen trank; darauf war ich mit ihr in einem Bade. Dieſer Aufenthalt diente nur dazu, mich zu überzeugen, daß ich es verdiente von Rudolf angebetet zu werden, obgleich ich mich fern hielt vom eigentlichen Geſellſchaftsleben. Es waren glänzende Septembertage, ich war mit der Tante und Tina in Müggedorf angekommen. Ich ſaß wie vor drei Jahren mit Fritz wieder unter der Weinlaube, Eliſabeth war im Garten beſchäſtigt, aber nicht allein, Arnold war ihr in zarter Aufmerkſamkeit behülflich dabei. Das tiefe Blau des Himmels, der Blumen Farbenpracht, der ſüße Duft, die erfriſchende Luft— alles war daſſelbe als damals; wie war es aber mit den Menſchen in der lieben Heimath und mit mir ſelbſt?— Ich war ſehr nach⸗ denklich geſtimmt. Fritz hätte ſicher ſeine Meinung zurück⸗ genommen, daß Eliſabeth beſſer als ich zur alten Jungfer paſſe. Eben hatten mich ſeine treuherzigen, aber höchſt un⸗ geſchickten Warnungen erſt beläſtigt, und obgleich ich es nicht unterließ, ſehr von oben herab meine Entgegnung ab⸗ zufaſſen, ſo war mein Muth nicht groß dabei. Eugenie hatte mir am Abend vorher ihre Sorgen um Rudolf mit⸗ getheilt, er hatte ihr ſelbſt geſchrieben, daß er keine Kraft und Luſt zum Studieren habe, es wolle in ſeinem Kopf nichts ſitzen bleiben. Er wollte Militär werden, das Abi⸗ turienten⸗Examen hatte er gemacht, mit ſeines Vaters Kon⸗ nerionen konnte es ihm nicht ſchwer werden, eine Stelle 128 in der Armee zu finden. Sein Vater hatte eingewilligt, aber unter der Bedingung: Rudolf ſollte eine reiche Cou⸗ ſine heirathen. Das hatte er entſchieden abgeſchlagen— zu Eugeniens Bekümmerniß, die einen thörichten Grund dahinter vermuthete. Daß die Couſine häßlich und unbe⸗ deutend war, gab Eugenie zu, aber ſie war gutmüthig und liebte ihn leidenſchaftlich, und es war für ihn die einzige Ausſicht vom Vater unabhängig zu werden. Wie ſah dieſe Wirklichkeit ſo fahl aus, gegen meine ſchimmernden Fan⸗ taſien. Ich durfte den Muth aber nicht ſinken laſſen, es galt jetzt den Kampf mit der kleinen unbedeutenden Cvuſine. Mit Spannung hatte ich dem heutigen Tage entgegen ge⸗ ſehen, wo ſie mit vielen anderen Verwandten und auch mit Rudolf erwartet wurde. In meinen Betrachtungen ſtörte mich jetzt Eugenie. Nit leichten Schritten und im leichten weißen Kleide trat ſie in den Garten. Wir hatten verabredet, mit Eliſabeth zuſammen einen Beſuch bei Frau von Hartwig zu machen. Eugenie wollte, ehe die vielen Fremden ſie verhinderten, ſich noch einmal an der lieben Wanderung erquicken. Wir gingen fröhlich in den Wald hinein, ich war es mehr aus Auftegung, als aus wirklicher Herzensfreude. Als wir nach dem alten Heidengrab kamen, ſetzten wir uns wieder auf die Steine. Drei Jahre waren verfloſſen, ſeit wir hier mit ſo verſchiedenen Erwartungen von der Zukunft ſprachen; ich prüfte meine Gefährtinnen, ob ſie ſich verändert hätten. Eliſabeth war ſchlanker geworden, ihre vollen roſigen Wangen 129 hatten ſich verfeinert, ſie war weit hübſcher jetzt. Auch war ſie inniger und wärmer geworden, ſie ſchmiegte ſich oſt an mich, war glücklich über meine Rückkehr in die liebe Heimath, wo es doch gar zu wunderſchön ſei. Sie ſagte das letzte mit ſtrahlenden Augen, ich kannte wohl die Urſach dieſer Wärme und dieſes Glanzes, und es war mir dabei ſeltſam und unruhig zu Sinne.— Eugenie war noch die feine, liebliche Erſcheinung, nur daß ſie ſelbſtändiger und ernſter war als früher. Der Grund vom letzteren war leicht zu rathen. Ihre Eltern hatten jeden Umgang mit den Bewohnern des Waldſchlößchens aufge⸗ hoben, ſelbſt die Rückkehr des jungen Herrn von Hart⸗ wig, der jetzt das Gut ſelbſt bewirthſchaftete, war keine neue Veranlaſſung dazu, und Eugenie mußte befürchten, daß der Vater auch ihr jetzt die Beſuche bei Frau von Hartwig ſtrenge unterſagen würde. Wir waren alle drei erſt etwas gedankenvoll, dann fragte ich: Denkt Ihr an unſeren Kongreß damals? Drei Jahre von den zehnen ſind ſchon hin.— Für mich die wichtigſten, fiel Euge⸗ nie ein; mit wahrem Behagen überlege ich mir zuweilen, daß ich bald 23 Jahr alt bin. Ich ſah ſie verwundert an. Die Leute werden nun aufhören mich zu plagen, ſagte ſie erröthend, und einſehen, daß ich würdig bin, eine alte Jungfer zu heißen. Wie ſteht es aber mit Dir, ſeit den drei Jahren? ſagte ſie neckend zu Eliſabeth. Ich hoffe, ich bin weit verſtändiger geworden, entgegnete Eliſabeth treuherzig. Du wareſt ja immer verſtändig, ſagte Eugenie. Die alte Jungfer. 2. Aufl. 9 130 Aber Du liebe Anna, wandte ſie ſich zu mir, Dir bleiben, nach Deinem eigenen Ausſpruch, nur noch zwei Jahre zum Vernünftigwerden. Wie meinſt Du das? fragte ich etwas gereizt. Sie ſtand auf, legte ihren Arm um meinen Hals, ſah mir tief und theilnehmend in die Augen und flüſterte: Ein andermal.— Dann brachen wir auf, weiter nach dem Waldſchlößchen. Wie friedlich lag es da am Ende der Allee, ſeine ſpitzen Hirſchgeweihe gegen den blauen Himmel, im lichten hellen Sonnenſchein. Wir traten ſchweigend auf den lichten Platz, wir gingen leiſe über den Raſen nach der Brunnen⸗ bank, wir hörten dem Rauſchen des Waſſers zu und ſahen den fallenden goldenen Blättern nach, und konnten uns nicht trennen. Da öffnete ſich die Saalthür und der Herr mit dem grünen Rock und den klaren Augen trat heraus, wir hatten ſeine Geduld zu lange auf die Probe geſtellt. Neben ihm aber erſchien auch Frau von Hartwig und wir eilten jetzt ſie zu begrüßen. Wir gingen dann in den Saal, der alte freundliche Herr im Rollſtuhle ließ nicht lange auf ſich warten, wir ſaßen zwiſchen blühenden Geranien, Fuch⸗ ſien und Reſeda, und durch die offene Saalthür ſchaute der blaue Himmel herein. Herr von Hartwig erinnerte, es ſei heute genau ein ſolcher Tag als vor drei Jahren, wo die Waldfräulein ihn für das Ahnenbild gehalten. Eugenie iſt ein ſeltſames Mädchen, nahm ich ſcherzend das Wort, ſie iſt ſo froh daß ſie dieſe drei Jahre hinter ſich hat. Ich glaube niemand wünſcht eine Zeit noch einmal durchzuleben, 131 wenn ſie auch noch ſo glücklich war, entgegnete Herr von Hartwig. Weil man hofft, daß es immer noch ſchöner werden ſoll, fügte Eliſabeth hinzu. Sie haben Recht, das hoffe ich wenigſtens zuverſichtlich, war Herrn von Hartwigs vergnügte Antwort. Eugenie ſah ihn etwas zweifelhaft an, dann ſagte ſie: Oder man geht mit Freudigkeit in die Zu⸗ kunft hinein, wenn man weiß, Glück oder Unglück— es muß alles gut werden. Sie hatte ſtockend und erröthend die letzten Worte vollendet. Ein wunderbares Licht ſchim⸗ merte aus Herrn von Hartwigs Augen, doch nur ſchnell vorübergehend; in ſeiner gewöhnlichen ruhigen Weiſe, aber mit nicht ganz unterdrückter Bewegung der Stimme ſagte er: Haben Sie Ihren Wunſch von damals, lieber glücklich als unglücklich zu ſein, aufgegeben? Eugenie ſah ihn zag⸗ haft an, aber mit einem ſo lieblichen Ausdruck, wie ein Kind, das wohl Luſt hätte, aber nicht wagt zuzugreifen nach einer ſchönen Gabe. Die Begriffe von Glück und Unglück können ja wechſeln, entgegnete ſie dann. Wir ſagten da⸗ mals ſchon, nahm Frau von Hartwig das Wort: andere Leute können etwas als ein Unglück achten, was uns ein erſehntes Glück iſt. Eugeniens Antwort war nur ein Lä⸗ cheln, es lag darin aber eine ſolche Fülle von Liebe und Zuneigung, daß Frau von Hartwig ſich hinüber neigte und Eugenien zärtlich das Haar von der klaren Stirn ſtrich. Herr von Hartwig, nahm Eliſabeth ernſthaft das Wort, ich glaube alle Menſchen wollen lieber glücklich als unglücklich werden. Wir wollen uns alle wenigſtens das entſchieden 9* 132 vornehmen, ſagte Herr von Hartwig ſcherzend, nur immer muthvoll in die Zukunft hinein ſchauen. Das meine ich auch, ſagte ich einſtimmend. Aber liebe Eugenie, wandte ich mich zu ihr, wie andere Leute und wir ſo ſehr verſchie⸗ dene Begriffe von Unglück haben können, und wie wir mit dieſen Begriffen wechſeln können, das iſt etwas unverſtänd⸗ lich. Gar nicht unverſtändlich! nahm Eliſabeth für Euge⸗ nien, und ganz beſonders einſichtsvoll das Wort: Zum Beiſpiel könnten Leute glauben, es ſei für ein Mädchen ein Glück, eine vornehme und reiche Heirath zu machen, ſie hat das früher auch geglaubt, ſie will aber den Mann nicht und hält es für ein großes Unglück, jemand zu heirathen den ſie nicht liebt, und dagegen für ein großes Glück, in Ruhe gelaſſen zu werden und ihre Tage ſtill und einſam zu ver⸗ leben und gar nicht zu heirathen. Ein unwillkührliches Ge⸗ lächter war unſere Antwort auf dieſe höchſt einfache Erklä⸗ rung von Glück und Unglück, die vor drei Jahren wenig⸗ ſtens ganz anders gemeint war; für heute hatte Eliſabeth aber Recht, ſie hatte nur nicht gemerkt, daß es eben die zarte Abſicht der Sprecher war, dieſe Wahrheit zu um⸗ ſchreiben. Ich hätte nur noch eben ſo harmlos hinzuſetzen müſſen: Oder das Mädchen wollte darum nicht heirathen, weil ſie liebt und geliebt wird, für jetzt vhne Hoffnung auf Vereinigung, die Leute nennen das eine unglückliche Liebe, ſie iſt aber in dieſer Liebe ſchon ſo glücklich, daß ſie nichts weiter verlangt und gänzlich reſignirt auf eine Vereinigung. Und Herr von Hartwig hätte etwa lächelnd hinzuſetzen müſſen, 133 daß dieſe Art Reſignation ihm unverſtändlich ſei. Ja, ſo war es, es gehörte nicht viel Geiſtesſchärfe dazu, das Verhältniß zu durchſchauen, und das ſchimmernde Licht in Herrn von Hartwigs Augen, die große Zuverſicht in ſeinem ganzen Weſen ließen mich nicht recht dazu kommen, die arme Eugenie, wie Lottchen ſagte, über ihre Zukunft zu beklagen. Eugenie hatte ſich zu Frau von Hartwig gewandt und vertiefte ſich in die Rock⸗ und Aermellängen und verſchie⸗ denen Jacken und Kleidern für arme Kinder. Als die Ge⸗ ſchäfte beſeitigt und wir vom alten Herrn hinlänglich zum Eſſen genöthigt und erquickt waren, ſtanden wir auf zum Abſchiede.— Alſo für Wochen werden Sie ſo viel Beſuch haben, und wir haben wenig Hoffnung Sie in der Zeit zu ſehen? ſagte Frau von Hartwig zu Eugenien. Ich fürchte mich vor den vielen Leuten, entgegnete ſie. Warum? fragte Herr von Hartwig der jüngere. Weil es unerträglich iſt, ſo viele fremde unruhige Menſchen im Hauſe zu haben, entgegnete Eugenie. Ich werde mir einmal erlauben, mich in die gefährliche Geſellſchaft Ihrer vielen Vettern und Ba⸗ ſen zu begeben, bemerkte er darauf, und dann werde ich Grlegenheit haben, die Liebenswürdigkeit und Gelaſſenheit einer jungen Dame zu bewundern, welche die Wirthin iſt. O nein, ſagte Eugenie lächelnd, meine Eltern finden mich nie unliebenswürdiger als mit Fremden. Finden Sie das auch? fragte er wieder. Eugenie findet es nicht allein, ſie ſucht es ſogar, warf Eliſabeth ein. Eugenie ſchwieg. Neh⸗ men Sie ſo ruhig den Tadel hin? wandte er ſich noch 134 einmal zu ihr. Ein Tadel ſoll das aber nicht ſein, ver⸗ ſicherte Eliſabeth, man darf doch nicht mit allen Menſchen liebenswürdig ſein. Vertrauen Sie Ihrer jugendlichen Rath⸗ geberin nicht zu viel, warnte Herr von Hartwig. Wir verließen jetzt den Saal, unſere Wirthin wollte uns bis zum Gatterthor begleiten. Und wollen Sie ſpäter mit Ihren Verwandten nach der Stadt gehen, liebe Eugenie? fragte ſie dieſe. Ach nein, ſagte Eugenie abwehrend, ich werde es keinenfalls, meine Eltern wünſchen es nur. Be⸗ wunderungswürdige Antwort! ſcherzte Herr von Hartwig: „meine Eltern wünſchen es nur, ich werde es aber keinen⸗ falls.“ Eugenie war roth geworden, ſie ſah ihn ſtutzig an und ſchwieg. Liebe Frau von Hartwig, nahm Eliſa⸗ beth das Wort, giebt es nicht wirklich Fälle, wo man die Wünſche der Eltern geradezu nicht erfüllen kann? ich habe neulich mit Eugenien ernſthaft darüber geſprochen, und wir ſind beide zu dem Reſultate gekommen: ja es giebt ſolche Fälle. Wenn es etwas betrifft, was offenbar gegen Got⸗ tes Gebote iſt, gewiß! entgegnete Frau von Hartwig freund⸗ lich. Nicht allein das, ſagte Eliſabeth wieder ſehr ſach⸗ verſtändig, es können nur Dinge ſein, bei denen wir in Gefahr kommen gegen Gottes Gebote zu handeln. Wenn Fräulein Eugenie nach der Stadt geht, würde ſie zum Beiſpiel in Gefahr gerathen ſehr unliebenswürdig gegen Vettern eund Baſen zu ſein, ſagte Herr von Hartwig mit komiſchem Ernſte. O, das nicht allein, ſagte Eugenie jetzt, wenn ich da nun verbotene Dinge thun ſollte? Eine zweite 135 mögliche Gefahr, gab Herr von Hartwig zu. Ich verſtehe Sie nicht, ſagte Eliſabeth kopfſchüttelnd, aber nicht wahr, liebe Frau von Hartwig, ich und Eugenie wir haben die⸗ ſesmal recht? Eugenie ſah ſehr zweifelhaft zu ihrem Rach⸗ bar auf. Die beiden jungen Damen, nahm dieſer das Wort, werden nächſtens Erklärungen zum Katechismus her⸗ ausgeben, und im vierten Gebot den Kindern rathen, in einigen Fällen lieber ungehorſam gegen Eltern zu ſein, um einer möglichen Gefahr der Uebertretung eines andern Ge⸗ botes dadurch zu entgehen. Eugenie ſah noch einmal zu dem Sprecher auf, aber ſenkte ſchnell den Blick, wahrſchein⸗ lich aus Furcht vor kindiſchen Thränen. Eliſabeth ſtand ſtill und ſagte nachdenklich: Liebe Frau von Hartwig, ich glaube doch, wir haben Unrecht. Ich glaube es auch, ent⸗ gegnete dieſe lächelnd. Wir gingen weiter, Eliſabeth ließ ſich noch vollſtändig über dieſen Punkt von der mütterlichen Freundin belehren, und ich mußte eine gründliche Erklärung vom vierten Gebot anhören, die dem Tugendglanze meines ſtillen Liebesverhältniſſes mit Rudolf gefährlich ward. Nach den Ausſprüchen der Frau von Hartwig war ich eine offen⸗ bare Betrügerin, das war mir ſchwer zu hören,— und noch ſchwerer zu begteifen war es mir, daß Herr von Hart⸗ wig Eugenien rieth, nach der Stadt zu gehen, da ihm doch nichts unangenehmer ſein konnte, und daß er ſie zum Ge⸗ horſam gegen einen Vater aufforderte, der ſeiner Richtung und ſeiner Geſinnung nach ihrer beider Liebe entgegen ſein mußte. Ich ſollte mich immer mehr überzeugen, daß die 136 zehn Gebote die ſichere Richtſchnur in den verwickeltſten Fäl⸗ len des Lebens ſind.— Herr von Hartwig und Eugenie ſprachen gar nicht, ſie bückte ſich zuweilen nach einer Blume, und er begann gleichfalls einen Strauß zu ſammeln. Ich konnte es nicht laſſen beide zu beobachten. Als wir an das Gatter kamen, reichte er ihr den Strauß, in ſeinen Augen ſchimmerte dabei das wunderſame Licht, und ſie fand ſicher mehr als jemals, daß dieſe Augen gar helle durchſichtige Seelenfenſter waren. Die glänzenden Septembertage wollten nicht aufhören, auf dem Schloſſe war ein lautes Treiben und jeder neue ſchöne Tag brachte neue ſchöne Zerſtreuungen. Ich war immer dabei und in nicht geringer Aufregung. Im An⸗ fange hatte mich Herr von Müggeburg ſelbſt dringend ein⸗ geladen, ſo zu ſagen auf die ganze Zeit, in der Abſicht, Eugenien durch mich hineingezogen lebhafter und theilneh⸗ mender zu ſehen. Wie ſtand es jetzt nach vierzehn Tagen? Herr von Müggeburg ſchien mich kaum zu bemerken, und Eugenie ſtimmte nur verlegen ein, wenn ich von Rudolf und den jungen Vettern zu einer neuen Partie dringend ein⸗ geladen wurde. Und folgte ich? O ja. Je mehr die jun⸗ gen Mädchen, Agnes von Bühlen meine Gegnerin an der Spitze, ſich hochmüthig von mir zurückzogen, je mehr trieb es mich in den Kampf. Unſere Geſellſchaft war förmlich in zwei Parteien getheilt, zu Agnes, die bald genug ge⸗ merkt hatte woran ſie mit mir war, gehörten alle jungen Wädchen; dagegen ein älteres Mädchen, die ſelbſt keine 137 Hoffnungen für Herzenswünſche haben konnte, aber ihren Troſt in thörichten Intriguen und Scherzereien fand, eine ältere verheirathete und kinderloſe Dame, die ſich gern mit mir amüſirte, Rudolf und die Brüder der Couſinen waren auf meiner Seite. Eugenie ſtand anfänglich bedächtig in der Mitte, ſie war zu ihres Vaters Aerger eine höchſt langweilige, vernünftige Perſon; als ſie aber merkte, daß niemand von den Herren Notiz von ihr nahm, wurde ſie lebhafter und fröhlicher, und ſuchte mit liebenswürdiger Güte die beiden Parteien zu vereinigen. Ich war nur glücklich in den erſten Tagen, wo das Siegesgefühl mir neu war, aber ich fühlte mich bald bedrückt und unbehag⸗ lich, ſo ſehr ich es auch zu verbergen ſuchte. Rudolfs eigenſinnige Tactlofigkeit gegen Agnes, ſeine unverholen ge⸗ zeigte Neigung zu mir, ſollten den Vater mit ſeines Her⸗ zens Meinung bekannt machen, er wollte eine Entſcheidung nicht mehr vermeiden. Und ich? ſollte ich mich jetzt zu⸗ rückziehen, nachdem ich mein ganzes Lebensglück daran ge⸗ ſetzt? Nein, das war unmöglich, ich mußte weiter, ich war einmal umſtrickt. Eugenie, ich fühlte es ihr an, wollte mit mir reden, aber ich vermied es ängſtlich. Wenn ich mich zu ſehr gedemüthigt und unbehaglich fühlte, ſagte ich mir zu meinem Troſte: heute biſt du zum letzten Male hier, Rudolf ſoll nun vergebens bitten. Aber wieder war der Himmel blau, wieder wandelte ich in gewählter Morgentvilette durch den Park. Heute ſollte ich an einer Spatzierfahrt nach einer entfernten För⸗ 138 ſterei theilnehmen. Herr von Müggeburg hatte mich nicht eingeladen, vielmehr mich mit Blicken des MWißfallens be⸗ trachtet, und Eugenie am Abend vorher beſonders ernſthaft ausgeſehen, als die jungen Herren beim Abſchied mich mit ihren gewöhnlichen Huldigungen umſchwirrten. Der Weg durch den Park jetzt wurde mir nicht leicht, und wie in einer Ahnung von etwas Schwerem hatte ich Tante Adel⸗ gunden, die ſich nach längerem Kopfweh heute erboten, mich zu begleiten, davon abgehalten. Ich trat von dem Garten in die Hausflur und hörte ſchon nach dem Hofe hin das bunte Geplauder der Geſellſchaft. Ich ging dahin, und es folgten Minuten, die wie ein banger Traum in der Erin⸗ nerung ruhen. Die Wagen fuhren vor, Herren und Da⸗ men arrangirten ſich, Eugenie war gleich nach der erſten flüchtigen Begrüßung von mir geeilt, Herr von Müggebnrg ſtand als ruhiger Beobachter mit finſteren Blicken dabei. Jetzt fuhr ein Jagdwagen vor, Rudolf hatte ihn für mich, für das alte Fräulein, für ſich ſelbſt und einige Vettern reſervirt. Ich wurde mit großer Aufmerkſamkeit an den Wagen geführt, ich wollte ihn eben beſteigen, als Herr von Müggeburg zu mir trat und mit ruhiger Kälte ſagte: Fräulein Anna, dieſen Platz werde ich einnehmen, es thut mir leid, das für Sie heute— Er hielt inne„denn ich verbeugte mich ſchon, ich eilte zurück in das Schloß. Im Portal ſtand ich ſtill, ich lehnte an einem Pfeiler, ich ſchöpfte Athem. Da hört ich kommende Schritte, ich wollte weiter eilen, aber ich wurde beim Namen gerufen. Herr 139 von Müggeburg war es ſelbſt. Anna! ſagte er und reichte mir die Hand: verzeihen Sie mir, ich kann nicht anders, ich werde nie, nie anders können. Sein Sie vernünftig, verſprechen Sie, fuhr er dringend fort, den thörichten Menſchen zu laſſen, hören Sie auf, mich zu hintergehen. Er hielt meine Hand, er ſah mich traurig und bittend an. Ich will es,— ſagte ich zitternd. Ich vertraue Ihnen entgegnete er raſch und verließ mich. Ich eilte in den Garten und ſchnell über den Weg fort, der mich den eben fortrollenden Wagen noch einmal hätte zuführen müſſen, ich war kaum in einem Tannenwäldchen geborgen als der Zug an mir vorüberflog. Ich blieb noch in der nahen Kegelbahn, unmöglich konnte ich jetzt zu Hauſe erſcheinen. Ich war in einem traurigen Zuſtande, meine Gedanken gingen wie in einem Kreiſe. Was ſollte ich thun? Rudolfs Schmerz, mein eigenes ſchwaches Herz, meine ganze zerſtörte Zukunft, dazu Arnolds Anſpielungen, Fritzens Warnungen, Eliſabeths be⸗ denkliche Blicke, Lotechens getäuſchte Hoffnungen, ſelbſt Ti⸗ nas ungläubiges Geſicht, die ſich ſchon in ihrer Weiſe bei mir die Farbe des ſeidenen Kleides beſtellt, in dem ſie auf meiner Hochzeit erſcheinen wollte,— das waren die wo⸗ genden Gedanken eines Zuſtandes, welchen die Welt unter ähnlichen Umſtänden eine unglückliche Liebe nennt. Als einziger feſter Haltpunkt ſtand das vierte Gebot mit allen gehörten Erklarungen vor meiner Seele; ich konnte dieſe Erklärungen nicht ungehört machen, noch ihre Wahrheit 140 verleugnen.„Hintergehen Sie mich nicht länger,“ hatte Herr von Müggeburg geſagt. Die Sache ſtand feſt, ich mußte mein Wort halten. Ich blieb faſt drei Stunden in der einſamen Kegel⸗ bahn, ich ſaß an der offenen Seite an einen Baumſtamm gelehnt, ſah in die kleinen ſandigen Wege einer armſeligen Baumſchule, weiter über einen jungen Kiefernwald ſchaute ich auf einen kleinen Hügel, eine einſame Windmühle, und folgte den trägen Bewegungen ihrer Flügel. Nach dem blauen friedlichen Himmel, nach dem goldenen Sonnenſchein ſchaute ich nicht, ich war zu troſtlos. Heſtiges Kopfweh trieb mich nach Hauſe, ich legte mich gleich zu Bett, meine Angehörigen ahneten nicht meinen traurigen Zuſtand, forſch⸗ ten in ihrer Unbefangenheit auch gar nicht darnach. In der Dämmerung öffnete ſich die Thür, Eugenie war es, ſie ſchloß hinter ſich und eilte zu mir. Sie kam im Auſtrage des Vaters, aber auch die eigne Liebe trieb ſie zu mir. Sie weinte erſt mit mir. Liebe Anna, ſagte ſie dann trö⸗ ſtend, es kann Dir nicht ſchwer werden, Rudolf aufzugeben, er iſt Deiner nicht werth, Du täuſcheſt Dich. Sie theilte mir ein Geſpräch mit, daß ſie auf ſchweſterliches Dringen geſtern Abend mit Rudolf gehabt. Er hatte es ihr ſelbſt geſtan⸗ den, daß er ſich zu ſchwach fühlte, ſich ohne des Vaters Hülfe ſelbſtändig zu machen, er fürchtete daß er ſeine Liebe nicht durchführen könne, aber das Verhältniß aufzulöſen fühtte er ſich auch zu ſchwach, ſeine Liebe zu mir ſei noch zu groß.— Weiß er jetzt, daß ich ihn freigegeben? un⸗ 141 terbrach ich ſie. Ja er weiß es, er ſieht es ein, daß es zu Eurem Beſten iſt und läßt Dir danken. Er iſt mit dem Vater ausgeſöhnt, er mufßte ſeine Gründe anerkennen.— Die Gründe werde ich nie anerkennen, entgegnete ich bitter; wenn ich reich war, würde Dein Vater nichts dagegen ge⸗ habt haben. Eugenie geſtand das zu. Ja, Reichthum ver⸗ ſchafft jetzt den Menſchen gar leicht, jede gewünſchte Stel⸗ lung in der Welt,— ich habe nicht danach getrachtet! ver⸗ ſicherte ich in ziemlicher Selbſttäuſchung. Aber Rudolf be⸗ darf des Geldes und einer Stellung, ſagte Eugenie betrübt, ſie gelten ihm mehr als ſeine Liebe, er hat es bewieſen, ſonſt würden ihn die Verſprechungen des Vaters nicht ſo ſchnell beruhigt haben.— Ich ſah das wohl ein, aber tröſten konnte es mich nicht, ich fand vielmehr Herrn von Müggeburg und Eugenien und alle Welt hart und lieblos gegen mich. Vier Wochen hatte ich an einem nervöſen Fieber ge⸗ legen, nicht immer ohne Bewußtſein, ich ſah die Geſtalten der Mutter und Eliſabeths in meiner Nähe, ich hörte auch Eugeniens Stimme im Vorzimmer, ich fühlte Liebe und Theilnahme für mich, das that mir augenblicklich wohl. Als ich das erſtemal in der Wohnſtube erſchien, kam mir Arnold mit Eliſabeth entgegen. Liebe Schweſter Anna, ſagte er bewegt. Ich legte meinen Kopf an ſeine Bruſt und weinte bitterlich. Die Urſache dieſer Thränen machte ich mir nicht klar, daß ein Beigeſchmack von Reue dabei geweſen, hätte ich jedenfalls nicht zugeſtanden. Aber unbe⸗ haglich war es mir hier unten in den Umgebungen. Nach ————————————— 142 noch vierzehn Tagen ging ich in der bleichen Novemberſonne im Garten auf und ab; weiter hätte mein Fuß nicht gehen mögen, weder in den Wald noch in den Park, noch zu Hartwigs oder in das Dorf. Alles war mir entſetzlich, ich ſehnte mich fort,— was ſollte ich auch hier? Mit Ar⸗ nold und Eliſabeth die Adventszeit verleben? nein, das konnte ich nicht, mein Herz war für dergleichen verſchloſſen. Das Chriſtkind verehren, das mein Erlöſer geworden? ich fühlte kein Verlangen nach einem Erlöſer. Ich hatte mit meiner Jugendliebe kein Verbrechen begangen, ich war nur thöricht geweſen, war unglücklich dadurch, aber ich wollte nun vernünftiger ſein nach dieſen Erfahrungen, die Welt ſtand mir offen, ich wollte mein Glück machen. Ein weiſes Herz gehörte noch immer nicht zu meinen Wünſchen; das ſollte ſich jetzt noch mehr von ſelbſt verſtehen, war gar nicht ſchwierig: aber Zukunft und Glück das ſollte meine Sorge ſein. Ich mußte zu Tante Adelgunde. Die Mutter gab meinen Bitten und der Tante Einladungen endlich nach. In den neuen Umgebungen und mit der Elaſtizität der Jugend vergaß ich bald die Eindrücke des Erlebten, ich beſuchte Bälle und Geſellſchaften und war wenigſtens ebenſo gefeiert, als vor drei Jahren. Die Tante wandte wieder verſchiedene Feenanzüge an mich, Tina träumte von blonden und brünetten Fürſten, und ich befand mich in der wunder⸗ vollen Erwartung eines neuen Glückes. Auch Mitglied des Mädchenkränzchens war ich wieder und ſpielte meine Rolle der Soliden mit aufrichtigem Streben. Zwei Bräute waren 143 jetzt dabei, ſie ſchwärmten im höchſten Entzücken und be⸗ ſtärkten uns übrigen in dem Wahn, daß mit einer Ver⸗ lobung das Glück und die Zukunft jedes Mädchens geſichert ſei. Eine von den beiden Bräuten verheirathete ſich den⸗ ſelben Winter mit ihrem jugendlichen Lieutenant, ihre El⸗ tern hatten die nöthige Aushülfe in der Wirthſchaft ver⸗ ſprochen, wir zweifelten alle nicht daran, daß ſie die glück⸗ lichſte Perſon von der Welt ſei, und verhießen ihr auf ihrem Polterabend die Ewigkeit dieſes Glückes aus dem Munde aller Tugenden, Götter und Genien. Weitere Verlobungen erfolgten dieſen Winter nicht; wohl aber erfuhr ich, daß Rudolf ſich mit Agnes von Bühlen verlobt hatte. Wie ich ihn jetzt mit nüchternem Sinne beurtheilen konnte, wunderte mich das nicht. Er war jetzt Offizier, ſein Schwiegervater hatte ihm gleich ein ſchönes Reitpferd geſchenkt, der junge Haushalt ſollte prächtig eingerichtet werden, Rudolf war jedenfalls glücklich. Als wir mit dem Frühlinge die Feen⸗ anzüge in die große Kiſte packten, fing Tina an, nach ihrer Art zu unterhalten. Erſt ſeufzte ſie: die ſchönen Kleider!— Die werden im künftigen Winter wieder Staat machen, war Tante Adelgundens Antwort. Hören Sie mal, gnädig Fräulein, begann Tina von neuem, es iſt mir bei⸗ nah ſo als ob Fräulein Anna in unſere Fußſtapfen tritt, ſie hat nun die 23 hinter ſich, dann kommen die 24, und vom 24ten an gehts ungeheuer ſchnell bergab, da iſt kein Halten mehr. Es heißt auch, wenn der Thaler erſt voll iſt, das heißt die 24 Groſchen, dann iſts mit der alten Jungfer 144 richtig.— Tina, nahm die Tante verweiſend das Wort, auf die Jahre kommt es nicht an, es kommt auf die Er⸗ ſcheinung an und wie lange ein Mädchen in der Geſellſchaft geſehen iſt, Anna gehört ganz zu den Neuheiten. Richtig, richtig, gnädig Fräulein, entgegnete Tina einverſtanden, und dann haben die Mädchen jetzt den Vortheil, daß der Thaler 30 Silbergroſchen anſtatt der 24 guten hat, er wird nicht zu ſchnell voll.— Ich lachte natürlich, aber das Geſpräch war mir fatal. Sehen Sie, Zeit hat Fräulein Anna immer noch, fuhr Tina fort, aber ich will doch meinen zarten Auf⸗ trag ausrichten.— Wir horchten neugierig.— Da an der Ecke der ſchöne große Laden mit dem Kurzwaaren⸗ Geſchäft gehört dem jungen Herrn Weber,— ein hübſcher Mann mit einem kleinen Schnurrbart, und ſehr reich. Nun?— ſagte die Tante ungeduldig. Nun, fuhr Tina fort, ſeine Mutter hat mir aufgetragen beim Fräulein zu forſchen. Was? rief die Tante höchſt entrüſtet.— Gni⸗ dig Fräulein, Sie ſind gar nicht gemeint, ſagte Tina belehrend.— Alberne Perſon! zürnte die Tante, das weiß ich wohl, was aber wollen ſie von Anna? Ei ent⸗ gegnete Tina jetzt ärgerlich, der junge Herr hat ſich in das Fräulein verliebt und trägt ihr ſeine Hand an.— Wie unverſchämt! rief die Tante. Ich finde das nicht ſo ſchlimm, fuhr Tina immer ärgerlicher fort, er bewohnt die Belle Etage, beſucht die vornehmſten Concerte, und hat jede Woche Quartett mit dem Herrn Juſtizrath da gegenüber, er will ſich auch Equipage anſchaffen.— Sagen Sie 145 ihm nur als Antwort: Gleich und gleich geſellt ſich gern! war der Tante Beſcheid.— Nein, Tina, beſtimmte ich mit Würde, der junge Mann ſoll eine paſſendere Antwort haben. Sie ſagen ihm, daß eine Verbindung für das Le⸗ ben nur mit gegenſeitiger Neigung geſchloſſen werden dürfe, da ich eine Neigung für ihn nicht hätte, würde ich es für das größte Unrecht halten, ſeinen Antrag anzunehmen. Fräulein Annchen trifft den Nagel immer auf den Kopf, ſagte Tina entzückt, ich werde der Frau Weber das aus⸗ einander ſetzen.— Die Sache war abgemacht, es war mir aber doch nicht gleichgültig, obgleich ich ganz und gar nicht Luſt hatte, wirklich einmal einen Heirathsantrag ge⸗ habt zu haben, und die Nachricht von Rudolfs glänzender Hochzeit wurde mir dadurch vielleicht etwas weniger bitter. Wir verlebten nun den Sommer ebenſo als den ver⸗ gangenen. Faſt zwei Monate lang gebrauchten wir in ei⸗ nem Gebirgsdorfe eine Milchkur, dann folgte die Badereiſe. Erwartungsvoll reiſte ich hin, ich war gefeiert und bewun⸗ dert, war auch nahe daran mich zu verlieben, aber verließ den Ort ziemlich unbefriedigt und mit einem Schimmer von Muthloſigkeit. Auf meinen Wunſch reiſten wir im Auguſt ſchon nach Müggeburg. Ich wußte, daß Eugenie mit ihren Eltern in ein rheiniſches Bad war, auch das neuvermählte Paar war mit. Dieſe Zeit wollte ich benutzen— ich hätte es nicht ertragen können, ſie ſobald wiederzuſehen, die Heimath hatte ohnehin ſo viel Schweres für mich. Arnold und Die alte Jungfer. 2. Aufl. 10 146 Eliſabeth, das glückliche Brautpaar, ſie waren zwar an⸗ ders als ich es gewohnt war ein Brautpaar zu ſehen oder es mir zu denken: ſie beſchäftigten ſich nicht allein mit ſich ſelbſt, hatten auch Herz und Sinn für ihre Umgebungen; aber je mehr ich ihre Liebenswürdigkeit anerkennen mußte, deſto tiefer fühlte ich den Stachel im Herzen. Es iſt nicht ganz leicht für das natürliche Herz einer vierundzwanzig⸗ jährigen, eine jüngere Schweſter glücklich verlobt zu ſehen. Was in meinem Herzen vorging, durſte niemand ahnen. Ich war lebhaft und theilnehmend in Geſellſchaft, allein war ich muthlos und bedrückt, und alle Poeſien der Welt und alle Kunſtgenüſſe konnten mich nicht erfreuen. Die ſtillen Sommertage gingen mir einförmig hin, der Verkehr mit Hartwigs brachte die einzige Unterbrechung, und Tante Adelgunde liebte jetzt dieſen Verkehr, ſie fand Frau von Hartwig, die der Tante Schwächen mit großer Nachſicht trug, außerordentlich liebenswürdig. Die Be⸗ wohner des Waldſchlößchens lebten übrigens nicht mehr ganz abgeſchloſſen, beſonders war Herr von Hartwig bei irgend paſſenden Gelegenheiten mit den Herren der Nachbarſchaft im Verkehr, ſelbſt Herr von Müggeburg hatte ſich davon nicht ausſchließen können.— Herr von Hartwig iſt der fonderbarſte Mann von der Welt, ſagte Lottchen eines Ta⸗ ges, als wir mit Arnold zuſammen im Garten ſaßen. Wie ſo? fragte Arnold. Alle Welt ſpricht darüber, daß er Eugenien im Auge hat, er ſelbſt läßt nichts laut wer⸗ den, und Herr von Müggeburg ärgert ſich, daß er ihm 147 keinen Korb geben kann. Dann ſcheint es mir ganz rich⸗ tig, daß Herr von Hartwig nichts laut werden läßt, ſagte Arnold. Ganz richtig ja, wiederholte Lottchen, es kann es nur nicht ein jeder durchführen. Herr von Hartwig ſcheint mir der geduldige deutſche Burſche zu ſein aus dem Linden⸗Liede, der ſagt zu ſeiner Geliebten: Ich muß nun ſieben Jahr wandern, und nehme mir keine andere.— Da irren Sie ſich, Lotichen, entgegnete Arnold, Herr von Hartwig wartet keine ſieben Jahr, für jetzt glaube ich, iſt es recht vernünftig von ihm zu warten. Daß er das beſſer verſteht, als mancher andere, das gebe ich zu, ich bin froh, daß es mir nicht auferlegt ward, ſchloß er ſcherzend, legte ſeinen Arm um Eliſabeth und ſah ihr warm in die Augen. Die arme Eugenie aber! warf Lottchen ein. Eli⸗ ſabeth erklärte nun warum dies Harren für Eugenien nicht ſo ſchwer ſein könne, erſtens ſeien ihr die Vertrauen er⸗ weckenden Augen, wie ja Eugenie ſchon von dem Bilde geſagt, ſichere Bürgſchaft für die Zukunſt, und die Gegen⸗ wart ſei für beide wunderſchön.— Es wurde nun man⸗ cherlei erzählt. Faſt jeden Morgen tritt Herr von Hart⸗ wig an der Brüdereiche aus dem Walde und ſchaut nach der freien Ausſicht zum Park, zuweilen dringt Ponto bis in die nächſten Wege, begrüßt dort ſeine Gönnerin, die gewiß nicht des Morgens nach der Eiche geht und ſich begnügt einen gewiſſen Jemand dort zu wiſſen und das Pfeifen nach ſeinem Hunde zu hören. Des Nachmittags wandelt ſie wohl dahin, wo er des Morgens war, und er ſucht 148 dann die Fußſtapfen ihrer Morgengänge. Treffen ſich beide in der Nachbarſchaft, ſo unterhält ſich Herr von Hartwig liebenswürdig mit Frau von Müggeburg, deren weiches Herz bald gewonnen iſt, oder er ſpricht mit den Herren über wiſſenſchaftliche und ökonomiſche Dinge und obgleich ihn dieſe Nachbarn für einen Sonderling halten und ihn ſeiner Richtung wegen lächerlich zu machen ſuchen, ſo können ſie ihm doch ihre Achtung nicht verſagen, müſſen ihn für einen geſcheuten Mann erklären, Herr von Müggeburg ſo gut als die andern. Wenn Herr von Hartwig dann Euge⸗ nien unbefangen zu Tiſche führt und ihre Augen heller und lebhafter glänzen, weiß man kaum was man ſagen ſoll, und die geſcheuten Leute möchten jetzt auf den thö⸗ richten Gedanken kommen, die Neigung ſei nur von Euge⸗ niens Seite, wenn Eugenie nur etwas mehr einer unglück⸗ lich Liebenden ähnlich ſehe.— In meinem armſeligen Herzenszuſtande waren mir dieſe Berichte über Eugeniens Liebesglück bitter anzuhören; obgleich ich gegen ſolche lieb⸗ loſen Gedanken treuherzig kämpfte, ſie kamen immer wieder, gegen meinen Willen. Eines Nachmittags ging ich zum erſten Mal und allein in den Müggeburger Garten, ich war ſicher dort nie⸗ mand zu treffen. Ich ſetzte mich auf eine Birkenbank un⸗ ter eine alte Linde und hatte einen weiten Raſenplatz und das Schloß vor mir. Das Grün in den nahen Bosquets war ſchlaff und ſtaubig und der heiße Sommerduft hüllte alles in ein gewiſſes Grau. Dazu das Schloß mit den 149 geſchloſſenen Jalouſien, davor einzelne Gruppen von Ge⸗ ranien und Stiefmütterchen im ſtillen Sonnenſchein— es erſchien mir alles ſo öde, ſo verlaſſen wie ich ſelber war. Ich lehnte mich an die alte Linde und weinte bitterlich. Meine fröhliche Jugend, die Jahre wo ich heranwuchs mit aller Wonne, mit allen ſeligen Erwartungen im Herzen, ſtanden vor der Erinnerung. Alles war vorüber, ich ſtand an der Grenze, ſollte Abſchied nehmen, und ohne Halt und Freudigkeit für die Zukunft. Was ſollte werden mit meinem warmen liebeſuchenden Herzen? ein langes einſames Leben konnte es nicht ertragen, nein das war unmöglich⸗ Warum waren Eliſabeth und Eugenie glücklicher als ich? Hatten ſie mehr verdient als ich? Ich gedachte der Zeit, wo ich mit Arnold und Herrn von Hartwig bekannt wurde, und gedachte mancher ernſten Geſpräche. Der liebe Gott erhört entweder unſere aufrichtigen Bitten oder er giebt Ergebung in ſeinen Willen, hatte Herr von Hartwig ge⸗ ſagt, und als ich das unmenſchlich ſchwer fand, hinzugeſetzt: Mit dem alten Herzen gewiß; wir müſſen erſt um ein neues bitten! Ich faltete unwillkürlich die Hände, ich ſchaute hinauf, ich hatte keine Worte, aber ich bat zum erſtenmale in meinem Leben nicht um Glück und Anſehen in der Welt, ich bat um ein neues Herz. Meine Thränen floſſen heftiger, ich zitterte faſt. O Du Herr dort oben, ich ſtehe ja wie vor einer feſten Wand, ich weiß nicht von einem Glaubensleben, ich ſehe nichts, ich höre und fühle nichts, weiß auch gar nicht wie es anders in mir werden 150 könnte— bin ich denn gottlos und ſchlecht geweſen? ich weiß nur, daß ich unglücklich bin. O Herr, ich weiß, daß Du ein allmächtiger Gott biſt, ſoll ich nicht glücklich ſein, ſo gieb mir denn ein fügſames Herz und gieb mir ein neues Serz, Du kannſt die Blinden ſehend, die Tauben hörend machen, thue mit mir, was Du willſt.— Ich blieb noch lange verſunken in ſolchem Sinnen, ich wollte auch ergründen, warum dieſe ſogenannten gläubigen Leute anders waren als die Leute der Welt, warum ſie ſich glück⸗ lich fühlen können in den engen ſelbſtgeſchaffenen Schranken, die der Welt unbequem erſcheinen. Es blieb mir ziemlich dunkel. Das einzige Verſtändliche in ihrem Leben war mir, daß ſie ſich aufrichtig bemühten die zehn Gebote im Herzen und vor Augen zu haben, und darin beruhte ihre Zuverläſſigkeit, und daß ſie Freude fanden in der heiligen Schrift zu leſen und zu forſchen. Daß Arnold in der letzten Predigt ſagte, wir ſollten innig vorher beten und den heiligen Geiſt um Erleuchtung bei dieſem Forſchen an⸗ rufen, war mir wieder ſo fremd und unverſtändlich. Aber ich will es verſuchen, ſagte ich ſeufzend, es iſt ja ſo vieles Wunderbare in der Welt, ſelbſt im eigenen Herzen ſo vieles Unverſtändliche vielleicht kann ich durch die Mauer dringen. Dieſer Entſchluß, die zehn Gebote vor Augen und im Herzen zu haben und täglich in der Schrift zu leſen, gab meinem armen haltloſen Leben etwas feſten Boden. Als ich zurückkehrte von meiner Wanderung, fand ich meine Angehörigen im Garten, die Tante fühlte ſich ſehr 151 angriffen von dem heißen Tage und fürchtete für den fol⸗ genden Morgen ihr Kopfweh. Zum Abendbrod, wo Ar⸗ nold gewöhnlich unſer Gaſt war, erſchien ſtatt ſeiner nur die Schweſter und erzählte, daß er wieder bei einem Ster⸗ benden ſei. Schon wieder? fragte Tante Adelgunde. Der Herr ſcheint uns eine ſchwere Prüfungszeit ſenden zu wollen, begann Arnolds Schweſter in ihrer überſchweng⸗ lichen Art, drei Leute ſind ſchon am Nervenfieber dahin⸗ gerafft und viele in den letzten Tagen erkrankt, heute Mor⸗ gen hat ſich unſer Nachbar ſammt der Tochter gelegt. Ihre Worte klangen ſo unheilverkündend, daß wir unwillkürlich alle erſchraken. Die Tante ſeufßzte tief und ſagte: Ich bitte Sie aber um alles in der Welt, das Nervenfieber iſt ja anſteckend! Ja wenn es ſo bösartig als bei uns auf⸗ tritt, entgegnete Arnolds Schweſter. Wir übrigen hatten uns bald von unſerm kleinen Schrecken erholt, wir beru⸗ higten die Tante, wir waren alle nicht ängſtlich, das Ner⸗ venfieber war ſchon öfter im Dorfe geweſen, deswegen war es uns noch nie näher gerückt. Die Tante wollte ſich auch beruhigen laſſen, aber Arnold ſollte ihr Morgen das Verſprechen geben, die Kranken nicht zu beſuchen, um uns den Krankheitsſtoff nicht in das Haus zu bringen. Am andern Morgen lag ſie an ihrem gewöhnlichen Kopfweh, ich war ihr zur Geſellſchaft oben geblieben. Sie theilte mir jetzt mit, daß ihr in dieſem Jahre die Luft in Müggedorf nicht zuträglich ſei und ſie ſobald als möglich abreiſen wolle. Daß ich mit ihr ging, verſtand ſich von 152 ſelbſt, ich hatte noch nie daran gezweifelt, und doch war ich jetzt bedenklich. Wie ſollte es dort mit meinen guten Vorſätzen werden?— Aber ſind dieſe Vorſätze ausführ⸗ bar? ſetzte ich muthlos hinzu,— ich hatte ja eben die Bibel vor mir, ich hatte im St. Johannes geleſen, ich fand alles gut und ſchön, aber ich fühlte keine Wirkung auf meine Stimmung, ich fühlte mich nicht getröſtet. Es iſt gar zu ſchwer ein Herz das der Welt angehört dem Herrn zuzuwenden, es ſollte erſt noch mehr Kampf koſten. — Das Leben bei der Tante, hoffte ich, würde mich we⸗ nigſtens zerſtreuen, und war es nicht immer noch möglich dort mein Glück zu machen? Ich wurde im November erſt 24 Jahr, ich war eigentlich eine Thörin, ſchon jede Soffnung aufgeben zu wollen. Von dem Augenblick, wo dieſer Gedanke in mir aufſtieg, wo ich wieder anfing neue Fantaſien zu bilden, fühlte ich mich getröſtet, und ich ver⸗ abredete mit der Tante, ſo bald als möglich abzureiſen; nur wünſchte ich Bruder Fritz, der entfernt von uns Haus⸗ lehrer war und in dieſen Tagen zum Beſuch erwartet wurde, hier noch zu ſehen. Der Tante heftiges Kopfweh hatte zwar nachgelaſſen, doch war ſie mehrere Tage nicht ganz frei davon. Als Fritz angekommen, blieb ſie den Abend mit im Wohnzim⸗ mer, fühlte ſich am andern Morgen aber weit unwohler und konnte das Bett nicht verlaſſen. Der Mutter wurde die Sache bedenklich, der Arzt wurde gerufen und erklärte es für den Anfang des Nervenfiebers. Tina war ſo außer . 153 ſich, daß ſie von jeder Wartung der Kranken ausgeſchloſſen blieb, aber auch ich und Eliſabeth ſollten nicht in das Krankenzimmer, die Mutter und Lottchen übernahmen allein die Pflege. Ich ſaß ſtundenlang im Vorzimmer, um in der Nähe zu ſein und nöthige Sachen herbei zu holen, es war mir auch zu ſchwer, fortwährend mit Arnold und Fritz und Eliſabeth zuſammen zu ſein. Wenn ich hier ganz allein ſaß, nahm ich verſtohlen die Bibel zur Hand, ich wollte es nicht aufgeben mein Heil darin zu finden, ob⸗ gleich ich matt und muthlos war. Der Tante Tod ſchien mir gewiß, ich ſah darin eine Fügung Gottes, mich von der Welt und einem unglücklichen Glücke loszureißen, ich ſollte hier bleiben, ich fügte mich ſeufzend. Fritz war jetzt weniger ungeſchickt im Verkehr mit mir, er war ſo liebreich und brüderlich daß es mein Herz rührte. Eines Tages im vertraulichem Geſpräch ſagte er, daß Arnold und Eliſa⸗ beth mich auf ihren Gebeten trügen und daß er ſich ihnen ernſtlich angeſchloſſen. Ich ſchwieg, aber es war mir faſt unheimlich das zu hören, es war mir als wenn ich nicht mehr frei wäre, mich unter den Einfluß einer fremden Macht gezwungen fühlte. Wenn ich auf der Mutter Wunſch an der Geſchwiſter Spatziergängen Theil nahm, konnte ich nicht anders als mich unbehaglich fühlen. Eines Tages ſaßen wir auf den Steinen des Heidengrabes zuſammen, die roſenrothe Haide umblühte uns, die Buchen glänzten, der blaue Himmel ſtand ſo hoch und weit darüber. Ein bemoſter Stein ver⸗ 154 anlaßte Arnold über die Wunderwelt in den kleinen win⸗ zigſten Mooswäldern zu ſprechen. Fritz und Eliſabeth ſtimmten ein. Sie ſprachen noch mehr von der Schönheit und Lieblichkeit der Erde und von der ſeligen Hoffnung einer weit ſchöneren neuen Erde und eines neuen Himmels. Dieſer Zeit Leiden ſollten nicht werth ſein der Herrlichkeit die an uns ſoll geoffenbaret werden. Sie ſangen ſo ſchöne Lieder dabei und waren ſo unverkennbar glücklich und ſelig. Mir war es als ob ich von einem herrlichen Garten reden hörte, wo Wunderblumen blühten und kriſtallhelle Brunnen rauſchten und Vögel lieblich ſingen und Glanz und Schönheit ohne Maßen iſt, aber ich ſtand wieder an der Mauer, die ſo hoch war als meine Augen reichten, für mich ohne Hoffnung einzudringen. Hätte ich jetzt den Muth gehabt mich auszu⸗ ſprechen und treuen Rath zu hören! Aber ich ſchämte mich, ich ſchwieg, ich lächelte, war freundlich und es war natürlich, daß man mich für kalt und hochmüthig hielt wie zuvor. Die Tante wurde beſſer, ich athmete auf, ich ahnte nicht welch Unglück nun folgen ſollte. Nach wenigen Tagen legte ſich Lottchen, und etwas ſpäter die Multer. Wir ſollten ſie beide verlieren, die Mutter ſtarb noch früher als Lottchen. Ich war in einer ſolchen Betäubung des Schmer⸗ zes, daß ich kaum von den Tagen etwas weiß. Arnold, Fritz und Herr von Hartwig bemühten ſich, mich liebreich aufzurichten und zu ſtützen, ſie fühlten daß ich am meiſten des Haltes bedurfte, und daß ich am meiſten verloren hatte. Der Arzt befürchtete auch für mich das Rervenfieber, der — 1 vicehe 155 Typhus hatte ſich nun völlig im Dorfe ausgebildet, auch auf Schloß Müggeburg und ſeinen wenigen Arbeitshäuſern ſah es traurig aus. Ich war in großer Aufregung, des Nachts konnt ich nicht ſchlafen, es war mir ſo ſchaurig zu Sinne, ich ſagte nichts von meiner Qual, aber ſelbſt am Tage konnte ich nicht allein ſein, und wenn ich mich in liebreicher Nähe fühlte, ſchlief ich vor Ermattung ein. Eli⸗ ſabeth war für mich ein Räthſel, ſie war ruhig und getroſt, ſie hatte ſo viel Leiden für mich, für die beiden jüngeren Geſchwiſter, ja ſie ſorgte für den ganzen Haushalt. Ich ſagte mir wohl, Eliſabeth hat am wenigſten verloren, ſie war mit ihrem Herzen, mit ihrem ganzen Leben ſchon aus dem elterlichen Hauſe hinaus, Arnold war ihr ſchon mehr als die Mutter; aber ich mußte mir auch ſagen, daß es noch etwas anderes war„was ihr Kraft und Troſt und Freudigkeit gewährte. Sie fühlte ſich nicht ſo getrennt von den Verſtorbenen, bei ihr war es nicht die unheimliche, ſchaurige Macht des Todes, die plötzlich in unſer harm⸗ loſes Familienleben gedrungen, es war der Herr, der lieb⸗ reichſte und treueſte Sorger und Hüter unſeres Glückes und Heils; ſie war ſo überzeugt, es war nur ein Liebesrath der dieſes Kreuz über uns verhängt, und Mutter und Tante waren ja ſelig, ſie waren entrückt aller Noth, aller Müh⸗ ſeligkeit, ſie waren dort oben in der Herrlichkeit. Sie konnte ſo ſchön darüber reden, ich hörte es ſo gern, wenn Arnold und Fritz und Herr von Hartwig einſtimmten, ich fühlte es ſo mächtig, daß ſie nicht in einer ſchwärmeriſchen 156 ſelbſtgemachten Welt lebten,— nein die hält nicht aus in Noth und Tod, ich fühlte es, daß ſie in der Wahrheit lebten und es kam mir zuweilen eine Ahnung von der Kraft, von dem Reichthum eines Lebens im Glauben. Aber ich ſtand doch immer noch vor der Maucr. Kurz ehe die Mutter ſtarb, hatte ſie und Lottchen das heilige Abendmahl empfangen. Die Mutter war noch ein⸗ mal bei völliger Beſinnung, ſie nahm auch von uns Ab⸗ ſchied, ſie ſegnete uns, für mich ſchien ihre Liebe und Sorge am größeſten, ſie drückte mich ſo innig an ihr Herz und verhieß mir Frieden und Seligkeit. Auch zu Lottchen in das Rebenzimmer traten wir während der heiligen Hand⸗ lung, ſie lebte noch nicht wie die Mutter in der vollen Zuverſicht des Glaubens, ſie ließ ſich mehr von den an⸗ dern mitnehmen, aber ſie ſprach mit ſolcher Demuth das Sündenbekenntniß leiſe nach, ſie wollte ſo ganz allein auf die Gnade des Erlöſers ſich verlaſſen, daß der Herr ihr der Spätgedungenen den Groſchen nicht verweigert haben wird. Mir waren dieſe beiden Sterbebetten eine neue Macht, die an mir arbeitete, ohne daß ich es recht zu verſtehen ſuchte. Als die erſten Trauertage vorüber waren und ich mich körperlich etwas erholt hatte, beriethen wir gemeinſchaftlich, was aus uns Kindern werden ſollte. Frau von Hartwig, die in unſerer Trübſal mit Rath und That uns beigeſtan⸗ den, obgleich ſie perſönlich in der Nähe ihres immer mehr hülfsbedürftigen Mannes ſein mußte, war bei dieſen Be⸗ rathungen die Hauptperſon. Ich und Eliſabeth ſollten den 157 Winter zu ihr, Minna zu Arnold und der Schweſter, Karlchen mit Fritzens Hülfe in eine Penſion. Zum Früh⸗ jahr war Eliſabeths Hochzeit angeſetzt, ich ſollte dann mit auf die Pfarre ziehen. Dies brüderliche Anerbieten von Arnold that mir zwar wohl, aber es anzunehmen war mir unmöglich. Ich konnte ihnen nichts anders als eine Laſt, eine Störung ihres Glückes ſein. Minna war ein halbes Kind, eigentlich von Arnöld gebildet, und trotz ihrer brün⸗ netten Abſtammung ein inniges einfaches Mädchen gewor⸗ den, ſie paßte recht gut in den jungen Haushalt und da Arnolds Schweſter zu ihrer Mutter zurückkehrte, konnte ſie auch Eliſabeth eine Hülfe ſein. Meine einzige Zuflucht war Tante Adelgunde, mein Hingehen zu ihr erſchien mir zwar wie eine Verſtoßung aus der Heimath und von lieben Menſchen, aber ich hoffte in meinem Wahn, daß mir das Leben dort leichter ſein würde als hier. Die Tante war am Todestage der Mutter abgereiſt, eigentlich ſchon mit dem Verſprechen, daß ich bald folgen würde. Dabei ſollte es bleiben. Meine Geſchwiſter willigten ein und zwar ohne erſt in mich zu dringen, nur Fritz verſicherte treuherzig, der Zeitpunkt würde kommen, wo ich ein Leben bei der Tante Adelgunde nicht ertragen könnte. In dieſen Tagen hörte ich zum erſtenmal von den traurigen Zuſtänden auf dem Schloſſe. Frau von Mügge⸗ burg hatte ſich ſchon vor der Mutter Tode gelegt, und als wenige Tage ſpäter die Köchin und der Kammerdiener plötzlich ſtarben, war Herr von Müggeburg voll Entſetzen —————————————— 158 abgereiſt. Nach zwei Tagen kehrte er zurück, er fühlte wohl, daß er Eugenien nicht allein laſſen könnte; jetzt lag er ſelbſt krank, und wie der Arzt verſicherte, nicht unbedenklich. Die bleiche Oetoberſonne ſchien zwiſchen grauen zie⸗ henden Wolken, unter meinen Füßen rauſchte das feuchte abgefallene Laub, ich ging den bekannten Weg durch den Park nach dem Schloſſe zu. Die Zeit, wo ich von Ju⸗ gendluſt und Glück getragen hier wandelte, ſchien mir ſo weit, ſo weit in der Vergangenheit zu ruhen, jetzt ging ich eine Verlaſſene, eine Trauernde Eugenien zu tröſten. Zu Hauſe hatte ich nichts von dieſem Gange geſagt, der Entſchluß hatte mich erſt Kampf gekoſtet, und ich mußte das in mir allein abmachen. Ich trat in das Portal, alles war ſtumm, ich eilte die breiten einſamen Treppen hinauf, ich ſtand tief Athem ſchöpfend ſtill. Ich trat in den Vor⸗ ſaal, alles war einſam und verlaſſen. Leiſe öffnete ich die Thür zum Wohnzimmer, hier fand ich Eugenien. Sie ſtand am Fenſter die Stirn an die Scheiben gelehnt; ſie wandte ſich, ich blieb zögernd ſtehen, bis ſie mich erkannte und zu mir eilte. Wir weinten beide. Arme Anna, Du biſt jetzt eine Waiſe, ſagte ſie. Und ich, fügte ſie nach einer Pauſe ſchluchzend und flüſternd hinzu, werde es viel⸗ leicht auch bald ſein. Du wirſt aber nicht einſam und verlaſſen ſein, wollte ich ſie tröſten. Nicht einſam? ſagte ſie und erzählte mir nun, daß ſelbſt Rudolf aus Furcht vor Anſteckung ſich zu kommen weigerte. Der Gärtner, der einzige Pfleger des Vaters, hatte ſie heut Morgen auch ver⸗ 159 laſſen, ſie war augenblicklich ganz rathlos und wartete auf den Arzt, daß er Hülfe ſchaffen ſollte; es war aber ſchon ſpät und ſein Kommen ungewiß. Kommt er nicht, muß ich allein wachen, ſagte Eugenie. Wenn ich nur jemand bei mir hätte, ſetzte ſie zögernd hinzu. Ich verſtand dieſe Frage, aber es war mir ſo ſchaurig, ich konnte die Nacht nicht mit ihr allein in dieſen großen ſtillen Räumen zu⸗ bringen. Es wurde ſchon dämmrig, es trieb mich fort, und doch konnt ich mich nicht entſchließen. Die Thür nach dem Krankenzimmer ſtand offen, Eugenie ging ab und zu. Wer wird dieſe Nacht bei mir wachen? hörte ich den Kran⸗ ken mit ſchwacher Stimme fragen. Ich, lieber Vater, ſagte ſie. Er ſeußzte laut. Sie kam jetzt zu mir zurück, ſie hatte die Hände feſt zuſammen geſchloſſen und ſah ſich un⸗ ruhig um. Da öffnete ſich leiſe die Thür,— wir fuhren zuſammen,— es war eine hohe Geſtalt,— es war Herr von Hartwig. Er reichte Eugenien die Hand und bot ſich als Krankenpfleger an. Sie hatte ihren Kopf an meine Schulter gelegt und weinte vor großer Bewegung. Er ſtand gelaſſen bei ihr, bis ſie ſich geſammelt hatte. Dann ging ſie voran in das Krankenzimmer und er folgte, ich ging unwillkührlich mit bis an die Thür. Eugenie kniete an des Vaters Bett, ſie ſprach leiſe zu ihm,— da ſah ich ſeine heftige Bewegung, er ſtreckte dem Kommenden beide Hände entgegen. Sie wollen wirklich hier bleiben? fragte er unter lautem Schluchzen. Ich war faſt erſchrocken, ich hatte nie geglaubt, daß ein ſolcher Mann weinen könne⸗ ————— 160 Jetzt war es mir nicht mehr ſchaurig und bange hier, es war als ob ein Geiſt des Troſtes und der Zuverſicht mit Herrn von Hartwig eingezogen war; ich hätte nun auch bleiben können, aber ich war nicht nöthig. Eugenie konnte in das Krankenzimmer der Mutter gehn, und da dieſe eigentlich auf der Beſſerung war, auch ruhig ſchlafen. In den nächſten Tagen hatte ich mit Eliſabeth und Arnolds Schweſter das traurige Amt des Aufräumens im Hauſe. Das Haus gehörte Herrn von Müggeburg, wir hatten die Erlaubniß für jetzt die Sachen darin zu laſſen, und räumten nur ein Zimmer für Leute, die als Wächter darin wohnen ſollten. Mit dem Packen zugleich rüſtete ich mich zur Abreiſe, Fritz war mit Karl ſchon mehrere Tage fort. Es war der letzte Tag, meine Koffer ſtanden gepackt, Minna und Eliſabeth hatten ihre neue Heimath ſchon be⸗ zogen, aber heute ſollten wir zuſammen auf der Pfarre ſein, ich ſollte auch dort ſchlafen und morgen früh von dort abreiſen. Die Schweſtern waren auf meinen Wunſch voraus gegangen, ich wollte erſt von Eugenien und Frau von Hartwig Abſchied nehmen und ſpäter folgen. Ich war jetzt allein in meinem früheren Schlafzimmer, Lottchens Sterbezimmer, es war ein trüber Tag, der Wind fegte zwiſchen den letzten geknickten Georginen und tobte mit dem Laube in den kleinen Wegen und auf der Straße vor dem Garten. Noch einige Minuten und du haſt keine Heimath mehr, ſagte ich mir mit tiefem, tiefem Herzweh, du ver⸗ läßeſt das Haus, das dich gehegt und geborgen, darin du 161 ſo ſehr glücklich wareſt. Ich verſenkte mich in dieſe Stim⸗ mung und hatte nicht Muth und Luſt, Troſt zu ſuchen. Ich verließ das Zimmer, verließ das Haus, unter der Weinlaube ſtand ich noch einmal ſtill, dann ging ich jeden Weg im Garten, dann durch den Wald und Park nach Müggeburg. Im Schloſſe war es immer noch einſam und lautlos, ich wußte aber ſchon, daß es mit beiden Kranken beſſer ſtand, überhaupt hatte die Krankheit auch im Dorfe einen milderen Charakter angenommen, und Arnold hatte Zeit, und hatte ſich erboten an der Pflege des Herrn von Müggeburg theilzunehmen.— Ich öffnete leiſe die Thür nach dem Wohnzimmer, aber blieb zaudernd an der Thür ſtehen. Im Fenſter ſaßen Eugenie und Herr von Hartwig nebeneinander, ihr Kopf ruhte an ſeiner Schulter, er ſchien ihr etwas vorzuleſen. Sie ſtanden beide auf, Eugenie tief erröthend, v wie gern wäre ich einer Erklärung ausgewichen. Lieber Werner, komm doch her! rief jetzt Herr von Mügge⸗ burg im Nebenzimmer. Herr von Hartwig verließ uns augenblicklich, ich umarmte Eugenien mit verhaltenen Thrä⸗ nen, ſagte ihr haſtig Lebewohl und eilte fort. An der Brüder⸗Eiche vorbei und am Heidengrab führte mich mein Weg, überall verweilt ich einige Minuten, und doch trieb es mich auch fort. Das liebreiche, mütterliche Weſen von Frau von Hartwig that mir ſo wohl, am lieb⸗ ſten wäre ich hier den letzten Abend geblieben, aber Arnold wünſchte mich auf die Pfarre, ich hätte es nicht gewagt, und auch nicht gewollt, ihm das abzuſchlagen. Als er um Die alte Jungfer. 2. Aufl. 11 162 andern Morgen am Poſtwagen von mir Abſchied nahm ſagte er: Liebe Schweſter Anna, wenn Du Sehnſucht nach einer Heimath haſt, Du weißt es, wo Du ſie finden ſollſt. Er ſagte es ſo brüderlich, ſo bewegt, ich beſtieg unter Thränen den Wa⸗ gen. Spät Abends kam ich bei der Tante an, die lange Fahrt durch öde Felder und Wälder, bei Sturm und Regen, hatte mir Zeit genug zu vielen traurigen Gedanken gelaſſen. Wie leicht deuchte mir dagegen das gewohnte Leben bei der Tante. Sie ging von der Idee aus nur angenehme Dinge mit mir zu beſprechen, mich zu zerſtreuen und mir das Leben behaglich zu machen. Es half auch für den Augenblick recht gut.— Von Bällen und großen Geſell⸗ ſchaften war ich durch meine Trauer befreit, ſo weit würde das Zerſtreuungsſyſtem der Tante auch nicht gereicht haben, um mir die Theilnahme an ſolchen Dingen jetzt möglich zu machen. Einige Kränzchen oder kleine Kaffee⸗ oder Thee⸗ geſellſchaften füllten die Tage, und dieſe Alltäglichkeit hat einen gewiſſen Zauber der Beruhigung oder gelinder Be⸗ täubung, in dem man leicht zu dem Wahne gelangt, das Leben beſtehe nur um Kaffee oder Thee zu trinken, Whiſt zu ſpielen, ſich an⸗ und auszukleiden, und allen Unannehm⸗ lichkeiten ſo weit als möglich aus dem Wege zu gehen. Die Tante vertraute ſich eben dieſem Zauber der Beruhigung. Wenn ich nur nicht gewußt hätte welch ein Jammer dahinter ſteckte, welcher Aberglauben, welche Bangigkeit und Todes⸗ furcht. In meinem Mädchenkränzchen wurde ich immer mehr die Hauptperſon, ich leitete die Lertüre und die Unter⸗ 163 haltung, und mein Bemühen einen beſſeren Ton darin ein⸗ zuführen war nicht ohne Erfolg geblieben. Ich machte ſo⸗ gar, als das Kränzchen einmal bei mir war, den Vorſchlag, wir wollten für Arme nähen und die Sachen an einen Frauenverein abliefern. Tante Adelgunde aber war außer ſich darüber, ſie fürchtete wir würden in den Ruf von Pie⸗ tiſtinnen kommen, ich mußte den Plan aufgeben.— Geſpräche von Verlobungen und Heirathen ſpielten natürlich eine Hauptrolle bei uns, und kurz vor Weihnachten machte uns die Verlobung ſunſeres älteſten Kränzchen⸗Mitgliedes viel zu ſchaffen. Die Braut war 28 Jähre alt, die Tochter eines Majors der außer ihr noch viele Kinder hatte, ſie war in ihrer Jugend ein mal ordentlich und mehrere Mal beinahe verlobt geweſen, und hatte jetzt einen ſoliden nicht mehr jungen Juſtizrath zum Bräutigam. Er iſt aber eines Schneiders Sohn hieß es,— ſeine Familie iſt ganz ordi⸗ när,— er iſt auch ſo häßlich,— und ſo pedantiſch. Die Mädchen konnten nicht darüber fertig werden, und als die Braut zum erſtenmal unter uns erſchien, gab es erſt etwas Verlegenheit von unſerer Seite. Von ihrer Seite aber gar nicht. Im Gegentheil, ſie that überſchwänglich glücklich, ſie ſchilderte ihres Mannes Stellung, ſeinen Gehalt, ſeinen Um⸗ gang mit litterariſchen Leuten und reichen Kaufleuten. Mit dem Herrn Weber hatte er ein Muſikkränzchen, und Herr Weber hatte Equipage und ein Landhaus für den Sommer — eine herrliche Ausſicht. Was hilft mir ein adliger Name, wenn ich dabei hungern muß und vielleicht als 164 unglückliche Geſellſchafterin mein Lebensende erreiche? ſchloß ſie ganz naiv, und die Mädchen waren alle überzeugt, daß es unter allen Umſtänden ein Glück ſei ſich zu verloben, und obgleich ich ſehr ruhig that, war ich nicht weniger ſchwach als die andern. Beſonders war es mir nicht ganz leicht zu hören, daß Herr Weber, dem ich einen Korb ge⸗ geben, als ein Mann genannt wurde, mit dem es wün⸗ ſchenswerth war umzugehen. Tante Adelgunde, der ich den Abend von dieſen Geſprächen Bericht erſtattete, war ſelbſt etwas ſtutzig. Ein Major von Adel ſucht Umgang mit einem Kleinhändler! ſagte ſie ſeufzend, das Geld verſchafft ſich immer mehr Anerkennung in der Welt, man darf doch ſolche Partien künftig nicht geradezu von ſich weiſen.— Es gab aber nichts von uns zu weiſen, Herr Weber hatte bald nach dem erhaltenen Korbe geheirathet und als meine Freundin, die Frau Juſtizräthin, mich im Frühjahr, eines Tages wo ich ſicher war den Beſitzer dort nicht zu treffen, mit nach dem herrlichen Landhauſe nahm, fand ich dort eine Wärterin, die ein Kind mit einem langen geſtickten eng⸗ liſchen Kleide auf den Armen trug. Aehnlich dem eleganten Kinde war der ganze Zuſchnitt des Landhauſes. Schöne Möbel und Teppiche, Veranden und Treibhäuſer, alles ganz neu, und wie meine Freundin ſagte, nur in der Abſicht eingerichtet um vornehmen Umgang zu haben. Ich kam den Tag zu der Ueberzeugung, daß es gar ſo übel nicht wäre ein Vernunftheirath zu thun; wenn der Mann brav und ehrenwerth, und dabei gut ſituirt in der Welt, waren 165 die Hauptbedingungen zum Glücke erfüllt. Mädchen, die einmal den Gedanken gefaßt haben, daß Heirathen jedenfalls ein Glück ſei und Alleinbleiben ein Unglück, werden mit jedem Jahre thörichter, und könnten mit jedem Jahre eine unvernünſtigere Wahl treffen. Meine Thorheit merkte mir niemand an, ich galt für ein geſcheites und vernünftiges Mädchen, und man wunderte ſich nur, daß ich noch nicht verheirathet war. Ich wunderte mich ſelbſt, doch ging der Winter vorüber, der Sommer ebenſo und der nächſte Win⸗ ter, man fand mich liebenswürdig, ich machte auch hin und wieder Bekanntſchaften, aber ſtets ohne Reſultate. Schon im Vor⸗Frühjahr nach der Mutter Tode war in aller Stille Eliſabeths Hochzeit, wir reiſten nicht hin, ſo wat s gleich verabredet. Im Sommer darauf heirathete Eugenie, ich ſah meine Heimath nicht wieder als im nächſten Frühjahr, und zwar bei der Taufe von Eliſabeths erſtem Töchterchen. Ich hatte jmich nicht nach der Heimath ge⸗ ſehnt, die ernſten und ſchaurigen Eindrücke meines letzten Dortſeins konnte ich nicht vergeſſen, und außerdem fürchtete ich ſehr aus dem Zauberkreiſe der Beruhigung zu kommen. Aber ich hatte mich getäuſcht, ich fand nicht ernſte, betrübte Geſichter, nein ſehr frendenvolle; es war nicht ſtürmender October, es war ſchöner Frühling, und wir fünf Geſchwiſter fanden uns in einem lieblich umblühten Pfarrhauſe zuſam⸗ men— und Fritz kam nicht allein, er brachte, ein glück⸗ licher Bräutigam, ſeine jugendliche Braut mit ſich. Minna war jetzt 17 Jahr, ein friſches blühendes Mädchen, die mich — 166 in ihrer Lebendigkeit mit ſchwärmeriſcher Liebe umfaßte. Aus dem kleinen Karl war ein unterſetzter Junge geworden, bei⸗ nahe etwas zu vernünftig und ruhig, aber fleißig und klug und ſeinen älteren Geſchwiſtern mit treulicher Liebe ergeben. Und Arnold, wie war er? Ich hatte ihn nie ſo ſelig geſehen. Ich bin euer lieber Bruder und ihr ſeid alle meine lieben Brüder und Schweſtern, ſagte er am erſten Abend, als wir alle um den runden Tiſch verſammelt ſaßen, fröhlich: Und Dich, Anna, wandte er ſich zu mir, Dich laſſe ich diesmal lange nicht fort, Tante Adelgunde mag ſich allein langweilen. Ach ja, ſagte ich aufrichtig, bei euch iſts wohl ſchöner. Da nahm er meine beiden Hände, ſah mir ſo innig und beweglich in die Augen und ſagte: Anna, die Zeit wird kommen, wo Du gern bei uns biſt. Ich mußte mich zuſammennehmen meine Thränen zurückzuhalten. Ja, ich fühlte mich glücklich, ſeit langer Zeit zum erſtenmal glücklich. Dieſe Fluth von Liehe und Wärme und Aufrichtigkeit und Lebendigkeit rüttelte mich aus dem Zauber der Beruhigung meines ganz oberflächlichen, zeit⸗ und geiſttödtenden geſelligen Lebens in der Stadt. Am Abend vor der Taufe ſtand ich am offenen Fenſter, es war Ende April, der Mond zog auf dunkelblauem klarem Grunde, laue Luft und der Duft von den erſten blühenden ſüßen Kirſchbäumen umwehten mich, die Linden an der Seite falteten eben ihre erſten zarten Blätter auseinander, unter mir im Fliedergebüſch ſchlug eine Nachtigall, und Fleder⸗ mäuſe ſchwirrten an mir vorüber und um den kleinen ſpitzen 167 Schieferthum der Kirche. Auguſte, Fritzens Braut, und Minna ſchliefen neben mir, unten aus der Kinderſtube drang der leiſe ſingende Ton der Wärterin. Ich ſtand mit ge⸗ falteten Händen, es war mir ſo wunderbar wohl und fried⸗ lich in der Seele, es war mir als ob die Mauer, die mich ja immer noch beſchränkte und bedrückte, vor meinen Augen niederſtürzen könne. War es der Frieden des kleinen Pfarr⸗ hauſes, der Geiſt der darin lebte, die ganz neuen Umge⸗ bungen, was mein Herz ſo plötzlich bewegte? Die Scheu, die ich ſtets vor Arnold empfunden, war einem ſchweſterlichen Vertrauen gewichen, und ich würde mich jetzt bereit gefühlt haben, dem wunderbaren Einfluß, den er von Anfang an auf mich übte, nicht mehr zu widerſtehen. Wenn ich hier geblieben, oder wenn ich dieſer erſten Bewegung gefolgt wäre und hätte Arnold mein Herz einmal aufgeſchloſſen, ihm gezeigt mein Ringen und Sehnen, meine Armuth und Unwiſſenheit? Wie ſollte ich aber das? Es war mir unmög⸗ lich. Nur den feſten Entſchluß faßte ich von neuem dieſen Abend, wirklich regelmäßig in der Schrift zu forſchen, und zwar mit demüthigem Gebet, und die Zeit des Zuſammen⸗ ſeins mit meinen Lieben zu benutzen zum Aufmerken auf den Weg, der mich zum Glaubensleben führen könne. Am folgenden Tage ſtand ich mit Herrn von Hartwig Gevatter. Er kam allein, ſeine Mutter war unwohl, und Eugenie hatte der ſchnellen Aufforderung der ihrigen, ſie nach einem fremden Arzte zu begleiten, den ſie wegen eines Bruſtſchadens befragen wollte, Folge leiſten müſſen. Ich 168 war ſo ſchwach mich nicht nach ihr zu ſehnen, ich fürchtete alle Erinnerungen an die Vergangenheit müßten meiner fried⸗ lichen und glücklichen Stimmung gefährlich werden; ich war auch ſo ſchwach weder unſer elterliches Haus noch Mügge⸗ burg aufzuſuchen, nur einmal war ich im Waldſchlößchen und einmal im neuen Hauſe unten auf dem Gute, das Eugenie mit ihrem Gemahl bewohnte. Ich beſchränkte mich ganz auf die Pfarre, auf die Kinderſtube, auf den Garten und auf den Kirchhof. An den Gräbern von Lottchen und den Eltern war ich gern, es war mir jetzt nicht bange und ſchaurig, es war aber auch lieblicher Frühling um mich her und überall Auferſtehung, Leben und Freude.— Eines Abends ſaß ich mit Fritz am Grabe der Mutter, er ſprach ſo zuverſichtlich von ihrem Leben, von unſerem Widerſehen, daß ich unwillkührlich ſeufzen mußte. Anna, daran zwei⸗ felſt Du nicht? fragte er mich warm. Ich zweifle nicht, war meine Antwort, das würde troſtlos ſein; aber es iſt mir eine ganz unbeſtimmte Hoffnung, ſie iſt nicht Leben in mir, ich vermeide es, mich darin zu vertiefen. Anna, haſt Du das ſiebzehnte Kapitel im Johannes geleſen? Das habe ich.— Und die Hoffnung iſt noch eine unbeſtimmte? — Ich ſchwieg. Er nahm ein kleines Teſtament aus der Taſche, ich lehnte mich an ihn, er las das 17. Kapitel.— „Das iſt aber das ewige Leben, daß ſie dich, daß du allein wahrer Gott biſt, und den du geſandt haſt, Jeſum Chri⸗ ſtum erkennen.— Und nun verkläre mich du, Vater, bei dir ſelbſt mit der Klarheit, die ich bei dir hatte, ehe die 8 169 Welt war.— Vater, ich will, daß, wo ich bin auch die bei mir ſeien, die du mir gegeben haſt; daß ſie meine Herr⸗ lichkeit ſehen, die du mir gegeben haſt, denn du haſt mich geliebet, ehe denn die Welt gegründet war.“— Ja, in den Worten lag ein wunderbarer Reichthum und alles was meinem armen Glaubensleben fehlte: der Herr Chriſtus wirklich Gottes Sohn, war bei dem Vater ehe die Welt erſchaffen, die Liebe des Vaters ſendet ihn uns zu erlöſen, uns wieder zu erwerben das verlorene Paradies: auf einer neuen, ſchönen verklärten Erde ſollen ſeine Gläubigen mit ihm leben und mit ihm die Herrlichkeit des Vaters ſehen ewiglich. Dies iſt eine beſtimmte Zuverſicht, die reich und hell machen kann unſer armes kurzes Erdenleben; was wa⸗ ren dagegen meine vagen Bilder der Ewigkeit, die wie Ne⸗ bel zerfloſſen, wenn ich ſie näher betrachten wollte, und mir freilich weder Erſatz für ein verfehltes Leben noch Troſt in Leiden und Einſamkeit gewähren konnten. Anna, fuhr Fritz fort, entweder iſt es wahr, was der Herr in dieſem Gebete ſo deutlich ausgeſprochen hat: er war bei dem Vater von Ewigkeit, er kam aus ſeinem Schvoße unſer Heiland zu ſein, und kehrte zurück, nachdem er das Erlöſungswerk vollbracht hat, zum Vater mit dem Gebet: Vater ich will, daß wo ich bin, auch die bei mir ſeien, die du mir gegeben haſt, und auch die, ſo durch ihr Wort gewonnen werden!— entwederj das iſt alles wahr, oder der Herr Chriſtus iſt ein Lügner und Betrü⸗ ger.— Nein, mußt ich entgegnen, das wagen ja die 170 ſchlimmſten Rativnaliſten nicht zu ſagen. Sie ſagen, ſiel mir Fritz in das Wort: der Herr Chriſtus iſt ein vor⸗ züglicher Menſch geweſen, ſeine Lehre iſt der Menſchheit zum größten Segen geworden, und das iſt eben die Verwir⸗ rung ihrer ganz armſeligen Lehre; wie kann ein vorzüg⸗ licher Menſch, ein Menſch ohne Fehler, ſo hochmüthig ſein und ſich ſelbſt Gottes Sohn nennen, ſagen, daß er eher als die Welt war, und daß er ſein Blut vergießen muß zur Vergebung für Viele?— Ich war geſcheit ge⸗ nug das einzuſehen: entweder iſt der Herr Chriſtus die Wahrheit und das Leben, oder— ja was? es gab keinen Ausweg; es gab auch gar keine Veranlaſſung, an den Worten des Herrn zu zweifeln,— und warum auch ſich ſträuben gegen ſo ſelige Verheißungen eines ewigen Lebens dort oben in der Herrlichkeit des Vaters? Anna, ſagte Fritz, Du weißt es wie glücklich ich bin, die ganze Welt deucht mir ſo wunderlieblich und ſchön und voller Glück und Freude, mein Glaube erfüllt mich mit Zuverſicht und Seligkeit, ich habe eine Braut, die mit mir denſelben Glau⸗ ben theilt, ich werde bald mit ihr in einer Pfarre ſein und dem ſchönſten Berufe leben, den es hier in der Welt giebt. Aber ſoll ich glauben, daß ſich das Leben mir immer nur von dieſer freundlichen Seite zeigen wird Nein, ich weiß es im voraus, es werden äußere und innere Kämpfe kommen, Zeiten wo mein Glaubensleben matt iſt, wo mein Beruf nur Dornen bringt, und vielleicht auch Kreuz im Hauſe zu tragen iſt, aber ich weiß es, ich vertraue 171 meinem Herrn, daß er mir die Kraft geben wird zu ſagen? Denn ich halte es dafür, daß dieſer Zeit Leiden der Herr⸗ lichkeit nicht werth ſei, die an uns ſoll geoffenbaret wer⸗ den.— Du biſt ein glücklicher Menſch, ſagte ich ſeufzend. Weißt Du warum es ſo viel Rationaliſten giebt? fuhr er fort: die ſeligen Verheißungen des Glaubens für wahr zu halten, würden ſich die meiſten Menſchen nicht ſträuben, ſie müſſen aber, wenn ſie den Verheißungen glauben, auch die Drohungen fürchten. Die meiſten Menſchen denken aber: mit dem Sterben hat es Zeit, und die Ewigkeit iſt weit, und die Gegenwart läßt ſich beſſer auf dem breiten Wege als auf dem ſchmalen Wege genießen. Um das zu können, muß ihnen natürlich ihre alte Sündenluſt helfen ſich eine vernünftige Religion zu machen, das heißt eine Religion die dem irdiſchen Lebensgenuß keine unbequeme Schranken ſetzt. Daß dieſe Religion eben voller Verwirrung und Widerſprüchen iſt, hindert nicht, nein es iſt gerade ſehr angenehm, ein jeder kann ſich daraus nehmen und machen was er will, was ihm gerade nöthig iſt. Sie ſagen in der Bibel ſteht zwar viel Schönes und Gutes, es iſt nur thöricht ſie für Gottes Wort zu halten, alles wörtlich zu nehmen; mit dem jüngſten Gericht und mit der Seligkeit und mit der Verheißung einer neuen Erde und eines neuen Himmels befaſſen ſie ſich nicht, und meinen auf dieſe Weiſe Gottes Forderungen und Drohungen umſtoßen zu können. Bii Fritzens Geſpräch ſtand mir deutlich die Zeit vor der Seele, wo ich mit Arnold meine erſten Dispute hatte. ℳ 172 O ja, von einer ſeligen ſchönen Ewigkeit hätte ich mir von ihm ſchon erzählen laſſen, wenn er mir nur erlaubt hätte, dabei meinen thörichten Fantaſien zu folgen, meiner Eitel⸗ keit, meiner Weltliebe, meiner Vergnügungsſucht. Wenn es nur auf einem ſo ſchmalen, engen, beſchwerlichen Wege zu dem Himmel geht, ſo iſt's ein Unſinn, dachte ich alt⸗ klug; da war meine ſelbſtgeſchaffene Religion, die ich meinen Gottesglauben nannte, weit vernünftiger. Der liebe Gott war da ſo gutmüthig, daß er Nachſicht hatte, man konnte die zehn Gebote ſich nach ſeinem Behagen auslegen und, weil man nichts Schweres und Unbequemes von ſich for⸗ derte, ſich für außerordentlich tugendhaft halten, und zur Belohnung dieſer Tugend Glück und Ehre und Reichthum und dann ſchließlich ein poetiſches und äſthetiſches und ne⸗ belhaftes Fortleben nach dem Tode fordern. Dieſe Ver⸗ nunftreligion hat es übrigens ſo klüglich eingerichtet, daß ihre Gläubigen fortwährend mit der Gegenwart und mit der Welt Händeln und der Welt Glück beſchäftigt ſind, und gar nicht Zeit haben an die Ewigkeit zuſ denken, bis in den Zeiten der Noth und des Todes, wo dann die Karten⸗ häuſer zuſammenfallen, wo Gottes Drohungen fühlbar wer⸗ den und Gottes Verheißungen hinter einer unüberſteigbaren Kluft oder Mauer ruhen.— Fritz ſchenkte mir dieſen Abend ſein kleines neues Teſtament, ich mußte ihm auch das Verſprechen geben, wenn er wirklich ſo bald als er hoffte, eine Stelle erhielte und im Herbſt noch heirathen könnte, längere Zeit zu ihm zu kommen. Er reiſte mit Auguſten 173 am folgenden Tage ab, und ich ſehr bald darauf. In Müggedorf länger zu bleiben, hatte ich keine Veranlaſſung, Minna war Eliſabeth hinlänglich zur Hülfe, ich würde hier überflüſſig geweſen ſein, und die Tante beſtürmte mich mit Aufforderungen zur Rückkehr. Von meinen älteren Bekannten zu ſprechen hatte ich eigentlich vermieden, aber doch gelegentlich manches hören müſſen. Herr von Müggeburg lebte mit ſeinem Schwieger⸗ ſohn auf einem höflichen, aber ziemlich fremden Fuße. Er hatte damals in der Zeit der eigenen Todesgefahr ſeine Einwilligung zu Eugeniens Verbindung gegeben, aber die Hartwigſche Richtung blieb ihm nach wie vor fremd und widerwärtig. Ebenſo verkehrte er mit Arnold höflich und freundſchaftlich, und von einer innerlichen Annäherung war keine Rede. Frau von Müggeburg war viel mit Eugenien und deren Schwiegermutter zuſammen, ſie ging fleißig zur Kirche, ſchloß ſich auch nicht von ernſten Geſprächen aus, ja ſie verſicherte, jeden Morgen mit ihrer Jungfer etwas Erbauliches zu leſen, ihr Leben aber und ihr ganzes We⸗ ſen blieb das alte. Wie es mit Eugenien ſtand, ſollte ich mich ſelbſt bei dem einen Beſuche den ich ihr machte über⸗ zeugen, ſie war jetzt im Glück wieder kindlicher und friſcher als in den letzten Jahren, und ihre Blicke hingen an den Vertrauen erweckenden Augen ihres Mannes. Sie erzählte mir, ſie zanke ſich noch ſehr viel mit ihm, habe aber noch nie Recht bekommen, und das ſei ihr lieb, denn ihr Glück wachſe mit der Ueberzeugung, daß ihr Mann verſtändiger —.———— und klüger und beſſer ſei als ſie, und daß ſie einen Halt und eine Stütze habe auf dem Lebenswege. Gegen mich war ſie dieſelbe innige liebevolle Freundin. Sie hätte mir ſo gern noch mehr ihr Herz ausgeſchüttet, aber ich fühlte es deutlich, ſie wurde von dem Gefühl zurückgehalten, ſie vürfe der altjüngferlichen Freundin nicht weh thun mit der Schilderung ihres Glückes. Auf dem Rückwege überlegte ich mir, ob nicht ein Gefühl des Reides ſich in mein Herz geſchlichen. Nein, das ſollte es nicht, ich wollte es mit aller Macht daraus verbannen; es war mir nur ein⸗ ſam und weh zu Sinne. Mit Frau von Hartwig, die uns öfter auf der Pfarre beſuchte, hatte ich mich am be⸗ ſten wieder eingelebt, und meine Betrübniß beim Abſchiede von ihr war ohne einen ſtörenden Beigeſchmack. Nach dreiwöchentlicher Abweſenheit, kam ich wieder bei der Tante an. Es war als ob ſie ahnte was in mir vor⸗ gegangen, die Gefahr eines Abfalls von ihr und von ih⸗ tem Beruhigungsſyſteme. Sie begrüßte mich mit Begeiſte⸗ rung, und unſere Freunde ſchienen mit ihr im Bunde, mein Empfang war von allen Seiten höchſt ſchmeichelhaft und es war ſehr natürlich, daß ich zu der Ueberzeugung gelangte, der Tante und meinem Freundeskreiſe hier ſei ich ganz unentbehrlich. Uebrigens war die Gefahr des Abfalls leider gar nicht ſo groß, als ich mir anfänglich ſelbſt dachte. Die Nachricht von Fritzens Pfarr⸗Berufung und ſeine dringende Einladung zu einem längeren Herbſtbe⸗ ſuche ließ mich ſchon ziemlich ruhig; ich war ja hier unent⸗ 175 behrlich und dort nahm man mich doch nur in einer Art Mitleid auf. Ein junges Ehepaar, konnt ich mir denken, war lieber allein, als mit noch einer älteren Schweſter. Gab ich hiermit etwa meine guten Vorſätze auf? mein Su⸗ chen nach Wahrheit und Frieden? Nein gewiß nicht, ich redete mir ernſtlich vor, es in dieſen Umgebungen bei ei⸗ nem feſten treuen Willen eben ſo gut verfolgen zu können, ich ließ mich täuſchen, von meiner Weltliebe und Eitelkeit der es hier allerdings behaglicher war. Wir waren in dieſem Sommer, wie gewöhnlich, erſt in dem Gebirgsdörfchen,— eine Zeit der Ruhe und des Segens für mich; dann reiſten wir nach unſerm Bade. Ich war immer noch 25 Jahr, und bildſchön wie die Tante verſicherte. Bei unſerem erſten Spaziergange auf der Promenade begegneten wir einem getreuen Mitgliede von der Tante Spielkränzchen, der Frau von Bergen. Sie war hier zuſammengetroffen mit ihrem Bruder, dem Ma⸗ jor von Holzenſtein. Ich wußte aus ihren Erzählungen, daß dieſer Bruder als Rittmeiſter in einer entfernten Gar⸗ niſon ein ziemlich wüſtes Junggeſellenleben führe; ihr ſehnlicher Wunſch war, er möchte ſeinen Abſchied nehmen, ſein Gut, welches nur 2 Stunden von unſerer kleinen Reſidenz entfernt lag, bewirthſchaften und ſich verheirathen. Bei den Schilderungen des entzückenden und großartigen Gutes war es mir beinah geweſen, als ob ſie mich zur Schwägerin erkoren, denn ſie unterließ es dabei nicht, die Tante zu verſichern, ihres Bruders Wahl würde nie von 176 Stand und Reichthum geleitet ſein, nur Schönheit und Liebenswürdigkeit ſollten entſcheiden. Bei unſerem erſten Begegnen hier auf der Promenade, wo ſie uns den Bruder vorſtellte, wurde es mir klar, oder ſagte mir mein Ther⸗ mometer, daß ſie es wirklich auf mich abgeſehen, der Bru⸗ der dagegen war ziemlich kühl, und ich merkte deutlich, daß er von der Schweſter Plänen nichts ahne. Gleich den erſten Nachmittag machten wir zuſammenß eine Gebirgspartie, und ich hatte Gelegenheit ihn näher zu prüfen. Seine äußere Erſcheinung war nicht anziehend, aber auch nicht unangenehm. Er war 40 Jahr alt, ſeine Geſtalt nicht hoch, er hatte hübſche blaue Augen und einen wohlgepfleg⸗ ten Bart, ſeine rothe Naſe war etwas bedenklich. Daß ich, obgleich ich weder die Neigung noch den Wunſch hatte, ihn zu heirathen, mit einiger Spannung ſein Betragen be⸗ aufſichtigte, war natürlich, und ebenſo natürlich war es, als ich mir den Abend geſtehen mußte, daß er gegen die Tante und gegen mich höchſt rückſichtslos geweſen. Der Tante Eigenthümlichkeiten reizten ihn fortwährend zum Spott, und die Art, wie er ſich nach meinen Verwandten erkun⸗ digte, und dann über ihre Verhältniſſe ſprach, überzeugten mich, daß ihm Stand und Geld nicht gleichgültig ſeien⸗ Wer kann die Verwirrung des menſchlichen Herzens beſchrei⸗ ben? Der Stolz des Majors hatte mich gereizt, ich nahm an der Geſelligkeit theil, um ihm zu zeigen, daß ich hier etwas gelte. Ich war ja bildſchön, wie die Tante ſagte—. in einem Bade die Hauptſache um eine Rolle zu ſpielen,— 177 wenn auch ohne Reſultate, das wußte ich. Ich erſchien auf dem nächſten thé dansant, gleich dem jüngſten Mädchen, war gefeiert und erreichte meinen Zweck. Der Major for⸗ derte mich allein zum Tanze auf, ich dankte kühl, ich hatte keinen Tanz mehr für ihn. In ähnlicher Weiſe verging die ganze Badezeit, und als wir abreiſten, hatte ich das beſtimmte Gefühl, dem Major nicht gleichgültig zu ſein, ob⸗ gleich er nichts merken ließ und immer ſehr würdevoll und ſtolz mir gegenüber ſtand. Ich kann aber nicht ſagen, daß ich während der Zeit ohne innerliche Vorwürfe geblieben wäre. Auf einſamen Spaziergängen hatte ich mein kleines Teſtament mit, ich habe ernſtlich gekämpft; für Tage konnte ich mich auch zurückziehen von dem troſtloſen Treiben, aber mit dem alten Herzen war nicht viel anzufangen, und ob⸗ gleich ich mir ſagte: es würde doch dein Unglück ſein für dieſe und jene Welt, wenn du den Mann gewönneſt, ſo ſtand daneben wieder das Bild einer reichen und vorneh⸗ men Frau, die es in allen Stücken mit einer Frau von Müggeburg aufnehmen konnte. Die Hochzeit von Bruder Fritz fiel ſchon in unſere Badezeit, ſonſt wäre ich gewiß hingereiſt, in der ungewiſſen Sehnſucht daß der ſchwache neue Menſch in mir nicht immer ſchwächer werden, ſondern ſich wieder ſtärken und kräftigen möchte. Den Entſchluß faßte ich aber ohnedem, in meiner Heimath weder Bälle zu beſuchen noch mich zu ſehr in den Strudel der Geſelligkeit zu ſtürzen, ſondern immer mehr mir den Ruf eines ernſten und ſoliden Mädchens anzueignen. Die alte Jungfer. 2. Aufl. 12 Das äußerlich zu erlangen war nicht ſchwer; wie es aber in meinem Herzen ausſah durfte niemand ahnen, ich ſelbſt würde mir die Wahrheit nicht geſtanden haben, die Hälfte des Winters war kaum vorüber, da fühlte ich mich wieder ganz behaglich in den Kaffee⸗ und Theegeſellſchaften, dieſes alltägliche Hinleben, die vielen angenehmen Zerſtreuungen, die fortwährenden Anregungen und Beftiedigungen der Eitel⸗ keit und des Ehrgeizes nahmen die Zeit ſo bequem und an⸗ genehm in Anſpruch, es blieb mir ſo wenig Zeit zu ernſten Beſchäftigungen. Der Major ſpielte keine unbedeutende Rolle in dieſem Leben, er bewohnte das Gut in der Nähe der Stadt und war oft in unſeren Geſellſchaften zu finden, und wir ſtanden uns in eben ſolcher Spannung gegenüber, als bei der erſten Bekanntſchaft. Als ich meinen 26 jäh⸗ rigen Geburtstag feierte, ſagte Tina zu mir: Ich wette, Fräulein, der Thaler wird bei Ihnen nicht voll, daß Sie nicht die glänzendſte Partie von der Welt gemacht haben. Ich verbat mir ernſtlich ſolche Schwätzereien, im Herzen aber überlegte ich mir, ob ich, wenn der Major Ernſt machen ſollte, darauf eingehen könne. Nein, es ſchien unmöglich, der Gedanke machte mir bange, ich kannte den rohen ge⸗ meinen Inhalt dieſer äußerlich wohlanſtündigen Erſcheinung, ich hätte mich gewiß nicht mit ihm verbinden mögen. Im Frühjahr bekam ich die Trauerbotſchaft, daß die kleine Anna, Eliſabeths Töchterchen, geſtorben ſei. Eliſa⸗ beth ſehnte ſich nach mir, ich wollte unverzüglich hin, die Tante aber, die den Einfluß des vorigen Beſuches zu ſechr 179 gefühlt hatte, reiſte mit mir, und ich war leider ſo matt in der Seele, daß ich nichts dagegen hatte, als ſie nach acht Tagen zur Rückreiſe trieb. Eugenie und Frau von Hartwig ſah ich gar nicht, ſie waren ſehr viel bei Frau von Müggeburg, die nach der Operation eines Krebsſcha⸗ dens an der Bruſt außerordentlich litt. Rudolf war kurz vorher dort geweſen, hörte ich von meinen Verwandten, aber allein; er lebte ſchon längere Zeit von der Frau ge⸗ trennt und führte ein betrübendes Leben. Der Sommer ſollte wieder der Brunnen⸗ und Bade⸗ kur gewidmet ſein, nach der Brunnenkur legte ſich die Tante an rheumatiſchem Fieber, wir mußten ſechs Wochen länger in dem Gebirgsdörfchen bleiben. In dieſem Herbſt, als ich endlich Vorbereitungen zu einer Reiſe zu Fritz machte, kam die Nachricht zu mir, daß er Arnolds Stelle bekommen und Arnold eine noch beſſere mir eine Stunde näher. Die Freude darüber war in der Familie groß; denn Fritz hatte bis jetzt nur eine ſehr geringe und entfernte Stelle die er von ſeinem früheren Principal erhielt, bekleidet. Meine Reiſe gab ich, und zwar mit Fritzens Genehmigung, für ietzt auf, ich wollte im nächſten Frühjahr zu ihm und zu Eliſabeth zugleich kommen. Die Tante war ſehr froh über dieſen Aufſchub, ſie glaubte: Zeit gewonnen alles gewonnen, und glaubte, daß der Winter mein Schickſal entſcheiden müſſe. Daſſelbe glaubte auch Frau von Bergen, meine zärt⸗ liche Freundin. Sie ſagte einſt zu mir und der Tante: Ein Mann mit 40 Jahren entſchließt ſich nicht ſo ſchnell 12* 180 als ein Jüngling von 20 Jahren, wenn er aber den Eut⸗ ſchluß gefaßt, ſo iſt das feſt und für die Ewigkeit. Ich bezog das lieber nicht auf mich, ich war zu unklar und hatte nicht Luſt mich für die Ewigkeit zu entſcheiden. Im Januar zu meinem 27. Geburtstage kam ein Korb der ſchönſten blü⸗ henden Blumen an. Dieſe Aufmerkſamkeit war von dem Major ungewöhnlich, Tina und die Tante waren entzückt, nun mußte auch der Heirathsantrag bald folgen, und dann waren ſie aus allen Sorgen aus aller Noth. Die Blumen brachten aber auch in unſerem Bekanntenkreiſe eine große Bewegung hervor, ein Theil ſchmeichelte mir ſchon als der zukünftigen reichen und vornehmen Frau von Holzenſtein, die übrigen waren voller Neid und verſuchten es nach Kräf⸗ ten Hinderniſſe in den Weg zu legen. Beides war meinen unklaren Gefühlen zur großen Gefahr. Ohne daß ich es merkte, war ich auch wieder in einen größeren und glän⸗ zenderen Geſellſchaftskreis hineingezogen, die Tante ſteckte mich, wie Tina ſagte, in königliche Anzüge, in Stoffroben, um meinen Feinden und meinen Freunden damit zu impo⸗ niren Gegen das Frühjahr war ich in einer größeren Ge⸗ ſellſchaft bei einem hohen Offizier, wo ſelbſt einige fürſtliche Perſonen von unſerem kleinen Hofe anweſend waren. Ich erſchien den Abend in einem weißen Seidenkleide mit blauen feinen Streifen, ich war wohl die eleganteſte, zum Gaudium der Tante, aber anfänglich ſehr zu meiner eigenen Verlegen⸗ heit. Es war ein muſikaliſcher Abend, den Fürſtlichkeiten zu Ehren, auch ich ſollte ſingen, der Major reichte mir 181 eben ſehr vertraulich den Arm, um mich nach dem Klavier zu führen, als ich den ſtaunenden Blicken des Herrn von Müggeburg begegnete. Ich verlor faſt die Faſſung, aber ich mußte ſingen, der regierende Herr ſelbſt ſtand ſchon war⸗ tend in der Rähe des Klaviers. Ich ſang ein Lied von Heine, und in meiner Aufregung mit ganz beſonderer Kraft und mit beſonderem Ausdruck. Nachdem ich geendet, trat der Fürſt zu mir, lobte meine ſchöne Stimme, meinen herrlichen Vortrag, und war ſehr herablaſſend und freund⸗ lich zu mir. Wie es meinem thörichten Herzen wohl that, daß Herr von Müggeburg das alles hören und ſehen mußte, läßt ſich nicht beſchreiben, ich fühlte mich förmlich in einem Rauſche, und wenn der Major dieſen Abend um mich an⸗ gehalten, hätte er gewiß kein Nein gehört. Kurze Zeit darauf erhielt ich eine Einladung von Fritz, ſehr innig, aber auch ſehr ernſthaft und dringend; er machte es mir zur heiligſten Pflicht mich nicht länger von der Tante zu⸗ rückhalten zu laſſen, ſo daß ich mich zur Reiſe entſchloß. Und ſeltſam genug ich ging nicht ungern, ich wollte dem Major, der jetzt wärmer und dringender wurde, aus dem Wege gehen; ich konnte mich noch nicht entſchließen, ich mußte Zeit zur Ueberlegung haben. Daneben aber machten mir dieſe Ausſichten, dieſe Möglichkeiten die Heimath nicht ſo ſchwer, ich war wieder oben auf. Fritz und Auguſte freuten ſich meiner Ankunft, ich merkte aber gleich, daß Fritz etwas auf dem Herzen hatte, und ich war gegen eine Eröffnung gewappnet. Herr von 182 Müggeburg hatte in der Heimath von mir erzählt, und von dem Eindruck des erwähnten Abends geleitet, im Sinne der Geſchwiſter Betrübendes berichtet. In ſeinem Sinne gewiß nicht, er fand es eine ausgezeichnete Partie, ein Glück für die ganze Familie, der äußeren Verhältniſſe wegen mußte man ſeiner Meinung nach ein Auge zudrücken zu der Per⸗ ſönlichkeit des Majors, der beſonders in der Garniſon einen ſehr übeln Ruf gehabt. Ich wiederhole hier nicht die ernſten Geſpräche und Kämpfe mit Bruder Fritz; es lief immer auf die treu gemeinte Warnung hinaus, nicht der Welt zu Liebe meinen Frieden und mein ewiges Heil zu opfern. Ich hörte das alles freundlich an, aber mit einer gewiſſen vornehmen Sicherheit hielt ich es doch fern von mir, ſo daß Fritz ſehr betrübt darüber ward. Auch gegen Hartwigs war ich mehr zuverſichtlich und fröhlich als in früherer Zeit; und das war ja an und für ſich nicht zum Nachtheil, wenn es nur nicht dieſe thörichte Veranlaſſung gehabt hätte. Frau von Müggeburg, die ich einmal bei Eugenien traf, war ſo ſchwach, mir zu meinen glänzend Ausſichten Glück zu wünſchen. Nach ſechs Wochen ging ich zu Eliſabeth, und blieb auch hier ſechs Wochen. Ich dehnte den Beſuch immer länger aus, aus Furcht vor dem Major und der Entſchei⸗ dung. In der Nähe von Arnold nahm ich mich zuſammen, er wußte auch weit geſchickter mit mir umzugehen als Fritz, er drang nicht in mich mit Worten, das ganze Leben in ſeinem Hauſe hätte mir müſſen eine fortwährende Mahnung 183 ſein. Eliſabeth war ſehr glücklich. Der Verluſt der klei⸗ nen Anna war ihr bald darauf durch ein Söhnchen erſetzt, der kleine Paul war jetzt ½ Jahr alt. Arnold war nur rückſichtsvoller und liebenswürdiger gegen Eliſabeth dewor⸗ den, einen ſolchen Mann zur Stite konnte ſie wohl reden von Glück und Befriedigung und die Leute beklagen die in der Welt leben. Es war mir als ob es nun einmal mein Schickſal ſei, eine vornehme Frau zu werden. Was ſollte auch ſonſt werden? Bei Arnold und Eliſabeth konnte ich nicht bleiben, Minna war immer noch hier und ich war völlig überflüſſig. Fritz hatte mir mit beſonderer Wärme ſein Haus angeboten; er hatte von der lieblichen Hülfe ge⸗ ſprochen, die nicht um Lohn nur um Liebe dient, es war eine Erinnerung an unſer Geſpräch einſt mit Lottchen. Dieſe Erinnerung war ziemlich demüthigend für mich. Ich ſollte alſo wirklich hier eine alte Jungfer werden, meiner jugendlichen und lebensfriſchen Schwägerin in der Wirth⸗ ſchaft helfen? Ein Kindchen hatte ſie ſchon, Arbeit fand ſich wohl, ich konnte mit Holzpantoffeln im Rollhaus ſte⸗ hen und Wäſche legen, ich konnte plätten, kochen, im Gar⸗ ten helfen. Dagegen war meine Zukunft als Frau von Holzenſtein eine andere! Als ich nach ſo langer Abweſenheit bei der Tante wieder ankam, hörte ich, daß der Major verreiſt ſei. Dieſe Nachricht war mir augenblicklich eine Erleichterung. Ich, hörte aber auch, daß er nur um ſich während meiner Ab⸗ weſenheit zu zerſtreuen, die Reiſe angetreten, und daß die 184 Nachricht meiner Rückkehr auch ihn augenblicklich herbei⸗ rufen würde. Von meinen Bekannten wurde meine Ver⸗ lobung gar nicht mehr bezweifelt, beſonders meine Kränz⸗ chen⸗Freundinnen beſprachen das neue Ereigniß mit großer Lebendigkeit, und als in den nächſten Tagen das Kränzchen bei uns war, hatte die Tante das Vergnügen ihre Unter⸗ haltungen und Beſchlüſſe über meine goldene Zukunft mit anzuhören. Ich wehrte mich natürlich dagegen, ich blieb meiner ſoliden Rolle getreu, ich ſetzte ihnen ſehr vernünftig auseinander, daß es kein Unglück ſei, eine alte Jungfer zu werden, und erinnerte ſie, beſonders die älteren Mädchen, die eben an dieſen Neckereien das meiſte Intereſſe nahmen, an verſchiedene von unſeren verheiratheten Freundinnen und was aus deren goldenen Hoffnungen geworden war. Sie nahmen das nicht für Ernſt und ließen ſich nicht abhalten, die Feſtlichkeiten des Polterabends zu ſchildern und von mir das Verſprechen zu verlangen, ihnen im nächſten Winter auf dem Gute meines Gemahls einen glänzenden Ball zu geben. Denſelben Abend ſaß ich noch allein auf, den Kypf in die Hand geſtützt, wogten die Gedanken in mir auf und nieder. Ich bedachte noch einmal, was ich meinen Freun⸗ dinnen ſo vernünftig auseinander geſetzt, daß es kein Un⸗ glück ſei eine alte Jungfer zu werden, und prüfte dabei das Schickſal mancher von den verheiratheten Mädchen Ineiner Bekanntſchaft. Was war aus der jungen Offiziers⸗ frau geworden, der wir auf ihrem Polterabend den Him⸗ mel auf Erden verheißen? Wenn wir ihr in erſter Zeit, 185 an der Seite ihres hübſchen jugendlichen Gemahles, in ſtrahlender Toilette auf der Promenade begegneten, erſchien ſie uns beneidenswerth, und als ſie bei einer Morgenviſite ein Jahr ſpäter mir mit ihrem Kindchen entgegen kam, beide in weißen Mullkleidern mit vielen blauen Schleifen garniert, erſchien ſie mir nicht weniger ſo. Es währte aber nicht lange, als die ſeltſamſten Gerüchte in das Pu⸗ blikum drangen. Der ganze Haushalt war in Verfall ge⸗ rathen, die ſchönen Toiletten konnten nicht mehr erneuert werden, die Frau nahm gar keine Beſuche mehr an, und wenn ſie an der Seite des Mannes zuweilen in Geſell⸗ ſchaften erſchien, war beiden die Sorge und Unzufriedenheit in den Zügen zu leſen; ſie wurden endlich Schulden halber nach einem anderen Orte verſetzt.— Eine andere von meinen Bekannten liebte ihren Referendar ſo leidenſchaſtlich, daß ſie in einer größeren Geſellſchaft zu einem alten be⸗ freundeten Herren ſagte: Lieber Herr Geheimerath, bitte, treten Sie etwas zur Seite, ich kann meinen Bräutigam nicht anſehen! Dann hing ſie mit glühenden Blicken an der ſchlanken Geſtalt in dem entfernten Herrenkreiſe und ſagte mir ſeufzend, ſie ſei wirklich ſelig. Drei Jahre un⸗ gefähr darauf begegnete ich ihr vor dem Thore. Der Re⸗ ferendar war Aſſeſſor geworden und ſie Frau Aſſeſſorin. Sie ging neben einem Kinderwagen, darin ſaßen Zwillinge, das Kindermädchen zog, ihr Mann ſchob und wiſchte ſich ſehr ernſthaft den Schweiß von der Stirne. Sie blieb bei mir ſtehen und klagte mir in höchſter Aufregung, wie ihr ——— 186 Mann ſie den Nachmittag durchaus nicht hätte mitnehmen wollen, er ginge immer lieber allein mit ſeinen Herren, und ſie ſehne ſich doch auch einmal aus der Arbeit und aus dem Hauſe nach der friſchen Luft. Die glühende Liebe hatte ſich bald abgekühlt.— Die veinünſtige Freundin, die den Juſtizrath geheirathet, und deren geniale Erziehung in einem kinderreichen und doch beſchränkten adligen Haus⸗ halt viel von der Pedanterie und der kleinbürgerlichen Ord⸗ nung und Genauigkeit ihres Mannes zu leiden hatte, hatte mir erſt kürzlich vertraut, daß es ihr oft ſchwer werde, mit ihm fertig zu werden, und daß ſie mit Wehmuth an die Freiheit ihrer Mädchenzeit gedenke, ſie hoffe aber für ihr Alter doch eine Stütze und Annehmlichkeit in dieſer Heirath zu finden.— Konnten mich denn dieſe und ähnliche Be⸗ trachtungen nicht überzeugen, daß es kein Unglück ſei, eine alte Jungfer zu werden? Den Juſtizrath zu heirathen, dachte ich, dazu gehörte freilich ein Entſchluß! Aber der Major? Der Entſchluß war nicht weniger ſchwer— und doch eine ſolche Partie ausſchlagen war es gleichfalls. Ich überlegte hin und her und wurde immer verwirrter in mei⸗ nen Gefühlen. Ich dachte wieder an meine Zukunft bei Fritz, an Flicken, Waſchen, Rollen, Kinderwarten— und ſtellte wieder die als Gemahlin des Majors gegenüber. Dort ſollte ich unbeachtet mein Leben mit Magdsdienſten hinbringen, hier war ich geehrt, bewundert und der Rittel⸗ punkt eines ſchönen Wirkungskreiſes. Ich kam wieder auf die Thorheit meiner Jugend, ich machte Pläne den Major e 187 zu veredeln, ihn zu gewinnen für menſchenfreundliche Ein⸗ richtungen auf ſeinem Gute,— und wie ſchweſterlich konnte ich für meine jüngeren Geſchwiſter ſorgen! Ich redete mir vor, es ſei meine Pflicht ſeinen Antrag anzunehmen. Den Gedanken, daß mich nur Weltliebe und Furcht vor dem Klein⸗ und Niedrigſein dazu beſtimmte, hielt ich von mir ab. An einem glänzenden Septembertage fuhr die elegante Equipage des Majors Holzenſtein vor unſerm Hauſe vor; Frau von Bergen ſaß darin, wir wollten zuſammen eine Partie nach dem Gute ihres Bruders machen. Bis jetzt war ich der Erklärung ausgewichen, auch jedem Arrange⸗ ment einer ſolchen Fahrt, meine Theilnahme daran war jetzt eigentlich mein: Ja. Die Tante ſchwelgte in Ent⸗ zücken. Tina, vom Kutſcherſitz herab konnte ihre wunder⸗ lichen Ergüſſe nicht zurückhalten, Frau von Bergen über⸗ ſchüttete mich mit Zärtlichkeiten, und mir ward das Herz immer ſchwerer. Wie viele ſo ſchwere Stunden ſind wohl ſchon von armen Mädchenherzen durchgekämpft? Eine Vernunſtheirath, heißt es da von den Verwandten, iſt oft glücklicher als eine Heirath aus Neigung. O ja — es kommt auf die Vernunft und auf die Neigung an. Die Reigung kann eine ſehr thörichte ſein, ſo wird die Heirath ſchwerlich glücklich ſein, und mit einem vernünftigen, edlen guten Manne, kann es auch ein thörichtes Mädchen⸗ herz ohne Neigung verſuchen, denn es iſt eben ihre Thor⸗ heit, daß ſie einen ſolchen Mann nicht liebt, ſie wird durch ſeine Nähe und ſeinen Umgang auch vernünftiger werden, 188 ihn lieb gewinnen und glücklich ſein. Gewöhnlich nennt man aber das Vernunſt⸗Heirathen, wo nur die äußeren Verhältniſſe berückſichtigt werden. Das iſt eine vernünſtige Partie heißt es von den Verwandten: der Mann iſt ver⸗ mögend, das Mädchen iſt gut untergebracht, ſie fällt keinem Menſchen zur Laſt. Dem Mädchen wird das nicht ſchwer ein⸗ zuſehen, denn ſie wird von Jugend auf darauf hingewieſen. Nur heirathen, nur keine alte Jungfer werden, das iſt das größte Unglück! Einen Mann heirathen, den man nicht liebt, den man mit Widerſtreben in ſeiner Nähe ſieht, deſſen Rohheiten man ertragen muß, weil man ſein Brot ißt, und an den man gebunden iſt, das ganze liebe lange Le⸗ ben, das iſt ein Unglück, daran gewöhnt man ſich, man hat dafür ſo manche Entſchädigung, man hat eine Stellung in der Welt, kann ſich ſchön kleiden, gut eſſen, Geſell⸗ ſchaften geben und nach ſeinem Behagen leben, und— iſt keine alte Jungfer. Es wird, wie geſagt, einem Mädchen gar nicht ſchwer das einzuſehen, aber den Entſchluß nun wirklich faſſen, trotz allem Widerwillen, das koſtet Kämpfe und Herzweh. Wir fuhren an der Hauptthür eines ſchönen ſchloß⸗ ähnlichen Hauſes vor, der Major empfing uns. Als er mir die Hand küßte, mich mit den blauen Augen ſo ſon⸗ derbar anſah, hätte ich zuſammenſinken mögen vor Weh. Er hatte es darauf abgeſehen, mein Herz zu berücken. Ich beſchreibe nicht die Pracht der Einrichtung, die Dienerſchaft, das Arrangement des Tiſches und unſerer Zimmer. Der 189 Major war ein Lebemann, er verſtand das wohl; er war bis über die Ohren in mich verliebt, wie Tina ſagte, und hatte kein Geld geſpart. Je mehr ich das alles bemerkte, je ſchwerer wurde mein Herz, der Major glaubte jetzt mei⸗ ner Neigung gewiß zu ſein, ſeine Zurückhaltung war ziem⸗ lich verſchwunden, ich fühlte mich ſchon in ſeiner Gewalt. Ich weiß nicht, das Fräulein iſt gar zu ſtille, hört ich Tina im Nebenzimmer ſagen. Das iſt die ſinnige Stim⸗ mung einer Braut, entgegnete die Tante ſüß. Sie zweifelte gar nicht daran, daß ich mich mit Entzücken in dieſe Herr⸗ lichkeit, in dieſe himmliſchen Umgebungen vertieft hatte. Ich ſchloß leiſe die Thür und ſchob den Riegel vor, ich mußte allein ſein. Ich trat an das Fenſter und öffnete einen Flügel mit den hohen Spiegelſcheiben,— ja das war wunderſchön: das Auge ſchweifte über breite ſaubere Wege, über grüne Raſenflächen mit zierlichen Blumenbeeten; die runden Wipfel alter Bäume malten ſich weich an den roſigen Abendhimmel, es war tiefer Friede in dem großen Garten. Wie ſchön, wie wunderſchön iſt die Welt! ſeufszte ich; aber nur mit dem Frieden in der Seele, ſonſt wird jede Schönheit zur Qual. Könnte ich dies alles ſchön finden an dem Arme eines Mannes, der es nicht verſteht mit warmem Herzen ſolche Schönheit zu bewundern und mit Sehnſucht hinauf zu ſchauen nach dieſen goldenen Wol⸗ ken und darüber hinaus? Rein, der lieber fluchend den Gärtner ſchilt, daß er die Trauben nicht vor den Wespen ſchützt, und indem er die beſten Beeren ausſucht, ebenſo 190 fluchend bedauert, daß er augenblicklich ſeinen Begleiterinnen nichts Beſſeres bieten kann. Es war ein qualvoller Tag geweſen heute, und ich ſah keinen Ausweg mehr, dieſer Qual zu entrinnen. Nach jahrelanger Bewerbung, die ich zwar hingehalten aber nicht zurückgewieſen, war ich mit gegenſeitiger ſtiller Uebereinkunft hierhergereiſt um mich hier zu verloben. Niemand zweifelte mehr daran; ſelbſt der Major, der jedenfalls meinen Kampf geahnet, und darum nur eifriger und dringender geworden, je mehr er zu fürch⸗ ten hatte, war jetzt ſicher. Nur den erſten Tag hier hatte er mir Zeit laſſen wollen, die Herrlichkeiten zu bewundern, um deſto freudiger das Ja zu ſprechen. Was ſollt ich jetzt noch thun? mich zurückziehen? Ich ſtand lange ſinnend, ich ſah den ziehenden goldenen Wolken nach, ich hatte die Hand auf das klopfende Herz gelegt,— ich nahm jetzt mein kleines Teſtament zur Hand, meine Knie beugten ſich, ich ſuchte Hülfe.—„Was hülfe es dem Menſchen ſo er die ganze Welt gewönne, und nähme doch Schaden an ſeiner Seele. Oder was kann der Menſch geben, daß er ſeine Seele wieder töſe?“ Ich war zu troſtlos, es erfaßte mich ein Grauen, wenn ich an den folgenden Tag, an meine Verlobung dachte, daran dachte, dann wirklich das Eigenthum dieſes Mannes zu ſein. Was kann der Menſch geben, daß er ſeine Seele wieder löſe?— Die Tante klopfte mehreremale, ſie rief mich zum Abendeſſen, ich konnte nur noch einige Seußzer hinaufſchicken, hinauf zu den Bergen, davon allein mir Hülfe 191 kommen konnte. Aber, ſagte ich mir erſchrocken, wie kannſt du um Hülfe bitten? Du biſt der Hülfe nicht werth, du haſt den Herrn verworfen, er wird dich wieder verwerfen. Wir waren den Tag ſo viel gefahren und gegangen, die alten Damen waren abgeſpannt, wir kamen ftüh zur Ruhe. In der Nacht ſchlief ich wenig, ich war wie in einer Betäubung, ich überlegte wie mir noch Hülfe kommen könne, oder ich ſuchte mich zu beruhigen und die Sache ſchön auszumalen, und wenn ich aus einem unglücklichen Traume erwachte, durchzuckte es mich freudig: es war nur ein Traum, noch biſt du frei! Als ich am Morgen aus meinem Zimmer zur Tante trat, berichtete Tina eben, daß der Herr Major entſetzliches Zahnweh habe, und die Damen allein frühſtücken müßten. Ich ſah ſie ſtarr an, das war die Hülfe von den Bergen, der Herr hatte mich nicht verworfen, ich hätte laut weinen oder laut aufjauchzen mögen. Tina und die Tante miß⸗ verſtanden mein Verſtummen, ich hörte aber kaum was ſie ſagten. Wir gingen in den Gartenſaal zum Frühſtück. Frau von Bergen empfing uns mit der Schilderung von den Leiden ihres armen Bruders, es war aber ſchon zum nahen Dorfe nach einem Chirurgus geſchickt, der ſollte den Zahn ausziehen. Ich beeilte mich mit dem Frühſtück und eilte aus dem Saale. Ich wollte einen Spatziergang machen, ich wollte allein ſein, ich wollte dem Herrn danken, Ihn bitten, mich ganz und gar ſeiner Gnade in die Arme werfen. Ich eilte 192 auf den breiten Wegen und unter den hohen Bäumen hin, und kam auf ſchmale Pfade, die durch ein verwildertes Ge⸗ büſch führten. Die Sonne hatte ſich nach und nach unter einer grauen Decke verſteckt, es fielen ſchon einzelne Tropfen. Ich hatte den Park hinter mir, ich trat aus dem Gebüſch bei einer weiten grauen Angerfläche, eine Schaafheerde zog weidend darüber hin, gegenüber ſtanden einzelne junge Birken mit vielen gelben Blättern, und ganz in der Ferne ſchaute die Spitze eines kleinen Kirchthurms her. Wer mag dort in dem Dörfchen wohnen? dachte ich ſehnſuchtsvoll. Vielleicht gute Pfarrersleute, bei denen du Schutz ſuchen könnteſt.— Pfarrersleute? die hätteſt du nicht in der Fremde zu ſuchen, und ſo gute, treue Pfarrersleute.— Es war mir wie dem verlorenen Sohn zu Sinne, der in der Ferne von den Träbern der Angſt und Qual leben muß, und daheim ſo teiche Liebe und viel Glück und Frieden weiß. Ich nahm mein Teſtament, ich ſchlug das Evangelium vom verlorenen Sohne auf und las es durch. Das war erſchüt⸗ ternd genug;— nur kommen ſollen wir, nur unſere Sün⸗ den bekennen— und dann ſo viel Barmherzigkeit und Liebe! Ich ſank nieder, ich weinte bitterlich. Herr hier bin ich, verwirf mich nicht, gieb mir ein neues Herz, o erbarme dich meiner!— Ich hatte nicht geahnt daß ſo viel Seligkeit in der Demuth war und ſo viel Kraft in einem aufrich⸗ tigen Gebet.— Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiß nicht, was er dir Gutes gethan hat, der dir alle deine Sünde vergiebt und heilet alle deine Gebrechen, der dein Leben 193 vom Verderben erlöſet, der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit, der deinen Mund fröhlich macht, und du wieder jung wirſt wie ein Adler.— Ich fühlte mich in einer Erhebung, die ich nicht beſchreiben kann, ich hatte Muth das Schlimmſte über mich ergehen zu laſſen. Ich ging ſinnend am Anger auf und ab, das ferne Läuten der Schaafheerde klang meinen Ohren ſehr friedlich, ich konnte mich von dem einſamen Orte nicht trennen, es war mir ja ſo neu, ſo ſeltſam, ſo ſelig zu Sinne, die Mauer war nieder, ich ſah den Himmel offen. Endlich ging ich den Weg zurück, Frau von Bergen traf ich im Hausflur, ſie erzählte mir, daß der unglückliche Zahnarzt den Zahn abgebrochen und die Schmerzen des Bruders ſich nur verſchlimmert hätten. Ich hörte ſeine heftig ſcheltende Stimme, ich wollte eilig weiter, die Treppe hinauf, da öffnete ſich ſeine Stubenthür, er erſchien ſelbſt mit verbundenem Kopfe. Tröſten Sie ihn, flüſterte Frau von Bergen und ſchlüpfte fort. Anna, wo waren Sie ſo lange? fragte mich der Major. Im Garten, entgegnete ich mit Bangen. Er hatte meine Hand genommen und that als ob er mich umarmen wollte. Ich riß mich von ihm los, eilte die Treppe hinauf und fand die Tante in ihrem Zim⸗ mer. Liebe Tante, wir müſſen fort! ſagte ich haſtig. Wo⸗ hin denn? fragte ſie verwundert. Fort von hier, entgegnete ich etwas gefaßter. Ich ſetzte mich jetzt zu ihr, nahm ihre Hand und ſagte ihr, daß ich den Major nicht heirathen könnte. Es erfolgte nun eine unbeſchreibliche Scene. Tina Die alte Jungfer. 2. Aufl. 13 194 die aus der Nebenſtube zu uns gekommen, hörte alles an⸗ und konnte ihr Erſtaunen ebenfalls nicht zurückhalten. Die Tante, als ſie ſah, daß es ein ernſter Entſchluß von mir war, verſicherte: ich ſei entweder verrückt oder eine undankbare, herzloſe Perſon. Ich ließ alles über mich ergehen. Ihre ganze Heftigkeit war losgebrochen; ſie geſtand, daß ſie thö⸗ richt geweſen ſei zu glauben, das bürgerliche Blut habe mir nicht gemeine Geſinnungen eingeimpft ſie wollte ſich nun ganz von mir losſagen, ich möchte bei den bürgerlichen Freimanns Magdsdienſte thun und meine Vergangenheit zu vergeſſen ſuchen. Sie ſchilderte noch einmal mit Lebendig⸗ keit, was ich daran geben müſſe: Theater, Conzerte, vor⸗ nehmen Umgang, geiſtreichen Verkehr, ſchöne Toilette, die glänzendſte Stellung in der Welt— ja den Himmel auf Erden! fügte Tina ſeufzend hinzu. Liebe Tante, ſagte ich ruhig, das hat alles keinen Reiz für mich, der Frieden der Seele gilt mir mehr.— Tina! ſagte die Tante plötzlich entſchloſſen, aber mit zitternden Lippen: das arme Mädchen iſt von Sinnen, bleiben Sie jetzt hier, ich gehe zu meiner Freundin, wir vermeiden hier jede Scene, ſie iſt krank, wir müſſen augenblicklich fort, ſie ſoll Zeit haben zur Vernunſt zu kommen. Die Tante eilte hinaus, ich ging ruhig auf mein Zimmer und ſchloß die Thür.— Ich ſtand wieder am Fenſter, der Regen rauſchte leiſe auf die runden Baumwipfel, ein jeder Tropfen deuchte mir ein Segen für meine Seele. Eine halbe Stunde ſpäter ſaßen wir in einem ver⸗ ſchloſſenen Wagen, um 1 Uhr kamen wir zu Hauſe an. Ich mußte nun erſt mein Herz von ſeiner Laſt befreien, ich ſchrieb ſogleich an den Major. Die Tante beobachtete mich. An wen ſchreibſt Du? fragte ſie. An den Major, war meine Antwort. Der Brief wird nicht zur Poſt geſchickt, ſagte ſie entſchieden. So muß ich ihn ſelbſt hintragen, wagte ich zu antworten. Und wirſt darauf mein Haus nicht wieder betreten! ſchloß die Tante in Zorn.— Ich ſtand nachdenklich am Fenſter: um 4 Uhr ging die Poſt, um 7 Uhr war ſie auf der Station von der ich noch zwei Stunden bis zu Eliſabeth zu gehen hatte. Ich fühlte daß es ſo des Herrn Wille war, ſo ſchnell als jmöglich fort von hier. Mit der Tante war doch keine Verſtändigung möglich; es war ihr, wenn ich jetzt aus meiner Seele heraus ſprach, als ob ich eine fremde Sprache rede, oder verrückt ſei. Ich packte, Tina war ſo freundlich mir zu helfen, ich ertrug die Qual ihrer fortwährenden Vorſtellungen. Die Tante hatte ſich eingeſchloſſen, ich wollte ihr Lebewohl ſa⸗ gen, ſie ließ mich nicht vor. Ich hörte noch wie Tina ſagte: Laſſen ſie doch das arme Wurm nicht ſo in die Welt gehen und bei einem Wetter,— man jagt keinen Hund hinaus.— Ich aberging, der Hausdiener beſorgte meine Sachen und ich eilte mit leichten Schritten über die ſchmuz⸗ zigen Straßen bei Sturm und Regen nach der Poſt. Ich ſaß ganz allein im Wagen, das war mir lieb. Wie oft hatte ich dieſen Weg gemacht, hatte dieſe Heide⸗ flächen und Tannenwälder, Wieſen und Birkenwäldchen 13* 196 geſehn, aber nie wie heute. Ich fühlte mich ſo geborgen in dieſem alten Poſtwagen, ich fand die Gegend ſo traulich. Ich dachte jetzt nicht an die Demüthigung, in der Heimath anzukommen als eine Verſtoßene, als eine ganz Arme, ich dachte nur an die ſelige Freude der Geſchwiſter. Ich über⸗ dachte aber auch mein ganzes Leben,— mit des Glaubens Augen ſieht ſich alles anders an, ich ſah wie ſehr thöricht ich geweſen, an welchen Abgründen ich gewandelt und wie des Herrn Barmherzigkeit mich geleitet, ja ich war ſo dank⸗ bar, ſo warm, ſo glücklich. Die Leute auf der Station waren verwundert als ich den Abend noch weiter wollte, ich ließ mich nicht halten, nahm meine nöthigſten Sachen und eine Botin und wan⸗ derte fort. Der Weg war ſchlecht, Wind und Regen wur⸗ den abwechſelnd ſtärker, es war eine große Anſtrengung für mich durchzukommen, aber je näher dem Ziel, je heſtiger ſchlug mein Herz, ich nahm meine Kräfte immer wieder zuſammen. Es hatte länger gedauert als ich gedacht, es ſchlug zehn Uhr auf dem Kirchthurme, als wir noch eine Strecke ſchlechten Weges vor uns hatten, endlich erreichte ich die Thür des Pfarrhauſes. Ich nahm der Frau den kleinen Koffet ab und ließ ſie nach dem Gaſthofe gehn. Einen Augenblick ſtand ich zagend. In Arnolds Stube war noch Licht, der Regen aber fiel jetzt heftiger, der Wind tobte zwiſchen den Dä⸗ chern, mein Kommen hatte er nicht gehört. Ich zog an der Klingel, Arnold öffnete das Fenſter und fragte: Wer 197 iſt da?— Ich bin es, entgegnete ich, aber nicht laut ge⸗ nug. Wer iſt es? fragte er dringender. Anna, rief ich. Da verſchwand das Licht, er kam die Treppe herab, die Hausthür. Anna, Du wirklich? fragte er bange, w kömmſt Du her? Von der Tante, ſagte ich freundlich; i hielt meine Bewegung zurück, ich ſetzte den Koffer in das Haus, wir gingen in die Wohnſtube. In dem Augenblicke kam Eliſabeth, die noch bei ihrem Kinde wach war, aus der Schlafſtube. Sie ſah mich erſchrocken an, ich war ſo durchnäßt und jämmerlich anzuſehen. Ich fühlte aber auch, daß ich nicht viel reden könne. Hier bin ich, ſagte ich— wenn Ihr mich nun behalten wollt? Daß es kein Ent⸗ ſchluß der Verzweiflung war, ſahen ſie mir an, ich weinte wohl, aber ich war ſo glücklich. In dem Augenblicke hatten mich beide umarmt, ſie weinten mit mir, es war als ob ſie alles, alles wüßten, es bedurfte keiner Erklärung. Ich verdiene eure Liebe nicht, ſagte ich ſchluchzend. Du biſt unſere liebe Anna, ſagte Arnold, und Eliſabetb ſah mich mit ihren guten Augen ſo warm und ſchweſterlich an, ich war noch nie ſo ſelig geweſen. Wir blieben in der Nacht bis zwei auf, Eliſabeth ſorgte für mich wie eine Mutter, wir hatten die Rollen ge⸗ tauſcht, ich war die jüngere und hülfsbedürftige Schweſter. Ich hatte alles berichtet, was mir auf der Seele lag. Frü⸗ her hatte ich mich immer bemüht, mich ſo groß und edel und ſelbſtzuftieden als möglich hinzuſtellen, jetzt wurde es mir ſo leicht, alle meine Schwächen aufzudecken, ich hätte —. 198 ſo gern nichts verheimlichen mögen; ich wußte aber auch, wie ſolche Bekenntniſſe hier aufgenommen wurden und daß dieſe Herzen ſich dadurch nicht von mir wenden konnten. Das iſt ein Unterſchied zwiſchen den Weltkindern und den Kindern Gottes: die auftichtigen Gotteskinder können ſich lieben und achten trotz ihrer Fehler, es iſt eine Liebesge⸗ meinſchaft, welche im Bewußtſein der eigenen Schuld und der eigenen Fehler gern bereit iſt, der andern Fehler zu verzeihen. Sie bitten gemeinſchaftlich und auftichtig mit einander: Vergieb uns unſere Schuld, wie wir vergeben unſern Schuldigern! und ſie beten auch mit einander: Dein Reich komme zu uns! In der Zuverſicht daß ſolches Gebet erhört wird und daß ſie trotz Fallen und Aufſtehen dem Reiche Gottes immer näher kommen, können ſie ſich gegen⸗ ſeitig ſchon in der Verklärung ſehen und lieben. Mit den Weltkindern iſt das anders, ſie leben zuſammen in der Ge⸗ meinſchaft der Täuſchung und Lüge, wer dem anderen am beſten Sand in die Augen ſtreuen, ſich mit Tugenden und Anſehn ſchmücken kann, der iſt der Größeſte unter ihnen. Die natürliche Gegenwehr der übrigen iſt: die Fehler und Schwächen des Rächſten mit Eifer hervor zu ſuchen und der Welt mitzutheilen. Ich könnte nun das Wiederſehn mit Fritz beſchreiben, aber es war ſo ähnlich dem mit Arnold und Eliſabeth, nur daß Fritz in ſeiner treuherzigen Art ſeiner Liebe und Sorge für mich mehr Worte geben mußte. Denke nicht, liebe Anna, daß Du nun über alle Berge biſt, ſagte er 199 unter anderem: der Kampf auf dem ſchmalen Wege geht erſt an, aber trotz aller Beſchwerde iſt er ſelig und dem Ziele kommen wir immer näher. Nit euch in Gemeinſchaft fürchte ich mich nicht, ſagte ich freudig. Ja, fort laſſen wir Dich nicht wieder, verſicherte Fritz. Und ich habe nun, trotz alles Sträubens, das Ziel erreicht was mir der Herr beſtimmt hatte, und was mir Lottchen ſo gern prophezeien wollte, ſagte ich lächelnd. Ja liebe Anna, beſtätigte Fritz, Du wirſt eine alte Jungfer und biſt überall eine erwünſchte Hülfe, die nicht um Geld, ſondern um Liebe dient. Ich blieb noch einige Wochen bei Arnold, um mich mit Eliſabeth und Minna recht ſchweſterlich einzuleben, dann nahm ich meinen Wohnſitz auf Fritzens dringenden Wunſch in Müggedorf. Am erſten Advents⸗Sonntage fanden wir uns alle im Waldſchlößchen zuſammen. Der alte Herr im Rollſtuhl war mit ſeinen klaren Augen und rothen Wangen noch immer mit uns jüngeren Leuten friſch und fröhlich, am liebſten aber mit ſeiner Schwiegertochter, ſeinem Augapfel, ſeiner Herzensfreude, wie er ſie nannte. Ich hatte mein altes⸗ Amt, das Kaminfeuer zu erhalten, wieder übernommen, Minna und Eliſabeth verſorgten den Kaffeetiſch. Ein Amt hatte ich aber noch: die kleine Geſellſchaft in der Ecke an dem niedrigen Tiſche und den kleinen Polſterſtühlen, die mußte ich allein beaufſichtigen. Den Titel„Tante Anna“ hatte ich mir von allen Seiten feierlich erbeten und er war mir zugeſagt. Da ſaßen von Eugenie zwei Kindlein, ein 200 dritthalbjähriger Otto und ein jähriges Röschen, Eliſabeths Paul und Fritzens etwas jüngeres Fritzlein. Tante Anna wird ſich unſerer jüngſten Geſellſchaft bald unentbehrlich machen, bemerkte Frau von Hartwig. Und es iſt eigentlich recht angenehm, fügte Eugenie hinzu, wenn man ſelbſt matt und abgeſpannt iſt und mit ſeinen Kindern nichts anzufangen weiß, jemand in der Nähe zu haben der noch jugendlich und fröhlich mit ihnen Späße macht. Dieſe Anerkennung hört ich gern und mir war ſo wohl zwiſchen dieſen gelieb⸗ ten theuern Menſchen. Erinnerſt Du Dich, Eugenie, als wir das erſtemal hier zuſammenſaßen, fragte ich, und Du es ſo bequem und angenehm fandeſt, mit Leuten zu verkehren, die Glasfenſter in den Augen haben, denen man in das Herz ſehen kann? Engenie nickte freundlich und legte ihr etwas müdes Haupt an die Schulter ihres Mannes. Ich wollte es nicht glauben, fuhr ich fort, ich wollte erſt die Welt kennen lernen, und das habe ich vor Dir voraus. Arnold, der ja früher in der Welt in denſelben Kreiſen gelebt hatte als ich und die meiſten Perſonen kannte, ver⸗ tiefte ſich jetzt, wie es zuweilen geſchah, mit mir in ſpaß⸗ hafte Erinnerungen und meine Schilderungen aus dem Le⸗ ben im Zauber der Beruhigung waren den Zuhörern höchſt unterhaltend, bis Fritz ſagte: Lieben Kinder, ich finde es doch nicht recht, über ſolche traurige Dinge zu ſcherzen. Und ich habe dieſe Ironie nie leiden mögen, wandte ſich Eliſabeth lächelnd zu Arnold. Anna, wir ſind gefährliche Leute, ſagte Arnold, wir wollen uns aber ermahnen laſ⸗ 201 ſen. Aber nicht zu ſehr, verſicherte Herr von Hartwig, ich finde die Waffen des Witzes und der Jronie oft die wirkſamſten gegen die Verrücktheiten der Welt. Das Ka⸗ pitel wurde weiter beſprochen, und wir vereinigten uns da⸗ hin, daß man dieſe Waffen nicht zum eigenen Ergötzen, aber zum Nutzen und Frommen des Nächſten gebrauchen dürfe. Ein ſchönes Weihnachtsfeſt hatte ich verlebt, ich hatte viel zu ſorgen für meine Freunde auf den kleinen Polſter⸗ ſtühlen, und auch für Freunde, welche die Sachen aus dem Lumpenſäckchen nicht vetſchmähten. Es folgte ein klarer Januar, wo bei hellen kalten Spatziergängen das Herz friſch wird. Zu Eugenien und Frau von Hartwig führte mein Weg mich oft, Eugenie war leidend und freute ſich beſonders ſehr wenn ich kam, und mit ihr und den Kin⸗ dern vergnüglich war. Eines Nachmittags kam ich zu ihr und fand ſie wie jetzt öfters allein, ihr Mann war auf Müggeburg, wo es traurig ausſah. Der Bruſtſchaden der Mutter hatte ſich ſehr verſchlimmert, und Herr von Mügge⸗ burg litt viel Schmerzen an der Gicht, ſeinen rechten Fuß und einige Finger der rechten Hand konnte er kaum noch gebrauchen, er hatte auch lange das Zimmer nicht ver⸗ laſſen. Ich wollte mich eben zum Rückweg rüſten, Herr von Hartwig erſchien und mit neuen ſchlimmen richten. Frau von Müggeburg hatte ſich mit ihrer Geſell⸗ ſchafterin gezankt, dieſe wollte fort und war doch unent⸗ behrlich, weil ſie das nöthige Amt hatte, die ſchlimme Bruſt täglich zweimal zu verbinden, und Herr von Mügge⸗ 202 burg war in beſonderer Aufregung über Nachrichten von Rudolf, deſſen Frau ſich durchaus ſcheiden laſſen wollte, um einen andern Mann zu heirathen; ſie wollte aber das einzige Kind, einen vieriährigen Sohn nicht hergeben, un⸗ ter dem Vorgeben, daß er bei dem Vater zu ſchlecht auf⸗ gehoben ſei. Eugenie war ſehr betrübt, Herr von Hart⸗ wig ſuchte ſie zu tröſten, ſie ſah ihn mit ihren hellen Au⸗ gen ſo vertrauend und kindlich an, plötzlich faßte ſie ſeine beiden Hände und ſagte lebhaft: H Werner, ich danke dem Herrn ſo ſehr, daß er mir' dieſen Platz gegeben hat. — Ich wandte mich von ihnen nach dem Fenſter, ich hörte ſie beide flüſtern, und ich ſchaute hinauf und dankte dem Herrn, daß er mich ſo wunderbar geleitet: ich dachte an Rudolf, an Schloß Müggeburg mit Grauen, und gedachte meiner lieben kleinen Pfarre, wo ich meine friedliche Hei⸗ math hatte, mit Freudigkeit. Ich wollte mich jetzt leiſe entfernen, aber meine Freunde bemerkten es. Sie kamen zu mir, Eugenie umarmte mich zärtlich. Herr von Hart⸗ wig ſah mich ſo wohlwollend an. Ich darf bald wieder kommen? fragte ich. O liebe Anna, ich könnte Dich im⸗ mer hier haben, entgegnete Eugenie, Du ſtörſt uns gar nicht. Wie gern hörte ich das. Am andern Tage kam Herr von Hartwig von ſeinem Beſuche auf dem Schloſſe erſt bei uns in der Pfarre vor. Er wollte von uns hören, ob wir niemand für ſeine Schwiegermutter wüßten, die Geſellſchafterin war wirklich abgereiſt, das Hausmädchen war bei dem Verbinden der 203 Bruſt in Ohnmacht geſunken und Herr von Müggeburg hatte mit ſeinen ſteifen Fingern das ſchreckliche Werk vollenden müſſen. Es wird nicht leicht ſein, jemand zu finden, ſagte Fritz bedenklich, es iſt ein ſchweres Amt. Da ging es mir wie ein Blitz durch die Seele: das Amt hat dir der Herr beſtimmt. Ich hatte ſchon oſt gedacht, daß ich in der Pfarre eigentlich unnütz ſei, nur zu meinem Vergnügen lebe; und lieber eine Stelle haben möchte, als Geſellſchaf⸗ terin oder als Hülfe der Hausfrau wo ich mir mein täg⸗ liches Brot und meine Kleidung wirklich verdienen könne. Zagend, aber doch entſchloſſen ſagte ich jetzt: Jemand zu finden ſollte doch nicht ſchwer ſein, ich könnte zum Beiſpiel die Stelle ausfüllen. Alle ſahen mich verwundert an. Nein, Anna, ſagte Herr von Hartwig, der Freundſchaftsdienſt wäre zu groß. Kein Freundſchaftsdienſt entgegnete ich; ich möchte bei Frau von Müggeburg als Geſellſchafterin in Dienſt treten. Neues Erſtaunen.— Anna, das leiden wir nicht, ſagte Auguſte. Ich möchte aber gern Gehalt haben, begann ich lächelnd, das könnt Ihr mir nicht geben. Mit Geld könnten wir Ihnen das auch nicht gut machen, ſagte jetzt Herr von Hartwig; dann trat er zu mir, reichte mir die Hand und ſagte: Anna, der Herr ſegne Ihren Ent⸗ ſchluß, ja, gehen Sie hin. Die Sache war abgemacht. Wenige Minuten ſpäter ſtand ich ſchon in meinem Erkerſtübchen, um ein nöthiges Bündlein zu packen. Meine Augen ſielen dabei in den Schrank auf das weiß und blau geſtreifte Seidenkleid. Ich hatte ſeit der Hofgeſellſchaft 204 Herrn von Müggeburg nicht geſehen, das Wiederſehen jetzt ſollte anderer Art ſein, ich hatte aber keine Scheu davor. Ich eilte mit meinem Bündlein durch den Garten dem Schloſſe zu. Im Hausflur begegnete mir das einzige Mäd⸗ chen aus früherer Zeit, ein älteres geringes Stubenmäd⸗ chen. Ei, Fräulein Anna! ſagte ſie verwundert. Ich eilte ſchnell an ihr vorüber die Treppe hinauf. Im Vor⸗ ſaal wurde mein Schritt langſamer, mit einigem Bangen klopfte ich an die Thür des Wohnzimmers, niemand ant⸗ wortete, ich öffnete und ging weiter nach der Thür zum Kabinet. Ich hörte hier ein leiſes Stöhnen, und da auf mein Klopfen wieder nicht geantwortet wurde, machte ich leiſe auf und trat ein. Die Kranke lag auf dem Sopha, mit dem Geſichte nach der Wand, Herr von Müggeburg ſchien auf dem Lehnſtuhle eingeſchlummert, ſein Nacken war etwas gebeugt, ſein Haar grau geworden; ich erſchrak faſt. Bei meinem Eintreten wandten ſich beide zu mir. Einen Augenblick ſtand ich ſchweigend, ich mußte Athem ſchöpfen. Dann ging ich zum Sofa und ſagte ſo gut ich konnte: Liebe Frau von Müggeburg, ich möchte um die Stelle Ih⸗ rer Geſellſchafterin bitten. Sie ſah mich an, als ob ſie mich nicht verſtände. Herr von Müggeburg ſtützte ſeinen Kopf in die Hand und wandte ſich noch mehr ab. Anna, Sie wollten? begann jetzt Frau von Müggeburg, und es folgten Thränen und Klagen. Ich ſtand erwartungsvoll bei ihr, ich ſah nach Herrn von Müggeburg, er ſaß noch immer abgewandt. Ich trat zu ihm. Darf ich bleiben? 205 fragte ich leiſe. Da ſah er mich an,— der Blick ging mir durch die Seele. Ob Sie dürfen? fragte er; o Anna, fragen Sie nicht ſo, verſuchen Sie es erſt. Ich will es nicht erſt verſuchen, war meine Antwort. Er hatte meine Hand genommen, er ſah mich nachdenklich an. Anna, es iſt jetzt traurig bei uns, begann er. Deswegen komme ich, entgegnete ich zuverſichtlich. Das glaube ich, ſagte er dann. Ich ſtand noch einige Augenblicke neben ihm, mir ging das Herz über, meine ganze Jugend, all die ge⸗ noſſene Güte und Liebe ſtand vor meiner Seele, ich hätte mich wohl ausſprechen mögen, ihm ſagen, daß ich jede Kränkung längſt vergeſſen, daß ich nur dankbar ſei; ich konnte nichts ſagen, aber er verſtand mich wohl dennoch. Am andern Morgen fuhr ich nach der Pfarre um meine Sachen abzuholen, als ich zurückkehrte, fand ich Eugeniens ftüheres Zimmer für mich eingerichtet, ſchön durchwärmt, den Blumentiſch voll blühender Blumen: es that mir wohl, daß eine beſondere Sorgfalt hier für mich gewaltet, und ich ging mit Freudigkeit an mein Amt, das erſt einige Ueberwindung koſtete. Manches andere aber wurde wir wieder ſo leicht, ich wußte im ganzen Hauſe mit allen Sitten und Gewohnheiten Beſcheid, und Herr und Frau von Müggeburg waren bald ſo vertrauend zu mir, wie ich es in den Tagen der Jugend von ihnen ge⸗ wohnt war.. — Von den folgenden Jahren laſſe ich einige kurze Auszüge aus meinen Tagebüchern folgen. 206 Müggeburg, den 15. März 1837. Die Leiden der armen Frau werden immer größer, und tröſten kann ich ſie nicht. Ich muß ihr aus der Bibel und aus Erbauungsbüchern vorleſen; will ich aber irgend eine Anwendung auf ihren Zuſtand machen, wird ſie böſe. Mein Kind, eine Geſellſchafterin muß einer Kranken nie bange machen, ſie nie mit traurigen Bildern beunruhigen, ſie muß mit angenehmen Bildern zu zerſtreuen ſuchen.— Den 16. April. Ganz einfach und natürlich entwickeln ſich Dinge in der Welt, die, wenn ſie fertig ſind, wie ganz wunderbar ausſehen. Mir iſt es wunderbar, wenn die Köchin zu mir kömmt und nach dem Küchenzettel fragt, und wenn ich mit den Schlüſſeln im Hauſe umhergehe und ganz nach Belie⸗ ben Anordnungen mache, oder wenn ich in meinem Zim⸗ mer bin. Mein Zimmer! welch ein Klang iſt das, ein Raum der mir gehört, darin ich mich abſchließen kann und die ganze Welt mich nichts angeht. Hier ſtehen meine Blumen, dort meine Bücher, dort mein Arbeitskörbchen und auf dem Clavier liegen die Lieblingsnoten. Ich freue mich, daß ich ſo viel Anlagen zum Altjüngferlichen habe, dieſe Sauberkeit und Ordnung thut mir ſo wohl; ich habe freilich nicht viel Zeit in meinem Reiche mich aufzuhalten, aber ich ſehe einmal hinein, gehe durch und weiß, daß es mir gehört. Wenn ich dann aber allein bin,— kann denken und ſinnen und hinaufſchauen,— ja, es iſt ein Geheimniß um ſolche Seligkeit, der Herr giebt ſie gern 207 denen, die mit demüthigen und zerſchlagenen Herzen zu ihm kommen. Wenn ich der Thränen und Kämpfe und des Unglücks meiner Jugend und der Vergangenheit gedenke, kommen ſie mir wirklich ſehr nichtig und thöricht vor. Den 26. Mai. Die Tante hat mir zwei Briefe nicht beantwortet, heute habe ich ihr von Schloß Müggeburg geſchrieben, ihr von meiner Stellung und von allen meinen Geſchwiſtern erzählt, ich habe ſie eingeladen mich zu beſuchen. Herr von Müggeburg hat einige Worte freundlich hinzugefügt und ihr den Aufenthalt im Schloſſe angeboten. Das letzte ſtimmt ſie vielleicht verſöhnlich. Den 22. Juni. Heute war ich den ganzen Tag auf der Pfarre. Zu dem Fritzlein hat ſich noch ein Schweſterlein geſellt, ſie hat uns heute in Bewegung geſetzt mit Kuchenbacken und Bra⸗ tenſpicken, morgen ſoll die Taufe ſein. Als alles beſorgt war und die Kinderſtube ſchon in Frieden ſchlief, ſaß ich 8 mit Fritz unter der blühenden Linde, wir beobachteten die Sterne wie ſie am blauen Himmel auftauchten und zwi⸗ ſchen den grünen Blättern ſchimmerten. Er hatte meine Hand gefaßt, wir plauderten zuſammen: nichts iſt einem einſamen Schweſterherzen ſüßer, als ſo innige Bruderliebe, die ihm geblieben, trotz der jüngeren Schwägerin. Ich ſprach zu Fritz davon, ich erinnerte ihn an die Stunden unter der Weinlaube vor dem elterlichen Hauſe. Das iſt eben in der Welt auch anders, Geſchwiſterliebe hält dort 208 nicht oft zuſammen und Schwägerinnen lieben ſich ſelten, ſagte er, aber wo ein Glaube, eine Liebe und eine Hoff⸗ nung das Herz bewegt, da wird es immer weiter und rei⸗ cher und lernt immer treuer und inniger lieben, Du wirſt immer meine liebe Schweſter ſein. Wir verabredeten, wenn ich auf dem Schloſſe nicht mehr nöthig ſei, ſollte ich wie⸗ der zu ihm kommen. Meine Kinder werden mit des Herrn Hülfe immer größer, ſagte er, Du kannſt ſie dann unter⸗ richten, ich mag doch gern, wenn ſie recht geſcheit und gebildet werden. Ich mußte lächeln, es war das ein An⸗ klang an ſeinen früheren Reſpekt vor meiner Bildung. Den 5. Auguſt. Heute war Eugenie zum erſtenmal mit ihrem kleinſten Töchterchen hier, Frau von Müggeburg freute ſich ſehr. Eugenie hat ſich wieder erholt und iſt friſch und vergnügt. Was ſollten ihre Kinderlein aber hier bei den Großeltern wohl anfangen, wenn Tante Anna nicht hier wäre? Ich ſpiele ſchon ein wenig die Rolle einer alten Haushälterin, die beginnt allmächtig zu werden und ſelbſt die Tochter vom Hauſe unter dem Pantoffel hält. Ich necke Eugenien damit.— Tante Adelgunde hat mir heute geſchrieben, ſie kann in dieſem Sommer nicht kommen. Der Brief war ziemlich freundlich. Den 19. October. Die Tage werden ſtürmiſch und trübe, es wird mir zuweilen bange im einſamen ſtillen Schloß bei den alten kranken Leuten. Meine Sehnſucht trieb mich nach dem 209 Waldſchlößchen und weiter nach Eugenien. Als ich zurück⸗ kam empfing mich Frau von Müggeburg zürnend: eine Geſellſchafterin müſſe nicht ſo viel aus ſein. Herr von Müggeburg ſchwieg dazu, und ich fühlte mich verletzt. Haben ſie vergeſſen, daß ich ein Opfer bringe? Ich fürchte, es wird mir ſehr ſchwer werden, hier zu bleiben. Den 29. November. Ueberall Kümmerniſſe. Eugeniens Kinder haben den Stickhuſten, und das kleine Mädchen auf der Pfarre iſt ſehr zahnleidend, Auguſte ſorgt ſich. Sollte ich allein ohne Sorgen ſein? Ich möchte mich immer glücklich und voll Frieden fühlen, ſo wie in der erſten Erhebung, immer dem Himmel nahe und dem Herrn zur Seite; warum bin ich ſo nüchtern, ſo matt in der Seele?„So du glauben würdeſt, du ſollteſt die Herrlichkeit Gottes ſehen.“ Willſt du vor Gott nicht eher treten Als bis dein Herz erwecket iſt, So würdeſt du wohl gar nicht beten, Drum bet auch wenn du ſchläfrig biſt. Und mußt du dich gleich ernſtlich zwingen, Halt an, es wird ſchon leichter gehn; Es wird dir vielen Segen bringen. „O lieber Herr, ich komme, ich komme ſo freudig,— be⸗ trübt und doch ſelig. Fülle uns frühe mit deiner Gnade. — Thue deinen Mund weit auf und laß mich ihn füllen. Fürchte dich nicht, Ich helfe dir; fürchte dich nicht, Ich bin mit dir; weiche nicht, denn ich bin dein Gott.— Der Herr läßt uns betrübt ſein, damit wir können deſto freudiger ſein; wenn wir nie erſchöpft und ſchmachtend Die alte Jungfer. 2. Aufl. 14 — 210 wären, würden uns friſche Brunnen nie erquicken.“ Und iſt der Brunnen nicht immer da? wir ſollen nur kommen und trinken, was verlangt denn eigentlich das undank⸗ bare Herz?„ Den 9. März 1838. Wenn man den Segen in Trübſal erſt gefühlt hat, da iſts als könnte man gar nicht wieder herauskommen, es iſt dem Herzen ſo ſtill und ſicher dabei zu Sinne, wir 1 fühlen, der Herr iſt uns nahe, er muß uns nahe ſein, er hat es verheißen die Leidenden zu tröſten. In ſolcher 3 Zeit iſt man ſo ganz auf den Herrn angewieſen, und das iſt ein wunderbares Gefühl. Darum nur muthig weiter, je höher wir hinauf kommen, je rüſtiger werden die Füße, je leichter die Luft.— Eugeniens jüngſtes Töchterchen iſt am Stickhuſten geſtorben, die beiden anderen ſind ſehr ſchwach. Arnold war durch die Lungenentzündung dem Tode nahe,— und wann wird meine Kranke hier erlöſt werden? Jemand ſterben ſehen, der ſo am Leben hängt, das iſt troſtlos. Den 26. April⸗ Heute fuhr ich mit Herrn von Müggeburg zu Euge⸗ nien, der traurige Tod ſeiner Frau hat ihn erſchüttert. Zum erſtenmal ſprach er mit mir über innerliche Dinge. Ich weiß, daß es etwas Beſſeres geben muß, als das, was wir hier ſehen, ſagte er; aber wer kann durch die Decke ſchauen? Rit des Glaubens Augen ſagte ich ſchnell Er lächelte. Das ſagt ihr Leute wohl, ihr ſeid Schwär⸗ 5 mer; ich gebe zu, daß ihr glücklich ſeid, aber wie kann ein vernünftiger Menſch dazu kommen?— Es giebt un⸗ ter den gläubigen Leuten ſehr viel ausgezeichnet vernünftige und geiſtvolle Leute, entgegnete ich zuverſichtlich. Leſen Sie ihre Geſchichten und wie ſie durch die Decke gedrungen ſind mit des Glaubens Augen. Er ſah mich nachdenklich an,— ſchüttelte den Kopf,— ſeine Klugheit war zu Ende, wenn er es auch nicht geſteht. Den 25. Mai. Herr von Müggeburg iſt in Carlsbad, ich ſollte das Haus noch hüten, dann wollte ich fort. Ich bleibe jetzt, ich ſoll die Pflegerin von ſeinem Enkel werden, Rudolfs fünfjährigem Sohn. Es iſt ſonderbar, die Erinnerung an Rudolf iſt mir ſo unbeſtimmt, als ob die ganze Perſon nur ein Fantaſiebild von mir wäre. Zu ſeiner Mutter Begräbniß ſah ich ihn zuerſt wieder, nur in Unruhe und zwiſchen vielen Menſchen, das war mir bequem. „ Den 3. Juli. Alles blüht und iſt in Sommerpracht. Wir haben heute auf dem Waldſchlöſchen Frau von Hartwigs Geburts⸗ tag gefeiert, da war es keine Wald⸗Einſamkeit ſondern ein recht fröhliches Geſchwirre von Groß und Klein. So fröhliche Tage nimmt man doch gern und dankbar hin. Die Kinder, die lieblichſten Blumen auf dem grünen Platz, — mein Zögling Hans iſt der Anführer, er iſt der Stolz des Großvaters und iſt bei uns ſchon weit vernünftiger geworden. Eliſabeth hat ein kleines Lieschen auf dem 212 Schvoße und ihr dreijähriger Paul wirft den etwas un⸗ ſicher ſegelnden Theil der kleinen Geſellſchaft fortwährend über den Haufen. Arnold amüſirt ſich darüber, aber ich habe ihn ermahnt ſeinen Jungen beſſer zu erziehen. Der alte luſtige Herr im Rollſtuhl zürnte mit mir, er bat ſich aus, daß der kleine Humoriſt nicht zu ſehr beſchränkt würde, und Herr von Müggeburg war auf ſeiner Seite. Dieſen habe ich in unſerer Geſellſchaft noch nie ſo vergnügt ge⸗ ſehn. Ich hatte die jungen Frauen und mich und Minna mit ſchönen Roſen geſchmückt, wir hatten dazu weiße Klei⸗ der an. Daß man mich beinahe die jugendlichſte und fri⸗ ſcheſte fand, war mir ganz lieb zu hören. Als das letzte Sonnenlicht die Buchenkronen vergoldete, ſaßen wir noch außen und ſangen:„Lobe den Herren o meine Seele,“ — das klang ſchön in den Wald hinein. Arnold war überhaupt ſehr ſingeluſtig, Fritz fand es faſt zu viel; wenn wir aber ein Lied beendet hatten, mußte er jedesmal geſtehen: Ja, das war doch herrlich!— Als wir nach Hauſe fuhren, ſagte mir Herr von Müggeburg, er wünſche nichts mehr als daß der kleine Hans im ſtrengen ortho⸗ doren Glauben erzogen werde. Ich hätte gern etwas Lau⸗ tes und Freudiges entgegnet, nahm mich aber zuſammen und ſagte ruhig: Es iſt gewiß das Beſte was wir thun können. Man hat wenigſtens ſo die meiſte Garantie, daß er ein fleißiger, braver und rechtſchaffener Junge wird fuhr er fort. Und beſonders ein glücklicher, konnte ich nicht laſſen hinzuzufügen. Herr von Müggeburg ſchwieg.— 213 So weit iſt er jetzt, daß er ein Leben im Glauben für das nützlichſte hält, ob er wird weiter kommen? Den 18. December. Heute vor zehn Jahren hielten wir den Congreß auf dem Hünengrabe. Es hatte ſich ſo hübſch arrangiren laſ⸗ ſen, daß wir alle im Waldſchlößchen verſammelt waren, — des alten Herren wegen ſind unſere größeren Verſamm⸗ lungen gewöhnlich dort. Nach Tiſche ſchlug ich einen Spa⸗ ziergang vor, es war ein ſchöner milder Wintertag, ſie gingen alle gern. Ich führte die Geſellſchaft nach den Steinen, als wir davor ſtanden, ſagte ich etwas feierlich: Eliſabeth, Eugenie, vor zehn Jahren haben wir den heu⸗ tigen Tag beſtimmt, uns hier zuſammenzufinden: wie ſteht es mit euch? Da gab es ein lautes Vergnügen, Herr von Hartwig theilte den Richtbetheiligten den Zuſammen⸗ hang mit. Ich hatte damals wirklich den Wunſch, mich nicht zu verheirathen, verſicherte Eugenie. Der Mann mit den Vertrauen erweckenden Augen, dem ſie jetzt glücklich zur Seite ſtand, ſagte lächelnd: Eugenie, Du täuſcheſt Dich, Du wünſchteſt nur in der Nähe zu bleiben. Eugenie geſtand lächelnd, daß es ganz leiſe wohl in ihrem Herzen davon geſungen und geklungen. Aber ich, verſicherte Eli⸗ ſabeth, dachte damals wirklich nicht an Arnold, er hatte mich gerade zu ſehr gequält mit dem gelben Tuchrock. Liebe Eliſabeth, entgegnete Arnold ſcherzend, der Kanarienvogel iſt doch an unſerm Glücke ſchuld, durch ihn bin ich erſt 214 aufmerkſam auf Dich geworden. Aehnlich ſcherzend gingen wir weiter, von mir war nicht die Rede. Aber ich ge⸗ dachte der Zeit auch und es war mir, als ob ich in grauem dichtem Nebel damals gewandert, und jetzt ſei über mir ein ewiger heller Sonnenſchein, und als ob ich damals in meinem Schifflein der Sehnſucht mit Bangen durch die unruhigen Wogen geſegelt, und nun im ſicheren, ſchönſten, herrlichſten Hafen geborgen wäre. Den 26. Januar 1839. Hans hat ſeinen 6. Geburtstag gefeiert, er iſt ein geſcheiter Junge und macht mir Freude. Im Sommer habe ich mit ihm die Geſchichte des alten Teſtamentes an⸗ gefangen, bis zu Salomo gründlicher, dann einzelne Sa⸗ chen. Mit dem Advent begann ich die Geſchichte unſeres Herrn und Heilandes, die liebliche ſchöne Weihnachts⸗Ge⸗ ſchichte,— ich habe den meiſten Segen ſelbſt von dem Unterricht. So Kinderftagen kann nur ein inniger zuver⸗ ſichtlicher Glaube beantworten; ich muß oft beten: Herr ich glaube, hilf meinem Unglauben,— und dieſer Glaube, der mich aus des Kindes Augen anſchaut, bewegt mein Herz, mir wird alles ſelbſt ſo gewiß und wahrhaftig. Fritz meinte, ob ich die bibliſche Geſchichte nicht gleich mit dem Herrn Chriſtus anfangen wollte, wir verſtändig⸗ ten uns aber daß es beſſer ſei, erſt die Geſchichte des al⸗ ten Bundes. Erſt die Schöpfung, dann der Sündenfall, der Menſchen Erlöſungsbedürftigkeit, dann Gottes Liebes⸗ 215 rath, die Sendung ſeines eigenen Sohnes, ohne welchen die Menſchen nicht erlöſt werden konnten. Mein kleiner Schüler hat das ſehr gut vegriffen, ja es iſt erſtaunlich wie leicht es iſt, Kinder etwas glauben zu machen, ſie glauben es eben,— bis der Satan kömmt und Unkraut unter den Weizen ſäet. Vor Weihnachten ſagte Hans ein⸗ mal zu ſeinem Großvater: Kennſt Du die Geſchichte vom Teufel, Großvater? Ich erſchrak faſt, aber unterbrach ihn nicht. So eigentlich nicht, war des Großvaters Ant⸗ wort. Nun, begann Hans ziemlich pathetiſch: der Teufel hat Adam und Eva im Paradieſe verführt, weil er ihnen das Paradies nicht gegönnt hat, aber— alle fromme Menſchen, die den Herrn Chriſtus lieb haben, kommen doch in das Paradies.— Großvater die Geſchichte ver⸗ giß ja nicht.— Bald darauf erhielt er einmal die Er⸗ laubniß, zu ſeinem eigenen Vergnügen mit Tinte zu ſchrei⸗ ben, was nicht oft vorkömmt. Er wollte nun an ſeine Mama ſchreiben. Der Großvater zog ihm Linien und beobachtete den Jungen, der ſehr eiftig an die Arbeit ging. Als der Brief fertig war, reichte ihn mir Herr von Mügge⸗ burg lächelnd zu, und es war mir lieb, daß dies Do⸗ cument unter ſeinen Augen entſtanden war.„Liebe Mama. Ich kann auch ſchon mit Tinte ſchreiben, ich lerne auch ſchon Sprüche. Alſo hat Gott die Welt geliebt, daß er ſeinen eingeborenen Sohn gab, auf daß alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, ſondern das ewige Leben haben. Es iſt bald Weihnachten, nach Müggeburg kömmt 216 das Chriſtkind und kein Weihnachtsmann. Komm doch Weihnachten her. Dein lieber Hans. Herr von Müggeburg ſchickte den Brief nicht ab. Den 7. April 1842. Das Leben ſpinnt ſich ganz unverſehens ab, Tage der Freude und der Sorge wechſeln, und wenn ſie vorüber dünken ſie uns gleich kurz. Schweſter Minna hat ihren treuen Rector geheirathet, er hängt mit großer Liebe an Arnold, mit des Herrn Hülfe wird er immer feſter wer⸗ den in dem Glauben, der da allein der Grund zum Glück und Frieden iſt.— Der alte freundliche Herr von Hart⸗ wig hat ſein Ruheplätzchen gefunden; ſein Tod war ein ſeliger Tod und iſt uns jetzt ein Band zum Himmel mehr. Das ſechsjährige Röschen iſt der Großmutter Geſellſchafte⸗ rin, ein Sohn und ein Töchterlein ſind dafür Eugeniens Erſatz. Auch auf der Pfarre ſind es jetzt vier Kinder und bei Eliſabeth iſt noch ein Söhnchen angekommen Es iſt mir jetzt faſt zu unruhig in den Häuſern, ich bin dann froh, wenn ich wieder in meiner ſtillen Stube ſitze. Selt⸗ ſam iſt es, Arnold verzieht ſeine Kinder am meiſten, hier in der Pfarre thut Auguſte daſſelbe, ich muß immer eine ſtrenge Tante ſein, die Kinder haben mich aber doch lieb. Auf Müggeburg habe ich jetzt meinen lieben Bruder Karl als Hauslehrer, er unterrichtet den Hans, und ich erziehe beide. Ich freue mich auf den lieben ſchönen Frühling, die Bäume knospen ſchon, die Finken ſchlagen, die Ler⸗ 247 chen ſingen, an meiner ſonnigen Höhe blühen die Leber⸗ blümchen und im Thal die Schneeglöckchen. Im Mai und Juni werde ich größtentheils allein ſein, Herr von Mügge⸗ burg geht mit Karl und Hans nach Ems, wo ſie mit Rudolf zuſammentreffen. Rudolf leidet an der Bruſt,— Herr von Müggeburg ſpricht nicht über ihn, und was man von ihm hört iſt traurig genug. Tante Adelgunde will während der Zeit hier ſein, ich hoffe es wird ihr hier ge⸗ fallen, für uns alle iſt es aber eine kleine Prüfung. Müggedorf im elterlichen Hauſe, den 2. Juni 1854. Zwölf Jahre ſind vorüber, ich ſitze in der alten lie⸗ ben Weinlaube, die Luft iſt lau, Nachtſchmetterlinge flattern, um meine Lampe, ich blättere in Briefen und Tagebüchern, vertiefe mich in die Vergangenheit und möchte dieſe Skizzen nun vollenden. Von mir könnte ich ſeitdem wenig berichten. Ich habe Freude und Leid mit dem Herrn getragen, meine Zuverſicht und Himmelshoffnung iſt durch Seine Hülfe, ſo hoffe ich feſt, lebendiger geworden. Oft war es eine bittere Hülfe, oft eine Hülfe durch Freuden. In den Häuſern meiner Lieben hieß es früher: kleine Kinder, kleine Sorgen, und jetzt heißt es: große Kinder große Sorgen,— und auch große Freuden. Die kleine Geſellſchaft iſt herange⸗ wachſen und herangeblüht zu unſerer Herzen Freude. Aber auch von Todesfällen habe ich zu berichten. Eliſabeth iſt ſeit drei Jahren Wittwe, mein Herz hat mit ihr getrauert. Ihr älteſter Sohn iſt Student, der jüngſte Schüler; ſie hat nur ihre Tochter Eliſabeth bei ſich, und wir wohnen zuſammen im elterlichen Hauſe. Aber wochenlang iſt ſie bei Frau von Hartwig, und es iſt be⸗ weglich, wie die alte und die junge Wittwe ein Hoffen, einen Troſt und eine Sehnſucht zuſammen haben. 219 Herr von Müggeburg ſtarb ein Jahr früher. Sein Enkel blieb das Licht ſeiner Augen und die Freude ſeines Herzens bis zur letzten Stunde. Wie er geſtorben, wie es in ſeinem Herzen ausgeſehen, weiß niemand. Auf des Enkels Wunſch nahm er mit ihm zuſammen noch das heilige Abendmahl. Kurz vor ſeinem Tode ſagte er: die Decke wird nun bald von meinen Augen weggenommen ſein, ich wünſche daß ihr alle Recht habt!— Das ein⸗ zige was ich gehört habe. So hatte er doch Sehnſucht nach Frieden. Rudolf kam zu ſeines Vaters Begräbniß und wurde als der Herr empfangen. Er hatte ſchon länger vorher den Abſchied genommen, aber es zog ihn nicht zu ſeinem Va⸗ ter, ſeiner Heimath und zu ſeinem Sohne. Als er dies⸗ mal kam, konnte er wenig reden, ohne zu huſten und doch machte er Pläne zu neuen Einrichtungen, ſprach von aller⸗ hand Unternehmungen; dazwiſchen forſchte er bange, ob er für gefährlich krank gehalten würde. Ich war gleich in dies liebe alte Haus gezogen, wie Herr von Müggeburg auf meinen Wunſch beſtimmt hatte. Rudolf blieb nur, um ſich von ſeinem Sohne zu Tode pflegen zu laſſen. Das war ein troſtloſes Krankenbett, ich habe daran ge⸗ weilt mit großer Theilnahme, mit vielem Herzweh, aber auch mit vielem Danken gegen den Herrn. Wie iſt ſeine Gnade mir gefolgt mein Lebenlang, wie wunderbar, wie herzbewegend iſt es, wenn ich darauf zurückblicke.„Ich habe dich je und je geliebet, darum habe ich dich zu mir — 220 gezogen aus lauter Güte,“— ſo höre ich des Herrn Stimme zu mir ſagen und ich möchte Ihn wieder lieben von ganzer Seele und mit ganzem Gemüth. Tante Adelgunde ſtarb im vergangenen Jahre. Außer einem Legat an Tina hat ſie ihr Vermögen fremden Leuten vermacht; wir hätten es alle gut gebrauchen können. Wir Schweſtern hier müſſen uns ſehr einſchränken, und wenn unſer Tiſch nicht ſo oft bei guten Freunden gedeckt wäre, würde es uns nicht ſehr glänzend Den 3. Juli 1854. An den Anfung dieſer Skizzen will ich noch einmal das Ende knüpfen. Oſtern ſuchte ich Leberblümchen und Haſelblüthen an meiner ſonnigen Höhe; ſie ſind verblüht und ich ſuche jetzt lieber die Sommer⸗Spaziergänge in dem Buchenwalde auf. Die Geſellſchaft der Oſterferien war auch längſt zerſtreut, eine beſondere Veranlaſſung hat ſie wieder zuſammengerufen, ſelbſt die Studenten und Schü⸗ ler,— das Reiſen iſt jetzt leicht und ein ſolcher Feſttag ſelten: Frau von Hartwig feiert ihren 7 Bährigen Geburts⸗ tag und Hans von Müggeburg ſeine Verlobung. Schon früh heut ging Eliſabeth mit ihren Kindern nach der Pfarre, ich wollte meinen Weg zum Waldſchlößchen gern allein ma⸗ chen, ich ſehnte mich nach Einſamkeit und eine alte Jungfer hat das Privilegium zuweilen kleine Launen und Grillen zu haben. Ich ging alſo allein, bei dem Hünengrabe ruhte ich mich, ich zog mein kleines Teſtament aus der Taſche— mein immer treuer Begleiter auf meinen Gängen, * 221 wenn ich auch nicht darin leſe, es nur in der Hand be⸗ halte und meinen Gedanken folge. Heute blieb es auch bei den Gedanken, ich ſchaute in den klaren Himmel immer tiefer hinein, das Blau war zu ſchön, zu rein und zu er⸗ quicklich, und der Wald ſo grün und ſtill. Nichts iſt ſe⸗ liger als ſolche Einſamkeit, daß man es nicht beſchreiben kann, möchte oft das Herz beengen; alle Welt ſollte es ja wiſſen, wie ſelig es iſt, den Herrn lieben. Jeder Tag, trotz der Unruhe des täglichen Lebens muß doch einen ſol⸗ chen Ruhepunkt haben: Hoch, ſo hoch du kannſt erheben Deine Sinnen von der Erd, Schwinge dich, dem zu ergeben Was du haſt, der dein iſt werth! Dein Jeſus iſt, Der um dich ſo treulich wirbet Und für dich aus Liebe ſtirbet, Drum du ſein biſt. Ich ging den Wald entlang, ich ſah das Schlößchen liegen wie immer, die Hirſchgeweihe fein und klar gegen den blauen Himmel, der Sonnenſchein ſo ſtill darüber. Ich trat auf den Raſenplatz, nichts regte ſich, nur der Brunnen rauſchte ſo kühl, die Fenſter des Saales ſtanden wieder offen, ich konnte nicht widerſtehen, ich ſtieg auf das Geſims. Ja, der Herr im grünen Jagdrock und die junge Dame im Reitkleid ſchauten mich wie damals an, von der andern Seite aber vegrüßte mich ein fteundliches: Guten Morgen! Ich trat in den Saal und bat um Verzeihung wegen meiner romantiſchen Laune. Herr von Hartwig und —— 222 Röschen ſaßen im Sofa. Es iſt lieblich zu ſehen, wenn ein liebenswürdiger Vater wieder jung wird mit der jugend⸗ lichen Tochter. Ich war die erſte von den Gäſten. Rös⸗ chen erzählte mir, daß die Großmutter auf des Vaters Wunſch ſich ruhe und die Mutter den Tiſch arrangire⸗ Es währte nicht lange, als Hufſchlag durch den Wald er⸗ ſcholl, Röschen ſprang freudig auf. Es war Hans von Müggeburg. Sie ging ihm auf den Raſenplatz entgegen, ſie ſtand bei ihm als er vom Pferde ſtieg, und klopfte dem Pferd die Mähne. Das war unſer Brautpaar heute und ein ſehr glückliches. Bald kamen auch auf den anderen geraden Alleen die Gäſte an, zu Fuß und zu Wagen, ſelbſt Karl war mit Frau und Kind herbei geholt; nur Minna mußte ihren guten Rector etwas pflegen. Als wir alle verſammelt wa⸗„ ren, wurde die Großmama geholt. Der Geburtstagtiſch war mit köſtlichen Roſen geſchmückt und faſt ein jeder hatte eine Kleinigkeit darauf zu legen. Nur ich komme mit lee⸗ ren Händen, liebe Großmama! ſagte Hans; ich habe mich ſo viel beſonnen und wußte wirklich nichts; aber, ſetzte er glücklich hinzu— ich bringe Dir das Herz eines treuen lieben Sohnes. Die gerührte Großmutter umarmte ihren neuen lieben Sohn und ihr Röschen dazu. Das war ein herrlicher Tag, der da Sonnenſchein verbreitet über das arme liebe Leben. Solche Tage ſchenkt der Herr ſeinen Kindern, ſie preiſen mit Dank erfüllten Herzen ſeine Barmhetzigkeit, und gehen getroſt auch wieder 223 den ernſten Stunden entgegen. An ſolcher Abwechſelung wird es nicht fehlen in den kinderreichen Familien, heut gab es Schüler und Studenten und weiß gekleidete junge Mädchen in verſchiedenen Größen. Da giebt es zu wachen und zu beten, für ein Kind mehr als für das andere. Die Sorgen ſind oft ſehr ſchwer und machen Herzweh. Aber es heißt: Kinder werden Leute, Mädchen werden Bräute. Ja, die Zeit geht hin, die Kinder gründen ſich eigene Hausſtände mit eigenen Sorgen. Es wird nicht lange währen, daß Herr von Hartwig ſeinem älteſten Sohne das Gut übergiebt und ſich mit ſeiner Eugenie im Wald⸗ ſchlößchen den ſtillen beſchaulichen Ruheplatz ſuchen wird, dann werden die kleinen Polſterſtühle hervorgeholt für eine noch jüngere Generation. Ein Geſchlecht nach dem andern blüht auf und ab,— wohl denen die im Herrn leben und im Herrn ſterben.— Wie ſchön wird es ſich ruhen unter den hohen Linden in dem ſtillen grünen Gottes Garten. Einiger Fragen, die Veranlaſſung zu dieſen Skizzen gaben, muß ich noch einmal gedenken und ſie prüfen an der Wirklichkeit,— an mir ſelbſt und an dieſem kleinen gläubigen Kreiſe, in dem ich lebe. Solche Kreiſe finden ſich, dem Herrn ſei Dank, jetzt an recht vielen Orten. Die eine Frage: Muß die Feindſchaft der Welt das Wahrzeichen eines jeden Chriſten ſein? Haben wir das an uns erfahren? Ja⸗von einzelnen entſchiedenen Feinden des Herrn ſind wir gehaßt, aber mehr iſt es der gedankenloſe Spott der leichtfertigen Welt, der ſich mit uns zu ſchaffen — 224 macht. Dieſelbe leichtfertige Welt kann es aber dennoch nicht laſſen, dem aufrichtigen Chriſten einen gewiſſen Re⸗ ſpekt zu zollen. Das Maaß von allem giebt die Perſön⸗ lichkeit an. Arnold mit ſeiner Heftigkeit, ſeinem Spott und ſeiner Ironie hat mehr vom Haſſe leiden müſſen, als Fritz mit ſeinem liebreichen treuherzigen Eifer, und dennoch, als Arnold ſtarb, zeigte es ſich, mit welcher Achtung und Liebe er doch in vielen Herzen ſeiner Gemeinde lebte, wie viele ſelbſt von den Leichtfertigen, die ihn mit Spott und Ver⸗ achtung angegriffen, ihn nun anerkannten. Eliſabeth aber, die treue und ſanfte Gehülfin ihres Mannes, die Freundin der Armen und Kranken, war wohl mit wenigen traurigen Ausnahmen geliebt und geachtet, Gläubige und Ungläubige hätten ſie gern im Dorfe behalten, und wenn man das ſo baar und äußerlich hinſtellen wollte: der Haß der Welt iſt das Zeichen eines Chriſten: ſo würde das für ſie ein ſchlechtes Zeugniß ſein. Eben ſo bei Herrn von Hartwig. Seine adligen und gebildeten Nachbarn haben ihn lächerlich gemacht, ſelbſt ſein Schwiegervater hat ſich ſtets fern von ihm gehalten; und doch mußten ſie ihn achten, Familien⸗ leben, Kindererziehung, Fleiß und Einfachheit, die Art wie er Leiden und Sorgen ertrug, wurden von den beſſer Ge⸗ ſinnten zuletzt anerkannt. Wie ſteht es nun mit Hans von Müggeburg? Er wird nicht gehaßt, kaum lächerlich ge⸗ macht, wenigſtens geſchieht das ſo in der Stille, man hört und ſieht nichts davon, obgleich er ſehr ſorglos ſeinen Glauben bekennt, ſich an allen Unternehmungen der inneren 225 Riſſion betheiligt und ein recht geiſtlich geſinnter Mann iſt.— Nein, ich finde jetzt ſogar, daß die Gefahr auf der anderen Seite liegt: das Chriſtenthum iſt zu Ehren gekommen, und gar mancher könnte aus äußeren weltlichen Rückſichten das Banner des Glaubens vor ſich hertragen. Die andere Frage, ob Chriſten immer dürfen freudig und glücklich ſein, kann ich recht von ganzem Herzen mit Ja beantworten, ſie dürfen es nicht allein, ſie müſſen es auch. Seitdem mich der Gerr aus der Wüſte und Hede der Welt an ſein Herz genommen, habe ich, trotz aller Trübſal, Freudigkeit und Frieden erſt kennen gelernt. Haß und Spott der Welt hat mich gar nicht geſtört oder be⸗ drückt, weil ich nur zu gut wußte, wie troſtlos und be⸗ mitleidenswerth dieſe Welt iſt, weil ich es ſelbſt erfahren, wie ich bei äußerer Sicherheit und Klugheit und äußerem Stolze, mit dem ich von meinem eigenen beglückenden Got⸗ tesglauben ſprach, die traurigſte Unſelbſtändigkeit, Bangig⸗ keit, das größte Elend barg. Der Kampf mit der Sünde im Zuſammenleben mit dem Herrn, mit meinen Umgebun⸗ gen, das oft ſo dürre matte Gefühl in der Seele, machten mir noch ſchwere Stunden und werden ſie mir machen ſo lange ich lebe; aber das Bewußtſein: der Herr wird dir helfen, der Vergleich mit der Zeit, wo ich ohne ihn ver⸗ laſſen irrte, erfüllten mich auch dann mit Troſt und Zu⸗ verſicht und Danken und Preiſen. Ja Danken und Preiſen im voraus, weil ich weiß, der Herr wird mir auch wieder Erquickungszeiten ſchicken. Die alte Jungfer. 2. Aufl. 15 —— 226 Wie iſt es nun mit der Prüfung in meiner äußeren Lebensfühtung, daß ich unverheirathet geblieben? Ja, eine Prüfung will ich es immer nennen, ich habe es oft gefühlt; aber durch Kreuz und Prüfungen ſollen wir in das Reich Gottes gehen, niemand bleibt davon befreit, meinen ver⸗ heiratheten Freundinnen wurden Kreuz und Prüfungen auf andere Weiſe zugetheilt. Ich rede ſelbſt von den glücklichen Ehen in meiner Nähe. Wenn die Sorgen und Kümmer⸗ niſſe des Familienlebens die Herzen dort ſo ganz in An⸗ ſpruch nahmen, und die Unruhe mich oft aus den lieben Häuſern trieb, verlebte ich auf meinen einſamen Gängen, in meinem ſtillen Zimmer die ſchönſten Stunden. Ich kann einſam ſein wenn ich will, ich kann nach Gefallen unter lieben Menſchen ſein; ja es iſt mir, als ob ich das Gefühl der Freiheit mit dem Alter immer mehr zu ſchätzen wiſſe und mein Friede und mein Glück immer weniger durch die Nähe dieſer glücklichen Ehen geſtört würde. Und giebt es ſo ganz ungeſtört glückliche Ehen? Auguſtens Kinder ver⸗ ſichern, ihre Mutter würde nie das Glück einer alten Jungfer ſchildern können, und doch kenne ich ihre Kämpfe, ihre Prüfungsſtunden, es wird ihr jetzt noch ſchwer, ſich an die etwas ungeſchickte und rückſichtsloſe Art ihres Mannes zu gewöhnen, da hindurch ſein treues Herz zu fühlen, und wie⸗ der friſch und rüſtig an ſeiner Seite den Himmelsweg zu gehn. Eliſabeth hatte durch die Heftigkeit und Reizbarkeit des ihrigen manche ſchwere Stunde zu tragen, auch von ſeinen Kämpfen im Leben mit der Gemeinde, und es war 227 ihr ein großer Troſt in der Trauer um ſeinen Verlußt, inne zu werden, wie ſehr man ihn auch in der Gemeinde vermißte und was ihr der Verſtorbene geweſen. Eugenie dagegen hat ſich trotz der Ruhe ihres Gemahls viel mit ihm geſtritten; ihre von Jugend an eingeſogenen und ein⸗ gelernten Meinungen und Lebensanſichten konnte ſie nicht ſo ſchnell aufgeben, ſie hat aber, wie ſie jetzt noch fröhlich verſichert, nie Recht behalten. So haben alſo ſelbſt dieſe Ehen, die durch des Herrn Hülfe und durch des Herrn Nähe glückliche Ehen ſind, Ihre ſtillen Kämpfe und Prü⸗ fungen. Blicke ich aber zurück auf die Ehen von Jugend⸗ bekannten, die in der Welt leben, ſo preiſe ich das Schick⸗ ſal einer gottſeligen alten Jungfer aus voller Seele glücklich. Ich könnte von mancherlei Ehen berichten; von reichen Mädchen, die durch ihre Männer arm geworden; von gut⸗ geſinnten, die gemeine Frauen wurden; von unglücklichen Ehen, von Streitigkeiten und Scheidungen und mißrathenen Kindern; aber ſolche Dinge ſind leider überall zu erblicken, ein jeder kann ſie noch in der Welt ſelbſt ſehen und kennen lernen. Und nun möchte ich jedem jungen Mädchen wünſchen ein gottſeliges Herz, das da ſein überflüſſig Sehnen und Hoffen dem Herrn übergeben hat, und wenn es ihres Le⸗ bens Prüfung iſt, allein zu bleiben, dennoch getroſt und freudig iſt. Der Herr, dem ſie dienen, dem zu Ehren ſie leben will, wird ihr gewiß und wahrhaſtig nicht weniger Freuden, nicht weniger Erquickungsſtunden ſchenken, als 35* 228 ihren verheiratheten Schweſtern. Er wird ihr auch einen Beruf ſchenken in ſeinem Reiche, der ihr Beſchäftigung und Genuß gewährt. Er wird ihr auch Liebe beſcheeren, denn unter ſeinen Reichsgenoſſen iſt eine Liebesgemeinſchaft, welche es nicht zuläßt, einſamen Mädchen die Einſamkeit nur bitterer zu machen, ſondern ſie hineinzieht in die Kreiſe des Familienlebens, wo um Liebe gedient und mit Liebe bezahlt wird. Der Herr iſt mein Hirte; mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue, und führet mich zum friſchen Waſſer. Er erquicket meine Seele; er führet mich auf rechter Straße, um ſeines Namens willen. Und ob ich ſchon wanderte im finſtern Thal, fürchte ich kein Unglück: denn Du biſt bei mir, Dein Stecken und Stab tröſten mich. Du bereiteſt vor mir einen Tiſch gegen meine Feinde. Du ſalbeſt mein Haupt mit Oel, und ſchenkeſt mir voll ein. Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Lebenlang, und ich werde bleiben im Hauſe des Herrn immerdar. Amen. Druck von Ed. Heynemann in Halle. —,.—————— ſſiſiſ 5 6 8 9 10 11 12 13 16 17 1 8 2. 33