3——— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur ſe Eduard Oikmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. — cleih- und Geſebedingungen. 1. offensein der Bibliothek. Die Ftehe ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends§ Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Laution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird.. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für nchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————————— auf 1 Monat:— Pf. 50 Pf. 2 M.— Pf. „ 3 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Die ganze Natur athmete Friſche und Freude; die Blumen flüſterten ſich, die kleinen mit Perlen geſchmückten Köpfe wiegend, geheimnißvoll die Erlebniſſe der Nacht zu, während die Bäume in dem hellen, lieblichen Grün, nur der Mai hervorbringen kann, gekleidet, ernſt und ſchweigend die Königin des Tages be⸗ grüßten. Nun aber erhoben ſich tauſend ſchmetternde Stimmen, die den ſchweigenden Wald belebten und Dank⸗ lieder zum Höchſten emporſandten. Das Städtchen aber, das ſo reizend am Abhange des Hügels gelegen war, wollte trotz des Rufens der muntern Sänger noch nicht erwachen; die Straßen waren leer und öde, Alles lag noch in tiefer Ruhe. Da öffnete leiſe und vorſichtig die Thür eines netten weißen 6 mit grünen Jalvuſieen, und ein junges Mädchen ſchlüpfte heraus. Schnell eilte ſie die Straße hinunter, und erſt als ſie an der Ecke ben war, warf ſie einen prüfenden Blick zurück, ob and ſie belauſcht habe. Sie war ahre alt; ihre Geſtalt war leicht und reizend geformt; jede ihrer Bewegungen war anmuthig. Ihr lichtbraunes, lockiges Haar wurde zum Theil von einem kleinen, grünen Hute verborgen, der ihren weißen Nacken beſchattete. Ihr Geſicht war überaus lieblich, denn eine ſchneeige Stirn, roſige Wangen und ein kleiner edel geformter Mund zierten daſſelbe; aber das Schönſte an ihm, das waren die Augen. Nußbraun wie das Haar, wurden ſie von langen, dunklen Wimpern be⸗ ſchattet, die ihnen einen gez eigenthümlichen, faſt ſchwer⸗ müthigen Ausdruck gaben. Ihr Blick war weder ſanft, noch blitzend und unſtät, aber in ihrer Tiefe ſchien ein ſtilles Feuer zu glühen, und man ſchaute gern in dieſe Tiefe und fühlte ſich dadurch angezogen und feſtgehalten. Alle Be⸗ wegungen des jungen Mädchens waren von ſylphidenartiger Leichtigkeit, und ihr ganzes Aeußere erſchien ſo ätheriſch, daß man ſich hätte wundern können, warum ſie nicht plötzlich ein Paar Schwingen entfaltete, Im ſich vor unſern Augen in den Himmel, ihre wahre Heimath, zu erheben. Nur einen Augenblick verweilte das Mädchen, dann ſetzte ſie ſchnell ihren Weg fort und befand ſich bald außerhalb des Städtchens. Sie eilte den Hügel hinauf, wo unter eeiner ſchattigen Linde, von der aus man eine herrliche Aus⸗ fehlte es Marie'n, der ältern Schweſter, niemals an Gele⸗ 3 und annssrehen Leben zub ſicht hatte, eine weibliche Geſtalt ihrer wartete.„Ach da biſt Du, meine gute, liebe Roſa“, rief ihr dieſe zu, ihr entgegeneilend. Roſa umſchlang zärtlich die theure Freundin, und ſagte dann in dem Tone innigſter Lie t ihrer wei⸗ chen, ſilberhellen Stimme:„Ach, iebevoll Du doch immer biſt, nein, das hätte ich icht gedacht, daß Du mich ſchon erwarten würdeſt; wie danke ich Dir für Deine Freundlichkeit!“ Die beiden Mädchen ließen ſich auf die Bank unter der Linde nieder, indem ſie ſich innig um⸗ ſchlungen hielten. Eliſa war etwas größer als Roſa und gewiß vier Jahre älter; ſie war nicht ſchön, aber es lag eine ſo undusſprechliche Güte in ihren ſanften Augen und eine ſo liebende Hingebung en ganzen Weſen, daß ſich gewiß Jeder zu ihr hingezoget fühlte. Roſa war eine Waiſe, und bei ihrer Tante, Frau von Reichenbach, in dem Städtchen erzogen. Der Vater der letztern war ein reicher Gutsbeſitzer geweſen; ihre Mutter, früh verſtorben, hatte ſie und eine jüngere Schweſter der alleinigen Obhut des Vaters hinterlaſſen. Frau von Rei⸗ chenbach liebte ihre Schweſter innig, und gewiß, Helene war auch ein ſchönes, ſanfteß liebenswerthes Weſen. Herr von Helmſtädt— das wat der Name des Vaters— mehte ein ſehr großes Haus in der Reſidenz; ſeine Feſte und Bälle waren als die glänzendſten derſelben bekannt und auf dieſen genheit, ihre Neigung zu glänzen und ihre Luſt — teren Tage zu gewinnen trachtete Er zog ſich mit ihr in 8 Sie fühlte ſich glücklich. Nicht ſo Helene. Dieſe zog ſich gern von allen Feſtlichkeiten zurück, ſo oft ſie auch von ihrer Schweſter darum getadelt wurde. In den Geſellſchaften ihres Vaters allgemein bewundert und geprieſen, betrübte ſie dies gerade und bewog ſie, ſich nur immer ſelter in ihnen zu zeige Denn ſie liebte einen edlen, aber armen jungen Mann, da der Vater ihre Verheirathung mit demſelben nicht zugeben wollte, ſo entfloh ſie heimlich mit ihm, ohne den Ihrigen eine Nachricht zu hinterlaſſen, wohin ſie ſich gewendet. Man ſtellte viele Nachforſchungen an, ihren Aufenthalt zu finden, aber vergebens,— Helene war und blieb verſchwunden. Herr von Helmſtädt, deſſen Lieb⸗ ling und Stolz ſie geweſen, konnte ihren Verluſt nicht lange ertragen und ſtarb voll Gram über ſeine Härte. Nach ſeinem Tode fand es ſich, daß ſeine Vermögensumſtände, beſonders in Folge des koſtſpieligen Lebens, das er in den letzten Jahren geführt, und weil er ſich in dieſer Zeit gar nicht um ſeine Güter bekümmert hatte, völlig zerrüttet waren, ſo daß ſeiner Tochter nach Deckung der Schulden faſt Nichts übrig blieb, und in dieſer Zeit der Noth entſchloß ſie ſich, die Gattin des Herrn von Reichenbh, der ſich um ſie bewarb, zu werden. Dieſer war ein nicht mehr junger, einfacher Mann, der Ruhe und Stille liebte Prunk verſchmähte, alſo das gerade Gegentheil ſei Gattin, in der er um den i i Pflegerin ſeiner ſpä⸗ — die kleine Stadt B. zurück, wo er das Häuschen, von dem am Anfange dieſer Erzählung die Rede war, beſaß. Nach vier nicht eben in glücklicher Ehe verlebten Jahren ſtarb er. Nicht lange nach ſeinem Tode erhielt die Wittwe einen Brief von ihter ſo lange vermißten Schweſter, in welchem dieſe daß ſie ſich dem Tode nahe fühle und daher die einzige Schweſter dringend bitte, zu ihr zu eilen, um ihr das letzte Lebewohl zu ſagen. Sie nannte ein Dörfchen als den Ort ihres Aufenthaltes und beſchwor ſie, ſich nach ihrem Tode ihres verlaſſenen dreijährigen Töchterchens anzunehmen. Frau von Reichen⸗ bach reiſte ſogleich ab, fand jedoch ihre Schweſter nur noch als Leiche wieder. Einige Zeilen aber hatte ſie ihr hinter⸗ laſſen, in denen ſie ihr mittheilte, daß nach ihrer Flucht ihr Gatte ein kleines Gut in einer verborgenen Gegend gepachtet habe, auf dem ſie zwei glückliche Jahre zuſammen verlebt hätten. Nachdem er aber an einem hitzigen Fieber geſtorben, hätte ſie ſich und ihr kleines Mädchen in dem Dörfchen durch weibliche Handarbeiten ernährt, da ſie erfahren, daß der Vater ebenfalls geſtorben, ſie alſo nicht zu ihm hätte zurück⸗ kehren können. Frau Reichenbach war tief gerührt, und nahm die kleine nachdem Helene beſtattet war, mit ſich nach B., um fortan für die Erziehung des Kindes zu ſorgen. Gern zwar wäre ſie mit demſelben in die Haupt⸗ ſtadt zurückgekehrt, da ihr das einſame Leben in dem kleinen Orte gar nicht gefiel, aber ihre Mittel erlaubten es nicht. So wuchs denn Röschen in der herrlichen W „ 10 auf, ſelbſt eine Blume des Frühlings. Sie hatte ſeit den letzten Jahren eine innige Freundſchaft mit Eliſe Waldau geknüpft, was Frau von Reichenbach nicht gern ſah, denn ſie war immer noch eine gar ſtolze Frau und Eliſe war arm. Der Vater de rn war früh geſtorben; Lucie, ihre jetzt i veſter wurde bei ihrer Tante, der Frau eines Lanpredigers, erzogen, ſo daß Eliſen ſelbſt noch die Sorge für ihre jüngſte Schweſter, Meta und die Pflege ihrer ſi 8 kränkelnden Mutter überlaſſen blieb. Sie gab den vornehmern Töchtern im Städtchen Unterricht im Clavier⸗ ſpiel, in der franzöſiſchen und engliſchen Sprache, um ihren Unterhalt dadurch zu erwerben. Frau von Reichenbach war ſehr erfreut darüber, daß endlich der Augenblick nahe kam, das ihr unangenehme Ver⸗ hältniß der beiden Mädchen abzubrechen. Vor einigen Tagen nämlich hatte ſie die Nachricht erhalten, daß der ältere Bruder ihres Vaters, der in der Hauptſtadt gelebt hatte, geſtorben ſei. Die beiden Brüder hatten nie einen freund⸗ ſchaftlichen Umgang mit einander gehabt, da der Onkel ein ſtilles, zurückgezogenes Leben führte und alle Vergnügungen haßte; Marien liebte er daher gar nicht, und da er erfahren, daß Helene eine Tochter hinterlaſſen, ſo hatte er Roſa zur alleinigen Erbin ſeines ſehr bedeutenden Vermögens einge⸗ ſetzt. Frau von Reichenbach beſchloß hierauf ſogleich das Städtchen zu verlaſſen und das prächtige Haus des Onkels in der Hauptſtadt zu beziehen. Roſa war keineswegs erfreut darüber; denn ſie mußte ja nun Alles, was ſie liebte, die ſchwer mir der Abſchied wird, dann würdeſt Du das gewiß 1 ſtille ſchöne Gegend, in der ſie aufgewachſen war, verlaſſen; aber ſie konnte ſich doch der Tante nicht undankbar beweiſen und mußte ſich alſo in den Willen derſelben, ſo ſchwer es ihr auch wurde, fügen.— Heute war es un das letzte Mal, daß ſie mit Eliſen zuſammen ſein konn te. Sie hatte ſie gebeten, hierher an ihr Lieblingsplätzchen, wo ſisſo oft traulich zuſammengeſeſſen hatten, zu kommen, um noch einige Stun⸗ den ungeſtört bei einander zu ſein. Darum ſenkte auch jetzt Roſa ſo traurig das Köpfchen, denn das Herz war ihr ſchwer vom nahen Abſchied. „Alſo heute werdet Ihr beſtimmt abreiſen?“ fragte Eliſe nach einigem Stillſchweigen. „Ja, ſchon heute Morgen wird uns der Wagen des Onkels abholen, damit wir noch am Abende in der Stadt eintreffen,“ erwiderte Roſa, die ſchönen Augen, in denen eine Thräne glänzte, zur Freundin erhebend. „Schon dieſen Morgen?“ ſagte Eliſe erſtaunt; dann aber fügte ſie lächelnd hinzu:„nun, wenn Du erſt in der ſchönen glänzenden Hauptſtadt ſein wirſt, mein Röschen, dann wirſt Du uns und unſer einfaches Städtchen wohl bald vergeſſen haben.“. „O, gewiß nicht, Eliſe,“ rief Roſa aus, ihren weißen Arm um die Freundin ſchlingend;„wenn Du wüßteſt, wie nicht ſagen; o, ich werde Dich nicht vergeſſen, nie, nie i meinem ganzen Leben!“ 12 „Und wenn wir uns dann wiederſehen werden, ach wrie ſelig, wie glücklich wird dann dieſes Wiederſehen ſein“, fügte Eliſe hinzu;„es wiegt doch dieſen Abſchied i fältig auf und wird uns in reichlichem Maße für die Bitterkeit deſſelben entſchädigen!“ Lange ſaßen die beiden Mädchen in traulichem Geſprich nen, bis die immer höher ſteigende Sonne ſie zum fbruch mahnte. Hand in Hand gingen ſie den Hügel unter; jetzt mußten ſie ſich trennen.„Lebe wohl!“ flü⸗ ſterte Eliſe noch einmal der ſchönen Roſa zu und drückte einen Kuß auf ihre weiße Stirn— dann war ſie verſchwunden. F Roſa ſtand einen Augenblick zögernd vor dem kleinen Hauſe, in dem ſie ihre glücklichſten Jahre verlebt hatte— es war ja das letzte Mal, daß ſies betreten ſollte. Dann öffnete ſie ſchnell die Thür, eilte die Treppe hinauf und trat in ihr kleines Zimmer. Wie behaglich, wie heimiſch es in demſelben war; wie wehte durch daſſelbe der Geiſt des Frie⸗ dens, des Glückes, der Geiſt ſtiller Jungfräulichkeit! Die Blumen dufteten Roſa entgegen und das Canarienvögelchen am Fenſter begrüßte ſie mit ſeinem lieblichen Geſange. Aber Roſa tändelte heute nicht mit ihm wie ſonſt, ſondern trat an das Sſe und eine Thräne fiel auf ihren nſeni 13 den ſie am meiſten von allen ihren Blumen liebte. Dann öffnete ſie die Thür, die zum Wohnzimmer führte, um zu ſehen, ob Frau von Reichenbach ſchon dort wäre. Die Tante war auch wirklich ſchon auf und ſo eben mit dem Ordnen des Frühſtücktiſches beſchäftigt.„Nun da biſt Du ja, Roſa!“ rief ſie ihrer Nichte entgegen;„unſer Mädchen ſagte mir vorhin, Du ſeiſt nicht mehr in Deinem Zimmer,“ Roſa war etwas verlegen und um dies zu verbergen, erw⸗ derte ſie ausweichend:„O was iſt das heute für ein herrli 6 Morgen, liebe Tante, er iſt des Maies würdig.“ „Ja, unſere Reiſe wird eine recht angenehme ſein,“ antwortete dieſe;„der Wagen des Onkels iſt gewiß bald hier, denn ich habe geſchrieben, ſie möchten ihn recht früh ſchicken.“ Roſa antwortete nicht. Wie gern hätte ſie den Augen⸗ blick ihrer Abreiſe noch weiter hinausgeſchoben! Endlich ſagte ſie leiſe:„Du hätteſt das Haus doch nicht verkaufen ſollen—“ „Ach,“ unterbrach die Tante,„was ſollen wir mit dem Hauſe? Es würde uns nur eine Laſt ſein, denn be⸗ nutzen könnten wir es ja doch nicht.“ Nach dem Frühſtück beſorgte Frau von Reichenbach noch einige Geſchäfte und kaum hatte ſie das letzte derſelben beendet, als man das Geraſſel eines Wagens hörte, „Das iſt der Wagen des Onkels,“ ſagte die Tante frendig und an das Fenſter tretend:„Gottlob, daß wir d 14 nun endlich das langweilige Neſt verlaſſen.“ Das Gepäck wurde hinunter geſchafft, und Alles war zur Abfahrt bereit. „Liebe Tante“, ſagte Roſa bittend,„laß mich doch mein Canarienvögelchen mitnehmen; es würde vor Gram ſterben, wenn ich fort wäre. Ich will es während der ganzen Reiſe auf dem Schvoße halten.“ „Wie närriſch du biſt“, erwiderte die Tant lich;„es wird uns nur hinderlich ſein und in der Stadt könſteſt Du Dir ja den ſchönſten Papagei kaufen!“ Aber Roſa nahm ihren Vogel doch mit und ſchnell fuhren ſie in der prächtigen Equipage durch das Städtchen hindurch. Frau von Reichenbach blicke ſtolz um ſich, doch Roſa ſenkte die dunklen Wimpern zur Erde, und erſt als ſie auf der freien Landſtraße wareg, ward ihr gepreßtes Herz ein wenig leichter, aber ſie blieb nachdenkend und ſtill. Roſa's Erſcheinung hutte etwas ungemein Anziehendes. ies nicht nur an ihrer Schönheit, denn Schönheit ä in dem wechſelnden Mie⸗ ger Seelenthätigkeit war; gen, in der reinſten Weib⸗ Weſen zeigte. In ihrer ancher Andern übertroffen e faſt ärger⸗ nenſpiel, das der Ausdruck lebendi lichkeit, die ſich in ihrem ganzen Schönheit wäre ſie vielleicht von m worden, aber jenen eigenthümlichen Zauber, der in ihren Blicken lag, wenn ſie die ſchönen Wimpern langſam erhob, der aus ihrer weichen, wohltönenden Sprache klang, ihn eſaßen wohl nur äußerſt wenige außer ihr. Dieſes an⸗ —,———,— muthige Aeußere umſchloß einen regen Geiſt, ein warmes, liebevolles, für das kleinſte Unglück Anderer empfängliches Herz, und eine außerordentlich lebhafte Phantaſie; aber Roſa beſaß leider nicht jenen feſten Charakter, welcher im Kampfe des Lebens ſo ſehr erforderlich iſt. Sie war weich und biegſam, und bedurfte in ſchwierigeren Lagen einer Stütze, ihr Herz eines treuen Rathgebers. Roſa hatte in ihrem einfachen Leben auch nicht gerade viel Gelegenheit gehabt, ihre Selbſtſtändigkeit zu entwickeln, und in den ½ kleinen Sorgen und auch Unruhen deſſelben war Eliſe ihr die treue Rathgeberin geweſen, zu der ſie immer ihre Zuflucht genommen. Sonſt war ſie viel ſich ſelbſt überlaſſen, beſonders in den letzten Jahren, denn Frau von Reichenbach, die keine geiſtvolle Frau wart beſchäftigte ſich nur wenig mit dem jungen Mädchen, deſſen hohem Gedankenfluge ſie ſelten zu folgen vermochte. So ſaß denn Roſa oft allein in ihrem trauten Zimmer, wenn der Abend ſich leiſe auf die Erde herniederſenkte und alle Gegenſtände in der Dämmerung geheimnißvoller erſchienen, den Kopf auf die kleine Hand geſtützt, neben dem blühenden Roſenſtock, und machte ſich die wunderbarſten Phantaſiebilder von der Zukunft, von dem Leben, das in Dunkel gehüllt vor ihr lag. Sie fürchtete es nicht, aber es erfüllte ſie mit einer heiligen Scheu. Es erſchien ihr wie ein buntes, bunigeslihelbe, welches zu betreten ſie ſüß zuſammenſchauerte, von dem aber ſchon die icer Klänge zu ihr herübergezogen. 3 16 lag nun vor ihr, jetzt ſollte ſie den erſten Schritt in daſſelbe thun— mußte ſie da nicht gedankenvoll ſein? Es war ſchon Abend, als der Wagen in der Haupt⸗ ſtadt einrollte und plötzlich umgab ſie ein ſo geräuſchvolles Treiben, daß die deſſen gänzlich ungewohnte Roſa ſich in die tiefſte Ecke des Wagens zurückzog. Endlich hielt die⸗ ſer vor einem großen ſchönen, aber etwas alterthümlichen Hauſe in einer der Hauptſtraßen, und Frau von Reichen⸗ bach rief aus:„Das iſt das Haus des Onkels!“ Sie be⸗ traten daſſelbe. Wie weit, wie geräumig erſchien alles dem jungen Mädchen, welches nur die kleinen Häuſer ihres Städtchens kannte. Die neue Herrſchaft wurde von den Dienenden freundlich empfangen, denn ſie verſprachen ſich bei ihr ein beſſeres Leben, als ſie es bei dem zwar guten, aber doch ſehr ſtillen, alten Herrn geführt hatten. Marianne, ein freundliches Mädchen, welches in den letzten Jahren die Wirthſchaft des Onkels beſorgt hatte, begleitete die beiden Damen durch die prächtigen Gemächer. Frau von Reichen⸗ bach war in der heiterſten Laune und machte ſchon hier und da ihre Bemerkungen über das, was verändert werden müſſe. Aber ſo köſtlich die Zimmer auch eingerichtet, ſo prächtig die Teppiche und Gemälde waren, welche ſie ſchmück⸗ ten, ſo fühlte ſich Roſa in ihnen doch nicht glücklich, und viel lieber hätte ſie alle dieſe Reichthümer gegen ihr trau⸗ tes kleines Stübchen vertauſcht.„Nun, wo willſt Du denn wohnen, meine Roſa“, fragte die Tante ſie jetzt ſcherzend. o Roſt ſenkte den Blick traurig zur Erde, nachdem ſie 4 — 3 17 denſelben ſcheu durch die weiten Gemächer geſandt, und Marianne, welche dies bemerkt hatte, ſagte ſchnell:„Ach liebes Fräulein, wenn Ihnen dieſe Zimmer zu groß ſind, dann bitte kommen Sie mit mir in den zweiten Stock hinauf, da will ich Ihnen ein reizendes kleines Zimmer zeigen, das Ihnen gewiß gefallen wird.“ Roſa nahm freundlich das Anerbieten an, und folgte dem vorangehen⸗ den Mädchen. Das Zimmer entſprach nicht nur allen ihren Hoffnungen, ſondern übertraf dieſelben noch. Es hatte Aehnlichkeit mit dem ihrigen, aber es war viel geſchmack⸗ voller und prächtiger eingerichtet, ohne daß man ſich darum weniger heimiſch in demſelben gefühlt hätte. „Ja, hier will ich wohnen“, rief Roſa fröhlich aus, „ach hier iſt es viel, viel ſchöner als unten, und“— „Nicht wahr? hier iſt es hübſch“, unterbrach ſie Ma⸗ rianne.„Herr von Helmſtädt hat dieſes Zimmer ja auch beſonders für die ſchöne junge Dame einrichten laſſen, die er vor zwei Jahren mit aus Italien brachte, damit ſie hier oben recht ruhig und ungeſtört wohne, obgleich es doch unten auch gerade nicht lärmend zuging. Sie hatte eine eben ſo glockenhelle Stimme wie Sie, liebes Fräulein, aber nicht ſo ſchöne Augen, obgleich ſie ſchwarz und feurig waren.“ „Aber wer war denn die junge Dame?“ ſtete Roſa nicht ohne Neugierde;„war ſie denn mit derit ver⸗ wandt? Ich habe nie Etwas von* gehö ——— 18 „Wenn Sie es nicht weiter ſagen wollen“ antwortete Marianna,„ſo will ich Ihnen anvertrauen, was ich darüber weiß. Man vermuthet, Fräulein Wanda ſei die Tochter des alten Herrn geweſen. Denn Franz, der nun ſchon zwanzig Jahre in dieſem Hauſe iſt, hatte ihn vor achtzehn Jahren auf einer Reiſe nach Italien begleitet, wo Herr von Helmſtädt eine ſchöne Italienerin kennen lernte. Plötzlich wir etwas Näheres über ihr Verhältniß zu einander erfah⸗ ren. Vor einem Jahre erkrankte Wanda. Herr von Helm⸗ ſtädt war unermüdlich in ihrer Pflege und bot Alles auf, ſie zu erheitern, und ihre Leiden zu lindern. Es war in einer Nacht— ich werde ſie nie vergeſſen— als der gnä⸗ dige Herr ſich zum erſten Male ſeit mehreren Wochen auf Wanda's Bitten, die ſich beſſer fühlte, zur Ruhe gelegt hatte. Sie war eingeſchlafen; ich ſaß an ihrem Bette und lauſchte auf ihre Athemzüge. Es war Mitternacht; da er⸗ wachte ſie und verlangte haſtig nach Herrn von Helmſtädt. Ich ſchickte nach ihm und unterdeſſen ſagte Wanda mit leiſer Stimme:„„Ich fühle mich ſehr ſchwach und doch ſo wohl; ich glaube, ich werde bald in ein ſchöneres Land hinüber⸗ ſſchlummern.““ Jetzt trat Herr von Helmſtädt ins Zimmer. Wanda richtete ch auf und indem ſie ihm ihre Arme ent⸗ 19 gegenſtreckte, rief ſie aus:„„Mein Vater““. Dann ſank ſie in die Kiſſen zurück und war nicht mehr!“ An Roſa's ſchönen Wimpern hingen Thränen und leiſe ſagte ſie:„So wird mir denn dies Zimmer nur um ſo lieber ſein. Arme Wanda!“ Sobald ſie nur von der Tante, die ihrer ſchon unge⸗ duldig harrte, die Erlaubniß erhalten konnte, zog ſie ſich in ihr liebes, kleines Zimmer zurück. Sie ließ ſich ermüdet von den Anſtrengungen der Fahrt auf dem rothen Sammet⸗Divan nieder. Das Zim⸗ mer war durch das ſanfte Licht einer Ampel zauberiſch er⸗ hellt, und Roſa prüfte nun erſt die einzelnen Gegenſtände, die ſich in demſelben befanden. Ueber ein ſchönes Piano⸗ forte hatte ſie ſich ſchon vorher gefreut; denn ſie liebte die Mußik ſehr; jetzt aber bemerkte ſie erſt einen kleinen Bücher⸗ ſchrank, der mit den Werken der berühmteſten deutſchen und ausländiſchen Dichter gefüllt war. Das war für ſie eine freudige Ueberraſchung, denn ſie hatte bei der Tante nur wenige kennen zu lernen Gelegenheit gehabt. Während ſie nun auf dieſe Weiſe ſtill beſchäftigt war, drangen plötzlich die ſüßen, ſchwellenden Töne einer Flöte in ihr Ohr. Sie hatte nie in ihrem Leben ſo liebliche Muſik vernommen: es war ihr, als ob dieſe Töne himmli⸗ ſchen Sphären entquollen, und ſie lauſchte ihnen mit ver⸗ haltenem Athem. Als aber die Töne ſanft verklungen waren, da hatten ſie auf ihren Wellen die Seele Roſa's fort⸗ geführt und leiſe dem Traumgott in die Arme gelegt. 20 Mitten in der Nacht erwachte Roſa. Verwundert ſchaute ſie ſich in dem Zimmer um, welches nur noch matt durch die verlöſchende Ampel beleuchtet war. Doch bald wurde ihr die Begebenheit des verfloſſenen Abends klar und ſchnell betrat ſie nun ihr Schlafzimmer, zu dem eine Thür vom Wohngemach aus führte und das eben ſo reizend wie das letztere eingerichtet war. Die Sonne hatte am nächſten Morgen ſchon lange in Roſa's freundliches Schlafgemach hineingeſehen und ſchien jetzt mit Wohlgefallen auf der reizenden Geſtalt des lieb⸗ lichen Mädchens zu verweilen. Roſa's dunkle Augen waren noch geſchloſſen; die braunen Flechten waren auf das Kiſ⸗ ſen herabgeſunken; der eine der weißen Arme war um den Kopf gelegt, während der andere auf dem Bette ruhte. Den kleinen, roſigen, halb geöffneten Mund, hinter dem eine Reihe weißer Perlenzähne hervorſchimmerte, umſchwebte ein Lächeln und ein ſüßer Traum lagerte auf der reinen Stirn. Jetzt aber erwachte die reizende Schläferin, ge⸗ weckt von den neckenden Sonnenſtrahlen und richtete ſich im Bett empor:„Mein Gott, wie ſpät iſt es ſchon!“ rief Roſa aus,„was wird die Tante ſagen? Und ſchnell kleidete ſie ſich an und eilte hinunter. 21 „Nun, ich glaubte wirklich, ich würde Dich heute gar nicht mehr ſehen“, rief ihr Frau von Reichenbach entgegen, die eben ihre elegante Toilette beendet hatte. „Ich war ſo ermüdet von der geſtrigen Fahrt,“ er⸗ widerte ihre Nichte lächelnd;„aber was verſäume ich hier denn auch, liebe Tante?“ „O, ſehr viel!“ entgegnete dieſe ſchnell,„wir werden nun bald ausfahren, um Viſiten zu machen, damit ich doch wieder meine früheren Bekanntſchaften anknüpfen und Dich ihnen vorſtellen kann.“ Roſa ſeufzte. Wie zuwider war ihr das Viſiten⸗ machen; aber der Tante gegenüber war jeder Widerſpruch unmöglich, und Roſa mußte ſich fügen, ſo ungern ſie es that. So rollte ſie denn bald an der Seite der Tante durch die Straßen der Stadt und ſchaute aus der prächtigen Karoſſe auf das Leben und Treiben der Menſchen herab. Die erſte Dame, die ſie beſuchten, war die Baronin von Lindau, eine äußerſt lebhafte, ſehr liebenswürdige und fein gebildete Frau. Sie empfing Frau von Reichen⸗ bach ſehr herzlich und widmete deren Nichte große Auf⸗ merkſamkeit. „Wollen Sie mich nicht heute Abend mit Ihrem Be⸗ ſuch beehren?“ fragte ſie freundlich.„Ich habe hier alle Mittwoch ein kleines Leſekränzchen von jungen Leuten ver⸗ ſammelt; nach dem Leſen wird gewöhnlich der übrige Theil des Abends dem Tanze, der Darſtellung lebender Bilder und anderer Unterhaltung gewidmet.“ Aber Frau von N* Reichenbach lehnte dieſe Einladung ab, indem ſie ſich mit den Geſchäften, die der gegenwärtige Zuſtand ihres eigenen Hausweſens ihr auferlegte, entſchuldigte. Als ſich beide verabſchiedeten, ſagte Frau von Lindau, indem ſie Roſa's kleine Hand erfaßte:„Nicht wahr, Sie beſuchen mich recht bald wieder mein Fräulein? Man fühlt ſich ſo wohl in Ihrer Nähe.“ Roſa lächelte und verſprach es. Dann fuhren ſie zu der Generalin von Grünheim und ihrer Tochter. Die erſtere war eine nicht mehr junge, je⸗ doch noch äußerſt eitele und affectirte Frau, und Thereſe, ihre Tochter, welche ſich immer für ſehr nervenſchwach hielt, dabei aber nie auf einem Balle oder in der Oper fehlen durfte, hatte ganz das Weſen der Mutter angenommen. Sie behandelte Roſa mit vornehmer Herablaſſung und während ihre Mutter ſich mit Frau von Reichenbach unter⸗ hielt, hatte ſie ein Geſpräch mit deren Nichte angeknüpft. „Nun wie gefällt es Ihnen in der Stadt, liebes Fräu⸗ lein?“ fragte ſie, indem ſie ihre Locken ordnete. „Ich kenne ſie noch zu wenig,“ antwortete ſie beſchei⸗ den, um jett ſchon darüber urtheilen zu können; gewiß wird es mir in der Folge recht gut gefallen.“ „e le erois bien,“ erwiderte Thereſe, ironiſch lächelnd; „Sie müſſen ſich ja hier, nachdem Sie die kleine Stadt ver⸗ laſſen haben, in den Himmel verſetzt glauben.“ „O das Städtchen iſt ganz reizend gelegen, der Auf⸗ 23 enthalt dort ſehr angenehm, vielleicht dem hieſigen vorzu⸗ ziehen,“ ſagte Roſa lebhaft. „Kann man denn dort in die Oper, in die Komödie, auf Bälle und in Geſellſchaften gehen?“ fragte Thereſe, indem ſie ſich in ihren Stuhl zurücklehnte. „Ein Opern⸗ und ein Schauſpielhaus giebt es dort nicht,“ entgegnete Roſa,„nur ein kleines Theater iſt da, das ich jedoch nie beſucht habe. Und auf Bällen und in Geſellſchaften bin ich auch nicht geweſen, denn ich habe mich nie an Leute, die ſolche gaben, angeſchloſſen.“ „Mais, mon dieu,“ rief Thereſe erſtaunt aus,„wie verbrachten Sie denn da Ihre Zeit?“ „O,“ antwortete Roſa,„auf eine ſehr angenehme Weiſe; ich trieb Muſik und fremde Sprachen, las, beſchäf⸗ tigte mich mit weiblicher Handarbeit, mit der Pflege meiner Blumen, und vor Allem brachte ich einen Theil des Tages in der herrlichen Natur zu.“ „Ach,“ erwiderte Thereſe verächtlich,„comme c'est ennuyeux!“ Roſa war froh, daß ihre Tante ſich jetzt empfahl, und nachdem ſie noch mehrere Beſuche gemacht hatten, kehrten ſie nach Hauſe zurück. Roſa mußte immer wieder an The⸗ reſe denken, und konnte ſich nicht genug darüber wundern, daß dieſe ein ſo angenehmes Leben, als ſie in B. geführt, langweilig finden konnte. Von allen Damen, die ſie heute geſehen, gefiel ihr Frau von Lindau am beſten und ſie fühlte eine innige Zuneigung zu derſelben in ſich aufkeimen. Am Rachmittage ging ſie mit ihrer Tante in den Gar⸗ ten des Onkels hinab, um denſelben zu beſichtigen. Er war ſehr groß, und ſchwermüthige dunkle Laubgänge wech⸗ ſelten mit den heiterſten Plätzen, die mit duftenden Blumen bepflanzt waren, ab. Der Garten war, da er in den letz⸗ ten Jahren etwas vernachläſſigt worden, ein wenig verwil⸗ dert, aber er deuchte der ſchwärmeriſchen Roſa darum nur um ſo romantiſcher. Beſonders gefiel ihr ein ſtilles Plätz⸗ chen unter einer dunklen Trauerweide an einem vom Laube verſteckten Weiher, der ſich in dem Garten befand. Frau von Reichenbach befand ſich heute nicht ganz wohl und zog ſich ſchon früh in ihr Schlafzimmer zurück. So hatte denn Roſa einen langen Abend für ſich und be⸗ ſchloß, denſelben auf eine ihr beſonders zuſagende Weiſe zu verbringen. Kaum war ſie allein in ihrem Zimmer, als ſie Wanda's Bücherſchrank öffnete, um nach Herzensluſt zu leſen. Sie hielt ſo eben den„Taſſo“ von Göthe in ihrer Hand, als ſie ein Tagebuch bemerkte, das zwiſchen den Büchern in einer Ecke des Schrankes ſtand. Es mußte Wanda's ſein, ſie nahm es daher und ſetzte ſich damit auf den Divan. Als ſie es geöffnet, fand ſie ihre Vermuthung beſtätigt und ſie las 25 „Die Geſchichte meines Lebens. ch bin in einem kleinen, italieniſchen Fiſcherdorfe ge⸗ boren. Meine erſten Erinnerungen knüpfen ſich an das Meer. Ich weiß, daß ich oft am Meere ſpielte und bunte Muſcheln ſuchte, während meine Mutter nicht weit davon ſaß und Netze ſtrickte. Sie war noch ſehr jung und ſchön, wenigſtens ſagten das die Nachbarn, aber ſie war immer ſehr traurig und weinte oft. Wenn ich recht ſchöne Mu⸗ ſcheln gefunden hatte, lief ich zu ihr hin, ſie ihr zu bringen und dann küßte ſie mich und nannte mich ihr liebes, ſüßes Kind. Ich verlebte frohe, glückliche Tage. Wir bewohn⸗ ten ein Häuschen am Ende des Dorfes. Vor denſelben lag ein Garten, welchen meine Mutter eifrig pflegte. Einſt an einem heitern Abend ſaß ſie arbeitend in demſelben, während ich vor der Gartenthür ſtand. Da kam eine neiner kleinen Geſpielinnen geſprungen und erzählte mir freudig, daß ihr Vater weit über das Meer wieder zu ihnen gekommen ſei, und ihr die ſchönſten Sachen mitgebracht habe.„Dein Vater?“ fragte ich verwundert.„Wenn mir doch mein Vater auch ſo etwas Schönes mitbrächte!“ „Kommt denn Dein Vater auch bald wieder?“ fragte die Kleine. Ich ſtand einen Angenblick nachſinnend; da ich mich aber nicht erinnerte, je meinen Vater geſehen zu haben, ſo lief ich ſchnell zu der Mutter und mich vor ihr nieder⸗ werfend, und meine Hände in ihren Schvoß legend, rief ich aus:„Ach, liebe Mutter, kommt denn der Vater nicht 26 bald über das Meer und bringt mir etwas Schönes mit, wie es Nieda's Vater gethan hat? Eine Thräne fiel auf meine Stirn, dann aber ſagte meine Mutter ſanft:„Ja, wenn Du artig biſt, mein Kind.“ Seit dieſem Tage ſtand ich oft am Meere und ſchaute ſpähend hinaus, ob der er⸗ ſehnte Vater nicht bald käme und oft, wenn ich einen bun⸗ ten, wehenden Wimpel in der Ferne erblickte, eilte ich zur Mutter und verkündigte, daß nun der Vater käme. Aber dann wurde ſie immer ganz beſonders traurig und nachdem ich das einigemal bemerkt hatte, theilte ich ihr nicht ferner meine Erwartungen mit. So war ich ſechs Jahr alt ge⸗ worden; da erkrankte meine geliebte Mutter und ſtarb nach wenigen Tagen. Die Nachbarn begruben ſie und ſagten, ihr ſei nun wohl; ich aber blieb ganz allein in der Welt zurück. Eine mitleidige, aber arme Fiſcherfrau, die ſelbſt drei Kinder hatte, nahm ſich meiner an. Sie ſchickte mich in die Schule und ließ mich in den freien Stunden kleine Dienſte im Haushalte verrichten. Oft fuhr ich mit ihrem Sohne hinaus in die See und ſo heftig dieſe auch wogte und ſchäumte, ſo gefährlich auch unſere Lage auf dem ge⸗ brechlichen kleinen Nachen werden mochte, ſo fürchtete ich mich doch nie. Als ich zwölf Jahre alt war, verließ ich die Schule und trug Fiſche nach der Stadt zu Markte. Man ſagte mir dort, ich ſei ſchön, und kaufte gern von mir. Wie froh war ich dann am Abend, wenn ich meine kleine Baarſchaft in die Hände der guten alten Frau, die ſo treu für mich geſorgt hatte, legen konnte. 27 Ich hatte kürzlich mein vierzehntes Jahr erreicht, als ich an einem Abend des Junimongts von der Stadt nach Hauſe zurücktehrte. Das Wetter war herrlich und der Mond ergoß ſeinen ſilbernen Schimmer über die ſchlum⸗ mernde Landſchaft. Ich war müde und ſetzte mich daher einen Augenblick auf eine Moosbank am Wege nieder, mich meinen ſtillen Betrachtungen überlaſſend. Da plötzlich hörte ich kniſternde Tritte im Gebüſch. Erſchrocken ſprang ich auf, aber es war zu ſpät; ein kräftiger Zigeuner ſtand vor mir und rief, meine Hand erfaſſend, nach rückwärts: „Lorenzo, geſchwind, wir haben glückliche Beute.“ Da⸗ rauf trat ein jüngerer Zigeuner aus dem Gebüſch und ſtimmte in den Jubel ſeines Gefährten ein. Ich wehrte mich aus allen Kräften— doch umſonſt. Lorenzo faßte mich um den Leib und trug mich ſchnell durch das Gebüſch auf einen freien Platz. Hier lagerten die Zigeuner in bunten Gruppen um ein kniſterndes Feuer und ſchauten mich verwundert an.„Sieh nur, alte Urſel“, rief Lorenzo der Zigeunermutter zu,„wir haben hier das Täubchen ge⸗ fangen, als wir uns umſahen, ob nicht Claudius bald zu⸗ rückkehrt.“ Die Alte bewillkommnete mich freudig und ſagte mir, daß ich es gut bei ihnen haben ſollte, wenn ich willig ihrem Befehle gehorchte. Ich war von dem ſchreck⸗ lichen Wechſel meines Schickſals ſo betrübt, daß ich ganz theilnahmlos daſaß; vor Allem ſchmerzte es mich, daß meine Wohlthäterin doch nun denken konnte, ich ſei abſichtlich mit dem Gelde entflohen. In den nächſten Tagen verſuchte ich 28 mehrere Male zu entfliehen, aber da die Bande nach einer mir ganz fremden Gegend zog und mich immer ſtreng be⸗ wachte, ſo gelang es mir nicht. Ich mußte mich alſo in mein bitteres Schickſal fügen und, da die Zigeuner eine reiſende Seiltänzertruppe waren, ihre Kunſt erlernen. Es wurde mir nicht ſchwer und bald übertraf ich Alle an Ge⸗ ſchicklichkeit. Und das war ein Glück für mich, denn nun liebten, ja verehrten mich ſogar Alle, und ich würde mich auch mit meinem Geſchicke ausgeſöhnt haben, wenn mich nicht ein neues Unglück bedroht hätte. Lorenzo, der An⸗ führer der Zigeuner, offenbarte mir eines Tages, ich müßte ſein Weib werden, ich möchte nun wollen oder nicht. Da faßte ich den feſten Entſchluß, bei der nächſten Gelegenheit zu entfliehen, was mir jetzt leichter war als früher, da man mich nicht mehr ſo ſtreng bewachte. Es war am Tage vor meinem ſechszehnten Geburts⸗ tage; wir hielten uns gerade in der Nähe des Schloſſes des Grafen Visconti auf, als dieſer zu uns ſchickte und uns ſagen ließ, wir möchten am nächſten Tage, dem Geburts⸗ tage ſeines Sohnes, vor der verſammelten Geſellſchaft unſere Künſte zeigen. Lorenzo ließ ſogleich das Gerüſt auf einer freien Wieſe vor dem gräflichen Garten aufſchlagen, und mit Ungeduld erwartete ich den folgenden Tag; denn eine geheime Ahnung meines Herzens ſagte mir, daß ſich pald mein Geſchick ändern werde. Endlich war er gekommen; die ganze vornehme Geſellſchaft war im Garten verſammelt und ich beſtieg in meinem ſchönſten Anzuge das ſchräg auf⸗ „ 29 wärts geſpannte Seil. Ich überblickte die Menge; Aller Augen waren auf mich gerichtet, auch die des ſchönen, jun⸗ gen Grafen Visconti— dann ſchritt ich das Seil hinauf. Als ich oben auf der höchſten Spitze deſſelben war, fühlte ich einen unwiderſtehlichen Drang, die Augen des Grafen wieder aufzuſuchen; ich that es, unſere Blicke begegneten ſich, und obgleich ich wußte, daß es mein Tod ſein könnte, wandte ich doch, als ich herabzuſteigen begann, die Augen nicht mehr von ihm. Ich glitt aus und fiel von der ſchwindelnden Höhe herab; nur einen Schrei aus der Menge vernahm ich noch, dann verlor ich die Beſinnung. Als ich wieder zu mir ſelbſt kam, fand ich mich auf einem weichen Ruhebette in einem prächtigen Zimmer und hörte eine Stimme rufen:„Sie lebt, ſie ſchlägt die Augen auf, ſie iſt nicht todt!“ Es war die des jungen Grafen Fernando, welcher vor meinem Bette kniete. Ich glaubte, es ſei ein Traum, und ſchloß die Augen wieder, um weiter zu träumen; aber es war kein Traum, es war Wirklichkeit. Fernando hatte ſeine Eltern vermocht, mich, da ich einen Arm zerbrochen hatte und ganz unfähig zur Weiterreiſe war, im Schloſſe zu behalten; er hatte den Zigeunern ein ſchweres Löſegeld gegeben, mit dem ſie auch zufrieden da⸗ vongezogen waren, wahrſcheinlich weil ſie fürchteten, ich würde dem Grafen verrathen, daß ſie mich geraubt. Meine Freude bei dieſen Nachrichten war unbeſchreiblich und ich vergaß darüber die Schmerzen, die ich duldete. Graf Fer⸗ nando pflegte mich mit der größten Liebe; tagelang brachte 30 er an meinem Bette zu und ſuchte mich auf jede Weiſe zu erheitern. Als ich geneſen war, wurde ich ſeine tägliche Begleiterin, wir waren unzertrennlich. Wir fuhren beide auf's Meer hinaus und ich ſang ihm ſeine Lieblingslieder, wenn wir uns im Nachen auf den erregten Wogen ſchau⸗ kelten; oder wir kletterten die wildeſten, unwegſamſten Felſen hinauf und ſuchten uns jene verborgenen, romanti⸗ ſchen Plätze, welche die Natur für ihre Liebhaber gebildet hat. Am häufigſten aber ritten wir allein hinaus auf die Jagd, welche Fernando ſehr liebte, und vertieften uns in das wildeſte Dickicht, wo wir das flüchtige Wild jagten, was er mich ſchießen gelehrt hatte. So vergingen uns die Tage in ſüßem ungeſtörten Glück und immer inniger wurde unſere Zuneigung zu einander. Einſt in einer mondhellen Nacht, als wir von der Jagd zurückkehrten, vertraute mir Fernando die Gefühle ſeines Herzens und er, der ſtolze, ſchöne ritterliche Graf gelobte dem armen, ungelehrten Kinde der Natur, es zu ſeiner Gattin zu erheben. Aber unſer Glück ſollte bald vernichtet werden. Zu ſpät erkannte Fernando's ſtolze Mutter die Liebe ihres Sohnes zu der armen Verlaſſenen und ſchrecklich war der Auftritt, der dann zwiſchen Beiden erfolgte. Ich erwartete Fernando im Garten, als er mit von Zorn geröthetem Antlitz aus dem Zimmer der Gräfin kam; ich beſchwor ihn, ſich und ſeine Eltern nicht unglücklich zu machen; ich ſagte ihm, daß ich ſogleich das gräfliche Haus verlaſſen wolle. Aber um⸗ ſonſt war mein Flehen, und indem er mich innig an ſich 31 drückte, ſagte er mit leiſer, aber feſter Stimme:„Nein, Wanda, eher will ich den Fluch der Mutter tragen, als Dich verlaſſen.“ Darauf ritt er allein fort, um ſich in der Einſamkeit der Natur wieder zu ſammeln und ſein er⸗ regtes Gemüth zu beſänftigen. Es wurde Mittag und er kehrte nicht zurück; der Abend dämmerte bereits und Fer⸗ nando war noch nicht zu erſpähen. Da ſandte der alte Graf nach allen Richtungen Diener aus, ſeinen Sohn zu ſuchen. Ich flog ihnen auf dem ſchnellſten Renner mit einer Fackel voran, denn ich kannte ja die Lieblingswege des jungen Grafen. Eine Stunde ſuchten wir umſonſt— da entdeckte ich den Mantel Fernando's; ich rief die Diener herbei und bald wurde uns die ſchreckliche Gewißheit, daß Fernando in Gedanken vertieft, ſeinem Pferde die Zügel überlaſſen, dies ſich de Abgrunde zu weit genähert habe und mit einem abgelöſten Felsſtücke zugleich in die uner⸗ meßliche Tiefe herabgeſtürzt war. Die Verzweiflung der Eltern, beſonders der Gräfin, kannte keine Gränzen; mir wurde geboten, gleich das Schloß zu verlaſſen, was ich ohne⸗ hin gethan hätte. So ſtand ich denn wieder allein in der Welt, ohne ein liebreiches Weſen, das mich in meinem Kummer getröſtet hätte: wie ſchrecklich war dieſer Fall von der höchſten Seligkeit zu dem Gefühle der tiefſten Ver⸗ laſſenheit! Ich wollte nun mein Heimathsdörfchen wieder auf⸗ ſuchen, denn eine heftige Sehnſucht zog mich dahin, wo das Grab meiner Mutter war. Aber wie ſollte ich die weite 32 Reiſe, entblößt von jeglichen Mitteln, vollenden? Schon mehrere Tage war ich faſt ohne Nahrung gewandert und hatte die Nacht unter freiem Himmel zugebracht, da am dritten Tage verließen mich meine Kräfte. Der Abend dunkelte bereits und noch war ich fern von jeder menſch⸗ lichen Wohnung. Die eintretende Nacht war finſter und ſchaurig und der Sturm heulte um mich her. Ich ließ mich auf meine Knie nieder und flehte Gott um Schutz und Beiſtand an— da legte ſich eine Hand ſchwer auf meine Schulter und eine mir wohlbekannte Stimme ließ die Worte hören:„Wanda, Du biſt es?! nein, das dachte ich wirklich nicht, daß ich Dich je wieder ſehen würde!“— Es war Lorenzo, der mich nun mit ſich fortführen wollte. Ich ſchauderte vor dem Gedanken zuſammen, wieder bei den Zi- geunern leben zu ſollen und vielleicht gar das Weib Loren⸗ zo's zu werden. „Laß mich frei,“ rief ich aus,„ich bin theuer genug losgekauft worden, Du haſt kein Recht mehr auf mich!“ „Oho,“ ſagte der Zigeuner,„noch lange nicht theuer genug, Täubchen; denn ſeit Du von uns fort biſt, iſt alles Glück von uns gewichen und unſere Vorſtellungen ſind lange nicht mehr ſo beſucht als früher, wo die ſchöne Wanda die Hauptrolle darin ſpielte. Nein, Du mußt mit mir gehen, die Unſrigen lagern drüben im Walde.“ Und wieder umklammerte er mich mit nervigem Arme. Da hörte mein lauſchendes Ohr durch das Geheul des Windes das Raſſeln eines Wagens und ich ſchöpfte Hoff⸗ * 7 33 nung. Entſchloſſen, lieber zu ſterben als dem Zigeuner zu folgen, zog ich den Dolch, den ich bei mir trug, aus dem Buſen, und ihn auf meine Bruſt ſetzend, rief ich aus: „Wage nicht, mich anzurühren oder ich ſtoße zu!“ Jetzt war der Wagen ganz nahe, und ich hörte mehrere Stim⸗ men; zwei Männer eilten auf mich zu, der Zigeuner ent⸗ floh in den Wald und ich ſank ohnmächtig zu Boden. Als ich die Augen aufſchlug, ſtand ein ältlicher Herr an meiner Seite, ſo viel ich in der Dunkelheit erkennen konnte; er bat mich, mit ihm in den Wagen zu ſteigen. Ich dankte ihm herzlich und während wir dem nächſten Gaſt⸗ hof zufuhren, erzählte ich ihm in kurzen Worten meine Ge⸗ ſchichte. Er hörte mir aufmerkſam zu und ſchien in Nach⸗ denken zu verſinken. Bald waren wir am Ziele und traten in das erleuchtete aber menſchenleere Gaſtzimmer. Er be⸗ trachtete mich einen Augenblick aufmerkſam, dann wurde er todtenbleich und zitternd meine Hand erfaſſend, rief er aus: „Um Gotteswillen, Du biſt meine Tochter! Ja, Du haſt das Geſicht, die Stimme Deiner unglücklichen Mutter, welche ich ſchändlicher Weiſe verlaſſen habe; o kannſt Du mir verzeihen, mein armes, mein geliebtes Kind!“ Ich ſtürzte an ſeinen Hals und weinte heiße Thränen der Freude und des Schmerzes. So war denn mein Va⸗ ter, den ich ſchon als Kind immer erwartet hatte, von weit her gekommen, ſein unglückliches Kind zu ſuchen und in die väterlichen Arme zu ſchließen; aber es war zu ſpät. Ich kehrte mit ihm nach Deutſchland zurück, doch die Kraft 3 34 meines Körpers war gebrochen, tiefer Kummer nagte an meinem Herzen, welches ſich ermüdet von den Leiden des Lebens nach Befreiung ſehnte. So iſt mir denn jetzt der Tod ein willkommener Engel, denn er wird mir die Ruhe und das Glück geben, welches ich hier auf Erden vergebens ſuchte; er wird mich mit meiner theuren Mutter und dem Geliebten meiner Seele auf ewig vereinen.“ Roſa hatte ſchon lange die Geſchichte beendet und noch immer ſaß ſie in tiefen Gedanken ſinnend da. Die mannigfachſten Empfindungen beſtürmten ſie, während die Thränen über ihre Wangen rannen. Sie, die ſich das Leben ſtets ſo golden, ſo herrlich geträumt hatte, konnte es kaum faſſen, daß ein Menſch ſo unglücklich, ſo verlaſſen auf dieſer ſchönen Erde, ſein Pfad ſo dornenvoll ſein könnte. Da erſchollen plötzlich wieder die ſanften Töne der Flöte, die ſie ſchon am geſtrigen Abend ſo entzückt hatten. Sie legte das Buch fort und trat an's Fenſter. Ihrem Zimmer gerade gegenüber war ein ſolches geöffnet und in dem er⸗ leuchteten Gemache dahinter gewahrte ſie eine männliche Geſtalt, von der die bezaubernden Töne ausgingen. Sie lehnte ihren Kopf an das Fenſter und je länger ſie der Flöte lauſchte, deſto ruhiger wurde ihr erregtes Gemüth, und als die melodiſchen Töne verhallten, da war Friede und Wohlſein in ihr eben noch ſo bange klopfendes Herz zurückgekehrt. 35 Am nächſten Morgen erwachte Roſa ſchon ſehr früh, ſie ging daher in den Garten hinunkgr, um die herrlichen Morgenſtunden in der friſchen Natur zu verleben. Alles blühte und duftete ihr in der ſchönſten Fülle entgegen, denn die Erde war während der Nacht von einem ſanften Regen getränkt worden. In den majeſtätiſchen Eichen rauſchte der friſche Morgenwind und führte Roſa auf ſei⸗ nen Wellen den letzten leis verhallenden Geſang der Nacht⸗ königin Philomele zu. Roſa's Auge glänzte vor Entzücken und freudig ſuchte ſie den ihr ſo lieben einſamen Weiher auf. Aber kein freundliches Plätzchen lud hier zum Sitzen ein, ja nicht einmal eine Bank war zu erblicken, und fie ging daher eine ſolche zu ſuchen. Bald hatte ſie auch in einer Laube eine kleine ganz ihren Wünſchen entſprechende Bank entdeckt und trug ſie nun nach ihrem Lieblingsplatze, wo ſie dieſelbe unter einem wilden Roſenſtrauche placirte. Hier ließ ſie ſich nieder und in einem Buche leſend, umgeben von den Reizen der Natur, verlebte ſie einen der ſchönſten Morgen ihres Lebens. Am Vormittage machte Frau von Grünheim mit ihrer Tochter Viſite und lud Frau von Reichenbach mit ihrer Nichte für den Abend zu einem kleinen Balle ein. Die Tante nahm erfreut dieſe Einladung an, während Roſa im Geheimen bedauerte, nun für dieſen Abend das ſchöne Flötenſpiel zu verlieren und ihre Lektüre aufgeben zu müſſen. Während Marianne ihr am Abend beim Ankleiden — 36— half, fragte ſie dieſelbe, ob ſie nicht wüßte, wer immer des Abends ſo ſchön die Flöte blieſe. „O, das kann ich Ihnen ſagen, liebes Fräulein,“ er⸗ widerte das Mädchen;„das iſt der junge Prediger Nordeck, welcher dort drüben in dem großen Hauſe wohnt. Er be⸗ ſuchte Herrn von Helmſtädt, der ihn ſehr gern hatte, oft und ſang mit Fräulein Wanda zuſammen oder muſicirte mit dem alten Herrn.“ „Er ſang mit Wanda!“ dachte Roſa;„ob ſie ihn gern hatte?“ Als Roſa bald darauf zu ihrer Tante ins Zimmer trat, blickte dieſe ſie einen Augenblick erſtaunt an und brach dann in die Worte aus:„Aber, liebes Kind, wie einfach haſt Du Dich gekleidet! Denkſt Du denn, wir wollen einem Landprediger eine Viſite abſtatten?“ Roſa betrachtete verwundert ihren Anzug, welcher zwar einfach, aber ſehr kleidend war. Ein feines, weißes Kleid umhüllte ihre ſchlanke, ätheriſche Geſtalt, während ein roſa Shawl ihren blendenben Nacken umfloß und eine duftende weiße Roſe ihre zarten Blätter auf ihre braunen Locken ſenkte.„Nun, was ſollte ich denn ſonſt wählen, liebe Tante?“ ſagte ſie dann, eine Antwort der Letzteren erwartend. Dieſe, welche ihre Frage falſch verſtanden hatte, erwiderte:„Ja, es iſt wahr, Du biſt noch nicht für dieſe Verhältniſſe eingerichtet; ich werde Dir morgen einige Kleider beſorgen, wie ſie für Deinen jetzigen Stand paſſen.“ Hierauf fuhren ſie zur Frau von Grünheim und kehr⸗ ten erſt ſpät in der Nacht nach Hauſe zurück. Roſa, welche zu aufgeregt war, um ſchlafen zu können, ſetzte ſich an ihren Schreibtiſch, um an Eliſe zu ſchreiben. 1§„ — Roſa an Eliſe. So erhältſt Du denn den erſten Brief von mir, meine beſte Eliſe, aus der Stadt, in deren Vergnügun⸗ gen ſo Viele das ganze Glück ihres Lebens ſuchen und zu finden glauben. Alles iſt in dieſem Augenblick ſtill um mich her; das Geräuſch auf den Straßen, das mir ſo ungewohnt iſt, hat aufgehört, der filberne Mond blickt freundlich in mein Zimmer, die Stunde der Mitternacht iſt längſt vorüber. So kann ich denn ungeſtört plaudern mit Dir, meiner einzigen Freundin; mit Dir, die ich unter Allen, die ich kenne, am innigſten liebe. Ach, Eliſe, wie iſt doch hier Alles ſo ganz anders wie in meinem lieben Städtchen, wie iſt doch hier das Sinnen und Trachten der Menſchen ſo ganz verſchieden von Deiner Denkungsart! Nur nach Vergnügungen jagt man, um die Zeit auf die an⸗ genehmſte Weiſe zu verbringen, dies ſcheint einem Jeden die wichtigſte Aufgabe ſeines Lebens. Ich glaube, ja ich hoffe es faſt, daß ich hier ganz auf mich allein angewieſen ſein werde, denn wo ſollte ich auch ein Herz finden, das dem Deinigen gleicht? Ein Herz, ſo edel, ſo ſbin⸗ ſo 3 38 reich an Liebe und Hingebung, wie das meiner Eliſe! Ach, geliebte Freundin, ich kann es noch nicht faſſen, daß ich von dieſem Herzen getrennt ſein ſoll; dieſer Gedanke iſt mir noch ſo fremd, ſo unbegreiflich und doch ſagt mir meine ganze Umgebung, daß er begründet iſt. So bin ich denn am liebſten allein; ich träume dann in meinem kleinen Zimmer oder in dem ſchönen, romantiſchen Garten des Onkels von der Vergangenheit und von der Zukunft. Dann tritt auch jedesmal Dein theures Bild vor mein innres Auge. Wir plaudern zuſammen und eine ſchöne Stunde vergeht wie ehedem, in der ich mich ganz glücklich fühle und nichts für mich zu wünſchen übrig ſehe. Aber ich weiß es, daß dieſes ſtille Gefühlsleben, das ich ſo gern ungeſtört fortführen möchte, mir nicht geſtattet ſein wird. Die gute Tante will mich vor Allem in die große Welt einführen und hat auch ſchon begonnen, dieſen Vorſatz zu verwirklichen. Wir waren heute von der Generalin Grünheim, deren Bekannt⸗ ſchaft meine Tante wieder erneuert hat, zu einem Balle ge⸗ laden. Ich liebe weder die Generalin noch ihre Tochter Fräulein Thereſe, welche eine affektiöſe und wenigſtens für mich ſehr langweilige junge Dame iſt. Die Geſellſchaft war ſehr zahlreich verſammelt, als wir in den prächtigen, hell erleuchteten Saal traten. Mit welchen Gefühlen ich es that, ich, die ich nie in einer großen Geſellſchaft, geſchweige auf einem ſo glänzenden Balle geweſen, brauche ich Dir nicht zu ſagen, meine gute Eliſe. Du denkſt Dir ſchön von ſelbſt Deine Roſa, wie ſie die Augen ſchüchtern zu Boden 39 ſchlägt und dunkle Röthe ihre Wangen färbt. Meine Tante ſtellte mich einer ihr bekannten Dame vor und be⸗ gann dann ein Geſpräch mit derſelben, ſo daß ich mir ganz allein überlaſſen war. Da rief eine wohlbekannte Stimme meinen Namen, und indem ich mich umwendete, erblickte ich Frau von Lindau, die ich geſtern kennen gelernt habe. Ich ließ mich neben ihr nieder und wir geriethen bald in die intereſſanteſte Unterhaltung. Sie iſt ſo liebenswürdig und ſo geiſtreich und ich fühle mich innig zu ihr hingezogen. Jetzt durchflogen erſt meine Augen den Saal und ich be⸗ trachtete die Geſellſchaft genauer. Die verſchiedenſten Gruppen hatten ſich gebildet von älteren und jüngeren Leuten, und am Fenſter, an einen Blumentiſch gelehnt, bemerkte ich Thereſe, die, wie es ſchien, in eifrigem Ge⸗ ſpräch mit zwei jungen Herren begriffen war. Der eine von ihnen, welcher neben ihr ſtand, hatte etwas Elegantes, Chevalereskes in ſeinem Weſen und einen kecken Zug in ſeinem Geſichte, welcher he und feſſelte. „Nun, wie gefällt Ihnen Graf Steineck, der von der ganzen Damenwelt vergötterte Paris?“ fragte Frau von Lindau, deren ſcharfes Auge meinen Blicken gefolgt war. Dieſe Frage machte mich verlegen, aber ich wurde es noch mehr, als der Graf ſich von Thereſen entfernte und auf uns zukam. Frau von Lindau ſtellte mich ihm vor, und denke nur, er engagirte mich für den Abend zum Tanze. Darauf ſetzte er ſich neben uns nieder, und fragte micht „Sind Sie ſchon lange in der Stadt, Fräulein von Reichen⸗ bach? ich ſehe Sie hente zum erſten Male.“ Ich erwiderte, daß ich erſt wenige Tage hier ſei, und er unterhielt mich nun, indem er mir die Merkwürdigkeiten der Stadt nannte und mir die ſehenswertheſten empfahl.„Denken Sie nur,“ ſagte er dann zu Frau von Lindau,„Monſieur de Beauivis iſt wieder hier und mit Fräulein von Grünheim engagirt!“ Frau von Lindau lächelte und ſagte:„Fräulein Thereſe ſcheint mir in allen Dingen ſo auch in der Liebe ſehr ver⸗ änderlich zu ſein.“ In dieſem Augenblick aber kam Thereſe am Arm des eben genannten Franzoſen an uns vorbei. Sie bemerkte Herrn von Steineck an meiner Seite und ein Ausdruck des Erſtaunens flog über ihr Geſicht. Dann aber, mich vornehm grüßend, neigte ſie ſich zu dem Erſteren, indem ſie ſagte:„Mon Pieu, hier ſind Sie, Herr Graf! Sie hatten mich ſo plötzlich verlaſſen und ich erwartete wahrlich nicht, Sie an einem ſo unſcheinbaren Platze wieder zu finden.“ Ich merkte ſogleich, daß dieſe Anſpielung nicht unſerem Platze, welcher allerdings in einer Ecke des Saales lag, ſondern mir galt, und dieſe Bosheit fuhr mir wie ein Meſſerſtich in's Herz. Ich hatte Thereſe wohl für leicht⸗ finnig, aber nicht für boshaft gehalten. Herr von Steineck jedoch erwiderte lächelnd;„O, dieſer Platz ward mir durch die Gegenwart eines Engels in ein Paradies verwandelt.“ Ich war durch dieſe Antwort nur noch verlegener geworden und daher ſehr froh, als der Tanz begann und Thereſe, in⸗ dem ſie ihrem Begleiter lachend etwas zuflüſterte, ſich ent⸗ fernte. Ich vergaß einigermaßen meinen Schmerz, als ich 41 durch den geräumigen, ſpiegelglatten Saal flog. Der Graf tanzte vortrefflich und unterhielt mich in den Pauſen auf die angenehmſte Weiſe. Wie gewandt und leicht ſich doch hier ein Jeder zu benehmen weiß und wie ungeſchickt, wie dumm komm ich mir dagegen in einer ſolchen Geſell⸗ ſchaft vor! Nach dem Tanze gingen wir in den Garten hinunter, wo Frau von Grünheim ein Feuerwerk arrangirt hatte. Sie verſteht es in der That, ihren Gäſten immer neue Unterhaltung zu bereiten. Die Nacht war ſo warm und ſo ſchön. An dem dunklen Himmel glänzten unzählige von funkelnden Sternen, die auf die ſchlummernde Erde herabſchauten. Es war, als wenn ein Engel leiſe durch die friedliche Natur ſchwebte.„Ich liebe eine ſo ſtille, ſchöne Nacht,“ ſagte ich, indem ich mit dem Grafen allein durch einen dunklen Laubgang ging.„Ja,“ erwiderte er,„es iſt eine herrliche Nacht; ſie iſt ſtill, aber ſie erweckt nur um ſo lauter unſer Sehnen und die ſchlummernden Gefühle unſe⸗ res Herzens. Wenn alle Stimmen in der Natur ſchweigen, dann ſpricht laut und verſtändlich eine Stimme in der menſchlichen Seele.“ „Die Stimme ſtiller Anbetung und Verehrung des Höchſten, des Allmächtigen, in deſſen Tempel wir uns be⸗ finden,“ ſagte ich leiſe. „Eine ſolche Nacht,“ fuhr der Graf nach einer Pauſe fort,„eine ſolche Nacht muß es geweſen ſein, da Romeo's und Inlia's Herzen ſich fanden: denn iſt ſie nicht geſchaffen 6 42 gerade für die Liebe?“ Ich ſchwieg; was hätte ich ihm auch darauf erwiedern ſollen? Wir hatten uns jetzt mit der Geſellſchaft vereinigt, welche ſich um einen großen, runden Platz im Garten pla⸗ eirt hatte. Das Feuerwerk begann und nahm ſich wunder⸗ bar ſchön in der ſtillen Nacht aus, ſo daß ich, welche noch nie etwas Aehnliches geſehen hatte, entzückt ausrief:„O, wie herrlich!“ Alle ſahen ſich erſtaunt nach mir um, und indem ich erröthend den Blick zur Erde ſenkte, drängte ſich mir unwillkürlich die Frage auf:„Begeht man denn hier ein Unrecht, wenn man ſich freut, oder wenigſtens, wenn man ſeine Freude äußert?“ Nachdem das Feuerwerk vorüber war, kehrten wir nach Hauſe zurück und denke nur, Herr von Steineck ſagte, indem er ſich mir empfahl, daß er wünſche, bald wieder das Vergnügen zu haben, in meiner Geſellſchaft zu ſein. Ich weiß nicht, liebe Eliſe, ob ich dies geſellige Leben ſchön finden ſoll oder nicht Für mich hat es wenigſtens noch den Reiz der Neuheit, aber ich glaube, es ermüdet und langweilt auf die Dauer. Nun lebe wohl, meine beſte Freundin, denn der Morgen dämmert bereits und ſei ver⸗ ſichert, daß ſich nur an Deinem Herzen wahrhaft glücklich fühlt Deine Roſa. 43 Am nächſten Morgen, als Frau von Reichenbach und Roſa, auf der Terraſſe, die nach dem Garten hinausführte, frühſtückten, konnte die erſtere nicht genug Frau von Grün⸗ heim und deren Tochter rühmen.„Ich wünſchte wirklich,“ ſchloß ſie ihre lange Rede,„daß Du Dich an Thereſe mehr anſchlöſſeſt, liebe Roſa; Du könnteſt Vieles von ihr lernen, aber Du ſcheinſt Dich eher von ihr zurückzuziehen. Wir werden vielleicht in dieſem Sommer eine Reiſe mit Grün⸗ heims zuſammen machen, da würdeſt Du die beſte Gelegen⸗ heit haben, Dich mit Thereſen zu befreunden.“ Roſa ſtand ſchweigend auf, denn unter dieſen Umſtän⸗ den hätte ſie lieber auf die Reiſe verzichtet, und kleidete ſich an, um zu Frau von Lindau zu gehen und ſich von ihr ein engliſches Buch zu holen, welches dieſe ihr geſtern zu leſen empfohlen hatte. Als ſie in das Zimmer der Baronin trat, hatte ſich ſo eben eine andere Dame erhoben, um das⸗ ſelbe zu verlaſſen. Sie war von hohem, ſchönem Wuchſe und hatte lange rabenſchwarze Locken und Augen faſt von derſelben Farbe. Ihr Geſicht war ſchön, denn alle Theile deſſelben waren auf das regelmäßigſte gebildet, ſo daß man auch nicht den kleinſten Fehler daran hätte entdecken können; aber der Ausdruck deſſelben war ſtolz und von eiſiger Kälte, und nicht Unrecht hätte man gethan, es mit einem ſchönen griechiſchen Marmorbilde zu vergleichen. Sie empfahl ſich der Frau von Lindau und an Roſa vorüberrauſchend, rich⸗ tete ſie einen flüchtigen Blick aus ihren großen faſt unheim⸗ lichen Augen auf dieſelbe. Frau von Lindau empfing das — Pi 44 junge Mädchen mit ihrer bisherigen Herzlichkeit und bat ſie, ein wenig mit ihr in den Garten zu gehen, was Roſa auch freudig annahm. Als ſie in denſelben traten, fragte Frau von Lindau:„Kennen Sie jene junge Dame, welche mich vorhin verließ, als Sie kamen?“ „Nein,“ erwiderte Foſa,„ich ſah ſie zum erſten Male.“ „Es iſt Alice Orville, die einzige Tochter des eng⸗ liſchen Geſandten,“ ſagte die Baronin;„ſie ſingt ſehr ſchön.“ Roſa erinnerte ſich unwillkürlich ihres ſtolzen kalten Geſichts und es e ihr faſt unmöglich, daß die ſchöne Engländerin Seele u Empfindung in den Geſang legen und dieſen dadurch erheben könnte, was er ſein ſoll. Sie wußte, ja ſie ahnk h, welche Leidenſchaft in dieſem Herzen wohnte und durch e ruhigen, kalten Züge verdeckt wurde. Während ſie jetzt in eine ſäuſelnde Birkenallee ein⸗ traten, ſprang ihnen ein zartes, weißes Reh entgegen, welches ſich innig an Frau von Lindau anſchmiegte. „Ach, da biſt du ja, Diane!“ rief dieſe aus, indem ſie das Thier liebkoſte.„ Auch Roſa neigte ſich, das zarte Reh zu ſtreicheln, welches nit ſeinen klugen Augen zu dem ſchönen Mädchen aufblickte. „Ich habe es ſehr lieb,“ ſagte die Baronin, indem ſie ihren Weg fortſetzte,„es iſt ein Geſchenk meines ſeligen * . 45 Mannes. Er war ein leidenſchaftlicher Jäger und brachte mir eines Tages, als wir uns in Lindau, unſerm Landgute, befanden, das Reh von der Jagd mit. Es war noch ganz jung und ich zog es mir auf, ſo daß es mich ſpäter auf all' meinen Spaziergängen begleitete.“ Frau von Lindau ſchwieg einen Augenblick, dann fuhr ſie, die Stimme ſenkend, fort: „Es wurde auch die Urſache v on dem Tode meines Mannes. Einſt hatte es ſich, als ich mich im Garten befand, unbemerkt entfernt und war in den Wald gelaufen, wie es das zuweilen zu thun pflegte. Der Baron jagte gerade darin, und als plötzlich mein Reh erſchreckt von hinter einem Gebüſche hervorſprang, zielte ein ger, der erſt einige Tage auf unſerm Schloſſe wart auf daſſelbe. Der Baron mac Lunvorſichtige Bewe⸗ gung, um den Schuß zu verhind; nd⸗, ſetzte die Baronin mit Thränen hinzu,„fiel als Ser ſeiner Liebe.“ Während dieſes Geſpräches hatten ſie ſich dem Fluſſe genähert, welcher, indem er an dem Garten vorbeifloß, den⸗ ſelben zugleich begrenzte, und die Baronin führte nun ihre Funge Freundin zu einer Laube hinauf, die ſich auf einer Kleinen Anhöhe befand, von man die ganze Gegend as Thier nicht kannte, überſehen konnte. „O wie ſchön,“ rief Roſa aus, indem ſie mit dem Fugeri in die Ferne deutete;„das wäre eine herlhe Land⸗ ſchaft für einen Maler! Dort, auf jener Seite, der dunkle Wald, welcher einen ſchönen Contraſt mit dem ſammetnen Teppich der Felder und den blumigen Wieſen unverbeſſerliche Mädchen, ſagte aber Nichts. Grünheim gefahren, um dieſe, auf deren Urtheil ſie ſehr 46 bildet; hier, zur Linken, das majeſtätiſche Gebirge, welches ſich in ziemlicher Nähe gleich einem Rieſen erhebt; vor uns der murmelnde Fluß, auf deſſen hüpfenden Wellen die Mor⸗ genſonne glitzert und blinkt!“ „Und vielleicht auch noch die berankte Laube, mit Ihrem lieblichen Bilde darin, um das Gemälde erſt zu einem recht ſchönen zu machen,“ unterbrach die Baronin die begeiſterte Sprecherin;„nicht wahr, meinen Sie das nicht auch?“ Roſa lachte und ſchüttelte ablehnend den Kopf, indem ſie die Laube verließen und ihren Spaziergang fortſetzten. Als Roſa nach Hauſe zurückkehrte, kam ihr Frau von Reichenbach ſchon im Vorzimmer entgegen und ſagte im tadelnden Tone:„Nein, aber wie lange Du doch bleibſt, Roſa! Du biſt jg beinahe zwei Stunden fortgeweſen. Denke nur, Herr von Steineck war in Deiner Abweſenheit hier; er verläßt noch heute auf einen Monat die Stadt, da ſeine Gegenwart jetzt auf ſeinen Gütern nöthig iſt.“ „Nun, und was ſchadet es denn, liebe Tante, daß der Graf mich nicht angetroffen hat,“ fragte Roſa lächelnd; reicht denn Deine Gegenwart nicht aus?“ Frau von Reichenbach ſchüttelte den Kopf über das Am Abend ſaß Roſa allein in ihrem Zimmer. Die Tante hatte am Nachmittage ihrem geſtrigen Verſprechen gemäß einige ihre beiderſeitige Garderobe betreffende Ein⸗ käufe gemacht und war dann gegen Abend zu Frau von viel hielt, wegen der Wahl mehrerer Stoffe zu befragen. Roſa ſaß am offenen Fenſter, die Sonne war im Untergehen begriffen und erleuchtete mit ihren letzten ſchrägen Strahlen noch einmal das kleine Zimmer mit einem magiſchen Scheine, während die warme Abendluft hereinſtrömte und mit dem Dufte der am Fenſter ſtehenden Roſen und Maiglöckchen es erfüllte. Roſa's Handarbeit, mit der ſie ſich beſchäftigt hatte, war von ihrem Schvoße herabgeſunken, während ſie gedankenvoll den Kopf in die Hand ſtützte. Allmälig erloſch das immer blaſſer gewordene Licht der Sonne, es wurde immer dunkler und dunkler und der Himmel füllte ſich mit funkelnden Sternen. Der kleine Kanarienvogel, der auf die Hand ſeiner Herrin, ſeinen Lieblingsplatz, geflogen war, hatte längſt das Köpfchen in ſeingn Gefieder geborgen und noch dachte Roſa nicht daran, die Ampel anzuzünden. Das Zimmer Nordeck's war erleuchtet, das Fenſter geöffnet und der Geſang einer vollen weiblichen Stimme, welche vom Pianoforte und zumal von einer ſchönen, männlichen Stimme begleitet wurde, ſchallte zu der lieblichen Lauſcherin herüber. Plötzlich wurde Roſa's ſchlafender Liebling von dem vorbei⸗ rauſchenden Fluge eines Nachtvogels aus ſeinem Schlummer aufgeſchreckt und flog, die Hand des Mädchens verlaſſend, auf die Straße hinaus und in das gegenüberliegende helle . Zimmer hinein. Ein unwillkürlicher Schrei glitt über Roſa's Lippen, während ſie dem Flüchtlinge mit den Augen folgte, * und dann eilte ſie ohne weiteres Bedenken ſchnell die Treppen hinunter in das gegenüberliegende Haus. Die Flur deſſelben war finſter, doch ſie fand den Weg glücklich hinauf, und da ſie beim ſchwachen Dämmerſchein des Mondes den Namen Nordeck auf einem Schilde zu leſen glaubte, ſo zog ſie hier leiſe die Klingel. Ein Herr, es mußte Nordeck ſein, öffnete und bat Roſa, die ihr Anliegen vorgebracht, freundlich, einzutreten. Sie that es, und nachdem ſie durch das Vor⸗ gemach gegangen war, in welchem ſich bei ihrem Eintritt ein Diener in reicher Livree, der auf Jemand zu warten ſchien, erhob, trat ſie in das hell erleuchtete Zimmer. Ihr Buſen hob ſich ſchnell von eiligem Lauf, ihre Wangen waren lebhaft geröthet und ihre dunklen Augen leuchteten gleich Sternen; ſie ſah überaus reizend aus. Sie ſenkte einen Augenblick die langen Wimpern zu Boden, und als ſie die⸗ ſelben wieder hob, begegneten ihre Augen denen Nordeck's.— O wie bebte ſie bei ſeinem Anblick zuſammen. Seine Geſtalt war groß und ſchön, ſein Geſicht edel und männlich, und obwohl etwas blaß, doch durch die fanft gebräunte Wange gehoben und durch die ſprechenden ſchwarzen Augen belebt. Um die hohe, gedankenvolle Stirne wogte das ſchwarze lockige Haar und ein eigenthümliches Lächeln ſpielte um den feinen ariſtokratiſchen Mund. Wie geiſtreich war der Ausdruck dieſes Geſichts, wie edel dieſe Haltung! YNordeck's Augen glänzten in einem ſolchen Feuer und ihr Blick war ſo im⸗ ponirend, daß Roſa ſich gezwungen fühlte, erröthend die ihrigen niederzuſchlagen. Nordeck, welcher ihre Verlegenheit bemerkte, ſagte:„Dort am Fenſter, auf den Oleanderſtrauch, — hat der Flüchtling ſich hingerettet; wollen Sie vielleicht ſy — ———— Glück, in Ihnen, liebes Fräulein, ſeine ſchöne Nichte 49 freundlich ſein, ihn ſelbſt einzufangen, da es mir bis jetzt noch nicht gelungen iſt.“ Roſa näherte ſich haſtig dem Fenſter, und bemerkte nun erſt, daß in der Vertiefung deſſelben eine im ſchwarzen Atlas gekleidete Dame lehnte, welche fie ſogleich als Alice Orville erkannte. Die ſchwarzen Augen derſelben waren mit einem ſtechenden Blick auf ſie gerichtet und ihr freundlicher Gruß wurde mit einem ſchweigſamen Kopfnicken erwidert. Sie rief jetzt ihren Liebling bei Namen, und ſobald das kleine Thier die wohlbekannte Stimme ſeiner Herrin hörte, flog es ſchnell derſelben auf die Hand und ſchmiegte ſich zitternd an ihren Buſen. Roſa liebkoſ'te es und wollte ſich eben dankend empfehlen, als Nordeck, welcher eine Kerze angezündet hatte, ſie bat, ſie hinunter beßleiten zu dürfen. Roſa ſtieg leiſe an ſeiner Seite die Treppe hinunter und wagte nicht aufzublicken. „Der Verluſt des kleinen Vogels hatte Sie wohl ſehr betrübt, mein Fräulein?“ ſagte Nordeck nach einer Pauſe. „O gewiß!“ erwiderte Roſa lebhaft;„und ich bin ſehr erfreut darüber, daß Ihr Fenſter gerade geöffnet war und er ſo hinüber flog; in dem Getümmel der Straße wäre er gewiß verloren geweſen.“ „Sie wohnen alſo in Herrn von Helmſtädt's Hauſe!“ rief Nordeck überraſcht aus;„dann habe ich wohl gar das zu lernen?“ 50 „Seine Großnichte vielmehr,“ erwiderte Roſa lächelnd; „aber kannten Sie denn meinen Großonkel?“ „O, ſehr gut,“ entgegnete Nordeck ſchnell.„Ich habe manche glückliche Stunde drüben in dem lieben, alten Hauſe zugebracht und kann mich auch noch jetzt nicht daran gewöh⸗ nen, nicht wie ſonſt alle Donnerſtage hinüberzugehen. Er ſprach in der letzten Zeit viel von Ihnen.“ „Von mir?“ unterbrach ihn Roſa,„ach, wie betrübt es mich, nie den guten Onkel geſehen und kennen gelernt zu haben!“ Jetzt ſtanden beide an der Hausthür, wo ſie ſich trennen mußten. „Meine Tante wird ſehr erfreut ſein, einen Freund meines Onkels kennen zu lernen“, ſagte Roſa leiſe, indem ſie ſich empfahl. Noch einmal begegneten ſich ihre Augen; es lag ein ſo wehmüthiger Ausdruck in denen des jungen Predigers, daß Roſa die ihrigen ſich mit Thränen füllen fühlte. Nachdem ſie wieder ihr kleines Zimmer erreicht und den Vogel in Sicherheit gebracht hatte, ſetzte ſie ſich an's Fenſter und überließ ſich ihren Gedanken. Bunte, liebliche Bilder, auch ernſte, ſchreckende Geſtalten zogen vor ihrem geiſtigen Auge vorüber, aber vor allen tauchte Nordeck's Bild deutlich hervor und verdrängte zuletzt die andern, ſo daß Roſa erröthend den Kopf ſenkte und die Hand auf das pochende Herz legte. Verſtand ſie dieſe Regung ihres Her⸗ zens, wußte ſie, was in ihm vorging? Nein, ſie wußte es * — 3 51 nicht, aber ſie ahnte es und ſelige ihr noch unbekannte Em⸗ pfindungen zogen in die erwärmte Bruſt ein. „Tante,“ ſagte Roſa am andern Morgen zu Frau von Reichenbach, in deren Zimmer ſie ſich befand und ein Sträuß⸗ chen friſch gepflückter Blumen aus dem Garten in einer Vaſe ordnete, wobei ſie ihr das geſtrige kleine Abenteuer erzählte— iſt es nicht ſonderbar, daß ich bei dieſer Gelegenheit die Bekanntſchaft eines Freundes des Onkels machen mußte?“ „Iſt er denn eben ſo erſchrecklich ſeltſam und pedantiſch, wie es der Bruder meines Vaters geweſen?“ fragte Frau von Reichenbach, indem ſie einen Blick auf die Straße warf. Ueber Roſa's liebliches Antlitz ergoß ſich die Röthe eines edlen Zorns, denn es ſchmerzte ſie in tiefſter Seele, ſo von ihrem verſtorbenen Wohlthäter reden zu hören, und ſie wollte eben eine paſſende Erwiderung machen, als Marianne den Prediger Nordeck meldete. Roſa wurde von Neuem purpurroth und beugte ſich tief auf ihre Blumen herab, wäh⸗ rend ihre Tante erwartungsvoll nach der Thür ſchaute, durch welche nun der junge Mann eintrat. Sie ſchien wirklich von der Schönheit und dem edlen Anſtande deſſelben äußerſt überraſchtzu ſein und bewillkommnete ihn mit großer Freund⸗ lichkeit. Nordeck erkundigte ſich zuerſt nach dem Befinden 4 52 Roſa's auf den geſtrigen Schreck, und nachdem ihn dieſe dankend darüber beruhigt hatte, brachte Frau von Reichen⸗ bach das Geſpräch auf die Veränderungen, die ſie an dem Hauſe wolle vornehmemlaſſen. Nordeck's Aeußerungen über dieſen Gegenſtand waren ſo treffend, ſeine Vorſchläge ſo angemeſſen und ihren Wünſchen entſprechend, daß ſi ſchon 3 nach einer halben Stunde ganz von dem jungen Manne eingenommen war und ihn bat, ſie nun doch auch in den Garten zu begleiten, um über die hier ebenfalls beabſichtigten Neuerungen ſeinen guten Rath zu vernehmen. Daſelbſt angekommen, ſagte Frau von Reichenbach, indem ſie auf einen in Marmor gebildeten knieenden Engel zeigte, der am Eingange aufgeſtellt und von Schlingge⸗ wächſen umrankt war:„Dieſen Engel werde ich fortſchaffen und durch zwei Muſen erſetzen laſſen; er ſieht ſo verwittert und altmodiſch aus. Was meinen Sie, Herr Nordeck!“ Roſa richtete einen wehmüthigen, bittenden Blick auf den Gefragten, und dieſer, welcher dieſe ſtumme Fürſprache ſchnell verſtanden, entgegnete lächelnd:„Das denke ich nun gerade nicht, gnädige Frau; dieſer betende Engel iſt ein ſehr tüchtiges Werk mittelalterlicher Kunſt, bei deſſen Anblick wir dieſen Garten mit Rittern und ſchönen Edelfrauen ſich füllen zu ſehen glauben, die zu ihrer Zeit gewiß Alle mit Ehrfurcht auf dieſe betende Geſtalt geblickt haben. Auch iſt er in der That ein ſchönes Symbol, indem er für die Erhaltung und das Gedeihen des Gartens zu beten ſcheint. Nein, ich 5 53 glaube nicht, daß er durch etwas Anderes könnte.“ Obgleich Frau von Reichenbach durch dieſe Rede nicht ganz überzeugt war, ſo antwotzete ſie doch Nichts, und ſie ſetzten ihren Weg fort. „Aber, ſehen Sie, hier am Weiher,“ ſagte ſie, als ſie vor Roſa's Lieblingsplatz ſtanden,„werde ich das unnütze Geſträuch ausroden und einige Bäume fällen laſſen; man fühlt ſich hier ordentlich unheimlich. Ich habe ſchon mit dem Gärtner darüber geſprochen und werde vielleicht, wenn der Platz gelichtet iſt, auf dieſer kleinen Anhöhe eine Terraſſe anlegen laſſen: das müßte ſich hier recht gut machen!“ „Aber, liebe Tante,“ ſagte Roſa,„es iſt hier ſo ſtill, ſo ſchön—“ „Gewiß,“ unterbrach ſie Nordeck,„gerade dieſe Stelle iſt die romantiſchſte des ganzen Gartens, hierher kann man ſich vor dem Geräuſche der Geſellſchaft zurückziehen und ſei⸗ nen eigenen Gedanken nachhängen. Nein, dort drüben am Gitter könnten Sie eine prächtige Terraſſe anlegen, von dort aus hätte man einen viel ſchöneren Ueberblick über den Garten.“ Die Tante fand dieſen Gedanken charmant z verfolgte ihn weiter. Roſa aber ſandte einen dankenden Blick aus ihren g zenden Augen zu ihrem Helfer empor. Sie durch⸗ wanderten noch eine Zeitlang den Garten und durchſprachen noch Manches, was daran verbeſſert und ſ werden könnte. 54 „Herr Nordeck iſt wirklich ein äußerſt intereſſanter und liebenswürdiger Mann,“ ſagte Frau von Reichenbach, als dieſer ſich empfohlen hatte;„ich begreife nur gar nicht, wie er in einem freundſchaftlichen Verhältniſſe mit dem alten Onkel leben konnte.“ Roſa antwortete nicht, denn ihr Herz war zu voll; es wollte überſtrömen vor Wonne, und als ſie am Abend allein war in ihrem Zimmer, da ſtand ſie ſinnend am Fenſter und blickte hinaufzu dem geſtirnten Himmel, blickte in die Augen Gottes und eine mächtige, ſüße Sehnſucht erfüllte ſie. Eine Thräne fiel auf ein Blatt Papier, das ſie in der Hand hielt, und ſie ſchrieb auf dieſes geheiligte Blatt den Gedanken ihres Herzens: Liebſt du den Himmel, wenn finſter Die Wolken drüber ziehn Und tief aus dem nächtigen Dunkel Die Blitze zackig glüh'n? Liebſt du den Himmel, wenn blau er So blau und tief ſich hebt, Wenn golden und ſtrahlend die Sonne, Die hehre, über ihn ſchwebt? Liebſt du den Himmel, wenn funkelnd Die Sterne ihn beſä'n und ſie als Hirte behütet Der Mond ſo ſanft und ſchön? ——— 55 Liebſt du ein Auge, in welchem So glühende Blitze ſprüh'n, Wohl Blitze des edelen Zornes, Die aus dem Herzen ziehn? Liebſt du ein Auge ſo ſinnig, So tief und blau und licht, In dem ſich die Sonne des Glückes In tauſend Strahlen bricht? Liebſt du ein Aug', in dem Thränen Gleich Sternen Thränen ſteh'n, Und Freude ſo mild wie das Mondlicht Bricht durch die thauigen ſchön? Und als ſie geſchrieben hatte, da erſchollen die ſüßen, wohlbekannten Töne zu ihr herüber, die ihr heute tauſendmal ſchöner klangen als je, und den ſchlanken Hals vorgebengt, lauſchte ſie mit pochendem Herzen dem Liede ihrer Liebe; ihre Seele ſchwamm in einem Meere von Entzücken, und ihr Körper zitterte in den Wellen deſſelben.— Der nächſte Tag war ein Sonntag, und Roſa ging in die Kirche, obgleich ihre Tante ſie gebeten hatte, mit ihr nach dem Muſeum zu fahren. Es zog ſie unwiderſtehlich nach dem Gotteshauſe hin, wo ihr volles Herz anbeten konnte. Sie trat in den weiten Dom, und ein hohes über⸗ irdiſches Gefühl bemeiſterte ſich ihrer, als ihre Blicke durch die hohen Hallen ſchweiften. Loblieder aus Tauſenden vo Stimmen ſtrömten zu dem Allmächtigen empor, und Roſa ſchickte ihr Herz auf den ſchwellenden Tönen hinauf zu dem Throne Gottes und legte es demüthig an demſelben nieder. Andächtig lauſchte ſie der ſchönen, ergreifenden Pre⸗ digt— da bemerkte ſie plötzlich eine dunkele Geſtalt an eihen Pfeiler gelehnt; ſie bebte zuſammen— denn es war Nordeck. Ihre Aufmerkſamkeit war nun dahin; ſo ſehr ſie ſich auch bemühte, ſie zu feſſeln, immer ſchweiften ihre Gedanken in weite Fernen. Als der Gottesdienſt beendet war, verlor ſich Nordeck in dem Gedränge der Menſchen, und auch Roſa verließ die Kirche. Kaum aber war ſie einige Schritte ge⸗ gangen, als ſie ſich von Nordeck eingeholt ſah, welcher, indem er ſie freundlich grüßte, ſagte:„Erlauben Sie, Fräu⸗ lein von Reichenbach, daß ich Sie begleite, unſer Weg iſt derſelbe!“ „Waren Sie auch in der Kirche?“ fragte er, nachdem ihm ſeine Bitte bewilligt war. Roſa bejahte es. „Nun, wie hat Ihnen die Predigt gefallen?“ „Sie war ſehr ſchön, ich habe ſelten eine ähnliche gehört.“ „Da ſind Sie ganz meiner Meinung,“ entgegnete Nordeck,„ſie war ſo tief, ſo inhaltsvoll und doch wieder ſo klar und verſtändlich.“ „Ich glaube, daß heute auch nicht ein Herz ungetröſtet den Tempel Gottes verlaſſen hat,“ ſagte Roſa,„denn wer * 57 ſich die heutigen Worte tief in das Herz eingeprägt hat, der kann nicht verzweifeln.“ „Nein,“ erwiederte Nordeck,„das wäre unmöglich. So erhaben die chriſtliche Religion iſt, ſo tröſtend wirkt ſie auchauf das arme menſchliche Gemüth. Man könnte ſie faſt geradezu die Religion des Troſtes nennen, denn ſie macht dem Erdenpilger alle ſeine Mühen leicht, indem ſie ihn auf die Zukunft, das Jenſeits, hinweiſt, wo ſeiner das reinſte, ungetrübteſte Glück wartet, wo keine Trennung, kein Schmerz, kein Unterſchied unter den Menſchen mehr ſein wird. Aber wie wenig wird jetzt die Religion geſchätzt, nur im Volke noch lebt ſie; doch hier iſt zu wenig Verſtändniß, zu viel Aberglaube und Unklarheit, und bei den Gebildeten fehlt es meiſt am Intereſſe. Man hält es ſogar für er⸗ niedrigend, in der heiligen Schrift, dem Höchſten, was wir beſitzen, zu leſen.“ Roſa ſeufzte, ſie dachte unwillkürlich an Thereſe, die dies gewiß auch langweilig finden würde. Doch um ſo mehr Achtung fühlte ſie für Nordeck, und indem ſie zu ihm aufblickte und ihre Augen ſich begegneten, fühlte ſie ſich wunderbar gehoben durch das Bewußtſein, daß ihre Herzen in einem Gedanken zuſammenſchlugen. Zu ſchnell hatten ſie das Haus erreicht, und als Roſa in daſſelbe hineineilte, ſah ihr Nordeck mit einem ſonderbaren Blicke nach, bis ihre leichte Geſtalt in der Tiefe der Flur verſchwunden war⸗ Es lag Liebe, ja Begeiſterung in dieſem Blicke, der ab wieder von einer ſtillen Wehmuth verdunkelt wurde.. * 55 3 war, als wenn Nordeck zu einem für ihn nie erreichbaren und ihn doch unwiderſtehlich anziehenden Stern aufgeblickt hätte. Walther Nordeck war der Sohn eines Hauptmanns, welcher in dem Befreiungskriege Deutſchlands gegen Na⸗ poleon tapfer mitgekämpft und ſich dann, da er im Kriege den rechten Arm verloren, mit ſeiner Familie in eine einſame, ſchöne Gegend zurückgezogen hatte. Hier lebte er beſonders der Erziehung ſeiner beiden Kinder, Walther und Gertrud. Der erſtere war ein muthiger, hochherziger und talentvoller Knabe, der Stolz und die Freude ſeiner Eltern. Als der Vater die Erziehung ſeines Sohnes nicht ferner allein leiten konnte, brachte er ihn nach der Reſidenz, wo er das Gym⸗ naſium beſuchte und bald der Liebling der Lehrer und Schüler wurde. Immer der Erſte der Klaſſe, unerſchrocken und edelmüthig, war er ſtets der Beſchützer der Unterdrückten und Schwachen gegen die Uebermüthigen, ſo daß er bald von den Schlechten allgemein gefürchtet, von den Guten aber ebenſo geliebt, ja verehrt wurde. Walther wünſchte Theologie zu ſtudiren, aber auch, wenn es nöthig wäre, dem Vaterlande heldenmüthig ſeinen Arm zu leihen. Kaum aber hatte er ſeine Studien begonnen, als er aus einem Briefe ſeiner Schweſter den plötzlichen Tod ſeines Vaters erfuhr. So tief ihn auch dieſer Fall erſchütterte, ſo trug er ihn doch mit jener männlichen Faſſung, welche ihm eigen war. Da es ihm jetzt unmöglich war, nach ſeiner Heimath zu reiſen und ſeine Mutter zu tröſten, ſo legte er dieſe heilige 59 Pflicht ſeiner Schweſter an das Herz, und Gertrud erfüllte ſie vollſtändig. Obgleich erſt fünfzehn Jahre alt, beſaß ſie die Ausdauer, den Heldenmuth einer Frau; ſie lebte nur für ihre Mutter und ſuchte ihr die Leiden des Lebens fern zu halten, ſo weit es ihr möglich war. Sanft und geduldig pflegte ſie die Mutter in ihrer Krankheit, Tage lang brachte ſie ohne Murren und ſtets mit einem liebenden Lächeln, ſo betrübt ſie auch ſein mochte, an ihrem Bette zu. Aber trotz all' ihrer Fürſorge konnte ſie dennoch das Leben der geliebten Mutter nur kurze Zeit noch erhalten; ſchon nach drei Jahren erloſch die nur matt brennende Lebensflamme derſelben. Gertrud ſtand nun allein da, aber ſie verzweifelte nicht; ſie hoffte auf Den, der ſie nie verlaſſen hatte. Und ihre Zu⸗ verſicht wurde nicht getäuſcht; eine junge Gräfin, die von ihr gehört hatte, bot ihr an, die Erzieherin ihrer Kinder zu werden, und Gertrud hatte ſeitdem zwar nicht eine Mutter, aber doch eine Schweſter gefunden.— Walther hatte indeſſen ſeine Prüfungen auf die glän⸗ zendſte Weiſe beſtanden, aber alle ſeine Bemühungen, eine Anſtellung zu erhalten, waren bis jetzt fruchtlos geweſen, und trauernd blickte er in die Zukunft, von der er als Knabe ſo goldene Hoffnungen gehegt, welche dieſelbe ſo wenig er⸗ füllen zu wollen ſchien. Roſa eilte in ihr Zimmer hinauf und verbarg ihr glü⸗ hendes Geſicht in die Kiſſen ihres Sopha s, und erſt als ſie ihre Faſſung wiedergewonnen hatte, ging ſie 1 ihrer hinunter. 60 „Frau von Grünheim war hier geweſen—“ dies war die erſte Neuigkeit, die ſie von derſelben erhielt;„wir werden heute Abend mit ihr in das Schauſpiel fahren, es wird Wilhelm Tell gegeben,“ ſetzte ſie hinzu. Roſa's Augen glänzten vor Freude, nun das größte Werk des deutſchen Dichters auf der Bühne ſehen zu follen, doch wünſchte ſie heimlich dieſen Genuß in anderer Geſell⸗ ſchaft haben zu können. „Fahren wir mit der Generalin allein?“ fragte ſie, als die erſte Freude vorüber war. „Kind, wo denkſt Du hin,“ entgegnete die Tante la⸗ chend.„Nein, Thereſe und ihr Bruder, der erſt geſtern aus Paris zurückgekehrt iſt, werden uns begleiten.“ Am Abend fuhr nun Frau von Reichenbach mit ihrer Nichte zu der Generalin, um ſich dort mit der übrigen Ge⸗ ſellſchaft zu vereinigen. Hier wurde Roſa Arthur'n von Grünheim und Melanie'n von Roſann, einer Couſine The⸗ reſens, die mit Arthur nach Deutſchland gekommen war, um hier bei ihrer Tante einige Monate zu bleiben, vorgeſtellt. Der erſtere war ein junger Mann, ebenſo oberflächlich ge⸗ bildet wie ſeine Schweſter, der aber eine gewiſſe Gutmüthig⸗ keit beſaß, die dieſer ganz fehlte. Die letztere war eine kleine, ſehr lebhafte und zuweilen auch witzige, junge Dame. Frau von Reichenbach, Roſa und Arthur fuhren in dem Wagen der erſteren und die Andern in Begleitung des Herrn von Beaujvi's in dem der Generalin nach dem Theater. Roſa war wirklich erſtaunt über die Großartigkeit und Pracht, 61 die in dem Schauſpielhauſe herrſchten, denn ihr war ja Alles neu, und es fehlte nicht viel, ſo hätte ſie wieder ausgerufen: „O, wie herrlich!“ Diesmal aber beherrſchte ſie ſich und ſetzte ſich ſtillſchweigend nieder. Sie hatte ihren Platz im erſten Range und Roſa ſaß zwiſchen Arthur und Melanie. Während ſie mit Bewunderung das ſchöne Haus durchmu⸗ ſterte, bemerkte ſie, daß alle Lorgnetten ſich auf ſie richteten und verlegen ſchlug ſie die Augen zu Boden und antwortete kaum auf Arthurs Fragen, mit denen dieſer ſie überſchüttete und ihre Aufmerkſamkeit zu feſſeln ſuchte. „Reiten Sie, mein Fräulein?“ fragte er. „Nein.“ „O das iſt Schade! Sie müſſen es noch lernen; gewiß, es iſt nicht ſchwer. Wünſcht es nicht Ihre Tante?“ „Nein.“ „Das wundert mich; nun, wenn Sie erſt länger hier ſein werden, wird ſie wohl darauf eingehen. Ma soeur iſt ſehr geſchickt in dieſer Kunſt.“ Jetzt wurde der Vorhang in die Höhe gezogen und Niemand war wohl aufmerkſamer als Roſa, der kein Wort entgehen durfte. Freilich wurde ſie oft geſtört durch das laute Sprechen der beiden Couſinen, welche ſich auf das lebhafteſte während des ganzen Stückes unterhielten⸗ „Sieh nur, Melanie,“ ſagte Thereſe, als der erſte Akt zu Ende war,„dort im Parquet ſitzt Fräulein von Stolzen⸗ fels, ſie iſt ſehr gedemüthigt worden, dieſe ſ „Wie ſo?“ fragte die Franzöſin. 62 „Ihre Verlobung mit dem Baron von Berg iſt auf⸗ gelöſt worden, wahrſcheinlich weil dieſer ihre reichere Tante heirathen will.“ „Ah voila,“ rief Melanie jetzt aus,„drüben in jener Loge iſt Lady Orville, die ich im vorigen Jahr in Paris kennen lernte.“ „Iſt ſie allein?“ ſagte Thereſe. „Nein, ſie iſt in Begleitung ihres Vaters,“ entgegnete Melanie. „Aber,“ ſagte Thereſe,„denke nur, ich habe neulich erfahren, daß die ſtolze Alice einen Prediger liebt, den ſie in einer Geſellſchaft kennen gelernt hat und, um nun ſo oft als möglich mit ihm in Verbindung zu kommen, hat ſie es dahin gebracht, daß er mit ihr zuſammen ſingt und die Soi⸗ réen ihres Vaters beſucht. Findeſt Du das nicht einzig?“ „Wahrſcheinlich liebt er ſie nicht wieder,“ entgegnete Melanie lächelnd,„denn ſonſt hätte ſie ihn gewiß ſchon zu ihrem Gemahl erhoben; ſie wird wohl nicht ſo glücklichen Erfolg wie Pygmalion haben und vergeblich den kalten Marmor umarmen— qui sait?“ Dies Geſpräch war fortgeſetzt worden, auch als das Spiel wieder begonnen hatte und diesmal hörte Roſa auf⸗ merkſam zu: es erfüllte ſie mit Angſt und beruhigte ſie doch wieder. Aber, warum ängſtigte ſie ſich denn, was ging ſie denn die Liebe der Engländerin an? Lange noch lehnte Roſa, als ſie am Abend nach Hauſe gekommen, halbangekleidet an ihrem Flügel, und blickte 63 ſinnend in die Zukunft, bis ſie ermüdet das Lager ſuchte, wo dann die Angelegenheiten des Tages ſie im Traume lieblich umgaukelten. Am Montag hatte Frau von Reichenbach ſehr viel zu thun, da ſie am nächſten Tage ihre erſte große Geſellſchaft geben wollte und dazu die ganze haute volée der Reſidenz und auch Herrn Nordeck eingeladen hatte. „Ich werde noch ein wenig ſpazieren gehen, liebe Tante, wenn Du es erlaubſt; der Abend iſt ſo ſchön und der Mai ſo ſchnell vorüber,“ ſagte Roſa, als ſie die Geſchäfte des Tages beendet hatte. „Thue das,“ erwiderte ihre Tante,„aber bleibe nicht zu lange fort, ich würde mich ſonſt ängſtigen. Ich würde Dich gern begleiten, aber es iſt mir heute unmöglich.“ Roſa unſchlang ihre Tante und eilte dann hinunter. Sie fühlte ſich ſo frei und glücklich und ihr ſchwebender Schritt berührte kaum den Boden. Vor das Thor wollte ſie gehen, wollte zum erſten Male wieder der dumpfen Stadt entfliehen. Sie trat hinaus in die ſchöne Gotteswelt; tief und blau wölbte ſich der Himmel über ihr; geſchmückt mit einzelnen, goldumſäumten Wölkchen, die gleich Schwänen auf dem unendlichen Ocean dahinſegelten; die Sonne warf 64 ihre ſchrägen Strahlen durch das liebliche Grün der Bäume und malte deren gigantiſche Schatten auf den bunten Teppich der Erde. In Roſa's Herzen jubelte es hoch und alle Stim⸗ men in demſelben ſangen dem Schöpfer ein Loblied. Während ihre Augen die ſchöne Landſchaft durchflogen, entſchlüpfte 3 plötzlich ein freudiger Ausruf ihren Lippen, denn rechts vom Wege erhob ſich ein ſanft anſchwellender Hügel, bepflanzt mit ſchattigen Bäumen, gerade wie in ihrer Heimath; ja nun bemerkte ſie erſt, daß die ganze Gegend eine wunderbare Aehnlichkeit mit der, welche ſie in B. ſo ſehr liebte, habe. Ohne einen Augenblick zu zögern, eilte ſie mit der ihr eigenen, geräuſchloſen Schnelligkeit durch die grünen Windungen der Wieſe den Hügel hinauf und hielt ſich geblendet von dem Lichte der untergehenden Sonne die Hand vor die Augen. Dann ließ ſie ſich auf der Bank unter der Linde nieder und träumte ſich in ihre Heimath zurück, indem ſie dem leiſen Murmeln des Fluſſes, der ſich durch die duftenden Wieſen wand, lauſchte. Andere Gedanken mochten 3 aber auch wohl beſchleichen, denn ſie ſenkte plötzlich den Kopf und ein leiſer Seufzer ſtieg aus ihrem vollen Herzen.— Allmählig verſchwand die Sonne hinter den Bergen und ließ nur noch einen Streifen glänzenden Rothes am weſtlichen Himmel ₰ zurück, der nach und nach ſanft erloſch. Jetzt erſt dachte Roſa an ihre Rückkehr und ſie verließ dieſen ſchönen Platz mit dem feſten Vorſatze, ſobald als möglich dahin zurückzukehren. Es dunkelte bereits, als ſi die Stadt betrat, und mit ihren eigenen Gefühlen zu ſeh —— 65 beſchäftigt, bemerkte ſie es nicht, daß Jemand ſie grüßte, und wurde erſt aufmerkſam, als der Gruß wiederholt wurde und Nordeck's Stimme ſie anredete:„Haben Sie auch den ſchönen Abend in der freien Natur zugebracht?“ Erröthend blickte Roſa auf und ſagte nach einer Pauſe: „Ja zum erſten Male, ſeitdem ich hier bin, habe ich mich vor das Thor gewagt und dort zu meiner großen Freude meinen Lieblingsplatz, den ich in B. verlaſſen mußte, wieder⸗ gefunden.“ „Ja, dieſe Gegend iſt unſtreitig die ſchönſte in der Nähe der Stadt,“ erwiderte Nordeck,„ich liebe ſie ſehr upd beſuche ſie täglich.“ „Ach,“ rief Roſa aus,„ich möchte auch wohl recht oft hinausgehen vor das Thor, möchte über Felder und Berge und weiter in unbekannte Fernen ſchweifen, dann würde ich mich erſt ganz glücklich fühlen.“ „O, auch ich liebe die Natur,“ ſagte Nordeck,„bin ich doch in ihr auferzogen, und hat man mich früh gelehrt, ihre Schönheiten zu erkennen und zu verſtehen.“ So ſprachen ſie noch weiter, indem ſie durch die dunklen Straßen gingen und Nordeck's Ausruf:„Hier ſind wir ſchon! Sie ſind vor 1 Ihrem Hauſe vorübergegangen, liebes Fräulein,“— deutete an, daß ihnen beiden der Weg zu kurz geworden und ſie ſich zu bald für ihre Wünſche trennen mußten. Roſa blickte einen Augenblick ſinnend nieder und ſagte dann ſchnell, indem ſie erröthete:„Herr Nordeck, darf meine Tante hoffen, daß Sie uns morgen die Ehre Ihrer Gegenwart ſchenken wer⸗ ——————— den?“ Ein feuriger Blick begegnete ihrem ſchüchtern erho⸗ benen Auge und die freudige Leichtigkeit, mit der ſie zu ihrem Zimmer hinaufeilte, zeigte an, daß ihre Bitte ein freundliches Gehör gefunden. Es war Abend und in den Straßen der Hauptſtadt ſchon ziemlich dunkel. Frau von Reichenbachs Fenſter waren hell erleuchtet und der Lichtglanz ſtrömte auf die Straße hinaus. In ihren Zimmern war alles in größter Bewegung; die Diener liefen geſchäftig hin und her, während prächtige Equipagen vor dem Hauſe hielten. Nur in Roſa's Zimmer war es ſtill; die Ampel brannte und ergoß ihren ſanften Schein nicht nur über die Gegenſtände des Gemaches, ſon⸗ dern auch über die Beſitzerin deſſelben, die am Flügel ſaß. Ein blaßrothes Seidenkleid, das von ihrem Nacken herabfloß, zierte ihren ſchönen Wuchs; ein weißer Flor verhüllte zum Theil ihren Hals und eine weiße Camelie ſchmiegte ſich innig an ihre ſeidenweichen Flechten. Sie war in tiefes Nachdenken verſunken, während ein eigenthümlicher Glanz ihre Augen belebte und ein ſanftes Lächeln um ihren Mund ſpielte. „Aber liebes Fräulein,“ rief Marianne, den Kopf zur Thür hereinſteckend,„die gnädige Frau hat ſchon zwei Mal nach Ihnen gefragt!“ 4 3 67 „Ich komme gleich,“ antwortete Roſa und eilte die Treppe hinunter. Sie trat in den mit Blumen und dunklem Laube geſchmückten, vom Lichtglanze übergoſſenen Saal, der mit einer glänzenden Geſellſchaft gefüllt war. Ihre Augen durchflogen dieſelbe, aber ſie ſchien nicht den Gegen⸗ ſtand gefunden zu haben, den ſie ſuchte, denn ſie ſenkte die⸗ ſelben traurig nieder. „Mais elle est belle,“ flüſterte Melanie ihrer Coufine zu, welche darauf die Achſeln verächtlich zuckte und ſagte: „Possible mais c'est une paysanne.“ „Ich hoffe, Sie ſind am Sonntage glücklich nach Hauſe gekommen,“ ſagte Herr von Grünheim, indem er ſich Roſa'n näherte. „Recht gut,“ erwiderte dieſe, ſuchte jedoch ſobald als möglich die begonnene Unterhaltung abzubrechen und zog ſich in eine Fenſtervertiefung hinter einen blühenden Oleander zurück, deſſen Zweige ſie verdeckten, während das Geſpräch der Geſellſchaft verworren zu ihr drang. Vor allem hörte ſie ihre Tante ſprechen, welche in einem jeden Theile des Saales zugleich zu ſein ſchien und ſich heute ſo ganz in ihrem Elemente befand. Roſa lehnte den Kopf in die Hand und blickte in die dunkle Straße hinaus; es wäre ihr jetzt un⸗ möglich geweſen, au der Unterhaltung Theil zu nehmen und doch hatte ſie ſich mit ſolcher Freude in die Geſellſchaft be⸗ geben. Mit einem Male hörte ſie Lady Orville freudig ausrufen:„I am very rejoiced to see von.“ Sie blickte durch die Zweige und ſah Nordeck im Geſpräch mit Alice ein leiſer Seufzer glitt über ihre Lippen, während ſie den Kopf wieder in die Hand ſtützte. Sie wußte nicht, wie lange ſie ſo geſeſſen, aber plötzlich hörte ſie eine wohlbekannte Stimme in ihrer Nähe:„Hier dachte ich am wenigſten Fräu⸗ lein von Reichenbach zu finden.“ 8 Roſa blickte auf und empfing Nordeck's freundlichen ruß „Ich— ich liebe die Einſamkeit,“ erwiderte ſie faſt verlegen. .„Das thun die Wenigſten,“ ſagte Walther, indem er ſich Roſa gegenüber niederließ;„Wenige ziehen ſich ausfreiem Willen von den Freuden des geſelligen Lebens zurück, und doch können wenige liebende Menſchen in der Einſamkeit, wo ſie ſich einander Alles ſind, ein ſchöneres Leben führen, als ihnen alle Vergnügungen der Welt im Stande ſind dar⸗ zubieten.“ Roſa ſchwieg; endlich bemerkte ſie, um doch Etwas zu ſagen:„Ich glaube, es wird heute Abend getanzt werden.“ „So?“ fragte Walther;„lieben Sie den Tanz?“ „O ja, wenn ich in der freien Natur bin, tanze ich gern. Tanz iſt für mich ein Ausdruck meiner Freude und in der heitern Natur fühle ich mich oft, wenn auch nicht immer, zur Freude angeregt.“ Wunderbar,“ erwiderte Nordeck,„welch' einen ver⸗ ſchiedenen Eindruck die Natur auf das menſchliche Gemüth hervorbringt, je nachdem dies geſtimmt, geſchaffen iſt, möchte ich ſagen. Wenn das Meer vom wüthenden Sturme in 69 ſeiner Tiefe aufgewühlt iſt; wenn der weiße Schaum der Wogen zum finſtern Himmel aufſpritzt, dann ſteht der kühne Matroſe am Bord des ſchwankenden Schiffes und Hochgefühle ſchwellen ſeine Bruſt, denn er iſt in ſeinem Element, der tobende Aufruhr fordert ſeine Geſchicklichkeit heraus und er glaubt der entfeſſelten Naturkraft gewachſen. Ein Anderer dagegen fühlt ſich gezwungen niederzufallen und den anzu⸗ beten, deſſen Größe ihm in dem überwältigenden Schauſpiel offenbar wird.“ „O das Meer!“ rief Roſa;„waren Sie ſchon auf dem offenen Meere?“ „Ich— „Aber, Roſa, der Tanz hat ja ſchon lange begonnen,“ unterbrach hier Frau von Reichenbach herzutretend das Ge⸗ ſpräch, indem ſie die Zweige des Oleanders zurückbog. „Wirklich?“ fragte die Angeredete erſtaunt. „Nun, das nenne ich in der Unterhaltung vertieft ſein!“ rief die Tante lachend, indem ſie ſich entfernte. Einen Augenblick ſpäter aber ſchwebte Roſa, auf Wal⸗ ther gelehnt, durch den Saal. Sie hatte wenig tanzen gelernt und tanzte doch ſo unvergleichlich; jede ihrer Be⸗ wegungen war ja Tanz und mit Bewunderung konnte man ſtundenlang dem reizenden Spiele ihrer Glieder folgen. Als Walther ſie nach Beendigung der Tour nach ihrem Platze führte, begegneten ihre Augen denen Alice's, welche in einem dunklen, zornigen Feuer flammten und ganz ihre ſtolze Ruhe verloren hatten. Roſa bebte bei dieſer Begeg⸗ * 70 nung zuſammen, denn ſie fühlte es deutlich, daß ſich in dieſem Augenblicke zwei Nebenbuhlerinnen gegenüberſtanden, von denen der einen der Vorzug gegeben war. Ihre Freude war für dieſen Abend geſtört, denn das Bewußtſein, einem Menſchen, obgleich ohne ihre Schuld, Schmerz zu verurſachen, betrübte ſie in tiefſter Seele. Es war ſchon ziemlich ſpät und doch faſt noch der größte Theil der Geſellſchaft heiſammen. Roſa fühlte ſich nicht wohl und bat ihre Tante um Erlaubniß, ſich nach ihrem Zimmer zu begeben. Still und unbemerkt verließ ſie den Saal, und wollte eben die Thür des Vorzimmers öffnen, als ſie ſchnelle Schritte hinter ſich vernahm.„Aber mein Gott,“ rief Nordeck, der ihr Gehen bemerkt hatte und ihr gefolgt war,—„Sie werden ſich erkälten, Sie ſind ſo heiß. Erlauben Sie“— und er umhüllte ſie mit einem Shawl, der auf einem Stuhle lag. Roſa nahm Nordeck's ihr dax⸗ gebotenen Arm an, und ſtieg, von ihm begleitet, die Treppe hinauf. Er fühlte ihres Athem's Wehen, ihre kleine Hand berührte die ſeine und Roſa bemerkte ein leiſes Zittern der letzteren. „Ich danke Ihnen,“ flüſterte ſie, als ſie die Thür ihres Zimmers erreicht hatten, und Nordeck drückte einen leiſen Kuß auf die ihm dargereichte Hand. 71 Am andern Tage war Roſa ernſtlich krank. Sie hatte ein heftiges Fieber, das ſie ſich wahrſcheinlich am Montage während ihres langen Ausbleibens durch Erkältung zuge⸗ zogen hatte und das durch die große Aufregung, in der ſie ſich in den letzten Tagen befunden, noch erhöht war. Ihre Tante pflegte ſie mit großer Liebe, und da Frau von Rei⸗ chenbach ſtets ſehr ungern in einer Krankenſtube verweilte, ſo war es eine um ſo größere Aufopferung von ihr, daß ſie abwechſelnd mit Mariannen ganze Tage, ja ſogar Nächte bei ihrem kranken Lieblinge zubrachte. Nach drei Wochen endlich war Roſa ſo weit hergeſtellt, daß ſie ſorgſam einge⸗ hüllt am Fenſter im warmen Sonnenſchein ſitzen konnte, während die Tante oder Marianne ihr aus einem intereſſan⸗ ten Buche vorlas. Vier Wochen waren ſeit dem Balle verfloſſen, als Roſa an einem ſonnigen Nachmittage an dem geöffneten Fenſter ſaß, durch welches die warme Luft hereinſtrömte. Ihre langen Flechten waren, da es der Arzt gerathen, abgeſchnitten worden, und kleine Locken, die ihr ſehr gut ſtanden, umgaben ſtatt dieſer ihren ſchönen Kopf. Ihr Geſicht war noch etwas blaß, aber jetzt durch die Freude über ihre wiedererlangte Geſundheit ſanft geröthet. Dennoch lag eine ſtille Wehmuth in ihren braunen Augen und machte ſich in einem leiſen Seufzer Luft. Roſa betrübte ſich nicht darum, während ihrer Krankheit die Vergnügungen der Geſellſchaft entbehrt zu haben,— nein, das war ihrem Herzen ein zu nichtiger Gegenſtand, aber ſie bedauerte i den 3 72 den ſie ſo ſehr liebte, auf den ſie ſich das ganze Jahr hindurch gefreut hatte, im Krankenzimmer vertrauert zu haben. „Möchteſt Du nicht ein wenig mit mir ausfahren, liebe Roſa,“ ſagte ihre Tante hereintretend;„der Tag iſt ſo ſchön, und die friſche Luft wird Dir wohlthun, denke ich.“ Roſa nahm freudig das Anerbieten an, und bald darauf fuhren ſie fort und kehrten erſt gegen Abend zurück. „Herr Nordeck war hier,“ ſagte Marianne, welche ihnen auf der Treppe begegnete,„er hat ſeine Karte zurückgelaſſen.“ Frau von Reichenbach bedauerte ſehr, nicht zu Hauſe geweſen zu ſein, und obgleich Roſa ſchwieg, ſo ſah man doch an ihren niedergeſchlagenen Augen, wie ſehr es ſie be⸗ trübte, dieſen Beſuch verfehlt zu haben. Als ſie in die Thür traten, flatterte ihnen ein vom Zugwinde getragenes Blatt Papier entgegen, und der Gedanke:„Es muß von ihm ſein, er hat es aus ſeiner Brieftaſche verloren,“ durch⸗ blitzte Roſa's Seele. Von einem unbeſtimmten Gefühl ge⸗ trieben, langte ſie es auf und verbarg es ſorgfältig. Als ſie am ſpäten Abend allein in ihrem Zimmer war, entfaltete ſie es; es enthielt ein von einer männlichen ſchönen Hand geſchriebenes Gedicht, und faſt zitternd las ſie: An Roſa. O nenn' mir die ſchönſte der Blumen, Die Fürſtin der Kinder der Luft— †iſt's nicht die ſchwellende Roſe, Voll ſüßem und himmliſchem Duft? 73 Du trägſt den Namen der Roſe, Der ſchönſten der blumigen Pracht— Und biſt Du nicht Fürſtin der Frauen, Die Sonn' unter Sternen der Nacht? Doch nicht die Schönheit, die ſtrahlend Der Glorie gleich Dich umſchwebt, Iſt's, die Dich ſo hoch und herrlich Zum goldenen Throne erhebt:— Der Duft iſt's, durch welchen erfreuet Vor Allem die roſige Blüth',— Und Dich hat zur Fürſtin erhoben Dein frommes, echt weiblich Gemüth. 8 Sie las es wieder und wieder und lehnte dann den Kopf ſinnend in die Hand.„Liebt Nordeck mich denn?“ dachte ſie; aber nein, nicht von Liebe, höchſtens von Bewun⸗ derung ſprachen dieſe Zeilen, und dieſe gerade war es, die ſie am wenigſten von ihm erwartete, von ihm, zu dem ſie wie zu einem höheren und vollkommneren, über dieſe Erde erhabenen Weſen aufblickte. Da trug der Wind die geliebten Töne von ihm in ihr Zimmer, aber auch dieſe klangen ihr heute ſo wehmüthig, daß die Thränen ſanft über ihre Wan⸗ gen rannen und gleich ſtrahlenden Diamanten auf ihrer Hand hafteten. Der Himmel war wolkenfrei, die Blumen dufteten der Wind rauſchte leiſe in dem Schilfe und die Schwäne zogen langſam auf dem Weiher hin. 74 „Wie edel der Bau eines Schwanes iſt, wie majeſtätiſch er die Wellen durchſchneidet und wie anmuthig doch dabei ſeine Bewegungen ſind,“ dachte Roſa, welche unter dem Roſenſtrauche ſitzend, ſchon eine Weile dem Treiben dieſer Thiere zugeſehen hatte. „Roſa!“ tönte jetzt eine Stimme in der Nähe. „Hier, Tante,“ erwiderte die Gerufene, indem ſie ſich erhob, um der Suchenden entgegenzugehen. Dies war jedoch unnöthig, denn ſchon in demſelben Augenblicke trat Frau von Reichenbach in Begleitung des Grafen von Steineck aus dem Gebüſche hervor. „Wahrhaftig,“ ſagte ſie athemlos,„ich habe bereits den ganzen Garten nach Dir durchſucht.“ „Du weißt ja, daß ich hier immer am liebſten bin,“ ſagte Roſa lächelnd. Jetzt erſt hatte der Graf Zeit gewonnen, ſich nach Roſa's Befinden zu erkundigen und ihre lange Krankheit zu bedauern. „Geſtern Nachmittag find wir zum erſten Male aus⸗ gefahren;“ ſagte die Tante,„es war nach ſo langer Zeit wieder die erſte Veränderung für meine arme Roſa. Wir fuhren vor das N.⸗Thor und haben uns ziemlich weit von der Stadt entfernt.“ Da hätten Sie mich ja gleich auf meinem Jagdſchloſſe beſuchen können,“ bemerkte der Graf.„Ich war geſtern dort und habe mich erſt am Abend auf den Weg nach der ———— 75 Stadt gemacht, mich wundert nur, daß wir uns nicht be⸗ gegnet find.“ „Wir ſind früh zurückgekehrt, um die Abendluft zu vermeiden, erwiderte Frau von Reichenbach;„aber werden Sie denn nun den ganzen Sommer in der Stadt zubringen, Herr Graf?“ „Wahrſcheinlich; ich mache alle Frühjahre eine Rund⸗ reiſe auf meine Güter, um mich von der guten Verwaltung derſelben zu überzeugen; doch halte ich mich nie lange auf dem Lande auf, das iſt mir zu langweilig; man iſt dort ſo abgeſchloſſen von der ganzen Welt und aller Vergnügungen beraubt!“ „Gott!“ dachte Roſa,„kann es denn langweilig in Gottes freier Natur ſein, kann uns die Herrlichkeit der Schöpfung nicht wenigſtens für die leeren Vergnügungen einer Stadt ſchadlos halten?“ Am Abend hatte Frau von Reichenbach Beſuch von mehreren ältlichen Damen und Roſa hatte ihre Tante ge⸗ beten, ein kleines Geſchäft in der Stadt beſorgen zu dürfen, um den Abend zu genießen. Das Geſchäft war bald beendet, und langſam näherte ſie ſich ihrem Hauſe, als ihr plötzlich der Gedanke kam, noch ein wenig vor das Thor zu gehen. Es war noch früh, ſie fühlte ſich heute beſonders kräftig und es zog ſie nach der Linde, bei der ſie zuletzt geweſen Ohne an die Er⸗ mahnung der Tante zu denken, ſich ja nicht zu ſehr anzu⸗ e auch ſtrengen, beſchleunigte ſie ihre und eig 76 bald ihren Lieblingsplatz. Ermattet von dem weiten Gange, ließ ſie ſich auf die Bank nieder und lehnte den Kopf an den Baum. Sie überblickte die herrliche Gegend, die im goldenen Glanze der untergehenden Sonne vor ihr lag; ihre. Augen waren ſo müde, daß ſie ſich zuweilen ſchloſſen und doch ſah ſie dann ſo herrliche Dinge! Es war ihr, als ob aus allen Blumen kleine Engel ſtiegen, die ſie unter ſanftem Geſange umſchwebten. Ein reizendes Mädchen, in roſigem Kleide mit leichten Schwingen näherte ſich ihr und bat ſie ihr zu folgen. Roſa erfaßte die ihr dargebotene Hand und ſie ſchwebten über Berge und Thäler, über Meere und weite, lachende Ebenen, die ſich ihnen im Scheine des Abendrothes eröffneten, immer begleitet von der luftigen Elfenſchaar. Plötzlich ſtanden ſie in einem duftenden Garten, der mit unzähligen goldenen und ſilberweißen Roſen erfüllt war. Hier verweilten ſie und das Elfenkind ſprach zu der ſchönen Erdentochter:„Hier ſind wir im Lande der Blumen und zwar in dem der Roſen, welches das ſchönſte von allen iſt; willſt Du nicht eine Roſe werden? Du kannſt Dich dann im goldenen Scheine der Sonne baden, Du kannſt Deine duftende Krone auf dem ſchlanken Stiele ſchaukeln und Dir die herrlichſten Märchen von den Vögeln erzählen laſſen. Auch die Menſchen lieben die Roſe und nennen ſie die Kö⸗ nigin der Blumen; ſprich, willſt Du nicht unſere Königin werden?“ Da erwachte Roſa und erblickte erſtaunt die ganze Landſchaft in dem ſilbernen Scheine des Mondes. Vor ihr 7 aber ſtand eine ſchöne, männliche Geſtalt, die Augen nach⸗ denklich auf ſie gerichtet— es war Walther. „Mein Gott, wo bin ich?“ flüſterte Roſa. „Habe ich Sie geſtört, mein liebes Fräulein?“ fragte Nordeck ſanft.„Indem ich von meinem Spaziergange zu⸗ rücktehrte und die Landſchaft noch einmal von dieſer Seite aus im Mondesglanze ſehen wollte, fand ich Sie. Ich wollte Sie nicht gern wecken, aber auch nicht verlaſſen, und indem ich wartete, erwachten Sie.“ „Ich bin Ihnen herzlich dankbar,“ ſagte Roſa, welche ſich erhoben hatte, um in möglichſter Eile den Heimweg an⸗ zutreten. „O bleiben Sie,“ ſagte Walther bittend;„ich freue mich, Sie nach einer ſo langen Trennung wiederzuſehen.“ Es lag ſo viel Innigkeit, vermiſcht mit tiefer Trauer in dem Tone, mit welchem er das ſprach, daß Roſa ſich ſchwei⸗ gend wieder auf die Bank niederſetzte. „Ich war geſtern bei Ihnen,“ ſagte Walther nach einer Pauſe,„ich wollte Ihnen Lebewohl ſagen.“ „Lebewohl ſagen, weshalb?“ rief Roſa beſtürzt aus: „wollen Sie uns denn verlaſſen?“ „Ja, und morgen ſchon, Graf Auerbach, ein Jugend⸗ freund, hat mir angetragen, ihn auf zwei Jahre nach Italien und von da nach England zu begleiten. Ich habe es an⸗ genommen und werde mich bemühen, nach dieſer Zeit eine Pfarrſtelle zu erhalten.“ 78 „Und ich werde alſo nie mehr Ihre Flöte hören?“ ſagte Roſa wehmüthig, die ſanften, braunen Augen, in denen der Mond glänzte, zu ihm erhebend. „Lieben Sie mein Flötenſpiel?“ fragte Walther ſchnell. „Ich liebe es nicht nur, ſondern ich bewundere es auch.“ „Und was zog Sie darin ſo beſonders an?“ „Ein wunderbares Etwas, das ich Ihnen nicht nennen kann, über das ich mir ſelbſt nicht klar bin,“ ſagte Roſa leiſe. „O ſagen Sie, daß ſich unſere Herzen in der Muſik begegneten, verſtanden, ſagen Sie, daß Sie mein Bild, mein Selbſt in den Tönen fanden, während ich mich bemühte, in denſelben das Ihrige in all ſeiner überirdiſchen Schönheit meinem ſehnenden Herzen vorzuzaubern. O, ſage das, Roſa, ſage, daß Du mich liebſt und Du machſt mich zum Seligſten der Sterblichen.“ Er war auf das Knie geſunken und ſeine flammenden Augen ſchauten flehend zu ihr empor. Ueber Roſa's Wangen goß ſich purpurne Röthe, wäh⸗ rend ſie ſich zu ihm herabneigte, ſo nahe, daß ihre Locken ſeine Stirn berührten. Kein Wort kam über ihre halbge⸗ öffneten Lippen, aber in dem Blicke ihres ſchüchternen Auges lag mehr ausgedrückt, als die Sprache zu ſagen im Stande iſt. Walther ſchlang ſeine Arme um die Liebliche nhſiſert leiſe:„Meine Roſa, mein Weib!“ 8 Und ſie lehnte das kleine Haupt an ihn und blickte vertrauensvoll zu ihm empor. Ihr Shawl war herabge⸗ ſunken und der Mond hob die blendende Weiße ihres Nackens 79 noch mehr hervor, der Wind ſpielte mit ihren Locken und ihre Augen ſtrahlten in einem Feuer, wie ſie es noch nie gethan hatten. So ſaßen ſie lange und ſprachen von der glücklichen Zukunft, und Roſa's Wangen färbten ſich höher, wenn ſie ſich als Walther's Gattin, fern von der geräuſch⸗ vollen Welt in ihrem ſtillen Kreiſe liebend und wirkend dachte. Aber da fiel ihr plötzlich die nahe Scheidung ſchwer auf das Herz und ſie fragte trauernd:„Morgen ſchon, Walther?“ „Ja, Geliebte; doch unſer Wiederſehen wird ein ſeliges ſein. Dein Bild wird mich begleiten; es wird am Tage nie von meiner Seite weichen, es wird mir des Nachts aus mei⸗ nen Träumen lächeln. Ach Roſa, gieb mir einen Theil Deines Selbſt, gieb mir eine Locke Deines Haares, daß ich in ihrer Betrachtung mich auch fern von Dir in Deiner Nähe wäh⸗ nen kann.“ Roſa trennte lächelnd eine ihrer ſeidenen Locken von ihrem Haupte und reichte ſie Nordeck, der ſie feurig an ſeine Lippen drückte. Der Mond ſchien voll, als ſie langſam den Hügel hin⸗ untergingen, und Roſa ſich an ihn lehnte, wie ſich der Epheu an den Eichbaum rankt. Und als der Augenblick des Schei⸗ dens gekommen war und Roſa die mit Thränen gefüllten Augen zü ihm erhob, da unſchlang Walther noch einmal die Geliebte, indem er ſagte:„Sei ſtärk, meine Roſa, Gott wird mit Dir ſein!“ und drückte den erſten leiſen Kuß ihre reine, weiße Stirn— ſie trennten ſich. 80 Am nächſten Morgen ſaß Roſa am Fenſter, von ihren Blumen verborgen und ſchaute wehmüthig hinüber, wo ſie bald zum letzten Male den Liebling ihres Herzens ſehen ſollte. Der Reiſewagen hielt ſchon vor der Thür, denn Walther ſollte den Grafen von Auerbach von einem ſeiner Güter abholen, um ſodann die Reiſe mit ihm anzutreten. Jetzt öffnete ſich die Thür und Nordeck trat heraus. Roſa erröthete und lehnte ſich vorwärts; er ſah zu ihr hinauf, ihre Augen begegneten ſich, es war nur ein Blick, doch es lag eine Welt von Gefühlen in demſelben. Er nickte ihr das letzte Lebewohl zu— und der Wagen rollte davon.— Roſa drückte die Hand auf ihre thränenſchweren Augen und überließ ſich eine Weile ihren Empfindungen. Als ſie ſich ein wenig gefaßt hatte, ſetzte ſie ſich, um Eliſen, ihrer ein⸗ zigen Freundin, ihr volles Herz auszuſchütten. Roſa an Eliſe.. Wie veränderlich iſt doch das Glück des Lebens und die Stimmung unſeres Gemüthes. Das habe ich nie mehr als in der letzten Zeit erfahren. Geſtern Morgen, als ich Deinen Brief empfing, meine gute Eliſe, war ich ſo traurig, ich weinte ſogar, und am Abend— ach, ſo unausſprechlich glücklich! Iſt das nicht wunderbar? Doch gewiß, es iſt nicht ſchwer, glücklich zu ſein, wenn man geliebt, wenn das ver⸗ borgenſte Sehnen unſeres Herzens erfüllt iſt. Ach, Eliſe, 81 und ich bin geliebt von dem edelſten, ſchönſten der Männer! Du ſchriebſt mir, ob ich mich in Nordeck auch nicht täuſchte, ob er auch meines Herzens würdig wäre: o, frage lieber, ob ich auch werth bin, das ſeinige zu beſitzen! Man pflegt zu ſagen, daß es kein reines, vollkommenes Glück auf dieſer Erde gebe; ich zweifle daran, denn wenn man mit aller Gluth des Herzens liebt und Gegenliebe findet, reicht das nicht aus, die Erde in ein Paradies zu verwandeln? Ich habe der Tante das Geheimniß meines Herzens offenbart, denn ich glaubte ihr, meiner zweiten Mutter, das ſchuldig zu ſein. Sie hörte mich ruhig an und erwiderte in einem faſt kalten Tone, daß ich meiner Neigung folgen möge. War das Gleichgültigkeit? Doch nein, es wäre undankbar, dies anzunehmen, hat ihr mein Glück doch ſtets am Herzen gelegen. Nup wenige Stunden hat Walther mir angehört, denn heute ſchh iſt er mit einem Freunde nach Italien abgereiſt, um erſt nach zwei Jahren zurückzukehren, um mich dann nie wieder zu verlaſſen. Die Thränen, die ich wegen ſeiner Abreiſe vergoß, waren zwar ſchmerzlich, aber auch ſüß, denn er iſt ja mein, er bleibt mir auch in der Ferne, und nach einer ſo langen Trennung wird unſere Liebe nur um ſo inniger ſein. Doch etwas Anderes drückt mein Herz; Du wirſt über mich lächeln, Eliſe, wenn ich Dir ſage, daß ein Traum nich beängſtigt. Aber ich kann nicht dafür, höre nur, was ich träumte: 82 Ich ſtand allein am Meere, Rings um mich tiefe Nacht, Am Himmel Sternenheere In wunderbarer Pracht. Es koſ'ten leiſ' die Wogen Wohl mit des Meeres Strand; Gefühle, ſel'ge, zogen Mich hin zum fernen Land. Da hört' ich ſanftes Rauſchen Und ſüßen Saitenklang, Ich war ſo ſtill, zu lauſchen Dem nie gehörten Klang. Es wogte mächt'ges Sehnen Mir durch das bange Herz. Ich weinte heiße Thränen Vor Wonne und vor Schmerz. Und plötzlich ſanft mich drückte An ſich ein kräft'ger Arm, Ich ſah mich um und blickte Ihm in ſein Aug' ſo warm. „Haſt denn geſpielt ſo ſüß Du Dort draußen auf dem Meer?“ „Ja Liebchen,“ ſprach er,„ſiehſt Du Mein Schiff nicht dort im Meer?“ „Und willſt Du mir nicht ſingen Zu meinem Saitenklang? Dann will ich Dich auch bringen Zu jenem fernen Land. X 83 „Zwei Plätze ſind im Nachen, Die Wogen ſchaukeln ihn, Die Stern' am Himmel lachen, Sprich, willſt Du mit mir ziehn?“ Er zog mich ſanft zum Strande, Ich folgte ihm ſo gern Hinüber zu dem Lande, Das mir erglänzte fern. Zum Nachen hin geleitet Er, der Geliebte, mich, Doch, ach, mein Fuß, er gleitet, Das Schiff in's Meer entwich. Die dunkeln, hohen Wogen Umfingen mich ſo kalt, Ich ward hinabgezogen Zur Tiefe mit Gewalt. Es rief nach ſeinem Namen Mein angſterfülltes Herz, Doch nur die Well'n vernahmen Den Ruf aus bangem Schmerz. Da plötzlich ich erwachte, Still war es um mich her, Der Mond in's Zimmer lachte, Ich hatte geträumt nur vom Meer. 1 Iſt es nicht ſonderbar, daß ich gerade nach dem geſtrigen ſchönen Abend ſo träumen mußte? Doch ich bin ein thörichtes Mädchen, ich will nicht mehr daran denken; habe ich nicht 6 —— 84 die Verſicherung ſeiner Liebe, ſeiner Treue? was ſollte uns denn trennen? Und in zwei Jahren— doch mein Herz iſt zu voll, ich kann nicht mehr ſchreiben; lebe wohl, meine Eliſe, und bete für mich! Und Roſa hatte ganz Recht: ihre Tante hatte ſie ruhig angehört, aber gleichgültig war ihr die Sache keineswegs und wenn ſie auch äußerlich kalt erſchien, ſo war doch ihr Inneres dabei um ſo bewegter geweſen. Roſa, ihr Lieb⸗ ling, die ſie ſich als Herzogin, oder mindeſtens als Gräfin gedacht, ſollte einen einfachen Landprediger heirathen; nein, das konnte, das durfte nicht geſchehen. Und was für eine Ausſicht für ihr ſpäteres Lebensalter hätte ſie ſelbſt dann gehabt? entweder in der Stadt allein zu leben, oder mit Roſa auf einem einſamen Dorfe, was ſie ſo ſehr haßte! Nordeck ſelbſt war ihr zwar nicht zuwider, aber unter ſolchen Be⸗ „ingungen durfte er nimmermehr ihr Neffe werden. Wider⸗ „ ſprechen wollte ſie ihrer Nichte jetzt nicht, um ſie nicht zu betrüben und ihre kaum wieder erlangte Geſundheit aufs Neue zu gefährden. Sie willigte alſo vorläufig in die Ver⸗ bindung. Aber zwei Jahre waren ja eine lange Zeit, in der ſich Manches ändern konnte und ſollte. Graf Steineck zu⸗ mal war ja hier; ihn hätte ſie gern zum Reffen gehabt, denn ——— 85 er war reich, vornehm, jung, äußerſt liebenswürdig und lebensluſtig, beſaß alſo alle Eigenſchaften, die ſie ſich an dem Gatten ihrer Nichte wünſchte. Sie wußte, daß Roſa ihn gefeſſelt und hoffte, daß auch dieſe bald für ihn eingenommen ſein würde. Sie gab daher die Seereiſe, die ſie beabſichtigt hatte, um Roſas Geſundheit zu kräftigen, wieder auf, um in der Nähe des Grafen zu bleiben, von dem wir wiſſen, daß er die Stadt nicht verlaſſen wollte. Roſa ging jetzt auf den Wunſch ihrer Tante häufig in Geſellſchaft, obgleich ſie ſich lieber in die Einſamkeit ihres Zimmers und Gartens zurückgezogen, oder die Stelle, wo ſie mit Walther zuletzt geweſen, beſucht und ſich hier ihren Träumereien und den Gedanken an ihn überlaſſen hätte. Am nächſten Mittwoch, etwa acht Tage nach Walther's Abreiſe, ging Roſa zum erſten Male in Frau von Lindau's Leſezirkel.„Die Geſellſchaft iſt im Garten“, ſagte das Mädchen, welches ihröffnete, und ſie ging gleichfalls hinunter. Sie durcheilte die ihr ſchon bekannten Gänge und da ſie vom Waſſer Stimmen vernahm, wandte ſie ſich dorthin und fand auch bald die ganze Geſellſchaft in der Laube auf der Anhöhe verſamelt. Freundlich wurde ſie von Allen und ſogar von Thereſeh, die heute auch mit ihrer Couſine zugegen war, be⸗ willkv t und wählte einen etwas abſeits liegenden Platz⸗ von dem aus ſie den Ueberblick über die ganze Gegend hatte und auch dem Geſpräche zuhören konnte. „Denken Sie nur, Lady Orville iſt geſtern nach englund abgereiſt“, ſagte Frau von Lindau,„vor einigen 86 ſagte ſie mir Lebewohl und nannte heftiges Heimweh als Urſache dieſer plötzlichen Abreiſe. „Arme Alice“ dachte Roſa, denn ſie wußte ja, daß Deutſchland für ſie keinen Reiz mehr haben konnte, da der, den ſie liebte, es verlaſſen. „Eben habe ich hier eine Roſe gebrochen, welche, ich will darauf ſchwören, die ſchönſte im Garten war!“ rief Graf Steineck, indem er, die Zweige der Laube zur Seite biegend, zur Geſellſchaft trat. Alle blickten Thereſen an, denn, da ihr Steineck die Cour machte, ſo glaubte man beſtimmt, daß ſie die Empfänge⸗ rin der Blume ſein würde. Doch die Augen des Grafen durchflogen die Geſellſchaft und als er Roſa bemerkte, näherte er ſich ihr und ihr die Roſe galant überreichend, ſagte er lächelnd:„Sie erlauben, daß ich ſie Ihnen überreiche, mein gnädigſtes Fräulein, denn,“ ſetzte er nur ihr vernehm⸗ lich hinzu,„Ihnen gebührt der Preis.“ Purpurroth empfing Roſa die Blume, welche ihr die Baronin in den Locken befeſtigte. „Nun aber ſind wir ja wohl alle verſammelt“, ſagte die letztere dann lächelnd.„Bitte, Herr Graf.“ Steineck nämlich hatte das Amt eines Vorſitzenden und auch jetzt vertheilte er die Rollen des Wallenſtein, der heute geleſen werden ſollte und zwar ſo, daß er und Roſa die des Max und Thekla erhielten. Roſa las etwas ſchüchtern, doch der Wohlklang ihrer Stimme und die Einfachheit und Na⸗ türlichkeit, mit der ſie vortrug, brachte bei Allen einen guten 87 Eindruck hervor und trug ihr mehr als Ein Eompliment von Seiten des Grafen ein. Als man das Leſen beendet hatte und ſo eben den Thee ſervirte, ließ ſich plötzlich ein naher Donner vernehmen. 7. „Mein Gott, ein Gewitter“, rief Fräulein von Grün⸗ heim, blaß und faſtohnmächtig in ihren Stuhl zurückſinkend, „und wir ſind im Freien!“ „Nun ich dächte, das Haus iſt bald erreicht“, ſagte Frau von Lindau lächelnd;„wie können Sie nur ſo ängſt⸗ lich ſein, liebe Thereſe.“ Die ganze Geſellſchaft brach jetzt auf, und während Thereſe noch ganz erſchöpft von dem Schreck, der ihre Nerven ſo entſetzlich angegriffen hatte, auf ihren Bruder gelehnt, dem Hauſe zuging, bot Steineck Roſa'n ſeinen Arm an. Doch dieſe zögerte, ſie lehnte ſich an die Zweige der Laube und überblickte den Himmel, der ſich immer dichter mit ſchwarzen Wolken bezog.„Ich liebe das Gewitter,“ ſagte ſie zu dem Grafen;„es iſt ſo erhebend und großartig, es iſt als wenn Gott ſelbſt im Donner in all ſeiner Majeſtät immer näher käme, und die Blitze als leuchtende Vorboten ihn verkündeten.“ Und ſo hörte ſie auf den Donner und während ſie in Bewunderung verſunken den weiten Horizont, der ein furcht⸗ bar ſchönes Gemälde aufrollte, überſchaute, ſtand Steineck in ihren Blick vertieft, und dem ſtets wechſelnden Ausdruck ihres ſchönen Geſichts folgend, vergaß er Alles um ſich her und das immer näher rückende Unwetter. Endlich als ſchon ſchwere, große Tropfen hernieder⸗ fielen, rief Steineck aus:„Aber wir müſſen eilen, es regnet bereits!“ „Wirklich,“ rief Roſa, indem ſie mit leichten Schritten davon eilte, während der heftig herniederſtrömende Regen aus ihren Locken träufelte. „Nun haben Sie gar Ihre Roſe verloren,“ ſagte der Graf vorwurfsvoll, als er ſie endlich athemlos erreichte. „Hier iſt ſie, ich fand ſie in jenem Gange.“ Beide langten endlich, ziemlich durchnäßt, zum großen Gelächter der ganzen Geſellſchaft im Saale an. „Ich möchte nur wiſſen, was ſie ſo lange allein getrieben haben,“ flüſterte Thereſe Melanie'n zu:„Fräulein von Reichenbach iſt doch ein unverantwortlich leichtſinniges Mädchen!“— So verfloſſen mehrere Wochen, in denen Roſa faſt fort⸗ während in Geſellſchaft, auf Bällen und bei Landpartien war, da ein Jeder die Geſellſchaft des liebenswürdigen Mädchens ſuchte. Natürlich war auch Steineck bei all ſolchen Gelegenheiten zugegen; aber ſo ſehr er dann auch Roſa's Nähe ſuchte, ſo vermied ihn dieſe doch auf alle Weiſe und brach eine mit ihm begonnene Unterhaltung ſtets ſo ſchnell . 89 als möglich ab. Niemand war darüber entrüſteter als ihre Tante, welche auf dieſe Art ja alle ihre Pläne der Gefahr des Scheiterns ausgeſetzt ſah, und doch konnte ſie ihrer Nichte keinen Vorwurf machen, denn handelte dieſe nicht ganz recht, die Geſellſchaft des Grafen zu vermeiden, da ein Anderer ihr Herz und das Verſprechen ihrer Treue beſaß? Frau von Reichenbach ärgerte ſich aber um ſo mehr, als ſie wohl ſah, wie ſehr ſich Steineck bemühte, die Gunſt ihrer Nichte zu erringen, und ſie wünſchte nur einmal die Gele⸗ genheit zu haben, mit ihm über Roſa und den Grund ihres Benehmens ſprechen zu können. Sie war allein zu Haus, denn es war Mittwoch und Roſa zu Frau von Lindau gefahren. Es war ein dunkler, ſtürmiſcher Abend, und ſie hatte ſich, mit einem Buche be⸗ ſchäftigt, in die äußerſte Ecke des geräumigen, faſt unheim⸗ lichen Wohnzimmers zurückgezogen. Plötzlich klingelte es, und gleich darauf trat Marianne mit etwas verlegener Miene herein, und ſagte:„Herr von Steineck wünſcht Sie zu ſprechen.“ „Mich, jetzt, zu dieſer Stunde!“ rief Frau von Reichen⸗ bach erſtaunt aus. Aber ſie ſchwieg ſogleich, da der Ange⸗ meldete dicht hinter dem Mädchen hereintrat und nach einer höflichen Verbeugung ſie anredete:„Verzeihen Sie, gnä⸗ dige Frau, daß ich Sie zu einer ſo ungewöhnlichen Zeit be⸗ läſtige; doch ich wollte Sie gern allein, ohne die Gegenwart Ihrer Richte, ſprechen, und da ich wußte, daß ſie heute bei Frau von Lindau ſein werde, ſo wählte ich dieſen Abend.“ 90 Roſa's Tante, die auf's äußerſte geſpannt war, bat den Grafen freundlich, Platz zu nehmen, indem ſie ihn erwartend anblickte. Steineck ſchwieg einen Augenblick, dann ſagte er:„Ich will frei und ohne Rückhalt zu Ihnen ſprechen, gnädige Frau. Seitdem ich Ihre Nichte zuerſt geſehen, hat dieſe mir eine innige Neigung eingeflößt, die von Tag zu Tag heftiger geworden iſt und mir die Ruhe und das Glück meines Lebens geraubt hat. Ich fühle, daß nur Roſa's Beſitz mir beides wiedergeben kann, und weiß nicht, was aus mir werden ſoll, wenn es nicht geſchieht. Aber ſie flieht, ſie vermeidet mich, ohne daß ich mir bewußt bin, ſie jemals verletzt zu haben. Ich wende mich daher an Sie, verehrte Frau, ob Sie etwa den Grund ihrer Handlungsweiſe ken⸗ nen und mir die Mittel anzugeben wiſſen, durch welche ich 6 vielleicht die Gunſt Ihrer angebeteten Nichte mir erwerben könnte.“ 5 Jetzt war der Augenblick gekommen, da Frau von ℳ Reichenbach ſprechen konnte, und mit umſtändlichen Worten ſetzte ſie dem Grafen Roſa's Liebe zu dem jungen Prediger auseinander.„Sie ſehen, Herr Graf,“ ſchloß ſie ihre lange Rede,„daß meine Nichte, ſo lange ſie noch Nordeck liebt, für die Beweiſe Ihrer Zuneigung unempfänglich ſein wird.“ „Nordeck,“ murmelte der Graf, der ihr geſpannt zu⸗ „ gehört hatte—„Nordeck, ſagen Sie, das iſt ja derſelbe, den Lady Owville anbetete; es muß doch ein wunderbarer — — 9 Menſch ſein, der zwei ſo kalte Herzen rühren kann.“ Und der Graf blickte einen Augenblick nieder, darüber nach⸗ denkend, wie ein Anderer eine Eroberung machen konnte, die ihm, dem noch nie Zurückgewieſenen, nicht gelungen. Dann jedoch fuhr er fort:„Aber giebt es denn kein, gar kein Mittel, das mir Roſa's Liebe verſchaffen könnte?“ „Ihre Liebenswürdigkeit— im Bunde mit der Zeit,“ entgegnete die Tante lächelnd. „Nein, nein, das iſt nicht genug!“ rief Steineck, der ſich erhoben hatte und mit großen Schritten das Zimmer maß.„Aber halt,“ ſagte er plötzlich, indem er neben Frau von Reichenbach ſtehen blieb—„wie, wenn wir ſie an Nordecks Untreue glauben machen könnten?“ „Aber wie könnten wir das, und würden wir ſie da⸗ durch nicht allzu ſehr betrüben,“ fragte die Tante ängſtlich. „Für das Erſte wollte ich ſorgen,“ erwiderte Steine mit Eifer,„geben Sie mir nur Vollmacht, zu handeln, und ich werde Alles auf das Beſte einleiten.“ Frau von Reichenbach ſchien nachzuſinnen; endlich ſagte ſie:„Aber wenn Nordeck zurückkehrt und Roſa den Betrug entdeckt?“ „Wo denken Sie hin, gnädige Frau!“ rief Steineck lachend;„hoffentlich wird ſie in zwei Jahren das Thörichte Liebe zu ihm eingeſehen und ihn vergeſſen gelernt aben.“ „Nun denn, wenn Sie mir verſprechen, Roſa's Herz ſo viel als möglich zu ſchonen, ſo willige ich ein,“ ſagte Frau von Reichenbach nach einigem Bedenken. „Ich danke Ihnen!“ rief der Graf entzückt, indem er die dargereichte Hand ſeiner Verbündeten an die Lippen führte. In dieſem Augenblicke ſchlug der Regen klatſchend an das Fenſter und war begleitet von einem ſo heftigen Windſtoß, daß das Licht flackernd in die Höhe fuhr. „Ich wünſche Ihnen einen glücklichen Erfolg,“ ſagte Frau von Reichenbach, als ſie den Grafen hinausbegleitete. „Ich werde nicht eher ruhen, als bis ich im Beſitze des Engels bin,“ erwiderte dieſer, indem er auf den Haus⸗ flur hinaustrat. Arme Roſa! Wenige Tage darauf ſaß Roſa an einem ſchönen Juli⸗ abende, mit einer Handarbeit beſchäftigt, am Weiher. Der Wind ſäuſelte leiſe in der Trauerweide über ihrem Haupte und ſpielte mit ihren Locken. Sie legte für einen Augen⸗ blick ihre Arbeit nieder und blickte ſinnend in das leicht ge⸗ kräuſelte Waſſer. Ihre Gedanken weilten bei dem fernen Geliebten; ſie flüſterte leiſe:„Jetzt iſt er in Italiens blühenden Fluren, wandelt vielleicht unter Roms alten, majeſtätiſchen Hallen— ach, wenn ich doch bei ihm ſein * waren. Ich wollte mit Frau von Reichenbach ſprechen und glaubte ſie im Garten. Ich dachte, Sie wären heute in der 93 könnte. Ob er wohl an mich denkt, ob er wohl ahnt, wie ſehr ich mich nach ihm ſehne?“ Da rauſchten leiſe die Zweige hinter ihr, und Graf Steineck's ſchlanke Geſtalt trat aus dem Gebüſche hervor. Erſchrocken fuhr Roſa zuſammen und wollte entfliehen, doch der Graf redete ſie ſanft an:„Verzeihen Sie, gnädiges Fräulein, daß ich Sie ſtöre; ich wußte nicht, daß Sie hier Geſellſchaft der Frau von Grünheim?“ „Ich war eingeladen,“ erwiderte Roſa verlegen,„aber nicht ganz wohl und blieb deshalb zu Hauſe.“ „Die Generalin wird Ihre Gegenwart ſehr vermiſſen; ſie ſprach heute Vormittag ſchon von Ihnen, als ich bei ihrem Sohne war. Arthur hatte gerade einen Brief Grafen von Auerbach bekommen; doch den Letzteren kenne Sie ja wohl nicht, und ſeine Nachrichten haben alſo auch kein Intereſſe fir Sie?“ „Ich habe von ihm reden hören,“ ſagte Roſa in dem möglichſt gleichgültigen Tone, deſſen Sie jetzt mächtig war, während man ihrem Geſichte die innere Bewegung anſah. „Er wird Italien wohl bald verlaſſen, bemerkte Steineck,„da er dort allein nicht länger bleiben will, denn ſein Freund, der ihn begleitete, ich glaube, Nordeck war der Name, hat ſich mit einer reichen und ſchönen n ver⸗ 94 „Verheirathet,“ rief Roſa mit bebenden Lippen, in⸗ dem ſie ſich gänzlich vergaß,„verheirathet, ſagen Sie?“ „Nun ja, iſt das etwas ſo Ungewöhnliches?“ twiderte Steineck mit ruhigem Lächeln.„Auf dem Wege nach Rom machte Herr Nordeck die Bekanntſchaft des jungen Mädchens dadurch, daß er ſie und ihren Vater aus der Gewalt von Räubern befreite, die ſie im Walde angefallen hatten. Er beſuchte ſie ſpäter öfter— auf ihrer Villa in der Nähe von Vater reich und vornehm iſt, ſo konnte der Graf ſeinem Freunde nur zu der Partie rathen. Der Erſtere wird nun wohl bald nach England gehen, wo er viele Verwandte, ich glaube gar, eine verheirathete Schweſter hat.“ Roſa rang vergeblich nach Faſſung. „Es iſt nicht möglich,“ flüſterte ſie;„Sie irren ſich, 8 kann nicht ſein.“ „Wenn Sie meinen Worten nicht glauben wollen,“ entgegnete der Graf ernſt,„ſo will ich Ihnen einen unum⸗ ſtößlichen Beweis der Wahrheit liefern. Herr Nordeck ſelbſt hat einen Brief an einen ſeiner Freunde eingelegt und Ar⸗ thur von Grünheim mich gebeten, ihn jenem jungen Manne, den ich zufälliger Weiſe kenne, zu überbringen.“ So ſpre⸗ chend, öffnete Steineck ſeine Brieſtaſche und überreichte Roſa ein zuſammengefaltetes Papier. Mit zitternden Händen öffnete ſie es und glaubte auf den erſten Blick, Nordecks ſchöne, kräftige Hand vor ſich zu ſehen, denn der Graf hatte es nicht verabſcheut, ſich in den Rom, und da das Mädchen ganz in ihn vernarrt w r, der — 95 Beſitz einer Handſchrift von Nordeck zu ſetzen und ſie in dem Briefe nachzuahmen. Roſa ahnte Nichts von einem Be⸗ truge; ſchnell durchflog ſie die Zeilen, das Papier entfiel ihren Händen, und ſie ſank bleich auf ihren Sitz zurück. Gleich darauf aber erhob ſie ſich haſtig und ſagte:„Er⸗ lauben Sie, daß ich mich entferne,“ und die Begleitung des Grafen ablehnend, eilte ſie durch den Garten nach ihren, Zimmer hinauf. Hier warf ſie ſich auf das Sopha und verbarg ihr Ge ſicht in ihren zitternden Händen. Sie konnte nicht weinen, aber ein heftiger Schmerz preßte ihr Herz zuſammen und drohte, ſie zu erſticken. Dann lehnte ſie den Kopf in die Hand und ſtarrte mit einem ſo troſtloſen Blicke vor ſich hin, daß ſie einen Jeden zu Thränen gerührt hätte, der ſie ſo geſehen. In dieſem Zuſtande ließ ſie die ſcheidende Sonne, hüllte ſie die liebende Nacht in ihren dunkeln Schleier, und ℳ noch ebenſo fanden ſie die Strahlen der neuen Morgenröthe. Als es hinreichend hell geworden, ging ſie an ihren Schreib⸗ tiſch, um vor Eliſen, die ſie allein noch 3 eigen nennen konnte, ihr Herz auszuſchütten. Roſa an Eliſe. Ach, Eliſe, die Sonne meines Lebens iſt auf ewig untergegangen und tiefe, tiefe Nacht umgiebt mich! Mein Glück war ein Traum, der Schwur ſeiner Liebe leerer 96 Schall! O Gott, ich faſſe es nicht, Walther hat ſeine Treue gebrochen und in des fernen Südens üppigen Fluren einer Andern das Herz, das nicht mehr ſein war, geſchenkt. Ich kann nicht weinen, das Uebermaß des Schmerzes hemmt den Lauf meiner Thränen, doch mein Herz blutet— verblutet ſich vielleicht. O, wäre ich doch todt, läge ich doch in dem kühlen Grabe, an der Seite meiner Mutter, dann wäre mir wohl. Aber ſo muß ich leiden, ganz allein leiden, ohne ein liebendes Herz in meiner Nähe, das meinen Kummer theilt, das mich in meinem Schmerze aufrecht er⸗ hält. Die Tante iſt ſo gut und ich liebe ſie ſo innig, aber ich kann mich ihr nicht eröffnen, kann mit ihr nicht von dem Geliebten ſprechen. Nach Dir ſehne ich mich, Eliſe, nach Deinen lieben, ſanften Augen, deren Anblick allein das er⸗ regte Gemüth beruhigt und die Seele mit Frieden erfüllt, aber Du biſt fern und meine Sehnſucht bleibt ungeſtillt. Ich liebe Walther noch immer und bis zu meinem letzten Athemzuge wird mein Herz nicht aufhören für ihn zu ſchla⸗ gen und zu beten. Ich vergebe ihm und danke herzlich für die ſeligen, ſchönen Stunden, die ich an ſeiner Seite ver⸗ lebte, wenn er mich tiefe Blicke in ſeine Seele thun ließ. Ach, ich war zu unbedeutend für ihn, nicht würdig ſeiner Liebe, er mußte ſie einem würdigeren, edleren Herzen zu⸗ wenden, als das meinige, einem Herzen, das dieſelbe noch mehr zu ſchätzen, noch beſſer zu verſtehen wiſſen wird. Möge er glücklich ſein, möge er an der Seite einer Anderen ein Glück finden, das ich ihm nicht zu gewähren vermochte. 97 ganzen Lebens geweſen, ihm ſeine Liebe, ſeine Treue zu vergelten; denn ich liebte ihn ſo innig, ich hätte mein Leben für ihn opfern können. Doch es ſoll, es kann nicht ſein und ich füge mich geduldig in das Unvermeidliche, aber mein Herz iſt gebrochen und ich weiß es, daß die Erde von nun an keine Freude, kein Glück mehr für mich hat und ich erſt Ruhe und Troſt im Jenſeits, an dem Herzen des Er⸗ löſers finden werde. Von dieſer Zeit an kämpfte Roſas Herz einen ſchweren Kampf und die verſchiedenartigſten Gefühle beſtürmten ſie. Seit Nordecks für erwieſen gehaltener Untreue mußten ihr die Bewerbungen Steinecks in einem anderen Lichte erſchei⸗ nen als bisher. Sie hatte zu wenig Lebenserfahrung, be⸗ ſaß zu wenig Scharfblick, um ſeinen Charakter zu durch⸗ ſchauen. Sie kannte nur ſeine freundliche Außenſeite und wenn ſie auch wußte, daß er in vielen Stücken nicht mit ihr übereinſtimmte, ſo kannte ſie doch keineswegs die gänzliche Verſchiedenheit ihrer Charaktere, nicht die tiefe Kluft, die zwiſchen ſeiner und ihrer Denkweiſe lag, auch hatteder Graf in der letzten Zeit Alles, was ihr an ſeinem Weſen nicht gefallen haben würde, auf das ſorgfältigſte zu vermeiden 3 7 Ach, ich hätte Alles gethan, es wäre die Aufgabe meines geſucht. Roſa's warmes Herz fühlte ſich verpflichtet ihm gegenüber, der ſich ſtets ſo freundlich, ſo aufmerkſam gegen ſie benommen hatte, und ſeine Liebe abweiſen erſchien ihr wie eine unverdiente Härte, wie eine Undankbarkeit. Dieſes Gefühl war Anfangs das allein für ihn ſprechende in ihrem Seelenkampfe, bald aber traten Betrachtungen anderer Art noch hinzu. Sie gedachte der Tante, die ſie, wie ſie wohl wußte, durch ihre Verbindung mit dem Grafen beglücken und ihr ſo das viele Gute, das ſie von ihr empfangen, ver⸗ gelten würde. Es vereinigte ſich auf dieſe Art Vieles, was einen ſo weichen, biegſamen Charakter als Roſa's wohl zu dem Entſchluß bewegen konnte, den Wünſchen Steinecks nicht länger zu widerſtehen. O hätte ſie doch mehr Feſtig⸗ keit beſeſſen! Der Juli und Auguſt vergingen. Roſa weinte nicht, und nie hörte man eine Klage von ihren Lippen, aber ſie ſah ſtets ſo blaß und traurig aus, und aller Lebensmuth war ſo ganz aus ihrem ſonſt ſo glücklichen Geſichte gewichen, daß ihre Tante es faſt bereute, um ſolchen Preis ihren Zweck erreicht zu haben. Sie zog ſich jetzt nicht mehr von den Geſellſchaften zurück, denn ſie liebte es ja nicht mehr, allein zu ſein, weil dann nur düſtere, beängſtigende Bilder ihre ermattete Seele peinigten. Sie hatte geliebt und gehofft, und mit dem Blüthenkranze ihrer Liebe war auch ihr Ver⸗ trauen gegen die Menſchheit und das reine frohe Glück ihres unſchuldigen Herzens zerſtört worden. Sie vermied jetzt nicht mehr Steinecks Nähe, aber ſie ſuchte ſie auch 99 nicht. Freundlich, wie ſie es gegen Jeden war, nahm ſie die Beweiſe ſeiner Aufmerkſamkeit in Empfang, ohne ihm jedoch ein wärmeres Wort als das der Höflichkeit und Pflicht zu Theil werden zu laſſen. Er beſuchte ſie jetzt häufiger als ſonſt und unterhielt ſich dann mit Frau von Reichenbach, begleitete Roſa beim Geſange oder fuhr mit den Damen aus. Waren ſie in Geſellſchaft zuſammen, was ſehr oft geſah, ſo ſchloß er ſich immer an Roſa an, und dieſe hörte ſtundenlang, anſcheinend aufmerkſam, ſeinem Geſpräche zu, antwortete aber oft gar nichts, oder etwas ganz Verkehrtes auf ſeine Fragen, was doch hinlänglich be⸗ wies, daß ihre Gedanken ganz wo anders geweſen. Es war in den letzten Tagen des Auguſt, als Frau von Lindau eine Waſſerpartie veranſtaltete und auch Frau von Reichenbach mit ihrer Nichte dazu eingeladen hatte. Man fuhr vom Garten der Baronin ab, und die am Ufer liegenden mit Blumen und bunten Wimpeln geſchmückten Gondeln boten dem Eintretenden einen hübſchen Anblick dar. Steineck's Gondel war die ſchönſte, und Frau von Reichenbach, die mit Roſa, da der Graf ſie darum gebeten hatte, in derſelben fuhr, war darauf nicht wenig ſtolz. Der Abend war herrlich und die ganze Geſellſchaft in der heiter⸗ ſten Laune und der lebhafteſten Unterhaltung, die von den Kähnen herüber und hinüber geführt wurde. Man war ſchon eine Weile auf der ruhigen Fläche dahin geglitten, als die muntere Melanie plötzlich ausrief: „Ah, ma chère tante, könnten wir nicht drüben bei dem „ 100 Kaſtanienwäldchen ein wenig ausſteigen, cela serait très joli!“ Der Vorſchlag wurde angenommen und man fuhr an das Ufer. Der jüngere Theil der Geſellſchaft ſpielte unter dem ſchattigen Laubdach, während die älteren unter den Anwe⸗ ſenden ſich im Geſpräch unterhielten. Roſa, welche be⸗ merkte, daß Steineck mit ihrer Tante ſprach, entfernte ſich von der Geſellſchaft und ging tiefer in den Wald hinein. Auf einem einladenden Raſenplatze ließ ſie ſich nieder und hörte dem fernen Schalle der munteren Stimmen zu, der zu ihr herüberhallte. Bald aber vertiefte ſie ſich in ihre Gedanken und bemerkte nicht, wie die Sonne immer höher an den Bäumen heraufſtieg, zuletzt nur noch die Spitzen derſelben röthete und endlich ganz verſchwand. Es wurde dunkler und ſtiller, nur noch ein Eichhörnchen raſchelte durch das dürre Laub am Boden hin. Jetzt erſt erwachte ſie aus ihren Träumen, und erſchrocken wegen ihres langen Ausbleibens, wollte ſie ſich raſch erheben, als ihr Steineck entgegentrat. „So eben fährt die Geſellſchaft fort, liebes Fräulein,“ ſagte dieſer,„ich habe Sie ſchon überall ohne Erfolg ge⸗ ſucht.“ „Dann wollen wir eilen,“ rief Roſa beſorgt;„wenn ſich nur meine Tante nicht ängſtigt, ich wußte gar nicht, daß es ſchon ſo ſpät geworden.“ Bald hatten Beide das Ufer des Fluſſes erreicht und 101 ſahen nun, daß die ganze Geſellſchaft in den Gondeln und zum Theil auch ſchon abgefahren war. Frau von Reichen⸗ bach hatte ſich auf die Bitten der Generalin Grünheim und vielleicht auch nicht ohne Abſicht in deren Gondel geſetzt, und es blieb Roſa nichts weiter übrig, als mit dem Grafen allein zu fahren. „So werden wir denn ohne die Tante fahren?“ fragte Roſa, den Blick ängſtlich zu ihm erhebend. „Fürchten Sie ſich, mein gnädiges Fräulein,“ fragte Steineck lächelnd,„dann wollen wir uns den Andern nahe halten.“ Roſa antwortete nur mit einem gezwungenen Lächeln und nahm ihren Platz neben dem Grafen, am äußerſten Ende des Fahrzeuges ein. Schweigend glitten ſie über die ſpiegelglatte Fläche dahin, während der volle Mond lange, zitternde Silberſtreifen in dem Waſſer zog.„Ach, jene Waſſerlilien,“ ſagte Roſa, indem ſie zuerſt das Schweigen brach,„wie prächtig erglänzen ſie im Lichte des Mondes. Ich liebe dieſe Blumen ſehr, ſie ſehen ſo kühl und zart aus und duften ſo herrlich.“ „Ich werde ſie Ihnen pflücken,“ erwiderte der Graf, indem er ſich über den Rand der Gondel hinausbog, ſo daß dieſe ſchwankte. „Um Gotteswillen,“ rief Roſa erſchreckt,„Sie können ein Unglück haben!“ Doch Steineck neigte ſich wieder in den Kahn zurück und überreichte ihr lächelnd die Königin des Waſſers. „Und welchen Lohn bekomme ich dafür?“ fragte er dann. „Meinen herzlichſten Dank,“ erwiderte Roſa er⸗ röthend. „Ihren Dank, Fräulein von Reichenbach? Nein, ich fordere mehr,“ rief der Graf, ihre kleine Hand erfaſſend, „ich fordere Ihre Liebe, ich fordere Sie ſelbſt!“ Roſa erbebte— noch einmal erhob ſich der Kampf in ihrem Innern, und noch einmal neigte ſich die Entſcheidung auf die Seite Nordeck's. Der Graf, der in den Mienen des bedrängten Mädchens ſeinen nahen Sieg zu leſen glaubte, benutzte den günſtigen Augenblick, und ſeinen Arm um ſie ſchlingend, rief er aus:„Ja, Roſa, Sie lieben mich, Sie ſind mein für die Ewigkeit!“ Und Roſa's Schickſal war entſchieden; ſie entzog ihm nicht ihre zitternde Hand, und die andere auf das Herz, in dem ſie plötzlich einen brennen⸗ den Schmerz fühlte, preſſend, flüſterte ſie:„Aber wir müſſen um den Segen meiner Tante bitten.“ „Morgen ſchon werde ich ihre Einwilligung zu unſe⸗ rer Verbindung holen,“ ſagte der Graf, indem ein Ausdruck des Triumphes, daß er endlich dies ſpröde Herz gewonnen, über ſein Geſicht glitt. Und ſie fuhren dahin, und während der Graf Worte in Roſa's Ohr flüſterte, die aus ſeinem Munde ein jedes andere Mädchen entzückt hätten, ſaß Roſa ſtillſchweigend und in Gedanken da, zerpflückte die Lilie, die er ihr 3 103„ als einen Beweis ſeiner Liebe gebracht und warf ihre duf⸗ tenden Blätter ſpielend in die Fluth.— Frau von Reichenbach gab ihre Einwilligung und noch mehr als das, ſie ſchloß ihre Nichte gerührt in ihre Arme und drückte einen Kuß auf ihr lockiges Haupt. Ihre Ver⸗ bindung ſollte ſobald als möglich gefeiert werden, ſo woll⸗ ten der Graf und die Tante, und Roſa's Widerſpruch wäre daher vergeblich geweſen. Es wurde beſtimmt, daß der Graf und ſeine junge Frau in Frau von Reichenbachs Hauſe wohnen ſollten, um mit der letztern vereint zu blei⸗ ben, was auch bei der großen Geräumigkeit des Hauſes leicht mözlich und Roſa'n ſehr lieb war.— Die ganze Stadt ſprach von dem ſchönen Paare, Einige lobten, An⸗ dere tadelten Steineck's Wahl, die Meiſten aber thaten das erſtere. Roſa kümmerte ſich wenig um das Gerede der Leute, das ſie ja weder glücklicher noch unglücklicher machen konnte, und lebte nur in ihren eigenen Gedanken. Und als der Herbſt gekommen war, die Vögel nach dem warmen Süden zogen, des Himmels heiteres Blau ſich in trübes Nebelgrau verwandelte und die ganze Natur ihren Schmuck ablegte— da feierte ſie ihre Hochzeit. Roſa ſtand in ihrem Zimmer angekleidet als Braut. Ein weißes Atlaskleid umfloß ſie, ein weißer, langer Schleier hüllte ſie ein und die blühende Myrthenkrone wand ſich durch ihre dunklen Locken. Ihr Geſicht war ſchön, aber blaß, und in ihren Augen ſchimmerten Thränen, die erſten⸗ die ſie ſeit vielen Wochen geweint. Jetzt trat Frau von Reichenbach herein und nachdem ſie ihre Nichte umarmt hatte, ſagte ſie lächelnd:„Hier, liebe Roſa, ſchickt Dir der Graf Dein Brautgeſchmeide,“ und ſo ſprechend ſchlang ſie einen in Diamanten prachtvoll gefaßten Schmuck um den Schwanennacken des Mädchens. Roſa zuckte unwillkürlich zuſammen, als die kalten Steine ihren Hals berührten und ihre Wangen wurden noch blaſſer. „O Roſa, mein Liebling,“ rief die Tante entzückt, „ſieh Dich nur einmal in dem Spiegel, Du ſiehſt himmliſch aus, ſchön wie noch nie!“ Roſa warf einen flüchtigen Blick in das Glas und ein wehmüthiges Lächeln glitt über ihre Lippen, als ſie ihrem blaſſen, trübe blickenden Bilde begegnete. „Nun aber komm,“ drängte die Tante,„es find ſchon Alle unten im Saale und Steineck erwartet Dich im Vor⸗ zimmer mit Ungeduld. und mit gebrochenem Herzen folgte die ſchöne Braut hinunter, wo ſie auf ewig mit dem, den eine Täuſchung ſie zu ihrem Gemahl wählen ließ, vereint werden ſollte. Der Winter hatte ſein Regiment über die Erde ange⸗ treten und führte es mit voller Strenge. Den Himmel verſchleierte ein dichter Nebelflor, durch den kein Sonnen⸗ 105 — — ſtrahl zu dringen vermochte; der Boben war bereits unter einer weichen, weißen Decke verborgen, und noch immer flogen in dichter Menge große Schneeflocken in der Luft umher. Ihr Durcheinanderſpielen beſchäftigte die Auf⸗ merkſamkeit Roſa's, welche in ihrem Frühſtückzimmer nach⸗ läſſig auf einem Sopha lehnte. Ein weißer Morgenrock von feiner Mouſſeline umhüllte ſie ſo, daß nur die Spitze ihres kleinen Fußes ſichtbar war, und ſchien oben mit der Weiße ihres Halſes zu verſchmelzen, während ein geſchmack⸗ volles Häubchen nur mühſam die langen Locken, welche überall in ihrer ſeidenen Fülle hervordrängten, zurückhielt. Das Buch, in welchem Roſa geleſen, war herabgeſunken, und träumeriſch ſchaute ſie in die winterliche Natur hin⸗ aus.— Es waren mehr als zwei Jahre ſeit ihrer Vermählung verfloſſen, die Zeit hatte keine bedeutende Veränderung in ihrem Geſichte hervorgebracht, es war noch immer ſo lieb⸗ lich als früher, nur waren die Roſen auf ihren Wangen verblüht, und eine tiefe Schwermuth ſprach aus ihren Au⸗ gen; dem genaueren Beobachter wäre ſogar ein bitterer Zug, der ſich um ihren Mund gebildet hatte, nicht entgan⸗ gen. Die arme Roſa, ſie war nicht glücklich! Sie hatte auf Steinecks freundliche Aufmerkſamkeit, auf ſeine liebende Theilnahme gehofft und keines von beiden gefunden.— Steineck war ein leichtſinniger, flatterhafter Charakter, ein Menſch, der nur nach Vergnügungen trachtete, der ſeine allerdings glänzenden Eigenſchaften nur dazu anwendete, 106 6 Bewunderung zu erlangen, der gar keiner wahrhaften Liebe, die tief im Herzen wurzelt, fähig war. Er hatte eine glü⸗ hende Leidenſchaft für das ſchöne, von Allen bewunderte Mädchen empfunden und Alles aufgeboten, ihren Beſitz zu erringen; aber ſobald dies gelungen, ſeine Eitelkeit befrie⸗ digt war, erkaltete die Gluth ſeines Herzens, und Gleich⸗ gültigkeit trat an die Stelle ſeiner früheren Empfindungen für Roſa. Jetzt konnte ſich die tiefe Verſchiedenheit ihrer beiderſeitigen Sinnesarten um ſo wirkſamer geltend machen. Roſa theilte keine der vorherrſchenden Neigungen ihres Gatten; das Geſellſchaftsleben, die Zerſtreuungen, die ihm ein fortwährendes Bedürfniß waren, gewährten ihr keinen Genuß, und ſie entzog ſich ihnen viel häufiger, als ſeinen Wünſchen entſprach. Ihm wiederum fehlte der Sinn für die tieferen Seiten in Roſa's Weſen, und für die geiſtigen und gemüthlichen Anforderungen derſelben hatte er keine Befriedigung anzubieten. Ihre Gemüther mußten ſich immer weiter von einander entfernen, und die Zeit kam, wo die Folgen davon auch in ihrem Umgange, ihrem Be⸗ nehmen gegen einander ſich bemerklich machten. Roſa war nun wieder viel allein und zog dieſes Alleinſein ſogar vor, wenn ſie ſich auch nicht glücklich darin fühlte. In dieſen einſamen Stunden war es denn, wo Nordeck's Bild, das nie gänzlich aus ihrer Seele geſchwunden war, in beſonders lebhaften Farben vor ihr inneres Auge trat. Aber je mehr ſſich ihr ſeine ganze Art zu ſein und zu denken vergegen⸗ wärtigte, und je anhaltender ſie über dieſelbe nachdachte, * 107 um ſo unbegreiflicher wurde ihr ſeine angebliche Untreus, und eine ſchreckliche Ahnung drohte ihr Herz zu beſchleichen, die ſie mit aller Kraft zu unterdrücken ſuchte. Im Anfang ihrer Ehe war Frau von Reichenbach die Vermittlerin zwiſchen beiden Gatten geweſen. Auf der einen Seite hatte ſie dem Grafen bei dem Anordnen ſeiner Feſte geholfen und ſtets voll Eifer und Befriedigung an denſelben Theil genommen; auf der andern hatte ſie wenig⸗ ſtens nach ihrer Weiſe ihre Nichte zu tröſten geſucht. Aber vor einem halben Jahre war die zwar wohlmeinende, aber beſchränkte Frau an den Folgen eines plötzlichen Unfalles geſtorben. Roſa fühlte ſich nun ganz allein in der Welt, denn auch ihr Briefwechſel mit Eliſen hatte aufgehört. In der Verſtimmung, die ſich ihrer immer vollſtändiger bemäch⸗ tigte, verlor Roſa ſelbſt den Drang nach Mittheilung, ja die Fähigkeit dazu, und Eliſe, die ein paarmal geſchrieben und ohne Antwort geblieben war, nahm deshalb an, daß ihr alter Briefwechſel in dem neuen Leben der jungen Grä⸗ fin wohl keinen Raum mehr finden dürfte. In dem Augenblicke, von welchem wir ſprechen, ſaß Roſa, den Kopf ſinnend in die Hand geſtützt. Sie gedachte wieder einmal recht lebhaft der Vergangenheit und verglich ſie mit der trüben Gegenwart; ſie fühlte tief das für ſie gänzlich Unpaſſende der Verhältniſſe, in die ſie verſetzt wor⸗ den; der Mangel eines Segen verbreitenden Wirkungs⸗ kreiſes, nach welchem ihre lebendige Seele dürſtete, drückte ſie ſchwer, und ſie ſah keinen Ausweg— ihr Leben ſchien 8 108 ihr verfehlt für immer, und eine Thräne perlte langſam über ihre Wange. Das geräuſchvolle Oeffnen der Thür ſtörte ſie jetzt in ihrem Gedankengange, und indem ſie ſich umwandte, erblickte ſie Steineck, der verwundert ausrief: „Ei, Roſa, Du biſt ja noch im Regligee, wie ich Dich vor einer Stunde verlaſſen habe!“ „Nun, es iſt ja auch noch früh genug,“ entgegnete jene mit einem gezwungenen Lächeln.„ „Ich will aber zur Aſſeſſorin von Berg mit Dir fahren!“ Es lag ſo viel Gebieteriſches und Unzarteß in dem Tone, mit dem er dieſe Worte ſprach, daß Roſa eine un⸗ willige Bewegung mit dem Haupte machte, ſo daß ihre Locken zurückfielen; aber ſchnell ſich faſſend, ſagte ſie mit möglichſt ſanfter Stimme:„Es würde mir großes Ver⸗ gnügen machen, Dich zu begleiten, lieber Alfred, aber Du weißt, ich liebe die Aſſeſſorin nicht, ſie hat etwas Falſches, Zurückhaltendes in ihrem Weſen; ich fühle mich in ihrer Gegenwart nie zufrieden.“ „Du haſt oft ganz unbegründete Vorurtheile gegen die Menſchen,“ rief der Graf heftig,„aber ich weiß auch, daß Du meine Gegenwart nicht liebſt und indem Du mir Deine Begleitung verweigerſt, mich nur zu kränken ſuchſt!“ Und mit einem wüthenden Blick auf ſie verließ er das Zim⸗ mer, deſſen Thüre er mit Krachen hinter ſich zuwarf. So blieb ſie Fein und bedeckte ihr Geſicht mit den Händen; ein unnennbares Weh beſchlich ſie, und Thränen floſſen über 109 ihre Wangen. Endlich ermannte ſie ſich; ſie vertilgte die Thränenſpuren und trat an das Fenſter. Es hatte aufge⸗ hört zu ſchneien, die Sonne den dichten Nebelſchleier zer⸗ riſſen, und ihre Strahlen glitzerten auf den unzähligen weißen Sternchen, welche die Straße bedeckten. Sie lehnte ſich in die hohe Fenſterbrüſtung, und ihre Augen ſuchten unwillkürlich das gegenüberliegende Haus, während ein Seufzer aus ihrem innerſten Herzen ſtieg. So in Betrach⸗ tung vertieft, hatte ſie Mariannen nicht bemerkt, welche hereingetreten war und jetzt ſchon zum zweiten Male ſagte: „Ein Herr wünſcht Sie zu ſprechen, gnädige Frau.“ „Mich?“ fragte Roſa endlich;„und wer iſt es?“ „Er hat ſich nicht genannt,“ erwiderte das Mädchen, „aber ich kenne ihn“— ſie zögerte. „Sprich, wer iſt es?“ rief Frau von Steineck, von einer geheimen Ahnung ergriffen. „Es iſt Herr Nordeck, der drüben in dem großen Hauſe gewohnt hat.“ „Alſo wirklich Nordeck?“ flüſterte Roſa und verbarg ihr Geſicht in den Händen;„ich kann ihn jetzt nicht ſehen, es iſt unmöglich—, ſagte ſie dann laut.— Nach einigem Nachſinnen aber ertheilte ſie dennoch die Erlaubniß, Nordeck vorzulaſſen.* Während das Mädchen das Zimmer verlies, lehnte ſich Roſa an ihren Flügel und blickte mit pochendem Herzen unverwandt nach der Thüre, indeß alle Farbe aus ihrem Geſichte verſchwand. Jetzt hörte ſie ſeine Schritie; krampf⸗ — haft preßte ſie ihre Hände zuſammen, die Thür öffnete ſich und— Nordeck ſtand vor ihr. Er hatte ſich nicht ſehr verändert, nur ſeine Geſtalt war männlicher, die Farbe ſei⸗ nes Geſichts dunkler, der Blick ſeines Auges feuriger ge⸗ worden, und doch war in dem Ausdrucke deſſelben ein tiefer Schmerz ausgeprägt. So blaß Roſa vorher geweſen, ſo dunkelroth färbten ſich ihre Wangen, als ſie den heißgelieb⸗ ten Mann wieder ſah und kaum vermochte ſie ſeinen freund⸗ lichen Gruß zu erwidern. „Roſa“, ſagte Nordeck mit ſanftem, erregten Tone, „verzeihe mir, daß ich Dich noch ſo nenne, aber mein Herz ſträubt ſich gegen jeden anderen Namen,— Roſa, ich komme, Dich noch einmal zu ſehen, um Dir dann für ewig zu entſagen. Aus England zurückgekehrt, hatte ich eine Gemeinde in einer ſtillen, idylliſchen Gegend gefunden und uuf den Flügeln der Liebe eilte ich hierher, um meine Roſa in ihre neue Heimath zu führen. Und welche Nachricht, welche bittere Täuſchung erwartet mich! Ich mache Dir keinen Vorwurf, ich tadle Dich nicht, Roſa, denn ich habe kein Recht dazu. Ich allein bin der Schuldige. Es war ungerecht von mir, zu verlangen, daß Du zwei lange Jahre warten ſollteſt, um dann die Frau eines Landpredigers zu werden, Du, die auf die höchſten Stellungen in der Geſell⸗ ſchaft Anſprüche machen durfte. Aber verzeihe mir, Roſa, wenn es mich ſchmerzt, Dich verloren zu haben. Du warſt das Glück meines Lebens und mit Dir iſt es auf ewig zu Grunde gegangen, iſt der Trieb der friſchen, frohen Thätig⸗ 111 keit die ich an Deiner Seite beginnen wollte, ermattet und das jugendliche Herz ein lebensmüdes geworden.“ Roſa hatte ihm geſpannt zugehört, ihre Pulſe flogen fieberhaft, und kaum hatte er geendet, als ſie ausrief: „Walther, Du ſprichſt in Räthſeln, ich verſtehe Dich nicht. Du biſt der Gatte einer Anderen, biſt es zu einer Zeit ge⸗ worden, als keine Gewalt mich vermocht hätte, Dir das Gelöbniß meiner Treue zu brechen.“— „Ich, der Gatte einer Anderen?“ unterbrach ſie Nordeck voll Schreck und Erſtaunen. „Wie?“ ſagte Roſa,„Du biſt es nicht, haſt Dich nicht ſchon wenige Monde nach unſerer Trennung mit einer Römerin, die Du aus Räuberhänden retteteſt, ver⸗ mählt?“ „Um Gotteswillen, wer hat Dir das geſagt?“ rief Walther erſtaunt aus. Roſa ſtand einige Augenblicke ſprachlos. Dann ſenkte ſie das Haupt und ſagte mit gedämpfter Stimme:„meine Ahnung iſt alſo beſtätigt: man hat mich betrogen, ſchänd⸗ lich betrogen!“ „Das hat man, arme Roſa,“ antwortete Nordeck mit Rührung; dann aber plötzlich aufflammend, ſetzte er raſch hinzu:„aber nenne mir den Schändlichen, der es wagte— daß ich ihn entlarve, und zur Rechenſchaft ziehe.“ Roſa ſchüttelte wehmüthig das Haupt und ſagte leiſe: „Nein Walther, es iſt zu ſpät, er iſt mein Gatte.“ Eine Pauſe erfolgte, eine Pauſe e Stu 112 ſchweigens; endlich ſagte Nordeck:„Aber Roſa, wie konn⸗ teſt Du ſo bald an meiner Liebe zweifeln, wie konnteſt Du ſo wenig Vertrauen in meine Treue ſetzen?“ „Ja, wie konnte ich das!“ rief Roſa ſchmerzlich be⸗ wegt aus;„o Walther, ich bin ein ſchwaches Geſchöpf, ich war zu klein für Dich!“ Wieder erfolgte eine Stille, welche Nordeck unterbrach, indem er ihre herabhängende Hand erfaßte und ſanft ſagte: „Nein, meine Roſa, Dich trifft kein Vorwurf, Du biſt ein Engel! Wir hätten vereint glücklich werden können, aber das Geſchick trennte uns. Ich könnte mich an Steineck rächen, aber das wäre nicht edel, nicht chriſtlich gehandelt, ich überlaſſe die Strafe einem höhern Richter, deſſen Arm ihn doch bald erreichen wird. Denke darum, meine Roſa, denke, daß, wenn wir uns auch auf Erden nicht mehr ange⸗ hören, wir uns im Jenſeits wiederſehen und ewig vereint ſein werden. Darum will ich Dir noch ein letztes Lebe⸗ wohl zurufen und mit Deinem Bilde im Herzen für dieſes Leben von Dir ſcheiden.“ Noch einmal wollte er ſie um⸗ ſchlingen, aber leblos ſank ſie in ſeine Arme. Er legte die Ohnmächtige ſanft auf den Divan und nachdem er noch einen Kuß auf ihre blaſſen Lippen gedrückt und einen ſchmerzlichen Blick auf ihre zarte Geſtalt geworfen hatte, verließ er eilig das Zimmer. Gleich darauf eilte auf Nordecks Geheiß Marianne herein und es gelang ihr, die Lebloſe wieder in das Daſein zurückzurufen. 113 Roſa war durch Nordeck's Wiederſehen und die Be⸗ weiſe, die ſie von ſeiner unverletzten Treue erhalten, heftig erſchüttert worden. Jetzt erſt durchſchaute ſie vollſtändig den Charakter des Grafen, und hatte ſie ihn vorher nie ge⸗ liebt, ſo verabſcheute ſie ihn jetzt und ſeine Gegenwart war 3. ihr unerträglich. Ihre Liebe zu Walther dagegen, den ſie nun wieder ohne Einſchränkung verehren konnte, erwachte in ihrer alten Gluth, und ihr Herz fand eine ſelige Befrie⸗ digung darin, ſich dieſer Empfindung rückhaltslos hinzu⸗ geben. Doch mit den Gefühlen ihrer Jugend kehrte auch die Sehnſucht nach ihrem Heimathsorte und vor Allem, nach Eliſen zurück. Sie beſchloß daher, die Hauptſtadt, wo ſie Alles an ihr verlorenes Glück erinnerte, zu verlaſſen und an dem Herzen ihrer ſanften Freundin ihr erregtes Gemüth zu beruhigen. Marianne war untröſtlich, als Roſa ihr dieſen Entſchluß mittheilte und dabei eröffnete, daß ſie ihre 5 Herrin nicht werde begleiten dürfen, da Roſa keiner Ande⸗ ren, als der treuen Marianne die Sorge für das Hausweſen hinterlaſſen wollte. Alfred hatte dem Plane ſeiner Gattin Nichts entgegenzuſetzen, da er ihm ja die Ausſicht auf noch größere Freiheit, ſeiner Laune zu folgen, eröffnete, denn wenn er auch ſonſt ſehr wenig Rückſicht auf ſie zu nehmen pflegte, ſo fühlte er ſich bei dem Gedanken an ihre Abweſen⸗ heit doch noch um Vieles leichter und fröhlicher. Es war gerade der Rüſttag vor dem Weihnachtsfeſte, als Roſa abreiſte, und obgleich es noch ziemlich früh am Morgen war, ſo liefen doch ſchon viele Leute geſchäftig in 8 114 den Straßen umher. Alle ſahen heiter und feſtlich geſtimmt aus. Mehrere waren mit Geſchenken für den Abend be⸗ laden, und hier und da wurden ſchlanke, grüne Tannen ge⸗ tragen, welche noch an demſelben Tage oder am nächſten Morgen auf dem Weihnachtstiſche prangen ſollten. Roſa erinnerte ſich wehmüthig der Zeit, da ſie jedesmal am Tage vor Weihnachten mit ihrer Tante hinaus in den Wald ge⸗ gangen und ſich ſelbſt die ſchönſte der kleinen Tannen zum Weihnachtsbaum gewählt hatte. Braun, ein alter Mann, der früher auf den Gütern ihres Großvaters beſchäftigt geweſen und jetzt auch in B. wohnte, hatte dann das Bäumchen gefällt, und Roſa, damals ein kleines, munteres Mädchen, ihn ſtets unter Jubel nach Hauſe begleitet. Solche Bilder zogen noch an ihrer Seele vorüber, als ſie längſt die Hauptſtadt verlaſſen und pfeilſchnell über die weite, ſchnee⸗ bedeckte Fläche dahinglitt. Es war ſchon ganz dunkel, als man das Städtchen erreichte. Roſa ließ vor einem Gaſthofe halten, deſſen Be⸗ ſitzerin, eine dicke, freundliche, ſehr geſprächige Frau, die Ehre eines ſo vornehmen Beſuches nicht hoch genug anſchla⸗ gen konnte. Sie führte die junge Gräfin mit aller mög⸗ lichen Zuvorkommenheit in ein helles, behagliches Zimmer. Roſa wünſchte nur etwas Thee, und Madame Sommer glaubte ſie, während ſie trank, mit den Veränderungen, die während ihrer Abweſenheit in B. vorgegangen, unterhalten zu müſſen. „Wohnt der alte Herr, der unſer Haus gekauft, noch 115⁵ darin?“ fragte Roſa, da die Wirthin vor allen übrigen Neuigkeiten, die ſie mitzutheilen hatte, das Geſpräch nicht von ſelbſt auf dieſen Gegenſtand lenkte. „Ja,“ erwiderte die Gefragte;„aber Fräulein Martha, ſeine einzige Tochter, wird jetzt einen Gutsbeſitzer heirathen, und da er dann zu ihr ziehen will, ſo wird wohl das Haus wieder verkauft werden.“ „Und wann wird die Hochzeit ſein?“ fragte Roſa ſchnell. „Am Neujahrstage, gnädige Frau.“ Ein Freudenſtrahl blitzte durch Roſa's Seele, und der Gedanke an die Möglichkeit, nun wieder in den Beſitz des Hauſes, in dem ſie ſo ſtill, ſo glücklich gelebt hatte, zu ge⸗ langen, beſchäftigte ſie ſo ſehr, daß ſie den Erzählungen der Wirthin kaum noch zuhörte und nur einſilbig auf ihre mannigfachen Fragen antwortete. Dieſe, welche endlich deſſen überdrüſſig wurde, ſich allein zu unterhalten, verließ aus dieſem Grunde die junge Gräfin, vorgebend, daß noch Manches für morgen zu beſorgen wäre. So blieb denn Roſa allein zurück, und ein drückendes Gefühl der Verlaſſenheit ſenkte ſich in ihr Herz, als ſie be⸗ dachte, wie ſie heute zum erſten Male in ihrem Leben den Weihnachtsabend, der doch alle Menſchen im trauten Kreiſe vereinigt, einſam und allein zubringen müſſe. Aber ſie klagte nicht, denn ſie wußte es, daß auch ſie einen Theil der Schuld trüge, das Glück, das ihr an Nordeck's Seite zu Theil geworden wäre, eingebüßt zu haben, weil ſie nicht 116 mit Standhaftigkeit und feſtem Vertrauen in ſeine Treue die Zeit, die er ihr bis zu ſeiner Rückkehr beſtimmt, erwar⸗ tet hatte. Sie trat an das Fenſter. Es war ſo feierlich, ſo ſtill draußen, und am Himmel funkelten die Sterne in wunderbarer Pracht. Drüben, in dem gegenüber liegenden Hauſe verbreitete der Weihnachtsbaum ſein helles, freund⸗ liches Licht, und während Roſa betrachtend in ſeine Strah⸗ len verſenkt war, ertönten plötzlich klar und feierlich die jugendlichen Stimmen der Chorknaben, welche die Geburt des Heilandes begrüßten, durch die ſtille Nacht. Und wie Roſa leiſe ihre Hände faltete, da verſchwand jenes Gefühl der Verlaſſenheit, da ſah ſie ſich mit der ganzen Menſchheit zur Feier des höchſten der Feſte vereinigt, ſah ſich mit allen Chriſten zugleich anbetend der Krippe nahen, und göttlicher Friede erfüllte ihre betrübte Seele. Am nächſten Morgen fühlte ſich Roſa wunderbar ge⸗ ſtärkt und von einer wohlthuenden Ruhe durchſtrömt, welche mit der Aufregung, in der ſie ſich in der letzten Zeit faſt ohne Unterbrechung befunden, nicht wenig eontraſtirte. Sie kleidete ſich ſchon früh an, um zu Eliſen zu gehen, und trat hinaus in den kalten, klaren, ſchönen Morgen, an dem die Natur ſelbſt ſich mit ihrem winterlichen Glanze weih⸗ nachtlich geſchmückt zu haben ſchien. Der Himmel war blau, die Sonne vergoldete die Dächer der Häuſer, aus denen der Rauch hoch und gerade in die friſche Morgenluft hinaufſtieg und der glitzernde Schnee kniſterte uuter ihren —— —— 117 8 Füßen. Welche Gefühle zogen in ihr ſchon weich geſtimm⸗ tes Herz, als ſie durch die lieben, alten Straßen ſchritt, in denen jedes Haus ihr einen freundlichen Willkommen zuzu⸗ winken ſchien. „Hier wohnte Gretchen,“ ſagte ſie leiſe, indem ſie vor einem hübſchen, großen Hauſe ſtehen blieb. Gretchen war ein liebes, kleines Mädchen, deren Bekanntſchaft Roſa auch gerade am Weihnachtstage machte, als man ſie hinüber ge⸗ holt, um die Geſchenke des kranken Kindes, welches das Zimmer nicht verlaſſen durfte, zu beſchauen.„Sie iſt jetzt ſchon lange todt,“ fügte ſie ſeufzend hinzu, indem ſie ihren Weg fortſetzte. Und drüben, da ſtand das liebe Häuschen, in dem ſie ſo lange mit ihrer Tante gewohnt. Es ſah noch immer ſo nett und ſauber aus wie früher, und ein hübſches Mädchen, wahrſcheinlich Martha, ſtand am Fenſter und ent⸗ fernte die Spuren des Froſtes von den Scheiben. Noch eine Anzahl Schritte und Roſa hatte Eliſens Wohnung er⸗ reicht. Sie ging die wohlbekannte Treppe hinauf, zögerte einen Augenblick und zog dann mit pochendem Herzen die Klingel. Leichte Schritte wurden hörbar und ſchon wollte ſie„Eliſe“ rufen, als ſich die Thür öffnete und ein ſchönes, ungefähr ſechszehnjähriges Mädchen vor ihr ſtand. In ihrer Erwartung getäuſcht, fragte Roſa nach Eliſen und eben wollte die junge Pförtnerin, welche bei der Erſcheinung einer ſo vornehmen fremden Dame leicht erröthet war, den kleinen Mund öffnen, als eine wohlbekannte Stimme im Vorzimmer„Roſa, meine Roſa,“ rief und gleich darauf Eliſe die Wiedergefundene umſchlungen hielt. Freudig geleitete ſie dann die längſt Erſehnte in das feſtlich geſchmückte Zimmer, in welchem ihnen auch Meta entgegen kam, richtete jedoch nur ſchonende Fragen wegen dieſer plötzlichen Ankunft an ſie, da ſie wohl aus dem ſchwermüthigen und blaſſen Ausſehen der jungen Frau ſchließen konnte, daß ſie nicht glücklich und der Grund ihres Hierſeins kein erfreulicher ſei. „Alſo Du willſt wirklich Euer Häuschen wiederkau⸗ fen?“ fragte Eliſe, nachdem beide ſchon eine Weile plau⸗ dernd auf dem Sopha geſeſſen hatten. „Ja,“ erwiderte Roſa,„und ich freute mich nicht wenig, geſtern zu hören, daß es käuflich ſei; das war wirk⸗ lich ein Weihnachtsgeſchenk für mich.“ „Und ſo wirſt Du denn den Winter über bei uns bleiben,“ rief Eliſe freudig,„ach das iſt ja herrlich!“ „Wo iſt denn aber Deine liebe Mutter,“ unterbrach ſie Roſa, indem ſie ſich erhob; ſie iſt doch nicht krank?“ „O nein, es iſt ihr wohl,“ flüſterte Eliſe, indem ſie die Freundin ſchmerzlich an ihr Herz preßte. Roſa hatte ſie verſtanden und wußte ihren Schmerz zu würdigen, denn auch ihr war die Verſtorbene eine zweite Mutter geweſen. „Vor einem halben Jahre iſt ſie heimgegangen, ſo friedlich und ſtill, wie ihr ganzes Leben geweſen,“ ſagte 119 * Eliſe nach einer Pauſe.„Ich habe deshalb auch Lucie zu nir genommen, damit Meta nicht ſo viel allein ſei.“ „Das junge Mädchen, das mir öffnete, iſt alſo Lueie,“ fragte Roſa erſtaunt. Als ſie noch ganz klein war und ehe ſie zu ihrer Tante kam, habe ich ſie zuletzt geſehen; ſie war immer ein liebliches Kind, jetzt aber iſt ſie eine wunderbare Schönheit geworden.“ „Und was noch mehr werth iſt.“ erwiderte Eliſe ernſt, „ihre Seele iſt eben ſo ſchön als ihr Körper und ihr Ge⸗ müth unverdorben und fleckenlos.“ „O, Du erlaubſt wohl, liebe Eliſe,“ rich Roſa,„daß ſie mich recht oft beſuche, da Dir bei Deinen vielen Ge⸗ ſchäften nur wenig Zeit dazu bleiben wird und ich ſo ganz allein bin.“ „Gewiß,“ ſagte Eliſe lächelnd.„Aber ſieh nur, Meta hat ſchon den Frühſtückstiſch geordnet und Du mußt nun unſern Weihnachtskuchen, den Lucie ſelbſt gebacken hat, verſuchen.“ Die letztere trat jetzt mit glühenden Wangen und einer Kanne duftenden Kaffee's herein, den ſie bereitet hatte. Während des Frühſtücks ſprach man viel von der ſchönen Vergangenheit und Roſa fühlte ſich hier in dem gemüth⸗ lichen Kreiſe dieſer liebenswürdigen Mädchen wieder ganz glücklich und folgte entzückt den anmuthigen, geräuſchloſen Bewegungen der geſchäftigen Lucie, die ſie in der kurzen Zeit ſchon von Herzen lieb gewonnen hatte. 3 5 Roſa kaufte das Haus ihrer Tante wieder und bezog es bald nach Martha's Hochzeit. Es war faſt noch Alles darin in demſelben Zuſtand, in dem ſie es verlaſſen und beſonders war das kleine Zimmer, das ſie früher bewohnt hatte, ganz unverändert geblieben. Da ſie nun das ganze Häuschen nur mit einem jungen Mädchen, das ſie an Marianne's Stelle zu ſich genommen hatte, bewohnte, ſo richtete ſie ſich auf das behaglichſte in demſelben ein. Lucie beſuchte ſie anfangs mehrere Male in der Woche, ſpäter aber faſt alle Nachmittage und Roſa hatte ſich ſchon ſo an ihre Nähe gewöhnt, daß ſie ſtets mit Sehnſucht ſie erwartete und traurig wurde, wenn ſie ein Mal ausblieb. Es war dies auch ganz natürlich, denn Jeder, der Lucien kannte, liebte ſie. Schon ihre äußere Erſcheinung hatte etwas ungemein Anziehendes. Ihre Geſtalt war etwas größer als Roſa's, ſchlank und anmuthig und doch voll und kräftig. Ihr lan⸗ ges, ſeidnes, goldblondes Haar war in reichen Flechten, welche ſie beſonders geſchmackvoll zu ordnen verſtand, um ihren ſchönen Kopf gelegt. Ihr Geſicht war vollkommen ſchön und trug den ſanften, frommen Ausdruck einer Ma⸗ donna. Ihre Haut war zart und weich, wie ſie zu der hellen Farbe ihres Haares paßte und ihre Wangen von einem leichten Rothe angehaucht. Naſe und Mund waren äußerſt fein und zierlich geformt und beſonders umſchwebte den letzteren ein anziehendes, ſtets wechſelndes Lächeln. Das Seelenvollſte dieſes ſchönen Geſichts aber waren die Angen, ſie waren blau, ſo blau wie der Himmel im Juni, 121 und ſtrahlten ein Licht aus, welches wie die Sonne erwärmte und belebte, lange Wimpern, die dunkler als das Haar, faſt braun waren, beſchatteten ſie, und Augenbraunen, wie ſie nur der feine Pinſelſtrich eines Malers hervorbringen kann, umrahmten ſie in zierlichen Bogen. „Ihr Herz liegt in ihren Augen,“ ſagte die junge Grä⸗ fin von Perlberg, welche Lucie oft mit ihrer Tante, der Landpredigerin, auf ihrem Schloſſe beſucht hatte. Und ſie hätte ſich nicht treffender ausdrücken können: Lucien's ſchönes Herz lag in ihren blauen Augen, und ſo wie die Gefühle wechſelten, ſo veränderte ſich auch der Ausdruck dieſer Augen, in denen man lange leſen konnte, ohne zu ermüden. So mild und ſanft nun auch Lucie erſchien, ſo lag doch eine große Feſtigkeit in ihrem Weſen. In dem einfachen Pfarrhauſe, fern von der geräuſchvollen Welt auferzogen, kannte ſie dieſe nur wenig, aber ſie beſaß jenen mitunter den Menſchen angeborenen Takt, der ſie in den ſchwierigeren Lagen des Lebens ſtets das Richtige ergreifen lehrte. Sie war ein talentvolles und kluges Mädchen, be⸗ ſonnen wie ihre Schweſter und doch wieder lebhaft, wenn ihre Gefühle erregt wurden. Wie Eliſe, ſo beſaß auch ſie eine große Selbſtſtändigkeit, die ſich in all' ihrem Handeln zeigte, und bei ihrer Jugend in Erſtaunen ſetzen mußte. Kurz, es vereinigten ſich in ihr auf eine ſchöne Weiſe Ge⸗ fühl und Verſtand dergeſtalt, daß in ihrem Thun und Laſſen niemals ein Uebergewicht des einen vor dem anderen zum Vorſchein kam. Lucie verſtand Roſa's Herz, ſie be⸗ 122 wunderte die ſchwärmeriſchen Gefühle deſſelben, ſie fühlte ſich vom erſten Augenblicke an zu der ſchwermüthigen, jun⸗ gen Gräfin mächtig hingezogen und es war ihr, als habe dieſe einen Anſpruch, ein Recht auf ihre Liebe und ihren Troſt. Und der ihr hier hieraus erwachſenen Pflicht ſuch te Lucie nun mit allem Eifer, der ihr ſo eigen war, nachzu⸗ kommen. Sie ſang ſehr ſchön; ihre Stimme war voll, klar, tiefgefühlvoll und beſaß einen geheimen Zauber, der die Herzen unvermerkt feſſelte. Dieſes ſchöne Talent wandte ſie nun beſonders an, ihre Freundin zu erheitern; außerdem las ſie ihr vor oder unterhielt ſich mit ihr und Beide verleb⸗ ten mit einander die glücklichſten Stunden. Sichtbar waren die Wirkungen, die der Winteraufent⸗ halt in der kleinen Stadt ausübte. Ihr warmes Herz hatte ja wieder ein Weſen gefunden, dem es ſich mit all' ſeiner Liebe hingeben durfte, ihre lebhafte Phantaſie ſtrebte wieder mit aller Macht empor und ihre blaſſen Wangen rötheten ſich von neuer Lebensgluth. Beide ſaßen eines Abends in Roſa's Zimmer zuſam⸗ men. Der Ofen ſtrömte eine angenehme Wärme aus; die weißen Vorhänge vor dem Fenſter waren zugezogen und die blank geputzte Lampe auf dem Tiſche verbreitete ein helles Licht über das Zimmer und die beiden lieblichen Frauen. Draußen zwar heulte der Sturm und trieb wirbelnd die Schneeflocken vor ſich her, aber um ſo ſicherer und behag⸗ licher fühlte man ſich in dem traulichen Zimmer. 123 „Nun, die Theemaſchine ſingt ja ſchon,“ ſagte Roſa lächelnd, indem ſie von ihrer Stickerei aufblickte. „Dann werde ich wohl bald den Thee bereiten kön⸗ nen,“ erwiderte Lucie, das Buch, aus welchem ſie ſo eben „das Heimchen auf dem Heerde“ von Dickens vorgeleſen hatte, fortlegend.„Wie gern leſe ich doch die Märchen dieſes engliſchen Schriftſtellers,“ fügte ſie dann hinzu;„er ſchreibt ſo ganz aus dem wirklichen Leben, aber aus dem gemüthlichen, traulichen, man möchte immer Theil daran nehmen.“ „Nun, iſt es denn hier bei uns nicht ganz ebenſo ge⸗ müthlich?“ fragte Roſa, indem ſie ſich behaglich in ihren Sitz zurücklehnte, während ihr ſüßes, liebes Geſicht vor Freude glänzte.„Biſt Du nicht meine kleine Dot, Lucie?“ „Dann wärſt Du ein ſchöner John,“ lachte Lucie; „aber warum ſiehſt Du nun plötzlich ſo ernſt aus, liebe Roſa,“ fügte ſie hinzu, als ſie ſah, daß ſich ein Schatten über das heitere Geſicht ihrer Freundin ausbreitete. „Ich denke daran, meine Liebe,“ ſagte Roſa traurig, „daß es nicht immer ſo bleiben, daß ſich mein Geſchick nur zu bald ändern wird.“ „Willſt Du denn wieder nach der Hauptſtadt zurück⸗ kehren?“ fragte Lucie beſorgt. „Gewiß, ich muß es,“ erwiderte Frau von Steineck; „aber nicht ohne Dich, Lucie. Ich habe ſchon vft mit Schmerz an meine Rückreiſe nach der Reſidenz gedacht, aber 124 nachmals ward es mir klar, wie ich B. auch ohne Be⸗ dauern würde verlaſſen können. Willſt Du mich begleiten, Lucie?“ „O gewiß,“ erwiderte dieſe innig,„wenn Eliſe es er⸗ laubt.“ „Ja, wenn Eliſe es erlaubt,“ ſagte Roſa lächelnd; wir bleiben dann kurze Zeit in der Stadt, verweilen den Sommer an irgend einem angenehmen Badeorte und kehren für den Winter wieder hierher zurück.“ „O, das wird herrlich, da werde ich ja ordentlich die Welt kennen lernen,“ rief Lucie aus, und handhabte das Theeſervice mit anmuthiger Geſchicklichkeit. Und als Roſa in Lucien's klare, blaue Augen blickte, und in ihnen nur Wonne und Glück las, da fühlte auch ſie ſich freudig bewegt und die Zukunft, an die fie früher kaum zu denken gewagt hatte, lag nun in mildem Glanze, von ihrem ſtrahlenden Bilde erhellt, vor ihren Augen und ſie fühlte ſich ſtark genug, um mit Zuverſicht ihr entgegenzu⸗ gehen. Und Eliſe erlaubte Lucie'n, Roſa zu begleiten, denn ſie war unermüdlich in Aufopferungen für Andere. Gern hätte ſie ſie zurückbehalten, da Meta außer der Schulzeit faſt fortwährend allein war, aber ſie wußte, daß die Geſell⸗ ſchaft ihrer Schweſter Roſa'n ein großer Troſt ſein würde, und alſo brachte ſie willig dieſes Opfer. Auch Lucie'n wurde es ſchwer, ihre Schweſter zu verlaſſen, und nicht die freudige Ausſicht auf ein angenehmes Leben, ſondern nur 125 die Liebe zu der jungen Gräfin und jener Drang zu tröſten, den ſie ſchon von Anfang an empfunden hatte, konnten ſie zu einer Trennung von Eliſe'n bewegen. Roſa'n jedoch theilte ſie nicht mit, was hierbei in ihrem Innern vorging, ſondern überließ ſich, wie alle edleren Seelen, dem Urtheile ihres eigenen Selbſt, der Entſcheidung ihres eigenen Herzens. In Vorbereitungen auf die Reiſe, in Hoffnung auf den nahenden Frühling verfloß der übrige Theil des Win⸗ ters. Es war in den erſten Tagen des April, als Roſa an einem heitern Sonntag Nachmittag mit Waldau's zu deren Tante, der Landpredigerin, bei der Lucie erzogen worden, fuhr. Das Dörfchen war ungefähr zwei Meilen von B. entfernt, und der Weg dorthin bot ſtets wechſelnde Anſichten dar. Die Geſellſchaft freute ſich der neu aufkei⸗ menden Natur; man ſprach von den Reizen des Landlebens, und ehe man es dachte, ſah man den Kirchthurm aus dem Dörfchen, welches ſehr hübſch von Baumgruppen umgeben war, hervorragen und die Fenſter des Schloſſes Perlberg, das nicht weit davon auf einer Anhöhe lag, im Sonnen⸗ ſchein blinken. Der Wagen hielt vor dem Pfarrhauſe, . dicht neben der Kirche, und die Predigerin, eine ſanfte, . liebenswürdige Frau, eilte heraus und bewillkommnete freudig die Ankömmlinge, vor allem Lucie, die ſie ſeit ihrer Trennung nicht wieder geſehen, und an deren Abweſenheit ſie ſich noch immer nicht hatte gewöhnen können.„Mein Mann iſt zu einem Kranken nach dem anderen Dorfe hin⸗ 126 über und wird wohl erſt am Abend zurückkehren,“ ſagte ſie, ihre Gäſte in das Haus geleitend.„Sie finden noch an⸗ deren Beſuch bei mir,“ fuhr ſie fort;„die gnädige Gräfin hat mir die beiden Kinder mit der Erzieherin geſchickt. Sie kommen oft zu mir, es ſind wahre kleine Engel.“ Sie traten nun in die geräumige Wohnſtube, die ein⸗ fach, aber ſehr ſauber und mit Geſchmack eingerichtet war. Die Kinder kamen Lucie'n zutraulich entgegen, denn ſie kannten ſie ſchon und hatten ſie ſehr lieb, und dieſe beugte ſich herab, ſie zu liebkoſen.„Aber da hätte ich ja beinahe Fräulein Gertrud vergeſſen,“ ſagte ſie plötzlich, und ſich ſanft von den unſchlingenden Armen der Kleinen los⸗ machend, näherte ſie ſich einer jungen Dame, die ſich von ihrem Sitze am Fenſter erhoben hatte und die Fremden freundlich begrüßte. Auch Roſa näherte ſich ihr, aber er⸗ röthend ſenkte ſie die Augen, als ſie denen Gertrud's begeg⸗ nete. Sie hatte Nordeck zu ſehen geglaubt. Es waren dieſelben ſchwarzen Augen, nur milder und ſanfter; es war daſſelbe dunkele Haar, nur in einem reichen, welligen Schei⸗ tel um das liebliche Geſicht geordnet; es waren dieſelben ernſten Züge, nur gemildert durch den Ausdruck der reinſten Weiblichkeit. Es mußte ſeine Schweſter, von der er ihr einſt erzählt und ſie ſelbſt auf ſo unerwartete Weiſe mit dieſer Schweſter zuſammengetroffen ſein!— Glicklicherweiſe be⸗ merkte Niemand ihr Erröthen, und die ſanfte Stimme, das liebreiche Weſen der jungen Gertrud verſcheuchte bald das tiefe Weh, das deren Anblick von Neuem in ihrer Seele 127 wach gerufen. Bald ſaßen Alle in traulichem Geſpräche um den großen, runden Kaffeetiſch, während die friſche Frühlingsluft durch das geöffnete Fenſter hereinſtrömte. Noch hatte Gertrud nicht von ihrem Bruder geſprochen, aber als das Geſpräch auf das Reiſen kam, ſagte ſie: „Es iſt doch wunderbar! wie ſehr man ſich in den ſchönſten Gegenden der Erde dennoch nach dem einen kleinen Punkt, an dem man lange gelebt und den man liebgewonnen hat, zurückſehnen und kaum erwarten kann, ihn wiederzuſehen. An mir ſelbſt habe ich dies zwar noch nicht erfahren, da ich noch nie weit gereiſt bin, aber um ſo auffallender habe ich es an meinem Bruder geſehen, welcher, als er von ſeinen Reiſen in Italien und England, auf denen er ſo viel Großes und Schönes kennen gelernt, zurückgekehrt war, trotz alles Bittens der gnädigen Gräfin kaum einen Tag auf Perlberg blieb, öbgleich er mich drei Jahre nicht ge⸗ ſehen hatte, und dann, als zöge ihn ein Magnet, nach der Reſidenz eilte.“* Dieſe Worte wurden ganz abſichtslos geſprochen, denn Gertrud wußte Nichts von der Liebe ihres Bruders und ahnte nicht im Entfergteſten, wie nahe ihr jetzt der Gegen⸗ ſtand derſelben war. Doch Roſa erröthete tief und neigte ſich auf ihre Taſſe herab, ſo daß ihre Locken faſt ihr Geſicht bedeckten, denn ſie wußte es ja, warum er ſo geeilt, der arme Walther! Zu ſchnell nahte der Abend, und ungern nur trennte man ſich. Doch der gräfliche Wagen hielt vor dem Hauſe, 128 um Gertrud und die Kinder zu holen, und man mußte ſcheiden. Roſa ſagte der Erſteren ein warmes, herzliches Lebewohl und drückte innig die ihr dargebotene Hand, während eine Thräne in ihren Augen glänzte, die ſie der Erinnerung an ihn weinte. Bald fuhr auch ſie mit Wal⸗ dau's heim, unter dem Verſprechen, recht bald wieder das freundliche Dörfchen zu beſuchen. Schweigend ſaß ſie im Wagen, Gertrud's Erſcheinung hatte einen tiefen Eindruck auf ſie gemacht. Wie liebevoll war ſie gegen die Kinder geweſen und wie zärtlich hingen dieſe an ihr. Wie gern hätte ſie mit ihr von Walther geſprochen, aber ſie wagte es nicht; ſie durfte ihr ja nicht ſagen, wie genau ſieihn kannte; aber um ſo mehr dachte ſie jetzt an das, was Gertrud von ihm geſagt, und ſie hörte nicht auf, ſich im Geiſte mit den beiden Geſchwiſtern zu beſchäftigen. So fuhren ſie ſchwei⸗ gend durch das Dunkel, und in ſüßes Träumen verſenkt, hätte Roſa die Fanze Nacht hindurch fahren und die Gebilde ihrer Phantaſie an ihrem geiſtigen Auge vorübergleiten laſſen können. Der Mai war gekommen und die ganze Natur prangte in ihrem feſtlichen Schmucke, ihn würdig zu feiern. Jetzt hielt Roſa es für nöthig, nach der Reſidenz zurückzukehren, 129 ja, eine geheime Unruhe zog ſie ſogar dorthin, da ſie während des ganzen Winters keine Nachricht von dem Grafen em⸗ pfangen hatte. Sie meldete demſelben ihre Ankunft nicht, ſie wollte ihn überraſchen. Wieder wie das erſte Mal war es ein herrlicher Maimorgen, als ſie B. verließ, aber wie verſchieden waren ihre gegenwärtigen Gefühle von ihren damaligen. Damals war ſie, wenn auch betrübt über die Trennung von Allem, was ſie liebte, doch voll der ſchönſten Hoffnungen für die Zukunft, und jetzt war ſie enttäuſcht, hatte ſie die Schmerzen und die Bitterkeit des Lebens kennen gelernt. Lucie verſtand das ernſte Schweigen und den weh⸗ müthig in die Ferne gerichteten Blick ihrer Freundin, als ſie durch die üppigen Fluren dahin rollten und mit der ihr eigenen Zartheit des Gefühls, jede Erörterung vermeidend, umſchlang ſie ſanft die Geliebte und ſagte bloß leiſe:„Traure nicht, liebe Roſa, ich werde Dich nie verlaſſen!“ „Ach, wenn ich Dich nicht hätte, Lucie, flüſterte Roſa in einem Tone, der die ganze Wehmuth und Dankbarkeit ihres Herzens zugleich ausſprach. Niemand bewillkommnete Roſa'n dieſen Abend bei ihrer Ankunft in der Stadt, wie man es vor drei Jahren gethan hatte, denn Niemand ahnte ihre Rückkehr. Roſa ließ das Gepäck nach dem kleinen Zimmer im zweiten Stockwerk hinauftragen, in dem ſie ſeit ihrer Hochzeit nicht wieder geweſen war und in welchem ſie nun während ihres Aufenthalts in der Hauptſtadt mit Lucien wohnen wollte. Kaum war ſie mit derſelben eingetreten, als Marianne vor Freude außer ſich, ihre liebe Herrin end⸗ 130„ lich wiederzuſehen, hereinſtürzte.„Nein, wie Sie uns überraſcht haben,“ rief ſie aus,„wie wird ſich der gnädige Herr wundern!“ „Weiß der Graf noch nicht, daß ich hier bin?“ fragte Roſa,„iſt er nicht zu Hauſe?“ „Nein,“ erwiderte Marianne verlegen,„er iſt verreiſt.“ „Verreiſt?“ wiederholte Roſa;„ſollte er ſchon die Rundreiſe auf ſeinen Gütern angetreten haben? Weißt Du nicht, wann er zurückkehren wird?“ „Genau nicht, entgegnete Marianne,„vielleicht mor⸗ gen oder übermorgen.“ „Ach, gnädige Frau,“ fügte ſie nach einer Pauſe, während der Roſa ſchweigend und ſinnend vor ſich nieder⸗ geſchaut hatte, hinzu,„was für ein Leben iſt hier während Ihrer Abweſenheit geführt worden! Wir hatten keinen Augenblick Ruhe, alle Tage waren Feſtlichkeiten und lär⸗ mende Geſellſchaften hier im Hauſe. Bei allen ſolchen Ge⸗ legenheiten aber war Lady Orville, die ſchon vor mehreren Jahren hier in der Stadt und öfter bei Ihrer ſeligen Tante war, zugegen und wurde ſtets von dem gnädigen Herrn mit der größten Auszeichnung behandelt, gerade als wäre ſie,— nun wie ſoll ich ſagen— als wäre ſie ſeine Braut!— Er begleitete ſie auch in das Theater, ritt mit ihr aus, die ganze Stadt ſpricht davvn. Auch jetzt iſt er wahrſcheinlich bloß verreiſt, um Lady Owvilles Geburtstag, der, wie ich neulich hörte, heute iſt, auf einem ſeiner Güter zu feiern, denn auch die Lady hat ſeit geſtern die Stadt verlaſſen.“ Lucie, welche ſich im Schlafcabinet befand und dieſe Reden mitangehört hatte, trat jetzt ſchnell herein und näherte ſich beſorgt ihrer Freundin. Roſa ſah ſehr blaß aus und ihre zuſammengepreßten, zitternden Hände verriethen ihren innern Kampf; aber ſie verlor nicht ihre Faſſung und ſagte ſanft zu dem redſeligen Mädchen:„Laß nur, gute Marianne, es wird ſchon Alles wieder beſſer werden, nun ich hier bin.“ Aber als die Dienerin ſich entfernt hatte, da umſchlang ſie Lucie bewegt und bedeckte dann ihr Geſicht mit den Händen. So ſtand ſie eine Weile, und als ſie wieder em⸗ porblickte, ſah ſie ruhig und wunderbar gefaßt aus— ein Entſchluß ſchien in ihrer Seele gereift zu ſein. Am nächſten Morgen fuhr Roſa mit Lucien zu Frau von Lindau, die ſie noch immer ſehr liebte und die auch die einzige war, der ſie bei ihrer Abreiſe Lebewohl geſagt hatte. Die Baronin war äußerſt erfreut, ihre liebe, kleine Freundin, wie ſie Roſa nannte, wiederzuſehen. und ſchien über Lucien's ungewöhnliche Schönheit entzückt zu ſein, wenigſtens flüſterte ſie der jungen Gräfin mehr als einmal zu, daß ſie noch nie ſo ſchöne Augen, noch nie ſo goldenes Haar, noch nie ein ſo liebliches Geſicht geſehen. „Es iſt doch aber recht ungerecht von Ihnen,“ ſagte ſie endlich ſchmollend zu Frau von Steineck,„daß Sie uns den ganzen Winter allein gelaſſen haben; ich habe meine Sehnſucht nach Ihnen kaum bemeiſtern können. Dafür aber werden Sie und Fräulein Waldau meinen Ball heute Abend wohl mit Ihrer Gegenwart beehren müſſen.“ 9* 3 132 Roſa wollte eben eine ausweichende Antwort geben, da ſie ſich jetzt durchaus nicht in einer für Vergnügungen günſtigen Stimmung befand, aber Frau von Lindau ver⸗ ſchloß ihr lächelnd den Mund und ſagte:„Nein, liebe Roſa, es iſt heute mein Geburtstag, und an dem werden Sie mich doch nicht betrüben wollen?“ Sie blickte dabei Roſa bittend an, und dieſe, welche daran dachte, daß ſie dieſe liebe Frau nicht mehr oft ſehen würde, und auch Lucien gern ein Ver⸗ gnügen bereiten wollte, verſprach endlich, zu kommen. Aller Blicke richteten ſich auf Roſa und Lucie, als dieſe am Abend deſſelben Tages in den glänzend erleuchteten, mit vornehmer Geſellſchaft gefüllten Saal der Baronin Lindau traten. Roſa war einfach in ſchwarze Seide gekleidet, da ſie nicht tanzen wollte; um ſo lichter und ſtrahlender erſchien daher Lucie neben ihr. Sie glich einer Nymphe, die eben aus einer kühlen Quelle heraufgeſtiegen war, um nmit ihren Schweſtern einen luftigen Tanz im dunkeln Waldesgrün beim Mondenlichte aufzuführen. Ein weißes Kleid umwallte ſie, das die reizenden Formen ihrer Geſtalt ausprägte, und Waſſerlilien, ſo himmelblau wie ihre Augen, bildeten zu ihren goldenen Haaren einen lieblichen Contraſt. So trat ſie in die Geſellſchaft. 3 „Da iſt ja Frau von Steineck wieder,“ flüſterte Me⸗ lanie, die jetzt Frau von Grünheim hieß, da ſie Arthur's Gattin geworden war, ihrer Couſine zu. „Nun, ihr Gemahl wird ſich nicht gerade ſehr über 133 ihre Rückkehr gefreut haben,“ bemerkte Frau von Berg, indem ſie ſich zu den Sprechenden neigte, aber laut genug, daß Roſa, die nicht weit von ihnen ſtand, jedes Wort verſtehen konnte. „Sie wird ihre Stelle hinreichend durch eine Andere erſetzt finden,“ fügte Thereſe mit ſpöttiſchem Lächeln in demſelben Tone hinzu. Roſa erröthete und entfernte ſich ſchnell von den Spre⸗ chenden, indem ſie nur mit Mühe ihre Thränen zurückhielt. „Wer mag nur die junge Dame ſein, die ſie begleitet hat?“ fragte Melanie, nachdem das Geſpräch in dieſer Weiſe eine Weile fortgeführt worden war. „Ich habe ſie ſo eben als Fräulein Waldau vorſtellen hören,“ ſagte Frau von Berg. „Sie iſt ſehr ſchön,“ bemerkte Melanie. „Ich liebe die Blondinen nicht,“ entgegnete Thereſe, indem ſie mit ihrer Lorgnette ſpielte. „Sieh nur,“ rief Melanie,„jetzt wird ihr Graf Auer⸗ bach vorgeſtellt.“ Gela w'est pas possible!« erwiderte Thereſe, beugte ſich aber doch vorwärts und richtete einen giftigen Blick auf Lucie, da ſie es wirklich ſo fand, wie ihre Couſine geſagt hatte. Leo von Auerbach war ein ſchöner, junger Mann von. etwv 28 Jahren, von hohem edlem Wuchſe, dunkeln Haaren und lebhaften braunen Augen. Der Letzte aus einer alten Grafenfamilie, war er der Stolz und die Hoffnung ſeines alten Vaters. Nachdem er von ſeinen Reiſen zurückgekehrt, 134 wünſchte dieſer, daß er ſich mit Thereſe von Grünheim, die eine entfernte Verwandte von ihm war und auch aus einem berühmten alten Geſchlecht ſtammte, verbände. Leo kannte Thereſe ſchon von Jugend her und erneuerte jetzt dieſe Be⸗ kanntſchaft auf den Wunſch ſeines Vaters, aber ſein Herz blieb kalt gegen das eitle evquette Mädchen, und nur, um den Vater nicht zu betrüben, hatte er das Verhältniß zu ihr noch nicht gelöſt. Heute nun erblickte er Lucie zum erſten Male, und ihre herrliche Erſcheinung, ihr edles, beſcheidenes Benehmen entflammten ihn vollſtändig. Und auch Lucie ſchien nicht unempfindlich für ſeine Vorzüge zu bleiben, we⸗ nigſtens bewies das Lächeln, das um ihren Mund ſpielte, als ſie auf ihn gelehnt im Tanze dahinſchwebte, daß ſie den Worten, die er ihr in dieſem Augenblicke zuflüſterte, mit Theilnahme folgte. „Wie heiß mir iſt,“ ſagte Lucie zu Roſa, als Auerbach ſie nach Beendigung des Contretanzes zu ihrem Platze ge⸗ leitet hatte. „Ja, Deine Wangen glühen purpurroth, und Ihr habt doch nur langſam getanzt,“ erwiderte Roſa verwundert. So? fragte Lucie und erhob ihre Augen zu denen ihrer Freundin;„das wäre doch ſonderbar.“ „Nun ſieh' nur, wie Dein Haar ſich gelöſt hat,“ ſagte Roſa lächelnd und befeſtigte die ſeidenen Flechten wieder. Kaum hatte ſie dies Geſchäft beendet, als der junge Maler Hermann Sternthal ihnen vorgeſtellt wurde und Lucie um den Walzer bat. Seine Geſtalt war etwas kleiner als X 135„ die Leo's, aber nicht minder edel. Die ſchönen Züge waren für einen Mann faſt zu zart, aber ſie paßten zu der hohen Schwärmerei, die ſich vor Allem in ſeinen großen dunkel⸗ vlauen Augen ausdrückte. Sein Haar war lockig und braun und von der hohen, edlen Stirn etwas zurückgeſtrichen. Lucie bedauerte ſehr, den Walzer Herrn von Auerbach zugeſagt zu haben und auch auf die folgenden Tänze engagirt zu ſein, worauf ſich Sternthal mit unverkennbarer Betrübniß in eine Fenſtervertiefung von der Geſellſchaft zurückzog und ſeinen Gedanken überließ. Und wieder ſchwebte Lucie von Leo umſchlungen durch den Saal, und höher glühten ihre Wangen und ſtrahlender wurde der Glanz ihres blauen Auges. „Wie ſehr doch Herr Sternthal über Fräulein Wal⸗ dau's abſchlägige Antwort betrübt iſt,“ ſagte Frau von Lindau, indem ſie ſich neben Roſa, die ganz allein in Ge⸗ danken vertieft in einer Ecke des Saales ſaß, niederließ. „Kennen Sie jenen jungen Mann näher?“ fragte die Gräfin,„er flößt mir Intereſſe ein.“ „Ich machte ſeine Bekanntſchaft auf eine merkwürdige Weiſe,“ entgegnete die Baronin.„Als ich im vorigen Herbſte an einem Nachmittage zur Geſellſchaft fuhr, wurde mein Wagen an einer Brücke durch eine Verſammlung von Menſchen aufgehalten. Eben wollte ich mich nach der Urſache dieſer Erſcheinung erkundigen, als ich einen jungen Mann mit einem Kinde im Arm aus den Wellen emporſteigen und daſſelbe am Ufer einer jammernden Frau übergeben ſah. 136 Er ſchüttelte das Waſſer aus den naſſen Locken und wollte ſich unbemerkt durch die Menge drängen, um den Lobprei⸗ ſungen von allen Seiten zu entgehen. Aber da ſein Anzug ganz durchnäßt und die Luft ſchon ſehr kalt war, ſo ließ ich ihn bitten, in meinen Wagen zu ſteigen. Er zögerte und nahm erſt an, nachdem ich ihn ſelbſt darum erſucht hatte. Ich gab nun den Befehl, wieder nach Hauſe zu fahren, und unterwegs erzählte er mir dann die näheren Umſtände des kleinen Abenteuers, das er ſo eben beſtanden. Schon die Rettung des Kindes hatte mich für ihn eingenommen, und nun flößte mir ſeine ſchöne Sprache, ſein feines Benehmen, das Schwärmeriſche, das ſich in ſeinem Weſen zeigte, ein inniges Intereſſe ein. Zu Hauſe angelangt, bat ich ihn, den Abend über zu bleiben, und lernte ihn und ſeine Ver⸗ hältniſſe näher kennen. Er iſt ein ſehr talentvoller Maler, ſcheint aber das Leben gerade nicht von ſeiner ſchönſten Seite kennen gelernt zu haben, da er unbemittelt iſt, verwaiſt und ſelbſt ohne alle Verwandte. Daher ſchreibt ſich denn auch ohne Zweifel die Schwermuth, die ſich zuweilen in ſeinem Weſen ausſpricht. Er hat mich ſeitdem oft beſucht, und ich habe ihn ſehr lieb gewonnen, was Jedem begegnen muß, der ihn näher kennen lernt.“ Während dieſer Unterhaltung war der Tanz beendet worden, und Lucie, die von der ungewohnten Aufregung und der Wärme, die in dem Saale herrſchte, ein heftiges Kopfweh empfand, hatte ſich unbemerkt zruͤckgezogen. Sie war durch mehrere prachtvolle Zimmer gegangen und endlich 137 in ein trauliches, kleines Gemach getreten, in dem die Ba⸗ ronin ihre Blumen aufzubewahren pflegte und das nur von einer Ampel matt erleuchtet war. Hier ließ ſie ſich auf einer Ottomane, die rings von duftenden Roſen, blühenden Ca⸗ melien und Myrthen umgeben war, nieder und ſtützte den Kopf in die Hand, ſo daß die blauen Lilien und langen grünen Ranken ihres Hauptſchmuckes über ihre kleine Hand und ihren runden Arm herabfielen. Das Licht der Ampel ſchimmerte ſanft durch die grünen Zweige; mit dem Dufte der Blumen ſtrömte ihr eine angenehme Kühlung zu, ſie fühlte ſich ſo wohl, ſie hätte hier einſchlummern und weiter nur noch von dem Balle träumen können. Plötzlich jedoch nöthigte ſie ein Zwang, wie wir ihn ſtets erleiden, wenn wir ohne unſer Wiſſen ſcharf betrachtet werden, aufzublicken, und ihre Augen begegneten denen Leo's, die feſt auf ſie ge⸗ richtet waren. „Sie haben ſich zurückgezogen, liebes Fräulein,“ ſagte Leo, der ſeine Tänzerin geſucht und, nachdem er ſie gefun⸗ den, ſchon eine ganze Weile in der angegebenen Art vor ihr geſtanden hatte;„iſt Ihnen nicht wohl?“ „Ich habe Kopfweh,“ erwiderte Lucie;„aber ich glaube, daß es bald nachlaſſen wird.“ „O, das habe ich Ihnen durch mein raſches Tanzen verurſacht,“ rief Auerbach,„und ich muß Sie auch wieder davon befreien; die friſche Luft wird Ihnen wohlthun, wir wollen ein wenig hinunter in den Park gehen.“ . 138 Und er hüllte ſie in einen ſchwarzen Sammetſhawl der Baronin, der neben ihr lag, und geleitete ſie hinunter. Die friſche, balſamiſche Nachtluft wehte ihnen entgegen, und träumeriſch ging Lucie an ſeinem Arme durch die dunkeln Laubgänge hin. Jetzt ſtanden ſie auf der Anhöhe am Fluſſe und die herrlichſte Mondlandſchaft öffnete ſich vor ihren er⸗ ſtaunten Blicken. Lucie ließ ſich neben dem Grafen auf die Bank nieder und lauſchte dem leiſen Murmeln des Fluſſes und den fernen melodiſchen Tönen der Nachtigall, welche der Wind ſanft zu ihnen herübertrug. Eine Weile ſchwiegen ſie; endlich ſagte der Graf leiſe:„Wie ſchön, wie unver⸗ gleichlich ſchön iſt es hier!“ „Unvergleichlich ſagen Sie?“ erwiderte Lucie lächelnd; „Sie haben doch gewiß ſchon ſehr viel andere Gegenden geſehen, die die unſerige an Schönheit weit übertreffen. Eine mondhelle Nacht unter Italiens ſüdlich blauem Himmel und inmitten ſeiner eigenthümlichen Vegetation mag wohl um Vieles bezaubernder ſein, als hier in dieſer einfachen, bergloſen Gegend.“ 8 Der Graf ſchwieg einen Augenblick und ſchaute ſie ſinnend an, wie die Mondesſtrahlen voll und klar ihr friſches, ächelndes Antlitz. das die blauen Lilien umrankten, beleuch⸗ teten, und in ſeinem Blicke drückte ſich gleichſam die Antwort auf ihre Frage aus. Es ſchien, als erwarte er, daß ſie weiter ſprechen werde; da dies aber nicht geſchah, ſagte er endlich:„Schönheit der Natur, was iſt ſie?— wir finden die Natur ſchön, wenn unſere Gemüthsſtimmung eine ſchöne iſt; im heißen Süden, wie in den Eisgebirgen des Nordens iſt die Natur gleich ſchön, wenn wir uns an der Seite eines geliebten Weſens befinden. Sie ſind es, Lucie,“ fuhr Leo be⸗ geiſtert fort,„die mir dieſe Gegend zu der ſchönſten der Erde, die mir dieſe Stunde zu der ſeligſten meines Lebens macht. Warum ſoll ich zögern, Ihnen zu ſagen, daß ich Sie anbete? Ich habe Sie heute zum erſtenmal geſehen und bald war mein Herz in Liebe für Sie entbrannt; ſie iſt ſchnell ent⸗ ſtanden dieſe Liebe, aber ihre Dauer wird eine ewige ſein! O, werden Sie mein Weib, Lucie! folgen Sie mir auf den Sitz meiner Ahnen, beleben Sie die öden Hallen durch Ihre liebliche Erſcheinung, machen Sie mir auch jene Gegend durch Ihre Gegenwart zum Paradieſe!“ Er faßte ihre Hand und zog ſie an ſein Herz, deſſen Klopfen man hören konnte. Gefühle beſeligender Art floſſen, aus dieſen Worten in Lucien's Bruſt, und rein und einfach, wie ſie war, gab ſie ſich ganz dieſem neuen, ſüßen Eindrucke hin. Aber während ſie ihr ſchönes Haupt an ſeiner Bruſt ruhen ließ, trat plötzlich Roſa's zarte Geſtalt, die braune Augen wehmüthig auf ſie gerichtet, vor ihre Seele, und Erſcheinung der geliebten Freundin erinnerte ſie an Pflichten, die ſie übernommen, an ihren Entſchluß und an 2 ihr Verſprechen, nie die Einſame, die an der Seite eines ungeliebten Gatten ihr ſchönes Leben vertrauerte, zu ver⸗ laſſen. Nein, ſie durfte nicht Leo's Gattin werden, und wie ihr bezaubertes Herz allmählig zur Wirklichkeit zurück⸗ kehrte, da traten bald auch noch andere Bedenken warnend 7 140 vor ihre Seele. Welcher Abſtand, welche Kluft lag zwiſchen ihr und dem Grafen! Würde ſein Vater in ihre Verbindung willigen, würde er den letzten Sprößling ſeines Hauſes, den Stolz ſeines Alters mit einer armen Bürgerlichen verheirathen wollen? Nein, das war nicht möglich, und ihre Erſcheinung konnte nur Unfriede und Unglück in ein Haus, in dem bisher nur Liebe geherrſcht, bringen, mußte den Sohn mit dem Vater entzweien. Wohl widerſtrebten dieſe ernſten Betrach⸗ tungen der in Lucie'n bereits nur zu mächtig gewordenen Hinneigung zu dem mit ſo viel Liebe ihr entgegenkommenden Manne; aber in ihrem fittlich ſtarken Gemüth ſiegten nach kurzem, wenn auch ſchmerzlichem Kampfe die Rückſicht auf das Wohl der Freundin und ihr richtiges Urtheil über die vorliegenden Verhältniſſe. Sie wand ſich ſanft aus ſeinen Armen und ſagte mit leiſer, aber feſter Stimme:„Es mag im Leben wohl öfter geſchehen, Herr Graf, daß uns in einem Augenblicke das höchſte Glück zu Theil wird und im nächſt⸗ folgenden eine eiſerne Nothwendigkeit uns zwingt, ihm zu entſagen. Wir ſcheinen dies Beide gegenwärtig erleben zu ſollen. Warum ſoll ich es Ihnen nicht geſtehen, daß ich nit Freuden die Ihrige würde, aber—“ „Aber, um Gottes Willen, Lucie,“ unterbrach ſie hier der Graf mit Heftigkeit,„was ſollte uns denn trennen?“ „Vor Allem die Verſchiedenheit unſeres Standes, Herr Graf!— Vergeſſen Sie denn Ihre Familie, Ihren Vater?“ „Meinen Vater? mein Vater kann uns nicht entgegen ſeinz er wird Sie lieben, ſobald er Sie geſehen; er will ja nichts als mein Glück!— Indeß— wenn Sie Recht be⸗ halten, ich mich in ihm täuſchen ſollte, nun wohlan— ſo werde ich auch gegen ſeinen Willen zu handeln wiſſen!“ „O,“ ſagte Lucie ſanft,„das ſei ferne! nie treffe mich der Vorwurf, als Friedensſtörerin zwiſchen Vater und Sohn getreten zu ſein. Jedoch— es iſt auch noch ein anderes Hinderniß vorhanden: ich habe heilige Verpflichtungen— dringen Sie nicht weiter in mich, Herr Graf; es würde vergeblich ſein. Seien Sie mein Freund, mein Bruder,“ ſetzte ſie hinzu, indem ſie ihm mit bezauberndem Lächeln ihre Hand reichte. Leo drückte dieſe convulſiviſch, ohne zu antworten, und erſt, als ſich Lucie erhoben hatte und die Anhöhe hinuntereilte, erwachte er aus ſeinem Zuſtande von Betäubung und folgte ihr ſchnell nach. Man fand die ganze Geſellſchaft beſchäftigt, die ſchon längſt Vermißten zu ſuchen, und Roſa flog ihrer Freundin mit dem Rufe:„Mein Gott, wo warſt Du? ich habe mich ſo ſehr um Dich geängſtigt!“ entgegen. —„Nur im Garten war ich, Liebe!— Die Hitze im Saal machte mich krank— Graf Auerbach war mein Begleiter.“ —„Und wie iſt Dir nun?“ „Ganz wohl,“ entgegnete Lucie mit wehmüthigem Lächeln. Am andern Morgen waren Lueien's Wangen bläſſer als ſonſt; ihr Blick trübe, ihre Haltung angegriffen; da ſie aber ſo liebend und hingebend gegen Roſa war, wie immer, 142 ſo bemerkte dieſe nicht die Veränderung, die in ihrer jungen Freundin vorgegangen. Lucie beſaß zu viel Klarheit des Geiſtes, um nicht nach den erſten Momenten der Ueberraſchung ſogleich ihr Ver⸗ hältniß zu Leo zu durchſchauen und den Weg, den ſie ein⸗ ſchlagen mußte, zu erkennen: keineswegs aber war der Graf ihr gleichgültig, es ſchmerzte ſie vielmehr tief ihm entſagen zu müſſen. Zwar kannte ſie ihn kaum; aber ſeine glänzende Perſönlichkeit hatte ſie überwältigt. Folgende Zeilen am Tage nach dem Balle von Lucie'n aufgezeichnet, werden am ſicherſten die Art des Eindrucks, den der Graf gemacht, er⸗ kennen laſſen: „Der Wind fäuſelt in den hohen Erlen und führt mir Grüße aus der Heimath, meinem lieben, ſtillen Dörfchen zu. Ich höre das ſanfte Rauſchen des Waldbachs, wie er unter dem dem dichten Laubdach über knorrige Baumwur⸗ zeln dahinrollt. O, ich kenne ihn wohl, denn manche Stunde habe ich als Kind an ſeinem Ufer im ſchwellenden Graſe geſeſſen und gedankenvoll in ſeine tiefe, blaue Fluth hinabgeſchaut. Dann ſtiegen aus ſeinem kühlen Bette wunderbare Geſtalten, Gebilde meiner Phantaſie, herauf. und darunter oftmals das Bild desjenigen, den ich mir wünſchte zum Genoſſen meiner Jugend, zum Gefährten meines Lebens. Er war ſchön, von hohem Wuchs edeln, ritterlichen Anſehens, mit feurigen, von Liebe flammenden Augen. 143 „Ach, und von dem ich nur träumte in einſamen Stunden, geſtern habe ich ihn geſehen mit leiblichen Augen. Ich erkannte ihn wieder, den Beſucher im Walde, den Ein⸗ wohner des Waldbachs. O, wie bebte mein Herz, als ich in die ſchönen Augen des Ritters blickte, und wie zittert es vor Wonne, als er mir das ſeinige darbot!— Jetzt aber trauert es, denn es mußte entſagen, entſagen aus Pflicht und aus Gründen des beſonnen prüfenden Verſtandes.— So ſind ſie denn alſo zerronnen, die ſchönen Träume mei⸗ ner Kinderjahre, weil ſie Geſtalt gewonnen im Bereiche der rauhen Wirklichkeit. Doch klage nicht, ſei ſtille, mein Herz; dulde und ſchweige, denn Dulden und Schweigen, das iſt das Lvos des Menſchen hienieden; vor Allem aber der Frauen!“ Noch am ſpäten Abend deſſelben Tages kehrte Steineck von ſeiner Reiſe zurück. Roſa erfuhr es ſogleich, und ſie fühlte, daß nunmehr ein entſcheidender Augenblick nahe ſei. Was ſie bei ihrer Ankunft von Marianne vernommen, in Verbindung mit den hämiſchen Bemerkungen, die auf dem Balle ihr Ohr nicht verfehlt hatten, vielleicht nicht verfehlen ſollten: Alles bewies ihr die Nothwendigkeit, ſobald als möglich einen feſten Entſchluß zu faſſen. Sie brachte eine 144 ſchlafloſe Nacht zu. Aber am andern Morgen kleidete ſie ſich früher an als gewöhnlich und ging ſicheren Schrittes hinunter zu dem Grafen. Sie wußte nun, was ſie zu thun hatte. Alfred lag in ſeinem Zimmer, bequem auf einem Di⸗ van ausgeſtreckt, ſeine Chokolade ſchlürfend und in einem Zeitungsblatte leſend. Erſtaunt über Roſa's Eintritt, denn er wußte noch nichts von ihrer Rückkehr, richtete er ſich em⸗ por und ſagte dann lachend:„Nun, iſt es Dir doch endlich in dem kleinen Neſte zu langweilig geworden?“ Roſa antwortete nicht, ſondern trat nahe zu ihm heran, und ihre Hand auf das Polſter des Kiſſens legend, blickte ſie ihn ernſt und ſchweigend an. Steineck konnte den ruhi⸗ gen Blick dieſes Auges nicht ertragen, er ſah zur Erde und ſpielte an ſeiner goldenen Uhrkette. „Es iſt nicht die Sprache, in der Du mich bewillkomm⸗ nen ſollteſt,“ ſagte ſeine Gattin mit leiſer aber feſter Stimme,„und ich befinde mich nicht in der Stimmung, Dir auf eine ſolche Frage zu antworten. Ich habe mit Dir zu reden, Alfred. Du haſt mich um das Glück meines Lebens gebracht, indem Du mich frech belogſt, und mir das Theuerſte entriſſen, indem Du es durch Verläumdung be⸗ fleckteſt. Ja, ſtelle Dich nur befremdet an, ſchon Dein Er⸗ röthen würde Dich verrathen!— Aber ich weiß Alles. Glaubteſt Du denn, daß das Unrecht nie an den Tag kommen, daß Nordeck nie zurückkehren und ſein Eigenthum fordern würde? Beides iſt geſchehen, vor längerer Zeit 145 geſchehen, und die Entdeckung, die mir dadurch ward, ſie war es, die mich nicht länger in Deiner Nähe duldete. Aber das Band, welches uns an einander knüpft, ich glaubte es demungeachtet reſpektiren und erhalten zu müſſen. Ich ſchwieg ſogar vor Dir über das, was ich erfahren, um Dir die Beſchämung zu erſparen.— Nachdem Du gethan, was Du nicht hätteſt ſollen, mußteſt Du mich wenigſtens für den Schmerz, den Du wiſſentlich mir bereitet, zu entſchädigen ſuchen, mußteſt die Gelöbniſſe, die ich vor unſerer Vermäh⸗ lung von Dir empfangen, redlich erfüllen.— Das haſt Du nicht gethan; Du wurdeſt vielmehr mit jedem Tage kälter gegen mich, behandelteſt mich rückſichtslos und ſelbſt roh, verrietheſt mir, daß ich Dir eine Laſt war Doch Nichts von alle dem hätte mich zum Aeußerſten getrieben. Aber jetzt höre ich von den verſchiedenſten Seiten, daß Du Dich nicht ſcheuſt, öffentlich meiner Ehre zu ſpotten; daß Du in⸗ time Beziehungen zu einer Dritten pflegſt und dieſes Ver⸗ hältniß offen zur Schau ſtellſt; daß Du dieſe Dritte mit Huldigungen umgiebſt, die laut vor aller Welt verkünden, daß Du hicht mehr Deinem Weibe angehörſt. So darf nicht länger dieſen Namen führen; hier noch ertragen, hieße mich zur Mitſchuldigen Deines ſittenloſen Wandels machen.— Ich fordere Scheidung von Dir.“ Roſa ſtand vor ihm wie ein Engel der Rache; ihre Wangen glühten von der Aufregung, mit der ſie geſprochen, und ihr Blick haftete noch immer mit demſelben ernſten Ausdruck auf ſeinem Geſichte. 10 146 Steineck war verwirrt, er ſah ſich entlarvt. Freilich verſuchte er erſt noch Gegenbeſchuldigungen, wollte Manches in ſeiner Bedeutung herabſetzen, Anderes abläugnen; aber die einfache Wahrheit war eine Waffe in den Händen ſei⸗ ner Anklägerin, der er unterliegen mußte, und das Reſultat war, daß er in die Scheidung willigte. Eine halbe Stunde ſpäter lag Roſa in Lucien's Ar⸗ men, der ſie das Geſchehene mittheilte, und weinte an dem Herzen des geliebten Mädchens den bittern Schmerz ihres Lebens aus. und ſie wurden geſchieden. Und wieder ſprach die ganze Stadt von ihrer Scheidung, wie einſt von ihrer Ver⸗ mählung, und wieder kümmerte ſich Roſa nicht um das Ge⸗ rede der Leute. Aber nicht wie damals lebte ſie von nun an allein ſich ſelbſt, ſondern auch in und für Lucie, welcher ſich ihr liebebedürftiges Herz immer inniger hingab, wo⸗ gegen dieſe ſie mit aller Kraft ihres frommen, edlen Ge⸗ müths zu tröſten und die Betrübte in dieſer Zeit der Noth aufrecht zu erhalten ſuchte. Roſa hatte beſchloſſen, den Sommer übeti Bade zu verweilen, da ihre Geſundheit durch Wes in der letzten Zeit betroffen, in hohem Grade angegriffen war. Sie überließ den Verkauf ihres Hauſes, in welches ſie nicht wieder zurückkehren wollte, ſo ſchmerzlich ihr auch die Trennung von manchen lieben Räumen deſſelben wurde, einem geſchickten Advokaten.— Es war der letzte Tag vor ihrer Abreiſe. Roſa war ausgefahren, um noch Einiges —— 147 zu beſorgen, und Lucie, die am ganzen Nachmittage mit Räumen und Packen beſchäftigt geweſen, ging, als ſie da⸗ mit fertig geworden, in den Garten, um den ſchönen Abend im Freien zu genießen. Die Erde war von einem ſanften Regen erfriſcht, und die Blumen ſtanden mit den Waſſer⸗ perlen in den Blüthenkronen wie geſchmückte kleine Bräute da. Lucie pflückte Roſa'n ein Sträuschen von den erſten Kindern des Frühlings und wählte dazu die ſchönſten, die ſie nur finden konnte, denn es war ja das Letzte, was ſie aus dieſem Garten erhalten ſollte. Sie ſang dabei in hei⸗ terer Stimmung leiſe vor ſich hin, denn auch ihr war das Herz leichter bei dem Gedanken, nun bald dieſes Haus, in dem ſie ſtets ein drückendes Gefühl beklemmt hatte, zu ver⸗ laſſen. Die Nähe Steineck's war ihr immer unangenehm. Sie kannte ihn zwar nicht näher, und nur ab und zu war ſie ihm im Hauſe und Garten begegnet, doch die Blicke, die er dann jedesmal auf ſie richtete, hatten ſie erſchreckt und geängſtet. Jetzt zwar hatte er das Haus verlaſſen, angeb⸗ lich um auf ſeine Güter zu reiſen, demungeachtet war jenes beklemmende Gefühl noch nicht von ihrer Seele gewichen. Sie hatte ſo eben die letzte Blume, ein Maiglöckchen, zu ihrem Strauße gefügt und neigte ſich nun herab, um einen Grashalm zum Binden zu pflücken, als ſie nahende Schritte vernahm. Unwillkürlich fuhr ſie zuſammen, denn Roſa konnte noch nicht zurück ſein, es war auch nicht ihr leichter, ſchwebender Gang. Schnell ſich aufrichtend, wandte ſie ſich um und erblickte Steineck, der ſich— näherte. 10 148 Die Blumen entſanken faſt ihrer Hand, während ſie die Worte hervorpreßte:„Sie hier, Herr Graf?“ „Ja, und zwar um Ihretwillen, Lucie; nicht ohne Sie kann ich die Stadt verlaſſen!“ Lucie erblaßte, indem ſich Ueberraſchung und Schreck auf ihrem Geſichte malten, und wollte davoneilen. Doch Steineck erfaßte ihre Hand und ſagte in flehendem Tone: „Vergönnen Sie mir nur einen Augenblick, Lucie! Lange ſchon habe ich nach dieſem Augenblick geſchmachtet, um Ih⸗ nen zu ſagen, wie ſehr, wie raſend ich Sie liebe, Sie, die Herrlichſte Ihres Geſchlechtes. Ich habe nie wahrhaft ge⸗ liebt, Sie ſind die Erſte, welcher mein Herz ganz gehört. O, fliehen Sie mit mir; in Frankreich habe ich zahlreiche Verwandte; ich nehme mein ganzes Vermögen mit, und ein glückliches Leben erwartet uns in jenem ſchönen Lande. Laſſen Sie dieſe Roſa, was kann ſie Ihnen bieten, ſie, die ſo klein, ſo armſelig neben Ihrer göttlichen Erſcheinung daſteht!“ Der Ausdruck des Schreckens auf Lucien's Geſicht war in tiefe Entrüſtung übergegangen.„Elender!“ rief ſie aus,„ich verachte Sie!“ Dann bedeckte ſie ihr Geſicht mit den Händen und weinte bitterlich, indem ſie daran dachte, daß Roſa, jenes ätheriſche, liebevolle Weſen, ihr Lebensglück, ihr Jugend an einen ſolchen Mann ver⸗ ſchwendet. „Sie verſchmähen mich?“ ſagte Steineck;„Sie ſtoßen mich von ſich? Aber gleichviel, ich muß Sie beſitzen und 149 —„biſt Du nicht willig, ſo brauch' ich Gewalt!“ Er ſprach die letzten Worte mit gehobener Stimme und funkelnden Augen, indem er einen Arm um ſie ſchlang. Vergeblich widerſetzte ſich Lucie, ihre Anſtrengungen, bei denen die langen goldenen Flechten ſich löſten und über Bruſt und Nacken herabfielen, ſcheiterten an der überlegenen Körperkraft ihres Gegners. Da, horch!— ein leiſes Geräuſch— der Graf ließ im Kampfe nach, und dem gewandten Mädchen gelang es durch eine raſche Bewegung, ſich ſeinen umſchlingenden Ar⸗ men zu entwinden. Mit glühenden Wangen, mit vor Zorn flammen⸗ den Augen eilte ſie dann durch den Garten nach ihrem Zimmer hinauf, wo ſie ihren Thränen freien Lauf ließ. Als ſie ſich ein wenig gefaßt hatte, ordnete ſie ihrauf⸗ gelöſtes Haar und ihren in Unordnung gerathenen Anzug und begrüßte dann ſanft und freundlich wie immer die zurückkehrende Gräfin, der ſie den ganzen Vorfall ver⸗ ſchwieg. Ueber Roſa's Weſen ſchien heute eine heilige Ruhe ausgegoſſen zu ſein; die Aufregung, in der ſie ſich in der letzten Zeit ſtets befunden, war ganz verſchwunden, und ein ſanftes, wenn auch nicht heiteres Lächeln ſchwebte um ihren Mund. „Wollen wir nicht noch ein wenig in den Garten hin⸗ abgehen, liebe Lucie?“ fragte ſie, nachdem ſie ihre Einkäufe 66 150 ausgepackt hatte;„ich möchte wohl von meinen Lieblings⸗ plätzen Abſchied nehmen.“ Lucie gab freundlich ihre Zuſtimmung, obgleich es ihr nicht lieb war, den Ort, wo ſie eben erſt ſo Schreckliches erlebt hatte, wieder zu ſehen. So gingen ſie hinunter, und am Weiher ließen ſie ſich nieder. Sinnend ſchaute Roſa in das tiefe, blaue Waſſer, während ihre ganze Ver⸗ gangenheit an ihrem geiſtigen Auge vorüberzog. Alles, was ſie einſt hier gefühlt und gedacht, tauchte jetzt aus dem Strome der Zeit wieder auf, und vor Allem war es Nordeck's Bild, welches rein und ungetrübt, wie ſie ihn zuerſt geſehen, vor ihre Seele trat. Keine von Beiden ſprach denn auch; Lucien's Gemüth war noch von jenem Vorfalle, den wir kennen, zu tief erregt, um ihre Gedanken auf einen anderen Gegenſtand zu richten. Endlich ſagte ſie:„Es wird kühl, liebe Roſa; die Sonne iſt bereits untergegangen.“ Roſa erhob ſich mit den Worten:„Von dieſem Platze zu ſcheiden wird mir am ſchwerſten— er hat ihn mir ja erhalten.“ Und auf Lucie'n gelehnt, verließ ſie den Weiher, in⸗ dem ſie noch einen von Thränen verdunkelten Blick auf das ſtille, ſchattige Plätzchen darunter zurückwarf.— Grifin, rief ſie fröhlich:„Ach da biſt Du ja Roſa, ſo 151 Es war in der Mitte des Juni und ein heiterer, aber heißer Tag, an dem die Sonne von dem wolkenloſen Him⸗ mel brennend ihre Strahlen auf die Erde herabſandte. Etwas entfernt von dem Badeorte lag auf einem anmuthi⸗ gen Hügel ein hübſches Sommerhäuschen, eine Art kleiner Villa, von hohen Linden, die eine angenehme Kühlung zu⸗ fächelten, beſchattet. Unter einem der herrlichen Bäume lag auf dem ſammetweichen Raſen ein ſchönes, junges Mädchen, vom Schlummer umfangen. Die reichen, blonden Flechten waren herabgeſunken und bildeten aufgelöſt gol⸗ dene Wellen im Graſe; der eine der vollen, blendenden Arme ruhte über dem Haupte, während der andere herab⸗ geſunkene ein Buch, in dem die liebliche Schläferin vorher geleſen hatte, feſt hielt. Die dunkle Wimper hatte ſich auf die von der Hitze des Tages und dem Schlummer hoch ge⸗ röthete Wange geſenkt, während ſich die roſigen Lippen leiſe im Traume bewegten. Jetzt rauſchen die Zweige und eine liebliche, weiße Frauengeſtalt, an deren braunen Locken und ſchwermüthigen langbewimperten Augen wir Roſa erkennen, trat aus dem Gebüſche hervor. Leiſe näherte ſie ſich der Schlummernden, blieb aber dann, in den ſchönen Anblick vertieft, ſinnend vor ihr ſtehen, indem ſie flüſterte:„Wie wunderbar ſchön ſie iſt, meine liebe, liebe Lucies“ und ſie beugte ſich herab und drückte einen leiſen Kuß auf den knospenden, lächelnden Mund. Lucie erwachte und Roſa's Hand ſchnell erfaſſend, als fürchte ſie das Entrinnen der 152 eben träumte ich von Dir,“ dann aber, ſich ſchnell erhebend fügte ſie hinzu:„Nein, wie kann ich nur den ſchönen Tag mit Schlafen verbringen!“ „Das iſt bei der großen Hitze leicht verzeihlich,“ ent⸗ gegnete Roſa lächelnd,„wahrſcheinlich biſt Du beim Leſen eingeſchlafen, aber komm nun hinauf in das kühle Zimmer. Weißt Du, wem ich eben auf meinem Spaziergange begeg⸗ net bin,“ fragte ſie dann, als ſie Arm in Arm die Villa betraten. „Nun,“ ſagte Lucie, indem ſie Roſa'n nicht ohne Er⸗ wartung anblickte.„Erinnerſt Du Dich vielleicht noch des jungen Malers, der uns auf Frau von Lindau's Balle vor⸗ geſtellt wurde?“ „Ich glaube,“ entgegnete Lucie, während eine leichte Wolke ihre Stirn umſchattete, denn eine andere Erſcheinung, deren Erinnerung ſie immer noch ſchmerzlich berührte, war ja mit jenem Abende verflochten. „Nun ihm bin ich begegnet und eine ganze Strecke mit ihm zuſammen gegangen. Er iſt hier, um ſeine Geſund⸗ heit zu kräftigen und auch wohl ſeiner Kunſt in dieſer ſchönen Gegend zu leben. Ich habe ihn gebeten, Dich zu malen.“ „Mich zu malen!“ rief Lucie überraſcht aus. „Nun ja,“ erwiderte Roſa mit wehmüthigem Lächeln, „wer weiß, wie lange ich noch in Deine lieben Augen ſehen kann! dann will ich wenigſtens Dein liebes Bild vor mir haben.“ 153 „Wie Du nur ſprichſt,“ ſagte Lucie gleichſam ver⸗ weiſend. „Es iſt ja gar nicht unmöglich,“ ſagte Roſa, indem ſie ſich zwang in einen ſcherzenden Ton zu fallen,„daß mir nächſtens ein tapferer Ritter mein ſchönes Kind ent⸗ führt.“ „Nein, Roſa,“ rief Lucie, ihre weißen Arme um den Nacken ihrer Freundin ſchlingend,„nein, ich verlaſſe Dich nie, nur der Tod ſoll uns trennen.“ Roſa antwortete nicht, denn zu tief war ſie ergriffen, aber der Blick ihres ſprechenden Auges verrieth die Empfindungen, die in ihrem dankbaren Herzen herrſchten, und doch wußte ſie nicht, was Lucie ihr ſchon geopfert. Schon am nächſten Morgen ſollte Sternthal ſeine Ar⸗ beit beginnen und Lucie ſtand daher, ihn erwartend, auf der Terraſſe, von der aus man einen weiten Blick über die Gegend hatte. Sie war einfach in Weiß gekleidet, nur eine blaue Winde, die Roſa von ihrem Morgenſpaziergange mitgebracht hatte, war durch ihre ſonnigen Flechten ge⸗ ſchlungen.„Ich glaube, er tritt jetzt aus jener Allee her⸗ aus,“ ſagte Roſa, indem ſie ihre Stickerei fortlegte und an das Fenſter trat. „Ja, er iſt es,“ erwiderte Lucie,„ſo eben kommt er den Hügel herauf, er wird gleich hier ſein,“ und ſie verließ ſchnell den Balkon. Jetzt wurde die Klingel gezogen und gleich darauf ſtand der junge Maler erröthend, verlegen vor den beiden 154 ſchönen Damen. Bald jedoch war man in ein gemüthliches Geſpräch gerathen, zu dem beſonders die ſchöne Gegend reichen Stoff bot und Roſa fragte, wo es am beſten wäre, das Gemälde zu beginnen. „Ich glaube, auf der Terraſſe iſt die Beleuchtung am ſchönſten,“ ſagte Hermann, und ſo traten ſie hinaus, um hier die nöthigen Vorkehrungen zu treffen. Nachdem dies geſchehen, nahm Lucie ihren Sitz ein. Sie lehnte ſich mit dem einen Arm auf das Gitter und neigte das Haupt ein wenig, wie in Nachdenken verſunken, auf die Seite, ſo daß die äußerſten Ranken der Blume ſpielend über ihre Schul⸗ tern glitten, während ihre Augen träumeriſch in die Ferne blickten. So ſaß ihr denn Hermann gegenüber, ihr, deren Bild in ſeinem Herzen thronte! ſo nahe und doch wieder ſo unerreichbar ſah er ſie vor ſich, ſeine Hände zitterten, und kaum vermochte er die ſeelenvollen Züge auf die ſtarre Lein⸗ wand zu übertragen. Hermann Sternthal war früh ſeines Vaters, der Pro⸗ feſſor an der Univerſität in der Hauptſtadt geweſen, beraubt worden, und ſeine Mutter, eine ſanfte, fromme Frau, hatte nun mit aller Liebe für ſeine Erziehung und die Entwicke⸗ lung ſeiner Talente geſorgt, vor Allein aber ihren frommen, demüthigen Sinn ihm einzupflanzen geſucht. Aber bald wurde ihm auch dieſe liebende Führerin durch den Tod entriſſen, ein edler Mann, der ſeine Gattin und ſein einziges Kind zugleich verloren hatte, nahm den verwaiſten Knaben zu ſich, ließ ſeine Erziehung fortſetzen und ſorgte * 155 beſonders für die vollſtändige Ausbildung ſeines herrlichen Talentes für die Malerei. Zum Jüngling herangereift, wollte Hermann ſeinem Wohlthäter für ſeine Liebe vergel⸗ ten, als dieſer bei der Rettung eines Verunglückten ſein Leben verlor. Da er ſo plötzlich und ohne Teſtament ge⸗ ſtorben war, fiel ſein großes Vermögen ſeinem Bruder, einem geizigen Hageſtolz, zu, und wieder ſtand Hermann allein und mittellos in der Welt. Seine Kunſt, die er bis⸗ her nur zum Vergnügen geübt hatte, mußte ihm nun ſeinen Unterhalt gewähren; aber manche ſchmerzliche Erfahrung hatte ſein glühendes, unerfahrenes Gemüth noch zu machen, ehe es ſich an dieſe bittere Nothwendigkeit gewöhnte. Eine tiefe Trauer überkam ihn oft, wenn er ſich ſo ganz einſam in der Welt ſah, und ihn ergriff eine mächtige Sehnſucht nach einem Weſen, dem er die innerſten Gefühle ſeines Herzens anvertrauen könnte, das empfünglich für den ho⸗ hen ſchwärmeriſchen Flug ſeines Geiſtes wäre.„Sie iſt es,“ ſagte eine Stimme in ſeinem Buſen, als er Lucie zu⸗ erſt erblickte,„ſie beſitzt Alles, wonach du dich ſehnſt,“ und ihr Bild prägte ſich tief in ſeine für alles Schöne em⸗ pfängliche Seele. Abey alsbald ſah er einen Andern be⸗ vorzugt, und wäre dies auch nicht der Fall geweſen— was hatte er der Herrlichen zu bieten, welche Hoffnung durfte er ſich machen, ſie jemals ſein zu nennen?— Nein, er durfte ſeiner Liebe zu ihr nicht weiter Rageben, er mußte die Erinnerung an ſie aus ſeiner eele reißen, und um dieſen Kampf leichter führen zu können, um, weit von 156 ihr entfernt, allein auf ſeine Studien angewieſen zu ſein, zog er ſich in dieſe ſchöne Gegend zurück. Und gerade hier führte ſie das Schickſal wie durch ein Wunder zuſammen; während einer Reihe von Tagen mußte er nun ſtundenlang die geliebten Züge auf die Leinwand und immer tiefer in ſeine Seele zeichnen, den Blick des klaren, großen Auges ertragen! Er vermochte dem nicht zu widerſtehen, und die kaum vernarbte Wunde brach von Neuem auf. Und nicht nur des Morgens ſah er Lucie, ſondern er begleitete die beiden Freundinnen auch häufig des Abends auf ihren Spaziergängen. Roſa und Lucie ſtanden an ihrem der⸗ maligen Aufenthaltsorte ganz vereinzelt da, ſie hatten ſich an Niemand näher angeſchloſſen, und da auch Hermann, der nie Zerſtreuungen und Geſellſchaften ſuchte, allein auf ſich angewieſen war, ſo machte ſich das Zuſammenhalten dieſer drei gegenſeitig harmonirenden Menſchen ganz von ſelbſt. Sie gingen mit einander die einſamſten, von Nie⸗ mand beſuchten Wege, und abgeſchloſſen von dem geräuſch⸗ vollen Treiben der Uebrigen, fühlten ſie ſich immer inniger zu einander hingezogen. In den traulichen Geſprächen, die dann geführt wurden, in dem gegenſeitigen Austauſche der Gedanken und Empfindungen hatte Lueie Gelegenheit, tiefere Blicke in Hermann's ſchönes, begeiſtertes Gemüth zu thun. Hermann war eine jener Perſönlichkeiten, die nicht ſchnell bei dem erſten Zuſammentreffen mit ihnen durch den imponirenden Eindruck ihrer Erſcheinung die Herzen erobern, ſondern langſam, aber um ſo dauernder durch die 157 allmälige Entfaltung ihrer tiefer gelegenen Vorzüge für ſich einnehmen. Und indem Lucie täglich in Sternthal's Geſellſchaft war, auf ſeine Unterhaltung hörte und ſich über den Einklang ihrer Seelen zu freuen Gelegenheit be⸗ kam, gewann ſie ihn lieb, ohne es zu bemerken. Sie fühlte ſich wohl in ſeiner Gegenwart, ſie trauerte, wenn er einen Abend ausblieb, und die vielen kleinen Aufmerkſamkeiten, die er ihr bewies, machten ihr Freude. Wie ſehr ſie ihm bereits zugethan war, als ſie es ſelbſt noch nicht wußte, können wir aus der folgenden Stelle ihres Tagesbuches entnehmen: „Geſtern gingen wir Drei wieder unſeren ſtillen Gang durch die ſchöne Natur. Der Abend war mild, die Sonne eben untergegangen und der Mond ſtieg im röthlichen Scheine am öſtlichen Horizont empor. Schweigend ging ich neben Roſa und Sternthal, und während Beide ſich un⸗ terhielten, ſtellte ich einen Vergleich zwiſchen Hermann und Lev an. Es war das erſte Mal, daß ich an Beide zugleich dachte, und ich wundere mich noch jetzt darüber, wie ich ge⸗ rade auf dieſe Zuſammenſtellung verfallen konnte. Aber der Vergleich fiel— eigentlich gegen meinen Willen— zu Gunſten des Erſteren aus. Hermann vekeinigt in ſich edle Männlichkeit mit tiefem Gefühle, das oft ſogar in Schwär⸗ merei übergeht, wodurch er aber nur um ſo anziehender wird. Während ich ſo in meinen Betrachtungen vertieft war, ſtand Roſa plötzlich ſtill und rief:„Hier ſind wir am Wieſenbache und können nicht weiter. Wie ſchade! ich 158 wäre ſo gern noch auf jene andere Seite des Baches hinüber gegangen, aber bis zum Stege iſt es zu weit.“—„Er⸗ lauben Sie wohl, daß ich Sie hinübertrage?“ fragte Her⸗ mann mit ſchnellem Entſchluſſe, doch ſchon im nächſten Augenblicke erröthend über die Kühnheit ſeines Anerbietens. Es ſtand ihm ſchön dies Erröthen, während ſich der Mond in ſeinem ſchwärmeriſchen blauen Auge ſpiegelte. „Roſa nickte nur mit einem anmuthigen, ihr eigenen Lächeln, und ſeinen Arm um ihre zarte Geſtalt ſchlingend, trug nun Sternthal ſeine ſchöne Laſt hinüber. Dann kehrte er zurück, um auch mich zu holen. Wie ſorgſam durchſchritt er das Waſſer!— meine herabhängende Hand berührte die ſeinige, und ich fühlte einen leiſen Druck der⸗ ſelben, als er mich ſanft niederließ. Ich erröthete, und nur der Schatten der Bäume, in welchen wir jetzt traten, ver⸗ barg meine Verlegenheit. Wir gingen nun an dem Ufer des leiſe murmelnden Baches dahin, während vor uns die ganze mondhelle Landſchaft in eigenthümlichem Zauber lag. Hermann ſprach mit Begeiſterung von der Schönheit der Natur und von der Größe und Allgewalt ihres Schöpfers, und Roſa und ich ſtimmten ein in ſeine Bewunderung und Anbetung. So erreichten wir den Steg, der nach der an⸗ deren Seite zurückführte. Roſa ging zuerſt hinüber, und während Sternthal und ich folgten, bückte ſich jener plötz⸗ lich, um ein gm Ufer blühendes, vom Monde beleuchtetes Vergißmeinnicht zu pflücken, und es mir überreichend, ſagte er leiſe, faſt traurig:„Gedenken Sie bei ſeinem Anblicke 159 dieſes mondhellen Abends, der der ſchönſte meines Lebens war.“— Ich habe es aufbewahrt; aber ich weiß nicht, ſo oft ich es anſehe, muß ich weinen, denm es erinnert mich ſtets an das, was ich eigentlich vergeſſen ſollte.“— Wenige Tage nach dieſem Spaziergang ſaßen Roſa und Lucie an einem herrlichen Abend am offenen Fenſter. Die goldenen Strahlen der untergehenden Sonne zitterten auf den Blättern der Linde, und mit dem Luftzuge ſtrömte der balſamiſche Duft der Lindenblüthe herein. Es herrſchte eine feierliche Stille in der ganzen Natur. „Ach, Lucie,“ ſagte Roſa, nachdem ſie ſchweigend eine Weile den herrlichen Anblick vor ihnen genoſſen hatten, „bitte, ſinge ein wenig, Geſang paßt gerade zu meiner jetigen Stimmung.“ „Ich wollte es ſo eben ſelbſt thun,“ erwiderie Lucie, indem ſie ſich erhob und das Pianoforte öffnete. Sie ſchlug einige leiß Accorde an und ſang dann: Es nahet prächtig der Erde Der Frühling voll Blumen und Duft,& Es blühen die Fluren und Felder, Es ſchallt von Geſängen die Luft. 160 Zu frühe ſcheidet der Holde, Verläßt die Gottesnatur, Vergeblich mögen wir ſuchen, Verloren iſt ſchnell ſeine Spur. Doch ſchöner und herrlicher kehret Im folgenden Jahr er zurück, Und wieder erfreu'n und bezaubern Die Blüthen und Blumen den Blick. Dem Frühling gleichet die Liebe, Sie ziehet in's Herz hinein, Sie treibet der Blüthen ſo viele So himmliſch, ſo duftend und rein. Es klingen dann Töne im Buſen, So fremd uns und doch ſo bekannt, Es iſt uns, als kämen ſie leiſe Aus fernem und ſchönerem Land. Der Frühling wohl kehret ſtets wieder, Die Lieb' uns nur einmal durchglüht, Doch dann auch für immer ſie bleibet Und ewig im Herzen ſie blüht. Lucien's Stimme klang heute melodiſcher, ihr Geſang gefühlvoller, bezaubernder als ſonſt. Ihre Wangen glühten höher; in ihren Augen ſtrahlten die Gefühle ihres Herzens wieder, und die untergehende Sonne umgab ihr Haupt wie mit einem Heiligenſchein. Hermann war geräuſchlos während des Geſanges ein⸗ 161 getreten; er ſtand in ihren Anblick vertieft da, während ſeine Lippen wiederholten: „Doch dann auch für immer ſie bleibet Und ewig im Herzen ſie blüht.“ Erſt Roſa's freundliche Stimme erweckte ihn aus ſeiner Träumerei.„O, wie glücklich iſt doch der zu preiſen, der ſingen kann!“ rief er begeiſtert aus,„es iſt das hezrlichſte aller Talente.“ „Wollen Sie auch noch dieſe Gabe beſitzen?“ fragte Roſa lächelnd,„genügt Ihnen Ihr herrliches Malertalent nicht, wollen Sie das ſo gering ſchätzen?“ „Der Geſang übertrifft die Malerei weit,“ erwiderte Hermann lebhaft,„r iſt die ſchönſte aller Kunſtproduktionen.“ „Und die Dichtkunſt?“ fragte Lucie. „Sie iſt die Schweſter des Geſanges,“ entgegnete Hermann,„doch Sie erinnern mich an das herrliche Gedicht, das Sie ſangen, wer iſt der Verfaſſer deſſelben?“ Lucie warf einen bedeutungsvollen Blick auf Roſa, doch dieſe, welche leicht erröthete, ſagte ausweichend:„Es iſt wirklich Zeit, daß wir gehen, die Sonne iſt bereits unter⸗ gegangen.“ „Ja, ſonſt genießen wir den ſchönen Abendnicht genug,“ erwiderte Lucie, indem ſie ihren runden Gartenhut auf's Haupt drückte. Und ſo gingen ſie heute wieder, ernſter, feierlicher als ſonſt geſtimmt, ihren„ſtillen Gang durch die Natur,“ wie Lucie es nannte. 11 162 Juni und Juli verflo ſſen den drei liebenswürdigen Menſchen in einträchtigem Stillleben. Lucien's Bild war ſehr vorgerückt und ſeiner Vollendung nahe. Roſa und Lucie ſaßen eines Abends mit einer Handarbeit beſchäftigt im Balkonzimmer, denn Hermann war heute nicht wie ge⸗ wöhnlich gekommen, ſie zum Spaziergange abzuholen. Drau⸗ ßen herrſchte eine undurchdringliche Finſterniß, und der Regen plätſcherte langſam und monoton auf die Terraſſe nieder. „Morgen wird alſo Herr Sternthal Dein Bild vollen⸗ den?“ fragte Roſa nach einigem Stillſchweigen. „Ja, morgen,“ entgegnete Lucie;„es iſt nur noch wenig daran zu thun; er hätte es ſchon heute vollenden kön⸗ nen, aber er wollte mich nicht zu ſehr anſtrengen.“ Es iſt wirklich außerordentlich getroffen,“ bemerkte Roſa;„„man ſieht, daß es mit Liebe und Begeiſterung gemalt worden iſt.“ Lucie erröthete leicht und ſagte nach einer Pauſe: „Weißt Du, daß ich mich gar nicht werde daran gewöhnen können, Herrn Sternthal nicht wie ſonſt alle Morgen zu ſehen,“ und ſie warf einen ſprechenden Blick nach der ihr ſchon ſo lieb gewordenen Terraſſe hinaus. „Ich auch nicht,“ erwiderte Roſa lebhaft;„ſeine Ge⸗ genwart iſt auch mir faſt Bedürfniß geworden. Aber wenn auch Herr Sternthal nicht mehr des Morgens kommt, ſo wird er uns doch hoffentlich noch recht oft des Abends be⸗ ſuchen.“ 163 Lucie antwortete nicht, ſondern fuhr eifrig fort zu ar⸗ beiten. Aber ſpäter ſaß ſie noch lange allein in ihrem. Schlafzimmer, den Kopf in die Hand geſtützt, und blickte hinaus in die dunkle, ſtürmiſche Nacht. Sie weinte. Jetzt, da ſie eine Trennung vorausſah, die, da der Sommer ſich ſeinem Ende zuneigte, erfolgen mußte, fühlte ſie deutlich, wie theuer ihr Hermann bereits geworden war. Seiner Gegenliebe war ſie dabei gewiß, denn, obgleich nie ein Wort in dieſer Beziehung über ſeine Lippen gekommen, ſo hatte ſie doch in ſeinen Blicken geleſen und wußte ſein ganzes Benehmen gegen ſie gar wohl zu deuten. Sie hatte den Grafen Auerbach geliebt; ſeine ſchöne Geſtalt, ſein männ⸗ liches, feuriges Weſen hatten ihr imponirt, aber es war eben nur ſeine Außenſeite, die ſie angezogen hatte: hier aber liebte ſie den inneren Menſchen, den ganzen Menſchen, und ſie fühlte tief, daß die Trennung von Hermann für immer eine Wunde in ihrem Herzen, eine Leere in ihrem Leben zurücklaſſen würde. Doch es war nicht Lucien's Art, ſich bloß durch Herzensneigungen beſtimmen und dauernd von dem Pfade, den ſie als den gebotenen erkannt hatte, ablenken zu laſſen. Das der Freundin gegebene Verſprechen treulich zu erfüllen, hörte nicht auf, ihr als heilige Pflicht zu er⸗ ſcheinen; Roſa, die ihrer Liebe ſo würdig als ihres Bei⸗ ſtandes unausgeſetzt bedürftig war, aus ſelbſtſüchtigen Rück⸗ ſichten zu verlaſſen, kam ihr unverzeihlich vor. Sie flehte Gottinnig um Kraft und Beiſtand in dieſem ſchweren Kampfe zwiſchen ihrer Liebe und ihrem Gewiſſen an, und als ſi 15 164 nach einer halben Stunde ihr Haupt erhob, beſchien der Mond, der aus zerriſſenen Wolken blickte, ihr klares, from⸗ mes, beruhigtes Antlitz. Am nächſten Morgen ſtand Lucie ſchon lange auf der Terraſſe und blickte, auf das Gitter gelehnt, ſpähend in die weite Gegend hinaus, ohne Hermann zu entdecken, der heute länger als gewöhnlich ausblieb. Endlich erſchien er; ſeine ſonſt blaſſen Wangen waren lebhaft geröthet, ſeine Augen leuchteten, ſein ganzes Weſen prägte eine außerordentliche Erregtheit aus. Er ſetzte ſich an die gewohnte Arbeit nieder und ergriff den Pinſel, doch ſeine Hände zitterten, er ver⸗ mochte nicht zu malen. „Mein Gott, was iſt Ihnen,“ fragte Roſa, die neben ihm ſtand, beſorgt. „Ja, ich bin heute allzu ſehr aufgeregt, ich muß mich erſt ſammeln,“ ſagte Hermann, indem er mit der Hand durch die braunen Locken fuhr;„denken Sie nur,“ ſetzte er nach einer Pauſe hinzu,„der Bruder meines Pflegevaters iſtgeſtorben und hat mir ſein großes Vermögen hinterlaſſen!“ Hermann ſprach dies mit einem Enthuſiasmus, der Jedem, der ſeinen uneigennützigen Charakter kannte, hätte ſonderbar erſcheinen müſſen. Auch Roſa'n, ſo ſehr ſie ſelbſt von dieſer Nachricht überraſcht war, fiel ſeine Begeiſterung auf, ſie kannte ja nicht den wahren Grund derſelben; Lucie aber ahnte ihn, denn ein Blick, der dem ihrigen begegnete, errieth ihr, was in Hermann vorging und ſie ſah erröthend zur Erde, als ſie ihren Glückwunſch mit dem Roſa's vereinigte. 5 165 Nachdem ſich der junge Maler gefaßt hatte, begann und vollendete er ſeine Arbeit. Das Bild war wirklich außerordentlich ähnlich und man ſah es ihm an, wie Roſa ganz richtig geſagt hatte, daß es mit Liebe gemalt worden. Die Augen beſaßen jenen lebhaften Ausdruck, das Geſicht jene Friſche, jenen Reiz, den der Maler nur dann trifft, wenn er mit Begeiſterung ſeine Arbeit vollbringt. Und bei Niemand war dies wohl jemals mehr der Fall geweſen, als bei Hermann, welcher Lucie mehr aus ſeiner Seele, in welche ihr Bild mit glühenden Farben geprägt war, als nach der Wirklichkeit gemalt hatte. „Nun, wollen Sie heute zum letzten Male nicht etwas länger bleiben, Herr Sternthal?“ ſagte Roſa herzlich, als Hermann, nachdem er ſein Werk vollendet hatte, ihr die Hand zum Abſchied reichte.„Ich dachte, Sie ließen es ſich heute gefallen, mit uns in der Fliederlaube oder auf der Terraſſe zu Mittag zu eſſen!“ Man ſah es dem Maler an, wie ſchwer es ihm wurde, dies Anerbieten abzulehnen. Doch nach einem kurzen Zögern ſagte er:„So gern ich auch von Ihrer Freundlichkeit Ge⸗ brauch machte, gnädige Frau, ſo iſt es mir doch nicht möglich. Geſtern, gleich nach jener freudigen Nachricht, erhielt ich den Beſuch eines lieben Freundes, den ich lange nicht geſehen habe und, da er mich ſchon morgen früh wieder verlaſſen wird, ſo muß ich ihm dieſen ganzen Tag ausſchließend widmen und kann ihn unmöglich länger allein laſſen.“ — 166 „Nein, das geht nicht,“ erwiderte Roſa;„aber,“ ſetzte ſie mit ihrer gewöhnlichen Herzlichkeit hinzu,„da giebt es ja einen Ausweg: Sie bringen Ihren Freund mit! es wird mir Freude machen, Sie beide bei uns zu ſehen.“ „O, ich danke Ihnen,“ rief Hermann begeiſtert und eilte dann mit freudeſtrahlendem Geſichte davon, ſeinen Freund zu holen.— „Ich glaube, jetzt kommen ſie,“ äußerte Lucie einige Zeit ſpäter, als ſie am Fenſter ſtand und hinausblickte. „Ich ſehe Niemand,“ ſagte Roſa, indem ſie zu ihrer Freundin trat und über deren Schulter ſchaute. „Sie ſind auch bereits eingetreten,“ entgegnete Lucie, „der Fremde kam mir ſo bekannt vor, doch weiß ich nicht, wer er iſt.“ „Vielleicht,“ ſagte Roſa,„haſt Du ihn irgendwo ge⸗ ſehen und—“ Sie wurde durch das Mädchen, welches den jungen Maler meldete, unterbrochen und gleich darauf trat Hermann ſelbſt, begleitet von einem ernſten, ſchönen Mann, herein. Roſa blickte ihn an, ſein Auge traf das ihrige— ſie wurde erſt todtenbleich, dann dunkelroth und hielt ſich an einem Stuhle, um nicht umzuſinken, denn der Fremde war— Nordeck!— Auch Walther wechſelte die Farbe, denn er ahnte das Zuſammentreffen nicht im entfernteſten. Gertrud war jetzt auf einige Zeit mit der Gräfin von Perlberg in der Reſidenz und Walther dorthin gereiſt, um ſie zu ſehen; er war nur einige Tage dort geblieben und hatte ſorgfältig 167 Alles, was Roſa betraf, unberührt gelaſſen. Auf ſeiner Rückkehr beſuchte er Hermann, den er ſchon ſeit ſeiner erſten Jugendzeit kannte, und nun ſeit mehreren Jahren nicht geſehen hatte. Und ihm nun ſchüttete Hermann ſein volles⸗ Herz aus, vergaß aber über die Begeiſterung ſeiner Liebe zu Lucien ganz Roſa und erwähnte nur, daß Fräulein Waldau mit einer jungen Gräfin zuſammenlebe. So mußte Walther, ohne es zu ahnen, Roſa wiederſehen. Jetzt noch in der Lage der Dinge etwas zu ändern, war es zu ſpät und beide mußten ſich faſſen. Die Unterhaltung bei Tiſche fiel faſt ganz Lucie'n zu, da Hermann zu ſehr mit ſeinen Gedanken beſchäftigt war, um viel ſprechen zu können, und auch Roſa und Nordeck, überraſcht von dieſem plötzlichen Wiederſehen, ſich ſchweigend einander gegenüber ſaßen. So führte denn Lucie faſt immer allein das Wort und wirklich zu ihrem großen Ruhme. Aber auch ſie wurde zuletzt ſtiller, ſie ſchien über Etwas nachzudenken. Roſa's Verle⸗ genheit bei Walther's Anblick war ihr nicht entgangen; ihr jetziges Schweigen fiel ihr noch mehr auf und ſie ahnte den Zuſammenhang. Roſa hatte zwar nie zu ihr von Nordeck und ihrer unglücklichen Liebe geſprochen— ſie bewahrte dies Geheimniß im tiefſten Grunde ihres Herzens—, aber Lucie mit ihrem ſcharfen Verſtande hatte bald erkannt, daß Roſa's Kummer nicht allein dem unglücklichen Verhältniß zu ihrem Gemahle, den ſie ja nicht liebte, ſondern wohl noch früheren Ereigniſſen zugeſchrieben werden müſſe; doch hatte ſie zartfühlend nie in dieſes Geheimniß zu dringen geſucht. Heute nun ſchien ſich ihre Vermuthung zu beſtätigen, denn jedenfalls mußte Roſa ſchon früher mit dem ſchönen Fremden in nahe Berührung gekommen ſein. Und wie Lucie ſie nun nachdenkend betrachtete, glaubte ſie in Roſa's Mienen den Wunſch, mit ihm allein zu ſein, zu leſen, oder ſie bildete es ſich auch nur ein— kurz, nach einiger Ueber⸗ legung erhob ſie ſich und ſagte:„Da Sie heute vielleicht zum letzten Male hier ſind, Herr Sternthal, ſo kann ich nicht umhin, Ihnen, bevor Sie gehen, den herrlichſten Entwurf zu einer Landſchaft zu zeigen, den es geben kann. Vor einigen Tagen habe ich einen Punkt entdeckt, von dem aus man einen entzückenden Ueberblick der ganzen Gegend ge⸗ nießt; Sie könnten dieſen gewiß auch ſchnell ſtizziren. Nicht wahr, Du, liebe Roſa und Sie, Herr Prediger, werden uns nicht zürnen, wenn wir Sie auf einen Augenblick ver⸗ laſſen; wir werden uns beeilen ſogleich wieder hier zu ſein.“ Roſa ſah überraſcht und verlegen aus und wollte eine Einwendung machen, aber Hermann, entzückt darüber, end⸗ lich einmal allein mit Lucie'n zu ſein, hatte ſich ſchon erhoben und ſeinen Hut ergriffen; auch Lucie war in kurzer Zeit zum Gehen bereit und beide verabſchiedeten ſich nun mit einem freundlichen Gruße.— Hermann folgte Lucien, deren reizende Geſtalt vor ihm auf dem ſchmalen Pfade zum Berge hinauf eilte und nur zuweilen ſtillſtand, um ihm einige Bemerkungen über den Weg zuzurufen oder Blumen zu einem Strauße für Roſa 169 zu ſammeln. Hermann ſprach nicht viel, er ſchien in Nach⸗ denken vertieft zu ſein und folgte Lucie'n ſo langſam, daß bei einer Krümmung des Weges ihm nur noch das zurück⸗ flatternde weiße Kleid ſeiner Führerin die Richtung, die dieſe genommen, verrieth. Nun jedoch beſchleunigte er ſeine Schritte, und nachdem er Lucien erreicht hatte, ging er, da der Pfad jetzt breiter wurde, an ihrer Seite, indem er fol⸗ gendes Geſpräch begann: „Werden Sie den Winter in der Reſidenz zubringen, mein Fräulein?“ „Nein, wir werden nach B. zurückkehren, um es nicht wiederzu verlaſſen. Werden Sie in der Hauptſtadt bleiben?“ „Auch nicht, wenn Sie nicht dort ſind, ich werde ſchon in einigen Tagen auf ein Gut, das meinem Pflegevater gehörte und das äußerſt reizend gelegen iſt, reiſen. Ich habe es ſehr lieb, da ich dort den ſchönſten Theil meiner Jugend verlebte.“— Es erfolgte eine Pauſe, welche Lucie, als ſie bald darauf unter ſchattige Bäume traten, ihren Hut, der ihr läſtig zu werden begann, abnehmend, durch irgend eine ſcherzhafte Bemerkung unterbrach. „Nun find wir gleich am Ziele,“ ſagte ſie ſpäter, indem ſie ſchneller vorwärts eilte. „Wie wild und romantiſch es hier wird,“ bemerkte Sternthal,„nur ſelten ſcheint ein menſchlicher Fuß hierher gedrungen zu ſein.“ 3 170 „Vielleicht nur der meinige,“ erwiderte Lucie lächelnd; aber indem ſie ſich bemühte, einen Aſt zurückzubiegen, blieb eine Flechte ihres Haares daran hängen, löſte ſie auf und rollte in goldenen Wellen über ihren Nacken herab. „O bleiben Sie ſo, laſſen Sie dieſes goldene Haar ungefeſſelt,“ rief Hermann bittend, als ſie erröthend ihre Flechten ordnen wollte. Lucie lächelte wieder und trat nun mit ihrem Begleiter auf einen freien Platz auf der Höhe des Berges, der ſich ſchroff in die Tiefe ſenkte, hinaus und ein überraſchend ſchöner Anblick bot ſich ihnen dar. „Iſt dies nicht der Mühe des Heraufſteigens werth, iſt dieſe Ausſicht nicht unvergleichlich?“ rief Lucie, indem ſie ſich an eine majeſtätiſche Eiche, die ihre Zweige weit hinaus erſtreckte, lehnte und in die lachende Ebene ſchaute. Doch Hermann vergaß, in ihr verſenkt, die ſchöne Natur um ſich her; ſeine Augen hafteten mit einem begeiſterten und dennoch ſchmerzlichen Ausdruck nur auf ihrer lieblichen Geſtalt. Ihre Wangen waren lebhaft geröthet und ihre Augen ſtrahlten im vollſten Sinne des Wortes Licht und Leben aus. Sie glich, wie ſie mit der Hand in die Ferne deutete und der Wind mit ihren langen, goldenen Haaren ſpielte, einer Fee des Waldes, dis den Wanderer hier in dieſe wild roman⸗ tiſche Gegend geführt hat, um ihm, von ihrem Schloſſe aus, ihr ganzes, weites Reich in ſeiner vollſten Schönheit zuzeigen. 171 „Aber woran denken Sie,“ fragte Lucie endlich ſanft, daß Hermann, in ſich gekehrt, die geſammte Außenwelt ver⸗ geſſen zu haben ſchien. Hermann ſtrich mit der Hand über die Stirn und blickte verlegen zur Erde, dann, jedoch ſich faſſend, ſagte er ihr nähertretend mit Trauer:„Anunſere nahe Trennung, Lucie!“ „O warum gerade jetzt,“ erwiderte Lucie, indem ſie dieſe Wendung des Geſprächs abzuſchneiden ſuchte;„warum wollen Sie dieſen Augenblick nicht ganz rein, ganz ungetrübt, wie er ſich uns darbietet, genießen?“ „Weil ich nicht kann,“ ſagte Hermann mit gepreßter Stimme,„weil ich beſtändig daran denken muß, wie ganz unmöglich es mir fortan ſein wird, glücklich zu bleiben.“ Seine Augen begegneten denen Lucien's, die theilneh⸗ mend auf ihn gerichtet waren. Ermuthigt durch dieſes Zeichen von Mitgefühl, richtete er ſich plötzlich auf, ſeine Augen leuchteten, und ihre Hand ergreifend, rief er aus:„O jetzt, da es noch Zeit iſt, jetzt, da wir noch nicht getrennt ſind, laß mich Dir ſagen, Du Herrliche, Erhabene, wie unendlich ich Dich liebe, wie ich Dich mehr liebe als mich ſelbſt, als mein Leben!“ Es lag Hermanns ganzes Weſen in dieſen wenigen Worten, es lag darin das tiefe Gefühl ſeines begeiſterten Herzens, das Lucie faſt wie ein höheres Weſen verehrte, das kaum wagte, um ihre Liebe zu flehen. Dann neigte er ſein Haupt auf ihre Hand herab, wie erſchreckt über ſeine Kühn⸗ heit, oder als erwarte er ſein Urtheil. 172 „O meine Ahnung,“ flüſterte Lucie, indem ſie ihre Hand auf ihr hoch klopfendes Herz preßte,„warum mußte es denn ſo kommen?— Hermann,“ ſagte ſie dann ſanft, „ach, auch ich liebe Dich ſo heiß, ſo innig, doch ich kann nicht die Deine werden. Ich kann, ich darf Roſa nicht ver⸗ laſſen, ohne mich würde ihr an bitteren Erfahrungen ſchon ſo reiches Leben, jedes Glückes, jeder Freude beraubt ſein.“ Es erfolgte eine Pauſe und man konnte in der tiefen Stille ringsumher faſt das Athemholen Beider hören. Dann aber, ſein geſenktes Haupt emporrichtend, blickte Hermann Lucie klar in die Augen, indem er leiſe ſagte:„O Lucie, wenn aberRoſa einſt Deiner Hülfe nicht mehr bedürfen ſollte, Du dann vielleicht ſelbſt allein in der Welt daſtehſt, willſt Du dann in meinen Armen, an meinem Herzen, deſſen Ge⸗ fühle für Dich ſtets dieſelben bleiben werden, einen Zufluchts⸗ ort ſuchen?“ „Wenn Du mich dann noch haben nilſt—“ flüſterte Lucie wehmüthig lächelnd. Er ſchloß ſie in ſeine Arme und preßte ſie an ſeine Bruſt. Nichts ſtörte die feierliche Stille dieſes heiligen Augenblicks, während Lucie unter Thränen zu ihm aufblickte. „Und gehören wir einander nicht an, auch wenn wir äußerlich getrennt ſind?“ ſagte ſie;„können wir nicht glück⸗ lich ſein im Bewußtſein unſerer gegenſeitigen Liebe und iſt die geiſtige Gemeinſchaft nicht die reinſte, die herrlichſte, die zwei Weſen verbinden kann?“ 173 „O Lucie, wie glücklich Du mich machſt,“ rief Hermann begeiſtert aus,„wie groß, wie herrlich biſt Du!“ „Darum laß uns im Kampf des Lebens ſtandhaft ausharren,“ fuhr ſie fort;„er wird uns leicht werden im Hinblick auf die Zukunft, im beglückenden Gefühle unſerer Liebe, im Bewußtſein, daß wir recht, daß wir ſo handeln, wie es uns der Heiland gelehrt hat.“ Und ſo verließen ſie tief ergriffen den einſamen, ſchönen Platz. „Ich möchte, daß kein Anderer nach uns dieſe geweihte Stelle beträte.“ ſagte Lucie, einen wehmüthigen Blick zurück⸗ werfend. Hermann hatte ſie verſtanden und erwiderte leb⸗ haft:„Nein Lucie, auch ich möchte keinen Andern auf dieſer Stelle ſehen, wo ich den glücklichſten, heiligſten Augenblick meines Lebens genoſſen habe, und wenn ich je wieder in dieſe Gegend zurückkehre, die mir durch Dich unvergeßlich geworden, dann werde ich zu dieſer Höhe hinaufblicken und denken: Droben ſtand ich mit Dir auf ſchwindelnder Höhe; Du ſchauteſt Tief hinab in das Thal, das golden im Glanze der Sonne, Dann hinauf zu dem Aether, dem blauen, unendlichen, fernen, Doch ich blickt' in Dein Aug', das ſchöner noch ſtrahlte ihn wieder, Und es ſenkte ſich Wonne des Himmels in's trunkene Herz mir. Roſa war, nachdem Lucie ſie verlaſſen hatte, allein mit Nordeck zurückgeblieben. Dieſer, der am Fenſter lehnte, blickte träumeriſch in die weite Gegend hinaus, während Roſa mit einer Handarbeit beſchäftigt am Tiſche 174 ſaß. Eine Weile ſchwiegen Beide; endlich ſagte Walther: „Wie wunderbar iſt unſer heutiges Zuſammentreffen! ohne es zu ahnen, ſollte ich Dich hier finden.“ Roſa erſchrak faſt, als dieſe Worte die bisherige Stille unterbrachen, und zugleich überraſcht von ihrem In⸗ halte, erwiderte ſie:„Wie? Du wußteſt Nichts von mei⸗ nem Hierſein? Sternthal hat Dir nichts geſagt—“ „Nein,“ unterbrach ſie Nordeck;„er hat es offenbar in der Erregtheit, in die ihm der plötzliche Wechſel ſeines Schickſals verſetzte, zu thun vergeſſen und ich ſelbſt muß mich nicht beſonders gedrungen gefühlt haben, darnach zu fragen.“ Roſa ſchwieg betroffen; aber nach einiger Zeit nahm ſie wieder das Wort und ſagte erröthend mit gedämpfter Stimme und geſenktem Blick: 3 „Nordeck— Du wäreſt wohl nicht gekommen, wenn Du gewußt hätteſt, zu Wem?“ „Vielleicht nicht,“ entgegnete der junge Prediger, ſeine dunklen Augen prüfend auf ſie richtend;„aber gewiß iſt es der Wille des Herrn, daß wir uns noch einmal wiederſehen ſollten, und wahrſcheinlich iſt es das letzte Mal.“ „Wir ſind noch jung,“ ſagte Roſa leiſe. „Ja, aber das Leben iſt ein gebrechlich Ding und der Tod nahet uns oft ſchnell und unerwartet,“ erwiderte Nordeck ernſt;„nein, Roſa, für dieſes Leben hoffe ich Nichts mehr; meine Arbeit, mein Streben geht nur noch auf das Jenſeits hinaus; ich lebe, ich widme mich ganz meinem Berufe, der mich beſtändig auf jenes hohe Ziel hinweiſt.“ „Und— fühlſt Du Dich glücklich darin,“ fragte ſie ſchüchtern und ihre Stimme zitterte leiſe. „Wenn ich meine Pflicht erfüllt habe, wenn ich meine Arbeiten mit Segen gekrönt, mich von meiner Gemeinde auf das innigſte geliebt ſehe, dann fühle ich mich befriedigt und— glücklich.“ Roſa neigte ſich tiefer auf ihre Arbeit, während ſich ihre Augen mit Thränen füllten und zwei große Perlen langſam über ihre Wangen rollten, denn nun verſchnuſh die Hoffnung, die ſie immer noch, ſich ſelbſt kaum bewußt, im Herzen genährt hatte er war ja glücklich ohne ſie, er be⸗ durfte ihrer Liebe nicht mehr. „Ich glaube Dir,“ ſagte ſie nach einer Pauſe und man las in ihren Augen die Ueberwindung, die ihr dieſe Worte koſteten;„Dein Beruf iſt ein hehrer, ein gött⸗ licher, Dein Herz iſt zu groß für die Liebe zu einem einzi⸗ gen Weſen, Du mußt es dem Wohle Aller widmen.“ Es erfolgte abermals eine Pauſe; endlich ſagte Nordeck:„Du haſt Gertrud kennen gelernt, Roſa?“ „Ja,“ erwiderte die Gräfin,„ſie iſt ein Engel.“ Wieder nach einigem Schweigen fuhr Nordeck fort: „Du weißt doch, daß Gertrud jetzt in Geſellſchaft der Grä⸗ fin Perlberg in der Hauptſtadt iſt? Ich habe ſie dort kürz⸗ lich geſprochen.“ 176 „Du warſt in der Hauptſtadt,“ flüſterte Roſa und ihr Herz pochte, denn dort mußte er ja, wenn er nicht früher darum gewußt, ihre Trennung von Steineck erfahren haben. „Nur auf einige Tage,“ entgegnete Nordeck;„in die⸗ ſer Zeit habe ich auch auf einem Spaziergange Deinen Gatten in einer reitenden Geſellſchaft junger Herren und Damen geſehen. Roſa wurde blaß und blickte, ihre Hände zuſammen⸗ ſend zu Boden— er nannte ihn ihren Gatten! Nordeck konnte der Eindruck, den die Erwähnung des Grafen auf Roſa gemacht hatte, nicht entgehen. Er näherte ſich ihr theilnehmend und ſagte, die Hand auf ihre Schulter gelegt und ſie feſt anblickend, mit Rührung:„Du biſt nicht glücklich, an der Seite dieſes Mannes!“— Roſa ſchlug die Augen zu ihm auf und antwortete: „Möge Gott ihm vergeben, wie er an mir gehandelt!— aber,“ fuhr ſie mit einigem Stocken fort,„das iſt ja vor⸗ über— er iſt ja nicht mehr mein Gatte“— „Nicht mehr Dein Gatte?“ rief Nordeck außer ſich; „Ihr ſeid geſchieden?“ Das Ja, das auf ihren Lippen ſchwebte, erreichte nicht ſein Ohr, aber der Blick ihres in Thränen ſchwimmen⸗ den Auges beſtätigte ihm das Gehörte. „Und Du biſt nun ganz allein,“ fragte Walther in dem Tone des innigſten Schmerzes. „Nur Lucie blieb mir nöch,“ ſagte Roſa;„ſie hat ———— 177 mich nicht verlaſſen und an ihrem liebenden Herzen finde ich Troſt, denn, Walther, ich kann ja nicht leben ohne Liebe.“ „O Roſa,“ rief Nordeck aus,„Dein ganzes Weſen iſt ja Liebe, ſie iſt der Grundzug Deines Gemüths. Durch Deine Liebe ſollteſt Du mir das Leben verſchönern, Gott jedoch trennte uns. Aber ich ſehe es jetzt klar, es geſchah 35 nur, um uns zu prüfen, ob ſich auch dieſe Liebe feſt und i unerſchütterlich in den Stürmen des Lebens beweiſen würde, und nun führt er uns auf ſo wunderbare Weiſe S wieder zuſammen!— O, willſt Du nun nicht wieder mein, mein auf ewig ſein?“ Roſa konnte den ſchnellen Wechſel ihres Schickſals kaum ertragen; ſie ſollte ihm, dem bisher jeder Schlag ihres Herzens angehört hatte, deſſen Bild nie aus ihrer Seele gewichen war, wieder angehören, ihre ſchönſten Träume ſollten ſich verwirklichen und das uebermaß des Glückes drückte ſie faſt zu Boden.. „Ach, Walther,“ flüſterte ſie nur in einem Tone, in welchem ihre ganze Liebe und der ganze Schmerz, den ſie um ihn erduldet hatte, lagen, und ſank in ſeine ſie ßenden Arme. Dann ließ ſie ſich neben ihm nieder und lehnte ihr kleines Haupt an ſeine Bruſt, wie ein Kind, das nach gem Umherirren wieder am Herzen der Mutter Schu funden hat. So ſaß Zeit und ſprach mit 178 von der Vergangenheit und der ſchönen Zukunft, die nun in goldenem Glanze vor ihr lag. Erſt als Lucie, die mit ihrem Begleiter zurückkehrte, das Gitter öffnete und in den kleinen Garten vor dem Hauſe trat, erhob ſie ſich und Walther bittend anblickend, eilte ſie hinunter ihr entgegen. Lucie ſah heiter und ruhig aus, ohne in ihren Mienen den Kampf, der kurz vorher in ihrer Seele vorgegangen, zu verrathen; um ſo bewegter erſchien Roſa, deren Wangen höher glühten und deren Außen in hellem Glanze ſtrahlten. Sie bat Hermann, zu ſeinem Freunde hinaufzugehen, und Lucie umſchlingend, zog ſie dieſe in eine Birkenallee, die ſeitwärts die Anhöhe hinunterführte. Hier angekommen, verſuchte ſie zu ſprechen, aber ihge Gefühle übermannten ſie, und ſie vermochte nur, Lucie abermals in ihre Arme zu ſchtzeßen, worauf ſie ihr reizendes Haupt auf deren Schul⸗ ter lehnend in einen Thränenſtrom ausbrach. Lucie hatte ſie verſtanden. Ohne ein Wort darüber zu hören, errieth ſie doch, was hier vorgegangen, und vermied vorläufig alle weiteren Fragen mit der zarteſten Schonung. „Ich habe ihn wieder,“ flüſterte Roſa endlich, als ſich der Sturm in ihrem Innert ein wenig gelegt und ſie ſich an Lucien's Bruſt ausgeweint hatte;—„ich habe ihn wieder, den ich ſo unausſprechlich liebe, ohne den ich nicht leben nichts ſoll uns mehr trennen. Aber nicht wahr, meine Lucie, auch dann, wenn ich Walther's Gattin bin, verläßt Du mich nicht wie glücklich müßten wir — 179 Drei zuſammen ſein; die Erde müßte uns zum Paradieſe werden!“ Lucie ſenkte verlegen die blauen Augen und ſtrich mit der Hand über die weiße Stirn, denn nun mußte ſie ja Roſa'n ihre Liebe zu Hermann und das Verſprechen, das ſie demſelben gegeben, verrathen. Doch nicht lange zögerte ſie, und mit dem richtigen Takte, der ſie nie verließ, mit jenen ſanften, gefühlvollen Worten, die nie ein Herz ver⸗ wunden, vhne es zugleich zu gröſten, ſetzte ſie Roſa'n die Nothwendigkeit ihrer Trennung einfach und klar ausein⸗ ander. Roſa war überraſcht, denn obgleich ihr Hermann's feurige Liebe für das ſchöne Mädchen nicht entgangen war, ſo ahnte ſie doch nicht im Eutfernteſten, daß Lucie empfäng⸗ lich für dieſelbe geweſen, daß Beide im Einverſtändniſſe ſeien, und es ſchmerzte ſie zunächſt allerdings, ſich von ihrer Freundin trennen zu müſſen. Doch bald wich dieſe Em⸗ pfindung, die ſich in ihrem Geſichte ausprägte, dem Aus⸗ drucke der innigſten Theilnahme, und ſie rief aus:„Wie gut Du biſt, meine liebe, liebe Lucie! Deine Jugend, Deine Schönheit, Alles, Alles, Alles wollteſt Du gir opfern und mich nie velaſſen! Möge Dir Gott Deine Liebe belohnen, er weiß es, wie ich nur in Dir lebte. Zu jeder andern Zeit wäre eine Trennung von Dir mein Tod geweſen, aber nun will ich nicht klagen, dens ich habe ihn ia wieder. O, nun begreife ich Dich ganz. Du himmliſcher Vater: Du giebſt mir ihn unſer beiderſeitiges 180 Glück nach Deinem liebevollen Rathſchluſſe zugleich zu be⸗ gründen.“ So ſtanden Beide innig umſchlungen und richteten betend ihre Blicke zu dem tiefblauen Himmel empor, heilige Begeiſterung in den ſchönen Augen. Da rauſchten leiſe die Zweige, und Walther und Hermann, welche Roſa's letzte Worte gehört hatten, traten aus dem Gebüſch hervor. Hermann, der von Nordeck das Geſchehene erfahren hatte, und der nun, da Roſa ja n nicht mehr bedurfte, ſeine kühnſten Hoffnungen in Erfüllung gehen ſah, nahte ſich mit vor Freude leuchtenden Blicken der Letztern, die unter einer ſäuſelnden Birke lehnte und Roſa legte mit lieblichem Lächeln die Hand des erröthenden Mädchens in die des be⸗ geiſterten jungen Mannes. Bald darauf ſaßen Alle in der Fliederlaube vor dem Hauſe, von der aus man einen ſo herrlichen Ueberblick über die ganze Gegend hatte, um den Theetiſch, dem Lucie mit hochgerötheten Wangen und ſtrahlenden Augen, als eine würdige Hertha, präſidirte, und niemals iſt wohl ein trau⸗ licheres Geſpräch geführt worden, als hier unter dieſen vier edlen, liebenswürdigen Menſchen, die ſich einander Alles waren, die in ihrer gegenſeitigen Liebe ihr höchſtes Glück auf Erden fanden. Als ſich ſpät am Abend Nordeck und Sternthal ent⸗ fernt hatten, blieben Roſa und Lucie allein in der Laube zurück. Der Mond ſtand voll und klar an dem wolkenloſen Himmel und überſtrömke die weite Landſchaft mit ſeinem — — 181 geheimnißvollen Zauberlichte. Eine Weile ſchwiegen die beiden Freundinnen, endlich ſagte Roſa leiſe:„Und wie konnteſt Du ahnen, was mir der Fremde war, meine Lucie?“ „Ich erkannte es an Deiner wechſelnden Farbe, an dem Ausdrucke Deines Geſichtes, an Deiner Erſchütterung überhaupt, als er eintrat,“ erwiderte die Gefragte, ihren Arm um Roſa's zarte Geſtalt ſchlingend.„Aber,“ fuhr ſie dann fort,„ſage mir nun auch, wo und wie Du ihn kennen lernteſt.“ —„Ach, das iſt eine ſchöne, aber auch traurige Ge⸗ ſchichte,“ ſagte Roſa leiſe. Sie ſchien einen Augenblick nachzuſinnen, dann lehnte ſie ſich dichter an die ſie noch immer umſchlungen haltende Freundin und theilte ihr die Geſchichte ihrer Liebe und ihrer Schmerzen mit. Es war das erſte Mal, daß ſie von Nordeck zu einem Andern ſprach, das erſte Mal, daß ſie die heiligſten, verborgenſten Gefühle ihres Herzens einem an⸗ dern Weſen mittheilte, daß ſie von ihren Leiden und Käm⸗ pfen aus dem tiefſten Grunde ihrer Seele ſprach. Sie hatte darüber zwar früher an Eliſe geſchrieben, aber es war das nicht jener Erguß ihres Gemüthes geweſen, den nur die Sprache zu geben vermag und den ſie nun in Lu⸗ cien's hingebendes, warmes Herz ſchüttete. Ihre Stinme war leiſe und flüſternd, als ſie dies that, iie ge ſenkt und ihre Wangen ſanft geröthet. 182 Lucie lauſchte aufmerkſam jedem Wort, und der Mond ſpiegelte ſich in einer Thräne, die an ihrer Wimper zitterte, als Roſa geendet. „O, dieſer Steineck!“ rief ſie dann bewegt aus,„wie viel haſt Du durch ihn gelitten, meine arme Roſa! Aber Gottes Wege ſind ewig unerforſchlich und wunderbar; ſtets leitet er den Menſchen ſo, daß er, durch den Schmerz ge⸗ läutert, ſich um ſo inniger ſeines Glückes freue. Darum dürfen wir nicht verzagen, ſondern müſſen auf ihn bauen, der uns nie im Kampfe des Lebens verläßt.“, Es war Sonntag und nicht nur die Menſchen, ſon⸗ dern die ganze Ratur ſchien den Tag des Herrn zu feiern. Obgleich es ſchon Herbſt wurde, ſo prangte ſie doch noch in jener Friſche, die ihr ſonſt nur im Frühling oder Sommer eigen iſt. Die Bäume waren noch mit ihrem dunklen Grün bekleidet, die Blumen hauchten ſüße Wohlgerüche aus und der Himmel wölbte ſich durchſichtig und blau über die feſt⸗ lich geſchmückte Erde. Es herrſchte eine feierliche Stille, kaum ließ ſich das leiſe Zwitſchern eines Vögelchens ver⸗ nehmen, nur die Töne der Kirchglocken klangen hell und rein durch den ſchönen, ſtillen Morgen. Und inmitten die⸗ ſer ſcönez cir⸗ von goldenen Kornfeldern und blühen⸗ 183 den Gärten umgeben, nahe einem murmelnden Wieſenbache, lag das Dörfchen, in dem Nordeck das Ant eines verwaltete. Die Kirche, welche inmitten der weißen Häuſer aus dunklen Bäumen ehrwürdig hervorragte, war dicht mit Menſchen gefüllt. Es ſchien heute ein beſonderer Feſttag für die Bewohner des Dorfes zu ſein, denn das Innere des Gotteshauſes war mit Blumen und Laubwerk, den letzten Spenden des ſcheidenden Sommers, ſinnig und ſchön ge⸗ ſchmückt. So eben waren die letzten feierlichen Töne des Liedes, welches bie Gemeinde geſungen, der letzte brauſende Ton der Orgel verhallt, und tiefes Stillſchweigen eingetre⸗ ten. Die Worte eines alten, ehrwürdigen Geiſtlichen, um deſſen Scheitel nur noch ſpärliche Silberlocken ſpielten, auf deſſen edlem Geſichte ſich Milde und Ernſt vereinten, tönten jetzt klar und voll tiefen Gefühles durch die feierliche Stille, während ſein liebender, frommer Blick auf jene Brautpaare, die vor dem Altare knieten, ruhte. Ein weißes Damaſtkleid umhüllte Roſa's zarte Geſtalt, ein Kranz von duftenden Orangeblüthen ſchlang ſich durch ihre dunklen, ſeidenweichen Locken, die auf ihren blenden⸗ den Nacken herabfielen und zum Theil von einem Schleier verdeckt wurden, welcher von ihrem Haupte herabfloß. In ihren ſchönen Zügen prägte ſich tiefes Gefühl und ſeliges Glück aus, ihr Haupt war in lieblichem Erröthen geneigt, Thränen zitterten an ihren langen Wimpern und das Ja klang leiſe, doch um ſo inniger von ihren Lippen, als ſie 184 ihre Hand auf ewig in die Walther's, deſſen ſchönes männ⸗ liches Geſicht heiligen, tiefen Ernſt ausſprach, legte. Ein weißes Atlaskleid zierte Lucien's hohen, ſchönen Wuchs; ein langer, weißer Schleier umhüllte ſie und die blühende Myrthenkrone wand ſich durch ihre goldenen Fl echten. Sie ſah wunderbar ſchön aus, ihr Antlitz glich dem einer Madonna, ihr ſtrahlendes, blaues Auge war in tiefen Gefühle erhoben, ihre Wangen ſanft geröthet und ihr J tönte klar und beſtimmt, während Hermanns ſchwär⸗ meriſcher Blick in ſeliger Begeiſterung auf ihr ruhte. So wurden ſie getraut inmitten duftender Blumen, während Segenswünſche aus Aller Herzen zum Throne des Allmächtigen emporſtiegen. Als der Prediger den Segen geſprochen hatte, ſanken Roſa und Lucie in Eliſen's Arme, die mit Gertrud und Meta der Trauung beigewohnt hatte, und die tief ergriffen die ihr ſo Lieben an das Herz preßte. Die Hochzeit wurde traulich und heiter, nur in dem Kreiſe einiger lieben Freunde, zu denen auch der alte Pre⸗ diger gehörte, der unſere Freunde getraut und früher in dieſem Dorf das Amt eines Geiſtlichen verwaltet hatte, in dem Predigerhauſe gefeiert, in ungetrübtem Frieden und reinem Glück. ——— ——— 185 Alle, nur Gertrud ausgenommen, die wieder zur Gräfin von Perlberg zurückkehrte, ſollten nun noch vierzehn Tage in Nordeck's Hauſe vereint bleiben, ſich vereint ihres Glückes freuen und dann Hermann und Lucie mit deren beiden Schweſtern ſich auf ihr Gut, das nur drei Meilen von dem Dorfe entfernt war, begeben, wo dann Eliſe bei Lucien bleiben und Meta's Erziehung leiten ſollte. An dem letzten Abend ihres Zuſammenſeins ſaßen Alle noch einmal in dem großen, ſchönen Garten, der an das Pfarrhaus grenzte und ſich weit bis zum Feld hin erſtreckte. Sie ſaßen an Roſa's Lieblingsplatze unter dem Laubdach einer großen ſchattigen Linde, die ſich auf einer kleinen An⸗ höhe befand, von der aus man den ganzen Garten, der mit den vielen Obſtbäumen und den grünen Weingeländern voll herrlicher Trauben einen gar hübſchen Anblick gewährte, überſehen konnte. „Da kommt Hermann,“ ſagte Lucie, indem ein Lächeln über ihr roſiges, ſchönes Geſicht flog, und ihre Augen heller ſtrahlten. Roſa, welche neben ihr ſaß, blickte von ihrer Arbeit auf, ſtrich ihre langen braunen Locken zurück und lächelte gleichfalls, indem ſie ſagte:„Wirklich, er iſt es ſchon.“ Man hätte keine reizendere junge Frau als Roſa ſehen können. Sie ſah ſo friſch, ſo munter aus und Glück und Wonne ſtrahlten aus ihren braunen Augen. Sie glich einer zarten Frühlingsblume, die fruͤh ſchon von Stürmen geknickt, ſich unter liebender Sorgfalt und ſicherem Schutz * 186 von neuem auf das Herrlichſte entfaltet. Wer ſie des Sonntags in der Kirche ſah, gerade unter der Kanzel in ihrem Stuhle ſitzend und zu Walther aufſchauend, ſeinen tiefen, heiligen, begeiſterten Worten lauſchend, der konnte in ihren Blicken leſen, daß er es war, dem ſie ihr ganzes liebendes Herz hingegeben, er, dem ſie ihr ganzes Leben und Sein widmete, er, auf deſſen Beſitz ſie ſtolz war. Und Walther, der Roſa ja ganz erkannte, wußte dieſe Hingebung ſo zu würdigen, wie wohl ſelten ein Gatte. Durch ſeinen feſten, männlichen Charakter ſuchte er ſie zu ſtützen, er ſuchte ihr jedes Leid, jeden Kummer fern zu halten und ſie auf Blumenwegen durchs Leben zu führen. Und es gelang ihm, denn der echten wahren Liebe gelingt auch die ſchwerſte Aufgabe. Nordeck legte jetzt das Buch, aus welchem er den Frauen vorgeleſen hatte, fort und bewillkommnete Hermann, der, nachdem er die Anhöhe hinaufgeſchritten war, zu der Geſellſchaft trat. „Nun, find Sie ſchon mit Ihrer Zeihting fertig,“ fragte Eliſe. „So eben habe ich ſie beendet,“ erwiderte Hermann, indem er das Blatt, das er in der Hand hielt, entfaltete. „Es iſt der Natur recht treu,“ ſagte Walther lächelnd, „man glaubt ganz unſer Häuschen zu ſehen.“ „Ja, das iſt die große Linde vor unſerer Wohnſtube,“ rief Roſa,„und das iſt das Fenſter Deines S an dem ich immer ſo gern ſitze, Walther.. 187 „Nun dann werde ich mir immer Dein Bild an jenem Fenſter denken, wenn ich das Haus betrachte,“ ſagte Lucie, „und gewiß werde ich das ſehr oft thun; es war doch ein hübſcher Gedanke von Hermann, das liebe Haus zu malen und mitzunehmen.“ „Du wirſt uns doch aber auch recht bald eine Anſicht Deines Gutes, wenigſtens des kleinen Schloſſes auf dem Berge ſchicken, nicht wahr Hermann,“ fragte Nordeck. „Dafür werde ich ſchon ſorgen,“ bemerkte Eliſe ſcherzend. „Hoffentlich werdet Ihr das Gut eher als das Bild deſſelben ſehen,“ ſagte Hermann lächelnd;„aber da hätte ich beinahe den Brief, der vorhin an Sie, Frau Prediger, angekommen iſt, vergeſſen,“ fügte er hinzu, indem er Roſa'n ein zuſammengefaltetes Papier reichte.„Er iſt von Frau von Lindau,“ rief Roſa erfreut, indem ſie ihn öffnete und durchlas.„Die Gute,“ fügte ſie hinzu,„ſie läßt Alle und vorzüglich Dich, liebe Lucie, recht herzlich grüßen und will uns, ſobald der Frühling wiederkehrt, beſuchen, ſie glaubt, daß Du gewiß eine herrliche, kleine Hausfrau und Guts⸗ herrin ſein werdeſt.“ „Ja eine tüchtige Landwirthin wird meine Lucie wohl ſein,“ ſagte Eliſe, lächelnd der jungen Frau auf den Nacken klopfend,„ihr Charakter neigt ſich zu der praktiſchen Seite des Lebens hin.“ „Undwie ſchön und romantiſch unſer Gut gelegen iſt,“ erwiderte Lucie,„Hermann hat mir ſchon ſo viel davomer⸗ 188 zählt und mir verſprochen, mir alle die Plätze, die er als Knabe liebte, zu zeigen. Doch was mich am meiſten freut, iſt, daß er nun, umgeben von den Reizen der Natur, unge⸗ ſtört ſeiner Kunſt wird leben und ſein Talent immer herr⸗ licher wird ausbilden können.“ „Und Du wirſt es wohl ſein, an der er daſſelbe zuerſt beweiſen wird,“ ſagte Eliſe ſcherzend,„er hat mir ſchon anvertraut, daß er, da Roſa Dein Bild behält, Dich nicht Ein Mal, ſondern öfter malen und ſeine Gemäldegallerie damit ausſchmücken wird.“. Lucie neigte lächelnd das Köpfchen und ſagte dann: „Und nicht wahr, Du wirſt uns recht bald beſuchen, meine liebe Roſa; wir müſſen wirklich unſerm Vorſatze, uns alle drei Wochen zu ſehen, getreu bleiben.“ „Gewiß,“ erwiderte Roſa,„ich werde kaum drei Wochen leben können, ohne Dich zu ſehen und Deine liebe Stimme zu hören; wie werde ich mich nach Deinem ſchönen Geſange ſehnen!“ „Hat Frau von Lindau keine Nachricht über Perſonen, die wir in der Reſidenz kennen, gegeben,“ fragte jetzt Nor⸗ deck, indem er Roſa unterbrach. „Ach ja,“ entgegnete dieſe,„ſie ſchreibt, daß ſich Graf Auerbach in einigen Tagen vermählen wird.“ „Auerbach,“ rief Walther erſtaunt,„davon weiß ich ja gar Nichts; und mit wem?“ „Mit Fräulein Thereſe von Grünheim.“ 8 „Mit Fräulein von Grünheim?“ wiederholte Nordeck; * 189 „dieſe Wahl wundert mich wirklich, das iſt eine ſo eitle und ſelbſtſüchtige, junge Dame.“ Lucie war bei dieſer Nachricht leicht erröthet und ſpielte verlegen mit einer Roſe, die ihr Hermann am Mor⸗ gen gepflückt hatte und die vor ihr auf dem Tiſche lag. Obgleich ſie Leo durchaus nicht mehr liebte, ſo fühlte ſie doch ſtets ein warmes, faſt ſchweſterliches Intereſſe für ihn und es durchzuckte ſie jedes Mal, ſobald nur ſein Name ge⸗ nannt wurde. Doch bald hatte ſie ihre gewohnte Faſſung wieder gewonnen, wie ſie ja ſtets völlig ihre Gefühle zu be⸗ herrſchen verſtund und erhob ihre blauen Augen ſo heiter und ruhig wie immer. „Fräulein von Grünheim wird durch die Liebenswür⸗ digkeit ihres Gatten gewiß dahin geführt werden, ihn mehr als ſich zu lieben und um ſeinetwillen ihr gefallſüchtiges Weſen abzulegen,“ ſagte Roſa ſanft. „Das Urtheil der Frauen iſt doch immer milde und vorzüglich das Deinige, meine ſüße Roſa,“ entgegnete Walther, während ſein liebender Blick dem ihrigen be⸗ gegnete. In dieſem Augenblicke aber meldete das Mädchen, daß Jemand aus dem Dorfe den Herrn Prediger zu ſprechen wünſche, und Nordeck entfernte ſich daher. Während ſeiner Abweſenheit ſprach Hermann mit Eliſen von den Verände⸗ rungen, die er auf ſeinem Gute hatte treffen laſſen und Roſa unterhielt ſich mit Lucien von der Eintheilung ihrer Zeit, ihrer Geſchäfte und von ällen ihren kleinen Plänen. 190 „Weißt Du,“ ſagte ſie unter anderm, woran ich heute Morgen gedacht habe? Wenn ich durch das Dorf gehe, dann umringen mich immer ſo freundlich die Kleinen und Jedes beeifert ſich, mir zuerſt ſein Händchen zu reichen; ich möchte mir ihre kleinen Herzen noch mehr gewinnen. Des Nachmittags habe ich ſehr viel Zeit frei, da könnte ich die kleinen Mädchen ſtricken und nähen lehren und ihnen dabei aus einem lehrreichen Buche vorleſen; was meinſt Du, Lucie?“ „O das iſt allerliebſt,“ erwiderte dieſe,„Du biſt eine ſo hübſche und liebevolle Lehrerin, daß die Kleinen gewiß ſehr aufmerkſam und fleißig ſein werden und Du auch den Eltern dadurch eine große Freude bereiten und Dir ihre Liebe gewinnen wirſt.“ „Ich habe ſchon mit Walther darüber geſprochen,“ ſagte Poſa, während Wonne und Glück aus ihren braunen Augen ſtrahlten,„er billigt meinen Vorſatz und will mir zur Ausführung deſſelben behülflich ſein. Ach, es iſt doch ſo ſchön, ein Leben voll Thätigkeit und Wirkſamkeit zu führen.“ Lueie lächelte über den Enthuſiasmus ihrer Freundin, welchen ſie eigentlich nicht begreifen konnte. Denn ihr Leben war immer ein thätiges, wirkſames geweſen und Ge⸗ fühle der eigenen Nutzloſigkeit waren ihr ganz fremd. Roſa aber, die Jahre lang ſich in Kreiſen, die ihrem Thätigkeits⸗ triebe keinen Stoff boten, bewegt, die ſich in mancher 191 bittern Stunde nach einem wirklichen Leben geſehnt hatte, fühlte ſich um ſo ſeliger darin. „Und wenn ich dann den ganzen Tag ſo thätig gewe⸗ ſen bin,“ fuhr Roſa mit lieblichem Lächeln fort,„dann bin ich um ſo glücklicher, wenn ich des Abends beim Silberlichte des Mondes den ſüßen, bezaubernden Tönen von Walther's Flöte, durch welche ich ihn zuerſt kennen lernte, lauſchen kann. Dann fühle ich mich ſo ſelig, ſo ruhig, ein ſüßes Träumen bemächtigt ſich meiner, Tauſende von Geſtalten ſchweben an meiner Seele vorüber, doch immer nur iſt es ſein Bild, das vor allen andern auftaucht, auf ihn allein iſt mein ganzes Fühlen und Denken gerichtet.“ „Wie herrlich die Sonne heute untergeht,“ rief plötz⸗ lich Nordeck, welcher zurückkehrend mit Meta, die im Garten umhergeſchweift war, die Anhöhe erſtiegen hatte. „Sie geht zum letzten Male über unſerem Zuſammen⸗ ſein unter,“ ſagte Roſa, einen wehmüthigen Blick auf Lu⸗ cien und Eliſen werfend. „Traure nicht, meine Roſa,“ ſagte Walther, ihre kleine Hand erfaſſend,„Trennung iſt ja immer nöthig im menſchlichen Leben und hoffentlich wird das Morgenroth recht bald über unſerm frohen Wiederſehen leuchten.“ 192 Und ſo ſaßen ſie gemüthlich und traulich beiſammen, glücklich und reich durch ihre gegenſeitige Liebe, während die Sonne golden und ſtrahlend im Weſten verſank und 5 Vögel leiſe ihr Abendlied zwitſcherten. Druck von Gebrüder Katz in Deſſau.* ——— * * 4*— ₰ 3 —— 8 9 10 11 15 16 17 18