Leihbiblivthet Seih- und geſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ 1 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Ednard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe iterßen welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. ₰ „ 4. Ahonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträt für chchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: „—————— auf 1 Monat: TN 1 W. 5 Pf. 2 Mt. f. der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſeibſt zu ſorgen. vefecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren V erkes, ſKiſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.— 7. Ansleihezeit. Dieſ elbe iſt auf 14 Tage feſgeſeht und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das eiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 65 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und 5 = ——, — —— Im Jabyrinth der Heele. Zwei Novellen von Adolf Palm. —5 Leipzig, Ernſt Julius Günther. 1872. Sylverſternacht!— Wer mag über die Schwelle eines neuen Jahres trübſelig hinüberſchleichen, und nicht in glühender Luſt, die aus den Augen lachender Genoſſen ihm verſtärkt in's trunkene Herz zurückfällt, über ſie hintaumeln? Wer mag ein Jahr damit be⸗ ſchließen, in ſtiller Klauſe wehmüthige Betrachtungen anzuſtellen über die wechſelnden Schickſale, die ihm aus dem Schvoße der Zeit zugefallen ſind, und dabei an alte Wunden taſten— ich wenigſtens fühlte mich dazu nicht aufgelegt, als ich in der letzten Neujahrs⸗ nacht von einem Bekannten, einem magnetiſchen Arzte bei dem ich eingeladen geweſen, mich trennte. Unſer kleines Feſt war jäh unterbrochen worden: ein Bote rief meinen Freund zu einem Patienten, der im Ster⸗ Palm, Der Fund im Biscayer Golf. 1 ben lag. Damit war unſer häuslicher Cirkel geſprengt, die Stimmung getrübt und ich ſehnte mich lebhaft nach einem Rückſchlage. Ich überlegte, wo ich noch eine luſtige Geſellſchaft finden könne. Als ich aber nach der Uhr ſah und mich überzeugte, daß die Mitternacht in wenigen Minuten heranrücke, war es mir doch zu ſpät, noch einen anderen Kreis aufzuſuchen; ich ſchwatzte mein ungeſtüm drängendes Blut zur Ruhe und machte mich, groß im Gefühle der Entſagung, auf den Weg nach Hauſe. Es war grimmig kalt Die Wege lagen einge⸗ ſchneit und noch immer rieſelten wie ein feiner, wal⸗ lender, ſilbergewebter Schleier ſcharfgeſchliffene Schnee⸗ kryſtalle herab, die im Lichte der Gaslaternen zauber⸗ farbig blitzten. Es gibt nichts Reineres, Keuſcheres und zugleich Geheimnißvolleres, als dieſen Schnee, der in tiefer Nacht lautlos herabfließt und allmälig an⸗ ſockend die Erde mit einer glatten, ſammetweichen Decke überzieht. Der leiſe Tritt der Geiſter der Nacht prägt dieſer Decke keine Spuren ein wie der ſchwer⸗ fällige Menſchenfuß, der über ſie hinſchreitet. Sylveſternacht und kurz vor zwölf Uhr, da hat Jeder, auch wenn er nicht aus der Geſellſchaft eines Magnetiſeurs und Geiſterſehers kommt, das Recht, an die Geiſter der Nacht zu denken! 8 Es ſchlug eben zwölf von den Thürmen der Stadt, und die Glocken läuteten das neue Jahr ein, als ich den Fuß auf meine Hausſtaffel ſetzte. Aus der Ferne her tönte wüſtes Geſchrei und an der Ecke der Straße fiel ein Piſtolenſchuß, der die Scheiben über meinem Haupte klirren machte. Ich ging hinauf, ein eiskaltes Zimmer empfing mich. Was nun thun? Sollte ich mich niederlegen? — Nein, ich konnte noch nicht ſchlafen. Was aber ſo allein anfangen in der kalten Winternacht?— Zunächſt Feuer anzünden. Ich wollte ſchon den Entſchluß, der mich nach Hauſe geführt, bitter bereuen, als mir ein⸗ fiel, daß ich auch auf meine innere Erwärmung be⸗ dacht ſein müſſe. Braue Dir einen Glühwein! ſprach eine durſtige Stimme in mir, und gegen ſolche Stim⸗ men pflegt man rückſichtsvoll zu ſein. Während der Wein in dem Keſſelchen brauſte, ſtellte ich mich an das Fenſter und blickte hinaus nach dem luſtigen Tanze der Eisnadeln. Tanzt nur zu, dachte ich— mir iſt doch wohler in meiner war⸗ men Gefangenſ chaft, als euch draußen in eurer eis⸗ kalten Freiheit! Dann ging ich nach meinem Bücher⸗ ſchrank. Im unterſten Fach, unter uralten Scharteken, griff ich auf's Geradewohl einen Band heraus, ſchlug den Deckel zurück und las auf dem vergilbten Titel⸗ 1* ——— blatte in fließendem Schriftzuge den Namen Manfred Kronberg. Ja, das war das alte Novellenbuch, das mein Freund Manfred mir als Erinnerung an die Stunden zurückgelaſſen hatte, da wir, noch halbe Kinder, uns heimlich in den Wald machten, um„Das Geiſterſchiff“, „Die Venus von Ille“ von Prosper Merimé und die letzte und ſchauerlichſte der Erzählungen„Des Künſtlers Familie“ von Alexander Dumas zu leſen. Ich weiß noch, wie uns die Haut ſchauderte bei dieſen Geſpen⸗ ſtergeſchichten, wie wir ängſtlich uns zuſammendrückten, als fahre uns plötzlich die eiskalte Hand Arſena's über den Nacken, oder als ſtrecke das bronzene Venus bild von Ille ſeinen ſtarren Arm aus, um uns zu erdrücken in der ehernen Umarmung.— Bei dieſer Geſchichte zitterte damals mein guter Manfred derart, daß ich ihn kaum vom Platze brachte und er geſtand mir am an⸗ deren Tage, daß er die ganze Nacht kein Auge zu⸗ gethan habe.. Armer Funge!— Wo nocht er jetzt ſein in der Welt? Als Kaufmann war er fortgezogen über den Ocean. Lange Jahre verſtrichen ſeitdem, aber nie war eine Nachricht von ihm zu mir gedrungen. Armer Junge! BViſt du nicht, ſprach ich weiter, wie der Eis⸗ flocken eine, die da draußen hinwirbeln in der kalten 3 * Nacht, während ich ſicher und warm ſitze am trauten Herde der Heimath?— Ich griff zum erſten Glas des Weins, deſſen würziger Athem ſchon das ganze Gemach durchduftete. Auf Dein Wohl, Manfred! Möchteſt Du in dieſer Nacht, die einen neuen Markſtein in unſerem Leben bezeichnet, ebenfalls der fernen Freunde gedenken.. das heißt, wenn noch ein Gedanke Deine Bruſt beſeelt und wenn Du nicht ſchon längſt einge⸗ ſcharrt liegſt in fremder Erde!— Ich leerte das Glas mit beherztem Zuge. Dann ſtreckte ich mich auf das Sopha, ſchlug das Buch auf, goß mein Glas von Neuem voll und be⸗ gann zu leſen. Ich weiß nicht, lieber Leſer, vb Du„Des Künſt⸗ lers Familie“ von Dumas kennſt; aber wenn ich Dir einen Rath geben darf, ſo lies dies Buch nicht einſam in Deinem Zimmer nach dem Genuß berauſchenden Wein's, auch wähle dazu wo möglich nicht gerade die Neujahrsnacht. Es kann Dir ſonſt paſſiren, daß Du plötzlich die ſchöne Arſena, des grimmen Danton's Geliebte, vor Dir zu ſehen glaubſt, wie ſie nach Dei⸗ nem Glaſe greift, Dir zutrinkt, den Wein hinunter⸗ ſtürzt, der aber unter dem ſchwarzen Sammetband, das ihren abgeſchnittenen Kopf mühſam mit dem Rumpfe zuſammenhält, hervortröpfelt und über die weiße Bruſt hinabſickert. Wenn ſie dann vor Kälte zuſam⸗ menſchaudert und es ihr einfällt, einen glühenden Feuerbrand aus dem Ofen zu holen und ihre nackten Füße darauf zu ſetzen, wobei, anſtatt daß ſie ſich ver⸗ brennt, ihr kalter Leichenfuß den Brand auslöſcht, und wenn ſie Dich dann anfaßt und in wahnſinnigem Tanze mit Dir dahinjagt, bis Du mit ſtockenden Pulſen an ihrer Seite niederſtürzeſt und Dir die Sinne vergehen —— ich ſage, wenn Deine Einbildungskraft ſo le⸗ bendig, Dein Blut ſo erhitzt iſt, daß Du das Alles en greifbarer Gegenwart vor Dir ſiehſt, ſo wirſt Du ent⸗ ſetzt die Augen zudrücken, um die Spukgeſtalten nicht mehr zu ſehen; aber dann geht der Tanz erſt recht los vor Deinem inneren Auge! Du ſiehſt die Guillotine und winſelnde Frauen angepackt von rohen Henkers⸗ fäuſten, ſiehſt den Blitz des herabfallenden Beiles— wahrlich, erſt als ich mit meiner Hand nach dem Glaſe greifend daſſelbe umgeſtoßen hatte, daß der rothe Saft ſich dampfend über den reichen, noch nicht bezahlten Tiſchteppich ergoß, erwachte ich aus meiner tollen Vi⸗ ſion und erleichterte mir die Bruſt durch ein herzhaftes Lachen. Trocknen wir Arſena's warmes Herzblut auf, dachte ich; nur ſchade um die ſchöne Decke! Genug des tollen Spaßes. Das war wieder ſo ein rechter Schauer wie in der Kinderzeit, der das innerſte Mark durch⸗ 3 Keede eeeö rieſelt... ach, wir ſind ja heute weit hinaus über dieſe Geſchichten, wir haben zu viel mit der realen Welt zu thun, um uns mit Geſpenſtern abzugeben, und unſer Geiſterſpuk heutzutage wird durch Dampf⸗ roſſe und Telegraphendrähte ausgeführt. Mich mit dem ganzen Stolz meines aufgeklärten Jahrhunderts umgürtend, griff ich zu den Zeitungen. Die politi⸗ ſchen Geiſterſeher ſind es, führte ich meinen Monolog weiter, die heute in Achtung ſtehen. Leitartikel voll nationaler Geſpenſterfurcht, demokratiſche Phantasma⸗ gorieen, grob ſocialiſtiſcher Spuk— ich blätterte in den Zeitungen und plötzlich blieb mein Auge auf einer Notiz in der Frankfurter„Didaskalia“*) haften, auf einer Notiz, die mich in neue Aufregung ſtürzte... Doch der Leſer mag wörtlich vernehmen, wie die Nachricht lautete: „In Pravia, einer kleinen Küſtenſtadt Aſturiens, „einige Stunden von Oviedo entfernt, ſoll jüngſt „ein intereſſanter Fund gemacht worden ſein. Am „ſiebenten December, nach einer jener ſtürmiſchen „Nächte, wie deren der Golf von Biscaya nicht „ſelten ſieht, fand ein Fiſcher Namens Reſtituto „zwiſchen zwei Felſen eingeklemmt eine Caſſette, *) Vergl.„Didaskalia“ Nr. 2. 1870. 8 „die das Meer dort hineingeſpült und zurückge⸗ „laſſen hatte. Dieſelbe mußte ſchon lange im „Waſſer gelegen haben, denn Meerpflanzen und „Muſcheln hatten ſich an ſie angeſetzt. Sie war „luftdicht verſchloſſen durch ein Schloß und zwei „Vorlegeſchlöſſer, die ganz verroſtet waren; die „Ecken trugen Kupferbeſchläge. Reſtituto verſuchte „die Caſette vergebens mit ſeinem Meſſer zu öffnen. „Er trug dieſelbe zu einem Prieſter und dort ge⸗ „lang es, ſie mit Vorſicht zu ſprengen. Was war „der Inhalt?— Eine Frauenhand, die oberhalb „des Gelenks abgetrennt worden war. Die Hand „war ſehr eingetrocknet, auffallend klein und von „feinen Formen. Die kurze hervorragende Hand⸗ „wurzel trug noch ein koſtbares Armband mit „ſieben herrlichen Smaragden beſetzt. Die kleine „Kiſte war ſo vorſichtig conſruirt und verſchloſſen, „daß das Waſſer unmöglich hineindringen konnte. „Ein kleines Sammetkiſſen, auf dem die Hand „ruhte, trug noch leicht erkennbare Spuren grüner „Farbe. Sonſt fand ſich weder Name noch Da⸗ „tum vor, nichts was irgend welchen Aufſchluß „oder einige Andeutungen gegeben hätte.— Wel⸗ „ches Drama mag hier verborgen ſein?“ Hier alſo warf man dem Leſer kein Fabelge⸗ 9 ſpinnſt um's Haupt, hier handelte es ſich nicht um eine leere Senſationsgeſchichte, erſonnen nur, den Leuten die Köpfe warm zu machen und von vornherein ver⸗ zichtend auf eine Löſung im Wege der vernünftigen Weltordnung; nein, hier hatte man's mit einer Thatſache zu thun, die ſchlicht und einfach er⸗ zählt und doch ſo höchſt beziehungsvoll war, einer Thatſache, die ſich mitten in unſerer nüchternen, durch⸗ aus nicht viſivnären Zeit zugetragen hatte. Eine ab⸗ geſchnittene kleine Frauenhand von feinen Formen— ja, welch Drama mag hier verborgen ſein? frug ich mich immer von Neuem. Eine Welt abenteuerlicher Vorſtellungen gährte in meinem Hirne. Revolutions⸗ zeit, Guillotine, öffentliches Schauſpiel der Hinrich⸗ tungen, gut! mag Arſena bluten, an ſolche Schrecken gewöhnt man ſich, wenn Dumas ſie beſchreibt. Allein dieſe abgeſchnittene Hand, welche ſo geheimnißvoll an's Licht kam, ein Handel in aller Stille, der vielleicht nur unter zwei Perſonen ſpielte, vnn denen die eine das Leben laſſen mußte... war die Hand einer Le⸗ bendigen oder einer Todten abgenommen worden?— Ich trank den letzten Reſt des würzigen Nektars und legte mich zur Ruhe. Es ſummte mir wie Wellenmurmeln in den Ohren, vor meinen Augen drehte ſich ein Feuer⸗ ball wechſelnder Farben, die mehr und mehr traun⸗ haft verdunkelten, einmal noch ſchrak ich auf, es war mir, als fühlte ich neben mir auf dem Kiſſen den Druck der geiſterhaften Hand, dann entwirrte ſich der Knäuel toller Vermuthungen in tiefem Schlafe, der meine Seele befreite. Ich ſchlief lange in das neue Jahr hinein und erwachte am Morgen erſt gegen zehn Uhr an einem Pochen gegen meine Thür. Ein Telegramm wurde mir gebracht. Zuerſt vermuthete ich den elektriſch be⸗ flügelten Glückwunſch ferner Verwandten, allein die Depeſche rief mich in einer wichtigen geſchäftlichen Miſſion nach Hamburg. Von Frankfurt nach Ham⸗ burg, vom Main an die Nordſee in aller Geſchwin⸗ digkeit bei zwölf Grad Kälte.. ich hatte in der That wenig Luſt dazu, aber darnach wurde im vorliegenden Falle nicht gefragt. Um den nächſten Courierzug zu benutzen, blieb mir gerade noch ſo viel Zeit, das Nöthigſte zu packen. Bald flog ich dahin auf Dampfesſchwingen durch das Schneegeſtöber, in deſſen wogenden Falten rechts und links Dörfer und vereinzelte Gehöfte auf⸗ ſtiegen und unterſanken. Der neue Tag und die neue entſchiedene Berührung des Lebens, die mich auf die Reiſe gerufen, verwiſchten in meiner Crinnerung voll⸗ ſtändig die Eindrücke der letzten Nacht. Wahrhaftig, ein Cvurierzug iſt das wirkſamſte Gegenmittel gegen Geiſternovellen und Senſationsgeſchichten!— Als ich nach meiner Ankunft in Hamburg die erſten Beſuche gemacht, ging ich hinaus an den Hafen. Dort ſah ich die Seeſchiffe abgetakelt, eingeſchneit in den Eisgrund. Nichts iſt ſo geeignet, uns das Starre, Oede des Winters lebhafter empfinden zu laſſen, als der Anblick eines zugefrorenen Seehafens. Was man als ein Bild ewigen Schwankens kennt, das leichtbe⸗ wegte Schiff, liegt ohne Regung hingeſtreckt, eine Leiche Aber mochte der Winter die Wellen auch erſtar⸗ ren gemacht haben, ſo führte er doch auch wieder ein neues, freudiges Leben auf ſie. Das Alſterbaſſin war mit Schlittſchuhläufern bedeckt, die wie in einem neuen Elemente, beſchwingten Fußes ſich tummelten. Da ſtand ich und ſchaute hinab, wie die Gruppen ſich in⸗ einanderſchlangen und ebenſo ſchnell ſich wieder löſten; das ſchweifte hier in weiten Bogen und kroch dort in langſam zaghaften Schritten fort, das beſchrieb hier ſtolze Kreiſe, drehte ſich wie im Fluge und ſtürzte dort zu großer Freude der Zuſchauer platt auf den Boden. Schlitten, ſchöne Paare, zierliche Damen, die ſich an der Seite ihres Begleiters im nämlichen Rhyth⸗ mus wiegten— mein Auge ganz auf dieſes Bild ge⸗ * 12 richtet, lief ich zu, ohne auf den Weg zu ſehen und wurde mit einem Mal aufgeſchreckt durch den Anprall gegen einen Herrn, der gleich achtlos von der andern Seite gekommen zu ſein ſchien. Er fuhr, wie ich, zu⸗ rück, murmelte ein paar Worte, ich ſah ihm ins Ge⸗ 1 ſicht„Manfred!“ rief ich— und wirklich, er war es, mein Freund, der traute Geſelle meiner Jugend! Wie 3 da die Reden hin⸗ und wiederflogen, Fragen und Ant⸗ worten ſich überſtürzten!„Wo warſt Du denn in der Welt? Ging Dir's wohl? Kehrſt Du zurück in die Heimath?“— wie ſoll ich wiſſen, was ich ihn alles frug! Die erſte Stunde des Wiederzuſammentreffens mit einem Freunde, den ein dunkles Schickſal von un⸗ ſerer Seite geriſſen, iſt ein Brennpunkt, in dem alle S trahlen lange zurückgehaltener Herzensangelegenheiten zuſammenſchießen und haſtig ſuchen die Gemüther, die oft durch einen rauhen Lebensgang verſchütteten Quellen wieder, aus denen ſie wohl einſt gemeinſam Erfriſchung und Freude getrunken. Ach bald, nachdem die erſte Auf⸗ regung verbrauſt war, ſollte ich gewahr werden, daß Manfred ein ganz Anderer geworden war, als ich ihn von früherher kannte. Es lag etwas Mattes, Müdes, Abgeleb⸗ tes in ſeinem Weſen, ein ganz eigenartiger Zug, den man blaſirt nennen möchte, wenn man damit nicht mehr ein geiſtiges Stumpfſein, als ein körperliches bezeichnete ————————— 13 „Ich war lange in der Havannah“, ſagte er mir, als ich einige Andeutungen über ſein Aus⸗ ſeben laut werden ließ; und allerdings hatte ich ſchon bei anderen Europäern, die in tropiſchen Gegenden gelebt, ein ähnliches Ausſehen bemerkt, das auf die Ein⸗ flüſſe jenes Klimas zurückzuführen war. Mein Freund gab ſich Mühe, dies geltend zu machen; was dahinter lag, ſollte ich freilich erſt ſpäter inne werden.. „Und was macht die Muſe?“ begann ich wieder, als wir unſern Weg nach dem Innern der Stadt ein⸗ ſchlugen. „Ich habe die Träume meiner Kindheit längſt begraben“, erwiderte er. „Du hatteſt Talent!“ rief ich,„haſt Du es ganz vertrocknen laſſen?“ „Wenn das Talent nicht ſo groß iſt, daß es allen Stürmen Trotz bietet und daß es, anſtatt zu ver⸗ trocknen, anſchwillt durch widrige Schickſale und ſich zuletzt zum breiten Strome entfaltet, ſo thut man beſ⸗ ſer, ſeine Kräfte auf das Nützliche zu wenden.“ „Alſo Du haſt gar nichts mehr geſchrieben?“ Er zauderte einen Augenblick. Dann erwiderte er mit einem ſchwanken, gepreßten„Nein.“ „So erzähle mir aber doch einmal ordentlich, wo Du Dich in der Welt herumgetrieben haſt?“ „Das iſt eine lange Geſchichte. Ein andermal davon!“ „Wo warſt Du denn zuletzt?“ „In England.“ „Wie lange?“ „Zwei Monate.“ „Hatteſt Du eine Stelle dort als Kaufmann?“ Wieder ein Zaudern.„Nein“, erwiderte er end⸗ „Ich hatte dort... ein Teſtament zu vollſtrecken.“ „Und wo warſt Du vordem?“ „In Spanien,“ „In Spanien?— Ach, ich beneide Dich um den reichen Schatz von Eindrücken, den Du von dieſem Lande mitgebracht haben magſt! Nicht wahr, Spanien iſt nicht umſonſt das vielgeprieſene, vielbeſungene?“ „Es iſt ein paradieſiſches Land und gute Menſchen wohnen dort, aber die ſchönſte Natur wird verwüſtet durch die Leiden, die ein Unglücklicher in ſie hinein⸗ ſchleppt.“ Was wollte er damit ſagen?— Ich forſchte wei⸗ ter, doch ſprang er von dem Thema ab.. „In welcher Provinz haſt Du Dich aufgehalten?“ „Faſt in allen, zumeiſt aber in den nördlichen an den Küſten.“ „Biſt Du auch durch Aſturien gekommen?“ Vor 15 meinem Auge flimmerte bei dieſer Frage in weiter Nebelferne ein weißer Punkt. „Ich war dort in der Nähe.“ „Du kennſt den Biscayer Golf?“ Er ſah mich an.„Allerdings“, verſetzte er nach einer Weile,„und ſehr genau.“ „Kennſt Du Oviedo?“ „Nein, aber in dem benachbarten Santander habe ich einige Wochen zugebracht.“ Dieſe Worte klangen ſchwer aus ſeiner Bruſt und ſeine hohe, freie Stirn verfinſterte ſich mit trüben Wolken. „Haſt in dem Lande der Romantik doch ſicher auch Deine kleinen Abenteuer beſtanden? Der Feuer⸗ blick der ſchwarzäugigen Donnen ſchlägt gewiß leicht ein bei Gemüthern, in denen, wie bei Deinem, die Luft immer elektriſch geſpannt iſt““— So ſehr ich mich bemühte, ich konnte ihm kein Lächeln abge⸗ winnen. „Wie lange“, fuhr ich fort,„muß eine Caſſette wohl im Meerwaſſer liegen, bis Muſcheln und See⸗ pflanzen ſich an ihr anſetzen?“ Unwillkürlich blieb er ſtehen.„Du fragſt ſeltſam“, erwiderte er.„Wie kommſt Du an die Caſſette?“ „Vom Biscayer Golf zu ihr iſt nur ein kleiner Schritt... Du haſt doch von dem ſeltſamen Fund ge⸗ leſen, den ein Fiſcher zwiſchen ₰ Felſen jener gemacht hat?“ „Seit acht Tagen kam min keine Zeitung zu Ge⸗ ſicht.“ „Der Fund beſtand in einer Caſſette, bei deren Oeffnen ſich als einziger Inhalt eine abgeſchnittene Frauenhand ergab...“ In dieſem Augenblick bemerkte ich, wie das Geſicht des neben mir hinſchreitenden Freundes abwechſelnd todtenbleich und purpurroth wurde.„Was iſt Dir?“ frug ich,„Du wechſelſt ja die Farbe zehnmal in der Minute?“ „Nichts, nichts— ich bin herzleidend, da fliegt mir zuweilen das Blut auf, es geht raſch vorbei! Treten wir in das Caféhaus ein“, brach er ab, nach links deutend,„ich muß mich erwärmen, dieſe Kälte ſetzt mir zu.“— Ich folgte ihm und als wir drinnen an einem Tiſch uns geſetzt hatten, als wir uns, dem Lärm der Straße entrückt, gegenüberſaßen, Aug in Auge, war mir's, als hätte ich den Freund erſt recht gefunden. Und dennoch ſchien er mir ſo ſeltſam unruhig, ſo mit ſeinen eigenen Gedanken beſchäftigt, daß ich bald eine Kluft herausfühlte, die ſich ſchroff und ge⸗ heimnißvoll zwiſchen uns legte. Eine Spur leitete mich wieder zu dieſer hin, als er die auf den nächſten Ti⸗ 17 ſchen umherliegenden Zeitungen zuſammenraffte und eifrig in ihnen zu ſuchen begann. „Dachte ich mir's doch gleich“, begann ich „daß Dich nicht die Kälte, ſondern die Neugierde, von dem Funde im Biscaher Golf zu leſen, hier hereinge⸗ trieben hat. Komm, ich will Dir ſuchen helfen!“ Er reichte mir einige von den Blättern herüber. Ich fand darin neuere, mir noch unbckannte Nachrichten über das Thema, das uns beſchäftigte. Ich glaubte, die Hand Manfred's zittern zu fühlen, als ich ihm die Journale, welche dieſe Nachrichten enthielten, zuſtellte, ich ſah, daß er mit einer gewaltigen Aufregung kämpfte und deutlicher begann da in mir ein Verdacht, Manfred ſtehe in irgend einer Beziehung zu dem Ge⸗ heimniß, ſeine Fäden zu ſpinnen. Was mich am meiſten wunderte, war, daß er, kachdem er alles auf den Fund Bezügliche geleſen hatte, bei Weitem ruhiger, ja vollſtändig beruhigt ſchien. Ich nahm das Geſpräch wieder auf mit der Frage: „Nun, wie denkſt Du über die Sache? Welche von den vielen Vermuthungen, die hier laut werden, mag die richtige ſein?“ „Keine von allen.“ „Du ſagſt das ſo ſicher...“ „Gegen Niemand“, entgegnete er,„würde ich ein Palm, Der Fund im Biscayer Golf. 2 18 Wort darüber verlauten laſſen, Dir, dem Freunde, will ich es geſtehen. Es lebt nur Ein Menſch unter der Sonne, der über den dunklen Roman, der hier zu Grunde liegt, Auskunft geben kann und dieſer Eine — bin ich!“ Hätte ein Erdbeben den Fußboden vor mir ge⸗ ſpalten und ich wäre eben kopfüber dem gähnenden Schlund entgegen geſtürzt, ich hätte nicht überraſchter, entſetzter ſein können. Ich bat ihn, beſchwor ihn bei unſerer Freundſchaft, bei ſeinem offenen, treuherzigen Geſicht, mir Alles zu ſagen.. „Geduld, Geduld!“ ſprach er.„Wenn irgend Einer, ſo hat gewiß der treue Gefährte der Jugend Anſpruch darauf, meine Schickſale zu erfahren. Hätte ich Dich zwei Monate früher bei mir gehabt, vielleicht, ich wäre noch ſchneller geneſen, ſo aber mußte ich ein anderes Mittel wählen, mich von dem erſtickenden Drucke, der mir auf der Seele laſtete, zu erlöſen.. Du haſt mich vorhin gefragt, ob ich nichts mehr geſchrieben habe?— Ich will Dir nur geſtehen, daß ich die Muße, die mir in den letzten Monaten übrig blieb, dazu be⸗ nützte, gewiſſe Denkwürdigkeiten aus meinem Leben aufzuzeichnen, die mit dem Funde im Biscayer Golf im nächſten Verbande ſtehen und die außerdem Nach⸗ richt geben über den verworrenen Lauf meines Lebens.“ ——— 19 „Und ich darf ſie leſen?“ „Ich will ſie Dir ganz überantworten, ſie ſind im Geiſte an Dich geſchrieben. Ich habe mir durch ſie die Bruſt freigemacht, für mich haben ſie ihren Zweck erfüllt. Wenn Du glaubſt, daß noch Andere Intereſſe nehmen an dem Stück Menſchengeſchichte, ſo benutze es nach Gefallen. Eines aber mußt Du mir ver⸗ ſprechen: Du öffneſt das Manuſeript nicht eher, als bis Du nach Franffurt zurückgekehrt biſt. Ich will nicht rühren an kaum vernarbte Wunden, ich kann nicht reden über die Geſchichte, die Du erfahren ſollſt.“ „Und willſt Du nicht“, rief ich,„nach ſo langer Trennung Deine Vaterſtadt wiederſehen, mit mir hin⸗ reiſen?“ „Dies Mal nicht. Dich, den Freund, habe ich hier ge⸗ troffen, meine Eltern ſind todt. Mich in die Senti⸗ mentalität meiner erſten Jugenjahre zurückzuwiegen, wäre mir jetzt gerade gefährlich, ich ſehne mich nach einer ſtrengen Thätigkeit, die mein ganzes Weſen ge⸗ fangen nimmt, ich reiſe übermorgen nach der Havan⸗ nah zurück, wo ich in meine alte Stellung wieder ein⸗ tet 3 Und ſo geſchah es auch. Am andern Tage um⸗ armten wir uns zum letztenmal. Tiefer als je zuvor fühlte ich es im Weh des Scheidens, wie theuer Manfred — mir war. In ſeinem treuen blauen Auge glänzte es thränenhell, mir zuckte es durch alle Nerven, als könne, als dürfe ich ihn nicht laſſen. Seine Schrift nahm ich verſiegelt mit und wie ich es verſprochen, erbrach ich ſie erſt bei meiner Ankunft in Frankfurt. Hier folgt ſie. Ich weiß nicht, ob ſie auf andere Leſer den nämlichen Eindruck machen wird, wie auf mich, einem Freunde fühlt man wärmer nach, als dich⸗ reriſchen Figuren. Wie das leibliche Auge ſelbſtthätig bei den Farben, die ihm entgegentreten, die ergänzen⸗ den ſubſtituirt und ſo die Abſtufung der Schattirungen aus ſich erzeugt, ſo muß das geiſtige Auge des Leſers hier manche Uebergänge vermitteln, und die zarteren Abſtufungen in das Seelengemälde des Freundes brin⸗ gen. Er wird dann dieſelbe Theilnahme für ihn he⸗ gen, die ich ihm bewahre!. ———— Manfreds Memvirrn. Auf einen Zuſtand, den man überwunden hat, zurückzuſchauen, hat nichts Peinliches, er mag noch ſo ſchlimm geweſen ſein. Aber darin ſtecken, eingeklemmt ſein mit eiſernen Banden und trotz aller Anſtrengung nicht hinauskommen, iſt fürchterlich. Wenn ich denke, wie erbärmlich es mir ging, als ich die Fahrt über den Ocean zurückgelegt hatte! Meine Mutter ſchien es zu ahnen, denn mit ſchwerem Herzen, mit heißen Thränen hatte ſie mich, ihren Einzigen, fortgehen laſſen in die weite Welt. Mein Vater war todt. Mich trieb der Ehrgeiz, mir einen weiten Kreis für mein Wirken zu ſuchen, mir in kurzer Zeit eine bedeutendere und ge⸗ winnbringendere Stellung zu gründen, als es mir in meiner erſchöpften Heimath möglich war. Dann wollte ich meine Mutter zu mir rufen, und bei mir ſollte ſie * ——————————— 5 5 ihre Tage in Ruhe und Zufriedenheit beſchließen. Ach, die Arme wurde dem Schmerz enthoben, alle die ſchö⸗ nen Hoffnungen ihres Sohnes fehlſchlagen, alle ſeine Pläne in Trümmer gehen zu ſehen! Der Tod ſprach ſie los von der bangen Sorge um mich. Ich ſtand nun ganz allein, der letzte Anker meines Lebens war gebrochen. Mein kleines Reiſegeld war aufgezehrt, meine Empfehlungsbriefe abgegeben— hin und wieder hatte man mich mit gutem Rathe, überall aber mit kaltem Herzen abgefertigt. Ich verzweifelte an der Welt, an mir ſelbſt. In einer chemiſchen Fabrik ver⸗ richtete ich Handlangerdienſte und verkaufte für wenige Cents den ſchönen ſonnigen Tag, der auf die Gewölbe herableuchtete, deren giftigen Dunſt ich einathmete. Aber eines Tages begoß ich mir den Arm mit einer ätzenden Säure, die mir Haut und Fleiſch zerfraß und mir wüthende Schmerzen verurſachte. Ich lag vier Wochen im Hoſpital, Niemand kümmerte ſich während meines Krankſeins um mich. Ich verſuchte ſodann mein Glück als Packträger bei der Eiſenbahn. Ein anderer Deutſcher, älter als ich, von der Noth zum nämlichen Erwerbe getrieben, geſellte ſich zu mir. Die ſcheinbare Aehnlichkeit unſerer Schickſale, unſer gemeinſames Beſtreben, aus unſerer drückenden Lage hinauszukommen, befeſtigte unſere Be⸗ eie 0 S0 kanntſchaft. Er hatte gleich mir die Kaufmannſchaft erlernt und war länger als ich in New⸗York, darum ortskundig. Er muß bemerkt haben, daß ich noch einen Ring von ziemlichem Werthe bei mir verwa hrte, den ich als einziges Andenken an meine Mutter ſelbſt in der höchſten Noth nicht veräußern wollte. Er machte mir plauſibel, daß uns geholfen ſei, wenn wir ein kleines Waarenſortiment erſtünden und damit als Hauſirer herumzögen; da komme man in viele Häuſer und man könne nicht wiſſen, wo Einem einmal das Glück lache. Ich ließ mich überreden, gab ihm meinen Ring, damit er ihn einſtweilen verpfände und die Waaren einkaufe— Du haſt wohl ſchon errathen, daß mein„Freund“ auf Nimmerwiederkehren verſchwand. Erſt lange nachher erfuhr ich durch Zufall, daß er bei mir im Kleinen wiederholt hatte, was er im Großen ſchon öfter betrieben. Als Reiſender für ein bedeu⸗ tendes rheiniſches Fabrikgeſchäft hatte er eines Tages mit den Incaſſo's eine Reiſe über den Ocean ange⸗ treten, die nicht auf ſeiner Tour ſtand, und dabei eine Dirne mitgenommen, die ihn im Stich ließ, als das Geld zu Ende war. Sein Schickſal ereilte ihn endlich in einer Matroſenkneipe, wo ein engliſcher Bootsmann, den er beim Spiel betrog, ihm im Streite den Schädel einſchlug. — Ich dachte ſchon Wunder, wie gut es mir gehe, als ich es zuletzt dahin brachte, einen kleinen Obſtkram in der Nähe der Docks zu errichten. Ich wählte mir einen Platz, wo die großen Dampfſchiffe zu landen pflegten, und die Aus⸗ und Einſchiffung von Menſchen und Waaren brachte das vielgeſtaltigſte Leben in meine Nähe. Wenn ich das Volk in fieberhafter Haſt vor⸗ über und ſeinen Intereſſen nachjagen ſah, marterte ich mich wieder ab mit Betrachtungen über meine Gebun⸗ denheit, über mein armſeliges Lvos. Ich grübelte nach, wie ich mich irgendwo einklammern könne in das em⸗ ſige, raſtloſe Leben, das vor mir abſchnurrte wie an zahlloſen ſauſenden Spindeln. Unter den herüberkom⸗ menden Paſſagieren ſah ich zuweilen mitten unter vor⸗ nehmen Damen und gepäckreichen Gentlemen einen deutſchen Bauern an's Land treten mit Weib und Kind, und nun mit großen Augen umherſtarren, als ſollten Alle, die am Damme ſtanden, ihn kennen und erwar⸗ ten. Wenn das Geſchmeiß verdächtiger Agenten und Herumlungerer nun über dieſe Opfer herfiel, da be⸗ ſchlich mich immer ein tiefſchmerzliches Gefühl von dem rieſenhaften Irrthum, der ſo viele meiner Landsleute herübertreibt nach der neuen Welt, um hier Schätze, die ihnen in den Schooß fallen ſollen, zu ſuchen. Als ich gar Einen einmal gefragt hatte, woher er ſei und ——————— ¹ 4 * 1 1 * ——— 25 er mir ein Hertchen aus dem Schwarzwald nannte, das ich oft in meiner Kindheit beſucht hatte, da ergriff mich ein ſo gewaltiges Heimweh nach den deutſchen Eichen⸗ und Tannenwäldern, den freundlichen Dörfern in lachenden Thälern, den Städten auf geſegneten Ebenen mit ihren geruhſamen Bewohnern, daß ich gleich zehn Jahre meines Lebens verſchenkt hätte für einen freien Athemzug in der geliebten Heimath. Wenn ich mir dann vergegenwärtigte, was meine Eltern Alles für meine Ausbildung gethan hatten, wie ich in meinem Berufe wohl erfahren, in den Sprachen, beſonders im Engliſchen, tüchtig war und ich dennoch keine Möglichkeit ſah, aus meiner Lage hinauszukom⸗ men, dann gingen mir zuweilen verzweifelte Gedanken durch den Kopf, als ſei es gar kein ſo arger Frevel, die Ungerechtigkeit der Götter zu korrigiren und einen Gewaltſtreich zu wagen, wenn es auf ordentlichem Wege nicht gehen wollte— es waren Aufwallungen, die vorübergingen, aber ich habe in jenen Tagen mei— nes Lebens kennen gelernt, daß in ſolch drückender Lage ſelbſt ein feſter Charakter in's Wanken kommen kann und daß man ſich nicht vermeſſen ſoll, auf wei⸗ chem Divan nach einem guten Diner über Leute zu pbiloſophiren, die, durch Mißgeſchick zum Aeußerſten gebracht, in den Abgrund des Verbrechens taumeln. Ich hatte eine Zeit lang meinen Obſthandel mit leidlichem Erfolge betrieben, als ich eines Morgens nach meiner Bude kommend, ſie zertrümmert und den ganzen Inhalt theils hinweggeſchleppt, theils herum⸗ geworfen und zertreten fand. Da ſtand ich, ärmer als je! Ein tiefer Ingrimm auf die ganze Menſchenbrut erfaßte mich, ich wünſchte mir eine Waffe, um ihrem innerſten Herzen eine tödtliche Wunde zu verſetzen. Ich irrte in der Stadt umher, den Broadwah entlang an den Paläſten des Reichthums vorbei, es wollte mir kein Mittel einfallen, mein elendes Leben weiter zu friſten. In meiner Verzweiflung ging ich wieder nach den Docks zurück; noch wußte ich nicht, wo ich in der Nacht mein Haupt niederlegen ſollte, das erdrückende Gefühl meiner Noth brach lebendiger über mich herein als jemals— glücklicherweiſe entriß mich meinen trü⸗ ben Betrachtungen der mir entgegenwogende Strom von Paſſagieren, die ein engliſcher Steamer ſpeben an's Land geſetzt hatte. Vielleicht konnte ich Gepäck nach einem Hotel bringen; dies denkend miſchte ich mich in den Schwarm, als mein Fuß plötzlich auf einen fremdartigen Gegenſtand trat. Ich blickte nieder und bemerkte eine Brieftaſche. In mein Knie ſinken, die Brieftaſche auf dieſe Weiſe den Blicken der Vorüber⸗ gehenden verdecken, ſie verſtohlen an mich ziehen, war ö das Werk eines Augenblickes. Ich wagte nicht, den Inhalt zu revidiren, bis ich mich ganz allein ſah. Bei Gott, es war ein flotter Fund! Sie enthielt fünfhun⸗ dert Pfund Sterling in engliſchen Noten und zwei⸗ tauſend Dollars in Wechſeln, außerdem verſchiedene Briefſchaften. Wie reich war ich auf einmal! Ich jauchzte und ſagte mir: Das Geld behältſt du, es iſt dir lange ge⸗ nug erbärmlich gegangen beim redlichſten Willen, jetzt laß dir's wohl ſein! Es gewährte mir eine eigenthüm⸗ liche Süßigkeit, mich auf dieſe Art an den Menſchen, die mir ſogar meinen letzten kargen Erwerb mißgönnt, zu rächen— und dennoch fand ich keine Ruhe dabei. s wehrte ſich etwas in mir gegen meinen Plan mit äußerſter Anſtrengung, wie eine Mahnung von der guten Stimme der Mutter klang es mir im Ohr. Willſt Du lernen, Dich ſelbſt verachten? ſprach es in mir. Noch wohl entſinne ich mich der unvergleich⸗ lichen Befriedigung, der tiefen Beſchwichtigung aller in dieſer ſchweren Zeit empfundenen Schmerzen, als ich mit voller Kraft den Vorſatz gefaßt hatte, den gefun⸗ denen Schatz unberührt dem Eigenthümer wieder zu⸗ rückugeben. Und es war, als ſolle ich auf der Stelle für dieſen guten Entſchluß belohnt werden, denn beim Aufſchlagen einer verborgenen Taſche fand ich ich die Photographie einer jungen Dame, die ſo ſchön war, wie ich nie etwas geſehen. Ich konnte mich nicht von dem Anblick dieſes unausſprechlichen liebreizenden Ge⸗ ſichtes trennen. Es war ein Bruſtbild, der Unterarm verlor ſich ſchon leiſe in der bräunlichen Wolke des Grundtons, aber gegen den Buſen legte ſich eine kleine, zurte, auffallend ſchöne Hand... War dieſe Dame die Beſitzerin der Brieftaſche? — Nein, ſie gehörte offenbar einem Herren. Vielleicht gab einer der Briefe den Namen des Eigenthümers kund. Ich getraute mir, einige derſelben zu entfalten; ich behaupte, kein Menſch auf der ganzen Erde, und wäre er der beſterzogene und Meiſter in der Selbſt⸗ beherrſchung, iſt ſo frei von Neugierde, daß er nicht, wie ich, den Inhalt eines ſolchen Fundes bis in's Kleinſte durchkramen würde. Die Briefe waren alle in engliſcher Sprache abgefaßt und betrafen in der Hauptſache das Falliment eines Hauſes in der Ha⸗ vannah, bei dem der Adreſſat mit einer großen Summe betheiligt war. In dem einen ſtand ein Vorladungs⸗ termin auf den zwanzigſten Juni; man ſchrieb an dem Tage, da ich den Fund that, den erſten. Ganz genau weiß ich noch alle Einzelnheiten. Gerichtet waren dieſe Briefe an Mr. Harry Lee in Liverpool. Mehr als ſie intereſſirten mich die Notizen, welche ——— 20 in dem Schreibhefte des Portefeuilles von der Hand des Eigenthümers eingetragen waren. Da fanden ſich neben kaufmänniſchen Aufzeichnungen aller Art merk⸗ würdige Sentenzen, Epigramme, Gedichte oder Anläufe dazu, alles nur hingeworfen, ſkizzenhaft, aber alles hinweiſend auf einen höchſt originellen Kopf. Einiges davon kam mir ſo merkwürdig vor, daß ich es ab⸗ ſchrieb: „Fünfzehn Jahre brauchen unſere Eltern gewöhn⸗ lich dazu, uns zu erziehen, wir ſelbſt brauchen hinter⸗ her wenigſtens zwanzig, alles Falſche und Verkehrte, das unſere Erziehung uns eingeimpft, wieder loszu⸗ werden Aus der allerletzten Zeit ſchien Folgendes zu ſein: „Sie ſchläft jetzt, der erſte Schlaf nach dem Sturme, möge er ſie erquicken! Ich will mich auch noch mit der Schlummernden beſchäftigen. Der Sturm brauſte, ich hielt Cordelia in den Armen und ein Todes⸗ muth, wollüſtig zugleich und ſchauervoll, hob mir die Bruſt. Ja, es ſchien mir die höchſte Wolluſt, mit ihr ſterben zu dürfen, weil mich ſchauernd die Furcht durch⸗ lief, das Leben könne ſie wieder von mir trennen. Sie ſchmiegte ſich an mich wie ein zitterndes Reh beim Gewitter; ich hatte mich an den Maſtbaum feſtgebun⸗ den und hielt die Bebende an mich gepreßt, während die an des Schiffes Eiſenbruſt zerberſtenden Wellen hoch über uns wegſpritzten. Was ſind in ſolch fürch⸗ terlicher Gefahr die feigen, falſchen Geſellſchaftsformen, mit denen die Menſchen ſich belügen! Der Rieſenkraft der Elemente preisgegeben ſteht Menſch dem Menſchen gegenüber, unverfälſcht, hilflos, und Hand in Hand, Bruſt an Bruſt halten ſie Stand den zürnenden Göt⸗ tern. Wie ein Traum ſchwebt es vor mir, wie Cor⸗ delia ſich an mich klammerte in den Augenblicken der Noth, an mich, den Fremden; aber mit jenem Sturme, der uns umherwarf auf den Waſſergebirgen des Welt⸗ meers, ſchloß die Vorſehung einen Ring zwiſchen mei⸗ nem Schickſal und dem ihrigen, den kein Blitz mehr zerſchmettert, kein Sturm mehr zerbricht. Man kann ſich denken, welchen Eindruck dieſe Worte auf mich machten, koſtete es doch nur einen ſehr klei⸗ nen Gedankenſprung, um in Cordelia das Urbild des Portraits, das ich bei dieſen Zeilen gefunden, zu ver⸗ muthen. Der Roman, deſſen Fäden mir ſo unver⸗ muthet in die Hände geſpielt waren, beſchäftigte höch⸗ lich meine Einbildungskraft, ja das ganze Erlebniß ſteigerte mich in die höchſte Aufregung hinein. Ich konnte nicht einſchlafen; wie auf Schmetterlingsflügeln ſchwang ſich durch meine Sinne das Bild Cordeliens. Meine Phantaſie malte ſich den Seeſturm aus, deſſen —— Darſteilung ich geleſen hatte. Die Sentenzen, welche das Notizbuch enthielt, entrollten mir ein vorahnendes Charakterbild des Mannes, der von entſcheidendem Einfluſſe auf meine Zukunft werden ſollte. Die Ge⸗ danken über dieſen Mann und über ſeine Begleiterin verfolgten mich bis in Schlaf und Traum. Ich fand mich an einer öden Felſenküſte und vor mir wüthete das Meer in raſender Empörung. Ein Sturm blies mir in's Geſicht, der die Wogen an den Riffen hinaufpeitſchte und ihre Flugperlen weit hin⸗ überwarf über das kahlſtarrende Geklüft. Es war Nacht und plötzlich bei den zuckenden Lichtern, die mit irrendem Scheine das Dunkel aufhellten, ſah ich einen Schwarm ſchwankender Schiffe, die Segel eingerefft und von der Bewegung des Windes und Waſſers nach den Klippen, auf denen ich ſtand, hergejagt. Ich ſah ſie aufprallen, ſinken, ſah an den Maſten, die langſam hinabtauchten, die Schiffbrüchigen ſich hinaufwinden, bis die letzten Spitzen, nach denen ſie emporkrochen, wegſchwanden; auf Brettern ſah ich ſie umhertreiben und in das losgeriſſene Tauwerk hineingeſpült Kiſten und Koffer, Waarenballen und Fäſſer— nur ein ein⸗ ziges von den Schiffen war noch flott und fuhr ſchräg an mir vorbei; ich ſah es deutlich, es war eine Brigg, ganz ſchwarz angeſtrichen und vorne am Schnabel, ——— unter dem Bugſpriet, befand ſich ein hölzernes Bild⸗ hauerwerk, eine Frauengeſtalt, grell weiß, dem Schiffe gleichſam voranſchwebend und ſeinen Lauf lenkend. Den einen Arm hielt ſie vorgebogen und die Hand ragte in die Luft hinaus, das Geſicht aber— o Wun⸗ der!— zeigte die Züge Cordelias, freilich ſo ſtarr und kreidefahl, wie eben nur der Traum Alles verſtellt. In dieſem Augenblicke wuchs die Wuth des Sturmes auf's höchſte, grauſige Schlünde öffneten ſich nach der Tiefe und zogen die Trümmer der geſtrandeten Schiffe ſtrudelnd hinab;— plötzlich zeigte ſich noch ein Le⸗ bender in dieſem Gewühle, er ſuchte ſchwimmend an Bord der ſchwarzen Brigg ſich zu retten. Aber nir⸗ gends bietet ſich ihm an den glatten Rippen des Schiffes ein Haltpunkt, Niemand gewahrt ihn von oben, um ihm ein Tau zuzuwerfen. Er ruft, man hört ihn nicht, er ſcheint zu ermatten. Da, im letzten Augenblicke, als er eben unterſinken will, ſchleudert ihn eine Sturzwelle am Vorderende des Schiffes empor, mit einem ſchnellen Griffe erfaßt er die ausgeſtreckte Hand der Schiffsfigur, die Welle zerrinnt unter ihm, er ſchwebt frei in der Luft, jauchzt auf mit der Wonne ves Geretteten— da bricht die Hand, der Arm, den er umklammert hält, entzwei, und er verſinkt mit dem abgebrochenen Stück in der Tiefe der Wogen... Das Seltſamſte bei dieſem Traume war, daß es wie ein fernes Echo aus meinem in Schlaf gewiegten Bewußtſein herausſprach: jener Mann, der ſich zu retten verſucht, ſei Mr. Harry Lee geweſen. Als ich ihn aber am nämlichen Tage in Wirklichkeit kennen lernte, fand ich, daß ſein Aeußeres jenem Bilde aus meinem Traume nicht entſprach. Dies iſt ein Pro⸗ blem der Traumkunde. Die nüchterne Morgenſonne ſtellte mich wieder hinein in den Drang der Welt und mein Erſtes war, mir die Morgenblätter anzuſchaffen und in dem In⸗ ſeratentheil die Rubrik der verlorenen Gegenſtände zu durchſuchen. Sehr bald entdeckte ich auch in großen Buchſtaben die Ueberſchrift: Verlorene Brieftaſche. Fünf⸗ hundert Dollars Belohnung waren für deren Zurück⸗ ſtellung an Mr. Harry Lee, Victoria⸗Hotel, ausgeſetzt. Ich machte mich ſchnurſtracks dorthin auf den Weg. Der Portier wies mich nach den zweiten Stock, nach Zimmer 47. Ich ſchritt die Stufen hinan; geſchäftige Kellner rannten an mir vorbei und Gäſte jeden Alters und Standes gingen treppauf, treppab; bei jedem Vor⸗ übergehenden meinte ich, es müſſe Mr. Lee ſein. Im Palm, Der Fund im Biscayer Golf. 3 Uebrigen kam ich mir auf dieſem Sammelpunkte faſhio⸗ nabler Menſchen in meinem abgeſchabten Anzuge recht ſonderbar vor; es trat mir nie ſo ſehr der Abſtand zwiſchen meiner ehemaligen und jetzigen Lage zu Ge⸗ fühl, als gerade hier. In einem der glänzenden Speiſe⸗ ſäle des erſten Stockes ſah ich eine Anzahl Gäſte beim Frühſtück ſitzen, darunter junge elegante Damen—„Cor⸗ delia!“ blitzte es mir durch den Sinn, doch war ſie nicht dabei. Gerade wollte ich die Treppe zur zweiten Etage hinanſteigen, als auf den letzten Stufen Cordeliens Ge⸗ ſtalt vor mir erſchien. Sie ſchien aus einer Wolke herab⸗ zuſchweben; lichte Klarheit umfloß das Haupt, das zart und ſchön war wie eine weiße Blume, die der Lenz aufküßt. Was war gegen dieſes helle, holde Le⸗ ben das todte Bild des Photographen! Ihr Blick fiel auf mich, ich fühlte ihn nachbrennen im Innerſten meines Herzens. Ahnte ſie's, daß ich ſie kannte, daß ich ihrem Beſchützer den verlornen Schatz zurückbrachte? — Ich ſah ihr nach; der Saum ihres leichten, luftigen Kleides ſtreifte die Cvcosmatten, die den Corridor deckten, ich glaubte die Spur, welche ihr Fuß verfolgte, flammen zu ſehen. Eine ältere, ſehr blaſſe Dame be⸗ gleitete ſie. Einen Augenblick ſtanden ſie ſtill und Cordelia ließ ſich von ihrer Begleiterin den weißen —— * Handſchuh zuknöpfen, den ſie unterwegs an die Finger geſtreift hatte. Die beiden Damen waren gerade an die Thüre des Speiſeſalons gekommen, als dieſe aufflog und ein hochgewachſener Herr heraustrat, deſſen Züge ich bei dem raſch einfallenden Lichte unter der Thüre deutlich erkennen konnte. Es iſt Mr. Lee! ſagte ich mir. Er begrüßte die Damen und in dem raſchen Wechſel verbindlicher Worte, die getauſcht wurden, vermochte ich keines zu verſtehen; nur ſo viel nahm ich wahr, daß er ſich ſehr angelegentlich erkundigte, wie die ältere, krank ausſehende Dame die Nacht zugebracht habe. Ich ließ Mr. Lee durch einen Kellner um eine Unterredung auf ſeinem Zimmer bitten und ging vor⸗ an nach Nummero 47, welche man mir als die ſeinige bezeichnet hatte. Bald ſah ich mich dem Manne ge⸗ genüber, der in den letzten Stunden ſo lebhaft meine Einbildungskraft beſchäftigt hatte; ich fühlte den ſchar⸗ fen Blick eines Auges auf mich gerichtet, deſſen Farbe mich ſeltſam feſſelte: es war das intenſivſte Blau, das ich je bei einem Männerauge geſehen. „Was ſteht zu Dienſten?“ frug er mich. „Ich bringe Ihnen Ihre Brieftaſche zurück“, er⸗ widerte ich kurz und bündig. 36 Ich ſah in ſeinem Geſichte eine gewaltige Bewe⸗ gung arbeiten, eine Bewegung, die nicht blos die Freude über das Wiederempfangen des Verlorenen war, ſondern aus einem tieferen Grunde ſeines Her⸗ zens aufzuſteigen ſchien. Er gab mir auch den Schlüſ⸗ ſel dazu, denn als ich in meine Bruſttaſche gegriffen und ihm das Portefeuille hingereicht hatte, brach er in die Worte aus: „Wahrhaftig, Sie beſchämen mich! Ich hätte dar⸗ auf geſchworen, mein Eigenthum nicht wieder zu be⸗ kommen.“ „Das wäre ein ſchwerer Verluſt für Sie geweſen.“ „Das Schwerſte iſt, das Vertrauen zu den Men⸗ ſchen zu verlieren“, rief er in einem Tone, der mich erſchütterte;„nehmen Sie Dank, Sie haben es mir wieder gegeben! Ich war arm, da ich dieſes Geld noch beſaß; ich bin reich, ſeit ich es verloren und durch Sie wieder erhalten habe.“— Ich konnte darauf keine rechte Entgegnung finden, ich mußte Lee nur immerfort anſehen und jetzt fiel mir recht das lebhafte Geberdenſpiel auf, das in ſeinem Antlitze vorging. Wenn er nicht ſprach, ſo waren ſeine Züge feſt, ſtarr, faſt herb, aber eine gewiſſe Friſche milderte ſie; über die Stirne, über die Schläfen nach dem Auge hin und ſelbſt um Mund und Wangen lie⸗ —— 37 fen leichte Falten, die, wenn er ſchwieg, zuweilen ganz zu verſchwinden ſchienen, dagegen wenn er ſprach, und wenn Gemüth oder Verſtand heftig bei ihm angeregt wurden, ſich um ſo tiefer markirten, als ſein Geſicht in ſolchen Augenblicken zu erblaſſen pflegte. Da er⸗ ſchien er oft plötzlich wie um Jahrzehnte gealtert, ſo daß man in Verſuchung kam, jene Falten für Furchen gewaltiger Leidenſchaften zu halten, die mit ſcharfem Pfluge verheerend über dieſen Organismus gegangen. Während ich ihm erzählte, wann und wo ich den Fund gethan, öffnete er den Riegel der Brieftaſche und ſuchte zuerſt nach dem Bilde Cordelia's, das er entzückt betrachtete. Dann revidirte er mit einer ge⸗ wiſſen geſchäftsmänniſchen Raſchheit den übrigen In⸗ halt, ſah nach einigen Briefen, die ihm beſonders werth— voll zu ſein ſchienen und indem er von dem Gelde einige Noten ergriff, wollte er ſie mir mit den Wor⸗ ten aushändigen: „Ich hatte fünfhundert Dollars für den Finder ausgeſetzt. Ihrer Kleidung nach ſind Sie unbemittelt, Sie werden auch etwas mehr brauchen können.“ In dieſem Augenblicke durchleuchtete mich's, wie eine Eingebung vom Himmel; was mir nur erſt im trüben Nebel vorgeſchwebt, ſtand jetzt klar und feſt vor meinem Geiſte. Wie Cordelia beim Toben des 38 Seeſturmes ſich vertrauensvoll an den Mann geſchmiegt, der mir gegenüberſtand, ſo wollte auch ich mich feſt an ihn ſchließen, und mit kräftigem Ausdrucke ver⸗ ſetzte ich: „Ich ſchätze Ihre Großmuth, aber an dem Gelde, ſo gut ich es brauchen könnte, iſt mir wenig gelegen. Ich bin Kaufmann und kam nach dieſem Lande, um ein weiteres Feld für meine Thätigkeit zu ſuchen, als ich es in der Heimath fand. Sie haben gewiß ein⸗ flußreiche Bekanntſchaften, nehmen Sie ſich meiner an, ſtellen Sie mich wieder in den Kreis, in dem ich das, was ich gelernt, ausnutzen kann. Hier ſind meine Zeugniſſe.“ Er wies ſie zurück.„Ich will keinem andern Do⸗ kumente glauben, als Ihrer That“, ſagte er.„Aber wie kommt es, daß Sie keine Stelle gefunden haben?“ Ich ſchilderte ihm in beredten Worten die ketzten Kapitel aus meiner Lebensgeſchichte, ich ſprach mit der überzeugenden Kraft der Wahrhaftigkeit. „Genug!“ unterbrach er mich,„ich weiß aus eigener Erfahrung, was es heißt, die Sterne mit den Zähnen faſſen und in Fortunas Fleiſch die Nägel ein⸗ krallen zu wollen, wenn ſie uns lachend mit dem Fuße von ſich ſtößt.“ Nach einer Pauſe frug er mich plöt⸗ lich:„Haben Sie Luſt, mit nach der Havannah zu gehen?“ 39 „Bis an's Ende der Welt!“ rief ich überſtrömen⸗ den Herzens. „Gut denn“, fuhr er fort,„machen Sie ſich be⸗ reit, mit mir abzureiſen. Holen Sie ſich bis heute Mittag näheren Beſcheid. Nehmen Sie von dem Gelde einſtweilen ſo viel, als Sie brauchen, ſich in der Ge⸗ ſchwindigkeit als mein Reiſegenoſſe zu equipiren, ſeien Sie nicht zu ſparſam. Ich erwarte Sie um drei Uhr wieder hier.“ Ich ging, nein ich flog, um meine Angelegenheiten in Ordnung zu bringen. Auf dem Wege nach Hauſe mußte ich mir drei⸗, viermal vorſagen, daß ich nicht im Fiebertraume dahinrenne, ſondern daß es Wahrheit und Gewißheit ſei, was ich ſoeben erlebt. Nach einigen Stunden ſtieg ich, zum eleganten Gentleman umgeſtaltet, aus dem Cab, das vor der vc.hhceechtteeeihhictechüei —— — Hotelthüre hielt. In einem und demſelben Magazine hatte ich nach amerikaniſcher Sitte Alles gefunden, deſſen ich zu meiner Ausrüſtung bedurfte, und im Uebrigen machte mir das Zuſammenpacken meiner Habſeligkeiten „ ſehr geringe Mühe, worüber ich mich jetzt weidlich ver⸗ gnügte. Der Portier war der erſte, der mich bewußt wer⸗ den ließ, daß ich mit den neuen Kleidern in den Au⸗ gen der Andern auch einen neuen Menſchen angezogen hatte. Mit ſchmunzelnder Liebenswürdigkeit wollte er mit mir anfangen, von dem„Fange“ zu reden, den ich mit dem reichen Engländer von Nr. 47. gemacht. „Die Herrſchaften ſind eben im Begriff abzureiſen“, fügte er bei und als ich fragte, wen er damit außer Lee ſelbſt meine, bezeichnete er mir die beiden Damen, mit denen er gekommen ſei Nun hob ſich mein Herz zu einer neuen freudigen Hoffnung; ich dachte, daß Cordelia die Genoſſin un⸗ ſerer Fahrt ſein werde, und aus der ſüßen Beklem⸗ mung, die mir die Bruſt erfüllte, rang es ſich los wie ein neues lebendiges Innewerden ihrer Anmuth und ihrer Schönheit. Aber mein Hoffen war vergebens. Ich fand Lee in großer Haſt und Aufregung und er ſagte mir: „Ich begleite heute meine Braut und ihre Tante, die nach Waſhington reiſen, bis Philadelphia und komme erſt morgen zurück, ob früh oder ſpät, weiß ich noch nicht. Sehen Sie morgen einmal um dieſe Zeit nach; wir reiſen mit dem übernächſten Steamer.“— Ich kam in eine peinliche Unruhe, in meinem In⸗ nern kämpften widerſtreitende Empfindungen. So ge⸗ nau ich wußte, daß Lee und Cordelia ſich nahe ſtan⸗ den, ſo machte die Nachricht, daß ſie ſeine Braut ſei, doch einen niederſchlagenden Eindruck auf mein Ge⸗ ich Lee, als er in den Wagen ſtieg, um der holdſelig⸗ 4¹ müth. Die quälende Bewegung in meiner Bruſt ſagte mir, daß ich ſie keinem Andern gönne, und wenn er auch zehnmal mein Wohlthäter ſei. Ich wurde ihr vorgeſtellt als der Finder der Brieftaſche, ſie richtete einige liebenswürdige Worte an mich. Wie beneidete ſten Braut das Geleit zu geben!.. „Wann werde ich Dich wiederſehen?“ rief ich ihr ſchmerzvoll nach. Der Wagen rollte dahin zur Bahn und nie kam ich mir verlaſſener und einſamer vor, als in dem Augenblicke, da der kaum erworbene Be⸗ ſchützer mit dem ſchönſten Weib der Erde mir den Rücken kehrte. I. Einige Tage nachher befand ich mich mit Lee, der von Philadelphia zurückgekehrt war, am Bord des ₰ nach der Havannah beſtimmten Dampfers. Meines Be⸗ 1 gleiters Herz war zu übervoll von Glück, als daß er 2 mich nicht bald in die Umſtände eingeweiht hätte, denen er es verdankte. Durch die Gewohnheit eines beſtändigen Zuſammenſeins uns gegenſeitig näher ge⸗ rückt, wurde er aus meinem Beſchützer mehr und mehr auch mein Freund. Freilich blieb von Anfang an eine tiefe Kluft in ſeinem Innern zurück, die ich mir nicht überbrücken konnte. 3 Einmal als er nach einer ſehr luſtigen Erzählung plötzlich in dumpfes Brüten verſank und vor ſich hin⸗ ſtarrte, frug ich ihn nach dem Grunde dieſer ſchnellen Wandlung. Er entgegnete: 43 „Es war ein Wahnwitz von mir, daß ich nicht mit meiner Braut reiſte bis Waſhington..... „Was ſtand dem im Wege?“ frug ich. „Nichts als mein Wahnwitz, der mir vorſchwatzte, daß ich am zwanzigſten einen Termin in der Havannah einzuhalten habe.“ „Dieſer Termin iſt ſehr bindend für Sie, Ihre Geſchäfte dulden keinen Aufſchub, es ſteht dabei eine zu große Summe für Sie auf dem Spiel.“ „Wer ſpricht von Geſchäften, wenn das Herz das Wort hat!“ fuhr er mir entgegen.„Ich mag von nichts hören, was mich von ihr trennt... ich durfte ſie nicht verlaſſen! Ich hätte bis nach Waſhington ſie begleiten müſſen, dorthin eilte ſie zu ihrem Bruder, der ſchwer erkrankt, ſie noch einmal vor ſeinem Tode zu ſehen wünſchte. Dieſes ernſte, ſchmerzensvolle Amt hatte Cordelien auf die Reiſe gerufen. Die Furcht, den geliebten Kranken nicht mehr am Leben zu finden, war das ſchwarze Geſpenſt, das vor ihr her zog und auch über unſere Liebe ſeine Schattenfittige breitete. Sie wollte meinen Antrag, der ſie in Verwirrung und Beſtürzung ſetzte, nicht annehmen, bis ſie über das Schickſal ihres Bruders beruhigt ſei. Aber ſo lange Qual der Ungewißheit ertrug mein Herz nicht. Als ich die Küſte vor mir aufſteigen ſah, die Cordelien von — — —— 44 mir trennen ſollte, that ich einen Schwur, jenes Land nicht zu betreten, bis ſie mich erhört... ich ſtellte ihr dieſe Wahl und zitternd reichte ſie mir endlich ihre kleine, weiße Hand und ließ ſich den Ring an den Finger ſtecken, der ſie mit mir vermählen ſoll... beim ewigen Himmel, dieſe kleine Hand zog mich vom tiefen Abgrund zurück... Cordelia erhörte mich, während ihre Bruſt in Angſt um einen theuren Kranken erbebte. Sie werden jetzt begreifen, ich hätte Sie nicht verlaſſen dürfen, ich hätte ſie begleiten ſollen bis Waſhington.“ Mir fiel bei dieſen Worten mein Traum aus jener Nacht ein, da ich den Ertrinkenden ſich hatte an⸗ klammern ſehen an die weiße Hand der Schiffsfigur. Ich floh von Lee hinweg mit meinen Gedanken zu Cordelia. Noch jetzt ſteht es hell vor mir, welch' eigenthüm⸗ liches Vergnügen es mir machte, auf dem Deck in tiefer Nacht umhergehend mich in den Empfindungs⸗ zuſtand des Mädchens hineinzuleben, das unter ſo ab⸗ ſonderlichen Verhältniſſen den Bräutigam gefunden. Ich fühlte ihr nach, wie ſie, ein zartes Gemüth in gleich zartem Körper, in dem Seeſturm auf's Höchſte geängſtigt, an ihn, den ſtarken muthigen Mann, ſich mit dem Liebesarm des Epheu's gerankt, wie dann, als der Sturm in den Elementen ſich legte, eine tie⸗ fere Bewegung in ihrem Buſen zurückblieb, da in die Beſorgniß und Trauer um das Loos eines geliebten Bruders ſich heimlich ein ſüßeres Weh, eine Regung der Liebe miſchte, und ſo in ihrem Innern ein wogen⸗ der Konflikt entſtand, der ſie nicht mehr zur Ruhe kommen ließ, der die Hand zittern machte, verzagt und mädchenhaft, an die er das bindende Symbol der Treue ſtecte Als ich mir Alles, was mir Lee über ſein Ver⸗ hältniß zu Cordelia erzählt, im Geiſte weitergeſponnen, frug ich ihn: „Wie aber verhielt ſich die Tante Ihrer Braut, ihre Begleiterin, zu Ihrem Antrage?“ „Aus dieſer Frau bin ich nicht klug geworden“, gab er zurück.„Anfangs ſchien ſie mit ihrer Einwil⸗ ligung zu ſchwanken, aber nachher ſagte ſie zu Allem Ja; ſie las mir meine Wünſche von den Augen ab und ſuchte ſie zu erfüllen, Alles aber in einer Weiſe, daß ich wohl empfand, es leite ſie dabei nicht die Zu⸗ neigung zu mir, ſondern eine fremdartige äußere Ur⸗ ſache, die ich nicht zu ergründen vermochte. In einem Punkte nur trat ſie meinen Wünſchen entgegen: ſie duldete um keinen Preis, daß ich Cordelien weiter das Geleit gab, als bis Philadelphia. Sie war der eigent⸗ liche Grund, daß ich meiner Braut nicht folgte bis an das Krankenlager ihres Bruders.“ „Seltſam... übrigens noch Eins! Die beiden Damen reiſten in einer ſo wichtigen und dringenden Angelegenheit. Wie kam es, daß ſie in New⸗York über Nacht blieben und nicht am nämlichen Abende ihrer Ankunft ihre Tour fortſetzten?“ „Dieſes Glück“, verſetzte Lee,„verdanke ich eben jener Tante. Sie war während des Seeſturms bei der Ueberfahrt erkrankt und blieb, bis wir an's Land kamen, in einem ſo bedenklichem Zuſtande, daß es ein Mord an ihr geweſen wäre, wenn man ſie ſogleich die Weiterreiſe auf der Eiſenbahn hätte antreten laſſen.“ Mir blieb Vieles über dieſe Dinge noch unauf⸗ geklärt, doch wollte ich nicht länger in Lee dringen. Die Zukunft, hoffte ich, werde ſchon von ſelbſt Alles an den Tag bringen. So ſtanden wir eines Abends zuſammen beim Steuerruder, als die Sonne, ein ſtrahlenloſer, dunkel⸗ glühender Feuerball, in den Schvos des Meeres ſank. „Noch dreißig Mal mußt Du ſinken“, ſprach Lee, gleichſam laut denkend,„ehe wir uns wieder finden!“ Ich vernahm, daß er an einem beſtimmten Tage wieder mit Cordelia in New⸗York zuſammentreffen wollte, um ſich nicht mehr von ihr zu trennen. Sie wollten dann † in Begleitung der Tante entweder, wenn der Bruder geneſen, zu dieſem reiſen und ſich dort trauen laſſen, oder aber— ſo war wenigſtens Lee's Plan— wenn jener nicht mehr am Leben wäre, nach England zurück⸗ kehren, um dort die Vermählung zu feiern. Wenn auch manchmal ein Stachel des Zweifels ſich mir in die Bruſt drückte und ich mir ſagte, daß eine gewiſſe Haſt und Ueberſtürzung in dieſem ganzen Vermählungsplane liege, ſo konnte mich dies eben bei einem Charakter, wie ihn Lee beſaß, doch keineswegs wundern; war ja die neue, durch ihn herbeigeführte Kriſis in meinem eigenen Leben ein deutlicher Beweis dafür, daß er kein Mann des Zögerns und Zauderns war, ſondern Alles mit einer Energie, ja Heſtigkeit anfaßte, gegen die es keinen Widerſtand gab. Je länger ich mit ihm umging, deſto mehr fiel mir ein plötzliches Umſchlagen ſeiner Stimmungen auf; aus tiefſter Niedergeſchlagenheit konnte bei ihm mit einem Male ein wilder Humor emporlodern, ich mußte dann mit ihm zechen und ſchlemmen, er verfiel auf die überſpannteſten, tollſten Einfälle— einmal aber er⸗ ſchrak ich nicht wenig, als er, angeheitert von dem übermüthigen Champagner, mit mir auf Deck ging und nachdem wir eine Weile in der friſchen Briſe uns ge⸗ kühlt hatten, mich in die Nähe des Steuerruders zu 48 einer Stelle führte, wo die Schiffsverſchanzung ſehr niedrig war und man den Fuß auf ihren oberen Rand ſetzen konnte. „Was meinen Sie“, rief er,„würde ich das Ufer wohl erreichen, wenn ich mich hineinſtürzte und ver⸗ ſuchte, hinüberzuſchwimmen?“ Ich lachte zuerſt, aber er ſetzte den Fuß auf die Brüſtung und wahrhaftig, ich glaube, wenn ich ihn nicht gehalten hätte, er wäre hinabgeſprungen in die von der wühlenden Schraube tief aufgepflügten Wellen. „Sehen Sie ſich vor“, ſagte ich;„der Wein ver⸗ wirrt Ihre Sinne, wir wollen hinuntergehen.“ „Laſſen Sie mich los“, ſchrie er mit einer Stimme, die mich erbeben machte,„ich kenne Sie nicht!“ Mit einem heftigen Stoß warf er mich zurück, ich ſtarrte ihm in die wildrollenden Augen und in dieſem Momente, wo ich gewärtig ſein mußte, daß er, meines Armes ledig, ſich wende und von ſeinem Taumel hin⸗ untergeriſſen werde, gab mir mein guter Geiſt das Wort„Cordelia“ auf die Zunge. Augenblicklich ſchien er ſich zu beſinnen und ſchloß mich in die Arme; ich glaubte eine Thräne in ſeinem Auge blinken zu ſehen, als er mich wieder losließ. Es war die erſte und letzte, die ich Harry Lee weinen ſah.— Wir ſprachen nie mehr über den Vorfall, am an⸗ deren Tage ſchien er ihn vollſtändig vergeſſen zu haben. Wie ſoll ich Cuba, das Ziel unſerer Reiſe, die herrlichſte der Inſeln, mit ihrer prächtigen Hauptſtadt beſchreiben?— Wie eine Braut im Feſtſchmucke lag ſie glühend und glänzend da in der Umarmung des Mee⸗ res. Heitere, balſamiſche Morgenwinde fächelten uns vom Lande entgegen. Geprieſen ſei der Tag an welchem ich den Fuß auf dieſes Eiland ſetzte! Mein Herz ſchwoll von Hoffnung und Zuverſicht, wie die Segel der Schiffe, die hoch aufgetakelt neben uns in See ſtachen, und ich habe mich nicht getäuſcht, ich fand an dieſer geſegneten, geliebten Küſte, was ich geſucht. Wenn es wahr iſt, daß Menſchen, die unſeren Werth erkennen und uns Gelegenheit geben, ihn zu bethätigen, uns eine Stadt, ja ein ganzes Land lieb und werth machen können, ſo will ich nicht unterſuchen, wie viel von meiner Anhänglichkeit an die Havannah guf Rech⸗ nung meines Chefs, des Herrn Summer, bei dem ich durch Lee's Vermittlung eine Stelle fand, und wie viel auf Rechnung dieſer herrlichen Natur ſelbſt kam.— Doch ich greife dem Gange meiner Erzählung vor! Harry Lee entwickelte bei ſeiner Ankunft eine he⸗ Palm, Der Fund im Biscayer Golf. 6 wundernswerthe Thätigkeit; er brachte durch ſeine per⸗ ſönliche Vermittlung mit dem Hauſe, bei dem er gegen zwanzigtauſend Pfund Sterling verlieren ſollte, ein ſehr günſtiges Uebereinkommen zu Stande. Er gönnte ſich keine Ruhe, und wenn er mit ſeinen Geſchäften fertig war, ſo trieb er mit wahrer Leidenſchaft die be⸗ kannten körperlichen Uebungen, durch die ſeine Lands⸗ leute ſich auszeichnen, beſonders das Reiten. Kein Pferd war ihm wild genug und ich kam ihm ganz er⸗ bärmlich vor, daß ich von Pferden, ſowie von der Kunſt, ſie zu behandeln, kein Titelchen verſtand. Doch bin ich von Herzen froh, daß ich ihm nicht auf ſeinen Parforcetouren zu folgen brauchte; lieferte er doch ein⸗ mal ein artiges Exempel, was er in dieſem Punkte zu leiſten im Stande galt. Es war ihm eines Tages ein außerordentlich ſchö⸗ nes, aber ebenſo unbändiges Thier zur Verfügung ge⸗ ſtellt worden. Er wollte gegen Abend von ſeinem Ritte, den er nach ſeiner Gewohnheit ganz allein unternahm, zurück ſein. Es wurde Nacht und noch immer zeigte ſich von ihm keine Spur. Ich wußte, daß er auf einem der Paſeos vor der Stadt zurückkommen mußte; beſorgt, wie ich war, ging ich ihm entgegen. Der Mond aus dem kryſtallenen Himmelsblau leuchtend, warf die dunklen Zeichnungen der Rieſen⸗ 5 bäume, unter denen ich ſchritt, auf die weißbeſchienene Bodenfläche. Endlich glaubte ich in der Ferne etwas wie dumpfen Hufſchlag zu hören, ich blieb ſtehen und vernahm nichts mehr. Aber nach einer Weile ſah ich unter dem Schatten der Bäume eine Geſtalt daher⸗ hinken, in der ich, ſobald ſie in das volle Bad des Mondlichtes heraustrat, zu meinem höchſten Erſtaunen den wilden Reiter erblickte. „Wie, Sie kommen ohne Pferd zurück?“ frug ich. „Geben Sie mir Ihren Arm und führen Sie mich“, entgegnete er;„ich bin todtmüde. Die Mähre war widerſpenſtig, ich hatte Luſt, ſie zu lehren, wer von uns beiden den ſtärkeren Willen habe. Sie ging mit mir durch.. ich ſaß feſt im Sattel und ließ ſie laufen. Sie beſann ſich zuletzt und hielt an. Haſt Du mich ſo geſchwind hingetragen nach deinem Kopfe, ſo ſollſt du mich noch geſchwinder zurücktragen nach meinem Kopfe, dachte ich und ließ ſie rennen, bis ſie zuſammenſtürzte. Sie liegt keine zweihundert Schritt von hier, crepirt.“ „Wie, das ſchöne Thier todt?“ rief ich.„Und als Sie fortritten, waren Sie ſo zärtlich mit ihm und klopften ihm den Hals, daß es ſich noch ſtolzer trug, als zuvor, und jeder Nerv ſich feurig in ihm anzu⸗ ſpannen ſchien, als fühle es dieſer Hochhalkung ſich 4* 1 —— — 52 werth! Nein, es iſt nicht wahr, Sie haben dieſes Thier nicht getödtet.“ „Und mich ſelbſt noch faſt dazu!“ verſetzte er bit⸗ ter lachend und dabei ergriff er mich bei Arm und Schulter und drückte mich faſt zu Boden.„Ich ſage Ihnen,“ fügte er in demſelben höhniſchen, knirſchenden Tone bei,„man muß oft gerade gegen das, was man am zärtlichſten liebt, am Grauſamſten ſein....“ Wie konnte ich ſolche Worte verſtehen! Drei Tage früher, als Lee berechnet hatte, war er mit ſeinen Geſchäften fertig und bereit, nach New⸗ York zurückzureiſen. Er kam aus dem Fieber der Un⸗ geduld nicht mehr heraus.„Unſere Sehnſucht“, ſagte er einmal,„hängt Blei an die Schwingen der Zeit und wenn wir ihr den Flug des Adlers wünſchen, kriecht ſie den dumpfen Gang der Schnecke hin.“ „Sie ſehen aber Cordelia doch vor der anfangs beſtimmten Zeit!“ erwiderte ich. „Liegt nicht“, war ſeine Antwort,„noch eine lange Seereiſe zwiſchen uns? Allerdings einige Tage habe ich gewonnen; ich will Cordelia in Waſhington abholen, ich kenne die Adreſſe ihres Bruders.—“ So ſchlug uns bald die Abſchiedsſtunde. Er nahm ſie leicht, denn er eilte auf ſchnellen Wellen der Er⸗ füllung ſeines höchſten Wunſches entgegen. Mir aber 53 wurde die Trennung ſchwerer, der Augenblick, der ihn mir entführen ſollte, gab mir ein lebhafteres Bewußt⸗ ſein von Allem, was er Gutes an mir gethan. „Haben Sie keinen Wunſch mehr auf dem Herzen?“ frug er mich vor dem Einſchiffen. „Doch, doch,“ war meine Antwort,„und einen recht innigen, dringenden! Geloben Sie mir, mich, der an Ihrem Looſe ſolch' warmen Antheil nimmt, von Ihrem künftigen Glücke wiſſen zu laſſen. Schreiben Sie mir, wenn Sie Cordelia zum Altar geführt, ſchrei⸗ ben Sie mir in jedem Falle.“ „Hier meine Hand!“ ſprach er,„Sie ſollen von mir hören, und hoffentlich haben wir uns nicht zum letzten Male geſehen. Wenn Sie ſich genug auf dieſer Inſel haben ſchmoren laſſen und Luſt empfinden, nach Europa zurückzukehren, ſo kommen Sie zu mir nach Liverpool.“ „O könnte auch ich mit meinen ſchwachen Kräften einſt etwas für Sie thun!“ rief ich gerührt aus. „Man ſieht nicht in die Zukunft,“ lautete ſein be⸗ deutungsreiches Gegenwort;„wenn ich einmal einer treuen Seele bedarf, ſo werde ich Ihrer gedenken!“ III. So ſagte er mir denn Lebewohl. Es war mir, als verliere ich in ihm ein Stück meines Herzens. Glücklicherweiſe aber ließ mir meine neue geſchäftliche Stellung zu nichts weniger Zeit, als zu andauernder Empfindſamkeit. Ich mußte mich tüchtig rühren, denn ich war beſonders im Schreiben durch meine niedrigen Beſchäftigungen ganz außer Uebung gekommen. Ich kann wohl ſagen, damals lernte ich erſt be⸗ greifen, was eigentlich der Handelsſtand ſei; früher hatte ich ihn nur im Geſichtskreiſe des Krämers ge⸗ kannt. Ich wünſchte mir das Genie eines Göthe, der in Wilhelm Meiſter ſchon die trockene Einführung der doppelten Buchführung ſo ſchön zu preiſen verſtand; wie würde ich den freien Handel, der die fernſten Meere durchſchifft und die Produkte der entlegenſten Welttheile austauſcht in lebendigem Verkehre, beſingen und verherr⸗ 1 1 55 lichen! Es iſt wahrlich nichts Kleines, zu ſtudiren, mit welchen Erzeugniſſen die launige Natur vorzugs⸗ weiſe gewiſſe Inſeln und Continente zu ſegnen liebt und wo für jene der beſte Markt ſich eröffnet. Da muß jedes Land das Seinige liefern und die Ausſicht auf die verſchiedenen Ernten zwingt den Kaufmann be⸗ ſtändig, mit den Elementen zu rechnen. Auch muß er den Zuſammenhang aller Märkte überſchauen, alle Ver⸗ kehrsmittel gründlich kennen, eine feine Fühlung für die volitiſche Zeitgeſchichte haben, mit ſcharfem Auge den Ereigniſſen des Staatenzuſammenlebens folgen.— Alles dieſes und noch mehr gibt ihm einen ſo feſten Zuſammenhalt mit dem geſammten Völkerverbande der Welt, ſtellt ihn auf eine ſolch' hohe Warte der Kultur, daß kaum ein anderer Stand an Weite und Bedeutung mit dem des echten Kaufmanns ſich vergleichen kann. Davon hatte ich freilich keine Ahnung gehabt, als ich in den beſcheidenen Geſchäftchen meiner lieben Heimath über die kleinlichſten Differenzen erbitterte Korreſpon⸗ denzen führen und als bloße Rechenmaſchine arbeiten mußte! Schon ein ſolcher Seehafen, wie ihn die Havannah beſitzt, läßt Einem das Herz aufgehen. Er iſt, wenn nicht der ſchönſte, ſo doch ſicher einer der ſchönſten der Welt. Welch' ein Entzücken erfaßte mich immer, wenn ich den dichten Maſtenwald ſah! Da ſchlugen zuweilen die alten deutſchen Träume in meiner Bruſt ihre hellen Kinderaugen auf und ich gedachte der Zeit, da ich, ſelbſt noch ein Kind, im Schwarzwald herumgewandert war und man mir die höchſten und ſchönſten der gefällten Stämme als für Holland beſtimmtes Schiffholz be⸗ zeichnet hatte. Wie habe ich damals, als ich heran⸗ wachſend mich in die dunkle Welt hinausſehnte, dieſe Stämme oft beneidet, die den ſonnigen Rhein hinab⸗ ſteuern durften und von dort in's weite Meer. Ja, wenn ich jetzt zuweilen an Feiertagen die Schiffe im Feſtſchmuck ihrer Wimpel und Flaggen prangen und die mir wohlbekannte holländiſche Tricolore an dem Flaggenſtocke flattern ſah, da frug ich oft die ſtolzen, wie herrliche Roſſe aufgeſchirrten Maſten: haben wir uns nicht ſchon geſehen in den duftigen Forſten, den ſaftigen Thälern der Heimath? Hier, auf der Perle der Antillen, ſieht es freilich großartiger aus, tropiſche Gärten ringsum, Palmenalleen, Kaffeepflanzungen... Aber was meinſt Du zu dem ſtillen, von kühlen Wäſ⸗ ſern berieſelten Wieſengrund, um den der dunkelgrüne Tannenwald ſeinen Gürtel ſchlingt, gelüſtet Dich's nicht zuweilen nach dem Heimathsthal?—— Der Maſt ließ luſtig ſeine Fahnen wehen und entgegnete mir: Sieh' nur wie wohl mir's iſt, der Enge des heimiſchen 3 3 Thales entrückt, hinausgeſetzt in die freie Luft, in die freie Bewegung der Fremde, wie Du! In den Stür⸗ men, die da draußen uns erwarten, erproben wir erſt die zähen Kräfte und friſchen Säfte, die uns der ge⸗ ſunde Boden unſeres Daheim gegeben!— Nach ſolch' vernünftiger Unterhaltung mit dem weltklugen vielge⸗ reiſten Maſtbaum trug ich immer neue Luſt, neue Lebens⸗ freude im Buſen, und ich fühlte mich immer doppeit geborgen nach Sturm und Noth im ſicheren Hafen einer erſprießlichen Thätigkeit. Mein Chef war ein charmanter Mann, für den man ſich gerne anſtrengte, für den man gerne ſorgte und dachte, wie für ſein eigenes Wohl. Er ſpendete auch mit reichen Händen den verdienten Lohn für treue Arbeit. Ich hatte ſolche Luſt und Liebe an meinem Geſchäfte, daß ich ganz in ihm aufging. Was Wunder, daß mir ein tiefer Vorhang ſank über das Bild Cor⸗ deliens und Lee's, ein Vorhang, aus dem nur das Auge Cordeliens zuweilen hervorſtrahlte mit rührenden Blicken. Die Anforderungen, welche das gebieteriſche Heute an uns ſtellt, rücken ja ſo ſchnell das Geſtern in Nacht und Vergangenheit, und ſo rinnt uns, ohne daß wir's innewerden, im Strome der Begebenheiten dahin, was uns theuer und von höchſtem Werthe war. Ich beachtete kaum, daß Monat auf Monat ver⸗ ging und daß von Lee noch immer kein Brief an mich eingetroffen war. Manchmal Nachts, wenn die Seele ſich loslöſte aus den Ketten des gewohnten Taglebens, da ſprang mir eine flüchtige Erinnerung an ihn vor den Sinn, Cordelia grüßte mich aus weiter Ferne ſelig verdämmernder Gedanken— da gelobte ich mir feier⸗ lich, am anderen Tage an meinem Freund nach Liwer⸗ pool zu ſchreiben, allein der Tag erſchien und mit ihm ſchwand der feſtgefaßte Vorſatz. Ein Zufall führte endlich eine Aenderung herbei, nachdem ein Jahr und darüber vergangen war: ich wurde unwohl und mußte das Zimmer hüten. Krank und allein ſein, heißt in alten Erinnerungen ſtöbern. Brennend fiel mir's mit einem Male auf die Bruſt, daß ich von Lee in der ganzen Zeit nichts gehört hatte und ich beſchuldigte mich eines unverzeihlichen Verſäum⸗ niſſes, daß ich ihn nicht früher an ſein Wort gemahnt. Stracks ſetzte ich mich hin und ergoß mich in einem beſorgnißvollen Schreiben; es war mir ſchwer und ſchwül zu Muthe, als ſei ſchon ein Schatten von dem, was ich kurz nachher erfuhr, in meine Seele gefallen. Mit Wendung der Poſt nämlich erhielt ich folgende Nachricht: — 59 „Mein werther Freund! „Ich hatte Recht zu ſchweigen. Freude eignet ſich zur Mittheilung und findet ſchnell Genoſſen; aber das Elend trägt man am beſten allein. Wer nicht den Muth dazu hat, dem bleibt nur ein Mittel übrig. Doch darin können Sie mich nicht verſtehen. „Die Geſchichte, die ich Ihnen mitzutheilen habe, iſt kurz und einfach. Die Dame, von der ich mir ein⸗ bildete, ſie finde in mir das Ebenbild der Gottheit— die Bibel iſt mitunter ſehr ironiſch— iſt für mich von dem Augenblick an völlig verſchwunden, wo ich ſie mit ihrer Tante bis Philadelphia begleitete. Ich fand ſie weder in Waſhington, noch in New⸗York, noch in Glasgow, wo ſie früher gelebt hat. In letzterer Stadt ermittelte ich, daß ſie mit ihrer Tante in aller Eile die Stadt verlaſſen hatte, wohin? das wußte Niemand. Da ſah ich denn ein, daß ich ein Narr ſei, daß ſie nicht gefunden ſein wollte. „Wer hieß mich auch, auf den Schwur eines Weibes bauen?— Ich befand mich in einem fürchterlichen Wahne. Schon einmal betrogen, glaubte ich dies Mal das Ideal reiner Weiblichkeit gefunden zu haben in... ich darf den Namen nicht ausſprechen!... Noch ein⸗ mal ſchien über mein zerrüttetes Leben der Stern einer Hoffnung zu leuchten, doch auch er verloſch, es ſoll ganz Nacht um mich ſein. „Allein ich bin nicht der Mann, der die Hände in den Schvoß legt und müßig ſeine Stunden verjammert; mich hält eine Hoffnung aufrecht: Cordelia wiederzu⸗ finden, lebend oder todt. Ich ſage Ihnen, ich werde nicht ruhen, bis ich ſie wieder habe. Schon habe ich eutdeckt, daß ſie in einer kleinen ſchottiſchen Stadt ſich im September vorigen Jahres mit einem Herrn Thor⸗ ries hat trauen laſſen und mit ihm den Kontinent durchreiſt, wahrſcheinlich aus Furcht vor mir, dem ſie ihre Hand mit feierlichem Schwure angelobte. Einſ olches Kleinod verſchleudert man nicht; ich bin entſchloſſen, es um jeden Preis an mich zu reißen, denn es gehört mir. Der Spruch eines Pfaffen betrügt mich nicht um mein Eigenthum, ich verlange es, todt oder lebendig. Wir wollen ſehen, ob ſie mehr Talent hat, ſich zu ver⸗ ſtecken, oder ich, ſie auszuſpüren. Das iſt mein Troſt. Ich habe Augenblicke, wo es mir beſſer ſcheinen möchte, mit meinem Leibe die Fiſche zu ſpeiſen, doch damit hat es keine Eile und ich möchte zuvor meine Braut holen. Leben Sie wohl, ich reiſe heute nach Frankreich ab! Ihr Harry Lee.“ Ich kann wohl ſagen, dieſer Brief machte mir die Haut ſchaudern, denn wenn ich mir die eiſerne Beharr⸗ 64 lichkeit dachte, mit der Lee ein Ziel, das er ſich ein⸗ mal geſteckt, verfolgte, ſo ſah ich Cordelia auch ſchon entdeckt und verloren. Ich zitterte für ſie. Was war Lees Abſicht?— Die dunklen Worte„ich verlange mein Eigenthum, todt oder lebendig“, wagte ich mir nicht zu deuten... Was mochte auf der anderen Seite Cordelia ver⸗ anlaßt haben, ſo ſchroff die Beziehungen zu ihm und ihr Wort zu brechen? Opfert man ſo leichthin einen Mann wie Lee? Alle ſeine Eigenſchaften, ſeine körper— lichen wie ſeine geiſtigen, ſein Reichthum, ſein Anſehen machten ihn begehrenswerth, und gleichwohl ſollte Cor⸗ delia vorgezogen haben, einem unbekannten Manne, der ſicher mit Lee keinen Vergleich aushielt, ihre Hand zu reichen? Dazu mußte dies in einer Haſt und Eile geſchehen ſein, daß, wenn Lee's Angaben richtig waren, zwiſchen ihrer Trennung von ihm und ihrer Verhei⸗ rathung mit Mr. Thorries kaum zwei Monate liegen konnten.— Welche Räthſel! Da mußte ſich etwas ganz Ungewöhnliches ereignet haben, wovon Lee ſelbſt noch keine Ahnung hatte. Das Feld zu Vermuthungen war da weit genug, zu keiner aber bot ſich ein auch nur einigermaßen ſicherer Halt. 3 Wiederholt las ich den Brief durch und ſein In⸗ halt wurde mir immer räthſelhafter. Wenn Lee auch 62 Cordelien mit aller Leidenſchaft geliebt hatte, ſo hielt ich ihn am Ende doch für eine zu ſtarke, mannhafte Natur, als daß er ſich durch ihren Verluſt ganz werde vernichten laſſen und ſein Leben an die Ausführung einer Idee ſetzen, die mir geradezu verrückt vorkam. Ich überredete mich auch bald, daß es ihm mit ſeiner Drohung ſo ernſt nicht ſein, und daß ihn ſeine Berufs⸗ thätigkeit von der Verfolgung dieſer Grillen abziehen werde. Deſto mehr war ich frappirt, als kurze Zeit da⸗ rauf ein Circulär an unſer Haus eintraf, worin Lee mittheilte, daß er ſich von den Geſchäften zurückziehe und ſeine Firma ſeinem Schwager, Mr. Blank⸗ ford, übertragen habe. In neue Beſtürzung wurde ich durch dieſe Nachricht gebracht, denn ſie enthielt gleichſam die amtliche Beſtätigung des wahnwitzigen Entſchluſſes, den Lee jetzt zu ſeiner einzigen Lebensauf⸗ gabe gemacht zu haben ſchien. Ich wollte an ihn ſchreiben, ihn beruhigen, allein er hatte mir ja ſeine Adreſſe in Frankreich nicht auf⸗ gegeben. So blieb mir nichts übrig, als mich in Ge⸗ duld zu beſcheiden und abzuwarten, bis ſich der Schleier lüfte. 63 Eines Morgens hatte mich Mr. Summer zu ſich berufen und mir die freudige Eröffnung gemacht, daß er mir, um mich dauernd an ſein Haus zu feſſeln, eine Tantiéme am Gewinne des Geſchäftes einräume. Mein Schickſal ſchien damit entſchieden zu ſein, denn das Anerbieten war ſo günſtig, meine Stellung eine ſo angenehme, daß ich mein Glück für alle Zeit be⸗ gründet hielt. Mein Herz ſchwelgte in der ganzen Freude dieſes Gedankens; ich war an dieſem Vormittage ſo aufgeregt und zerſtreut, daß ich Briefe an verkehrte Adreſſen ſchrieb, ganze Satzglieder ausließ— kurzum, ich mußte zuletzt, wollte ich der neueſten Dispoſition meines Chefs nicht ſchnöde Unehre machen, mich ge⸗ waltig zuſammennehmen, um meine engliſche Poſt fertig zu bringen. Ich war auch faſt damit zu Ende, meine Feder flog über das Papier, ich wußte gar nicht, was um mich her vorging,— da wäre ich denn doch faſt vor Schreck vom Stuhle gefallen, als plötzlich eine Hand ſich auf meine Schulter legte und— Lee vor mir Er reichte mir die Hand. „Was, wie? Sie ſind es, Mr. Lee? Was Sie hierher?“ Ich fand gar nicht Worte genug für mein Erſtaunen. Er blieb ganz kalt und ruhig und verſetzte: 64 „Ich bin gekommen, um Sie abzuholen.“ „Da kommen Sie zu ſpät“, entgegnete ich heiter, „fragen Sie nur Herrn Summer, der mich gerade heute mit Leib und Leben zu dem Seinigen gemacht hat.— Außerdem haben Sie ja Ihr Geſchäft liquidirt.“ „Glücklicher Menſch“, entgegnete er mit dem ſelt⸗ ſamen Tone, in dem ich ſeine frühere Stimme gar nicht mehr wieder zu erkennen glaubte,„der immer nur an die Geſchäfte denken kann! Machen wir einen Spazier⸗ gang?—“ Ich brachte raſch meine Korreſpondenz zum Schluß und machte mich mit ihm auf den Weg. Jetzt erſt, als wir an's volle Tageslicht heraustraten, bemerkte ich die große Veränderung, die in ſeinem Aeußern vor ſich gegangen war. Sein Anzug, ehemals ſehr fein und elegant, war jetzt nachläſſig und unordentlich; in ſeinem Geſichte ſtanden die Linien und Falten, die früher unter der Reaktion eines kraftvollen Lebens zu verſchwin⸗ den pflegten, jetzt feſt und bleibend eingegraben So ſieht ein Fieberkranker aus, ſagte ich mir, dem der wilde Aufruhr ſeines Blutes das Mark verdorrt und den innerſten Nerv der Geſundheit zerſtört hat. „Haben Sie meinen Brief erhalten vom vorigen Monat?“ frug er mich. „Vom vorigen Monat, nein. Vor etwa acht Mo⸗ naten erhielt ich den erſten und letzten Brief von Ihnen., „Iſt's möglich, iſt das ſchon ſo lange her? Wie doch die Zeit vergeht! Sie wiſſen alſo warum ich ge⸗ kommen bin?“ „Darüber hoffe ich das Nähere erſt von Ihnen zu hören.“ „Sie ſollen mich begleiten auf meinen ferneren Reiſen. Mir allein will es nicht gelingen, mein Ziel zu erreichen. Sind ſie bereit, mir zu folgen?— Wir wenden uns zunächſt nach Spanien.“ „Aber, Mr. Lee, ich kann noch immer nicht an⸗ nehmen, daß Sie im Ernſte reden. „Ich denke, wenn man ganz allein deshalb von Europa herüberreiſt, muß es Einem doch Ernſt damit ſein!“ „Mr. Lee, Sie werden nicht von mir verlangen, daß ich die Havannah und meinen Chef verlaſſen ſoll?“— Er blieb ſtehen und flammte mir aus ſeinen Augen⸗ ſternen einen finſteren, tieffinſteren Blick herüber, er biß ſich auf die Unterlippe und ein heftiger Stoß ſchien ſeine Bruſt zu heben, allein er ſprach kein Wort mehr. Ich gab mir alle mögliche Mühe, ihn aufzuheitern, es gelang mir nicht. So kamen wir auf einem der Paſeos an die Stelle, wo ich ihm vor anderthalb Jahren begegnet war, als er das Pferd zu S e Palm, Der Fund im Biscayer Golf. „Haben Sie keine Luſt, wieder einen ſolchen Ritt zu unternehmen?“ frug ich. Er ſchüttelte den Kopf.„Habe keine Freude mehr an Pferden“, war ſeine Antwort. „Wie ſagten Sie doch damals?“ fuhr ich fort: „Man muß gegen die, welche man am zärtlichſten liebt, oft am grauſamſten ſein?.... Wiederum blitzte es aus ſeinem Auge zu mir her⸗ über, aber wiederum entgegnete er kein Wort. Ein zerlumptes Negerweib ſaß an dem Wege, ein wimm⸗ erndes Kind gegen die welke Bruſt gedrückt. Sie ſprach Lee um eine Gabe an, der mit ſo heftigen Schritten vorüberging, daß ich ihm kaum zu folgen vermochte. Als wir nach einiger Zeit zurückkamen, ſchien er jetzt erſt das Weib zu bemerken. Er redete ſie an, ſie ent⸗ gegnete in ſchlechtem Spaniſch; keines konnte das An⸗ dere verſtehen. Er warf ihr eine Gabe hin, die ſie ganz in Exſtaſe verſetzte. „Glückliche Leiden, die ſo leicht zu heilen ſind!“ ſagte er im Weitergehen,„wie beneide ich dieſe Armen! Es giebt ein tieferes Elend, das ſich nicht öffentlich an die Straße ſetzt, ein Elend, das auf ſeidenen Kiſſen ſchlummert, wenn es überhaupt noch Schlummer findet!“ Ich hatte immer das Gefühl, er würde ſich die Bruſt erleichtern, wenn er das Eis bräche und mich ————— 67 in ſeine Erlebniſſe im Bezug auf Cordelia einweihte, allein er blieb ſtumm darüber und ich hütete mich wohl, an dieſen ſchmerzensvollen Punkte zu taſten. Mehr um überhaupt etwas zu ſagen, um einzulenken auf ſeinen Plan und um einen nicht verletzenden Ausweg zu ſuchen, als um eine Neugierde zu befriedigen, frug ich:„Was iſt eigentlich der Ihrer Reiſe durch Spanien?“ „Ich ſuche ſie...“ er ſprach den Namen Cor⸗ delia nicht aus—„und Sie ſollen mir dabei helfen.“ „Wie?“ rief ich,„Sie ſind noch immer befangen von dem unglückſeligen Gedanken, das Weib eines An⸗ dern zu verfolgen? Reißen Sie ſich los von dieſem Trugbilde, jedes Recht und Geſetz der Welt trennt Sie von Cordelia, ſeien Sie ſtark, Mr. Lee„ „Ich bin ſtark“, fiel er ein,„ich werde nicht ruhen, bis ich ſie gefunden habe und müßte ich ſie dem Tode aus den Armen zerren.“ Wenn ich noch einen Augenblick im Zweifel ge⸗ weſen war, auf den Antrag Lee's einzugehen, ſo ſtand mein Entſchluß jeßt felſenfeſt, mich auf ſein Projekt in keiner Weiſe einzulaſſen. Starr, wie die Magnet⸗ nadel nach dem Nordpoln, wieſen ſeine Gedanken nach 5* 68 dem einen Ziele, Cordelia wiederzufinden. Meine Ver⸗ ſuche ihn zu bekehren, prallten machtlos ab. „Genug,“ ſagte er,„von der wohlfeilen Koſt die⸗ ſer Troſtgründe, auf kalten Schüſſeln dargereicht mit kaltem Herzen! Mit Worten iſt mir nicht zu helfen, ich verlange eine That von Ihnen.“ Ich konnte mich nicht länger halten, ich ſprach aus, was mir ſchon lange heimlich in der Seele bohrte. „Sie ſind krank Mr. Lee, Ihr Geiſt iſt um⸗ nachtet, Ihr Gemüth verſtimmt...“ Ich wollte noch mehr ſagen, aber ich fürchtete mich vor ſeinem Zorne. Er hörte mir mit einem ſeltſamen Lächeln zu und dief dann plötzlich: „Ich errathe, was Sie meinen: Sie haben Angſt vor mir, weil Sie mich für verrückt halten?“ Seine Lippe zuckte leicht, als ſie das vorletzte Wort ſprach. „Sie verkennen mich, ich bin meiner Sinne ſo mächtig wie Sie— es fehlt mir nur,“ ſetzte er in mildem, rührendem Tone hinzu,„ein Menſch, den ich mag, zu dem ich Vertrauen habe. Wenn ich krank bin, ſo kann er mich heilen. Soll ich Sie daran erinnern, was Sie mir bei unſerem Abſchiede vor anderthalb Jahren ge⸗ ſagt, was ich Ihnen erwiedert habe? Sie wollten eine Gelegenheit, etwas für mich zu thun, und ich ver⸗ 69 ſprach Ihrer zu gedenken, wenn ich einer treuen Seele bedürfe. Wohlan, die Gelegenheit iſt da und ich for⸗ dere meine Schuld ein!“— Was an jenem Tage, in jener Nacht Alles in mir vorging, kann ich keinem Menſchen beſchreiben. Nach der Stimmung der Stunde fielen auf Lee's Anliegen in meinen Geiſt die Lichter wechſelnder Entſchlüſſe; bald glaubte ich, eine geſicherte Lebensſtellung nimmer⸗ mehr der abenteuerlichen Grille eines Schwärmers zum Opfer bringen zu dürfen, bald ſagte ich mir, daß ich ja dieſe Stellung im Grunde nur ihm verdanke, der mich aus tiefſter Noth herausgehoben zu einem neuen Leben. Sollte ich den Fluch des Undanks auf meine Stirne laden?— Quälend hob ſich da in meiner Bruſt eine uralte, tiefwurzelnde Erinnerung, die in meine früheſte Kindheit zurückreichte. Mein Vater hatte einen Mann, der, durch Leichtſinn in Bedrängniß gerathen, ſich eines Tages nicht anders helfen zu können glaubte, als daß er, ein Kaſſenbeamter, die ihm anvertrauten Gelder antaſtete, durch ſchwere Opfer gerettet. Das Glück war dem Letzteren günſtig, er wurde reich und führte ein großes Haus; aber die Schaale neigte jetzt nach der anderen Seite über, mein Vater wurde krank und kam in bittere Noth In dieſem Zuſtande wurde von einem harten Gläubiger heftig bedrängt. Da er 70 fällt ihm ein, daß er einen Freund habe, für den er einſt in einer ſchweren Stunde eingetreten war; er wendet ſich an ihn, ſchildert ihm ſeine Lage— mit ſchalen Ausflüchten ſtößt er ihn von der Schwelle ſeines glänzenden Salons. Das brach dem kranken, geknickten Manne vollends das Herz. Der Undank erniedrigt den Menſchen unter das Vieh! hörte ich ihn klagen, kein Laſter iſt ſo giftig wie dieſes, denn es verbittert uns gegen Gott und die Menſchen und würgt alle Religion in uns hin... Dieſe Geſchichte nun brachte ich nicht aus dem Sinnen, und ich verknüpfte ſie mit allen möglichen Be⸗ zügen auf Lee, der jetzt eben ſo ſicher eines Beiſtandes bedurfte, als mein Vater im letzten Jahre ſeines Le⸗ bens. Allein ſo ſehr mich auch das Herz hier an ſeine Pflichten rief, ſo wollte doch immer wieder der Ver⸗ ſtand rechthaberiſch den Ausſchlag geben. Ich ver⸗ brachte eine peinliche Nacht und der andere Morgen fand meinen inneren Kampf noch unentſchieden; der Schwerpunkt meiner Gemüthsverfaſſung aber zog be⸗ harrlich mehr auf ein Verneinen, als auf ein Zuſtimmen auf den Antrag Lee's hin. Ich war auf heftige Zureden von ſeiner Seite ge⸗ faßt. Nichts von Dem! Er blieb, wie bei unſerem geſtrigen Gange auf dem Paſev, in eine eiſige Zurück⸗ * haltung verſchanzt. Während ich von Jugend auf unter einer ſolchen Spannung der Gemüther zwiſchen Perſonen, die ſich naheſtehen, entſetzlich litt, ja ſie gar nicht auf die Dauer zu ertragen vermochte, ſchien er von der Qual dieſes Zuſtandes ganz unberührt. Wan er ſeiner Sache ſo ſicher, hoffte er ſo feſt auf die Löſung meines einſt gegebenen Wortes, oder war er zu ſtolz, mich mit Bitten zu beſtürmen?— Zuletzt ertrug ich die Ungewißheit nicht mehr. Ich ſuchte auf unſer Anliegen zu kommen, wußte aber nicht recht, wie ich es anfaſſen ſollte. So griff ich es denn natürlich gerade bei der ungeſchickteſten Stelle an, wie es immer geht, wenn man nicht friſchweg dem Zuge des Herzens folgt. Ich begann nämlich: „Ich habe mir Ihren Vorſchlag überlegt, aber ſo gerne ich auch darauf einginge, ſo gibt dies doch Herr Summer nicht zu, der geſtern mit mir einen neuen, für mich günſtigen Kontrakt abgeſchloſſen hat.“ Ich fühlte mich beſchämt, als Lee entgegnete:„Ich weiß wohl, ein ſo armes gebundenes Geſchöpf wie der Menſch, kann des Geldes nicht entbehren. Doch mein Wort darauf, ich werde Sie jeder Sorge für Ihre Zu⸗ kunft ſicherer entheben, als Ihr Prinzipal.“ Die Antwort flog mir von den Lippen:„Jetzt erſt haben Sie es mir ganz unmöglich gemacht, Ihnen 72 zu folgen. Denn wenn ein ſo ſchweres inneres Opfer, wie ich es Ihnen vielleicht gebracht hätte, auch nur die leiſeſte Deutung zuließe, daß irgend eine Hoffnung auf Gewinn es veranlaßt habe, ſo kann ich mich nie⸗ mals mehr dafür erwärmen.“ Er antwortete nicht, er ſtarrte mir mit einem Blicke in's Geſicht, als wolle er ſagen, Du willſt mich nicht verſtehen! Dann mit einem heftigen Rucke die Uhrkette, welche er um ſeine Hand geſchlungen, entzweireißend, daß das abgeriſſene Stück Kette ſammt der Uhr zu Boden fiel und das Glas in Scherben ging, knirſchte er in ſich hinein:„Auch er..!“ Dann nahm er ſeinen Hut und wollte fort. Auch er?— Ja es lag in dieſen kurzen Worten die ganze Geſchichte ſeines Leidens, ſeine letzte Hoffnung ſollte zu nichte werden. Der Letzte, auf den er ver⸗ traut, ſollte ihn von ſich ſtoßen, von ihm abfallen. Mußte ſein Gemüth ſich da nicht immer mehr verfin⸗ ſtern?— Und wenn ich ihn nun gehen ließ, allein gehen ließ, und er Cordelien fand! Eine Spur von ihr mußte er ja doch wohl haben, denn auf's Unbe⸗ ſtimmte herumzureiſen in der Welt, um ſie zu ſuchen, das hätte er doch ſelbſt wohl als lächerlich verdammt. Wenn er Cordelien fand?— Meine Pulſe ſtock⸗ ten bei dem Gedanken. So viel liebenswerthe Schön⸗ heit ſah ich preisgegeben der grimmen Rache eines ge⸗ fährlichen Verfolgers. Und dieſe Schönheit ſtieg gerade jetzt neu in mir auf, ein glänzendes Meteor, das jeden Winkel meines Herzens erhellte. Du ſollſt Cordelien wiederſehen! jauchzte es trunken durch meine Bruſt. Du ſollſt ſie wohl gar erretten— und gleichzeitig davfſt Du hoffen, daß ſie ſelbſt Dir das Geheimniß enthüllt, das ſo jählings ſie von der Seite Lee's ge⸗ riſſen; Du darfſt hoffen, daß Du durch ſie ein Mittel findeſt, Lee von ſeinem Wahne, von ſeiner Krankheit zu befreien... Das gab den Ausſchlag. Ich eilte Lee nach und ſagte ihm zu. Er ſchloß mich an ſein Herz und erwiederte: „So habe ich mich doch nicht getäuſcht!— Machen Sie ſich bereit, ich habe ſichere Nachricht, daß wir die Flüchtlinge in Spanien finden; wir fahren mit dem Steamer, der morgen in See geht nach Havre.—“ So war denn die Sache abgemacht, und je länger ich ſie von dem nun feſt genommenen Standpunkte aus betrachtete, deſto mehr ſchwanden alle meine Bedenken, deſto mehr Beweggründe tauchten in mir auf, die mir meinen Entſchluß als rathſam erſ cheinen ließen. Außerdem erklärte mir Mr. Summer, ich könne jederzeit in meine Stellung in ſeinem Hauſe zurückkehren, ſo daß ich immer „ einen Ausweg offen hatte, wenn irgend ein Ereigniß mich von Lee trennte. Als Summer hörte, daß Spa⸗ nien das Ziel unſerer Reiſe ſei, gab er mir einen wich⸗ tigen Auftrag mit, um mit einem Hauſe in Santander, das ſeinen Verpflichtungen gegen ihn ſich zu entwinden ſuchte, einen Rechtsſtreit auszufechten, ſtattete mich mit Vollmachten aus, und ſo trug mich der nächſte Steamer mit Lee nach dem Mutterlande der Kolonie, auf der ich eine ſchöne ſonnige Zeit meines Lebens verbracht S W. Nach Spanien, dem(ſchönen Lande des Weins und 6 der Geſänge!) Ich frage Jeden, ob es ihm nicht ſchon klingt und ſingt in der Bruſt, wenn er den Namen hört. Und nun mit voller Dampfkraft dem Lande entgegenſteuern, das mich grüßte aus liederſüßen Er⸗ innerungen! Es that aber auch Noth, daß ich alle Vortheile dieſer Reiſe mir vergegenwärtigte, denn in Lee fand ich diesmal einen höchſt verſchloſſenen, ſchweigſamen Ge⸗ fährten. Sein Lieblingsſtandort war bei dem Steuer⸗ ruder; hinunterſchauen, ſtarr und unbeweglich in das wirre Chaos der aufwirbelnden Wellen, das ſchien 3 einen eigenen Reiz für ihn zu haben. Einmal in aller Frühe fand ich ihn ſehr blaß und übel ausſehend in der Kajüte.„Was iſt Ihnen?“ redete ich ihn an. „Ich befinde mich ſehr unwohl“, gab er zurück; „in meinem Hirne bohrt es, als drehte ſich dort be⸗ harrlich die Schraube des Dampfboots, die uns vor⸗ wärts bewegt.“ „Das iſt kein Wunder, habe ich Sie doch ſchon ſo oft gebeten, von Ihrer Gewohnheit, in den Waſſer⸗ ſtrudel hinabzuſtarren, abzulaſſen. Davon muß man ja ſchlimme Zufälle bekommen.“ „Sie irren ſich, das beruhigt mich, das Uebel ſitzt in den Nerven, ich kann keine Nacht mehr ſchlafen...“ Und ein ander Mal, als ich wieder vergebens verſuchte, ihn von dem Standorte bei dem Steuermanne zu entfernen, ſagte er:„Eine ſolch' heftige Bewegung thut dem wohl, der ſelbſt in ſich keine Ruhe finden kann. Man hat da recht deutlich vor Augen, daß nichts Beſtand hat in Natur und Leben, ein ſchnelles Kommen, ein fieberndes Entrinnen, ein plötzliches Ent⸗ ſtehen zu jähem Tode— verſuch' es, Dein kaum ge⸗ borenes Glück zu faſſen, es zerſtiebt Dir unter den Händen! Und wer ſagt mir, ob nicht alles zuletzt auf Selbſttäuſchung hinausläuft? Wer beweiſt mir, ob die Wellen von meinem Kiele wegfliehen, oder mein Kiel von den Wellen? Dringt unſer Leben vorwärts durch eigene Kraft, oder iſt es nur eine Flucht vor dem Wenn er mich ſo bei ſeltener Gelegenheit in ſein Inneres hatte blicken laſſen, dann verhüllte er es wie⸗ der auf lange Zeit in dumpfes, brütendes Schweigen.— Bei unſerer Ankunft in Havre beſtand ich darauf, daß Lee einen Arzt über ſeinen Zuſtand zu Rathe zöge. Er ſträubte ſich aufs Aeußerſte, allein zuletzt willfahrte er dennoch meinen Bitten. Der Arzt ver⸗ ordnete Seebäder. „Dieſe erbärmlichen Stümper“, ſagte der Patient auf dem Heimwege zu mir,„die ſich anmaßen, der Na⸗ tur ihre Wege vorzuſchreiben und nicht begreifen, daß gerade die tiefſten Uebel vom Geiſte und nicht vom Körper aus zu heilen ſind.“ „Sie ſollten es aber doch mit Seebädern ver⸗ ſuchen. Wenn Sie hier nicht bleiben wollen, ſo laſſen Sie uns auf einige Wochen Dieppe beſuchen.“ „Nein, ich bieibe nicht in Frankreich, mein Ziel iſt Spanien. Wenn es für mich eine Geneſung gibt, ch ſie dt Mir wurde eigenthümlich zu Muthe, als ich mei⸗ nen Einzug hielt in Spanien. Ich hatte meine An⸗ ſprüche hoch geſchraubt, meine Phantaſie erwartete Bilder voll Kraft und Leben, vor Allem in der Land⸗ ſchaft. Ach, der Sänger der(ſchattigen Kaſtanien an des Ebro's Strand) hat den gelblichen häßlichen Fluß 78 nie geſehen. Auch von Madrid wurde ich enttäuſcht. Aber Aranjuez am ſtolzen Tajo erſchien mir in ſeinem ſchattigen Waldthal, mit ſeinen glänzenden Gärten als Daſe in der Wüſte. Was den Deutſchen hier am Meiſten entzückt, das iſt natürlich die Erinnerung an die ſchönen Tage“, die dem unglücklichen, von Schil⸗ ler verherrlichten Prinzen hier vorübergegangen ſind. Dem warmen Sonnenlichte, das auf die Zinnen des herrlichen Schloſſes herabflammte, ſchien etwas von der Gluth der gewaltigen Dichterphantaſie beigemiſcht, die leuchtend über dem Drama„Don Carlos, ſteht. Aus den Wipfeln dieſer Ulmen ſäuſelt es uns ent⸗ gegen wie ein ferner Gruß des Schiller'ſchen Genius, und wie alle die vielen Ulmenalleen des Schloßparks ſich concentriſch nach einem Mittelpunkte wenden, ſo leiten uns hier alle Gänge unſeres Denkens nach dem Buche des großen Dichters zurück. Für dieſe Eindrücke war Lee, der Engländer, voll⸗ kommen todt; überhaupt kam es mir, je länger ich mit ihm reiſte, vor, als laſſe ihn der raſche Wechſel des Schauplatzes um ihn her durchaus gleichgiltig. Er hatte nur Ein Ziel im Auge und dieſes eine Ziel, feſt und unabänderlich gefaßt, raubte ihm völlig den freien Blick auf die wechſelnden Bilder ſeiner Um⸗ gebung. Er nahm keinen Antheil an den Kunſtſchätzen 79 in den Städten, durch die wir kamen. In den Kir⸗ chen, in den Galerieen, in den Theatern, auf den Ala⸗ medas ſuchte er Cordelia, alles war nur ihretwegen da, oder beſſer geſagt, alles exiſtirte nicht für ihn, ſo lange es nicht in's Leben trat durch Cordeliens Gegenwart.— Eines Abends muß ich gedenken, der zu den ſchön⸗ ſten gehört, die ich in Spanien verlebt. Hoch im Aether ſtand der goldene Mond und die Welt zerfloß in den Wellen ſeines weichen, wohligen Lichtes. Ein bläulicher Duft, wie ein zarter Schleier, lag über Stadt und Land, und dieſer Schleier war ſo durch⸗ ſichtig, daß aus ihm das ſtrahlende Auge der Nacht heller und ſtrahlender herauszuſchauen ſchien. Wir be⸗ traten die Kathedrale zu Burgos. In den Dämmerniſſen des Heiligthums rang das blaſſe, zu den hohen Fenſtern hereinſtrömende Mond⸗ licht mit dem röthlichen Scheine verlorener Ampeln, die von prangenden Altären in tiefen Seitenkapellen auf regungslos daknieende, verſteinert erſcheinende Frauenge⸗ ſtalten herableuchteten. Weit und gewaltig ſpannte mein Herz ſich aus; ein Schauer der Andacht vor dem Gotte im Menſchengeiſte, der ſolche Denkmäler der Kuͤnſt ſchafft, rieſelte auf mich herab von den ſäulengetrage⸗ 80 nen Gewölben. Ganz überwältigt ſank ich auf einen Betſtuhl— Lee wurde ungeduldig und ging hinaus, mich draußen zu erwarten— ich wußte in dieſen Augenblicken nicht, welcher Styl der Baukunſt hier ſeine Triumphe feierte, ich durchdrang keineswegs den eigenthümlichen Geiſt der Gothik, ſondern ich fühlte mich nur ganz unbeſtimmt von dieſen Formen erhoben, von ihrem gewaltigen Himmelanſtreben emporgerichtet. Da mit einem Male hörte ich neben mir Tritte und das Streifen eines Frauenkleides. Eine feinge⸗ kleidete Dame in Begleitung eines Herrn tauchte im Dunkel vor mir auf. Eben wollte ſie vorbeigehen, als ſie in das hellbeſchienene ſchräge Viereck hereintrat, das der Mond aus dem Schatten eines Fenſters auf den Boden neben mir und halb auf den Fuß des be⸗ nachbarten Strebepfeilers warf. Ich ſah das Geſicht der Dame— und erſchrak. Cordelia?— Ich war wie gelähmt und wußte nicht wie mir geſchehen. Aber im nächſten Momente über⸗ blickte ich die Gefahr, die Cordelien, wenn ſie es wirk⸗ lich war, am Ausgange des Portals erwartete, wo Lee meiner harrte.— Ich wollte ihr folgen, doch war ſie mir wie ein Traumbild entſchwunden. Mit bangem Herzen trat ich hinaus, in der Ferne ſah ich das wirre Treiben des auf der Alameda wo⸗ —— genden Volkes— aber auch Lee war verſchwunden. Ich wurde im höchſten Grade unruhig, eine böſe Ahn⸗ ung erfüllte mich... wenn Lee Cordelien erkannt und ſie verfolgt hatte?— Man kann ſich denken, wie be⸗ ruhigt ich war, als ich ihn zuletzt ganz gelaſſen im Hotel auf ſeinem Zimmer fand und er mir ſagte, die Zeit ſei ihm mit Warten zu lange geworden und er habe Verlangen gehabt, nach Hauſe zu gehen. Ich zerbrach mir den Kopf, ob ich im Dom wohl recht geſehen, ob es wirklich Cordelia geweſen ſei. Ich glaubte noch, das Geſicht in die Luft zeichnen zu kön⸗ nen, ſo deutlich ſtand es vor mir, und dennoch, wie leicht konnte das Mondlicht ein falſches Zeugniß ab⸗ gelegt haben! Lee wollte am anderen Tage nach den ſüdlichen Küſtenſtädten weiterreiſen, er ſprach von Valencia und Granada und damit eröffnete er mir freilich den Aus⸗ blick, erſt den ſchönſten Theil Spaniens kennen zu lernen. Allein es hielt mich in Burgos zurück mit geheimniß⸗ vollen Banden. Ich wollte Gewißheit haben, wer das Weib geweſen, deſſen Schatten im monderhellten Dome an mir vorübergeſtreift war. Lee drängte zur Abreiſe, ich durfte ihm den Magnet nicht nennen, der mir es ſo ſchwer machte, mich von Burgos zu trennen. S einen Ausweg fand ich: ich wollte wenigſtens in der Palm, Der Fund im Biscayer Golf. 6 82 Nähe bleiben und berief mich auf die Nothwendigkeit, in dem benachbarten Santander das Geſchäft für Mr. Summer zu erledigen. Zu meiner großen Freude fand ich in meinem Reiſehandbuche die Seebäder in Sardinero bei Santander rühmend erwähnt. Ihre Kraft ſollte Lee zur Herſtellung ſeiner Geſundheit erproben, während meine Miſſion mich an jene Stadt gefeſſelt hielt. Meinem Wunſche im Betreff der Bäder widerſprach er hartnäckig, doch ver⸗ mochte ich endlich dennoch, ihn nach meinem Willen zu ſtimmen und wir reiſten alſo nach Santanders.— An einem ſengend heißen Auguſtvormittage, derglei⸗ chen man in dem angenehm temperirten Klima San⸗ tander's ſelten erlebt, bat mich Lee, ihn nach Sardinero zu begleiten. Ich mußte es ihm abſchlagen, denn ich hatte die lang hinausgeſchobene Pflicht zu erfüllen, an Herrn Summer Bericht über den Stand ſeiner Proceß⸗ ſache zu erſtatten. Mißmuthig, ja grollend verließ mich Lee. Ich ſetzte mich in den kühlen Saal der Fonda und begann meine Schreiberei. Es wollte mir damit nicht von der Hand gehen, die glühende Sonne ſchien mir jeden Gedanken aus dem Hirne gebrannt zu haben. Ich war förmlich froh, als ein von außen kommender Anlaß mich gleichſam vor mir ſelbſt entſchuldigte, mir Dispenſativn von meiner 83 Arbeit ertheilte. Es erklang klimperndes Mandolinen⸗ ſpiel, und ein eigenthümlicher Geſang von der Straße herauf rief mich an's Fenſter. Ein alter Kerl rührte drunten die Saiten und ſeine Begleiterin, ein verrunzeltes, abgemergeltes Weib, ſtieß dazu ein heiſeres Gekrächze aus, das mir noch in den Ohren gellt. Indeſſen habe ich nie die kunſtvollſte, gekünſteltſte Bravourarie mächtiger und unmittelbarer wirken ſehen, als dieſe einfache Naturmuſik. Ein Kutſcher, der vor der Fonda Poſto gefaßt hatte, wurde vom Klang dieſer Töne plötzlich wie verzaubert und ſeine Glieder ſchmiegten ſich unwillkürlich in die wechſelnden Stellungen, welche der feurige Rhythmus der Tanzmuſik verlangte. In den Saal ſelbſt aber huſchten die zwei Kellnerinnen herein, welche bei Tiſche zu bedienen pflegten nud ſchwangen ſich blitzſchnell in luſtigen Tanzeswellen auf und nieder; ſo lebendig wallt das ſpaniſche Blut bei den Klängen der Jota Aragoneſe. Wahrlich, man mag in noch ſo vielen Punkten von dieſem Lande ſich enttäuſcht ſehen, in einem werden unſere kühnſten Erwartungen übertroffen, nämlich in Bezug auf die Weiber. Ja, Spanien hat die ſchönſten Weiber der Welt! Und wenn Du ihre Reize am ſchönſten ſpielen ſehen willſt, ſo bevbachte ſie beim Tanze! Welche Behendigkeit, welche Grazie in den Bewegungen, welches — Leben in den ſchöngemeſſenen Formen, welches Feuer im Blicke, welche Gluth in der wallenden Bruſt! Und zwar nicht allein bei den Frauen der beſſeren Stände, ſondern auch bei den niederen und niederſten Klaſſen.— Aus dieſen Betrachtungen zog mich ein daherrol— lender Wagen, deſſen Geräuſch einen Augenblick die merkwürdige Muſik deckte. Ich wollte eben vom Fenſter zurücktreten, als mein Blick noch die Inſaſſin der Karoſſe erreichte. Wie ein Wetterſtrahl fuhr es vor mir nieder— diesmal täuſchte mich nicht das nächt⸗ liche Dämmerlicht einer Kathedrale, deutlich erkannte ich jetzt dieſes Geſicht in dem hellen, klaren Tag San⸗ tander's. Es war Cordelia! Sie diesmal zu ſprechen, ihr zu folgen, war mein einziger Gedanke. Ich raffte ſchnell meine Schreibmappe zuſammen, ſtürzte auf die Straße hinab, ſchwang mich in den Wagen des tanzluſtigen Kutſchers und befahl ihm, der Equipage, die wir eben um die Ecke biegen ſahen, zu folgen. Hätte ich der Mähre, die mich hintrug, doch einen Funken meiner Ungeduld einhauchen können! Sie trabte ſo gemächlich ſchwerfällig, als ſollte ſie ihre Haut auf einem Stiergefechte zu Markte tragen. Der Cochero aber ſetzte dem Thiere grauſam mit der Peitſche zu. An der Biegung der Straße bekam ich die Karoſſe wieder in Sicht. Mein Herz bebte auf. Wenn nur —— SMlcce. Lee uns nicht begegnet! dachte ich, denn es war mir, als ob wir die Richtung des Weges nach Sardinero, auf dem er zurückkommen mußte, verfolgten.— In meiner Angſt überſah ich ganz, daß wir zuletzt in einem Gewirre enger Gaſſen uns verloren und als in einer derſelben uns ein Fuhrwerk entgegenkam, das uns nöthigte, einen Augenblick anzuhalten, ging mir die Spur der Karoſſe verloren. Ich war in Verzweiflung. Meinem Ziele ſo nahe, zerrann es mir, indem ich die Hand nach ihm ausſtreckte, ein leerer Luft. Der Kutſcher ſah mich an der nächſten Kreuzung der Wege fragend an. Nach der einen Seite hin mündete die Straße auf einen freien Platz aus; auf's Gerathewohl wählte ich dieſe Richtung. Wir erreichten die Plaza, auf der ein buntes Getümmel wogte. „Fahren Sie quer durch!“ rief ich dem Kutſcher zu; nach rechts und links ſandte ich meine Blicke in die ſich öffnenden Straßenmündungen. Wie triumphirte ich, als ich in einer der letzteren, kaum zwanzig Schritte von der Ecke entfernt, den geſuch⸗ ten Wagen halten ſah! Ich ſtieg aus und trat in den Laden, vor deſſen Thüre er wartete. Vor einem Seiten⸗ tiſche ſah ich die Dame ſtehen, mit dem Rücken gegen mich gewendet, der Herr des Magazins breitete Spiel⸗ 86 waaren vor ihr aus. Noch war ich im Ungewiſſen, ob Cordelia neben mir ſtehe, mein Herz ſchlug ſo er⸗ wartungsvoll, daß ich ſeine Pulſe in den Adern des Halſes zählen konnte... da verlangte ich in lautem, wohlartikulirtem Engliſch von den herantretenden Com⸗ mis Anſichten der Stadt. Dies wirkte. Denn kaum hatte ſie den Klang ihrer Mutterſprache vernommen, ols ſie ſich neugierig umwandte: Ja, ich ſah in das Antlitz Cordeliens! V Sie war ſchön wie ehemals. Die ſpaniſche Sonne hatte das blendende Weiß ihrer Stirne nicht gebräunt, hatte das goldene Blond ihres Haares nicht verdunkelt. Nur ein reiferer, ich möchte ſagen, mütterlicher Zug, lag ſanft über ihr Weſen ausgebreitet. Ich erkannte wohl, daß ich nicht mehr das knoſpende Mädchen von ehemals, ſondern ein herrlich erblühtes junges Weib vor mir hatte, deſſen Reize eben jetzt in vollſter Ent⸗ faltung ſtanden. Als ſie mich ſah, ſchien ſie betroffen; offenbar ſuchte ſie ſich zu beſinnen, wo ſie mich ſonſt ſchon ge⸗ ſehen. Ich wäre am liebſten gerade auf ſie zugegangen und hätte mein Herz vor ihr ausgeſchüttet. Welch' weit⸗ läufige Wege aber gebietet uns die Etikette! Die Mit⸗ theilungen, die ich ihr zu machen hatte, duldeten keine Zeugen. Sobald ſie den Laden verlaſſen hatte, frug ich den Herrn, ob er ihren Namen kenne. „Ei gewiß“, erwiederte er:„Frau Thorries iſt mir wohl bekannt, ſie hat eine Villa hier und wohnt dort ſchon über ein Jahr.“ Ich erinnerte mich, daß Thorries der Name war, den auch Lee mir einſt genannt, und ſo war denn der letzte Zweifel, daß ich meines unglücklichen Freundes „Braut“ wirklich gefunden habe, zerſtreut. Ich eilte nach meinem Fiaker und die Wettfahrt begann von Neuem. Wir fuhren kreuz und quer und kamen end⸗ lich in die Gegend, wo die Häuſerreihen ſich lichteten und das ſchöne Hügelland, das die Stadt auf der Rück⸗ ſeite umſchließt, mit ſeinen grünen Wieſen und golde⸗ nen Reben ſich aufſchloß. Wir mündeten in eine der Alleen, die einen reichen Compler ſchöngepflegter Gär⸗ ten, in denen heitere Villen erglänzten, durchſchnitten. Vor einer derſelben hielt die Karoſſe. Cordelia ſtieg aus und bald ſah ich ſie unter hohen tropiſchen Gewächſen, zwiſchen Blumen und Büſchen fabelhafter Art, auf dem Wege zum Hauſe verſchwinden. Als ich nachſchaute, da frug ich mich zum erſten Male: Was willſt Du eigentlich beginnen? Kannſt Du hier ſo ohne Weiteres einfallen und Deine ſtark an's Märchenhafte ſtreifende Erzählung zum Beſten geben?— Dieſes Haus in ſeiner ſtillen Pracht, in ſeiner ſorgloſen Ruhe ſchien mich ſtreng und ſtarr zu⸗ rückzuweiſen mit dem fremdartigen Anliegen, das ich über ſeine Schwelle tragen wollte. Ich ſcheute mich, in dieſen Kreis zu treten, den Feuerbrand unter dieſes Dach zu ſchleudern. Aber die Gefahr, die über Cordeliens Haupt ſchwebte, wenn Lee dieſes Haus entdeckte und durch ſeine Pforte eindrang, das Unheil, das er ſich ſelbſt durch irgend eine unberechenbare That zuwälzen konnte, drängte ſich mir in einem dunklen Bilde vor die Seele; ich warf alle kleinen Bedenklichkeiten von mir, raffte mir ſchnell einen ungefähren Plan im Kopfe zuſam⸗ men, wie ich meine Mittheilungen vorbringen wollte, und ſchritt vorwärts, mich an der Tüchtigkeit meines eigenen Entſchluſſes ermunternd. Ich kam bis vor das Haus, ohne daß ich ein menſchliches Weſen gewahrte. Mit ſengendem Kuſſe lag das heiße Sonnenlicht auf der farbenreichen Pflan⸗ zendecke des Vorgartens. Eine kleine Säulenhalle vor mir bildete des Hauſes Entrée; ich fand die hohe Glas⸗ thür verſchloſſen. Niemand zeigte ſich, mir zu öffnen. Ich ging nach der Rükſeite des Hauſes, wo mich friſche ſchattige Kühlung empfing. Hier führten auch dichtbe⸗ wachſene Laubgänge nach der grünen Tiefe des Gar⸗ — 90 tens und in der Mitte erinnerte ein zartbewachſener Raſenplatz unter einer Gruppe hoher Bäume an die gewöhnlichen Parkanlagen der Engländer. Als ich unſchlüſſig umher blickte, wohin ich mich wenden ſollte, ſah ich vor mir, in nächſter Nähe, eine Laube und darin ſchien ſich etwas zu bewegen; ich. trat hinein und ſiehe da, von herabfallenden grünen Ranken überſchattet, lag in weißem Bettchen ein Kind ſo friſch und glühend in Geſundheit, wie der Roſen⸗ knoſpen eine, die aus dem dunklen Gezweig ſich neu⸗ gierig losrangen, ihr ſchlummerndes Schweſterlein zu ſchauen. Das eine Händchen lag auf der Decke, die ſich unter dem leiſen Drucke einbog, und daneben waren Spielſachen ausgebreitet, ſo, daß wenn das Kind er⸗ wachte, es nur die Fingerchen auszuſtrecken brauchte, die Sachen zu haſchen. Dieſe waren noch eingewickelt und ſchienen ſo eben von der Mutter, die ſie aus der Stadt mitgebracht, dort niedergelegt worden zu ſein, um des Kindes Erwachen zu verſüßen. Mein Auge hing feſt an den Zügen des kleinen Schläfers, als das keifende Gebell eines Hündchens, das heranſprang, mich aufſchreckte. Ein Dienſtmädchen erſchien in ſeinem Sefola ich reichte ihr meine Karte und bat, mich bei rer Herrin zu melden. Nach einer Weile brachte ſie die Botſchaft zurück, 9¹ der Herr des Hauſes ſei ausgegangen. Erſt nachdem ich ihr wiederholt erklärt, daß ich ſeine Frau zu ſprechen wünſche und zwar in einer Angelegenheit von höchſter Dringlichkeit, wurde ich in das Empfangszimmer ebener Erde geführt, während das Hündchen ohne Unterlaß fortbelferte wie eine böſe Sieben, die nicht zur Ruhe gebracht werden kann. Qualvoll langſam vergingen mir einige Minuten, endlich erſchien die Dame. Ich bemerkte wohl den Blitz der Ueberraſchung, der ihre Züge durchfuhr, ſo⸗ bald ſie mich ſah. Wie ich nun meine Worte ſetzte, was Cordelia mir erwiederte, weiß ich nicht mehr, es entrann mir im ſeligſten Strom von Empfindungen, die ihre Nähe in mir aufregte. Genug, ich gab mich als den Finder der Brieftaſche zu erkennen, die mich einſt in das Victoria⸗Hotel zu New⸗York geführt... Ich hatte den Namen Lee's noch nicht über meine Lippen gebracht, aber die Wirkung meiner Worte war eine außerordentliche; die ohnedies zarte Geſichtsfarbe der jungen Frau erloſch zur Marmorbläſſe, und aus ihren Lippen, die ſonſt in warmer Friſche glühten, ſchien jeder Blutstropfen gewichen. „Und was führt Sie jetzt hierher?“ klang es nach einer Pauſe von dieſen Lippen. 5 „Ich komme, Sie zu warnen.“ Ihr Auge erweiterte ſich, jeder Nerv in ihr ſchien tödtlich angeſpannt von banger, fürchterlicher Erwar⸗ tung. Ich wollte ihre Qual nicht verlängern, es mußte in dürren Worten heraus, was ich ihr zu ſagen hatte.„Als Sie von New⸗York abgereiſt waren, be⸗ gleitete ich Mr. Lee nach der Havannah... doch Sie werden mich nicht anhören können.“ Sie winkte mir, fortzufahren, obſchon ich ſah, daß ſie nur mühſam die Herrſchaft über ihre Sinne be⸗ hielt. „Er ſchloß mich in ſein Vertrauen,“ fuhr ich fort, „und erzählte mir, welches Glück ihm nach ſeiner Rückkehr nach New⸗York bevorſtehe. Die Hoffnungen auf dieſes Glück haben ſich, wie Sie wiſſen, nicht er⸗ füllt. An dieſen Gedanken aber vermag er ſich nimmer zu gewöhnen, ich begleite ihn auf einer Reiſe, auf der Die arme junge Frau, die mehr todt als lebendig im Seſſel lag und mir regungslos zuhörte, that mir weh in tiefſter Seele. Ich ahnte wohl, daß hier be⸗ deutungsvolle, von Lee nicht gekannte Umſtände wirken mußten, die Cordelia auf ewig von ihm geriſſen hatten. „Laſſen Sie mich alles hören!“ bat ſie, und ich nahm meinen zerſtückelten Bericht alſo wieder auf: 93 „Er hatte ausgekundſchaftet, daß Sie ſich in Spa⸗ nien aufhalten...“ Bei dieſen Worten raffte ſie ſich aus ihrer Le⸗ thargie empor mit dem bangen„Er iſt doch nicht etwa hier?“ „Beruhigen Sie ſich,“ verſetzte ich;„er iſt aller⸗ dings hier, aber noch hat er keine Ahnung, Sie hier zu treffen. Vor acht Tagen glaubte ich Sie eines Abends im Dom zu Burgos zu ſehen, waren Sie es wirklich?“ „Ich komme häufig dorthin und war vor acht Tagen dort... wenn ich ihm begegnet wäre! Sind wir denn niemals ſicher vor dieſem fürchterlichen Mann?“ „Niemals, ſo lange Sie nicht ein Mittel finden, ihm die wirkliche Urſache Ihres ſeltſamen Verſchwin⸗ dens aufzuklären. Darf ich fragen...“ „Nein, nein,“ unterbrach Sie mich, a Sie nicht, ich kann es Ihnen nicht ſagen.“ „Sie ſcheuen alſo eine Erklärung?“ „Ich ſcheue eine Erklärung nicht, nur ich bin nicht im Stande, ſie Ihnen zu geben. Ich will nach meinem Gatten ſenden, er ſoll Sie einweihen in Dinge, die Ihnen das Blut erſtarren machen werden.“ Sie ſtand auf und ging nach dem Klingelzuge 94 „Mein Mann iſt gegangen, in Sardinerv ein Bad zu nehmen,“ fügte ſie bei; ich will ihm einen Boten dorthinſenden.“ n Sardinero? Lee kennt ihn doch nicht?“ „Das weiß ich nicht.“ „So kann er ihn, während wir hier ſprechen, in Sardinero getroffen haben; Mr. Lee ging ebenfalls dahin, um zu baden.“ Sie griff mit ihrer Hand aus, um ſich an der Lehne des Stuhles, auf den ſie zuſchritt, feſtzuhalten, Welch eine kleine, ſchön modellirte Hand! Mein Blick vermochte ſich nicht mehr von ihr loszureißen, während ſie das hölzerne Bildwerk, das die Stuhllehne krönte, umſpannte; allerlei Erinnerungen an das, was Harry Lee mir einſt vorgeſchwärmt von dieſer Hand, wirbel⸗ ten mir durch die Sinne.. Es trat eine Pauſe ein, bis Cordelia mit einem Male eine entſcheidende Kriſis in dem Geſpräch herbei⸗ führte. Aus ihrer gepreßten Bruſt entrang ſich die ſeltſame Frage: „Iſt er denn noch immer nicht geheilt von ſeiner gräßlichen Krankheit?“ Ich ſtand betroffen.„Wenn Sie das einzige, vergebliche Verlangen, in dem ſeine Seele brennt: Sie 95 wiederzufinden eine gräßliche Krankheit nennen, ſo mögen Sie wohl Recht haben; geheilt iſt er davon noch nicht.“ „Nein, nein, ich ſpreche von einer wirklichen Krank⸗ heit. Was? Sie ſind ſo lange ſein Begleiter und wiſſen nicht, daß er an jener Art von Geiſtesſtörung leidet, die man Monomanie nennt...7“ „Zuweilen,“ verſetzte ich bebend,„kam es mir wohl vor, als ſeien die Kräfte ſeines Geiſtes verwirrt geweſen, aber von einer ausgeſprochenen Monomanie bei ihm iſt mir nichts bekannt.“ „Und bildet er ſich nicht noch immer ein, daß ich ſein Weib werden könne?“ „Das iſt die Wahrheit, er verlangt um jeden Preis Ihre Hand..!“ Ich hatte nicht bedacht, welchen Pfeil ich damit gegen ihr Haupt ſchleuderte: mit einem leiſen Schrei ſank ſie bei dem Stuhle, an dem ſie ſich feſthielt, zu⸗ ſammen. Hinzueilend fand ich ihre Wimpern auf die erblaßten Wangen geſenkt, und in ihrem Buſen ſtockte jede Regung des Lebens. Ich lief nach der Klingel und zog ſie an, als haſtige Schritte ſich der Thüre näherten. Ein Mann im Alter von etwa dreißig Jahren triefende Stirn ſprachen von der Eile und Aufregung, die ihn hergeführt, ſeine Augen ſuchten im Gemach umher, und als er Cordelia am Boden liegen ſah, ſprang er hinzu, richtete ihr Haupt empor auf ſeinen Knieen und rief:„Mein theures Weib, um Gottes willen, was iſt Dir?“ Der Klang dieſer Stimme ſchien ſie taſch aus ihrer Betäubung zu erwecken. Tief aufſeufzend, als wolle ſie mit dieſem Seufzer all ihr Weh von der be⸗ klommenen Bruſt wälzen, ſchlug ſie ihr Auge auf und erkannte ihren Gatten. Angſtvoll hob ſie ſich an ihm empor, als ſei ſie aus bangen Träumen erwacht. „Führe mich hinaus zu meinem Kinde,“ ſagte ſie, „ich muß mich erholen. Dieſer Herr mag Dir die Mittheilungen machen, welche ich jetzt zu hören außer Stande bin. Erzähle ihm dagegen, was Du weißt von unſerem Verfolger.“ An ihres Gatten Arm ſchwankte ſie hinaus. Nach wenig Augenblicken kam Thorries allein zurück. „Diesmal,“ begann er in höchſter Wuth,„dies⸗ mal muß es ſich entſcheiden zwiſchen mir und jenem Aberwitzigen! Ich will mein Weib endlich von dieſem Dämon befreien, mein Entſchluß iſt gefaßt— Einer gon uns wird die Stadt nicht mehr verlaſſen!“ „Sie haben alſo ſchon vernommen.. 2“ „Ich bin ihm in Sardinero begegnet und habe ihn nach dem Bilde, das meine Frau von ihm beſitzt, erkannt; man vergißt dieſes Geſicht nicht mehr, wenn man es einmal geſehen.“ „Und kennt er auch Sie?“ „Nein, ich wüßte nicht woher.“ „So benützen Sie die Zeit und ſäumen Sie nicht, Ihre Gattin in Sicherheit zu bringen.“ „Wohin ſoll ich ſie verſtecken? Soll ich dieſes Schwert ewig über ihrem Haupte ſchweben laſſen? Nimmermehr! Wenn irgendwo, ſo hielt ich ſie hier, in dieſem Santander, für geborgen; es war ihr aus⸗ drücklicher Wunſch, mich hier bei meinem Bruder an⸗ zuſiedeln. Ich ſehe jetzt ein, daß es eine Thorheit war; in England könnte ich Mr. Lee in ein Narrenhaus ſperren laſſen, hier muß ich mich ſelbſt vor ihm ſchützen und wahrlich, ich bin zum Aeußerſten entſchloſſen.“ Ich ſah mir den Mann, der alſo ſprach, näher an und konnte mich des Gefühls nicht erwehren, als ob ihn, der gegen Lee einſchreiten wollte, ein Druck vom Daumen des gewaltigen Mannes zerdrücken müſſe. Mr. Thorries war ein viel hübſcherer Mann, als Lee; ſeine Züge waren ſehr regelmäßig, Alles war an ihm modern, wohlgepflegt, wohlriechend und geſchniegelt, aber nirgends verrieth er einen der gi antiſchen Natur Lees auch nur annähernd verwandten Zug. Palm, Der Fund im Biscayer Golf. Als er in ſeinem Zorne mit ſchnellen Schritten das Gemach durchmaß und ein Fenſter gegen den Park hinaus öffnete, tönte das Geſchrei eines Kindes herein, untermiſcht mit beſchwichtigenden mütterlichen Worten. Es war das Kind Cordeliens, das da weinte, und als mir von ungefähr beifiel, der junge Vater, der vor mir hin⸗ und herlief, genieße in dieſem Hauſe ein Glück, an deſſen köſtliches Erringen Lee umſonſt die ganze Kraft ſeines Lebens geſetzt, da begann es ſich ſchmerzhaft in meiner Bruſt zu regen. „Was ſoll ich thun?“ rief er nach einer Weile, und als ich ihm kühl entgegnete, er könne nichts Klüg⸗ eres thun, als ſchnell die Segel zu ſtreichen, ſchien er den Gedanken an einen gewaltſamen Widerſtand auch ſchon aufgegeben zu haben, klagte heftig, wie er ſeine Frau nicht allein reiſen laſſen und wie man doch das ganze Haus ſo ſtracks nicht preisgeben könne; wie ſeine Frau nicht ohne das Kind gehen werde und wie man dies doch nicht mitnehmen könne und dergleichen mehr, Alles aber in einem Tone, daß ich wohl merkte, es ſei ihm weniger um die Darſtellung der Unmöglichkeit 3 als vielmehr um das Auffinden von Mitteln und We⸗ gen zu thun, wie er meinen Rath ausführen ſolle. „Könnten Sie denn nicht,“ begann er wieder, „Mr. Lee von hier entfernen, indem Sie ihm ſagen, 99 Sie hätten unſere Spur in London, Petersburg, Kon⸗ ſtantinopel oder wo es Ihnen ſonſt beliebt, aufge⸗ funden? So wäre uns doch am beſten geholfen.“ „Das iſt eine ſtarke Zumuthung,“ verſetzte ich; „Sie verlangen, ich ſolle den Mann, der mich zur Unterſtützung ſeines Vorhabens mit ſich nahm, ſo ge⸗ radezu betrügen?“ „Aber mein Herr, Sie ſcheinen gar nicht zu wiſſen, in welchen Händen Sie ſind! Einen Wahnſinnigen muß man irreführen, wenn man die Opfer, die er ver⸗ folgt, ſicher ſtellen will.“ „Nein, nein, einen ſolchen Wahnſinnigen muß man zu heilen ſuchen,“ rief ich,„zumal wenn man die Urſache der Krankheit ſo genau kennt, wie ich!“ „Ei, ſo nennen Sie mir doch die Urſache.“ „Sie iſt ſehr einfach: das plötzliche Verſchwinden Ihrer Frau, der Bruch des ihm gegebenen Wortes, die Verzweiflung, die ihn erfaßte, als er das heißge⸗ liebte Weib ſich unwiederbringlich entriſſen ſah, das Alles hat ſeinen Geiſt zerrüttet.“ „Ich ſehe,“ gab Thorries zurück,„daß Sie den Mann, mit dem Sie ſo viel verkehren, gar nicht ken⸗ nen. Ich vergaß, was wir eigentlich zu verhandeln haben; ich will Ihnen die Augen öffnen und Sie wer⸗ den begreifen, warum meine Frau ſo jählings alle 7* 100 Beziehungen zu dieſem Manne abgebrochen hat, ab⸗ brechen mußte.“ Wir nahmen Platz auf dem Canapee; ich horchte in höchſter Bewegung auf jedes Wort, das von Thor⸗ ries Lippen kam. Sein Bericht lautete alſo: „Sie erinnern ſich, daß ſich in Begleitung meiner Frau, als ſie die Reiſe zu ihrem Bruder machte, eine andere Dame, ihre Tante, befand. Sie ſoll uns direkt in den Mittelpunkt deſſen, was ich Ihnen zu ſagen habe, hineinführen. Denken Sie ſich eine Frau, die nicht mehr und nicht minder gute und ſchlimme Eigen⸗ ſchaften hat, als tauſend andere ihres Alters und Ge⸗ ſchlechtes, wenn ſie nicht etwa durch einen beſonders hohen Grad von Neugierde ſich auszeichnete. Dieſe Dame bekam auf der bekannten Seereiſe von Liverpool nach New⸗York ihre Cabine in der Nähe Lees ange⸗ wieſen und bemerkte einmal, daß er ſich mit einem ſeltſamen Käſtchen beſchäftigte, das, ſo klein es war, außer dem Schloſſe in der Mitte noch zwei Vorlege⸗ ſchlöſſer aufwies; es machte ihr ſogleich den Eindruck, als müſſe darin ein Gegenſtand von ganz beſonderer Art verborgen zu ſein. Als ſie Lee nachher im Speiſe⸗ ſalon traf, war er auffallend ſcheu und zerſtreut. Des Abends machte ſie Cordelien Mittheilung von dem, was ſie wahrgenommen. Dieſe legte ihm keinen Werth bei. 101 Allein die Tante hatte keine Ruhe. Im Laufe des Geſpräches wußte ſie es ſo einzurichten, daß ſie von den vielen Kiſten und Käſtchen, die Damen auf der Reiſe mitſchleppen müßten, ſprach und ihn frug, ob er auch dergleichen bei ſich führe. Er war erſt betroffen, lachte dann laut auf und pries die Herren glücklich, die nicht nöthig hätten, ſolche läſtige Bagage mitzu⸗ nehmen. Dieſe Verheimlichung der ſo ſorgſam ver⸗ ſchloſſenen Caſſette reizte natürlich die Neugierde der Tante in einem Grade, daß ſie fortan keinen höheren Wunſch mehr hatte, als den Inhalt derſelben kennen zu lernen. In der Nacht brach ein wüthender Sturm aus, die ohnedies ſchwächliche Frau wurde krank uud mußte in ihrer Cabine bleiben. Meine Frau, die an heftigen Beklemmungen litt und in der dumpfigen Kazüte zu er⸗ ſticken drohte, hielt ſich oben auf Deck auf. Einmal ließ die Beſorgniß um ſie die Tante ihr Uebel ver⸗ geſſen, ſie raffte ſich empor und wollte droben nach ihrer Nichte ſehen. Wie ſie herausſchwankt, ſieht ſie in dem Gange vor ſich Lee ſtehen, das Käſtchen auf dem Arme und im Begriffe, es hinaufzutragen. Blitzſchnell zieht ſie ſich hinter ihre Thüre zurück, ſie wagt nicht, ihm zu folgen. Er ſtürmt die Treppe hinauf, als brenne der Boden hinter ihm. Nach einiger Zeit nimmt vie Dame ſich zuſammen und will ihm nach; da kommt — 102 er wieder die Treppe herunter, bringt das Käſtchen in ſeine Cabine und eilt wieder auf Deck. Ich will nicht unterſuchen, wie viel bei alldem die Phantaſie der guten Frau hinzugethan hat, genug, ſie beſaß den ganzen richtigen Inſtinkt, daß ſie einem gräßlichen Geheimniſſe auf der Spur ſei. Nachdem ſie ſich überzeugt, daß Lee ſo bald nicht zurückkommen werde, faßte ſie ſich ein Herz. ſie betritt ſeine Cabine, ſucht nach der Caſſette, in einer Reiſetaſche fühlt ſie das viereckige Ding, in ſeiner Haſt hat Lee die Taſche falſch ge⸗ ſchloſſen, ſie zieht das Käſtchen hervor, findet einen Bund von drei kleinen Schlüſſeln dabei, ſie ſchließt auf... und was entdeckt ſie? Denken ſie ſich das Erſtarren der Neugierigen, als ihr eine Menſchen⸗ hand in's Auge fällt, eine abgeſchnittene, gelbliche Menſchenhand! In ihrer Angſt läßt ſie das Käſtchen zu Boden fallen, die Hand macht ſich los aus dem grünen Sammetkiſſen, auf dem ſie lag; ſie mußte ſie anfaſſen, um ſie wieder hinein zu legen, mußte ſich dabei überzeugen, daß es nicht etwa ein Gebilde von Wachs war, ſondern ſie ſah die durchſchnittenen ab⸗ gedorrten Adern, durch welche einſt lebendiges Blut gerollt, ſie fühlte das mumienhafte, angegilbte Fleiſch— ein Armband mit reichen Steinen hatte das kurze her⸗ vorſtehende Handgelenk umſchloſſen, durch den Fall —— 2—— war es weggekollert, ſie mußte es der Handwurzel wieder anlegen, das Käſtchen ſchließen, und Alles an ſeine frühere Stelle bringen. So viel Kraft beſaß ſie gerade noch; als ſie aber wieder in ihre Cabine kam, wurde ſie ernſtlich krank, bekam das Fieber und hätte auf⸗ ſchreien mögen, als ſie Lee wieder zu Geſichte bekam. Seit ſie den Inhalt der Caſſette kannte, ſtand es bei ihr feſt, daß ſie mit einem Mörder oder mit einem Wahnſinnigen reiſe. Ihre größte Angſt aber war, daß Lee entdecken möchte, ſie ſei in ſein Geheimniß einge⸗ drungen; darum wagte ſie auch nicht Cordelien etwas davon zu ſagen; ſie gab vielmehr ihre Einwilligung zu Eordeliens Verlobung, ſie zeigte ſich den leiſeſten Wünſchen Lee's willfährig, weil ſie ihn über alles fürchtete; aber natürlich wollte ſie ihn ſo bald als möglich los ſein, um endlich ihre Nichte in's Vertrauen ziehen zu können. In Philadelphia trennten ſie ſich... und nun verſetzen Sie ſich in die Lage des armen Mädchens, als ſie die Entdeckung, die ihre Tante gemacht, erfuhr! Mußte nicht ihre Einbildungskraft an die Todtenhand, die ihr Verlobter mit ſich führte, noch ſeltſamere abſchreckendere Vorſtellungen als Jene knüpfen?— Sie werden begreifen, mit welchem Grauſen ſie vor einem Wiederzuſammentreffen mit Lee ſloh und ſich ſchleunigſt nach England zurückbegab, nachdem ſie bei ihrer Ankunft in Waſhington erfahren, daß der Tod ihr in ihrem Bruder den Berather und Beſchützer geraubt.“— Ueberraſcht, verſteinert hörte ich all dies an und är⸗ gerte mich, daß nicht irgend ein ſathriſcher Kobold in meinem Innern mir einen Pfeil gab, um die ſpeben vernommene wunderbare Mähr in's Herz zu treffen und mir aus der höchſt peinlichen Bewegung hinaus⸗ zuhelfen, in die ich mich verſetzt ſah. „Und was ſoll's mit dieſer Hand?“ frug ich endlich. „Darüber,“ fuhr Thorries fort,„ſollte ich in der Folge Auskunft verſchaffen. WMir, dem Freunde ihres verſtorbenen Bruders, an den ſie eine Sendung von ihm, die er in ſeinen letzten Stunden verfaßt, über⸗ brachte, mir vertraute ſie alsbald nach ihrer Ankunft in Glasgow das ganze Erlebniß an. Längſt hatte ich im Stillen für ſie eine Neigung gehegt, doch nie ge⸗ wagt, mich auszuſprechen; jetzt führte ſie das Schick⸗ ſal in ſchwierigen und verwickelten Verhältniſſen mir wieder entgegen. Ich reiſte nach Liverpool, um Aus⸗ kunft über Lee zu erlangen. Da hörte ich denn mehr als mir lieb war. Er ſtamme— erfuhr ich— aus einem ſehr reichen Hauſe, habe ſeinen Vater um alles gebracht durch ſeinen Leichtſinn und ſein ausſchweifen⸗ 105 des Leben, ſei in Armuth und Elend, ſpäter aber durch eine Erbſchaft wieder zu ungeheuren Reichthü⸗ mern gekonmen, die aber doch nicht groß genug waren, ihn vor Gefängniß und Irrenhaus zu ſchützen, in de⸗ nen er wegen eines Mordes geſeſſen.“ „Unmöglich,“ rief ich,„Mr. Lee ein Mörder? „Und zwar an ſeinem beſten Freunde, den er in einem Anfalle von Raſerei umgebracht. Den Grund, der ihn zu dieſer That getrieben, hat er niemals an⸗ gegeben; aus dem peinlichen Prozeſſe aber, in den er verwickelt wurde, befreite ihn nur das Gutachten der Gerichtsärzte, die ſeinen Zuſtand für unzurechnungs⸗ fähig erklärten. Er kam in eine Irrenanſtalt, entfloh aber von dort und war ſeitdem in England nicht mehr zu finden. Sein Geſchäft in Liverpvol verwaltete ſein Schwager; endlich nach zwei Jahren kam er wieder zurück, wie es ſchien von ſeinem Irrſinn geheilt. Man ließ ihn gewähren, er trieb ſein Geſchäft wieder, aber man ſcheute ſich, mit ihm zu verkehren. Allerhand dunkle Gerüchte gingen über ihn. Seine Gattin war auf eine räthſelhafte Weiſe verſchwunden und obſchon Niemand im Stande iſt, ihm zu beweiſen, daß er ſie bei Seite geſchafft, ſo hörte ich doch dieſen Verdacht gegen ihn laut werden...“ S Mir gefror das Blut in den Adern.„Und wor⸗ 106 auf gründet man einen ſolch fürchterlichen Verdacht?“ wandte ich mich an den Erzähler. „Während ſeines Aufenthaltes in der Irrenanſtalt war Lee von der Monomanie beſeſſen, die Hand ſeiner Frau zu beſitzen, nicht bildlich gemeint, ſondern im buchſtäblichen körperlichen Sinne. Dieſe fixe Idee war das Merkmal ſeiner Krankheit. Seine Frau muß eine ſehr ſchöne Hand beſeſſen und Lee in derſelben einen ihrer hauptſächlichſten Reize bewundert haben. Sie können ſich denken, wie mir zu Muthe wurde, als man mir von dem Ende ſeiner Frau ſprach... denn ich allein beſaß ja den Schlüſſel, ein Geheimniß zu löſen, das der ganzen Welt unter unverbrüchlichem Verſchluſſe verborgen lag, beſaß ihn in der Entdeckung, die Cor⸗ deliens Tante während jener Sturmesnacht an Bord des New⸗Yorker Steamers gemacht hatte! Kein Zwei⸗ fel war mehr, daß es die Hand ſeiner Gattin geweſen, die auf dem grünen Sammetkiſſen ruhte.— Auf welche Weiſe hat ſeine Gattin das Leben verloren?— Er und kein Anderer weiß darum; kann das Geſetz ihn nicht zwingen, ſein Stillſchweigen zu brechen, ſeine Schuld zu bekennen?.. Sehen Sie“, ſchloß Thorries, „jetzt da ich mir durch meine Erzählung die ganze Situation klar vor Augen zurückrief, denke ich ernſt⸗ lich daran, den Mann, der uns ſeit Jahren ängſtigt 107 und quält, nicht länger zu ſchonen, ihn den Geſetzen meines Vaterlandes zu überantworten, indem ich eid⸗ lich erhärte, was ich von der Hand in der dreifach ver⸗ ſchloſſenen Caſſette weiß.“ „Das werden Sie nicht thun,“ fiel ich raſch ein; „Sie müſſen mir vielmehr feierlich geloben, keine Maß⸗ regel zu treffen, welche Lee blosſtellen könnte, ehe Sie mit mir darüber Rückſprache genommen. Nur in die⸗ ſem Falle gewähre ich Ihrer Gattin den Schutz, deſſen ſie genießt, ſo lange ſie von Lee unentdeckt bleibt.“ „Gut, ich ſage zu, ich baue auf Sie, auf Ihre Redlichkeit. Was Sie mir rathen, will ich thun— aber rathen Sie!“ Das war nun freilich ſchnell geſagt, und noch vor einer halben Stunde war ich nicht in der geringſten Verlegenheit geweſen, welche Wege einzuſchlagen ſeien, um aus dieſer Klemme hinauszukommen. Jetzt aber waren alle meine Pläne über den Haufen geſtürzt, ich befand mich in der fürchterlichſten Ungewißheit. Statt daß Thorries mir ein Problem löſte, gab er mir ein noch ſchwierigeres zu rathen auf; ſtatt daß er mich auf ebenen Weg brachte, führte er mich in ein noch tieferes Labhrinth; anſtatt mir den Schlüſſel zu reichen für Lec's Charakter, verſchloß er ihn vor mir noch undurchdringlicher. Ich empfand es, daß weit 108 hinaus über den Geſichtskreis, den Thorries beherrſchte, ein Drama ſich in Harrh Lee's Leben abgeſpielt haben müſſe, das eine jähe Umwandlung in ihm herbeige⸗ führt und jene Kriſis ſchwerer und gefährlicher Art hervorgerufen hatte, die jetzt von der Welt als Ver⸗ brechen, als Wahnſinn gedeutet wurde... „Sagen Sie mir noch Eines,“ begann ich von Neuem;„warum hat Ihre Gemahlin Lee niemals aufge⸗ klärt über das Motiv ihres Rücktritts? warum hat ſie einer Erklärung die heimliche Flucht aus ihrer Hei⸗ math vorgezogen?“ „Sie würden,“ verſetzte Thorries ſchnell,„dieſe Frage nicht ſtellen, wenn Sie meine Frau näher ken⸗ nen würden. Sie zitterte dermaßen vor dem Gedan⸗ ken, den Mann, von dem ſie ſo viel Fürchterliches ge⸗ hört, wieder zu ſehen, von ihm an ihr gegebenes Wort erinnert zu werden, daß ſie geſtorben wäre vor Be⸗ ſorgniß, wenn ſie nicht ganz und gar aus ſeinen Au⸗ gen ſich entfernt gewußt hätte. Sie bedurfte eines männlichen Beſchützers und ſie fand ihn in mir. Wir ließen uns in einer kleinen ſchottiſchen Stadt ganz im Stillen trauen und begaben uns nach dem Continent. Erſt dort wurde Cordelia ruhig. Wir beſuchten Paris, aber meine Frau hielt ſich dort nicht für ſicher genug und wir reiſten weiter nach Italien. Wie richtig das 109 Gefühl war, welches uns fortſcheuchte, das ging aus einem Briefe hervor, der ihr durch ihre Tante, die ſich zu Verwandten nach Irland begeben, nachgeſandt wurde. Sie mögen ihn im Original leſen.“ Er trat an den Schreibtiſch, ſchloß ein Fach auf, kramte darin und gab mir ein Billet, worin Lee etwa das Folgende ſchrieb: „Meine liebſte Braut! Du kannſt mir nicht ent⸗ gehen, ich werde Dich überall einholen. Aber ſei nur unbeſorgt, ich zürne Dir nicht, ſondern allein mir ſelbſt, daß ich ſo thöricht war, noch eine ſüße, doch tödtliche Täuſchung zu hegen Mag's denn ſein, Du biſt wie die Anderen, und ich hätte wiſſen ſollen, daß Ihr wohl Eure Hand verſchenkt, aber nicht zugleich Euer Herz... So will ich mich denn auch bei Dir mit der Hand begnügen; dieſe haſt Du mir in einer heili⸗ gen Stunde gelobt und ich kann Dir Dein Verſprechen nicht erlaſſen. Halte Dich bereit. Auf Wiederſehen! Dein Harry.“ Als ich zu Ende war, bemerkte Thorries dazu: „Sie verſtehen wohl, daß ein Gemüth, wie das meiner Frau, die ihres Verfolgers Monomanie von dem früheren Fall mit ſeiner eigenen Frau her kainte, auch zugleich wußte, daß er bei dieſer ſein Ziel er⸗ reicht hatte und ihre abgeſchnittene Hand mit ſich führte... Sie verſtehen, meine ich, daß ſie heute vor Ihnen in Ohnmacht. als ſie r daß Lee hier in der Stadt ſei.—“ Der Eintritt des jungen Weibes unterbrach hier des Gatten Bericht. Sie ſchien bei ihrem Kinde ſich erholt zu haben, ihre Wangen zeigten wieder einen leiſen Schimmer von Roth, ihr Auge hatte wieder Licht und Glanz und nur die ſchmalen Lippen waren noch blaß, wie vom Kuß des Todes berührt. Sie trug ihr Kind auf den Armen und herzte es; roſig lächelte es ihr entgegen. „Ich habe mir Alles überdacht,“ ſagte ſie;„wenn wir hier in Santander, das Du auf meinen beſonde⸗ ren Wunſch zu unſerem Aufenthaltsorte gewählt, nicht mehr ſicher ſind, ſo laſſe mich heute Nacht mit meinem Kinde nach England zurückreiſen, dort den Schutz un⸗ ſerer Geſetze anrufen und einen Zuſtand endigen, der mich aufzureiben droht.— Bleibe Du einſtweilen zu⸗ rück und übergib Deinem Bruder die Verwaltung Dei⸗ nes Hauſes, wenn das geordnet iſt, ſo folge mir!“ „Und Du denkſt, daß ich mich darauf einlaſſe?“ rief Thorries.„Ich kenne Deinen Muth, ich weiß, Du wäreſt zwar zu dem Opfer fähig, die Reiſe 14¹ allein zu unternehmen, doch unterwegs würdeſt Du vor Angſt vergehen— nein! wie es auch ſei, ich reiſe mit Dir. Wenn ich nicht irre, ſo geht heute Nacht ein Steamer nach London. Was meinen Sie?“ wandte er ſich gegen mich,„glauben Sie nicht, daß dies die beſte Maßregel iſt?“ Ich ſah mir die Frau an, deren Blick an dem ihres Kindes hing.„So reiſen Sie mit Gott,“ rief ich,„er wird die gute Mutter beſchützen!“ Thorries hatte ein Zeitungsblatt von dem Schreib⸗ tiſch genommen und las darin:„Am dritten Auguſt früh ein Uhr nach London das Dampfſchiff Charles Napier u. ſ. w. Mit ihm,“ fügte er hinzu,„ſchiffen wir uns ein!“ V. Warm ging die Luft unter den Wipfeln; im Son⸗ nenſchein, der aus dumpfem Wettergewölk hervorbrach, zitterten die Gräſer und die ganze in Grün ſchwellende Landſchaft ſchaute mich rührend an, wie mit den Blicken eines Scheidenden. Ich wollte nach der Fonda gehen und doch!— Konnte ich Lee jetzt entgegentreten? Wie im Traum wendete ich meinen Weg nach dem Hafendamm und ſah hinaus über die ſchimmernde Bah. In der Ferne ſah ich weiße Segel, die feſtgekeitet ſchienen auf der ewigen Bewegung des herwogenden Waſſers. Ich blieb ſtehen und ſchaute dem einen, dem fernſten nach; es verkleinerte ſich mir immer mehr, jetzt noch ein winziger Punkt, dann tauchte es hinab unter die Linie des Geſichtskreiſes. Leb wohl! rief ich ihm nach und ſo ſchwer fiel mirs auf die Bruſt, als gehe mir unter dem entſchwundenen Segel mein theuerſter Freund verloren. Wehmüthig rauſchten die Wellen heran, als brächten ſie von ihm die letzte Kunde; klagend ſcholl von dem ferneren Ufer die Brandung, als ſeufzte das Meer mit mir in dem unergründlichen Weh, das mir den Buſen füllte. Ich raffte mich auf und lenkte meine Schritte nach den belebteren Orten, an denen mich bald ein geſchäf⸗ tiges Treiben empfing. Waaren wurden an den Quais aus⸗ und eingeladen, Arbeitsleute riefen ſich zu, kamen und gingen, Wägen rollten daher, Weiber ſchwatz⸗ ten mit einander, und das ganze thätige Leben, das ſich da in ſeiner unmittelbaren Wirklichkeit vor mir abſpielte, kontraſtirte ſo höchſt ſeltſam mit meiner Stimmung, daß ich nicht wußte, war dies Alles ein traumhaft ſich bewegendes Schattenſpiel, fremdartig meinem Willen, oder war die merkwürdige Geſchichte, die ich im Hauſe Cordeliens vernommen, die aben⸗ teuerliche Ausgeburt eines nun verklungenen Traumes geweſen?— Ich fühlte, daß Lee zu Hauſe auf mich wartete, eine innere Mahnung rief mich zu ihm. Dennoch, ſo⸗ bald ich den Gedanken klar faßte, ihn zu ſehen, ſträubte ſich Alles in mir dagegen. Ich mußte erſt aus meiner Beklemmung mich herauskämpfen, mußte mir den Palm, Der Fund im Biscayer Golf. 8 Freund erſt loswinden aus dem Wirrſale abſonderlicher Berichte, erſchreckender Thaten, in die ihn mir Thorries verſtrickt hatte. Sollte ich in Lee einen Verbrecher, auf dem die volle Verantwortlichkeit einer ſchweren Schuld lag, oder einen Wahnſinnigen erkennen, den ſein geſtörter Geiſtes⸗ zuſtand freiſprach von jeder Schuld? Hatte ich mich denn in ihm ſo ganz und gar getäuſcht?— Rein, das war nicht möglich, denn ich hatte ihn zu lange und in den verſchiedenartigſten Situationen beobachtet, als daß ich das Bild, das Cordeliens Gatte von ihm ent⸗ worfen, ſo unbedingt hätte adoptiren können. Anderer⸗ ſeits aber ſtellte ſich mir das angſtvolle Gebahren der jungen Frau wieder ſo lebhaft vor, und auch die Be⸗ ſorgniß ihres Gatten ſchien ſo tief begründet, daß ich dem Gehörten dennoch Glauben ſchenken, an Lee ver⸗ zweifeln mußte. So Manches von meinen eigenen Erlebniſſen mit ihm fiel mir ein, das mich in ſeine klare Beſonnenheit Zweifel ſetzen ließ, und ſo ſchwankte ich hin und her zwiſchen widerſprechen⸗ den Gedanken und konnte zuletzt weder einen neuen, mich völlig befriedigenden Begriff über ihn gewin⸗ nen, noch aber mich wieder in die Ruhe meiner früh⸗ eren Meinung von ihm hineinfinden. Und gleich⸗ wohl kann nur er ſelbſt dich aufklären, ſagte ich mir zuletzt, du kannſt, du darſſt ihn nicht länger fliehen! Ich ging nach dem Innern der Stadt und je lauter ihr Verkehr um mich lärmte, deſto lebhafter fand ich mich wieder mit der Gegenwart verknüpft, deſtv deutlicher wurde mir meine Pflicht, zu Lee zurückzu⸗ kehren und in irgend einer Weiſe einzugreifen in ſein Schickſal. Das ſentimentale Schweben über den Din⸗ gen, das mich vorhin auf weichen Schwingen des Ge⸗ fühls getragen, ſchwand dahin; ich ſtand wieder mit feſtwurzelndem Fuße mitten in der Welt und empfand, daß ſie nur dem Thätigen gehört. Bei meiner Ankunft in der Fonda empfing man mich mit der Botſchaft, mein Reiſegefährte ſei nach dem Bade von einem heftigen Anfalle niedergeworfen und von Sardinero bewußtlos zurückgebracht worden; der Arzt wiſſe nicht recht, was er daraus machen ſolle. Jetzt, fügte man hinzu, habe Lee ſich etwas erholt und dringend nach mir verlangt. Ich ſah mich in eine neue Unruhe geſtürzt und vergaß darin faſt mein früh⸗ eres Anliegen. Als ich in Lee's Zimmer trat, fand ich ihn mit gegen die Wand gekehrtem Geſichte im Bette liegen. Raſch drehte er ſich um, ſobald er mei⸗ nen Tritt erkannte, ein heller Strahl brach aus ſeinem erloſchenen Auge und mit halber Stimme ſprach er: 116 „Endlich! Nie habe ich Sie ſchmerzlicher vermißt!“ „Hätte ich ahnen können, was Ihnen begegnet iſt, Sie hätten nicht ſo lange auf mich warten ſollen.“ „Wo waren Sie denn?“ Ich fühlte bei dieſer Frage ſeinen Blick ſo feſt auf mir haften, als müſſe er in die Faſern meiner Seele dringen. Wie tief aber mußte ich vor ihm ver⸗ bergen, was ich erlebt hatte!„Meine Geſchäfte“, ver⸗ ſetzte ich,„haben mich aufgehalten.“ „Wann werden Sie denn damit einmal zu Ende ſein?“— Ich wünſche ſehr, von hier weiterzukommen.“ „Aber die Seebäder...“ „Sie ſehen die günſtige Wirkung, die ſie auf mich üben“, höhnte er;„ich wußte es wohl, das iſt die Kunſt dieſer Aerzte! Indeſſen war der Anfall für mich ein Signal, das ich nicht überhören darf. Ich möchte nicht ſterben, ehe ich eine heilige Pflicht erfüllt habe — ſind Sie bereit, heute noch mit mir weiterzu⸗ reiſen?“ „Das wird nicht gehen, ich habe in der Proceß⸗ ſache noch Einiges zu verhandeln.“ „Ueberlaſſen Sie Alles ruhig Ihrem Anwalte, Sie ſelbſt können dabei nichts weiter thun.— Es wird vielleicht der letzte Dienſt ſein, den ich von Ihnen fordere.“ „Was wollen Sie damit ſagen, Mr. Lee.2 „Das iſt leicht zu verſtehen: wir beſtellen unſer Haus, wenn der Tod an unſere Thüre pocht.“ „Wie kann ein Mann in Ihrem Alter, von Ihrer Kraft, vom Sterben ſprechen?“ Er zuckte die Achſeln und verſetzte:„Ein Simſon wurde zum ſchwachen Kinde, als ein falſches Weib ihm das Haar von ſeinem Haupte ſchor; laß' ſie's ein⸗ mal verſuchen, ihm das Herz auszuſchneiden, ſeine Kraft wird noch ſicherer gebrochen ſein... Und wer von den heutigen Geſchlechtern darf ſich unterfangen, ſich mit einem Simſon zu vergleichen!“ Er ſank in ſein Kiſſen zurück, ich ſtarrte in ſein erdfahles Geſicht und immerzu mußte ich mich fragen, iſt dies das Antlitz eines Mörders, eines Irr⸗ ſinnigen? Endlich, nur um das bange Schweigen zu unter⸗ brechen, begann ich:„Und wohin gedenken Sie Ihre Reiſe fortzuſetzen?“ „Nach England.“ Ich zuckte zuſammen.„Ihr Zuſtand“, meinte ich, wird Sie wenigſtens noch einige Tage hier zurück⸗ halten.“ „Im Gegentheil, er gerade ſpornt mich an, meine Reiſe ſo ſehr als möglich zu beſchleunigen, wir gehen 118 heute Nacht mit dem Dampfer ab, der nach London führt“ Wie mir in dieſem Augenblicke zu Muthe wurde, kann ich Niemandem beſchreiben. Mein Herz ſtand ſtill ind der Athem verging mir. „Dieſe Nachricht ſcheint Sie eben nicht zu er⸗ freuen“, fuhr Lee fort. „Ich darf nicht zugeben“, ſtotterte ich,„daß Sie ſich der Gefahr ausſetzen... der Anfall war be⸗ denklich...“ Wieder war mir's, als durchbohre ſein ſcharfer Blick mein Innerſtes und durchdringe die Schleier, unter denen ich ihm mein Begegniß mit Cordelia zu verbergen ſuchte. Wenn er in meiner Bruſt erſpähte, was mich ſo verlegen machte, wenn er entdeckte, daß es in meiner Macht lag, ihn in dieſer Nacht mit Cor⸗ delien an Bord des Londoner Dampfers zuſammenzu⸗ führen?— Ich erſchrak noch heftiger, als Lee nach einer Pauſe fortfuhr: „Sie ſind nicht aufrichtig gegen mich, es geht et⸗ was in Ihrem Inneren vor, was Sie mir verdecken wollen.“ „Nichts, nichts!“ Mit einer verzweifelten An⸗ ſtrengung errang ich meine Faſſung wieder und ſuchte mir in einem Strome beredter Worte, in denen ich ihm 1¹9 von der Reiſe abrieth, Luft zu machen und auf ein anderes Thema zu kommen. Er hörte mir ruhig zu, blickte mir unverwandt in's Geſicht und ſagte endlich, nachdem ich fertig ge⸗ worden, mit dem vollſten Tone der Sicherheit: „Geben Sie ſich keine Mühe, mir etwas vorzu⸗ reden, was Sie ſelbſt nicht glauben. Ich kenne Sie, Sie machen der Worte nicht ſo viel, wenn Sie die Wahrheit reden. Warum wollen Sie mich nicht nach England reiſen laſſen?— nein!“ fiel er ein, als ich eben die Lippen zur Entgegnung öffnete,„kein Wort mehr von meinem Unwohlſein! ich ſage Ihnen, ich bin geſund, will bis heute Abend geſund ſein.“ „So laſſen Sie mich gehen, noch Einiges zu be⸗ ſorgen!“ rief ich und dachte an den nächſten Weg zum Hauſe von Mr. Thorries. Er hatte ſich emporgerichtet, faßte mich mit einem ſchnellen Griffe bei der Hand und indem er ſie wie mit eiſernem Bande umklammerte, ſagte er: „Nicht von der Stelle! Um keinen Preis laſſe ich Sie mehr von mir, denn ich habe Sie ſtark im Ver⸗ dacht, daß Sie von mir abzufallen trachten.“ „Sie thun mir Unrecht, laſſen Sie mich los...!“ Ich rang mit ihm und ſuchte mich von der Hand zu befreien, die mich noch feſter umſchloß. „Sie haben ein Geheimniß vor mir“, erwiederte er,„geſtehen Sie's!“ „Ich denke Sie haben deren mehr vor mir!“ Das fuhr mir ſo heraus, ehe ich es recht gedacht hatte. Ich ſah, wie das Weiße in ſeinem Auge ſich vergrößerte, wie deſſen Sterne auf mich hervorſchießen wollten. Dann blickte er ſchnell im Zimmer umher, als wolle er ſich überzeugen, daß Alles dort an ſeiner alten Stelle ſich befinde. Mich wehte es kalt an aus ſeiner Nähe; zagend ſuchte ich mein Geheimniß vor ihm in den tiefſten Schacht meines Herzens einzuwühlen, und doch drang er mir in alle Schlupſwinkel meines Innern nach mit dem ſchneidenden Inſtinct ſeines Mißtrauens. „Wollen Sie“, nahm er nach einer Weile die Rede wieder auf,„mir einen Dienſt erweiſen?“ „Sehr gern.“ „Noch eine Frage zuvor; waren Sie während meiner Abweſenheit auf dieſem Zimmer?“ Auf jedem ſeiner Worte lag ein ſtechender Accent. „Nein.“ „Gut! Sehen Sie, 8 in der oberen Schublade der Kommode habe ich, däucht mir, den Schlüſſel ſtecken laſſen.“ „So iſt es.“ 121¹ „Haben Sie die Güte, ſie zu öffnen.“ Ich that, was er mir befahl. Kaum aber hatte ich das Schiebfach aufgezogen, als ich vor Schreck faſt in die Kniee ſank— ein Käſtchen, dreifach verſchloſſen, ganz genau ſo wie Thorries es mir beſchrieben, ſtand vor mir... „Haben Sie die Güte und bringen Sie mir die Caſſette“, klang Lee's Stimme herüber. Die Worte gefroren mir im Ohre. Mechaniſch ergriff ich die kleine Kiſte, und alle Schrecken, die ſich an deren Inhalt knüpften, wurden vor meiner Seele lebendig, als ich ſie auf meinen Armen herbeitrug. „Sie beſitzen kein Talent zur Lüge und Verſtel⸗ lung“, fuhr Lee fort.„Als Sie mir in New⸗York meine Brieftaſche zurückbrachten, las ich gleich auf Ih⸗ rem Geſichte, daß Sie nicht der Mann geweſen wären, den Fund zu unterſchlagen. Weil ich Sie für ehrlich hielt, ſchloß ich Sie, meinen bitteren Erfahrungen zum Trotz, in mein Vertrauen und gab mir Mühe, Sie zu meinem Begleiter zu gewinnen, und jetzt!— Sagen Sie mir die Wahrheit beim Leben Ihrer Seele: Ken⸗ nen Sie den Inhalt dieſes Käſtchens?“ Ich wagte nicht zu antworten. Es wurde mir dunkel vor den Blicken, vor den Sinnen. Mit einem Js war Cordelia verrathen und das häusliche Glück eines friedſamen Paares zerſtört— mit einem Nein fühlte ich bei der eindringlichen Beſchwörung, die Lee gegen mich angewandt, mich gebrandmarkt im innerſten Kerne meines Charakters. Außerdem konnte Leugnen da kaum mehr helfen... In dieſem gräßlichen Dilemma fiel es auf mich wie ein Strahl aus finſterer Nacht, ich ſah in dem Dunkel vor mir einen Weg ſich auf⸗ thun, licht und hell, er ſollte mich hinausführen aus meiner Noth. Ich erinnerte mich, daß ich vorhin in der Schublade einen Bund mit drei kleinen Schlüſſeln bemerkt hatte. Wenn ich Lee auf den Glauben brachte, daß ich, während er in Sardinero war, ſelbſt das Käſtchen geöffnet und auf dieſe Weiſe deſſen Inhalt erfahren, ſo war Cordelia gerettet. Ich antwortete deshalb:„Ja, ich kenne den Inhalt, ich war in Ihrer Abweſenheit auf dieſem Zimmer.“ „Unglücklicher— ſagten Sie mir nicht vorhin, Sie ſeien nicht hier geweſenz“ Seine Stimme wuchs an wie ein Orkan. Ich ſagte dumpf:„Mr. Lee, ich habe Sie belogen.“ „So biſt Du falſch wie ſie Alle“, ſchrie er,„und werth, wie ein Hund zu ſterben!“ Mit einem Satze ſprang er auf in ſeinem Bette und wollte mich packen— aber ich kam ihm zuvvr. Ich erreichte die Thüre,ſ ſchlug ſie hinter mir zu, drehte den Schlüſſel und hörte noch, wie Lee drinnen wüthend gegen ſie anrannte. Ich lief fort, ſo weit mich die Beine trugen, überzeugt, daß er entſchieden wahnſinnig F geworden ſei, und mit dem feſten Entſchluſſe, ihn nie wiederzuſehen. * — VII. Schwere Wetterwolken laſteten auf Meer und Land, der Blitz zerriß ſie gedankenſchnell in lodernde Fetzen und aus den klaffenden Riſſen ſtürzten brauſende Re⸗ genſtröme, die das grollende Meer aufpeitſchten zu raſendem Zorne, in dem es raſch die ſtäubenden Güſſe verſchlang, während das überſchwemmte Land die Waſſer⸗ fluth widerwillig auszuſtoßen trachtete und ſie in wilden Bächen dem Meere zuführte, das, zehnfach angeſchwollen, in ſeiner eigenen Ueberfülle wüthete. Der Donner rollte und dröhnte, als brächen die Gebirgscoloſſe, die ferne Wacht hielten im Umkreiſe der Stadt, aufgereizt durch die allgemeine Empörung in der Natur, krachend her⸗ ein und wälzten ſich gegen das toſende Meer, um es in ſeinen Grimme zu erdrücken. Es that mir wohl, von einem Hauſe am Hafen aus hinauszublicken in den Gewitterſturm. Tobe Du 72 † nur, dachte ich, Du beruhigſt mich in dem bangen Aufruhr der eigenen Bruſt— hoch über allem Menſchen⸗ lvoſe lebt ein Gewaltiges, Unendliches, weit erhaben über die engen Sorgen der Sterblichen und doch unter⸗ worfen dem nämlichen Weh. Leiden iſt das Lvos alles Beſtehenden und was Dich drückt und bewegt, das ſind ja nur leiſe Zuckungen des ungeheuren Schmer⸗ zes, mit dem der Schöpfer ſich ſelbſt empfindet in allen ſeinen Himmeln!.. Indem ich ſo mitten in Sturm und Gewitter meine innere Sammlung wiedergewann, erlangte ich auch einen freieren Blick über meine Lage. Zunächſt erkannte ich es als das Nothwendigſte, mich wieder nach der Villa zu begeben und Cordelia von dem Reiſeplane Lees zu unterrichten. Ich fuhr hinaus nach dem Paſeo. Welch ein ganz anderes Bild bot ſich mir jetzt dar, als vor wenigen Stunden! Wie trübſelig, unter dumpfen Schleiern, lag die in Thränen ſchwimmende Landſchaft, die mich am Morgen ſo gottſelig, ſo ſonnengolden angelächelt hatte! Wie verwüſtet lag der blumenvolle Garten! Aus der triefenden Laube grüßte mich jetzt kein roſiges Kindergeſicht, Alles war öde und verlaſſen. Cordelia fand ich ſo trübe geſtimmt, wie den wolken⸗ ſchweren Himmel. Ich brachte meine Botſchaft vor— —— ſie ſchien dadurch beſſeren Muthes zu werden.„Gott ſei Dank,“ ſagte ſie,„ſo brauche ich nicht zu reiſen. Bei ſolchem Wetter hätte ich mich doch kaum auf die See getraut.“ „Es wird,“ bemerkte Thorries,„überhaupt zweifel⸗ haft ſein, ob bei dieſem Sturme der Dampfer expedirt werden kann. In dieſem Falle iſt unſere Situation um nichts gebeſſert, denn auch Lee wird dann hier zu⸗ rückbleiben.“ „Ach, leider iſt das wahr,“ ſeufzte Cordelia;„doch ſolche Gewitterſtürme im Hochſommer pflegen ja raſch vorüberzugehen.“ Als wolle der zürnende Gott dieſes Wort ver⸗ höhnen, ſchlug ein heftiger Windſtoß gegen die Schei⸗ ben und zerzauſte draußen die grünen Häupter der Bäume, daß ſie ſeufzend und ſtöhnend die Perlen von den Kronen ſchüttelten. Ein gewaltiger Donnerſchlag machte das Haus in ſeinen Grundveſten erbeben. „Es ſcheint nicht, als wenn das Unwetter ſo bald nachlaſſen wollte,“ verſetzte ich. Cordelia hielt ihr Kind, das ſehr unruhig war und immerfort weinte, auf dem Schooße und ſuchte es einzuſchläfern; Thorries ſtand am Fenſter und ſtarrte hinaus nach dem Wetter, ich ſelbſt ſaß in der Mitte des Zimmers, alle Drei verfolgten wir ſchweigend — 65 — —— ſchen uns jenes dumpfe Geſpanntſein, das uns be⸗ klemmt, wenn wir vor wichtigen Entſcheidungen ſtehen unſere beſonderen Betrachtungen und es herrſchte zwi⸗ und die Möglichkeiten des Ausgangs einer Sache noch auf ſchwanker Wagſchale vor uns ſteigen und fallen. „Wenn wir nur wüßten ob Lee zur Nacht reiſt!“ holte endlich Thorries tief aus ſeiner Bruſt herauf und ſprach damit einen Gedanken aus, der uns Alle in dieſem Augenblicke quälte. „Ja, ja,“ klang es von den Lippen des jungen Weibes,„wenn wir's doch wüßten!“ „Um welche Uhr ſoll der Dampfer abgehen?“ frug ich. „Um ein Uhr heute Nacht.“ „Es iſt ſechs Uhr. In ſieben Stunden kann ſich Viele ändern im Zuſtande der Atmosphäre.“ „Wollen Sie denn nicht zu Lee zurückgehen? Wenn er wirklich reiſt, könnte er doch Ihrer noch be⸗ dürfen.“ Mein Entſchluß iſt, ihn nicht wiederzuſehen.“ „Sie haben Recht,“ ſagte Cordelia,„Sie müſſen ihn fliehen für immer.“ „Das ſcheint mir doch nicht richtig zu ſein,“ gab Thorries zu bedenken.„Meine Meinung iſt, Sie können nicht ſo auf einmal mit ihm brechen. Vielleicht ſchöpft er Verdacht.— Wer weiß, es kann ihm einfallen, uns hier zu vermuthen! Oder— Sie ſind lange zuſam⸗ men gereiſt— Sie haben noch irgend etwas von ihm in Verwahrung, beſinnen Sie ſich.“ Bei Gott, da lief es mir wie Feuer über den Rücken, ich hatte ja die Reiſekaſſe Lee's in meinen Händen und ehe ich ihm dieſe überantwortet, war er buchſtäblich an mich, ich an ihn gebunden. „Da hilft freilich kein Sträuben,“ ſagte ich;„ich muß zurück in die Fonda, muß unſere Angelegenheiten zum Abſchluß bringen.“ „Wie erfahren wir nun aber, ob er reiſt, ob nicht?“ wandte Cordelia ſich an mich, als ich ihr die Hand zum Abſchiede reichte. „Das iſt der Punkt,“ gab ich zurück,„um den wir uns beharrlich im Kreiſe drehen, wir kommen da⸗ rüber vor heute Nacht ein Uhr nicht hinaus.“ „Aber wer bringt uns dann die Nachricht,“ frug Cordelia von Neuem,„ob er wirklich mit dem Stea⸗ mer in See gegangen iſt? Ich habe keine ruhige Se⸗ kunde, ehe ich darüber Beſtimmtes weiß.“— Wir überlegten hin und her und einigten uns endlich dahin, daß Thorries ſelbſt um die bezeichnete Stunde ſich am Hafen einfinden und daß ich ihm ein Zeichen geben ſolle, damit wir uns nach Abgang des — 129 Dampfers träfen. Um ganz ſicher zu gehen, wieder⸗ holten wir uns nochmals ganz genau alle Punkte dieſer Verabredung und trennten uns dann. Hinter mir her hörte ich noch Cordelia mit banger Stimme rufen:„Ach, wenn nur dieſe Nacht ſchon vorüber wäre!“ Im Zurückfahren nahm ich wahr, daß Donner, Blitz und Regen etwas nachließen, aber der Sturm tobte noch immer mit ungebrochener Macht über das Biscayer Meer.— Im Saal der Fonda fand ich viele Gäſte ver⸗ ſammelt, die das Unwetter nach Hauſe geſcheucht hatte. Ich ſchloß die Kaſſenrechnung ab, packte den Saldo zu⸗ ſammen und ſandte durch das Kellnermädchen Alles auf Lee's Zimmer. Sie hatte Weiſung von mir, ſich umzuſehen, ob er Anſtalten zur Abreiſe getroffen. Nach wenigen Minuten kam ſie zurück und ſagte mir, er liege angekleidet auf ſeinem Bette, habe ſehr traurig ausgeſehen und gleich errathen, von wem das Packet komme. Dann habe er gefragt, ob ich zu Hauſe ſei. Auf dem Tiſche ſei das Schreibzeug geſtanden neben einer aufgeſchlagenen Briefmappe, und das Ge⸗ päck ſei alles zuſammengerichtet geweſen. Dieſer Bericht befremdete mich. Auf meine Frage, 9 Palm, Der Fund im Biscayer Golf. 130 ob ſie denn keine Aufregung an ihm wahrgenommen, erwiederte ſie: „Im Gegentheil, er war ſehr ruhig, aber er ſah mich an mit ganz jämmerlichen Blicken; der Herr iſt gewiß viel kränker als er glaubt und leidet große Schmerzen.“ Die Wandlung, welche dieſe Worte in mir her⸗ vorbrachten, war ſchnell und entſchieden. Ja, er iſt viel kränker als er glaubt und leidet große Schmer⸗ zen, rief ich ein Echo aus meiner Bruſt. Und Du willſt ihn jetzt in ſeiner Krankheit in ſeinem Elende ver⸗ laſſen? So leichten Kauf's willſt du ihn preisgeben? — Du haſt ihn nicht erkannt, Harry Lee iſt kein Wahnſinniger, den die Unordnung ſeiner Sinne den Schmerz eines zerſtörten Lebens nicht empfinden läßt, nein! des Räthſels Löſung dämmert mir: er hat nur mehr gelitten, als die gewöhnlichen Menſchen, die mit ihrem hausbackenen Verſtande ſo klug die Leidenſchaften belächeln, ſo unendlich vernünftig rechnen und rechten und Alles, was ſie nicht begreifen, für Wahnwitz er⸗ klären. Nicht Furcht verdient dieſer Mann, ſondern Mitleid, nimm ihn an dein Herz, den du dir zurück⸗ gegeben ſiehſt in aller Hilfsbedürftigkeit des Menſchen⸗ thums!. Es war, als ob Lee dieſe Umſtimmung in mei⸗ — 13⁴ nem Innern errathen hätte, denn ich ſah ihn mit einem Male unter der Thüre des Saales erſcheinen und auf mich zugehen. Sein Schritt war unſicher, ſein Nacken gebeugt. „Ich habe Ihnen, ehe wir uns trennen, eine Ent⸗ hüllung zu machen,“ begann er;„wenn Sie den Muth haben, mich anzuhören, ſo folgen Sie mir auf mein Zimmer.“ s lag in ſeinem Tone etwas Gebieteriſches und Bittendes zugleich; ich folgte ihm, und ſah mich bald wieder allein mit ihm in den Räumen, die vor Kurzen der Schauplatz einer ſo beängſtigenden Scene geweſen. „Setzen wir uns hierher an das Fenſter,“ ſagte er,„durch das der ſterbende Tag uns ſeine letzten Grüße ſendet. Wir ſind in Spanien, nicht wahr?— In meiner Jugend las ich ſpaniſche Romanzen und ein leiſer, verklingender Ton davon geht mir heute Abend durch die Bruſt. Ich kann nicht mehr weinen wie damals. Wie im heißen Sande ein erfriſchender Quell, ſo verſiegte mir längſt das kindliche Thränen⸗ ſpiel. Und doch——“ er drückte ſeine Hand auf ſein Herz,„ich würde geſunden, wenn ich weinen könnte!“ Ich ſprach ihm Muth zu, aber er überhörte meine Worte und rief: „Lachen Sie mich doch aus, denn ich bin ganz 9* ſo närriſch wie mein Vater, als er aus dem Boote ſeines Fährmanns hinausſprang in das vergiftete Waſſer des Entrepotdocks zu Liverpool!“— Schon wieder begann mir's zu ſchaudern, doch faßte ich mich. Ich wollte Lee ganz ruhig ausreden laſſen, ohne eine Silbe zu entgegnen oder ihn durch irgend einen Einwurf aus ſeiner Stimmung und Ge⸗ dankenrichtung herauszubringen. Nachdem er geraume Zeit ſich beſonnen und ſich zuweilen heftig über die Stirne gefahren, als wolle er irgend eine verſchrumpfte Erinnerung zu voller Klarheit herausreiben, zuckte es um ſeine Lippen wie das Wetterleuchten, das noch über die Giebel der gegenüberliegenden Häuſer hinfuhr und er hub an: „Ich bekam einmal ein deutſches Buch in die Hände worin eine ſehr ſchöne und vielgeprieſene Frau ihre Denkwürdigkeiten aufgezeichnet hatte. Sie hatte ſich in ihrem ſechszehnten Jahre mit einem Manne vermählt, der alt und ſehr häßlich war. Die Welt ſtaunte über des Mädchens Wahl; die Einen meinten, der Geiſt, die hohe Stellung, der Reichthum des Bräutigams habe ſie geblendet, die Andern behaupteten, er habe ſie durch ſeine Liebenswürdigkeit, ſein gutes Gemüth und andere ſchöne Herzenseigenſchaften errungen. Und was ſagt die Dame ſelbſt darüber?— Sie geſteht in aller Harm⸗ 133 loſigkeit, es ſei ihr brennender Wunſch geweſen, ſich einen Friſeur zu halten, ihre Vermählung habe ihr die Mittel dazu gegeben! Ein Friſeur war alſo der Grund zu dem Bunde mit jenem Manne, an den ſie ſich kettete für's ganze Leben!— Sehen Sie, dieſe Stelle in dem Buche war mir mehr werth, als ganze Stöße jener lügenhaften Literatur, die uns, wenn ein Paar ſich zuſammenfindet, nur von Seelenharmonie, edlen Trieben, hochſchlagenden Herzen, unausſprechlich vielſagenden Blicken und dem bekannten„beredten Schweigen“ faſelt. Ich leugne mit aller Kraft meiner Ueberzeugung jede Wahrhaftigkeit dieſer hohlen Phantaſtereien, ſie zeigen uns kein Atom des wirklichen Lebens.— Wer hätte es gewagt, bei einer Frau voll Geiſt und Anmuth, um derentwillen Euer Dichter Ludwig Börne ſich zweimal tödten wollte, in der ein Theologe wie Schleiermacher ſein Ideal erblickte, wer hätte es gewagt, bei ihr in einem Friſeur die ſchwingende Spirale zu ſuchen, die ihres Herzens Uhr zu der Zuſtimmung in Bewegung brachte, welche ein langes Leben hindurch ſie einem widerlichen Gatten verkaufte?— Ich ſage Ihnen, gerade das, was man gewöhnlich für nebenſächlich hält und was in den meiſten Fällen nimmer an's Tageslicht kömmt, gerade das iſt entſcheidend für unſer Thun, ja für unſere Ge⸗ ſinnungen! Wer zeigt uns, wie unendlich ſchmal die 134 Grenzſcheide iſt, die zwiſchen unſeren edelſten und ge⸗ meinſten Regungen liegt, ja wie ſie im Grunde gar nicht getrennt find, ſondern von Natur aus verbunden, wie Gold in ſeinen Schlacken, wie höchſte Vernunft und Narrheit? Und der große Narr, die Welt, bewun⸗ dert als Heldenſtück das Werk ſcharfſpornenden Ehr⸗ geizes, als Großmuth die That frecher Eitelkeit, und preiſt für tugendhaft das Weib, das nach der Kirche fährt und unter den Roſen der blühenden Bruſt die Schlangenbrut ſchnöder Wolluſt birgt... fürwahr, wie ein Maulwurf muß man ſich eingraben in den Grund dieſes erlogenen Lebens, um zu ſehen, daß über⸗ all der Schein an den Platz der Wahrheit tritt. Wenn Ihr's nicht glaubt, ſo ſchaut doch nur in Euch! Wer erſchrak nicht ſchon ob dem Verbrecheriſchen, Ungeheuer⸗ lichen ſeiner eigenen Wünſche und Pläne? Und der Gedanke, merken Sie wohl auf, der Gedanke iſt Ver⸗ brechen oder Tugend, die Ausführung iſt Laune der Gelegenheit!“. 4 Ich muß den Sprecher ſehr verdutzt angeſehen ha⸗ ben, denn er unterbrach ſich mit den Worten: „Sie fragen mich, was ich mit alldem will?— Mein Freund, es gehen Dinge vor unter dieſer Sonne, die ſo platthin erzählt kein Menſch glauben würde, ſo wenig ſind wir daran gewöhnt, die Wahrheit zu hören. Ehe Sie meine Geſchichte hören, möchte ich Ihnen mit eiſernem Stempel das Bewußtſein einprägen, daß nichts Stand hält in dieſer Welt, ja daß ſogar ihr Schöpfer ſelbſt Alles darauf anlegt, uns zu täuſchen. Weſſen Sinne ſträuben ſich nicht heftig, die doppelte Bewegung zu begreifen, in welcher der Erdball fortrollt, während wir meinen, er ſtehe feſt unter unſerem wurzelnden Fuße? wer begreift es, daß die Geſtirne, die unerſchüt⸗ terlich über unſerem Haupte glänzen, in ſchnellem Wandel kreiſen, und wer endlich glaubt es, daß ein Herz, während wir feſt an ihm hängen mit liebevollem Vertrauen, falſch in ſeinen Regungen wechſelt mit jedem Blutstropfen, den es vorwärts ſtößt nach den Kanälen des Körpers? — Werden Sie mich jetzt verſtehen?“ „Gewiß, fahren Sie fort.“ Er ſchöpfte tief Athem und erzählte alſo: „Die Natur erzeugt ewig neue Probleme, mein Daſein fing mit einem ſolchen an: mein Vater haßte meine Mutter und die Frucht dieſes Haſſes waren drei Kinder, ich das älteſte. Meiner Eltern Charaktere ſtießen ſich feindlich ab, wie Queckſilber und Eiſen. Meine Mutter war eine kleine, bewegliche, dem Augen⸗ blicke hingegebene Frau, bei der Alles in einer gewiſſen Fieberhaſt und queckſilberigen Aufregung geſchah; mein Vater ein zäher, pedantiſch abgemeſſener, ſparſamer, 136 trockener Ordnungsmenſch von eiſerner Stätigkeit. Ich wuchs zwiſchen der abgöttiſchen Liebe dieſer Mutter, die mir jeden Wunſch erfüllte, und der rauhen Strenge dieſes Vaters auf, der mit Gewalt jede ſelbſtſtändige Regung in mir zertreten und mich zu einem Muſterge⸗ ſchöpfe nach ſeinem eigenen werthen Vorbilde machen wollte. Ich hatte ein wildes, unſtetes Blut und habe meiner Mutter viel Herzeleid verurſacht— das empfand ich erſt, als ich ſie verloren. Wie oft that ich ihr Abbitte und bereute in brennender Seele, was ich ihr Schmerzliches angethan— es war zu ſpät, es iſt der Fluch dieſes Lebens, daß erſt das Verlorene uns in ſeinem ganzem Werthe erſcheint! So ſah ich mich denn ganz in der Gewalt meines Vaters, der keine höhere Sorge kannte, als mich zum ängſtlichen Hüter ſeiner unermeßlichen Reichthümer abzurichten. Meinem Willen entgegen mußte ich Kaufmann werden, nebenher wurde mir der Schädel vollgepackt mit allerhand Gelehrſam⸗ keit, ſo daß ich, wenn ich nicht davongelaufen und der Ausbund von einem Taugenichts geworden wäre, ein Tölpel geblieben wäre mein Leben lang. Ich genoß dann in vollen Zügen die gewonnene Selbſtſtändigkeit. Hei, das war ein luſtig Leben! Ich trieb alle möglichen, Künſte mit gleicher Neigung, mit gleichem Talente. Das⸗ iſt freilich gefährlich, denn man zerſplittert dadurch ——) 8 ——— ſeine Kraft, die ſo nöthig eines Schwerpunktes bedarf. Immerhin! Ich rang nicht nach der Anerken⸗ nung der Welt, ich wollte nur dem Drange meines Inneren Genüge thun. Mein Vater, um mich zu zwingen, in ſein Haus zurückzukehren, entzog mir alle Mittel— was frug ich darnach? der Sohn des reichen Harry Lee hatte Kredit und ich nützte ihn in vollſtem Maaße! Die Drohbriefe, die von Hauſe eintrafen, verfingen nicht bei mir, ich ſtürmte fort auf meinen eigenen Wegen.. Da, eines Mittags, als ich mit einigen meiner Kameraden von einem Ritte in's Land hinein zurückkehrte, auf dem wir an Tollheiten uns zu überbieten geſucht, fand ich ein Telegramm vor, worin meine Schweſter Violet mich nach Liverpool zurückrief— wegen plötzlichen Todes un⸗ ſeres Vaters. Die Nachricht traf mich wie ein dumpfer Schlag auf eine zerſprungene Glocke. Mit dem nächſten Zuge reiſte ich ab; als ich im Bahnhofe meiner Vaterſtadt ankam, begegneten mir einige Leute, die mich kannten: ich ſah ſie die Köpfe zuſammenſtrecken und empfand es faſt wie einen phyſiſchen Druck auf der Bruſt, daß ſie ſich etwas Unheimliches über mich in's Ohr raunten. Mir kam es vor, als wichen Alle, die mich kannten, ſcheu vor mir zurück; ein Vorgefühl der entſetzlichen Enthüllung, die meiner harrte, verfinſterte mein Ge⸗ müth.... Bebenden Fußes eilte ich die Treppen meines elterlichen Hauſes hinan; ein ſeltſam fernes Echo von den Tagen, da ich als Kind hier geſpielt, an dieſem Geländer auf⸗ und abgerutſcht, klang zu mir aus dieſen wohlbekannten Räumen, in denen doch jetzt Alles ſo ſchmerzhaft verändert war in Leichenflor und Moderluft. Martin, unſer alter Diener, war der Erſte, der mir begegnete— er weinte an meinem Halſe wie ein Kind. Eine ſolche Bewegung konnte ich mir nicht erklären. Meine Schweſtern fand ich gekleidet in tiefes Schwarz, ihre Augen waren verweint; als ſie mich ſahen, fingen ſie von Neuem zu jammern an... ich frug nach der Krankheit der mein Vater erlegen, Niemand gab mir Antwort. Ich verlangte ihn zu ſehen, man hielt mich zurück. Endlich auf mein ungeſtümes Drängen nahm Violet mich bei der Hand und führte mich in das dunkle Todtenzimmer. Mitten durch mein heftiges Entſetzen beim Anblick der Leiche fuhr mir der Gedanke, mein Vater ſei keines natürlichen Todes geſtorben. Ich beſchwor meine Schweſter, mir Alles zu ſagen: ſtockend, mit halben Worten, erzählte ſie mir, er habe an Bord eines Schiffes, das Ladung für ihn brachte, fahren wollen und in der Mitte des Docks ſei er aufgeſtanden, um ſeinen Ueberrock anzuziehen; dabei habe er das Gleich⸗ gewicht verloren, durch eine unglückliche Bewegung das Boot umgeworfen und ſei gleich mit dem Kopfe unter 139 Waſſer gekommen— der Fährmann habe ſich gerettet. Mich befiel ein Grauſen. Von Kindheit an fühlte ich einen unbeſchreiblichen Ekel vor dem Waſſer der Docks, das vergiftet iſt durch die Metallbeſchläge der Schiffe. Ich dachte mir, malte mir's gerne aus, wie ich mir an ſeiner Stelle den Tod lieber gewünſcht hätte auf hoher See... ein Sprung vom Schiffsbord in die Tiefe und unter unendlichem Himmel, im unendlichen Meer vergehen als ein zuckendes Atom!“ Bei dieſen Worten konnte ich mich nicht enthalten, mir die Augenblicke zurückzurufen, da Lee traumver⸗ ſunken am Rande der Dampfſchiffe geſtanden und in die Wellen hinabgeſtarrt hatte, als zöge ihn ein niederdrücken⸗ des Bleigewicht ſeines Gemüths hinunter in die feuchte Gruft, die das ruheloſe Waſſer unaufhörlich vor ſeinen Augen zu wühlen ſchien... „Es dauerte nicht lange,“ fuhr er fort,„ſo ſollte mir Alles klar werden. Die Handelskriſis in Amerika hatte auch in England ihre Opfer gefordert und mein Vater befand ſich unter den erſten. Schlag auf Schlag trafen ihn Verluſte, er ſtürzte ſich um ſich zu retten, in Spekulationen, die alle mißglückten, man ſprach da⸗ von, ſeine Geiſteskräfte ſeien geſtört geweſen⸗ Als ich noch im Ungewiſſen mit mir war, was ich davon glauben ſollte, fiel mir ein Lokalblatt in die Hände, worin der Tod meines Vaters ausführlich erzählt und als deſſen Motiv ein deutlicher Hinweis enthalten war, daß ein un⸗ gerathener Sohn ihn zum Wahnſinn und Selbſtmord getrieben habe. Ich wollte hinſtürzen und dem lügne⸗ riſchen Schuft, der das geſchrieben, das Hirn einſchlagen, aber meine Schweſtern hielten mich zurück; Violet ge⸗ ſtand mir—— da half keine Ausflucht, keine Selbſt⸗ täuſchung, ich wurde hinein geſtoßen in alle Dornen des unglückſeligen Bewußtſeins: daß ich die Wahrheit geleſen. Meine Schuld erkennen und mich aufraffen mit einer ungeheuren Anſtrengung aller meiner Kräfte aus meinem zerfahrenen Leben, war Eins. Ich zählte damals zwanzig Jahre. Bei der Liquidation des väter⸗ lichen Geſchäftes zeigte ſich, daß die Gläubiger nicht befriedigt werden konnten; ich ſtand mit meinen zwei Geſchwiſtern bettelarm in der Welt. Ich hatte eine Tante, die ſehr reich und unverheirathet war, mit der mein Vater aber in einem uralten Zwiſt gelebt— es hätte mich vielleicht nur ein Wort gekoſtet und ſie hätte mir mein Fortkommen leicht gemacht, allein ich wollte Alles nur meiner eigenen Kraft verdanken, aus mir ſelbſt, durch mich ſelbſt ſollte alle Hilfe kommen. Ich habe damals erfahren, was ein eiſerner Wille, ein ei⸗ ſerner Fleiß vermag; ich riß mein Glück herab von dem geizenden Himmel, und allen Hinderniſſen zum Trotze 324 errang ich mir eine Stellung, die mir erlaubte, die ſorg⸗ fältige Ausbildung meiner Schweſtern zu vollenden. Ich war bei einem Freunde meines verſtorbenen Vaters im Geſchäfte und als ich von der erſten Reiſe, die ich nach Indien zu machen hatte, zurü kehrte, fand ich meine Schweſter Violet als die Braut eines Mr. Blankford, eines wackeren und wohlhabenden Mannes, der ſie bald darauf zum Altare führte.“— Er machte eine Pauſe und rückte mit ſeinem Stuhle einen Schritt von mir weg, ſo daß ich in dem dunke und dunkler werdenden Zimmer ſeine Züge kaum mehr zu unterſcheiden vermochte. „Soll ich nicht ein Licht anſtecken?“ frug ich. „Nein, laſſen Sie immerhin die Nacht auf meine Erzählung hereinbrechen— ich bin bei einem luſtigen Hochzeitsfeſte, das aber leider durch einen tragiſchen Zwiſchenfall geſtört wurde. Als die Ceremonie in der Kirche beendigt war und die Wägen abzufahren began⸗ nen, hörte ich mit einem Male vor der Pforte der Sak⸗ riſtei aus dem Lärme ſtampfender Roſſe und rollender — Räder ein laut aufgellendes Kindergeſchrei und den Hilferuf einer weiblichen Stimme, alles faſt im nämlichen Augenblicke. Ich wende mich nach der Thüre, aber der ganze Knäuel der vor mir Stehenden drängt ſich mir voran, von dem gleichen Inſtinkte geleitet. Man ruft, 1¹2 man frägt, man reckt die Köpfe in die Höhe, bis man von außen„zurück“ gebietet— die Thüre wird geöffnet, der Keil der Neugierigen theilt ſich und in der ſich öffnenden Gaſſe erſcheint eine ſeltſame Gruppe: ein Policeman, welcher ein junges Mädchen vorwärts be⸗ wegt, das in ſeine Arme hingeſunken liegt, während ein heftig ſchluchzendes Kind ſich an der kleinen Hand ihres ſchlaff herunter hängenden linken Armes anklam⸗ mert und ängſtlich an ihren Röcken ſich feſthält. Das Vorgefallene erklärt ſich ſchnell: unter den Neugierigen draußen hatte auch das Mädchen mit ihrem Schweſter⸗ chen geſtanden und als eben ein Wagen abfuhr, will die Kleine noch auf die andere Seite rennen, die Schweſter Fe eilt ihr nach, ſtürzt vor den Pferden zu Boden und erhält eine Wunde an der Hüfte und auf dem Haupte. Ich ſah die dicken Strähnen ihres ſchönen Haares, das aufgelöſt über ihren Nacken fiel, untermiſcht von dunklem Blute, das eifrig nachquoll und hell auf ihrem weißen Halſe glänzte. Während die Andern rathlos und gaffend umherſtanden, verband ich ihr mit meinem Taſchentuche die Wunde, brachte ſie mit dem Kinde in meinen Wagen und fuhr mit ihr nach ihrer Wohnung. Sie war armer Leute Kind und reichte mir beim Abſchiede eine Hand, ſo klein und ſchön gebildet, daß ich— dadurch auf⸗ merkſam gemacht— tiefer als nöthig war, in ihre 143 Augen ſchaute, aus denen in dieſem Momente ein ſon⸗ nenheller Dankesblick fiel. Ich wunderte mich nicht, als ich erfuhr, daß des Mädchens Beſchäftigung im Aufertigen künſtlicher Blumen beſtand. Ihre Hand war fein und zart genug dazu, Ketten von Roſen zu flechten Er ſprach den letzten Satz langſam und mit einem eigenthümlichen, düſteren Hohne, dann ſetzte er in ſeiner früheren Lebendigkeit ſeinen Bericht wiederum fort: „Ich fuhr nach dem Hochzeitshauſe zurück, zum heiteren Gelage. In dem Wagen dahinrollend, ließ ich das ſveben Erlebte nochmals an meinen Gedanken vor⸗ überziehen; es war mir, als ſäße Alice— ſo hatte die Kleine ſie genannt— noch mir gegenüber und das Kind riefe ihren Namen; ich ſah ihre Hand vor mir und jener Blick leuchtete wieder in mir auf, mit dem ſie mir gedankt; dann dachte ich an ihre Verwundung, und wie ſie muthig das Schweſterchen zu retten geſucht, und da wurde mir's, als habe das von ihrem Blute be⸗ netzte Tuch, das ich in der Bruſttaſche trug, plötzlich Feuer gefangen und der rothe Saft ihres Lebens dränge flammend darnach, ſich mit dem meinigen zu verbinden. Sie werden zugeben, ein Bund, der mit Blut begann, konnte nicht harmlos enden.“ * 144 Ich lauſchte mit zitterndem Herzen, ich empfand daß er dem Angelpunkte ſeiner Erzählung näher rückte. „Als ich im Kreiſe der Feſtgenoſſen ſaß, meiner Schweſter gegenüber, die in reichen Gewändern ſtrahlte, da dachte ich zum erſten Male, wenn Alice an dieſer Stelle ſäße, wenn ſie den Brautkranz trüge... wie würde ihre Schönheit Alles überglänzen! Ich ſtellte ſie mir vor in ihren armſeligen Kleidern und ſagte mir mit einem Blicke auf die übrigen Feſtjungfrauen: welche von ihnen kann mit ihr ſich meſſen?— Du wählſt nicht die blendende Waare, die ausgeſtellt auf dem Markte der Geſellſchaft des Käufers harrt, du greifſt nach der reinen Perle, die im niederen Sande verborgen liegt und faſſeſt ſie in lauteres Gold!— Ich wurde dieſen Gedanken nicht mehr los, er verfolgte mich bei Tag und Nacht, überraſchte mich mitten im Drange der ernſteſten Beſchäftigungen, zärtliche Dä⸗ monen legten ſich mir ſchmeichelnb an die Bruſt und umſtrickten mich mit Liebesarmen—— Alice wurde mein Weib!“ War bis hierher ſein Bericht einfach und in gutem Zuſammenhange vorgebracht geweſen, ſo gerieth Lee jetzt wieder ganz in ſeine ſpringende Manier, in der die ſtrenge Folge und Ordnung ſeines Denkens gelockert ſchien. Manches von den folgenden Worten wurde dem Sprecher ſo ſchwer, als müſſe er es wie einen wider⸗ hakigen Pfeil, der ihm im Buſen ſaß, herausreißen: „Meine Tante glaubte mir ſicherlich einen großen Gefallen damit zu thun, als ſie mich zum einzigen Erben ihrer Reichthümer einſetzte und mich über Nacht zum Kröſus machte. Es iſt wahr, ich konnte die Firma meines Vaters wieder aufnehmen, ſie ſollte nicht er⸗ loſchen ſein, ſondern neu aufleben. Allein ich war nicht geizig und häuslich wie er; ich führte ein großes Haus und hatte viele ſogenannte Freunde, darunter einen, wir wollen ihn Brighton nennen 4 Lee's Stimme zitterte bei dieſen Worten. „Er war Sollicitor, ein feiner Mann, der ſich in's Herz meines Vertrauens ſtahl. Meine Frau wurde, zur Dame der großen Welt emporgeſtiegen, wie ſich von ſelbſt verſteht, auch bald leidend, und ich mußte ſie nach Torquah bringen. Eines Tages fällt es mir ein, ſie dort zu überraſchen. Ich mache mich auf den Weg, male mir die Freude aus, wenn ſie mich plötzlich hereintreten ſieht, feurige Luſt durchſtrömt mir jede Ader— mein Weib war in der That von dem uner⸗ warteten Beſuch ſo überraſcht, daß ſie vor dem Spiegel, vor dem ſie gerade ſtand, beſinnungslos niederbrach. Ich eilte hinzu und neſtelte ihr Kleid auf, um ihr Luft zu ſchaffen. Auf ihrer Brnuſt ſiel mir da ein Blatt Palm, Der Fund im Biskayer Golf. 10 146 Papier in's Auge, raſch griff ich darnach,— geſteh' ich's nur, von einer bangen, todesbangen Ahnung durch⸗ ℳ zuckt!— ich entfaltete es und erkannte die Hand mei⸗ nes Freundes Brighton, der mir gegenüber eine Reiſe nach Bremen vorgeſchützt hatte; zwei Zeilen nur, aber genug für mich! Er ſchrieb an mein Weib etwa das Folgende: Du ſpielſt mit mir, haſt mich geſtern ver⸗ gebens ſchmachten laſſen; ſuche für heute Abend Deine Kammerjungfer zu entfernen. Um vier Uhr auf der Promenade gib mir Beſcheid darüber. Ich küſſe die Lippen, die mir die Botſchaft meines Glückes bringen ſollen.—— In jenem fürchterlichen Augenblicke ver⸗ ließ mich die Geiſtesgegenwart nicht; ich faltete das 3 Papier wieder zuſammen und ließ es auf dem ent⸗ weihten Buſen tiefer, als es zuvor gelegen, hinabgleiten ſie erwachte und fuhr mit der Hand nach der Bruſt, als wolle ſie ſich überzeugen, daß man ihr nicht ihr Kleinod geraubt. Ich ließ mir nichts merken. Hat ſie es vermocht, ſich ſo unerhört zu verſtellen, ſo ſoll ſie ihren Meiſter an dir finden, ſo beſann ich mich. Ded, fürchterlich öde wurde es in mir; jede Hoffnung,. jeden Troſt ſtieß ich hohnlachend zurück in die grauſame Verwüſtung meines Innern. Ein genarrter Ehemann...! Der Fluch der Lächerlichkeit an die Ferſen meines Elends geheftet, geſchändet in meinem Heiligſten, verhöhnt mit 147 meinem harmloſen Kinderglauben— ich wäre wahn⸗ ſinnig geworden, hätte ich den Elenden nicht zur näm⸗ lichen Stunde, als er von ihren Lippen die Botſchaft ſeines Glückes küſſen wollte, in ſeinem Blute vor mir liegen geſehen. Ich durchſchoß ihm die Bruſt, nicht im Duell! ſo ſehr Narr war ich nicht, meine gerechte Sache der zweifelhaften Entſcheidung eines Zweikampfes aus⸗ zuſetzen; nein, ich ſuchte ihn auf in ſeiner Wohnung und ſtreckte ihn hin, wie man einen Hund niederſchießt... er war ja mein beſter Freund geweſen! Ich ſtellte mich vor Gericht, man verlangte Rechenſchaft von mir, ich verweigerte jede; ich verachtete die Welt zu ſehr, um ihr die Freude an meinem Elende, um ihr die Weide an dem Skandale zu gönnen, der mein Weib betraf. Niemand erfuhr von mir ein Wort von der Entdeckung, die ich gemacht; mein Weib natürlich verrieth ſich ſelbſt nicht und der Dritte im Bunde war ein ſtiller Mann und plauderte nichts mehr aus. Die Gerichtsärzte er⸗ klärten mich für geiſteskrank und ich kam in die An⸗ ſtalt eines Doktors Craven. Aber ich beſaß vollkommen meinen geſunden Verſtand und benützte ihn dazu, Mittel zu meiner Flucht zu erſinnen. Meine Schweſter Violet war mir behilflich dabei. Durch einen vertrauten Mann, der ſich zum Scheine die Einrichtungen der Anſtalt an⸗ ſehen wollte, wußte ſie mir einen Brief in die Hände 10* 1. zu ſpielen, worin eine große Summe Geldes lag, mit der ich meinen Wärter beſtechen und mich frei machen ſollte. Der Ort war angegeben, wo mein Schwager Blankford meiner harrte, um mich ſicher zu verbergen. Ich hatte ihn vor Gericht eingeſetzt zum Führer meines Geſchäftes, unter ſeinem Schutze entfloh ich nach dem Kontinente und begab mich auf Reiſen. Wie Ahasver irrte ich von Ort zu Ort und ſchleppte doch überallhin mit mir die Qual meines zerſtörten Lebens. Was ich ſuchte, ich weiß es nicht. Es war mir, als müſſe ich meinen Erinnerungen entfliehen und wirklich verlor ich zuweilen das Bewußtſein alles Vergangenen. Vor mir her ſchwebte es wie ein weißer Strahl in der Finſter⸗ niß— eine kleine weiße Hand ſtreckte ſich mir entgegen, ich eilte ihr nach, ſie zu faſſen. Es war die Hand, die einſt Ketten aus ſtacheligen Roſen geflochten!.. „Svo kam ich auch in die Schweiz, nach Ragatz. An der Hauptſtraße dort liegt ein Friedhof, an deſſen Mauer man drei meiner Landsmänninen begraben hat, die in der Tamina ihren Tod gefunden. Inmitten des Gottesackers ſteht ein Thurm und dort waren Arbeits⸗ leute beſchäftigt, eine neue Glocke emporzuziehen. Ich ſah ihnen zu, weiche Mühe ſie hatten die ſchwerfällige Metallmaſſe hinaufzubringen. Dann ging ich weiter, eine Querſtraße hinein, um in's Freie zu kommen; in — einem der letzten Häuſer vernahm ich aus einem offenen Fenſter ein Winſeln und Stöhnen, es ſchnitt mir wie ein Stahl in die Bruſt; ich floh in das Felſenthal der grauen Tamina, aber mitten aus den Donnern des brauſenden Buches tönte mir der Jammerlaut jener Menſchenſtimme im Ohr. Am anderen Morgen, als die Sonne glänzend herabſchien und aus den fernen Alpengründen ſchluchzende Glocken, die den Sonntag einläuteten, ſich antworteten, da zog es mich wieder nach jenem Hauſe hin. Wieder ſchritt ich durch den Friedhof und von dem Thurme tönte der neuen Glocke erſtes Geläute. Möchte auch ſo, ſprach eine Stimme in mir, eine neue Glocke des Friedens in dir klingen über die Gräber deiner Hoffnungen... ich kam an jenes Haus und hörte abermals das Stöhnen, das ich geſtern vernommen. Ein Arzt trat heraus, ich frug ihn, von wem die Schmerzenstöne kämen. Eine junge Frau, eine Engländerin, liegt ſeit drei Tagen da drin⸗ nen in fürchterlichen Nöthen, entgegnete er, ſie verlangt einen Notar; leider bin ich ihrer Sprache nicht ganz mächtig, der Notar verſteht ſie noch weniger.— So nehmen Sie mich zum Dolmetſcher! rief ich, und ich trat hinein... Ich fand Alice! Sie konnte in meine Hände die Vollſtreckung ihres letzten Willens legen. Sie hatte meine Verzeihung erflehen und ihr 150 Kind meiner Großmuth anempfehlen wollen. Wie tief hatte das Unglück dieſes Weib gebeugt, daß ſie in ihren letzten Stunden mir das wimmernde Geſchöpf, dem ſie das Leben gegeben, überantworten wollte. Ich brachte ihr Verſöhnung in ihrer Sterbeſtunde, ihre Hand er⸗ kaltete in der meinigen. Ich gönnte der Erde dieſe Hand nicht; ehe ich den Sarg ſchloß, trennte ich ſie ab von dem Gelenk, das noch immer ein Armband in Smaragden, mein erſtes Angebinde, umſchloß. Dann ließ ich in aller Stille die junge Mutter beſtatten.. das iſt die Geſchichte jenes Käſtchens!“ Lee's Stimme verklang; in der Dunkelheit ſah er die Thränen nicht, die mir über die Wangen liefen. Ich hätte hinſtürzen, ihn umarmen, ihn um Vergebung für jedes Unrecht bitten mögen, das ich ihm zugefügt in Gedanken und in Thaten. Aber er war noch nicht zu Ende. „Ich nahm,“ ſprach er,„das mir anvertraute Pfand, das hilfloſe Kind, in meine Obhut, brachte es ein Jahr lang bei einer Bauernfrau unter, die es mit dem ihrigen nährte, und nahm es dann mit mir nach England. Ich zerriß und trennte gewaltſam in mir von der ſchuldloſen, unbewußten, lächelnden Exiſtenz des Kleinen die Schuld ſeiner Mutter; das war eine ſchwere Gemüthsaufgabe, aber ich löſte ſie. Das Kind —,—— befindet ſich jetzt bei der Wittwe eines in Indien ge⸗ fallenen, mir einſt befreundeten Offiziers auf einem Dorfe unweit London; kein Menſch außer mir kennt das Räthſel ſeiner Herkunft— heute, während Ihrer Abweſenheit, habe ich alles darauf Bezügliche zu Pa⸗ pier gebracht, den kleinen William ausdrücklich als meinen Sohn anerkannt und in Ihre Hände lege ich dieſe Aktenſtücke.“ Damit reichte er mir einen ſchweren, verſiegelten Brief. „Meine Reiſe nach London hat den Zweck,“ ſchloß 3 er,„das Kind an meine Schweſter Violet auszuliefern und ſie einzuweihen in ein Geheimniß, das zur Stunde außer mir und Ihnen kein Lebender kennt...“ —— VIII. Von den Thürmen Santander's erklang die Mitter⸗ nachtsſtunde. In den Adern der Stadt ruhte jeder Verkehr, aber am Hafen war es noch lebendig. Ueber dem dunkel hingegoſſenen Biscaher Meer ſtanden groß und ſiegreich die Sterne; noch grollte in dem Waſſer die Gewitterbewegung des Tages nach, aber der Him⸗ mel ſtrahlte in Sternenruhe. Auf der Rhede lag der nach London beſtimmte Dampfer, und durch die ſtille Nacht vernahm man das Sieden und Ziſchen des ab⸗ ziehenden Dampfes. Ich ging mit Lee nach den Einſchiffungsplatz; unter einer der brennenden Laternen am Hafendamme ſtand Mr. Thorries, den Arm zum Zeichen für mich mit einem weißen Tuche umwunden. Ich that, als ob ich mich umſähe nach unſerem Gepäcke und ließ Lee einige Schritte 7 153 „Wir reiſen Beide ab,“ flüſterte ich ſchnell Mr. Thorries zu;„Sie werden von London aus Näheres hören.“ Er drückte mir die Hand und entfernte ſich ellig: Cordelia konnte jetzt ruhig ſchlafen... Aber mein armer Freund?— Sobald das Signal zur Abfahrt ertönt war und wir vor unſerem Kiele die Stadt mit ihren Lichtern entſchwinden ſahen, hielt ich mich nicht länger: ich wollte, mußte Lee von meiner Entdeckung in Santander Kenntniß geben. Wenn er, dachte ich, erfährt, daß die verhängnißvolle Caſſette der Grund war, der Cordelien zur Flucht vor ihm bewog, ſo wird er ihr vielleicht verzeihen und ſeine Ruhe wieder finden. Lange ſtand ich neben ihm auf Deck und trug das Geſtändniß auf den Lippen. Mehr und mehr verloren wir die dunklen Maſſen der Stadt aus dem Geſichte, nur die Drehlichter des Leuchtthurms bei Sardinero ſchauten noch hellglühend zu uns herrüber, zuweilen verlöſchend und dann aus dem Dunkel wiederkehrend. „Wollen Sie ſich nicht ſchlafen legen?“ hub ich endlich gegen meinen Begleiter an,„Sie müſſen ſich noch ſchonen.“ „Der Tod gibt uns Zeit genug zum Schlafen, lautet ein alter Spruch,“ war ſeine Entgegnung. 154 Ich gab mir Mühe, auf Umwegen das Geſpräch auf Cordelia zu bringen und taſtete ſchüchtern, wie er wohl meine Botſchaft aufnehmen möge. Er gab mir ungern Rede und Antwort und überließ ſich wieder ganz ſeinem Hinbrüten. Erſt als ich mein Befremden darüber äußerte, daß er, der ſo ſchwer Betrogene, ein zweites Mal ſein Herz an ein Weib gefeſſelt, fand ich den Moſesſtab zu dem Felſen ſeiner Bruſt und ent⸗ lockte ihr einen Quell inniger Worte. „Es war gerade an dem Jahrestage von Brighton's Tod,“ ſagte er,„als ich auf der Fahrt nach New⸗York in alle Pein jener Zeit mich zurückverſetzte und gegen die neue Liebe, die in mir erwachte, mit meiner ganzen Mannheit mich ſträubte. Ich hatte Cordelia ſeit wenigen Tagen auf dem Dampfboote kennen gelernt, ich empfand es nach meines Trübſinns langem Winter wie das Regen eines neuen Frühlings, als ihr Auge mich be⸗ ſtrahlte, mich erwärmte. Aber wenn ich der Hoffnung wieder Raum geben wollte, ſo ſchmetterte mich das Be⸗ wußtſein zu Boden, daß für mich keine Blume mehr erblühe, daß die Rechnung meines Lebens verloren ſei für ewig, wie für meinen Vater die Rechnung ſeines Vermögens, als er die unſelige Bootfahrt unternahm. Sein Beiſpiel brachte ich nimmer aus dem Sinne und in der Nacht, da der Sturm losbrach auf dem Meere, 155 überwältigte mich ein ſo tiefes Erbarmen mit mir ſelbſt, eine ſo gänzliche Verzweiflung an mir, daß ich, um keine neue ſüße Täuſchung großzuziehen in meiner Bruſt, zu ſterben beſchloß— ich nahm die Caſſette und trug ſie auf Deck, um mich mit ihr hinabzuſtürzen. Als ich ſo daſtand und eben eine toſende Sturzwelle über Deck ſchlug, fühlte ich mich von einer Hand erfaßt und als ich mich umſah, war es Cordelia, die mich in ihrer tödt⸗ lichen Beängſtigung beſchwor, ſie zu beſchützen. Raſch brachte ich die Caſſette in meine Cabine zurück; ich faßte wieder Muth in dem Glauben, daß mein Daſein ⸗ noch für eine Seele auf der Welt Bedeutung haben könne, ich warf mich dem Leben wieder an die warme Bruſt und fühlte neu das Klopfen ſeiner Pulſe—— Sie wiſſen, wie das geendet!“ Ich konnte mich nicht länger bemeiſtern, ich mußte der Bürde, die mich niederbeugte, mich entledigen. „Mr. Lee,“ verſetzte ich,„Sie haben Ihr innerſtes Herz vor mir kundgethan, auch ich muß Ihnen eine Enthüllung machen, mag daraus für mich entſtehen, was da wolle. Als Sie mich geſtern Mittag vermißten, da war ich.. das Wort wollte nicht heraus.. „im Hauſe Cordelia's!“ Und nun, vertrauend auf den Zug in ſeiner Natur, der ſo ſchön aus ſeinen Er⸗ zählungen hervorleuchtete, daß er nämlich allen Groll — und ſein ganzes Ich vergaß, wenn er Andere hilfsbe⸗ dürftig, in tiefer Noth ſah, entrollte ich ihm ein Bild von dem, was Cordelia durch ihre Tante erfahren, wie ſie daraufhin vor ihm geflohen ſei und jetzt noch immer vor ihm zittere. Ich bat ihn mit aller Gluth meiner Liebe und Freundſchaft, dem Trugbilde, dem er nachjagte, zu entſagen, ſich einen neuen Kreis erfreulichen Wirkens zu ſchaffen, der Zukunft zu vertrauen. Er hörte mir ſtumm zu und unterbrach mich endlich mit der ſchmerzlichen Frage:„Und iſt ſie glücklich?“ „Sie iſt die Mutter eines reizenden Kindes...“ Nach dieſer meiner Antwort entfernte er ſich nach der Kajüte. Ich wußte nicht, was er vorhatte. Nach einer Weile kam er zurück und trug das Käſtchen auf dem Arme. „Selbſt im Tode noch war dieſe Hand beſtimmt, mein Glück zu zerſtören!“ ſprach er, und ehe ich mich's verſah, ſchleuderte er die Caſſette hinab in die auf⸗ rauſchenden Wellen des Biscaher Golfs. Die Sterne ſanken in's Meer, es dämmerte gegen Morgen. Ermüdet von all der Noth des Tages hatte ich mich endlich ſchlafen gelegt und Lee bewogen, ein 157 Gleiches zu thun. Nach einiger Zeit erweckte mich ein wildes Getümmel und ein Gewirr von Stimmen auf der Kajütentreppe. Ich eilte hinauf— eben ſtieg der junge 2 blutroth aus dem Meere. „Was iſt geſchehen?“ frug ich den Steward, der mich ſuchte. „Ihr Begleiter iſt in's Meer geſtürzt,“ gab er zu⸗ rück;„ob aus Unvorſichtigkeit, oder mit Abſicht weiß der Steuermann nicht zu ſagen.“ Als ich von dem erſten Schrecken mich erholt und mich in Lee's Cabine begeben hatte, fand ich einen Brief an mich vor, der mir über die letzten Wünſche und Gedanken, die meinen unglücklichen Freund be⸗ ſchäftigten, einigen Aufſchluß gab. Mag er hier folgen: „Wenn der Sturm eine junge Birke; zerbricht, die grünend ſteht in Saft und Geſundheit, dann tönt ein Weheruf durch den Wald um den gefallenen Liebling. Aber die alte Eiche, deren Mark verdorrt iſt und die freudlos kalt emporſtarrt aus dem grünen blühenden Leben, mag immerhin der Blitz zu Boden ſtrecken, ihr Anblick wird die heiteren Genoſſen nicht mehr quälen. „Trauern Sie nicht um meinen Tod; das Leben iſt ein langſames Sterben, aber ſchlienu als das Sterben iſt ein Krankſein, das keiner Hoffnung mehr gibt. Eine Beruhigung laſſen Sie mich mit mir nehmen: ſuchen Sie Cordelia über mich aufzuklären und entkleiden Sie mich des böſen Zaubers, den die Menſchen an mich geheftet. In ihrer Seele ein reines Daſein fortzuleben, frei und uneingeſchränkt von den Satz⸗ ungen dieſer Welt, im Heiligthume ihrer Erinnerung mir eine letzte und bleibende Zufluchtsſtätte zu gründen, das ſcheint mir begehrenswerther, als in dieſer Wandel⸗ welt mir mit jedem Athemzuge das Bewußtſein meines Elends zu erneuern. Ein Wunſch erfüllt mich: mögen des Himmels beſte Geiſter das Haus der Geliebten be⸗ ſchützen! Den Zweigen, die um ihr Fenſter ſich ranken, wohnt ein Zug meiner Sehnſucht inne. Es gibt kein Aufhören unſerer Exiſtenz, wie wir kein Beginnen von ihr kennen. Vielleicht legt ſie einſt eine Blume an ihr Herz, in der ein Hauch meines Lebens nachglüht— ich bin mit ihr verbunden durch alle Zeiten, das Schreckliche der Trennung ſchwindet mir in meiner Todesſtunde. „Vorhin war mir, als ſtünde mein Vater hinter mir, wie ich ihn zum letzten Male ſah bei meinem Weg⸗ gehen von Liverpool; er klopfte mir leiſe auf die Schulter und deutete mit dem Finger hinab in das feuchte Wogengrab.— Ich komme! „Leben Sie wohl, theurer Gefährte! In den Pa⸗ pieren, die ich Ihnen geſtern Abend überreicht, finden Sie meinen letzten Willen, und darin iſt auch Ihrer —— ———— ———— * 159 gedacht. Grüßen Sie meine Schweſter Vivlet, und wenn es ihr ſchwer wird, daß ſie mich nicht wieder⸗ geſehen hat, ſo ſagen Sie ihr, daß unſer Erlöſer ja gläubigen Gemüthern die Hoffnung eines ſchöneren Wiederſehens gegeben hat. Harry.“ ——— . Die Thalmühlt. ——— Palm, Die Thalmühle. 11 ſ Es war des reichen Kaufmanns Schlöſſer heiterſte Stunde, wenn er in der Frühe die Zeitungen mit jener innigen Aufmerkſamkeit durchlas, welche nur die noch ungetrübte Morgenruhe des Gemüthes verleiht. Nicht allein die politiſchen Tagesereigniſſe verfolgte er mit dem klugen, weitblickenden Auge eines Börſenmannes, ſondern er machte auch die Inſeratentheile, beſonders ſoweit ſie auf das induſtrielle Gebiet gehörten, zum Gegenſtande ſeines eifrigen Studiums. Mit einem wunderbaren Fein⸗ gefühle ſpürte er das, was ſeiner Geſchäftsluſt einen Anknüpfungspunct zu irgend einer reellen Operation bot, 2 heraus. Er beſaß vollkommen jenen kaufmänniſchen In⸗ ſtinct, der keineswegs auf der Ueberlegenheit rein intellectueller Vorzüge beruht, ſondern einfach auf einem Gefühle des Practiſchen, und der in ſeiner Art ebenſo eine reine Naturgabe iſt, als ſein ungefähres Gegentheil, 11* 164 pvetiſches Talent. Denn auch das kaufmänniſche Talent im höhern Sinne handelt nach Inſpirativnen, nach einer Art innerer Nothwendigkeit. Dieſes untrügliche, unbedingt richtige, practiſche Gefühl wird für den, dem es die Natur geſpendet, zum Zauberſtabe Fortunas. Eine plötzliche Helle flog über Schlöſſers Geſicht, als ſein Auge an einem der Si rate haften blieb. Ei, ſprach er vor ſich hin,„das kommt wie gerufen, da hätten wir ja, was wir für den Max ſuchen! Müh⸗ lenverkauf, acht Mahlgänge, fünf Oelpreſſen, ſchöne Lan⸗ dereien, reicher Viehſtand, großartiger Betrieb.— Heuts Abend werde ich hinreiſen. Ich muß den jungen Mann in den Sattel n fuhr er nach einer Weile fort, ſeine Zeit iſt da, er hat etwas Tüchtiges gelernt im Maſchinenweſeund in der Oekonomie. Es fehlt ihm jetzt nur am richtigen Felde für ſeine Thätigkeit und darauf kommt Alles an. Der“ Max wird mir mehr Freude machen als der Aeltere!— Er lachte bitter. Einer von Beiden wird doch wenig⸗ ſtens einſchlagen. Der Max ſchlägt mir nach, der Andere ähnett ſeiner Mutter.— Damit ſchwieg er. Leute wie Schlöſſer, denen das Glück freigebig ſeine Güter in den Schvoß geſtreut, ſind von dem Wahne beherrſcht, auch ihre Söhne ſollen in Allem ebenſo raſch und bequem, wie ſie ſelbſt, reüſſiren. — — — 65 Dieſem Glauben pflegt die bitterſte Enttäuſchung zu folgen. Mit ſeinem älteſten Sohne machte Schlöſſer traurige Erfahrungen; deshalb war ihm Max, der jün⸗ gere, ans Herz gewachſen. Eine geſunde Thätigkeit war für dieſen das Element, in dem er friſch und munter ſich tummelte, während ſein Bruder gänzlich verſchiedenen Liebhabereien fröhnte, die ſich von den ſeinigen kurz da⸗ durch unterſchieden, daß ſie nur Geld koſteten, während die ſeinen darauf gerichtet waren, ſolches einzutragen⸗ Es war eine von Schlöſſers Eigenheiten, daß er über ſeine Pläne, ſo lange ſie nicht in ein gewiſſes entſcheidendes Stadium getreten waren, gegen ſeine Nächſtſtchenden nichts verlauten ließ. Er liebte es, ſich Alles allein und im Stillen zurecht zu legen und den erſten Erfolg abzuwarten. Mißlang ihm Etwas, ſo ſprach er nachher gelegentlich über das Abgethane, wie Einer, der ſich aus jedem mißlichen Vorfalle eine Lehre für die Zukunft zieht. Aber es hätte ſeinen Stolz be⸗ leidigt, wenn er einen Plan, mit dem er nachher durch⸗ gefallen wäre, ſchon vorher enthüllt hätte. Mit vielen Anderen war er nicht frei von der Schwachheit, Alles, was ihm ein gut gelauntes Glück oder eine gute Natur⸗ gabe zuwarf, auf die alleinige Rechnung des eigenen Verdienſtes zu ſetzen. Gegen Abend packte er ſich eine Reiſetaſche mit dem Nöthigſten zuſammen. Er verſchaffte ſich einen Depoſitſchein über eine ſehr bedeutende Sumn welche er bei einem renommirten Bankhauſe in Staatspapieren hinterlegte, um auf dieſe Weiſe dem Mühlenverkäufer ſogleich zu zeigen, mit Wem er es zu thun habe. In der Familie hieß es nur: Papa verreiſt in Geſchäften. Warum? Wohin? das wußte Niemand. Man war es nicht anders gewöhnt, und das lag in den inneren Verhältniſſen dieſes Familienlebens be⸗ gründet, in die wir einen tieferen Einblick gewinnen werden. Früher hatte Frau Schlöſſer über ihn vermocht, daß er ſie manchmal in Geſchäftsſachen in's Vertrauen zog. Aber damals war ſie jung und ſchön. Späterhin verſtand ſie es nicht, die ſchwindenden äußeren Reize durch innerliche zu erſetzen; ein vorwiegender Hang zur Verſchwendung und eine damit zuſammenhängende un⸗ endliche Nachſicht gegen die vornehmen Schwächen ihres älteſten Sohnes riefen manchen ernſtlichen Streit zwiſchen ihr und ihrem Manne hervor und der Umſtand, daß all deſſen Reden und Thun nichts halfen, um ſie in dieſen Puncten zu bekehren, ließ bei ihm eine gewiſſe Entfrem⸗ dung und eine Art Mißachtung gegen das unverbeſſer⸗ liche Frauengeſchlecht entſtehen. Dagegen war Schlöſſer auf der anderen Seite gerade in dieſem Punkte wiederum — —— ſehr ſchlimm: er verehrte die weibliche Schönheit in ihrer Friſche und die Jugend in ihrer Blüthe. Gewiſſer⸗ maßen fiel er dabei in die erſte Liebesepiſode ſeiner Jugendjahre zurück, deren bedeutungsſchwere Folgen wir auf die Geſchichte, welche ſich vor unſeren Blicken zu entrollen beginnt, mit ihrer geheimnißvollen Macht zu⸗ rückwirken ſehen werden. Der Schnellzug brauſte durch die Nacht. Tief am Horizonte ſtand die ſchmale Mondſichel, Berg und Wald ruhten im Dämmerlichte. Schlöſſer lag zurückgelehnt in einer Ecke des Cvupés, die Augen geſchloſſen, aber er ſchlief nicht. Seine Gedanken tanzten luſtig dem Zuge voraus, trotz deſſen raſender Geſchwindigkeit; er ſah ſich ſchon am Ziele ſeiner Reiſe, in der klappernden Mühle, bis endlich die Bilder ſeiner Gedanken wunderlich ver⸗ ſchwammen und der tiefere Athem ſeiner Bruſt verkün⸗ dete, daß er entſchlummert ſei.— II. Da lag ſie im Morgenſonnenſcheine, die Mühle mit dem freundlichen Gehöfte! Wie weiß ſchimmerten die Wände der Gebäulichkeiten, wie glitzerten die blanken Scheiben! Schlöſſer ſchritt auf ſie zu durch eine ſchöne, geſegnete Ebene. Dort, wo die Mühle lag, drängten 168 ſich die Ausläufer des Gebirges zuſammen und ließen, gleichſam vor ihrem Zuſammenpralle, eine ſchroffe, ro⸗ mantiſche Schlucht offen mit wild verwachſenem, ſchwar⸗ zem Baumwerke. Ein ſtarker Gebirgsbach, der klar und friſch über gelbe Felsblöcke ſprang, quoll raſch durch den Buſenſpalt dieſes Thales herab. Während durch einen Canal ein Theil des Waſſers oben abge⸗ fangen wurde und pfeilſchnell, man möchte ſagen, kampf⸗ luſtig hinſchoß, um als Hochwaſſer in die Schaufeln der gewaltigen Triebräder zu ſtürzen, die den inneren Mecha⸗ nismus der Mühle in Thätigkeit verſetzten, bildete das übrige einen brauſenden Fall, der ſchäumend über das 9 F Geſtein ſprudelte. Man kann weit reiſen, ehe man Mühlen trifft, die ein ſo zauberiſches, effectvolles Landſchafts⸗ motiv darbieten, wie die Thalmühle. Wenn man oben an der Bruſtwehr lehnte und hinabſchaute nach den in der Tiefe ſich umwälzenden Rädern, welche die blitzenden Waſſerperlen hoch in die Luft ſchleuderten und gewaltig aufrauſchten in ewigem Geſange, dann gab das ein gar ſeltſames Summen im Kopfe ab, und für alle Romantik des alten Volksliedes und verklungener Müllerlieder ſchien da unten in der Tiefe ein vertraulich wunderſamer Er⸗ zähler zu erwachen. Schlöſſer hielt auf der Landſtraße mehrmals inne und ſeine Augen leuchteten vor Freude. Das iſt nach — — — 5 169 Deinem Sinne, ſagte er zu ſich, die Natur iſt hier nicht kümmerlich, ebenſowenig Haus und Hof. Ich kann keine Dürftigkeit ſehen! Hier merke ich aus Allem, daß ich auf guter Fährte bin. Dem Mühlenbewerber hätte aber auch das Kaufs⸗ object in keinem günſtigern Lichte erſcheinen können, als gerade an dieſem Tage. Das Colorit des ſchönſten Früh⸗ lingsmorgens lag über der Landſchaft ausgegoſſen. Eingezwängt in die Straßen einer geräuſchvollen Welt⸗ ſtadt, hatte Schlöſſer vor ſeiner Abreiſe nur an dem wärmern Lufthauche den Lenzeintritt empfunden. Jetzt ſo plötzlich in die volle Friſche der Natur hinausverſetzt, ſo plötzlich mitten auf den Schauplatz der im Früh⸗ linge auf's Neue hervorbrechenden, nie verlöſchenden Schöpfungstriebe, die in zahlloſen Blüthen und Knospen an's Licht drängten, konnte ihm das Beſitzthum, das er für ſeinen Max erwerben wollte, in keinen anziehenderen, glücklicheren Farben erſcheinen. Geſteh' Dir's nur, fuhr er im Selbſtgeſpräche fort, der Max iſt ja auch Dein Liebling und für ihn ſuchſt Du das Beſte, was zu finden iſt. Aufmerkſam beſah er ſich Alles was auf die Oekv⸗ nomie Bezug hatte und gar zu gern wäre er Leuten begegnet, die er Dies und Jenes hätte ausfragen können. Denn bei derartigen Angelegenheiten war es ſo ſeine 170 Art, unſcheinbare, einfache Leute nach Verſchiedenem zu fragen, was Anderen vielleicht unwichtig vorgekommen wäre, woraus er indeſſen nicht ſelten wichtigere Schlüſſe zog, als aus dem, was ihm die Nächſtbetheiligten oder ſolche Perſonen erzählten, die mit der genaueſten Kennt⸗ niß der Verhältniſſe großthaten. Schun wollte er ſich wundern, daß ihm gar kein menſchliches Weſen begegne, da plötzlich ſprengte an der ſchluchtartigen Biegung eines Seitenweges ein Reiter wie aus einem Hinterhalte hervor. Schlöſſer ſieht eine ſchlanke, gewandte Geſtalt, ein ſchmales, ſcharfgeſchnittenes Geſicht, umwallt von gelockten, tiefbraunen Haaren, erhellt von einem Paar Blitzaugen— eine Aehnlichkeit des Reiters mit einer andern Perſon frappirt ihn derart, daß er, anſtatt auszuweichen, mitten im Wege ſtehen bleibt. Jener wirft mit knapper Noth ſein Pferd auf die Seite, ſonſt wäre der argloſe Mühlenbewerber nieder⸗ geritten worden. „Habt Ihr keine Augen im Kopfe und keine Ohren?“ ſchrie der Reiter, und aus ſeinem trotzigen Auge ſchoß ein Zornesblick.„Man kann Einen zuſammenreiten, ohne daß das Herz daran denkt!“ Er gab dem Thiere die Sporen, daß es ſich auf⸗ bäumte, im Niederſteigen aber ſtreifte es mit einem Vorderhufe das Bein Schlöſſers. Ehe dieſer ſich von ſeiner Ueberraſchung erholt hatte, jagte Jener wie ein Pfeil von dannen. Schlöſſer ſah ihm nach. An wen erinnert mich dieſes Geſicht? frug er ſich wiederum. Ein unentwirr⸗ bares, ahnungsvoll beklommenes Gefühl warf einen plötzlichen Schatten in ſein Gemüth. Als er endlich weiter gehen wollte, empfand er erſt den Schmerz an ſeinem verletzten Beine. Alle Wetter, dachte er, nicht ge⸗ rade der beſte Empfang auf einem Gute, das man kaufen will! Ich muß elend vollends nach der Mühle hinken. Während er weiter ging, blätterte er im Buche ſeiner Erinnerungen nach, um zu ergründen, wem der Reiter ſo täuſchend gleiche. Vor ſeinem Geiſte entrollte ſich ein flüchtiges Gemälde ſeines vergangenen Lebens; aber vergebens ſuchte er darin nach dem Originale, an das er durch den Jüngling ſo guälend erinnert wurde. Das Zuſammentreffen war an ſich zu kurz geweſen, um des Fremden Geſicht genau beobachten zu können. Gleich⸗ wohl ſtand es, nur mit einem Blicke im Vorübereilen erfaßt, ſo deutlich und faſt greifbar vor ſeiner Seele, daß ſich dies nur durch das Zuſammenſchmelzen mit einer anderen Perſon erklären ließ, die Schlöſſer einſt genau gekannt haben mußte, die ſich aber jetzt ſeinem ſich abmarternden Gedächtniſſe wie durch einen Vorhang beharrlich entzog. 172 „Ich habe mein Lebelang nicht an Geiſtererſchei⸗ nungen geglaubt“, begann er wieder,„aber was ich aus dieſer Begegnung machen ſoll, weiß ich nicht.— Pah! Alles auf der Welt geht mit natürlichen Dingen zu⸗ In der Mühle werde ich ſchon erfahren, wer der Burſche war.— Er nahm ſich zuſammen und erreichte endlich, wenn auch nicht ohne Schmerz und Anſtrengung, däs Gehöft. Sein Herz hämmerte luſtiger, als er das Hämmern, Raſſeln und Pochen der Mahlwerke in nächſter Nähe vernahm. Im Hofe ſtand ein Mann von ziemlicher Corpulenz, in welchem der Blick Schlöſſers ſofort den Beſitzer des Anweſens, den Müller Reichert, er⸗ kannte. Er grüßte ihn und nannte ſeinen Namen nebſt dem Zwecke ſeines Herkommens.„Haben Sie ſich den Fuß verletzt?“ frug der Müller. Schlöſſer gab zurück:„Ich ging ruhig auf der Landſtraße, da huſcht an dem Seiten⸗ wege, der in den Wald führt, ein Reiter hervor, gerade auf mich los, ſo daß ich froh ſein konnte, mit dieſem kleinen Andenken davonzukommen. Sagen Sie mir, kennen Sie vielleicht den Jüngling? Lebhafte Zuge, dunkle Haare.“ 3 „Wer könnte das anders ſein, als Waldemar!“ entgegnete der Müller,„wie oft habe ich ihm ſchon ver⸗ e boten, ein Pferd zu beſteigen. Er jagt damit umher, wie beſeſſen und ängſtigt alle Leute.“ „Iſt es Ihr Sohn?“ frug Schlöſſer. „Nein, nein“, erwiederte raſch der Müller,„ich habe ihn als Kind aus Mitleid in mein Haus aufge⸗ nommen. Meine Schuld iſt es nicht, daß er ſo geworden iſt, wie er iſt. Das liegt ſo im Blute, und eher kann man, glaube ich, den Mühlenbach zurücktreiben in's Ge⸗ birge, als ſolch ein Teufelsblut in den richtigen Lauf bringen! Der Junge iſt mit ein Grund, daß ich die Mühle verkaufe. Nicht weil ich etwa nicht mit ihm fertig werde, nein, darin kennt mich Jeder— es hat noch einen andern Haken! Doch genug, gehen wir hinein!“ Und als ob er fürchte, ſchon zu viel geſagt zu haben, zog er den nachdenklichen und über die Geſchichte Walde⸗ mars brütenden Schlöſſer mit ſich in's Haus. III. Ein Glas guten Weines, das der Müller ſeinem . Gaſte vorſetzte, goß neue Lebensluſt in deſſen Adern. Es entſpann ſich über das Geſchäft, das den Kauf⸗ herrn herführte, ein lebhaftes Geſpräch. Practiſch, wie ſie Beide waren, trafen ſie bald den Angelpunct ihrer Unterhandlungen. 174 Schlöſſer bewunderte im Stillen die kluge und ge⸗ wandte Art, mit der Reichert das Geſchäft behandelte. Seit langen Jahren war er nicht mehr in ſolch directen Verkehr mit Leuten vom Lande gekommen. Er ſchrieb ihnen alſo traditionell eine gewiſſe Schwerfälligkeit zu und war nicht wenig überraſcht, wahrzunehmen, daß der gute Müller völlig auf der Höhe der Zeit ſtehe und auch das Leben und Treiben der Stadt genau kenne. In der Folge bot ſich dem Kaufherrn noch mehr Ge⸗ legenheit, in dieſer Hinſicht ſeine Kenntniſſe zu bereichern. Wahrhaftig, hätte er mit Hamlet ausrufen können, das Zeitalter wird ſo ſpitzfindig daß der Bauer dem Hofmanne auf die Ferſe tritt.— Schlöſſer präſentirte den Depoſitſchein, welchen er mitgebracht hatte, und er glaubte von dieſer Secunde an eine noch größere Wärme, eine innigere Theil⸗ nahme an ſeinem Anliegen bei dem Müller zu bemerken. Reichert nämlich beſaß ein gewiſſes Mißtrauen, das ihn voft gegen Schwindeleien ſchützte, in die er Leichtgläubige fallen ſah. Im Grunde gutmüthig, eine Kernnatur, kannte er die Zeit in der er lebte, aus eigener Erfahrung ſowohl, als auch aus Gerichtsverhandlungen und Zei⸗ tungen zu genau, um Alles, was glänzt, für Gold zu halten. Beſonders gegen die Städter ſah er ſich gleich⸗ ſam in eine natürliche Fehde verſetzt, da er bisher 175 meiſtens aus ihrer Mitte nur mit hartherzigen Speku⸗ lanten in Berührung gekommen war, mit Leuten die den Landmann als das Laſtvieh der Erde betrachten, aus den man nach Möglichkeit Kapital machen muß. Dies hatte den Ernſt, die Vorſicht, mit der er die Ge⸗ ſchäfte betrieb, ebenſo auch ſeine Energie verſchärft. Wie wohlthuend mußte es nun auf ihn wirken, aus Allem herauszufühlen, daß er es in Schlöſſer mit einem Manne zu thun habe, der ihn nicht in kleinlichen Kniffen und Winkelzügen zu übervortheilen ſuche, noch ſeine nach reiflicher Ueberlegung getroffenen Einrichtungen in der Hoffnung verkleinere, dadurch den Kaufpreis herabdrücken zu können. Schlöſſer unterhandelte vornehm, es kam ihm für ſeinen Max auf die Größe der Summe ſo genau nicht an, da er Alles in vortrefflichem Zu⸗ ſtande fand. Jeder erblickte ſo im Anderen in einem gewiſſen Sinne die Ausnahme von der Regel, das Ideal deſſen, den er ſuchte: ſie fühlten Leit daß ſie ihren Mann gefunden hatten. Indeſſen, mit einer Frage, auf die Schlöſſer das größte Gewicht legte, hatte er ſeither zurückgehalten und ſie auf eine Zeit verſpart, wo man ſich gegenſeitig ſchon näher gekommen wäre. Da warf e ſie, i gleichgiltig, alſo hin: „Sagen Sie, lieber Freund, was iſt eigentlich Grund, daß Sie verkaufen? Nach aller Ermittelung über den Stand des Geſchäftes, über den Betrieb und Umſatz, über den Ertrag der Ländereien, kurz nach Allem, was ich ſo oberflächlich ſehe, ſollte man denken, ein ſolch vortheilhaftes Anweſen gäbe man ſo leicht nicht weg?“ Der Müller lächelte, zuckte die Achſeln, ſah dann ſeinen Gaſt mit einem raſchen Blicke an und erwiederte: „Die Sache hat freilich ihre beſondere Bewandtniß!“ „Darf man wiſſen, welche?“ Reichert räuſperte ſich:„Sehen Sie, ſeit etwa fünf Jahren bin ich Wittwer. Meine Selige hat mir vier Kinder geſchenkt, doch nur eine Tochter iſt mir von allen geblieben. Ich habe ſie in der Stadt ſo erziehen laſſen, wie es ſich heutzutage für das einzige Kind wohlhabender Eltern geziemt. Auf ſie habe ich all meine Hoffnungen für die Zukunft geſetzt—“ „Wie ich auf meinen Max!“ fuhr der Kaufherr heraus, brach indeſſen alsbald ab und ließ den Müller, der den Einwurf überhört zu haben ſchien, fortfahren: „Sie iſt mein Alles! Ich habe mein Lebenlang vorwärts geſtrebt und auch etwas Redliches zuſammen⸗ gebracht. Zwar bin ich noch nicht ſo alt, mich zur Ruhe ſetzen zu müſſen, aber meine Elſe hat das Alter erreicht, wo man an's Heirathen denken darf. Hier auf 1 1 3 3 1 15 der Thalmühle würde mir das Kind verſauern, oder, was noch ſchlimmer wäre, durch den täglichen Umgang mit dem Waldemar am Ende verſucht, Gefallen an dem Burſchen zu finden. Seit ſie aus der Penſion zurück⸗ gekehrt, iſt bei ihm der Teufel los. Nimmt er ſich auch vor mir in Acht, ſo ſehe ich doch mit meinen ge⸗ ſunden Augen, daß er ihr nachſtellt. Alle Wetter, wenn ich denke, daß er ſich einfallen ließe, ich nähme ihn zum Schwiegerſohne— nein, nein, ſolchem Wahnwitze darf man keine Nahrung geben! Darum will ich eine Radical⸗ kur machen, mein Geſchäft aufgeben, nach der Stadt ziehen und eine paſſende Partie für mein Kind ſuchen, einen gebildeten Mann aus angeſehener Familie, der eine Stellung in der Welt einnimmt.“ Dem guten Schlöſſer ſchoß es bei dieſen Worten wie ein Blitz durch den Kopf. Er ſah eine Möglichkeit vor ſeiner Seele, die ihm mit unausſprechlichem Rei entgegenſchimmerte. „Wo iſt denn Ihre Tochter?“ frug er ſich umſehend. „Ich habe ſie auf den Edelhof geſchickt zu ihrer Tante, dort bleibt ſie vorerſt zum Beſuch. Ich ſuche das Kind dem Burſchen, ſo lange ic noch hier bin, aus den Augen zu bringen.“ Schlöſſer überlegte einen Augenblick, ob es waht⸗ ſcheinlich ſei, daß Elſe die Liebe des Burſchen, der Die Thalmühle. 12 178 ſeinem Ausſehen nach einem jungen Mädchen allerdings ſehr gefährlich werden zu können ſchien, erwiedere. Die Schlußworte Reicherts hatten ihm plötzlich dieſe Wahr⸗ ſcheinlichkeit als nahe liegend gezeigt und ein trüber Hauch überflog einen Augenblick den hellen Spiegel ſeiner Hoffnungen. Eine innere Stimme flüſterte ihm zu, daß ſelbſt Reichert ſchwerlich bis in's Innerſte der Beziehung zwiſchen den beiden jungen Leuten eingedrungen ſein könne. Bei dem ſichtlichen Drucke, den der Müller auf Waldemar ausübte, mußten ſie das Geheimniß ihrer Liebe in jedem Falle tief im Grunde ihres Herzens begraben. „Haben Sie kein Bild von dem Fräulein?“ frug Schlöſſer.— Nicht ohne väterliches Selbſtgefühl führte Reichert den Fragenden in eine modern eingerichtete Nebenſtube. Dort hing ein Mädchenbild, eine beinahe lebensgroße Photographie.„Iſt das Ihre Tochter?“ frug Schlöſſer erſtaunt und ſein Auge ſog ſich innig feſt an den feinen, wohlgebildeten Zügen. „Elſe, meine Tochter!“ replicirte der Müller und ſein Auge hing ebenfalls mit Wohlgefallen an dem lieblichen Mädchenkopfe. Schon die Exiſtenz eines ſo guten Bildes von einer der modernen Künſte, hier in der ländlichen Ein⸗ ſiedelei, erfüllte den Kaufherren aufs Neue mit ſympa⸗ Se ——— 179 thiſchem Behagen. Dieſes Bild verrieth wiederum eine Art höhern, von dem Geiſte der Zeit nicht unberührt gebliebenen Sinn. Die Freude darüber gab den Worten, die er an den Müller richtete, einen gewiſſen Schwung: „Ich kann Ihnen nach Allem, was ich ſehe und höre, meine Verwunderung nicht verſchweigen, daß man bei Euch einfachen Leuten, die Ihr weit entfernt vom Mittelpunkte der modernen Civiliſatien lebt, doch die Spuren von der glatten luxuriöſen Cultur unſeres Zeit⸗ alters findet, dieſes Zeitalters mit ſeiner unerhörten Vollkommenheit auf allen Gebieten der Technik, der Induſtrie und der vervielfältigenden Künſte. Ich ſehe, Sie ſind nicht eingeroſtet in uralt kümmerlichen Gewohn⸗ heiten oder verbrauchten Vorurtheilen, dergleichen auf dem Lande oft ſo beharrlich den nützlichen neuen Er⸗ findungen den Eingang verſperren.“ Der Müller lachte mit hoher Selbſtgefälligkeit; es that ihm wohl, daß ein Gleichgeſinnter ſeine Anſich⸗ ten und Grundſätze beſtätigte und dadurch deutlicher zu ſeinem Bewußtſein brachte. „Ich habe es Ihnen ja ſchon vorhin geſagt, daß es mein Beſtreben ſei, in Allem, was die Zeit Nützliches hervorbringt, mit ihr vorwärts zu gehen. Für Geſchäft und Landwirthſchaft habe ich mir in Maſchinen immer das Neueſte und Beſte angeſchafft, weil mich mein ge⸗ 125 180 ſunder Verſtand und das Beiſpiel der Anderen belehrt haben, daß man heutzutage nur durch die vollkommenſten mechaniſchen Hülfsmittel der ſchneidenden Concurrenz in den Weg treten kann, die ſich auf jedem Felde des Handels und Verkehres geltend macht.“ Aber die allerbeſten Maſchinen und Erfindungen der Welt wären dem guten Schlöſſer in dieſem Augen⸗ blicke nichtig erſchienen gegen die Entdeckung, die er in dem Bilde des ſchönen Müllertöchterleins gemacht hatte. Je länger er hinſah, deſto mehr freute er ſich. Sie iſt das Beſte vom ganzen Inventarium, jauchzte es in ihm,„ſie muß meinem Max gehören! Alles finde ich hier in ſchönſter Ordnung beiſammen, was er zu ſeinem Glücke braucht!— Fortan ſchwebte ihm bei allen Verhand⸗ lungen, die über das Anweſen geführt wurden, mehr die Erwerbung des blonden Kindes vor, als der Beſitz der Mühle ſammt Maſchinen, Ländereien und Vieh. Den Waldemar entfernen, es koſte was es wolle, das iſt die erſte Bedingung, daß Alles gelinge— dieſe Nothwendigkeit prägte ſich ihm bei näherer Verdeut⸗ lichung der Situation mit jener ehernen Schrift ein, welche der Zwang der Verhältniſſe auf dieſer Erde, durch die bloße Stellung der Perſonen gegeneinander, unerbittlich mit ſich bringt. So ſehen wir Menſchen von ihrer Begegnung an ſich als die ſchroffſten Widerſacher 18¹ entgegenſtehen, die vielleicht ſonſt ſich bemitleidet, ſich geliebt haben würden, während jetzt, durch den feind⸗ lichen Kreislauf ihrer Intereſſen, ſich ihre Bahnen ſchneidend durchkreuzen. Die Möglichkeit, daß dieſer Waldemar ſeinen Plänen mit Max im Wege ſtehe, drängte bei Schöſſer alle Sympathie entſchieden zurück, die des Jünglings ſeltſame Aehnlichkeit mit einer andern, wie er fühlte einſt geliebten Perſon in ſeinem Inneren hatte wachrufen wollen. Einſtweilen hielt er es für das Beſte, ſeinen Sohn ſobald als möglich auf die Thalmühle zu bringen und das Geſchäft endgiltig abzuſchließen. Dann, hoffte er, werde ſich leicht ein Grund finden, Waldemar von der Mühle zu entfernen. Als der Abend heranrückte, ſagte er zu dem Müller: „Wir wären alſo ſo weit einig. In einigen Tagen bin ich wieder da und bringe meinen Sohn mit. Der Junge mag ſich mit eigenen Augen Alles zuvor anſehen, man muß es ja doch einmal ſeinen Kindern ſo gut machen, als man kann. Laſſen Sie Ihre Elſe doch bis dorthin zurückkommen.. Er brach ab, mit Abſicht bedeutungsvoll. Mit derben Handſchlage ſchieden die Väter. Schlöſſer blickte nach der Mühle zurück und rieb ſich die Hände. Der Müller aber ſtand am hohen Fenſter in der Wohnſtube, ſelbſt⸗ 182 zufrieden hinausſchauend, und wir müßten lügen, wollten wir behaupten, daß nicht durch die Schlußworte des Kaufmannes eine Ahnung auch in ihm aufgedämmert ſei, daß mit dem Liebhaber für die Mühle gleichzeitig der Liebhaber kommen könne für ſein blondes Töchterlein. Glück muß man haben, ſagte er, ein klein wenig Glück— damit kommt man weiter in der Welt, als mit aller Weisheit! W. Ein leichter Wagen fuhr nach der Thalmühle. An den Seiten waren ſtatt der Fenſter nothdürftig Leder⸗ klappen vorgezogen, um die Inſaſſin vor dem Regen, auf den man nicht vorbereitet geweſen zu ſein ſchien, zu ſchützen. Das feuchte Element rauſchte verſchwen⸗ deriſch auf den Erdboden herab, weithin Luft und Land⸗ ſchaft in einem undurchdringlichen Schleier hüllend. Aber das Auge der Liebe ſieht ſcharf und durch⸗ blickt alle Schleier. Als man ſich der Mühle näherte, ſauſte Waldemar dem Fuhrwerk durch Wind und Wetter auf ſchnaubendem Roſſe entgegen:„Halloh, Kutſcher,“ rief er dieſem zu,„Eure Wagen vom Edelhofe ſind erbämlich, hätte ich hinüberfahren dürfen mit dem unſrigen, die Fahrt hätte ein anderes Anſehen!“ Er ——,—————— 183 ſchlug die triefende Lederklappe zurück.„Wie befindet ſich Fräulein Elſe?“ Das Mädchen neigte ſich heraus. Das Bild, an dem der alte Schlöſſer ſich ſo ergötzt hatte, vermochte nicht das durchſichtige Colorit, die ſanfte Anmuth des Orginales zu erreichen, das in die ſem Augenblicke dem Reiter aus tiefblauen Augen entgegenſchaute. „Herr von Waldemar“, lachte das Mädchen;„wie befinden ſich der Herr Graf?“ „Ich wollt' ich wär's, Du ſollteſt ſehen, wie ich Dich zur Gräfin machte!“ entgegnete der Burſche raſch. „Erlaube mir!“ fügte er hinzu und ſprang vom Pferde, das er herrenlos nebenbei laufen ließ, während er be⸗ hende in den Wagen ſtieg. „Weißt Du etwas Neues?“ fuhr Elſe fort.„Die Caroline auf dem Edelhofe iſt verlobt mit einem Herrn aus der Stadt.“ „Mit einem Herrn aus der Stadt? Was haben die Stadtherren auf dem Lande zu ſuchen! Giebt's bei ihnen nicht Mädchen genug? Hole ſie alle der Teufel!“ „Waldemar ich habe Dich ſchon ſo oft gebeten, Deine derben Ausdrücke zu laſſen, ſie geben Dir ſo etwas Rohes, ich weiß nicht—“ „Etwas Rohes? ich bin freilich nicht glatt und fein nach der neueſten Stadtmode, aber im Grunde doch ein anderer Kerl, als dieſe Laffen, die ſich nur auf ſchöne Worte verſtehen.— Für Dich, Elſe, könnte ich durch ein zehnfaches Feuer laufen.“ „Laß gut ſein, rede nicht von der Stadt, von der Du nichts verſtehſt.“— Das Mädchen wollte damit ausweichen. Der Burſche aber ſ zornig auf:. „Iſt's meine Schuld, daß ich habe mein Leben lang hier auf der Mühle den Packeſel ſpielen müſſen? Hat nicht Deine Mutter mich— Gott verzeih ihr's im Grabe— auf alle Weiſe unterdrückt und mein Gemüth verbittert? Und warum?— Weil man mich auf der Landſtraße aufgeleſen hat und weil ich ein Trotzkopf war und nicht ſo taubenſanft wie Du! Bin ich ſchlechter als ein Anderer, weil ich meine Eltern nicht kenne? Soll dieſer Fluch, der auf mir laſtet, mich lebenslang verfolgen?— Dein Vater war gut, ſo lange er einfach war, wie es für Leute ſeines Schlages paßt. Aber der verfluchte Mammon hat ihn geblendet. Seit er reich geworden und durch Speculationen immer mehr Geld zuſammengeſcharrt hat, ſeitdem iſt der Hoch⸗ muthsteufel in ihn gefahren. Er hat Dich zur Stadt⸗ dame gemacht und findet jetzt, ich ſei viel zu für ſeine vornehme Tochter!“ 185 Der junge Mann überſtürzte ſich faſt in ſeiner Rede, ſo haſtig und leidenſchaftlich warf er ſie heraus. Man ſah ihm an, daß das, was er ſagte, ihm ſchon lange auf der Seele brannte und daß er endlich ſich Luft machen mußte. Schweigend hörte ihm Elſe zu und erwiederte nach einer peinlichen Pauſe aufſeufzend: „Mein Gott, welcher Empfang nach langer Trennung!“ Waldemar fuhr zuſammen und in dem Blicke, den er auf das Mädchen richtete, lag eine ſo unausſprechliche Innigkeit, ein ſolch rührendes Bitten, daß Elſe ihm gerne ſein Ungeſtüm verzieh. Waldemar vollendete alſo: „Daß Du's denn weißt, was mich ſo wüthend macht, die Thalmühle iſt verkauft, ſo gut wie verkauft; morgen kommt der Käufer, auch ein Herr aus der Stadt, und da wird Alles abgemacht.“ „Die Thalmühle verkauft? rief Elſe in höchſter Ueberraſchung. „Dein Vater“, erläuterte Waldemar,„hat ſich's in den Kopf geſetzt, er habe es nicht mehr nöthig, zu arbeiten, er müſſe mit Dir nach der Stadt ziehen. Warum läßt er mich das Geſchäft nicht fortbetreiben? Kann ich nicht, wenn ich will, Alles ebenſo gut, ja tauſendmal beſſer, als ein Anderer?— Lach' mich aus, denn ich bin toll, daß ich ſo frage! Bei Deinem Vater gilt jetzt nur, wer ein großer Herr iſt und einen Sack voll Geld auf den Tiſch wirft. Mich will er los ſein, und damit das auf gute Manier geſchehen kann, verkauft er die ganze Wirthſchaft. Ich durchſchaue Alles— aber er mag ſich in Acht nehmen!“ Elſe hatte ein heiteres Herz vom Edelhofe n bracht, die veränderte Umgebung hatte ſie frei aufathmen laſſen. Jetzt, nach wenigen Worten, fah ſie ſich wieder in den Kreis dieſes Waldemar gebannt, der ein Gefühl in ihr wachrief, über das ſie noch nicht mit ſich ſelbſt hatte in's Klare kommen können. Er zog ſie nicht an, er ſtieß ſie nicht ab und doch am Allerwenigſten ließ er ſie gleichgiltig. Es war ein Gefühl ebenſo aus Furcht, wie aus Mitleid gemiſcht. Allen anderen Per⸗ ſonen gegenüber fand ſie ſich ruhig, fand in ſich die ſichere Grundlage ihres Daſeins; in ſeiner Nähe aber überkam ſie oft eine Ahnung, als könne ſie ſich auf die Pzeiler ihres Herzens nicht mehr verlaſſen, als ſei ſie ſchwach dieſer dämoniſchen Kraft gegenüber, die ſich zwar noch in Grenzen hielt, deren vollen Ausbruch ſie aber mit banger Seele fürchtete. „Was der Vater will, muß geſchehen“, antwortete ſie endlich.„Du weißt, daß jeder Widerſpruch nur ſeine Willenſtärke reizt und verſchärft. Alſo füge Dich ihm und lerne— entſagen!“ Das Wort fuhr ihr heraus und ſie fühlte, als ſie es geſprochen, daß es in einem gewiſſen Sinne ein Bekenntniß enthalte. Sie hätte es gern zurückgenommen, aber haſtig fing es Waldemar auf und rief mit bitterem Hohne:„Entſagen?— Mag auf das Leben entſagen, wer keine Kraft zu leben ſpürt, nicht ich!“ Das Mädchen wandte das Geſicht ſeitwärts und eine ſchwere Wolke verfinſterte ihre Stirn. Das blaue Auge glänzte hell— ein weißer Lichtkern in ſeiner Tiefe flimmerte wie das Licht eines großen Edelſteines. Ja, ein koſtbarer Edelſtein flimmerte aus dieſem ſeelen⸗ vollen Auge und den Jüngling beſchlich das folternde Gefühl, daß es ihm nicht erlaubt ſein ſolle nach ſo viel Koſtbarkeit ſeine Hand auszuſtrecken. W Vater und Tochter ſaßen zuſammen beim Morgen⸗ imbiß. Jener betrachtete das Mädchen prüfenden Blickes und wünſchte eine Veränderung in ihrem Anzuge. „Wozu?“ entgegnete Elſe.„Was giebt's denn Beſonderes? Etwa der Fremden wegen, die heute kommen?— Wenn ich ihnen ſo nicht gefalle, mögen ſie wegſehen.“ Es iſt eigenthümlich, daß Worte, wie ſie geſtern Waldemar an Elſe gerichtet, im ſtillen Grunde der 188 Seele Wurzel faſſen und unvermerkt weiter keimen, ob⸗ ſchon wir ſie anfangs zurückgewieſen und verworfen haben. Ohne daß wir es ſelbſt wiſſen, wirkt in un⸗ ſerer Bruſt der fremde Wille fort und macht uns ſtör⸗ rig gegen das, was wir ſonſt ohne Bedenken gethan haben würden. So vermochte jetzt Elſe nicht, die Er⸗ ſcheinung der erwarteten Fremden unbefangen zu be⸗ trachten. Es ſträubte ſich in ihrem Inneren etwas dagegen, ihnen zu Liebe ihrem Putze beſondere Sorg⸗ falt zu widmen; es lag ihr folglich nichts daran, ihnen zu gefallen. Unbewußt theilte ſie Waldemars Vorur⸗ theile.— Der Müller hatte nicht ſeinen guten Tag. Seine Stimmung war gewitterſchwül. Er gehörte zu den Naturen die, heftig und leicht entzündbar, trotz allem Wohlwollen ungemein hart ſein können, wenn man nicht ſchon von Weitem ihre Abſichten erräth und da⸗ rauf eingeht. Bei ſolcher Laune ſuchte er gewöhnlich in den Anderen den Grund und den Ableiter der eigenen Mißſtimmung. „Weißt ja gar nicht, was Du heute für ein Ge⸗ ſicht ſchneiden ſollſt!“ wandte er ſich im Unmuthe an ſeine Tochter.„Willſt Du den fremden Herren eine ſolche Fratze zeigen? Was iſt Dir, was haſt Du zu klagen?Alle Wetter, laß mich ein anderes Geſicht ſehen!“ 2 189 Elſe ſchwieg und ſchlug das Auge zu Boden. Es war ihr unausſprechlich wehe um's Herz, es würgte ihr in der Kehle, in ihrem Auge brannte es auf wie Himmels⸗ feuer und eine plötzliche Thräne fiel, wie eine abgeriſ⸗ ſene Perle, auf ihre Hand herab. Der Vater be⸗ merkte es nicht.— Endlich ging ſie, ſeinen Wunſch zu erfüllen und die Aenderung in ihrer Toilette vor⸗ zunehmen. Als ſie zurückkam aus ihrem Zimmer trat Waldemar in die Wohnſtube. Er zuckte zuſammen, da er ſie in ihrem Putze ſah und ging grollend und ſchweigend wieder hinaus. „Auch dieſes Geſicht noch dazu!“ rief Reichert. „Die Verſtocktheit ſieht ihm aus den Augen heraus. Keine Offenheit, in ſich verſchloſſen, ohne Freund, ein⸗ ſam wie ein Raubthier, treibt er ſich herum... das hat noch nie zu Gutem geführt.“ Elſe ſprang auf, ging auf ihren Vater zu und rief: „Du behandelſt den Waldemar doch auf empörende Weiſe!“ Nichts kann er Dir recht machen.“ Das Mädchen zitterte an allen Gliedern. Ihr Vater aber entgegnete raſch:„Alſo Du hilſſt dem Burſchen, Du nimmſt ihn in Schutz? Ich behandle ihn auf empörende Weiſe?— Aha, iſt es wirklich ſchon dahin gekommen? Ein Glück, daß Du mir gerade 190 jetzt die Augen darüber öffneſt, wie Ihr Beide zuſammen ſteht. Sachte, ſachte, ich bin noch nicht penſionirt! Noch bin ich Herr im Hauſe— auf der Stelle mag er ſein Bündel zuſammenpacken und heute noch das Weite ſuchen, keinen Tag länger dulde ich ihn in meinem Hauſe, ſo wahr ich lebe!“ Mit zornglühendem Geſichte verließ er das Gemach und ging ſchnurſtracks zu Waldemar, um ihm ſeinen Entſchluß mitzutheilen.— Elſe widerholte ſich die Worte ihres Vaters und ſeltſam trieben ihr dieſelben ein Bewußtſein aus der Knospe, das ſich bis jetzt nicht zu dem Lichte deut⸗ 6 licher Erkenntniß hatte durchkämpfen können. „Du liebſt Waldemar!“ Sie erſchrack. Welche Stimme hatte ihr plötzlich dieſe Worte zugeflüſtert? Welcher Dämon wagte es, 5 gerade in dem Augenblicke, wo ihres Vaters rauhe Strenge den Geliebten auf ewig fortſtieß, mit dem Blitze eines Liebesgeſtändniſſes ihr Inneres aufzuhellen? Sollte ſie gerade in dem Widerſpruche mit der Welt das Einver⸗ nehmen ihres Herzens, in der Diſſonanz nach außen die Harmonie ihres tiefſten Inneren finden— ja! an der Schwelle ewiger Hoffnungsloſigkeit fiel der Kranz des erſten Liebesfrühlings ihr zu Füßen. 3 194 V Bei Ankunft auf der Thalmühle konnte Max ſich nicht ſatt ſehen, als ſein Vater ihn herumführte und ihm Alles weitläufig explicirte. Noch ehe ſie das Wohnhaus erreichten, hatte der Jüngling in ſeinem Kopfe ein ſchimmerndes deutliches Bild von dem Gute mit all ſeinem Zubehör— freilich das ahnte er nicht, daß er das Beſte noch erſt kennen lernen ſollte. Wir wiſſen nicht, kannte und fürchtete der alte Schlöſſer aus Erfahrung die vielfältigen Grillen, welche ſich oft bei jungen Leuten aus guter Familie einſtellen, wenn ſie merken, daß die Eltern ein Verhältniß für ſie zuſammenzetteln wollen, Grillen, wodurch oftmals die jungen Leutchen, denen auf der ganzen Gotteswelt nichts zu ihrem Glücke fehlen würde, wegen nichts⸗ ſagender Dinge, nur aus dem der menſchlichen Natur innewohnenden Widerſpruchsgeiſte, das Gewebe der lieben Eltern zunichte machen. Aber jedenfalls fühlte Schlöſſer eine ähnliche Furcht und ſo ließ er ſeinen Sohn das Haus des Müllers ohne eine Ahnung vom Daſein des holden Töchterleins betreten. Er ſelbſt konnte es kaum erwarten, Elſen Aug in Auge gegenüberzuſtehen. Reichert war bei Ankunft der Gäſte wie umgewan⸗ 192 delt, ſeine Galle war beruhigt, die heitere Helle ſeines Gemüthes trat wieder in ihre Rechte. Der Schriftſteller vermißt oft ſchmerzlich die Dar⸗ ſtellungsmittel des Malers. Der Geiſt, den er dem ſtarren Worte einhaucht, auf daß es fortwirke und in den Anderen das nämliche Gefühl oder den Gedanken wieder hervorrufe, den er ſelbſt gehegt, hat in dem kalten Worte niemals die lichtvolle Deutlichkeit; die an⸗ ſchauliche, farbige Wahrheit, die uns der Maler über⸗ zeugend und feſt wie die hellſte Wirklichkeit im Bilde vor Augen ſtellt. So möchte ich dem Leſer die Thal⸗ mühle zeigen, da Vater und Sohn zu Eilſe eintraten in die trauliche Wohnſtube. Auf der Schwelle erſcheint der Jüngling, blühend und kräftig, begleitet von dem Vater, der ſich nach Elſe umſieht. Der Jüngling zau— dert unwillkürlich unter der Thür, da er ganz unver⸗ hofft das blonde Kind erblickt. Ein argloſer Sonnen⸗ ſtrahl glänzt über ihrem Scheitel und fällt glitzernd über die Dielen. Die Blumen an dem Fenſter, vor dem ſie ſitzt, nicken ihr einen ſtummen Gruß zu— an dem Fenſter, durch das ſie in wenigen Augenblicken den Geliebten ſcheiden ſehen ſoll von Haus und Hof, ſcheiden für immer! Doch wäre ich der genialſte Maler und zauberte ein Gemälde hin, das die Seele des Beſchauers hoch über ſich ſelbſt hinaushöbe, ich vermöchte nicht Elſens Bild in der Vollkommenheit, in der pulſirenden Lebens⸗ wärme darzuſtellen, wie es von dieſem erſten Augen⸗ blicke an in Maxens Gedanken hoch und ideal feſtſtand. Auf Elſen aber machte die Erſcheinung des jungen Schlöſſer einen ſeltſamen Eindruck, deſſen Schlüſſel wir in einer überraſchenden Zufälligkeit finden. Sie ent⸗ deckte nämlich in Maxens Geſicht die Spuren einer Aehnlichkeit mit Waldemar und zwar hielten ſich dieſe Spuren ſo räthſelhaft zurück, daß Elſe ſich ſtets neu verſucht fühlte, Maxens Geſicht zu betrachten, um auf jene Aehnlichkeit zu lauſchen. Dieſem Umſtande hatte es der neue Ankömmling zu verdanken, daß ſein Bild öfter, als es ſonſt geſchehen wäre, vor des Mädchens vergleichende Gedanken gerufen wurde. Der alte Schlöſſer leitete das Geſpräch auf das Geſchäftliche. Man kam überein, daß Max in der Mühle zurückbleiben und unter der Anleitung Reicherts den Geſchäftsgang kennen lernen ſollte. Alle Drei machten einen gemeinſchaftlichen Gang durch das An⸗ weſen. Als ſie über den Hof zur Beſichtigung der Mahl⸗ werke ſchritten, trat aus der Thür Waldemar her vor. Die Fremden erblickend wollte er wieder zurück, beſann ſich indeſſen raſch und ging an ihnen vorüber, ohne Palm, Die Thalmühle. 13 194 zu grüßen. Er verſchmähte die Kunſt der Verſtellung, die Lüge der Geſellſchaft, welche lächelnd Grüße hin⸗ winkt mit Gift und Galle im Herzen. Er,fühlte, daß dieſe beiden Fremden ihn aus ſeiner Heimat verſtießen, er ahnte mit dem ſcharfen Blicke ſeiner Liebe, daß ſie gekommen ſeien, ihm ſein Alles zu rauben— und ihnen hätte er eine freundliche Miene machen können? „Er packt ſein Bündel und zieht fort“, flüſterte der Müller dem Kaufherrn zu;„es iſt gut ſo, er mag ſich die Hörner ablaufen. Heutzutage verlangt man ja von einem jungen Manne, daß er ſich in der Welt umſieht.“ „Geht er gutwillig?“ frug Schlöſſer. „Gutwillig? Je nun, er meinte freilich, ich ſolle das Anweſen behalten und ihn zum Verwalter beſtellen — aber ich weiß, wo es hinaus will. Es ſoll denn doch nach meinem Kopfe gehen.“ Dieſer junge Mann ſieht uns eben nicht mit den freundlichſten Blicken an“, bemerkte Max. Niemandem war es klarer, als dem alten Schlöſſer, daß Waldemar durch die Conſtellation der Verhältniſſe der ganzen, ſich auf der Thalmühle entwickelnden Hand⸗ lung feindlich entgegenſtehe und daß er der natürliche Widerſacher derer ſein müſſe, die kamen, ihn aus ſeinem Vorrechte zu verdrängen. Als er darüber eine Aeußerung gegen den Müller fallen ließ, entgegnete dieſer: „Es iſt ein Jammer, wenn die Menſchen nicht merken, wie ſie ſich oft ſelber im Lichte ſtehen bei ihren dringenſten Wünſchen. Könnten ſie ſich ſo ſehen, wie ſie ſich in den Augen der Anderen ausnehmen, ſie würden ſich entweder von Grund aus ändern, oder— wenn dies unmöglich— ihr Verlangen aus dem Herzen reißen.“ In Schlöſſers Bruſt regte ſich eine Stimme des Mitleids, als er den Alten ſo ſprechen hörte. Warum denn kämpfte es in ſeiner Bruſt wie ein Mitgefühl mit Waldemar, das er zuletzt mit Gewalt niedertreten und deſto härter gegen ihn geſtimmt ſein mußte, weil er ſah, daß ſein Vortheil dies verlangte? War es, weil Eliſe geäußert hatte, ſie finde im Geſichte ſeines Sohnes verwandte Züge mit Waldemar? VI Marx ſah Alles um ſich her in jenen überaus herz⸗ erfreuenden Farben, die jeder Ort, den wir zum erſten Male beſuchen, ſo lange für ns hat, als wir ihn noch mit rein objectivem Intereſſe zu betrachten fähig ſind. Hält uns erſt das Leben mit ſeinen unvermeidlichen Sorgen, mit ſeinem raſtloſen Kampfe darin feſt, ſo ver⸗ wiſcht ſich der Duft dieſes reinen Colorits, und die Gegenſätze, welche das Leben immer bewegen, treten — 196 wieder in ihrer natürlichen Schärfe an uns heran. Während er voll freudigen Muthes ſich im Hauſe umſah, hatte Waldemar, dem ſeine ganze Zukunft zertrümmert ſchien, ſein Bündel gepackt. Er war im Begriffe zu gehen. Der Müller wollte ihm eine anſehnliche Summe als Reiſegeld in die Hand drücken, die Jener indeſſen zu ſeiner Ueberraſchung zurückwies. Reichert legte ſie auf den Tiſch und ſagte: „Wenn Dir was fehlt, ſo weißt Du, wo man gern was für Dich thut. Du wirſt bei mir nie zu tauben Ohren reden—“ Der Jüngling ſah ihn an mit einem aufflammenden Blicke und rief:„Nie zu tauben Ohren reden?“ „Nie“, wiederholte ruhig der Alte,„ſo lange Du auf guten Wegen bleibſt.“ „Und wenn ich nun auf ſchlechte geriethe, habt nicht Ihr die Schuld, Ihr, die Ihr mich hinaustreibt von dieſer Schwelle? Fällt nicht auf Euer Haupt die Verantwortung, wenn ich zu Grunde gehe?“ Reichert ſah ihn mit tiefſtem Ernſte an und ſprach mit dem Tone innerſter Ueberzeugung: „Sein Lvos hat Jeder in der eigenen Hand. Nur der Feigling oder der Schwache ſchiebt den Anderen die Schuld ſeiner Thaten zu! Waldemar, Du kannſt es zu Etwas bringen in der Welt, Gott hat Dir einen W W 197 hellen Kopf und große Körperkraft gegeben. Ein fer⸗ tiges Neſt iſt für Dich ein Unglück, darum gehe hin und lerne den Beſitz ſchätzen, indem Du entbehrſt. Ich bin nie ein Freund geweſen von Sittenpredigten. Ich weiß zu gut, daß nur das Leben ſelbſt bildet, daß man nur der eigenen Erfahrung glaubt, darum lebe wohl und vertraue auf mich, wenn's Dir ſchlecht geht. Damit Gott befohlen!“ Waldemar ſchwieg. Das Unrecht, das ihm ge⸗ ſchah, ſchien ihm zu ſchreiend und offenbar, als daß es ſich durch ſolch elende Worte bemänteln ließ. Ein Ge⸗ fühl, aus Stolz und Trotz gemiſcht, verſchloß ihm den Mund, während ſein Blut in ſeiner Bruſt kochte. Er ging.— Der Menſch verſchmerzt erſt dann ein Unglück, wenn er einen höhern Geſichtspunkt zum Leben gewinnt, wenn er ſein Verhältniß zu der ganzen Menſchheit überblickt: Die Leiden des Individuums heben ſich dann auf im Looſe der Geſammtheit. Aber gerade eine Natur wie Waldemar war am wenigſten dazu ange⸗ than, in allgemeinen Betrachtungen Troſt zu finden. Sein Unglück ſchien ihm das größte auf der Welt. Er ging, unklar mit ſich, was er thun ſollte, aber ſchon klang es durch ſeine Seele, fern noch wie verlorenes Glockengeläut jenſeits des Gebirges, daß er Rache 198 nehmen müſſe für das Unrecht, das ihm widerfah⸗ n ſei Als er fort war, verſammelten ſich die beiden Väter, Elſe und Max im häuslichen Kreiſe. Das Mädchen ſelbſt war ungewöhnlich ſtill und ſagte auf wiederholte Fragen Schlöſſers, ſie fühle ſich unwohl. Ihr Vater mit ſeiner leicht kochenden Galle gab ihr inige Male unbemerkt energiſche Winke, ſie ſolle die Gäſte beſſer unterhalten und ſich in Acht nehmen. „Wofür habe ich das ſchwere Geld bezahlt für Deine Ausbildung? ſeufzte er:„gerade da, wo Du ſie einmal zeigen ſollteſt, biſt Du wie ein Stock und Alles iſt unnütz, was ich an Dich gewendet!“ Als die Abſchiedsſtunde für den alten Schlöſſer nahte, nahm er ſeinen Sohn bei der Hand, ſchüttelte Ue derb und ſprach:„Halte Dich wacker und mache Deinem Vater Freude!“ Dann führte er ihn zu Eliſen hin und fügte naiv hinzu:„Paſſen Sie auf ihn auf, Ihnen wird er ſchon folgen.“ Hierauf trennten ſich die beiden Väter voll freudiger Zuverſicht. VI. Oben in freundlicher Stube ſaß Max und ſah ſich zum erſten Male in ſeinem künftigen Beſitzthume allein. 199 * Zum erſten Male ſollte er ſich unter dem Dache ſchlafen legen, das ſeine neue Heimat bedeckte. Seltſame Ge⸗ danken bewegten ſeine Bruſt. Es war ſchon ſpät. Die Todtenſtille der neuen Wohnſtätte hatte in der Nacht etwas Schauerliches. In der gewaltigen Stadt, die er verlaſſen, lärmte der Verkehr auf den Straßen bis tief in die Nacht hinein. Hier, in der induſtriellen Ein⸗ ſiedelei, vereinigte ſich nicht das tolle Treiben und Drängen der Menſchen, Pferde und Wagen zu einem anhaltenden, verſchwommenen Geräuſche. Nur das Rauſchen des Waſſers, das über das Wehr brauſte, . ſcholl durch die Nacht her.— War er denn ſo ganz verlaſſen von den Lebenden?— Nein! Ein ſüßes Mädchengeſicht ſchaute in dieſe Einſamkeit herein, ruhig und ungeſtört, aus morgenklaren Augen. Nur wenige Wände trennten ihn von ihr, die er ſchon liebte. Er trat an's Fenſter und öffnete es. Wer war die ſchwarze Geſtalt, die da plötzlich im Hofe unter den Schatten des großen Baumes huſchte? Hatte ſich Mar 1 getäuſcht? Oft zweifeln wir an der Ueberlieferung des Auges, wenn ſo blitzſchnell die Erſcheinung ſchwindet. Max bemerkte bei längerem Hinſehen nichts Auffallendes und ſein Blick ward abgezogen durch die wundervoll hingeſenkte Himmelslandſchaft, welche endlos, gewaltig, in keuſcher Pracht dalag, von den ewigen Feuern er⸗ —— 200 hellt. Dieſer Anblick in lauer, lautloſer Lenznacht wandte den Sinn von allem Irdiſchen ab. Aber als er das Auge wieder niederſchlug, drängte ſich auf's Neue in ſeinem Kopfe die Frage vor, welch nächtlicher Geſell im Hofe drunten weilen möge. Waldemar?— Ein Stachel eiferſüchtiger Qual drängte ſich in ſein Herz. Er beugte ſich zum Fenſter hinaus und ſah nach dem Zimmer, wo Elſe ſchlief; keine Scheibe war mehr erleuchtet. Eine abenteuerliche Angſt daß das Mädchen mit jenem Schatten in Verbindnng ſtehen könne, ergriff ſein Gemüth. Die Phantaſie des jungen Städters kam in Bewegung, bis ſein Blick ſich aber⸗ mals zu der Sternenhöhe wendete und er, feſtgehalten von den Geiſtern des Lichtes, von Neuem das Irdiſche vergaß. Auf dem Tiſche im Zimmer brannte eine Kerze; ihr gelblicher Strahl verſchwamm mit dem Silberſcheine der Nacht und ſchuf unter dem Fenſter alle Reize des Doppellichtes. Plötzlich fuhr Mar auf und löſchte die Kerze aus. Er glaubte abermals die Geſtalt wahrzunehmen. Er ſpannte ſeine Sehnerven an zum Zerſpringen und da war ihm gar, als ob im Schatten des Baumes Elſens helles Sommergewand ſchimmere.„Hinuntergehen, mich überzeugen?“— Ein überlautes Gefühl riß ihn fort. Er zündete die Kerze wieder an und mit leiſem Schritte, als ſcheue er ſich, ſchlafende Zeugen zu wecken, betrat er die Treppe des Mühlhauſes, deren Stufen knarrend und aufſeufzend den ſpäten Wandler empfingen. An der weißen Wand tauchte jäh ſein eigener Schatten wie ein Geſpenſt auf. Er kam ſich vor wie ein Verbrecher, der auf unheilvollem Wege ſchleicht; die wechſelnden Schatten im Treppenhauſe ſchoſſen ſo fremdartig, ſo räthſelhaft an dem alten Quergebälke her und hin — ein uraltes Märchen von der Räubermühle kam ihm in den Sinn. So erreicht er den Corridor, auf dem Elſens Zimmer ſich befand. Eine plötzliche aufgehende Thür bannte ihn auf der letzten Stufe feſt— raſch blies er das Licht aus und lauſchte. Kein Lichtſtrahl zitterte über den Flur, kein Laut ließ ſich hören. Nur in der Tiefe des Corridors er⸗ blickte Max ein Fenſter, durch das ein Stück des licht⸗ ausgelegten Himmels in ſtiller Pracht hereinſah. Es ſchien ihm, als ſei es die Thür zu Elſens Zimmer, die vorhin geöffnet worden war. Eine ſchwache ſchräge Lichtſpur, die er bei ſchärferem Hinſehen dort wahrnahm, beſtätigte dieſe Vermuthung; er fühlte ſich dadurch be⸗ ruhigt, Elſe war alſo nicht im Hofe. Nein! in der zeugenloſen Nacht ſtand er keine zwanzig Schritte von dem offenſtehenden Schlafgemache des blonden Engels entfernt, er hörte ſein Herz pochen. Während ihn dieſes 202 Bewußtſein wie ein Rauſch erfaßte, hörte er die Thür ſich wieder ſchließen und den Nachtriegel vorſchieben Er wartete und wartete, Alles blieb ſtill. Ziemlich erleichterten Herzens ging er die Treppe wieder hinauf und beſchloß, noch eine Weile unter dem Fenſter die laue Luft der Lenznacht zu genießen. Er mochte dort noch lange geſeſſen haben; ſeine Gedanken ſuchten die Fäden all der Vorgänge in der öden Mühle zuſammenzuſpinnen; immer neue Wonne ſchlürfte er aus dem Becher der Sternennacht, bis er dann unter dem Fenſter einſchlief. Da legte ſich leiſe an die Wand des Hauſes, welche Elſens Schlummer beſchirmte, eine Leiter. Dieſelbe räthſelhafte Geſtalt, welche Max vorhin erblickt hat, erklimmt die Sproſſen. Geräuſchlos ſteigt ſie herauf und erreicht das Fenſter von Elſens Zimmer. Ein dumpfer Druck— die Ge⸗ ſtalt kriecht hinein und iſt verſchwunden. Ein Traumbild bewegte die Seele des Schläfers am Fenſter:„Was Dir in der erſten Nacht unter fremdem Dache träumt, wird wahr, merke darauf!“ Das hatte er kurz vor dem Einſchlafen, getreu einer alten Tradition, zu ſich geſagt. Jetzt ſah er ſich im Hofe unter dem Baume und auf einem der Zweige ſchaukelt ſich Elſe in langem wallenden Gewande. Sie ſchaukelt und ſchaukelt, er 203 ſtreckt die Arme nach ihr aus, ſie blickt ihn an, als wollte ſie ſich ihm entgegenſtürzen— da bricht der Zweig mit lautem Krache und das Mädchen fällt auf⸗ ſchreiend, mit dumpfem Falle, zur Erde. Statt ihrer ſpringt Waldemar mit entſtelltem Geſichte vom Boden auf und ſchaufelt haſtig mit dem Spaten in der Erde. „Was machſt Du da?“ fragt ihn Max. Ein Lachen zuckt über das blaſſe Geſicht und grinſend ſpricht der Burſche: „Kennſt Du nicht Dein eigenes Grab?“— Entſetzt fuhr Max auf und ſchauderte vor Froſt und Unbehagen bei dem kalten Hauche der Mitternacht, der ihm durch das geöffnete Fenſter entgegenwehte. Aber im nämlichen Momente ertönt unten ein geller, abgeriſſener Schrei. Traum und Wirklichkeit verweben ſich vor ſeiner Vorſtellungskraft zum furchtbaren Chaos. Er hört einen dumpfen Fall, wie er ſpeben im Traume vernommen, alle Dämonen der Hölle ſcheinen entfeſſelt, ihm dieſe Nacht entſetzlich zu machen, die Schattenge⸗ ſtalt, der Traum, ja alles Schauerliche, was er je in ſeiner Kindheit geleſen, wird lebendig vor ſeiner Seele — aber er rafft ſich auf zur That. Aus ſeiner Reiſe⸗ taſche reißt er einen Revolver, ſchaut aus dem Fenſter und ſieht gerade eine Mannsgeſtalt auf der Höhe der Leiter erſcheinen und eilig hinabſteigen. Ein Blitz und * — 204 ein Knall aus des jungen Schlöſſers Feuerrohre, ein anſchlagender Hund, ein zweiter, ein dritter Schuß— im Hauſe ein wirrer Lärm, des Müllers Stimme zankend und gebietend, ein Auf⸗ und Zuſchlagen von Thüren, das Heulen eines Hundes, der im Todeskampfe röchelt. Max ging hinunter. Er erfuhr von dem in allen möglichen Koſtümen zuſammengelaufenen Geſinde, daß Elſe ohnmächtig in ihrem Zimmer liege, in das man eingebrochen ſei; ein Knecht ſei erſchoſſen, eine Behauptung von der erſten Beſtürzung erzeugt, die glücklicherweiſe alsbald widerlegt wurde. Reichert war in namenloſer Aufregung und Beſorgniß um ſein ge⸗ liebtes Kind. Man fand die umgeſtürzte Leiter, auf der man zu Elſen eingedrungen war; ein Hund, der von dem Knalle der Schüſſe aufgeſcheucht worden, war von dem Entflohenen durch eine tiefe Stichwunde in den Hals abgewehrt worden und lag im Verenden. Den Anſtifter all dieſes Unheiles ſuchte man vergebens. „Es fehlt ihm jetzt nur am richtigen Felde für ſeine Thätigkeit, und darauf kommt Alles an.“ Das waren die Worte von Maxens Vater, als es ſich darum handelte, dem Sohne die Mühle zu erwer⸗ ben. In der That, die Goldader dieſer Wahrheit liegt tiefer im Schachte unſerer ſocialen Lebensverhältniſſe, als man gewöhnlich denkt. Hätte man Waldemar in den Kreis, in welchen er ſeinen natürlichen Fähigkeiten nach gehörte, geſtellt, ſo würde er es weit gebracht haben; aber ſich ſelbſt überlaſſen, blind und ungeprüft in ſeinen Anlagen und Kräften, verſtrickte er ſich ſofort auf fal⸗ ſchen Wegen und die erſte Erfahrung, die er machte, war: daß das Leben ſchwieriger ſei, als er jemals ge⸗ ahnt hatte. Geniale Menſchen tragen gewiſſermaßen ein fertiges Bild der Welt in dieſe hinein; eine Vor⸗ ahnung, ein Hellſeherblick zeigt ihnen im Spiegel der eigenen Phantaſie ein ideales Abbild der Wirklichkeit. Naturmenſchen aber, wie Waldemar, die nur in dieſer Wirklichkeit ſelbſt leben und auf die engſte Gegenwart beſchränkt ſind, fordern auch Alles von dieſer. Wir begleiten ihn auf ſeinem Wege, als er von der Thalmühle fortging. Nachdem er ſich lange im Walde herumgetrieben hatte, als ihn Durſt und Hunger zu plagen begannen und er noch nicht wußte, wo er in der Nacht ſein Haupt niederlegen ſollte, da bereuete er auf's Bitterſte, das Geld des Müllers in ſeinem Stolze ausgeſchlagen zu haben. Dieſe Noth hatte für ihn etwas Niederbeugendes. Um das Maaß ſeines WMißgeſchickes voll zu machen, vermißte er das wenige 206 Geld, welches er noch beſeſſen und das er glaubte zu ſich geſteckt zu haben. An einem Kreuzwege am Waldesſaume ſaß ein Bettler.„Ein armer blinder Mann!“ ſtammelte der Unglückliche und ſtreckte dem Jünglinge ſeine Hand hin. „Blind biſt Du, Alter?“ rief dieſer.„Ich will Dir meine Augen geben, denn ich bin unglücklich, weil ich nur allzu gut ſehe.“— Ein Uebel, das die Natur in ihrer blinden Grauſamkeit über uns verhängt, iſt leichter zu ertragen, als ein ſolches, das uns von den Menſchen mit aller Abſicht und mit deutlicher Ueber⸗ legung zugefügt wird. Waldemar empfand ſeine eigene Armuth im Gegenſatze zu der des Bettlers und er fand die ſeine unendlich drückender. Damit, daß Jenem das Farbenbild der Wirklichkeit unter einem nie zu lüftenden 1 Schleier verhüllt blieb, blieben auch tauſend Wünſche, die im Sehenden erwachen, bei ihm im Keime erſtickt. Er ſah keine Elſe, und ihr Nichtbeſitz machte ihn nicht unglücklich. Aber ausgerüſtet mit Allem zu ſein, wo⸗ mit die Natur den Menſchen ausſtattet, jung, geſund, ſchön, lebensſtark den Genuß des Lebens da, wo er um uns einmal feſtgewurzelt erſcheint, auf immerdar ent⸗ behren zu müſſen, das iſt ein weiterer Geſichtskreis des Elendes, und dieſe Empfindungen verarbeitete Waldemar in ſeiner Bruſt, wenn er auch nicht vermochte, ſich die⸗ 207 ſelben ſo, wie er ſie fühlte, vor ſeinem Bewußtſein klar zu machen. „Geld habe ich nicht“, ſagte er im Vorbeigehen zu dem Blinden, indem er ihm ſein Halstuch hinwarf, „nimm das armſelige Ding da.“ „Vergelt's der Himmel tauſendmal! rief der Alte und befühlte die Gabe mit ſeinen Fingern. „Der Himmel?“ murmelte der Burſche.„Was gibt denn Dir dieſer Himmel, daß Du ihn anrufſt? Iſt er nicht Dein Feind, blinder Bettler? Sei reich und mächtig, dann brauchſt Du keinen Himmel!“ Indem Waldemar ein paar Schritte entfernt von dem Bettler ſtehen blieb, ſprach er dies ſo hin, als ob ihn der Alte, der ihn nicht ſah, auch nicht höre. Dieſer aber vernahm ſeine Worte nur zu gut und erwiederte: „O, lieber Herr, wer Sie auch ſeien, vertrauen Sie auf Gott! Er verläßt Niemanden, wie er auch mich nicht verlaſſen hat. Als er mir das Augenlicht nahm, wollte ich mir ein Leids anthun. Jetzt danke ich ihm täglich, daß er mich vor der Verſuchung bewahrt hat. Denn Gott iſt gut und wenn er nimmt, ſo gibt er auch wieder.“ „Rede nur zu, tröſte Dich, ſo gut Du kannſt, über Dein verpfuſchtes Leben!“ murrte Waldemar, indem et den Alten allein ließ.„Thor, der Du biſt, auf einen Himmel zu vertrauen, der Dich mit Blindheit 1 ſchlug und Dich zum Krüppel machte!“ Der Alte hatte mit ſeinen Worten das Gegentheil deſſen, was er beabſichtigte, erreicht, und anſtatt Walde⸗ mar ſanft und entſagungsmild zu ſtimmen, oder ihn anzuſpornen, das richtige Feld für ſeine Thätigkeit zu ſuchen, befeſtigte dieſer Zeuge eines verfehlten Lebens ihn nur in ſeinem Grolle gegen diejenigen, die ihn aus ſeiner Heimath, aus ſeinem Himmel verbannt hatten. Er hatte bisher für ſeinen Unterhalt nicht zu ſorgen gebraucht; an Geld lag ihm nichts, da es auf der Thalmühle wenig Veranlaſſung gab, daſſelbe auszu⸗ geben. Kam er freilich in die benachbarten Ortſchaften, ſo liebte er's, den großen Herrn zu ſpielen. Er fühlte ſein Blut ſich ſiedend heiß gegen das Herz drängen, als er eine dieſer Ortſchaften vor ſich im Thale liegen ſah und bei ſich ausrechnete, daß er es nicht wagen könne, das Wirthshaus zu beſuchen. Dort hatten ſie ihn ſcherzweiſe oft den Nachfolger auf der Thalmühle genannt und das hatte ihm jedesmal geſchmeichelt. Was ſollte er den Leuten jetzt ſagen, wenn ſie ihn nach „ſeiner Mühle“ frugen? Sollte er ſagen, daß ihn Reichert fortgejagt habe?— Er durchſuchte nochmals ſeine Ta⸗ ſchen nach ſeinem Geldbeutel— er blieb verſchwunden. Aber was waren die äußerlichen Sorgen gegen vie innerliche Noth, die den Burſchen in Erinnerung an Elſe folterte! Sie war die Achſe, um die ſich ſein ganzes Unglück drehte. Ein Trunk aus der friſchen Ge⸗ birgsquelle konnte den Durſt, ein Stück Brod ſeinen Hunger zähmen. Aber ſein Verlangen nach Elſe, das ihn mit der Macht der dringendſten Lebensnothwendig⸗ keit verfolgte, das mußtezungeſtillt bleiben. Verloren! knirſchte er, zum erſten Male im vollen Gefühle des Un⸗ glückes, das über ihn hereingebrochen war. Indem ſich ſein ganzes Innere gegen“ den Gedanken dieſes Verluſtes auflehnte und aufbäumte, ſchoß es plötzlich wie ein Blitz durch ſeinen Kopf, wie ein Blitz, der mit einem kalten Schlage ſein Gehirn traf und einen Moment den entſetzlichen Gedanken grell in ihm aufleuchten ließ, die Geliebte zu entführen oder mit ihr zu ſterben. Wie auf hochgehenden Wellen ein Boot bald oben erſcheint und im nächſten Augenblicke wieder in die Tiefe hinabſtürzt, ſo wirkte dieſer dämoniſche Gedanke in Waldemars Kopf; immer wieder tauchte er auf, immer wieder verſchwand er. Auf das Moos am Waldes⸗ rande hingeſunken, ſah er die Ortſchaft zu ſeinen Füßen mit unausſprechlichem Weh. Hier fand er gleichſam den Grenzſtein eines neuen und fremden Lebens vor ſich! Die Erinnerung an die Thalmühle drängte ſich wieder vor ſeine Seele; dort war Ueberfluß an Palm, Die Thalmühle. 14 2¹0 Allem, dort war Glück und Wohlſtand, dort war Elſe! Und er war hier, entblößt von Allem, ohne Geld, ohne Hoffnung. Er ſah die ganze Welt feindlich gegen ſich, ſah ſich hinausgeſtoßen aus dem Paradieſe, wo ſeine Sünde nur die Liebe geweſen war— was war das? Was war das für ein Himmelsfeuer, das, heraus⸗ ſchwellend aus dem Herzen und im Auge höher auf⸗ glühend, in heißen Tropfen über ſeine Wangen rollte? Ja, Waldemar weinte! die ſtarre Eisrinde ſeines Her⸗ zens ſchmolz, das Mitleid nit ſich ſelbſt gewann die Oberhand, der Schmerz löſte ſich in ein Thränenthau⸗ wetter auf.— Kaum bemerkte der Burſche, was er da that, ſo ſprang er auf, wüthend und zitternd, ballte die Fauſt, als wollte er gegen ſich ſelbſt ſeines Armes— Kräfte wenden, drückte die Thränen zurück und zerſchlug ſich die Bruſt in Zorn und Beſchämung. Er ſchämte ſich vor ſich ſelbſt. Er der nie gewußt, was Schmerz, was Thränen ſeien, er, der das Alles ſonſt beſpöttelt hätte, er ſelbſt rathlos und aufgelöſt in Empfindelei? Nein! plötzlich errang er ſich ſeine Faſſung wieder. Der Gedanke, die Geliebte zu rauben oder zu ermorden, tauchte auf's Neue in ihm auf, jetzt in einer ganz anderen Tonart, energiſch und laut; die bloße Idee verhärtete ſich zum Vorſatze, zum Entſchluſſe.— Von dieſem Augenblicke an fühlte er ſich ganz 2¹¹ beruhigt. Nur die Ungewißheit iſt peinigend, ein vorgeſetztes Ziel, und wäre es das ſchrecklichſte, macht gefaßt. Die Gewißheit, dem Rade des Lebens ent⸗ ſcheidend in die Speichen fallen und es nach unſerem Willen lenken zu können, verbindet uns wieder mit der Wirklichkeit. Welch ein Thor bin ich! ſagte er ſich unter Lachen. Das Mädchen iſt mir gut, ſie wird mir folgen. Sind wir erſt geflohen, wird ſich der neugebackene Herr Mühlenbeſitzer für die gehoffte Braut bedanken und dem Alten wird nichts übrig bleiben, als mir die Tochter zu laſſen!.. Der Plan ſchien gut und untrüg⸗ lich. Waldemar ſchwankte nicht, ihn auszuführen. Die Nacht brach herein, die Nacht mit ihren Ster⸗ nen. Sie ſchauen herab auf dieſes ſterbliche, vergäng⸗ liche Geſchlecht und wiſſen nichts von ſeinen tauſen⸗ derlei Wünſchen und Anliegen. Darum ſind ſie ſo ewig ernſt und doch ſo ewig heiter! Sie glänzen über dem Hauſe des ruheloſen Pvolitikers, den ſein ſcharfer Ehrgeiz nicht ſchlafen läßt; ſie ſehen die Qual der Könige, des Bettlers Freude; ſie ſehen den Lie⸗ benden, der um das Haus der Geliebten ſchleicht— ſie ſahen, durch des Waldes Dickicht blitzend, auch Walde⸗ mar auf dem einſamen Rückwege zur Thalmühle Sie den jungen Schlöſſer, der wie wir wiſſen, 14* 212 in dieſer Nacht am Fenſter ſaß und Waldemars Schat⸗ tengeſtalt bald darauf unter den großen Baum im Hofe huſchen ſah. Am wohlbekannten Orte hielt Waldemar ſich ver⸗ ſteckt; die Hunde kannten ihn und hielten den Eindring⸗ ling nicht ab. Als Alles im Hauſe ſtill und das letzte Licht, in Maxens Zimmer, erloſchen war, legte er die Leiter an und erſtieg Elſens Fenſter. Ein Stockwerk höher war Max am Fenſter eingeſchlafen. Als der Burſche, auf dem Geſimſe ſtehend, das Zimmer Elſens ſich erſchloſſen und im Hintergrunde in weißlichem Scheine die Ruheſtätte der Geliebten ſchimmern ſah, ward ihm zu Muthe, als ob ein ſchützender Engel, der den Eingang zu dem Heiligthume der Jungfrau bewache, ihn mit ſeinem Flammenſchwerte unter der Pforte zurückweiſe. Sein Herz ſchlug krampfhaft, als wolle es entzweibrechen. Zum erſten Male überkam ihn die Furcht, ſein Plan könne mißglücken Aber er ließ ſich keine Zeit zum Nachdenken. Er ſtieg hinein und erreichte mit verſtohlenen Schritten das Lager. Im Vorbeigehen ſtreifte er die auf einem Stuhle liegen⸗ den Kleider des Mädchens, daß ſie leiſe herabglitten. Ein ſeltſamer Taumel trieb ihm das Blut mit Fieber⸗ haſt durch die Adern und verfinſterte ſein Gehirn— er vernahm die ſäuſelnden Athemzüge der Schlafenden, 2¹3 er horchte und horchte, unſchlüſſig, ob er es wagen ſolle, den heiligen Schlummer zu unterbrechen. Daran dachte er nicht, daß er das argloſe Kind durch den furchtbaren Schreck tödten könne. „Waldemar!“ flüſterte ſie im Traume. „Ich bin's, ich bin's!“ ruft er und verſchließt ihr den Mund mit einem Kuſſe. Sie zuckt zuſammen und fährt mit einem Schrei empor. Sie ſieht über ſich ge⸗ beugt die fremde Geſtalt und aus dem erſtarrenden Buſen ringt ſich ein zweiter gellender Ruf. Waldemar beſänftigt ſie, ſie erkennt ſeine Stimme, aber ſie ſtößt ihn zurück. Im Nebenzimmer wird es unruhig, Schritte nähern ſich auf dem Corridor, Waldemar beſchwört die Geliebte, ihm zu folgen, er iſt weich und flehend, bis die wachſende Gefahr ihn ſtürmiſch macht. Er denkt an eine gewaltſame Entführung, aber ein Ge⸗ räuſch ertönt unmittelbar vor der Thüre, ein Lichtſtrahl erſcheint an dem Spalte, die Klinke wird von außen erfaßt— der vorgeſchobene Riegel entzieht ihn noch dem Verfolger. Er erfaßt die Wehr, die er bei ſich führt, zu jeder That findet er ſich in dieſem Augen⸗ blicke bereit.„Beſetzt die Thüren!“ herrſcht des Müllers Stimme im Gange. Dieſe Stimme giebt Waldemar die Beſinnung wieder. „Wir ſehen uns wieder, Alter, am Hochzeitsmor⸗ 2¹4 gen!“ knirſcht er und ſpringt nach dem Fenſter zurück. Er ſtürzt über ein Hinderniß am Boden. Aber er er⸗ hebt ſich wieder, erreicht die Leiter— da blitzt es über ſeinem Haupte auf, ein Knall und neben ihm ſchlägt ſplitternd eine Kugel in die Wand, eine zweite, eine dritte. Gleichzeitig mit dem dritten Schuſſe zuckt es ihm heiß durch den Arm, über das Geſicht fühlt er's wie einen Schlag mit einem Tuche, es iſt der Nerven⸗ eindruck, daß die Kugel getroffen hat. Die Wuth gibt ihm neue Kräfte; am Boden unten fällt ihn der Hund an, er ſtötzt ihm das Meſſer in die Kehle. Auf einem Wege, den nur er kennt, verläßt er die Mühle, erreicht die Thalſchlucht und bricht im Walde, ohnmächtig vor Schmerz und Blutverluſt, zuſammen.. Im erſten Strahle der aufſteigenden Sonne er⸗ loſchen die Sterne, die noch einmal heller aufflammten, ehe ſie ihr Auge ſchloſſen. Der Mühlbach brauſte hinab in die Felskluft und ſeine laute Stimme vermochte den Bewußtloſen nicht zu wecken, der am Ufer lag. Ein Hirſch, vorſichtig aus dem Gehölze lugend, nahte der einſamen Stelle; kaum hatte er den Jüngling bemerkt, als er ſich ſcheu zurückwandte und raſchelnd in's Dickicht brach. Hätte der arme Verwundete gleich ihm friſch und ſchnell von hinnen eilen und eine trauliche Ferne mit geſunden Sinnen ſuchen können! Als Vater Schlöſſer wieder zu Hauſe ankam, war die erſte Nachricht, welche er empfing, daß es mit ſeinem älteſten Sohn, den er mit einem Fabrikanten aſſociirt hatte, ſchief ſtehe und daß er ihm mit einer bedeuten⸗ den Summe aushelfen müſſe. Das iſt in ein Faß ohne Boden geſchöpft!“ rief er im Zorne, ich bin der ewigen Plackerei ſatt. Ich habe mehr Kinder, als dieſen Sohn, mag er allein ſehen, wie er weiter kommt— noch einmal will ich helfen, aber es iſt das letzte Mal! Die zweite Hauptnachricht, welche er erhielt, be⸗ traf den Eintritt einer politiſchen Conjunctur, auf welche er ſpeculirt hatte und die ihm reichlichen Gewinn brachte. Auf der einen Seite ſchüttete ihm das Glück verſchwen⸗ deriſch ſeine Gaben zu, auf der anderen ſah er ſich durch Bande der Natur gefeſſelt, die ihm die Freude an dem Erworbenen verbitterten. Es verdroß ihn, daß das, was er ſo geſchickt errang, ſo ungeſchickt wie⸗ der geopfert werden ſolle. Mein Max iſt doch ein ganz anderer Menſch, ſagte er wieder zu ſich, der hat im kleinen Finger mehr Verſtand, Fleiß und Geſchick, als der Andere in ſeinem glatt friſirten Kopfe!— 216 Er war im Begriff, den Depoſitſchein, welchen er dem Müller gezeigt hatte, an einem ſichern Orte in ſeinem Secretair zu bergen, als ihn eine ſeltſame Laune bewog, ein verborgenes Fach aufzuſchließen, das Re⸗ liquien aus früheren Tagen enthielt und an das er wohl ſonſt in Jahren nicht kam. Dort lagen Briefe, einige ſchwarz geſiegelte Documente, ein mit einem blauen Seidenbande zuſammengeſchnürtes Bündel. Es weckt im Herzen ein wehmüthiges Gefühl, wenn man dieſe Zeugen aus einer traumartig dahingerauſchten Zeit durchblättert. Auch Briefe, die er ſelbſt als Bräu⸗ tigam geſchrieben, fand er vor. Lieſt man vollends ſolche eigene Schreiben aus einer langen Vergangen⸗ heit, ſo grüßt uns darin ein wunderliches Abbild unſeres Ichs, das wir gleichſam überwunden haben und das uns oft unendlich beneidenswerther vorkommt, als unſer jetziges Sein. Dieß hat ſeinen Grund darin, daß wir, indem wir dieſe Stimmen aus vergangener Zeit hören, nicht mehr an die vielleicht unerſprießlichen Nebenumſtände denken, durch welche ſie hervorgerufen wurden, wodurch wir denn Alles in idealen Farben erblicken. Wunderſame, heimathſelige Accorde durchklangen einen Augenblick die Bruſt Schlöſſers. Da ſah er beim Aufſchlagen eines alten Notizbuches ein paar 247 getrocknete Blumen herausfallen, bei deren Anblicke er plötzlich ausrief: Bei Gott, gefunden iſt's, der Louiſe ſieht er ähnlich!... Der Louiſe?— Um die Blumen ſchlang ſich ein Papierſtreif, darauf ſtand in verblaßter, verſchwom⸗ mener Schrift— wie jene ſchmerzvollen Schriftzüge, deren Umriſſe vom Thränenwaſſer verwiſcht ſind— die Strophe: „Ich will Dir pflanzen ein Blümelein, Das Blümlein ſoll meine Liebe ſein. Ich will es mit Thränen begießen, Dann wird es keimen und ſprießen. Louiſe.“ Durch dieſen kleinen äußeren Anlaß zog ſich in Schlöſſers Geiſt wie durch einen Zauberſchlag der Vor⸗ hang auf, der ihm bis dahin die Perſon, an welche Waldemar ihn ſo quälend erinnerte, verborgen hatte. Das Blut drängte ſich gegen ſeinen Kopf, als ihm auch ſchon in den nächſten Gedanken, die ſich an jene Entdeckung knüpften, die Erzählung des Müllers ent⸗ gegentrat, wornach dieſer den Waldemar aus Mitleid in ſein Haus genommen hatte. Sollte Waldemar Louiſens Sohn ſein?— In der Tiefe vergangener Tage ſah er das Bild des blaſſen Mädchens auftau⸗ chen, das ſeine erſte Liebe geweſen war, er ſah das klare, feſte, markirte Geſicht mit den mitternacht⸗ 218 ſchwarzen Augen, und ſeine Vorſtellungskraft brachte ihn, je länger er ſich die einzelnen Züge zurückrief, deſto feſter zu der Ueberzeugung, daß Waldemar der Sohn Louiſens ſein müſſe... Hätte er gleichzeitig feſtgehalten, daß auch von ihm ſelbſt einige Züge in Waldemars Aeußerem wieder zu finden waren,— wie bei jenen Kindern, bei denen man im Zweifel iſt, ob ſie mehr ihrer Mutter oder ihrem Vater ähneln— ſo würde ihn dies auf eine Fährte gebracht haben, die ihn noch gebieteriſcher, als es ſchon jetzt der Fall war, an die Pflicht gemahnt hätte, ſich des verſtoßenen Jünglings anzunehmen. Er aber unterdrückte die darüber in ſeiner Seele auf⸗ dämmernde Ahnung. Er blätterte in dem ganzen Buche jener Zeit zurück. Dort ſtand Louiſens Liebesgeſchichte; ihre Leidensge⸗ ſchichte kannte er nur theilweiſe; er ahnte ſie, aber Beſtimmtes hatte er darüber nie zu ermitteln vermocht Ich will das Buch dieſer Leidensgeſchichte vor Dir aufſchlagen, lieber Leſer, und Du wirſt Antheil nehmen an dem Schickſal des guten Mädchens, auf deſſen ver⸗ laſſenem Grab ſeit der Zeit, in die ich Dich zurücführe, ſchon viele Lenze ihre Blumen herumgezaubert haben. Wenn Du Dir Lauiſens Bild vor die Seele führen willſt, ſo denke Dir ein kaum ſechszehnjähriges Mäd⸗ chen, das, ſobald Du es erblickteſt, blitzſchnell Dein Auge durch das ihrige gefangen nahm, der Art, daß Du, noch unfähig den Geſammteindruck dieſer Erſcheinung aufzu⸗ nehmen, in dieſen Augen Dich zauberiſch feſtgehalten fühlteſt und gleichſam verſinken wollteſt in ihrer dunk⸗ len, ſtrahlenden Tiefe. In der That war Louiſe auch nur hübſch durch den Lichtkreis, den ſie durch ihr Auge um ſich zog. Du mochteſt ihre Züge und ihre Geſtalt ſonſt nach den Regeln der Schönheit prüfen vund wenig entdecken, was ihnen entſprochen hätte. Sie wohnte bei einer alten kranken Tante. Schlöſſer, damls einfacher Buchhalter in einem Bankhauſe, mie⸗ thete ſich ein Zimmer, das jener entbehrlich war; ſo lernte er Louiſen kennen. Er verſtand es ſein Lebenlang, die Leute für ſich zu gewinnen und wußte ſich auch zum Abgotte der Alten zu machen. Dieſe legte daher dem Einvernehmen der jungen Leute nichts in den Weg. Schlöſſer liebte Louiſe, die mit ihrem flammenden Temperamente ihn unwiderſtehlich anzog. Jeder Nerv des Mädchens verrieth ein übermüthiges, ſprudelndes Leben und das gab ihr einen unerſchöpflichen Reiz und ihrer Liebe eine ewige Friſche. Aber weil der junge 220 Buchhalter durchaus noch keine Stellung einnahm, die es ihm erlaubt hätte, eine Familie zu ernähren, konn⸗ ten die Liebenden ſich nicht heirathen und warteten auf beſſere Zeiten. In der ſüßen Gewohnheit feſtgelebt, ſich anzugehören, wußten ſie nichts von der Noth des Lebens. Der Becher war an ihren Lippen zu überſchäumend voll, um nicht von ihnen in einer Stunde wahnſinniger Verblendung geleert zu werden. Da trat eine plötzliche Wendung in ihrem Geſchicke ein. Schlöſſer wurde von ſeinen Principalen zu einer wichtigen Miſſion nach Petersburg erſehen, wohin er alsbald abreiſen ſollte. Ein entſcheidender Schritt zu ſeinem Glücke ſchien damit gemacht; denn wenn das Geſchäft gut ablief, ſollte er in Rußland mit der Er⸗ richtung einer Filiale betraut werden. Ohne Zögern nahm er die Sendung an. Dieſe Nachricht traf Louiſe wie ein D Donnerſchlag. Seltſam! Man mag ein Ziel noch ſo heiß erſehnt haben, in dem Augenblicke, wo es uns plötzlich greifbar nahe gerückt iſt und wir unſere ſüßgenoſſene Sehnſucht ver⸗ abſchieden ſollen, beklemmt uns die Neuerung mit uner⸗ klärlichem Bangen. So ſtehen wir angſtvoll vor dem dunklen Schleier der Zukunft, den wir nicht lüften können und von dem wir nie wiſſen, ob er uns eine lachende, ob eine leidvolle Ferne verſchließt. „In Rußland ſollſt Du bleiben? Nein Karl, laß Dich dazu nicht bewegen. Was ſoll aus mir werden? Willſt Du mich hier verderben laſſen? Ich ſehe voraus, wie es kommen wird. Du glaubſt mir redlich die Treue zu halten und weißt nicht, in welche Lagen und Verhältniſſe Tu geräthſt, die mein Bild in Dir ver⸗ drängen, meine Stimme in Deinem Ohre erſticken. Bleibe!“ Schlöſſer erwiderte, die Ungeſtüme ſanft abweh⸗ rend:„Wie, Louiſe, in dem Augenblicke, da es meine Eriſtenz gilt, willſt Du mich ſchwankend machen? Un⸗ ternehm' ich, wag ich nicht Alles für Dich? Und Du zweifelſt an mir? Louiſe bedenke...“ „Bedenken, bedenken!“ rief ſie raſch,„ich kann nicht bedenken, nur empfinden und dieſe Empfindung ſagt mir, allzu deutlich, daß ich Dich ſo weit fort nicht gehen laffen ſoll. Schilt mich, verſpotte, verlache mich— Alles will ich ertragen, aber bleibe, hörſt Du, bleibe! Ich will dulden für Dich, aber in Deiner Nähe.“ Die Alte trat herein und ſah Thränen in des Mädchens Augen. „Da ſeh mir Einer das alberne Ding an“, ſagte die Alte, als ſie die Neuigkeit erfahren,„ſtatt ſich zu freuen und Gott zu danken, ſitzt ſie da und weint ſich die Augen aus. Schämen ſollteſt Du Dich! Gleich 22 geh' hin und thue ihm Abbitte! Hat er's endlich ſoweit gebracht, daß Ihr daran denken dürft, Euch zu hei⸗ rathen, da ſuchſt Du ihn gar in ſeinem Vorhaben irre zu machen?— Von Thränen könnt ihr nicht zuſammen⸗ leben, von Thränen wird man nicht ſatt!“ Von Thränen wird man nicht ſatt!— Die Alte ſprach ein Wort, das platt und gemein klang, aber eine namenloſe Tiefe des Schmerzes in ſich ſchließt; ein Wort, deſen Wahrheit manches Herz, mit ſeinen Stimmungen und Träumen in den ſchonungsloſen Kampf um's Daſein gedrängt, nur allzu bitter empfindet! Das war in der Czarenſtadt ein neues ungewohn⸗ tes Leben für den Jüngling! Die ganze Welt ſah er ſich plötzlich geöffnet. Er erkannte, in welch' engem, beſchränktem Geſichtskreiſe er gelebt hatte. Er gewann mehr Ueberblick über Welt und Menſchen und warf, was ihm früher Gold geſchienen, jetzt als Schlacke von ſich. Er hatte nicht jenes räthſelhafte, empfind⸗ ſamen Seelen eigene Auge, das immer rückwärts blickt in eine liebe, beſtändige, ſtille Heimath des Herzens. Die Neuheit und der Wechſel der Erſcheinungen und umſtände war auch zu raſch, zu blendend, als daß er nicht alles Frühere hätte vergeſſen müſſen, um die Klippen, die es für ihn zu umſegeln galt, glücklich zu umſchiffen. Vom Erfolg ſeiner Sendung hing Alles ab. Schlöſſer beſtand ſein Debut mit dem richtigen untrüg⸗ lichen, praktiſchen Inſtinkte, der für ihn von dort an zur Quelle des Reichthums wurde. Zum erſten Mal in den ſcharfen Luftzug des Lebens hinausgeſetzt, mußte die Pflanze kraftvoll ſich weiter entfalten, oder aber verkümmern in der blaſſen Alltäglichkeit, wie Millionen anderer junger Kaufleute, die es nie im Leben zu etwas Bedeutenden bringen.— Kaum hatte er das Reſultat ſeiner Bemühungen an ſein Haus berichtet, als die Ordre eintraf, er ſolle ſich mit dem befreundeten Bankhauſe in's Einvernehmen ſetzen und dort als Aſſocie für ſeine Chefs eintreten. Man ſtellte die nöthigen Fonds zur Verfügung; durch dieſe Combination verſprach ſich das deutſche Haus einen ſicheren, zuverläſſigen Pfeiler für ſeine Geſchäfte am ruſſiſchen Markt. Der Plan ſtieß nirgends auf Hemmniſſe und Schlöſſer wurde als Aſſocie in das Petersburger Haus aufgenommen. Am Tage, da dies geſchah, erhielt er folgenden Brief von Louiſe:„Wie lange ſoll dieſer Zuſtand noch währen? Ich weiß kaum mehr, ob ich lebe. Ich weiß nur, daß ich Dich mehr als je liebe. Warum kann 224 eine Macht wie dieſe Liebe, welche mein ganzes Sein ausfüllt, Dich nicht herziehen zu mir? Warum iſt ſie ſo machtlos außer mir, ſo ſtark in mir?— Ach, ſie vermag nicht einmal mehr, Dich an mich zu feſſeln! Oft befällt mich das Gefühl davon, wie die Laſt eines Todesurtheils. Kann nicht das armſeligſte Ge⸗ ſchäft, das Du vornehmen mußt, mich in Deinen Gedanken verdrängen? So Alles hingegeben zu haben — und ſo wenig empfangen! „Warum ſchreibſt Du nicht? Glaubſt Du etwa, ich könne Deine Nachrichten ſo leicht entbehren, wie Du die meinigen?— Ich habe Dich ſo viel zu fragen und es ſchnürt mir eine Angſt die Bruſt zuſammen, als könnteſt Du mir nicht darauf antworten. Komm zurück, oder rufe mich; ich habe nur dieſen einen Wunſch!“ Aus dieſen abgeriſſenen Sätzen ſprach eine Stim⸗ mung, die ihr trübes Weh in Thränen geklärt hat. Schlöſſer hatte Louiſen zu ſehr geliebt, um dies nicht zu fühlen, um von dem unbeſchreiblichen Geiſt, der aus dieſen Zeilen wehte, nicht ergriffen zu werden. Er wollte ſich ſofort hinſetzen, Alles abbitten, ihr auf's Neue Treue ſchwören, ihr geloben, daß er ſie bald zur Seinigen machen werde. Eine Einladung, welche er für den Abend deſſelben Tages in die Fa⸗ milie des Bankiers erhielt, ſchnitt ihm die Zeit zu ———— 225 ſofortigem Schreiben ab. Ich werde morgen ſchreiben! tröſtete er ſich und der ganze Eindruck des Briefes verſank im Entſtehen des neuen Gedankens, daß die Zeit da ſei, in welcher Clementine, des Bankiers Tochter, ihn erwarte. Er verſchob nun die Beantwortung des Briefes an Louiſe von einem Tage auf den andern. Die ge⸗ ringfügigſten Umſtände, die ihm in den Weg kamen, ſchienen ihm ein unüberſteigliches Hinderniß, um das Schreiben vorzunehmen. Louiſe aber wurde dringen⸗ der in ihren Briefen, bis endlich einer folgte, der von der vorwärtsdrängenden Gewalt unſeliger Verhältniſſe diktirt, einen tiefen Einblick in die Kluft gewährte, die Karl in dieſem Herzen aufgeriſſen hatte: „Du denkſt, ich werde mich grämen und jammern, o nein! Du weißt ſo gut wie ich, daß unſer Ver⸗ hältniß zu weit gediehen iſt, um durch irgend eine Macht der Erde ein Rückwärtsgehen noch möglich zu machen. Ich bin Dein Weib; obſchon der Bund noch nicht vom Prieſter geſegnet, von der Welt noch nicht anerkannt iſt, ſo beſteht er doch nach unteren ſelbſt⸗ gewählten Rechten und Niemand kann ihn mehr tren⸗ nen! Ich hoffe, daß Du mich verſtehſt! Du wirſt die Pflichten, die Du gegen mich haſt, heilig halten. Dieſen Glauben laß mir, ſonſt vermag ich nicht auszudenken, Palm, Die Thalmühle. 226 was aus mir werden ſollte. Beeile Dich in Deinen Geſchäften!— Dein Weib erwartet Dich!“ Der qualvolle Eindruck dieſes Briefes auf Schlöſſer läßt ſich nicht beſchreiben. Der Grund, daß ſeine Liebe ſo beharrlich abgekühlt blieb, war der Mangel jener unerklärlichen, intenſiven Spannkraft, die nur ein ganz unentweihtes Verhältniß auszuüben pflegt. Soviel war ihm jetzt klar, daß aus dem einſt ſo glücklichen Bunde mit Louiſe für ihn eine ſchwere Bürde gewor⸗ den ſei und daß die Welt ſich gegen dieſen Bund wende. 1. Im Rauſche des neuen glänzenden Lebens, das ihn im Hauſe des Bankiers umfing, war er ſchwach ge⸗ nug, ſeine Aufmerkſamkeit Clementinen zuzuwenden, die reich und ſtattlich, wie ſie war, auch in der Folge ſeine Gattin wurde. Sie ahnte nicht, daß um ihret⸗ willen im fernen Deutſchland ein Herz breche.—— Jahre vergingen, und als Schlöſſer wieder nach Deutſchland überſiedelte, war von Louiſen keine Spur mehr zu finden; die Tante war geſtorben, die Nichte verſchollen. Die Entdeckung, welche Schlöſſer in Betreff Walde⸗ mars gemacht, ließ ihm keine ruhige Stunde mehr.„Ich 227 muß mich des Jungen annehmen! Seine Exiſtenz ſtellt mir eine furchtbare Schuld vor Augen, die ich auf mich geladen. Die Zeit iſt da, wo ich an ihm gut zu machen habe, was ich an ſeiner Mutter verbrochen, ſagte er ſich. Verſtehe ich doch jetzt die dunkle Macht, die mich gleich Anfangs zu dieſem Jüngling hinziehen wollte. c ſo ſei's, er ſoll in Wahrheit mein Sohn ſein!— Wenn er ſich vergegenwärtigte, daß ohne ſeine heu⸗ tige Entdeckung er ſelbſt die Urſache geblieben wäre, daß Waldemar aus der Stellung, die ihm das Mitgefühl fremder Menſchen gegönnt, hinausgeſtoßen worden wäre, ſo ſegnete er dieſe Stunde, die es ihm gerade im letzten Augenblicke noch möglich zeigte, zu Waldemars Gunſten entſcheidend einzugreifen. Als er eben das Zimmer verlaſſen wollte, brachte man ihm Briefe. Er erbrach den einen— er kam von einem ſehr intimen Geſchäftsfreunde, doch ſchon bei den erſten Zeilen, die der Kaufherr las, entfärbte ſich ſein Geſicht und ſeine Hand zitterte. Sein älteſter Sohn Eduard hatte Wechſel in großem Betrage auf den Namen des Vaters gefälſcht und war mit ſeiner Geliebten, einer Schauſpielerin des Sommertheaters, . flüchtig geworden. Die Empfindung der Schmach, welche dieſer ungerathene Sohn auf die Familie warf, bohrte ſich wie ein glühendes Eiſen in Schlöſſers Bruſt. 15* 228 Er wollte an ſeinen Schreibtiſch eilen und ein Tele⸗ gramm aufſetzen, als er auf einem der übrigen Briefe die er noch in der Hand hielt, die Handſchrift Maxens bemerkte. Er erbrach dieſes Schreiben in Haſt und Ungeduld, als könne er es nicht erwarten, durch eine vermeintlich freudige Nachricht den Eindruck der vor⸗ hin erhaltenen Hiebspoſt zu mildern. Allein je weiter er in dem Briefe Maxens las, deſto krampfhafter hob ſich ſeine Bruſt, deſto mehr flog ſein Athem. Jetzt, jetzt gerade muß ich das erfahren! rief er in Verzweiflung, Einbruch— Waldemar verwundet, Elſe todtkrank— ſoll alles Unheil auf einmal über mich hereinbrechen?.. Er ſank vernichtet in einen Lehnſtuhl. XV. Am Tage, da Max an ſeinen Vater ſchrieb, ſchlich der Müller ſtill und in ſich gekehrt im Hauſe herum. Es war nach dem nächſten Städtchen geſchickt worden, um einen Arzt zu holen. Elſe lag ſchwer krank zu Bett. In einem Anfalle von Fieberphantaſie ſtieß ſie ihren Vater fort und ihre Worte gellten ihm noch im Ohre:„Du haſt mich gemordet— mich und ihn!“ Eine tolle Jagd abenteuerlicher Bilder wirbelte durch ihr Gehirn. Sie ſah wieder Waldemar über ihr Lager gebeugt und vergebens leiſtete ſie ihm Widerſtand. Er zog ſie mit ſich fort zum Fenſter, an deſſen Geſimſe ſie ſich, während Waldemar hinabſtürzte, feſtklammerte; ſo ſchwebt ſie zwiſchen Leben und Tod. Sie hört draußen wieder die Stimme ihres Vaters, der kommen will, ſie zu retten; in ihrer Angſt läßt ſie die Fenſterbrüſtung los und ſtürzt hinab in eine bodenloſe Tiefe, bis ſie aufwacht und ſich in ſiedendem Fieberſchweiße gebadet findet. Die Empfindlichkeit ihrer Kopfnerven hatte ſich derart geſteigert, daß ſie über das geringſte Geräuſch, das in ihrer Nähe verlautete, in Jammern ausbrach. Der Anblick ihres Vaters, der ſie tröſten und beruhigen wollte, erfüllte ſie mit Verzweiflung. Als Max zum erſten Male an ihr Lager trat, ſah er ſie zuſammen⸗ ſchrecken. Sie wollte ſich abwenden, doch plötzlich ſah ſie ihn mit einem langen Blicke an.„Er iſt's und iſt es doch nicht!“ ſagte ſie ſanfter... Von Stunde an nahm ſie von ihm die kühlenden Getränke, welche er ſelbſt für ſie bereitete. Wenn ſie ihn in der Nähe wußte, war ſie ruhig und regte ſich micht. Der Arzt kam, ein vier⸗ ſchrötiger, goldbebrillter Mann, einer von jenen Docto⸗ ren, die ſich durch Entſchiedenheit und Grobheit Anſehen zu geben ſuchen. Deutlicher als je fühlte Max in dieſem Augenblicke, daß nicht gelehrtes Wiſſen, nicht ein reicher Schatz von Erfahrungen allein den Arzt machen, ſon⸗ 230 dern daß eine große Doſis Menſchenliebe noch dazu gehört, die dem Kranken wohithut und ihm Muth und Vertrauen wiedergiebt, damit er athmen und geneſen kann. Der Doctor verſchrieb ein Recept, und entfernte ſich mit dem Verſprechen, es ſelbſt im Städtchen machen zu laſſen. Reichert ſchüttelte ſchmerzlich den Kopf: „Ich glaube nicht, daß Gott ſolche Tränke braucht, um Leben oder Tod zu geben; aber für mein Kind will ich Alles verſuchen.“ Es macht einen ganz vernichtenden Eindruck auf uns, wenn wir Männer, wie Reichert, an denen wir einen unbeugſamen, ſtarren Sinn kennen, in eine Weich⸗ heit ſinken ſehen, die wir für unwereinbar mit ihrem Charakter gehalten haben. Der fromme Glaube des Va⸗ ters, ſeine faſt thränenweiche Gemüthsſtimmung, ſein Umhergehen in der Mühle wie im Traume, das Alles gab ihm etwas ſo peinlich Rührendes, daß Max lieber gewünſcht hätte, ſeine Stimme wie ſonſt zankend und gebietend auf dem Hofe zu hören, als ein Niederge⸗* beugtſein, das ſo ſehr die gewohnten Züge in ſeinem 1 Charakter verwiſchte. Als bei Elſe eine Kriſe zur Beſſerung eingetreten war, machte es ein wichtiges Geſchäft nöthig, daß Mar 234 eine Tagereiſe nach einem entfernten Orte, wo er einen Geſchäftsfreund zu beſuchen hatte, antrat. Er ritt des Morgens von der Thalmühle weg. Die ganze Nacht hindurch hatte ein Sturm gewüthet und Max fand viele Zweige an den Bäumen herabge⸗ zerrt von dem ſchonungsloſen Elemente; ſchwarzes Gewölk, jetzt zuſammengethürmt, im nächſten Augenblicke weithin verjagt, bedrohte den Jüngling bei ſeinem Wegreiten. Aber als er die Ebene gewann, als aus den ſchweren Wolkenmaſſen die Sonne hervordrang und die Land⸗ ſchaft in hellen Lichtern heraushob, als die Schöpfung vor ihm die Ruhe athmete, die auf Sturm und Regen folgt, da fand ſich der junge Schlöſſer wie neugeboren. In der That, ſein Auge ſchien ihm an eindringlicher Sehkraft verſchärft, ſo daß die Natur in wunderbarer Farbenfriſche vor ihm auferſtand, als ſei ſie ſoeben aus des Schöpfers Hand neu hervorgegangen; ſein Herz ſchien zum erſten Male richtig beſaitet und geſtimmt, den Reiz der Erde und ihre Schönheit rein zu begreifen. Alles ſchien ihm eitel, thöricht und klein, was vordem geweſen; nur das warme Gottesauge, deſſen Blicke aus der morgenfriſchen Schöpfung auf ihn zurückfielen, war Wahrheit, war Leben, jeder Augenblick, den er in düſterer Stimmung verbracht, ein brennender Irrthum. 232 Was der Sonnenſchein nach Sturm und Regen nicht Alles vermag!... Sein Weg führte ihn durch einen Laubwald, der mit ſeinem feuchten Grün in duftend empfing. Wild⸗ verſchlungene Wege, die ſich kühn und grotesk hinſchlan⸗ gen, gaben ihm einen unbeſchreiblichen Zauber. An je⸗ dem ſolchen Kreuzwege ſchien ein anmuthiger Waldgeiſt zu ſtehen, um den Enteilenden freundlich in des Dickichts dunklere Tiefe zu locken. In dieſer Tiefe lag die Wald⸗ kapelle, deren Glöckchen man oft in der Nacht hören konnte. In des Reiters Seele läuteten die Glöckchen des Glückes. Dieſes Glück wurzelt im Gefühle der tiefinner⸗ ſten Gemeinſchaft, die der Menſch unter der Macht eines lauteren Natureindruckes mit jedem Halme der Schöpfung empfindet. Allein ſchwere Tropfen, die aus dem ſchnell wiede⸗ rum bezogenen Himmel quollen, zeigten Max, daß er dem Unwetter nicht entrinnen könne, das abermals mit düſte⸗ rer Großartigkeit ſich zu entladen drohte. Bald rauſchte von dem ſtrömenden Regen weithin der Wald wie unter dem Gelispel von tauſend geheimnißvollen Zungen. Das Roß warf den aufgeweichten Erdboden mit dem ſtampfen⸗ den Hufe empor, Blitze zuckten, daß das Auge erblindete, der Donner brauſte und dröhnte, das Mark des Eich⸗ walds erſchütternd. Max fühlte ſich bis auf die Haut durchnäßt, das Pferd ſcheute und ſchäumte, wendete ſich ängſtlich vom Wege ab, trat in einen Graben, der ſich ſchnell mit lehmigem, ſchlammigem Waſſer gefüllt hatte — nur mit größter Noth erreichte er endlich den Aus⸗ gang des Waldes, wo er in einem Forſthauſe, das er ſeit⸗ wärts ſah, Schutz gegen das Unwetter ſuchen wollte. Ein paar Hunde fuhren ihm laut bellend entgegen, daß das Pferd ausſchlug und immer unruhiger wurde. Ein junges Mädchen erſchien unter der Thür. Wie draußen der Wald in Thränen ſtand, ſo auch des Mäd⸗ chens Auge; ſie trocknete raſch die feuchten Perlen, als ſie Max erblickte. Er frug, ob es erlaubt ſei, daß er hier das Vorüberziehen des Gewitters abwarte. Das Mädchen ſagte in kurzen Worten zu, das Roß wurde in den Stall geführt, Max trat mit dem Förſterkinde in die Wohnſtube. „Sind Sie hier ſo ganz allein?“ begann er, als er Platz genommen hatte.„Sie haben ſich wohl ſehr ge⸗ fürchtet bei dem Gewitterſturme?“ Das Mädchen erröthete und fand kein Wort der Erwiderung. .„Sie haben ja geweint vor Angſt“, ſetzte Mar theilnahmsvoll hinzu,„nun ja, Sie bräuchen ſich deshalb nicht zu ſchämen! Wenige Mädchen hätten gewiß den 234 Muth, ſo ganz mutterſeelenallein hier im Walde zu ſein, zumal wenn es draußen ſo fürchterlich rumdrt.“ „Angſt habe ich niemals“, entgegnete das Mädchen. „Es iſt auch ſonſt immer Jemand bei mir, die Mutter oder der Vater.“ Mar lächelte.„Ich will es gern glauben“, ſagte er,„aber gerade heute, wo Sie ganz allein ſind, könnte ſelbſt ein Muthiger zittern.“ Das Mädchen ſeufzte.„Von mir will ich nicht reden“, gab ſie endlich zurück,„ich bin hier im Hauſe geſchützt, aber Wer draußen ſein muß ohne Obdach, der iſt zu bedauern, zumal wenn er kaum vom Krankenbette aufgeſtanden iſt.“ „Meinen Sie einen Ihrer Angehörigen?“ „Einen jungen Mann, den der Vater verwundet im Walde fand, als er in der Gegend der Thalmühle einmal in aller Frühe auf Hirſche pirſchte.“ „Wo iſt er?“ fuhr Max heraus und wurde todten⸗ blaß. „Kennen Sie ihn denn?“ frug das Mädchen ver⸗ wundert.„O, ſo erzählen Sie mir ſeine Geſchichte, er war ſo verſchloſſen, ſo unglücklich, es that mir in der Seele weh, ihn ſo leiden zu ſehen und ihm nicht helfen zu können!“ „Iſt er geheilt?“ 235 „Er ſelbſt hielt ſich für geheilt, aber ſein Arm iſt noch gelähmt von dem Schuſſe, den er bekam. Er war nicht länger zurückzuhalten, es drängte und trieb ihn von hier fort mit größter Ungeduld. „Und wann verließ er Ihr dus. „Dieſen Morgen.“ „Dieſen Morgen? Und wohin ging er?“ In des Mädchens Auge flimmerte es von Neuem thränenhell.„Das hat er Niemandem geſagt“, verſetzte ſie, „er nahm ſeinen Weg mitten in den Wald hinein. Wenn ihm nur nicht wiederum ein Unglück zuſtößt!“ Vor Max lag Alles klar, was in dem Förſterhauſe vorgegangen war. Ein ſeltſam abmahnendes Gefühl hielt ihn zurück, dem trauernden Mädchen über die Umſtände, denen Waldemar ſeine Verwundung zuzuſchreiben hatte, Aufklärung zu geben. Er ſah deutlich, daß Jener in dem Hauſe, das er freiwillig ſo raſch wieder verlaſſen, von einem treuen, guten Herzen geliebt wurde, das ihn aber nicht zurückzuhalten vermocht hatte. Wie eigenſinnig iſt doch die menſchliche Natur! dachte er beim Davonreiten, als der helle, blaue Himmel wieder über die beruhigte Schöpfung herablächelte. Hier in dem Förſterhauſe keimte dem Waldemar eine ſtille Blume des Glückes auf, die er nur abpflücken und ſich ihrer freuen durfte. Aber gerade an einer anderen Stelle, wo 236 ihm keine Hoffnung blüht, ſucht er ſie dem Himmel ab⸗ zutrotzen. Das arme Mädchen im Walde!— XV. Als Max nach Hauſe kam, fand er die Nachricht vor, daß ſein Vater den Aufenthaltsort von Waldemar um jeden Preis ausgekundſchaftet wiſſen wolle; er trug ſeinem Sohne mit größter Dringlichkeit auf, alle Nach⸗ forſchungen anzuſtellen, um die Spur des Verſchollenen zu entdecken. Wenn Max ſich vergegenwärtigte, wie nahe er daran geweſen war, dieſen Wunſch erfüllen zu können, ſo grollte er ſeinem Geſchicke, daß es ihn, ſo nahe am Ziele, wieder abgelenkt hatte von der richtigen Fährte. Alsbald ſchrieb er ſeinem Vater, was ihm im Walde widerfahren war und bat um weitere Inſtructionen. Mit Elſe ging es ſtetig beſſer. Sie ſprach nicht mehr von Waldemar. Wenn ſie an ihn dachte, ſuchte ſie ſich ſogleich wieder von dieſer Erinnerung loszureißen. Sprach Max mit ihr oder las er ihr vor, ſchlug er dabei zu⸗ fällig ſein Auge auf oder lächelte er, dann war es ihr oft, als blicke ihr Waldemar aus dieſem Blicke, aus die⸗ ſem Lächeln entgegen. In ſolchen Momenten war die Aehnlichkeit beider junger Männer frappant. Der einſtige Geliebte war durch Mar zugleich verdrängt und erſetzt. Aus dem Verſchmelzen der beiden Perſonen in Eins, 237 trat May in ihrer Seele hervor als ein reinerer Abguß, feſt und ſicher, wie in Erz geformt.— Zum erſten Male wieder durfte Elſe ausgehen. Max durfte ſie begleiten und der Alte ſah dem ſchmucken Paare lächelnd nach, als es langſam über den Hof ging. Gebe Gott ſeinen Segen zu dieſem Bunde! murmelte er vor ſich hin, als die Beiden an der Ecke des Hauſes verſchwunden waren. Das Mädchen fühlte ſich ſehr ſchwach und wurde daher vom Anblicke der in Pracht und Herrlichkeit pran⸗ genden Gegend tief wie noch nie ergriffen. Ihr blaſſes, leidendes Geſicht umgab ein eigenthümlicher Glanz, wie eine Glorie; ihr Auge ſchien durch die Krankheit größer geworden, May hätte immer in dieſe blauen Tiefen hinein⸗ ſehen und recht viel Süßes dabei träumen mögen. „O Max,“ ſtöhnte ſie, als ſie die Waldſchlucht über der Mühle erreicht hatten,„mir liegt es ſo bang auf der Bruſt!“ Und ſeine Hand erfaſſend, brach ſie in ein Schluchzen aus, daß dem Jünglinge faſt das Herz brach. „Um Gotteswillen, Elſe, was iſt Ihnen?“ frug er und ſuchte in ihrem Geſichte zu leſen. Allein ſie wandte ſich ab und verbarg ihre Thränen. Max beſchwor ſie mit ſeinem liebevollſten Tone, ihm zu ſagen, was ihr ſo nahe gehe; endlich bemeiſterte ſie ſich und ihr Antlitz voll 238 gegen ihn wendend, ſprach ſie mit einer Stimme, die wie heller Glockenton in ſeinem Inneren wiederhallte:„Max, mir iſt, als müßte ich bald ſterben.“ „Quälen Sie ſich nicht mit ſolch finſteren Gedan⸗ ken!“ bat Max,„Sehen Sie doch wie Alles ringsumher grünt und Ihnen entgegenſtrahlt, wie hoffnungsvoll die Ferne ſich vor uns uſchliei⸗ wie ſorglos der Linn auf uns herabſieht.. „Gerade dieſe Zufredenheit dieſe Freude, die ich um mich her erblicke, dieſer muntere Vogelgeſang, dieſes ganze bewußtloſe Glück mahnt mich in meinem Innerſten daran, daß dies Alles für mich nicht mehr lange da ſein werde. Mir iſt, als ſollte ich Abſchied von Allem, was mir je theuer war.“ „Sie ſind noch krank, liebe Elſe“, S der Jüngling,„Sie dürfen ſich dieſer leidenden Stimmung nicht hingeben. Schonen Sie ſich um meinetwillen! Was ſollte aus mir werden— ohne Sie?“ Auf's Neue heftete Elſe ihr Auge auf den Freund und es zuckte über ihr Geſicht wie der Ausdruck eines unendlichen Schmerzes. Sie ſank auf den Raſen, der dort eine weiche Bank bildete; ſie ſchwieg und konnte ſich noch immer das Weh, das ſie bedrückte, nicht entwirren. Sie ſaß auf derſelben Stelle, wo Waldemar, er⸗ ſchöpft von ſeiner Wunde, in der Nacht ſeines Einbruches 239 zuſammen geſunken war. Daſſelbe feuchte Moos, das einſt den Verwundeten mitleidig empfing und das er ge⸗ tränkt hatte mit ſeinem warmen Blute, nahm jetzt das Mädchen auf, deſſen jugendliches Gemüth beklommen war von einem Gefühle wie Todesahnung. Eine lange Pauſe trat ein und May mußte alle Kraft anwenden, um ſich nicht von dem Schmerze, den er der Geliebten wegen empfand, übermannen zu laſſen. „Ich hatte davon geträumt“, begann er halblaut,„daß Sie mir gut ſein könnten, daß wir uns nie mehr zu trennen brauchten auf unſerem Lebenswege, und jetzt ſpre⸗ chen Sie von Abſchied nehmen, Sie ſtoßen mich zurück, laſſen ſich nicht einmal von dem Freunde tröſten— 0 das ſchmerzt!“ „Max, mein Max!“ rief Elſe und ſprang empor, als ob ſie auf Engelsflügeln ſich aufſchwingen könne. Ein neuer Himmel ſchien ſich über ihnen aufzuſchließen, ſie ſanken ſich in die Arme und all ihr Weh löſte in und Seligkeit. VWI. Es iſt merkwürdig, wie ſchnell irgend ein Schreckens⸗ orfall oder ein Unglück, das uns betroffen, von unſerem Gemüthe wieder abgeſchüttelt und dagegen neue Eindrücke 240 begierig aufgeſogen werden. Das Lindernde der Zeit hat darin ſeine Wurzel. Das Leben, ſelbſt im engſten Kreiſe, iſt zu wechſelvoll in ſeinen tauſenderlei Stimmun⸗ gen und Bedürfniſſen, als daß ein Vorfall, und wäre es der ſchrecklichſte, uns anhaltend beſchäftigen könnte. Unſer Sein drängt vorwärts und verlangt nach Neuem. So trat bei den Bewohnern der Thalmühle die Erin⸗ nerung an Waldemar in den Hintergrund. Max war im Geſchäfte ungemein thätig und Reichert ſollte die Er⸗ fahrung machen, daß junge Leute, die ſich ihr Studium in den modernen polytechniſchen Schulen ordentlich zu Nutzen gemacht, durch gründliches Erfaſſen der Theorie in Vielem eigenthümlich heller ſehen, als der geſchickteſte Praktiker, dem jene Studien mangeln. Denn obſchon, wie wir wiſſen, Reichert ſehr darauf bedacht war, ſich alle techniſchen Erleichterungs⸗ und Vervollkommnungs⸗ mittel in ſeinem Geſchäfte anzuſchaffen, ſo ſind doch die Fortſchritte unſerer Zeit gerade im Maſchinenfache ſo reiſ⸗ ſend ſchnell und gewaltig, daß es für einen Mann auf dem Lande ſchwer hält, damit in gleichem Schritte zu bleiben. Es gab alſo für den aufgeklärten Müller kein größeres Vergnügen, als wenn ihm Max Dies und Jenes erplicirte und zur Verdeutlichung ſeiner Begriffe beitrug, während hinwiederum Max mit offenem Sinne eine mannigfache Berichtigung ſeiner Anſichten durch den 24¹ Müller, der aus reicher Erfahrung ſprechen konnte, ent⸗ gegennahm.— Unvermuthet, unangemeldet, traf der alte Schlöſſer auf der Thalmühle ein. Gewaltſam hatte er ſich losge⸗ riſſen von ſeinen Geſchäften in der Stadt, denn eine unerklärliche Unruhe ſpornte ihn an, ſelbſt nachzuforſchen, bis Waldemar aufgefunden ſei.— Der Müller be⸗ nahm ihm darüber, daß Waldemar ſein Sohn ſei, durch einige Mittheilungen jeglichen Zweifel. Ein Notizbuch, welches bei Waldemars Mutter gefunden worden, über⸗ zeugte ihn völlig, und er ſagte ſich: Für den Sohn, der moraliſch für Dich verloren iſt, der Deinen Namen gebrandmarkt hat, giebt Dir die Vorſehung einen an⸗ dern zurück, dem Du ſo viel, ſo ſehr viel ſchuldeſt, wäh⸗ rend Du vergebens an jenen Undankbaren alles Mög⸗ liche verſchwendet haſt! Was hier in der Mühle Be⸗ dauerliches vorgefallen dur Waldemar, iſt heute ſo gut als vergeſſen— ich werde Alles ausgleichen und Jedem gerecht werden. In dieſen Gedanken lebte er ſich ſo feſt hinein, daß er die ganze ihm eigene Energie entfaltete, um den Ver⸗ ſchollenen ausfindig zu machen. Er erließ in mehreren Zeitungen einen Aufruf, worin Waldemar unter Hin⸗ weiſung auf eine für ſeine ganze Zukunft entſchei⸗ dende Mittheilung, die man ihm zu machen habe, auf⸗ Palm, Die Thalmühle. 16 ———— 242 gefordert wurde, ſich an einem näher bezeichneten Orte einzufinden oder ſeine Adreſſe aufzugeben. Keine Ant⸗ wort erfolgte, kein Waldemar ließ ſich ſehen.— Schlöſſer beſuchte ſelbſt das Forſthaus und war ſo glücklich, von dem Förſter zu ermitteln, daß Waldemar in einer der benachbarten Ortſchaften geſehen worden ſei. Es gab ein beſonderes Merkmal, daß die Verfolgung ſeiner Spur erleichterte: er mußte ſeinen Arm noch in der Binde tragen. Schlöſſer dehnte ſeine Entdeckungs⸗ tour auf einige der naheliegenden Stationen an der Bahnlinie aus. Einem ſo eindringlichen Eifer, wie er ſich in Schlöſſers Kopf leicht und zwar bis zur Span⸗ nung des beharrlichſten Eigenſinnes ausbildete, vermag nichts zu widerſtehen. Bald hatte er nicht allein den Ort, ſondern auch das Wirthshaus, wo Waldemar die letzte Nacht zugebracht hatte, ermittelt. In dieſem Wirthshauſe fand ſich Schlöſſer früh des Vormittags ein; er erkundigte ſich bei der Falkenwirthin nach ihm und erfuhr, daß ſie ihn jeden Augenblick er⸗ warte, er ſei noch nicht zum Frühſtücke heruntergekom⸗ men. Schlöſſer nahm eine Weile Platz, um zu überle⸗ gen, wie er ſich am Beſten mit dem Wiedergefundenen auseinanderſetzen könne. Die Falkenwirthin, welche bisher die leere Wirths⸗ ſtube gehütet hatte, konnte gar nicht erwarten, bis der 243 „blaſſe junge Mann“, wie ſie Waldemar bezeichnete, herunterkam. Die Frau hatte viele gute Eigenſchaften, aber ſtärker als ihre Neugierde war keine ihrer Tugen⸗ den. Aus ihrem ſpärlich beſuchten„Hotel“ entkam kein Reiſender, der ihr nicht ſeine ganze Lebensgeſchichte er⸗ zählt hatte. Waldemar hatte gleich vom erſten Augen⸗ blicke an ihr höchſtes Intereſſe erregt; allein er entzog ſich dem Kreuzfeuer ihrer Fragen. Sie wollte das Aben⸗ teuer kennen, durch das er ſich die Verletzung ſeines Armes zugezogen. Auch in ſeinem Geſichte lag die Ge⸗ ſchichte vieler Erlebniſſe eingezeichnet, die ſie wiſſen wollte. Jetzt, durch die dringenden Erkundigungen, die Schlöſſer über den Blaſſen einzog, erreichte ihre Neugierde den qualvollſten Höhepunkt. Während Schlöſſer in einer Ecke des Gemaches Platz genommen hatte, malte ſich die Frau Wirthin im Stillen gerade die Hoffnung aus, ſie werde, wenn Wal⸗ demar eintrete, dem Geſpräche, das Schlöſſer mit ihm führe, wenigſtens Einiges abhorchen können. Der Kauf⸗ mann hatte ſeinen Plan entworfen und wollte eben auf⸗ ſtehen, um ſich des Jünglings Zimmer zeigen zu laſſen, als die Thür aufging und der Langvermißte hereintrat. Eine ſeltſame Bewegung überkam den Kaufmann, als er kurz darauf Waldemar in einer Entfernung von 16* wenigen Schritten vor ſich erblickte. Er ſelbſt blieb von ihm unbemerkt. Wie mußte Schlöſſer dieſen Jüngling wiederſehen! Das letzte Mal, als Waldemar aus der Thalmühle ſchied, hatte jener mit einem Gefühle innerer Befriedigung das einzige Hemmniß, das ſeinen Plänen auf der Mühle entgegenſtand, hinweggeräumt geſehen. Und jetzt?— Jetzt fühlte er das doppelte Gewicht ſei⸗ ner Schuld gegen dieſen Unglücklichen; jetzt, da er zum erſten Male mit vollem Bewußtſein den Zeugen eines noch ungeſühnten Fehls vor ſich erblickte, überwältigte ihn eine Rührung, wie er ſie nie gefühlt. Das Geſicht, deſſen Aehnlichkeit mit ſeiner Louiſe ihm jetzt deutli⸗ cher ſchien, als je, rief ein ſolch lebhaftes Bild der verſchiedenartigſten Erinnerungen, einen ſolchen Sturm verlorener Glücksträume und fehlgeſchlagener Hoffnungen in ihm hervor, daß er hätte laut aufſchreien und ſeinem Sohne zu Füßen ſtürzen mögen, um ſeine Verzeihung zu erflehen für den Frevel, den er an deſſen Mutter begangen hatte. Die Falkenwirthin ließ den Blaſſen ſo leicht nicht los, obſchon ſie wußte, daß er von Schlöſſer erwartet werde. „Was haben Sie denn an Ihrem Arme?“ fragte ſie raſch.„Sind Sie vom Pferde geſtürzt? Ja ja, die Jugend, die Jugend! Sie achtet nicht auf ihre Geſund⸗ heit und ſtürmt blindlings darauf ein. Mir thut's in der Seele weh, wenn ich es ſo mit anſehe!“ 245 „Steckt nicht Jeder in ſeiner eigenen Haut? Wen ficht es an, wenn er ſie zu Markte trägt?“ „Die Eltern, die armen Eltern! Ich ſelbſt habe fünf Kinder aufgezogen, von der Hoffnung erfüllt, Freude an ihnen zu erleben.“ „Die armen Eltern, ſagen Sie?— Arme Eltern ſollen ihre Kinder ermorden, damit ſie denn doch nicht blos zum Elende auf der Welt ſind!“ „Das ſind die ärmſten Eltern, denen die Liebe ihrer Kinder fehlt!“ ſeufzte die Wirthin.„Sie wiſſen nicht, was eine Mutter für ihre Kinder fühlt.“ „Eine Mutter?“ wiederholte Waldemar mit ſchmerz⸗ lichem Tone.„Ja, ſo lange man ſie hat.“ „Es iſt ein großes Unglück, ſie zu früh zu ver⸗ lieren. Das ſage ich meinen Kindern oft; darum ſoll man ſie, ſo lange man ſie hat, über Alles lieben!“ „Es giebt Fälle, gute Frau, wo es das größte Glück für die arme Mutter iſt, wenn ſie erlöſt wird vom Anblicke der unglücklichen Creatur, der ſie das Leben gegeben, ohne ihr forthelfen zu können in dieſer jämmerlichen Welt!“ „Und Ihr Vater?“ frug die Falkenwirthin, die immer beſſer in Zug kam und jetzt direct auf ihr Ziel loszuſteuern begann. „Mein Vater?“— Er machte eine Pauſe.„Sie 246 kennen keine Geſchöpfe, die Niemanden haben, der ſich um ſie kümmert und die eigentlich nur zum Spaße auf der Welt ſind, um zu ſehen, daß ſie um alles das zu kurz gekommen ſind, was den Anderen im Schlafe und vollauf zugefallen iſt!“ „Gott ernährt Alle“, gab die Frau zurück.„Wer fleißig iſt und vorwärts ſtrebt, geht nicht zu Grunde!“ Waldemar lachte bitter.„Um den Menſchen zu dienen, muß man ſie lieben, nicht aber ſie haſſen, tödt⸗ lich haſſen, wie ich. Schütteln Sie nur den Kopf, gute Frau! Aber hören Sie erſt, ehe Sie verdammen!“ Er ſeußzte auf und fuhr dann raſch und leidenſchaft⸗ lich fort:„Ich hatte eine Mutter, die mich liebte, wie Sie Ihre Kinder lieben, ach noch mehr, unendlich mehr, denn was Einem ſoviel Kummer macht vor der Welt, das muß uns werther ſein als Alles, was uns von Niemand angefochten wird. Meine Mutter ſah ſich ob des Fehltritts, der mein Daſein verſchuldete, von Leuten mißachtet, die ihr einſt wohl wollten; ihre alte Tante ſtarb und hatte ihr das kleine Erbe, das ſie von ihr zu erwarten hatte, aus Erbitterung über ihre Schande entzogen. Meine Mutter verließ die Stadt, die ihr fürchterlich geworden war; planlos zog ſie mit mir hinaus auf die Wanderſchaft; in einem benach⸗ barten Orte ſuchte ſie Handarbeit, um ſich und ihr —— 247 Kind zu ernähren. Mein Vater ſei reich, hörte ich manch⸗ mal, aber er habe meine Mutter verſtoßen und eine an⸗ dere Frau genommen, als er reich geworden ſei— und lieber wäre meine Mutter mit mir Hunger geſtorben, ehe ſie ſich an den Treuloſen, der ſie im Unglück verließ, mit einer Bitte um Unterſtützung gewendet hätte. Meine Mutter war ſtolz, wie ich ſtolz bin! Lieber im Elend unter⸗ gehen, als ſich vor einem Nichtswürdigen erniedrigen. Sie gab ihren Wohnort ihm nicht mehr zu erkennen. Sie beweinte ihr verlorenes Leben, aber ſie trug ihr Elend mit Würde, ja mit Größe. Sie arbeitete— ach ſo⸗ lange ſie geſund war, ging Alles erträglich! Aber der Schmerz verzehrte ihr Mark und ſie welkte hin. Ein langes Siethum feſſelte ſie ans Krankenlager und oft mußte ſie mich, ihr Liebſtes, hungern laſſen. Das waren harte, harte Stunden! Da eines Abends— es war am Mariäfeiertag und mein Blut gerinnt mir noch, wenn ich daran denke— peinigte mich der Hunger und ich ſchrie nach Brod. Die Todkranke richtete ſich in ihrem Bette auf und riß mich zu ſich heran. An ihr Herz preßte ſie mich in einem wahnſinnigen Liebeskrampf und ehe ich mich's verſah, ſtürzten die Thränen aus ihren Augen und brannten mir wie Höllenfeuer auf der Stirne. Ich habe nichts als Dich und Dich muß ich elend ſehen und hungern laſſen! ſchluchzte ſie, daß mir faſt 248 das Herz brach. O Waldemar, den Frevel an mir will ich Deinem Vater verzeihen, aber daß auch Du unglücklich ſein ſollſt, Du, das unſchuldige Geſchöpf— das tödtet mich! Mein Kind, ich ſage Dir, wenn es dort oben eine Gerechtigkeit gibt, wenn die fürchterliche Qual, die ich um Dich erdulde, nicht eine leere Grau⸗ ſamkeit des Himmels ſein ſoll, ſo trifft ſein ewiger Fluch Den, der Dich gezeugt, das fühl ich in der Angſt dieſer meiner letzten Stunde!— „Sie ſprach's und ſank zurück. Ich fühlte den Druck ihrer Arme nachlaſſen und ihre Hand matt auf meinen Nacken fallen; ich lag noch immer auf den Knieen vor ihrem Bett und wagte nicht, mich zu erheben. Mein Kopf lag an ihrem Herzen, das ich in einzelnen lauten Stößen aufzucken hörte, bis es leiſer und leiſer wurde und endlich— es überlief mich ein Fieberfroſt— ſtill⸗ ſtand wie ein abgelaufenes Räderwerk;mir war, als ſtehe die Uhr der Welt ſtill. Die bleiche Hand auf meinem Nacken berührte mich eiskalt, entſetzt ſprang ich auf und in einem Sturm von Thränen ſuchte ich den Gedanken aus meiner Seele fortzuſchwemmen, daß es möglich, daß es wahr ſei, daß ich meine Mutter, mein Einziges, verloren habe!“ Wie durch einen Zauberſpruch feſtgebannt, hörte der Mann, der in einer Ecke des Zimmers ſaß, dieſe Erzählung und wagte nicht, ſich zu rühren. So tief fühlte er ſich erſchüttert, daß es ihm an Muth gebrach, ſich ſeinem Sohne als denjenigen zu enthüllen, auf deſ⸗ ſen Seele das Bewußtſein einer ſolch fürchterlichen Schuld brannte. Der Wirthin aber verſagte faſt ihre Stimme, als ſie ſich, nachdem der junge Mann geendet, alſo an ihn wandte:„Und haben Sie nie Ihren Vater aufgeſucht und ihm von der letzten Stunde Ihrer Mutter erzählt? Wiſſen Sie denn, ob er ſo ſchlimm war, als Sie dachten?— Hätte er Ihre Erzählung gehört, er müßte ein Herz von Stein haben, wenn er ſeine Schuld nicht bereut und an Ihnen gutgemacht hätte.“ Dieſe Worte gaben dem alten Schlöſſer plötzlich Kraft, ſich aufzuraffen, und der entſetzlichen Enthüllung ihren Lauf zu laſſen. Er ſprang auf, ſtürzte auf ſeinen Sohn zu, ſchloß ihn in die Arme und rief:„Nimm Deinen Vater zurück und vergieb ihm!“ Kaum hatte Waldemar den Sprechenden, den er eine Weile ſprachlos angeblickt, erkannt, als er ſich ab⸗ wandte und mit eiſiger Kälte antwortete:„Was wollen Sie von mir? Ich kenne Sie nicht und habe nichts mit Ihnen zu ſchaffen.“ 250 Aber Schlöſſer ruhte nicht, bis ihn Waldemar auf ſein Zimmer geführt und ein rückhaltloſes Geſtändniß von ihm angehört hatte. Er ſchloß alſo:„Ich will Dich halten als meinen Sohn, der Du ja biſt! Ich will verſuchen, den Geiſt Deiner Mutter zu verſöhnen; o— lebte ſie noch! Ich will Alles für Dich thun, was ich nur vermag.“ Waldemar, der ihm ſchweigend zugehört, unterbrach ihn im Tone des furchtbarſten Ernſtes:„Und Ihr Sohn WMax?— liebt er nicht Elſe?“ „Reden wir jetzt nicht davon, ich beſchwöre Dich!“ rief Schlöſſer.„Mag er ſie lieben, Du wirſt zu Höhe⸗ rem beſtimmt ſein—“ „Es iſt genug!“ ſchrie Waldemar, indem ſein Auge funkelte und ſein Geſicht noch bläſſer wurde, 8 iſt genug! Ich verlange kein Geſchenk aus Ihrer Hand, ebenſowenig als meine Mutter in ihrer größten Noth; Ha, wie die Erinnerung in mir auf's Neue auflebt— alles in mir empört ſich beim Anblicken deſſen, der ſo viel Unheil über uns heraufbeſchworen! Haben Sie gehört, was meine Mutter in ihrer letzten Stunde ge⸗ ſagt hat? Der Fluch des Himmels muß auf Ihr Haupt fallen, auf das Haupt des Miſſethäters. Vom erſten Augenblicke an, da ich Sie ſah und faſt auf dem Weg zuſammenritt, fühlte ich Etwas in mir, als müſſe ich Sie haſſen. Und dieſen Haß verſtehe ich jetzt, ich habe ihn mit der Milch meiner Mutter eingeſogen! Ein guther⸗ ziger Mann nahm mich nach dem Tode der Mutter bei einem Jahrmarkte von der Landſtraße auf und brachte die Waiſe mit ſich nach Haus. Seine Frau empfing mich mit den Worten: Haben wir nicht ſelbſt Kinder, was willſt Du mit herbeigelaufenem Ge⸗ ſindel?— Ihre Kinder ſtarben alle bis auf ein Töchter⸗ lein, ich aber, der ich zum„Geſindel“ gerechnet wurde, blieb am Leben. Die Frau des Müllers war böſe und quälte mich, wo ſie konnte; aber der Himmel nahm ſie zu ſich. Ich hatte Hoffnung, daß ich eine blei⸗ bende Heimat auf der Thalmühle gefunden, da führt mein Unſtern Sie daher und ich wurde hinausgejagt aus der heimiſchen Stätte, die mir freilich in Ihrem eigenen Hauſe gebührt hätte. Ich liebte des Müllers Tochter und dieſe Liebe will ich, wenn man es will, mit meinem Blute beſiegeln. Ich kann nicht von Elſe laſſen! Ich wagte mein Letztes daran, die Geliebte für mich zu retten, ſie zu rauben— da zerſchmettert mir Ihr Sohn den Arm. Soll ich Ihnen das Bild noch weiter ausmalen? Gibt nicht Ihr ganzes Erſcheinen mir nur die erneuerte Gewißheit meines Elendes?— Wer gibt mir Geſundheit, wer gibt mir meine Mutter, wer gibt mir meine Elſe zurück? Sind nicht Sie der Zerſtörer meines Daſeins, wie Sie es bei meiner Mutter waren?.. Aus meinen Augen oder ich ver⸗ geſſe mich!“— Wohl goß Schlöſſer die ganze Fülle ſeiner Beredt⸗ ſamkeit aus, um den Verſtoßenen zu verſöhnen.„Gieb mir meine Mutter, gieb mir meine Elſe zurück!...“ dieſe Worte klangen ihm immer wieder aus Walde⸗ mars Mund entgegen. Wie ein Fels im Meere war der Jüngling unbeweglich. Niedergebeugt und hoffnungs⸗ los verließ der Alte den Ort. Die Kluft zwiſchen Vater und Sohn war nach dieſem Auftritte tiefer als je⸗ mals geworden. XVIII Bei ſeiner Zurückkunft auf der Thalmühle nahm Schlöſſer ſofort Veranlaſſung, mit Reichert über das Verhältniß von Max zu Elſen zu ſprechen. Max be⸗ ſtürmte ihn mit dem dringenden Verlangen, den Bund ihrer Herzen zu ſegnen. Schlöſſer hörte Alles zerſtreut an; was vor nicht gar langer Zeit ſein einziger Wunſch geweſen war, das ſchien ihm jetzt wie ein Strich durch die Rechnung ſeines Lebens. Ueber ſeinem Haupte 253 waltete finſter die Nemeſis; ernſt und unauslöſchlich wie der Mitternacht Sterne, flammte die Erinnerung an die Erzählung Waldemars durch ſein fieberndes Hirn. Und dennoch, was konnte er anders thun, als ſeine Zuſtimmung zu dem Bunde geben, an dem ſich durch⸗ aus nichts mehr ändern ließ? Max wollte nicht von Elſen laſſen und ſie erklärte mit der größten Entſchie⸗ denheit, daß ſie niemals einem Anderen als Max ihre Hand reichen werde. Daß ſie aber ſich entſchließen könnte, Waldemar zum Gatten zu nehmen, lag gar nicht mehr im Bereiche der Möglichkeit, da ſie ſeit dem nächtlichen Einbruche und ihrer Krankheit eine grenzenloſe Angſt, ja einen Abſcheu vor ihm empfand. Schlöſſer mochte die Sache überlegen, ſo viel er wollte, an den Verhältniſſen, wie ſie nun einmal ſich geſtaltet, prallte jeder Verſuch, ſie anders zu wenden, ab. Der Pfeil, einmal von der Sehne geſchnellt, ge⸗ hört nicht mehr dem Schützen. Mit ſolchen Gedanken ging Schlöſſer einer unruhigen Nacht entgegen; er mußte in der Mühle übernachten und ſchlief in dem nämlichen Zimmer, in welchem Max die erſte Nacht mit ihren bekannten Schrecken zugebracht hatte. Hatte es dieſes Zimmer an ſich, daß dort finſtere Traumgeiſter ihr Weſen trieben oder lag es in der Auf⸗ —— 254 regung, die wir immer auf der Reiſe empfinden, wenn wir uns unter fremden Dache zum erſten Male ſchlafen legen— auch der alte Schlöſſer hatte in der erſten Nacht, die er in dieſem Hauſe verlebte, einen gleich un⸗ heimlichen Traum wie einſt ſein Sohn. Er fand ſich auf der Straße und trug in dem Arme ein weißes Kreuz, das ihm als ſein Theuerſtes auf der Welt, als die größte Koſtbarkeit ſeines Lebens vorkam. Er flüchtete damit und glaubte ſich verfolgt von Räubern, die ihm ſein Kleinod entreißen wollten. Die Angſt beflügelte ſeine Schritte und endlich in der Ferne, ſeitwärts von einem Walde, erblickte er eine Schlucht, die— ſo fühlte er— wenn erreicht, ihn vor ſeinen Verfolgern ſicher ſtellen mußte. Schon iſt er im Begriff, in die Schlucht hinabzueilen, als Waldemar, wie ehemals, auf ſeinem wilden Roſſe hervorbricht, aber mit todtblaſſem Geſichte und den Arm in der Binde tragend. Schlöſſer ſchreit auf und will mit ſeinem weißen Kreuze bei Seite ſpringen, aber ſchon im nächſten Augenblicke ſtürzt Reiter und Pferd über ihn her... das zuckende Herz ſagt dem Träu⸗ mer, daß er noch lebe, daß er unverwundet ſei, er ar⸗ beitet ſich unter der Laſt hervor— aber da ſieht er am Boden ſein Kleinod, ſein weißes Kreuz, in tauſend Trümmern neben Waldemar, der leblos dahin geſtreckt 255 Nach Mitternacht wurde ſein Schlaf ruhiger und traumlos: er ſchlief länger als gewöhnlich, und als er endlich von den grellen Sonnenſtrahlen erwachte, die durch die blanken Scheiben hereinfielen, als er auf der Mühle Alles in voller Thätigkeit ſah und die Stimme ſeines Sohnes hörte, der dem Geſinde in geſchäftigem Eifer Vorſchriften gab, da fühlte er ſich neu geſtärkt, ſein Gemüth und ſeinen Kopf hell; er vergaß die ver⸗ lorene Mühe und das Unerquickliche der letzten Tage und ging hinab, um ſeinen Max an's Herz zu drücken und ihm zu ſagen, daß er ſeinem Glücke, das ja ſein höchſter Wunſch ſei, nicht länger im Wege ſtehen wolle. Elſe flog an ſeine Bruſt und mit Entzücken hielt er das ſchöne Kind umſchlungen, indem er die Gewißheit empfand, daß an der Seite dieſes Mädchens ſein Mar alle Hoffnungen, die er auf ihn geſetzt, erfüllen müſſe. Reichert, der jetzt ebenfalls in eine ganz andere Stimmung kam, ſchwamm in einer wahren Feſtwonne. Das junge Paar wurde durch dieſes beiderſeitige Be⸗ tragen der Väter ermuntert und fühlte ſich bald ganz ſicher in deren Gunſt und Schutz. Schlöſſer war in Betreff Waldemars auf einen ganz neuen und ermuthigenden Gedanken gekommen, deſſen Grundzüge, feſt in ſeinem Sinne haftend, ihm das Thor einer neuen, freudigen Hoffnung erſchloſſen. 256 Er dachte: Der Waldemar iſt jung und die Zeit wird ſeinen Trotz brechen, wenn nur erſt der Bund zwiſchen Max und Elſe unauflöslich gemacht iſt. Die Welt iſt groß und es giebt der Mädchen genug. Auf der Thalmühle hat er keine andere geſehen, als Elſe; darum meint er, er müſſe ſie haben und durchaus keine andere. Habe ich ihn aber erſt in der Stadt, ſo ſoll er ein ganz neues Bild der Welt ſehen und er wird am Ende froh ſein und mir's danken, daß ſein erſter Wunſch nicht in Erfüllung gegangen iſt. Beſſer jetzt eine gründliche Heilung, als Hausmittelchen, die das Uebel verlängern und am Ende doch eine Kataſtrophe herbeiführen. Der Müller theilte vollkommen ſeine Anſichten. Man kam alſo überein, den Trauungstag ſobald als möglich feſtzuſetzen. Dem Paare konnte es ohnedies nicht raſch genug gehen. Der Termin, welcher für die Hochzeitfeier beſtimmt wurde, war auf den Antrag Schlöſſers ein ſo kurzer, daß er eben hinreichte, in der Stadt die Ausſtattung der Braut zu beſorgen. Haſt Du einen Begriff davon, lieber Leſer, oder weißt Du's aus eigener Erfahrung, wie raſch den Brautleuten die Zeit verfliegt?— Wenn Du es noch nicht weißt, ſo lerne es bei dieſer Gelegenheit von dem lieb⸗ lichen Paar kennen, deſſen Liebesgeſchichte Du aus ihren erſten Keimen ſich hier haſt entwickeln ſehen! Ehe ſie noch recht wußten, wie ihnen geſchehen, hieß es ſchon im benachbarten Dorfe: am nächſten Mittwoch, am Tage vor Mariä Himmelfahrt, iſt Hochzeit auf der Thalmühle! XIX. Die Mühle prangte im Feſtſchmucke, Flaggen wehten luſtig auf den Dächern, Kränze und Guirlanden um⸗ floſſen Thüren und Fenſter. Der Hof mit der großen Linde war zu einem offenen Speiſeſaale hergerichtet, ein Zelt, feſtlich drapirt, barg ein Muſikcorps, deſſen Pro⸗ ductionen ſich von dem, was ſonſt auf dem Lande bei ſolchen Gelegenheiten in der Muſik geleiſtet wird, hin⸗ länglich unterſchieden. Hatte ja doch Schlöſſer ſelbſt die Veranſtaltung dieſes Feſtes nach ſeiner Art über⸗ nommen und da durfte man überzeugt ſein, etwas Vollendetes geboten wurde.. Liebliche Dämpfe und Bratengerüche aus der Küche, in welcher ein wildes Leben wogte, da der aus der Stadt mitgebrachten Köchin Alles, was ihre ländlichen Handlangerinnen thaten, zu langſam ging. Einige Beſorgungen, die ihnen die erfahrene Küchenge⸗ bieterin anvertraute, lieferten theils ſehr ſpaßige, theils ſolche Reſultate, die den höchſten Zorn der Thrannin mit dem Rührlöffel herausforderten.„O dieſes Land⸗ Palm, Die Thalmühle. 17 258 volk!“ brummte ſie einmal über das andere, vergeſſend, daß ſie ſelbſt davon abſtammte,„die Dummheit und Ungeſchicklichkeit ſind da zu Hauſe!“— In mehreren Kiſten waren aus der Stadt ausgeſuchte Delikateſſen angekommen, bei denen mancher der ländlichen Gäſte gar nicht wußte, wie er ſie anfaſſen und in den Magen befördern ſollte. Nur der Herr Paſtor verſtand ſich mit lobenswerthem Tiefblicke auf das Geheimniß dieſer ſämmtlichen Koſtbarkeiten und ſprach ihnen mit jener Andacht und Freude zu, womit man nur langentbehrten, aber innig geliebten Bekannten begegnet. Die hohe Obrigkeit des Bezirkes durfte ſchon aus Amtseifer in dieſen trefflichen Zügen nicht zurückſtehen und es ent⸗ ſtand daher zwiſchen ihr und der Geiſtlichkeit ein rühmli⸗ cher Wettſtreit, der bei der beiderſeitigen Vollkommen⸗ heit der Waffen, als da ſind Zähne, Kehle und Schlund, unentſchieden endete. Das Bild Elſens trat aus dem Rahmen des Feſtes hell hervor. Aus dem weißen Feſtgewande quoll in blumenſüßen Reizen die jugendliche Geſtalt. Blaſſe Roſen blühten an Kleid und Haar. Des Mädchens Wangen zeigten lebhafte Farben wie friſch gepflückte Erdbeeren. Das Auge glänzte in tieferem Blau und in der Bruſt bewegte ſich raſcher das volle Herz, das ſich am Ziel ſeiner innigſten Wünſche ſah. Ein Nach⸗ klang an die wehmuthsvolle Stimmung bei ihrem erſten Ausgange nach ihrer Krankheit hallte mitten in der Freude durch ihr Inneres. Die höchſte Freude iſt ver⸗ wandt mit dem tiefſten Schmerze. Mit einem Male über ſich ſelbſt beſtürzt, löſt ſie auf ihrem Höhepunkte ſich in die Thräne und ſchlägt ſich als feuchter Kryſtall nieder. Max ſchwamm in ausgelaſſener Heiterkeit und gab darin den Gäſten das beſte Beiſpiel. Der Anblick eines ſo gutmüthigen Menſchen, der mit ſo ungetrübtem Blicke die Welt anſieht, iſt ſelbſt für grämliche Gäſte eine wahre Herzſtärkung. Denn jede ſo kräftige und unbe⸗ hinderte Aeußerung des Lebens in einem andern Geſchöpfe wirkt anregend auf die eigene Exiſtenz zurück, die ſich als das Glied einer unendlichen Kette von Weſen erkennt, als ein Theil des Ganzen, das ſchöpflicher Mannickfaltigkeit ſich zu dem ſchönen Moſaik⸗ bilde der Schöpfung zuſammenſetzt, und in welchem nur Eine Idee ſich mit der Deutlichkeit des Regenbogens auf dem Wettergewölke abhebt: die Unvergänglichkeit im ewigen Wechſel.— Max war gerade im Begriff, Elſe zu ſuchen, Ddie er vermißte, als er ſie bleich aus dem Hauſe treten und ihm zuwinken ſah.„Um Gotteswillen was iſt Dir?“ empfing er die Zitternde—„Ich bitte Dich“, 260 5 flüſterte ihm das Mädchen zu, das ſo viel Kraft behielt, die Situation zu überblicken,„laß die Gäſte nicht merken, was ich Dir ſage— ich habe Waldemar geſehen!“ „Wo?“ rief Max, den ein ſonderbarer Schwindel bei dieſen Worten befiel. „Oben an der Thalſchlucht ſtand er und blickte auf die Mühle herab.“ Max beſann ſich einen Augenblic und entgegnete dann, ſeine heitere Faſſung wieder gewinnend:„Was ſicht uns das an? Wollen wir's dem Vater ſagen? Der wird ſich freuen, ihn wieder zu finden und ihn ein⸗ laden zu einem Tänzchen.“ „Nicht jetzt ſolche Worte!“ mahnte Elſe.„Mir ſagt's eine innere Stimme, daß die Nähe Waldemars am heutigen Tage nichts Gutes bringt. Ich war beru uhig da es nach der Begegnung mit Deinem Vater hieß, er habe unſere Gegend für immer verlaſſen. Aber jetzt iſt er wieder da, und zwar am Tage unſerer Hochzeit.“ „Laß gut ſein!“ lachte der Bräutigam,„der Herr Waldemar wird zufrieden ſein, wenn wir ihn in Ruhe laſſen. Laß ihn doch von Weitem das Feſt mit anſehen! Er will von uns nichts wiſſen, ſo viel iſt gewiß, ſonſt wäre er dem Vater, der es gut mit ihm meinte, nach der Stadt gefolgt.“ „ 264 „Eben weil er ſich fern gehalten, habe ich ſolche Angſt“, rief Elſe, die ſich an den Bräutigam anſchmiegte und das Auge feſt und liebevoll auf ihn heftete, als ob ſie ſo die Macht ihrer Bitte erhöhen wollte. „Was ſoll ich denn thun?“ frug Max, dieſen Blick verſtehend. „Ich weiß es ſelber nicht— Du ſollſt ein Mit⸗ tel erſinnen, Waldemar ungefährlich zu machen.— O dieſe namenloſe Angſt!“ „Gut!“ antwortete Max kurz Sſcſ„ich werde hinauf gehen und ſehen, was mit ihm zu machen iſt.“ „Was fällt Dir ein? Vergiſſeſt Du, daß Du es warſt, der ihn verwundete?“ „So laſſen wir ihn in Frieden!“ ſchloß Max und legte die Hand Elſens in ſeinen Arm, da eben eine luſtige Walzermelodie in die Luft hineinſchmetterte. „Komm auf den Tanzplatz, der Ball beginnt! Das Hochzeitspaar muß ihn eröffnen. Tanze Dir Deine Grillen hinaus.—“ Der, den Elſe in der Thalſchlucht geſeben, hörte dieſe Walzertöne hinüberſchallen und ſie drangen ihm in's Herz wie Dolche. O die Muſik, die ein uns theures Weſen in die Arme eines Anderen zum Tanze ruft, während uns ein ſtarres Gebot der Geſellſchaft fern⸗ hält— dieſe Muſik beſitzt alle Stacheln und Dornen 262 der Hölle! Sie reißt alle Wunden auf, an denen je unſer Herz geblutet, und heiß quillt wieder aus den Narben hervor der nie geſtillte Schmerz. Die Muſik die mit ihrer Wundermacht vermag, uns über alles Irdiſche hinauszuheben, in ihrem reinen Bade Herz und Geiſt im innerſten Nerv zu ſtärken, ſie kann in unſerer Bruſt auch die tiefſten Regiſter des Wehes anſchlagen. Jene dort erheitert ſie, Dieſen hier drückt ſie zu Boden. Lange noch wogte das muntere Spiel auf dem bänderflatternden Feſtplatze, bis die Nacht über den Häuptern der Fröhlichen ihr helles Sternenbuch auf⸗ ſchlug und der Ewigkeit heilige, tiefſinnige Flammenſchrift leſen ließ.. Solch eine Nacht war's, als Max zum erſten Male in der Thalmühle übernachtete! ſolch eine Nacht, als Elſe im ſchwachen Lichte des dämmerigen Himmels das Haupt Waldemars über ihr Lager gebeugt ſah— ſolch eine Nacht, da der verſtoßene Burſche den Waldweg geſucht hatte zur Thalmühle zurück, wobei durch die dunklen Wipfel der Bäume des Himmels Diamanten hell hereinblitzten... Jetzt ſtand Waldemar wieder wie damals an der Thalſchlucht, jetzt flimmerten wieder die Sterne durch das ſchwärzliche Dickicht. Noch erſcholl die Muſik; über der war der Lärm der Zecher, erloſchen der hochzeitliche Glanz Thalmühle lag ein gluthröthlicher Schein von den un⸗ zähligen bunten Lampions, mit denen der Feſtplatz und das Wohnhaus bis hinauf zum Giebel illuminirt waren. Zuletzt praſſelte und ſprühte ein Feuerwerk in den Lüften. Die Luſt wollte kein Ende nehmen und der ſonſt gegen das Geſinde ſo ſtrenge Müller gönnte dieſem heute gerne ein Uebriges. Der Hochzeittag des einzigen Kindes!— Wer im ganzen Hauſe hätte da nicht das Recht gehabt, ſich dem vollſten Feſtgenuſſe hinzugeben und des Guten zu viel zu thun? War ja doch ſogar die Stellung der hohen Obrigkeit be⸗ denklich ſchwankend, als ſie endlich an den Heimweg dachte, und der würdige Herr Paſtor konnte eine feurige, mit ſeiner ſonſtigen Ruhe ſtark contraſtirende Begei⸗ ſterung nicht verleugnen, welche ihn wiederholt zu ſauber gereimten Toaſten auf anweſende und entfernte Freunde und Bekannte hingeriſſen hatte. Waldemar ſah erſt, als die Mitternachtsſtunde längſt vorüber war, von ſeinem einſamen Verſtecke aus die Helle über der Mühle allmählig ermatten, die Lampen verlöſchen und zuletzt, nachdem er noch einzelne verwor⸗ rene Stimmen der nach ihren Schlafſtätten taumelnden Knechte vernommen, die dunkle, ſchweigende Nacht über das ganze Gehöfte ihre Fittige ausbreiten. Verklungen 264 — Alles war zur Ruhe gegangen, nur er, der Unglückliche, nicht! Ihm gönnte das zehrende Feuer ſeines Inneren nicht Ruhe noch Raſt, während der Schlummer die Lider der Glücklichen ſchloß. Unter dem Schutze der Finſterniß ſchlich er nach der Mühle hin, an dem rauſchenden Mühlbach entlang, der wie abmahnend zu ihm heraufklang und ſeine Stimme zu verſtärken ſchien, je näher Waldemar dem Gehöft kam. Sein ganzes Elend ſpiegelte ſich grell aus dem Glücke des jetzt von Prieſterhand verbundenen Paares zurück— ein Anderer pflückte die Frucht, die ihm ge⸗ hörte, dieſer Gedanke thürmte einen Koloß von Leiden in ihm auf, den er niederzuſchmettern beſchloß. Er brütete Rache, Mord— er wollte Feuer an die Thal⸗ mühle legen. Alle Energie ſeiner Natur raffte er zuſammen, um dies Mal jeder Möglichkeit des Mißlingens ſeiner That vorzubeugen. Bei ſeinem letzten nächtlichen Einbruche in der Thalmühle erwärmte ihm noch die Hoffnung das Herz, daß ſeine Elſe ihn liebe— jetzt hatte er auch dieſe Hoffnung zerrinnen ſehen in das grauſame Nichts und der letzte Halt ſeines Lebens, der Gedanke an die Treue der Geliebten, war ihm heute, an ihrem Vermählungstag gebrochen und zerſtört für immer. Daher war es jetzt auch ſo kalt, ſo öd in ihm, daher lächelte kein milder Stern mehr in der Bruſt des Verſtoßenen... Als er in dem Mühlenhofe ankam, wo noch vor Kurzem die Freude des heiterſten Feſtes ihr lachendes Geſicht gezeigt hatte, ſah er kein Fenſter des Wohn⸗ hauſes mehr von einem Lichtſtrahle erleuchtet. Das neuvermählte Paar bewohnte daſſelbe Zimmer im zwei⸗ ten Stocke, von dem aus Max in der erſten Nacht ſei⸗ nes Verweilens in der Mühle den fliehenden Walde⸗ mar ausgekundſchaftet... Jetzt will auch ich Dir eine Hochzeitsfackel an⸗ zünden, ſprach der Burſche bei ſich, eine Hochzeitsfackel ehe es Tag wird!.. Er wußte, wo die leichtbrennbaren Stoffe ange⸗ häuft lagen. Wenn im unteren Stockwerk des Wohn⸗ hauſes, wo einer der Knechte ſchlief, das Feuer aus⸗ brach und die Treppe ergriff, ſo war Allen, die oben ſchliefen, jeder Rettungsweg abgeſchnitten, ſofern nicht von außen Leitern an die Fenſter gelegt wurden. Waldemar kannte die Scheune, wo die Leitern aufbe⸗ wahrt wurden und wollte dieſelbe zuerſt den Flammen opfern. Eben ſchlich er hin, als drinnen in der Wohn⸗ ſtube die alte Wanduhr mit ihrem wohlbekannten, ernſt⸗ haft langſamen Schlag die dritte Stunde verkündete; die Pendule in der guten Stube fiel mit ihrem mu⸗ 266 dern haſtigen Tact ein und war mit ihren gellen Schlägen längſt zu Ende, als ihre ehrbare Kollegin aus der guten alten Zeit noch raſſelnd und ſchwer⸗ fällig die Zahl der Stunden vollzählte. Doch halt, was war das? Noch ein anderer Klang miſchte ſich in die Stimmen der Uhren, ein Klang fern herübertönend wie ein ſtammelndes Echv. Waldemar horchte auf... das war die Glocke aus der entlegenen Waldkapelle, die den Morgen einläutete. Iſt Feiertag heute? fragte ſich der Burſche, der jenes Zeichen wohl kannte, und da drängte es ſich plötzlich wie ein heißer Blutſtrom gegen ſein Herz: der Feier⸗ tag von Mariä Himmelfahrt wurde eingeläutet.. der Todestag ſeiner Mutter. Und da wollte er ein Verbrechen ausführen, ſeine Hände mit Blut beſudeln? Er wollte an dieſem Tag durch eine Schreckensthat noch auf ſie, die ihn geboren, einen Fluch zurückwerfen?—— Im Gegentheile, wollte ſein böſer Dämon einwenden, Du willſt Deine Mutter rächen, ſie rächen an Dem, der ihr ganzes Leben zerſtört, ja, der Dir ſelbſt Deine letzte Stütze genommen hat!— Ja, aber braucht der Himmel Dich zu ſeinem Werkzeuge, wenn er ſtrafen will? antwortete eine milde Stimme in ſeiner Bruſt... er wurde immer unruhiger. Auf der einen Seite ein verſengender Durſt, ſich Genugthuung 4—— zu verſchaffen für das Unrecht, das man ihm angethan,— auf der anderen Seite das Gewiſſen, die Liebe zu ſeiner Mutter. Nein, an ihrem Todestage eine böſe That zu vollbringen, dazu gebrach es ihm an Muth, an Kraft, und ſein ſtarker Arm war jetzt knabenhaft ſchwach. Es duldet ihn nicht länger hier an dem Orte, den er ſich im Geiſte zum Schauplatze eines unerhörten Ver⸗ brechens auserſehen hatte. Es treibt ihn von hinnen, als ob er für immer abſchließen wollte mit dieſem ver⸗ lorenen Capitel ſeines Lebens und in der Ferne ein neues beginnen in Arbeit und Entbehrung, bis er es dahin gebracht habe, den Namen der Verſtorbenen, ihr heiliges Gedächtniß einzukleiden in alle Rechte, die ihr bei ihren Lebzeiten von den Menſchen verkümmert wor⸗ den waren. Wie fiel es von ſeiner bedrückten Bruſt, als dieſer Gedanke ſich ſeiner mit aller Macht hemäch⸗ tigte! Er zögerte keine Minute länger, von heute an ſollte ein neues Leben für ihn beginnen— er kam wieder vorüber an dem Mühlbache und dieſer ſchien ihm jetzt ſo troſtvoll, ſo beruhigt zu rauſchen und ihm ein Lebewohl zuzurufen. Er wußte nicht, wie lange er im Walde gegangen ſein mochte, die Richtung nach der benachbarten Ort⸗ — ——— 268 ſchaft feſthaltend, aber als er eine Anhöhe erreichte, auf welcher der Wald ſich lichtete, wandte er noch ein⸗ mal das Auge zurück auf die ſchon in weite Ferne ent⸗ rückte Thalmühle Was war das? Eine flammende Röthe erhellte den Horizont, über der ſchwarzen Tan⸗ nenwaldung breit und hoch emporglühend. Das war nicht der junge, im Purpurmantel heraufſteigende Tag — das war eine Feuersbrunſt, das war Feuer in der Thalmühle! Eine That, vor deren Vollbringung Waldemar im entſcheidenden Augenblicke zurückgebebt, hatte der Zufall ausgeführt, der Zufall, dem ein kleiner in einem der Feſtlampions fortglimmender Funken und die Unvorſichtigkeit eines der angetrunkenen Knechte ge⸗ nügte, um den Brand zu entfachen, der jetzt in hellem Lohen das iſolirte Gehöfte verſchlang. Es gab für Waldemar keine lange Ueberlegung: zurück zur Thalmühle! Die Angſt beſchleunigte ſeine Schritte; je näher er kam, deſto drohender ſtieg die Feuerſäule zum Himmel auf. Der vielfach ver⸗ ſchlungene Weg in dem Walde machte ihn einige Male irr in ſeinem Glauben, daß der Herd des Feuers die Mühle ſei. Es ſchien eher der Wald in nächſter Nähe in vollen Flammen zu ſtehen. Der Weg kam ihm trotz ſeiner Eile entſetzlich lang vor; als er end⸗ lich die bekannte Thalſchlucht erreichte, warf das bren⸗ nende Wohnhaus Reicherts ihm einen ſolch hellen Feuer⸗ ſchein entgegen, daß die Schatten der Bäume rings herum ſich wie beim Tageslichte auf dem Boden ab⸗ zeichneten. Er eilt hinunter— am Bache findet er einige Knechte beſchäftigt, den Schlauc zu den Löſchwerkzeugen einzuſenken, im Hof herrſcht Verwirrung und Verzweif⸗ lung, Schlöſſer und der Müller ſchreien nach Max und 6 Elſe, die im zweiten Stocke eingeſchloſſen ſind, umlodert von zehrenden Flammen. Schlöſſer verſucht vergeblich, ſeinem Sohne ein langes Tau nach dem Fenſter hinauf⸗ zuwerfen— es iſt ein fürchterlicher Anblick, die Ge⸗ ſtalten der beiden Eingeſchloſſenen in dem grellen Lichte ſich hinter dem Fenſter bewegen zu ſeben. Walde⸗ mar drängt ſich herbei— Reichert erkennt ihn, und ſchrickt zuſammen.„Zurück Unglücklicher,“ ſchreit er, „Du haſt das Feuer angelegt!“ Ohne ein Wort zu ſagen ſchleppt Waldemar eine 1 3 Leiter herbei. Das Giebelgerüſt über dem Brautgemache iſt ſchon beinahe ganz ausgebrannt, die Flammen lecken ſchon an dem Marke des kaum mehr zuſammenhalten⸗ den Gebälks— im nächſten Augenblicke kann es zu⸗ ſammenkrachen und in den Trümmern des Brautge⸗ maches die zwei Neuvermählten begraben. Sprachlos vor Staunen ſteht Reichert, aber Schlöſſer erkennt die ganze Größe der Gefahr.„Waldemar“, ruft er, 270 einem unbeſchreiblich bangen Gefühle Ausdruck ver⸗ leihend,„Waldemar, bedenke, was Du wagſt— laß einen Andern hinauf!“ „Wer außer mir wird es wagen?“ entgegnet der Burſche, indem er ſchon die unterſten Sproſſen erklimmt⸗ Raſch geht er hinauf, mit jeder Sproſſe ſcheint ſich ihm die von dem Feuerherd ausſtrömende Hitze zu er⸗ höhen, unter dem Fenſter ſteigert ſie ſich zum Uner⸗ träglichen. Er wundert ſich nicht mehr, daß weder Max noch Elſe ſich ihm entgegendrängen— die Arme feſt ineinandergeſchlungen, liegt das Paar von Rauch und Hitze ſchon halb erſtickt an der Fenſterbrüſtung, entſchloſſen, ſich im Tode nicht zu laſſen. Er verſucht, ſie aufzurütteln und ruft hinunter in den Hof, den Waſſerſtrahl nach dem Fenſter hin zu richten. Als dieſer Strahl ziſchend hereinbricht, erwacht das Paar aus ſeiner Betäubung, mit ſtarkem Arme ergreift Wal⸗ demar die zitternde Elſe, Mar hilft ihm dabei—— aber zu ſpät! das ausgebrannte Giebelgebälk hält nicht länger mit ſeinen verkohlten Gliedern zuſammen, ein Krach, ein Aufſchrei, ein Aufſtieben von Qualm und Funken, eine hellaufſchlagende Lohe, ein herabſtürzen⸗ der glimmender Balken, der Waldemar von dem Fenſter⸗ geſimſe herabſchmettert— ſie tragen ihn beiſeit, er athmet noch, er kann Schlöſſer und Reichert noch die — S 274 Hand reichen, ſich mit dem letzten Hauche ſeines Lebens mit ihnen verſöhnen, dann folgt ſein Geiſt den Neu⸗ vermählten am nämlichen Tage, der einſt ſeine treue Mutter abberufen hatte. Die ſtolze Thalmühle lag in Trümmern. Das emſige Geklapper der Räder, die Stimme der Geſchäftig⸗ keit und des Lebens, des Töchterleins ſanfter Ton, Alles iſt verſtummt. Nur des Gebirges nie ruhende Quelle, der Mühlbach voll unerſchöpflicher Kraft und Lebensluſt, ſtürzt lauter rauſchend über das Wehr. Die Menſchen und ihre Werke vergehen. Aber die Natur bowegt ſich gleichmäßig fort, erneuert ſich nach unvergänglichen Geſetzen und bleibt ungerührt vom Kampfe und Wechſel des wandelbaren Geſchlechtes. Ende. Druck von Richard Schmidt in Reudnitz⸗Leipzig. aus dem Verlage von Ernſt Inlins Günther in Leipzig. Leben um Leben. der Verfaſſerin von„John Halifax.“ Aus dem Engliſchen von Sophie Berena. 3 Bände. 6 Bände. 8. Geheftet. Preis 4 Thlr. Ein tiefes Geheimniß. 8. Geheftet. Neue Romane Autoriſirte Ausgabe. Armad Roma von Wilkie Collins. Aus dem Engliſchen von Marie Sr. Autoriſirte Ausgabe. Roman von Wilkie Collins. Aus dem Engliſchen von A. Kretzſchmar. Autoriſirte Ausgabe. 3 Bände. 8. Geheftet. Preis 2 Thlr. b 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 1*