Leihbibliothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Cduard Otlmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seiß und geſ ebedingungen. 1. Ofensein der Bihliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenymmen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mi 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 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Lucia war ſeit kurzer Zeit wieder zu ſich gekommen und hatte einen Theil dieſer Zeit auf Bemühungen ver⸗ wendet, ſich ganz zu ermuntern, die trüben Erſcheinungen des Schlafs von den Erinnerungen und Bildern dieſer Wirflichkeit zu ſondern, die freilich nur allzu große Aehn⸗ lichkeit mit einer unheimlichen Fieberphantaſie hatte. Die Alte war ſogleich zu ihr getreten und hatte in einem Ton erzwungner Demuth zu ihr geſagt:„Ach, habt Ihr ge⸗ ſchlafen? Ihr hättet im Bette ſchlafen können, ich hatte es Euch doch geſtern Abend ſo oft geſagt.“ Als ſie aber keine Antwort erhielt, hatte ſie in einem Tone ärgerlichen Bittens fortgefahren:„Eßt doch einmal Etwas; nehmt doch Vernunft an! Hu, wie garſtig ſeid Ihr! Es thut Euch Noth zu eſſen. Und dann zankt er wieder mit mir, wenn er zurückkommt.“ „Mein, nein, ich will fort, ich will zu meiner Mut⸗ ter! Der Herr hat es mir verſprochen, er hat geſagt: Morgen früh. Wo iſt der Herr?“ „Er iſt ausgegangen; aber er hat geſagt, daß er bald zurückkommen und dann Alles thun werde, was Ihr verlangt.“ „Hat er das geſagt? hat er das geſagt? Nun wohl, ich will zu meiner Mutter gehen; ſogleich, ſogleich.“ Und ſiehe da, auf einmal vernimmt man das Getöſe von Schritten im anſtoßenden Zimmer, hernach ein Klopfen an der Thüre; die Alte läuft hinzu und fragt:;„Wer iſt's?“ Die Verlobten. MI, 1 2 „Mach auf!“ antwortete leiſe die bekannte Stimme. Sie zieht den Riegel zurück; der Ungenannte ſtößt leicht die Thürflügel auf, ſo daß eine kleine Oeffnung entſteht, befiehlt der Alten herauszukommen und drängt ſogleich Don Abbondio mit der guten Frau hinein. Dann ſchließt er die Thüre wieder, bleibt hinter ihr ſtehen und ſchickt die Alte in einen entfernten Theil der Burg. Die andere Frau, die draußen Wache hielt, hatte er bereits weg⸗ geſandt. Dieſe ganze Bewegung, dieſer Augenblick der Er⸗ wartung, dieſes erſte Erſcheinen neuer Perſonen, verſetzte Lucia abermals in eine große Beunruhigung; denn wenn auch ihr dermaliger Zuſtand unerträglich war, ſo fürch⸗ tete ſie doch, jede Veränderung möchte einen neuen Schrecken mit ſich bringen. Sie ſchaute auf, ſie ſah einen Prieſter, eine Frau; ſie faßte etwas Muth; ſie ſchaut von Neuem hin:„Iſt er's oder iſt er's nicht?“ Sie erkennt Don Abbondiv und läßt wie verzaubert ihre Augen ſtarr auf ihm haften. Die Frau trat auf ſie zu, neigte ſich über ſie, ſchaute ſie liebreich an, ergriff ihre beiden Hände, liebkoſend und zugleich um ſie aufzurichten, und ſagte zu ihr:„Ach, armes Kind, kommt, kommt mit uns!“ „Wer ſeid Ihr?“ fragte Lucia! aber ohne auf die Antwort zu hören, wandte ſie ſich wieder zu Don Abbon⸗ div, der gleichfalls mit einer ganz barmherzigen Miene zwei Schritte vor ihr ſtand, firirte ihn von Neuem und rief:„Ihr? ſeid Ihr's? der Herr Pfarrer? wo ſind wir dann? O, ich armes Mädchen, ich bin nicht bei Sinnen!“ „Nein, nein,“ antwortete Don Abbondio,„ich bin es, wahrhaftig; faßt nur Muth! ſeht Ihr, wir ſind da, um Euch wegzubringen. Ich bin Euer leibhaftiger Pfar⸗ rer und ausdrücklich hierher gekommen, da heraufge⸗ riten Lucia richtete ſich, wie wenn ſie auf einmal alle ihre Kräfte wieder gewonnen hätte, raſch auf, ſchaute noch ein⸗ 3 mal die beiden Geſichter ſcharf an und ſagte:„Es iſt alſo die Madonna, die Euch geſandt hat.“ „Ich glaube es auch,“ ſagte die gute Frau. „Aber können wir auch wirklich gehen, können wir auch witklich gehen?“ begann Lucia mit geſenkter Stimme und einem ängſtlichen, argwöhniſchen Blicke wieder,„und all dieſe Leute 20 juhr ſie mit zuſammengezogenen, vor Furcht und Eutſetzen zitternden Lippen fort„und dieſer Herr„ dieſer Mann! er hatte mir wohl verſprochen„ „Er iſt ebenfalls in eigener Perſon bei uns und er⸗ wartet uns draußen. Laßt uns ſchnell aufbrechen, wir dürfen einen ſolchen Mann nicht warten laſſen.“ Jetzt drückte derjenige, von dem geſprochen wurde, die Thürflügel auf, zeigte ſich und trat vor. Lucia, die ihn kurz vorher erſehnt, ja ſogar, da ſie keine andere Hoffnung in der Welt beſaß, nur ihn allein erſehnt hatte, konnte ſich jetzt, nachdem ſie befreundete Geſichter geſe⸗ hen und befreundete Stimmen gehört, eines plötzlichen Schauders nicht erwehren; ſie fuhr zuſammen, hielt den Athem an, drückte ſich an die gute Frau und verbarg ihr Geſicht am Buſen derſelben. Der Herr war, als er den Gegenſtand erblickte, auf welchem er am Abend zuvor ſeine Augen nicht hatte ruhen laſſen können, dieſes Mädchen, das jetzt noch blaſſer, kummervoller, in Folge des langen Leidens und der Nahrungsloſigkeit noch erſchöpfter daſtand, auf halbem Wege ſtehen geblieben; als er dann jene ängſt⸗ liche Bewegung ſah, ſenkte er ſeine Augen und blieb noch einen Augenblick ſtumm und unbeweglich; hierauf rief er, auf Gtwas antwortend, was die Aermſte nicht geſagt hatte: „Es iſt wahr, verzeihet mir!“ „Er kommt, Euch zu befreien; er iſt nicht mehr der⸗ ſelbe; er iſt gut geworden; hört Ihr, daß er Euch um Beehen bittet?“ flüſterte die gute Fran Lucia in's 8 „Kann man mehr ſagen? auf! den Fopf in die 1 —— Höh'; ſeid kein Kindz macht, daß wir ſchnell fortkommen,“ ſagte Don Abbondio zu ihr. Lucia richtete den Kopf em⸗ por, ſchaute den Ungenannten an, und als ſie dieſe Stirne geſenkt, dieſen Blick verwirrt und zur Erde geheftet ſah, da ſagte ſie, von einem gemiſchten Gefühl des Troſtes, der Dankbarkeit und des Mitleios ergriffen:„Ach, gnädi⸗ ger Herr, Gvott vergelte Euch Eure Barmherzigkeit!“ „Und Euch tauſendmal die Wohlthat, die Ihr mir durch dieſe Worte erzeigt,“ antwortete der Ungenannte. Nachdem er dieſes geſprochen, wandte er ſich um, ſchritt auf die Thüre zu und ging zuerſt hinaus. Lucia folgte ihm ganz neubelebt mit der Frau, welche ihr den Am bot; Don Abbondio kam hintendrein. Sie ſtiegen die Treppe hinab und kamen an das Pförtchen, das auf den kleinen Hof führte. Der Ungenannte riß die Thüre auf, ging an die Sänfte, öffnete den Schlag, nahm mit einer gewiſſen, beinahe ſchüchternen Höflichkeit,— zwei neue Dinge an ihm— Lucia am Arm und half zuerſt ihr und dann der guten Frau hinein. Hierauf nahm er aus den Händen des Sänftenführers die Zügel der beiden Maul⸗ thiere und reichte auch Don Abbondio, der ſich dem ſeini⸗ gen genähert hatte, den Arm. „O, welche Herablaſſung!“ ſagte dieſer und ſtieg jetzt weit flinker als das erſte Mal hinauf. Der Zug ſetzte ſich in Bewegung, ſobald auch der Ungenannte ſein Thier beſtiegen hatte. Seine Stirne hatte ſich wiever er⸗ hoben, ſein Blick hatte den gewohnten, gebieteriſchen Aus⸗ druck wieder angenommen. Die Banditen, die ſich am Wege befanden, bemerkten zwar auf ſeinem Geſichte die Zeichen eines mächtigen Gedankens, einer außerordentlichen Sorge, aber mehr begriffen ſie nicht und konnten auch nicht mehr begreifen. Man wußte noch Nichts von der großen Umwandlung, die in dem Mann vorgegangen war, und auf dem Wege der Vermuthungen wäre wahrhaftig keiner darauf gekommen. Die gute Frau hatte ſogleich die Vorhänge an den — — 5 Fenſterchen der Schläge zugezogen, ſodann liebreich Lu⸗ eia's Hände ergriffen und angefangen, ſie mit frommen Worten und zärtlichen Glückwünſchen zu tröſten. Da ſie ſah, daß das arme Mädchen, abgeſehen von ihrer Er⸗ ſchöpfung durch ſo viele überſtandene Leiden, ganz beſon⸗ ders auch durch den Mangel an einem klaren Einblick in dieſen Wirrwarr der Ereigniſſe verhindert wurde, ſich ihrer Befreiung zu freuen, ſo ſagte ſie ihr Alles, was ſie nur für zweckmäßig hielt, um ihrem Gedächtniß wieder aufzu⸗ helfen; um ihre Gedanken zu entwirren, und ſo zu ſagen, wieder in's Gleiche zu bringen. Sie nannte ihr das Dorf, woher ſie war und wohin jetzt die Reiſe ging. „So,“ ſagte Lucia, welche wußte, daß es von dem ihrigen nicht ſehr entfernt warz„ach, heiligſte Madonna, ich danke Dir! meine Mutter! meine Mutter!“ „Wir wollen ſie ſogleich holen laſſen,“ ſagte die gute Frau, die nicht wußte, daß dieß bereits geſchehen war⸗ „Ja, ja, Gott wird es Euch vergelten! Und Ihr, wer ſeid Ihr, wie ſeid Ihr dazu gekommen? „Unſer Pfarrer hat mich geſchickt,“ ſagte die gute Frau,„denn dieſem Herrn da hat Gott(ihm ſei Ehre und Preis!) das Herz gerührt, und er iſt in unſer Dorf gekommen, um mit dem Herrn Cardinal Erzbiſchof zu ſprechen, der zum Kirchenbeſuch bei uns iſt, der theure Gottesmaun; und da hat er ſeine ſchweren Sünden be⸗ reut und will ſein Leben ändern, und er hat dem Cardinal geſagt, er habe ein armes, unſchuldiges Mädchen, nämlich Euch, im Einverſtändniß mit einem andern gottloſen Men⸗ ſchen, den mir aber der Pfarrer nicht nannte, rauben laſſen.“ Lucia erhob die Augen zum Himmel. „Solltet Ihr vielleicht wiſſen, wer der Andere iſt?“ fuhr die gute Frau fort;„genug, der Herr Cardinal hat alſo gedacht, da es ſich um ein junges Mädchen handle, ſo müſſe man eine Frau zur Begleitung haben, und er hat zum Pfarrer geſagt, er ſolle eine ſolche ſuchen, und 6 da iſt denn der Pfarrer ſo gütig geweſen, zu mir zu kommen „O, der Herr vergelte Euch Eure Freundlichkeit.“ „Denkt Euch nur, mein armes Mädchen! Und da hat der Herr Pfarrer zu mir geſagt, ich ſolle Euch Muth einſprechen, ich ſolle Euch ſogleich wieder aufzurichten ſuchen und Euch zu verſtehen geben, wie wunderbar der Herr Euch gerettet hat.“ „Ach ja, recht wunderbar, auf die Fürbitte der Ma⸗ donna.“ „Seid alſo guten Muths und verzeihet dem Manne, der Euch Böſes zugefügt hat; ja, Ihr müßt Euch ſogar freuen, daß Gott Barmherzigkeit an ihm verübt hat, und für ihn beten; Ihr werdet damit nicht nur ein verdienſt⸗ liches Werk thun, ſondern es wird auch Euch ſelbſt das Herz erweitern.“ Lucia antwortete mit einem Blick, der ihren Beifall ſo deutlich ausdrückte, als es Worte hätten thun können, und zugleich mit einem Hochgefühl, das Worte nicht wie⸗ derzugeben vermöchten. „Braves Mädchen,“ fuhr die Frau fort,„da ſich nun auch Euer Pfarrer in unſerm Dorfe befand— es ſind ihrer aus der ganzen Umgegend ſo viele verſammelt, daß man vier Hochämter zu gleicher Zeit halten könnte— ſo hat der Herr Cardinal es für gut befunden, auch ihn mitzuſchicken, obſchon er nicht viel geholfen hat; denn ich habe ſchon früher ſagen hören, daß er eine feige Memme ſei, aber bei dieſer Gelegenheit habe ich ſehen müſſen, daß er gar nicht wußte, wo ihm der Kopf ſtand; er war wie die Maus im Flachs.“ „Und dieſer Herr,“ fragte Lucia,„dieſer Herr, der jetzt gut geworden iſt,„ wer iſt er? „Wie! Ihr wißt das nicht?“ ſagte die gute Frau und nannte den Namen. „Ach, barmherzigſter Gott!“ rief Lucia.„Wie oft hatte ſie dieſen Namen mit Abſcheu in mehr als einer 7 Geſchichte wiederholen gehört, worin er immer die Rolle des Währwolfs ſpielte! und wenn ſie jetzt bedachte, daß ſie in der Gewalt dieſes ſchrecklichen Mannes geweſen, nunmehr aber unter ſeiner frommen Obhut ſich befand, wenn ſie an dieſe ſo unheimliche Gefahr und die ſo uner⸗ wartete Erlöſung dachte, wenn ſie dachte, wem dieſes Geſicht gehörte, das zuerſt mürriſch, dann gerührt und dann gedemüthigt vor ihr erſchienen, da war ſie wie außer ſich und konnte nur von Zeit zu Zeit ſagen:„O Barm⸗ herzigkeit!“ „Ja, es iſt wirklich eine große Barmherzigkeit,“ ſagte die Frau.„Es wird für die halbe Welt, für die ganze Umgegend weit und breit ein mächtiger Troſt ſein; wenn man bedenkt, wie viele Leute er in beſtändiger Angſt hielt, und jetzt, wie mir unſer Pfarrer ſagt„. und dann, man braucht ihm ja nur in's Geſicht zu ſehen.. er iſt ein Heiliger geworden! auch ſieht man ſogleich die Werke.“ Wenn man ſagen wollte, dieſe gute Frau habe nicht eine bedeutende Neugierde verſpürt, das große Abenteuer, bei welchem man ſie zur mithandelnden Perſon gemacht, genauer kennen zu lernen, ſo würde man gegen die Wahr⸗ heit verſtoßen. Aber zu ihrer Ehre muß man erwähnen, daß ſie, von einem achtungsvollen Mitleid für Lucia er⸗ griffen und die Wichtigkeit, die Würde des ihr anvertrau⸗ ten Amtes gewiſſermaßen fühlend, nicht entfernt daran dachte, eine müßige oder unbeſcheidene Frage an ſie zu richten: alle ihre Aeußerungen auf dem ganzen Weg waren Worte des Troſtes und eifriger Theilnahme für das arme Mädchen. 5„Gott weiß, ſeit wie lange Ihr nicht mehr gegeſſen abt! „Ich erinnere mich nicht mehr.. es iſt ſchon eine gute Weile.“ „Armes Kind! Ihr ſeid einer Stärkung ſehr be⸗ dürftig.“ „Ja,“ antwortete Lucia mit ſchwacher Stimme. „In meinem Hauſe werden wir, Gott ſei Dank, ſo⸗ gleich Etwas finden; faſſet Muth, denn es iſt jetzt nicht mehr weit.“ Lucia ſank matt, wie vom Schlafe überwältigt, in die Sänfte zurück, und nun ließ die gute Frau ſie in Ruhe. Für Don Abbondiv war dieſe Rückreiſe zwar nicht ſo angſtvoll wie der Herweg, inzwiſchen war ſie gleich⸗ wohl keine Vergnügungsfahrt. Sobald jene qualvolle Angſt von ihm abgelaſſen, hatte er ſich im Anfang ganz erleichtert gefühlt, aber bald begannen hundert andere Ver⸗ drießlichkeiten auf ihn einzuſtürmen, wie an dem Platz, wo ein großer Baum entwurzelt worden iſt, das Erdreich einige Zeit frei bleibt, in Kurzem aber ſich gänzlich mit Unkraut bedeckt. Er war für alles Uebrige empfindlicher geworden, und ſowohl die Gegenwart als auch die Ge⸗ danken der Zukunft boten ihm nur allzuviel Stoff zu Selbſtquälereien. Er empfand jetzt weit mehr als auf dem Herweg die Unbequemlichkeit dieſer Art zu reiſen, an die er nicht ſehr gewöhnt war, ganz beſonders auf dem Weg von der Burg bis in das Thal hinab. Der Sänftenführer ließ auf einen Wink des Ungenannten ſeine Thiere tüchtig ausgreifen; die beiden Mauleſel hielten einer hinter dem andern gleichen Schritt mit ihm, und ſo kam es denn, daß der arme Don Abbondio an gewiſſen ſteilern Stellen, wie wenn er von hinten in die Höhe geprellt würde, nach vorne ſchnellte und ſich, um ſein Gleichgewicht zu behaupten, mit der Hand am Sattel feſthalten mußte; deß ungeachtet wagte er es nicht, zu bitten, daß man langſamer vorangehen möchte; auch hätte er auf der andern Seite gewünſcht, ſo⸗ bald als möglich aus dieſer Gegend zu kommen. Wo der Weg vollends auf einer Erhöhung, einer Andämmung hinlief, da ſchien das Maulthier nach dem Brauche von Seinesgleichen aus purem Trotz ſich außen zu halten und ſeine Füße recht abſichtlich auf den Rand zu ſetzen, und ſo ſah denn Don Abbondio beinahe ſenkrecht unter ſich 9 einen Sprung oder, wie er meinte, einen Abſturz.„Auch du,“ ſagte er in ſeinem Herzen zu der Beſtie,„auch du haſt dieſen vermaledeiten Hang, die Gefahren auſzuſuchen, während doch der Weg ſo breit iſt!“ Und er zerrte den Zaum nach der andern Seite hin; aber vergebens. Wie gewöhnlich ließ er ſich daher, während in ſeinem Innern Aerger und Furcht nagten, von fremder Willkür leiten. Die Bravi jagten ihm jetzt, da er der Geſinnung ihres Herrn verſichert war, keine ſolche Angſt mehr ein.„Aber,“ berechnete er dennoch,„wenn die Nachricht von dieſer großen Bekehrung im Thale ſich verbreitet, während wir noch darin find, wer weiß, wie dieſe Schlingel da ſie auf⸗ nehmen? wer weiß, was geſchehen kann! Sie könnten ſich's gar in den Kopf ſetzen, ich habe den Miſſionär gemacht! behüte mich Gott, ſie könnten mich zum Mätthrer ma⸗ chen!“ Das verdrießliche Geſicht des Ungenannten beun⸗ ruhigte ihn nicht mehr.„Um dieſe Fratzen da im Zaume zu halten,“ dachte er,„iſt dies wohl nöthig; ich begreife das auch; aber warum muß gerade ich unter dieſes Geſin⸗ del gerathen? Genug, man kam an den Fuß des Abhangs und ge⸗ langte envlich auch zum Thale hinaus. Die Stirne des Ungenannten glättete ſich allmälig. Auch Don Abbondio gewann wieder eine natürtiche Miene, er erlöſte ſeinen Kopf ein wenig aus der Gefangenſchaft tief zwiſchen den Schultern, er ſtreckte Arme und Beine, er begann ſich etwas gerader zu ſetzen, ſo daß er eine ganz andere Figur machte als zuvyr, er holte tiefere Athemzüge und wandte ſich mit beruhigterem Gemüthe der Betrachtung anderer, entfernterer Gefahren zu.„Was wird dieſes wilde Thier von Don Rodrigo dazu ſagen? Mit einer ſo langen Naſe abziehen zu müſſen, den Schaden und den Spott zugleich zu haben, es läßt ſich denken, wie herb ihm das ſchmecken würd; jetzt wird der Teufel erſt recht ſein Spiel mit ihm treiben. Ganz ſicherlich wird er auch mit mir anbinden, well ich mich in den Handel mit eingelaſſen habe. Wenn er ſchon damals das Herz hatte, dieſe beiden Teufel aus⸗ 10 zuſchicken, um mich auf der Straße in ſolchen Schreck zu verſetzen, ſo weiß der Himmel, was ererſt jetzt thun wird! Mit Sr. Hochwürden kann er nicht anbinden, der iſt eine gar zu harte Nuß für ihn, und da kann er nur in den Zügel beißen. Aber das Gift hat er nun einmal im Leib und da wird er es auch an Jemand auslaſſen wollen. Wie endigen ſolche Händel? Die Hiebe fallen hagelvicht, die Fetzen fliegen in die Luft. Für Lucia's Sicherheit wird der gnädige Herr wohl bedacht ſein, der andere übelbe⸗ rathene, arme Schelm iſt weit vom Schuß und hat bereits ſeinen Theil bekommen: dann bin alſo der Fetzen nothwen⸗ dig ich. Es wäre aber doch barbariſch, wenn man mich nach ſo vielen Ungemächlichkeiten, nach ſo qualvollen Ge⸗ müthsbewegungen, woraus man mir nicht einmal ein Ver⸗ dienſt macht, die ganze Sache ausbaden ließe. Was wird Se. Hochwürden jetzt wohl zu meiner Vertheidigung thun, nachdem er mich ſo in die Patſche gebracht hat? Kann er mir dafür ſtehen, daß dieſer Höllenhund mir nicht noch einen ſchlimmern Streich ſpielt als der erſte war? und dann hat er ſo viele Dinge in ſeinem Kopf! Er läßt ſich auf ſo mancherlei Sachen ein! wie kann er auf Alles Acht geben? So bleiben die Sachen oft noch verworrener als ſie vorher waren. Dieſe großen Herren, die Gutes thun, machen es im Großen ab: haben ſie dieſes Vergnügen verſchmeckt, ſo genügt es ihnen, und ſie wollen ſich nach⸗ her mit den Folgen allen nicht mehr quälen; diejenigen aber, die ihre Freude am Böſen finden, verwenden viel mehr Sorgfalt darauf, ſie bleiben bis ans Ende dahinter⸗ her und gönnen ſich keine Ruhe, weil ſie einmal dieſen Krebs in ſich haben, der an ihnen nagt. Soll ich alſo ſagen, ich ſei auf ausdrücklichen Befehl Sr. hochwürdigen Gnaden hierhergekommen und nicht aus eigenem Willen? Das hätte den Anſchein, als wollte ich auf die Seite der Gottloſigkeit treten. O heiliger Himmel! ich auf die Seite der Gottloſigkeit! Freilich ſie macht mir ja ſo viel Ver⸗ gnügen! Genug, das Beſte wird ſein, ich erzähle Perpe⸗ 11 tua die Sache wie fie iſt, und dann überlaſſe ich's Perpetua, die Geſchichte wieder ins Geleiſe zu bringen. Wenn nur den hochwürdigen Herrn Biſchof nicht etwa die Grille ankommt das Ding an die große Glocke zu hängen, ein unnöthiges Schauſpiel daraus zu machen und auch mich hineinzu⸗ bringen. Lucia iſt jetzt gut aufgehoben; man bedarf mei⸗ ner nicht, und nach ſo vielfachem Ungemach darf ich jetzt wohl fordern, daß man mich in Ruhe läßt. Und dann.. ja den Hochwürdigen könnte am Ende auch noch die Neu⸗ gierde anwandeln die ganze Geſchichte wiſſen zu wollen, und dann müßte ich ihm die Heirath erzählen; ſonſt würde Nichts mehr fehlen! Und wenn er auch in mein Kirchſpiel zum Beſuche kommt? Ah es wird gehen, wie es gehen wird, ich will mich nicht vor der Zeit quälen, ich habe ja jetzt ſchon Ungemach genug. Für jetzt werde ich mich in mein Haus einſchließen. So lange der Herr Erz⸗ biſchof ſich in dieſen Gegenden befindet, wird Don Ro⸗ drigv nicht die Stirne haben Dummheiten zu machen. Und hunn und dann? Ach ich ſehe, daß meine letzten Le⸗ bensjahre nicht glücklich ſein werden! Der Zug kam an, ehe noch der Gottesdienſt vollen⸗ det war; er ging mitten durch dieſelbe Menge, die nicht minder aufgeregt war als das erſte Mal und dann trennte er ſich. Die beiden Reiter wendeten ſich ſeitwärts nach einem kleinen Platze, in deſſen Hintergrund das Pfarrhaus war. Die Sänfte bewegte ſich weiter nach der Wohnung der guten Frau. Don Abbondio hielt ſich Wort. Kaum war er ab⸗ geſtiegen, ſo machte er dem Unbekannten ſeine tiefgefühl⸗ teſten Komplimente und bat ihn, er möge ihn beim Herrn Erzbiſchof entſchuldigen, denn er müſſe dringender Ge⸗ ſchäfte wegen nach ſeiner Pfarre zurück. Dann holte er das, was er ſeinen Gaul nannte, nämlich ſeinen Stock, den er in einer Ecke des Pfarrhauſes hatte ſtehen laſſen, und machte ſich auf den Weg. Der Ungenannte wartete, bis der Erzbiſchof aus der Kirche zurückkam. Die gute Frau ließ Lucia auf dem beſten Sitze, am beſten Orte ihrer Küche Platz nehmen und war geſchäftig, ihr eine kleine Stärkung zu bereiten, indem ſie mit einer gewiſſen herzlichen Derbheit die wiederholten Dankſagun⸗ gen und Entſchuldigungen des Mävchens ablehnte. Hurtig legte ſie trockenes Reißig unter einen Keſſel, den ſie ans Feuer geſtellt hatte und worin ein fetter Ka⸗ paun ſchwamm. Sie ließ ihn in der Brühe abkochen, goß dieſe dann in einen Napf, in welchen ſie bereits Brod⸗ ſcheibchen geſchnitten, und konnte endlich Lucia eine Suppe vorſetzen. Da ſie jetzt ſah, daß das arme Mädchen mit jedem Löffel voll mehr zu Kräften kam, ſo wünſchte ſie ſich mit lauter Stimme Glück, daß die Sache gerade auf einen Tag gefallen, wo, wie ſie ſagte, die Katze nicht auf dem Herde ſei.„Jedermann,“ fügte ſie hinzu,„will heute ein Tiſchtuch aufdecken mit Ausnahme der armen Leute, die kaum Wickenbrod und Polenta von Moorhirſe aufzutreiben wiſſen; heute hoffen ſie jedoch von einem ſo wohlthätigen Herrn alie Etwas zu bekommen. Wir befinden uns, Gott ſei Dank, nicht in dieſem Fall. Mit dem Gewerb meines Mannes und ſeinem Stückchen Feld, das wir beſitzen, können wir uns gut durchbringen. Eſſet alſo herzhaft und getroſten Muthes; der Kapaun wird bald fertig ſein, und dann könnt Ihr Euch ein bischen gütlicher thun.“ Und nachdem ſie das Näpſchen wieder weggetragen, kehrte ſie Kocherei zurück und deckte den Piſch für ihre Fa⸗ milie. Die einigermaßen wieder zu Kräften und immer mehr zur Beſinnung gekommene Lucia begann jetzt ſich zu ſchmücken, denn dies war bei ihr eine alte Gewohnheit, da ſie von jeher einen natürlichen Hang zur Sauberkeit und Verſchämtheit gehabt hatte: ſie flocht ihre aufgegan⸗ genen und verworrenen Zöpfe wieder und zog ihr Tuchlein auf der Bruſt und um den Hals zurecht. Bei dieſem Ge⸗ ſchäfte verwickelten ſich ihre Finger in dem Roſenkranz, der daran hing; ihr Blick fiel auf denſelben; in ihrem 13 Herzen entſtand ein augenblicklicher Aufruhr; die bis jetzt durch ſo viele gegenwärtige Eindrücke erſtickte und zum Schweigen gebrachte Erinnerung an das Gelübde regte ſich plötzlich wieder darin und kam klar und deutlich zum Vorſchein. Jetzt wurden alle kaum erſt neu gehobenen Kräfte ihrer Seele aufs Neue überwältigt, und wäre dieſe Seele nicht durch ein Leben in Unſchuld, Ergebung und Gottver⸗ trauen ſo wohl ausgerüſtet geweſen, ſo würde die Beſtür⸗ zung, die ſie in dieſem Augenblick empfand, ſich zur Ver⸗ zweiflung geſteigert haben. Nach einem Wirrwarr von ſol⸗ chen Gedanken, für die ſich nicht ſogleich Worte finden, waren die erſten, die ſich in ihrem Geiſte bildeten: o ich armes Mänchen, was habe ich gethan! Aber kaum hatte ſie dieſe Worte gedacht, ſo erſchrack ſie auch in ihrem Innerſten darüber. Es fielen ihr jetzt alle Umſtände des Gelübdes wieder ein, die unerträgliche Seelenangſt, die Verzweiflung an aller menſchlichen Hilfe, die Inbrunſt des Gebets, die Fülle des Gefühls, womit ſie ihr Verſprechen gegeben hatte. Und das Verſprechen zu bereuen, nachdem ſie die erflehte Gnade erlangt hatte, erſchien ihr als eine ruchloſe Undankbarkeit, als eine Wort⸗ brüchigkeit gegen Gott und die Jungfrau; es bedünkte ſie, als müſſe eine ſolche Treuloſigkeit ihr neues und noch furchtbareres Unglück zuziehen, in welchem ſie dann ſelbſt vom Gebete Nichts mehr zu hoffen hätte, und ſie beeilte ſich, dieſe augenblickliche Reue wieder zu verleugnen. Sie nahm ehrfurchtsvoll ihren Roſenkranz vom Hals, und in⸗ dem ſie ihn in der zitternden Hand hielt, beſtätigte und er⸗ neuerte ſie das Gelübde und flehte zugleich mit herzlicher Inbrunſt, daß ihr die Kraft verliehen werden möge, es zu erfüllen, daß ihr die Gedanken und Gelegenheiten erſpart werden mögen, welche ihr Gemüth, wenn auch nicht er⸗ ſchüttern, doch allzu ſehr quälen könnten. Renzo's Entfer⸗ nung ohne alle Wahrſcheinlichkeit der Wiederkehr, dieſe Entfernung, die ihr bis jetzt ſo bitter geweſen, erſchien ihr jetzt als eine Fügung der Vorſehung, welche beide Ereig⸗ niſſe zu einem Zweck habe dienen laſſen, und ſie bemühte ſich, in dem einen Gründe zu finden, um ſich über das andere zu tröſten. Und hinter dieſem Gedanken entſtand in ihr auch noch die Vorſtellung, daß dieſelbe Vorſehung um ihr Werk zu vollenden, es wohl auch werde veranſtalten können, daß Renzo gleichfalls entſage, daß er nicht mehr an ſie denke„„; aber kaum hatte ein ſolcher Gedanke in ihrer Seele Eingang gefunden, ſo kehrte er darin das Unterſte zu oberſt. Die Aermſte fühlte, daß ihr Herz von Neuem berenen wollte, und nahm daher ihre Zuflucht abermals zum Gebet, zu Selbſtſtärkungen, zum Kampfe, aus welchem ſie, wenn man uns dieſen Ausdruck zu gut halten will, wie der ermattete und verwundete Sieger über einen niedergeworfenen Feind heworging. Inzwiſchen hörte man ein hurtiges Füßegeſtampfe und uhliche Stimmen herannahen. Es war die kleine Familie, die aus der Kirche kam. Zwei junge Mädchen und ein Knabe ſpringen heran; ſie bleiben eine Weile ſtehen, um einen neugierigen Blick auf Lucia zu werfen, vann laufen ſie zur Mama und gruppiren ſich um ſie: das eine fragt nach dem Namen des unbekannten Gaſtes und wie und warum; das andere will die Wunder erzäh⸗ len, die es geſchaut; die gute Frau antwortet auf Alles und Allen mit einem„Still, ſtill!“ Hierauf tritt mit ge⸗ mäßigterem Schritte, aber mit einer herzlichen Angelegent⸗ lichkeit, die ſich auf ſeinem Geſichte abſpiegelte, der Haus⸗ herr ein. Er war, wenn wir es noch nicht geſagt haben, der Schneider des Dorfs und theilweiſe auch der Umge⸗ gend; ein Mann, der leſen konnte und in der That mehr als einmal das Legendenbuch der Heiligen und die Ge⸗ ſchichte Frankreichs geleſen hatte, daher er auch bei ſeinen Landsleuten für einen hochgelehrten und begabten Mann galt; ein Lob, das er jedoch beſcheiden ablehnte, indem er nur ſagte, er habe ſeinen Beruf verfehlt, und wenn er ſich aufs Stndiren verlegt hätte, ſtatt ſo vieler Andrer. Dabei war er die beſte Haut von der Welt. Da er ge⸗ 15 genwärtig war, als ſeine Frau von dem Pfarrer erſucht wurde, dieſe menſchenfreundliche Reiſe zu unternehmen, ſo hatte er nicht blos ſeinen Beiſfall gegeben, ſondern würde auch alle ſeine Ueberredungskunſt dafür aufgeboten haben, wenn es nöthig geweſen wäre. Und jetzt, nachdem der Gottesdienſt, das feſtliche Gepränge, der Zuſammenlauf und vor allem die Predigt des Cardinals, alle ſeine guten Ge⸗ fühle noch geſteigert hatten, kehrte er mit geſpannter Er⸗ wartung, mit einem ängſtlichen Verlangen den Erfolg der Sendung zu erfahren und die arme Unſchuldige wohlbe⸗ halten anzutreffen, nach Hauſe zurück. „Da ſieh her,“ ſagte bei ſeinem Eintritte die gute Frau, indem ſie auf Lucla deutete. Dieſe ſtand erröthend auf und begann einige Entſchuldigungen zu ſtammeln. Er aber trat zu ihr und unterbrach ſie, indem er ſie aufs Freundlichſte begrüßte und rief:„Willkommen, willkommen! Ihr ſeid der Segen des Himmels in dieſem Hauſe. Wie freue ich mich, Euch hier zu ſehen! Man konnte wohl zum voraus wiſſen, daß Ihr glücklich in den Hafen ein⸗ laufen würdet, denn ich habe niemals gefunden, daß der Herr ein Wunder begonnen hätte, ohne es auch gut zu Ende zu führen; aber ich freue mich, Euch hier zu ſehen. Armes Mädchen! Es iſt doch eine große Sache ein Wun⸗ der empfangen zu haben!“ Man glaube nicht, daß er der Einzige war, der die Sache ſo auffaßte, weil er die Legendenſammlung geleſen: im ganzen Dorf und in der ganzen Umgegend ſprach man, ſo lange ſich das Andenken daran erhieit, nicht anders da⸗ von. Und, die Wahrheit zu ſagen, bei den Rebenumſtän⸗ den, die ſich in der Folge daran knüpften, konnte man der Sache auch keinen andern Namen geben. Dann trat er bedächtig auf ſeine Frau zu, die eben den Keſſel von der Feuerkette losmachte, und ſagte ganz leiſe zu ihr:„Iſt Alles gut abgelaufen?“ „Ganz gut: ich werde es Dir nachher erzählen.“ „Ja, ja, mit Beguemlichkeit.“ Als die Frau ſofort aufgetragen hatte, holte ſie Lucia, führte ſie an Tiſch, ließ ſie Platz nehmen, ſchnitt einen Flügel von dem Kapaunen ab und legte ihr denſelben vorz ſodann ſetzten ſie und Ihr Mann ſich gleichfalls, und beide ermunterten den niedergeſchlagenen und verſchämten Gaſt, Muth zu faſſen und zu eſſen. Der Schneider begann ſchon bei den erſten Biſſen mit großem Nachdruck zu perori⸗ ren, trotz der vielfachen Unterbrechungen von Seiten der Kinder, die eſſend um den Tiſch herumſtanden und in Wahrheit zu viele außerordentliche Dinge geſehen hatten, um ſich für die Dauer mit der alleinigen Rolle von Zuhö⸗ rern zu begnügen. Er beſchrieb die feierlichen Ceremonien und ſprang dann auf die wunderbare Bekehrung über. Was aber den größten Eindruck auf ihn gemacht hatte und worauf er am öfteſten zurückkam, das war die Predigt des Cardinals. „Wenn man ihn ſo vor dem Altare ſah, einen ſol⸗ chen Herrn, wie einen Pfarrer „Und das goldene Ding, das er auf dem Kopfe hatte ſagte eines der kleinen Mädchen. „Schweige! Wenn man bedenkt, ſage ich, doß ein ſolcher Herr und ein ſo hochgelehrter Mann, der, wie man ſagt, alle Bücher in der Welt geleſen hat, wie weit es noch kein Anderer, ſelbſt in Mailand nicht, gebracht hat, wenn man bedenkt, daß er Alles auf eine Art vorzutragen wußie, daß Jederman ihn verſtand„ „Ja, ich habe ihn auch verſtanden,“ ſagte das andere Plaudermäulchen. „Schweig; was willſt denn Du verſtanden haben?“ „Ich habe verſtanden, daß er ſtatt des Herrn Pfarrers das Evangelium erklärte.“ „Schweig. Ich ſpreche nicht von denen, die überhaupt Eiwas wiſſen, denn ſolche müſſen ihn natürlich verſtehen aber ſelbſt die härteſten Köpfe, die Unwiſſendſten konnten dem Sinne folgen. Gehet jetzt einmal hin und fraget ſie, ob ſie die Worte wiederholen können, die er ſagte; ſie würden nicht ein einziges mehr herausbringen, aber den 17 Sinn davon haben ſie im Kopf. Und ohne daß er dieſen Herrn nannte, wie begriff man dennoch ſo gut, daß er von ihm ſprechen wollte! Man hatte ihn aber auch, um ihn zu begreifen, nur zu beobachten gebraucht, als ihm die hränen im Auge ſtanden„und dann begann die ganze Kirche zu weinen.“ „Ja es iſt wahr,“ hrach der Knabe los,„aber warum weinten ſie denn alle ſo wie die kleinen Kinder?“ „Schweig! Und das trotzdem, daß es harte Herzen in unſerem Dorfe gibt. Und er hat ſo ſchön gezeigt, daß man, wenn auch die Theurung eingetreten ſei, dem Herrn danken, zufrieden ſein und Alles thun müſſe, was man könne, arbeiten, einander beiſtehen und dann zufrieden ſein; denn das Unglück beſtehe ganz und gar nicht darin, daß man leide und arm ſei, ſondern darin, daß man Böſes thut; und dies ſind nicht blos ſchöne Worte, denn man weiß, daß er gleichfalls wie ein armer Mann lebt und ſich das Brod vom Munde abſpart, um es den Hungrigen zu geben, obſchon er ſich mehr als ein Anderer gute Tage machen könnte. Ach ja, es iſt ein wahres Vergnügen, einen ſolchen Mann reden zu hören; bei ihm heißt es nicht, wie bei ſo vielen Andern: Thut nach meinen Worten und nicht nach meinen Werken. Und dann hat er ſo ſchön gezeigt, daß auch diejenigen, die nicht gerade das ſind, was man vornehme Leute nennt, ſobald ſie mehr als das Nothwendige haben, verpflichtet ſind, den Leivenden davon mitzutheilen.“ Hier unterbrach er, wie von einem Gedanken über⸗ raſcht, ſelbſt ſeine Rede. Er ſann einen Augenblick nach, dann füllte er ſeine Schüſſel mit den Speiſen, die auf dem Tiſche ſtanden, legte ein Brod dazu, deckte eine Ser⸗ viette darüber, nahm dieſe bei den vier Zipfeln und gab ſie ſeinem älteſten Mädchen mit den Worten:„Nimm das.“ In die andere Hand gab er ihr ein Fläſchchen Wein und fügte hinzu:„da geh zur Wittwe Maria; bring ihr das und ſage ihr, ſie ſolle ſich's und ihren Kindern wohl 2 Die Verlobten. Ul. bekemmen laſſen. Aber Du mußt es ihr auf eine gute Art ſagen, ſiehſt Du, damit es nicht das Anſehen hat, als brächteſt Du ihr ein Almoſen. Und wenn Dir Jemand begegnet, ſo ſprichſt Du nicht davon, und nimm Dich in Acht, daß Du Nichts verhrichſt.“ Lucia's Augen wurden roth und ſie empfand eine wohl⸗ thuende Rührung in ihrem Herzen; ſchon die vorher⸗ gehenden Reden hatten ſie mehr aufgerichtet als eine ausdrückliche Troſtprediat es vermocht hätte. Ange⸗ zogen von dieſen Schilderungen, von jenen Bildern pomhafter Feier, von jenen Regungen der Frömmigkeit und Bewunderung, von demſelben Enthuſiasmus ergriffen wie der Erzähler ſelbſt, machte ſich ihre Seele von dem ſchmerzlichen Gedanken an ſich los, und wenn ſie dennoch zu demſelben zurückkehrte, ſo hatte ſie mehr Kraft gegen ſie gewonnen. Selbſt der Gedanke an das große Opfer hatte zwar ſeine Bitterkeit nicht verloren, ſchloß aber zu⸗ gleich eine gewiſſe ernſte und feierliche Freude in ſich. Bald darauf kam der Pfarrer des Orts und ſagte, der Cardinal habe ihn abgeſandt, um ſich nach Lucia zu erkundigen und ihr mitzutheilen, daß der hochwürdige Herr ſie noch am heutigen Tage zu ſehen wünſche; ſodann ſtat⸗ tete er den Chegatten im Namen deſſelben großen Dank ab. Alle drei waren dermaßen ergriffen und gerührt, daß ſie keine Worte fanden, um für dieſe Gnade eines ſo hoch⸗ geſtellten Mannes zu danken. „Und Eure Mutter iſt noch nicht angekommen?“ fragte der Pfarrer Lucia. „Meine Mutter!“ rief dieſe. Als ſie dann von ihm hörte, daß er auf Veranſtaltung und auf Befehl des Erz⸗ biſchofs nach ihr geſchickt habe, da zog ſie die Schürze über die Augen und brach in einen Thränenſtrom aus, der noch eine Weile, nachdem der Pfarrer weg war, fort⸗ floß. Hernach, als die ſtürmiſchen Gefühle, die durch dieſe Nachticht aufgeregt worden, ruhigern Gedanken zu weichen anfingen, erinnerte ſich die Aermſte, daß ſie dieſe ihr jeht — 19 bevorſtehende Freude, ihre Mutter wiederzuſehen, eine Freude, die ſie noch vor wenigen Stunden nicht hatte hoffen kön⸗ nen, in jenen Stunden ſelbſt ausvrücklich eifleht und gleich⸗ ſam als eine Bevingung des Gelübdes hingeſtellt:„Laß mich ſicher zu meiner Mutter zurückkehren!“ hatte ſie ge⸗ ſagt und dieſe Worte tauchten jetzt ganz deutlich in ihrer Erinnerung auf. Sie beſtärkte ſich mehr als je in dem Vorſatz, ihr Verſprechen zu halten und, ſie machte ſich von Neuem und noch ſchmerzlicher ein Gewiſſen aus der unmuthi⸗ gen Reue, welche ſie einen Augenblick zuvor empfunden hatte. Agneſe war wirklich, als man von ihr ſprach, nur noch eine kurze Strecke Wegs entfernt. Man fann ſich leicht denken, wie der armen Frau zu Muthe wurde, als ſie dieſe unerwartete Einladung erhielt und man ihr eine nothwendige weiſe mangelhafte und verworrene Mittheilung von einer gehobenen, aber furchtbaren Gefahr, von einem dunkeln Falle machte, welchen der Bote weder umſtändlich zu erzählen noch zu erklären wußte, und zu deſſen Ver⸗ ſtändniß ſie in ih en früheren Ideen keinen Anfnüpfungs⸗ punkt fand. Nachdem ſie ſich mit den Händen in die Haare gefahren, nachdem ſie mehrere Male gerufen: Ach, großer Gott! ach Madonna! nachdem ſie an den Boten meh ere Fragen gerichtet, die dieſer nicht zu beantworten wußte, hatte ſie ſich eiligſt in die Barutſche geſetzt und fuhr unterwegs fort, ſich in vergeblichen Ausrufungen und Kla⸗ gen zu ergehen. Aber an einem gewiſſen Punkt war ſie Don Abbondio begegnet, der Schrit für Schritt einher⸗ kam und vor ſeine Schritte den Wanderſtab ſette. Nach einem beiderſeitigen Ach war er ſtehen geblieben; ſie hatte halten laſſen und war ausgeſtiegen, und nun hatten ſie ſich beide abſeits in ein Kaſtanienwäldchen begeben, das hier am Wege ſtand. Don Abbondiv hatte ihr ausführ⸗ lichen Bericht von dem erſtattet, was er hatte erfahren können und ſehen müſſen. Die Sache war nicht klar, aber Agneſe erhielt wenigſtens die Gewißheit, daß Lucia geret⸗ tet ſei, und ſie athmete wieder neu auf. 4 2 20 Hierauf hatte ſich der Pfarrer auf einen andern Ge⸗ genſtand einlaſſen und ihr eine lange Unterweiſung geben wollen, wie ſie ſich gegen den Erzbiſchof zu benehmen habe, wenn dieſer, wie es wahrſcheinlich ſei, ſie und ihre Tochter ſehen wolle, und ganz beſonders ſelle ſie ja kein Wort von der Trauung ſprechen. Da aber Agneſe merkte, daß er bloß zu ſeinem eigenen Vortheil ſprach, ſo hatte ſie ihn ſtehen laſſen, ohne ihm Etwas zu verſprechen oder ſich ſelbſt einen feſten Plan vorzuzeichnen; denn ſie hatte an andere Dinge zu denken. Und dann hatte ſie ſich wie⸗ der auf den Weg gemacht. Endlich langt die Barutſche an und hält vor dem Hauſe des Schneivers ſtill. Lucia ſpringt haſtig auf, Ag⸗ neſe ſteigt ab und ſtürzt herein; ſie liegen einander in den Armen.— Die gute Frau, die allein zugegen war, ſpricht beiden Muth ein, beruhigt ſie, freut ſich mit chnen und läßt ſie dann, zartfühlend genug, allein, mit dem Bemer⸗ ken, daß ſie ein Bett für ſie zurecht machen wolle, daß ſie die Mittel dazu wohl beſitze, daß aber jedenfalls ſowohl ſie ſelbſt als ihr Mann lieber auf dem Boden ſchlafen, als ihnen erlauben würde, ſich anderswo um ein Nacht⸗ lager umzuſehen. Sobald der erſte Sturm von Umarmungen und Schluchzen vorüber war, verlangte Agneſe Lucia's Schick⸗ ſal zu erfahren, und dieſe vegann ihre ſchmerzensreiche Er⸗ zählung. Aber es war, wie der Leſer weiß, eine Geſchichte, die Niemand vollſtändig kannte, und für Lucia ſelbſt gab es darin dunkele, gänzlich verworrene Stellen. Dazu gehörte beſonders das verhängnißvolle Zuſammentreffen, daß die furchtbare Kutſche ſich gerade auf der Straße befinden mußte, als Lucia außerordentlicher Weiſe auf derſelben ging, und hierüber erſchöpfte ſich Mutter und Tochter in Muthmaßungen, ohne jedoch der Wahrheit einigermaßen nahe zu kommen⸗ Was den Haupturheber des Unternehmens betraf, ſo konnten beide nicht umhin, Don Rodrigo dafür zu halten⸗ 21 „O die ſchwarze Seele! O der Höllenbrand!“ rief Agneſe;„aber ſein Stündchen wird ſchon auch kommen. Der liebe Gott wird ihm nach ſeinen Werken vergelten und dann wird auch er erfahren. „Nein, nein, Mutter, nein!“ fiel Lucia ihr ins Wort; „Ihr müßt ihm kein Unglück wünſchen, Ihr müßt Nie⸗ mand etwas Böſes wünſchen. Wenn Ihr wüßtet, was es heißt zu leiden! Wenn Ihr es erfahren hättet! Nein, nein, laßt uns lieber zu Gott und der Madonna für ihn beten, daß Gott ſein Herz rühre, wie er dem andern Herrn gethan, der noch ſchlimmer war als er und jetzt ein Heiliger iſt.“ Lucia empfand einen ſolchen Schauder vor der Wieder⸗ auffriſchung ſo neuer und ſo ſchmerzlicher Erinnerungen, daß ſie mehr als einmal mitten inne hielt; mehr als ein⸗ mal ſagte ſie, ſie habe nicht Muth genug, fortzufahren, und dann nahm ſie erſt nach vielen Thränen und mit großer Anſtrengung das Wort wieder auf. Aber eine gonz andere Empfindung machte, daß ſie bei eier gewiſſen Stelle ihrer Erzählung, nämlich an der Stelle von dem Gelübde ins Soocken gerieth. Es war die Furcht, ihre Mutter möchte ſie unbeſonnen und übereilt ſchelten, oder auch ſie möchte wie ſie es bei der Trauungsgeſchichte gethan, irgend eine Lebensregel, die von einem weiten Gewiſſen zeuge, vorfinden und zur Geltung bringen wollen; oder auch die arme Frau möchte die Sache, wenn auch nur um Aufklärung und Rath zu erhalten, Jedermann im Vertrauen erzählen und ſie dadurch öffentlich machen, ein Gedanke der allein ſchon eine unerträgliche Schaam in Lucia he vorrief; dazu noch eine bereits vorhandene Verſchämtheit, ein Wiverwille, eine ſolche Sache überhaupt zu beſprechen, alle dieſe Dinge zuſam⸗ men bewirkten, daß ſie dieſen wichtigen Gegenſtand gänz⸗ lich verſchwieg und ſich in ihrem Herzen vornahm ihn zu⸗ erſt dem Pater Criſtoforv zu eröffnen. Aber wie wurde ihr, als ſie auf die Frage nach ihm zur Antwort erhielt, 22 er ſei nicht mehr da, ſondern in eine ferne, ferne Gegend geſchickt worden, an einen Ott, der ſo einen gewiſſen Na⸗ men habe! „Und Renzo?“ ſagte Agneſe. „Er iſt in Sicherheit, nicht wahr?“ ſagte Lucia haſtig. „So viel iſt gewiß, denn Jedermann ſagt es; man weiß beſtimmt, daß er ſich irgendwo im Bergamaskiſchen befindet, aber den Ort ſelbſt kann Niemand beſtimmt an⸗ geben, und er hat bis jetzt noch gar nichts von ſich hören laſſen; wahrſcheinlich hat er noch keine Gelegenheit dazu gefunden.“ „Ach, wenn er gerettet iſt, ſo ſei dem Herrn Dank und Lob geſagt,“ verſetzte Lucia und ſuchte das Geſpräch auf etwas Anderes zu lenken, als ſie durch ein unerwar⸗ tetes Eeigniß, nämlich durch die Erſcheinung des Cardinal Erzbiſchofs unterbrochen wurde. Dieſer hatte, als er aus der Kirche zurückkam, wo wir ihn verlaſſen haben, von dem Ungenannten die glück⸗ liche Ankunft Lucia's in dem Orte erfahren und ſich ſo⸗ dann zu Tiſche geſetzt, wobei er dieſen zu ſeiner Rechten Platz nehmen ließ, mitten in einem Kreis von Prieſtern, die ſich an dem ſo ohne Schwäche ſanft gewordenen, ſo ohne Erniedrigung gedemüthigten Geſichte des Mannes nicht ſatt ſehen konnten und es beſtändig mit der Idee zuſammenhielten, die ſie ſich ſchon ſeit langem von ſeiner Perſönlichkeit gemacht hatten. Nach Tiſch hatten ſich die Beiden wieder zurückge⸗ zogen. Nach einer Beſprechung, die weit länger währte, als die erſte, war der Ungenannte auf demſelben Maul⸗ thier, das er am Morgen geritten, nach ſeiner Burg auf⸗ gebrochen, der Cardinal aber hatte den Pfarrer rufen laſſen und zu ihm geſagt, er wünſche nach dem Hauſe geführt zu werden, wo Lucia untergebracht ſei. „Ach, hochwürdiger Herr,“ antwortete der Pfarrer, „laßt das, laßt das, ich will ſogleich hinſchicken und ſagen laſſen, daß das Mädchen, die Mutter, wenn ſie ſchun da 23 iſt, und auch die Wirthsleute hie her kommen ſollen, wenn Ew. Hochwürden ſie ſehen wollen; kurz, ich will alle Leute holen laſſen, welche Ihr zu ſprechen wünſcht.“ „Ich wünſche ſelbſt hinzugehen und ſie aufzuſuchen,“ antwortete Federigo. „Es iſt nicht nöthig, daß Ew. Hochwürden ſich be⸗ mühen; ich laſſe die Leute ſogleich rufen, es iſt im Augen⸗ blick geſchehen,“ beharrte der tölpelhafte Pfarrer— im Uebrigen ein braver Mann— weil er nicht begriff, daß der Cardinal durch dieſen Beſuch dem Unglück, der Un⸗ ſchuld, der Gaſffreundſchaft und zugleich ſeinem eigenen Amt eine Ehre eiweiſen wollte. Da jedoch der Vorgeſetzte von Reuem denſelben Wunſch ausſprach, ſo verneigte ſich der Untergebene und ſetzte ſich in Bewegung. Als man die beiden Männer auf die Straße treten ſah, liefen alle Daſtehenden auf ſie zu, und in wenigen Augenblicken ſtrömte eine Volksmaſſe herzu; die ſich auf beiden Seiten und noch mit einem langen Schweif hinter ihnen drangte. Der Pfarrer beeiferte ſich zu ſagen:„Platz! zurück! fort! ei, ei!“ Federigo ſagte zu dem Pfarrer: „Laßt es nur gut ſein!“ und ſchritt weiter, indem er bald die Hände erhob, um das Volk zu ſegnen, bald ſie ſenkte, um die kleinen Jungen zu liebkoſen, die ihm zwi⸗ ſchen die Füßen kamen. So gelangten ſie vor das Haus und traten ein: die Menge blieb draußen abgeſperrt. Aber unter der Menge befand ſich auch der Schneider, der wie die Andern im Gefolge geweſen war, mit ſtarren Augen und offenem Mund, ohne zu wiſſen, wohin der Zug ginge. Als er nun dies unerwartete Wohin ſah, machte er ſich, man kann ſich denken, mit welchem Lärm Platz, indem er einmal um's andere ſchrie:„Laßt durch, was durch muß!“ und trat ein. Agneſe und Lucia hörten ein immer zunehmendes Getöſe auf der Straße; während ſie noch darüber nach⸗ dachten, was es wohl ſein möge, ſahen ſie die Thüre . 24 weit aufgehen und den Bepurpurten mit dem Pfarrer er⸗ ſcheinen. „Iſt es dieſe?“ fragte der Erſtere den Zweiten, und auf ein hejahendes Zeichen ging er auf Lucia zu, die bei ihrer Mutter ſtand: beide regungslos und ſtumm vor Ueberraſchung und Schaam. Aber der Ton dieſer Stimme, die Miene, die ganze Haltung, und vor Allem die Worte Federigo's, hatten die Frauen bald mit neuem Muth be⸗ ſeelt.„Arme Jungfrau,“ begann er,„Gott hat geſtattet, daß Ihr auf eine ſchwere Probe geſtelit wurdet, aber er hat Euch auch gezeigt, daß er ſein Auge nicht von Euch abgewandt, daß er Euch nicht vergeſſen hatte. Er hat Euch gerettet und ſich Euer zu einem großen Werke be⸗ dient, um an Einem große Barmherzigkeit zu üben und zugleich Viele aufzurichten.“ Hier erſchien die Hausſrau im Zimmer; ſie war gleichfalls durch das Geräuſch an's Fenſter oben gelockt worden, und da ſie hatte ſehen können, wer in's Haus trat, ſo war ſie, nachdem ſie ſich ein wenig geputzt, ſchteu⸗ nigſt herabgekommen, beinahe in demſelben Augenblick, wo der Schneider zu einer andern Thüre eintrat. Da ſie ſahen, daß ein Geſpräch angeknüpft war, ſo traten ſie zu⸗ ſammen in eine Ecke und blieben ſehr ehrerbietig da ſtehen. Der Cardinal grüßte ſie höflich und fuhr in ſeinem Ge⸗ ſpräch mit den beiden Frauen fort, indem er in ſeine Tröſtungen allerlei Fragen miſchte, um vielleicht aus den Antworten eine Gelegenheit zu erſehen, derjenigen Gutes zu thun, die ſo viel gelitten hatte. „Es ſollten alle Prieſter ſo ſein, wie Ew. Hoch⸗ würden, daß ſie es auch ein Bischen mit den Armen hielten und nicht dazu hälfen, ſie in die Patſche zu hrin⸗ gen, um ſich ſelbſt herauszuziehen,“ ſagte Agneſe, ermu⸗ thigt durch die ſo leutſelige und liebreiche Haltung Fede⸗ rigo's und zugleich ärgerlich über den Gedanken, daß der Herr Abbondio, nachdem er immer die Andern aufge⸗ opfert, ihr ſogar auch noch eine kleine Herzensergießung, 25 eine Klage bei einem Hochgeſtellten, wozu ſich durch einen ſeltenen Zufall die Gelegenheit darbot, verwehren wollte. „Sagt nur Alles, was Ihr denkt,“ ſagte der Car⸗ dinal,„ſprecht frei.“ „Ich wollte ſagen, daß die Sache nicht ſo gegangen unſer Herr Pfarrer ſeine Schuldigkeit gethan ätte. Da aber der Cardinal von Neuem in ſie drang, ſich deutlicher zu erflären, ſo begann ſie in Verlegenheit zu gerathen, daß ſie eine Geſchichte erzählen ſollte, bei wel⸗ cher ſie ſelbſt eine Rolle geſpielt, die ſie hauptſächlich einem ſolchen Manne nicht bekennen zu müſſen wünſchte. Inzwiſchen fand ſie mit Hülfe eines kleinen Kniffes ein Mittel, die Sache zurechtzulegen. Sie erzählte von der verabredeten Trauung, von Don Abbondio's Weigerung; ſie verſchwieg nicht, daß derſelbe ein Verbot ſeiner Obern als Ausflucht gebraucht habe(ach, Agneſe!), dann ſprang ſie zu dem Anſchlag Don Rodrigo's über, und wie ſie in Folge einer kechtzeitigen Warnung ſich hatten retten können.„Ach ja,“ fügte ſie am Schluſſe hinzu,„wir haben uns retten können, um von Meuem in die Falle zu gerathen. Wenn ſtatt deſſen der Herr Pfarrer aufrichtig mit uns geſprochen und meine armen Leutchen ſogleich getraut hätte, ſo wä⸗ ren wir Alle zuſammen und ganz ſtill an einen andern Ort gegangen, an einen entfernten Ort, von welchem ſelbſt die Luft Nichts gewußt hätte. So aber iſt die Zeit verloren gegangen und daraus entſtanden, was nun ent⸗ ſtanden iſt.“ „Der Herr Pfarrer wird mir über dieſen Vorfall Rechenſchaft ablegen,“ ſagte der Cardinal. „Nein, Herr, nein, Herr, ich habe nicht deßwegen geſprochen; ſcheltet ihn nicht aus z denn was geſchehen iſt, iſt geſchehen, und dann hilft das Schelien zu Richts mehr; es iſt nun einmal ſeine Natur ſo; wenn der Fall wieder einträte, ſo würde er es wieder gerade ſo machen.“ Lucia aber war unzufrieden über dieſe Art die Ge⸗ 26 ſchichte zu erzählen, und fügte hinzu;„Auch wir haben Unrecht gethan; man ſieht wohl, daß es nicht der Wille des Herrn war, daß die Sache gelingen ſollte.“ „Inwiefern habt Ihr Unrecht thun können, armes Mädchen?“ fragte Federigv. Trotz dem mißvergnügten Blicke, welchen die Mutter ihr verſtohlen zuzuwerfen ſuchte, erzöhlte Lucia jetzt ihrer⸗ ſeits die Geſchichte von dem Verſuch, den ſie in Don Abbondio's Haus gemacht hatten, und ſchloß mit den Worten:„Wir haben Unrecht gethan und Gott hat uns gezüchtigt.“ „Nehmt aus ſeiner Hand die Leiden an, die Ihr erduldet habt, und ſeid getroſten Muths,“ ſagte Feverigo; „denn wer hat mehr Urfache, ſich zu freuen und zu hof⸗ fen, als derjenige, der gelitten hat und ſich ſelbſt an⸗ klagt?“ Er fragte jetzt nach dem Bräutigam, und da er von Agneſe(Lucia ſtand ganz ſtill mit geneigtem Kopfe und geſenkten Augen da) hörte, daß er flüchtig ſei, ſo empfand und zeigte er Verwunderung und Mißvergnügen darüber, und fragte nach dem Grunde. Agneſe ſtammelte das We⸗ nige, was ſie von Renzo's Geſchichte wußte. „Ich habe von dieſem Menſchen reden gehört,“ ſagte der Cardinal;„aber wie konnte ein Menſch, der ſich in Händel ſolcher Art verwickelte, mit dieſem Mädchen da verlobt ſein?“ „Er war ein rechtſchaffener Jüngling,“ ſagte Lucia erröthend, aber mit feſter Stimme. „Er war auch ein ganz frieofertiger Jüngling,“ fügte Agneſe hinzu;„Ihr könnt darüber Jedermann fragen, ſo⸗ gar den Herrn Pfarrer. Wer weiß was für einen Miſch⸗ maſch und was für Kabalen ſie da oben gemacht haben? man kann es leicht machen, daß die armen Leute als Schelme erſcheinen.“ „Das iſt nur zu wahr,“ ſagte der Cardinal,„ich werde mich ganz gewiß nach ihm erkundigen er ließ ſich 27 den Tauf⸗ und Familiennamen des Jünglings ſagen und ſchrieb ſie in ſein Notizenbuch. Hierauf fügte er hinzu: „er gedenke binnen wenigen Tagen ſich in ihr Dorf zu begeben, und dann könne Lucia ohne Furcht dorthin kom⸗ men; inzwiſchen aber werde er ihr eine ſichere Zufluchts⸗ 1 auszumitteln ſuchen, bis Alles auf's Beſte beige⸗ legt ſei.“ Hierauf wandte er ſich an die beiden Eheleute, die ſogleich vortraten. Er wiederholte den Dank, den er ihnen ſchon durch den Pfarrer hatte abſtatten laſſen, und fragte ſie, ob ſie es zufrieden wären, die Gäſte, die Gott ihnen geſchickt, noch wenige Tage zu beherbergen. „Ja, gewiß, Herr,“ antwortete die Frau mit einem Ton und einer Miene, welche weit mehr beſagten, als dieſe durch Schaam erſtickte Antwort. Aber der duch die Ge⸗ genwatt eines ſelchen Frageſtellers, ſowie durch das Ver⸗ langen, ſich bei einer ſo h chwichtigen Gelegenheit Ehre zu erwerben, ganz aufgeregte Ehemann, ſtudirte ängſtlich nach einigen ſchönen Redensarten. Er runzelte die Stirne, verdrehte die Augen, preßte die Lippen zuſammen, ſchraubte ſeinen Hürnkaſten aus allen Kräften, durchſtöberte alle Winkel deſſelben und ſtieß darin auf einen Wuſt von unvoll⸗ ſtändigen Gedanken und halben Worten: aber der Augenblick vrängte; der Cardinal gab bereits zu verſtehen, daß er das Schweigen ausgelegt hatte: der arme Mann öffnete den Mund und ſagte:„Das verſteht ſich!“ Etwas An⸗ deres wollte ihm für jetzt nicht auf die Zunge kommen. Dieß beſchämte ihn nicht bloß für den Augenblick, ſon⸗ dern auch ſpäter noch vergällte ihm dieſe läſtige Erinnerung die Freude an der ihm widerfahrenen hohen Ehre. Und wie oftmals, wenn er daran dachte und ſich die ganze Lage wieder genau veranſchaulichte, fielen ihm wie zum Hohn eine Menge Worte ein, die alle zuſammen weit paſſender geweſen wären als dieſes alberne:„Das verſteht ſich!“ Aber nach der That iſt gut rathen. 28 Der Cardinal verabſchiedete ſich mit den Worten: „Der Segen des Herrn ruhe über dieſem Hauſe!“ * Am Abend fragte er dann den Pfarrer, wie man wohl auf paſſende Weiſe dieſen Mann, der gewiß nicht * reich ſei, für ſeine, beſonders in dieſen Zeiten, koſtſpielige Gaſtfreundſchaft belohnen könne. Der Pfarrer antwor⸗ tete, daß allerdings weder der Verdienſt von ſeinem Hand⸗ werk, noch der Ertrag ſeiner Felder im heurigen Jahr den guten Schneider in den Stand ſetzen würde, gegen ½ andere Leute freigebig zu ſein; daß er aber in den frühelen 3 Jahren Etwas erübrigt habe und zu den wohlhabendſten Leuten der Gegend gehöre, ſo daß er ohne große Unbe⸗ 38 quemlichkeit einen ſolchen Liebesdienſt erweiſen könne, wie † er es gewiß auch von Herzen gern thue; und überdieß 18 würde er es für eine Beleidigung anſehen, wenn man ihm eine Geldbelohnung anböte. „Er wird,“ ſagte der Cardinal,„wahrſcheinlich Aus⸗ ſtände bei armen Leuten haben, die Nichts bezahlen können.“ „Das läßt ſich denken, hochwürdiger Herr; dieſe armen Leute zahlen vom Ueberſchuß der Ernte; im ver⸗ gangenen Jahre gab es keinen Ueberſchuß, und im heuri⸗ gen hahen Alle nicht einmal das Nothoürftige befommen.“ „Nun wohl,“ verſetzte Federigo,„ich nehme alle dieſe Schulden auf mich, und Ihr werdet mir ein Ver⸗ gnügen machen, wenn Ihr Euch ein Verzeichniß davon geben laſſen und ſie bezahlen wollt.“ „Es wird eine ſchöne Summe ausmachen.“ „Um ſo beſſer; Ihr werdet ferner auch nur allzu viele ſolche Leute haben, die noch übler daran, noch ent⸗ blößter ſind und nur deßhalb keine Schulden haben, weil man ihnen keinen Credit ſchenkt?“ „Ja, gewiß, nur allzu Viele! Man thut, was man kann, aber wie könnte man in ſolchen Zeiten genug thun?“ „Sorgt dafür, daß er dieſe Leute auf meine Rech⸗ nung kleide, und bezahlt ihn gut dafür. Heuer erſcheint 29 mir freilich Alles ein Raub, was man nicht zu Brod macht, aber dieß iſt ein beſonderer Fall.“ Wir wollen inzwiſchen die Geſchichte dieſes Tages nicht beendigen, ohne in kurzen Worten zu erwähnen, wie der Ungenannte ihn beſchloß. Dießmal war ihm der Ruf ſeiner Bekehrung in's Thal vorangegangen, hatte ſich alsbald dort verbreitet und allenthalben Beſtürzung, Angſt, Grimm, Gemurre her⸗ vorgerufen. Den erſten Bravr oder Dienern(es war Alles eins), die ihm begegneten, gab er einen Wink, daß ſie ihm folgen ſollten, und ſo fort und fort. Alle kamen mit einer geſpannten Eiwartung, die ihnen ganz neu war, im Uebrigen mit der gewohnten Unterwürfigkeit hinter ihm her, bis er mit ſeinem Gefolge, das immer angewachſen war, auf der Burg anlangte. Er winkte denjenigen, die ſich am Thore befanden, daß ſie gleichfalls den Andern folgen ſollten, er ritt in den erſten Hof ein, ungefähr in die Mitte deſſelben, und ließ dort, noch immer im Sattel ſitzend, einen donnernden Ruf erſchallen: es war das ge⸗ wohnte Zeichen, auf welches alle Leute, die ihn gehört hatten, herbei eilten. Im Nu leiſteten ſämmtliche auf der Burg zerſtreuten Angehörige ſeinem Ruf Folge und ge⸗ ſellten ſich zu den bereits Verſammelten; Alle ſchauten mit geſpannter Erwartung auf den Herrn. „Geht und erwartet mich in dem großen Saal,“ ſagte er und ſchaute von dem Thier herab zu, wie ſie ſich ent⸗ fernten. Gleich darauf ſtieg er ab, führte ſein Thier ſelbſt in den Stall und begab ſich auf den Verſammlungsplatz. Als er erſchien, hörte ein lautes Geflüſter, das ſich dort erhoben hatte, ſogleich auf; Alle drängten ſich auf eine Seite zuſammen und ließen einen großen Raum im Saale für ihn frei; es mochten ihrer dreißig ſein. Der Ungenannte erhob ſeine Hand, gleichſam um das Schweigen zu erhalten, das ſeine Gegenwart bereits ge⸗ ſchafft hatte, richtete ſein Haupt empor, das über die Köpfe der Verſammlung hinwegragte, und ſagte:„Höret Alle mir zu und ſpreche Keiner, wenn ich ihn nicht frage. Kin⸗ der! der Weg, auf welchem wir bisher gewandelt, führt in den Abgrund der Hölle. Ich will Euch keinen Vor⸗ wurf machen, da ich ja ſelbſt in Allem Euch vorange⸗ gangen und der Schlimmſte von Allen binz aber höret, was ich Euch ſage. Der barmherzige Gott hat einen Ruf an mich ergehen laſſen, daß ich mein Leben ändern ſolle, und ich werde es aͤndern, ich habe es bereits geändert: möge er daſſelbe Euch Allen thun! So wiſſet denn und ſeid überzeugt, daß ich entſchloſſen bin, eher zu ſterben, als noch igend Ewas gegen ſein heiliges Geſetz zu thun. Ich hebe für jeden von Euch die ruchloſen Befehle auf, die Ihr von mir habt; Ihr verſteht mich; ja ich befehle Euch ſogar, Nichts von dem zu thun, was befohlen war, und ſeid auf gleiche Weiſe überzeugt, daß fortan unter meinem Schutze und in meinem Dienſte Keiner mehr etwas Böſes thun kann. Wer unter dieſen Bedingungen bei mir bleiben will, ſoll wie ein Sohn gehalten werden, und ich werde mich freuen, am Ende des Tages, wo ich ſelbſt Nichts gegeſſen habe, um den letzten unter Euch mit dem letzten Brode, das mir im Hauſe geblieben iſt, zu ſattigen⸗ Wer nicht will, der erhält den Lohn, der ihm zukommt, und noch überdies ein Geſchenk: er kann ſeines Weges gehen, aber er ſetze ſeinen Fuß nie wieder hierher, außer wenn er es thun will, um ſein Leben zu ändern, denn zu dieſem Behufe wird er immer mit offenen Armen empfan⸗ gen werden. Ueberleget das heute Macht. Morgen früh werde ich jedem Einzelnen von Euch ſeine Antwort abver⸗ langen und alsvann werde ich Euch neue Befehle ertheilen. Für jetzt tretet ab; Jever gehe an ſeinen Poſten. Und möge Gott, der gegen mich ſo große Barmherzigkeit geübt hat, Euch gute Gedanken ſenden!“* Hier ſchwieg er und Alles ſchwieg. So manchfach und ſtürmiſch die Gedanfen waren, die in dieſen Stiudel⸗ köpfen kochten, ſo verriethen ſie ſich doch auch nicht durch ein einziges Zeichen. Sie waren gewöhnt, die Stimme 31 ihres Herrn als die Kundgebung eines Willens auſzu⸗ nehmen, mit welchem nicht gerechtet werden konnte, und indem dieſe Stimme verkündete, daß der Wille umgewan⸗ delt war, verrieth ſie gleichwohl durch Nichts, daß er ſchwächer geworden ſei. Keinem von Allen fiel auch nur entfernt ein, daß man, weil er ſich nun bekehrt habe, ſich etwa gegen ihn auflehnen und ihm wie einem andern Menſchen antworten könne. Sie erblickten in ihm einen Heiligen, aber einen von jenen Heiligen, die mit hochge⸗ haltenem Haupte und mit dem Schwert in der Fauſt ge⸗ malt werden. Außer der Furcht hatten ſie noch, und hauptſächlich die unter ſeiner Herrſchaft Gebornen, deren es eine große Anzahl war, eine gewiſſe Vaſallenanhäng⸗ lichkeit an ihn, ferner waren ihm Alle mit dem Woh wollen der Bewunderung zugethan, und in ſeiner Gegenwart em⸗ pfanden ſie eine Art jener ehrfurchtsvollen Scheu, welche auch die roheſten und ausgeiaſſenſten Gemüther gegenüber einer Ueberlegenheit anwandelt, die ſie bereits anerkannt haben. Endlich waren die Dinge, die ſie aus ſeinem Munde vernommen, für ihre Ohren zwar verdrießlich, aber vollkommen wahr und auch ih er eigenen Einſicht keines⸗ wegs ganz fremd: wenn ſie auch tauſendmal ihren Spott damit getrieben hatten, ſo war dies nicht geſchehen, weil ſie nicht varan geglaubt hatten, ſondern ſie hatten durch ſolche Spöttereien der Furcht zuvorkommen wollen, die ſie bei ernſem Nachdenken darüber beſchlichen haben würde. Und jetzt, da ſie die Wilkung dieſer Furcht auf ein Ge⸗ müth wie das chres Herin erblickten, wurden ſie, der Eine mehr, der Andere weniger, davon ergiffen, und es war nicht ein Einziger unter ihnen, der nicht wenigſtens einige Zeit ihre Macht empfunden hätte. Dazu kam noch, daß diejenigen unter ihnen, welche außerhalb des Thales die große Reuigkeit zuerſt erfahren, zugleich auch die Freude, den Zubel unter der Bevölketung, die neue günſtige Stimmung für den Ungenannten, die Verehrung, wache ſo unerwartet auf den alten Haß und den alten Schreck gefolgt war, ge⸗ ſehen und den Andern geſchildert hatten. So erblickten ſie denn in dem Manne, zu welchem ſie bisher immer mit ſcheuer Ehrfurcht emporgeſchaut hatten, auch zur Zeit, wo ſeine Macht großentheils aus ihnen ſelbſt beſtand, nun⸗ mehr die Bewunderung, den Abgott einer großen Volks⸗ menge; ſie ſahen, daß er auf eine ganz andere Art als früher, aber in nicht geringerem Grade die Andern über⸗ ragte: er ragte immer über die gemeine Schaar empor, war immer das Haupt. Sie ſtanden alſo verblüfft da, Keiner wußte, was er von dem Andern, ja nicht einmal, was er von ſich ſelbſt zu erwarten hatte. Der Eine ärgerte ſich heimlich; ein Anderer machte Pläne, wohin er jetzt gehen ſollte, um Unterkunft und Beſchäftigung zu finden; ein Dritter prüfte ſich, vb er ſich wohl darein finden könne, ein rechtſchaffener Menſch zu werden; Einer war durch dieſe Worte erſchüttert und verſpürte eine gewiſſe Neigung dazu in ſich, wieder Einer beſchloß, ohne daß er einen Entſchluß faßte, vor der Hand alles zu verſprechen, ſich inzwiſchen das ſo gutherzig angebotene und damals ſo ſeltene Brod wohl munden zu laſſen, um Zeit zu gewinnen, nicht ein Einziger regte ſich. Und als der Ungenannte am Schluß ſeiner Rede von Neuem dieſe gebieteriſche Hand erhob, zum Zeichen, daß ſie abtreten ſollten, da brachen ſie, wie eine Schafheerde ganz ſtille, Alle zuſammen nach der Thüre auf. Er ging nach ihnen hinaus, ſtellte ſich mitten in den Hof und ſah im Zwielicht, wie ſie ſich ver⸗ liefen und Jeder ſich nach ſeinem Poſten begab. Dann ging er hinauf, holte eine Laterne, ſchritt nochmals durch die Höfe, die Gänge, die Säle, unterſuchte Alle Zugänge, und als er Alles rih'g ſah, ging er endlich ſchlafen. Ja, ſchlafen, denn er haite Schlaf. Niemals, unter keinen Umſtänden hatten ſo viele ver⸗ wickelte und zugleich höchſt dringende Geſchäfte, nach denen er doch immer gehaſcht, auf ihm gelaſtet, wie eben jetzt, und dennoch hatte er Schlaf. Die Gewiſſensbiſſe, welche ihm denſelben in der letzten Nacht geraubt, waren nicht 33 nur nicht beſchwichtigt, ſondern erhoben ihre Stimme noch ſtrenger, unabweisbarer, und dennoch hatte er Schlaf. Die Ordnung, die Art von Regierung, welche er in ſo vielen Jahren mit ſo großer Sorgfalt, mit einem ſo eigenthüm⸗ lichen Gemiſch von Unbedachtſamkeit und Beharrlichkeit begründet, hatte er jetzt ſelbſt mit wenigen Worten in Zweifel geſtellt; die unbegrenzte Anhänglichkeit der Seini⸗ gen, ihre Geneigtheit zu allen Dingen, die Banditentreue, die ſeit ſo langer Zeit ſeine Zuverſicht ausgemacht, hatte er ſelbſt jetzt erſchüttert; ſeine Mittel der Macht hatte er in eine große Maſſe von Verlegenheiten ſich umwandeln laſſen, er hatte Verwirrung und Unſicherheit in ſein eigenes Haus gebracht, und dennoch hatte er Schlaf. Er ging alſo in ſein Zimmer, trat an das Bett, in welchem er die letzte Nacht ſo viel gelitten und kniete am Rande deſſelben nieder, mit der Abſicht zu beten. Er fand wirklich in einem ſtillen, entfernten Winkel ſeines Herzens die Gebete wieder, die man ihn als Kind gelehrt hatte; er begann ſie herzuſagen, und dieſe Worte, die ſo lange Zeit eingewickelt darin gelegen hatten, lösten ſich jetzt eines um das andere ab, und kamen ihm auf die Lippen. Er hatte in dieſem Augenblick ein unerklärliches Gemiſch von Empfindungen; eine gewiſſe Freude an dieſer wirklichen Rückkehr zu den Gewohnheiten der Unſchuld; ein herberer Schmerz bei dem Gedanken an die Kluft, die er zwiſchen der damaligen und jetzigen Zeit hatte entſtehen laſſen; ein Verlangen, durch Werke der Buße zu einem neuen Be⸗ wußtſein, zu einem Zuſtand zu gelangen, welcher der un⸗ wiederbringlichen Unſchuld am nächſten wäre, eine Dank⸗ barkeit, eine Zuverſicht auf jene Barmherzigkeit, welche ihn dahin führen konnte und ihm bereits ſo viele Zeichen ge⸗ geben hatte, daß ſie es wollte. Erſtand ſodann auf, legte ſich nieder und ſchlief augenblicklich ein. So endete dieſer Tag, welcher noch zur Zeit, da unſer Anonhmus ſchrieb, ſo berühmt war, und von dem man jetzt, wenn er nicht wäre, auch Nichts, wenigſtens nicht ſo Die Verlobten, III. 3 viele Einzelnheiten wiſſen würde; denn Ripamonti und Rwoli, welche wir oben citirt haben, ſagen blos, dieſer ausgezeichnete Tyrann habe nach einer Untertevung mit Federigo wunderbarerweiſe auf immer ſeinen Wandel ge⸗ ändert. Und wie viele haben die Bücher dieſer beiden Manner geleſen? Noch weniger als das unſerige leſen werden! Und wer weiß, ob in dem Thale ſelbſt, geſetzt daß Einer Luſt hätte zu ſuchen und Fähigkeit genug zu finden, noch irgend eine dunkle und veiworrene Sage von dem Ereigniß übrig geblieben iſt? Es ſinv ſeit jener Zeit ſo mancherlei Dinge geſchehen⸗ Fünfundzwanzigſtes Capitel. Am folgenden Tag ſprach man in Lucia's Dörfchen und in dem ganzen Gebiet von Lecco von Nichts als von ihr, von dem Ungenannten, von dem Erzbiſchof und von einem gewiſſen Andern, dem es zwar immer angenehm war, im Munde der Leute herumzugehen, der aber im vor⸗ liegenden Fall dennoch wünſchte, es möchte unterbleiben: wi meinen den Herin Don Rodrigo. 8 Nicht als eb man nicht ſchon vorher viel von ſeinen Thaten geſp ochen hatté, aber dies geſchah nur in verein⸗ zelten, geheimen Unterredungen: es mußten zwei einander ganz genau fennen, um ſich gegenſeitig über ein ſolches Thema zu etöffnen. Und auch daun noch legten ſie nicht das ganze Gefuhl hinein, deſſen ſie fähig geweſen wäſen; denn wenu die Ennüſtung nicht ohne gloße Gefahr ſich Luft machen kann, ſo zeigen die Menſchen im Allgemeinen nicht blos emen geringern Grav veiſelben oder halten ſie ihre Emvpfindung ganz zwück, ſondern ſie empfinden ſie au wiklich nicht ſo ſtark. Aber wer hätte ſich jetzt enthalten ſollen über eine Thatſache, die ſo gewaltigen Lärm gemacht, bei welcher die Hand des Himmels ſichtbar geworden, nach⸗ zufragen und ſich ein Urtheil zu erlauben, zumal da zwei ſolche Männer die Hauptrolle dabei ſpielten: Einer, in welchem eine ſo muthvolle Gerechtigkeitsliebe ſich zu ſo bedeutendem Anſehen geſellte; der Andere, in deſſen Perſon der gewaltthätige Uebermuth ſo zu ſagen, ſelbſt gekommen zu ſein ſchien, um vie Waffen zu ſtrecken und ſich zu de⸗ müthigen? Im Vergleich mit ſolchen Männern ſchrumpfte der Herr Don Rodrigo zu einer ziemlich kleinen Perſon zuſammen. Jetzt begriffen Alle, was es hieß, die Unſchuld zu quälen, um ſie entehren zu können, ſie mit ſo ſcham⸗ loſer Hartnäckigkeit, mit ſo grauſamer Gewalt, mit ſo ab⸗ ſcheulicher Hinterliſt zu verfolgen. Man hielt bei dieſer Gelegenheit Muſterung über ſo viele andere Großthaten dieſes Herrn, und jeder ſprach dann unumwunden ſeine Meinung aus, da ihm die allgemeine Uebereinſtimmung den Muth dazu verlieh. Es war ein allgemeines Ge⸗ ziſchel und unmuthiges Geknirſche, freilich nur in der ge⸗ bührenden Entfernung, wegen all dieſer Bravi, mit welchen er ſich umgeben hatte. Ein guter Theil dieſes öffentlichen Tadels traf auch ſeine Freunde und Höflinge. Man ſagte von dem Herrn Podeſta, der ſich gegenüber den Thaten dieſes Tyrannen taub und blind und ſtumm verhalten, Alles was recht und billig war; inzwiſchen gebrauchte man auch hier eine ge⸗ wiſſe Rückhaltſamkeit, denn der Podeſta hatte über die Häſcher zu gebieten. Mit dem Doctor Ferkelſtecher, deſſen ganze Macht lediglich auf Klatſchereien und Ränken be⸗ ruhte, ſowie mit anderen ähnlichen Schranzen ſeines Ge⸗ lichters veifuhr man weniger glimpflich; man deutete mit den Fingern auf ſie und warf ihnen ſcheele Blicke zu, ſo daß ſie es für gut fanden, ſich eine Zeit lang nicht öffent⸗ lich blicken zu laſſen.„ Niedergedonnert von dieſer ſo unerwarteten Nachricht, welche gegen die Botſchaft, die er täglich und ſtündlich hoffte, ſo unangenehm abſtach, Rodrigo allein mit ſeinen Bravi in ſeiner Burg verborgen und fraß zwei Tage lang das Gift in ſich hinein; am dritten reiste er nach Mailand. Wäre es weiter Nichts als das Gemurre der Leute geweſen, ſo würde er vielleicht, da die Sachen nun einmal ſo weit gediehen waren, gerade deshalb geblie⸗ ben ſein, um ihm Trotz zu bieten und ſogar eine Gelegen⸗ heit zu ſuchen, an irgend einem der Verwegenſten ein heil⸗ ſames Beiſpiel für Alle zu ſtiſten; aber was ihn vertrieb, das war vie verbürgte Nachricht, daß der Cardinal auch in dieſe Gegend kommen werde. Der Graf Oheim, der von der ganzen Geſchichte weiter Nichts wußte, als was ihm Attilio geſagt, hätte unter dieſen Umſtänden ganz ge⸗ wiß verlangt, daß Don Rodrigo dem Cardinal alsbald ſeine Aufwartung machen ſollte, um öffentlich die ausge⸗ zeichnetſte Aufnahme zu finden; und nun ſieht Jeder ein, in wie weit er darauf rechnen konnte. Der Graf Oheim hätte dies verlangt und ſich genauen Bericht darüber er⸗ ſtatten laſſen, denn dies war eine hochwichtige Gelegenheit zu zeigen, in welcher Achtung ſeine Familie bei einer ſo bedeutenden Gewalt ſtand. lim aus dieſer ſo widrigen Klemme herauszukommen, ſtand Don Rodrigo eines Mor⸗ gens noch vor der Sonne auf, ſetzte ſich in einen Wagen, auf welchem vorn und hinten der Graue nebſt anderen Bravi Platz nahmen, hinterließ den Befehl, daß die übrige Dienerſchaft ihm nachfolgen ſolle, und zog ab wie ein Flüchtling, wie(es ſei uns erlaubt, unſere Helden durch die Zuſammenſtellung mit hochberühmten Männern deſſelben Schlags ein wenig zu heben) Catilina aus Rom, zorn⸗ ſchnaubend und ſchwörend, er werde ſehr bald in einer ganz andern Art wiederkehren, um ſeine Rache zu nehmen⸗ Inzwiſchen kam der Cardinal heran, der die im Ge⸗ biete von Lecco gelegenen Kirchſprengel je einen des Tags beſuchte. An dem Tage, wo er in Lucia's Dorf eintreffen ſollte, hatte ſich bereits ein großer Theil der Einwohner auf die Straße begeben, um ihm entgegenzugehen. Am Eingang des Orts, dicht neben dem Häuschen unſerer 37 beiden Frauen befand ſich ein aus aufrechtgeſtellten Balken und guerübergelegten Latten errichteter Triumphbogen mit Stroh und Moos verkleidet, ſowie mit grünen Zweigen von Muyrthendorn und Stechpalmen geſchmückt, zwiſchen denen röthliche Beeren hervorglänzten; die Vorderſeite der Kirche war mit Teppichen verziert, an jedem Fenſtervor⸗ ſprung hingen Bettdecken und Leintücher ausgeſpannt, Kin⸗ derwindeln wurden als Fähnlein benützt; man prangte jetzt mit all der nothdürftigen Habe, welche dazu dienen konnte, wohl oder übel einen gewiſſen Ueberfluß vorzuſtellen. Gegen die Vesper,— um dieſe Stunde pflegte nämlich Federigo an den Kirchen, die er beſuchte, anzukommen— machten ſich auch die zu Hauſe Gebliebenen, meiſtens Greiſe, Wei⸗ ber und Kinder auf den Weg, um ihm theils in Reihen, theils muppweiſe entgegenzugehen, und voran ſchritt Don Abbondio, dem es mitten in dieſer Feſtlichkeit nicht ganz wohl zu Muthe war, theils weil das Getöſe ihn betäubte, theils weil das Gewimmel der Leute vor und hinter ſeiner Perſon ihm, wie er zu ſich ſelbſt ſagte, die Augen um⸗ nebelte, theils auch weil er eine geheime Angſt empfand, die Frauen möchten geſchwatzt haben, und er könnte wegen der Trauung zur Rechenſchaſt gezogen werden. Siehe da erſchien der Cardinal, oder, um es beſſer zu ſagen, die Menge, in deren Mitte er ſich, umgeben von ſeinem Gefolge, in einer Sänfte befand, denn von dem Allem ſah man Richts als ein Zeichen in der Luft, das über alle Köpfe hinwegragte, ein Stück von dem Kreuz, welches der auf einem Maulthier reitende Kapellan trug. Die Leute, die mit Don Abbondio gingen, eilten in verworrenem Gedränge auf den Zug zu; er ſelbſt wandte ſich, nachdem er zwei⸗ oder dreimal geſagt hatte:„Lang⸗ ſam; in der Reihe, was macht ihr denn?“— ärgerlich um und begab ſich, unter fortwährendem Gebrumme:„Es iſt ein Babylon, es iſt ein Babylon!“ nach der Kirche, ſo lange ſie noch leer war, um dort ſeinen Vorgeſetzten zu erwarten.- Der Cardinal kam vorwärts, mit der Hand Segnun⸗ gen ſpendend und aus dem Munde der Bevölferung, die ſein Gefolge nur mühſam zurückhalten konnte, ſolche em⸗ pfangend. Als Lucia's Dorfgenoſſen hätten dieſe Leute dem Erzbiſchof gerne außerordentliche Ehren erwieſen, aber die Sache war nicht leicht, denn ſchon ſeit langen Zeiten thaten überall, wohin er kam, alle was in ihren Kräften ſtand. Gleich beim Antritt ſeines biſchöflichen Amtes, bei ſeinem erſten feierlichen Zuge in den Dom war der An⸗ drang des herbeiſtrömenden Volks ſo ungeſtüm geweſen, daß man für ſein Leben fürchten mußte, und einige Edel⸗ leute, die ihm zunächſt ſtanden, hatten ihre Degen gezogen, um die Menge zu ſchrecken und zurückzutreiben. So groß war die Regelloſigkeit und Gewaltſamkeit der damaligen Lebensweiſe, daß man beinahe Menſchenblut vergoſſen hätte, um einem Biſchof in der Kirche ſein Wohlwollen zu be⸗ zeugen und die Ausbrüche deſſelben einigermaßen zu zügeln. Za ſelbſt dieſe Vertheidigung würde vielleicht nicht genügt haben, wenn nicht zwei, ſowohl körperlich kräftige als muthbegabte Prieſter ihn auf ihre Arme genommen und vom Eingange des Tempels bis zum Fuß des Hochaltars getragen hätten. Von dieſer Zeit an kann man den erſten Eitritt in die Kirchen bei all den biſchöflichen Beſuchen, die er zu machen hatte, ohne Uebertreibung zu den Müh⸗ ſeligkeiten ſeines Hirtenamtes rechnen, ja es waren ſogar einigemal wirkliche Gefahren damit verbunden. Auch dieſe Kirche betrat er, ſo gut es ihm gelingen mochte; er ging an den Altar und richtete von dort aus, nachdem er eine Weile gebetet hatte, ſeiner Gewohnheit gemäß etliche Worte an die Umſtehenden: er ſprach von ſeinen Wünſchen für ihr Seelenheil und von der Art, wie ſie ſich auf den morgigen Tag vorbereiten ſollten. Sodann zog er ſich in das Pfarrhaus zurück und fragte den In⸗ wohner deſſelben unter vielen anderen Dingen, die er mit ihm zu beſprechen hatte, über Charakter und Aufführung Renzo's. Don Abbondio ſagte, er ſei ein etwas lebhafter, etwas 39 ſtarrköpfiger, etwas jähzorniger Burſche; aber auf die be⸗ ſtimmteren und genaueren Aufragen des Biſchofs mußte er antworten, er ſei ein rechtſchaffener Menſch, und auch er begreife nicht, wie derſelbe all' die Teufeleien in Mailand habe machen können, die man von ihm erzählt. „Was das Mädchen betrifft,“ fuhr der Cardinal fort, „ſo möchte ich wiſſen, ob Ihr glaubt, daß ſie jetzt ſicher nach Hauſe zurückkommen könne.“ „Für jetzt“ antwortete Don Abbondio,„kann ſie wohl kommen und bleiben, wie ſie will; ich ſage für jetzt; aber — fügte er dann mit einem Seufzer hinzu— es wäre nöthig, daß Ew. Hochwürden immer hier oder in der Nähe blieben.“ „Der Herr iſt immer nahe,“ ſagte der Cardinal: „im Uebrigen werde ich darauf bedacht ſein, ſie in Sicher⸗ heit zu bringen.“ Und er gab ſogleich Befehl, daß Mor⸗ gen bei Zeit die Sänfte unter Begleitung abgeſchickt wer⸗ den ſolle, um die zwei Frauen zu holen. Don Abbondio entfernte ſich, ganz vergnügt darüber, daß der Cardinal von den zwei Brautleuten mit ihm ge⸗ ſprochen hatte, ohne ihn wegen der verweigerten Trauung zur Rechenſchaft zu ziehen.—„Er weiß alſo Nichts—“ ſagte er bei ſich:„Agneſe hat geſchwiegen: welch ein Wunder! Sie werden ſich noch einmal ſehen, aber wir wollen ihr ſchon vorher die nöthigen Weiſungen geben, daran ſoll es nicht fehlen.“ Und er wußte nicht, der arme Mann, daß Federigo gerade darum nicht auf dieſen Punkt eingegangen war, weil er bei mehr Muße mit ihm um⸗ ſtändlicher darüber ſprechen, und, bevor er ihm den ver⸗ dienten Lohn gab, auch ſeine Gründe anhören wollte. Aber dem guten Prälaten war alles Kopfzerbrechen wegen einer Unterkunft für Lucia erſpart worden: ſeitdem er ſie verlaſſen, waren Dinge vorgefallen, die wir jetzt er⸗ zählen müſſen. Die zwei Frauen hatten in den wenigen Tagen, die ſie in dem gaſtſteunolichen Häuschen hatten zubringen 40 müſſen, jede ſo gut es ging, ihre alte und gewohnte Lebens⸗ art wieder angefangen. Lucia hatte ſogleich eine Arbeit verlangt, und wie ſie im Kloſter gethan hatte, nähete ſie jetzt mit unermüdlichem Fleiß in einem Kämmerchen, das den Augen der Leute entzogen war. Agneſe ging ein wenig aus, flickte auch wohl ein wenig in Geſellſchaft der Toch⸗ ter. Ihre Unterredungen waren zärtlicher, aber auch trau⸗ riger als je, beide waren auf eine Trennung vorbereitet; denn das Schaf konnte nicht mehr ſo nahe zu der Höhle des Wolfes zurückkehren; und wann ſollte dieſe Trennung ein Ende finden, welcher Ort ſollte dieſes Ende ſein? Die Zukunft war düſter, verworren, ganz beſonders der Einen von ihnen. Agneſe ſtreute unter dieſe Betrachtungen immer noch ihre heiteren Vermuthungen ein, daß Renzo doch am Ende, wenn ihm kein linglück zugeſtoßen, bald Nachricht von ſich geben müſſe, und wenn er wieder Arbeit und eine Unterkunft gefunden, wenn er(und wie konnte man daran zweifeln 2) die Abſicht habe, Lucia ſein Wort zu halten, warum könnte man da nicht aufbrechen und zu ihm ziehen? Und mit ſolchen Hoffnungen unterhielt ſie oft ihre Tochter, von der ich nicht zu ſagen wüßte, ob das Zuhören ein größerer Schmerz oder das Antworten eine größere Qual für ſie war. Ihr wichtiges Geheimniß hatte ſie noch immer für ſich behalten, und obſchon der Gedanke ſie beunruhigte und quälte, an einer ſo guten Mutter eine Falſchheit zu begehen, ſo nahm ſie dennoch, gleichſam un⸗ widerſtehlich von Schaam und den oben berührten ver⸗ ſchiedenen Befürchtungen zurückgehalten, von Tag zu Tag mehr Anſtand, ſich ihr zu eröffnen. Ihre Pläne waren von denen der Mutter himmelweit verſchteden, oder, um es noch richtiger zu ſagen, ſie hatte gar keine Pläne, ſie hatte ihr ganzes Schickſal der Vorſehung anheimgegeben. Sie ſuchte alſo das Geſpräch fallen zu laſſen oder auf einen andern Gegenſtand zu lenken; oder ſagte ſie auch in all⸗ gemeinen Ausdrücken, ſie habe auf dieſer Welt keine an⸗ dere Hoffnungen und keinen Wunſch mehr, als ſich recht 41 bald mit ihrer Mutter wieder zu vereinigen: in den meiſten Fällen ſtellten ſich zur gelegenen Zeit Thränen ein, um die Worte zu erſetzen. „Weißt Du, warum es Dir ſo zu Muthe iſt?“ ſagte Agneſe;„weil Du ſo viel gelitten haſt, und es jetzt nicht für wahrſcheinlich hältſt, daß die Sache ſich wieder zum Guten wenden könne; aber laß nur den Herrn machen; und wenn, laß einen Strahl hereindringen, nur einen einzigen Strahl, und dann wirſt Du mir ſagen können, ob Du an nichts Anderes mehr denkſt.“ Lucia küßte die Mutter und weinte. Uebrigens hatte ſich zwiſchen ihnen und ihren Wirthen ſogleich eine innige Freundſchaft entſponnen, und wo ſollte ſie auch entſtehen, wenn nicht zwiſchen denen, die Wohl⸗ thaten empfangen, und denen, die ſie erweiſen, vorausge⸗ ſetzt, daß beide brave Leute ſind. Agneſe beſonders hatte immer viel mit der Hausfrau zu plandern. Der Schneider bereitete ihnen zuweilen einige Zerſtreuung durch Geſchichten und moraliſche Reden; namentlich bei Tiſch wußte er immer etwas Schönes von Buovo dAntona oder den Vä⸗ tern der Wüſte zu erzählen. Wenige Miglien von dem Dörfchen wohnte auf einer Villa ein vornehmes Ehepaar, Don Ferrante und Donna Praſſede; der Familienname iſt wie gewöhnlich dem Ano⸗ nymus in der Feder geblieben. Donna Praſſede war eine alte Edeldame, die einen ſtarken Hang zur Wohlthätigkeit beſaß, gewiß das würdigſte Geſchäft, was der Menſch trei⸗ ben kann; inzwiſchen kann man auch dieſes wie alle andern verpfuſchen. Um das Gute zu thun, muß man es kennen, und wie alles Andere können wir es nur inmitten un⸗ ſerer Leidenſchaften vermittelſt unſerer Urtheilskraft durch unſere Ideen erkennen, die häufig nicht zum beſten beſtellt find. Mit den Ideen hielt es Donna Praſſede, wie man es nach einem bekannten Spruche mit den Freunden halten ſoll; ſie hatte ihrer wenige, aber dieſen wenigen war ſie treu zugethan. Unter den wenigen befanden ſich leider. viele verkehrte, und dies waren nicht Diejenigen, die ſie am wenigſten liebte. So geſchah es ihr, daß ſie ſich entweder Etwas, das nicht gut war, als gut vorſetzte, oder daß ſie Mittel ergriff, die weit eher zum Gegentheil führen konnten, oder daß ſie in Folge einer gewiſſen nebelhaften Vorausſetzung, daß, wer mehr als ſeine Pflicht thue, auch über ſein Recht hinausgehen dürfe, Dinge für erlaubt hielt, die es nicht waren; es begegnete ihr, daß ſie in der That dasjenige nicht ſah, was darin lag, oder dasjenige ſah, was nicht darin lag, und noch viele andere ähnliche Dinge, die Je⸗ dem, ſelbſt die Beſten nicht ausgenommen, begegnen kön⸗ nen und wirklich begegnen, die aber unſerer Donna Praſſede nur allzu oft und nicht ſelten alle auf einmal begegneten. Als ſie die merkwürdige Geſchichte Lucia's vernahm, und bei dieſer Gelegenheit ſo Vieles von dem Mädchen hörte, wandelte ſie eine ſtarke Neugierde an, ſie zu ſehen; ſie ſchickte daher eine Kutſche mit einem alten Escutero ab, um Mutter und Tochter zu holen. Letztere zuckte die Achſeln und erſuchte den Schneider, der ihnen die Botſchaft brachte, er möge ſie auf irgend eine Weiſe entſchuldigen. So lange es nur geringe Leute betroffen hatte, welche mit dem durch das Wunder berühmt gewordenen Mädchen Be⸗ kanntſchaft zu machen ſuchten, hatte der Schneider ihr gern einen ſolchen Dienſt geleiſtet; aber im vorliegenden Fall erſchien ihm Lucia's Sträuben als eine Art von Empö⸗ rung. Er machte ſolche Geſichter, ſolche Ausrufungen und ſagte ſo viele Dinge: das ſei nicht der Brauch, es ſei ein vornehmes Haus, zu ſolchen Hertſchaften ſage man nicht nein, dies könne ihr Glück ſein, und überdies ſei die Donna Praſſede eine Heilige; kurz, er ſchwatzte ſo viel, daß Lucia ſich ergeben mußte, um ſo mehr als Agneſe alle ſeine Gründe mit einem beſtändigen:„Ja gewiß, ja ge⸗ wiß“ bekräftigte. Die Dame empfing ihre Gäſte mit vieler Freundlich⸗ keit und großen Beglückwünſchungen; ſie befragte ſie und ertheilte ihnen Rathſchläge, dies Alles mit einer gewiſſen gleichſam augeborenen Ueberlegenheit, welche durch ſo viele 43 demüthige Ausdrücke, durch einen ſo zuvorkommenden Eiſer und eine ſolche Gottesergebenheit gewürzt war, daß Agneſe beinahe auf der Stelle und Lucia ſehr bald ſich von der drückenden Ehrfurcht, welche dieſes verworrene Gebahren ihnen im Anfang eingeflößt hatte, erleichtert fühlten und ſogar eine gewiſſe Anziehungskraft darin fanden. Um es kurz zu ſagen, als Donna Praſſede hörte, der Cardinal habe es übernommen für Lucia eine Zufluchtsſtätte zu ſuchen, ſo erbot ſie ſich, da ſie dieſe gute Abſicht zu för⸗ dern und ihr ſogar zuvorzufommen wünſchte, das Mäd⸗ chen in ihr Haus aufzunehmen, wo ſie feinen andern Dienſt zu verrichten haben ſollte, als Arbeiten mit der Nadel, dem Stahl und der Spindel. Sie fügte hinzu, ſie werde Sorge tragen, den Cardinal davon zu unterrichten. Außer dem augenſcheinlichen und unmittelbaren Nutzen, den ein ſolches Werk hatte, erblickte und beabſichtigte Donna Praſſede dabei noch einen andern, nach ihrem Dafürhal⸗ ten noch bedeutenderen Vortheil, nämlich einen Kopf zu⸗ rechtzuſetzen, eine Perſon, die deſſen ſehr bedürftig ſei, auf die rechte Bahn zu leiten. Denn vom erſten Augenblick an, daß ſie von Lucia reden gehört, war es ihr klar ge⸗ weſen, daß in einem Mädchen, welches ſich mit einem Schurken, einem Böſewicht, kurz mit einem Galgenſchwen⸗ gel habe verloben können, irgend ein fauler Fleck, irgend eine verborgene Sünde ſein müſſe. Sage mir, mit wem du umgehſt, und ich ſage dir, wer du biſt. Lucia's Be⸗ ſuch hatte ſie in dieſer Ueberzeugung beſtärkt. Nicht etwa, als ob Donna Praſſede ſie nicht für ein braves Mädchen gehalten habe, aber es ließen ſich noch hunderterlei Dinge darüber ſagen. Das geſenkte Köpfchen mit dem Kinn, das an die Halsgrube angenagelt ſchien, dieſe Art, entweder gar nicht oder nur wenig auf einmal und gleichſam mit Widerwillen zu antworten, konnte Verſchämtheit anzeigen, gewiß aber auch viele Halsſtarrigkeit: es bedurfte keiner großen Prophetengabe, um zu ſehen, daß dieſes Köpſchen ſeine eigenen Gedanken habe. Und dieſes Erröthen jeden 44 Augenblick, dieſe Zurückdrängung von Seufzern ſo⸗ dann die beiden großen Augen, welche der Donna Praſſede ganz und gar nicht gefielen. Sie hielt es für ſo gewiß, wie wenn ſie es aus guter Quelle wüßte, daß alle Unfälle Lucias eine Strafe des Himmels für ihre Freundſchaft mit dieſem Böſewicht und eine Mahnung ſeien, gänzlich von ihm loszulaſſen; und von dieſer Vorausſetzung ausgehend, beſchloß ſie aus allen Kräften zu einem ſo guten Zweck mitzuwirken. Denn, wie ſie häufig zu Andern und zu ſich ſelbſt ſagte, ihr ganzes Dichten und Trachten ging darauf, den Willen des Himmels zu fördern; nur verfiel ſie ſehr oft in das furchtbare Mißverſtändniß ihr eigenes Gehirn für den Himmel zu nehmen. Was jedoch die zweite Ab⸗ ſicht betraf, von welcher wir geſprochen haben, ſo hütete ſie ſich wohl, dieſelbe auch nur durch einen entfernten Wink zu verrathen. Zu ihren Grundſätzen gehörte nämlich auch der, um eine gute Abſicht zu einem glücklichen Ende zu führen, ſey es in den meiſten Fällen von der höchſten Wich⸗ tigkeit nichts davon merken zu laſſen. Mutter und Tochter ſahen einander an. Da die ſchmerzliche Nothwendigkeit der Trennung einmal vorhan⸗ den war, ſo erſchien der Antrag beiden höchſt annehmbar, wäre es auch aus keinem andern Grunde geweſen, als weil dieſe Villa ſo nahe bei ihrem Dörſchen lag, ſo daß ſie ſich im allerſchlimmſten Fall im nächſten Sommer einander wieder nähern und wieder zuſammenkommen konnten. Nach⸗ dem jede in den Augen der andern ihre Zuſtimmung ge⸗ leſen, wandten ſie ſich beide mit dem Danke, der eine Gunſt annimmt, an Donna Praſſede. Dieſe erneuerte ihre Höflichkeiten und Verſprechungen und ſagte, ſie werde ihnen bald einen Brief für den Erzbiſchof zuſenden. Nachdem die Frauen wieder abgereist waren, ließ ſie ſich dieſen Brief von Don Ferrante aufſetzen, deſſen ſie ſich, da er ein Gelehrter war, wie wir ausführlicher mittheilen werden, in wichtigen Fällen als Secretärs bediente. Da es ſich nun um eine ſo bedeutende Angelegenheit handelte, 45⁵ ſo bot Don Ferrante alle ſeine Geiſteskräfte auf, und in⸗ dem er das Konzept ſeiner Gattin zur Abſchrift überreichte, empfahl er ihr angelegentlichſt die Ortographie, welche eine der vielen Sachen war, die er ſtudirt, und eine der wenigen, über die er im Hauſe zu gebieten hatte. Donna Praſſede evpirte den Brief aufs Sorgfältigſte und ſchickte ihn nach dem Hauſe des Schneiders. Dies geſchah zwei oder drei Tage, bevor der Cardinal ſeine Sänfte abſchickte, um die Frauen nach ihrer eigenen Wohnung zurückbringen zu laſſen. Sie kamen an, che er noch in die Kirche gegangen war, und ſtiegen vor dem Pfarrhauſe ab. Es war Befehl gegeben, ſie augenblicklich hereinzuführen. Der Kapellan, der jie zuerſt ſah, that dies, indem er ſie nur ſo lange aufhielt, als nöthig war, um ſie in aller Eile über das einem Cardinal gegenüber übliche Zeremoniell und die ihm zukommenden Titel zu belehren, was er jedesmal that, wenn er es heimlich thun konnte. Es war für den armen Mann ein fortwährender Aerger, wenn er die wenige Ordnung ſah, die in dieſer Beziehung um den Cardinal herum herrſchte.„Dies Alles,“ ſagte er zu der übrigen Diener⸗ ſchaft,„kommt nur von der allzu großen Herzensgüte des geſegneten Mannes und von ſeiner großen Leutſeligkeit her.“ Und dann erzählte er, wie er ſchon zu wiederholten Malen mit eigenen Ohren gehört habe, daß man ihm ſchlechtweg mit„Ja, Herr“ und„Nein, Herr“ geantwortet habe. Der Cardinal beſprach ſich eben mit Don Abbondio über Angelegenheiten ſeines Kirchſpiels, ſo daß es dieſem nicht möglich war, den Frauen gleichfalls die Ermahnungen zu geben, die er für nöthig hielt. Er konnte ihnen nur, als er beim Hinausgehen an ihnen vorüberkam und ſie vortraten durch einen verſtohlenen Blick zu verſtehen geben, daß er mit ihnen zuftieden ſei, und. daß ſie brav fortfah⸗ ren ſollten, zu ſchweigen. Nach den erſten Begrüßungen von der einen und den erſten Verbengungen von der andern Seite zog Agneſe den Brief aus dem Buſen und übergab ihn dem Cardinal mit den Worten:„Er iſt von der gnädigen Frau Donna Praſſede, welche ſagt, ſie kenne Ew. hochwürdigen Gnaden ganz gut, wie ja natürlich die vornehmen Herrſchaften alle einander kennen. Wenn Ihr geleſen haben werdet, ſo werdet Ihr ſehen.“ „Gut,“ ſagte Federigo, nachdem er das Schreiben ge⸗ leſen und den Saſt des Sinnes aus Don Ferrante's Blu⸗ men geſogen hatte. Er kannte das Haus gut genug, um überzeugt ſein zu können, daß man Lucia in ehrlicher Ab⸗ ſicht eingeladen habe, und daß ſie dort vor der Hinterliſt und der Gewaltthat ihres Verfolgers ſicher ſein werde, wel⸗ chen Begriff er vom Kopf der Donna Praſſede ſich machte, darüber iſt uns keine beſtimmte Kunde geworden. Wahr⸗ ſcheinlich war ſie nicht gerade diejenige Perſon, die er zu einem ſolchen Geſchäft gewählt haben würde; aber wie wir bereits anderswo geſagt oder zu verſtehen gegeben haben, es war nicht ſeine Art, Dinge, die von den betreffenden Perſonen ſelbſt bereits eingeleitet waren, abzuſtellen, um ſie beſſer zu machen. „Nehmet auch dieſe Trennung und die Ungewißheit, worin ihr Euch befindet, in Frieden hin. Heget das Ver⸗ trauen, daß dieß bald ein Ende nehmen werde, und daß Gott die Dinge zu demjenigen Ziele fuhren wolle, das er ihnen vorgeſteckt zu haben ſcheint. Aber ſeid überzéugt, daß das, was Er geſchehen laſſen will, zu Eurem Beſten dienen wird.“ Er gab dann Lucia insbeſondee no einige liebreiche Ermahnungen, ſprach Beiden wiederholt Troſt zu, ſegnete ſie und ließ ſie gehen. Als ſie auf die Straße kamen, wurden ſie von einem ganzen Schwarm von Freunden und Freundinnen umringt; ja, man kann wohl ſagen, die ganze Gemeinde erwartete ſie und führte ſie im Triumph nach Hauſe. Es herrſchte unter allen Frauen ein eigentlicher Wettſtreit, ſie zu beglückwün⸗ ſchen, zu beklagen, auszufragen, und Alle erhoben ein lantes Geſchrei des Mißvergnügens, als ſie hörten, daß 47 Lucia am Morgen wieder gehen werde. Die Männer ihrerſeits wetteiferten in Dienſtanerbietungen; jeder wollte die Nacht über das Häuschen bewachen. Dieſe Thatſache veranlaßt unſern Anonymus, das Sprichwort zu bilden: Wollt Ihr viele Hülfe haben, ſo müßt Ihr nur keiner bedürfen. Dieſes freundliche Entgegenkommen von allen Seiten verwirrte und betäubte zwar Lucia, im Ganzen aber that es ihr doch wohlz denn es lenkte ſie von den Gedanken und Erinnerungen ab, die ſich ſelbſt mitten in dieſem Getöſe, an dieſem Eingange, in dieſen kleinen Stübchen, beim Anblick jedes einzelnen Gegenſtandes unwillkürlich in ihr regten. Als das Glockengeläute den nahen Beginn des Gottes⸗ dienſtes verkündete, ſetzten ſich Alle nach der Kirche in Bewegung, und für die Zurückgekehrten entſtand daraus abermals eine Art von Triumpfzug. Nach beendigter Kirchenfeier wurde Don Abbondio, der ſchnell weggegangen war, um zu ſehen, ob Perpetua alle erforderlichen Vorkehrungen für die Mahlzeit getroffen habe, benachrichtigt, daß der Cardinal ihn ſprechen wolle. Er eilte auf das Zimmer ſeines hohen Gaſtes, der ihn nahe hervortreten ließ und dann begann:„Herr Pfarrer!“ und zwar wurden dieſe Worte in einem Tone geſprochen, aus welchem er erſehen konnte, daß ſie den Anfang einer langen, ernſthaften Unterredung bilden ſollten—„Herr farrer, warum habt Ihr dieſe Lucia nicht mit ihrem Bräutigam getraut?“ Sie haben alſo heute frühe ihr Herz ausgeſchüttet, dachte Don Abbondio, und antwortete ſtammelnd:„Ew. Hochwürden werden wohl von den Wirtſalen gehört haben, die in dieſer Angelegenheit entſtanden ſind; es war ein ſolcher Durcheinander, daß man ſelbſt am heutigen Tage noch nicht klar hineinſehen kann, wie ja Ew. Hochwürden ſelbſt daraus ſchließen mögen, daß das Mädchen nach ſo vielen Unfällen, wie durch ein Wunder hier iſt, der Jüng⸗ ling aber nach andern Unfällen, kein Menſch weiß wo, ſich befindet.“ „Ich frage,“ fuhr der Cardinal fort,„ob es wahr iſt, daß vor all dieſen Ereigniſſen Ihr Euch geweigert habt, die Trauung zu vollziehen, als Ihr am feſtgeſetzten Tage dazu aufgefordert wurdet, und warum?“ „Wahrhaftig. wenn Ew. Hochwürden wüßten... welche Aufforderung welche ſchreckliche Warnungen mir verbieten zu ſprechen„ und er vollendete ſeinen Satz nicht, ſondern gab durch eine gewiſſe Geberde ehr⸗ furchtsvoll zu verſtehen, daß es unbeſcheiden wäre, noch mehr davon wiſſen zu wollen. „Aber,“ ſagte der Cardinal, mit ungewöhnlich ernſter Stimme und Miene.„Euer Biſchof iſt es, der von Amts⸗ wegen und zu Eurer eigenen Rechtfertigung von Euch hören will, warum Ihr Etwas unterlaſſen habt, wozu Ihr voll⸗ ſtändig verpflichiet waret.“ „Hochwürdiger Herr,“ ſagte Don Abbondio, indem er ungemein kleinlaut wurde,„ich habe nicht ſagen wol⸗ len aber ich habe immer gedacht, da es ſo verwor⸗ rene und ſo alte Geſchichten ſind, die man doch nicht abſtellen kann, ſo wäre es unnöthig, ſie wieder aufzuſtö⸗ ren. Inzwiſchen, inzwiſchen, ſage ich, weiß ich, daß Ew. Hochwürden einen Eurer armen Pfarrer nicht aus Meſſer liefern wollen. Denn ſehet wohl, hochwürviger Herr, Ihr könnt nicht überall ſein und ich bleibe hier ausgeſeßzt. da Ihr es aber ſo verlangt, ſo werde ich ſprechen und Alles ſagen.“ „Sprecht: ich wünſche Nichts ſehnlicher, als Euch ſchuldlos zu finden.“ Jetzt begann Don Abbondio die ſchmerzensreiche Ge⸗ ſchichte vorzutragen, doch unterdrückte er den Namen der Hauptperſon und ſprach nur von einem großen Herrn, in⸗ dem er alſo der Klugheit ſo viel Raum geſtattete, als ihm in einer ſolchen Klemme noch möglich blieb. 49 „Und einen andern Grund habt Ihr nicht gehabt?“ fragte der Cardinal, nachdem er Alles genau vernommen. „Ach, ich habe mich vielleicht nicht deutlich genug erklärt,“ antwortete Don Abbondio.„Bei Lebensſtrafe hat man mir verboten, dieſe Trauung zu vollziehen.“ „Und dieß ſcheint Euch ein hinlänglicher Grund zu ſein, um eine ausvrückliche Pflicht zu verabſäumen?“ „Ich habe meine Pflicht immer zu eifüllen geſucht, ſelbſt wenn ich ſchweres Ungemach davon zu ertragen hatte. aber wenn es ſich einmal um's Leben han⸗ „Und als Ihr Euch,“ fiel ihm Federigo mit noch ernſterem Tone ins Wort—„als Ihr Euch der Kitche darbotet, um dieſes Amt zu erhalten, hat ſie Euch da Euer Leben verbürgt? Hat ſie Euch geſagt, daß die mit dem Amte verbundenen Pflichten aller Hinderniſſe entbun⸗ den, von allen Gefahren frei ſeien, oder hat ſie Euch geſagt, daß die Pflicht da aufhöre, wo die Gefahr be⸗ ginnet Hat ſie Euch nicht vielmehr ausdrücklich das Ge⸗ gentheil geſagt? Hat ſie Euch nicht erklärt, daß ſie Euch wie ein Lämmlein unter die Wölfe ſchicke? Wußtet Ihr nicht, daß es gewaltthätige Menſchen gibt, denen das mißfallen könnte, was Euch befohlen würde? Hat Er, von dem wir Lehre und Beiſpiel haben, nach deſſen Vor⸗ bild wir uns Hirten nennen laſſen und ſelbſt nennen, hat Er, als Er auf die Erde kam, um ſein Hirtenamt zu verwalten, ſich etwa Sicherheit für ſein Leben ausbedun⸗ gen? Bedurfte es der heiligen Weihe, der Händeauflegung, der Gnade des Prieſterthums etwa dazu, um dieſes Leben zu retten, um es, ſage ich, für ein paar Tage auf der Erde zu verlängern, und zwar auf Koſten der Menſchen⸗ liebe und der Pflicht? Die Welt genügt, um dieſe Tu⸗ gend mitzutheilen, um dieſe Lehre zu predigen! Was ſage ich? o Schmach! die Welt ſelbſt verwirſt ſie! die Welt gibt ebenfalls ihre Geſeße, welche das Gute vorſchreiben und das Böſe verbieten; ſie hat ebenfalls ihr Evangelium, Die Verlobten, IM 4 ein Evangelium des Hochmuths und des Haſſes, und ie will nicht, daß man ſage, die Liebe zum Leben ſei ein Grund, um ſeine Gebote zu übertreten. Sie will das nicht und ſie findet Gehorſam. Und wir! die Söhne und Verkündiger der Verheißung! Was wäre aus der Kirche geworden, wenn alle Eure Amtsbrüder dieſe Sprache führten? Was wäre aus ihr geworden, wenn ſie mit dieſen Lehren in der Welt erſchienen wäre?“ Don Abbondio ſtand geſenkten Kopfes daz ſein Geiſt befand ſich zwiſchen dieſen Argumenten, wie ein Hühnchen zwiſchen den Klauen des Falken, von dem es in eine unbekannte Region hinaufgetragen wird, in eine Luft, die s niemals geathmet hat. Da er ſah, daß er irgend Et⸗ was antworten mußte, ſo ſagte er mit einer gewiſſen un⸗ überzeugten Unterwürfigkeit:„Hochwürdiger Herr, ich will Unrecht haben. Wenn das Leben nicht in Anſchlag ge⸗ bracht werden darf, ſo weiß ich nicht, was ich ſagen ſoll. Aber wenn man es mit gewiſſen Leuten zu thun hat, welche die Macht beſitzen und keine Vernunft annehmen wollen, ſo wüßte ich nicht, was man dabei gewinnen ſollte auch noch den Maulhelden zu machen. Das iſt nun einmal ſo ein Herr, den man nicht überwinden und mit dem man keinen Frieden ſchließen kann.“ „Und Ihr wißt nicht, daß unſer Sieg gerade darin beſteht, für die gerechte Sache zu leiden? Und wenn Ihr das nicht wißt, was prediget Ihr dann? Was lehret Ihrk Welcher Art iſt die frohe Botſchaft, die Ihr den Ar⸗ men verkündet? Wer verlangt von Euch, daß Ihr die Gewalt durch Gewalt überwinden ſollet? Gewiß wird man Euch dereinſt nicht fragen, ob Ihr den Mächtigen Stand zu halten wußtet; denn dazu ward Euch weder der Beruf, noch das Vermögen gegeben. Wohl aber wir man Euch ſtagen, ob Ihr die Euch verliehenen Mitte dazu angewandt habt, Eueren Vorſchriften nachzukommer, ſelbſt wenn jene die Verwegenheit gehabt hätten, Euch daran verhindern zu wollen.“ 51 „Auch dieſe Heiligen find kurioſe Käuze,— dachie inzwiſchen Don Abbondio;— im Grunde, wenn man das Kind beim rechten Namen nennen will, liegt ihm die Liebſchaft zweier junger Leutchen mehr am Herzen, als das Leben eines Prieſters.“— Und für ſeine eigne Perſon hätte er ſich gerne damit zuftieden gegeben, wenn nur die Unterre⸗ dung jetzt ein Ende gehabt hätte, aber er ſah den Car⸗ dinal in jeder Pauſe die Haltung eines Mannes beibe⸗ halten, der eine Antwort, ein Bekenntniß oder eine Ent⸗ ſchuldigung, kurz irgend Etwas erwartete. „Ich wiederhole Ew. Hochwürden alſo, daß ich Un⸗ recht haben will Der Muth iſt eine Sache, die man ſich nicht ſelbſt geben kann.“ „Und warum, könnte ich Euch ſagen, habt Ihr alſo ein Amt übernommen, das Euch die Pflicht auferlegt, mit den Leidenſchaften der Welt im Kriege zu leben; aber wie, will ich Euch vielmehr ſagen, Ihr bedenkt alſo nicht, daß, wenn in dieſem Amte, auf welche Art Ihr es nun über⸗ nommen haben möget, Muth nothwendig iſt, um Eueren Verpflichtungen nachzukommen, Er Euch denſelben unfehl⸗ bar verleihen wird, wenn Ihr ihn darum anſprechet? Glaubt Ihr, daß all die Millionen von Märthrern von Natur Muth beſaßen? Daß ſie von Natur das Leben gering ſchätzten? So viele zarte Jünglinge, die erſt an⸗ fingen, es zu genießen, ſo viele Greiſe, die gewohnt wa⸗ ren darüber zu klagen, daß es ſchon ſeinem Ende nahe ſei, ſo viele Jungftauen, ſo viele Mütter? Alle haben Muth gehabt; denn der Muth war nothwendig, und ſie vertrauten. Habt Ihr, da Ihr Eure Schwäche und Eure Pflichten kanntet, auch daran gedacht, Euch zu den ſchwe⸗ ren Schritten vorzubereiten, die zu thun Ihr in den Fall kommen konntet und nun wirklich in den Fall gekommen ſeid? Ach, wenn Ihr während Eures ſo vieljährigen Hir⸗ tenamtes Eure Herde(und wie hättet Ihr das unterlaſſen können ²) geliebt, wenn Ihr Euer Herz, alle Eure Sorg⸗ falt ihr zugewendet, alle Gure Frende in ihr gefunden 4* 52 habt, ſo durfte Euch im Nothfall der Muth nicht fehlenz die Liebe iſt unerſchrocken. Nun wohl, wenn Ihr alſo viejenigen liebtet, die Eurer geiſtlichen Obhut anvertraut ſind, diejenigen, die Ihr Eure Kinder nennt; wenn Ihr zwei von ihnen zugleich mit Euch bedroht ſahet, o gewiß ſo werdet Ihr, wie die Schwäche des Fleiſches Euch für Euch ſelbſt erzittern ließ, ſo aus Menſchenliebe für ſie gezittert haben. Ihr werdet Euch wegen dieſer aufäng⸗ lichen Furcht gedemüthigt haben, da ſie eine Wirkung vieſer Eurer Erbärmlichkeit war; Ihr werdet Kraft erfleht haben, ſie zu überwinden, ſie zu verſcheuchen, weil fie eine Verſuchung war; aber der heiligen und hochherzigen Furcht für Andere, für Eure Kinder, der werdet Ihr Gehör geſchenkt, ſie wird Euch keine Ruhe gelaſſen, ſie wird Euch angeſpornt, gezwungen haben an die Mittel zu denken und ſie aufzubieten, wodurch die ihnen drohende Gefahr abgelenkt werden könnte„ Was hat die Furcht, die Liebe Euch eingegeben? Was habt Ihr für Eure Kin⸗ der gethan? Was habt Ihr erdacht?“ Und er ſchwieg mit der Geberde der Erwartung. Sechsundzwanzigſtes Capitel. Auf eine in ſolchem Ton an ihn gerichtete Frage, gab Don Abbondio, der doch ſelbſt auf minder beſtimmte immer Etwas zu antworten ſich bemüht hatte, keinen Laut von ſich. Und in Wahrheit fühlen auch wir, mit dieſem Manuſcript vor uns, mit einer Feder in der Hand, indem wir nur mit Redensarten zt kämpfen und nichts Anderes als höchſtens die Kritiken unſergr Leſer zu fürchten haben, auch wir empfinden einen gewiſſen Widerwillen fortzufah⸗ ren; es will uns gewiſſermaßen ſeltſam bedünken, wenn wir da vhne alle Anſtrengung ſo viele ſchönen Lehren det 53 Standhaftigkeit und Menſchenliebe, der werkthätigen Sorge für Andere, als der unbegrenzten Aufopferung von uns geben ſollten. Nur allein der Gedanke, daß alle dieſe Dinge von einem Manne geſagt wurden, der ſie auch im Leben ausühte, verleiht uns den Muth in der Schilderung dieſer Unterredung fortzuſchreiten. „Ihr antwortet nicht?“ begann der Cardinal wieder; „ach, wenn Ihr Eurer Seits das gethan hättet, was die chriſtliche Liebe, was die Pflicht gebot, ſo würdet Ihr jetzt, wie auch die Sachen gegangen ſein möchten, Etwas zu antworten haben. Ihr ſehet alſo ſelbſt, was Ihr ge⸗ than habt. Ihr habt der Gottloſigkeit Gehorſam geleiſtet und um die Vorſchriften der Pflicht Euch nicht befüm⸗ mert. Ihr habt der Gottloſigkeit in allen Punkten ge⸗ horcht; ſie hatte ſich Euch gezeigt, um Euch ihr Verlan⸗ gen auszudrücken, aber ſie wollte demjenigen, der ſich vor ihr hätte ſchützen und ſichern können, verborgen bleiben; ſie wollte kein Aufſehen erregen, ſie verlangte das Ge⸗ heimniß, um mit aller Gemächlichkeit ihre Pläne zur Hei⸗ terkeit oder zur Gewalt reifen zu laſſen; ſie gebot Euch Pflichtverletzung und Stillſchweigen; Ihr habt Eure Pflicht verletzt und habt ſtillgeſchwiegen. Ich frage Euch jetzt, ob Ihr nicht noch mehr gethan habt. Ihr werdet mir ſagen, ob es wahr iſt, daß Ihr Vorwände für Eure Weigerung erlogen habt, um den wahren Grund nicht angeben zu müſſen.“— Und er hielt wiederum, einer Antwort ge⸗ wärtig, einen Angenblick inne. Auch das haben die Plaudertaſchen ausgeſchwätzt, dachte Don Abbondio, errieth jedoch durch kein Stimm⸗ zeichen, daß er Etwas zu ſogen habe; deßhalb fuhr der Cardinal fort:„Ob es alſo wahr iſt, daß Ihr dieſen armen Leuten ganz falſche Vorſpiegelungen gemacht habt, um ſie in der Unwiſſenheit und Dunkelheit zu erhalten, in welcher die Gottloſigkeit ſie zu ſehen wünſchte? Ich muß es alſo glauben; es bleibt mir alſo Nichts übrig, als mit Euch darüber zu erröthen und zu hoffen, daß Ihr mit mir darüber ——— 54 weinen werdet. Sehet jetzt, wie weit Euch(guter Gott! und Ihr führtet das ſo eben noch als eine Rechtfertigung an!) dieſe Beſorgniß um das zeitliche Leben geführt hat. Sie hat Euch verleitet„ wiverlegt freimüthig dieſe Worte, wenn ſie Euch ungerecht erſcheinen, nehmt ſie aber als heilſame Demüthigung hin, wenn ſie es nicht ſind ſie hat Euch verleitet die Schwachen zu betrügen, Eure Kinder zu belügen.“ „Da ſieht man's, wie es in der Welt zugeht,“ ſagte Don Abbondio wiederum zu ſich ſelbſt.— Dieſem Sa⸗ tan— er dachte an den Ungenannten— ſchlingt er die Arme um den Hals, und mir waſcht er wegen einer klei⸗ nen Nothlüge, die ich bloß geſagt habe, um meine Haut zu retten, ſo derb den Kopf. Aber es ſind die Vorgeſetzten; ſie haben immer Recht. Mein Stern bringt es nun ein⸗ mal mit ſich, daß ſie Alle über mich herfallen;— ſogar die Heiligen.— Und er ſagte mit lauter Stimme:„Ich habe gefehlt; ich ſehe ein, daß ich gefehlt habe; aber was ſollte ich in einer ſolchen Bedrängniß thun?“ „Und das fragt Ihr noch? Und habe ich's Euch nicht geſagt? Und mußte ich's Euch erſt ſagen? Lieben, mein Sohn; Lieben und Beten. Dann würdet Ihr em⸗ pfunden haben, daß die Gottloſigkeit zwar Drohungen ausſtoßen, Streiche verſetzen, aber keine Befehle ertheilen fann. Ihr würdet nach dem Gebote Gottes das vereinigt haben, was der Menſch trennen wollte; Ihr würdet den Unglücklichen den Dienſt geleiſtet haben, den ſie mit Recht von Euch fordern konnten; für die Folgen wäre Gott Euer Bürge geweſen, denn ſein Befehl wäre vollzogen worden; indem Ihr einen andern vollzoget, ſeid Ihr ſelbſt als Bürge eingetreten; und für welche Folgen! Aber fehlten Euch denn etwa alle menſchlichen Hülfsmittel? Stand Euch etwa kein Weg zur Rettung offen, wenn Ihr nur um Euch ſchauen und daran denken wolltet, darnach zu ſuchen? Ihr mögt jetzt wiſſen, daß dieſe Eure armen Kinder, wenn ſie getraut worden wären, ſelbſt an ihre Reitung gedacht 55 haben würden; ſie waren bereit, vor dem Angeſicht des Mächtigen zu fliehen, ſie hatten ſich bereits eine Zufluchts⸗ ſtätte auserſehen. Aber auch ohne das, iſt es Euch denn gar nicht eingefallen, daß Ihr noch einen Vorgeſetzten hattet? Und wie könnte dieſer die Gewalt haben, Euch wegen der NRichterfüllung Eurer Pflicht zu beſtrafen, wenn er nicht verpflichtet wäre, Euch zur Erfüllung derſelben zu verhelfen? Warum habt Ihr nicht daran gedacht, Eu⸗ ren Biſchof von dem Hinderniß zu benachrichtigen, das eine ſchmachvolle Gewaltthat der Ausübung Eures Amtes entgegenſetzte?“ Perpetua's Rathſchläge!— dachte ärgerlich Don Abbondio; dem mitten unter dieſen Reden Richts ſo le⸗ bendig vor die Augen trat, als das Bild dieſer Bravi und der Gedanke, daß Don Rodrigo ſich bei voller Ge⸗ ſundheit befinde und über Kurz oder Lang glorreich, froh⸗ lockend und wüthend zurückfehren würde. Und obſchon die Würde, der Anblick und die Sprache ſeines Biſchofs ihn verrwirrt daſtehen machten und ihm Furcht einjagten, ſo war dieß gleichwohl eine Furcht, die ihn nicht gänzlich überwältigte und den Gedanken an eine Widerſpenſtigkeit nicht abſchnitt; denn er ließ ſich nicht aus dem Sinn bringen, daß der Cardinal am Ende doch weder Büchſen, noch Degen, noch Bravi zu ſeinem Dienſte verwende. „Warum habt Ihr nicht daran gedacht,“ fuhr dieſer fort,„daß, wenn ſich für dieſe unſchuldig Bedrängten keine andere Zuflucht gefunden hätte, jedenfalls ich da war, um ſie aufzunehmen, um ſie in Sicherheit zu brin⸗ gen, wenn Ihr ſie an mich gewieſen hättet; wenn Ihr die Hülfloſen an einen Biſchof gewieſen hättet, als ſein Eigenthum, als einen koſtbaren Theil, ich ſage nicht ſei⸗ ner Bürde, ſondern ſeines Reichthums? Und was Euch betrifft, ſo würde ich für Euch geſorgt haben; ich hätte nicht ſchlafen dürfen, bevor ich ſicher geweſen wäre, das Euch fein Haar gekrümmt wurde; glaubt Ihr, ich hätte nicht Mittel und Wege gewußt, Euer Leben in Sicherheit ſelben den Uebergang von dieſem gebieteriſchen und ſtra⸗ 56 zu bringen? Und meint Ihr, dieſer ſo verwegene Mann würde in ſeiner Frechheit nicht nachgelaſſen haben, ſobald. er erfahren hätte, daß ſeine Anſchläge auch in weitern Kreiſen, daß ſie mir bekannt ſeien, daß ich wache und entſchloſſen ſei, alle in meine Hand gelegten Mittel zu Eurer Vertheidigung aufzubieten? Wußtet Ihr nicht, daß ein Menſch, wenn er allzu oft mehr verſpricht, als er zu halten vermag, auch nicht ſelten mehr droht, als er aus⸗ zuführen für gut findet? Wußtet Ihr nicht, daß die Gott⸗ loſigkeit ſich nicht bloß auf ihre eigenen Kräfte, ſondern auch auf die Leichtgläubigkeit und Aengſtlichkeit der An⸗ dern ſtützt?“ Ganz Perpetua's Gründe— dachte Don Abbondio wiederum, ohne zu überlegen, daß dieſes merkwürdige Zu⸗ ſammentreffen ſeiner Magd und Federigo Borromev's in ihrem Urtheil über das, was er hätte thun können und thun ſollen, gewaltig gegen ihn ſprach. „Ihr aber,“ fuhr der Cardinal in ſeiner Strafpre⸗ vigt fort, die er hiermit beendigte,„Ihr habt Nichts als Eare zeitliche Gefahr geſehen und ſehen wollen; was Wun⸗ der, wenn ſie Euch ſo groß erſchien, daß Ihr alles Andere darüber außer Acht ließet?“ „Darum habe ich ſie geſehen, dieſe Geſichter,“ ent⸗ fuhr es auf einmal Don Abbondiv;„ich habe ſie gehört dieſe Worte; Ew. Hochwürden haben gut reden; aber Ihr ſolltet einmal in den Hoſen eines armen Pfarrers ſtecken und Euch in dieſer Lage befunden haben.“ Kaum hatte er dieſe Worte geſprochen, ſo biß er ſich in die Zunge; er merkte, daß er ſich allzu ſehr von ſeinem Uumuth hatte hinreißen laſſen, und ſagte bei ſich „Jetzt wird das Donnerwetter erſt recht losbrechen.“— Aber als er zweifelhaft den Blick erhob, war er ganz er⸗ ſtaunt, die Miene dieſes Mannss zu ſehen, den er niemals zu errathen, oder zu begreifen vermochte, und auf der⸗ 57 fenden Ernſt zu einem Ernſt ſchmerzlicher Zerknirſchung wahrzunehmen. „Nur allzu wahr!“ ſagte Federigv.„Das iſt nun einmal unſere elende und furchtbare Lage. Wir müſſen von Andern mit der größten Strenge Dinge fordern, die wir, Gott weiß es, vielleicht ſelbſt nicht leiſten würden; wir müſſen richten, züchtigen, tadeln, und Gott weiß, was wir ſelbſt in dieſem Falle thun würden, was wir in ähn⸗ lichen Fällen gethan haben! Aber wehe, wenn ich meine Schwäche zur Richtſchnur meiner Lehren machen wollte! So viel iſt jedoch gewiß, daß ich mit den Lehren Andern auch das Beiſpiel geben muß, und daß ich mich nicht dem Phariſäer gleichſtellen darf, der Andern unerträgliche Laſten aufbürdet, die er ſelbſt nicht mit dem Finger anrühren will. Wohlan denn, mein Sohn und Bruder! da die Irrthümer der Vorgeſetzten Andern häufig beſſer bekannt ſind, als ihnen ſelbſt, ſo ſagt mir, wenn Ihr wißt, daß ich aus Kleinmüthigkeit, aus irgend einer Rückſicht irgend eine meiner Pflichten verſäumt habe, Alles frei heraus und haltet es mir vor die Augen, damit da, wo das Bei⸗ ſpiel gefehlt hat, wenigſtens das reuevolle Bekenntniß zu Hülfe komme. Haltet mir fein meine Schwächen vor, und dann werden die Worte ein noch größeres Gewicht in meinem Munde bekommen, weil Ihr noch lebhafter fühlen werdet, daß es nicht meine Worte ſind, ſondern die Worte deſſen, der Euch und mir die nothwendige Kraft verleihen kann, um das zu thun, was ſie vorſchreiben.“ Ach, was für ein heiliger Mann! Aber was für ein Quälgeiſt! dachte Don Abbondio:— ſogar gegen ſich ſelber; wenn er nur unterſuchen, ſich einmiſchen, tadeln und verhören kannz er macht es ſogar ſich ſelber nicht beſſer.— Dann ſagte er mit lauter Stimme:„Ach, hoch⸗ würdiger Herr, Ihr ſcherzet! wer kennt nicht das ſtarke Gemüth, den unerſchrockenen Eifer Euerer Eminenz!“ Und in ſeinem Herzen fügte er hinzu: Nur allzu gut! „Ich verlangte von Euch nicht ein Lob, das mich zittern macht,“ ſagte Federig,„denn Gott kennt meine Gebrechen, und was ich ſelbſt davon kenne, genügt, um mich zu beſchämen; aber ich hätte gewünſcht, ich wünſchte, daß wir uns vor ihm gemeinſchaftlich beſchämten, um ge⸗ meinſchaftlich zu vertrauen. Ich wünſchte aus Liebe zu Euch, daß Ihr einſehen möchtet, wie Euer Benehmen war, wie Eure Sprache dem Geſetz zuwiderläuft, das Ihr doch prediget und nach welchem Ihr werdet gerichtet werden.“ „Alles bricht über meinem Haupte los,“ ſagte Don Abbondio;„aber dieſe Perſonen, die Euch das Alles hin⸗ terbrachten, haben Euch gewiß nicht erzählt, daß ſie ſich verrätheriſch in mein Haus geſchlichen haben, um mich zu überrumpeln und eine Ehe gegen die Regel zu ſchließen.“ „Sie haben es geſagt, mein Sohn; aber das betäubt mich, das drückt mich nieder, daß Ihr Euch noch ent⸗ ſchuldigen wollt, daß Ihr durch Anſchuldigung Ande⸗ rer Euch entſchuldigen möchtet; daß Ihr Andern das zur Laſt rechnen wollt, was einen Theil Eures Bekennt⸗ niſſes ausmachen ſollte. Wer hat denn dieſe Leute, ich ſage nicht, in die Nothwendigkeit verſetzt, aber doch in die Verſuchung geführt, das zu thun, was ſie gethan haben? Würden ſie wohl dieſen unregelmäßigen Weg ver⸗ ſucht haben, wenn der geſetzliche ihnen nicht verſchloſſen geweſen wäre? Würde es ihnen eingefallen ſein, ihren Pfarrer zu hintergehen, wenn er ſie in ſeine Arme ge⸗ ſchloſſen, ihnen Hülfe und Rath ertheilt hätte, ihn zu überrumpeln, wenn er ſich nicht verkrochen hätte? Und Ihr beſchuldigt dieſe Leute? Und Ihr ärgert Euch, weil ſie nach ſo vielen Leiden, was ſage ich? mitten im Un⸗ glück gegen ihren und Euern Seelenhirten ihr Herz er⸗ leichtert haben? Daß die Klage des Unterdrückten, der Jammer des Betrübten der Welt verhaßt ſind, das läßt ſich nun einmal nicht ändern; aber uns! welchen Vortheil hättet Ihr denn davon gehabt, wenn ſie geſchwiegen hät⸗ ten? Würde es Euch wohl genützt haben, wenn ihre Sache ganz und gar vor Gottes Gericht gekommen wäre? liegt 59 darin nicht ein neuer Grund für Euch, dieſe Menſchen zu lieben(und Ihr habt dieſer Gründe ſchon ſo vielel) daß ſie Euch Gelegenheit verſchafft haben, die aufrichtige Stimme Eures Hirten zu vernehmen, daß ſie Euch ein Mittel in die Hand gegeben, Eure große Schuld gegen ſie beſſer zu erkennen und theilweiſe zu tilgen? Ach! wenn ſie Euch gereizt, beleidigt, gequält hätten, ſo würde ich Euch den⸗ noch ſagen(und müßte ich's Euch nicht ſagen!), daß Ihr ſie eben darum lieben ſollt. Liebet ſie, weil ſie gelitten haben, weil ſie leiden, weil ſie die Eurigen ſind, weil ſie ſchwach ſeid, weil Ihr einer Verzeihung bedürfet und Euch wohl denken könnt, wie mächtig das Gebet dieſer Leute dazu beitragen kann, ſie Euch zu verſchaffen.“ Don Abbondio ſchwieg, aber es war nicht mehr jenes ärgerliche, für die Ueberzeugung verſchloſſene Stillſchwei⸗ gen; er ſchwieg wie Einer, der mehr zu denken, als zu ſagen hat. Die Worte, die er hörte, waren unerwartete Schlußfolgerungen, neue Anwendungen einer auch in ſei⸗ nem Gemüth alten und unbeſtrittenen Lehre. Das Unglück Anderer, von deſſen Betrachtung ihn die Furcht vor dem eigenen immer abgezogen hatte, machte jetzt einen neuen Eindruck auf ihn. Und wenn er nicht die volle Reue empfand, welche die Predigt in ihm erzeugen wollte(denn dieſe ſelbe Furcht war noch immer vorhanden und vertrat die Stelle des vertheidigenden Anwalts), ſo empfand er dennoch ein Mißvergnügen über ſich ſelbſt, ein Mitleid mit den Andern, ein Gemiſch von Rührung und Beſchä⸗ mung. Er glich, wenn man uns dieſes Bild geſtatten will, dem feuchten und zuſammengequetſchten Lichtdochte, der, an die Flamme einer großen Fackel gehalten, im An⸗ fang dampft, ſprüht, kniſtert und Nichts davon wiſſen will, am Ende aber ſich entzündet und wohl oder übel brennt. Er würde ſich laut angeklagt, er würde geweint haben, wenn der Gedanke an Don Rodrigo nicht geweſen wäre; aber deſſenungeachtet zeigte er ſich ſo erſchüttert, daß 60 der Cardinal deutlich ſehen mußte, wie ſeine Worte ihre Wirkung nicht ganz verfehlt hatten. „Jetzt,“ fuhr er fort,„da der Bräutigam land⸗ flüchtig iſt, die Braut im Begriff ſteht ihre Heimath zu verlaſſen, und Beide nur zu viele Gründe haben ihr fern zu bleiben, ohne eine Wahrſcheinlichkeit ſich hier wiever zuſammenzufinden, wenn auch Gvtt beſchloſſen haben ſollte, ſie wieder zu vereinigen, jetzt bevürfen ſie leider Euer nicht mehr; leider habt Ihr keine Gelegenheit mehr, ihnen Gutes zu thun, und unſere kurze Vorausſicht vermag in der Zukunft keine ſolche zu muthmaßen; aber wer weiß, ob der barmherzige Gott Euch nicht eine bereitet? Ach⸗ laßt ſie nicht entfliehen, ſuchet ſie, lauert ihr auf, betet zu Ihm, daß Er ſie herbeiführe.“ „Ich werde nicht ermangeln, hochwürdiger Herr, ich werde nicht ermangeln, wahrhaftig!“ antwortete Don Ab⸗ bondio mit einer Stimme, welche verrieth, daß ſie von Herzen kam. „Ach ja, mein Sohn, ach ja,“ rief Federigo und ſchloß dann mit wohlwollender Würde:„der Himmel weiß, wie ſehr ich gewünſcht hätte, ganz andere Ge⸗ ſpräche mit Euch zu führen. Wir haben beide ſchon lange gelebt: der Himmel weiß, wie hart es mich an⸗ gekommen iſt, Euer graues Haar durch Vorwürfe zu be⸗ trüben, wie weit ſehnlicher ich gewünſcht hatte, mich mit Euch in unſern gemeinſchaftlichen Sorgen und Leiven durch Geſpräche uͤber die ſelige Hoffnung zu tröſten, welcher wir bereits ſo nahe gekommen find. Gebe Gott, vaß die Worte, die ich gegen Euch gebrauchen mußte, Euch und mir zum Heile gereichen mögen. Machet nicht, daß Er mir dereinſt darüber Rechenſchaft abfordere, warum ich Euch in einem Amte gelaſſen, deſſen Verpflichtungen Ihr auf eine ſo unglückſelige Weiſe nicht erfüllt habt. Laßt uns die Zeit wieder einbringen: Mitternacht iſt nahez der Bräutigam kann nicht lange mehr ausbleiben; halten wir unſere Lampen brennend. Bringen wir Gott unſere 61 elenden, leeren Herzen dar, damit es ihm gefalle, ſie mit der Menſchenliebe anzufüllen, welche das Vergangene wie⸗ der gut macht, welche die Zukunft ſichert, fürchtet und vertraut, weint und mit Weisheit ſich freut; welche in allen Fällen die Tugend wird, deren wir bedürfen.“ Nach dieſen Worten brach er auf; Don Abbondio folgte ihm nach. Hier benachrichtigt uns der Anonymus, daß dieß nicht die einzige Unterredung dieſer beiden Männer, und daß Lucia nicht der einzige Gegenſtand ihrer Beſprechungen ge⸗ weſen, vaß er ſich aber auf dieſe hier beſchränkt habe, um von dem Haupigegenſtand der Erzählung nicht allzu ſehr abzuſchweifen. Aus dem nämlichem Grund werde er auch von andern merkwürdigen Dingen, welche Federigo im ganzen Verlauf ſeines Kirchenbeſuchs gethan und ge⸗ ſagt, von den zahlreichen Proben ſeiner Freigebigkeit, von den Zwiſtigkeiten, die er beigelegt, von altem Groll zwi⸗ ſchen Perſonen, Familien, ganzen Ortſchaften, den er ge⸗ tilgt oder(was nur allzu häufig vorkam) beſchwichtigt hatte, wie auch von ſo manchem Böſewicht oder kleinen Tyrannen, den er entweder auf das ganze Leben, oder voch auf einige Zeit gezähmt, Nichts erzählen: lauter Dinge, deren es an jedem Ort des Sprengels, wo dieſer vor⸗ treffliche Mann einige Zeit verweilte, immer mehr oder weniger gab. Es muß nun erzählt werden, wie am folgenden Mor⸗ gen Donna Praſſede der Verabredung gemäß kam, um Lucia abzuholen und dem Cardinal ihre Aufwartung zu machen, welcher das Mädchen lobte und ihr dringend em⸗ pfahl. Lucia riß ſich, man kann ſich denken, mit wie vielen Thränen von der Mutter los, verließ ihr Häuschen, ſagte zum zweiten Mal ihrem Dorf Lebewohl mit jenem doppelt bittern Gefühle, das man beim Abſchied von einem Orte empfindet, der uns einzig theuer war, nun aber es nicht mehr ſein kann. Inzwiſchen war der Abſchied von der Mutter nicht der letzte; denn Donna Praſſede hatte 62 erklärt, daß ſie ſich noch einige Tage auf ihrer Villa ver⸗ weilen werde, die vom Dorfe nicht ſehr entfernt war, und Agneſe verſprach der Tochter dorthin zu kommen, um ein noch ſchmerzlicheres Lebewohl zu ſagen und zu empfangen. Auch der Cardinal war eben im Begriff nach einem andern Kirchſpiel abzureiſen, als der Pfarrer desjenigen, in welchem die Burg des Ungenannten lag, erſchien und ihn zu ſprechen verlangte. Er wurde vorgelaſſen und nun überreichte er ihm ein Paket und ein Schreiben dieſes Herrn, welcher Federigo erſuchte, Lucia's Mutter zur An⸗ nahme von hundert Goldſcudi zu vermögen, die beige⸗ ſchloſſen waren, um als Mitgift für das Mädchen, oder zu einem andern Gebrauch, der Beiden am Beſten zuſa⸗ gen würde, zu dienen; zugleich erſuchte er ihn, den Frauen zu ſagen, daß, wenn ſie je einmal glauben ſollten, daß er ihnen irgend einen Dienſt zu leiſten vermöchte, das arme Mädchen ja nur zu gut wiſſe, wo er wohne, er ſelbſt aber dieß für einen der erwünſchteſten Glücksfälle halten würde. Der Cardinal ließ ſogleich Agneſe rufen, theilte ihr den Auſtrag mit, den ſie mit eben ſo großer Verwunderung als Freude vernahm, und überreichte ihr die Rolle, die ſie ſich ohne viele Umſtände in die Hand legen ließ.„Gott vergelte es dem Herrn, und Ew. Hoch⸗ würden wollen ihm herzlich dafür danken. Aber ſagt Nie⸗ mand Etwas davon, denn das iſt ſo ein Dorf.„Ihr müßt mich entſchuldigen, ſehet, ich weiß wohl, daß ein Mann, wie Ihr, nicht herumlauft und von ſolchen Dingen ſchwätzt, aber Ihr verſteht mich ſchon.“ Sie ging in aller Stille nach Hauſe, verſchloß ſich in ein Kämmerchen, wickelte das Päckchen auf, und ob⸗ ſchon ſie darauf vorbereitet war, ſo ſchaute ſie doch mit Verwunderung dieſen ganzen Haufen von Goldſtücken an, die ihr gehören ſollten, all dieſe Zechinen, von denen ſie vielleicht nie mehr als eine einzige auf einmal und auch das ſelten genug geſehen. Sie zählte fie, bemühte ſich eine Weile, ſie wieder zuſammenzuſtellen und alle hundert neben 63 einander zu reihen; denn ſie brachen jeden Augenblick aus⸗ einander und entglitten ihren ungeübten Fingern. Als ſie endlich, ſo gut es gehen mochte, wieder ein Röllchen zu⸗ ſammengebracht, legte ſie es in ein Stück Leinwand, wickelte dieſes darum, machte ein Bündel daraus, umwand es höchſt ſorgfältig mit einem Bindfaden und ſteckte es dann in eine Ecke ihres Strohſacks. Die übrigen Stunden des Tags verbrachte ſie mit Grübeleien, mü Plänen für die Zukunft und mit Seufzern über das, was der morgende Tag bringen würde. Nachdem ſie ſich zu Bette gelegt, wachte ſie noch eine gute Zeit in dem Gedanken an die Geſellſchaft dieſer hundert, die ſie unter ſich hatte; als ſie eingeſchlafen war, erſchienen ſie ihr im Traume. Beim erſten Schimmer der Morgenröthe ſtand ſie auf und machte ſich ſogleich auf nach der Villa, wo Lucia jetzt weilte. Dieſe ihrerſeits war, obſchon ihre große Abneigung, von dem Gelübde zu ſprechen, ſich noch nicht verringert hatte, gleichwohl entſchloſſen, ſich Gewalt anzuthun und ſich in dieſer Unterredung, welche für lange Zeit die letzte heißen ſollte, der Mutter zu eröffnen. Kaum konnte ſie allein ſein, ſo begann Agneſe mit einem ganz belebten Geſichte, aber mit leiſer Stimme, als wäre Jemand zugegen, der es nicht hören ſollte;„Ich habe Dir eine große Nachricht mitzutheilen,“ und erzählte ſofort den unerwarteten Glücksfall. „Gott ſegne dieſen Herrn,“ ſagte Lucia;„ſo könnt Ihr doch für Euch ſelbſt ganz gemächlich leben und auch noch dem Einen und Andern Gutes thun.“ „Wie!“ antwortete Agneſe,„ſiehſt Du denn nicht, was wir mit dieſem vielen Golde Alles anfangen können? Höre, ich habe Niemand auf der Welt, als Dich, als Euch Beide, kann ich ſagen, denn Renzo habe ich, ſeit er mit Dir zu reden anfing, immer wie meinen eigenen Sohn betrachtet. Die Haupiſache iſt, daß ihm nicht irgend ein Unglück zugeſtoßen iſt, weil er gar kein Lebenszeichen von ſich gibt. Aber was da, muß denn auch Alles ſchlecht 64 ablaufen? Laß uns hoffen, daß es nicht ſo iſt. Ich hätte freilich gerne meine Gebeine in unſerm Dorfe zur Ruhe gelegt, aber jetzt, da Du wegen dieſes Hallunken nicht dort bleiben kannſt, und ſchon durch den Gedanken an ſeine Nachbarſchaft allein, iſt mir die Freude daran ver⸗ gällt worden, und ich bleibe bei Euch zwei, wo es auch ſein mag. Ich war ſchon früher bereit, mit Euch bis an's Ende der Welt zu gehen und ich bin ſo geſinnt ge⸗ weſen; aber was kann man ohne Geld anfangen? Be⸗ greiſſt Du jetzt? Die paar Thälerchen, die der arme Junge mit ſo viel Mühe und Sparſamkeit auf die Seite gebracht, die hat die Juſtiz mitgenommen, die ihm ſein ganzes Haus rein ausfegte: aber zur Vergeltung hat der Herr uns einen Reichthum geſchickt. Sobald es ihm nun mög⸗ lich ſein wird uns Nachricht zu geben, ob er noch lebt und wo er iſt und welche Abſichten er hat, ſo komme ich nach Mailand und hole Dich ab; ich komme und hole Dich ab. Früher hätte ich mich freilich lange beſonnen, aber das Unglück macht die Leute flink und erfahren. Ich bin ja ſchon bis nach Monza gegangen und weiß, was Reiſen heißt. Ich nehme einen tüchtigen Mann mit mir, einen Verwandten, etwa den Aleſſio von Magianico, denn in un⸗ ſerem Dorfe ſelbſt kann man doch eigentlich keinen tüch⸗ tigen Mann auftreiben. Ich komme mit ihm hin; die Koſten bezahlen natürlich wir und begreiſſt Du. ℳ Als ſie aber bemerkte, daß Lucia, ſtatt neuen Muth zu faſſen, ſich immer mehr betrübte und nur eine Zärtlich⸗ keit zeigte, die alles Troſtes ermangelte, da brach ſie mit⸗ ten in ihrer Rede ab und ſagte:„Aber, was haſt Du denn? Biſt Du denn nicht auch dieſer Meinung?“ „Arme Mutter!“ rief Lucia, indem ſie ihren Arm um ihren Hals warf und das weinende Geſicht an ihren Buſen neigte. „Was iſt es denn?“ fragte die Mutter ängſtlich von uem. „Ich hätte es Euch ſchon früher ſagen ſollen,“ ant⸗ Ne 65 wortete Lucia, indem ſie ihr Geſicht aufrichtete und wieder einige Ruhe hineinlegte,„aber ich habe das Herz nicht dazu gehabt: beklaget mich!“ „Ei, ſo ſprich doch!“ „Ich kann nicht mehr das Weib dieſes armen Men⸗ ſchen werden.“ „Wie ſo, wie ſo?“ Mit geſenktem Kopf, mit keuchender Briſt, mit wei⸗ nerlicher Stimme, aber doch ohne zu weinen, wie wenn man Etwas erzählt, was zwar ein Unglück, aber jedenfalls unabänderlich iſt, eröffnete ſie jetzt das Gelübde und bat dann mit gefalteten Händen die Mutter aufs Neue um Verzeihung, daß ſie bisher geſchwiegen habe; ſie bat ſie, mit keiner lebendigen Seele davon zu ſprechen und ihr zu helfen, ihr die Mittel zu erleichtern, um das erfüllen zu können, was ſie verſprochen habe. Agneſe hatte verblüfft und verwirrt zugehört. Sie wollte wegen der gegen ſie beobachteten Rückhaltung grollen, aber die ſchweren Gevanken, welche der Fall hervorrief, er⸗ ſtickten jede perſönliche Empfindlichkeit; ſie wollte ihr die That vorwerfen, aber es ſchien ihr, als hieße dies mit dem Himmel ſelbſt hadern, um ſo mehr, da Lucia ihr wiederholt und lebhafter als je jene Nacht, die ſo finſtere Troſtloſig⸗ keit und die ſo unerwartete Rettung, kurz alle jene Um⸗ ſtände ſchilderte, unter welchen das Verſprechen ſo aus⸗ drücklich, ſo feierlich gegeben worden war. Und inzwiſchen fiel der Zuhörerin dieſes und jenes Beiſpiel ein, das ſie mehrere Male erzählen gehört und ihrer Tochter ſelbſt er⸗ zählt hatte, von ſeltſamen und furchtbaren Strafen, welche auf die Verletzung eines Gelübdes erfolgt waren. Nach⸗ dem ſie dann eine kleine Weile vor Verblfftheit ſtumm geblieben, ſagte ſie:„Und jetzt, was wirſt Du jetzt thun?“ „Jetzt,“ antwortete Lucia,„ſteht es dem Herrn zu daran zu denken, dem Herrn und der Madonna. Ich habe mich in ihre Hände gegeben. Sie haben mich bisher nicht Die Verlobten. MI. 5 66 verlaſſen: ſie werden mich jetzt nicht verlaſſen, da.„ Die Gnade, die ich für mich von dem Herrn erflehe, die einzige Gnade, ausgenommen das Leben ſelbſt, beſteht darin, daß er mich zu Euch zurückfehren laſſe, und er wird ſie mir gewähren, er wird ſie mir gewähren! An jenem Tag... in jener Kutſche„. Ach, heiligſte Jungfrau!. Dieſe Menſchen.. wer hätte mir geſagt, daß ſie mich zu einem Manne führen ſollten, der es mir am folgenden Tage möglich machte, zu Euch zu kommen?“ „Aber daß Du Deiner Mutter nicht ſogleich davon ſagteſt!“ ſagte Agneſe mit einem gewiſſen, durch liebreiche Freundlichkeit und Mitleid gemilderten Groll. „Beklaget mich; ich hatte nicht das Herz dazu... und was hatte es auch geholfen, wenn ich Euch einige Zeit früher betrübt hätte?“. „Und Renzo?“ ſagte Agneſe den Kopf ſchüttelnd. „Ach!“ rief Lucia, indem ſie plötzlich zuſammenfuhr, „ich darf an den armen Menſchen gar nicht mehr denken; Gott hat es nicht beſtimmt.. ſeht Ihr, ob es nicht den Anſchein hat, als habe er uns recht eigentlich getrennt halten wollen, und wer weiß?.. Doch nein, nein: der Herr wird ihn vor Gefahren gerettet haben und ihn auch ohne mich noch glücklicher machen, als er vorher war.“ „Inzwiſchen aber,“ begann Agneſe wieder,„wenn Du Dich nicht für immer gebunden hätteſt, ſo wollte ich für den Fall, daß Renzo kein Unglück zugeſtoßen iſt, mit dieſem Geld wohl ein Mittel gefunden haben„ „Aber dieſes Geld,“ wendete Lucia ein,„würde es uns wohl in die Hände gekommen ſein, wenn ich jene Nacht nicht erlebt hätte?„ Der Herr ſelbſt hat ge⸗ wollt, daß Alles ſo gehen ſollte; ſein Wille geſchehe!“ Und ihre Worte wurden in Thränen erſtickt. Dieſer unerwartete Einwurf machte Agneſe nachdenk⸗ lich. Nach einigen Augenblicken begann Lucia, indem ſie ihr Schluchzen unterdrückte, von Neuem:„Jetzt, da die Sache einmal geſchehen iſt, muß man ſich mit gutem 67 Muth darein ſchicken. Und Ihr arme Mutter, Ihr könnt mir helfen, zuerſt indem Ihr für Eure arme Tochter zum Herrn betet und dann dann muß ja doch der arme Menſch es einmal erfahren. Seid darauf bedacht, erweiſet mir auch dieſe Liebe; denn Ihr könnt es ſchon einrichten. Wenn Ihr einmal wiſſen werdet, wo er iſt, ſo laßt ihm ſchreiben, ſuchet einen Mann auf. eben Euer Vetter Aliſſio iſt ein kluger und freundlicher Mann, er hat es immer gut mit uns gemeint und wird nichts ausſchwatzen: laßt ihn die Sache ſchreiben, wie ſie iſt; wo ich mich be⸗ funden, wie ich gelitten, und daß Gvott es ſo gewollt habe, er ſolle alſo ſein Herz zuftieden geben, denn ich könne jetzt Niemand mehr angehören. Und macht ihm die Sache auf gute Art begreiflich, erklärt ihm, daß ich es verſpro⸗ chen, daß ich ein Gelübde abgelegt habe. Wenn er hören wird, daß ich es der Madonna verſprochen habe... er iſt immer rechtſchaffen geweſen„ und Ihr, ſobald Ihr Nachrichten von ihm bekommt, ſo laßt mir ſchreiben, thut mir zu wiſſen, ob er geſund iſt, und dann„„ dann laßt mich weiter Richts mehr erfahren. Ganz gerührt verſicherte Agneſe ihre Tochter, daß Alles ſo geſchehen ſolle, wie ſie es wünſche. „Ich wünſche Euch noch etwas Anderes zu ſagen,“ begann Lucia wieder.„Hätte der arme Menſch nicht das Unglück gehabt an mich zu denken, ſo wäre ihm das nicht widerfahren, was ihm widerfahren iſt. Er befindet ſich jetzt draußen in der weiten Welt: ſie haben ihn aus ſei⸗ ner Bahn herausgeriſſen, ſie haben ihm ſein Hab und Gut fortgeſchleppt, die paar Nothpfennige, die der Arme zurückgelegt hatte, Ihr wißt ja, warum; und jetzt haben wir ſo viel Geldj Ach, Mutter, da der Herr uns ſo viel Gutes gethan hat, und da Ihr dieſen armen Menſchen„ ja, Ihr betrachtetet ihn als Euern wie wenn er Euer Sohn wäre, o, ſo theilet jetzt mit ihm, denn ſicher⸗ lich wird Gott uns nicht im Stiche laſſen. Sucht, daß Ihr einen zuverläſſigen Mann findet, dem Ihr das Geld 5 68 übergeben könnt; der Himmel weiß, wie ſehr er deſſen be⸗ dürfen wird.“ „Ei nun, was glaubſt Du denn?“ antwortete Ag⸗ neſe,„ich will das freilich thun. Der arme Jungel Warum meinſt Du, daß ich mich über das Geld ſo ge⸗ freut habe? Aber ich bin eigens deswegen ganz ver⸗ gnügt hierher gekommen. Genug, ich werde es ihm ſchicken; aber auch er.. ich weiß, was ich ſage; gewiß macht das Geld demjenigen Freude, der es nöthig hat; aber mit dieſen Goldſtücken da wird er ſich gewiß nicht ſehr güt⸗ lich thun.“ Lucia dankte der Mutter für dieſe raſche und freige⸗ bige Willfährigkeit mit einer Inbrunſt und Zärtlichkeit, aus welcher ein Beobachter hätte ſchließen können, daß ihr Herz vielleicht noch mehr, als ſie ſelbſt glaubte, Renzo angehörte. „Und ohne Dich, was ſoll ich armes Weib ohne Dich machen?“ ſagte Agneſe, indem ſie ihrerſeits weinte. „Und ich ohne Euch, meine arme Mutter? und un⸗ ter fremden Leuten? Und da drunten in dieſem Mailand! Aber der Herr wird mit uns beiden ſein und uns hernach wieder zuſammenführen; in acht oder neun Monaten wer⸗ den wir uns hier wieder ſehen, und bis dahin, ja noch früher hoffe ich, wird Er Alles zu unſerem Troſte zurecht⸗ gemacht haben. Laſſen wir ihn gewähren. Ich werde immer die Madonna um dieſe Gnade anflehen. Wenn ich ihr noch etwas Anderes anzubieten hätte, ſo würde ich es thun; aber ſie iſt ſo barmherzig, daß ſie mir es als Ge⸗ ſchenk gewähren wird.“ Mit dieſen und andern ähnlichen, oft wiederholten Worten der Klage und des Troſtes, der Reue und der Er⸗ gebung, der Aufforderung zum Schweigen und der Zu⸗ ſicherung dieſes Wunſches, ſowie unter vielen Thränen, nach langen und erneuten Umarmungen trennten ſich die Frauen mit dem gegenſeitigen Verſprechen, ſich ſpäteſtens auf den kommenden Herbſt wiederzuſehen, gleich als ob die Erfül⸗ 69 lung dieſes Wunſches in ihrer Macht geſtanden hätte, wie man dies in ähnlichen Fällen immer thut. Inzwiſchen begann eine lange Zeit hinzugehen, ohne daß Agneſe eine Nachricht von Renzo erhalten konnte. Briefe oder Botſchaften von ſeiner Seite trafen nicht einz von allen Leuten im Dorf und in der Umgegend, die ſie Etwas fragen konnte, wußte Niemand mehr als ſie ſelbſt. Auch war ſie nicht die einzige Perſon, die vergeblich ſolche Nachforſchungen anſtellte: der Cardinal Federigo, der nicht blos aus leerer Höflichkeit zu den Frauen geſagt hatte, er wolle Erkundigungen über den armen Jungen einziehen, hatte wirklich ſogleich in dieſer Abſicht einige Schreiben abgehen laſſen. Als er dann von ſeinem Kir⸗ chenbeſuch nach Mailand zurückgekehrt war, hatte er eine Antwort erhalten des Inhalts, daß man über das betreſ⸗ fende Subject keine Auskunft zu ertheilen vermöge. Er habe ſich allerdings in dem und dem Dorfe, wo man nichts an ihm auszuſetzen gefunden, eine Zeitlang aufge⸗ halten, aber eines Morgens ſei er unverſehens verſchwun⸗ den; ein Verwandter von ihm, bei dem er ſich dort auf⸗ gehalten, wiſſe nicht, was aus ihm geworden ſei, und könne nur gewiſſe, ins Blaue hineingeworfene und ſich widerſtreitende Gerüchte wiederholen, nämlich er habe ſich nach der Levante anwerben laſſen, er ſei nach Deutſchland gegangen und beim Uebergang über einen Fluß umgekom⸗ men; inzwiſchen werde man nicht ermangeln, wohl Acht zu haben, und für den Fall, daß eine beſſer begründete Nachricht von ihm einlaufen ſollte, Se. Eminenz alsbald davon in Kenntniß zu ſetzen. Später verbreiteten ſich dieſe und andere Gerüchte auch in dem Gebiet von Lecco und kamen in Folge deß auch Agneſe zu Ohren. Die arme Frau bot alles Mögliche auf, um zu ermitteln, welches davon das Wahre ſein möge, um dieſer oder jener Sage auf den Grund zu kom⸗ men, aber es gelang ihr nie mehr als ein„die Leute ſagen“ herauszubringen, eine Redensart, die noch bis auf 70 den heutigen Tag ſo vielen Dingen ihre Glaubwürdigkeit geben muß. Manchmal hatte man ihr kaum die eine Sage vorerzählt, ſo kam ein Anderer und ſagte, es ſei kein wah⸗ res Wort daran, und dann gab er ein anderes eben ſo ſeltſames oder unheimliches Gerücht zum Beſten. Das Alles war eitles Geſchwätz: mit der Wahrheit verhielt es ſich folgendermaßen. Der Statthalter von Mailand und Generalkapitain von Italien, Don Gonzalo Fernandez von Cordova hatte bei dem Herrn Reſidenten des Staates Venedig in Mai⸗ land eine ſchwere Klage erhoben, daß ein Schurke, ein Straßenräuber, ein Menſch, der zu Plünderung und Mord aufgewiegelt, der berüchtigte Lorenzo Tramaglino, der ſo⸗ gar noch in den Händen der Juſtiz einen Aufruhr ange⸗ zettelt, um mit Gewalt zu entwiſchen, auf bergamaskiſchem Gebiet aufgenommen worden ſei. Der Reſident hatte ge⸗ antwortet, er wiſſe von Nichts; er werde nach Venedig ſchreiben, um Sr. Ercellenz die gewünſchte Aufklärung geben zu können. In Venedig huldigte man dem Grundſatz, der Nei⸗ gung der mailändiſchen Seidenſpinner zur Ueberſiedelung in das bergamaskiſche Gebiet allen möglichen Vorſchub zu leiſten und ſie daher viele Vortheile, ganz beſonders aber denjenigen, ohne welchen alle andern keinen Werth haben, nämlich Sicherheit, finden zu laſſen. Wie denn nun, wenn zwei große Mächte Streit führen, ein dritter immer irgend einen, wenn auch noch ſo unbedeutenden Gewinn davon hat, ſo erhielt Bartolo, man weiß nicht von wem eine vertrauliche Warnung, daß Renzo in dieſem Dorfe nicht zum Beſten geborgen ſei, und daß er klüglich daran thun werde, ſich in eine andere Fabrik zu begeben, wie auch für einige Zeit einen andern Namen anzunehmen. Bartolo merkte, wieviel Uhr es war, verlor nicht viel Zeit mit Einwendungen, ſetzte dem Vetter die Sache auseinan⸗ der, nahm ihn in einer leichten Kaleſche mit ſich, führte ihn nach einer andern, neuen, etwa fünfzehn Miglien ent⸗ 7¹ fernten Spinnfabrik und ſtellte ihn unter dem Namen An⸗ tonio Rivolta dem Eigenthümer vor, der gleichfalls aus dem Mailändiſchen gebürtig und ein alter Bekannter von ihm war. Trotz der ſchlechten Zeiten ließ ſich dieſer nicht lange bitten, einen Arbeiter anzunehmen, der ihm von einem verſtändigen und rechtſchaffenen Manne als ehrlich und geſchickt empfohlen wurde. Auch machte er bald die Erfahrung, daß er ſich über ſeine neue Erwerbung nur freuen durfte; doch wollte es ihm im Anfang bedünken, als müſſe der Jüngling von Natur etwas gedankenlos ſein, weil er auf den Ruf Antonio ſehr häufig keine Ant⸗ wort gab. Bald darauf kam von Venedig aus in gemeſſenem Kanzleiſtyl dem Stadthauptmann von Bergamo der Be⸗ fehl zu, er ſolle Erkundigungen einziehen und Auskunſt er⸗ theilen, ob ſich in ſeinem Gerichtsbezirk und namentlich in dem und dem Dorfe ein Subject ſo und ſo befinde. Der Stadthauptmann that ſeine Schuldigkeit auf die Art, wie man ſie ihm nach ſeiner Anſicht abgefordert hatte, und ſchickte eine verneinende Antwort ab, welche dem Reſiden⸗ ten in Mailand mitgetheilt wurde, um ſie ſofort an Don Gonzalo Fernandez von Cordova gelangen zu laſſen. Es fehlte auch nicht an Neugierigen, die von Bar⸗ tolo zu erfahren wünſchten, warum der Jüngling nicht mehr da und wohin er gegangen ſei. Auf die erſte Frage antwortete dieſer: er iſt plötzlich verſchwunden. Um jedoch die Hartnäckigen zufrieden zu ſtellen und ſie von der wah⸗ ren Spur gänzlich abzuleiten, hatte er für gut befunden, den Einen mit dieſer, den Andern mit jener der von uns oben mitgetheilten Nachrichten abzuſpeiſen, die er jedoch ganz und gar nicht verbürgen wolle, da er ſie ſelbſt nur ſen Hörenſagen wiſſe und keine beſtimmte Nachricht be⸗ itze. Als aber die Anfrage im Auftrag des Cardinals, ohne daß man deſſen Namen nannte, und mit einer ge⸗ wiſſen wichtigen Geheimthuerei an ihn gerichtet wurde, in⸗ 72 dem man ihm zu verſtehen gab, man frage aus Auftrag einer ſehr hohen Perſon, da nahm ſich Bartolo um ſo mehr zuſammen und hielt es für um ſo nöthiger bei ſeinem bisherigen Antwortsſyſtem zu beharren; ja er gab ſogar, da es ſich um eine hohe Perſon handelte, all die Nachrichten, die er ſich bei jenen verſchiedenen Veran⸗ laſſungen eine um die andere ausgedacht hatte, alle auf einmal ab. Nan glaube indeß nicht, daß ein Herr von Don Gonzalo's Schlage es wirklich und ernſtlich auf den ar⸗ men Spinner aus dem Gebirge abgeſehen; daß er, weil er vielleicht von ſeinem unehrerbietigen Benehmen und ſeinen unhöflichen Worten gegen ſeinen am Halſe angeketteten Mohrenkönig gehört, eine eremplariſche Rache habe neh⸗ men wollen, oder daß er ihn für einen ſo gefährlichen Menſchen gehalten, den man auch noch als Flüchtling verfolgen müſſe und ſelbſt in der Ferne nicht leben laſſen dürfe, wie der römiſche Senat den Hannibal. Don Gon⸗ zalo hatte zu viele und zu wichtige Dinge im Kopf, als daß er ſich um Renzo's Angelegenheiten viel bekümmert hätte, und wenn er es dennoch zu thun ſchien, ſo kam dies von einem merkwürdigen Zuſammentreffen der Umſtände her, in Folge deſſen der arme Schelm, ohne es zu wollen und ohne es jemals zu wiſſen, ſich durch einen äußerſt feinen und unſichtbaren Faden mit jenen allzu vielen und allzuwichtigen Dingen verknüpft befand. Siebenundzwanzigſtes Capitel. Schon mehr als einmal haben wir des Krieges er⸗ wähnt, welcher damals wegen der Nachfolge in den Staa⸗ ten des Herzogs Vincenzo Gonzaga, des zweiten dieſes Namens, entbrannt war; aber es geſchah dies immer in 73 Augenblicken großer Eile, ſo daß wir nie mehr als eine flüchtige Andeutung zu geben vermochten. Jetzt jedoch iſt es zum Verſtändniß unſerer Erzählung wirklich erforderlich, daß wir irgend eine umſtändlichere Notiz darüber mitthei⸗ len. Es ſind zwar Dinge, die jeder wiſſen muß, der Et⸗ was von Geſchichte weiß; da wir aber vermöge eines Ge⸗ fühls gerechter Selbſtwürdigung annehmen müſſen, daß dieſes Werk nur von unwiſſenden Menſchen geleſen wer⸗ den könne, ſo halten wir es für gut, ſo viel darüber zu ſagen, als nöthig iſt, um denſelben wenigſtens einen ober⸗ flächlichen Begriff beizubringen. Wir haben geſagt, daß nach dem Tode des erwähn⸗ ten Herzogs der erſte zur Erbfolge Berufene, Carl Gon⸗ zaga, das Haupt eines jüngern, nach Frankreich verpflanzten Zweiges, wo er die Herzogthümer Nevers und Rhetel be⸗ ſaß, den Beſitz von Mantua angetreten hatte; wir fügen jetzt hinzu, auch von Monferra, denn das iſt uns eben wegen unſerer Eilfertigkeit in der Feder ſtecken geblieben. Das ſpaniſche Miniſterium, das den neuen Fürſten(wir haben auch das geſagt) um jeden Preis von dieſen beiden Lehen ausſchließen wollte und zu dieſer Ausſchließung eines Rechtsgrundes bedurſte(weil ja Kriege ohne Rechtsgrund ungerechte Kriege ſein würden), hatte ſich für die Anſprüche erklärt, welche auf Mantua ein anderer Gonzaga Ferrante, Fürſt von Guaſtalla, auf Monferrat der Herzog Carl Emanuel I. von Savoyen und Margherita Gonzaga, ver⸗ wittwete Herzogin von Lothringen, erhoben. Don Gonzalv, der aus dem Geſchlechte des großen Feldherrn ſtammte und deſſen Namen trug, früher ſchon den Krieg in Flandern geführt hatte und ein außerordentliches Verlangen hegte, auch in Italien Krieg zu führen, war vielleicht derjenige, der das Feuer am meiſten ſchürte, um einen ſolchen zu Stande zu bringen; und indem er inzwiſchen die Abſichten des obgenannten Miniſteriums deutete, und ſeinen Befehlen zuvorkam, hatte er mit dem Herzog von Savohen einen Angriffs⸗ und Vertheilungs⸗Vertrag in Bezug auf Mon⸗ 74 ferrat abgeſchloſſen, wie auch die Beſtätigung deſſelben von Seiten des Grafen Herzogs ohne Mühe dadurch erlangt, daß er ihm die Eroberung von Caſale, welches der am beſten vertheidigte Punkt des für den König von Spanien aushedungenen Antheils war, als ungemein leicht vor⸗ ſpiegelte. Er betheuerte jedoch im Namen dieſes Fürſten, daß er das Land nur unter dem Titel eines anvertrauten Gutes beſetzen wolle, und nur ſo lange, bis der Kaiſer ſeinen Ausſpruch gethan, der mittlerweile theils in Folge fremder Einflüſterungen, theils aus ſeinen eigenen Gründen dem neuen Herzog die Belehnung verweigert und ihm be⸗ fohlen hatte, die ſtreitigen Staaten ihm ſelbſt als mit Be⸗ ſchlag belegtes Land zu überlaſſen; nach Anhörung beider Theile werde er ſie dann demjenigen zuſprechen, dem ſie von Rechtswegen gehörten. Dieſem Verlangen hatte der Nevers ſich nicht fügen wollen. Auch er beſaß ſehr gewichtige Freunde: den Cardinal Richelieu, die Herren von Venedig und den Papſt. Aber der erſtere, welchem damals die Belagerung von La Rochelle und ein Krieg mit England viel zu ſchaffen machte, während ihm zu gleicher Zeit die Partei der Königin Mutter, Matia von Medici, die aus gewiſſen Gründen dem Hauſe Nevers abhold war, mancherlei Hinderniſſe in den Weg legte, konnte nur Hoffnungen geben. Die Vene⸗ tianer wollten ſich nicht rühren, ja ſogar nicht einmal er⸗ klären, bevor eine franzöſiſche Armee in Italien eingezogen wärez und während ſie den Herzog unter der Hand ſo gut wie möglich unterſtützten, ſtanden ſie mit dem Hof von Madrid und dem Statthalter von Mailand auf dem Fuße der Proteſtationen, der Anträge, der Aufforderungen, die bald friedfertiger, bald drohender Art waren, je nachdem es der Augenblick mit ſich brachte. Urban VIII. empfahl den Nevers ſeinen Freunden, verwendete ſich für ihn bei ſeinen Gegnern, machte Vergleichsvorſchläge; aber Truppen ins Feld zu ſtellen, davon wollte er nichts hören. So konnten die Beiden, die ſich zum Angriff ver⸗ 75 bündet hatten, ihr verabredetes Unternehmen um ſo ſicherer beginnen. Carl Emanuel war ſeinerſeits im monferrat'ſchen Gebiet eingerückt. Don Gonzalo hatte mit großem Eifer Caſale eingeſchloſſen, fand aber dort nicht all die Befrie⸗ digung, die er ſich verſprochen hatte, denn es glaube ja Niemand, daß man im Kriege auf lauter Roſen wandele. Der Hof unterſtützte ihn bei Weitem nicht mit all den Mitteln, die er verlangte; ſein Bundesgenoſſe dagegen half ihm nur zu viel, d. h. nachdem er ſeinen eigenen Antheil hinweg⸗ genommen hatte, ſchickte er ſich an, auch den für den König von Spanien beſtimmten Antheil zu nehmen. Don Gonzalo war darüber in ſeinem Innerſten ergrimmt; da er aber fürchtete, wenn er nur einigermaßen Lärm mache, es möchte dieſer in Unterhandlungen ebeuſo erfahrene als in Bündniſſen wankelmüthige und im Kriege tapfere Herzog ſich Frankreich zuneigen, ſo mußte er ein Auge zudrücken, ſeinen Aerger verbeißen und gute Miene machen. Die Belagerung ging auch ſchlecht von Statten; ſie zog ſich in die Länge, ging zuweilen gar rückwärts, theils wegen der feſten, klugen, entſchloſſenen Haltung der Belagerten, theils weil er wenig Truppen beſaß und auch, nach der Behauptung mehrerer Geſchichtsſchreiber, viele dumme Streiche machte. In dieſer Beziehung wollen wir die Wahrheit dahingeſtellt ſein loſſen, und ſelbſt wenn die Sache ſich wirklich ſo verhalten haben ſollte, ſo ſind wir geneigt, dies ganz ſchön zu finden, in ſofern ſie die Urſache war, daß bei dieſem Unternehmen einige Menſchen weniger getödtet, verſtümmelt und zu Krüppeln gemacht und auch ceteris paribus die Dachziegel von Caſale etwas weniger beſchädigt wurden. Unter ſolchen Bedrängniſſen erhielt er noch die Nachricht von dem Auftuhr in Mailand, der ihn beſtimmte, perſönlich dorthin zu eilen. In dem Bericht, den man ihm hier vorlegte, wunde auch der rebelliſchen und ſcandalöfen Flucht Renzo's, der wahren und unterſchobenen Thatſachen, die ſeine Verhaf⸗ tung herbeigeführt hatten, gedacht, und man wußte ihm 76 anzugeben, daß dieſes Subject ſich in das Bergamaskiſche geflüchtet habe. Dieſer Umſtand hielt Don Gonzalo's Auf⸗ merkſamkeit feſt. Von einer ganz andern Seite hatte er vernommen, wie man ſich in Venedig über den Aufſtand in Mailand ſehr gefreut und im Anfang geglaubt habe, er werde dadurch gezwungen, ſeine Zelte vor Caſale ab⸗ zubrechen; wie man dort noch immer der Meinung ſei, daß dieſer Umſtand ihn ſehr niedergeſchlagen und bedenk⸗ lich gemacht habe, um ſo mehr, als nach dieſem Ereigniß die von jenen Herren erſehnte und von ihm gefürchtete Nachricht von der Uebergabe von La Rochelle eingetroffen war. Da er ſich als Menſch und Staatsmann ſehr dar⸗ über ärgerte, daß jene Herren einen ſolchen Begriff von ſeiner Lage haben ſollten, ſo erſpähte er jede Gelegenheit ſie zu enttäuſchen und ihnen auf dem Wege der Folgerun⸗ gen klar zu machen, daß ſeine alte Kühnheit keineswegs nachgelaſſen habe; denn gerade heraus zu ſagen: ich habe keine Angſt— das iſt ſo viel als Nichts geſagt. Ein gutes Mittel war, den Beleidigten zu ſpielen, ſich zu be⸗ klagen, Beſchwerde zu erheben, und als deshalb der Re⸗ ſident von Venedig ihm ſeine Aufwartung machte, in der Abſicht zugleich auf ſeinem Geſichte und in ſeiner Haltung zu erforſchen, wie es in ſeinem Innern ſtehe(man merke Alles wohl), denn das iſt Politik von der alten, feinen Art), ſo ſtellte Don Gonzalo, nachdem er leichthin und wie ein Mann, der bereits für Alles Fürſorge getroffen, den Aufruhr berührt hatte, auch in Betreff Renzo's jene Forderung, welche dem Leſer ſammt ihren Folgen be⸗ reits bekannt iſt. Später bekümmerte er ſich nicht mehr um eine ſo geringfügige und für ſeine Perſon gänzlich abgemachte Sache, und als ihm geraume Zeit darauf die Antwort vor Caſale zukam, wohin er zu⸗ rückgekehrt war und wo ihm ganz andere Dinge am Herzen lagen, da erhob er den Kopf und bewegte ihn hin und her wie ein Seidenwurm, der das Blatt ſucht; er be⸗ ſann ſich einen Augenblick, um ſich den Umſtand lebhaft 77 ins Gedächtniß zurückzurufen, worin ihm nur noch ein Schatten davon zurückgeblieben war; er erinnerte ſich der Sache wieder, hatte eine flüchtige, nebelhafte Vorſtellung von der Perſon, ging dann auf etwas Anderes über und dachte nicht mehr daran. Renzo dagegen, der aus dem Wenigen, was man verworren gegen ihn hatte durchblicken laſſen, auf etwas ganz Anderes als auf eine ſo gnädige Nichtbeachtung ſchlie⸗ ßen mußte, hatte eine Zeit lang keinen andern Gedanken, oder um es beſſer zu ſagen, kein anderes Beſtreben, als ſich verborgen zu halten. Man kann ſich denfen, wie es ihn verlangte, den Frauen Nachricht von ſich zu geben und und von ihnen welche zu bekommen; aber das war mit zwei großen Schwierigkeiten verknüpft. Die eine be⸗ ſtand darin, daß auch er ſich einem Schreiber hätte an⸗ vertrauen müſſen, weil der Aermſte nicht ſchreiben und im ausgedehnten Sinne des Wortes auch nicht leſen konntez wenn er dem Doctor Ferkelſtecher auf ſeine diesfallſige Frage, deren man ſich vielleicht erinnert, mit Ja geant⸗ wortet hat, ſo war dies keine Prahlerei und Großthuerei geweſen, ſondern er konnte wirklich Gedrucktes leſen, wenn et ſich einige Zeit dazu nahm; aber mit dem Geſchriebe⸗ nen war es etwas Anderes. Er mußte alſo eine dritte Perſon in ſein Intereſſe ziehen, in ein ſo bedenkliches Ge⸗ heimniß einweihen, und ein Menſch, der die Feder zu führen verſtand und zugleich einiges Vertrauen verdiente, war in lenen Zeiten nicht ſo ſchnell zu finden, zumal in einem orfe, wo er keine alten Bekanntſchaften hatte. Die an⸗ dere Schwierigkeit war, einen Boten aufzutreiben, einen Menſchen, der gerade nach jener Gegend ginge, der den Brief mitnehmen und ſich wirklich auch die Mühe geben wollte, ihn zu beſtellen, wiederum lauter Dinge, die ſich ei einem einzelnen Menſchen nicht ſo leicht vorfanden. Endlich nach langem Suchen und Ausforſchen fand er Jemand, der für ihn ſchrieb. Da er aber nicht wußte, ob die Frauen in Monza oder wo ſie wären, ſo hielt er 78 es für gut, den Brief an Agneſe in ein Couvert unter der Adreſſe des Paters Criſtoforv zu legen und auch für dieſen einige Zeilen beizufügen. Der Schreiber übernahm auch die Beſtellung des Päckchens; er übergab es einem Mann, den ſein Weg in der Nähe von Pescarenico vor⸗ beiführen mußte; dieſer ließ es mit dringenden Empfeh⸗ lungen in einem Wirthshaus an der Straße auf dem nächſten Punkte; in Betracht nun, daß das Päckchen für ein Kloſter beſtimmt war, kam es richtig an Ort und Stelle; was aber ſpäter daraus wurde, das hat man nie erfahren können. Da Renzo ſah, daß keine Antwort kam, ſo ließ er einen andern Brief an einen Bekannten oder Ver⸗ wandten in Lecco beiſchließen. Man ſuchte nach einem andern Briefträger und diesmal gelangte der Brief wirklich an ſeine Adreſſe. Agneſe trabte nach Maggianico, ließ ſich den Brief von ihrem Vetter Aleſſiv leſen und erklären, verabredete mit ihm eine Antwort, die er zu Papier brachte, und man fand Mittel und Wege, dieſelbe an Antonio Rivolta nach ſeinem Wohnort abzuſchicken: das Alles jedoch ging bei Weitem nicht ſo raſch von Statten, wie wir es hier er⸗ zählt haben. Renzo erhielt die Duplik und ſchickte mit der Zeit die Replik, kurz und gut, es entſpann ſich zwi⸗ ſchen beiden Theilen ein Briefwechſel, der zwar weder raſch noch regelmäßig war, aber doch mit gewiſſen Pauſen im⸗ merhin ſeinen Fortgang nahm. 3 um ſich jedoch einen Begriff von dieſem Briefwechſel zu machen, muß man wiſſen, wie es damals mit ſolchen Dingen zuging und ſogar heut zu Tage noch zugeht, denn in dieſem Punkt hat ſich, glaube ich, Nichts verändert. Der Landmann, der nicht ſchreiben kann und ſich in dem Falle befindet, daß er Etwas zu ſchreiben hat, wendet ſich an Einen, der ſich auf dieſe Kunſt verſteht, und den er wo möglich unter Leuten ſeines eigenen Standes aus⸗ wählt, weil er ſich vor Andern ſchämt oder ihnen nicht traut; er unterrichtet ihn mit mehr oder weniger Klarheit vom Stande der Dinge und ſetzt ihm auf dieſelbe Weiſe 79 die Gedanken auseinander, die niedergeſchrieben werden ſollten. Der Gelehrte verſteht die Sache theils richtig, theils falſch, gibt den einen und andern Rath, ſchlägt dieſe und jene Veränderung vor, ſagt„laßt nur mich ma⸗ chen,“ ergreift die Feder, überſetzt die ihm mitgetheilten Gedanfen aus der mündlichen in die ſchriftliche Sprache, berichtigt ſie in ſeiner eigenen Weiſe, verbeſſert ſie, ge⸗ braucht ſtärkere oder auch mildere Ausdrücke, läßt wohl auch Etwas weg, je nachdem er es für das Beſte hält; denn das läßt ſich nun einmal nicht anders machen, wer mehr als die Andern weiß, der will kein blindes Werkzeug in ihren Händen ſein, und wenn er ſich auf die Angelegen⸗ heiten Anderer einläßt, ſo will er ihnen auch nach ſeiner Art ihre Richtung geben. Bei Allem dem gelingt es dem obgenannten Gelehrten nicht immer Alles das zu ſagen, was er gern ſagen möchte: zuweilen widerfahrt es ihm, daß er etwas ganz Anderes ſagt; widerfährt dies doch auch uns, die wir für den Druck ſchreiben. Wenn der auf ſolche Art zu Stande gekommene Brief in die Hände des Korreſpondenten gelangt, der gleichfalls im ABC nicht recht zu Hauſe iſt, ſo bringt er ihn einem andern Gelehr⸗ ten dieſes Kalibers, der ihn ihm vorliest und erklärt. Es entſtehen Zweifel über die Art der Auffaſſung, denn der Betheiligte, der ſich auf ſeine Kenntniß der Vorgänge ſützt, behauptet, gewiſſe Worte wollen das und das beſa⸗ gen; der Leſer, der auf ſeiner Vertrautheit mit den Schrift⸗ zügen fußt, behauptet, ſie wollen etwas Anderes beſagen. Am Ende muß ſich der Unwiſſende in die Hände der Wiſſenden geben und ihm die Antwort überlaſſen; dieſe wird ganz nach der Art der erſten Schrift abgefaßt und hernach einer ähnlichen Auslegung unterſtellt. Wenn nun überdies der Gegenſtand des Brieſwechſels etwas kitzlich iſt, wenn man geheime Angelegenheiten zu verhandeln hat, die man nicht gern einem Dritten auf die Naſe binden möchte, für den Fall, daß der Brief fehlginge; wenn man us dieſem Grunde ſogar abſichtlich die Dinge nicht ganz 8⁰ klar ausſpricht, dann kann es für den Fall, daß der Brief⸗ wechſel einige Dauer hat, den betreffenden Partieen begeg⸗ nen, daß ſie einander zuletzt verſtehen, wie zwei Schola⸗ ſtiker, die ſich ſchon ſeit vier Stunden über den Endzweck der Dinge herumgeſtritten haben: wir wollen unſer Gleich⸗ niß nicht von wirklich beſtehenden Dingen nehmen, um nicht am Ende noch Kopfnüſſe zu bekommen. Nun entſprach der Fall unſerer beiden Korreſponden⸗ ten genau dieſer Schilderung. Der erſte in Renzo's Na⸗ men geſchriebene Brief enthielt gar vielerlei. Vor allen Dingen außer einer Schilderung der Flucht, die etwas bündiger, aber noch verworrener war als die unfrige, einen Bericht über ſeine dermaligen Umſtände, aus welchem ſich Agneſe ſo wenig als ihr Dollmetſcher einen klaren und vollſtändigen Begriff von denſelben entwerfen konnten; heim⸗ liche Warnung, Namensveränderung, man ſei in Sicher⸗ heit, müſſe aber verborgen bleiben, Dinge, die ſchon an und für ſich ihrem Verſtande nicht allzu geläufig und noch überdies im Briefe etwas räthſelhaft ausgedrückt waren. Dann folgten kummervolle, leidenſchaftliche Nachfragen über die Geſchichte Lucia's nebſt dunkeln und ſchmerzlichen An⸗ deutungen in Betreff der Gerüchte, die bis zu Renzo ge⸗ drungen waren. Endlich kamen unbeſtimmte, ferne Hoff⸗ nungen, Zukunftspläne und inzwiſchen Verſprechungen und Bitten die angelobte Treue zu halten, Geduld und Muth nicht zu verlieren, die Zeit zu etwarten. Nach kurzer Zeit fand Agneſe ein ſicheres Mittel, um Nenzvo eine Antwort nebſt den ihm von Lucia zugedachten fünfzig Scudi zukommen zu laſſen. Beim Anblick ſo vie⸗ len Goldes wußte er nicht, was er denken ſollte, und da ſein Gemüth von einer Verwunderung und Spannung auf⸗ geregt war, die keiner Freude Raum geſtattete, ſo eilte er zu ſeinem Secretär, um ſich den Brief deuten zu laſſen und den Schlüſſel zu einem ſo ſeltſamen Geheimniß zu bekommen. In dem Brief ſchilderte Agneſens Schreiber, nach 8¹ einigen Klagen über den Mangel an Klarheit in der Zu⸗ ſchrift, in einem wenigſtens eben ſo jämmerlichen Ton, die ſchreckliche Geſchichte jener Perſon(ſo ſagte er), und er⸗ zählte dann, woher die fünfzig Seudi kämen; hierauf kam er nach langen Umſchreibungen auf das Gelübde zu ſpre⸗ chen und fügte mit unverblümtern und deutlichern Worten den Rath hinzu, ſein Herz zufrieden zu geben und nicht mehr daran zu denfen. Renzo wäre beinahe ſeinem Vorleſer und Dollmetſcher in die Haare gerathen; er zitterte, er ſchauderte, er wurde wüthend über das, was er verſtanden hatte, und über das, was er nicht hatte verſtehen können. Drei, viermal ließ er ſich das ſchmerzensreiche Schreiben vorleſen, indem er bald beſſer verſtand, was ihm Anfangs unklar geſchienen hatte, hald aber es wieder dunkel fand. Und in dieſem Fieber der Leidenſchaften verlangte er, der Schreiber ſolle ſogleich die Feder zur Hand nehmen und antworten. Nach den ſtärkſten Ausdrücken des Mitleids und der Angſt über Lucia's Schickſal fuhr er fort, ihm zu dictiren:„Schreibt, daß ſich mein Herz nicht zufrieden geben will und nie zu⸗ rieden geben werde; daß das kein Rath iſt, wie man ihn einem Menſchen von meiner Art gibt; daß ich das Geld nicht berühren werde, daß ich es hinlege und zur Aus⸗ ſtener für das Mädchen aufbewahre; daß das Mädchen durchaus mein werden muß; daß ich von keinem Gelübde Etwas weiß; daß ich zwar immer gehört habe, daß die adonna die Vermittlerin macht, um Bedrängten zu hel⸗ fen und Gnaben zu erlangen, niemals aber habe ich ge⸗ hört, daß ſie es thut, um Verdruß zu ſtiften und die Leute wortbrüchig zu machen; und daß dies nicht ſo ſein kannz und daß wir uns mit dieſem Geld hier einrichten wollen; und daß, wenn ich auch jetzt ein wenig in der Patſche bin, dies hlos ein Ungewitter iſt, das ſchnell vorübergehen wird.“ Und viele ähnliche Dinge. Agneſe erhielt dieſen Brief und ließ zurückſchreiben, und ſo nahm der Briefwechſel in der bereits erwähnten Art ſeinen Fortgang. Die Verlobten, M. 2 8² Lucia empfand, als ihre Mutter ihr, ich weiß nicht, auf welche Art, hatte zu wiſſen thun können, daß der Ge⸗ wiſſe geſund, in Sicherheit und benachrichtigt ſei, eine große Erleichterung und wünſchte weiter Nichts mehr, als daß er ſie vergäße, oder, um die Sache noch genauer aus⸗ zudrücken, daß er daran denken möchte, ſie zu vergeſſen. Sie ihrerſeits faßte hundertmal des Tages einen ähnlichen Entſchluß in Beziehung auf ihn und bot auch alle Mittel auf, um ihn in's Werk zu ſetzen. Sie war unermüdlich bei ihrer Arbeit, ſie ſuchte ihr ganzes Gemüth auf die⸗ ſelbe zu lenken; ſo oft Renzo's Bild vor ſie trat, ſo be⸗ gann ſie innerlich Gebete herzuſagen oder abzuſingen. Aber dieſes Bild kam meiſtens, wie wenn es recht boshaft ge⸗ weſen wäre, nicht ſo unverholen; es ſchlich ſich ganz ver⸗ ſtohlen hinter den anderen ein, ſo daß das Gemüth ſeine Gegenwart erſt bemerkte, nachdem es ſich bereits einige Zeit darin aufgehalten. Lucia's Gedanken weilten vft bei ihrer Mutter: wie hätte das auch anders ſein können? und nun geſellte ſich der ideale Renzo ganz ſtill als dritte Perſon hinzu, wie der wirkliche ſo oft gethan hatte. So drängte er ſich mit allen Perſonen, an allen Orten, in allen Erinnerungen der Vergangenheit ein. Und wenn die Aermſte ſich manchmal Phantafien über die Dunkelheit ihrer Zukunft hingab, ſo erſchien er auch hier, wenn auch nur um zu ſagen: ich werde freilich nicht dabei ſein. Wenn es alſo ein verzweifeltes Unternehmen war, nicht mehr an ihn zu denken, ſo gelang es Lucia doch bis auf einen ge⸗ wiſſen Grad, weniger und nicht mehr ſo anhaltend an ihn zu denken als ihr Herz gewünſcht hätte. Es würde ihr noch beſſer gelungen ſein, wenn ſie allein dies gewollt hätte. Aber da war Donna Praſſede, die ihrerſeits ihren ganzen Kopf darauf geſetzt hatte, ihr dieſen Menſchen aus der Seele zu reißen, und kein paſſenderes Mittel dazu wußte, als daß ſie recht oft von ihm ſprach.„Nun?“ ſagte ſie zu ihr,„denken wir nicht mehr an den?“ „Ich denke an Niemand,“ antwortete Lucig. 83³ Donna Praſſede ließ ſich mit einer ſolchen Antwort nicht abſpeiſen, erwiederte, es bedürfe der Thaten, nicht der Worte, ſprach ſich lang und breit über die Art der jungen Mädchen aus, die, ſagte ſie, wenn ſie ihr Herz einmal an einen ſolchen Schlingel gehängt haben(und ſie haben einen recht eigentlichen Hang dazu) gar nicht mehr von ihm ab⸗ laſſen wollen. Eine ehrbare und vernünftige Verbindung mit einem rechtſchaffenen und geſetzten Mann kann durch irgend ein Mißgeſchick zu Waſſer werden, da ergeben ſie ſich ſogleich in ihr Schickſal; aber ſo ein Taugenichts, da iſt die Wunde unheilbar. Und nun begann ſie eine Lobrede auf den armen Abweſenden, auf den Schurken, der nach Mailand gekommen ſei, um zu ſengen und zu brennen, und verlangte zuletzt von Lucia ein Bekenntniß über die ien die er ſchon in ſeinem Dorfe begangen abe.— Mit einer Stimme, zitternd vor Schaam, Schmerz und in Folge desjenigen Grades von Entrüſtung, deſſen ihr ſanftes Gemüth, zumal in einer ſo demüthigen Lebens⸗ ſtellung, fähig war, verſicherte und betheuerte Lucia, daß man von dem armen Jüngling in dem Dorfe immer nur das Veſte geſprochen habe; ſie möchte ſehr wünſchen, ſagte ſie, daß irgend Jemand von dort käme, auf deſſen Zeugniß ſie ſich berufen könnte. Auch in Betreff der Mailänder Abenteuer, über welche ſie nichts Ausführliches zu erzählen wußte, vertheidigte ſie ihn eben mit dieſer genauen Kennt⸗ niß, die ſie von ſeiner Aufführung von ſeiner Kindheit au hatte. Sie vertheidigte ihn oder übernahm wenigſtens ſeine Vertheidigung aus reiner Chriſtenpflicht, aus Liebe zur Wahrheit und, um die eigentliche Formel auszuſprechen, mit der ſie ſich ſelbſt ihr Gefühl erklärte, als ihren Näch⸗ ſten. Aber aus dieſen Schutzreden ſchöpfte Donna Praſſede neue Beweisgründe, um Lucia zu überführen, daß ihr Herz immer noch dieſem Menſchen angehöre. Und in Wahrheit wüßte ich nicht zu ſagen, wie es ſich in ſolchen Augen⸗ blicken verhieli. Das unwürdige Bild, das die Alte von 6 84 dem Aermſten entwarf, erweckte ſchon des Gegenſatzes we⸗ gen im Gemüthe des Mädchens noch lebendiger und deut⸗ licher die Idee wieder, die ſich durch ſo lange Gewohn⸗ heit darin gebildet hatte; die gewaltſam unterdrückten Grinnerungen tauchten in Maſſe wieder aufz der Wider⸗ wille und die Verachtung riefen ſo viele Grunde zur Hoch⸗ achtung und Sympathie zurück; der blinde und leidenſchaft⸗ liche Haß erregte das Mitleid um ſo ſtärker, und wer weiß, welcher Antheil an dieſen Empfindungen jenes an⸗ dere Gefühl haben mochte, das ſich hinter ihnen ſo leicht in die Gemüther einſchleicht? Wir brauchen uns nur vor⸗ zuſtellen, was daſſelbe in denjenigen Herzen anrichtet, aus denen man es gewaltſam auszutreiben ſucht. Wie dem auch ſein mag, von Lucia's Seite würde ſich das Geſpräch niemals in die Länge gezogen haben, denn ihre Worte lösten ſich ſehr bald in Thränen auf. Wenn Donna Praſſede etwa vurch einen eingewurzel⸗ ten Haß gegen ſie beſtimmt worden wäre, ſie ſo zu be⸗ handeln, ſo würden dieſe Thränen ſie vielleicht überwunden und zum Schweigen gebracht haben, aber da ſie in einer guten Abſicht ſprach, ſo erneuerte ſie ihre Angriffe beſtän⸗ dig, ohne ſich rühren zu laſſen, gerade wie Wehklagen und und flehentliches Geſchrei zwar die Waffen eines Feindes, nicht aber den Stahl des Wundarztes zurückhalten können. Als ſie jedoch ihre diesfallſige Pflicht wohl erfüllt zu haben glaubt, ging ſie vom Tadel und der Beſchimpfung zu Ermahnungen und Rathſchlägen über, die auch mit einigem Lob gewürzt waren, um auf ſolche Art das Herbe durch das Süße zu mildern und den Zweck deſto beſſer zu erreichen, indem ſie in allen Tonarten auf das Gemüt einwirkte. Soviel iſt gewiß, daß von all dieſen Zänkereien, deren Anfang, Mitte und Ende ſich immer gleich blieben⸗ in der guten Luria kein eigentlicher Groll gegen die herbe Splitterrichterin haftete, von der ſie im Uebrigen aufs Freundlichſte behandelt wurde, wie ſie denn auch in dieſem Punkt eine gute Abſicht zeigte. Dagegen blieben in ihr 85 eine ſolche Wallung, ein ſolcher Aufruhr der Gedanken und Gefühle zurück, daß es viel Zeit und nicht wenig Mühe koſtete, bis ſie ihre anfängliche Ruhe wieder gewann. Ein Glück für ſie, daß ſie nicht die einzige Perſon war, welcher Donna Praſſede Gutes zu thun hatte, ſo daß ſolche Wortkämpfe nicht gar zu häufig vorkommen konnten. Außer der übrigen Hausgenoſſenſchaft, aus lauter Köpfen beſtchend, die mehr oder weniger einer Zurechtſetzung und Leitung bedürftig waren, außer allen anderen Gelegenheiten, die ſich ihr darboten, oder die ſie aufzufinden wußte, um denſelben Dienſt aus gutem Herzen Vielen zu leiſten, ge⸗ gen die ſie keine Verpflichtungen hatte, beſaß ſie auch fuͤnf Töchter, die zwar nicht bei ihr wohnten, aber ihr doch noch weit mehr zu ſorgen gaben, als wenn ſie dageweſen wären⸗ Drei waren Nonnen, zwei verheirathet; folglich befand ſich Donna Praſſede natürlicherweiſe in der Lage, drei Klö⸗ ſter und zwei Haushaltungen beaufſichtigen zu müſſen: ein großes und verwickeltes Unternehmen, um ſo ſchwieriger als zwei Ehemänner, geſtützt auf Väter, Mütter und Brü⸗ der, ferner drei Aebtſtinnen, denen noch viele andere Würden und viele Nonnen zur Seite ſtanden, ihre Ober⸗ aufſicht nicht anerkennen wollten. Es war ein Krieg, oder vielmehr es waren fünf Kriege, die insgeheim und bis zu einem gewiſſen Grade mit vieler Höflichkeit geführt wurden, aber eine beſtändige Thätigkeit und Wachſamkeit in An⸗ ſpruch nahmen; an jedem dieſer Orte war man unaufhör⸗ lich darauf bedacht, ihre Fürſorge zu umgehen, ihren Rath⸗ ſchlägen den Weg abzuſchneiden, ihre Nachfragen zu ver⸗ eiteln, ſie in allen Stücken ſo ſehr als möglich im Dun⸗ keln tappen zu laſſen. Ich ſpreche nicht von den Hemm⸗ niſſen und Schwierigkeiten, auf welche ſie bei der Betrei⸗ bung anderer Geſchäſte ſtieß, die ſie eigentlich noch weni⸗ der angingen; man weiß ja, daß man den Menſchen das Gute meiſtens aufzwingen muß. Wo ihr Eifer den aller⸗ freieſten Spielraum hatte, das war zu Hauſe; hier war jedermänniglich in allen Stücken und zu allen Zeiten ihrer 86 Gewalt unterworfen, Don Ferrante ſelbſt ausgenommen, mit dem es eine ganz eigenthümliche Bewandtniß hatte. Ein Mann der Wiſſenſchaft, liebte er weder zu befehlen noch zu gehorchen. Daß in allen häuslichen Angelegen⸗ heiten ſeine Frau Gemahlin die Herrſchaft ausübte, das ließ er ſich gern gefallen; aber ſelbſt den Diener zu ma⸗ chen, davon wollte er Nichts wiſſen. Und wenn er ihr in Folge einer Aufforderung gelegentlich den Dienſt ſeiner Feder lieh, ſo that er dies, weil es ſeiner Neigung zuſagte; übrigens war er auch hier im Stande, nein zu ſagen⸗ wenn er von dem, was man ihn zu ſchreiben erſuchte, nicht ſelbſt überzeugt war.„Bietet Euern eigenen Witz auf, ſagte er in dieſem Falle; macht es ſelbſt, da die Sache Euch ſo klar ſcheint.“ Nachdem Donna Praſſede ſich einige Zeit vergebens bemüht hatte, ihn von dem Standpunkte des Gewährenlaſſens auf den der Selbſtthätigkeit zu ziehen, hatte ſie ſich darauf beſchränkt, häufig gegen ihn zu mur⸗ ren, ihn einen Hans Ohneſorg, einen eigenſinnigen Mann, einen Gelehrten zu nennen, bei welch letzterm Titel neben dem Aerger zugleich ein gewiſſes Wohlgefallen mitunterlief. Don Ferrante verbrachte viele Stunden auf ſeinem Studirzimmer, wo er eine bedeutende Bibliothek von bei⸗ nahe 300 Bänden beſaß: lauter ausgeſuchte Sachen, lau⸗ ter Werke, die zu den namhaſteſten in den verſchiedenen Fächern gehörten, in denen allen er mehr oder weniger bewandert war, denn er beſaß nicht bloß die allgemeinen Begriffe und den gewöhnlichen Wortkram von Einflüſſen, Aſpecten, Conjunctionen, ſondern er wußte auch bei Ge⸗ legenheit wie vom Katheder herab von den zwölf Himmels⸗ häuſern, von den größten Kreiſen, von den hellen und dunkeln Graden, von Aufſteigung und Abweichung, von Durchgängen und Umwälzungen, kurz von den ſicherſten und den geheimſten Grundſätzen der Wiſſenſchaft zu ſpre⸗ chen. Und es waren vielleicht zwanzig Jahre, ſeit er in häufigen und langen Disputationen die Himmelsabtheilun⸗ gen des Cardano gegen einen andern Gelehrten verfoch⸗ 87 ten, der mit trotzigem Ingrimm die Eintheilung des Alca⸗ betz vertheidigte, und zwar aus bloßer Halsſtarrigkeit, wie Don Ferrante ſagte, der zwar die Ueberlegenheit der Alten gern anerkannte, aber es dennoch nicht dulden konnte, wenn man die Neuern ſelbſt da, wo ſie offenbar Recht hatten, nichts gelten laſſen wollte. Er beſaß auch mehr als gewöhnliche Kenntniſſe in der Geſchichte der Wiſſen⸗ ſchaft. Er wußte nöthigenfalls die berühmteſten Prophe⸗ zeihungen, die in Erfüllung gegangen, aufzuführen und eben ſo ſpitzindig als gelehrt über andere nicht eingetrof⸗ fene, berühmte Prophezeiungen zu ſprechen, um zu bewei⸗ ſen, daß die Schuld nicht an der Wiſſenſchaft, ſondern an ihrer ſchechten Anwendung liege. Von der alten Philoſophie hatte er ſo viel gelernt als hinreichen mochte, und er lernte noch immer mehr durch das Studium des Diogenes Laertius. Da jedoch dieſe Syſteme trotz ihrer Schönheit dennoch nicht alle angenom⸗ men werden können, und da man, wenn man Philoſoph ſein will, ſich irgend einen Philoſophen auswählen muß, ſo hatte Don Ferrante den Ariſtoteles ſich auserkoren, der wie er zu ſagen pflegte, weder ein alter noch ein neuer, ſondern Philoſoph ſchlechtweg iſt. Er beſaß auch verſchiedene Werke der Gelehrteſten und Schärſſten unter ſeinen modernen Anhängern. Die Werke ſeiner Gegner hatte er niemals leſen wollen, um, wie er ſagte, die Zeit nicht zu vergeu⸗ den, und eben ſo wenig kaufen, um das Geld nicht zum Fenſter hinauszuwerfen. Nur ausnahmsweiſe gönnte er den berühmten zweiundzwanzig Büchern de subtilitate oder auch einem oder dem andern antiperipatetiſchen Werke des ardano, in Anerkennung ſeiner Stärke in der Aſtrologie, ein Plätzchen in ſeiner Bibliothek, denn er ſagte, ein Mann, der die Abhandlung de restitutione temporum et motuum cvelestiuin und das Buch duodecim geniturarum habe ſchreiben können, der verdiene gehört zu werden, ſelbſt wenner alberne Dinge ſage, und der Hauptfehler dieſes Mannes habe darin beſtanden, daß er allzu viel Genie beſeſſen; kein Menſch könne wiſſen, wie weit er es auch in der Philoſophie ge⸗ 88 bracht haben würde, wenn er auf dem rechten Wege ge⸗ blieben wäre. Obſchon übrigens Don Ferrante bei den Gelehrten für einen vollendeten Peripatetiker galt, ſo glaubte er doch ſelbſt nicht genug davon zu verſtehen, und mehr als einmal ſagte er mit großer Beſcheidenheit, die Weſen⸗ heit, die Allgemeinheit, die Weltſeele und die Natur der Dinge ſeien durchaus keine ſo klaren Dinge, als man glau⸗ ben möchte. Aus der Naturphiloſophie hatte er mehr einen Zeit⸗ vertreib als ein Studium gemacht; ſelbſt die betreffenden Werke des Ariſtoteles hatte er nicht ſowohl ſtudirt als ge⸗ leſen: nichtsdeſtoweniger vermochte er mit den Kenntniſſen die er ſich gelegentlich aus Abhandlungen über allgemeine Philoſophie geſammelt, mit einem flüchtigen Ueberblick auf die magia naturalis des Porta, auf die drei Geſchichten lapidum, animalium, plantarum von Cardona, auf die Ab⸗ handlung über Gräſer, Pflanzen, Thiere, von Albertus Magnus, ſo wie auf einige andere minder bedeutendere Werke zuweilen eine gebildete Geſellſchaft zu unterhalten, indem er von den wunderbarſten Kräften und den eigen⸗ thümlichen Eigenſchaften vieler Arzneikräuter ſprach, indem er die Formen und Gewohnheiten der Sirenen ſo wie des einzigen Phönir beſchrieb; indem er erklärte, wie der Sa⸗ lamander im Feuer verweile ohne zu verbrennen; wie der Anſauger, dieſes kleine Fiſchchen, die Kraft und Geſchick⸗ lichkeit beſitze, jedes noch ſo große Schiff auf offener See plötzlich feſtzuhalten; wie die Thautropfen im Schooße der Muſcheln zu Perlen werden; wie das Chamäleon von der Luft lebe; wie aus dem langſam gehärteten Eis im Lauf der Jahrhunderte der Kryſtall ſich bilde und andere der ſtaunenswertheſten Wunder der Natur. In die Wunder der Magie und der ſchwarzen Kunſt war er noch tieſer eingedrungen, weil es ſich hier, ſagt unſer Anonymus, um eine weit betiebtere und nothwendi⸗ gere Wiſſenſchaft handelte, deren Reſultate von ungleich höherer Wichtigkeit ſind und auch auf der Hand liegen, 89 ſo daß ſie bewieſen werden können. Es braucht nicht ge⸗ ſagt zu werden, daß er bei einem ſolchen Studium nie⸗ mals eine andere Abſicht hatte als den Wunſch, ſich zu unterrichten und die ſchlimmſten Künſte der Herenmeiſter genau kennen zu lernen, um ſich dagegen ſchützen und ver⸗ theidigen zu können. Und hauptſächlich mit Hilfe des großen Martino Delrio(dieſes Mannes der Wiſſenſchaft) ſah er ſich befähigt ex professo von dem Liebeszauber, von dem Einſchläferungszauber, von dem Haſſeszauber, ſo wie von den unzähligen Arten dieſer drei Hauptgattungen von Beherungen unter ſo ſchmerzlichen Wirkungen zu ſpre⸗ chen, die man, ſagt wiederum der Anonymus, heut zu Tage nur allzu ſehr im Schwange ſieht! Nicht minder umfaſſend und gründlich waren ſeine Kenntniſſe im Fache der Geſchichte und hauptſächlich der allgemeinen Geſchichte, worin Tarcagnota, Dolce, Bugatti, Campana, Guazzo, kurz die berühmteſten Männer ſeine Autoren waren. „Aber was iſt die Geſchichte,“ ſagte Don Ferrante oft,„ohne die Politik? Ein Wegweiſer, der immer voran⸗ geht, ohne daß ihm jemand auf der Straße nachfolgt, ſo daß alſo ſeine Schritte vergeblich ſind, wie auf der andern Seite die Politik ohne die Geſchichte einem Menſchen gleicht, der ohne Wegweiſer wandert. Es war folglich auf ſeinem Büchergeſtell auch den Statiſtikern ein Breit ange⸗ wieſen, auf welchem unter vielen Bänden in kleinem For⸗ mat, Schriften zweiten Rangs enthaltend, Bodinv, Ca⸗ valcanti, Sanſovino, Paruta, Boccalini hervorragten. Un⸗ ter dieſen Werken befanden ſich indeß zwei, welche Don Ferrante lange Zeit allen anderen in dem genannten Fache vorzog; zwei, welche er bis zu einem gewiſſen Zeitpunkt die erſten zu nennen pflegte, ohne ſich jemals entſcheiden zu können, welchem von beiden dieſe Würde allein zu⸗ komme:„das eine war der Fürſt und die Abhand⸗ lungen des berühmten florentiniſchen Staatsſecretairs; ein Spitzbube, ja,“ ſagte Don Ferrante, aber voll der 90 tiefſten Gedanken: das andere das Staatsrecht des nicht minder berühmten Giovanni Botero, ein Ehren⸗ mann, ja, ſagte er von dieſem, aber ſehr ſcharf. Aber kurz vor der Zeit, in welcher unſere Geſchichte ſpielt, war ein Buch erſchienen, das die Frage über den Vor⸗ rang entſchied, indem es den Werken dieſer beiden Mata⸗ dore, wie Don Ferrante ſich ausdrückte, den Rang ablief, das Buch, in welchem ſich alle Bosheiten eingeſchloſſen und gleichſam tropfenweiſe eingegeben befunden, um ſie erkennen, zugleich aber auch alle Tugenden, um ſie aus⸗ üben zu können: ein an Umfang geringes, aber ganz gol⸗ denes Buch, mit einem Wort, der statista regnante, des Don Valerio Caſtiglione, eines hochberühmten Mannes, von welchem man ſagen kann, daß die größten Gelehrten in ſeinem Lobe wetteiferten und die höchſten Perſonen ſich um ihn riſſen; jenes Mannes, welchen Papſt Urban VIII. bekanntlich mit den glänzendſten Lobſprüchen ehrte, welchen der Cardinal Borgheſe und der Vicekönig von Neapel, Don Pietro di Toledo, aufs dringendſte erſuchten, erſterer die Thaten des Papſtes Paul V., letzterer die Kriege des katholiſchen Königs in Italien zu beſchreiben, beide jedoch vergeblich; des Mannes, welchen Ludwig XIII. von Frank⸗ reich auf Eingebung des Cardinals Richelieu zu ſeinem Hiſtoriographen ernannte, dem der Herzog Karl Emanuel von Savoyen daſſelbe Amt übertrug, zu deſſen Lob um von andern glorreichen Zeugniſſen zu ſchweigen, die Her⸗ zogin Chriſtina, Tochter des allerchriſtlichſten Königs Hein⸗ richs IV., in einem Diplom unter vielen andern Titeln die Gewißheit des Ruhmes, den er ſich in Italien als erſter Schriftſteller unſerer Zeiten erworben, mit anführen konnte. Wenn aber Don Ferrante ſich in all dieſen Wiſſen⸗ ſchaften als wohlbewandert erklären durfte, ſo gab es noch eine, in er den Profeſſorstitel verdiente und ſich deſſen wirklich erfreute, nämlich die Wiſſenſchaft von der Ritterlichkeit. Er beſprach nicht blos mit wahrer Schutz⸗ 91 herrlichkeit ſolche Gegenſtände, ſondern er wurde auch häu⸗ fig aufgefordert, über Ehrenſachen ein Urtheil zu fällen, und gab dann immer eine Entſcheidung. Er hatte in ſei⸗ ner Biblothek, man kann wohl ſagen in ſeinem Kopf, die Werke der berühmteſten Schriftſteller dieſes Faches: Paris del Pezzo, Fauſto da Longiano, den Urrea, den Muzio, den Romei, den Albergato, den erſten und zweiten Farno des Torquato Taſſo, von welchem er auch ſämmtliche Stellen aus dem befreiten ſowohl als aus dem eroberten Jeruſalem, die für ritterſchaftliche Gegenſtände maßgebend ſein können, ſogleich in Bereitſchaft hatte und nöthigen⸗ falls ſogar auswendig herzuſagen wußte. Der Autor der Autoren aber war nach ſeinen Begriffen unſer berühmter Franzesco Birago, mit dem er auch mehr als einmal zu⸗ ſammen kam, um über Ehrenſachen ein Urtheil zu fällen, und der ſeinerſeits mit ausgezeichneter Hochachtung von Don Ferrante ſprach. Vom erſten Augenblick an, wo die ritterſchaftlichen Abhandlungen dieſes hochberühmten Schrift⸗ ſtellers erſchienen, ſtellte er ihm ohne Zögern das Prä⸗ gnoſticon, daß dieſes Werk die Autorität Olevano's über den Haufen werfen und nebſt andern edeln Geiſteserzeugniſſen deſſelben Verfaſſers bei den Nachkommen als ein Geſetz⸗ buch von allerhöchſter Bedeutung gelten werde; eine Weiſ⸗ ſagung, ſagt der Anonymus, von welcher Jedermann ſehen kann, in wieweit ſie ſich bewahrheitet hat. Von hier geht er zur ſchönen Literatur über, aber wir beginnen zu zweifeln, ob der Leſer wirklich große Luſt habe, ihn noch ferner bei dieſer Muſterung zu begleiten; ja wir fürchten fogar, wir möchten uns den Titel eines gemeinen Abſchreibers und langweiligen Schwätzers zuge⸗ zogen haben, einen Titel, worein wir uns mit dem oben⸗ belobten Anonymus zu theilen hätten, weil wir ihm in aller Gucherzigkeit bis hierher gefolgt find, und zwar in einer Sache, welche der urſprünglichen Erzählung fremd iſt, und worüber er ſich vermuthlich nur deswegen ſo weit⸗ läufig ausgeſprochen hat, weil er die Abſicht hegte, mit 92 ſeiner Gelehrſamkeit zu prunken und zu zeigen, daß er nicht hinter ſeinem Jahrhundert zurückgeblieben ſei. Indem wir jedoch, um unſere Mühe nicht zu verlieren, geſchrie⸗ ben laſſen, was geſchrieben iſt, wollen wir über das Uebrige hinwegehen, um uns auf den Weg der Geſchichte zurück⸗ zubegeben, und zwar dies um ſo mehr, als wir eine gute Strecke zu durchlaufen haben, ohne der einen oder andern unſerer Perſonen zu begegnen, und noch eine weit größere bevor wir diejenigen Perſonen finden, für deren Erfolge der Leſer ſich am meiſten intereſſirt, wenn er ſich überhaupt in dieſem ganzen Ding für Etwas intereſſirt. Bis zum Herbſt des folgenden Jahres 1629 blieben ſie Alle theils freiwillig, theils gezwungen in dem Zu⸗ ſtande, worin wir ſie verlaſſen haben, ohne daß der einen oder andern irgend etwas zugeſtoßen wäre, was erzählt zu werden verdiente, oder daß irgend eine von ihnen et⸗ was Erhebliches hätte vollbringen können. Es kam dieſer Herbſt, in welchem Agneſe und Lucia einander wiederzu⸗ ſehen gehofft hatten, aber ein großes öffentliches Ereigniß machte einen Strich durch die Rechnung, und dies war gewiß nur eine ſeiner geringſten Wirkungen. Es erfolgten dann andere große Ereigniſſe, die jedoch keine bemerkens⸗ werthe Aenderung im Schickſal unſerer Helden herbeiführ⸗ ten. Endlich gelangten neue, allgemeinere, ſtärkere, noch ertremere Vorfälle auch bis zu ihnen, bis zu den nach der Stufenleiter der Welt geringſten unter ihnen: wie ein hef⸗ tig heranbrauſender Wirbelwind, welcher Bäume entwur⸗ zelt, Dächer zuſammenwirft, Thurmſpitzen herabreißt und die Trümmer da und und dorthin ſchleudert, auch die im Graſe verborgenen Halme aufregt, in den Winkeln die dürren und leichten Blätter aufſucht. die ein geringerer Wind dorthin getrieben hatte, und ſie in ſeinen Raub ein⸗ gehüllt von dannen trägt. Damit nun alſo die Privatangelegenheiten, die wir noch zu erzählen haben, klar hervortreten, müſſen wir auch 93 hier burchaus, ſo gut es uns nur gelingen mag, eine Schilderung dieſer öffentlichen Begebenheiten vorausſchicken, indem wir wiederum ziemlich weit zurückgreifen. Achtundzwanzigſtes Capitel. Nach jenem Aufſtand am St. Martins⸗ und dem darauffolgenden Tage ſchien der Ueberfluß wie durch einen Zauber nach Mailand zurückgekehrt zu ſein. Die Brod⸗ läden waren reichlich verſehen, der Preis wie in den frucht⸗ barſten Jahren, und daſſelbe Verhältniß fand auch mit dem Mehle ſtatt. Diejenigen, die in jenen zwei Tagen beſtän⸗ dig geſchwiegen oder auch noch etwas mehr gethan, hatten jetzt mit Ausnahme einiger Weniger, die man eingefangen, alle Urſache, zufrieden zu ſein, und man glaube nicht, daß ſie es dabei bewenden ließen, ſobald einmal der erſte Schreck wegen den Verhaftungen vorüber war. Auf den öffent⸗ lichen Plätzen, an den Straßenecken, in den Kneipen herrſchte ein unverholener Jubel; man beglückwünſchte ſich und prahlte halblaut, daß man Mittel und Wege gefunden, einen vernünftigen Brodpreis wieder herzuſtellen. Inmitten der zuverſichtlichen Freude ſchlich ſich jedoch(und wie hätte dies anders ſein können 2) eine unruhige Ahnung ein, daß die Sache nicht von Dauer ſein könne. Man belagerte die Bäcker und Mehlhändler, wie man ſchon zur Zeit jenes andern künſtlichen und kurzen Ueberfluſſes gethan, welchen Antonio Ferrer durch ſeinen erſten Tarif hervorgerufen hatte. Wer etwas Geld erübrigt hatte, der ſetzte es in Brod und Mehl um; Kiſten, Fäſſer, Keſſel wurden in Magazine verwandelt. Indem die Leute auf ſolche Art wetteifernd den gegenwärtigen Vortheil zu benützen ſuchten, machten ſie nicht nur die lange Dauer deſſelben unmög⸗ lich, denn das verſtand ſich von ſelbſt, ſondern erſchwerten 94 auch den augenblicklichen Fortbeſtand immer mehr. Und ſiehe, da erließ am 15. Dezember Antonio Ferrer de orden de Sa Excelencia eine Verordnung, kraft deren jedem, der Korn oder Mehl zu Hauſe hätte, verboten wurde, von dem einen oder andern zu kaufen; jedem Andern wurde ver⸗ boten, mehr als für zweitägigen Bedarf Brod einzukaufen, und zwar bei Geld⸗ und Leibesſtrafen nach dem Gutdünken Sr. Ercellenz; die Aelteſten, eine Art von öffentlichen Be⸗ amten, wurden aufgefordert, Jedermann dieſen Befehl mit⸗ zutheilen und die Uebertreter anzuzeigen. Die Richter er⸗ hielten Befehl, in den Häuſern, die ihnen bezeichnet wurden, Nachſuchungen vorzunehmen; zu gleicher Zeit wurde jedoch den Bäckern auf's Neue eingeſchärft, ihre Läden wohl mit Brod verſehen zu halten, bei fünfjähriger und noch längerer Galeerenſtrafe im Uebertretungsfall, nach dem Gutdünken Sr. Ercellenz. Wer ſich eine ſolche Verordnung vollzogen denken kann, der muß eine ſchöne Einbildungskraft beſitzen, und wahrlich, wenn alle diejenigen, die in jener Zeit her⸗ auskamen, Wirkung gehabt hätten, ſo hätte das Herzogthum Mailand eben ſo viele Leute zur See haben müſſen, wie jetzt etwa Großbritannien haben mag. Jedenfalls müßte man, wenn man den Bäckern be⸗ fahl, ſo viel Brod zu machen, auch die nöthigen Befehle erlaſſen, damit ihnen der Stoff nicht ausginge. Wie man in Zeiten der Theurung immer darauf bedacht iſt, Nahrungs⸗ ſtoffe, die ſonſt gewöhnlich in einer andern Form verbraucht werden, in Brod zu verwandeln, ſo war man auf den Gedanken gekommen, unter die Maſſe des Brodes, das man Mengbrod nannte, Reis zu miſchen. Unterm 23. Novem⸗ ber erſchien eine Verordnung, welche die Hälfte des noch in Hülſen befindlichen Reiſes, den Jeder beſitze, zur Ver⸗ fügung des Proviantverwalters und ſeiner zwölf Unterbe⸗ amten ſtellte und Jeden, der ohne Erlaubniß dieſer Herrn darüber verfügen würde, mit dem Verluſt der Waare, ſowie mit einer Geldbuße von drei Seudi für den Scheffel be⸗ 95 drohte. Dies iſt, wie Jedermann ſieht, noch die mildeſte Strafe. Aber dieſen Reis mußte man bezahlen, und zwar zu einem Preiſe, welcher dem Brodpreis gar zu wenig ent⸗ ſprach. Das Geſchäft, dieſes ungeheure Mißverhältniß aus⸗ zugleichen, wurde auf die Stadt gewälzt, aber der Rath der Derurionen, der es für dieſelbe übernommen hatte, beſchloß unter dem nämlichen 23. November, dem Statt⸗ halter die Unmöglichkeit vorzuſtellen, eine ſolche Verpflich⸗ tung noch länger zu erfüllen, und der Statthalter ſetzte durch eine Verordnung vom 7. Dezember, den Preis des gedachten Reiſes auf 12 Lire den Scheffel feſt: Jeder, der einen größern Preis fordern oder auch den Verkauf ver⸗ weigern ſollte, wurde mit dem Verluſt der Waare und einer Geldbuße vom gleichen Belang, wie auch mit einer noch größern Geld⸗, ja ſogar Leibesſtrafe, bis zur Galeere be⸗ droht, Alles nach dem Gutdünken Sr. Ercellenz, gemäß der Beſchaffenheit der Fälle und der Perſonen. Für den gereinigten Reis war ſchon vor dem Auf⸗ ruhr der Preis beſtimmt, wie denn wahrſcheinlich auch der Tarif, oder um uns eines, in den modernen Jahrbüchern zur höchſten Verühmtheit gelangten Ausdrucks zu hedienen, das Marimum für den Waizen und die andere gewöhn⸗ lichſten Kornarten durch andere Verordnungen, die wir ſuflig nicht zu Geſicht bekommen haben, feſtgeſetzt geweſen ein wird. Da nun alſo in Mailand Brod und Mehl wohlfeil erhalten worden war, ſo entſtand daraus die Folge, daß die Leute von Außen maſſenweiſe hereinſtrömten, um ſich damit zu verſehen. Um dieſem Uebelſtand, wie er es nannte, zu begegnen, verbot Don Gonzalo durch eine andere Verordnung vom 15. Dezember, für mehr als 20 Soldi Brod aus der Stadt zu ſchaffen; die Strafe beſtand im Verluſt des betreffenden Brodes, ſowie einer Geldbuße von 25 Seudi, und ſür den Fall der Zahlungsunfähigkeit in zweimaliger öffentlicher Wippung und einer noch ſtärkern 96 Züchtigung, wie gewöhnlich nach dem Gutdünken Sr. Ercellenz. Am 22. deſſelben Monats(und man ſieht nicht ein, warum ſo ſpät) erſchien ein ähnlicher Befehl für das Mehl und Getreide. Die Volksmenge hatte durch Plünderung und Brand den Ueberfluß herbeiführen wollen, die geſetzliche Gewalt wollte ihn durch Galeere und Folter feſthalten. Die Mit⸗ tel waren einander entſprechend; was ſie aber mit dem Zweck zu ſchaffen hatten, das ſieht der Leſer, und wieweit ſie denſelben wirklich förderten, kann er augenblicklich ſehen⸗ Es iſt denn auch leicht zu ſehen und nicht unnöthig zu beobachten, wie unter jenen ſeltſamen Vorkehrungen dennoch ein nothwendiger Zuſammenhang ſtattfindet; jede war eine unvermeidliche Folge der vorhergehenden, und alle erfolg⸗ ten aus jener erſten, die einen Brodpreis feſtſetzte, welcher der wirklichen Lage der Dinge ganz und gar nicht entſprach. Die Menge hat immer geglaubt und glauben müſſen, daß eine ſolche Vorkehrung, je mehr ſie der Billigkeit entſpreche, um ſo einfacher und ausführbarer ſein müſſe; es iſt daher ganz natürlich, daß ſie in den Bedrängniſſen und Oualen der Theuerung eine ſolche wünſcht, dringend verlangt und wo immer möglich mit Gewalt durchſetzt. Wenn dann die Folgen an's Tageslicht kommen, ſo müſſen diejenigen, die es angeht, jeder von ihnen durch ein Geſetz zu ſteuern ſuchen, welches den Leuten verbietet, das zu thun, wozu ſie durch das vorhergehende Geſetz aufgefordert wurden. Man geſtatte uns hier im Vorbeigehen, auf ein ſeltſames Zuſammentreffen aufmerkſam zu machen. In einem Lande und zu einer Zeit, die uns beide nicht fern liegen, im geräuſchvollſten und merkwürdigſten Zeitpunkt der modernen Geſchichte wurden unter ähnlichen Umſtänden ähnliche Vor⸗ kehrungen getroffen(man könnte beinahe ſagen, im Weſent⸗ lichen dieſelben, nur mit dem Unterſchied des Verhältniſſes und ungefähr in derſelben Reihenfolge); ſie wurden ge⸗ troffen, trotz der ſo veränderten Zeitverhältniſſe, ſowie trotz der in Europa und in jenem Land vielleicht noch 97 mehr als anderswo verbreiteten Einſicht; und dieß haupt⸗ ſächlich deßwegen, weil die große Volksmaſſe, in deren Schichten jene Einſicht noch nicht gedrungen war, ihre Mei⸗ nung auf lange Zeit zur Geltung bringen und, wie man n zu ſagen pflegt, den Geſetzgebern die Hand führen onnte. So hatte alſo, um auf unſere Geſchichte zurückzu⸗ kommen und die Rechnung zu ſtellen, der Aufruhr zwei Hauptfrüchte getragen: Verwüſtung und wirklichen Verluſt der Lebensmittel während der Empörung ſelbſt; für die Dauer des Tarifs einen reichlichen, maßloſen und ſo zu ſagen luſtigen Verbrauch, und als natürliche Folge deſſel⸗ ben die Verringerung dieſes ſpärlichen Kornvorrathes, wel⸗ cher doch bis zur neuen Ernte ausreichen ſollte. Zu dieſen allgemeinen Wirkungen kam noch die Hinrichtung von vier Bürgern, die als Rädelsführer beim Tumult aufgeknüpft wurden, zwei an dem Krückenofen und zwei am Eingang Straße, in welcher das Haus des Proviantverwalters and. Im Uebrigen find die geſchichtlichen Berichte aus je⸗ nen Zeiten ſo oberflächlich abgefaßt, daß man darin nicht einmal eine Notiz darüber findet, wie und wann dieſer gewaltſame Tarif aufgehört. Wenn es in Ermangelung beſtimmter Angaben erlaubt iſt, Vermuthungen aufzuſtellen, ſo neigen wir uns zu dem Glauben hin, daß er kurze Zeit nach dem 24. Dezember, dem Tage jener Hinrich⸗ tungen, aufgehoben worden ſei. Und was die Verord⸗ nungen betrifft, ſo finden wir nach der letzten, bereits an⸗ geführten, vom 22. deſſelben Monats keine weitere in Betreff der Kornvorräthe, ſei es nun, daß ſie ſich verlo⸗ ren haben, oder unſeren Nachforſchungen entgangen ſind, oder ſei es endlich, daß die Behörde, durch die Unwirk⸗ ſamkeit ihrer Mittel entmuthigt, wenn auch nicht belehrt, und von der Gewalt der Umſtände übermannt, den Er⸗ eigniſſen ihren Lauf ließ. Gleichwohl finden wir bei mehr als einem Geſchichtsſchreiber(ſie waren glle zuſammen Die Verlobten, MI, 7 98 mehr geneigt, große Ereigniſſe zu beſchreiben, als die Urfachen und den Verlauf derſelben anzugeben) eine Schil⸗ derung des Landes und hauptſächlich der Stadt in dem vorgeſchrittenen Winter und Frühling, als die Urſache des Uebels, d. h. das Mißverhältniß zwiſchen dem Vorrath und dem Bedarf, durch die Mittel, die ihre Wirkungen für eine Weile aufſchoben, nicht aufgehoben, ſondern viel⸗ mehr noch verſtärkt und ihr auch nicht durch eine genü⸗ gende Einfuhr fremder Vorräthe geſteuert war, da die Unzulänglichkeit der öffentlichen, ſowohl als der Privat⸗ mittel, der Mangel in den Nachbarländern, die Bedeu⸗ tungsloſigkeit, Langſamkeit und die vielfachen Hemmniſſe des Handels, ja ſogar die Geſetze ſelbſt einer ſolchen entgegen⸗ ſtanden, indem ſie dahin zielten, eine gewaltſame Wohl⸗ feilheit hervorzubringen und aufrecht zu echalten; als, ſage ich, die wahre Urſache der Theuerung, oder noch beſſer die Theuerung ſelbſt, für die man keine entſprechenden Ge⸗ genmittel zu finden gewußt, mit all ihrer Macht wirkte. Hier folgt nun eine Kopie dieſes ſchmerzensreichen Ge⸗ mäldes. Auf jedem Schritt und Tritt geſchloſſene Läden; die Werkſtätten großentheils verödet; die Straßen ein unaus⸗ ſprechlicher Anblick, ein unaufhörlicher Corſo des Elends, ein bleibender Aufenthalt der Leiden. Die alten, berufs⸗ mäßigen Bettler waren jetzt die Minderzahl geworden und ſahen ſich in einem neuen Haufen vermengt und verloren, manchmal genöthigt, denjenigen ein Almoſen ſtreitig zu machen, von denen ſie es an andern Tagen empfangen hatten. Lehrjungen und Ladendiener fortgeſchickt von den Krämern und Kaufleuten, die, da ihr täglicher Erwerb ſich verringert oder gänzlich aufgehört hatte, kümmerlich von ihren Erſparniſſen oder Kapitalien lebten; Krämer und Kaufleute ſelbſt, die durch das allgemeine Stocken der Geſchäfte bankrott geworden und zu Grunde gegangen waren; Künſtler und Handwerker aller Art, von den ge⸗ meinſten bis zu den allerfeinſten, von den nothwendigſten 99 bis zu den üppigſten, von Thüre zu Thüre, von Straße zu Straße ſich herumtreibend, an die Ecken gelehnt, auf den Qnadern längs der Kirche und Häuſer hingeſtreckt, fle⸗ hentlich um ein Almoſen bitiend, oder, wenn ſie zwiſchen dem Bedürfniß und einer noch nicht überwundenen Schaam ſchwankten, vom Fleiſche gefallen, entkräftet, ſchaudernd vor Hunger und Froſt in den abgenützten und leichten Kleidern, die bei Vielen noch Spuren des ehemaligen Wohlſtandes zeigten, ſowie auch in dem Müßiggang und der Erniedrigung noch gewiſſe Anzeichen von Gewohnhei⸗ ten freierer und friſcher Arbeitſamkeit hervortraten. Unter den beklagenswerthen Schwarm gemiſcht und kein geringer Theil deſſelben, entlaſſene Bediente, deren Herrn, wenn ſie dem Mittelſtand angehört hatten, nunmehr in Dürftigkeit verſunken, oder wenn ſie früher reich und vornehm gewe⸗ ſen, gleichwohl in einem ſolchen Jahr außer Standes ge⸗ ſetzt waren, ihr gewöhnliches pomphaftes Gefolge beizu⸗ behalten. Und, ſo zu ſagen, um jeden Einzelnen dieſer verſchiedenen Nothleidenden, eine Anzahl anderer, die theil⸗ weiſe gewohnt geweſen waren, von dem Erwerb derſelben zu leben; Kinder, Weiber, greiſe Eltern, die ſich um ihre ehemaligen Ernährer drängten, wenn ſie ſich nicht nach andern Gegenden hin zerſtreuten, um zu betteln. Eben ſo gab es auch,— und man erkannte ſie an den zerzauſten Schöpfen, an den Fetzen prunkvoller Klei⸗ der, oder auch an einem gewiſſen Etwas in Haltung und Geberden, an jenem Gepräge, welches die Gewohnheiten den Geſichtern aufprücken, und das um ſo tiefer und deut⸗ licher zurückbleibt, je ſeltſamer dieſelben ſind— gar manche von der böſen Brut der Bravi, die in Folge der allge⸗ meinen Verhältniſſe das Brod der Ruchloſigkeit verloren hatten, und jetzt um Gottes willen bettelten. Vom Hun⸗ ger gebändigt, mit Anderen immer noch in flehentlichen Bitten wetteiferud, demüthig zuſammengeduckt, ſchleppten ſie ſich in der Stadt umher, durch welche ſie ſich ſo lange Zeit mit erhobenen Häuptern, mit trotzigen 100 Blicken, in prunkenden, abenteuerlichen Livreen, geſchmückt mit prächtigen Waffen, Federbüſchen, und duftend von Wohlgerüchen ſtolzirt waren; jetzt ſtreckten ſie demüthig die Hand aus, die ſie früher ſo oft erhoben hatten, um unverſchämt zu drohen, oder verrätheriſch zu verwunden. Das dichteſte, ſchmutzigſte, garſtigſte Gewimmel aber machten die Landleute, einzeln, paarweiſe, ganze Familien, Ehemänner, Weiber mit Kindern auf den Armen oder auf Rücken gepackt, die größeren Kinder an der Hand füh⸗ rend, die Greiſe hintendrein. Einige hatten ſich, da ihre Häuſer von einquartierter oder durchmarſchirender Soldateska beſetzt und ausgeplündert worden, verzweiflungsvoll daraus geflüchtet, und unter ihnen gab es ſolche, die, um das Mitleid noch ſtärker zu erregen und gleichſam als eine Auszeichnung im Elend, die braunen und blauen Flecken von den Schlägen zeigten, welche ſie bei der Vertheidi⸗ gung dieſer ihrer letzten Habe, oder auch noch auf der Flucht von den viehiſch rohen Horden dieſer Kriegsknechte erhalten hatten. Anderen, die mit dieſer beſondern Plage verſchont geblieben, aber durch jene beiden anderen vertrie⸗ ben waren, von denen kein Winkel ſich frei befand, näm⸗ lich die Unfruchtbarkeit und die Steuern, die jetzt drücken⸗ der waren, als je, weil man die ſogenannten Kriegs⸗ bedürfniſſe damit beſtreiten ſollte, waren in die Stadt, als den alten Wohnſitz und die letzte Zufluchtsſtätte des Reichthums und frommer Mildthätigkeit gekommen und ſtürmten noch immer herbei. Noch mehr als an dem ſchwankenden Gang und der befangenen Miene, erkannte man die Neuangekommenen an einer gewiſſen zornigen Verwunderung darüber, daß ſie einen ſolchen Haufen, einen ſolchen Zudrang, eine ſolche Rivalität im Elend an dem Ziele finden ſollten, wo ſie ſelbſt als ausgezeichnete Ge⸗ genſtände des Mitleids zu erſcheinen und die Blicke und Unterſtützungen auf ſich zu lenken gehofft hatten. Die Anderen, die ſeit längerer oder kürzerer Zeit in den Straßen herumſchweiſten und da wohnten, indem ſie ihr Leben mit 101 den Beiſteuern friſteten, die ihnen, wie durch ein Glücks⸗ loos, bei dieſem ſchrecklichen Mißverhältniß zwiſchen Hülfe und Noth zugefallen waren, trugen in ihren Mienen und Geberden eine noch düſterere und ſchroffere Beſtürzung zur Schau. Inmitten der allgemeinen Umwälzung bildeten ſie ein buntes Schauſpiel durch die Verſchiedenheit ihrer Lum⸗ pen, Kleider und ihres ganzen Ausſehens; bleiche Geſich⸗ ter aus dem Unterlande, gebräunte aus dem Blachfelde und dem Hügellande, rothe aus der Gebirgsgegenden, nun⸗ mehr ſämmtlich mager und abgezehrt, mit hohlen Augen, ſtieren, beinahe ſinnlichen Blicken, die Haare zerzauſt, die Bärte lang und abſcheulich; Kötper, die zu ſchwerer Ar⸗ beit herangezugen und darin abgehärtet waren, jetzt vom Ungemach erſchöpft; die Haut auf den verbrannten Armen, auf den Beinen und knochigen Brüſten, welche durch die unordentliche Lumpenbedeckung hervorſchienen, zuſammen⸗ geſchrumpft. Und in einer andern Art, aber nicht minder ſchmerzlich, als dieſes Schauſpiel gebeugter Kraft, der An⸗ blick einer ſchneller aufgeriebenen Natur, einer hülfloſerern Ermattung und Entkräftung bei dem ſchwächern Geſchlechte und den ſchwächeren Altern. Da und dort, auf den Straßen und an den Kreuz⸗ wegen, dicht an den Mauern, unter den Dachrinnen ein Lager von zertretenem und zermalmtem Stroh und Stop⸗ peln, vermengt mit unſauberm Plunder. Und ein ſolcher Unflath war noch die Gabe fürſorgender Menſchenliebe, war das Lager, das man irgend einem dieſer Unglück⸗ lichen vergönnt hatte, um bei Nacht ſein Haupt darauf zu legen; manchmal ſah man auch bei Tag den Einen oder Andern, welchem Ermattung oder Entkräftung den Athem geraubt und die Beine gelähmt hatten, der Länge nach ſich darauf ſtrecken; zuweilen beherbergte dieſes traurige ett einen Leichnam; zuweilen ſtürzte der bis zum Tode Erſchöpfte plötzlich nieder und blieb als Leiche auf dem traßenpflaſter liegen. Bei manchem der Daliegenden ſah man auch irgend 102 einen Vorbeigehenden oder Nachbar, der ſich in einer plötz⸗ lichen Anwandlung von Mitleid zu ihm hinabbeugte. An manchen Orten zeigte ſich eine mit weitergreifender Vor⸗ ſicht angeordnete Hülfe, von einer Hand gereicht, die an Mitteln reich und in der Wohlthätigkeit im Großen ein⸗ geübt war; es war die Hand des guten Federigo. Er hatte ſechs Prieſter ausgewählt, die eine eifrige und aus⸗ dauernde Menſchenliebe mit einer kräftigen Körperbeſchaf⸗ fenheit verbanden; er hatte ſie paarweiſe abgetheilt und jedem Paar ein Drittheil der Stadt angewieſen, welches ſie durchzogen, mit Laſtträgern hinter ſich, die mit ver⸗ ſchiedenen Speiſen, wie auch mit auderen feineren und kräf⸗ tigeren Stärkungsmitteln und mit Kleidungsſtücken beladen waren. Jeden Morgen begaben ſich die drei Paare nach verſchiedenen Seiten auf die Straße, näherten ſich denen, die ſie hülflos auf dem Boden liegen ſahen, und reichten jedem diejenige Unterſtützung, die ſie für die zuträglichſte hielten. Mancher, der bereits mit dem Tod rang und nicht mehr fähig war, eine Nahrung zu ſich zu nehmen, empfing die beſte Hülfe und die Tröſtungen der Religionz denjenigen, denen eine Speiſe noch aufhelfen konnte, reich⸗ ten ſie Suppen, Eier, Brod, Wein, Anderen, die durch längeres Faſten entkräftet waren, gaben ſie Kraftbrühen und edlern Wein, nachdem ſie dieſelben nöthigenfalls zu⸗ vor durch Herzſtärkungen und fräftigen Eſſig wieder zu ſich gebracht hatten. Zu gleicher Zeit vertheilten ſie Kleidungs⸗ ſtücke an diejenigen, die am ſchmählichſten und ſchmerz⸗ lichſten entblößt waren. Und damit ließ es ihre Hülfleiſtung noch nicht be⸗ wenden; der gute Hirte hatte gewollt, daß eine kräftige und nicht bloß augenblickliche Unterſtützung wenigſtens überall, wohin ſie gelangen könnte, geſpendet werden ſollte. Die Armen, denen jenes erſte Labſal Kräfte genug gege⸗ ben hatte, um wieder aufzuſtehen und zu gehen, wurden auch noch von den Prieſtern mit einigem Geld ausgeſtattet, damit ſie nicht durch das neuerſtehende Bedürfniß und 103 den Mangel an Unterſtützung bald in den frühern Zu⸗ ſtand zurückverfallen ſollten; für die Uebrigen ſuchten ſie Schutz und Unterkunft in einem der nächſtgelegenen Häuſer. Gehörte ein ſolches bemittelten Leuten, ſo wurde die Auf⸗ nahme meiſtens aus Menſchenliebe und aus Rückſicht auf den Cardinal bewilligt; in anderen, wo zwar guter Wille, aber keine Mittel vorhanden waren, verlangten die Prieſter, daß man den Armen in Koſt nehmen ſolle, bedungen den Preis aus und bezahlten eine Abſchlagsſumme voraus. Sodann benachrichtigten ſie die Pfarrer davon, damit ſie die Leute beſuchen ſollten, und kamen auch ſelbſt wieder, um nach ihrem Befinden zu ſehen. Wir brauchen nicht zu ſagen, daß Federigo ſeine Fürſorge nicht auf dieſen äußerſten Grad der Noth be⸗ ſchränkte und ihn auch nicht abgewartet hatte, bevor er Schritte that. Dieſe glühende und leicht erregbare Men⸗ ſchenliebe, mußte Alles empfinden, in Allem thätig ſein, überall beiſpringen, wo ſie nicht hatte zuvorkommen können, ſo zu ſagen, eben ſo viele Geſtalten annehmen als die Noth verſchiedene Schattirungen hatte. Und in der That hatte er, indem er alle ſeine Mittel vereinigte, eine noch ſtrengere Sparſamkeit einführte, Erſpamniſſe angriff, welche zu anderen guten Werken beſtimmt waren, die aber jetzt eine allzu untergeordnete Bedeutung erlangt hatten, auf alle Weiſe Geld zu machen geſucht, um Alles zur Er⸗ leichterung der Noth anzuwenden. Er hatte große Korn⸗ ankäufe gemacht und einen bedeutenden Theil ſeiner Vor⸗ räthe an die bevürftigſten Orte ſeines Sprengels geſchickt; da uun die Hülfe weit entfernt war, dem Bedünrfniſſe gleichzukommen, ſo ſandte er auch eine Menge Salz da⸗ hin, um damit, wie Ripamonti in ſeiner vaterländiſchen Geſchichte erzählt, das Gras der Wieſen und die Baum⸗ rinden in eine menſchliche Nahrung zu verwandeln. Auch an die Pfarrer der Stadt hatte er Getreide und Geld ver⸗ theilt; er ſelbſt durchlief ein Viertel nach dem andern, um Almoſen zu ſpenden; er unterſtützte viele bedürftige 104 Familien heimlich; im erzbiſchöflichen Palaſt wurde täg⸗ lich eine große Menge Reis gekocht, und nach der Angabe eines gleichzeitigen Schriftſtellers des Arztes, Aleſſandro Tadino, in ſeinem Bericht, den wir ſpäter noch öfter zu citiren haben werden, wurden dort jeden Morgen zwei tauſend Näpfe voll ausgetheilt. Aber dieſe Ausflüſſe von Menſchenliebe, die wir ge⸗ wiß großartig nennen können, wenn wir bedenken, daß ſie von einem einzigen Manne kommen, der ſie lediglich aus ſeinen eigenen Mitteln beſtritt— denn Federigo lehnte es aus Gewohnheit ab, die Vertheilung der milden Gaben Anderer zu beſorgen;— dieſe Geſchenke, verbunden mit den Gaben anderer Privatleute, welche zwar nicht ſo be⸗ deutend, aber doch zahlreich waren, ſowie mit den Unter⸗ ſtützungen, die der Rath der Decurionen für die allgemeine Noth angewieſen hatte, und deren Vertheilung er dem Proviantamt überließ, erwieſen ſich im Verhältniß zu der Noth noch immer als karg und unzulänglich⸗ Während einigen Gebirgs⸗ und Thalbewohnern, die dem Hungertode nahe waren, durch die Unterſtützung des Cardinals das Leben gefriſtet wurde, kamen andere an den äußerſten Rand des Elends; die erſten ſanken, nachdem die ihnen zugemeſſene Hülfe verbraucht war, in ihre Dürftigkeit zu⸗ rück; in anderen Gegenden, welche von einer Menſchen⸗ liebe, die gezwungen war, Auswahlen zu treffen, zwar nicht vergeſſen, aber doch als weniger bedrängt hintan⸗ geſetzt waren, wurde die Roth tödtlich; allenthalben ſtar⸗ ben die Menſchen, von allen Seiten her ſtrömten ſie nach der Stadt. Hier hatten, um eine gerade Zahl zu ſagen, 2000 rüſtigere Hungerleider, die Gewandtheit genug be⸗ ſaßen ihre Konkurrenten zu überwinden und ſich voran⸗ zudrängen, eine Suppe verlangt, welche ſie am gegebenen Tage vor dem Tode ſchützte, aber es blieben noch andere Tauſende übrig, für welche dieſe, wir können wohl kaum ſagen Glücklicheren, da unter den Zurückgebliebenen häufig ihre Weiber, ihre Kinder, ihre Väter ſich befanden, ein 105⁵ Gegenſtand des Neides waren. Und während an drei Punkten der Stadt einige der Hüffloſeſten und Erſchöpf⸗ teſten vom Boden aufgehoben in's Leben zurückgerufen, untergebracht und verſorgt wurden, ſanken an hundert Orten Andere zuſammen, um ohne Pflege und ohne Lab⸗ ſal zu verſchmachten und zu ſterben. Den ganzen lieben Tag hörte man auf den Straßen ein verworrenes Getöſe von kläglichem Hülfegeſchrei, Nachts ein beſtändiges Geächze, von Zeit zu Zeit unterbrochen durch plötzlich ausgeſtoßenes Geheul, durch gellende, lange Schmerzensrufe, durch dumpfe Klagetöne, die manchmal mit einem ſchrecklichen Schrei endeten. Es verdient bemerkt zu werden, daß in einer ſo maßloſen Drangſal, unter ſo mannigfachen Klagen, nie⸗ mals auch nur ein Verſuch oder ein Aufruf zur Empö⸗ rung zum Vorſchein kam. Wenigſtens findet man nicht die mindeſte Andeutung auf einen ſolchen. Und dennoch befand ſich unter denjenigen, welche auf dieſe Art lebten und ſtarben, eine gute Anzahl von Menſchen, die zu et⸗ was ganz Anderm, als zu Leiden erzogen waren; auch waren Hunderte von denjenigen dabei, die ſich am St. Martinstag ſo laut hatten vernehmen laſſen. Und man kann nicht glauben, daß das an jenen vier Unglücklichen, welche für Alle hatten büßen müſſen, feſtgeſetzte Beiſpiel jetzt dieſe große Menge im Zaum gehalten habe: welche Gewalt konnte die nicht einmal mehr friſche Erinnerung an ſolche Hinrichtungen auf die Gemüther einer planlos herumirrenden Menge haben, welche ſich gleichſam zu einer langſamen Todesqual verurtheilt ſah und dieſelbe bereits erlitt? Aber ſo ſind wir Menſchen im Allgemeinen, daß wir uns entrüſtet und wüthend gegen mittelmäßige Uebel empören und dagegen ſchweigend dem höchſten Grade unter⸗ werfen; wir ertragen nicht mit Ergebung, ſondern mit Stumpfſinn den Gipfel deſſen, was wir ſchon in ſeinem Anfang unerträglich genannt hatten. Die Lücke, welche die Sterblichkeit tagtäglich unter 106 dieſer beklagenswerthen Menſchenmenge machte, wurde jeden Tag wieder noch mehr als ausgefüllt; es war ein unauf⸗ hörliches Zuſtrömen, zuerſt aus den benachbarten Weilern, ſodann aus der ganzen Gegend, hierauf aus den Städten des Landes, zuletzt auch noch aus anderen. Inzwiſchen zogen auch täglich alte Bewohner von der Hauptſtadt aus, theils um ſich dem Anblick ſo mannichfacher Drangſal zu entziehen, theils auch nachdem ſie, ſo zu ſagen, durch neue Bewerber in der Bettelei aus dem Felde geſchlagen waren, um irgendwo anders einen letzten, verzweifelten Verſuch zu machen, an ſolchen Orten, wo wenigſtens das Gedränge und der allgemeine Zulauf der Bittſteller nicht ſo ungeſtüm wäre. Dieſe und jene Wanderer begegneten ſich auf ihrem entgegengeſetzten Wege: ſie boten einander gegen⸗ ſeitig einen ſchauerlichen Anblick dar, einen ſchmerzlichen Vorgeſchmack, eine unheimliche Prophezeihung des Zieles, welchem die Einen, wie die Andern entgegengingen. Aber ſie ſetzten die unternommene Reiſe fort, wenn auch nicht mehr in der Hoffnung ihr Schickſal zu ändern, ſo doch wenigſtens um nicht unter einen ihnen verhaßt gewordenen Himmel zurückzukehren, um nicht die Orte wieder zu ſehen, wo ſie verzweifelt hatten. Freilich ſank gar Mancher, deſ⸗ ſen letzte Lebenskräfte durch den Hunger aufgerieben waren, auf der Straße nieder und blieb da entſeelt liegen. Ein noch traurigeres Zeichen für ſeine Leidensbrüder, ein Ge⸗ genſtand des Schauders, vielleicht des Vorwurfs für andere Wanderer. Ich ſah, ſchreibt NRipamonti, auf der Straße, in der Nähe der Mauer den Leichnam einer Frau liegen... Halbabgenagtes Gras hing ihr aus dem Munde, und die befleckten Lippen machten noch gleichſam eine wüthende Kraftanſtrengung. Sie hatte auf dem Rücken ein kleines Bündel und an der Bruſt hing in Windeln ein Säugling, der wimmernd zu trinken verlangte„.. Es kamen mitleidige Perſonen hinzu, welche das arme Geſchöpf von der Erde aufhoben und an eine Bruſt legten, indem ſie auf ſolche Art die erſte Mutterpflicht an ihm erfüllten. 107 Jener Gegenſatz von prächtigen Gewändern, von Ueber⸗ fluß und Elend, ein gewöhnlicher Anblick in gewöhnlichen Zeiten, hatte in dieſen gänzlich aufgehört. Lumpen und Elend waren beinahe überall eingedrungen, und was ſich davon unterſchied, war nur noch ein Schein eines ſehr mäßigen mittlern Wohlſtandes. Man ſah die Edelleute in ſchlichter, beſcheidener, ja ſogar abgenützter und für ihre früheren Verhältniſſe unangemeſſener Kleidung einhergehen; einige, weil die allgemeinen Urſachen des Elends auch ihre Verhältniſſe in ſolchem Grade verändert, oder einem bereits zerrütteten Wohlſtande vollends den Todesſtoß verſetzt hat⸗ ten; Andere, weil ſie durch Prunk die öffentliche Verzweif⸗ lung zu reizen fürchteten, oder ſich ſcheuten, das allgemeine Elend zu beleidigen. Jene verhaßten und hochgeehrten übermächtigen Edelleute, die früher immer mit einem über⸗ müthigen Gefolge von Bravi einhergekommen waren, zeig⸗ ten ſich jetzt beinahe ganz allein mit geſenktem Kopfe, mit Geſichtern, welche Frieden anzubieten und zu fordern ſchienen. Andere, die auch in glücklichen Zeiten menſchlichere Ge⸗ fühle gezeigt und ein hoöflicheres Benehmen eingehalten hat⸗ ten, zeigten ſich jetzt verwirrt, beſtürzt und wie überwättigt von dem fortwährenden Anblick eines Elends, das nicht blos die Möglichkeit der Hilfe, ſondern, ich möchte beinahe ſagen, die Kräfte des Mitleids überſtieg. Wer irgend Etwas hatte, um zu helfen, der mußte gleichwohl einen traurigen Unterſchied zwiſchen Hunger und Hunger, zwiſchen Elend und Elend machen. Und kaum ſah man eine mitleidige Hand ſich in die Hand eines Unglücklichen hinablaſſen, ſo entſtand ringsumher ein Wettſtreit von anderen Unglücklichen; diejenigen, die noch am meiſten Kraft beſaßen drangen voran, um eindringlicher zu fordern; die Erſchöpften, die Greiſe, die Kinder, erhoben die fleiſchloſen Hände; die Mütter hielten von fern die weinenden Kinder in die Höhe und ſtreckten ſie, ſchlecht in zerlumpte Windeln gewickelt und vor Mattigkeit in ihren Händen zuſammengeſunken, denjenigen entgegen, von denen ſie eine Spende hofften. 5 108 So vergingen Winter und Frühling, und ſchon ſeit einiger Zeit machte die Sanitätsbehörde dem Proviantamte Vorſtellungen wegen der Gefahr der Anſteckung, welche der Stadt durch dieſe Maſſe des in ihr zuſammengedrängten und verbreiteten Elends drohte; ſie ſtellte den Antrag, man ſolle die herumziehenden Betiler in verſchiedene Spitäler aufnehmen. Während man darüber berathſchlägt, während man den Antrag gut heißt, während man die Mittel, die Arten und die Orte beſpricht, um ihn auszuführen, mehren ſich die Leichname auf den Straßen tagtäglich, und nach demſelben Maßſtabe wächst auch die ganze andere Anhäu⸗ fung von Eckel, Pein und Gefahr an. Die Proviantbe⸗ hörde macht einen andern Vorſchlag, welcher ihr leichter und förderlicher erſcheint, nämlich ſämmtliche Bettler, ge⸗ ſunde und kranke, an einem einzigen Ort, im Lazareth zu vereinigen, daſelbſt auf öffentliche Koſten zu ernähren und zu verpflegen; und das wurde denn auch beſchloſſen trotz der Einwendungen der Sanitätsbehörde, welche erklärte, daß durch eine ſolche Anhäufung die Gefahr noch vergrö⸗ ßert werde, der man begegnen wolle. Das Lazareth von Mailand— wir bemerken dies für den Fall, daß vorliegende Geſchichte Jemand in die Hände kommen ſollte, der es weder aus eigener An⸗ ſchauung noch aus Beſchreibungen kennt— iſt ein vier⸗ ſeitiger, beinahe quadratförmiger Bezirk außerhalb der Stadt, links von der Porta vrientale, von der Baſtei nur durch die Breite des Grabens eines Schanzenweges, ſowie durch ein Bächlein getrennt, das um dieſen ſelben Bezirk fließt. Die beiden größeren Seiten ziehen ſich etwa 500 Schritte hin, die zwei anderen etwa 15 Schritte weniger; alle ſind nach der Außenſeite zu in kleine Kammern eines einzigen Stock⸗ werks eingetheilt; auf der innern Seite ſind ſie je drei und drei durch eine gewölbte, von kleinen, dünnen Säulen ge⸗ tragene Halle verbunden; die Kammern waren 288 an Zahl, eine auf oder ab: in unſeren Tägen iſt eine gewiſſe Anzahl davon, die ich nicht zu beſtimmen weiß, durch eine 109 große in der Mitte, und eine kleine in einer Ecke der Seite, die ſich an der Hauptſtraße hinzieht, angebrachte Oeffnung hinweggenommen worden. Zur Zeit unſerer Geſchichte waren es nur zwei Zugänge, der eine mitten in der Seite, welche der Stadtmauer entſpricht, der andere gerade gegen⸗ über in der entgegengeſetzten Seite. Im Mittelpunkt des innern Naumes, welcher ganz frei iſt, erhob ſich und erhebt ſich noch jetzt ein achteckiges Kirchlein. Die erſte Beſtim⸗ mung des ganzen Gebäudes, das im Jahr 1489 mit den Geldern eines Privatvermächtniſſes begonnen, ſodann aus Staatsmitteln, wie mit Summen von anderen Erblaſſen und Schenkungen ſonſtiger Art fortgeſetzt wurde, war, wie ſchon der Name andeutet, daß im Falle der Noth die Peſt⸗ kranken hier Schutz finden ſollten; denn die Peſt pflegte ſchon lange vor dieſer Epoche, wie ſie auch noch geraume Zeit nachher that, zwei, vier, ſechs, ja achtmal in einem Jahrhundert, bald in dieſem, bald in jenem Lande Europa's ſich zu zeigen, ja ſie überzog zuweilen einen großen Theil davon, und ſuchte es ſogar manchmal von einem Ende zum andern heim. In dem Augenblick, von welchem wir ſprechen, diente das Lazareth nur als Riederlage der unter Kontumaz geſtellten Waaren. Um es jetzt für ſeine neue Beſtimmung einzurichten, überſchritt man die gewohnten Befehle, und nachdem man in größter Eile die nöthigen Reinigungen, ſowie die vorge⸗ ſchriebenen Verſuche vorgenommen, gab man auf einmal alle Waaren wieder heraus. In ſämmtliche Kammern wurde Stroh aufgeſchüttet, man ſchaffte Lebensmittel herbei, von welcher Art und ſoviel man nur bekommen konnte, und nun erging an ſämmtliche Nothleidende ein öffentlicher Aufruf, ſich dahin zu verfügen. Viele ſtellten ſich mit Vergnügen ein; Alle die auf den Straßen und öffentlichen Plätzen krank lagen, wurden hingeſchafft; in wenigen Tagen befanden ſich von den Einen und Andern mehr als 3000 beſammen. Noch weit größer aber war die Zahl derjenigen, die draußen blieben. Sei 110 es nun, daß jeder Einzelne erwartete, die Anderen würden weggehen, ſo daß er ſelbſt nunmehr in kleiner Geſellſchaft den Bettel in der Stadt ausbeuten könnte, oder war es jene natürliche Abneigung gegen die Einſperrung, oder jenes Mißtrauen der Armen gegen Alles, was ihnen von den Beſitzern des Reichthums und der Gewalt vorgeſchlagen wird(ein Mißtrauen, das immer im Verhältniß zu der gemeinſchaftlichen Unwiſſenheit deſſen, der es hegt, und deſſen, der es einflößt, ſowie zur Anzahl der Armen und Undeutlichkeit der Befehle ſteht), oder war es der Umſtand, daß man die angebotene Wohlthat in ihrem ganzen Werth oder Unwerth erkannte, oder war es das Alles zuſammen, oder irgend etwas Anderes, ſoviel ſteht feſt, daß die Mei⸗ ſten ſich um die Aufforderung nicht bekümmerten, ſondern nach wie vor Bettler ſich in der Stadt herumſchleppten. Als man dies ſah wurde für gut gefunden, von der Ein⸗ ladung zur Gewalt zu ſchreiten. Man ſchickte nach allen Seiten Häſcher aus, welche die Bettler in's Lazareth trei⸗ ben und die widerſpenſtigen gefeſſelt einbringen ſollten; für Jeden von ihnen wurde ein Preis von zehn Soldi ausge⸗ ſetzt; ſo wahr iſt es, daß ſelbſt in den ſchwerſten Drang⸗ ſalen die öffentlichen Gelder immer auf unpaſſende Weiſe verwendet werden. Und obſchon jetzt, wie die Proviant⸗ behörde nicht blos vermuthet, ſondern auch ausdrücklich be⸗ abſichtigt hatte, eine gewiſſe Anzahl von Bettlern aus der Stadt entlief, um anderswo wenigſtens in Freiheit zu leben oder zu ſterben, ſo fiel dennoch die Hetzjagd ſo ergiebig aus, daß binnen kurzer Zeit die Anzahl derjenigen, die halb als Gäſte und halb als Gefangene eingebracht wurden, ſich auf beinahe zehntauſend belief. Was die Weiber und Kinder betrifft, ſo muß man annehmen, daß ſie in abgeſonderten Bezirken untergebracht wurden, obſchon die Denkwürdigkeiten aus jener Zeit kein Wort davon erwähnen. Auch an Vorſchriften und Ver⸗ ordnungen im Intereſſe einer guten Ordnung wird es ſicher⸗ lich nicht gefehlt haben; inzwiſchen kann ſich Jeder denken, ————— —————— 111 was für eine Art von Ordnung hauptſächlich in ſolchen Zeiten und unter ſolchen Umſtänden, in einer ſo zahlrei⸗ chen und ſo verſchiedenartigen Verſammlung, wo ſich die Gezwungenen unter den Freiwilligen befanden, feſtgeſtellt und erhalten werden konnte; in einem Hauſe, wo neben denjenigen, für welche das Betteln eine Nothwendigkeit, ein Schmerz, ein Gegenſtand der Schaam war, ſolche wohnten, die ein Handwerk und eine Gewohnheit daraus gemacht hatten; neben Weibern, die in der ehrbaren Arbeitſamkeit auf den Feldern und in den Werkſtätten aufgewachſen waren, viele Andere, die man auf den Straßen, in den Schenken, unter einer ruchloſen Dienerſchaft zum Müßig⸗ gang, zur Gaunerei, zu Ausſchweifungen aller Art und zu Gewalthätigkeiten großgezogen hatte. Wie dann Alle mit einander untergebracht und ver⸗ pflegt wurden, darüber könnten wir traurige Vermuthungen aufſtellen, wenn wir keine beſtimmten Nachrichten hätten; aber ſolche ſind wirklich vorhanden. Sie ſchliefen zu zwan⸗ zig und dreißig zuſammengedrängt, beinahe aufgeſchichtet in dieſen kleinen Zellen, oder auch unter den Seitenhallen zuſammengekrochen, auf einem Lager von moderndem und ſtinkendem Stroh, oder auf dem bloßen Pflaſter; denn es war zwar der Befehl gegeben, daß das Stroh friſch und hinreichend, wie auch oft erneuert werden ſolle, aber in Wahrheit war es kärglich und ſchlecht geweſen, überdies nicht erneuert worden. Eben ſo beſtand ein Befehl, daß das Brod gut ſein ſolle, denn wo in aller Welt, hat je ein Verwaltungsbeamter geſagt, daß man ſchlechte Waare liefern und vertheilen ſolle? aber wie hätte man Etwas, was ſchon eine minder weitſchichtige Verwaltung unter ge⸗ wöhnlichen Umſtänden nicht hätte verlangen können, im gegebenen Fall und in einer ſolchen Wirrniß zu Stande bringen ſollen? Man ſagte damals, wie wir in den Ge⸗ ſchichtsbüchern finden, das Lazarethbrod ſei mit ſchweren und nicht nahrhaften Stoffen vermengt geweſen, und man hat nur zu viel Grund zu glauben, daß dieſe Klage nicht 112 gänzlich aus der Luft gegriffen war. Sogar an Waſſer ſehlte es; ich meine an lebendigem und geſundem Waſſer: die gemeinſchaftliche Tränke war der ſeichte, träge, zuweilen auch ſchlammige Mühlgraben, der ſich an den Mauern ves Bezirks hinzieht und damals ſo geworden war, wie er durch den Gebrauch und die Nachbarſchaft einer ſo be⸗ ſchaffenen und ſo zahlreichen Menſchenmenge werden mußte⸗ Zu all dieſen Urſachen der Sterblichkeit, die um ſo größern Einfluß hatten, als ſie auf kranke oder ungeſunde Körper wirkten, kam noch eine ſehr ſchlechte Witterung: anhaltende Regengüſſe, auf welche eine noch hartnäckigere Trockenheit und damit eine vorzeitige heftige Schwüle folgte⸗ Zu den Uebeln ſelbſt denke man ſich noch das Gefühl der Uebel, die Wuth über die läſtige Gefangenſchaft, das Ver⸗ langen nach den alten Gewohnheiten, den Schmerz über den Verluſt theurer Angehörigen, die beunruhigende Erin⸗ nerung an abweſende Lieben, die gegenſeitige Beläſtigung und den gegenſeitigen Abſcheu, ſo viele andere theils mit hineingebrachte, theils darin entſtandene Leidenſchaften der Niedergeſchlagenheit oder des Zornes; dann noch die be⸗ ſtändige Todesangſt und den beſtändigen Anblick des Todes, der durch ſo viele Urſachen häufig und hinwiederum eine neue, mächtige Urſache ſeiner ſelbſt geworden war. Was Wunder alſo, wenn die Sterblichkeit in dieſem engen Raume dermaßen anwuchs und überhandnahm, daß ſie den An⸗ ſchein der Peſt gewann, wofür Viele ſie förmlich erklärten⸗ Sei es nun, daß die Vereinigung und Steigerung all dieſer Urſachen blos die Thätigkeit eines reinepidemiſchen Ein⸗ fluſſes erhöhte; ſei es(wie dies auch bei minder drückenden und minder dauernden Theurungen als dieſe war, vorkommt), daß eine wirkliche Seuche ſtattfand, die in den durch Un⸗ gemach und die Schlechtigkeit der Nahrungsmittel, durch die ſchlimme Witterung, Unreinlichkeit, Betrübniß und gänz⸗ liche Muthloſigkeit ſchwerangegriffenen und dazu vorbereite⸗ ten Körpern, ſo zu ſagen, die erforderliche Stimmung und ihre beſte Zeit, kurz, die nothwendigen Bedingungen, um 113 zu entſtehen, ſich zu nähren und zu verbreiten antrifft— wenn es nämlich einem Laien erlaubt iſt, ſolche Worte zu gebrauchen, einer Hypotheſe gemäß, die von einigen Aerz⸗ ten aufgeſtellt und noch in der letzten Zeit mit vielen Grün⸗ den und mit vieler Umſicht von einem ſehr geiſtreichen Gelehrten wieder aufgenommen worden iſt— ſei es ferner, daß die Seuche zuerſt im Lazareth ſelbſt ausgebrochen war, wie zu Folge eines dunkeln und ungenauen Berichtes die Aerzte der Sanitätsbehörde geglaubt zu haben ſcheinen; ſei es, daß ſie ſchon vorher beſtand und im Verborgenen ein⸗ herſchlich(was vielleicht noch die meiſte Wahrſcheinlichkeit hat, wenn man bedenkt, daß das Uebel ſchon alt und allgemein und die Sterblichkeit ſchon groß war), und daß ſie ſich, in's Lazareth eingeſchleppt, mit neuer und furchtbarer Raſchheit dort verbreitete, in Folge der Zuſam⸗ mendrängung von Körpern, welche durch die geſteigerte Wirkſamkeit der andern Urſachen noch empfänglicher dafür geworden waren. Welche von allen dieſen Muthmaßungen nun die wahre ſein mag, die tägliche Zahl der im Lazareth Geſtorbenen belief ſich ungefähr auf hundert. Während hier Niedergeſchlagenheit, Angſt, Schreck und knirſchender Zorn an der Tagesordnung waren, herrſchte auf dem Proviantamte Beſchämung, Beſtürzung, Ungewiß⸗ heit vor. Man berieth ſich, man hörte das Gutachten der Sanitätsbehörde an, es blieb nichts Anderes übrig, als daß man das, was man mit ſo großen Anſtalten, mit ſo vielem Aufwand und ſo drückender Beläſtigung ausgeführt, wieder ungeſchehen machte. Man öffnete das Lazarech, man ent⸗ ließ alle geſunde Arme, die noch da waren und nun mit wüthender Freude entrannen. Die Stadt ertönte abermäls von dem alten Klagegeſchrei, nur daß es jetzt ſchwächer und häufiger unterbrochen warz ſie ſah jenen Schwarm wieder, nur etwas dünner und noch etwas bejammerns⸗ werther, ſagt Ripamonti, wenn man über die Art nach⸗ dachte, wie er ſo abgenommen. Die Kranken wurden nach Die Verlobten. 1II. 8 114 Santa Maria della Stella, dem damaligen Bettlerſpital, geſchafft, wo ſie größten Theils umkamen. Inzwiſchen begannen jedoch die geſegneten Felder wie⸗ der gelb zu werden. Die Armen vom Lande zegen aus der Stadt und gingen wieder in ihre Heimath, der ſo ſchme zlich erſehnten Ernte entgegen. Der gute Federigo verabſchiedete ſie mit einer letzten Kraftanſtrengung und einem neuen Beweiſe ſeiner Mildthätigkeit: jedem Landmann, der ſich im er biſchöflichen Palaſt meldete, ließ er einen Giüulio und eine Senſe reichen. Mit der Ernte hörte die Theurung auf. Die epide⸗ miſche oder contagiöſe Sterblichkeit nahm von Tag zu Tag ab, zog ſich aber noch bis zum Herbſte hin. Sie war im Begriff ganz aufzuhören, als eine neue Landplage ſich einſtellte. Viele wichtige Ereigniſſe von jener Art, die man ſpe⸗ cieller als geſchichtliche bezeichnet, waren in der Zwiſchen⸗ zeit vorgefallen. Der Cardinal von Richelien hatte, nach⸗ dem er, wie geſagt, La Rochelle eingenommen und ſo gut als möglich einen Frieten mit dem König von England zuſammengeſudelt, im Rathe des Monarchen von Frankreich den Vorſchlag gemacht und duich ſein mächtiges Wort durchgeſetzt, daß man den Herzog von Nevers kräftig un⸗ terſtützen ſolle; ja, er hatte ſogar den König ſelbſt über⸗ redet, die Ervedition in eigener Perſon zu leiten, wahrend man die Rüſtungen dazu traf, erklärte der kaiſe liche Com⸗ miſſär in Mantua, Graf von Naſſau, dem neuen Herzoß, daß er die Staaten dem Kaiſer Ferdinand zu übergeben habe, widrigen Folls dieſer eine Armee ſchicken werde, um ſie zu beſetzen. Der Herzog, der in noch verzweifelteren Umſtänden eine ſo harte und ſchlecht begründete Bedingung immer abgelehnt hatte, weigerte ſich jetzt im Vertrauen auf die Hilfe Frankreichs um ſo mehrz er that dies jedoch in Ansorücken, in welchen ſein Nein ſo viel als möglich um⸗ wickelt und hinausgezogen wurde, und zugleich machte er Vorſchläge zu einer noch augenfälligern, aber weniger 115 koſtſpieligen Unterwerfung. Der Commiſſär hatte ſich ent⸗ fernt mit dem Bedeuten, daß man zur Gewalt ſchreiten werde. Im März war dann der Cardinal Richelien wirk⸗ lich mit ſeinem König an der Spitze einer Armee erſchienen; er hatte vom Herzog von Savoyen den Durchzug verlangt, man hatte unterhandelt, war aber zu keinem Abſchluß ge⸗ kommen; nach einem, für die Frnzoſen vortheilhaften Tref⸗ fen, hatte man abeimals unterhandelt und einen Vertrag abge chloſſen, kraft deſſen der Hetzog unter anderen Dingen feſgeſetzt, daß Cordova die Belagerung von Caſale aufhe⸗ ben ſolle, und für den We gerungsfall die Verpflichtung übernommen hatte, ſich mit den Franzeſen zu einem Ein⸗ fall in das He zogthum Matland zu ve einigen. Der Gon⸗ zalo, der auf folche Art wohlfeilen Kaufs davon zu kom⸗ men glaubte, hatte ſein Lager vor Caſale aufgehoben, und nun war ſogleich ein franzöſiſches Corps zur Verſtärkung der Beſatzung eingerückt. Bei dieſer Gelegenheit ſchrieb Achillini ſein berühmtes Sonett an den König Ludwig, Schwitzt Feuer, um Metalle zu bereiten; wie auch noch ein anderes, worin er ihn aufforderte, als⸗ bald zut Befreiung des heiligen Landes auszuziehen. Aber es iſt ein Schickſalsſpruch, daß die Rathſchlage der Dich⸗ ler nicht befolgt werden; und wenn Ihr in der Geſchichte ſie und da auf Ereigniſſe ſtoßet, die ihren Eingebungen entſprechen, ſo könnt Ihr friſchweg annehmen, daß dies zum Voraus abgemachte Sachen waren. Der Cardinal Richelien hatte ſtatt deſſen beſchloſſen, nach Frankreich zu⸗ rückzukehren, wo andere Angelegenheiten ihm dringender er⸗ ſchienen. Der venetianiſche Geſandte Girolamo Soranzo mochte die gewichtigſen Gründe anführen, um dieſen Ent⸗ ſchluß rückgängig zu machen, der König ſowohl, als der Caldinal, betrachteten ſeine Proſa nicht mehr als Achillini's erſe; ſie kehrten mit ihrer Hauptmacht um und ließen nur 6000 Mann in Suſa ſtehen, um den Paß zu beſetzen und den Vertrag aufrecht zu erhalten. 6 116 Während dieſes Heer ſich auf der einen Seite entfernte, zog von der andern die Armee Ferdinands unter dem Gra⸗ ſen Collalto heran; ſie hatte Graubünden und das Veltlin beſetzt und traf Anſtalten, in das mailändiſche Gebiet her⸗ abzuſteigen. Außer all den Beängſtigungen, welche die Kunde von dieſem Marſch hervorrief, ging das traurige Gerücht, ja man hatte ſogar ausdrückliche Nachrichten, daß in dieſem Heere die Peſt herrſche, mit welcher die deutſchen Truppen damals immer ein wenig behaftet waren, wie Varchi bei Gelegenheit derjenigen erzählt, die ſie ein Jahl⸗ hundert vorher in Florenz eingeſchleppt hatten. Aleſſandr Tadino, Mitglied der Geſundheitsbehörde,(es waren ihrer ſechs, außer dem Präſidenten; vier Beamte und zwei Aerzte) wurde, wie er in dem bereits angeführten Berichte ſelbſt erzählt, von derſelben beauftragt, dem Statthalter die ſchreck⸗ liche Gefahr vorzuſtellen, welche dem Lande bevorſtehe, wem man dieſem Heer den Durchzug geſtatte, um, wie das Ge⸗ rücht ging, ſich nach Mantua zu begeben. Aus Don Gon⸗ zalo's ganzem Benehmen geht hervor, daß er ein ungemei⸗ nes Verlangen trug, ſich einen Platz in der Geſchichte zu erwerben, welche auch wirklich nicht umhin konnte, ſich mi ſeinen Thaten zu beſchäftigen; aber wie ihr das häufi begegnet, ſie kannte entweder, oder verzeichnete wenigſten diejenigen ſeiner Thaten nicht, welche der Erinnerung un der Aufmerkſamkeit am würdigſten iſt, nämlich die Ant⸗ wort, die er unter dieſen Umſtänden dem Doctor Tadinb gab. Er antwortete, er wiſſe nicht, was er hier thun ſolle; die Gründe des Vortheils und Rahmes, aus welchen jen Armee marſchire, ſeien gewichtiger als die vorgeſtellte Ge⸗ fahr; inzwiſchen werde man benmöglich abzuhelfen ſuchen man müſſe auf die Vorſehung heffen. Um alſo beſtmöglich abzuhelfen, ſtellten die beiden Aetzi in der Sanitätsbehörde(der erwähnte Tadinv und der Se⸗ nator Settala, der Sohn des berühmten Lodovico) in die ſem Collegium den Antrag, man ſolle unter den aller⸗ ſchärfften Stafen verbieten, irgend Etwas von den Soldate 117 zu kaufen, die durchzumarſchiren hätten; aber es war un⸗ möglich, die Zweckmäßigkeit eines ſolchen Befehls dem Präſidenten begreiflich zu machen, einem herzensguten Mann, ſagt Tadino, der nicht glauben konnte, daß aus dem Ver⸗ kehr und Handel mit dieſen Leuten für ſo viele Tauſende von Menſchen Todesgefahr entſtehen könne. Wir führen dieſen Zug als charakteriſtiſch für jene Zeit an, denn ganz gewiß iſt es, ſo langs es Sanitätsbehörden gibt, noch nie⸗ mals einem andern Präſidenten einer ſolchen eingefallen, in dieſer Weiſe zu raiſonniren, wenn man das überhaupt raiſonnirt nennen will. Was Don Gonzalo betraf, ſo war jene Antwort eine ſeiner letzten Thaten allda; denn die ſchlechten Erfolge in dem großen Theils von ihm ſelbſt angeſtifteten und ge⸗ führten Kriege waren Urſache, daß er im Verlaufe des Sommers von ſeinem Poſten entfernt wurde. Bei ſeiner Abreiſe von Mailand widerfuhr ihm Etwas, was ein gleich⸗ zeitiger Schriftſteller als das erſte Ereigniß dieſer Art an⸗ führt, das einem Manne ſeines Schlags allda zugeſtoßen ſei. Als er nämlich inmitten eines großen Gefolges von Edel⸗ leuten den ſtädtiſchen Palaſt verließ, fand er einen großen Schwarm von Einwohnern vor, die ihm theils den Weg vertraten, theils ſchreiend hinter ihm herliefen und ihm un⸗ ter Verwünſchungen die Hungersnoth vorwarfen, welche er, wie ſie ſagten, durch ſeine Erlaubniß zur Ausfuhr von Getreide und Reis verſchuldet habe. Seine Kutſche, die nachfolgte, bewarfen ſie mit noch ſchlimmeren Dingen als mit Worten: mit Steinen aller Art, Krautſtrünken, Hül⸗ ſen, kurz mit dem gewöhnlichen Schießbedarf bei ſolchen Feldzügen. Von den Wachen zurückgedrängt, zogen ſie zwar ab, aber nur um auf der Straße neue Verſtärkun⸗ gen zu ſammeln und ſich an der Porta Tieineſe aufzuſtel⸗ len, zu welcher er bald hinausfahren ſollte. Als darauf ſeine Kutſche nebſt vielen anderen ankam, ließen ſie auf alle zuſammen mit Händen und Schlendern einen Hagel 1¹18 Steinen fallen. Weiter wurde die Sache nicht ge⸗ rieben. An ſeiner Stelle winde der Marquis Ambrogio Spi⸗ nola abgeſchickt, deſſen Namen bereits in den flandriſchen Kriegen die militäriſche Berühmtheit erworben hat, die ihm noch immer bleibt. Inzwiſchen hatte die deutſche Armee den beſtimmten Befehl erhalten zu dem Unternehmen gegen Mantua auf⸗ zubrechen, und im Monat September zog ſie in Mai⸗ land ein. Die Kriegsheere beſtanden damals großentheils noch aus Abenteurern, welche ſich von den gewerbsmäßigen Con⸗ dottieri im Auftrage dieſes oder jenes Fürſten, zuweilen auch für ihre eigene Rechnung, in welchem Fall die An⸗ führer ſelbſt ſich ſammt den Soldaten ve kauften, anwer⸗ ben ließen. Mehr als vom Sold wurden dieſe Leute durch die Ausſicht auf Pünderung und alle Freuden eines zů⸗ gelloſen Lebens zu ihrem Gewerbe hingezogen. Von einer bleibenden und allgemeinen Disciplin war in einem Heere nicht die Rede; auch hätte ſich eine ſolche mit der unab⸗ hängigen Stellung der Condottiere nicht vertragen. Dieſe insbeſondere kümmerten ſich ſehr wenig um die Disciplin, auch iſt nicht abzuſehen, wie es ihnen ſelbſt beim beſten Willen möglich geweſen wäre, eine ſolche einzuführen und auftecht zu halten; denn Soldaten dieſes Gelichters wür⸗ den ſich entweder gegen einen neuerungsſüchtigen Condot⸗ tiere, der ſich's in den Kopf geſetzt hätte, das Plündern abſchaffen zu wollen, emvött oder ihm wenigſtens allein das Geſchäft überlaſſen haben, ſeine Fahnen zu bewachen. Da nun überdieß die Fürſten, indem ſie, ſo zu ſagen, die Banden in Pacht nahmen, mehr darauf fahen, genug Leute für die Unternehmungen zu bekommen, als etwa die Zahl in ein richtiges Verhältniß zu ihrer gewöhnlich höchſt geringen Zahlungsfähigkeit zu ſetzen, ſo ging der Sold meiſtentheils zu ſpät und in ienr ſc ein, und ſo wurde die Ausplünderung der Länder„welche 119 man bekriegte, oder durch die man marſchirte, gleichſam ein zugeſtandener Erſatz für dieſen Sold. Nicht viel we⸗ niger als ſein Name iſt der Ausſpruch Wallenſteins be⸗ kannt, daß es leichter ſei, eine Armee von hunderttauſend, als eine ſolche von zwölftauſend Mann zu erhalten. Und das Corps, von welchem wir jetzt ſprechen, beſtand größ⸗ tentheils aus ſolchen Leuten, die unter ſeinem Befehle in jenem, ſowohl durch ſich ſelbſt, als durch ſeine Folgen zum berühmteſten unter den Kriegen gewordenen Kriege, der von ſeiner Dauer ſpäter den Namen der dreißigjäh⸗ rige erhielt und damals in ſein elftes Jahr ging, Deutſch⸗ land verwüſtet hatten. Es war ſogar ſein eigenes Regi⸗ ment unter einem ſeiner Unterbefehlehaber dabei; die übri⸗ gen Condottieri hatten größern Theils unter ihm gedientz und es befand ſich mehr als Einer dabei, welcher vier Jahre ſpäter dazu mitheifen ſollte, ihn jenem böſen Ende zuzuführen, das Jedermann kennt. Es waren 28,000 Mann Infanterie und 7000 Pferde; da ſie aus dem Veltlin herabkamen, um in das Mantua⸗ niſche zu ziehen, ſo hatten ſie mehr vder weniger an der Küſte hin den ganzen Weg, welchen die Adda durch zwei Arme des Sees hindurch, und dann von Neuem als Fluß bis zu ihrer Mündung in den Po macht, zu verfolgen; hierauf mußten ſie noch eine gute Strecke an dieſem Fluß hinziehen, und im Ganzen hatten ſie acht Tagemärſche im Herzogthum Mailand zu machen. Ein großer Theil der Einwohner flüchtete ſich in's Gebirge, indem ſie ihre koſtbarſte bewegliche Habe mit ſich nahmen und ihr Vieh vor ſich her trieben; Andere blie⸗ ben zurück, ſei es nun um Kranke zu verpflegen, oder um das Haus vor Feuer zu bewahren, oder um verborgene und vergrabene Koſtbarkeiten im Auge zu behalten; An⸗ dere, weil ſie Nichts zu verlieren hatten; ſchlechte Leute auch, um Beute zu machen. Als die erſte Abtheilung im Raſtorte ankam, breitete ſie ſich ſogleich über dieſes und e 120 die umliegenden Dörfer aus, und plünderte ſie rein aus: Alles was genoſſen oder forigeſchafft werden konnte ver⸗ ſchwand; wir ſchweigen von der Verwüſtung deſſen, was ſie zurückließen, von der Verheerung der Feldg, von der Zerſtörung der Häuſer, von den Schlägen, Verwundun⸗ gen, Schändungen, womit ſie ihren Weg bezeichneten. Alle Erfindungen und Vorkehrungen, um Hab und Gut zu retten, erwieſen ſich häufig als nutzlos und führten manchmal noch größern Schaden herbei. Die Soldaten, Leute, die in den Kriegsliſten auch dieſes Feldzugs weit erfahrener waren, durchſtöberten alle Winkel der Häuſer, riſſen die Wände ein, brachen die Fußböden auf; ſie ent⸗ deckten leicht in den Gärten die friſch aufgeworfene Erde, ſie zogen auf die Gipfel der Berge, um das Vieh zu rau⸗ ben, gingen von böſen Buben, wie wir bereits geſagt haben, geführt in die Höhlen, um irgend einen Reichen aufzuſuchen, der ſich dort verkrochen hatte, plünderte ihn aus, ſchleppte ihn nach ſeiner Wohnung und zwang ihn durch Drohungen und Schläge, den verborgenen Schatz anzuzeigen. Endlich zogen ſie ab, ſie waren wegmarſchirt; man hörte das Getöne der Trommeln oder Trompeten in der Ferne erſterben, es folgten einige Stunden angſtvoller Ruhe, dann aber verkündete ein neues verwünſchtes Ge⸗ trommel, ein neues verwünſchtes Geſchmetter eine neue Abtheilung. Da dieſe Nichts mehr zu erbeuten fanden, ſo zerſchlugen und zertrümmerten ſie mit um ſo größerer Wuth das noch Uebriggebliebene, verbrannten Möbel, Thüren, Balken, Fäſſer, Kufen, manchmal die Häuſer ſelbſt; mit um ſo wilderm Ingrimm vergriffen ſie ſich an den Per⸗ ſonen und mißhandelten ſie, und ſo ging es immer ärger und ärger zwanzig Tage langz denn in ſo viele Züge war das Heer eingetheilt. Folico war die erſte Ortſchaft des Hetzoglhums, it welche dieſe Teufel herfielen; von da warfen ſie ſich au 121 Bellano, und hierauf zogen ſie im Walſaſſina ein, ver⸗ breiteten ſich über das Thal und marſchirten von da aus in das Gebiet von Lecco. Neunundzwanzigſtes Capitel. Hier treffen wir unter den armen Geängſteten wieder Perſonen von unſerer Bekanntſchaft. Wer Don Abbondio nicht an dem Tage geſehen hat, wo die Nachrichten von der Ankunft des Heeres, von ſeinem Näherrücken, von ſeiner Aufführung alle auf einmal ſich verbreiteten, der weiß nicht, was Beklommenheit und Her⸗ zensangſt iſt. Sie kommen; es ſind 30⸗, es ſind 40⸗, es ſind 50,000; es ſind Teufel, es ſind Arianer, es ſind Antichriſten; ſie haben Cortenuova geplündert, ſie ha⸗ ben Primaluna angezündet, ſie verwüſten Introbbiv, Paſturo, Barſio; ſie ſind in Balabbio geſehen worden; morgen ſind ſie hier; ſo lauteten die Gerüchte, die von Mund zu Mund gingen, und das war ein allge⸗ meines Rennen, ein Stehenbleiben, ein tumultuariſches Berathſchlagen, eine Unſchlüſſigkeit, vb man fliehen oder bleiben ſolle, ein Zuſammenlaufen der Weiber, ein ver⸗ zweifeltes Wühlen in den Haaren. Don Abbondio, der ſchon vor allen Anderen und mehr als alle Andere zur Flucht entſchloſſen war, erblickte in jeder Art von Flucht, in jedem Zuftuchtsorte unüberwindliche Hinderniſſe und ſchreckliche Gefahren. Was thun? rief erz wohin mich wenden? In den Bergen war es, auch abgeſehen von den Schwierigkeiten des Weges, nicht mehr geheuer; be⸗ reits hatte man erfahren, daß die Lanzknechte wie Katzen dort herumkletterten und alle Winkel durchſtöberten, wo irgend ein Anzeichen Beute hoffen ließ. Der See ging hoch; es blies ein ſcharfer Wind; überdieß hatten ſich die meiſten Schifſer, damit man ſie nicht zwingen ſollte, 122 Soldaten oder Gepäck zu führen, mit ihren Barken auf das andere Ufer geflüchtet; nur einige wenige Nachen wa⸗ ren zurückgeblieben, aber jetzt auch ſchon vollgepfropft mit Menſchen abgefahren, und man ſagte, daß ſie bei ihrer Ueberladung und dem Sturm jeden Augenblick in der größten Gefahr ſchwebten. Um ſich weit zu fernen und abſeits von der Straße zu reiſen, auf der die Armee mar⸗ ſchiren ſollte, dazu konnte man ſchlechterdings weder eine Kaleſche noch ein Pferd, noch irgend ein anderes Mittel finden; zu Fuß aber hätte Don Abbondio nicht allzuweit kommen können, auch fürchtete er unterwegs eingeholt zu werpen. Die bergamaskiſche Grenze war nicht ſo weit entfernt, daß ſeine Beine ihn nicht in einem Marſch da⸗ hin hätten tragen ſollen, aber bereits hatte ſich das Ge⸗ rücht verbreitet, man habe von Bergamo aus eine Schwa⸗ dron Cappelletti abgeſandt, um die Grenze zu bewachen und die Lanzknechte im Reſpect zu halten, und dieſe Ver⸗ theidiger waren ebenfalls eingefleiſchte Teufel, um kein Haar beſſer als die Feinde, und trieben es ihrerſeits ſo arg ſie nur konnten. Der arme Mann rannte die Augen verdrehend und halb wahnwitzig im Hauſe herum; er lief hinter Perpetua her, um mit ihr einen Entſchluß zu ver⸗ abreden; Perpetua aber, die damit beſchäſtigt war, den beſten Hausrath zuſammenzuraffen und auf dem Boden in Schlupfwinkel zu verſtecken, hatte den Kopf, die Hände und Arme zu voll, als daß ſie ſich viel um ihn beküm⸗ mern konnte; ſie eilte einmal um's andere an ihm vor⸗ über und antwortete bloß: Ich werde ſogleich die Sachen da vollends in Sicherheit gebracht haben, und dann thun wir, was die Anderen auch thun? Don Abbondiv wollte ſie zurückhalten und die verſchiedenen Rettungsmittel mit ihr beſprechen; ſie aber war bei ihrer geſchäftigen Haſt, bei der Angſt, die auch ihr in den Leib gefahren und bei ihrem Aerger über die Feigherzigkeit ihres Herrn unter ſolchen Umſtänden noch ungeberdiger als ſie je geweſen. „Die Anderen beſinnen ſich; wir werden uns auch beſin⸗ 123 nen. Bitte um Entſchuldigung; aber Ihr thut da Nichts, als daß Ihr mich hindert. Meint Ihr denn, daß die Anderen nicht auch ihre Haut zu retten wünſchen? Glaubt Ihr, daß die Soldaten nur Euch allein mit Krieg über⸗ ziehen wollen? Ihr könntet da wohl auch Hand mit an⸗ legen, ſtatt daß Ihr mir immer zwiſchen die Füße lauft und heult und mich hindert.“ Mit dieſen und ähnlichen Antworten, machte ſie ſich von ihm losz denn ſobald ſie ihre tumultuariſche Arbeit vollendet hätte, wollte ſie, das war hereits zu einem feſten Entſchluß bei ihr geworden, ihn wie einen kleinen Jungen bei der Hand nehmen und einen Berg hinaufſchleppen. Da er nun auf dieſe Art allein gelaſſen war, ſo ellte er ſich an's Fenſter, ſpähte hinaus, horchte, und wenn er Jemand vorübergehen ſah, ſo rief er mit halb weinerlicher, halb vorwurfsvoller Stimme: „Erweiſet doch Euerm armen Pfarrer die Liebe und ver⸗ ſchaffet ihm ein Pferd, oder ein Maulthier, oder einen Eſel! Iſt's möglich, daß Niemand mir helfen will? O, was für Leute! So erwartet mich wenigſtens, daß ich mit Euch gehen kann; wattet bis ihr zu 15 oder 20 beiſam⸗ men ſeidz und dann führet mich mit einander fort, damit ich nicht verlaſſen bin. Wollt Ihr mich in den Klauen der Hunde laſſen? Wißt Ihr nicht, daß es größtentheils Lutheraner ſind, bei denen es als etwas Verdienſtliches gilt, einen Prieſter todt zu ſchlagen? Wollt Ihr mich hier laſſen, um den Märtyrertod zu empfangen? Ach, was für Leute! Ach, was für Leute?“ Aber zu wem ſagte er dieſe Dinge? Zu Menſchen, die gebeugt unter der Laſt ihrer armſeligen Fahrhabe und unter dem Gedanken an vas, was ſie zurücklaſſen und der Plünderung preisgeben mußten, an ihm vprüberzogen; zu Leuten, von denen der Eine ſeine junge Kuh vor ſich her triebz ein Anderer ſeine Kinder hinter ſich her zog, denen man gleichfalls ſo viel nur möglich aufgeladen hatte, während die Frau diejenigen, die noch nicht gehen konnten, auf dem Arme trug. Einige eilten vorüber ohne zu ant⸗ 124 worten, oder auch nur hinaufzuſehen, ein Anderer konnte ſagen;„Ei, Herr, thut was Ihr könnt; Ihr könnt von Glück ſagen, daß Ihr für keine Familie zu ſorgen habt; tummelt Euch, haltet Euch dazu.“ „O ich armer Mann!“ rief Don Abbondio;„v was für Leute! was für Herzen! da iſt keine Menſchenliebe; Jeder denkt nur an ſich und an mich will Keiner denken.“ Und er ſuchte Perpetua wieder auf. „Jetzt bin ich gerade fertig,“ ſagte dieſe zu ihm. Und das Geld?“ „Was machen wir damit?“ „Gebt es her, ich will es im Hausgarten ſammt dem Gedecke vergraben.“ i „Aber, aber, gebt her; ſteckt für jeden Fall Etwas zu Euch und dann laßt nur mich machen.“ Don Abbondio gehorchte, ging an ſeinen Kaſten, holte ſeinen kleinen Schatz heraus und übergab ihn Per⸗ petua, welche ſagte:„Ich will ihn im Garten neben dem Feigenbaum verſcharren.“ Damit ging ſie. Bald darauf erſchien ſie wieder mit einem Handkorb, in welchen ſie Mundvorrath legte, und mit einem kleinen leeren Trag⸗ korb; in letztern legte ſie haſtig etwas Weißzeng für ſich und den Herrn, und ſagte dazwiſchen hinein:„Das Bre⸗ vier wenigſtens müßt Ihr tragen.“ „Aber, wo gehen wir hin?“ „Wo gehen die Andern Alle hin? Vor der Hand machen wir uns einmal auf den Weg, dann werden wir ſchon ſehen und hören, was zu thun iſt?“ Inzwiſchen trat Agneſe ein, gleichfalls mit einem kleinen Korb auf dem Rücken und mit der Miene eines Menſchen, der einen wichtigen Vorſchlag zu machen hat. Auch ſie war entſchloſſen, Gäſte ſolcher Art, da ſie ganz allein im Hauſe war und noch einiges von dem Gold des Ungenannten beſaß, nicht zu erwarten; aber ſie war einige Zeit unſchlüſſig geweſen, wohin ſie ſich flüchten ſollte. Eben die Ueberbleibſel jener Seudi, die ihr in den Hun⸗ germonaten ſo wohl zu ſtatten gekommen, waren die Haupt⸗ urſache ihrer Angſt und Unſchlüſſigkeit, weil ſie gehört hatte, daß bereits in den überzogenen Dörfern, diejenigen die etwas Geld beſaßen, ſich in einer noch ſchrecklicheren Lage befunden hatten als alle Andern, da ſie zugleich der Gewaltthätigkeit der Fremden und der tückiſchen Bosheit der Einheimiſchen ausgeſetzt waren. Sie hatte allerdings das Geheimniß von dem Gute, das ihr ſo zu ſagen in den Schooß gefallen war, Niemand anvertraut, als Don Ab⸗ bondio, von dem ſie ſich einen Seudo um den andern wechſeln ließ, wobei ſie ihm immer Etwas zurückließ, um es den Leuten zu geben, die noch ärmer wären als ſie. Aber verborgenes Geld erhält den Beſitzer, zumal wenn er nicht gewöhnt iſt, viel davon in der Hand zu haben, in beſtändigem Argwohn gegen den Argwohn Anderer. Wäh⸗ rend auch ſie hin und her ging, um das, was ſie nicht mit ſich tragen konnte, irgendwo zu verſtecken, fiel ihr beim Gedanken an die Seudi, welche ſie in ihr Mieder einge⸗ näht hatte, ein daß der Ungenannte ihr zugleich mit die⸗ ſen Goldſtücken auch die freundlichſten Dienſtanerbietungen zugeſchickt habe. Sie erinnerte ſich deſſen, was man ihr von ſeiner Feſtung erzählt hatte, wie ſie an einem ſo feſten Orte läge, daß ohne den Willen des Eigenthümers nur allein die Vögel des Himmels dorthin kommen könn⸗ ten, und ſie beſchloß nun, dahin zu gehen und um eine Freiſtätte zu bitten. Sie ſann darüber nach, wie ſie ſich dem Herrn zu erkennen geben könne, und da fiel ihr ſo⸗ gleich Don Abbondio ein, der ihr ſeit der bewußten Be⸗ ſprechung mit dem Etzbiſchof ganz beſonderes Wohlwollen bewieſen hatte, was ihm um ſo mehr von Herzen ging, als er es thun konnte, ohne ſich mit Jemand zu überwer⸗ ſen, und als bei der Entfernung der beiden jungen Leute auch der Fall nicht wohl denkbar war, daß man eine Bitte an ihn richten könnte, wodurch dieſes Wohlwollen auf eine ſchwere Probe geſtellt wülde. Sie ſetzte voraus, daß 125 in einer ſolchen Bedrängniß der arme Mann noch beklom⸗ mener und heſtürzter als ſie ſelbſt ſein und daher dieſen Plan ungemein gut finden werde; ſie kam alſo jetzt, um ihren Vorſchlag zu machen. Da ſie ihn bei Perpetua traf, ſo trug ſie die Sache beiden zugleich vor. „Was ſagt Ihr dazu, Perpetua?“ fragte Don Ab⸗ ondio. „Ich ſage, daß dies eine Eingebung des Himmels iſt, und daß man keine Zeit verlieten darf, ſondern ſchnell den Weg unter die Füße nehmen muß.“ „Und dann?“ „Und dann und dann, wenn wir einmal dort find, werden wir ſehr froh ſein. Man weiß ja jetzt von dieſem Herrn, daß er auf alle Weiſe ſeinen Nebenmenſchen nütz⸗ lich zu werden wünſcht, und ſo wird er uns mit Vergnü⸗ gen aufnehmen. Dort auf der Grenze und ſo hoch oben werden ſich die Soldaten gewiß nicht blicken laſſen. Und dann, und dann werden wir auch Etwas zu eſſen dort finden. Denn da oben auf den Bergen würden wir, wenn dieſes Bischen Gottesgabe all würde— ſo ſprechend legte ſie ihren Mundvorrath neben das Weißzeug in den Korb — uns ſehr ſchlecht befinden.“ „Bekehit, er iſt alſo wirklich bekehrt? he?“ „Wie könnt Ihr daran noch zweifeln nach allem dem, was man von ihm hörte und was Ihr ja ſelbſt geſehen habt?“ „Und wenn wir uns nun ſelbſt in den Käfig lie⸗ ferten?“ „Was Käſig? Mit Euerem Geſchwätze da, nehmt mir's nicht übel, kommt man niemals von der Stelle. Brave Agneſe, Ihr habt wahrhaftig da einen guten Ge⸗ danken gehabt.“ So ſprechend ſtellte ſie den Koib auf ein Tiſchchen fuhr mit den Armen in die Gurte und lud ihn auf ihren Rücken.—. „Könnte man denn nicht,“ ſagte Don Abbondio,„ir⸗ gend einen Mann finden, der mit uns käme, um ſeinem 127 Pfarter das Geleite zu geben? Wenn wir da einem ſol⸗ chen Hallunken begegneten, dergleichen ſich nur allzuviel hier herumtreiben, was könntet Ihr mir da helfen?“ „Schon wieder Etwas, um die Zeit zu verlieren,“ rief Perpetua.„Man läuft nur ſo herum und ſucht einen Mann, jetzt wo jeder an ſeine eigene Haut zu denken hat. Vorwärts, holt Euer Brevier und Euern Hut, dann wollen wir gehen!“ Don Abbondio ging, kam ſchnell mit dem Brevier unter dem Arm, den Hut auf dem Kopf und den Stock in der Hand zu ück, und nun gingen ſie alle drei durch ein Pförtchen, das auf den Kirchhof führte. Perpetna ver⸗ ſchloß es, mehr um eine Fö mlichkeit nicht zu verſäumen, als weil ſie etwa großes Zutrauen auf dieſes Schloß und dieſe Thüre geſetzt hätte, und ſteckte den Schlüſſel in die Taſche. Don Abbondio warf im Vorbeigehen einen Blick auf die Kirche und ſagte zwiſchen den Zähnen:„Es iſt Sache der Gemeinde, ſie zu bewachen, denn ſie dient ihr. Wenn die Leute einiges Herz für ihre Kirche haben, ſo werden ſie daran denken; wenn ſie kein Herz dazu haben, ſo haben ſie ſich's ſelbſi zuzuſchreiben.“ Sie ſchlugen ganz ſtill den Weg durch die Felder ein, alle mit ih'en eigenen Gedanfen beſchäftigt und ſich rings um ſchatend, beſonders Don Abbondio, ob irgend eine gefährliche Geſtalt, irgend ein verdächtiges Ding zum Vorſchein käme. Sie begegneten Niemand; die Leute wa⸗ ren entweder in ihren Häuſern, um ſie zu hüten, ihr Bün⸗ del zu ſchnüren, Etwas auf die Seite zu ſchaffen, oder be⸗ fanden ſie ſich auf den Wegen, die ge ade nach dem Hoch⸗ land gingen. Nachdem er zu wiederholten Malen laut geſeufzt und dann einige zerſtreute Interjectionen von ſich gegeben hatte, begann Don Abbondio mehr im Zuſammenhang zu brum⸗ men. Er band mit dem Herzog von Mevers an, weſcher wohl hätte in Franfleich bleiben und doit als Fürſt hatte ein ordentliches Leben führen können, nun aber aller Welt 128 zum Trotz Herzog von Mantua ſein wollte; mit dem Kai⸗ ſer, der für die andern Narren hätte Verſtand haben und das Waſſer den Bach hinab hätte laufen laſſen ſollen, ſtatt Alles gleich ſo empfindlich aufzunehmen: denn er wäre ja doch immer der Kaiſer geblieben, ob nun der Herzog von Mantua Hinz oder Kunz heiße. Ganz beſonders ging er dem Statthalter zu Leibe, dem es zugekommen wäre Alles aufzubieten, um dieſe Landplage abzuhalten, und der ſie nun gerade herangezogen habe; blos weil der Krieg ihm Spaß mache.„Dieſe Herrn,“ ſagte er,„ſollten nur einmal hierherkommen, damit ſie ſähen und erführen, wie groß das Vergnügen iſt. Sie haben eine ſchwere Rechen⸗ i abzulegen. Inzwiſchen aber müſſen die Unſchuldigen üßen. „Laßt doch dieſe Leute einmal in Ruhe, denn ſie wer⸗ den uns nicht zu Hilfe kommen,“ ſagte Perpetua;„nehmt mirs nicht übel, das ſind wieder Eure gewöhnlichen Re⸗ densarten, mit denen man keinen Hund aus dem Ofen lockt. Aber, was mich ärgert 4 „Nun was denn?“ Perpetua, die unterwegs gemächlich über das Verſteck nachgedacht, deſſen ſie ſich in der Eile bedient hatte, be⸗ gann jetzt zu klagen, daß ſie das und das vergeſſen, das und das ſchlecht aufbewahrt, dort eine Spur hinterlaſſen habe, welche die Räuber aufmerkſam machen könne, hier... „Ja, Ihr ſeid mir eine Schöne,“ ſagte Don Abbon⸗ dio, der ſich von der Furcht um ſein Leben in ſo weit genug er⸗ holt hatte, daß er ſich nun um ſeine Habe ängſtigen konnte, „Ihr ſeid mir eine Schöne; ſo habt Ihr es alſo gemacht! wo hattet Ihr denn Euern Kopf?“ „Wie?“ rief Perpetua, indem ſie einen Augenblick ſtehen blieb und die Fäuſte in die Seiten ſtemmte, ſo weit es der Korb ihr geſtattete:„Wie, Ihr wollt jetzt herkom⸗ men und mir ſolche Vorwürfe machen, während Ihr gerade mir den Kopf verwirrtet, ſtatt mir beizuſtehen und mir Muth zuzuſprechen! Ich habe vielleicht mehr für das Hans 129 als für meine eigenen Sachen geſorgt; ich habe Niemand gehabt, der mir eine Hand reichte, ich habe mich wie Martha und Magdalena plagen müſſen; wenn irgend Et⸗ was ſchlecht geht, ſo iſt es nicht meine Schuld; ich habe noch mehr als meine Schuldigkeit gethan.“ Agneſe unterbrach dieſen Streit, indem auch ſie von ihrem Unglück zu ſprechen anfing, und zwar klagte ſie nicht ſowohl über die Mühſeligkeiten und den eriittenen Schaden, als über den Verluſt aller Hoffnungen, ihre Lucia bald wieder zu umarmen, denn wenn man ſich erinnert, es war gerade dieſer Herbſt, auf den ſie einander vertröſtet hatten, und es ließ ſich nicht annehmen, daß Donna Praſſede unter ſo bewandten Umſtänden aufs Land käme; ſie würde vielmehr abgereiſt ſein, wenn ſie ſich da befunden hätte, wie dies alle Andern thaten, die eine Villa bewohnten. Der Anblick dieſer Orte machte Agneſens Betrach⸗ tungen noch lebendiger und ihre Sehnſucht noch ſchmetz⸗ licher. Sie hatten die Feldwege verlaſſen und die Haupt⸗ ſtraße eingeſchlagen, dieſelbe, auf welcher die arme Frau ihre Tochter nur auf ſo kurze Zeit wieder nach Hauſe ge⸗ führt, nachdem ſie ſich mit ihr bei dem Schneider aufge⸗ halten hatte. Und man erblickte bereits das Dorf. „Wir wollen doch hingehen und dieſen braven Leuten guten Tag ſagen,“ bemerkte Agneſe. „Und auch ein bischen ausruhen, denn ich habe an dem Korbe jetzt mehr als genug, dann wollen wir auch ein bischen eſſen,“ ſagte Perpetua. „Unter der Bedingung, daß wir keine Zeit verlieren, denn wir ſind wahrlich auf keiner Vergnügungsreiſe,“ be⸗ merkte Don Abbondio. Sie wurden mit offenen Armen empfangen und mit großem Vergnügen geſehen, denn ſie erinnerten an eine gute That. Thut ſo Vielen als möglich Gutes, ſagt hier unſer Autor, und dann werdet Ihr um ſo häufiger Ge⸗ ſichtern begegnen, die Euch Freude machen⸗ Agneſe brach, als ſie die gute Frau umarmte, in Die Verlobten. MI. 9 130 einen Strom von Thränen aus, der ihr Herz ſehr erleich⸗ terte, und unter vielem Schluchzen beantwortete ſie die Fragen der beiden Eheleute nach Lucia. „Es geht ihr beſſer als uns,“ ſagte Don Abbondio, F⸗ iſt, in Mailand außer Gefahr, fern von dieſen Teu⸗ eleien. „Ihr ſeid auf der Flucht, he, der Herr Pfarrer und die Geſellſchaft?“ ſagte der Schneider. „Ja freilich,“ antwortete der Herr und die Dienerin mit einer Stimme. „Ich beklage Euch.“ „Wir wollen,“ ſagte Don Abbondio,„nach der Fe⸗ ſtung des** gehen.“ „Das habt Ihr Euch wohl ausgedacht; Ihr ſeid da ſicherer wie im Paradies.“ „Und hier hat man keine Angſt?“ ſagte Don Ab⸗ bondiv. „Ich will Euch Etwas ſagen, Herr Pfarrer; ſo eigentlich ins Quartier, wie der höfliche Ausdruck dafür heißt, werden ſie wohl nicht hierher kommen, wir liegen ihnen, Gott ſei Dank, zu ſehr abwegs. Höchſtens einige kleine Streifzüge, was Gott verhüten möge; aber jeden⸗ falls hat es noch gute Zeit und man wird auch vorher Nachricht aus den armen Dörfern erhalten, wo ſie eigent⸗ lich ihr Weſen treiben.“ Man beſchloß hier ein wenig auszuruhen, und da es gerade Mittagszeit war, ſo ſagte der Schneider:„Die Herrſchaften müſſen meinen armen Tiſch beehren, ich gebe ſo gut ich's habe; wenig, aber aus freundlichem Herzen. Perpetua ſagte, ſie habe etwas Mundvorrath mitge⸗ bracht. Nach einigen gegenſeitigen Komplimenten wurde beſchloſſen, Alles zuſammenzulegen und eine gemeinſchaft⸗ liche Mahlzeit zu halten. Die Kinder hatten ſich mit großem Vergnügen um ihre alte Freundin Agneſe geſchaart; der Schneider beauf⸗ tragte ſogleich ein kleines Mädchen(dasſelbe, das der 131¹ Wittwe Maria Etwas von jener Gottesgabe gebracht hatte, wer weiß, ob noch jemand daran denkt!) einige frühreife Kaſtanien, die in einem Winkel lagen, zu ſchälen, damit man ſie röſten könnte. „Und Du,“ ſagte er zu einem Jungen,„geh in den Garten und ſchüttle den Pfirſichbaum, daß Etwas abfällt, und bring es her. Und Du,“ ſagte er, zu einem andern, „ſteig auf den Feigenbaum und brich einige von den reif⸗ ſten ab. Ihr verſteht ja alle dies Handwerk nur zu gut.“ Er ſelbſt ging und ſtach ein Fäßchen an, die Frau holte weißes Tiſchzeug; Perpetua zog ihren Mundvorrath her⸗ vor; der Tiſch wurde gedeckt: eine große Serviette und ein Teller von Halbporzellan auf den Ehrenplatz für Don Ab⸗ bondio mit einem Gedeck, das Perpetua im Korbe hatte Es wurde aufgetragen, man ſetzte ſich und aß, wenn auch nicht mit großer Fröhlichkeit, doch mit weit mehr Vergnü⸗ gen, als irgend einer der Tiſchgenoſſen ſich für dieſen Tag verſprochen hatte. „He, Herr Pfarrer,“ ſagte der Schneider,„was ſagt denn Ihr zu einem ſolchen Wirrwarr? Es iſt mir gerade, als läſe ich die Geſchichte der Mohren in Frankreich.“ „Was ſoll ich ſagen? daß mir auch das noch über den Hals kommen mußte!“ „Inzwiſchen habt Ihr Euch eine gute Zufluchtsſtätte auserkoren,“ fuhr der Schneider fort;„wer wird es wagen wollen mit Gewalt dahinauf zu kommen? Auch werdet Ihr Geſellſchaft genug vorfinden, denn man hat gehört, daß viel Volks ſich dahin geflüchtet hat, und daß noch täglich neue Flüchtlinge ankommen.“ „Ich will hoffen,“ ſagte Don Abbondio,„daß man uns gut empfangen wird. Ich kenne dieſen Herrn, und als ich früher einmal die Ehre hatte, bei ihm zu ſein, war er ſo ungemein höflich gegen mich.“ „Und mir,“ ſagte Agneſe,„mir hat er durch den hochwürdigen Herrn Erzbiſchof ſagen laſſen, wenn ich je⸗ mals Etwas bedürfe, ſo ſolle ich nur zu ihm kommen.“ 132 „Eine wunderbar ſchöne Bekehrung,“ bemerkte Don Abbondio:„und ſie hält Stich, nicht wahr? Sie hält Stich?“ Der Schneider begann umſtändlich von dem heiligen Leben des Ungenannten zu ſprechen und ſchilderte, wie derſelbe, nachdem er eine wahre Landplage geweſen, nun⸗ mehr ein Vorbild und der Wohlthäter der ganzen Umge⸗ gend geworden ſei. „Und all die Leute, die er bei ſich hielt... Seine Dienerſchaft?“ fragte Don Abbondiv, der zwar öfter da⸗ von gehört hatte, aber ſeiner Sache noch immer nicht ſicher genug war. „Die Meiſten ſind fortgejagt worden,“ antwortete der Schneider:„die Zurückgebliebenen aber haben ihren Wandel geändert, und wie! Kurz und gut, dieſe Feſtung iſt eine wahre thebaiſche Wüſte geworden, Ihr wißt ja dieſe Ge⸗ ſchichten.“ Sodann begann er mit Agneſe über den Beſuch des Cardinals zu ſprechen.„Ein großer Mann!“ ſagte er, „ein großer Mann! Nur Schade, daß er ſo flüchtig hier durchgekommen iſt, ſo daß ich ihm nicht einmal ein bis⸗ chen Ehre erweiſen konnte. Wie gerne möchte ich noch einmal mit ihm ſprechen, aber mit etwas mehr Bequem⸗ lichkeit!“ Als ſie dann vom Tiſch aufgeſtanden waren, zeigte er ein gedrucktes Bild des Cardinals, das er an einem Thürpfoſten angeklebt hatte, theils aus Verehrung für den Mann, theils auch, um allen ſeinen Gäſten ſagen zu kön⸗ nen, das Bild ſei nicht ähnlich, denn er habe den Car⸗ dinal ganz in der Nähe mit aller Bequemlichkeit in dieſem Zimmer ſelbſt beobachten können. „Das Ding da ſoll ſein Conterfei ſein?“ ſagte Ag⸗ neſe.„In den Kleidern gleicht es ihm, aber. „Nicht wahr, es ſieht ihm nicht gleich?“ ſagte der Schneider;„das ſage ich immer auch, aber, wenn es auch 133 nichts Anderes iſt, ſo ſteht doch ſein Name darunter: es iſt ein Andenken.“ Don Abbondiv mahnte zur Eile; der Schneider er⸗ bot ſich eine Barutſche aufzuſuchen, um bis an den Fuß der Höhe zu fahren; er ging daher ſogleich aus und kam bald mit der Nachricht zurück, daß ſie komme. Dann wandte er ſich an Don Abbondio und ſagte zu ihm: „Herr Pfarrer, wenn Ihr vielleicht ein Buch mit hinauf⸗ nehmen möchtet, um Euch die Zeit zu vertreiben, ſo kann ich bei all meiner Armuth damit dienen; denn auch ich gebe mich ein wenig mit Leſen ab. Es ſind freilich keine gelehrten Bücher wie die Eurigen, ſondern ſie ſind in der Mutterſprache geſchrieben, aber dennoch...4 „Ich danke Euch vielmals,“ antwortete Don Abbon⸗ dio;„wir befinden uns in Umſtänden, wo man allerdings mit ſeinem bischen Verſtand kaum ausreicht.“ Während Dankbezeugungen abgeſtattet und abgelehnt, Beileidsbezeigungen und Glüͤckwünſche, Einladungen und Verſprechungen eines neuen Beſuchs auf dem Rückweg ausgetauſcht werden, iſt die Barutſche vor dem Haus an⸗ gefahren. Unſere Wanderer packen die Körbe auf, ſteigen ein, und ſo unternehmen ſie mit etwas mehr Behaglichkeit und Seelenruhe die zweite Hälfte ihrer Reiſe. Der Schneider hatte Don Abbondio in Beireff des Ungenannten die Wahrheit geſagt. Von dem Tage an, wo wir ihn verlaſſen haben, war er fortwährend bemüht geweſen, ſein damals gegebenes Verſprechen zu halten, an⸗ gerichtete Schäden wieder gut zu machen, Frieden zu ſtif⸗ ten, den Armen beizuſtehen, kurz alles Gute zu thun, wozu ſich ihm eine Gelegenheit darbot. Jenen Muth, den er früher in Trutz und Wehr gezeigt hatte, bewies er jetzt dadurch, daß er ſich auf beide Kampfarten nicht mehr ein⸗ ließ. Er hatte alle Waffen abgelegt und ging immer allein, ſtets bereit, ſich den möglichen Folgen ſo vieler begangener Gewaltthaten zu unterziehen, und überzeugt, daß er eine neue begehen würde, wenn er zur Vertheidigung eines 134 Hauptes, das ſo vielen Leuten und ſo ſchwer verſchuldet war, Gewalt brauchte; überzeugt ferner, daß jede Unbill, die man ihm zufüge, zwar eine Uebertretung der göttlichen Gebote, aber in Bezug auf ihn ſelbſt eine gerechte Wie⸗ dervergeltung wäre, und daß es ihm ſelbſt weniger als jedem Andern zuſtände eine ſolche Beleidigung zu beſtra⸗ fen. Bei allem dem war er nicht weniger unangefochten geblieben, als zur Zeit, wo er über ſo manche bewaffnete Arme gebot. Die Erinnerung an ſeine ehemalige Wild⸗ heit und der Anblick ſeiner nunmehrigen Sanftmuth, jene Erinnerung, die ſo mannigfachen Wunſch nach Rache an⸗ geregt hatte, dieſer Anblick, der die Rache ſo leicht erſchei⸗ nen ließ, trugen jetzt beide dazu bei, ihm eine Bewunderung zu verſchaffen und zu bewahren, welche ihm die vollſte Sicherheit verbürgte. Da war dieſer Mann, den kein an⸗ derer zu demüthigen vermocht, und der ſich ſelbſt gedemü⸗ thigt hatte. Der Groll, den ſein übermüthiger Trotz und die Furcht Anderer früher erregt hatte, verſchwand jetzt vor dieſer neuen Demuth; die Beleidigten hatten wider alles Erwarten und ganz gefahrlos eine Genugthuung erhalten, welche ſie ſich von der glücklichſten Rache nicht hätten ver⸗ ſprechen können, die Genugthuung, einen ſolchen Mann tief betrübt über das verübte Unrecht und ihn, ſo zu ſagen ihre Entrüſtung darüber theilen zu ſehen. Mehr als Einer, deſſen bitterſter und tiefſter Verdruß jahrelang darin beſtan⸗ den hatte, daß er keine Wahrſcheinlichkeit vor ſich ſah, je⸗ mals mächtiger zu werden als er, um ihm eine Beleidi⸗ gung vergelten zu können, hatte jetzt, wenn er ihn allein, wehrlos und in der Haltung eines Menſchen, der keinen Widerſtand leiſten würde, auf der Straße traf, keine andere Regung empfunden, als einen Drang, ihm Ehre zu erwei⸗ ſen. In dieſer freiwilligen Erniedrigung hatte ſeine Per⸗ ſönlichkeit und ſeine ganze Haltung ihm, ohne daß er es ſelbſt wußte, eine gewiſſe Hoheit einen gewiſſen Adel ver⸗ liehen, weil aus Allem ganz deutlich hervorging, daß dieſe Haltung nicht in der Furcht ihren Grund haite. Selbſt 135 der roheſte und hartnäckigſte Haß fühlte ſich durch die all⸗ gemeine Verehrung für den bußfertigen und wohlthätigen Mann gleichſam gebunden und im Reſpect erhalten. Dieſe Verehrung war ſo groß, daß er ſich oft kaum vor den Kundgebungen derſelben zu ſchützen wußte, und er mußte ſich bemühen ſeine tiefgefühlte innere Zerknirſchung nicht allzu ſehr auf ſeinem Geſicht und in ſeinen Geberden zur Schau zu tragen, ſich nicht allzu ſehr zu erniedrigen, um nicht allzuſehr erhöht zu werden. Er hatte ſich in der Kirche den geringſten Platz auserwählt, und Niemand würde es gewagt haben, ihm denſelben wegzunehmen; man würde dies als die Anmaßung eines Ehrenplatzes gedeutet haben. Vollends eine Beleidigung oder auch nur eine unehrerbietige Begegnung, die ſich jemand gegen ihn er⸗ laubt hätte, würde als ein Vergehen und eine Niederträch⸗ tigkeit, ja ſogar als eine Kirchenſchändung gegolten haben, und ſelbſt diejenigen, die ſich durch dieſes Gefühl Anderer ſua ließen, theilten es mehr oder weniger gleich⸗ alls. Dieſe und andere Gründe lenkten auch die entfern⸗ tere Ahndung Seitens der öffentlichen Gewalt von ihm ab und verſchafften ihm auch von dieſer Seite eine Sicher⸗ heit, um die er ſich nicht einmal viel bekümmerte. Sein Stand und ſeine Verwandtſchaft, die ihm zu jeder Zeit einigermaßen Schutz gewährt hatten, kamen ihm um ſo mehr zu Statten, jetzt da zu dem ſchon früher berühmten und geſchändeten Namen nunmehr das perſönliche Lob, der Ruhm der Bekehrung ſich geſellte. Die Obrigkeiten und die öffentliche Gewalt hatten ſich wie das Volk dar⸗ über gefreut, und es hätte ſeltſam ſcheinen müſſen, wenn ſie gegen einen Mann, welcher der Gegenſtand ſo vieler Glückwünſche geworden, ſtrenge eingeſchritten wäre. Ueber⸗ dies konnte eine Macht, die von einem beſtändigen und oft unglücklichen Krieg gegen heftige und häuſig ſich wieder⸗ holende Empörungen in Anſpruch genommen war, ſich wohl damit begnügen von dieſer unbändigſten und beläſtig 136 ſten befreit zu ſein und die Sache bewenden laſſen, zumal da dieſe Bekehrung überdies Genugthuungen herbeiführte, welche die öffentliche Gewalt nicht zu erlangen, ja nicht einmal zu fordern gewohnt war. Einen Heiligen zu quä⸗ len ſchien keine paſſende Rettung vor der Schande, daß man einen Verbrecher nicht zu überwältigen vermocht hatte, und das Beiſpiel, das man an ihm hätte ſtiften können, hätte wohl keine andere Folge gehabt, als daß es ſeines Gleichen von jedem Gedanken abgebracht hätte, gleichfalls unſchädlich zu werden. Wahrſcheinlich diente auch der An⸗ theil, welchen der Cardinal Federigo an der Bekehrung ge⸗ habt, und die innige Verbindung ſeines Namens mit dem des Bekehrten, dem letztern ſo gut wie ein geweihter Schild. Und bei dieſem Stand der Dinge und der Ideen, bei dieſen eigenthümlichen Verhältniſſen der geiſtlichen Würde und der weltlichen Gewalt, welche ſo häufig mit einander kämpften, ohne daß ſie ſich jedoch gegenſeitig zu vernichten trachteten, indem ſie vielmehr immer in die Feindſeligkeiten Beweiſe der Anerkennung und Betheuerun⸗ gen der Verehrung miſchten, ja ſogar manchmal gemein⸗ ſchaftlich auf ein und daſſelbe Ziel losſtrebten, ohne jemals Frieden zu ſchließen, konnte es gewiſſermaßen ſcheinen, als ob die Verſöhnung mit der erſten die Vergeſſenheit, wo nicht die Freiſprechung Seitens der zweiten nach ſich zöge, wäh⸗ rend jene allein ſich bemüht hatte, eine von beiden ge⸗ wünſchte Wirkung herheizuführen. So kam es, daß dieſer Mann, über welchen, wenn er gefallen wäre, Groß und Klein gleichfalls in die Wette hergeſtürzt ſein würde, nunmehr nach ſeiner freiwilligen Unterwerfung von Allen geſchont und von Vielen mit Huldi⸗ gungen umgeben wurde. Es iſt wahr, daß es auch Viele gab, denen dieſe ge⸗ räuſchvolle Sinnesänderung ganz und gar kein Vergnügen bereitete: ſo viele Genoſſen auf dem Wege des Laſters, die eine ſo große Macht verloren, auf welche ſie bisher gerech⸗ net hatten, die wohl auch die Fäden ſo mancher und 137 ſchon lange angezettelter Anſchläge plötzlich zeriſſen ſahen, in einem Augenblick, wo ſie die Kunde von der Ausfüh⸗ rung ihrer Pläne erwarteten. Aber wir haben bereits ge⸗ ſehen, welch verſchiedene Empfindungen dieſe Bekehrung bei den Banditen heworrief, die ſich damals bei ihrem Herrn befanden und dieſelbe aus ſeinem eigenen Munde vernahmen: Verblüfftheit, Schmerz, Niedergeſchlagenheit, Aerger, von Allem Etwas, nur nicht Verachtung oder Haß. Derſelbe Fall trat bei den Andern ein, die er auf ver⸗ ſchiedenen Poſten zerſtreut hatte, derſelbe Fall auch bei ſei⸗ nen Mitſchuldigen höhern Rangs, als ſie die furchtbare Nachricht erfuhren, und alle wurden von den gleichen Gründen geleitet. Dagegen warf ſich, wie ich in der an⸗ derwärts erwähnten Stelle von Ripamonti finde, viel Haß auf Federigo. Sie betrachteten dieſen als einen Mann, der ſich in feindſeligen Abſichten in ihre Angelegenheiten ge⸗ miſcht habe; der Ungenannte habe ſeine Seele retten wol⸗ len; Niemand ſei berechtigt, ſich darüber zu beklagen. Der größte Theil der in ſeinen Dienſten ſtehenden Banditen hatte ſich allmälig, da ſie ſich der neuen Dis⸗ ciplin nicht fügen konnten und auch keine Wahrſcheinlich⸗ keit einer Aenderung derſelben vorausſahen, entfernt. Einer wird einen andern Herrn geſucht haben und vielleicht zu⸗ fallig unter den alten Freunden desjenigen, den er verließ; ein Anderer wird bei einem Fähnlein für Spanien oder Mantua oder irgend eine andere kriegführende Macht Dienſte genommen haben; ein Dritter warf ſich vielleicht auf die Straße, um den Krieg im Kleinen und auf eigene Rechnung zu führen; ein Vierter begnügte ſich wohl auch mit der Gelegenheit frei im Lande herumzuſtreichen. Das⸗ ſelbe werden gewiß auch die Andern gethan haben, die früher an verſchiedenen Orten unter ſeinen Befehlen ſtan⸗ den. Von denjenigen endlich, die ſich an die neue Lebens⸗ weiſe gewöhnen konnten, oder ſie freiwillig ergriffen hatten, waren die Meiſten als Eingeborne des Thales auf ihre Felder oder zu den Gewerben zurückgekehrt, die ſie in ihrer 138 Jugend gelernt und ſpäter gegen das Banditenleben ver⸗ tauſcht hatten; die Fremden waren zum häuslichen Dienſt auf der Burg geblieben, die Einen und die andern richte⸗ ten, gleich als wären ſie zu gleicher Zeit wie ihr Gebie⸗ ter des himmliſchen Segens theilhaftig geworden, ihren Wandel nach ſeinem Vorbilde ein, begingen und erlitten kein Unrecht und waren trotz ihrer Wehrloſigkeit geſchützt. Als aber beim Anzug der deutſchen Horden einige Flüchtlinge aus überfallenen oder bedrohten Dörfern auf die Burg kamen, um Schutz zu erflehen, da war er hoch⸗ erfreut, daß dieſe ſeine Mauern nunmehr als Zufluchts⸗ ſtätte von den Schwachen geſucht wurden, welche ſie ſeit ſo langer Zeit aus der Ferne als ein Schreckbild betrach⸗ tet hatten, und er nahm die Flüchtlinge nicht ſowohl mit Ausdrücken der Höflichkeit als vielmehr der Erkenntlichkeit auf; er ließ bekannt machen, daß ſein Haus jedem offen ſtehe, der ſich zu ihm flüchten wolle, und er traf ſogleich Anſtalten, um nicht blos die Burg, ſondern das ganze Thal in Vertheidigungsſtand zu ſetzen, wenn etwa Lanz⸗ knechte oder Cappelleti den Verſuch machen ſollten, hier ihr Weſen zu treiben. Er verſammelte die bei ihm ge⸗ bliebenen Diener, die wenig an der Zahl, aber tüchtig wa⸗ ren wie die Verſe von Torti; er hielt ihnen eine Rede über die gute Gelegenheit, die Gott ihnen und ihm ſelbſt verſchaffe einmal zur Unterſtützung ihrer Nebenmenſchen, denen ſie ſich bisher nur als ſchreckliche Unterdrücker be⸗ kannt gemacht häiten, thätig zu ſein, und in jenem alten Herrſchertone, welcher die Gewißheit des Gehorſams aus⸗ vrückte, bezeichnete er ihnen im Allgemeinen, was er von ihnen verlange, und ſchrieb ihnen ganz beſonders die Art vor, wie ſie ſich gegen die hierhergeflüchteten Leute zu verhalten hätten, damit dieſelben in ihnen nur Freunde und Vertheidiger erblicken ſollten. Dann ließ er die Ge⸗ wehre, Schwerter und Spieße. aus einer Dachſtube, wo ſie ſeit geraumer Zeit aufgehäuft gelegen hatten, herunterbrin⸗ gen und vertheilte ſie unter die Mannſchaft; ſeinen Bauern 139 und Pächtern im Thale ließ er ſagen, jeder wer wolle, könne bewaffnet auf die Burg kommen; wer keine Waffen hatte, dem gab er welche; er ernannte einige zu Offizieren und ſtellte Andere unter ihre Befehle; an den Eingängen und an verſchiedenen Orten des Thales, an dem Fuß des Berges und an den Thoren der Burg ſtellte er Poſten ausz; er ſetzte die Stunden der Ablöſung feſt, wie in einem Lager, oder wie es auch hier ſelbſt ſchon zur Zeit ſeines Räuberlebens Brauch geweſen war. In einem Winkel jener Dachſtube lagen, von den übrigen getrennt, die Waffen, die er allein getragen hatte, ſein berüchtigter Karabiner, Stutzen, lange und kurze Schwer⸗ ter, Piſtolen, große Meſſer und Dolche auf dem Boden oder ſtanden ſie an die Wand angelehnt. Keiner der Diener legte Hand daran; aber ſie beſchloſſen den Herrn zu fragen, welche man ihm bringen ſolle. Keine, antwor⸗ tete er, und vb er nun ein Gelübde gethan oder ſonſt es ſich feſt vorgenommen hatte, er blieb immer unbewaffnet an der Spite dieſer Art von Beſatzung. Zu gleicher Zeit hatte er andere Männer und Weiber ſeines Hausgeſindes damit beſchäftigt, für möglichſt viele Perſonen Quartier in der Burg zu bereiten, Betten auf⸗ zuſchlagen, Strohſäcke, Matratzen, Decken in die Säle zu legen, die nunmehr in Schlafſtätten umgewandelt wurden. Auch eine Maſſe Lebensmittel hatte er herbeiſchaffen laſſen, um die Gäſte ernähren zu können, die Gott ihm ſchicken würde, und deren Zahl in der That mit jedem Tag mehr anwuchs. Er ſelbſt gönnte ſich weder Raſt noch Ruhe; in und außerhalb der Veſte, den Berg auf und ab, überall im Thale, war er fortwährend beſchäſtigt Wachen auszu⸗ ſtellen, ſie zu verſtärken und zu beſuchen, zu ſehen und ſich ſehen zu laſſen, durch ſeine Worte, ſeine Blicke, ſeine Ge⸗ genwart Alles in Ordnung zu bringen und darin zu er⸗ halten. Zu Haus und auf der Straße begrüßte er Alle, die ihm begegneten, mit großer Freundlichkeit, und Alle betrachteten dieſen Mann, ob ſie ihn nun ſchon geſehen 140 hatten oder zum erſten Mal ſahen, mit einem Entzücken, das ſie für den Augenblick die Leiden und Beängſtigungen vergeſſen ließ, durch welche ſie hierher getrieben worden, und ſie wandten ſich noch einmal um, um ihm nachzuſehen, wenn er ſich von ihnen getrennt hatte und ſeines Wegs weiterzog. Dreißigſtes Capitel. Obwohl der größte Zulauf nicht von derjenigen Seite kam, auf der unſere drei Flüchtlinge ſich dem Thale näherten, ſondern vielmehr von der entgegengeſetzten Mündung des⸗ ſelben, ſo begannen ſie doch auf ihrer zweiten Station Reiſe⸗ und Unglücksgefährten zu finden, die auf Querwegen und Fußſteigen herangekommen waren und noch immer heran⸗ kamen. Unter ſolchen Umſtänden ſind Alle, die einander begegnen, Bekannte. So oft die Barutſche einen Fußgän⸗ ger eingeholt hatte, wurden Fragen und Antworten ausge⸗ tauſcht. Der Eine war, wie unſere Freunde, entronnen, ohne die Ankunft der Soldaten abzuwarten; ein Anderer hatte die Trommeln und Pauken gehört; ein Dritter hatte die wilden Horden geſehen und entwarf von ihnen eine Beſchreibung, wie ſie im Munde von armen Geängſteten gewöhnlich iſt. „Wir dürfen uns noch glücklich preiſen,“ ſagten die beiden Frauen;„wir können dem Himmel danken; wenn auch unſer Hab und Gut drauf geht, ſo ſind doch wenig⸗ ſtens unſere Perſonen gerettet.“ Aber Don Abbondio fand nicht, daß man ſo viel Urſache zur Freude habe; im Gegentheil begann dieſer Andrang und der noch ſtärkere, der, wie er hörte, von ver andern Seite kam, ihn gewaltig zu beunruhigen.„Ach, was für eine Geſchichte!“ brummie er in einem Augenblick, wo keine Fremde in der Nähe waren, den Frauen zu,„ach 14¹ was für eine Geſchichte! Begreift Ihr denn nicht, daß man, dadurch, daß ſich droben ſo viele Leute ſammeln, die Sol⸗ daten recht eigentlich mit Gewalt herbeizieht? Jedermann verſteckt, Jedermann ſchleppt fort, was er kannz in den Häuſern bleibt Nichts zurück; die Soldaten müſſen glauben, droben ſeien Schätze aufgehäuft; ſie kommen ſicherlichz v, ich armer Mann, auf was habe ich mich eingelaſſen!“ „Wie werden ſie dahinauf kommen?“ entgegnete Perpe⸗ tua;„ſie müſſen doch auch ihres Weges ziehen. Und dann habe ich immer ſagen gehört, in Gefahren ſei es beſſer, wenn recht Viele beiſammen ſeien.“ „Viele beiſammen? Viele beiſammen,“ verſetzte Don Abbondio.„Armes Weib! wißt Ihr denn nicht, daß ein einziger Lanzknecht hundert ſolcher Leutchen frißt? Und dann, wenn ſie etwa Dummheiten machen ſollten, nicht wahr, das wäre ein ſchöner Spaß, ſich mitten in einer Schlacht zu befinden? O, ich armer Mann! Es wäre doch nicht ſo übel geweſen, in's Gebirge zu gehen! Daß ſie auch Alle an einen Ort ziehen wollen! Das langweilige Volk,“ murmelte er dann leiſer,„Alles kommt hierher und immer zu und immer zu; Einer kommt hinter dem Andern her, wie das liebe Vieh!“ „Auf dieſe Art,“ ſagte Agneſe,„könnten die Andern das Nämliche von uns ſagen.“ „Schweigt, ſchweigt!“ erwiederte Don Abbondio!„Alles Schwatzen hilft da nicht; was geſchehen iſt, iſt geſchehen: wir ſind nun einmal da und müſſen da bleiben. Der Wille der Vorſehung möge geſchehen; der Himmel möge unſer in Gnaden gedenken!“ Aber noch weit ſchlimmer war es, als er beim Ein⸗ gang in das Thal einen ſtarken Poſten Bewaffneter erblickte, die theils auf der Schwelle eines Hauſes ſtanden, theils in den untern Zimmern deſſelben einquartirt waren. Er warf ihnen einen verſtohlenen Blick zu: es waren nicht mehr jene Fratzengeſichter, die er auf ſeiner erſten, ſchmerzensreichen hier hatte ſehen müſſen, oder wenn noch von den⸗ 142 ſelben darunter waren, ſo hatten ſie ſich bedeutend verändert; aber bei all dem verurſachte ihm dieſer Anblick einen un⸗ ausſprechlichen Verdruß.— O, ich armer Mann! dachte er.— Da ſchaut her, ob ſie nicht Dummheiten machen werden!— Es konnte auch nicht anders ſein; von einem Manne dieſes Schlags durfte ich nichts Anderes erwarten! Aber was will er denn machen? Will er Krieg führen? Will er den König ſpielen? O, ich armer Mann! Unter ſolchen Umſtänden möchte man ſich unter die Erde verkrie⸗ chen können, und der da ſucht Alles auf, um ſich bemerk⸗ lich zu machen, um in die Augen zu fallen; es iſt, als ob er ſie einladen wolle.“ „Da ſchaut her, Herr Pfarrer,“ ſagte Perpetua zu ihm, „ob das nicht tüchtige Leute ſind, die uns gewiß zu verthei⸗ digen wiſſen. Die Soldaten mögen jetzt nur kommen! Dieſe Leute ſind nicht wie unſere Bauernlümmel, die zu Nichts taugen, als das Haſenpanier zu ergreifen.“ „Schweigt,“ antwortete Don Abbondio mit leiſer, aber zorniger Stimme,„ſchweigt, Ihr wißt nicht, was Ihr ſagt. Betet zum Himmel, daß die Soldaten Eile haben und nicht erfahren mögen, was man hier treibt, und daß man dieſen Ort wie eine Feſtung einrichtet. Wißt Ihr nicht, daß es für die Soldaten eine Handwerksſache iſt, Feſtungen einzunehmen? Das wäre ein geubeie Freſſen für ſie; ſie laufen Sturm wie andere ehrliche Leute zur Hochzeit gehen; denn Alles, was ſie finden, gehört und die Leute laſſen ſie über die Klinge ſpringen. O, ich armer Mann! Schon gut, ich werde ſehen, ob ich mich nicht irgendwie auf einer dieſer Klippen in Sicherheit bringen kann. In eine Schlacht kriegen ſie mich nicht hinein, v in eine Schlacht kriegen ſie mich nicht hinein!“ „Alſo auch das ängſtigt Euch, daß man Euch ver⸗ theidigen und Euch helfen will begann Perpetua wieder; aber Don Abbondio unterbrach ſie barſch, wie⸗ wohl fortwährend in leiſem Tone, und ſagte:„Schweigt! und hütet Euch wohl, Etwas von dieſen Reden zu erzählen; 143 ſonſt wehe uns! Vergeſſet nicht, daß man hier immer gute Miene machen und Alles loben muß, was man ſieht.“ Bei der„übeln Nacht“ trafen ſie abermals einen Po⸗ ſten, vor welchem Don Abbondio demüthig den Hut abzog, indem er in ſeinem Herzen ſprach:„Wehe, wehe! da bin ich in ein wahres Lager gekommen!“— Hier hielt die Barutſche an. Sie ſtiegen aus, Don Abbondio bezahlte ſchnell und entließ den Fuhrmann; dann ſtieg er, ohne ein Wort zu ſprechen, mit ſeinen beiden Gefährtinnen die Höhe hinan. Der Anblick dieſer Orte erweckte in ſeiner Phantaſie die Erinnerung an die früher einmal hier aus⸗ geſtandene Augſt, wodurch das Bewußtſein der gegenwär⸗ tigen noch bedeutend geſteigert wurde. Agneſe, welche nie hier oben geweſen und ſich von dieſem Orte ein phantaſti⸗ ſches Gemälde entworfen hatte, das ihr jedesmal vor die Augen trat, wenn ſie an die Sachen dachte, die ſich hier zugetragen hatten, empfand jetzt, als ſie Alles mit ihren eigenen Augen ſah, gleichſam ein erneutes und lebendigeres Gefühl dieſer ſchmerzlichen Erinnerungen.„Ach Herr Pfar⸗ rer!“ rief ſie,„wenn ich bedenke, daß meine arme Lucia über dieſe Straße gekommen iſt!“ „Wollt Ihr ſchweigen!“ unverſtändiges Weib! rief ihr Don Abbondiv in's Ohr;„ſind das auch Sachen, die man hier aufwärmen darf? Wißt Ihr nicht, daß wir in ſeinem Hauſe ſind? Ein Glück, daß Euch Niemand jetzt hört; aber wenn Ihr auf dieſe Art ſprechet „O, jetzt“ ſagte Agneſe,„da er ein Heiliger iſt „Schweigt!“ raunte ihr Don Abbondio ins Ohr,„meint Ihr denn, man könne den Heiligen Alles ſo unbedenklich ſagen, was Einem durch den Kopf geht? Seid vielmehr bedacht, ihm für das Gute zu danken, was er Euch er⸗ wieſen hat.“ „O, was das betrifft, ſo hatte ich bereits daran ge⸗ dacht: meint Ihr denn, ich wiſſe gar nicht, was Lebens⸗ art iſt?“ „Lebensart iſt, daß man Dinge nicht ſagt, die mißfallen 144 können, beſonders bei Leuten, die nicht gewohnt ſind, ſolche zu hören, und merkt es Euch alle beide nur recht wohl, daß hier nicht der Ort zu Fraubaſereien iſt, und daß man da nicht Alles ſagen darf, was Euch etwa in's Maul kommen möchte. Es iſt das Haus eines großen Herrn, müßt Ihr wiſſen: Ihr ſeht, was für eine große Diener⸗ ſchaft ringsumher auf den Beinen iſt: es kommen Leute von allen Sorten: alſo vernünftig, wenn Ihr könnt! Wäget Eure Worte ab, und vor allen Dingen ſprechet nur wenig, nur ſo viel als nothwendig iſt; denn mit Schweigen ſich verred't Niemand.“ „Ihr macht Alles viel ärger mit Euerm...“ begann Perpetua eben zu ſagen, aber:„Still!“ rief Don Abbondio leiſe und zugleich zog er haſtig den Hut ab und machte einen tiefen Bückling, denn beim Aufſchauen hatte er den Ungenannten erblickt, welcher zu ihnen herab kam. Die⸗ ſe hatte gleichfalls Don Abbondio erkannt und eilte auf ihn zu. en Pfarrer,“ ſagte er, als er bei ihm war,„ich hätte Euch wohl bei einer frohern Gelegenheit mein Haus an⸗ bieten mögen, aber auf alle Arten freut es mich ſehr, Euch in Etwas dienen zu können.“ „Im Vertrauen auf die große Güte Eurer Gnaden,“ antwortete Don Abbondio,„habe ich mir die Dreiſtigkeit herausgenommen, unter dieſen traurigen Umſtänden zu kom⸗ men und Euch beſchwerlich zu fallen, und wie Euer Gna⸗ den ſehen, bin ich auch ſo kühn geweſen, Geſellſchaft mit⸗ zubringen: dieſe hier iſt meine Haushälterin „Willkommen!“ ſagte der Ungenannte. „Und dieſe,“ fuhr Abbondio fort,„iſt eine Frau, der Euer Gnaden bereits Gutes gethan haben, die Mutter jene ener „Lucia,“ ſagte Agneſe. „Lucia!“ rief der Ungenannte,„indem er ſich mit ge⸗ ſenkter Stirne zu Agneſe wendete: Gutes ich, barmherziger Gott! Ihr erweiſet mir Gutes, indem Ihr hierher kommt„ 145 zu mir„ in dieſes Haus. Seid willkommen! Ihr bringt Gottes Segen.“ „Ach nein,“ ſagte Agneſe,„ich werde Euch nur zur Laſt fallen;“ dann fuhr ſie fort, indem ſie näher an ſein Ohr trat,„habe ich Euch auch noch zu danken 4 Der Ungenannte ſchnitt dieſe Worte ab, indem er ſich angelegentlich nach Lucia erkundigte, und als er gehört hatte, wie es ihr ging, begleitete er ſeine neuen Gäſte trotz des ceremoniöſen Widerſtandes derſelben nach dem Schloſſe zurück. Agneſe warf dem Pfarrer einen Blick zu, welcher ſagen wollte:„da ſchaut einmal, ob es zwiſchen uns beiden Euerer Vermittlung und Eures guten Rathes bedurfte.“ „Sind ſie in Euerm Dorf ſchon angekommen?“ fragte ihn der Ungenannte. „Nein, Herr, ich habe dieſe Teufel nicht abwarten wollen,“ antwortete Don Abbondiv,„der Himmel weiß, ob ich lebendig ihren Händen entwiſcht wäre, um hierher zu kom⸗ men und Euren Gnaden zur Laſt fallen zu können.“ „Nun wohl, faſſet nur Muth,“ verſetzte der Ungenannte; „ietzt ſeid Ihr vollkommen in Sicherheit. Da herauf werden ſie nicht kommen, und wenn ſie es je verſuchen wollten, ſo ſind wir bereit, ſie zu empfangen.“ „Hoffen wir, daß ſie nicht kommen,“ ſagte Don Ab⸗ bondio; ich höre auch,“ fügte er hinzu, indem er mit dem Finger auf die Berge deutete, die das Thal von der ent⸗ gegengeſetzten Seite umſchließen,„ich höre, daß ſich auch i dieſer Seite eine andere Horde herumtreibt, aber „Es iſt wahr,“ antwortete der Ungenannte,„aber zwei⸗ felt nicht, daß wir auch für ſie bereit find.“ Zwiſchen zwei Feuern, dachte Don Abbondio bei ſich, recht eigentlich zwiſchen zwei Feuern, wohin habe ich mich verleiten laſſen? Und von zwei alten Vetteln! Der da ſcheint große Luſt zu haben, tüchtig hineinzupatſchen! O, was für Leute gibt es doch auf dieſer Welt!“ Die Verlobten, IM. 10 146 Als ſie auf der Burg ankamen, ließ der Herr Agneſe und Perpertua in ein Zimmer des für die Weiber beſtimm⸗ ten Quartiers weiſen, das drei von den vier Seiten des zweiten Hofes einnahm, im hintern Theil des Gebäudes, welches auf einem hervorragenden, vereinzelten Felſen über einem Abgrunde ſtand. Die Männer wohnten rechts und links auf den Seiten des andern Hofes, der nach der Ebene zu läuft. Das Mittelgebäude, welches die beiden Höfe trennte und durch einen oſſenen, dem Hauptthor gegenüber befinvlichen Gang die Verbindung zwiſchen ihnen vermittelte, war theils mit Lebensmitteln angefullt, theils zur Aufbe⸗ wahrung der Efferten beſtimmt, welche die Flüchtlinge hier unterbringen wollten. Im Männerquartier befand ſich eine kleine Wohnung für die Geiſtlichen, die etwa eintreffen könnten. DerUngenannte begleitete in eigener Perſon Don Abbondio dahin, welcher alſo der Erſte war, der davon Beſitz nahm. Drei oder vier und zwanzig Tage verbrachten unſere Flüchtlinge auf der Burg inmitten einer beſtändigen Be⸗ wegung, in einer großen Geſellſchaft, die in den erſten Zei⸗ ten fortwährend anwuchs; doch erlebten ſie keine erheblichen Abenteuer. Es verging beinahe kein Tag, ohne daß zu den Waffen gegriffen wurde. Es kommen Lanzknechte da⸗ her, man hat dort Cappelletti geſehen. Auf jede ſolche Nachricht ſchickte der Ungenannte Kundſchafter aus, und wenn es Noth that, nahm er ſelbſt Mannſchaft mit ſich, die er immer bereit hielt, und zog mit ihr zum Thal hin⸗ aus in der Richtung, von welcher die Gefahr angezeigt wurde. Und es nahm ſich ſeltſam aus, eine bis unter die Zähne bewaffnete Schaar in ſoldatiſcher Ordnung von einem unbewaffneten Manne angeführt zu ſehen. Meiſtens waren es Fouragiere und zerſtreute Beutemacher, welche Ferſengeld gaben, ehe ſie überrumpelt wurden. Aber einmal, als er gerade einige ſolche Burſche vor ſich her jagte, um ſie zu lehren, daß ſie ſich nicht mehr in dieſer Gegend zu zeigen hätten, erfuhr der Ungenannte, daß ein benachbartes Dörſchen 147 überfallen worden ſei und geplündert werde. Es waren Lanzknechte von verſchiedenen Abtheilungen, die zurückge⸗ blieben waren, um zu plündern, dann ſich zuſammenge⸗ rottet hatten und unverſehens die Ortſchaften überfielen, in deren Nähe das Heer übernachtete; ſie beraubten die Ein⸗ wohner und legten ihnen noch überdies Brandſchatzungen auf. Der Ungenannte hielt eine kurze Anrede an ſeine Schaar und ließ ſie auf das Dörſchen zumarſchiren. Sie kamen unerwartet dort an: die Schurken, die ungeſtört rauben zu können geglaubt hatten, hielten, als ſie plötzlich eine ſtreitfertige Schaar heranrücken ſahen, in ihrer Plünderung inne und entflohen eiligſt, ohne auf einander zu warten, nach der Richtung, von welcher ſie gekommen waren. Er verfolgte ſie eine Strecke weit; dann ließ er Halt machen und wartete noch einige Zeit, ob ſich etwas Neues zeige; endlich kehrte er um. Als er nun in das gerettete Dörfchen zurückkam, da wurde das Fähnlein der Befreier und ſein Führer mit einem Jubel und mit Se⸗ genswünſchen empfangen, die ſich nicht beſchreiben laſſen. In der Burg ſiel unter dieſer hergelaufenen Menge beiderlei Geſchlechts, von allen Altern, Ständen und Le⸗ bensgewohnheiten, durchaus keine Unordnung von irgend einer Bedeutung vor. Der Ungenannte hatte an verſchie⸗ denen Orten Wachen ausgeſtelit, welche jede Störung zu verhindern ſuchten mit dem angelegentlichen Eifer, den jeder bei den Dingen beobachtete, worüber er ihm Rechen⸗ ſchaft abzulegen hatte. Auch hatte er die Geiſtlichen und die angeſehenſten Männer unter den Flüchtlingen erſucht, herumzugehen und Aufſicht zu führen. So oft er konnte, machte er ſelbſt die unde und zeigte ſich überall; aber auch in ſeiner Ab⸗ weſenheit war ſchon der Gedanke, in weſſen Hauſe man ſich befand, wirkſam genug, um diejenigen im Zaume zu halten, die eines ſolchen etwa bedurft hätten. Ohnehin waren es lauter Geflohene und ſomit im Allgemeinen zur Ruhe geneigte Leute: die Gedanken an, und Gut, für 1 148 Einige auch an Verwandte und Freunde, die ſich noch in der Gefahr befanden, die Nachrichten, die von draußen ein⸗ liefen und betrübend genug lauteten, erhielten und erhöhten dieſe Stimmung noch immer mehr. Dennoch gab es auch ſorgloſe Köpfe da, Menſchen von derberm Gepräge und friſcherem Muthe, deren einziges Beſtreben dahin ging, dieſe Tage in Fröhlichkeit zu ver⸗ leben. Sie hatten ihre Häuſer verlaſſen, weil ſie nicht ſtark genug waren, ſie zu vertheidigen, aber ſie fanden kein Wohlgefallen daran, ein Unglück, das ſich nun nicht mehr abſtellen ließ, zu beweinen, zu ſeufzen und ihre Phantaſie mit Bildern der Verwüſtung zu beſchäſtigen, welche ſie ſpä⸗ ter nur zu gewiß mit ihren leiblichen Augen ſehen konnten. Familien, die ſich kannten, waren gemeinſchaftlich hieherge⸗ kommen, oder hatten ſich hier oben getroffen; es hatten ſich neue Freundſchaften gebildet und die Menge hatte ſich je nach Neigungen und Gewohnheiten in kleine Geſellſchaften eingetheilt. Wer Geld hatte und beſcheiden war, ſpeiſte im Thal zu Mittag, wo zu dieſem Behuf in der Geſchwindig⸗ keit Buden oder Schenken errichtet worden waren; in eini⸗ gen hörte man bei jedem Biſſen ein Ach und Weh, und es war nicht erlaubt, von etwas Anderem, als von Unglück zu ſprechen; in Andern gedachte man des Unglücks nur, um zu ſagen, daß man nicht daran denken müſſe. An Diejenigen, welche dieſe Ausgaben nicht machen konnten oder wollten, wurden in der Burg Brod, Suppe und Wein vertheilt; überdies waren noch einige Tafeln täglich für Solche gedeckt, die der Herr ausdrücklich eingeladen hatte, und zu dieſer Zahl gehörten auch unſere Bekannten. Agneſe und Perpetua hatten, um ihr Brod nicht in Sünden zu eſſen, einen Antheil an den Dienſtleiſtungen verlangt, die eine ſo große Wirthſchaft erforderte, und mit dieſer Beſchäftigung verbrachten ſie den größten Theil des Tags; den Reſt verwandten ſie zu Plaudereien mit einigen Freundinnen, die ſie ſich gemacht hatten, oder mit dem armen Don Abbondiv. Dieſer wußte Richts zu thun, 149 hatte aber doch keine lange Weile; die Furcht leiſtete ihm Geſellſchaft. Die eigentliche Furcht vor einem Angriff war ihm, glaube ich, vergangen, oder wenn noch ein Reſt davon vorhanden war, ſo machte ſie ihm gleichwohl we⸗ nig Kummer; denn, wenn er nur ein wenig darüber nach⸗ vachte, ſo mußte er einſehen, daß ſie ganz ungegründet war. Aber das Bild der ganzen Umgegend, die von allen Seiten her von grauſamen Soldaten überſchwemmt war, die Waffen und Kriegsknechte, die er immer ſah, eine Burg, der Gedanke an ſo viele Dinge, die jeden Angenblick in einer ſolchen Lage geſchehen konnten, Alles dieß hielt ihn unter der Herrſchaft einer unbeſtimmten, allgemeinen, fortwährenden Angſt, abgeſehen von dem Kum⸗ mer, welchen der Gedanke an ſein Haus ihm verurſachte. Während der ganzen Zeit ſeiner Flüchtlingſchaft, entfernte er ſich nicht mehr als auf eine Wurfweite von der Burg und ging niemals den Abhang hinab; ſein einziger Spa⸗ ziergang war nach dem Schloßplatze, und bald nach der einen, bald nach der andern Seite der Burg hin, um über die Klippen und Abſtürze hinabzuſchauen, um zu er⸗ forſchen, ob ein nur irgend wegſamer Paß, irgend ein ſchmaler Fußpfad ſich vorfinde, mittelſt deſſen er im Kampf⸗ gewühl ein Verſteck zu finden vermöchte. Vor allen ſeinen Gefährten im Aſyl machte er große Bücklinge und grüßte ſie auf's das Freundlichſte, ſchwatzte aber nur mit ſehr Wenigen; ſeine gewöhnliche Unterhaltung war, wie wir geſagt haben, mit den beiden Frauen; gegen dieſe ſchüttete er ſein Herz aus, auf die Gefahr hin, daß Perpetua ihm zuweilen einen Treff verſetzte und ſogar Agneſe ihn manch⸗ mal beſchämte. Bei Tiſche dann, wo er ſich nicht lang verweilte und ſehr wenig ſprach, hörte er die Nachrichten von dem ſchrecklichen Durchzug, die jeden Tag von Dorf zu Dorf durch mündliche Ueberlieferung verpflanzt, oder auch von Einem heraufgebracht wurden, der Anfangs zu Haus hatte bleiben wollen, zuletzt aber, ohne Etwas retten zu können, entwiſcht und zufälliger Weiſe ſchlecht zuge⸗ 15⁰ richtet worden war; jeder Tag brachte eine neue Unglücks⸗ geſchichte. Einige handwerksmäßige Neuigkeitskrämer ſam⸗ melten ſorgfältig alle Gerüchte ein, ſichteten alle Berichte und theilten den Andern die Quinteſſenz davon mit. Man ſtritt ſich, welche Regimenter den ſchlimmſten Teufel im Leibe hätten, ob die Fußgänger es ſchlimmer trieben, oder die Reiterei; man wiederholte ſich, ſo gut es ging, gewiſſe Namen von Anführern, erzählte die früheren Thaten von Einigen, nannte die einzelnen Nachtquartiere und Märſche. Heute verbreitete ſich das und das Regiment über die und die Ortſchaften, morgen zog es nach den und den, wo unterdeſſen das und das noch ärger als der Teufel ſein Weſen trieb. Vor allem ſuchte man genaue Nachrichten über die Regimenter zu erhalten, die nach und nach über die Brücke von Leccv kamen, denn man konnte von ihnen annehmen, daß ſie abgezogen ſeien und ſich wirklich nicht mehr in der Gegend befänden. Es kommen Wallenſtein's Reiter durch, das Fußvolk des Marrada, Cavallerie von Anhalt, die Infanterie von Brandenburg, ſodann Monte⸗ cuecoli's und Ferrari's Reiterei; es marſchiren Altringer, Fürſtenberg, Colloredo vorüber; ſodann die Krvaten, hier⸗ auf Torquato Conti; dann Andere und wieder Andere; als es dem Himmel gefiel, kam auch Gallas durch, welcher der letzte war. Die fliegende Schwadron der Venetianer entfernte ſich endlich gleichfalls, und nun war das ganze Land zur Linken und Rechten wieder frei. Schon hatten die Bewohner der zuerſt überzogenen und geräumten Dör⸗ fer angefangen, die Burg zu verlaſſen, und mit jedem Tag nahmen wieder andere Leute Abſchied, wie man nach einem Herbſtgewitter aus den belaubten Aeſten eines Baumes von allen Seiten die Vögel herausliegen ſieht, welche darunter Schutz geſucht hatten. Ich glaube, daß unſere drei Bekannten die letzten waren, die ſich entfernten„ und zwar auf ausdrückliches Verlangen Don Abbondiv's, wel⸗ cher bei einer allzu ſchnellen Rückkehr nach Hauſe noch einige Lanzknechte anzutreffen fürchtete, die etwa als Nach⸗ 15¹ zügler noch länger ſich hinter der Armee aufhalten könnten. Perpetua's wiederholte Vorſtellungen, daß man durch dieſes lange Zögern nur den ſchlechten Leuten aus dem eigenen Dorf die beſte Gelegenheit verſchaffte, in's Haus einzudringen und vollends Alles mitzunehmen, thaten keine Wirkung; wenn es ſich darum handelte, ſeine Haut in Sicherheit zu bringen, ſo behielt Don Abbondio immer Recht, ausge⸗ nommen wenn er etwa, in Folge einer allzu dringenden Gefahr ſeine Faſſung verloren hatte. An dem zur Abreiſe feſtgeſetzten Tag ließ der Unge⸗ nannte bei der„übeln Nacht“ eine Kutſche bereit halten, in welche er bereits eine Menge Weißzeug für Agneſe hatte legen laſſen. Dann zog er dieſe bei Seite und nöthigte ihr auch noch ein Röllchen Seudi auf, als Erſatz für die Zerſtörung, die ſie zu Haus antreffen würde, obſchon ſie mit der Hand auf die Bruſt ſchlagend zu wiederholten verſicherte, daß ſie noch von den alten bei ſich abe. „Wenn Ihr Eure gute, arme Lucia ſehen werdet,“ .ſagte er zuletzt zu ihr,„ich bin überzeugt, daß ſie für mich betet, ſeit ich mich ſo ſchwer gegen ſie verſün⸗ digt habe; ſagt Ihr alſo, daß ich ihr danke und zu Gott vertraue, daß ihr Gebet auch ihr ſelbſt zum Segen wer⸗ den möge.“ Er begleitete ſodann ſeine drei Gäſte noch bis zur Kutſche. Die demüthigen und herzinnigen Dankſagungen Don Abbondio's, ſo wie die Bücklinge Perpetua's, mag ſich der Leſer ſelbſt vorſtellen. Sie fuhren ab; verſproche⸗ ner Maßen machten ſie einen, wiewohl kurzen Beſuch im Hauſe des Schneiders, wo man ihnen hunderterlei Dinge von dem Durchmarſch der Truppen erzählte; die gewöhn⸗ lichen Geſchichten von Räubereien, Verwüſtungen, Miß⸗ handlungen und Nothzucht; doch hatten ſich hier glücklicher Weiſe keine Lanzknechte blicken laſſen. „Ach, Herr Pfarrer,“ ſagte der Schneider, indem er ihm wieder die Hand reichte, um in die Kutſche zu ſtei⸗ 152 gen,„es ließen ſich über dieſen Gräuel ganze Bücher ſchreiben.“ Nachdem ſie wieder ein Stück Wegs zurückgelegt, be⸗ gannen unſere Reiſende mit ihren eigenen Augen Etwas von dem zu ſehen, was ſie bereits aus ſo vielen Schilde⸗ rungen kannten: die Weingärten veraubt, aber nicht wie im Herſt, ſondern wie wenn Hagel und Sturmwetter zu gleicher Zeit über ihnen losgebrochen wären; die Reben an der Erde, verzerrt und vertreten; die Pfähle heraus⸗ geriſſen, der Boden zerſtampft und mit Splittern, Blät⸗ tern und Geſtrüppe bedeckt; die Bäume zerſpalten und ge⸗ knickt; die Hecken durchlöchert; die Zäune weggeſchleppt. Dann in den Dörfern eingeſchlagene Thüren, zerſplitterte Fenſter, Stroh, Lumpen, Trümmer, haufenweiſe oder zer⸗ ſtreut auf dem Straßenpflaſter liegend; eine ſchwüle Luft, übelriechende Dämpfe kamen aus den Häuſern; die Bauern waren beſchäftigt, den Unflath herauszufegen, die Thüren wieder einzuſetzen, oder auch ſtanden ſie beiſammen, um mit einander zu weinen und zu wehklagen; und als die Kutſche vorüberkam, erhoben ſich von beiden Seiten Hände an die Schläge, um ein Almoſen zu erflehen. Mit dieſen Bildern, die ihnen bald vor den leib⸗ lichen, bald vor den geiſtigen Augen ſchwebten, und mit der Erwartung ganz daſſelbe auch in ihrer Heimath vor⸗ zufinden, trafen ſie daſelbſt ein und fanden ſich auch wirk⸗ lich in ihren Vorausſetzungen nicht getäuſcht. Agneſe ließ ihr Gepäck in einen Winkel des Höſchens legen, der noch der reinlichſte Ort ihrer ganzen Beſitzung war, dann begann ſie das Haus auszufegen, die wenige Habe, die man ihr gelaſſen hatte, zufammenzuleſen und wieder zu reinigen; ſie ließ einen Tiſchler und einen Schmied kommen, um die Thüren wieder zurecht zu machen, und indem ſie dann das geſchenkte Weißzeug auspackte und heimlich ihre neuen Goldſtücke zählte, rief ſie bei ſich ſelbſt aus:„Ich darf zufrieden ſein; dem lieben Gott und der Madonna und dieſem guten Herrn ſei Dank und Lob ge⸗ 153 ſagt; ich kann wohl ſagen, daß das Unglück mein Glück geworden iſt.“ Don Abbondio und Perpetua traten ohne Hülfe von Schlüſſeln in das Pfarrhaus ein; bei jedem Schritt in der Hausflur ſteigt ihnen ein Modergeruch, ein verpeſteter Ge⸗ ſtank und giftiger Dampf in die Raſe, der ſie beinahe zu⸗ rücktreibt; mit der Hand vor ihrem Geruchsorgan ſchreiten ſie bis zum Eingang der Küche vor; ſie treten auf den Zehen ein, ſuchen die Plätzchen aus, wohin ſie ihre Füße ſtellen können, ohne die ſchmutzigſten Theile des ſtinkenden Strohes, womit der Boden beveckt iſt, berühren zu müſſen, und werfen ſpähende Blicke rings umher. Nichts war mehr ganz; aber in allen Winkeln ſah man Ueberbleibſel und Bruchſtücke deſſen, was hier und anderwärts geweſen war. Flügel und Federn von Perpetna's Hühnern, Fetzen von Weißzeug, Blätter aus Don Abbondio's Kalendern, Scher⸗ ben von Küchengeſchirr, Alles unter einander oder rings umher zerſtreut. Nur auf dem Herde konnte man die Spuren einer durchgreifenden Plünderung zuſammengedrängt bemerken, gleich vielen in einander geſchachtelten Gedanken, die ein feiner Redner in einem gedehnten Satze vereinigt. Da waren, ſage ich, Ueberreſte von erloſchenen, großen und kleinen Feuerbränden, welche zeigten, daß ſie früher eine Armlehne, ein Tiſchfuß, die Thüre eines Schranks, ein Bettbrett, eine Daube von dem Fäßchen, welches den Weill enthielt, der Don Abbondio den Magen wieder ein⸗ richtete, geweſem waren. Das Uebrige waren Aſche und Kohleh, ja ſogär mik den Kphlen ſelbſt hatten die Unholde zu ihrem Spaß die Wändè unt allerlei Fratzen vollge⸗ ſchmiert; denen ſie gewiſſe viereckige Mützen, oder gewiſſe Tonſuren, oder gewiſſe breite Blätchen gaben, damit ſie Prieſter vorſtellen ſollten, die ſie ſo abſcheulich und lächer⸗ lich als nur möglich zu machen ſuchten, eine Abſicht, die ſolchen Künſtlern wahrhaftig nicht mißlingen konnte. „O die Schweinehunde!“ rief Perpetua; o, die Hallunken!“ rief Don Abbondiv; und dann ſtürzten ſie, 154 wie wenn ſie fliehen wollten, zu einer anderen Thüre hin⸗ aus, die in den Garten führte. Sie athmeten wieder auf und gingen gerade auf den Feigenbaum zu, aber noch ehe ſie dabei anlangten, ſahen ſie die Erde aufgewühlt und ſtießen beide zugleich einen Schrei aus; beim Baume angekommen, fanden ſie dann wirklich ſtatt des begrabe⸗ nen Mammons das offene Loch. Hier entſtand ein kleines Zerwürfniß: Don Abbondio begann Perpetua auszuſchel⸗ ten, daß ſie den Schatz ſchlecht verborgen habe; man kann ſich denken, daß dieſe den Vorwurf mit Entrüſtung zurückwies, und nachdem ſich beide, die Arme ausgeſtreckt und mit dem Zeigefinger auf das Loch deutend, tüchtig ausgeſchrieen hatten, kehrten ſie brummend mit einander zurück. Es läßt ſich vorausſehen, daß ſie überall unge⸗ fähr dieſelbe Beſcheerung vorfanden. Mit unſäglicher Mühe vermochten ſie das Haus wieder zu ſäubern und zu reini⸗ gen; denn es hielt an dieſem Tage ungemein ſchwer, ir⸗ gend fremde Hülfe zu finden, und ſie mußten, ich weiß nicht wie lang, wie in einem Lager leben und ſich gut oder ſchlecht behelfen, indem ſie allmälig Thüren, Möbel und Geſchirr mit dem Geld, das Agneſe ihnen lieh, wie⸗ der anſchafften. Ueberdieß wurde das erlittene Unglück für einige Zeit noch Veranlaſſung zu anderen höchſt verdrießlichen Strei⸗ tigkeitenz; denn Perpetua hatte durch beſtändiges Naher⸗ ſchen, Herumſpähen und Spioniren in Erfahrung geblacht, daß allerlei pfarrherrliche Geräthſchaften; die man von Soldaten geraubt oder zerſtört glaubte, ſich ganz wohl⸗ behalten bei Leuten im Dorfe befanden„und nun ging ſie ihrem Herrn beſtändig zu Leibe, daß er ſich tummele und ſein Eigenthum zurückfordern ſollte. Eine verhaßtere Saite konnte man für Don Abbondio nicht anſchlagen, da ſein Eigenthum ſich in Händen von Schurken befand, d. h. von ſolchen Leuten, mit denen er Frieden zu halten am allerangelegentlichſten wünſchte. „Aber, wenn ich nun einmal Nichts von dieſen Din⸗ 155⁵ gen wiſſen will,“ ſagte er,„wie oft muß ich's Euch wie⸗ derholen? verloren iſt verloren. Soll ich mich deßhalb noch an's Kreuz ſchlagen laſſen, weil man mir das Haus ausgeplündert hat?“ „Ich ſage es ja,“ antwortete Perpetua,„Ihr ließet Euch noch die Augen aus dem Kopfe kratzen. Wenn man andere Leute beſtiehlt, jo iſt es Sünde, aber bei Euch iſt es Sünde, wenn man Euch nicht beſtiehlt.“ „Was ſchwatzt Ihr mir da für albernes Zeug vor?“ verſetzte Don Abbondio. Perpetua ſchwieg, aber nicht ſo ſchnell, und Alles gewährte ihr ſpäter einen neuen Vorwand, wieder davon anzufangen. Der arme Mann war zuletzt genöthigt, ſich alle Klagen über den Mangel dieſes oder jenes Geräthes, deſſen man gerade bedurft hätte, zu verbitten; denn mehr als einmal hatte er hören müſſen:„Gehet hin und ſucht es bei dem und dem, der hat's, und er würde es nicht ſo lange behalten haben, wenn er es nicht mit einem allzu guten Manne zu thun hätte.“ Eine andere und noch lebhaftere Unruhe verurſachte ihm die Kunde, daß noch täglich vereinzelte Soldaten durchkamen, wie er nur allzu richtig vermuthet hatte, und er ſchwebte deßhalb beſtändig in Angſt, er möchte einen Kriegsknecht, oder auch einen ganzen Schwarm vor ſeiner Thür anrücken ſehen, die er vor allen Dingen hatte eiligſt wiederherſtellen laſſen und nun mit großer Sorgfalt ver⸗ riegelt hielt; aber die Gnade des Himmels hielt ein ſol⸗ ches Unglück von ihm ab. Gleichwohl hatten dieſe Schreck⸗ niſſe noch nicht aufgehört, als ein neues dazu kam. Aber wir wollen hier den armen Mann auf die Seite ſchieben; es handelt ſich ſelbſt um ganz andere Dinge, als um ſeine Privatbekümmerniſſe, als um die Leiden einiger Oriſchaften und um ein vorübergehendes Unglück. 156 Einunddreißigſtes Capitel. Die Peſt, von welcher die Sanitätsbehörde gefürchtet hatte, daß ſie mit den deutſchen Horden in's mailändiſche Gebiet einziehen könnte, war bekanntlich in der That daſelbſt eingezogen, und eben ſo bekannt iſt's, daß ſie ſich nicht auf das Herzogthum beſchränkte, ſondern einen bedeuten⸗ den Theil Italiens überzog und verwüſtete. Am Faden unſerer Geſchichte kommen wir jetzt dazu, die Hauptbege⸗ benheiten dieſer Landplage zu erzählen, ſo wie ſie ſich im Mailändiſchen, d. h. beinahe ausſchließlich in der Stadt Mailand ſelbſt geltend machte; denn faſt lediglich von der Stadt allein ſchreiben die Gedenkbücher jener Zeit, wie dieß aus guten und ſchlechten Gründen beinahe immer und überall zugeht. Und in vorliegender Erzählung geht, um die Wahrheit zu ſagen, unſere Abſicht nicht allein dahin, die Verhältniſſe darzuſtellen, in welchen unſere Perſonen ſich befinden werden, ſondern zugleich auch, ſoweit dieß in der Kürze geſchehen kann und unſere Kräfte ausreichen, ein Stück der vaterländiſchen Geſchichte, von welchem die meiſten Leute ſchon gehört haben, ohne genauere Einzel⸗ heiten zu wiſſen, zur allgemeinen Kenntniß zu bringen. Unter den vielen gleichzeitigen Berichten iſt nicht ein einziger, der im Stande wäre, einen auch nur einiger⸗ maßen beſtimmten und klaren Begriff darüber zu geben, aber auch keiner, der nicht zur Bildung eines ſolchen einigermaßen helfen könnte. In jedem, ſelbſt den von Ripamonti nicht ausgenommen, der ſowohl durch die Menge und Auswahl der Thatſachen, wie auch durch die ganze Auffaſſung alle Anderen weit überragt, ſind weſentliche Thatſachen ausgelaſſen, die ſich in Anderen verzeichnet fin⸗ den; in jedem kommen grobe Irrthümer vor, welche man mit Hülfe irgend eines Andern, oder auch der wenigen gedruckten und ungedruckten amtlichen Urkunden, die noch übrig ſind, erkennen und berichtigen kannz oft findet man 157 in dem einen die Urſachen, deren Wirkungen man in dem Anderen unerklärt und gleichſam in der Luft ſchwebend ge⸗ funden hat. In allen herrſcht jedoch eine ſeltſame Ver⸗ wirrung der Zeiten und Dinge vor; das iſt ein immer⸗ währendes Anfangen und Abgehen, beinahe zufällig, ohne allgemeinen Plan und ohne Plan in den Einzelnheiten; ein Merkmal, das ſich übrigens in allen Büchern aus jener Zeit, ganz beſonders aber in denen, die in der Lan⸗ desſprache geſchrieben ſind, wenigſtens in Italien ſehr häufig vorfindet und ſehr fühlbar macht; ob dieſe Bemer⸗ kung auch für das übrige Europa zutrifft, das werden die Gelehrten wiſſen; wir vermuthen es nur. Kein ſpäterer Schriftſteller hat ſich's zur Aufgabe gemacht, jene Denk⸗ würdigkeiten zu prüfen und zuſammenzuſtellen, um daraus eine zuſammenhängende Reihe der Begebenheiten, eine Ge⸗ ſchichte dieſer Peſt zu geben, ſo daß alſo die Idee, die man im Allgemeinen von ihr hat, nothwendiger Weiſe ſehr unſicher und etwas verworren ſein muß; eine unbe⸗ ſtimmte Idee von großen Leiden und ſchweren Irrthümern (und wahrhaftig es fehlt an beiden nicht, wie man ſich leicht denken kann) eine Idee, die mehr aus Urtheilen, als aus Thatſachen, oder doch wenigſtens nur aus einigen, zerſtreuten Thatſachen zuſammengeſetzt iſt, welche zuweilen ihrer charakteriſtiſchſten Umſtände entkleidet ſind, ohne nähere Beſtimmung der Zeit, d. h. ohne eine klare Vorſtel⸗ lung von Urſache und Wirkung, Verlauf und Entwicklung. Wir unſerer Seits haben, indem wir mit großer Sorgfalt, wenn auch nichts Anderes, doch alle gedruckten Berichte, wie auch mehr als einen ungedruckten und viele(wenig⸗ ſtens im Verhältniß zu der geringen Zahl der übrigge⸗ bliebenen) ſogenannte offizielle Urkunden prüften und zu⸗ ſammenſtellten, aus denſelben eine Darſtellung entworfen, die vielleicht nicht allen Anforderungen entſprechen mag, aber jedenfalls noch gar nicht dageweſen iſt. Wir haben nicht im Sinn, alle öſſentlichen Maßregeln zu berichten, ja nicht einmal alle Ereigniſſe, die einigermaßen Erwähnung 158 verdienen. Noch weit weniger geht unſere Abſicht dahin, für denjenigen, der einen vollſtändigen Begriff von der Sache zu erhalten wünſcht, das Studium der Original⸗ ſchriften nutzlos zu machen; wir fühlen nur zu gut, welch eine lebendige, eigenthümliche und ſo zu ſagen unmittheil⸗ bare Kraft immer in Werken dieſer Art liegt, ſie mögen nun aufgefaßt und ausgeführt ſein, wie ſie wollen. Unſer Trachten beſchränkte ſich lediglich darauf, die allgemeinſten und auffallendſten Ereigniſſe hervorzuheben und ſicher zu ſtellen, dieſelben, ſo weit der Gegenſtand und ihre Natur es zuläßt, in eine wirkliche geordnete Reihenfolge zu brin⸗ gen, ihre gegenſeitige Wirkſamkeit zu beobachten und alſo für den Augenblick und bis ein Anderer etwas Beſſeres leiſtet, eine hündige, aber getreue und zuſammenhängende Darſtellung jenes Unglücks zu geben. Auf dem ganzen Landſtrich alſo, welchen die Armee durchzogen, hatten ſich hin und wieder in den Häuſern, manchmal auch auf der Straße Leichname vorgefunden. Sehr bald darauf begannen in dieſem und jenem Dorfe Perſonen, ja ganze Familien an heftigen, ſeltſamen Uebeln, deren Symptome den Meiſten unbekannt waren, zu er⸗ kranken und zu ſterben; es waren nur Wenige da, die dieſe Symptome früher geſehen hatten: die Wenigen, welche ſich der Peſt erinnern konnten, die vor 53 Jahren ebenfalls einen guten Theil Italiens verheert hatte, und haupt⸗ ſächlich das mailändiſche Gebiet, wo ſie die Peſt des heil. Karl genannt wurde und noch immer genannt wird. So mächtig wirkt die Menſchenliebe! Unter den ſo mannig⸗ faltigen und feierlichen Erinnernngen eines allgemeinen Unglücks, kann ſie das Andenken eines Mannes hervor⸗ heben, weil ſie dieſem Manne Geſinnungen und Handlun⸗ gen eingeflößt hat, die noch denkwürdiger ſind, als die Uebel ſelbſt; ſie kaun ſeinen Namen als ein Wahrzeichen für alle jene Ereigniſſe den Gemüthern einprägen, weil ſie ihn veranlaßt hat, bei Allem als Führer, Helfer, Vor⸗ bild, freiwilliges Opfer ſich zu betheiligen; ſie kann aus 159 einer allgemeinen Calamität für dieſen Mann gleichſam ein Sinnbild machen und dieſelbe wie eine Eroberung oder Entdeckung nach ihm benennen. Der Stadtarzt Ludovicv Settala, der nicht bloß jene Peſt geſehen hattte, ſondern auch einer der thätigſten, un⸗ erſchrockenſten und trotz ſeiner damaligen zarten Jugend berühmteſten Aerzte in derſelben geweſen; dieſer Mann, der jetzt wegen der neuen Landplage in großer Beſorgniß war und alle Anzeichen auf's Genaueſte beobachtete, berich⸗ tete am 20. October der Sanitätsbehörde, daß in dem Dorfe Chiuſo(dem letzten im Gebiet von Lecco an der bergamaskiſchen Grenze) unzweifelhaft die Seuche ausge⸗ brochen ſei. Auf dieſe Anzeige hin wurde jedoch, wie aus Tadino's Bericht zu erſehen, kein Beſchluß gefaßt. Und ſiehe, da laufen ähnliche Berichte aus Lecco und Bellano ein. Die Behörde beſchloß jetzt weiter Nichts, als einen Commiſſär abzuſenden, der unterwegs in Como einen Arzt mit ſich nehmen und in deſſen Geſellſchaft die bezeichneten Orte beſuchen ſollte.„Beide ließen ſich, ob nun aus Unwiſſenheit oder andern Gründen, von einem unwiſſenden alten Barbier aus Bellano bereden, daß dieſe Art von Uebeln keine Peſt ſei; ſondern, daß ſie wohl an einigen Orten für die gewohnte Folge der herbſtlichen Sumpfausdünſtungen angeſehen werden könne, an andern aber als die Folge der Ungemächlichkeiten und Leiden, welche der Durchmarſch der Fremden mit ſich gebracht habe.“ Eine ſolche Verſicherung wurde der Behörde über⸗ bracht, welche ſich damit beruhigt zu haben ſcheint. Da jedoch unaufhörlich von verſchiedenen Seiten her immer neue Todesanzeigen einliefen, ſo wurden zwei andere Abgeordnete ausgeſchickt, um die Sache zu unterſuchen und gorkehrungen zu treffen:— der obengenannte Tadino und ein Mitglied der Sanitätsbehörde. Als ſie an Ort und Stelle kamen, hatte ſich das Uebel ſchon dermaßen verbreitet, daß die Beweiſe in die Augen fielen, uhne daß es eines langen Suchens bedurſte. Sie durcheilten das Gebiet von Lecco, Valſaſſina, die Ufergegenden des Comerſees, die Bezirke, die unter dem Namen Monte di Brienza und Gera d'Adda bekannt ſind; überall fanden ſie abgeſperrte, theilweiſe auch ganz verlaſſene Ortſchaften, deren Einwohner geflohen waren und ſich auf dem Felde gelagert oder auch zerſtreut hatten„und ſie erſchienen uns, ſagt Tadino, wie Wilde, indem der Eine Münzkraut, ein Andexer Raute, ein Dritter Rosmarin, ein Vierter ein Eſſigfläſchchen in der Hand trug.“ Sie fragten nach der Zahl der Todten und dieſe war ſchrecklich; ſie unterſuchten Kranke und Leich⸗ name, und überall fanden ſie die ſchmutzigen, furchtbaren Merkmale der Peſt. Sie berichteten dieſe düſtern Nachrich⸗ ten alsbald an die Sanitätsbehörde, die am 30. Oktober ihr Schreiben empfing:„ſie begann jetzt, ſagt Tadino, Ge⸗. ſundheitspäſſe vorzuſchreiben, um Perſonen, die aus Ort⸗ ſchaften kämen, wo die Seuche ſich bereits ausgeſprochen hätte, von der Stadt auszuſchließen, und während man die Verordnung ausfertigte, erließ man vorläufig einige ſum⸗ mariſche Befehle an die Zollbeamten.“ Inzwiſchen trafen die Bevollmächtigten in größter Eile die beſten Vorkehrungen, die in ihrer Macht ſtanden und kehrten zurück mit dem traurigen Bewußtſein, daß, dieſelben gänzlich ungenügend ſeien, einem bereits ſo weit vorgeſchrittenen und verbreiteten Uebel Einhalt zu thun. Sie kamen am 14. November an, und, nachdem ſie der Behörde, ſowohl einen mündlichen als auch einen neuen ſchriftlichen Bericht abgeſtattet, erhielten ſie von ihr den Auftrag, zum Statthalter zu gehen und ihm den Stand der Dinge auseinanderzuſetzen. Sie gingen hin und be⸗ richteten hernach, derſelbe habe über ſolche Nachrichten großes Mißfallen empfunden und viele Theilnahme geäußert, inzwiſchen aber erklärt, die Sorgen für den Krieg ſeien viel dringender: ised delli graviores esse curas. So Ripamonti, welcher die Acten der Sanitätsbehörde ſtudirt und mit Tadino ſich darüber Berathen hatte, der ſpeciell den Auſtrag dazu erhalten; es war dies, wenn ſich der „ 161 Leſer erinnert, die zweite Miſſion aus dieſem Grund und mit dieſem Ausgang. Zwei oder drei Tage ſpäter, am 18. November, erließ der Statthalter eine Verordnung, in welcher er öffentliche Freudenbezeigungen, wegen der Geburt des Prinzen Carlos, erſtgebornen Sohnes des Königs Philipp, vorſchrieb, ohne die Gefährlichkeit eines großen Zuſammenlaufs unter ſolchen Umſtänden zu ahnen vder ſich darum zu bekümmern: Alles, wie in gewöhnlichen Zeiten, wie wenn man ihm von Allem kein Wort geſagt hätte. Dieſer Mann war, wie wir ſeiner Zeit geſagt haben, der berühmte Ambrocio Spinola, der den ausdrücklichen Auftrag erhalten hatte, dieſen Krieg zu führen, die Fehler des Don Gonzalo wieder gut zu machen und nebenbei auch ie Statthalterſchaft zu verwalten; wir fönnen nun eben⸗ falls nebenbei hier erwähnen, daß er wenige Monate ſpäter in dieſem Krieg, der ihm ſo ſehr am Herzen lag, ſtarb, und zwar nicht an Wunden auf dem Felde, ſondern im Bett aus Kummer und Herzenleid über die Vorwürfe und Kränkungen aller Art, die er von ſeinem Herrn zu erleiden hatte. Die Geſchichte hat ſein Schickſal beklagt und aus⸗ drücklich erwähnt, daß er von demſelben verkannt worden ſei; ſie hat mit vieler Sorgfalt ſeine kriegeriſchen und politiſchen Thaten bezeichnet; ſie hat ſeine Vorausſicht, ſeine Thätigkeit und Beharrlichkeit gelobt; ſie hätte auch unter⸗ ſuchen können, wie er all dieſe glänzenden Eigenſchaften damals bethätigt habe, als die Peſt eine ſeiner Obhut oder vielmehr ſeiner Willkür unterſtellte Bevölkerung bedrohte und überzog. Was aber zwar die Tadelhaftigkeit ſeines Benehmens nicht verringert, aber daſſelbe doch einigermaßen erklärt und eine neue noch ſtärkere Verwunderung erregen muß, das iſt das Verhalten dieſer Bevölkerung ſelbſt, die zwar von der Seuche noch nicht ergriffen war, aber ſo viele Gründe hatte, ſie zu fürchten. Beim Eintreffen dieſer Nachrichten aus Ortſchaften, welche ſo übel damit behaftet waren, aus Dörfern, die gleichſam einen Halbkreis um die Stadt bilden, Die Verlobten. IMI. 11 162 an manchen Punkten nicht mehr als 18 oder 20 Miglien von ihr entfernt ſind; wer hätte nicht glauben ſollen, daß auf ſolche Nachrichten hin in dieſer Stadt eine allgemeine unruhige Bewegung, eine geſchäftige Sorge für gut oder ſchlecht verſtandene Maßregeln, oder wenigſtens eine, wenn auch unergiebige Bekümmerniß, hätte entſtehen follen? Und dennoch, wenn die Gedenkbücher jener Zeit in irgend„ Etwas übereinſtimmen, ſo iſt es in der Erklärung, daß von Allem dem Nichts der Fall war. Die Hungersnoth des vergangenen Jahres, die Bedrückungen der Soldateska, die Niedergeſchlagenheit der Gemüther, ſchienen mehr als ge⸗ nügende Gründe für die Sterblichkeit: Wenn Jemand auf den Straßen, in Läden, in Häuſern, ein Wort von Gefahr fallen ließ und der Peſt erwähnte, ſo wurde er mit un⸗ gläubigem Hohn und zornvoller Verachtung empfangen. Dieſelbe Ungläubigkeit, dieſelbe, um es noch beſſer zu ſagen, Blindheit und Verſtocktheit herrſchte im Senat, im Rathe der Decurionen, bei allen Beamten vor. Ich finde, daß der Cardinal Federigo, ſobald die erſten Fälle des anſteckenden Uebels verlauteten, durch einen Hirtenbrief ſeinen Pfarrern unter Anderm aufgab: ſie ſollten ihren Gemeinden die Nothwendigkeit und Verpflichtung ein⸗ ſchärfen, jeden Vorfall dieſer Art anzuzeigen und die ange⸗ ſteckten oder verdächtigen Effecten abzuliefern: und auch dieſe Vorſorge verdient unter den lohenswerthen Eigen⸗ thümlichkeiten des Mannes erwähnt zu werden. Die Sanitätsbehörde verlangte dringend Maßregeln und Mitwirkung, aber beinahe Alles vergebens. Auch in ihrer eigenen Mitte kam der Eifer bei Weitem dem Be⸗ vürfniſſe nicht gleich: Tadino verſichert mehrmals, und dies geht auch aus der ganzen Haltung ſeiner Erzählung hervor, daß nur die beiden Aerzte, da ſie von der Größe und der Bedrohlichkeit der Gefahr überzeugt waren, dieſe Behörde antrieben, welche ihrerſeits wieder die Andern au⸗ treiben mußte. Wir haben bereits geſehen, wie läſſig ſie bei den erſten Ankündigungen der Peſt zu Werke ging und 163 ihre erſten Nachforſchungen anſtellte: wir theilen jetzt einen andern bereits von nicht minder himmelſchreiender Saum⸗ ſeligkeit mit, vorausgeſetzt jedoch, daß nicht etwa Hinder⸗ niſſe von ſichern Behördern dieſelbe verſchuldeten. Jene Verordnung, in Betreff der Geſundheitspäſſe nämlich, die am 30. October beſchloſſen worden, wurde erſt am 23. des z folgenden Monats in's Leben gerufen und am 29. bekannt gemacht. Die Peſt war da bereits in Mailand einge⸗ drungen. Tadino und Ripamonti haben den Namen deſſen, der ſie zuerſt einſchleppte, wie auch noch andere, die Perſon und die Thatſache betreffende Umſtände ausdrücklich bemerkt, 6 und in Wahrheit erregt es, wenn man die Anfänge einer egroßen Verheerung beobachtet, deren Opfer nicht blos nicht namentlich aufgeführt, ſondern ſogar kaum annäherungsweiſe nach Tauſenden berechnet werden können, ein gewiſſes In⸗ tereſſe, wenigſtens jene erſten wenigen Namen zu erfahren, die aufgezeichnet und aufbewahrt werden konnten. Dieſe Art von Auszeichnung, der Vorrang bei der Vernichtung laßt in ihnen und auch in andern ſonſt gleichgiltigen Eeinzelheiten etwas Verhängnißvolles und Denkwürdiges finden. Beide Geſchichtſchreiber ſagen, es ſei ein ſpaniſcher in italieniſchen Dienſten ſtehender Soldat geweſen; im Uebri⸗ gen ſind ſie, wie auch in Bezug auf den Namen, nicht ganz einig. Nach Tadino war es ein gewiſſer Pietro Antoniv Lavatv, aus der Abtheilung, die im Gebiet von Leceo lag; nach Ripamonti ein Pier Paolo Locati, aus der Beſatzung in Chiavenna. Auch den Tag ſeiner Ankunft in Mailand geben ſie verſchieden an: der Erſte verlegt ſie auf den 22. Oetober, der Zweite auf denſelben Tag des folgenden Monats, und weder die eine noch die andere Angabe läßt ſich beweiſen. Dieſe beiden Zeitangaben ſtehen im Wider⸗ ſpruch mit andern, welche mehr Wahrſcheinlichkeit für ſich haben. Und dennoch mußte Ripamonti, der auf Befehl der Rathsverſammlung der Decurionen ſchrieb, viele Mittel beſitzen, um die nöthigen Erkundigungen einzuzehen, und 1 — 164 Tadino konnte vermöge ſeines Berufs beſſer als jeder Andere von dieſer Tharſache unterrichtet ſein. Im Uebrigen geht aus der Zuſammenſtellung anderer Angaben, die uns, wie geſagt, beſſer begründet ſcheinen, hervor, daß es vor der Bekanntmachung der Verordnung über die Geſundheits⸗ päſſe war, und wenn die Sache ſich der Mühe verlohnen würde, ſo könnte man wohl auch beinahe ganz klar beweiſen,„ daß es in den erſten Tagen dieſes Monats geſchehen ſein mußte: aber gewiß erläßt uns der Leſer dieſe Arbeit. Wie dem nun ſein mag, dieſer unglückliche Kriegs⸗ knecht und Unglücksbringer kam mit einem großen Bündel von Kleidern, die er deutſchen Soldaten abgekauft vver geraubt hatte, herein und begab ſich zu Verwandten, die in der Vorſtadt Porta vrientale, in der Nähe des Kapuzinerkloſters wohnten.“ Kaum angelangt erkrankte er und wurde in das Spital gebracht, wo eine Beule, die ſich unter der Achſel zeigte, ſeinen Arzt ahnen ließ, was wirklich der Fall war; am vierten Tag ſtarb er. Die Sanitätsbehörde ließ ſeine Familie abſondern und in ihrem Hauſe abſperren. Seine Kleiver, ſowie das Bett, worin er im Spital gelegen hatte, wurden verbrannt. Zwei Krankenwärter, die ihn dort gepflegt, und ein frommer Mönch, der ihm beigeſtanden, erkrankten gleichfalls binnen wenigen Tage, alle drei an der Peſt. Der Verdacht, den man hier gleich von Anfang an, wegen der Natur des Uebels gehegt, und die Vorſichtsmaßregeln, die man in Folge davon angewandt hatte, bewirkten, daß die Seuche ſich im Spital nicht weiter verbreitete. Aber der Soldat hatte draußen einen Saamen hin⸗ terlaſſen, welcher bald aufgehen ſollte. Der Erſte, bei dem es zum Ausbruch kam, war der Eigenthümer des Hauſes, in dem er gewohnt hatte, ein Lautenſchläger Namens Carlo Colonna. Jetzt wurden ſämmtliche Bewohner dieſes Hauſes auf Befehl der Sanitätsbehörde in's Lazareth gebracht, wo die meiſten ſich legten und einige von ihnen bald, vffenbar an der Seuche, ſtarben. 6 Was in der Stadt ſelbſt bereits durch den Umgang„ — 165 mit dieſen Leuten, durch ihre Kleider und Hausgeräthe, welche von Verwandten, Miethleuten, Dienſtboten vor den Unterſuchungen und der amtlich angeordneten Verbrennung gerettet worden, ausgeſtreut, und das was durch die Man⸗ gelhaftigkeit der Befehle, durch die Saumſeligkeit in ihrer Vollziehung und die Gewandtheit in ihrer Umgehung neu hinzugekommen war, ſchlich ſich im Verborgenen und lang⸗ ſam den ganzen Reſt des Jahres und in den erſten Mo⸗ naten des folgenden Jahres 1630 hin. Nur von Zeit zu Zeit wurde bald in dieſem, bald in jenem Stadtviertel Jemand ergriffen, und hin und wieder ſtarb Einer, und gerade die Seltenheit der Fälle war es, die den Argwohn von der Peſt entfernte und das Publikum immer mehr in dem dummen, verderblichen Glauben beſtärkte, daß die Peſt gar nicht vorhanden ſei und ſich überhaupt keinen Augen⸗ blick gezeigt habe. Auch viele Aerzte machten ſich zum Echo der Volksſtimme(war ſie auch in dieſem Falle die Stimme Gottes 2) und ſpotteten über die düſtern Prophe⸗ zeihungen und drohenden Warnungen der Wenigen; ſie hatten Namen gewöhnlicher Krankheiten bereit, um damit jeden Peſtfall zu bezeichnen, zu deſſen Heilung man ſie be⸗ rief, unter welchem Symptom und Zeichen er ſich nun an⸗ gekündigt haben mochte. Wenn nun die Sanitätsbehörde von dieſen Fällen auch Kenntniß erlangte, ſo kamen ihr die betreffenden No⸗ tizen doch meiſtentheils unſicher zu. Die Angſt vor der Contumaz und dem Lazareth ſchärfte den allgemeinen Witz: die Kranken verbargen ſich, die Todtengräber und Aelteſten wurden beſtochen; ſogar von Unterbeamten, welche die ge⸗ nannte Behörde abordnete, um die Leichen zu beſichtigen, konnte man für Geld falſche Zeugniſſe erhalten. Da nun aber die Behörde, ſo oft es ihr gelang, eine Entdeckung zu machen, jedesmal Befehl ertheilte, die Klei⸗ der zu veibrennen, die Häuſer abzuſperren, ganze Familien ins Lazareth abzuführen, ſo läßt es ſich leicht denken, mit welchem Zorn und Gemurre das Publikum, Adel, Kaufleute 166 und gemeines Volk ſolche Maßregeln aufnahm, da Alle die Ueberzengung hegten, es ſeien dies nur grund- und ſinnloſe Plackereien. Der ſtärkſte Haß fiel auf die beiden Aerzte, unſern vielerwähnten Tadino und den Senator Set⸗ tala, Sohn des Stadtarztes. Dieſe beiden Männer konn⸗ ten über keinen Marktplatz mehr gehen, ohne mit Schimpf⸗ worten überhäuft, wo nicht gar mit Steinen geworfen zu werden. Sie befanden ſich einige Monate lang wahrlich in einer eigenthümlichen und ſeliſamen Lage: ſie ſahen eine ſchreckliche Landplage herannahen, ſie gaben ſich alle erdenk⸗ liche Mühe, dieſelbe abzuwenden, und nun ſtießen ſie außer der Schwierigkeit der Sache, ſelbſt noch allwärts auf böſen Willen, ſie ſahen ſich zur Zielſcheibe feindſeliger Läſterung gemacht, ſie mußten es ſich gefallen laſſen, für Feinde des Vaterlandes erklärt zu werden,„pro patriae hostibus;“ ſagt Ripamonti. Demſelben Haß verfielen auch die andern Aerzte, welche mit ihnen die Ueberzeugung vom wirklichen Daſein der Seuche theilten, deßhalb die nöthigen Vorkehrungen aßriethen und ihre ſchmerzliche Gewißheit auch Andern mitzutheilen ſuchten. Die Beſcheidenſten beſchuldigten ſie blos der Un⸗ bedachtſamkeit und Hartnäckigkeit: bei Weitem die Meiſten aber erblickten darin eine offenbare Betrügerei und eine boshafte Anzettelung, welche die Abſicht hätte, den öffent⸗ lichen Schrecken auszubeuten. Der beinahe achtzigjährige Stadtarzt Ludovico Settala, ehemaliger Profeſſor der Medizin auf der Univerſität Pa⸗ via, ſodann der Moralphiloſophie in Mailand, Verfaſſer vieler damals hochberühmter Werke, berühmt durch Beru⸗ fungen auf die Lehrſtühle anderer Univerſitäten, nach Ingol⸗ ſtadt, Piſa, Bologna, Padua, ſowie durch ſeine beharrliche Ablehnung derſelben, war unſtreitig einer der angeſehenſten Männer ſeiner Zeit. Mit ſeinem wiſſenſchaftlichen Rufe verband er den Ruhm eines muſterhaften Lebens, und neben der allgemeinen Bewunderung erwarh er ſich das ungetheilte Wohlwollen der Bevölkerung durch die ausgezeichneie Men⸗ 167 ſchenfreundlichkeit, womit er die Armen verpflegte und mit Wohlthaten überhäufte. Was aber in uns das Gefühl der Hochachtung, das ſeine Verdienſte einflößen, ſtört und trübt, während es ihm damals nur noch mehr Einfluß ſicherte, das iſt der Umſtand, daß der arme Mann die gewöhnlich⸗ ſten und verderblichſten Vorurtheile ſeiner Zeitgenoſſen theilte: er war ihnen voraus, aber ohne ſich von dem großen Haufen zu entfernen, und eben dadurch kann man leicht Unglück ſtiften und ein auf andere Arten erworbenes An⸗ ſehen wieder verlieren. Und obſchon er deſſen im höchſten Grade genoß, ſo reichte es nicht nur nicht hin, die allge⸗ meine Anſicht in dieſer Peſtangelegenheit zu überwinden, ſondern es konnte ihn auch nicht einmal vor der Erbitte⸗ rung und Beleidigungen desjenigen Theils im Publikum ſchützen, der am leichteſten geneigt iſt, von theoretiſchen Urtheilen zu handgreiflichen Veweiſen überzuſchreiten. Eines Tags, als er ſich in ſeiner Sänfte durch die Stadt tragen ließ, um ſeine Patienten zu beſuchen, begann ein großer Hauſe ſich um ihn zu ſchaaren mit dem Ge⸗ ſchrei, er ſei der Rädelsführer derjenigen, welche mit Ge⸗ walt die Peſt in der Stadt haben wolltenz er ſei es, der durch ſeine traurigen Mienen und ſeinen langen Bart die Einwohner in Schrecken ſetze, Alles blos, um den Aerzten Beſchäftigung zu verſchaffen. Das Gedränge und die Auf⸗ regung nahmen zu: als die Träger Unrath merkten, brach⸗ ten ſie ihren Herrn in ein befreundetes Haus, das zufällig in der Nähe ſtand. Dies wiverfuhr ihm, weil er Etwas, das wirflich vorhanden war, klar geſehen, unverblümt aus⸗ geſprochen und viele tauſend Perſonen vor der Peſt zu retten gewünſcht hatte; damals, als er durch ein beklagens⸗ werthes Gutachten dazu betrug, daß eine unglückliche arme Frau als Here gefoltert, mit glühenden Zangen gezwickt und verbrannt wurde, weil ihr Herr an ſeltſamen Magen⸗ ſchmerzen litt, und ein anderer, früherer Herr von ihr, hef⸗ tig in ſie verliebt geweſen war, damals wird er ſich bei dieſem Publifum neue Lobſprüche und— ein unerträglicher 168 Gedanke!— neue Anſprüche auf Wohlverdientheit erwor⸗ ben haben.. Aber gegen Ende März begannen zuerſt in der Vor⸗ ſtadt der Porta orientale, daun auch in allen andern Stadt⸗ vierteln, die Krankheiten und Todesfälle unter ſeltſamen Krämpfen, Herzklopfen, Schlafſucht, Delirium, ſowie mit den unſeligen Zeichen; der ſchwarzblauen Hautfarbe und den Peſtbeulen, immer häufiger zu werden; der Tod war meiſtens ſchnell, heftig, nicht ſelten ganz plötzlich, ohne alle vorausgehende Krankheitsmerkmale. Da nun die Aerzte, welche das Daſein der Seuche bekämpft hatten, jetzt Etwas nicht zugeben wollten, das ſie früher verſpottet, und da ſie dennoch dem neuen Uebel einen Gattungsnamen geben mußten, weil es zu allgemein und zu vffenbar geworden war, um einen ſolchen entbehren zu können, ſo erfanden ſie den Namen„bösartige Peſtfieber“: ein elendes, feiges Gaukelſpiel mit Worten, das hier großen Schaden ſtiftete, denn während es ſich den Anſchein gab, die Wahrheit anzuerkennen, unterhielt es immer noch den Unglauben an das, was zu glauben und zu ſehen am meiſten Noth that, nämlich, daß das Uebel auf dem Weg der Anſteckung ſich fortpflanze. Die Oßrigkeit begann, wie Leute, die aus einem tiefen Schlaf erwachen, den Vorſtellungen und Vor⸗ ſchlägen der Sanitätsbehörde mehr Gehör zu ſchenken und dafür zu ſorgen, daß die Erlaſſe derſelben, die von ihr an⸗ geordneten Häuſerabſperrungen und Quarantänen wirklich beobachtet und eingehalten wurden. Die Sanitätsbehörde verlangte fortwährend auch Geld, um die täglich anwach⸗ ſenden Koſten des Lazareths und ſo manche andere Aus⸗ gaben zu beſtreiten, und zwar verlangte ſie das Geld von den Decurionen, bis entſchieden wäre— was, glaube ich, nur durch die That geſchah— ob ſolche Koſten der Stadt oder der königlichen Schatzkammer zur Laſt fallen ſollten. Den Decurionen ging auch der Großkanzler ſtark zu Leibe, wiederum auf Befehl des Statthalters, der von Neuem ausgezogen war, um das arme Caſale zu belagern, und —— 469 der Senat verlangte von ihnen, ſie ſollten für die Ver⸗ proviantirung der Stadt ſorgen, ehe die andern Orte, da ſich die Seuche unglücklicherweiſe immer mehr verbreite, den Verkehr abbrächen; und ſie ſollten Mittel auffinden, um einen großen Theil der Bevölkerung, dem die Beſchäf⸗ tigung ausgegangen, zu unterhalten. Die Decurionen ſuch⸗ ten durch Auflagen und Anleihen Geld zu machen, und von dem, was ſie zuſammenbrachten lieferten ſie einen Theil an die Sanitätsbehörde, einen andern an die Armen ab; ſie kauften auch einiges Korn und halfen theilweiſe dem Bedürfniß ab. Die größten Drangſale waren noch nicht gekommen. Im Lazareth, wo die Bevölferung, obſchon ſie täglich dezimirt wurde, mit jedem Tage mehr anwuchs, beſtand ein anderes ſchwieriges Geſchäft darin, den Dienſt und die Unterordnung feſtzuſtellen, über die vorgeſchriebenen Tren⸗ nungen zu wachen, kurz die von der Sanitätsbehörde an⸗ geordnete Verwaltung aufrecht zu erhalten oder vielmehr einzuführen: denn von den erſten Augenblicken an, war dort in Folge der Zügelloſigkeit vieler Eingeſchloſſenen, ſowie der Saumſeligkeit und Nachſicht der Beamten, Alles bunt durcheinander gegangen. Die Sanitätsbehörde und die Decurionen, welche nicht wußten, wo ſie anfangen ſoll⸗ ten, kamen auf den Gedanken, das Hauptgeſchäft den Ka⸗ puzinern zuzuwälzen und erſuchten den Pater Commiſſär, wie ſie ihn nannten, der Provinz, welcher die Stelle des kurz verſtorbenen Provinzials verſah, ihnen ein Subjert zu überlaſſen, das im Stande wäre, dieſes wüſte Reich zu beherrſchen. Der Commiſſär ſchlug ihnen als oberſten Lei⸗ ter des Ganzen einen Pater Felice Coſati vor, einen Mann von reifen Jahren, der einen großen und, wie die Folge zeigte, wohlverdienten Ruf der Menſchenliebe, Thätigkeit, Sanfimuth und zugleich Charakterſtärke genoß; und als Genoſſen, gleichſam als Diener deſſelben einen Pater Mi⸗ chele Pozzobonelli, der zwar noch jung, aber ſowohl von Geſinnung als Miene ernſt und ſireng war. Sie wurden 170 ſehr gern angenommen und verfügten ſich am 30. März in's rzareiß Der Präſident der Sanitätsbehörde führte ſie herum, gleichſam, damit ſie Beſitz ergreifen ſollten, rief dann die Diener und Beamten aller Claſſen zuſammen und erklärte vor ihnen den Pater Felice als Präſidenten des Orts mit höchſter Machtvollkommenheit. Da nun die jammervolle Geſellſchaft immer zahlreicher wurde, ſo ka⸗ men noch andere Kapuziner hinzu und verſahen hier die Verrichtungen als Aufſeher, Beichtväter, Verwalter, Kran⸗ kenwärter, Köche, Kleiderbewahrer, Wäſcher, kurz ſie gaben ſich zu Allem her, was nöthig war. Der allzeit geſchäf⸗ tige und ſorgſame Pater Felice ging Tag und Nacht un⸗ ter den Säulenhallen, in den Sälen, im Lager umher, in⸗ dem er bald einen Spieß trug, bald aber blos mit einem härenen Hemde bewehrt war; er belebte und regelte die Dienſtverrichtungen, er beſchwichtigte Lärm, ließ gegründe⸗ ten Klagen ihr Recht widerfahren, drohte, ſtraſte, ſchalt, tröſtete, trocknete und vergoß Thränen. Er zog ſich im Anfang die Peſt zu, genaß aber davon, und nahm dann mit neuer Munterkeit ſeine Arbeiten wieder auf. Seine Mitbrüder ließen zum größten Theil und alle mit freudigem Muth ihr Leben. Gewiß war eine ſolche Dictatur ein ſeltſames Aus⸗ kunftsmittel, ſeltſam wie die eingebrochene Calamität, wie die Zeiten, und wenn wir auch ſonſt Nichts wüßten, ſo würde dies als Beweis, ja als eine Probe einer nicht gewöhnlichen Rohheit und Zerrüttung unter der Geſellſchaft gelten können. Aber der Muth, die Wirkſamkeit und die Selbſtaufopferung dieſer Mönche, verdienen nicht weniger, daß man ihrer mit Hochachtung, mit Rührung, mit derje⸗ nigen Art von Danfbarkeit erwähne, wozu ſich die Men⸗ ſchen ſolidariſch für große Dienſtleiſtungen verpflichtet füh⸗ len. Für eine gute That zu ſterben, iſt zu jeder Zeit und unter Allen Umſtänden etwas Schönes und Weiſes.„Wenn, ſagt Tadino, dieſe Patres ſich nicht eingefunden hätten, ſo wäre ſicherlich die ganze Stadt verloren geweſen, denn es 17¹ iſt etwas Wunderbares, wie dieſe Väter in ſo kurzer Zeit und beinahe ohne alle Unterſtützung von Seiten der Stadt ſo viele Dinge für die Wohlfahrt der Stadt geleiſtet und durch ihre Thätigkett und Klagheit ſo viele tauſend Arme im Lazareth erhalten haben.“ Auch im Publikum nahm jenes verſtockte Läugnen der Peſt natürlicherweiſe immer mehr ab und verlor ſich zuletzt ganz, als die Krankheit ſo ſehr um ſich griff und zwar zuſehens auf dem Weg der Anſteckung und des Ver⸗ kehrs ſich verbreitete; man öffnete die Augen um ſo mehr, als das Uebel, nachdem es einige Zeit nur unter den Ar⸗ men verweilt hatte, nunmehr auch bekanntere Perſonen zu ergreifen anfing. Und unter dieſen verdient, wie er damals der Namhafteſte war, ſo auch jetzt der Stadtarzt Settala eine ausdrückliche Erwähnung. Werden ſie wenigſtens ge⸗ ſagt haben: der arme Greis hatte Recht? Wer weiß es? An der Peſt erkrankten er ſelbſt, ſeine Frau, zwei Söhne, ſieben Dienſtboten. Er und einer der Söhne kamen davon, die übrigen Alle ſtarben.„Dieſe Fälle“, ſagt Tadino, „die in vornehmern Häuſern der Stadt vorkamen, brachten den Adel und das Volk zum Nachdenken, und die ungläu⸗ bigen Aerzte, ſowie die unwiſſende, freche Menge begannen, die Lippen zu verziehen, den Mund zu verſchließen und die Brauen zu runzeln.“ Aber die Umkehr, das neue Auftreten und ſo zu ſagen die Rache der überführten Starrköpfigkeit find zuweilen von der Art, daß man wünſchen kann, ſie möchten ſich bis zuletzt gegen die Vernunft und handgreifliche Beweiſe be⸗ hauptet haben, und dieſer Fall traf auch jet ein. Die⸗ jenigen, die ſo entſchloſſen und ſo hartnäckig behauptet hatten, daß bei und unter ihnen kein Krankheitskeim be⸗ ſtehe, der ſich durch natürliche Mittel fortpſlanzen und ver⸗ nichtend werden könne, waren jetzt, da ſie die Fortpflan⸗ zung deſſelben nicht mehr leugnen konnten und ſie doch nicht jenen Mitteln zuſchreiben wollten(denn ſie hätten damit zu gleicher Zeit einen großen Irrthum und eine 172 große Schuld eingeſtanden), um ſo geneigter irgend eine andere Urſacht dafür zu finden und die erſte beſte, die geltend gemacht wurde, gut zu heißen. Unglücklicherweiſe lag eine ſolche in den Ideen und gemeinſchaftlichen Ueber⸗ lieferungen jener Zeit, nicht blos hier, ſondern auch in allen andern Theilen Europas bereit: Zauberkünſte, teufliſches Spielwerk, Leute, die ſich verſchworen haben, die Peſt durch anſteckende Gifte und Beherungen zu verbreiten. Schon bei vielen andern Peſtilenzen waren ſolche oder ähnliche Dinge ver⸗ muthet und geglaubt worden, und hier ganz beſonders in der Peſt, die vor einem halben Jahrhundert ſtattgefunden. Dazu kam noch, daß ſchon im vorhergehenden Jahr eine vom König Philipp IV unterzeichnete Depeſche an den Statthalter angekommen war, worin man ihm mittheilte, aus Madrid ſeien vier Franzoſen entwiſcht, die man als ver⸗ dächtig der Verbreitung giftiger und peſtbringender Sal⸗ ben aufgeſucht habe; er ſolle wohl auf der Hut ſein, im Fall dieſelben nach Mailand kommen ſollten. Der Statt⸗ halter hatte die Depeſche dem Senat und der Sanitäts⸗ behörde mitgetheilt, und weiter ſchien man ſich nicht da⸗ rum zu bekümmern. Als jedoch die Peſt ausgebrochen und erkannt war, da dachte man wieder an jene Nachricht, und ſie konnte als Beſtätigung oder Stützvunkt für den unbeſtimmten Argwohn eines frevelhaften Betrugs dienen, ja ſie konnte ſogar der erſte Anlaß werden, um einen ſol⸗ chen hervorzurufen. Aber zwei Vorfälle, deren einer von blinder und un⸗ geregelter Furcht, der andere von irgend einer Niederträch⸗ tigkeit zeugte, verwandelten jenen unbeſtimmten Argwohn in Betreff eines möglichen Anſchlags in einen wirklichen Argwohn, ja bei vielen ſogar in die Gewißheit eines be⸗ ſtimmten Anſchlags und einer wirklichen Verſchwörung. Am Abend des 17. wollten einige Leute geſehen haben, daß gewiſſe Perſonen im Dom herumgingen und eine Bretterwand einſalbten, welche die für die verſchiedenen 173 Geſchlechter beſtimmten Räume von einander trennte, und nun ließen ſie in der Nacht die Wand, ſowie eine Anzahl der darin eingefugten Bänke aus der Kirche ſchaffen; ſie thaten dies, obſchon der Präſident der Sanitätsbehörde, der mit vier ſeiner Beamten herbeigekommen war, um die Sache zu unterſuchen, nachdem er die Wand, die Bänke und das Weihwaſſerbecken genau beſichtigt und durchaus nichts gefunden hatte, was die thörichte Vermuthung eines Vergiftungsverſuchs beſtätigen konnte, aus Nachgiebigkeit gegen ſolche Einbildungen und mehr aus übertriebe⸗ ner Vorſicht als weil es wirklich nöthig war, den Ausſpruch gethan hatte, es genüge, wenn man die Wand abwaſche. Dieſe Maſſe aufgehäuften Geräthes machte auf die zahlreiche Menge, für welche ein Gegendſtand ſo leicht zu einem Beweiſe wird, einen ſehr beängſtigenden Eindruck. Man ſagte und glaubte allgemein, ſämmtliche Bänke, wie auch die Wände und Glockenſeile im Dom ſeien eingeſalbt wor⸗ den. Und zwar ſagte man dies nicht blos damals: ſämmtliche Gedenkbücher der Zeitgenoſſen(Werke, die zum Theil erſt viele Jahre nachher abgefaßt ſind), beſprechen dieſe Thatſache und zwar alle mit der gleichen Zuverſichtlich⸗ keit: den wahren Hergang würde man errathen müſſen, wenn man ihn nicht in einem Schreiben der Sanitätsbe⸗ hörde an den Statthalter vorfände, das in dem Archiv San Fedele aufbewahrt wird, woraus wir die betreffende Erzählung entnommen haben, und worin die mit geſperr⸗ ter Schrift gedruckten Worte buchſtäblich enthalten ſind⸗ Am folgenden Morgen trat ein neues noch ſeltſame⸗ res und bedeutſameres Schauſpiel den Bürgern vor die Augen und den Sinn. In allen Theilen der Stadt ſah man die Thüren und Wände der Häuſer auf lange Strecken hin mit einem gewiſſen weißgelblichen Schmutz, der durch Schwämme ausgeſpritzt ſchien, überſchmiert und beſudelt. War es nun eine gottloſe Luſt, ein noch geräuſchvolleres und noch allgemeineres Entſetzen zu ſehen, oder war es irgend Abſicht die allgemeine Verwirrung noch zu ſteigern, 174 oder war es irgend etwas Anderes, die Sache iſt mit ſol⸗ cher Gewißheit durch Zeugen bekräftigt, daß es uns we⸗ niger vernünftig erſcheinyn würde, ſie einem Traum auf⸗ geregter Phantaſie als vielmehr einer Schlechtigkeit zuzu⸗ ſchreiben, welche übrigens im menſchlichen Gehirn durch⸗ aus nicht neu iſt und an jedem Ort, zu jeder Zeit ähn⸗ liche Wirkungen hervorgebracht hat. Ripamonti, welcher im Punkt dieſer Salbereien die Leichtgläubigkeit des Vol⸗ kes oft verſpottet und noch öfter beklagt, verſichert, jene Schmutzflecke ſelbſt geſehen zu haben, und beſchreibt ſie. Im voben erwähnten Schreiben erzählen die Herrn von der Sanitätsbehörde die Sache mit denſelben Ausdrücken; ſie ſprechen von Unterſuchungen, von Proben, welche man mit jener Materie an Hunden angeſtellt habe und zwar ohne ſchlimme Wirkung; ſie fügen hinzu, ihres Erachtens ſei ein ſolches Bubenſtück mehr aus loſem Muthwillen als aus verbrecheriſcher Abſicht hervorgegangen: eine Anſicht, welche beweist, daß ſie bis zu jener Zeit Seelenruhe ge⸗ nug beſaßen, um nicht etwa Dinge zu ſehen, die gar nicht. dageweſen wären. Auch die andern gleichzeitigen Gedenk⸗ bücher, deren Zeugniß wir jedoch nicht für ſichere Beweiſe ausgeben wollen, geben ſämmtlich die Andeutung, im An⸗ fang habe bei Vielen der Glaube vorgewaltet, daß jene Einſalbung blos zum Spaß und aus wunderlicher Laune gemacht worden ſei. Kein einziges Werk ſagt, daß Je⸗ mand ſie geläugnet habe, und ſie hätten gewiß, wenn es ſolche Leute gegeben hätte, ihrer gedacht, wenn auch nur, um ſie überſpannte Köpfe zu nennen. Mir hat es nicht unzweckmäßig geſchienen dieſe theils wenig bekannten, theils gänzlich unbekannten Einzelheiten einer berühmten Verrücktheit zu erzählen und zuſammenzuſtellen, weil bei Verwirrung einer großen Menſchenmenge, der Weg, wel⸗ chen ſie eingeſchlagen haben, die äußern Erſcheinungen und die Art und Weiſe mittelſt derer ſie in die Gemüther ein⸗ ſchleichen und ſie beherrſchen konnten, nach meinem Dafür⸗ f 175 halten überaus intereſſante und nützliche Gegenſtände der Beachtung ſind. Die bereits aufgeregte Stadt gerieth in wahren Auf⸗ ruhr: die Hausbeſitzer brannten mit angezündetem Stroh die eingeſalbten Stellen aus; die Vorübergehenden blieben ſtehen, ſchauten zu, ſchauderten, knirſchten. Die Fremden, die ſchon dadurch allein verdächtig und an ihrer Kleidung damals leicht erkenntlich waren, wurden auf den Straßen vom Volk feſtgenommen und in die Gefängniſſe geführt. Es wurden Unterſuchungen angeſtellt, man verhörte die Verhafteten, Verhafter und Zeugen: Niemand wurde ſchul⸗ dig gefunden, man war noch fähig zu zweifeln, zu erwä⸗ gen, zu begreifen. Die Sanitätsbehörde erließ die Verord⸗ nung, worin ſie demjenigen, welcher den oder die Urheber der That zur Anzeige brächte, eine Belohnung und Straf⸗ loſigkeit verhieß. Da es uns in keinerlei Weiſe paſſend ſcheint, ſagen dieſe Herrn in dem oben erwähnten Schrei⸗ ben, welches das Datum vom 21. Mai trägt, aber offen⸗ bar am 19., dem in der gedruckten Verordnung unterzeich⸗ neten Tage abgefaßt iſt, daß dieſes Verbrechen irgend un⸗ geſtraft bleibe, zumal in einer ſo verdächtigen und gefähr⸗ lichen Zeit, ſo haben wir zum Troſt und zur Beruhigung der Bevölkerung, und um Kenntniß von der That zu er⸗ langen, heute die Verordung bekannt gemacht u. ſ. w. In der Verordnung ſelbſt findet ſich jedoch nicht eine einzige, we⸗ nigſtens keine klare Andeutung auf jene vernünftige und beruhigende Vermuthung, welche ſie dem Statthalter mit⸗ theilten: eine Verſchweigung, die gleicher Zeit ein wüthen⸗ des Vorurtheil im Volk und bei ihnen eine Nachgiebigkeit verräth, die um ſo ſtrafbarer iſt, je verderblicher ſie wer⸗ den konnte. Während die Behörde ſuchte, hatten, wie dies häufig geſchieht, Viele im Publikum bereits gefunden. Von denen, die an eine giftige Einſalbung glaubten, behauptete Einer, ſie komme von Gonzala Fernandez von Cordova, welcher ſich auf dieſe Art für den bei ſeinem Abzug erlittenen 176 Schimpf rächen wolle; ein Anderer erklärte es für einen Anſchlag des Cardinals Richelieu, der Mailand zu entvöl⸗ kern ſuche, um ſich der Stadt ohne Mühe bemächtigen zu können; ein Dritter wollte, und man weiß durchaus nicht warum, die Sache einem Collalto, einem Wallenſtein, oder auch dieſem oder jenem mailändiſchen Edelmann in die Schuhe ſchieben. Es fehlte, wie geſagt, auch nicht an Solchen, die im Ganzen blos eine boshafte Büberei ſahen, etwa von Studenten, vornehmen Herren oder Offizieren ausgegangen, die der Belagerung von Caſale überdrüſſig wären. Daß man nicht, wie man gefürchtet haben mochte, unmittelbar darauf eine allgemeine Anſteckung und Sterb⸗ lichkeit erfolgen ſah, dies war wahrſcheinlich der Grund, daß jener erſte Schreck ſich für jetzt allmälig legte und die Sache beinahe in Vergeſſenheit gerieth. Im Uebrigen gab es auch eine gewiſſe Anzahl von Perſonen, die von dem Daſein der Peſt immer noch nicht überzeugt waren. Und weil ſowohl im Lazareth als in der Stadt Einige wieder geſundeten, ſo ſagten(die letzten Gründe einer durch augenſcheinlichen Beweis zu Boden geſchlagenen Meinung ſind immer merkwürdig), ſo ſagten ſowohl das Volk als auch viele parteiiſche Aerzte, es ſei nicht die wahre Peſt, denn ſonſt würden alle daran ge⸗ ſtorben ſein. Um jeden Zweifel zu heben, erſann die Sa⸗ nitätsbehörde ein dem Bedürfniß entſprechendes Mittel, eine Art und Weiſe zu den Augen zu ſprechen, wie nur jene Zeiten ſie erfordern oder eingeben konnten. An einem der Pfingfeiertage pflegten die Bürger auf dem St. Gregors⸗ kirchhof vor der Porte orientale zuſammenzukommen; ſie beteten da für die an jener andern Seuche Geſtorbenen, deren Leichen hier begraben lagen, und zwar erſchienen ſie, da ſie aus der frommen Uebung eine Gelegenheit zu Luſt⸗ barkeiten und einem Schauſpiel entnahmen, ſämmtlich in ihren ſchönſten Kleidern. An dieſem Tag war unter an⸗ dern eine ganze Familie geſtorben. Zur Stunde des größ⸗ ten Zudrangs wurden nun auf Befehl der Sanitätsbehörde 177 mitten unter den Karroſſen, Reitern und Fußgängern hin⸗ durch die nackten Leichname dieſer Familie auf den eben genannten Kirchhof geführt, damit die Menge an ihnen das deulliche Wahrzeichen, das abſchenliche Gepräge der Peſt erſehen konnte. Ein Schrei des Entſetzens und der Angſt erhob ſich überall, wohin der Karren kam, ein lan⸗ ges Gemurmel herrſchte, da wo er vorüber war, ein an⸗ deres Gemurmel ging ihm voran. Man glaubte von nun an mehr an die Peſt; übrigens verſchaffte ſie ſich auch von ſelbſt mit jedem Tage mehr Gläubige, und dieſe Ver⸗ ſammlung ſelbſt ſollte nicht wenig dazu beitragen, ſie zu verbreiten. Im Anfang alſo keine Peſt, ſchlechterdings keine, in keinerlei Weiſe: ſogar verboten das Wort auszuſprechen. Dann peſtartige Fieber: der Begriff ſchleicht ſich ſeitwärts durch ein Beiwort ein. Hierauf nicht die wahre Peſt, d. h. alierdings Peſt, aber nur in einem gewiſſen Sinn; nicht ganz eigentliche Peſt; aber doch Etwas, wofür man keinen andern Namen zu finden weiß. Endlich Peſt ohne Zweifel und ohne Widerrede: aber bereits hat ſich ein an⸗ derer Begriff damit verbunden, der Begriff der Vergiftung und Zauberei, eine Vorſtellung, welche den von dem Worte ausgedrückten Begriff, der ſich ſchlechterdings nicht mehr zurückdrängen läßt, verfälſcht und verwirrt. Man braucht, glaube ich, in der Geſchichte der Ideen und der Worte nicht ſonderlich bewandert zu ſein, um zu ſehen, daß viele einen ähnlichen Verlauf gehabt haben⸗ Dem Himmel ſei Dank, daß es nicht viele von ſolcher Art und ſolcher Bedeutung gibt, deren Beweis einen ſo hohen Preis koſtet, und denen man ſolche Anhänge bei⸗ fügen kann. Inzwiſchen könnte man in großen und klei⸗ nen Dingen dieſen ſo langen Schreckensgang großentheils vermeiden, wenn man die ſchon ſeit geraumer Zeit aufge⸗ ſtellte Methode befolgte, vor dem Sprechen zu beobachten, zu hören, zu vergleichen und zu überlegen. Aber das Sprechen, dieſe ſo einzige Sache, iſt ſo un⸗ Die Verlobten. MI. 12 endlich angenehmer, als die andern zuſammen, daß wir auch, ich meine wir Menſchen im Allgemeinen, ein wenig zu beklagen ſind. Dreiunddreißigſtes Capitel. Da es immer ſchwieriger wurde, die ſchmerzlichen Be⸗ vürfniſſe der Umſtände zu befriedigen, ſo hatte der Rath der Decurionen am 4. Mai beſchloſſen den Statthalter um Hilfe und Beiſtand anzuſprechen. Demzufolge wurden am 22. zwei Mitglieder dieſes Collegiums ins Lager abge⸗ ſandt, um ihm die Leiden und Bedrängniſſe der Stadt zu ſchildern; ſie ſollten ihm vorſtellen, daß die Koſten uner⸗ ſchwinglich, die Schatzkammer erſchöpft und überſchuldet, die künftigen Einnahmen verpfändet ſeien, die laufenden Ausgaben wegen der allgemeinen, aus ſo vielen Gründen und beſonders durch die Verheerungen des Kriegs entſtan⸗ denen Verarmungen nicht bezahlt würden; ſie ſollten ihm ferner zu bedenken geben, daß den Geſetzen und ununter⸗ brochenen Gewohnheiten gemäß, wie auch in Folge einer beſondern Verordnung Karls X. die Koſten der Peſt dem Fiskus zur Laſt fallen müßten: in der vom Jahr 1576 habe der Statthalter Marquis von Agamonte nicht blos alle Kammerſteuern nachgelaſſen, ſondern die Stadt noch überdies mit vierzigtauſend Seudi von derſelben Kammer unterſtützt. Endlich ſollten ſie viererlei von ihm verlangen: daß die Steuern, wie ſchon früher, eingeſtellt würden; daß die Kammer Geld vorſchieße; daß der Statthalter dem König über das Elend der Provinz und der Stadt be⸗ richte; daß er das durch die bisherigen Durchmärſche bereits zu Grunde gerichtete und verheerte Herzogthum mit neuer Einquartierung verſchone. Spinolg antwortete mit Bei⸗ —— —,— 179 leidsbezeugungen und neuen Ermahnungen: erbedaure, nicht in der Stadt ſein zu können, um all ſeine Sorgfalt zur Erleichterung derſelben aufzubieten; aber er hoffe, daß der Eifer dieſer Herren für Alles geſorgt haben werde; es ſeien dies Zeiten, wo man Nichts ſparen, ſondern Anſtren⸗ gungen aller Art machen müſſe; was die ausdrücklichen Forderungen betreffe, ſo werde er die beſtmöglichſte Für⸗ ſorge tragen, ſo weit die Zeitumſtände und die Nothwen⸗ digkeiten des Augenblicks es geſtatten. Mehr geſchah nicht: es wurden zwar neue Deputationen hin⸗ und zurückgeſchicktz man ſtellte neue Forderungen und erhielt neue Antworten, aber ich finde nicht, daß irgend ein beſtimmter Beſchluß zu Stande gekommen wäre. Später, als die Peſt am hef⸗ tigſten wüthete, fand es der Statthalter für gut, durch ein Beſtallungsſchreiben ſeine Machwollkommenheit auf den Großkanzler Ferrer zu übertragen, da er ſelbſt, wie er er⸗ klärte, alle ſeine Gedanken dem Kriege zuzuwenden habe. Zugleich mit dieſem Beſchluß hatten die Decurionen noch einen andern gefaßt: nämlich den Cardinal Erzbiſchof zu erſuchen, er möchte eine feierliche Prozeſſion veranſtal⸗ ten, bei welcher der Leichnam des heiligen Carl durch die Stadt getragen werde. Der gute Prälat weigerte ſich deß aus vielen Grün⸗ den. Ihm mißfiel dieſes Vertrauen auf ein willkürliches Mittel, und er fürchtete, wenn der Erfolg den Hoffnungen nicht entſpreche, was er gleichfalls beſorgte, ſo möchte das Veitrauen ſich in Aergerniß verwandeln. Er fürchtete über⸗ dies, wenn es dennoch ſolche Salber gebe, ſo möchte die Prozeſſion ihnen eine nur allzugünſtige Gele⸗ genheit zu Verbrechen leihen; wenn ſie nicht vorhan⸗ den ſeien, ſo ſei ſchon ein ſo großer Zuſammenlauf von Menſchen allein geeignet die Anſteckung immer weiter zu verbreiten, und dieſe Gefahr ſei noch weit weſentlicher. Der eingeſchlafene Argwohn wegen Einſalbungen war näm⸗ lich allgemeiner und heftiger als vorher wiedererwacht. Man hatte von Neuem geſehen oder diremal wirklich 12 180 zu ſehen geglaubt, daß Wände, Thüren von öffentlichen Gebäuden, gewöhnliche Hausthüren und Thürklopfer be⸗ ſchmiert geweſen ſeien. Die Rachricht von ſolchen Ent⸗ deckungen flog von Mund zu Mund, und wie dies bei großen Vorurtheilen zu geſchehen pflegt, ſo brachte ſchon das Hörenſagen dieſelben Wirkungen hervor, die eigentlich nur der wirklichen Anſchauung zugeſtanden hätten. Die durch die Gegenwart des Uebels immer mehr erbitterten, durch die Dringlichkeit der Gefahr immer mehr gereizten Gemüther neigten ſich dieſem Glauben um ſo bereitwilliger zu, denn der Zorn iſt ſtets geneigt zu ſtrafen und will, wie ein braver Mann(Verri) bei dieſer Gelegenheit ſcharf⸗ ſinnig bemerkt, die Uebel lieber einer menſchlichen Bosheit zuſchreiben, gegen welche er ſeine quäleriſche Thätigfeit auslaſſen kann, als ſie von einer Urſache ableiten, gegen welche man Nichts zu thun vermag, und der gegenüber ruhige Ergebung allein vernünftig iſt. Ein ausgeſuchtes, augenblicklich wirkendes, ſchnell eindringendes Gift, dieſe Worte waren mehr als genügend, um die Heftigkeit, um die unheimlichſten und regelwidrigſten Fälle der Krankheit zu erklären. Man ſagte, dieſes Gift ſei aus Kröten, Schlan⸗ gen, Eiter und Speichel von Peſtkranken, ja aus noch ſchlimmeren Dingen bereitet, aus allem Schmutzigen und Abſcheulichen, was nur eine verkehrte und verwilderte Phantaſie zu erſinnen vermag. Man fügte noch die Heren⸗ künſte hinzu, durch welche jede Wirkung möglich wurde, jede Einwendung ihre Kraft verlor, jede Schwierigkeit ihre Löſung erhielt. Wenn die Wirkungen unmittelbar nach der erſten Einſalbung nicht von nachhaltiger Dauer geweſen waren, ſo ſah man ja, warum; es war ein mangelhafter Verſuch noch unerfahrener Herenmeiſter: jetzt aber war die Kunſt vervollkommt und ihr Wille noch ſtarrer auf die hölliſche Abſicht gerichtet. Wer fortan noch behauptet hätte, es ſei blos ein ſchlechter Spaß, wer das Vorhandenſein einer wirklichen Verſchwörung hätte leugnen wollen, den hätte man für einen verſtockten Blinden ausgegebenz ja er 181 wäre vielleicht ſogar verdächtig geworden, daß er ſein eigenes Intereſſe dabei habe, das Publikum von der wah⸗ ren Spur abzuleiten, man hätte ihn für einen Mitſchuldi⸗ gen, für einen Salber gehalten; das Wort war bald allgemein auerkannt und Gegenſtand des allgemeinen Ent⸗ ſetzens. Bei einer ſolchen Ueberzeugung, daß es wirklich Salber gebe, mußte man beinahe unfehlbar welche ent⸗ decken; aller Augen gingen darauf aus, jede Bewegung konnte Verdacht erregen. Und der Verdacht ſteigerte ſich leicht zur Gewißheit, die Gewißheit zur Wuth. Ripamonti erzählt zwei Beiſpiele mit dem Bemerken, daß er ſie nicht etwa als die abſcheulichſten unter ſo vie⸗ len täglich vorkommenden ausgewählt habe, ſondern blos darum, weil er als Augenzeuge davon ſprechen könne. In der St. Antonskirche wollte an einem, ich weiß nicht mehr welchem Feſttage ein mehr als achtzigjähriger Greis, nach⸗ dem er fnieend gebetet, ſich ſetzen und ſtäubte zuvor mit ſeinem Mantel die Bank ab.„Der Alte da ſalbt die Bänke!“ riefen auf einmal einige Weiber, die dies ſahen. Die Leute, die in der Kirche waren(in der Kirche!), fal⸗ len über den Alten her, zerraufen ſeine weißen Haare, miß⸗ handeln ihn mit Fauſtſchlägen und Fußtritten und ſchlep⸗ ven ihn halbtodt fort, um ihn ins Gefängniß, vor's Ge⸗ richt, auf die Folter zu bringen.„Ich ſah ſelbſt wie er auf dieſe Weiſe fortgeſchleppt wurde,“ ſagt Ripamonti, „und ich erfuhr weiter Nichts mehr von ihm; aber ich glaube feſt, daß er höchſtens noch einige Augenblicke leben konnte.“ Der andere Fall, und er ereignete ſich am folgenden Tag, war ebenfalls ſeltſam, aber minder verhängnißſchwer. Drei junge Franzoſen, ein Gelehrter, ein Maler und ein andwerker, welche gekommen waren, um Italien zu ſehen, die Alterthümer zu ſtudiren und wo möglich etwas zu verdienen, hatten ſich, ich weiß nicht mehr welchem Theile des Domes von außen genährt und betrachteten ihn aufmerkſam. Ein, zwei, mehrere Vorübergehende blieben ſtehen; es bildete ſich eine Zuſammenrottung; alle ſchauten auf und blickten die drei Männer an, deren Kleidung, Haarſchnitt, Reiſeſäcke die Fremden und, was noch ſchlim⸗ mer war, Franzoſen verriethen. Wie wenn ſie ſich verge⸗ wiſſern wollten, daß es Marmor ſei, ſtreckten ſie die Hände aus, um ihn zu berühren. Dies genügt. Sie wur⸗ den umringt, ergriffen, mißhandelt und mit Stockſchlägen nach dem Gefängniß getrieben. Zum guten Glück befindet ſich der Juſtizpalaſt in der Nähe des Domes, und zu noch größerem Glück wurden ſie unſchuldig befunden und freigelaſſen. Und ſolche Dinge fielen nicht blos in der Stadt vor, der Wahnſinn hatte ſich wie die Peſt ſelbſt, ringsum ver⸗ breitet. Der Wanderer, dem zufällig Bauern abſeits von der Straße begegneten, oder den ſie langſam auf derſelben herumſchlendern, oder auch ruhig daliegen ſahen; der Un⸗ bekannte, deſſen Geſicht und Kleidung etwas Seltſames, Zweideutiges zeigte, waren Salber? auf die erſte Warnung des Nächſten Beſten, auf den Ruf eines Jungen läutete man die Glocken und lief zuſammen; die Unglücklichen wurden mit Steinen geworfen, oder auch feſtgehalten und von einem wüthenden Haufen ins Gefäugniß geführt. Und das Gefängniß war bis zu einer gewiſſen Zeit ein Hafen der Rettung. Aber die Decurionen ließen ſich nicht durch die Wei⸗ gerung des weiſen Prälaten entmuthigen, ſondern wieder⸗ holten Ihr Verlangen, in welches der öffentliche Wunſch lärmend einſtimmte. Federigo beharrte auch jetzt noch auf ſeiner Ablehnung und ſuchte den Leuten die Sache aus⸗ zureden: ſo viel und nicht mehr vermochte der Ver⸗ ſtand eines Mannes gegen die Stimmung der Zeit und die Beharrlichkeit des großen Haufens. Bei jenem allge⸗ meinen Stand der öffentlichen Meinung, bei dem Begriff von der Gefahr, welcher damals noch verworren, ſtreitig und von der heutigen Augenſcheinlichkeit weit entfernt war fällt es nicht ſchwer anzunehmen, daß ſeine guten Gründe —, — 183 ſogar in ſeinem eigenen Geiſte von den ſchlechten Grün⸗ den Anderer beſiegt werden konnten. Ob dann an ſeiner ſpätern Nachgiebigkeit eine Schwäche des Willens Antheil hatte oder nicht, das ſind Geheimniſſe des menſchlichen Her⸗ zens. Gewiß, wenn es in irgend einem Falle ſcheint, daß man den Irrthum vollſtändig auf Rechnung des Verſtan⸗ des ſetzen und daß man das Gewiſſen freiſprechen könne, ſo iſt es dann, wenn es ſich um die wenigen Leute han⸗ delt(und er gehörte wahrlich zu dieſer kleinen Zahl) in deren ganzem Leben ein entſchloſſener Gehorſam gegen das Gewiſſen, ohne Rückſicht auf zeitliche Intereſſen irgend einer Art, ſich kundthut. Auf wiederholtes Rachſuchen gab er alſo nach, geſtattete die Proeeſſivn und willigte über⸗ dies in den allgemeinen dringenden Wunſch ein, daß der Sarg, worin die Reliquien des h. Carl ruhten, acht Tage lang auf dem Hochaltar des Doms ausgeſtellt und allge⸗ mein zugänglich ſein ſollte. Ich finde nicht, daß die Sanitätsbehörde, oder ſonſt wer irgend einen Widerſpruch erhoben oder eine Gegen⸗ vorſtellung gemacht hätte. Doch traf die genannte Behörde einige Vorſichtsmaßregeln, welche zwar der Gefahr nicht vorbeugten, dennoch aber das Gefühl einer ſolchen verrie⸗ then. Sie erließ ſtrengere Verordnungen in Bezug auf den Einlaß von Fremden in der Stadt, und um die Voll⸗ ziehung ihrer Befehle ſicher zu ſtellen, ließ ſie die Thore Lerſchloſſen halten; desgleichen ließ ſie, um Angeſteckte und Verdächtige ſo viel als möglich von der Verſammlung aus⸗ zuſchließen, die Thüren der abgeſperrten Häuſer vernageln, die ſich, inſofern die nackte Behauptung eines Schrifſtellers und zwar eines Schriſtſtellers aus jener Zeit(Somaglia) einigen Werth haben kann, bis auf 500 beliefen. Drei Tage wurden mit Vorbereitungen zugebracht: am 11. Juni, dem feſtgeſtellten Termin, ſetzte ſich die Pro⸗ zeſſion mit Tagesanbruch vom Dom aus in Bewegung. oran zog eine lange Volksmenge, meiſtens Weiber, das Geſicht mit weiten Schleiern verhüllt, viele baarfüßig und 184 in Sacktuch gekleidet. Hierauf kamen die Zünfte, denen ihre Fahnen vorausgetragen wurden, die Bruderſchaften in ihren an Schnitt und Farbe verſchiedenen Trachten; hernach die Mönchsorden, dann die Weltgeiſtlichkeit, jeder Einzelne mit dem Abzeichen ſeiner Würde und einer bren⸗ nenden Kerze in der Hand. In der Mitte, unter dem Glanz zahlreicher Fackeln, unter einem vollen Geſang und unter einem reichen Traghimmel, kam der abwechſelnd von vier Domherrn in großer Galla getragene Kaſten. Durch die kriſtallenen Wände ſchimmmerte der verehrte Leichnam, die Glieder in prachtvolle beſchöfliche Gewande gehüllt, mit einer Mitra auf dem Kopfe, und unter den verſtüm⸗ melten und verfallenen Formen konnte man noch Spuren ſeines ehemaligen Ausſehens erkennen, ſo wie die Bilder ihn darſtellen, wie Einige ihn lebendig geſehen und ver⸗ ehrt zu haben ſich erinnerten. Hinter der irdiſchen Hülle des todten Seelenhirten, ſagt Ripamonti, von welchem wir dieſe Beſchreibung hauptſächlich entnehmen, und ihm zu⸗ nächſt wie durch Verdienſt, Abſtammung und Würde, ſo jetzt auch durch ſeine Perſönlichkeit, kam der Erzbiſchof Federigs. Nun folgte der übrige Theil der Geiſtlich⸗ keit, hierauf die Beamten in höchſter Galla; dann die Adeligen theilweiſe in prunkhaften Gewanden, gleichſam um ihre Andacht deſto feierlicher kund zu thun, theilweiſe aber zum Zeichen der Zirknirſchung in Trauerkleidern, in Säcke gehüllt, die Kaputzen über das Geſicht hereingezogen; alle mit großen Fackeln. Den Schluß bildete ein langer vermiſchter Volkshaufe. Die ganze Straße war feſtlich geſchmückt; die Reichen hatten ihre prachtvollſten Geräthſchaften ausgeſtellt, die Vorderſeiten der armen Häuſer waren von bemittelten Nachbarn oder auf öffentliche Koſten verziert worden; hier ſah man ſtatt der Feſtgehänge, dort über denſelben grüne Zweige; allerwärts prangten Gemälde, Inſchriften, Sinn⸗ bilder; auf den Fenſterbrüſtungen ſtanden Vaſen, Anti⸗ quitäten, koſtbare Kunſtwerke zur Schau geſtellt; überall 185 leuchteten Fackeln. An vielen dieſer Fenſter ſchauten ab⸗ geſperrte Kranke dem Gepränge zu und vermiſchten ihre Gebete mit dem der Vorübergehenden. Die andern Stra⸗ ßen waren ſtumm und verödet; nur daß einige von den Fenſtern aus auf das herumziehende Geſumme horchten, Andere, und unter dieſen bemerkte man ſogar Nonnen, waren auf die Dächer geſtiegen, ob ſie vielleicht von da aus den Reliquienkaſten, den Zug, irgend etwas in der Ferne ſehen könnten. Die Proeeſſion ging durch alle Stadtviertel: an jedem Kreuzwege, auf jedem der lleinen Plätze, die bei der Mündung der Hauptſtraßen in die Vorſtädte liegen und damals noch den alten Namen Carrobio führten, welcher jetzt nur einem einzigen geblieben iſt, wurde Halt gemacht und der Kaſten neben dem Kreuze niedergeſtellt, das der heil. Karl in der frühern Peſt auf jedem hatte errichten laſſen, und von denen einige noch jetzt beſiehen. Auf dieſe Art wurde es weit mehr als Mittag, bis man zu dem Dom zurückkam. Und ſiehe da, ſchon am folgenden Tag, während noch jene vermeſſene Zuverſicht, ja bei Vielen ſogar eine fana⸗ tiſche Sicherheit vorherrſchte, daß die Proceſſion der Peſt den Hals gebrochen haben müſſe, nahmen die Todesfälle in allen Ständen und allen Theilen der Stadt ſo unver⸗ hältnißmäßig und mit einem ſo plötzlichen Sprunge zu, daß Jedermann die Urſache oder Veranlaſſung in der Proceſſion ſelbſt erblicken mußte. Aber, o wunderbare und unſelige Macht eines allgemeinen Vorurtheils! nicht etwa dieſer ſo lange andauernden Anhäufung von Men⸗ ſchen, nicht der unendlichen Vervielfachung zufälliger Be⸗ rührungen ſchrieben die Meiſten dieſe Wirkung zu; ſie erklärten ſie vielmehr aus der leichten Gelegenheit, welche die Salber hier gefunden hätten, um ihr gottloſes Geſchäft im Großen zu betreiben. Man ſagte ſich, ſie hätten ſich unter die Menge gemiſcht und mit ihrer Salbe Jedermann angeſteckt, wer ihnen nahe gekommen. Da jedoch dieß keine ausreichende und angemeſſene Erklärung für eine ſo 186 umfaſſende und über alle Stände verbreitete Sterblichkeit zu ſein ſchien, da es, wie es ſcheint, ſelbſt dem ſo aufmerk⸗ ſamen und doch auch ſo falſch ſehenden Auge des Ver⸗ dachtes nicht möglich geweſen war, Salbungen und Schmie⸗ rereien dieſer Art auf dem Zuge zu entdecken, ſo nahm man, um die Sache zu erklären, ſeine Zuflucht zu jener bereits alten und damals in die allgemeine Wiſſenſchaft Europa's aufgenommenen Erfindung von giftigen Zauber⸗ pulvern; man ſagte, daß ſolche Pulver auf dem Weg ent⸗ lang, beſonders auch an den Ruheorten ausgeſtreut geweſen ſeien und ſich an den Saum der Kleider und noch beſſer an die Füße angeklebt haben, welche an dieſem Tage großentheils blos geweſen. Solchermaßen, ſagt ein gleich⸗ zeitiger Schriftſteller, ſah man am Tage der Proceſſion ſelbſt die Frömmigkeit mit der Gottloſigkeit, die Treuloſig⸗ keit mit der Aufrichtigkeit, den Verluſt mit dem Gewinn im Streite liegen. Und ſtatt deſſen war es der arme Menſchenverſtand, der mit den von ihm ſelbſt geſchaffenen Hirngeſpinnſten im Streite lag. Von dieſem Tage an nahm die Heftigkeit der Seuche immer mehr zu: bald war beinahe kein Haus mehr ver⸗ ſchont: in Kurzem wuchs die Bevölkerung des Lazareths nach der Angabe des obengenannten Somaglia von 2000 bis auf 12,000 an; ſpäter erreichte ſie ſogar, nach beinahe einſtimmiger Angabe aller Schriftſteller, die Zahl von 16,000. Am 4. Juli überſtieg, wie ich in einem andern Schreiben der Sanitätsbehörde an den Siatthalter finde, die tägliche Sterblichkeit die Zahl von 500; ſpäter und auf der höchſten Höhe betrug ſie nach der gewöhnlichen Berechnung 12— 4500: wenn wir Tadino giauben wollen, ſo ging ſie einige Male bis über 3500 hinaus. Nun denke man ſich die Bedrängniß der Decurionen, denen das Geſchäft aufgebürdet war, für die öffentlichen Bedürfniſſe zu ſorgen und wieder gut zu machen, was bei einer ſolchen Landplage ſich wieder guk machen ließ. Man mußte täglich die Zahl der öffentlichen Diener aller Arten ergänzen und vermehren; es waren dieß die Monatti; 187 dieſen bereits alten Namen von dunklem Urſprung führten diejenigen, welche zu den beſchwerlichſten und gefährlichſten Dienſten der Peſt beſtimmt waren, nämlich dazu, die Lei⸗ chen aus den Häuſern, von den Straßen, aus dem Lazareth wegzuſchaffen, nach den Gruben zu führen und ſie zu beer⸗ digen, die Kranken ins Lazareth zu tragen oder zu führen, ſie dort zu pflegen, die angeſteckten und verdächtigen Effecten zu verbrennen oder zu ſäubern; Apparitori hießen diejeni⸗ gen, deren ſpecielle Dienſtverrichtung darin beſtand, vor den Karren herzulaufen und mit einem Glöckchen die Vorübergehenden aufzufordern, daß ſie ſich zurückziehen ſollten: Commiſſäre endlich hießen diejenigen, die unter dem unmittelbaren Befehle der Sanitätsbehörde die beiden eben genannten Dienerklaſſen zu beaufſichtigen hatten. Man mußte das Lazareth mit Aerzten, Chirurgen, Arzneien, Lebensmittelu, kurz mit all' den Bedürfniſſen eines Kran⸗ kenhauſes verſorgt halten; man mußte für die neuen Kran⸗ fen eine neue Wohnung ſuchen und in Bereitſchaft halten. Zu dieſem Zweck ließ man eiligſt im Innern des Lazareths Hütten von Holz und Stroh erbauen; man errichtete ein neues Lazareth, das, wenn auch nur aus Hütten und einem Bretterkaſten beſtehend, 4000 Perſonen faßte. Und als auch dieß nicht ausreichte, wurden noch zwei andere be⸗ ſchloſſen; man legte auch Hand daran, aber ſie blieben aus Mangel an Mitteln aller Art unvollendet. Die Mittel, die Perſonen und der Much ſchwanden immer mehr, je mehr das Bedürfniß überhand nahm. Und nicht bloß blieb die Ausführung immer hinter den Entwürfen und Anordnungen zurückz nicht bloß wurde für viele deutlich genug eingeſehene Bevürfniſſe äuferſt ſpärlich, ſogar kaum mit Worten geſorgt; man ging in der Ohnmacht und Verzweiflung ſogar ſo weit, daß manche höchſt bedauerliche und höchſt dringliche Nothwendigkeiten gar keine Abhülfe fanden. So ſtarben z. B. aus gänz⸗ lichem Mangel an aller Fürſorge eine große Maſſe kleiner Kinder, deren Mütter von der Peſt hingerafft wurden; die 188 Sanitätsbehörde machte daher den Vorſchlag, man ſolle für ſolche Säuglinge und für bedürftige Wöchnerinnen eine Zufluchtsſtätte errichten und irgend etwas thun, aber ſie vermochte nichts auszuwirken.„Nichtsdeſtoweniger,“ ſagt Tadino,„mußte man auch die Decurionen der Stadt bemitleiden, denn ſie wurden auf alle Arten darnieder⸗ gebeugt und mißhandelt von der gänzlich zucht⸗ und rück⸗ ſichtsloſen Soldateska, die es in dem unglücklichen Herzog⸗ thum ſo arg als nur möglich trieb, da man von dem Statthalter durchaus keine Hülfe und Vorkehrungen erhal⸗ ten konnte, denn er ſagte immer nur, es ſeien Kriegszeiten und man müſſe die Soldaten gut behandeln.“ Für ſo wichtig hielt er die Einnahme von Ca ale, ſo ſchön däuchte ihn der Siegesruhm, abgeſehen von der Urſache und dem Ziel des Kampfes. So kam es denn, daß, als die große, einzige Grube, die man in der Nähe des Lazareths gegraben hatte, mit Leichnamen ausgefüllt war und allerwärts in dem Gebäude ſelbſt die neuen Leichen, welche jeder Tag in größerer Anzahl lieferte, unbegraben blieben, die Obrigkeit, nachdem ſie vergeblich Arme für dieſe traurige Arbeit geſucht hatte, ſich zu der Erklärung genöthigt ſah, ſie wiſſe nicht mehr, welche Mittel ſie ergreifen ſolle. Man kann auch gar nicht abſehen, was für einen Ausgang die Sache wohl gehabt häite, wenn nicht eine außerordentliche Hülfe kam. Der Präſident der Sanitätsbehörde flehte verzweiflungsvoll und mit Thränen in den Augen jene beiden wackern Mönche, die dem Lazareth vorſtanden, um eine ſolche an, und Pater Michele verpflichtete ſich, binnen vier Tagen alle Leichen aus der Stadt zu ſchaffen, binnen acht Tagen aber genü⸗ gende Gruben errichtet zu haben, um nicht bloß dem gegen⸗ wärtigen Bedürfniß abzuhelfen, ſondern auch dem zukünf⸗ tigen, ſelbſt bei der allerungünſtigſten Vorausſicht. Mit einem Mönch als Begleiter und mit Beamten, welche ihm der Präſident zu dieſem Behuf beigab, ging er zur Stadt hinaus, um Bauern zu ſuchen, und theils durch die Au⸗ — — 189 torität des Gerichts, theils durch das Anſehen, das ſein Gewand und ſeine Worte ihm verliehen, brachte er ihrer an 300 zuſammen, die er an drei verſchiedenen Orten zum Graben aufſtellte: ſodann ſchickte er Monatti in's Lazarech, um die Todten zu holen, und am beſtimmten Tage hatte er ſein Verſprechen wirklich erfüllt. Einmal war das Lazareth gänzlich von Aerzten ent⸗ blößt; nur durch Anerbietung hoher Beſoldung und hoher Ehren konnte man mühſam und nicht ſo ſchnell welche erhalten, die aber jedenfalls für das Bedürfniß genügten. Oft herrſchte anch der größte Mangel an Lebensmitteln, ſo daß auch noch der Hungertod in Ausſicht ſtand, und mehr als einmal wurde, als man alle Mittel verſuchte, um Waaren oder Geld aufzutreiben, und als man kaum mehr ſolche überhaupt und vollends nicht in genügender Menge zu finden hoffte, durch vas unerwartete Geſchenk einer Privatmildthätigkeit reichliche Hülfe geſchafft: denn inmitten der allgemeinen Betäubung, der aus der beſtän⸗ digen Angſt um ſich ſelbſt entſtandenen Gleichgültigkeit gegen Andere gab es noch Gemüther, die jederzeit zu menſchenfreundlichen Handlungen bereit waren, und hin⸗ wiederum auch ſolche, in welchen die Menſchenliebe erſt emporkeimte, als alle irdiſche Freude für ſie verloren war; ebenſo fanden ſich auch, während ſo viele, die zur Aufſicht und Fürſorge verpflichtet waren, erlagen oder die Flucht ergriffen, Andere, die ſtets geſund und mit ungebeugtem Muth auf ihren Poſten ausharrten, und deßgleichen wie⸗ derum Andere, die vom Mitleid angetrieben, Geſchäfte übernahmen und wacker durchführten, zu welchen ſie amt⸗ lich nicht berufen waren. Diejenige Menſchenklaſſe jedoch, welche die allgemeinſte und bereitwilligſte Treue in Erfüllung der ſchwierigen, von den Umſtänden gebotenen Pflichten bekundete, waren die Geiſtlichen. In den Lazarethen und in der Stadt ließen ſie es nie an ihrem Beiſtand fehlen; überall, wo es Lei⸗ dende gab, waren auch ſie vorhanden; man ſah ſie immer 190 unter den Verſchmachtenden und Sterbenden vermiſcht, zuweilen ſelbſt verſchmachtend und ſterbend: ſie waren frei⸗ gebig mit geiſtlicher und auch, ſo viel ſie konnten, mit zeitlicher Hülfe; ſie leiſteten jeden Dienſt, welchen die Um⸗ ſtände forderten. Mehr als ſechzig Pfarrer aus der Stadt allein ſtarben an der Seuche; von neun etwa acht. Federigo leuchtete, wie dieß von ihm zu erwarten war, allen Andern durch ſeine Ermahnungen und ſein Beiſpiel voran. Beinahe ſeine ganze erzbiſchöfliche Diener⸗ ſchaft um ihn her ſtarb; ſeine Verwandten, hohe Beamte, benachbarte Fürſten, erſuchten ihn auf's Dringendſte, ſich von dem Ort der Gefahr auf irgend eine abgelegene Villa zurückzuziehen, aber er verwarf Rathſchläge und Bitten mit demſelben Muth, womit er an die Pfarrer ſchrieb:„Seid bereit, eher dieſes ſterbliche Leben zu verlaſſen, als dieſe Familie, dieſe unſere Kinder: gehet der Peſt mit Liebe, wie einem Leben, wie einer Belohnung entgegen, wenn es ſich darum handelt, für Chriſtus eine Seele zu gewinnen.“ Er verſäumte keine Vorſichtsmaßregel, die ihn nicht an der Erfüllung ſeiner Pflicht hinderte; er gab auch darüber der Geiſtlichteit Vorſchriften und Regeln; zugleich aber beküͤmmerte er ſich nicht um die Gefahr, und ſchien ſie gar nicht zu beachten, wenn er ſie überſtehen mußte, um Gutes zu thun. Ohne von den Geiſtlichen zu ſprechen, bei denen er ſich immer aufhielt, um ihren Eifer zu loben und zu regeln, um diejenigen anzutreiben, die etwa lau zu Werke gingen, um ſie auf die Poſten zu ſchicken, wo Andere umgekommen waren, ſtellte er den Zutritt zu ihm ſelbſt für Jeden offen, der ſeiner bedürfen könnte. Er be⸗ ſuchte die Lazarethe, um die Kranken zu tröſten und den Wärtern Muth einzuſprechen; er durchſtreifte die Stadt, er brachte den armen, in ihren Häuſern abgeſperrten Leuten Hülfe, er verweilte ſich an den Thüren, unter ihren Fen⸗ ſtern, um ihre Beſchwerden anzuhören, und ihnen dagegen Worte des Troſtes und der Aufmunterung zu ſagen. Kutz, er ſtürzte ſich mitten in die Peſt, er lebte mitten darin 191 und wunderte ſich zuletzt ſelbſt darüber, daß er unverſehrt daraus hervorgegangen war. So erblickt man bei öffentlichem Unglück und bei langen Störungen der ſogenannten gewohnten Ordnung immer eine Steigerung, Erhöhung der Tugend; aber nur allzuwahr iſt es, daß zu gleicher Zeit auch die Ruchloſig⸗ keit eine weit allgemeinere Zunahme findet. Sie war jeßt wirklich in ausgezeichnetem Grade vorhanden. Die Schur⸗ ken, welche die Peſt verſchonte und nicht einſchüchterte, fanden in der allgemeinen Verwirrung, in der Erſchlaffung aller öffentlichen Gewalt eine neue Gelegenheit zur Thätig⸗ keit und neue Bürgſchaften der Straflofigkeit. Ja ſogar die Ausübung der öffentlichen Gewalt ſelbſt befand ſich großentheils in den Händen der Schlimmſten unter ihnen. Zu dem Geſchäft der Monatti und Apparitori ließen ſich im Allgemeinen nur ſolche herbei, bei welchen die Ausſicht auf Beute und Zügelloſigkeit mehr vermochte, als die Furcht vor der Seuche und jeder natürliche Abſcheu. Sie hatten die allerſtrengſten Verordnungen, ſie waren mit den ſchärf⸗ ſten Strafen bedroht, ihre Bezirke waren ihnen genau an⸗ gewieſen, man hatte, wie wir bereits erzählt, Commiſſäre über ſie geſetzt; dieſe ſowohl als jene hatten wiederum in jedem Stadttheil Beamte und Edelleute über ſich, welche die Vollmacht beſaßen, bei jedem Vorkommen ſummariſch, nach dem Buchſtaben des Geſetzes zu verfahren. Eine ſolche Anordnung hatte bis zu einer gewiſſen Zeit ihren Fortgang und ihre Wirkung; aber als die Todesfälle und mit ihnen die Auflöſung aller Bande, ſowie die Beſtürzung der noch lebenden überhand nahmen, da wurden jene unter⸗ geordneten Diener gleichſam aller Oberaufſicht entbunden und begannen, beſonders die Monatti, nach eignem Gut⸗ dünken zu ſchalten und zu walten. Sie betraten die Häuſer als Gebieter, als Feinde, und um nichts von der Plün⸗ derung zu ſagen, von der Art, wie ſie die Unglücklichen behandelten, welche die Peſt in ſolche Hände gebracht, legten ſie dieſe ruchloſen, befleckten Hände an die Geſunden, 192 an Kinder, Eltern, Gattinnen, Gatten mit der Drohung, ſie in's Lazareth zu ſchleppen, wenn ſie ſich nicht für einen beſtimmten Preis losfauften oder loskaufen ließen. Manch⸗ mal ſetzten ſie auch beſtimmte Preiſe für ihren Dienſt feſt und weigerten ſich, die bereits in Fäulniß übergegan⸗ genen Leichname fortzuſchaffen, wenn man ihnen nicht ſo und ſo viel Scudi ausbezahle. Man glaubte, und bei der Leichtgläubigkeit der Einen, ſowie der Ruchloſigkeit der Andern iſt es gleich unſicher, zu glauben oder nicht zu glauben— man glaubte, und Tadinv beſtätigt es, daß Monatti und Apparitori abſichtlich angeſteckte Sachen von ihren Karren fallen ließen, um die Peſt zu verbreiten und im Gang zu erhalten, welche für ſie eine Einnahmequelle, ein Mittel zur Herrſchaft und zu einem fröhlichen Leben geworden war. Andere Schurken gaben ſich für Monatti aus, befeſtigten ſich Glöckchen an den Füßen, wie es dieſen als Unterſcheidungszeichen und um ihr Herannahen zu verkündigen, vorgeſchrieben war, und drangen in die Häuſer, wo ſie ſich allen Arten von Willkür überließen. In einigen, die offen ſtanden und von ihren Bewohnern ver⸗ laſſen waren, oder wo ſich vielleicht nur noch ein Kranker, ein Sterbender vorfand, drangen Diebe ganz ungehindert ein, um Beute zu machen; andere Häuſer wurden von Häſchern überfallen, die ſich Räubereien und alle Arten von Ausſchweifungen erlaubten. Im gleichen Maß mit der Ruchloſigkeit nahm auch der Wahnſinn zu: all die bereits mehr oder weniger vor⸗ herrſchenden Irrthümer gewannen durch die Verblüfftheit, und Aufregung der Gemüther eine außerordentliche Stärke und fanden weit umfaſſendere und unbedachtere Anwendun⸗ gen. Und ſie alle trugen dazu bei, jenen beſondern Wahn⸗ ſinn in Betreff der Einſalbungen zu verſtärken und zu vergrößern, der in ſeinen Wirkungen und Ausbrüchen häufig, wie wir geſehen, ſich zu einer andern Ruchloſigkeit ſteigerte. Das Bild dieſer vermeintlichen Gefahr bedrängte und quälte die Gemüther noch weit mehr, als die wirkliche 193 und mit Händen greifbare Gefahr.„Während,“ ſagt Ripamonti,„die zerſtreuten oder auf Haufen liegenden Leichname, welche die noch Lebenden immer vor ihren Augen und Füßen hatten, aus der ganzen Stadt gleichſam ein großes Todtenhaus machten, war etwas noch Unſeligeres, eine noch größere öffentliche Abſcheulichfeit, jene gegen⸗ ſeitige Erbitte ung, womit man einander die monſtröſeſten Verdächtigungen an den Hals waf... Man beargwöhnte nicht blos den Nachbar, den Freund, den Gaſt, ſondern ſelbſt die zarteſten und innigſten Namen und Bande für menſchliche Liebe, Gatte und Gattin, Vater und Sohn, Bruder und Bruder flößten Schrecken ein; ja es iſt ſchauer⸗ lich und grauenhaft auszuſprechen, ſelbſt der häusliche Tiſch, ſelbſt das Ehebet wurden als Hinterhalte, als Ver⸗ ſtecke der Hererei gefürchtet! Die vermeintliche Ausdehnung und Wunderlichkeit dieſer Verſchwörung trübten jedes Urtheil, venfälſchten alle Gründe, auf welchen ſonſt das gegenſeitige Veitrauen be⸗ rubt. Außer dem Ehrgeiz und der Habſucht, welche man Anfangs für die Bewegg ünde der Salber gehalten, täumte man in der Folge auch von einer gewiſſen teufliſchen Wol⸗ luſt beim Einſalben ſelbſt, einer Anziehungskraft, welche den ganzen Willen beherſche, und glaubte daran. Die Fieberphantaſieen der Kranken, welche ſich ſelbſt deſſen an⸗ klagten, was ſie von andein gefürchtet hatten, erſchienen als Offenbarungen und bewürkten, daß man ſo zu ſagen von Allen Alles glaubte. Und noch eindringlicher als Worte wirkten die Geberden, wenn es vorkam, daß deli⸗ rirende Peſtkranke ſolche Bewegungen machten, wie ſie in ihrer Einbildung die Salber machen mußten: ein ſehr wah ſcheinlicher Umſtand und zug eich geeignet, die allgemeine Ueberzeugung und die Verſicherung vieler Schrift⸗ ſteller beſſer zu eklären. Auf deeſelbe Weiſe wugen in der langen und traurigen Periode der Herenproceſſe die nicht immer eipreßten Bekenntniſſe der Angeſchuldigten weſentlich dazu bei, die herrſchende Anſicht in Betreff der Die Verlobten. III. 13 194 Hererei zu befördern und aufrecht zu erhalten: denn wenn eine Meinung einmal zu einer umfaſſenden und langen Herrſchaft gelangt, ſo drückt ſie ſich auf alle Arten aus, verſucht alle Wege, durchläuft alle Grade der Ueberzeugung, und nicht leicht werden alle oder wenigſtens ſehr Viele auf die Dauer glauben, daß etwas Seltſames wirklich ge⸗ ſchehe, ohne daß Jemand kommt, welcher glaubt, er thue es. Unter den Geſchichten, die jener Einſalbungswahnwitz hervorrief, verdient eine beſonders erwähnt zu werden, theils wegen des Kredits, den ſie ſich erwarb, theils wegen der Verbreitung, welche ſie fand. Man erzählte nämlich, freilich erzählten es nicht Alle auf vie gleiche Weiſe, denn das wäre ein allzu auffallendes Vorrecht für Fabein, aber in der Hauptſache ſtimmten ſo ziemlich alle überein— man erzählte nämlich, daß ein Gewiſſer an dem und dem Tag einen Sechsſpänner auf dem Domplatz habe halten ſehen, und in dem Wagen habe ſich mit einem großen Gefolge eine hohe Perſon von vornehmem Anſehen befun⸗ den, aher mit düſterem und gebräuntem Geſicht, die Augen entzündet, die Haare emporgeſträubt, mit einem drohenden Ausdruck der Lippen. Der Zuſchauer war eingeladen wor⸗ den, in den Wagen zu ſteigen, und wirklich eingeſtiegen. Nachdem man ein wenig herumgefahren, hatte man Halt gemacht und war vor dem Thor eines Palaſtes ausgeſtie⸗ gen, wo er mit den Andern eintrat und allerlei anmuthige und ſchauerliche Dinge, Wüſten und Gärten, Höhlen und Säle ſah, und in dieſen Geſpenſter, die zu Rathe ſaßen⸗ Endlich hatte man ihm große Geldkäſten gezeigt mit dem Bedeuten, er könne davon nehmen, ſo viel er nur wolle, aber zugleich müſſe er eine Salbenbüchſe annehmen und mit dieſer in der Stadt herumgehen und ſalben. Da er ſich deſſen weigerte, ſo war er im Nu an den Ort zurück⸗ gebracht worden, wo man ihn abgeholt hatte. Dieſe Ge⸗ ſchichte, welche hier allgemein unter dem Volke geglaubt, und, wie Ripamonti ſagt, von viehen weiſen Männern nicht genugſam verlacht wurde, machte die Runde durch 195 ganz Ralien wie auch im Auslande: in Deutſchland druckte man ein Bild davon; der Churfürſt Erzbiſchof von Mainz fragte den Cardinal Federigo in einem Briefe, was man von den Wunderdingen zu glauben hätte, die von Mailand erzählt wurden; die Antwort lautete, es ſeien Träume. Von gleichem Werth, wo nicht von gleicher Beſchaf⸗ fenheit waren die Träume der Gelehrten, und in ihren Wirfungen zeigten ſie ſich nicht minder unheilvoll. Die meiſten dieſer hochweiſen Herrn erblickten die Ankündigung und zugleich den Grund des Elends in einem Kometen, der im Jahr 1628 erſchienen war, und in einer Con⸗ junction des Saturns mit dem Jupiter, indem ſich, ſchreibt Tadinv, abgedachte Conjunction ſo klar über dieſes Jahr 1630 hinneiate, daß Jede'mann ſie verſtehen konnte. Mortales parat morbos, miranda videntur(ſe erzeugt töctliche Krankheiten, man ſchaut Wunderoinge). Dieſe Prophezeiung, die hintennach, ich weiß nicht, von wem, fabrieirt wurde, lief, wie Nipamonti andeutet, von Mund zu Mund, und man konnte ſie ſogar von ſolchen Lippen hören, die noch kaum im Stande waren, ſie auszuſprechen. Ein anderer im Juni des Peſtjahres noch dazugefommener Komet wurde als eine neue Warnung, ja ſogar als ein handgreiflicher Beweis für die Salbungen angeſehen. Man fiſchte in Büchern— und man fand eine nur zu reichliche Ausbeute— nach Beiſpielen von Peſten, die gemacht worden ſeien; man citirte Livius, Tacitus, Dio, was ſage ich? Homer und Ovid, die vielen andern alten Schrift⸗ ſteller, welche ähnliche Dinge erzählt oder berührt hatten; an modernen Autoren hatte man noch größern Ueberfluß. Die gelehrten Herrn citirten noch hundeit andeie Scriben⸗ ten, die über Gifte, Herereien, Salbungen, Pulver wiſſen⸗ ſchaftliche Abhandlungen veifaßt oder auch nur beiläufig avon geſprochen hatten: ſie eitirten Ceſalpino, Cardano, revino, Salio, Parno, Schenchio, Zachia, und zu guter etzt noch jenen unſeligen Delrio, der, wenn der Ruhm der Schriftſteller im Verhältniß zu dem und Böſen 1 196 ſtände, das ihre Werke geſtiftet haben, jedenfalls einer der berübmteſen ſein müßte; jenen Delriv, deſſen disquisizioni magiche— die Quinteſſenz alles deſſen, was ovie Men⸗ ſchen bis auf ſeine Zeiten über deſen Gegenſtand gefaſelt hatten— die gewichtigſte, unverwerfich e Autorität ge⸗ wirden waren und länger als ein Jah hundert die Morm und der machtige Antrieb zu ununterbrochenen, ſchauerlichen Juſtizmördereien wunden. Von den Erdichtungen des ungelehrten Haufens mach⸗ ten ſich die gebildeten Leute das zu Rutzen, was ſich mit ihren eigenen Begniffen in Einflang blingen ließ; von den Erdichtungen der Gebildeten eignee ſich der große Haufe das an, was er und auf die At, wie eres begreifen k nnte; aus Allem zuſammen bildete ſich dann ein unverdauter, unförmlicher Klumpen von öffentichem Wahnwitz. Was aber noch größere Veiwunderung erregt, das iſt die Thatſache, daß die Aerzte, ich ſage die Aerzte, welche von Anfang an die Peſt geglaubt, ich nenne insbeſ ndeſe Tadino, der ſie vorhergeſagt, der ſie kommen geſehen, der ſie ſo zu ſagen bei chem Fortgang beſtändig im Auge behalten, der überall e kärt und gev'edigt hatte, ſie ſei die Peſt, ſie vererbe ſich duch Berüh ung, und es we de eine allgemeine Anſteckung erfolgen, wenn man ihr nicht Einhalt thue; daß dieſer Mann nachher aus dieſen ſelben Wufungen einen ſicheen Beweis für giftige, durch Hereu⸗ künſte vermutelte Einſalbungen ſchöpfen wollte; daß dieſer Mann, der an jenem Catlo Colonna, dem zweiten, der in Mailand an der Peſt ſtarb, den Wahnſinn als ein zu⸗ falliges Krankheitsſymptem bet achtet hatte, ſpäter als Beweis fur die Salbungen und die teufliſchen Verſchwö⸗ rungen eine Sache folgender Art anführte: Zwei Zeugen hätten ausgeſagt, ſie hatten einen kranken Freund erzählen gehört, daß eines Nacht« Pe ſonen in ſeine Kammer ge⸗ kemmen ſeien und ihm Rettung und Geld angeboten haben, wenn er die benachbarten Hauſer ſalben wolle; auf ſene wiederholte Weigerung ſeien die Perſenen fortgegangen, — 0 197 und ſtatt ihrer ſeien ein Wolf unter und drei große, gar⸗ ſtige Katzen auf dem Bett zurückgeblieben und bis zum Tagesanbruch nicht von der Stelle gewichen. Wenn eine ſolche Art, die Dinge in Zuſammenhang zu bringen, nur einem einzigen Menſchen angehört hätte, ſo könnte man ſie einer ganz beſondern Plumpheit und Blödigkeit deſſel⸗ ben zuſchreiben, und es würde ſich nicht der Mühe lohnen, ihrer zu erwähnen; da aber viele Menſchen ſo räſonnirten, ſo gehört dieß zur Geſchichte des menſchlichen Geiſtes, und man kann daraus erſehen, auf wie traurige Weiſe ein geordneter und vernünftiger Ideengang durch einen anderen Ideengang, der ſich ihm quer in den Weg wirft, geſtört werden kann. Im Uebrigen war dieſer Tadino hier einer der angeſehenſten Männer ſeiner Zeit. Zwei ausgezeichnete und wohlverdiente Schriſtſteller haben die Behauptung aufgeſſellt, der Cardinal Federigo habe an der Wirklichkeit der Einſalhungen gezweifelt. Wir wünſchten dieſem hochberühmten und kebenswürdigen An⸗ denken ein noch vollſtändigeres Lob ſpenden, und den guten Prälaten in vieſem, wie in ſo vielen anderen Punkten, als über die Maſſe ſeiner Zeitgenoſſen hervorragend dar⸗ ſtellen zu können; aber wir ſehen uns ſtatt deſſen genöthigt, ihn als ein Beiſpiel von der übermächtigen Gewalt anzu⸗ führen, welche eine allgemeine Anſicht ſelbſt auf die edel⸗ ſten Gemüther ansübt. Man hat wenigſtens aus der Art, wie Ripamonti über ſeine Anſichten berichtet, geſehen, daß er von Anfang an wirklich in Zweifel ſtand; ſpäter dachte er immer, daß an dieſer Meinung Unbedachtſamkeit, Un⸗ wiſſenheit, Furcht, der Wunſc„die lange Vernachläſſi⸗ gung in den Vorkehrungen gegen die Seuche zu entſchul⸗ digen, großen Antheil gehabt haben, daß Vieles daran übertrieben ſein möge, im Ganzen jedoch etwas Wahres an der Sache ſei. In der ambroſianiſchen Bibliothek wird ein von ſeiner Hand geſchriebenes Werkchen aufbe⸗ wahrt, und hier folgt eine der vielen Stellen, worin er eine ſolche Anſicht ausſpricht:„Ueber die Art, ſolche Sal⸗ 6 198 ben zu verfertigen und zu verbreiten, wurden viele und verſchiedene Dinge geſagt, wovon wir einige für wahr, andere aber für bloß eingebildet halten.“ Es gab jedoch auch Solche, die bis an's Ende und auch ſpäter noch das Ganze für Einbildungen erklärten, und das wiſſen wir nicht von ibnen ſelbſt; denn Niemand war veimeſſen genug, um dem Publikum eine Anſicht dar⸗ zulegen, die der ſeinigen ſo gänzlich entgegenlief, ſondern wir wiſſen es von den Schriftſtellern, welche dieſe Anſicht als ein Vorurtheil einiger Weniger, als einen Irrthum, den man nicht zur öffentlichen Erörterung zu bringen wagte, der aber gleichwohl beſtand, verſpotten, tadeln und zu widerlegen ſuchen; wir wiſſen es ferner von Einem, der es aus der Ueberlieferung folgerte:„Ich habe,“ ſagt der gute Muratori an der oben eiwähnten Stelle,„kluge Leute in Mailand gefunden, die von ihren Vorfahren gute Be⸗ richte beſaßen und von der Wahrhaftigkeit des Umſtandes mit den Giftſalben nicht ganz feſt überzeugt waren.“ Man ſieht, daß die Wahrheit ſich heimlich, in der Vertraulich⸗ keit des häuslichen Herdes Luft machte; der geſunde Sinn war vorhanden, aber er hielt ſich aus Furcht vor dem allgemeinen Unſinn verborgen. Die Beamten, deren Reihen ſich mit jedem Tage mehr lichteten, und die überdieß gänzlich verwirtt und beſtürzt waren, richteten das bischen Wachſamkeit, das bischen Entſchloſſenheit, wozu ſie noch fähig waren, aus⸗ ſchließlich auf die Erforſchung ſolcher Salber. Und ſie glaubten nur zu feſt, wirklich ſolche gefunden zu haben. Die Urtheile, die in Folge davon zum Vorſchein kamen, waren ſicherlich nicht die erſten dieſer Art, auch können ſie nicht als eine Seltenheit in der Rechtsgeſchichte betrachtet werden; denn, um vom Alterthum zu ſchweigen und nur Einiges aus denjenigen Zeiten anzuführen, die dem Zeitpunkt unſerer Erzählung näher ſtehen, ſo wurden in Genf im Jahr 1530, hierauf 1545, dann noch 1574 in Caſale Montferrato 1536; in Padua 1555; in Turin — 199 1599; in Palermo 1526; wiederum in Turin in dieſem nämlichen Jahre 1630, bald einzelne, bald viele Unglück⸗ liche prozeſſirt und meiſtens zu höchſt grauſamen Todes⸗ ſtrafen verurtheilt, weil man ſie ſchuldig glaubte, durch Pulver, Salben, Zauberkünſte oder durch Alles zuſammen, die Peſt verbreitet zu haben. Aber da die Geſchichte ob⸗ genannter Salbungen in Mailand vielleicht diejenige war, welche in den weiteſten Kreiſen und am längſten Aufſehen erregte, ſo iſt ſie vielleicht auch von Allen die bemerkens⸗ wertheſte, oder, um noch richtiger zu ſprechen, ſo lieferte ſie am meiſten Stoff zu Bemerkungen, weil genauere und ausführlichere Urkunden darüber noch vorhanden ſind. Und obſchon ein kaum weiter oben belobter Schriftſteller ſich damit beſchäftigt hat, ſo hat es uns dennoch, da er ſich nicht ſowohl die Aufgabe ſtellte, die eigentliche Geſchichte zu geben, als vielmehr nützliche Nebenumſtände für einen noch würdigeren und wichtigeren Gegenſtand daraus zu entnehmen geſchienen, als könnte die Geſchichte der Gegen⸗ ſtand einer neuen Arbeit werden. Aber das iſt keine Sache, die ſich nur ſo mit wenigen Worten abmachen läßt, und doch würde es uns zu weit führen, wenn wir ſie in der gebührenden Ausdehnung behandeln wollten. Ueberdieß dürfte der Leſer, nachdem er ſich einmal bei dieſen Fällen verweilt hat, ſich wenig bekümmern auch diejenigen, die von unſerer Erzählung noch übrig ſind, näher kennen zu lernen. Indem wir daher die Schilderung derſelben einer andern Schrift vorbehalten, wollen wir endlich zu unſeren Hauptperſonen zurückkehren, um ſie bis an's Ende nicht mehr zu verlaſſen. Dreiunddreißigſtes Capitel. Eines Nachts, gegen Ende Auguſt, als die Peſt auf ihrem eigentlichen Höhepunkt ſtand, kehrte Don Rodrigo in Begleitung des getreuen Grauen, eines von den drei oder vier, die von ſeiner ganzen Dienerſchaft am Leben geblieben, noch ſeiner Wohnung in Mailand zmück. Er kam aus einer Geſellſchaft von Freunden, die gewöhnt waren, ſich zu Schwelgereien zu verſammeln, um ſich die ſchwermüthigen Gedanken zu vertreiben, welche die Zeit⸗ läufte mit ſich brachten; und jedesmal gab es in dieſem Clübchen neue Geſichter, jedesmal fehlten einige von den alten. An dieſem Tage war er Einer von den Luſtigſten geweſen und hatte unter andern Dingen der Geſellſchaft durch eine Art von Lob⸗ und Trauerrede auf den Grafen Attiliv, der vor zwei Tagen von der Peſt weggerafft wor⸗ den war, viel zu lachen gegeben. Auf dem Heimweg je⸗ doch empfand er eine Unluſt, eine Niedergeſchlagenheit, eine Mattigkeit in den Beinen, eine Beſchwerlichkeit beim Athemholen, einen innern Brand, kurz, lauter ſolche An⸗ zeichen, die er gerne lediglich auf Rechnung des Weins, des Nachtwachens und der Jahreezeit hätte ſchreiben mögen. Er gab auf dem ganzen Weg keinen Laut von ſich, und als ſie nach Hauſe kamen, war ſein erſtes Wort, daß er dem Grauen befahl, im Wohnzimmer ein Licht anzuzünden. Der Graue betrachtete jetzt das verzerrte, entzündete Geſicht, die hervorgetriebenen, gläſern wüben Augen ſeines Herrn und hielt ſich fern von ihm; denn unter ſolchen Umſtän⸗ den hatte jeder gemeine Kerl ſich einen gewiſſen ärzt⸗ lichen Blick erwerben müſſen. „Sieh, ich bin ganz wohl,“ ſagte Don Rodrigo, der in der Geberde des Grauen den Gedanken las, welcher ihm durch den Sinn ging.„Ich befinde mich ganz wohl, aber ich hobe getrunken, ich habe des Guten vielleicht ein wenig zu viel gethan. Der Vernaccia mundet ſo köſtlich! 201 „ Aber ich will jetzt einen tüchtigen Schlaf thun, der wird Alles wieder gut machen. Ich bin ſchrecklich ſchläfrig. Nimm einmal das Licht ein wenig weg, denn es blendet mich.. es iſt mir läſtig.“ „Das ſind nur ſo Späße, die ſich der Vernaccia macht,“ ſagte der Graue, indem er ſich fortwährend ferne hielt;„ober legt Euch nur ſofort nieder, der Schlaf wird Euch gut thun.“ „Du haſt Recht; wenn ich ſchlafen kann„ im Uebrigen bin ich ganz wohl. Stell jedoch immerhin das Glöckchen in die Nähe, wenn ich etwa heute Nacht Etwas brauchen ſollte, und merke wohl auf, ſiehſt Du, wenn Du etwa klingeln hörſt. Aber ich werde wohl Nichts brau⸗ chen. Trag das verwünſchte Licht ſogleich fort,“ be⸗ gann er dann wieder, während dieſer den Befehl vollzog und ſo wenig als möglich in ſeine Nähe kam.„Teufel, es wird mir doch ganz eckelhaft zu Muthe.“ Der Graue nahm das Licht und entfernte ſich, nach⸗ dem er ſeinem Herrn gute Nacht gewünſcht, eilig, während dieſer haſtig unter die Decke kroch. Aber die Decke erſchien ihm wie ein Berg. Er warf ſie weg und kauerte ſich zuſammen, um zu ſchlafen; denn er war wirklich müde bis auf's Mark. Aber kaum hatte er ein Ange geſchloſſen, ſo fuhr er plötzlich wieder auf, wie wenn ein böſer Geiſt ihn geſchüttelt hätte, und ſeine innere Gluth, ſein innerer Aufruhr nahm beſtändig zu. Er warf ſeine Gedanken auf den Auguſt, auf den Ver⸗ naccia, auf die Ausſchweifung; er hätte gerne ihnen die ganze Schuld beimeſſen mögen, aber dieſen Vorſtellungen ſchob ſich immer von ſelbſt diejenige unter, die ſich da⸗ mals allen anderen beigeſellt hatte, die, ſo zu ſagen, durch alle Sinne hereinkam, die ſich in alle Geſpräche der Orgie eingeſchlichen, weil es leichter war, Witze darüber zu reißen als ſie wegzuläugnen: die Vorſtellung der Peſt. Nach langem, heftigem Kampf ſchlief er endlich ein und begann die düſterſten, verworrenſten Tränme von der 202 Welt zu haben. In Allen kam es ihm vor, als befände er ſich in einer großen Kirche und ſogleich mitten in einem großen Volkshaufen; er befand ſich da, ohne zu wiſſen, wie er hierher gerathen, wie ihm namentlich in ſolcher Zeit der Gedanke daran gekommen ſein ſollte, und er grübelte darüber in ſeinem Innern nach. Er ſah die Umſtehenden an; es waren lauter erſtorbene, erdfahle Geſichter, mit ſtarren, erloſchenen Augen und hängenden Lipven; lauter Leute in gewiſſen Kleidern, die in Fetzen herabfielen, und zwiſchen den Lumpen hervor zeigten ſich Flecken und Peſt⸗ beulen.„Platz da, Canaille!“ bildete er ſich ein zu ru⸗ fen, indem er nach der Thüre ſchaute, die unendlich fern war, und er begleitete ſeinen Ruf mit einer drohenden Geberde, ohne jedoch irgend eine Bewegung zu machen; im Gegentheil zog er alle ſeine Glieder feſt an ſich, um dieſe ſchmutzigen Körper nicht zu berühren, die ihm bereits von allen Seiten nur zu nahe waren. Inzwiſchen ſchien keiner dieſer Unſinnigen ſich zu rühren, oder ihn auch nur gehört zu haben; vielmehr umſchloſſen ſie ihn immer mehr, und ganz beſonders war es ihm, als ob Einer von ihnen mit dem Ellenbogen oder ſonſt Etwas ihn auf die linke Seite zwiſchen Herz und Achſelhöhle ſtieße, wo er ein ſchmerzliches und drückendes Stechen empfand. Und wenn er ſich krümmte und wand, um dieſe Beſchwerde los zu werden, ſo kam ſogleich etwas Neues und ſtach ihn an denſelben Platz. Wüthend wollte er zum Schwerte greifen, aber in dieſem Augenblick ſchien es ihm, als ſei daſſelbe durch das Gedränge ſeiner Hüfte entlang hinaufgeſchoben worden, ſo daß gerade der Knopf des Schwertes es ſei, was ihn an dieſer Stelle drückte; aber indem er mit der Hand hinfuhr, fand er das Schwert nicht und empfand jetzt bei ſeiner eigenen Berührung einen noch ſtechenderen Schmerz. Er tobte, keuchte und wollte noch lauter ſchreien, als auf einmal alle Geſichter ſich nach einer Seite wandten⸗ Auch er blickte jetzt dahin; er bemerkte eine Kanzel und ſah über der Bruſtwehr derſelben ein gewiſſes, gerundetes, — 203 glattes und glänzendes Etwas zum Vorſchein kommen, ſodann ſah er einen kahlen Schädel ſich erheben und deut⸗ lich ſich abzeichnen; hierauf zwei Augen, ein Geſicht, einen langen, weißen Bart, einen aufrechtſtehenden, bis über die Bruſtwehr hervorragenden Mönch,— den Pater Criſtv⸗ foro. Dieſer ließ rings über die ganze Zuhönerſchaft einen Blick hinblitzen, und dann ſchien es Don Rodrigo, als hafte derſelbe auf ſeinem Geſichte, wobei der Mönch in der nämlichen Haltung, welche er in jenem Saal im Erdgeſchoſſe ſeiner Burg angenommen, die Hand empor⸗ hob. Auch er fuhr jetzt wüthend mit der Hand in die Höhe und machte eine Anſtrengung, wie wenn er hinauf⸗ reichen und den emporgereckten Arm ergreifen wollte; ein dumpfbrauſender, röchelnder Ton in ſeiner Kehle brach in ein lautes Geheul aus, und er erwachte. Er ließ den Arm ſinken, den er wirklich emporgehoben hatte; er be⸗ mühte ſich eine Weile wieder zu vollem Bewußtſein zu gelangen und ſeine Augen ganz zu öffnen; denn das be⸗ reits helle Tageslicht beläſtigte ihn nicht minder als früher das Licht der Kerze; er erkannte ſein Bett, ſein Zimmer, er begriff, daß Alles ein Traum geweſen, die Kirche, die Volksmenge, der Mönch, Alles war veiſchwunden; Alles, nur eine einzige Sache nicht, jener Schmerz an der lin⸗ ken Seite. Zugleich fühlte er ein ſchnelles, ängſtliches Herzklopfen, in den Ohren ein Sauſen und Brauſen, einen innerlichen Brand, eine Schwere in allen Gliedmaßen, noch weit ärger als beim Schlafengehen. Er zögerte eine Weile, bevor er nach der ſchmerzenden Stelle ſah; endlich deckte er ſie auf, warf ſchaudernd einen Blick darnach und gewahrte eine ſchmutzige, dunkelblaue Peſibeule. Der Menſch ſah ſich verloren; Todesangſt überfiel ihn, und noch ſtärker vielleicht peinigte ihn die Angſt, den Monatti in die Hände zu fallen, in's Lazareth getragen, geworfen zu werden. Und indem er hin und her ſann, wie er dieſem ſchauerlichen Schickſal entgehen könne, fühlte er, daß ſeine Gedanken ſich verwirrten und verfinſterten; 204 er fühlte den Augenblick herannahen, wo ihm nur noch ſo viel Bewußtſein übrig blieb, als genügte, um zu ver⸗ zweifeln. Er griff nach der Glocke und ſchüttelte ſie heftig. Und ſiehe da erſchien der Graue, der auf der Lauer ge⸗ ſtanden hatte. Er blieb in einer gewiſſen Entfernung vom Beite ſtehen, ſchaute ſeinen Herrn aufmertſam an, und ine Vermuthung vom Abend wurde jetzt für ihn zur Ge⸗ wißheit. „Grauer,“ ſagte Don Rodrigo, indem er ſich müh⸗ ſam aufſetzte,„Du biſt immer mein Getreuer geweſen.“ „Ja, Herr.“ „Ich habe Dir immer Gutes gethan.“ „Ihr waret ſtets gnädig gegen mich.“ „Auf Dich kann ich mich verlaſſen. ℳ „Beim Teufel!“ „Ich bin krank, Grauer.“ „Hab's ſchon gemerkt.“ „Wenn ich wieder aufkomme, will ich Dir noch mehr Gutes thun, als ich Dir je gethan habe.“ Der Graue antwortete Nichts, ſondern blieb ſtehen und wartete, wohin dieſer Eingang zielen ſollte. „Ich will mich keinem Andern als Dir anvertrauen,“ fuhr Don Rodrigo fort;„thu' mir einen Gefallen, Grauer.“ „Zu Befehl,“ ſagte dieſer, mit der gewohnten For⸗ mel die ungewohnte Rede beantwortend. „Weißt Du, wo der Chirurg Chiodo wohnt?“ „Ja, ganz gut.“ „Er iſt ein Ehrenmann, der die Kranken geheim hält, wenn man ihn gut bezahlt; geh und hol' ihn? ſage ihm, ich werde ihm ſechs Seudi, ja noch mehr, wenn er mehr verlangt, für den Beſuch geben; er ſolle nur ſchnell kommen, und mache Deine Sache gut, damit Niemand Etwas merkt.“ „Sehr wohl,“ ſagte der Graue;„ich gehe und will bald zurückkommen“- ——. 205 „Höre, Grauer, gib mir zuvor ein wenig Waſſer. Es brennt mich, daß ich es nicht mehr aushalten kann.“ „Nein, Herr,“ antwortete der Graue,„nichts ohne den Rath des Doctors; das ſind verdammt kitzlige Uebel, wir haben keine Let zu verlieren; haltet Euch ruhig; in einem Augenblick bin ich mit Chiodo da.“ Mit dieſen Worten ging er und lehnte die Thüre an. Don Rodrigo blieb in ſeinem Bett zuſammengekauert und begleitete ihn in der Phantaſie bis in's Haus des Deetors, zählte die Sch itte, berechnete de Zeit. Von Zeit zu Zeit wandte er ſich, um ſeine linke Seite anzu⸗ ſehen, aber er kehrte jedesmal mit Grauen ſein Geſicht wieder davon ab. Mach einer Werle begann er aufzuhorchen, ob der Chnurg käme, und dieſe angenrengte Aufmerkſam⸗ keit unterbrach das Bewußtſein der Krankheit und hielt ſeine Gedanken zuſammen. Auf einmal hört er ein fer⸗ nes Klingen, das ihm aber aus den Zimmern und nicht von der Straße zu kommen ſcheint. Er ſtrengt ſeine Oh⸗ ren noch mehr an, er vernimmt die Töne ſtarker, öfter widerholt und zugleich ein Scharren mit den Füßen; ein ſchaue licher Verdacht kommt ihm in den Sinn. Er ſetzt ſich aufrecht und horcht noch aufmerkſamer: er hört im nächſten Zimmer ein dumpfes Geräuſch wie von einer Laſt, die man behutſam zu Boden ſtellt; er fährt mit den Bei⸗ nen aus dem Bett, wie wenn er aufſtehen wollte, er ſtarrt nach der Thüre, ſieht ſie ſich öffnen, ſieht zwei abgetra⸗ gene, ſchmutzige Röcke, zwei ſcheußliche Geſichter, mit einem Wort zwei Monatti zum Vorſchein kommen und herantreten; er ſieht halb und halb auch das Geſicht des Grauen, der hinter einem angelehnten Thürflügel ſich ver⸗ borgen hält und auf der Lauer ſieht. „Ha, ſchändlicher Verräther!„. Fort Canaillen! Biondino! Carlotto! Hülfe! Mörder!“ ſchreit Don Ro⸗ drigo, fähet mit einer Hand unter das Kopfkiſſen, um ein Piſtol zu holen, ergreift es, zieht es hervor, aber ſchon bei ſeinem erſten Schrei, waren die Monatti auf das Bett 206 losgeſtürzt, der Flinkſte unter ihnen fährt über ihn her, ehe er Etwas thun kann, reißt ihm das Piſtol aus der Hand, wirft es weg, drückt ihn nieder und halt ihn feſt, indem er grinzend vor Wuth und Hohn urft:„Ha, Du Schurke! gegen die Monatti! Gegen die Diener der Be⸗ hörde! gegen diejenigen, welche die Werle der Barmher⸗ zigkeit thun!“ „Halte ihn feſt, bis wir ihn wegtragen,“ ſagte ſein Begleiter, indem er auf eine Kiſte zuging. Und nun trat auch der Graue herein und machte ſich mit dieſem daran das Schloß zu erbrechen. „Hallunke!“ heulte Don Rodrigo, indem er unter ſeinem Gegner, der ihn feſthielt, hervorſchaute und ſich unter den nervigen Armen deſſelben frümmte.„Laßt mich dieſen Hund umbringen,“ ſagte er hierauf zu den Monatti, „und dann macht mit mir, was Ihr wollt.“ Und nun begann er mit lautem Geſchrei wieder ſeinen anderen Die⸗ nern zu rufen, aher es war Alles vergebens; denn der ab⸗ ſcheuliche Graue hatte ſie mit erlogenen Befehlen vom Herrn ſelbſt weit weggeſchickt, ehe er fortgegangen war, um den Monatti dieſes Unternehmen und die Theilung des Raubes vorzuſchlagen. „Sei ruhig, ſei ruhig,“ ſagte der Scherge, der ihn feſt auf das Bett gevrückt hielt, zu dem unglücklichen Ro⸗ drigv. Dann wandte er ſein Geſicht zu den beiden Plün⸗ derern und rief ihnen zu:„Handelt ehrlich mit mir!“ „Du, Du,“ brüllte Don Rodrigo gegen den Grauen, den er eifrig beſchäftigt ſah, Schlöſſer zu erbrechen, Geld und andere Koſtbarkeiten herauszunehmen und zu theilen, „Du! nach dem„. Ha, Teufel aus der Hölle! Ich kann wieder geſund werden! Ich fann wieder geſund werden!“ Der Graue rührte ſich nicht und wandte ſich auch ſo wenig als möglich nach der Seite, von welcher dieſe Worte kamen. „Halt ihn nur recht feſt,“ ſagte der andere Monattoz „er iſt toll.“* Der Unſelige wurde es wirklich. Nach einer letzten, —— —,——— 207 noch gewaltſamern Anſtrengung, zu ſchreien und ſich los⸗ zuwinden, ſank er auf einmal entkräftet und beinahe be⸗ wußtlos zuſammen; doch ſtarrte er noch immer wie ver⸗ zaubert vor ſich hin; ſchüttelte ſich von Zeit zu Zeit und ſtieß ein Geheul aus⸗ Die Monatti ergriffen ihn, einer bei den Füßen, der andere bei den Schultern, und legten ihn auf eine Bahre, die ſie im Nebenzimmer gelaſſen; dann kam einer zurück, um den Raub abzuholen; hierauf erhoben ſie die bekla⸗ genswerthe Laſt und trugen ſie fort. Der Graue blieb zurück, um noch in der Geſchwin⸗ digkeit auszuwählen, was für ihn paſſen mochte, dann vackte er Alles in ein Bündel zuſammen und machte ſich aus dem Staub. Er hatte ſich wohl gehütet, die Mo⸗ natti zu berühren und von ihnen berührt zu werden; allein bei ſeinem letzten, haſtigen Suchen, hatte er die Kleider eines Herrn aufgehoben und ſie, ohne an etwas Anderes zu denken, durchſtöbert, ob vielleicht Geld darin ſei. Schon am folgenden Tag hatte er Urſache daran zu denken; denn während er ſich's in einer Kneipe wohl ſein ließ, erfaßte ihn auf einmal ein Schauer, ſeine Augen umwölkten ſich, ſeine Kräfte ſchwanden und er fiel zuſammen. Von ſeinen enoſſen verlaſſen, gerieth er in die Hände der Monatti, ie ihn gänzlich ausplünderten und auf einen Karren war⸗ ſen, wo er ſtarb, noch ehe er das Lazareth erreichte, in welches ſein Herr gebracht worden war. Wir wollen dieſen nun in der Wohnung des Jam⸗ mers laſſen und einen Anderen aufſuchen, deſſen Geſchichte ſich nicht mit der ſeinigen vermiſcht haben würde, wenn er es nicht mit aller Gewalt gewollt hätte; man kann ſa⸗ gen, daß in dieſem Fall weder der Eine noch der Andere eine Geſchichte gehabt hätte; ich will von Renzo ſprechen, den wir unter dem Namen Antonio Rivolta in der neuen pinnerei gelaſſen haben. Er hatte fünf oder ſechs Monate, vielleicht etwas mehr oder weniger, daſelbſt zugebracht; als dann die Feind⸗ 208 ſchaft zwiſchen der Republik und dem König von Spanien zu offener Erklärung gekommen war, und folglich alle Be⸗ ſorgniß vor Anfechtungen und ſchlimmen Händeln von dieſer Seite her aufgehört hatte, ſo hatte Bartolo ſich beeilt, ihn wieder abzuholen, theils weil er ihn liebte, theils auch weil Renzo als ein geſcheidter Burſche und geſchickter Ar⸗ beiter dem Factotum in einer Fabrik von großem Nutzen war, ohne jemals Anſpüche zu machen, es ſelbſt zu wer⸗ den, weil er mit der Feder nicht umzugehen wußte. Da dieſer Grund wuklich einigermaßen mitwirkte, ſo haben wir ſeiner gedenken müſſen. Veelleicht hätte man lieber einen idealeen Bartolo geſehen; ich weiß nicht, was ich ſagen ſoll: macht Euch einen; dieſer war nun einmal ſo. Renzo hatte dann fortwährend bei ihm gearbeitet. Mehr als ein⸗, ja ſogar mehr als zweimal, und ganz beſonders nach dem Empfang eines jener verwünſchten Briefe von Agneſe wat ihm die Grille in den Kopf ge⸗ ſtiegen, Soldat zu werden, und der ganzen Geſchichte ein Ende zu machen, und an Gelegenheiten fehlte es nicht; denn gerade in dieſer Zwiſchenzeit hatte die Revublik mehr⸗ mals geworben. Die Verſuchung war für Renzo zuweilen um ſo ſtärker geweſen, weil man auch von einem Einfall in's Mailändiſche geſprochen hatte, und da dachte er na⸗ türlich, es würde eine ſchöne Sache ſein, als Sieger in ſeine Heimath zurückzukehren, Lucia wiederzuſehen und ſich einmal mit ihr zu erklären. Aber Bartolo hatte ihn im⸗ mer auf gute Art von dieſem Entſchluß abzubringen gewußt. „Wenn ſie dahin marſchiren,“ ſagte er zu ihm,„ſo werden ſie auch ohne Dich hinmarſchiren, und Du kannſt dann ganz gemächlich hinter ihnen herziehen; wenn man ſie mit zerſchlagenen Köpfen wieder heinſchickt, wird es dann nicht beſſer für Dich ſein, wenn Du Dich fern ge⸗ halten haſt? Und an verzweifelten Geſellen, die den Zug mitmachen wollen, wird es nicht fehlen. Und ehe ſie ein⸗ mal den Fuß hinüberſetzen. ich will ein Ketzer ſein⸗ wenn es nicht wahr iſt, aber dieſe Burſche nehmen immer 5 209 das Maul zu vollz ſie thun als wäre der Staat Mailand nur ſo ein Biſſen, den man auf einmal hinunterſchluckt. Es handelt ſich um Spanien, mein lieber Sohn; weißt Du, was das heißen will, Spanien? Der heil. Markus iſt daheim ſtark und mächtig, aber zu ſo Etwas gehören noch ganz andere Dinge. Habe Geduld: befindeſt Du Dich nicht ganz gut hier? Ich begreife Alles recht gut, was Du mir ſagen willſt, aber wenn es dort oben be⸗ ſchloſſen iſt, daß die Sache gelingen ſoll, ſo ſei überzeugt, daß ſie noch viel beſſer gelingen wird, wenn Du keine Dummheiten machſt. Irgend ein Heiliger wird Dir ge⸗ wiß beiſtehen. Glaube nur, das iſt kein Handwerk für Dich. Meinſt Du, Du dürfeſt mir ſo die Seideſpuhlen an den Nagel hängen und hingehen, um andere Leute todt zu ſchlagen? was willſt Du bei ſolchen Geſellen machen? da braucht es Leute, die eigens dazu geſchafſen ſind.“ Mehrere Male beſchloß Renzo, heimlich verkleidet und unter falſchem Namen hinzugehen. Aber auch davon wußte ihn Bartolo immer wieder mit keicht zu errathenden Gründen abzuhalten. Als ſpäter die Peſt im mailändiſchen Gebiet und, wie wir bereits geſagt haben, eben auf der Grenze gegen das Bergamaskiſche ausbrach, ſo währte es nicht lange, bis ſie auch dahin übergriff und„. Erſchrecket nicht, ich habe nicht im Sinn, ihre Geſchichte auch auf dieſem Ge⸗ biete zu erzählen; wer ſie zu wiſſen wünſcht, der findet ſie auf öffentlichen Befehl von einem gewiſſen Lorenzo Ghira⸗ delli geſchrieben; es iſt dies aber ein ſeltenes und unbe⸗ kanntes Buch, obſchon es vielleicht mehr enthält, als die berühmteſten Peſtbeſchreibungen zuſammen. Die Berühmt⸗ heit der Bücher hängt von ſo vielen Dingen ab. Was ich ſagen wollte iſt, daß auch Renzo die Peſt bekam und ſich ſelbſt kurirte, d. h. gar Nichts machte; er war aller⸗ dings dem Tode nahe, aber ſeine gute Ratur überwand die Kraft des Uebels, und nach wenigen Tagen befand er ſich außer Gefahr. Mit der Rückkehr des Lebens erwach⸗ Die Verlobten. M. 1⁴ 2¹⁰ ten in ſeinem Gemüth auch heftiger und peinlicher als je die Sorgen des Lebens, die Wünſche, Hoffnungen, Erin⸗ nerungen und Pläne wieder, d. h. er dachte mehr als je an Lucia. Was mochte in dieſer Zeit, wo das Leben gleichſam eine Ausnahme war, aus ihr geworden ſein? Und bei einer ſo geringen Entfernung gar nichts von ihr erfahren zu können! Und Gott weiß, wie lang in ſolcher Ungewißheit auszuharren! Und ſelbſt wenn auch dieſe be⸗ ſeitigt, wenn alle Gefahr vorüber wäre, wenn er ſichere Kunde hätte, daß Lucia noch lebe, ſo blieb noch immer der andere Knoten übrig, dieſe unklare, vertrakte Geſchichte mit dem Gelübde.„Ich gehe hin, ich gehe hin, und will auf einmal wiſſen, wie ich daran bin,“ ſagte er bei ſich, und zwar ſagte er ſich dies, noch ehe er ſich recht auf den Beinen halten konnte.„Wenn ſie nur noch lebt! Ach, wenn ſie nur noch lebt! das Finden macht mir nicht hange, ich werde ſie ſchon finden; ich will aus ihrem eigenen Munde hören, was es mit dem Gelübde da auf ſich hatz ich will ihr beweiſen, daß das nicht ſein kann, und ich führe ſie mit mir fort, ſie und die arme Agneſe, wenn ſie noch lebt! Sie hat es immer gut mit mir gemeint, und ich bin überzeugt, daß ſie mir auch jetzt noch gut iſt. Der Steckbrief? Ei was? Jetzt haben diejenigen, die noch am Leben ſind, an andere Dinge zu denken. Es laufen ja auch hier Burſche ganz ſicher herum, die wahrhaftig es wird doch nicht blos für die Spitzbuben allein ein ſicheres Geleite geben; und in Mailand ſoll ja, das ſagen alle Leute, eine ganz ſchreckliche Verwirrung herrſchen. Wenn ich eine ſo gute Gelegenheit hinauslaſſe(die Peſt! da ſehe man, wie dieſer heilloſe Trieb, Alles auf uns ſelbſt zu beziehen und unſern Verhältniſſen unterzuordnen die Ausdrücke zuweilen wählen läßt 1), ſo bekomme ich eine ſolche nie wieder.“ Wir wollen das hoffen, mein lieber Renzv. Kaum konnte er ſich wieder von der Stelle bewegen, ſo ſuchte er Bartolo auf, der bis jetzt ſo glücklich geweſen 211 war, von der Peſt verſchont zu bleiben, und ſich ſehr auf ſeiner Hut hielt. Er ging nicht zu ihm hinauf, ſondern rief ihm von der Staße aus, ſo daß er ans Fenſter kam. „Ah, ah,“ ſagte Bartolo,„Du biſt alſo wieder auf⸗ gekommen? Welch ein Glück für Dich!“ „Ich bin noch ein wenig ſchwach auf den Beinen, wie Du ſiehſt, aber was die Gefahr betrifft, die iſt vor⸗ über. „O, ich möchte auf Deinen Füßen ſtehen; wenn man ſonſt ſagte: ich bin wohl, ſo meinte man Alles geſagt zu haben, aber jetzt will das Nichts heißen. Wenn man ein⸗ mal ſagen kann: ich bin beſſer! das iſt ein ſchönes Wort!“ Renzo ſprach gegen ſeinen Vetter einige gute Wünſche aus und theilte ihm dann ſeinen Entſchluß mit. „Nun ſo geh' diesmal, der Himmel ſegne Dich: nimm Dich in Acht vor der Juſtiz, wie ich mich vor der Seuche in Acht nehmen will, und wenn Gott uns Beiden Glück verleiht, ſo werden wir uns wiederſehen.“ „O, ich komme gewiß zurück; und wenn ich nur in Geſellſchaft zurückkommen könnte! Doch hoffe ich es.“ „Ja, bring Deine Leute mit; ſo Gott will, werden wir dann Alle arbeiten und treu zuſammenhalten. Wenn Du mich nur wiederfindeſt und wenn nur einmal dieſe ver⸗ dammte Seuche vorüber wäre!“ „Wir ſehen uns gewiß wieder, wir müſſen uns wie⸗ derſehen.“ „Ich ſage noch einmal, Gott geb's!“ Einige Tage lang beſtand Renzo's einzige Beſchäfti⸗ gung darin, ſich Bewegung zu machen, um ſeine Kräfte zu verſuchen und zurückzurufen, und kaum glaubte er ſich im Stande die Reiſe zu unternehmen, ſo rüſtete er ſich auch ſchon zum Aufbruch. Er band ſich unter den Klei⸗ dern einen Gürtel um, worin ſich jene 50 Seudi befanden, welche er nicht berührt und von denen er Niemand, ſelbſt Bartolo nicht, etwas anvertraut hatte; er auch das 212 wenige Geld zu ſich, das er durch gutes Haushalten von Tag zu Tag erſpart; er nahm einen kleinen Pack Kleider unter den Arm, er ſchob ein Zeugniß, das er ſich wohl⸗ weislich von ſeinem zweiten Herrn unter dem Namen Antonio Rivolta hatte ausſtellen laſſen, in die Taſche; in ſeine Ho⸗ ſentaſche ſteckte er ein großes Meſſer, die geringſte Waffe, die ein rechtſchaffener Mann damals tragen konnte und nun machte er ſich gegen Ende Auguſt, drei Tage nach⸗ dem Don Rodrigo ins Lazareth gebracht worden war, auf den Weg. Er ſchlug die Straße nach Lecco ein, da er, bevor er ſich nach Mailand wagte, zuvor in ſein Dörf⸗ chen gehen wollte, wo er Agneſe noch am Leben zu tref⸗ fen und von ihr einige der vielen Dinge erfahren zu kön⸗ nen hoffte, die zu wiſſen er ſo ſchmerzlich verlangte. Die wenigen von der Peſt Geneſenen galten inmit⸗ ten der Bevölkerung wirklich als eine bevorrechtete Men⸗ ſchenklaſſe. Ein großer Theil der übrigen Einwohnerſchaft lag krank oder ſtarb dahin, und diejenigen, die bis jetzt von der Seuche noch nicht grgriffen worden, lebten in beſtändiger Angſt davor, ſie gingen ihren Weg zurückhaltend, behut⸗ ſam, mit gemeſſenen Schritten, düſtern Mienen, eilend und zögernd zugleich, denn Alles konnte zu einer tödtlichen Waffe gegen ſie werden. Jene Andern dagegen, die ihrer Sache ſo ziemlich gewiß ſein konnten— denn daß Einer die Peſt zweimal gehabt hätte, war ein höchſt ſeltener Fall,— bewegten ſich mitten unter der Seuche frei und unbefangen, wie die Ritter einer gewiſſen Periode des Mit⸗ telalters, in Eiſen gehüllt, ſoweit nur Eiſen anzubringen war, und auf Schlachtroſſen, die gleichfalls, ſo weit dies thunlich, gepanzert waren, ſich ihren glorreichen Namen als irrende Ritter dadurch verdienten, daß ſie auf Aben⸗ teuer auszogen inmitten einer armſeligen Horde von Fuß⸗ gängern und Bauern, deren einziger Schutz gegen ihre Streiche in elenden Lumpen beſtand. Ein ſchönes, weiſes und nützliches Gewerbe, wohl geignet in einer ſtaatswirth⸗ ſchaftlichen Abhandlung die erſte Figur zu machen. 243 Mit einer ſolchen Zuverſicht, deren Heiterkeit jedoch durch ſeine bekannten Bekümmerniſſe, durch den häufigen Anblick des allgemeinen Elends und durch unaufhörliche Gedanken daran gewaltig abgeſchreckt wurde, wanderte Nenzo unter einem ſchönen Himmel und durch ein ſchönes Land ſeiner Heimath zu, begegnete jedoch, nachdem er lange in der traurigſten Einfamkeit umhergepilgert, von Zeit zu Zeit nicht ſowohl lebendigen Perſonen als viel⸗ mehr ſchwankenden Schatten, oder auch Leichnamen, die ohne ehrenvolles Begräbniß, ohne Sang und Klang zur Grube getragen wurden. Ungefähr um Mittag machte er in einem Gebüſche Halt um etwas Brod und Zukoſt zu verzehren, was er mitgenommen. Obſt hatte er auf ſeinem ganzen Wege mehr als nöthig war zur Verfügung: Fei⸗ gen, Pfirſiche, Pflaumen, Aepfel ſtanden ihm nach Belie⸗ ben zu Gebot; er brauchte nur in einen Weinberg hinein⸗ zugehen und die Hand ausſtrecken, um von den Zweigen, welche abzupflücken oder die reifſten vom Boden aufzuleſen, welcher damit bedeckt war; denn das Jahr war außeror⸗ dentlich fruchtbar an Baumfrüchten aller Art, ohne daß ſich ein Menſch darum bekümmerte; auch die Trauben be⸗ deckten beinahe das Laub und waren dem erſten Beſten preisgegeben, der nur zugreifen wollte. Gegend Abend entdeckte er ſein Dorf. Bei dieſem Anblick ging ihm, vbſchon er darauf vorbereitet ſein mußte, ein Stich durchs Herzt ein ganzer Schwarm ſchmerzlicher Erinnerungen und Vorgefühle drang auf ihn ein; ihm war als klängen ihm jene unheimlichen Gblockenſchläge an die Ohren, welche ihn bei ſeiner Flucht begleitet und ver⸗ folgt hatten; zu gleicher Zeit hörte er, ſo zu ſagen, eine Todtenſtille, die in Wahrheit darin herrſchte. Eine noch heftigere Umuhe überkam ihn, als er den Kirchhof betrat, und noch Schlimmeres erwartete er am Ziele ſeines Wegs, denn das Haus, auf welches er loszuſteuern beſchloſſen hatte, war dasjenige, das er ſonſt Lucia's Haus genannt. Jetzt konnte es höchſtens noch das Haus Agneſens heißen, 2¹⁴ und die einzige Gnade, die er ſich vom Himmel ausbat, war, daß er fie lebendig und geſund antreffen möchte. In dieſem Hauſe gedachte er auch ein Nachtlager anzuſprechen, denn er ſtellte ſich wohl vor, daß das ſeinige nur noch zu einer Wohnung für Mäuſe und Marder tauge. Um alſo dorthin zu gelangen, ſchlug er, ohne durch das Dorf zu gehen, einen Fußweg hinter dem Dorf ein, denſelben, auf welchem er in jener ewig denkwürdigen Nacht in guter Geſellſchaft herangekommen war, um den Pfarrer zu überrumpeln. Ungefähr halbwegs befand ſich auch auf der einen Seite der Weingarten und auf der an⸗ dern das Häuschen Renzo's, ſo daß er beim Vorübergehen wenn er Luſt hatte, in beide hineintreten und ein wenig nachſehen konnte, wie es um ſein Eigenthum ſtand. Während ſeiner Wanderung ſchaute er ſich begierig und zugleich ängſtlich allenthalben um, ob ſich Niemand blicken laſſe, und nach wenigen Schritten bemerkte er wirk⸗ lich einen Mann, der im bloßen Hemd auf der Erde ſaß, mit dem Rücken an eine Jasminhecke gelehnt und in der Haltung eines Wahnſinnigen; daran, wie auch an den Geſichtszügen glaubte er jenen armen Gimpel Gervaſo zu erkennen, der bei der unglücklichen Erpedition als zweiter Zeuge mitgegangen war. Aber als er näher trat, mußte er ſich überzeugen, paß es vielmehr der ſo muntere Tonio war, der jenen mitgebracht hatte. Die Krankheit hatte ihm die Kraft des Körpers und des Geiſtes zugleich geraubt, ſie hatte in ſeinem Geſicht und in allen ſeinen Bewegun⸗ gen einen ſchwachen, ſchlummernden Keim von Aehnlichkeit, die er mit ſeinem blödfinnigen Bruder hatte, zur Entwick⸗ lung gebracht. „Ach Tonio,“ redete ihn Renzo an, indem er vor ihm ſtehen blieb,„biſt Du's?“ Tonio ſchlug die Augen zu ihm auf, ohne ſeinen Kopf zu bewegen. „Tonio! kennſt Du mich nicht?“ 215 „Wen es trifft, den trifft's,“ antwortete Toniv und blieb mit offenem Munde ſitzen. „Hat es Dich alſo gepackt, armer Tonio? Aber kennſt Du mich nicht mehr?“ „Wen es trifft, den trifft's,“ antwortete dieſer mit einem gewiſſen albernen Lächeln. Als Renzo ſah, daß er ſonſt Nichts von ihm herausbringen würde, ſo ging er mit noch betrübterem Herzen weiter. Und ſiehe da kam an der Biegung einer Ecke etwas Schwarzes zum Vorſchein, und immer näher, das er bald als Don Abbondio erkannte. Er ging Schritt für Schritt, indem er den Stock ſo trug wie Einer der gegenſeitig von ihm getragen wird, und als er näher trat, konnte Renzo an ſeinem bleichen und abgeleb⸗ ten Geſichte, ſo wie an ſeinem ganzen Ausſehen enmeh⸗ men, daß auch er ſeinen Sturm überſtanden haben mußte. Auch er ſchaute auf; es ſchien ihm und ſchien ihm doch nicht; er bemerkte eiwas Fremdes an der Kleidung; aber es war ja gerade das Fremde, wie man es im bergamas⸗ kiſchen Gebiete trug. „Er iſt es ohne Weiteres?“ ſagte er bei ſich und nun erhob er in einer Regung verdrießlichen Staunens die Hände gen Himmel, ſo daß der Stock, welchen er in ſei⸗ ner Rechten hielt, in der Luft ſchweben blieb, und man ſah jetzt die elenden Aermchen in den Aermeln ſchlottern, worin ſie früher kaum Platz gehabt hatten. Renzo eilte ihm ent⸗ gegen und machte ihm einen Bückling, denn obſchon ſie auf die bewußte Art von einander geſchieden waren, ſo war und blieb er doch immer ſein Pfarrer. „Ihr hier?“ rief dieſer. „Ja, wie Ihr ſehet. Wißt Ihr Nichts von Lucia?“ „Was ſoll ich von ihr wiſſen? Man weiß Nichts von ihr. Sie iſt in Mailand, wenn ſie überhaupt noch am Leben iſt. Aber Ihr... „Und Agneſe? lebt ſie noch?“ „Kann ſein; aber wer will das wiſſen? Sie iſt nicht hier. Aber.. 3 216 „Wo iſt ſie denn?“ „Sie iſt ins Valſaſſina zu ihren Verwandten gegan⸗ gen, nach Paſturv, wenn Ihr das wißt; die Peſt ſoll dort nicht ſo arg hauſen als hier. Aber Ihr 4 „Wahrhaftig, das iſt mir ſehr unlieb. Und der Pater Criſtoforo? 4 „Er iſt ſchon lange Zeit fort. Aber. „Ich wußte das; ſie haben es mir ſchreiben laſſen; ich fragte nur für den Fall, daß er in die Gegend zurück⸗ gekommen wäre.“ „Gott bewahre, man hat Nichts mehr von ihm gehört. Aber Ihr „Das iſt mir ebenfalls ſehr unangenehm.“ „Aber Ihr, ſage ich, was macht denn um Gottes willen Ihr hier? Meint Ihr denn, ein Steckbrief ſei eine ſolche Kleinigkeit?“ „Was liegt mir daran? dieſe Herrn haben jetzt an andere Sachen zu denken. Ich habe auch einmal kommen und nach meinen Angelegenheiten ſehen wollen. Und man weiß alſo nicht genau.4 „Was wollt Ihr ſehen? Jetzt wo Niemand mehr da und gar nichts mehr vorhanden iſt; und, ſage ich, wie könnt Ihr dieſem ſchrecklichen Steckbrief zum Trotz hier⸗ herkommen in dieſes Dorf, in die eigentliche Wolfshöhle? Zeugt das auch von Verſtand? Folgt einem alten Manne, der wohl mehr haben muß als Ihr, und der es ganz gut und ehrlich mit Euch meint: bindet Eure Schuhe feſt und gehet zurück, woher Ihr gekommen ſeid, ehe Euch Jemand ſieht, und wenn man Euch ſchon geſehen haben ſollte, ſo kehrt nur um ſo ſchneller wieder um. Meint Ihr denn, dieſe Luft da tauge für Euch? Wißt Ihr nicht, daß ſie hierher gekommen ſind, um Euch zu ſuchen, daß ſie Alles beſchnüffelt, durchſtöbert und unter einander geworfen haben?“ „Ich weiß es nur zu gut, die Schurken!“ „Nun den 217 „Aber wenn ich Euch ſage, daß ich mich gar nicht darum bekümmere. Und der da, lebt er noch? Iſt er hier?“ „Ich ſage Euch, daß gar Niemand hier iſt, ich ſage Euch, daß Ihr Euch um die Dinge hier nicht zu beküm⸗ mern habt, ich ſage Euch, daß „Ich will nur wiſſen, ob der da hier iſt?“ „O heiliger Himmel! Sprecht doch nicht ſp. Iſt's möglich, daß nach allen dieſen Geſchichten noch eine ſolche Hitze in Euch ſteckt?“ „Iſt er da oder iſt er nicht da?“ „Nein, er iſt nicht da. Aber die Peſt iſt da, mein Sohn, die Peſt. Wer wird auch in ſolchen Zeiten ſo herumſchwärmen?“ „Wenn weiter Nichts auf der Welt wäre als die Peſt ich ſage nur für mich, ich habe ſie gehabt und bin frei.“ „Nun alſo, nun alſo! muß Euch das nicht zur War⸗ nung dienen? Wenn man einem ſolchen Unglück entron⸗ nen iſt, ſo ſollte man, däucht mich, dem Himmel danken und „Ich danke ihm auch von ganzem Herzen.“ „Und nicht andere Geſchichten muthwillig aufſuchen, ſage ich; laßt Euch rathen.. „Ihr habt ſie wohl auch gehabt, Herr Pfarrer, wenn ich mich nicht irre?“ „Ob ich ſie gehabt habe! Ganz verrätheriſch und ſchändlich hat ſie mich mitgenommen. Es iſt ein Wunder, daß ich noch da bin. Es genügt, wenn ich Euch ſage, daß ſie mich ſo zugerichtet hat, wie Ihr mich ſehet. Eben jetzt bedurfte ich einiger Ruhe, um mich wieder ein bis⸗ chen zu erholen: ich fing bereits an mich wieder ein wenig beſſer zu befinden. Um Gottes Willen, was wollt Ihr hier machen? Kehret um!“ „Ich hätte faſt Etwas geſagt, mit Euerm Umkehren. 218 Wenn ich hätte umkehren wollen, ſo hätte ich mich lieber gar nicht auf den Weg gemacht. Ihr ſagt immer: was wollt Ihr machen? was wollt Ihr machen? Ich will das machen, daß ich nach meinem Hauſe ſehen will.“ „Euer Haus „Sagt einmal, ſind viele hier daran geſtorben?“ „Ach ja!“ rief Don Abbondio, und nun begann er mit Perpetua und zählte eine lange Reihe von Perſonen und ganzen Familien auf. Renzo hatte das allerdings nur zu beſtimmt erwartet, aber als er ſo viele Namen von Bekannten, Freunden und Verwandten hörte(ſeine Eltern hatte er ſchon vor vielen Jahren verloren), da ſtand er ſchmerzlich betrübt, mit geſenktem Kopfe da und rief ein⸗ mal um's andere:„Der Arme! die Arme! die Armen!“ „Da ſehet Ihr,“ fuhr Don Abbondio fort,„und es iſt noch nicht aus. Wenn die noch Lebenden nicht Ver⸗ nunft annehmen und ſich alle ihre Grillen aus dem Kopfe ſchlagen, ſo wird das Ende der Welt heranrücken!“ „Seid ohne Sorgen; ich habe gar nicht im Sinn, hier zu bleiben.“ „Ach, Gott ſei Dank, daß Ihr Euch dazu entſchloſſen habt. Aber ich denke mir's wohl, Ihr werdet dann ſpäter zurückkommen 4 „Ihr braucht deshalb keine Angſt zu haben.“ „Ihr werdet mir doch nicht einen noch dümmern Streich ſpielen wollen, als damals.“ „Darüber braucht Ihr Euch keine Gedanken zu ma⸗ chen, ſage ich; das iſt meine Sache: ich habe meine Kna⸗ benſchuhe vertreten. Uebrigens hoffe ich, Ihr werdet Nie⸗ mand ſagen, daß Ihr mich geſehen habt. Ihr ſeid ein Prieſter und ich bin eines Eurer Schafe: Ihr werdet mich nicht verrathen wollen.“ „Ich verſtehe,“ ſagte Don Abbondio mit einem Seufzer des Unmuths,„ich verſtehe; Ihr wollt Euch ſelbſt und mich zugleich in's Verderben ſtürzen. Es genügt Euch nicht an dem Elend, das Ihr ausgeſtanden habt; es genügt 219 Euch nicht an dem, was ich ausgeſtanden habez ich ver⸗ ſtehe, ich verſtehe.“ Und indem er dieſe letzten Worte zwiſchen den Zähnen murmelte, zog er ſeines Wegs weiter. Renzo blieb traurig und mißvergnügt ſtehen und dachte über eine Herberge nach. Unter der Todtenliſte, die Don Abbondio ihm aufgeführt hatte, befand ſich eine Bauernfamilie, deren ſämmtliche Mitglieder von der Seuche hingerafft waren, mit Ausnahme eines jungen Bur⸗ ſchen, der ungefähr in Renzo's Alter ſtand und von Kind⸗ heit auf ſein Kamerad geweſen war: das Haus lag in ganz geringer Entfernung vor dem Dorfe außen. Er be⸗ ſchloß, ſich dahin zu wenden und um eine Gaſtfreundſchaft zu bitten. Er war in die Nähe ſeines Weinbergs gekommen, und er konnte ſchon von außen einen Schluß auf den Zuſtand ziehen, worin er ſich befinden mochte. Kein Wipfelchen, kein Laub eines Baumes, den er daſelbſt ge⸗ laſſen hatte, ſchaute noch über die Mauer hervor; wenn Etwas hervorragte, ſo war dieß in ſeiner Abweſenheit aufgegangen. Er trat an die Oeffnung(von einem Zaun war keine Spur mehr zu ſehen); er ließ ſeinen Blick um⸗ herſchweifen; armer Weingarten! Zwei Winter hinter einander hatten die Leute vom Dorf ihr Holz dort geholt, ſtatt des armen Jungen, wie ſie ſagten. Weinſtöcke, Maul⸗ beerbäume, Obſtbäume jeder Art, alles war ſchonungslos niedergetreten, oder an der Wurzel abgeſchnitten worden. Dennoch zeigten ſich die Spuren frühern Anbaues: junge Reben in ununterbrochenen Reihen, die aber doch noch die Spur der nunmehr zerſtörten Reihen bezeichneten; da und dort Schößlinge und Nachwuchs von Maulbeer⸗, Fei⸗ gen⸗, Pfirſich⸗, Kirſchen⸗ und Pflaumenbäumen; aber auch dieß nur zerſtreut und erſtickt inmitten eines mannigfaltigen und dichten Anwuchſes, der ohne Hilfe von Menſchenhand entſtanden und aufgeſchoſſen war. Es war ein Gemengſel von Neſſeln, Farrenkraut, Lolch, Quecken, Mehlkraut, wil⸗ dem Hafer, grünem Amaranth, Salatkräutern, Sauerklee, 220 Hirſegras und andern Pflanzen, von ſolchen nämlich, die der Bauer aller Länder nach ſeiner eigenen Weiſe zuſam⸗ mengefaßt und als Unkraut bezeichnet hat. Es war ein Gemengſel von Stengeln, die einander in der Luft über⸗ ragten oder um die Wette auf dem Boden hinkrochen, furz nach allen Richtungen hin einander zu verdrängen ſuchten; ein Gemiſch von Blättern, Blumen, Früchten von hun⸗ derterlei Farben, hunderterlei Formen, hunderterlei Größen: kleine Aehren, Kolben, Büſchel, Dolden, Köpfchen, weiß, roth, gelb und blau. Ans dem Miſchmaſch hervor ſtachen einige ſcheinbarere, augenfälligere, indeß größtentheils nicht beſſere Pflanzen; vor allen andern die türkiſche Rebe mit ihren ausgebreiteten, röthlichen Ranken, mit ihren pompöſen, dunkelgrünen, großen Blättern, zum Theil ſchon am Gipfel purpurn geſäumt, mit ihren gekrümmten Trauben, unten mit dunkelrothen, weiter oben mit purpurnen„noch weiter⸗ hin mit grünen Beeren, und an der Spitze mit weißlichen Blüthchen beſetzt; das Wollkraut mit ſeinen großen wolligen Blättern am Boden, mit dem gerade emporſtehenden Stän⸗ gel und den langen, vereinzelten Aehren, die gleichſam mit hellen, gelben Blumen beſtreut ſind: Diſteln mit ſtacheligen Stängeln, aus deren Blättern und Kelchen weiße oder purpurne kleine Schöpfe von Blüthen hervorgingen, oder von denen ſich auch, von der Luft entführt, leichte ſilber⸗ farbige Federbüſchelchen ablösten. Da eine Hand vvoll Ackerwinden, die ſich an den neuen Schößlingen eines Maulbeerbaums herumgerankt und herumgeſchlungen, ihn mit ihren herabhängenden, nach der Erde zugeſpitzten Blättern bedeckt hatten und von den Wipfeln ihre weißen, weichen Glöckchen herabbaumeln ließen: dort hatte eine Zaunrübe mit ihren kvrallenfarbigen Beeren ſich um die jungen Reben eines Weinſtocks geſchlungen, der, nachdem er vergebens eine feſtere Stütze geſucht, ſeine Gäbelchen gleichfalls an ihr feſtgehängt hatte; indem ſie alſo ihre ſchwachen Stengel und ihre wenig verſchiedenen Blätter mit einander vermiſchten, zogen ſie ſich auch gegenſeitig 221¹ nieder, wie dieß den Schwachen häuſig geſchieht, die ſich an einander anzulehnen ſuchen. Ueberall war Brombeer⸗ geſträuch, das von einer Pflanze zur andern auf und wieder hinabging; es drängte ſeine Zweige zuſammen, oder breitete ſie aus, je nachdem ſich eine Gelegenheit darbot, und in⸗ dem es ſich bis über den Eingang hinaus erſtreckte, ſchien es ſogar dem Herrn des Weinbergs den Zutritt ſtreitig zu machen. Aber es fiel ihm gar nicht ein, in einen ſolchen Wein⸗ garten hineinzugehen, und vielleicht verbrauchte er nicht einmal ſo viel Zeit mit der Betrachtung deſſelben, als wir mit dieſer kurzen Schilderung. Er ging weiter; nicht fern davon lag ſein Haus; er ſchritt mitten durch den Küchen⸗ garten und zertrat die kleinen Schößlinge, womit er gleich dem Weingarten bevölkert und überdeckt war, zu hunderten. Er ſetzte den Fuß über die Schwelle eines der zwei Stüb⸗ chen zu ebener Erde: beim Geräuſch ſeiner Tritte, bei ſei⸗ ner Erſcheinung begannen die Ratten kreuz und quer unter einander herum und davonzulaufen und ſich in den Unrath zu verkriechen, welcher den ganzen Boden bedeckte; es war noch das Bett der Lanzknechte. Er erhob den Blick rings⸗ umher an den Wänden: ſie waren zerſtoßen, mit Schmutz und Rauch überzogen; er blickte zur Decke empor: dort trieben die Spinnen ihre Induſtrie. Etwas Anderes war nicht vorhanden. Er entfernte ſich auch von da, indem er mit den Händen in den Haaren wühlte; dann kehrte er auf dem Fußpfad, den er ſich vor einem Augenblick ſelbſt gebahnt, durch den Küchengarten zurück; nach wenigen Schritten ſchlug er einen andern Fußweg links ein, der auf die Felder führte, und ohne eine lebendige Seele zu ſehen oder zu hören, gelangte er vor das Häuschen, das er ſich zur Herberge auserſehen hatte. Es war bereits Abend geworden. Der Freund ſaß vor der Thüre auf einer kleinen hölzernen Bank, die Arme über die Bruſt gekreuzt, die Augen ſtarr zum Himmel gerichtet, wie ein Menſch, den das Unglück betäubt und die Einſamkeit ſcheu 222 gemacht hat. Als er Tritte hörte, wandte er ſich um, ſchaute wer käme, und da er in der Dunkelheit zwiſchen den Zweigen und dem Laub Leute zu ſehen meinte, die ihn ſchon oft angeſprochen hatten, ſo ſagte er mit lauter Stimme, indem er ſich erhob und beide Hände emporrichtete:„Iſt denn ſonſt Niemand hier als ich? Hab ich geſtern nicht genug gethan? Laßt mich doch ein wenig in Ruhe, das wird auch ein Werk der Barmherzigkeit ſein!“ Da Renzo nicht wußte, was dieſe Worte beſagen wollten, ſo ließ er ſeine Antwort darin beſtehen, daß er ihn beim Namen rief. „Renzo ſagte der Freund zugleich rufend und fragend.. „Er ſelbſt,“ antwortete dieſer und nun eilten ſie auf einander zu. „Biſt Du es auch wirklich?“ ſagte der Freund, als ſie bei einander ſtanden.„O, wie freut es mich, Dich zu ſehen! Wer hätte das gedacht? Ich hatte Dich für den Todtengräber Paolin gehalten, der immer kommt und mich quält, daß ich ihm helfen ſolle. Weißt Du ſchon, daß ich ganz allein übrig geblieben bin, ganz allein, wie ein Ein⸗ ſiedler?“ „Ich weiß es nur zu gut,“ ſagte Renzv. Nachdem ſie dann Grüße, Bewillkommnung, Fragen und Antworten ausgetauſcht, traten ſie zuſammen in das Häuschen ein. Hier machte ſich der Freund, ohne die Geſpräche zu unter⸗ brechen, viel zu ſchaffen, um Renzo alle Ehre zu erweiſen, wozu er bei einem ſo unerwarteten Beſuch und in ſolcher Zeit die Mittel hatte. Er ſtellte Waſſer an's Feuer und begann die Polenta zu bereiten; dann aber übergab er die Teigrolle an Renzv, um ſie weiter zu bearbeiten, und ent⸗ fernte ſich mit den Worten:„Ich bin ganz allein, ach ja, ich bin ganz allein!“ Er kam zurück mit einem Napf voll Milch, mit etwas geſalzenem Fleiſch, einigen friſchen Ziegenkäſen, mit Feigen und Pfirſichen; als dann Alles fertig und die Polenta in 223 die Schüſſel geſtürzt war, ſetzten ſie ſich an den Tiſch, indem ſie ſich gegenſeitig dankten, der Eine für den Beſuch, der Andere für den Empfang. Und nach einer beinahe zweijährigen Abweſenheit machten ſie auf einmal die Ent⸗ deckung, daß ſie weit enger befreundet waren, als ſie in der Zeit, da ſie ſich beinahe täglich ſahen, jemals gewußt hatten; denn beiden, ſagt hier das Manuſcript, waren ſolche Dinge wiverfahren, die auf's Lebhafteſte das Gefühl er⸗ wecken, welch ein Balſam für das Leben das Wohlwollen iſt, ſowohl dasjenige, das man ſelbſt hegt, wie dasjenige, welches man bei Andern findet. Freilich konnte Niemand Agneſens Stelle bei Renzo verſehen oder ihn über die Abweſenheit dieſer guten Frau tröſten, und zwar nicht blos wegen jener alten ganz beſon⸗ dern Zuneigung, ſondern auch weil unter den Dingen, worüber er eine Erklärung am ſehnlichſten wünſchte, eines ſich befand, wozu ſie allein den Schlüſſel beſaß. Er war einen Augenblick zweifelhaft, ob er nicht ſie zuerſt aufſuchen ſollte, da ihr Aufenthaltsort gar nicht ſehr entfernt war; aber da er überlegte, daß ſie ſelbſt über Lucia's Befinden nichts wiſſe, ſo blieb er bei ſeinem erſten Vorſatz ſich ge⸗ raden Wegs aufzumachen und über dieſen Punkt ſich Ge⸗ wißheit zu verſchaffen, das große Unternehmen zu wagen und ſodann der Mutter die Nachricht zu überbringen. Aber auch der Freund konnte ihm nicht genug erzählen, was er nicht wußte, und ihn über allerlei Dinge auftlären, die er nicht recht wußte, theils über die Erlebniſſe Lucia's, über die Verfolgungen, welche ſie ausgeſtanden, theils auch über den Rodrigo, wie er das Haſenpanier ergriffen und ſich nicht mehr in der Gegend habe blicken laſſen, kurz über all dieſe verwickelten Gegenſtände. Er erfuhr ferner(und auch dies war für ihn ein hochwichtiger Gegenſtand), wie der Familiennamen Don Ferrante's eigentlich ausgeſprochen werden mußte, denn Agneſe hatte ihm zwar denſelben durch ihren Secretär ſchreiben laſſen, aber der Himmel weiß, wie er geſchrieben ſein mochte, und der bergamaskiſche Dolmet⸗ 224 ſcher hatte ihn auf eine Art geleſen und ihm ein ſolches Wort angegeben, daß, wenn er mit dieſem nach dem Haus in Mailand gefragt hätte, wahrſcheinlich kein Menſch hätte errathen können, wen er meinte. Und doch war dies der einzige Faden, mittelſt deſſen er Nachricht über Lucia zu erlangen hoffen konnte. Was die Juſtiz betraf, ſo konnte er ſich immer mehr in der Ueberzeugung beſtärken, daß dieſe Gefahr fern genug liege, um ſich nicht allzu ſehr darum bekümmern zu müſſen. Der Herr Podeſta war an der Peſt geſtorben; wer konnte wiſſen, wann ſein Nachfolger ernannt wurde? auch die Häſcher waren größtentheils dar⸗ aufgegangen; die noch übriggebliebenen hatten an ganz an⸗ dere als an ſolche alte Sachen zu denken. Nun erzählte auch er dem Freund ſeine Erlebniſſe und erfuhr dagegen hundert andere Geſchichten, vom Durchmarſch der Truppen, von der Peſt, von Salbern, von Wundern.„Das ſind ſchlimme Sachen,“ ſagte der Freund, indem er Renzo in ein Stübchen begleitete, das durch die Peſt ſeine Ve⸗ wohner verloren hatte, Sachen, die man niemals erleben zu müſſen geglaubt hätte, Sachen, die Unſereiner ſein ganzes Leben lang nicht mehr froh werden laſſen; aber dennoch iſt es ein Troſt, mit Freunden davon zu ſprechen.“ Mit Tagesanbruch waren beide auf den Beinen; Renzo ſtand reiſefertig da, ſeinen Gürtel unter der Jacke verborgen, das lange Meſſer in der Taſche, im Uebrigen unbehindert und leicht; das Bündelchen gab er ſeinem Wirthe in Ver⸗ wahrung.„Wenn es mir gut geht,“ ſagte er,„wenn ich ſie am Leben finde, wenn„ genug dann komme ich über hier zurück, laufe nach Paſtura, um der armen Agneſe die gute Nachricht zu überbringen, und dann und daun„ Wenn aber unglücklicherweiſe, was Gott ver⸗ hüten wolle„ dann weiß ich nicht, was ich thun und wohin ich mich wenden werde; ſo viel ſteht feſt, daß Ihr mich in dieſer Gegend hier nicht mehr zu ſehen bekommt! Und indem er ſo auf der Stelle ſprach, die nach dem Felbe führte, hob er ſeinen Kopf empor und betrachtete mit einem 225 Gemiſch von Rührung und Herzeleid die Morgenröthe ſei⸗ ner Heimath, die er ſeit ſo langer Zeit nicht mehr geſehen. Der Freund ſprach ihm Troſt und Hoffnung zu, nöthigte ihm noch etwas Mundvorrath für den Tag auf, begleitete ihn ein Stück Wegs und ließ ihn dann mit neuen Glück⸗ wünſchen weiter ziehen. Renzo wanderte gemächlich ſeines Wegs; es genügte ihm für heute in die nächſte Nähe von Mailand zu ge⸗ langen, um morgen bei Zeiten in die Stadt gehen und ſeine Nachforſchungen recht bald anſtellen zu können. Es ſtieß ihm auf ſeiner Reiſe nichts Wivriges zuz auch gab es Nichts, was ſeine Blicke beſonders auzog, ſondern er ſah überall nur die ſchon gewohnten Bilder des Jammers und der Trauer. Wie am vorhergehenden Tage machte er, als es Zeit war, in einem Gebüſch Halt, um ſich zu er⸗ quicken und auszuruhen. Als er in Monza an einem offenen Laden vorbeikam, wo Brode ausgeſtellt waren, for⸗ derte er ein Paar, um für jeden Fall verſehen zu fein. Der Verkäufer deutete ihm, vor dem Hauſe zu bleiben, ſchob ihm auf einer kleinen Schaufel ein Näpfchen mit Waſſer und Eſſig hin und ſagte zu ihm, er ſolle das Geld hinein⸗ fallen laſſen. Als dies geſchehen war, reichte er ihm mit einer gewiſſen Zange, die zwei Brode, eins nach dem an⸗ dern, worauf Renzo jedes in eine Taſche ſteckte. Gegen Abend kam er nach Greco, ohne jedoch den Namen des Ortes zu wiſſen; da er aber, theils von ſeiner erſten Reiſe her, noch einige Erinnerungen an die Gegend beſaß, theils den von Monza aus zurückgelegten Weg in Berechnung zog, ſo dachte er, er müſſe ziemlich nahe bei der Stadt ſein, er ging daher von der Hauptſtraße ab, um auf dem Feld irgend eine Hütte aufzuſuchen, wo er die Nacht zubringen könnte, denn mit Wirthshäuſern wollte er Nichts mehr zu thun haben. Er fand etwas Beſſeres, als er ſuchte: er fand die Thüre eines Zannes offen, welcher eine Melkerei umgab, und nun trat er wohlgemuth ein. Es war Niemand da: er ſah auf der einen Seite Die Verlobten MI. 15 226 eine große Halle, mit aufgeſpeichertem Heu und einer daran gelehnten Leiter; er ſchaute ſich noch einmal ringsum, ſtieg dann hinauf, machte ſich's bequem zum Uebernachten und ſchlief ſogleich ein, um erſt mit der Morgenröthe wieder zu erwachen. Dann kroch er auf allen Vieren an den Rand ſeines großen Bettes, ſtreckte den Kopf hinaus, und da er noch immer Niemand ſah, ſtieg er wieder hinunter, wie er hinaufgeſtiegen war, ging da wieder hinaus, wo er hinein⸗ gekommen, und wanderte auf Nebenwegen weiter, indem er als ſeinen Polarſtern den Dom im Auge behielt. So kam er endlich nach einer ſehr kurzen Pilgerfahrt zwiſchen der Porta vrientale und der Porta nuova, ziemlich nahe bei der letztern, unter den Mauern Mailands an. Vierunddreißigſtes Capitel. In Bezug auf die Art, in die Stadt zu gelangen, hatte Renzo beiläufig ſagen gehört, es ſei der ſtrengſte Be⸗ fehl gegeben, Niemand ohne Geſundheitspaß hereinzulaſſen, in Wnuklichkeit aber könne Jeder, der ſich nur ein bischen zu helfen und die Zeit wahrzunehmen verſtehe, ganz leicht hineinkommen. So war es denn auch, und abgeſehen von den allgemeinen Gründen, aus welchen in jenen Zeiten beinahe kein Befehl vollzogen wurde, abgeſehen von den beſondern, welche die ſtrenge Vollziehung des betreffenden ſo ſehr erſchwerten, befand ſich Mailand damals unter ſolchen Umſtänden, daß man nicht einſah, wem eine Be⸗ hütung der Stadt Etwas helfen und vor was man ſie behüten ſolle; ja, man konnte von jedem Hereinkommenden eher annehmen, daß er ſich um ſein eigenes Heil nichts bekümmere, als daß er die Bürger irgendwie zu gefähr⸗ den ſuche. 227 Auf dieſe Notizen hin beſchloß Renzo gleich beim erſten Thor, vor welches er käme, den Eingang zu verſuchenz wenn er auf Hinderuiſſe ſtieße, ſo wollte er von außen herumgehen, bis er ein anderes, leichter zugängliches fände. Und der Himmel weiß, wie viele Thore Mailand in ſeiner Einbildung haben mochte. Als er daher an die Mauern kam, blieb er ſtehen und ſchaute ſich ringsum, wie Einer, der nicht weiß, wohin er ſich am beſten wenden würde, und der daher in Allem, was er ſieht, eine Anweiſung zu finden hofft. Aber rechts und links bemerkte er Nichts als zwei Stücke einer gewun⸗ denen Stroße und gegenüber ein Stück Mauer; nirgends ein Anzeichen von lebendigen Menſchen, nur daß er an einer Stelle des Erdwalls eine dicke, ſchmutzigtrübe Rauch⸗ ſäule aufſteigen ſah, die ſich in weiten Ringen ausbreitete, emporwälzte und dann in der regungsloſen aſchgrauen Luft verlor. Es waren Kleider, Betten und andere Hausge⸗ räthſchaften, die man verbrannte: und ſolche trübſelige Feuer wurden fortwährend nicht blos hier, ſondern auf allen Seiten der Mauer angezündet. Das Wetter war düſter, die Luft dick, der Himmel allenthalben durch Gewölke, oder einen gleichmäßigen, trägen und ſchweren Nebel verhüllt, welcher die Sonne zu ver⸗ weigern ſchien, ohne Regen zu verſprechen. Das Land ringsumher theils unbebaut ünd theils ausgedörrt; alles Grün eiſtorben und nicht ein einziger Thautropfen auf den verwelkten, abfallenden Blättern. Ueberdies fügten dieſe Einſamfeit, dieſe Stille, ſo dicht neben einer großen Maſſe von Wohnungen, eine neue Beſtürzung zu Renzo's Unruhe und machten alle ſeine Gedanken um ſo ſchweimüthiger. Nachdem er eine Weile ſo da geſtanden, ſchlug er ſich auf's Gerathewohl rechts und ging, ohne es zu wiſſen, auf die Porta nuvva zu, die er trotz ihrer Nähe, wegen eines Bollwerks, hinter dem ſie damals verborgen lag, nicht bemerken konute. Nach wenigen Schritten begann ein Schellengeklingel, das abwechſelnd wie⸗ 5 2²8 derholte, und dann auch die Töne menſchlicher Stimmen, an ſein Ohr zu ſchlagen. Er ſchritt weiter vorz nachdem er um die Ecke der Baſtei gebogen, war das Erſte, was er auf dem freien Platz vor dem Thor bemerkte, eine höl⸗ zerne Bude, und am Ausgange derſelben eine Schildwache, die ſich mit einer gewiſſen Verdroſſenheit und Gleichgiltig⸗ feit auf ihre Muskete ſtützte: dahinter war ein Pfahlzaun, in dem Hintergrund das Thor, d. h. zwei gemauerte Thor⸗ wände mit einem Wetterdach, um die Flügel zu ſchützen, welche, wie auch die Zaunpforte, weit offen ſtanden. Aber gerade vor der Oeffnung befand ſich ein trauriges Hinder⸗ niß: eine auf den Boden niedergeſtellte Bahre, auf welcher zwei Monatti einen armen Unglücklichen zurechtlegten, um ihn fortzutragen: es war der Zollhauptmann, an welchem man kaum erſt die Peſt bemerkt hatte. Renzo blieb auf dem Platze ſtehen und wartete das Ende ab: als der Zug ſich entfernt hatte und Niemand ſich zeigte, um die Pforte zu ſchließen, da ſchien es ihm Zeit, und er eilte darauf zu, aber die Schildwache rief ihm ein zorniges„Halt“ entge⸗ gen. Er blieb ſogleich ſtehen, blinzelte ihr verſtohlen zu und zog einen halben Dukaten hervor, den er ihr zeigte. Der Soldat, der entweder die Peſt ſchon gehabt hatte, oder ſie weniger fürchtete, als er den halben Dukaten liebte, winkte Renzo, ihm das Geldſtuͤck zuzuwerfen, und da er daſſelbe ſogleich zu ſeinen Füßen fliegen ſah, ſo flüſterte er ihm zu:„Mach' daß Du fort kommſt.“ Renzo ließ es ſich nicht zweimal ſagen; er ſchritt durch die Verzäunung, ſchritt durch das Thor, lief vorwärts, uhne daß jemand ihn bemerkte oder beachtete; nur hörte er, als er vielleicht ſchon vierzig Schritte gemacht, ein zweites„Halt“, das ihm ein Zöllner nachrief. Er that, als ob er dies überhörte, und ſtatt umzukehren, beſchleunigte er ſeine Schritte. Halt! rief der Zöllner von Neuem, jedoch mit einer Stimme, welche mehr Zorn verrieth, als den Entſchluß, ſich Gehorſam zu verſchaffen, und da ihm dieſer Gehorſam nicht freiwillig geleiſtet wurde, ſo zuckte er die Achſeln und kehrte in ſei 229 Bude zurück, wie ein Menſch, dem mehr daran liegt, den Reiſenden nicht allzu nah zu kommen, als ſie über ihre Angelegenheiten auszufragen. Die Straße innerhalb dieſes Thores lief damals, wie jetzt geradeaus bis zu dem Navigliv⸗Kanal: auf den Seiten befanden ſich Zäune oder Mauern von Küchengärten, Kir⸗ chen, Klöſter und einige wenige Häuſer. Am Ende dieſer Straße und mitten in der am Kanal hinlaufenden erhob ſich ein Kreuz, das von dem hl. Euſebius ſeinen Namen führte. Renzo mochte ſeine Augen anſtrengen ſo ſehr er wollte, etwas Anderes als dieſes Kreuz bekam⸗er nicht zu ſehen. Auf dem Kreuzweg angelangt, der die Straße un⸗ gefähr in der Mitte theilt, ſchaute er ſich rechts und links um, und nun bemerkte er rechts in der großen St. There⸗ ſenſtraße einen Bürger, der gerade auf ihn zukam. End⸗ lich doch ein Chriſtenmenſch, dachte er bei ſich und bog raſch in dieſe Straße ein, um den Mann anzureden. Die⸗ ſer betrachtete und muſterte gleichfalls ſchon aus der Ferne mit argwöhniſchem Auge den herannahenden Fremden, und zwar um ſo mehr, als er bemerkte, daß derſelbe, ſtatt ſeines Wegs zu gehen, gerade auf ihn zukam. In einer kurzen Entfernung von ihm angelangt, zog Renzo, als höflicher Gebirgler, ſeinen Hut ab, hielt ihn mit der linken Hand, ſteckte die rechte Hand in die Oeffnung hinein und ging nunmehr grade auf den Unbekannten zu. Dieſer aber drehte ſich beinahe die Augen aus dem Kopfe, trat einen Schritt zurück, erhob einen gewichtigen Knotenſtock, der nach Art von Stoßdegen unten eine ſpitzige Zwinge hatte, richtete dieſe Renzo gegen den Leib und rief: fort, fort, fort! Ho, ho, rief auch der Jüngling, bedeckte ſich wieder, und da er, wie er ſpäter zu erzählen pflegte, in dieſem Augenblick ganz und gar keine Luſt hatte, Streit anzufangen, ſo wandte et dem unhöflichen Manne den Rücken zu und ging weiter auf ſeiner Straße oder vielmehr auf dem Weg, den er nun einmal eingeſchlagen hatte. Der Bürgersmann ſetzte knirſchend gleichfalls ſeinen —— 2——— 230 Weg fort und ſchaute ſich noch von Zeit zu Zeit um. Zu Hauſe angekommen erzählte er, es ſei ein Salber auf ihn zugetreten in demüthiger, ſanfter Haltung, mit einer ver⸗ ruchten Gaunermiene, die Salbbüchſe oder Pulverdüte— was von beiden, wußte er nicht ganz genau— in dem Hutkopfe haltend, um ihm einen Streich zu ſpielen; aber er habe ihn fernzuhalten gewußt.„Wäre er noch einen Schritt näher gekommen, ich hätte ihn geradezu durchbohrt, ehe er Zeit gehabt hätte, mich zu berühren, der Hallunke! Unglücklicherweiſe befanden wir uns an einem ſo abgelege⸗ nen Orte; denn wäre es mitten in Mailand geweſen, ſo hätte ich Leute gerufen, die ihn feſtgenommen hätten. Ganz gewiß hätten wir dieſe heilloſe Sauerei in ſeinem Hute vorgefunden. Aber ſo ganz allein Mann gegen Mann habe ich zufrieden ſein müſſen, mich vor ihm zu ſchützen, und ich durfte es nicht wagen, Händel mit ihm anzufangen, denn ſo ein bischen Pulver iſt bald zerſtreut, dieſe Schlin⸗ gel beſitzen eine ganz merkwürdige Fertigkeit darin, und dann haben ſie auch den Teufel auf ihrer Seite. Jetzt wird er die Runde durch Mailand machen; wer weiß, wie viel Unheil er ſtiftet!“ Und ſo lang er lebte, was noch viele Jahre waren, erzählte er jedesmal, wenn man auf Salber zu ſprechen kam, dieſes ſein Abenteuer und fügte hinzu:„Wer noch immer behaupten will, es ſei nicht wahr, der ſoll nur mir keinen blauen Dunſt vormachen wollen, denn ſolche Dinge muß man ſelbſt geſehen haben.“ Weit entfernt zu ahnen, welcher Gefahr er entronnen war, und mehr von Unmuth als von Furcht bewegt, dachte Renzo auf ſeinem Weg über dieſen Empfang nach, und er⸗ rieth zwar ſo ziemlich, was der Burgersmann ihm wohl zugemuthet haben mochte; allein die Sache kam ihm ſo unvernünftig vor, daß er dachte, derſelbe müſſe halb ver⸗ rückt geweſen ſein.— Die Sache fängt ſchlecht an, ſprach er weiter zu ſich: in dieſem Mailand muß ein ganz beſon⸗ derer Unſtern über mir walten. Um hereinzukommen, be⸗ günſtigt mich Alles; aber wenn ich drinnen bin, finde ich 231 Nichts als Widerwärtigkeiten vor. Genug. mit Goites Hilfe wenn ich ſie wenn ich nur ſo glück⸗ lich bin, ſie zu finden ei, dann will ich mir aus Allem dem Nichts machen. 2 Auf der Brücke angekommen, wandte er ſich, ohne langes Bedenken, links auf die Straße, die zum St. Mar⸗ kusplatze führt, denn er dachte, ſo müſſe er in's Innere der Stadt gelangen. Während er ſo dahinſchritt, ſpähte er mit den Augen ringsumher, ob er ein menſchliches Geſchöpf entdecken könne, aber er ſah nichts Anderes, als einen ent⸗ ſtellten Leichnam in dem kleinen Bach, der zwiſchen den wenigen Häuſern(damals waren es noch wenige) und der Straße ein Stück weit hinläuft. Nachdem er dieſe Strecke zurückgelegt, hörte er ein gewiſſes Geſchrei, und es war ihm, als würde er gerufen; er wandte alſo die Blicke nach der Gegend, von wo die Töne kamen, und bemerkte in kur⸗ zer Entfernung auf dem Balkon eines armſeligen, verein⸗ zelten Häuschens, mitten in einer Gruppe von kleinen Kin⸗ dern, eine arme Frau, die beſtändig rief und ihm auch mit der Hand winkte, er möge näher kommen. Er lief hinzu, und als er in der Nähe war, ſagte die Frau:„Ach, jun⸗ ger Mann, um Eurer armen Todten willen habt die Barmherzigkeit, zu dem Commiſſär zu gehen und ihm zu ſagen, daß man uns hier vergeſſen hat. Sie haben uns als verdächtig im Hauſe eingeſperrt, weil mein armer Mann geſtorben iſt; ſie haben uns die Thüre vernagelt, wie Ihr ſehet, und ſeit geſtern Morgen iſt Niemand gekommen, der uns zu eſſen brachte; ich ſtehe ſchon ſo viele Stunden hier und ich habe keinen Chriſtenmenſchen finden können, der mir dieſe Barmherzigkeit erwieſen hätte, und die armen Unglücklichen da verhungern.“ „Verhungern!“ rief Renzo und fuhr mit den Händen in die Taſchen;„da, da,“ ſagte er, indem er ſeine beiden Brode herausnahm,„laßt Etwas herab, um ſie in Em⸗ pfang zu nehmen.“ „Gott vergelte es Euch; wartet einen Augenblick,“ 232 ſagte die Frau und holte dann ein Körbchen und eine Schnur, woran ſie es herabließ. Renzo fielen jetzt die zwei Brode ein, die er bei ſeiner erſten Ankunft in der Stadt unter dem Kreuze gefunden hatte, und er dachte; Siehe da, das iſt ein Erſatz und vielleicht beſſer, als wenn ich den Herrn ſelbſt gefunden hätte; denn das iſt wahrlich ein Werk der Barmherzigkeit.“ „Was den Commiſſär betrifſt, meine liebe Frau,“ ſagte er dann, indem er das Brod in das Körbchen legte, „ſo kann ich darin nicht dienen, denn ich bin fremd hier und weiß an dieſem Orte keinen Beſcheid; wenn ich jedoch einem Menſchen begegne, der ein wenig freundlich und menſch⸗ lich ausſieht, ſo daß man mit ihm reden kann, ſo werde ich's ihm ſagen.“ Die Frau bat ihn, das zu thun und nannte ihm den Namen der Straße, damit er ſie bezeichnen könne. „Auch Ihr,“ begann jetzt Renzo,„könntet mir, glaube ich, einen Dienſt, eine wahre Wohlthat erweiſen, ohne daß es Euch Beſchwerde machte. Eine adelige Familie, ſehr vornehme Leute hier in Mailand, die Familie*8, könn⸗ tet Ihr mir wohl ſagen, wo ihr Haus iſt?“ „Ich weiß wohl, daß es ein ſolches Haus hier gibt,“ antwortete die Frau,„aber wo es iſt, kann ich nicht fagen. Wenn Ihr nach dieſer Seite zu, weiter in die Stadt hin⸗ eingeht, ſo werdet Ihr ſchon Jemand finden, der Euch zurechtweist. Vergeßt dann nicht, ihm auch von uns zu ſagen.“ „Seid ohne Sorge,“ ſprach Renzo und ging weiter. Mit jedem Schritt hörte er ein Geränſch, das ihm ſchon aufgefallen war, als er noch mit der Frau ſprach, zunehmen und näher kommen: ein Geräuſch von Rädern und Pferden, nebſt einem hellen Schellengeklingel, und von Zeit zu Zeit Peitſchengeknall und Geſchrei. Er ſchaute um⸗ her, ſah aber Nichts. Als er an den Ausgang der krum⸗ men Straße kam und den St. Markusplatz bekrat, waren die erſten Gegenſtände, die ihm in die Augen fielen, zwei aufgerichtete Balfen mit einem Seil und gewiſſen Zugwin⸗ 233 den;z da dies zu jener Zeit eine ganz gewöhnliche Sache war, ſo erkannte er darin ſogleich die abſcheuliche Folter⸗ maſchine. Eine ſolche befand ſich nicht blos hier, ſondern auch auf allen öffentlichen Plätzen und in den geräumigſten Straßen, damit die Verordneten jedes Stadtviertels, welche hierzu unbeſchränkte Machtvollkommenheit hatten, auf der Stelle Jeden foltern laſſen konnten, der ihnen ſtrafwürdig ſchien, ſeien es nun abgeſperrte Leute, die ihre Häuſer ver⸗ ließen, oder öffentliche Diener, die ſich ungehorſam zeigten, oder wer es ſonſt immer ſein mochte. Es war dies eines jener unmäßigen und wirkungsloſen Mittel, womit man in jenen Zeiten und beſonders in jenen Augenblicken ſo ver⸗ ſchwenderiſch umging. Wäͤhrend nun Renzo dieſe Maſchine betrachtet, wäh⸗ rend er darüber nachſinnt, zu welchem Behuf man ſie wohl an dieſem Ort aufſtellte, und während er das Geräuſch immer näher kommen hört, ſieht er auf einmal an der Ecke der Kirche einen Mann hervorkommen, der eine Glocke hin und her bewegte: es war ein Apparitore, und hinter ihm zwei Pferde, die mit vorgeſtreckten Hälſen und ſchwer⸗ fälligen Tritten ſich mühſam einherbewegten. Sie zogen einen Todtenwagen, und nach dieſem kam ein anderer, dann wieder ein anderer und noch ein anderer. Neben den Pfer⸗ den, auf beiden Seiten derſelben, gingen Monatti, welche mit Peitſchenhieben, Stößen und Flüchen die Thiere an⸗ trieben. Dieſe Leichname waren größtentheils nackt, einige auch ſchlecht in zerlumpte Leintücher gehüllt, auf einander gehäuft und in einander geſchlungen, wie ein Bündel Schlangen, die ſich dann in der lauen Frühlingsluft lang⸗ ſam ans einander wickeln; denn bei jedem Stoß, bei jeder Erſchütterung ſah man dieſen unſeligen Haufen erbeben und in gräuliche Verwirrung gerathen; man ſah Köpfe herunterbaumeln, jungfräuliche Haare ſich löſen, Arme ſich losmachen und auf die Räder ſchlagen, um dem bereits ſchaudernden Auge zu zeigen, wie ein ſolches Schanſpiel noch kläglicher und garſtiger werden konnte. 234 Der Jüngling war an der Ecke des Platzes, dicht am Geländer des Kanals ſtehen geblieben und betete inzwiſchen für dieſe unbekannten Todten. Ein größerer Gedanke blitze ihm durch den Kopf:„Vielleicht da, bei dieſem Haufen, darunter o Herr, gib, daß es nicht wahr iſt! Gib, daß ich nicht mehr daran denke!“ Als der Leichenzug verſchwunden war, ſetzte er ſich wieder in Bewegung, ſchritt über den Platz und ſchlug die Straße links am Kanale hin ein, ohne für dieſe Wahl einen andern Grund zu haben, als den Umſtand, daß der Zug nach der andern Seite gegangen war. Nachdem er zwiſchen der Kirche und dem Kanal einige Schritte zurück⸗ gelegt, erblickte er rechts die Marcellinobrücke; er ging dar⸗ über und gelangte durch den ſchrägen Engpaß in die Vor⸗ ſtadt Borgo⸗Nuvvv. Und indem er beſtändig ringsumher ſchaute, ob er vielleicht Jemand entdeckte, den er um Aus⸗ kunft anſprechen könnte, ſah er am andern Ausgang der Straße einen Prieſter, der in einer Jacke, mit einem klei⸗ nen Stock in der Hand, an einer halbangelehnten Thüre ſtand, das Ohr an die Heffnung derſelben haltend, und er ſah, wie er von Zeit zu Zeit ſegnend die Hand erhob. Er ſchloß daraus, wie es ſich auch wirklich verhielt, daß er ſo eben Jemand habe beichten laſſen, und er ſagte bei ſich: das iſt mein Mann. Wenn ein Prieſter, der gerade ſein Amt verrichtet, nicht ein bischen Barmherzigkeit, ein bischen Menſchenliebe und Wohlwollen hat, ſo muß man ſagen, daß dies auf der ganzen Welt nicht mehr zu finden iſt. Inzwiſchen hatte ſich der Prieſter von der Thüre ent⸗ fernt und kam gegen Renzo zu, indem er ſehr behutſam mitten auf der Straße ging. Als Renzo noch vier oder fünf Schritte von ihm war, zog er den Hut ab und gab ihm durch einen Wink zu verſtehen, daß er ihn zu ſprechen wünſche; zugleich blieb er ſtehen, damit der Mann merken ſollte, daß er ſich ihm nicht allzu unbeſcheiden nähern wolle. Der Prieſter blieb gleichfalls, in der Haltung eines Menſchen, der hören will, ſtehen, ſtellte jedoch ſeinen Stab vor ſich, wie wenn er ſich ein Bollwerk daraus machen wollte. Renzo rückte mit ſeiner Frage heraus, und der Prieſter beantwortete ſie nicht blos, indem er ihm den Na⸗ men der Straße ſagte, wo das Haus lag, ſondern er be⸗ ſchrieb ihm auch den Weg dahin ein wenig, da er ſah, wie ſehr der arme Burſche deſſen bedurfte; d. h. er wies ihn mit rechts und links, mit Kreuzen und Kirchen, die andern ſieben oder acht Straßen zurecht, die er noch zu durchwandern hatte, um dahin zu gelangen. „Gott erhalte Euch in dieſen Zeiten und immer ge⸗ ſund!“ ſagte Renzo, und als der Prieſter ſich anſchickte, weiter zu gehen, fügte er hinzu:„Noch eine Gunſt!“ und erzählte ihm von der armen, vergeſſenen Frau. Der recht⸗ ſchaffene Prieſter dankte ihm, daß er ihm die Gelegenheit verſchafft habe, eine ſo nothwendige Hilfe zu bringen, und entfernte ſich mit der Verſicherung, er werde ſogleich am geeigneten Ort Anzeige davon machen. Renzo ſetzte ſich mit einem Bückling gleichfalls wie⸗ der in Bewegung, und unterwegs bemühte er ſich, die Straßenbeſchreibung ſeinem Gedächtniß einzuprägen, um ſo wenig als nur möglich mehr fragen zu müſſen. Aber man kann ſich kaum denken, wie beſchwerlich ihm dieſes Geſchäft wurde. Und zwar nicht ſowohl wegen der Verwirrung, die dabei ſtattfinden konnte, als auch wegen einer neuen Unruhe, die ſich ſeiner Seele bemächtigt hatte. Dieſer Name der Straße, dieſe Angaben des Wegs, hatten ſein ganzes Gemüth in Aufruhr gebracht. Es war der Aufſchluß, den er ſo ſehnlichſt erwünſcht und erfragt hatte, ohne den er gar Nichts anfangen konnte, und es war ihm dabei durch⸗ aus Nichts geſagt worden, was auf Unglück deutete oder gar eine Ahnung von ſolchem in ihm hervorrufen konnte; aber was war es denn? Die etwas deutlichere Idee eines nahen Zieles, wo ein großer Zweifel ſich für ihn löſen, wo er die Worte hören ſollte: Sie lebt! oder auch die Worte: Sie iſt todt! Dieſer Gedanke hatte ſich ſo ſtark in ihm geregt, daß er für den Augenblick vorgezogen hätte, 236 noch ganz im Dunkeln zu ſchweben, noch am Anfang der Wanderung zu ſtehen, deren Ziele er jetzt nahe war. Doch raffte er ſeinen Muth zuſammen: Ei was, ſagte er zu ſich, wenn ich mich jetzt wie ein Kind aufführe, was ſoll dar⸗ aus entſtehen?— Nachdem er ſich durch dieſe Selbſter⸗ mahnung geſtärkt, ſetzte er ſeinen Weg fort und drang tie⸗ fer in die Stadt ein. Welch eine Stadt! Und was war ſie vollends jetzt, wenn man bedenkt, was ſie im vorhergehenden Jahre in Folge der Hungersnoth geweſen war! Renzo kam zufällig durch einen der am meiſten ver⸗ wüſteten Theile derſelben: durch den Kreuzweg von Stra⸗ ßen, welcher der Carrobio di Porta Nuova genannt wurde. (Hier ſtand damals am Ende des Corſo ein Kreuz, und mit der Ausſicht auf daſſelbe neben der Stelle, wo gegen⸗ wärtig San Francesco di Paolo iſt, eine alte Kirche, die ihren Namen von der h. Anaſtaſia hatte.) In dieſer Gegend hatte die Seuche ſo gräßlich gewüthet und die Anſteckung in Folge der umher zerſtreuten Leichname der⸗ maßen überhand genommen, daß die wenigen Ueberlebenden hatten wegziehen müſſen: während alſo der Blick des Vorübergehenden durch dieſes Schauſpiel der öden Ver⸗ laſſenheit betroffen wurde, fügte ſich mehr als ein Sinn nur allzuſchmerzlich und widerlich von den Zeichen und Spuren der zuletzt dageweſenen Einwohnerſchaft verletzt. Renzo beſchleunigte ſeine Schritte, machte ſich neuen Muth mit dem Gedanken, daß das Ziel vielleicht noch nicht ſo nahe ſein möchte, und mit der Hoffnung, noch vor Er⸗ reichung deſſelben die Scene verändert zu findenz auch kam er wirklich bald darauf an einen Ort, den man noch eine Wohnſtätte von Lebendigen nennen konnte; aber welch eine Wohnſtätte und was fur ein Leben! Sämmtliche Thüren nach der Straße zu, mit Ausnahme derjenigen, die in Folge der Verödung oder von Einbruch weit offen ſtanden, waren aus argwöhniſcher Scheu geſchloſſen gehalten; einige von außen vernagelt und verſiegelt, weil Todte oder Peſt⸗ 237 kranke in den Häuſern lagen; andere durch ein mit ſchwarzer Kohle gemachtes Kreuz bezeichnet zur Benach⸗ richtigung für die Monatti, daß hier Todte abzuholen ſeien; Alles mehr durch Zufall, als auf andere Art ſo gekommen, wenn ſich irgend ein Sanitätscommiſſär vder anderer Beamter hier oder dort früher eingeſtellt hatle, um die Verordnungen zu vollziehen oder eine Bedrückung zu begehen. Ringsum Lumpen, Verbände voll Eiter, ver⸗ faultes Stroh oder Kleider, Betttücher, die man zu den Fenſtern herausgeworfen; zuweilen Leichname, die entweder plötzlich auf der Straße geſtorben waren und die man hatte liegen laſſen, bis ein Karren vorüberführe und ſie mitnähme, oder ſolche, die von den Karren ſelbſt herab⸗ geglitten, oder auch von den Fenſtern herabgeworfen wor⸗ denz ſo ſehr hatte das beharrliche Wüthen des Unglücks die Gemüther verwildert und ſie aller Sorgen frommen Mitleids, aller geſellſchaftlichen Rückſichten entwöhnt. Da überall jedes Geräuſch von Werkſtätten, jedes Wagengeraſſel, jedes Ausrufen von Verkäufern, alles Geſpräch von Vorüber⸗ gehenden aufgehört hatte, ſo geſchah es ſehr ſelten, daß dieſe Todesſtille durch etwas Anderes unterbrochen wurde, als durch das Getöſe der Leichenkarren, durch das Gewimmer von Bettlern, durch das Wehklagen von Kranken, durch das Geheul von Wahnſinnigen, durch das Gekreiſche von Monatti. Bei Tagesanbruch, Mittags, Abends, gab eine Glocke vom Dom das Zeichen, gewiſſe vom Erzbiſchof ver⸗ ordnete Gebete zu ſprechen; auf dieſen Glockenſchlag ant⸗ worteten die Glocken der andern Kirchen, und dann ſah man die Leute an die Fenſter treten und gemeinſchaftlich beten; man hörte ein Geflüſter von Stimmen und ein Getöne von Seufzern, das eine wenigſtens mit einigem Troſt vermiſchte Traurigkeit verkündete. Da damals vielleicht zwei Drittheile der Einwohner geſtorben, ein guter Theil der übrigen ausgezogen oder krank lag, der Zufluß von außen aber ſich bis auf nichts verringert hatte, ſo konnte es wohl geſchehen, daß man 238 unter den Wenigen, die in einem weiten Umkreis umher⸗ gingen, nicht einem einzigen begegnete, an welchem ſich nicht etwas Seltſames gezeigt hätte, das für ſich allein ſchon hinreichte, von einer unſeligen Umwandlung der Dinge Kundſchaft zu geben. Man ſah die vornehmſten Männer ohne Kaputze oder Mantel, was damals als ein höchſt weſentlicher Theil jeder bürgerlichen Kleidung galt; die Prieſter ohne Leibrock, die Mönche ohne Kutten; kurz alle Arten von Kleidern, die mit den Zipfeln oder Enden irgend Etwas berühren, oder— was man noch mehr als alles Andere fürchtete— den Salbern die Ge⸗ legenheit erleichtern konnten, waren abgelegt worden. Und neben dieſer ſorgfältigen Bemühung, ſo viel als möglich halb geſchürzt und in knapp anliegenden Kleidern zu gehen, ſah man bei allen Perſonen Nachläſſigkeit und Unordnung; die Bärte derjenigen, die welche zu tragen pflegten, waren lang und verwildert; denjenigen, die ſie gewöhnlich raſirten, waren ſolche gewachſen; auch die Haare waren lang und verwirtt, nicht bloß in Folge jener Nachläſſigkeit, die aus einer tief eingewurzelten Niedergeſchlagenheit entſteht, ſon⸗ dern auch, weil die Barbiere verdächtig geworden waren, ſeit man einen von ihnen, Giangiacomv Mora, als berüch⸗ tigten Salber ergriffen und vermtheilt hatte; der Name dieſes Mannes war noch lange im ganzen Umkreis der Stadt verrufen und geſchändet, während er ewiges und allgemeines Mitleid verdient hätte. Die Meiſten trugen in der einen Hand einen Stock, Manche auch ein Piſtol, zur drohenden Warnung für Solche, die ihnen etwa allzu nahe kommen wollten; in der andern Hand hatten ſie wohlriechende Schnittchen oder Kugeln von Metall oder Holz, die durchlöchert und mit Schwämmen verſehen waren, die man mit heilkraftigem Eſſig getränkt hatte; ſie führten dieſelben jeden Augenblick an die Naſe, oder hielten ſie auch beſtandig daran. Einige trugen auch am Hals ein Fläſchchen mit eiwas Queckſilber, da ſie überzengt waren, daß dieß die Kraft hätte, jede Peſtausdünſtung einzuſaugen 239 und zurückzuhalten; auch waren ſie beſorgt, daſſelbe von Zeit zu Zeit zu erneuern. Die Edelleute gingen nicht bloß ohne ihr gewohntes Gefolge durch die Straßen, ſondern man ſah ſie wohl auch mit einem Korb am Arm, wie ſie ſich die nothwendigſten Victualien ſelbſt holten. Die Freunde, wenn ſich je einmal zwei auf der Straße begegneten, be⸗ grüßten einander aus der Ferne mit ſtummen und haſtigen Winken. Jeder hatte unterwegs genug zu thun, um dem Schmutz und dem todbringenden Unflath auszuweichen, der auf dem Boden zerſtreut war und ihn ſogar manchmal ganz bedeckte; jeder ſuchte die Mitte der Straße zu halten, aus Furcht vor andern eckelhaften Gegenſtänden, oder auch vor noch unheilvolleren Dingen, die elwa aus den Fenſtern herabkommen könnten; aus Furcht vor den Zauberpulvern, die man, wie es allgemein hieß, häufig auf die Vorüber⸗ gehenden herabwarfz aus Furcht vor den Wänden, die ge⸗ ſalbt ſein konnten. So fügte jetzt die Unwiſſenheit, die immer zur unrechten Zeit zuverſichtlich oder behutſam iſt, Beängſtigungen zu Beängſtigungen und flößte eine falſche Furcht ein, ſtatt jener vernünftigen und heilſamen Beſorg⸗ niß, der ſie im Anfang den Weg verbaut hatte. So war es um den noch am wenigſten abſchreckenden und mitleiderregenden Theil der Bevölkerung, der ſich noch zeigte, d. h. um die Geſunden und Bemittelten beſtellt: denn nach ſo vielen Bildern des Elends und mit Rückſicht auf den noch ſchwereren Jammer, den wir noch durchzugehen haben, wollen wir uns jetzt nicht lange mit einer Beſchrei⸗ bung des Schauſpiels aufhalten, welches die auf den Straßen ſich herumſchleppenden oder liegenden Kranken, die Bettler, die Kinder, die Weiber darboten. Dieſer An⸗ blick war von der Art, daß der Zuſchauer gleichſam einen verzweifelten Troß in demjenigen finden konnte, was den Entfernteren und den Nachkommen auf den erſten Blick als der Gipfel des Jammers erſcheint, d. h. in dem Ge⸗ danken, in der Betrachtung, bis auf wie wenige die Leben⸗ den herabgeſchmolzen waren. 240 Inmitten dieſer Verwüſtung hatte Renzo bereits einen guten Theil ſeines Weges zurückgelegt, als er aus einer Straße, in die er ſich wenden mußte und von der er noch viele Schritte entfernt war, ein verworrenes Getöſe kommen hörte, in welchem er das gewöhnliche, ſchauerliche Geklin⸗ gel deutlich erkannte. Beim Eingang in dieſe Straße, die eine der breiteſten war, bemerkte er in der Mitte vier daſtehende Karren, und wie man auf einem Kornmarkt Leute hin und her gehen, Säcke aufladen und umſtürzen ſieht, ſo war auch das Gedränge an dieſem Orte: Monatti warfen ſich in die Häuſer, Monatti kamen mit einer Laſt auf den Schul⸗ tern aus den Häuſern heraus und legten ſie auf den einen oder andern Karren: einige in ihrer rothen Livree, andere ohne dieſes Abzeichen, viele mit noch widerlicheren Dingen, mit Federbüſchen und buntfarbigen Mützen, welche dieſe Unſeligen wie einen feſtlichen Putz inmitten der allgemeinen Trauer trugen. Da und dort rief von Zeit zu Zeit eine klägliche Stimme vom Fenſter: hierher Monatti! und mit einem noch unheimlicheren Tone antwortete aus dem ſchauer⸗ lichen Gewimmel eine rauhe Stimme: Gleich, gleich! oder es waren Wehklagen von Nachbarn, Bitten um Beſchleu⸗ nigung, und darauf antworteten die Monatti mit Flüchen. Nachdem er in dieſe Straße eingebogen hatte, be⸗ ſchleunigte Renzo ſeine Schritte und ſuchte die im Wege liegenden Hinderniſſe nur ſo weit zu beobachten, als es nöthig war, um ihnen auszuweicheu. Auf einmal fiel ſein umherſchweifender Blick auf einen Gegenſtand, der ein ganz beſonderes Mitleid verdiente, ein Mitleid, das ſeine Seele zu genauerer Betrachtung anzog; er blieb alſo ſtehen, ohne es ſich vorgenommen zu haben. Ueber die Schwelle einer der Hausthüren, und zwar gerade auf den Zug zu, kam eine Dame, deren Aeußeres eine vorgerückte, aber noch nicht ganz entſchwundene Jugend verkündete; aus ihrer ganzen Erſcheinung ſchimmerte eine durch tieſen Schmerz und tödtliche Ermattung verhüllte 241 und verdüſterte, aber noch nicht zerſtörte Schönheit hervorz jene zugleich weiche und majeſtätiſche Schönheit, die in dem lombardiſchen Blute glänzt. Ihr Gang war matt, aber nicht ſchwankend, die Augen vergoſſen keine Thränen, aber ſie verriethen, daß ſie deren ſo viele vergoſſen; in dieſem Schmerz lag eine gewiſſe Gelaſſenheit und Tiefe, die eine Seele verkündeten, welche ſich deſſelben gänzlich bewußt war und ihn in ſeiner vollen Größe empfand. Aber nicht ihre Erſcheinung allein war es, was ſie unter einer ſolchen Maſſe von Jammer ſo vorzugsweiſe dem Mitleid empfahl, und dieſes in den Herzen nunmehr erloſchene und abgeſtorbene Gefühl zu ihren Gunſten neu belebte. Sie hielt in ihren Armen ein todtes Mädchen von viel⸗ leicht neun Jahren; es war jedoch ſorgſam angekleidet, die Haare auf der Stirne geſcheitelt, in einem ſchneeweißen, höchſt reinlichen Gewande, wie wenn dieſe Hände ſie zu einem Feſte geſchmückt hätten, das man dem Kinde ſchon lange Zeit zur Belohnung verſprochen und bewilligt. Auch hielt ſie es nicht liegend, ſondern aufrecht auf einen Arm geſetzt, die Bruſt an ihre Bruſt gelehnt, wie wenn es noch lebte; aber auf der einen Seite hing ein wachsweißes Händchen mit ſo lebloſer Schwere herab, und der Kopf lag mit einer ſtärkeren Erſchlaffung, als der des Schlafes, auf der Schulter der Mutter,— der Mutter, denn wenn auch die Aehnlichkeit der Geſichter das nicht bewieſen hätte, ſo hätte man es doch ganz klar aus demjenigen ſehen können, auf welchem ſich noch ein Gefühl abſpiegelte⸗ Und ſiehe, da trat ein garſtiger Monatto zu der Dame und machte Miene, ihr die Laſt aus den Armen zu neh⸗ men, aber dennoch mit einer gewiſſen ungewohnten Ehrerbie⸗ tung mit einem unwillkürlichen Zögern. Sie aber trat einige Schritte zurück und ſprach mit einer Geberde, die jedoch weder Zorn noch Verachtung verrieth:„Nein, berühret ſie mir jetzt nicht, ich will ſie ſelbſt auf den Karren legen, da nehmt.“ Mit dieſen Worten öffnete ſie eine Hand, zeigte eine Börſe und ließ ſie in die ausgeſtreckte Hand Die Verlobten, IMI. 16 242 des Mannes gleiten. Dann ſuhr ſie fort:„Verſprecht mir, keinen Faden von ihr zu nehmen und auch nicht zu dulden, daß ein Anderer das thue, ſondern ſie ſo in die Erde zu legen.“ Der Monatto legte ſich die rechte Hand auf die Bruſt und dann begann er ganz eilfertig und beinahe ehrerbietig, mehr in Folge dieſes ungewohnten Gefühls, das ihn gleich⸗ ſam überwältigt hatte, als wegen des unverhofften Gewinns, für die kleine Todte etwas Platz auf dem Karren zu machen. Die Dame drückte dieſer Armen einen Kuß auf die Stirne, legte ſie wie in einem Bett zurecht, breitete dann ein ſchner⸗ weißes Leintuch über ſie aus und ſprach die letzten Worte: „Leb' wohl, Cäcilia! Ruhe in Frieden! Heute Abend kommen auch wir, um immer beiſammen zu bleiben. Beie inzwiſchen für uns; ich werde für Dich und die Andern beten.“ Dann wandte ſie ſich von Neuem zu dem Monatto und ſagte:„wenn Ihr um die Veſperzeit wieder vorbei⸗ fahret, ſo kommet herauf, um auch mich abzuholen, und mich nicht allein.“ Mit dieſen Worten trat ſie wieder in das Haus, und nach einem Augenblick erſchien ſie wieder am Fenſter, ein anderes, noch zarteres Mädchen am Arme haltend, das noch lebte, aber bereits alle Zeichen des Todes auf dem Geſichte trug. Sie blieb ſtehen, um das ſo unwürdige Leichenbegängniß ihres erſten Lieblings zu betrachten; ſie verweilte am Feuſter, bis ſich der Karren in Bewegung ſetzte, und erſt als er unſichtbar wurde, verſchwand auch ſie. Und was blieb ihr noch zu thun übrig, als daß ſie das einzige Kind, das ihr geblieben, auf das Bett legte, und ſich ſelbſt daneben, um zuſammen zu ſterben? Wie die bereits ſtolz auf ihrem Stiele prangende Blume in gleichem Augenblick mit der zarten, noch in ihrem Kelch verborgenen Blüthe unter der ſchneidenden Sichel fällt, die alle Gräſer der Wieſe abmäht. „O Herr,“ rief Renzo,„erhöre ſie! nimm ſie zu Dit 243 ſie und dieß kleine Geſchöpfl ſie haben genng gelitten! ſie haben genug gelitten!“ Als er ſich von dieſer außerordentlichen Gemüthsbe⸗ wegung erholt hatte, und während er die empfangenen Notizen über den Weg in ſein Gedächtniß zurückruft, um herauszufinden, ob er bei der nächſten Straße abgehen, und zwar, ob er rechts oder links abgehen müſſe, hört er auch von dieſer her einen andern verſchiedenen Lärm kom⸗ men, ein verworrenes Getöne von gebieteriſchen Rufen, ſchwachen Wehklagen, langem Gewinſel, weiblichem Schluch⸗ zen, kindlichem Geplauder. Er ging mit der gewohnten, traurigen und düſtern Erwar⸗ tung im Herzen weiter; am Kreuzwege angelangt, ſah er von einer Seite einen verworrenen Schwarm herankommen und blieb ſtehen, bis derſelbe vorüber wäre. Es war ein Zug von Kranken, die man nach dem Lazareth brachte; einige wurden gewaltſam fortgetrieben, all' ihr Sträuben, all' ihr Schreien, daß ſie in ihren Betten ſterben wollten, war vergebens; ſie konnten nur mit ohnmächtigen Wünſchen die Flüche der Monatti beantworten, welche ſie führten; andere ſchritten ſtumm, ohne einen Schmerz zu verrathen, ohne Hoffnung und beinahe beſinnungslos zu; Weiber mit kleinen Kindern am Halſe; Kinder, welche durch das Ge⸗ ſchrei, durch dieſe Befehle, durch dieſe Geſellſchaft noch mehr als durch den verworrenen Gedanken an den Tod geſchreckt wurden, mit lautem Gekreiſche nach der Mutter und ihren treuen Armen verlangten und in ihrer vertrauten Wohnung zu bleiben begehrten. Ach! und vielleicht hatte ſich die Mutter, welche ſie ſchlafend in ihrem Bett verlaſſen zu haben glaubten, auf einmal von der Krankheit über⸗ wältigt, beſinnungslos auf daſſelbe geworfen, um auf einem Karren in's Lazareth oder, wenn der Karren zu ſpät an⸗ kam, in's Grab geſchafft zu werden; vielleicht, v Unglück, noch bittererer Thränen werth! hatte die Mutter, von ihren eignen Leiden gänzlich in Anſpruch genommen, Alles, auch die Kinder vergeſſen und hegte nur noch einen einzigen 16* 244 Gedanken, nämlich den, in Ruhe zu ſterben. Aber auch noch in dieſem entſetzlichen Wirrwarr ſah man hin und wieder Beiſpiele von Standhaftigkeit und frommer Liebe: Eltern, Brüder, Kinder, Gatten, die ihren Lieben beiſtan⸗ den und ſie mit tröſtenden Worten begleiteten; und zwar waren es nicht bloß Erwachſene, ſondern auch kleine Knaben und kleine Mädchen, die ihren noch jüngeren Geſchwiſtern das Geleite gaben und ſie mit eben ſo viel Mitleid als Standhaftigkeit zum Gehorſam ermahnten, mit der Ver⸗ ſicherung, daß man ſie an einen Ort bringe, wo andere Leute für ihre Geneſung Sorge tragen würden. Inmitten der Traurigkeit und Rührung, die ſſolche Schauſpiele ihm einflößten, drückte und ängſtigte unſern Wanderer eine ganz beſtimmte und entſchiedene Sorge. Das Haus mußte in der Nühe ſein, und wer weiß, ob vielleicht unter dieſen Leuten aber als der Zug vorüber und dieſer Zweifel ihm benommen war, wandte er ſich an einen Monatto, der hintendrein kam, und fragte ihn nach Straße und Haus des Don Ferrante. Geh' zum Teufel, du Tölpel! war die Antwort, die er erhielt. Er ließ ſichs nicht einfallen, etwas darauf zu erwiedern; aber als er nach einigen weiteren Schritten einen Commiſſär bemerfte, der den Zug ſchloß und etwas chriſtlicher ausſah, richtete er an dieſen dieſelbe Frage. Der Mann deutete mit ſeinem Stock nach der Richtung, von wo er kam, und ſagte:„die erſte Straße rechts, das letzte adelige Haus links.“ Mit einem neuen und noch heftigern Aufruhr im Herzen nimmt der Jüngling ſeinen Weg dorthin. Auf der Straße unterſcheidet er das Haus bald von den andern beſcheidenern und unſcheinbareren; er nähert ſich der Thüre, welche verſchloſſen iſt; er legt die Hand an den Klopfer und läßt ſie an demſelben ſchweben, wie in einer Urne, aus welcher er das Lvos herausnehmen ſoll, von dem ſein Leben und Tod abhängt. Endlich hebt er den Klopfer und ſchlägt entſchloſſen damit an. Nach einigen Augenblicken öffnet ſich ein Fenſter ein 245 klein wenig; eine Dame ſtreckt den Kopf ein wenig heraus und ſchaut nach der Thüre mit einer argwöhniſchen Miene, die zu fragen ſcheint:„Monatti? Räuber? Commiffär? Salber? Teufel?“ „Gnädige Frau,“ redet Renzo ſie mit nicht allzu ſicherer Stimme an,„dient hier vielleicht ein junges Bauern⸗ mädchen mit Namen Lucia?“ „Sie iſt nicht mehr da, packt Euch!“ antwortete die Dame, indem ſie Miene machte, zu ſchließen. „Nur einen Augenblick aus Barmherzigkeit! Sie iſt nicht mehr da? Wo iſt ſie denn?“ „Im Lazareth;“ und ſie wollte von Neuem ſchließen. „Noch einen Augenblick um's Himmels willen! An der Peſt?“ „Ja, ja freilich. Etwas Neues da, he? Packt Euch!“ „Wartet doch nur: war ſie ſehr krank? Wie lange iſts2“ Aber inzwiſchen wurde das Fenſter wirklich geſchloſſen. „Gnädige Frau, gnädige Frau! Ein Wort aus Barm⸗ herzigkeit! Um Eurer armen Todten willen! Ich verlange ja nichts von Euch, ach, ach!“ Aber es war, als ob er zu der Mauer ſpräche. Niedergeſchlagen von dieſer Nachricht und ergrimmt über eine ſolche Begegnung ergriff Renzo den Klopfer von Neuem, und an die Thüre angelehnt, wand und drehte er ihn in der Hand; dann erhob er ihn, um nochmals an⸗ zuklopfen; dann ließ er ihn in der Luft ſchweben. In dieſer Aufregung drehte er ſich, um zu ſehen, ob ihm nicht vielleicht ein Nachbar unter die Augen käme, von dem er möglicherweiſe beſtimmtere Auskunft, irgend eine Nachwei⸗ ſung und Aufflärung erhalten könne. Aber die erſte, die einzige Perſon, die er bemerkte, war eine andere, vielleicht zwanzig Schritte entfernte Frau, die mit einem Geſicht, das Schrecken, Haß, Ungeduld und Bosheit zugleich aus⸗ drückte, mit gewiſſen verdrehten Augen, die zugleich auf ihn und in die Ferne ſehen wollten, mit aufgeſperrtem 246 Mund, wie wenn ſie die Abſicht hätte, aus vollem Halſe zu ſchreien; aber noch immer den Athem zurückhaltend, zwei fleiſchloſe Arme erhob, zwei runzelige krumme Hände nach einander ausſtreckte und einzug, wie wenn ſie etwas an ſich reißen wollte, und auf dieſe Art ein deutliches Zeichen gab, das ſie Leute herbeirufen wolle, ohne daß Jemand es merken ſollte. Als die Blicke Beider ſich be⸗ gegneten, fuhr die Alte, noch garſtiger werdend, wie eine Per⸗ ſon, die auf einem unrechten Plane ertappt wird, zuſammen. „Was zum Teufel. begann Renzo, indem er gegen die Frau gleichfalls die Hände erhob; dieſe aber gab, da ſie jetzt die Hoffnung verloren hatte, ihn unver⸗ ſehens feſtnehmen zu laſſen, ihr bis jetzt unterdrücktes Ge⸗ ſchrei los und rief:„Ein Salber! auf ihn, auf ihn, auf ihn! ein Salber!“ „Wer? Ich? Du lügneriſche Here! Halt's Maul!“ rief Renzo und machte einen Sprung nach ihr zu, um ſie einzuſchüchtern und zum Schweigen zu bringenz aber er merkte ſogleich, daß er vielmehr an ſeine eigenen Angele⸗ genheiten zu denken hatte. Auf das Gekreiſche der Frau liefen ſogleich von allen Seiten Leute zuſammen, zwar nicht die Menge, die ſich drei Monate vorher in einem ſolchen Fall zuſammengerottet haben würde, aber noch immer mehr als genug, um einen einzelnen Menſchen zu zermalmen. In demſelben Augenblick öffnete ſich das Fenſter von Neuem, und die nämliche unhöfliche Perſon von vor⸗ hin zeigte ſich dießmal ganz, indem ſie ebenfalls laut ſchrie:„Greifet ihn, greifet ihn! es muß einer von den Hallunken ſein, die herumlaufen, um die Thüren recht⸗ ſchaffener Leute einzuſalben.“ i5 Renzo überzeugte ſich blitzſchnell, daß es beſſer ſei, ſich aus dem Staube zu machen, als dazubleiben, um ſich vor ſolchen Leuten zu rechtfertigen; er blickte ſich nach allen Seiten um, wo am wenigſten Volk wäre, und entfloh dann nach dieſer Richtung. Einen, der ihm den Weg ver⸗ ſperrte, warf er mit einem gewaltigen Stoße zurück, einen 247 Anderen, der ihm entgegenlief, trieb er mit einem derben Fauſiſchlag auf die Bruſt acht oder zehn Schritte rück⸗ wärts, und dann rannte er im Galopp fort, die geballte Fauſt hoch gegen jeden geſchwungen, der ihm etwa zwiſchen die Füße kommen würde. Die Straße vor ihm war leer, aber hinter ſich hörte er immer ſtärker das unheilvolle Geſchrei:„Auf ihn, auf ihn! ein Salber!“ ertönen, er hörte die Fußtritte der ſchnellſten ſeiner Verfolger immer näher kommen. Sein Zorn wurde zu Wuth, ſeine Angſt verwandelte ſich in Verzweiflung; es war ihm, als zöge ſich ein Schleier über ſeine Augen, er griff nach ſeinem Dolch, zog ihn aus der Scheide, blieb ſtehen, kehrte ſich mit dem Sberleibe um, zeigte ein grimmigeres, wilderes Geſicht, als er ſeiner Lebtage gemacht hatte, und indem er mit ausgeſtrecktem Arm die blitzende Klinge in der Luft ſchwang, rief er:„Wer ein Herz hat, der trete her, ihr Lumpenpack! ich will ihn damit wirklich einſalben!“ Aber mit Verwunderung und mit einem verworrenen Troſtgefühle ſah er, daß ſeine Verfolger ſchon in einiger Entfernung unſchlüſſig ſtehen geblieben waren, und daß ſie unter fortwährendem Geheul, mit erhobenen Händen, wie Beſeſſene gegen Leute, die weit hinter ihm ſtanden, ge⸗ wiſſe Winke machten. Er drehle ſich wieder um, blickte vor ſich hin und ſah in ganz geringer Entfernung, was er einen Augenblick vorher in ſeiner heftigen Gemüthsbe⸗ wegung nicht bemerkt hatte, einen Karren, der ihm ent⸗ gegenkam, ja ſogar eine ganze Reihe ſolcher gewöhnlichen Todtenkarren, mit der üblichen Geleitsmannſchaft, und weiterhin ein anderes Häuflein von Leuten, die ihrerſeits auch gern über den Salber hergefallen wären und ihn in die Mitte genommen hätten; aber auch ſie wurden durch daſſelbe Hinderniß aufgehalten. Da er ſich nun ſolcher⸗ geſtalt zwiſchen zwei Feuern ſah, ſo ſiel ihm ein, daß das, was Andere ängſtete, ihn retten könnte; er dachte, es ſei nicht Zeit hier, den Eckeln zu ſpielen; er ſieckte ſeinen Dolch wieder in die Scheide und begann von Nenem 248 auf die Karren zuzulaufen. Er ging am Erſten vorüber und bemerkte auf dem Zweiten einen guten, leeren Platz. Er faßt ſein Ziel in's Auge, thut einen Sprung und iſt im Nu voben, indem er auf dem rechten Fuße feſtſteht, den linken aber in der Luft ſchweben läßt und die Arme erhebt!„Bravo! bravo!“ riefen einſtimmig die Monatti, von denen Einige dem Zuge zu Fuße folgten, Andere auf ihren Karren, wieder Andere, um die ſchreckliche Sache unverblümt zu ſagen, auf den Leichnamen ſaßen und aus einer großen Flaſche tranken, die im Kreiſe herumging. „Bravo! gut ausgeführt!“ „Du haſt Dich unter den Schutz der Monatti geſtellt, Du kannſt hier ſo ſicher ſein, wie in der Kirche,“ redete ihn Einer von den Beiden an, die auf dem Karren ſaßen, auf welchen er ſich geworfen hatte. Bei Annäherung des Zugs hatten ſeine Feinde größten⸗ theils Rechtsumkehrt gemacht und liefen unter dem beſtän⸗ digen Geſchrei:„auf ihn! auf ihn! ein Salber!“ davon. Nur Einer zog ſich langſam zurück, indem er jeden Au⸗ genblick ſtehen blieb und ſich zähnefletſchend und mit dro⸗ hender Geberde gegen Renzo kehrte, welcher vom Wagen herab darauf antwortete, indem er mit der Fauſt in die Luft ſchlug. „Laß nur mich machen,“ ſagte ein Monatto zu ihm, riß dann einen unfläthigen Lumpen von einem Leichnam ab, wickelte ihn ſchneil zuſammen, nahm ihn bei einem der Zipfel, erhob ihn wie eine Schleuder gegen die hart⸗ näckigen Verfolger und that, als ob er damit werfen wollte, indem er rief:„Warte, Du Lumpenpack.“ Auf dieſe Geberde kehrten Alle ſchaudernd um, und Renzo ſah nur noch die Rücken ſeiner Feinde und ihre Ferſen, welche mit reißender Schnelligkeit durch die Luft tanzten. Unter den Monatti erhob ſich ein Siegesgeheul, ein ungeſtümes, ſtürmiſches Gelächter, ein langes Hu! womit ſie dieſe Flucht begleiteten.„Ah, ah! ſiehſt Du, daß wir ehrliche Leute zu ſchätzen verſtehen,“ ſagte jener Mo⸗ 249 natto,„Einer von uns iſt mehr werth, als hundert von dieſen Haſenfüßen.“ „Ja, gewiß, ich kann wohl ſagen, daß ich Euch mein Leben verdanke,“ antwortete er,„ich danke Euch aus ganzem Herzen.“ „Nichts da, nichts da,“ verſetzte der Monatto,„Du verdienſt es wohl, man ſieht, daß Du ein braver Burſche biſt. Du thuſt wohl daran, dieſes Lumpengeſindel einzu⸗ ſalben, ſalbe ſie brav, vernichte ſie von Grund aus, ſie ſind ja doch nichts werth, ehe ſie todt ſind, denn zum Dank für das Leben, das wir führen, verwünſchen ſie uns und ſagen ſogar, ſobald die Peſt aufgehört habe, ſo wol⸗ len ſie uns Alle aufknüpfen. Sie ſollen aber zu Grunde gehen, ehe die Peſt aufhört; die Monatti werden allein übrig bleiben, um Victoria zu fingen und ſich's in Mai⸗ land wohl ſein zu laſſen.“ „Es lebe die Peſt und es ſterbe das Lumpenpack,“ rief der Andere, und mit dieſem ſchönen Trinkſpruch ſetzte er die Flaſche an den Mund, that, indem er ſie unter den Stößen des Karrens mit beiden Händen feſthielt, einen tüchtigen Zug und reichte ſie dann Renzo mit den Wor⸗ ten:„Thu' Beſcheid auf unſere Geſundheit!“ „Die wünſche ich Euch Allen von ganzem Herzen,“ ſagte Renzo,„aber ich habe keinen Durſt, ich bin im Augenblick gar nicht zum Trinken aufgelegt.“ „Du haſt, wie es ſcheint, eine ſchöne Angſt ausge⸗ ſtanden,“ ſagte der Monatto;„Du ſiehſt aus, wie wenn Du ein armer Schelm wäreſt; um den Salber zu machen, bedarf es ganz andeter Geſichter.“ „Jeder treibt's ſo gut er kann,“ bemerkte der Andere. „Gib einmal her,“ ſagte Einer von denen, die zu Fuße nehen dem Karren einherſchritten,„ich will einen Schluck auf das Wohl ſeines Herrn trinken, der ſich hier in dieſer Geſellſchaft befindet; da, da in dieſer ſchönen Staatskarroſſe.“ Und mit einem entmenſchten, ruchloſen Grinzen, zeigte 25⁰ er auf den Karren, welcher vor demjenigen fuhr, auf dem der arme Renzo ſtand. Dann machte er, indem er ſein Geſicht zu einer noch ſcheußlichern, boshaftern Geberde verzog, eine Verbengung dahin und fuhr fort:„Erlaubt, gnädiger Herr, daß ein armer, elender Monatto ſich ein Müſterchen aus Eurem Keller zu Gemüthe führt. Ihr ſehet wohl, es gibt ſo verſchiedene Gewerbe auf der Welt: wir ſind diejenigen, die Euch in die Karroſſe verholfen haben, um Euch auf Euer Landhaus zu führen. Und dann macht den gnädigen Herrn der Wein zuweilen etwas übel; die armen Monatti dagegen haben einen guten Magen.“ Und unter dem Hohngelächter ſeiner Kameraden, nahm er die Flaſche, erhob ſie, aber bevor er trank, wandte er ſich an Renzo, bohrte ihm die Augen in's Geſicht und ſagte mit einer gewiſſen Miene verächtlichen Mitleids zu ihm:„Der Teufel, mit dem Du Deinen Vertrag gemacht haſt, muß noch ſehr jung ſeinz denn wenn wir Dich nicht retteten, ſo hätteſt Du eine ſaubere Hülfe an ihm gehabt.“ Und unter einem neuen ſchallenden Gelächter führte er die Flaſche an die Lippen. „Und wir? He, heda wir?“ ſchrien mehrere Stimmen vor dem unmittelbar vorbeigehenden Karren her.„Der Schurke ſoff ſo viel er wollte und übergab dann die große Flaſche mit beiden Händen ſeinen Genoſſen, welche ſie von Einem zum Andern gehen ließen, bis ſie endlich Einer leerte, dann am Hals faßte, einige Male in die Luft ſchwang und hierauf in tauſend Stücke auf dem Pflaſter zerſchmetterte unter dem Ruf:„Es lebe die Peſt!“ Nach dieſen Worten ſtimmte er einen Gaſſenhauer an, und bald accompagnirten ihn ſämmtliche Stimmen des ſchändlichen Chors. Der hölliſche Geſang, vermiſcht mit dem Schel⸗ lengeklingel, dem Geknarre und dem Fußgeſtampfe, ſchallte in der ſchweigſamen Leere der Straße wieder, drang bis in die Häuſer ein und ſchnürte den Wenigen, die noch dort wohnten, das Herz ſchmerzlich zuſammen. Aber was kann nicht zuweilen vortheilhaft werden? 251 Was kann nicht in manchen Fällen gut ſcheinen? Die Bedrängniß eines Augenblicks vorher hatte für Renzo die Geſellſchaft dieſer Todten und dieſer Lebenden mehr als erträglich gemacht, und jetzt klangen dieſe Töne, die ihn der Mißlichkeit einer ſolchen Unterhaltung überhoben, wie liebliche Muſik in ſeinen Ohren. Noch halb geängſtet und gänzlich verwirrt, dankte er inzwiſchen ſo gut er konnte in ſeinem Herzen der Vorſehung, daß ſie ihn aus einer ſol⸗ chen Gefahr befreit habe, ohne etwas Böſes zu erleiden oder zu begehen; er bat ſie, ſie möchte ihm nun auch helfen, ſich von ſeinen Befreiern zu befreien, und er war ſeinerſeits wohl auf der Hut, ſchaute bald dieſe, bald jene Straße an, um den rechten Augenblick wahrzunehmen, wo er heimlich hinabgleiten könne, ohne daß ſie Gelegen⸗ heit hätten, irgend einen Lärm oder Stcandal zu machen, wodurch die Vorübergehenden aufgehetzt wurden. Als der Zug um eine Ecke bog, glaubte er den Ort, wo er vorbeikommen ſollte, zu erkennen; er ſchaute aufmerkſamer hin und erkannte ihn an ganz gewiſſen Zei⸗ chen wieder. Wollt Ihr wiſſen, wo er war? Auf dem Corſo nach der Porta vrientale, auf dieſer Straße, auf welcher er vor 20 Monaten gemächlich hereingekommen und haſtig wieder hinausgelaufen war. Er entſann ſich ſo⸗ gleich, daß es von da aus geraden Wegs nach dem La⸗ zareth ging, und dieſen Umſtand, daß er ſich nun ohne eigenes Zuthun, ohne weitere Anweiſung zu bedürfen, auf dem rechten Wege befand, betrachtete er als eine be⸗ ſondere Fügung der Vorſehung und eine gute Vorbedeu⸗ tung für das Uebrige. Inzwiſchen kam ein Commiſſär auf die Karren zu und befahl den Monatti, anzuhalten, und wer weiß, was ſonſt noch Alles? Genug, es wurde Halt gemacht, und die Muſik verwandelte ſich in einen lärmenden Wortwechſel. Einer der Monatti, die auf Renzo's Wagen ſtanden, war hinabgeſprungen; Renzo ſagte zu den Anderen;„Ich danke Euch für Eure Barm⸗ herzigkeit, vergelt' es Gott!“ und glitt an der andern Brüſtung hinab. 252 „Lauf, lauf, armes Salberchen,“ antwortete dieſer; „Du wirſt Mailand nicht zu Grunde richten.“ Glücklicherweiſe konnte ihn Niemand hören. Der Zug hatte auf der linken Seite des Corſo angehalten; Renzo begibt ſich eilig auf die andere Seite und trabt dicht an der Mauer hin auf die Brücke zu, läuft hinüber, verfolgt die bekannte Straße der Vorſtadt, erkennt das Kapuziner⸗ kloſter, iſt dem Thore nahe, ſieht eine Ecke des Lazareths hervorſchauen, geht durch das Gitterthor, und nun er⸗ öffnet ſich der äußere Schauplatz dieſes Bezirkes vor ihm; kaum eine flüchtige Andeutung deſſen, was innen geſchah, und dennoch ein ungeheures, verſchiedenartiges, unbeſchreib⸗ liches Schauſpiel. An den beiden Seiten hin, die ſich an dieſem Punkte den Blicken darboten, war ein Gewimmel, ein Zuſammen⸗ ſtrömen, ein Drängen und Stocken; Kranke begaben ſich ſchaarenweiſe nach dem Lazareth; einige ſaßen oder lagen am Rande des einen oder andern der beiden Graben, die an der Straße hinlaufen; theils hatten ihre Kräfte nicht ausgereicht, um ſie bis in die Zufluchtsſtätte zu tragen, theils waren ſie aus Verzweiflung wieder herausgegangen und nun gleichfalls kraftlos niedergeſunken, ohne weiter gehen zu können. Andere Kranke irrten zerſtreut, wie ſtumpf⸗ ſinnig umher, und manche waren auch wirklich ganz von Sinnen gekommenz Einer erzählte voll Feuer ſeine Phan⸗ taſieen einem armen Schelm, der von der Laſt des Uebels überwältigt dalag; ein Anderer raſte; ein Dritter zeigte ein ganz lachendes Geſicht, gleich als ob er einem ange⸗ nehmen Schauſpiel beiwohne. Aber die ſeltſamſte und lärmendſte Art einer ſolchen traurigen Fröhlichkeit war ein lauter und beſtändiger Geſang, der aus dieſer jammer⸗ vollen Verſammlung zu kommen ſchien und alle anderen Stimmen übertäubte; ein Volkslied, das von heiterer und ſcherzhafter Liebe handelte, der Klaſſe der ſogenannten Vil⸗ lanelli angehörig, und wenn man mit dem Blick den Ton verfolgte, um zu entdecken, wer jetzt und hier ſo 253 fröhlich ſein könne, ſah man einen Elenden, der ruhig in dem Graben unter der Lazarethmauer ſaß und aus voller Kehle, ſein Geſicht emporhaltend, ſang. Renzo hatte kaum einige Schritte an der ſüdlichen Seite des Gebändes hin gemacht, als ſich unter dieſem Menſchenhaufen ein außerordentlicher Lärm erhob und er aus der Ferne:„Achtung! Halt!“ rufen hörte. Er erhebt ſich auf die Zehen, ſpäht vor ſich hin und ſieht einen elenden Gaul mit einem ganz ſchmutzigen Reiter einher⸗ reunen; es war ein Wahnfinniger, der, als er dieſes Thier losgeſchirrt und unbehütet neben einem Karren ſah, ſich ſchnell und ohne eines Sattels zu bedürfen, hinauf⸗ geſchwungen hatte und es nun, indem er mit den Fäuſten auf den Hals losſchlug und ſeine Ferſen als Sporen be⸗ nützte, wüthend dahinjagte; hinter ihm heulende Monatti und das Ganze in eine Staubwolke gehüllt, die fernhin aufflog. So kam denn der Jüngling bereits betäubt und er⸗ mattet von all dem Jammer an das Thor dieſes Ortes, wo vielleicht mehr Menſchen zuſammengedrängt waren, als ſich in dem ganzen Raum, den er bereits durchlaufen hatte, vereinzelte befanden. Er ſtellt ſich vor dieſes Thor, tritt unter das Gewölbe und bleibt einen Augenblick unbe⸗ weglich mitten in der Halle ſtehen. Fünfunddreißigſtes Capitel. Der Leſer denke ſich den vom Lazareth umſchloſſenen Raum mit 16,000 Peſtfranfen bevölkert; dieſen ganzen Platz, theils mit Hütten und Zelten, theils mit Wagen und Menſchen erfüllt; jene beiden endloſen Bodengänge zur Rechten und Linken überdeckt, wimmelnd von Dahin⸗ ſiechenden oder Leichnamen, die auf Matratzen oder Stroh hingeſtreckt lagen, und über dieſer ganzen heinahe uner⸗ 254 meßlichen Lagerſtätte ein Getöſe, eine unruhige Bewegung wie das Toben des Meeres; innerhalb ein Hin⸗ und Her⸗ gehen, ein Stehenbleiben, ein Laufen, ein Sichbücken, ein Aufſtehen von Geneſenden, von Wahnfinnigen, von Wärtern. Solcher Art war das Schauſpiel, das ſich nun auf einmal Renzo's Blicken darbot und ihn übermannt und tief ergriffen feſthielt. Uebrigens haben wir nicht im Sinn, es Stück für Stück zu beſchreiben, und gewiß würde kein Leſer uns Dank dafür wiſſen; ſondern wir wollen bloß unſern Jüngling auf ſeinem unheimlichen Gange be⸗ gleiten, da verweilen, wo er verweilte, und von den Din⸗ gen, die er zu ſehen bekam, nur ſo viel ſagen, als noth⸗ wendig iſt, um zu erklären, was er that und was ihm begegnete. Von dem Thor an, wo er ſtehen geblieben war, bis zu der in der Mitte liegenden Kapelle, und von da bis zu dem andern entgegengeſetzten Thor führte eine Art von Weg, der nicht durch Hütten oder andere bleibende Hin⸗ derniſſe verdeckt war, und auf den zweiten Blick bemerkte er, daß man da ſehr beſchäftigt war, Karren wegzuſchaffen und Platz zu machen; er ſah Beamte und Kapuziner, welche dieſe Arbeit leiteten und zugleich jeden wegſchickten, der Nichts da zu thun hatte. Da er nun fürchtete, gleich⸗ falls auf dieſe Art ausgewieſen zu werden, ſo drängte er ſich geraden Wegs zwiſchen die Hütten auf derjenigen Seite, der er ſich zufällig zugewendet hatte, nämlich auf der rechten ein. Er ging, je nachdem er Platz fand, um ſich zu be⸗ wegen, von Hütte zu Hütte weiter, indem er in jede ſei⸗ nen Kopf ſteckte, jede Ruheſtätte von Außen betrachtete, die durch Leiden abgeſpannten, oder durch Krämpfe zuſammen⸗ gezogenen, oder auch durch den Tod unbeweglich gewor⸗ denen Geſichter ſcharf anblickte, ob es ihm wohl vergönnt ſein möchte, jenes eine zu finden, vor deſſen Auffindung er ſdennoch ſo ſehr bangte. Aber er hatte bereits ein gutes Stück Wegs zurückgelegt und dieſe ſchmerzliche For⸗ 255 ſchung ſo oft wiederholt, ohne daß er nur ein weibliches Weſen vor Geſicht bekommen, und daraus ſchloß er denn, die Weiber müßten in einem beſondern Raume ſein. Darin hatte er Recht; aber über das Wo? hatte er kein Anzei⸗ chen und konnte ſich auch keinen Begriff machen. Er be⸗ gegnete jeden Augenblick Dienern, die ſich in Bezug auf Ausſehen, Betragen und Kleidung eben ſo von einander unterſchieden, als die Grundſätze, welche den Einen und Anderen eine gleiche Kraft verliehen, ihr Leben ſolchen Dienſtverrichtungen zu widmen, verſchieden und einander entgegengeſetzt waren; bei den Einen war es die Vernich⸗ tung jedes Mitleids, bei den Anderen ein übermenſchliches Mitleid. Er kam jedoch nicht in Verſuchung, die Einen oder Anderen um Auskunft anzuſprechen; denn er fürchtete ſich dadurch Schwierigkeiten zu bereiten, und ſo beſchloß er unbedenklich immer weiter zu gehen, bis er endlich Weiber zu Geſicht bekäme. Während ſeiner Wanderung ſpähte er unabläſſig umher; doch mußte er von Zeit zu Zeit ſeine Blicke überwältigt und gleichſam geblendet von ſo vielgeſtaltigen Leiden zurückziehen. Aber wohin ſollte er das Auge wenden, wo ſollte er es ruhen laſſen, als nur wieder auf anderen Leiden! Selbſt die Luft und der Himmel erhöhten noch, wenn da überhaupt von einer Erhöhung die Rede ſein kann, die Schauerlichkeit dieſer Erſcheinungen. Der Nebel hatte ſich allmälig verdichtet und zu ſchweren Wolkenmaſſen zu⸗ ſammengeballt, die immer trüber und düſterer wurden und ausſahen, als ob ſie Sturm und Finſterniß bringen woll⸗ ten; nur daß gegen die Mitte dieſes dunkeln und tief her⸗ abhängenden Himmels, wie hinter einem dichten Schleier hervor, bleich die Sonnenſcheibe ſchimmerte, die rings um ſich her einen ſchwachen, dunſtigen Schein verbreitete und eine todte, drückende Schwüle ausgoß. Von Zeit zu Zeit hörte man zwiſchen dem allgemeinen Geſumme ringsum ein tiefes, gleichſam abgebrochenes, unbeſtimmtes Getöne, und wenn man lauſchte, konnte man nicht unterſcheiden, 256 von welcher Seite es kam, oder man konnte es für ein fernes Fahren von Wagen halten, die plötzlich ſtill hielten. Auf dem Felde ſah man nicht einen einzigen Baumzweig ſich biegen, nicht einen einzigen Vogel ſich darauf nieder⸗ laſſen oder davon auffliegen; nur die Schwalbe, die ſich plötzlich auf dem Dach des Gebändes zeigte, glitt mit aus⸗ gebreiteten Flügeln herab, wie wenn ſie über die Fläche des Lagers hinſtreichen wollte; aber erſchreckt von dieſem Gewühl ſchwang ſie ſich ſchnell wieder empor und entfloh. Es war ſo ein Wetter, wie wenn unter einer ganzen Ge⸗ ſellſchaft von Wanderern kein einziger das Schweigen bre⸗ chen will, wie wenn der Jäger, gedankenvoll den Blick zur Erde geheftet, vor ſich hinſchreitet, wenn die Bäuerin, die das Feld umgräbt, auf einmal, ohne es ſelbſt zu bemer⸗ ken, ihr Singen einſtellt, ſo ein Wetter, wie es dem Sturme vvrangeht, wo die Natur gleichſam unbeweglich von außen und aufgeregt von einer innern Anſtrengung alles leben⸗ dige zu unterdrücken und auf jedes Geſchäft, ja ſogar auf den Müßigang und das Leben ſelbſt eine widerliche Laſt zu legen ſcheint. Aber an dieſem ſchon an und für ſich zum Leiden und Sterben beſtimmten Orte ſah man den Menſchen, der bereits mit dem Leiden kämpfte, der neuen Bedrückung unterliegen. Man ſah die Hunderte plötzlich ſchlimmer werden, und zugleich wurde der letzte Kampf angſtvoller, die Schmerzen nahmen zu, das Aechzen und Stöhnen war erſtickter; vielleicht war noch keine Stunde ſo bitter über den Ort hingegangen. Bereits war der Jüngling geraume Zeit und ohne allen Erfolg in dieſem Labyrinth von Hütten umhergewan⸗ dert, als er in der Mannigfaltigkeit der Wehklagen und der Verwirrung des Getöſes ein eigenthümliches Gemiſch von wimmernden und blökenden Tönen zu unterſcheiden anfing, bis er vor eine zerſplitterte und zerfallene Bretterwand ge⸗ langte, hinter welcher dieſes außerordentliche Getöne her⸗ vorkam. Er hielt ſein Auge an eine weite Oeffnung zwi⸗ ſchen zwei Brettern und ſah einen verſchloſſenen Raum 257 mit vereinzelten Hütten darin, und ſowohl in dieſen als auf dem kleinen Felde nicht die gewöhnlichen Bilder eines Krankenhauſes, ſondern neugeborene Kindlein auf kleinen Unterbetten oder Kopftiſſen, oder auf ausgebreiteten Lein⸗ tüchern oder Kleidern liegend; mit ihnen Ammen und an⸗ dere Frauen beſchäftigt, und was ſeine Blicke am meiſten anzog und feſthielt, mitten unter dieſen Gruppen ſtanden Ziegen, die zu Gehilfinnen gemacht worden warenz ein Kleinkinderſpital, ſo weit Ort und Zeit es geſtatteten. Es war, ſage ich, etwas ganz Neues, einzelne von dieſen Thie⸗ ren zu ſehen, die ganz ruhig über dieſem und jenem Säug⸗ ling ſtanden und ihm das Euter darboten, während ein anderes gleichſam aus mütterlichem Gefühl auf ein Kin⸗ dergeſchrei herbeilief, bei dem kleinen Rufer ſtehen blieb, ſich über ihm zurechtzuſtellen ſuchte und durch Geblöcke und allerlei Bewegungen Jemand aufzufordern ſchien, beiden zu Hilfe zu kommen. Da und dort ſaßen Ammen mit Säuglingen an der Bruſt, einige mit ſo liebreichem Weſen, daß der Zuſchauer zweifelhaft ſein konnte, ob ſie durch den Lohn angezogen wurden, oder aber durch jene freiwillige Menſchenliebe, welche der Bedürftigkeit und den Schmerzen entgegengeht. Eine von ihnen nahm mit ganz betrübtem Geſichte ein weinendes armes Würmchen von ihrer ausgeſogenen Bruſt und ſuchte traurig ein Thier auf, das ihre Stelle vertreten ſollte. Eine andere betrachtete mit wohlgefälligen Blicken das an ihrer Bruſt entſchlum⸗ merte Kind, küßte es ſanft und ging mit ihm fort, um es in einer Hütte auf ein Bett zu legen. Aber eine Dritte, die dem ſaugenden fremden Kinde ihre Bruſt überließ, ſtarrte mit einer gewiſſen Gleichgültigkeit und dennoch mit Bekümmerniß in den Himmel: an was Anderes mochte ſie in dieſer Stellung und mit dieſem Blicke denken als an eine Frucht ihres eigenen Leibes, an einen Säugling, der vielleicht furz zuvor an dieſer Bruſt gelegen, der viel⸗ leicht daran geſtorben war? Andere, ältere Weiber verrichteten andere Geſchäfte. Die Verlohten. MI 17 258 Da und dort lief eine auf das Geſchrei eines ſchmachten⸗ den Kleinen herbei, hob es auf, trug es zu einer Ziege, die einen Haufen friſches Gras abweidete, und legte es an ihr Euter, indem ſie das unerfahrene Thier zugleich aus⸗ ſchalt und liebkoſte, damit es gutwillig den verlangten Dienſt leiſten ſollte. Dort ſpang eine auf, um eine an⸗ dere Ziege wegzudrängen, die einen armen Wurm mit Füßen trat, während ſie beſchäftigt war, einen andern zu ſäugen: eine Andere trug ihr Kind herum, wiegte es in den Armen, ſuchte es bald durch Geſang einzuſchläfern, bald durch zärtliche Worte zu beſchwichtigen und nannte es mit einem Namen, den ſie ihm gegeben hatte. Auf ein⸗ mal trat ein Kapuziner mit ſchneeweißem Barte dazu, zwei kreiſchende Kindlein, eines auf jedem Arme tragend, die er ſo eben von den entſeelten Müttern weggenommen hatte und eine Frau eilte, ſie in Empfang zu nehmen, indem ſie unter der Geſellſchaft und der Heerde umherſpähte, welches Weib oder welche Ziege wohl ſogleich die Mutter⸗ ſtelle an ihnen vertreten könnte. Mehr als einmal hatte ſich der Jüngling von ſeinem eigenen Kummer gedrängt von der Oeffnung entfernt, um hinwegzugehen, und dann hatte er ſein Auge wieder hin⸗ gehalten, um noch eine Weile zuzuſehen. Nachdem er ſich endlich losgeriſſen, ging er längs dem Verſchlage hin, bis eine kleine Gruppe von Hütten, die ſich daran lehnten, ihn zwang, eine andere Richtung einzu⸗ ſchlagen. Er ſchritt hierauf an den Hütten entlang in der Abſicht, nach dem Verſchlag zurückzugehen, dort um die Ecke zu biegen und ſeine Forſchungen anderwärts fortzu⸗ ſetzen. Während er nun vor ſich hinſchaute, um den Weg zu beobachten, traf eine plötzliche, vorübergehende, augen⸗ blickliche Erſcheinung ſeinen Blick und verſetzte ſeine Seele in Aufruhr. Er ſah nämlich in einer Entfernung von hun⸗ dert Schritten einen Kapuziner vorübergehen und ſich ſo⸗ gleich unter den Hütten verlieren, einen Kapuziner, der, ſo flüchtig und ſo ferne er ihn auch nur hatte ſehen kön⸗ 259 nen, ganz den Gang, ganz das Weſen, ganz die Geſtalt des Paters Criſtoforo hatte. Mit dem Ungeſtüm, das ſich denken läßt, eilte er nach jener Richtung, ſchweifte ſpähend vorn, hinten, innen und außen, kreuz und quer in dem Gedränge herum, bis er endlich mit eben ſo großer Freude jene Geſtalt, jenen Mönch wieder ſah; er ſah ihn in geringer Entfernung, wie er von einem großen Koch⸗ topf weg mit einem Napf in der Hand nach einer Hütte ging; dann ſah er, wie der Mönch vor der Thüre der⸗ ſelben ſich niederſetzte, ein Kreuz über den Napf ſchlug und, indem er ſich rings umſchaute, wie ein Menſch, der immer bereit und auf dem Platz iſt, zu eſſen anfing. Es war wirklich der Pater Criſtoforv. Seine Geſchichte von dem Augenblick an, wo wir ihn aus den Augen verloren haben, bis zu dieſer Begegnung läßt ſich mit zwei Worten erzählen. Er hatte Rimini nicht verlaſſen und auch nicht daran gedacht, von da wegzugehen, bis die in Mailand ausgebrochene Peſt ihm eine Gelegen⸗ heit zu dem bot, was er immer ſo ſehnlichſt wünſchte, für ſeine Nebenmenſchen ſein Leben zu laſſen. Er bat drin⸗ gend um Abberufung, damit er den Peſtkranken beiſtehen könnte. Der Graf Oheim war geſtorben und überdies machte die Zeit Krankenwärter nöthiger als Politiker: man gewährte ihm alſo ſeine Bitte ohne Schwierigkeit. Er kam hierauf nach Mailand, trat in das Lazareth und war be⸗ reits etwa drei Monate da. Aber Renzo's Freude über die Wiederauffindung ſeines guten Mönchs war keinen Augenblick ungetrübt; zugleich mit der Gewißheit, daß er es wirklich war, konnte er ſich eines ſchmerzlichen Eindrucks wegen der mit ihm vorge⸗ gangenen Veränderung nicht erwehren. Seine Haltung war wie von tiefem Kummer gebeugt; ſein Geſicht war fleiſchlos und abgefallen; ſein ganzes Weſen verrieth eine erſchöpfte Natur, einen zerſtörten und hinfälligen Leib, der ſich nur durch eine Kraftanſtrengung der Seele noch forthalf und jeden Augenblick durch eine ſolche ſich wieder aufrichtete. 260 Auch er richtete ſeinen Blick auf den Jüngling, der auf ihn zukam und ſich ihm durch Geberden, da er es mit der Stimme nicht wagte, bemerklich und erkenntlich zu machen ſuchte. „Ach Pater Criſtoforo,“ ſagte er dann, als er ihm nahe genug war, um gehört werden zu fönnen, ohne zu ſchreien. „Du hier!“ ſagte der Mönch, indem er den Napf auf die Erde ſtellte und ſich von ſeinem Sitze erhob. „Wie geht es Euch, Pater? wie geht es?“ „Mir geht es beſſer, als ſo vielen armen Leuten, die Du hier ſiehſt,“ antwortete der Mönch, und ſeine Stimme war ſchwach, hohl, verwandelt wie alles Uebrige. Nur das Auge war noch wie früher, ja es hatte noch einen gewiſ⸗ ſen lebhaftern und hellern Glanz: die am Ende ihres Tagwerks erhöhte und im Bewußtſein der Nähe bei ihrem Urquell frohlockende Menſchenliebe ſtellte darin ein noch, glühenderes und noch reineres Feuer her, als dasjenige war, das die Krankheit allmälig verlöſchte.„Aber Du,“ fuhr er fort, wie kommſt Du an dieſen Ort? Warum ſiellſt Du Dich ſo der Peſt bloß?“ „Gott ſei Dank, ich habe ſie gehabt. Ich komme... ich ſuche Lucia.“ „Lucia! Iſt Lucia hier?“ „Ja, wenigſtens hoffe ich zu Gott, daß ſie noch hier iſt.“ „Iſt ſie Dein Weib?“ „Ach, lieber Pater, nein, ſie iſt nicht mein Weib. Wißt Ihr denn von allem dem, was vorgefallen iſt, Nichts?“ „Nein, mein Sohn: ſeit Gott mich von Euch ent⸗ fernt hat, habe ich Nichts mehr von ihr gehört; aber jetzt, da er Dich zu mir ſendet, kann ich nicht leugnen, daß ich ein großes Verlangen habe, Etwas von ihr zu erfahren⸗ Aber Und der Steckbrief?“ „Ihr wißt alſo, wie man mir's gemacht hat?“ 261 „Aber Du, was hatteſt Du gemacht?“ „Hört, wenn ich ſagen wollte, ich ſei an dieſem Tage vernünftig geweſen, ſo würde ich lügen; aber etwas Schlech⸗ tes habe ich wahrlich nicht begangen.“ „Ich glaube es Dir und glaubte es ſchon vorher.“ „Ich kann Euch alſo jetzt Alles ſagen.“ „Warte ein wenig,“ ſagte der Mönch, ging dann einige Schritte vor die Hütte hinaus und rief:„Pater Vittore!“ Bald erſchien ein junger Kapuziner, zu welchem er ſagte:„Thut mir die Liebe, Pater Vittore, und verſor⸗ get unſere armen Kranken auch an meiner Stelle, ſo lange ich nicht zugegen bin; wenn indeß jemand mich verlan⸗ gen ſollte, ſo habt die Güte, mich zu rufen; beſonders jener dort! wenn er das geringſte Zeichen von ſich geben ſollte, daß er wieder zu Bewußtſein gekommen, ſo laßt es mich, ich bitte Euch ſehr darum, ſogleich wiſſen.“ Der junge Mönch antwortete, er werde es thun, und der Alte wandte ſich zu Renzo mit den Worten: Laß uns hier eintreten. Aber,“ fügte er ſogleich, indem er ſtehen blieb, hinzu„Du ſcheinſt mir ganz erſchöpft zu ſein, Du haſt gewiß Hunger.“ „Es iſt wahr,“ ſagte Renzo; jetzt da Ihr mich da⸗ ran erinnert, fällt mir ein, daß ich noch nüchtern bin.“ „Warte ein wenig,“ ſagte der Mönch, nahm dann einen andern Napf und ging an den Keſſel um ihn zu füllen. Hierauf kam er zurück und überreichte Renzo Löf⸗ fel und Napf; er hieß ihn auf einen Sack ſitzen, der ihm als Bett diente; dann ging er an ein Faß, das in einem Winfel ſtand, holte ihm daraus ein Glas Wein und ſeellte es auf ein Tiſchchen neben ſeinen Gaſt. Nun nahm er ſeinen eigenen Napf wieder vor und ſetzte ſich neben ihn. „Ach, Pater Criſtoforo,“ ſagte Renzo,„kommt es Euch zu, ſolche Dinge zu verrichten? Aber Ihr ſeid im⸗ mer der Gleiche. Ich danke Euch von ganzem Herzen.“ „Du haſt mir Nichts zu danken,“ ſagte der Mönch; ves iſt Armengut, aber auch Du biſt in dieſem Augenblick ein Armer. Sage mir jetzt, was ich nicht weiß, erzähle mir von unſerer armen Lucia; ſuche Dich aber kurz zu faſſen, denn die Zeit iſt knapp zugemeſſen, und ich habe, wie Du ſiehſt, viel zu thun.“ Renzo begann zwiſchen dem einen und andern Löffel⸗ voll die Geſchichte Lucia's von Anfang an zu etzählen, wie ſie im Kloſter von Monza Unterkunft gefunden, wie ſie geraubt worden ſei.. Bei der Vorſtellung ſolcher Leiden und ſolcher Gefahren, bei dem Gedanken, daß er es ſelbſt geweſen, der die arme Unſchuldige an dieſen Ort geſchickt habe, verging dem guten Mönch der Athem; doch erholte er ſich ſogleich wieder von ſeinem Schreck, als er hörte, wie ſie wunderbar befreit, ihrer Mutter zurückgegeben und von dieſer bei Donna Praſſede untergebracht worden ſei. „Nun will ich von mir berichten,“ fuhr der Erzäh⸗ ler fort, und gab ſo kurz als möglich ſeine Erlebniſſe an jenem Tag in Mailand ſo wie auf der Flucht zum Be⸗ ſten, wie er ſeitdem immer fern von ſeiner Heimath ge⸗ blieben ſei, nun aber, da Alles drunter und drüber gegan⸗ gen, ſich ein Herz gefaßt habe, zurückzukehren; wie er Ag⸗ neſe nicht dort getroffen und wie er in Mailand erfahren habe, daß Lucia ſich im Lazareth befinde.„Und ſo bin ich denn hier, ſchloß er, bin hier, um ſie zu ſuchen, um zu ſehen, ob ſie noch lebt und ob. ſie mich noch will...“ denn manchmal „Aber haſt Du irgend nähere Notizen?“ fragte der Mönch;„haſt Du irgend ein Anzeichen, wohin man ſie gebracht hat, und ſeit wann ſie hierher gekommen iſt?“ „Ich weiß gar Nichts, lieber Pater, ich weiß gar Nichts, als daß ſie hier iſt, wenn ſie überhaupt noch hier iſt, was Gott gebe!“ „Ach armer Junge! Aber auf welche Arten haſt Du Dich bemüht, ſie zu ſuchen?“ „Ich bin fortwährend herumgeſchweift, aber unter an⸗ dern Dingen habe ich beinahe Nichts als Männer geſehen. Ich habe mir wohl gedacht, daß die Frauen an einem 263 beſondern Ort ſein müſſen, aber ich habe nicht dahin ge⸗ langen können; wenn dem nun wirklich ſo iſt, ſo werdet Ihr mir den Weg zeigen.“ „Weißt Du nicht, mein Sohn, daß es den Männern, die nicht ein Geſchäft da haben, verboten iſt, dieſen Ort zu betreten?“ „Ei nun, was könnte mir da wohl geſchehen?“ „Das Geſetz iſt gerecht und heilig, mein lieber Sohn, wenn auch der Umfang und die Schwere der Noth nicht vuldet, daß man ihm mit aller Strenge Geltung verſchafft, iſt das wohl für einen rechtſchaffenen Menſchen ein Grund, es zu übertreten?“ „Ach Pater Criſtoforo!“ ſagte Renzo;„Lucia ſollte mein Weib ſeinz Ihr wißt, wie wir getrennt worden ſind;z ſchon zwanzig Monate gräme ich mich und habe Geduld; ich bin jetzt trotz ſo vieler Gefahren, immer eine ſchlimmer als die andere, hierher gekommen und nun „Ich weiß nicht, was ich ſagen ſoll,“ begann der Mönch wieder, indem er mehr ſeine eigenen Gedanken als die Worte des Jünglings beantwortete;„Du gehſt mit guter Abſicht hin, und wollte Gott, daß alle diejenigen, die freien Zutritt an dem Orte haben, ſich ſo aufführten, wie Du nach meiner feſten Ueberzeugung Dich aufführen wirſt. Gott, der dieſe Deine Beharrlichkeit in der Liebe, dieſe Deine Treue, mit welcher Du diejenige willſt und ſuchſt, die er Dir gegeben hat, gewiß ſegnet, Gott, der ſtren⸗ ger aber auch nachſichtiger iſt als die Menſchen, wolle nicht auf das achten, was in Deiner Art ſie zu ſuchen Unregelmäßiges ſein mag. Erinnere Dich nur daran, daß wir alle beide von Deinem Benehmen an dieſem Ort zwar vielleicht den Menſchen nicht, aber unfehlbar Gott Rechen⸗ ſchaft abzulegen haben werden. Komm hierher.“ So ſprechend erhob er ſich und mit ihm Renzo, der ihn mit der größten Aufmerkſamkeit anhörte, inzwiſchen aber doch bei ſich ſelbſt beſchloſſen hatte, von Lucia's Gelübde nicht, wie er ſich Anfangs vorgenommen hatte, zu ſprechen. 264 „Wenn er auch das noch hört,“ hatte er gedacht,„ſo macht er mir ſicherlich noch andere Schwierigkeiten. Ent⸗ weder finde ich ſie und dann werden wir noch immer Zeit haben, darüber zu reden, oder— und dann! was hilft es dann?“ Der Mönch zog ihn an den Eingang der nördlich gelegenen Hütte und fuhr fort:„Hör' mich an; unſer Pater Felice, der Präſident des Lazareths, führt heute die wenigen Geneſenen, welche hier ſind, anderswohin, um die Quarantäne zu halten. Du ſiehſt die Kirche dort in der Mitte;“ und indem er die dürre Rechte zitternd erhob, zeigte er mit der Linken in der trüben Luft auf die Kup⸗ pel des thurmartig über die elenden Zellen emporragenden Rirchleins und fuhr fort:„In dieſer Gegend dort werden ſie ſich jetzt verſammeln, um in Prozeſſiun zu dem Thor hinauszuziehen, zu welchem Du hereingekommen ſein mußt.“ „Ach, alſo deshalb hat man die Straße frei zu machen geſucht?“ „Ganz richtig, und Du mußt auch gehört haben, daß man dieſe Glocke einigemal läutete.“ „Einmal habe ich's gehört.“ „Es war das zweite Mal; beim dritten Zeichen wer⸗ den ſie Alle verſammelt ſein, Pater Felice wird dann eine kurze Anrede an ſie halten und hierauf mit ihnen fortge⸗ hen. Begib Dich auf dieſes Zeichen dahin; ſuche Dich hinter der Verſammlung auf dem Rand des Weges auf⸗ zuſtellen, ſo daß Du, ohne zu ſtören oder Dich bemerklich zu machen, ſie vorüberziehen ſehen kannſt, und ſieh!.. ſieh' zu, ob ſie dabei iſt. Wenn Gott nicht gewollt hat, daß ſie dabei iſt, ſo iſt jener Theil,“ und er erhob die Hand von Neuem und deutete auf die Seite des gegenüber⸗ liegenden Gebäudes,„ſo iſt jener Theil des Hauſes und ein Theil des vor demſelben liegenden Feldes für die Frauen beſtimmt. Du witſt einen Bretterverſchlag finden, der dieſes Viertel von jenem trennt, an einigen Stellen aber unter⸗ 265 brochen und offen iſt, ſo daß Du ohne Schwierigkeiten hinein gelangen kannſt. Biſt Du einmal drinnen, ſo wird Dir, wenn Du nichts Verdächtiges thuſt, wahrſcheinlich Niemand Etwas ſagen; ſollte Dir aber irgend ein Hinder⸗ niß in den Weg gelegt werden, ſo ſage nur, daß der Pa⸗ ter Criſtoforv von*** Dich kenne und Aufſchluß über Dich ertheilen werde. Suche ſie hier; ſuche ſie mit Ver⸗ trauen und. mit Ergebung. Denn bedenke wohl, daß es etwas Großes iſt, was zu verlangen Du hierher gekom⸗ men biſt; Du ſuchſt eine lebendige Perſon im Lazareth. Weißt Du, wie oft ich dieſes mein armes Völkchen ſich erneuern geſehen habe! wie viele ich hereintragen und wie wenige ich hinausgehen ſah!... Geh, aber ſei be⸗ reit, ein Opfer zu bringen... „O, ich begreife wohl,“ fiel Renzo ein, indem er ſeine Augen verdrehte und ſein ganzes Geſicht ſich verfinſterte, „ich begreife wohl! Ich will gehen, ich will überall um⸗ herſpähen und ſuchen, an dem einen und andern Ort, und dann noch einmal das ganze Lazareth durch von oben bis unten... Und wenn ich ſie nicht finde... „Wenn Du ſie nicht findeſt?“ ſagte der Mönch mit der Miene ernſter Erwartung und mit einem mahnenden Blicke. Aber Renzo, in deſſen Herzen bereits der Zorn wie⸗ der angeſchwollen war, ſo, daß er ſeine Blicke verfinſterte und ihm die Ehrfurcht benahm, wiederholte und fuhr fort:„Wenn ich ſie nicht finde, ſo werde ich einen Andern zu finden ſuchen. Ob nun in Mailand, oder auf ſeiner verruchten Burg, oder am Ende der Welt, oder in der Hölle, ich werde gewiß dieſen Schmken finden, der uns getrennt hatz dieſen Hallunken, ohne den Lucia ſchon ſeit zwanzig Monaten mein wäre; wenn wir dann beſtimmt geweſen wären zu ſterben, ſo wären wir wenigſtens mit einander geſtorben. Wenn er noch hier iſt, ſo werde ich ihn finden... „Renzo!“ ſagte der Mönch indem er ihn am Arme ergriff und noch ſtrenger anſchante. 266 „Und wenn ich ihn finde,“ fuhr dieſer ganz blind vor Zorn fort,„wenn die Peſt ihm noch nicht ſein Recht angethan hat; es iſt jetzt nicht mehr die Zeit, wo ein ſol⸗ cher Haſenfuß umgeben von Bravi die Leute in Verzweif⸗ lung bringen und auslachen kann: es iſt eine Zeit gekom⸗ men, wo die Menſchen Stiru an Stirn vor einander tre⸗ ten und.. dann werde ich mir ſelbſt mein Recht ver⸗ ſchaffen.“ „Unglückſeliger!“ rief Pater Criſtoforo mit einer Stimme, die ihre ganze frühere Kraft und ihren alten Wohlklang wieder gewonnen hatte,„Unglückſeliger!“ Und ſein auf die Bruſt ſchwer herabgeſunkenes Haupt hatte ſich aufgerichtet, ſeine Wangen färbten ſich von dem alten Leben und das Feuer ſeiner Augen hatte etwas Furchtbares,„da ſchau hin, Unglückſeliger,“ und während er mit der einen Hand Renzo's Arm drückte und heftig ſchüttelte, ſtreckte er die andere vor ſich hin und deutete ſo weit er konnte auf das ſchmerzensreiche Schauſpiel ringsum,„da ſchau hin wer derjenige iſt, der da züchtigt! derjenige, der da richtet und nicht gerichtet wird! derjenige, der da geißelt und der verzeiht! Aber Du Erdenwurm, Du willſt Ge⸗ rechtigkeit ausüben; weißt Du etwa, was Gerechtigkeit iſt? Geh', Unglückſeliger, entferne Dich! Ich hoffte ja ich habe gehofft, daß mir Gott vor meinem Tode noch den Troſt verleihen werde, zu hören, daß meine arme Lucia noch lebe, ſie vielleicht zu ſehen und von ihr das Verſpre⸗ chen zu empfangen, daß ſie ein Gebet dorthin nach dem Grabe ſenden wolle, wo ich ruhen werde. Geh', Du haſt mir meine Hoffnung geraubt. Gott hat ſie nicht für Dich auf der Erde gelaffen, und Du biſt gewiß nicht frech ge⸗ nug, Dich für würdig zu hallen, daß Gott Bedacht nehme, Dich zu tröſten. Er wird an ſie gedacht haben, denn ſie iſt eine von den Seelen, denen die ewigen Tröſtungen be⸗ ſchieden ſind. Geh', ich habe nicht mehr Zeit, Dir Ge⸗ hör zu ſchenken!“ 267 So ſprechend ſtieß er Renzo's Arm von ſich und ſchritt auf eine Krankenhütte zu. „Ach Pater!“ ſagte Renzo, indem er in flehender Haltung hinter ihm her lief,„wollt Ihr mich auf dieſe Art fortſchicken?“ „Wie!“ verſetzte der Kapuziner mit nicht minder ſtrenger Stimme,„wirſt Du etwa zu verlangen wagen, daß ich dieſen Betrübten, welche erwarten, daß ich von der Vergebung Gottes zu ihnen rede, meine Zeit entziehe, um Deine Ausbrüche, Deine Rachepläne anzuhören? Ich habe Dir Gehör geſchenkt, als Du Troſt und Rath begehrteſt; ich habe mich aus chriſtlicher Liebe den Verpflichtungen chriſtlicher Liebe entzogen; aber jetzt haſt Du Deine Rache im Herzen: was willſt Du von mir? Entferne Dich! Ich habe hier Beleidigte ſterben ſehen, welche verziehen; Be⸗ leidiger, welche darüber ſeufzten, daß ſie ſich vor dem Be⸗ leidigten nicht demüthigen konnten: ich habe mit den Einen und mit den Andern geweint; aber was habe ich mit Dir zu ſchaffen?“ „Ach, ich verzeihe ihm! ich verzeihe ihm wahrhaftig; ich verzeihe ihm für immer!“ rief der Jüngling. „Renzo!“ ſagte der Mönch mit ruhiger Strenge, „denke darüber nach und ſage einmal, wie oft Du ihm ſchon verziehen haſt?“ Und da er eine Weile keine Antwort erhielt, ſo ſenkte er auf einmal das Haupt und fuhr in demüthigem Tone fort:„Du weißt, warum ich dieſes Gewand trage!“ Renzo zögerte. „Du weißt es!“ begann der Greis wieder. „Ja,“ antwortete Renzv. „Auch ich habe gehaßt, der ich Dich wegen eines Ge⸗ dankens, wegen eines Wortes ausgeſcholten habe; den Mann, den ich haßte, den ich von ganzem Herzen haßte, den ich ſeit langer Zeit haßte, ich habe ihn getödtet.“ „Ja, aber es war ein Gewaltthätiger, einer von denen...“ „Schweig,“ fiel der Mönch ein:„meinſt Du, wenn 268 ein guter Grund vorhanden wäre, ich würde ihn in dreißig Jahren nicht gefunden haben? Ach, wenn ich Dir jetzt das Gefühl ins Herz pflanzen könnte, vas ich für den Mann, den ich haßte, ſeither hatte und noch habe! Wenn ich es könnte! Ich? aber Gott kann es: er wolle es thun! Höre, Renzo; er meint es beſſer mit Dir, als Du ſelbſt: Du haſt an Rache denken können, aber er hat Kraft und Erharmen genug, um Dich daran zu verhindern; er erweist Dir eine Gnade, deren ein Anderer allzu unwürdig war. Du weißt, Du haſt es ſo oft geſagt, daß er der Hand eines Gewaltthätigen Einhalt thun kann; aber wiſſe, daß er auch der Hand eines Rachſüchtigen Einhalt zu thun vermag. Und weil Du arm, weil Du beleidigt biſt, glaubſt Du, daß er einen Menſchen, den er nach ſeinem Bilde geſchaffen hat, nicht vertheidigen könne? Glaubteſt Du, er würde Dich Alles, was Du willſt, thun laſſen? Nein! aber weißt Du, was Du thun kannſt? Du kannſt haſſen und Dich zu Grunde richten, Du kannſt mit einem deiner Gefühle jeden Segen von Dir entfernen. Darum, wie auch die Sachen gehen mögen, welches Schickſal Dich auch treffe, ſei feſt überzeugt, daß Alles Dir noch zur Strafe gereichen wird, bis Du verziehen haſt, verziehen auf eine Art, daß Du nie wieder ſagen kannſt: Ich verzeihe ihm.“ „Ja, ja,“ ſagte Renzo ganz erſchüttert und verwirrt, „ich ſehe ein, daß ich ihm niemals in Wahrheit verziehen hatte; ich ſehe ein, daß ich wie ein unvernünftiges Thier und nicht wie ein Chriſt geſprochen habe, und jetzt mit Gottes Gnade verzeihe ich ihm von ganzem Herzen.“ „Und wenn Du ihn ſäheſt?“ „Dann würde ich den Herrn bitten, mir Geduld zu zu verleihen und ſein Herz zu rühren.“ „Würdeſt Du Dich erinnern, daß der Herr einſt zu uns geſagt hat, wir ſollen unſern Feinden nicht nur verzeihen, ſondern wir ſollen ſie lieben? Würdeſt Du Dich erinnern, daß er ihn ſo ſehr geliebt hat, daß er für ihn geſtrben iſt?“ 269 „Ja, mit ſeiner Hilfe.“ „Nun wohl, ſo komm und ſieh ihn. Du haſt geſagt: ich werde ihn finden; Du wirſt ihn finden. Komm und Du wirſt ſehen, gegen wen Du Haß bewahren, wem Du Böſes wünſchen, wem Du Böſes zufügen, über weſſen Le⸗ ben Du Dich zum Herr machen wollteſt.“ Und indem er Renzo's Hand ergriff und ſo drückte, wie ein kräftiger Jüngling hätte thun fönnen, ſetzte er ſich in Bewegung. Renzo folgte ihm, ohne eine andere Frage zu wagen. Nach einer kurzen Wanderung blieb der Mönch vor der Oeffnung einer Thüre ſtehen; mit einem Gemiſch von Ernſt und Rührung heftete er ſeine Blicke auf Renzo's Geſicht und ſo ging er hinein. Das Erſte, was ihm in die Augen fiel, war ein im Hintergrunde ſitzender Kranker, ein Menſch, der jedoch nicht ſchwer krank war, ſondern im Gegentheil der Geneſung nahe ſcheinen konnte; als er den Pater erblickte, ſchüttelte er wie verneinend den Kopf; der Pater ſenkte den ſeinigen mit einer Geberde trauervoller Ergebung. Renzo ließ in⸗ deſſen mit unruhiger Neugierde ſeinen Blick über die an⸗ dern Gegenſtände ſchweifen, und nun ſah er drei oder vier Franke und beſonders fiel ihm auf einer der Seiten ein ſolcher in die Augen, der auf einer Matratze in ein Lein⸗ tuch gewickelt dalag und ſtatt der Decke einen prächtigen Mantel auf ſich hatte. Er ſchaute ihn ſcharf an, erkannte Don Rodrigo und trat zurück. Der Mönch zog ihn, in⸗ dem er ihn von Neuem kräftig die Händ empfinden ließ, womit er ihn hielt, zum Fuß des Lagers hin, ſtreckte die andere Hand darüber aus und deutete mit dem Finger auf den Mann, der ausgeſtreckt dalag. Der Unglückliche be⸗ wegte ſich nicht; ſeine Augen waren weit aufgeriſſen, aber ohne Blick; ſein Geſicht war ſchlaff und mit Flecken über⸗ deckt; die Lippen ſchwarz und geſchwollen: man hätte es für das Geſicht eines Todten halten können, wem nicht ein heftiges Zucken ein zähes Leben darin verrathen hätte. 270 Seine Bruſt erhob ſich von Zeit zu Zeit mit einem angſt⸗ vollen Keuchen; die vom Mantel nicht bedeckte Rechte drückte nahe beim Herzen mit krumm gepreßten Fingern, die bläulich und an den Spitzen ſchwarz waren, auf eine ſchmerzende Stelle. „Du ſiehſt,“ ſagte der Mönch mit leiſer und feierlicher Stimme.„Es kann eine Strafe, es kann auch eine Barm⸗ herzigkeit ſein. Daſſelbe Gefühl, das Du jetzt für dieſen Mann hegen wirſt, der Dich allerdings beleidigt hat, daſ⸗ ſelbe Gefühl wird Gott, den Du auch beleidigt haſt, an jenem Tage gegen Dich kund thun. Segne ihn, ſo wirſt Du geſeguet werden. Seit vier Tagen iſt er hier, wie Du ihn da ſiehſt, ohne ein Zeichen von Bewußtſein zu geben. Vielleicht iſt der Herr geneigt, ihm eine Stunde der Be⸗ ſinnung zu gewähren, aber er wollte von Dir darum ge⸗ beten ſein: vielleicht will er, daß Du ihn mit jener Un⸗ ſchuldigen darum bitteſt; vielleicht behält er die Gnade, Deinem alleinigen Gebete, dem Gebet eines hetrübten und vergebungsvollen Herzens vor. Vielleicht hängt die Ret⸗ tung dieſes Mannes und Deine eigene jetzt von Dir ab, von einem in Deinem Herzen lebendigen Gefühl der Ver⸗ zeihung, des Mitleids, der Liebe!“ Er ſchwieg, faltete ſeine Hände und neigte ſein Geſicht darüber, wie um zu beten. Renzo that desgleichen. Sie befanden ſich ſeit einigen Augenblicken in dieſer Stellung, als das dritte Glockenzeichen ertönte. Sie ſetz⸗ ten ſich, wie verabredetermaßen, beide in Bewegung und gingen hinaus. Da gab es weder Fragen von Seiten des Einen noch Betheuerungen von Seiten des Andern mehr: ihre Geſichter ſprachen deutlich genug. „Geh' jetzt,“ verſetzte der Mönch wieder,„geh! und halte Dich gefaßt, ein Opfer zu bringen, Gott zu loben, was auch der Ausgang Deiner Forſchungen ſein möge⸗ Und ſie mögen nun ausfallen, wie ſie wollen, ſo ſtatte mir Bericht darüber ab: wir wollen dann zuſammen Gott preiſen.“ 271 Hier trennten ſie ſich ohne weitere Worte; der Eine kehrte dahin zurück, woher er gekommen war; der Andere machte ſich auf den Weg nach der blos eine Wurfweite entfernten Kapelle. Sechsunddreißigſtes Capitel. Wer hätte noch vor einigen Stunden Renzo geſagt, daß im Eifer einer ſolchen Nachforſchung, beim Anfang der zweifelhafteſten und entſcheidendſten Augenblicke, ſein Herz zwiſchen Lucia und Don Rodrigo getheilt ſein ſollte? Und doch verhielt es ſich ſo! dieſe Geſtalt miſchte ſich in all die lieben oder ſchrecklichen Bilder, welche ihm Hoff⸗ nung und Furcht abwechſelnd auf dieſem Gang vorführten; die Worte, die er am Fuße dieſes Lagers vernommen, drängten ſich zwiſchen die Ja und Nein, die ſein Gemüth beſtürmten, und er konnte ein Gebet für den glücklichen Ausgang ſeines großen Verſuches nicht beſchließen, ohne daran jenes zu knüpfen, welches dort begonnen und das die Glockentöne unterbrochen hatten. Die achteckige Kapelle, die ſich einige Stufen über dem Erdboden mitten im Lazareth erhebt, war nach ihrem urſprünglichen Bauplan von allen Seiten offen, ohne an⸗ dere Stützen als Pfeiler und Säulen, ſo daß ſie gewiſſer⸗ maßen ein durchbrochenes Gebäude darſtellte. Auf jeder Front, zwiſchen zwei Säulenweiten, ein Bogen; immer ging eine Halle rings um die eigentliche Kirche, die nur aus acht, von Pfeilern getragenen und mit einer kleinen Kuppel bedeckten Bogen beſtand, welche denen der Haupt⸗ ſeiten entſprachen, ſo daß der im Mittelpunkt errichtete Altar aus jedem Stubenfenſter des Hauſes und beinahe auf jedem Punkt des Platzes geſehen werden konnte. Jetzt nach⸗ dem das Gebäude eine ganz andere Beſtimmung erhalten hat, ſind die Zwiſchenräume der Vorderſeite ausgemauert; 272 das alte Gerippe iſt jedoch unverſehrt geblieben und zeigt noch deutlich genug den alten Zuſtand und die ehemalige Beſtimmung an. Renzo hatte ſich kaum auf den Weg gemacht, ſo ſah er den Pater Felice in der Halle des Kirchleins erſcheinen und nach dem mittlern Bogen, der nach der Stadt zuge⸗ kehrten Seite ſchreiten, vor welchem die Verſammlung unten im Gange aufgeſtellt war, er bemerkte ſogleich aus ſeiner Haltung, daß er die Predigt begonnen hatte. Er wand ſich die ſchmalen Wege entlang, um, wie ihm gerathen worden war, in den Rücken der Zuhörer⸗ ſchaft zu kommen. Dort angelangt, blieb er ganz ruhig ſtehen und ließ ſeinen Blick über die ganze Verſammlung ſchweifen, ſah aber nichts Anderes, als eine dichte Maſſe, ich möchte beinahe ſagen, ein Steinpflaſter von Köpfen. In der Mitte befand ſich eine gewiſſe Anzahl von Solchen, die mit Tüchern oder Schleiern bedeckt waren: Dorthin heftete er mit der größten Aufmerkſamkeit ſeine Augen; da es ihm aber nicht gelang, Etwas deutlich zu entdecken, ſo erhob er ſeine Blicke ebenfalls nach dem Prieſter, zu welchem die andern Alle andächtig aufſchauten. Er war ergriffen und gerührt von dem ehrwürdigen Ausſehen deſſelben, und mit all der Aufmerkſamkeit, die ihm in ſolchen Verhältniſſen übrig geblieben war, vernahm er folgenden Theil der feier⸗ lichen Anrede: „Gedenken wir auch der Tauſende und aber Tauſende, die dort hinausgegangen ſind— und den Finger über die Schulter erhoben, deutete er hinter ſich nach dem Thor, das zu dem St. Gregorskirchhof führte, welcher damals eigentlich nur eine große Grube war;— werfen wir einen Blick umher, auf die Tauſende und aber Tauſende, die hier zurückbleiben in ſchmerzlicher Ungewißheit, wo ſie hinaus⸗ kommen werden; werfen wir einen Blick auf uns ſelbſt, die wir in ſo geringer Anzahl gerettet von dannen ziehen. Geprieſen ſei der Herr! Geprieſen in ſeiner Gerechtigkeit, geprieſen in ſeiner Barmherzigkeit! Geprieſen im Tode, 273 geprieſen in der Rettung! Geprieſen in dieſer Auswahl, die er unter uns hat treffen wollen! Ach, warum hat er es ſo gewollt, meine Kinder? warum anders, als weil er ſich ein kleines, durch die Trübſal gebeſſertes und von Dank erglühendes Häuflein bewahren wollte? Warum anders, als damit wir jetzt um ſo dankbarer empfinden, daß das Leben ein Geſchenk ſeiner Hand iſt, daß wir es ſo hoch ſchätzen, wie jede Gabe von ihm geſchätzt zu werden verdient, und es zu Werken anwenden, auf die er mit Wohlgefallen blicken kann? Warum anders, als damit die Erinnerung an unſere Leiden uns mitleidig und hilfreich gegen unſern Nächſten mache? Diejenigen indeß, in deren Geſellſchaft wir gelitten, gehofft, gefürchtet haben; unter denen wir Freunde, Ver⸗ wandte zurücklaſſen, und die am Ende Alle zuſammen un⸗ ſere Brüder ſind; diejenigen unter ihnen, welche uns in ihrer Mitte dahinziehen ſehen, mögen ſie, während ſie vielleicht einigen Troſt in dem Gedanken empfangen, daß wenigſtens der Eine und Andere gerettet von dannen zieht, durch unſer Benehmen erbaut werden. Gott verhüte, daß ſie in uns eine lärmende, eine fleiſchliche Freude darüber wahrnehmen, daß wir dieſem Tode entgangen ſind, mit welchem ſie ſelbſt noch ringen! Sie mögen ſehen, daß wir für uns dankend und für ſie betend abſcheiden, und ſie mögen zu ſich ſelbſt ſagen: Auch draußen werden dieſe unſer gedenken, ſie werden fortfahren, für uns arme Unglückliche zu beten. Beginnen wir mit dieſem Gange, mit den erſten Schritten, die wir thun werden, ein Leben, das ganz der Menſchenliebe geweiht ſei! Diejenigen, die ihre alten Kräfte wiedergewonnen haben, mögen brüderlich den Schwachen ihren Arm leihen; Ihr Jünglinge, unterſtützet die Altenz Ihr, die Ihr kinderlos geblieben ſeid, ſchaut um Euch, wie viele Kinder ohne Eltern geblieben ſind! Vertretet Vater⸗ und Mutterſtelle an ihnen! Dieſe Barmherzigkeit wird, während ſie Eure Sünden verdeckt, auch Euern Schmerz lindern.“ Die Verlobten. MI. ¹8 274 Hier wurde ein dumpfes Seufzen und Schluchzen, das in der Verſammlung immer mehr um ſich griff, plötzlich unterbrochen, als man den Prediger einen Strick um den Hals legen und auf die Knie fallen ſah; man wartete in großer Stille ab, was er ſagen würde. „Für mich,“ ſprach er,„und für alle meine Genoſſen, die wir, ohne irgend ein Verdienſt zu dem hohen Vorrecht auserſehen worden ſind, Chriſto in Euch zu dienen, bitte ich demüthig um Vergebung, wenn wir ein ſo großes Amt nicht würdig verwaltet haben. Wenn die Trägheit, die Ungelehrigkeit des Fleiſches uns weniger aufmerkſam für Eure Bedürfniſſe, weniger bereit auf jeden Ruf von Euch gemacht hat; wenn eine ungerechte Ungeduld, eine ſtrafbare Verdroſſenheit, uns zuweilen ein unwilliges und ſtrenges Geſicht zeigen ließ, wenn der erbärmliche Gedanke, daß Ihr unſer bedürfet, uns zuweilen verleitete Euch nicht mit der gebührenden Demuthzu behandeln; wenn unſere Schwäche uns zu Handlungen verleitete, die Euch ein Aergerniß geben konnten, o ſo verzeihet uns! Alſo erlaſſe Euch Gott auch alle Eure Schuld und er ſegne Euch!“ Er machte jetzt ein großes Zeichen des Kreuzes über die Zuhörerſchaft und erhob ſich. Wir haben, wenn auch nicht die beſtimmten Worte, doch wenigſtens den Sinn und Inhalt derjenigen, die er wirklich ſprach, überliefern können; aber die Art und Weiſe, wie er ſie vortrug, iſt eine Sache, die ſich nicht beſchreiben läßt. Es war die Art und Weiſe eines Mannes, der es ein Vorrecht nannte, die Peſtkranken zu bedienen, weil er es wirklich als ein ſolches betrachtete; der das Bekenntniß ablegte, ſeine Pflicht nicht würdig erfüllt zu haben, weil er das Bewußlſein hegte, ihr nicht ganz genügt zu habenz der um Verzeihung bat, weil er überzeugt war, daß er ſolcher bedürfe. Aber die Leute, die jene Kapuziner mit nichts Anderm als mit der Bedienung der Kranken beſchäf⸗ tigt geſehen, die ihrer ſo Viele ſterben geſehen und denjenigen, der jetzt für Alle ſprach, immer als den Erſten in der Anſtrengung, wie auch in Bezug auf Amtsgewalt erblickt hatten, außer in den Tagen, da er ſich ſelbſt am Rande des Todes befundenz man denke ſich, mit welchem Schluchzen, mit welchen Thränen ſie eine ſolche Aufforderung beant⸗ worteten. Der bewunderungswürdige Mönch nahm ſodann ein großes Kreuz, das an einem Pfeiler gelehnt ſtand, pflanzte es vor ſich auf, ließ am Rande der äußern Halle ſeine Sandalen zurück, ſtieg die Stufen der Kapelle hinab und ging durch die Menge hindurch, welche ihm ehrfurchtsvoll Platz machte, um ſich an ihre Spitze zu ſtellen. Renzo, der eben ſo innig weinte, wie wenn er Einer von denen geweſen wäre, an welche dieſe ſeltſame Bitte um Verzeihung gerichtet worden, zog ſich gleichfalls mehr hinterwärts und ſtellte ſich neben einer Hütte auf; hier wartete er denn halbverſteckt, mit dem Leib zurückſtehend und den Kopf vorwärts geſtreckt, die Augen weit geöffnet, mit einem gewaltigen Herzklopfen, aber zugleich mit einer gewiſſen, neuen und eigenthümlichen Zuverſicht, die, glaube ich, aus der Rührung entſtanden war, worein die Predigt und der Anblick der allgemeinen Rührung ihn verſetzt hatten. Und ſiehe, da kam der Pater Felice baarfuß, mit jenem Strick um den Hals, mit jenem langen und ſchweren Krerz, das er hoch emporhielt, bleich und abgezehrt im Geſicht, das zugleich Zerknirſchung und Muth verkündete; langſamen aber entſchloſſenen Schritt's, wie Jemand, der die Schwäche Anderer ſchonen will, und in jeder Beziehung, wie ein Mann, dem jene namenloſen Anſtrengungen und Unge⸗ mächlichkeiten die Kraft verliehen, die ſo vielen nothwendigen und von ſeinem Amte unzertrennlichen Mühſale auch ferner zu ertragen. Unmittelbar nach ihm kamen die ſchon etwas herangewachſenen Kinder, großentheils baarfuß, nur ſehr wenige vollſtändig gekleidet, einige blos im Hemde; dann kamen die Frauen, faſt jede mit einem kleinen Kind an der Hand und abwechſelnd das Miſerere fingend; ſchon der ſchwache Ton dieſer Stimmen, die Blöße Ermattung 1 276 dieſer Geſichter waren Dinge, welche jeden, der ſich blos als einfacher Zuſchauer da befunden hatte, mit dem innig⸗ ſten Mitleid erfüllen mußten. Aber Renzo betrachtete und prüfte aufmerkſam Reihe um Reihe, Geſicht um Geſicht, ohne ein einziges zu übergehen, denn der äußerſt langſame Gang der Prozeſſion ließ ihm alle nöthige Zeit dazu. Sie zieht fortwährend an ihm vorüber; er ſchaut und ſchaut, aber immer vergebens; er wirft halbe Blicke auf den noch rückſtundigen Schwarm, der aber immer kleiner wird; es ſind jetzt nur noch wenige Reihen, wir ſind an der letzten; ſie ſind alle vorübergezogen; es waren lauter unbekannte Geſichter! Mit niederhängenden Armen und den Kopf auf eine Schulter geneigt, ließ er das Auge jener Schaar nach⸗ folgen, während der Zug der Männer an ihm vorüberkam. Eine neue Spannung, eine neue Hoffnung regte ſich in ihm, als er hinter dieſen einige Karren erſcheinen ſah, wor⸗ auf diejenigen Reconvalescenten ſich befanden, die noch nicht Kraft genug zum Gehen hatten. Hier kamen die Frauen zuletzt, und auch dieſer Zug ging ſo langſam, daß Renzo gleichfalls alle Geſichter muſtern konnte, ohne daß eines ihm entgangen wäre. Aber ach! er durchforſcht den erſten Wagen, den zweiten, den dritten u. ſ. f., immer mit dem⸗ ſelben Erfolg bis auf den letzten, hinter welchem nur noch ein anderer Kapuziner mit ernſter Miene und einem Strick in der Hand, gleichſam als Auſſeher des Zuges, einher⸗ ſchreitet. Es war dies jener Pater Michele, von welchem wir geſagt haben, daß er dem Pater Felice als Gehilfe in ſeiner Verwaltung beigegeben worden ſei. So ſchwand alſo dieſe ſüße Hoffnung gänzlich und raubte in ihrem Dahinſchwinden nicht blos den Troſt, den ſie gebracht hatte, ſondern ließ auch, wie dies meiſtens ge⸗ ſchieht, den armen Jüngling in einem noch ſchlimmern Zuſtande als früher zurück. Der glücklichſte Fall war jetzt, Lucia krank zu finden. Dennoch hielt er ſich, da auf den Eifer einer vorſchwebenden Hoffnung alsbald der Eifer einer geſteigerten Angſt eintrat, mit allen Kräften ſeiner Seele 277 an dieſem traurigen und ſchwachen Faden feſt; er trat auf die Straße hinaus und bewegte ſich in der Richtung, von welcher der Zug gekommen war. Als er an den Fuß des Kirchleins gelangie, kniete er auf der letzten Stufe nieder, und hier entſandte er zu Gott ein Gebet, oder vielmehr ein Gemiſch von verworrenen Worten, abgebrochenen Phra⸗ ſen, Ausrufungen, Bitten, Klagen, Verſprechungen: eine jener Reden, welche man nicht an die Menſchen richtet, weil ſie nicht Scharfſinn genug haben, um ſie zu verſtehen, und nicht Duldung genug, um ſie anzuhören; ſie ſind nicht groß genug, um darüber Mitleid ohne Verachtung zu empfinden. Er erhob ſich etwas geſtärkt wieder, ging um die Ka⸗ pelle herum, befand ſich auf einem andern Weg, den er noch nicht geſehen hatte, und der nach dem andern Thor führte; er brauchte nicht lang zu gehen, ſo ſah er rechts und links den Bretterverſchlag, von welchem der Mönch ihm geſagt, aber mit vielen Oeffnungen und Lücken, ſowie er ihm gleichfalls geſagt hatte. Er drang durch eine der Oeffnungen ein und befand ſich im Quartier der Frauen. Faſt beim erſten Schritt, welchen er darin that, erblickte er am Boden ein Glöckchen, ſo wie die Monatti es am Fuße trugen, nebſt den dazu gehörigen Schnürbändern; er kam auf den Gedanken, ein ſolches Werkzeug könne ihm hier⸗ innen als Paß dienen; er hob es daher auf, ſchaute ſich um, ob Niemand ihn beobachte, und baud es ſich um den Fuß. Und nun begann er ſogleich ſeine Nachforſchung, eine Nachforſchung, die ſchon allein wegen der Mannig⸗ faltigkeit der Gegenſtände ungemein ſchwierig geweſen wäre, ſelbſt wenn es ſich um Gegenſtände ganz anderer Art ge⸗ handelt hätte; er überſchaute, er betrachtete ſogar neue Jam⸗ merſcenen, den bereits erblickten theilweiſe ſo ähnlich und theilweiſe ſo unähnlich, denn unter derſelben Kalamität war hier doch, ſo zu ſagen, eine andere Art zu leiden, zu trauern⸗ zu jammern, den Schmerz zu ertragen, ſich gegenſeitig zu bemitleiden und zu unterſtützen; alles dies erregte in dem Zuſchauer eine andere Art von Mitleid, eine andere Art von Schauer. Er hatte bereits eine geraume Strecke fruchtlos und ohne ein erhebliches Begegniß durchwandert, als er hinter ſich ein Heda! hörte, einen Ruf der ihm zu gelten ſchien. Er drehte ſich um und ſah in einer gewiſſen Entfernung einen Commiſſär, der die Hände erhob und wirklich ihm zuwinkte und rief:„Dort in den Stuben thut Hilfe Noth; hier iſt ja kaum erſt aufgeräumt.“ Renzo ſah augenblicklich ein, wofür er gehalten wurde, und daß die Schelle das Mißverſtändniß verurſachte; er ſchalt ſich einen Dummkopf, daß er blos an die Wider⸗ wärtigkeiten gedacht habe, welche dieſes Zeichen ihm erſpa⸗ ren und nicht auch an diejenigen, die es ihm zuziehen konnte; aber er ſann jetzt augenblicklich auf ein Mittel, ſich ſeiner Verlegenheit ſchnell zu entledigen. Er nickte dem Commiſſär zu wiederholten Malen haſtig mit dem Kopfe zu, wie wenn er ſagen wollte, daß er ihn verſtanden habe und gehorchen werde, und dann entzog er ſich ſeinen Blicken, indem er ſich ſeitwärts zwiſchen die Hütten ſchlug. Als er fern genug zu ſein glaubte, dachte er auch daran, die Urſache des Aergerniſſes zu beſeitigen, und um dies unbeachtet thun zu können, begab er ſich in einen engen Raum zwiſchen zwei kleinen Hütten, die mit den Rücken gegen einander ſtanden. Er bückt ſich, um die Bänder zu löſen, und indem er ſich bei dieſer Gelegenheit an die Strohwand der einen Hütte lehut, trifft aus dieſer eine Stimme ſein Ohr.... O Himmel! iſt's möglich? Seine ganze Seele iſt in dem Ohr: ſein Athem ſtockt.. ja, ja, es iſt ihre Stimme....„Warum fürchten?“ ſprach dieſe holde Stimme;„wir haben ganz andere Dinge überſtanden, als ein Gewitter: derjenige, der uns bis jetzt behütet hat, wird uns auch ferner behüten!“ Wenn Renzo nicht laut aufſchrie, ſo geſchah dies nicht, weil er entdeckt zu werden fürchtete, ſondern weil ihm der Athem dazu fehlte. Seine Knkee wollten zuſammenbrechen, 279 ſein Blick umnebelte ſich, aber dies war nur im erſten Moment; im zweiten ſtand er rüſtiger und kräftiger als vorher auf den Füßen; mit drei Sprüngen war er um die Hüttte, war am Eingang, erblickte diejenige, die ge⸗ ſprochen hatte, ſah ſie über ein elendes Bett hingebeugt daſtehen. Sie wendet ſich bei dem Geräuſch um, blickt hin, glaubt falſch zu ſehen, zu träumen, blickt ſchärfer hin und ruft:„O barmherziger Gott!“ „Lucia! habe ich Dich gefunden! finde ich Dich wirk⸗ lich! biſt Du es auch? lebſt Du noch?“ rief Renzo, indem er an allen Gliedern zitternd näher trat. „O, barmherziger Gott,“ verſetzte Lucia mit noch heftigerem Zittern,„was iſt das? wie? warum? die Peſt 1 „Ich habe ſie gehabt; und Du. 2 „Ach, ich auch. Und von meiner Mutter!“ „Ich habe ſie nicht geſehen, weil ſie in Paſturv iſtz ich glaube aber, daß ſie wohl iſt; aber Du„„ wie blaß biſt Du noch! wie ſchwach ſiehſt Du aus! aber Du biſt doch geheilt, Du biſt doch geheilt?“ „Der Herr hat mich noch hienieden laſſen wollen⸗ Ach, Renzo, warum biſt Du hier?“ „Warum?“ ſagte Renzo, indem er immer näher zu ihr trat;„Du fragſt mich, warum? warum ſoll ich wohl hierher kommen? Muß ich Dir es erſt ſagen? An wen habe ich denn zu denken? Heiße ich nicht mehr Renzo? Biſt Du nicht mehr meine Lucia?“ „Ach, was ſagſt Du da? was ſagſt Du da? Hat Dir meine Mutter denn nicht ſchreiben laſſen „Ja, ſie hat mir nur alizu viel ſchreiben laſſen; ſie hat gar ſchöne Dinge einem armen, unglücklichen, betrübten und landesflüchtigen Jungen ſchreiben laſſen, einem Bur⸗ ee doch wenigſtens nie etwas Schlechtes begangen atte. „Aber Renzo! Renzo! Da Du es wußteſt. warum kommen! warum?“ 280 „Warum ich gekommen bin? Ach Lucia, Du fragſt mich, warum ich gekommen bin; nach ſo vielen Verſpre⸗ chungen! Sind wir denn nicht mehr die Alten? Erinnerſt Du Dich gar nicht mehr? Was fehlte denn noch?“ „Ach, Herr!“ rief Lucia ſchmerzlich, indem ſie die Hände feſt zuſammenpreßte und die Augen zum Himmel erhob,„warum haſt Du mir nicht die Gnade erwieſen, mich zu Dir zu nehmen!.. Ach, Renzo, was haſt Du gethan? Siehſt Du, ich begann zu hoffen daß ich. mit der Zeit vergeſſen würde.. „Eine ſchöne Hoffnung! Schöne Dinge, die man mir ſo in's Geſicht ſagt!“ „Ach, was haſt Du gethan! Und an dieſem Ort! Unter dieſem Jammer! Unter dieſen Bildern des Elends! Hier, wohin die Leute nur kommen, um zu ſterben, konn⸗ teſt Du „Für Diejenigen, die ſterben, muß man zu Gott beten und hoffen, daß ſie an einen guten Ort kommen werden; aber es iſt ganz und gar nicht Recht, daß auch Die⸗ jenigen, die noch leben, deßwegen in Verzweiflung leben ſollen.“ „Ach, Renzo! Renzo! Du bedenkſt nicht, was Du ſprichſt. Mein Verſprechen an die Madonna! Ein Ge⸗ lübde!“ „Und ich ſage Dir, daß ſolche Verſprechungen gar Nichts gelten!“. „O Herr! was ſagſt Du? wo biſt Du in dieſer Zeit geweſen? Mit wem biſt Du ungegangen? Wie ſprichſt Du?“ „Ich ſpreche, wie ein guter Chriſt, und von der Ma⸗ donna denke ich beſſer als Du; denn ich glaube, daß ſie keine Verſprechungen haben will, wodurch man dem Näch⸗ ſten ſchadet. Wenn die Madonna ſelbſt geſprochen hätte, ja dann! Aber was iſt es denn geweſen? Mur ſo eine Einbildung von Dir. Weißt Du, was Du der Madonna verſprechen mußt? Du mußt' ihr verſprechen, daß wir die 281 erſte Tochter, die wir haben werden, Maria nennen wollen, denn das will ich auch ſogleich verſprechen. Das ſind Dinge, die der Madonna viel mehr Ehre machen; das ſind Andachtsübungen, die mehr Sinn haben und dabei Niemand Schaden zufügen.“ „Nein, nein, ſprich nicht ſo; Du weißt nicht, was Du ſagſt; Du weißt nicht, was es heißt, ein Gelübde ab⸗ legen; Du biſt nie in dieſem Fall geweſen; Du haſt es nie erfahren. Laß mich, laß mich, um's Himmels willen!“ Und ſie entfernte ſich ungeſtüm von ihm und kehrte zu dem Lager zurück. „Lucia!“ ſagte er, ohne ſich zu bewegen,„ſag' mir wenigſtens, ſag' mir: wenn dieſer Grund nicht wäre.. wäreſt Du dann noch dieſelbe für mich?“ „Herzloſer Menſch!“ antwortete Lucia, indem ſie ſich abwandte und ihre Thränen mit Mühe zurückhielt;„wenn Du mich verleiten würdeſt, unnütze Worte zu ſagen, Worte, die mir wehe thäten, Worte, die vielleicht Sünde wären, wäreſt Du dann zufrieden? Gehe, ach, geh'! vergiß mich! wir waren nicht für einander beſtimmt: wir werden uns dort oben wiederſehen: man hat ja ohnehin nicht lang in dieſer Welt zu leben. Geh', ſieh', daß Du meine Mutter benachrichtigen kannſt, daß ich geheilt bin, daß Gvtt mir auch hier immer beigeſtanden hat, daß ich eine gute Seele gefunden habe, dieſe brave Frau, die Mutterſtelle an mir vertritt; ſage ihr, ich hoffe, daß ſie von dieſem Uebel ver⸗ ſchont bleiben möge und daß wir uns wiederſehen werden, wann und wie Gott es wolle. Gehe um's Himmels wil⸗ len und denk' nicht mehr an mich außer, wenn Du zu dem Herrn beteſt.“ Und, wie eine Perſon, die Nichts mehr zu ſagen hat, auch Nichts mehr hören, ſondern ſich einer Gefahr entziehen will, drängte ſie ſich noch näher an den Schragen, wo die Frau lag, von welcher ſie geſprochen hatte. „Höre Lucia, höre,“ ſagte Renzo, ohne ihr jedoch näher zu rücken. 282 „Nein, nein; gehe aus Barmherzigkeit.“ „Höre: der Pater Criſtoforo„ „Was?“ „Iſt hier.“ „Hier! Wo? woher weißt Du das?“ „Ich habe kaum erſt mit ihm geſprochen; ich bin eine Weile bei ihm geweſen; und ein Geiſtlicher von ſeiner Art kann, denke ich „Er iſt hier! Gewiß, um den armen Kranken beizu⸗ ſtehen? Aber er? Hat er die Peſt gehabt?“ „Ach Lucia! Ich fürchte, ich fürchte nur zu ſehr.. Und während Renzo auf dieſe Weiſe zögerte, das für ihn ſelbſt und auch für Lucia ſo ſchmerzliche Wort auszuſpre⸗ chen, hatte ſich dieſe von Neuem von dem Lager entfernt und näherte ſich ihm:„Ich fürchte,“ vollendete er jetzt, „daß er ſie hat.“ „O, der arme heilige Mann! Aber, was ſage ich, der arme Mann? Wir ſind zu beklagen! Wie geht es ihm? Iſt er im Bett? Hat er Hilfe?“ „Er iſt auf den Beinen, er geht umher, er ſteht den Andern bei; aber wenn Du ihn ſäheſt, wie er ausſieht, wie er ſich aufrecht hält! Ich habe ſo Viele geſehen, die nur alle zu gewiß. man kann ſich nicht täuſchen.“ „Ach! er iſt hier!“ „Ja und nicht weit von hier: nicht viel weiter, als von Deinem Haus nach dem meinigen„ wenn Du Dich erinnerſt!“ „O heiligſte Jungfrau!“ „Nun gut, nicht viel weiter. Und Du kannſt Dir denken, ob wir von Dir geſprochen haben! Er hat mir Sachen geſagt.. und wenn Du wüßteſt, was er mich ſehen ließ! Du ſollſt es hören; aber jetzt will ich mit dem anfangen, was er mir zuerſt geſagt hat, er mit ſeinem eigenen Munde. Er hat mir geſagt, ich thue wohl daran, daß ich Dich ſuche, und der Herr liebe es, wenn ein Jüng⸗ ling ſo handle, und er werde⸗mir beiſtehen, daß ich Dich 283 finde, wie es denn auch wirklich ſo gekommen iſt; aber er iſt auch ein Heiliger. Du ſiehſt alſo!“ „Aber, wenn er ſo geſprochen hat, ſo weiß er eben nicht „Was ſoll er von den Dingen wiſſen, die Du Dir mit deinem eigenen Kopf ausgedacht haſt, ohne Verſtand und ohne jemand um Rath zu fragen? Ein braver Mann, ein verſtändiger Mann, wie er iſt, denkt freilich nicht an ſolche Sachen. Aber, was er mich hat ſehen laſſen.. Und hier ſchilderte er ſeinen Beſuch in jener Hütte. Lucia war, obſchon ihre Sinne und ihr Gemüth an dieſem Ort ſich an die ſtärkſten Eindrücke hatten gewöhnen müſſen, durchdrungen von Mitleid und Trauer. „Und auch hier,“ fuhr Renzo fort,„hat er, wie ein Heiliger geſprochen: er hat geſagt, daß der Herr vielleicht beſchloſſen habe, dieſem armen Menſchen(ietzt könnte ich ihm keinen andern Namen mehr geben) Gnade angedeihen zu laſſen; er wartet darauf, ihn in einem guten Augen⸗ blick zu betreffen; aber er wollte, daß wir mit einander für ihn beten; mit einander... haſt Du verſtanden?“ „Ja, ja; wir wollen für ihn beten, jedes, wo der Herr uns hinführt: Er weiß die Gebete wohl zu ver⸗ einigen.“ „Aber, wenn ich Dir doch ſeine eigenen Worte ſage.“ „Ach, Renzo, er weiß nicht. „Ei, begreifſt Du denn nicht, daß, wenn ein Heiliger ſpricht, der Herr es iſt, der ihn ſprechen läßt? Und daß er nicht ſo geſprochen haben würde, wenn es nicht wirklich ſo ſein ſollte? Und die Seele dieſes armen Menſchen? Ich habe wohl für ihn gebetet und werde noch mehr für ihn beten; ich habe von Herzen gebetet, gerade, wie wenn ich für einen Bruder gebetet hätte. Aber, wie meinſt Du, daß es dieſem armen Menſchen in der andern Welt ergehen werde, wenn die Sache hier unten nicht ausgeglichen, wenn das Böſe, das er geſtiftet, nicht ungeſchehen gemacht wird? Wenn Du alſo jetzt wieder Vernunft annimmſt, ſo iſt 284 Alles, wie es früher warz was geſchehen iſt, iſt geſchehen: er hat ſeine Strafe hier unten erlitten.“ „Nein, Renzo, nein, Gott will nicht, daß wir Böſes thun, damit er Barmherzigkeit übe: überlaß dieſe Sache nur ihm: unſere Pflicht iſt es, zu ihm zu beten. Wenn ich heute Nacht geſtorben wäre, ſo hätte Gott ihm alſo nicht verzeihen können? Und wenn ich nicht geſtorben, wenn ich gerettet worden wäre...“ „Und Deine Mutter! Dieſe arme Agneſe, die es immer ſo gut mit mir gemeint, die ſich ſo ſehr geſehnt hat, uns als Mann und Frau zu ſehen, hat ſie Dir nicht auch ge⸗ ſagt, daß dieß ein verkehrter Gedanke iſt? Sie, die Dich ſchon früher manchmal zu Vernunft gebracht hat, weil ſie in gewiſſen Dingen richtiger denkt, als du. „Meine Mutter! meinſt Du denn, meine Mutter werde mir den Rath geben, ein Gelübde zu brechen? Ach Renzo, Du biſt nicht bei Sinnen!“ „O was das betrifft! Ihr Weiber könnt ſolche Sachen nicht verſtehen. Der Pater Criſtoforo hat mir geſagt, ich ſolle zu ihm zurückkommen und ihm erzählen, ob ich Dich gefunden habe. Ich gehe hin; wir werden ihn hören; was er ſagen wird „Ja, ja, gehe zu dem heiligen Manne: ſage ihm, daß ich für ihn bete, und daß er für mich beten möge, daß ich deſſen ſo ſehr, ſo ſehr bedürfe! Aber um's Him⸗ mels willen, um Deiner und meiner Seele willen, komm nicht mehr hierher zurück, um mir wehe zu thun, um.. mich zu verſuchen. Der Pater Criſtoforo wird Dir die Sache zu erklären wiſſen, damit Du Alles einſiehſt, er wird machen, daß Dein Herz ſich zufrieden gibt.“ „Mein Herz zufrieden! O, das ſchlag Dir nur ein für allemal aus dem Kopf. Du haſt mir dieſe dumme Redensart ſchon einmal ſchreiben laſſen; ich weiß, was ich darüber gelitten habe, und nun haſt Du auch noch das Herz, es mir zu ſagen. Ich aber, ich ſage Dir gerade und rund heraus, daß ſich mein Herz nie zufrieden geben ———— werde. Du willſt mich vergeſſen; aber ich will Dich nie vergeſſen. Uud ich betheure Dir, ſiehſt Du, daß, wenn Du mich um den Verſtand bringſt, ich ihn nie wieder finden werde. Hol' dann der Teufel das Handwerk, hol' der Teufel das ordentliche Leben! Du willſt mich verdam⸗ men, mein ganzes Leben lang raſend zu ſein; und wie ein Raſender werde ich leben.. Und dieſer arme Menſch! Weiß der Herr, ob ich ihm nicht von Herzen vergeben habe; aber Du.. Du willſt mich alſo mein ganzes Leben lang daran erinnern, daß, wenn er nicht geweſen wäre Lucia! Du haſt geſagt, daß ich Dich vergeſſen ſoll; daß ich Dich vergeſſen ſoll! Wie ſoll ich das machen? An wen glaubſt Du denn, daß ich dieſe ganze Zeit über gedacht habe? Und nach ſo vielen Erlebniſſen! Nach ſo vielen Verſprechungen! Was habe ich Dir denn gethan, ſeit wir uns verlaſſen haben? Weil ich gelitten habe, be⸗ handelſt Du mich ſo? Weil ich Unglück gehabt habe? Weil die Welt mich verfolgt hat? Weil ich ſo lange ferne von der Heimath, traurig, fern von Dir zugebracht habe? Weil ich im erſten Augenblick, wo ich konnte, gekommen bin, um Dich zu ſuchen?“ Sobald ein Strom von Thränen ihr geſtattete, Worte hervorzubringen, rief Lucia, von Neuem die Hände faltend und die in Thränen ſchwimmenden Augen zum Himmel erhebend:„O, heilige Jungfrau, ſtehe mir bei! Du weißt, daß ich ſeit jener Nacht keinen Augenblick mehr erlebt habe, wie dieſen. Du haſt mir damals geholfen, hilf mir auch jetzt!“ „Ja, Lucia, Du thuſt wohl daran, die Madonna an⸗ zurufen; aber warum willſt Du denn glauben, daß ſie, die ſie ſo gut, die ſie die Mutter aller Barmherzigkeit iſt, ein Gefallen daran finden könne, uns. wenigſtens mich leiden zu laſſen wegen eines Wortes, das Dir in einem Augenblick entſchlüpft iſt, wo Du nicht wußteſt, was Du ſagteſt? Willſt Du glauben, daß ſie uns damals ge⸗ holfen habe, um uns ſpäter in der Bedrängniß zu laſſen 2 286 Wenn das aber nur eine Entſchuldigung wäre? Wenn ich Dir vielleicht verhaßt worden bin? Sage es mir, ſprich deutlich!“ „Um's Himmels willen, Renzo, um's Himmels willen, bei Deinen armen Todten, höre auf, höre auf, tödte mich nicht;. es wäre nicht wohl gethan. Gehe zum Pater Criſtoforo, empfiehl mich ihm und komm nicht wieder her, komm nicht wieder her.“ „Ich gehe; aber glaube mir, daß ich wiederkommen werde; ich würde zurückkommen und wenn es am Ende der Welt wäre, ich würde zurückkommen;“ und er ver⸗ ſchwand. Lucia ging und ſetzte ſich oder ſank vielmehr zu Boden neben dem Bette; ſie lehnte den Kopf daran und fuhr fort, bitterlich zu weinen. Die Frau, welche bisher mit offenen Augen und Ohren athemlos dagelegen hatte, fragte jetzt, was dieſe Erſcheinung, dieſer Streit, dieſes Weinen zu bedeuten habe. Aber vielleicht fragt ſeinerſeits der Leſer, wer dieſe Frau war, und um ſeine Neugierde zu befriedi⸗ gen, wird es auch hier nicht allzu vieler Worte bedürfen. Sie war eine wohlhabende Kaufmannsfrau von etwa 30 Jahren. Binnen wenigen Tagen hatte ſie zu Hauſe ihren Gatten und alle ihre Kinder ſterben geſehen. Bald darauf ſelbſt von der allgemeinen Krankheit ergriffen, war ſie in's Lazareth geſchafft und in dieſe Hütte gebracht worden, zur Zeit, als Lucia, nachdem ſie, ohne es ſelbſt zu bemerken, den heftigſten Andrang des Uebels überſtan⸗ den und wiederum, ohne es zu bemerken, zu wiederholten Malen andere Genoſſinnen erhalten hatte, anfing, wieder zu ihrem Bewußtſein zu gelangen, das ſie gleich bei ihrem erſten Anfall noch im Hauſe des Don Ferrante verloren hatte. Das Zelt faßte nicht mehr als zwei Gäſte, und unter dieſen zwei betrübten, verlaſſenen, geängſtigten, unter einer ſo großen Menſchenmenge vereinſamten Frauen hatte ſich ſehr bald eine innige Freundſchaft gebildet, wie ſie kaum in Folge eines langen Umganges hätte entſtehen 287 können. Bald war Lucia im Stande geweſen, ihrer Ge⸗ fährtin, die einen äußerſt heftigen Anfall hatte, Dienſte zu leiſten. Jetzt, da auch dieſe die Gefahr überſtanden hatte, leiſteten ſie einander Geſellſchaft, ermuthigten und bewachten ſich gegenſeitig, hatten ſich verſprochen, nicht anders als mit einander das Lazareth zu verlaſſen, und hatten auch noch überdieß verabredet, ſich überhaupt nie mehr zu tren⸗ nen. Die Kaufmannsfrau, die Haus, Laden und Kaſſe, alles wohl ausgeſtattet, unter der Obhut eines Bruders, der Sanitätscommiſſär war, verlaſſen hatte und nun die alleinige traurige Beſitzerin eines weit größern Vermögens war, als ſie zu einem bequemen Leben bedurfte, wollte Lucia wie eine Tochter oder Schweſter bei ſich behalten, und man kann ſich denken, mit welcher Dankbarkeit gegen ſie und die Vorſehung das Mädchen dieſes Anerbieten annahm, aber nur auf ſo lange, bis ſie Nachrichten von ihrer Mutter hätte und, wie ſie hoffte, den Willen derſelben vernehmen könnte. Im Uebrigen hatte ſie, zurückhaltend wie ſie war, niemals weder von ihrer Brautſchaft, noch von ihren an⸗ dern außerordentlichen Erlebniſſen ein Wort geſprochen. Jetzt aber, bei einer ſo heftigen Aufregung ihrer Gefühle, war das Bevürfniß, ihrem Herzen Luft zu ſchaffen, eben ſo groß, als die Rengierde der Freundin. Und indem ſie mit beiden Händen die Rechte derſelben drückte, begann ſie ihre Fragen zu beantworten und erzählte Alles im Zu⸗ ſammenhang, ohne daß ihre traurigen Worte durch etwas Anderes, als durch vielfaches Schluchzen unterbrochen wurden. Rerzo lief inzwiſchen in großer Eile nach der Woh⸗ nung des guten Mönchs. Mit einiger Mühe und nicht ohne manchen Schritt vergeblich gethan zu haben, gelang es ihm endlich, dort anzukommen. Er fand die Hütte, den Pater ſelbſt traf er nicht; aber als er ſpähend in er Umgegend herumſtreifte, erblickte er ihn in einem Zelte, wo er, bis auf den Boden niedergebeugt, einen Sterbenden tröſtete. Er blieb in ſchweigſamer Erwartung ſtehen. Bald 288 darauf ſah er, wie der Pater dem armen Menſchen die Augen zudrückte, ſodann ſich auf die Kniee erhob, einen Augenblick betete und aufſtand. Er trat jetzt vor und ging ihm entgegen. ſagte der Mönch, als er ihn kommen ſah, * „Sie iſt da, ich habe ſie gefunden!“ „In welchem Zuſtand?“ „Geheilt oder wenigſtens nicht mehr bettlägerig.“ „Gelobt ſei der Herr!“ „Aber„ ſagte Renzo, als er nahe genug war, um leiſe mit ihm ſprechen zu können,„es gibt wieder ein anderes Hinderniß.“ „Was willſt Du damit ſagen?“ „Ich will ſagen, daß„ Ihr wißt ja, wie gut dieſes arme Mädchen iſt, aber manchmal beſteht ſie gar zu eigenſinnig auf ihren eigenen Gedanken. Nach ſo vielen Verſprechungen, nach allem dem, was Ihr wißt, ſagt ſie jetzt, ſie könne mich nicht heirathen, weil ſie, was weiß ich, in jener angſtvollen Nacht, als ihr der Kopf heiß war, ſich ſo zu ſagen der Madonna geweiht habe. Das ſind dumme Sachen, nicht wahr? Solche Sachen paſſen für Leute, die den Verſtand und Grund dazu haben; aber für uns gewöhnliche Leute, die wir uns nicht recht damit zu benehmen wiſſen„„nicht wahr, das ſind Sa⸗ chen, die nicht für uns paſſen?“ „Iſt ſie ſehr weit von hier?“ „O nein; nur wenige Schritte jenſeits der Kirche.“ „Erwarte mich hier einen Augenblick,“ ſagte der Mönch,„und dann wollen wir zuſammen gehen.“ „Das heißt, Ihr werdet ihr begreiflich machen „Ich weiß nichts, mein Sohn; ich muß vorher hören was ſie mir zu ſagen hat.“ „Ich begreife,“ ſagte Renzo und ſtand, die Blicke zur Erde geheftet, die Arme über der Bruſt gekreuzt, da, ſeine noch nicht verminderte Ungewißheit verwindend. Der Mönch 289 ſuchte von Neuem jenen Pater Vittore auf, bat ihn aber⸗ mals, ſeine Stelle zu vertreten, ging in ſeine Hütte, trat mit dem Korb am Arme wieder heraus, kehrte zu dem Wartenden zurück und ſagte zu ihm:„Laß uns gehen.“ Dann ſchritt er voran und ging nach jener Hütte zu, in welche ſie kurz vorher gemeinſchaftlich getreten waren. Dießmal ließ er Renzo draußen ſtehen; er ſelbſt trat hinein, erſchien aber nach einem Augenblick wieder und ſagte:„Es iſt nichts! Laß uns beten, laß uns beten!“ Dann fuhr er fort:„Jetzt, jetzt führe mich.“ Und ſie machten ſich ohne weitere Worte aufden Weg⸗ Das Wetter war inzwiſchen immer finſterer geworden und verkündete nunmehr mit aller Gewißheit einen nahen Sturm. Häufige Blitze durchbrachen die geſteigerte Dun⸗ kelheit und beleuchteten mit plötzlichem Glanz die überaus langen Dächer und Bogen der Hallen, die Kuppel der Kirche, die niedrigen Giebel der Hütten; zugleich brach mit plötzlichem Krachen der Donner los und rollte toſend von einer Himmelsgegend zur andern. Der Jüngling ſchritt, aufmerkſam auf den Weg, und die Seele erfüllt von unruhiger Erwartung voran, und er mußte ſeinen Gang gewaltſam hemmen, um ihn den Kräften ſeines Begleiters anzupaſſen, welcher, ermattet von den Beſchwer⸗ den, niedergedrückt von der Krankheit, beläſtigt von der Schwüle, nur mit Anſtrengung weiter gelangte und ein⸗ mal um's andere ſein abgezehrtes Geſicht zum Himmel erhob, gleich als ſuchte er freier zu athmen. Als Renzo vor die kleine Hütte gelangt war, blieb er ſtehen, drehte ſich um und ſagte mit bebender Stimmet „drinnen iſt ſie.“ Sie treten ein:„Sieh, da kommen ſie!“ ruft die Frau im Bette. Lucia dreht ſich um, erhebt ſich haſtig, geht dem Greis entgegen und ruft:„Ach, wen ſehe ich! ach, Pater Criſtoforo!“ „Nun wohl, Lucia! aus welchen Drangſalen hat der Die Verlobten. MI. 19 290 Herr Euch gerettet! Ihr müßt ſehr zufrieden ſein, daß Ihr immer auf ihn gehofft habt.“ „Ach ja! aber Ihr, Pater? Wehe mir, wie ſeid Ihr verändert! Wie geht es Euch, ſprecht, wie geht es Euch?“ „Wie Gott will und wie durch ſeine Gnade auch ich will,“ antwortete mit heiterer Miene der Mönch. Und indem er ſie in eine Ecke zog, fuhr er fort:„Hört! ich kann nur wenige Augenblicke dableiben. Seid Ihr geneigt, mir wie früher Euer Vertrauen zu ſchenken?“ „Ach, ſeid Ihr denn nicht immer noch mein Vater?“ „Nun denn, meine Tochter, wie verhält es ſich mit dem Gelübde, wovon Renzo mir geſagt hat? „Es iſt ein Gelübde, das ich der Madonna gethan habe, nicht zu heirathen.“ „Aber habt Ihr damals nicht bedacht, daß Ihr durch ein Verſprechen gebunden waret?“ „Wenn es ſich um den Herrn und die Madonna han⸗ delt!. Ich habe nicht daran gedacht.“ „Der Herr, meine Tochter, nimmt die Opfer und Gaben wohlgefällig an, wenn wir ſie von unſerem eigenen Gut darbringen. Das Herz iſt es, was er will, der Wille; aber Ihr konntet ihm den Willen eines Andern nicht darbringen, dem Ihr bereits verpflichtet waret.“ „Habe ich übel gethan?“ „Nein, armes Mädchen, denket nicht daran; ich glaube ſogar, daß die h. Jungfrau die Abſicht Eures betrübten Herzens wohlgefällig aufgenommen und Gott als Gabe dargebracht hat. Aber, ſagt mirz habt Ihr Niemand über dieſe Sache zu Rathe gezogen?“ „Ich dachte nicht, daß es Unrecht ſei, ſie zu beichien: das Wenige, das man thun kann, verdient ja doch kaum in Anſchlag gebracht zu werden.“ „Habt Ihr keinen andern Grund, der Euch abhält, Euer Verſprechen gegen Renzo zu erfüllen?“ „Was das betrifft ich für meine Perſon„. was für ein Grund?„ ich könnte nicht ſagen„ 291 nichts Anderes,“ antwortete Lucia, aber mit einer ſolchen Verblüfftheit, die etwas ganz Anderes als Ungewißheit ihres Gedankens verrieth; und ihr noch von der Krankheit entfärbtes Geſicht blühte jetzt auf einmal wieder in der lebhafteſten Röthe. „Glaubt Ihr,“ fuhr der Greis, den Blick ſenkend, fort,„daß Gott ſeiner Kirche die Macht verliehen hat, die Schulden und die Verpflichtungen, welche Menſchen um Seinetwillen eingegangen haben, nachzulaſſen und aufzu⸗ heben, je nachdem es zu größerem Heile gereicht?“ „Ja, das glaube ich.“ „So wißt denn, daß wir, denen die Sorge für die Seele an dieſem Orte anvertraut iſt, für alle diejenigen, die ſich an uns wenden, die umfaſſendſten Vollmachten der Kirche haben, und daß ich Euch demzufolge, wenn Ihr es verlangt, von aller und jeder Verpflichtung freiſprechen kann, welche Ihr durch dieß Gelübde eingegangen haben könnt!“ „Aber iſt es nicht Sünde, zurückzutreten, ein der Madonna gegebenes Verſprechen zu vereuen? Ich habe es damals von ganzem Herzen gegeben...“ ſagte Lucia, heftig erregt durch den Andrang einer ſo unerwarteten, man muß es ausſprechen, Hoffnung, ſowie durch eine ſie bekämpfende Angſt, welche durch all' die Gedanken, die ſeit ſo langer Zeit die Hauptbeſchäͤftigung ihrer Seele geweſen, noch erhöht war. „Sünde, meine Tochter?“ ſagte der Pater,„Sünde? ſich an die Kirche zu wenden und von ihrem Diener zu verlangen, daß er Gebrauch von der Gewalt mache, welche er von ihr und welche ſie wiederum von Gott empfangen hat? Ich habe geſehen, wie Ihr zwei dazu gekommen ſeid, Euch zu verbinden, und gewiß, wenn ich je glauben konnte, daß zwei Perſonen von Gott vereinigt ſeien, ſo waret Ihr es, und Ihr ſeid es noch: ich ſehe jetzt nicht ein, warum Gott Euch ſollte trennen wollen, und ich preiſe ihn, daß er mir trotz meiner Unwürdigkeit die hat, 19* 292 in ſeinem Namen zu ſprechen und Euch Euer Wort zurück⸗ zugeben. Wenn Ihr mich alſo erſuchet, daß ich Euch dieſes Gelübdes als entbunden erklären ſoll, ſo werde ich keinen Anſtand nehmen, es zu thun, und ich wünſche ſogar, daß Ihr es verlangt.“ „Nun denn!„. nun denn!. ſo verlange ich es,“ ſagte Lucia mit einer Miene, in welcher nur noch die Schaam einige Verwirrung hervorrief. Der Mönch rief mit einem Blick den Jüngling zu ſich, der im entfernteſten Winkel ſtand und mit unver⸗ wandten Blicken— es war ihm nicht anders möglich— der Unterredung zuſah, bei der er in ſo hohem Grade be⸗ theiligt war; als er dann nahe bei ihm ſtand, ſagte er mit klarer und deutlicher Stimme zu Lucia:„Kraft der Gewalt, die ich von der Kirche beſitze, erkläre ich Euch des Gelübdes der Jungfräulichkeit entbunden, hebe Alles auf, was Unbedachtes darin liegen konnte, und befreie Euch jeder Verpflichtung, die Ihr etwa eingegangen haben önnt. Der Leſer kann ſich denken, welch liebliche Muſik für Renzo's Ohr dieſe Worte waren. Er dankte mit den Augen auf's Lebhafteſte dem Manne, der ſie geſprochen hatte, und dann ſuchte er ſogleich, aber vergebens die Au⸗ gen Lucia's „Kehret mit Sicherheit und in Frieden zu Eueren frühern Gedanken zurück,“ fuhr der Kapuziner fort;„bittet den Herrn auf's Neue um die Gnade, um die Ihr ihn früher batet, daß Er Euch ein frommes Weib werden laſſe, und heget die Zuverſicht, daß er Euch dieſelbe nach ſo vielen Leiden in noch reichlicherem Maße verleihen wird. „Und Du,“ ſagte er zu Renzo ſich wendend,„bedenke ſtets, mein Sohn, daß, wenn die Kirche Dir dieſe Gefährtin zurückgibt, ſie es nicht thut, um Dir einen zeitlichen und weltlichen Troſt zu verſchaffen, der, wenn er auch voll⸗ ſtändig und ganz unvermiſcht mit Mißvergnügen ſein könnte, dennoch im Augenblick, da Ihr Euch verlaſſen würdet, 293 mit einem großen Schmerz enden würde; ſondern ſie that es, um Euch alle Beide auf den Weg des Troſtes zu geleiten, der kein Ende haben wird. Liebet Euch wie Reiſegeſährten mit dem Gedanken, daß Ihr Euch verlaſſen müßt, und mit der Hoffnung, daß Ihr Euch auf immer wiederfinden werdet. Danket dem Himmel, der Euch ſo weit geführt hat, nicht mitten durch ſtürmiſche und vor⸗ übergehende Freuden, ſondern durch Drangſal und Elend, um Euch zu einer ruhigen und frommen Freudigkeit zu ſtimmen. Wenn Gott Euch Kinder ſchenkt, ſo ſeid ſtets bedacht, ſie für Ihn zu erziehen, ihnen Liebe zu Ihm und zu allen Menſchen einzuflößen, und dann werdet Ihr ſie auch in allen übrigen Dingen gut anleiten. Lucia,“ fuhr er auf Renzo deutend fort,„hat er Euch geſagt, wen er hier geſehen hat?“ „Ach, Pater, er hat es mir geſagt!“ „Ihr werdet für ihn beten! ermüdet nicht darin⸗ Und betet auch für mich!... Kinder! ich wünſche, daß Ihr ein Andenken von dem armen Mönche habet.“ Und hier holte er aus ſeinem Korb eine Schatulle, zwar von gewöhnlichem Holz, aber mit einer gewiſſen kapuziner⸗ mäßigen Vollendung gedrechſelt und polirt, hervor und fuhr fort:„Da innen iſt der Reſt jenes Brodes„. des erſten, das ich von der Menſchenliebe gefordert habe, jenes Brodes von welchem Ihr ſprechen gehört habt! Ich hinterlaſſe es Euch: bewahret es auf; zeiget es Euern Kindern! Sie werden in eine trübſelige Welt, in ein ſchmerzensreiches Jahrhundert kommen, mitten unter hoch⸗ müthige Bedränger: ſagt Ihnen, daß ſie immer verzeihen ſollen, immer! Alles, Alles! und daß ſie für den armen Mönch beten ſollen!“ Und er überreichte die Schatulle Lucia, welche ſie ehrfurchtsvoll, wie wenn es ſich um eine Reliquie gehan⸗ delt hätte, im Empfang nahm. Dann fuhr er in ruhi⸗ gerem Tone fort:„Jetzt ſagt mir, was für Ausſichten habt Ihr hier in Mailand? Wo glaubet Ihr eine Unter⸗ 294 kunft finden zu können, wenn Ihr von hier fortgehet? und wer wird Euch zu Euerer Mutter geleiten, welche Gott geſund erhalten möge!“ „Dieſe gute Frau hier vertritt inzwiſchen Mutter⸗ ſtelle an mir; wir werden zuſammen von hier weggehen und ſie wird dann an Alles denken.“ „Gott ſegne Euch,“ ſagte der Mönch, indem er ſich dem Bette näherte. „Auch ich danke Euch,“ ſagte die Wittwe,„für den Troſt, den Ihr dieſen armen Leutchen da geſchenkt habt, obſchon ich darauf gerechnet habe, die liebe Lucia immer bei mir zu behalten. Aber ich behalte ſie doch inzwiſchen; ich werde ſie in ihr Dorf begleiten, ich werde ſie zu ihrer Mutter bringen und,“ fügte ſie leiſe hinzu:„ich will auch ihre Ausſtattung beſorgen. Ich beſitze Sachen genug, und von denjenigen, welche ſich mit mir daran erfreuen ſollten, habe ich Niemand mehr.“ „Alſo,“ antwortete der Mönch,„könnt Ihr dem Herrn ein großes Opfer bringen und Eurem Nächſten Gutes erweiſen. Ich empfehle Euch dieſes Mädchen nicht anz denn ich ſehe ſchon, daß es Eure Tochter geworden iſt; wir müſſen nur Gott preiſen, der, ſelbſt wenn er züchtigt, ſich als Vater zu erweiſen weiß, und der Euch Beiden ein ſichtbares Liebeszeichen gab, indem er Euch einander finden ließ. Wohlan denn,“ fuhr er fort, indem er ſich zu Renzo wandte und ihn bei der Hand nahm,„wir Beide haben hier Nichts mehr zu ſchaffen und wir ſind ſchon allzu lange dageweſen; laß uns gehen.“ „Ach, Pater,“ ſagte Lucia,„werde ich Euch wieder⸗ ſehen? Ich bin geheilt, ich, die ich auf dieſer Welt nichts Gutes thue, und Ihr!...5 „Schon ſeit langer Zeit,“ antwortete der Greis in freundlich ernſtem Tone,„bitte ich den Herrn um eine allerdings große Gnade, meine Tage im Dienſte meiner Nebenmenſchen beſchließen zu dürfen. Wenn Er ſie mir jetzt gewähren wollte, ſo müſſen alle diejenigen, die Liebe —— 295 für mich haben, in meinen Dank gegen ihn miteinſtim⸗ men. Hinweg denn; gebt Renzo Eure Aufträge für Eure Mutter.“ „Erzähle ihr, was Du geſehen haſt,“ ſagte Lucia zu ihrem Bräutigam,„daß ich hier eine zweite Mutter ge⸗ funden habe, daß ich ſobald als möglich mit ihr kommen werde, und daß ich ſehnlich hoffe, ſie geſund anzutreffen.“ „Wenn Du Geld brauchſt,“ ſagte Renzo,„ſo habe ich ailes Dasjenige bei mir, das Du mir haſt ſchicken laſſen, und. „Nein, nein,“ fiel die Wittwe ein,„ich habe mehr als zu viel.“ „Laß uns gehen,“ begann der Mönch wieder.“ „Auf Wiederſehen, Lucial Und alſo auch Euch, meine gute Frau,“ ſagte Renzo, der keine Worte fand, um ſeine Empfindungen in dieſem Augenblick deutlich auszudrücken. „Wer weiß, vb der Herr uns die Gnade erweiſen wird, uns Alle einander wiederſehen zu laſſen!“ rief Lucia. „Der Herr ſei immerdar mit Euch und er ſegne Euch,“ ſagte Pater Criſtoforo zu den beiden Freundinnen und ver⸗ ließ mit Renzo die Hütte. Der Abend war nicht ſehr fern und die Kriſis des Wetters ſchien noch näher gekommen. Der Kapuziner bot dem obdachloſen Jüngling von Reuem an, ihn über Nacht in ſeiner armen Hütte zu beherbergen.„Geſellſchaft,“ fügte er hinzu,„werde ich Dir nicht leiſten können, aber Du wäreſt doch im Trocknen.“ Renzo empfand jedoch einen unwiderſtehlichen Drang, zu wandern, und ein längerer Aufenthalt an dem Orte hatte für ihn keinen Reiz, da es ihm doch nicht erlaubt war, Lucia wiederzuſehen, und da er auch mit dem guten Mönch ſich nicht hätte unterhalten können. Was Zeit und Wetter betraf, ſo kann man wohl ſagen, daß ihm in dieſem Augenblick Nacht und Tag, Sonnenſchein und Re⸗ gen, Zephir und Nordwind, Alles ganz gleich galt. Er 296 dankte alſo und ſagte, er wolle ſo ſchnell als möglich Agneſe aufſuchen. Als ſie auf der Straße waren, drückte ihm der Mönch die Hand und ſagte:„Wenn Du ſie findeſt, was Gott geben wolle, dieſe gute Agneſe, ſo grüße ſie auch in mei⸗ nem Namen, und ihr und Allen denen, die noch leben und ſich des Paters Criſtoforo erinnern, ſage, daß ſie für mich beten. Gott geleite Dich und ſegne Dich immerdar.“ „Ach, lieber Pater! werden wir uns wieder⸗ ſehen? werden wir uns wiederſehen?“ „Dort oben, hoffe ich.“ Und mit dieſen Worten trennte er ſich von Renzo, welcher ſtehen blieb und ihm nachſchaute, bis er aus ſeinen Augen entſchwand. Dann eilte der glückliche Jüngling dem Thore zu, indem er nach rechts und links die ketzten Blicke des Mitleids auf dieſe Stätte des Jammers warf. Es herrſchte eine außer⸗ ordentliche Regſamkeit vor: Wagen wurden fortgezogen, Monatti rannlen hin und her, die Vorhänge der Zelte wurden zurecht gemacht, Kranke ſchwankien nach dieſen und jenen Hallen zu, um Schutz gegen den bevorſtehenden Regen zu ſuchen. Siebenunddreißigſtes Capitel. Renzo hatte auch in der That kaum die Schwelle des Lazareths überſchritten und ſich auf den Weg gemacht(er wandte ſich rechts, um den Fußſteig wiederzufinden, auf welchem er am Morgen unter die Mauern gelangt war), ſo brach gleichſam ein Hagel von großen, einzelnen Tropfen los, die auf den weißen, dürren Weg niederſchlugen, wie⸗ der abprallten, und einen dünnen Staub aufregten; ſehr bald verdichteten ſie ſich zu wirklichem Regen und ehe er noch den Fußſteig erreichte, goß es wie mit Eimern herab. 6 297 Weit entfernt, ſich dadurch beläſtigt zu fühlen, watete Renzo wohlgemuth darunter hin, freute ſich an dieſer Er⸗ friſchung, an dieſem Gemurmel, an dieſem Gewimmel der Gräſer und Blätter, welche ſich regten, tropften, neu ergrünten und wieder glänzten; er ſchöpfte manchmal aus voller Bruſt tief Athem, und in dieſer Auflöſung der Na⸗ tur empfand er gleichſam freier und lebhafter die Löſung, die ſich in ſeinem Schickſal ergeben hatte. Aber um wie viel reiner und ſtärker würde dieſe ſeine Empfindung geweſen ſein, wenn er hätte ahnen können, was ſich nach wenigen Tagen zeigte, nämlich, daß dieſes Waſſer die Seuche fortnahm, ſo zu ſagen, wegwuſch; daß das Lazareth fortan, wenn es auch nicht alle Leben⸗ digen, die es enthielt, den Lebendigen zurückgab, wenig⸗ ſtens keine neuen mehr verſchlingen ſollte, daß man nach einer Woche Thüren und Läden wieder öffnen, faſt nur noch von Contumaz ſprechen, und daß von der Seuche nur da und dort ein Zeichen übrig bleiben ſollte; ſolche Spuren wie jede auf einige Zeit hinter ſich ließ. Unſer Wanderer ſchritt alſo heitern Muthes dahin, ohne vvraus zu wiſſen, wo, wie oder wann, oder ob er überhaupt für die Nacht eine Herberge finden werde; ſeine einzige Sorge war darauf gerichtet, vorwärts zu kommen, recht bald in ſein Dorf zu gelangen, Jemand zu finden, mit dem er ſprechen, dem er erzählen könne, und vor allen Dingen recht bald nach Paſturo zu kommen, um Agneſe aufzuſuchen. Er ſchritt darauf zu, und wenn auch ſein Gemüth von den Erlebniſſen dieſes Tages gänzlich in Aufruhr verſetzt war, ſo tauchte immer unter dem Jammer, den Schreckniſſen, welche er mit angeſehen, ein holder Gedanke auft„ich habe ſie gefunden; ſie iſt geheilt, ſie iſt mein!“ Und dann machte er einen Satz, daß er um ſich ſpritzte, wie ein Pudel, der eben aus dem Waſſer gekommen iſt; zuweilen begnügte er ſich auch mit einem behaglichen Händereiben, und ſo ging er immer raſcher darauf zu. Indem er auf den Weg ſah, las er, ſo zu 298 ſagen, die Gedanken wieder auf, die er am Morgen und Tags zuvor beim Hereinkommen da zurückgelaſſen hatte, und mit der größten Luſt gerade diejenigen, welche er am eifrigſten bemüht geweſen war, fern zu halten, die bangen Zweiſel, die Schwierigkeiten ſie zu finden, ſie lebend unter ſo vielen Todten und Sterbenden wiederzufinden.— Und ich habe ſie lebend gefunden!— Er verſetzte ſich in die mißlichſten Augenblicke, in die ſchrecklichſten Drangſale dieſes Tages zurück, er dachte ſich mit jenem Klopfer in der Hand: wird ſie da ſein, oder wird ſie nicht da ſein? und eine ſo höchſt unerfreuliche Antwort; und noch nicht ein⸗ mal die Zeit zu haben, ſie hinunterzuſchlucken, ſondern dann gleich die Wuth dieſes tollen Geſindels auf dem Halſe, und dieſes Lazareth, dieſes Meer! Dorthin ging ich, ſie zu ſuchen! Und ich habe ſie gefunden! Er rief ſich den Augenblick zurück, als die Prozeſſion der Reconvalescenten an ihm vorübergezogen war; welch ein Augenblick! Welch ein Herzeleid, ſie nicht darunter zu fin⸗ den! Und jetzt bekümmerte er ſich gar nichts mehr darum. Und dieſes Weiberviertel! Und da hinter jener Hütte, als er es am allerwenigſten erwartete, dieſe Stimme, dieſe ihm ſo wohl bekannte Stimme! Und ſie zu ſehen! Sie geſund zu ſehen! Aber wie? Da war noch immer dieſer Knoten mit dem Gelübde vorhanden und noch feſter zu⸗ ſammengezegen als je. Auch der gelöst. Und jene Wuth über Don Rodrigo, jener verwünſchte Grimm, der alle Leiden noch mehr verbitterte und alle Freuden vergiftete, auch der erſtickt. Kurz, man könnte ſich nicht wohl einen Zuſtand größerer Zufriedenheit denken, wenn nicht die Unge⸗ wißheit über Agneſe, der Kummer um Pater Criſtoforo und das Bewußtſein, ſich mitten in einer Peſt zu befinden, geweſen wären. Er kam nach Seſto, als es dunkel wurde; der Regen ſchien immer noch nicht nachlaſſen zu wollen; da er ſich aber kräftiger fühlte als je und die vielen Schwie⸗ rigkeiten bedachte, die er haben würde, um ſo gänzlich 299 durchnäßt irgendwo unterzukommen, ſo dachte er nicht ein⸗ mal an eine Herberge. Das einzige Bedürfniß, das ſich fühlbar machte, war ein ſtarker Appetit; denn nach ſolchen Erlebniſſen, hatte das bischen Suppe des Kapuziners nicht ſehr anſchlagen können. Und er hätte noch ganz andere Dinge zu verdauen vermocht. Er ſchaute ſich um, ob er auch hier einen Bäckerladen finden könne, er ſah wirklich einen und bekam mittelſt Zangen und jenen anderen Um⸗ ſtändlichkeiten zwei Brode. Das eine in der Taſche, das andere unter den Zähnen— ſo ſchritt er dann vorwärts. Als er nach Monza kam, war es vollſtändig Nacht; gleichwohl wußte er ſich auf die rechte Straße hinauszu⸗ finden. Obſchon nun dieß allerdings ein großes Glück war, ſo kann man ſich deßungeachtet auch denken, wie dieſe Staße ausſehen mochte und wie ſie ſich mit jedem Augen⸗ blicke mehr geſtaltete. Eingeſenkt(dieß waren ſie alle und wir müſſen es ſchon anderswo einmal geſagt haben), wie ein Flußbett zwiſchen zwei Erdwänden, hätte man ſie in dieſer Stunde, wenn auch nicht einen Bach, doch einen Waſſergang nennen können; bei jedem Schritt Löcher und Pfützen, ſo daß ſchon viel dazu gehörte, die Schuhe und manchmal auch die Füße wieder heraus zu bekommen. Aber Renzo half ſich ſo gut er konnte fort, ohne Anwand⸗ lungen von Ungeduld, ohne Worte des Zornes, ohne Reue; denn er bedachte, daß jeder Schritt, wenn er auch noch ſo mühſam ſei, ihn dennoch weiter bringe, daß der Regen ſchon aufhören werde, wenn es Gott gefalle, daß ſeiner Zeit auch der Tag anbrechen würde, und daß dann der Weg, den er jetzt mache, ein für alle Mal gemacht ſei. Uebrigens muß ich ſagen, daß er eigentlich nur in den Augenblicken der höchſten Noth daran dachte; dieß waren Zerſtreuungen. Die Hauptbeſchäftigung ſeines Geiſtes beſtand darin, die Geſchichte der verfloſſenen traurigen Jahre zu durchgehenz ſo manche Verwickelungen, ſo manche Wiverwärtigkeiten, ſo manche Augenblicke, wo er nahe daran geweſen, ſelbſt der Hoffnung zu entſagen und Alles 300 verloren zu geben; und dieſen Vorſtellungen durfte er jetzt die Bilder einer ſo ganz verſchiedenen Zukunft, die bal⸗ dige Ankunft Lucia's, die Hochzeit, die Haushaltung, das Vergnügen, die überſtandenen Schickſale zu erzählen, und ſein ganzes übriges Leben entgegenhalten. Wie er es bei Wegſcheiden hielt, deren es doch manche gab; ob ſeine geringe Kenntniß derſelben mit Hülfe des ſchwachen Dämmerlichtes ihn immer die rechte Straße finden ließ, oder ob er immer nur auf's Gerathewohl los⸗ ſchritt, das wüßte ich nicht zu ſagen; denn er ſelbſt, der ſeine Geſchichte ſehr umſtändlich, ja ſogar etwas langwei⸗ lig zu erzählen pflegte(und Alles führt uns auf den Glau⸗ ben, daß unſer Anonymus ſie mehr als einmal aus ſei⸗ nem eigenen Munde vernommen habe), er ſelbſt ſagte bei dieſer Stelle, er erinnere ſich dieſer Nacht bloß ſo, wie wenn er ſie in ſeinem Bette verträumt hätte. Thatſache iſt, daß er am Ende derſelben bis zur Adda hinabge⸗ langt war. Es hatte noch nicht ausgeregnet, aber um eine gewiſſe Zeit war aus einer Art von Wolkenbruch ein tüchtiger Regen und hernach ein ſeines, ſtilles, gleichmäßiges Rieſeln geworden; die hohen und dünnen Wolken bildeten einen fort⸗ währenden, aber leichten und durchſichtigen Schleier, und das Licht der Dämmerung geſtattete Renzo, einen Blick auf die Gegend. Sein Dorf lag darin, und was er bei dieſem Anblick empfand, läßt ſich nicht beſchreiben. Ich kann weiter Richts ſagen, als daß ihm jene Berge, jener nahe⸗ liegende Reſegane, das ganze Gebiet von Lecco ſo vor⸗ kam, wie wenn ſie ihm eigen gehörten. Er warf auch einen Blick auf ſich ſelbſt und erſchien ſich etwas ſeltſam, da er merkte, wie er ungefähr ausſehen müſſe. Alles an ſeinem Leib verdorben und wie zerriſſen; vom Wirbel bis zum Gürtel Alles eine Näſſe, eine Traufe; vom Gürtel bis zu den Sohlen Schlamm und Koth; gerade die Stel⸗ len, die davon frei waren, hätte man Spritzlecken nennen können. Wenn er ſich vollends ganz im Spiegel geſehen —— —„ —,— 301 hätte mit ſeinen ſchlaff herabhängenden Hutkrämpen und die Haare über das Geſicht herabgefloſſen und angeklebt, dann würde er ſich noch viel ſchöner vorgekommen ſein. Was Müdigkeit betraf, ſo mochte ſolche vorhanden ſein, aber er wußte Nichts davon, und die Friſche des Mor⸗ gens, welche auf die Kühle der Nacht und das reichliche Bad gefolgt war, flößte ihm nur einen erneuerten Wunſch ein, noch ſtärker darauf los zu ſchreiten. Er iſt in Pes⸗ cate; er geht dieſe letzte Strecke der Adda entlang hin, indem er noch einen ſchwermüthigen Blick auf Pescarenicv wirft; er ſchreitet über die Brücke, er gelangt auf Straßen und Feldwegen bald vor das Haus ſeines Gaſtfreundes. Dieſer, der kaum aufgeſtanden war und an der Thüre ſtand, um nach dem Wetter zu ſchauen, riß die Augen weit auf, als er eine ſo triefende, ſo ſchmutzige, wir dür⸗ fen wohl ſagen, ſo ſchmierige und doch zugleich ſo mun⸗ tere und lebhaſte Geſtalt auf ſich zukommen ſah; ſeiner Lebtage hatte er nie einen ſo ſchlimm zugerichteten und je⸗ doch ſo vergnügten Menſchen geſehen. „Ei,“ ſagte er,„ſchon wieder da? Und bei dieſem Wetter? Wie iſt's gegangen?“ „Sie iſt da,“ fagte Renzo,„ſie iſt da, ſie iſt da!“ „Geſund?“ „Geheilt, was noch beſſer iſt. Ich muß dafür dem Herrn und der Madonna in Zeit und Ewigfeit danken. Aber große Dinge, wunderbare Dinge; ich will Dir dann Alles erzählen.“ „Aber wie Du zugerichtet biſt!“ „Recht ſchön, nicht wahr?“ „Wahrlich Du könnteſt das Obere dazu brauchen, um das Untere abzuwaſchen, aber wart nur einen Augen⸗ blick, ich will Dir ein gutes Feuer anmachen.“ „Ich will mich nicht lange dagegen ſperren; weißt Du, wo es mich erwiſcht hat? Gerade vor dem Thor des Lazareths. Aber was mache ich mir daraus? Das Wetter geht ſeinem Geſchäft nach und ich dem meinigen.“ 302 Der Freund ging und kam mit zwei Reiſigbüſcheln zurückz er legte das eine auf den Boden, das andere auf den Herd, und fachte bald mit etwas Kohlengluth, die noch vom Abend übrig war, eine ſchöne Flamme an. Renzo hatte inzwiſchen ſeinen Hut abgenommen, zwei oder dreimal tüchtig geſchüttelt und dann auf die Erde gewot⸗ fen. Darauf hatte er, aber nicht ſo leicht, ſeine Jacke ausgezogen. Er nahm ſofort aus der Hoſentaſche ſein Meſſer, deſſen Scheide durchnäßt und eigentlich eingeweicht war; er legte es auf einen Tiſch und ſagte:„Auch das iſt gut zugerichtet; aber es iſt nur Waſſer, es iſt nur Waſſer! Dem Herrn ſei Dank und Lob geſagt! Ich bin um ein Haar„. doch ich erzähle es Dir nachher.“ Und er rieb ſich die Hände.„Jetzt thue mir noch einen anderen Gefallen,“ fügte er hinzu:„gehe und hole mir das Bündelchen, das ich droben gelaſſen habe, denn ehe dieß Zeug trocknet, das ich auf dem Leibe habe Mit dem Bündel zurückgekehrt ſagte der Freund:„Ich denke, Du wirſt auch Appetit haben: am Trinken hat es natürlich unterwegs nicht gefehit, aber zu eſſen. „Ich habe geſtern Abend noch ſpät zwei Brode kauſen können, aber ſie haben mir wahrhaftig kaum einen Zahn berührt.“ „Laß mich nur machen,“ ſagte der Freund, goß Waſ⸗ ſer in einen Keſſel, den er dann an die Kette hing, und fuhr fort:„Ich gehe melken, wenn ich mit der Milch zu⸗ rückkomme, wird das Waſſer fertig ſein und wir machen dann eine gute Polenta. Du kannſt Dich inzwiſchen ganz nach Bequemlichkeit umkleiden.“ Als Renzo allein zurück⸗ blieb, zog er nicht ohne Mühe ſeine übrigen Kleidungs⸗ 6 ſtücke vollends aus, die ihm wie an die Haut geleimt wa⸗ ren; er trocknete ſich ab und kleidete ſich von Kopf bis zu Fuß neu an. Der Freund kam zurück und begann die Polenta zu bereiten. Renzo ſetzte ſich inzwiſchen und wartete. „Jetzt ſpüre ich's erſt, daß ich müde bin; aber es iſt 303 auch ein tüchtiger Marſch. Doch das macht nichts. Ich habe für den ganzen Tag zu erzählen. Wie iſt Mailand zugerichtet! Was man da ſehen muß! was man da be⸗ rühren muß! Dinge, daß man ſich hernach ſelbſt aneckelt. Ich ſage Dir nur, dieſe kleine Wäſche, die ich da über⸗ ſtanden habe, war ganz nöthig, und was dieſe Herrn da drunten mir für eine Suppe einbrocken wollten! Du ſollſt hören. Aber wenn Du das Lazareth ſäheſt! Man vergeht ſaſt im Jammer. Nun ich will Dir Alles erzählen... Und ſie iſt da und ſie wird kommen und ſie wird mein Weib und Du mußt Zeuge ſein, und Peſt hin Peſt her, wenigſtens ein paar Stunden wollen wir vergnügt mitein⸗ ander zubringen.“ Im Uebrigen hielt er ſein Verſprechen, das er dem Freunde gegeben, ihm den ganzen Tag erzäh⸗ len zu wollen, und zwar um ſo mehr, als ein feiner Re⸗ gen gar nicht aufhören wollte und dieſer daher fortwährend zu Hauſe blieb, theils neben ſeinem Gaſte ſitzend, theils mit einer Kufe, einem Fäßchen und andern Vorhereitungen zur Weinleſe und zur Weinfabrikation beſchäftigt, wobei Renzo nicht umterließ ihm an die Hand zu gehen; denn et war, wie er zu ſagen pflegte, einer von denjenigen, die vom Nichtsthun müder werden als vom Arbeiten. Er konnte ſich's indeß nicht verſagen einen kleinen Sprung nach Ag⸗ neſens Haus zu machen um ein gewiſſes Fenſter zu beſehen und ſich auch da die Hände wieder zu reiben. Er ging, kehrte bei Zeiten zurück und legte ſich ſchlafen. Am an⸗ dern Morgen ſtand er bald auf, und da er ſah, daß der Regen aufgehört, wenn auch der Himmel ſich noch nicht aufgeklärt hatte, ſo machte er ſich ungeſaͤumt auf den Weg nach Paſturo. Gs war noch früh als er hinkam, denn es drängte ihn mit nicht minderem Verlangen, als etwa der Leſer haben kann, zum Ende. Er fragte nach Agneſe, hörte, daß ſie wohl und geſund ſei, und man bezeichnete ihm ein ein⸗ zeln ſtehendes Häuschen als ihre Wohnung. Er ging hin und rief ſie von der Straße aus beim Namen. Auf eine 304 ſolche Stimme kam ſie haſtig an's Fenſter, und während ſie mit offenem Munde daſtand, um irgend ein Wort, irgend einen Ton hervorzubringen, kam Renzo ihr zuvor und ſagte:„Lucia iſt geheilt: ich habe ſie vorgeſtern ge⸗ ſehen: ſie läßt Euch ſchön grüßen; ſie wird bald kommen. Und dann habe ich Euch gar Viel zu erzählen.“ In der Ueberraſchung durch den unerwatteten Beſuch, in der Frende ihres Herzens über dieſe Nachricht und im unge⸗ ſtümen Verlangen, noch mehrzuerfahren, begann Agneſe bald einen Ausruf, bald eine Frage, aber ohne Etwas zu voll⸗ enden: dann ſagte ſie, die Vorſichtsmaßregeln vergeſſend, die ſie ſeit langer Zeit zu beobachten gewohnt war;„Ich komme hinab und öffne.“ „Wartet noch ein wenig; und die Peſt?“ ſagte Renzo: „Ihr habt ſie nicht gehabt, glaub' ich.“ „Ich nicht, und Ihr?“ „Ich habe ſie gehabt; aber eben darum müßt Ihr vernünftig ſein; ich komme aus Mailand und ich habe, wie Ihr hören werdet, bis unter die Augen in der Seuche geſteckt. Ich habe mich allerdings von Kopf zu Fuß um⸗ gekleidet; aber es iſt dies ein Unflath, der zuweilen wie ein Zauber anhängt. Da nun der liebe Gott Euch bis⸗ her behütet hat, ſo müßt Ihr Sorge tragen bis dieſe Seuche vorüber iſt, denn Ihr ſeid ja unſer liebes Mütter⸗ chen, und ich hoffe, daß wir noch ein ſchönes Stück Zeit fröhlich zuſammenleben werden, zur Entſchädigung für die vielen Leiden, die wir ausgeſtanden haben, wenigſtens ich.“ „Aber begann Agneſe. „Nichts da!“ fiel Renzo ein,„s hilft jetzt kein Aber mehr. Ich weiß, was Ihr ſagen wollt, aber Ihr ſollt hören, daß von keinem Aber mehr die Rede iſt! Laßt uns irgend wohin ins Freie gehen, wo wir gemächlich und ohne Gefahr mit einander ſprechen können, dann werdet Ihr hören.“ Agneſe bezeichnete ihm einen Küchengarten hinter dem Haus; er ſolle hineingehen und ſich auf eine der beiden 6 305 Bänke ſetzen, die einander gegenüberſtänden; ſie werde dann ſogleich hinunter kommen und ſich auf die andere ſetzen. So geſchah es denn, und ich bin überzeugt, daß, wenn der Leſer mit all ſeiner Kenntniß der geſchehenen Dinge ſich als dritte Perſon hätte dabei einfinden und mit ſeinen Augen dieſe belebte Unterhaltung hätte ſehen, mit ſeinen Ohren dieſe Erzählungen, dieſe Fragen, dieſe Erklärungen, dieſe Ausrufungen, dieſe Beileidsbezeigungen und dieſe Glückwünſche, dieſe Geſchichte von Don Rodrigo, vom Pater Criſtoforo und das Alles, dieſe Beſchreibungen der Zukunft, klar und beſtimmt wie die der Vergangenheit hätte hören können, ich bin überzeugt, ſage ich, daß er ſeine Freude daran gehabt hätte und der letzte geweſen wäre, der hier wegging. Aber dieſe ganze Unterredung mit ſtummen aus Dinte gemachten Worten auf dem Pa⸗ pier zu haben ohne ein einziges neues Factum darin zu ſinden, daran wird ihm wohl nicht viel liegen, und gewiß iſt es ihm lieber, wenn wir ihn dieſelbe blos errathen laſſen. Das Ende war, daß alle zuſammen ins Berga⸗ maskiſche ziehen wollten, in das Dorf, worin Renzo ſich bereits ſo gut eine Bahn gebrochen; in Betreff der Zeit konnte man Nichts beſchließen, weil dies von der Peſt und andern Umſtänden abhing: ſobald die Gefahr vorüber wäre, ſollte Agneſe nach Haus zurückkommen und Lucia erwarten, oder Lucia ſollte ſie da erwarten, inzwiſchen aber ſollte Renzo noch öfter nach Paſturv kommen, um ſein Mütterchen zu beſuchen und von Allem, was vorgehe, zu unterrichten. Ehe er ging, bot er auch ihr Geld und ſagte:„Sehet her, ich habe ſie alle noch, dieſe Golbſtücke: ich hatte auch ein Gelübde gethan, ſie nicht zu berühren, bis die Sache im Klaren wäre. Jetzt, wenn Ihr ſie braucht, bringt ein Näpfchen mit Waſſer und Eſſig her, dann will ich Euch die fünfzig ſchönen, blanken Seudi hineinwerfen.“ „Nein, nein,“ ſagte Agneſe,„ich habe ſelbſt noch Die Verlobten. M. 20 306 mehr, als ich bedarf; behaltet die Eurigen nur, ſie werden Euch gut kommen, um die Haushaltung einzurichten.“ Renzo kehrte mit dieſem neuen Troſt eine ſo theure Perſon munter und getroſt wieder angetroffen zu haben, nach ſeinem Dorfe zurück. Er brachte den übrigen Theil des Tags und die Nacht im Hauſe des Freundes zu, am folgenden Morgen brach er wiederum, aber nach einer an⸗ dern Seite hin, nach dem Dorfe auf, das er ſich als ſeine zweite Heimath auserkoren. Er traf hier Bartolo noch immer geſund und weniger ängſtlich als früher, denn in dieſen paar Tagen hatten die Dinge auch dort raſch eine günſtige Wendung genommen, die Erkrankungen waren ſelten geworden; die Krankheiten waren nicht mehr dieſelben; es waren nicht mehr jene tödtlichen, ſchwarzblanen Farben, nicht mehr jene gewalt⸗ ſamen Erſcheinungen, ſondern nur leichte, großentheils bald nachlaſſende Fieber, höchſtens da und dort mit einer klei⸗ nen farbloſen Peſtbeule, die ſich wie ein gewöhnliches Blutgeſchwür heilen ließ. Das Dorf hatte bereits ein ganz anderes Anſehen gewonnen; die Uebriggebliebenen begannen hervorzukommen, ſich zu zählen, einander Beileid zu be⸗ zeigen und Glück zu wünſchen. Man ſprach davon, die Arbeiten wieder zu beginnen, die noch lebenden Fabrikherrn dachten ſchon daran, Arbeiter zu ſuchen und in Dienſte zu nehmen, hauptſächlich in ſolchen Gewerben, wo ſie ſchon vor der Seuche nicht zu häufig geweſen waren, wie na⸗ mentlich in der Seidenſpinnerei. Renzo zierte ſich nicht lange, ſondern verſprach— mit Vorbehalt der nöthigen Zuſtimmungen— ſeinem Vetter, wieder in Arbeit zu tre⸗ ten, ſobald er mit Familie angekommen wäre und ſich im Dorfe niedergelaſſen hätte. Inzwiſchen ſorgte er für die nöthigſten Vorbereitungen; er miethete eine geräumige Woh⸗ nung, die nur allzu leicht und ſehr wohlfeil zu bekommen war, und verſah ſie mit Meubeln und Geräthſchaftenz diesmal griff er ſeinen Schatz an, ohne jedoch einen allzu großen Riß in denſelben machen zu müſſen, denn Alles war im Ueberfluß vorhanden und qm billigen Preis zu haben⸗ 307 Nach einer gewiſſen Anzahl von Tagen kehrte er in- ſein heimathliches Dorf zurück, das er nun gleichfalls ſehr zu ſeinem Vortheil verändert fand. Er eilte ſogleich nach Paſturo, traf Agneſe vergnügt und bereit nach Hauſe zu fommen, ſobald es ſein müſſe; er nahm ſie daher ſogleich mit. Wir wollen inzwiſchen die Empfindungen und Ge⸗ ſpräche dieſer beiden Leute, als ſie mit einander jene Orte wiederſahen, nicht beſchreiben. Agneſe traf Alles, wie ſie es verlaſſen hatte. Sie ſagte daher, diesmal hätten, da es ſich um eine arme Wittwe und ein armes Mädchen ge⸗ handelt, die Engel Wache gehalten. „Und das andere Mal,“ fügte ſie hinzu, als man hätte glauben ſollen, der Herr ſehe anderswohin und denke nicht an uns, weil er unſer bischen Hab und Gut fort⸗ ſchleppen ließ, da hat er mir gerade das Gegentheil ge⸗ zeigt, denn er hat mir von einer andern Seite her dieſe ſchönen Seudi geſchickt, mit denen ich Alles wieder an⸗ ſchaffen konnte. Ich ſage Alles, aber das iſt nicht wahr, denn Lucia's Ausſteuer, welche dieſe Schlingel, ſo ſchön und vollſtändig ſie war, ſammt allem Uebrigen geraubt haben, dieſe fehlte noch, und ſiehe da kommt ſie uns von einer andern Seite zu. Wer hätte mir, als ich mir ſo viele Mühe gab, jene andere fertig zu machen, geſagt: Du glaubſt, für Lucia zu arbeiten, ach arme Frau! Du ar⸗ beiteſt, Du weißt nicht für wen: der Himmel weiß, was für Geſchöpfe dieſes Weißzeug und dieſe Kleider auf den Leib bekommen werden: die wahre Ausſtattung Lucias aber, diejenige, die ihr wirklich zu gut kommen wird, für die wird eine gute Seele ſorgen, von deren Daſein Du nicht einmal Etwas weißt.“ Agneſens erſte Sorge war in ihrem kleinen Häuschen eine möglichſt gute Wohnung einzurichten; dann ging ſie fort, holte ſich Seide zum Haspeln und vertrieb ſich mit ihrem Haspeln die Langeweile. Renzo ſeinerſeits verbrachte gleichfalls dieſe ſchon an und für ſich ſo lange Tage nicht müßig: glücklicherweiſe ver⸗ 20 308 ſtand er zwei Gewerbe und betrieb jetzt wieder das Bauern⸗ handwerk. Theils unterſtützte er ſeinen Wirth, für den es eine große Erleichterung war, in dieſer Zeit einen Gehilfen und zwar einen Gehilfen von ſolcher Tüchtigkeit zur Hand zu haben, theils bebaute er Agneſens Küchen⸗ gärtchen, das in ihrer Abweſenheit gänzlich in Verfall ge⸗ rathen war, und brachte es wieder zu Ehren. Um ſein eigenes Gütchen bekümmerte er ſich gar nicht: er ſagte, das ſei eine gar zu ſehr zerſauste Perücke, und es würden mehr als zwei Arme nöthig ſein um ſie wieder in Stand zu ſetzen. Er betrat es auch nicht wieder und eben ſo wenig das Haus, denn es hätte ihm wehe gethan, dieſen Gräuel der Verwüſtung zu ſehen; auch hatte er bereits den Entſchluß gefaßt das Ganze um jeden Preis loszu⸗ ſhis und den Erlös in ſeiner neuen Heimath anzu⸗ egen. Wenn die noch am Leben Gebliebenen einander wie vom Tod Erweckte vorkamen, ſo machte er dieſen Eindruck gleichſam in doppeltem Maße auf ſeine Ortsangehörigen: jeder wollte ihn empfangen und beglückwünſchen, jeder wollte ſeine Geſchichte von ihm hören. Man wird viel⸗ leicht fragen, wie es mit dem Haftbefehl ausgeſehen habe. Ganz erwünſcht: er ſelbſt dachte beinahe gar nicht mehr daran und er ſetzte voraus, daß diejenigen, die ihn etwa hätten vollziehen können, eben ſo wenig daran dächten: auch betrog er ſich nicht in dieſer Annahme. Und zwar kam dies nicht von der Peſt her, die ſo mancherlei Dinge beſeitigt hatte, ſondern es war, wie man auch an mehr als einer Stelle dieſer Geſchichte ſehen konnte, in jenen Zeiten eine gewöhnliche Sache, daß ſowohl allgemeine, als auf Privatperſonen bezügliche Befehle, wenn ſie nicht zu⸗ fällig durch die Privatleidenſchaft eines angeſehenen Man⸗ nes in der Erinnerung erhalten und zur Geltung gebracht wurden, häufig ohne alle Wirkung blieben, wofern ſie nicht ſchon im erſten Augenblick gewirkt hatten: gleich Flinten⸗ kugeln, die, wenn ſie nicht treffen, auf der Erde liegen bleiben und Niemand mehr ſchaden: eine nothwendige 309 Folge der Leichtfertigkeit, womit ſolche Befehle in die Kreuz und die Quer, recht eigentlich ins Blaue hinein ausgeſtellt wurden. Die Thätigkeit der Menſchen iſt eng begrenzt, und Alles, was im Befehlen zu viel geſchah, mußte in der Ausführung zu wenig geſchehen. Was nicht auf dieſe Weiſe dient, kann auf eine andere dienen. Wer auch wiſſen möchte, auf welchem Fuß Renzo in jener Zeit der Erwartung mit Don Abbondiv ſtand, dem ſage ich, daß ſie einander fern blieben; Letzterer ſuchte jede Begegnung zu vermeiden, weil er fürchtete, man werde von der Trauung zu reven anfangen, und ſchon beim bloßen Gedanken daran erhoben ſich in ſeiner Einbildungskraft auf der einen Seite Don Rodrigo mit ſeinen Bravi und auf der andern der Cardinal mit ſeinen Vernunftgründen; der Erſtere wich aus, weil er beſchloſſen hatte, nicht eher als im Augenblick des Abſchluſſes davon zu ſprechen und weil er ſich nicht der Widerwärtigkeit ausſetzen wollte, daß der Pfarrer ſich ſchon zum Voraus dagegen auflehnen, wer weiß wie viele Schwierigkeiten erwecken und die Sache mit nutzloſen Plaudereien veiwirren könnte. Was er zu plaudern hatte, das plauderte er mit Agneſe⸗„Glaubt Ihr wohl, daß ſie bald kommt?“ fragte das Eine.„Ich hoffe ja,“ antwortete das Andere, und häufig ſtellte der⸗ jenige Theil, der die Antwort gegeben hatte, bald darauf dieſelbe Frage. Mit ſolchen und ähnlichen nichtigen Ge⸗ ſprächen ſuchten ſie ſich die Zeit zu vertreiben, die ihnen um ſo länger erſchien, je größer die bereits verfloſſene Friſt war. Wir wollen unſerm Leſer in einem Augenblick über dieſen ganzen Zeitraum hinweghelfen, indem wir kurz und gut berichten, daß einige Tage nach Renzo's Beſuch im Lazareth, Lucia mit der guten Wittwe daſſelbe verließz daß da eine allgemeine Contumaz angeordnet war, beide Frauen im Hauſe der letztern abgeſperit, ſie gemeinſchaſtlich be⸗ ſtanven; daß ein Theil der Zeit mit der Verfertigung von Lucia's Ausſteuer verbracht wurde, an welcher ſie, nachdem ſie einige Umſtände gemacht, ſelbſt mithelfen mußte; da 310 ferner nach überſtandener Contumaz die Wittwe Laden und Haus ihrem Bruder, dem Commiſſär, in Obhut gab und nunmehr die Vorkehrungen zur Reiſe getroffen wurden. Wir könnten auch ſogleich hinzufügen; ſie reiſten ab, ſie kamen an und was dann weiter folgt; aber trotz dem beſten Willen uns einer ſo großen Eile des Leſers zu be⸗ quemen, ſind noch drei Dinge vorhanden, die in dieſen Zeitraum gehören, und die wir nicht gern mit Stillſchwei⸗ gen übergehen möchten; auch glauben wir, wenigſtens in Bezug auf zwei davon, daß der Leſer ſelbſt es uns verar⸗ gen würde. Das Erſte iſt, daß Lucia, als ſie der Wittwe zum zweiten Male und zwar umſtändlicher und geordneter als ſie in der Aufregung jener erſten und vertraulichen Mit⸗ theilung gekonnt, von ihren Erlebniſſen erzählte und ſich näher über die Domina ausſprach, welche ihr im Kloſter zu Monza eine Zufluchtsſtätte gewährt hatte, von ihrer Freundin nachher Dinge erfuhr, die ihr den Schlüſſel zu vielen Geheimniſſen gaben und ihre Seele mit einer ſchmerz⸗ lichen und ängſtlichen Verwunderung erfüllten. Die Wittwe erzählte ihr, daß die Unſelige in Verdacht abſcheulicher Unthaten gerathen und deshalb auf Befehl des Cardinals in ein Kloſter zu Mailand gebracht worden ſei; dort ſei ſie nach langem Toben und Sträuben in ſich gegangen und habe ſich ſelbſt angeklagt, ihr nunmehriges Leben ſei eine freiwillige Strafe von der Art, daß außer der Todes⸗ ſtrafe kein Menſch eine härtere hätte erfinden können. Wer dieſe traurige Geſchichte etwa genauer zu erfahren wünſchen ſollte, der findet ſie in dem Buche und an der Stelle, die wir ſchon weiter oben in Bezugnahme auf dieſelbe Per⸗ ſon angeführt haben, nämlich in Ripamonti's vaterländiſcher Geſchichte. Das Zweite iſt, daß Lucia, als ſie ſich bei allen Kapuzinern, die ſie im Lazareth finden konnte nach Pater Criſtoforo erkundigte, von dieſen mit mehr Schmerz als Verwunderung erfuhr, er ſei an der Peſt geſtorben. Endlich hätte ſie vor ihrer Abreiſe auch noch gern 311 etwas von ihrer ehemaligen Herrſchaft vernommen, um, wie ſie ſagte, eine Pflicht zu erfüllen, im Falle noch Je⸗ mand am Leben wäre. Die Wittwe begleitete ſie nach dem Hauſe, wo ſie erfuhren, daß ſowohl der Herr als die Dame den Weg alles Fleiſches gegangen ſeien. Wenn man von Donna Praſſede ſagt, ſie ſei geſtorben, ſo iſt Alles geſagt; aber in Bezug auf Don Ferrante hat der Anonymus, da es ſich um einen gelehrten Mann handelt, für gut gefun⸗ den, ſich etwas näher auszuſprechen, und wir wollen auf unſere Gefahr hin die Stelle, die er ſchriftlich über ihn hinterlaſſen hat, ſo ziemlich ganz hier mittheilen. Er ſagt alſo, daß Don Ferrante in den erſten Zeiten, da man von der Peſt ſprach, einer der entſchloſſenſten und auch ſpäter noch einer der beharrlichſten Läugner derſelben ge⸗ weſen ſei; und zwar habe er ſie nicht mit bloßem Geſchrei in Abrede geſtellt, wie der große Haufe, ſondern mit Ver⸗ nunftgründen, denen Niemand wenigſtens den Zuſammen⸗ hang abſprechen könne. „In rerum naturae,“ ſagte er,„gibt es nur zwei Arten von Dingen: Weſen und Eigenſchaften; und wenn ich beweiſe, daß die Seuche weder das Eine, noch das Andere ſein kann, ſo werde ich wohl bewieſen haben, daß ſie nicht wirklich vorhanden, ſondern bloß ein Hirngeſpinnſt iſt. Und ich erbiete mich, das gegen Jedermänniglich dar⸗ zuthun. Die Weſen ſind entweder geiſtige oder körperliche. Daß die Seuche ein geiſtiges Weſen ſei, iſt eine Albern⸗ heit, die gewiß Niemand wird behaupten wollen; und deßhalb iſt es auch unnöthig, davon zu ſprechen. Die förperlichen Weſen ſind entweder einfache vder zuſammen⸗ geſetzte. Nun iſt die Seuche kein einfaches Weſen, und das läßt ſich mit vier Worten beweiſen. Sie iſt kein luftiges Weſen, denn wenn ſie das wäre, ſo würde ſie, ſtatt von einem Körper auf den andern überzugehen, ſo ſchnell wie möglich in ihre Sphäre auffliegen. Sie iſt kein wäſſerigtes Weſen, denn ſonſt würde ſie naß machen und von den Winden ausgrtrocknet werden. Sie iſt kein feuriges Weſen, denn ſonſt würde ſie brennen. Sie iſt 312 kein erdiges Weſen, denn ſonſt würde ſie ſichtbar ſein. Ebenſo wenig iſt ſie ein zuſammengeſetztes Weſen, denn ſie müßte ſonſt jedenfalls für das Auge oder das Gefühl wahrnehmbar ſein; und wer hat je dieſe Seuche geſehen? Wer hat ſie befühlt? Bleibt alſo noch zu ſehen, vb ſie eine zufällige Eigenſchaft ſein kann. Das iſt noch ſchlim⸗ mer als ſchlimm. Dieſe Herren Doctoren ſagen uns, daß ſie ſich von einem Körper dem andern mittheile; denn dies iſt ihr Hauptgrund, dieß ihr Vorwand, um ſo viele unge⸗ räumte Verordnungen zu erlaſſen. Angenommen nun, ſie ſei eine Eigenſchaft, ſo müßte ſie eine übertragene Eigen⸗ ſchaft ſein, zwei Worte, die ſich nicht zuſammenreimen laſſen, ſintemal es in der ganzen Philoſophie keine klarere, und einleuchtendere Sache gibt, als die, daß eine Eigen⸗ ſchaft von einem Körper nicht zum andern übergehen kann. Wenn ſie aber, um dieſe Schlla zu vermeiden, den Rück⸗ zug antreten und ſagen, ſie ſei eine erzeugte Eigenſchaft, ſo entfliehen ſie der Schlla und verſinken in die Charybdis; denn wenn ſie erzeugt iſt, ſo theilt ſie ſich alſo nicht mit, pflanzt ſich nicht fort, wie die Leute da faſeln. Sind aber dieſe Grundſätze feſtgeſtellt, warum dann ſo viel Geplauder von Flecken, Geſchwüren, Beulen?“ „Lauter Faſeleien!“ entfuhr es einmal einem Ge⸗ wiſſen.. „Nein, nein,“ erwiederte Don Ferrante,„das ſage ich nicht, die Wiſſenſchaft bleibt immer die Wiſſenſchaft. Man muß ſie nur anzuwenden wiſſen. Flecken, Geſchwüre, Karbunkeln, Speicheldrüſenentzündungen, violette Peſtbeulen, ſchwärzliche Blattern find lauter achtungswerthe Worte, die ihre gute und feſtgeſtellte Bedeutung haben; aber ich ſage uur, daß ſie bei dieſer Frage Nichts entſcheiden. Wer will läugnen, daß es ſolche Dinge geben könne, ja ſogar wirklich gebe? Es kommt nur Alles darauf an, woher ſie entſlehen.“ Hier begannen die Leiden auch für Don Ferrante. So lange er ſich bloß gegen die Meinung von der Seuche auflehnte, fand er allenthalben wohlgeneigtes, freundliches 343 und achtungsvolles Gehör, denn es läßt ſich kaum beſchrei⸗ ben, wie groß der Einfluß eines Gelehrten von Fach iſt, ſobald er den Leuten Dinge beweiſen will, wovon ſie be⸗ reits überzeugt ſind. Aber als er hervorheben und darthun wollte, daß der Irrthum jener Aerzte nicht in der Be⸗ hauptung von dem Vorhandenſein eines ſurchtbaren und allgemeinen Uebels liege, ſondern vielmehr in der Bezeich⸗ nung der Urſachen und Erſcheinungsweiſe deſſelben, dann (ich ſpreche von den erſten Zeiten, wo man von der Krank⸗ heit nichts hören wollte)— dann fand er ſtatt williger Ohren rebelliſche, ungeberdige Zungen, dann wurde ihm keine Gelegenheit zu predigen mehr zu Theil, und er konnte ſeine Gelehrſamkeit nur noch in kleinen Stücken und Biſſen zum Beſten geben. „Die wahre Urſache iſt nur allzu ſicher vorhanden,“ ſagte er,„und auch diejenigen ſind gezwungen, ſie anzu⸗ erkennen, welche dieſe andere da ſo in's Blaue hinein be⸗ haupten. Sie ſollen ſie einmal läugnen, wenn ſie können, die unglückſelige Conjunctivn des Saturns mit dem Jupiter. Und wann hat man je ſagen gehört, daß die Einflüſſe ſich fortpflanzen?— Und wollen mir vielleicht die hochgelahrten Herren die Einflüſſe abläugnen? Wollen ſie mir abläugnen, daß es Sterne gibt, oder wollen ſie mir ſagen, daß ſie für Nichts und wieder Nichts da oben ſtehen, wie Stecknadelköpfe in einem Nähliſſen? Aber was ich nicht verſtehen kann, das ſind die Herren Aerzte; zu⸗ gegeben, daß wir uns unter einer ſo unglückſeligen Con⸗ junction befinden, und dann dennoch herzugehen und zu ſagen: rühret das nicht anz rühret jenes nicht an, wenn Ihr ſicher ſein wollet; gleich als ab man durch Vermei⸗ dung der materiellen Berührung der irdiſchen Körper die kräftige Einwirfung der himmliſchen Körper vermeiden könne? Und welch ein geſchäftiger Lärm, um Lumpen zu verbrennen! Armes Volk, werdet Ihr den Jupiter ver⸗ brennen, werdet Ihr den Saturn verbrennen 2 His fretus, d. h., auf dieſe Gründe geſtützt, gebrauchte er keine Vorſichtsmaßregel gegen die Peſt, bekam ſie, legte ſich 314 nieder und ſtarb wie ein Held Metaſtaſio's, mit den Ster⸗ nen hadernd. Und ſeine berühmte Bibliothek? Sie iſt vielleicht hinter allerlei Mauern zerſtreut.— Achtunddreißigſtes Capitel. Eines ſchönen Abends hört Agneſe eine Kutſche vor ihrer Thüre anhalten.— Sie iſt's und Niemand anders!— Sie war es auch wirklich mit der guten Wittwe; die gegenſeitigen Bewillkommnungen mag ſich der Leſer ſelbſt vorſtellen. Am folgenden Morgen kommt Renzo bei guter Zeit, ohne etwas davon zu wiſſen und ohne eine andere Abſicht, als über das lange Ausbleiben Lucia's bei Agneſe ſein Herz ein wenig auszuſchütten. Die Geberden, die er machte, und die Dinge, die er ſagte, als er ſie vor ſich ſah, blei⸗ ben gleichfalls der Einbildungskraft des Leſers anheim⸗ geſtellt. Lucia's Benehmen gegen ihn war von der Art, daß es ſich mit wenigen Worten ſchildern läßt.„Grüß Gott! wie gehts?“ ſagte ſie mit geſenkten Augen und ohne Verwirrung. Ihr dürft aber nicht glauben, daß Renzo dieſen Empfang zu trocken gefunden und übel ge⸗ nommen habe. Er faßte die Sache vollkommen von der rechten Seite auf, und wie man unter Leuten von Er⸗ ziehung nicht alle Complimente als baare Münze nimmt ſo wußte er ſeinerſeits recht gut, was er unter dieſen Worten zu verſtehen hatte und noch dazu denken durfte⸗ Im Uebrigen war leicht zu bemerken, daß ſie zwei Atten zu ſprechen hatte: eine für Renzo und eine andere für die übrigen Bekannten. „Mir geht es gut, wenn ich Dich ſehe,“ antwortete der Jüngling mit einer gedruckten Redensart, die er aber in dieſem Augenblick erfunden haben würde. „Unſer armer Pater Criſtoforo!“„ ſagte Lucia, 315 „bete für ſeine Seele; obſchon wir für gewiſſermaßen an⸗ nehmen können, daß er in dieſer Stunde dort oben für uns betet.“ „Ich ſah es nur zu deutlich,“ antwortete Reuzo. Auch war dieß nicht die einzige Saite von traurigem Klang, die in dieſer Unterredung angeſchlagen wurde. Aber gleichviel; welcher Gegenſtand auf's Tapet kommen mochte, für ihn war das Geſpräch immer genußreich. Gleich jenen un⸗ artigen Pferden, die plötzlich ſtehen bleiben und ſich feſt aufpflanzen, dann erſt einen Fuß und wieder einen auf⸗ heben und ſie wieder auf dieſelbe Stelle zurückſetzen und tauſenderlei Umſtände machen, bevor ſie einen Schritt thun, dann aber auf einmal im ſtärkſten Lauf dahinraſen, wie von einer Windsbraut entführt, ſo war für ihn die Zeit geworden. Vorher hatten ihm die Minuten wie Stunden geſchienen, jetzt erſchienen ihm die Stunden als Minuten. Die Wittwe ſtörte die Geſellſchaft nicht nur nicht, ſondern paßte ſogar trefflich zu ihr, und Nenzo hätte ſich, als er ſie auf jenem elenden Schragen ſah, niemals ein⸗ gebildet, daß ſie ſo heiter und geſellig ſein könne. Aber Lazareth und Landluft, Tod und Hochzeit ſind auch nicht eines und daſſelbe. Mit Agneſe hatte ſie bereits Freund⸗ ſchaft geſchloſſen, und was ihr Verhältniß zu Lucia betraf, ſo war es ein Vergnügen, ſie zugleich zärtlich und heiter ſcherzend gegen ſie zu ſehen, zu beobachten, wie artig und zwanglos ſie das Mädchen anzuregen wußte, wenn es nöthig war, ihrem ganzen Weſen und ihren Worten etwas mehr Seele einzuflößen. Renzo ſagte zuletzt, er gehe zu Don Abbondio, um die nöthige Verabredung wegen der Trauung mit ihm zu treffen. Er ging auch wirklich und ſagte mit einer ge⸗ wiſſen Miene höflichen Scherzes zu ihm;„Herr Pfarrer, iſt Euch endlich das Kopfweh vergangen, wegen deſſen Ihr uns nicht trauen zu können behauptet habt? Jetzt iſt unſere Zeit gekommen, die Braut iſt da, und ich möchte 316 Euch nur fragen, wann es Euch gelegen iſt; nur muß ich dießmal bitten, ſchnell zu machen.“ Don Abbondio antwortete nicht gerade, er wolle nicht, aber er begann zu zögern, allerlei Entſchuldigungen auszu⸗ kramen, allerlei Bemerkungen vorzubringen: warum er ſich denn auch, da er doch dieſen Steckbrief auf dem Halſe habe, mit aller Gewalt unter die Leute bringen und ſeinen Namen öffentlich ausſchreien laſſen wolle; die Sache ließe ſich doch eben ſo gut anderwärts abmachen, und dieß und jenes. „Ich verſtehe,“ ſagte Renzo,„Ihr habt immer noch ein wenig von dieſem Kopfweh; aber hört, hört!“ Und nun begann er ihm zu beſchreiben, in welchem Zuſtand er den armen Rodrigo geſehen habe, und daß er jetzt ganz ſicherlich bereits geſtorben ſein müſſe.„Laßt uns hoffen,“ ſchloß er,„daß der Herr ſich ſeiner erbarmt hat.“ „Das hat mit unſerer Sache nichts zu ſchaffen,“ſagte Don Abbondio,„habe ich denn nein geſagt? Ich ſage nicht nein, ich; ich ſpreche... ich ſpreche aus guten Gründen ſo. Im Uebrigen ſehet, ſo lange der Menſch noch einen Athem im Leib hat.. ſchaut einmal mich an, wie kränklich und ſchwächlich ich bin; auch ich bin ſchon mehr drüben als hüben geſtanden, und dennoch bin ich jetzt noch hier und.. wenn man mir nicht mit Wider⸗ wärtigkeiten auf den Hals kommt.. genug... dann kann ich hoffen, noch ein Weilchen hienieden zu bleiben. Denkt Euch gewiſſe Temperamente. Aber wie geſagt, das hat mit unſerer Sache nichts zu ſchaffen.“ Nach einem kurzen weitern, aber eben ſo reſultatloſen Geſpräch machte Renzo einen ſchönen Kratzfuß, kehrte zu ſeiner Geſellſchaft zurück, ſtattete ſeinen Bericht ab und ſchloß mit den Worten:„Ich bin weggegangen, weil ich es dick hatte und weil ich es nicht ſo weit kommen laſſen wollte, bis ich die Geduld verlor und meine Ausdrücke nicht mehr abwägen konnte. In gewiſſen Augenblicken kam er mir gerade wieder vor wie damals: ganz dieſelben Grillen, dieſelben Gründe; ich bin überzeugt, daß er mir, 317 wenn der Spaß nur noch ein Weilchen gedauert hätte, wieder mit ſeinen lateiniſchen Brocken zu Leib gerückt wäre. Ich ſehe ſchon, auf dieſe Weiſe wird die Sache wieder auf die lange Bank geſchoben: es iſt daher beſſer, wenn wir geradezu ſeinen Rath befolgen und uns da trauen laſſen, wo wir künftig leben werden. „Wißt Ihr, was wir thun?“ ſagte die Wittwe,„ich meine, wir Frauen ſollten auch hingehen und einen Verſuch machen, um zu ſehen, ob wir den Knoten nicht beſſer löſen können. Auf dieſe Art werde auch ich das Vergnügen haben, dieſen Mann kennen zu lernen, vb er wirklich ſo iſt, wie Ihr ſagt. Ich ſchlage vor, daß wir erſt nach dem Mittageſſen hingehen, damit wir ihm nicht gar zu ſchnell wieder über den Hals kommen. Jetzt, Herr Bräuti⸗ gam, führet uns zwei ein wenig ſpazieren, während Agneſe ihre Geſchäfte beſorgt; ich werde an Lucia die Mutter⸗ ſtelle vertreten, und ich habe große Luſt, dieſe Berge, dieſen See, wovon ich ſchon ſo viel gehört habe, auch einmal näher anzuſehen; das Wenige, das ich bis jetzt davon ge⸗ ſchen habe, ſcheint mir etwas gar Schönes zu ſein.“ Renzo führte ſie zuerſt nach dem Hauſe ſeines Wir⸗ thes, wo es ein neues Feſt gab, und er mußte ihnen ver⸗ ſprechen, daß er nicht bloß heute, ſondern wo möglich alle Tage kommen und mit der Geſellſchaft zu Mittag eſſen wolle. Nachdem man ſpazieren gegangen und geſpeist, ent⸗ fernte ſich Renzo plötzlich, ohne zu ſagen, wohin er gehe. Die Frauen plauderten noch ein wenig und verabredeten, wie ſie Don Abbondio anfaſſen ſollten, dann brachen ſie endlich auf, um den Sturm zu beginnen. „Da ſind ſie,“ ſagte er bei ſich, machte jedoch eine gute Miene. Große Freundlichkeit gegen Lucia, vertrauliche Begrüßung mit Agneſe, höfliche Komplimente gegen die fremde Dame. Er bat ſie, Platz zu nehmen und ließ ſich dann auf das große Geſpräch von der Peſt ein; er wollte von Lucia hören, wie ſie dieſes Elend überſtanden habe; das Lazareth bot Gelegenheit, guch ihre Leidensgenoſſin 318 zum Wort kommen zu laſſen; dann ſprach Don Abbondio wie billig von dem Sturm, den er ſelbſt überſtanden, und nun wünſchte er Agneſe Glück, daß ſie ganz verſchont ge⸗ blieben. Die Sache zog ſich in die Länge: ſchon vom erſten Augenblick an lauerten die zwei älteren Frauen auf jede Gelegenheit, zur Hauptſache zu kommen: endlich brach eine von ihnen, ich weiß nicht welche, das Eis. Aber, was will man ſagen? Don Abbondio hörte ein für alle Mal auf dieſem Ohr nicht. Gott bewahre, er ſagt nicht nein, aber er bringt auf's Neue wieder hunderterlei Aus⸗ flüchte vor, er krümmt und dreht ſich, er kommt vom Hun⸗ dertſten auf's Tauſendſte.„Wenn man,“ ſagte er,„nur dieſen verdammten Steckbrief rückgängig machen könnte. Ihr, meine werthe Dame, werdet, da Ihr aus Mailand ſeid, die Sache gewiß einzufädeln wiſſen, Ihr habt ohne Zwei⸗ fel gute Protection, irgend einen angeſehenen Edelmann: denn mit dieſem Pflaſter heilt man alle Wunden. Wenn man aber den kürzeſten Weg einſchlagen wollte, ohne ſich auf ſo viele Geſchichten einzulaſſen, da ja unſere junge Leutchen und unſere Agneſe ohnehin die Abſicht haben, aus⸗ zuwandern(und ich kann hierzu weiter Nichts ſagen als: mein Vaterland iſt da, wo es mir gut gehth, ſo denke ich, man könnte die Sache da am beſten abmachen, wo kein Steckbrief im Wege ſteht. Ich wünſchte allerdings ſehr, daß die Heirath ſobald als möglich abgeſchloſſen werde, aber ich möchte ſie in Ruhe und Frieden abgeſchloſſen ſehen. Ich will ganz aufrichtig ſprechen: ſo lange dieſer Steckbrief noch gültig iſt, vom Altare herab und öffentlich den Namen Lorenzo Tramaglino auszuſprechen, das könnte ich nicht mit ruhigem Herzen thun, ich habe ihn viel zu lieb dazu; ich würde fürchten, ihm einen ſchlimmen Dienſt zu erweiſen. Seht Ihr jetzt, ſo ſtehen die Sachen.“ Nun begannen, bald Agneſe, bald die Wittwe dieſe Gründe zu bekämpfen; Don Abbondio brachte ſie aber im⸗ mer wieder unter anderer Geſtalt vor, ſo daß man nicht von der Stelle kam. Auf einmal tritt raſchen Schritts 1 319 und mit einer wichtigen Nachricht auf dem Geſichte Renzo ein und ſagt:„Der Herr Marcheſe** iſt angekommen. „Was ſoll das heißen? Wo angekommen?“ fragte Don Abbondio ſich erhebend. „Er iſt auf ſeiner Burg angekommen, die früher Don Rodrigo gehörte, denn dieſer Herr Marcheſe iſt der Fidei⸗ commißerbe, wie ſie ſagen, ſo daß man alſo nicht mehr daran zweifeln fann. Ich für meine Perſon würde mich freuen, wenn ich erführe, daß der arme Mann gut geſtor⸗ ben ſei. Ich habe bis jetzt vorläufig viele Paternoſter für ihn geſprochen, nun will ich einige de profundis für ihn beten. Und dieſer Herr Marcheſe iſt ein ſehr bra⸗ ver Mann.“ „Ja, gewiß,“ ſagte Don Abbondiv,„ich habe ihn öfter als einen wahrhaft braven Mann nennen hören, als einen Mann vom alten Schlag. Aber iſt es auch wirk⸗ lich wahr?“ „Glaubt Ihr dem Sarriſtan?“ „Warum?“ „Weil er ihn mit ſeinen eigenen Augen geſehen hat. Ich bin nur ſo in der Gegend geweſen, und, die Wahr⸗ heit zu ſagen, ich bin gerade deshalb dahin gegangen, weil ich dachte, man müſſe doch dort etwas Näheres wiſſen. Mehr als einer oder zwei haben mir die Sache erzählt. Dann bin ich auch dem Ambrogio begegnet, der gerade von oben herabkommt und ihn, wie ich ſage, als neuen Gutsherrn auftreten geſehen hat. Wollt Ihr Ambrogio hören? Ich habe ihn abſichtlich deshalb draußen warten laſſen.“ „So laßt hören,“ ſagte Don Abbondio. Renzo ging und rief den Sacriſtan. Dieſer beſtätigte die Sache Punkt für Punkt, fügte noch andere Einzelheiten hinzu, löste alle Zweifel und entfernte ſich dann. „Ach! er iſt alſo todt! Er iſt wirklich dahingegangen!“ rief Don Abbondio.„Seht Kinder, wie die Vorſehung zuletzt gewiſſe Leute erreicht. Wißt Ihr auch, daß das eine große Sache iſt, eine große Erleichterung für dieſe arme Gegend! denn mit dieſem Menſchen da konnte man nicht 320 leben. Sie iſt eine ſchwere Geiſel geweſen, dieſe Peſt; aber ſie iſt auch ein Beſen geweſen, ſie hat gewiſſe Leute weggeſchafft, von denen wir uns, meine Kinder, nicht hät⸗ ten befreien können. Junge, friſche, rüſtige Leute, ſo daß man ſagen mußte, Derjenige, der ihnen einſt die Leichen⸗ rede halten werde, ſitze noch im Seminar und lerne ſein Latein. Und im Augenblick ſind ſie verſchwunden, hundert auf einmal. Nun werden wir ihn nicht mehr mit jenen grimmigen Schnurrbärten hinter ihm her, mit jenem Hoch⸗ muth, jener Aufgeblaſenheit, ſo kerzengerade, wie wenn er einen Stock im Rücken hätte, herumziehen und die Leute anglotzen ſehen, wie wenn alle nur durch ſeine Gnade auf der Welt wären. So iſt er alſo jetzt nicht mehr da, und wir, wir ſind noch da. Er wird hinfort keine ſolche Bot⸗ ſchaften mehr an rechtſchaffene Leute ergehen laſſen. Er hat uns Allen großen Verdruß gemacht, ſeht Ihr, denn jetzt kann man es wohl ſagen.“ „Ich habe ihm von Herzen verziehen,“ ſagte Renzo. „Und Du thuſt wohl daran, es iſt Deine Pflicht,“ antwortete Don Abbondio!„aber man kann auch dem Himmel danfen, daß er uns von ihm befreit hat. Um nun wieder auf uns ſelbſt zu kommen, ſo ſage ich Euch: thut, was Ihr für gut haltet; wenn Ihr wollt, daß ich Euch trauen ſoll, ſo bin ich bereit, iſt es Euch anderswo gelegener, ſo thut, was Ihr wollt. Was den Steckbrief betrifft, ſo ſehe auch ich ein, daß man, da eigentlich Niemand mehr vorhanden iſt, der Euch auf dem Korn hat und es bös mit Euch meint, die Sache nicht all zu ſchwer nehmen darf: zumal da noch jenes gnädige Decret, wegen der Ge⸗ burt des Durchlauchtigſten Infanten dazugekommen iſtz und dann die Peſt! Die Peſt! Sie hat große Dinge wie⸗ der gut gemacht, die Peſt! Nun alſo, wenn Ihr wollt... heute iſt Donnerſtag, am Samſtag verkündige ich Euch in der Kirche: denn was man früher hat thun kön⸗ nen, das gilt nach ſo langer Zeit nicht mehr, und dann habe ich die Freude, Euch zu trauen.“ 321 „Ihr wißt, daß wir eben deshalb hieher gekommen ſind,“ ſagte Renzo. „Ganz gut, und ich werde Euch dienenz ich will auch ſogleich Seine Eminenz davon in Kenntniß ſetzen.“ „Wer iſt Seine Eminenz?“ fragte Agneſe. „Seine Eminenz,“ antwortete Don Abbondiv,„iſt „Herr Cardinal Erzbiſchof, welchen Gott erhalten wolle. „O, da bitte ich um Entſchuldigung,“ verſetzte Agneſer „obſchon ich eine arme, unwiſſende Frau bin, ſo kann ich Euch doch verſichern, daß man ihn nicht ſo nennt, denn als wir das zweite Mal mit ihm ſprachen, ſo wie ich jetzt mit Euch ſpreche, da zog mich einer dieſer Herren Prieſter auf die Seite und belehrte mich, wie man mit dieſem Herrn ſpreche, und daß man zu ihm Euer Gnaden und Hochwür⸗ digſter Herr ſagen müſſe.“ „Wenn er Euch gegenwärtig wieder zu unterrichten hätte, ſo würde er Euch ſagen, daß man ihn jetzt Eminenz betitelt; verſteht Ihr wohl? denn der Papſt, welchen Gott ebenfalls erhalten wolle, hat im Monat Juni vorgeſchrieben, daß man den Cardinälen dieſen Titel zu geben habe; und wißt Ihr, warum er wohl zu dieſem Entſchluß gekommen ſein wird? Weil das Euer Gnaven, das für ſie und ge⸗ wiſſe Fürſten galt, jetzt Etwas geworden iſt, das ſogar vielen Leuten gegeben wird: und wie ihnen das Wörtchen ſo gar wohl zu thun ſcheint! Was wollte er alſo machen? Es allen nehmen? Das hätte Beſchwerden, Groll, Weh⸗ klagen, Verdruß verurſacht, und überdies wäre doch Alles beim Alten geblieben. Der Papſt hat alſo einen ganz vortrefflichen Ausweg erſonnen. Man wird allmählig an⸗ fangen, die Biſchöfe als Eminenz zu betiteln; dann werden die Aebte es haben wollen, dann die Pröbſte, denn die Menſchen ſind nun einmal ſo! Dann die Domherren.“ „Daun die Pfarrer,“ ſagte die Wittwe. „Nein, nein,“ verſetzte Don Abbondio,„die Pfarrer müſſen den Karren ziehen; ſeid unbeſorgt, ſie werden die Die Verlobten. IMI. 2¹ Au. 322 Pfarrer nicht verwöhnen, die müſſen Ehrwürden bleiben bis an's Ende der Welt. Dagegen würde es mich nicht wun⸗ dern, wenn die Edelleute, die daran gewöhnt ſind, ſich gnädig nennen zu hören und wie Cardinäle behandelt zu werden, eines ſchönen Tages auch den Titel Eminenz ver⸗ langen würden. Und wenn ſie das erſt verlangen, ſehel, dann werden ſie auch Jemand finden, der es ihnen gibt. Und dann wird der Papſt, der bis dahin auf dem Throne ſitzt, für die Cardinäle ſchon wieder etwas Anderes aus⸗ ſinnen. Doch kehren wir zu unſerer Sache zurück: am Sonntag will ich Euch in der Kirche ausrufen, und wißt Ihr, was ich inzwiſchen ausgeſonnen habe, um Euch deſto eher zu Euerm Zweck zu verhelfen? Wir wollen in der Zwiſchenzeit um Dispenſation von den zwei andern Aus⸗ rufungen nachſuchen. Sie werden da drunten in der Curie viel mit Dispensertheilungen zu thun haben, wenn es über⸗ all ſo zugeht, wie hier. Auf den Sonntag habe ich bereits ein, zwei, drei Paare, Euch nicht gerechnet, und es kann noch immer eins und das andere hinzukommen. Und dann werdet ihr ſehen, wie es noch weiter geht; es hat Feuer gefangen, kein Einziger wird ledig bleiben wollen. Wahr⸗ lich, Perpetua hat einen dummen Streich gemacht, daß ſie jetzt geſtorben iſt; diesmal hätte auch ſie einen Käufer ge⸗ funden. Und in Mailand, meine werthe Frau, iſt es ge⸗ wiß auch ganz daſſelbe 2“ „Allerdings: denkt Euch nur, in meinem Kirchſpiel allein fanden letzten Sonntag fünfzig Trauungen ſtatt.“ „Ich ſage es ja, die Welt wird nicht ausſterben, und Ihr, meine liebe Frau? hat noch kein Schmetterling an⸗ gefangen, um Euch herumzufliegen?“ „Nein, nein, ich denke gar nicht daran und will nicht daran denken.“ „Ja, ja, Ihr werdet wohl die Einzige ſein wollen. Auch Agneſe, ſeht nur, auch Agneſe. L. „ „He! Ihr ſeid heute recht luſtig, Herr Pfarrer,“ ſagte „Allerdings will ich auch einmal luſtig ſein, und ich dieſe. ———— 323 meine, es ſei endlich die Zeit dazu. Haben wir nicht ſchreckliche Dinge genug überſtanden, meine Kinder, gar ſchreckliche Dinge? Es ſteht wohl zu hvffen, daß die vaar Tage, die wir noch zu leben haben, etwas weniger traurig ſein werden. Aber Ihr dürft von Glück ſagen, da Ihr, wenn Euch kein Unfall begegnet, noch eine gute Weile die überſtandenen Leiden mit einander beſprechen könnt. Ich armer, alter Mann dagegen... Die Schurken können ſterben, von der Peſt kann man geneſen, aber gegen das Alter iſt kein Kraut gewachſen, und, wie es heißt: senectus ipsa est morbus.“ „Jetzt,“ ſagte Renzo,„könnt Ihr Latein ſprechen, ſo viel Ihr wollt, ich habe Nichts dagegen.“ „Du haſt es noch immer auf das Latein abgeſehen, Du? Schon gut, ſchon gut, ich will Dich ſchon kriegen. Wenn Du nun mit dieſem Mädchen da vor mich trittſt und ſo gerne gewiſſe lateiniſche Wörtchen hören möchteſt, ſo werde ich zu Dir ſagen: Du willſt kein Latein, gehe hin in Frieden. He?“ „O, ich weiß wohl, was ich ſage,“ verſetzte Renzo, „dieſes Latein da iſt es nicht, was mir Angſt macht, das iſt ein ächtes, hochheiliges Latein, wie das der Meſſe, und dann müßt Ihr auch ableſen, was im Buche ſteht. Ich meine nur das ſpitzbübiſche Latein außer der Kirche, das ſo verrätheriſch im beſten Geſpräche über Einen herfällt. Z. B. da wir jetzt einmal da ſind und alles im Reinen iſt, ſo überſetzt mir doch einmal jenes Latein, das Ihr eben auf dieſem Plätzchen da auskramtet, um mir zu beweiſen, daß Ihr nicht könnet und daß noch ganze andere Dinge nöthig ſeien, in die gute Landesſprache.“ „Schweig, Spaßmacher, ſchweig! Rühre dieſe alten Geſchichten nicht wieder aufz denn wenn wir jetzt mit ein⸗ ander abrechnen müßten, ſo weiß ich nicht, wer Etwas gut hätte. Ich habe Alles verziehen, ſprechen wir nicht mehr davon; aber Ihr habt mir doch ganz garſtige Streiche geſpielt. Von Dir nimmt es mich nicht denn Du biſt ein ganz abgefeimter Spitzbube; aber dieſes ſtille Wäſ⸗ ſerchen da, dieſe kleine Heilige, bei der man geglaubt hätte, es wäre eine Sünde, ſich vor ihr in Acht zu nehmen. Doch ich weiß ſchon, wer ſie darin unterrichtet hatte, ich weiß es, ich weiß es.“ So ſprechend, richtete und bewegte er den zitternden Zeigefinger, den er bisher gegen Lucia ge⸗ halten hatte, gegen Agneſe, und es läßt ſich nicht beſchrei⸗ ben, mit welcher trenherzigen Heiterkeit er dieſe Vorwürfe machte. Dieſe Nachricht hatte ihm eine Ungezwungenheit und Redſeligkeit mitgetheilt, die man ſeit langer Zeit nicht an ihm gewohnt war, und wir wären noch weit vom Ende, wenn wir den ganzen übrigen Theil der Unterhaltung er⸗ zählen wollten, die er in die Länge zog, indem er mehr als einmal die Geſellſchaft, wenn ſie aufbrechen wollte, zuückhielt und auch dann noch vor der Hausthüre, auf der Straße, ein wenig bei ihr ſtehen blieb und Nichts als närriſches Zeug ſchwatzte. Am folgenden Tag erhielt er einen eben ſo unerwar⸗ teten, als angenehmen Beſuch; es war der oben erwähnte Herr Marcheſe, ein Mann, zwiſchen dem Mannes⸗ und Greiſenalter, dem die Wahrheit deſſen, was man allgemein von ihm ſagte, auf dem Geſichte zu leſen ſtand; er war offen, wohlwollend, freundlich, beſcheiden, würdevoll, und in ſeinem ganzen Benehmen lag eine ergebungsvolle Traurigkeit. „Ich komme,“ ſagte er,„um Euch Grüße von dem Cardinal Erzbiſchof zu bringen.“ „O, welche Herablaſſung von beiden!“ „Als ich von dieſem unvergleichlichen Manne Abſchied nahm, der mich mit ſeiner Freundſchaft beehrt, ſagte er mir von zwei Verlobten aus dieſem Kuchſpiel, die von dieſem armen Don Rodrigo zu leiden gehabt haben. Der Hochwürdige Herr wünſcht Nachrichten von ihnen zu er⸗ halten. Leben ſie noch? und ſind ihre Angelegenheiten in Ordnung gebracht?“ „Es iſt Alles in Ordnung; ich hatte mir auch ſchon vorgenommen, an Seine Eminenz deshalb zu ſchreibenz aber jetzt, da ich die Ehre habe. „Sind ſie hier?“ „Ja, und ſie werden ſobald als möglich Mann und Frau ſein.“ „Ich erſuche Euch nun, mir ſagen zu wollen, ob man ihnen irgend etwas Gutes erweiſen kann, und mir auch die paſſendſte Art dazu anzugeben. In dieſer Calamität habe ich meine zwei einzigen Kinder nebſt ihrer Mutter verloren und vrei bedeutende Erbſchaften gemacht. Ich beſaß ſchon vorher ein großes Vermögen, und Ihr ſehet alſo, daß Ihr mir einen wahren Dienſt erweiſet, wenn Ihr mir eine Gelegenheit und ganz beſonders eine ſolche Gelegenheit verſchaffet, meinen Ueberfluß nützlich anzu⸗ wenden.“ „Der Himmel ſegne Euch! warum ſind doch wie Ihr, nicht Alle.. Genug, auch ich danke Euch herzlich für dieſe meine Kinder. Und da Euer Gnaden mir ſo viel Muth machen, nun ja, Herr, ſo kann ich Euch aller⸗ dings ein Mittel angeben, das Euch vielleicht nicht miß⸗ fallen wird. Wißt alſo, daß dieſe braven Leute entſchloſſen ſind, ſich anderswo niederzulaſſen und das Bischen Gut, das ſie hier beſitzen, zu verkaufen. Der junge Burſche hat einen Weinberg, ungefähr neun oder zehn Ruthen, ſo genau kann ich's nicht ſagen, aber gänzlich verwahrlost und ver⸗ wildert: man darf blos den Boden in Anſchlag bringen und nichts Anderes; dann hat er noch ein Häuschen und auch die Braut eines, zwei Rattenneſter, ſeht Ihr. Ein Herr wie Euer Gnaden kann nicht wiſſen, wie es bei den armen Leuten zugeht, wenn ſie gezwungen ſind, ihr Eigen⸗ thum zu verkaufen. Am Ende bekommt es ein Spitzbube in den Rachen, der, wenn der Fall eintritt, als Liebhaber um das Plätzchen herumſchleicht und dann, wenn er weiß, daß der Andere gezwungen iſt, zu verkaufen, ſich wiever zurückzieht und thut, als ob er gar keine Luſt dazu hättez man muß ihm dann noch nachlaufen und das Ding um ein Naſenwaſſer laſſen; ganz beſonders unter Umſtänden wie dieſe da. Der Herr Marcheſe wird bereits geſehen haben, wo ich mit meiner Rede hinaus will; der aller⸗ ſchönſte Liebesdienſt, den Euer Gnaden dieſen Leuten er⸗ weiſen können, beſteht darin, daß Ihr ihnen ihr Gütchen abkaufet und dadurch aus der Noth helfet. Aufrichtig geſtanden, ich ſelbſt habe auch mein Intereſſe, meinen Vortheil dabei, denn ich bekomme in meine Pfarrei einen Gutsbeſitzer wie der Herr Marcheſe; aber Euer Gnaden werden nach Eurem eigenen Gutdünken entſcheiden; ich habe bloß geſprochen, um Eurem Befehl zu gehorchen.“ Der Marcheſe lobte dieſen Rath ſehr, dankte dafür, bat Don Abbondiv, den Vermittler zu machen, den Preis zu beſtimmen, denſelben ſo hoch als nur möglich anzuſetzen; auf den höchſten Grad aber brachte er ſeine Verwunderung dadurch, daß er ihm den Vorſchlag machte, ſogleich mit ihm nach der Wohnung der Braut zu gehen, wo wahr⸗ ſcheinlich auch der Bräutigam ſein werde. Man kann ſich denken, daß Don Abbondio ganz außer ſich vor Freude war; unterwegs erſann er noch einen andern Plan und gab ihn mit folgenden Worten preis: „Da Euer Gnaden eine ſo entſchiedene Abſicht haben, dieſen Leuten wohlzuthun, ſo könnte ihnen vielleicht noch ein anderer Dienſt erwieſen werden. Der junge Burſche hat einen Haftbefehl, eine Art von Steckbrief auf dem Hals wegen ein paar dummer Streiche, die er vor zwei Jahren in Mailand gemacht hat, am Tage des großen Aufruhrs, in welchen er ohne allen böſen Willen aus purer Unwiſſenheit hineingerieth, wie die Maus in die Falle: Ihr ſeht, es iſt durchaus nichts Ernſtliches: Knaben⸗ ſtreiche, Unbeſonnenheiten; eine Schlechtigkeit zu begehen iſt er ganz unfähig; ich kann das wohl ſagen, denn ich habe ihn getauft und aufwachſen geſehen. Wenn Euer Gnaden ſich einen Spaß machen wollen, wie die vorneh⸗ men Herren oft eine Freude daran finden, ſolche arme Leute recht von der Leber weg ſprechen zu hören, ſo könnt Ihr Euch die Geſchichte von ihm ſelbſt erzählen laſſen, und dann werdet Ihr hören. Jetzt beläſtigt ihn Niemand mehr deßwegen, da es ganz alte Sachen ſind, und ohnehin will er, wie ich ſchon geſagt habe, in einen andern Staat aus⸗ 327 wandern; aber für die Folge, ob er nun hierher zurück⸗ kehrt oder nicht, oder was auch immer geſchehen mag, werdet Ihr mir zugeben, daß es immer beſſer iſt, keine ſolche Anhängſel zu haben. Der Herr Marcheſe gilt in. Mailand, wie gebührlich, als der vornehme Cavalier und der große Mann, der er iſt: nein, nein laßt mich reden, denn die Wahrheit will ausgeſprochen ſein. Eine Em⸗ pfehlung, ein Wort von einem Manne Eurer Art iſt mehr als es bedarf, um eine vollkommene Freiſprechung auszu⸗ wirken.“ „Sind keine ſchweren Anklagen gegen den Jüngling vorhanden?“ „Gott bewahre, Gott bewahre! ich glaube wenigſtens nicht. Man hat gleich im erſten Augenblick Feuer auf ihn gegeben; aber jetzt handelt es ſich, glaube ich, nur noch um einfache Formſachen. „In dieſem Fall wird das Ding leicht ſein und ich nehme es gern auf mich.“ „Und Ihr wollt nicht, daß man Euch als einen gro⸗ ßen Mann erkläre! Ich ſage es und ich will es ſagen; Euch zum Trotz will ich es ſagen. Und wenn ich auch ſchwiege, ſo würde es doch nichts helfen, weil Alle ſo ſprechen und vox populi, vox dei.“ Sie trafen die drei Frauenzimmer und Renzo wirk⸗ lich beiſammen. Wie dieſen zu Muth war, kann man ſich vorſtellen. Ich glaube, daß ſelbſt die nackten, rauhen Wände, die Papierfenſter, die Tiſche und Töpfe in Verwunderung geriethen, einen ſo außerordentlichen Gaſt unter ſich zu empfangen. Er belebte die Unterhaltung, indem er mit vffener Herzlichkeit und zugleich in zarter Rückſichtmahme von dem Cardinal und den andern Dingen ſprach. Bald rückte er mit ſeinem Vorſchlag heraus. Auf ſeine Bitte, den Preis zu beſtimmen, trat Abbondio auf, und nach vielen Zierereien und Entſchuldigungen, daß dies ſeine Sache nicht ſei, daß er darin blos im Finſtern tappen könne, daß er nur auf ausdrücklichen Be⸗ fehl ſpreche und ſich gerne beſcheide, nannte er einen nach ſeiner Anſicht ganz übermäßigen Preis. Der Käufer ſagte, er ſeinerſeits ſei vollkommen damit zufrieden und ſprach, wie wenn er falſch gehört hätte, die doppelte Summe aus, wollte nichts von Berichtigungen hören, ſondern unterbrach und beendigte alles Gerede, indem er die ganze Geſellſchaft auf den Tag nach der Hochzeit zu einem Mittagsmahl auf ſeinem Schloſſe einlud, wo die Verkaufsurkunde nach den geſetzlichen Beſtimmungen niedergeſchrieben werden ſollte⸗ „Ach,“ ſagte Don Abbondio, als er nach Hauſe zurückgekehrt war, zu ſich ſelbſt: wenn die Peſt immer und überall ſolche Folgen gehabt hätte, ſo wäre es wahr⸗ haftig Sünde, übel von ihr zu reden; man ſollte beinahe in jedem Menſchenalter eine wünſchen, und ſo könnte man ſich's gefallen laſſen, eine Krankheit zu überſtehen.“ Die Dispenſation kam, die Rücknahme des Steckbriefs kam, es kam der geſegnete Tag: die beiden Verlobten gingen mit triumphlrender Zuverſicht in die Kirche und wurden alsdann wirklich durch Don Abbondio's Mund ge⸗ traut. Ein anderer und noch viel eigenthümlicherer Triumph⸗ zug war am folgenden Tag der Beſuch im Schloſſe; ich überlaſſe es Jedem, ſelbſt zu bedenken, welche Gedanken ihnen kommen mußten, als ſie dieſe Anhöhe hinanſtiegen und zu dieſem Thor hineintraten, und was für Reden ſie, jedes nach ſeiner eigenen Anſchauungsweiſe, führten. Ich bemerke nur noch, daß mitten in der Fröhlichkeit bald das Eine, bald das Andere mehr als einmal äußerte, um das Feſt zu krönen, fehle nichts als der arme Pater Criſtoforo. Aber was ihn betrifft, ſagten ſie dann, ſo iſt ihm gewiß wohler als uns.* Der Burgherr empfing ſie auf's Freundlichſte, führte ſie in einen ſchönen Speiſeſaal, ließ die Neuvermählten mit Agneſe und der Mailänder Frau an einer Tafel Platz nehmen und wollte, bevor er ſich ſelbſt zurückzog, um mit Don Abbondio anderswo zu ſpeiſen, auch an dieſem erſten Mahle einigen Antheil nehmen, ja er half ſogar ſeine Gäſte bedienen. Hoffentlich wird Niemand in den 329 Sinn kommen, zu ſagen, es wäre weit einfacher geweſen, geradezu eine einzige Tafel zu veranſtalten. Ich habe den Marcheſe als einen braven Mann erklärt, aber nicht als ein wahres Muſter, wie man heutzutage ſagen würde, ich habe geſagt, daß er leutſelig geweſen, aber nicht, daß er ein wahres Meerwunder von Leutſeligkeit war. Die ge⸗ nannte Eigenſchaft ging bei ihm ſo weit, daß er ſich unter dieſe braven Leute ſtellte, aber nicht ſo weit, daß er ſich ihnen gleich ſtellte. Nach den beiden Mahlzeiten wurde der Kaufvertrag aufgeſetzt durch die Hand eines Doectors, welcher nicht der Doctor Ferkelſtecher war. Dieſer, ich will ſagen, ſeine ſterbliche Hülle befand ſich und beſindet ſich noch immer in Canterelli. Für Denjenigen, der dieſe Ge⸗ genden nicht kennt, bedarf es hier, das begreife ich wohl, einer Erklärung. Etwas eine halbe Miglie oberhalb Lecco und beinahe zur Seite des andern Dorfes, welches Caſtello heißt, iſt ein Ort, den man Canterelli nennt, wo zwei Straßen ſich kreuzen. In der einen Ecke des Kreuzwegs erblickt man einen Hügel, der ein künſtlicher Erdaufwurf zu ſein ſcheint, mit einem Kreuz oben, und dieſer Hügel iſt nichts anderes, als ein großer Haufe Todter, die als Opfer jener Seuche geſtorben. Die Ueberlieferung nennt ſie allerdings nur die an der Peſt Geſtorbenen, aber es muß ohne Weiteres die letzte und mörderiſchſte Peſt gemeint ſein, die noch im Andenken lebt. Und man weiß ja, daß die Ueberlieferungen wenn man ihnen nicht ein wenig nachhilft, immer nur allzu wenig ſagen. Bei der Rückkehr gab es keinen andern Uebelſtand, als daß Renzo von der Laſt des Geldes, das er trug, ein wenig beläſtigt war. Aber der Menſch hatte, wie man weiß, ſchon ganz andere Ungemächlichkeiten ertragen. Ich ſpreche nicht von der keineswegs geringen Geiſtesanſtrengung, die es ihn koſtete, um die beſtmögliche Art der Anlegung dieſer Summe ausfindig zu machen. Wenn man die Pläne ſah, die in dieſem Geiſte emportauchten, die Phantaſieen, dis iunern Kämpfez wenn man die Für und Wider zu Gunſten des Ackerbaues oder der Induſtrie hörte, ſo war es, als ob zwei Akademien des vergangenen Jahrhunderts einander in die Haare gerathen wären. Und für ihn war die Sache noch weit dringender und verwickelter, weil man zu ihm als einem einzelnen Menſchen nicht ſagen konnte: warum lange wählen? Das Eine und das Andere; nur immer zu; die Mittel ſind im Ganzen dieſelben, es ſind zwei Dinge wie die Beine; alle Beide gehen beſſer als ein einziges. Man dachte nun an nichts Anderes mehr, als an's Einpacken und Reiſen. Die Familie Tramaglino brach nach ihrem neuen Vaterlande auf, die Wutwe reiste nach Mailand zurück. Dieß ging nicht ohne viele Thränen, Dankſagungen und Verſprechungen eines baldigen Beſuches ab. Nicht minder zärtlich mit Ausnahme der Thränen, war der Ab⸗ ſchied Renzo's und der Familie von dem gaſtlichen Freund: auch glaube man nicht, daß es mit Don Abbondiv ſo ganz kalt abgelaufen ſei. Die drei armen Leutchen hatten immer eine gewiſſe ehrerbietige Anhänglichkeit an ihren Pfarrer gehabt, und dieſer halte es im Grunde immer gut mit ihnen gemeint. Nur die leidigen Umſtände ſind es, die hie und da böſes Blut machen. Vielleicht fragt Jemand, ob es ihnen nicht auch wehe that, von dem Geburtsorte, von dieſen Bergen zu ſcheiden; allerdings war das ein Schmerz, denn ein Bischen Schmerz, ſage ich, gibt es in allen Dingen. Inzwiſchen darf man wohl glauben, daß er nicht allzu heftig war, denn ſie hätten ſich ihn ja erſparen und in ihrer alten Heimath bleiben können, nachdem die beiden Haupthinderniſſe, Don Rodrigo und der Haftbefehl, weggefallen waren. Aber ſchon ſeit geraumer Zeit hatten ſie ſich alle Drei daran gewöhnt, das Dorf, wohin ſie jetzt gingen, als ihre Heimath zu betrachten. Renzo hatte den Frauen ein ſo glänzendes Bilv davon entworfen, indem er ihnen die Vortheile, die ſich dort für die Handwerker darbieten, ſchilderte und hun⸗ dert Dinge von dem ſchönen Leben erzählte, das man dort führen könne. Ueberdies hatten Alle an dem Platz, dem 334 ſie nunmehr den Rücken kehrten, ſehr bittere Augenblicke erlebt, und traurige Erinnerungen laſſen zuletzt immer die Orte unangenehm erſcheinen, von denen ſie hervorgerufen werden. Wenn dieſe Orte vollends die eigentliche Heimath ſind, ſo liegt in ſolchen Erinnerungen vielleicht etwas noch Aergeres und Stechenderes. Auch das kleine Kind, ſagt hier das Manuſcript, ruht gerne am Buſen der Amme, ſucht mit Begierde und Vertrauen die Bruſt, die ihm bisher ſüße Nahrung gereicht; aber wenn die Amme, um es zu entwöhnen, ſie mit Wermuth benetzt, da zieht das Kindchen die Lippe zwück, macht dann noch einen Verſuch, wendet ſich aber zuletzt davon ab; es weint zwar, aber es wendet ſich ab. Was wird der Leſer aber jetzt ſagen, wenn er hört, daß Renzo, nachdem er kaum angelangt war und ſich in dem neuen Dorf eingewohnt hatte, allerlei Widerwärtigkeiten und Verdrießlichkeiten dort vorfand. Lumpereien zwar, aber es genügt ſo wenig, um einen glücklichen Zuſtand zu ſtören. Die Sache verhielt ſich mit wenigen Worten alſo: Schon gute Zeit vor ihrer Ankunft hatte man im Orte viel von Lucia geſprochen, Jedermann wußte, daß Renzo ſo viel um ſie ausgeſtanden hatte und immer feſt, immer treu geblieben war; vielleicht hatte auch der Eine oder Andere für ihn beſonders eingenommene Freund irgend ein Wörtchen fallen laſſen, und ſo war unter der ganzen Einwohnerſchaft eine gewiſſe Neugierde entſtanden das Mädchen zu ſehen; man machte ſich gewiſſe Erwartun⸗ gen von ihrer Schönheit. Nun weiß man ja, wie die Erwartung iſt: phantaſiereich, vorſchnell, zuverſichtlich; ſodann bei der Prufung ſchwierig und mißvergnügt, ſie findet niemals ihre Rechnung, weil ſie im Ganzen nie ſelbſt wußte, was ſie wollte, und nun läßt ſie ſich ohne Mitleid die ſchönen Dinge bezahlen, auf welche ſie ohne Grund gehofft hatte. Als dieſe Lucia endlich erſchien, da begannen Manche, die vielleicht geglaubt hatten, ſie müſſe Haare von wirklichem Gold, Wangen von wirklichen Ro⸗ ſen, zwei Augen eines ſchöner als das andere und was weiß ich alles haben, die Achſeln zu zucken, die Naſe zu rümpfen und zu ſagen:„Iſt es die? Nach ſo langer Zeit nach ſo vielem Gerede hätte man wohl etwas Anderes er⸗ warten können. Was iſt denn ſo Beſonderes an ihr? Sie iſt eine Bauerndirne, wie es ihrer ſo viele gibt. Ein Mädchen wie ſie und noch viel ſchönere findet man überall. Und indem dann dieſe Krittler ſich auf Einzelnheiten ein⸗ ließen, bemerkte der Eine dieſen, der Andere andere Fehler; es fehlte ſogar nicht an Solchen, die ſie ganz häßlich fanden. So lange nun aber Niemand dieſe Dinge Renzo ge⸗ radezu ins Geſicht ſagte, ſo lange war auch das Uebel nicht groß. Wer das Unheil ſtiftete und den Riß erwei⸗ terte, das waren gewiſſe Zuträger, und was will man ma⸗ chen? Renzo nahm ſolche Bemerkungen bitter genug auf. Er begann ſich Gedanken darüber zu machen und ſich theils gegen denjenigen, der es ihm hinterbrachte, theils und noch weit mehr innerlich bitter zu beſchweren.„Was geht es denn Euch an? wer hat Euch geſagt, daß Ihr Etwas erwarten ſollet? Habe ich Euch die Ohren von ihr vollgeſchwatzt? Habe ich Euch geſagt, daß ſie ſchön ſei? Und wenn Ihr ſelbſt mir das ſagtet, habe ich da nicht jedesmal blos geantwortet, ſie ſei ein braves Mädchen? Eine Bauerndirne! Habe ich Euch je geſagt, daß ich eine Prinzeſſin hergebracht habe? Wenn ſie Euch nicht gefällt, ſo braucht Ihr ſie ja nicht anzuſehen. Wenn Ihr ſchöne Weiber habt, ſo ſchaut dieſe an.“ Und man ſieht jetzt, wie zuweilen eine nichtige Klei⸗ nigkeit genügt, um über den Zuſtand eines Menſchen für ſein ganzes Leben zu entſcheiden. Hätte Renzo ſeinem er⸗ ſten Plane gemäß in dieſem Dorfe bleiben müſſen, ſo würde er wenig Freude gehabt haben. Der Verdruß, den man ihm bereitete, hatte ihn mürriſch gemacht. Er war gegen alle Leute unfreundlich, denn jeder konnte einer der Bekrittler Lucia's ſein. Zwar verſtieß er niemals gegen die Geſetze höflichen Anſtandes, aber Jedermann weiß ja, wie viele ſchöne Dinge man thun kann, ohne die Regel der —— 333 guten Lebensart ausdrücklich zu verletzen: das geht bis zum Bauchaufſchlitzen. Er hatte in ſeinem ganzen Benehmen etwas Hämiſches angenommen, er fand an Allem ewas zu tadeln: genug, wenn es zwei Tage hintereinander ſchlech⸗ tes Wetter war, ſo ſagte er gleich; natürlich auch in einem ſolchen Dorfe! Ich muß bemerken, daß er bereits einer ge⸗ wiſſen Anzahl von Perſonen, auch ſolchen, die ihm im Anfang wohlgewollt, zuwider geworden war, und ſo würde er mit der Zeit, wenn eine Sache die andere gab, ſo ziemlich mit der ganzen Bevölkerung auf den Kriegsfuß gerathen ſein, ohne daß er vielleicht ſelbſt die erſte Urſache anzugeben, die Wurzel eines ſo großen Uebels zu erkennen vermocht hätte. Aber man könnte beinahe ſagen, die Peſt habe die Verpflichtung übernommen unſerm Renzo überall, wo ihn der Schuh drückte, wiederaufzuhelfen. Sie hatte den Be⸗ ſitzer einer andern, beinahe vor den Thoren von Bergamo liegenden Spinnerei weggerafft, und ſein Erbe, ein lieder⸗ licher junger Butſche, dem das ganze Geſchäft keine Freude machte, war entſchloſſen, ja ſehnte ſich ſogar, die Fabrik um den halben Preis zu verkaufen; er verlangte aber die Kaufſumme in baarem Geld, um daſſelbe ſogleich wieder hinausjagen zu können. Die Sache kam Bartolo zu Ohren, er eilte hin um ſie in Augenſchein zu nehmen, er handelte: einen vortheilhafteren Kauf hätte man garnicht hoffen können, aber die Bedingung mit der Baarzahlung verderbte Alles, weil ſeine langſam zuſammengeſparte kleine Baarſchaft ſich bei weitem nicht bis auf dieſe Summe belief. Er hielt alſo den guten Freund halb und halb beim Wort, reiſte eilends zurück, theilte ſeinem Vetter die Sache mit und machte ihm den Vorſchlag ſich mit ihm zu aſſociren. Eine ſo vor⸗ theilhafte Geiegenheit machte Renzo's landwirthſchaftlichen Bedenklichkeiten ein Ende; er entſchloß ſich ſogleich für die Induſtrie und ſagte ja. Man reiſte zuſammen hin und der Handel wurde abgeſchloſſen. Als die neuen Herren dann in ihrem Beſitzthum anlangten, da war Lucia, welche dort keineswegs Gegenſtand nengieriger Erwartungen ge⸗ weſen, auch keinen Bekrittlungen ausgeſetzt und mißfiel ganz und gar nicht; im Gegentheil hörte Renzo öfter, daß mehr als Einer ſagte: Habt Ihr die ſchöne Tölpelin geſehen, die hier angefommen iſt? Er verzieh das Hauptwort zu Gunſten des Beiworts. Und auch von dem Verdruß, den er in dem andern Dorfe überſtanden, blieb ihm eine nützliche Lehre zurück. Früher war er in ſeinen Urtheilen etwas vorſchnell gewe⸗ ſen und es kam ihm nicht darauf an, über die Frau eines Andern oder ſonſt Ewas leichthin abzuſprechen. Jetzt ſah er ein; daß die Worte eine ganz andere Wirfung im Mund als im Ohre hervorbringen, und er gewöhnte ſich etwas mehr daran, die ſeinigen innerlich anzuhören, bevor er ſie ausſprach. Man glaube jedoch nicht, daß es nicht auch hier die eine oder andere kleine Verdrießlichfeit gegeben. Der Menſch, (ſagt unſer Anonymus, und man weiß ja ſchon lang, daß er in Bezug auf Gleichniſſe einem etwas eigenthümlichen Geſchmack huldigt; aber man mag dieſes noch hinnehmen, es ſoll das letzte ſein) der Menſch iſt, ſo lange er auf die⸗ ſer Welt weilt, ein Kranker, der auf einem mehr oder we⸗ niger unbequemen Bette liegt und um ſich herum andere, äußerlich wohl eingerichtete, ebene und glatte Betten ſieht und ſich einbildet, da müſſe es ſich angenehm ruhen. Aber wenn er nun wirklich dazu kommt, zu wechſeln, ſo hat er ſich kaum in dem neuen zurecht gelegt, ſo beginnnt er dort einen hervorſtehenden Dorn, da eine Härte zu fühlen; kurz es iſt ſo ziemlich wieder die Geſchichte wie mit dem alten. Und eben deshalb, fügt er hinzu, müſſen wir mehr darauf bedacht ſein, Gutes zu thun, als ein gutes Leben zu haben, und auf dieſe Weiſe wird es zuletzt immer am beſten gehen. Das iſt nun allerdings ein wenig mit den Haaren herbeigezogen und charakteriſirt vollkommen den Schrift⸗ ſteller des ſechzehnten Jahrhunderts, aber im Grund hat der Mann doch recht. Im Uebrigen, fährt er noch fort, hatten unſere guten Leute Drangſale und Verwicklungen der Bedeutung und Heftigkeit der bereits erzählten nicht —— 335 mehr zu überſtehen: ihr Leben war von nun an ganz frievlich, glücklich und höchſt beneidenswerth, ſo daß Ihr Euch zu Tode langweilen würdet, wenn ich es Euch er⸗ zählen wollte. Die Geſchäfte gingen vortrefflich: im Anfang trat allerdings wegen Mangels an Arbeitern, ſowie wegen der Verwöhntheit und hohen Anſprüche der wenigen noch übrig gebliebenen eine gewiſſe Stockung ein. Bald aber erſchie⸗ nen Verordnungen die den Arbeitslohn beſchränkten, und trotz dieſer Hilfe kamen die Sachen wieder ins alte Ge⸗ leiſe, weil ſie am Ende immer dahin zurückkehren müſſen. Aus Venedig kam ein anderer, etwas verſtändigerer Be⸗ fehl; alle Ausländer, die ſich im Staate niederlaſſen woll⸗ ten, wurden auf zehn Jahre von dinglichen und perſön⸗ lichen Laſten befreit. Für unſere Freunde war dies ein neuer glücklicher Umſtand. Noch vor Ablauf des erſten Jahres der Ehe erblickte ein holdes Geſchöpf das Tageslicht, und gleich, als wäre es beſonders darauf abgeſehen geweſen, daß Renzo recht bald Gelegenheit haben ſollte, ſein hochherziges Gelübde zu erfüllen, war es ein Mädchen; man kann ſich denken, daß es Maria getauft wurde; mit der Zeit kamen noch, ich weiß nicht wie viele andere beiderlei Geſchlechtes nach: Agneſe hatte genug zu thun, das eine und andere herum⸗ zutragen, indem ſie ſie kleine Schelme nannte und ihnen ſo derbe Küſſe ins Geſicht aufdrückte, daß eine gute Weile weiße Flecken zurückblieben. Und alle zuſammen hatten gute Neigungen und Anlagen; auch wollte Renzo, daß ſie ſammtlich leſen und ſchreiben lernen ſollten; er ſagte, da dieſe Spitzbüberei einmal vorhanden ſei, ſo ſollten ſie we⸗ nigſtens davon profitiren. Es war ſchön, ihn ſeine Abenteuer erzählen zu hören, und er ſchloß immer mit der Bemerkung, welch große Dinge er dabei gelernt habe, die er ſich zur Richtſchnur ſeines künftigen Verhaltens machen könne.„Ich habe ge⸗ lernt,“ ſagte er,„mich in keine Händel einzulaſſen; ich habe gelernt, nicht auf öffentlichem Platze zu predigen; 336 ich habe gelernt, nicht über Durſt zu trinken; ich habe gelernt, den Thürklopfer nicht in der Hand zu halten, wenn überall halbverrückte Leute herumſtehen; ich habe gelernt, mir keine Glocke an den Fuß zu ſchnüren, ohne vorher überlegt zu haben, was daraus entſtehen könne, und hundert andere Dinge.“ Lucia jedoch fand zwar dieſe Lehren nicht an und für ſich falſch, war aber doch nicht ganz damit zufrieden. Sie hatte eine dunfle Vorſtellung, als ob etwas daran fehle. Da ſie nun daſſelbe Lied ſo oft ſingen hörte und jedesmal darüber nachſann, ſo ſagte ſie eines Tages zu ihrem Moralphiloſophen:„Und ich, was habe ich daraus leinen können? Ich habe das Unglück nicht aufgeſucht, ſondern das Unglück hat mich aufgeſucht; Du wirſt doch,“ fügte ſie mit einem holden Lächeln hinzu,„nicht etwa be⸗ haupten wollen, es ſei ein dummer Streich von mir ge⸗ weſen, daß ich Dir gut war, und mich mit Dir verlobte?“ Renzo war anfangs in Verlegenheit. Nachdem ſie aber lange mit einander debattirt und darüber nachgeforſcht, vereinigten ſie ſich in dem Schluſſe: daß die Leiden zwar ſehr oft aus der Urſache kommen, welche der Menſch ihnen gebe; daß aber auch das vorſichtigſte und unſchuldigſte Verhalten nicht davor ſicher ſtelle, und daß, wenn ſie, ob nun verſchuldet oder unverſchuldet, kommen, das Vertrauen auf Gott ſie mildere und für ein beſſeres Leben nützlich mache. Dieſer Schluß hat uns, obſchon von höchſt ein⸗ fachen Leuten aufgefunden, ſo treffend geſchienen, daß wir ihn gleichſam als die Quinteſſenz der ganzen Geſchichte hieher zu ſetzen beſchloſſen haben. Hat dieſelbe Euch einige Unterhaltung gewährt, ſo wiſſet dafür dem Anonymus und auch ein klein wenig ſeinem Auferwecker von den Todten Dank. Sollte uns aber dieß nicht gelungen ſein, ſollten wir Euch vielmehr bloß ge⸗ langweilt haben, ſo ſeid verſichert, daß dieß durchaus gegen unſere Abſicht geſchehen iſt. Ende. ſſ 3 9 10 11 12 13 14 15 16