Leihbibliothekt deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 7 on— 6* Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Sfeſebedingungen. Oüensein der Pibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 5 für nchentlich 2 Bücher: 4 Büchern: 6 Bücher: auf 1 Monat: T N— N 2 N— f 3 6„„— 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlbrene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmützte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer ſn Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejeni en, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. S————— 4 2—— 2——— — Die Verlobten. Eine mailändiſche Geſchichte aus dem ſiebzehnten Jahrhundert. von Aleſſandro Manzoni. Aus dem Italieniſchen überſetzt von Gottlob Fink. Fünftes bis achtes Bändchen. —6— Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1851. 6* Druck der K. Hofbuchdruckerei Zu Guttenberg in Stuttgart. ———— —— S 1 — —— Zwölftes Capitel. Es war dies das zweite Jahr des Mißwachſes; im vorigen Jahre hatten die ſpärlichen Ueberbleibſel der übri⸗ gen dem Mangel noch einigermaßen abgeholfen, und die Bevölkerung war weder ſatt, noch ganz ausgehungert, je⸗ denfalls aber gänzlich entblößt bei der Ernte des Jahres 1628 angelangt, in welchem wir uns mit unſerer Geſchichte befinden. Nun aber fiel die ſo ſchmerzlich erſehnte Ernte, theils wegen noch ungünſtigerer Witterung(und dies nicht blos im Mailändiſchen, ſondern auch in einem guten Stücke des angrenzenden Landes), theils durch die Schuld der Menſchen noch ärmlicher aus als ſdie früheren. Die Verwüſtung und Verheerung des Krieges, jenes ſchönen Krieges, deſſen wir bereits gedacht haben, griff dermaßen um ſich, daß in demjenigen Theile des Staates der ihm am nächſten lag, viele Ländereien noch weniger als ſonſt beſtellt und von den Landleuten verlaſſen wurden, welche, ſtatt durch Arbeit ſich ſelbſt und Andern Brod zu ſchaffen, ſich genöthigt ſahen um Gottes willen betteln zu gehen. Ich habe geſagt, die Ländereien ſeien noch weniger als ſonſt beſtellt worden, denn die unerſchwinglichen, mit einer beinahe grenzenloſen Habgier und der rückſichtsloſeſten Un⸗ billigkeit auferlegten Laſten, die Art, wie ſich die vaterlän⸗ diſchen Truppen ſelbſt im Frieden aufführten, eine Auf⸗ führung, die nach den ſchmerzlichen Urkunden jener Zeit um Nichts beſſer war, als die eines angreifenden Feindes, dann auch noch andere Gründe, zu deren Aufzählung hier Die Verlobten. IM. 1 2 nicht der Ort iſt, trugen ſchon ſeit längerer Zeit dazu bei, jene traurigen Wirkungen allmälig im ganzen Mailänder Gebiet hervorzubringen! die beſonderen Umſtände, von denen wir jetzt ſprechen, waren gleichſam eine plötzliche Verſchlim⸗ merung eines chroniſchen Uebels. Auch war die armſelige Ernte kaum eingebracht, als die Verproviantirung der Armee und die damit verbundenen Verſchleuderungen einen ſolchen Riß hinein machten, daß der Mangel bald fühlbar wurde und mit dem Mangel ſeine ſchmerzliche, aber heilſame und unvermeivliche Wirkung, die Theuerung ſich einſtellte. Wenn aber die Theurung einen gewiſſen Grad erreicht, ſo entſteht immer(wenigſtens war dies in früheren Zeten ſiets der Fall, und wenn es nach den Schriften ſo vieler braver Männer noch immer der Fall iſt, ſo denke man ſich vollends in jene Zeiten), ſo entſteht immer unter der Menge der Glaube, daß ſie nicht durch wirkliche Noth herbeigeführt ſei. Man vergißt, daß man ſie gefürchtet und vorhergeſagt hatte; man nimmt auf einmal an, es ſei Korn in Hülle und Fülle vorhanden, und das Uebel komme nur daher, daß man nicht den nöthigen Bedarf zum Vor⸗ ſchein kommen laſſe; Vorausſetzungen, die allerdings ziem⸗ lich albern ſind, aber dem Zorn und der Hoffnung zugleich ſchmeicheln. Die ob nun wirklichen oder vermeintlichen Kornwucherer, die Gutsbeſitzer, die nicht ihren ganzen Vor⸗ rath an einem Tage verkauften, die Bäcker, welche kauften, kurz alle diejenigen, die ein wenig oder genug Korn be⸗ ſaßen oder als Beſitzer von Vorräthen galten, wurden als die Verurſacher der Noth und der Theuerung ausgeſchrieen. Sie waren die Gegenſtände der allgemeinen Klagen und des Abſcheues der großen Menge in guten oder ſchlechten Kleidern. Man ſagte genau wo die mit Korn angefüll⸗ ten, von Korn ſtrotzenden, ja ſogar der Stützen bedürftigen Vorrathskammern und Magazine ſeien; man nannte eine höchſt übertriebene Zahl von Säcken, man ſprach mit Be⸗ ſtimmtheit von der ungeheuern Menge Getreide, die heim⸗ lich in fremde Länder geſchafft würde, in denen man wahr⸗ ——. 3 ſcheinlicherweiſe mit der gleichen Beſtimmtheit und Tobſucht ſchrie, das Korn werde nach Mailand ausgeführt. Man bat die Obrigkeit dringend um Vorkehrungen, welche der Menge immer ſo billig, ſo einfach, ſo vollkommen geeignet, um das ihrer Behauptung zu Folge verſteckte, vermauerte und eingegrabene Getreide herbeizuſchaffen und den Ueberfluß wieder herbeizuführen, ſcheinen oder wenigſtens bis jetzt immer geſchienen haben. Die Obrigkeiten ließen ſich auch herbei, daß ſie z. B. für einige Getreidearten den höchſten Preis feſtſetzten, diejenigen Eigenthümer, die ſich weiger⸗ ten zu verkaufen, mit Strafen bedrohten und andere ſolche Verordnungen erließen. Da nun aber alle menſchlichen Vorkehrungen, ſo energiſch ſie auch ſein mögen, gleichwohl die Kraft nicht beſitzen das Bedürfniß nach Nahrung zu verringern oder Korn herbeizuſchaffen, wenn es einmal außer der Zeit iſt, da ferner insbeſondere die obgedachten Vorkehrungen ganz gewiß nicht die Macht beſaßen, Lebens⸗ mittel aus Gegenden herbeizuzaubern, wo ſie im Ueberfluß vorhanden ſein mochten, ſo währte das Uebel fort und nahm ſogar überhand. Die Menge ſchrieb dieſe Wirkung der Unzulänglichkeit und Schwäche der Gegenmittel zu und verlangte mit lautem Geſchrei eine umfaſſendere und ent⸗ ſcheidendere Abhilfe. Zu ihrem Unglück fand ſie den Mann nach ihrem Herzen. In Abweſenheit des Statthalters Don Gonzalo Fer⸗ nandez von Cordova, welcher Caſale im Monferatiſchen Gebiet belagerte, war ſein Stellvertreter in Mailand der Großkanzler Antonio Ferrer, gleichfalls ein Spanier. Dieſer ſah ein(und wer hätte das nicht eingeſehen ²) daß ein mäßiger Brodpreis an und für ſich eine ſehr wün⸗ ſchenswerthe Sache ſei und nun meinte er(das war ge⸗ rade ſein Schnitzer), daß ein Befehl von ihm hinreichen könne, einen ſolchen zu bewerkſtelligen. Er ſetzte die Brod⸗ tare nach dem Preiſe feſt, welchen das Brod gehabt hätte, wenn der Scheffel Korn überall zu 33. Lire verkauft wor⸗ den wäre, und man mußte ihn für 80 bezahlen. Er 1 machte es wie ein jung geweſenes Frauenzimmer, das ſich zu verjüngen glaubt, wenn es ſeinen Taufſchein fälſcht. Weniger unfinnige und weniger ungerechte Befehle waren ſchon zu wiederholtenmalen wegen des in der Sache ſelbſt liegenden Widerſtandes unausgeführt geblieben; aber über den Vollzug der eben genannten Verordnung wachte die Menge, die nun endlich ihren Wunſch in ein Geſetz verwandeit ſah und in einer ſolchen Sache keinen Scherz verſtand. Sie eilte ſogleich zu den Bäckern, um zu dem herabgeſetzten Preiſe Brod zu verlangen, und ſie verlangte dies mit jener drohenden Entſchloſſenheit, welche die Leivenſchaft, die Gewalt und das Geſetz im Bunde mit einander verleihen. Wie die Bäcker ſchrieen, das kann man ſich denken. Das raßtloſe Aermelaufſtreifen, Kneten, Einſchieben und Herausziehen— denn das Volk hatte jedenfalls ein verworrenes Gefühl von der Gewaltſamkeit der Sache und belagerte die Oefen unaufhörlich, um das vielleicht ſchnell vorübergehende Glück zu genießen— die Röthigung, ſich weit mehr als gewöhnlich abzuplagen und die Gewißheit, dabei ſein gutes Geld zu verlieren, was das für ein Vergnügen ſein mußte, das ſieht jeder. Aber auf der einen Seite ſtand die Obrigkeit mit Strafandrohungen, auf der andern drängte das Volk, das, ſobald es ſich nicht ſchnell genug bedient glaubte, zu murren anfing und heimlich mit einem Beiſpiel ſeiner eigenen Gerechtigkeits⸗ pflege drohte, welche zu den allerſchlimmſten in der gan⸗ zen Welt gehört; da war alſo keine Rettung, es mußte geknetet, eingeſchoben, herausgeholt und verkauft werden⸗ Aber damit ſie in dieſer Arbeit verharren konnten, dazu genügte es nicht, ſtrenge Befehle zu ertheilen und ihnen große Angſt einzujagen, man mußte ihnen auch die ma⸗ terielle Möglichkeit verſchaffen, und wenn die Sache noch ein klein wenig länger angedauert hätte, ſo würden ſie nicht mehr gekonnt haben. Sie machten beſtändig Vor⸗ ſtellungen gegen die Unbilligkeit und Unerträglichkeit der ihnen auferlegten Laſt, ſie erklärten, daß ſie die Schaufel 5 in den Ofen werfen und davon laufen würden; gleichwohl behalfen ſie ſich inzwiſchen ſo gut wie möglich und über⸗ ließen ſich fortwährend der Hoffnung, der Kanzler werde doch endlich einmal Vernunft annehmen. Aber Antonio Ferrer, welcher das war, was man heut zu Tag einen Charakter nennen würde, antwortete, die Bäcker hätten in den früheren Zeiten mehr als genug Nutzen gehabt und würden auch in künftigen beſſeren Zeiten mehr als genug profitiren; man wolle allerdings zu⸗ ſehen, man wolle darauf bedacht ſein, ihnen viel⸗ leicht von Staatswegen eine Entſchädigung zu verſchaf⸗ fen; inzwiſchen aber müßten ſie ſich feſt daran halten. Ob er nun wrirklich ſelbſt von der Richtigkeit dieſer Gründe, die er gegen andere anführte, überzengt war, oder ob er aus den bisherigen Wirkungen die Unmöglichkeit er⸗ ſah, ſeine Maßregel länger durchzuführen, und deshalb einem Andern das gehäſſige Geſchäft überlaſſen wollte, ſie zurückzunehmen(denn wer vermag heute, Antonio Ferrers innerſte Meinung zu erkunden 2) ſo viel ſteht feſt, daß er um kein Haarbreit von ſeinen Anordungen abging. End⸗ lich erließen die Decurionen lein aus Adeligen zuſammen⸗ geſetzter Gemeinderath, der bis ins Jahr 96 des venfloſ⸗ ſenen Jahrhunderts fortbeſtand) einen ſchriftlichen Bericht über die Sache an den Statthalter, damit er irgend ein Ausfunftsmittel erfinden möchte. Don Gonzalo, der bis über die Ohren in den Kriegs⸗ geſchäften ſteckte, that, was ſich der Leſer gewiß vorſtellt; er ernannte eine Kommiſſion, welcher er das Recht üher⸗ trug, einen Brodpreis feſtzuſetzen, der gelten könne: alſo eine für Beide Theile gerechte Sache. Die Mitglieder traten zuſammen oder, wie es in dem damaligen ſpaniſchen Kauderwelſch hieß, ſie bildeten eine Junta, und nach tau⸗ ſend Kratzfüßen, Komplimenten, Umſchweifen, Klagen, Halbſagereien, Vorſchlägen zur Güte, Ausflüchten, vereinig⸗ ten ſie ſich, durch eine von Allen gleichmäßig empfundene Nothwendigkeit zu einem Entſchluſſe gedrängt, mit dem Bewußtſein, daß ſie Viel aufs Spiel ſetzten, aber mit der Ueberzeugung, daß nichts Anderes zu thun ſei, zu dem Be⸗ ſchluß, den Brodpreis zu erhöhen. Die Bäcker athmeten wieder auf, aber das Volk wurde wüthend. Am Vorabend von Renzo's Ankunſt in Mai⸗ land wimmelten die Straßen und öffentlichen Plätze von Menſchen, die von einer gemeinſamen Entrüſtung erfaßt, von einem gemeinſamen Gedanken beherrſcht, ob ſie ſich nun kannten oder einander fremd waren, ohne vorher⸗ gegangene Uebereinkunft, gleichſam ohne es ſelbſt zu wiſ⸗ ſen, ſich in Kreiſe und Gruppen vereinigten, gleich Waſſer⸗ tropfen, die über dem nämlichen Abſturze herabſchweben. Jede Rede ſteigerte die Ueberzeugung und Leidenſchaft der Zuhörer wie auch des Revners ſelbſt noch mehr. Un⸗ ter ſo vielen leidenſchaftlich Aufgeregten befanden ſich auch einige Kaltblütigere, die mit vielem Vergnügen zuſchauten, wie das Waſſer ſich immer mehr trübtez ſie halfen dazu redlich mit, indem ſie ſolche Redensarten und Rachrichten hineinwarfen, wie die Schurken ſie ſchnell zu erfinden wiſſen und die erhitzten Gemüther glauben; ſie wollten das Waſſer ſich nicht wieder klären laſſen, ohne zuvor ein Bischen darin geſiſcht zu haben. Tauſende von Menſchen legten ſich nieder mit dem unklaren Gefühle, daß man irgend Etwas thun müſſe und thun werde. Die Aufläufe begannen ſchon vor der Morgenröthe, Kinder, Weiber, Männer, Tagelöhner, Bettler rotteten ſich aufs Gerathewohl zuſammen; da war ein verworrenes Geflüſter vieler Stimmen, dort predigte Einer und die Anderen jauchz⸗ ten Beifall; der Eine richtete an ſeinen Nachbar dieſelbe Frage, die ſo eben an ihn ſelbſt gerichtet worden; ein An⸗ derer wiederholte den Ausruf, den er in feinen Ohren hatte ſchallen hören; allenthalben hörte man Klagen, Drohungen, Ausrufe der Verwunderung: das ganze Ge⸗ rede drehte ſich um eine geringe Anzahl von Worten. 7 Es fehlte nur noch an einem Hebel, einer Veranlaſſung, an irgend einem Anſtoß, um die Worte zu Thaten zu machen, und auch dieſe Gelegenheit blieb nicht lange aus. Mit Tages⸗ anbruch kamen die Bäckerburſchen mit vollen Brodkörben aus ihren Läden heraus, um damit in die Häuſer ihrer gewöhnlichen Kunden zu gehen. Die erſte Erſcheinung eines dieſer unglücklichen Jungen unter einem Volkshaufen wirkte wie der Einfall eines brennenden Schwärmers in eine Pulverkammer.„Seht, wie viel Brod da iſt,“ rie⸗ fen hundert Stimmen zugleich.—„Ja, für die Tyrannen, die im Ueberfluß ſchwelgen und uns verhungen laſſen wol⸗ len,“ ſagt Einer, nähert ſich dem Jungen, ſtreckt ſeine Haud zum Rande des Korbes empor, macht einen Ruck und ſagt:„Laß ſehen!“ Der Burſche wird bald roth, bald blaß, er zittert, er möchte geine ſagen:„Laßt mich gehen,“ aber das Wort erſtirbt in ſeinem Munde, er zieht die Arme an und ſucht ſie ſchleunigſt von den Gurten los⸗ zumachen.„Herunter mit dem Korb!“ ruft man inzwiſchen⸗ Viele Hände greifen zu; er liegt auf dem Boden, man ſchleudert das Tuch weg, das ihn bedeckt; ein warmer, angenehmer Geruch verbreitet ſich ringsum.„Wir ſind auch Chriſten, wir müſſen auch Brod zu eſſen haben,“ ſagt der Erſte,„nimmt ein Brod, hält es hoch emvor, um es der Verſammlung zu zeigen, beißt es an; Alles greift in den Korb, die Brode werden in die Luſt gehal⸗ ien; in weniger Zeit, als man es erzählt, war aufgeräumt. Diejenigen, die Richts bekommen hatten, brachen jetzt, durch den Anblick des Gewinnes der Andern gereizt und ermuthigt durch die Leichtigkeit des Unternehmens, haufen⸗ weiſe auf, um andern wanvernden Brodkörben nachzuſtellen; alle, die ihnen in den Weg kamen, wurden geplündert. Es war nicht einmal nöthig, den Trägern Gewalt anzuthunz diejenigen, die ſich unglücklicher Weiſe unterwegs befan⸗ den, ſtellten, als ſie ſahen, woher der Wind blies, frei⸗ willig ihre Laſt zu Boden und machten ſich auf und da⸗ von. Bei alle dem mußten weitaus die meiſten mit trocke⸗ nem Munde abziehen; auch die Eroberer waren mit einer ſo geringen Beute nicht zufrieden, und unter die Einen wie unter die Andern hatten ſich diejenigen gemiſcht, die es auf eine weit größere Unordnung abſahen. Man ruft: „Zu den Backöfen, zu den Backöfen!“ Auf der Straße Carſio de Surri war und iſt noch jetzt unter demſelben Namen ein Backofen; beſagter Name iſt im Mailändiſchen aus ſo ſprachwidrigen, grillenhaften und rauhen Worten zuſammengeſetzt, daß das Alphabet der Sprache keine Zeichen beſitzt, um ihren Klang anzu⸗ geben. Dorthin wogte der Schwarm. Die im Laden be⸗ findlichen Perſonen fragten eben den geplünderten Bäcker⸗ burſchen aus, der noch ganz bleich war vor Schreck und ganz verblüfft ſtammelnd ſein trauriges Abenteuer er⸗ zählte, als man das Getöſe einer gewaltigen Volksbewe⸗ gung vernahm; es wird immer ſtärker und naht heran; die Vorläufer des Schwarmes zeigen ſich. Zugemacht! ſchnell! ſchnell! Einer läuft zu dem Po⸗ lizeihauptmann, um Hülfe zu holen, die Andern verſchließen eiligſt den Laden, verrammeln und ſtützen die Thüren von Innen. Die Menge beginnt immer dichter zu werden, und ſchreit:„Brod! aufgemacht! aufgemacht!“ Siehe, da kommt der Polizeihauptmann mitten unter einem Fähnlein Hellebardiere:„Platz, Platz, Kinder! nach Hauſe, nach Hauſe! macht dem Hauptmann Platz!“ ruft er den Hellebardieren zu. Das Volk, das noch nicht allzu gedrängt ſtand, machte ein wenig Platz, ſo daß die Sol⸗ daten ankommen und ſich, hart aneinander, wenn auch nicht ganz geordnet, mit dem Rücken an der verſchloſſenen Ladenthüre aufſtellen konnten.„He, Kinder,“ begann von da der Hauptmann zu ſprechen,„was macht Ihr da? Nach Hauſe, nach Hauſe! Wo iſt die Gottesfurcht! Was wird der König, unſer Herr, ſagen? Wir wollen Euch nichts zu Leid thun, aber gehet nach Hauſe, ſeid brav! Was zum Henker wollt Ihr da ſo zuſammengepfropft an⸗ fangen? Auf dieſe Weiſe kann nichts Gutes weder für 9 die Seele, noch für den Leib herauskommen! Nach Hauſe, nach Hauſe!“ Aber wenn diejenigen, welche das Angeſicht des Sprechers ſahen und ſeine Worte hörten, ſelbſt den Willen gehabt hätten, ihm Gehorſam zu leiſten, ſo ſage mal Einer, wie dieß moöglich geweſen wäre, da ſie fort⸗ während vorangeſchoben und eingekeilt wurden von ihren Hintermännern, hinter denen wieder Andere drängten wie Woge an Woge, ſtufenweiſe, bis zum äußerſten Ende des Auflaufs, der immer mehr anwuchs. Der Hauptmann begann ein wenig Angſt auszuſtehen.„Macht, daß ſie zurückweichen, damit ich wieder zu Athem komme,“ ſagte er zu den Hellebardieren;„aber thut keinem etwas zu Leide; wir wollen ſehen, daß wir in den Laden hineinkommen; klopft an, treibt die Leute zurück!“ „Zurück, zurück!“ riefen die Hellebardiere, indem ſie die zunächſt Stehenden wegſchoben und mit den Schäften ihrer Gewehre zurücktrieben. Die Vorderſten ſchreien laut auf, weichen, ſo gut ſie können, zurück, ſtoßen ihre Hin⸗ männer mit dem Rücken auf die Bruſt, mit den Ellen⸗ bogen in die Huften, treten ihnen mit den Abſätzen auf die Zehen; es war ein Gewühl, ein Drängen und Stoßen, ſo daß die in der Mitte viel darum gegeben hätten, anderswo zu ſein. Inzwiſchen iſt um die Thüre herum einiger freier Raum entſtanden. Der Hauptmann klopft an, lärmt, ruft, man ſolle ihm öffnen; die von Innen ſehen zu den Fen⸗ ſtern heraus, man kommt ſchnell herab, öffnet, der Haupt⸗ mann tritt ein und ruft ſeine Hellebardiere, die gleichfalls Einer um den Andern ſich hineindrängen, indem die letz⸗ ten mit ihren Gewehren die Menge zuückhalten. Als Alle drinnen ſind, wird eine Art von Gerüſte gemacht; der Hauptmann ſieigt ſchnell hinauf und zeigt ſich an einem Fenſter. Hu, welch ein Gewühl! „Kinder!“ ruft er; viele ſchauen hinauf.„Kinder, geht nach Hauſe; Generalpardon denjenigen, die ſogleich nach Hauſe gehen!“ 7 „Brod! Brod! Aufgemacht, aufgemacht!“ waren noch die deutlichſten Worte in dem wilden Geſchrei, mit wel⸗ chem die Menge dieſe Aufforderung beantwortete. „Seid doch vernünftig, Kinder, nehmt Euch wohl in Acht, noch iſt es Zeit! Marſch! fort! Geht nach Hauſe! Ihr ſollt Brod haben; aber das iſt nicht die rechte Art es zu verlangen. He, he, was macht Ihr denn da un⸗ ten? Was wollt Ihr da an der Thüre? Nicht doch, nicht doch! Ich ſehe Alles, mir entgeht Nichts, ſeid vernünftig! Nehmt Euch in Acht! Es iſt ein ſchweres Verbrechen. Wartet, ich komme ſogleich. He, he, hinweg mit dieſen Eiſen! Die Hände am Leib gehalten! Gott ſtehe mir bei! Seid Ihr auch Mailänder Bürger, die man in der gan⸗ zen Welt wegen ihrer Ordnungsliebe rühmt? Hört mich an! hört mich an! Ihr waret doch immer gute Kin. Ha die Kanaillen!“ Dieſes plösliche Umſchlagen des Styls wurde durch einen Stein verurſacht, der aus den Händen eines der gu⸗ ten Kinder an die Stirne des Hauptmannes auf die linke Erhöhung des metaphyſiſchen Tieffinnes flog.„Kanaillen! Kanaillen!“ fuhr er zu ſchreien fort, indem er in größter Haſt das Fenſter zuſchlug und ſich zurückzog. Aber, wenn er auch mit der vollen Kraft ſeiner Kehle geſchrieen hätte, ſo würden doch ſeine Worte, die gütlichen ſowohl als die— zornigen, auf halbem Weg in der Luft zerfloſſen und, zu⸗ rückgedrängt durch das wirre Geſchrei, das von unten kam, verloren gegangen ſein. Das, was er eben zu ſehen be⸗ hauptete, war ein großes Arbeiten mit Steinen, eiſernen Wertzeugen, den erſten beſten, die ſie ſich auf dem Wege hatten verſchaffen können, und womit ſie nun an die Thü⸗ ren und Fenſter pochten, um Alles einzuſchlagen und die S loszureißen; auch war dieſes Werk bereits weit ge⸗ diehen. Inzwiſchen gaben die Herren und die Diener des La⸗ dens, die mit einem Vorrath von Steinen— denn ſie hatten wahrſcheinlich das Pflaſter im Hof aufgeriſſen— an den Fenſtern im obern Stock erſchienen, den unten „ 11 Stehenden durch Geſchrei, Grimaſſen und Geberden zu verſtehen, daß ſie ihren Unfug unterlaſſen ſollten; ſie zeig⸗ ten ſogar die Steine und machten Miene, ſie hinabwerfen zu wollen. Als ſie ſahen, daß dies nichts half, begannen ſie wirklich zu werfen. Auch traf nicht ein einziger fehl, denn das Gedränge war ſo groß, daß, wie man zu ſagen pflegt, nicht einmal ein Hirſekorn hätte zur Erde fallen können. „Ha, ihr Hallunken! ha, ihr Schurken! Iſt das das Brod, das ihr den armen Leuten bietet! O weh! o weh! aber wartet nur! es kommt jetzt an uns!“ So heulte man von unten herauf. Mehr als Einer wurde übel zugerich⸗ tet; zwei Jungen blieben todt liegen. Die Wuth ſteigerte die Kräfte der Menge, die Thürpfoſten, die Gitter wurden abgeriſſen, und nun drang der Strom durch alle Päſſe hinein. Als die Diener die dringende Gefahr ſahen, ſto⸗ hen ſie eiligſt auf den Dachboden: der Hauptmann, die Hellebardiere und einige vom Haus verkrochen ſich unter den Ziegeln; Andere ſtiegen zu den Dachlucken hinaus und kletterten wie die Katzen auf den Dächern herum. Der Anblick der Beute macht die Sieger die blutigen Rachepline vergeſſen. Sie werfen ſich über die großen Kiſten her, das Brod geht in die Rappuſe. Einer da⸗ gegen beeilt ſich, vom Geldſchranke das Schloß los zu machen, er bemächtigt ſich der Schaalen, greift mit beiden Händen zu, ſchiebt ſeine Taſchen voll und entfernt ſich mit Geloſtücken beladen, um hernach auch noch Brod zu ho⸗ len, im Fall ſolches übrig bleiben ſollte. Die Menge verbreitet ſich in den innern Magazinen; es werden Säcke angepackt und weggeſchleppt. Einer ſtürzt einen ſolchen um, öffnet ihn und ſchüttet einen Theil des Mehles aus, bis nur noch ſo viel darin iſt, daß er ſelbſt es tragen kann; ein Anderer ruft:„Wart, wart!“ und gibt ſich daran mit Tüchern, mit ſeinen Kleidern Eiwas von dem verſchwendeten Gute zu erraffen; dort ſtürzt Einer über einen Backtrog her und ergreift einen Klumpen Teig, welcher ſich dehnt und ihm nach allen Seiten entfällt; hier hat ein Anderer einen Mehlbeutel erobert und trägt ihn hoch in die Luft gehalten; das iſt ein Hinundhergehen und Hanthiren, wie man es nicht alle Tage erlebt: Männer, Weiber, Kinder; ein Gedränge vor⸗ und rückwärts, ein Geſchrei und eine weiße Staubwolke, welche ſich auf Alles niederſenkt, überall ſich erhebt, Alles einhüllt und umnebelt. Von Außen ein Gedränge, beſtehend aus zwei entgegenge⸗ ſetzten Prozeſſionen, welche abwechſelnd aufeinander ſtoßen und einander in Verwirrung bringen, indem die eine mit der Beute hinausgeht, die andere hereindringen will, um Beute zu machen. Während dieſes Backhaus auf ſolche Art ausgeleert wurde, blieb kein anderes in der Stadt ruhig und unge⸗ fährdet. Aber vor keinem rottete ſich das Volk zahlreich genug zuſammen, um Alles wagen zu können; in einigen hatten die Eigenthümer Hilfstruppen zuſammengezogen und ſich zu vertheidigen bereit gehalten; in andern ließen ſie ſich, da ſie ſchwächer an Jahl oder ängſtlicher waren, ge⸗ wiſſermaßen auf Vergleiche ein; ſie vertheilten Brod an Diejenigen, welche ſich vor den Läden zuſammenzurotten angefangen hatten; aber unter der Bedingung, daß ſie ſich entfernen ſollten. Sie gingen denn auch, nicht ſowohl weil ſie mit ihrem Erwerb zufrieden waren, als vielmehr weil die Hellebardiere und Häſcher, welche in dem ſchreck⸗ lichen, ſogenannten Krückenofen keine Schlacht gewagt hatten, anderswo mit ausreichender Macht erſchienen, um die kleinen Häuflein der Meuterer in Reſpect zu halten. So wurde das Gedränge und der Wirrwarr bei jenem un⸗ ſeligen erſten Backhaus immer größer; denn alle diejenigen, denen es in den Händen juckte, und die ein Gelüſte nach irgend einer ſchönen That trugen, begaben ſich eben dahin, wo die Freunde in größerer Anzahl beiſammen und die Strafloſigkeit ſo gut wie ſicher war. So ſtanden die Sachen, als Renzo, der, wie wir be⸗ reits geſagt, ſein Brod allmälig verzehrt hatte, aus der 13 Vorſtadt Porta orientale heraufkam und, ohne es ſelbſt zu wiſſen, ſich dem eigentlichen Mittelpunkte des Tumultes näherte. Er ging bald raſch, bald langſam, wenn das Gedränge ihn aufhielt, und unterwegs ſpähte und horchte er allenthalben herum, um aus dem verworrenen Geſumme von Reden irgend eine beſtimmtere Notiz über den Stand der Dinge zu erhaſchen. Folgendes waren ungefähr die Worte, die er auf ſeinem ganzen Gange vernehmen konnte. „Jetzt iſt er entdeckt,“ rief Einer,„der ſchändliche Betrug dieſer Schufte, welche behaupteten, es ſei weder Brod noch Mehl, noch Getreide da. Jetzt ſieht man die Sache klar und deutlich, und jetzt können ſie uns keinen Bären mehr aufbinden. Es lebe der Ueberfluß!“ „Ich ſage Euch, das Alles iſt den Mäuſen gepfiffen,“ ſagte ein Anderer;„es hilft nichts, und man wird es ſogar noch ſchlimmer machen, wenn man nicht für eine tüchtige Juſtiz ſorgt. Das Brod wird allerdings wohlfeil werden, aber ſie werden Gift hineinmiſchen, ſo daß die armen Leute umfallen wie die Mücken. Dieſe Herren ſagen ſchon lange, wir ſeien unſer zu viele; ſie haben es in der Kommiſſion ausgeſprochen und ich weiß das gewiß, denn ich habe es mit meinen eigenen Ohren von einer meiner Gevatterinnen gehört, die mit einem Verwandten eines Küchenjungen eines dieſer Herren gut Freund iſt.“ Schreckliche, nicht wiederholbare Flüche ſtieß mit ſchäumendem Mund ein Anderer aus, der mit der einen Hand den Zipfel ſeines Schnupſftuchs auf die zerſauſten blutigen Haare hielt. Und ein Nachbar bildete, gleichſam um ihn zu tröſten, ſein Echo. „Platz, Platz, ihr Herrn, wenn's gefällig iſt: Laßt einen armen Familienvater durch, der fünf Kindern etwas zu eſſen bringt!“ So ſprach Einer, der unter einem großen Mehlſack einhertaumelte, und Jeder beeiferte ſich zurückzu⸗ treten, um ihm Platz zu machen. 14 „Ich?“ flüſterte ein Anderer ſeinem Gefährten zu, „ich mache mich aus dem Staub. Ich kenne die Welt und weiß, zu was für Häuſern ſo etwas führt. Dieſe Maulhelden, die jetzt einen ſolchen Lärm verführen, werden ſich morgen und in der nächſten Zeit ganz kleinmüthig zu Hauſe einpuppen. Ich habe ſchon ſo gewiſſe Geſichter, ſo gewiſſe Ehrenmänner geſehen, welche herumſchleichen, wie wenn ſie von nichts wüßten, und ſich hinter's Ohr ſchrei⸗ ben, wer da iſt und wer nicht da iſt; ſpäter wenn Alles zu Ende iſt, macht man den Gäſten die Rechnung, und wehe dem, den es trifft!“ „Der Hauptbeſchützer der Bäcker,“ rief eine Stimme, welche Renzo's Aufmerkſamkeit anzog,„das iſt der Pro⸗ vianterwalter.“ „Sie ſind Alle zuſammen Schufte,“ ſagte ein An⸗ erer. gri„Ja, aber er iſt der ärgſte von ihnen,“ erwiederte der rſte. Der Proviantverwalter, der alljährlich von dem Statt⸗ halter aus einer von dem Rath der Decurionen entworfe⸗ nenen Liſte von ſechs Edelleuten erwählt wurde, war der Präſident der genannten Behörde, ſowie des Proviantamtes, das aus zwölf andern Edelleuten zuſammengeſetzt war und neben ſeinen übrigen Obliegenheiten hauptſachlich für das Kornhaus zu ſorgen hatte. Solche Beamte nun mußten in Zeiten der Hungersnoth und Unwiſſenheit nothwendig als die Urſache aller Uebel angeſehen werden, wenn ſie nicht gerade gethan hatten, was Ferrer that und was auch nicht in ihren Kräften ſtand, ſelbſt wenn es ſich mit ihren Anſichten vertragen hätte. „O die Hallunken!“ rief ein Anderer;„kann man ſich eine ärgere Schlechtigkeit denken? Sie unterſtehen ſich ſogar zu ſagen, der alte Großkanzler ſei kindiſch gewor⸗ den, nur um ihm den Kredit zu rauben und das Heſt allein in den Händen zu haben. Man ſollte einen großen Kapaunenſtall bauen und ſie Alle hineinwerfen, damit ſie 15 da von Wicken und Tollkorn leben müßten, womit ſie uns abſpeiſen wollen.“ „Brod, he?“ ſagte Einer, der ſich eilig davonzuma⸗ chen ſuchte,„Brod? ja pfundſchwere Steine, Steine von dieſem Kaliber fielen wie Hagel auf uns herab; wie Man⸗ chem ſind die Rippen eingeworfen! Ich wollte nur, ich wäre zu Hauſe.“ Unter ſolchen Reden, von welchen ich kaum zu ſagen wüßte, ob ſie ihn mehr aufklärten oder verblüfft machten, und unter manchen derben Stößen gelangte Renzo endlich vor jenes Backhaus. Die Volksmaſſe hatte ſich bereits um ein Gutes gelichtet, und ſo konnte er die garſtige, noch friſche Zerſtörung anſchauen: die Mauern entkalkt und durch Steine aller Art beſchädigt, die Fenſter eingeſchlagen, die Thüren zertrümmert. „Das iſt denn doch nicht ſchön gehandelt,“ ſagte Renzo bei ſich;„wenn ſie alle Backöfen auf dieſe Art zurichten, wo wollen ſie dann Brod machen? Etwa in den Brun⸗ nen?“ Von Zeit zu Zeit kamen Leute aus dem Hauſe, die ein Stück von einem Brodkaſten, einen Backtrog oder Mehlbeutel, ein Knetſcheit, eine Bank, einen Korb, ein Buch, kurz allerlei Kleinigkeiten aus dem armen Backhauſe forttrugen und dann mit dem Geſchrei:„Platz, Platz!“ durch die Menge hindurchgingen. Dieſe Alle ſchlugen die gleiche Richtung ein, und es war klar, daß ſie ſich an einen verabredeten Ort begaben. Renzo wollte zuſehen, was auch das für eine Geſchichte ſei, und ging Einem nach, der ſich aus zerſpaltenen Brettern und Spähnen ein Bündel machte, daſſelbe auf die Achſel nahm und wie die Andern durch die Straße ging, die ſich an der Nordſeite des Domes hinzieht und ihren Namen von den Stufen hatte, die dort waren, ſeit kurzer Zeit aber nicht mehr dort ſind. Trotz ſeines Verlangens, die Ereigniſſe zu beobach⸗ ten, konnte der Gebirgsbewohner, als er dieſes große Bau⸗ werk vor die Augen bekam, nicht umhin, ſtehen zu bleiben und mit offenem Munde hinaufzuſchauen. Er verdoppelte hierauf ſeine Schritte, um Denjenigen, den er zu ſeinem Führer genommen hatte, wieder einzuholen. Er bog um die Ecke, warf noch einen Blick auf die Vorderſeite des Doms, die damals großentheils noch roh ausſah und von ihrer Vollendung weit entfernt war; dann hielt er ſich immer hinter dem Manne, der auf die Mitte des Haupt⸗ platzes zuſchritt. Die Menſchenmaſſe war immer dichter, je weitet er vorankam; aber dem Träger machte man Platz; er zertheilte die Woge des Volkes, und ſo gelangte Renzo, der unmittelbar in ſeine Fußſtapfen trat, mit ihm in den Mittelpunkt des Gewühls. Hier war ein leerer Raum und in der Mitte ein Freudenfeuer, ein Haufe glühender Koh⸗ len, Alles, was von oben genanntem Hausrath noch übrig geblieben war. Rings umher ein Händeklatſchen und Fuß⸗ geſtampfe, ein wildes Getöſe von tauſend Freudenrufen und Flüchen. Der Mann mit dem Bündel warf ſeine Beute in die Kohlen; ein Anderer ſchürt ſie mit dem halb verbrannten Stumpf einer Schauſel, ſtört darin herum und facht ſie von unten und von den Seiten wieder anz der Rauch nimmt zu und verdichtet ſich, die Flamme lodert wiever auf, mit ihr erhebt ſich das Geſchrei ſtärker.„Es lebe der Ueber⸗ fluß! Zum Teufel mit den Aushungerern! Zum Teufel mit der Theurung! Hole der Henker den Proviantrath und die Junta! Es lebe der Ueberfluß! Es lebe das Brod Aufrichtig geſtanden, iſt die Zerſtörung der Mehlbeu⸗ tel, Backtröge, die Verwüſtung der Backöfen, die Abängſti⸗ gung der Bäcker nicht gerade das zweckdienlichſte Mittel, um das Brod leben zu laſſen; aber dies iſt eine der me⸗ taphyſiſchen Spitzindigkeiten, die einem Volkshaufen nicht in den Sinn kommen. Renzo ſtellte, ohne ein allzu me⸗ taphyſiſcher Kopf zu ſein, dennoch, da er weniger erhitzt war als die Andern, in ſeinem Herzen dieſe Betrachtung an. Er behielt ſie übrigens für ſich, denn unter all die⸗ ſen Geſichtern befand ſich nicht ein einziges, welches zu 17 ſagen ſchien: Bruder, wenn ich irre, ſo weiſe mich zurecht, ich werde es Dir danken. Schon war die Flamme abermals erloſchen, man ſah Niemand mehr mit weiterem Brennſtoff herankommen und die Geſellſchaft begann ſich zu langweilen. Da erhob ſich plötzlich das Gerücht, auf dem Corduſia, einem kleinen Platze oder Kreuzweg nicht weit von da, werde ein Back⸗ haus belagert. Bei ſolchen Gelegenheiten hat die Ankün⸗ digung einer Sache zuweilen die Ausführung derſelben zur Folge. Zugleich mit dieſem Gerücht verbreitete ſich unter der Menge der Wunſch, dorthin zu ziehen.„Ich gehe; gehſt Du? Laßt uns gehen, laßt uns gehen!“ hörte man von allen Seiten ſagen; die Maſſe ſetzt ſich in Be⸗ wegung und wälzt ſich fort. Renzo blieb zurück und be⸗ wegte ſich beinahe nicht, wenn er nicht gerade vom Strome mit fortgeriſſen wurde. Er hielt in ſeinem Herzen Rath, ob er ſich nicht aus dem Getümmel losmachen und nach dem Kloſter zurücktehren ſolle, um den Pater Bonaven⸗ tura aufzuſuchen, oder ob er mit den Andern gehen und ſich auch das noch anſehen ſolle. Die Neugierde behielt die Oberhand. Gleichwohl beſchloß er, ſich nicht in das dichteſte Gedränge zu ſtürzen und ſich da die Knochen zer⸗ ſtoßen zu laſſen oder in noch ſchlimmere Gefahren zu ge⸗ rathen, ſondern er wollte ſich nur in der Ferne halten und den Beobachter machen. Mit dieſem Entſchluß holte er, da er ſich ſchon ziemlich im Freien befand, ſein zweites Brod hervor, biß es an und ging hinter der aufrühreriſchen Armee her. Dieſe war bereits durch den Paß im Winkel des Platzes in die kurze und ſchmale Straße Peschiera Veechia und von da durch den ſchrägen Begen auf die Piazza d⸗ Mercanti gelangt. Hier gab es nur ſehr wenige, die, als ſie an der Miſche vorüberzogen, welche gegen die Mitte hin die Gallerie des Gebäudes durchſchneidet, das damals das Doetorencollegium hieß, nicht wenigſtens einen flüchtigen Blick auf die große, daſelbſt aufgeſtellte Bioſänle mit die⸗ Die Verlobten. M. 2 18 ſer ſtrengen, düſtern, grollenden, wunderlichen Miene, kurz und gut auf das Bild Don Philipp's M. geworfen hätten, der noch im Marmor einen gewiſſen Reſvect einflößte und ſagen zu wollen ſchien: Ich bin da, ihr Lumpengeſindel! Dieſe Niſche ſteht in Folge eines ſeltſamen Zufalles leer. Ungefähr hundertundſechzig Jahre nach der Zeit un⸗ ſerer Erzahlung wurde eines Tags der genannten Bildſäule der Kopf auegetauſcht, das Scepter aus der Hand genom⸗ men, ſtatt veſſen ein Dolch hineingelegt und dem Stand⸗ bilde der Name Marcus Brutus gegeben. So zugerichtet, blieb es vielleicht einige Jahre ſtehen; aber eines Morgens warfen gewiſſe Leute, die keine Sympathie für Marcus Brutus empfanden, ja ſogar einen gewiſſen Groll gegen ihn hegen mußten, ein Seil um die Bildſäule, riſſen ſie herab, thaten ihr hunderterlei Unbill an, ſchleiften ſie ver⸗ ſtümmelt und in einen unförmlichen Torſo verwandelt durch die Straßen und warfen ſie zuletzt, als ſie ſich recht müde daran gearbeitet hatten, wer weiß wohin. Wer das Andrae Biffi geſagt hätte, als er ſie ſeulpirte! Von der Piazza de'Mercanti drang der drohende Haufe in das Gäßchen te' Fuſtagnai und verbreitete ſich von da über den Corduſia. Beim erſten Hervorbrechen ſtrengte ſich Jedermann an, um nach dem bezeichneten Backhauſe zu ſehen. Aber ſtatt der Maſſe von Freunden, die ſie be⸗ reits an der Arbeit zu finden erwartet hatten, ſahen ſie bloß etliche wenige Gaffer ſiehen, die ſich in einiger Ent⸗ fernung von dem verſchloſſenen Laden müßig herumtrieben, und an den Fenſtern entveckten ſie Bewaffnete, welche Miene machten, ſich nöthigenfalls vertheidigen zu wollen. Nun wandten ſie ſich um und blieben ſtehen, um die Nachfol⸗ genven zu unterrichten und zu ſehen, wozu die Anvern ſich entſchließen würden; Einige machten Rechtsumkehrt oder blieben zwück. Das war ein Nachorängen und ein Auf⸗ halten, ein Fragen und Auskunftgeben, ein Stocken, ein Zaudern, ein dumpfes Gewirr ven Berathſchlagungen. Auf einmal erſcholl aus der Mitte der Menge eine ver⸗ 19 fluchte Stimme:„Ganz in der Nähe iſt das Haus des Provianwerwalters. Laßt uns hingehen, um Gerechtigkeit zu üben und zu plündern!“ Nun hatte es das Anſehen, als ob man ſich einer bereits fertigen Verabredung wieder erinnerte, und nicht als ob es ſich um die Annahme eines bloßen Vorſchlags handelte.„Zum Proviantverwalter! Zum Proviautverwalter!“ iſt das einzige Geſchrei, das man vernehmen kann. Die Maſſe bewegt ſich mit einſtim⸗ miger Wuth nach der Staße, in welcher das in ſo un⸗ glückſeligem Augenblick genannte Haus ſtand. Dreizehntes Capitel. Der unglückſelige Verwalter war eben beſchäftigt, einen herben und mühſamen Nahrungsſaft von einem freud⸗ los eingenommenen Mutagsmahl zu bereiten, das in etwas altbackenem Brod benanden. Er wartete mit großer Span⸗ nung, wie dieſer Sturm enden würde, und er war weit entfernt, zu ahnen, daß er ſich auf ſo furchtbare Weiſe über ſeinem eigenen Haupte entladen ſollte. Einige Wohl⸗ wollende eilten im ſtärkſten Laufe der großen Maſſe vor⸗ aus und kamen in das Haus, um vor der drohenden Ge⸗ fahr zu warnen. Die bereits durch den Lärm an die Thüre gelockte Dieneiſchaft blickte angſtvoll die Straße hinab nach der Seite zu, von wo das Getöſe herannahte. Während ſie die Warnung anhören, ſehen ſie den Vortrab erſcheinen. In der größten Haſt wird die Nachricht dem Herrn mitgetheilt, und ſo lange dieſer ſich beſinnt, ob und wie er fliehen ſolle, kommt ein Anderer mit der Meldung, daß es nicht mehr Zeit iſt. Kaum haben die Diener noch ſo viel Zeit, um die Thüre zu verſchließen. Sie verrie⸗ geln, ſie verrammeln ſie, dann eilen ſie, die Fenſter zu verſchließen, wie wenn man ein ſchwarzes Ung⸗witter her⸗ aufziehen ſieht und von einem Augenblic zum andern den 2 20 Hagel erwartet; das zunehmende Gebrüll, das mit Donner⸗ gewalt von oben herabkommt, hallt in dem leeren Hof wie⸗ der, es dröhnt in jedem Winkel des Hauſes nach, und mitten in dem ungehenern, verworrenen Getöſe hört man immer ſtärker und häufiger die Steinwürſe gegen die Thüre erkrachen. „Der Proviantverwalter! der Thrann! der Aushun⸗ gerer! Heraus mit ihm, lebendig oder todt!“ Der Aermſte rannte von Zimmer zu Zimmer, tod⸗ tenblaß, beklommen, die Hände ringend, ſeine Seele Gott anempfehlend und ſeine Diener beſchwörend, ſie möchten Stand halten und ihm auf irgend eine Weiſe zur Flucht verhelfen. Aber wie und wohinaus? Er ſtieg auf den Dachboden; durch eine Oeffnung zwiſchen dem Dach⸗ ſtuhl und dem Dach ſchaute er angſtvoll hinab auf die Stiaße und ſah ſie gedrängt voll von wüthenden Men⸗ ſchen; er hörte die Stinmen, die ſeinen Tod verlangten, und eniſetzter als je zog er ſich zurück, um das ſicherſte und entlegenſte Verſteck aufzuſuchen. Hier zuſammenge⸗ kauert horchte und lauſchte er, ob das unſelige Getöſe nicht ſchwächer werde, ob der Aufruhr nicht ein wenig nach⸗ laſſe; da er aber ſtatt deſſen hörte, daß das Gebrüll ſich noch wilder und tobender erhob und die Stöße an die Thüre immer häufiger wurden, da wurde ſein Herz von namenloſer Angſt ergriffen, und er verſtopfte ſich eilig die Ohien. Wie außer ſich, mit den Zähnen knirſchend und das Geſicht verzerrend, ſtreckte er dann heftig die Arme aus und ſtemmie die Hände gegen die Thüre, als wollte er dieſelbe gegen den Andrang ſchützen. Endlich ſank er verzweiflungsvoll mieder, und ſo blieb er, betaubt, beinahe bewußtlos, des Todes gewärtig. Renzo befand ſich diesmal im dichteſten Gewühl und zwar war er nicht von der Fluth hineingeriſſen worden, ſondern er hatte ſich abſichtlich hineingeworfen. Bei jenem erſten Verlangen nach Blut war ſein eigenes ganz in Auf⸗ ruhr gerathen. Was die Plünderung betraf, ſo war er nicht 2¹ ganz mit ſich im Klaren, ob ſie in dieſem Falle recht oder unrecht ſei; aber der Gedanke an eine Mörderei erweckte in ihm einen unbedingten und unmittelbaren Abſcheu. Und obwohl er in Folge der unſeligen Gläubigkeit leiden⸗ ſchaftlicher Gemüther, gegenüber den leidenſchaftlichen Ver⸗ ſicherungen einer großen Menge ſo feſt überzeugt war, daß der Proviantverwalter ein ruchloſer Aushungerer ſei, wie wenn er ihn aufs Genaueſte gekannt und aufs Beſtimmteſte Alles gewußt hätte, was der Unglückliche gethan, unter⸗ laſſen und gedacht, ſo war er doch gleich unter den Er⸗ ſten herbeigeeilt, mit der feſten Abſicht, Alles zu ſeiner Rettung aufzubieten. Mit dieſem Vorhaben hatte er ſich bis an die Nähe der Thüre gedrängt, die auf hunderterlei Weiſe bearbeitet wurde. Einer zerſchlug mit Steinen die Nägel des Schloſſes, um es zu zertrümmern; Andere ka⸗ men mit Brecheiſen, Meißeln und Hämmern dazu und ſuchten regelmäßiger zu Werke zu gehen. Wieder Andere zerſtießen und zeiſchlugen mit ſpitzigen Steinen, mit ſtum⸗ pfen Meſſern und allerlei Eiſenſtücken die Mauer, ja ſie ſuchten ſogar mit den Nägeln ihrer Finger, wenn ſie nichts Anderes hatten, ſie allmälig zu zerkratzen, um nach und nach eine Breſche zu machen. Diejenigen, die nicht Hand an⸗ legen konnten, feuerten den Muth der Vorderſten durch ihr Geſchrei an, hinderten aber zu gleicher Zeit durch ihr Nachdringen die Arbeit, welche ſchon durch den ungeord⸗ neten Wetteifer der Freiwilligen litt; denn durch die Gnade des Himmels geſchieht zuweilen auch beim Böſen das, was man nur allzu oft beim Guten wahrnimmt, nämlich daß die allereifrigſten Beförderer ein Hinderniß werden. Die obrigkeitlichen Perſonen, welchen die erſte Mel⸗ dung von dem Aufruhr zukam, ſchickten alsbald zu dem Befehle haber des Kaſtells, damals Porta Giovia genannt, und verlangten militäriſche Hülfe. Der Kommandant ent⸗ ſandte auch ſogleich ein Fähnlein. Aber zwiſchen der Benachrichtigung und dem Beſehl, zwiſchen der Samm⸗ lung der Mannſchaft und ihrem Aufbruch, endlich auch 22 mit ihrem Manſch ſelbſt ging ſoviel Zeit verloren, daß das Haus bereits förmlich belagert war, als das Fähnlein anlangte; es machte daher in ziemlicher Entfernung von demſelben, da wo das Gepränge aufhörte, Halt. Der kommandirende Offizier wußte nicht, was er thun ſollte. Im Ganzen war es bloß eine Rotte müßigen und wehr⸗ loſen Volks von jedem Alter und Geſchlecht. Auf ſeine Aufforderungen, ſich zu zerſtreuen und Platz zu machen, antworteten ſie mit einem dumpfen und langen Gemurre, aber Niemand bewegte ſich. Auf eine ſolche Menge Feuer zu geben, ſchien dem Offizier nicht bloß eine grauſame, ſendein auch eine gefährliche Sache zu ſein, wodurch er die Harmloſeren verletzt und die eigentlichen Aufrührer, welche einige Gewaltthaten nicht ſcheuten, gereizt hätte; im Uebrigen war er nicht einmal dazu ermächtigt. Dieſe erſte Maſſe zu durchbrechen, ſie nach rechts und links auseinander zu werfen und gerade vorzudringen, um der Gewalt die Gewalt entgegen zu ſetzen, wäre wohl das Beſte geweſen, aber das Gelingen dieſes Planes war kei⸗ neswegs verbürgt. Wer wußte, ob die Soldaten in ge⸗ ſchloſſener Ordnung hätten vorrücken können? Wenn ſie dann, ſtatt die Menge zu durchbrechen, vereinzelt unter dieſelbe geworfen worden wären, ſo yätten ſie ſich der Willfür eines Volke haufens, den ſie erbittert, preisgegeben. Die Unentſchloſſenheit des Anführers und die Unbeweglich⸗ keit der Soldaten wurde, ob mit Recht oder Unrecht, als Furcht gedeutet. Die ihnen zunächſt Stehenden begnügten ſich, ihnen in's Geſicht zu ſchauen mit einer Miene, die da ſagen wollte:„Ich muß lachen“; die etwas Entferntern konn⸗ ten ſich nicht enthalten, ſie durch Grimaſſen und ſpöttiſche Zu⸗ rufe zu reizen. Weiterhin wußten nur Wenige, vaß ſie da wa⸗ ren, oder jedenfalls bekümmerten ſie ſich nicht darum; die Zerſtörer fuhren fort die Mauer einzureißen und dachten an nichts Anderes, als an die baldige Vollendung ihres Werkes; die Zuſchauer riefen ihnen unaufhörlich Muth zu. Unter dieſen ſtach, ſelbſt ein Schauſpiel, ein durch 23 Ausſchweifungen herabgekommener alter Mann hervor, der, zwei tiefliegende, entzündete Augen weit aufreißend, ſeine Runzeln zu einem teuflich ſchadenfrohen Lächeln zuſammen⸗ ziehend, die Hande über ſein ſchmachbedecktes, graues Haar erhoben, einen Hammer, einen Strick und vier große Nä⸗ gel in der Luft ſchwang, womit er, wie er ſagte, den Proviantverwalter an die Pfoſten ſeiner Thüre nageln wolle, ſobald man ihm den Garaus gemacht hätte. „Ei, Gott bewahre! ſchämet Euch doch!“ brach Renzo heraus, da er ſich über dieſe Worte beim Anblick ſo vie⸗ ler andern Geſichter, die ihren Beifall zu erkennen gaben, entſetzte, aber dennoch wieder Muth gewann, weil er auf manchen andern, wenn auch ſtummen Mienen denſelben Abſcheu ausgevrückt ſah.„Schämt Euch! Sollen wir dem Henker in's Handwerk pfuſchen und einen Chriſten ermor⸗ den? Wie könnt Ihr verlangen, daß Gott uns Brod gebe, wenn wir ſolche Schändlichkeiten begehen? Blitze wird er uns ſenden, aber kein Brod? „Ha, Du Hund, ha Du Vaterlandsverräther!“ ſchrie Einer von denen, die mitten im Gewühl dieſe frommen Worte hatten hören können, gegen Renzo gewendet.„Wart' nur, wart'! Da iſt ein als Bauer verkleideter Diener des Proviantverwalters! ein Spion! Auf ihn, auf ihn!“ Hundert Stimmen erſchallen rings umher.„Was gibt's? wo iſt er?“ Wer iſt er?“— Ein Diener des Proviant⸗ verwalters!—„Ein Spion.“— Der Proviantverwalter entflieht als Bauer verkleidet.—„Wo iſt er? wo iſt er? auf ihn, auf ihn!“ Renzo verſtummt, macht ſich ſo klein als möglich, möchte gern in die Erde verſinken; einige ſeiner Nachbarn halfen ihm, ſich zu verfriechen, und ſuchen mit lautem, verworrenem Geſchrei dieſe feindſeligen und mordſüchtigen Stimmen zu übertäuben. Was ihm aber mehr als dieß Alles zu Statten kam, das war ein in der Nähe erſchallen⸗ des:„Platz, Platz! Hier kommt Hülfe! Platz!“ Was war es? Es war eine lange Sproſſenleiter, die 24 Einige herbeitrugen, um ſie an das Haus anzuſetzen und zum Fenſter hineinzuſteigen. Aber zum guten Glück war dieſes Mittel, welches die Sache leicht gemacht hätte, nicht leicht nützbar. Die Träger am einen und andern Ende ſchwankten, durch das Gewühl gedrängt und ge⸗ ſtoßen, mit ihrer Maſchine hin und her; Einer, der den Krpf zwiſchen zwei Sproſſen geſteckt und die Stangen auf ſeine Schultern gelegt hatte, brüllte wie von einem ſchwe⸗ ren Joche niedergedrückt; ein Anderer wurde durch einen derben Stoß ſeiner Laſt entledigt; die fallende Leiter traf Köpfe, Schultern, Arme; man kann ſich denken, was diejenigen ſagen mußten, denen ſie angehörten. Andere heben mit den Händen die liegende Laſt von Neuem em⸗ por, ſtellen ſich darunter, laden ſie ſich auf und rufen: „Her damit, vorwärts!“ Die verhängnißvolle Maſchine kommt unter allerlei Sprüngen und Wendungen gerade aus und ſchräge weiter. Sie trifft eben rechtzeing ein, um den Feinden Renzo's eine Diverſion zu machen und ſie auseinander zu treiben. Dieſer machte ſich auch die aus der Verwirrung entſtandene Verwirrung zu Nutze, und anfänglich beſchei⸗ den und geduckt, dann aher aus Leibeskräften mit den Ellenbogen um ſich ſtoßend, entfernte er ſich von dem Platze, wo ihm keine Roſen blühten, mit der Abſicht, ſich ſobald als möglich dem Tumulte zu entziehen und nunmehr wirklich den Pater Bonaventura aufzuſuchen oder zu erwarten Auf einmal verbreitet ſich eine an einem Ende begon⸗ nene Bewegung über die ganze Menge, ein Ruf dringt daher, und von Mund zu Mund, von Schaar zu Schaar hallt es weiter:„Ferrer, Ferrer!“ Ueberraſchung, Ver⸗ gnügen, Aerger, Freude, Zorn machen ſich überall Luſt, wohin dieſer Name dringt: der Eine ruft ihn laut, ein Anderer will ſeinen Ruf übertäuben; der Eine ſagt ja, der Andere nein; der Eine ſegnet, der Andere flucht. „Ferrer iſt da!— Es iſt nicht wahr, es iſt nicht wahr! — Ja doch, es lebe Ferter! es lebe der Mann, der wohl⸗ 25 feiles Brod gibt!— Nein, nein!— Da iſt er, in ſeinem Wagen!— Was macht er hier? Was braucht er hier einzudringen? Wir wollen Niemand!— Ferrer, es lebe Ferrer! Der Freund der armen Leute! Er kommt, um den Proviantverwalter ins Gefängniß zu führen.— Nein, nein, wir wollen ſelbſt Juſtiz üben, zurück! zurück!— Ja, jai Ferrer! Ferrer ſoll kommen! Ins Gefängniß mit dem Ver⸗ walter! Und alle erheben ſich auf die Zehen und blicken nach der Seite, von wo der unerwartete Ankömmling gemeldet wird. Da ſie ſich alle erhoben, ſo ſahen ſie weder mehr noch weniger, als wenn ſie Alle mit den Fußſohlen am Sen geblieben wären. Aber gleichviel, ſie erheben ſich lle. In der That war am Ende des Getümmels auf der entgegengeſetzten Seite von derjenigen, wo die Soldaten ſtanden, Antonio Ferrer, der Großkanzler, zu Wagen an⸗ gekemmen. Wahtrſcheinlich machte er ſich ein Gewiſſen daraus, vaß er durch ſeine einfältigen Maßregeln und ſeine Halsſtarrigkeit die Veranlaſſung oder wenigſtens die Ge⸗ legenheit zu dieſem Aufruhr gegeben hatte, und darum kam er jetzt, um ihn zu beſchwichtigen und wenigſtens die furchtbarſten, nicht wiever gut zu machenden Wirkungen ab⸗ zuwenden. Er kam, um eine ſchlecht erworbene Volksgunſt zu einem guten Werke anzuwenden. Bei Volksaufläufen gibt es immer eine gewiſſe An⸗ zahl von Menſchen, die entweder in der Hitze der Leiden⸗ ſchaft vder aus fanatiſcher Ueberzeugung, oder aus ruch⸗ loſen Anſichten, oder aus fluchwürdigem Zerſtörungstrieb Alles thun, um die Dinge aufs Aeußerſte zu treiven; ſie ertheilen oder befördern die grauſamſten Rathſchläge, ſie blaſen das Feuer wieder an, ſo oſt es nachzulaſſen ſcheint, ihnen iſt Nichts zu viel; ſie wünſchen, daß der Aufruhr weder Maß noch Ziel habe. Aber als Gegengewicht iſt auch immer eine Anzahl anderer Menſchen dabei, die vielleicht mit dem gleichen Eifer und der gleichen Beharrlichkeit auf 26 die entgegengeſetzte Wirfung hinarbeiten: ſie laſſen ſich theils durch ihre Freunoſchaft und Parteigenoſſenſchaft mit den bedrohten Perſonen leiten, theils haben ſie keine andere Triebfeder als einen frommen und tiefliegenden Abſcheu vor Blut und G auſamkeiten. Der Himmel ſegne ſie! Bei jever dieſer zvei entgegengeſetzten Parteien bringt ſelbſt ohne vorhergegangene Verabrevungen die Gleichheit des Wollens eine augenblickliche Uebereinſtimmung des Han⸗ delns hervor. Was dann die Maſſe und ſo zu ſagen das Material des Tumults ausmacht, das iſt ein vermiſchter Haufe von Menſchen, die ſich mehr oder weniger, in unbeſtim⸗ ten Abſtufungen, dem einen oder andern Ertrem zuwenden: ein wenig erhitzt, ein wenig ſchurkiſch, ein wenig zu einer gewiſſen Gerechtigkeit, was ſie darunter verſtehen, geneigt, ein wenig lüſtern, einmal eine tichtige Ruchlofigkeit mit anzuſehen, bereit zur Grauſamkeit und zum Mitleid, zur Anbetung wie zur Verfluchung, je nachdem ſich die Ge⸗ legenhen darbietet, dem einen oder andern Gefühl vollkom⸗ men Luft zu ſchaffen; jeden Augenblick begierig etwas recht Schreckliches zu erfahren und zu glauben; von einem wahren Drange beherrſcht zu ſchreien, jemand Beifall zu⸗ zurufen oder hinter ihm her zu brüllen.„Hoch lebe!“ und „Nieder!“ ſiad die Worte, welche ſie am liebſten von ſich geben, und wenn es einmal gelungen iſt, ſie zu überreden, daß dieſer oder jener nicht verdient geviertheilt zu werden, der braucht nicht mehr viele Worte zu machen, um ſie zu überzeugen, daß er würdig iſt, im Triumph umhergetragen zu werden: ſie ſind handelnde Perſonen, Zuſchauer, Werk⸗ zeuge, Hinderniſſe, je nachdem der Wind bläst; ſie ſind auch bereit zu ſchweigen, wenn Niemand mehr ihnen das Wort gibt, ſich ruhig zu fügen, wenn die Aufwiegler ver⸗ ſtummen, auseinander zu gehen, wenn viele Stimmen zu⸗ gleich und ohne auf Widerſpruch zu ſtoßen, gerofen haben: Laßt uns gehen! und nach Hauſe zurückzukehren, indem Einer den Andern fragt:„Was war es den eigent⸗ lich? Da nun aber dieſe Maſſe die größte Macht beſitzt, 27 ja ſogar die Macht ſelbſt iſt, ſo bietet jede der beiden handelnden Parteien ihren ganzen Scharfſinn auf, um ſie auf ihre Seite zu bringen und ſich ihrer zu bemächtigen: es ſind gleichſam zwei feindliche Seelen, welche ſich den Eingang in dieſen dicken Leib, den ſie in Bewegung zu bringen wünſchen, ſtreitig machen. Sie laſſen durch den⸗ jenigen, der es verſteht, die Gerüchte verbreiten, die am geeignetſten ſind, um die Leidenſchaften zu erregen, die Be⸗ wegung zu Gunſten der einen oder andern Abſicht zu lei⸗ ten; ſie laſſen durch denjenigen, der es am beſten einzu⸗ richten weiß, die Mährchen auskramen, welche die allge⸗ meine Entrüſtung hervorrufen oder ſchwächen, Hoffnungen oder Befürchtungen erregen; ſie laſſen durch denjenigen, der es verſteht, das Geſchrei erheben, das, immer lauter und lauter wiederholt, die Stimmung der Mehrheit für die eine oder andere Partei ausdrückt, bezeugt und ſchafft. Mit all dieſem Gerede haben wir nur bevorworten wollen, daß in dem Kampf zwiſchen den zwei Parteien, welche ſich um den Beifall der vor dem Hauſe des Pro⸗ vianwerwalters zuſammengerotteten Volksmenge ſtritten, die Erſcheinung Antonio Ferrers beinahe gänzlich den Aus⸗ ſchlag zu Gunſten der menſchlichen Partei gab, die offen⸗ bar im Nachtheil war und, wenn dieſe Hilfe nur ein wenig län⸗ ger ausblieb, keine Kraft zu kämpfen, aber auch keinen Gegen⸗ ſtand des Kampfes mehr gehabt hätte. Der Mann war der Menge angenehm wegen der von ihm erfundenen Tare, die für die Käufer ſo ungemein günſtig war, ſowie wegen ſeiner herviſchen Starrköpfigkeit gegenüber allen Vernunft⸗ gründen, die man dagegen vorgebracht hatte. Die ihm bereits zugeneigten Gemüther ſchlugen ihm jetzt um ſo freudiger entgegen, als man die muthige Zuverſicht ſah, mit welcher der Greis ohne Waffen, ohne Gefolge eine zornige, ſtürmiſche Menge aufſuchte, um ihr die Stirne zu bieten. Ferner brachte die Nachricht, daß er komme, um den Provianverwalter ins Gefängniß abzuführen, eine er⸗ 28 ſtaunliche Wirkung hervor: die Wuth gegen dieſen, die nur noch ſtärker eutbrannt wäre, wenn jemand hätte Trotz bieten und gar keine Zugeſtändniſſe machen wollen, ließ ſich alſo jetzt durch das Verſprechen einer Genngthuung und, um eine mailändiſche Revensart zu gebrauchen, mit dieſem Knochen im Maul ein wenig beſchwichtigen und geſtattete den andern entgegengeſetzten Empfindungen, die ſich bereits in einem großen Theil der Gemüther regten, Gelegenheit zum Vorſchein zu kommen. Die Anhänger des Friedens unterſtützten, nachdem ſie wieder Athem geſchöpft, Ferrer auf hunderterlei Weiſen; die in ſeiner Nähe Stehenden dadurch, daß ſie den Bei⸗ fallsſturm durch ihr eigenes Beifallsgeſchrei immer von Neuem hervorriefen und ſich gemeinſam bemühten das Volk zum Weichen zu bringen, um dem Wagen Platz zu verſchaffen; die Andern, indem ſie ſeine Worte, oder die⸗ jenigen, die er nach ihrer Anſicht am beſten geſagt hätte, beklatſchten, wiederholten und in Umlauf ſetzten, die Be⸗ harrlichſten unter der wüthenden Menge zum Schweigen brachten und die neue Aufwallung der wankelmüthigen Verſammlung gegen dieſe richteten.„Wer will verbieten Ferrer hoch leben zu laſſen? He, möchteſt Du nicht auch gern wohlfeiles Brod eſſen? Das ſind Schurken, die eine chriſtliche Juſtiz in ihrem Amte ſtören wollen:; und viele ſchrien nur deshalb ſo beſeſſen, damit der Proviantverwal⸗ ter entwiſchen könne. Ins Gefängniß mit dem Verwalter, Ferrer hoch! Platz für Ferrer!“ Da nun diejenigen, die dieſe Sprache führten, immer zahlreicher wurden, ſo ſchwand in gleichem Verhältniß die Keckheit der Gegenpartei, ſo daß die erſtern es ucht mehr beim bloßen Abmahnen be⸗ wenden ließen, ſondern denjenigen, die noch immer mit der Zerſtörungsarbeit beſchäftigt waren, ihr Handwerk legten, ſie zurückſtießen, ihnen die Werkzeuge ans den Klauen riſſen. Dieſe tobten zwar, drohten und ſuchten wieder Kräfte zu gewinnen, aber die Sache des Bluts war ver⸗ loren; das vorherrſchende Geſchrei lautete: Gefängniß, Ju⸗ 29 ſiz, Ferrer! Nach einem kurzen Wortwechſel wurden die Pobſüchtigen vertrieben; die Andern bemächtigten ſich der Thüre, theils um ſie vor neuen Angriffen zu ſchützen, theils um Ferrer den Zugang möglich zu machen; Einer von ihnen ließ auch denen im Hauſe Befindlichen eine Nach⸗ richt zu kommen(an Witzen fehlte es nicht) und meldete ihnen, es ſei Hilfe angelangt, ſie ſollten den Proviantver⸗ walter bereit halten, um alsbald. ins Gefängniß abzugehen. Hm, habt Ihr verſtanden.“ „Iſt das der Ferrer, der die Verordnungen machen hilft?“ fragte unſer Renzo, welcher ſich an das„vidit Ferrer“ erinnerte, das der Doctor ihm unter einer ſolchen gezeigt und ins Ohr hatte ſchallen laſſen, einen neuen Nachbar. „Ja wohl, es iſt der Großkanzler,“ lautete die Antwort. „Ein braver Mann, nicht wahr?“ „Noch mehr als ein braver Mann! Er iſt es ja, der das Brod herabgeſetzt hatte; aber die Andern haben nicht gewollt, und nun kommt er, um den Proviantver⸗ walter feſtzunehmen, weil er nicht recht gehandelt hat.“ Es braucht kaum bemerkt zu werden, daß Renzo als⸗ bald für Ferrer gewonnen war. Er wollte ſogleich ihm entgegengehen; die Sache war nicht leicht, aber mit ge⸗ wiſſen älpleriſchen Bruſtſtößen gelang es ihm, ſich Platz zu ſchaffen und bis in die erſte Reihe dicht neben die Kutſche vorzudringen. Dieſe war bereits etwas weiter unter der Volksmenge vorgenückt, ſtand aber im Augen⸗ blick ſtill, in Folge einer jener Hemmungen, die bei einer ſolchen Fahit unvermeidlich und haufig ſind. Der alte Ferer zeigte bald an dem einen, bald an dem andern Kutſchenſchlag ein ganz demüthiges, ganz freundliches, ganz liebreiches Geſicht, ein Geſicht, das er nur immer für den Fall aufbewahit hatte, wenn er ſich je vor vem Angeſichte Don Filwppo IV. ſelbſt befand; nun aber wurde er gezwungen, es auch vei dieſer Gelegenheit feilzubieten. 30 Er ſprach auch; aber der Lärm, das Geſumme ſo vieler Stimmen, ſelbſt die Lebehochrufe, die ihm galten, ließen ſeine Worte nur ſehr ſchwach und nur für ſehr Wenige verſtändlich werden. Er half ſich alſo mit Geberden, in⸗ dem er hald die Spitzen ſeiner zehn Finger an die Lippen hielt, um einen Kuß darauf zu drücken, welchen die nun⸗ mehr ſich wieder trennenden Hände zum Dank für das Wohlwollen der Verſammlung nach rechts und links ver⸗ theilten, bald ſeine Hände außerhalb der Kutſchenſchläge ſlach ausbreitete und langſam bewegte, um ſich ein bischen Platz zu erbitten, bald mit feinem Anſtand ſie ſenkte und um ein wenig Stille flehte. Hatte er wirklich einiges Schweigen erlangt, ſo hörten und wiederholten die zunächſt Stehenden ſeine Worte:„Brod, Ueberfluß; ich komme, um Gerechtigket zu üben: ein wenig Platz, ich bine!“ Ueberwältigt und gleichſam erſtickt vom Getöſe ſo vieler Stimmen, von dem Anblick ſo vieler zuſammengepfropfter Geſichter, ſo vieler auf ihn gerichteten Angen, zog er ſich dann ein wenig zurück, blies die Backen auf, holte tief Athem und ſagte vor ſich hin: poe mi vida, que de gente! (Schan mal Einer, welch eine Volksmenge 0 „Ferrer hoch! Ihr braucht Nichts zu fürchten, Ihr ſeid ein braver Mann, Brod, Brod 1. „Ja, ja Brod,“ antwortete Ferrer;„Ueberfluß; ich ver⸗ ſpreche es,“ und er legte die Rechte auf ſein Herz.„Cl⸗ was Platz,“ fügte er dann mit ſeiner ganzen Stimme hinzu,„ich komme, ihn in Verhaft zu nehmen und zur gerechten Strafe zu ziehen!“ hier fügte er leiſe bei:„Si est culpable(wenn er ſchuldig iſt). Hierauf neiate er ſich zum Katſcher vorwärts und ſagte haſtig:„adelante, Pedro, si puedes.“(Vorwärts Pedro, wenn Du kannn!) Auch der Kutſcher lächelte mit liebevoller Grazie, wie wenn er gleichfalls ein vornehmer Herr wäre, der Menge zu und bewegte mit unſäglicher Rückſichtsnahme und ſo ſachte als möglich, nach rechts und links ſeine Peitſche, um die läſtigen Nachbarn zu erſuchen, daß ſie ſich zuſam⸗ 31 mendrängen und ein wenig auf der Seite ausweichen ſoll⸗ ten.„Bute,“ ſagte auch er,„meine Herrn, ein wenig Platz, nur ein ganz klein wenig, nur ſo viel, daß ich zur Noth durchkomme.“ Während die Eifrigſten unter den Wohlgeſinnten ſich Mühe gaben, den ſo höflich erbetenen Platz zu ſchaffen, drängten Andere, die vor den Pferden ſtanden, die Leute mit guten Worten, die flache Hand auf die Bruſt gelegt, und mit gewiſſen ſanften Stößen zurück. Da, da, ein wenig Platz, meine Herrn! Wieder Andere übernahmen daſſeibe Geſchäft auf den Seiten des Wagens, damit er voranrollen könne, ohne Füße zu rädern oder Geſichter zu zerquetſchen, wodurch, abgeſehen von dem Schaden für die betreſfenden Perſonen, Antoniv Ferrers Erfolg ſehr in Frage geſtellt worden wäre. Renzo, nachdem er den würdevollen, durch die Ban⸗ gigkeit etwas verſtörten, durch die Beſchwerde angegriffenen, aber durch den Eifer, durch die Hoffnung einen Menſchen aus der Todesangſt zu retten, neubelebten und ſo zu ſagen verſchönten Greis, einige Augenblicke mit Wohlgefallen betrachtet hatte, Renzo, ſage ich, gab allen Gevanken ſich zu entfernen auf, und beſchloß vielmehr Ferrer beizuſtehen und ihn nicht zu verlaſſen, bis er ſeine Abſicht erreicht hätte. Zu dieſem Behuf miſchte er ſich ſogleich unter die Andern, um Platz zu machen, und er war wirklich keiner von denjenigen, die am wenigſten ausrichteten. Es wurde Platz: nur immer vorwätts, ſagte mehr als Einer zu dem Kutſcher, indem er zurückwich oder vorausging, um weiter vorn Platz zu machen. „Adelante, presto, con juicio“(Vorwärts, ſchnell, mit Verſtand!) ſagte auch ſein Herr zu ihm, und der Wagen bewegte ſich weiter. Mitten unter den Begrüßun⸗ gen, die er an das Publikum verſchwendete, ließ Ferrer wiederholt mit verſtändnißinnigem Lächeln gegen diejenigen, die er zu ſeinen Gunſlen ſich bemühen ſah, ſeine Dank⸗ bezeigungen einfließen, und von diefen lächelnden Mienen 32 wurde mehr als eine unſerem Renzo zu Theil, der ſie in der That verdiente und dem Großkanzler an dieſem Tage beſſere Dienſte leiſtete, als ſein tüchtigſter Geheimſchreiber vermocht hätte. Der junge Gebirgsbewohner war ganz entzückt von dieſer Freunvlichkeit, und es wollte ihn bei⸗ nahe bedünken, als hätte er mit Antonio Ferrer Freund⸗ ſchaft geſchloſſen. Einmal in Gang gebracht, ſetzte die Kutſche mehr oder weniger langſam und nicht ohne wiederholten kleinen Aufenthalt, ihren Weg fort. Die Strecke betrug vielleicht nicht mehr als eine Wurfweite, aber wenn man die dar⸗ auf verwendete Zeit berückſichtigte, ſo hätte ſie jedem An⸗ dern, der nicht von Ferrers heiligem Eifer beſeelt war, wie eine kleine Reiſe vorkommen können. Die Menge bewegte ſich vorn, hinten, rechts und links vom Wagen, wie die Meereswogen rings um ein Schiff tanzen, das bei heftigem Sturm dahintreibt. Gellender, mißtönender, be⸗ täubender als das Getöſe des Sturmes war dieſes Getöſe⸗ Ferrer, der bald nach dieſer, bald nach jener Seite hinſah, ſich herumdrehte und geſtikulirte, ſuchte irgend etwas zu verſtehen, um nöthigenfalls antworten zu können; er wollte ſich ſo gut als möglich in ein kleines Geſpräch mit dieſer Geſellſchaft von Freunden einlaſſen: aber die Sache war ſchwierig; die ſchwierigſte vielleicht, die ihm während ſei⸗ ner vieljährigen Großkanzlerſchaft zugeſtoßen. Von Zeit zu Zeit jedoch machte ſich eine Rede, ſogar eine ganze Phraſe, die von einer Gruppe auf ſeinem Weg wiederholt wurde, für ihn verſtändlich, wie etwa in dem namenloſen Gepraſſel eines Feuerwerks der ſtärkere Knall einer Rakete ſich vernehmlich macht. Indem er ſich nun bald anſtrengte, dieſe Zurufe befriedigend zu beantworten, bald ſo laut als möglich die Worte rief, von denen er wußte, daß ſie die angenehmſten ſein würden, oder die eine plötz⸗ liche Nothwendigkeit zu erheiſchen ſchien, ſo ſprach er auch ſeinerſeits wohrend der ganzen Fahrt:„Ja meine Herrn⸗ —— — Brod, Ueberfluß. Ich werde ihn ins Gefängniß liefern: 33 er ſoll beſtraft werden: si estä culpable(wenn er ſtraf⸗ bar iſt!) Ja, ja, ich werde Befehle geben: Wohlfeiles Brod. So iſt es, ſage ich: der König, unſer Herr, will nicht, daß ſeine getreueſten Unterthanen Hunger leiden; Ox! ox! guardaos:(fort! fort! nehmt Euch in Acht!) Thut Euch keinen Schaden, meine Herren: Pedro, ade- lante, con juicio.(Pedro, vorwärts mit Verſtand1) Ueberfluß, Ueberfluß. Ein wenig Platz, wenn ich bitten darf; Brod, Brod! Ins Gefangniß! ins Gefängniß! Wie?“ fragte er dann Einen, der ſich mit dem halben Leibe zu dem Kutſchenſchlag hereingeworfen hatte, um ihm irgend einen guten Rath, eine Bitte, einen Beifallsruf oder was es immer ſein mochte, zuzubrüllen. Dieſer hatte aber nicht einmal das Wie? in Empfang nehmen können, ſon⸗ dern war bereits von einem Andern, der ihn in Gefahr ſah gerädert zu werden, zurückgeriſſen worden. Unter ſol⸗ chen Fragen und Antworten, unter unaufhörlichen Beiſalls⸗ rufen, mitunter auch unter feindſeligem Toben, das ſich da und dort laut machte, aber bald erſtickt wurde, war Ferrer endlich, hauptſachlich durch die Hilfe dieſer braven Bundesgenoſſen vor dem Hauſe angelangt. Die Andern, die, wie wir bereits geſagt, mit denſel⸗ ben guten Abſichten daſtanden, hatten inzwiſchen fortwäh⸗ rend ſich bemüht, etwas mehr Platz zu machen. Da gab es Bitten, Mahnungen, Drohungen; man drängt, mam treibt, man ſtößt da und dorthin, mit dem verdoppelten Eifer und der friſchen Kraft, welche der unmittelbare An⸗ blick des erſehnten Zieles gewährt; es war ihnen gelun⸗ gen, das Gedränge in zwei Theile zu ſpalten und ſodann die beiden Haufen durch einen Keil aufzuhalten, ſo daß zwiſchen der Thüre und dem Wagen, der vor derſelben ſtehen geblieben, ein kleiner leerer Raum entſtand. Renzo, der hald als Vorläufer, bald als Mitglied der Seitenbedeckung Dienſte geleiſtet hatte und mit dem Wagen zugleich angekommen war, konnte ſich jetzt in eines der beiden Spaliere von Gutgeſinnten ſtellen, die zugleich Die Verlobten. II. 3 ⸗ 34 eine Gaſſe für die Karoſſe und einen Damm gegen die zwei eindringenden Volkswogen bildeten. Indem er nun mit ſeinen gewaltigen Schultern die eine davon zurückhal⸗ ten half, befand er ſich auf einem guten Platz zum Sehen. Ferrer holte tief Athem, als er den kleinen freien Platz und die noch geſchloſſene Thüre bemerkte. Geſchloſ⸗ ſen bedeutet hier nur nicht offen ſtehend; im Uebrigen wa⸗ ren die Angeln beinahe gänzlich aus den Wänden heraus⸗ geriſſen; die zerſtoßenen, zerſplitterten, eingedrückten und in der Mitte auseinandergeriſſenen Thürflügel ließen durch ein bedeutendes Loch hindurch ein Stück von einem ver⸗ drehten, verbogenen und beinahe abgelösten eiſernen Rie⸗ gel ſehen, der ſie, wenn wir ſo ſagen wollen, noch zuſam⸗ menhielt. Ein Gutgeſinnter hatte ſich an dieſe Oeffnung geſtellt und hineingerufen, man ſolle öffnen; ein anderer eilte hinzu, um den Kutſchenſchlag weit aufzumachen; der Greis ſtreckte den Kopf heraus, echob ſich, und indem er mit der Rechten den Arm des braven Mannes ergriff, ſtieg er heraus und ſtellte den Fuß auf den Wagentritt. Die Volksmenge richtete ſich auf beiden Seiten em⸗ por, um zu ſehen; tauſend Geſichter, tauſend Bärte ſind in vie Höhe gehoben, die allgemeine Neugierde und Auf⸗ merkſamkeit ſchuf einen Augenblick allgemeiner Stille. Ferrer blieb eine Weile auf dem Wagentritt ſtehen, ließ ſeinen Blick rings umherſchweifen, begrüßte die Menge mit einer Verbeugung, wie von einer Rednerbühne herab, und rief, die Linke Hand auf die Bruſt:„Brod und Gerech⸗ tigkeit!“ Dann ſtieg er frei, aufrecht, in ſeinem Amtsrock, jite einem Jubelgeſchrei, das bis zu den Sternen drang, herab. Die drinnen hatten inzwiſchen die Thüre geöffnet oder, um beſſer zu ſprechen, den Riegel nebſt den bereits wackeln⸗ den Ringen und Zubehör vollends abgeriſſen. Sie öff⸗ neten, um den erſehnten Gaſt hereinzulaſſen, ließen ſich's aber ſehr angelegen ſein, die Seffnung dem Raum ange⸗ 35 meſſen zu machen, den ſeine Perſon einnehmen konnte. „Schnell, ſchnell,“ ſagte er,„öffnet ordentlich, damit ich eintreten kann, und Ihr haltet als wackere Männer das Volk zurück; laßt um Gottes willen Niemand hinter mir nachkommen; bereitet inzwiſchen etwas Bahn he, he, Ihr Herren, einen Augenblick,“ ſagte er dann zu denen drinnen,„gemach mit der Thüre, laßt mich durch: he, meine Rippen, ich empfehle Euch meine Rippen. Schließet jetzt; nein, he, mein Rock, mein Rock! Dieſer würde zwi⸗ ſchen die Thüre eingeklemmt geblieben ſein, wenn Ferrer nicht mit großer Gewandtheit die Schleppe nach ſich ge⸗ zogen hätte, die gleich dem Schwanz einer verfolgten Schlange, welche in ein Loch ſchlüpft, verſchwand. Die Thüren wurden aufs Beſte wieder zugeſchlagen und geſchloſſen, inzwiſchen aber von Innen mit Stangen geſtützt. Draußen bemühten ſich diejenigen, die ſich zur Leibgarde Ferrers aufgeworfen hatten, mit Schultern, Ar⸗ men und lautem Geſchrei, um den Platz leer zu erhalten, wobei ſie in ihrem Herzen zu Gott beteten, er möge beten, daß der Mann ſich beeile. „Schnell, ſchnell,“ ſagte er auch drinnen in der Halle zu den Dienern, die ſich keuchend um ihn her ge⸗ ſchaart hatten und riefen:„Gott ſegne Euch! Ach Er⸗ cellenz! o Erecellenz! Ach Ercellenz! „Schnell, ſchnell,“ wiederholte Ferrer,„wo iſt der Unglückliche 2“ Der Proviantverwalter kam, von einigen ſeiner Leute halb geſchleppt und halb getragen, weiß wie ein gebleich⸗ tes Tuch die Treppe herab. Als er ſeinen Retter aus der Noth erblickte, athmete er tief auf; ſein Puls ſchlug wie⸗ der, es kam etwas Leben in die Beine, etwas Farbe in die Wangen, und er eilte Ferrer entgegen mit den Worten: „Ich ſtehe in der Hand Gottes und Euerer Ercellenz. Aber wie komme ich hinweg? Ueberall ſind Leute, die mei⸗ nen Tod wollen.“ Venga con migo usted(ommt mit mir) und ſeid 36 guten Muthes: da außen ſteht mein Wagen, ſchnell, ſchnell!“ Er nahm ihn bei der Hand und führte ihn un⸗ ter beſtändigem Mutheinſprechen nach der Thüre; inzwi⸗ ſchen aber, ſagte er in ſeinem Herzen:—„Aqui estä el busilis! Dios nos valga!“—(Da ſteckt der Kno⸗ ten! Gott ſteh' uns bei!) Die Thüre öffnet ſich. Ferrer tritt zuerſt hinaus; der Andere hinter ihm, geduckt, feſt an die rettende Toga ſich anklammeirnd, wie ein kleines Kind an den Rock der Mutter. Diejenigen, welche den Platz frei erhalten hatten, bildeten jetzt dadurch, daß ſie die Hände und Hüte erho⸗ ben, gleichſam ein Netz, eine Wolke, um den Proviantver⸗ walter den gefährlichen Blicken der Menge zu entziehen; dieſer ſeigt zuerſt in den Wagen und verkriecht ſich da in einer Ecke. Ferrer folgt ihm, der Schlag wird geſchloſ⸗ ſen. Die Menge ſah nur die Hälſte, errieth aber, was geſchehen war, und brach in ein verworrenes Getöſe von Beifallsrufen und Verwünſchungen aus. Derjenige Theil der Reiſe, der noch zurückgelegt werden mußte, konnte als der ſchwierigſte und gefährlichſte erſchei⸗ nen. Aber die öffentliche Stimme hatte ſich laut genug dahin ausgeſprochen, daß man den Proviantverwalter ins Gefängniß bringen laſſen wolle, und während des Anhal⸗ tens hatten ſich viele von denjenigen, die Ferrers Ankunft erleichtert, dermaßen angeſtrengt, mitten durch das Gedränge einen Weg zu bahnen und offen zu halten, daß der Wa⸗ gen dieſes zweite Mal etwas raſcher und unaufgehalten ſich voranbewegen konnte. Sobold er durchgefahren war, ſtürzten die beiden auf den Seiten zurückgehaltenen Maſ⸗ ſen von Neuem wieder aufeinander und vermiſchten ſich hinter ihm wieder. Ferrer hatte kaum ſeinen Platz eingenommen, ſo neigte er ſich hinab, um den Proviantverwalter zu e mah⸗ nen, daß er ſich im Hintergrunde wohl verborgen halten und ums Himmels willen nicht ſehen laſſen möge; allein es bedurfte dieſer Mahnung nicht. Er ſelbſt dagegen 37 mußte ſich zeigen, um die ganze Aufmerkſamkeit des Vol⸗ kes zu beſchäftigen und auf ſich zu zichen. Auf dieſer ganzen Rückfahrt hielt er wie auf der Herfahrt an ſeine wanfelmüthige Zuhörerſchaft eine Rede, welche der Zeit nach die anhaltendſte, dem Sinn nach aber die zuſam⸗ menhangloſeſte war, die je gehalten worden; er unter⸗ brach ſie jedoch jeden Augenblick mit irgend einer ſpani⸗ ſchen Phraſe, die er ſeinem niedergeduckten Gefährten ein⸗ mal ums andere ins Ohr flüſterte:„Ja Ihr Herrn, Brod und Gerechtigkeit: ins Kaſtell, ins Gefängniß, unter mei⸗ ner eigenen Aufſicht. Dank, Dank, tauſend Dank! Nein, nein; er ſoll nicht entwiſchen! Por ablandarlos(um ſie zu beſchwichtigen.) Es iſt nur allzu gerecht; man wird die Sache unterſuchen; man wird ſehen. Auch ich will Euch wohl, ihr Herren. Eine ſtrenge Züchtigung. Psto la digo por su bien(Ich ſage das zu Euerem eigenen Beſten). Eine gerechte Tare, eine ehrliche Tare, und wehe den Aushungerern! Bitte, weicht doch ein wenig auf die Seite; ja, ja, ich bin ein rechtſchaffener Mann; ein Freund des Volkes. Er ſoll beſtraft werden: es iſt wahr, er iſt ein Schurke, ein Böſewicht. Perdone usted(ver⸗ zeihet mir.) Es ſoll ihm übel bekommen, es ſoll ihm übel bekommen; si estä cupahle(wenn er ſchuldig iſt.) Ja, wir wollen den Bäckern ſchon zeigen, was Rechtens iſt. Es lehe der König und die Mailänder, ſeine getieue⸗ ſten Unterthanen. Animo estamos Ja quasi afuera (Muth, jetzt ſind wir draußen.) Sie hatten in der That das ärgſte Gewühl durchge⸗ macht und waren bereits nahe daran, vollkommen in Si⸗ cherheit zu gelangen. Hier bemerkte Ferrer, als er ſeiner Lunge einige Ruhe zu gönnen anfing, dieſe ſpaniſchen oldaten, die in der Noth nicht geholfen hatten, aber doch zuletzt nicht gänzlich nutzlos gehlieben waren, da ſie unter Mitwirkung und Anleitung einiger Bünger dazu bei⸗ getragen hatten, die Leute ein wenig zur Ruhe zu bringen und beim endlichen Ausgang den Weg frei zu erhalten. Als der Wagen ankam, bildeten ſie ein Spalier und prä⸗ ſentirten das Gewehr vor dem Großkanzler, der auch jetzt eine Verbeugung nach rechts und eine Verbeugung nach links machte. Zu dem Offizier, der näher zu ihm trat, um ihn zu ſalutiren, ſagte er, indem er ſeine Worte mit einer Bewegung der rechten Hand begleitete:„Beso à usted las manos:“(ich küſſe Euch die Hände.) Worte, welche der Offizier als das nahm, was ſie wirklich beſa⸗ gen wollten: Ihr habt mir ſchön geholfen! als Antwort ſalutirte er noch einmal und zuckte die Achſeln. Jetzt konnte man in der That ſagen; cedant arma togae; aber Ferrer war in dieſem Augenblick nicht zu claſſiſchen Ci⸗ taten geneigt, und überdies wäre es in den Wind geſpro⸗ chen geweſen, denn der Offizier verſtand kein Latein. Als Pedro durch die zwei Reihen Mikelets, durch die ſo ehrfurchtsvoll emporgehobenen Musketen hindurch⸗ fuhr, da kehrte der alte Muth in ſeine Bruſt zurück. Er erholte ſich vollkommen von ſeiner Betäubung, erinnerte ſich, wer er war und wen er führte, und indem er ohne alle weitere Umſtände dem Volke, das bereits dünn genng ſtand, um ſo behandelt werden zu können, Platz da! Platz da! zurief, trieb er ſeine Pferde an und lenkte ſie nach dem Kaſtell. „Levantese, levantese; estamos afuera(erhebet Euch, erhebet Euch, wir ſind draußen) ſagte Ferrer zu dem Verwalter, der, durch das Aufhören des Geſchreies, durch die raſche Bewegung des Wagens und durch dieſe Worte neu ermuthigt, ſich umdrehte, ſich ſtreckte, ſich erhob und, ſobald er wieder einigermaßen zu Beſinnung gekommen war, gegen ſeinen Befreier den gerührteſten Dank auszu⸗ ſprechen anfing. Dieſer bezengte ihm ſein Beileid wegen der überſtandenen Gefahr, wünſchte ihm Glück zur Ret⸗ tung und rief dann, mit der flachen Hand über ſeinen kahlen Scheitel ſtreichend:„Oue dirä de esto su excc- lencia?“(was wird Se. Ercellenz dazu ſagen 2) er iſt ohnehin ärgerlich genug über das verdammte Caſale, das 39 ſich nicht ergeben will. Que dirä el conde duque? (was wird der Graf⸗Herzog ſagen, der ſich ſchon erzürnt, wenn nur ein Blatt lauter als gewöhnlich rauſcht? Que dirä el rey nuestro sefior,(was wird der König, unſer Herr ſagen 2) der jedenfalls auf die eine oder andere Art von dem großen Getümmel hören wird? und wird damit Alles aus ſein? Dios l0 sabe!(Gott weiß es!)“ „Ach,“ ſagte der Proviantverwalter,„was mich he⸗ trifft, ſo will ich Nichts mehr mit der Sache zu thun haben: ich waſche meine Hände in Unſchuld; ich lege meinen Poſten in Ew. Ercellenz Hände nieder und will fortan in meiner Grotte, auf einem Berge als Eremit leben, fern, fern von dieſem beſtialiſchen Volke!“ „Ihr werdet thun, was por el servicio de su ma- gestad(für den Dienſt Sr. Maj.) am zweckdienlichſten ſein wird,“ antwortete gravitätiſch der Großkanzler. „Se. Majeſtät wird meinen Tod nicht wollen,“ ver⸗ ſetzte der Proviantverwalter;„in meine Grotte, in meine Grotte und fern von dieſen Leuten!“ „Unſer Autor erzählt nicht, was ſpäter aus dieſem Vorhaben wurde; nachdem er den armen Mann ins Ka⸗ ſtell begleitet, gedenkt er ſeiner Thaten nicht weiter. Vierzehntes Capitel. Die zurückgebliebene Menge begann ſich zu zerſtreuen und nach rechts und links in dieſe und jene Gaſſe ausein⸗ anderzulaufen. Der Eine ging nach Haus, um auch nach ſeinen eigenen Angelegenheiten zu ſchauen, der Andere ent⸗ fernte ſich mit dem Wunſch nach ſo mancher im Gedränge zugebrachten Stunde ſich wieder ein wenig im Freien um⸗ herzutreiben; ein dritter ſuchte Bekannte auf, um die großen Begebenheiten des Tages auch ein wenig zu beſchwatzen. 40⁰ Dieſelbe Räumung der Straße fand auch am andern Ende ſtatt, wo die Menge ſich dermaßen lichtete, daß das Fähnlein Spanier, ohne irgend kämpfen zu müſſen, vor⸗ rücken und bis an das Haus des Proviantverwalters drin⸗ gen konnte. An dieſem hatte ſich ſo zu ſagen die Hefe des Aufſtandes noch feſigeſetzt; es war eine Handvoll Hallunken, welche, unzufrieden mit dieſem nichtsſagenden und ſo unvollkommenen Ende einer ſo großen Zurüſtung, murrten, fluchten, ſich berathſchlagten und einander gegen⸗ ſeitig aufmunterten, nachzuforſchen, ob man nicht noch etwas unternehmen könne; gleichſam zur Probe ſtießen und rüt⸗ telten ſie jetzt an dieſer armen Thüre herum, die von Neuem ſo gut wie möglich verrammelt und geſtützt wor⸗ den war. Beim Heranrücken des Fähnleins aber ſetzten ſie ſich alle zuſammen mit einmüthigem Entſchluß und ohne vorausgegangene Berathung in Bewegung, ſchlugen die entgegengeſetzte Richtung ein und räumten das Feld den Kriegeknechten, die es in Beſitz nahmen und ſich zum Schutze des Hauſes ſowie der Straße darauf lagerten. Aber die Straßen und Plätze der Umgegend waren mit Volksgruppen überſäet; wo zwei oder drei Perſonen ſtan⸗ den, da vlieben drei, vier, zwanzig andere ebenfalls ſtehen. Einige gingen weg, Andere kamen dazu;z das Ganze glich dem Gewölke, das nach einem Sturm zuweilen über den vlauen Himmel hingeſtreut bleibt und ſich fortbewegt, ſo daß der Hinaufſchauende ſagt: das Wetter hat ſich noch nicht ganz aufgeklärt.“ Hier fand eine mannigfaltige ver⸗ worrene und oft wechſelnde Verſammlung ſtatt: Einer er⸗ zählte aus vollem Munde von den merkwürdigen Einzeln⸗ heiten, die er geſehen; ein Anderer gab ſeine eigenen Tha⸗ ten an dieſem wichtigen Tage preis; ein dritter freute ſich, daß die Sache gut abgelaufen ſei, er rühmte Ferrer und prophezeite eine ſchwere Strafe für den Proviantverwalter; ein Anderer verſpottete ihn und verſicherte, demſelben werde „ kein Haar gek ümmt werden, der Wolf freſſe kein Wolfs⸗ fleiſch, eine Krähe hacke der andern die Augen nicht aus; 4¹ wieder ein Anderer brummte voll Grimm, es ſei nicht ge⸗ gangen, wie es hätte gehen ſollen, man habe ſich übertöl⸗ peln laſſen, es ſei eine Narrheit ſo großen Spectakel zu machen und ſich hernach auf ſolche Art an der Naſe her⸗ umführen zu laſſen. Inzwiſchen war die Sonne untergegangen, Alles färbte ſich allmählig gleich, und ermüdet von den Anſtrengungen des Tages, gelangweilt von dem vielen Schwatzen in der Finſterniß, gingen Viele nach Hauſe. Unſer Jüngling, der, nachdem er das Fortkommen des Staatswagens, ſo lange Hulfe nöthig geweſen, nach beſten Kräften befördert hatte und dann gleichfalls wie im Triumphe durch die Reihen der Soldaten nachgezogen war, freute ſich, als er ihn frei und gefahrlos dahinrollen ſah; er legte jetzt ein Stück Weges mit der Menge zurück, ging aber bei der erſten Straßenbiegung von ihr ab, um ſeinerſeits auch etwas freier aufzuathmen. Nachdem er ein paar Schritte gegangen war, verſpürte er mitten in der Aufregung ſo vieler Bilder, ſo vieler Leidenſchaften, ſo vieler friſchen und verworrenen Erinnerungen ein großes Bedürfniß nach Speiſe und Ruhe, und begann daher nach beiden Seiten aufzuſchauen, ob er nicht einen Wirthsſchild erblicke; denn um nach dem Kapuzinerkloſter zu gehen, war es zu ſpät. Indem er auf ſolche Art mit emporgerichtetem Kopfe um⸗ herſchritt, ſtieß er auf eine Gruppe Volkes; er blieb bei ihr ſtehen und hörte, daß da allerlei Vermuthungen, Pläne und Vorſchläge für den folgenden Tag beſprochen wurden⸗ Nachdem er einen Augenblick zugehört, konnte er nicht um⸗ hin, gleichfalls ein Wörtchen dabei zu ſprechen, denn es wollte ihm bedünken, daß ein Menſch, der ſo Großes ver⸗ richtet, ohne Anmaßung ſich bei der Berathung betheili⸗ gen dürfe. Da nun Alles, was er an dieſem Tage ge⸗ ſehen, in ihm den Eindruck zwückgelaſſen hatte, daß man fortan, um irgend Etwas auszuführen, nur das auf der traße herumlaufende Volk dafür zu gewinnen brauche, rief er in dem Tone, womit man eine Rede zu begin⸗ 42 nen pflegt:„Meine Herrn, darf auch ich meine einfältige Meinung äußern? Meine einfältige Meinung iſt die, daß nicht allein mit dem Brode Ungerechtigkeiten begangen wer⸗ den, und da man heute klar und deutlich geſehen hat, daß man alles Billige erreicht, wenn man ſich nur verſtändlich zu machen weiß, ſo muß man es fortan immer ſo machen, bis auch all den andern Spitzbübereien abgeholfen iſt und es in der Welt einmal ein bischen chriſtlicher zugeht. Iſts nicht wahr, meine Herrn, daß es eine Handvoll Tyrannen gibt, welche gerade das Gegentheil von den zehn Geboten thun und den ruhigen Leuten, die gar nichts von ihnen wollen, auflauern und alles mögliche Böſe zufügen, her⸗ nach aber dennoch Recht behalten? Ja, wenn ſie eine noch größere Schurkerei als gewöhnlich begangen haben, dann tragen ſie ihre Köpfe noch höher als vorher, wie wenn ſie das vollſte Recht dazu hätten. In Mailand gibt es ge⸗ wiß auch ein gutes Theil ſolcher Schurken.“ „Nur allzu viele,“ rief eine Stimme. „Das ſage ich auch,“ fuhr Renzo fort;„Unſereins weiß auch eine Geſchichte davon zu erzählen. Und dann ſpricht die Sache für ſich ſelbſt. Nehmen wir z. B. an, Einer von denen, die ich meine, ſtehe mit einem Fuß draußen und mit dem andern in Mailand; wenn er dort ein Tenfel iſt, ſo wird er wohl hier kein Engel ſein, ſollte ich denken. Nun ſagt mir doch einmal, meine Herren, ob Ihr jemals einen dieſer Burſchen mit der Schnautze am Eiſengitter geſehen habt. Und was noch das Schlimmſte iſt(ich kann das ganz gewiß ſagen) es ſind gedruckte Ver⸗ ordnungen da, um ſie zu beſttafen, und nicht etwa Ver⸗ ordnungen, die weder Hände noch Füße hätten, ſondern ganz vortreffliche, ſo vaß man ſie gar nicht beſſer machen könnte: da ſind alle die Spitzbübereien klar und deutlich, ſo wie ſie vorkommen, aufgeführt, und auf jede iſt eine tüchtige Strafe geſetzt. Es heißt da ausdrücklich, es ſei wer es ſei, niedrig und gering und was weiß ich. Nun da geht einmal zu dieſen Doctoren, Schriftgelehrten und 6 43 Phariſäern hin und verlanget von ihnen, daß ſie Euch Gerechtigkeit verſchaffen, wie es in den Verordnungen aus⸗ geſprochen iſt; ſie geben Euch Gehör, wie der Papſt den Spitzbuben, ſo daß ein rechtſchaffener Menſch hinaus möchte, wo kein Loch iſt. Daraus ſieht man nun klar, daß der König und die Regierung die Schurken gerne be⸗ ſtraft haben möchte, aber das geſchieht eben nicht, weil ein Bündniß beſteht. Man muß es alſo zerſtören; man muß morgen zu Ferrer gehen; denn der iſt ein Ehrenmann, ein Herr, der gern hilft, man hat es heute ſehen können, wie froh er war, ſich unter den armen Leuten zu befinden, und wie er all die Gründe zu hören ſuchte, die man ihm ſagte, und wie gnädig er antwortete. Man muß zu Fer⸗ rer gehen und ihm ſagen, wie die Sachen ſtehen. Ich für meinen Theil kann ihm gar ſchöne Dinge erzählen; denn ich habe mit meinen leiblichen Augen eine Verord⸗ nung mit ſo vielen Wappen daran geſehen, und ſie war von drei von dieſen Herren, welche den Staat regieren, gemacht, und jeder von ihnen hatte ſeinen Namen gedruckt darunter ſtehen, und einer dieſer Namen hieß Ferrer, das habe ich mit meinen leiblichen Augen geſehen. Nun ſagte dieſe Verordnung gerade die rechten Dinge für michz als ich aber einen Doctor aufforderte, er ſollte mir Ge⸗ rechtigkeit verſchaffen, wie es die Abſicht dieſer drei Her⸗ ren ſei, unter denen auch Ferrer war, ſo glotzte dieſer Herr Doctor, der mir die Verordnung ſelbſt gezeigt hatte, was noch das Schönſte iſt, ha, ha, ha— mich an, als wenn ich ein Narr wäre. Ich bin feſt überzeugt, daß, wenn dieſer liebe, alte Herr dieſe ſauberen Geſchichten erfährt, denn er kann nicht Alles wiſſen, beſonders was draußen ge⸗ ſchieht, ſo wird er nicht mehr wollen, daß es in der Welt ſo zugehe, und er wird eine tüchtige Abhilfe finden. Und dann muß ihnen doch, wenn ſie die Verordnungen machen, daran liegen, daß man ihnen gehorche, denn es iſt ja ein Spott auf ihren eigenen Namen, wenn man ihn für gar Nichts anſieht. Und wenn die Gewaltthätigen ſich nicht 44 ein wenig ducken, ſondern noch den Unverſchämten ſpielen wollen, ſo ſind wir da, um dem Ding abzuhelfen, wie man es heute gemacht hat. Ich will nicht ſagen, daß er in ſeiner Kutſche herumfahren und all die Spitzbuben, die Gewaltthätigen und Tyrannen ins Gefängniß führen ſolle, v, o, da würde die Arche Noä nicht ausreichen. Er ſoll nur denjenigen, die es angeht, befehlen, und zwar nicht blos in Mailand, ſondern überall, daß ſie die Sachen ſo treiben, wie die Verordnungen es ausſprechen; er ſoll all dieſen Burſchen, die ſolche Ungerechtigkeiten begangen haben, künftig den Prozeß machen, und wo es heißt Ge⸗ fängniß, Gefängniß, wo es heißt Galeere, Galeere; er ſoll den Podeſtas ſagen, daß ſie ihr Gewiſſen in Acht nehmen, wo nicht, ſoll er ſie zum Teufel jagen und beſſere ein⸗ ſetzen. Und dann, wie geſagt, ſind auch wir da, um Hilfe zu leiſten. Und den Doctoren ſoll er befehlen, daß ſie die armen Leute anhören und nach Recht und Gerechtig⸗ keit ſprechen. Habe ich nicht Recht, meine Herrn?“ Renzo hatte ſo herzhaft geſprochen, daß gleich von Anfang an ein großer Theil der Verſammlung alle andere Geſpräche abgebrochen und ſich ihm zugewandt hatte, um ihn anzuhören; ja bis zu einem gewiſſen Grade waren alle ſeine Zuhörer geworden. Ein verworrenes Beifalls⸗ geſchrei: Bravo! allerdings; er hat Recht! es iſt nur all⸗ zuwahr! folgte auf ſeine Volksrede. Es fehlte allerdings nicht an Kritteln.„Ja, ja,“ ſagte Einer,„hört nur auf die Gebirgler, das ſind alle zuſammen Advocaten,“ und damit ging er. „Jetzt,“ brummte ein Anderer,„will jeder Lumpen⸗ hund ſeine Weisheit auskramen, damit daß ſie immer mehr Fleiſch an's Feuer ſetzen, wird man fein wohlſeiles Brod bekom⸗ men, und deßwegen allein haben wir uns doch heute geregt.“ Renzo hörte indeß nur die Lobſprüche; Einer nahm ihn bei der einen, der Andere bei der andern Hand.„Auf Wie⸗ derſehen morgen! Wo?— Auf dem Domplatz.— Ganz 45⁵ recht.— Es wird ſchon wieder Etwas geſchehen.— Ge⸗ wiß geſchieht Etwas.“ „Wollte mir Einer dieſer braven Herrn ein Wirths⸗ haus zeigen, wo ich Etwas zu eſſen bekäme und billig übernachten könnte?“ ſagte Renzo. „Da kann ich Euch dienen, mein braver Junge,“ antwortete Einer, der Renzo's Rede aufmerkſam angehört und noch kein Wort geſprochen hatte. Ich kenne ein Wirths⸗ haus, das gerade für Euch paßt, und ich will Euch dem Wirth empfehlen der mein Freund und ein braver Mann iſt.“ „Iſt er in der Nähe,“ fragte Renzo. „Nicht weit von da,“ antwortete der Mann. Die Verſammlung löſte ſich auf, und Renzo ging nachdem er manche unbekannte Hand gedrückt, mit dem Unbefannten, dem er für ſeine Höflichkeit Dank abſtattete. „Nichts, nichts,“ ſagte dieſer,„eine Hand waſcht die andere und alle beide das Geſicht. Muß man nicht ſeinem Nächſten behilflich ſein?“ Und unterwegs richtete er im Laufe des Geſprächs bald die eine, bald die andere Frage an Renzo.„Nicht als ob ich Euern Angelegenheiten etwa nachfragen wollte, aber Ihr ſcheint mir müde zu ſein; aus welchem Dorfe kommt Ihr? „Ich komme,“ antwortete Renzo,„von„„ da von Lecco her.“ „Von Lecco? Seid Ihr von Lecco?“ „Von Lecco d. h. aus der Gegend.“ „Armer Junge! nach dem, was ich aus Euern Re⸗ den entnehmen konnte, haben ſie Euch gar übel mitge⸗ ſpielt.“ „Ach ja, mein lieber, braver Herr, ich habe mich ſehr zuſammennehmen müſſen, um meine Geſchichte nicht ganz ſo öffentlich zu erzahlen; aber genug, man wird es mit der Zeit ſchon erfahren„ doch da ſehe ich einen Wirthsſchild, und meiner Treu, ich habe keine Luſt, noch weiter zu gehen.“ „Nein, nein, kommt in das Haus, von dem ich Euch geſagt habe, es iſt nicht mehr weit,“ ſagte der Führer, „hier wäret Ihr nicht gut aufgehoben.“ „Ei, was,“ antwortete der Jüngling,„ich bin kein verwöhntes Herrchen, ich, etwas Tüchtiges unter die Zähne und dann einen Strohſack, das genügt mir: es liegt mir nur darau, daß ich beides recht bald finde. Gott befoh⸗ len.“ Und ſo ſchritt er durch eine ſchlechte Thüre ein, über welcher das Zeichen des Vollmonds hing. „Gut; da Ihr durchaus wollt, ſo werde ich Euch hineinführen,“ ſagte der Unbekannte und folgte ihm. „Ihr braucht Euch nicht weiter zu bemühen,“ antwor⸗ tete Renzo.„Doch,“ fuhr er fort,„thut mir den Gefal⸗ len und trinkt ein Glas mit mir.“ „Ich werde von Eurer Güte Gebrauch machen,“ ver⸗ ſetzte dieſer und ſchritt als ortskundig vor Renzo her über einen kleinen Hof; er trat an eine Glasthüre drückte die Klinke auf und ging mit ſeinem Begleiter in die Küche. Hier bildeten zwei Lampen, die an zwei am Quer⸗ balken der Decke angebrachten Stangen hingen, die Beleuch⸗ tung. Viele eifrig beſchäftigte Leute hatten ſich da und dort an dem ſchmalen, ſchlechten Tiſche, der beinahe eine ganze Seite des Zimmers einnahm, auf Bänken bequem gemacht; hier ſah man Tiſchtücher und allerlei aufgetra⸗ gene Gerichte, dort wurden Karten gemiſcht und ausge⸗ ſpielt, Würſel ausgeworfen und zuſammengerafft; überall waren Flaſchen und Gläſer. Auf dem ungedeckten Tiſche ſah man auch Berlingen, Realen und Parpajolen rollen, die, wenn ſie hätten ſprechen können, wahlrſcheinlich geſagt haben würden: heute frühe waren wir noch in den Schrän⸗ ken eines Bäckers oder in den Taſchen eines Zuſchauers, der aus lauter Eifer für den Gang der öffentlichen Ange⸗ legenheiten gänzlich vergaß, für ſeine Privatangelegenheiten zu ſorgen. Der Lärm war groß. Ein Kellner be⸗ wegte ſich eiligſt hin und her und bediente den Eßtiſch und Spieltiſch zugleich; der Wirth ſaß auf einer kleinen Bank 47 unter dem Vordach des Herdes, ſcheinbar mit gewiſſen Figuren beſchäftigt, die er mit der Feuerzange in die Aſche zeichnete und wieder verwiſchte, in Wirklichkeit aber mit größter Aufmerkſamkeit Alles was um ihn vorging beobach⸗ tend. Als er die Thüre aufgehen hörte, erhoh er ſich und ging den Gäſten entgegen. Sobald er den Führer ſah, ſagte er bei ſich ſelbſt:„Verflucht, mußt Du mir immer zur ungelegenſten Zeit zwiſchen die Beine kommen!“ Dann warf er einen haſtigen Blick auf Renzo und fuhr in ſei⸗ nem Selbſtgeſpräche fort:„Dich kenne ich nicht, aber da Du mit einem ſolchen Jäger kommſt, mußt Du entweder Hund oder Haſe ſein. Sobald Du zwei Worte geſagt haſt, werde ich Dich kennen.“— Von dieſem ſtummen Selbſtgeſpräch ſchimmerte inzwiſchen ganz und gar nichts auf dem Geſichte des Wirthes durch, das unbeweglich wie ein Porträt blieb: ein leuchtendes Vollmondsgeſicht mit einem ſtarken, röthlichen Bärtchen und zwei klaren, durch⸗ dringenden Aeugelein. „Was befehlen die Herren?“ fragte er. „Vor allen Dingen eine gute Flaſche reinen Wein,“ ſagte Renzo,„und dann etwas unter die Zähne!“ Mit dieſen Worten ſetzte er ſich auf eine Bank am Ende des Tiſches und ſtieß ein ſchallendes Ah! aus, wie wenn er ſagen wollte:„So eine Bank thut wohl, nachdem man ſo lange auf den Beinen geweſen und ſich ſo abgearbeitet hat.“ Nun fiel ihm aber bald die Bank und der Tiſch ein, wo er zum letzten Male mit Lucia und Agneſe geſeſ⸗ ſen, und er ſeufzte tief auf. Dann ſchüttelte er ein wenig den Kopf, als wollte er dieſen Gedanken verſcheuchen, und nun ſah er den Wirth mit dem Weine kommen. Der Be⸗ gleiter hattte ſich Renzo gegenüber geſetzt. Dieſer ſchenkte ihm ſogleich ein und ſagte:„Um die Lippen anzufeuchten.“ Dann füllte er das andere Glas und ſtürzte es auf einen Zug hinab. „Was habt Ihr zu eſſen?“ fragte er jetzt den Wirth. „Ein gutes Stück Geſchmortes,“ antwortete dieſer. 48 „Ja, Herr, gebt ein gutes Stück Geſchmortes.“ „Man wird ſogleich aufwarten,“ ſagte der Wirth zu Renzo, und zu dem Kellner ſagte er:„Bedienet dieſen Gaſt.“ Darauf ging er nach dem Herde zu.„Aber. begann er dann, indem er ſſich von Neuem zu Renzo wandte,„Brod habe ich heute nicht.“ „Für das Brod,“ ſagte Renzo laut und lachend,„hat die Vorſehung geſorgt.“ Damit holte er das dritte und letzte der Brode, die er unter dem Kreuz des heil. Dionys aufgehoben hatte, hervor, hielt es hoch empor und rief: „Das iſt das Brod der Vorſehung.“ Bei dieſem Ausruf drehten ſich Viele um, und als ſie das emporgehobene Siegeszeichen erblickten, rief Einer: „Es lebe das wohlfeile Brod!“ „Wohlfeil?“ ſagte Renzo,„es hat gar nichts ge⸗ koſtet!“ „Deſto beſſer, deſto beſſer.“ „Aber,“ fügte er ſogleich hinzu,„ich möchte nicht haben, daß dieſe Herren da etwas Böſes dächten. Ich habe es keineswegs, wie man zu ſagen pflegt, aus einem Laden mitgehen heißen, ſondern ich habe es auf der Erde gefunden, und wenn ich auch den Herrn finden könnte, ſo wäre ich bereit, es ihm zu bezahlen.“ „Bravo, bravo!“ riefen mit lautem Lachen die Ge⸗ ſellen, denn es fiel keinem von ihnen ein, daß dieſe Worte in allem Ernſt eine Thatſache und eine wirkliche Abſicht ausſprachen. „Ihr denkt, ich wolle ſpaßen, aber es iſt wirklich ſo“ ſagte Renzo zu ſeinem Führer, und indem er das Brod in ſeiner Hand hin und her drehte, fuhr er fort:„Da ſchaut, wie ſie es zugerichtet haben, man könnte es für Kuchen eſſen. Aber da kümmerte ſich Keiner viel um den Anderu. Wenn Einige dabei waren, die etwas zarte Kno⸗ chen haben, ſo mögen ſie ſchlecht weggekommen ſein.“ Und nun riß er einen Biſſen um den andern von dem Brod ab, verzehrte ihrer drei oder vier, ſchickte ihnen ein 49 zweites Glas Wein nach und ſagte:„So ganz allein will das Brod nicht hinab. Ich habe noch nie eine ſo trockene Kehle gehabt. Das war aber auch ein Geſchrei.“ „Haltet für dieſen guten Jüngling ein Bett bereit,“ ſagte der Begleiter,„denn er gedenkt hier zu ſchlafen.“ „Ihr wollt hier ſchlafen?“ fragte der Wirth unſern Renzo, indem er an den Tiſch trat. „Allerdings,“ antwortete dieſer;„das Bett mag ſein, wie es will, wenn nur das Weißzeug weiß iſt, denn ich bin zwar ein armer Junge, aber an Reinlichkeit gewöhnt.“ „O was das betrifft!“ ſagte der Wirth, ging dann an den Schenftiſch, der in einer Ecke der Küche ſtand, und kam darauf mit einem Tintenfaß und einem Stückchen weißen Papiers in der einen und einer Feder in der an⸗ dern Hand zurück. „Was wollt Ihr damit?“ rief Renzo, indem er von dem Braten, welchen der Kellner ihm vorgeſtellt, ein tüch⸗ tiges Stück verſchlang und verwundert lächelte.„Iſt das etwa Euer weißes Leintuch?“ Der Wirth legte, vhne zu antworten, das Pavier auf den Tiſch, ſtellte das Tintenfaß daneben, bückte ſich dann, legte den linken Arm und den rechten Ellbogen auf den⸗ ſelben Tiſch und ſagte, indem er die Feder in die Höhe hob und Renzo in's Geſicht ſchaute:„Thut mir den Ge⸗ ſ und ſagt mir Euern Namen, Zunamen und Wohn⸗ ort „Was ſoll das heißen?“ ſagte Renzo,„was haben ſolche Geſchichten mit dem Bette zu ſchafſen?“ „Ich thue bloß meine Schuldigkeit,“ antwortete der Wirth, indem er dem Begleiter in's Geſicht ſchaute.„Wir ſind verpſlichtet, über alle Perſonen, die wir beherbergen, Anzeige und Bericht zu machen. Ramen und Zunamen, woher gebürtig, in welchen Geſchäften er gekommen, ob er Waſſen mit ſich führt. wie lange er in dieſer Stadt vetweilen will. ſo heißt es ganz wörtlich in der Ver⸗ ordnung.“ Die Verlobten, M. 4 5⁰ Bevor er antwortete, leerte Renzo ein neues Glas: es war das dritte, und von nun an, fürchte ich, werden wir ſie nicht mehr zählen können. Dann ſagte er;„So, ſo, kommt Ihr mir da mit einer Verordnung her? Ei, ich bilde mir jetzt ein, ein Rechtsgelehrter zu ſein, und dann weiß ich auf der Stelle, was ich mich um eine Ver⸗ ordnung zu bekümmern habe.“ „Es iſt mein voller Ernſt,“ ſagte der Wirth, indem er Renzo's ſtummen Gefährten unverwandt anblickte; dann ging er von Neuem an den Schenktiſch, holte ein großes Stück Papier, nämlich ein Eremplar jener Verordnung, und breitete es vor Renzo's Augen aus. „Ah, ſieh da!“ rief dieſer, indem er mit der einen Hand das von Neuem vollgeſchenkte Glas erhob und aber⸗ mals leerte, die andere aber mit dem ausgeſtreckten Zeige⸗ finger gegen die daliegende Verordnung hielt, ei ſieh da, weich ein ſchöner Meßbuchbogen! Pas freut mich un⸗ gemein. Ich kenne dieſes Wappen; ich weiß, was dieſes Arianergeſicht mit dem Strick um den Hals beſagen will.“ (Ueber den Verordnungen wurde damals das Wappen des Statthalters angebracht, und in dem des Don Gonzalo Fernandez von Cordova befand ſich ein am Halſe geket⸗ teter Mohrenkönig.)„Das Geſicht da will beſagen: Be⸗ fehle wer kann, und gehorche wer will! Wenn dieſes Ge⸗ ſicht einmal den Herrn Don„„ genug, ich weiß ſchon wen, auf die Galeeren geſchickt hat, wie es auf einem an⸗ dern ähnlichen Bogen Meßpapiers ſagt, wenn es dafür ge⸗ ſorgt haben wird, daß ein ehrlicher Jüngling ein ehrliches Mädchen, das ihn heirathen will, zur Kirche führen kann, dann will ich dieſem Geſicht meinen Namen ſagen und ihm noch obendrein einen Kuß geben. Ich kann ja viele Gründe haben, um meinen Namen nicht zu ſagen. Ei, das wäre mir ſchön! Wenn nun irgend ein großer Hal⸗ lunke, der eine Anzahl anderer Hallunken zu ſeinen Befeh⸗ len hat. denn wenn er allein wäre“ hier ergänzte er ſeine Worte mit einer Geberde—„wenn ſo ein Hallunke 51 wiſſen will, wo ich bin, um mir irgend einen garſtigen Streich zu ſpielen, ſo frage ich, ob dieſes Geſicht ſich in Bewegung ſetzen würde, um mir zu helfen. Ich ſoll meine Geſchäfte ausplaudern! Das iſt auch etwas Neues! Ich bin nach Mailand gekommen, um wegen einer gewiſſen Angelegenheit zu beichten, aber ich will bei einem Pater Kapuziner beichten und nicht bei einem Wirth.“ Der Wirth ſchwieg und ſchaute bloß den Führer an, der ganz und gar keine Demonſtrativn machte. Renzo ſtürzte, wir bedauern es, ſagen zu müſſen, abermals ein Glas hinab und fuhr fort:„Ich werde Dir einen Grund angeben, mein lieber Wirth, der Dir gewiß einleuchten wird. Wenn die Verordnungen, welche die guten Chriſten in Schutz nehmen, nichts gelten, ſo dürfen Diejenigen, die zu ihrem Schaden gemacht ſind, noch weniger gelten. Deß⸗ halb trag nur all dieſes Zeug da wieder weg und bring ſtatt deſſen eine andere Flaſche, denn dieſer da iſt ihr Recht widerfahren.“ So ſprechend„klopfte er mit den Knöcheln ſeiner Hand ein wenig daran und fuhr fort:„Hör' nur, wie das hohl klingt!“ Renzo's Rede hatte auch diesmal die Aufmerkſamkeit der Geſeliſchaft auf ſich gezogen, und als er geendet hatte, erhob ſich ein allgemeines Beifallsgeflüſter. „Was habe ich hier zu machen?“ ſagte der Wirth, indem er dieſen Unbekannten anſchaute, der für ihn kein Unbekannter war. „Fort, fort,“ riefen mehrere der anweſenden Gäſte, „der Bauer da hat Recht: das ſind Bedruckungen, Placke⸗ reien und Betrügereien; ein neues Geſetz von heute an, ein neues Geſetz!“ Mitten unter dieſem Geſchrei warf der Unbekannte dem Wirth einen Blick des Vorwurfs wegen dieſer allzu offenen Aufforderung zu und ſagte:„Laßt ihn nur ein wenig auf ſeine Weiſe gewähren; macht kein Aufſehen.“ „Ich habe meine Pflicht gethan,“ ſagte der Wirth laut und fügte dann für ſich hinzu: W ich den 52 Rücken ftei.“ Er nahm Papier, Feder, Tintenfaß, Ver⸗ ordnung, ſowie die leere Flaſche, um Alles zuſammen dem Kellner zu übergeben. „Bring von demſelben,“ ſagte Renzo,„ich finde ihn gar nicht ſo unrecht; wir wollen ihn ſchlafen ſchicken wie den andern, ohne ihn um Namen und Zunamen zu fra⸗ gen, und was er hier thue und ob er eine Weile in die⸗ ſer Stadt bleiben werde.“ „Von demſelben,“ ſagte der Wirth zu dem Kellner, indem er ihm die Flaſche gab, und auf ſeinen Sitz unter dem Vordach des Heerdes zurückfehrte.—„Abermals ein Haſe,“ dachte er jetzt, indem er wiederum in der Aſche herumkritzelte,„und in was für Hände biſt Du gefallen! O Du Eſel, Du! Wenn Du ertrinken willſt, ſo ertrink', aber der Vollmondswirth will durch Deine Narrheiten nicht zu Schaden kommen.“ Renzo dankte dem Führer, ſowie allen Andern, die ſeine Partei ergriffen hatten.„Wackere Freunde!“ ſagte er,„jetzt ſehe ich erſt recht, wie rechtſchaffene Leute ein⸗ ander die Hand reichen und forthelfen müſſen;“ dann ſtreckte er ſeine rechte Hand hoch über dem Tiſch empor, warf ſich von Neuem in die Poſitur eines Redners und rief:„Jſt es nicht ſehr ſonderbar, daß alle die Herren von der Regierung überall Papier, Feder und Tintenfaß ein⸗ führen wollen? Immer iſt die Feder bei der Hand! Was für eine Freude ſie doch an dieſem Federfuchſen haben mögen?“ „He da, Ihr Ehreumann vom Lande, wollt Ihr auch den Grund wiſſen?“ ſagte lachend einer der letzten Spieler, welcher gewann. „Laßt einmal hören,“ antwortete Renzo. „Der Grund iſt der,“ ſagte der Andere, weil dieſe Herren alle Gänſe wegeſſen und dann ſo gewaltig viel Fe⸗ dern bekommen, daß ſie ſchon etwas damit anfangen müſſen.“ — 53 „Alle begannen zu lachen, nur der Mitſpieler nicht, welcher verlor. „Ei, ſieh da,“ ſagte Renzo,„das iſt ja ein Poet. Ihr habt alſo hier auch Poeten? Die kommen doch über⸗ all zu Tage. Ich habe auch eine ſolche Ader, und manuch⸗ mal wenn ich gerade recht gut aufgelegt bin, gebe ich gar kurioſe Dinge preis.“ Um dieſe alberne Bemerkung des armen Renzo zu begreifen, muß man wiſſen, daß beim Volke von Mailand und noch mehr in der Umgegend ein Poet nicht etwa, wie bei allen rechtſchaffenen Leuten, einen geweihten Genius, einen Bewohner des Pindus, einen Zögling der Muſen bedeutet, ſondern man will mit dieſem Worte bloß einen wunderlichen, etwas verrückten Kopf bezeichnen, der ſich in ſeinen Reden und in ſeinem Benehmen mehr witzig und neu, als vernünftig zeigt. In ſo vermeſſener Weiſe ſpringt dieſer Pfuſcher von einem Poeten mit den Worten um, und legt ihnen Dinge unter, die von ihrer rechtsgültigen Bedeutung durchaus eutfernt find, ja ihr ſogar wider⸗ ſtreiten. Dann frage ich Euch, was hat ein Poet mit einem verbrannten Gehirn zu ſchaffen? „Ich will Euch den wahren Grund ſagen,“ fügte Renzo hinzu.„Es kommt davon, weil ſie die Feder in der Hand führen; deßhalb fliegen die Worte, welche ſie ſprechen, in der Luft herum und verwehen; auf die Worte aber, die ein armer Burſche ſagt, geben ſie wohl Acht, ſtechen ſie dann mir nichts, dir nichts mit dieſer Feder in der Luft auf und nageln ſie auf's Papier, um ſich bei gele⸗ gener Zeit ihrer zu bedienen. Sie haben auch noch eine andere Spitzbüberei, weiche ſie anwenden, wenn ſie einen armen Jungen in's Ungluck bringen wollen, der ſich auf die Buchſtaben nicht verſteht, aber ſo ein wenig da hat...— um ſich verſtändlich zu machen, klopfte er mit der Spitze ſeines Zeigefingers an ſeine Stirne, wie wenn er ſie ein⸗ ſtoßen wollte— und wenn ſie ſehen, daß er die Lunte riecht, ſo mengen ſie plötzlich ein paar lateiniſche Worte 54 weiß, wo ihm der Kopf ſteht. Geng. Alles das muß noch abgeſchafft werden. Heute iſt man mit der Landes⸗ ſprache ganz gut ausgekommen, ohne Papier, Feder und Tintenfaß, uud morgen wird es, wenn die Leute ſich nur etwas zuſammennehmen, noch beſſer gehen, ohne daß man Einem ein Haar zu krümmen braucht: Alles auf dem Wege der Gerechtigkeit.“ Inzwiſchen hatten Einige der Gäſte wieder zu ſpie⸗ len, Andere zu eſſen, Viele zu ſchreien angefangen; Einige gingen, Andere kamen, der Wirth bediente ſie Alle, lau⸗ ter Dinge, die mit unſerer Geſchichte Nichts zu ſchaffen haben. Auch der unbekannte Führer konnte die Gelegen⸗ heit zum Fortgehen kaum erwarten; er hatte, wie es ſchien, an dieſem Orte Nichts zu ſchaffen, aber er wollte ſich doch nicht entfernen, vhne daß er zuvor mit Renzo ein paar Worte unter vier Augen verplaudert hätte. Er wandte ſich zu ihm, brachte das Geſpräch von Neuem auf das Brod, und nach einigen in aller Munde kurſirenden Redensarten, rückte er mit einem Vorſchlag hervor.„Ja, wenn ich zu befehlen hätte,“ ſagte er,„ich wollte ſchon der Haue einen andern Stiel drehen.“ in die Rede, damit er den Faden verliert und nicht mehr „Was wolltet Ihr deun thun?“ fragte Renzo, indem er ihn mit zwei kleinen, über Gebühr glitzenden Augen anſchaute und den Mund ein wenig verdrehte, wie wenn er ſo beſſer horchen könnte. „Was ich thun wollte?“ ſagte der Andere,„ich wollte vafür ſorgen, daß für Alle Brod genug da wäre, ſowohl für die Armen, wie für die Reichen?“ „Ja, das wäre recht,“ ſagte Renzo. „Hört einmal, wie ich es machen würde. Zuerſt eine rechtſchaffene Tare, bei welcher Jedermann beſtehen könnte. Und dann würde ich das Brod nach der Anzahl der vorhandenen Mäuler vertheilen; denn es gibt unver⸗ ſchämte Vielfräße, die Alles für ſich allein haben wollen, überall zugreifen und wohlſeil einkaufen; dann haben die 55 armen Leute kein Brod. Darum das Brod verkheilt. Und wie man das anfängt? Sehet Ihr, man gibt jeder Familie nach Verhältniß ihrer Köpfe einen Schein, wo⸗ mit ſie hingeht und das Brod beim Bäcker faſſen kann. Für mich z. B. müßten ſie den Schein folgender Maßen ausſtellen: Ambrogio Fuſella, ſeines Handwerks ein Schwert⸗ feger, mit Weib und vier Kindern, alle in dem Alter, daß ſie Brod eſſen(merkt wohl auf!), bekommt ſo und ſo viel Brod und bezahlt ſo und ſo viel Soldi. Aber nur was recht und billig iſt und immer im Verhältniß der Köpfe. Euch z. B. müßte man einen Schein aus⸗ ſtellen für... Euer Name?“ „Lorenzo Tramaglione,“ ſagte der Jüngling, wel⸗ cher, von dem Plan ganz eingenommen, nicht bedachte, daß er lediglich auf Tinte, Feder und Papier berechnet war, und daß, um ihn in Ausführung zu bringen, vor allen Dingen die Namen der Perſonen verzeichnet werden mußten. „Ganz gut,“ ſagte der Unbekannte, aber habt Ihr Weib und Kinder? „Ich ſollte wohl.„. Kinder nicht zu früh aber eine Frau. wenn es in der Welt zuginge, wie es der Brauch iſt.“. „Ah, Ihr ſeid allein! Ihr müßt Euch alſo mit ei⸗ nem kleineren Antheil begnügen.“ „Das iſt nicht mehr als billig; aber wenn ich bald, wie ich hoffe... und mit Gottes Hülſe„ genug, wenn ich nun eine Frau hätte?“ „Nun, dann tauſcht man den Schein aus und er⸗ höht den Antheil. Wie ich geſagt habe, immer im Ver⸗ hältniß zur Kopfzahl,“ ſagte der Unbekannte, indem er ſich von der Bank erhob. „So wäre es recht,“ rief Renzo und fuhr ſchreiend mit der Fauſt auf den Tiſch ſchlagend fort;„und warum macht man denn kein Geſetz auf dieſe Art?“ „Was ſoll ich Euch darauf ſagen? Inzwiſchen wünſche 56 ich Euch gute Nacht und gehe heim; denn ich denke, mein Weib und meine Kinder warten ſchon eine gute Weile auf mich.“ „Noch ein Tröpſchen, noch ein Tröpfchen,“ rief Renzo, indem er ſchnell das Glas ſeines Begleiters wie⸗ der füllte; zugleich erhob er ſich, hielt ihn an einem Schoß ſeiner Jacke feſt und ſuchte ihn gewaltſam wieder auf ſei⸗ nen Sitz zu ziehen.„Noch ein Tröpfchen! Thut mir dieſe Beleidigung nicht an.“ Aber der Freund machte ſich mit einem Ruck los, ſagte unbekümmert um die BVitten und Vorwürfe, womit Renzo ihn überſchüttete, von Neuem gute Nacht und ging. Renzv rief ihm noch nach, als er ſchon auf der Straße war, dann aher ſank er ſchwerfällig auf die Bank zurück. Er ſtarrte jetzt das Glas an, das er gefüllt hatte, und als er den Kellner am Tiſch vorübergehen ſah, hielt er ihn mit einem Winke der Hand auf, wie wenn er ihm Etwas mitzutheilen hätte, deutete auf das Glas und ſprach dann langſam, feierlich und mit einer ganz eigenthümlichen Betonung ſeiner Worte:„Sehet, ich hatte es für dieſen Ehrenmann eingeſchenkt; ſchaut her, voll bis an den Rand, voll wie es ſich für einen Freund gebührt; aber er hat nicht gewollt. Manchmal haben die Leute kurioſe Ideen im Kopf. Ich kann weiter Nichts mehr thun; ich habe meinen guten Willen bewieſen. Nun denn, da die Sache einmal geſchehen iſt, ſo darf man es nicht verderben laſ⸗ ſen.“ Mit dieſen Worten nahm er das Glas und leerte es auf einen Zug. „Hab's verſtanden,“ ſaßte der Kellner und ging weg. „Ah, habt Ihr's auch verſtanden?“ begann Renzo wieder;„dann iſt es alſo wahr. Wenn die Gründe rich⸗ i6 in Hier bedarf es nichts Geringeres, als unſere ganze Wahrheitsliebe, wenn wir uns veranlaßt ſehen ſollen, ge⸗ treulich in einer Erzählung fortzufahren, die einer ſo wich⸗ tigen Perſon, man könnte faſt ſagen, dem Helven unſerer 57 Geſchichte ſo wenig zur Ehre gereicht. Aus dieſem ſelben Grunde der Unparteilichkeit, müſſen wir aber auch berich⸗ ten, daß dieß das erſte Mal war, daß Renzo in einen ſolchen Fall kam; und gerade dieſer Umſtand, daß er an Aus⸗ ſchweifungen ſo wenig gewöhnt war, veranlaßte zum großen Theil den ſchlimmen Ausgang einer erſten Abweichung von der Regel. Die paar erſten Gläſer, welche er gleich An⸗ fangs gegen ſeine Gewohnheit ſchnell nach einander hin⸗ abgeſtürzt hatte, theils um ſeine brennende Kehle zu la⸗ ben, theils weil er ſich in einer gewiſſen Aufregung befand, die ihn Nichts mit Maß und Ziel vornehmen ließ, ſtiegen ihm ſogleich zu Kopſe; ein nur einigermaßen geübter Trinker würde ſie kaum geſpünt haben. Darüber nun macht unſer Anonymus eine Bemerkung, welche wir wie⸗ derholen wollen, und die man ſo viel gelten laſſen mag, als ſie eben Werth hat. Mäßige und ehrbare Gewohn⸗ heiten, ſagt er, bringen auch den Vortheil, daß der Menſch, je tiefere Wurzeln ſie in ihm geſchlagen haben, um ſo leichter, wenn er ſich dagegen verſtößt, augenblicklich den Schaden oder Beſchwerden davon inne wird, ſo daß er eine Weile daran zu denken hat, und auch ein Fehltritt ihm zur Belehrung gereicht. Wie dem nun ſein mag, als dieſe erſten Dünſte Renzo zu Kopfe geſtiegen waren, fuhren Wein und Worte unaufhörlich und ohne Maß und Ziel in demſelben auf und ab, und in dem Augenblick, wo wir ihn verlaſſen haben, ſtand es bereits ziemlich ſchief mit ihm. Er em⸗ pfand ein großes Verlangen zu ſprechen; an Zuhörern oder wenigſtens an anweſenden Menſchen, die er als ſolche betrachten konnte, fehlte es nicht, und einige Zeit hindurch waren auch die Worte gutwillig herausgekommen und hat⸗ ten ſich in eine gewiſſe Ordnung ſiellen laſſen. Nach und nach aber begann das Geſchäft ſeine Phraſen zu vollenden entſetzlich ſchwer zu werden. Der Gedanke, der ſich le⸗ bendig und friſch ſeinem Geiſte dargeſtellt hatte, hüllte ſich auf einmal in einen Nebel und entſchwand ihm gänzlich; 6. das Wort war, nachdem es eine Weile hatte auf ſich war⸗ nahm er kraft eines jener falſchen Inſtinkte, welche die Menſchen ſo oft zu Grunde richten, zu der verwünſchten Flaſche ſeine Zuflucht. Welche Hilfe ihm aber die Flaſche unter ſolchen Umſtänden gewähren konnte, das kann Jeder ſagen, der ein bischen Verſtand hat. Wir werden nur einige der maßlos vielen Worte mit⸗ theilen, die er an dieſem unglückſeligen Abend preisgab; die große Mehrzahl der andern, die wir übergehen, würde ſich allzuſchlecht ausnehmen, denn ſie haben nicht blos keinen Sinn, ſondern geben ſich nicht einmal die Miene einen ſolchen zu haben, was nun einmal in einem gedruck⸗ ten Buche eine nothwendige Bedingung iſt. „He, Wirth, Wirth?“ begann er, indem er ihm mit ten laſſen, nicht mehr das paſſende. In dieſen Nöthen dem Auge um den Tiſch herum, oder auch unter das Ka⸗ mindach folgte, zuweilen ihn anſtarrte, wo er nicht war, und mitten unter dem Lärm der Geſellſchaft fortwährend ſprach,„Wirth, der Du biſt! Ich kann es nicht hinab⸗ ſchlucken.. Dieſe Spitzbüberei mit dem Namen, Zu⸗ namen und Gewerb. Einem Kerl, wie ich bin! Du haſt Dich ſchlecht aufgeführt. Was für ein Vergnügen, was für ein Nutzen, was für eine Freude einen ar⸗ men Jungen aufs Papier zu bringen? Habe ich nicht recht, ihr Herrn? die Wirthe ſollen es mit den braven Burſchen halten.. Höre, höre, Wirth; ich will Dir eine Vergleichung anſtellen... aus dem Grunde.. Ihr lacht, he ich habe ein wenig. geladen, aber meine Gründe ſind gut. Säg einmal, wer erhält denn Deine Wirth⸗ ſchaft da? die armen Burſche: iſt's nicht wahr? Schau Dich doch um, ob dieſe Herrn von den Verordnungen auch einmal zu Dir kommen, um ſich den Mund auszuſpülen?“ „Lauter Waſſertrinker,“ ſagte ein Nachbar Renzo's. „Sie wollen unter ſich bleiben,“ fügte ein Anderer hinzu,„damit ſie das Volk recht ſchön anlügen können.“ „Ah,“ rief Renzo,„hat der Poet wieder einmal 59 geſprochen? Ihr ſehet alſo doch auch meine Gründe ein? Antwortet doch, Wirth! Und Ferrer, der noch der Beſte von Allen zuſammen iſt, iſt er auch nur ein einziges Mal hierhergekommen, um Beſcheid zu thun und einen rothen Heller zu verzehren? Und dieſer Mordhund von Don.. ich ſchweige, denn ich bin noch vollkommen bei Ver⸗ ſtand. Ferrer und der Pater Crrr,. das weiß ich, ſind zwei Ehrenmänner, aber es gibt nicht viele Ehrenmänner. Die Alten ſind ſchlechter als die Jungen, und die Jungen. noch ſchlechter als die Alten. Den⸗ noch freut es mich, daß man Niemand umgebracht hatz zum Teufel, das ſind Grauſamkeiten, die muß man dem Henker überlaſſen; Brod, v ja das. Ich habe tüchtige Stöße bekommen; aber. ich habe auch wieder ausgetheilt. Platz! Ueberfluß! vivat hoch!„. Und dann auch Fer⸗ rer ſo ein paar Wörtchen auf Latein: si es baruos trapolorum, verfluchtes Laſter! Vivat hoch! Gerechtigkeit! Brod! Ja, das ſind die rechten Worte!.. Da wollten die Kameraden gerade als dieſes verfluchte Bum, Bum, Bum losging. und dann wieder bum, bum. bum. Er käme mir nicht mehr durch, wenn ich ihn jetzt da hätte, dieſer Herr Pfarrer,„ich weiß, was ich ſage!“ Bei dieſen Worten neigte er ſein Haupt und blieb einige Zeit wie in tiefe Betrachtungen verſunken; dann ſtieß er einen lauten Seufzer aus und erhob ein Geſicht mit ſo thränenſchweren Augen, mit einer ſo unanmuthigen und plumpen Betrübniß, daß es ein großes Glück für ihn war, daß der Gegenſtand derſelben ihn in dieſem Augen⸗ blick nicht ſehen konnte. Aber jene Burſche, welche be⸗ reits angefangen halten, an Renzo's leidenſchaftlicher und verworrener Beredtſamkeit Spaß zu finden, ergötzten ſich jetzt noch weit mehr über ſeine verſtörte Miene; ſeine näch⸗ ſten Nachbarn riefen den andern zu: Da ſchaut her! und Alle wandten ſich gegen ihn, ſo daß er jetzt die Zielſcheibe der Spöttereien des ganzen Geſindels wurde. Nicht als ob die Andern bei gutem Verſtand, oder bei dem gewöhn⸗ lichen Maße ihrer Beſonnenheit geweſen wären, aber auf⸗ 6⁰ richtig geſtanden, keiner von Allen war ſo weit aus dem Geleiſe gewichen, wie der arme Renzo, und dieſer war noch obendrein ein Bauer. Einer um den Andern begann jetzt mit abgeſchmackten, plumpen Fragen und ſpöttiſchen Höflichkeitsbezeigungen ſich an ihm zu reiben. Ek machte bald Miene, als ob er ſich darüber ärgere, bald nahm er die Sache von der lächerlichen Seite, bald ſprach er, vhne ſich um all dieſes Geſchrei zu bekümmern, von etwas ganz Anderm, bald antwortete, bald fragte er; immer in zuſam⸗ menhangsloſen Sprüngen und unpaſſend. Glücklicherweiſe war ihm in dieſer Art von Delirium noch eine gewiſſe, inſtinktmäßige Behutſamkeit geblieben, ſodaß er keinen Na⸗ men nannte, und auch derjenige, der ſeinem Gedächtniſſe am feſteſten eingeprägt ſein mußte, hier nicht ausgeſprochen wurde; es würde uns gar zu ſehr leid thun, wenn dieſer Name, für welchen auch wir einige Zuneigung und Ehr⸗ erbietung empfinden, durch dieſe garſtigen Mäuler gezogen und zu einer Beluſtigung ſo ruchloſer Zungen herabge⸗ würdigt worden wäre. Fünfzehntes Capitel. Als der Wirth ſah, daß der Spaß zu weit getrieben und zu lang fortgeſpielt wurde, trat er zu Renzo, und in⸗ dem er freundlich die Andern bat, ihn jetzt in Ruhe zu laſſen, ſchüttelte er er den Jängling beim Arm und ſuchte ihm zu verſtehen zu geben, und ihn zu überreden, daß er ſchlafen gehen möchte. Aber Renzo kam immer wieder auf dieſelben Redensarten von Namen und Zunamen, Verordnungen und braven Burſchen. Gleichwohl machten die Worte Bett und Schlaf, die vor ſeinem Ohr wieder⸗ holt wurden, plötzlich einen Eindruck auf ſeinen Geiſt; ſie mahnten ihn etwas beſtimmter an das Bevürfniß, das ſie 5 61 andeuteten, und brachten einen lichten Augenblick in ihm zu Stande. Das bischen Verſtand, das er wiederfand, verlieh ihm gewiſſermaßen die Einſicht, daß der größte Theil davon verloren gegangen ſei: wie etwa das letzte noch brennende Stümpſfchen Licht bei einer Feſtbeleuchtung zeigt, daß die andern alle erloſchen ſind. Er faßte einen Entſchluß, ſtemmte die offenen Hände auf den Tiſch, ver⸗ ſuchte mehrmals ſich zu erheben, ſeufzte, wankte; das dritte Mal endlich kam er mit Hilfe des Wirthes auf ſeine Beine. Dieſer hielt ihn fortwährend aufrecht, und brachte ihn zwiſchen dem Tiſch und der Bank vor; dann nahm er mit der einen Hand eine Lampe, mit der andern führte er ihn theilweiſe, ſo gut er konnte, theilweiſe zog er ihn nach der Treppenthüre. Hier wandte ſich Renzo, in Folge der lärmenden Begrüßungen, die ihm von der ganzen Geſell⸗ ſchaft nachgerufen wurden, haſtig um, und wäre ſein Füh⸗ rer nicht flink genug geweſen, ihn an einem Arme feſtzu⸗ halten, ſo würde die Schwenkung ſich in einen ſchweren Sturz verwanvelt haben; er wandte ſich um und beſchrieb mit dem andern Arm, der ihm freigeblieben war, in der Luft herumfechtend, gewiſſe Begrüßungen nach Art eines ſalomoniſchen Siegels. „In's Bett, in's Bett,“ ſagte der Wirth ihn fort⸗ ſchleppend; er brachte ihn zur Thüre hinaus, zog ihn dann mit noch größerer Anſtrengung die ſchmale hölzerne Treppe hinauf und endlich in das Zimmer hinein, das er für ihn beſtimmt hatte. Als Renzo das Bett ſah, das ihn erwartete, freute er ſich; er ſchaute den Wirth lieb⸗ reich mit zwei Aeuglein an, die bald noch mehr als früher glitzerten, hald ſich verfinſterten wie zwei Johanniswürm⸗ chen; er ſuchte ſich auf ſeinen Beinen im Gleichgewicht zu erhalten und ſtreckte die Hand nach der Wange des Wirthes auf, um ſie zum Zeichen der Freundſchaft und Dankbarkeit zwiſchen dem Zeige⸗ und Mittelfinger einzu⸗ kneifen; aber es gelang ihm nicht.„Bravo Wirth,“ konnte er jedoch ſagen,„jetzt ſehe ich, daß Du ein Ehren⸗ ——— 62 mann biſt: das iſt ein gutes Werk, einem braven Bur⸗ ſchen ein gutes Bett zu geben; aber dieſer Kniff mit dem Namen und Zunamen, der zeugte von keinem Ehrenmanne. Zum guten Glück bin auch ich meinerſeits nicht auf den Kopf gefallen. Der Wirth, welcher nicht dachte, daß Renzo noch ſo viele Beſinnung habe, und der aus langer Erfahrung wußte, wie ſehr die Menſchen in dieſem Zuſtand plötzlichem Sin⸗ neswechſel unterworfen find, wollte dieſen lichten Augen⸗ blick benützen, um noch einen Verſuch zu machen:„Lieber Sohn,“ ſagte er mit der einſchmeichelndſten Miene und Stimme,„ich habe es ja nicht gethan, um Euch zu be⸗ läſtigen oder um Euch auszuforſchen. Was wollt Ihr? das Geſetz iſt einmal da, auch wir müſſen gehorchen, ſonſt ſind wir die erſten, die in Strafe verfallen. Es iſt beſ⸗ ſer, man thut den Herren ihren Willen und um was handelt es ſich denn eigentlich? Was iſt denn ſo Wich⸗ tiges daran, wenn man ein paar Wörtchen ſagt? Thut es nicht etwa ihrethalb, ſondern thut es nur mir zu Ge⸗ fallen. He, hier unter uns, unter vier Augen können wir das Ding ganz ſchnell abmachen; ſagt mir Euren Namen und und dann geht getroſten Herzens zu Bette.“ „Ha, Schurke!“ ſchrie Renzo:„Hallunke! Du kommſt mir alſo noch einmal mit dieſen Niederträchtigkeiten von Namen, Zunamen und Gewerbe?“ „Schweig, Spaßmacher, leg' Dich zu Bette,“ ſagte der Wirth. Aber Renzo fuhr noch ſtärker fort:„Ich habe es wohl eingeſehen: auch Du Zehörſt zum Komplott: warte, ich will Dir die Flügel ſtutzen.“ Und indem er den Mund nach der Thüre der kleinen Treppe kehrte, begann er aus vollem Halſe zu brüllen:„Freunde! der Wirth iſt ein..“ „Ich hab's ja nur zum Spaße geſagt,“ rief dieſer Renzo ins Geſicht, indem er ihn zurückſtieß und nach dem Bette hintrieb;„nur zum Spaß; begreifſt Du nicht, daß ich's nur zum Spaß geſagt habe?“ 63 „Ah, alſo zum Spaß: das laß ich mir geſallen; wenn Du es zum Spaße geſagt haſt... das find freilich auch ſpaßhafte Sachen,“ und er ſank aufs Bett. „Heda, zieht Euch aus, geſchwind,“ ſagte der Wirth, und fügte dem Rathe Hilfe bei, denn das war nöthig. Als Renzo endlich mit vieler Mühe ſeine Jacke vom Leibe gebracht hatte, nahm der Wirth ſie weg und betaſtete ſo⸗ gleich die Taſchen, ob in ihnen der Mammon enthalien ſei. Er fand ihn wirklich, und da er dachte, daß ſein Gaſt morgen ganz andere Geſchäfte haben werde, als ihn zu bezahlen, daß ferner dieſer Schatz wahrſcheinlich in Hände fallen dürfte, aus welchen ihn ein Wirth nicht zu erlöſen vermöchte, da er dies bedachte, ſo wollte er noch einen Verſuch wagen. „Ihr ſeid ein braver Burſche; ein Ehrenmann, nicht wahr?“ ſagte er. „Braver Burſche, Ehrenmann,“ antwortete Renzo, indeß ſeine Finger ſich fortwährend mit den Knöpfen ſeiner ßeſ bemühten, deren er ſich noch nicht hatte entledigen önnen. „Nun ja,“ fuhr der Wirth fort,„ſo bezahlt mir Eure kleine Zeche ſogleich, denn morgen muß ich wegen gewiſſer Geſchäfte ausgehen„ „Das iſt nicht mehr als billig,“ ſagte Renzo.„Ich bin ein Pfiffikus, aber ein Ehrenmann„ aber das Geld? He, ſucht mir einmal das Geld! „Hier iſt es,“ fagte der Wirth, und indem er ſeine ganze Erfahrung, ſeine ganze Geduld, ſeine ganze Ge⸗ wandtheit aufbot, gelang es ihm, die Sache ins Reine zu bringen, und ſein Geld zu erhalten. „Hilf mich noch vollends ausziehen, Wirth,“ ſagte Renzo.„Jetzt begreife ich ſelbſt, ſiehſt Du, daß ich ſehr ſchläfrig bin.“ Der Wirth leiſtete ihm den verlangten Dienſt, brei⸗ tete noch die Decke über ihn und wünſchte ihm verächtlich gute Nacht, als er bereits ſchnarchte. In Folge jener ——— . 64 eigenthümlichen Anziehungskraft, welche uns zuweilen ver⸗ anlaßt, einen Gegenſtand des Aergers eben ſo aufmerkſam wie einen Gegenſtand der Liebe zu betrachten, und die vielleicht nichts Anderes iſt, als ein Verlangen, dasjenige genau kennen zu lernen, was ſtark auf unſer Gemüth ein⸗ wirkt, blieb er dann noch einen Augenblick ſtehen, und betrachtete den Gaſt, der ihm ſo viele Beſchwerden gemacht hatte, indem er ihm die Lampe vor das Geſicht hielt und mit der flachen Hand das Licht über daſſelbe hinbreitete, ungefähr in derſelben Stellung, wie Pſyche abgemalt iſt, wenn ſie heimlich die Formen ihres unbekannten Gatten erſpäht.„Dummkopf,“ ſagte er innerlich zu dem armen Schläfer,„Du haſt das Ding recht eigentlich vom Zaune gebrochen. Morgen wirſt Du mir ſagen können, wie die Suppe ſchmeckt. Ihr Tölpel, die ihr um die Welt reiſen wollt, ohne zu wiſſen, auf welcher Seite die Sonne auf⸗ geht, um Euch und Eure Nächſten in Ungelegenheiten zu bringen!“ Nachdem er dies geſagt oder gedacht, zog er die Lamve zurück, brach auf, verließ die Stube und verſchloß die Thüre von Außen. Auf dem Treppenabſatz rief er ſeine Frau, befahl ihr, die Kinder einem Dienſtmädchen zu über⸗ laſſen und ihrerſeits in die Küche hinabzugehen, um ſtatt ſeiner den Vorſitz zu führen und Alles zu überwachen. „Ich muß ausgehen wegen eines Gaſtes, der zu meinem Unglück hierher gekommen iſt,“ ſagte er, und erzählte ihr kurz den leidigen Vorfall. Dann fügte er hinzu:„Ein Auge auf Alles, und vor allen Dingen Vorſicht an dieſem gottverfluchten Tage. Wir“ haben da unten eine Geſell⸗ ſchaft von Lumpengeſindel, das im Trunke, und weil es von Natur großmäulig iſt, allerlei herausſchwätzt. Genug, wenn alſo irgend ein Tollkopf „Ei, ich bin ja kein Kind, ich weiß ſchon ſelbſt, was ich zu thun habe. Bis jetzt wenigſtens, dächte ich, kann Niemand ſagen „Gut, gut, und ſorge, daß ſie bezahlen, all dieſe Re⸗ 65 den, die ſie führen, über den Proviantverwalter, den Statt⸗ halter, über Ferrer und die Decurionen, über die Edelleute und Spanier, und Frankreich und anderes ſolch dummes Zeug, thue Du, als ob Du fſie nicht hörteſt, denn wenn man widerſpricht, ſo kann dies auf der Stelle ſchlecht be⸗ kommen: Du weißt ja ſelbſt, daß manchmal gerade die⸗ jenigen, die am ärgſten loslegen genug, wenn Du von gewiſſen Dingen reden hörſt, ſo drehe ſchnell den Kopf und ſag': Gleich! wie wenn Dir von einer andern Seite Jemand rufe. Ich werde zuſchauen, daß ich ſobald als möglich zurückkomme.“ Nach dieſen Worten ging er mit ihr in die Küche hinab, warf noch einen Blick rings umher, um zu ſehen, ob nichts Neues von Bedeutung vorgefallen wäre, nahm von einem hölzernen Nagel Hut und Mantel, holte ſich aus einer Ecke einen Knüttel, ſchärſte ſeiner Frau die be⸗ reits ertheilten Verhaltungsbefehle mit einem zweiten Blick von Neuem ein, und entfernte ſich. Aber ſchon während der Vorbereitungen zu ſeinem Gang hatte er in ſeinem Herzen den Faden der am Bette des armen Renzo ange⸗ fangenen Rede von Neuem aufgenommen, und nun ſetzte er ſie, als er ſeines Weges hinwanderte, fort. „Starrkopf von einem Gebirgler!— denn wenn Renzo auch hätte verhehlen wollen, daß er ein ſolcher war, ſo ſprang doch dieſe Eigenſchaft aus allen ſeinen Worten, aus ſeiner Ausſprache, ſeinem Aufzug und ſeinen Geberden in die Augen. An einem Tage wie der heutige, habe ich mir mit lauter Politik, mit der Grütze, die ich im Kopfe beſitze, durchgeholfen, und nun mußteſt Du am Ende noch kommen, und mir die Eier im Korbe zerſchlagen. Gibt es denn keine anderen Wirthshäuſer in Mailand, daß Du gerade bei mir einfallen mußteſt? Wäreſt Du wenigſtens allein gekommen, dann wollte ich für heute Abend ein Auge zugedrückt und Dir morgen die Meinung geſagt haben. Ilber nein, da kommſt Du in Geſellſchaft und, was noch das Schönſte iſt, in Geſellſchaft eines Häſchers!“ Die Verlobten. M. 5 66 Auf jedem Schritt und Tritt begegnete der Wirth entweder vereinzelten Wanderern, oder Gruppen von zweien und vieren, die ſich flüſternd herumtrieben. Bei dieſem Punkt ſeiner ſtummen Anrede angelangt, ſah er eine Streifwache von Soldaten kommen; er trat auf die Seite, ſchielte ſie an, als ſie vorbeizogen, und fuhr leiſe für ſich fort:„Siehe da, dieſe Buſchklepper! Und Du, Eſelskopf Du, weil Du ein paar Leute herumlärmen ſaheſt, haſt Du Dir ſogleich in den Kopf geſetzt, die ganze Welt gehe jetzt aus den Fugen. Und in dieſer ſchönen Meinung haſt Du Dich zu Grunde gerichtet und wollteſt auch mich zu Grunde richten; das war doch nicht billig. Ich that mein Möglichſtes, um Dich zu retten, und du Vieh von einem Menſchen, haſt mir zur Vergeltung beinahe mein ganzes Wirthshaus rebelliſch gemacht. Jetzt iſt es Deine Sache, Dich aus der Patſche zu ziehen: ich ſorge ſchon für mich ſelbſt. Als ob ich Deinen Namen aus bloßer Neugierde hätte wiſſen wollen! Was kümmert es mich, ob Du Hinz oder Kunz heißeſt? Ja wohl, es iſt eine ſo große Freude für mich, die Feder in die Hand zu nehmen. Aber Ihr ſeid nicht die einzigen, die Alles gern nach Euerm Sinn haben wollten. Auch ich weiß, daß es Verordnun⸗ gen gibt, die nichts gelten: eine ſchöne Neuigkeit, mit der uns nicht erſt ein Gebirgler zu überraſchen braucht. Aber Du weißt nicht, daß die Verordnungen gegen die Wirthe gültig ſind; und Du nimmſt es Dir heraus, in der Welt herumzulauſen und das große Wort zu führen; und Du weißt nicht, daß man, um nach ſeinem eigenen Kopfe leben und ſich um die Verordnungen nicht bekümmern zu können, vor allen Dingen nicht öffentlich dagegen losziehen darf. Und was es für einen armen Wirth auf ſich hätte, wenn er Deiner Meinung wäre, und diejenigen, die ihn mit einem Beſuche beehren, nicht um die Namen fragte, weißt Du das auch, du Vieh? Bei einer Strafe für die beſagten Gaſtwirthe, Schenkwirthe und andere wie oben, von dreihundert Seudi; man ſchüttelt 67 nur ſo dreihundert Seudi aus dem Aermel und zwar zu einem ſo ſchönen Gebrauch; wovon zwei Dritttheile der königlichen Kammer und ein Dritttheil dem Angeber oder Ankläger zufällt: wahrlich ein ſchöner Spaß! Und für den Fall der Zah⸗ lungsunfähigkeit fünf Jahre Galeere, und noch härtere Geld⸗ oder Leibesſtrafe nach dem Gutdenken Sr. Ercellenz. Unendlich verbunden, Ew. Gnaden!“ Bei dieſen Worten ſetzte der Wirth ſeinen Fuß auf die Schwelle des Palaſtes des Polizeihauptmannes. Hier wie in allen Kanzleien herrſchte große Thätig⸗ keit; überall ließ man ſich's angelegen ſein, ſolche Befehle zu ertheilen, welche am geeignetſten ſchienen, um für die Ruhe des kommenden Tages zu ſorgen, den zum Auſſtand gereizten Gemüthern jeden Vorwand, ſowie ihre Vermeſ⸗ ſenheit zu benehmen, und die Gewalt in denjenigen Hän⸗ den zu befeſtigen, welche gewohnt waren ſie auszuüben. Man verſtärkte die Mannſchaft beim Hauſe des Proviant⸗ verwalters: die Ausgänge der Straße wurden mit Balken verſperrt und mit Wagen verrammelt; ſämmtlichen Bäckern wurde Befehl ertheilt, unabläſſig zu arbeiten und zu backen. Man ſchickte Staffeten in die benachbarten Ortſchaften, mit dem Befehl, Korn nach der Stadt zu ſchaffen! in je⸗ des Backhaus wurden Edelleute abgeordnet, die ſich früh am Morgen dahin begeben mußten, um die Austheilung zu überwachen und die Unruhigen durch ihre Gegenwart und mit guten Worten im Zaume zu halten. Um aber, wie man zu ſagen pflegt, einen Schlag auf den Reif und den andern auf das Faß zu thun, d. h. beiden Theilen ihr Recht widerfahren zu laſſen, und die Schmeicheleien durch ein bischen Schrecken deſto wirkſamer zu machen, war man auch darauf bedacht, einige von den Meuterern am Kragen zu nehmen, und dies war hauptſächlich das Geſchäft des Polizeihauptmanns, über deſſen Geſinnung gegen Aufruhr und Aufrührer man bei Umſchlag 68 von Wundwaſſer auf einem der Organe des metaphyſiſchen Tieffinns nicht im Zweifel ſein kann. Seine Spürhunde waren ſchon vom Anfang des Tummults auf dem Platze, und jener angebliche Ambrogio Fuſſella war wie der Wirth geſagt hat, ein verkappter Häſcher, ausgeſandt, um irgend jemand auf der That zu ertappen, welchem man nach⸗ ſpähen und auflauern, und den man ſich aufbewahren könnte, um ihn dann bei ganz ruhiger Nacht oder früh am Morgen zu packen. Sobald er von Renzo's Predigt nur vier Worte gehört, hatte er ſogleich ſein Augenmerk auf ihn gerichtet, da er in ihm einen wirklichen Verbre⸗ cher zu haben meinte und den Fall vollkommen geeignet fand. Als er nun ſah, daß er mit der Localikät gänzlich unbekannt war, ſo hatte er den Meiſterſtreich verſucht, ihn brühwarm ins Gefängniß als in die ſicherſte Herberge zu führen, was aber, wie man geſehen hat, fehlſchlug. Gleich⸗ wohl konnte er beſtimmte Angaben von Namen, Zunamen und Heimath, ſowie noch hundert andere ſchöne muth⸗ maßliche Notizen nach Hauſe bringen, ſo daß die Herren von der Polizei, als der Wirth ankam, um das zu ſagen⸗ was er von Renzo wußte, bereits mehr wußten, als er ſelbſt. Er trat in das gewöhnliche Zimmer und machte ſeine Angabe: es habe ein Fremder hei ihm eingekehrt, der durchaus ſeinen Namen nicht habe ſagen wollen. „Ihr habt Eure Pflicht gethan, indem Ihr uns da⸗ von Meldung machtet,“ ſagte ein Notar des peinlichen Ge⸗ richts, ſeine Feder weglegend;„aber wir wußten es be⸗ reits. „Ein ſchönes Geheimniß,“ dachte der Wirth,„dazu gehört große Schlauheit.“ „lind,“ fuhr der Notar fort,„wir wiſſen auch den ver⸗ ehrten Namen.“ „Teufel! den Namen! wie haben ſie das gemacht?“ dachte diesmal der Wirth. „Aber Ihr,“ begann der Andere mit ernſter Miene wieder,„Ihr ſagt nicht Alles aufrichtig aus?“ 69 „Was habe ich noch weiter zu ſagen? „Ei, ei, wir wiſſen recht gut, daß dieſer Menſch eine Menge geſtohlenes, geplündertes, durch Diebſtahl und Auf⸗ ſn erworbenes Brod in Euer Wirthshaus gebracht at. „Wenn Einer mit einem Brod in der Taſche kommt, wie ſoll ich da wiſſen, wo er es genommen hat! Wenn ich auf der Stelle ſterben müßte, ſo könnte ich doch nicht ſagen, daß ich mehr als ein einziges Brod bei ihm ge⸗ ſehen habe.“ „Ja, ja, immer entſchuldigen und vertheidigen: wenn man Euch hört, ſo find es lauter brave Männer. Wie könnt Ihr beweiſen, daß dieſes Brod auf ehrliche Weiſe erworben worden iſt?“ „Was habe ich da zu beweiſen? Mich geht die Sache Nichts an, ich mache den Wirth.“ „Ihr werdet doch nicht leugnen können, daß dieſer Euer Kunde die Verwegenheit gehabt hat beſchimpfende Worte gegen die Verordnungen auszuſprechen und belei⸗ digende, unanſtändige Geberden gegen den Wagen Sr. Er⸗ ellenz zu machen?“ „Bitte um Entſchuldigung, Ew. Gnaden: wie kann er mein Kunde ſein, wenn ich ihn zum erſten Mal ſehe? der Teufel iſt es, mit Reſpect zu ſagen, der ihn mir ins Haus geſchickt hat, und wenn ich ihn gekannt hätte, ſo begreift Ihr wohl, Herr, daß ich nicht nöthig gehabt hätte, ihn um feinen Namen zu fragen.“ „Aber es ſind doch in Euerm Wirthshaus und in urer Gegenwart frevelhafte Dinge geſagt worden, verwe⸗ gene Worte, rebelliſche Vorſchläge. Man hat gemurrt, ge⸗ ſchrien, gelärmt.“ „Wie können Ew. Gnaden verlangen, daß ich auf all die einfältigen Worte ſo vieler Krakehler achte, die alle mit einander ſchreien? Ich muß auf meinen Vor⸗ theil denken, denn ich hin ein armer Mann und dann— wiſſen Ew. Gnaden recht wohl, daß die Läſtermäuler mei⸗ 70 ſtens auch recht derbe Fäuſte führen, zumal wenn ſo viele beiſammen ſind und ℳ „Ja, ja, laßt ſie nur machen und ſchwatzen: morgen, morgen werdet Ihr ſehen, ob ihnen der Kitzel vergangen iſt. Was glaubet Ihr?“ „Ich glaube gar Nichts.“ „Daß die Kanaille Herr über Mailand geworden iſt?“ „Warum nicht gar!“ „Ihr werdet ſehen, Ihr werdet ſehen.“ „Ich begreife ganz gut: Der König wird immer der König bleiben und wer Etwas verbrochen hat, der wird es auch bezahlen müſſen; natürlich hat ein armer Familien⸗ vater deshalb keine Luſt Etwas zu verbrechen. Die Her⸗ ren haben die Macht dazu; das geht die Herren an.“ „Habt Ihr noch immer ſo viele Leute im Hauſe?“ „Die ſchwere Menge.“ „Und dieſer Euer Kunde, was macht er? Fährt er fort zu krakehlen, die Leute aufzuwiegeln, Aufruhr vorzube⸗ reiten?“ „Dieſer Fremde, wollen Ew. Gnaden ſagen, iſt ſchla⸗ fen gegangen.“ „Ihr habt alſo noch eine Maſſe Leute„ Genug; ſorgt dafür, daß Ihr ihn nicht entwiſchen laßt.“ „Soll ich den Häſcher machen?“ dachte der Wirth, ſagte aber weder ja noch nein. „Kehrt jetzt nur nach Hauſe zurück und führt Euch vernünftig auf,“ bemerkte der Notar noch. „Ich habe mich immer vernünftig aufgeführt. Ew⸗ Gnaden können nicht ſagen, daß ich jemals mit der Juſtiz in Händel gerathen bin.“ „Schon gut, ſchon gut, und glaubet ja nicht, daß die Juſtiz ihre Macht verloren habe.“ „Ich, ums Himmels Willen! ich glaube gar Nichts. Ich mache blos den Wirth.“ „Die alte Leier: wißt Ihr gar nichts Anderes zu ſagen?“ 71 „Was wollen Ew. Gnaden, daß ich Anderes ſagen ſoll? Es gibt nur eine einzige Wahrheit.“ „Genug; vor der Hand wollen wir uns an das hal⸗ ten, was Ihr angebracht habt; wenn der Fall wieder⸗ kommt, ſo werdet Ihr die Juſtiz genauer über das unter⸗ richten, was ſie Euch fragen wird.“ „Was könnte ich noch Weiteres ausſagen? Ich weiß gar Nichts; mein Kopf reicht kaum für meine eigene Sache aus.“ „Sorgt, daß Ihr ihn nicht entkommen laſſet.“ „Ich hoffe, der gnädigſte Herr Hauptmann wird er⸗ fahren, daß ich ſogleich gekommen bin, um meine Schul⸗ digkeit zu thun. Ich küſſe Ew. Gnaden die Hände.“ Als der Tag anbrach, ſchnarchte Renzo bereits ſieben Stunden, und noch lag der Aermſte im beſten Schlaf, als zwei heftige Rucke an beiden Armen und eine Stimme die am Bettende Lorenzo Tramaglino rief, ihn aufrüttelten⸗ Er ſchrack zuſammen, ſchüttelte die Arme, öffnete mühſam die Augen und ſah jetzt grade vor ſich am untern Bett⸗ ende einen Mann in ſchwarzem Gewande, nebſt zwei Be⸗ waffneten, einen rechts, den andern links, am Kopfkiſſen ſtehen. Theils aus Ueberraſchung, theils weil er noch nicht ganz wach war, theils auch weil der Wein, von dem wir wiſſen, ſeinen Kopf noch ſchwer machte, blieb er einen Augenblick wie verzaubert liegen, und da er zu träumen meinte, dieſer Traum ihm aber nicht gefiel, ſo bewegte er ſich hin und her, um ſich vollends zu ermuntern. „Ah! habt Ihr einmal gehört, Lorenzo Tramaglino? ſagte der Mann mit dem ſchwarzen Mantel, der Notar von der geſtrigen Nacht. Wohlan, aufl erhebet euch und kommtmit uns.“ „Lorenzo Tramaglino!“ ſagte Lorenzo Tramaglino, was ſoll das heißen? Was wollt Ihr von mir? Wer hat Euch meinen Namen geſagt?“ „Kein langes Geſchwätz da, macht ſchnell,“ ſagte einer der Häſcher, die an ſeiner Seite ſtanden, indem er ihn von Neuem am Arme packte. 72 „He, he, was iſt das für eine Gewaltthätigkeit da?“ rief Renzo, ſeinen Arm zurückziehend.„Wirth! Wirth!“ „Sollen wir ihn im Hemde fortſchleppen?“ ſprach der Häſcher wieder, indem er ſich zu dem Notar wandte. „Habt Ihr gehört?“ ſagte dieſer zu Renzo:„Das geſchieht, wenn Ihr nicht ſogleich aufſtehet, um mit uns zu kommen.“ „Und warum denn?“ fragte Renzo. „Das Warum werdet Ihr von dem Herrn Polizei⸗ hauptmann erfahren.“ „Ich, ich bin ein Ehrenmann: ich habe nichts gethan, ich; und ich wundere mich 4 „Um ſo beſſer für Euch, um ſo beſſer für Euch! Ihr werdet alſo mit zwei Worten wieder frei ſein und Euern Geſchäften nachgehen können.“ „Laßt mich jetzt meinen Geſchäften nachgehen: ich habe nichts mit der Juſtiz zu ſchaffen.“ „Ei was? macht es kurz“ ſagte ein Häſcher. Andere. „Lorenzo Tramaglino!“ ſagte der Notar. „Wie können Ew. Gnaden meinen Namen wiſſen2“ „Thut Eure Pflicht,“ ſagte der Notar zu den Hä⸗ ſchern, die alsbald Hand an Renzo legten, um ihn aus dem Bette zu ziehen. „Weg da, berührt einen rechtſchaffenen der„ich kann mich ſelbſt ankleiden.“ „So kleidet Euch denn an und ſtehet ſogleich auf,“ ſagte der Notar. „Ich ſtehe auf,“ antworkete Renzo und begann wirk⸗ lich ſeine Kleidungsſtücke zuſammenzuraffen die hin und wieder auf dem Bette zerſtreut lagen, wie die Trümmer eines Schiffbruchs am Geſtade. Und indem er ſich anzu⸗ ziehen anfing, fuhr er folgendermaßen zu ſprechen fort: „Ich will nicht zum Polizeihauptmann gehen, ich: Ich habe Nichts bei ihm zu thun. Da mir dieſer Schimpf „Sollen wir ihn wirklich forttragen 2“ fragte der 73 ungerechter Weiſe widerfährt, ſo will ich zu Ferrer ge⸗ führt werden. Dieſen kenne ich und ich weiß, daß er ein Ehrenmann iſt; auch hat er Verpflichtungen gegen mich.“ „Ja, ja, mein Sohn, Ihr ſollt zu Ferrer geführt werden,“ antwortete der Notar. Unter andern Umſtänden hätte er über eine ſolche Anmuthung laut gelacht, aber jetzt war nicht der Augenblick zum Lachen. Schon beim Hergehen hatte er auf den Straßen eine ſolche Bewegung geſehen, daß er nicht recht wußte, ob es die Ueberreſte eines nicht vollſtändig unterdrückten Aufſtandes, oder die Anfänge eines neuen waren. Allenthalben kamen die Bürger her⸗ aus, rotteten ſich zuſammen und blieben haufenweiſe ſtehen. Ohne daß er ſichs anmerken ließ, oder indem er ſich we⸗ nigſtens bemühte, ſich nichts anmerken zu laſſen, horchte er jetzt, und es ſchien ihm, als ſei das Geſumme im Zu⸗ nehmen begriffen. Er wünſchte ſich alſo loszumachen, hätte aber doch Renzo gern gutwillig und mit ſeiner eige⸗ nen Zuſtimmung mit ſich geführt; denn wenn der Krieg offen erklärt wurde, ſo konnte er nicht gewiß ſein, daß ſie ſich auf der Straße noch wie drei gegen einen befinden würden. Darum winkte er den Schergen mit den Augen zu, daß ſie Geduld haben und den Jüngling nicht erbit⸗ tern ſollten, und auch er ſeinerſeits ſuchte ihn durch freund⸗ liche Worte zu begütigen. Renzo dagegen errieth, während er ſich allmälig ankleidete und ſeine verworrenen Erinne⸗ rungen vom geſtrigen Tage aufs Beſte zu ordnen ſuchte, ſo ziemlich, daß die Verordnung ſo wie der Name und Zuname die ganze Unannehmlichkeit verurſacht haben muß⸗ ten; aber wie zum Teufel konnte der ſeinen Namen wiſ⸗ ſen? Und was zum Henker war in dieſer Nacht vorgefal⸗ len, daß die Juſtiz ſolche Zuverſicht gewonnen hatte und nur geradewegs herkommen und einen der braven Burſche antaſten durfte, die Tags zuvor ſo viel darein geſprochen hatten, und nicht alle ſich ſchlafen gelegt haben mußten, da auch Renzo ein immer zunehmendes Getöſe auf der Straße gewahr wurde. Indem er dann dem Notar ins Geſicht ſchaute, bemerkte er auf demſelben einen Anflug von Unſchlüſſigkeit, den dieſer vergebens zu verbergen ſich bemühte. Deshalb ſagte er, ſowohl um ſich über ſeine Vermuthungen aufzuklären und ſein Terrain zu ſondiren, als auch um Zeit zu gewinnen und gleichſam einen Schlag zu thun:„Ich begreife wohl, woher das Alles kommt; das geſchieht wegen des Namens und des Zunamens. Ge⸗ ſtern Abend war ich gewiß ein bischen heiter: dieſe Wirthe führen manchmal ſo heimtückiſche Weine, und wenn der Wein durch den Kanal der Worte gefloſſen iſt, ſo will er bekannntlich auch manchmal ein Wörtchen mitſprechen. Aber wenn es weiter nichts iſt, ſo bin ich bereit, alle Aus⸗ kunft zu geben; und dann wißt Ihr auch meinen Namen ſchon. Wer zum Henker hat Euch den geſagt? „Brav, mein Sohn, brav,“ antwortete der Notar ganz freundlich;„ich ſehe, daß Ihr Verſtand habt! Glaubt nur mir, der ich das Handwerk verſtehe, Ihr ſeid viel klüger als Andere. Das iſt die beſte Art Euch ſchnell und ſicher aus der Sache zu ziehen: bei ſolchen guten Gefin⸗ nungen ſeid Ihr mit zwei Worten wieder los und frei. Aber ſehet, mein Sohn, mir find die Hände gebunden, ich kann Euch nicht wieder losgeben, wie ich gern möchte. Wohlan denn, ſputet Euch und kommt ganz getroſt mit. Wenn ſie ſehen werden, wer Ihr ſeid und dann werde auch ich ſagen„ laßt nur mich machen„genug, tummelt Euch, mein Sohn!“ „Ah, Ihr könnt alſo nicht: ich verſtehe,“ ſagte Renzo und fuhr fort ſich anzukleiden, indem er die Winke der Häſcher, daß ſie mit Hand anlegen wollten, um ihn zur Eile aufzumuntern, gleichfälls mit Winken zurückwies. „Gehen wir über den Domplatz?“ fragte er dann den Notar. „Wo Ihr wollt; auf dem kürzeſten Weg, damit man Euch um ſo ſchneller wieder in Freiheit ſetzen kann,“ ſagte dieſer, innerlich ergrimmt, daß er dieſe geheimniß⸗ volle Frage Renzo's, welche Stoff zu hundert andern Fra⸗ 74 75 gen geben konnte, fallen laſſen mußte.— Wenn Einer einmal zum Unglück geboren iſt! dachte er.— Da fällt mir Einer in die Hände, der, man ſieht es ganz deutlich, von Herzen gern Alles beichten möchte, und dem man, wenn man nur ein Bischen frei athmen könnte, ſo entra formam, akademiſcher Weiſe, in gütlichem Geſpräch, ohne alle peinliche Zuthat jedes Geſtändniß abzupreſſen ver⸗ möchte; ein Menſch, den man bereits fertig und verhört, ohne daß er es ſelbſt bemerkt hatte, ins Gefängniß ſtecken könnte: und ein Kerl dieſer Art muß gerade in einem ſo mißlichen Augenblick in die Hände fallen „Ja, da gibt es keine Rettung,“ fuhr er in ſeinen Gedanken fort, indem er die Ohren ſpitzte und den Kopf zurückbog,„es gibt kein Mittel; der heutige Tag droht noch ſchlimmer zu werden, als der geſtrige.“— Was ihn auf dieſe Vermuthung führte, war ein außerordentlicher Lärm, den man auf der Straße hörte, und er konnte nicht umhin, das mit Papier beklebte Fenſter zu öffnen, um einen Blick hinauszuwerfen. Er ſah, daß es ein Haufe von Bürgern war, die die Aufforderung einer Patrouille zum Auseinandergehen Anfangs mit übeln Worten erwiedert hatten, endlich aber unter beſtändigem Gemurre ſich trenn⸗ ten, und zwar verfuhren die Soldaten, was der Notar für ein ſehr übles Zeichen hielt, mit der größten Höflich⸗ keit. Er ſchloß das Fenſterchen wieder und war einen Augenblick unſchlüſſig, ob er ſein Unternehmen zu Ende führen oder Renzo in der Obhut der beiden Häſcher laſſen und ſelbſt zum Polizeihauptmann gehen ſollte, um ihm von dem Vorfall Bericht zu erſtatten.„Aber,“ dachte er bald wieder, man wird mir ſagen, ich ſei ein Feigling, ein Haſenfuß, und ich ſolle die Befehle vollziehen. Haben wirs einmal angefangen, ſo müſſen wirs auch durchführenz verdammtes Gedränge! hole der Teufel dies Handwerk.“ Renzo war auf den Beinen, dit beiden Schergen be⸗ fanden ſich zu ſeinen Seiten: der Notar gab ihnen zu verſtehen, ſie ſollten ihm nicht allzuviel Gewalt anthun, 76 und ſagte dann zu ſeinem Gefangenen:„Brav mein Sohn; und jetzt vorwärts und ſputet Euch!“ Renzo ſeinerſeits hörte, ſah und dachte auch. Er war jetzt vollkommen angekleidet, bis auf ſeine Jacke, die er in der einen Hand hielt, indem er mit der andern die Taſchen durchſuchte.„He, ſagte er mit einem ſehr bedeutungsvol⸗ len Blick auf den Notar, da innen war Geld und ein Brief, mein Herr!“ „Man wird Euch Alles pünktlich wieder zuſtellen, ſo⸗ bald dieſe paar Förmlichkeiten vorüber ſind,“ antwortete der Notar;„vorwärts, kommt!“ „Nein, nein, nein,“ ſagte Renzo, den Kopf ſchüttelnd, „ſo geht das Ding nicht; ich verlange mein Eigenthum. Ich werde von alien meinen Handlungen Rechenſchaft ab⸗ legen, aber ich verlange mein Eigenthum.“ „Ich will Euch zeigen, daß ich Euch vertraue: da habt Ihr's und jetzt macht ſchnell,“ ſagte ihm der Notar, indem er die conſiscirten Sachen aus ſeiner Brieftaſche zog und mit einem Seufzer Renzo zuſtellte. Dieſer legte ſie wieder an ihren Ort und brummte zwiſchen den Zäh⸗ nen:„Gott ſteh' mir bei, Ihr geht ſo viel mit Spitzbu⸗ ben um, daß Ihr das Handwerk auch ein Bischen gelernt habt.“ Die Häſcher konnten nicht mehr an ſich halten, aber der Notar bändigte ſie mit ſeinen Augen und ſagte inzwiſchen hei ſich ſelbſt:„Wenn Du nur einmal unſere Schwelle überſchritten haſt, ſo ſollſt Du es mit Wucher bezahlen, ſollſt es mit Wucher bezahlen!“ Während Renzo die Jacke anzog und ſeinen Hut nahm, winkte der Notar einem Häſcher, daß er die Treppe hinab vorausgehen ſolle; hinter ihm ließ er den Gefange⸗ nen gehen, dann den andern guten Freund, und endlich ſetzte er ſich ſelbſt in Bewegung. Als ſie in die Küche kamen und Renzo eben ſagte: Und dieſer gottverfluchte Wirth, wohin hat der ſich verkrochen!“ gab der Notar ſeinen beiden Begleitern einen neuen Wink, worauf ſie, der Eine die rechte, der Andere die linke Hand des Jüng⸗ 77 lings ergriffen und ihm die Pulſe mit gewiſſen Werkzeugen zuſchnürten, die man mit einer gleißneriſch euphemiſtiſchen Figur Manſchetten nennt. Sie beſtanden(wir bedauern uns zu Einzelnheiten herablaſſen zu müſſen, die zu der hiſtoriſchen Würde kaum paſſen, aber die Deutlichkeit erfor⸗ dert es), ſie beſtanden aus einer Schnur, die etwas länger als der Knöchel eines Handgelenkes war, und an den Enden zwei Stückchen Holz, zwei kleine gerade Stäbchen hatte. Die Schnur umſchlang den Knöchel des Patien⸗ ten, die Hölzchen aber, die zwiſchen dem Mittel⸗ und Gold⸗ finger des Häſchers durchgezogen waren, blieben in ſeiner Fauſt eingeſchloſſen, ſo daß er, wenn er dieſelbe drehte, die Feſſeln nach Belieben feſter zog und ſomit ein Mittel beſaß, ſich nicht bloß ſeiner Beute zu verſichern, ſondern auch einen Widerſpenſtigen zu martern: um dieſen Zweck deſto ſicherer zu erreichen, waren mehrere Knoten in der Schnur angebracht. Renzo wehrt ſich und ruft:„Was iſt das für eine Spitzbüberei? einen Ehrenmann. 4 Aber der Notar, der für jede ſchlechte That ſeine guten Worte hatte, ſagte: „Habt Geduld, ſie thun ihre Schuldigkeit. Was wollt Ihr? Das ſind bloß Förmlichkeiten, auch wir können die Leute nicht nach unſerem Herzen behandeln. Wenn wir nicht thäten, was uns befohlen wird, ſo wären wir ſehr ſchlimm daran, noch ſchlimmer als Ihr. Habt Geduld!“ Während er ſprach, drehten ſeine beiden Handlanger die Manſchetten ein wenig um. Renzo gab ſich zuftieden, wie ein hitziges Pferd, welches das ſcharſe Gebiß im Maule verſpürt, und rief:„Geduld!“ „Brav, mein Sohn,“ ſagte der Notarz„das iſt die rechte Art, um gut aus der Sache zu kommen. Was wollt Ihr? Es iſt ein unangenehmes Ding; ich begreife es wohl; und wenn Ihr Euch gut haltet, ſo ſeid Ihr in einem Augenblick wieder frei. Da ich jetzt ſehe, daß Ihr gut geſtimmt ſeid, und ich mich geneigt fühle, Euch zu helfen, ſo will ich Euch zu Eurem eigenen Beſten noch 78 einen andern Rath geben. Glaubet mir, der ich in dieſen Dingen viele Erfahrung beſitze, gehet immer gerade aus, ohne Euch umzuſehen oder Euch bemerklich zu machen, ſo achtet Niemand auf Euch, Niemand merkt, was da vor⸗ geht, und Ihr wahret Eure Ehre. In einer Stunde ſeid Ihr wieder frei; es gibt ſo viel zu thun, daß die Herren ſich beeilen werden, Euch wieder loszulaſſen, und ich werde ſchon auch ſprechen. Ihr geht dann wieder Euern Geſchäften nach, und ſo erfährt es kein Menſch, daß Ihr in den Händen der Juſtiz geweſen ſeid. Und Ihr,“ fuhr er mit ſtrenger Miene gegen die beiden Häſcher fort,„nehmt Euch wohl in Acht, daß Ihr ihm nicht wehe thut, denn ich nehme ihn in meinen Schutz. Eure Pflicht müßt Ihr wohl thun, aber bedenket, daß er ein rechtſchaffener Mann iſt, ein geſitteter Jüngling, der in Kurzem wieder loskommt, und daß er auf ſeine Ehre Bedacht nehmen muß. Man darf durchaus nichts merken; thut, als ob Ihr drei recht⸗ ſchaffene Männer wäret, die mit einander ſpazieren gingen.“ Mit herriſchem Ton und finſterem Stirnrunzeln ſchloß er: „Habt Ihr mich verſtanden?“ Dann wandte er ſich auf einmal wieder mit glatter Stirne und lachender Miene, als ob er ſagen wollte: O, wir ſind ja ganz gute Freunde! zu Renzo und flüſterte ihm von Neuem zu:„Seid ver⸗ nünftig; macht es wie ich; ſchaut Euch nicht um; ver⸗ trauet einem Manne, der Euch wohlwill; vorwärts!“ Und der Zug ſetzte ſich von Neuem in Bewegung. Von allen dieſen ſchönen Worten glaubte jedoch Renzo nichts; er glaubte weder, daß der Notar ihm wohler wolle, als die Häſcher, noch daßl er ſich ſeinen Ruf ſo ſehr an⸗ gelegen ſein laſſe, noch daß er die Abſicht hege, ihm zu helfen; nichts! Er begriff ſehr gut, daß dieſer Ehrenmann aus Furcht, es möchte ſich unterwegs eine gute Gelegenheit darbieten, ſeinen Händen zu entwiſchen, dieſe ſchönen Gründe nur voranſchob, damit er auf ſolche Gelegenheiten nicht achten und ſie nicht benützen ſollte. So hatten denn alle dieſe Ermahnungen nichts Anderes zur Folge, als Renzo 79 aoch entſchiedener für viejenige Maßregel zu beſtimmen, die er ſich bereits halb und halb vorgenommen hatte, nämlich gerade das Gegentheil zu thun. Daraus ſchließe indeß Niemand, daß der Notar etwa ein unerfahrener Schelm und Neuling in dieſem Fache ge⸗ weſen ſei; denn er würde ſich täuſchen. Er war ein im⸗ matriculirter Spitzbube, ſagt unſer Geſchichtſchreiber, der zu ſeinen Freunden gehört zu haben ſcheint; aber in die⸗ ſem Augenblick war er zu aufgeregt. Bei ruhigem Ge⸗ müthe würde er ſich über Jeden gar ſehr luſtig gemacht haben, der, um einen Andern zu einem an ſich bedenklichen Schritt zu veranlaſſen, ihm denſelben dringend angerathen hätte, unter dem erbärmlichen Vorwand, ihm einen uneigen⸗ nützigen und freundſchaftlichen Rath zu ertheilen. Aber es iſt ein allgemeiner Hang unter den Menſchen, wenn ſie aufgeregt, geängſtigt ſind und bemerken, was ein Anderer thun würde, um ſich aus der Klemme zu ziehen, daß ſie ihn dann drin⸗ gend, zu wiederholten Malen und unter allen möglichen Vorwänden dazu auffordern, und ſo verfallen auch die Schurken, wenn ſie ſich unter dem Einfluß der Angſt und Uunruhe befinden, dieſem allgemeinen Geſetze. Daher kommt es, daß ſie unter ähnlichen Umſtänden meiſtens eine ſo ärmliche Figur ſpielen. Jene meiſterhaften Erfindungen, jene ſchönen Ränke, mittelſt deren ſie zu ſiegen pflegen, die ihnen gleichſam zur zweiten Natur geworden find, und die, zur rechten Zeit angewendet, mit der nöthigen Seelenruhe und Gemüthsheiterkeit in's Werk geſetzt, ſo trefflich und heimlich ihren Zweck erfüllen und, wenn ſie auch nach dem Gelingen bekannt werden, dennoch des allgemeinen Bei⸗ falls ſich erfreuen;— wenn die armen Burſche einmal in der Angſt ſind, ſo wenden ſie all dieſe hübſchen Sachen übereilt, kopflos, ohne Manier und Grazie an. So kommt es, daß ſie bei einem Dritten, welcher ihnen zuſieht, wie ſie ſich abmatten und abplacken, bloß Mitleid und Geläch⸗ ter erregen, während Derjenige, auf den ſie es im Angen⸗ blick abgeſehen haben, wenn er auch an Schlauheit noch 80 ſo tief unter ihnen ſteht, ihr ganzes Spiel überſchaut und aus ihren Kunſtgriffen eine Aufklärung ſchöpft, die er gegen ſie anwendet. Renzo begann daher, ſobald ſie auf der Straße waren, ſeine Augen nach allen Seiten hinſchweifen zu laſſen, ſeine Perſon bemerklich zu machen, den Kopf vorzuſtrecken, zu horchen. Es war jedoch kein außerordentlicher Zuſammen⸗ lauf, obſchon man auf gar manchen Geſichtern leicht eine gewiſſe Luſt zur Meuterei leſen konnte, ſo gingen doch Alle ruhig ihres Wegs, und von einem eigentlichen Aufruhr war keine Rede. „Seid vernünftig, ſeid vernünftig!“ flüſterte ihm der Notar von hinten zu.„Eure Ehre, mein Sohn! die Ehre.“ Als aber Renzo, indem er auf drei Männer horchte, die mit glühenden Geſichtern einherkamen, von einem Ofen, von verborgenem Mehl und von Juſtiz ſprechen hörte, da begann er ihnen mit dem Geſichte Winke zu geben und auf eine Art zu huſten, die etwas ganz Anderes als eine Erkältung verrieth. Die Männer betrachteten den Zug etwas aufmerkſamer und blieben ſtehen; mit ihnen blieben auch Andere ſtehen, die eben dazu kamen; wieder Andere, die bereits vorübergegangen waren, drehten ſich bei dem Geflüſter um, kehrten zurück und folgten nach. 4 „Seht Euch vor; ſeid vernünftig, mein Sohn; Ihr macht Eure Sache nur noch ſchlimmer; verderbet Euch Euer Spiel nicht; die Ehre, der gute Ruf,“ flüſterte der Notar. Renzo machte es immer ärger. Die Schergen berathſchlagten ſich jetzt mit den Augen und glaubten(jeder Menſch iſt da dem Irrthum ausgeſetzt) nicht übel zu thun, wenn ſie ein wenig an den Manſchetten zerrten. „O weh, v weh, o weh!“ ſchreit der Gemarterte; auſ dieſes Geſchrei verſammelt ſich eine immer größere Menge; von allen Seiten der Straße laufen Leute herbei, der Zug wird gehemmt.„Es iſt ein Verbrecher,“ flüſterte der No⸗ tar Denjenigen zu, die ſich an ihn drängten,„es iſt ein 8¹ Dieb, den man auf der That ertappt hat. Tretet zurück, laßt der Gerechtigkeit ihren Lauf!“ Aber Renzo, der die Gelegenheit gekommen glaubte und die Häſcher verblüfft und erblaßt ſah, dachte: Wenn ich mir jetzt nicht helfe, ſo bin ich verloren. Er erhob alſo ſeine Stimme und rief: „Kinder, man führt mich ab, weil ich geſtern gerufen habe: Brod und Gerechtigkeit! Ich habe nichts gethan! ich bin ein ehrlicher Kerl! Helft mir, verlaßt mich nicht, Kinder!“ Ein günſtiges Gemurmel, ein deutlicheres Beifallsge⸗ ſchrei läßt ſich als Antwort vernehmen; die Häſcher befeh⸗ len Anfangs, dann rathen, dann bitten ſie, die Leute möch⸗ ten aus einander gehen und ſie durchlaſſen; die Menge aber dringt immer feſter und dichter auf ſie ein. Da ſie nun die Bedenklichkeit ihrer Lage erkennen, ſo laſſen ſie die Manſchetten los und nehmen nur noch darauf Bedacht, im Gedränge ſich zu verlieren und unbemerkt zu entwiſchen. Der Notar wünſchte ſehnlichſt, daſſelbe thun zu können; aber ſeine Liebe zu dem ſchwarzen Gewand brachte ihm dießmal ſchwere Noth. Mit blaſſem Geſichte und verzag⸗ tem Herzen ſuchte der arme Mann ſich klein zu machen und wand und krümmte ſich, um aus dem Getümmel zu entwiſchen, aber er konnte ſeine Augen nicht erheben, ohne ihrer zwanzig vor ſich zu ſehen. Er gab ſich jetzt alle Mühe, als ein Fremder zu erſcheinen, der zufällig des Wegs gekommen und in das Gewühl hinein gerathen ſei, wie ein Strohhalm in das Eis; als er daher eben Stirn gegen Stirn auf einen Mann traf, der ihn noch grimmiger als die Andern anſtarrte, da verzog er ſeinen Mund zu einem Lächeln und fragte ihn mit ganz einfältiger Miene:„Was bedeutet denn dieſer Lärm?“ „Hu, Du garſtiger Rabe!“ antwortete dieſer.„Ein Rabe! ein Rabef“ erſcholl es ringsum. Zu dem Geſchrei geſellten ſich noch derbe Stöße, ſo daß er in Kurzem theils mittelſt ſeiner eigenen Beine, theils mittelſt fremder Ell⸗ Die Verlobten. MI. 6 82 bogen den Zweck erreichte, der ihm in dieſem Augenblick am wichtigſten war, nämlich aus dem Gewühl zu ent⸗ kommen. 6 Sechszehntes Capitel. „Lauf, lauf, braver Mann! Da iſt ein Kloſter, da iſt eine Kirche! Dahin, dorthin!“ ruft man Renzo von allen Seiten zu. Was das Laufen betraf, ſo kann ſich Jeder denken, daß er keiner Mahnung mehr bedurfte. Vom erſten Augenblick an, wo eine Hoffnung, dieſen Klauen zu entkommen, in ihm aufgeblitzt war, hatte er ſeine Berech⸗ nungen zu machen angefangen und für den Fall des Ge⸗ lingens beſchloſſen, fortzulaufen und ſich gar nicht aufzu⸗ halten, bis er nicht bloß die Stadt, ſondern das ganze Herzogthum hinter ſich hätte.— Denn— hatte er ge⸗ dacht— meinen Namen haben ſie in ihren verdammten Büchern; der Teufel mag wiſſen, wie ſie dazu gekommen ſind, und mit dem Namen und Zunamen können ſie nich packen, wenn es ihnen einfällt. Was dann eine Freiſtärte betraf, ſo hätte er ſich nur in der äußerſten Noth dahin flüchten mögen.— Denn— hatte er wieder gedacht— wenn ich ein Vogel im Walde ſein kann, ſo will ich kein Vogel im Käfig ſein.— Er hatte ſich alſo zum Ziel und Zufluchtsort jenes Dorf im Bergamoſiſchen auserſehen, wo, wenn man ſich erinnert, ſein Vetter Bartolo wohnte, der ihn zu wiederholten Malen hatte erſuchen laſſen, zu ihm überzuſiedeln. Aber wie ſollte er die Straßen finden? In einem unbekannten Theil einer, man kann wohl ſagen ihm gänzlich unbekannten Stadt ſich ſelbſt überlaſſen, wußte Renzo nicht einmal, zu welchem Thore er hinauszugehen hatte, um nach Bergamo zu gelangen, und wenn er es auch gewußt hätte, ſo wußte er den Weg zu dem Thor 83³ nicht. Er beſann ſich einen Augenblick, ob er ſeine Be⸗ freier um Aufſchluß angehen ſolle, aber da ihm in der kurzen Zeit, welche er gehabt hatte, über ſeine Unfälle nach⸗ zudenken, gar ſeltſame Gedanken über jenen ſo gefälligen Schwertfeger, den Vater von vier Kindern, im Kopfe her⸗ umgegangen waren, ſo wollte er aus guten Gründen ſeine Pläne einer großen Verſammlung, unter der ſich wohl noch ein Anderer dieſes Gelichters finden konnte, nicht an⸗ vertrauen und beſchloß alſo, ſich eiligſt aus dem Staube u machen; den Weg werde er wohl an einem andern Orte erfragen fönnen, wo Niemand wiſſe, wer er ſei oder warum er frage. Er ſagte zu ſeinen Befreiern:„Dank, Kinder, Dank, Gott ſegne Euch!“ drang dann durch die Oeffnung, die man ihm ſogleich machte, gab Ferſengeld und machte ſich auf und davonz er rannte durch ein enges Gäßchen eine Straße hinab und galoppirte ein Stück weit, ohne zu wiſſen wohin. Als er ſich weit genug entfernt zu haben meinte, ſchlug er einen langſameren Schritt an, um keinen Verdacht zu wecken, und begann ſich umzu⸗ ſchauen, vb er etwa einen Menſchen fände, an den er ſeine Frage richten könnte, ein Geſicht, das Vertrauen einflöße. Aber auch hier gab es allerlei zu bedenken. Die Frage an und für ſich war ſchon verdächtig, die Zeit drängte; die Häſcher hatten, nachdem ſie ſich von dieſem kleinen Hinderniß befreit, ohne Zweifel bereits angefangen, die Spur ihres Flüchtlings zu verfolgen; das Gerücht von einer Flucht konnte ſchon bis dahin gedrungen ſein, und in dieſer Noth mußte Renzo vielleicht zehn phyſiognomiſche Urtheile fällen, bis er das Geſicht fand, das ihm geeignet ſchien. Der Dicke da, der auf der Schwelle ſeines Ladens mit ausgeſpreizten Beinen ſtand, die Hände auf dem Rücken, den Bauch vorgeſtreckt, das Kinn, von welchem eine große Wampe herabhing, in die Höhe geworfen, dieſer Mann, der zum Zeitvertreib ſeine ſchlappernde Maſſe bald auf den Fußſpitzen emporhob, hald wieder auf die Abſätze nieder⸗ ſinken ließ, hatte ſo ganz das Anſehen neugierigen 84 Schwätzers und hätte gewiß, ſtatt ſchnell zu antworten, ihn allerlei ausgefragt. Dieſer Andere, der mit ſtierer Miene und herabhängender Lippe einherkam, ſchien kaum feinen eigenen Weg zu wiſſen, geſchweige denn einem An⸗ dern eine ſchnelle und gute Auskunft ertheilen zu können. Der ſtämmige Geſelle dort ſah allerdings aufgeweckt genug, aber noch viel lebhafter aus; er würde ſich wahrſcheinlich einen dummen Spaß gemacht haben, einen armen Bauer eher nach der entgegengeſetzten Seite zu weiſen, als nach derjenigen, wohin er verlangte. So wahr iſt es, daß dem bereits bedrängten Menſchen Alles zur neuen Bedrängniß wird! Als er endlich Einen ſah, der eiligen Schrittes daherkam, dachte er, dieſer werde, da er wahrſcheinlich ein dringendes Geſchäft habe, ihm ſchnell und unmittelbar ant⸗ worten, um ſeiner los zu werden, und da er ihn noch überdies mit ſich ſelbſt reden hörte, ſo meinte er, das müſſe ein aufrichtiger Menſch ſein. Er trat auf ihn zu:„Mit Gunſt, Herr, wohin muß ich mich wenden, um nach Ber⸗ gamo zu gehen?“ „Nach Bergamo? Zur Porta vrientale hinaus.“ „Herrt, und wie komme ich zur Porta orien⸗ tale?“ „Schlagt die Straße dort links ein, ſo werdet Ihr auf den Domplatz kommen, dann. 4 „Schon gut, Herr, das Uebrige weiß ich. Gott lohne es Euch!“ Und damit eilte er nach der Gegend hin, die ihm bezeichnet worden war. Der Wegweiſer ſah ihm einen Augenblick nach, und indem er dieſe Art zu gehen mit der Frage zuſammenhielt, ſagte er ſich:„Entweder hat der Einem Eins verſetzt oder will ihm Einer Eins verſetzen.“ Renzo erreicht den Domplatz, geht hinüber, komm an einem Haufen Aſche und verglommener Kohlen vorbe und erkennt die Ueberbleibſel des Freudenfeuers, das e Tags zuvor mit angeſehen hatte. Er zieht ſich an den Stufen des Domes hin, ſieht den halbgeſchleiften Krücken⸗ vfen wieder, der jetzt von Soldaten bewacht wird, un 5 85⁵ geht vorüber; dann eilt er weiter die Straße entlang, auf welcher er vorher mit der Menge hergekommen war, und gelangt an das Kapuzinerkloſter. Er wirft einen flüch⸗ tigen Blick auf den kleinen Vorplatz, ſowie auf die Kir⸗ chenthüre und ſagt ſeufzend zu ſich ſelbſt:— Er heatte mir doch einen guten Rath gegeben, der Mönch von ge⸗ ſtern, daß ich in die Kirche gehen, dort warten und ein bischen fromm ſein ſollte. Er blieb hier einen Augenblick ſtehen, faßte das Thor, welches er paſſiren mußte, ſcharf ins Auge, und da er ſo aus der Ferne eine ſtarke Wachmannſchaft erblickte, da ferner ſeine Einbildungskraft ein wenig erhitzt war,(man muß ihn bedauern, er hatte wohl Grund dazu) ſo empfand er einen gewiſſen Widerwillen gegen dieſen Ausgang. Er hatte eine Freiſtätte ſo nahe bei der Hand; mit dieſem Briefe wäre er da wohl empfohlen geweſen; er gerieth in ſtarke Verſuchung hineinzugehen. Bald aber faßte er neuen Muth und dachte: Vogel im Walde, ſo lange es möglich iſt! Wer kennt mich denn? die Häſcher können ſich doch nicht in Stücke zerriſſen haben, um mir an allen Thoren aufzulauern; er blickte hinter ſich, um zu ſehen, ob ſie nicht etwa daher kämen; er ſah weder ſie noch ſonſt Jemand, der ſich um ihn zu bekümmern ſchien; er macht ſich von Neuem auf, gebietet ſeinen verwünſchten Beinen, die nur immer forteilen wollten, während es ſich jetzt ſchickte piano zu gehen, Langſamkeit, und ſo kommt er ganz ſachte, halb⸗ laut pfeifend am Thore an. Hier ſtand ein ganzer Schwarm von Zollwächtern, die zu ihrer Verſtärkung noch ein Fähnlein ſpaniſcher Mikelets hatten; ihre Wachſamkeit war jedoch lediglich nach Außen gerichtet, um denjenigen Schlag von Leuten, der bei der Nachricht von einem Auf⸗ ſtand wie Raben auf ein Schlachtfeld zu eilen pflegt, nicht hereinzulaſſen ſo daß Renzo, ſo recht gimpelhaft, mit ge⸗ ſenkten Augen und einem Gang, halb wie ein Reiſender, halb wie ein Luſtwandler, die Schwelle überſchritt, ohne daß ihm Jemand ein Wort ſagte, obwohl ſein Herz in⸗ 86 nerlich hoch klopfte. Als er einen Fußweg rechts bemerkte, ſchlug er dieſen ein, um die Hauptſtraße zu vermeiden und dann lief er ein gutes Stück Wegs, ehe er ſich wieder umſchaute. Er geht immer darauf los, kommt an Sennhütten, kommt an Dörfer, ohne nach dem Namen zu fragen: er hat die Gewißheit, daß er ſich von Mailand entfernt, er hofft auf dem Wege von Bergamo zu ſein, das genügt ihm vor der Hand. Von Zeit zu Zeit drehte er ſich um, beſchaute dann auch und rieb ſeine noch etwas erſtarrten Knöchel, die rings herum mit einem röthlichen Streifen, einer Spur der Manſchettenſchnur, gezeichnet waren. Seine Gedanken waren, wie Jedermann ſich vorſtellen kann, ein Gewirr von Reue, Betrübniß, Unruhe, Aerger und Zärt⸗ lichkeit; ein mühſames Beſtreben ſich das, was er am vor⸗ hergehenden Abend geſagt und gethan, wieder zu vergegen⸗ wärtigen, den geheimen Theil ſeiner ſchmerzensreichen Ge⸗ ſchichte zu ermitteln und vor allen Dingen zu begreifen, wie ſie ſeinen Namen hatten wiſſen können. Sein Arg⸗ wie er ſich wohl erinnerte, offen geſagt hatte. Indem er nun über die Art nachdachte, wie dieſer ihm ſeinen Na⸗ men förmlich aus dem Munde geholt, ſowie das ganze Benehmen des Mannes und alle ſeine Aeußerungen, die wollte, ins Gedächtniß zurückrief, ſo wurde ſein Argwohn beinahe zur Gewißheit. Freilich erinnerte er ſich auch halb dunkel noch nach dem Abgang des Schwertfegers fortwährend gezirpt zu haben; mit wem? Errathe das, Grille. Von was? Sein Gedächtniß wußte, ſo ſcharf er es ins Verhör nahm, dies nicht zu ſagen: es wußte nichts Anderes zu ſagen, als daß es zu dieſer Zeit in ſeinem Kopfhäuschen nicht richtig ausgeſehen. Der arme Burſche verlor ſich in ſolchen Betrachtungen, er war wie ein Ge⸗ ſchäftsmann, der viele blanke Wechſel unterſchrieben und ſie einem Andern, den er für ehrlich hielt, anvertraut hat, ſämmtlich darauf hinausgingen, daß er Etwas wiſſen wohn fiel natürlich auf den Schwertfeger, dem er ihn, 87 ſpäter aber, nachdem er ſich überzeugt, daß derſelbe ein Schwindler iſt, den Stand ſeiner Angelegenheiten gerne kennen möchte. Wie ſoll er ſich orientiren? Es iſt ein Chaos. Eine andere qualvolle Sorge war, ſich für die Zukunft einen Plan zu bilden, der nicht entweder in die Luft gebaut oder ſehr traurig wäre. Bald aber wurde ſeine drückendſte Sorge die, wie er den Weg finden ſolle. Nachdem er förmlich aufs Ge⸗ rathewohl ein Stück gegangen war, ſah er die Nothwen⸗ digkeit ein, ſich zu erkundigen. Er hegte zwar eine gewiſſe Abneigung das Wort Bergamo auszuſprechen, wie wenn etwas Verdächtiges, etwas Unverſchämtes darin gelegen hätte; allein er mußte ſich doch dazu entſchließen. Er nahm ſich alſo vor, wie er ſchon einmal gethan hatte, den erſten beſten, der ihm in den Weg käme und deſſen Geſicht ihm gefiele, um Auskunft zu bitten. Das that er denn auch. „Ihr ſeid vom Weg abgekommen,“ antwortete ihm dieſer, und nach einigem Nachdenken beſchrieb er ihm dann theils mit Worten, theils mit Handbewegungen die Rich⸗ tung, die er einzuſchlagen hätte, um wieder auf die Haupt⸗ ſtraße zu gelangen. Renzo dankte ihm für die Auskunft, gab ſich den Anſchein, als ob er Alles genau befolge, und ging wirklich nach der genannten Richtung, in der Abſicht, ſich der verwünſchten Hauptſtraße allerdings zu nähern, ſie nicht aus dem Auge zu verlieren, ſo viel wie möglich neben ihr herzugehen, aber keinen Fuß darauf zu ſetzen. Dieſer Plan war leichter gefaßt als ausgeführt. Indem er fiſchgratähnlich bald rechts bald links ging, ein wenig die Anweiſungen befolgte, die er unterwegs em⸗ pfing, dann ſie wieder ein wenig nach ſeiner eigenen Ein⸗ ſicht verbeſſerte und ſie ſeinem Plane anpaßte, ein wenig ſich von den Wegen leiten ließ, auf die er gerade gekom⸗ men war, ſo geſchah es, daß unſer Flüchtling vielleicht zwölf Miglien gegangen, und dennoch nicht mehr als ſechs von Mailand entfernt war. Was Bergamo betraf, 88 ſo war es ſchon Gewinn genug, daß er nicht noch weiter davon abgekommen war. Er begann einzuſehen, daß er auf dieſe Weiſe nicht zu Stande käme, und er ſann jetzt auf irgend ein anderes Mittel. Er kam auf den Gedan⸗ ken, ſich den Namen irgend eines Grenzortes zu verſchaf⸗ fen, nach welchem er auf Nebenwegen gelangen inni und vermittelſt dieſer Nachfrage die nöthige Auskunft zu erhalten, ohne daß er unterwegs die Fragen nach Bergamo ausſtreuen müßte, welche ihm ſo ſtark nach Flucht, Ver⸗ treibung und peinlichem Gericht zu riechen ſchienen. „ Während er über die Möglichkeit nachgrübelt, all dieſe Notizen aufzufiſchen, ohne Verdacht zu erregen, ſieht er aus einem baufälligen, einſamen Häuschen vor einem Dorfe einen grünen Zweig heraushängen. Schon eine gute Weile hatte ſich das Bedürfniß nach einer Stärkung immer lebhafter in ihm geregt, er dachte dies könne der Ort ſein, um ihm beide Dienſte auf einmal zu leiſten, und er trat ein. Es war Niemand drinnen als eine alte Frau mit dem Spinnrocken zur Seite und der Spindel in der Hand. Er verlangte einen Biſſen zu eſſen; man bot ihm ein Stück Stroecchinv und guten Wein an: er nahm die Speiſe an, lehnte aber den Wein ab(er war ihm wegen des ſchlechten Streiches, den er ihm geſtern Abend geſpielt, zum Ekel geworden), und nun nahm e Platz, indem er die Frau bat ſich zu ſputen. Sie hatte ſchnell aufgetiſcht und begann ſogleich ihren Gaſt mit Fragen über ſeine eigene Perſon, ſowie über die großen Ereigniſſe in Mailand, wovon das Gerücht bereits ſo weit gedrungen war, zu beſtürmen. Renzo wußte nicht blos Auszlüchte zu machen und ſich mit vieler Geſchicklichkeit vor Fragen zu ſchützen, ſondern er zog noch Vortheil aus ſeiner ſchwierigen Lage, und beutete die Neugierde der Al⸗ ten, welche ihn fragte, wohin er gehe, für ſeinen Plan aus. „Ich habe an gar viele Orte zu gehen,“ antwortete er,„und wenn ich ein bischen Zeit übrig behalte, ſo möchte ich auch noch einen Augenblick in dieſes große 89 Dorf da auf der Straße nach Bergamo, dicht an der Grenze, aber noch im Mailändiſchen wie heißt es doch?“— Es wird wohl ſo eins da ſein, dachte er in⸗ zwiſchen bei ſich. „Gorgonzola, wollt Ihr ſagen,“ antwortetete die Alte. „Gorgonzola!“ wiederholte Renzo, gleichſam um das Wort beſſer in ſeinem Gedächtniß einzuſchreiben.„Iſt es weit von hier,“ fuhr er dann fort. „Ich weiß es nicht ſo genau; es mögen zehn, viel⸗ leicht auch zwölf Miglien ſein. Wenn Einer von meinen Söhnen da wäre, der konnte es Euch ſagen.“ „Und glaubt Ihr wohl, daß man auf dieſen hübſchen Fußwegen da weiter gehen kann, ohne die Hauptſtraße einzuſchlagen? Es iſt ein abſcheulicher Staub darauf! Es hat ſchon lange nicht mehr geregnet.“ „Ich denke wohl: fragt im erſten Dorfe nach, durch das Ihr kommt, wenn Ihr Euch immer rechts haltet,“ und ſie nannte es ihm. „Schon gut,“ ſagte Renzo, ſtand auf, nahm ein Stück Brod, das ihm von dem dürftigen Mahle übrig geblieben war, ein Brod ganz anderer Art, als er Tags zuvor unter dem Kreuz des heil. Dionyſius gefunden, in die Hand, bezahlte die Zeche, ging hinaus und ſchlug die Straße rechts ein. Um nicht übergebührlich weitſchweifig zu werden, wanderte er alſo mit dem Namen Gorgonzola im Munde von Dorf zu Dorf weiter, bis er ungefähr eine Stunde vor Sonnenuntergang daſelbſt ankam. Schon unterwegs hatte er beſchloſſen, dort einen zwei⸗ ten Halt zu machen, um eine etwas kräftigere Mahlzeit einzunehmen. Sein Körper hätte ſich auch gegen etwas Bettruhe nicht geſträubt; aber ehe er ihn in dieſem Punkt befriedigte, hätte Renzo ihn lieber entſeelt auf die Straße fallen kaſſen. Seine Abſicht ging dahin, ſich im Wirths⸗ haus nach der Entfernung der Adda zu erkundigen, auf gute Art Nachricht von irgend einem Fußweg, der dahin führte, einzuholen, und ſich ſogleich nach eingenommener 90 Stärkung in dieſer Richtung wieder aufzumachen. Da er ſo zu ſagen an der zweiten Quelle dieſes Fluſſes geboren und aufgewachſen war, hatte er oft gehört, daß derſelbe an einem gewiſſen Punkt und eine gewiſſe Strecke weit, die Grenze zwiſchen dem mailändiſchen und venetianiſchen Staate bilde; von dem Punkt und von der Strecke hatte er keine genaue Vorſtellung, aber für jetzt war es ihm die Hauptſache, nach dem andern Ufer zu gelangen. Sollte es ihm heute nicht mehr möglich ſein, ſo war er ent⸗ ſchloſſen, ſo lange in der Nacht fortzuwandeln, als ſein Athem es ihm gtſtatten würde, und dann die Morgenröthe auf dem Feld abzuwarten, in einer Höhle, überall wo es Gvott gefiele, wenn es nur kein Wirthshaus wäre. Nachdem er kaum einige Schritte in Gorgonzola ge⸗ gangen war, bemerkte er ein Wirtheſchild; er trat ein und beſtellte ſich bei dem Wirth, der ihm entgegenkam, Etwas zu eſſen, ſowie eine halb Maaß Wein: die Paar Miglien mehr, die er zurückgelegt hatte, und die Länge der Zeit, hatten jenen ertremen und fanatiſchen Haß gegen dieſes Getränke verſchwinden gemacht.„Bitte, laßt mich nicht lange warten,“ fügte er hinzu,„denn ich muß mich ſo⸗ gleich wieder auf den Weg machen.“ Und zwar ſagte er dies nicht blos, weil es die Wahrheit war, ſondern auch aus Furcht, der Wirth möchte ihm, in der Meinung, daß er hier übernachten wolle, mit der Frage nach Namen, Zunamen, Ziel der Reiſe und Gewerbe zu Leibe rücken.. Gott ſoll mich davor behüten und bewahren! dachte er. Der Wirth antwortete Renzv, er ſolle bevient werden, und nun ſetzte ſich dieſer an das Ende des Tiſches zu⸗ nächſt der Thüre, an das ſogenannte Katzenplätzchen. Im Zimmer befanden ſich einige Müßiggänger vom Orte, welche, nachdem ſie die großen Nachrichten aus Mailand vom geſtrigen Tage beſprochen, erörtert und nach allen Seiten hin gedeutet hatten, ſich ungemein ſehnten, Etwas vom weiteren Verlauf der Dinge am heutigen Tage zu erfahren; ſie wünſchten dies um ſo mehr, weil jene 9¹ erſten Nachrichten mehr geeignet waren die Neugierde zu reizen, als ſie zu befriedigen: ein weder gedämpfter noch ſiegreicher Aufſtand, durch die Nacht nicht ſowohl beendigt als unterbrochen; eine unvollſtändige Sache, das Ende eines Actes, aber nicht eines Dramas. Einer von ihnen verließ ſeine Geſellſchaft, näherte ſich dem neuen Gaſte und fragte ihn, ob er von Mailand komme. „Ich?“ ſagte Renzo überraſcht, um Zeit zur Antwort zu gewinnen. „Ja, Ihr,“ wenn eine Frage erlaubt iſt. Renzo ſchüttelte den Kopf, kniff die Lippen ein, ließ einen unartikulirten Ton daraus hervorgehen und ſagte dann:„Mailand, nach Allem, was ich höre was man ſo in der Umgegend ſagt.. muß nicht gerade der Ort ſein, wohin ich jetzt gehen möchte, wenn mich nicht die äußerſte Noth dahin triebe.“ „Dauert alſo der Tumult auch noch heute fort?“ fragte der Neugierige in dringlicherem Ton. „Um das zu wiſſen, müßte man dort ſein,“ ſagte enzo. „Ihr kommt alſo nicht von Mailand?“ „Ich komme von Liſcate,“ antwortete der Jüngling, der inzwiſchen ſeine Antwort überlegt hatte, kurzweg. Buch⸗ ſtäblich genommen, kam er wirklich daher, denn er war durch dieſen Ort gekommen, und den Namen hatte er un⸗ terwegs von einem Wanderer erfahren, der ihm dieſes Dorf als das erſte bezeichnet hatte, durch welches er kom⸗ men mußte, um nach Gorgonzola zu gelangen. „Ah ſo!“ ſagte der Fremde in einem Tone, wie wenn er ſagen wollte: Du thäteſt beſſer daran, aus Mai⸗ land zu fommen, aber Geduld!„Und in Liſcate,“ fuhr er fort, wußte man da Nichts von Mailand?“ „Es könnte ſehr wohl ſein, daß irgend Jemand da⸗ von wüßte,“ antwortete der Gebirgler,„aber ich habe Nichts gehört.“ Und dieſe Worte ſagte er in dem ganz beſtimmten Tone, wie wenn er ſagen wollte:„Ich bin 92 fertig.“ Der Neugierige kehrte zu ſeiner Geſellſchaft zu⸗ rück, und einen Augenblick ſpäter kam der Wirth, um auf⸗ zutragen. „Wie weit iſt es von hier bis zur Adda?“ fragte ihn Renzo halblaut, in etwas ſchläfrigem Tone und mit einer gleichgültigen Miene, wie wir ſie ſchon mehrmals bei ihm bemerkt haben. „Bis zur Adda, um hinüberzugehen?“ ſagte der Wirth. „Das heißt.. ja. bis zur Adda.“ „Wollt Ihr über die Brücke von Caſano oder mit der Fähre von Canonica hinüberſetzen?“ „Wo es iſt. Ich frage nur ſo aus Neugierde.“ „He, ich ſage das, weil dies die Orte ſind, wo recht⸗ ſchaffene Leute, Leute, die Auskunft über ſich geben kön⸗ nen, hinüberſetzen.“ „Ganz recht: und wie weit iſt's bis dahin?“ „Ihr könnt rechnen, daß es bis an beide Orte ſo ziemlich, etwas ab oder zu, ſechs Miglien ſind.“ „Sechs Miglien! das wußte ich nicht,“ ſagte Renzv. „Und nun,“ fuhr er dann mit noch ſtärkerer Schautragung von Gleichgültigkeit, die er diesmal bis zur Affectation trieb, fort,„wenn man etwa den kürzeſten Weg wählte, käme man da auch an Orte, wo man überſetzen könnte?“ „Ganz gewiß,“ antwortete der Wirth, indem er zwei Augen voll von boshafter Neugierde auf ihn heftete. Dies reichte hin, um dem Jüngling die andern Fragen, die er in Bereitſchaft hielt, zwiſchen den Zähnen zu ertödten. Er zog die Schüſſel näher zu ſich und ſagte, mit einem Blick auf das halbe Maaß, welche der Wirth gleichfalls auf den Tiſch geſtellt hatte:„Iſt der Wein rein?“ „Wie Gold,“ ſagte der Wirth;„Ihr könnt alle Leute vom Dorf und von der Umgegend, die Etwas davon ver⸗ ſtehen, fragen, dann werdet Ihr es hören.“ Mit dieſen Worten wandte er ſich zu ſeiner Geſellſchaft zurück. „Die verdammten Wirthe!“ rief Renzo in ſeinem * — 93 Herzen, je mehr ich ihrer kennen lerne, um ſo ſchlechter finde ich ſie.“— Gleichwohl begann er mit großem Appetit zu eſſen und horchte zugleich, ohne es ſich anmerken zu laſſen, um ſich zu vrientiren und zu erfahren, wie man hier zu Lande über das große Ereigniß denke, wobei er keine geringe Rolle geſpielt, und beſonders um zu beobach⸗ ten, ob unter den Anweſenden ſich vielleicht ein rechtſchaf⸗ ſener Mann befinde, dem ein armer Junge ſich anver⸗ trauen und den er um eine Auskunft angehen könne, ohne Furcht, in die Enge getrieben und zu vielem Schwatzen über ſeine eigenen Angelegenheiten genöthigt zu werden. „Aber,“ ſagte Einer,„diesmal ſcheint es wirklich, als hätten die Mailänder Ernſt machen wollen; genng, ſpä⸗ teſtens morgen früh wird man etwas erfahren.“ „Ich bedaure, daß ich heute Morgen nicht nach Mai⸗ land gegangen bin,“ ſagte ein Anderer. „Wenn Du morgen gehſt, ſo gehe ich mit,“ verſetzte ein Dritter, und dann ein Anderer und noch ein Anderer. „Ich möchte nur wiſſen,“ begann wieder der Erſte, „ob die Herren in Mailand auch an die armen Leute draußen denken, oder ob ſie das gute Geſetz bloß zu ihrem eigenen Beſten zur Geltung bringen wollen. Ihr wißt doch, wie ſie ſind, he? Dieſe übermüthigen Städter wol⸗ len Alles für ſich haben; die Landleute werden behandelt, wie wenn ſie keine Chriſten wären.“ „Am Mundſtück fehlt es uns nicht, ſowohl um zu eſſen, als um unſere Meinung zu ſagen,“ verſetzte ein An⸗ derer in um ſo beſcheidenerem Tone, je verwegener ſein Vorſchlag war,„und wenn die Sache einmal im Gange iſt aber er hielt es nicht für gerathen, ſeinen Satz zu vollenden. „Verſtecktes Getreide gibt es nicht bloß in Mailand allein,“ begann ein Anderer mit finſterer und boshafter Miene. In dieſem Augenblick hört man die Hufſchläge eines Roſſes, welches heranuaht. Alle eilen an die Thüre, und nachdem ſie den neuen Gaſt erkannt, gehen ſie ſämmt⸗ 94 lich ihm entgegen. Es war ein Kaufmann aus Mailand, der mehrere Male im Jahr in Geſchäften nach Bergamo reiste und in dieſem Wirthshauſe zu übernachten pflegte; da ſich nun faſt immer dieſelbe Geſellſchaft dort befand, ſo war er mit Allen bekannt geworden. Sie drängen ſich um ihn; Einer ergreift den Zügel, ein Anderer den Steig⸗ bügel.„Willkommen!“ „Grüß Gott!“ „Habt Ihr eine glückliche Reiſe gehabt?“ „Vollkommen glücklich, und wie geht es Euch?“ „Gut, gut, was gibt es Neues in Mailand?“ „Ah, ſeht da, wie dieſe Herren immer auf Neuig⸗ keiten erpicht ſind,“ ſagte der Kaufmann, indem er abſtieg und das Pferd in den Händen des Hausknechtes ließ.„Am Ende,“ fuhr er fort, indem er mil der Geſellſchaft durch das Pförtchen eintrat,„am Ende wißt Ihr ſchon mehr als ich. „Wir wiſſen in vollem Ernſte gar nichts,“ antwor⸗ tete mehr als Einer, die Hände auf die Bruſt legend. „Iſt's möglich?“ fragte der Kaufmann;„nun, da ſollt Ihr ſchöne oder vielmehr garſtige Dinge hören. He⸗ da, Wirth, mein Bett iſt doch frei? Gut, ein Glas Wein und mein gewöhnliches Eſſen; macht ſchnell: denn ich will mich bei Zeit niederlegen, damit ich morgen in aller Frühe weiter reiſen kann und zum Mitageſſen in Bergamo bin. Und Ihr,“ fuhr er fort, indem er ſich am Ende des Tiſches, demjenigen gegenüber, wo Renzo ſtill und auf⸗ merkſam ſaß, niederließ,„Ihr wißt alſo von all den gar⸗ ſtigen Teufeleien nichts?“ „Vom geſtrigen Tage haben wir gehört.“ „Nun ſehet Ihr,“ fuhr der Kaufmann fort,„dann wißt Ihr ja alſo das Neueſte. Ich kann mir's wohl den⸗ ken, wenn Ihr den ganzen Tag auf der Wache ſtehet und Jeden ausfragt, der vvrüberkommt 4 „Aber heute, wie iſt es heute gegangen?“ „Ah, heute, Ihr wißt von heute nichts?“ 95 „Ganz und gar nichts, es iſt kein Menſch durchge⸗ kommen. „Nun, ſo laßt mich nur erſt die Lippen anfeuchten, dann will ich Euch die Geſchichte des heutigen Tages er⸗ zählen. Ihr ſollt blaue Wunder hören.“ Er fullte das Glas, hob es mit der Rechten auf, drehte dann mit den zwei erſten Fingern der andern Hand den Schnurrbart, ſtrich hierauf mit der flachen Hand den Backenbart, trank und fuhr fort:„Heute, liebe Freunde, heute hat gar nicht viel gefehlt, ſo wäre es ein ebenſo toller Tag geworden, wie geſtern, oder vielleicht noch ſchlimmer. Ich kann es faſt ſelbſt nicht glauben, daß ich Euch jetzt davon erzähle; denn ich hatte bereits alle Gedanken an die Reiſe aufge⸗ geben, um daheim zu bleiben und meine ſchlechte Bude zu bewachen.“ „Was gab es denn?“ fragte einer der Zuhörer. „Was es gab? Ihr ſollt es hören.“ Und indem er den ihm vorgeſetzten Braten zerlegte und davon aß, ſetzte er ſeine Erzählung fort. Die Geſellſchaft, die rechts und links am Tiſche ſtand, hörte ihm mit vffenem Munde zuz Renzo ſeinerſeits lauſchte, ohne daß er ſich das Min⸗ deſte anmerken ließ, noch aufmerkſamer als alle Andern, indem er ganz langſam ſeine letzten Biſſen zerkaute. „Heute früh alſo fanden ſich dieſe Schurken, die geſtern den abſcheulichen Lärm gemacht hatten, an den verabrede⸗ ten Orten wieder ein(ſie waren nämlich mit einander ein⸗ verſtanden und hatten Alles zuvor abgemacht); ſie rotteten ſich zuſammen und begannen dieſelbe Geſchichte wieder, in⸗ dem ſie auf den Straßen hin und her liefen und ſchrieen, um viel Volk zuſammenzubringen. Ihr müßt wiſſen, daß es ſich damit gerade ſo verhält, wie wenn man, mit Re⸗ ſpect zu melden, das Haus ausfehrt; der Kehrichthaufen wird um ſo größer, je weiter man ihn wälzt. Sobald ſie ſich zahlreich genug glaubten, brachen ſie nach dem Hauſe des Herrn Proviantverwalters auf, gleich als ob es an den Schändlichkeiten, die ſie geſtern gegen dieſen braven 96 und ehrwürdigen Herr verübt hatten, nicht genügt hätte. O die Schurken! Und was für albernes Zeug ſie nicht gegen ihn aufbrachten! Lauter dumme Erfindungen; denn er iſt ein rechtſchaffener, pünktlicher Herr, ich kann das wohl ſagen, da ich ihn ganz genau kenne und ihm das Tuch zu den Livreen ſeiner Bedienten liefere. Sie brachen alſo nach dieſem Hauſe auf; man mußte das Lumpenpack ſehen, was für Geſichter! Denkt Euch, ſie zogen Alle an meiner Bude vorüber; Fratzen, die„. Die Juden auf der Via erucis ſind nichts dagegen; und was ihnen Alles aus den Mäulern fuhr! Man hätte ſich die Ohren zu⸗ ſtopfen mögen, wenn es überhaupt nicht beſſer geweſen wäre, ſich gar nicht zu zeigen. Sie zogen alſo mit der guten Abſicht, zu plündern, einher, aber ℳ Hier hoh er die linke Hand empor, ſpreizte die Finger aus und hielt ſich die Spitze des Daumens an die Naſenſpitze. „Aber?“ ſagten beinahe alle Zuhörer zugleich. „Aber,“ fuhr der Kaufmann fort,„ſie fanden die Straße durch Balken und Karren verrammelt, und hinter dieſer Barrikade ſtand eine lange Reihe von Mikelets wit geſpannten Büchſen, die Kolben an ihre Schnautzbärte an⸗ gelehnt. Als ſie dieſe Zurüſtung ſahen.. nun, was hättet Ihr da gethan?“ „Wir wären umgekehrt.“ „Ganz richtig, das thaten ſie auch. Aber da ſeht einmal, ob nicht der Teufel ſelbſt ſie führen mußte. Sie find auf dem Corduſio, ſehen hier das Backhaus, das ſie geſtern hatten plündern wollen, und was geſchah in die⸗ ſem Laden? Man vertheilte Brod an die Käufer; es waren Edelleute da, die feinſten Edelleute, die dafür ſorg⸗ ten, daß Alles gut von Stattten ging; dieſes Geſindel aber(offenbar ſaß ihnen der Teufel im Nacken und blies ihnen in die Ohreu) dieſes Gefindel aber ſtürmte hinein und fuhr wie der Blitz darüber her; in einem Augenblick waren Edelleute, Bäcker, Kunden, Brod, Ladentiſch, Bänke, 97 Backtröge, Käſten, Säcke, Mehlbeutel, Kleie, Mehl, Teig, Alles d'runter und d'rüber.“ „Und die Mikelets?“ „Die Mikelets hatten das Haus des Proviantverwal⸗ ters zu bewachen; man kann nicht zugleich ſingen und das Kreuz tragen. Es war die Sache eines Augenblicks, ſage ich Euch; Jeder griff zu, wo er etwas befam; alles Ge⸗ nießbare wurde ausgeräumt. Und dann brachte man die ſchöne Geſchichte von geſtern wieder auf's Tavet, d. h. das Lumpenvolk ſchleppte alles Uebrige auf den Platz, um ein Freudenfeuer daraus zu machen. Und ſchon fingen die allunken an, auszuräumen, als Einer, ein Teufel unter den Teufeln, rathet einmal, mit was für einem Vorſchlag herausrückte.“ „Was denn?“ „Was? Alles im Laden auf einen Haufen zu wer⸗ fen und den Haufen und das Haus zugleich anzuzünden. Geſagt, gethan!“ „Sie legten Feuer an?“ „Nur gemach! Ein Edelmann aus der Nachbarſchaft hatte eine Eingebung des Himmels. Er lief in die Zim⸗ mer hinauf, ſuchte ein Kruciſir, fand es, hing es in einen enſterbogen, nahm vom Kopfende eines Bettes zwei ge⸗ weihte Kerzen, zündete ſie an und ſtellte ſie auf den Fenſter⸗ fries, rechts und links vom Krucifir. Die Leute ſchauen hinauf. In Mailand, das muß man ſagen, gibt es noch Gottesfurcht. Alle gingen in ſich; die Meiſten, will ich ſagen; es waren auch noch Teufel da, die, wenn es an's Plündern ginge, ſelbſt das Paradies angezündet hättenz als ſie aber ſahen, daß die große Menge nicht ihrer An⸗ ſicht war, ſo mußten ſie ſich ihren Kißel vergehen laſſen und ruhig bleiben. Jetzt rathet einmal, wer noch dazu kam: all die ehrwürdigen Herren vom Dym, in Prozeſſion, mit erhobenem Kreuz, in ihren Chorröcken, und der ehr⸗ würdige Herr Erzprieſter begann auf der einen, der ehr⸗ würdige Herr Pönitentiar auf der andern Seite zu pre⸗ Die Verlobten, II. 7 98 S digen, und dann noch Andere da und dort. Aber Ihr braven Leute, was wollt Ihr da machen? Iſt das auch ein Beiſpiel für Eure Kinder? Ei, ſo gehet doch nach Hauſe zu ück; Ihr ſollt ja wohlfeiles Brod haben; ei, ſo gehet doch und ſehet, daß die Tare bereits an den Straßen⸗ ecken angeſchlagen iſt.“ „War es wahr?“ „Wie? ob es wahr war? Glaubt Ihr denn, die ehr⸗ würdigen Herren Domherren würden in großer Prozeſſivn aufziehen, um Lügen zu Markte zu tragen 2 „Und was chuen die Leute?“ „Sie verliefen ſich nach und nachz ſie gingen an die Straßenecken, und wer leſen konnte, der ſah die Tare an⸗ geſchlagen: denkt Euch, das Brod um einen Soldo, ach Unzen ſchwer!“ „Welch ein Glück!“ „Es iſt wirklich eine ſchöne Sache; wenn ſie nut auch Dauer hat! Wißt Ihr auch, wie viel Mehl ſie zwi⸗ ſchen geſtern und heute vergeudet haben? So viel, daß man das ganze Herzogthum zwei Monate hätte davon er halten können.“ „Und für uns da außen, hat man da nicht auch ein gutes Geſetz gemacht?“ „Was für Mailand geſchehen iſt, iſt ganz auf Koſten der Stadt geſchehen. Ich weiß nicht, was ich ſagen ſoll⸗ Cach wird es gehen, wie es Gott gefallt. Inzwiſchen iſt doch wenigſtens der Lärm zu Ende, denn ich habe noch nicht Alles geſagt; das Beſte kommt immer zuletzt.“ „Nun, was denn noch?“ „Geſtern Abend oder heute fiüh ſind viele von den Rädeisführern feſtgenommen worden und man hat au ſogleich erfahren, daß vier derſelben gehenkt werden ſollen. Kaum begann dieſes Gerücht ſich zu verbreiten, ſo lief Jeder auf dem kürzeſten Wege nach Haus, um nicht mög⸗ üchet Weiſe Numero fünf zu werden. Mailand war, al⸗ ich zur Stadt hinausritt, ſo ſtill wie ein Mönchskloſter“ 99 „Und man wird ſie wirklich aufhängen?“ „Unfehlbar, und zwar ſchnell,“ antwortete der Kauf⸗ mann. „Und das Volk, was wird das thun?“ fragte Der⸗ jenige wieder, der die andere Frage geſtellt hatte. „Das Volk wird kommen und zuſehen„ ſagte der Kaufmann.„Sie hatten ein ſolches Verlangen, einen Chriſtenmenſchen in der freien Luft ſterben zu ſehen, daß ſie, die Schurken, dem Herrn Proviantverwalter dieſe Ehre erweiſen wollten. An ſeiner Stelle werden ſie uhi vier Hallunfen haben, die man mit allen Förmlichkeiten, be⸗ gleitet von den Kapuzinern und der Brude ſchaft des guten Todes, abthun wird; es ſind Burſche, die es wohl ver⸗ dient haben. Es gibt eine Vorſehung, ſehet Ihr! Das Ding mußte ſo kommen. Die Leute gewöhnten ſich bereits daran, in die Läden einzubrechen und zuzugreifen, ohne den Beutel zu ziehen. Hätte man ſie gewahlen laſſen, ſo wäre nach dem Brod die Reihe an den Wein gekom⸗ men, und ſo von Einem zum Andern. Ihr könnt Euch denken, daß ſie eine ſo bequeme Gewohnheit nicht mehr freiwillig aufgegeben hätten. Ich darf's Eich wohl ſagen, daß dies für einen Ehrenmann, der einen offenen Laden hält, kein gar zu erfreulicher Gedanke iſt.“ „Ganz gewiß,“ ſagte einer der Zuhörer.„Ganz ge⸗ wiß,“ wiederholten die Andern im Chor. „Und,“ fuhr der Kaufmann fort, indem er ſich mit dem Handtuch den Bart abwiſchte,„das Ding war ſchon lange Zeit angezettelt; es war ein Komplott, müßt Ihr wiſſen.“ „Ein Komplott?“ „Ja allerdings, ein Komplott. Es ſind lauter Ka⸗ balen von den Navarreſern, von dieſem franzöſiſchen Kar⸗ dinal da, wißt Ihr, der ſo einen halb türkiſchen Namen hat und ſich täglich einen neuen Streich ausdenkt, um der Frone Spaniens einen Poſſen zu ſprelen. Aber vor allen Dingen hat er es darauf abgeſehen, etSiſt Mailand 100 einen Tort anzuthun, denn er begreift wohl, der Schurke, daß hier die Kraft des Königs ſitzt.“ „Ja, ja.“ „Wollt Ihr einen handgreiflichen Beweis davon haben! Wer den größten Spectakel machte, das waren Fremde. Es liefen da Fratzen herum, die man in Malland noch nie geſehen hatte. Faſt hätte ich vergeſſen, Euch etwas zu erzählen, was man mir als ganz gewiß mitgetheilt hor Die Juſtiz hatte im Wirthshaus einen Kerl erwiſcht... Renzo, der von der ganzen Erzählung kein Wörtchen verlor, wurde, als der Kaufmann dieſe Saite anſchlug, von einem Schauder erfaßt und fuhr zuſammen, ehe er darau denken konnte, ſich zu faſſen. Inzwiſchen bemerkte es Niemand, und der Sprecher hatte, ohne ſeinen Bericht auch nur einen Augenblick zu unterbrechen, alſo fortgefahren „Einen Kerl, von dem man noch immer nicht recht weiß, woher er kam, wer ihn geſchickt hatte oder was für ein Menſch er eigentlich war. Aber ganz gewiß war er ein Rädelsführer. Schon geſtern hatte er während des erſte Spectakels einen Teufelslärm gemacht, und damit nich zufrieden, hat er ſogar angefangen, zu predigen und allen liebſte Sächelchen vorzuſchlagen, z. B. man ſolle all Herren todtſchlagen. O der Erzhallunke! Wer würde dem den armen Leuten zu leben geben, wenn die Herren todt⸗ geſchlagen wären? Die Juſtiz, die ihm aufgelauert halt legte Hand an ihn und fand einen großen Pack Briefe bei ihm; man wollte ihn eben in's Gefängniß führen, aber denkt Euch einmal, da kagen ſeine Spießgeſellen, die un das Wirthshaus herum Wache ſtanden, in großer Meng heran und befteiten den Spitzbuben.“ „Und was iſt aus ihm geworden?“ „Man weiß es nicht. Er wird entwiſcht ſein oder ſich in Mailand verſteckt haben; ſolch Lumpenvolk hat weder Dach noch Fach; es findet überall Unterkunft un einen Schlupſwinkel, ſo lange ihm der Teufel helfen kam und helfen will; nachher tappen ſie dann hinein, wenn 1 3 101 am wenigſten daran denken; denn wenn die Birne reif iſt, ſo muß ſie fallen. Für jetzt weiß man nur ſo viel be⸗ ſtimmt, daß die Briefe in den Händen der Juſtiz geblieben ſind und daß das ganze Komplott darin beſchrieben iſt; man ſagt, es werde vielen Leuten um den Kopf gehen. Es geſchieht ihnen aber ganz Recht, denn ſie hahen ganz Mailand in Berwirrung gebracht und noch viel ſchlimmere Dinge im Schilde geführt. Die Leute ſagen, die Bäcker ſeien Schurken. Das weiß ich auch; aber man muß ſie auf dem Wege Rechtens an den Galgen bringen. Es iſt viel Getreide verſteckt; wer weiß das nicht? Aber die Re⸗ gierung ſoll gute Spione halten, das Korn an den Tag bringen und dann die Wucherer zugleich mit den Bäckern baumeln laſſen. Und wenn die Regierung nichts thut, ſo iſt es Pflicht der Stadt, einzuſchreiten; wenn man ihr das erſte Mal kein Gehör ſchenkt, ſo ſoll ſie zum zweiten Mal einſchreiten; denn durch ſtanohaftes Einſchreiten ſetzt man etwas durch; aber man ſoll dieſe ruchloſe Gewohnheit nicht aufkommen laſſen, daß die Leute mit Gewalt in den Bu⸗ den und Gewölben einbrechen, um zu plündern.“ Unſerem Renzo waren die paar Biſſen, die er genoſ⸗ ſen hatte, zu Gift geworden. Es däuchten ihm tauſend Jahre zu ſein, bis er dieſes Wirthshaus, dieſes Dorf wie⸗ der hinter ſich hätte und von Neuem in's Freie gekommen wäre; mehr als zehnmal hatte er zu ſich ſelbſt geſagt: „Fort! fort!“ Aber die Beſorgniß, Verdacht zu erregen, die jetzt immer ſtärker geworden war und alle ſeine Ge⸗ danken tyranniſch beherrſchte, hatte ihn jedesmal wieder wie angenagelt auf der Bank feſtgehalten. In dieſer Be⸗ drängniß dachte er, der Schwätzer werde doch einmal auf⸗ hören, von ihm zu reden, und beſchloß, aufzubrechen, ſo⸗ bald die Geſellſchaft ein anderes Geſpräch angeknüpft hätte. „Eben deßhalb,“ ſagte Einer aus der Mitte,„weil ich wohl weiß, wie ſolche Geſchichten ablaufen und daß rechtſchaffene Leute bei Tumulten nichts zu ſchaffen haben, eben deßhalb habe ich mich von meiner Neugierde nicht 102 überwältigen laſſen, ſondern bin ganz ruhig zu Hauſe ge⸗ blieben.“ „Und ich, habe ich mich denn gerührt?“ fragte ein Anderer. „Und ich?“ fügte ein Dritter hinzu.„Wäre ich zufäl⸗ lig in Mailand geweſen, ich hätte alle meine Geſchäfte liegen laſſen und wäre auf der Stelle nach Hauſe gelau⸗ fen. Ich habe Weib und Kind; auch muß ich aufrichtig geſtehen, daß ein ſolcher Spectakel mir nicht gefällt.“ Mittlerweile ging der Wirth, der ebenfalls zugehört hatte, ans andere Ende des Tiſches, um zu ſehen, ob ſein Gaſt noch etwas verlange. Renzo nahm die Gelegenhei wahr und winkte den Wirth zu ſich. Er fragte nach ſeiner Rechnung und bezahlte, ohne zu markten, obſchon ſein Börſe nicht zum Beſten beſtellt war; dann ging er, ohn ein weiteres Wort zu verlieren, in gerader Linie nach der Thüre gegen die Straße zu, ſchritt über die Schwells nahm ſich wohl in Acht, daß er nicht nach der Seite z rücktehrte, von welcher er gekommen war, und ſchlug unt dem Schutze der Vorſehung die entgegengeſetzte Richtunß ein⸗ Siebenzehntes Capitel. Oft iſt ein einziger Wille genügend, um einen Men⸗ ſchen in Mißbehagen zu verſetzen; nun denke man zwei auf einmal, die mit einander im Kriege begriffen ſind⸗ Der arme Renzo hatte, wie man weiß, ſeit vielen Stunden zwei im Leib, nämlich den Willen zu laufen und de Willen verborgen zu bleiben, und nun hatten die unſeligel Worte des Kaufmanns dieſe beide Willen zu gleicher Zei maßlos verſtärkt. Sein Abentener hatte alſo Aufſehen g macht; man ging alſo darauf aus ihn feſtzunehmen: we weiß wie viele Haͤſcher auf die Jagd gegen ihn ausgezogen 103 waren, welche Befehle man bereits nach allen Richtungen erlaſſen hatte, daß man in den Dörfern, in den Wirths⸗ häuſern, in den Straßen ihm auflauern ſolle. Er be⸗ dachte zwar am Ende auch, daß es blos zwei Häſcher gab, die ihn kannten, und daß er ſeinen Namen nicht an die Stirne geſchrieben trug; aber es fielen ihm jetzt hundert Geſchichten ein von Flüchtlingen, die auf unerklarliche Ar⸗ ten an ihrem Gang, an einem gewiſſen verdächtigen We⸗ ſen, an andern Kennzeichen, an die ſie nicht gedacht hat⸗ ten, erkannt und aufgegriffen worden waren: das Alles machte ihn jetzt zaghaft. Obſchon in dem Augenblicke, wo er Gorgonzola verheß, Ave⸗Maria geläutet wurde und die nunmehr einbrechende Finſterniß dieſe Gefahren vermin⸗ derte, ſo ſchlug er doch nur mit Widerſtreben die Haupt⸗ ſtraße ein und beſchloß, beim nächſten beſten Fußwege, welcher nach der erſehnten Richtung zu führen ſcheine, von ihr abzugehen. Im Anfang begegnete er noch hier und da einem Wanderer, aber da ſeine Phantaſie von garſtigen Befürchtungen angefüllt war, ſo hatte er nicht das Herz, den Einen oder Andern anzureden und um Auskunft zu bitten.—„Der hat von ſechs Miglien geſprochen,“ dachte er.„Wenn ich nun auf Neben⸗ und Feldwegen gehe, ſo mögen es meinethalben acht oder zehn ſein; die Beine, . t welche den andern Weg zurückgelegt haben, werden wohl auch noch damit zu Stande kommen. Nach Mailand zu gehe ich ganz gewiß nicht, alſo gehe ich der Adda zu. Nur immer zugelaufen, denn ich werde früher oder ſpäter da ankommen. Die Adda hat eine gute Stimme, und wenn ich einmal in ihrer Nähe bin, ſo bedarf ich keiner Unterweiſung mehr. Iſt eine Barke zum Ueberſetzen bei der Hand, ſo ſetze ich ſogleich über, im andern Fall bleibe ich bis zum frühen Morgen auf einem Feld, auf einem Baum wie die Spatzen: beſſer auf einem Baum als im efängniß.— Sehr bald ſah er einen Nebenweg nach links abge⸗ hen und ſchlug ihn ein. Wenn er jetzt Jemand getroffen 104 hätte, ſo würde er ſich nicht mehr geſcheut haben zu fra⸗ gen; aber es ließ ſich kein Fußtritt eines lebendigen Men⸗ ſchen vernehmen. Er ging alſo wie der Weg ihn führte, und überlies ſich ſeinen Betrachtungen. Ich ſoll einen Teufelslärm verführt haben! Ich alle Herren todtſchlagen! einen Pack Briefe, ich! Meine Spieß⸗ geſellen haben mir zu Liebe Wache gehalten! Ich wollte doch Etwas dafür geben, wenn ich mit dieſem Kaufmann jenſeits der Adda(ach hätte ich doch einmal dieſe ver⸗ dammte Adda hinter mir!) unter vier Augen zuſammen⸗ treffen, ihm den Weg vertreten und ihn recht bequem fra⸗ gen könnte, wo er alle dieſe ſchönen Neuigkeiten aufgefiſcht hat. Wißt Ihr auch, mein lieber Herr, daß die Sache ſo und ſo gegangen iſt, und daß der Teufelslärm, den ich verführt habe, Ferrer zu lieb gemacht wurde, weil ich ihm helfen wollte, wie wenn er mein leiblicher Bruder wäre! Wißt Ihr auch, daß dieſe Schurken, die Ihr als meine Freunde ausgebt, einen ſehr garſtigen Spaß mit mir vor⸗ hatten, weil ich einmal als guter Chriſt ein Wörtchen zu ihnen ſprach? wißt Ihr auch, daß ich, während Ihr euern Laden hütetet, mir die Rippen einſtoßen ließ, um Euem Proviantverwalter zu reiten, den ich niemals geſehen und nicht gekannt habe? Ein andermal kann man lange war⸗ ten, bis ich mich wieder rühre, um ſolchen Herrn zu hel⸗ fen; man muß es freilich um des Seelenheils willen thun, denn ſie find auch unſere Nächſten. Und dieſer große Pack Briefe, worin das ganze Komplott enthalten war, und der ſich jetzt in den Händen der Juſtiz befindet, wie Ihr ſ genau wißt, nun ja, deñ will ich ohne Hilfe des Teufels vor Euch erſcheinen laſſen. Wäret Ihr wohl neugierig ihn zu ſehen, dieſen Pack? Schaut, da iſt er.. Ein ein⸗ ziger Brief?„ Ja, Herr, ein einziger Brief; und die⸗ ſen Brief, wenn Ihr es wiſſen wollt, hat ein Geiſtlicher geſchrieben, der Euch einmal lehren kann, was die Gebote Gottes vorſchreiben, ein Geiſtlicher, von dem, ohne Euch zu nahe zu treten, ein einziges Haar ſeines Bartes n 105 werth iſt als Euer ganzer Bart, und dieſer Brief iſt, wie Ihr ſehet, an einen andern Geiſtlichen geſchrieben, eben⸗ falls einen Mann, der da könnt Ihr jetzt ſehen, was für Hallunken ich zu Freunden habe. O lernt ein ander⸗ mal ein Bischen beſſer reden, beſonders wenn es ſich um Euern Nächſten handelt. Aber nach einiger Zeit hörten dieſe und ähnliche Ge⸗ danken gänzlich auf: die gegenwärtigen Umſtände nahmen alle Seelenkräfte des armen Pilgers in Anſpruch. Die Beſorgniß entdeckt oder verfolgt zu ſein, welche ihm die Reiſe bei Tag ſo ſehr verbittert hatte, quälte ihn jetzt nicht mehr; aher wie manche andere Dinge machten nicht dieſe nächtliche Reiſe im höchſten Grade beſchwerlich? Die Fin⸗ ſterniß, die Einſamkeit, die immer zunehmende und nun⸗ mehr ſchmerzliche Müdigkeit; es wehte ein feiner, gleich⸗ mäßiger, durchdringender Wind, welcher einem Menſchen, der noch dieſelben Kleider auf dem Leibe hatte, die er an⸗ gezogen, um zur Hochzeit zu gehen und dann im Triumphe nach dem nur wenige Schritte entfernten Hauſe zurückzu⸗ kehren, nicht ſehr zu ſtatten kommen konnte; und dann dieſes abenteuerliche Herumſchweifen der Naſe nach, wie man zu ſagen pflegt, um eine ſichere Ruheſtätte zu ſuchen! Wenn es ſich traf, daß er durch irgend ein Dorf kam, ſo ging er mäuschenſtill, ſchaute ſich jedoch um, ob vielleicht irgend eine Thüre noch offen ſtehe, ſah aber kein anderes Merkmal von wachenden Leuten, als da und dort einen ſchwachen Lichtſchein, der durch irgend ein Papier⸗ fenſterchen ſchimmerte. Auf der Straße außerhalb der Ort⸗ ſchaften blieb er jeden Augenblick ſtehen und horchte auf⸗ merkſam, ob er dies verdammte Rauſchen der Adda nicht hören könne, aber vergebens. Sonſt hörte er nichts als Hundegeheul, das bald kläglich, bald drohend aus irgend einer abgelegenen Milcherei durch die Luft drang. Wenn er ſich einem ſolchen Häuschen näherte, ſo verwandelte ſich das Geheul in ein heſtiges, zorniges Gebell; wenn er an der Thüre vorüberging, ſo hörte er und ſah beinahe das 106 grimmige Thier, wie es, ſeine Schnautze an die Zuſammen⸗ fügung der Pfoſten gedrückt, ſein Geheul verdoppelte, und das vertrieb ihm die Verſuchung anzuklopfen und um ein Obdach zu bitten. Vielleicht hätte er dies auch nicht ge⸗ wagt, ſelbſt wenn keine Hunde dageweſen wären.—„Wer iſt das“ dachte er,„was wollt Ihr zu dieſer Stunde?— Wie kommt Ihr hierher? Gebt Euch zu erkennen. Gibt es keine Wirthshäuſer mehr zum Uebernachten! So werden ſie mich im beſten Falle fragen, wenn ich anklopfe; am Ende aber ſchläft gar ſo ein feiger Geſelle darin, der ſo⸗ gleich anfängt zu ſchreien: Hilfe! Räuber! Man müßte dann ſogleich eine beſtimmte Antwort bereit halten, und was könnte ich da antworten? Wer bei Nacht einen Lärm hört, denkt an nichts Anderes, als an Diebe, Landſtreicher Fallſtricke: das fällt keinem Menſchen ein, daß ein recht⸗ ſchaffener Mann bei Nacht unterwegs ſein könne, wenn es nicht ein Evelmann zu Wagen iſt.— Er verſchob jetzt dieſes Mittel bis auf den äußerſten Nothfall und ſchritt immer weiter in der Hoffnung die Adda noch in dieſer Nacht wenigſtens zu entvecken, wenn er auch nicht mehr hinüber käme, um nicht noch am hellen Tag an ihr herumirren zu müſſen. Immer vorwärts und vorwärts; ſo kam er in eine Gegend, wo das angebaute Land in einer Haide von Pfriem⸗ gras und Farrnkraut erſtarb. Dies ſchien ihm, wenn auch nicht ein ſicheres Merkmal, doch wenigſtens eine Andeu⸗ tung des nahen Fluſſes zu ſein, und er ging auf dem Fußpfad, welcher dieſe Haide durchſchnitt, immer weiter in dieſelbe hinein. Nach wenigen Schritten blieb er ſtehen, um zu lauſchen, aber vergebens. Die Langweiligkeit des Weges wurde noch durch die Wildheit der Gegend erhöht, dadurch daß er keinen Maulbeerbaum, keinen Rebſtock, überhaupt kein anderes Zeichen menſchlicher Kultur ſah, die ihm früher ſo zu ſagen noch Geſellſchaft geleiſtet hatte. Dennoch ſchritt er vorwärts, und da in ſeinem Gemüth gewiſſe Bilder, gewiſſe Erſcheinungen ſich zu regen began⸗ 107 nen, die von hundert Geſchichten, welche er früher gehört, darin zurückgehlieben waren, ſo ſprach er, um ſie zu ver⸗ ſcheuchen oder zu beſchwichtigen, zu wiederholtenmalen Tod⸗ tengebete. Nach und nach gelangte er durch höheres Geſtrüpp, Schlehen, Lohhecken, Judendorngebüſch. Immer zuſchrei⸗ tend und mehr mit Ungeduld als mit Munterkeit ſich be⸗ eilend, begann er zwiſchen den Büſchen da und dort einen Baum zu entvecken, und indem er fortwährend auf dem⸗ ſelben Fußweg weiterſchritt, bemerkte er, daß er in ein Ge⸗ hölze kam. Er empfand eine gewiſſe Abneigung hineinzu⸗ gehen, überwand ſie aber und ging ungern genug vorwärts. Je tiefer er hineinkam, um ſo größer wurde ſeine Unluſt, um ſo mehr erregte Alles ſeinen Ueberdruß. Die Bäume, die er aus der Ferne anſtarrte, ſchienen ihm ſeitſame gar⸗ ſtige, wunderbare Formen zu haben; der Schatten der leicht erregten Gipfel, der auf dem mondbeglänzten Fußpfade zit⸗ terte, war ihm zuwiver; ſelbſt das Raſcheln der welken Blätter, die er durch ſeine Fußtritte in Bewegung ſetzte, hatte für ſein Ohr einen gewiſſen verhaßten Klang. In ſeinen Beinen ſteckte eine wilde Luſt, ein ungeſtümer Drang u laufen, und zu gleicher Zeit ſchien es ihm, als könnten ie kaum mehr den Leib tragen. Er fühlte, daß der nächt⸗ liche Luftzug ihm ſchärfer und bösartiger um Stirne und Wangen blies, er fühlte, daß er ihm zwiſchen die Kleiver und das zuſammenſchrumpfende Fleiſch ſtrömte, daß er ſchneidender in die geſchwächten Gebeine drang und den letzten Reſt von Lebenskraft darin erlöſchte. In einem ge⸗ wiſſen Augenblick ſchien ihn dieſer Ueberdruß, dieſer unbe⸗ ſtimmte Schauder, mit welchem ſeine Seele ſeit einiger Zeit fämpfte, plötzlich zu überwältigen. Er war nahe daran allen Muth zu verlieren, aber da er vor ſeinem Schrecken ſelbſt mehr erſchrack, als vor allem andern, ſo rief er die alten Geiſter in ſein Herz zurück und befahl ihnen ſich zuſammenzunehmen. Nachdem er auf ſolche Art ſeinen Muth neu geſtärkt hatte, blieb er ſtehen, um * 108 zu überlegen, und beſchloß jetzt, auf dem bereits durchlau⸗ fenen Weg das Gehölz ſogleich zu verlaſſen, in das letzte Dorf, durch das er gekommen, zurückzugehen, ſich wieder unter die Menſchen zu begeben und dort ein Obdach zu ſuchen, ſelbſt wenn es ein Wirthshaus ſein ſollte. Wäh⸗ rend er nun ſo daſtand und ſeine Füße kein Geräuſche der Blätter mehr verurſachten, ſo daß Alles rings um ganz ſtill war, traf ein Getöſe, ein Rauſchen wie von einem fließenden Waſſer ſein Ohrz er horchte auf und vergewiſ⸗ ſerte ſich, er ruſt: Es iſt die Adda! Es war das Wieder⸗ finden eines Freundes, eines Bruders, eines Retters. Die Müdigkeit verſchwand beinahe, der Puls ſchlug wieder, er fühlte, daß ſein Blut frei und warm durch die Avern rang, ſeine Gedanken gewannen neue Zuverſicht, und jene bedrückende Unheimlichkeit der Gegenſtände um ihn her ſchien ihm zu verſchwinden; er trug kein Bedenken mehr, noch tiefer in den Wald, dem befreundeten Brauſen ent⸗ gegen, einzudringen. Bald kam er ans Ende der Ebene, auf den Rand eines hohen Ufers; er blickte durch das Gebüſch, womit es ganz kedeckt war hindurch, und ſah unten das fließende Waſſer ſchimmern. Indem er dann ſeinen Blick erhob, bemerkte er die große Ebene des andern Ufers mit Dör⸗ fern und weiter hinten mit Hügeln überſtreut, und auf einem derſelben einen großen, weißlichen Fleck, in welchem er eine Stadt, ganz gewiß Bergamo, zu unterſcheiden meinte. Er ſtieg ein wenig am Abhang hinab und in⸗ dem er ein wenig mit Händen und Armen die Dornbüſche zertheilte und auseinanderzweigte, ſchaute er hinab, ob ſich irgend ein Fahrzeug auf dem Fluſſe bewege, horchte, ob er vielleicht Ruderſchläge vernehmen könnte, aber er ſah und hörte nichts. Hätte es ſich um etwas Geringeres als um die Adda gehandelt, ſo würde Renzo ohne Weiteres hinab⸗ geſtiegen ſein, um eine Fuhrt aufzuſuchen; aber er wußte wohl, daß man ſich auf die Adda in dieſer Beziehung nicht verlaſſen durfte⸗ 109 Er ſchickte ſich alſo an ganz ruhig zu überlegen, was uunmehr zu thun ſei. Auf einen Baum zu klettern und ſo die Morgenröthe, die vielleicht noch ſechs Stunden aus⸗ blieb, bei dieſem Luftzug, bei dieſem Reif, in dieſen Klei⸗ dern abzuwarten, das war mehr als genug, um zu erſtar⸗ ren. Fortwährend auf und abzulaufen und ſich die ganze Zeit über in Bewegung zu erhalten, das wäre erſtens keine wirkſame Hilfe gegen die Unbilden der freien Luſt und zweitens eine allzu große Zumuthung an dieſe armen Beine geweſen, die bereits mehr als ihre Schuldigkeit ge⸗ than hatten. Es fiel ihm zur rechten Zeit noch ein, daß er auf einem der nächſten Felder bei der dürren Haide ein Caſeinotto geſchen hatte. So nennen die Bauern der mailändiſchen Ebene kleine mit Stroh bedeckte, aus Baum⸗ ſtämmen und Zweigen erbaute und mit Lehm verknetete und verſtopfte Hütten, worin ſie im Sommer die Ernte aufzubewahren und die Nacht zuzubringen pflegen, um ſie zu bewachen: die übrige Zeit des Jahres hindurch bleiben ſie verlaſſen. Er erkor ſich dieſes Häuschen ſogleich zu ſeiner Heerberge, betrat den Fußpfad wieder, ging durch Wald, Gebüſch, Haide zurück, ſah, auf dem Ackerfeld ange⸗ langt, die Hütte wieder und ſchritt darauf los. Eine ſchlechte, wumſtichige und auseinandergegangene Thüre war ohne Schloß oder Riegel vor den kleinen Eingang gelehnt; Renzo öffnete ſie, trat ein, ſah ein von gedreh⸗ ten Zweigen gehaltenes Flechtwerk wie eine Hängematte in der Höhe ſchweben, ließ ſichs aber nicht einfallen hi⸗ neinzuſteigen. Er ſah ein wenig Stroh am Boden und dachte, auch hier werde der Schlaf ihm wohlſchmecken. Ehe er ſich jedoch auf das Lager ſtreckte, das die Vor⸗ ſehung ihm bereitet hatte, kniete er darauf nieder, um ihr für dieſe Wohlthat, ſo wie für alle die Hilfe, die ſie ihm am heutigen Tage geleiſtet, zu danken. Dann ſprach er noch ſein gewohntes Rachtgebet, und als er es geendet hatte, bat er den lieben Gott um Verzeihung, daß er dieſes am vor⸗ hergehenden Abend unterlaſſen habe, ja ſogar, wie er 110 ſagte, wie ein Hund oder etwas noch Schlimmeres ſchlafen gegangen ſei. Und darum— fuhr er bei ſich ſelbſt fort, indem er ſeine Hände auf das Stroh ſtützte und ſich von der knieenden Stellung niederlegte— darum mußte ich auch am Morgen auf dieſe ſchöne Art geweckt werden. Er raffte ſodann das Stroh, das ringsumher noch übrig war, zuſammen und legte es über ſich hin, indem er ſich ſo gut als möglich eine Art von Decke machte, um die Kälte zu mildern, die auch da immer noch empfindlich genug war. Dann kroch er hinab in der Abſicht einen recht guten Schlaf zu thun, den er an dieſem Tage mehr als zu theuer erkauft zu haben meinte. Kaum aber hatte er das Auge geſchloſſen, ſo begann in ſeinem Gedächtniß oder in ſeiner Phantaſie(ich ver⸗ möchte den Ort nicht mit Beſtimmtheit anzugeben), es be⸗ gann, ſage ich, ein ſolches Gedränge, ein ſolch raſtloſes Hin⸗ und Hergehen von Leuten, daß ihm der Gedanke an Schlaf gänzlich verging. Der Kaufmann, der Notar, die Häſcher, der Schwertfeger, der Wirth, Ferrer, der Pro⸗ viantverwalter, die Geſellſchaft im Wirthshaus, der ganze Schwarm auf den Straßen; dann Don Abbondio; dann Don Rodrigo und unter all dieſen Menſchen nicht ein Ein⸗ ziger, der nicht Erinnerungen an Unglück oder Zorn mit ſich führte. Nur drei Bilder traten vor ihn, die frei von allem bittern Andenken, rein von jedem Verdacht, durchaus und in jeder Beziehung angenehm und lieblich waren; beſon⸗ ders zwei von ihnen, die obſchon einander ſehr unähnlich, im Herzen des Jünglings in der innigſten Verbindung ſtanden: eine ſchwarze Haarflechte und ein weißer Bart. Aber der Troſt, welchen er bei dem Gevanken an dieſe empfand, war nichts weniger als unvermiſcht und ruhig. Wenn er ſich den guten Mönch vorſtellte, ſo drängte ſich ihm aufs Lebhafteſte die Schmach ſeiner Uebereilungen, ſemer garſtigen Unmäßigkeit, ſeiner pflichtvergeſſenen Nicht⸗ beachtung der väterlichen Rathſchläge dieſes Mannes auf; und wenn er Lucia's Bild betrachtete! wir wollen es nicht 111 auszuſprechen verſuchen, was er da empfand: der Leſer kennt die Umſtände, er ſtelle es ſich vor. Und dieſe brave Agneſe; er vergaß auch ſie nicht, dieſe Agneſe, die ihn auserwählt, die ihn bereits als eins mit ihrer einzigen Tochter betrachtete, die, ſchon ehe ſie den Namen Mutter von ihm erhalten, Sprache und Herz einer ſolchen ange⸗ nommen und werkthätig ihre Sorgfalt bewieſen hatte. Aber noch ein weiterer und der nicht am mindeſten herbe Schmerz war der Gedanke, daß vie arme Frau zum Dank für ſo liebevolle Gefinnungen, für ſo großes Wohlwollen nun⸗ mehr aus ihrem Hauſe vertrieben, ſo zu ſagen flüchtig, ihrer Zukunft ungewiß war und gerade aus denjenigen Dingen, von welchen ſie die Ruhe und Freude ihrer letz⸗ ten Tage gehofft hatte, Nichts als Mühſale und Herzeleid geerntet hatte. Weich eine Nacht, armer Renzo! dieſe Nacht, welche die fünfte ſeines ehelichen Lebens ſein ſollte! Welch eine Kammer! welch ein Ehebett! Und nach was für einem Tage! Und mit der Ausſicht auf was für einen Morgen, auf was für eine Reihe von Tagen!— Wie es Gott gefällt, antwortete er den Gedanken, die immer wil⸗ der wurden,— wie es Gott gefällt. Er weiß, was er thut: Er iſt auch für uns da. Dies Alles geſchieht zur Buße für meine Sünden. Lucia iſt ſo gut! der liebe Gott wird ſie nicht gar zu lang leiden laſſen. Unter ſolchen Gedanken und indem er jetzt alle Hoff⸗ nung auf Schlaf aufgab, während der Froſt ihm immer läſtiger wurde, ſo daß er von Zeit zu Zeit unwillkürlich zitterte und mit den Zähnen klapperte, erſeufzte er den Anbruch des Tages und bemaß mit Ungeduld den trägen Verlauf der Stunden. Ich ſage, er bemaß, denn jede halbe Stunde hörte er in dieſer tiefen Stille ringsum die Schläge einer Uhr ertönen: ich denke mir, es muß die von Trezzo geweſen ſein. Das erſte Mal, als dieſer Ton ſo unerwar⸗ tet an ſein Ohr ſchlug, ohne daß er ſich irgend einen Be⸗ griff machen konnte, woher er wohl kommen möchte, rief er eine gewiſſe geheimnißvolle und feierliche Stimmung in 112 ſeiner Seele hervor, das Gefühl einer Mahnung, die ihm von einer ungeſehenen Perſon mit einer unbekannten Stimme zukomme. Endlich als der Hammer elf Mal angeſchlagen hatte, diejenige Stunde, die Renzo zu ſeinem Aufbruch vorherbe⸗ beſtimmt, erhob er ſich halb erſtarrt, ſank auf die Kniee, ſprach mit ungewohnter Inbrunſt ſeine Morgengebete, ſtellte ſich auf ſeine Füße, ſtreckte ſich, Arme und Beine dehnend, ſchüttelte Schultern und Hüften, wie wenn er alle Glieder wieder einrichten wollte, was jedes von ſelbſt zu thun ſchien, blies in die eine, dann in die andere Hand, rieb ſie, öffnete die Thüre der Hütte und ſchaute dann vor allen Dingen ringsum, ob Niemand da ſei. Da Niemand ſich zeigte, ſo ſuchte ſein Auge wieder den Fußweg, den er am vergangenen Abend zurückgelegt hatte; er erkannte ihn bald noch klarer und beſtimmter als er ſeiner Vorſtellungs⸗ kraft vorſchwebte, und ſchlug ihn ein. Der Himmel kündete einen ſchönen Tag an: auf der Seite brach der Mond, blaß und ſtrahllos, eben aus dem unermeßlichen Gefilde des aſchgrauen Blaues hervor, das gegen Oſten allmälig leicht in ein roſiges Gelb überſpielte. Weiter unten am Horizont breiteten ſich mit langen, un⸗ gleichen Bäuchen einige mehr dunkelblaue als ſchwarze Wolken aus, von denen die unterſten mit einem beinahe feurigen Streif geſäumt waren, der immer lebhafter und greller wurde; gegen Süden ſchimmerten andere, zuſam⸗ mengefloſſene, leichte und ſo zu ſagen geſchmeidige Wolken in tauſend namenloſen Schattirungen: o dieſer lombar⸗ diſche Himmel, er iſt ſo ſchön, wenn er ſchön iſt, ſo glän⸗ zend, ſo ein reines Bild des Friedens. Hätte ſich Renzo blos zu ſeinem Vergnügen hier befunden, ſo hätte er ge⸗ wiß emporgeſchaut und dieſe Morgenröthe betrachtet, welche ſich von derjenigen, die er in ſeinen Bergen zu ſehen ge⸗ wohnt war, ſo gewaltig unterſchied; nun aber ſenkte er ſeine Blicke zur Erde und lief ſchnell, theils um zu erwar⸗ men, theils um bald an Ort und Stelle zu gelangen. Er geht über die Felver, geht durch das Geſtrüpp, durch das 113 Gebüſche hin;z er geht durch die Waldung, indem er um ſich blickt und mit einer Art von Mitleid an den Schau⸗ der denkt, den er vor wenigen Stunden da empfunden; er gelangt an den Uferrand, er blickt hinab, und zwiſchen die Hecken durch ſieht er eine kleine Fiſcherbarke, welche langſam am lfer hin ſtromaufwärts fährt. Er ſteigt ſchnell auf dem kürzeſten Weg zwiſchen dem Dorngeſträuch hinab, er ſteht am Ufer, er ruft, doch nicht mit gar zu lauter Stimme, den Fiſcher und winkt ihm, indem er ſich das Anſehen geben will, als ob er ihn um einen Dienſt von geringer Wichtigkeit anſprechen wollte, zugleich aber, ohne es ſelbſt zu merken, in einem halb flehenden Tone zuruft, daß er anlanden möchte. Der Fiſcher läßt ſeinen Blick am Ufer entlang ſchweifen, betrachtet aufmerkſam das Waſſer, das kommt, wendet ſich, um über das Waſſer hin, das geht, einen Ueberblick zu gewinnen, richtet dann das Vordertheil ſeines Kahne gegen Renzo und landet an. Renzo, der am letzten Ende des Ufers ſo zu ſagen mit einem Fuß bereits im Waſſer ſtand, ergreift die Spitze des Vordertheils und ſpringt in den Nachen. „Für Geld und gute Worte,“ ſagte er,„möchte ich einen Augenblick auf das andere Ufer hinüber fahren.“ Der Fiſcher hatte ihn errathen und richtete bereits das Vorder⸗ theil ſeines Nachens dahin. Renzo bemerkt auf dem Bo⸗ den der Barke ein anderes Ruder, bückt ſich und er⸗ greift es. „Sachte, ſachte,“ verſetzte der Fährmann; aber als er ſah, mit welcher Geſchicklichkeit der Jüngling das Werkzeug in die Hand genommen hatte und es zu behan⸗ deln ſich anſchickte, da fügte er hinzu:„Ah, ah, Ihr verſtehet das Handwerk.“ „So ein klein wenig,“ antwortete Renzo und ſetzte das Ruder mit einer Kraft und Meiſterſchaft an, die mehr als den bloßen Dilettanten verrieth. Indem er nun alle ſeine Kräfte aufbot, warf er von Zeit zu Zeit einen ſcheuen Blick auf das liſer, von dem ſie ſich entfernten, dann wie⸗ Die Verlobten, M. 8 114 der einen ängſtlichen auf dasjenige, dem ſie zuſteuerten, und ärgerte ſich, daß ſie ſchräg hinüberfahren mußten denn der Strom war hier zu reißend, als daß man ihn geraden Wegs durchſchneiden konnte, und der Nachen mußie, theils die Strömung durchbrechend, theils ihr folgend in einer krummen Linie fahren. Wie es bei allen dunkeln und etwas verwickelten Angelegenheiten zu gehen pflegt, daß nämlich die Schwierigkeiten ſich anfangs im Ganzen, hernach aber bei der Ausſührung vereinzelt dem Geiſte dar⸗ ſtellen, ſo empfand Renzo jetzt, als die Adda, man kann wohl ſagen, überſchritten war, große Unruhe darüber, daß er nicht beſtimmt wußte, ob ſie hier wirklich die Landes⸗ grenze bildete, oder ob nach Ueberwindung dieſes Hinder⸗ niſſes vielleicht noch ein anderes überwunden werden mußte. Er veranlaßte den Fiſcher durch einen Zuruf, daß er ihm ſein Geſicht zuwandte, und indem er mit dem Kopfe auf den weißlichen Fleck deutete, den er ſchon in der Nacht wahrgenommen hatte, jetzt aber um ein Gutes deutlicher vor ſich ſah, fagte er:„Dieſes Dorf dort iſt wohl Ber⸗ gamo?“ „Die Stadt Bergamo,“ antwortete der Fiſcher. „Und das Ufer hier iſt bergamaskiſch?“ „Gebiet des h. Marcus.“ „Es lebe der heilige Marcus!“ rief Renzo. Der Fiſcher ſagte nichts. Endlich ſtoßen ſie an's Ufer; Renzo ſchwingt ſich hinaus, dankt im Herzen Gott und dann mit dem Munde dem Fährmann, greift in die Taſche, holt eine Berlinge hervor, unter den dermaligen Umſtänden keine geringe Ausgabe, und reicht ſie dem Ehrenmann, der, nach⸗ dem er noch einen Blick auf das mailändiſche Ufer, ſowie auf den Fluß auf⸗ und abwärts geworfen, die Hand ausſtreckte die Gabe nahm, ſie einſteckte, ſodann die Lippen zuſam⸗ menkniff und noch überdieß mit höchſt bedeutungsvoller Miene den Zeigefinger kreuzweis darauf legte. Dann ſagte er: Glückliche Reiſei und drehte ſich um⸗ 115 Damit die ſo raſche und behutſame Dienſifertigkeit dieſes Mannes gegen einen Unbekannten den Leſer nicht allzu ſehr in Verwunderung ſetze, müſſen wir ihm mitthei⸗ len, daß der Fiſcher häufig von Schmugglern und Ban⸗ diten um den gleichen Dienſt angegangen wurde und gewöhnt war, denſelben zu leiſten, nicht ſowohl wegen des unge⸗ wiſſen Gewinns, der ihm daraus erwachſen konnte, als vielmehr um ſich in dieſer Menſchenklaſſe keine Feinde zu machen. Er leiſtete ihn, ſage ich, ſo oft er mit Gewißheit annehmen konnte, daß er von Zollwächtern, Häſchern und Kundſchaftern nicht geſehen wurde. Ohne ſich alſo ent⸗ ſchieden auf die Parlei der Erſtern gegen die Letztern zu ſchlagen, ſuchte er Alle zu befriedigen, mit jener Unpartei⸗ lichkeit, in welche ſich meiſtens ſolche Leute finden, die ge⸗ nöthigt ſind mit den Einen umzugehen und den Andern Rechenſchaft abzulegen. Renzo blieb eine Weile am Ufer ſtehen, um das ge⸗ genüberliegende Land zu betrachten, dieſes Land, das ihn kaum noch zu ſehr unter den Füßen gebrannt hatte. Ah, ſo bin ich doch endlich draußen! war ſein erſter Gedanke⸗ Bleib nur immer da, du verwünſchtes Land! war der zweite, der Abſchied vom Vaterlande. Der dritte Gedanke aber galt denjenigen, die er in dieſem Lande zurückließ. Er kreuzte jetzt die Arme über der Bruſt, ſtieß einen Seuf⸗ zer aus, ſenkte die Augen auf das Waſſer, das zu ſeinen Füßen hinlief, und dachte:„Es iſt unter der Brücke durch⸗ gelaufen!“ Damit bezeichnete er nach dem Brauch ſeines Dorfes antonvmaſtiſch die Brücke von Lecco!—„O du ſchändliche Welt! Doch wie es Gott gefällt!“ Er kehrte dieſen traurigen Gegenſtänden den Rücken und machte ſich auf den Weg, indem er ſich den weißlichen Fleck am Abhang des Berges zum Zielpunkt erkor, bis er jemand fände, der ihm den Weg deutlicher bezeichnen könnte. Man hätte ihn ſehen ſollen, mit welcher Unbe⸗ fangenheit er jetzt auf die Wanderer zutrat, wie er ohne langes Bedenfen, ohne ſich in viele, zu verwickeln, 116 den Namen des Dorfes, wo ſein Vetter wohnte, ausſprach, und nach der Straße fragte. Von dem Erſten, der ſie ihm erfuhr er, daß er noch neun Miglien zurückzulegen abe. Dieſe Reiſe war keine fröhliche. Ohne von den Sor⸗ gen zu ſprechen, die Renzo mit ſich trug, wurde ſein Auge auf jedem Schritt und Tritt von ſchmerzlichen Gegenſtän⸗ den betrübt, aus welchen er erſehen konnte, daß er in dem Lande, das er betrat, den Mangel wiederfinden werde, den er in ſeinem eigenen hinter ſich gelaſſen hatte. Auf dem ganzen Wege und noch weit mehr in den Dörfern und und Höfen, ſah er eine Menge von Bettlern, die es mehr durch die Umſtände geworden und nicht von Handwerk waren, die das Elend mehr auf ihren Geſichtern als durch ihre Kleider verriethen; Landleute, Gebirgsbewohner, Hand⸗ werker, ganze Familien, und er hörte ein verworrenes Ge⸗ ſumme von flehentlichen Bitten und kläglichem Gewimmer. Dieſer Anblick erregte nicht blos ein ſchmerzliches Mitleid in ſeinem Herzen, ſondern brachte ihn auch auf kummer⸗ volle Gedanken wegen ſeiner eigenen Angelegenheiten. Wer weiß, dachte er bei ſich, ob ich da mein Aus⸗ kommen finde? Ob es, wie in den frühern Jahren, da Arbeit für mich geben wird? Doch genug; Bartolo hat es immer gut mit mir gemeint, er iſt ein braver Junge, er hat Geld gemacht, er hat mich ſo oft eingeladen; er wird mich nicht verlaſſen. Und dann hat mir die Vorſehung jetzt geholfen; ſie wird mir auch in der Zukunft helfen. Inzwiſchen nahm der ſchon ſeit einiger Zeit wieder erwachte Appetit im Verlauf des Weges immer mehr über⸗ hand, und obſchon Renzv, als er ihm ernſtliche Beachtung zu ſchenken anfing, wohl einſah, daß er es, ohne allzu großes Ungemach bis an das jetzt nur noch zwei Miglien entfernte Ziel aushalten könnte, ſo bedachte er dennoch, es würde ſich nicht ſchicken, wenn er wie ein Bettler vor einen Vetter träte, und gleich nach dem erſten Gruß zu 117 ihm ſagte: Gib mir Etwas zu eſſen. Er zog ſeinen gan⸗ zen Reichthum aus der Taſche, ließ ihn mit dem Finger auf die ſflache Hand laufen und ſtellte eine Berechnung an. Dieſe erforderte keinen großen Arithmetiker; inzwi⸗ ſchen war immer noch genug vorhanden, um ein kleines Mahl zu beſtreiten. Er trat in ein Wirthshaus, um ſich zu laben, und wirklich blieben ihm, nachdem er bezahlt hatte, noch einige Soldi übrig. Beim Herausgehen ſah er nahe bei der Thüre auf dem Wege liegend, ſo daß er ſie beinahe mit dem Fuße getreten hätte, wenn er nicht darauf geachtet haben würde, zwei Frauen, von denen die eine ſchon betagt, die andere aber noch jung war und ein kleines Kind an der Bruſt hatte, das, nachdem es vergebens an der einen und andern Zitze geſaugt, in ein Gewimmer ausbrach; alle drei tru⸗ gen die Farbe des Todes, und neben ihnen ſtand ein Mann, deſſen Geſicht und Glieder noch immer die Spuren ehemaliger Kraft verriethen, aber einer Kraft, welche jetzt durch lange Trübſal gebändigt und ſo zu ſagen erloſchen war. Alle drei ſtreckten gegen den Jüngling, der raſchen Tritts und mit dem Anſehen eines Neugeſtärkten heraus⸗ trat, die Hand entgegen; keines von ihnen ſprach; wie hätte auch eine Bitte noch deutlicher ſprechen können? „Es gibt eine Vorſehung,“ ſagte Renzo, griff daun haſtig mit der Hand in die Taſche, holte die paar Soldi heraus, legte ſie in diejenige Hand, die ihm am nächſten war, und ging ſeines Weges weiter. Die Labung und das gute Werk(denn wir ſind aus Seele und Körper zuſammengeſetzt) hatten alle ſeine Ge⸗ danken mit neuem Muth und friſcher Heiterkeit erfüllt. Ganz gewiß hatte er dadurch, daß er ſich auf ſolche Art ſeiner letzten Geldſtücke entäußerte, mehr Zuverſicht für die Zukunft gewonnen, als wenn er den zehnfachen Betrag ſeiner Baarſchaft gefunden hätte. Denn wenn die Vor⸗ ſehung, um an dieſem Tage dieſe Bettler zu erhalten, die auf dem Wege verſchmachteten, ſich der letzten Heller eines 11⁸ flüchtigen Fremblings bediente, der fern von ſeiner Hei⸗ math umherirrte, und ſelbſt nicht wußte wovon er leben ſollte, wie konnte er denken, daß ſie ihn ſelbſt, deſſen ſie ſich zu dieſem Zwecke bedient, und dem ſie ein ſo lebhaf⸗ tes, ein ſo wirkſames und ſo aufopferungsfähiges Gefühl eingeflößt hatte, gänzlich im Stich laſſen würde? Dies war ungefähr der Gevanke des Jünglings, nur weniger klar, als ich ihn in Worte zu faſſen gewußt habe. Indem er auf dem übrigen Wege die Umſtände und Ereigniſſe, die ihm am dunkelſten und verwortenſten geſchienen hatten, näher überlegte, ſtellte ſich ihm Alles viel leichter dar. Die Theurung und das Elend mußten doch einmal aufhören, man erntet ja alle Jahre einmal; inzwiſchen beſaß er den Vetter Bartolo und ſeine eigene Geſchicklichkeit; zur Bei⸗ ſteuer hatte er zu Hauſe noch ein Sümmchen Geld, das er ſich bald nachſchicken laſſen wollte. Im ſchlimmſten Fall konnte er davon bei der nöthigen Sparſamkeit Tag für Tag leben, bis die beſſeren Zeiten wiederkamen. Iſt dann endlich die gute Zeit wieder da, fuhr Renzo zu phan⸗ taſiren fort, dann regt ſich auch die Luſt zum Arheiten wieder; die Fabrikanten ſind froh, wenn ſie Mailänder Arbeiter bekommen, denn dieſe verſtehen das Handwerk am beſten; die Mailänder Arbeiter tragen die Naſe hoch; wer geſchickte Leute will, muß bezahlen; man verdient ſich ſein Auskommen und kann noch ein Bischen zurücklegen; man richtet ſich ein Häuschen ein und läßt den Frauen ſchrei⸗ ben, daß ſie kommen ſollen„ Uebrigens warum denn ſo lange warten?... Iſt es etwa nicht wahr, daß wir mit der kleinen Baarſchaft dort den ganzen Winter aus⸗ gereicht hätten? Wir können alſo auch hier davon leben. Pfarrer gibt es überall auf der Welt. Sie ſollen kom⸗ men die zwei lieben Frauen: man ſührt da eine Haushal⸗ tung. Welch ein Vergnügen, wenn wir Alle zuſammen auf dieſer Straße ſpazieren gehen! wenn wir dann in einer Barutſche bis an die Adda fahren und am Ufer, dicht um Ufer ein Mittagsmahl nehmen, wenn ich den Frauen den „ Ort zeige, wo ich mich eingeſchifft habe, das Dorngebüſch, von dem ich heruntergeſtiegen bin, das Plätzchen, auf dem ich mich umgeſchaut habe, ob ein Nachen da ſei. 3 Er kommt in das Dorf des Vetters. Beim Eintritt, ja ſogar noch ehe er den Fuß hineingeſetzt, unterſcheidet er ein ſehr großes Haus mit mehreren Reihen hoher Fen⸗ ſter übereinander und in der Mitte einen kleineren Raum, als zur Abtheilung in Stockwerfe erforderlich iſt. Er er⸗ kennt eine Spinnmühle, tritt ein, fragt mit lauter Stimme unter dem Getöſe des ſtürzenden Waſſers und der Räder, ob Bartolo Caſtagnere hier wohne. „Herr Bartolo! dort iſt er.“ Herr! ein gutes Zeichen, denkt Renzo: er ſieht den Vetter und geht auf ihn zu; dieſer dreht ſich um, erkennt den Jüngling, der zu ihm ſagt: da bin ich. Ein Ahl der Ueberraſchung, ein gegenſeitiges Umhalſen. Nach die⸗ ſem eiſten Empfang zieht Bartolo unſern Jüngling aus dem Getöſe der Maſchinen und den Augen der Neugierigen weg in ein anderes Zimmer und ſagt zu ihm:„Es frent mich, Dich zu ſehen, aber Du biſt ein kurioſer Burſche. Ich hatte Bich ſo oft eingeladen und Du wollteſt nicht kommen; jetzt kommſt Du in einem Augenblick, wo wir ſelbſt ein wenig verlegen ſind.“ „Was ſoll ich ſagen? Ich bin nicht aus freien Stücken gekommen,“ antwortete Renzo und erzählte in der ſi größtmöglichen Kürze, aber nicht ohne große Gemüthsbe⸗ wegung, die traurige Geſchichte. „Das iſt freilich etwas Anderes,“ ſagte Bartolv. „Du armer Renzo! Aber Du haſt auf mich gerechnet und ich werde Dich nicht verlaſſen. Es iſt freilich gegenwärtig keine Nachfrage nach Arbeitern; im Gegentheil behält jever nur mit knapper Noth die ſeinigen, um ſie nicht zu ver⸗ lieren und das Geſchäft nicht in Stocken gerathen zu laſ⸗ ſſen; aber ich bin bei dem Herrn gut angeſchrieben und 13 der hat ſich etwas Schönes erworben. Ich darf es Dir wohl ſagen, daß er es großen Theils mir verdankt; ohne 1¹19 120 mich zu rühmen, er hat das Kapital und ich mein bischen Geſchicklichkeit; ich bin der erſte Arbeiter, mußt Du wiſ⸗ ſen, und, ich kann es Dir ſchon ſagen, das Factotum. Arme Lucia Montella! Ich erinnere mich ihrer, wie wenn ich ſie erſt geſtern geſehen hätte: ein braves Mädchen! Immer die frömmſte in der Kirche, und wenn man an ihrem Häuschen vorbeiging. ich kann es noch ſehen, dieſes Häuschen, draußen vor dem Dorf, mit einem ſchö⸗ nen Feigenbaum, der über die Mauer ragte. „Nein, nein, laß uns nicht davon ſprechen.“ „Ich will nur ſagen, daß man, ſo oft man an dieſem Häuschen vorbeiging, immer die Haspel hörte, die ſich unaufhörlich drehte. Und dieſer Don Rodrigo! Er wan⸗ delte ſchon zu meiner Zeit auf ſolchen Wegen; aber jetzt iſt er, wie ich ſehe, ein vollendeter Teufel geworden, ſo 3 lange Gott ihm die Zügel ſchießen läßt. Alſo wie ge⸗ ſagt, man leidet auch hier ein wenig Hunger... Apropos, haſt Du keinen Appetit?“ „Ich habe noch nicht lang unterwegs Etwas ge⸗ geſſen.“ „Und wie ſteht es mit der Baarſchaft?“ Renzo ſtreckte eine ſeiner Hände aus, führte ſie an den Mund und hauchte ein wenig darüber hin. „Thut nichts,“ ſagte Bartolv,„ich beſitze ſchon Et⸗ was; ſei gutes Muths, die Sachen werden ſich vielleicht bald ändern, ſo Gott will; dann kannſt Du mir's zurück⸗ geben und auch noch Etwas vor dich bringen.“ „Ich habe einen kleinen Nothpfennig zu Hauſe, den kann ich mir kommen laffen.“ „Schon gut, inzwiſchen rechne auf mich; Gott hat mir Gutes gethan, damit ich auch Gutes thue, und wenn ich es meinen Verwandten und Freunden nicht thue, wem ſoll ich's ſonſt thun?“ „Ich hab's doch geſagt, daß es eine Vorſehung gibt,“ ſ Renzo, indem er dem guten Vetter liebevoll die Hand rückte. 121¹ „Alſo,“ begann dieſer wieder,„haben ſie in Mailand einen ſolchen Spectakel gemacht? Die Leute ſcheinen mir ein wenig verrückt zu ſein. Man wußte bereits hier Et⸗ was davon, aber Du mußt mir nachher Alles ausführlich erzählen. He, wir werden allerlei mit einander zu ſchwatzen haben; hier, ſiehſt Du, geht es etwas ruhiger zu und man fängt die Sache etwas geſcheidter an. Die Stadt hat zwei tauſend Laſt Getreide von einem Handelsmann in Venedig gekauft; das Korn kommt zwar aus der Türkei, aber wenn es ſich ums Eſſen handelt, ſo nimmt man's nicht ſo genau. Jetzt höre einmal, was geſchieht: Die ren von Verona und Brescia verſperren den Weg und ſagen: Hier kommt kein Getreide durch. Was thun die Bergamasker? Sie ſchicken einen Mann nach Venedig, der die Zunge auf dem rechten Fleck ſitzen hat. Der Mann iſt ſogleich abgereiſt, vor den Dogen getreten und hat zu ihm geſagt, was das für dummes Zeug ſei. Aber eine Rede hat er gehalten, eine Rede, ſagt man, die man ſogleich könnte drucken laſſen. Es iſt doch gut, wenn man auch einen Mann hat, der zu ſprechen verſteht. Sogleich ergeht ein Befehl, daß man das Getreide durchlaſſen müſſe; die Herrn müſſen es alſo nicht blos ziehen laſſen, ſondern ihm auch noch das Geleite geben, und nun iſt es unter⸗ wegs. Auch an die Londſchaft hat man gedacht. Ein anderer braver Mann hat dem Senat vorgeſtellt, daß die Leute hier außen Hunger leiden, und der Senat hat vier tauſend Scheffel Hirſe bewilligt. Auch das hilft Brod machen. Und dann, verſteht es ſich von ſelbſt, wenn es kein Brod mehr gibt, ſo ißt man Zukoſt. Der liebe Gott hat mich mit Gütern geſegnet, wie ich Dir ſage⸗ Jetzt will ich Dich zu meinem Herrn führen: ich habe ihm ſchon ſo oft von Dir erzählt, und er wird Dir ein freund⸗ liches Geſicht machen. Er iſt ein guter, ehrlicher Berga⸗ maske von altem Schlag, ein Mann, der das Herz auf der Zunge hat. Er erwartete Dich freilich jetzt nicht, aber wenn er Deine Geſchichte hören wird„ und dann weiß 122 er gute Arbeiter zu ſchätzen; denn die Theurung vergeht, aber der Handel muß fortbeſtehen. Vor Allem aber muß ich Dich noch auf Etwas aufmerſam machen. Weißt Du auch, wie ſie uns aus dem Mailändiſchen hier zu Lande nennen?“ „Nein, wie denn?“ „Sie nennen uns Tölpel.“ „Ganz und gar kein ſchöner Name.“ „Was liegt daran? Wer im Mailändiſchen geboren iſt und im Bergamaskiſchen leben will, der muß ihn in Frieden hinnehmen. Wenn dieſe Leute einen Mailänder einen Tölpel nennen, ſo iſt es ihnen gerade ſo, wie wenn ſie zu einem Edelmann gnädiger Herr ſagen.“ „Sie werden es, bilde ich mir ein, nur zu demjenigen ſagen, der es ſich ſagen läßt.“ „Mein Sohn, wenn Du nicht Luſt haſt auf jedem Brod einen Tölpel zu eſſen, ſo mache Dir keine Rechnung darauf, hier leben zu können. Da müßte man immer das Meſſer in der Hand haben; und wenn Du auch, ich ſetze den Fall, zwei, drei, vier umgebracht hätteſt, ſo würde doch einmal Einer kommen, der Dich umbrächte, und dann wäre es eine ſchöne Freude mit drei oder vier Morvthaten auf dem Gewiſſen vor dem Richterſtuhl Gottes zu er⸗ ſcheinen.“ „Aber ein Mailänder, der ein wenig. und hier klopfte er mit dem Finger auf die Stirne, wie er im Wirthshaus zum Vollmond gethan hatte.„Ich will ſagen Einer, der ſein Handwerf gut kennt?“ „Ganz gleichgültig;. er iſt hier ebenfalls ein Tölpel. Weißt Du, wie mein Herr ſagt, wenn er bei ſeinen Freun⸗ den von mir ſpricht?— Dieſer Tölpel iſt die Hand Gottes in meinem Geſchäfte geweſenz wenn ich dieſen Töl⸗ pel nicht hätte, ſo ſtände es ſchön um mich. Es iſt nun einmal ſo Brauch.“ „Das iſt ein einfältiger Brauch, und wenn man vollends ſieht, was wir jeiſten können! Denn wer am Ende — 123 dieſe Kunſt hierher gebracht hat und ſie im Schwung er⸗ hält, das ſind wirz iſt es nicht möglich, daß ſie dieſe Un⸗ art ablegen?“ „Bis jetzt noch nicht; vielleicht mit der Zeit; die Jungen, die heranwachſen; aber bei den geſtandenen Leu⸗ ten hilft Alles Nichts; ſie haben es ſich nun einmal an⸗ gewöhnt und bleiben dabei. Was iſt denn auch am Ende daran? Es war etwas ganz Anderes um die Artigkeiten, welche unſere lieben Landsleute Dir erwieſen und noch er⸗ weiſen wollen.“ „Ja, es iſt wahr; wenn nichts Schlimmeres da⸗ bei iſt„ „Jetzt, da Du dies eingeſehen haſt, wird Alles gut gehen; komm' zum Herrn und ſei guten Muthes.“ Es ging wirklich Alles gut, und zwar entſprach der Erfolg ſo vollkommen den Verſprechungen Bartolo's, daß wir es für unnöthig halten, der Sache beſondere Erwäh⸗ nung zu thun. Die Vorſehung hatte wirklich ihre Hand dabei im Spiele; denn, was die Sparkaſſe betrifft, die Renzo zu Hauſe zurückgelaſſen hatte, ſo werden wir ſo⸗ gleich ſehen, inwieweit er auf ſie hätte rechnen können. Achtzehntes Capitel. Am gleichen Tage, dem 13. November, kommt ein Eilbote zu dem Herrn Podeſta von Lecco und überbringt ihm eine Depeſche von dem Herrn Polizeihauptmann, den Befehl enthaltend, jede mögliche und überhaupt thunliche Unterſuchung anzuſtellen, um zu entdecken, ob ein gewiſſer junger Burſche mit Namen Lorenzo Tramaglino, Seiden⸗ ſpinner, der Gewalt praedicti egregii domini capitanei entronnen, palam vel clam nach ſeinem Dorfe, ignotum genau welches, verum in territorio Leuci, zurückgekehrt 124 ſei: quod si compertum fuerit sic esse, ſo ſolle be⸗ ſagter Herr Podeſta quanta maxima diligentia feri po- terit ſich bemühen, denſelben in ſeine Hände zu bekommen, ihn gehörig gefeſſelt, videlicet mit guten Handſchellen, inſofern die Unzulänglichkeit der Manſchetten an genanntem Subject erprobt worden, ins Gefängniß abführen laſſen und daſelbſt in gutem Gewahrſam behalten, um ihn dem⸗ jenigen auszuliefern, welchen man abſchicken werde, um ihn in Empfang zu nehmen; und ſowohl im Betretungs⸗ als im Nichtbetretungsfall accedatis ad domum prae- dicti Laurentii Tramalini et facta debita diligentia quidquid ad rem repertum fuerit auferatis et infor- mationes de illius prava qualitate, vita et complicibus sumatis, und über alles Gethane und Geſagte, Gefunden und Nichtgefundene, Weggenommene und Gelaſſene diligen- ter referatis. Nachdem nun der Herr Podeſta ſich all menſchenmögliche Gewißheit verſchafft, daß das Subjecl nicht in ſein Dorf zurückgekehrt ſei, läßt er den Schulzen des Orts zu ſich kommen und begibt ſich unter ſeiner An⸗ führung mit einem großen Troß von Notar und Häſchern nach dem bezeichneten Hauſe; das Haus iſt geſchloſſen: wer die Schlüſſel hat, iſt nicht da, oder kann nicht aufge⸗ funden werden. Man macht die Schlöſſer los, man ver⸗ fährt mit pflichtſchuldiger Raſchheit, d. h. man hauſt wie in einer mit Sturm genommenen Stadt. Das Gerücht von dieſer Erpedition verbreitet ſich urplötzlich in der gan⸗ zen Nachbarſchaft und kommt auch dem Pater Criſtoforo zu Ohren, der, nicht weniger erſtaunt als betrübt, bei drit⸗“ ten und vierten Perſonen nachfragt, um über die Gründe eines ſo unerwarteten Verfahrens einigen Aufſchluß zu er⸗ halten; aber er kann nichts Anders erfahren, als leere Vermuthungen und widerſprechende Gerüchte; er ſchreibt daher ſogleich an den Pater Bonaventura, von welchem er beſtimmtere Mittheilungen zu erlangen hofft. Inzwiſchen werden Renzo's Verwandte und Freunde vorgeladen, um auszuſagen, was ſie von ſeiner verderbten Sinnesart 125⁵ wiſſen; Tramaglino zu heißen iſt ein Unglück, eine Schande, ein Verbrechen; das ganze Dorf iſt in Aufruhr. Allmä⸗ lig erführt man, daß Renzo mitten in der Stadt Mailand der Juſtiz entronnen und hernach verſchwunden ſei; man flüſterte ſich zu, er habe ein ſchweres Verbrechen begangen, aber die Art deſſelben kann man nicht ſagen, oder viel⸗ mehr es wird auf hunderterlei Weiſen angegeben. Je ruchloſere Dinge man von ihm erzählt, um ſo weniger werden ſie im Dorfe geglaubt, wo Renzo als braver Burſche bekaunt iſt. Die meiſten denken und flüſtern ein⸗ ander in die Ohren, das Ganze ſei ein Anſtiften von dieſem gewaltthätigen Don Rodrigo, der ſeinen Nebenbuh⸗ ler in's Verderben zu ſtürzen ſuche. So wahr iſt es, daß man, wenn man nur nach Folgerungen und ohne die nöthige Kenntniß des Thatbeſtandes urtheilt, manchmal ſelbſt den Schuften Unrecht thut. Wir aber, die wir die Thatſachen bei der Hand haben, wie man zu ſagen pflegt, wir können verſichern, daß dieſer Edelmann, wenn er auch keinen wirklichen Antheil an Renzo's Unglück hatte, ſich gleichwohl darüber freute, wie wenn es ſein eigenes Werk geweſen wäre, und mit ſeinen Vertrauten, beſonders mit dem Grafen Attilio, inniglich frohlockte. Dieſer hätte ſich den urſprünglichen Verab⸗ redungen gemäß bereits in Mailand befinden müſſen, aber auf die erſte Nachricht von den daſelbſt ausgebrochenen Un⸗ ruhen, wobei die Kanaille eine ganz andere Haltung an⸗ genommen, als wenn ſie ſich Stockprügel gefallen laſſen wollte, hatte er für gut gefunden, außerhalb der Stadt beſſere Zeitungen abzuwarten. Dies um ſo mehr, weil er viele Leute beleidigt hatte und deßhalb wohl fürchten konnte, es möchte Einer von dieſen Menſchen, die ſich bis jetzt bloß aus Ohnmacht ruhig verhalten, aus den neuen Um⸗ ſtänden Muth ſchöpfen und den Augenblick für günſtig halten, um für Alle zuſammen Rache zu nehmen. Dieſes lange Warten war indeß nicht von langer Dauer. Der aus Mailand eingetroffene Befehl zu dem Verfahren gegen — 126 Renzo war bereits ein Zeichen, daß die Dinge dort ihren alten Gang wieder angenommen; die beſtimmten Nachrich⸗ ten, die beinahe zu gleicher Zeit eintrafen, machten es zur Gewißheit. Graf Rttilio reiste augenblicklich ab, nachdem er ſeinen Vetter ermahnt, bei ſeinem Unternehmen zu be⸗ harren, ſeinen Plan durchzuführen, und ihm ſeinerſeits ver⸗ ſprochen hatte, alsbald Hand anzulegen, um ihn von dem Mönch zu befreien, für welchen der Glücksfall mit dieſem Lumpenkerl von Nebenbuhler ein harter Schlag ſein müſſe, Kaum war Attilio abgereist, ſo kam der Graue friſch und geſund von Monza an und berichtete ſeinem Herrn, was er hatte erfahren können: daß nämlich Lucia in dem und dem Kloſter eine Zuflucht gefunden habe und unter dem Schutz von der und der Dame ſtehe; ſie habe ſich gänzlich im Kloſter verkrochen, wie wenn ſie ſelbſt eine W wäre; ſie ſetze keinen Fuß vor die Kloſterſchwelle und wohne dem Gottesdienſt hinter einem vergitterten Fenſter bei, eine Sache, die gar Vielen mißfiel, die, da ſie wer weiß Alles von ihren Abenteuern vernommen und auch über ihr Ge⸗ ſichtchen Wunderdinge gehört hatten„auch einmal gerne geſehen hätten, was eigentlich daran wäre. Dieſer Bericht trieb Don Rodrigo den Teufel in den Leib, oder vielmehr, er machte den Teufel, den er bereits in ſich hatte, noch ärger. So viele für ſeine Abſicht gün⸗ ſtige Umſtände entflammten nur um ſo mehr ſeine Leiden⸗ ſchaft, d. h. dieſes Gemiſch von Ehrgeiz, Wuth und Bos⸗ heit, aus welchen ſeine Leidenſchaft zuſammengeſetzt war. Renzo abweſend, flüchtig, mit dem Bann belegt, ſo daß gegen ihn Alles erlaubt wurde und auch ſeine Braut ge⸗ wiſſermaßen als das Eigenthum eines Aufrührers betrachtet werden konnte. Der einzige Menſch auf der Welt, der ſich ihrer annehmen konnte und wollte, dabei im Stande war, einen Lärm zu machen, den man fernhin und in hohen Regionen gehört haben würde, dieſer wüthende Mönch, konnte wahrſcheinlich binnen Kurzem in die Unmöglichkeit verſetzt werden, ihm ferner zu ſchaden. Und ſiehe, da 127 mußte auf einmal ein neues Hinderniß all dieſe guten Ge⸗ legenheiten nicht bloß aufwägen, ſondern geradezu nutzlos machen. Ein Kloſter zu Monza war, ſelbſt wenn ſich keine Prinzeſſin darin befunden hätte, für die Zähne eines Rodrigo eine gar zu harte Nuß, und ſo lange er auch immer mit ſeiner Einbildungskraſt um dieſe Zufluchtsſtätte herumſchwärmte, er konnte kein Mittel und keinen Weg erſinnen, dieſe Burg mit Gewalt oder Liſt zu überwinden⸗ Er war ſchon auf dem Punkt, ſein Unternehmen aufzu⸗ geben, er wollte ſich ſchon entſchließen, nach Mailand zu gehen und einen Umweg zu nehmen, um nicht über Monza kommen zu müſſen, und in Mailand wollte er ſich mitten in's Gewühl ſeiner Freunde, in Zerſtreuungen aller Art ſtürzen, um durch ungetrübt fröhliche Gedanken dieſen zu verſcheuchen, der ihm jetzt zur Höllenqual geworden war. Aber, aber, aber die Freunde, ein wenig ſachte mit den Freunden. Statt der gehofften Zerſtreuung mußte er in ihrer Geſellſchaft beſtändigen Neckereien und einer unauf⸗ hörlichen Wiederauffriſchung ſeines Schmerzes entgegen⸗ ſehen, denn Attilio hatte gewiß bereits in die große Trom⸗ vete geſtoßen und bei ihnen Allen die höchſte Neugierde erregt. Von allen Seiten würde man ihn nach der Ge⸗ birglerin fragen; er müßte ſchlechterdings Auskunft erthei⸗ len. Er hat etwas gewollt, er hat etwas verſucht; was hat er erlangt? Er hat eine Verpflichtung übernommen, freilich eine etwas ſchmähliche Verpflichtung, aber was da? man kann nicht immer ſeine Launen zügeln, ſie wollen be⸗ friedigt ſein; und wie dieſe Verpflichtung löſen? Wie? Von einem Bauerntölpel und einem Mönch auf ſolche Art gefoppt zu werden, hu! Und als vollends ein glückliches Schickſal den Einen und ein gewandter Freund den An⸗ dern ohne Zuthun des Laffen beſeitigt hatte, ſo hatte der Laſſe ſelbſt dieſe Vorurtheile nicht zu benützen gewußt und zog ſich ſchmählich von der Sache zurück. Er hätte alſo unter Ehrenmännern nie mehr ein Auge aufſchlagen dür⸗ ſen oder jeden Augenhlick nach dem Schwerte greifen müſ⸗ 128 oder allda bleiben können, in einer Gegend, wo er, ſelbſt abgeſehen von den unabläſſigen und ſtechenden Erinnerun⸗ gen der Leidenſchaft, die Schmach eines mißlungenen Unter⸗ nehmens hätte ertragen müſſen? Wo der allgemeine Haß zugenommen, der Ruf ſeiner Macht ſich immer verringert haben würde, wo er auf dem Geſichte jedes Lumpen⸗ kerls ſelbſt mitten unter ſeinen Verbeugungen ein bitteres „Haſt Du's hinabſchlucken müſſen? es freut mich“ hätte leſen können. Des Laſters Bahn, ſagt hier das Manu⸗ ſeript, iſt breit, aber damit iſt noch nicht geſagt, daß ſie auch bequem ſei; ſie hat ihre tüchtigen Anſtöße und Drang⸗ ſale; ſie iſt großentheils auch beſchwerlich und ermüdend, obſchon ſie abwärts geht. Don Rodrigo, der weder von dieſer Bahn ablaſſen, noch zurückgehen, noch ſtehen bleiben wollte, aus eigenen Mitteln aber nicht vorwäris zu gehen vermochte, hatte jetz auf einmal einen Einfall, wie die Sache vielleicht ſen. Und dann wie hätte er auf ſeine Burg zurückkehren führbar werden könnte, und zwar beſchloß er, zu ſeinem Genoſſen und Helfershelfer Jemand zu nehmen, deſſen Hände oft weiter reichten, als bei Andern die Augen, einen Men⸗ ſchen oder Teufel, für welchen gerade die Schwierigkeiten einer Unternehmung vft ein Reiz waren, um ſich damit zu befaſſen. Aber auch dieſes Auskunftsmittel hatte ſeine Uebelſtände und Gefahren, die um ſo bedenklicher waren, je weniger ſie ſich zum Voraus berechnen ließen, denn Niemand hätte vorherſehen können, wie weit es mit ihm kommen würde, wenn er ſich einmal mit dieſem Manne eingelaſſen hatte, der zwax allerdings ein mächtiger Bundes⸗ genoſſe, aber zugleich ein höchſt herrſchſüchtiger und ge⸗ fährlicher Führer war. Solche Gedanken erhielten Don Rodrigo mehrere Tage lang in der Schwebe zwiſchen Ja und Nein, die beide im höchſten Grade läſtig waren. Irnzwiſchen traf ein Brief vom Vetter ein, welcher meldete, daß der An⸗ ſchlag gut eingeleitet ſei. Bald nach dem Blitz brach der 129 Donner los, d. h. eines ſchönen Morgens erfuhr man, Pater Criſtoforo habe das Kloſter von Pescarenico ver⸗ laſſen. Dieſer ſo vollſtändige und raſche Erfolg, der Brief Attilio's, welcher ſehr Muth einſprach und mit ſcharfem Spott drohte, erregte in Don Rodrigo immer größere Luſt zu dem gefährlichen Unternehmen: was ihm noch den letz⸗ ten Sporn einſetzte, das war die unerwartete Nachricht, daß Agneſe in ihr Haus zurückgekehrt ſei, alſo ein Hinder⸗ niß weniger in der Umgebung Lucia's. Wir wollen von dieſen beiden Ereigniſſen Bericht erſtatten und mit dem letzteren beginnen. Die zwei armen Frauen hatten in ihrer Zufluchtsſtätte kaum Ruhe gefunden, als ſich in Monza und in Folge deſſen auch im Kloſter die Nachricht von dem großen Wirrwarr in Mailand verbreitete, und hinter der Haupt⸗ nachricht noch eine unendliche Reihe von Einzelheiten, die ſich in jedem Augenblick vervielfältigten und wechſelten. Die Schaffnerin, deren Wohnung zwiſchen der Straße und dem Kloſter lag, hörte die Nachrichten von innen und von außen, fing ſie mit offenen Ohren auf und theilte ſie ihren Gäſten mit.„Zwei, ſechs, acht, vier, ſieben find eingeſteckt worden, man wird ſie theils vor dem Krücken⸗ ofen, theils an dem Eingange der Straße, wo der Pro⸗ viantverwalter wohnt, aufknüpfen; ja, ja, hört nur, was das für Dinge ſind! Einer von Lecco oder der Umgegend iſt entſprungen, den Namen weiß ich nicht, aber es wird chon Jemand kommen, der mir ihn ſagen kann; wir wol⸗ ken dann ſehen, ob Ihr ihn kennt.“ Da Renzo gerade an dem verhängnißvollen Tage nach Mailand gekommen war, ſo verſetzte dieſe Nachricht die Frauen, und namentlich Lucia in einige Unruhe; aber wie ward ihnen erſt zu Muthe, als die Schaffnerin wieder fam und zu ihnen ſagte:„Er iſt gerade aus Eurem Dorf, der Burſche, der entronnen iſt, um nicht an den Galgen zu kommen;z er iſt ein Seibenſpinner und heißt Trama⸗ glino; kennt Ihr ihn?“ Die Berlobten. M. 9 130 Der armen Lucia, welche daſaß und ein Tüchlein ſäumte, entſank die Arbeit aus der Hand; ſie erblaßte und auf ihrem Geſichte ging eine ſolche Veränderung vor, daß die Schaffnerin ſie gewiß bemerkt hätte, wenn ſie ihr näher geweſen wäre. Aber ſie ſtand auf der Schwelle mit Ag⸗ neſe, die zwar gleichfalls, doch nicht in dieſem Grade er⸗ ſchrack und ein feſtes Geſicht zeigen konnte; ſie zwang ſich, zu antworten: in einem ſo kleinen Dorfe müſſen natürlich Alle einander kennen, und ſo kenne ſie dieſen auch, aber ſie könne kaum glauben, daß ihm ſo etwas zugeſtoßen ſei, denn er ſei ein ſtiller junger Menſch. Dann fragte ſie, ob er gewiß entkommen ſei und wohin. „Entfommen, das ſagen Allez wohin, weiß man nicht; vielleicht iſt er auch ſchon geborgen; aber wenn man ihn einfängt, Euren ſtillen jungen Menſchen 4 Hier wurde zum guten Glück die Schaffnerin abge⸗ rufen und ging; man denke ſich, wie es Mutter und Toch⸗ ter zu Muthe war. Mehrere Tage lang mußten die arme Frau und das troſtloſe Mädchen in dieſer peinlichen Un⸗ gewißheit verharren, worin ſie ſich über die Urſachen, die Art und Weiſe, ſowie die Folgen dieſes ſchmerzlichen Er⸗ eigniſſes die wirrſten Gedanken machten und Jede für ſich, oder auch, wenn ſie Gelegenheit hatten, in leiſem Geflüſter unter einander dieſe ſchrecklichen Worte auslegten. An einem Donnerſtag endlich kam ein Mann ins Kloſter, der nach Agneſe fragte. Es war ein Fiſchhänd⸗ ler aus Pescarenico, der, wie gewöhnlich, nach Mailand ging, um ſeine Waare zu verkaufen, und der gute Pater Criſtoforo hatte ihn erſucht, wenn er durch Monza komme, ſo möchte er einmal im Kloſter einſprechen, die Frauen in ſeinem Namen grüßen, ihnen erzählen, was man von Renzo's traurigem Handel wußte, ſie zur Geduld und zum Vertrauen guf Gott ermahnen und ihnen ſagen, er, der arme Mönch, werde ſie gewiß nicht vergeſſen, er werd⸗ jede Gelegenheit, ihnen zu helfen, wahrnehmen, inzwiſchen aber nicht ermangeln, auf dieſem oder einem ähnlichen 131 Wege ihnen Nachrichten zukommen zu laſſen. In Bezug auf Renzo wußte der Bote nichts Neues und Gewiſſes zu erzählen: als daß man Hausſuchung gehalten habe und überall nach ihm forſche, inzwiſchen ſeien alle Nachfor⸗ ſchungen vergebens geweſen, denn man wiſſe mit Beſtimmt⸗ heit, daß er ſich in's Bergamaskiſche gerettet habe. Dieſe Gewißheit war, man brauchte es eigentlich nicht erſt zu ſagen, ein wohlthuender Balſam für Lucia's Schmerz; fortan floſſen ihre Thränen leichter und ſanfter; ſie fand einen größeren Troſt in den geheimen Herzensergießungen mit der Mutter, in alle ihre Gebete miſchte ſich inniges Dankgefühl. Gertrud ließ ſie oft in ihr beſonderes Sprachzimmer kommen und unterhielt ſich manchmal lange mit ihr, denn ſie fand Gefallen an der Aufrichtigkeit und Anmuth des armen Mädchens, und ſie hörte es gern, daß Lucia ihr einmal um's andere dankte und ſie ſegnete. Sie erzählte ihr auch im Vertrauen einen Theil(den unverfänglichen Theil) ihrer Geſchichte, was ſie gelitten habe, um zu ihrem Leiden hierher zu kommen, und nun verwandelte ſich jene erſte argwöhniſche Verwunderung Lucia's in Mitleid. Sie fand in dieſer Geſchichte mehr als genügende Gründe, um ſich das zu erklären, was in dem Benehmen ihrer Wohl⸗ thäterin etwas ſonderbar war, und Agneſens Grundſatz über die Kopfhäuschen der vornehmen Leute kam ihr dabei wohl zu Statten. So ſehr ſie ſich nun aber geneigt fühlte, Gertruds Vertrauen zu erwiedern, ſo hütete ſie ſich dennoch wohl, ihr von ihren neuen Beängſtigungen, von ihrem neuen Unglück zu erzählen und zu ſagen, was ihr der entſprungene Seidenſpinner ſei, denn ſie wollte ſich der Gefahr nicht ausſetzen, daß eine ſo ſchmerzliche und ſo ſcandalöſe Nachricht weiter verbreitet würde. Sie ver⸗ mied es auch ſo weit als möglich, die neugierigen Fragen der Dömina über ihre frühere Lebensgeſchichte zu beant⸗ worten, doch waren hier keine Klugheitsregeln im Spiel. Es geſchah, weil dem armen, unſchuldigen dieſe ———— 132 Geſchichte mißlicher und ſchwieriger zu erzählen ſchien, als alle diejenigen, die ſie von der Domina gehört hatte oder noch hören zu können glaubte. In dieſen handelte es ſich um Unterdrückung, Hinterliſt, Leiden, um garſtige und ſchmerzliche Sachen, die aber doch genannt werden konn⸗ ten; in die ihrige war allenthalben ein Gefühl gemiſcht, ein Wort, das ihr, wenn ſie von ſich ſelbſt redete, unaus⸗ ſprechlich ſchien, und ſtatt deſſen ſie doch keine Umſchrei⸗ bung zu finden vermochte, wogegen ſich nicht ihr Gefühl geſträubt hätte, nämlich die Liebe. Manchmal fühlte ſich Gertrud verſucht, ſich über dieſe Schweigſamkeit zu ärgern, aber es ſchimmerte eine ſo innige Liebe, eine ſolche Ehrerbietung, Dankbarkeit und auch ein ſolches Vertrauen durch. Manchmal mißfiel ihr vielleicht dieſe ſo innige, ſo zarte, ſo ſcheue Schamhaftigkeit noch mehr in einer andern Beziehung; aber alles das verlor ſich in der Annehmlichkeit eines Gedankens, der jeden Augenblick wiederkehrte, wenn ſie Lucia auſah, des Gedan⸗ kens: dieſer thue ich wohl.— Und ſo war es auch; denn außer der Zufluchtsſtätte gereichten auch dieſe Beſprechun⸗ gen, dieſe vertraulichen Liebfoſungen, Lucia zu einigem Troſte. Einen weiteren Troſt fand ſie in beſtändiger Ar⸗ beit und ſie bat immer um irgend eine Beſchäftigung; ſo⸗ gar in's Sprachzimmer brachte ſie jedesmal irgend eine Arbeit mit, um ihre Hände in Thätigkeit zu erhalten; aber wie doch die trüben Gedanken ſich überall einſchleichen! Während ſie nähte und nähte, eine Beſchäftigung, mit der ſie ſich früher nicht viel abgegeben hatte, kam ihr jeden Augenblick ihre Haſpel ein den Sinn, und nach der Haſpel wie ſo mancherlei Dingel Am zweiten Donnerſtag kam wieder derſelbe oder ein anderer Bote mit Grüßen und aufmunternden Zuſprüchen von Pater Criſtoforo, ſowie mit der Beſtätigung von Renzo's Rettung. Nähere Nachrichten über ſeinen ſchlim⸗ men Handel liefen nicht ein; denn wie wir dem Leſer be⸗ reits erzählt haben, der Kaprziner hatte ſolche von ſeinem 133 Mitbruder in Mailand gehofft, dem er ihn empfohlen hatte, und dieſer antwortete: er habe weder den Brief noch den Mann geſehen. Es ſei allerdings ein Land⸗ mann an's Kloſter gekommen und habe ihm nachgefragtz aber da er ihn nicht zu Hauſe getroffen, ſo ſei er fort⸗ gegangen und nicht wieder erſchienen. Am dritten Donnerstag kam kein Bote, ſo daß die Frauen nicht bloß einen ſehnlichſt gehofften Troſt entbeh⸗ ren mußten, ſondern, wie dieß betrübten und beunruhigten Seelen bei jeder Kleinigkeit widerfährt, auf hundert ängſt⸗ liche Gedanken und Vermuthungen geriethen. Schon vor⸗ her hatte Agneſe im Sinn gehabt, einen Gang nach Hauſe zu machen. Das Ausbleiben des Boten beſtärkte ſie jetzt in dieſem Entſchluß. Lucia kam es hart genug an, ſich von der getreuen Mutter trennen zu müſſen, aber die Sehnſucht etwas Neues zu erfahren und das Bewußt⸗ ſein ihrer Sicherheit in dieſer wohlbewahrten und heiligen Freiſtatte überwand ihr Sträuben. So wurde denn zwi⸗ ſchen ihnen verabredet, daß Agneſe am folgenden Tag den Fiſchhändler, den ſein Weg von Mailand aus vor⸗ beiführte, auf der Straße abwarten und ihn höflich um einen Platz auf ſeinem Karren erſuchen ſollte, um in ihre Berge zurückkehren zu können. Sie fand ihn in der That, fragte ihn, ob der Pater Criſtoforo ihm keinen Auftrag an ſie gegeben habe. Der Fiſchhändler war den ganzen Tag vor ſeiner Abreiſe fiſchen geweſen und hatte vom Pa⸗ ter weder Nachricht noch Botſchaft. Sie ſprach ihn jetzt um die Gefälligkeit an und erlangte ſie ohne Bitten.— Nicht ohne Thränen nahm ſie Abſchied von der Domina und der Tochter, ſie verſprach noch, ſogleich Nachrichten zu ſchicken und bald zurückzukehren, und ſo reiſten ſie ab. Die Reiſe ging ohne alle Unfälle von ſtatten. Sie ruhten einen Theil der Nacht in einem Wirthshaus an der Straße, wo der Fiſchhändler gewöhnlich einkehrte, aus, machten ſich vor Tagesanbruch wieder auf den Weg und gelangten bei guter Zeit nach Pescarenicv. Agneſe 134 ſtieg auf dem kleinen Platz vor dem Kloſter ab, ließ ihren Fuhrmann unter vielen„Vergelt's Gott“ weiter ziehen, und weil ſie einmal da war, ſo wollte ſie, ehe ſie nach Haus ging, den guten Mönch ſehen, der ihr ſo viele Wohlthaten erwieſen. Sie klingelte; wer kam und auf⸗ machte, war Bruder Galvino, der Nüſſeeinſammler. „Ach Mütterchen, welch ein Glück.“ „Ich möchte den Pater Criſtoforo aufſuchen.“ „Den Pater Criſtoforo? Er iſt nicht da.“ „So? wird er lange ausbleiben?“ „Ja,“ ſagte der Bruder, indem er die Achſeln zuckte, ſo daß ſein geſchorenes Haupt in die Kapuze einſank. „Wo iſt er hingegangen?“ „Nach Rimini.“ „Nach?“ „Nach Rimini.“ „Wo liegt das?“ „O, o, v,“ antwortete der Mönch, indem er mit der ausſtreckten Hand die Luft ſenkrecht durchſchnitt, um eine große Entfernung anzuzeigen. „O das iſt Schade! Aber warum iſt er denn ſo plötzlich fortgereist?“ „Weil der Pater Provinzial es ſo gewollt hat.“ „Und warum hat man dieſen braven Mann fort⸗ geſchickt, der ſo viel Gutes that? O, ich arme Frau!“ „Wenn die Vorgeſetzten von den Befehlen, die ſie ertheilen, Rechenſchaft ablegen müßten, wo bliebe da der Gehorſam, gute Frau?“ „Ja, aber das iſt mein Verderben.“ „Wißt Ihr, was es ſein wird? Sie werden in Ri⸗ mini einen guten Prediger nöthig gehabt haben(wir ha⸗ ben deren überall, aber manchmal will man gerade den beſtimmten Mann); der Pater Provinzial von dort wird dem Pater Provinzial von hier geſchrieben haben, ob er nicht ein Subject ſo und ſo beſitze, und der Pater Pro⸗ 135 vinzial wird geſagt haben: dazu paßt der Pater Criſtoforo, wie man das auch wirklich ſieht.“ „O weh uns! wann iſt er abgereiſt?“ „Vorgeſtern.“ „Da ſehe mal Eins! Hätte ich doch meiner Einge⸗ bung gefolgt und wär' um ein paar Tage früher gekom⸗ menj Und man weiß nicht, wann er wiederkehren kann? Nur ſo ungefähr?“ „Ach, gute Frau, das weiß der Pater Provinzial und vielleicht auch der nicht einmal. Wenn ein Pater Prediger ausgeflogen iſt, ſo kann man nicht vorausſehen, auf welchem Zweig er ſich zur Ruhe niederlaſſen wird. Sie holen ihn dahin, ſie holen ihn dorthin, und wir ha⸗ ben Klöſter in allen vier Welttheilen. Ihr könnt darauf rechnen, daß Pater Criſtoforo mit ſeiner Faſtenpredigt in Rimini ein großes Aufſehen machen wird; denn er predigt nicht immer aus dem Stegreif, wie er hier vor den Bauern gethan hat; für die Kanzeln der Städte hat er ſeine ſchönen geſchriebenen Predigten und zwar die auser⸗ leſenſten von allen. Wenn dieſer große Prediger einmal an einem Orte iſt, ſo verbreitet ſich bald das Gerücht überall und man kann ihn von, was weiß ich woher? verlangen, und dann muß man ihn hergeben, denn wir leben von der Mildthätigkeit aller Welt, deßhalb iſt es auch nicht mehr als billig, daß wir aller Welt dienen.“ „O, welch ein Jammer!“ rief Agneſe beinahe wei⸗ nend von Neuem;„was ſoll ich ohne dieſen Mann anfan⸗ gen? Er vertrat Vaterſtelle an uns. Für uns iſt es ein großes Unglück!“ „Höret, gute Frau; Vater Criſtoforo war allerdings ein ausgezeichneter Mann, aber wir beſitzen deren auch noch andere; Männer voll von Menſchenliebe und Ge⸗ ſchicklichkeit, Männer, die mit den vornehmen Herrn ſo gut wie mit den Armen umzugehen wiſſen; wollt Ihr den Pater Atanaſio? Wollt Ihr den Pater Girolamo? wollt Ihr den Pater Zaccaria? Er iſt ein tüchtiger Mann, 136 müßt Ihr wiſſen, der Pater Zaccaria. Ihr müßt Euch nicht wie ſo manche einfältige Leute darüber aufhalten, daß er ſo leibarm iſt, eine ſo ſchwache Stimme und ein ſo ganz elendes Bärtchen hat; ich ſage nicht, daß er als Prediger ausgezeichnet iſt; denn Jeder hat ſeine eigenen Gaben, aber zum Rathgeben iſt er der Mann, müßt Ihr wiſſen.“ „Ach, heilige Geduld!“ rief Agneſe, mit dem Ge⸗ miſch von Dankbarkeit und Unmuth, das man über ein Anerbieten empfindet, welches mehr guten Willen als Ein⸗ ſicht verräth:„was frage ich darnach, ob Einer ein tüch⸗ tiger Mann iſt oder nicht, wenn gerade dieſer arme Mann da, der jetzt nicht mehr da iſt, derjenige war, der unſere Sachen am beſten wußte und ſchon alle Maßregeln ge⸗ troffen hatte, um uns zu helfen.“ „So müßt Ihr Euch alſo in Geduld faſſen.“ „Das weiß ich,“ antwortete Agneſe;„verzeiht, daß ich Euch beläſtigt habe.“ „Nicht doch, gute Frau, es thut mir Euretwegen leid, und wenn Ihr Euch entſchließet, irgend einen von unſeren Vätern zu befragen, ſo iſt das Kloſter hier und rückt nicht von der Stelle. He, ich werde mich bald wieder zeigen, um Oel einzuſammeln.“ „Bleibt geſund,“ ſagte Agneſe und machte ſich, ver⸗ laſſen, verwirtt, rathlos wie der arme Blinde, der ſeinen Stab verloren, wieder auf den Weg nach ihrem Dörfchen. Etwas beſſer unterrichtet als Bruder Galdino, können wir jetzt ſagen, wie die Sache zuging. Kaum in Mai⸗ land angelangt, begab ſich Attilio, wie er dem Rodrigo verſprochen hatte, zu ihrem gemeinſchaftlichen Oheim, dem Geheimen Rath, um ihm einen Beſuch abzuſtatten.(Der Geheime Rath war damals eine aus dreizehn hervorra⸗ genden Juriſten und Militärperſonen zuſammengeſetzte Be⸗ hörde, bei welcher der Statthalter Gutachten einholte, und die, wenn ein ſolcher ſtarb oder eine Aenderung in der Perſon eintrat, die Regierungsgeſchäfte inzwiſchen beſorgte.) Der Graf Oheim, ein Juriſt und ſogar einer der älteſten 137 des Raths, erfreute ſich in demſelben eines gewiſſen An⸗ ſehens; aber in der Art, wie er ſeinen Einfluß geltend machte und nach Außen wirken ließ, hatte er nicht ſeines Gleichen. Ein zweideutiges Reden, ein bedeutungsvolles Schweigen, ein Innehalten auf halbem Weg, ein Augen⸗ ſpiel, das beſagte: ich kann nicht reden, ein Schmeicheln, ohne zu verſprechen, ein Drohen mit Einhaltung der ſtreng⸗ ſten Formen der Convenienz, Alles diente zu dieſem Ziel und Alles wurde mehr oder weniger zu ſeinem Vortheil ausgebeutet. Wenn er z. B. buchſtäblich wahr die Worte ſagte:„ich kann in dieſer Sache Nichts thun,“ ſo ſagte er ſie dennoch auf eine Art, daß man ihm nicht glaubte, und daß auch noch dadurch der Glaube an ſeine Macht und in Folge des Glaubens die Macht ſelbſt erhöht wurde; es verhielt ſich damit, wie mit jenen Büchſen, die man zuweilen in Apotheken mit arabiſchen Lettern überſchrieben ſieht; ſie enthalten in Wahrheit Nichts, tragen aber doch dazu bei, die Bude in Anſehen zu erhalten. Das des Grafen Oheims, das ſeit geraumer Zeit, immer aber nur in ſehr langſamen Abſtufungen angewachſen war, hatte zuletzt mit einem Male, wie man zu ſagen pflegt, einen Rieſenſchritt gemacht bei einer außerordentlichen Gelegen⸗ heit, einer Reiſe nach Madrid mit einer Sendung an den Hof, wo ihm, das mußte man ihn ſelbſt erzählen hören, was für eine Aufnahme zu Theil geworden war! Der Graf⸗Herzog hatte ihn, um nichts Anderes zu erzählen, ganz beſonderer Auszeichnung gewürdigt und mit ſeinem Vertrauen beehrt; er hatte ihn ſogar, man kann ſagen in Gegenwart des halben Hofes, einmal gefragt, wie Madrid ihm gefalle, und ein andermal hatte er ihm in einer Fenſter⸗ brüſtung unter vier Augen geſagt, der Dom von Mailand ſei der größte Tempel in allen Reichen des Königs. Nachdem er ſeine eigenen gebührenden Höflichkeits⸗ bezeigungen abgeſtattet und die Complimente des Vetters überbracht hatte, ſagte Attilio mit einer gewiſſen ernſten Haltung, die er bei Gelcgenhe anzunehmen wußte, zu dem 138 ohne Rodrigo's Vertrauen zu mißbrauchen, wenn ich den Herrn Ohei von einer Sache unterrichte, die, wenn er nicht einſchtl ernſthaft werden und Folgen haben kann.. Grafen Oheim:„Ich glaube meine Pflicht zu erfüllen, „Ohne Zweifel wieder einer von ſeinen Streichen?“ „Zur Steuer der Wahrheit muß ich ſagen, daß das Unrecht ſich nicht auf Rodrigo's Seite befindet, aber er iſt empört und, wie ich ſage, Niemand anders als der Herr Oheim kann...4 „Laß ſehen, laß ſehen.“ „Es lebt in ſeiner Nachbarſchaft ein Kapuzinermönch, der meinen Vetter auf's Korn genommen hat, und die Sache iſt ſo weit gediehen, daß.. „Wie oft habe ich nicht ſchon Euch beiden geſagt, daß man die Mönche in Ruhe laſſen muß? Sie machen ſchon denen genug zu ſchaffen, die von Amtswegen und hier huſtete er.„Ihr aber, die Ihr ihnen aus dem Weg gehen könnt.. „Herr Oheim, meine Pflicht gebietet mir, Euch zu ſagen, daß Rodrigo ihm aus dem Weg gegangen ſein würde, wenn es möglich geweſen wäre. Aber dieſer Mönch will durchaus mit ihm anbinden und hat es darauf ange⸗ legt, ihn auf alle Weiſe zu reizen.“ „Was zum Teufel hat denn der Mönch mit meinem Neffen zu ſchafſen?“ „Vor allen Dingen iſt er ein unruhiger Kopf, als ſolcher bekannt und macht ein Gewerbe daraus, mit Evel⸗ leuten Händel anzufangen. Dieſer Mann beſchützt, be⸗ räth, was weiß ich, eine hübſche Bauerndirne von da, und er hegt für dieſes Geſchöpf eine Zärtlichkeit eine Zärtlichkeit, die, ich will nicht gerade ſagen anſtößig, aber doch im höchſten Grade eiferſüchtig, argwöhniſch und em⸗ pfindlich iſt.“ „Ich begreife,“ ſagte der Graf Oheim, und aus einem gewiſſen Maße von Plumpheit, welche die Natur in ſeinem freilich nunmehr durch vieljährige ſtaatsmänniſche 139 Geſchäfte verſchleierten und verſteckten Geſicht ausgeprägt hatte, blitzte ein Strahl von Bosheit auf, der ihm ein gar ſchönes Anſechen gab. 43 „Seit einiger Zeit nun,“ fuhr Attilio fort,„hat die⸗ ſer Mönch ſich's in den Kopf geſetzt, Rodrigo hege, ich weiß nicht was für Abſichten auf dieſe.. „Er hat ſich's in den Kopf geſetzt, er hat ſich's in den Kopf geſetzt; ich kenne den Herrn Don Rodrigo auch ein wenig und es muß ein ganz anderer Advokat als Ew. Gnaden kommen, um ihn in ſolchen Stücken rein zu waſchen.“ „Daß Rodrigo, Herr Oheim, ſich mit dieſer Krea⸗ tur, wenn er ihr auf der Straße begegnete, vielleicht einen Spaß gemacht haben mag, das möchte ich ſelbſt auch glauben; er iſt jung und am Ende doch kein Kapu⸗ ziner; aber das find Poſſen, mit denen ich den Herrn Oheim nicht aufhalten mag; das Ernſthafte an der Sache iſt, daß der Mönch angefangen hat von Rodrigo zu ſpre⸗ chen, wie wenn er ein ganz gemeiner Kerl wäre, und h er die ganze Einwohnerſchaft gegen ihn aufzuhetzen ucht. „Und die andern Mönche?“ „Sie bekümmern ſich nicht darum, denn ſie kennen ihn als einen Hitzkopf und begegnen Rodrigo mit aller Achtungz aber auf der andern Seite ſteht dieſer Mönch in großem Anſehen bei den Bauern, weil er nebenher auch den Heiligen ſpielt, und. „Ich denfe mir, er weiß nicht, daß Rodrigo mein Neffe iſt?“ „Ob er es weiß! Im Gegentheil, das macht ihn noch viel rappelköpſfiſcher.“ „Wie ſo?“ „Ei, er ſagt es ſelbſt, es freue ihn um ſo mehr mit Rodrigo in Fehde zu leben, weil dieſer einen natürlichen Beſchützer an dem hohen Anſehen Ew. Gnaden beſitze; er frage einen Pfifferling nach den vornehmen Herrn und 140 Staatsmännern, der Strick des heiligen Franziskus halte auch die Degen gefeſſelt und.. „O der vermeſſene Mönch! wie heißt er?“ „Pater Criſtoforo aus*, ſagte Attilio, und wäh⸗ rend der Graf Oheim aus einem Käſtchen ein kleines Notizbüchlein nahm und unter vielem Gehuſte den armen Namen einſchrieb, fuhr ſein Reffe alſo fort:„Dieſer Mönch hat ſich von jeher ſo ungeberdig gezeigt: man kennt ſeinen Lebenslauf. Er war ein Plebejer, der ein paar Soldi beſaß und es deßhalb den Gdelleuten ſeines Orts gleich thun wollte; aus Wuth darüber, daß er immer den Kür⸗ zern zog, ermordete er Einen von ihnen, und, um dem Galgen zu entgehen, wurde er Mönch!“ „Bravo, ganz recht ſo! Wollen ſehen, wollen ſehen,“ ſagte der Graf Oheim unter fortwährendem Huſten. „Gegenwärtig nun,“ fuhr Attiliv fort,„iſt er noch wüthender als je, weil ihm ein Plan, der ihm gar ſehr am Herzen lag, zu nichte geworden iſt, und der Herr Oheim fann daraus ſehen, weß Geiſtes Kind er iſt. Er wollte nämlich jene ſeine Kreatur verheirathen: vielleicht, um ſie den Gefahren der Welt zu entziehen, Ihr verſteht mich ſchon, oder aus irgend einem andern Grund, kurz und gut, er wollte ſie verheirathen und er hatte bereits den den Mann gefunden, abermals eine Kreatur von ihm, ein Subjekt, das auch der Herr Oheim vielleicht, ja ſogar gewiß dem Namen nach kennen wird z denn ich bin überzeugt, daß der Geheime Rath ſich mit dieſem würdi⸗ gen Subjecte hat beſchäftigen müſſen!“ „Wer iſt es?“ 5 Ein, Seidenſpinner, Lorenzo Tramaglino, derſelbe⸗ der „Lorenzo Tramaglino!“ rief der Graf Oheim,„ei ſchön, mein wackerer Pater! Richtig, ſchön, ja in der That, er hatte einen Brief an einen.. Schade daß aber es macht Nichts; ſchon gut. Und warum hat der Herr Don Rodrigo mir von allem dem Nichts — — 141 geſagt? Warum läßt er die Sachen ſo weit kommen, warum wendet er ſich nicht an einen Mann, der ſowohl die Macht als den Willen hat, ihm zu helfen und ihn zu ſchützen?“— „Ich will Euch auch hier die reine Wahrheit ſagen. Einerſeits weil er weiß, wie viele Sorgen, wie viele Dinge der Herr Oheim im Kopfe hat(ieſer legte ſchnau⸗ fend die Hand darauf, als wollte er damit bezeichnen, wie viele Mühe ihm das Alles mache), hat er ſich gleichſam ein Gewiſſen daraus gemacht,“ fuhr Attilio fort,„Euch noch eine weitere Sorge aufzubürden, und dann, um Alles zu ſagen, iſt er, ſo weit ich die Sache durchſchauen konnte, über die Schamloſigkeiten dieſes Mönches dermaßen er⸗ bittert, aufgebracht und ihrer ſo überdrüſſig, daß er mehr Luſt hat, ſich ſelbſt auf irgend eine ſummariſche Weiſe Juſtiz zu verſchaffen, als auf dem regelmäßigen Weg durch die Klugheit und den Arm des Herrn Oheims zu ſeinem Rechte zu gelangen. Ich habe Waſſer auf's Feuer zu gießen verſucht, aber da ich ſah, daß das Ding übel ging, ſo habe ich's für meine Pflicht gehalten, den Herrn Oheim von Allem in Kenntniß zu ſetzen, da er ja doch am Ende das Haupt und die Stütze des Hauſes „Du hätteſt beſſer gethan, ein wenig früher zu ſprechen.“ „Das iſt wahr, aber ich hoffte immer, die Sache würde ſich von ſelbſt geben, oder der Mönch würde am Ende zu Verſtande kommen voder vielleicht auch dieſes Kloſter verlaſſen, wie es ja oft mit dieſen Mönchen geht, die bald da, bald dort ſind; und dann wäre Alles im Rei⸗ nen geweſen. Aber etzt iſt es alſo meine Sache, die Geſchichte wieder in's Geleis zu bringen.“ „Das habe ich auch gedacht. Ich habe zu mir ge⸗ ſagt: der Herr Oheim mit ſeiner weiſen Einſicht und ſei⸗ nem Einfluß wird ein Aergerniß wohl abzuwenden und zu gleicher Zeit Rodrigo's Ehre, die doch auch die ſeinige iſt, zu retten wiſſen. Dieſer Mönch, ſagte ich, bildei ſich 142 ungemein viel auf den Strick des h. Franziskus ein, aber um den Strick des h. Franziskus bei Gelegenheit nutzbar anzuwenden, muß man ihn nicht gerade um den Bauch gewickelt tragen. Der Herr Oheim beſitzt hundert Mittel, die ich nicht kenne; ich weiß, daß der Pater Provinzial, wie billig, große Ehrerbietung vor ihm hegt, und wenn der Herr Oheim glaubt, daß es in dieſem Fall das beſte Auskunftsmittel wäre, dem Mönch für eine Luſtverände⸗ rung zu ſorgen, ſo ſind zwei Worte...4 „Ueberlaſſe Ew. Gnaden das Demjenigen, dem es zukommt,“ ſagte der Graf Oheim ſcharf. „Ach, es iſt wahr!“ rief Attiliv mit einem Kopf⸗ ſchütteln und mitleidigen Lächeln über ſich ſelbſt.„Bin ich etwa der Mann, um dem Herrn Oheim Rathſchläge zu ertheilen! Aber der Eifer für den Ruhm der Familie hat mir dieſe Worte entlockt, und nun fürchte ich auch noch ein anderes Uebel geſtiftet zu haben,“ fügte er mit nachdenklicher Miene hinzu,„ich fürchte, daß ich Don Rodrigo in der Meinung des Herrn Oheims geſchadet haben könnte. Es würde mich untröſtlich machen, wenn ich Euch auf den Gedanken gebracht hätte, Rodrigo ſetze nicht all das Vertrauen in Euch und hege nicht all die Unterwürfigkeit gegen den Herrn Oheim, wozu er ver⸗ pflichtet iſt. Glaube der Herr Oheim, daß in dieſem Fall gerade „Nicht doch, nicht doch, wie ſolltet Ihr einander ſcha⸗ den wollen? Ihr werdet immer gute Freunde bleiben, bis auf einmal dem Einen oder Andern andere Gedanken kom⸗ men. Ihr liederliches, gottloſes Volk, Ihr müßt doch immer Werg an der Kunkel haben, und ich ſoll dann das Ding wieder gut machen; Ihr ich hätte da bald einen ungeſchickten Ausdruck gebraucht, Ihr zwei macht mir mehr zu ſchaffen, als— man denke ſich, wie er jetzt huſtete— als all die lieben Staatsgeſchäfte zu⸗ ſammen!“ ½ Attilio brachte noch einige Entſchuldigungen, noch 143 einige Verſprechungen und Schmeicheleien an; ſodann be⸗ urlaubte er ſich und ging, begleitet von einem: Man ſei vernünftig, welches die Formel war, die der Oheim ſeinen Reffen auf den Weg mitzugeben pflegte. Neunzehntes Capitel. Wenn Einer auf einem ſchlecht beſtellten Feld ein Unkraut, z. B. einen ſchönen Gartenampfer ſieht und ge⸗ nau wiſſen möchte, ob es von einem auf demſelben Felde gereiften Körnchen herrühre oder von einem Körnchen, das der Wind hergetragen oder ein Vogel fallen gelaſſen, der könnte lange daſtehen und darüber nachdenken, er würde doch nie zu einem befriedigenden Schluſſe gelangen. Ebenſo vermöchten auch wir nicht zu ſagen, ob aus dem natür⸗ lichen Boden ſeines eigenen Gehirns, oder aus Attilio's betreffender Bemerkung in dem Grafen Oheim der Ent⸗ ſchluß erwuchs, ſich des Paters Provinzial zu bedienen, um dieſen verwickelten Knoten auf die beſtmögliche Art zu durchhauen. Gewiß iſt, daß Attilio jene Bemerkung nicht bloß zufällig hingeworfen hatte, und obſchon er wohl er⸗ warten mußte, daß der mißtrauiſche Hochmuth des Grafen Oheim gegen einen ſo deutlichen Wink ſich empören werde, ſo wollte er doch den Gedanken an dieſes Auskunftsmittel für alle Fälle vor ihm aufblitzen laſſen und ihm den Weg andeuten, den er nach ſeinem Wunſch einſchlagen ſollte. Andererſeits ſtimmte dieſes Mittel ſo vollkommen mit der Gemüthsart des Grafen Oheim überein und war von den Umſtänden ſo klar vorgezeichnet, daß man wetten kann, er würde auch ohne alle fremde Eingebung daran gedacht und es ergriffen haben. Es handelte ſich darum, daß in einem nur allzu offenen Kriege ein Mann ſeines Namens, einer ſeiner Neffen, nicht unterliegen ſollte; es war dies ein höchſt 144 weſentlicher Punkt für den Ruf der Macht, der ihm ſo ſehr am Herzen lag. Die Genugthuung, welche ſich der Neffe ſelbſt nehmen konnte, hätte das Uebel nur noch ſchlimmer gemacht und eine Reihe mißlicher Umſtände nach ſich gezogen; man mußte ſie alſo unter jeder Bedingung und unverzüglich abzuwenden ſuchen. Wenn er ihm befahl, ſogleich ſeinen Landſitz zu verlaſſen, ſo würde er nicht ge⸗ horcht haben, und wenn er es gethan hätte, ſo war dies eine Räumung des Feldes, ein Rückzug der Familie vor einem Kloſter. Verordnungen, geſetzliche Macht, Schreck⸗ niſſe von dieſer Art helfen nichts gegen einen ſo geſtellten Gegner; die weltliche und die Ordensgeiſtlichkeit war von aller Gerichtsbarkeit des Laienſtandes vollkommen frei, und zwar nicht bloß die Perſonen, ſondern auch die Orte, die ſie bewohnten, wie auch Derjenige wiſſen muß, der etwa keine andere Geſchichte als dieſe hier geleſen hätte, in wel⸗ chem Falle er freilich ſchön daran wäre. Alles, was man gegen einen ſolchen Gegner vermochte, war, daß man ihn zu entfernen ſuchte, und das Mittel dazu war der Pater Provinzial, von deſſen Willkür das Gehen oder Bleiben des Mönchs abhing. Nun beſtand zwiſchen dem Pater Provinzial und dem Grafen Oheim eine alte Bekanntſchaft; ſie hatten ſich war ſelten geſehen, aber jedesmal unter großen Freund⸗ ſenfeteſengonen und maßloſen Dienſtanerbietungen. Und mitunter iſt es leichter, mit einem Manne fertig zu werden, der über viele Individuen zu gebieten hat, als mit einem einzigen von dieſen, das bloß ſeine eigene Sache im Auge hat, nur ſeiner eigenen Leidenſchaft Rechnung trägt und nur für ſeinen Vortheil ſorgt, während der andere hundert Verhältniſſe, hundert Beziehungen, hundert Intereſſen, hun⸗ dert zu vermeidende, hundert zu berückſichtigende Dinge auf einmal in's Auge faßt und die Sache von hundert Seiten angreifen kann. Nachdem er Alles reiflich überwogen, lud der Graf den Pater Provinzial zu einem Mittagsmahle ein und ließ 145⁵ ihn mit überfeiner Abſichtlichkeit einen auserleſenen Kreis von Gäſten finden. Es war dies eine Verſammlung von hochbetitelten Perſonen, von ſolchen, deren Geſchlechtsname allein ſchon ein hoher Titel war und die ſchon duich ihre Haltung, durch eine gewiſſe angeborene Sicherheit, durch eine vornehme Geringſchätzigkeit, womit ſie die wichtigſten Dinge in vertraulichen Ausvrücken beſprachen, immer, wenn ſie es auch gerade nicht abſichtlich thaten, einen gewiſſen Begriff von ihrer Ueberlegenheit und Macht hervorzurufen und aufzufriſchen wußten. Ferner einige Schützlinge der Familie, welche dem Hauſe durch eine erbliche Egebenheit und dem Haupte deſſelben durch eine lebenslängliche Dienſt⸗ barkeit zugethan waren und, indem ſie bei der Suppe an⸗ fingen, mit dem Mund, den Augen, den Ohren, mit dem ganzen Kopf, mit dem ganzen Leib, mit der ganzen Seele ja zu ſagen, beim Nachtiſch Einen ſo weit gebracht hat⸗ ten, daß er ſich nicht mehr errinnerte, wie man ſich anſtel⸗ len müßte, um nein zu ſagen. Bei Tafel führte der gräfliche Wirth das Geſpräch ſehr bald auf das Thema Madrid. Nach Rom führen mehrere Wege; ihn führten alle nach Madrid. Er ſprach von dem Hof, von dem Grafen⸗Herzog, von den Mi⸗ niſtern, von der Familie des Statthalters, von den Stier⸗ gefechten, die er ſehr gut beſchreiben konnte, weil er ſie von einem ausgezeichneten Platze aus genoſſen, vom Eſcurial, worüber er die genaueſte Auskunft zu geben wußte, weil ein Geſchöpf vom Grafen⸗Herzog ihn in allen Winkeln umhergeführt hatte. Eine Zeit lang war die ganze Ver⸗ ſammlung wie eine Zuhörerſchaft nur auf ihn allein auf⸗ merkſam, dann aber zerſpaltete ſie ſich in Privatgeſpräche, und der Graf Oheim fuhr jetzt fort, allerlei andere ſchöne Dinge wie im Vertrauen dem Pater Provinzial zu erzählen, der neben ihm ſaß und ihn immer nur reden und reden ließ. Aber bei einem gewiſſen Punkt gab er dem Geſpräch eine Wendung, zog es von Madrid und lenkte es von Hof zu Hof, von Würde zu Würde auf den Cardinal Barberini, Die Verlobten, I. 10 146 der Kapuziner und Bruder des vamaligen Papſtes Urban VII. war. Der Graf Oheim mußte nun ſemerſeits auch ein wenig reden laſſen, zuhören und ſich erinnern, daß doch am Ende in dieſer Welt nicht alle Leute für ihn allein da waren. Bald nach aufgehobener Tafel erſuchte er den Pater Provinzial, ſich mit ihm in ein anderes Zimmer zu verſügen. Zwei Mächte, zwei graue Scheitel, zwei vollendete Erfahrungen ſtanden ſich Stirn an Stirn gegenüber. Der vornehme Herr bat den ſehr ehrwürdigen Pater, ſich zu ſetzen, nahm gleichfalls Platz und begann:„Bei ver Freund⸗ ſchaft, die zwiſchen uns beſteht, habe ich mit Euch, ehr⸗ würdiger Pater, eine Angelegenheit beſprechen zu müſſen geglaubt, die uns Beide betrifft und unter uns abgemacht werden will, ohne daß man andere Wege einſchlägt, die veellercht.„Ich werde Euch alſo jetzt mit dem Herzen auf der Zunge unverblümt ſagen, um was es ſich handelt, und ich bin überzeugt, daß wir mit zwei Worten einig ſein werden. Sagt einmal, iſt nicht in Eurem Kloſter zu, Pescarenicv ein Pater Crſtrforo von***20 Der Provinzial nickte bejahend. „Jetzt, eh'würdiger Pater, ſagt mir einmal aufrichtig, als guter Freund dieſes Subject dieſer Pater von Perſon kenne ich ihn nicht, ich kenne aber ſonſt mehre e Väter Kapuziner, ganz gediegene Männer, voll Eifer, voll Einſicht und Demuth; ich bin von Kindheit auf ein Freund des Ordens geweſen„aber in jeder etwas zahlreichen Familie„ gibt es immer auch ein Individuum, einen Kopf. und dieſer Pater Criſivforo, das weiß ich aus gewiſſen Vorkommniſſen, iſt ein Menſch der gerne Händel ſucht„ der nicht all vie Klug⸗ heit beſitzt, nicht all die Rückſichten nimmt. ich wollte wetten, daß er Euch, ehrwürdiger Pater, ſchon mehr als ein mal zu ſchaffen gemacht hat.“ Ich begreife, es iſt ſo eine Art von Ehrenſache, dachte inzwiſchen der Provinzial bei ſich; meine eigene — — 147 Schuld; ich wußte doch, daß man dieſen verdammten Pater Criſtoforo von Kanzel zu Kanzel herumſchicken, nicht aber ſechs Wochen an einem Ort, zumal in Klöſtern auf dem Lande, laſſen muß. „O,“ ſagte er dann laut,„ich bedaure ungemein, hören zu müſſen, daß Cw. Magnificenz eine ſolche Mei⸗ nung von dem Pater Criſtoforo hegt, denn ſo viel ich da⸗ von weiß, iſt er ein Menſch im Kloſter ſelbſt erem⸗ plariſch und auch außerhalb allgemein geachtet.“ „Ich verſtehe ganz gut; Ew. Ehrwürden muß. indeß, indeß als auflichtiger Freund will ich Euch von einer Sache in Kenntniß ſetzen, die Ihr nothwendig er⸗ fahren müßt, und wenn Ihr ſchon davon wiſſet, ſo kann ich Euch, ohne meine Pllichten zu verletzen, auf gewiſſe Folgen aufmerkſam machen, die„ im Reiche der Mög⸗ lichfeit liegen... Ich ſage nicht mehr. Dieſer Pater Griſtoforo verlieh ſeinen Schutz einem Menſchen aus jener Gegend, einem Menſchen.. Ew. Ehrwürcen hat gewiß von ihm reden hören; es iſt derſelbe, der auf ſo ſcanda⸗ löſe Weiſe den Händen der Juſtiz entwiſchte, nachdem er an dem ſchrecklichen St. Martinstag Dinge begangen.. Dinge. Lorenzo Tramaglinv.“ O weh! dachte der Provinzial und ſagte dann:„Die⸗ ſer Umſtand iſt mir neu, aber Ew. Magnificenz weiß ja, daß ein Theil unſerer Pflicht eben darin beſteht, Verirrte aufzuſuchen, um ſie zurückzuführen.. „Ganz recht! aber der Umgang mit Verirrten von einer gewiſſen Art das ſind mißliche Dinge, bedenk⸗ liche Händel„ Und hier preßte er, ſtatt die Backen aufzublaſen und zu puſten, die Lippen zuſammen und zog ſo viel Luft ein, als er ſonſt bei ſeinem Puſten auszu⸗ ſtoßen pflegte. Dann fuhr er fort:„Ich habe es für zweckmäßig erachtet, Euch dieſen Wink zu geben, denn wenn je Se. Ercellenz. Es könnte ja nach Rom ein Bericht abgeſchickt worden ſein„ich weiß von nichts, und dann könntet Ihr von Rom aus.. 4 ² 148 „Ich bin Ew. Magnificenz ſür dieſe Warnung ver⸗ bunden; gleichwohl glaube ich feſt, daß es ſich, wenn man die nöthigen Erkundigungen einzieht, herausſtellen wird, daß Pater Criſtoforo mit dem genannten Menſchen keinen andern Umgang gehabt hat, außer ſo weit es ſeine Ab⸗ ſicht mit ſich brachte, ihm den Kopf zurechtzuſetzen. Den Pater Criſtoforo kenne ich.“ „Ihr wißt beſſer als ich, was für ein Subject er in der Welt war, und welche ſaubere Streiche er in ſeiner Jugend ausſührte.“ „Das eben iſt der Ruhm dieſes Gewandes, Herr Graf, daß ein Mann, der in der Welt vielleicht von ſich reden gemacht, ſobald er es anlegt, ein ganz anderer wird. Und ſeitdem Pater Criſtoforo dieſes Gewand nägt. „Ich möchte es gern glauben, ich ſage aufrichtig, ich möchte es gern glauben aber bisweilen, ſagt das Sprichwort„ bisweilen macht die Kutte nicht den Mönch.“ Das Sprichwort paßte nicht genau hierher, aber der Graf hatte es ſtatt eines andern angeführt, das ihm in 3 Sinn kam, nämlich die Katze läßt das Mauſen nicht. „Ich habe Anzeichen,“ fuhr er fort,„ich habe Be⸗ Weiſe „Wenn Ihr mit Beſtimmtheit wißt,“ ſagte der Pro⸗ vinzial, daß dieſer Mönch ſich irgendwie vergangen hat (wir können ja alle irren), ſo werde ich's Euch großen Dank wiſſen, wenn Ihr mich davon benachrichtiget. Ich bin Superior, unwürdiger Weiſe zwar, aber ich bin es eben um zu beſſern, um zu vermitteln.“ „Hört mich weiter an: außer dieſem verdrießlichen Umſtand, daß der genannte Pater dem eiwähnten Subject ſeinen Schutz verliehen hat, iſt noch eine andere unange⸗ nehme Sache dabei; welche leicht aber unter uns können wir Alles auf einmal beilegen. Es kommt näm 149 lich noch dazu, daß dieſer ſelbe Pater Criſtoforo mit benn Neffen Don Redrigo*** Händel angefangen at. „O, das thut mir leid! das thut mir in der That ſehr leid.“ „Mein Neffe iſt ein hitziger junger Mann, der ſich fühlt und nicht gewohnt iſt ſich reizen zu laſſen.“ „Ich werde es mir zur Pflicht machen, über einen ſolchen Fall genaue Erkundigungen einzuholen. Wie ich Ew. Magnificenz bereits geſagt habe, und bei Eurer großen Welterfahrung und Billigkeit kennt Ihr dieſe Dinge beſſer als ich, wir ſind alle von Fleiſch und Blut, dem Irrthum unterworfen, bald auf die eine, bald auf die an⸗ dere Art, und wenn unſer Pater Criſtoforo ſich vergan⸗ gen hat „Seht, ehrwürdiger Heir, das ſind, wie ich Euch ſchon ſagte, Dinge, die wir zwiſchen uns abmachen und hier in Vergeſſenheit begraben müſſen, denn wenn man zuviel darin herumſtöbert, ſo werden ſie nur noch ſchlimmer. Ihr wißt ja, wie es zugeht. Solche Zuſammenſtöße, ſolche Händel entſtehen zuweilen aus einer Kleinigkeit und können ſo weit führen, ſo weit kommen. Wollte man ihnen auf den Grund gehen, ſo käme man damit gar nicht zu Stande, oder es würden noch hundert andere Verwickelungen daraus ent⸗ ſtehen. Beſchwichtigen, abbrechen, ſehr eh würdiger Pater: abbrechen, beſchwichtigen, das iſt hier die wahre Methode. Mein Neffe iſt ein junger Mann;z der Mönch hat nach Allem, was ich höre, noch die ganze Sinnesart, die„. Neigungen eines jungen Mannes Und nun iſt es an uns, die wir bei unſern Jahren ſind(nur allzu ſehr, nicht wahr, ſehr ehrwürdiger Pater?), nun iſt es an uns, für die jun⸗ gen Leute Verſtand zu haben und ihre Ungeſchicklichkeiten wieder gut zu machen. Zu allem Glück iſt es noch Zeit dazu; die Sache hat keinen Lärm gemacht; man kann noch mit einem tüchtigen„principiis obsta“ durchgreifen. Man muß das Feuer vom Stroh abſondern. Zuweilen macht ſich ein Mönch, 15⁰ der an einem Orte nicht gut thut oder Widerwärtigkeiten verurſacht, an einem andern Orte ganz vortefftich. Ew. Hochwürden werden gewiß einen paſſenden Platz für dieſen Mönch auszufinden wiſſen. Es iſt auch noch der andere Umſtand dabei, daß er in ſchlimme Händel mit einem Manne gerathen könnte, dem es wohl lieb wäre, wenn er entferut würde: wenn man ihn alſo auf einen etwas ent⸗ fernten Poſten veiſetzt, ſo werden zwei Zwecke zugleich er⸗ reicht; es gleicht ſich dann Alles von ſelbſt aus oder, um mich noch richtiger auszudrücken, es wird kein Unheil an⸗ gerichtet.“ Dieſen Schluß hatte der Pater Provinzial ſchon von Anfang des Geſpräches an kommen geſehen.— Aha, dachte er bei ſich ſelbſt, ich ſehe, wozu Du mich gerne treiben möchteſt. So geht es immer; wenn ein armer Mönch mit einem von euch weltlichen Herren zuſammenſtößt vder ihm im Wege ſteht, dann ſoll ihm der Superior ſogleich, ohne zu unterſuchen, ob er Recht oder Unrecht hat, den Wan⸗ derſtab in die Hand geben.“ Und als der Graf ſchwieg und wieder einmal, was einem Ruhepunkte gleich kam, lang gepuſtet hatte, ſagte der Provinzial:„Ich begreife ſehr gut, was der Herr Graf ſagen will, aber bevor ich einen Schritt thne „Es iſt ein Schritt, und es iſt kein Schritt, ſehr ehr⸗ würdiger Pater; es iſt eine natürliche Sache, eine ganz gewöhnliche Sache, und wenn man nicht einſchreitet und zwar ſchnell, ſo ſehe ich eine Maſſe von Unannehmlichkei⸗ ten, eine ſchwere Menge von Unheil voraus. Ein dummer Streich. ich will zwar von meinem Niffen Nichts glauben ich ſtehe für ihn ein. aber wenn wir, nachdem die Sache einmal bis auf dieſen Punkt gediehen iſt, ſie nicht unverzüglich mit einem entſcheidenden Schlag abmachen, ſo iſt es nicht möglich, daß es dabei ſein Be⸗ wenden hat und daß ſie geheim bleibt.. und dann iſt es nicht mehr blos mein Neffe„ wir regen ein ganzes 151 Weſpenneſt auf, ſehr ehrwürdiger Pater; Ihr ſehet ſelbſt wir ſind eine Familie, wir haben Verbindungen. 6 „Der ausgezeichnetſten Art.“ „Ihr verſteht mich: es ſind lauter Leute, die Blut in ihren Adern haben und die auf dieſer Welt. Etwas vorſtellen. Da kommt noch der Ehrgeiz hinzu; es wird eine gemeinſchaftliche Sache; es kann, wenn man auch noch ſo frievlich geſinnt iſt.„ es wäre ein wahres Herze⸗ leid für mich, wenn ich mich„ wenn ich mich in den Fall verſetzt ſehen ſollte ich, der ich immer ſo große Zuneigung zu den Vätern Kaprzinern hatte! Um Gutes zu thun, wie ſie zur großen Erbauung des Publikums thun, bedürfen die Väter des Friedens, ſie dürfen keine Händel ſuchen, ſie müſſen in gutem Einverſtändniß ſtehen mit den⸗ jenigen, die„ und dann haben ſie auch wieder Ver⸗ wandte in der Welt.. dieſe verwünſchten Ehrenſachen, wenn ſie ſich nur ein Bischen in die Lange ziehen, ſo breiten ſie ſich aus, verwickeln die halbe Welt hinein. Ich befinde mich auf einem Poſten, welcher mir die Pflicht auferlegt, eine gewiſſe Würde zu beobachten Se. Er⸗ eellenz. meine Herren Collegen Alles wird zur Standesſache gemacht, beſonders da noch dieſer Nebenum⸗ ſtand damit verbunden iſt„ Ihr wißt ja, wie es in ſolchen Dingen zugeht.“ „Wahrhaftig,“ ſagte der Pater Provinzial,„Pater Criſtoforo iſt Piediger, und ich hatte ſchon einigermaßen daran gedacht„ Da fragt man mich eben nach einem guten Prediger aber in dieſem Augenblick, unter ſol⸗ chen Umſtänden könnte es als eine Strafe erſcheinen, und zwar als eine Strafe, der die gebührende Unterſuchung nicht vorangegangen wäre.“ „Ei, nicht doch! Gott bewahre! Es iſt bloß eine kluge Vorſichtsmaßregel, ein Auskunftsmittel, über welches wir übereingekommen ſind, um Unannehmlichkeiten abzu⸗ wenden, die vielleicht.„ ich habe mich erklärt.“ „Zwiſchen dem Herrn Grafen und mir kann die 152 Sache ſo angeſehen werden, das begreife ich. Aber wenn es damit die Bewandtniß hat, wie Ew. Magnificenz be⸗ richtet worden, ſo ſcheint es mir unmöglich, daß nicht in der Gegend Etwas davon verlautet haben ſollte. Es gibt überall Aufhetzer, Ruheſtörer, oder wenigſtens boshafte Neu⸗ gierige, die, wenn ſie Herren und Geiſtliche im Streit mit einander ſehen, eine dumme Freude daran häben, der Sache nachſpüren, ſie ausſchwatzen und an die große Glocke hän⸗ gen Jeder hat ſeine Würde zu wahren und ſo habe auch ich als(unwürdiger) Superior eine ausvrückliche Ver⸗ pflichtung. die Ehre des Gewandes„iſt nicht meine eigene Sache ſie iſt ein anvertrautes Gut, von welchem Ihr Herr Neffe könnte, da er ſo aufgeregt iſt, wie Ew. Magnificenz ſagt, die Sache als eine ihm zugeſſandene Genugthuung anſehen, und ich will nicht ſagen damit prahlen, darüber triumphiren, aber doch. „Treibt Ihr Scherz mit mir, hochwürdiger Herr? Mein Neffe iſt ein Edelmann und in der Welt nach Wür⸗ den und Verdienſt geſchätzt; aber mir gegenüber iſt er ein Knabe und wird nicht mehr und nicht weniger thun, als was ich ihm vorſchreibe. Ich will noch mehr ſagen: mein Neffe ſoll gar nichts von der Sache erfahren; was brau⸗ chen wir auch Rechenſchaft abzulegen? es ſind Dinge, die wir unter uns als Freunde abmachen, und dann bleibt Alles in Vergeſſenheit begraben. Macht euch darüber keine Gedanken. Ich muß ans Schweigen gewöhnt ſein.“ Und er puſtete.„Was die Schwätzer betrifft,“ fuhr er fort, „was können die zu ſagen haben? daß ein Mönch irgend anverswohin geſchickt wird, um zu predigen, iſt eine ſo ge⸗ wöhnliche Sache! und dann haben wir, die wir ſehen.. wir, die wir vorſehen. wir die wir, verpflichtet ſind... wir haben uns doch um ſolches Geſchwätze nicht zu küm⸗ mern.“ „Um inzwiſchen Allem zuvorzukommen, würde es gut ſein, wenn der Herr Neffe bei dieſer Gelegenheit, zu irgend einer Kundgebung, zu irgend einem öffentlichen Zeichen ſei⸗ 153 ner Freundſchaft, ſeiner Ehrerbietung ſich verſtände, nicht gegen uns, ſondern gegen das Gewand. „Ganz recht, das iſt nicht mehr als billig. in⸗ zwiſchen bedarf es deſſen nicht: ich weiß, daß mein Neffe den Kapuzinern immer mit der gebührenden Achtung be⸗ gegnet; er thut dies aus freier Neigung, es iſt ein Fa⸗ milienzug; und dann weiß er, daß es mir angenehm iſt. Im vorliegenden Fall übrigens iſt es nicht mehr als bil⸗ lig, daß irgend etwas Ausgezeichnetes geſchieht. Laßt nur mich machen, ſehr ehrwürdiger Pater; ich werde meinem Reffen befehlen d. h. man wird es ihm auf kluge Art zu verſtehen geben müſſen, damit er von dieſer Ver⸗ abredung zwiſchen uns nichts merkt. Ich wünſchte näm⸗ lich nicht, daß wir da ein Pflaſter auflegten, wo keine Wunde iſt. Was endlich unſere Verabredung betrifft, je ſchneller, deſto beſſer. Und wenn ſich irgend ein etwas ent⸗ fernter Ort fände, ſo daß recht eigentlich jede Gelegenheit benommen würde. „Man verlangt eben jemand nach Rimini von mir; und vielleicht hätte ich auch ohne andern Grund meine Augen auf „Sehr gelegen, ſehr gelegen und wann?. „Da die Sache einmal geſchehen muß, ſo ſoll ſie bald geſchehen.“ „Bald, bald, ſehr ehrwürdiger Pater; lieber heute als morgen. Und,“ fuhr er von ſeinem Sitz ſich erhe⸗ bend fort,„wenn ich und meine Angehörigen für unſere guten Väter Kapuziner Etwas thun können. „Wir kennen die Güte des Hauſes aus langer Er⸗ fahrung,“ ſagte der Pater Provinzial, indem er ſich gleich⸗ falls erhob und hinter ſeinem Sieger her nach der Thüre zuſchritt. „Wir haben einen Funken erſtickt,“ ſagte dieſer lang⸗ ſam voranſchreitend,„einen Funken, ſehr ehrwürdiger Pa⸗ ter, der einen großen Brand hätte hervorrufen können. 154 Unter guten Freunden macht man große Dinge mit zwei Worten ab.“ Bei der Thüre angelangt, öffnete er die Flügel weit und verlangte durchaus, daß der Pater Provinzial voraus⸗ gehen ſolle: ſie traten in das andere Zimmer und miſch⸗ ten ſich unter die übrige Geſellſchaft. Großen Eifer, große Kunſt, große Worte bot dieſer Herr auf, wenn er eine Sache betrieb: aber er brachte dann auch entſprechende Wukungen hervor. In der That gelang es ihm, mittelſt der ſoeben erzählten Unterredung den Pater Criſtoforo zu Fuß von Pescarenico nach Ri⸗ mini wandern zu laſſen, was eine ſchöne Strecke iſt. Eines Abends kommt ein Kapuziner aus Mailand nach Pescarenico und überbringt dem Pater Guardian ein Schreiben. Es iſt der Befehl für den Pater Criſtoforo, ſich nach Rimini zu begeben, wo er die Faſten predigen ſoll. Das Schreiben an den Guardian enthält die Wei⸗ ſung, beſagtem Mönch verſtehen zu geben, daß er jeden Gedanken an Geſchäfte, auf die er ſich in der zu verlaſ⸗ ſenden Gegend etwa eingelaſſen haben könnte, aufgeben und keine Korreſpondenz mit derſelben unterhalten ſolle; der Bruder Ueberbringer ſolle der Reiſegefährte ſein. Der Guardian ſagt am Abend nichts. Am Morgen läßt er Bruder Criſtoforo rufen, zeigt ihm den Befehl, ſagt ihm, er ſolle Pilgerſtab, Handkorb, Schweißtuch und Gürtel holen und mit dieſem Begleiter, den er ihm vorſtellte, als⸗ bald ſich auf den Weg machen. Man kann ſich denken, welch ein Schlag das für un⸗ ſern Mönch war. Renzo, Lucia, Agneſe fielen ihm ſo⸗ gleich ein, und er rief ſo zu ſagen bei ſich ſelbſt:—„O Gott, was werden dieſe Unglücklichen machen, wenn ich nicht mehr da bin!— aber bald erhob er ſeine Augen zum Himmel und machte ſich Vorwürfe, daß er in ſeinem Vertrauen gewankt und ſich eingebildet habe zu irgend et⸗ was nothwendig zu ſein. Er legte zum Zeichen des Gehor⸗ ſams die Hände kreuzweis auf die Bruſt, neigte ſein Haupt 155 vor dem Pater Guardian, welcher ihn ſodann auf die Seite nahm und ihm, den Worten nach als guten Rath, dem Sinn nach aber als Befehl, jene andere Weiſung mit⸗ theilte. Bruder Criſtoforo ging in ſeine Zelle, nahm den Korb, legte das Brevier, ſeine Faſtenpredigt und das Brod der Verzeihung hineinz ſodann umgürtete er ſeine Lenden mit einem ledernen Strick, verabſchiedete ſich von ſeinen Mitbrüdern, die im Kloſter wanen, ging zuletzt noch zum Guardian, um deſſen Segen in Empfang zu nehmen, und ſchlug hierauf mit ſeinem Begleiter den Weg ein, der ihm vorgeſchrieben war. Wir haben geſagt, daß Don Rodrigo, von einem immer ſärfern Drang beſeelt, ſein ſchönes Unternehmen zu Ende zu führen, ſich entſchloſſen hatte, den Beiſtand eines furcht⸗ baren Mannes in Anſpruch zu nehmen. Von dieſem ver⸗ mögen wir weder Zunamen, noch Geſchlechtsnamen, noch einen Titel, ja nicht einmal irgend eine Vermuthung über das Alles anzugeben, was um ſo ſeltſamer iſt, als wir den Mann in mehr als einem Buche(gedruckten Büchern ſage ich) aus jener Zeit erwähnt finden. Daß es dieſelbe Perſon iſt, darin geſtattet die Uebereinſtimmung der That⸗ ſachen keinen Zweifel; aber allenthalben zeigt ſich eine eifrige Bemühung, dem Namen zu entgehen, wie wenn er die Feder, die Hand des Schreibers hätte verbrennen müſ⸗ ſen. Francesco Rivola, der in ſeiner Biographie des Cardinals Federigo Boromeo von dieſem Manne zu ſpre⸗ chen hat, nennt ihn einen ſowohl durch Reichthum mäch⸗ tigen als durch Geburt edeln Herrn, weiter nicht. Giu⸗ ſeppe Rivamonti, der im fünften Buch der fünften Decade ſeiner storia patria ausführlicher ſeiner gedenkt, nennt ihn„einer, der, jener, dieſer Mann, dieſe hohe Perſon.“ „Ich werde,“ ſagt er in ſeinem ſchönen Latein, aus wel⸗ chem wir überſetzen, ſo gut es uns gelingen will,„den Fall eines Mannes erzählen, der zu den Vornehmſten un⸗ ter den Großen der Stadt gehörte und ſeine Wohnung auf einem Landſitze genommen hatte, wo er ſich durch eine 156 Menge von Verbrechen ſicher ſtellte und die Urtheile, di Nichter, alle Obrigkeit und Regierung für nichts achtete. Auf der äußerſten Grenze des Staates wohnhaft, führte er ein ganz unabhängiges Leben, nahm Verbannte bei ſich auf, war eine Zeit lang ſelbſt verbannt, kehrte aber her⸗ nach ungefährdet zurück. Von dieſem Schriftſteller werden wir in der Folge noch einige Stellen entnehmen, die uns gerade paſſen, um die Erzählung unſers anony⸗ men Autors, mit welchem wir nunmehr vorangehen, zu beſtätigen oder klarer zu machen. Dasjenige zu thun, was durch die Staatsgeſetze ver⸗ boten, oder durch irgend eine Gewalt verwehrt war; den Schiedsrichter, den Schutzherrn in fremden Angelegenhei⸗ ten zu machen, ohne ein anderes Intereſſe als die Luſt 3 befehlen; von Allen gefürchtet zu werden, Denjenigen Re⸗ ſpect einzuflößen, welche gewohnt waren, ihn von Andern zu verlangen, das waren zu jeder Zeit die Hauptleiden⸗ ſchaften dieſes Menſchen geweſen. Schon von Jugend auf empfand er beim Schauſpiel und dem größen Lärm von all den Gewaltthätigkeiten, all den Bedruckungen, all den Weltſtreitigkeiten, ſowie beim Anblick ſo vieler Tyrannen ein gemiſchtes Gefühl von Aerger und ungeduldigem Neid. So lange er in ſeiner Jugend in der Stadt lebte, ließ er keine Gelegenheit vorüber, ſondern ſuchte vielmehr immer ſolche auf, um mit den berüchtigſten dieſes Handwerks in Händel zu gerathen, ſich ihnen in den Weg zu ſtellen, ſich mit ihnen zu meſſen und ſie zu bezwingen, oder ſie ſo weit zu treiben, daß ſie um ſeine Freundſchaft buhlten⸗ Da er den meiſten an Reichthum, ſo wie an zahlleichem Gefolge, Allen vielleicht an Kühnheit und Kraft überlegen war, ſo nöthigte er Viele von jedem Wetteifer abzuſtehen, richtete Manchen übel zu und hatte Viele zu Freunden, nicht jedoch zu Freunden auf gleichem Fuß, ſondern nur, wie jie allein ſeinem frevelhaften und ſtolzen Gemüth wohl⸗ gefällig ſein fonnten, zu untergeordneten Freunden, die aus ihrer Abhängigkeit von ihm kein Hehl machten und — 157 ihm in jeder Beziehung den Vortritt ließen. In der That jedoch kam es ſo weit, daß er ſelbſt der Sclave und das Werkzeug all dieſer Leute wurde, denn ſie ermangelten nicht bei ihren Unternehmungen die Hülfe eines ſo mäch⸗ tigen Bundesgenoſſen anzuſprechen, und dann hätte er ſich ihnen nicht entziehen können, vhne ſeinem Ruf zu ſchaden und ſeiner Stellung zu vergeben. Envlich aber trieb er es auf eigne wie auf fremde Rechnung ſo weit, daß weder ſein Name, noch ſeine Verwandtſchaft, noch ſeine Freunde, noch ſein vermeſſener Trotz gegen die öffentlichen Befehle und gegen ſo vielfältigen, mächtigen Haß mehr ausreich⸗ ten und er das Feld räumen, den Staat verlaſſen mußte. Ich glaube, daß auf dieſen Umſtand ein merkwürdiger Zug hindeutet, den Ripamonti erzählt:„Einmal, als er das Land räumen mußte, zeigte er dabei ſolche Heimlichkeit, Ehrerbietung und Schüchternheit, daß er zu Pferde mit einem Gefolge von Hunden unter Trompetenſchall durch die Stadt zog und, als er am Regierungspalaſte vorüber⸗ kam, den Wachen eine Botſchaft von Schmähungen an den Statthalter hinterließ.“ Auch während ſeiner Abweſenheit ließ er von ſeinen Ränken nicht ab und hob den Verkehr mit jenen Freunden, die, um Ripamonti wörtlich zu überſetzen, in einem geheimen Bund zu abſcheulichen Rathſchlägen und ruchloſen Dingen mit ihm vereint blieben, nicht auf. Es ſcheint auch, daß er damals in höhern Regionen gewiſſe neue furchtbare Verbindungen anknüpfte, von denen oben erwähnter Schrift⸗ ſteller mit geheimnißvoller Kürze ſpricht. Auch einige auswärtige Fürſten bedienten ſich mehrmals ſeiner Hülfe zu irgend einem wichtigen Morde und mußten ihm öfters aus der Ferne Verſtärkungsmannſchaft ſchicken, die unter ſeinem Befehle diente. Zuletzt(man weiß nicht nach wie langer Zeit), ſei es nun, daß der Bann durch irgend eine mächtige Ver⸗ mittlung aufgehoben wurde, oder ſei es, daß ſeine eigene Vermeſſenheit ihm jede andere Erlaubniß erſetzte, beſchloß 158 er nach Haus zurückzukehren und kehrte wirklich zurüch freilich nicht nach Mailand, ſondern auf eine ihm lehns⸗ rechtlich angehörige Burg, auf der Grenze des Berga⸗ maekiſchen Gebiets, welches damals, wie Jedermänniglich weiß, unter venetianiſcher Herrſchaft ſtand, und hier ſchlug er ſeinen Wohnſitz auf. Dieſes Haus(ich citire abermals Ripamonti) war gleichſam eine Werkſtätte von Blutbefeh⸗ len; die Diener waren zum Tode vermtheilte Verbrecher und Halsabſchneider, weder Koch noch Küchenjungen waren der Pflicht des Mordens überhoben, ſelbſt dief Hände der Kinder waren blutbefleckt. Außer dieſer ſchö⸗ nen Hausdienerſchaft hatte er, wie deiſelbe Geſchichts⸗ ſchreiver verſichert, noch eine Bande von ähnlichen Sub⸗ jecten, die an verſchiedenen Orten der beiden Staaten, an deren Grenze er wohnte, gewiſſermaßen einquartiert lagen, und zu jeder Zeit ſeinen Befehlen bereit ſtanden. Sämmtliche Tyrannen in weitem Umkreis hatten, der eine bei dieſer, der andere bei einer andern Gelegenheit zwiſchen der Freundſchaft und Feindſchaft dieſes außervr⸗ dentlichen Tyrannen wählen müſſen. Aber den erſten, welche Widerſtand verſucht hatten, war die Sache ſo übel, bekommen, daß Niemand mehr in dieſe Verſuchung geriech⸗ Auch ſolche, die ſich lediglich auf ihre eigenen Angelegen⸗ heiten beſchränken und ganz allein auf ihren eigenen Füßen ſtehen wollten, konnten ſich nicht unabhängig von ihm er⸗ halten. Da kam einer ſeiner Boten zu ihnen und bedeu⸗ tete ihnen, ſie ſollten von dieſem oder jenem Unterneh⸗ men abſtehen, ſie ſollten aufhören, dieſen oder jenen Schuld⸗ ner zu beläſtigen, oder ähnliche Dinge; man mußte entweder ja oder nein antworten. Wenn ein Theil mitß vaſallenmäßiger Huldigung irgend eine Angelegenheit ſei⸗ nem ſchiedsrichterlichen Urtheil anheimgeſtellt hatte, ſo be⸗ fand ſich der andere Theil in. der herben Nothwendigkeit, ſich entweder ſeinem Ausſpruche zu fügen, oder ſich als ſeinen Feind zu erklären, was, wie man zu ſagen pflegte, dem dritten Stadium der Schwindſucht gleich kam. Viele, — 159 die Unrecht hatten, nahmen ihre Zuflucht zu ihm, um thatſächlich Recht zu bekommen; Viele, die wirklich Recht hatten, wendeten ſich gleichfalls an ihn, um ſich eines ſo mächtigen Schutzes zum Voraus zu verſichern und dem Gegner den Zutrut abzuſchneiden; die Einen wie die An⸗ dern aber wurden im höchſten Grade abhangig von ihm. Zuweilen geſchah es, daß ein Schwacher, der von einem Mächtigen unterdruckt und gequält wurde, in der Buter keit ſeines Herzens ſich an ihn wandte, in welchem Fall er dann die Partei des Schwachen ergriff, den Gewaltthäti⸗ gen zwang, von ſeinen Beleidigungen abzulaſſen, ſein Unrecht wieder gut zu machen, ſich zu Entſchulvigungen zu erniedrigen, oder wenn er ſich widerſpenſtig zeigte, ſo züchtigte er ihn, zwang ihn, die Orte zu meiden, die er tyranniſirt hatte, oder ließ ihn auch noch duch eine ſchnel⸗ lere und furchtbarere Strafe büßen. Und in ſolchen Fäl⸗ len war dieſer ſo gefürchtete und verabſcheute Nane wohl auch einen Augenblick geſegnet worden; denn ich ſage nicht, dieſe Gerechtigkeit, ſondern die Abhülfe, dieſe Wiever⸗ vergeltung, wie ſie nun auch war, hätte man bei den de maligen Zeitumſtänden von keiner andern öffentlichen, oder Privatgewalt erlangen können. Häufiger, ja ſogar gewöhnlich war ſeine Gewalt vie Dienerin unbilliger Wünſche, grauſamer Befriedigungen, ſchmachvoller Launen geweſen. Aber die ſo verſchiedenartige Anwendung dieſer Gewalt, brachte immer eine und dieſelbe Wirkung hervor, nämlich daß ſie den Gemüthern einen hohen Begriff von dem ein⸗ ſtößte, was er der Gerechtigkeit wie der Ungerechtigkeit zum Trotz, zwei Dinge, weiche dem Willen der Menſchen ſo viele Hinderniſſe in den Weg legen und ſie ſo vft zur umkehr nörhigen, wellen und ausführen konnte. Der Ruf der gewöhnlichen Thrannen blieb meiſtens auf die kleine Strecke Landes beſchränkt, wo ſie gewöhnlich wohnten vver häufig ſich aufhielten, um ihr Bedrückungswerk auszuüben; jeder Bezirk hatte die ſeinigen und ſie glichen einander ſo, daß kein Grund vorhanden war, warum die Leute ſich 160 mit denjenigen hätten beſchäftigen ſollen, von denen ſie nicht unmittelbar bevrückt und mißhandelt wurden. Aber der Ruf dieſes unſers Tyrannen war ſchon längſt über alle Winkel des mailändiſchen Gebiets verbreitet: allenthal⸗ ben war ſein Leben ein Gegenſtand der Erzählungen unter dem Volke, und ſein Name bedeutete etwas überaus Mäch⸗ tiges, Unheimliches, Fabelhaftes. Ueberall vermuthete man ſeine Spießgeſellen und Meuchelmörder, und auch dieß trug dazu bei, ſein Andenken überall friſch zu eihalten⸗ Es blieb freilich bei den argwöhniſchen Vermuthungen; denn wer hätte eine ſolche Abhängigkeit offen eingeſtan⸗ den? Aber jever Tyrann konnte ſem Bundesgenoſſe, jeder Mordbruder konnte einer ſeiner Söldlinge ſein, und die Ungewißheit ſelbſt machte die Meinung noch verbreiteter, und die Angſt vor der Sache noch unheimlicher. So vft man irgendwo unbekannte und außergewöhnlich abſchreckende Figuren von Banditen zum Vorſchein kommen ſah, bei jeder außerordentlichen Frevelthat, deren Urheber man nicht alsbald bezeichnen oder errathen konnte, nannte man mur⸗ melnd den Namen dieſes Mannes, welchen wir, Dank ſei es dieſer geſegneten, um nichts Anderes zu ſagen, Behut⸗ ſamkeit unſerer Autoren, den Vorgenannten zu nennen gezwungen ſein werden. Von ſeinem kleinen Kaſtell bis zu dem Burgſchloß Don Rodrigo's, waren es nicht mehr als fieben Miglien, und letzterer war nicht ſobald ſelbſtſtändiger Herr und Tyrann geworden, ſo hatte er ſich auch überzeugen müſſen, daß es mit einer ſo gewaltigen Perſon in ſo geringer Entfernung nicht möglich war dieſes Gewerbe zu treiben, ohne mit ihm handgemein zu werden, oder ein Einver⸗ ſtändniß abzuſchließen. Deßhalb hatte er ſich ihm ange⸗ boten und war ſein Freund geworden, natürlich in der⸗ ſelben Art wie alle Andern; er hatte ihm mehr als einen Dienſt erwieſen(näher läßt ſich das Manuſeript nicht darüber aus), und er hatte jedesmal Verſprechungen von Gegendienſten und Hülfe unter allen Umſtänden mit nach 16¹ Hauſe bekommen. Inzwiſchen ließ er ſich's ſehr angelegen ſein, eine ſolche Freundſchaft zu verheimlichen, oder we⸗ nigſtens nicht merken zu laſſen, wie und von welcher Art ſie ſei. Don Rodrigo wollte allerdings auch den Tyran⸗ nen ſpielen, aber die Sache doch nicht gar zu toll treiben; dieß Gewerbe war für ihn ein Mittel, nicht ein Zweck; er wollte frei in der Stadt leben, die Bequemlichfeiten, die Vergnügungen und die Ehren des bürgerlichen Lebens genießen, und deßhalb mußte er gewiſſe Rückſichten neh⸗ men, ſich ein wenig in ſeine Verwandtſchaft fügen, mit hochgeſtellten Perſonen Freundſchaft pflegen, eine Hand an der Wage der Gerechtigkeit halten, um ſie nöthigenfalls nach ſeiner Seite hin ausſchlagen zu machen, oder ſie gänzlich zu beſeitigen, oder auch um damit gelegentlich dieſen oder jenen, der auf ſolche Art leichter als mit den Waffen der gewaltſamen Selbſthülfe bezwungen werden konnte, auf den Kopf zu treffen. Natürlich würde ihm ſeine Vertrautheit oder, um uns genauer auszudrücken, ſein Bund mit einem Menſchen dieſer Art, mit einem offnen Feind der Staatsgewalt, in Mailand ſelbſt und na⸗ mentlich bei dem Grafen Oheim kein gutes Spiel gemacht haben. Gleichwohl konnte der Theil einer ſolchen Freund⸗ ſchaft, der ſich nicht verbergen ließ, als eine unerläßliche Gefälligkeit gegen einen Mann, deſſen Feindſchaft allzu gefährlich war, gelten und ſomit in der Nothwendigkeit eine Entſchuldigung finden; denn wer die Pflicht übernommen hat vorzuſorgen, aber keine Luſt dazu hegt, oder die Mit⸗ tel dazu nicht findet, der läßt es ſich in die Länge gefallen, daß ein Anderer bis auf einen gewiſſen Grad ſelbſt für ſeine Angelegenheiten ſorgt, und wenn er nicht aus⸗ drücklich ſeine Einwilligung gibt, ſo drückt er wenigſtens ein Auge zu. Eines Morgens ritt Don Rodrigo in ſeinem Jagd⸗ aufzug mit einem kleinen Gefolge von Banditen, welche zu Duß waren, der Graue an ſeinem Steigbügel und Die Verlobten, IM. 11 von Klüften und Schlünden, die ſich ſowohl hinter ihr, 162 vier andere hinter ihm, von ſeiner Burg aus und ſchlug den Weg nach der Feſtung des Ungenannten ein. Zwanzigſtes Capitel. Die Burg des Ungenannten lag über einem ſchmalen, ſchattigen Thale, auf dem Gipfel einer Anhöhe, die aus einer rauhen Bergkette hervorragt, und durch eine Maſſe von Felsklippen oder Abhängen, ſowie durch ein Labyrinth als ſeitwärts befanden, es läßt ſich kaum unterſcheiden, ob mit derſelben verbunden oder von ihr getrennt iſt. Die Seite nach dem Thale zu iſt die einzig zugängliche, ein ziemlich ſteiler und gleichmäßig fortlaufender Abhangz auf der Höhe Weideland, weiter nach unten zu Ackerfeld, da und dort auch mit ve einzelten Wohnungen bederkt. Der Grund iſt ein Bett von großen Kieſeln und mitten hin⸗ dmch fließt, je nach der Jahreszeit, ein kleiner Bach oder ein großer Strom, welcher damals die Grenze der beiden Gebiete ausmachte. Die gegenüber liegenden Gipfel, die ſo zu ſagen die andere Thalwand bilden, haben gleichfalls einen allmälig geſenkten Fuß, der eine Strecke weit bebaut iſt; das Uebrige beſteht aus Klippen und Geſtein, aus jähen Abſürzen, die unwegſam und mit Ausnahme einigen Strauchwerks in den Ritzen und Erderhöhungen, gänzlich kahl ſind. Von der Höhe dieſer kleinen Burg herab beherrſchte, wie der Adler von ſeinem blutgetränkten Neſte aus, dieſer wilde Edelmann die ganze Gegend in der Runde, ſo weit nur ein menſchlicher Fuß gelangen konnte, und über ſei⸗ nem Haupte hörte er Nichts mehr ſich regen. Mit einem Blick ſeiner Augen durchſchweifte er die ganze Einöde, die Klüfte, den Thalgrund, die in demſelben angelegten Wege⸗ 163 Derjenige, der ſich im Zickzack zu dieſem Wohnſitz des Schreckens emporwand, lag wie ein geſchlängeltes Band vor ibm, wenn er hinabſchaute. Von den Fenſtern und den Schießſcharten aus konnte der Herr ganz gemächlich die Schrite des Heraufkommenden zohlen und hundertmal auf ihn anlegen. Selbſt wenn ein großer Trupp gegen ihn angerückt wäre, ſo hätte er mit der Beſatzung von Bravi, die er da oben hielt, gar Manchen auf dem Fuß⸗ pfad niederſtrecken oder in die Tiefe hinabſtürzen können, ehe ein Einziger den Gipfel erreicht hätte. Uebrigens er⸗ kuhnte ſich Riemand, ich will nicht ſagen bis an die An⸗ höhe ſelbſt, ſondern überhaupt nur in das Thal einen Fuß zu ſetzen, wenn er nicht mit dem Burgherrn gut ſiand. Der Häſcher vollends, der ſich hier hätte blicken laſſen, wäre wie ein in einem Lager aufgefangener, feind⸗ licher Spion behandelt worden. Man erzählte ſich tragiſche Geſchichten von den letzten, die ſich zu dem Wageſtück her⸗ gegeben hatten; aber es waren dies ſchon alte Geſchichten, und von den jüngeren Thalbewohnern erinnerte ſich keiner, einen Menſchen dieſes Schlags, ob nun lebendig oder todt, geſehen zu haben. Solcher Art iſt die Beſchreibung, die uns der Ano⸗ nymus von dem Orte gibt: vom Namen ſagt er Nichts, und um uns ſogar nicht einmal eine Spur zu hinterlaſſen, die darauf führen könnte, erzählt er gar Nichts von der Rieiſe Don Rodrigo's, ſondern verſetzt ihn mit einem Sprung mitten in's Thal, an den Fuß der Anhöhe, an den Anfang des ſteilen und gewundenen Fußpfads. Dort war eine Schenke, die man auch ein Wachthaus hätte nennen können. Ueber der Thüre hing ein altes Schilv, das auf beiden Seiten eine gemalte, ſtrahlende Sonne zeigte; aber die öffentliche Stimme, welche die Namen zu⸗ weilen ſo wiederholt, wie ſie ihr angegeben werden, zuwei⸗ hn ſie aber auch nach ihrer eigenen Art ummodelt, be⸗ dieſe Schenke nur mit dem Namen der übeln acht. 11* 164 Bei dem Getöſe von herannahenden Roſſehufen er⸗ ſchien auf der Schwelle ein mit Meſſern und Piſtolen wohlbewaffneter böſer Bube, und nachdem er einen Blick hinausgeworfen, ging er hinein, um drei Banditen zu be⸗ nachrichtgen, die am Tiſche mit ſchmutzigen, dachziegelartg zuſammengebogenen Karten ſpielten. Derjenige, der der vornehmſte unter ihnen zu ſein ſchien, ſtand auf, trat an die Thüre, und als er einen Freund ſeines Herrn erkfaunte, ſo verbeugte er ſich. Don Rodrigo eiwiederte den Guß ſehr höfch, fragte, ob der Herr ſich auf der Burg befinde, und nachdem ihm der Rottenführer geantwortet hatte, er glaube ja, ſtieg er von ſeinem Pferde und warf die Zügel dem Tieffer, einem Bravo aus ſeinem Gefolge, zu. St⸗ dann nahm er ſeine Büchſe vom Hals und händigte ſie dem Beigſpringer ein, wie wenn er ſich einer unnöthigen Loſt entledigen wollte, um ſchneller hinaufzukommen, Wahrheit aber, weil er wohl wußte, daß es nicht erlaubt war, mit einer Büchſe dieſen Pfad hinanzuſteigen. Dann nahm er einige Berlingen aus der Taſche und gab ſe dem Grubenmann mut den Worten: Ihr eiwattet m hier; inziſchen könnt Ihr Euch mit dieſen braven Leuten da ein wenig luſtig machen. Endlich holte er einige Goldſeudi hervor und überreichte ſie dem Korporal mit dem Bedeuten, daß er die Hälfte für ſich behalten, di andere Halfte unter ſeine Leute vertheilen möge. Endli begann er mut dem Grauen, der ſeine Büchſe gleichfals abgelegt hatte, zu Fuß den Berg hinanzuſteigen. Inzwiſche blieben die drer genannten Bravi und der Zerfleiſcher, welchet der vierte war(man ſieht, die Namen waren ſchön genus und veidienten es wohl, ſo ſorgfättig aufbewahrt zu wer⸗ den) bei den Banditen des Ungenannten und dem zum Galgen herangezogenen Buben zuück, und vertrieben ſich die Zeit mit Spielen, Saufen und gegenſeitiger Erzählung ihrer Heldenthatén. Ein anderer Soldknecht des Ungenannten, der ben falls hmanſtieg, holte Don Rodrigo bald darauf ei 3 165 ſchaute ihn ſcharf an, erkannte ihn und leiſtete ihm Ge⸗ ſellſchaft, wodurch ihm der Verdruß erſpart wurde ſeinen Namen ſagen, und allen Andern, denen er begegnet wäre und die ihn nicht gekannt hätten, von Neuem Auskunft über ſich ertheilen zu müſſen. Vor der Burg angelangt und eingelaſſen(der Graue mußte jedoch draußen bleiben), führte man ihn durch ein Labyrinth von finſteren Gängen, ſowie durch mehrere Sale, die mit Musketen, Säbeln und Fartiſanen austapeziert waren, und in deren jedem ein Bravo Wache hielt; endlich nach einigem Warten wurde er in denjenigen eingelaſſen, wo der Ungenannte ſich befand. Dieſer ging ihm entgegen und erwiederte ſeinen Gruß; zugleich aber maß er ihn von Kopf zu Fuß und ſchaute ihm ſcharf auf die Hände ſowie ins Geſicht, was er aus Gewohnheit und nunmehr beinahe unwillkürlich mit Jedem that, der zu ihm kam, ſelbſt wenn er zu ſeinen älteſten und bewährteſten Freunden gehörte. Er war von hoher Statur, hager, kahlköpfig; beim erſten Anblick hätten dieſe Kahlheit, das Grau der wenigen ihm verhliebenen Haare und die Runzeln des Geſichts, auf ein hoch in die ſechziger Jahre, die er jedoch kaum überſchritten hatte, vorgerücktes Alter ſchließen laſſen: ſeine Haltung und ſeine Bewegun⸗ gen aber, die ſtarre Härte ſeiner Züge und ein unheim⸗ liches Feuer, das aus ſeinen Augen funkelte, verkündeten eine körperliche ſowohl als geiſtige Munterkeit, die ſelbſt bei einem Jüngling außerordentlich geweſen wäre. Don Rodrigo ſagte, er komme, um ſich Rath und Beiſtand zu erholen; in einem mißlichen Handel begriffen, aus dem er ſich Ehren halber nicht zurückziehen könne, habe er ſich der Verſprechungen eines Mannes erinnert, welcher niemals zuviel und nie ohne Erfolg verſpreche, und nun ſetzte er ihm ſein ruchloſes Unternehmen ausein⸗ ander. Der Ungenannte, der bereits Etwas, aber nichts Genaues davon wußte, hörte ſeinen Vortrag aufmerkſam an, theils weil er ſolche Geſchichten liebte, theils weil in 166 dieſe hier ein ihm bekannter und im tiefſten Herzen ver⸗ haßter Name verwickelt war, der Name des Paters Criſto⸗ foro, der ſich in Worten ſowohl als auch, ſo oſt er konnte, in der That als offener Feind der Tyrannen gezeigt hatte. Der Erzähler begann ſofort abſichtlich die Schwierigkeiten des Unternehmens zu übertreiben: die Entfernung des Or⸗ tes, ein Kloſter, die Domina!... Hier unterbrach ihn der Ungenannte, gleich als hätte ein in ſeinem Herzen verſteck⸗ ter böſer Geiſt es ihm befohlen, plötzlich mit den Worten, er nehme die Sache auf ſich. Er ſchrieb ſich den Namen unſerer armen Lucia auf, und entließ Don Rodrigo mit dem Bedeuten:„Ihr werdet binnen Kurzem Nachricht von mir haben, was Ihr zu thun habt.“ Wenn der Leſer ſich jenes unſeligen Egidio erinnert welcher neben dem Kloſter wohnte, in das unſere arme Lucia ſich geflüchtet hatte, ſo wiſſe er jetzt, daß derſelbe einer der vertrauteſten und engverbundenſten Genoſſen war, die der Ungenannte zu ſeinen Ruchloſigkeiten beſaß, und eben deshalb hatte dieſer auch mit ſo raſcher Entſchloſſen⸗ heit ſein Verſprechen abgegeben. Inzwiſchen war er kaum wieder allein, als er, ich will nicht ſagen bereute, aber ſich doch ärgerte, daß er ſich auf die Sache eingelaſſen. Schon ſeit einiger Zeit begann er, wo nicht Gewiſſens⸗ biſſe, ſo doch einen gewiſſen Ueberdruß an ſeinem jrevel⸗ haften Wandel zu empfinden. All dieſe vielen Gräuel⸗ thaten, die ſich, wo nicht in ſeinem Gewiſſen, ſo doch in ſeinem Gedächiniſſe aufgehäuft hatten, erwachten bei jeder neuen, die er beging, und traten widerlich in allzu großer Anzahl vor ſein Gemüth: es war, wie wenn eine bereits beſchwerliche Laſt noch immer ſchwerer wird. Ein gewiſ⸗ ſer Wiverwille, den er bei ſeinen erſten Verbrechen em⸗ pfunden, hernach aber überwunden und beinahe gänzlich zum Schweigen gebracht hatte, machte ſich jetzt von Neuem fühlbar. Aber in jenen erſten Zeiten erfüllten das Bild einer langen, unbeſtimmten Zukunft, ſowie das Gefühl einer friſchen Lebenskraft ſeine Seele mit gedankenloſer Zu⸗ ———— 167 verſicht: jetzt dagegen waren die Gedanken an die Zukunſt diejenigen, welche ihm die Vergangenheit am läſtigſten machten. Altwerden! Sterben! Und dann?— Und wie bemerkenswerth! Das Bild des Todes, das bei einer na⸗ hen Gefahr einem Feinde gegenüber die Lebensgeiſter die⸗ ſes Mannes mit verdoppelter Kraft zu erfüllen und ihm einen muthvollen Zorn einzuflößen pflegte, eben dieſes Bild verſetzte ihn jetzt, wenn es in der Stille der Nacht, in der Sicherheit ſeiner Burg vor ihn trat, in eine plötzliche Beſtürzung, Es war dies nicht der von einem gleichfalls ſierbenden Feinde angedrohte Tod; er ließ ſich nicht mit ſtärkern Waffen und einem raſcherern Arme abwehren; er kam allein, er erzeugte ſich von Innen; er war viel⸗ leicht noch fern, aber er that jeden Augenblick einen Schritt, und während der Geiſt ſich ſchmerzlich abkämpfte, um den Gedanken daran zu entfernen, trat er immer näher. In den erſten Zeiten hatten ihm die ſo häufigen Beiſpiele, das ſo zu ſagen beſtändige Schauſpiel von Ge⸗ walt, Rache und Mord eine wilde Nacheiferung eingeflößt und ihm gewiſſermaßen als eine Art von Berechtigung, als ein Schild gegen ſein Gewiſſen gedient: jetzt aber er⸗ ſtand allmälig in ſeiner Seele wieder der verworrene, aber furchtbare Gedanke, an eine eigene, jedem Individuum ge⸗ währte Urtheilskraft, an eine vom Beiſpiel unabhängige Vernunſt. Jetzt ſtößte ihm das Bewußtſein, aus der ge⸗ meinen Schaar der Verbrecher herausgetreten zu ſein und es allen Andern zuvorgethan zu haben, zuweilen das Ge⸗ fühl einer ſchrecklichen Vereinſamung ein. Dieſen Gott, von dem er reden gehört, aber den er ſeit langer Zeit weder geläugnet, noch anerkannt hatte, indem er blos da⸗ mit beſchäftigt war zu leben, als ob er nicht vorhanden wäre, dieſen Gott meinte er jetzt in gewiſſen Augenblicken der Nievergeſchlagenheit, ohne daß ein beſtimmter Grund zur Angſt, ohne daß eine Gefahr da war, in ſeinem In⸗ nern rufen zu hören:„Ich bin dennoch.“ In der erſten Hitze der Leidenſchaft hatte ihm das Geſetz, das er in 168 ſeinem Namen verkündigen gehört, nur verhaßt geſchienen: wenn es ihm aber jetzt unverſehens vor die Seele trat, da begriff es ſein Geiſt wider ſeinen Willen, als eine Sache, die ihre Vollendung hat. Nicht jedoch, als ob er in Worten oder Handlungen von dieſer neuen Unruhe hätte Etwas durchſchimmern laſſen, er verbarg ſie vielmehr und verdeckte ſie unter dem Anſchein einer noch düſterern und ingrimmigern Wildheit; ja er ſuchte ſie dadurch ſogar vor ſich ſelbſt zu verhehlen oder zu erſticken. Mit Neid dachte er an jene Zeiten— er konnte ſie ja doch nicht mehr un⸗ geſchehen machen oder vergeſſen,— in welchen er gewohnt geweſen war, ſeine Frevelthaten ohne Reue, ohne eine an⸗ dere Sorge, als um das Gelingen zu begehen, und er gab ſich alle Mühe, ſie wieder zurückzuführen, ſeinen alten, vollen, kühnen und durch Nichts geſtörten Willen zu be⸗ haupten oder neu zu erlangen, kurz ſich ſelbſt zu über⸗ zeugen, daß er noch immer jener Mann ſei⸗ So hatte er im vorliegenden Fall deswegen ſo ſchnell ſein Wort gegen Don Rodrigo verpfändet, damit er jever Unſchlüſſigkeit und Zögerung von ſeiner eigenen Seite den Weg abſchnitte. Kaum war jedoch der Andere fort, ſo wurde dieſe Entſchloſſenheit, die er ſich ſelbſt geboten hatte, um zu verſprechen, von Neuem immer ſchwächer, es traten allmälig Gedanken vor ſeinen Geiſt, welche ihn verſuchten ſeinem Wort ungetreu zu werden, und ihn hätten dazu bringen können, daß er ſich gegen einen Freund, gegen einen untergeordneten Mitſchuldigen Etwas vergeben hätte. Um nun dieſem qualvollen, innern Zwieſpalt ein ſchnelles Ende zu machen, rief er den Geier zu ſich, einen der ge⸗ wandteſten und verwegenſten Diener ſeiner Ruchloſigkeiten, deſſen er ſich in ſeinem Verkehr mit Egidio zu bedienen pflegte. Und mit entſchloſſener Miene befahl er ihm als⸗ bald zu Pferde zu ſteigen, geraden Wegs nach Monza zu reiten, Egidio die übernommene Verpflichtung mitzutheilen, und von ihm Rath und Beiſtand für die Ausführung zu verlangen. 169 Der laſterhafte Bote kehrte ſchneller, als ſein Herr erwartet hatte, zurück, und brachte die Antwort Egidio's: das Unternehmen ſei leicht und ſicher, der Ungenannte ſolle alsbald eine Kutſche, die man nicht kenne, mit zwei oder drei wohlvermummten Bravi abſenden; das Uebrige nehme Egidio auf ſich und er werde die Sache leiten. Auf dieſe Mittheilung hin gab der Ungenannte, was auch immer in ſeiner Seele vorgehen mochte, ſogleich dem Geier ſelbſt Befehl, Alles demgemäß anzuordnen und mit zwei Andern, die er ihm bezeichnete, den Zug zu unternehmen. Hätte Egidio, um den ſchrecklichen Dienſt zu leiſten, den man von ihm forderte, nur über ſeine eigenen, gewöhn⸗ lichen Mittel zu gebieten gehabt, ſo hätte er ſicherlich nicht ſo ſchnell ein ſo ſicheres Verſprechen abgegeben. Aber in dieſer Freiſtätte ſelbſt, wo man hätte glauben ſollen, daß Alles ihm ein Hinderniß ſein müßte, heſaß der junge Mann ein nur ihm allein bekanntes Mittel, und was für Andere die größte Schwierigkeit geweſen wäre, das wurde für ihn zum Werkzeug. Wir haben erzählt, wie die un⸗ ſelige Domina einmal ſeinen Worten Gehör geſchenkt, und der Leſer kann begriffen haben, daß dies eine Mal nicht das letzte blieb, ſondern zum erſten Schritt auf einem ver⸗ abſcheuungswürdigen, blutigen Wege wurde. Dieſe ſelbe Stimme, die nunmehr gebieteriſch, ja ſo zu ſagen maßge⸗ bend für das Verbrechen geworden war, verlangte von ihr jetzt das Opſer des unſchuldigen Mädchens, das ihrer Ob⸗ hut anvertraut worden. Der Antrag erfüllte Gertrud mit Schauder. Sie hätte es ſchon für ein Unglück, für eine ſchwere Strafe gehalten, Lucia durch einen unvorhergeſehenen Fall, ohne eigene Schuld, zu verlieren, und nun wurde das Anſinnen an ſie geſtellt, ſich durch eine frevleriſche Treulvſigkeit ihrer zu berauben, ein Mittel der Sühnung in eine neue Ge⸗ wiſſensqual zu verwandeln. Die. Unglückliche verſuchte alles Mögliche, um ſich dem ſchrecklichen Befehl zu ent⸗ ziehen, ſie bot alle Mittel auf, nur das einzige nicht, das 170 unfehlbar geweſen wäre, und das doch in ihrer Macht ſtand. Die Sünde iſt eine ſtrenge, unerbittliche Gebieterin, gegen welche nur derjenige Kraft gewinnt, der ſich gänz⸗ lich gegen ſie empört. Dazu wollte Gertrud ſich nicht entſchleßen und ſo gehorchte ſie. Der ſeſtgeſetzte Tag war gekommen, die verabredeie Stunde nahte heran; Gertrud hatte ſich mit Lucia in ihr eigenes Sprachzimmer zurückgezogen, überhäufte ſie mit noch größeren Liebkoſungen als gewöhnlich, und Lucia em⸗ pfing und erwiederte ſie mit ſteigender Zärtlichkeit: ſie war wie das Schaaf, das furchtlos unter der Hand des Schä⸗ fers, die es anfaßt und ſanft mit ſich zieht, zittert und ſich umwendet, um dieſe Hand zu lecken; denn es weiß nicht, daß draußen vor dem Schaafſtall der Metzger wartet, an welchen es der Schäfer vor einem Augenblick verkauſt hat. „Ich bedarf eines großen Dienſtes und Ihr allein könnt ihn mir leiſten. Ich habe ſo viele Leute, die mir bereitwillig gehorchen, aber nicht eine einzige Perſon, der ich Vertrauen ſchenken kann. In einer höchſt wichtigen Angelegenheit, die ich Euch nachher erzählen werde, muß ich mit dieſem Guardian der Kapuziner ſprechen, der Euch, meine arme Lucia, zu mir gebracht hat; aber es darf ſchlechterdings Niemand erfahren, daß ich ihn habe rufen laſſen. Ich habe nur Euch, um dieſe Botſchaft heimlich zu beſtellen Lucia erſchrack über eine ſolche Forderung, und trotz all ihrer Schüchternheit, der ſich jetzt ein ſtarker Ausdruck der Verwunderung beimiſchte, brachte ſie, um die Sache von ſich abzuwälzen, die Gründe vor, welche die Domina wohl begreiſen mußte, und die ſie hätte vorherſehen können: ohne die Mutter, ohne Begleitung, auf einer einſa⸗ men Straße, in einer unbekannten Gegend„. Aber Gertrud, die in einer hölliſchen Schule zur Meiſterſchaft gelangt war, zeigte ſich gleichfalls höchſt verwundert und zugleich ſehr unmuthig über eine ſolche Widerſpenſtigkeit bei einer Perſon, der ſie ſo viel Gutes erwieſen habe, und 17¹ gab ſich das Anſehen, als ob ſie dieſe Entſchuldigungen ganz grundlos fände. Beim hellen Tag, ein kurzer Gang, eine Straße, auf der Lucia faum vor einigen Tagen her⸗ gekommen, und die man auf eine bloße Angabe hin nicht verfehlen könnte, wenn man ſie auch noch nie geſehen hätte!... Sie ſchwatzte ihr ſo viel vor, daß das arme Mädchen, von Dantbarkeit und Schaam zugleich getrieben, ſich die Worte entſchlüpfen ließ:„Nun wohl, was habe ich zu thun?“ „Geht nach dem Kapuziner⸗Kloſter;“ und ſie be⸗ ſchrieb ihr die Straße von Neuem;„aßt den Pater Guardian rufen und ſagt ihm, er möge ſobald als mög⸗ lich zu mir kommen, aber ja Niemand merken laſſen, daß dies auf meinen Wunſch geſchehe.“ „Aber was ſoll ich der Schaffnerin ſagen, die mich noch nie hat ausgehen ſehen und mich gewiß fragen wird, wohin ich gehe?“ „Sucht vorbeizukommen, ohne daß man Euch ſieht, und wenn Euch das nicht gelingt, ſo ſagt, Ihr gehet in die und die Kirche, wo Ihr ein Gebet zu ſprechen gelobt habet.“ Eine neue Verlegenheit für Lucia, zu lügen; aber die Domina zeigte ſich abermals veleidigt durch ihre Aus⸗ flüchte, und beſchämte ſie dermaßen durch die Bemerkung, daß ſie eine nichtige Bedenklichkeit über die Pflicht der Dankbarkeit ſtelle, daß die Aermſte envlich, durch all dieſe Worte mehr betäubt als überzeugt und höchſt erſchüttert, antwortete:„Nun wohl, ich gehe, Gott helfe mir!“ Und damit ſetzte ſie ſich in Bewegung⸗ Als Gertrud, die von ihrem Gitter aus mit finſterm, ſtarrem Auge ihr folgte, das Mädchen den Fuß über die Schwelle ſetzen ſah, da bewegte ſie, wie von einem un⸗ widerſtehlichen Gefühl bewältigt, die Lippen und ſagte: „Hört, Lucia!“ Lucia wandte ſich um und kehrte zu dem Gitter zu⸗ rück. Aber bereits hatte ein anderer Gedanke, ein an die 172 Herrſchaft gewöhnter Gedanke in Gertruds Gemüth obgeſiegt. Sie that, als ob ihr die bereits entheil⸗ ten Anweiſungen nicht genügend erſchienen, beſchrieb daher Lucia den Weg, den ſie einzuſchlagen habe, von Neuem und verabſchiedete ſie mit den Worten:„Thut Alles, wie ich Euch geſagt habe, und kehret bald zurück.“ Lucia ing. Sie kam unbemerkt durch die Kloſterpforte, ſchlug geſenkten Blickes den Weg der Mauer entlang ein, fand mittelſt der erhaltenen Anweiſungen, ſowie ihrer eigenen Erinnerungen, das Thor des Fleckens und ging hinaus. Ganz in ſich gekehrt und etwas zitternd ſchritt ſie auf der Landſtraße hin, kam bald an die Stelle, wo der nach dem Kloſter führende Weg abging, und erkannte ihn wieder⸗ Dieſer Weg war damals und iſt noch jetzt gleich einem Flußbett zwiſchen zwei hohen Uferwänden eingeſetzt, auf denen ſich Bäume befinden, die ſich wie ein Gewölbe dar⸗ über ausbreiten. Als Lucia ihn betrat und ſo ganz ver⸗ laſſen ſah, da wurde ihr immer banger um's Herz und ſie beſchleunigte ihre Schritte; nach einer kurzen Strecke je⸗ doch ſchöpfte ſie wieder Muth, als ſie einen ſtillhaltenden Reiſewagen und daneben vor dem offenen Schlag zwei Reiſende entdeckte, die ſich nach allen Seiten umſchauten, wie wenn ſie ihres Weges ungewiß wären. Als ſie näher kam, hörte ſie einen von beiden ſagen:„Sieh da iſt ein gutes Frauenzimmer, das uns den Weg zeigen wird.“ Als ſie ſich bei der Kutſche befand, wandte ſich wirklich derſelbe mit einer höflichern Geberde, als man nach ſeinem Ausſehen erwarten konnte, zu ihr und ſagte:„Jungfer, könntet Ihr uns die Straße nach Monza zeigen?“ „Ihr ſeid auf dem unrechten Weg,“ antwortete die Aermſte;„Monza liegt dort..“ und ſie wandte ſich, um mit dem Finger hinzudeuten, als der andere Geſell, — es war der Geier— ſie imverſehens um den Leib faßte und in die Höhe hob. Lucia drehte erſchrocken den Kopf zurück und ſtieß einen Schrei aus; der Hallunke 173 ſchob ſie raſch in die Kutſche, auf deren hinterem Sitz noch ein Anderer ſaß, der ſie in Empfang nahm und, totzdem daß ſie aus voller Kehle rief, ſchrie und ſich mit allen Kräften wehrte, ſie zwang, ihm gegemüber zu ſitzen. Noch ein Anderer ſtopfte ihr ein Tüchlein in den Mund und erſtickte dadurch ihr Schreien in der Kehle. Inzwi⸗ ſchen warf ſich der Geier ſchnell gleichſalls in den Wagen, der Schlag wurde geſchloſſen, und nun jagte man in vol⸗ lem Golopp davon. Derjenige, welcher die tückiſche Frage an ſie gerichtet hatte, blieb auf dem Wege ſtehen und ſah ſich eifrig nach allen Seiten um; es war Niemand da; er machte jetzt einen Satz zu der einen Wand empor, ergriff ein Stämmchen der oben ſtehenden Hecke, ſchwang ſich hinuber, ſprang in ein Eichengehölz, das ſich eine gewiſſe Strecke weit längs der Straße hinzog, und verkroch ſich dort, um nicht etwa von den Leuten, die auf das Geſchrei herbei eilen könnten, geſehen zu werden. Es was dies einer der Banditen Egivio's; er hatte in der Nähe der Kloſter⸗ mauer auf der Lauer geſtanden, Lucia herauekommen ge⸗ ſehen, die Kleidung und Geſtalt ſich gemerkt, und war dann auf einem Nebenwege vorausgeeilt, um ihr auf der verabredeten Stelle aufzulauern. Wer vermöchte den Schrecken, die Todesangſt des armen Mädchens zu beſchreiben oder auch nur anzuveuten, was in ihrer Seele vorging? Sie riß die entſetzten Augen weit auf, um ihre ſchauerliche Lage kennen zu lernen, ver⸗ ſchloß ſie aber bald wieder in angſtvollem Grauen vor dieſen wilden Geſichtern; ſie wollte ſich loswinden, aber ſie wurde von allen Seiten gehalten; ſie nahm alle ihre Kräfte zuſammen und machte einen Anſatz, um nach dem Schiage zu dringen; allein zwei eiſerne Arme drückten ſie wie angenagelt auf den hintern Sitz des Wagens zurück, und noch vier andere Haͤnde bewieſen ihr die Unmöglich⸗ keit eines Wiverſtandes. So oft ſie Miene machte, einen Schrei ausſtoßen zu wollen, erſtickte ihn das Tüchlein in ihrer Kehle. Inzwiſchen wiederholten ihr drei hölliſche 174 Mäuler mit der menſchlichſten Stimme, die ſich in ihnen bilden konnte, einmal um's andere;„Seid ſtill, ſeid ſtill, habt keine Angſt, wir wollen Euch nichts zu Leide thun.“ Nach einigen Augenblicken eines ſo qualvollen Kampfes ſchien ſie ſich zu beruhigen, ſie ließ die Arme fallen, ihren Kopf ſich rückwärts ſenken, erhob mühſam die Augenlider, während das Auge ſelbſt unbeweglich blieb, und die ſchauer⸗ lichen Fratzen, die vor ihr ſaßen, ſchienen ſich ihr jett zu vermengen und zu einem unförmlichen Gemiſch zuſammen⸗ zufließen; das Blut fleh aus ihrem Geſichte, ein kalter Schweiß bedeckte es; ſie brach zuſammen und ſant in Ohnmacht. „Auf, auf, Muth!“ ſprach der Geier.„Muth! Muth!“ wiederholten die zwei andern Hallunken; aber die Betäubung aller Sinne bewahrte in dieſem Augenblick Lucia vor dem Elend, die Tröſtungen dieſer ſchauerlichen Stimmen anhören zu müſſen. „Teufel! Sie ſcheint todt zu ſein„ ſagte Einer von ihnen;„wenn ſie im Ernſte todt wäre!“ „Ach was!“ ſagte der Andere,„es iſt bloß eine ſolche Ohnmacht, wie ſie die Weiber oft ankommt. Ich weiß das, denn ſo vſt ich eine Perſon, Mann oder Weib, in die andere Welt ſpeviren wollte, waren noch ganz andere Sachen dazu nöthig.“ „Nichts da!“ ſagte der Geier;„thut Eure Pflicht und befümmert Euch um andere Dinge nicht. Holt die Flinten unter dem Sitze hervor und haltet ſie bereit, denn in dieſem Walde da, den wir jetzt betreten, hauſen immer Schufte genug. Nicht ſo in der Hand, zum Teufel! ſon⸗ dern leget ſie wieder hinter Euch;z ſehet Ihr denn nicht, daß das Mädchen da Angſt hat, wie ein begoſſener Hund, und für nichts und wiever nichts in Ohnmacht fällt. Wenn ſie Waffen ſieht, ſo iſt ſie wirklich im Stande, zu ſterben. Und wenn ſie wieder zu ſich koinmt, ſo hütet Euch wohl, daß Ihr ſie nicht ängſtiget; berühret ſie nicht, wenn ich 175 Cuch kein Zeichen dazu gebe; ſie feſtzuhalten bin ich allein im Stande, und nun ſill, überlaßt das Reden mir.“ Inzwiſchen war der Wagen, der immer ſchnell voran⸗ fuhr, in den Wald gelangt. Nach einiger Zeit begann die arme Lucia, wie nach einem tiefen und qualvollen Schlaf, wieder zu ſich zu kom⸗ men und öffuete ihre Augen. Sie quälte ſich eine Weile ab, die ſchmutzigen Gegenſtände, die ſie ungaben, zu erkennen und ihre Gedanfen zu ſammeln; envlich begriff ſie von Neuem die ganze Schauderhaftigkeit ihrer Lage. Der erſte Ge⸗ brauch, welchen ſie von den wenigen ihr zurückgekehrten Käften machte, beſtand varin, daß ſie ſich auf den Kut⸗ ſchenſchlag warf, um ſich hinauszuſtürzen, aber ſie wurde zu ückgehalten und konnte nur einen Augenblick die wilde Dede der Gegend ſehen, durch welche ſie kam. Sie ſtieß von Neuem ein Geſchrei aus, aber der Geier erhob eine derbe Fauſt mit dem Tüchlein und ſagte ſo ſanft als nur möglich zu ihr:„He, ſeid ruhig, das iſt das Beſte für Euch; wir wollen Euch kein Leid anthun, aber wenn Ihr nicht ſchwe gt, ſo werden wir Euch ſchon den Mund zu ſtopfen wiſſen.“ „Laßt mich gehen! Wer ſeid Ihr? Wohin bringet Ihr mich? Warum habt Ihmich gefangen genommen? Laßt mich gehen, laßt mich gihen!“ „Ich ſage Euch, daß Ihr keine Furcht zu haben brauchet. Ihr ſeid ja kein kleines Kiud und müßt wohl einſehen, daß wir Euch kein Leid anthun wollen. Sehet Ihr nicht, daß wir Euch hätten hundertmal umbringen können, wenn wir Böſes gegen Euch im Sinne hätten? Deßhalb ſeid ruhig!“ „Nein, nein, laßt mich ruhig meines Weges gehen, ich kenne Euch nicht.“ „Wir kennen Euch gut!“ „O heilige Jungfrau! Laßt mich um Gottes Willen gehen! Wer ſeid Ihr? Warum habt Ihr mich gefangen genommen?“ 176 „Weil es uns befohlen worden iſt.“ „Wer, wer, wer kann es Euch befohlen haben?“ „Schweigt!“ ſagte der Geier mit finſterem Geſicht, „und ſtellt keine ſolche Frage an uns.“ Lucia machte abermals einen Verſuch, ſich unverſehens an den Schlag zu ſtürzen; da ſie aber ſah, daß es ver⸗ gebens war, ſo legte ſie ſich von Neuem auf's Bitten, und mit geneigtem Geſichte, die Wangen von Thränen benetzt, die Stimme vom Schluchzen unterhrochen, die gefalteten Hände vor den Lippen, ſagte ſie:„O, um Gottes und der heiligen Jungfrau willen, laßt mich gehen! Was habe ich Euch zu Leide gethan? Ich bin ein armes Geſchöpf, das Niemand ein Leid zugefügt hat; das, was Ihr mir gethan habt, verzeihe ich Euch von Herzen, und ich will zu Gott für Euch beten. Wenn auch Ihr eine Tochtel, ein Weib, eine Mutter habt, ſo bedenket, was ſie leiden würden, wenn ſie ſich in dieſer Lage befänden. Vergeffe nicht, daß wir Alle ſterben müſſen, und daß Ihr einſt wünſchen müſſet, daß Gott Euch Barmherzigkeit erweiſe! Laßt mich gehen, laßt mich hier, der Herr wird mich mei⸗ nen Weg finden laſſen.“ „Wir können nicht.“ „Ihr könnt nicht? O Herr, warum könnt Ihr nicht! Wohin wollt Ihr mich führen? Warum 24 „Wir können nicht, es iſt vergebens habt keine Angſt, denn wir wollen Euch nichts zu Leide thun. Bleibt ruhig, es wird Euch Keiner berühren.“ In immer bangerer Beklommenheit, als ſie ſah, daß ihre Worte keinen Eindruck machten, wandte ſich Lucia an Ihn, der die Herzen der Menſchen in ſeiner Hand hält und ſelbſt die härteſten erweichen kann, wenn er nur will⸗ Sie drückte ſich in die Ecke, wo ſie ſaß, kreuzte die Arme auf ihrer Bruſt und betete inbrünſtig in ihrem Herzen. Sodann nahm ſie den Roſenkranz aus ihrer Taſche und begann ihn mit gläubigerem und andächtigerem Gemüthe, als ſie je in ihrem Leben gethan hatte, herzuſagen. Von 177 Zeit zu Zeit wandte ſie ſich, da ſie das Erbarmen, um welches ſie flehte, erlangt zu haben hoffte, mit neuen Bit⸗ ten an ihre Begleiter, aber immer vergebens. Dann ſank ſie, abermals ihrer Sinne beraubt, zurück; hernach kam ſie wieder zur Beſinnung, um zu neuen Aengſten aufzuleben. Aber jetzt beſitzen wir nicht mehr Muth genug, dieſe noch länger zu ſchildern, ein allzu ſchmerzliches Mitleiv drängt uns nach dem Ziel dieſer Reiſe, die über vier Stunden währte und nach welcher wir noch andere angſtvolle Stun⸗ den werden überſtehen müſſen. Verſetzen wir uns alſo in die Burg, wo die Unglückliche erwartet wurde. Der Ungenannte harrte ihrer mit ungewöhnlicher Ban⸗ gigkeit und Spannung. Seltſam! Dieſer Mann, der mit ungerührtem Herzen über ſo manches Leben verfügt, der bei ſo manchen ſeiner Thaten die Qual, die er erdulden ließ, für nichts geachtet und im Gegentheil noch in wilder Racheluſt dabei geſchwelgt hatte, dieſer Menſch empfand jetzt über die Gewalt, welche er dieſer Lucia, einer unbe⸗ kannten, geringen Bauerndirne, anthat, gleichſam einen Schauder, einen Unwillen, ich möchte faſt ſagen eine Angſt. Von einem hohen Fenſter ſeiner Burg aus blickte er ſeit einiger Zeit nach einer Oeffnung des Thals hinab, und ſiehe, da kam die Kutſche langſam herangefahren, denn jenes erſte fluchtartige Rennen hatte den Ungeſtüm der Pferde gedämpft und ihre Kraft gebrochen. Und obſchon der ganze Zug von dem Punkt aus, wo er ihn beobach⸗ tete, nicht größer erſchien, als die Wägelein, welche die Kinder zum Spielen ziehen, ſo erkannte er dennoch ſogleich, was es war, und ſein Herz begann auf's Neue noch ſtär⸗ ket zu klopfen. Wird ſie es wohl ſein? dachte er und fuhr in ſeinem Selbſtgeſpräch alſo fort:„Wie viel Verdruß mir dieſe Dirne macht! Wir wollen uns ihrer entledigen!“ Und er war ſchon im Begriff, einen Banditen zu rufen und ſchnell der Kutſche enigegen zu ſchicken mit dem Auftrag an den Geier, daß er umkehren und das Mädchen Die Verlobten. M. 12 178 nach Don Rodrigo's Schloß führen ſolle. Aber ein ge⸗ bieteriſches Nein, das plötzlich in ſeiner Seele ertönte, brachte ihn von dieſem Plane ab. Da ihn gleichwohl das Bedürfniß quälte, irgend etwas zu befehlen, da ihm das müßige Warten auf die Kutſche, die im Schritte näher kam, unerträglich wurde, wie ein Verrath, was weiß ich, wie eine Strafe erſchien, ſo ließ er eine alte Dienerin rufen. Dieſe war als die Tochter eines alten Burgwächters auf der Burg geboren und hatte ihr ganzes Leben allda zugebracht. Was ſie von Kindesbeinen an da geſehen und gehört, hatte ihr einen unendlichen Begriff von der Herr⸗ lichkeit und Furchtbarkeit der Macht ihrer Gebieter einge⸗ flößt, und der Hauptgrundſatz, welchen ſie ſich aus den er⸗ haltenen Befehlen und Beiſpielen entnahm, war, daß man ihnen in allen Dingen gehorchen müſſe, weil ſie viel Bö⸗ ſes und viel Gutes zu thun im Stande ſeien. Die Ider der Pflicht, die wie ein Keim im Herzen aller Menſchen liegt und ſich in dem ihrigen zugleich mit den Gefühlen einer knechtiſchen Ehrfurcht, Angſt und Lüſternheit regte, hatte ſich noch dazu geſellt und ihnen anbequemt. Als der Ungenannte ſeine Herrſchaft angetreten hatte und di⸗ ſen ſchrecklichen Gebrauch von ſeiner Gewalt zu machen anfing, da empfand ſie Anfangs einen gewiſſen Schauder davor, mit welchem ſich aber ein noch tieferes Gefühl der Unterwürfigkeit paarte. Mit der Zeit hatte ſie ſich an das, was ſie täglich ſah und hörte, gewöhnt. Der mäch⸗ tige und ungezügelte Wille eines ſo großen Herrn war für ſie gleichſam eine Art von Schickſalsfügung. Schon bei reiferen Jahren hatte ſie einen Diener deſſelben geheirathet, der nach kurzer Zeit bei einer gefährlichen Erpedition ſeine Beine auf einer Straße und ſie ſelbſt als Wittwe in der Burg zurückließ. Die Rache, welche der Herr bald darauf für dieſen Todten nahm, gewährte ihr einen grauſamen Troſt und erhöhte ihren Stolz, unter einem ſolchen Schutze zu ſtehen. Seit dieſer Zeit ſetzte ſie nur höchſt ſelten den 179 Fuß aus der Veſte, und allmälig blieben ihr von dem menſchlichen Leben faſt keine anderen Begriffe, als diejeni⸗ gen, die ſie ſich an dieſem Orte aneignete. Sie war auf feinen beſonderen Dienſt angewieſen, aber unter dieſem Haufen von Lumpengeſindel gab ihr jeden Augenblick bald der Eine, bald der Andere etwas zu ſchaffen, und das nagte an ihr. Bald gab es alte Kleider zu flicken, bald mußte ſie in der Eile Einem, der von einem Zug zurück⸗ kam, ein Eſſen bereiten, bald hatte ſie Verwundete zu ver⸗ pflegen. Und die Befehle dieſer Leute, ihre Vorwürfe und Dankſagungen waren mit Spöttereien und Schimpfreden gewürzt.„Alte“ war der gewöhnliche Titel, bei dem man ſie rief, und die Zufätze, die jeder Einzelne noch anhing, waren je nach den Umſtänden und der Laune des Spre⸗ chers verſchieden. Wurde ſie aber in ihrer Faulheit ge⸗ ſtört und in ihrem Zorne gereizt, denn dies waren zwei ihrer vorherrſchenden Leidenſchaften, dann erwiederte ſie dieſe Höflichkeiten zuweilen mit Worten, in denen Satan mehr von ſeinem Geiſte erkannt haben würde, als in denen ihrer Beleidiger. ſiehſt die Kutſche drunten!“ ſagte der Herr zu ihr. „Ja,“ antwortete ſie, indem ſie ihr ſchmales Kinn vorſtreckte und die eingeſunkenen Augen anſtrengte, wie ſie ſie auf den Rand ihrer Höhlen herausdrängen wollte. „Laß flugs eine Sänfte in Bereitſchaft ſetzen, begib Dich hinein und laß Dich in die„üble Nacht“ hinabtragen. Nur ſchnell, denn Du mußt noch vor der Kuiſche dort eintreffen, ſie kommt bereits in tödtlich langſamem Schritt heran. In der Kutſche iſt ein Mädchen„wenigſtens ſoll eins darin ſein. Iſt ſie da, ſo ſag' dem Geier auf meinen Befehl, er ſolle ſie in die Sänfte ſetzen und ſogleich zu mir heraufkommen. Du ſteigſt mit dieſem Mädchen in die Sänfte, und wenn Ihr oben ſeid, ſo nimmſt Du ſie mit auf Dein Zimmer. Fragt ſie Dich„ wohin Du 12 180 ſie führeſt, wem die Burg gehöre, ſo nimm Dich wohl in Acht „O!“ ſagte die Alte. „„Aber,“ fuhr der Ungenannte fort,„ſprich ihr Muth „Was ſoll ich ihr ſagen?“ „Was Du ihr ſagen ſollſt? Muth ſollſt Du ihr einſprechen, ſage ich; biſt Du ſo alt geworden und weißt noch nicht, wie man einem Menſchen Muth einſpricht, wenn es nöthig iſt? Haſt Du niemals Kummer empfun⸗ den? Haſt Du niemals Angſt gehabt? Weißt Du nicht, was für Worte in ſolchen Augenblicken wohlthun? Sage ihr ſolche Worte; denke Dir ſolche aus, wenn ich Dir gut zum Rathen bin! Mach ſchnell!“ Als ſie gegangen war, blieb er noch eine Weile am Fenſter ſtehen und ließ ſeine Augen auf der Kutſche haf⸗ ten, die bereits viel größer ſchien; ſodann blickte er zur Sonne empor, die in dieſem Augenblick hinter dem Berge verſank; dann ſah er die am Firmament zerſtreuten Wol⸗ ken an, die ſich aus grauen beinahe im Nu in feurige verwandelten. Er zog ſich zurück, ſchloß das Fenſter und begann mit dem Schritte eines eilfertigen Wanderers im Zimmer auf⸗ und abzugehen. ein. Einundzwanzigſtes Capitel. Die Alte war fortgelaufen, um ihren Auftrag aus⸗ zurichten und die betreffenden Befehle zu ertheilen kraft desjenigen Namens, der, von welchem Munde er kommen mochte, Jedermann Beine machte; denn in Niemand ent⸗ ſtand der Gedanke, daß man ſich auch unterſtehen könne, denſelben zu mißbrauchen. Sie kam wirklich noch etwas vor der Kutſche in der übeln Nacht an, und als der 181 Wagen herannahte, ſtieg ſie aus der Sänfte, gab dem Kutſcher ein Zeichen, anzuhalten, näherte ſich dem Schlag und ſagte dem Geier, der den Kopf herausſtreckte, den Wil⸗ len des Herrn in's Ohr. Lucia fuhr, als die Kutſche anhielt, zuſammen und erwachte aus einer Art ſchlafſüchtiger Betäubung. Ein neuer Schreck überfiel ſie, ſie riß Mund und Augen auf und ſchaute ſich um. Der Geier hatte ſich zurückgezogen und die Alte ſagte, indem ſie mit dem Kinn am Schlag Lucia anſah:„Kommt, meine Jungfrau, kommt, arme Kleine; kommt mit mir, denn ich habe Befehl, Euch gut zu behandeln und Euch Muth einzuſprechen.“ Beim Klang einer weiblichen Stimme fühlte ſich das arme Mädchen einen Augenblick getröſtet und ermuthigt; aber bald ſiel ſie in ein noch düſtereres Entſetzen zurück. „Wer ſeid Ihr?“ ſagte ſie mit bebender Stimme, indem ſie ihren Blick auf das Geſicht der Alten heſtete. „Kommt, kommt, arme Kleine,“ wiederholte dieſe. Der Geier und die beiden Andern, die aus den Worten und der außerordentlich milden Stimme der Alten auf die Geſinnung des Herrn ſchloſſen, ſuchten die Bedrängte mit guten Worten zum Gehorſam zu bereden. Aber ſie ſtarrte in Einem fort hinaus, und obſchon die wilde, unbekannte Gegend, ſowie die Zuverſichtlichkeit ihrer Wächter jede Hoffnung auf Hülfe abſchnitten, ſo öffnete ſie doch den Mund, um zu ſchreienz aber als ſie den Geier grimmige Blicke auf das Tüchlein werfen ſah, da verſtummte ſie, zitterte, krümmte ſich, wurde ergriffen und in die Sänfte gebracht. Nach ihr ſtieg die Alte hinein. Der Geier be⸗ fahl den zwei andern Vanditen, als Geleite hintendrein zu gehen und eilte ſeinerſeits den Berg hinauf, um dem Rufe des Herrn Folge zu leiſten. „Wer ſeid Ihr?“ fragte Lucia angſtvoll die unbe⸗ kannte und häßliche Larve.„Warum bin ich bei Euch? Wo bin ich? Wohin führt Ihr mich?“ „Zu Jemand, der Euch Gutes thun will,“ antwortete 182 die Alte,„zu einem großen„Glücklich ſind diejenigen, gegen die er freundlich geſinnt iſt! Wohl Euch, wohl Euch! Habt keine Angſt, ſeid munter, denn er hat mir be⸗ fohlen Euch Muth zu machen; Ihr werdet ihm ſagen, nicht wahr? daß ich Euch Muth gemacht habe.“ Wer iſt er? warum? was will er von mir? Er hat nicht über mich zu befehlen. Sagt mir, wo ich bin; laßt mich gehen; ſagt dieſen Leuten da, daß ſie mich gehen laſ⸗ ſen, daß ſie mich in eine Kirche tragen ſollen. O Ihr, die Ihr doch auch ein Weib ſeid, im Namen der heiligen Jungfrau!“ Dieſer heilige und holde Name, welchen ſie in ihren erſten Jahren mit Verehrung genannt, dann aber ſeit ſo langer Zeit nicht mehr angerufen, ja vielleicht nicht ein⸗ mal mehr gehört hatte, ergriff jetzt das Gemüth der Un⸗ ſeligen, die ihn ſo unerwartet wieder vernahm, auf eine ſeltſame, verworrene und feierliche Weiſe, wie etwa die Er⸗ innerung an Licht und Formen einen ſchon in der Kind⸗ heit erblindeten, ehrwürdigen Greis. Inzwiſchen hatte ſich der Ungenannte am Thore ſii⸗ ner Burg aufgeſtellt, ſchaute hinab und ſah die Sänfte, wie früher die Kutſche, mit jedem Schritt näher herauf⸗ kommen; ihr voran, in einer immer mit jedem Augenbli größer werdenden Entfernung kam haſtig der Geier gelau⸗ fen. Als dieſer die Höhe erreicht hatte, ſagte der Herr zu ihm:„komm her,“ und ging dann ihm voran in ein Zim⸗ mer der Burg. „Nun?“ begann er, indem er hier ſtehen blieb. „Alles aufs Pünktlichſte vollzogen,“ antwortete der; Geier.„Die Nachricht zur rechten Zeit, das Mädchen zur rechten Zeit, kein Menſch auf dem Platze, ein einziger Schrei, Niemand weit und breit, der Kutſcher flink, Pferde brav, keine Bewegung unterwegs; aber „Aber was?“ 2 „Aber ich ſage die lautere Wahrheit, es mir viel lieber geweſen, wenn ich Befehl gehabt hätte 183 von hinten niederzuſchießen, ohne ſie reden zu hören, ohne ihr ins Geſicht zu ſehen.“ „Wie? was? Was willſt Du ſagen?“ „Ich will ſagen, daß ich dieſe ganze Zeit über, dieſe ganze Zeit über es hat mich ein gar zu großes Mit⸗ leid ergriffen.“ „Mitleid! was weißt Du von Mitleid? Was iſt Mitleid?“ „Ich habe es nie ſo gut begriffen, wie dieſes Mal: mit dem Mitleid iſt es ungefähr eine Sache wie mit der Furcht: wenn Einer ſich davon übermannen läßt, ſo iſt er kein Mann mehr.“ „Laß doch einmal hören, wie dieſe es angefangen hat, um Dich zum Mitleid zu bewegen.“ „Ach gnädigſter Herr! So lange Zeit.. Weinen, Beten, ſo gewiſſe Augen machen und ſo weiß werden, weiß wie der Tod, und dann Schluchzen und wieder Beten und ſo gewiſſe Worte. Ich will dieſe Perſon nicht im Hauſe haben, dachte inzwiſchen der Ungenannte bei ſich.— Ich habe mich zur unglücklichen Stunde auf die Sache eingelaſſen, aber ich habe es verſprochen, ich habe es verſprochen. Wenn ſie einmal fort ſein wird„— und nun, ſagte er, indem er gebieteriſch ſein Geſicht zu dem Geier erhob:„Jetzt laß Dein Mitleid bei Seite: ſteig zu Pferde, nimm einen, wenn Du willſt, zwei Kameraden mit und reite tüchtig drauf zu, bis Du ins Schloß des Don Rodrigo, Du weißt ja, kommſt. Sage ihm, er ſolle ſogleich jemand„ aber ſogleich, denn ſonſt„ Aber ein neues, inneres Nein, noch gebieteriſcher als das erſte, verbot ihm auszureden.„Nein,“ ſagte er in entſchloſſenem Tone, wie wenn er das Gebot dieſer gehei⸗ men Stimme ſich ſelbſt ausſprechen wollte;„nein; ruhe Dich jetzt aus und morgen früh..„ wirſt Du thun, was ich Dir ſagen werde.“ „Die hat irgend einen Teufel zum Beiſtand,“ dachte 184 er dann, als er allein geblieben war, indem er die Arme über die Bruſt gekreuzt daſtand und ſeine Augen unbeweg⸗ lich auf einem Theil des Fußbodens haften ließ, wo der zu einem Fenſter hereindringende Mondſchein ein Viereck von blaſſem Lichte abzeichnete, das durch die dicken wür⸗ felförmigen Eiſenſtäbe zugeſchnitten und von den kleinen Einfaſſungen der Glasſcheiben in noch kleinere Stücke ver⸗ theilt wurde.—„Irgend einen Teufel, oder. irgend einen Engel, der ihr beiſteht. Mitleid in dem Geier Morgen in oller Frühe ſoll ſie fort von hier; ſie ſoll ihrem Schickſal entgegen; und dann ſoll man nicht mehr von ihr ſprechen und—“ fuhr er bei ſich ſelbſt ungefähr mit demſelben Muthe fort, womit man einem unfolgſamen Jungen etwas befiehlt, während man wohl weiß, daß er nicht gehorchen wird—„und man denkt nicht mehr an ſie. Don Rodrigo, dieſes Vieh, ſoll mir nicht kommen und mir mit ſeinen Dankſagungen den Kopf heiß machen; denn ich will nicht mehr von dieſer Perſon reden hören. Ich bin ihm gefällig geweſen, weil„ich es verſprochen habe, und ich habe es verſprochen, weil. es mein Schickſal iſt. Aber er ſoll mir dieſen Dienſt theuer bezahlen: laß einmal ſehen!“ Und er wollte ſich irgend eine recht ſchwierige Arbeit ausdenken, die er Don Rodrigo als Gegendienſt und ge⸗ wiſſermaßen als Strafe auferlegen könnte, aber da warfen ſich ihm von Neuem die Worte quer in den Sinn: Mitleid in dem Geier!„Wie mag ſie das angegriffen haben?“ fuhr er von dieſem Gedanken hingeriſſen fort.—„Ich will ſie ſehen; doch nein— doch ja, ich will ſie ſehen.“ Und aus einem Zimmer ins andere gehend, kam er an eine kleine Treppe und begab ſich zögernden Schritts nach dem Zimmer der Alten; er ſtieß mit de an die Thüre. 5 „Wer iſt da?“ „Mach auf!“ Beim Tone dieſer Stimme that die Alte drei Sprünge — 185 man hörte ſogleich den Riegel rauſchend durch die Ringe fahren und die Thüre wurde weit aufgeriſſen. Der Ungenannte warf von der Schwelle aus einen Blick in die Stube und beim Schein einer Lampe, die auf einem dreifüßigen Tiſch brannte, ſah er Lucia in dem von der Thüre am weite⸗ ſten entfernten Winkel auf dem Boden niedergekauert. „Wer hat Dir geſagt, daß Du ſie wie einen Sack Lumpen hierherwerfen ſollſt, Du Unglückſelige?“ ſagte er mit zornigem Stirnrunzeln zu der Alten. „Sie hat ſich geſetzt, wo ſie wollte,“ antwortete dieſe demüthig.„Ich habe mein Möglichſtes gethan, um ihr Muth zu machen; ſie kann es ſelbſt ſagen; aber es hilſt Nichts.“ Erhebet Euch,“ ſagte er zu Lucia, indem er ihr nä⸗ her trat. Aber Lucia, welcher das Anklopfen, das Oeffnen, die Fußtritte, die Stimme einen neuen und noch unheim⸗ lichern Schrecken in die geängſtete Seele geworfen hatten, blieb noch mehr als zuvor zuſammengeknäuelt in dem Winkel ſitzen, ihr Geſicht in die flachen Hände verborgen 6 ic nur in ſofern bewegend, als ſie am ganzen Leibe zitterte. „Erhebet Euch, denn ich wil!l Euch Nichts zu Leide thun, und ich kann Euch Gutes thun,“ fuhr der Herr fort;„erhebet Euch!“ donnerte dann die gleiche Stimme, zornig darüber, daß ſie zweimal daſſelbe vergeblich befoh⸗ len hatte. Gleich als hätte die Angſt ihr neue Kräfte gegeben, echob ſich die Unglückliche ſchnell auf ihre Kniee, und in⸗ dem ſie die Hände faltete, wie wenn ſie vor einem Heiligen⸗ bilde läge, ſchlug ſie die Augen zu dem Geſicht des Un⸗ genanten auf, ſenkte ſie aber ſogleich wieder und ſagte: „Da bin ich: tödtet mich.“ „Ich habe Euch ſchon geſagt, daß ich Euch kein Leid anthun will,“ antwortete mit gemilderter Stimme der Un⸗ genannte, indem er die durch Kummer und Angſt zerſtör⸗ ten Züge ſcharf ins Auge faßte⸗ 186 „Muth, Muth,“ ſagte die Alte;„wenn er es Euch doch ſelbſt ſagt, daß er Euch Nichts zu Leid thun will. „und warum,“ begann Lucia mit einer Stimme, in welcher zwiſchen dem Zittern der Furcht doch eine gewiſſe Sicherheit verzweiſelter Entrüſtung durchklang,„warum laſ⸗ ſet Ihr mich die Qualen der Hölle erdulden? Was habe ich Euch gethan?“ „Haben ſie Euch vielleicht mißhandelt? Sprecht. „O mißhandelt! Sie haben mich verrätheriſch, ge⸗ waltſam ergriffen! Warum haben ſie mich ergriffen? War⸗ um bin ich hier? Wo bin ich? Ich bin ein armes Geſchöpf: was habe ich Euch gethan? Im Namen Gottes„ „Gott, Gott,“ fiel der Ungenannte ein,„immer Gott; alle diejenigen, die ſich nicht ſelbſt vertheidigen können, die nicht die Kraft dazu haben, kommen immer mit dieſem Gott herangerückt, wie wenn ſie mit ihm geredet hätten. Was wollt Ihr mit dieſem Wort da ſagen? wollt Ihr mir vielleicht..“ und er brach ſeine Phraſe in der Mitte ab⸗. „O Herr! was ich will! Was kann ich Aermſte wol⸗ len, als daß Ihr Barmherzigkeit gegen mich üben ſollt? Gott vergibt ſo viele Dinge um eines einzigen Werkes der Barmherzigkeit willen; laßt mich gehen, laſſet mich ums Himmels willen gehen. Es bekommt keinem Sterblichen gut, wenn er ein aumes Geſchöpf ſo viel leiden läßt. O da Ihr befehlen könnt, ſo ſagt doch, daß man mich gehen läßt; ſie haben mich mit Gewalt hierher gebracht. Laßt mich wieder zu dieſer Frau ſetzen und nach** tragen. O heiligſte Jungfrau, meine Mutter! Meine Mutter! Um Gottes Barmherzigkeit willen, meine Mutter! Vielleicht iſt es nicht weit von hier, ich habe meine Berge geſehen. Warum laßt Ihr mich leiden? Laßt mich in eine Kirche tragen, ich will mein ganzes Leben für Euch beten! Was koſtet es Euch, ein Wort zu ſagen! O ſeht, Ihr werdet zu Mitleid gerührt; ſprechet ein Wort, ſprechet es! Gott 187 verzeihet ſo viele Dinge um eines Werkes der Barmherzig⸗ keit willen!“ „O, warum iſt ſie nicht die Tochter eines der Hal⸗ lunken, die mich verbannt haben?“ dachte der Ungenanntez „eines der Schurken, die meinen Tod verlangen, daß ich mich jetzt an ihrem Gewinſel weiden könnte! Und ſtatt deſſen„ „Weiſet eine gute Eingebung nicht zurück,“ fuhr Lucia inbrünſtig fort, denn ſie hatte neuen Muth bekommen, da ſie in der Miene und Haltung ihres Tyrannen ein gewiſ⸗ ſes Schwanken ſah.„Wenn Ihr mir dieſe Barmherzigkeit nicht eweiſet, ſo wird ſie mir der Herr erweiſen; er wird mich ſterben laſſen und mit mir wird es dann aus ſein; aber Ihr? Vielleicht, daß eines Tages auch Ihr. nein, nein, ich werde immer zum Herrn beten, daß er Euch vor allem Böſen bewahre. Was koſtet es Euch, ein Wort zu ſagen? Wenn Ihr dieſe Qualen erdulden müßtet?. „Nicht doch, faſſet Muth,“ unterbrach ſie der Unge⸗ genannte mit einer Milde, über welche die Alte in das höchſte Staunen gerieth.„Habe ich Euch ein Leid zuge⸗ fügt? Habe ich Euch bedroht?“ „Ach nein, ich ſehe, daß Ihr ein gutes Herz habt und Mitleid mit einem armen Geſchöpfe empfindet; wenn Ihr wolltet, könntet Ihr mir noch mehr Angſt einjagen als alle Andern: Ihr könntet mich tödten und ſtatt deſſen habt Ihr mir das Herz ein wenig erleichtert. Gott wird es Euch vergelten. Vollendet jetzt das Werk der Barm⸗ herzigkeit, gebt mich frei, gebt mich frei!“ „Morgen früh. „O gebt mich jetzt frei, jetzt!“ „Morgen früh ſehen wir uns wieder, ſage ich. Wohlan, ſeid inzwiſchen getroſten Muthes. Ruhet jetzt aus. Ihr müßt Hunger haben; man ſoll Euch ſogleich etwas bringen.“ „Nein, neinz ich ſterbe, wenn Jemand hereinkommt: 188 ich ſterbe. Führt mich in die Kirche. dieſe Schritte wird Gott Euch zählen.“ 1 „Es wird eine Frau kommen und Euch zu eſſen bringen,“ ſagte der Ungenannte, und nachdem er dies ge⸗ ſprochen, war auch er höchlich erſtaunt, wie ihm ein ſol⸗ ches Auskunftsmittel in den Sinn gekommen und wie übe haupt das Bedürfniß in ihm entſtanden, nach einem ſo S zu ſuchen, um eine geringe Weibsperſon zu beru igen. „Und Du,“ fuhr er dann raſch gegen die Alte fo „ſprich ihr zu, daß ſie ißt, laß ſie in dieſem Bett ruhen und wenn ſie Dich zur Geſellſchaft haben will, gut; wo nicht, ſo kannſt Du wohl einmal auf dem Fußboden ſchlafen. Sprich ihr Moth zu, ſage ich Dir; ermuntere Und daß ſie ſich ja nicht über Dich zu beklagen Nachdem er dieſes geſprochen, bewegte er ſich raſch gegen die Thüre. Lucia erhob ſich und eilte ihm nach, um ihn zurückzuhalten und ihre Bitte zu ernenern; aber er war verſchwunden⸗ „O ich armes Mvchn! Macht zu, macht ſchnell zu!“ Und als ſie die Thürflügel gegen einander klappen und die Riegel raſſeln gehört hatte, kauerte ſie ſich aber⸗ mals in ihrem Winkel nieder.„O ich armes Mädchen!“ rief ſie ſchluchzend von Neuem,„an wen ſoll ich mich jeßt mit meinen Bitten wenden? wo bin ich? Sagt es mirt, ſagt es miraus Barmherzigkeit, wer iſt dieſer Herr.„Die ſer Mann, der mit mir geſprochen hat?“ „Wer er iſt? he, wer er iſt? Ihr wollt, daß ichs Euch ſagen ſoll, ich? Du kannſt lange warten, bis ich' Dir ſage. Weil er Euch in Schutz nimmt, ſo iſt Euch ſchon der Kamm geſchwollen und Ihr wollt Eure Neu⸗ gierde befriedigt haben, und dazu wollt Ihr mich gebrau⸗ chen. Fragt nur ihn ſelbſt darum? Wenn ich Euch hierin den Willen thäte, ſo würde ich keine ſo gute Worte be⸗ kommen, wie man ſie Euch gegeben hat.— Ich bin alt, 189 ich bin alt,“ fuhr ſie zwiſchen den Zähnen brummend fort. „Hol der Teufel die jungen Mädchen, die immer im rech⸗ ten Augenblick zu lachen und zu weinen verſtehen und im⸗ mer recht haben!“— Aber als ſie Lucia ſchluchzen hörte, da neigte ſie ſich, da ihr das Gebot ihres Herrn drohend einfiel, zu der armen Zuſammengekauerten hinab und fuhr mit milderer und menſchlicherer Stimme fort:„Nicht doch ich habe Euch ja nichts Böſes geſagt, ermuntert Euch. Fragt mich doch nicht ſolche Dinge, die ich Euch nicht ſagen kann, und ſeid guten Muths! Hu, wenn Ihr wuͤßtet, wie viele Leute wären ſeelenfroh, ihn ſo reden zu hören, wie er zu Euch geredet hat! Seid gutes Muths; es wird jetzt bald etwas zu eſſen kommen, und ich, ich begreife wohl, nach der Art, wie er mit Euch geſprochen hat, ſehe ich, daß er es wohl mit Euch meint. Und dann könnt Ihr Euch hier ins Bett legen und mir auch ein Plätzchen übrig laſſen,“ fügte ſie im Tone unterdrück⸗ ten Aergers hinzu. „Ich will nicht eſſen, ich will nicht ſchlafen; laßt — Ruhe; kommt mir nicht nahe; gehet nicht hin⸗ aus! „Nein, nein, nicht doch,“ ſagte die Alte, indem ſie ſich abſeits auf eine alte Bank ſetzte, von wo aus ſie ge⸗ wiſſe ängſtliche und zugleich neidiſche Blicke auf das arme Mädchen warf; und dann beſchaute ſie ihr Bett, ärgerte ſich, daß ſie vielleicht die ganze Nacht daraus vertrieben ſein ſolle, und brummte über die Kälte. Doch tröſtete ſie ihr Gemüth wieder mit dem Gedanken an die Mahlzeit, in der Hoffnung, daß es auch für ſie Etwas geben werde. Lucia verſpürte die Kälte nicht, ſie empfand keinen Hun⸗ ger, ſie war wie betäubt und hatte ſelbſt von ihren Lei⸗ den und Beängſtigungen nur ein verworrenes Gefühl, ähn⸗ lich den Traumbildern eines Fieberkranken. Als ſie klopfen hörte, fuhr ſie zuſammenz ſie erhob ihr erſchrecktes Geſicht in die Höhe und rief:„Wer iſt's, wer iſt's, es ſoll Niemand kommen.“ ¹90 „Nichts, nichts; gute Nachrichten„ ſagle die Alte; „es iſt Marta, die zu eſſen bringt.“ „Macht zu, macht zu!“ rief Lucia. „J, gleich, gleich,“ antwortete die Alte, nahm dieſer Marta einen Korb aus den Händen, ſchickte ſie eiligſt wie⸗ der fort, ſchloß die Thüre von Neuem und ſtellte den Korb auf einen Tiſch in der Mitte des Zimmers. Hierauf lud ſie Lucia zu wiederholten Malen ein, ſie möchte kommen und ſich an den Speiſen laben. Sie gebrauchte die nach ihrer Anſicht wirkſamſten Worte, um der Armen Appetit zu machen, ſie brach in Ausrufungen über die Köſtlichkeit der Speiſen aus:„O, das ſind Biſſen, an die gewöhnliche Leute lange denken, wenn ſie einmal ihren Zahn daran wetzen durften! Das iſt von dem Wein, den der Herr mit ſeinen Freunden trinkt wenn einmal einer kommt. und ſie ſich luſtig machen wollen; hm!“ Aber als ſie ſah, daß all ihre Zaubermittel vergeblich blieben, ſagte ſie:„Es iſt alſo Eure eigene Schuld, wenn Ihr nicht wollt. Ihr könnt ihm alſo morgen nicht ſagen, daß ich Euch nicht zugeredet habe. Ich werde eſſen und es wird für Euch noch immer mehr als genug übrig bleiben, wenn Ihr Ver⸗ nunft annehmen und gehorchen wollt.“ Mit dieſen Wor⸗ ten fuhr ſie gierig über die Speiſen her. Sobald ſie ſatt war, erhob ſie ſich ging in die Ecke, beugte ſich über Lucia hinab und lud ſie von Neuem ein zu eſſen und ſich nieder⸗ zulegen. „Nein, nein, ich will nichts,“ antwortete dieſe mit ſchwacher und gleichſam mit ſchlaftrunkener Stimme. Daun begann ſie in entſchloſſenem Tone wieder:„Iſt die Thüre verſchlofſen? Iſt ſie gut verſchloſſen?“ Und nachdem ſie ſich umgeſchaut, ging ſie mit vorgeſtreckten Händen und ſcheuem Schritt darauf zu⸗ Die Alte kam ihr zuvor, ſtreckte ihre Hand nach dem Schloß aus, ergriff die Klinke, drückte ſie auf und zu, rüttelte an dem Riegel und ließ ihn knarren in dem Bande, das ihn feſthielt.„Hört Ihr? ſeht Ihr? Iſt es feſtge⸗ ſchloſſen? Seid Ihr jetzt zufrieden?“ 191 „Ach zufrieden! Ich hier zufrieden!“ ſagte Lucia, in⸗ dem ſie ſich von Neuem in ihre Ecke verkroch.„Aber Gott weiß, daß ich hier bin.“ „Legt Euch ſchlafen. Was wollt Ihr da liegen wie ein Hund? Iſt es je erlebt worden, daß man Bequemlich⸗ lichkeiten von ſich weist, wenn man ſie haben kann 34 „Nein, nein, laßt mich hier!“ „Ihr wollt es nicht anders! Seht, ich laß Euch den guten Platz; ich lege mich hier auf den Rand; ich werde es Euretwegen unbequem haben. Wenn Ihr in's Bett kommen wollt, ſo wißt Ihr, wie Ihr's zu machen habt. Erinnert Euch, daß ich Euch mehrmals darum gebeten habe.“ So ſprechend warf ſie ſich mit ihren Kleidern unter die Decke, und nun ſchwieg Alles. Lucia blieb regungslos in dieſem Winkel zuſammen⸗ gekauert, die Kniee an den Leib hinaufgezogen, die Hände auf den Knieen und das Geſicht in den Händen. Es war kein Schlafen und kein Wachen, ſondern eine raſche Reihenfolge, ein ſtürmiſcher Wechſel von Gevanken, Ein⸗ bildungen und unruhigem Herzklopfen. Bald war ſie ſich ihrer ſelbſt klarer bewußt, erinnerte ſich deutlicher an die den Tag über geſehenen und erlebten Schreckniſſe und fügte ſich ſchmerzlich in die Umſtände dieſer trüben, furchtbaren Wirklichkeit, worein ſie ſich verwickelt fandz bald wurde ihr Geiſt in noch düſterere Regionen verſetzt und rang mit den aus der Ungewißheit und dem Schrecken erſtehen⸗ den Trugbildern. In dieſer Seelenqual blieb ſie eine lange Zeit, welche wir indeß raſch zu übergehen vorziehen: endlich ließ ſie entkräftet und muthlos die erſtarrten Glie⸗ der ſinken, ſireckte ſich aus, oder ſank vielmehr ausgeſtreckt um und blieb einige Zeit in einem Zuſtand, der dem wahren Schlafe ähnlicher war. Aber auf einmal kam ſie wieder wie in Folge eines innern Rufes zu ſich und em⸗ pfand das Bedürfniß vollkommen zu erwachen, alle ihre Gevanken beiſammen zu haben, zu ermitteln, wo ſie ſei, 192 wie und warum. Sie lauſchte einem Getöne: es war das langſame, rauhe Geſchnarche der Alten; ſie riß die Augen auf und ſah eine ſchwache Helle bald erſcheinen, bald wieder verſchwinden; es war der Lampendocht, der dem Erlöſchen nahe, ein zitterndes Licht von ſich gab und es bald wieder gleichſam zurückzog, ähnlich dem Kommen und Gehen der Fluth am ufer: und dieſes Licht, das ſich den Gegenſtänden entzog, noch ehe ſie eine beſtimmte Ge⸗ ſtalt und Farbe von ihm bekamen, führte dem Blick nur eine Reihenfolge von Wirrſalen vor. Aber ſehr bald hal⸗ fen ihr die friſchen Eindrücke, indem ſie wieder vor die Seele traten, dasjenige deutlich unterſcheiden, was ſich dem Sinn nur verworren darſtellte. Die wiedererwachte Un⸗ glückliche erkannte ihr Gefängniß: alle Erinnerungen des vergangenen ſchauerlichen Tages, alle Schreckniſſe der Zu⸗ kunft ſtürmten mit einem Male auf ſie ein; ſelbſt dieſe neue Ruhe nach ſo großen Aufregungen, dieſe Art von Erholung, die Einſamkeit, in der man ſie ließ, flößten ihr neue Angſt ein, und es überkam ſie eine ſoiche Betrüb⸗ niß, daß ſie zu ſterben verlangte. Aber in dieſem Augen⸗ plick erinnerte ſie ſich, daß ſie auch beten könne, und zu⸗ gleich mit dieſem Gedanken blitzte eine plötzliche Hoffnung des Troſtes in ihr auf. Sie zog von Neuem ihren Ro⸗ ſenkranz hervor und begann ihn wieder zu ſprechen, und je länger das Gebet über ihre zitternden Lippen kam, um ſo mehr fühlte ihr Herz eine unbeſtimmte Zuverſicht an⸗ wachſen. Auf einmal kam ihr ein anderer Gedanke in den Sinn: daß nämlich ihr Gebet noch angenehmer ſein, und noch gewiſſer Erhörung finden werde, wenn ſie in ihrer Troſtloſigkeit auch irgend eine Gabe darbrächte. Sie erinnerte ſich des Theuerſten, was ſie beſaß oder beſeſſen hatte; denn in dieſem Augenblick konnte ihre Seele keine andere Regung empfinden, als Furcht, keinen andern Wunſch faſſen, als den nach Befreiung; ſie erinnerte ſich deſſen und beſchloß ſogleich es zum Opfer zu bringen. Sie kniete nieder, und indem ſie die Hände, aus denen 193 der Roſenkranz herabhing, gefaltet über der Bruſt hielt, erhob ſie ihr Geſicht und ihre Augen zum Himmel und ſprach:„O heiligſte Jungfrau! Du, der ich mich ſo oft empfohlen habe und die Du mich ſo oft getröſtet haſt! Du, die Du ſo viele Schmerzen erduldet und in Deiner Glorie ſo viele Wunder für arme Bedrängte gethan haſt, hilf mir! Rette mich aus dieſer Gefahr, laß mich geſund zu meiner Mutter zurückkehren, Mutter des Herrn, und ich gelobe Dir Jungfrau zu bleiben, ich verzichte für im⸗ mer auf dieſen meinen armen Geliebten, um Niemand ſonſt anzugehören, als Dir.“ Nachdem ſie dieſe Worte geſprochen, neigte ſie ihr Haupt und hing ſich den Roſenkranz um den Hals, gleich⸗ ſam als Zeichen der Weihung und zugleich als Schutz⸗ wehr, als ein Rüſtzeug der neuen Miliz, unter welche ſie eingetreten war. Sie ſetzte ſich dann wieder auf den Fußboden und fühlte jetzt eine gewiſſe Ruhe, eine innigere Zuverſicht, die in ihr Herz kam. Sie dachte an das Morgenfrüh, das der unbekannte Mächtige wiederholt hatte, und ſie meinte in dieſem Worte ein Verſprechen der Ret⸗ tung zu hören. Die von ſo langem Kampf ermatteten Sinne beſchwichtigten ſich allmälig in dieſer Beruhigung ihrer Gedanken, und zuletzt, als es beinahe ſchon tagte, verſank Lucia, den Namen ihrer Schutzpatronin abgebrochen zwiſchen ihren Lippen, in einen ſeſten, anhaltenden Schlaf. Aber in dieſer ſelben Burg befand ſich noch Jemand, der gern daſſelbe hätte thun mögen und dem es nicht ge⸗ lingen wollte. Nachdem er ſich von Lucia entfernt, oder beinahe geflüchtet, hernach eine Mahlzeit für ſie beſtellt, und ſeine gewöhnliche Runde auf gewiſſen Poſten des Ka⸗ ſtells gemacht hatte, wobei dieſes Bild immer lebendig vor ſeiner Seele ſtand, und dieſe Worte immer in ſeinem Ohre wiederhallten, war der Herr auf ſein Schlafgemach geeilt, hatte ſich haſtig darin verſchloſſen, wie wenn draußen ein überlegener Feind ihn erwartete, ſodann eilig ſich entkleivet und ſich in's Beit gelegt. Aber es war, als ob dieſes Die Verlobten. IM. 1³ 194 Bild, das ihm mehr als je vorſchwebte, jetzt zu ihm ſagte: „Du ſollſt nicht ſchlafen.“— Was für eine einfältige, weibiſche Reugierde mußte mich ankommen, daß ich ſie ſehen wollte! Er hat Recht, dieſer Dummkopf von Geier; man iſt kein Maun mehr, es iſt wahr, man iſt kein Mann mehr!... Ich! bin ich kein Mann mehr! Was hat es denn ge⸗ geben? Was für ein Teufel iſt über mich gekommen? Was iſt denn Reues an der Sache? Wußte ich's nicht im Voraus, daß die Weiber winſeln? Winſeln doch auch die Männer zuweilen, wenn ſie ſich nicht mehr wehren können. Was zum Teufel! Habe ich denn noch nie Weiber wim⸗ mern gehört? Und hier hielt ihm, ohne daß er ſich viele Mühe geben mußte in ſeiner Erinnerung nachzuforſchen, ſein Ge⸗ dächtniß ſelbſt mehr als einen Fall vor, wo weder Bitten noch Wehklagen ihn im Mindeſten von den einmal be⸗ ſchloſſenen Unternehmungen abgebracht hatten. Aber dieſe Erinnerungen verliehen ihm nicht nur nicht, wie er zu er⸗ warten und zu wünſchen ſchien, den mangelnden Muth zur Ausführung ſeines neueſten Unternehmens, ſie erſtick⸗ ten keineswegs das Mitleid, ſondern riefen ſogar noch eine neue Art von Angſt und Beſtürzung in ihm hervor. Es ſchien ihm zuletzt eine Erleichterung zu vieſem erſten Bild von Lucia zurückzufehren, gegen welches er ſeinen Muth aufzufriſchen geſucht hatte. Sie lebt ja! ſagte er:— und ſie iſt hierz es iſt immer noch Zeit; ich kann zu ihr ſagen: Gehet hin und ſeid getroſten Muths; ich kann auf dieſem Geſicht einen Strahl der Freude hervorrufen, ich kann auch zu ihr ſagen: Verzeihet mir! Verzeihet mir? Ich um Verzeihung buten? Ein Weib, ich?.. Ach, und dennoch! Wenn ein Wort, wenn ein ſolches Wort mir wohlthun, mir ein wenig von dieſer Höllenqual ab⸗ nehmen könnte, ſo würde ich es ſagen; ach ja, ich fühle, daß ich es ſagen würde; wie weit iſt es mit mir gekom⸗ men! Ich bin kein Mann mehr, ich bin kein Mann mehr!. Weg da!— ſagte er dann und wälzte ſich 195 ungeſtüm auf ſeinem Lager, das ſo ſteinhart, unter der Decke, die ſo zentnerſchwer geworden war; weg, das ſind Albernheiten, die mir ſchon öfter durch den Sinn gekom⸗ men ſind. Auch dieſe Anwandlung wird vorübergehen. Und um ſie vorübergehen zu machen, ſuchte er mit ſeinen Gedanken irgend etwas Wichtiges, irgend einen von jenen Gegenſtänden, die ihn ſark zu beſchäftigen pflegten, um ſie gänzlich darauf zu richten; aber er fand NRichts von dieſer Art. Alles erſchien ihm wie umgewandelt: was ſonſt ſeine Begierden am heftigſten reizte, das beſaß jetzt keinen Reiz mehr für ihn, die Leidenſchaft wollte, wie ein Pferd, das auf einmal beim Anblick eines Schat⸗ ten ſtätiſch geworden iſt, nicht mehr weiter gehen. Wenn er an die eingeleiteten und nicht ausgeführten Unterneh⸗ mungen dachte, ſo empfand er, ſtatt ſich zu ihrer Vollen⸗ dung anzufeuern, ſtatt ſich durch die Hinderniſſe reizen zu laſſen— denn in dieſem Augenblick hätte ihm der Zorn lieblich geſchienen— eine Traurigkeit, gleichſam eine Be⸗ ſtürzung über die bereits gethanen Schritte. Die Zeit ſtellte ſich ihm leer an allem Intereſſe, allem Wollen, aller Thatkraft, nur von unerträglichen Erinnerungen an⸗ gefüllt, dar, alle Stunden derjenigen ähnlich, die ſo lang⸗ ſam, ſo ſchwer über ſein Haupt hinging. Er ſchaarte in ſeiner Phantaſie alle ſeine Banditen um ſich, und er fand Nichts, was er einem von ihnen zu befehlen gehabt hätte, im Gegentheil war der Gedanke, ſie wiederzuſehen, ſich unter ihnen zu beſinden, eine neue Laſt, ein Gedanke voll von peinlicher Verwirrung für ihn. Und wenn er auf morgen irgend ein Geſchäft, irgend ein ausführbares Werk finden wollte, ſo mußte er daran denken, daß er morgen das arme Mädchen in Freiheit ſetzen konnte. Ich will ſie freigeben, jaz ſobald der Tag anbricht, will ich zu ihr eilen und zu ihr ſagen: Geht, geht. Ich werde ihr ein Geleite mitgeben.. Und das Verſprechen 2 und die Verpflichtung? und Don Rodrigo?... Wer iſt Don Nodrigo? 13* 196 Wie Einer, der von einer unvermutheten und in Ver⸗ legenheit ſetzenden Frage eines Höhern überraſcht wird, dachte der Ungenannte ſogleich daran, dieſe hier zu beant⸗ worten, die er ſich ſelbſt, oder vielmehr die ſein neues, in einem Augenblick furchtbar angewachſenes Ich, das ſich gleichſam erhob, um das alte zu richten, ihm ſtellte. Er forſchte alſo den Gründen nach, aus denen er, beinahe ehe er noch gebeten worden war, die Verpſlichtung hatte übernehmen können, eine unglückliche Unbekannte, ohne Haß und ohne Furcht, blos jenem Menſchen zu Lieb, ſo ſchwere Leiden erdulden zu laſſen; aber es gelang ihm nicht nur nicht Gründe zu ermitteln, die ihm in dieſem Augenblick brauchbar geſchienen hätten, um einen ſolchen Schritt zu entſchuldigen, ſondern er konnte beinahe ſelbſt nicht begreifen, wie er ſich überhaupt dazu hatte verleiten laſſen. Dieſer Wunſch war nicht ſowohl aus einer Ueber⸗ legung hervorgegangen, als vielmehr aus einer augenblick⸗ lichen Regung der im Gehorſam gegen altgewohnte Ge⸗ fühle befangenen Seele, und konnte nur als eine Folge von tauſend vorhergegangenen Thatſachen betrachtet wer⸗ den; und ſo fand ſich denn der gequälte Selbſtprüfer, während er ſich über eine einzige That Rechenſchaft ab⸗ legen wollte, in eine Prüfung ſeines ganzen Lebens hinein⸗ gezogen. Immer weiter zurück, von Jahr zu Jahr, von Unternehmung zu Unternehmung, von Blut zu Blut, von Frevelthat zu Frevelthat, erſchien jede einzelne wieder vor der ſelbſibewußten Seele und trat nun, getrennt von den Empfindungen, von denen ſie eingegeben worden war, mit einer Scheußlichkeit, welche dieſe Gefühle damals nicht varin hatten bemerken laſſen, vor ſein entſetztes Gemüth⸗ Es waren lauter Thaten, die er ſelbſt begangen, ja ſie waren er ſelbſt geworden: die Schauerlichkeit dieſes Ge⸗ dankens, die bei jedem ſolchen Bilde neu erwachte und allen anklebte, ſteigerte ſich bis zur Verzweiflung. Er ſeste ſich haſtig in ſeinem Bette auf, fuhr mit den Hän⸗ den raſch an die Wand neben demſelben, griff nach einem 197 Piſtol, erfaßte es, riß es herunter und in dem Augen⸗ blick, wo er ein unerträglich gewordenes Leben endigen wollte, warf ſich ſein Gedanke, überwältigt von einer Furcht, von einer Unruhe, die es ſo zu ſagen überlebten, in die Zeit, die doch auch nach ſeinem Ende noch immer ihren Lauf nehmen würde. Mit Schander dachte er ſich ſeinen entſtellten Leichnam, unbeweglich, in die Willkür des niedrigſten Ueberlebenden geſtellt; die Ueberraſchung, den Aufruhr, der morgen in der Burg ſtattfinden würde, Alles drunter und drüber; er ſelbſt ohne Kraſt, ohne Stimme, hingeworfen, wer weiß wohin. Er dachte ſich den Lärm, den die Sache machen würde, das Gerede, das darüber hier, in der Umgegend und in der Ferne entſtehen müßte, die Freude ſeiner Feinde. Auch die Finſterniß, auch die Sulle der Nacht rings umher, ließen ihn den Tod noch nübſeliger und ſchtecklicher finden; es ſchien ihm, als würde er am hellen Tag, draußen, im Angeſicht alles Volks kein Bedenken getragen haben, ſich in ein Waſſer zu ſtürzen und zu verſchwinden. In ſolche aual⸗ volle Betrachtungen verſunken, ſpannte er mit kramvfhaf⸗ ter Anſtrengung ſeines Daumens den Hahn ſeines Piſtols auf und ab, als auf einmal ein anderer Gedanke in ihm auftauchte. Wenn jenes andere Leben, von dem ſie mir vorgeſchwatzt haben, als ich noch ein Junge war, und von dem ſie noch immer als von einer ganz ausgemachten Sache ſprechen, wenn jenes Leben nicht ſtattfindet, wenn es blos eine Erfindung der Pfaffen iſt, was mache ich dann, warum dann ſterben? Was liegt dann an dem, was ich gethan habe? Was hat es auf ſich? Es iſt eine Narrheit von mir.. Und wenn dieſes andere Leben dennoch ſtattfände?.. Bei einem ſolchen Zweifel, bei einer ſolchen Gefahr überkam ihn eine noch ſchwärzere, noch drückendere Ver⸗ zweiflung, der er nicht einmal mit dem Tode entfliehen konnte. Er ließ die Waffe ſinken, wühlte mit den Nägeln in ſeinen Haaren, klapperte mit den Zähnen, zitterte an 198 allen Gliedern. Auf einmal erhoben ſich in ſeinem Ge⸗ dächtniß Worte, die er vor wenigen Stunden zu wieder⸗ holten Malen gehört hatte:— Gott verzeiht ſo viele Dinge um eines Werkes der Barmhetzigkeit willen!— Und zwar vernahm er ſie nicht in jenem Ton demüthiger Bitte, in welchem ſie geſprochen worden waren, ſondern mit einem nackdrucksvollen Klang, der zugleich eine entfernte Hoff⸗ nung herbeiführte. Es war dies ein Augenblick der Er⸗ leichterung; er zog die Hände von ſeinen Schläfen zurück, heftete in ruhigerer Haltung die Augen ſeines Geiſtes auf die Perſon, welche dieſe Worte ausgeſprochen hatte, und er ſah ſie nicht als ſeine Gefangene, als eine Flehende, ſondern in der Haltung desjenigen, der Gnade und Troſt ſpendet. Angſtvoll erwartete er den Tag, um ſie eiligſt freizulaſſen, aus ihrem Munde noch andere Worte der Er⸗ quickung und des Lebens zu hören; er dachte daran, ſie ſelbſt zu ihrer Mutter zu führen. Und dann, was ſoll ich morgen, die übrige Zeit hindurch thun? Was ſoll ich übermorgen thun? Was überübermorgen? Und in der Nacht? In der Nacht, die nach zwölf Stunden wieder⸗ kehren wird! O die Nacht! Nein, nein, die Nacht!— Und in die qualvolle Oede der Zukunſt zurückverſunken, ſuchte er umſonſt nach einer Ausfüllung der Zeit, nach einer Art, wie er die Tage und Nächte zubringen könnte. Bald dachte er daran ſeine Burg zu verlaſſen und in ferne Länder zu gehen, wo man Nichts von ihm gehört hätte, aber er fühlte, daß er doch noch immer bei ſich ſelbſt ſein würde; bald tauchte in ihm eine dunkle Hoffnung auf, ſeinen alten Muth, ſeine alten Neigungen wieder zu ge⸗ winnen, und er dachte, dies ſei nur ein vorübergehendet Fieberwahnſinn. Bald fürchtete er das Tageslicht, das ihn den Seinigen ſo jammervoll verwandelt zeigen werde, bald ſeufzte er nach demſelben, wie wenn es auch in ſeine Gedanken Licht bringen ſollte. Urd ſiehe da, gerade als es zu tagen anfing, wenige Augenblicke, nachdem Lucia eingeſchlafen war, während er ſelbſt noch unbeweglich auf 199 ſeinem Bette ſaß, hörte er ein nicht ſcharf ausgedrücktes Getöne, das aber etwas Feierliches hatte, an ſein Ohr ſchlagen. Er lauſchte und erkannte ein fernes, feſtliches Glockengeläute; bald darauf unterſchied er auch das Echo vom Berge, welches das Getöne von Zeit zu Zeit ſchwach wiedergab und ſich mit ihm verſchmolz. Nach einer kleinen Weile vernimmt er ein anderes, näheres und gleichſam feſt⸗ liches Glockengeläute; dann noch ein anderes.—„Was be⸗ deutet dieſe Fröhlichkeit? Ueber was freuen ſich alle dieſe Leute?— Was haben ſie für gute Zeit?“ Er ſpräng von ſeinem Dornenlager auf, fleideie ſich eilig halb an, öffnete die Flügel eines Fenſters und ſchaute hinaus. Die Berge waren noch dunkel, der Himmel nicht ſowohl umwölkt, als vielmehr eine einzige aſchgraue Wolke; aber bei der Helle des bereits angebrochenen Tages bemerkte man auf dem Wege unten im Thal Leute, die geſchäftig vorübergingen, Leute, die aus den Thüren traten und ſich auf den Weg machten, alle in derſelben Richtung nach der Mündung des Thales, rechts von der Burg; auch konnte er in der Klei⸗ dung und ganzen Haltung der Wanderer etwas Feſtliches erkennen.—„Was zum Teufel haben denn dieſe? Was für eine Freude gibt es in dem verwünſchten Dorfe?“— Und er rief einen vertrauten Bravo, der im Nebenzimmer ſchlief, und fragte nach der Urſache dieſer Bewegung. Der Bravo, der nicht mehr wußte als er ſelbſt, antwortete, er wolle ſogleich Erkundigungen einſammeln. Der Herr ſchaute unverwandten Blicks nach dem beweglichen Schauſpiel, das der zunehmende Tag mit jedem Augenblick deutlicher machte. Man ſah Leute vorüberziehen und immer neue Leute zum Vorſchein kommen. Männer, Weiber, Kinder, trupvenweiſe, paarweiſe, allein; Dieſer holte einen vor ihm Gehenden ein und leiſtete ihm Geſellſchaft; ein Anderer, der gerade aus dem Hauſe kam, geſellte ſich zum erſten beſten, dem er unterwegs begegnete, und ſie gingen zuſammen wie Freunde auf einer verabredeten Reiſe. Ihre Bewegungen verkündeten augenſcheinlich Eile und eine gemeinſame Freude⸗ 200 Und jenes zwar nicht zuſammenſtimmende, aber gleichbe⸗ deutende Getöne der verſchiedenen, bald mehr, bald weniger nahen und hellen Glocken ſchien ſo zu ſagen der gemein⸗ ſame Ausdruck dieſer Geberden zu ſein und die Stelle der Worte zu vertreten, welche nicht bis hinauf gelangen konn⸗ ten. Er ſchaute und ſchaute, und in ſeinem Herzen erwuchs mehr als Neugierde, zu erfahren, was bei ſo vielen und ſo verſchiedenen Leuten eine ſo gleichförmige Fröhlichkeit und Abſicht hervorrufen könne. 8 Zweiundzwanzigſtes Capitel. Bald kam der Bravo zurück und meldete, der Car⸗ dinal Federico Borromeo, Erzbiſchof von Mailand, ſei Tags zuvor in*** angelangt, werde ſich den ganzen heu⸗ tigen Tag dort aufhalten, und da ſich ſchon am Abend die Kunde davon weit in der Runde verbreitet, ſo ſei die ganze Bevölkerung von dem Verlangen ergriffen worden, hinzugehen und dieſen Mann zu ſehen; das Geläute be⸗ deute alſo nicht bloß ein Feſt, ſondern auch eine Mahnung für Diejenigen, die es noch nicht wiſſen ſollten. Als der Herr allein zurückgeblieben war, fuhr er fort, noch gedan⸗ kenvoller in das Thal hinabzuſchauen.—„Um eines Man⸗ nes willen!— Wie ſich Alles drängt und freut, dieſen Mann zu ſehen! Und doch wird jeder von all dieſen Menſchen auch ſeinen Teufel haben, der ihn quält. Aber kein einziger wird einen ſolchen haben, wie der meinige iſt; keiner wird eine Nacht zugebracht haben, wie ich. Was hat denn dieſer Mann, daß er ſo viele Leute in eine ſo freudige Stimmung verſetzt? Einige Soldi, die er viel⸗ leicht auf's Gerathewohl unter ſie ausſtreuen wird?— Aber die gehen doch nicht Alle auf⸗Almoſen aus. Nun denn, ſo ein paar Zeichen in die Luft, ſo ein paar Worte 201 O, wenn er für mich die Worte hätte, die mich zu tröſten vermöchten!... Wenn!„ Warum gehe ich nicht auch hin? Warum nicht?„.. Ich will gehen; was ſollte ich anders thun? Ich will gehen und will mit ihm ſprechen; unter vier Augen will ich mit ihm ſprechen. Was werde ich ihm ſagen? Nun wohl, daß„daß Ich werde ja hören, was dieſer Mann zu ſagen hahen wird.“ Sobald er dieſen noch nicht ganz klaren Entſchluß gefaßt hatte, vollendete er ſchnell ſeine Toilette, und zwar zog er über ſeine gewöhnliche Kleidung noch eine lange Jacke von kriegeriſchem Zuſchnitt an; er nahm das Piſtol, das auf dem Bette liegen geblieben war, und ſteckte es auf die eine Seite in den Gürtel, auf die andere ſteckte er ein anderes, das er von einem Nagel an der Wand herab⸗ nahm, und in denſelben Gürtel ſteckte er auch einen Dolch. Hierauf nahm er einen Karabiner, beinahe ebenſo berüch⸗ tigt, wie er ſelbſt, von der Wand und hing ihn über ſeine Schultern. Dann nahm er ſeinen Hut, bedeckte ſich, ver⸗ ließ das Zimmer und ging vor allen Dingen nach dem⸗ jenigen, wo er Lucia gelaſſen hatte. Er ſtellte den Karabiner in eine Ecke vor der Thüre und klopfte an, in⸗ dem er zugleich ſeine Stimme vernehmen ließ. Die Alte ſtürzte ſich aus dem Bette, warf ſich einen Lumpen über und eilte, zu öffnen. Der Herr trat ein, ließ ſeinen Blick durch das Zimmer ſchweifen und ſah Lucia ruhig in ihrer Ecke zuſammengekauertt. „Schläft ſie?“ fragte er leiſe die Alte.„Schläft ſie dort? Waren das meine Befehle, Du Unglückſelige?“ „Ich habe alles Mögliche gethan,“ antwortete dieſe, S ſie hat vurchaus nicht eſſen, durchaus nicht in's e „Laß ſie ruhig ſchlafen, ſtöre ſie ja nicht, und wenn ſie erwacht.. Marta wird hier in das Nebenzimmer kommen, und Du kannſt Alles, was das Mädchen verlan⸗ gen wird, durch ſie holen laſſen. Wenn ſie erwacht. 202 ſage ihr, daß ich ſag' ihr, der Herr ſei auf kurze Zeit ausgegangen, er werde bald zurückkommen und„. Alles thun, was ſie wünſchen werde.“ Die Alte war ganz verdutzt und dachte bei ſich: Das muß am Ende gar eine Prinzeſſin ſein. Der Herr ging hinaus, nahm ſeinen Karabiner wie⸗ der, befahl Marta, im Vorzimmer zu warten, gebot dem erſten Bravo, der ihm in den Weg lief, Wache zu halten, damit keine andere Perſon als dieſes Weib das Zimmer betrete, verließ dann die Burg und ſtieg raſchen Schritts den Abhang hinab. Das Manuſcript gibt die Entfernung der Burg von dem Dorfe, wo ſich der Cardinal befand, nicht an; ſie mußte jedoch nicht viel mehr als einen guten Spaziergang ausgemacht haben. Auf dieſe Nähe läßt uns nicht bloß das Zuſtrömen der Thalbewohner nach der Ortſchaft ſchlie⸗ ßen; denn in den Gedenkbüchern jener Zeit finden wir, daß die Leute zwanzig und noch mehr Miglien herka⸗ men, um den Cardinal Federigo einmal zu ſehen, ſondern wir müſſen aus all den Ereigniſſen des Tags, die wir zu etzählen haben, folgern, daß der Weg nicht ſehr lang war. Die Bravi, denen er beim Hinabſteigen begegnete, blieben ehrerbietig ſtehen und ließen den Herrn vorübergehen, indem ſie warteten, ob er ihnen vielleicht Befehle zu ertheilen habe oder ſie zu irgend einer Erpedition mitnehmen wolle; ſie waren höchlich erſtaunt über ſeine Miene und die Blicke, womit er ihre Verbeugungen erwiederte. Als er ſich dann unten auf der Landftraße befand, da war es etwas ganz Anderes. Unter den erſten Wan⸗ derern, die ihn ſahen, entſtand ein Geziſchel, ſie warfen argwöhniſche Blicke um ſich und drückten ſich da und dort auf die Seite. Den ganzen Weg hindurch ging er nicht zwei Schritte neben einem Andern. Jeder, der ihn heran⸗ nahen ſah, ſchaute ſich mißtrauiſch um, machte einen Bück⸗ ling und ging langſamer, um hinterrihm zurückzubleiben. Als er in's Dorf kam, war Alles gedrängt voll; ſobald 203 er ſich zeigte, flog ſein Name von Mund zu Mund, und die Menge öffnete ſich. Er trat auf einen der ängſtlichen Umſtehenden zu und fragte ihn, wo der Cardinal ſei.„Im Pfarrhaus,“ antwortete vieſer ehrfurchtsvoll und zeigte ihm daſſelbe. Der Herr ſchritt darauf zu und kam in einen kleinen Hof, wo viele Prieſter waren, die ihn ſämmtlich mit verwunderter und argwöhniſcher Aufmerkſamkeit betrach⸗ teten. Gegenüber ſah er eine offene Thüre, die zu einem kleinen Vorſaal führte, wo gleichfalls viele Prieſter ver⸗ ſammelt waren. Er nahm den Karabiner von der Schul⸗ ter und lehnte ihn in einen Winkel des Hofes; ſodann trat er in den Vorſaal; wiederum ängſtliche Blicke, Geziſchel, ein Name von Mund zu Mund und allgemeine tiefe Stille. Er wandte ſich an einen der Anweſenden und fragte ihn, wo der Cardinal ſei, er wolle ihn ſprechen⸗ „Ich bin fremd,“ antwortete der Gefragte, blickte aber umher und rief dem Kapellan⸗Kreuzträger, der in einer Ecke des Saales ſtand und eben leiſe zu einem Bekannten ſagte:„Der? dieſer berüchtigte Menſch? Was hat der hier zu ſchaffen? Gott behüte uns vor ihm Inzwiſchen mußte er auf ven Ruf, der bei der allgemeinen Sulle laut erſcholl, erſcheinen. Er verbeugte ſich vor dem Ungenann⸗ len, vernahm ſein Verlangen, und indem er mit unruhiger Neugierde ſeine Augen auf dieſes Geſicht richtete, dann ſie aber wieder zu Boden ſenkte, ſtand er eine Weile unſchlüſ⸗ ſig da; dann ſtammelte er:„Ich weiß nicht, ob der hoch⸗ würdige Herr in dieſem Augenblick. ſich im Stand ir doc ich will ſchen.“ Damit entfernte er ſich unmuthigen Herzens, um ſeine Botſchaſt in dem i Zimmer auszurichten, wo der Cardinal ſich efand. An dieſer Stelle unſerer Geſchichte können wir nicht umhin, uns ein wenig zu verweilen, gleichwie der Wan⸗ derer, wenn er von einem langen Weg durch eine öde Wildniß erſchöpft und niedergeſchlagen iſt, im Schatten eines ſchönen Baumes, auf dem Raſen neben einer leben⸗ 204 digen Waſſerquelle gern einige Zeit verliert. Wir ſind bei einem ausgezeichneten Manne angekommen, deſſen Name und Gedächtniß unſer Gemüth, ſo vft ſie vor daſſelbe treten, mit einer lieblichen Regung der Ehrfurcht und einem wohlthuenden Gefühl der Symvathie erquicken; wie viel mehr alſo nach ſo vielen Bildern des Schmerzes, nach der Betrachtung einer ſo mamuichfaltigen und abſtoßenden Ruchloſigkeit! Ueber dieſen Mann müſſen wir durchaus einige Worte hier einfügen: wer ſie etwa nicht hören will, ſondern bloß in der Geſchichte ſelbſt weiter voran⸗ ſchreiten möchte, der mag ohne Weiteres zu dem folgenden Kapitel übergehen. Federigo Borromeo, geboren 1565, war einer von jenen zu allen Zeiten ſeltenen Menſchen, die ausgezeich⸗ nete Geiſtesgaben, alle Mittel eines großen Reichthums, alle Vortheile eines bevorrechteten Standes und einen fort⸗ währenden Eifer auf die Eſforſchung und Ausübung des Beſten angewendet haben. Sein Leben gleicht einem Bach, der klar und hell aus dem Felſen hervorſprudelt und, ohne in einem langen Lauf über verſchiedene Erdarten hin ge⸗ hemmt oder getrübt zu werden, rein und hell ſich in den Fluß ergießt. Mitten unter den Gemächlichkeiten und Herr⸗ lichkeiten des Lebens, achtete er ſchon von früher Kindheit an auf jene Worte der Selbſtverleugnung und Demuth, auf jene Grundſätze über die Nichtigkeit der Vergnügungen, über die Ungerechtigkeit des Stolzes, über die wahre Würde und die wahren Güter, kurz auf jene Lehren, die, ob nun im Herzen empfunden oder nicht empfunden, in den Elementen des Religionsunterrichtes von einem Geſchlecht dem andern überliefert werden. Er achtete, ſage ich, auf dieſe Worte, auf dieſe Grundſätze; er nahm ſie ſich zu Herzen, empfand Wohlgefallen daran, fand ſie wahr; er begriff, daß folglich andere, entgegengeſetzte Worte und Grundſätze, welche gleichfalls mit derſelben Beharrlichkeit und zuweilen von denſelben Lippen von einem Zeitalter zum andern überliefert werden, nicht wahr ſein konnten, 205 und beſchloß diejenigen, welche die Wahrheit enthielten, zur Richtſchnur ſeiner Hanvlungen und ſeiner Gedanken zu machen. Aus ihnen erſah er, daß das Leben nicht nur dazu beſtimmt iſt, für Viele eine Laſt und für einige Wenige ein Feſt zu ſein, ſondern daß es für Alle ein Amt iſt, von welchem jeder Rechenſchaft zu geben hat, und er begann ſchon als Kind daüber nachzudenken, wie er das ſeinige nützlich und heilig machen könne. Im Johr 1580 ſprach er den Entſchluß aus, ſich dem geiſtlichen Stande zu widmen und empfing das Ge⸗ wand aus den Händen ſeines Vetters, Carlo, den ſchon damals ein alter und allgemeiner Ruf als Heiligen bezeich⸗ nete. Bald darauf trat er in das von demſelben gegrün⸗ dete Collegium in Pavia, das noch immer den Namen der Familie führt, und indem er hier eifrig den Beſchäf⸗ tigungen oblag, die er vorgeſchrieben fand, übernahm er aus eignem Antrieb noch zwei andere, nämlich die Roheſten und Verlaſſenſten im Volke in der chriſtlichen Lehre zu unter⸗ weiſen, die Kranken zu beſuchen, zu bedienen, zu tröſten und zu unterſtützen. Er benützte das Anſehen, das alle Umſtände an dieſem Orte ihm verſchafften, dazu, daß er ſeine Ge⸗ noſſen veranlaßte, ihm in ſolchen Werken beizuſtehen, und ſo übte er in allen ehrbaren und nützlichen Dingen gleich⸗ ſam ein Primat des Beiſpiels, ein Primat, das er, ſo es auf den ausgezeichneten Gaben ſeines Geiſtes und Her⸗ zens beruhte, vielleicht auch erlangt haben würde, wenn er ſeinen äußeren Umſtänden nach der Niedrigſte geweſen wäre. Die Vortheile anderer Art, die er ſich, vermöge dieſer äußeren Umſtänden, hätte verſchaffen können, ſuchte er nicht blos nicht, ſondern wies ſie eifrig von der Hand. Er wollte einen mehr dürftigen als frugalen Tiſch, er trug ein mehr ärmliches als ſchlichtes Kleid, und dem entſprach ſeine ganze Lebensweiſe und ſeine ganze Haltung. Auch glaubte er niemals dieß ändern zu müſſen, weil einige Verwandten ein großes Geſchrei und Wehklagen echoben, daß er auf dieſe Art die Würde des Hauſes erniedrige. Einen andern Krieg hatte 206 er mit den Lehrern zu beſteben, die ihm heimlich und gleichſam auf dem Wege der Ueberraſchung das eine oder andere elegantere Geräthe, irgend Etwas, das ihn vor den Andern unterſcheiden und als den Vornehmſten des Ortes erſcheinen laſſen ſollte, zuzuſchreiben oder ihn da⸗ mit zu umgeben ſuchten, theils weil ſie ſich dadurch zu⸗ letzt angenehm zu machen glaubten, theils aus jener knech⸗ tiſchen Anhänglichkeit, welche in der Herrlichkeit Anderer ihre Eitelkeit und Labung findet; theils weil ſie zu jenen klugen Menſchen gehörten, die ſich vor den Tugenden eben ſo ſehr wie vor den Laſtern ſcheuen, die immer pre⸗ digen, daß die Vollkommenheit in der Mitte liege, und vie Mitte gerade auf denjenigen Punkt ſetzen, wo ſie ſelbſt angelangt ſind und ſich behaglich befinden. Er dagegen nahm ſolche Auszeichnungen nicht nur nicht an, ſondern tadelte auch die allzu Zudringlichen, und zwar that er dieß in der Periode zwiſchen dem Knaben⸗ und Jünglings⸗ alter. Daß zu Lebzeiten des Cardinals Carlo, der ſechs⸗ undzwanzig Jahre älter war als er, in ſeiner hochanſehn⸗ lichen und ſo zu ſagen feierlichen Gegenwart, welche von Huldigungen und einem ehrfurchtsvollen Schweigen um⸗ geben, von ſo hohem Ruhme und den Zeichen der Heilig⸗ feit umſtrahlt war, der zarte Jüngling Federiev ſich nach dem Vorbild und dem Wunſch eines ſolchen Vetters zu bilden ſuchte, iſt ſicherlich nicht zu verwundern; wohl aber muß geſagt werden, daß nach dem Tode des Cardinals Niemand bemerken kounte, daß der nunmehr zwanzigjãh⸗ rige Federigo eines Führers und Sittenrichters bedürfe. Der immer mehr wachſende Ruf ſeines Geiſtes, ſeiner Ge⸗ lehrſamkeit und Frömmigkeit, die Verwandtſchaft und Ver⸗ bindungen mit mehr als einem mächtigen Cardinal, das Anſehen ſeiner Familie, ſchon der Name ſelbſt, an welchen Carlo in der öffentlichen Meinung eine Idee der Heilig⸗ keit und prieſterlicher Oberhoheit geknüpft hatte, Alles was einen Menſchen zu geiſtlichen Würden führen muß 207 und führen kann, wirkte zuſammen, um ihm ſolche im Voraus zu verkündigen. Er aber, in ſeinem Hetzen von dem überzeugt, was Niemand, der ſich zum Chriſtenthum bekennt, mit dem Munde verleugnen kann, daß es keine gerechte Ueberlegenheit eines Menſchen gegenüber Anderen gebe, außer in der Verpflichtung Andern zu dienen, ſcheute ſich vor den Würden und ſuchte ihnen auszuweichen, ganz gewiß nicht, um Andern nicht dienen zu müſſen, denn wenige Leben wurden in ſo aufopferndem Dienſte der Menſchheit verbracht, wie dasjenige, ſondern weil er ſich eines ſo hohen und gefährlichen Dienſtes nicht würdig und nicht dazu fähig hielt. Als ihm daher im Jahr 1595 von Clemens VMII. vas Erzbisthum Mailand angeboten wurde, erſchien er darüber ſehr betroffen und lehnte ohne Weiteres das Amt ab. Später gab er dem ausdrücklichen Befehle des Papſtes nach. Solche Kundgebungen ſind, wer weiß das nicht? weder ſchwierig noch ſelten, und die Heuchelei bedarf kei⸗ ner größern Anſtrengung ihres Witzes, um ſolche zu ma⸗ chen, als die Spaßmacherei, um ſie zu verſpotten, was jedenfalls leicht iſt. Aber hören ſie darum auf der natür⸗ liche Ausdruck einer tugendhaften und weiſen Geſinnung zu ſein? Das Leben iſt der Prüfſtein der Worte, und die Worte, welche dieſe Geſinnung ausdrücken, werden, ſelbſt wenn ſie allen Betrügern und allen Spöttern der Welt über die Lippen gekommen wären, immer ſchön ſein, wenn ihnen ein Leben uneigennütziger Aufopferung vorangeht und nachfolgt. Bei dem Erzbiſchof Federigo bemerkte man ein ganz beſonderes und anhaltendes Beſtreben für ſich ſelbſt von ſeinem Beſitz, ſeiner Zeit, ſeiner Sorgfalt, kurz ſeinem ganz Selbſt nur das ſchlechterdings Nothwendige in An⸗ ſpruch zu nehmen. Er ſagte, was Alle ſagen, daß die geiſtlichen Einkünfte das Erbtheil der Armen ſeienz wie er aber ſeine Auffaſſung dieſes Grundſatzes im Leben bethä⸗ tigte, mag man aus Folgendem erſehen⸗ Er ließ berech⸗ 208 nen, wie viel der Unterhalt für ſich und die für ſeine perſönliche Bedienung beſtimmte Hausgenoſſenſchaft betrug, und da man ihm die Summe von 600 Seudi angab(Scudo nannte man damals die Goldmünze, die mit Beibehaltung deſſelben Gewichtes und Titels ſpäter Zechine genannt wurde), ſo gab er Befehl, daß dieſe Summe alljährlich von ſeinen Familieneinkünften an ſeine Tiſchkaſſe bezahlt werden ſolle; mehr glaubte er, obſchon er ungemein reich war, von ſeinem väterlichen Erbe nicht für ſich verwenden zu dürfen. Er war dabei für ſeine eigene Perſon ein ſo genauer und ſparſamer Haushalter, daß er ein Kleid nicht ablegte, ehe es gänzlich abgenützt war, wobei er jedoch, wie gleichzeitige Schrifiſteller bemerfen, mit dem Sinn für Einfachheit eine ausgeſuchte Reinlichkeit verbandz zwei in jener zugleich ſchmutzigen und prunkhaften Zeit bemerkens⸗ werthe Gewohnheiten. So überwies er auch die Ueber⸗ bleibſel ſeines frugalen Tiſches, damit Nichts davon zu Grunde gehe, einem Armenhoſpitale, und ein Bewohner deſſelben erſchien auf ſeine Veranſtaltung im Speiſeſaal, um den Abhub in Empfang zu nehmen. Solche Vor⸗ ſorgen könnten vielleicht auf eine knickerige, kleinliche, beſchränkte Tugend, auf ein in Geringfügigkeiten befan⸗ genes und erhabener Abſichten unfähiges Gemüth ſchließen laſſen; aber gegen dieſe Anſchauung erhebt ſich die am⸗ broſianiſche Bibliothek, zu welcher Federigo mit ſo kühner Prachtliebe den Plan entwarf, und die er mit ſo vielen Koſten von Grund aus ſtiftete; denn nicht nur, daß er ihr die Bücher und Manuſeripte ſchenkte, die er mit großem Eifer und Aufwand ſelbſt geſammelt, er ſchickte auch acht der gebildetſten und erfahrenſten Männer, die er finden konnte, in die verſchiedenen Theile Italiens, nach Frank⸗ reich, nach Spanien, nach Deutſchland, nach Flandern, nach Griechenland, nach dem Libanon und nach Jeruſalem, um Ankäufe zu machen. So gelang es ihin denn, etwa 30,000 gedruckte Bände und 14,000 Manuſeripte zuſam⸗ menzubringen. Mit der Bibliothek verband er ein Docto⸗ 209 rencollegium(aus neun Mitgliedern beſtehend, deren Unter⸗ halt er ſelbſt, ſo lange er lebte, beſtritt; ſpäter beſchränkte man, da die gewöhnlichen Einkünfte zu ihrem Unter⸗ halt nicht mehr ausreichten, ihre Zahl auf zwei). Dieſe Männer hatten die Aufgabe, die verſchiedenen Zweige der Wiſſenſchaft, Philologie, Geſchichte, Literatur, geiſtliche Alterthümer, orientaliſche Sprachen zu pflegen, und jeder war verpflichtet, ein Werk über das ihm zugewieſene Fach zu veröffentlichen. Er verhand damit ferner ein Collegium, das er das Dreizüngige nannte, für das Studium der griechiſchen, lateiniſchen und itglieniſchen Sprache; ein Collegium für Zöglinge, welche in dieſen Facultäten und Sprachen unterrichtet werden ſollten, um ſie ihrerſeits wieder zu lehren; überdieß eine Druckerei für vrientaliſche Sprachen, d. h. für die hebräiſche, chaldäiſche, arabiſche, verſiſche, armeniſche; endlich eine Bildergallerie, eine Samm⸗ lung von Bildſäulen und eine Schule der drei wichtigſten Zeichenkünſte. Für dieſe konnte er bereits ausgebildete Leh⸗ der finden; was das Uebrige betrifft, ſo haben wir geſe⸗ hen, welche Mühe die Sammlung der Bücher und Ma⸗ nuſcripte ihm koſtete; gewiß noch ſchwerer mußten die Ty⸗ pen dieſer Sprachen zu finden ſein, die damals in Eu⸗ ropa weit weniger gepflegt wurden als jetzt; ſchwerer noch als die Typen die Männer. Es genüge, daß er von neun Doctoren acht von den Zöglingen ſeiner Schule aus⸗ wählte, woraus man ſchließen mag, welches Urtheil er über die vollendeten Studien der damaligen Celebritäten fällte, ein Urtheil, demjenigen entſprechend, das auch die Nachwelt gefällk zu haben ſcheint, indem ſie dieſelben ſammt und ſonders der Vergeſſenheit übergeben hat. In den Anordnungen, welche er über den Gebrauch und die Verwaltung der Bibliothet hinterließ, zeigt ſich eine Rück⸗ ſichtnahme auf bleibenden Nutzen, die nicht bloß an und für ſich ſchön, ſondern auch in ſehr vielen Stücken weiſe und vernünſtig iſt, und ſich über die allgemeinen Gewohn⸗ heiten und Ideen jener Zeit weit ethebt. Der Bihliothe⸗ Die Verlohten, I 14 210 kar hatte die Verpflichtung, mit den gelehrteſten Männern Europa's einen Briefwechſel zu unterhalten, um von ihnen Nachrichten über den Stand der Wiſſenſchaft, ſo wie über die beſten, in jedem Fache erſcheinenden Bücher zu bekom⸗ men und ſie anzuſchaffen. Er beauftragte ihn, den Stu⸗ direnden die Werke anzuzeigen, die zu ihren Zwecken dienen könnten; er befahl, daß man denſelben, ob ſie nun Staatsangehörige oder Fremde waren, alle möglichen Be⸗ quemlichkeiten bieten ſolle, um die hier aufbewahrten Bü⸗ cher zu benügen. Eine ſolche Abſicht muß heute Jedem als ganz natürlich und mit der Gründung einer Bibliothek weſentlich verbunden erſcheinen; damals war dem nicht alſo. So wird z. B. in einer Geſchichte der ambroſia⸗ niſchen Bibliothek, einem Werk, das Pierpavlo Boſca, der nach Federigo's Tod Bibliothekar war, in dem gewöhn⸗ lichen Sthl und mit der üblichen Zierlichkeit des Jahr⸗ hunderts verfaßt hat, ausdrücklich als etwas höchſt Denk⸗ würdiges bemerkt, daß in dieſer Bibliothek, welche ein Privalmann beinahe ganz auf ſeine Koſten geſtiftet, die Bücher für Jedermann ſichtbar ſeien, Jedem, der ſie ver⸗ lange, gebracht wurden, und daß man noch überdieß Je⸗ dem einen Platz zum Sitzen, ſowie Papier, Feder und Tinte gebe, um ſeine Bemerkungen zu machen, während in jeder andern ausgezeichneten öffentlichen Bibliothek Ita⸗ liens die Bücher nicht nur nicht ſichtbar, ſondern in Schränken verſchloſſen ſeien, aus welchen die Vorſteher ſie nur ſo zu ſagen aus Gefälligkeit holen, wenn es ihnen bequem ſei, ſie zu zeigen. Von irgend einer Bequemlich⸗ keit, oder gar von einem Platze zum Studiren für die Beſucher, hatte man durchaus keine Idee. In Folge deß wurden die Bücher, womit man ſolche Bibliotheken be⸗ reicherte, recht eigentlich dem allgemeinen Gebrauch ent⸗ zogen, und eine ſolche Bereicherung war alſo eine Art von Anbau, wie man ihn oft gefunden hat und noch im⸗ mer findet, der das Feld unfruchtbar macht. Man frage nicht, welche Wirkungen dieſe Stiftungen — 211 Borromeo's auf die allgemeine Bildung hervorgerufen; es wäre leicht, mit ein paar Redensarten den Beweis zu füh⸗ ren, je nachdem man ihn eben führt, daß dieſelben er⸗ ſtaunlich, oder daß ſie ſo viel als Nichts geweſen ſeien; nachzuforſchen und bis zu einem gewiſſen Grad auszumit⸗ teln, worin dieſe Wirkung wirklich beſtanden habe, möchte ein ſehr mühſames, dabei nutzloſes Geſchäft und ganz außer der Zeit ſein. Aber man bedenke, welch ein groß⸗ müthiger, einſichtsvoller, wohlwollender, beharrender Freund menſchlicher Vervollkommnung der Mann ſein mußte, der eine ſolche Sache wollte und ausführte inmitten jener fauſt⸗ dicken Unwiſſenheit, Trägheit und allgemeinen Unluſt an wiſſenſchaſtlicher Beſchäftigung, in Folge deren es denn auch nicht an ſpöttiſchen und zweifleriſchen Redensarten: Was nütz's?— man hatan andere Sachen zu denken!— das fehlte noch?— u. ſ. w. fehlte, Bemerkungen, die gewiß ſo zahlreich waren, als die Seudi, die er zu ſeinem Unternehmen verwandte und die ſich auf 105,000, meiſt aus ſeinen eigenen Mitteln, beliefen. um einen ſolchen Mann in hohem Grad wohlthätig und menſchenfreundlich zu nennen, dazu wäre nicht nöthig geweſen, daß er noch viele andere Summen zur unmittel⸗ baren Unterſtützung der Hülfsbedürftigen verwendete, und es gibt eine ſehr verbreitete Anſicht, der zu Folge jeder Aufwand dieſer Art, ja ich möchte faſt ſagen, aller Auf⸗ wand überhaupt das beſte und nützlichſte Almoſen iſt. Aber nach Federigo's Anſicht war das eigentliche Almoſen eine der Hauptpflichten, und hier wie in allem Uebrigen ſtimmte ſeine Anſicht mit ſeiner Handlungsweiſe überein. Sein Leben war eine fortwährende Schenkung an Arme; bei Gelegenheit dieſerſelben Theurung, von welcher unſere Geſchichte bereits geſprochen hat, werden wir in der Folge einige Züge zu berichten haben, aus denen man erfieht, welche Weisheit und edle Geſinnung er auch in dieſer Art von Freigebigkeit beurkundete. Von den vielen aus⸗ gezeichneten Beiſpielen, die ſeine dieſe ſeine 213 roh und ſo ſchmutzig ſeien; wie wenn der brave Mann geſagt hätte, Federigo beſitze nicht geſunden Sinn genug, um eine ſolche Entdeckung ſelbſt zu machen, vder nicht Verſtand genug, um ſich einen ſo hochweiſen Rath ſelbſt ertheilen zu können. Darin beſteht in gewiſſen Zeiten und Umſtänden das Unglück von Männern, die ſich in ausgezeichneten Würden befinden, daß, während ſich ſo ſelten Jemand findet, der ſie auf ihre Fehler aufmerkſam macht, es doch niemals an Leuten fehlt, die dreiſt genug ſind, ſie wegen ihres Wohlthuns zu tadeln. Aber der gute Biſchof antwortete nicht ohne Unmuth:„Es ſind meine Seelen und vielleicht werden ſie mein Angeſicht nicht mehr ſehen!— Und Ihr wollt, daß ich ſie nicht umarmen ſoll?“ Sehr ſelten gab er jedoch dem Unmuth Raum, im Gegentheil zeichnete er ſich durch ſeine Gelaſſenheit und eine unzerſtörbare Sanſtheit des Benehmens aus, die man einem außerordentlich glücklichen Temperament hätte zu⸗ ſchreiben können, während ſie in Wahrheit die Folge einer anhaltenden Zucht war, unter welcher er eine heftige und lebhafte Gemüthsart hielt. Wenn er ſich zuweilen ſtreng, ja ſogar rauh zeigte, ſo war dies gegenüber den ihm untergeordneten Pfarrern, welche er des Geizes, der Rachläſſigkeit oder anderer, dem Geiſte ihres Amtes zuwi⸗ derlaufender Fehler ſchulvig fand. Wegen Sachen, die ſein Intereſſe oder auch ſeinen zeitlichen Ruhm berührten, zeigte er niemals Freude, Unmuth, Hitze oder Unruhe; er war bewundernswürdig, wenn dieſe Regungen in ſeiner Seele nicht erwachten, noch bewunderungswürdiger, wenn ſie ſich geltend machten. Aus den vielen Conclavi, denen er beiwohnte, trug er nicht blos den Ruhm davon, niemals nach dem Poſten getrachtet zu haben, welcher für den Ehr⸗ geiz ſo wünſchenswerth und für die Frömmigkeit ſo furcht⸗ bar iſt, ſondern er wies auch, als ihm einmal ein einfluß⸗ reicher College ſeine eigene Stimme und die Stimme ſeiner Par⸗ tei, die nur mit allzu vielem Recht ſo genannt wurde, anbot, den 2¹4 Vorſchlag auf eine ſolche Weiſe zurück, daß dieſer ſeinen Gedanken aufgab und ſich anverswohin wandte. Dieſelbe Beſcheidenheit, dieſe Freiheit von aller Herrſchſucht gab ſich auch in den gewöhnlichſten Gelegenheiten des Lebens kund. Aufmerkſam und unermüdlich im Anordnen und Anleiten, wo er dies für ſeine Pflicht hielt, enthielt er ſich immer aller Einmiſchung in fremde Angelegenheiten, ja ſogar, wenn er ausvrücklich dazu aufgefordert wurde, ſuchte er dies wo möglich zu umgehen, eine Mäßigung und Zurück⸗ haltung, die, wie Jedermann weiß, bei Männern, die wie Federigo für das Gute eifern, im höchſten Grad unge⸗ wöhnlich ſind. Wenn wir uns der Luſt hingeben wollten, die merk⸗ würdigen Züge ſeines Charakters zu erzählen, ſo würde ſich gewiß daraus eine eigenthümliche Zuſammenſtellung von Vorzügen ergeben, die einander ſcheinbar widerſprechen und jedenfalls ſehr ſchwer pei einander zu finden ſind. Doch können wir es nicht unterlaſſen, noch einer Eigen⸗ thümlichkeit dieſes ſchönen Lebens zu gedenken: ſo ſehr ſeine Zeit von Geſchäſten aller Art, von Staats⸗ und Amtsverrichtungen, von Unterweiſungen, Audienzen, Diö⸗ eeſenbeſuchen, Reiſen, Streitigkeiten in Anſpruch genommen war, ſo fand er nicht blos Muſe zu wiſſenſchaſtlichen Arbeiten, ſondern verwendete ſogar auf ſolche ſo viel Zeit, daß es für einen Gelehrten vom Fach genügt hätte. Und wirklich verband er mit ſo vielen andern und mannigfal⸗ tigen Anſprüchen auf Ruhm auch die Ehre, daß er unter ſeinen Zeitgenoſſen ein ausgezeichneter Gelehrter war. Wir dürfen freilich auch nicht verſchweigen, daß er mit feſter Ueberzeugung und langer Ausdauer gewiſſe Mei⸗ nungen verfocht, welche heut zu Tag Jedermann, ſogar denjenigen, die Luſt hätten, ſie gutzu heißen, mehr ſonder⸗ bar als unbegründet erſcheinen müßten. Wer ihn deßhalb vertheidigen wollte, dem ſtände wohl die ebenſo geläufige, als allgemein angenommene Entſchuldigung zu Gebot, daß es mehr die Irrthümer ſeiner Zeit, als ſeine eigenen 2¹5 geweſen ſeien, eine Entſchuldigung, welche, um die Wahr⸗ heit zu ſagen, wenn man ſie aus der genauen Prüfung der Thatſachen ſchöpft, giltig und bedeutſam ſein kann, aber wenn man ſie nur ſo nackt hinwirft, wieman es gewöhnlich thut, und wie auch wir im vorliegenden Fall thun müßten, recht eigentlich Nichts beſagen will; und darum wollen wir, da wir nicht die Abſicht hegen, verwickelte Fragen mit ein⸗ fachen Formeln zu löſen, dieſelben lieber gar nicht zur Sprache bringen und uns damit begnügen, nur ſo flüchtig angedeutet zu haben, daß ein im Allgemeinen ſo bewun⸗ dernswürdiger Mann uns nicht auch in allen einzelnen Dingen gleich bewunderswürdig erſcheine; man könnte ſonſt am Ende glauben, wir hätten eine Leichenrede halten wollen. Wir thun unſern Leſern gewiß kein Unrecht, wenn wir vorausſetzen, daß jeder von ihnen fragen werde, ob dieſer Mann von ſo ausgezeichnetem Geiſt und Wiſſen nicht auch irgend ein Denkmal hinterlaſſen habe. Ob er deren hin⸗ terlaſſen hat! bis an hundert beläuft ſich die Jahl der von ihm übrig gebliebenen, theils großen, theils kleinen, theils lateiniſchen, theils italieniſchen, theils gedruckten, theils handſchriftlichen Werke, die in der von ihm geſtifteten Bibliothek aufbewahrt werden: moraliſche Abhandlungen, Gebete, geſchichtliche Aufſätze, Schriften über weltliche 3 heilige Alterthumer, über Literatur, Kunſt und andere inge. Sie wie, wird eben dieſer Leſer ſagen, wie konnte es geſchehen, daß ſo viele Werke vergeſſen oder mindeſtens ſo wenig bekannt, ſo wenig geſucht ſind? Wie war es mög⸗ lich, daß bei einem ſo reichen Geiſt, bei einem ſo umfaſ⸗ ſenden Fleiß, bei einer ſo genauen Kenntniß der Menſchen und Dinge, bei ſo langen Forſchungen, bei einer ſo inni⸗ gen Leidenſchaft für das Große und Schöne, bei einer ſo ſieckenloſen Seelenreinheit und ſo vielen andern Eigenſchaf⸗ ten, die den großen Schrifiſteller machen, dieſer in hun⸗ dert Werken nicht ein einziges von jener Art hinterlaſſen hat, die ſelbſt bei denjenigen, welche ſie nicht in allen Stücken 2¹6 gutheißen, für ausgezeichnet gilt, und auch denen, die ſie nicht leſen, wenigſtens dem Titel nach bekannt iſt? Wie konnte es doch geſchehen, daß alle zuſammen nicht genügt haben, um ſeinem Namen wenigſtens durch ihre Anzahl einen literariſchen Ruf bei uns Nachkommen zu verſchaffen. Die Frage iſt ohne Zweifel vernünftig uud der Ge⸗ genſtand intereſſant genug, denn die Urſachen dieſes Phä⸗ nomens liegen in vielen allgemeinen Umſtänden oder müß⸗ ten wenigſtens darin geſucht werden und würden, wenn man ſie auffände, zur Erklärung noch anderer ähnlicher Phänomene ſühren. Aber es würden ihrer viele und ſie würden ſehr weitläuftig ſein; und dann, wenn ſie Eu nicht behagten? wenn ſie Euch unangenehm in die Naſe ſtächen? Darum wird es wohl das Beſte ſein, wenn wir den Gang der Geſchichte von Neuem verfolgen und ſtatt noch lang und breit über dieſen Mann zu plaudern, an der Hand unſeres Autors ſeine Thätigkeit betrachten. Dreiundzwanzigſtes Capitel. In Erwartung der Stunde, wo er in die Kirche gehen und den Gottesdienſt feiern ſollte, beſchäftigte ſich der Car⸗ dinal Federigo, wie er in allen freien Augenblicken zu thun pflegte, mit Lectüre, als auf einmal der Kapellan Kreuzträger mit unruhiger und verſtörter Miene eintrat; Ein ſeltſamer, wahrhaft ſeltſamer Beſuch, Hoch⸗ würdiger Herr!“ „Wer?“ fragte der Cardinal. „Keine geringere Perſon als der Herr. A fuhr der Herr Kapellan fort, und indem er mit großem Nach⸗ druck jede einzelne Sylbe betonte, ſprach er den Namen aus, den wir für unſere Leſer nicht niederſchreiben können. 217 Dann fügte er hinzu:„Er iſt in eigener Perſon draußen und verlangt nichts Anderes, als zu Ew. Eminenz einge⸗ führt zu werden. „Er!“ ſagte der Cardinal mit belebtem Geſichte, in⸗ dem er das Buch ſchloß und ſich von ſeinem Sitze erhob, „er mag kommen! er mag ſogleich kommen!“ „Aber,“ wendete der Kapellan ein, ohne ſich zu bewe⸗ gen,„Ew. Eminenz müſſen wiſſen, wer er iſt: dieſer Bandii, dieſer berüchtigte. 4 Und iſt es nicht ein großes Glück für einen Biſchof, wenn in einem ſolchen Menſchen das Verlangen entſteht, zu ihm zu kommen „Aber... beharrte der Kapellan,„wir dürfen über gewiſſe Dinge nicht ſprechen, weil Ihr immer ſagt, es ſeien Poſſen: indeß wenn der Fall eintritt, ſo dünkt es mich, eine Pflicht zu ſein. Der Eifer macht Feinde, gnädiger Herr, und wir wiſſen beſtimmt, daß mehr als ein Schurke ſich zu rühmen gewagt hat über kurz oder lang i was haben ſie gethan 2. unterbrach der Car⸗ inal. „Ich ſage, daß dieſer Mann recht eigenilich die Ver⸗ brechen in Pacht genommen hai, daß er ein Verzweifelter iſt, der mit den raſendſten Schurken in Verbindung ſteht, und daß er den Auftrag erhalten haben kann „O, was iſt das für eine Disciplin,“ fiel Federigv abermals lächelnd ein,„daß die Soldaten ihren General auffordern, ſich zu fürchten Dann aber fuhr er ernſthaft und nachvenkend fort: Der h. Carlo würde nicht in den Fall gekommen ſein, ſich zu bedenken, ob er einen ſolchen Mann empfangen ſoll oder nicht: er würde ihn aufgeſucht haben. Laß ihn ſogleich eintreten, er hat bereits zu lang gewartet.“ Der Kapellan ſetzte ſich in Bewegung, indem er in ſeinem Herzen ſagte:„Da hilft Alles nichts: dieſe Heili⸗ gen find ſammt und ſonders Starrköpfe.“ 218 Er öffnete die Thüre, trat in das Zimmer, wo der Edelmann und die Geſellſchaft war, ſah, daß letztere ſich auf die eine Seite zuſammengedrängt hatte und unter lei⸗ ſem Geflüſter jenen anſchielte, den man allein in einer Ecke hatte ſtehen laſſen. Er ging auf ihn zu, und indem er ihn, jedoch nur verſtohlen, von vben bis unten mit ſei⸗ nen Blicken maß, dachte er, welch ein Teufel voll Waffen unter dieſer Jacke verborgen ſein könnte, und daß er ihm in der That, bevor er ihn einführe, wenigſtens den Vor⸗ ſchlag machen ſollte. aber er konnte zu keinem Entſchluß kommen. Als er bei ihm war, ſagte er: Se. Eminenz erwarten Ew. Gnaden, geruhet mit mir zu kommen.“ Und indem er durch dieſe kleine Verſammlung hindurch, welche ſogleich ein Spalier bildete, ihm vorausging, warf er nach links und rechts Blicke, welche beſagten:„Was wollt Ihr? 1* wißt ja ſelbſt, daß er immer auf ſeinem Kopfe be⸗ eht. Als ſie mit einander hinaufgekommen waren, öffnete der Kapellan die Thüre und führte den Ungenannten ein. Federigo kam ihm mit freundlicher, heiterer Miene und mit ausgeſtreckten Händen, wie wenn er ihn ſehnlich er⸗ wartet hätte, entgegen und gab dem Kapellan ſogleich einen Wink, ſich zu entfernen: dieſer gehorchte. Als beide allein zurückgeblieben waren, ſtanden ſie eine Weile ſtill und in einer verſchiedenen Art von Un⸗ ſchlüſſigkeit da. Der Ungenannte, der nicht ſowohl durch einen beſtimmten Plan als mit Gewalt von einem uner⸗ klärlichen Drang hierher geſührt war, ſtand jetzt auch wie gewaltſam feſtgebannt da, und in ſeinem Innern wühlten zwei entgegengeſetzte Leidenſchaften: auf der einen Seite das Verlangen und die verworrene Hoffnung, eine Linde⸗ rung ſeiner Qual zu finden, auf der andern Seite ein Aerger, ein Schamgefühl darüber, daß er wie ein Buß⸗ fertiger, wie ein Unterwürfiger, wie ein Elender hierherge⸗ kommen ſei, ſeine Schuld zu bekennen und einen Menſchen anzuflehen; er fand daher keine Worte, und man könnte —— * 2¹9 beinahe ſagen, er ſuchte nicht einmal nach ſolchen. Als er jedoch die Augen zu dem Geſichte dieſes Mannes auf⸗ ſchlug, fühlte er ſich immer mehr von einem zugleich ge⸗ bieteriſchen und lieblichen Gefühl der Verehrung ergriffen, das ſeine Zuverſicht erhöhte, ſeinen Unmuth linderte und ſeinen Stolz, ohne ihn zu beleidigen, zum Weichen und Schweigen brachte. Federigo's Erſcheinung gehörte wirklich zu denjenigen, die eine ieee ankündigen und ihr Liebe gewinnen. Seine Haltung war natürlich, ungezwungen und gleichſam unwillkürlich majeſtätiſch' ie Jahre nicht im minde⸗ ſten gebeugt oder geſchwächt; as Auge war ernſt und leb⸗ haft, die Stirne kein und gedankenvollz trotz ſeiner grauen Haare, trotz ſeiner Bläſſe, trotz der Spuren der Enthalt⸗ ſamkeit, des Nachdenkens, der Anſtrengungen, zeigte ſich auf ſeinem Geſichte noch immer eine Art von jungfräulicher Blüthe; alle ſeine Züge verkündeten, daß es in frühern Zeiten eigentlich ſchön geweſen; die Gewohnheit feierlicher und wohlwollender Gedanken, der innere Frieden eines langen Lebens, die Menſchenliebe, die fortwährende Freu⸗ digkeit einer unausſprechlichen Hoffnung hatten an die Stelle dieſer Schönheit, ich möchte faſt ſagen, eine Greiſenſchön⸗ heit geſetzt, die in jener prachtvollen Einfachheit des Pur⸗ purs noch ſtärker hervortrat. Auch er ließ einen durchdringenden Blick, der eine langjährige Uebung beſaß, aus den Mienen die Gedanken zu errathen, eine Weile auf dem Geſichte des Ungenannten haften, und da er unter dem trüben und verſtörten Aus⸗ druck deſſelben immer mehr etwas zu entdecken meinte, was der Hoffnung entſprach, die er bei der erſten Ankün⸗ digung eines ſolchen Beſuchs gefaßt hatte, ſo ſagte er ganz belebt:„Ach, welch ein angenehmer Beſuch iſt das, und wie ſehr muß ich Euch für einen ſo guten Entſchluß dan⸗ ken, obſchon für mich ein gewiſſer Vorwurf varin liegt.“ „Ein Vorwurf!“ rief der Herr verwundert, aber weich geſtimmt durch dieſe Worte und dieſes Benehmen, zugleich 220 ſehr froh darüber, daß der Cardinal das Eis gebrochen und irgend ein Geſpräch angebahnt hatte. „Allerdings iſt es ein Vorwurf für mich,“ begann dieſer wieder,„daß ich Euch habe mir zuvorkommen laſſen, wäh⸗ rend ich ſchon ſo lange zu Euch hätte kommen können und kommen müſſen.“ „Ihr zu mir! wißt Ihr, wer ich bin? Hat man Euch meinen Namen geſagt?“ „Und dieſes Vergnügen, das ich empfinde und das ſich gewiß auf meiner Miene kundgibt, meint Ihr, ich würde es bei der Anmeldung, bei dem Anblick eines Un⸗ bekannten empfunden haben? Ihr ſeid es, der mir es ge⸗ währt. Ihr, ſage ich, den ich hätte aufſuchen müſſen; Ihr, den ich wenigſtens ſo herzlich geliebt und beweint, für den ich ſo innig gebetet habe; Ihr, unter meinen Söh⸗ nen, die ich noch alle ſo herzlich liebe, derjenige, den zu empfangen und zu umarmen ich mich am meiſten geſehnt haben würde, wenn ich es hoffen zu können geglaubt hätte. Aber Gott allein weiß Wunder zu thun, er ergänzt, was die Schwäche und Fahrläſſigkeit ſeiner armen Diener ver⸗ ſäumt hat.“ Der Ungenannte war ganz erſtaunt über dieſes warme Entgegenkommen, über dieſe Worte, die mit ſolcher Be⸗ ſtimmtheit auf das antworteten, was er noch nicht geſagt hatte, ja ſogar, was ererſt noch nicht einmal entſchloſſen war, zu ſagen; und erſchüttert, aber verblüfft ſchwieg er.„Und wie?„begann Federigo mit noch liebreicherem Tone wieder, „Ihr habt mir eine gute Nachricht mitzutheilen, und Ihr iaßt mich ſo lange darnach ſeufzen?“ „Eine gute Nachricht, ich! ich habe die Hölle im Herzen und ich ſollte Euch eine gute Nachricht geben kön⸗ nen! Sprecht ſelbſt, wenn Ihr es wißt, was iſt das für eine gute Nachricht, die Ihr von einem Menſchen meiner Art erwarter?“ „Daß Gott Euer Herz gerührt hat und Euch zu dem Seinigen machen will,“ antwortete der Cardinal ruhig. . 22⁴ „Goit! Gott! Gott! wenn ich ihn ſähe! wenn ich ihn hörte! wo iſt dieſer Gott?“ „Ihr fragt mich das? Ihr? Und wem iſt er näher als Euch? Fühlet Ihr ihn nicht im Herzen, wie er Euch drängt, Euch aufregt, Euch keine Ruhe läßt und Euch zu gleicher Zeit an ſich zieht, Euch eine Hoffnung auf Ruhe und Troſt vorempfinden läßt, auf einen Troſt, der voll⸗ kommen, unermeßlich ſein wird, ſobald Ihr ihn erkennet, bekennet und anflehei.“ „Ach ja! Ich habe hier Etwas, das mich bedrängt, das mich verzehrt. Aber Goit! wenn dieſer Gott wirklich iſt, wenn er derjenige iſt, der man ſagt, was wollt Ihr, daß er aus mir machen ſoll?“ Dieſe Worte wurden in verzweifeltem Tone geſpro⸗ chen, aber Federigo antwortete mit feierlicher Stimme, die eine gottſelige Eingebung athmete;„Was Gvoit aus Euch machen kann? Was er aus Euch machen will? Ein Zei⸗ chen ſeiner Macht und ſeiner Güte: er will aus Euch einen Ruhm ſchöpfen, den ein Anderer ihm nicht gewähren könnte⸗ Daß die Welt ſchon ſo lange über Euch ſchreit, daß tauſend und aber tauſend Stimmen Eure Werke verabſcheuen— Der Ungenannte bebte zuſammen und war einen Augen⸗ blick ganz verblüfft dieſe ſo ungewohnte Sprache zu hören noch verblüffter darüber, daß ſie ihm keinen Aerger, ſon⸗ dern beinahe eine Erleichterung verurſachte.—„Welch ein Ruhm,“ fuhr Federigo fort,„erwächst daraus für Gott! Es ſind Stimmen des Schreckens, es ſind Stimmen des Eigennutzes; vielleicht auch Stimmen der Gerechtigkeit, aber einer ſo leichten, ſo natürlichen Gerechtigkeit; nur zu gewiß einige Stimmen des Neides über dieſe Eure unſe⸗ lige Macht, über dieſe bis heute beneidenswerthe Seelen⸗ ruhe. Aber wenn Ihr ſelbſt Euch erheben werdet, Euer Leben zu verdammen und Euch ſelbſt anzuklagen, dann! dann wird Gott verherrlicht werden. Und Ihr fragt, was Gvott aus Euch machen könne? Wer bin ich armer Menſch, daß ich Euch ſchon jetzt ſagen fönnte, welchen Nutzen der 222 Allmächtige aus Euch zu ziehen vermag? Was er aus dieſem ungeſtümen Willen, aus dieſer unerſchütterlichen Beharrlichteit machen kann, ſobald er ſie mit Liebe, Hoff⸗ nung, Reue belebt und entflammt hat? Wer ſeid Ihr, armer Menſch, daß Ihr glauben ſolltet, Ihr hättet für Euch ſelbſt im Böſen größere Dinge auszufinnen und zu vollbringen vermocht, als Gott Euch zwingen könnte, im Guten zu wollen und zu vollbringen? Was Gott aus Euch machen kann? Und Euch verzeihen? und Euch retten? und das Werk der Erlöſung in Euch vollenden? ſind das nicht herrliche und ſeiner würdige Dinge? O denkt! wenn ich geringes Menſchlein, ich Elender, bei all mei⸗ ner Eigenliebe und meinen Fehlern mich ſo innig um Euer Heil bekümmere, daß ich dafür mit Freuden— Er iſt mein Zeuge!— dieſe wenigen Tage hingeben möchte, die mir noch übrig ſind, o bedenkt, wie groß, wie mäch⸗ tig muß nicht die Barmherzigkeit deſſen ſein, der mir die⸗ ſes ſo unvollkommene, aber ſo lebhafte Erbarmen einflößt! wie muß derjenige Euch lieben und Euch wohlwollen, der mir eine Liebe zu Euch gebietet und eingibt, die mich verzehrt!“ Während dieſe Worte über ſeine Lippen kamen, ath⸗ meten ſein Geſicht, ſein Blick, alle ſeine Geberden den Sinn derſelben. Die Miene ſeines Zuhörers, die anfangs krampfhaft verzerrt war, nahm zuerſt den Ausdruck des Erſtaunens und tiefer Achtſamkeit an, dann beruhigte ſie ſich in einer innigen und weniger angſtvollen Rührung. Seine Augen, die ſeit ſeiner Kindheit die Thränen nicht mehr gekannt, ſchwollen anz als er nicht mehr ſprechen hörte, bedeckte er ſein Geſicht mit beiden Händen und brach in einen Strom von Thränen aus, was gewiſſer⸗ maßen die letzte und deutlichſte Antwort war⸗ „Großer und allgütiger Gott,“ rief Federigo, Augen und Hände zum Himmel erhebend,„was habe ich unnützer Knecht, ich ſchläfriger Hirte gethan, daß Du mich zu die⸗ ſem Gnadenmahle rieſſt, daß Du mich würdig hielteſt, einem ſo fteudigen Wunder beizuwohnen!“— So ſpre⸗ —— ——————— 223 chend, ſtreckte er die Hand aus, um die des Ungenannten zu ergreifen. „Nein, nein,“ rief dieſer,„bleibt ferne, ferne von mir; beſchmutzet dieſe unſchuldige und wohlthätige Hand nicht. Ihr wißt nicht, was diejenige, die Ihr drücken wollt, Alles vollbracht hat!“ „Erlaubt,“ ſagte Federigo, indem er ſie mit liebe⸗ voller Gewalt ergriff,„erlaubt, daß ich dieſe Hand drücke, die ſo viel Unrecht wieder gut machen, ſo viele Wohl⸗ thaten ſpenden, ſo viele Bekümmerte aufrichten, die ſich wehrlos, friedfertig, demüthig ſo vielen Feinden entgegen⸗ ſtrecken wird.“ „Es iſt zu viel,“ ſchluchzte der Ungenannte,„laßt mich, hochwürdiger Herr; guter Federigo, laßt mich. Eine große Volksmenge erwartet Euch; ſo viele gute See⸗ len, ſo viele Unſchuldige, ſo Viele, die aus weiter Ferne gekommen ſind, um Euch einmal zu ſehen, Euch zu hö⸗ ren, und Ihr verweilt Euch, mit wem?“ „Laſſen wir die neunundneunzig Schäflein,“ ant⸗ wortete der Cardinal, ſie ſind ſicher auf dem Berge; ich will bei demjenigen bleiben, das da verirrt war. Dieſe Seelen ſind jetzt vielleicht viel zufriedener, als wenn ſie dieſen armen Biſchof ſehen könnten. Vielleicht läßt Gott, der das Wunder der Barmherzigkeit in Euch bewirkt hat, jetzt eine Freude in ſie ſtrömen, deren Urſache ſie noch nicht kennen. Dieſes Volk iſt vielleicht, ohne es zu wiſ⸗ ſen, mit uns vereinigt: vielleicht legt der heilige Geiſt eine unbewußte Inbrunſt der Liebe in ihre Herzen, ein Gebet für Euch, das Er ethört, eine Dankſagung, deren noch nicht gekannter Gegenſtand Ihr ſeid.“ So ſprechend, ſchlang er die Arme um den Hals des Ungenannten, der, nachdem er ſich ihnen zu entziehen geſucht und einen Augenblick ſich geſträubt hatte, wie überwältigt von dieſem Ungeſtüm der Liebe nachgab, ſeinerſeits den Cardinal um⸗ armte und ſein zitterndes, umgewandeltes Geſicht auf die Schulter deſſelben ſinken ließ. Seine brennenden Thränen fielen auf den unbefleckten Purpur Federigo's, und die ſchuldloſen Hände des Biſchofs drückten liebevoll die Glie⸗ der des Verbrechers, dieſe Jacke, welche gewohnt war die Waffen der Gewaltthat und der verrätheriſchen Tücke zu tragen. Der Ungenannte wand ſich endlich aus dieſer Umar⸗ mung los, bedeckte von Neuem die Augen mit einer Hand und rief, indem er zu gleicher Zeit ſein Geſicht empor⸗ richtete:„Wahrhaft großer Gottl wahrhaft gütiger Gott! Jetzt kenne ich mich, jetzt begreife ich, wer ich bin, meine Ruchloſigkeiten ſtehen mir vor den Augen, mich ſchaudert vor mir ſelbſt; und dennoch„ dennoch fühle ich eine Erleichterung, eine Freude, ja eine Freude, wie ich ſie in Fien ganzen abſcheulichen Leben niemals empfunden habe. „Das iſt ein Vorgeſchmack,“ ſagte Federigo,„wel⸗ chen Gott Euch ſchenkt, um Euch an ſeinen Dienſt zu feſſeln, um Euch aufzumuntern, daß Ihr entſchloſſen in dieſes neue Leben eintretet, in welchem Ihr ſo viel unge⸗ ſchehen, ſo viel wieder gut zu machen, ſo viel zu bewei⸗ nen habt.“ „O, ich Unglückſeliger!“ rief der Edelmann; wie viele.. Dinge, die ich nur werde beweinen können! Aber ich habe wenigſtens auch ſolche Dinge, die ich erſt unternommen, kaum eingeleitet habe und daher jedenfalls abbrechen kann; ich habe eine Uniernehmung, die ich ſo⸗ gleich abbrechen, ungeſchehen, wieder gut machen kann.“ Federigo wurde aufmerkſam, und nun erzählte ihm der Ungenannte kurz, aber in vielleicht kräftigeren Aus⸗ drücken des Abſcheues, als wir gebraucht haben, ſeinen Anſchlag auf Lucia, die Leiden, die Beängſtigungen des armen Mädchens, wie ſie ihn angefleht habe, welchen Aufruhr ihr Flehen in ihm hervorgerufen, und wie ſie noch auf ſeiner Burg ſei„. „Ach, laßt uns keine Zeit verlieren!“ Federigo, in ſchwerer Bekümmerniß aufgthmend;„Heil Euch! dieſes ——— 225 Mädchen iſt ein Unterpfand der Vergebung Gottes! Be⸗ mühet Euch, daß Ihr ein Werkzeug der Rettung für die⸗ jenige werdet, deren Verderben Ihr wolltet. Gott ſegne Euch! Gott hat Euch geſegnet! Wißt Ihr, woher unſere arme Bedrängte iſt?“ Der Edelmann nannte Lucia's Dorf. „Es iſt nicht weit von hier,“ ſagte der Cardinal. „Gelobt ſei Gott! und wahrſcheinlich So ſprechend lief er an ein Tiſchchen und klingelte. Alsbald trat angſt⸗ voll der Kaplan Kreuzträger herein, und ſein Erſtes war, daß er einen Blick auf den Ungenannten warf;z als er dann dieſes umgewandelte Geſicht und dieſe rothgeweinten Augen ſah, blickte er den Cardinal an, und da er trotz der unveränderlichen Ruhe deſſelben eine gewiſſe ernſte Zufriedenheit, eine außerordentliche Sorge auf ſeinem Ge⸗ ſichte bemerkte, ſo wäre er beinahe verzückt mit vffenem Munde ſiehen geblieben, wenn der Cardinal ihn nicht alsbald aus dieſer Betrachtung durch die Frage geweckt hätte, ob unter den hier verſammelten Pfarrern der von ſich befinde. „Ja, hochwürdigſter Herr,“ antwortete der Kaplan. „Schickt ihn ſogleich herein und mit ihm den hie⸗ ſigen Pfarrer.“ Der Kaplan trat hinaus in das Zimmer, wo die Pfarrer verſammelt waren; Aller Augen wandten ſich auf ihn. Noch immer mit vffenem Munde, noch immer mit dem vollen Ausdruck der Verzückung in ſeiner Miene, erhob er die Hände, fuhr damit durch die Luft und ſagte:„Meine Herrn! meine Herrn! haec mutatio dexterae Exceisi (dieſe Veränderung kommt von der Rechten des Höchſten),“ und nun blieb er einen Augenblick ſtumm ſtehen, ſodann nahm er den Ton und die Stimme ſeines Amtes wieder an und fuhr fort:„Se. Eminenz verlangt den Herrn Pfarrer der hieſigen Gemeinde und den Herrn Pfarrer von F zu ſprechen?“ Der erſte Gerufene trat ſogleich vor, und zu gleicher Die Verlobten. IM. 15 226 dertes, langgeſchleiftes:„Mich?“ „Seid Ihr nicht der Herr Pfarrer von*2 fuhr der Kaplan fort. „Ganz richtig; aber „Seine Hochwürden verlangt Euch zu ſprechen.“ „Mich?“ wiederholte dieſelbe Stimme, indem ſie mit dieſem einſylbigen Wörtchen beſagen wollte:„Was kann ich dabei ſchaffen?“ Aber dießmal trat zugleich mit der Stimme auch der Mann, Don Abbondio, in eigener Per⸗ ſon heraus mit zögerndem Schritt und einer Miene, auf welcher Erſtaunen und Verdruß ſich die Waage hielten. Der Kaplan gab ihm mit der Hand einen Wink, welcher beſagen wollte: Kommt ſchnell, fällt es Euch ſo ſchwer? Dann ſchritt er den beiden Pfarrern voran bis an die Thüre, öffnete und führte ſie ein. Der Cardinal ließ die Hand des Ungenannten, mit welchem er inzwiſchen verabredet hatte, was zu thun ſei, fahren, trat ein wenig auf die Seite und rief mit einem Wink den Pfarrer des Orts zu ſich. Er ſagte ihm mit kurzen Worten, um was es ſich handelte, und ob er wohl auf der Stelle eine brave Frau auftreiben könnte, die ſich in einer Sänfte nach der Burg begeben würde, um Lucia abzuholen, eine herzhafte, tüchtige Frau, die ſich in ein ſo neues Geſchäft auf paſſende Weiſe zu ſchicken, das zweckdienlichſte Benehmen zu beobachten und die geeigneten Worte zu finden wüßte, um das arme Mädchen aufzu⸗ muntern und zu beruhigen, das nach ſo vielen Beängſti⸗ gungen und Drangſalen ſelbſt die Nachricht von ihrer Befreiung vielleicht nicht ohne Verwirrung und Angſt auf⸗ nehmen würde. Nachdem er ſich einen Augenblick beſon⸗ nen, ſagte der Pfarrer,„er wiſſe Etwas,“ und ging. Der Cardinal rief mit einem Wink den Kaplan und be⸗ fahl ihm, ſogleich die Sänfte und die Träger in Bereit⸗ ſchaft ſetzen, wie auch zwei Maulthiere ſatteln zu laſſen. Zeit drang aus der Mitte der Verſammlung ein verwun⸗ 227 Als auch der Kaplan gegangen war, wandte er ſich an Don Abbondio. Dieſer, der ihm bereits nahe ſtand, um ſich von je⸗ nem andern Herrn fern zu halten, und der inzwiſchen ver⸗ ſtohlenerweiſe bald den Einen, bald den Andern angeſchielt hatte, indem er fortwährend bei ſich ſelbſt Kalender machte, auf was denn eigentlich dieſes ganze Treiben hinaus wolle, trat jetzt einen Schritt vor, verbeugte ſich und ſagte: „Man hat mir bedeutet, daß Ew. Hochwürden nach mir verlange, aber ich glaube, es beruht auf einem Mißver⸗ ſtändniß.“ „Ganz und gar nicht,“ antwortete Federigo; ich habe Euch eine frohe Nachricht und einen köſtlichen, höchſt angenehmen Auftrag zu ertheilen. Ein Mädchen aus Eurer Gemeinde, das Ihr ſchon als verloren beweint haben werdet, Lucia Mondella iſt wieder gefunden worden und befindet ſich hier in der Nähe, im Hauſe dieſes meines lieben Freundes, und Ihr werdet jetzt mit ihm und einer Frau, welche der Herr Pfarrer von hier eben holt, hin⸗ gehen, Ihr werdet hingehen, ſage ich, um dieſes, Euer Kind, abzuholen und hierher zu begleiten.“ Don Abbondiv that ſein Möglichſtes, um den Ver⸗ druß, was ſage ich? den Kummer und Grimm zu ver⸗ hehlen, welchen ein ſolcher Vorſchlag oder Befehl in ihm erregte, und da es nicht mehr Zeit war, eine garſtige Gri⸗ maſſe, die ſich bereits auf ſeinem Geſicht gebildet hatte, rückgängig zu machen und abzulegen, ſo verbarg er ſie, indem er ſich zum Zeichen gehorſamer Willfährigkeit tief verneigte. Sodann erhob er ſein Geſicht wieder, um ge⸗ gen den Ungenannten eine zweite, tiefe Verbeugung zu machen mit einem jämmerlichen Blick, welcher beſagen wollte:„Ich bin in Euren Händen, habt Erbarmen; parcere subjectis(man muß die Ueberwundenen ſchonen).“ Der Cardinal fragte ihn darauf, ob Lucia Ver⸗ wandte habe. 6 1* 228 „Nahe Verwandte, bei denen ſie lebt oder lebte, hat ſie nicht, außer ihrer Mutter,“ antwortete Don Abbondio. „Befindet dieſe ſich zu Hauſe?“ „Ja, hochwürdigſter Herr.“ „Da,“ fuhr Feverigo fort,„dieſes arme Mädchen nicht ſo ſchnell nach Haus wird zurückkehren können, ſo möchte es ihr eine große Beruhigung ſein, ſobald als möglich ihre Mutter zu ſehen; wenn alſo der hieſige Herr Pfarrer nicht zurückkommen ſollte, bevor ich in die Kirche gehe, ſo bitte ich Euch, ihm zu ſagen, daß er eine Ca⸗ rutſche oder ein Maulthier beſorge, um die Mutter zu holen und hierher zu bringen.“ „Und wenn ich ſelbſt ginge?“ ſagte Don Abbondio. „Nein, nein, Ihr nicht, ich habe Euch bereits um etwas Anderes erſucht,“ antwortete der Cardinal. „Ich meinte nur,“ veiſetzte Don Abbondio,„um dieſe arme Mutter vorzubereiten; ſie iſt eine ſehr reizbare Frau und es gehört ein Mann dazu, der ſie kennt, um ihr nicht wehe ſtatt wohl zu thun.“ „Darum erſuche ich Euch, dem Herrn Pfarrer zu ſagen, daß er den rechten Mann wählen ſoll; Ihr wer⸗ det anderswo mehr nützen,“ antwortete der Cardinal. Er hätte gern hinzugeſetzt:„Für dieſes arme Mädchen iſt ein größeres Bedürfniß recht bald ein bekanntes, zuverläſſiges Geſicht auf der Burg zu ſehen, nachdem ſie ſo viele qual⸗ volle Stunden in einer ſo furchtbaren Ungewißheit über ihre Zukunft dort zugebracht hat.“ Ueberdieß war kein Grund, der vor dem Ungenannten ſo deutlich geſagt wer⸗ den konnte. Gleichviel ſchien es dem Cardinal, daß Don Abbondio dieß wohl hätte begreifen, ja von ſelbſt hätte vedenken müſſen, und er fand den Antrag und die Hart⸗ näckigkeit des Pfarrers ſo übel angebracht, daß er dachte, es müſſe noch etwas Anderes dahinter ſtecken. Er ſchaute ihm in's Geſicht und bemeifte leicht die Furcht, mit dieſem ſchrecklichen Manne zu reiſen und, wenn auch nur für wenige Augenblicke, ſein Gaſt zu ſein. Da er nun dieſe 229 feigherzigen Bedenklichkeiten gänzlich zerſtreuen wollte und es doch nicht für paſſend hielt, den Pfarrer auf die Seite zu nehmen und leiſe mit ihm zu ſprechen, während ſein neuer Freund als dritte Perſon dabei ſtand, ſo ſchien es ihm das beſte Mittel das zu thun, was er auch ohne dieſen Grund gethan haben würde, nämlich mit dem Un⸗ genannten zu ſprechen, aus deſſen Antworten dann Don Abbondio endlich erkennen müßte, daß er nicht mehr dieſer furchtbare Menſch ſei. Er näherte ſich alſo dem Unge⸗ nannten, und mit jener Miene ungezwungener Vertraulich⸗ keit, die ſich ſowohl bei einer neuen ſtarken Zuneigung, wie bei einer alten innigen Freundſchaft findet, ſagte er zu ihm:„Glaubet nicht, daß ich mich mit Euerm heuti⸗ gen Beſuch zufrieden gebe. Ihr werdet zurückkommen, nicht wahr? in Geſellſchaft dieſes rechtſchaffenen Geiſtlichen?“ „Ob ich zurückfommen werde,“ antwortete der Unge⸗ nannte,„ſelbſt wenn Ihr mich abwieſet, ſo würde ich beharrlich wie ein Bettler an Euerer Thüre ſtehen; es iſt mir Bedürfniß, Euch zu hören, zu ſehen; ich bedarf Eurer.“ Federigo ergriff ſeine Hand, drickte ſie und ſagte: „Dann werdet Ihr alſo dem hieſigen Pfarrer und mir die Gunſt erweiſen, das Mittagsbrod mit uns zu eſſen. Ich erwarte Euch. Inzwiſchen gehe ich, um mit dem Volk zu beten und zu danken; Ihr aber gehet, um die erſten Früchte der Barmherzigkeit zu pflücken.“ Don Abbondio ſtand bei dieſen Demonſtrationen wie ein ängſtlicher Junge da, der Jemand ganz furchtlos einen großen, ſtruppigen, rothäugigen Köter, welcher ſich durch Beißen und ſeine Bösartigkeit berüchtigt gemacht hat, ſtreicheln ſieht und den Herrn ſagen hört, ſein Hund ſei ein gar gutes, ſanftes und frommes Vieh; er ſieht den Herrn an und wagt weder zu widerſprechen, noch beizu⸗ ſtimmenz er ſieht den Herrn an und getraut ſich nicht, ihm näher zu treten, weil er fürchtet, das gute Vieh möchte ihm, wenn auch nur zum Spaß, die Zähne weiſenz er 230 wagt es nicht ſich zu entfernen, weil er nicht gern als Memme erſcheinen möchte, und er ſagt in ſeinem Herzen: „O, wenn ich doch daheim wäre!“ Dem Cardinal, der Anſtalten machte fortzugehen, wobei er den Ungenannten fortwährend an der Hand hielt und mit ſich zog, fiel der arme Mann der ſo unbeholfen, verdutzt und mit ſo ſauertöpfiſcher Miene zurückblieb, vyn Neuem in's Auge. Da er nun dachte, ſein Verdruß möchte theilweiſe auch daher kommen, daß er ſich hintan⸗ geſetzt und gleichſam bei Seite geſchoben glaube, beſonders gegenüber einem mit ſolcher Zuvorkommenheit aufgenovm⸗ menen und auf ſo liebkoſende Weiſe behandelten Böſewichte, ſo wandte er ſich im Vorbeigehen gegen ihn, blieb einen Augenblick ſtehen und ſagte mit einem liebevollen Lächeln: „Herr Pfarrer, Ihr ſeid immerdar bei mir im Hauſe un⸗ ſers guten Vaters, aber dieſer da.. dieſer perierat et inventus est(iſt verloren geweſen und gefunden worden).“ „O, wie freut mich das!“ ſagte Don Abbondio, indem er gegen Beide zugleich einen großen Bückling achte. Der Erzbiſchof ging voraus, drückte an die Thür⸗ flügel, die ſogleich durch zwei an den Seiten ſtehende⸗ Diener von außen weit aufgeriſſen wurden, und das merk⸗ würdige Freundespaar zeigte ſich nunmehr den begierigen Blicken der im Zimmer verſammelten Geiſtlichkeit. Man ſah jetzt dieſe zwei Geſichter, auf denen eine verſchiedene, aber gleich tieſe Rührung ſich abſpiegelte; in Feverigo's ehrwürdigen Zügen eine dankbare Zärtlichkeit, eine demü⸗ thige Freude; in den Zügen des Ungenannten eine durch Troſt gemilderte Verwirrung, eine neue Schaam, eine Zerfnirſchung, aus welcher jedoch noch immer die Kraft dieſer wilden und heftigen Natur hervorſchimmerte. Und man erfuhr nachher, daß mehr als einem der Zuſchauer damals der bekannte Vers aus Jeſaias eingefallen war: „Der Wolf und das Lamm werden auf eine Weide gehen, 234 der Löwe und die Kuh werden mit einander Stroh eſſen.“ kam Don Abbondio, auf welchen Niemand achtete. Als ſie mitten im Zimmer waren, kam von der an⸗ dern Seite der Kammerdiener des Cardinals herein, näherte ſich ihm und meldete, er habe die durch den Kapellan er⸗ haltenen Befehle vollzogen, die Sänfte und die beiden Maulthiere ſeien bereit, und man erwarte nur noch die Frau, welche der Pfarrer herbeiführen werde. Der Car⸗ dinal ſagte ihm, ſohald dieſer komme, ſolle man ihm ſa⸗ gen, daß er mit Don Abbondio zu ſprechen habe, und dann ſolle Alles nach deſſen und des Ungenannten Befehlen ge⸗ ſchehen, welchem er zum Abſchiede von Neuem die Hand drückte mit den Worten:„Ich erwarte Euch.“ Er wandte ſich, um Don Abbondio mit einem Kopfnicken zu grüßen, und brach dann in der Richtung nach der Kirche auf. Die Geiſtlichkeit ging halb in ungeordneter Maſſe, halb in Prozeſſion hinter ihm her; die zwei Reiſegefährten blieben allein zurück. Der Ungenannte ſtand ganz in ſich gekehrt, gedanken⸗ voll da; er wartete mit Ungeduld des Augenblicks, wo er ſeine Lucia, die Seinige jetzt in einem ganz andern Sinn als Tags zuvor, aus den Qualen der Gefangenſchaft er⸗ löſen könne, und auf ſeinem Geſicht drückte ſich eine hef⸗ tige Aufregung aus, welche dem argwöhniſchen Auge Don Abbondio's leicht als etwas Schlimmeres erſcheinen konnte⸗ Er ſchaute ihn von der Seite blinzelnd an und hätte ſo gern ein freundliches Geſpräch mit ihm angeknüpft.„Aber was habe ich ihm denn zu ſagen?“ dachte er:„abermals es freut mich— was freut mich denn? daß Ihr, nach⸗ dem Ihr bisher ein Teufel geweſen, endlich beſchloſſen habt, ein rechtſchaffener Mann zu werden wie die An⸗ dern? Ein ſchönes Kompliment das!— Ei, ei, ei, ich mag die Worte drehen, wie ich will, dieſes: Es freut mich! würde keinen andern Sinn haben. Und ob es auch wirklich wahr iſt, daß er ſo Knall und Fall ein recht⸗ 232 ſchaffener Mann geworden! Man macht auf der Welt manchmal mit Etwas ſo ein großes Aufheben und zwar aus verſchiedenen Gründen. Was weiß ich, bisweilen? Und inzwiſchen muß ich mit ihm gehen! In die Burg hinauf! O das ſind Geſchichten! das ſind Geſchichten! das ſind Geſchichten! Wer mir das heute Morgen geſagt hätte! Ach wenn ich mich glücklich herausbringe, ſo ſoll es die Jungfer Perpetun empfinden, daß ſie mich mit Gewalt hierher gejagt, hieher aus meinem Kirchſpiel herausgetrie⸗ ben hat, während es doch gar nicht Roth that, weil ja alle Pfarrer aus der ganzen Umgegend, ja ſogar von wei⸗ terher hier zuſammenſtrömten, und weil man nicht zurück⸗ bleiben dürfte und dies und jenes, bis ſie mich in einen ſolchen Handel verwickelt hat! O ich armer Mann! In⸗ zwiſchen muß ich doch mit dieſem da Etwas ſprechen.“ Und er hatte ausgeklügelt, zu ihm zu ſagen:„Ich würde nie das Glück erwartet haben, in eine ſo hochachtbare Ge⸗ ſellſchaft zu kommen,“ und er wollte eben den Mund öff⸗ nen, als der Kammerdiener mit dem Pfarrer des Orts eintrat und meldete, die Frau in der Säufte ſei bereit, worauf er ſich an Don Abbondio wandte, um den andern Auftrag des Cardinals von ihm zu empfangen. Don Ab⸗ bondio entledigte ſich veſſelben ſo gut ihm in ſeiner Gei⸗ ſtesverwirrung möglich war, dann näherte er ſich dem Kam⸗ merdiener und ſagte zu ihm:„Gebt mir wenigſtens ein frommes Thier, denn aufrichtig geſtanden, ich bin ein ſchlechter Reiter.“ „Das verſteht ſich,“ ſagte der Kammerdiener mit einem halben Lächeln;„es iſt das Maulthier des Secretärs, wel⸗ cher ein Gelehrter iſt.“ „Gut,“ verſetzte Don Abbondio und fuhr in ſeinen Gedanken fort:„Der Himmel mache es gnädig mit mir.“ Der Edelmann war auf die erſte Nachricht raſch auf⸗ gebrochen und befand ſich ſchon auf der Schwelle, als er bemerkte, daß Don Abbondio zurückblleb. Er blieb ſtehen, um ihn zu erwarten, und als dieſer eilfertig mit einer 233 Miene, die um Verzeihung zu bitten ſchien, nachkam, ver⸗ neigte er ſich mit einer höflichen und demüthigen Geberde vor ihm, und ließ ihn vorangehen, was dem armen Ge⸗ quälten den Magen wieder ein wenig einrichtete. Kaum hatte er aber ſeinen Fuß in den kleinen Hof geſetzt, ſo be⸗ merkte er eine andere Neuigkeit, die ihm dieſen kleinen Troſt wieder raubte. Er ſah nämlich den Ungenannten nach dem Winkel gehen, ſeinen Karabiner mit der einen Hand beim Lauf, mit der andern beim Riemen nehmen und mit einer raſchen Bewegung, wie beim Erercitium, über ſeine Schultern hängen. „O weh, v weh, o weh,“ dachte Don Abbondio: „was will der mit ſeinem Mordinſtrument. Ein ſchönes Bußgewand, eine ſchöne Disciplin für einen Neubekehrten! Und wenn ihm nun irgend eine Grille in den Kopf fährt? O welch eine Sendung, welch eine Sendung! Hätte der Edelmann auch nur entfernt vermuthen können, was für eine Art von Gedanken das Gemüth ſei⸗ nes Gefährten beunruhigte, er würde Alles nur Mögliche gethan haben, um ihm ſeine Zuverſicht zurückzugeben; aber er dachte auf tauſend Meilen Entfernung nicht an einen ſolchen Argwohn, und Don Abbondio hütete ſich wohl durch irgend eine Geberde deutlich verſtehen zu geben: Ich traue Ew. Gnaden nicht. Als ſie auf die Straße kamen, fanden ſie die beiden Thiere bereit: der Ungenannte beſtieg dasjenige, das ihm ein Stallknecht vorführte. „Es hat doch keine Mucken?“ ſagte Don Abbondiv, während er mit dem einen Fuß im Steigbügel ſchwebte und den andern noch auf dem Boden ſtehen hatte, zu dem Kammerdiener. „Steigt getroſten Muthes auf, es iſt ein wahres Lamm,“ antwortete dieſer. Don Abbondio klammerte ſich alſo am Sattel feſt und arbeitete ſich, unterſtützt von dem Kam⸗ merdiener, mühſam hinauf⸗ 8 Die Sänfte, die, gleichfalls von zwei Maulthieren getragen, einige Schritte weiter voran ſtand, ſetzte ſich auf 234 einen Ruf des Sänftenführers in Bewegung und der Zug ging voran. Man mußte an der vollgedrängten Kirche vorbei, über einen kleinen Platz, der gleichſalls von Landleuten wim⸗ melte, die zu ſpät gekommen waren und innen keinen Raum mehr gefunden hatten⸗ Die große Neuigkeit hatte ſich be⸗ reits verbreitet, und beim Erſcheinen des Zuges, beim Er⸗ ſcheinen dieſes Mannes, der noch vor wenigen Stunden Gegenſtand des Schrecks und der Verwünſchung geweſen nunmehr aber Gegenſtand einer freudigen Verwunderung geworden war, erhob ſich in der Menge ein beifälliges Gemurmel; ſie machte Platz, blieb aber ſtehen, um ihn aus der Nähe zu betrachten. Die Sänfte kam vorüber, der Ungenannte kam vorüber, und vor der weit offenen Kir⸗ chenthüre zog er den Hut ab und beugte ſeine ſo gefürchtete Stirne bis auf die Mähne des Maulthiers, während hun⸗ dert Stimmen ſummten: Gott ſegne Euch! Auch Don Ab⸗ bondio zog ſeinen Hut ab und verneigte ſichz er befahl ſich dem Himmel, aber als er das ſeierliche Konzert ſeiner Amts⸗ brüder hörte, die aus voller Bruſt ſangen, da empfand er einen Meid, eine ſchwermüthige Rührung: eine ſolche An⸗ wandlung von Frömmigkeit in ſeinem Herzen, daß er ſich kaum der Thränen zu enthalten vermochte. Als ſie dann zum Orte hinaus, auf das offene Feld, in das zuweilen gänzlich verlaſſene Labyrinth der Straße kamen, da legte ſich ein noch dunklerer Schleier über ſeine Gedanken. Der einzige Gegenſtand, auf welchem er ſeinen Blick mit einiger Zuverſicht ruhen laſſen konnte, war der Sänftenführer, der, da er zur Dienerſchaft des Cardinals gehörte, ganz gewiß ein rechtſchaffener Mann ſein mußte und überdies nicht gerade ängſtlich ausſah. Von Zeit zu Zeit erſchienen auch Wanderer, die mit eiligen Schritten herbei eilten, um den Cardinal zu ſehen, und das war denn ein, wenn auch flüchtig vorübergehendes Labſal für Don Abbondio. Nun aber nahte man ſich dieſem ſchrecklichen Thale, wo man nur Unterthanen des guten Freundes be⸗ 235 gegnen ſollte, und was für Unterthanen! Mit dem guten Freunde ſelbſt hätte er jetzt gern ein Geſpräch einzuleiten gewünſcht, theils um ihn immer mehr auszuforſchen, theils um ihn bei guter Laune zu erhalten; aber wenn er ihn in ſo tiefes Nachdenken verſunken ſah, da verging ihm alle Luſt dazu. Er mußte alſo mit ſich ſelbſt ſprechen, und wir theilen einige Bruchſtücke deſſen mit, was der arme Mann während ſeines Rittes zu ſich ſelbſt ſagte, denn wenn wir Alles aufſchreiben wollten, müßten wir ein Buch daraus machen. Es iſt doch ein wahres Wort, daß die Heiligen ſo gut wie die Schurken Queckſilber im Leib haben müſſen, denn ſie begnügen ſich nicht damit, ſich ſelbſt beſtändig um⸗ herzutreiben, um ſich um alles Mögliche zu bekümmern, was ſie nichts angeht, ſondern ſie möchten auch, wenn ſie könnten, das ganze Menſchengeſchlecht beſtändig auf den Beinen erhalten. Und daß vollends gerade die Allerun⸗ ruhigſten über mich herfallen müſſen, über mich, der ich doch keinen aufſuche, um mich bei den Haaren in ihre Händel hineinzuziehen, während ich doch nichts Anderes verlange, als daß man mir das bischen Leben gönne! Die⸗ ſer tollköpfige Schurke von Don Rodrigo! was würde ihm fehlen, um der glücklichſte Menſch von der Welt zu ſein, wenn er nur ein bischen Grütze im Kopf hätte? Eriſt reich, er iſt jung, er iſt angeſehen, man macht ihm von allen Seiten den Hof: ſeine Krankheit beſteht darin, daß er es viel zu gut hat, und nun muß er um irgend ein Leiden für ſich und ſeine Nebenmenſchen betteln gehen. Er könnte leben wie der reiche Mann im Evangelinm; aber nein, Herr, er macht ſich lieber ein Geſchäft daraus, die Frauen zu beläſtigen, was das allernärriſchſte, ſpitzbübiſchſte, ra⸗ ſendſte Geſchäft von der Welt iſt; er könnte in der Kar⸗ roſſe zum Paradies einfahren und will lieber hinkend zum Teufel eingehen. Und dieſer da?.— und hier ſchaute er ihn an, wie wenn er befürchtete, dieſer da möchte ſeine Gedanken hören.— Dieſer da! Nachdem er durch ſeine 236 Ruchloſigkeit in der Welt das Oberſte zu unterſt gekehrt, bringt er die Welt jetzt durch ſeine Bekehrung in Unord⸗ nung.. wenn es mit dieſer überhaupt ſeine Richtigkeit hat. Und nun muß ich dazu herhalten, um die Sache zu erproben!. als ob nicht diejenigen, die mit der Wuth im Leib auf die Welt gekommen ſind, immer einen wahren Drang hätten, Spectakel zu machen. Was hat man davon wenn man ſein ganzes Leben lang der rechtſchaffene Mann geweſen iſt, wie ich es war? Rein Herr; da muß man Alles kurz und klein ſchlagen, die Leute umbringen, den Teufel machen„v ich armer Mann!.. Und her⸗ nach muß man noch mit ſeiner Buße ſelbſt einen ſolchen Wirrwarr anrichten! Buße kann man, wenn man nur den rechten Willen hat, ganz ruhig zu Hauſe thun, ohne ſol⸗ chen Lärm zu machen und ſeinem Nächſten ſo viele Wider⸗ wärtigkeiten zu bereiten. Und dann Se. Hochwürden, mir nichts dir nichts mit offenen Armen, lieber Freund hinten und lieber Freund vorne; und alles glauben, was dieſer Menſch da ſagt, als ob man ein Wunder hätte thun ſehen, und dann ſo urplötzlich einen Entſchluß faſſen, mit Hän⸗ den und Füßen zugleich hineinplumpen, ſchnell hier und ſchnell da; in meinem Lande nennt man das Unüberlegt⸗ heit. Und, ohne daß man das mindeſte Aufgeld hat, ihm einen armen Pfarrer zu überantworten! daß heißt mit einem Menſchenleben Gerade und Ungerade ſpielen. Ein heiliger Biſchof wie er ſollte für ſeinen Pfarrer Sorge tragen, wie für den Stern ſeiner Augen. Ein bischen Be⸗ ſonnenheit, ein bischen Klugheit, ein bischen Menſchenliebe würde ſich meines Bedünkens auch mit der Heiligkeit ver⸗ tragen.„Und wenn Alles nur ein Kömödienſpiel wäre... wer kann alle Abſichten der Menſchen kennen, und vollends ſolcher Menſchen, wie dieſer da iſt? Wenn ich bedenke, daß ich mit ihm in ſein Haus gehen muß! da kann ir⸗ gend ein Teufel dahinterſtecken: v ich armer Mann! es iſt am beſten, ich denke gar nicht darau. Was iſt das für ein Wirrwarr mit dieſer Lucia? Man ſieht, es war ein ————— 6 237 Einverſtändniß mit Don Rodrigo: was für Leute! Aber wie hat der ſie in ſeine Klauen bekommen? wer weiß es Das Alles iſt ein Geheimniß mit dem hochwürdigen Bi⸗ ſchof; und mir, der ich ihretwegen ſo herumtraben muß, mir ſagt man Nichts. Es liegt mir gar nichts daran, die Angelegenheiten anderer Leute zu erfahren, aber wenn man einmal ſeine Haut dafür hergeben ſoll, ſo hat man auch ein Recht, zu wiſſen warum? Wenn es ſich eigentlich nur darum handelte, das arme Mädchen abzuholen! Nun denn Geduld! übrigens hätte er ſie auch ſogleich mitbrin⸗ gen können. Und dann, wenn er ſo bekehrt, wenn er ein heiliger Vater geworden iſt, wozu bedurfte es da meiner? O welch ein Chaos! Genug! Gebe der Himmel, daß es ſo ſei! es wird ein ſchweres Ungemach geweſen ſein, aber Geduld! Ich werde mich auch dieſer armen Lucia wegen freuen; auch ſie muß einer großen Gefahr entgangen ſein, der Himmel weiß, was ſie gelitten hat, ich bedauere ſie, aber ſie iſt zu meinem Unglück geboren.. Könnt ich wenigſtens dem da recht ins Herz ſehen, was er denkt! Wer kann ihn begreifen? Man ſehe ihn einmal an; bald ſchaut er drein wie der heilige Antonius in der Wüſte, bald wieder wie der leibhaftige Holofernes. O ich armer Mann! ich armer Mann! Schon gut, der Himmel iſt ver⸗ pflichtet, mir zu helfen, denn ich habe mich nicht aus eige⸗ nem Fürwitz hinzugedrängt. In der That ſah man über das Geſicht des Unge⸗ nannten die Gedanken hinziehen, wie bei einem Ungewitter die Wolken über das Angeſicht der Sonne hineilen, ſo daß einmal ums andere ein blendendes Licht mit einem trüben Schatten abwechſelt. Vald erhob ſich ſeine Seele, noch ganz trunken von den liebreichen Worten Federigo's, gleich⸗ ſam neugeſchaffen und verjüngt zu jenen Ideen der Barm⸗ herzigkeit, der Verzeihung und Liebe; bald aber ſank ſie unter dem Gewicht der furchtbaren Vergangenheit wieder zuſammen. Er forſchte ängſtlich nach, welche Ungerechtig⸗ keiten wieder gut gemacht werden könnten, welche Unterneh⸗ 238 mungen ſich noch in der Mitte abbrechen ließen, was für Mittel wohl die ſchnellſten und ſicherſten ſeien, wie er ſo manchen Knoten löſen und was er aus ſo manchem Mit⸗ ſchulvigen machen ſolle. Es war ein dunkles Labyrinth nur daran zu denken. Selbſt an das augenblickliche Ge⸗ ſchäft, welches das leichteſte von allen und ſeinem Ziele ſo nahe war, ging er mit einem Eifer, mit dem ſich eine große Seelenangſt miſchte, wenn er daran dachte, daß das Mädchen inzwiſchen— Gvott weiß wie viel litt, und daß er, wenn er auch jetzt Alles that, um ſie ſo ſchnell als möglich zu befreien, immerhin derjenige war, der ſie in⸗ zwiſchen hatte leiten laſſen. Bei jeder Wegſcheide kehrte ſich der Sänftenführer und bat um Belehrung; der Un⸗ genannte zeigte ihm den Weg mit der Hand und winkte ihm zugleich ſich, zu tummeln. Man kommt in das Thal. Wie ward unſerem ar⸗ men Don Abbondio jetzt zu Muthe! Dieſes berüchtigte Thal, von welchem er ſo viele ſchwarze, ſchauerliche Ge⸗ ſchichten gehört hatte, und jetzt mitten darin zu ſein: dieſe verrufenen Menſchen, die Blume der Banditenſchaft Ita⸗ liens, dieſe Unholde ohne Furcht und ohne Erbarmen, mit Haut und Knochen vor ſich zu ſehen, bei jeder Straßen⸗ biegung zweien oder dreien zu begegnen! Sie verbeugten ſich zwar unterwirrfig vor dem Herrnz aber wie gebräunt waren dieſe Geſichter! wie ſtruppig dieſe Schnurrbärte! wie grimmig dieſe Blicke! Don Abbondio meinte darin die Frage leſen zu können: Sollen wir dieſen Pfaffen ſieden oder braten? In einem Augenblick der höchſten Be⸗ ſtürzung entfuhr ihm jetzt der Gedanke: ach wenn ich die Leuichen nur getraut hätie! etwas Schlimmeres konnte mir nicht widerfahren!— Inzwiſchen ging es auf einem kie⸗ ſigen Fußwege dem Bache entlang immer weiterz jenſeits die Ausſicht auf öde und rauhe Abſtürze; dieſſeits dieſe Bevölkerung, bei deren Anblick man ſich in die ſchrecklichſte Wüſte wünſchen mochte: Dante war mitten im Höllenpfuhl nicht ſchlimmer daran. Man kommt an der„übeln Nacht“ 239 vorbei; Mordgeſellen ſtehen am Eingang, verbeugen ſich vor dem Herrn, werfen Blicke nach ſeinem Begleiter und auf die Sänſte. Dieſe Leute wußten nicht, was ſie denken ſollten: ſchon der Umſtand, daß der Ungenannte bei ſeinem Ausgang am Morgen gar keine Begleitung mitgenommen, hatte etwas Ungewöhnliches; die Ruckkehr war nicht min⸗ der verwunderlich. War es ein Raub, den er mit ſich führte? und wie hatte er ihn ganz allein erbeutet? Und wie kam er zu dieſer fremden Sänfte? Und wem mochte dieſe Livree gehören? Sie ſchauten und ſchauten, aber kei⸗ ner bewegte ſich; denn dahin lautete der Befehl, den er ihnen mit Augen und Mienen gab. Man ſteigt hinan, man kommt auf die Höhe. Die Bravi, die auf dem Schloßplatz und an der Thüre ſtehen, ziehen ſich dahin und dorthin zurück, um Platz zu machen. Der Ungenannte gibt ihnen ein Zeichen, ſich nicht weiter zu bewegen; er ſpornt ſein Thier und reitet der Sänfte voran, bedeutet dem Sänftenführer und Don Abdondio, ihm zu folgen; er ſprengt in einen erſten Hof, von da in einen zweiten; er reitet auf ein Pförtchen zu, weist einen Bravo, der herbei eilt, um ihm den Steigbügel zu halten, mit einer Geberde zurück und ſagt zu ihm: Du bleibſt da ſtehen und keiner tritt näher! Er ſteigt ab, geht mit den Zügeln in der Hand der Sänfte zu, nähert ſich der darin ſitzen⸗ denden Frau, die den Vorhang zurückgezogen hatte, und ſagte leiſe zu ihr: Tröſtet ſie ſogleich und macht ihr ſo⸗ fort begreiflich, daß ſie frei ſei und ſich in Freundeshän⸗ den beſinde; Gott wird es Euch vergelten. Dann befiehlt er dem Sänftenführer, zu öffnen und die Frau ausſteigen zu laſſen. Hierauf näherte er ſich Don Abbondivo, und mit einer ſo heitern Miene, die er noch nie bei ihm geſehen hatte und ihm auch niemals zugetraut haben würde, mit einer Miene, auf welcher die Freude über das gute Werk ſtrahlte, das er endlich zu vollbringen im Begriffe ſtand, teichte er ihm die Hand, um abzuſteigen, und ſagte gleich⸗ falls leiſe zu ihm:„Herr Pfarrer, ich bitte Euch nicht 24⁰ um Eutſchuldigung wegen der Beſchwerden, die Ihr mei⸗ netwegen habt ausſtehen müſſen: Ihr thut das für Einen, der gut belohnt, und für dieſes ſein armes Geſchöpf.“ Dieſe Miene und dieſe Worte gaben Don Abbondio wieder einigen Muth; nach einem tiefen Seufzer, der ſich ſchon ſeit einer Stunde in ſeiner Bruſt herumgetrieben hatte, ohne einen Ausweg zu finden, antwortete er, man kann ſich denken, in welch unterwürfigem Tone:„Ihr ſcherzet mit mir, gnädigſter Herr! aber, aber, aber„ und indem er die Hand annahm, die ihm ſo höflich gebo⸗ ten wurde, rutſchte er ſo gut wie möglich von ſeinem Thiere herab. Der Ungenannte nahm auch von dieſem die Zügel und übergab ſie mit den andern dem Sänſtenführer, dem er befahl ihn hier außen zu erwarten. Er zog einen Schlüſſel aus der Taſche, öffnete das Pförtchen, ließ den Pfarrer und die Frau eintreten, trat ſelbſt ein, ſchritt ihnen voran, ging auf die kleine Treppe zu, und mun ſiiegen alle drei ſchweigend hinauf. 1 § 16 17 18