deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cdnard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Geih- und geſebedingungen. 1. Otrensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Ahonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: S für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Wer.— Pf. „ 5. Auswürtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛe.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ korene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ felben von mir geliehen, auch vafür zu ſtehen haben. — 4 Die Verlobten. Eine mailündiſche Geſhichte aus dem ſiebzehnten Jahrhundert. von Aleſſandro Manzoni. Aus dem Italieniſchen überſetzt von Gottlob Fink.· Erſtes bis viertes Bändchen. Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1851. ———— Einleitung. „Die Geſchichte kann mit Fug und Recht ein ruhm⸗ reicher Krieg gegen die Zeit genannt werden, denn ſie reißt dieſer die Jahre, welche ſie zu Gefangenen, ja ſogar ſchon zu Leichen gemacht hat, aus der Hand, ruſt ſie in's Leben zurück, hält Muſterung über ſie und ſtellt ſie von Neuem in Schlachtordnung. Aber die erlauchten Kämpen, die auf dieſer Wahlſtatt Pal⸗ men und Lorbeeren ernten, rauben nur die prunkvoll⸗ ſten und glänzendſten Beuten; ſie balſamiren mit ihrer Tinte die Großthaten von Fürſten, Potentaten und hochbetitelten Perſonen ein, ſie nähen mit der feinſten Nadel ihres Witzes die goldenen und ſeidenen Fäden hindurch, welche eine fortlaufende Stickerei von glor⸗ reichen Thaten bilden. Inzwiſchen iſt es meinem gering⸗ ſügigen Ich nicht verſtattet, ſich zu ſolchen Darſtellungen, zu ſolch gefährlichen Höhen emporzuſchwingen, in den Labyrinthen politiſcher Turniere beim Geſchmetter der Kriegstrommeten herumzuſchweifen: nur weil ich Kunde von denkwürdigen Thaten erlangt habe, die freilich bloß geringe und unbedeutende Leute betreffen, mache ich mich daran, das Andenken derſelben der Nachwelt zu hinter⸗ laſſen, indem ich eine einfache und unverfälſchte Dar⸗ ſtellung, eine Art von Bericht darüber entwerfe. Man wird darin auf einer engen Schaubühne trauervolle Tragödien reich an entſetzlichen Dingen und Scenen vornehmer Ruchloſigkeit finden, untermiſcht mit Zwi⸗ ſchenſpielen von tugendhaften Unternehmungen und engel⸗ gleicher Herzensgüte, welche dem teufliſchen Treiben entgegenwirken. Und wahrlich, wenn man bedenkt, daß Die Verlobten. 1. 2 dieſer unſer Himmelsſtrich unter der Herrſchaft des katholiſchen Königs, unſeres Herrn, ſteht, welcher die Sonne iſt, die niemals untergeht, und daß über dem⸗ ſelben mit zurückgeſtrahltem Lichte, einem nie abneh⸗ menden Monde vergleichbar, der Held edlen Stammes glänzt, welcher dermalen ſeine Stelle vertritt: daß ferner die hochmögenden Senatoren gleich Firſternen und die anderen hochanſehnlichen Magiſtrate gleich wandelnden Planeten allenthalben ihr Licht ausſtrah⸗ len und auf ſolche Art einen überherrlichen Himmel bilden, dann kann man, wenn man ihn in eine Hölle von lichtſcheuen Thaten, Bosheiten und Grauſamkeiten, die von vermeſſenen Menſchen vielfach verübt werden, umgrwandeit ſieht, für dieſe Erſcheinung keine andere Urſache finden, als Zauberei und teufliſche Argliſt, ſintemalen die menſchliche Bosheit für ſich allein nicht ausreichen mürde, um ſo vi len Helden zu wiverſtehen, die mir Argusaugen und Briareusarmen für die öffent⸗ liche Wohlfahrt ſich bemühen. Indem ich daher dieſe zur Zeit meiner zarten Jugend vorgefallene Geſchichte erzähle, ſo werde ich, obſchon die meiſten Perſonen, welche darin ihre Rolle ſpielen, vom Schauplatz der Welt abgetreten ſind und den Parzen ihren Tribut bezahlt haben, dennoch aus ſchuldigen Rückſichten ihre Namen, d. h. ihr Geſchlecht verſchweigen und daſſelbe Verfahren auch bei den Orten bevbachten, indem ich die Gegend nur im Allgemeinen andeute. Auch wird Niemand dieß eine Unvollkommenheit der Erzählung over eine Verunſtaltung dieſes meines derben Erzeug⸗ niſſes nennen, es müßte denn ein ſolcher Criticus ein in der Philoſophie gänzlich unbewanderter Menſchen⸗ ſohn ſein, denn was die in derſelben erfahrenen Leute betrifft, ſo werden ſie wohl ſehen, daß am Weſen be⸗ ſagter Erzählung Nichts mangelt. Derweilen es nun ſonnenklar und von Niemand geleugnet iſt, daß die Namen nur höchſt unweſentliche Nebenſachen. — Aber wenn ich die herviſche Mühe überſtanden, 3 vorliegende Geſchichte aus dieſem verwaſchenen und zerkritzelten Manuſcript abzuſchreiben, und dieſelbe, wie man zu ſagen pflegt, an's Licht gebracht haben werde, wird ſich dann auch wohl Jemand finden, der ſich die Mühe nimmt, ſie zu leſen? Dieſe zweifleriſche Betrachtung, welche bei der ſchwie⸗ rigen Entzifferung eines hinter dem Worte„Nebenſachen“ befindlichen Schnörkels in mir auftauchte, veranlaßte mich, beim Abſchreiben innezuhalten und ernſtlicher nachzu⸗ ſinnen, was ſich zu thun gebühre.— Es iſt wohl wahr, ſagte ich, im Manuſtripte herumblätternd, zü mir ſelbſt, es iſt wohl wahr, daß dieſer Hagel von Redeblumen und Figuren ſich nicht durch das ganze Werk hinzieht. Der gute Autor aus dem fiebzehnten Jahrhundert hat gleich von vorn herein ſeine Talente ein wenig zur Schau tragen wollen; aber im Verlauf der Erzählung und zuweilen lange Strecken hindurch nimmt der Stil einen weit natürlicheren und ſchlichteren Gang an. Ja, aber wie alltäglich, wie plump, wie incorrect iſt er nicht! Lombardiſche Idiotismen die ſchwere Menge, unpaſſende Redensarten, willkürliche Grammatik, un⸗ gefugige Sätze. Hin und wieder iſt ſpaniſche Zierlich⸗ keit eingeſtreut; und dann, was noch ſchlimmer iſt, bei den ſchrecklichſten und rührendſten Stellen der Geſchichte, bei jeder Gelegenheit Verwunderung zu erregen oder zu denken zu geben, kurz bei all den Abſchnitten, welche ein Bischen Rhetorik, aber eine gediegene, feine, ge⸗ ſchmackvolle Rhetorik erfordern, ermangelt er nicht, von ſeiner im Eingang erwähnten Art hinzuzuthun. Indem er ſodann mit wunderbarer Greſchicklichkeit zwei ſchein⸗ bar ſo entgegengeſetzte Eigenſchaften vereinigt, iſt er Manns genug, auf einer und derſelben Seite, in einem und demſelben Satze, in einem und demſelben Ausdruck ſich plump und überkünſtlich zu zeigen. Man ſehe ein⸗ mal her: ſchwülſtige Declamationen, zuſammengeſetzt aus alltäglichen Solöcismen, und allüberall jene ge⸗ ſuchte Plumpheit, welche die Schriften Jahr⸗ 3 4 hunderts in dieſem Lande kennzeichnet. Wahrhaftig, dergleichen Dinge darf man heutigen Tags dem Leſer nicht mehr bieten: er iſt zu bewandert und will von ſolchen Extravaganzen Nichts wiſſen. Ein Glück, daß mir dieſer gute Gedanke ſchon im Anfang der unſeligen Arbeit gekommen iſt, und ſo waſche ich denn meine Hände. Ich wollte eben die Scharteke ſchließen und weg⸗ legen, aber es that mir weh, daß eine ſo ſchöne Ge⸗ ſchichte gänzlich unbekannt bieiben ſolltez denn was die Geſchichte betrifft, ſo mag zwar der Leſer vielleicht anderer Meinung ſein, aber ich hatte ſie höchlich inter⸗ eſſant gefunden. Warum, dachte ich, ſollte man nicht die Thatſachen dem Manuſeript entnehmen, den Stil aber verbeſſern? Da ſich kein vernünftiges Warum darbot, ſo war der Entſchluß bald gefaßt. Und das iſt denn der Urſprung des vorliegenden Buches, mit einer Aufrichtigkeit dargelegt, welche der Wichtigkeit des Wer⸗ kes ſelbſt entſpricht. Inzwiſchen hatten uns einige dieſer Thatſachen, gewiſſe Gebräuche, die unſer Autor ſchildert, ſo neu, ſo ſeltſam, um nichts Aergeres zu ſagen, geſchienen, daß wir, ehe wir ihm Glauben ſchenkten, zuvor andere Zeugen befragen wollten, und ſo haben wir uns denn die Mühe genommen, die Denkwürdigkeiten jener Zeit durchzuſtöbern, um uns zu vergewiſſern, ob es damals wirklich auf ſolche Art in der Welt zugegangen ſein ſollte. Dieſes Studium löslte alle unſere Zweifel: auf jedem Schritt und Tritt ſtießen wir auf ähnliche, ja noch ſtärkere Dinge, und was uns noch entſcheidender ſchien, wir haben ſogar einige ausgezeichnete Perſonen wieder gefunden, deren ganze Exiſtenz wir, da wir außer unſerem Manuſcript durchaus keine Notiz von ihnen beſaßen, vezweiſelt hatten. Wir werden auch gelegenttich das eine und andere dieſer Zeugniſſe an⸗ führen, um ſolchen Dingen Glauben zu verſchaffen, die den Leſer vielleicht etwas zu ſtark bevünken möchten. 5 Aber indem wir die Schreibweiſe unſeres Autors als unerträglich verwarfen, welche andere haben wir an ihre Stelle geſetzt? Das iſt die Haupifrage. Wer ſich unberufener Weiſe herbeiläßt, das Werk eines Andern umzuarbeiten, der muß es ſich gefallen laſſen, daß man von ihm ſtrenge Rechenſchaft über ſein eigenes fordert, und er übernimmt gewiſſermaßen die Verpflichtung, eine ſolche abzulegen; es iſt dieß eine factiſch und rechtlich beſtehende Regel, der wir uns keineswegs zu entziehen begehren. Im Gegentheil hatten wir, um uns derſelben freiwillig zu fügen, uns vorgenommen, hier einen umſtändlichen Bericht über die von uns eingehaltene Schreibweiſe zu erſtatten, und zu dieſem Behuf haben wir über die ganze Dauer unſerer Arbeit alle möglichen und etwaigen Kritiken zu errathen geſucht, in der Abſicht, ſie ſammt und ſonders zum Voraus zurückzuweiſen. Auch hätte dieß eben keine ſonderliche Schwierigkeit gehabt, denn es ſtellte ſich— wir müſſen das zur Steuer der Wahr⸗ heit ſagen— unſerem Geiſte nicht eine einzige Kritik vor, ohne daß ſich zu gleicher Zeit eine ſiegreiche Ant⸗ wort dargeboten hätte, eine jener Antworten, welche die Fragen, ich ſage nicht: löſen, ſondern verändern. Oft laſſen wir auch zwei Kritiken ſich gegenſeitig in die Haare gerathen und die eine von der andern zu Boden ſchlagen; oder wenn wir ſie recht innerlich prüften und aufmerkſam abwogen, gelang es uns, zu entvecken und zu beweiſen, daß ſie, obgleich ſcheinbar entgegengeſetzt, gleichwohl der einen und derſelben Art angehörten und Beide aus einer Nichtbeachtung von Thatſachen und Grundſätzen hervorgegangen waren, auf denen das Urtheil beruhen mußte; wir ſieliten ſie alſo zu ihrer großen Verwunderung neben einander und ſchickten ſie zuſammen ihres Wegs. Gewiß wird ſich nicht leicht ein Autor finden, der ſo handgreiflich zu beweiſen vermöchte, daß er wohl gethan. Aber wie? indem wir uns darauf einließen, all die beſagten 6 Einwürfe und Antworten zu ermitteln, barmherziger Gott! da hätten wir ein Buch machen müſſen. Nach⸗ dem wir dieß eingeſehen, ſchoben wir den Gedanken bei Seite, aus zwei Gründen, welche der Leſer gewiß triftig finden wird: erſtens, weil ein Buch, das ſich es zur Aufgabe machte, ein anderes, ja ſogar den Stil eines anderen zu rechtfertigen, lächerlich erſcheinen könnte; zweitens, weil bei Büchern eines auf einmal ausreicht, wenn nicht gar ſchon zu viel iſt.“ Erſtes Capitel. Derjenige Arm des Comerſees, der ſich zwiſchen zwei ununterbrochenen Gebirgsfetten mit einer Maſſe von Buchten und Buſen, wie ſie durch das jeweilige Vorſpringen oder Zurückweichen der Berge bedingt ſind, ſeitwärts zieht, verengt ſich beinahe auf einmal, nimmt Lauf und Geſtalt eines Fluſſes an und hat zu ſeiner Rechten ein Vorgebirge, gegenüber ein weites Uferland. Die Brücke, welche dort die beiden Ufer verbindet, ſcheint dem Auge dieſe Verwandlung noch klarer zu machen und bezeichnet den Punkt, wo der Ser aufhört und die Adda wieder anfängt, welche dann abermals den Namen See annimmt, da wo die Ufer von Neuem zurücktreten, ſo daß das Waſſer ſich ausbreiten und langſamer in neuen Buchten und neuen Buſen dahin⸗ ſtrömen kann. Das aus der Ablagerung von drei an⸗ geſchwollenen Bächen gebildete uferland lehnt ſich an den Fuß zweier neben einander liegenden Berge, von denen der eine der San Martino, der andere Resegone, die große Säge, heißt, von ſeinen vielen neben einan⸗ der grreihten Spitzen, welche ihm in der That aroße Aehnlichkeit mit einer Säge geben; an dieſem einfachen Zeichen kann ihn daher auch Jedermann auf den erſten 7 Blick von der Front her, z. B. von den nördlich gele⸗ genen Baſteien Mailands aus, von den andern weniger bekannten und gewöhnlicher geformten Bergen in dieſem engg⸗dehnten Höhenzug unterſcheipen. Eine gute Strecke weit zicht ſich die Landſchaft allmilig und unaufhörlich bergan, dann aber zerſtückt ſie ſich in Hügel und enge Thäler, Abhänge und Ebenen, je nach dem Gerippe der beiden Berge und den Furchen, welche die Waſſer gegraben haben. Der von den ſchmalen Regenſtrömen durchſchnittene äußerſte Rand beſteht beinahe lediglich aus Sand und Kieſelgeſtein; das Uebrige ſind Felder und Weingärten, übeſäet mit Ortſchaften, Villen und kleinen Höfen; an manchen Stellen iſt das Gebirge mit Gebüſch überwachſen. Lecco, die größte dieſer Ortſchaften, die daher auch der ganzen Gegend den Namen gibt, liegt unter der Brücke am Seeufer und theilweiſe im See ſelbſt, wenn er an⸗ ſchwillt; es iſt heutzutage ein großer Flecken und auf dem beſten Wea, eine Stadt zu werden. In den Zeiten, wo die Thaſſachen ſich ereigneten, die wir erzählen wollen, war dieſer bereits bedeutende Flicken auch ein Kaſtell und hatte deßhalb die Ehre, einen Kommandanten zu bewirthen, ſowie den Vortheil, eine bleibende Beſatzung ſpaniſcher Soldaten zu br⸗ ſitzen, welche die Mädchen und Weiber des Landes in der Sittſamkeit unterwieſen, von Zeit zu Zeit einem Ehemann oder Vater das Kamiſol ausklopften und am Ende des Sommers niemals ermangelten, ſich über die Weinberge zu verbreiten, um die Trauben zu lichten und den Lanvleuten die Mühſeliakeiten der Weinleſe zu erleichtern. Von einer dieſer Ortſchaſten zur andern, von den Höhen hinab zum See, von einem Hügel zum andern, durch die kleinen Zwiſchenthäler hinab liefen und laufen noch heut zu Tage viele ſchmale Kußpfave, bald ſteil, bald eben, bald ſanft gewiegt, größtentheils von Mauern eingrſchloſſen, die aus aroßen Felsſteinen beſtehen und ſtellenweiſe mit altem Epheu bekreidet ſind, 8 der mit ſeinen Wurzeln den Kalk verdrängt, ſich an ſeine Stelle ſetzt und die Mauer dermaßen eingefaßt hält, daß ſie ganz grün ausſieht. Manchmal ſind dieſe Fußwege ausgehöhlt und gleichſam unter der Mauer begraben, ſo daß der Wanderer, wenn er ſeinen Blick erhebt, nichts anders entdeckt, als den Himmel und irgend eine Bergſpitze. An andern Orten ſind es Erd⸗ wälle, die ſich bald am Saume einer Ebene hinziehen, bald wie eine lange Stufe über den Abhang hervor⸗ ragen und von Mauern gehalten werden, die bollwerk⸗ artig emporſteigen, aber über den Weg ſich nicht böher als eine Bruſtwehr erheben, ſo daß das Auge des Wa⸗ derers ſich an den verſchiedenen herrlichen Ausſichten laben kann. Auf der einen Seite herrſcht die azurne Fläche des von Landzungen und Vorgehirgen durchſchnittenen Sees, mit den daranliegenden Ortſchaften, welche die Fluth umgekehrt zurückſpiegelt; auf der andern die Adda, welche, kaum unter dem Bogen der Brücke her⸗ vorgekommen, ſich von Neuem zu einem kleinen See ausbreitet, dann ſich wieder vrrengt und in leuchtenden Schlangenwindungen bis zum Horizont hinzieht; in der Höhe die aufgehänſten Maſſen der über dem Haupte des Betrachters ſchwebenden Berge; unten der angebaute Abhang, die kleinen Dörfchen, die Brücke; gegenüber das jenſeitige Ufer des See's und der ihn begrenzende Berg, welcher an demſelben emporragt. Auf einem dieſer Fußwege wandelte am Abend des 7. Novembers des Jahres 1628, von einem Spaziergang kommend, langſam nach ſeiner Wohnung hin Don Abbondio***, Pfarrer einer der oben genannten Ort⸗ ſchaften. Unſer Autor nennt dieſe Ortſchaften ebenfalls nicht, und ſo hat er uns bereits zweierlei Dinge ver⸗ ſchwiegen. Der ehrwürdige Herr betete ruhig ſein Brevier und ſchloß es zuweilen zwiſchen dem einen und andern Pſalm, indem er den Zeigefinger der rechten Hand als Zeichen hineinſteckte; er legte dann beide Hände auf den Rücken, die rechte mit dem geſchloſſenen 5 9 Buch in die Fläche der linken und ſetzte geſenkten Blickes ſeinen Spaziergang fort, indem er von Zeit zu Zeit die Steine, welche ihm im Wege lagen, mit dem Fuße wegſtieß und den müßigen Gedanken, die ſeinen Geiſt in Verſuchung führten, während die Lippe von ſelbſt das Abendgebet ſprach, mit größerer Gemächlich⸗ keit Gehörhſchenkte. Nachdem er aus ſeinen Betrach⸗ tungen wieder erwacht war, erhob er die Augen zu dem gegenüberſtehenden Berge und ſtarrte mechaniſch in den Glanz der kaum binabgeſunkenen Sonne, wel⸗ cher durch die Spalten dieſes Berges hervorbrach und ſich da und dort in breiten und ungleichen Purpur⸗ ſtreifen an den hohen Maſſen abmalte. Als er das Brevier von Neuem geöffnet und noch einen andern Abſchnitt hergeſagt hatte, kam er an eine Biegung des Weges, wo er die Augen von dem Buch zu erheben und ſich umzuſchauen pflegte: dieß that er denn auch am heutigen Tage. Nach der Biegung ging der Weg etwa ſechszig Schritte weit gerade aus und theilte ſich dann in zwei kleine Pfade wie ein Ppſilon. Der rechte zog ſich den Berg hinan und führte nach der Pfarrwohnung; der linke neigte ſich in's Thal hinab bis zu einem Bache, und auf dieſer Seite reichte die Mauer dem Spaziergänger nur bis an die Hüfte. Die inneren Mauern der beiden Fußwege endeten, ſtatt ſich in einem Winkel zu vereinigen, bei einer kleinen Kapelle, an welche gewiſſe lange, geſchlängelte und zugeſpitzte Fi⸗ guren gemalt waren, die in der Abſicht des Künſtlers, ſowie in den Augen der Umwohner Flammen bedeuten ſollten, und dazwiſchen hinein noch gewiſſe andere Ge⸗ ſtalten, die ſich nicht beſchreiben laſſen und Seelen im Fegfeuer vorſtellten; Seelen und Flammen ziegelfarbig auf gräulichem Grunde, da und dort etwas abgebröckelt. Als der Pfarrer um die Ecke bog und wie ge⸗ wöhnlich ſeinen Blick nach dem Kapellchen richtete, ſah er ein Ding, das er nicht erwartete und lieber nicht geſehen hätte. Zwei Männer ſtanden am Zuſammen⸗ fluß, wenn man ſo ſagen darf, der beiden Fußwege einander gegenüber, Einer von ihnen befand ſich ritt⸗ lings auf dem niedrigen Mäuerchen und ließ das eine Bein nach außen baumeln, während er den andern Fuß auf dem Weg ſtehen hatte; ſein Gefährte lehnte ſich an die Mauer und hatte die Arme über der Bruſt ge⸗ kreuzt. Ihre Tracht, Haltung und überhaupt Alles was der Pfarrer von ſeinem dermaligen Platze aus unterſcheiden konnte, ließ in Betreff ihres Standes keinen Zweifel aufkommen. Um den Kopf hatten Beide ein grünes Netz geſchlungen, das ſich mit einer großen auf die linke Schulter herabfallenden Troddel endigte, während auf der Stirne ein ungeheurer Schopf unter demſelben hervorragte; zwei lange, an den Enden ge⸗ ringelte Schnautzbärte; der Saum der Jacke in einen glänzenden Ledergürtel geſteckt, woran in Haken zwei Piſtolen hingen; ein kleines Pulverhorn wie ein Hals⸗ ſchmuck über der Bruſt ſchwebend; auf der rechten Seite der weiten Pumphoſen eine Taſche, aus welcher der Griff eines großen Meſſers hervorſah; zur Linken ein gewaltiges Schwert mit großem Griff und der durchbrochene Korb mit blanken, glänzenden, zu einer Chiffer geformten Mefſingblättchen verſehen; kurz und gut, auf den erſten Blick gaben ſie ſich als Individuen von der Spezies der Bravi zu erkennen. Dieſe nunmehr ganz ausgeſtorbene Spezies von Menſchen ſtand damals in der Lombardei in ihrer höchſten Blüthe und war ſchon ſehr alt. Derjenige, der etwa keinen Begriff davon hat, kann ſich durch einige urkundliche Angaben über die charakteriſtiſchen Eigenſcharten derſelben, über die Anſtrengungen, die man zu ihrer Vertilgung machen mußte, ſowie über ihre zähe, üppige Lebenskraft, genugſam belehren. Unter dem 8 April des Jahres 1583 erklärt Seine durchlauchtige Ercellenz, Herr Don Carlos von Ara⸗ gonien, Fürſt von Caſtelvetrano, Herzog von Terra Nuova, Markgraf von Avola, Graf von Burgeto, 11 Großabmiral und Großkonnetable von Sizilien, Statt⸗ halter von Mailand und Generalkapitän Sr. katholl⸗ ſchen Majeſtät in Italien,„vollkommen unterrichtet von dem unerträglichen Elend, in welchem dieſe Stadt Mailand wegen der Bravi und Vagabunden gelebt hat und noch immer lebt,“ dieſelben förmlich in Acht.„Er erklärt und verordnet, daß in dieſe Acht alle diejenigen eingeſchloſſen und als Bravi und Vagabunden ange⸗ ſehen werden ſollen, welche, ob nun fremd oder ein⸗ heimiſch, kein Gwerbe haben, oder, wenn ſie eines haben, es nicht treiben, ſondern, ob nun mit oder ohne Sold, ſich an irgend einen Ritter oder Edelmann, Be⸗ amten oder Kaufmann anſchließen, um demſelben zu Gebote zu ſtehen, oder, wie ſich's wohl annehmen läßt, um Andern Fallſtricke zu legen... Allen dieſen ge⸗ bietet er, binnen ſechs Tagen das Land zu räumen; die Widerſvenſtigen werden mit Galeerenſtrafe bevroht, und allen Juſtizbeamten werden die außerordentlichſten und unbeſchränkteſten Vollmachten ertheilt, um dieſen Befehl zu vollziehen. Aber im folgenden Jahre unterm 12. April wird beſagter Herr gewahr,„daß dieſe Stadt noch immer von den genannten Bravi angefüllt iſt, welche zurückgekehrt find, um ihren ehemaliaen Wandel fortzuſetzen, ja ſogar nicht einmal ihr Koſtüm verän⸗ dert und an Zahl nicht abgenommen haben.“ Er er⸗ läßt daher abermals eine ſcharfe und bemerkenswerthe Verordnung, worin er unter andern Dingen vorſchreibt: „Daß wer ſo immer, ob nun aus dieſer oder einer fremden Stadt, von zweien Zeugen angegeben werde, daß er allgemein im Rufe eines Bravo ſtehe und die⸗ ſen Namen habe, ſelbſt wenn man ihn keines Verbre⸗ chens zu überfuhren vermöge, ſchon blos wegen dieſes Rufes als Bravo, ohne andere Anzeichen, von den be⸗ ſagten Richtern und jedem einzelnen unter ihnen zur veinlichen Unterſuchung gebracht werden könne... und wenn er auch kein Verbrechen eingeſtehe, ſo ſoll er den⸗ noch bloß wegen ſeines Rufes und Namens als Bravo, wie oben geſagt, auf drei Jahre zur Galeere verurtheilt werden. Dieß Alles und noch weit mehr, was ausge⸗ laſſen wird, weil Seine Excellenz entſchloſſen iſt, ſich von Jedermann Gehorſam zu verſchaffen.“ Wenn man ſo kräftige, ſo entſchiedene und von ſolchen Befehlen begleitete Worte von einem ſo mächti⸗ gen Herrn hört, ſo belommt man Luſt zu glauben, ſchon in Folge des bloßen Wiederhalles derſelben hätten ſämmt⸗ liche Bravi verſchwinden müſſen. Aber das Zeugniß eines nicht minder gewichtigen und eben ſo glänzend mit Namen ausgeſtatteten Herrn nöthigt uns, gerade das Gegentheil anzunehmen. Es iſt dieß Se. Excellenz, der erlauchte Herr Juan Fernandez von Velasco, Con⸗ netable von Caſtilien, Oberkammerherr Se. Majeſtät, Herr der Stadt Frias, Graf von Haro und Caſtelnovo, Herr der Stadt Velasco und der Stadt der ſieben Infanten von Lava, Statthalter des Staates Mai⸗ land u. ſ. w., welcher unter dem 5. Juni des Jahres 1593 ebenfalls vollkommen unterrichtet, wie ſchändlich und verderblich die Bravi und Vagabunden ſeien und welchen ſchädlichen Einfluß ſolche Leute zum Hohne der Juſtiz auf die allgemeine Wohlfahrt ausüben,“ ihnen von Neuem ankündigt, daß ſie binnen ſechs Ta⸗ gen das Land zu räumen haben, und bei dieſer Gele⸗ genheit genau die Vorſchriften und Drohungen ſeines Vorfahrs wiederholt. Sodann am 23. Mai des Jah⸗ res 1598„zum nicht geringen Verdruß ſeiner Seele in Kenntniß geſetzt, daß mit jedem Tage mehr in die⸗ ſem Staate und dieſer Stadt die Zahl dieſer Bravi und Vagabunden zunehme, und daß man von ihnen Tag und Nacht nichts Anderes höre, als wie ſie vor⸗ ſätzlich Wunden geſchlagen, Mordthaten verübt, Räu⸗ bereien und alle andere Arten von Verbrechen began⸗ gen, zu welchen ſich dieſe Bravi um ſo leichter verſtehen, als ſie das Vertrauen haben, von ihren Herren und Gönnern unterſtützt zu werden“— verordnet er von Neuem dieſelben Mittel, nur daß er, wie man bei hart⸗ 13 näckigen Krankheiten zu thun pflegt, die Doſis verſtärkt. „Jedermänniglich alſo(ſo ſchließt er) hüte ſich durch⸗ aus in irgend einem Stück der gegenwärtigen Verord⸗ nung entgegen zu handeln, denn ſtatt die Milde ſeiner Ercellenz kennen zu lernen, wird er ihre Strenge und ihren Zorn empfinden, indem ſie feſt entſchloſſen iſt, daß dieß die letzte und peremptorjſche Warnung ſein ſoll.“ Dieſe Anſicht wurde inzwiſchen nicht getheilt von Sr. Ercellenz dem erlauchten Herrn Don Pedro Enri⸗ quez von Acevedo, Grafen von Fuentes, Hauptmann und Statthalter des Staates Mailand; er theilte dieſe Anſicht nicht und zwar aus guten Gründen. Vollkom⸗ men von dem Elend unterrichtet, in welchem dieſe Stadt und dieſer Staat wegen der großen Anzahl von Braviſſich befindet, die allda ihr Weſen treiben... und entſchloſſen, eine ſo überaus verderbliche Saat auszurotten,“ erläßt er unter dem 5. Dezember 1600 ein neues Verbot, voll der kräftigſten Beſtimmungen„mit dem feſten Vorſatz, daß dieſelben mit aller Strenge und ohne Hoffnung auf Nachſicht Punkt für Punkt vollzogen werden ſollen.“ Man kann inzwiſchen glauben, daß er dabei nicht all den guten Willen aufbot, welchen er an den Tag legte, um Kabalen anzuzetteln und ſeinem großen Feind Heinrich IV. Feinde zu erwecken, denn in dieſer Be⸗ ziehung bezeugt die Geſchichte, wie es ihm gelang, ge⸗ gen den genannten König, den Herzog von Savoyen zu bewaffnen, der durch ſeine Schuld mehr als eine Stadt verlor, und wie er den Herzog von Biron zu eine Verſchwörung verleitete, die ihm den Kopf koſtete; was aber dieſe verderbliche Rotte der Bravi betrifft, ſo ſtebt ſoviel feſt, daß ſie am 22. September das Jahres 1612 noch immer vorhanden war. An dieſem Tag war Seine Excellenz, der erlauchte Herr Don Giovanni von Mendoza, Markgraf von Hynojoſa, Edelmann u. ſ. w. Statthalter u. ſ. w. ernſtlich darauf bedacht, ſie zu ver⸗ tilgen. Zu dierem Behuf ſchickt er an Pandolfo und Marco Tulliv Malateſti, die königlichen Hofbuchdrucker, 1⁴ den gewöhnlichen Erlaß vermehrt und verbeſſert ab, damit ſie denſelben zum Verderben der Bravi drucken ſollien. Dieſe aber lebten noch immer fort, um am 24. Dezember des Jahres 1618 dieſelben und noch ſtärkere Verordnungen von Se. Ereellenz, dem erlauchten Herrn Don Gomez Suarez von Figuerva, Herzog von Feria u. ſ. w. Statthalter z. ſ. w. gegen ſich erlaſſen zu ſehen. Da ſie indeß uch an dieſen Schlägen nicht ſtarben, ſo ſah ſich Se. Ereellenz, der erlauchte Herr Gonzalo Fernandez van Cordova, unter deſſen Statt⸗ halterſchaft der Spaziergang des Don Abbondio fiel, genöthigt, am 5. Oktober 1627, d. h. ein Jahr, einen Monat und zwei Tage vor jenem denkwürdigen Ereigniſſe, die gewöhnlichen Verordnungen gegen die wieder aufzufriſchen und von Neuem zu verkün⸗ igen. Und doch war dieß nicht die letzte Bekanntmachung, aber wir glauben der nachfolgenden, als einer Sache, welche über den Zeitraum unſerer Geſchichte hinaus⸗ geht, nicht erwähnen zu müſſen. Wir wollen nur nöch die eine vom 13. Februar des Jahres 1632 berühren, in welcher Se. Ercellenz, der erlauchte Herr Herzog von Feria, zum zweiten Mal Statthalter, uns zu er⸗ kennen gibt, daß die größten Schandthaten von dieſen ſogenannten Bravi herrühren. Dieß genügt zu einem vollgultigen Beweiſe, daß es in der Zeit, von welcher wir erzählen, noch immer Bravi gab. Daß die zwei Obenbeſchriebenen irgend Jemand erwarteten, lag nur allzu klar am Tage; was aber Don Abbondio am Meiſten mißfiel, war der Umſtand, daß er aus gewiſſen Bewegungen zu erſehen glaubte, er ſelbſt ſei der Erwartete. Bei ſeinem Eiſcheinen nämlich hatten dieſe Männer einander angeſehen und den Kopf erhoben mit einer Bewegung, welche verrieth, daß Beide zugleich geſagt hatten: Er iſt's. Der ritt⸗ lings daſtehende hatte ſich erhoben und ſein Bein auf den Weg gezogen; der Andere hatte ſich von der Mauer ¹⁵ entfernt, und Beide ſchritten jetzt ihm entgegen. Er hielt ſein Brevier fortwährend offen vor ſich, wie wenn er leſe, blickte jedoch darüber hinaus, um ihre Bewe⸗ gungen zu beobachten, und als er ſie geraden Wegs auf ſich zukommen ſah, da ſtürmten auf einmal tau⸗ ſenderlei Gedanken auf ihn ein. Er fragte eiligſt ſich ſelbſt, ob zwiſchen den Bravi und ihm noch rechis oder links irgend ein anderer Nebenweg fuhre, und er erin⸗ nerte fich bald, daß dieß nicht der Fall war. Er ſtellte eine raſche Selbſtprüfung an, ob er vielleicht gegen irgend einen mächtigen, irgend einen racheſüchti⸗ gen Herrn ſich verſündigt habe; aber in dieſem Punkt beruhigte ihn das tröſtende Zeugniß ſeines Gewiſſens ein wenig; inzwiſchen kamen die Bravi immer näher und ſchauten ihn mit unverwandten Blicken an. Er ſteckte den Zeige⸗ und Mittelfinger der linken Hand in den Halskragen, wie wenn er ihn zurecht ſchieben wollte, fuhr mit beiden Fingern um den Hals herum, drehte das Geſicht ruͤckwärts, indem er zugleich den Mund verzog, und ſchielte ſo weit als möglich hinter ſich, ob vielleicht Jemand komme; aber es zeigte ſich kein P enſch. Er warf einen Blick über das Mäuerchen hinweg nach den Feldern, aber da war keine Seele zu ſchauen; er ließ einen andern, noch beſcheideneren Blick auf den Weg vor ſich hinſchweifen; aber es zeigte ſich Niemand außer den Bravi. Was thun? Umzukehren war nicht mehr Zeit; Ferſengeld zu geben, wäre eine Aufforverung zur Verfolgung, wo nicht zu etwas noch Schlimmeren geweſen. Da er alſo der Gefahr nicht ausweichen konnte, ſo ging er ihr entgegen, denn die Augenblicke dieſer Ungewißheit wurden ihm jetzt ſo peinlich, daß er nichts ſehnlicher wünſchte, als ſie abzukürzen. Er beſchleunigte ſeinen Schritt, ſprach mit lauterer Stimme ein Verslein, legte in ſein Geſicht ſo viel Ruhe und Heiterkeit, als nur möglich, gab ſich alle Muhe, ein Lächeln vorzubereiten; endlich, als er ſich den beiden Ehrenmännern gegenüber befand, ſagte er zu ſich 16 ſelbſt: Jetzt geht es an! und blieb vor ihnen ſtehen. „Herr Parrer! ſagte einer der beiden Männer, ihm ſeine Augen in's Geſicht bohrend. „Was ſteht zu Befehlen? antwortete Don Abbondio plötzlich, indem er die Blicke von ſeinem Buche erhob und es aufgeſchlagen mit beiden Händen vor ſich hielt. „Ihr habt die Abſicht,“ fuhr der Andere mit dem drohenden und zornigen Tone eines Mannes fort, der einen Untergebenen auf dem Wege zu einer Schiechtig⸗ keit betrifft,„Ihr habt die Abſicht, morgen Renzo Tramaglino und Lucia Mondella zu trauen.“ „Das heißt,“ antworitete Don Abbondio mit zittern⸗ der Stimme,„das heißt, ihr Herren ſeid Weltmänner und wißt ſehr gut, wie es ſich mit ſolchen Angelegen⸗ heiten verhält. Der arme Pfarrer hat weiter nichts darein zu ſprechen: Die Leute machen ihre Geſchichten unter einander aus, und hernach hernach kommen ſie zu Unſereinem, wie man auf eine Bank geht, um Geld zu holen... und wir— wir find die Diener der Gemeinde.“ „Nun wohl,“ ſagte der Bravo leiſe, aber in feier⸗ lichem Kommandoton,—„dieſe Trauung darf nicht ſtattfinden, weder morgen noch überhaupt jemals.“ „Ach, meine Herren,“ erwiederte Don Abbondio mit der ſanftmüthigen und höflichen Stimme eines Menſchen, der einen Ungrduldigen zu überreden wünſchtz „ach, meine Herren, geruht doch auch einmal in mei⸗ nem Rock zu denken. Wenn die Sache von mir ab⸗ hinge... Ihr ſehet ja doch, daß mir ſelbſt nichts daran liegen kann.“. „Ei was!“ fiel ihm der Bravo in's Wort,„wenn man das Ding mit Geſchwätz abmachen könnte, ſo würdet Ihr uns freilich in den Sock ſtecken. Wir wiſſen nichts davon und wollen auch nichts davon wiſſen. Wir haben Euch einmal gewarnt, Ihr werdet uns verſtehen.“ 3 „ t in 17 3 8 Ihr Herren, Ihr ſeid zu gerecht, zu ver⸗ nünftig... „Ein für alle Mal,“ fiel der andere Geſelle ein, der bis jetzt noch nicht geſprochen hatte,„die Heirath darf einmal nicht ſtatifinden, oder hier ſtieß er einen Fluch aus—„oder wer die Trauung vollzieht, der wird es bloß deßhalb nicht bereuen, weil er keine Zeit dazu hat und— abermals einen Fluch. „Still, ſtill,“ verſetzte der erſte Sprecher wieder, „der Herr Pfarrer weiß, wie es in der Welt zugeht, und wir ſind Ehrenmänner, die ihm nichts zu leid thun wollen, wenn er Vernunſt annimmt. Der gnädige 6 Don Rodrigo, unſer Gebieter, läßt Euch ſchön rüßen.“ 4 Dieſer Name wirkte auf Don Abbondio's Gemüth wie inmitten eines nächtlichen Gewitters ein Blitzſtrahl, welcher die Gegenſtände für einen Augenblick unklar beleuchtet und den Schrecken erhöht. Er machte in⸗ ſtinktmäßig einen tiefen Knir und ſagte:„Wenn Ihr mir nur erklären könntet... „Ei, wie ſoll man Euch etwas erklären, einem Manne, der ſein Latein verſteht!“ unterbrach ihn der Bravo abermals mit einem halb tölpelhaften und halb grimmigen Lachen.„Das iſt Eure Sache. Und vor allen Dingen laßt Euch kein Wort über dieſen Rath entfallen, den wir Euch zu Eurem eigenen Beſten ertheilt haben; ſonſt.. Hem ſonſt wäre es ge⸗ rade, wie wenn Ihr die Trauung wirklich vollzöget. Nun, was ſoll man dem gnädigen Herrn Don Rodrigo in Eurem Namen melden?“ „Meinen unterthänigen Reſpect.“ „Erklärt Euch näher, Herr Pfarrer.“ „Daß ich bereit bin, daß ich jeder Zeit bereit bin, ihm zu gehorchen.“ Indem er dieſe Worte ſprach, wußte er ſelbſt nicht recht, ob er ein Verſprechen gab, oder bloß ein ganzalltägliches Compliment hinwarf. Die Die Verlobten. I. 2 18 Bravi nahmen die Sache im ernſteren Sinne, wenig⸗ ſtens äußerten ſie ſich ſo. „Sehr wohl; nun gute Nacht, Herr Pfarrer!“ ſagte einer von ihnen, indem er ſich anſchickte, mit ſeinem Gefährten zu gehen. Don Abbondivo, der vor wenigen Augenblicken noch ein Auge aus ſeinem Kopfe dafür gegeben hätte, ſie von ſich fern zu halten, hätte jetzt gern die Unter⸗ handlung und das Geſpräch in die Länge gezogen. „Meine Herren,“ begann er, indem er mit beiden Hän⸗ den das Buch ſchloß; dieſe aber ſchenkten ihm kein Gehör mehr, ſondern ſchlugen den Weg ein, auf wel⸗ chem er gekommen war, und entfernten ſich, einen Gaſſenhauer ſingend, den ich nicht mittheilen will. Der arme Don Abbondio blieb einen Augenblick mit offenem Munde wie bezaubert ſtehen; dann ging auch er auf demjenigen der beiden Gäßchen, das zu ſeinem Haus führte, weiter, indem er ſeine beinahe erſtarrten Beine nur mit Mühe in Bewegung ſetzte, und zwar in einem Gemüthszuſtande, welchen der Leſer beſſer be⸗ greifen wird, wenn er über die Eigenſchaften dieſer ausgezeichneten Perſon, ſowie über die Verhältniſſe der Zeiten, worin ſie lebte, Näheres erfahren hat. Don Abbondio hatte(der Leſer hat dieß bereits geſehen) kein Löwenherz mit auf die Welt gebracht. Aber er hatte ſchon ſeit ſeinen früheſten Jahren be⸗ merken müſſen, daß die mißlichſte Lage in jenen Zeiten diejenige eines Thieres war, das weder Klauen, noch Fanazähne beſaß und dennoch keine Luſt hatte, ſich freſſen zu laſſen. Die geſetzliche Macht beſchützte den ruhigen, harmloſen Menſchen, der keine andere Mittel beſaß, die Böſewichter abzuſchrecken, in keinerlei Weiſe. Nicht als ob es etwa an Geſetzen und Strafen gegen Gewaltthätigkeiten Einzelner gefehlt hätte. Die Ge⸗ ſetze waren im Gegentheil maſſenweiſe vorhanden; die . Vergehungen waren aufgezählt und mit kleinlicher Weit⸗ ſchweiſigkeit bezeichnet; die Strafen waren unfinnig ———— 19 übertrieben, ja ſie konnten ſogar in jedem einzelnen Fall nach der Willkür des Geſetzgebers und der hundert Vollſtrecker nach erhöht werden. Das Juſtizverfahren ſorgte bloß dafür, daß der Richter von Allem be⸗ freit wurde, was ihn hindern konnte, ein Verdam⸗ mungsurtheil auszuſprechen; die Stellen, welche wir vben aus den Erlaſſen gegen die Bravi mitgetheilt haben, bilden hiefür einen zwar kleinen, aber getreuen Beleg. Bei alle dem, ja ſoaar großen Theils deßwegen bewieſen ſolche von einer Regierung nach der andern neu veröffentlichte und verſchärfte Verordnungen mit ihren hochtrabenden Ausdrücken bloß die Ohnmacht ihrer Urheber; aber wenn ſie eine unmittelbare Wir⸗ kung hervorbrachten, ſo war es hauptſächlich die, daß ſie noch mancherlei Quälereien zu denjenigen fügten, welche die Friedliebenden und Schwachen von den Ruhe⸗ ſtörern zu erdulden hatten, und daß ſie die Gewalt⸗ thätigkeit und Schlauheit der Letzteren noch erhöhten. Die Strafloſigkeit war förmlich organiſirt und hatte Wurzeln, welche von den Verordnungen nicht erreicht oder wenigſtens nicht beſeitigt werden konnten. Dahin gehörten die Freiſtätten, ſowie die Vorrechte gewiſſer Stände, Privilegien, welche von der geſetzlichen Macht theils anerkannt, theils in ſtillem Groll geduldet, oder mit eiteln Proteſten in Abrede geſtellt, thatſächlich aber von jenen Ständen, ja beinahe von jedem einzelnen Individuum derſelben aufrecht erhalten und mit thäti⸗ gem Intereſſe, ſowie mit eiferſüchtigem Mißtrauen be⸗ hütet wurden. Wenn dieſe Strafloſigkeit jetzt durch gedachte Verordnungen bedroht und verletzt, aber doch nicht gänzlich aufgehoben wurde, ſo mußte ſie natür⸗ lich bei jeder Drohung und jeder Verletzung neue An⸗ ſtrengungen und neue Kunſtgriffe aufbieten, um ſich zu zu erhalten. So geſchah es denn auch wirklich, und wenn derartige Verordnungen gegen die Uebelthäter er⸗ ſchienen, ſo ſuchten dieſe in ihrer wirklichen Kraft neue und noch bequemere Mittel, um vßkorten 20 was ihnen verboten wurde. Solche Verordnungen konnten zwar den gutmüthigen Menſchen, der weder eigene Kraft noch hohen Schutz beſaß, auf jedem Schritt beengen und beläſtigen, weil ſie, damit Jedermann an einem Vergehen verhindert und jedes Verbrechen ſo⸗ gleich beſtraft werden könnte, das ganze Treiben des Einzelnen der Willkür von tauſend obrigkeitlichen Per⸗ ſonen und Geſetzesvollſtreckern anheimſtellten. Wer aber, bevor er das Verbrechen beging, ſeine Maßregeln getroffen hatte, um in einem Kloſter, in einem Palaſt, welchen die Häſcher zu betreten nicht gewagt haben würden, eine Zuflucht zu finden; wer ohne andere Maßregeln eine Livree trug, zu deren Vertheidigung eine mächtige Familie, eine ganze Kaſte durch ihre Eitelkeit und ihr Intereſſe verpflichtet wurde, der war in ſeinem Treiben vollkommen frei und konnte über all dieſe lärmenden Verordnungen lachen. Von den⸗ ſelben Leuten, welche mit ihrer Vollziehung beauftragt waren, gehörten einige vermöge ihrer Geburt der be⸗ vorrechteten Klaſſe an, Andere waren durch Schutz⸗ verhälimiſſe von ihnen abhängig; die Einen wie die Andern hatten in Folge ihrer Erziehung, ihres In⸗ tereſſes, ihrer Gewohnheit und der Nachahmung die Grundſätze derſelben zu den ihrigen gemacht und wür⸗ den ſich wohl gehütet haben, einem an den Straßen⸗ ecken angeklebten Papierfetzen zu Liebe, dagegen zu verſtoßen. Die mit der unmittelbaren Vollſtreckung beauftragten Männer ihrerſeits hätten, ſelbſt wenn ſie unternehmend wie Helden, gehorſam wie Mönche und aufopfernd wie Märtyrer geweſen wären, dennoch nichts auszurichten vermocht, da ſie den Leuten, welche ſie hätten bekämpfen müſſen, an Zahl nachſtanden, und für ſie ſehr häufig die Wahrſcheinlichkeit eintrat, von den⸗ jenigen, die ihnen in abstracto und ſo zu ſagen in der Theorie einzuſchreiten befahlen, verlaſſen, ja ſogar aufgeopfert zu werden. Aber außerdem gehörten ſie gewöhnlich zu den verworfenſten und ruchloſeſten Sub⸗ 21 jecten ihrer Zeit, ihr Amt wurde ſelbſt von denjenigen, die es hätten fürchten ſollen, gering geſchätzt, und ihr Titel galt einem Schimpf gleich. So war es denn ſehr natürlich, daß dieſe Leute, ſtatt ſich durch ein un⸗ mögliches Unternehmen in Gefahr zu bringen, ja ſogar ihr Leben daran wegzuwerfen, ihre Unthätigkeit, ja ſelbſt ihre Mitwirkung an die Mächtigen feil boten und ſich vorbehielten, ihre verabſcheute Gewalt, ſowie die Macht, welche ſie wirklich beſaßen, bei ſolchen Gelegenheiten auszuüben, wo ihr Bedrückungsſyſtem keine Gefahren nach ſich zog, d. h. bloß friedliebende und ſchutzloſe Leute zu quälen. Ein Menſch, der beleidigen will, oder jeden Augen⸗ blick beleidigt zu werden fürchtet, ſucht natürlich Ver⸗ bündete und Gefährten. Darum war in jenen Zeiten die Neigung der Einzelnen, ſich nach Klaſſen zu ver⸗ binden, deren neue zu bilden und derjenigen, welcher man gerade angehörte, zur größtmöglichen Macht zu verhelfen, auf den höchſten Punkt getrieben. Die Geiſt⸗ lichkeit ließ ſich's angelegen ſein, ihre Freiheiten zu verfechten und auszudehnen; der Adel hielt feſt an ſeinen Vorrechten, der Krieger an ſeinen Vergünſti⸗ gungen. Die Kaufleute, die Handwerker waren in Zünfte und Brüderſchaften eingereiht, die Rechts⸗ gelehrten bildeten einen Bund, ſelbſt die Aerzte mach⸗ ten eine Körperſchaft aus. Jede dieſer kleinen Oligar⸗ chien beſaß ein beſonderes und ihr eigenthümliches Gewicht; in jeder fand das Individuum den Vortheil, nach Maßgabe ſeines Anſehens und ſeiner Gewandtheit, die vereinigten Kräfte Vieler für ſich zu verwenden. Die Ehrlichſten machten dieſen Vortheil zu ihrer Ver⸗ theidigung geltend; die Schlauen und die Schurken benutzten ihn, um Schlechtigkeiten auszuführen, zu welchen ihre perſönlichen Mittel nicht ausgereicht habon würden, und um ſich Strafloſigkeit zu ſichern. In⸗ zwiſchen war die Stärke dieſer verſchiedenen Genoſſen⸗ 3. ſchaften ſehr ungleich, und auf dem Lande beſonders 22 übte der gewaltthätige und reiche Edelmann mit einem Häuflein von Bravi, und von Landleuten umgeben, die in Folge ihrer Familien⸗Ueberlieferungen ihr Intereſſe dabei fanden, oder ſich gezwungen ſahen, gleichſam die Unterthanen und Soldaten des gnädigen Herrn vorzu⸗ ſtellen, eine Macht aus, neben welcher ein anderer Bund in dieſer Gegend kaum hätte beſtehen können. Unſer Abbondio, der weder adelig, noch reich, noch muthvoll war, hatte daher beinahe ſchon von Kindes⸗ beinen an eingeſehen, daß er in dieſer Geſellſchaft einem Grfäße von gebrannter Erde glich, das mit vielem eiſer⸗ nen Geſchirre zugleich ſeinen Weg machen mußte. Er hatte daher auch gern ſeinen Eltern gehorcht, als ſie ihm erklärten, daß er zum Prieſter beſtimmt ſei. Um die Wahrheit zu ſagen, hatte er ſich über die Verpflich⸗ tungen und die evle Beſtimmung des Amtes, dem er ſich weihte, nicht gerade viele Gedanken gemacht: die Aus⸗ ſicht auf ein gemächliches Leben, ſowie auf den Eintritt in einen geehrten und mächtigen Stand, hatte ihm wich⸗ tig genug geſchienen, um ſeine Wahl zu entſcheiden. Aber jeder Stand ſorgt nur bis zu einem gewiſſen Grad für die Wohlfahrt und Sicherheit des Einzelnen: Keiner entbindet ihn der Mühe, ſich ein eigenes Syſtem zu ſchaffen. Don Abbondio, welcher beſtändig in Gedanfen an jeine eigene Sicherheit vertieft war, kümmerte ſich nicht um ſolche Vortheile, die ſich nur mit vieler Mühe oder auch mit einigen Gefahren hätten erzielen laſſen. Sein Syſtem beſtand hauptſächlich darin, alle Zwiſtig⸗ keiten zu vermeiden, und in dem Unvemeidlichen nach⸗ zugeben. Unbewaffnete Neutralität in allen Kriegen, welche um ihn herum aus den damals äußerſt häufigen Streitigkeiten zwiſchen der Geiſtlichkeit und der welt⸗ lichen Macht, aus den ebenfalls ſehr gewöhnlichen Händeln zwiſchen Bramten, Edelleuten, Bravi und Soldaten entſtanden, bis herab zu den Raufereien zweier Bauern, die durch ein Wort hervorgerufen, dann aber mit Fauſtſchlägen und Meſſern beendet 23 wurben. Wenn er ſchlechterdings gezwungen war, für einen der Steitenden Partei zu ergreifen, ſo trat er, wiewohl er ſich immer im Hintergrunde hielt, auf die Seite des Stärkeren, und ſuchte zugleich dem Andern begreiflich zu machen, daß er nicht freiwillig ſein Gegner ſei; es ſchien, als ob er ihm ſagen wollte: „aber warum konntet auch Ihr nicht der Stärkere ſein? ich würde mich auf Eure Seite geſchlagen haben.“ Indem er ſich alſo von den Uebermächtigen fern hielt, die vorübergehenden Ausbrüche ihres lau⸗ nenhaften Uebermuthes überſah, denjenigen Mißband⸗ lungen, die aus einer ernſteren, wohlüberlegten Abſict entſprangen, unterwürfig ſich fügte, mit demüthigen Bucklingen und komiſcher Ehrfurcht ſelbſt den trotzig⸗ ſten Eiſenfreſſern ein Lächeln abnöthigte, falls ihm ein ſolcher einmal in den Weg kam, war es dem armen Manne gelungen, ohne allzu heftige Stürme ſeine ſechszig Jahre zurückzulegen. Nicht jedoch, als ob er nicht auch ein Bischen Galle im Leibe gehabt hätte, und zwar hatte dieſe beſtändige Uebung im Dulden, dieſe unaufyörliche Nachgiebigkeit gegen Andere und ſo mancher bittere Brocken, den er ſtillſchweigend verſchlucken mußte, die⸗ ſelbe dermaßen aufgeregt, daß ſicherlich ſeine Geſund⸗ heit darunter gelitten haben würde, wenn er ſich nicht zuweilen hätte Luft ſchaffen können. Da ſich nun aber doch auf der Welt und in ſeiner Nähe Menſchen vor⸗ fanden, deren gänzliche Unfähigkeit zu irgend etwas Böſem er kannte, ſo konnte er zuweilen ſeine lang angeſammelte böſe Laune an dieſen auslaſſen und ſei⸗ nerſeits die Luſt büßen, etwas launiſch zu ſein und ohne Grund zu ſchelten. Er war dann gegen Leute, die nicht nach ſeinem Gefallen lebten, ein ſtrenger Sittenrichter, wenn er nämlich ohne irgend eine Gefahr den Kriuler ſpielen konnte. Der Geſchlagene war zum allerwenig⸗ ſten unklug, der Ermordete war immer ein Störenfried geweſen. Wer gegen einen Mächtigen ſein Recht zu ⸗ 24 verfechten gewagt hatte und mit zerſchlagenem Kopfe heimgeſchickt worden war, dem wußte Don Abbondio immer ſein Unrecht nachzuweiſen, was eben nichts Schwieriges iſt, da das Recht und das Unrecht ſich nie ſo ſtreng und ſcharf von einander ſondern, daß ein Theil nur das Eine von beiden hätte. Vor Allem eiferte er gegen diejenigen ſeiner Collegen, die auf eigene Gefahr für einen unterdrückten Schwachen gegen einen mächti⸗ gen Bedrücker Partei ergriffen. Er nannte dies Hän⸗ del mit den Haaren herbeiziehen und Unmögliches verſuchen; er ſagte auch in ſtrengem Tone, es ſei dieß eine Einmiſchung in weliliche Dinge und eine Beein⸗ trächtigung der Würde des heiligen Amtes. Das predigte er immer, jebdoch unter vier Augen oder in einem ſehr engen Kreiſe, mit um ſo größerer Heftigkeit, je genauer er wußte, daß dieſe Leute ſich um Dinge, welche ſie perſönlich betrafen, nicht viel bekümmerten⸗ Er hatte dann eine Lieblingsphraſe, mit welcher er Reden über ſolche Gegenſtände immer befiegelte, näm⸗ lich: Ein Ehrenmann, der etwas auf ſich ſelbſt halte und nicht über ſeinen Stand hinaus wolle, werde nie⸗ mals in ſchlimme Händel gerathen. Meine fünfundzwanzig Leſer mögen ſich jetzt denken, welchen Eindruck die erzählte Begegnung auf das Ge⸗ müth des armen Mannes machen mußte. Der Schrecken über dieſe bösartigen Geſichter und die entſotzlichen Worte, die Drohung eines Edelmanns, welcher dafür bekannt war, daß er nicht vergeblich drohte, die plötz⸗ liche Zerſtörung eines Syſtems ruhigen Lebens, das ihn ſo vieljährige Mühe und Geduld gekoſtet, ein höchſt ſchwieriger Engpaß, aus welchem er ſchlechterdings keinen Ausgang zu ſehen vermochte: all dieſe Gedankfen rumorten tumultugriſch in dem ſchwachen Kopfe Don Abbondio's.— Wenn Renzo ſich mit einem einfachen „Nein“ abſpeiſen ließe, ja dann möchte es noch ange⸗ hen; aber er wird Gründe verlangen, und Du, lieber Vater im Himmel, was kann ich ihm antworten? 25 Ach, ach, ach— auch dieſer Burſche hat ſeinen Kopf: er iſt ein Lamm, wenn Niemand ihn anrührt; aber wenn ihm Jemand widerſprechen will ih! Und dann, dann iſt er ganz vernarrt in dieſe Lucia, er iſt verliebt, wie.. O, dieſe leichtfertigen Buben, die, weil ſie nichts Beſſeres zu thun wiſſen, ſich verlieben, dann heirathen wollen und an nichts Anderes denken, ja ſich nicht im Mindeſten um die Noth bekümmern, in welche ſie einen armen Mann verſetzen! O, ich armer Mann! Warum mußten auch dieſe eiden Fratzengeſichter ſich gerade mir in den Weg ſtellen und gerade mit mir anbinden? Was geht die Sache mich an, will etwa ich heirathen? Warum gingen ſie mit ihrer Botſchaft nicht geradewegs zu. Da ſehe'mal Einer; es iſt doch eine ſchlimme Schick⸗ ſalsfügung, daß mir die geſcheuten Dinge immer erſt einen Augenblick nach der rechten Gelegenheit einfallen. Hätte ich nur daran gedacht, ihnen beizubringen, ſie ſollten ſich mit ihrer Sendung.. Aber hier fiel es ihm auf's Herz, daß es doch allzu ruchlos wäre, wenn er bereuen wollte, nicht der Rathgeber und Helfershelfer einer Schändlichkeit geworden zu ſein, und er richtete jetzt den ganzen Grimm ſeiner Gedanken gegen jenen Andern, welcher ihm auf ſolche Art ſeinen Frieden raubte. Er kannte Don Rodrigv nur vom Sehen und Hörenſogen, und er hatte nie etwas Anderes mit ihm zu ſchaffen gehabt, als daß er die wenigen Male, die er ihm unterwegs begegnet wak, ſeine Bruſt mit dem Kinn und die Erde mit der Spitze ſeines Hutes berührte. Er hatte ſogar bei mehr als einer Gelegenheit den Ruf dieſes Herrn gegen Solche vertheidigt, welche mit ge⸗ dämpfter Stimme, ſeufzend und die Augen zum Himmel erhoben, irgend eine ſeiner Unternehmungen verwünſch⸗ ten: er halte hundertmal behauptet, derſelbe ſei ein ehrenwerther Ritter. Aber in dieſem Augenblick gab er ihm in ſeinem Herzen all die Titel, welche er nie⸗ mals aus dem Munde eines Andern hatte hören können, 26 ohne alsbald mit einem„Nein, Gott bewahre!“ dazwi⸗ ſchen zu fahren. Als er im Tumult ſolcher Gedanken an der Thüre ſeines Hauſes angelangt war, welches am Eingang des Dörfchens ſtand, ſteckte er haſtig den Schlüſſel, den er bereits in der Hand hielt, in's Schloß, öffnete, trat ein, ſchloß ſorgfältig wieder zu, und da es ihn innigſt nach einer treuen Seele verlangte, ſo rief er ſogleich:„Per⸗ petua, Perpetua!“ und ſchritt dabei auf das Zimmer zu, wo ſie ganz gewiß ſein und den Tiſch zum Abend⸗ eſſen decken mußte. Perpetua war, wie Jedermann ſich denken wird, Don Abbondio's Haushälterin, eine an⸗ hängliche und getreue Magd, welche nach Gelegenheit zu gehorchen und zu befehlen, zur rechten Zeit das Gebrumme und die Launen ihres Herrn zu erdulden, dann ihn auch hinwiederum die ihrigen erdulden zu laſſen wußte, die mit jedem Tage häufiger wurden, da ſie bereits die canoniſchen Vierziger auf dem Rücken hatte; ſie war nämlich ledig geblieben, weil ſie, wie ſie ſelbſt ſagte, alle Gelegenheiten, die ſich ihr darboten, ausgeſchlagen, oder wie ihre Freundinnen ſagten, weil ſie keinen Hund gefunden, der ſie hätte haben wollen. „Ich komme,“ antwortete Perpetua, indem ſie das Fläſchchen mit Don Abbondio's Lieblingswein an ſei⸗ nen gewöhnlichen Ort auf dem kleinen Tiſche ſtellte und ſich langſam in Bewegung ſetzte; aber noch hatte ſie die Schwelle des Zimmers nicht berührt, als er mit ſo haſtigem Schritt, ſo verdüſtertem Blick und ſo ver⸗ ſtörter Miene eintrat, daß nicht einmal Perpetua's erſahrene Augen nöthig geweſen wären, um ſogleich zu entdecken, es müſſe ihm etwas ganz Außerordentliches zugeſtoßen ſein. „Um Gottes Barmherzigkeit, was iſt Euch, Herr Pfarrer?“ „Nichts, nichts,“ antwortete Don Abbondio, indem er ſich ganz keuchend auf ſeinen großen Lehnſtuhl fal⸗ len ließ. 7 N „Wie ſo nichts? Wie könnt Ihr mir das weiß ſr Es muß irgend ein großes Ungluck geſchehen ein.“ „O, um Gotteswillen, wenn ich ſage Nichts, ſo iſt es entweder Nichts, oder eine Sache, die ich nicht ſagen kann.“ „Die Ihr auch mir nicht ſagen könnt? Wer ſoll für Eure Geſundheit Sorge tragen?„Wer ſoll Euch einen guten Rath ertheilen?“ „O weh mir! Schweigt und verhaltet Euch ruhig: gebt mir ein Glas von meinem Wein.“ „Und Ihr wollt behaupten, daß es Nichts ſei?“ ſagte Perpetua, indem ſie das Glas füllte und dann in der Hand behielt, gleich, als wollte ſie es ihm nur zur Belohnung für die vertrauliche Mittheilung geben, auf die ſie ſo lange warten mußte. „Gebt her, gebt her,“ ſagte Don Abbondiv, indem er das Glas mit nicht allzu feſter Hand ergriff und dann ſchnell leerte, wie wenn es eine Arznei geweſen wäre. „Wollt Ihr mich alſo nöthigen, überall herum zu fragen, was meinem Herrn zugeſtoßen ſei?“ fuhr Per⸗ petua fort, indem ſie ſich, die verkehrten Hände in ihre Seiten geſtemmt und die Ellenbogen nach vorn geſpitzt, gerade vor ihm aufpflanzte und ihn ſtarr anſchaute, als wollte ſie das Geheimniß aus ſeinen Augen ſaugen. „Um Gotteswillen, macht mir keine Schwätzerei, macht mir keinen Lärm:— es gilt. es gilt das Leben!“ „Das Leben?“ „Das Leben!“ „Ihr wißt doch wohl, daß ich, ſo oft Ihr mir etwas aufrichtig im Vertrauen mittheiltet, niemals....“ „Schwätzereien jedesmal... Perpetua merkte, daß ſie eine falſche Taſte ange⸗ ſchlagenz ſie änderte daher raſch ihren Ton:„Ach, lieber Herr Pfarrer,“ ſagte ſie mit gerührter und 28 ruͤhrender Stimme,„ich bin Euch immer treu und anhänglich geweſen, und wenn ich jetzt das Ding wiſſen will, ſo geſchieht es ja nur aus Eifer, weil ich Euch möchte helfen einen guten Rath ertheilen, Euer Herz erleichtern können... Die Wahrheit iſt, daß Don Abbondio vielleicht ein eben ſo großes Verlangen trug, ſich ſeines ſchmerz⸗ lichen Geheimniſſes zu entledigen, als Perpetua es zu erfahren. Nachdem er alſo ihre wiederholten und im⸗ mer ungeſtümeren Angriffe immer ſchwächer abgeſchla⸗ gen, nachdem er ſie mehr als einmal hatte ſchwören laſſen, daß ſie kein Wort verlauten laſſen wolle, er⸗ zählte er ihr endlich unter vielen Zögerungen und mit häufigen Seufzern untermiſcht den kläglichen Fall. Als er an den fürchterlichen Namen des Auftraggebers kam, mußte Perpetua einen neuen und noch ſeierlicheren Schwur ablegen, und nachdem Don Abbondiv dieſen Namen ausgeſprochen hatte, warf er ſich mit einem tiefen Seufzers in die Lehne ſeines Seſſels zurück⸗ während er mit einer befehlenden und zugleich bittenden Bewegung die Hände erhob und ſagte:„Um Gottes⸗ willen! „Barmherzigkeit!“ rief Perpetua! O der Schurke! O der Taugenichts! O der Menſch ohne alle Gottes⸗ urcht!“ Frhznt Ihr ſchweigen, oder wollt Ihr mich gänz⸗ lich zu Grunde richten! „O, wir find allein, und es hört uns Niemand. Aber was wollt Ihr jetzt thun, mein armer Herr Pfarrer?“ „Da ſehe mal Einer,“ ſagte Don Abbondio mit grimmiger Stimme,„da ſehe mal Einer, was für einen ſchönen Rath dieſe Perſon zu ertheilen weiß! fragt mich, was ich thun wolle, was ich thun wolle! wie wenn ſie ſich in der Patſche befände und es meine Pflicht wäre, ſie herauszuziehen!“ 29 „Ei, ich wüßte Euch ſchon meinen einfältigen Rath zu ertheilen, aber dann.. „Aber dann, laßt hören.“ „Mein Rath wäre, daß, da Jedermann ſagt, unſer Erzbiſchof ſei ein Heiliger und ein muthvoller Mann, der ſich vor dieſen grimmigen Fratzengeſichtern nicht fürchte und ſeine Luſt daran habe, wenn er einmal einem ſolchen Spitzbuben Eines verſetzen könne, um ſich eines Pfarrers anzunehmen; darum wollte ich ſagen und ſage, Ihr ſolltet einen ſchönen Brief auf⸗ ſetzen und ihm erzählen, wie und was Maßen... „Wollt Ihr ſchweigen, wollt Ihr ſchweigen! ſind das Rathſchläge, wie man ſie einem armen Manne ertheilen muß! Wenn man mich nun mit einem Büch⸗ ſenſchuß in den Rückgrat bedächte... Gott ſteh mir bei—, würde mir dann der Erzbiſchof ihn wieder herausziehen?... „Ei was, Büchſenſchüſſe theilt man nicht aus wie Konfect, und es wäre ſehr ſchlimm, wenn dieſe Hunde jedesmal biſſen, ſo oft ſie bellen. Ich habe nur ge⸗ ſehen, daß man vor demjenigen Reſpect hat, der ſeine Zähne zu zeigen und ſich geltend zu machen weiß; und gerade deßwegen, weil Ihr Eure Macht niemals be⸗ hauptet, ſind wir jetzt ſo daran, daß Alle daherkommen und mit Eurer Erlaubniß...4 „Wollt Ihr ſchweigen!“ „Ich ſchweige ſogleich; aber ſo viel iſt doch ge⸗ wiß, daß wenn die Leute merken, daß Einer immer und jeder Gelegenheit ſogleich bereit iſt, die Se⸗ .. „Wollt Ihr ſchweigen? Iſt es auch Zeit zu ſolchem dummen Geſchwätze?“ „Es iſt ſchon gut, Ihr werdet es heute Nacht überlegen: aber inzwiſchen müßt Ihr nicht anfangen, Euch ſelbſt wehe zu thun und Eure Geſundheit zu zer⸗ ſtören; eſſet doch ein Bißchen.“ 2 „Ich werde es überlegen,“ brummte Don Abbondio, 30 das Ding wird mir viel Kopfzerbrechen machen.“ Und er erhob ſich, indem er fortfuhr:„Ich will nichts ge⸗ nießen, nichts; mir ſtecken ganz andere Dinge im Sinnz ich kann jetzt nur an das denken. Aber warnm mußte es auch gerade über meinen Kopf kommen?“ „So verſorget doch wenigſtens vollends dieſe paar Tropfen da,“ ſagte Perpetua einſchenkend, Ihr wißt, das richtet Euch immer den Magen wieder ein!“ „Ach, der braucht ein ander Pflaſter, der braucht ein ander Pflaſter, der braucht ein ander Pflaſter.“ „So ſprechend nahm er das Licht und brummte weiter:„Eine verdammte Lumpengeſchichte, das! und einem Ehrenmanne wie ich! wie wird es morgen gehen?“ Mit dieſem und ähnlichem Wehllagen begab er ſich nach ſeinem Schlafzimmer. Auf der Schwelle angelangt, blieb er einen Augenblick ſtehen, wandie ſich gegen Perpetua um, legte den Zeigefinger auf die Lippen, ſagte in langſam feierlichem Tone:„Um Gottes⸗ willen!“ und verſchwand. Zweites Capitel. Man erzählt, daß der Prinz Condé in der Nacht vor der Schlacht von Roervi feſt geſchlafen habe; äber für's Erſte war er ſehr müde, zweitens hatte er alle nothwendigen Maßregeln getroffen und feſtgeſetzt, was am andern Morgen geſchehen ſollte. Don Abbondio dagegen wußte noch nichts Anderes, als daß morgen der Schlachttag ſein ſollte, und deß⸗„ halb verbrachte er einen großen Theil der Nacht in angſt⸗ vollen Betrachtungen. Die ſchurkiſche Erklärung, ſowie die damit verbundenen Drohungen nicht zu beachten und die Trauung dennoch zu vollziehen, das war ein Aus⸗ weg, den er nicht einmal in Ueberlegung ziehen wollte. 3¹ Renzo die ganze Sache anzuvertrauen und gemein⸗ ſchaflich mit ihm auf ein Mittel zu ſinnen, Gott be⸗ wahre! Laßt Euch kein Wort darüber entfallen,... ſonſt... Hem hatte einer dieſer Bravi geſagt, und wenn er dieſes Hem in ſeinem Geiſte wiederhallen hörte, da konnte Don Abbondio es ſich nicht einfallen laſſen, ein ſolches Geſetz zu übertreten, ja, er bereute es ſchon, daß er mit Perpetua geſchwatzt hatte. Fliehen? Wohin? Und dann? Welche Verlegenheiten und welche Rechenſchaft! Bei jedem Ausweg, welchen der Aermſte als unthunlich verwarf, drehte er ſich wieder auf die andere Seite. Endlich hielt er es für das Beſte, Zeit zu gewinnen und Renzo mit leeren Worten hinzuhalten. Es ſiel ihm gerade recht ein, daß nur noch wenige Tage bis zu der ſogenannten geſchloſſenen Zeit fehlten, in welcher die Hochzeiten verboten waren;— wenn ich alſo den Burſchen dieſe paar Tage aufhalten kann, ſo habe ich hernach zwei volle Monate für mich, und in zwei Monaten kann viel geſchehen. Er ſann auf Vor⸗ wände, mit denen er herausrücken wollte, und obſchon ſie ihm etwas unſtichhaltig erſchienen, ſo beruhigte er ſich doch mit dem Gedanken, daß ſeine eigene Autorität ihnen das nöthige Gewicht verleihen, und daß ſeine alte Erfahrung ihm einen großen Vortheil über einen unwiſſenden Jüngling geben müſſe.—„Wir wollen ſehen,“ ſagte er bei ſich,„er venkt an ſeine Liebſte, aber ich denke an meine Haut; wer am meiſten intereſſirt iſt, das bin ich, und überdieß bin ich der Schlauere. Lieber Sohn, wenn Dich der Buckel juckt, ſo weiß ich nichts dazu zu ſagen; aber ich will nichts damit zu thun haben.— Nachdem er auf ſolche Art zu einem Entſchluß gekommen, konnte er endlich ſeine Augen zu⸗ thunz; aber welch ein Schlaf! welche Träume! Bravi, Don Rodrigo, Renzo, Fußwege, Felſen, Fluchten, Ver⸗ folgungen, Geſchrei, Büchſenſchüſſe. Das erſte Erwachen nach einem Unglück, oder einem ſchlimmen Handel iſt ein ſehr bitterer Augenblick. Die 32 kaum wieber zum Bewußtſein gelangte Seele kehrt zu den gewöhnlichen Ideen des frühern ruhigen Lebens zurück; aber der Gedanke an den neuen Zuſtand der Dinge tritt ihr in dieſem Augenblick grinſend entge⸗ gen, und das Mißbehagen wird durch die Vergleichung noch lebhafter. Nachdem er die ganze Herbheit dieſes Moments verſchmeckt, ließ Don Abbondio bald ſeine nächtlichen Beſchlüſſe wieder an ſeinen Augen vorüber⸗ gehen, beſtärkte ſich darin, ordnete ſie noch beſſer, ſtand dann auf und erwartete Renzo mit Furcht und zu⸗ gleich mit Ungeduld. Lorenzo oder, wie Jedermann ihn nannte, Renzo ließ nicht lange auf ſich warten. Kaum glaubte er die Stunde gekommen, wo er ohne Unbeſcheidenheit vor den Pfarrer treten könnte, ſo kam er mit der fröhlichen Haſt eines Menſchen von 20 Jahren, welcher am heu⸗ tigen Tage die Geliebte ſeines Herzens heirathen ſoll. Er war ſeit ſeinem Jünglingsalter verwaist und trieb das Gewerbe eines Seidenſpinners, das ſo zu ſagen in ſeiner Familie erblich war; ein in den früheren Jahren ziemlich einträgliches, jetzt aber bereits in Verfall ge⸗ rathenes Gewerbe, aber noch immer von der Art, daß ein geſchickter Arbeiter ſich ehrlich damit nähren konnte. Die Arbeit nahm von Tag zu Tag ab, aber die fort⸗ währende Auswanderung von ſolchen, welche ſich darch Verſprechungen, Vorrechte und große Bezahlungen in die benachbarten Staaten locken ließen, hatte zur Folge, daß es den im Lande zurückgebliebenen noch nicht gänz⸗ lich daran mangelte. Ueberdies beſaß Renzo ein Güt⸗ chen, das er beſtellen ließ und, wenn er nicht grade mit ſeinem Spinnrad beſchäftigt war, ſelbſt beſtellte, ſo daß er für ſeine Verhältniſſe als wohlhabend gelten konnte. Und obſchon es in dieſem Jahr noch ſchmaler zuging, als in dem vorhergehenden, obſchon bereits eine wahre Theurung ſich fühlbar zu machen begann, ſo war doch er, da er, ſeitdem er ſeine Blicke auf Lucia geworfen, haushälteriſch geworden, genügſam mit Vorräthen 33 verſehen, und es mangelte ihm nicht am Brode. Er erſchien vor Don Abbondiv, in großer Gala, mit bunt⸗ farbigen Federn auf dem Hut, ſeinen Dolch mit dem ſchönen Griff in der Hoſentaſche, mit einer gewiſſen ſeſtlichen und zugleich trotzigen Miene, wie ſie damals ſelbſt den friedfertigſten Menſchen eigen war. Don Abbondio's ungewiſſer und geheimnißvoller Empfang bildete einen eigenthümlichen Kontraſt gegen das heitere und entſchloſſene Weſen des rüſtigen Jünglings. „Es muß ihm irgend etwas im Kopfe herumgehen,“ dachte Renzo bei ſich; dann ſagte er:„Ich bin gekom⸗ men, Herr Pfarrer, um zu fragen, zu welcher Stunde wir uns in der Kirche einfinden ſollen.“ „Von welchem Tag, wollt Ihr ſprechen?“ „Wie ſo, von welchem Tag? Erinnert Ihr Euch nicht, daß heute der feſigeſetzte Tag iſt?“ „Heute?“ verſetzte Don Abbondiv, wie wenn er zum erſten Male davon ſprechen hörte.„Heute, heute— Ihr müßt Euch gedulden— heute kann ich nicht.“ „Ihr könnt heute nicht! Was iſt denn vorge⸗ fallen?“ „Vor allen Dingen bin ich nicht wohl, müßt Ihr wiſſen——“ „Das thut mir leib, aber was Ihr zu thun habt, it Sache, die ſo wenig Zeit und Mühe erfor⸗ er Und dann, und dann, und dann... „Was dann, Herr Pfarrer?“ „Und dann iſt es ein verworrener Handel—“ „Ein verworrener Handel! wie kann das ein ver⸗ worrener Handel ſein?“ „Ihr müßtet in meinem Rocke ſtecken, um einzu⸗ ſehen, wie viele Verwicklungen bei ſolchen Dingen vor⸗ kommen, welche Rechenſchaft man ablegen müß. Ich bin zu weichherzig, ich denke nur daran, die Hinderniſſe aus dem Wege zu räumen, Alles zu erleichtern und Andern ihren Willen zu thun; ich verſäume dabei meine Die Verlobten. 1. 3 34 eigne Pflicht und das trägt mir Vorwürfe, ja noch ſchlimmere Dinge ein.“ „Aber um's Himmels Willen, ſpannt mich nicht ſo 1f die Folter und ſagt mir ein für alle Mal, was es iſt.“ „Wißt Ihr, wie viel Förmlichkeiten nöthig ſind, um eine Trauung nach allen Regeln zu vollziehen?“ „Ich muß wohl etwas davon wiſſen,“ ſagte Renzo, der hitzig zu werden anfing,„da Ihr mir ſchon in den letzten Tagen ſo viel davon vorgeſchwatzt habt. Aber iſt denn noch nicht Alles im Reinen?“ Iſt noch nicht Alles gethan, was gethan werden mußte?“ „Alles, Alles, meint Ihr; aber habt Geduld, ich bin freilich das Laſtthier und verſäume meine Pflicht, um den Leuten keine Noth zu machen. Jetzt aber. Genug, ich weiß, was ich ſage. Wir armen Pfarrer ſind zwiſchen Ambos und Hammerz o ihr ungeduldi⸗ gen Leute! Es thut mir leid um Euch, armer Junge, die Vorgeſetzten. genug, man kann nicht Alles ſa⸗ gen; und wir ſollen dann hernach die Sache ausbaden.“ „Ei, ſo erklärt mir doch einmal, welche andere Förmlichkeit noch abzuthun iſt, und ſie ſoll ſogleich abgethan werden.“ „Wißt Ihr, wie viele Hinderniſſe ſtattfinden?“ „Was kann ich von Hinderniſſen wiſſen?“ „Error, conditio, votum, cognatio, crimen, cultus disparitas, vis, ordo. si sis alinis „Ich glaube, Ihr wollt mich zum Narren halten; was geht mich Euer Latinorum an?“ „Darum, wenn Ihr die Sachen nicht verſteht, müßt Ihr Geduld haben, und Euch auf denjenigen ver⸗ laſſen, der ſie verſteht.“ „Ei nun!„ „Hört Ihr, lieber Fenzo Ihr müßt nicht in Zorn gerathen, denn ich bin ja bereit, Alles zu thun, was von mir abhängt.. Ich, ich möchte Euch gerne ver⸗ gnügt ſehen; ich meine es gut mit Euch. Ach! wenn ich 35 bedenke, wie es Euch ſo gut ging; was fehlte Cuch denn noch? da kam Euch die Grille an, zu heirathen.“ „Was ſind das für Reden, Herr Pfarrer?“ brach Renzo mit einer halb verwunderten und halb zornigen Miene aus. „Ich ſage weiter nichts, als das; Habt Geduld, ſage ich. Ich möchte Euch gern vergnügt ſehen.“ „Kurz und gut... „Kurz und gut, lieber Sohn, ich bin nicht Schuld daran; ich habe das Geſetz nicht gemacht, und ehe wir eine Trauung vollziehen, ſind wir ganz beſonders ver⸗ pflichtet, gar manche Unterſuchungen anzuſtellen, um uns zu vergewiſſern ob keine Hinderniſſe ſtattfinden.“ „Ei, ſo ſagt mir doch, welches Hinderniß dazwi⸗ ſchen gekommen iſt?“ „Habt Geduld; dieſe Dinge laſſen ſich nicht ſo ſtehenden Fußes in's Reine bringen. Es wird weiter Nichts daran ſeinz aber kurz und gut, wir müſſen nun einmal ſolche Nachforſchungen anſtellen. Der Text iſt klar und einfach; antequam matrimonium denunciet...“ „Ich habe Euch bereits geſagt, daß ich kein Latein hören will.“ „Aber ich muß Euch doch erklären.“ „Habt Ihr denn Eure Nachforſchungen noch nicht alle angeſtellt?“ ſcht al „Ich habe nicht alle angeſtellt, wie ich hätte thun ſollen, ſage ich Euch.“ aelt 6 5 „Warum habt Ihr das nicht zur rechten Zeit ge⸗ than? warum mußtet Ihr mir ſagen, es ſei Alles im Reinen? warum warten?“ „Ei, ſehe mal Einer, da werfet Ihr mir jetzt meine allzu große Herzensgüte vor. Ich habe Alles er⸗ leichtert, um Euch deſto eher zu willfahren; aber, aber jet mir grade noch eingefallen... Genug, ich weiß e i 4 „Und was wollt Ihr, daß ich thun ſoll?“ „Ihr ſollt Euch noch ein Paar 8. gedulden. 36 Lieber Sohn, ein Paar Tage ſind keine Ewigkeit, habt Geduld.“ „Wie lange noch?“ „Wir ſind auf guter Bahn, dachte Don Abbondio“ bei ſich und ſagte freundlicher als je:„binnen vierzehn Tagen will ich's einzurichten ſuchen.“ „In vierzehn Tagen! Ei! das iſt mir etwas Neues! Es iſt Alles geſchehen, was Ihr verlangtet, der Tag iſt feſtgeſetzt worden, der Tag kommt, und nun ſagt Ihr auf einmal, ich ſoll noch vierzehn Tage warten. Vierzehn Tage!“ wiederholte er, lauter und zorniger, indem ex den Arm ausſtreckte und in der Luft herum⸗ focht;„ja, wer weiß, welche Teufelei er nicht noch die⸗ ſer Zahl augehängt haben würde, wenn nicht Don Ab⸗ bondio ihn unterbrochen hätte, indem er mit ſchüchterner und dringlicher Freundlichkeit ſeine andere Hand er⸗ griff und fagte:„Geht, geht, gerathet um Gottes Willen nicht ſo in Harniſch. Ich will zuſehen, ich will ſchauen, ob in einer Woche.. „Und was ſoll ich Lucia ſagen?“ zat„Daß ein Verſehen von meiner Seite ſtattgefunden a e 74 „Und das Gerete der Leute?“ „Sagt immerhin, ich habe aus allzu großer Eile und Dienſtfertigkeit einen Schnitzer gemacht; wälzt alle Schuld auf mich. Kann ich mehr ſagen? Gehet, auf eine Woche.“. „Und werden dann keine Hinderniſſe mehr ſtatt⸗ finden?“ „Wenn ich Euch ſage.“ „Nun wohl„ ich will eine Woche ruhig blei⸗ ben; aber merkt Euch, daß ich mich hernach nicht mehr mit bloßen Worten abſpeiſen laſſe. Inzwiſchen empfehle ich mich.“ Mit dieſen Worten ging er, indem er ge⸗ gen Don Abbondiv einen weniger als gewöhnlich tiefen Bückling machte und ihm einen mehr ehrerbietigen als ausdrucksvollen Blick zuwarf. 37 Als er hernach auf die Straße kam und in übler Stimmung dem Hauſe ſeiner Braut zuwandelte, über⸗ legte er mitten in ſeinem Zorn noch einmal dieſe Un⸗ terredung und fand ſie immer ſeltſamer. Der kalte und verlegene Empfang von Seiten Don Abbondio's, ſein zu gleicher Zeit nur abgedrungenes und doch un⸗ geduldiges Gerede, dieſe zwei grauen Augen, welche, während er ſprach, immer hin und her geſchweift wa⸗ ren, gleich als fürchteten ſie, mit den Worten zuſammen⸗ zutreffen, die aus ſeinem Munde kamen, dieſes Sich⸗ geberden, als ob die ſo ausdrücklich verabredete Hei⸗ rath ihm etwas ganz Neues wäre, und vor Allem die ganz beſtimmten Andeutungen auf etwas Wichtiges, worüber er ſich jedoch nie klar ausſprach; alle dieſe Umſtände zuſammen brachten Renzo auf den Gedanken, es müſſe ein anderes Geheimniß dahinter ſtecken, das Don Abbondio nicht habe andeuten wollen. Der Jüng⸗ ling war einen Augenblick zweifelhaft, ob er nicht um⸗ kehren, ihn in die Enge treiben und ihm eine deutlichere Erklärung abzwingen ſolle; aber als er die Augen erhob, erblickte er Perpetua, die vor ihm herging und in ein nur wenige Schritte vom Hauſe entferntes Küchengärtchen trat. Er rief ihr zu das Thürchen wieder zu öffnen b ſchleunigte ſeinen Sbritt, erreichte ſie, hielt ſie am Eingang auf und beſchloß ein Geſpräch mit ihr anzuknüpfen, in der Abſicht, etwas Beſtimm⸗ teres aus ihr herauszupreſſen. „Guten Tag. Perpetuaz ich hoffte, wir ſollten heute mit einander luſtig ſein.“ „Ach ja, wie Gott will, mein armer Renzo.“ „Thut mir einen Gefallen: der Herr Pfarrer hat mich mit gewiſſen Gründen abgeſpeist, die ich nicht recht begreifen konnte; erklärt mir beſſer, warum er uns heute nicht trauen kann oder nicht trauen will.“ „Ei, meint Ihr denn, ich wiſſe um die Geheim⸗ niſſe meines Herrn?“ „Ich hab's doch geſagt, daß ein Geheimniß dahin⸗ 38 ter ſtecke, dachte Renzo, und um es an's Licht zu ziehen, fuhr er fort:„Geht, Perpetua, wir find ja gute Freunde; ſagt mir, was Ihr wißt, helſt einem armen Jungen.“ „Es iſt ein ſchlimmes Ding, arm auf die Welt zu kommen, mein lieber Renzo.“ „Das iſt wahr; erwiederte dieſer, indem er ſich immer mehr in ſeinem Argwohn beſtärkte und der Frage näher zu kommen ſuchte; das iſt wahr; aber den Prieſtern zu, arme Leute ſchlecht zu behan⸗ eln?“ „Hört, Renzo, ich kann nichts ſagen, weil.. ich nichts weiß. Aber ſo viel kann ich Euch verſichern, daß mein Herr weder Euch noch ſonſt Jemand Unrecht thun will, und daß er nicht Schuld daran iſt.“ „Wer iſt denn ſonſt Schuld daran?“ fragte Renzo in einem gleichgültigen Ton, aber mit ſehnſüchtigem Harren und aufmerkſamem Ohr. „Wenn ich Euch ſage, daß ich Nichts weiß: Zur Vertheidigung meines Herrn darf ich wohl ſprechen; denn es thut mir wehe, ihn beſchuldigen zu hören, daß er Jemand kränken wolle. Der arme Mann! Wenn er je fehlt, ſo geſchieht es aus allzugroßer Güte. Aber es gibt auf dieſer Welt Schurken, gewaltthätige Leute, Menſchen ohne Gottesfurcht. „Gewaltthärige Leute, Schurken!“ dachte Renzo: „das ſind die Vorgeſetzten nicht.„Nun denn,“ ſagte er, ſeine zunehmende Aufregung mühſam verbergend, „nun denn, ſagt mir, wer es iſt.“ „Ah, Ihr möchtet mich zum Schwatzen verleiten, und doch kann ich nichts ſagen, weil ich.. nichts weiß. Wenn ich nichts weiß, ſo iſt es gerade, als wenn ich geſchworen hätte, zu ſchweigen. Ihr könntet mich auf die Folter ſpannen und Ihr würdet nichts aus meinem Munde hervorlocken. Lebt wohl, es iſt verlorene Zeit für uns Beide.“ Mit dieſen Worten trat ſie eilig in den Garten, und verſchloß die Thüre. Renzo erwiederte ihren Gruß 39 und kehrte ganz ſachte wieder um, damit ſie nicht am Getöne ſeiner Schritte den Weg erkennen möchte, den er einſchlug; aber als er aus der Gehörweite der guten Frau war, begann er tüchtig zuzulaufen; in einem Augenblicke war er vor Don Abbondio's Thüre, trat ein, ſchritt geraden Wegs nach dem Zimmer, wo er ihn verlaſſen hatte, fand ihn noch da und ging mit drei⸗ ſtem Blick und zornentbrannten Augen auf ihn zu. „Nun, nun, was gibt es denn ſchon wieder?“ fragte Don Abbondio. „Wer iſt der Gewaltthätige?“ fragte Renzo im Tone eines Mannes, der entſchloſſen iſt, ſich eine be⸗ ſtimmte Antwort zu verſchaffen,—„wer iſt der Ge⸗ waltthätige, der es nicht dulden will, daß ich Lucia heirathe?“ „Was, was, was? ſtammelte der arme Ueberraſchte mit einem Geſicht, das augenblicklich ſo weiß und ſchlaff war, wie ein Lappen, den man eben aus der Wäſche zieht. Dann ſprang er, noch immer ſtotternd, von ſeinem Armſeſſel auf und eilte der Thüre zu. Aber Renzo, der dieſe Bewegung erwarten mußte und auf Alles gefaßt war, ſprang auf ihn zu, verſchloß die Thüre und ſteckte den Schlüſſel in ſeine Taſche. „He, he, werdet Ihr jetzt reden, Herr Pfarrer? Alle Welt weiß mein Schickſal, nur ich allein nicht. Ich will es beim Henker auch erfahren. Wie heißt dieſer Menſch?“ „Renzo! Renzo! habt wohl Acht, was Ihr thut! Denket an Eure Seele!“ „Ich denke, daß ich es ſogleich und auf der Stelle wiſſen will?“ Und ſo ſprechend legte er, vielleicht unabſichtlich, die Hand an den Griff ſeines Dolches, der ihm aus der Taſche hervorſah. „Barmherzigkeit!“ rief Don Abbondio mit ſchwa⸗ cher Stimme. „Ich will es wiſſen.“ „Wer hat Euch geſagt?“ 40 „Nein nein, keine Ausflüchte mehr. Sprecht deutlich und ſogleich.“ „Wollt Ihr meinen Tod?“ „Ich will das wiſſen, was zu wiſſen ich ein Recht abe. „Aber wenn ich ſpreche, ſo bin ich ein Kind des Todes. Muß mir nicht Alles an meinem Leben liegen?“ „Nun, ſo ſprecht einmal.“ Dieſes„Nun“ wurde mit ſolchem Nachdruck aus⸗ geſprochen, Renzo's Geſicht nahm einen ſo drohenden Ausdruck an, daß Don Abbondio nicht mehr an die Möglichkeit denken konnte, Gehorſam zu verweigern. „Verſprechet Ihr, ſchwöret Ihr mir, mit Niemand davon zu ſprechen, nie etwas zu ſagen?“ „Ich verſpreche Euch, daß ich einen unüberlegten Streih begehen werde, wenn Ihr mir nicht ſogleich den Namen des Mannes ſagt.“ Bei dieſer neuen Beſchwörungsformel ſtammelte Don Abbondio mit der Miene und dem Blick eines Menſchen, welcher die Zange des Zahnausreißers im Munde hat:„Don.. „Don?“ wiederholte Renzo, wie wenn er dem Patienten helfen wollte, das Uebrige herauszubringen, und ſtand gebückt da, ſein Ohr an den Mund des Pfarrers geneigt, die Arme geſpannt und die Fäuſte feſt geballt. „Don Rodrigo!“ ſprach haſtig der Ueberwältigte, indem er dieſe wenigen Silben ſchnell hervorſtieß und die Konſonanten dehnte, theils aus Beſtürzung, theils weil er, indem er den kleinen Ueberreſt ſeiner Befin⸗ nung zu einer Vermittlung zwiſchen zwei Beängſtigun⸗ gen anwandte, das Wort in demſelben Augenblick, wo er gezwungen war, es auszuſprechen, wieder unter⸗ ſchlagen und vertilgen zu wollen ſchien. „Ha der Hund! brüllte Renzo. Und wie hat er es gemacht? Was hat er Euch geſagt, um... „Wie, wie?“ antwortete mit beinahe zorniger Mccl 41 Stimme Don Abbondio, der nach einem ſo großen Opfer fühlte, daß er gewiſſermaßen der Gläubiger geworden ſei.„Wie? Ich wollte, es wäre Euch wider⸗ fahren, was mir wiverfahren iſt, während mich doch die Sache gar nichts angeht; dann wären Euch gewiß nicht ſo viele Grillen im Kopfe geblieben.“ Und nun begann er mit ſchrecklichen Farben das ſchauerliche Zuſammentreffen zu malen; da er dann während ſei⸗ ner Erzählung immer mehr einen großen Zorn gewahr wurde, welchen er im Leibe hatte, und der bis jetzt verborgen und in Angſt eingehüllt geweſen; da er fer⸗ ner zur gleichen Zeit ſah, daß Renzo zwiſchen Zorn und Verwirrung ſchwebend, unbeweglich mit geſenktem Haupte daſtand, ſo fuhr er in dreiſtem Tone fort: „Ihr habt da etwas Schönes gemacht! Ihr habt mir einen ſaubern Dienſt geleiſtet! So etwas einem braven Manne, Eurem Pfarrer, in ſeinem Hauſe, an heiliger Stätte zu bieten! Ihr habt eine ſaubere Suppe ein⸗ gebrockt! Mir mein Unglück, Euer Unglück aus dem Munde zu reißen! Das, was ich aus Klugheit zu Euerm Beſten geheim hielt! Und was jetzt, da Ihr es wißt? Ich möchte doch ſehen, was Ihr mir thun könn⸗ tet. Um's Himmelswillen, es iſt kein Spaß, es handelt ſich nicht um Recht oder Unrecht, es handelt ſich um Gewalt. Und als ich Euch dieſen Morgen einen guten Rath gab, ha, da war't Ihr plötzlich Feuer und Flamme. Ich hatte Verſtand für mich und ſür Euch; aber was hilft das? öffnet wenigſtens die Thüre, gebt mir meinen Schlüfſel.“ „Ich kann gefehlt haben,“ antwortete Renzo in einem Tone, der Don Abbondio gegenüber demüthiger war, aber ſeine ganze Wuth gegen den entdeckten Feind zu erkennen gab;—„ich kann gefehlt haben; aber legt ſiin aufs Herz und ſagt ſelbſt, ob Ihr in meinem So ſprechend, hatte er den Schlüſſel aus der Taſche gezogen und ging, um zu öffnen. Don Abbondio hielt 42 ſich dicht hinter ihm, und während Renzo den Schlüſſel im Schloſſe herumdrehte, ſtellte er ſich an ſeine Seite und ſagte mit ernſter und ängſtlicher Miene, indem er die drei erſten Finger ſeiner Rechten vor die Augen hielt, als ob er jetzt ſeinerſeits ihm zu Leibe gehen wollte:„Schwöret wenigſtens.. „Ich kann gefehlt haben und bitte deshalb um Ent⸗ ſchuldigung,“ antwortete Renzo, indem er die Thür auf⸗ machte und ſich anſchickte, hinaus zu gehen. „Schwört,“ wiederholte Don Abbondio, mit zittern⸗ der Hand ſeinen Arm ergreifend. „Ich kann gefehlt haben,“ ſagte Renzo abermals, indem er ſich von ihm losmachte. Dann ging er wüthend fort und durchſchnitt auf ſolche Art den Streit, welcher gleich literariſchen, philoſophiſchen oder anderen Streitſachen, wobei jede Partei nichts Anderes that, als daß ſie ihre eigenen Beweiſe wieder⸗ holte, ſechs Jahrhunderte hätte währen können. „Perpema, Perpetua!“ rief Don Abbondio, nachdem er den Flüchtigen vergebens zurückgerufen. Perpetua ant⸗ wortet nicht. Don Abbondio wußte nicht mehr, wo ihm der Kopf ſtand. Weit bedeutendere Perſonen, als Don Abbondio, haben ſich ſchon mehr als einmal in ſo widerlichen Drangſalen und ſo peinlichen Unſchlüſſigkeiten befunden, daß ſie keinen andern Ausweg wußten, als ſich fieber⸗ krank zu Bette zu legen. Nach dieſem Mittel brauchte Don Abbondivo nicht erſt lange zu ſuchen, denn es bot ſich ihm von ſelbſt dar. Der Schreck vom geſtrigen Tage, das angſtvolle Wachen in der Nacht, die ſo eben überſtandene Furcht, die Bangigkeit vor der Zukunft, Alles das brachte die genannte Wirkung hervor. Be⸗ fümmert und betäubt ließ er ſich in ſeinen großen Lehnſtuhl nieder; er begann einen Schauder in ſeinen Gebeinen zu empfinden, er betrachtete ſeufzend ſeine Rägel und rief von Zeit zu Zeit mit ängſtlicher und zitternder Stimme:„Perpetua.“ Sie kam endlich mit 43 einem großen Kohlkopf unter dem Arme und mit drei⸗ ſter Miene, wie wenn nichts geſchehen wäre. Ich erlaſſe dem Leſer die Wehklagen, die Beileidsbezeugungen, die Anſchuldigungen, die Vertheidigungen, die:„Nur Ihr allein könnt geſchwatzt haben,“ und die:„Ich habe nichts geſagt,“ kurz den ganzen Wirrwarr dieſer Unter⸗ redung. Es genüge, daß Don Abbondio ſeiner Haus⸗ hälterin befahl, die Thüre wohl zu verriegeln, keinen Fuß mehr vor dieſelbe zu ſetzen und, wenn Jemand anklopfen ſollte, vom Fenſter aus zu antworten, der Pfarrer habe ſich fieberkrank niedergelegt. Er ging ſo⸗ vann langſam die Treppe hinauf ſagte auf jeder drit⸗ ten Stufe:„Mich hat's!“ und legte ſich wirklich zu Bette, wo wir ihn laſſen wollen. Inzwiſchen wanderte Renzo eiligen Schritts nach Hauſe; er war noch nicht entſchloſſen, was er thun ſolle; aber er verſpürte einen gewaltigen innern Drang in ſich, irgend etwas Gewaltiges und Furchtbares zu vollbringen. Diejenigen, welche Andere reizen, ſie be⸗ drücken und ihnen auf irgend eine Weiſe Unrecht thun, haben nicht nur das Böſe, das ſie ſelbſt zufügen, zu verantworten, ſondern auch die Verkehrtheiten, welche ſie in den Gemüthern der Beleidigten veranlaſſen. Renzo war ein friedfertiger, nichts weniger, als blutdürſtiger, junger Menſch, ein Jüngling ohne Falſch, der alle Hin⸗ terliſt verabſcheute; aber in dieſen Augenblicken ſchlug ſein Herz nur für Mord, ſein Gemüth ſann auf nichts Anderes, als auf Verrath. Er hätte in Don Rodrigo's Haus gehen mögen, ihn bei der Gurgel packen und.. aber er erinnerte ſich, daß ſein Haus eine Feſtung war, die eine Garniſon von Bravi in ſich faßte und auch von Außen durch ſolche bewacht wurde; daß nur allein Freunde und wohlbekannte Diener frei eintreten durf⸗ ten, ohne von Kopf zu Fuß unterſucht zu werden; daß ein unbekannter, geringer Handwerksmann jedenfalls ein ſcharfes Verhör zu beſtehen habe, und daß man vor Allem ihn ſelbſt vielleicht nur allzu gut kennen . 44 würde. Er dachte ſich ſodann aus, ſeine Büchſe zu nehmen, ſich hinter einer Hecke zu verſtecken, zu war⸗ ten, ob Jener vielleicht irgend einmal ganz allein vor⸗ überkäme, und indem er ſich mit wilder Luſt in dieſe Vorſtellung vertiefte, bildete er ſich ein, Fußtritte zu hören und beim Getöne dieſer Tritte leiſe den Kopf zu erheben; er erkannte den Schurken, legte die Buchſe an, zielte, drückte los, ſah ihn fallen, in den letzten Zügen liegen, ſchleuderte ihm einen Fluch zu und lief jetzt ſchleunig nach der Grenze, um ſich in Sicherheit zu bringen.— Und Lucia?— Kaum hatte ſich dieſes Wort zwiſchen ſeine grimmigen Phantaſieen geworfen, ſo hielten die beſſeren Gedanken, an welche Renzo's Gemüth gewöhnt war, ſchaarenweiſe wieder ihren Ein⸗ zug in daſſelbe. Er erinnerte ſich der letzten Ermah⸗ nungen ſeiner Eltern, er erinnerte ſich an Gott, an vie Madonna und die Heiligen; er gedachte des Troſtes, welchen ihm das Bewußtſein ſeiner Schuldloſigkeit ſo manchmal gegeben, des Abſcheues, den er ſo oft bei der Nachricht von einem Morde empfunden, und er erwachte aus dieſem blutigen Traum mit Schrecken, Reue und zugleich einer gewiſſen Freude darüber, daß er nichts Anderes gethan, als ſich Einbildungen gemacht hatte. Aber der Gevanke an Lucia,— wie viele andere Ge⸗ danken zog er nach ſich! So manche Hoffnungen, ſo manche Verſprechungen, eine ſo lieblich lachende, ſo ſicher geglaubte Zukunft, und dieſen ſo heiß erſehnten Tag! Und wie, mit welchen Worten ſollte er ihr eine ſolche Nachricht verkünden? Und hernach welchen Ent⸗ ſchluß faſſen? Wie konnte er ſie, aller Gewalt dieſes mächtigen Schurken zum Trotz, zur Seinigen machen? Und zugleich mit Allem Dem kam ihm zwar kein förm⸗ licher Verdacht, aber doch ein quälender Schatten eines ſolchen in den Sinn. Dieſe Schändlichkeit Don Rodrigo's konnte doch nur durch eine gemeine Leidenſchaft für Lucia veranlaßt worden ſein. Und Lucia? daß ſie ihm auch nur die allergeringſte Aufmunterung, auch nur die ent⸗ 4⁵ fernteſte Anlockung gegeben, war kein Gedanke, der einen Augenblick in Renzo's Kopf hätte verweilen können. Aber war ſie davon unterrichtet? Konnte er dieſe ſchändliche Leidenſchait gefaßt haben, ohne daß ſie etwas davon wußte? Würde er wohl die Sache ſo weit getrieben haben, ohne daß er ſie vorher auf irgend eine Weiſe in Verſuchung geführt? und Lucia hatte ihm, ihrem Bräutigam, niemals ein Wort davon geſagt! Von ſolchen Gedanken beherrſcht, ging er an ſei⸗ nem Hauſe, das mitten im Dorfe lag, vorüber, und ſchritt geraden Wegs nach der Wohnung Lucials zu, die ſich am entgegengeſetzten Ende befand. Vor ihrem Häuschen lag ein kleiner Hof, der es vom Wege trennte und von einer niedrigen Mauer umſchloſſen war. Renzo trat in den Hof und hörte ein verworrenes, anhalten⸗ des Getöne von Stimmen, das aus einem oberen Zim⸗ mer drang. Er dachte ſich, es würden die Freundinnen und Gevatterinnen ſein, welche ſich zu Lucia's Braut⸗ Zefolge eingefunden, und auf dieſem Markte wollte er ſich mit der Kunde, welche ihm in den Gliedern und im Geſichte lag, nicht zeigen. Ein kleines Mädchen, das ſich im Hofe befand, lief ihm entgegen und rief: „Der Bräutigam! der Bräutigam!“ „Still! Bettina, ſtill!“ ſagte Renzo;„komm her, geh' zu Lucia hinauf, nimm ſie auf die Seite und ſag' ihr in's Ohr. aber daß Niemand was hört oder es merkt. ſage ihr, ich habe mit ihr zu ſprechen, ich erwarte ſie in der unteren Stube, und ſie ſolle ſchnell kommen.“ Das Kind ſprang eilig die Treppe hinauf, ſtolz und vergnügt, mit einem geheimen Auftrag betraut worden zu ſein. Lucia ging in dieſem Augenblick vollkommen ge⸗ ſchmückt aus den Händen ihrer Mutter hervor. Die Freandinnen riſſen ſich um die Braut und thaten ihr Gewalt an, daß ſie ſich ſehen laſſen ſollte; ſie aber erwehrte fich ihrer mit der etwas derben Sittſamkeit der Bäuerinnen, indem ſie ihr Geſicht mit dem Ell⸗ 46 bogen ſchirmte, es auf die Bruſt neigte und die langen, ſchwarzen Augenbrauen zuſammenzog, während jedoch der Mund ſich zu einem Lächeln öffnete. Das ſchwarze, friſche Haar, über der Stirne durch einen weißen, ſchmalen Scheitel getrennt, war hinter dem Kopfe in vielfachen Flechtenringen zuſammengeſchlungen, und in dieſen ſchimmerten lange, ſilberne Nadeln, welche ſich gleich Glorienſtrahlen ringsumher vertheilten, ſo wie ſich die mailändiſchen Bäuerinnen noch heutzutage tra⸗ gen. Um den Hals hatte ſie einen Schmuck von Gra⸗ naten, die mit goldenen Knöpfen von Filigranarbeit abwechſelten. Sie trug ein ſchönes Mieder von geblüm⸗ tem Brokat, deſſen offene Aermel mit zierlichen Bändern geſchnürt waren, einen kurzen Rock von floretſeidenem Zeug, mit vielen, äußerſt kleinen Falten, rothe Strümpfe und geſtickte, ſeidene Schuhe. Außer dieſem beſonderen Schmuck des Hochzeitstages beſaß Lucia den bleibenden Schmuck einer ſitiſamen Schönheit, in dieſem Augen⸗ blick hervorgehoben und erhöht durch die verſchiedenen Gemüthsbewegungen, die ſich auf ihrem Geſicht abmal⸗ ten: eine durch eine leichte Unruhe gedämpfte Freude, jene ſanfte Bekümmerniß, welche ſich zuweilen in den Mienen der Bräute zu erkennen gibt und ihnen einen eigenthümlichen Charakter verleiht, ohne der Schönheit Eintrag zu thun. Die kleine Bettina drängte ſich unter die Menge und näherte ſich Lucia, gab ihr auf kluge Weiſe zu verſtehen, daß ſie ihr etwas mitzutheilen habe, und flüſterte ihr ihr Sprüchlein in's Ohr.„Ich komme im Augenblick wieder,“ ſagte Lucia zu den Frauen und ging eilig hinab. Als ſie Renzo's entfärbtes Geſicht und ſeine unruhigen Geberden ſah, ſagte ſie nicht ohne eine bange Ahnung:„Was gibt's?“ „Lucia!“ antwortete Renzo,„für heute iſt Alles aus, und Gott weiß, wann wir Mann und Frau wer⸗ den können.“ „Wie?“ fragte Lucig ganz beſtürzt. Renzo erzählte 47 ihr mit kurzen Worten die Geſchichte dieſes Morgens; ſie hörte angſtvoll zu, und als ſie Don Rodrigo's Namen vernahm, rief ſie erröthend und zitternd:„Ach, mußte es ſo weit kommen!“ „Du wußteſt alſo?“ ſagte Renzo. „Nur allzu viel!“ antwortete Lucia;„aber daß es ſo weit kommen mußte!“ „Was wußteſt Du?“ „Verlange jetzt keine Erklärung und bringe mich nicht zum Weinen. Ich will ſchnell meine Mutter holen und die Frauen fortſchicken: wir müſſen allein ſein.“ Während ſie weg ging, murmelte Renzo;„Und Du haſt mir nie etwas davon geſagt!“ „Ach, Renzo!“ antwortete Lucis, indem ſie ſich einen Augenblick umwandte, ohne ſtehen zu bleiben. Renzo begriff ſehr gut, daß der Ton, womit Lucia in dieſem Moment ſeinen Namen ausſprach, beſagen wollte: „konnteſt Du je glauben, daß ich aus anderen, als aus gerechten und reinen Gründen geſchwiegen habe?“ Inzwiſchen war die gute Agneſe(ſo hieß Lucia's Mutter) durch die Paar Worte, die man ihrer Tochter in's Ohr geflüſtert hatte, ſowie durch das Verſchwinden derſelben argwöhniſch und neugierig geworden und des⸗ halb herab gekommen, um zu ſehen, was es Neues gebe. Die Tochter ließ ſie mit Renzo allein, kehrte zu den verſammelten Frauen zurück und ſagte, ihr Geſicht und ihre Stimme ſo gut, als möglich, zuſammennehmend: zder Herr Pfarrer iſt krank geworden und es wird heute Nichts daraus.“ Hierauf grüßte ſie Alle haſtig und ging wieder hinab. Die Frauen zogen ab und verliefen ſich, um den Vorfall zu erzählen und ſich zu erkundigen, ob Don Abbondio wirklich krank geworden ſei. Die Wahrheit dieſes Umſtandes ſchlug alle Vermuthungen nieder, welche ſich bereits in ihrem Gehirne zu regen und 3 geheimnißvoll abgebrochenen Worten anzukündigen gann. 48 Drittes Capitel. Lucia trat in das untere Zimmer, wo Renzo voll Herzensangſt ihre Mutter belehrte, welche mit nicht minderer Angſt ihm zuhörte. Beide wandten ſich der⸗ jenigen zu, welche mehr als ſie ſelbſt von der Sache wußte, und von der ſie eine Erklärung erwarteten, die nicht anders, als ſchmerzlich ſein konnte: Beide ließen mitten in ihrem Schmerz und neben ihrer verſchieden⸗ artigen Liebe zu Lucia auch wieder einen verſchieden⸗ artigen Verdruß darüber erblicken, daß ſie ihnen etwas und vollends ſo etwas verſchwiegen habe. Trotz ihrer Begierde, die Tochter reden zu hören, konnte Agneſe es ſich nicht verſagen, ihr einen Vorwurf zu machen; „Deiner Mutter von ſo Etwas Nichts zu ſagen!“ „Ich will Euch jetzt Alles ſagen,“ antwortete Lucia, indem fſie ſich mit der Schürze die Augen trocknete. „Sprich, ſprich!“ riefen Mutter und Bräutigam zugleich.— „Heiligſte Jungfrau!“ rief Lucia.„Wer hätte geglaubt, daß es ſo weit kommen könnte!“ Sofort erzählte ſie mit einer von Thränen unterbrochenen Stimme, wie vor einigen Tagen, als ſie aus der Spinnerei zurückgekehrt und hinter ihren Gefährtinnen zurückgeblieben, Don Rodrigo in Geſellſchaft eines andern Herrn an ihr vorübergekommen ſei. Erſterer habe ſie mit Reden, die ihr ganz und gar nicht ſchön geſchienen, hinzuhalten geſucht; aber ſie habe ihm kein Gehör geſchenkt, ſondern ihre Schritte beſchleunigt und ihre Gefährtinnen eingeholt, doch habe ſie noch den andern Herrn laut lachen und Don Rodrigo ſagen hören:„Wir wollen wetten!“ Am folgenden Tag haben ſich die Herren wieder auf der Straße eingefunden, aber Lucia ſei geſenkten Blickes mitten unter ihren Gefähr⸗ tinnen hergegangen. Der Andere habe überlaut gelacht und Don Rodrigo habe geſagt:„Wir werden ſehen, 49 wir werden ſehen.„Gott ſei Dank,“ fuhr Lucia fort, „dieß war der letzte Tag in der Spinnerei. Ich erzählte es ſogleich.. „Wem haſt Du es erzählt?“ fragte Agnes, indem ſie nicht ohne einigen Zorn dem Namen des bevor⸗ zugten Vertrauten entgegenharrte. „Dem Pater Criſtoforv in der Beichte, Mutter,“ antwortete Lucie in ſanftem entſchuldigendem Tone. „Ich erzählte ihm Alles, als wir das letzte Mal mit einander in die Kloſterkirche gingen: und wenn Ihr es bemerktet, ich nahm an jenem Morgen allerhand Dinge vor, um andere Leute, die denſelben Weg gingen, her⸗ ankommen zu laſſen, damit wir Geſellſchaft hätten; denn ſeit jenem Zuſammentreffen hatte ich ſolche Angſt vor den Straßen„. Bei dem verehrten Namen des Paters Criſtoforo milderte ſich Agneſen's Unwille.„Du haſt wohl ge⸗ than,“ ſagte ſie,„aber warum haſt Du nicht Alles Deiner Mutter erzählt?“ Lucia hatte zwei gute Gründe gehabt: erſtens hatte ſie die gute Frau nicht durch eine Sache, in welcher ſie doch keinen Rath gewußt hätte, betrüben oder er⸗ ſchrecken wollen; zweitens hatte ſie aller Verbreitung einer Geſchichte vorzubeugen gewünſcht, die einer fältigen Verſchweigung um ſo mehr bedurfte, als Lucla hoffte, die abſcheuliche Verfolgung würde durch ihre Hochzeit ſchon im Entſtehen abgebrochen werden. Von dieſen zwei Gründen führte ſie nur den erſtern an. „Und mit Dir,“ ſagte ſie dann zu Renzo in einem Tone, welcher einem Freunde das Bekenntniß abnöthi⸗ gen will, daß er Unrecht gehabt habe,„warum ſollte ich mit Dir davon ſprechen? Du haſt ja doch jetzt all⸗ zu Viel erfahren.“ „Und was hat Dir der Pater geſagt? fragte Agneſe. „Er hat mir geſagt, ich ſolle die Hochzeit ſo ſehr als möglich zu beſchleunigen ſuchen, inzwiſchen aber mich eingezogen halten und recht innig zu dem Herrn Die Verlobten. 1. 4 50 beten; er hoffe, daß der Rodrigo, wenn er mich nicht mehr ſehe, auch nicht mehr an mich denken werde; und deßhalb,“ fuhr ſie von Neuem gegen Renzo fort, indem ſie ihm jedoch nicht in's Geſicht ſchaute und über und über erröthete,„deßhalb that ich mir Gewalt an, ich verleugnete die Scham und bat Dich, dafür zu ſorgen, daß die Hochzeit noch vor der anfänglich beſtimmten Friſt zu Stande käme. Wer weiß, was Du von mir gedacht haben magſt! Aber ich that es in guter Abſicht, weil man mir ſo gerathen hatte, und weil ich über⸗ zeugt war.. und dieſen Morgen war ich ſo weit entfernt zu denken.. hier wurden Lucia's Worte durch einen heftigen Thränenſtrom unterbrochen. „Ha, der Schurke! ha, der Höllenbrand! der Mör⸗ der!“ rief Renzo, indem er in der Stube auf⸗ und ab⸗ rannte und zu gleicher Zeit den Griff ſeines Dolches anfaßte. „Barmherziger Gott, welch ein Jammer!“ rief Agneſe. Der Jüngling blieb plötzlich vor der weinenden Lucia ſtehen, blickte ſie mit einer Geberde herzbrechen⸗ der und wüthender Zärtlichkeit an und ſagte:„Dieß iſt die letzte Schandthat dieſes Schurken!“ „Ach nein, Renzo, um's Himmelswillen!“ rief Lucia; nein, nein, um's Himmelswillen! Gott iſt auch für die Armen da, und wie kannſt Du von ihm Hülfe erwarten, wenn Du Böſes thuſt?“ „Nein, nein, um's Himmelswillen!“ wiederholte Agneſe. „Renzo,“ ſagte Lucia mit der Miene der Hoffnung und ruhiger Entſchloſſenheit,„Du haſt ein Gewerbe und auch ich kann arbeiten; laß uns fortgehen, daß dieſer Menſch nichts mehr von uns ſprechen hört.“ „Ach Lucia! und dann? Wir ſind ja immer noch nicht Mann und Weib! Wird uns der Pfarrer das Zeugniß des Brautſtandes ausſtellen wollen? Dieſer Menſch?.. Wenn wir verheirathet wären, ja dann Lucia begann von Neuem zu weinen, und nun 51 ſchwiegen ſie alle drei in einer niedergeſchlagenen Hal⸗ tung, die gegen ihren feſtlichen Aufputz traurig abſtach. „Hört, Kinder, ich will Euch einen Rath geben,“ ſagte nach einigen Augenblicken Agneſe.„Ich bin vor Euch auf die Welt gekommen und weiß auch einigen Beſcheid, wie es da zugeht. Ihr müßt nicht gar zu ſehr erſchrecken: Der Teufel iſt nicht ſo garſtig, wie man ihn malt. Uns armen Leuten erſcheint das Garn viel verworrener, weil wir das Ende nicht finden kön⸗ nenz aber ein Gutachten, ein Wort von einem Herrn, der ſtudirt hat.„ ich weiß recht wohl, was ich ſagen will. Folget mir, Renzo, gehet nach Lecco, fragt nach dem Doctor Ferkelſtecher, erzählet ihm.. aber um's Himmelswillen, Ihr dürſt ihn nicht ſo anreden... das iſt ſein Spitzname. Ihr müßt ſagen: Herr Doe⸗ tor. nun wie heißt er doch geſchwind. da ſieh einmal, ich weiß ſeinen rechten Namen ſelbſt nicht, alle Welt nennt ihn ſo. Genug, Ihr fragt nach dem lan⸗ gen, dürren, kahlföpfigen Doctor, mit der rothen Naſe und der Himbeere auf der Backe.“ „Ich kenne ihn vom Sehen,“ ſagte Renzv. „Gut,“ fuhr Agneſe fort,„das iſt ein Mann! Ich habe ſchon manchen in der größten Klemme ſtecken geſe⸗ hen, ſo daß er nicht mehr wußte, wo er ſein Haupt hinwenden ſollte, und nachdem er ein Stündchen unter vier Augen mit dem Doktor Ferkelſtecher zugebracht (nehmt Euch wohl in Acht, daß Ihr ihn nicht ſo nennt,) da habe ich ihn wieder lachen geſehen, ſage ich Euch. Nehmt die vier Kapaunen da, die armen Thierchen, denen ich heute zum Abendſchmauſe den Hals umdrehen ſollte, und hringt ſie ihm hin, denn man darf zu ſol⸗ chen Männern nie mit leeren Händen kommen. Er⸗ zählet ihm die ganze Geſchichte, und Ihr werdet ſehen, daß er Euch ſtehenden Fußes Dinge fagt, die uns nie in den Kopf kämen, und wenn wir ein ganzes Jahr darüber nachdächten.“ Renzo ging ſehr gern in dieſen Vorſcha ein, auch 52 Lueia fand ihn gut, und Agneſe holte, ſtolz auf ihren Einfall, die armen Beſtien, eine um die andere, aus dem Kapaunenſtall, faßte ihre acht Beine zuſammen, wie wenn es ein Blumenſtrauß geweſen wäre, umwickelte, verband ſie mit einer Schnur und gab ſie Renzo in die Hand. Dieſer entfernte ſich ſofort, nachdem er Worte der Hoffnung geſprochen und empfangen, durch ein klei⸗ nes Gartenthuͤrchen, um von den Jungen nicht geſehen zu werden, welche ihm mit dem Geſchrei: Der Bräuti⸗ gam! der Bräutigam! nachgelaufen ſein würden. So wandelte er querfeldein auf Fußwegen hin, überdachte Fnirſchend ſein Unglück und ſtudirte den Vortrag aus, welchen er an den Doctor Ferkelſtecher halten ſollte. Ich überlaſſe es dem Leſer, ſich vorzuſtellen, wie es auf der Reiſe den armen Thieren ergangen ſein mag, welche ſo zuſammengebunden und den Kopf unten, bei den Pfoten in den Händen eines Menſchen gehalten wurden, der von ſo vielen Leidenſchaften aufgeregt, die durch ſein Gemüth ſtürmenden Gedanken mit den ent⸗ ſprechenden Geberden begleitete und in gewiſſen Augen⸗ blicken des Zornes, der Entſchloſſenheit oder der Ver⸗ zweiflung kräftig den Arm ausſtreckte, ſo daß er ihnen fürchterliche Stöße gab und die vier baumelnden Köpfe ſchüttelte, welche inzwiſchen auf einander loszupicken bemüht waren, wie dieß unter Unglücksgefährten nur allzu häufig vorkommt. In dem Flecken angelangt, fragte er nach der Woh⸗ nung des Doetors; ſie wurde ihm gezeigt und er ging hin. Beim Eintritt überkam ihn jene Schüchternheit, welche die armen unſtudirten Menſchen in der Nähe eines hochgelehrten Herrn empfinden; er vergaß all' die Reden, die er ausgedacht hatte, aber er warf einen Blick auf die Kapaunen und faßte neuen Muth. Er trat in die Küche und fragte die Magd, ob er den Herrn Doctor ſprechen könne. Die Magd ſah die Thiere, und da ſie an ſolche Geſchenke gewöhnt war, legte ſie Hand daran, wiewohl Renzo ſie zurückzog, weil er 53 wünſchte, der Doctor ſollte ſie ſehen und wiſſen, daß er etwas mitgebracht habe. Der Doctor kam wirklich dazu, während die Magd ſagte: Gebt nur her und gehet in das Studirzimmer. Renzo machte einen tiefen Buͤckling vor dem Doctor, welcher ihn mit einem leut⸗ ſeligen„Kommt, mein Sohn“ empfing und mit ſich in's Studirzimmer treten ließ. Dieß war eine geräu⸗ mige Stube; an drei Wänden derſelben hingen die Bildniſſe der zwölf Cäſaren, die vierte war durch ein großes Geſtell voll alterbeſtaubter Bücher bedeckt. In der Mitte ſtand ein Tiſch voll von Zeugniſſen, Sup⸗ pliken, Eingaben, Verordnungen; rings herum befan⸗ den ſich drei bis vier Stühle und auf der einen Seite ein großer Seſſel mit Armlehnen und einer hohen vier⸗ eckigen Rückenlehne, die an den Ecken in zwei horn⸗ artig aufragende Holzverzierungen ausging; gedachter Seſſel hatte ferner einen kuhledernen Ueberzug mit dicken Beſchlägen, von denen einige ſchon längſt abge⸗ fallen waren und die Enden des Ueberzugs, der ſich da und dort zuſammenrollte, bloßgelegt hatten. Der Doetor ſelbſt war im Hauskleide, d. h. er trug eine ſchmutzige Toga, worin er ſchon vor vielen Jahren bei feierlichen Gelegenheiten, wenn er wegen irgend einer großen Sache in Mailand erſchien, ſeine Reden gehalten hatte. Er ſchloß die Thüre und ſprach dem Jungling Muth den Worten:„Tragt mir Euren Fall vor, mein Sohn.“ „Ich möchte ein Wort im Vertrauen mit Euch ſprechen.“ „Zu Euren Dienſten,“ antwortete der Doctor, „ſprecht!“ und er ſetzte ſich in den großen Lehnſtuhl. Renzo, der vor dem Tiſche ſtand und mit ſeiner rechten Hand den Hut um die andere herumdrehte, begann von Neuem:„Ich möchte von Euch als einem ſtudirten Herrn erfahren... „Sagt mir die Sache, wie ſie iſt,“ ſiel der Dor⸗ or ein. 54 „Ihr müßt mich entſchuldigen, Herr Doctor: wir armen Leute verſtehen uns nicht gut auf das Reden;z ich möchte alſo wiſſen...“ „Kurioſes Völkchen! Ihr ſeid doch alle ſo! Statt die Thatſache zu erzählen, wollt Ihr fragen, weil Ihr Eure Pläne bereits im Kopfe habt.“ „Bitte um Entſchuldigung, Herr Doctor. Ich möchte wiſſen, ob eine Strafe darauf ſteht, wenn man einem Pfarrer droht, weil er eine Trauung nicht voll⸗ ziehen will.“ „Ich verſtehe,“ ſagte der Doctor vor ſich hin, ob⸗ wohl er in Wahrheit nichts verſtanden hatte;„ich ver⸗ ſtehe.“— Dann machte er ſogleich ein ernſtes Geſicht, aber in dieſen Ernſt miſchte ſich ein Ausdruck mitlei⸗ diger Dienſtfertigkeit; er kniff die Lippen feſt zuſammen und ließ dann einen unartikulirten Ton daraus hervor⸗ gehen, welcher eine Empfindung andeutete, die ſich klarer in ſeinen erſten Worten ausdrückte:„Ein ernſter Fall, ein vorgeſehener Fall, mein Sohn. Ihr habt wohl⸗ gethan, daß Ihr zü mir gekommen ſeidz der Fall iſt klar in hundert Verordnungen vorgeſehen und in einer Verordnung— ja richtig— in einer Verordnung des gegenwärtigen Herrn Statthalters vom vorigen Jahre⸗ Wartet einen Augenblick, ich laſſe ſie Euch ſehen und mit Händen greifen.“ So ſprechend, erhob er ſich von ſeinem Seſſel und fuhr mit den Händen in dieſes Chaos von Papieren, indem er das Oberſte zu unterſt warf, gleich als ob er Getreide in einen Scheffel ſchüttete. „Wo ſteckt ſie doch? Zum Henker, man muß ſo viele Dinge unter den Händen haben! Aber ſie muß ganz gewiß vorhanden ſein, denn es iſt eine Verord⸗ zung von aroßer Wichtigkeit. Ah, richtig, endlich bab“ ich ſie.“ Er nahm ſie, entfaltete ſie, ſchaute nach dem Datum, machte dann noch ein ernſteres Geſicht und rief:„Am 15. October 1627, es iſt alſo richtig eine 55 ganz neue Verordnung; dieſe flößen mehr Reſpect ein. Könnt Ihr leſen, S Sohn?“ „So ein wenig, Herr Doctor.“ „Nun, ſo folgt mir mit dem Auge, dann werbet Ihr ſehen.“ Und er hielt die vielbeſprochene Verordnung hoch in die Luft und begann zu leſen, indem er einige Stel⸗ len raſch hinmurmelte, andere aber langſam und deut⸗ lich, mit großem Nachdruck, wenn es Noth that, betonte. Obſchon kraft der auf Befehl des Herrn Herzogs von Feria am 14. Dez. 1620 erlaſſenen und von Sr. Ercellenz dem durchlauchtigſten Herr Gonzalo Fernan⸗ dez von Cordova u. ſ. w. beſtätigten Verordnung durch außerordentliche und ſtrenge Maßregeln den Bedrückun⸗ gen, Erpreſſungen und tyranniſchen Handlungen geſteuert worden iſt, welche Einige gegen die ſo getreuen Unter⸗ thanen Sr. Majeſtät zu begehen ſich vermeſſen, ſo hat nichtsdeſtoweniger die Menge der Verbrechen, die Bos⸗ heit u. ſ. w. dermaßen überhand genommen, daß Se. Ercellenz ſich gezwungen ſah u. ſ. w.“ Derohalben hat ſie nach Anhörung des Senats, einer Junta u. ſ. w. beſchloſſen, die gegenwärtige Verordnung bekannt zu machen. „Was nun für's Erſte die thranniſchen Handlungen betrifft, ſo zeigt die Erfahrung, daß Viele ſowohl in den Städten als Dörfern, hört Ihr?— auf tyranniſche Weiſe Erpreſſungen ausüben und die Schwachen auf vielfache Art unterdrücken, indem ſie gewaltſame Kauf⸗ oder Pachtverträge mit ihnen abſchließen u. ſ. w.— Wo bin ich denn? Da ſieh, hört zu, indem ſie Ehen t ſetzen oder nicht in's Werk ſetzen. Hört r?“ 2 „Das iſt mein Fall,“ ſagte Renzv. „Hört nur, hört, es kommt noch ganz anders. Wir wollen alsdann auch die Strafe anſehen. Es mag bezeugt werden oder es mag nicht bezeugt werden, daß Einer ſich von ſeinem Wohnorte entfernt, daß 56 dieſer eine Schuld bezahlt, dieſer Andere ihn nicht be⸗ läſtigt, zwar in ſeine Mühle geht u. ſ. w., Alles das hat mit uns nichts zu ſchaffen.“ „Ha jetzt kommen wir daran:„daß dieſer Prieſter nicht thut, wozu ihn ſein Amt verpflichtet, oder daß er Dinge thut, die ihn nichts angehen, he!“ „Es iſt gerade, wie wenn die Herren dieſe Verord⸗ nung auf mich gemünzt hätten.“ „He, nicht wahr? Hört nun weiter: andere ähn⸗ liche Gewalthätigkeiten, welche Lehensleute, Adelige, Leute vom Mittelſtand, geringe und gemeine Leute be⸗ gehen. Da kann Keiner entwiſchen; ſie find Alle auf⸗ geführt: es iſt wie das Thal Joſaphat. Höret jetzt auch die Strafe an. Da alle dieſe und andere Uebel⸗ thaten zwar verboten ſind, aber nichts deſto weniger eine noch ſtrengere Strafe nothwendig machen, ſo beſchließt und beſiehlt Se. Excellenz, um durch Gegen⸗ wärtiges die alten Geſetze ꝛc. aufzuheben, daß alle ordentlichen Richter dieſes Staates gegen die Ueber⸗ treter irgend eines der genannten oder anderen Punkte Geld oder Leibesſtrafe, ja ſogar Verbannung, Galeeren⸗ ſtrafe und ſelbſt den Tod verhängen...(Nur eine Kleinigkeit das!) Nach dem Gutdünken Sr. Excellenz oder des Senats, je nach Befund der Fälle, der Per⸗ ſonen und Umſtände, und dieſes unwiderruflich und mit aller Strenge! Schöne Geſchichten das, nicht wahr? Ihr könnt auch die Unterſchriften ſehen: Gonzalo Fer⸗ nandez von Cordova; und weiter unten: Platonus; und hier noch Vidit Ferrer: da fehlt auch nicht das Tüpfelchen auf dem J.“ Während der Doctor las, folgte ihm Renzo lang⸗ ſam mit dem Auge, indem er den Inhalt recht klar aufzufaſſen ſuchte und dieſe hochheiligen Worte, von welchen er Hilfe erwartete, ſelbſt anzuſehen verlangte. Der Doctor, der ſeinen neuen Klienten mehr aufmerk⸗ ſam als erſchrocken ſah, verwunderte ſich über dieſe Erſcheinung.— Der verdient immatrikulirt zu werden, 57 dachte er bei ſich.„Aha,“ ſagte er dann laut:„Ihr habt Euch doch den Schopf ſcheeren laſſen! Das war immerhin klug gethan; aber da Ihr Euch in meine Hände gegeben habt, ſo war es nicht nöthig. Die Sache iſt ernſthaft, aber Ihr wiſſet nicht, was ich im Nothfall auszuführen mir getrauen würde.“ Um dieſe Abſchweifung des Doetors zu verſtehen, muß man wiſſen oder ſich erinnern, daß zu jener Zeit die Bravi von Profeſſion oder die Verbrecher jeder Art einen langen Schopf zu tragen pflegten, welchen ſie, wenn ſie Jemand angriffen, wie ein Viſier über ihr Geſicht hielten, falls ſie es für nothwendig hielten, ſich zu verlarven, und wenn das Unternehmen zu den⸗ jenigen gehörte, die zu gleicher Zeit Kraft und Klugheit erforderten. Die Verordnungen hatten auch dieſen Punkt nicht mit Stillſchweigen übergangen. Se. Ereellenz(der Marquis von Hynojoſa) befiehlt, daß, wer ſo lange Haare trägt, daß ſie die Stirne bis an die Augenbraunen bedecken, oder wer vor oder hinter den Ohren eine lange Haar⸗ flechte hat, in eine Strafe von 300 Seudi verfällt; im Fall der Zahlungsunfähigkeit ſoll er das erſte Mal mit dreijähriger Galeerenſtrafe, und das zweite Mal außer der genannten noch ſchärferen Strafe mit einer Geld⸗ und Leibesſtrafe belegt werden nach dem Gut⸗ dünken Sr. Excellenz. Dagegen erlaubt ſie, daß Kahlköpfige oder ſolche, die einen andern vernünftigen Grund, wie z. B. ein Abzeichen oder eine Wunde haben, aus Anſtands- und Geſundheitsrückſichten die Haare ſo lang tragen, als nöthig iſt, um ſolche Gebrechen und weiter nichts An⸗ deres zu bedecken; ſie warnt dagegen, das nöthige Maaß und Bedürfniß nicht zu überſchreiten, um nicht in die gegen vie andern Dawiderhandelnden verhängte Strafe zu verfallen. Auf gleiche Weiſe befiehlt ſie den Barbieren bei einer Strafe von 100 Scudi oder dreimaliger öffent⸗ licher Auspeitſchung mit dem Folterſeil, ja bei einer ℳ 58 noch größeren Leibesſtrafe, je nach Gutdünken wie oben, daß ſie denjenigen, welche ſie ſcheeren, durchaus keine Schöpfe, Zöpfe, Büſche, noch überhaupt Haare von ungewöhnlicher Länge weder auf der Stirne, noch auf den Seiten, noch hinter den Ohren laſſen, ſondern daß alle gleich ſeien wie oben, ausgenommen im Falle einer Glatze oder anderem Gebrechen, wie bereits ge⸗ ſagt worden iſt. Der Haarſchopf war alſo gewiſſer⸗ maßen ein Theil der Ausrüſtung, ſowie eine Auszeich⸗ nung der Raufbolde und zügelloſen Burſche, welche man vaher auch gewöhnlich ſchlechtweg Schöpfe nannte. Dieſer Ausdruck iſt geblieben und beſteht noch immer, wiewohl mit einer mildern Bedeutung, im Dialect: es gibt vielleicht keinen unſrer mailändiſchen Leſer, der ſich nicht erinnern könnte, daß in ſeiner Jugend ſeine Eltern oder der Lehrer, oder irgend ein Haus⸗ freund, oder ein Dienſtbote von ihm geſagt hätte: Er iſt ein Schopf, er iſt ein Schöpſchen. „So wahr ich ein armer Burſche bin,“ erwiederte Renzo,„ich habe in meinem ganzen Leben keinen Schopf getragen.“ „Wir kommen zu Nichts,“ verſetzte der Doctor, indem er mit einem halb boshaften, halb ungeduldigen Lächeln den Kopf ſchüttelte.„Wenn Ihr kein Ver⸗ trauen zu mir habt, ſo kommen wir zu Nichts. Wer den Doector belügt, mein Sohn, der iſt ein Dummkopf und wird dem Richter die Wahrheit ſagen. Dem Advokaten muß man die Dinge klar erzählen, es iſt dann unſere Sache, Verwirrung hineinzubringen; wenn Ihr wollt, daß ich Euch helfen ſoll, ſo müßt Ihr mir Alles von A bis zum Z ſagen und das Herz auf der Hand haben, wie wenn Ihr mit Eurem Beichtvater ſprächet. Ihr müßt mir die Perſon nennen, von wel⸗ cher ihr den Auftrag habt: es wird natürlich eine an⸗ geſehene Perſon ſein, und in gleichem Fall werde ich zu dem Herrn gehen und das Röthige verabreden. Ich werde ihm, ſeht Ihr, kein Wörtchen davon ſagen, daß 59 ich von Euch wiſſe, er habe Euch angeſtellt: darauf dürft Ihr Euch verlaſſen. Ich werde ihm ſagen, daß ich ſeinen Schutz für einen armen verläumdeten Jüng⸗ ling anzuflehen komme, und ich werde die nöthige Verabredung mit ihm treffen, um die Sache zu einem rühmlichen Ende zu führen. Ihr müßt wohl verſtehen, indem er ſich ſicher ſtellt, ſorgt er auch für Eure Sicher⸗ heit. Sollte jedoch der Streich von Euch allein aus⸗ gegangen ſein, nun ſo ziehe ich mich auch da nicht zurück: ich habe Andere ſchon aus ſchlimmern Patſchen geholfen... Wenn Ihr nur keinen vornehmen Herrn beleidigt habt, wir müſſen uns recht verſtehn, dann verpflichte ich mich, Euch aus der Klemme zu ziehen, für geringe Koſten, verſteht Ihr mich? Ihr müßt mir ſagen, wer der Beleidigte iſt, wie man zu ſagen pflegt: und je nach dem Stand der Beſchaffenheit und der Gemüthsart des guten Freundes, wird man ſehen, ob es gerathſamer iſt, ihn durch Protection in Reſpect zu erhalten, oder ihm irgend einen Kriminalproceß anzu⸗ hängen und ihm einen Floh hinter das Ohr zu ſetzen. Denn ſeht Ihr, wenn man mit den Verordnungen gut umzugehen verſteht, ſo iſt Niemand ſchuldig und Nie⸗ mand unſchuldig. Was den Pfarrer betrifft, ſo wird er, wenn er ein vernünftiger Menſch iſt, ſich abſeits halten; iſt er aber ein unbeſonnener Tollkopf, ſo iſt auch für ſolche Leute geſorgt. Man kann ſich aus jeder Verwicklung herausziehen, aber es gehört ein Mann dazu, und Euer Fall iſt ernſthaft, ernſthaft, ſage ich Euch, ernſthaft; die Verordnung ſpricht ganz klar und deutlich, und wenn die Sache zwiſchen der Juſtiz und Euch ſo unter vier Augen abgemacht werden müßte, ſo ſtände es nicht vom Beſten mit Euch, das ſage ich Euch als guter Freund: dumme Streiche wollen bezahlt ſein; wenn Ihr Euch hinauszuwinden wünſchet, ſo ge⸗ hört dazu Geld und Aufrichtigkeit, feſtes Vertrauen zu Demjenigen, der Euch wohl will, und gehorſame Aus⸗ führung alles deſſen, was er Euch anräth.“ 60 Während der Doctor dieſes lange Geſchwätz los⸗ gab, ſtand Renzo da und betrachtete ihn mit einer verwunderungsvollen Aufmerkſamkeit, wie etwa ein Einfaltspinſel auf öffentlichem Platze einen Gaukler anſchaut, der, nachdem er Werg und nichts als Werg in ſeinen Mund geſtopft, Band um Band herauszieht, ſo daß es kein Ende nehmen will. Als er jedoch recht begriffen hatte, was der Doetor ſagen wollte, und wie derſelbe ihn gänzlich mißverſtanden, ſo ſchnitt er ihm das Band im Munde ab mit den Worten:„Ach Herr Doctor, wie habt Ihr mich mißverſtanden? Die Sache verhält ſich gerade umgekehrt. Ich habe Niemanden bedroht; ich gebe mich nicht mit ſolchen Geſchäften ab, Ihr fönnet meine ganze Gemeinde fragen und Ihr werdet hören, daß ich niemals mit der Juſtiz zu thun gehabt habe. Die Schurkerei iſt an mir verübt wor⸗ den, und ich komme zu Euch, um zu erfahren, wie ich es anfangen ſoll, um Gerechtigkeit zu erlangen. Es freut mich ſehr, daß ich dieſe Verordnung jetzt geſehen abe.“ „Teufel!“ rief der Doctor, indem er die Augen aufriß,„was ſchwatzet Ihr mir da die Ohren voll? Aber ſo iſt's, ihr macht es Alle ſo! Iſt es denn gar nicht möglich, daß Ihr einem den Fall klar vortragt?“ „Ich bitte um Entſchuldigung, Herr Doctor; Ihr habt mir keine Zeit dazu gelaſſen, jetzt aber will ich erzählen, wie die Sache ſich verhält. Ihr müßt alſo wiſſen, daß ich heute heirathen ſollte— hier wurde Renzois Stimme bewegt— ich ſollte heute ein Mäd⸗ chen heirathen, mit dem ich es ſchon ſeit dem Sommer verabredet hatte, und wie geſagt, der heutige Tag war mit dem Herrn Pfarrer feſtgeſetzt, und es war bereits Alles in's Reine gebracht. Da fing der Herr Pfarrer auf einmal an, mit gewiſſen Entſchuldigungen heraus⸗ zurücken; genug, um Euch nicht zu jangweilen, ich habe ihn zum Beichten gebracht, wie es recht war; und nun hat er mir geſtanden, es ſei ihm bei Todes⸗ 61 ſtraſe verboten, die Trauung zu vollziehen. Jener ge⸗ waltthätige Don Rodrigo... „Ei zum Henker!“ unterbrach ihn der Doctor plötzlich, indem er die Stirne runzelte, ſeine rothe Naſe rümpfte und den Mund verzog,„zum Hen⸗ ker, ſchwatzt mir doch mit Eurem albernen Zeug kein Loch in den Kopf. Solche Reden könnt Ihr unter Eures Gleichen reden, bei Leuten, welche die Worte nicht abzuwägen verſtehen; aber beläſtigt damit nicht einen Ehrenmann, welcher weiß, was ſie zu bedeuten haben. Packt Euch fort; Ihr wißt nicht, was Ihr ſprecht, ich gebe mich nicht mit Jungen ab; ich will keine Reden von ſolcher Art, keine aus der Luft ge⸗ griffene Behauptung anhören!“ „Ich ſchwöre Euch...“ „Packt Euch, ſage ich: was gehen mich Eure Schwüre an! Ich laſſe mich nicht darauf ein: ich waſche meine Hände.“ Und er rieb und wand ſie eine über der andern, wie wenn er ſie wirklich wüſche.„Lernt zuerſt ſprechen; ein Ehrenmann läßt ſich nicht ſo mir nichts dir nichts übertölpeln.“ „So hört mich doch an,“ wieberholte Renzo, aber vergeblich: der Doctor trieb ihn unter fortwährendem Schelten mit den Händen nach der Thüre zu, riß dieſe, nachdem er ihn ſo weit gebracht hatle, auf, rief ſeine Magd und ſagte zu ihr:„Gebt dieſem Menſchen ſogleich zurück, was er gebracht hat; ich will nichts, ich will nichts.“ Das Weib hatte während ihrer ganzen Dienſt⸗ zeit in dieſem Hauſe niemals einen ſolchen Befehl zu vollziehen gehabt; aber er wurde mit einer ſolchen Entſchiedenheit gegeben, daß ſie unverzüglich Gehorſam leiſtete. Sie nahm die vier armen Thiere und übergab ſie Renzo mit einem Blick geringſchätzigen Mitleids, welcher zu ſagen ſchien; du mußt einen garſtigen Bock geſchoſſen haben, du dummer Junge. Renzo wollte hmſtände machen, aber der Doetor war unerbittlich und verblüfft, betäubt, grimmiger als je mußte der 62 Jüngling die verſchmähten Opfer zurücknehmen und nach dem Dorfe zurückkehren, um den Weibern den Erfolg ſeiner Expedition mitzutheilen. Dieſe hatten während ſeiner Abweſenheit, nachdem ſie traurig ihre Hochzeitsgewande mit den beſcheidenen Alltagskleidern vertauſcht, eine neue Berathung begon⸗ nen, wobei Lucia ſchluchzte und Agneſe ſeufzte. Nach⸗ dem Letztere ausführlich von den großen Vortheilen geſprochen, welche man von dem Rathe des Doctors hoffen könne, ſagte Lucia, man müſſe ſich auf alle Arten zu helfen ſuchen: der Vater Criſtoforo ſei der Mann, nicht bloß einen Rath zu ertheilen, ſondern auch hilf⸗ reiche Hand zu leiſten, wenn es ſich darum handle, armen Leuten beizuſtehen, und es wäre eine ſehr ſchöne Sache, wenn man ihn von dem Vorfall in Kenntniß ſetzen könnte. „Du haſt Recht,“ ſagte Agneſe, und ſie begannen nun Beide über ein Mittel nachzuſinnen; denn ſelbſt nach dem etwa zwei Miglien entfernten Kloſter zu gehen, war ein Unternehmen, das ſie an dieſem Tage nicht wagen wollten, auch würde ihnen gewiß kein vernünftiger Menſch dazu gerathen haben. Während ſie nun dieſe Möglichkeiten überlegten, hörten ſie an die Thüre klopfen, und in demſelben Augenblicke ver⸗ nahmen ſie ein leiſes, aber deutliches„Deo gratias.“ Lucia, welche ſich dachte, wer es ſein könne, öffnete ſchnell, und nun trat mit einem Bückling ein Käpu⸗ zinerlaienbruder herein, der über der linken Schulter ſeinen Bettelſack hängen hatte und das zuſammenge⸗ drehte offene Ende deſſelben feſt über der Bruſt hielt. „Ah, Bruder Galdino,“ ſagten die beiden Frauen. „Der Herr ſei mit Euch,“ ſprach der Mönch.„Ich komme, um Nüſſe einzuſammeln.“ „Geh und hole Nüſſe für die Väter,“ ſagte Agneſe. Lucia ſtand auf und ging nach dem andern Zim⸗ mer; aber ehe ſie in daſſelbe eintrat, blieb ſie hinter dem Rücken Galdino's, der noch immer in derſelben 63 Stellung verharrte, ſtehen, legte ihren Zeigefinger auf den Mund und warf der Mutter einen Blick zu, wel⸗ cher mit zärtlichem Flehen, zugleich aber auch mit einem gewiſſen Nachdruck um Verſchwiegenheit bat. Der einſammelnde Bettelmönch blinzelte Agneſe von weitem an und ſagte:„Und die Hochzeit? Sie ſollte doch heute ſtattfinden: ich habe im Dorfe eine gewiſſe Verwirrung wahrgenommen, die auf ein wich⸗ tiges Ereigniß zu deuten ſchien. Was iſt vorgefallen?“ „Der Herr Pfarrer iſt krank geworden und die Trauung muß verſchoben werden,“ erwiederte die Frau haſtig; hätte Lucia nicht dieſen Wink gegeben, ſo würde die Antwort wahrſcheinlich anders gelautet haben.„Und wie geht es mit dem Einſammeln?“ fügte ſie hinzu, um auf ein anderes Thema zu kommen. „Nicht beſonders, gute Fran, nicht beſonders, das iſt Alles, was ich habe;“ ſo ſprechend nahm er den Bettelſack von der Schulter und warf ihn zwiſchen ſeinen beiden Händen in die Höhe.„Das iſt Alles, und um dieſen ſchönen Reichthum zuſammenzubringen, habe ich an zehn Thüren anklopfen müſſen.“ „Es iſt ein mageres Jahr, Bruder Galdino, und wenn man ſich um das liebe Brod abkämpfen muß, ſo nimmt man es in allen Dingen genau.“ „Und was hat man für Mittel, um die gute Zeit zurückkehren zu machen, liebe Frau? Almoſen. Wißt Ihr jenes Wunder von den Nüſſen, das ſich ſchon vor vielen Jahren in einem unſerer Klöſter in der Romagna ereignet hat?“ „Nein, wahrhaftig, erzählt es mir.“ „Nun, ſo müßt Ihr wiſſen, daß in dieſem Kloſter einer unſrer Väter ein Heiliger war und Pater Ma⸗ eario hieß. An einem Wintertag ging er auf einem Fußweg durch das Feld eines unſerer Wohlthäter, wel⸗ cher ebenfalls ein rechtſchaffener Mann war. Pater Macario ſah ihn neben einem großen Nußbaum ſtehen, und bei ihm befanden ſich vier Landleute, die mit ge⸗ 64 ſchwungenen Hauen den Boden aufreißen und die Wur⸗ zein bloßlegen wollten.— Was macht Ihr mit dieſem armen Baume? fragte der Pater Macario.— Ei, Pa⸗ ter, er trägt mir ſchon ſeit Jahren keine Nüſſe mehr, und deßhalb will ich ihn verbrennen.— Thut es nicht, thut es nicht, ſagte der Pater: wißt, daß er in dieſem Jahre mehr Nüſſe als Blätter tragen wird.“ Der Kloſterfreund, welcher wußte, wer derjenige war, der dieſes Wort geſprochen hatte, befahl ſogleich den Ar⸗ beitern, die Erde wieder auf die Wurzeln zu ſchütten, und rief dem Pater, der ſeines Wegs weiter gehen wollte, zu:„Pater Macario, die Hälfte der Ernte ſoll dem Floſter gehören.“ Das Gerücht von der Weiſſa⸗ gung verbreitete ſich und Alles ſtrömte herbei, um den Nußbaum anzuſchauen. Er war in der That im Früh⸗ ling mit Blüthen bedeckt, und hernach brachte er Nüſſe in unglaublicher Menge. Der wackere Wohlthäter er⸗ lebte die Freude nicht, ſie zu brechen, denn er ging ſchon vor der Ernte dahin, um den Lohn ſeiner guten Werke zu empfangen. Aber das Wunder wurde nur um ſo größer, wie Ihr hören werdet. Dieſer brave Mann hatte einen Sohn von ganz verſchiedener Ge⸗ müthsart hinterlaſſen. Zur Erntezeit ging der Samm⸗ ler aus, um die dem Kloſter gebührende Hälfte in An⸗ ſpruch zu nehmen; der Erbe aber wollte gar nichts davon wiſſen und hatte ſogar die Frechheit, zu ant⸗ worten, er habe niemals ſagen gehört, daß die Kapu⸗ ziner Rüſſe machen könnten. Wißt Ihr jetzt, was ge⸗ ſchah? Eines Tags(merket wohl auf) hatte der Taugenichts einige ſeiner Freunde vom ſelben Schlag eingeladen, und während er ſich mit ihnen wohl ſein ließ, erzählte er die Geſchichte von dem Nußbaum und lachte die Mönche aus. Die jungen Bürſchchen hatten Luſt, ſelbſt hinzugehen und die ungeheuern Haufen Nüſſe 2 * zu ſehen. Er führte ſie alſo auf den Speicher. Aber jetzt hört: Er öffnet die Thüre, geht nach dem Winkel zu, wohin der große Haufen geſchüttet worden war, 65 und indem er ſpricht, ſchaut er ſelbſt hin und ſieht.. einen Haufen welker Nußblätter. Dieß war ein heilſames Erempel, das Kloſter verlor nicht nur nichts durch die Verweigerung dieſer Spende, ſondern es ge⸗ wann noch dabei, denn nach einem ſo bedeutungsvollen Ereigniß brachte das Nußeinſammeln ſo viel ein, daß ein Menſchenfreund aus Mitleid mit dem armen Ein⸗ ſammler, dem Kloſter einen Eſel ſchenkte, der ihm die Nüſſe heimtragen half. Man machte ſo viel Oel. daß jeder Arme kommen und ſeinen Bedarf holen konnte; denn wir ſind wie das Meer, das von allen Seiten aufnimmt und es wieder an alle Flüſſe ver⸗ eilt.“ 3 Hier erſchien Lucia wieder, mit ihrer Schürze ſo voll von Nüſſen, daß ſie die beiden Zipfel mit weit ausgeſtreckten Armen zuſammen halten mußte. Wäh⸗ rend Bruder Galdino ſeinen Sack von der Schulter nahm, auf den Boden ſtellte und die Oeffnung los⸗ drehte, um das reichliche Almoſen in Empfang zu neh⸗ men, machte die Mutter gegen Lucia ein verwundertes und ſtrenges Geſicht wegen ihrer Verſchwendung. Aber Lucia warf ihr einen Blick zu, der ſagen ſollte: Ich werde mich zu rechtfertigen wiſſen. Bruder Galdino ergina ſich in Lobſprüchen, Glückwünſchen, Verheißun⸗ gen, Dankſagungen, nahm ſeinen Sack wieder auf die Schulter und wollte ſeines Wegs gehen. Aber Lucia rif ihn zurück und ſagte:„Ich möchte Euch um einen Dienſt anſprechen. Wolltet Ihr nicht dem Pater Criſtu⸗ foro ſagen, daß ich nothwendig mit ihm zu ſprechen habe, und daß er mir die Liebe erweiſen möge, bald, recht bald zu uns armen Weibern zu kommen? Denn ich kann nicht in die Kirche gehen.“ „Iſt das Alles, was Ihr wollt? Ehe eine Stunde vergeht, ſoll Pater Ciiſtoforo von Euerm Anliegen wiſſen.“ „Ich verlaſſe mich darauf.“ „Zweifelt nicht daran.“ Die Verlobten. 1. 5 56 Mit dieſen Worten entfernte er ſich etwas ge⸗ beugter und vergnügter als er gekommen war. Wenn man ſieht, daß eine aume Bauerndirne mit ſolcher Zuverſicht den Pater Criſtoforo beſchickte, und daß der Einſammler den Auftrag ohne Verwunderung und ohne Schwierigkeit übernahm, ſo denfe darum kei⸗ ner, dieſer Criſtoforo ſei ein ganz gewöhnlicher Mönch geweſen, wie man ſie überall zu Dutzenden findet. Er war im Gegentheil ein Mann von großem Anſehen, nicht bloß bei ſeinen Kloſterbrüdern, ſondern auch in der ganzen Umgegendz aber die Stellung der Kapuziner war von der Art, daß ihnen nichts zu niedrig und nichts zu hoch erſchien. Den Geringſten zu dienen und von Mächtigen bedient zu werden, Paläſte und Hütten mit derſelben demuthigen und ſichern Haltung zu be⸗ treten, in einem und demſelben Hauſe zuweilen ein Gegenſtand der Kurzweil und eine wichtige Perſon zu ſein, ohne welche nichts entſchieden wurde; allenthalben Almoſen einzuſammeln und ſolche allen denjenigen zu ſpenden, welche das Kloſter darum anſprachen: an alle dieſe Dinge war ein Kapuziner gewöhnt. Unterwegs konnte er eben ſo leicht einem Fürſten begegnen, wel⸗ cher ihm ehrerbietig das Ende ſeines Strickes küßte, als einem Haufen loſer Buben, welche ſich ſtellten, als ob ſie unter einander Händel hätten und unter dieſem Vorwand ſeinen Bart mit Koth bewarſen. Das Wort Mönch wurde in jenen Zeiten mit der größten Ehr⸗ furcht und mit der bitterſten Verachtung ausg ſprochen: die Kapnziner aber waren vielleicht mehr als jeder andere Orden Gegenſtand dieſer zwei entgegengeſetzten Geſinnungen und erfuhren die zwet entgegengeſetzten Schickſale; venn da ſie nichts beſaßen, da fie eine Klei⸗ dung truan, die auf's Auftallendſte von der gewöhn⸗ lichen abwich, da ſie die Erduldung von Demuüthigun⸗ gen öffentlich zu ihrem Berufe machten, ſo ſetzten ſie ſich mehr als die anderen der Verehrung und der Ge⸗ ringſchätzung aus, die je nach den Gemüths⸗ und 67 Denkungsarten der Menſchen ſolchen Dingen zu Theil wird. Als Bruder Galdino gegangen war, rief Agneſe: „So viel Nuſſe in einem Jahre wie das heurige!“ „Verzeiht mir, Mutter,“ antwortete Lucia,„aber wenn wir ſo wenig geſpendet hätten, als die anderen Leute, ſo hätte Galdino noch, wer weiß wie lang, herumlaufen müſſen, bis er ſeinen Sack voll bekommen hätte; Gott weiß, wann er in's Kloſter zurückgekehrt wäre, und nach all dem Geſchwätz, das er hätte ver⸗ führen und anhören müſſen, hätte er vielleicht nicht mehr daran gedacht... „Nun, Du haſt dieß gut ausgedacht; bei all dem es immerhin ein frommes Werk, das ſeine guten Früchte trägt,“ ſagte Agneſe, die bei ihren kleinen Fehlern eine brave Frau war und für dieſe ihre einzige Tochter, die ihre vollſte Liebe beſaß, durch die Hölle gegangen wäre. Inzwiſchen kam Renzo und warf mit einem von Zorn und Schaam zugleich glühenden Geſichte die Ka⸗ paunen auf den Tiſch; dieß war das letzte traurige Schickſal, das die armen Thiere an dem genannten Tage auszuſtehen hatten. „Ihr habt mir da einen ſchönen Rath gegeben!“ ſagte er zu Agneſe;„Ihr habt mich zu einem ſaubern Ehrenmanne geſchickt, der den armen Leuten helfen ſoll!“ Und nun erzählte er ſeine Unterredung mit dem Doctor. So beſtürzt die arme Frau über den ſchlech⸗ ten Erfolg war, ſo wollte ſie dennoch zu beweiſen ſuchen, daß ihr Rath gut geweſen, und daß Renzo die Sache nicht in gehöriger Weiſe vorgetragen; aber Luria beſeitigte dieſe Frage durch die Bemerkung, ſie hoffe eine beſſere Hilfe gefunden zu haben; Renzo klam⸗ merte ſich auch an dieſe Hoſſnung feſt, wie alle Leute zu thun pflegen, wenn ſie ſich im Unglück und in der Klemme befinden.„Aber,“ ſagte er,„wenn der Pater 55 68 keinen Ausweg findet, ſo werde ich ſchon auf die eine oder andere Weiſe einen finden.“ Die Frauen riethen zu Frieden, Geduld und Klug⸗ heit.„Morgen,“ ſagte Lucia,„wird Pater Criſto⸗ foro ſicher kommen, und Du wirſt ſehen, daß er ein Mittel findet, an welches wir armen Leute niemals ge⸗ dacht hätten.“ „Das hoffe ich,“ ſagte Renzo,„aber jedenfalls werde ich mir ſelbſt Recht verſchaffen oder durch Andere verſchaffen lafſen. Es muß doch am Ende Gerechtig⸗ keit in der Welt geben.“ Unter ſolchen ſchmerzlichen Geſprächen war der Tag zu Ende gegangen, und es begann zu dunkeln. „Gute Nacht!“ ſagte Lucia traurig zu Renzo, der ſich nicht entſchließen konnte zu gehen.„Gute Nacht!“ erwiederte er noch trauriger. „Irgend ein Heiliger wird uns helfen,“ ſprach ſie.„Betrage Dich klug und ergib Dich in das Schick⸗ ſal.“ Die Mutter fügte andere Rathſchläge derſelben Gattung bei, und der Bräutigam entfernte ſich mit einem Sturm im Herzen, indem er beſtändig die ſonderbaren Worte wiederholte:„Es muß doch am Ende Gerechtig⸗ keit in der Welt geben.“ So wahr iſt es, daß ein von großem Kummer überwältigter Menſch nicht mehr weiß, was er ſpricht. Viertes Capitel. Die Sonne hatte ſich noch nicht ganz am Hori⸗ zont gezeigt, als der Pater Criſtoforo ſein. Kloſter in Pescarenico verließ, um nach dem Häuschen hinauf zu wandern, wo man ihm entgegenharrte. Pescarenico iſt ein kleines Dorf auf dem linken Ufer der Adda, wir wollen ſagen des Sees, wenige Schritte unterhalb 69 der Brücke; eine kleine Häuſergruppe, meiſt von Fiſchern bewohnt und hin und wieder mit Retzen und Garnen geſchmückt, die zum Trocknen ausgeſpannt ſind. Das Kloſter, deſſen Gebäude noch heut zu Tage ſteht, lag außerhalb des Dorfes gegenüber dem Eingang peſſel⸗ ben, halbwegs zwiſchen Lecco und Bergamo. Der Him⸗ mel war vollkommen heiter; je höher die Sonne hinter dem Berge ſich erhob, um ſo mehr ſah man von dem Gipfel der gegenüberliegenden Berge ihr Licht herab⸗ fließen und ſich gleichſam mit reißender Schnelligkeit über die Abhänge hin und im Thale verbreiten. Ein kuhler Herbſtwind ſtreifte die welken Maulbeerblätter von den Zweigen und wehte ſie einige Schritte vom Stamme hinweg. Rechts und links in den Weinber⸗ gen, an den noch angebundenen Reben ſchimmerten die in verſchiedenen Schattirungen röthlichen Blätter, und die friſchbeſtellten Aecker ſtachen braun und ſcharf von ben weißlſchen, thaubeglänzten Stoppelfeldern ab. Der Schauplatz war heiter, aber jede menſchliche Figur, die ſich auf demſelben bewegte, trübte den Blick und den Gedanken. Auf jedem Schritt und Tritt begegnete man zerlumpten und abgezehrten Bettlern, die theils in ihrem Handwerke ergraut, theils jetzt erſt durch die Noth getrieben waren, ihre Hand auszuſtrecken. Sie gingen ſtill an dem Pater Criſtoforo vorüber, ſchauten ihn andächtig an, und obſchon ſie nichts von ihm zu hoffen hatten, da ein Kapuziner niemals Geld berührte, ſo verbeugten ſie ſich dennoch aus Dank für das Almoſen, das ſie im Kloſter empfangen hatten oder noch holen wollten. Der Anblick der auf den Feldern zerſtreuten Arbriter hatte etwas noch Schmerzlicheres. Einige warfen mit ſparſamer Hand und mißmuthigem Herzen, wie Pmand, der etwas wagt, das ihm ſehr wichtig iſt, Samen aus, Andere fuhrten mühſam das Grab⸗ ſcheit und wätzten freudlos die Schollen um. Das ab⸗ gezehrte kleine Mädchen, das eine ärmliche, magere und dürre Kuh am Strick weiden ließ, gab ſorgſam Acht 70 und bückte ſich haſtig, um ihr zur Nahrung für die Familie irgend ein Kraut wegzuſtehlen, welches, wie der Hunger gelehrt hatte, auch die Menſchen eſſen konnten. Solche Bilder vermehrten bei jedem Schritt die Niedergeſchlagenheit des Mönchs, der ohnehin mit einem bangen Vorgefühl, daß er irgend ein Unglück zu vernehmen haben werde, ſeines Weges wandelte. Aber warum war ihm Lucia ſo lieb und werth? warum war er gleich auf die erſte Nachricht von ihr ſo eifrig aufgebrochen wie auf den Ruf des Paters Provinzial? und wer war dieſer Pater Criſtoforo?— Wir müſſen alle dieſe Fragen beantworten. Pater Criſtoforo von*2 war ein Mann, der näher an den Fünfzig als an den Sechszig ſtand. Sein nach Kapuzinel⸗Sitte geſchorenes Hanpt, nur in der Mitte von einem ſchmalen Haarſtreif wie von einer Krone bedeckt, erhob ſich von Zeit zu Zeit mit einer Bewe⸗ aung, die ein gewiſſes Selbſtgefühl und eine gewiſſe Unruhe durchblicken ließ, ſenkte ſich bald wieder in demuthsvoller Betrachtung. Der lange graue Bart, welcher Wangen und Kinn bedeckte, ließ die erhabenen Formen des obern Geſichtstheiles, denen eine ſchon ſeit geraumer Zeit zur Gewohnheit gewordene Enthalt⸗ ſamkeit mehr an Ernſt beigefügt als an Ausdruck ent⸗ zogen hatte, noch deutlicher hervortreten. Zwei hohle Augen waren miſt zur Erde geneigt, blitzten aber zu⸗ weilen mit plötzlicher Lebhaftigkeit auf, wie zwei feu⸗ rige Roſſe unter der Hand eines Kutſchers, welchen ſie, wie ſie aus Gewohnheit wiſſen, nicht überwinden können, was ſie jedoch nicht abhält von Zeit zu Zeit einen Sprung zu thun, den ſie alsbald durch einen tüchtigen Ruck in's Gebiß entgelten müſſen. Pater Criſtoforo war nicht immer ſo und auch nicht immer Criſtoforo geweſen: ſein Taufname war Ludovico. Er war der Sohn eines Kaufmanns von v*b(all' dieſe Sternchen hat man der Behutſamkeit meines Anonymus zu verdanken), der in ſeinen letzten —— 71 Jahren, da er ſich hinlänglich mit Glücksaütern ver⸗ ſeben ſah und nur dieſen einzigen Sohn beſaß, ſein Geſchäft aufgegeben und a gefangen hatte, den vorneh⸗ men Heirn zu ſpielen. In dem neuen Müßigaange begann eine gewal'ige Scham über all' die Zeit, welche er damit zugebracht hatte, in dieſer Welt etwas zu thun, ihm in den Leib zu fahren. Von dieſer Grille beherrſcht, bemühte er ſich anf alle Weiſe vergeſſen zu machen, daß er Kaufmann geweſen: er hätie es ſelbſt vergeſſen zu können gewünſcht. Aber der Tuchladen, die Ballen, das Journal, das Ellenmaß traten immer wieder, ſelbſt unter den üppigen Freuden der Tafel und den lächelnden Mienen der Schmarotzer vor ſein Ge⸗ dächtniß, wie Banquo's Schatten vor Macbeth's Augen. Es iſt unſäglich, wie ängſtlich die aumen Schlucker an ſeinem Tiſche bemüht ſein mußten, jedes Wort zu ver⸗ meiden, das als Andeutung auf den ehemaligen Stand ibres Wirthes hätte gelten können. Eines Taas, um nur einen einzigen Full zu erzählen, eines Tags gegen das Ende der Mahlzeit, in den Augenblicken der leb⸗ hafteſten und ungetrübteſten Heiterkeit, als Niemand hätte für gewiß ſagen können, wer vergnügter wäre, die Geſellſchaft, welche die Schüſſeln geleert, oder der Wirth, welcher ſie zum Beſten gegeben, neckte dieſer mit freundſchaftlicher Ueberlegenheit einen ſeiner Tiſch⸗ genoſſen, den eifrigſten Eſſer von der Welt. Dieſer ging auf den Scherz ein und antwortete ohne die min⸗ deſte Spur von Bosheit, ſondern vielmehr mit wahr⸗ haft kindlicher Harmloſigkeit: Ei, ich habe Kaufmanns⸗ Ohren, an denen geht viel vorüber. Er ſelbſt erſchrack ſogleich über den Klang des Wortes, das aus ſeinem Munde gekommen; er ſchaute mit ungewiſſer Miene in das nunmehr umwölkte Geſicht des Hausherrn: beide hätten gern in den alten Ton zurückkommen mögen, aber es war unmöglich. Die andern Gäſte überlegten jeder für ſich, wie das kleine Aergerniß beſeitigt und eine Diverſion gemacht werden könnte; aber während 72 ſie darüber nachdachten, ſchwiegen ſie, und gerade durch dieſes Schweigen wurde das Aergerniß noch offenbarer. Jeder ſuchte die Blicke des Andern zu vermeiden, jeder fühlte, daß Alle von dem Gedanken eingenommen wa⸗ ren, den ſie verheimlichen wollten. Die Freude war für dieſen Tag dahin und der unbeſonnene vder, um gerecht zu ſprechen, der unglückliche arme Mann erhielt nie wieder eine Einladung. Auf ſolche Art verbrachte Ludovico's Vater ſeine letzten Jahre in beſtändiger Angſt, denn er fürchtete immer verhöhnt zu werden, und er bedachte nicht, daß das Verkaufen nicht lächerlicher iſt als das Kanfen, und daß er das Gewerbe, deſſen er ſich jetzt ſchämte, ſo viele Jahre hindurch ohne alle Sweu und Reue vor dem ganzen Publitum getrieben hatte. Er ließ ſeinen Sohn nach dem Geiſte jener Z it, ſoweit die Geſetze und Gewohnheiten es ihm goſtatteten, vornehm erziehen, gab ihm Lehrer in den Wiſſenſchaften und ritterlichen Uebungen, und als er ſtarb, war der Jüngling ein reicher Erbe. Ludovico hatte adelige Gewohnheiten angenommen, und die Schmeichler, unter denen er aufgewachſen, hat⸗ ten ihn gewöhnt, ſich mit großem Reſpect behandelt zu ſehen. Als er ſich aber unter die Vornehmen ſeiner Stadt miſchen wollte, da wurde ihm auf einmal eine anz andere Begegnung zu Theil; er ſah, daß er, um in ihrer Geſellſchait leben zu können, wie er gewünſcht hätte, eine neue Schule der Geduld und Unterwürfig⸗ keit durchmachen, immer zurückſtehen und jeden Angen⸗ blick etwas hinabſchlucken müßte. Eine ſolche Lebens⸗ art vertrug ſich weder mit Ludovico's Erziehung, noch mit ſeiner Natur. Erbittert zog er ſich von dieſen Leuten zurück. Aber dennoch hielt er ſich nur ſehr un⸗ gern von ihnen fern, denn es ſchien ihm, als ob ſie in Wahrheit ſeine Gefährten ſein müßten; er häne ſie nur etwas geſchmeidiger gewünſcht. Mit dieſer Mi⸗ ſchung von Neigung und Haß, da er keinen vertrauten Umgang mit ihnen pflegen konnte und dennoch auf 73 irgend eine Art mit ihnen zu ſchaffen haben wollte, hatte er angefangen in Ueppigkeit und Pracht mit ihnen zu wetteifern, und kaufte ſich alſo für ſein baares Geld Feindſchaften, Neid und Spott. Seine zugleich ehr⸗ liche und heftige Gemüthsart hatte ihn dann mit der Zeit in einen andern, noch ernſtern Wettſtreit verwickelt. Er hegte einen natürlichen und aufrichtigen Abſcheu vor Bedrückungen und Gewaltthätigkeiten, einen Ab⸗ ſcheu, welcher durch die Perſönlichkeit der Leute, die ſich ſolche zu Schulden kommen ließen, noch lebhafter in ihm wurde, weil ſie gerade diejenigen waren, die er haßte. Um alle dieſe Leidenſchaften zu beſchwichti⸗ gen oder ihnen nachzuhängen, ergriff er bereitwillig die Partei eines Schwachen und Unterdrückten, übernahm es, einen Gewaltthätigen in Schranken zu halten, ſchlug ſich da bei einem Streit in's Mittel, lud ſich dort einen andern auf den Hals, ſo daß er ſich allmählig als Beſchützer der Unterdrücker und Rächer des Unrechts eine Stellung verſchaffte. Das Amt war ſchwierig, und man kann ſich wohl denken, daß der arme Ludo⸗ vico mit vielen Feinden, Widerwärtigkeiten und Sorgen zu kämpfen hatte. Neben dem äußern Krieg quälte ihn beſtändig ein gewiſſer innerer Zwieſpalt, denn um eine Verpflichtung zu löſen, ohne von denjenigen zu ſpre⸗ chen, die er nicht zu erfüllen vermochte, mußte er ſelbſt ſich vieler Intriguen und Gewaltthätigkeiten bedienen, die ſein Gwiſſen nicht billigen konnte. Er mußte eine gute Anzahl von Raufbolden in ſeinen Dienſten halten; ſowohl ſeiner eigenen Sicherheit wegen, als auch um eine kräftige Hülfe zu haben, mußte er die Verwegen⸗ ſten, d. h. die Verworfenſten unter ihnen auswählen und alſo aus purer Liebe zur Gerechtigkeit unter Schur⸗ ken leben. Mehr als einmal hatte er, theils aus Un⸗ muth über irgend einen ſchlechten Erfolg, theils aus Unruhe wegen einer drohenden Gefahr, ärgerlich über die Nothwendigfeit, immer auf ſeiner Hut zu ſein und von Eckel vor ſeiner Geſellſchaft erfüllt, bei dem Ge⸗ 74 vanken an die Zukunſt und an ſeine Reichthümer, welche mit jedem Tag durch gute Werke oder prahleriſchen Aufwand mehr ſchwanden, mehr als einmal, ſage ich, hatte er den Gedanken in ſich aufgenommen, Mönch zu werden, was in jenen Zeiten der gewöhnlichſte Weg war, um ſich aus Verwicklungen zu ziehen. Aber dieſer Gedanke, der vielleicht ſein ganzes Leben lang bloß eine Phantaſie geblieben wäre, reifte in Folge eines Ereigniſſes, des ernſthafteſten und ſchrecklichſten, das ihm noch zugeſtoßen war, zum wirklichen Entſchluß. Eines Tages ging er von einem alten Lavendiener begleitet, den ſein Vater in einen Haushofmeiſter um⸗ gewandelt hatte, und mit zwei Bravi hinter ſich auf einer Straße ſeiner Stadt. Der Haushofmeiſter, Na⸗ mens Criſtoforo, war etwa ein Fünfziger und ſeinem Herrn, den er hatte auf die Welt kommen ſehen, und in deſſen Sold und von deſſen Großmuth er ſelbſt mit ſeiner Frau und acht Kindern lebte, von jeher treu ergeben Ludvvico ſah von weitem einen gewiſſen Herrn herbeifommen, der es ſich zur Lebensaufgabe gemacht hatte, andere Leute auf hochmüthige Weiſe zu bedrücken; er hatte zwar noch nie ein Wort mit ihm geſprochen, aber er wußte, daß der Andere ihn von Herzen haßte, und er erwiderte ihm dieſe Geſinnung eben ſo hetzlich: gehört es doch zu den Annehmlichkeiten dieſer Welt, daß man ſich haſſen kann, ohne ſich zu kennen. Dieſer kam mit vier Bravi hinter ſich, ſtolzen Ganges einher⸗ geſchritten, den Kopf hoch aufgeworfen und den Mund zu übermüthiger Verachtung verzogen. Beide gingen dicht an der Mauer hin, aber Ludovico, man merke ſich das wohl, ſtreifte ſie mit der rechten Seite, und dieß gab ihm, einem alten Herkommen gemäß, das Recht, (wie weit man ſich doch nicht das Recht herholt!) ſich von der beſagten Mauer nicht zu entfernen, um irgend einem Andern auszuweichen, woraus man damals großes Aufheben machte. Der Entgegenkommende ſeinerſeits war der Anſicht, dieſes Recht ſtehe ihm als einem Ade⸗ 75 ligen zu, Ludovieo aber ſei verpflichtet, Platz zu ma⸗ chen, und auch dieſe Anſicht beruhte wieder auf einer Gemohnheit. So beſtanden denn, wie dieß in vielen andern Fälien geſchieht, hierin zwei verſchiedene Ge⸗ bräuche, ohne daß entſchieden geweſen wäre, welcher von beiden der richtigere, und dieß gab jedesmal, wenn ein Starrkopf auf einen andern von derſelben Härtung ſtieß, Veranlaſſung zu einem Streite. Unſere zwei Leute kamen einander entgegen, beide dicht an der Mauer hingehend, wie zwei wandelnde Figuren in erhabener Arbeit. Als ſie ſich Stirn an Stirn einander gegen⸗ über befanden, maß der Hinzugekommene mit ſtolz em⸗ porgehobenem Kopfe und gebieteriſchem Stirnrunzeln Ludovico und ſagte in entſprechendem Ton zu ihm: „Weicht aus.“ „Weicht Ihr ſelbſt aus,“ antwortete Ludovico,„der Platz iſt mein.“ „Eures gleichen gegenüber gehört er immer mir.“ „Ja, wenn die Anmaßung von Euresgleichen für Meinesgleichen ein Geſetz wäre.“ Das beiderſeitige Gefolge war hinter ihren Herren ſtehen geblieben und blickte ſich, die Hände an den Dol⸗ chen, mit kampfbereiten, grimmigen Mienen an. Die Leute, welche des Wegs kamen, zogen ſich zurück, um aus der Ferne zu beobachten, was daraus entſtehen würde, und die Anweſenheit dieſer Zuſchauer reizte die Ehrſucht der beiden Gegner noch mehr. „Aus dem Wege, feiler Handwerker, oder ich werde Dich einmal lehren, welche Höflichkeit man Edelleuten ſchuldet.“ 4 5 „Ihr lügt, daß ich feil ſei.“ „Du lügſt, daß ich gelogen habe.“ Dieſe⸗Antwort war entſcheidend.„Und wenn Du Cavalier wäreſt, wie ich,“ fügte der Edelmann hinzu, „ſo wollte ich Dir mit Mantel und Degen beweiſen, daß Du der Lügner biſt.“ 76 „Eine gute Ausflucht, um die Unverſchämtheit Eurer Worte nicht mit der That vertreten zu müſſen.“ „Werft den Schurken in den Koth,“ ſagte der Edel⸗ mann, zu den Seinigen gewendet. „Das wollen wir ſehen!“ ſprach Ludovico, indem er ſchnell einen Schritt zurücktrat und ſeine Hand an das Schwert legte. „Verwegener!“ rief der andere, das ſeinige ziehend, „ich werde vieſes da zerbrechen, ſobald es mit Deinem verächtlichen Blute beſudelt ſein wird.“ So drangen ſie auf einander ein, und die Diener ſtürzten auf beiden Seiten herbei, um ihre Herren zu vertheidigen. Der Kampf war ungleich, theils in Hin⸗ ſicht auf die Zahl, theils auch, weil Ludovico ſich auf das Pariren beſchränkte und ſeinen Gegner nur zu ent⸗ waffnen, nicht aber zu tövten ſuchte, während dieſer ihn auf jede Weiſe um's Leben zu bringen bemüht war. Ludovico hatte bereits einen Dolchſtich im linken Arm von einem Bravo, wie auch eine leichte Ritze in einer Wange, und ſein Hauptfeind warf ſich eben auf ihn, um ihm den Garaus zu machen, als Criſtoforo, der ſeinen Herrn in der äußerſten Geſahr ſah, mit ſeinem Dolch auf den Evelmann losging. Dieſer wandte jetzt ſeinen ganzen Zorn gegen ihn und durchbohrte ihn mit ſeinem Schwert. Da gerieth Ludovico außer ſich und ſtieß ſein Schwert ſeinem Gegner in den Leib, ſo daß er faſt in dem Augenblicke, wie der arme Criſtoforo ſterbend zu Boden ſank. Die Bande des Edemanns ergriff, als ſie ihren Herrn todt daliegen ſahen, übel zugerichtet, die Flucht. Ludovico's Diener, die nicht minder zerſchlagen und zerkratzt waren, nahmen, da es nichts mehr zu thun gab und ſie ſich von der bereits zuſammenlaufenden Volksmenge nicht aufhalten laſſen wollten, nach einer andern Seite hin Reißaus, und ſo befand ſich denn Ludovico mit dieſen zwei Leichen zu ſeinen Fußen mitten unter dem Haufen. „Wie iſt es zugegangen!— Da liegt Einer.— Es — — 77 ſind ihrer zwei.— Er hat ihm ein Knopfloch in den Bauch gemacht.— Wer iſt umgebracht worden?— Dieſer übermüthige Schurke.— O heilige Maria, welch' ein Jammer!— Wer ſucht, der findet.— Ein Augenblick bezahlt alle Frevel.— Auch mit dem iſt's aus.— Was für ein Stich!— Das wird einen ernſt⸗ haften Handel geben.— Und dieſer andere Unglück⸗ liche!— Barmherzigkeit! welch ein Anblick! Rettet ihn, rettet ihn!— Er iſt auch übel daran, ſeht, wie er zugerichtet iſt! über und über mit Blut bedeckt.— Entfliehet, armer Mann, entfliehet!— Laßt Euch nicht greifen! Dieſe Worte, welche ſich in dem verworrenen Ge⸗ dränge und Getöſe allein verſehmlich machten, waren der Ausdruck der allgemeinen Stimmung, und mit dem Rath kam auch die Hülfe. Die Sache war in der Nähe einer Kapuziner⸗Kirche vorgefallen, einer, wie Jedermann weiß, für die Schergen und das ganze Ge⸗ mengſel von Dingen und Perſonen, das ſich Juſtiz nannte, damals unzugänglichen Zufluchtsſtätte. Der verwundete Mörder wurde beinahe bewußtlos von der Menge dorthin geführt oder getragen, und die Mönche empfingen ihn aus den Händen des Volks, das ihn mit den Worten empfahl: Er iſt ein rechtſchaffener Menſch, der einen übermüthigen Schurken kalt gemacht hat; er hat es zu ſeiner Vertheidigung gethan; er iſt mit den Haaren dazu gezogen worden.“ Ludovico hatte früher niemals Blut vergoſſen, und obſchon Mord und Todtſchlag in jenen Zeiten ſo etwas Alltägliches war, daß Jedermanns Ohren ſich an ſolche Schilderungen, Jdermanns Augen ſich an ein ſolches Schauſpiel gewöhnt hatten, ſo machte doch der Anblick des Menſchen, der für ihn, und des Andern, der von ſeiner Hand geſtorben war, einen ganz neuen und un⸗ ausſprechlichen Eindruck auf ihn, und in dieſem Augen⸗ blicke offenbarten ſich ihm Gefühle, die er noch nicht gekannt hatte. Der Fall ſeines Feindes, die Entſtei⸗ 78 lung dieſer Züge, in welcher die wüthende Drohung ſo plötzlich der Abſpannung und feierlichen Ruhe des Todes Platz gemacht hatte, dieß war ein Anblick, welcher das Gemith des Mörders auf einmal umwandelte. In's Kloſter geſchleppt, wußte er beinahe nicht, wo er war und was um ihn her geſchah; als er zum Bewußtſein zurücktehrte, befand er ſich in einem Bette des Kranken⸗ zimmers unter den Händen des Bruders Wundarzt(die Kapuziner hatten gewöhnlich in jedem Kloſter einen ſolchen), welcher auf die beiden Wunden, die er im Kampfe erhalten, Charpie legte und ſie dann verband. Ein Pater, deſſen beſonderes Geſchäft es war, Ster⸗ benden Beiſtand zu leiſten, und der ſolche Dienſte ſchon oft auf der Straße geleiſtet hatte, wurde alsbald auf den Kampplatz geholt. Nach einigen Minuten kehrte er zuruck, trat in das Krankenzimmer nahte ſich dem Bette Ludovico's und ſagte zu ihm:„Tröſtet Euch, er iſt wenigſtens gut geſtorben und hat mich beauſtragt, Euch um Verzeihung zu bitten und die ſeinige Euch zu uberbringen.“ Pieſe Worte brachten den armen Ludovico wieder zu ſich und erweckten in ihm lebhafter und deutlicher die Gefühle, die verworren auf ſeine Seele einſtürmten: Schmerz um den Freund, qualvolle Reue über den Streich, den ſeine Hand geführt, und zu gleicher Zeit ein banges Mitleid mit dem Manne, den er getödtet hatte. „Der Andere war ſchon geſtorben, als ich kam.“ Inzwiſchen wimmelten die Zugänge und Umgebun⸗ gen des Kloſters von neugierigem Volke: als aber die Häſcherſchaar ankam, zerſtreute ſich die Menge und ſtellte ſich in einer gewiſſen Entfernung von den Tho⸗ ren, aber doch ſo, daß Niemand unbemerkt heraus⸗ kommen konnte, auf. Ein Bruder des Todten, zwei Vetter und ein alter Oheim kamen gleichfalls, von Kopf bis zu Fuß bewaffnet, mit einem großen Gefolge von Bravi herbei und ſchickten ſich an, rings umher die Runde zu machen, indem ſie drohende und verächtliche 79 Blicke auf die verſammelten Gaffer warfen, welche nicht zu ſagen wagten:„Es iſt ihm Recht geſchehen,“ obſchon es deutlich auf ihren Geſichtern geſchrirben ſtand. Kaum hatte Ludovico ſeine Gedanken wieder zu ſammeln vermocht, ſo berief er einen Beichtater und erſuchte ihn, zu Criſtoforo's Wittwe zu geben, ſie in ſeinem Namen um Verzeihung zu bitten, daß er die, wenn auch ganz gewiß unfreiwillige, Urſache dieſes Jammers geworden, und ihr zugleich die Verſicherung zu ertheilen, daß er für die Familie ſorgen werde. Als er hierauf ſeine Lage bedachte, da regte ſich der Ge⸗ danke, Mönch zu werden, der ihm ſchon früher in den Kopf geſtiegen war, von Neuem lebendiger und ernſter, als je, in ihm: es däuchte ihn, als habe Gott ſelbſt ihm dieſen Gedanken eingegeben und ihm ein Zeichen ſeines Willens mitgetheilt, indem er ihn unter ſolchen Umſtänden in ein Kloſter habe kommen laſſen: kurz und gut, der Entſchluß war gefaßt. Er ließ den Guar⸗ dian fommen und ſetzte ihm ſeine Abſicht auseinander. Die Antwort lautete: man müſſe ſich vor übereilten Schritten hüten, aber wenn er auf ſeinem Plane be⸗ harre, ſo werde man ihn nicht zurückweiſen. Sodann ließ er einen Notar kommen und dictirte ihm eine Schenkung Alles deſſen, was er noch beſaß(und es war immer noch ein ſchönes Vermögen) an die Fa⸗ milie Criſtoforo's eine gewiſſe Summe als eine Art von Morgengabe für die Wittwe und den Reſt für die Kinder. Ludovico's Eniſchluß kam ſeinen Wirthen, die ſei⸗ netwegen in großer Verlegenheit waren, ſehr gelegen. Ihn aus dem Kloſter wegzuſchicken und ſomit der Juſtiz, d. h. der Rache ſeiner Feinde preiszugeben, war eine Sache, an die man gar nicht denken konnte. Man hätte dadurch ſeinen eigenen Vorrechten entſagt, das Kloſter bei allem Volk in Mißkredit gebracht und ſich den Haß ſämmtlicher Kapuziner auf der Welt zuge⸗ zogen, weil eine Verletzung des Rechtes Aller darin gelegen hätte; ja man hätte ſich durch einen ſolchen 80⁰ Schritt gegen alle geiſtlichen Behörden vergangen, welche ſich damals als die Wahrer dieſes Rechtes betrachteten. Auf der andern Seite hatte die ſehr mächtige Familie des Getödteten mit ihrem ſtarken Anhang zu erkennen gegeben, daß ſie Rache fordere, und erkläre Jeden für ihren Feind, der ihr ein Hin⸗ derniß in den Weg legen würde. Die Geſchichte ſagt nicht, daß ſie den Getödteten etwa ſehr bedauert habe, oder daß in der ganzen Verwandtſchaft auch nur Eine Thräne um ihn vergoſſen worden ſei: ſie ſagt nur, Alle zuſammen haben vor Begierde gebrannt, den Mörder todt oder lebendig in ihre Klauen zu bekom⸗ men. Dadurch nun, daß dieſer die Kapuzinerkutte anzog, legte er den ganzen Streit bei. Er that ge⸗ wiſſermaßen Buße, legte ſich eine Strafe auf, bekannte ſich gleichſam als ſchuldig, ſtand von jedem weiteren Wettſtreit ab, kurz, er war ein Feind, der die Waffen ſtreckt. Die Verwandten des Todten konnten dann auch, wenn ſie Luſt hatten, glauben und ſich damit brüſten, er ſei aus Verzweiflung und aus Furcht vor ihrem Zorn Mönch geworden. Jedenfalls konnte auch der hochmüthigſte Beleidigte keine arößere Genug huung fordern, als wenn ſein Gegner ſich all' ſeines Beſitz⸗ thums entäußerte, ſeinen Kopf ſchor, barfuß einherging, auf Stroh ſchlief und von Almoſen lebte. Der Pater Guardian beſuchte alſo mit ungezwungener Demuth den Bruder des Getödteten, und nach tauſend Verſiche⸗ rungen ſeiner Hochachtung für das erlauchte Haus, ſowie ſeines Wunſches, demſelben in Allem, was nur möglich ſei, zu willfahren, ſprach er von Ludovico's Reue und ſeinem Entſchluß, gab höflichſt zu verſtehen, daß die Familie damit zufrieden ſein könne, und ließ mit großer Gewandtheit und Feinheit einfließen, daß es nun ein für alle Mal dabei bleibe, ob es ihr gefalle, oder nicht. Der Bruder brach in Wuth aus, die der Kapuziner verrauchen ließ, indem er von Zeit zu Zeit ſagte:„Es iſt ein nur allzu gerechter Schmerz.“— 81 Er gab zu verſtehen, ſeine Familie würbe ſich in allen Fällen Genugthuung zu verſchaffen gewußt haben, und der Kapuziner ſagte nicht Nein, was er nun auch da⸗ von denken mochfe. Endlich verlangte der Edelmann als eine Art von Bedingung, daß der Mörder ſeines Bruders alsbald die Stadt zu verlaſſen habe. Der Kapuziner, der dies bereits beſchloſſen hatte, ſagte, er werde dafür ſorgen, ſo daß der Andere, wenn er Luſt hatte, einen Akt des Gehorſams darin ſehen konnte, und damit war Alles in's Reine gebracht. Die Fa⸗ milie war zufrieden, da ſie einer Verpflichtung entho⸗ ben worden; die Mönche waren zufrieden, da ſie einen Menſchen und zugleich ihre Vorrechte gerettet hatten, ohne ſich einen Feind zuzuziehen; die Freunde ritter⸗ licher Gebräuche waren zufrieden, da ſie einen Handel auf löbliche Weiſe geſchlichtet ſahen; das Volk war zufrieden, da es einen Mann, dem es wohlwollte, aus der Verlegenheit gezogen wußte und zu gleicher Zeit eine Bekehrung bewundern konnte; endlich, und noch mehr als alle Anderen, war mitten in ſeinem Schmerz unſer Ludovico zufrieden, der ein Leben der Reue, der Sühnung und der Dienſtbarkeit begann, welches ſeine Uebelthat, wenn auch nicht wieder gut machen, doch wenigſtens einigermaßen ſühnen und den unerträglichen Stachel der Reue abſtumpfen konnte. Der Verdacht, daß man ſeinen Schritt auf Rechnung der Furcht ſetzen könnte, betrübte ihn zwar einen Augenblick, aber er tröſtete ſich bald mit dem Gebanken, daß auch dieſes ungerechte Urtheil eine Züchtigung für ihn und ein Mittel der Sühnin ſein würde. So kleidete er fich mit dreißig Jahren in das härene Gewand, und da er nach dem Gebrauch ſeinen eigenen Namen aufgeben und einen andern annehmen mußte, ſo wählte er einen ſolchen, der ihn jeden Augenblick an die Veranlaſſung ſeines Sühnopfers erinnern mußte, und nannte ſich Bruder Criſtoforo. Kaum war die Ceremonie der Einkleidung vorüber, Die Verlohten. 1. 6 82 ſo erklärte ihm der Guardian, daß er ſein Noviziat in**s, ſechszig Miglien von da, anzutreten und mor⸗ gen dahin abzureiſen habe. Der Novize verneigte ſich tief und erbat ſich eine Gnade:„Erlaubt mir, Vater,“ ſprach er,„daß ich, bevor ich aus dieſer Stadt ſcheide, wo ich Menſchenblut vergoſſen habe und eine grauſam beleidigte Familie zurücklaſſe, ihr wenigſtens für die Kränkung Abbitte thue und ihr meinen Kummer dar⸗ über, den Schaden nicht erſetzen zu können, wenigſtens dadurch bezenge, daß ich den Bruder des Getödteten um Verzeihung bitte und ihm, ſo es Gott gefällt, den Groll aus der Seele nehme.“ Der Guardian dachte, daß eine ſolche Handlung nicht nur an und für ſich gut ſein, ſondern auch die Familie immer mehr mit dem Kloſter ausſöhnen würde; er ging daher geraden Wegs zu dem Herrn Bruder und theilte ihm Criſto⸗ foro's Verlangen mit. Bei einem ſo unerwarteten Vorſchlag regte ſich in dem erſtaunten Edelmann der Zorn von Neuem, aber vermiſcht mit Wohlgefallen. Nachdem er einen Augenblick nachgedacht, ſagte er: „Er mag morgen kommen!“ und beſtimmte die Stunde. Der Guardian kehrte zurück und brachte dem Novizen die erſehnte Erlaubniß. Der Edelmann bedachte ſogleich, daß, je feierlicher und auffalliger die Unterwerfung ſein würde, um ſo mehr ſein Anſehen bei der ganzen Verwandtſchaft und dem Publikum ſteigen müſſe, kurz und gut, daß dieß, um mit einer modernen, zierlichen Formel zu ſprechen, ein ſchönes Blatt in der Geſchichte der Familie ab⸗ g'ben könne. Er ließ eiligſt ſeinen Verwandten ſagen, ſi⸗ möchten geruhen(dieſe Redensart war damals im Schwunge), morgen Nachmittag zu ihm zu kommen, um eine gemeinſchaftliche Genugthuung zu empfangen. Mittags wimmelte der Palaſt von Herrſchaften jeden Alters und Geſchlechts. Das war ein Gedränge, ein Getreibe und Gewoge von prächtigen Mänteln, hohen Federn und herabhängenden Durlindanen, ein abge⸗ 83 meſſenes Herumdrehen von ſteifen und gefältelten Hals⸗ krauſen, ein verworrenes Geſchleife der koſtbaren Schlepp⸗ kleider. In den Vorzimmern, im Hofe und auf der Straße wimmelte es von Dienern, Pagen, Bravi und Neugierigen. Bruder Chriſtoforo ſah dieſe Zurüſtung, errieth den Grund und konnte ſich einer leichten Auf⸗ regung nicht erwehren, aber nach einem Augenblick ſagte er zu ſich ſelbſt:„Schon gut: ich habe ihnöffentlich, in Gegenwart ſo vieker von ſeinen Feinden getödtet: die Sühnung muß dem angeſtifteten Unglück entſprechen.“— So ſchritt er denn, die Augen zur Erde gehefiet, einen Wönch, der ihm als Begleiter beigegeben war, zur Seite, durch das Thor dieſes Hauſes, ging über den Hof, durch eine Verſammlung hindurch, die ihn mit einer gerade nicht höflichen Neugierde muſterte, ſtieg die Treppen hinan und gelangte mitten durch die andere adelige Menge durch, die ein Spalier bildete, von hundert Blicken verfolgt, vor dem Hausherrn ſelbſt, welcher, von ſeinen nächſten Verwandten umgeben, mit⸗ ten im Saale ſtand, den Blick zur Erde geheftet, aber das Kinn emporgeworfen, die linke Hand am Degen⸗ griff und mit der rechten ſeinen Mantelkragen über der Bruſt zuſammenhaltend. Es liegt zuweilen in Miene und Haltung eines Menſchen ein ſo unmittelbarer Ausdruck, man könnte beinahe ſagen, ein ſo unmittelbarer Erguß ſeiner inner⸗ ſten Seele, daß eine ganze Menge von Zuſchauern in ihrem Urtheil darüber zuſammentrifft. Bruder Criſto⸗ foro's Miene und Haltung verkündete allen Anweſenden, daß er aus Menſchenfurcht weder Mönch geworden, noch ſich zu dieſer Demüthigung herabgelaſſen, und dieß begann alle Gemüther mit ihm zu verſöhnen. Als er den Beleidigten ſah, beſchleunigte er ſeinen Schritt, ließ ſich auf ein Knie vor ihm nieder, kreuzte die Hände über der Bruſt und ſprach, indem er ſein geſchornes Haupt ſenkte, folgende Worte:„Ich bin der Mörder Eures Bruders; Gott weiß, daß ich ihn 55 den Preis 84 meines eigenen Blutes zurückgeben möchte, aber da ich nur unwirkſame und verſpätete Entſchuldigungen vor⸗ zubringen vermag, ſo flehe ich Euch an, dieſelben um Gottes Willen anzunehmen.“ Aller Augen hafteten unbeweglich auf dem Novizen und dem Manne, zu welchem er ſprach; Aller Ohren waren geſpannt. Als Bruder Criſtoforo ſchwieg, erhob ſich im ganzen Saale ein Gemurmel des Mitleids und der Achtung. Der Edelmann, der in der Haltung erzwungener Herab⸗ laſſung und unterdrückten Zornes daſtand, wurde durch dieſe Worte außer Faſſung gebracht, neigte ſich zu dem Knienden hinab und ſagte mit bewegter Stimme: „Erhebet Euch. Die Beleidigung... Die That frei⸗ lich. aber das Kleid, das Ihr traget... nicht bloß das, ſondern auch um Euretwillen.. erhebet Euch, Pater.. mein Bruder. ich kann es nicht läugnen... war ein.. etwas übereilter Cavalier, ein etwas.. lebhafter Menſch. Aber Alles geſchieht nach der Fügung Gottes. Es ſoll nicht mehr die Rede davon ſein.. aber Pater, Ihr dürft nicht in dieſer Stellung bleiben.“ Er nahm ihn ſofort bei den Armen und hob ihn auf. Bruder Criſtoforo antwortete ſtehend, aber mit ge⸗ ſenttem Haupte:„Ich kann alſo hoffen, daß Ihr mir Eure Verzeihung gewährt habt! Und wenn ich ſie von Euch erlange, von wem ſoll ich ſie nicht hoffen dürfen? O wenn ich dieſes Wort Verzeihung aus Euerm Munde vernehmen könnte!“ „Verzeihung!“ ſagte der Edelmann.„Ihr bedürft ihrer nicht mehr. Aber da Ihr es wünſchet, gewiß, gewiß, verzeihe ich Euch von Herzen und Alle. „Alle! Alle! Alle!“ riefen die Anweſenden einſtim⸗ mig. Das Geſicht des Mönchs ging in dankbarer Freude auf, unter welcher jedoch immer noch eine tiefe demuths⸗ — volle Zerknirſchung wegen des Uebels durchſchimmerte, das durch die Verzeihung der Menſchen nicht wieder gutgemacht werden konnte. Ueberwältigt von dieſem Anblick und hingeriſſen von der allgemeinen Rührnng 85⁵ ſchlang der Edelmann ſeine Arme um Criſtoforo's Hals und gab und empfing den Kuß des Friedens. Ein Bravo! recht ſo! brach von allen Seiten des Saales aus. Alles bewegte und drängte ſich um den Vruder. Inzwiſchen kamen Diener mit einer großen Menge von Erfriſchungen. Der Edelmann näherte ſich unſerm Criſtoforo, der eben ein Zeichen gab, daß er ſich beurlauben wolle, und ſagte zu ihm:„Pater, laßt Euch etwas Weniges gefallen; erweiſet mir dieſe Freund⸗ ſchaft.“ Und er ſchickte ſich an, ihn vor allen Andern zu bedienen. Der Mönch aber trat mit einem gewiſſen herzlichen Widerſtreben zurück und ſagte:„Solche Dinge ſind nicht mehr für mich; aber behüte mich der Himmel, daß ich Eure Gaben verſchmähen ſollte! Ich ſtehe im Begriff, meine Reiſe anzutreten: geruhet mir, ein Brod bringen zu laſſen, damit ich ſagen kann, daß ich mich Eurer Güte erfreut, Euer Brod gegeſſen und ein Zei⸗ chen Eurer Verzeihung erhalten habe.“ Der gerührte Edelmann befahl, daß dieß geſchehe, und alsbald kam ein Haushofmeiſter in großer Gala, brachte auf einem ſilber⸗ nen Teller ein Brod und reichte es dem Pater dar, welcher es nahm, dafur dankte und es in ſeinen Korb ſteckte. Sodann nahm er Abſchied, umarmte von Neuem den Hausherrn, ſowie alle diejenigen, die zunächſt bei ihm ſtanden und ſi konnten. Nur ch ſeiner einen Augenblick bemächtigen mit Mühe vermochte er ſich ihnen zu entziehen. In den Vorzimmern hatte er zu kämpfen, um ſich von den Dienern und ſogar von den Bravi osumachen, welche ihm den Saum ſeines Kleides, Strick und Ka putze küßten, und ſo kam er, wie im Triumph getragen, auf die Straße, wo ihn eine große Volkemenge bis an das Stadtthor begleitete, zu wel⸗ chem er hinaus ging, um ſeine Fußwanderung nach dem Ort ſeines Noviziats anzutreten. Der Bruder des Getödteten und die Verwandten, die ſich darauf vorberetet hatten, an dieſem Tage die traurige Freude des Hochmuths zu genießen, koſteten 86 ſtatt deſſen die heitere Freude der Verzeihung und des Wohlwollens. Die Geſellſchaft blieb noch einige Zeit in ungewohnter Treuherzigkeit und Vertraulichkeit bei⸗ ſammen, unter Geſprächen, auf welche beim Eintritt in das Haus Niemand gefaßt geweſen war. Statt vvn genommener Genugthuung, von gerächten Beleidigun⸗ gen, ſprach man vom Lob des Novizen, von Verzeihung und Milde. Einer, der wohl zum fünfzigſten Mal erzählt haben würde, wie Graf Muzio, ſein Vater, in dem berühmten Handel dem Marcheſe Stanislao, wel⸗ chen Jedermann als Großſprecher kenne, den Kopf zu⸗ recht zu ſetzen gewußt habe, ſprach jetzt von den Büßun⸗ gen und der wunderharen Geduld eines ſchon vor vielen Jahren verſtorbenen Mönchs Simone. Nachdem die Geſellſchaft ſich verabſchiedet hatte, überlegte der noch immer ganz erſchütterte Hausherr voll von Verwunde⸗ rung, was er gehört und was er ſelbſt geſagt hatte, und brummte zwiſchen den Zähnen:— Teufel von einem Mönch!(wir müſſen wohl genau ſeine eigenen Worte hierherſetzen) Teufel von einem Mönch! Hätte er noch einen Augenblick länger vor mir auf den Knieen gele⸗ gen, ſo hätte ich ihn beinahe um Verzeihung gebeten, daß er mir meinen Bruder ermordet hat.“ Unſere Ge⸗ ſchichte erzählt ausdrücklich, daß der Mann von dieſem Tage an etwas weniger gewaltthätig und menſchen⸗ freundlicher geworden ſei. Pater Criſtofyro ging ſeines Wegs mit einer Ge⸗ müthsruhe, wie ſie ihm ſeit jenem Schreckenstage nicht mehr zu Theil geworden war, und wollte ſofort 3 ganzes Leben der Aufgabe weihen, denſelben abzu büßen. Dei Novizen war Stillſchweigen auferlegt und er beoachtete dieſes Geſetz ohne Anſtrengung, ganz in Gedanken an die Mühen, Entbehrungen und Demüthi⸗ gungen verſunken, weiche er hätte ertragen mögen, um ſeinen Fehler zu büßen. Zur Eſſensſtunde ſprach er bei einem Wohlthäter ein und aß mit einer Art von Wolluſt vom Brode der Verzeihung: aber er ſparte . — 87 ein Stück davon auf und legte es wieder in den Korb, um es als ewiges Andenken aufzubewahren. Es iſt nicht unſere Abſicht, die Geſchichte ſeines Floſterlebens zu erzählen: wir wollen nur ſo viel ſagen, daß er, indem er immer ſehr bereitwillig und mit großer Sorgfalt die Verrichtungen erfüllte, die ihm gewöhnlich angewieſen wurden, nämlich zu predi⸗ gen und den Sterbenden beizuſtehen, keine Gelegenheit hinausließ, um zwei andere Pflichten zu erfüllen, die er ſich ſelbſt auferlegt hatte, nämlich Streitiakeiten zu ſchlichten und Unterdrückte zu beſchützen. In dieſer Neigung beſtärkte ihn, ohne daß er es ſelbſt merkte, einigermaßen ſeine alte Gewohnheit und ein kleiner Ueberreſt von kriegeriſchem Sinn, welchen die Demü⸗ thigungen und Kaſteiungen nicht hatten gänzlich ver⸗ tilgen fönnen. Seine Sprache war meiſtens leiſe und demüthig, aber wenn es ſich um Gerechtigfeit oder be⸗ drohte Wahrheit handelte, da belebte ſie ſich auf ein⸗ mal mit ihrem alten Ungeſtüm, das, vermiſcht mit einem feierlichen, durch die Gewohnheit des Predigens ent⸗ ſtandenen Nachdruck ſeinem Vortrag eine eigenthümliche Wirkſamkeit verlieh. Seine ganze Haltung wie auch ſeine Miene verkündete einen langen Kampf zwiſchen einer hitzigen, erregbaren Gemüthsart und einem ent⸗ gegenſtrebenden, gewöhnlich ſiegreichen Willen, welcher immer bereit ſtand und durch hohere Gründe und Ein⸗ gebungen geleitet wurde. Einer ſeiner Kloſterbrüder und Freunde, der ihn genau kannte, hatte ihn einſt mitt jenen in ihrer natürlichen Form allzu ausdrucks⸗ ollen Worten verglichen, die manche im Uebrigen ganz gebildete Leute, im Drange der Leidenſchat nur ver⸗ flümmelt und mit Veränderung eines Buchſtabens aus⸗ ſprechen, Worte, die auch in dieſer Umwandlung noch immer an ihre urſprüngliche Kraft erinnern. Wenn auch ein gänzlich unbekanntes armes Weib in Lucia's traurigem Falle den Pater Criſtoforo um Hilfe angeſprochen hätte, ſo würde er unverzüglich her⸗ 88 beigeeilt ſein. Nun es ſich aber um Lucia handelte, kam er mit um ſo ängſtlicherer Eile, als er ihre Un⸗ ſchuld kannte und bewunderte, wegen ihrer Gefahren bereits gezittert hatte und einen lebhaften Unwillen über die ſchändliche Verfolgung empfand, deren Gegen⸗ ſtand ſie geworden war. Zu dieſem Allem kam noch, daß er ihr den Rath ertheilt hatte, Nichts davon zu entdecken, ſondern ſich ganz ruhig zu verhalten, und nunmehr fürchtete, ſein Rath lönne irgend eine traurige Folge hervorgebracht haben; zu ſeiner Befümmerniß aus Menſchenliebe, die ihm gleichſam angeboren war, geſellte ſich alſo im vorliegenden Fall noch dieſe bange Bedenklichkeit, die gute Leute oft quält. Aber während wir die Angelegenheiten des Paters Criſtoforo erzählt haben, iſt er angekommen und hat ſich an der Thüre gezeigt. Die Frauen haben ſofort den Griff der Haſpel, welche ſie ſauſend herumdrehten, losgelaſſen und ſich erhoben mit dem einſtimmigen Ruf:„Ach, Pater Criſtoforo, ſeid geſegnet!“ Fünftes Capitel. Beſagter Pater Criſtoforo blieb auſrecht auf der Schwelle ſtehen und hatte kaum die Frauen angeſehen, ſo war es ihm ſchon zur klaren Einſicht geworden, daß ſeine Ahnungen ihn nicht getrügt. Mit dem fra⸗ genden Tone, der einer traurigen Antwort entgegenſieh ſagte er alſo, indem er mit einer leichten Zurückwer⸗ fung des Kopfes ſeinen Bart erhob:„Nun?“ Lucia antwortete mit einem Thränenguß. Die Mutter begann ſich zu entſchuldigen, daß ſie es gewagt habe.. aber der Mönch trat vor, ſetzte ſich auf einen dreibeinigen Schemel und ſchnitt alle Entſchuldigungen ab, indem er zu Lucia ſagte:„Beruhigt Euch, armes Mädchen. 89 Und Ihr,“ fuhr er gegen Agneſe fort,„erzählet mir, was es gegeben hat.“ Während die gute Frau nach beſten Kräften ihren traurigen Bericht abſtattete, wechſelte der Mönch bäufig die Farbe, und bald erhob er die Augen zum Himmel, bald ſtampfte er mit den Füßen. Als der Vortrag zu Ende war, bedeckte er ſein Geſicht mit beiden Händen und rief:„O heiliger Gott, wie lang!“... Dann aber wandte er ſich, ohne ſeinen Satz zu vollenden, von Meuem zu den Frauen und ſagte:„Ihr armen Geſchöpfe! Gott hat Euch heimgeſucht. Arme Lucia!“ 3 „Ihr werdet uns nicht verlaſſen, Vater,“ ſagte Lueia ſchluchzend. „Euch verlaſſen!“ antwortete er.„Großer Gott! Und mit welchem Angeſicht könnte ich für mich ſelbſt zu Ihm beten, wenn ich Euch verließe? Euch in dieſem Zuſtand! Euch, die Er mir anvertraut! Laßt den Muth nicht ſinken, Er wird Euch beiſtehen. Er ſieht Alles: Er kann ſich auch eines geringfügigen Menſchen, wie ich bin, bedienen, um Denjenigen zu Schanden zu machen, der... Laßt ſehen, laßt uns überlegen, was wir thun können.“ So ſprechend ſtützte er den linken Ellenbogen auf das Kniee, neigte die Stirne in die flache Hand und ſtrich ſich mit der rechten Bart und Kinn, wie wenn er alle Kräfte ſeiner Seele feſt zuſammenhalten wollte. Aber die aufmerkſamſte Ueberlegung ließ ihn nur noch deutlicher entdecken, wie mißlich und verwickelt der Fall, wie ſpärlich, wie unſicher und gefährlich die etwaigen Gegenmittel waren.— Sollte er Don Abbondio Schaam einflößen und ihm fühlbar machen, wie ſehr er ſeine Pflicht verabſänme? Schaam und Pflicht find nichts für dieſen Menſchen, ſobald er Furcht hat. Und ihm Angſt machen? Welche Mittel beſitze ich, ihm eine größere Angſt einzujagen, als diejenige, die er bereits vor einem Büchſenſchuſſe hegt? Den Cardinal Erz⸗ biſchof von Allem in Kenntniß ſetzen und ſeine gewich⸗ 90 tige Vermittlung anrufen? Das erheiſcht Zeit: und indeſſen? Und hernach? Wenn die unglückliche Unſchul⸗ dige auch bereits Renzo's Frau wäre, würde ſich dieſer Menſch dadurch wohl zurückhalten laſſen?... Wer weiß, wie weit er es treiben kann? Und ihm Widerſtand ent⸗ gegenſetzen? Wie? Ach wenn ich, dachte der arme Mönch, meine hieſigen und meine Mailänder Kloſter⸗ brüder dafür gewinnen könnte! Aber das iſt kein ſo gewöhnlicher Handel; man würde mich im Stiche laſſen, dieſer Menſch gilt für einen Freund des Klo⸗ ſters, er gibt ſich für einen Anhänger der Kapuziner aus, und haben nicht ſeine Banditen mehr als einmal bei uns Zuflucht geſucht? Man würde mich die Sache allein ausfechten laſſen, ich käme in den Ruf eines unruhigen Kopfes, eines Störenfrieds und Händel⸗ ſuchers; ja was noch mehr iſt, ich würde durch einen unzeitigen Verſuch die Lage dieſes armen Mädchens vielleicht noch verſchlimmern.— Nachdem er das Für und Wider dieſes und jenes Planes genau abgewogen, hielt er es für das Beſte, Don Rodrigo ſelbſt die Stirne zu bieten und einen Verſuch zu machen, ob er ihn durch flehende Bitten oder durch die Schreckniſſe des künftigen und wo möglich auch dieſes Lebens von ſeinem ſchändlichen Vorhaben abbringen könnte.— Im ſchlimmſten Fall konnte man auf dieſem Wege genauer ermitteln, wie hartnäckig der Edelmann auf ſeinem ruch⸗ loſen Vorſatze beharrte; man konnte ſeine Abſichten deut⸗ licher durchſchauen und demgemäß einen Beſchluß faſſen. Während der Mönch in ſolche Betrachtungen ver⸗ ſunken daſaß, war Renzo, der ſich aus all' den Grün⸗ den, die Jedermann errathen kann, von dem Hauſe nicht fern zu halten vermochte, an der Thüre erſchie⸗ nen; aber da er den Pater ſo vertieft ſah und die Frauen ihm zuwinkten, ihn nicht zu ſtören, ſo blieb er ſchweigſam auf der Schwelle. Als der Mönch end⸗ lich ſein Geſicht erhob, um den Frauen ſeinen Plan mitzutheilen, bemerkte er den Jüngling und grüßte ihn 91¹ auf eine Art, welche neben der gewohnten Freundlich⸗ keit noch ein inniges Mitleid ausdrückte.. „Haben ſie Euch Alles geſagt, Vater?“ fragte Renzo mit bewegter Stimme. pi„Ich weiß nur allzu viel, und deßwegen bin ich ient“ „Was ſagt Ihr von dieſem Schurken?“ „Was ſoll ich von ihm ſagen? er iſt nicht hier, was könnten alſo meine Worte helfen? Dir, mein Renzo, ſage ich, daß Du auf Gott vertrauen ſollſt, und daß Gott Dich nicht verlaſſen wird.“ „Geſegnet ſeien Eure Worte,“ ſagte der Jüngling, „Ihr gehöret nicht zu denen, welche den armen Leuten immer Unrecht geben. Aber der Herr Pfarrer und dieſer Herr Doetor....“ „Suche nicht Dinge hervor, welche Dir doch nicht helfen können, ſondern Dich nur nutzlos erbittern. Ich bin ein armer Mönch, aber ich wiederhole Dir, was ich dieſen Frauen geſagt habe: So ſchwach ich bin, ſo werde ich Euch nicht verlaſſen.“ „O, Ihr ſeid nicht wie die Weltfreunde! Dieſe Taugenichtſe! Wer an die Betheuerungen geglaubt hätte, womit ſie mich in den guten Zeiten überſchütteten, ja, ja! ſie waren bereit, ihr Blut für mich hinzugeben, ſie hätten mich gegen den Teufel ſelbſt vertheidigt. Wenn ich einen Feind hätte, hieß es, ſo ſolle ich ihnen nur einen Wink geben, der würde dann nicht mehr viel Brod eſſen. Und jetzt ſolltet Ihr nur ſehen, wie ſie Alle ſo ängſtlich zurücktreten.“ Bei dieſen Worten er⸗ hob der Sprecher ſeine Augen zu dem Geſicht ſeines Zuhörers und ſah, daß daſſelbe ſich gänzlich umwölkt hatte, was ihn überzeugte, daß er etwas Ungeſchicktes geſagt habe. Er wollte es nun wieder gut machen, verwirrte und verwickelte ſich aber nur noch ärger und ſtammelte:„Ich wollte nur ſagen. ich meine nicht etwa. d. h. ich wollte ſagen....“ „Was wollteſt Du ſagen? Und wie! Du hatteſt 92 alſo angefangen, mein Werk zu zerſtören, ehe ich es noch unternommen hatte. Wohl Dir, daß Dir noch ur rechten Zeit die Augen aufgingen. Wie! Du juchtet nach Freunden und was für Freunden! Leute, die Dir ſelbſt beim beſten Willen nicht hätten helfen können, und den Einzigen, der es kann und will, warſt Du im Begriff, zu verlieren! Weißt Du nicht, daß Gott der Freund der Bedrängten iſt, die auf ihn ver⸗ trauen? Weißt Du nicht, daß es dem Schwachen nichts hilft, ſeine Klauen zu zeigen? Und wenn er es,“ hier faßte er kräftig Renzo's Hand: ſeine Miene nahm, ohne etwas von ihrer Würde zu verlieren, den Aus⸗ druck einer feierlichen Zerknirſchung an, ſeine Augen ſenkten ſich zur Erde, die Stimme wurde langſam und gleichſam unterirdiſch,—„wenn er es doch thut, ſo iſt dieß ein ſchrecklicher Gewinn! Renzo! willſt Du auf mich vertrauen? Was ſage ich, auf mich, einen un⸗ würdigen Menſchen, ein armſeliges Mönchlein? willſt Du auf Gott vertrauen?“ „Ach ja!“ antwortete Renzo.„Er iſt der wahr⸗ haftige Herr.“ „Gut; verſprich, daß Du Niemand beleidigen, Niemand reizen und Dich von mir leiten laſſen willſt.“ „Ich verſpreche es.“ Lucia athmete tief auf, wie wenn ihr eine ſchwere Laſt vom Rücken genommen würde, und Agneſe ſagte: „Brav, mein Sohn.“ „Hört Kinder,“ begann Pater Criſtoforo wieder, „ich werde heute zu dieſem Menſchen gehen und mit ihm ſprechen. Wenn Gott ſein Herz rührt und méinen Worten Kraft verleiht, ſo iſt es gut; wo nicht, ſo wird er uns irgend eine andere Abbilfe finden laſſen. Blei⸗ bet Ihr indeſſen rubig zu Hauſe, vermeidet alles Ge⸗ ſchwätz und zeiget Euch nicht. Heute Abend oder ſpä⸗ teſtens morgen früh ſehet Ihr mich wieder.“ Nach dieſen Worten ſchnitt er alle Dankſagungen und Seg⸗ nungen ab und ging. Er begab ſich in's Kloſter, kam — 2 93 zur rechten Zeit, um auf den Chor zu gehen und Pſalmen mitzufingen, aß ſein Mittagsbrod und machte ſich alsbald auf den Weg nach der Höhle der wilden Beſtie, welche zu zähmen er ſich vorgenommen hatte. Don Rodrigos Burg ragte einſam gleich einer Bergveſte auf der Spitze eines der Vorgebirge hervor, die ſich von Zeit zu Zeit auf jenem Ufer erheben. Die⸗ ſer Angabe fügt der Anonymus hinzu, daß das Schloß, (er hätte freilich beſſer gethan, den Namen geradezu auszuſchreiben) höher gelegen, als das Dorf der Ver⸗ lobten, und daß es von dieſem ungefähr drei, ſo wie vom Kloſter vier Miglien entfernt war. Am Fuße des Vorgebirges, auf der gegen den See hinausragen⸗ den Seite, lag eine Gruppe von elenden Häuschen, die von Unterthanen Don Rodrigo's bewohnt waren, und hier war gleichſam die kleine Hauptſtadt ſeines Duo⸗ dezreiches. Man brauchte nur hindurchzugehen, um von der Art und den Sitten der Bewohner dieſes Ortes einen klaren Begriff zu erhalten. Wenn man einen Blick in die Erdgeſchoſſe warf, wo zufällig eine Thüre offen ſtand, da ſah man Flinten, Hacken, Rechen, Strohhüte, kleine Netze und Pulverflaſchen, alles durch⸗ einander, an den Wänden hängen. Die Leute, denen man hier begegnete, waren ſtämmige, unfreundliche Burſche, mit einem ſtarken, auf dem Kopf zurückge⸗ drehten und in ein Netz zuſammengefaßten Schopfe; die alten Leute, die zwar die Zähne verloren hatten, aber augenblicklich noch immer bereit waren, bei der geringſten Veranlaſſung mit dem Zahnfleiſch zu fletſchen; Weiber mit männlichen Geſichtszügen und nervigen Armen, gut, um bei der erſten beſten Gelegenheit der Zunge zu Hülfe zu kommen; ſogar im Aeußern und in den Geberden der kleinen Kinder, die auf der Straße ſpielten, zeigte ſich ein gewiſſes verwegenes und her⸗ ausforderndes Weſen. Pater Criſtoforo ging durch das Dorf, ſtieg einen gewundenen Fußweg hinan und kam auf einen kleinen * 94 freien Platz vor der Burg. Das Thor war geſchloſſen, ein Zeichen, daß der Herr an der Tafel ſaß und nicht geſtört ſein wollte. Die wenigen kleinen Fenſter, die nach der Straße zu gingen, und deren Holzwerk vor Alter zerſiel, waren gleichwohl durch ſtarke Eiſengitter geſchützt, und die Fenſter des Erdgeſchoſſes befanden ſich ſo hoch, daß kaum ein Menſch, der einem andern auf die Schulter geſtiegen, hätte hineinſehen können. Es herrſchte hier tiefes Schweigen, und ein Fremder bätte glauben können, das Haus ſei verlaſſen, wenn nicht vier Geſchöpfe, zwei lebendige und zwei todte, welche außen ſymm triſch angebracht waren, bewieſen hätten, daß es nicht an Bewohnern mangelte. Zwei große Geier mit ausgeſpreizten Flügeln und herabhängenden Köpfen, der eine entfiedert und von der Zeit halb aufgezehrt, der andere noch feſt und befiedert, waren jeder an einem Flügel des Hauptthores angenagelt, und zwei Bravi, die jeder auf einer der zur Rechten und zur Linken ſtehenden Bänke ausgeſtreckt lagen, hielten Wache und erwarteten bald abgerufen zu werden, um ſich an den Ueberbleibſeln von der Tafel des Herrn zu laben. Der Pater blieb ſtehen, wie ein Menſch, der warten will: aber einer der Bravi erhob ſich und ſagte:„Pater, Pater, tretet nur herein: man läßt hier die Kavuziner nicht warten; wir ſind Freunde des Kloſters, und ich ſelbſt war dort in gewiſſen Augenblicken, wo es draußen nicht geheuer für mich geweſen wäre: hätten mir da⸗ mals die frommen Väter ihr Thor verſchloſſen, ſo hätte es mir ſchlimm ergehen können.“ So ſprechend, ſchlug er zweimal mit dem Hammer an. Auf dieſes Getöne antwortete alsbald das Geheul und Gewinſel großer und kleiner Hunde, und nach wenigen Augenblicken kam brummend ein alter Diener; als er aber den Pater * ſay, machte er eine tiefe Verbeugung, beſchwichtigte die Hunde mit Händen und Stimme, führte den Gaſt in einen engen Hof und ſchloß die Thüre wieder zu. Er geleitete ihn dann in einen kleinen Saal, und nachdem — 95 er ihn mit einer gewiſſen verwunderten und ehrfurchts⸗ vollen Miene betrachtet, ſagte er:„Seid ihr nicht der Pater Friſtoforo von Pescarenico?“ „Ganz richtig.“ „Ihr hier?“ „Wie Ihr ſeht, guter Mann.“ „Ihr werdet um einer guten Sache willen kom⸗ men. Gutes,“ fuhr er zwiſchen den Zähnen murmelnd und ſich wieder in Bewegung ſetzend, fort,„kann man übrrall thun.“ Sie gingen durch zwei vder drei dunkele Gemächer und kamen an die Thüre des Speiſeſaales. Schon von außen hörte man ein großes Getöſe von Gabeln, Meſſern, Gläſern, zinnernen Flatten und hauptſächlich von mißtönenden Stimmen, die einander zu überſchreien ſuchten. Der Mönch wollte zurücktreten und disputirte noch mit dem Diener an der Thüre, da⸗ mit er ihn in irgend einen Winkel des Hauſes führen möchte, bis das Mahl vorüber wäre, als die Tpüre ſich öffnete. Ein gewiſſer Graf Attilio, der ihr gegen⸗ über ſaß(er war ein Vetter des Hausherrn, und wir haben ſeiner bereits gedacht, ohne ihn zu nennen) ſah einen geſchornen Kopf und eine Kutte, und da er die beſcheisene Abſicht des guten Mönchs errieth, ſo rief er:„Heda, he, Ihr entwiſchet uns nicht, ehrwürdiger Vater: kommt herein, kommt herein!“ Don Rodrigo errieth zwar die Abſicht des Beſuches nicht beſtimmt, hatte aber doch eine gewiſſe verworrene Ahnung und hätte denſelben gern entbehrt. Da jedoch Attilio in ſeiner Unhedachtſamfeit dieſe laute Einladung hatte er⸗ gehen laſſen, ſo konnte er ſchicklicher Weiſe nicht zurück⸗ treten und ſagte:„Kommt, Pater, kommt!“ Der Wönch trat vor, verneigte ſich vor dem Hausherrn und erwie⸗ derte mit beiden Händen die Begrüßungen der Tiſch⸗ genoſſen. Man denkt ſich allgemein oder wenigſtens beinahe allgemein den ehrlichen Mann, wenn er einem Böſe⸗ wicht gegenüberſteht, mit erhabener Stirne, ſicherem 96 Blick, frei hervortretender Bruſt und wohlgelöster Zungk. In Wahrheit aber bedarf es, damit er eine ſolche Hal⸗ tung annehmen kann, vieler Umſtände, die nur ſelten zuſammentreffen. Wundert Euch deßhalb nicht, wenn Pater Criſtoforo, trotz des guten Zeugniſſes ſeines Ge⸗ wiſſens, trotz der feſteſten Ueberzengung von der Ge⸗ rechtigkeit der Sache, die er zu verfechten kam, trotz einer aus Abſchen und Mitleid gemiſchten Empfindung gegen Don Rodrigo, dennoch mit einer gewiſſen Blödig⸗ keit und Unterwürfigkeit dieſem Don Rodrigo gegen⸗ überſtand, welcher hier in ſeinem Hauſe, in ſeiner Herr⸗ ſchaft, umgeben von Freunden, von Huldigungen und den Zeichen ſeiner Macht, mit einer Miene thronte, die Jedermänniglich ſogar eine Bitte, geſchweige denn einen guten Rath oder vollends einen Verweis oder Vorwurf im Munde ertödten konnte. Zu ſeiner Rechten ſaß dieſer Graf Attilio, ſein Vetter und wenn man es doch ſagen muß, der Genoſſe ſeiner Ausſchweifungen und Schandthaten; er war von Mailand gekommen, um einige Tage bei ihm die Landluft zu genießen. Links und an einer andern Seite des Tiſches befand ſich mit großer Ehrfurcht, die jedoch durch eine gewiſſe Sicher⸗ heit und eine gewiſſe Superklugheit gedämpft wurde, der Herr Podeſta, derſelbe Beamte, welcher in der Theorie verpflichtet geweſen wäre, dem Renzo Trama⸗ glino Gerechtigkeit zu verſchaffen und gegen Don Ro⸗ drigo eine jener oben aufgeführten Strafen zu verfü⸗ gen. Dem Podeſta gegenüber, in der Halkung der reinſten, innigſten Verehrung, ſaß unſer Doctor Ferkel⸗ ſtecher, in ſchwarzem Mantel und mit noch rötherer Naſe als gewöhnlich. Den beiden Vettern gegenüber ſaßen zwei unbekannte Gäſte, von denen unſere Ge⸗ ſchichte bloß ſagt, ſie haben nichts Anderes gethan als gegeſſen, den Kopf geneigt, gelächelt und allem beige⸗ ſtimmt, was ein Tiſchgenoſſe ſagte und was von keinem andern widerſprochen wurde. „Einen Stuhl für den Pater,“ ſagte Don Rodrigo⸗ 97 Ein Diener brachte einen Sitz, und Pater Criſtoforv nahm darauf Platz, indem er ſich bei dem Herrn ent⸗ ſchuldigte, daß er zu ungelegener Stunde gekommen ſei.„Ich wünſchte in einer wichtigen Angelegenheit unter vier Augen mit Euch zu ſprechen,“ flüſterte er dann mit leiſer Stimme Don Rodrigo in's Ohr. „Gut, gut, wir können hernach ſprechen,“ antwortete dieſer;„inzwiſchen aber ein Glas für den Herrn Pater!“ Der Pater wollte es ablehnen, Don Rodrigo aber erhob mitten in dem Geſchrei, das von Neuem begon⸗ nen hatte, ſeine Stimme und rief:„Nein, beim Bachus, dieſe Beleidigung dürft Ihr mir nicht anthun; es ſoll nie geſchehen, daß ein Kapuziner dieſes Haus verläßt, ohne meinen Wein gekoſtet, oder ein unverſchämter Gläubiger, ohne mit dem Holz aus meinem Walbe Bekanntſchaft gemacht zu haben!“ Dieſe Worte wurden mit einem ſchallenden Gelächter belohnt und unterbra⸗ chen einen Augenblick den hitzigen Streit unter den Gäſten. Ein Diener brachte auf einem Becken eine Flaſche Wein und ein langes Kelchglas und ſtellte es vor den Pater, welcher, da er einer fo dringenden Ein⸗ ladung des Mannes, an deſſen Gunſt ihm ſo viel ge⸗ legen ſein mußte, nicht widerſtehen wollte, ohne weite⸗ res Bedenken ſich einſchenkte und langſam den Wein zu ſchlürfen begann. „Taſſo's Auctorität unterſtützt Eure Behauptung nicht, verehrter Herr Podeſta, ſondern ſpricht vielmehr gegen Euch,“ hegann Graf Attilio wieder zu brüllen; „denn dieſer hochgelehrte, dieſer große Mann, der alle Geſetze der Ritterſchaft an den Fingern herzuzählen wußte, hat es ſo eingerichtet, daß der Bote Argantes, ehe er mit ſeiner Herausforderung an die chriſtlichen Ritter hervor⸗ rückt, den frommen Bouillon um Erlaubniß bittet„ „Das iſt aber,“ erwiederte ber Podeſta mit nicht geringerem Gebrüll,„das iſt aber weiter Nichts als eine Zugabe, eine poetiſche Ausſchmückung, weil der Bote ſeiner Natur nach kraft des Völkerrechts, jure gentium, Die Verlobten. 1. 7 98 unverletzlich iſt; übrigens braucht man es nicht einmal ſo weit herzuholen, denn ſchon das Sprüchwort ſagt: Der Diener kann nichts für ſeinen Herrn. Und die Sprüchwörter, Herr Graf, ſind die Weisheit des Men⸗ ſchengeſchlechts. Da alſo der Bote nichts in ſeinem eignen Namen geſagt, ſondern bloß die ſchriftliche Herausforderung überreicht hat..“ „Aber wann werdet Ihr doch einſehen wollen, daß dieſer Bote ein frecher Eſel war, unbekannt ſelbſt mit den Elementen der... „Mit Eurer gütigen Erlaubniß, meine Herrſchaf⸗ ten,“ fiel Don Rodrigo ein, welcher den Streit nicht zu weit kommen laſſen wollte,„wir wollen die Sache dem Pater Criſtoforo vorlegen und es auf ſeinen Spruch ankommen laſſen.“ „Gut, ganz gut,“ ſagte Graf Attilio, welchen es ungemein luſtig dünkte, eine ritterliche Frage von einem Kapuziner entſchieden zu ſehen, während der Podeſta, welcher ſich den Streit mehr zu Herzen genommen, ſich nur mit Mühe beſchwichtigen ließ und eine Art von Grimaſſe ſchnitt, die ſagen zu wollen ſchien: Kindereien. „Aber nach Allem, was ich verſtanden zu haben glaube,“ ſagte der Pater,„ſind das keine Dinge, von denen ich Kenntniß haben kann.“ „Die gewöhnlichen, beſcheidenen Ausflüchte der frommen Väter,“ ſagte Don Rodrigo;„aber Ihr ſollt mir nicht entſchlüpfen. Ei, der Tauſend, wir wiſſen recht gut, daß Ihr nicht mit der Kapuze auf dem Kopf zur Welt gekommen ſeid, und daß die Welt Euch ge⸗ kannt hat. Geht, geht, die Frage iſt die.. „Die Sache iſt die,“ begann Graf Attilio zu rufen⸗ „Laßt mich ſprechen, Vetter, ich bin neutral,“ ver⸗ ſetzte Don Rodrigo. Die Geſchichte iſt folgende: Ein ſpaniſcher Ritter ſchickt einem mailändiſchen Ritter eine Herausforderung zu. Der Ueberbringer gibt, da er den Geforderten nicht zu Hauſe trifft, die ſchriftliche Forderung einem Bru⸗ 99 der des Ritters; dieſer Bruder liest die Herausfor⸗ derung und tractirt ſtatt der Antwort den Ueberbringer mit Stockſchlägen. Nun fragt es ſich„— „Er hat es ganz gut gemacht,“ rief Graf Attilio, „dieß war eine ächte Eingebung „Des Teufels!“ ergänzte der Podeſta,„einen Ge⸗ ſandten ſchlagen eine heilige Perſon! Sagt ſelbſt ein⸗ mal, Pater, ob das eine ritterliche Handlung war?“ „Ja, Herr,“ rief der Graf,„ſie war vollkommen ritterlich: Laßt Euch das von mir ſagen, da ich mich Prauf verſtehen muß, was ſich für meine Ritter ſchickt. Ja, wenn es Fauſtſchläge geweſen wären, da wäre die Sache ganz anders; aber der Stock beſudelt Nieman⸗ des Hand. Was ich allein nicht begreifen kann, iſt, warum Ihr Euch ſo angelegentlich um die Schuitern eines Hallunken annehmt.“ „Wer hat Euch denn ein Wort von Schultern geſagt, Herr Graf? Ihr legt mir da alberne Reden in den Mund, die mir niemals in den Sinn gekommen ſind; ich habe vom Charakter geſprochen und nicht von Schultern. Ich ſpreche hauptfächlich von den Geſetzen der Ritterſchaft. Sagt mir doch gefälligſt einmal, ob die Fetialen, die im Auftrage der alten Römer die Herausforderung an andere Völker überbrachten, lange um Erlaubniß baten, ihre Botſchaft vorzutragen: und nennt mir auch nur einen einzigen Schriftſteller, wel⸗ cher erzählte, daß ein Fetial einmal durchgeprügelt worden ſei.“ „Was haben die Officialen der alten Römer mit uns zu ſchaffen? Dieſe Leute lebten nur ſo in den Tag hinein und waren in ſolchen Stücken unendlich hinter uns zurück. Aber nach den Geſetzen der moder⸗ nen Ritterſchaft, welche die wahre iſt, ſage und behaupte ich, daß ein Bote, der ſich unterſteht, einem Ritter eine Herausforderung einzuhändigen, ohne ihn zuvor um Erlaubniß gebeten zu haben, ein verwegener und ganz und gar nicht unverletzlicher Geſelle den man 100 wohl durchprügeln darf und gar nicht genug durchprü⸗ geln kann.“ „Erklärt mir Euren Sillogismus ein wenig näher.“ „Nichts, nichts, nichts.“ „Fi hört doch, ſo hört doch, ſo hört doch! Einen Unbewaffneten ſchlagen, iſt eine verrätheriſche Handlung. Atqui war der Bote de quo ohne Waffen. Ergo... „Sachte, ſachte, Herr Podeſta.“ „Wie ſo, ſachte?“ „Sachte, ſage ich: Was ſchwatzet Ihr mir da für Zeug vor? Eine verrätheriſche Handlung iſt, wenn man einen von hinten mit dem Schwerte verwundet oder ihm einen Büchſenſchuß in den Rücken jagt: und auch hier kann es gewiſſe Fälle geben.. aber laßt uns bei der Sache bleiben. Ich gebe zu, daß man dieß im Allgemeinen eine verrätheriſche Handlung nennen kann, aber einem elenden Landſtreicher vier Stockprügel auf⸗ zumeſſen! Das wäre ſauber, wenn man vorher zu ihm ſagen müßte: nimm dich in Acht, du bekommſt Prügel, wie man zu einem Ehrenmann ſagt: Hand an's Schwert. Und Ihr, mein verehrter Herr Doctor, Ihr ſchmunzelt mir da beſtändig zu und gebt mir zu verſtehen, daß Ihr meiner Anſicht ſeid, aber warum unterſtützet Ihr nicht ſtatt deſſen mit Eurem guten Mundſtücke meine Gründe, und helfet mir dieſem Herrn da ein bischen Vernunft in den Kopf zu bringen?“ „Ich antwortete der Doctor etwas verlegen, „ich erfreue mich an dieſem gelehrten Streit und danke es dem Zufall, der zu einem ſo angenehmen Wettſtreit an Scharffinn Veranlaſſung gegeben hat. Im Uebrigen kommt es mir nicht zu, ein Urtheil zu fällen: Eure gnädige Durchlaucht hat bereits einen Richter bezeich⸗ net„ den Pater hier. „Das iſt wahr,“ ſagte Don Rodrigo:„aber wie könnt Ihr verlangen, daß der Richter ſpreche, wenn die Streitenden nicht ſchweigen wollen?“ 101 „Ich verſtumme,“ ſagte Graf Attiliv. Auch der Podeſta gab zu verſtehen, daß er ſchweigen wolle. „Ha, endlich! Es iſt jetzt an Euch,“ ſagte Don Rodrigo mit einem halb ſpöttiſchem Ernſte. „Ich habe zu meiner Entſchuldigung bereits ange⸗ führt, daß ich mich auf dieſe Sachen nicht verſtehe,“ antwortete Pater Criſtoforv, indem er ſein Glas einem Diener zurückgab. „Schlechte Ausrede,“ riefen die beiden Vetter,„wir verlangen den Ausſpruch.“ „Wenn es ſich ſo verhält,“ erwiderte der Mönch, „ſo wäre meine einfältige Anſicht die, daß es weder Herausforderungen, noch Ueberbringer derſelben, noch Stockprügel geben ſollte.“ Die Tiſchgenoſſen ſchauten einander verwundert an. „Das iſt ſtark,“ fagte Graf Attilv.„Verzeiht mir, Pater, aber das iſt ein wenig ſtark. Man ſieht wohl, daß Ihr die Welt nicht kennt.“ „Er?“ verſetzte Don Rodrigo,„o, o Vetter, er kennt ſie ſo gut wie Ihr: iſt's nicht wahr, Pater? Sprecht, ſprecht, habt Ihr nicht auch Eure Schule durchgemacht?“ Statt auf dieſe wohlwollende Aufforderung zu ant⸗ worten, ſprach der Pater heimlich ein Wörtchen zu ſich ſelbſt:— Sie wollen dir an den Leib; aber bedenke, Mönch, daß Du nicht in deiner eigenen Angelegenheit da biſt, und daß Alles, was dich allein betrifft, mit der Hauptſache Nichts zu ſchaffen hat. „Mag ſein,“ ſagte der Vetter:„aber der Pater, wie heißt der Pater?“ „Pater Criſtoforo,“ antworteten mehrere zugleich. „Aber Pater Criſtoforo, mein höchſtzuverehrender Herr, mit dieſen Euren Grundſätzen würdet Ihr in der Welt das-Oberſte zu unterſt kehren. Ohne Herausfor⸗ derungen? ohne Stockprügel? Da ginge ja alles Ehr⸗ gefühl verloren und die Hallunken hätten gute Zeit. Glücklicher Weiſe iſt dieſe Annahme eine Unmöglichkeit.“ „Heda, Doctor,“ brach jetzt Don Rodrigo los, da 102 er den Streit den beiden Hauplſprechern aus den Klauen zu reißen wünſchte,„heda, ſprecht jetzt auch Ihr ein⸗ mal, denn Ihr ſeid der Mann, der Allen Recht gibt. Wir wollen doch ſehen, wie Ihr es anſtellt, um in dieſem Punkt dem Pater Criſtoforo Recht zu geben!“ „Wahrhaftig,“ antwortete der Doctor, indem er ſeine Gabel in der Luft ſchwang und ſich zugleich an den Pater wandte,„wahrhaftig, ich begreife nicht, wie der Pater Criſtoforo, welcher zu gleicher Zeit ein voll⸗ kommener Geiſtlicher und ein Weltmann iſt, nicht ein⸗ geſehen hat, daß ein auf der Kanzel guter, vortrefflicher und vollgewichtiger Ausſpruch bei einem ritterlichen Streit, mit der gebührenden Achtung geſprochen, Nichts gilt. Aber der Pater weiß beſſer, als ich, daß jedes Ding an ſeinem Orte gut iſt, und ich glaube, daß er ſich dießmal mit einem Scherz der Verlegenheit entzie⸗ hen wollte, einen Ausſpruch zu fällen.“ Was konnte man einem Raiſonnement entgegen⸗ halten, das aus einer ſo alten und immer neuen Weis⸗ heit abgeleitet wurde? Nichts, und ſo that unſer Mönch. Aber um dieſem Streit ein Ende zu machen, brachte Don Rodrigo etwas Anderes auf's Tapet.„Apropos,“ ſagte er,„ich habe gehört, daß man in Mailand von Vergleichen ſpreche.“ Der Leſer weiß, daß man ſich in dieſem Jahr um die Nachfolge im Herzogthum Mantua ſtritt, von wel⸗ chem nach dem Tode Vincenzo Gonzaga's, der keine männliche Nachkommenſchaft hinterlaſſen, der Herzog von Nevers als nächſter Verwandter Beſitz genommen hatte. Ludwig XIII., oder vielmehr der Kardinal Ni⸗ chelieu wollte ihn als einen neutraliſirten Franzoſen, dem er ſehr geneigt war, in ſeinen Anſprüchen unter— ſtützen; Philipp IV. dagegen, oder der Graf von Oli vares, gewöhnlich der Graf⸗Herzog genannt, wollte ihn denſelben Gründen nicht und hatte einen Krieg gegen ihn veranlaßt. Da nun genanntes Herzogthum ein Reichslehen war, ſo wandten beide Parteien eine 103 Menge von Intriguen, Vorſtellungen und Drohungen bei dem Kaiſer Ferdinand II. auf: die erſte, daß er den neuen Herzog in dem Lehen beſtätigen, die zweite, daß er es ihm verſagen und ſogar dazu helfen möchte, ihn aus dem Staate zu verjagen. „Ich bin nicht abgeneigt, an die Möglichkeit ei⸗ ner Ausgleichung zu glauben,“ ſagte Graf Attilio,„ich habe gewiſſe Beweiſe.“ „Glaubet das nicht, Herr Graf, glaubet das nicht,“ ſiel der Podeſta ein.„Ich kann in dieſem Winkelchen der Welt wiſſen, wie die Sachen ſtehen, denn der ſpa⸗ niſche Herr Kaſtellan, der mich einigen Wohlwollens würdigt und als der Sohn eines Geſchoͤpfes des Grafen⸗ Herzogs von Allem unterrichtet iſt...“ „Ich ſage Euch, daß ich in Mailand tagtäglich Belegenheit habe, mit hohen Perſonen zu ſprechen, und ich weiß aus guter Hand, daß der Papſt, welchem un⸗ gemein viel an der Erhaltung des Friedens liegt, Vor⸗ ſchläge gemacht hat...“ „Das muß ſo ſein, die Sache iſt ganz in der Ord⸗ nung, Se. Heiligkeit thut ihre Pflicht; ein Papſt muß unter chriſtlichen Fürſten immer den Vermittler machen, aber der Graf⸗Herzog hat ſeine eigene Politik und...“ „Und, und, und— wißt Ihr denn, mein Herr, an was der Kaiſer in dieſem Augenblick denkt? Glaubt Ihr, es gebe auf dieſer Welt weiter nichts als Mantua? Es gibt für gar viele Dinge zu ſorgen, mein Herr; wißt Ihr z. B., wie weit der Kaiſer in dieſem Augen⸗ blick ſeinem Fürſten Waldiſtano oder Walliſtai, wie ſie ihn nennen, vertrauen kann und ob...5 Der eigentliche dentſche Name,“ fiel der Podeſta eder ein,„iſt Vaglienſteino; ich habe ihn von unſerem n iſchen Herrn Kaſtellan öfter ſo ausſprechen gehört. er ſeid nur guten Muths, denn... „Wollt Ihr mich belehren?“ brauſte der Graf auf aber Don Rodrigo ſagte ihm mit dem Knie, er möch ihm zu Liebe den Streit einſtellen. Der Vetter ſchwieg 104 und der Podeſta ließ nun wie ein von einer Sandbank losgekommenes Schiff mit geſchwellten Segeln ſeiner Beredtſamkeit ihren Lauf.„Vaglienſteinv macht mir wenig Kummer, denn der Graf⸗Herzog hat ſein Auge überall und auf allen Dingen; wenn Vaglienſteino Seitenſprünge verſuchen wollte, ſo würde er ihn ſchon wieder in Gutem oder Böſem auf den rechten Weg zu führen wiſſen. Er hat ſein Auge überall, ſage ich, und außerdem beſitzt er lange Hände; wenn er ſich alſo etwas in den Kopf geſetzt hat, wie er, und zwar mit vollem Recht als großer Politiker ſich's in den Kopf geſetzt hat, daß der Herr Herzog von Nivers in Mantua nicht aufkommen ſolle, ſo wird der Herr Herzog von Nevers auch ganz gewiß allda Nichts ausrichten, und der Cardinal von Riciliu wird ſeine Mühe umſonſt verſchwenden. Ich kann nur lachen über dieſen lieben Herrn Cardinal, daß er mit einem Grafen⸗Herzog, mit einem Olivares anbinden will. Wahrlich ich möchte in zweihundert Jahren wieder auf die Welt kommen, um zu hören, was die Nachkommen von dieſer auffallenden Anmaßung ſagen werden. Es gehört noch etwas Anderes dazu als Neid; es gehört auch Kopf dazu, und ſolche Köpfe, wie der Kopf eines Grafen⸗Herzogs iſt, gibt es nur einen einzigen auf der Welt. Der Graf⸗Herzog, meine Herren,“ eiferte der Podeſta fortwährend mitgunſtigem Ruckenwind, und ſelbſt ein wenig verwundert darüber, daß er auf keine Klippe mehr ſtieß,„der Graf⸗Herzog iſt, mit der ſchuldigen Ehrfurcht geſprochen, ein alter Fuchs, der Jeden von ſeiner Spur abbringen würde: wenn er nach rechts Miene macht, ſo kann man ſicher ſein, daß er nach links hauen wird. Deßwegen wird ſich auch nie ein Menſch rühmen können, ſeine Pläne zu wiſſen; ſelbſt Piejenigen, die ſie vollziehen müſſen, ſelbſt Diejenigen, lche die Depeſchen zu ſchreiben haben, wiſſen die gentliche Hauptfache nicht. Ich kann mit einiger achkenntniß davon ſprechen, da jener brave Mann, 105 der Herr Kaſtellan, mich zuweilen einer vertraulichen Unterredung würdigt. Der Graf⸗Herzog dagegen weiß ganz genau, was für Werg an allen andern Höfen an der Kunkel iſt, und alle dieſe großen Politiker, unter denen es, wie Niemand leugnen kann, ſehr ſchlaue Leute gibt, haben kaum einen Plan ausgedacht, ſo hat ihn auch der Graf⸗Herzog mit dieſem ſeinem Kopf, auf dieſen ſeinen Schleichwegen und mittelſt dieſer ſei⸗ ner überall ausgeſpannten Netze bereits errathen. Der Cardinal Niciliu, der arme Mann, tappt im Finſtern herum, riecht zuweilen etwas, ſchwitzt, zerbricht ſich den Kopf: aber was hilfts ihm? wenn es ihm je einmal gelungen iſt, eine Mine zu graben, ſo ſtößt er ganz ſicher auf eine bereits vollkommen fertige Gegenmine von dem Grafen⸗Herzog.“ Der Himmel weiß, wann der Podeſta enblich an's Land geſtoßen ſein würde, aber Don Rodrigo, dem ſein Vetter beſtändig Grimaſſen machte, winfte ſeinem Die⸗ ner, daß er eine gewiſſe Flaſche bringen ſolle. „Herr Podeſta,“ ſprach Rodrigv,„und Ihr übri⸗ en Herren, auf's Wohl des Grafen⸗Herzogs! und dann pout Ihr mir ſagen, ob der Wein eines ſo ausgezeich⸗ neten Mannes würdig iſt.“ Der Podeſta antwortete mit einer Verneigung, in welcher ein Gefühl ganz beſonderer Dankbarkeit durch⸗ ſchimmerte, weil er Alles, was zu Ehren des Grafen⸗ Herzogs gethan oder geſprochen wurde, ſo aufnahm, als wäre es zu ſeinen eigenen Ehren geſchehen. „Tauſend Jahre lebe Don Gasparo Guzman, Graf von Olivares, Herzog von San Lucar, der hohe Günſt⸗ ling des Königs Don Filippo, unſeres Herrn!“ „Er lebe kauſend Jahre,“ antworteten Alle. „Schenkt dem Pater ein,“ ſagte Don Rodrigo. „Verzeiht mir,“ antwortete der Mönch;„aber ic habe bereits eine Unregelmäßigkeit verſchuldet und könni unmöglich...“ „Ei wie!“ ſagte Don Rodrigo,„es handelt ſich„ um einen Toaſt auf den Grafen⸗Herzog. Wollt Ihr 106 Euch denn den Verdacht zuziehen, daß Ihr es mit den Navarreſen haltet?“ So nannte man damals zum Spott die Franzoſen von den Fürſten von Navarra, welche mit Heinrich V. ihren Thron beſtiegen hatten. Auf eine ſolche Beſchwörung konnte man nicht umhin, zu trinken. Sämmtliche Tiſchgenoſſen brachen in Ausrufungen und Lobſprüche auf den Wein aus; nur der Doctor verhielt ſich ſtill; aber er drückte mit ſeinem aufgeworfenen Kopf, mit ſeinen ſtarren Blicken und ſeinen zuſammengepreßten Lippen mehr aus, als er mit Worten vermocht hätte. „Was ſagt Ihr zu dem, he?“ fragte Don Rodrigv. Nachdem er aus dem Glas eine Raſe gezogen, die noch röther und leuchtender war, als dieſes ſelbſt, ant⸗ . wortete der Doctor mit nachdrücklicher Betonung jeder einzelnen Sylbe: „Ich ſage, erkläre und ſpreche aus, daß dieſes der OHlivares der Weine iſt, censui et in eam ivi sententiam, daß ein ähnliches Getränke in allen zweiundzwanzig Reichen des Königs unſeres Herrn, welchen Gott be⸗ hüten möge, nicht zu finden iſt. Ich erkläre und bin der Meinung, daß die Schmäuſe des durchlauchtigſten Herrn Don Rodrigo die Abendmahlzeiten Heliogabals übertreffen, und daß Mangel und Noth auf ewige Zei⸗ ten verbannt und verwieſen iſt aus dieſer Burg, in welcher Pracht und Herrlichkeit thronen.“ „Gut geſprochen! gut gegeben!“ riefen ſämmtliche Tiſchgenoſſen im Chor; aber die zufällig hingeworfenen Worte Mangel und Noth führten plötzlich Alle auf dieſen raurigen Gegenſtand, und ſo kam man auf die Theurung zu ſprechen. Hier waren ſie wenigſtens in der Haupt⸗ ſache Alle einverſtanden, dennoch aber war der Lärm lleicht noch größer, als wenn ſich eine Verſchieden⸗ t er Anſichten kundgegeben hätte. Alle ſprachen zugleich.„Es iſt kein Mangel,“ ſagte Einer,„die An⸗ äufer ſind's.“ 107 „Und die Bäcker,“ fiel ein Anderer ein;„die das Korn verhehlen, man muß ſie aufknüpfen.“ „Ganz recht, an den Galgen mit ihnen ohne Barmherzigkeit!“ „Ein ſchöner Rechtsgang!“ rief der Podeſta. „Was Rechtsgang?“ rief GrafAttilio noch lauter. „Hier iſt ſummariſche Juſtiz nöthig. Man greife drei, vier, fünf oder ſechs, welche die öffentliche Stimme als die reichſten und ſpitzbübiſchſten bezeichnet, heraus und laſſe ſie baumeln!“ 7„Exempel! Exrempel! ohne Exempel geht es nicht a „Man knüpfe ſie auf, man knüpfe ſie auf, dann wird von allen Seiten her Korn hervorquellen!“ Wer je auf einem Jahrmarkt ſich der Harmonie erfreuen konnte, welche eine Bande elender Fiedler hervorbringt, wenn zwiſchen der einen und andern Sonate jeder ſein Inſtrument ſtimmt und es ſo arg als möglich kreiſchen läßt, um es mitten im Getöſe der andern deutlich zu hören, der kann ſich vorſtellen, daß es mit dem Einklang, wenn man ſo ſagen kann, dieſer Reden ungefähr dieſelbe Bewandtniß hatte. In⸗ zwiſchen wurde immer wieder von dieſem Weine ein⸗ geſchenkt, und das Lob deſſelben vermiſchte ſich, wie billig, mit den Grundſätzen einer ökonomiſchen Juris⸗ prudenz, ſo daß man am häufigſten und ſchallendſten die Worte„Nertar und Galgen“ hörte. Don Rodrigo beäugelte inzwiſchen von Zeit zu Zeit den Mönch und ſah, daß er immer dieſelbe Miene machte, daß er weder Ungeduld noch Eile kundgab, und durch ſeine Geberde verrieth, daß er hier warte; aber er ſah ganz danach aus, als ob er nicht gehen würde, ohne vorher gehört worden zu ſein. Er hätte ihn gern fortgeſchickt und die Unterredung vermieden, aber eine Kapuziner verabſchieden, ohne ihm Gehör gegeben 1 haben, das ſtimmte nicht zu den Regeln ſeiner Politik. Da alſo die Widerwärtigkeit nicht umgangen werden 108 konnte, ſo beſchloß er, ihr raſch die Stirne zu bieten, um ihrer los zu werden; er erhob ſich von der Tafel und mit ihm die ganze weinrothe Geſellſchaft, ohne ihr Geſchrei zu unterbrechen. Nachdem er ſofort ſeine Gäſte um Urlaub gebeten, trat er mit ſtolzer Haltung vor den Mönch, der ſich mit den Andern erhoben hatte, ſagte:„Zu Euern Befehlen, Pater,“ und führte ihn in ein anderes Zimmer. Sechstes Capitel. „Mit was kann ich Euch dienen?“ ſagte Don Rodrigo, indem er ſich mitten im Zimmer aufpflanzte. Dieß war der Wortlaut ſeiner Anrede, aber die Art, wie er ſie vortrug, wollte klar und deutlich beſagen: beſinne Dich wohl, vor wem Du ſtehſt; wäge Deine Worte ab und ſpute Dich.— Um unſerem Pater Criſtoforo Muth zu machen, gab es kein ſichereres und ſchnelleres Mittel, als wenn man ihn mit übermüthigen Geberden anließ. Er, der unſchlüſſig daſtand, nach Worten ſuchte und die Kügel⸗ chen ſeines am Gürtel hängenden Roſenkranzes zwiſchen den Fingern laufen ließ, wie wenn er an einem der⸗ ſelben den Eingang zu ſeiner Rede finden wollte, fühlte jetzt, daß ſich ihm Dinge auf die Lippen drängten, welche nicht gerade nothwendig geſagt werden mußten. Da er aber ſogleich bedachte, wie wichtig es war, ſeine, oder, was noch weit mehr war, dieſe fremde Sache nicht zu verderben, ſo milderte er die Ausdrücke, die ihm zuerſt in den Sinn gekommen waren, und ſagte mit bedächtiger Demuth:„Ich komme, um Euch eine Hand⸗ lung der Gerechtigkeit vorzuſchlagen und Euch um eine Barmherzigkeit anzuflehen. Gewiſſe ſchlechte Menſchen haben den Namen von Euer Gnaden vorgeſchoben, um 109 einen armen Pfarrer zu ängſtigen und von der Erfüllung ſeiner Pflicht zurückzuhalten, wodurch zwei Unſchuldige in ihren Rechten gekränkt werden. Mit einem einzigen Worte könnt Ihr jene Leute zu Schanden machen, Alles wieder in Ordnung bringen und Diejenigen wieder aufrichten, denen ſo großes Unrecht widerfahren iſt. Ihr könnt es, und da Ihr es könnt, ſo wird Euer Gewiſſen, die Ehre... „Ihr werdet mit mir von meinem Gewiſſen ſpre⸗ chen, wenn es mir belieben wird, einen Rath von Euch zu begehren. Was meine Ehre betrifft, ſo mögt Ihr wiſſen, daß ich und ich allein der Wahrer derſelben bin, und daß ich Jeden, der ſich erfrecht, dieſe Sorge mit mir theilen zu wollen, als einen Vermeſſenen be⸗ trachte, der ſie kränkt.“ Durch dieſe Worte belehrt, daß der gnädige Herr ſeine eignen auf's Schlimmſte zu deuten ſuchte, um die Unterredung in einen Wortwechſel zu verwandeln und ihn gar nicht zur Hauptſache kommen zu laſſen, machte ſich Pater Criſtoforo um ſo größere Duldſamkeit zur Pflicht, er beſchloß, Alles hinabzuſchlucken, was der Andere ihm zu ſagen belieben würde, und antwortete alsbald in unterwürfigem Tone: „Wenn ich Etwas geſagt habe, was Euch miß⸗ fällt, ſo iſt dieß wahrhaftig ſehr gegen meine Abſicht geſchehen. Weiſet mich nur zurecht, tadelt mich, wenn ch nicht geziemend zu ſprechen weiß; aber habt die Gnade, mich anzuhören; ich beſchwöre Euch um des Himmels willen, bei dem Gotte, vor deſſen Angeſicht wir Alle erſcheinen müſſen. So ſprechend hatte er den hölzernen kleinen Todtenſchädel, der an ſeinem Ro⸗ ſenkranze hing, zur Hand genommen und hielt ihn ſeinem verdrießlichen Zuhörer vor die Augen.„Ver⸗ harret nicht darauf, dieſen armen Leuten eine ſo ieichte und ſo gebührende Gerechtigkeit zu verweigern. Be⸗ denket, daß Gott ſeine Augen immer auf die Armen 1¹⁰ richtet und daß ihre Verwünſchungen dort oben gehört werden. Die Unſchuld iſt mächtig vor ſeinem...“ „He, Pater,“ fiel Don Rodrigo barſch ein,„ich hege große Achtung vor Eurem Gewande; aber wenn irgend etwas mich dazu bringen könnte, ſie zu vergeſſen, ſo wäre es, wenn ich dieſes Gewand bei einem Menſchen ſehe, der ſich erfrecht, als Spion in mein Haus zu kommen.“ Dieſes Wort trieb dem Mönch eine flammende Röthe in die Wangen; aber mit der Miene eines Patienten, der eine ſehr bittere Arznei verſchluckt, antwortete er: „Ihr glaubt es ſelbſt nicht, daß ich dieſen Titel verdiene. Ihr fühlt es in Eurem Herzen, daß der Schritt, den ich jetzt thue, kein gemeiner und verächtlicher iſt. Höret mich an, Herr Don Rodrigo, und der Himmel verhüte, daß je ein Tag komme, wo Ihr es bereuen würdet, mich nicht angehört zu haben. Setzet Euern Ruhm nicht welch ein Ruhm, Herr Don Rodrigo! welch ein Ruhm vor den Menſchen! aber vor Gott! Ihr ſeid hinieden ſehr mächtig, aber.. „Wißt Ihr,“ ſagte Don Rodrigo, indem er ihm grimmig, doch nicht ohne einigen Schauder, in die Rede fiel,„wißt Ihr, daß ich, wenn mich der Kitzel ankommt, eine Predigt hören zu wollen, ganz gut, wie andere Leute, in die Kirche gehen kann? Aber in meinem Hauſe! O!“ fuhr er mit einem erzwungenen, höhniſchen Lächeln fort,„Ihr behandelt mich auf einem höheren Fuß, als ich verdiene! Einen Prediger im Haus! den haben nur die Fürſten!“ „Und der Gott, der den Fürſten Rechenſchaft für die Worte abfordert, welche er ſie in ihren Königs⸗ burgen vernehmen läßt, der Gott, der auch Euch eben jetzt ſeine Barmherzigkeit beweist, indem er einen ſei⸗ ner Diener ſendet, um für eine Unſchuldige zu bitten.... „Kurz und gut,“ ſagte Don Rodrigo, indem er Miene machte zu gehen,„ich weiß nicht, was Ihr ſagen wollt. Ich begreife nur ſo viel, daß es irgend 11¹¹ eine Dirne geben muß, die Euch ſehr am Herzen liegt. Wendet Euch mit Euern Vertraulichkeiten an irgend einen anderen beliebigen Menſchen, aber unterſtehet Euch nicht, einem Edelmanne noch länger beſchwerlich zu werden.“ Als Don Rodrigo ſich in Bewegung ſetzte, hatte auch der Mönch ſich aufgemacht, und war ehrerbietig vor ihn getreten; die Hände theils bittweiſe, theils mit einer zurückhaltenden Bewegung erhoben, antwortete er:„Es iſt wahr, ſie liegt mir ſehr am Herzen, aber nicht mehr als Ihr ſelbſt. Es ſind zwei Seelen, die mir beide theurer ſind, als mein eigenes Leben. Don Rodrigo! Ich vermag freilich nichts Anderes zu thun, als zu Gott zu beten, aber ich werde es von ganzem Herzen thun. Saget nicht nein: wollet nicht ein armes, unſchuldiges Mädchen noch länger in Angſt und Schreck erhalten! Ein Wort von Euch kann Alles thun!“ „Nun denn,“ ſprach Don Rodrigo,„da Ihr ſelbſt glaubt, daß ich für dieſe Perſon viel thun könne, da dieſe Perſon Euch ſo ſehr am Herzen liegt...“ „Nun denn,“ wiederholte ängſtlich Pater Criſto⸗ foro, welchem Don Rodrigo's Haltung und Geberde nicht geſtatteten, ſich der Hoffnung hinzugeben, wozu dieſe Worte zu berechtigen ſchienen. „Nun denn, ſo gebt ihr den Rath, ſich hierher unter meinen Schutz zu begeben; es ſoll ihr Nichts abgehen und Niemand ſoll ſich erfrechen, ſie zu beun⸗ ruhigen, oder ich will kein Ritter mehr ſein.“ Bei einem ſolchen Anſinnen brach die mühſam zurückgehaltene Entrüſtung des Mönchs endlich los. Alle ſeine ſchönen Vorſätze der Klugheit und Geduld verſchwanden: der alte Menſch war mit dem neuen einverſtanden, und in ſolchen Fällen galt Pater Criſto⸗ foro wirklich für zwei.„In Euren Schutz!“ rief er, indem er zwei Schritte zurücktrat, ſich ſtolz auf den rechten Fuß ſtellte, ſeine rechte Hand in die Hüfte ſtemmte, die linke mit ausgeſtrecktem Zeigeſinger gegen 112 Don Rodrigo erhob und ihm zwei flammende Augen in's Geſicht bohrte,—„in Euern Schutz! Es iſt gut, daß Ihr ſo geſprochen und mir einen ſolchen Vorſchlag gemacht habt. Ihr habt das Maaß voll gemacht und ich fürchte Euch nicht mehr.“ „Wie ſprichſt Du, Mönch?“ „Ich ſpreche, wie man mit einem Menſchen ſpricht, der von Gott verlaſſen iſt und keine Furcht mehr ein⸗ flößen kann. Euer Schutz! Ich wußte wohl, daß dieſe Unſchuldige unter Gottes Schutz ſteht; aber Ihr, Ihr laſſet mich das jetzt mit ſolcher Gewißheit empfinden, daß ich mich nicht mehr zu bedenken brauche, mit Euch von ihr zu reden. Lucia, ſage ich: Ihr ſeht, wie ich dieſen Namen mit erhobener Stirne und unbeweglichen Augen ausſpreche!“ „Wie? In dieſem Hauſe!“ „Ich habe Mitleiden mit dieſem Hauſe. Fluch ſchwebt darüber. Ihr werdet ſehen, ob Gottes Gerech⸗ tigkeit ſich um ein Paar Steine und einige Mordge⸗ ſellen bekümmert. Ihr habt geglaubt, Gott habe ein Geſchöpf nach ſeinem Bilde gemacht, um Euch das Vergnügen zu gönnen, es zu quälen! Ihr habt ge⸗ glaubt, Gott würde ſie nicht zu vertheidigen wiſſen 2 Ihr habt ſeine Mahnung verſchmäht! Ihr ſeid gerich⸗ tet. Pharao's Herz war verhärtet wie das Eurige, und Gott hat es zu brechen gewußt. Lucia iſt ſicher vor Euch. Das ſage ich Euch, ich, ein armer Mönch, und was Euch betrifft, ſo höret wohl, was ich Euch vorherſage: Es wird ein Tag kommen Don Rodrigo hatte bis jetzt außer ſich vor Wuth und Erſtaunen dageſtanden, ohne Worte zu finden; aber als er eine Prophezeiung anſtimmen hörte, da geſellte ſich ein ferner, geheimnißvoller Schrecken zu ſeinem Grimm. Er ergriff raſch die drohend empor⸗ ſchwebende Hand, erhob ſeine Stimme, um die des Unglückspropheten zum Schweigen zu bringen, und 11³ rief:„Packt Euch aus meinenAugen, verwegener Bauer, verkappter Schurke!“ Dieſe ſo beſtimmten Worte beſchwichtigten Pater Criſtoforo augenblicklich; mit dem Gedanken an Schmach und Hohn war in ſeinem Innern ſchon ſo lange und ſo innig der Gedanke an ſchweigſame Duldung ver⸗ knüpft, daß bei dieſer Anrede der Geiſt des Zorns und des Enthuſiasmus gänzlich von ihm wich, und ihm kein anderer Entſchluß übrig blieb, als gelaſſen anzuhören, was Don Rodrigo hinzuzufügen belleben würde. Nach⸗ dem er alſo ſeine Hand aus den Klauen des Edelmanns gezogen, ſenkte er ſein Haupt und ſtand unbeweglich da, wie wenn mitten in einem Gewitter der Wind ſich legt und ein alter Baum ſeine Aeſte wieder in ihre natürliche Lage bringt, um den Hagel ſo aufzunehmen, wie der Himmel ihn ſendet. „Aufgeblaſener Bauer,“ fuhr Don Rodrigo fort, „Du behandelſt mich wie Deines Gleichen. Aber danke dem Rock, der Deine Landſtreicherſchultern bedeckt und Dich vor den Liebkoſungen ſchützt, mit welchen man Menſchen deines Gelichters reden lehrt. Pack Dich ſo⸗ gleich von dannen und wir wollen das Weitere ſchon ſehen.“ So ſprechend deutete er mit gebieteriſchem Ton auf eine Thüre derjenigen gegenüber, zu welcher ſie eingetreten waren. Pater Criſtoforv neigte ſein Haupt und ging, indem er Don Rodrigo das Schlachtfeld überließ, das er nun mit eiligen Schritten durchmaß. Als der Mönch die Thüre hinter ſich verſchloſſen hatte und in das andere Zimmer trat, ſah er einen Menſchen ſachte an der Wand hinſchleichen, wie wenn er von dem Zimmer aus, worin das Geſpräch ſtattge⸗ funden, nicht geſehen zu werden wünſchte, und erkannte den alten Diener, der ihn am äußern Thor empfangen hatte. Dieſer befand ſich ſchon ſeit vierzig Jahren im auſe, d. h. er war ſchon vor Rodrigo's Geburt in die Dienſte ſeines Vaters getreten, der ein ganz anderer Die Verlobten. 1. 8 114 Mann geweſen war. Nach deſſen Tod ſchickte der neue Herr ſämmtliches Geſinde ſort und wählte ſich neue Leute aus, behielt jedoch dieſen Diener bei, theils weil er ſchon alt war, theils auch weil er, wenn er auch ganz entgegengeſetzten Grundfätzen huldigte, dieſen Feh⸗ ler durch zwei Eigenſchaften wieder gut machte, näm⸗ lich einen hohen Begriff von der Würde des Hauſes und eine große Uebung im Zeremoniell, deſſen älteſte Ueberlieferungen und geringſte Einzelheiten er beſſer kannte als irgend ein Anderer. Seinem Herrn gegen⸗ über würde ſich der arme Alte niemals unterſtanden haben, eine Mißbilligung deſſen, was er den ganzen Tag ſehen mußte, anzudeuten, geſchweige denn auszu⸗ drücken. Kaum daß er ſich einen Ausruf, einen zwiſchen den Zähnen gemurmelten Vorwurf bei ſeinen Dienſt⸗ genoſſen entfahren ließ, die ſich daran ergötzten und ihn manchmal zum Sprechen brachten, indem ſie ihn veranlaßten, eine Predigt zu halten und das Lob der ehemaligen Lebensweiſe in dieſem Hauſe zu ſingen. Sein Tadel kam dem Herrn immer nur zugleich mit der Kunde vom Spott, den man damit gerieben hatte, zu Ohren, und ſo wurde er auch fur ihn ein Gegen⸗ ſtand der Verachtung ohne allen Groll. An Empfang⸗ tagen aber und bei Schmauſereien wurde der Greis eine ernſthafte und gewichtige Perſon. Pater Chriſtoforo ſay ihn im Vorbeigehen an, grüßte iyn und ging ſeines Wegs weiter; der Alte aber näherte ſich ihm geheimnißvoll, legte den Zeigefinger auf ſeinen Mund und gab ihm dann mit beſagtem Zeigefinger einen Wink, daß er in einen finſtern Gang mit ihm treten möge. Nachdem er ihn in denſelben hineingezogen, ſagte er leiſe zu ihm:„Pater, ich habe Alles gehört und muß mit Euch ſprechen.“ „Sprecht ſogleich, guter Mann.“ „Hier nicht; wehe mir, wenn der Herr etwas merkte.. Aber ich werde allerlei Dinge erfahren kön⸗ nen und will zuſehen, daß ich morgen in's Kloſter komme.“ 11⁵ „Iſt etwas im Werke?“ 3 „Daß es nicht ganz geheuer iſt, ſoviel ſteht feſt: ich habe das bereits merken können. Aber ich werde jetzt gehörig aufpaſſen, damit ich Alles erfahre. Laßt nur mich machen. Ich muß da Dinge hören und ſehen, die, ſage ich Euch, an's Unglaubliche grenzen. O, ich bin in einem Hauſe.. Aber ich möchte meine Seele gerne retten.“ „Gott ſegne Euch!“ ſagte der Mönch leiſe und legte die Hand auf das Haupt des Dieners, welcher, obſchon er viel älter war als er, gebeugt und in der Haltung eines Sohnes vor ihm ſtand.„Gott wird Euch belohnen,“ fuhr der Pater Criſtoforo fort,„er⸗ mangelt nicht, morgen zu kommen.“ „Ich will ſehen,“ antwortete der Diener,„gehet aber jetzt ſogleich und. um's Himmelswillen.. verrathet mich nicht.“ So ſprechend, ſpähte er rings umher, trat dann am andern Ende des Ganges in ein Zimmer, das nach dem Hofe führte, und als er das Feld frei ſah, rief er den guten Mönch heraus, deſſen Geſicht auf ſeine letzten Worte deutlicher antwortete, als irgend eine Betheuerung hätte thun können. Der Diener deutete auf den Ausgang, und nun entfernte er ſich, ohne ein weiteres Wort hinzuzufügen. Der Diener hatte an der Thüre ſeines Herrn ge⸗ lauſcht. Hatte er recht gethan? Und that Pater Cri⸗ ſtoforo recht, ihn darum zu loben? Nach den ge⸗ wöhnlichen und allgemein gültigen Regeln, iſt dieß ein ſehr unehrbares Ding; aber konnte der vorliegende Fall nicht als eine Ausnahme betrachtet werden? Und haben nicht auch die allgültigſten Regeln ihre Aus⸗ nahmen? Dies ſind Fragen, welche der Leſer aus eigenen Mitteln entſcheiden mag, wenn er Luſt dazu hat. Wir beabſichtigen nicht ein Urheil abzugeben, ſondern es genügt uns, die Thatſachen zu erzählen. Als Pater Criſtoforo ſich wieder 55 15 Straße 1¹6 befand und dieſer Höhle des Laſters den Rücken gekehrt hatte, athmete er freier auf und eilte, wie ſich jeder vorſtellen kann, ganz erhitzt, erſchüttert und verwirrt durch das, was er gehört und mas er ſelbſt geſagt hatte, den Abhang hinunter. Doch war ihm das un⸗ erwartete Anerbieten des Dieners eine große Herzſtär⸗ kung geweſen; er betrachtete es als ein ſicheres Zeichen für den Schutz des Himmels.— Das iſt ein Faden, dachte er, ein Faden, welchen die Vorſehung mir in die Hände legt. Und in dieſem Hauſe ſelbſt! Und ohne daß es mir im Traume eingefallen wäre, ſo etwas zu ſuchen!— Unter ſolchen Betrachtungen erhob er die Augen nach Weſten, ſah, daß die Sonne ſich bereits ihrem Untergange zuneigte und ſchon den Gipfel des Berges berührte, und dachte, daß ihm nur noch ſehr wenig vom Tag übrig bliebe. Obſchon ihm daher von den verſchiedenen Strapatzen des Tages die Müdigkeit ſchwer in den Beinen lag, ſo beſchleunigte er doch, ſo viel als möglich ſeine Schritte, um ſeinen Schützlingen wenigſtens eine, wenn auch noch ſo ungenügende Ant⸗ wort zu bringen und noch vor Einbruch der Nacht in's Kloſter zurückzukommen; denn dieſes gehörte zu den wichtigſten und am ſtrengſten beobachteten Beſtimmun⸗ gen des Geſetzbuchs des Kapuziner. Inzwiſchen waren in Lucia's Häuschen allerlei Pläne entworfen und beſprochen worden, von denen wir den Leſer unterrichten wollen. Nach dem Weggange des Mönchs waren die drei betreffenden Perſonen einige Zeit ſchweigend beiſammen geblieben; Lucia richtete traurig das Mittagsmahl an; Renzo war ganz un⸗ ſchlüſſig, er traf jeden Augenblick Anſtalten, ſich dem Anblick der Heißgeliebten zu entziehen, und doch ver⸗ mochte er ſich nicht von ihr loszureißen; Agneſe gab ſich den Anſchein, als ſei ihre ganze Aufmerkſamkeit der Haſpel zugewandt, welche ſie herumdrehte. In Wirk⸗ lichkeit aber brachte ſie einen Gedanken zur Reife, und 117 als er ihr gezeitigt ſchien, brach ſie das Stillſchwei⸗ gen mit folgenden Worten: „Hört, Kinder, wenn Ihr für den Nothfall Muth und Schlauheit zeigen wollt, wenn Ihr Euch Eurer Mutter anvertraut(bei dieſem Eurer erbebte Lucia), ſo verſpreche ich, Euch aus dieſer Klemme vielleicht noch ſchneller und beſſer zu helfen, als der Pater Cri⸗ ſtoforo, obſchon er immer der Mann ſein mag, der er iſt.“ Lueia ſtutzte und betrachtete ſie mit einer Miene, die mehr Verwunderung als Vertrauen in ein ſo hoch⸗ trabendes Verſprechen ausdrückte; Renzo aber ſagte ſchnell:„Muth? Schlauheit? Sprecht, ſprecht, was geſchehen kann?“ „Iſt es nicht wahr,“ fuhr Agneſe fort,„daß man ſchon etwas Schönes gewonnen hätte, wenn Ihr ver⸗ heirathet wäret, und daß ſich dann für alles Uebrige leicht eine Abhülfe finden ließe?“ „Ja, das ſteht außer Zweifel,— wenn wir ver⸗ heirathet wären... die ganze Welt ſteht uns offen und ein paar Schritte von hier auf Bergamaſker⸗Ge⸗ biet, werden alle Seidenarbeiter mit offnen Armen auf⸗ genommen. Ihr wißt ja, wie oft mein Vetter Bartolo mich hat erſuchen laſſen, zu ihm zu kommen, ich würde dort mein Glück machen, wie er das ſeinige gemacht hat. Und wenn ich nicht auf ſeine Vorſchläge einging, ſo geſchah es.. nun, ich kann es ja wohl ſagen, weil mein Herz hier war. Wenn wir verheirathet wä⸗ ren, könnten wir Alle zuſammen dorthin gehen, uns dort häuslich einrichten und in frommem Frieden leben, geſichert vor den Klauen dieſes Schurken und fern von der Verſuchung, einen dummen Streich zu begehen. Iſt's nicht wahr, Lucia?“ „Ja,“ ſagte Lucia,„aber wie?... „Wie ich ſchon geſagt habe,“ antwortete Agneſe es gehört Muth und Flinkigkeit dazu, dann iſt die Sache leicht.“ „Leicht!“ ſagten die beiden jungen Leute, denen 118 die Sache ſo ungemein ſchwer und ſchmerzlich gewor⸗ den war, wie aus einem Munde. „Ja, leicht, wenn man ſich dabei anzuſchicken weiß,“ verſicherte Agneſe.„Hört mir wohl zu, ich will ſehen, ob ich's Euch begreiflich machen kann. Ich hahe von geſcheidten Leuten ſagen hören, und auch ſelbſt einen ſolchen Fall mit angeſehen, daß zu einer Trauung allerdings ein Pfarrer erforderlich ſei, aber daß er nicht gerade willfährig zu ſein brauche; es genüge, wenn er zugegen ſei.“ „Wie verhält ſich das?“ fragte Renzv. „Hört mich an, ſo ſollt Ihr es erfahren. Man muß zwei flinke und wohlunterrichtete Zeugen haben. Man geht zum Pfarrer. Die Hauptſache iſt, daß man ihn unverſehens ertappt und er keine Zeit hat zu ent⸗ wiſchen. Der Bräutigam ſagt:„„Herr Pfarrer, das iſt meine Frau,““ die Braut ſagt:„„Herr Pfarrer, das iſt mein Mann.““ Es iſt bloß nöthig, daß die Zeugen und der Pfarrer das hören; dann iſt die Ehe fir und fertig und gilt für ſo heilig, wie wenn der Papſt ſelbſt ſie eingeſegnet hätte. Wenn die Worte ge⸗ ſprochen find, ſo kann der Pfarrer ſchreien, lärmen und ſich geberden wie ein Teufel, das hilſt Alles nichts mehr, Ihr ſeid Mann und Frau.“ „Iſt's möglich?“ rief Lucia. „Ei, wie?“ ſagte Agneſe, glaubt Ihr denn, daß ich in den dreißig Jahren, die ich vor Euch auf die Welt gekommen bin, Nichts gelernt habe? Die Sache iſt ſo, wie ich Euch ſage. Ich kann es Euch beweiſen, denn eine meiner Freundinnen, die gegen den Willen ihrer Eltern heirathen wollte, machte es ſo und erreichte ihren Zweck. Der Pfarrer hatte Unrath gemerkt und war auf ſeiner Hut; aber die beiden Teufel wußten es ſo fein anzuſtellen, daß ſie ihm im rechten Augenblick über den Hals kamen; ſie ſagten die Worte und waren Mann und Weib, obſchon das arme Ding es ſchon nach drei Tagen bereute.“ 119 Die Sache verhielt ſich wirklich ſo, wie Aaneſe ſie dargeſtellt hatte. Die auf dieſe Art geſchloſſenen Ehen wurden damals und bis auf unſere Tage für gültig gehalten. Da jedoch nur ſolche, die auf dem ordentlichen Wege Hinderniſſe gefunden oder abaewieſen worden waren, zu dieſem Mittel ihre Zuflucht nahmen, ſo waren die Pfarrer ſehr darauf bedacht, ſich einer erzwungenen Mitwirkung zu entziehen, und wenn je Einer von ihnen dennoch von einem ſolchen von Zeu⸗ gen begleiteten Paar überraſcht wurde, ſo gab er ſich alle mögliche Mühe zu entwiſchen, gleich wie Proteus ſich aus den Händen derjenigen zu entwinden ſuchte, die ihn zwingen wollten, wahrzuſagen. „Wenn es wahr wäre, Lucia!“ ſagte Renzo, in⸗ er ſie mit einer Miene flehender Erwartung an⸗ ickte. „Wie ſo, wenn es wahr wäre?“ verſetzte Agneſe. Auch Ihr alaubt alſo, daß ich in's Blaue hinaus⸗ ſchwatze? Ich quäle mich Euretwegen ab, und man ſchenkt mir keinen Glanben. Schon gut; ſchon gut; zieht Euch aus der Klemme, ſo gut Ihr könnt; ich waſche meine Hände.“ „Ach nein, verlaßt uns nicht,“ bat Renzo.„Ich habe dieß nur geſagt, weil mir die Sache gar zu ſchön vorkommt. Ich lege mein Schickſal ganz in Eure Hände; ich betrachte Euch als meine rechte Mutter.“ Dieſe Worte beſchwichtigten Agneſens augenblick⸗ lichen Aerger und machten ſie einen Vorſatz vergeſſen, welcher nie ernſt gemeint geweſen war. „Aber, Mutter,“ ſagte Lucia mit ihrem unter⸗ würfigen Weſen,„warum iſt denn das dem Pater Criſtoforo nicht eingefallen?“ „Nicht eingefallen?“ antwortete Agneſe,„meinſt Du, es ſei ihm nicht eingefallen? Er hat wahrſchein⸗ lich nur nicht davon ſprechen wollen.“ nicht?“ fragten die beiden Verlobten zu⸗ gleich. 120 „Weil.. weil, wenn Ihr es wiſſen wollt, die Pfarrer ſagen, es ſei in Wahrheit nicht ehrlich ge⸗ handelt.“ „Wie kann das nicht ehrlich gehandelt ſein, was man, nachdem es geſchehen iſt, gut heißt?“ warf Renzo ein. „Was ſoll ich ſagen?“ antwortete Agneſe.„Das Geſetz haben andere Leute gemacht, wie es ihnen gut dünkte, und wir armen Leute fönnen nicht Alles ver⸗ ſtehen; und dann wirviel gibt es nicht... Seht es iſt gerade, wie wenn Ihr einem Chriſtenmenſchen einen Fauſtſchlag verſetzet; es iſt nicht wohl geihan, aber wenn Ihr ihm den Streich einmal verſetzt habt, ſo kann ihn ihm ſelbſt der Papſt nicht wieder abnehmen.“ „Wenn die Sache nicht recht iſt,“ ſagte Lucia,„ſo ſoll man ſie auch nicht thun.“ „Ei was! meinſt Du denn, ich würde Dir Etwas anrathen, was gegen die Gottesſurcht verſtieße? Ja wenn Du gegen den Willen Deiner Eltern Einen über Hals und Kopf haben wollteſt, da wäre es etwas An⸗ deres.. Jetzt aber, da ich zufrieden bin, daß Du die⸗ ſen Jüngling nimmſt, da die ganze Störung von einem ſolchen Schurken herkommt, und da der Herr Pfar⸗ „Die Sache iſt ſonnenklar,“ ſagte Renzo. „Man muß dem Pater Chriſtoforo nichts davon ſagen, bevor man es thut,“ fuhr Agneſe fort;„aber iſt es einmal geſchehen und gut gerathen, was meinſt Du, daß Dir dann der Pater ſagen werde?— Ach Tochter, Du haſt eine große Uebereilung begangen; aber es iſt nun einmal geſchehen. Die Geiſtlichen müſſen ſo re⸗ den. Aber glaube mir nur, daß auch er in ſeinem Herzen damit zufrieden ſein wird.“ Lucia wußte auf dieſe Beweisführung nichts zu antworten, doch ſchien ſie ihr nicht ganz einzuleuchten; Renzo aber ſagte voll Muth und Entſchloſſenheit: „Wenn es ſich ſo verhält, ſo iſt die Sache abgemacht.“ 121 „Nur ſachte, ſachte,“ verſetzte Agneſe.„Und die Zeugen? Und wie ſtellt man es an, um den Herrn Pfarrer zu ertapven, der ſich ſeit zwei Tagen in ſeinem Hauſe ganz eingepuppt hat? Und wie ſoll man ihn zwingen, daß er dabei bleibt? denn ſo ſchwerfällig er von Natur iſt, ſo ſage ich Euch doch, daß er, wenn er auf ſolche Art Euch erſcheinen ſieht, flink wie eine Katze werden und ausreißen wird, wie der Teufel vor dem Weihwaſſer.“ „Ich habe das Mittel gefunden, ich habe es gefun⸗ den,“ ſagte Renzo, indem er mit der Fauſt auf den Tiſch ſchlug, ſo daß das zum Mittageſſen in Bereitſchaft geſetzte Geſchirr in die Höhe fuhr. Und nun ſetzte er ſeinen Gedanken auseinander, welchen Agneſe auch voll⸗ kommen billigte. „Das iſt ein verworrener Handel,“ ſagte Lucia, „es iſt nicht Alles, wie es ſein ſoll. Wir ſind bisher ehrlich zu Werke gegangen, laßt uns auch ferner in guter Treue verfahren; ſo wird Gott uns helfen: Der Pater Criſtoforo hat es geſagt. Wir müſſen ihn um ſeine Anſicht fragen.“ „Laß Dich von denen leiten, die das Ding verſte⸗ hen,“ ſagte Agneſe mit ernſter Miene.„Warum brau⸗ chen wir andere Leute um Rath zu fragen? Gott ſagt: Hilf Dir, ſo will ich Dir helfen. Dem Pater erzählen wir Alles, wenn es vorbei iſt.“ „Lucia,“ ſagte Renzo,„willſt Du mich jetzt im Stiche laſſen? Haben wir nicht in allen Stücken als gute Chriſten gehandelt? Sollten wir nicht ſchon jetzt Mann und Frau ſein? Hatte nicht der Pfarrer ſelbſt bereits Tag und Stunde feſtgeſetzt? Und wer iſt Schuld daran, wenn wir uns jetzt mit ein bischen Verſtand helfen müſſen? Nein, Du wirſt mich nicht im Stiche laſſen. Ich gehe, und komme bald mit der Antwort zurück.“ Er grüßte Lucia mit flehender Geberde, Agneſe mit verſtändnißinniger Miene, und entfernte ſich eilig. Das Unglück, pflegt man zu ſagen, gibt Verſtand, 124 vor Aller Augen zurufen: Die 25 Lire! O dieſe ver⸗ dammten 25 Lire! Und dann müßte er mir auch die goldene Halskette meiner Frau herausgeben, ich könnte ſo viel Polenta daraus machen! Aber...“ „Aber, wenn Du mir einen kleinen Dienſt erwei⸗ ſen willſt, ſo liegen die 25 Lire für Dich bereit.“ „Sprich!“ „Aber!...“ ſagte Renzo, indem er den Zeigefinger quer über die Lippen legte. „Einer ſolchen Mahnung bedarf es nicht; Du kennſt mich ja.“ „Der Herr Pfarrer bringt gewiſſe, ganz unſtichhal⸗ tige Gründe vor, um meine Trauung auf die lange Bank zu ſchieben, und ich möchte die Sache bald ins Reine bringen. Da ſagt man mir für gewiß, wenn das Brautpaar mit zwei Zeugen zu ihm gehe, und ich ſage: dies iſt meine Frau, und Lucia: dies iſt mein Mann, ſo ſei die Heirath ſo gut wie förmlich abge⸗ ſchloſſen. Haſt Du mich verſtanden?“ edi verlangſt, daß ich als Zeuge mitkomme?“ a!“ „Und Du bezahlſt dann die 25 Lire für mich?“ „Das verſpreche ich Dir.“ „Ein Schelm, wer ſein Wort nicht hält!“ „Aber wir müſſen noch einen andern Zeugen auf⸗ finden.“ „Der iſt ſchon gefunden. Mein Bruder Gervaſo, der arme Tropf, thut Alles, was ich ihm ſage. Du bezahlſt ihm einmal Etwas zu trinken.“ „Ja und auch zu eſſen,“ antwortete Renzo.„Wir nehmen ihn einmal hierher mit, daß er ſich mit' uns luſtig machen kann. Aber wird er ſich auch geſcheidt dabei anſtellen?“ „Ich will's ihm ſchon beibringen: Du weißt, ich habe auch ſeinen Theil Gehirn bekommen.“ „Morgen.. „Gut.“ 125⁵ „Gegen Abend.“ „Ganz gut.“ „Aber!...“ ſagte Renzo, indem er von Neuem den Zeigefinger auf die Lippen legte. „Bah!“ antwortete Toniv, indem er ſeinen Kopf auf die rechte Schulter bog und die linke Hand erhob, während ſeine Miene ſagen zu wollen ſchien:„Du thuſt mir Unrecht.“ „Aber, wenn Dein Weib Dich fragt, was ſie ganz gewiß thun wird...“ „Dann binde ich ihr irgend einen Bären auf; ich bin in dieſer Beziehung noch ſo ſehr im Rückſtand, daß ich nicht weiß, ob ich je meine ganze Rechnung werde bezahlen können. Es wird mir ſchon irgend eine einfallen, womit ich ſie beſchwichtigen ann.“ „Morgen früh,“ ſagte Renzo,„wollen wir das Nähere beſprechen, damit die Sache glatt abläuft.“ Nach dieſer Abrede verließen ſie das Wirthshaus; Tonio ging heim, auf das Mährchen ſinnend, das er den Weibern aufbinden wollte; Renzo aber eilte zu um über die genommene Rückſprache Bericht zu erſtatten. In der Zwiſchenzeit hatte Agneſe ſich vergebens bemüht, ihre Tochter zu überreden. Dieſe ſetzte allen Gründen ihrer Mutter immer nur bald den einen, bald den andern Theil ihres Dilemmas entgegen: Ent⸗ weder iſt die Sache unrecht und ſoll nicht gethan wer⸗ den, oder ſie iſt es nicht, und warum ſoll man ſie dann dem Pater Criſtoforo nicht mittheilen? Renzo kam ganz triumphirend an, ſtattete ſeinen Bericht ab und ſchloß mit einem Ahn! einer mailän⸗ diſchen Ausrufung, welche beſagen wilk:„bin ich nicht ein ganzer Kerl? hätte man ſich's beſſer ausdenken kön⸗ nen? würde Euch das eingefallen ſein? und hundert ähnliche Dinge. Lucia ſchüttelte ſanft den Kopf, aber die beiden 122 und Renzo, der auf dem graden, ebenen Lebenspfad, welchen er bisher durchlaufen, ſich niemals in dem Fall befunden hatte, den ſeinigen ſehr zu ſchärfen, hatte jetzt einen Plan ausgedacht, der einem Advokaten Ehre gemacht hätte. Er ging, wie er ſich vorgenommen hatte, graden Wegs in das Häuschen eines gewiſſen Tonio und fand ihn in der Küche, wo er, das eine Knie quer über die Fußbank des Heerdes gelegt und in der Rechten den Rand eines über heiße Aſche geſtellten Topfes haltend, mit einer krummen Teigrolle eine kleine graue Mais⸗ polenta umrührte. Die Mutter, ein Bruder und die Frau Tonio's ſaßen am Tiſch; drei oder vier kleine Kinder ſtanden rings umher und harrten, die Augen auf den Topf geheftet, dem Moment entgegen, wo er umgeſtürzt werden ſollte. Aber es herrſchte nicht jene Heiterkeit vor, welche der Anblick eines Mittagsbrods bei demjenigen hervorzurufen pflegt, der es mit ſchwe⸗ rer Mühe verdient hat. Die Größe der Polenta ſtand im Verhältniß zu den Zeiten, nicht aber zu der Zahl und dem guten Willen der Tiſchgenoſſen: jeder von ihnen ſchielte mit gierigem Verlangen auf die gemein⸗ ſame Nahrung und ſchien im Voraus an denjenigen Theil ſeines Appetits zu denken, der ſie überleben würde. Während Renzo ſeine Grüße mit der Familie aus⸗ tauſchte, ſchüttete Tonio die Polenta auf das buchene Hackbreit, das zu ihrer Aufnahme in Bereitſchaft ge⸗ ſetzt war, und ſie glich jetzt einem kleinen Mond, um⸗ geben von einem großen Hof von Dünſten; nichtsdeſto⸗ weniger ſagten die Frauen böflich zu Renzo:„Wollt Ihr nicht mithalten?“ eine Höflichkeit, welche der kom⸗ bardiſche Landmann jedem erweiſt, der ihn beim Eſſen antrifft, und wäre es ein reicher Praſſer, der ſich ſo eben von der Tafel erhoben hätte; er unterläßt das nicht, ſelbſt wenn er an ſeinem letzten Biſſen zehrt. „Danke ſchön,“ antwortete Renzo,„ich bin nur gekommen, um ein paar Worte mit Tonio zu ſprechen. Wenn Du willſt, Tonio, ſo können wir ja, um Deine 123 Weibsleute nicht zu ſtören, in das Wirthshaus gehen, dort etwas eſſen und mit einander reden.“ Der Vor⸗ ſchlag war Tonio eben ſo angenehm, als er unerwartet fam, und die Frauen ſahen es nicht ungern, daß der Polenta ein Konkurrent, und zwar der furchtbarſte von allen, entzogen wurde. Der Eingeladene hielt ſich nicht lange mit Fragen auf, ſondern ging mit Renzo. Im Wirthshauſe des Dorfes angelangt, nahmen ſie gemächlich und in gänzlicher Einſamkeit, denn das Elend hatte alle Beſucher dieſes Ortes der Freude ent⸗ wöhnt, Platz, ließen ſich das Wenige, was vorhanden war, bringen und tranken eine Flaſche Wein. Dann ſagte Renzo mit geheimnißvoller Miene zu Tonio: „Wenn Du mir einen kleinen Dienſt erweiſen willſt, ſo will ich Dir einen großen erweiſen. „Sprich, ſprich, verfüge über mich,“ antwortete Toniv, indem er einſchenkte,„heute könnte ich für Dich in's Feuer gehen.“ „Du ſchuldeſt dem Herrn Pfarrer 25 Lire als Pachtzins für ſein Feld, das er Dir im vorigen Jahre überließ.“ „Ach Renzo, Renzo, Du vergällſt mir Deine Wohl⸗ that. Was mußt Du mich jetzt daran erinnern? Du haſt mich dadurch um meine gute Laune gebracht.“ „Wenn ich von Deiner Schuld ſpreche,“ ſagte Renzo, „ſo geſchieht es, weil ich Dir, wenn Du willſt, ein Mittel anzugeben gedenke, wie ſie bezahlt werden kann.“ „Sprichſt Du im Ernſt?“ „Im vollen Ernſt. He, wäre es Dir lieb?“ „Ob es mir lieb wäre! Bei Gott, Du darfſt es mir glauben! Wenn es auch nur darum wäre, daß ich das Geblinzel des Herrn Pfarrers und ſein Nicken mit dem Kopf nicht mehr ſehen müßte, ſo oft wir uns begegnen. Und dann heißt es immer: Tonio, vergiß das Ding nicht! Tonio, wann ſprechen wir uns in dieſer Sache? Ja wahrhaftig, wenn er mich beim Predigen mit ſeinen Augen anſtarrt, ſo fürchte ich immer, er möchte mir 126 Andern achteten in ihrem Eifer nicht darauf, wie man mit einem Kinde zu thun pflegt, wenn man die Hoff⸗ nung aufgibt, ihm die Vernünftigkeit einer Sache be⸗ ſiſlie zu machen, und es hernach durch Bitten und uctorität zu dem gewünſchten Schritt zu beſtimmen beabſichtigt. „Das iſt gut,“ ſagte Agneſe,„das iſt gut: aber... Ihr habt nicht an Alles gedacht.“ „Was fehlt noch?“ fragte Renzo. „Und Perpetua? Ihr habt nicht an Perpetua ge⸗ dacht. Sie wird wohl Tonio und ſeinen Bruder ein⸗ treten laſſen; aber Euch! Euch Beide! bedenkt! Sie hat ganz gewiß Befehl Euch ſo fern zu halten, wie einen Jungen von einem Birnbaum, der voll reifer Früchte hängt.“ „Wie ſtellen wir's an?“ fragte Renzo, der nach⸗ denklich wurve. „Seht Ihr jetzt, daran habe ich gedacht. Ich werde mit Euch gehen, und ich beſitze ein Geheimniß, um ſie anzulocken und dermaßen zu bezaubern, daß ſie Euch nicht bemerkt und Ihr ungehindert hineinkommen könnt. Ich werde ſie rufen und ihr eine Saite anſchlagen... Ihr ſollt ſchon ſehen.“ „Gott ſegne Euch!“ rief Renzo:„Ich habe immer geſagt, daß Ihr in allen Dingen unſere Hülfe ſeid.“ „Aber das hilft Alles nichts,“ ſagte Agneſe,„wenn dieſe da ſich nicht überreden läßt, ſondern hartnäckig dabei bleibt, daß es eine Sünde ſei.“ Nun führte auch Renzo ſeine ganze Beredtſamkeit ins Feld; aber Lucia ließ ſich von ihrer Anſicht nicht abbringen. „Ich weiß nicht, was ich auf Eure Gründe ant⸗ worten ſoll,“ ſagte ſie,„aber ich ſehe, daß man, um die Sache ſo ins Werk zu ſetzen, wie Ihr angebt, ſich mit arger Hinterliſt, mit Lüge und Verſtellung behel⸗ fen muß. Ach, Renzo, wir haben nicht ſo angefangen. Ich will Dein Weib werden— ſie vermochte dieſes 17 Wort und dieſe Abſicht nicht auszuſprechen, ohne im ganzen Geſicht zu erglühen— ich will Dein Weib werden, aber auf dem geraden Wege, mit Gottesfurcht, am Altar. Laſſen wir den Herrn droben walten⸗ Glaubſt Du nicht, daß er beſſer, als wir mit all dieſen Schlichen im Stande wären, ein Mittel finden wird, um uns zu helfen? Und warum vor dem Pater Criſto⸗ foro Geheimniſſe haben?“ Der Streit währte noch immer fort und ſchien ſeiner Löſung noch nicht ganz nahe, als ein eiliger Sandalentritt und das Rauſchen eines langen Gewan⸗ des, ein Getöſe demjenigen ähnlich, das wiederholte Windſtöße in ein ſchlaffes Segel erregen, den Pater Criſtoforo ankündigten. Alles ſchwieg und Agneſe hatte kaum noch Zeit Luria ins Ohr zu flüſtern: Hüte Dich wohl, ihm Etwas zu ſagen.“ Siebentes Capitel. Pater Criſtoforo kam in der Haltung eines guten Feldherrn, der, nachdem er ohne ſeine Schuld eine richtige Schlacht verloren, betrübt aber nicht muthlos, gedankenſchwer aber nicht verwirrt, eilig aber nicht flüchtig ſich überall hinbegibt, wo es nöthig iſt, um bedrohte Stellungen zu verwahren, die Truppen wieder zu ordnen und neue Befehle zu ertheilen.„Friede ſei mit Euch!“ ſagte er beim Eintritt... Von dieſem Men⸗ ſchen iſt Nichts zu hoffen: Um ſo mehr muß man auf Gott vertrauen, und ich beſitze bereits einigermaßen ein Pfand ſeines Schutzes.“ Obſchon keines von den Dreien von Pater Criſto⸗ forv's Verſuch ſich viel verſprochen hatte, obſchon es vielmehr etwas Unerhörtes und durchaus Seltenes war, einen Mächtigen aus bloßer Willfährigkeit gegen frieb⸗ 128 ſame Bitten und ohne daß er durch eine andere Ge⸗ walt überwunden wurde, von einer übermüthigen That abſtehen zu ſehen, ſo war doch die traurige Gewißheit für Alle ein harter Schlag. Die Frauen ließen die Köpfe hängen, aber in Renzo's Gemüth ſiegte der Zorn über die Niedergeſchlagenheit. Dieſe Nachricht traf ihn in einer durch eine Reihenfolge ſchmerzlicher Ueberra⸗ ſchungen, fehlgeſchlagener Verſuche, getäuſchter Hoff⸗ nungen, erbitterten und überdies ſo eben noch durch Lucia's Weigerungen bis zum Grimm gereizten Stimmung. „Ich möchte doch wiſſen,“ rief er mit den Zähnen knirſchend und ſeine Stimme lauter erhebend, als er je vor dem Pater Criſtoforo gethan hatte,„ich möchte doch wiſſen, was für Gründe dieſer Hund angeführt hat, um darauf zu beſtehen um darauf zu beſtehen, daß meine Braut nicht meine Frau werden ſoll.“ „Armer Renzo!“ antwortete der Mönch in mitlei⸗ digem Tone und mit einem Blick, der liebreich Fried⸗ fertigkeit anempfahl, wenn der Mächtige, der die Un⸗ gerechtigkeit begehen will, immer genöthigt wäre, ſeine Gründe anzuführen, ſo würde es in der Welt ganz an⸗ ders zugehen.“ „Hat der Hund alſo geſagt, er wolle nicht, blos weil er nicht wolle?“ „Auch das hat er nicht einmal geſagt, armer Renzo. Es wäre noch ein Vortheil, wenn dieſe Leute ihre Shſt offen eingeſtehen müßten, um fie zu be⸗ ehen.“ „Aber etwas hat er doch ſagen müſſen: was hat er denn geſagt, dieſer Höllenbrand?“ „Ich habe ſeine Worte gehört, und ich kann ſie Dir nicht wiederholen. Die Worte des Gottloſen, welcher mächtig iſt, dringen tief ein, und ſind dennoch ausreichend. Er kann ſich darüber erzürnen, daß Du Argwohn gegen ihn hegſt, und in demſelben Augenblick Dir zu fühlen geben, daß Dein Argwohn vollkommen 1²9 begründet iſt; er kann beleidigen und ſich den Belei⸗ digten nennen, höhnen und Rechenſchaft verlangen, ſchrecken und ſich beklagen, unverſchämt ſein und ſich untadelhaft anſtellen. Verlange nicht mehr zu hören. Der Menſch hat weder den Namen dieſes unſchuldigen Mädchens, noch den Deinigen ausgeſprochen, er hat gar nicht gethan, als ob er Euch kenne, er hat nicht geſagt, daß er irgend etwas im Schilde führe, aber. aber ich habe nur zu deutlich einſehen müſſen, daß er unbeweglich iſt. Nichtsdeſtoweniger habt Vertrauen auf Gott! Ihr arme Weiber, verzaget nicht, und Du, Renzo. o, glaube mir, daß ich mich an Deine Stelle verſetzen kann, daß ich fühle, was in deinem Berzen vorgeht. Aber Geduld! Cs iſt ein dürres Wort, ein bitteres Wort für Denjenigen, der nicht glaubt! Aber Du! wollteſt Du Gott nicht ein vaar Tage, überhaupt ſo viel Zeit gönnen, als er neh⸗ men will, um die gute Sache zum Ziele zu führen? Die Zeit iſt ſein und er hat uns ſo viel von ihr ver⸗ ſprochen! Laß ihn ſchalten, Renzo, und wiſſe„wiſ⸗ Renzo, ſorge, daß Du hinabkommſt, oder ſollteſt Du eine unverhoffte Abhaltung haben, ſo ſchickt mir einen zuverläſſigen Menſchen, einen verſtändigen Jungen, durch welchen ich Euch zu wiſſen thun kann, was vorgeht. Es wird Nacht; ich muß in's Kloſter eilen. Glauben, Muth, und nun gute Nacht!“ So ſprechend, entfernte er ſich eilig und ſprang den gewundenen ſteinigen Fußpfad hinab, um nicht zu ſpät in's Kloſter zu kommen, wodurch er ſich vielleicht einen derben Verweis oder, was ihm noch unangeneh⸗ mer geweſen wäre, eine Buße zugezogen hätte, die ihn morgen verhindern konnte, zu Allem bereit zu ſein, Die Verlobten. 1. 9 130 was das Inkereſſe ſeiner Schützlinge etwa erheiſchen mochte. „Habt Ihr gehört, was er da von einem, ich weiß ſelbſt nicht... von einem Faden geſagt hat, den er in der Hand halte, um uns zu helfen?“ ſagte Lucia; „wir müſſen ihm vertrauen. Er iſt ein Mann, der, wenn er zehn verſpricht... „Ich halte nichts darauf,“ fiel Agneſe ein.„Er hätte deutlicher ſprechen, oder wenigſtens mich auf die Seite nehmen und mir ſagen müſſen, was daran iſt.“ „Larifari! Ich will dem Ding ein Ende machen! Ich will ihm ein Ende machen!“ fiel ſeinerſeits Renzo ein, indem er wüthend im Zimmer auf⸗ und abging, mit einer Stimme und einer Miene, die über den Sinn ſeiner Worte keinen Zweifel geſtarteten. „Ach, Renzo, rief Lucia. „Was wollt Ihr ſagen?“ rief Agneſe. „Was braucht man da viel zu ſagen? Ich will dem Ding ein Ende machen. Und wenn er hundert⸗ tauſend Teufel im Leibe hätte, ſo iſt er am Ende doch auch von Fleiſch und Bein.“ „Nein, nein, um Gottes Willen...“ begann Lucia, aber Thränen erſtickten ihre Stimme. „Mit ſolchen Reden darf man keinen Scherz trei⸗ ben,“ bemerkte Agneſe. „Scherz?“ rief Renzo, indem er ſich aufrecht vor die ſitzende Agneſe ſtellte und zwei blitzende Augen auf ſie rollen ließ.„Scherz! Ihr werdet ſehen, ob es Scherz iſt.“ „O Renzo.“ ſagte Lucia mühſam und ſchluchzend, „ich habe Dich niemals ſo geſehen.“ „Sprecht um's Himmels Willen keine ſolche Dinge,“ hob Aaneſe eilig und mit gedämpfter Stimme wieder an.„Denket Ihr denn nicht daran, wie viele Mord⸗ geſellen ihm zu Gebote ſtehen, und dann, Gott behüte uns!. gegen die armen Leute gibt es immer Juſtiz.“ „Ich will die Juſtiz ſelber ausüben, ich! Es iſt 131 einmal Zeit. Die Sache iſt nicht leicht, das weiß ich auch. Er nimmt ſich wohl in Acht, ver Mordhund: Er weiß, wie er d'ran iſt; aber das macht nichts. Ge⸗ duld und Entſchloſſenheit... der Augenblick kommt gewiß. Ja, ich will ſelbſt die Juſtiz üben: ich will das Land von ihm befreien: wie viele Leute werden mich ſegnen! Und dann in vier Sprüngen...“ Das Entſetzen, das Lucia über dieſe nur allzu deut⸗ lichen Worte empfand, unterbrach ihr Weinen und ver⸗ lieh ihr den Muth, zu ſprechen. Sie erhob das thrä⸗ nenbenetzte Geſicht aus den flachen Händen und ſagte mit herzergreifender, aber entſchloſſener Stimme:„4e liegt Dir alſo nichts mehr daran, mich zur Frau zu haben! Ich hatte mich mit einem Jüngling verlobt, der Gottesfurcht hatte; aber einen Menſchen, der.. ſelbſt wenn er vor aller Juſtiz und Rache ſicher, ja, wenn er der Sohn des Königs wäre... „Nun wohl,“ rief Renzo mit noch erzürnterer Stimme als vorher,„ſo werde ich Dich nicht haben, aber er wird Dich auch nicht haben. Ich hier ohne Dich und er im Hauſe des„ „Ach nein, um Gottes Willen, ſprich nicht ſo, mach keine ſolche Augen! Nein, ich fann Dich nicht ſo ſehen,“ rief Lucia weinend, flehend, die Hände rin⸗ gend, während Agneſe zu wiederholten Malen den Jüng⸗ ling beim Namen rief und ihn auf die Schultern, die Arme und die Hände klopfte, um ihn zu beſchwichtigen. Er ſtand regungslos, in Gedanken vertieft da und ſchien einen Augenblick von Lucia's flehender Miene, welche er betrachtete, gerührt zu ſein; dann aber be⸗ gann er ſie grimmig anzuſtarren, trat zurück, ſtreckte den Arm und den Zeigefinger gegen ſie aus und rief: „Dieſe, ja dieſe will er. Er muß ſterben!“ „Und was habe ich Dir zu Leide gethan, daß Du mich tödten willſt?“ ſagte Lucia, indem ſie ſich auf ihre Kniee warf. „Du!“ antwortete er mit einer die eine 132 ganz verſchiedene Art von Zorn, aber immerhin Zorn ausdrückte:„Du! meinſt Du es etwa gut mit mir? Welchen Beweis haſt Du mir gegeben? Habe ich Dich nicht gebeten, wie einen Stein? Haſt Du es mir zu Liebe gethan, daß...“ „Ja, ja,“ antwortete Lucia haſtig,„ich will zum Pfarrer gehen, morgen, gleich auf der Stelle, wenn Du willſt, ich will mitgehen; werde nur wieder wie vor⸗ her; ich will ja gehen.“ „Verſprichſt Du mir's?“ ſagte Renzo mit einer Stimme und Miene, die auf einmal menſchlicher ge⸗ worden waren. „Ich verſpreche es Dir.“ „Es bleibt alſo dabei?“ „Ach, Herr, ich danke Dir!“ rief Agneſe doppelt zufrieden. Hatte Renzo mitten in ſeinem Wuthausbruch be⸗ merkt, welchen Vortheil Lucia's Schrecken ihm bringen konnte? Und hatte er nicht ein wenig Argliſt ange⸗ wendet, um ihre Angſt zu ſeinem Nutzen noch zu er⸗ höhen? Unſer Autor betheuert, nichts davon zu wiſſen, und ich glaube, daß ſogar Renzo ſelbſt es nicht genau wußte. So viel ſteht feſt, daß er gegen Don Rodrigo bis zur Wuth ergrimmt war und daß er Lucia's Zu⸗ ſtimmung ſehnlichſt wünſchte. Wenn nun zwei ſtarke Leidenſchaften zugleich im Herzen eines Menſchen toben, ſo kann Niemand, ſelbſt der Patient nicht, die eine Stimme von der andern unterſcheiden und mit Sicher⸗ heit ſagen, welche von beiden die vorherrſchende iſt. „Ich habe es Dir verſprochen,“ antwortete Lucig in einem Tone ſchüchternen und liebevollen Vorwurfs, „aber Du haſt auch verſprochen, kein Aergerniß zu ge⸗ ben, die Sache dem Pater anheimzuſtellen „Ei was? Aüs Liebe zu wem gerathe ich denn ſo in Wuth? Willſt Du Dich jetzt wieder zurückzichen und mich zu einem dummen Streich veranlaſſen?“ „Nein, nein,“ ſagte Lucia, welche nahe daran war, 133 in ihren Schrecken zurück zu verfallen;„ich habe es verſprochen und ich nehme mein Wort nicht zurück. Aber bedenke auch, wie Du mich zu dem Verſprechen gebracht haſt. Gott wolle nicht... „Warum willſt Du Dich ſchlimmen Ahnungen hin⸗ geben, Lucia? Gott weiß, daß wir gegen Niemand ein Unrecht begehen.“ „Verſprich mir wenigſtens, daß dies das letzte Mal ſein ſoll!“. „Ich verſpreche es, ſo wahr ich ein armer Burſche in!“ „Aber dießmal müßt Ihr es auch halten,“ ſagte Agneſe.“ Hier geſteht der Autor, noch etwas Anderes nicht zu wiſſen: ob nämlich Lucia durchaus und in jeder Be⸗ ziehung unzufrieden geweſen ſei, daß man ihr die Ein⸗ willigung abgenöthigt. Wir laſſen, wie er, die Sache dahingeſtellt ſein. Renzo hätte die Unterredung gern in die Länge ge⸗ zogen, um noch beſonders darüber zu ſprechen, was am folgenden Tag geſchehen ſolle; aber es war ſchon finſter und die Frauen wünſchten ihm gute Nacht, da es ihnen nicht ehrbar ſchien, daß er zu dieſer Stunde länger verweile. Die Nacht verging für alle Drei ſo gut, wie eine Nacht vergehen kann, die auf einen Tag voll Aufre⸗ gung und Herzeleid folgt und einem andern Tag vor⸗ hergeht, der zu einem wichtigen, aber keineswegs ſicheren Unternehmen beſtimmt ift. Renzo zeigte ſich ſchon am frühen Morgen und beſprach mit den Frauen oder viel⸗ mehr mit Agneſe die große Operation des Tages, wo⸗ bei Beide gegenſeitig Schwierigkeiten aufwarfen und lösten, Widerwärtigkeiten vorausſahen und Eins um's Andere wieder anfingen, den Sachbeſtand zu ſchildern, wie man eine vollendete Thatſache erzählen würde.. Lucia hörte zu, und ohne mit Worten etwas gut zu 134 heißen, was ſie in ihrem Herzen nicht gut heißen konnte, verſprach ſie, ihr Beſtes dabei zu thun. „Werdet Ihr in's Kloſter hinabgehen, um mit dem Pater Criſtoforo zu ſprechen, wie er geſtern Abend zu Euch geſagt hat?“ fragte Agneſe den Jüngling. „Das fällt mir gar nicht ein,“ antwortete dieſer. „Ihr wißt, was für verteufelte Augen der Pater im Kopf hat: er würde mir aus dem Geſicht wie aus einem Buche leſen, daß irgend etwas im Werke iſt, und wenn er anfinge, mich in's Gebet zu nehmen, ſo möchte ich mich nicht zum Beſten herausbeißen. Ohnehin muß ich im Dorfe bleiben, um die Sache hier zu betreiben. Es wird am beſten ſein, wenn Ihr Jemand hinſchickt.“ „Ich will Menico ſchicken.“ „Ganz gut,“ antwortete Renzo und ging, um vie Sache zu betreiben, wie er geſagt hatte. Agneſe ging in's Nachbarhaus, um nach Menico zu fragen, einem aufgeweckten und für ſein Alter ſehr verſtändigen Jungen, der in Folge von allerlei Vetter⸗ ſchaften auch ein wenig mit ihr verwandt war. Sie bat ſich ihn gleichſam kehnweiſe von ſeinen Eltern aus, „zu einer gewiſſen Dienſtleiſtung,“ wie ſie ſagte. Als ſie ihn bekommen hatte, führte ſie ihn in ihre Küche, gab ihm ein Frühſtück und trug ihm auf, nach Pes⸗ carenico zu gehen und ſich dem Pater Criſtoforo zu zeigen, welcher ihn mit einer Antwort zurückſchicken werde, wenn es Zeit ſei.„Der Pater Criſtoforv, der ſchöne weiße Mann, weißt Du, mit dem weißen Bart, ſie nennen ihn den Heiligen.“ „Ich weiß ſchon,“ ſagte Menico.„Er hat immer ſeine Freude an den Kindern und ſchenkt ihnen von Zeit zu Zeit ein Heiligenbild.“ „Ganz richtig, Menico. Und wenn er Dir ſagt, Du follſt eine Zeitlang in der Nähe des Kloſters blei⸗ ben, ſo laufe nicht weg. Gehe ja nicht mit den andern Jungen an den See, um glatte Steinchen über das Waſſer hüpfen zu laſſen, oder der Fiſcherei zuzuſehen, 135 oder mit den Netzen zu ſpielen, die zum Trocknen an der Mauer aufgehängt ſind.“ t2n „O Baſe, ich bin doch kein kleines Kind mehr!“ „Gut, benimm Dich nur recht gut, und wenn Du mit der Antwort zurückkommſt... da ſchau her, dann ſchenke ich Dir dieſe zwei ſchönen, neuen Parpajolen da.“ „Gebt ſie immer her, denn...“ „Nein, nein, Du würdeſt am Ende damit ſpielen. Gehe, führ' Dich gut auf, dann ſollſt Du auch noch mehr bekommen.“ Im weiteren Verlauf dieſes langen Morgens ergab ſich noch mancherlei Neues, wodurch die vereits beklom⸗ menen Gemüther der Frauen noch mehr geängſtigt wurden. Ein Bettler, der weder ausgehungert noch zer⸗ lumpt, wie Andere ſeines Gleichen, ausſah, dagegen etwas Finſteres und Unheimlichts im Geſicht hatte, verlangte um Gottes willen ein Almoſen und warf da⸗ bei ſpähende Blicke nach rechts und links. Man reichte ihm ein Stück Brod, das er mit ſchlecht verhehlter Gleichgültigkeit annahm und einſteckte. Dann verweilte er mit einer gewiſſen Unverſchämtheit und zugleich Un⸗ ſchlüſſigkeit einige Zeit und ſtellte eine Menge Fragen, auf welche Agneſe immer das Gegentheil von dem wah⸗ ren Sachverhalt antwortete. Als er endlich aufbrach, um fortzugehen, that er, als ob er die Thüre verfehlte, trat durch diejenige, welche zur Treppe führte, und ſchaute ſich in der Geſchwindigkeit ſo gut er konnte um. Man rief ihm nach:„He, he, wohin geht Ihr, guter Mann? da hinaus!“ Und nun kehrte er um und ging zu der Thüre hinaus, die man ihm gezeigt hatte, in⸗ dem er mit einer erzwungenen Unterwürfigkeit und De⸗ muth, welche in den wilden und rauhen Zügen dieſes Geſichtes kaum Platz fand, eine Entſchuldigung vor⸗ brachte. Nach ihm ließen ſich auch noch ferner von Zeit zu Zeit andere fremde Geſichter ſehen. Welcher Schlag von Menſchen es war, hätte man nicht leicht ermitteln können; aber man konnte ebenſo wenig glau⸗ 136 ben, daß ſie die ehrbaren Wanderer waren, welche ſie ſcheinen wollten. Einer trat unter dem Vorwand, nach dem Wege zu fragen, ein, Andere begannen, an der Thüre angelangt, langſamer zu gehen und warfen über den Hof weg verſtohlene Blicke in die Stube, wie Je⸗ mand, der ſehen will, ohne Argwohn zu erregen. End⸗ lich gegen Mittag hörte die widerliche Proceſſion auf. Agneſe erhob ſich von Zeit zu Zeit, ging über den Hof, trat vor die Thüre nach der Straße zu, ſchaute ſich rechts und links um und ſagte, als ſie zurückkam:„Niemand,“ ein Wort, das ſie mit Vergnügen ausſprach und das Lucia mit Vergnügen hörte, ohne daß die Eine oder Andere genau gewußt hätte, warum. Aber bei Beiden blieb eine unbeſtimmte Bangigkeit zurück, welche ihnen, und beſonders der Tochter, einen großen Theil des raubte, den ſie ſich für den Abend aufgeſpart atten. Es geziemt ſich indeß, daß der Leſer etwas Ge⸗ naueres über dieſe geheimnißvollen Herumſtreicher er⸗ fahre; um ihn nun in aller Ordnung in's Klare zu ſetzen, müſſen wir einen Schritt zurückthun und Don Rodrigo wieder aufſuchen, welchen wir geſtern nach dem Mittagsmahle beim Weggang des Paters Criſto⸗ foro allein in einem Saale ſeiner Burg verlaſſen haben. Don Rodrigo durchmaß, wie geſagt, mit großen Schritten dieſen Saal, an deſſen Wänden Familienbil⸗ der von verſchiedenen Generationen hingen. Als er mit dem Geſichte vor einer Wand ſtand und umkehrte, ſah er ſich gegenüber einen ſeiner Ahnherren, einen Kriegsmann, den Schrecken der Feinde und ſeiner eige⸗ nen Soldaten, trotzigen Blicks, mit kurzen, auf der Stirne emporgeſträubten Haaren, einem ſpitzgedrehten Schnurrbart, der über die Wangen hinausragte, und mit ſchrägem Kinn. Der Held ſtand aufrecht, mit Bein⸗ ſchienen, Schenkelharniſch, Panzer, Armſchienen, Hand⸗ ſchuhen, Alles von Eiſen; die rechte Hand in die Seite geſtemmt, die linke am Griff ſeines Schwertes. Don 137 Rodrigo betrachtete ihn, und als er unter ihm ange⸗ kommen war und ſich umdrehte, ſiehe, da ſchaute ihm ein anderer Ahnherrentgegen, ein Magiſtrat, der Schrecken aller Prozeßführenden; er ſaß auf einem hohen, roth⸗ ſammetnen Stuhle, war in eine ſchwarze, weite Toga gehüllt und überhaupt ganz ſchwarz bis auf einen weißen Halskragen mit zwei breiten Blättern und eingeſchla⸗ genem Zobelfutter(es war dies das Unterſcheidungs⸗ zeichen der Senatoren, das ſie aber nur im Winter trugen, daher man nicht leicht ein Senatorenbild in Sommertracht findet). Er war bleich, hatte die Brauen gerunzelt, hielt in der Hand eine Bittſchrift und ſchien zu ſagen: Wir wollen ſehen. Weiterhin eine Matrone, der Schrecken ihrer Zofen; ferner ein Abt, der Schrecken ſeiner Mönche, kurz, lauter Leute, welche Schrecken ein⸗ geflößt hatten und noch in ihren Bildniſſen einflößten. In Gegenwart ſolcher Erinnerungen ergrimmte Don Rodrigo noch mehr, er ſchämte ſich und konnte ſich nicht dabei beruhigen, daß ein Mönch es gewagt habe, mit der Frechheit eines Nathan vor ihn zu treten. Er entwarf einen Racheplan, gab ihn wieder auf, ſann nach, wie er ſeiner Leidenſchaft und dem, was er Ehre nannte, zugleich genügen könnte, aber manchmal(man ſehe nur!), als er die Anfangsworte jener Prophezeihung in ſeinen Ohren wiedertönen hörte, ſchauderte er plötz⸗ lich zuſammen und war nahe daran, dem Gedanken an dieſe doppelte Genugthuung zu entſagen. Endlich rief er, um doch etwas zu thun, einen Diener und befahl ihm, ihn bei der Geſellſchaft zu entſchuldigen, indem er durch ein dringendes Geſchäft aufgehalten ſei. Als der Diener zurückkam und meldete, die Herren ſeien fortgegangen und haben ihre gehorſamſten Empfehlungen zurückgelaſſen, fragte Don Rodrigo, noch immer auf⸗ und abgehend:„Und Graf Attilio?“ „Er iſt mit den Herren ausgegangen, gnädiger Herr.“ 138 „Gut, ſechs Mann Gefolge zum Spaziergang; ſchnell! Schwert, Mantel, Hut, ſchnell! Der Diener ging mit einer Verbeugung ab und kam bald darauf mit dem koſtbar verzierten Schwerte wieder, das er umgürtete, mit dem Mantel, den er ſich über die Schultern warf, mit dem hohen Federhut, den er aufſetzte und mit einem derben Schlag ſeiner flachen Hand auf dem Kopfe feſtdrückte, ein Zeichen, daß es ſtürmiſches Wetter war. Er ſetzte ſich in Bewegung und traf auf der Schwelle die ſechs Trabanten, von Kopf zu Fuß bewaffnet, die, nachdem ſie ein Spalier gebildet und ſich vor ihm verbeugt hatten, hinter ihm hergingen. Mürriſcher, hochmüthiger und finſterer als ewöhnlich zog er aus und ſpazierte gegen Lecco zu. ie Landleute, denen er begegnete, zogen tief ihre Hüte ab und verbeugten ſich bis auf die Erde; der Unhöf⸗ liche, der ſeine Kopfbedeckung ſitzen gelaſſen, hätte von Glück ſagen können, wenn einer der Bravi aus dem Gefolge ſich damit begnügt hätte, dieſelbe mit einem derben Schlag herabzuwerfen. Dieſe Begrüßungen er⸗ wiederte Don Rodrigo nicht. Die Leute von gebil⸗ deterem Stand bezeugten gleichfalls ihre Ehrfurcht dem Manne, welcher ohne Widerrede der Mächtigſte unter ihnen war, und dieſen dankte er mit einer ſtolzen Her⸗ ablaſſung. Am genannten Tage kam es nicht vor, aber wenn es vorkam, daß er dem ſpaniſchen Herrn Kaſtellan begegnete, dann war die Verbeugung von beiden Sei⸗ ten gleich tirf. Das Verhältniß war wie zwiſchen zwei Potentaten, die nichts mit einander zu thun haben wol⸗ len, aher Anſtands halber der gegenſeitigen Würde die gebührende Ehre erweiſen. Um ſeine böſe Laune ein wenig zu vertreiben und dem Bilde des Mönchs, das noch immer ſeine Phantaſie belagert hatte, ganz ver⸗ ſchiedene Geſichter und⸗Geberden entgegenzuſtellen, ver⸗ fügte ſich Don Rodrigo an dieſem Tage in ein Haus, wo eine Geſellſchaft verſammelt war und wo er mit der geſchäftigen und ehrfurchtsvollen Herzlichkeit empfan⸗ 139 gen wurde, womit man Leuten begegnet, die große Liebe oder große Furcht einflößen; endlich, als es Nacht wurde, kehrte er auf ſeine Burg zurück. Graf Attilio war in demſelben Augenblick zurückgekommen, und nun wurde das Abendeſſen aufgetragen, bei welchem Don Rodrigo gedankenvoll daſaß und wenig ſprach. Vetter, wann bezahlt Ihr die Wette?“ ſagte mit boshafter und beinahe ſpöttiſcher Miene Graf Attilio, als die Tafel aufgehoben und die Diener abgetreten waren. Martini iſt noch nicht vorüber.“ „Ihr werdet alſo bald bezahlen; denn alle Heiligen des Kalenders werden vorübergehen, bevor Ihr... „Eben das wird ſich zeigen.“ „Vetter, Ihr wollt den Politiker ſpielen, aber ich habe Alles durchſchaut und bin meiner Sache ſo gewiß, daß ich mich erbiete, noch eine andere Wette einzu⸗ gehen „Welche?“ „Daß der Pater der Pater. was weiß ich? kurz, daß der Pater Euch bekehrt hat.“ „Wahrlich, ein Gedanke, wie ſie nur in Eurem Kopfe wachſen können!“ „Bekehrt, Vetter, bekehrt, ſage ich Euch. Ich für meinen Theil habe meine Freude Nran. Wißt, daß es ein ſchönes Schauſpiel ſein wird, Euch ganz zerknirſcht und mit niedergeſchlagenen Augen zu ſehen. Und wel⸗ cher Ruhm für dieſen Pater! Wie hochmüthig wird er nach Hauſe gegangen ſein! Solche Fiſche fängt man freilich nicht alle Tage und nicht in allen Netzen. Seid jeder nur etwas entfernten Miſſion von Eurem Handel ſprechen wird. Ich meine ihn ſchon zu hören.“ Nun begann er durch die Naſe zu ſprechen, und indem er die Worte mit übertriebenen Geberden begleitete, fuhr er im Predigertone fort:„In einer Gegend, die ich aus 3 Rückſichten nicht nenne, lebte, in Chriſto geliebte Zu⸗ verſichert, daß er Euch als Beiſpiel anführen und auf . 140⁰ hörer, und lebt noch immer ein zügelloſer Edelmann, welcher die Weiber mehr liebte, als die ehrbaren Män⸗ ner, welcher gewöhnt war, allen ſeinen Lüſten zu fröh⸗ nen, und ſeine Augen auf...“ „Genug, genug,“ ſiel Don Rodrigo halb lächelnd und halb verdrießlich ein;„wenn Ihr die Wette ver⸗ doppeln wollt, ſo bin ich auch dazu bereit.“ „Teufel, dann habt am Ende Ihr den Pater be⸗ kehrt!“ „Sprecht mir nicht von dem. Und was die Wette betrifft, ſo wird der heilige Martin entſcheiden.“ Die Neugierde des Grafen war gereizt; er ſtellte eine Frage um die andere, aber Don Rodrigo wußte allen auszuweichen, indem er ſich fortwährend auf den Tag der Entſcheidung berief und ſeinerſeits Pläne, die bis jetzt weder eingeleitet noch überhaupt feſt beſchloſſen waren, nicht mittheilen wollte. Am folgenden Morgen erwachte Don Rodrigo als Don NRodrigo. Das bischen Zerknirſchung, welches die prophetiſchen Worte:„Es wird ein Tag kommen,“ ihm in den Leib gejagt hatten, war mit den Träumen der Nacht verſchwunden, und nur der Zorn war zurück⸗ geblieben, noch geſteigert durch die Reue über dieſe vorübergehende Schwäche. Die noch friſcheren Bilder ſeines triumphartigen Spaziergangs, der Verbeugun⸗ gen und des herzlichen Willkomms, womit man ihn empfangen, ſo wie die Neckereien des Wetters, hatten nicht wenig dazu beigetragen, ihn wieder in ſeine alte Stimmung zu verſetzen. Kaum hatte er ſich erhoben, ſo ließ er den Grauen rufen.— Wichtige Dinge, dachte der Diener, welchem dieſer Befehl ertheilt wurde, denn der Menſch, der dieſen Zunamen führte, war nichts Geringeres, als das Oberhaupt der Bravi, derjenige, welchem die gefährlichſten und frechſten Unternehmungen übertragen wurden. Er war der vertrauteſte Diener des Herrn und aus Dankbarkeit ſowohl als aus Eigen⸗ nutz ihm unbedingt ergeben. Eines öffentlichen Mor⸗ 141¹ des ſchuldig, hatte er, um ſich den Verfolgungen der Juſtiz zu entziehen, Don Rodrigo's Schutz angefleht, und dieſer hatte ihn, indem er ihn in ſeine Dienſte nahm, vor aller Verfolgung ſicher geſtellt. Der Ban⸗ dit hatte alſo dadurch, daß er ſich zu jedem Verbrechen verpflichtete, das ihm befohlen wurde, Strafloſigkeit für das erſte erworben. Für Don Rodrigo war die Acquiſition von nicht geringer Bedeutung geweſen; denn der Graue war nicht nur ohne allen Vergleich der Tapferſte in ſeiner Dienerſchaſt, ſondern zugleich ein lebendiger Beweis für das, was ſein Herr mit glücklichem Erfolg gegen die Geſetze hatte wagen kön⸗ nen, ſo, daß ſeine Macht dadurch factiſch ſowohl als in der öffentlichen Meinung vergrößert wurde. „Grauer,“ ſagte Don Rodrigo,„jetzt wird es ſich zeigen, was Du vermagſt; vor morgen noch muß dieſe Lucia ſich in meiner Burg befinden.“ „Man ſoll niemals ſagen, daß der Graue vor einem Befehl ſeines gnädigſten Herrn zurückgetreten ſei.“ „Nimm ſo viel Leute, als nöthig ſind, ſchalte und walte, wie es Dir gut däucht; wenn nur die Sache gut ausfällt: aber ſei vor Allem bedacht, daß ihr kein Leid geſchieht.“ „Herr, ein klein Bischen Angſt, damit ſie nicht gar zu großen Lärm macht, das wird man wohl nicht erſparen können.“ „Angſt, ja ich begreife es... Das iſt unver⸗ meidlich. Aber es darf ihr kein Haar gekrümmt wer⸗ den, und vor Allem muß man ihr mit der höchſten Achtung begegnen.“ „Herr, man kann keine Blume vom Stocke brechen und ſie Euer Gnaden bringen, ohne ſie einigermaßen zu berühren. Aber es ſoll nur das Allernothwendigſte geſchehen.“ „Du hafteſt mit Deinem Kopfe dafür. Nun... wie willſt Du es machen?“ „Ich dachte eben darüber nach, Herr. Es iſt ein 142 Glück, daß das Haus am Ende des Dorfes ſteht. Wir bedürfen eines Ortes, um Halt zu machen, und da iſt nun gerade in der Nähe ein altes, unbewohntes Häus⸗ chen mitten im Felde, ein Haus... Euere Gnaden wird wohl nichts davon wiſſen.. ein Haus, das vor vier Jahren abgebrannt iſt und zu deſſen Wieder⸗ herſtellung die Leute nicht das Geld auftreiben konnten, daher ſie es verließen. Jetzt treiben ſich die Heren darin herum, aber es iſt nicht Sonnabend, und ich lache ſie aus. Die Bauernleute, die den ganzen Kopf voll von abergläubiſchen Meinungen haben, würden ſich in keiner Nacht der Woche hineinwagen, und wenn man ihnen Schätze böte. Wir können alſo ganz ſicher hineingehen und überzeugt ſein, daß Niemand uns in unſerm Geſchäfte ſtören wird.“ „Gut, und dann?“ Jetzt begann der Granue ſeine Vorſchläge zu machen und mit Don Rodrigo zu beſprechen, bis ſie die Art verabredet hatten, wie das Unternehmen auszuführen ſei, ohne daß man dem Urheber auf die Spur kommen könne, wie man ferner durch trügliche Anzeichen den Verdacht auf eine andere Seite wälzen, der armen Ag⸗ neſe Stillſchweigen auferlegen und Renzo eine ſolche Angſt einjagen müſſe, daß ihm der Schmerz, der Ge⸗ danke ſich an die Juſtiz zu wenden und ſogar die Luſt ſich zu beklagen vergehe. Kurz und gut, ſie vereinigten ſich über alle zum Gelingen des Hauptbubenſtücks nd⸗ thigen Schelmſtreiche. Wir unterlaſſen es von dieſen Verabredungen zu berichten, denn ſie ſind, wie der Le⸗ ſer ſehen wird, zum Verſtändniß der Geſchichte nicht nöthig, und wir mögen ſowohl uns ſelbſt als auch ihn nicht lange damit aufhalten, dieſe zwei widerlichen Schurken mit einander verhandeln zu ſehen. Es ge⸗ nügt, daß, als der Graue wegging, um die Hand an's Werk zu legen, Don Rodrigo ihn zurückrief und zu ihm ſagte:„Höre einmal, wenn Dir der verwegene Geſelle heute Abend zufällig unter die Klauen kommen ——— 1¹3 ſollte, ſo wäre es nicht übel, wenn man ihm abſchläg⸗ lich eine derbe Erinnerung auf die Schultern gäbe. Auf dieſe Art wird der Befehl, den man ihm morgen ertheilen wird, ſich ruhig zu verhalten, nur um ſo ſicherer ſeine Wirkung thun. Ihr braucht ihn aber nicht gerade aufzuſuchen, um die Hauptſache nicht zu verderben. Haſt Du mich verſtanden?“ „Laßt nur mich machen,“ antwortete der Graue, indem er ſich mit ehrerbietiger und zugleich großſpre⸗ cheriſcher Miene verbeugte, und damit ging er. Der Morgen wurde mit Recognoscirung des Terrains zu⸗ gebracht. Der falſche Bettler, der ſich auf die oben⸗ gemeldete Art in das arme Häuschen gedrängt hatte, war Niemand anders geweſen, als der Graue, welcher kam, um den Grundriß in's Auge zu faſſen; die falſchen Wanderer waren ſeine Spießgeſellen geweſen, die einer oberflächlichen Ortskenntniß bedurften, um unter ſeinen Befehlen zu operiren. Nachdem ſie das Nöthige ausge⸗ kundſchaftet, hatten ſie ſich nicht mehr blicken laſſen, um nicht alliu großen Verdacht zu erwecken. Als ſie ſämmtlich in die Burg zurückgekehrt waren, ſtattete der Graue ſeinen Bericht ab, ſetzte den Plan des Unternehmens unwiderruflich feſt, theilte die Rollen aus, gab ſeine Anweiſung an. Dieß Alles konnte nicht geſchehen, ohne daß der alte Diener, der Augen und Ohren fortwährend offen hatte, bemerkte, daß etwas Wichtiges vorgenommen wurde. Durch Horchen und Fragen, indem er bald hier, bald dort eine halbe No⸗ tiz erhaſchte, indem er ſich ein dunkeles Wort klar machte und einen geheimen Gang richtig zu deuten ſuchte, brachte er es endlich bis zu einem gewiſſen kla⸗ ren Begriff von dem Unternehmen, das in der Nacht ausgeführt werden ſollte. Als er aber dieſes heraus⸗ gebracht hatte, war auch die Nacht nicht mehr ſehr fern, und bereits war ein kleiner Vortrab des Mord⸗ geſindels in's Feld gerückt und auf dem Wege ſich in dem verödeten Häuschen in Hinterhalt zu legen. Der 144 arme Alte ſah zwar recht wohl ein, welch ein gefähr⸗ lich Spiel er ſpielte, und fürchtete überdieß mit ſeiner Hülfe zu ſpät zu kommen, aber er wollte dennoch ſein Verſprechen halten; er ging daher, unter dem Vor⸗ wand, etwas Luft zu ſchöpfen, aus und eilte, ſo ſehr er fonnte, nach dem Kloſter, um dem Pater Criſtoforo den verſprochenen Bericht zu bringen. Bald darauf ſetzten ſich die anderen Spießgeſellen in Bewegung und gingen vereinzelt, oder auch zu zwei, um nicht als Bande zu erſcheinen, hinab; der Graue kam hinten⸗ drein, und es blieb nur noch eine Sänfte übrig, die bei vorgerücktem Abend vor das Häuschen geſchafft wer⸗ den ſollte und wirklich geſchafft wurde. Als ſie hier verſammelt waren, ſchickte der Graue drei von ihnen nach dem Wirthshaus des Dorfes ab; Einer ſollte ſich an die Thüre ſtellen, um Alles zu beobachten, was auf der Straße vorging, und den Augenblick abzuwarten, wo ſämmiliche Bewohner ſich zur Ruhe begeben hätten. Die zwei Anderen ſollten darinnen, ſcheinbar bloß zu ihrem Vergnügen, ſpielen und trinken, inzwiſchen aber wohl Acht geben und Alles erſpähen, was etwa der Mühe werth wäre. Er ſelbſt blieb mit der Haupt⸗ macht im Hinterhalte liegen. Der arme Alte trabte noch immer zu, die drei Kundſchafter beſetzten ihren Poſten, die Sonne ſank, als Renzo bei den Frauen eintrat und zu ihnen ſagte: „Tonio und Gervaſo ſind draußen; ich gehe mit ihnen in's Wirthshaus, um etwas zu Abend zu eſſen; ſobald es Ave Maria läutet, kommen wir zurück und holen Euch ab. Auf, Lucia, faſſe Muth! In einem Augen⸗ blick iſt Alles abgethan.“ Luria ſeufzte und antwor⸗ tete:„Ach, ja, ich habe ſchon Muth;“ aber ſie ſagte das mit einer Stimme, die ihre Worte Lügen ſtrafte. Als Renzo mit ſeinen beiden Gefährten in's Wirths⸗ haus kam, krafen ſie dort bereits einen Bravo als Schildwache aufgepflanzt; er nahm die halbe Oeffnung der Thüre ein, lehnte ſich mit dem Rücken an den 4 Pfoſten, hatte die Arme über der Bruſt gekreuzt und gaffte bald nach links, bald nach rechts, indem er ab⸗ wechſelnd, bald das Weiße, bald das Schwarze zweier hobichtsaugen blitzen ließ. Eine flache, ſchieffitzende WMütze von karmeſinrothem Sammet bedeckte die Hälfte 145 ſeines Schopfes, welcher ſich auf einer braunen Stirne 3 theilte und in⸗ Flechten ausging, die mit einem Kamm im Nacken befeſtigt waren. Er hielt einen dicken Stock in der Hand, eigentliche Waffen zeigte er nicht, aber man brauchte ihm nur in's Geſicht zu ſehen, ſo würde jedes Kind geglaubt haben, daß er ihrer unter den Kleidern ſo viele verborgen trage, als ſie nur faſſen könnten. Als Renzo zuerſt von den dreien ſich ihm nahte und Miene machte, eintreten zu wollen, ſchaute der Bravo ihn, ohne ſich zu bewegen, ſtarr und feſt an; der Jüngling aber, der allen Streit zu vermeiden 6 ſuchte, wie jeder thut, der ein wichtiges Unternehmen 4 Ende zu bringen wünſcht, erſuchte ihn nicht einmal latz zu machen, ſondern hielt ſich dicht an dem andern Pfoſten und ſchob ſich guer von der Seite durch die 3 noch übrige Oeffnung. Seine beiden Begleiter mußten dieſelbe Bewegung machen, um einzutreten. In der Wirthsſtube angelangt, ſahen ſie die Anderen, deren Stimmen ſie bereits gehört hatten, jene beiden Rauf⸗ bolde, die an einem kleinen Tiſche ſaßen und Mora ſpielten, indem ſie beide zugleich ſchrieen und abwech⸗ ſelnd aus einer großen, zwiſchen ihnen ſtehenden Flaſche einſchenkten. Auch ſie faßten die Ankömmlinge ſcharf in's Auge, und beſonders einer von ihnen, der die rechte Hand mit drei dicken ausgeſpreizten Fingern in die Höhe hielt, und den Mund zu einem dröhnenden „ſechs“ aufgeriſſen hatte, welches eben in dieſem Au⸗ ⁰ genblicke herausgeplatzt war, maß Renzo vom Wirbel bis zur Zeh, und blinzelte zuerſt ſeinem Mitſpieler, 1 dann der an der Thüre ſtehenden Schildwache zu, die nit einem Kopfnicken antwortete. Renzo ſah argwöh⸗ 3 niſch und ungewiß ſeine beiden Gäſte an, als ob er. Die Verlobten. 1. 10 146 auf ihren Geſichtern eine Deutung dieſes Mienenſpiels zu leſen hoffte, aber ihr ganzes Weſen verkündete nichts Anderes, als einen guten Appetit. Der Wirth blickte ihn an, zum Zeichen, daß er ſeinen Befehlen entgegen⸗ ſehe; er nahm ihn mit ſich in ein Nebenzimmer und beſtellte ein Abendeſſen. „Wer ſind dieſe Fremden?“ fragte er dann leiſe, als der Gaſtgeber mit einem groben Tiſchtuch unter dem Arm und einer Flaſche in der Hand wiederkehrte. „Ich kenne ſie nicht,“ antwortete dieſer, ſein Tiſch⸗ tuch ausbreitend. „Kennet Ihr gar keine von ihnen?“ „Ihr wißt ja,“ antwortete der Wirth abermals, indem er mit beiden Händen das Tafeltuch auf dem Tiſche glatt ſtrich,„bei unſerm Gewerbe iſt die erſte Regel, daß man ſich um das Getriebe Anderer nichts bekümmert; dieß geht ſo weit, daß ſogar unſere Wei⸗ ber nicht neugierig ſind. Da ſtünde es ſchön mit uns, wenn ſo viele Leute ein⸗ und auegehen; bei uns iſt es wie in einem Seehafen, d. h. nämlich, wenn die Jahre nicht gar zu ſchlecht ſind; aber wir wollen den Muth nicht ſinken laſſen, die gute Zeit wird ſchon einmal wie⸗ derkommen. Wir ſind zufrieden, wenn unſere Gäſte ordentliche Leute ſind; aber wer ſie ſind und wer ſte nicht ſind, das geht uns nichts an. Jetzt will ich Euch einmal eine Schüſſel Fleiſchklöße vorſetzen, wie Ihr ſie noch nie gegeſſen habt.“ „Wie wollt Ihr wiſſen?...“ begann Renzo wie⸗ der; aber der Wirth, der bereits den Weg nach der Küche eingeſchlagen hatte, ließ ſich nicht irre machen. Während er dort an die Pfanne mit den oben erwähn⸗ Fleiſchklößen Hand anlegte, näherte ſich ihm geräuſch⸗ los der Bravo, der unſern Jüngling bereits ſcharf gemuſtert hatte, und ſagte leiſe:„Wer ſind dieſe Leute da?“ Brave Burſche aus unſerem Dorf,“ antwortete der Wirth, indem er die Klöße in die Schüſſel ſchüttete 147 „Schon gut, aber wie heißen ſie? wer ſind ſie?“ fragte der Andere in etwas ſcharfem Tone weiter. „Der Eine heißt Renzo,“ antwortete der Wirth ebenfalls leiſe:„er iſt ein braver, ordentlicher Junge, ein Seidenſpinner, der ſein Handwerk gut verſteht. Der Andere iſt ein Bauer, Namens Tonio, ein guter, luſtiger Geſelle: nur Schade, daß er nicht viel hat, er ließe ſonſt Alles bei mir ſitzen. Der Dritte iſt ein dummer Teufel, der gerne mitißt, wenn man ihm Etwas gibt. Mit Verlaub!“ Mit einem Seitenſprunge ging er ſofort zwiſchen dem Ofen und dem Fragſteller hindurch, um die Schüſ⸗ ſel ſeinen Gäſten vorzuſtellen.„Wie wollt Ihr wiſſen,“ begann Renzo ſogleich wieder, als er ihn zurückkommen ſah,„wie wollt Ihr wiſſen, daß es ehrliche Leute ſind, wenn Ihr ſie nicht kennet.“ „Aus ihrem Benehmen, mein Lieber; man kennt den Menſchen aus ſeinem Benehmen. Diejenigen, welche den Wein trinken, ohne ihn zu bekritteln, die auf der Bank Geſichter machen wie der König, ohne viel zu ſchwatzen; die mit den andern Gäſten keinen Streit anfangen und, wenn ſie einem einen Meſſerſtich beizu⸗ bringen haben, in einer gewiſſen Entfernung vom Wirths⸗ haus ihm auflauern, ſo daß der arme Wirth nicht in Ungelegenheiten kommt, das find rechtſchaffene Leute. Freilich, wenn man einander ſo genau kennt, wie wir vier einander kennen, ſo iſt es noch beſſer. Aber wel⸗ cher Teufel iſt in Euch gefahren, daß Ihr ſo vielerlei wiſſen wollt, während Ihr doch Bräutigam ſeid und ganz andere Dinge im Kopfe haben müßt? Ueberdies habt Ihr dieſe Klöße vor Euch ſtehen, die einen Tod⸗ ten wieder erwecken müßten.“ Mit diefen Worten kehrte er nach der Küche zurück. Indem unſer Autor auf die verſchiedene Art und Weiſe aufmerkſam macht, wie der Wirth die Fragen ſeiner Gäſte beantwortete, ſagt er, verſelbe ſei ein ſol⸗ cher Mann geweſen, der in allen ſeinen Reden große 148 Freundſchaft für alle rechtſchaffenen Leute zu Markte getragen, in der praktiſchen Ausführung aber ſich viel gefälliger gegen diejenigen gezeigt habe, welche im Rufe von Spitzbuben geſtanden oder das Anſehen von ſolchen gehabt haben. Er war, wie jedermann ſieht, ein Mann von ſehr ſonderbarem Charakter. Beim Abendeſſen waltete keine große Heiterkeit vor. Die beiden Gäſte hätten die Freuden deſſelben gern in langſamer Behaglichkeit genoſſen, der Einlader aber, der ſeinen Kopf voll von Dingen hatte, die der Leſer weiß, und den das auffallende Benehmen dieſer Unbe⸗ kannten beläſtigte, ja ſogar ein wenig beunruhigte, konnte die Stunde zum Aufbruch kaum erwarten. Man ſprach aus Rückſicht auf die Fremden leiſe, und zwar nur abgebrochene und verdroſſene Worte. „Es dünkt mich luſtig,“ platzte auf einmal Ger⸗ vaſo heraus,„daß Renzo ein Weib nehmen will und dazu nöthig hat Renzo ſchnitt ihm ein ſchiefes Geſicht.„Willſt Du ſchweigen, Du Eſelskopf,“ ſagte Toniv und begleitete dieſen Ehrentitel mit einem El⸗ lenbogenſtoß. Die Unterhaltung ſchleppte ſich matt bis an ihr Ende fort. Renzo beobachtete eine ſtrenge Mäßigkeit und ſchenkte auch den beiden Zeugen nur behutſam ein, ſo daß ſie etwas Muth bekommen ſoll⸗ ten, ohne allzu luſtig zu werden. Nachdem abgeſpeist war und derjenige, der ſich am wenigſten gütlich ge⸗ than, die Zeche bezahlt hatte, mußten ſie alle drei wie⸗ der an den Fratzengeſichtern vorüber, die ſich wie das erſte Mal alle Renzo zukehrten. Als er einige Schritte weit gegangen war, blickte er um ſich und ſah, daß die beiden, die bei ſeinem Weggang in der Küche geſeſſen, ihm folgten: Er blieb daher mit ſeinen Begleitern ſte⸗ hen, wie wenn er ſagen wollte:„Laßt ſehen, was die von mir wollen.“ Aber als die zwei Bravi ſahen, daß ſie beobachtet waren, blieben ſie gleichfalls ſtehen, ſpra⸗ chen leiſe mit einander und kehrten wieder um. Wäre Renzo nahe genug geweſen, um ihre Worte hören zu 1⁴9 können, ſo würde er ſich nicht wenig darüber verwun⸗ dert haben:„Es würde uns aber doch,“ ſagte einer der Schufte,„vom Trinkgeld ganz abgeſehen, nicht we⸗ nig Ehre bringen, wenn wir bei unſerer Rückkehr nach der Burg erzählen könnten, daß wir ihm in aller Ge⸗ ſchwindigkeit das Kamiſol ausgeklopft haben, und zwar auf eigene Fauſt, ohne daß der Herr Graue es uns befohlen.“ „Wenn wir aber das Hauptgeſchäft damit verder⸗ ben!“ antwortete der Andere.„Sieh nur, er hat ge⸗ wiß ſchon etwas gemerkt, er bleibt ſtehen, um uns zu beobachten. Ja, wenn es ſpäter wäre! Laßt uns zu⸗ rückgehen, damit wir keinen Verdacht erwecken. Sieh, es kommen von allen Seiten Leute herbei, wir müſſen ſie vorher in ihr Neſt kriechen laſſen.“ Man konnte in der That jenes Gewimmel und Geſumme beobachten, das man gegen Abend in einem Dorfe wahrnimmt, und das wenige Augenblicke darauf der feierlichen Ruhe der Nacht Platz macht. Die Wei⸗ ber kamen vom Felde, die ganz kleinen Kinder am Halſe tragend und die etwas größeren, welche ſie die Abendgebete ſprechen lioßen, an der Hand führend; die Männer zogen mit ihren Spaten und Hacken auf den Schultern heran. Wenn die Hausthüren ſich öffneten, ſah man da und dort zum Behuf der ärmlichen Mahl⸗ zeit ein Feuer brennen: auf der Straße hörte man Gruß und Gegengruß, dazwiſchen hinein auch traurige Geſpräche über die Dürftigkeit der Ernte und den Jam⸗ mer des Tages; noch lauter aber als die Geſpräche ließen ſich die helltönenden Schläge der Abendglocke vernehmen, welche das Ende des Tages ankündigten. Als Renzo ſah, daß die beiden Unverſchämten ſich zu⸗ rückgezogen hatten, ſetzte er in der zunehmenden Dun⸗ kelheit ſeinen Weg fort und ertheilte mit leiſer Stimme bald dem einen, bald dem andern Bruder noch eine Er⸗ innerung. Als ſie an Lucia's Häuschen anlangten, war es völlig Nacht geworden. „ 15⁰ Die Zeit, zwiſchen dem erſten Gedanken einer furchtbaren Unternehmung und der Ausführung derſel⸗ ben(ſo hat ein Barbar geſagt, der nicht ohne Talent war) iſt ein Traum voll von Phantaſiegebilden und Schreck⸗ niſſen. Lucia befand ſich ſeit vielen Stunden in den Bangigkeiten eines ſolchen Traumes, und Agneſe, Ag⸗ neſe ſelbſt, die Urheberein des Planes, war in Gedan⸗ ken vertieft, ſo daß ſie nur mühſam Worte fand, um ihrer Tochter Muth einzureden. Aber im Augenblick des Erwachens, in dem Augenblick, wo man die Hand ans Werk legen will, findet ſich die Seele gänzlich um⸗ gewandelt. Auf den Schrecken und den Muth, welcher bisher darin geſtritten, folgt ein anderer Schrecken und ein anderer Muth: Das ünternehmen tritt wie eine neue Erſcheinung vor die Seele; das was man am Anfang am meiſten fürchtete, ſcheint plötzlich am leich⸗ teſten geworden zu ſein; zuweilen wächſt auch das Hin⸗ derniß, das man kaum beachtet hatte, die Einbildungs⸗ kraft weicht geängſtet zurück, die Glieder verſagen ihren Dienſt und das Herz entzieht ſich den Verſpre⸗ chungen, welche es mit der größten Zuverſichtlichkeit gegeben hatte. Als Renzo leiſe anpochte, wurde Lucia von einem ſolchen Schrecken erfaßt, daß ſie in dieſem Augenblicke beſchloß, lieber Alles zu erdulden und auf ewig von ihm getrennt zu werden, als den gefaßten Be⸗ ſchluß auszuführen; aber als er ſich gezeigt und ge⸗ ſagt hatte:„Da bin ich, laßt uns gehen!“ als Alle ſich bereit zeigten ohne Zaudern zu dieſer ausgemachten un⸗ widerruflichen Sache aufzubrechen, da hatte Lucia we⸗ der Zeit noch das Herz, Schwierigkeiten aufzuwerfen, ſie fühlte ſich gleichſam ſortgeriſſen, und zitternd ergriff ſie einen Arm der Mutter, einen Arm des Bräutigams, und brach mit der abenteuernden Geſellſchaft auf. Mäuschenſtill und mit abgemeſſenen Schritten gin⸗ gen ſie in der Finſterniß zur Thüre hinaus und ſchlu⸗ gen den Weg außerhalb des Dorfes ein. Sie hätten einen kürzern Weg gehabt, wenn ſie gerade durch das 151 Dorf gingen, um an das andere Ende zu gelangen, wo Don Abbondio's Haus ſtand: aber ſie wählten dieſen andern, um nicht geſehen zu werden. Auf Fußwegen zwiſchen Gärten und Feldern hindurch kamen ſie in die Nähe des Pfarrhauſes, und da trennten ſie ſich. Die beiden Verlobten verſteckten ſich hinter der Ecke deſſelben, Agneſe mit ihnen, aber etwas mehr vor⸗ wärts, damit ſie zur rechten Zeit herbeikommen, Per⸗ petua begegnen und ſich ihrer bemächtigen könne. Tonio und der Tölpel Gervaſo, welcher von ſelbſt nichts an⸗ zufangen wußte und ohne den man doch nichts anfan⸗ gen konnte, traten dreiſt an die Thüre und ſchlugen mit dem Klopfer an. „Wer kommt noch ſo ſpät?“ rief eine Stimme am Fenſter, das ſich im Augenblick öffnete: es war Perpe⸗ tua's Stimme.„Es gibt doch, ſo viel ich weiß, keine Kranken im Dorſe. Iſt vielleicht irgend ein Unglück geſchehen?“ „Ich bin's,“ antwortete Tonio,„und mein Bruder, wir haben mit dem Herrn Pfarrer zu ſprechen.“ „Iſt das auch eine Stunde für Chriſtenmenſchen?“ erwiederte Perpetua barſch.„Was fällt Euch ein? kommt morgen wieder.“ „Ich will Euch etwas ſagen: ich komme wieder, oder ich komme nicht wieder. Es ſind mir da gewiſſe Gelder eingegangen und darum wollte ich meine kleine Schuld bezahlen, die Ihr wißt.— Ich habe fünfund⸗ zwanzig ſchöne neue Berlingen bei mir; aber wenn es nicht ſein kann, nun ſo hat es keine Eile, ich weiß ſie ſchon an den Mann zu bringen, und wenn ich wieder einmal ſo viel beiſammen habe, werde ich wiederkommen.“ „Wartet, wartet, ich komme ſogleich wieder. Aber warum mußtet Ihr auch zu dieſer Stunde kommen?“ „Wenn Ihr die Stunde ändern könnt, ſo habe ich Nichts dagegen: Jetzt bin ich einmal hier, und wenn Ihr mich nicht wollt, ſo gehe ich wieder.“ 152 „Nein, nein, wartet einen Augenblick; ich bringe ſogleich die Antwort.“ So ſprechend ſchloß ſie das Fenſter. In dieſem Augenblick trennte ſich Agneſe von den Verlobten, und nachdem ſie leiſe zu Lucia geſagt:„Faſſe Muth, es iſt nur ein Augenblick; es iſt wie wenn man ſich einen Zahn ausziehen läßt,“ geſellte ſie ſich zu den zwei Brü⸗ dern vor der Thüre und begann mit Tonio zu plau⸗ dern, ſo daß Perpetua, wenn ſie zurückkäme und ſie da ſähe, glauben ſollte, ſie ſei zufällig des Wegs ge⸗ und Tonio habe ſie einen Augenblick aufge⸗ alten. Achtes Capitel. „Karneades! Wer war dieſer?“ So ſann bei ſich ſelbſt Don Abbondio in ſeinem hohen Stuhle in einem Zimmer des obern Stockes ſitzend, wo er ein Büchlein vor ſich aufgeſchlagen hielt, als Per⸗ petua zu ihm hereintrat, um ihm die Botſchaft zu überbringen.„Karneades! Es iſt mir doch, als ob ich dieſen Namen ſchon gehört oder geleſen hätte: er muß ein ſtudirter Mann, ein großer Gelehrter des Alterthums geweſen ſein: es iſt ſo einer von dieſen Namen; aber wer zum Teufel war er denn?— So gänzlich entfernt war der arme Mann, das Ungewitter vorherzuſehen, das ſich über ſeinem Haupte zuſam⸗ menzog. Man muß wiſſen, daß Don Abbondio ſich täglich das Vergnügen machte ein paar Zeilen zu leſen, und ein benachbarter Piarrer; der eine Art von Bibliothek beſaß, lieh ihm ein Buch nach dem andern, das erſte beſte, was ihm gerade in die Hände gerieth. Dasje⸗ 153 nige, über welches Don Abbondio, der vom Fieber des Schreckens wieder zu geneſen angefangen hatte und was das Fieber ſelbſt betraf, weit geſünder war, als er ſich anmerken laſſen wollte, eben jetzt ſeine Gloſſen machte, war ein Panegyrikus zu Ehren des heiligen Carlo, zwei Jahre vorher mit großem Nachdruck im Dome zu Mailand vorgetragen und mit vieler Bewunderung an⸗ gehört. Der Heilige wurde darin wegen ſeiner Ge⸗ lehrſamkeit mit Archimedes verglichen, und bis dahin fand Don Abbondio kein Hinderniß, da Archimedes ſo ſchöne Dinge ausgeführt und ſo viel von ſich reden gemacht hat, daß es keiner ſehr umfaſſenden Beleſen⸗ heit bedarf, um etwas von ihm zu wiſſen. Aber nach Archimedes führte der vergleichungsluſtige Redner auch Karneades an, und hier war der Leſer auf eine Sand⸗ bank geſtoßen. In dieſem Augenblicke meldete Perpetua den Beſuch Tonio's. „Zu dieſer Stunde?“ ſagte auch Don Abbondio, wie es ganz natürlich war. „Was wollt Ihr machen? Solche Leute haben keine Lebensart: aber wenn man den Vogel nicht im Fluge erhaſcht... „Wenn ich ihn jetzt nicht feſthalte, wer weiß, wann ich ihn dann wieder bekommen kann. Laßt ihn herauf⸗ kommen.. He, he, ſeid Ihr aber auch ganz ſicher, daß es Tonio iſt?“ „Zum Teufel, ja,“ antwortete Perpetug, ging hinab öffnete die Thüre und ſagte:„Wo ſeid Ihr?“ Tonio zeigte ſich;— aber in demſelben Augenblick zeigte ſich auch Agneſe und grüßte Pervetua beim Namen. „Guten Abend, Agneſe,“ ſagte Perpetua,„woher kommt Ihr noch ſo ſpät?“ „Ich komme von...“ und ſie nannte ein benach⸗ bartes Dörfchen.„Und wenn Ihr wüßtet,“ fuhr ſie fort,„ich habe mich gerade Euretwegen ſo lange auf⸗ gehalten.“ 154 „Ei, warum denn?“ fragte Perpetua und ſagte bann zu den beiden Brüdern gewendet:„Gehet hinein, ich komme ſogleich nach.“ „Warum?“ fuhr Agneſe fort;„da hat ſo ein Weib, das von der Welt nichts weiß und doch von Allem gern ſprechen will... denkt Euch nur, die hat ſteif und feſt behauptet, Ihr hättet den Beppo Suolaveechia und auch den Anſelmo Lunghigna darum nicht geheirathet, weil ſie Euch nicht gewollt haben. Ich erklärte dage⸗ gen, Ihr hättet ſie fortgeſchickt, den Einen wie den Andern...“ „Ja, ſo iſt es auch. O die Lügnerin! die Erz⸗ lügnerin! Wer iſt es denn?“ „Ihr müßt mich das nicht fragen, ich möchte nicht gern Unfrieden ſtiften.“ „Ihr müßt es mir ſagen, Ihr müßt es mir ſagen: O die Lügnerin!“ „Laßt es gut ſein... Aber Ihr könnt gar nicht glauben, wie ärgerlich es mir war, daß ich nicht die ganze Geſchichte kannte, um dieſes Weib recht zu Schanden machen zu können.“ „Es iſt eine niederträchtige, unverſchämte Lüge,“ ſagte Perpetua;„was Beppo betrifft, ſo weiß Jeder⸗ mann und alle Welt hat es ſehen können... He, To⸗ nio, lehnet die Thüre an und gehet nur hinauf, ich komme ſogleich nach.“ Tonio ſagte von innen heraus, es ſei gut, und Perpetua fuhr in ihrer leidenſchaft⸗ lichen Erzählung fort. Don Abbondio's Thüre gegen⸗ über, zwiſchen zwei elenden Häuschen begann ein ſchma⸗ ler Weg, welcher nur dieſen Häuschen entlang gerade⸗ aus lief, dann aber eine Wendung über die Felder machte. Agneſe ſchlug dieſen Weg ein, wie wenn ſie, um freier ſprechen zu können, ein wenig auf die Seite treten wollte, und Perpetua folgte ihr nach. Als ſie um die Ecke gebogen und ſich ſo weit entfernt hatten, daß ſie nicht mehr ſehen konnten, was vor Don Ab⸗ bondio's Haus vorging, huſtete Agneſe laut. Dies war 155 das Zeichen: Renzo hörte es; er machte Lucia durch einen Druck des Armes Muth, und nun bogen Beide, auf den Zehen gehend, gleichfalls um ihre Ecke, ſchli⸗ chen mäuschenſtill dicht an der Mauer hin, kamen an die Thüre, öffneten ſie ſachte, und im Nu ſtanden ſie leiſe und geduckt im Hausgang, wo die beiden Brüder auf ſie warteten. Renzo drückte ganz ſachte die Klinke wieder zu, und nun gingen ſie alle vier die Treppe hinauf, ohne mehr Geräuſch zu machen als ſonſt zwei Perſonen. Auf dem Abſatz oben angelangt, ſtellten ſich die beiden Brüder an die Stubenthüre, welche ſeitwärts von der Treppe war, die Verlobten drückten ſich an die Wand. „Deo Gratias!“ ſagte Tonio mit vernehmlicher Stimme. „Toniv, he? tretet nur ein,“ antwortete die Stimme von innen. Der Gerufene machte die Thüre kaum ſo weit auf, als nöthig war, damit er und ſein Bruder, Einer um den Andern hindurch kommen konnten. Der Lichtſtreif, welcher unverſehens durch dieſe Oeffnung drang und quer über den dunkeln Boden des Treppenabſatzes hin⸗ floß, machte Lucia zittern, wie wenn ſie entdeckt wäre. Sobald die Brüder eingetreten waren, ſchloß Tonio die Thüre hinter ſich: die Verlobten blieben unbeweg⸗ lich im Finſtern, die Ohren geſpitzt, den Athem an ſich haltend: das ſtärkſte Geräuſch war das Klopfen, das Lucia ihrem armen Herzen nicht verwehren konnte. Don Abbondio befand ſich, wie wir geſagt haben, auf einem alten Lehnſtuhl, in einen alten, langen und weiten Rock eingehüllt, über den Kopf eine alte tiara⸗ artige Mütze gezogen, die ſein Geſicht vollſtändig ein⸗ rahmte, beim ſpärkichen Schimmer einer kleinen Lampe. Zwei dicke Haarbüſchel, die unter der Mütze hervor⸗ ſchauten, zwei dicke Augenbrauen, ein dicker Schnurr⸗ bart, ein dicker Zwickelbart längs am Kinn, Alles zu⸗ ſammen grau und über das braune, runzelige Geſicht 156 hin zerſtreut, konnte mit beſchneitem Buſchwerk ver⸗ glichen werden, das beim Mondenſchein an einem Fels⸗ abhang hinragt. „Ah, ah!“ war ſein Gruß, während er ſeine Brille abnahm und in das Büchlein legte. „Der Herr Pfarrer wird ſagen, ich ſei ſpät ge⸗ kommen,“ begann Tonio, indem er ſich verbeugte, was auch Gervaſo that, aber viel linkiſcher. „Es iſt allerdings ſpät: in jeder Beziehung ſpät. Ihr wißt voch, daß ich krank bin?“ „O, das thut mir ſehr leid!“ „Ihr werdet davon gehört haben, ich bin krank und weiß nicht, wann ich mich werde ſehen laſſen kön⸗ nen.. Aber warum habt Ihr dieſen... dieſen jungen Burſchen da mitgeſchleppt?“ „Nur ſo zur Geſellſchaft, Herr Pfarrer.“ „Schon gut, laßt ſehen.“ „Da ſind 25 neue Lire, auf denen der heilige Am⸗ broſius zu Pferde ſitzt,“ ſagte Tonio, indem er ſein Päckchen aus der Taſche zog. „Laßt ſehen,“ antwortete Don Abbondio, nahm das Päckchen, ſetzte die Brille wieder auf, öffnete es, holte die Geldſtücke heraus, drehte ſie um und um, zählte ſie, fand ſie untadelhaft. „Jetzt, Herr Pfarrer, müßt Ihr mir aber auch die Halskette meiner Tecla wiedergeben.“ „Das iſt nicht mehr als billig,“ antwortete Don Abbondio: er ging an einen Schrank, ſteckte einen Schlüſſel hinein, ſchaute ſich ringsum, als wollte er die Zuſchauer fern halten, öffnete einen Theil der Thüre, füllte die Oeffnung mit ſeiner Perſon wieder aus, ſteckte den Kopf hinein, um zu ſehen, und einen Arm, um das Pfand zu holen, brachte es hervor, ſchloß den Schrank, wickelte den Papierumſchlag auf, und ſagte:„Iſt es ſo legte ihn wieder zuſammen und übergab ihn Tonio. 157 „Jetzt,“ ſagte dieſer,„möchte ich Euch bitten, mir Etwas Schwarz auf Weiß zu geben.“ „Auch das noch!“ verſetzte Don Abbondio:„die Leute wiſſen doch Alles. Ei, wie die Welt ſo argwöh⸗ niſch geworden iſt! Trauet Ihr mir denn nicht?“ „Ob ich Euch nicht traue, Herr Pfarrer? Aber da mein Name in Euerm garſtigen Buche auf der Schuld⸗ ſeite ſteht, und da Ihr Euch ſchon einmal die Mühe genommen habt, ihn zu ſchreiben, ſo. es iſt für Le⸗ ben und Sterben...“ „Gut, gut,“ fiel Don Abbondio ein, zog brummend eine Tiſchlade auf, nahm Papier, Feder und Tinten⸗ faß heraus und begann zu ſchreiben, indem er mit lauter Stimme die Worte wiederholte, wie ſie ihm aus der Feder kamen. Inzwiſchen ſtellte ſich Tonio und auf ſeinen Wink auch Gervaſo gerade vor dem Tiſch⸗ chen auf, ſo daß ſie dem Schreiber die Ausſicht nach der Thüre benahmen, und nun begannen ſie, gleichwie aus langer Weile, mit den Füßen auf dem Boden zu ſcharren, theils um den außen Wartenden das Zeichen zum Ein⸗ tritt zu geben, theils um das Geräuſch ihrer Tritte zu übertäuben. Don Abbondio war in ſeine Schreiberei ver⸗ tieft und dachte an nichts Anderes. Beim Geräuſch der vier Füße, ergriff Renzo einen Arm Lucia's, drückte ihn, um ihr Muth einzuflößen, und ſetzte ſich in Be⸗ wegung, indem er ſie hinter ſich herzog; denn ſie zit⸗ terte dermaßen, daß ſie nicht allein hätte gehen können. Sie traten ſo ſtill wie möglich auf den Zehen ein, hiel⸗ ten ihren Athem an ſich und ſtellten ſich hinter den beiden Brüdern auf. Inzwiſchen war Don Abbondio mit ſeiner Quittung fertig geworden, überlas ſie auf⸗ merkſam, ohne die Augen vom Blatt zu erheben, fal⸗ tete ſie zuſammen mit den Worten:„Werdet Ihr jetzt zufrieden ſein?“ nahm mit der einen Hand die Brille von der Naſe, überreichte mit der andern Tonio das Blatt und ſchaute dabei auf. Tonio ſtreckte ſeine Rechte aus, um es zu nehmen, trat dann auf die eine Seite, 15⁸ Gervaſo auf einen Wink von ihm auf die andere, und ſiehe da, wie wenn eine Bühne ſich öffnet, kamen in der Mitte Renzo und Lucia zum Vorſchein. Don Ab⸗ bondio ſchaute ſie an, erkannte ſie, erſchrack, gerieth in Beſtürzung, gerieth in Wuth, beſann ſich, faßte einen Entſchluß: dies Alles in der Zeit, welche Renzo brauchte, um die Worte hervorzubringen:„Herr Pfarrer, in Gegenwart dieſer Zeugen, dieſe hier iſt meine Frau.“ Seine Lippen waren noch nicht wieder zur Ruhe ge⸗ kommen, als Don Abbondio die in ſeiner Linken ſich beſindliche Quittung hingeworfen, die Lampe aufge⸗ hoben, mit der rechten Hand den Tiſchteppich ergriffen, wüthend an ſich geriſſen, Buch, Papier, Tintenfaß und Sandbüchſe zu Boden geworfen, und zwiſchen dem Stuhl und dem Tiſch aufſpringend, ſich Lucia genaht hatte. Die Aermſte hatte mit ihrer ſanften und eben jetzt zitternden Stimme kaum die Worte:„Und dieſer hier...“ hervorbringen können, als Don Abbondio ihr bereits den Teppich über Kopf und Geſicht geworfen hatte, damit ſie die Formel nicht vollenden könne. Dann ließ er die Lampe fallen, die er in der andern Hand hielt, und benützte auch dieſe, um ihr das Tuch um das Geſicht zu wickeln, ſo daß er ſie beinahe erſtickte; zugleich aber ſchrie er wie ein verwundeter Stier aus vollem Hals:„Perpetua! Perpetua! Verrath! Hilfe!“ Der auf dem Boden erſterbende Lampendocht warf ein mattes, flackerndes Licht auf Lucia, die in ihrer gänz⸗ lichen Beſtürzung nicht einmal einen Verſuch machte, ſich los zu machen, und einer in Thon modellirten Bildſäule glich, über welche der Künſtler ein naſſes Tuch geſchlungen hat. Als alle Beleuchtung aufgehört hatte, ließ Don Abbondio das arme Mädchen los, ſuchte tappend die Thüre, die in ein Zimmer nach In⸗ nen führte, fand ſie, ſtürzte hinein, verſchloß ſich drin⸗ nen und rief dabei beſtändig:„Perpetua! Verrath! Hilfe! Zum Hauſe hinaus, zum Hauſe hinaus!“ Im andern Zimmer herrſchte die größte Verwirrung: Renzo, 15⁵9 der den Pfarrer zu ergreifen ſuchte, und mit den Hän⸗ den umherruderte, wie wenn er Blindekuh ſpielte, war an die Thüre gekommen und klopfte an, indem er rief: „Oeffnet, öffnet und ſchreit nicht ſo!“ Lucia rief Renzo mit ſchwacher Stimme und ſagte flehend:„Laß uns gehen, um Gottes Willen, laß uns gehen!“ Toniv, der auf allen Vieren lag, ſtreifte mit den Händen auf dem Fußboden hin und her, um ſeine Quittung zu erha⸗ ſchen. Gervaſo, welchem die Angſt wie ein Teufel in den Leib gefahren war, ſchrie kaut auf und machte Sprünge, indem er die Thüre nach der Treppe ſuchte, um ſich durch Flucht zu retten. Inmitten dieſes Tumults können wir nicht umhin, uns einen Augenblick zu verweilen, um eine Betrach⸗ tung anzuſtellen. Renzo, der bei Nacht in einem frem⸗ den Hauſe Lärm machte, der ſich verſtohlen hineinge⸗ ſchlichen hatte, und den Hausherrn ſeibſt in einem Zimmer belagert hielt, hat allen Anſchein eines Unter⸗ drückers, und am Ende war er doch der Unterdrückte. Don Abbondio, der überrumpelt, in die Flucht gejagt, geängſtigt wurde, während er ruhig ſeinen Geſchäfien oblag, könnte das Opfer zu ſein ſcheinen, und doch war er in Wirklichkeit derjenige, der das Unrecht beging. So geht es oft in der Welt. ich will ſagen, ſo ging es im fiebenzehnten Jahrhundert zu. Als der Belagerte ſah, daß der Feind keine An⸗ ſtalten machte, abzuziehen, öffnete er ein nach der Kirche zu gehendes Fenſter und begann zu ſchreien:„Hilfe! Hilfe!„Es war der ſchönſte Mondſchein von der Welt: der Schatten der Kirche und weiterhin der lange, ſpitze Schatten des Glockenthurms lag dunkel, unbeweglich und ſcharf gezeichnet auf der ſchimmernden Grasfläche des Kirchhofs:; man konnte Alles ſo deutlich wie bei Tag unterſcheiden. Aber ſo weit der Blick reichte, zeigte ſich keine Spur einer lebendigen Seele. An die Seitenwand der Kirche jedoch, und zwar gerade auf der Seite nach dem Pfarrhauſe zu, ſtieß eine kleine 160 Wohnung, oder vielmehr eine Art von Höhle, worin der Meßner ſchlief. Dieſer war von dem garſtigen Ge⸗ ſchrei aufgeweckt worden, fuhr in ſeinem Bette auf, ſtieg eilig heraus, öffnete ſein mit Papier beklebtes Fenſterchen, ſtreckte den Kopf hinaus und ſagte mit noch angeleimten Augenlidern: was gibt es denn? „Lauft, Ambrogio, Hilfe! Leute im Haus!“ rief Don Abbondio ihm zu.„Ich komme ſogleich,“ ant⸗ wortete der Meßner, zog den Kopf zurück, ſchloß ſein papierenes Fenſter wieder, und obſchon noch halb im Schlaf und mehr als halb vor Schrecken betäubt, er⸗ ſann er dennoch bald ein Auskunftsmittel, um noch wirkſamere Hilfe, als man von ihm verlangt hatte, zu verſchaffen, ohne ſich irgendwie ſelbſt bei dem Handel zu betheiligen, welcher Art er auch ſein mochte. Er rafft ſchnell ſeine auf dem Beite liegenden Hoſen zu⸗ ſammen, ſchiebt ſie wie einen Galahut unter den Arm, ſpringt eine kleine hölzerne Treppe hinab nach dem Glockenthurm, erfaßt das Seil der größten von den zwei kleinen Glocken, über die er zu gebieten hat, und läßt den Hammer anſchlagen. Bem, bem, bem! Die Bauern ſpringen auf und ſetzen ſich im Bett; die auf dem Heuboden liegenden jungen Burſche horchen und ſpringen auf die Füße. Was gibt's? was gibt's? die Sturmglocke? Feuer? Diebe? Räuber? Viele Frauen rathen ihren Männern mit fle⸗ henden Bitten, ſie möchten ruhig bleiben und die An⸗ dern laufen laſſen: Einige erheben ſich und treten an's Fenſter, die Feigen verkriechen ſich, als könnten ſie den Bitten ihrer Weiber nicht widerſtehen, tiefer unter die Decke, die Neugierigen und die Beherzten ergreifen große Gabeln und ihre Büchſen, um zu dem Aufruhr zu eilen; andere bleiben ſtehen. Aber bevor ſie ſich noch gerüſtet hatten, bevor ſie recht munter geworden, war der Lärm bereits anderen Perſonen, welche nicht weit davon vollkommen ange⸗ kleidet, und gerüſtet ihrem Geſchäfte oblagen, zu Ohren 161 gedrungen: dies waren an einem Ort die Bravi, am andern Ort Agneſe und Perpetua. Wir wollen zuerſt in Kürze mittheilen, was jene von dem Augenblick an thaten, wo wir ſie theils in dem verfallenen Häuschen, theils im Wirthshauſe verlaſſen haben. Die letzteren Drei gingen, als ſie alle Thüren verſchloſſen und die Straßen menſchenleer ſahen, ab, indem ſie ſich den An⸗ ſchein gaben, als hätten ſie einen Weg vor ſich, mach⸗ ten dann in aller Stille eine Runde durch das Dorf, um ſich zu überzengen, daß Alles zur Ruhe gegangen, und begegneten wirklich keiner lehendigen Seele, hörten nicht das mindeſte Geräuſch. Sie ſchlichen auch und zwar noch leiſer an unſerm armen Häuschen vorbei, welches das ruhigſte von allen war, da ſich Niemand mehr drinnen befand. Hierauf gingen ſie geraden Wegs nach dem verfallenen Gemäuer und ſtatteten dem Herrn Grauen ihren Bericht ab. Er ſetzte ſogleich einen großen Hut auf den Kopf, warf ſich einen mit Mu⸗ ſcheln beſetzten, wachstuchenen Pilgermantel über die Schultern, und ſagte:„Haltet Euch brav, ſeid ſtill und folgſam,“ ging voran, und die Anderen kamen hin⸗ ter ihm her. So gelangten ſie bald vor das Häuschen auf dem entgegengeſetzten Wege von demjenigen, den unſere kleine Geſellſchaft eingeſchlagen hatte, als ſie ebenfalls zu ihrer Erpedition auszog. Der Graue ließ ſeinen Trupp einige Schritte davon anhalten, ging al⸗ lein vorwärts, um zu recognosciren, und da er von Au⸗ ßen Alles öde und ruhig ſah, ließ er zweiſeiner Banditen vortreten, befahl ihnen leiſe über die Mauer zu ſtei⸗ gen, die das Höſchen einſchloß, und, ſobald ſie drunten wären, ſich in einem Winkel hinter einen dicht belaub⸗ ten Feigenbaum, den er am Morgen beobachtet hatte, zu verſtecken. Als dies geſchehen war, klopfte er leiſe an, in der Abſicht, ſich für einen verirrten Pilger aus⸗ zugeben, der bis zum Morgen um ein Obdach bitte. Niemand antwortet; er klopft etwas ſtärker; kein Laut läßt ſich vernehmen. Jetzt geht er und ruft einen drit⸗ Die Verlobten. 1.- 11 162 ten von ſeinen Spießgeſellen, heißt ihn wie die beiden anderen in das Höfchen klettern und behutſam von Innen den Ringel losmachen, um den Eingang und Rückzug frei zu haben. Alles wird mit großer Vor⸗ ſicht und glücklichem Erfolg ausgeführt. Er entfernt ſich wieder, um die Anderen zu holen, läßt ſie mit ſich eintreten, befiehlt ihnen, ſich neben den erſten zu ver⸗ kriechen, verſchließt die Thüre ſo geräuſchlos als mög⸗ lich, ſtellt innen zwei Schildwachen aus und geht ge⸗ raden Weges auf die Thüre des Erdgeſchoſſes zu. Er pocht auch hier an und wartet; aber er konnte lange warten. Leiſe, leiſe zieht er an der Thüre die Nägel aus: Niemand von Innen ſpricht„wer da?“ Niemand läßt ſich horen, es kann gar nicht beſſer gehen. Vor⸗ wärts alſo, ſt! er ruſt die hinter dem Feigenbaum Verſteckten, tritt mit ihnen in das untere Zimmer, wo er am Morgen frevelhafter Weiſe ein Stück Brod erbettelt hatte. Er holt Zunder, Feuerſtein, Stahl und Schwefelſäden hervor, zündet ſein Laternchen an und tritt in das hintere Zimmer, um ſich zu vergewiſſern, daß Niemand da ſei: es zeigt ſich wirklich Niemand. Er geht zurück, geht nach der Thüre gegen die Treppe zu, ſpähet umher, horcht: ringsum Einſamkeit und Stille. Er läßt zwei andere Schildwachen im untern Stock, befiehlt dem Grunzer, einem Bravo aus der Gegend von Bergamo, ihm zu folgen; denn dieſer ſollte allein drohen, beſchwichtigen, befehlen, kurz den Spre⸗ cher machen, damit Agneſe durch ſeinen Dialect zu dem Glauben verleitet würde, die Expedition gehe von da aus. Den Grunzer an der Seite, und die Anderen hinter ſich, ſteigt der Graue ganz ſachte hinauf, in ſei⸗ nem Herzen jede Stufe, die knarrte, jeden Fußtritt der Hallunken, der ein wenig Lärm machte, verwünſchend. Endlich iſt er oben. Da liegt der Haſe. Er drückt ein wenig an die Thüre, die in das erſte Zimmer führt, fie ibt nach, es entſteht eiue Oeffnung: er ſpäht hinein, es iſt dunkel: er horcht, ob er Jemand athmen, ſchnar⸗ 163 chen oder ſich bewegen höre; Nichts. Vorwärts alſo! Er hält ſich die Laterne vors Geſicht, um zu ſehen ohne geſehen zu werdenz er ſperrt die Thüre weit auf, bemerkt ein Bett, geht darauf los: das Bett iſt ge⸗ macht und unberührt, die Decke noch über das Kopf⸗ kiſſen ausgebreitet. Er zuckt die Achſeln, wendet ſich gegen ſeine Gefährten, bedeutet ihnen, daß er im an⸗ dern Zimmer nachſehen will und daß ſie ganz leiſe nachfolgen ſollen, geht hinein, macht es wieder ebenſo, findet ganz daſſelbe. Was zum Teufel iſt das? ſagte er jetzt laut. Sollte vielleicht ein verrätheriſcher Hund den Spion gemacht haben! Sie beginnen nunmehr mit weniger Vorſicht umherzuſpähen, durchſtöbern jeden Winkel, kehren das ganze Haus um. Während ſie mit dieſer Arbeit beſchäftigt ſind, hören die zwei Schild⸗ wachen an der Thüre nach der Straße zu, daß vom Dorfe her kleine Fußtritte ſich nähern und immer deut⸗ licher werden. Sie denken, der Ankommende werde nur vorübergehen; ſie verhalten ſich ſtill, bleiben aber wohl auf der Hut. Siehe da halten die Fußtritte gerade vor der Thüre an. Es war Menico, der herbei eilte; er hatte vom Pater Criſtoforo den Auftrag erhalten, den Frauen zu ſagen, ſie ſollten um Gottes Willen ſo⸗ gleich von Haus aufbrechen und ſich ins Kloſter flüch⸗ ten, weil.. das Weil weiß der Leſer. Er erfaßt die Klinke um anzupochen, und fühlt wie ſie locker und entnagelt in ſeiner Hand wackelt. Was iſt das? denkt er und drückt erſchrocken gegen die Thürt; ſie öffnet ſich, er ſetzt in großer Unruhe einen Fuß hinein und fühlt ſich auf einmal bei beiden Armen gepackt, wäh⸗ rend rechts und links zwei leiſe Stimmen in drohen⸗ dem Tone ſagen: Still! Schweig oder du biſt des To⸗ des! Er erhebt im Gegentheil ein lautes Geſchrei. Einer der Banditen verſetzt ihm eine derbe Maulſchelle, der andere greift an ſeinen Dolch, um ihm Angſt zu machen. Das Bübchen zittert wie ein Eſpenblatt und verſucht nicht mehr zu ſchreien; nun plötz⸗ 164 lich und mit einem ganz andern Schall der erſte jenet Glockenſchläge, womit das Sturmläuten beginnt. Auf böſem Wege iſt man immer argwöhniſch, ſagt das mai⸗ ländiſche Sprichwort: dem Einen wie dem Andern die ſer Hallunken iſt es, als höre er in dieſen Glocken⸗ ſchlägen ſeinen Namen, Zu⸗ und Beinamen: ſie laſ⸗ ſen Menico's Arm los, ziehen die ihrigen eilig zurück, reißen Mund und Augen weit auf, ſchauen einander beſtürzt an und laufen nach dem Hauſe, wo der Haupt⸗ trupp iſt. Menico macht ſich auf und davon, er ſpringt über das Feld hin nach dem Glockenthurm zu, wo doch jedenfalls Jemand ſein muß. Auf die übrigen Schufte, welche das Haus von oben bis unten durchſtöbern, macht das Geläute denſelben Eindruck: ſie gerathen in Verwirrung, laufen rathlos unter einander her, drän⸗ gen ſich gegenſeitig; jeder ſucht den kürzeſten Weg, um nach der Thüre zu gelangen. Und doch waren es lau⸗ ter erprobte Leute und gewöhnt, ihre Geſichter zu zei⸗ gen; aber gegen eine unbekannte Gefahr, die ſich nicht einmal von Ferne angekündigt hatte, ehe ſie ihnen über den Hals gekommen war, vermochten ſie nicht Stand zu halten. Der Graue mußte ſein ganzes Anſehen aufbieten, um ſie ſo zuſammenzuhalten, daß es ein Rückzug und keine Flucht wurde. Wie der Hund, der eine Heerde Säue eskortirt, bald da bald dorthin den⸗ jenigen nachſpringt, die ſich verlaufen, die eine mit den Zähnen beim Ohre packt und zur Heerde hinzerrt, eine andere mit der Schnautze antreibt, eine dritte, die ſich in dieſem Augenblick verlauft, anbellt, ſo faßt jetzt der Pilger einen ſeiner Banditen, der bereits die Schwelle beruͤhrt, beim Schopf und wirft ihn hinter ſich, jagt zwei andere, die ſchon ganz nahe bei derſelben ſind, mit ſeinem Pilgerſtab zurück, ruft die Uebrigen, die ſich rathlos herumtrieben, bis er ſie mitten im Höfchen alle wieder beiſammen hat.„Halt, halt! die Piſtolen zur Hand, die Meſſer in Bereitſchaft gehalten, Alle zuſammen, dann wollen wir aufbrechen, ſo geht es an. 165 Wer wird Burſchen, wie wir ſind, etwas anhaben wol⸗ len, wenn wir feſt zuſammen bleiben? Aber wenn wir uns Einer nach dem Andern einfangen laſſen, ſo wer⸗ den ſogar die Bauern über uns Meiſter. Schämt Euch, mir nach und feſt zuſammen geblieben!“ Nach dieſer kurzen Anrede ſtellte er ſich an die Spitze und trat zuerſt hinaus. Das Haus ſtand, wie wir bereits ge⸗ ſagt haben, am Ende des Dorfes; der Graue ſchlug die Straße ins Freie wieder ein und ſeine Geſellen folgten ihm in guter Ordnung. Wir laſſen ſie ihres Weges ziehen und thun einen Schritt zurück, um wieder zu Agneſe und Perpetua zu kommen, die wir an einer gewiſſen Ecke ſtehen gelaſſen. Agneſe hatte ſich bemüht die andere ſo weit als mög⸗ lich von Don Abbondio's Haus hinwegzuziehen, und bis zu einem gewiſſen Punkt war die Sache gelungen. Aber auf einmal hatte die Dienerin ſich der offen ge⸗ bliebenen Thüre erinnert und zurückzugehen verlangt. Dagegen war Nichts einzuwenden: Agneſe hatte, um keinen Verdacht zu erregen, wieder umkehren und mit ihr zurückgehen müſſen, aber ſie immer aufzuhalten ge⸗ ſucht, ſo oft ſie ſah, daß Perpetua bei der Erzählung von dieſen oder jenen zu Waffer gewordenen Heirathen ſich ſehr ereiferte. Sie gab ſich den Anſchein, als ſchenke ſie ihr große Aufmerkſamkeit, und von Zeit zu Zeit ſagte ſie, um dieſe zu beurkunden, oder auch um das Geſchwätze wieder in muntern Gang zu bringen: Ja wohl: jett verſtehe ich's; ganz richtig; nun iſt es mir klar; und dann? und er? und Ihr? Inzwiſchen aber hielt ſie ein anderes Zwiegeſpräch mit ſich ſelbſt: ob ſie wohl wieder herausgekommen ſein mögen? oder ob ſie noch drinnen find? was für Dummköpfe find wir doch alle Drei geweſen, daß wir nicht irgend ein Zeichen verabredet haben, womit ſie mir zu wiſſen thun konnten, daß die Sache gut abgelaufen iſt! das iſt wirklich ein bischen ſtark! aber es iſt nun einmal ge⸗ ſchehen ich kann jetzt nichts Anderes thun, als dieſe 166 Schwätzerin ſo lang als möglich aufhalten: im ſchlimm⸗ ſten Fall geht ein bischen Zeit verloren. So waren ſie, indem ſie bald ſtill ſtanden, bald weiter gingen, bis in die Nähe des Pfarrhauſes gekommen, das ſie jedoch wegen der oben genannten Ecke nicht ſahen, und Per⸗ petua hatte ſich eben, da ſie bei einem wichtigen Punkt ihrer Erzählung angelangt war, ohne Widerſtand oder vielmehr, ohne daß ſie ſich's verſah, zum Stillſtehen verleiten laſſen, als ſich auf einmal von oben herab, in der leeren, regungsloſen Luft ſtark wiederhallend, in dem tiefen Schweigen der Nacht jener erſte ſchreck⸗ liche Hilferuf Don Abbondio's vernehmen ließ. „Um Gottes Barmherzigkeit, was iſt vorgefallen!“ rief Perpetua und wollte laufen. „Was iſt's, was iſt's?“ ſagte Agneſe und hielt ſie am Rocke feſt. „Um Gottes Willen, habt Ihr Nichts gehört?“ antwortete dieſe, indem ſie ſich losmachte. „Was iſt's, was iſt's?“ wiederholte Agneſe, ſie beim Arm ergreifend. „Teufel von einem Weib!“ rief Perpetua, indem ſie ſie zurückſtieß, um ſich zu befreien und fortzulaufen. In dieſem Angenblick vernimmt man aus der Ferne das dünne, dringliche Geſchrei Menico's. „Um Gottes Willen!“ ruſt auch Agneſe und läuft im Galopp hinter der Andern drein. Sie hatten, ſo zu ſagen, kaum die Ferſen erhoben, als die Glocke er⸗ tönte: ein Schlag, zwei, drei, dann immer fort; jeder Ton wäre für ſie ein Sporn geweſen, wenn ſie ſolchen bedurft hätten. Perpetua hat einen Vorſprung von etlichen Schritten; als ſie am Hauſe anlangt und nach der Thüre greifen und ſie aufreißen will, ſiehe, da wird ſie von Innen aufgeriſſen, und auf der Schwelle zeigen ſich Tonio, Gervaſo, Renzo, Lucia, die, nachdem ſie die Treppe gefunden,ſchnell hinabgeſprungen waren und, als ſie das furchtbare Geläute hörten, aus Leibes⸗ kräften liefen, um ſich in Sicherheit zu bringen. 167 „Was gibt's, was gibt's?“ fragte Perpetua keu⸗ chend die Brüder, die ihr mit einem tüchtigen Stoß antworteten und ſich davon machten.„Und Ihr? wie! was macht Ihr hier?“ fragte ſie dann das andere Paar, als ſie es erkannt hatte. Aber auch dieſe zwei ent⸗ wichen, ohne zu antworten. Perpetua fragte jetzt Nichts mehr, ſondern um an den Ort zu gelangen, wo die Hilfe am nöthigſten war, warf ſie ſich eilig in die Hausflur und ging vorſichtig nach der Treppe zu. Die beiden Verlobten, die es alſo noch nicht wei⸗ ter gebracht hatten, ſtießen auf Agneſe, als ſie eben voll Angſt und Bangigkeit ankam.„Ach ſeid Ihr da!“ ſagte ſie, nur mühſam ihre Worte hervorbringend. Vie iſt's gegangen? was bedeutet das Läuten? es iſt mir als hörte ich.. „Nach Hauſe, nach Hauſe,“ ſagte Renzo, ehe die Leute kommen.“ Und ſie machten ſich auf den Weg. Nun aber kommt Menico in vollem Laufe an, erkennt ſie, ſtellt ſich ihnen in den Weg und ſagt, noch am ganzen Leibe zitternd, mit halb erſtickter Stimme: „Wohin wollt Ihr? Zurück, zurück, nach dem Kloſter!“ „Biſt Du es, der.. begann Agneſe. „Was iſt's?“ fragte Renzo. Lucia zitterte vor Beſtürzung und ſchwieg. 5 „Es iſt der Teufel im Haus,“ fuhr Menico keu⸗ chend fort.„Ich habe ſie geſehen; ſie haben mich todt⸗ ſchlagen wollen: der Pater Criſtoforo hat es geſagt; und Ihr auch, Renzo; er hat geſagt, Ihr ſollt ſogleich kommen; und dann hab'ich ſie geſehen: welch ein Glück, daß ich Euch Alle hier finde! Ich will's Euch her⸗ nach erzählen, wenn wir draußen ſind.“ Renzo, der von Allen die meiſte Beſinnung behal⸗ ten hatte, ſah ein, daß man nach der einen oder an⸗ dern Seite ſchnell aufbrechen müſſe, ehe die Leute zu⸗ ſammenliefen, und daß es das Sicherſte ſei das zu thun, was Menico anrieth, oder vielmehr mit dem gan⸗ ien Nachdruck eines geängſtigten Menſchen befahl. 168 Unterwegs, wenn man ſich aus der Verwirrung und Gefahr fortgeholfen hatte, konnte man dem Jungen eine deutlichere Erklärung abfordern.„Nur immer zu,“ ſagte er zu ihm;„wir wollen mit ihm gehen,“ ſagte er zu den Frauen. Si⸗ kehrten um, eilten gegen die Kirche hin, ſchritten über den Kirchhof, wo ſich glück⸗ licher Weiſe noch keine lebendige Seele vorfand, ſchlu⸗ gen ein Gäßchen ein, das zwiſchen der Kirche und Don Abbondio's Haus hinging, ſchlüpften durch die erſte Zaunlücke, welche ſie fanden, und liefen querfeldein. Sie waren vielleicht noch keine fünfzig Schritte entfernt, als die Leute auf dem Kirchhof zuſammenzu⸗ laufen anfingen und die Verſammlung mit jedem Augen⸗ blicke größer wurde. Sie ſchauten einander rathlos an; Jeder hatte eine Frage zu thun, keiner eine Ant⸗ wort zu geben. Die Erſten, die angekommen waren, liefen nach der Kirchthüre; ſie war verſchloſſen. Nun eilten ſie von außen nach dem Glockenthurm, wo Einer von ihnen den Mund an eine Fenſteröffnung, eine Art von Scharte, hielt und hineinrief:„Was Teufel iſt denn los?“ Als Ambrogio eine bekannte Stimme hörte, ließ er das Seil fahren, und da er ſich durch das Ge⸗ ſumme überzeugt hatte, daß viel Voik beiſammen war, ſo antwortete er:„Ich öffne ſogleich!“ Er zog eilig das Kleidungsſtück an, das er unter dem Arme getra⸗ gen, kam von innen an die Kirchthüre und öffnete ſie. „Was bedeutet dieſer Lärm?— Was iſt's?— Wo iſt's?— Wer iſt's?“ „Wie? wer es iſt?“ ſagte Ambrogio, indem er mit der einen Hand die Thüre, mit der andern das Klei⸗ dungsſtück hielt, das er ſo eilig angelegt hatte;„wie, Ihr wißt es nicht? Es ſind Leute im Hauſe des Herin Pfarrers, vorwärts, Kinder! Man muß ihm helfen!“ Sie wenden ſich Alle dem Hauſe zu, ſehen hinauf, nä⸗ hern ſich in Maſſe, blicken wiederholt hinauf, lanſchen: Alies iſi ſtill. Andere laufen nach der Thüre gegen die Straße zu; ſie iſt verſchloſſen und verriegelt; ſie blicken 169 am Hauſe hinauf: kein Fenſter iſt offen, kein Laut läßt ſich vernehmen. „Wer iſt da drinnen?— Heda, he!— Herr Pfar⸗ rer!— Herr Pfarrer!“ Don Abbondio, der, ſobald er die Flucht ſeiner Gegner bemerkte, ſich vom Fenſter zurückgezogen und es wieder verſchloſſen hatte, zankte eben mit Perpetua, weil ſie ihn in dieſer Bedrängniß allein gelaſſen; als er ſich jetzt ſo laut rufen hörte, mußte er an's Fenſter kommen, und als er den großen Zulauf ſah, bereute er, um Hülfe gerufen zu haben. „Was war es?— Was haben ſie Euch gethan? — Wer ſind die Leute? Wo find ſie?“ riefen ihm fünf⸗ zig Stimmen zugleich zu. Es iſt Niemund mehr da; ich danke Euch; kehrt nur nach Hauſe zurück.“ „Aber wer war es denn?— Wohin find ſie ge⸗ gangen?— Was iſt geſchehen?“ „Schlechte Leute, die bei Nacht herumſtreichen; aber ſie ſind entflohen. Gehet nur wieder nach Hauſe; es iſt weiter nichts; ein andermal, Kinder; ich danke Euch für Euren guten Willen.“ Mit dieſen Worten zog er ſich zurück und ſchloß das Fenſter. Jetzt began⸗ nen Einige zu murren, Andere zu ſpotten, Andere zu fluchen, wieder Andere zuckten die Achſeln und zogen ihres Wegs, als auf einmal Einer ganz athemlos an⸗ kommt, ſo daß er kaum ein Wort hervorbringen kann. Es war dies der Nachbar unſerer Frauen, der, als ihn der Lärm an's Fenſter gelockt, in dem Höſchen das Ge⸗ wimmel der Bravi geſehen hatte, während der Graue ſich eben bemühte, ſie zu ordnen. Sobald er wieder zu Athem gekommen war, rief er:„Was macht Ihr hier, Kinder? Hier iſt der Teufel nicht los; er iſt unten am Ende des Dorfes, im Hauſe der Agneſe Mondella; dort ſind bewaffnete Leute; es ſcheint, ſie wollen einen Pil⸗ ger umbringen; wer weiß, welcher Teufel es iſt?“ „Was?7— was?— was?“ Und nun begann eine 17⁰ ſtürmiſche Berathung.„Wan muß hingehen.— Man muß ſehen.— Wie viele find's?— Wie viel ſind wir? — Wer ſind ſie?— Der Schulze! Der Schulze!“ „Da bin ich,“ antwortele der Schulze mitten unter der Menge;„da bin ich; aber Ihr müßt mir helfen, Ihr müßt gehorchen; ſchnell, wo iſt der Meßner? An die Glocke, an die Glocke! Es muß Einer nach Lecco laufen, um Hülfe zu holen; kommt Alle hierher.“ Einer läuft hinzu, ein Anderer entſchlüpft zwiſchen den Leuten durch und macht ſich aus dem Staub. Der Aufruhr war groß, als auf einmal Einer ankommt, der den eiligen Abzug der Feinde geſehen hat, und rief: „Lauft, Kinder, es ſind Spitzbuben oder Banditen, die mit einem Pilger entrinnen; ſie ſind ſchon vor dem Dorfe. Nach! nach!“ Bei dieſer Nachricht ſetzen ſie ſich, ohne die Befehle ihres Anführers abzuwarten, maſſenweiſe in Bewegung und laufen verworren das Dorf hinab; aber je mehr die Armee vorwärts rückt, um ſo häufiger geſchieht es, daß Leute aus dem Vor⸗ trab ihre Schritke hemmen, ſich überholen laſſen und ſich in das Haupttreffen verkriechen. Die Letzten drin⸗ gen vor; endlich langt der verworrene Schwarm an dem bezeichneten Orte an. Die Spuren des Einbruchs waren friſch und handgreiflich, die Thüren offen, die Riegel abgeriſſen, aber die Spitzbuben waren verſchwun⸗ den. Man tritt in den Hof, man kommt an die Thüre des Erdgeſchoſſes, auch ſie iſt offen und der Riegel ab⸗ geriſſen. Man ruft:„Agneſe! Lucia! Pilger! Wo iſt der Pilger? Stefano wird von ihm geträumt haben, von dem Pilger.— Nein, Carlandrea hat ihn auch geſehen. Heda, Pilger! Agneſe! Lucia!“— Niemand antwortet. Sie haben ſie forigeſchleppt, ſie haben ſie fortgeſchleppt!— Nun gab es Einige, welche die Stimme erhoben und den Vorſchlag machten, die Räuber zu verfolgen; es ſei dies eine Abſcheulichkeit und es würde dem Dorf zur großen Schande gereichen, wenn jeder Schurke ungeſtraft herkommen und die Weiber rauben 17¹ dürfte, wie der Hühnergeier die Küchlein von einer leeren Tenne. Neue, noch ſtürmiſchere Berathung; aber Einer(man hat nie recht erfahren, wer es war) rief in die Verſammlung hinein, Agneſe und Lucia hätten ſich in ein Haus gerettet. Das Gerücht lief ſchnell um, fand Glauben, von einer Verfolgung der Flüch⸗ tigen war keine Rede mehr, die Verſammlung verlief ſich und Jeder ging nach Hauſe. Das war ein Ge⸗ flüſter, ein Getöſe, ein Anklopfen und Oeffnen der Thü⸗ ren, ein Erſcheinen und Verſchwinden von Laternen, ein Gefrage der Weiber von den Fenſtern herab, ein Antworten von der Straße hinauf. Sobald dieſe wie⸗ der leer und ſtill geworden, wurden die Geſpräche in den Häuſern fortgeſetzt und erſtarben im Gähnen, um morgen von Neuem anzufangen. Inzwiſchen geſchah nichts weiter, nur als der Schulz am andern Mor⸗ gen auf ſeinem Felde ſtand, das Kinn in die Hände geſtuͤtzt und die Hände auf dem halb in den Boden eingeſtoßenen Grabſcheit, den einen Fuß auf dem Stiele deſſelben, als er, ſage ich, ſo daſtand und über die Ge⸗ heimniſſe der vergangenen Nacht, ſowie darüber, was man Alles von ihm erwarte und was ſeine Amtspflicht erheiſche, nachſann, ſah er auf einmal zwei Männer von ziemlich verwegenem Anſehen auf ſich zukommen, behaart wie zwei Frankenkönige von der erſten Dynaſtie, im Uebrigen aber jenen Zweien, die vor fünf Tagen an Don Abbondio ihre Botſchaft ansgerichtet, vollkom⸗ men ähnlich, wenn ſie nicht gar dieſelben waren. Sie machten mit dem Schulzen noch weniger Umſtände, als mit dem Pfarrer, ſondern bedeuteten ihm bloß, er ſolle ſich wohl hüten, dem Podeſta den Vorfall zu melden, die Wahrheit zu antworten, falls er gefragt würde, ſelbſt zu ſchwatzen oder dem Geſchwätze der Bauern Vor⸗ ſchub zu leiſten, ſo lieb ihm die Hoffnung ſei, an einer Krankheit zu ſterben. Unſere Flüchtlinge legten ſchweigend und im vollen Sturmſchritt ein gutes Stück Wegs zurück, wandten 172 ſich dabei Eines um das Andere um, ob Niemand fie verfolge, und waren begreiflicher Weiſe ſehr niederge⸗ ſchlagen, theils wegen der Mühſeligkeiten der Flucht, theils wegen der erduldeten Angſt und Unruhe, theils über den ſchlechten Erfolg, theils aus verworrener Ban⸗ gigkeit vor einer neuen, noch unbekannten Gefahr. Am allerängſtlichſten machte ſie das beſtändige Geläute, das, wenn es auch in der Entfernung immer ſchwächer und dumpfer klang, zu gleicher Zeit einen gewiſſen kläg⸗ licheren und unheimlicheren Ton annahm. Endlich hörte es auf. Sie befanden ſich jetzt auf einem öden Feld, und da ſie rings umher kein Getöne vernahmen, ſo mäßigten ſie ihre Schritte, und zwar war Agneſe die Erſte, die nach einem langen Athemzug das Still⸗ ſchweigen brach, indem ſie Renzo fragte, wie es gegan⸗ gen, und Menico, wer dieſer Teufel im Hauſe ſei. Renzo gab in kurzen Worten ſeine traurige Geſchichte preis, und nun wandten ſich alle Drei gegen den Jun⸗ gen, der ausführlicher den Beſcheid des Paters mit⸗ theilte und durch die Erzählung deſſen, was er ſelbſt geſehen und gewagt hatte, die Richtigkeit deſſelben nur zu ſehr bekräftigte. Die Zuhörer begriffen mehr, als Menico zu ſagen gewußt hätte. Bei dieſer Mitthei⸗ lung wurden ſie von einem neuen Schauder erfaßt, blieben alle Drei einen Augenblick mitten im Wege ſtehen, tauſchten angſtvolle Blicke mit einander aus, dann legten ſie alle Drei mit einer einmüthigen Re⸗ gung die Hand theils auf den Kopf, theils auf die Schultern des Knaben, gleich als wollten ſie ihn lieb⸗ koſen, ihm ſchweigend danken, daß er ihr Schutzengel geworden, ihm ihr Mitleid zu verſtehen geben und ihn gleichſam wegen der zu ihrer Rettung überſtandenen Angſt und Gefahr um Verzeihung bitten.„Kehre jetzt nach Hauſe zurück, damit Deine Leute ſich nicht mehr um Dich ängſtigen,“ ſagte Agneſe zu ihm, und da ihr die zwei verſprochenen Parpajolen einfielen, ſo nahm ſie ihrer vier und gab ſie ihm mit dem Beifügen:„Da, 173 bete jetzt zu Gott, daß wir uns bald wieder ſehen und dann...“ Renzo gab ihm eine neue Berlinge und bat ihn auf's Inſtändigſte, von dem Auftrage des Paters Niemand etwas zu ſagen. Lucia liebkoste ihn von Neuem lund ſagte ihm mit innigſt bewegter Stimme Lebewohl, worauf der Junge ſich ganz gerührt von ihnen verabſchiedete und zurückfehrte. Sie ihrerſeits ſetzten gedankenvoll ihren Weg fort, die Frauen voran und Renzo hintendrein, gleich als wollte er eine Schutzgarde für ſie bilden. Lucia hielt ſich feſt am Arm der Mut⸗ ter und lehnte ſanft und gewandt die Unterſtützung ab, welche der Jüngling ihr an den beſchwerlichen Stellen des ungebahnten Weges bot; ja ſie war ſogar in dieſer Drangſal etwas beſchämt, daß ſie ſchon ſo lange und vertraut mit dem Manne umgegangen, deſſen Frau ſie in wenigen Augenblicken zu werden gehofft hatte. Jetzt da dieſer Traum auf ſo ſchmerzliche Weiſe entſchwun⸗ den war, bereute ſie, daß ſie ſich ſchon ſo weit mit ihm vergangen habe, und bei ſo vielen Urſachen zu zittern, zitterte ſie auch noch in Folge jener Schaam, welche nicht aus dem traurigen Bewußtſein des Böſen entſteht, ſondern ſich ſelbſt nicht kennt und der Furcht des Kin⸗ des gleicht, das im Finſtern zittert, ohne zu wiſſen, warum. „Und das Haus?“ ſagte Agneſe auf einmal. Aber ſo wichtig die Sorge war, welche ihr dieſen Ausruf entriß, ſo antwortete doch keines, weil keines eine be⸗ friedigende Antwort zu ertheilen wußte. Sie ſetzten ſchweigend ihren Weg fort und langten bald darauf auf einem freien Platz vor der Kloſterkirche an. Renzo trat an die Kirchenthüre und drückte ein wenig an derſelben. Sie ging wirklich auf und der durch die Oeffnung ſcheinende Mond beleuchtete das blaſſe Geſicht und den ſilbernen Bart des Paters Cri⸗ ſtoforv, welcher daſtand und ſie erwartete. Als er ſah, daß Niemand fehlte, ſagte er:„Gott ſei gelobt!“ und winkte ihnen, einzutreten. Neben ihm ſtand ein anderer 17⁴ Kapuziner, der Laienbruder Meßner, welchen er mit Bitten und Gründen überredet hatte, bei ihm aufzu⸗ bleiben, die Thüre offen zu laſſen und hier zu wachen, um die armen Bedrohten aufzunehmen; es erforderte auch die ganze Autorität des Paters, ſowie ſeinen aus⸗ gebreiteten Ruf als Heiliger, um den Laienbruder zu dieſer unbequemen, gefährlichen und unregelmäßigen Willfährigkeit zu beſtimmen. Als ſie eingetreten waren, verſchloß Pater Criſtoforo ſachte die Thüre wieder. Jetzt konnte der Sarriſtan nicht länger an ſich halten, ſondern zog den Pater auf die Seite und flüſterte ihm in's Ohr:„Aber Pater, Pater! bei Nacht. in der Kirche mit Frauen.. zu ſchließen die Re⸗ gel aber Pater!“ Und er ſchüttelte den Kopf. Während er mühſam dieſe Worte ſtammelte, dachte Pater Criſtoforo bei ſich: da ſehe'mal Einer; wenn es ein verfolgter Bandit wäre, ſo würde Bruder Fazio ganz und gar keine Schwierigkeiten machen; aber ein armes, unſchuldiges Mädchen, das aus den Klauen eines Wolfes entflohen iſt... Omnia munda mundis,“ ſagte er dann, indem er ſich plötzlich zu dem Pater Fazio wandte und vergaß, daß dieſer kein Latein ver⸗ ſtand. Aber gerade dieſes Vergeſſen that die gewünſchte Wirkung. Hätte der Pater ſich's einfallen laſſen, Gründe anzuführen, ſo würde es dem Bruder Fazio nicht an Gegengründen gefehlt haben, und wer weiß, wann und wie die Sache zu Ende gebracht worden wäre? Aber als er dieſe einen geheimnißvollen Sinn andeutende Worte in ſo entſchloſſenem Ton ausſprechen hörte, da war es ihm, als müſſe die Löſung aller ſeiner Zweifel darin enthalten ſein. Er beruhigte ſich und ſagte: „Schon gut, Ihr wißt mehr von der Sache, als ich.“ „Verlaßt Euch darauf,“ antwortete Pater Criſto⸗ foro, und beim zweifelhaften Schein der Lampe, die vor dem Altar brannte, näherte er ſich den Flüchtlin⸗ gen, welche in banger Erwartung harrten, und ſagte zu ihnen:„Kinder, danket dem Herrn, der Euch aus 175 einer großen Gefahr errettet hat. Vielleicht wäre in dieſem Augenblick...“ Und nun erklärte er ihnen umſtändlicher, was er ihnen durch den kleinen Boten nur angedeutet hatte, denn er ahnte nicht, daß ſie mehr von der Sache wußten, als er, und er glaubte, Menico habe ſie ganz ruhig noch vor der Ankunft der Banditen zu Hauſe getroffen. Niemand enttäuſchte ihn, nicht einmal Lucia, in welcher dieſe Geheimnißthuerei gegen einen ſolchen Mann Gewiſſensbiſſe erregte; aber es war nun einmal eine Nacht der Verwicklungen und der Verſtellung. „Unter ſolchen Umſtänden,“ fuhr er fort,„ſeht Ihr wohl ein, Kinder, daß Euer Dorf Euch keine Sicher⸗ heit mehr bietet. Es iſt Euer Heimathort, Ihr ſeid darin geboren, Ihr habt Niemand Unrecht gethan, aber Gott will es ſo. Es iſt eine Prüfung, Kinder. Be⸗ ſtehet ſie mit Geduld, mit Vertrauen, ohne Zorn, und ſeid verſichert, daß die Zeit kommen wird, wo Ihr mit dem, was jetzt geſchieht, zufrieden ſein werdet. Ich habe für die erſten Augenblicke eine Zufluchtsſtätte aus⸗ findig gemacht. Ich hoffe, Ihr werdet bald ſicher nach Hauſe zurückkehren können; jedenfalls wird Gott für Euch ſorgen und ich meinerſeits werde mich bemühen, der Gnade zu entſprechen, die er mir erzeigt, indem er mich zu ſeinem Diener erwählt, um Euch armen, lie⸗ ben, bedrängten Leuten zu helfen. Ihr,“ fuhr er gegen die beiden Frauen fort,„könnt in*** bleiben. Ihr ſeid dort vor aller Gefahr ſicher und zugleich nicht allzu weit von Eurer Heimath entfernt. Gehet nach unſerem Kloſter dort, fraget nach dem Pater Guardian und gebet ihm dieſen Brief. Er wird ein zweiter Pater Criſto⸗ foro für Euch ſein. Und Du, mein Renzo, auch Du mußt Dich jetzt vor fremdem und Deinem eigenen Zorn ſicher ſtellen. Bring dieſen Brief dem Pater Bona⸗ ventura von Lodi in unſerem Kloſter bei der Porta orientale zu Mailand. Er wird wie ein Vater für Dich ſorgen, wird Dir Anleitung geben und Arbeit 176 verſchaffen, bis Du wieder zurückkehren und ruhig hier leben kannſt. Gehet an das Seeufer nahe an der Mün⸗ dung des Leione, eines Baches unfern vom Kloſter. Dort werdet Ihr einen Kahn anliegen ſehen. Sprecht: Barke. Man wird Euch fragen: Für wen? Dann antwortet: San Francesco. Die Barke wird Euch auf⸗ nehmen und an das andere Ufer überſetzen, wo Ihr eine Barutſche vorfinden werdet, die Euch geraden Wegs bis nach*** bringt.“ Wer etwa fragen wollte, wie Pater Criſtoforo ſo ſchnell all dieſe Transportmittel zu Waſſer und zu Land zu ſeiner Verfügung bekommen, der würde dadurch be⸗ weiſen, daß er von der Macht eines im Rufe der Hei⸗ ligkeit ſtehenden Kapuziners keinen Begriff hat. Es blieb jetzt nur noch übrig, an die Verwahrung der Häuſer zu denken. Der Pater empfing die Schlüſ⸗ ſel zu denſelben und verſprach, ſie denjenigen Perſonen zu übergeben, welche Renzo und Agneſe ihm bezeichnen würden. Letztere ſtieß bei Ueberreichung des ihrigen einen tiefen Seufzer aus, indem ſie bedachte, daß in dieſem Augenblicke ihr Haus offen ſtehe, daß der Teufel darin geweſen und vielleicht nur noch ſehr wenig mehr da ſei, was der Mühe der Verwahrung lohne. „Bevor Ihr gehet,“ ſagte der Pater,„laßt uns Alle zuſammen zum Herrn beten, daß er Euch auf die⸗ ſem Wege und immerdar geleite, und beſonders, daß er Euch Kraft und Luſt verleihe, das zu wollen, was er gewollt hat.“ So ſprechend, kniete er mitten in der Kirche nieder und Alle thaten das Gleiche. Als ſie wenige Augenblicke ſtille gebetet hatten, ſprach er mit leiſer, aber deutlicher Stimme folgende Worte:„Wir beten zu Dir auch für den armen Menſchen, der uns zu ee Schritte genöthigt hat. Wir würden Deiner Barmherzigkeit unwürdig ſein, wenn wir ſie nicht auch für ihn von ganzem Herzen erflehten. Er bedarf ihrer ſo ſehr. Wir haben in unſerer Trübſal den Troſt, daß wir uns auf dem Wege beſinden, den Du uns angewieſen 177 haſt; wir können Dir unſere Klagen darbringen, und unſere Leiden werden für uns zum Gewinn. Aber er! Er iſt Dein Feind! O der Unglückſelige! Er will mit Dir hadern! Habe Erbarmen mit ihm, o Herr, rühre ſein Herz, mache ihn zu Deinem Freund, verleihe ihm all das Gute, das wir für uns ſelbſt wünſchen können.“ Darauf erhob er ſich haſtig und ſagte:„Gehet jetzt fort, Kinder, wir haben keine Zeit zu verlieren; Gott behüte Euch, ſein Engel geleite Euch, gehet!“ Und wäh⸗ rend ſie mit einer Gemüthsbewegung, die keine Worte findet und ſich auch ohne ſolche kund gibt, ſich auf den Weg machten, fügte der Pater mit gewöhnter Stimme hinzu:„mein Herz ſagt mir, daß wir uns bald wieder⸗ ſehen werden.“ Gewiß hat das Herz, wenn man ihm Gehör ſchenkt, immer etwas von dem zu ſagen, was geſchehen wird⸗ Aber was weiß das Herz? Kaum ein Bischen von dem, was bereits geſchehen iſt. Ohne auf Antwort zu warten, zog ſich Pater Cri⸗ ſtoforv raſchen Schrittes zurück; die Reiſenden gingen hinaus und Bruder Fazio verſchloß das Thor, indem er ihnen gleichfalls mit bewegter Stimme Lebewohl ſagte. Renzo und die Frauen gingen in aller Stille nach dem Ufer, das man ihnen bezeichnet hatte, ſahen da den Nachen, tauſchten das Lvoſungswort aus und ſtiegen hinein. Der Fährmann ſtemmte ein Ruder gegen das Ufer und ſtieß ab; dann erfaßte er auch das andere Ruder, arbeitete mit beiden Armen und fuhr dem jen⸗ ſeitigen Ufer zu. Es wehte kein Lüftchen; der See lag glatt und eben da, er würde unbeweglich geſchienen haben, ohne das Geflimmer und das leichte Wallen des Mondes, der ſich vom Himmel herab darin ſpie⸗ gelte. Man hörte bloß die ſchlaffe und langfame Fluth, welche ſich am Kiesſande des Ufers brach, das fernere Rauſchen des Waſſers, das an den Brückenpfeilern abprallte und das abgemeſſene Geräuſch der beiden Ru⸗ der, welche die azurne Fläche des See's zertheilten, Die Verlobten. 1. 12 178 auf einmal triefend herauskamen und ſchnell wieber eintauchten. Die von der Barke durchſchnittene Fluth vereinigte ſich hinter ihr wieder, und beſchrieb einen gekräuſelten Streifen, der ſich bis an das Ufer hin erſtreckte. Mit rückwärts gewandten Geſichtern ſaßen die ſchweigſamen Wanderer da, und betrachteten die Ge⸗ birge, ſo wie die bald vom Mond erhellte, bald wieder von großen Schalten verdunkelte Gegend. Sie erkann⸗ ten die Dörfer, die Häuſer, die Hütten. Don Rodri⸗ go's Burg ragte mit ihrem platten Thurm über die elenden am Fuße des Vorgebirgs angehäuften Häuschen hervor, und glich einem wilden Menſchen, der unter einer Schaar daliegender Schläfer ſtehend wacht und auf ein Verbrechen ſinnt. Lucia ſah ſie und ſchauderte; ihr Auge ſchweifte quer über den Abhang bis zu ihrem Dörſchen hinab, blickte ſcharf auf das äußerſte Ende deſſelben, entdeckte ihr Häuschen, ſowie das dichte Laub ſes Feigenbaumes, der über die Mauer emporragte, ent⸗ denkte das Fenſter ihres Zimmers, und da ſie auf dem Boden der Barke ſaß, ſo ſtemmte ſie ihren Ellenbogen auf den Bord derſelben, ſenkte die Stirne darauf, wie wenn ſie ſchlafen wollte, und weinte heimlich. Lebt wohl, ihr aus dem Waſſer emporſteigende und zum Himmel aufragende Berge, ihr zackigen Gipfel, demjenigen, der unter euch aufgewachſen iſt, ſo bekannt und ſeinem Geiſte nicht minder eingeprägt, als der An⸗ blick ſeiner liebſten Angehörigen; ihr Bäche, deren lautes Gemurmel er wie den Ton befreundeter Stim⸗ men unterſcheidet; ihr weißlich ſcheinenden Landhäuſer, die ihr gleich Heerden weidender Schafe am Abhange hin zerſtreut ſeid, lebet wohl! Wie traurig iſt der Gang desjenigen, der unter euch aufgewachſen, von euch ſcheiden muß! Selbſt in der Phantaſie deſſen, der ſich, von der Hoffnung angezogen anderwärts ſein Glück zu machen, freiwillig von euch trennt, verlieren in dieſem Augenblick die Träume des Reichthums all ihren 179 Reiz; er wundert ſich, wie er den Entſchluß faſſen konnte, und er würde ſchon jetzt umkehren, wenn er nicht dächte, daß er eines Tages reich zurückkommen werde. Wenn er weiter in der Ebene vordringt, ſo zieht ſich ſein Auge müde und verdroſſen von der ein⸗ förmigen, weiten Landſchaft ab; die Luft erſcheint ihm drückend und leblos; traurig und zerſtreut tritt er in die lärmenden Städte; die an Häuſer gedrängten Häu⸗ ſer, die in Straßen ausgehenden Straßen ſcheinen ihm den Athem zu benehmen, und im Angeſicht der Ge⸗ bäude, welche der Fremde bewundert, denkt er mit un⸗ ruhiger Sehnſucht an den kleinen Thurm ſeines Dor⸗ fes, an das niedrige Häuschen, auf das er ſchon lange ſeine Blicke geworſen und das er kaufen wird, wenn er einmal mit Glücksgütern geſegnet in ſeine Berge wiederkommt. Wen aber noch niemals auch nur ein flüchtiges Verlangen darüber hinausgetrieben, wer alle ſeine Zu⸗ kunftspläne in ihnen aufgebaut hat, und nur durch eine ruchloſe Gewalt fern von ihnen geſchleudert wor⸗ den iſt; wer ſich ſeinen theuerſten Gewohnheiten ent⸗ riſſen, in ſeinen liebſten Hoffnungen geſtört ſieht, und dieſe Berge verläßt, um Fremde aufzuſuchen, nach de⸗ ren Bekanntſchaft er ſich niemals geſehnt hat, wie un⸗ glücklich muß er ſich fühlen, zumal wenn ihm ſeine Einbildungskraft durchaus keine beſtimmte Friſt zur Rückkehr vorzuſpiegeln vermag! Lebe wohl, Vaterhaus, wo er in geheimen Gedanken da ſitzend das Getöne eines mit geheimnißvollem Bangen erwarteten Fuß⸗ tritts von dem Geräuſche gewöhnlicher Fußtritte unter⸗ ſcheiden lernte! Lebe wohl, Du noch fremdes Haus, Du ſo manchmal flüchtig im Vorbeigehen und nicht ohne Erröthen angeblicktes Haus, in welchem das Herz ſich mit ſo namenloſem Vergnügen eine ruhige und bleibende Wohnung der geliebten Braut dachte! Lebe wohl, Du Kirche, wo die Seele ſich ſo manchmal er⸗ heiterte, indem ſie das Lob des Herrn ſt wo eine 12½ 180 Feierlichkeit verheißen und vorbereitet war, wo der ge⸗ heime Seufzer des Herzens öffentlich geſegnet und die Liebe geboten, ja für heilig erklärt werden ſollte, lebe wohl! Er, der Euch ſolche Lieblichkeit verlieh, iſt überall und er trübt die Freude ſeiner Kinder nur, um ihnen eine noch gewiſſere und größere zu bereiten. Von ſolcher Art, wenn auch nicht genau dieß, wa⸗ ren Lucia's Gedanken, und wenig davon verſchieden wa⸗ ren die Gedanken der beiden anderen Reiſenden, wäh⸗ rend die Barke ſich dem rechten Ufer der Adda näherte. Neuntes Capitel. Der Stoß, welchen die Barke beim Anlanden erlitt, erſchütterte Lucia, die ſich, nachdem ſie heimlich ihre Thränen getrocknet, wie vom Schlafe erhob. Renzo ſtieg zuerſt aus und reichte Agneſe die Hand; dieſe reichte, als ſie ebenfalls ausgeſtiegen war, ihre Hand der Tochter, und nun ſagten alle drei mit ſchwerbetrüb⸗ tem Herzen dem Schiffer ihren Dank.„Nichts zu dan⸗ ken; wir ſind hienieden, um einander beizuſtehen,“ er⸗ wiederte der Mann, und zog beinahe mit Abſcheu ſeine Hand zurück, wie wenn man ihm einen Raub ange⸗ ſonnen hätte, als Renzo ihm einen Theil der kleinen Münze aufzudringen verſuchte, die er gerade bei ſich trug und am Abend zu ſich geſteckt hakte, um gegen Don Abbondio großmüthiger Weiſe erkenntlich zu ſein, wenn er ihn, ob auch wider ſeinen Willen, bedient hätte. Die Carutſche ſtand hier bereit; der Kutſcher grüßte die drei erwarteten Perſonen, hieß ſie einſteigen, rief ſeinem Thiere zu, gab ihm mit der Peitſche noch eine Mahnung, und nun ging es fort. Unſer Autor beſchreibt dieſe nächtliche Reiſe nicht; er verſchweigt auch den Namen des Dorfes, nach wel⸗ chem die kleine Karavane zog, ja er erklärt ſogar aus⸗ 181 drücklich, daß er ihn nicht ſagen wolle. Aus dem wei⸗ tern Verlauf der Geſchichte ergibt ſich dann die Urſache dieſer ganzen Geheimthuerei. Lucia's Erlebniſſe an dem gedachten Aufenthalt ſtehen mit einer lichtſcheuen In⸗ trigue einer Perſon in Verbindung, deren Familie zur Zeit, wo unſer Autor ſchrieb, noch äußerſt mächtig war. Um über das ſeltſame Weſen dieſer Perſon im gegebenen Falle eine Aufklärung zu geben, hat er dann auch ihr früheres Leben in Kürze erzählen müſſen, und die Familie ſpielt darin die Rolle, welche jeder ſehen wird, der leſen will. Deßhalb die ängſtliche An⸗ ſicht des armen Mannes. Und dennoch(wie gedanken⸗ los zuweilen die Menſchen find!) hati er ſelbſt, ohne es zu bemerken, uns ein Mittel an die Hand gegeben, um dasjenige mit Gewißheit zu entdecken, was er mit ſo ſcheuer Behutſamkeit geheim zu halten ſuchte. In einem Theil der Erzählung, welchen wir, als zum We⸗ ſen der Geſchichte nicht nothwendig, übergehen werden, entfährt ihm die Bemerkung, der genannte Ort ſei ein altes, ſchönes Dorf geweſen, welchem zur Stadt wei⸗ ter Nichts als der Name gefehlt habe; ſodann deutet er unvorſichtiger Weiſe darauf hin, daß der Lambro in der Nähe fließe, und endlich ſagt er noch, es ſei ein Erzprieſter da. Bei ſolchen Indizien wird nun in ganz Eurvpa jeder halbgebildete Menſch ſogleich ausrufen: Monza! Wir hätten auch über den Namen der Fami⸗ lie wohl begründete Muthmaßungen beibringen können; aber obwohl diejenige, die wir meinen, ſchon ſeit lan⸗ ger Zeit erloſchen iſt, ſo halten wir es doch für beſſer, ganz darüber zu ſchweigen, theils weil wir ſelbſt nicht einmal in die Gefahr kommen wollen, gegen Todte ein Unrecht zu begehen, theils weil wir mit Vergnügen den Gelehrten einigen Stoff zu Nachforſchungen überlaſſen, Unſere Reiſenden langten kurz vor Sonnenaufgang in Monza an; der Kutſcher kehrte in einem Wirths⸗ haus ein und ließ hier als Ortskundiger und Bekann⸗ ter des Wirthes den neuen Gäſten ein Zimmer an⸗ 182 weiſen, wohin er ſie auch begleitete. Nach vielen Dankſagungen ſuchte Renzo auch ihm eine Bezahlung aufzudringen; aber der Kutſcher hatte gleich dem Schiff⸗ mann einen andern, entfernteren, jedoch reichlichen Lohn im Auge; auch er zog die Hände zurück und lief bei⸗ nahe fliehend fort, um ſein Thier zu verſorgen. Nach einem Abend, wie wir beſchrieben haben, nach einer Nacht, wie ſie ſich Jeder vorſtellen kann, großen Theils unter ſolchen Gedanken, in unaufhör⸗ licher Angſt vor irgend einem unangenehmen Zuſam⸗ menſtoß, in der trübſeligen Schweigſamkeit der Fin⸗ ſterniß, in einer mehr als herbſtlichen, ſchneidenden Luft und unter den häufigen Stößen des unbequemen Fuhr⸗ werks verbracht, welche die Lebensgeiſter unſerer Rei⸗ ſenden, wenn ſie kaum angefangen hatten, ſich im Schlaf ein wenig zu beruhigen, unſanft wieder auf⸗ rüttelten, deuchte es ihnen eine angenehme Sache, ſich auf einer kleinen feſtgemachten Bank in einem nicht allzu beguemen Zimmer einzurichten. Sie nahmen hier eine kleine Mahlzeit ein, ſo gut die Noth der Zeit, die im Verhältniſſe der dringenden Bedürfniſſe einer un⸗ gewiſſen Zukunft ſpärlichen Mittel und geringe Eßluſt dieß geſtatteten. Sie gedachten alle drei, Eines nach dem Andern, des Schmauſes, an welchem ſie ſich vor zwei Tagen zu erfreuen gedacht hatten, und Eines nach dem Andern ſtieß einen ſchweren Seufzer aus. Renzo hätte wenigſtens den ganzen Tag hier bleiben mögen, um die Frauen untergebracht zu ſehen und ihnen die erſten Dienſte zu leiſten; aber der Pater hatte dieſen anempfohlen, ihn alsbald ſeines Weges zu ſchicken. Sie führten daher dieſe Befehle und hundert andere Gründe an, z. B. daß die Leute ſchwatzen könn⸗ ten, daß der Abſchied je ſpäter, je ſchmerzlicher ſein werde, daß er bald Gelegenheit haben werde zu kom⸗ men, um Nachrichten zu geben, und in Empfang zu nehmen, ſo daß der Jüngling ſich endlich entſchloß, weiter zu gehen. Es wurden jetzt noch genauere Ver⸗ 183 abredungen getroffen; Lucia verhehlte ihre Thränen nicht, Renzo hielt die ſeinigen nur mühſam zurück; er drückte Agneſen heftig die Hand, ſagte mit erſtickter Stimme:„Auf Wiederſehen!“ und ging. Die Frauen wären in großer Verlegenheit gewe⸗ ſen ohne den guten Fuhrmann, welcher Befehl hatte, ſie in's Kloſter zu begleiten und ihnen, ſo weit es nöthig wäre, mit Rath und That beizuſtehen. In ſei⸗ ner Geſellſchaft brachen ſie alſo nach dem Kloſter auf, das, wie Jedermann weiß, eine kurze Strecke außer⸗ halb Monza lag. Bei der Pforte angelangt, klingelte der Kutſcher und ließ den Pater Guardian rufen; dieſer erſchien und empfing den Brief. „Ah, Pater Criſtoforo!“ ſagte er, indem er ſo⸗ gleich die Schriftzüge erkannte. Der Ton ſeiner Stimme und ſeiner Geberden verriethen ſehr deutlich, daß er den Namen eines ſehr theuern Freundes ausſprach. Wir müſſen noch ſagen, daß unſer Pater Criſtoforo in ſei⸗ nem Schreiben die Frauen mit vieler Wärme empfoh⸗ len und ihre Lage mit innigem Gefühl geſchildert hatte, denn der Guardian gab von Zeit zu Zeit durch allerlei Geberden ſeine Keberraſchung und Entrüſtung zu er⸗ kennen, und indem er vom Blatte aufſchaute, betrach⸗ tete er die Frauen mit einem gewiſſen Ausdruck mit⸗ leidiger Theilnahme. Als er den Brief zu Ende geleſen, blieb er eine Weile gedankenvoll ſtehen und ſagte dann zu ſich:—„Nur die Domina kann das thun; wenn die Domina ſich mit der Sache befaſſen wollte...“ Er nahm ſodann Agneſe einige Schritte weit auf den Platz vor dem Kloſter, richtete einige Fragen an ſie, welche ſie beantwortete, und ſagte, als er zu Lucia zurückgekehrt war, zu beiden:„Liebe Frauen, ich will einen Verſuch machen; ich hoffe eine vollkommen ſichere und ehrbare Zufluchtsſtätte für Euch auffinden zu kön⸗ nen, bis Gott beſſer für Euch geſorgt hat. Wollt Ihr mit mir kommen?“ Die Frauen ſagten ehrfurchtsvoll:„Ja,“ und der 184 Mönch fuhr fort:„Kommt mit mir nach dem Kloſter der Domina. Haltet Euch jedoch einige Schritte von mir entfernt; denn die Leute ſagen gern Böſes, und Gott weiß, was für ſaubere Geſchichten man ſich erzählen würde, wenn man den Pater Guardian mit einem ſchönen Mädchen. mit Frauen, will ich ſagen, ge⸗ hen ſähe.“ So ſprechend, ſchritt er voran. Luria erröthete; der Kutſcher ſah lächelnd Agneſe an, die ſich gleichfalls eines augenblicklichen Schmunzelns nicht erwehren konnte, und als der Mönch einen kleinen Vorſprung gewonnen hatte, ſetzten ſich alle drei in Bewegung und hielten ſich etwa zehn Schritte hinter ihm. Die Frauen frag⸗ ten jetzt den Fuhrmann, was ſie den Pater Guardian zu fragen nicht gewagt hatten, nämlich wer die Do⸗ mina ſei. „Die Domina,“ antwortete dieſer,„iſt eine Nonne, aber keine Nonne wie die anderen. Sie iſt auch nicht die Aebtiſſin oder Priorin; im Gegentheil ſoll ſie zu den Jüngſten gehören: aber ſie ſtammt aus uraltem Adel und ihre Angehörigen waren in früherer Zeit vor⸗ nehme Leute, die aus Spanien gekommen find, wo die⸗ jenigen wohnen, die über uns gebieten; deßhalb nennt man ſie die Domina, um dadurch anzuzeigen, daß ſie eine vornehme Dame iſt, und das ganze Dorf nennt ſie bei dieſem Namen, weil ſie ſagen, ſie hätten noch nie eine ſolche Perſon im Kloſter gehabt; ihre Ver⸗ wandten gelten drunten in Mailand gar viel und ge⸗ hören zu denjenigen, die immer Recht haben; noch mehr aber gelten Sie in Monza, denn ihr Vater iſt, obſchon er nicht da wohnt, der erſte im Ort, daher ſie im Kloſter thun kann, was ihr nur einfällt; auch die Leute draußen haben große Ehrfurcht vor ihr, und wenn ſie ſich einmal einer Sache annimmt, ſo iſt ſie auch im Stande ſie durchzuſetzen, wenn daher der gute Mönch da vorn, Euch in ihre Hände übergeben kann und ſie Euch annimmt, ſo kann ich Euch ſtgin daß Ihr ſo ſicher ſein werdet, wie in Abrahams Schooße. 185 Am Thore des Fleckens angelangt, welches damals von der Seite durch einen baufälligen Thurm und das Bruchſtück einer zerſtörten Veſte überragt wurde, deſſen ſich vielleicht zehn von meinen Leſern entſinnen können, machte der Guardian Halt und wandte ſich um, ob man ihm folge; dann trat er ein und ging nach dem Klo⸗ ſter, auf deſſen Schwelle er von Neuem ſtehen blieb und die kleine Geſellſchaft erwartete. Er bat den Fuhr⸗ mann nach dem Kloſter zu kommen, um die Antwort abzuholen; dieſer verſprach es und verabſchiedete ſich von den Frauen, die ihm noch eine Menge Dankſagun⸗ gen und Aufträge an den Pater Criſtoforo mitgaben. Der Guardian ließ Mutter und Tochter in den erſten Kloſterhof eintreten, führte ſie in die Zimmer der Schaff⸗ nerin, der er ſie anempfahl, und ging allein weiter, um ſein Geſuch vorzutragen. Nach wenigen Augenblicken erſchien er mit fröhlicher Miene wieder, um ihnen zu ſagen, ſie möchten mit ihm kommen. Es war hohe Zeit, denn Mutter und Tochter wußten nicht mehr, wie ſie den zudringlichen Fragen der Schaffnerin auswei⸗ chen ſollten. Während ſie über einen zweiten Hof ſchritten, belehrte der Guardian die Frauen, wie ſie ſich gegen die Domina zu verhalten hätten.„Sie iſt freundkich für Euch geſtimmt,“ ſagte er,„und kann Euch viel Gutes thun; ſeid demüthig und ehrerbietig, beantwortet einfach die Fragen, die ſie an Euch rich⸗ ten wird und ſo lang ihr nicht gefragt werdet, ſo laßt mich machen.“ Sie traten in ein unteres Gemach, aus welchem man in das Sprachzimmer kam. Ehe er ſei⸗ nen Fuß in dieſes ſetzte, ſagte der Guardian auf die Thüre deutend, leiſe zu den Frauen:„Da drinnen iſt ſie,“ wie wenn er ihnen dadurch ſeine Anweiſungen ins Gedächtniß zurückrufen wollte. Lucia, die niemals ein Kloſter geſehen hatte, ſchaute, als ſie ins Sprachzim⸗ mer getreten war, ringsumher nach der Domina, um ihre Verbeugung zu machen, und ſtand ganz verblüfft da, als ſie Riemand entdeckte, bis ſie endlich den Pa⸗ 186 ter und hinter ihm Agneſe nach einer Seite zugehen ſah, wo ſie eine beinahe quadratförmige, einem halben Fenſter ähnliche Oeffnung, verſperrt durch zwei dicke und ſtarke eine Handbreit von einander abſtehende Eiſen⸗ gitter und hinter denſelben eine Nonne erblickte. Ihr Aeußeres ließ auf fünfundzwanzig Jahre ſchließen und machte auf den erſten Augenblick den Eindruck der Schönheit, aber einer gebrochenen, verblühten, ich möchte faſt ſagen zerſtörten Schönheit. Ein über den Kopf herabhängender und flach auseinandergezogener Schleier fiel, von dem Geſichteetwas abſtehend, nach rechts und links hinab; unter demSchleier befand ſich eine ſchneeweiße lin⸗ nene Binde, welche die Hälfte einer Stirne von verſchiede⸗ ner aber nicht geringerer Weiße bedeckte; eine andere faltige Binde umgab das Geſicht bis unter das Kinn, ging um den Hals herum, und breitete ſich ein wenig über die Bruſt aus, ſo daß ſie den Rand des ſchwar⸗ zen Kleides bedeckte. Aber dieſe Stirne faltete ſich jeden Augenblick in einem ſchmerzhaften Krampfe, und dann zogen ſich zwei rabenſchwarze Augenbrauen in einer raſchen Bewegung zuſammen. Zwei gleichfalls ganz ſchwarze Augen hefteten ſich bald mit hochmüthig forſchendem Ausdruck auf das Geſicht eines Andern, bald ſenkten ſie ſich raſch, als ob ſie ein Verſteck ſuch⸗ ten; in gewiſſen Augenblicken würde ein aufmerkſamer Beobachter den Schluß gezogen haben, daß ſie Liebe, Theilnahme, Mitleid fordere; ein andermal hätte er die augenblickliche Offenbarung eines eingewurzelten, aber niedergedrückten Haſſes, einen gewiſſen wilden Drang darin zu finden geglaubt; wenn ſie unbeweglich und ſtarr, ohne Anſtrengung auf etwas ruhten, ſo konnte Einer eine ſtolze Verdroſſenheit darin ſehen; ein Anderer muthmaßte vielleicht das Ringen eines verborgenen Gedankens, die Uebermannung der Seele durch eine Sorge, von der ſie ſich nicht befreien konnte, und die einen ſtärkeren Einfluß auf fie ausübte als die Gegenſtände, welche ſie umgaben. Die äußerſt hlaſſen 187 Wangen waren zart umriſſen, aber allzu mager und entſtellt durch eine langſame Auszehrung. Die Lippen, die noch einen ſchwachen Anflug von einer verblichenen Röthe hatten, ſpielten gleichſalls in dieſe Bläſſe hin⸗ über, ihre Bewegungen waren gleich denen der Augen vlötzlich, lebhaft, voll von Ausdruck und Heimlichkeit. Der ſchöne, hohe Wuchs verſchwand in der zur Ge⸗ wohnheit gewordenen Nachläſſigkeit ihrer Haltung, oder trat entſtellt in gewiſſen plötzlichen, unregelmäßigen und für eine Dame, geſchweige denn eine Nonne allzu ent⸗ ſchiedenen Bewegungen hervor. Selbſt in der Kleidung lag hie und da etwas Geſuchtes oder Nachläſſiges, wo⸗ durch ſich die Nonne als ein Orginal ankündigte: die Hüften waren mit einer gewiſſen weltlichen Sorgfalt gegürtet, und unter der Binde quoll auf dem einen Schlafe das Ende eines kleinen Büſchels ſchwarzer Haare hervor, das eine Vergeſſenheit oder Gering⸗ ſchätzung der Regel anzeigte, laut welcher die bei der feierlichen Ceremonie der Gelübdeablegung abgeſchnitte⸗ nen Haare immer kurz getragen werden ſollten. Dieſe Dinge entgingen den Augen der beiden Frauen, welche keine Uebung hatten, eine Nonne von der andern zu unterſcheiden, und der Pater Guardian, der die Do⸗ mina nicht zum Erſtenmale ſah, war wie ſo viele An⸗ dere bereits an das Eigenthümliche gewöhnt, das ſich in ihrem Benehmen und Aufzug kund gab. Sie ſtand in dieſem Augenblicke, wie wir bereits geſagt haben, am Gitter, mit der einen Hand daran gelehnt, indem ſie die ſchneeweißen Finger in die Lö⸗ cher flocht und das Geſicht ein wenig geneigt. So be⸗ obachtete ſie die herantretenden Gäſte.„Ehrwürdige Mutter und gnädigſte Domina,“ ſagte der Guardian mit geneigter Stirn und die rechte Hand auf die Bruſt gelegt;„dies iſt das arme Mädchen, für welches Ihr mich Euern mächtigen Schutz habt hoffen laſſen und dies iſt die Mutter.“ Die beiden Vorgeſtellten machten tiefe Verbeugun⸗ 188 gen. Die Domina winkte ihnen mit der Hand, daß es genug ſei, und ſagte wieder zu dem Pater gewendet: „Es iſt ein Glück für mich, daß ich unſern lieben Freunden, den Kapuzinern, etwas Angenehmes erweiſen kann. Aber,“ fuhr ſie fort,„erzählt mir doch die Ge⸗ ſchichte dieſes Mädchens etwas genauer, damit ich beſ⸗ ſer ſehe, was ich für ſie zu thun vermag.“ Lucia erröthete und ſenkte ihr Geſicht nach dem Buſ Agneſe— aber der Guardian ſchnitt ihr mit einem Blick das Wort im Munde ab und fuhr ſelbſt fort: „Dieſes Mädchen, gnädigſte Domina, iſt mir, wie ich Euch ſo eben geſagt habe, von einem Mitbruder em⸗ pfohlen worden. Sie hat heimlich ihr Dorf verlaſſen müſſen, um ſich ſchweren Gefahren zu entziehen, und ſie bedarf für einige Zeit einer Zufluchtsſtätte, wo ſie ungekannt leben kann, und wo Niemand ſich erfrechen wird, ſie zu beunruhigen, ſelbſt wenn...“ „Was für Gefahren?“ fiel die Domina ein;„bitte, Pater Guardian, tragt mir die Sache nicht ſo in Räthſeln en. „Ihr müßt wiſſen, ehrwürdige Mutter,“ begann — vor. Ihr wißt, wir Nonnen hören die Geſchichten im⸗ mer gern ausführlich.“ „Es ſind Gefahren,“ antwortete der Guardian, „welche vor den keuſchen Ohren der ehrwürdigen Mut⸗ ter kaum angedeutet werden dürfen.. „O gewiß,“ ſagte die Domina ſchnell, indem ſie ein wenig erröthete. War es Schaam? Wer einen raſchen Ausdruck des Unmuths beobachtet hätte, den dieſe Röthe begleitete, der hätte daran zweifeln können, zumal bei einem Vergleich mit derjenigen, die ſich ein⸗ mal ums andere über Lucia's Wangen ergoß. „Es genügt,“ fuhr der Guardian fort,„wenn ich Euch ſage, daß ein gewaltthätiger Edelmann— nicht alle Großen der Wekt gebrauchen die Gaben Gottes zu ſeiner Ehre und zum Vortheil des Nächſten, wie die gnädige Domina thut— daß ein gewaltthätiger Edel⸗ 189 mann, nachdem er dieſes Geſchöpf lange Zeit mit un⸗ würdigen Anlockungen gequält und die Nutzloſigkeit derſelben eingeſehen, die Frechheit hatte, ſie mit offener Gewalt zu verfolgen, ſo daß die Aermſte ſich genö⸗ thigt geſehen hat, aus ihrem Hauſe zu fliehen.“ „Tretet heran, Jungfrau,“ ſagte die Domina zu Lucid, indem ſie ihr mit dem Finger winkte.„Ich weiß, daß aus dem Munde des Gnardians die lautere Wahr⸗ heit kommt, aber in dieſer Sache kann Niemand beſſer unterrichtet ſein, als Ihr ſelbſt. Ihr ſollt uns daher ſagen, ob dieſer Edelmann ein verhaßter Verſucher war. Was das Herantreten betraf, ſo gehorchte Lucia ſofort, aber das Antworten war eine andere Sache. Eine Nachfrage über dieſen Gegenſtand würde ſie ſelbſt von einer Perſon ihres eigenen Standes in Verlegen⸗ heit gebracht haben; nun aber, da eine ſolch vornehme Dame dieſe Frage ſtellte und in ihrem Ausdruck eine gewiſſe boshafte Zweifelſucht durchſchimmern ließ, ver⸗ lor ſie allen Muth zu antworten.„Ehrwürdige Mut⸗ ter.. ſtammelte ſie und vermochte weiter nichts hervorzubringen. Jetzt glaubte Angneſe als diejenige Perſon, die nach Lucia gewiß am beſten unterrichtet war, ſich berechtigt, ihr zu Hilfe zu kommen.„Gnä⸗ digſte Domina,“ ſagte ſie, ich kann in Wahrheit be⸗ zeugen, daß dieſe meine Tochter den Edelmann haßte, wie der Teufel das Weihwaſſer. Ich möchte ſogar ſagen, er war der Teufel ſelbſt; aber Ihr werdet mir verzeihen, wenn ich ungeſchickt rede, denn wir find Leute ſchlecht und recht wie Gott will. Die Sache iſt die, daß dieſes arme Mädchen da mit einem Jüngling un⸗ ſeres Standes, welcher Gott fürchtete und recht han⸗ delte, verſprochen war; und wäre der Herr Pfarrer ein bischen mehr Mann geweſen. ich weiß, daß ich von einem Geiſtlichen rede, aber der Pater Criſto⸗ forv, ein Freund des Paters Guardian hier, iſt gleich⸗ 190 tesfurcht, und wenn er hier wäre könnte er bezeugen.“ „Ihr ſeid ſchnell bereit zu ſprechen, ohne gefragt worden zu ſein,“ fiel die Domina mit einem hochmä⸗ thigen und zornigen Ausdrucke ein, der ſie beinahe häßlich machte.„Schweigt, ich weiß wohl, daß die Eltern immer eine Antwort im Namen ihrer Kinder bereit halten.“ Agneſe fühlte ſich beleidigt und warf Lueia einen Blick zu, welcher beſagen woöllte: Siehſt du, wie man mit mir umgeht, weil Du nicht ſprechen kannſt? Der falls ein Geiſtlicher, und der iſt ein Mann voll Got⸗ Guardian gab gleichfalls mit einem Blick und Kopf⸗ nicken dem Mädchen zu verſtehen, daß dies der Augen⸗ blick ſei, ihren ganzen Muth zuſammenzunehmen und die arme Frau nicht im Stiche zu laſſen. „Ehrwürdige Domina,“ ſagte Lucia,„was meine Mutter Euch geſagt hat, iſt die reine Wahrheit. Den Jüngling, der mit mir ſprach— und hier wurde ſie purpurroth— habe ich aus freiem Willen genommen. Verzeiht mir, wenn ich ſo ſchamlos rede, aber es ge⸗ ſchieht, weil ich nicht dulden darf, daß man von mei⸗ ner Mutter übel denke. Und was dieſen Herrn betrifft — Gott verzeihe ihm!— ſo möchte ich lieber ſterben, als in ſeine Hände fallen. Und wenn Ihr uns die Barmherzigkeit erweiſet, uns in Sicherheit zu bringen, da es ſo weit gekommen iſt, daß wir die Dreiſtigkeit haben müſſen, Euch um Schutz zu bitten und recht⸗ ſchaffene Lente zu beläſtigen, wiewohl Gottes Willen geſchehen möge, ſo ſeid überzeugt, Domina, daß Nie⸗ mand mit inbrünſtigerem Herzen für Euch beten wird, als wir armen Frauen.“ „Euch glaube ich,“ ſagte die Domina in ſanfterem Tone.„Aber es wird mir Vergnügen machen, Euch unter vier Augen anzuhören. Nicht als ob ich anderer Aufſchlüſſe und anderer Gründe bedürfte, um den Bit⸗ ten des Paters Guardian zu entſprechen,“ fügte ſie ſchnell hinzu, indem ſie ſich mit geſuchter Zuvorkom⸗ 191 menheit wieder zu dieſem wandte.„Ich habe vielmehr,“ fuhr ſie fort,„bereits darüber nachgedacht, und bis jetzt ſcheint mir das Beſte das zu ſein. Die Schaffaerin des Kloſters hat vor wenigen Tagen ihre letzte Tochter verſorgt. Die Frauen da mögen das Zimmer bewoh⸗ nen, welches dadurch frei geworden iſt, und an ihrer Stelle die wenigen Geſchäfte verſehen, welche ſie für das Kloſter beſorgt hat. Allerdings...“ und hier winkte ſie dem Guardian näher an's Gitter zu treten und fuhr leiſe fort,„allerdings hatte man aus Rückſicht auf die theure Zeit nicht im Sinne, dieſes Mädchen zu erſetzen; aber ich will mit der Mutter Aebtiſſin ſprechen, und auf ein Wort von mir... auf eine Fürſprache des Paters Guardian.. kurz die Sache iſt ſo gut wie abgemacht.“ Der Guardian begann ſeinen Dank abzuſtatten, aber die Domina unterbrach ihn:„Es bedarf hier kei⸗ ner Umſtände; auch ich würde in einem Nothfall den Beiſtand der Väter Kapuziner anſprechen. Am Ende,“ fuhr ſie mit einem Lächeln fort, durch welches eine ge⸗ wiſſe ſpöttiſche Bitterkeit durchſchimmerte,„am Ende ſind wir ja doch Brüder und Schweſtern.“ Nach dieſen Worten rief ſie eine Laienſchweſter— zwei ſolcher waren als beſondere Anszeichnung zu ihrer perſönlichen Bedienung beſtimmt— und befahl ihr, die Aebtiſſin von der Sache zu benachrichtigen, dann aber die Schaffnerin an die Kloſterpforte kommen zu laſſen, um mit ihr und Agneſe die geeignete Verabre⸗ dung zu treffen. Sie entließ dieſe, verabſchiedete auch den Guardian und behielt Lucia zurück. Der Guar⸗ dian begleitete Agneſe bis zur Pforte, gab ihr unter⸗ wegs neue Verhaltungsregeln und ging dann, um einen Bericht für ſeinen Freund Criſtoforo abzufaſſen.— Eine ganz wunderliche Heilige iſt dieſe Domina doch, dachte er im Hinweggehen bei ſich, ſie hat ganz ſonder⸗ bare Manieren; aber wer ſie recht zu behandeln verſteht, der bringt ſie zu Allem, was er haben will. Mein 192 Freund läßt ſich's gewiß nicht träumen, daß ich ihn ſo raſch und gut bedient habe. Der brave Mann! da hilft Nichts, er muß immer Etwas zu thun haben, aber er thut Alles um der guten Sache willen. Dies⸗ mal war es gut für ihn, daß er einen Freund gefunden, der ohne großen Lärm, ohne viel Aufhebens zu machen, und ohne gar ſo viele Umſtände die Sache im Nu zu Stande gebracht hat. Er kann zufrieden ſein der gute Eriſtoforv, und er wird einſehen, daß auch wir zu et⸗ was zu gebrauchen ſind. Die Domina, die in Gegenwart eines bejahrten Kapuziners Geberden und Worte genau berechnet hatte, hielt es jetzt, nachdem ſie mit einem jungen un⸗ erfahrenen Landmädchen allein geblieben, nicht mehr für ſo nöthig, ſich in Acht zu nehmen, und ihre Reden wurden allmählig ſo ſeltſam, daß wir, ſtatt ſie mitzu⸗ theilen, es für paſſender halten, mit kurzen Worten die frühere Geſchichte dieſer Unglückſeligen zu erzählen, wenigſtens ſo viel davon als nöthig iſt, um das Unge⸗ wohnte und Geheimnißvolle, das wir an ihr geſehen haben, zu erklären und die Beweggründe ihres Beneh⸗ nehmens bei denjenigen Begebenheiten, die wir noch erzählen müſſen, begreiflich zu machen. Sie war die jüngſte Tochter des Fürſten**, eines vornehmen mailändiſchen Edelmannes, der ſich zu den Reichſten der Stadt zählen konnte. Aber die maßloſe Einbildung, die er von ſeinem Titel hatte, führte ihn auf die Meinung, daß ſein Ver⸗ mögen faum hinreiche, ja ſogar viel zu gering ſei, um den Anſtand zu beobachten, und ſeine ganze Sorge war darauf gerichtet, daſſelbe wenigſtens in ſeinem derma⸗ ligen Beſtand ſo viel wie möglich auf immer beiſam⸗ men zu behalten. Wie viele Kinder er hatte, geht aus der Geſchichte nicht klar hervor; es erhellt nur ſo viel, † daß er alle Jüngeren, des einen wie des andern Ge⸗ ſchlechtes, für das Kloſter beſtimmt hatte, um das Ver⸗ mögen unverſehrt dem Erſtgebornen zu hinterlaſſen, 193 welcher dazu beſtimmt war, vie Familie fortzupflanzen, d. h. Kinder zu zeugen, um ſich damit zu quälen, daß er ſie ganz auf dieſelbe Weiſe quälte. Unſere Unglück⸗ liche war noch im Mutterleibe verborgen, als ihr Stand unwiderruflich feſtgeſetzt war. Es blieb nur noch zu entſcheiden übrig, ob es ein Mönch oder eine Nonne wer⸗ den ſollte, eine Entſcheidung, zu welcher nicht ihre Einwilligung, ſondern ihr Daſein nothwendig war. Als ſie erſchien, nannte ihr fürſtlicher Vater ſie Gertrud, da er ihr einen Namen zu geben wünſchte, welcher un⸗ mittelbar den Gedanken an das Kloſter erwecken ſolle, und bereits von einer Heiligen aus hohem Stande ge⸗ führt worden war. Als Nonnen aufgeputzte Puppen waren die erſten Spielſachen, die man ihr in die Hände gab, ſodann Bilder von Heiligen in Nonnentracht, und man begleitete das Geſchenk mit der Ermahnung, es als eine koſtbare Sache wohl in Acht zu nehmen, ſowie mit der bejahenden Frage:„Nicht wahr, das iſt ſchön?“ Wenn der Fürſt oder die Fürſtin, oder der junge Prinz, der einzige von den Knaben, der zu Haus erzogen wurde, das geſunde Ausſehen des kleinen Mädchens rühmen wollten, ſo ſchien es, als fänden ſie keine an⸗ dere Art ihre Gedanken gut auszudrücken, als mit den Worten:„Was für eine Mutter Aebtiſſin!“ Niemand ſagte jedoch geradenwegs zu ihr: du mußt Nonne wer⸗ den. Dies war ein Gedanke, der ſich von ſelbſt ver⸗ ſtand, und in allen Geſprächen, die ſich auf ihre künf⸗ tigen Schickſale bezogen, berührt wurde. Ließ ſich die kleine Gertrud manchmal zu einem etwas trotzigen und übermüthigen Gebahren verleiten, wozu ſie ſich vermöge ihrer Gemüthsart leicht hinneigte, ſo ſagte man zu ihr:„Jetzt biſt Du noch ein kleines Mädchen, und ſolche Dinge ſchicken ſich nicht für Dich; wenn Du einmal Mutter Aebtiſſin ſein wirſt, dann kannſt Du nach Ge⸗ fullen regieren und Alles thun, was Dir einfällt.“ Ein andermal ſagte der Fürſt, wenn er ſie wegen allzu freier und vertraulicher Manieren, wozu ſie ſich eben⸗ Die Verlobten. 1. 13 194 falls ſehr leicht verleiten ließ, tadelte:„Ei, ei, das ſchickt ſich nicht für Deines Gleichen: Wenn Du willſt, daß man Dir einſt die Achtung bezeuge, welche Dir gebührt, ſo mußt Du Dich ſchon jetzt mit mehr Anſtand benehmen: Bedenke, daß Du dereinſt in jeder Bezie⸗ hung die Erſte im Kloſter ſein mußt, denn das Blut in Deinen Adern darf ſich nirgends und niemals ver⸗ leugnen.“ Alle Reden dieſer Art brachten im Gehirn des jungen Mädchens die unbedingte Vorſtellung hervor, daß ſie Nonne werden müſſe; aber die Aeußerungen ihres Vaters wirkten mehr als die Mahnungen aller Andern zuſammen. Das Benehmen des Fürſten war gewöhnlich das eines ſtrengen Gebieters; aber wenn es ſich um den künftigen Stand ſeiner Kinder handelte, da leuchtete aus jeder Kundgebung ſeiner Wünſche und aus jedem ſeiner Worte eine ünabänderlichkeit des Entſchluſſes und eine düſtere Eiferſucht auf ſein Recht zu befehlen hervor, welche das Gefühl einer unabwend⸗ baren Nothwendigkeit einprägte. Mit ſechs Jahren wurde Gertrud behufs ihrer Erziehung und noch mehr ihrer Anleitung zu dem ihr auferlegten Berufe in das Kloſter gebracht, wo wir ſie geſehen haben, und der Wahl des Ortes lag eine gute Abſicht zu Grunde. Der brave Kutſcher der beiden Frauen hat geſagt, der Vater der Damen ſei der vor⸗ nehmſte Mann in Monza; wenn wir nun dieſes Zeug⸗ niß, welchen Werth es immer haben möge, mit einigen andern Andeutungen zuſammenhalten, die ſich der Ano⸗ nymus unbewußt da und vort entſchlüpfen läßt, ſo werden wir ohne Weiteres behaupten können, daß er der Lehnsherr des Ortes ſelbſt geweſen ſei. Wie dem ſein mag, er genoß allda eines unbegrenzten Anſehens und er meinte, ſeine Tochter werde hier mehr als ir⸗ gendwo anders mit der Auszeichnung und feinen Höf⸗ lichkeit behandelt werden, welche fie noch mehr anlocken könnte, dieſes Kloſter zu ihrem bleibenden Aufenthalt —— — — 195 zu wählen. Er täuſchte ſich auch nicht: die damalige Aebtiſſin und einige andere unruhige Nonnen, die, wie man zu ſagen pflegt, im Rohre ſaßen und ſich eben um dieſe Zeit mit einem andern Kloſter, ſowie mit einigen Familien der Umgegend in allerlei Streitig⸗ keiten verwickelt ſahen, waren ungemein erfreut, eine ſo mächtige Stütze zu erhalten, empfingen alſo mit großer Dankbarkeit die Ehre, die ihnen erwieſen wurde, und entſprachen vollkommen den Abſichten, welche der Fürſt in Betreff der bleibenden Beſtimmung ſeiner Tochter hatte durchſchimmern laſſen; Abſichten, die übrigens auch ihren Intereſſen vollkommen entſprachen. Kaum ins Kloſter getreten, wurde die kleine Gertrud mit einem Gattungsnamen die kleine Domina genannt, ſie erhielt einen Ehrenplatz am Tiſch und im Schlaf⸗ ſaal, ihr Benehmen wurde den Anderen oft als Muſter vorgehalten; da gab es immer Süßigkeiten und Lieb⸗ koſungen ohne Ende, ſtets mit jener etwas ehrerbietigen Vertraulichkeit gewürzt, welche für die Kinder ſo gro⸗ ßen Reiz hat, zumal von Seiten ſolcher Perſonen, die andere Kinder mit der hergebrachten Ueberlegenheit be⸗ handeln. Nicht etwa, als ob ſämmtliche Nonnen ſich verſchworen hätten, die arme Kleine in die Falle zu locken: es gab unter ihnen viele aufrichtige Seelen, die ſich von allen Intriguen fern hielten, und vor dem Gedanken, eine Tochter eigennützigen Zwecken zu opfern, zurückgeſchaudert hätten; aber dieſe Alle waren von ihren beſondern Beſchäftigungen in Anſpruch genom⸗ men, und theils bemerkten ſie ſolche Umtriebe nicht, theils vermochten ſie nicht zu erkennen, welche Schlech⸗ tigkeit darin verborgen lag, theils enthielten ſie ſich einer genauen Prüfung der Sache, theils ſchwiegen ſie, um kein nutzloſes Aergerniß zu erregen. Manche, die ſich erinnerte, durch ähnliche Künſte zu einem Schritt beſtimmt worden zu ſein, welchen ſie ſpäter ſchwer bereute, fühlte wohl auch Mitleid mit der ar⸗ men, unſchuldigen Kleinen und viſen in 196 zärtlichen und ſchwermüthigen Liebkoſungen Luft, hinter welchen Gertrud natürlich kein Geheimniß ſuchen konnte; und ſo nahm die Sache ihren weitern Verlauf. Viel⸗ leicht wäre es bis zum Ende ſo gegangen, wenn Ger⸗ trud das einzige junge Mädchen im Kloſter geweſen wäre. Aber unter ihren Mitſchülerinnen befanden ſich auch einige, welche wußten, daß ſie für die Ehe be⸗ ſtimmt waren. Die kleine Gertrud, die in den Ideen ihrer Ueberlegenheit großgezogen wurde, ſprach prahle⸗ riſch von ihrer künftigen Beſtimmung als Aebtiſfin, als Kloſterfürſtin, wollte in jeder Beziehung für die Anderen ein Gegenſtand des Neides ſein, und nun ſah ſie mit Verwunderung und Unmuth, daß Einige von ihnen ganz und gar keinen Neid empfanden. Den er⸗ habenen, aber beſchräukten und kalten Bildern, welche die Oberherrſchaft in einem Kloſter gewähren kann, hielten ſie die wechſelreichen, glänzenden Bilder von einem Bräutigam, von Gaſtmählern, von Abendgeſell⸗ ſchaften, Landhänſern, Turnieren, Anbetern, prächtigen Kleidern und Karoſſen entgegen. Dieſe Bilder verur⸗ ſachten in Gertruds Gehirn eine Bewegung, einen Auf⸗ ruhr, wie ihn etwa ein großer Korb voll friſch gepflück⸗ ter Blumen hervorbingen möchte, den man vor einen Bienenkorb ſtellt. Die Eltern und Erzieherinnen hat⸗ ten die natürliche Eitelkeit in ihr genährt und gepflegt, um ihr das Kloſter angenehm zu machen; aber als dieſe Leidenſchaſt mit Ideen zuſammentraf, die weit nä⸗ her mit ihr verwandt waren, ſo warf ſie ſich bald mit einer lebhafteren und weit eifrigeren Begierde auf dieſe. Uum nun hinter ihren Genoſſinnen nicht zurückzuſtehen, und zu gleicher Zeit ihrem neuen Hang zu huldigen, antwortete ſie, im Ganzen genommen könne ihr ja doch Niemand ohne ihre Einwilligung den Schleier über den Kopf hängen, auch ſie könne einen Gemahl nehmen, einen Palaſt bewohnen, die Welt genießen, und zwar noch beſſer als die anderen Alle; ſie könne es, ſobald ſie nur wolle; ſie werde es wollen; ſie wolle es; und —— 197 ſie wollte es in der That. Der Gedanke an die Noth⸗ wendigkeit ihrer Einwilligung, ein Gedanke, welcher bis jetzt gleichſam unbemerkt und verſteckt in einem Winkel ihres Herzens geſchlummert hatte, wickelte ſich nunmehr los und that ſich in ſeiner ganzen Bedeut⸗ ſamkeit kund. Sie rief ihn jeden Augenblick zu Hilfe, um ſich deſto ruhiger an den Bildern einer augenehmen Zukunft erfreuen zu können. Hinter dieſem Gedanken tauchte jedoch immer unfehlbar ein anderer auf: daß nämlich dieſe Einwilligung dem fürſtlichen Vater ver⸗ ſagt werden müſſe, der ſie bereits beſaß, oder wenig⸗ ſtens als ganz unzweifelhaft betrachtete, und bei dieſem Gedanken war der Muth der Tochter ſehr weit von der Zuverſichtlichkeit entfernt, die ſie in ihren Worten zur Schau trug. Sie verglich ſich jetzt mit ihren Ge⸗ ſpielinnen, die ihrer Zukunft weit freudiger enigegen⸗ ſahen, und empfand um ſo ſchmerzlicher den Neid, wel⸗ chen ſie Anfangs ihnen einzuflößen geglaubt hatte. Der Neid führte zu Haß: Zuweilen machte ſich dieſer Haß in hochmüthigem, unhöflichem Benehmen, ſowie in ſpitzigen Reden Luft; zuweilen wurde er durch die Ue⸗ bereinſtimmung der Hoffnungen und Neigungen einge⸗ ſchläfert und ließ eine anſcheinende, vorübergehende Ver⸗ traulichkeit entſtehen. Manchmal wollte ſie auch ihre wirklich vorhandenen, gegenwärtigen Vortheile genie⸗ ßen, gefiel ſich in dem Vorzug, den man ihr in allen Stücken einräumte, und gab den Anderen dieſe ihre Ueberlegenheit zu empfinden; manchmal aber konnte ſie das Grfühl ihrer Verlaſſenheit und ihres Alleinſtehens mit ihren Befürchtungen nicht länger ertragen und ſuchte dann gedemüthigt ihre Geſpielinnen wieder auf, 1 wollte ſie von ihnen Wohlwollen, Rath, Muth er⸗ ehen. Unter ſolchen beklagenswerthen Kämpfen mit ſich ſelbſt und mit Anderen hatte ſie ihre Kinderjahre zu⸗ rückgelegt und rückte jetzt in das ſo entſcheidende Alter vor, wo in die Seele gleichſam eine geheimnißvolle 199 gelobte ſich dann in ihrem Herzen, dieſelbe dadurch zu büßen, daß ſie ſich freiwillig ins Kloſter einſchlöfſe. Es beſtand ein Geſetz, kraft deſſen ein Mädchen nicht als Nonne aufgenommen werden konnte, ohne zuvor von einem Geiſtlichen, welcher den Titel Nonnenvikar führte, oder von irgend einem andern dazu aufgeſtellten Manne geprüft worden zu ſein, damit man erſehen fönnte, daß ſie ſich aus eigener, freier Wahl dazu ent⸗ ſchloſſen habe: und dieſe Prüfung konnte erſt ein Jahr, nachdem ſie in einer ſchriftlichen Eingabe an den Vi⸗ kar ihren Wunſch auseinandergeſetzt hatte, ſtattfinden. Die Nonnen, welche das traurige Geſchäft übernom⸗ men hatten, Gertrud dahin zu bringen, daß ſie ſich mit der wenigſt möglichen Einſicht in die Bedeutſamkeit ihres Schrittes für immer verpflichte, benutzten einen jener oben bezeichneten Augenblicke, um ſie zur Ab⸗ ſchrift und zur Unterzeichnung einer ſolchen Eingabe zu beſtürmen. Um dieſen Zweck deſto leichter zu er⸗ reichen, ermangelten ſie nicht, ihr zu ſagen und zu wiederholen, was auch wirklich wahr war, nämlich, daß dies am Ende nur eine bloße Förmlichkeit ſei, welche erſt durch ſpätere, andere Handlungen, die voll⸗ kommen von ihrem eigenen Willen abhingen, eine Wirkſamkeit erlangen würde. Trotz allem dem war die Eingabe vielleicht noch nicht an ihre Adreſſe gelangt, als Gertrud auch ſchon bereute, daß ſie dieſelbe ge⸗ ſchrieben hatte; ſie bereute dann wieder dieſe Reue, und ſo verbrachte ſie Tage und Monate in einem un⸗ aufhörlichen Wechſel von Wollen und Nichtwollen. Gegen ihre Geſpielinnen verſchwieg ſie die Sache lange Zeit, theils aus Furcht, einen guten Entſchluß Wider⸗ ſprüchen auszuſetzen, theils aus Schaam, einen began⸗ genen Fehler einzugeſtehen. Endlich ſiegte das Ver⸗ langen, ihr Herz zu erleichtern und Rath und Muth zu erhalten. Es war ein anderes Geſetz da, dem zu⸗ folge eine Jungfrau erſt dann zu dieſer Berufsprüfung zugelaſſen werden durfte, wenn ſie ſich wenigſtens einen 200 Monat lang außerhalb des Kloſters aufgehalten hatte, worin ihre Erziehung ſtattgefunden. Das Jahr nach der Abſendung der Bittſchrift war beinahe abgelaufen, und Gertrud benachrichtigt worden, daß man ſie bin⸗ nen Kurzem aus dem Kloſter abholen und in das vä⸗ terliche Haus bringen werde, um allda dieſen Monat zu verbringen und alle zur Vollendung des Werks, das ſie thatſächlich angefangen hatte, noch nöthigen Schritte zu thun. Der Fürſt und die übrigen Mit⸗ glieder der Familie betrachteten das als ſo gewiß, wie wenn es bereits geſchehen wäre; aber das Mädchen war dieſer Meinung nicht mehr: ſtatt die weiteren Schritte zu thun, beſann ſie ſich, auf eine gute Art den erſten rückgängig zu machen. In dieſer Bedräng⸗ niß beſchloß ſie, ſich gegen eine ihrer Geſpielinnen zu eröffnen, gegen diejenige, die am freimüthigſten und ſtets bereit geweſen war, kräftige Rathſchläge zu ertheilen. Sie gab Gertrud ein, ihrem Vater ſchriftlich mitzu⸗ theilen, daß ſie ihre Abſicht geändert habe, da ſie doch nicht den nöthigen Muth beſäße, um ihm zu ſeiner Zeit ein entſchloſſenes:„Ich will nicht“ ins Geſicht zu ſagen. Und da unentgeltliche Gutachten in dieſer Welt zu den großen Seltenheiten gehören, ſo ließ auch unſere Rathgeberin die arme Gertrud ihren Rath mit vielfachen Spöttereien über ihre Verzagtheit entgelten. Der Brief wurde zwiſchen drei oder vier Vertrauten verabredet, heimlich geſchrieben und mittelſt wohlaus⸗ geſonnener Kunſtmittel beſorgt. Gertrud ſah in gro⸗ ßer Angſt einer Antwort entgegen, die aber nie kam. Es geſchah weiter Nichts, als daß einige Tage nach⸗ her die Aebtiſſin ſie auf die Seite nahm, und mit einer Miene der Zurückhaltung, des Verdruſſes und Mitleids ein dunkles Wort von einem großen Zorn des Fürſten und einer ſchweren Uebereilung, die ſie verſchuldet ha⸗ ben müſſe, gegen ſie fallen ließ, zugleich aber zu ver⸗ ſtehen gab, daß ſie bei künftiger guter Aufführung hof⸗ 201 fen dürfe, man werde es ihr vergeſſen. Das gute Mädchen verſtand und wagte nicht weiter nachzufragen. Endlich kam der ſo gefürchtete und ſo erſehnte Tag Obſchon Gertrud wußte, daß ſie einem Kampf entge⸗ genging, ſo machten dennoch der Austritt aus dem Kloſter, die Ueberſchreitung der Mauern, hinter wel⸗ chen ſie acht Jahre eingeſchloſſen war, das Vergnügen, in einer Karoſſe durch die offene Landſchaft hinzufah⸗ ren, ſowie der Wiederanblick der Stadt und ihres Hauſes Eindrücke voll der ſtürmiſchſten Freude auf ſie. Was den Kampf betraf, ſo hatte ſie bereits unter An⸗ leitung der in's Vertrauen gezogenen Freundinnen ihre Maßregeln getroffen, und ſo zu ſagen ihren Schlacht⸗ plan entworfen.„Entweder werden ſie mir Gewalt anthun,“ dachte ſie,„und dann werde ich Stand hal⸗ ten, werde demüthig, ehrerbietig ſein, aber mich wei⸗ gern; es handelt ſich bloß darum, daß ich kein Ja mehr ausſpreche, und ich will es nicht ausſprechen. Oder ſie werden mir mit guten Worten zu Leibe gehen, und dann werde ich noch gütlichere Saiten aufziehen; ich werde weinen, bitten, ſie zum Mitleiden bewegen, ich verlange ja am Ende weiter nichts, als daß man mich nicht aufopfere.“— Aber wie dieß häufig bei ſolchen Plänen geſchieht, es trat weder der eine noch der an⸗ dere der vorgeſehenen Fälle ein. Die Tage vergingen, ohne daß der Vater oder irgend eine andere Perſon von der Bittſchrift, oder dem Widerrufe ſprach, ohne daß man mit Liebkoſen oder Drohungen irgend ein Anſinnen an ſie ſtellte. Die Eltern waren ernſt, trau⸗ rig, mürriſch gegen ſie, ohne ſich jemals über den Grund auszuſprechen. Nur ſo viel wurde ihr klar, daß man ſie als eine Verbrecherin, als eine Unwürdige betrach⸗ tete; es ſchien ein geheimer Fluch auf ihr zu laſten und ſie von der Familie zu ſcheiden, die ihr keine andere Verbindung mit ihr geſtattete, als ſo weit es nöthig war, um ihr ihre Unterthänigkeit recht empfindlich zu machen. Selten und nur in gewiſſen, feſtgeſetzten 202 Stunden wurde ſie in die Geſellſchaft der Eltern und des Erſtgeborenen zugelaſſen. Unter dieſen drei ſchien in ihren Geſprächen eine große Vertraulichkeit obzu⸗ walten, welche für Gertrud ihre bannartige Ausſchlie⸗ ßung nur noch empfindlicher und ſchmerzlicher machte. Niemand redete ſie anz die Worte, welche ſie ſchüch⸗ tern vorbrachte, blieben, wenn ſie nicht einen Gegen⸗ ſtand von augenſcheinlicher Nothwendigkeit betrafen, entweder ganz unbeachtet, oder ſie wurden höchſtens mit einem zerſtreuten, geringſchätzigen, oder ſtrengen Blick erwiedert. Wenn ſie endlich, außer Standes, eine ſo bittere und ſo demüthigende Abſonderung länger zu ertragen, beharrliche Verſuche wagte, ſich wieder hei⸗ miſch zu machen, wenn ſie um ein wenig Liebe flehte, ſo warf man ihr alsbald eine zwar bloß mittelbare, aber vollkommen klare Bemerkung über die Wahl ihres Standes an den Kopf; man gab ihr auf verblümte Weiſe zu verſtehen, daß es allerdings ein Mittel gebe, die Zuneigung der Familie wieder zu erwerben. Und nun war ſie, da ſie dieſe Bedingung nicht eingehen wollte, genöthigt, ſich zurückzuziehen, die erſten Zei⸗ chen von Wohlwollen, nach denen ſie ſo innig ver⸗ langt hatte, abzulehnen, ſich von ſelbſt auf ihren Platz als Excommunizirte zurückzuſtellen, wo ſie noch über⸗ einen gewiſſen Schein des Unrechts gegen ſich atte. Solche Eindrücke aus ihren unmittelbaren Umge⸗ bungen, befanden ſich in ſchmerzlichem Widerſpruch mit jenen lachenden Bildern, mit denen Gertrud ſich ſo lange beſchäftigt hatte und in ihrem innerſten Gemüthe noch immer beſchäftigte. Sie hatte in dem prachtvollen und vielbeſuchten väterlichen Hauſe wenigſtens eine wirkliche Probe von den Dingen, welche ihre Phantaſie ihr vorgeſpiegelt, zu genießen gehofft; aber ſie fand ſich vollſtändig getäuſcht. Die Clauſur zu Hauſe war eben ſo ſtreng und vollſtändig wie im Kloſter, von einem Ausgang zum Vergnügen war keine Rede mehr, 203 und eine Gallerie, die vom Hauſe aus den Beſuch der anſtoßenden Kirche geſtattete, nahm auch die einzige Nothwendigkeit, die hätte vorhanden ſein können, um den Fuß auf die Straße zu ſetzen. Die Unterhaltung war noch trauriger, ſpärlicher, weniger abwechſelnd, als im Kloſter. So vft ein Beſuch angeſagt wurde, mußte Gertrud hinauf gehen und ſich mit einigen alten Kammerfrauen einſchließen; mit dieſen ſpeiſte ſie auch, ſo oft ihr Vater ein Gaſtmahl gab. Die Dienerſchaft richtete ihr Benehmen und ihre Reden nach dem Bei⸗ ſpiel und den Abſichten der Herrſchaft ein, und Ger⸗ trud, die vermöge ihrer Neigung ſie ſo gern mit einer vornehmen und nachläſſigen Vertraulichkeit behandelt hätte, in ihrer dermaligen Lage aber mit jedem Zeichen des Wohlwollens, ſogar auf gleichem Fuße, zufrieden geweſen wäre, ja ſich ſogar herabließ, darum zu bet⸗ teln, mußte ſelbſt die Erniedrigung und Kränkung er⸗ leben, ſich von der Dienerſchaft mit offenbarer, nur nicht ganz von allen Förmlichkeiten des Gehorſams entkleideter Geringſchätzung behandelt zu ſehen. Gleich⸗ wohl konnte es ihr nicht entgehen, daß ein Page, deſſen Benehmen gegen das der andern Hausgeyoſſenſchaft gewaltig abſtach, ihr eine Ehrfurcht und Theilnahme bezeugte, die ganz eigenthümlicher Art waren. Das Betragen dieſes jungen Burſchen entſprach derjenigen Ordnung der Dinge, mit welcher ſich Gertrud in ihren Phantaſien ſo viel beſchäftigt hatte, ſo wie dem Be⸗ nehmen ihrer idealen Geſchöpfe am meiſten. Nach und nach entdeckte man etwas ganz Neues in dem Beneh⸗ men des Mädchens; eine Ruhe und eine Unruhe, die von der gewöhnlichen ganz abwich, ein Gebah wie von einem Menſchen, der etwas gefunden hat, das ihm ſehr lieb iſt, das er jeden Augenblick anſchauen und doch Andere nicht ſehen laſſen möchte. Man hielt ſie ſtren⸗ ger als je im Auge. Mochte nun daran ſein, was da wollte, eines ſchönen Morgens wurde ſie von einer ihrer Kammerfrauen überraſcht, als ſie eben in aller Eile ein 204 Papier zuſammenfaltete, auf welches ſie beſſer gethan hätte— Nichts zu ſchreiben. Nach einem kurzen Streit kam das Blatt in die Hände der Kammerfrau und aus dieſen in die Hände des Fürſten. Gertrud's Angſt, als ſie die Fußtritte deſſelben hörte, läßt ſich weder be⸗ ſchreiben, noch vorſtellen; es war der Vater, er war erzürnt und ſie fühlte ſich ſtrafbar. Als ſie ihn mit ſeinen düſteren Augenbrauen und mit ditſem Papier in der Hand herannahen ſah, da hätte ſie hundert Fuß unter der Erde, geſchweige denn in einem Kloſter ſein mögen. Er ſprach nicht viele, aber furchtbare Worte; die für den Augenblick angekündigte Züchtigung beſtand nur in einer Einſperrung in dieſes Zimmer, unter der Aufſicht der Kammerfrau, welche die Entdeckung ge⸗ macht hatte, aber dieß war bloß ein Vorgeſchmack, eine vorläufige Maßregel; man gelobte ihr, man ließ ihr noch eine andere, dunkle, unbeſtimmte und deßhalb um ſo ſchrecklichere Strafe vor den Augen ſchweben. Der Page wurde, wie es ſich gebührt', über Hals und Kopf aus dem Hauſe gejagt und gleichfalls mit einer ſchrecklichen Strafe bedroht, wenn er ſich je un⸗ terſtehen ſollte, Etwas von dem Geſchehenen verlauten zu laſſen. Indem der Fürſt ihm dieß andeutete, ver⸗ ſetzte er ihm zugleich zwei derbe Ohrfeigen, um dem Aben⸗ teuer eine Erinnerung beizufügen, die den loſen Bu⸗ ben vor jeder Verſuchung bewahren ſollte, damit zu prahlen. Irgend ein Vorwand, um die Fortjagung eines Pagen zu beſchönigen, war leicht zu finden; was die Tochter betraf, ſo hieß es, ſie ſei unwohl. So war ſie denn ganz allein mit ihrem Herz⸗ klopfen, mit ihrer Schaam, ihrer Reue, ihrer Angſt vor der Zukunft und ohne andere Geſellſchaft als dieſe Kammerfrau, welche ſie als die Zeugin ihres Verge⸗ hens und Urheberin ihres Unglücks haßte. Dieſe ver⸗ galt Gertrud ihren Haß, da ſie ſich durch die Schuld des Mädchens auf unbeſtimmte Zeit zu dem verdrieß⸗ lichen Leben einer Kerkermeiſterin verurtheilt ſah, und 205 für immer die Bewahrerin eines geſfährlichen Geheim⸗ niſſes geworden war. Der erſte verwirrte Aufruhr dieſer Gefühle legte ſich allmälig, aber jedes von ihnen fehrte der Reihe nach in die Seele zurück, vergrößerte ſich darin und ſetzte ſich feſt, um ſie in noch beſtimmterer Form und in aller Bequemlichkeit zu quälen. Worin mochte dieſe in ſo dunkeln Ausdrücken angedrohte Strafe beſtehen? Es traten ihrer viele mannigfaltige und ſeltſame vor die glühende und unerfahrene Phantaſie der armen Gertrud. Die wahrſcheinlichſte war ihr die, daß man ſie in das Kloſter von Monza zurückbringen würde, wo ſie nicht, wie bisher, als die junge Domina, ſondern als Verbrecherin erſcheinen, und wer weiß wie lang, wer weiß unter welcher Behandlung eingeſchloſſen blei⸗ ben müſſe. Was einen ſolch ſchmerzvollen Umſtand für ſie noch am ſchmerzlichſten machte, das war die Furcht vor der Schande. Die Wendungen, die Worte, ja ſo⸗ gar die Unterſcheidungszeichen jenes unſeligen Briefes gingen wiederholt an ihrem Gedächtniß vorüber; ſie dachte ſich's aus, wie ein ſo unvorhergeſehener, von demjenigen, für welchen der Brief als Antwort beſtimmt war, ſo verſchiedener Leſer jeden einzelnen Ausdruck ins Auge faſſen und genau abwägen würde; ſie bildete ſich ein, jene Zeilen hätten auch ihrer Mutter, oder ihrem Bruder, oder wer weiß wem ſonſt noch vor die Augen kommen können, und im Vergleich mit dieſem Gedanken erſchien ihr alles Andere als nichtsſagend. Das Bild des Jünglings, welcher die erſte Veranlaſ⸗ ſung des ganzen Aergerniſſes geweſen, ermangelte gleich⸗ falls nicht die arme Gefangene häufig heimzuſuchen, und es läßt ſich nicht mit Worten ausvruͤcken, welch eine ſeltſame Figur dieſe Erſcheinung unter jenen andern, ihr ſo ungleichen, ſo ernſten, ſo nackten und drohenden Geſtalten machte. Aber eben deßhalb, weil ſie ſich von dieſen letzteren nicht loszumachen und ſich jenen flüch⸗ tigen, holden Erſcheinungen auch nicht einmal einen 206 Augenblick zuzuwenden vermochte, ohne vaß die gegen⸗ wärtigen, durch dieſelben verurſachten Leiden von Neuem vor ihr auftauchten, begann ſie ſich ihnen allmälig ſeltener zuzuwenden, die Erinnerung daran zurückzu⸗ ſtoßen und ſich ihrer zu entwöhnen. Eben ſy wollte ſie nicht mehr länger bei den heiteren und glänzenden Phan⸗ taſiegebilden einer ſrühern Zeit verweilen: ſie ſtanden der kalten Wirklichkeit, ſowie jeder Wahrſcheinlichkeit für die Zukunft allzu grell entgegen. Die einzige Burg, in welcher Gertrud eine ruhige, ehrenvolle Zufluchts⸗ ſtätte hoffen durſte, und die kein Luftſchloß war, blieb das Kloſter, falls ſie ſich entſchloß, auf immer in daſ⸗ ſelbe zu treten. Ein ſolcher Entſchluß mußte, ſie konnte nicht daran zweifeln, Alles wieder gut machen, ihre ganze Schuld tilgen und ihre Lage mit einem Mal verändern. Gegen dieſes Vorhaben empörten ſich aller⸗ dings die Gedanken eines ganzen Lebensalters; aber die Zeiten waren verändert; und im Vergleich mit dem, was ſie in gewiſſen Augenblicken fürchten konnte, mußte ihr die Stellung einer gefeierten, von Willfährigkeit und Ehrerbietung umgebenen Nonne als ein glänzen⸗ des Glück erſcheinen. Zwei Gefühle von ganz verſchie⸗ dener Art trugen gleichfalls zeitweiſe dazu bei, ihren alten Widerwillen zu verringern. Bald die Reue über ihren Fehltritt und ein phantaſtiſcher Hang zur Fröm⸗ melei, bald der durch das Benehmen ihrer Kerkermei⸗ ſterin erbitterte und gereizte Stolz, denn die Alte rächte ſich, da ſie allerdings häufig gereizt wurde, dadurch, daß ſie ihr bald Angſt vor der angedrohten Strafe einjagte, bald Schaam wegen ihres Fehlers einflößte. Wenn ſie ſich je einmal gütig bezeigen wollte, ſo nahm ſie einen Gönnerton an, der noch widriger war, als eine Be⸗ leidigung. Aus ſolchen verſchiedenen Gründen wünſchte Gertrud ſich den Klauen dieſer Frau zu entwinden und in eine Lage zu kommen, worin ſie über ihren Zorn und ihr Mitleid erhöben wäre; dieſes bereits zur Gewohnheit gewordene Verlangen wurde ſo lebhaft . 207 und ſtechend, daß ihr alles Andere, was zu ſeiner Be⸗ friedigung führen konnte, als angenehm erſchien. Nach vier oder fünf langen Tagen der Gefangenſchaft zog ſich Gertrud eines Morgens, über eine der Bosheiten ihrer Kerkermeiſterin über die Maßen ärgerlich und giftig, in einen Winkel ihres Zimmers zurück, barg ihr Geſicht in die flachen Hände und ſchluckte eine Zeitlang ihre Wuth in ſich hinein. Da empfand ſie ein übermächtiges Bedürfniß, andere Geſichter zu ſehen, an⸗ dere Worte zu hören, anders behandelt zu werden. Sie dachte an ihren Vater, an ihre Familie: ihr Ge⸗ danke bebte ſcheu vor dieſen Bildern zurück. Aber ſie erinnerte ſich, daß es in ihrer eigenen Macht ſtand in ihnen Freunde zu finden, und ſie empfand eine plötz⸗ liche Freude. Auf dieſe Freude folgte Beſchämung, ſo⸗ wie eine außerordentliche Reue über ihren Fehltritt, und ein eben ſo großes Verlangen ihn zu ſühnen. Nicht etwa, als ob ihr Wille ſich bereits feſt auf einen ſolchen Vorſatz geworfen hätte, aber ſie war demſelben noch nie ſo nahe geweſen. Sie erhob ſich alſo, ging an ein Tiſchchen, ergriff jene Unglücksfeder wieder und ſchrieb an ihren Vater einen Brief voll von Aufregung und Niedergeſchlagenheit, von Betrübniß und Hoff⸗ nung; ſie flehte ihn darin um Verzeihung an, und er⸗ klärte ſich unbedingt zu Allem bereit, was ihm gefallen werde, der dieſe Verzeihung gewähren könne. Zehntes Lihiter Es gibt Augenblicke, in welchen das Gemüth, be⸗ ſonders junger Leute, ſo geſtimmt iſt, daß ein klein wenig Bitten hinreicht, um Alles von ihnen durchzu⸗ ſetzen, was ſcheinbar gut iſt und einem Opfer gleich ſieht; wie eine kaum aufgebrochene Blume ſich ſanft 208 auf ihrem ſchwachen Stängel wiegt, bereit ihre Wohl⸗ gerüche dem nächſten beſten Lüftchen zu überlaſſen, das ſie umweht. Solche Augenblicke, die von Anderen mit ſchüchterner Ehrfurcht betrachtet werden ſollten, ſind gerade diejenigen, welche von der eigennützigen Schlau⸗ heit ſorgfältig erſpähet und im Fluge genommen werden, um einen auf ſich ſelbſt nnachtſamen Willen zu binden. Als der Fürſt*** dieſen Brief las, ſah er als⸗ bald den Weg zu ſeinen alten und niemals aufgegebe⸗ nen Abſichten eröffnet. Er ließ Gertrud ſagen, ſie ſolle zu ihm kommen, und während er ſie erwartete, traf er Anſtalten, um das Eiſen zu ſchmieden, ſo lange es heiß war. Gertrud erſchien, und ohne ihrem Vater in's Geſicht zu blicken, warf ſie ſich ihm zu Füßen und hatte kaum Kraft das Wort Verzeihung auszuſprechen. Ihr Vater winkte ihr, aufzuſtehen; aber mit einer Stimme, die keineswegs geeignet war, ſie zu ermuthigen, ant⸗ wortete er, es genüge nicht, Verzeihung zu erbitten und zu begehren, denn dieß ſei etwas allzu Leichtes und Natürliches für Jeden, der ſich einer Schuld bewußt ſei, und ſich vor einer Strafe fürchte, ſondern man müſſe ſie auch wirklich verdienen.“ Gertrud fragte mit Furcht und Zittern, was ſie zu thun habe. Darauf gab der Fürſt— unſer Herz geſtattet uns nicht, ihm in dieſem Augenblick den Titel Vater beizulegen— keine directe Antwort, ſondern begann ein Langes und Breites von Gertrud's Vergehen zu ſprechen, und dieſe Worte brannten in der Seele der Aermſten, wie wenn eine rauhe Hand über eine Wunde hinſtreicht. Er ſagte ferner, daß, wenn er auch je„für den Fall, daß er je Anfangs die Abſicht gehabt hätte, ſie im weltlichen Stand unterzubringen, fie ſelbſt dieſem Wunſch ein unüberſteigliches Hinderniß in den Weg gelegt habe; denn ein Kavalier, wie er, werde es nie über ſein Herz bringen können, einem rechtſchaffenen Mann ein Mädchen anzuhängen, das ſich auf ſolche Art auf⸗ geführt. Die Unglückliche war ganz vernichtet; jetzt 209 milderte der Fürſt allmälig Ton und Rede und fuhr in ſeiner Rede fort:„Für jeden Fehltritt finde ſich je⸗ doch wieder ein Hülfsmittel und Erbarmen; ihr Fehler gehöre zu derjenigen Art, woftr das Mittel am deut⸗ lichſten angezeigt ſei; ſie muͤſſe in dieſem traurigen Vorfall gleichſam eine Mahnung erblicken, daß das Weltleben allzu voll von Gefahren für ſie ſei...“ „Ach ja!“ rief Gertrud, von Furcht erſchüttert, vurch ihre Schaam vorbereitet und in dieſem Augen⸗ blick auch von einer plötzlichen Zärtlichkeit bewegt. „Ah, Du ſiehſt es doch endlich ein,“ fuhr der Fürſt ſogleich fort;„nun denn, von dem Vergangenen ſoll keine Rede mehr ſein, Alles ſei verg ſſen. Du haſt den einzigen ehrenvollen und ſchick ichen Eutſchluß gefaßt, der Dir übrig blieb; aber da Du ihn aus freiem Willen und mit beſtem Anſtand gelaßt haſt, ſo iſt es meine Pflicht dafür zu ſorgen, daß Dir die Sache ſo angenehm wie möglich gemacht wird; es iſt meine Pflicht, Dir den ganzen Vortheil und das ganze Ver⸗ dienſt der Sache zuzuwenden. Ich, nehme dieß Ge⸗ ſchäft auf mich.“ So ſprechend, klingelte er mit einem Glöckchen, das auf dem Tiſche ſtand, und ſagte zu dem eintretenden Diener:„Die Fürſtin und der jung⸗Prinz ſollen ſogleich erſcheinen.“ Dann fuhr er zu Gertrud fort:„Ich will ſie ſogleich meiner Freudigkeit theil⸗ haftig machen; ich will, daß Alle ſofort anfangen, Dich ſo zu behandeln, wie es ſich gebührt. Du haſt den ſtrengen Vater ein wenig kennen gebernt, aber fortan wirſt Du nur den liebevollen Vater vor Dir ſehen.“ Bei dieſen Worten wußte Gertrud nicht, wo ihr der Kopf ſtand. Bald dachte ſie darüber nach, wie die⸗ ſes ihr ſo eben entſchlüpfte Ja eine ſo große Wirkung habe hervorbringen können, bald ſann ſie auf irgend eine Möglichkeit, es zurückzunehmen und ſeine Bedeu⸗ tung zu beſchränken; aber die Ueberzeugung des Fü ſten erſchien ſo vollſtändig, ſeine Freude ſo eifrig, ſeine Güte Die Verlobten. 1. 14 2¹0 ſo bedingt, daß Gertrud kein Wort zu ſprechen wagte, was ſie im Mindeſten hätte ſtören können. Bald kamen die beiden Gerufenen hinzu, und als ſie Gertrud da ſahen, ſchauten ſie das Mädchen mit ungewiſſen und verwunderten Mienen an. Aber der Fürſt ſagte in einem heitern und liebreichen Tone, der ihnen daſſelbe Benehmen vorſchrieb:„Sehet hier das verirrte Schaaf, und dies ſoll das letzte Wort ſein, das traurige Erinnerungen zurückruft. Hier iſt die Freude der Familie. Gertrud bedarf keiner Rathſchläge mehr; was wir zu ihrem eigenen Beſten wünſchten, das hat ſie aus freien Stücken ſelbſt gewollt. Sie iſt ent⸗ ſchloſſen, ſie hat mir zu verſtehen gegeben, daß ſie ent⸗ ſchloſſen iſt...“ Bei dieſer Stelle erhob ſie einen halb erſchrockenen, halb flehenden Blick zu ihrem Va⸗ ter, als wollte ſie ihn bien, linne zu halten, aber er fuhr, ohne ſich ſtören zu laſſep, fort:„daß ſie entſchloſ⸗ ſen iſt, den Schleier zu wehmen.“ „Bravo, gut!“ rieſen Mutter und Sohn einſtim⸗ mig und umarmten Eines um's Andere Gertrud, welche dieſe Liebkoſungen mit Thränen entgegennahm, die als Thränen der Freude gedeutet wurden. Jetzt verbreitete ſich der Fürſt ausführlich darüber, was er zu thun ge⸗ denke, um das Loos ſeiner Tochter heiter und glänzend zu geſtalten. Er ſprach von den Auszeichnungen, die ſie ſowohl im Kloſter als in der ganzen Gegend zu er⸗ warten hätte; ſie werde wie eine Fürſtin, als die Ver⸗ treterin ihrer Familie angeſehen werden; ſobald ſie das nöthige Alter habe, werde ſie zur erſten Würde gelan⸗ gen, inzwiſchen aber nur dem Namen nach eine Unter⸗ gebene ſein. Die Fürſtin und der junge Prinz erneuer⸗ ten jeden Augenblick ihre Glückwünſche und Lobſprüche, Gertrud war wie in einem Traume befangen. „Man wird jetzt den Tag feſtſetzen müſſen, um nach Monza zu gehen und das Geſuch bei der Aebtiſſin an⸗ zubringen,“ ſagte der Fürſt.„Wie wird ſie ſich freuen! Ich ſage Euch, das ganze Kloſter wird die Ehre zu 211 ſchätzen wiſſen, die Gertrud ihm erweist. Ei, warum gehen wir nicht noch heute hin? Gertrud wird gern ein wenig Luft ſchöpfen.“ „So laßt uns gehen,“ ſagte die Fürſtin.“—„Ich will ſoaleich die nöthigen Befehle ertheilen,“ ſagte der junge Prinz.—„Aber...“ ſtammelte Gertrud ganz ſchüchtern.—„Sachte, ſachte,“ bemerkte der Fürſt wie⸗ der,„laſſen wir ſie entſcheiden; vielleicht fühlt ſie ſich heute nicht in der nöthigen Stimmung und möchte lie⸗ ber bis morgen warten. Sprich, willſt Du lieber, daß wir heute oder morgen hingehen?“ „Morgen,“ antwortete mit ſchwacher Stimme Ger⸗ trud, welche ſchon etwas zu thun meinte, wenn ſie nur ein Bischen Zeit gewann. „Morgen,“ wiederholte der Fürſt feierlich;„ſie hat feſtgeſetzt, daß man morgen hingehen ſoll. Ich will in⸗ zwiſchen den Nonnenvikar erſuchen, mir einen Tag zur Prüfung zu beſtimmen.“ Geſagt, gethan; der Fürſt entfernte ſich und ging wirklich(was keine geringe Herablaſſung war) zu dem beſagten Vikar, der ihm auf übermorgen zuſagte. Den ganzen übrigen Tag hindurch hatte Gertrud keine zwei Minuten Ruhe. Sie hätte ihr Gemüth von ſolchen Erſchütterungen ſich erholen, ihre Gedanken ſo zu fagen ſich läutern laſſen, ſich ſelbſt über das bereits Gethane und das noch zu Thuende Rechenſchaft erthei⸗ len, ſie hätte wiſſen mögen, was ſie wolle, und hätte die Maſchine, welche, kaum in Gang gebracht, mit ſol⸗ cher Haſt weiter lief, gerne einen Augenblick aufgehal⸗ ten; aber da war keine Möglichkeit vorhanden. Eine Beſchäftigung folgte auf die andere, ſie griffen gleich⸗ ſam in einander ein. Nach jener feierlichen Beſpre⸗ chung wurde ſie in das Kabinet der Fürſtin geführt, um daſelbſt unter ihrer eigenen Leitung und von ihrer eigenen Kammerfrau umgekleidet und geſchmückt z werden. Noch hatte man nicht die letzte Hand an ſie gelegt, als gemeldet wurde, daß ſei. Ger⸗ 2¹2 trud ſchritt zwiſchen den Bücklingen der Dienerſchaft hin, welche ihr zu ihrer Geneſung Glück zu wünſchen ſchien, und traf einige ihrer nächſten Verwandten, die man ihr zu Ehren in aller Eile eingeladen hatte, da⸗ mit ſie ſich mit ihr über die zwei fröhlichen Nachrich⸗ ten von der wieder erlangten Geſundheit und der ent⸗ ſchiedenen Berufswahl freuen ſollten. Die junge Braut(ſo nannte man die zu Nonnen beſtimmten Jungfrauen, und Gertrud wurde bei ihrem Erſcheinen von Allen mit dieſem Namen begrüßt)— die junge Braut hatte genug zu thun, um die Glückwünſche zu beantworten, womit man ſie überhäufte. Sie ſah wohl ein, daß jede dieſer Antworten gleichſam eine Annahme und Beflätigung enthielt; aber wie hätte ſie anders antworten ſollen? Nach aufgehobener Tafel ſtand es nicht lange an, ſo kam die Stunde zur Spa⸗ zierfahrt. Gertrud ſtieg mit ihrer Mutter und zwei Dheimen, welche der Mahlzeit angewohnt hatten, in eine Karoſſe. Nachdem man eine gewöhnliche Tour gemacht, kam man auf die Marinaſtraße, welche damals den Raum durchſchnitt, den jetzt die öffentlichen Gärten einnehmen und ein Rendezvous für die vornehme Welt war, die zu Wagen ankam, um ſich von den Beſchwer⸗ den des Tages zu erholen. Die Oheime ſprachen viel mit Gertrud, wie es an dieſem Tage beſchloſſen worden war, und Einer von ihnen, welcher beſſer als der An⸗ dere jede Perſon, jede Karoſſe wie jede Livree kannte, und alle Augenblicke bald von dieſem Herrn, bald von jener Dame etwas zu erzählen wußte, unterbrach ſich auf einmal, indem er ſich zu ſeiner Nichte wandte, mit den Worten:„Ah, Du kleine Schelmin, Du trittſt all dieſe Armſeligkeiten mit Füßen; Du biſt eine Brave; Du läſſeſt uns arme Weltkinder in dem Wirrwar ſitzen, beginnſt ein gottſeliges Leben und fährſt in der Kutſche zum Paradieſe ein.“ Zur Zeit der Dämmerung kehrte man nach Hauſe zurück, und die Diener, die mit Doppelfackeln herab⸗ 213 eilten, meldeten, daß viele Beſuche angekommen ſeien und warten. Das Gerücht hatte ſich verbreitet, und die Verwandten und Freunde kamen, um ihre Pflicht zu erfüllen. Man trat in den Geſellſchaftsſaal. Die junge Braut wurde der Abgoit, das Spielwerk, das Opfer der Verſammlung. Jedermann wollie ſie haben; eine Perſon ließ ſich Zuckerwerk verſprechen, eine an⸗ dere ſagte ihr Beſuche zu, eine dritte ſprach von der Mutter ſo und ſo, ihrer Verwandten, eine vierte von der Mutter ſo und ſo, ihrer Bekannten; Einer lobte das Klima von Monza, ein Anderer ſprach mit großem Wohlgefallen von der Würde, welche ſie daſelbſt beklei⸗ den würde; wieder Andere, die ſich der auf ſolche Weiſe belagerten Gertrud noch nicht hatten nähern können, lauerten auf die Gelegenheit, voranzukommen, und ſchie⸗ nen von einer Art von Gewiſſensbiſſen geplagt, bis ſie ihre Pflicht hatten erfüllen können. Allmälig entfernte ſich die Geſellſchaft wieder; Alle ſchieden ohne Bedauern, und Gertrud blieb allein bei ihrer Familie zurück. „Endlich,“ ſagte der Fürſt,„habe ich die Freude gehabt, meine Tochter ſo behandelt zu ſehen, wie es ihrem Stande zukommt. Man muß es aber auch ge⸗ ſtehen, ſie hat ſich ganz vortrefflich benommen und deut⸗ lich gezeigt, daß ſie nicht verlegen ſein wird, die erſte Rolle zu ſpielen und die Ehre der Familie zu be⸗ haupten.“ Man nahm ſchnell die Abendmahlzeit ein, um ſich bald zur Ruhe zu begeben und morgen in der Frühe bereit zu ſein. Die betrübte, unmuthige und zu gleicher Zeit durch die vielen Huldigungen des Tages etwas eitel gewor⸗ dene Gertrud erinnerie ſich in dieſem Augenblick an die Leiden, die ſie von Seiten ihrer Kerkermeiſterin zu er⸗ dulden gehabt, und da ſie ihren Vater ſo geneigt ſah, ihr in allen Dingen mit Ausnahme eines einzigen Punktes zu willfahren, ſo wollte ſie ihr augenblickliches Glück benützen, um wenigſtens eine der Leidenſchaften 2¹4 zu befriedigen, von denen ſie gequält wurde. Sie äußerte daher einen heftigen Widerwillen gegen dieſe Kammerfrau und beklagte ſich ſehr über ihr Benehmen. „Wie!“ ſagte der Fürſt,„hat ſie es an Ehrerbie⸗ tung gegen Dich fehlen laſſen? Morgen, gleich mor⸗ gen werde ich ihr den Kopf auf eine Art waſchen, daß ſie daran denken ſoll. Laß nur mich ſorgen, Du ſollſt vollſtändige Genugthuung erlangen. Inzwiſchen ſoll eine Tochter, mit der ich zufrieden bin, eine Perſon nicht um ſich ſehen, die ihr mißfällt.“ Er ließ ſogleich eine andere Zofe rufen und befahl ihr, Gertrud zu be⸗ dienen, welche, indem ſie ſich an der empfangenen Ge⸗ nugthuung weidete, dennoch ſehr verwundert war, im Vergleich zu ihrem früheren Verlangen ſo wenig wirk⸗ lichen Genuß davon zu haben. Was unwillkürlich ihr ganzes Nachdenken in Anſpruch nahm, das war das Bewußtſein der gewaltigen Fortſchritte, welche ſie an dieſem Tag auf dem Wege zum Kloſter gemacht, der Gedanke, daß, um ſich demſelben immer noch zu ent⸗ iehen, jetzt weit mehr Kraft und Entſchloſſenheit nöthig je als vor wenigen Tagen ausgereicht haben würde, und als ſie auch damals nicht beſeſſen hatte. Die Kammerfrau, welche ſie auf ihr Zimmer be⸗ gleitete, war eine alte Dienerin des Hauſes und die ehemalige Hofmeiſterin des jungen Prinzen, welchen ſie aus den Armen der Amme in Empfang genommen und bis zum Jünglingsalter auferzogen hatte, daher ſie auch all ihr Wohigefallen, all ihre Hoffnungen und ihren ganzen Ruhm in ihn ſetzte. Sie freute ſich über den am heutigen Tage gefaßten Beſchluß wie über ihr eige⸗ nes Glück, und ſo mußte Gertrud zum Beſchluß des Tagwerks noch die Glückwünſche und Lobſprüche der Alten anhören. Sie ſprach ihr von gewiſſen Tanten und Großtanten vor, welche ſich als Nonnen überaus glücklich befunden, denn als Angehörige dieſer Familie hätten ſte immer die höchſten Ehren genoſſen und im⸗ mer eine Hand nach Außen im Spiele zu behalten ver⸗ 2¹⁵ ſtanden, ſo daß ſie von ihrem Sprachzimmer aus Sie⸗ gerinnen bei Unternehmungen geworden, welchen die größten Damen unterlegen ſeien. Sie redete ihr von den Beſuchen vor, die ſie empfangen würde; eines Tages würde dann auch der junge Herr Prinz mit ſeiner Braut kommen, welche gewiß eine ſehr vornehme Dame ſein würde, und dann würde nicht bloß das Kloſter, ſondern die ganze Umgegend in Bewegung gerathen. Die Alte hatte geſchwatzt, während ſie Gertrud entkleidete, als Gertrud ſich in's Bett gelegt hatte: ſie ſchwatzte noch, als Gertrud bereits ſchlief. Die Jugend und die Er⸗ müdung hatten über den Kummer obgeſiegt. Der Schlaf war angſtvoll, unruhig, voll von ſchweren Träumen, wurde aber erſt von der kreiſchenden Stimme der Alten unterbrochen, die ſchon am frühen Morgen ſie aufrüt⸗ telte, damit ſie ſich zur Fahrt nach Monza bereit ma⸗ chen ſollte. „Auf, auf, Fräulein Braut, es iſt heller Tag und wir brauchen wenigſtens eine Stunde, um Euch anzu⸗ kleiden und zu ſchmücken. Die Frau Fürſtin erhebt ſich eben; ſie hat ſich vier Stunden früher als gewöhn⸗ lich wecken laſſen. Der Herr Prinz iſt bereits in den Marſtall hinabgegangen, dann wieder heraufgekommen und ſchon ganz reiſefertig. Er iſt flink wie ein Häs⸗ chen, der kleine Teufel; ſo war er aber ſchon von klein auf, und ich darf es wohl ſagen, daß ich ihn auf mei⸗ nen Armen getragen habe. Aber wenn er einmal auf den Beinen iſt, ſo ſoll man ihn nicht warten laſſen, denn obſchon er ſonſt die beſte Haut von der Welt iſt, ſo wird er dann doch ungeduldig und fängt an zu lär⸗ men. Der arme Junge! Man muß Mitleid mit ihm haben, ſein Temperament iſt nun einmal ſo; übrigens hätte er diesmal ein wenig Recht, weil er ſich Euret⸗ wegen viele Mühe machk. In ſolchen Augenblicken komme ihm Niemand zu nah! er trägt dann vor Nie⸗ manden Scheu, außer vor dem Herrn Fürſten. Aber mit der Zeit wird er der Herr Fürſt ſeinz freilich 2¹6 wünſche ich das ſo ſpät als nur immer möglich. Ge⸗ ſchwind, geſchwind, Fräulein, was ſchaut Ihr mich denn an, als wenn Ihr verhert wäret? Ihr ſolltet bereits aus dem Neſt ſein.“ Bei dem Bilde des ungeduldigen jungen Prinzen fuhren alle anderen Gedanken, die ſich in Gertrud's ermuntertem Geiſte zuſammengedrängt hatten, plötzlich auf wie ein Schwarm von Sperlingen, wenn ſie eine Scheuche erblicken. Sie gehorchte, kleidete ſich eilig an, ließ ſich ſchmücken und erſchien im Saale, wo die Eltern und der Bruder bereits verſammelt waren. Man ließ ſie auf einem bequemen Lehnſtuhl Platz nehmen und reichte ihr eine Taſſe Chocolade, was in jenen Zeiten ſo viel war, wie einſt bei den Römern die Ueber⸗ gabe der Mannstoga. Als gemeldet wurde, daß die Karoſſe vorgefahren ſei, nahm der Fürſt ſeine Tochter bei Seite und ſagte zu ihr;„Wohlan, Gertrud, geſtern haſt Du Dir Ehre erworben, aber heute mußt Du Dich ſelbſt übertreffen. Es handelt ſich um Dein erſtes öffentliches Auftreten in dem Kloſter und an dem Orte, wo Du dereinſt die erſte Rolle zu ſpielen haſt. Man erwartet Dich da. (Es braucht wohl kaum bemerkt zu werden, daß der Fürſt Tags zuvor die Aebtiſſin benachrichtigt hatte.) Man erwartet Dich und alle Augen werden auf Dich gerichtet ſein. Zeige Würde und Unbefangenheit. Die Aebtiſſin wird Dich fragen, was Dein Begehren ſei; es iſt dies eine alte Förmlichkeit. Du kannſt antwor⸗ ten, Du bitteſt um Erlaubniß, in dieſem Kloſter, wo Du eine ſo liebevolle Erziehung und ſo freundliche Be⸗ handlung genoſſen habeſt, was gewiß die reine Wahr⸗ heit iſt, den Schleier zu nehmen. Sprich dieſe wenigen Worte in ungezwungenem Tone, damit man nicht etwa ſage, man habe ſie Dir in den Mund gelegt und Du verſteheſt nicht ſelbſt zu ſprechen. Die guten Mütter wiſſen von dem Vorgefallenen nichts; es iſt ein Ge⸗ heimniß, das in der Familie begraben bleiben muß 217 Deßhalb mache kein betrübtes und zweideutiges Geſicht, wodurch Du Verdacht erwecken könnteſt. Zeige, aus welchem Blute Du entſproſſen biſt, ſei höflich und be⸗ ſcheiden, aber bedenke dabei, daß an dieſem Ort außer Deiner Familie Niemand über Dir ſteht.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, machte ſich der Fürſt auf den Weg. Gertrud, die Fürſtin und der junge Prinz folgten ihm die Treppe hinab und ſtiegen in den Wagen. Die Beſchwerden und Verdrießlichkei⸗ ten der Welt und auf der andern Seite das gottſelige Kloſterleben, zumal für Jungfrauen aus hochadeligem Blute, bildeten während der ganzen Fahrt den Gegen⸗ ſtand der Unterredung. Gegen das Ende des Wegs wiederholte der Fürſt die Anweiſungen, die er ſeiner Tochter bereits gegeben, und ſprach ihr noch mehrere Maie die Antwortsformel vor. Beim Einfahren in die Stadt war es Gertrud, als werde ihr das Herz zugeſchnürt, aber ihre Auſmerkſamkeit wurde alsbald von gewiſſen Herren in Anſpruch genommen, die den Wagen anhielten und gewiſſe Bewillkommnungen vor⸗ brachten. Man fuhr jetzt langſamer nach dem Kloſter zu, während von allen Seiten Neugierige ſich zuſam⸗ mendrängten. Als der Wagen vor dieſen Mauern, vor dieſer Pforte anhielt, wurde es Gertrud noch beklom⸗ mener um's Herz. Man ſtieg zwiſchen einem Spalier von Menſchen, die von der Dienerſchaft zurückgedrängt wurden, aus. All dieſe Augen waren auf das arme Mädchen geheftet, ſo daß ſie ſich genöthigt ſah, ſtreng über ihre Haltung zu wachen; noch mehr aber als durch dieſe alle fühlte ſie ſich durch die Augen ihres Vaters in Unterwürfigkeit erhalten; denn trotz ihrer Angſt konnte ſie nicht umhin, beſtändig in dieſe zu ſchauen. Eben dieſe Augen beherrſchten auch ihre Geberden und Mienen wie mittelſt unſichtbarer Zügel. Man gelangte durch den erſten Hof in den zweiten, und hier zeigte ſich die innere Kloſterpforte weit geöffnet und ganz mit Nonnen beſetzt. In erſter Reihe die Aebtiſſin, umgeben 218 von den Aelteſten; hinter ihnen andere Nonnen durch⸗ einander, einige auf den Zehen ſtehend, in letzter Reihe die Laienſchweſtern, die ſich auf Schemel geſtellt hatten. Zwiſchen den Kutten ſah man hin und wieder auch helle Aeuglein leuchten und friſche Geſichtchen zum Vor⸗ ſchein kommen; es waren dies die flinkſten und muthig⸗ ſten von den Koſtgängerinnen, welche ſich von Nonne zu Nonne vorgedrängt und durchgeſchlichen hatten, bis es ihnen gelungen war, ſich Luft zu machen, um auch Etwas von der Sache zu ſehen. Aus dem Gedränge erſcholl ein freundlicher Zuruf; man ſah viele Arme zum Zeichen fröhlichen Willkommens ſich ausſtrecken. Man kam an diePforte; Gertrud befand ſich der Mut⸗ ter Aebtiſſin gegenüber; nach den erſten Begrüßungen fragte dieſe ſie in halb freudigem, halb feierlichem Tone, was ſie an dieſem Orte begehre, wo Niemand ihr etwas abzuſchlagen vermöge. „Ich bin hier.. begann Getrud, aber als fie eben im Begriff war, die Worte vorzubringen, die ihr Schickſal unwiderruflich entſcheiden ſollten, zögerte ſie eine kurze Weile und ließ ihre Angen feſt auf der Menge haften, die vor ihr ſtand. In dieſem Moment ſah ſie eine ihrer früheren Geſpielinnen, welche ihr einen halb mitleidigen, halb boshaften Blick zuwarf, der zu ſagen ſchien: Ah, fie hat ſich alſo doch fangen laſſen, die Großſprecherin! dieſer Anblick weckte all die alten Gefühle von Neuem in ihrer Seele und gab ihr auch ein bischen von dem wenigen Muth wieder, den ſie früher beſeſſen. Schon ſuchte ſie nach einer Antwort, die von der vorgeſchriebenen abwiche. Als ſie aber, gleichſam um ihre Kräfte zu prüfen, ihren Blick zum Geſichte ihres Vaters erhob, da bemerkte ſie auf dem⸗ ſelben eine ſo düſtere Unruhe, eine ſo drohende Unge⸗ duld, daß die Furcht ihr Entſchloſſenheit verlieh und ſie mit derſelben Schnelligkeit, womit ſie vor einem furchtbaren Gegenſtand entflohen ſein würde, fortfuhr: „Ich bin hier, um mir die Erlaubniß zu erbitten, in 2¹9 dieſem Kloſter, wo ich eine ſo liebevolle Erziehung ge⸗ noſſen, den Schleier zu nehmen.“ Die Aebtiſſin ant⸗ wortete ſchnell, ſie bedauere ungemein, daß in dieſem Fall die vorgeſchriebene Ordnung ihr nicht erlaube alsbald eine Antwort zu ertheilen, denn dieſe hänge von der allaemeinen Abſtimmung der Schweſtern ab, und der Abſtimmung müſſe noch die Erlaubniß der Obern vorangehen. Im Uebrigen kenne ja Gertrud die Geſinnungen, welche man an dieſem Orte für ſie hege, gut genug, um vorherzuſehen, wie die Antwort ausfal⸗ len werde; auch ſeien die Aebtiſſin und die Schweſtern durch keinerlei Vorſchrift verhindert, ſchon jetzt ihre Freude über dies Begehren auszuſprechen. Nun erhob ſich ein verworrenes Getöſe von Glückwünſchen und Beifallsrufen. Bald kamen große Platten mit Zucker⸗ werk, womit man zuerſt der jungen Braut, dann den Eltern aufwartete. Während einige der Nonnen ſich um Gertrud riſſen, andere der Mutter, wieder andere dem jungen Prinzen Komplimente machten, ließ die Aobtiſſin den Fürſten erſuchen, an das Gitter des Sprachzimmers kommen zu wollen, wo ſie ihn erwarte. Sie hatte zwei der ältern Schweſtern bei ſich, und als ſie ihn erſcheinen ſah, begann ſie; „Herr Fürſt, um den Regeln zu gehorchen.. um eine unerläßliche Förmlichkeit zu beobachten, die zwar in dieſem Falle„ muß ich Euch doch ſagen.. daß, ſo oft eine Tochter um die Einkleidung nach⸗ ſucht die Superivrin, welche ich unwürdigerweiſe bin. verpflichtet iſt, die Eltern aufmerkſam zu ma⸗ chen... daß ſie, falls ſie..„ dem Willen der Toch⸗ ter Gewalt angethan hätten, in den Kirchenbann ver⸗ fallen würden. Ihr werdet mich entſchuldigen... „Ganz gut, ganz gut, ehrwürdige Mutter ich lobe Cure Pflichttreue; es iſt nicht mehr als billig... aber Ihr dürft nicht zweifeln...“ „O glaubt mir nur, Herr Fürſt.. ich habe 220 dies blos geſagt, weil es ausdrücklich vorgeſchrieben iſt. Im Uebrigen... 6 6 „Gewiß, gewiß, Mutter Aebtiſſin.“ Nachdem dieſe wenigen Worte ausgetauſcht waren, verneigten ſich die zwei ſprechenden Perſonen gegenſei⸗ tig und trennten ſich, als ob es beiden ſchwer würde, dos Geſpräch fortzufetzen; jeder Theil kehrte zu ſeiner Geſellſchaft zurück; der Fürſt durch die äußere Thüre, die Nonnen von innen her nach der Kloſterſchwelle zu. „Wohlan,“ ſagte der Fürſt,„Gertrud wird jetzt bald alle Gelegenheit haben, ſich nach Herzensluſt an der Geſellſchaft dieſer Mutter zu erfreuen. Für jetzt dürfen wir ihnen nicht länger beſchwerlich fallen.“ Er gab alſo mit einer Verbeugung das Zeichen, daß er auf⸗ brechen wolle, die Familie ſetzte ſich in Bewegung, die erneuerten ſich, und ſo nahmen Alle Ab⸗ ied. Auf dem Rückweg fühlte Gertrud ſich nicht ſehr. aufgelegt zu ſprechen. Entſetzt über den Schritt, den ſie gethan hatte, ſich ſchämend über ihre Kleinmüthig⸗ keit, erbittert über die Anderen und über ſich ſelbſt, be⸗ rechnete ſie traurig, welche Gelegenheiten ihr noch übrig blieben, um Nein zu ſagen, und gelobte matt und ver⸗ worren ſich ſelbſt, bei dieſer oder jener oder irgend einer andern Gelegenheit mehr Gewandtheit und mehr Charakterſtärke an den Tag zu legen. Bei all dieſen Gedanken war jedoch ihre Angſt vor dem väterlichen Stirnerunzeln noch nicht geſchwunden, und als ie durch einen verſtohlenen Blick auf ſein Geſicht ſich über⸗ zeugen konnte, daß keine Spur von Zorn mehr darauf lag, als ſie vielmehr ſah, daß er ſich ungemein zufrie⸗ den mit ihr bezeigte, ſo pries ſie ſich bereits glücklich und war für einen Augenblick ganz vergnügt. Unmittelbar nach der Ankunft eine lange Toilette, dann Mittagstafel, dann einige Beſuche, dann Spazier⸗ fahrt, dann Geſellſchaft, dann Abendtafel. Gegen das Ende derſelben brachte der Fürſt eine andere Angelegen⸗ 22¹ heit aufs Tapet, nämlich die Wahl der Pathin. So nannte man eine Dame, die auf die Bitten der Eltern die junge künftige Nonne in der Zeitzwiſchen dem Geſuche und der Einkleidung beſtändig hütete und begleitete; dieſe Zeit wurde mit Beſuchen der Kirchen, der öffentlichen Pa⸗ läſte, der Geſellſchaften, der Landhäuſer, der Heiligthümer, kurz mit Beſichtigung aller Merkwürdigkeiten der Stadt und Umgegend zugebracht, damit die jungen Perſonen, ehe ſie ein unwiderrufliches Gelübde ablegten, wohl ſehen ſollten, was ſie von ſich ſtießen.„Man wird an eine Pathin denken müſſen,“ ſagte der Fürſt,„denn morgen wird der Nonnenvifar kommen, um die Prü⸗ fung vorzunehmen, und unmittelbar darauf wird Ger⸗ trud im Kapitel zur Aufnahme vorgeſchlagen werden.“ Mit dieſen Worten hatte er ſich gegen die Fürſtin ge⸗ wendet, die eine Aufforderung zu Vorſchlägen darin zu finden glaubte und daher begann:„Nun da wäre ja.,“ Aber der Fürſt unterbrach ſie:„Nein, nein, Frau Für⸗ ſtin, die Parthie muß vor allen Dingen der jungen Braut angenehm ſein, und obſchon der allgemeine Brauch die Wahl den Eitern anheimſtellt, ſo beſitzt doch Ger⸗ trud ſo viel Einſicht und einen ſo richtigen Takt, daß man ihr zu Liebe wohl von der Regel abgehen darf.“ Und nun wandte er ſich mit einer Geberde, die eine beſon⸗ dere Gnade ankündigte wieder zu Gertrud und fuhr fort⸗ „Jede der Damen, die heute Abend in der Geſellſchaft waren, beſitzt die nothwendigen Eigenſchaften, um Pa⸗ thin einer Tochter unſeres Hauſes zu werden; jede würde es ſich, ich zweifle nicht daran, zur Ehre ſchätzen, den Vorzug zu haben; wähle Du ſelbſt.“ Gertrud ſah wohl ein, daß Wahl eine neue Zu⸗ ſtimmung in ſich ſchloß, aber die Aufforderung dazu war ſo feierlich an ſie erlaſſen, daß eine Weigerung das Anſehen einer Verſchmähung bekommen und eine Ent⸗ ſchuldigung als Undankbarkeit oder Verdrießlichkeit aus⸗ geſehen hätte. Sie that daher auch dieſen Schritt und nannte die Dame, die ihr an dieſem Abend am mei⸗ 222 ſten gefallen, d. h. diejenige, die ihr am meiſten Lieb⸗ koſungen geſagt, ſie am meiſten gelobt und auf jene vertraute, liebevolle und zuthuliche Art bepandelt hatte, welche in den erſten Augenblicken einer Bekanntſchaft ſich wie eine alte Freundſchaft geberdet.„Die aller⸗ beſte Wahl!“ rief der Fürſt, der gerade dieſe wünſchte und erwartete. War es nun Liſt, oder Zufall, es hatte ſich ſo gefügt, wie wenn der Taſchenkünſtler ein Kar⸗ tenſpiel an Euern Augen vorübergleiten läßt, mit der Aufforderung ſich euch eine davon zu merken, und dieſe her⸗ nach erräth; aber er hat ſeine Karten nur ſo vor Euch hingleiten laſſen, daß Ihr blos eine einzige geſehen habt. Beſagte Dame war den ganzen Abend ſo viel um Gertrud herum geweſen und hatte ſie ſo ſehr in An⸗ ſpruch genommen, daß dieſe ihrer Einbildungskraft hätte Gewalt anthun müſſen, um ſich eine andere zu denken. Ihre Freundſchaftlichkeit war auch nicht ohne gute Gründe; die Dame hatte ſeit langer Zeit ihre Augen auf den jungen Prinzen geworfen, den ſie zu ihrem Eidam wünſchte: deshalb betrachtete ſie die Angelegen⸗ heiten dieſes Hauſes als ihre eigenen, und es war ſehr natürlich, daß ſie ſich für die liebe Gertrud eben ſo ſehr intereſſirte wie für ihre nächſten Verwandten. Am folgenden Morgen erwachte Gertrud mit dem Gebanken an den Eraminator, der da kommen ſollte, und während ſie noch darüber nachſann, ob und wie ſie dieſe ſo entſcheidende Gelegenheit zum Rücktritt be⸗ nützen könne, ließ der Fürſt ſie rufen.„Wohlan meine Tochter,“ ſagte er ihr,„bis jetzt haſt Du Dich ganz vortrefflich gehalten: heute handelt es ſich darum, das Werk zu krönen. Alles, was bisher geſchehen, iſt mit Deiner Einwilligung geſchehen. Wenn mittlerweile irgend ein Zweifel, flüchtige Reue, jugendliche Grillen Dir in den Kopf gekommen wären, ſo hätteſt Du Dich erklären müſſen; aber auf dem Punkt, wo die Sachen jetzt ſtehen, iſt es nicht mehr Zeit zu Kindereien. Der Ehrenmann, der dieſen Morgen kommt, wird hundert * 223 Fragen über Deinen Beruf an Dich richten: ob Du Dich freiwillig dazu entſchloſſen habeſt, und warum, und wie und was weiß ich? wenn Du mit Deinen Ant⸗ worten zögerſt, ſo wird er Dich, wer weiß wie lang, auf die Folter geſpannt halten. Es wäre eine namen⸗ loſe Qual und Pein für Dich; aber es könnte auch noch ein anderer, weit ernſthafterer Schaden daraus erwachſen. Nach all den öffentlichen Schritten, die man bereits gethan hat, könnte ſelbſt das leiſeſte Zö⸗ gern, das man bei Dir wahrnähme, einen Schatten auf meine Ehre werfen und die Welt glauben machen, ich habe einen unbedachten Wunſch von Deiner Seite als einen feſten Entſchluß angeſehen, folglich mich einer kopfloſen Handlung ſchuldig gemacht und, was weiß ich?... In dieſem Fall würde ich mich in die Noth⸗ wendigkeit verſetzt ſehen, zwiſchen zwei ſchmerzlichen Auskunſtsmitteln zu wählen: ich müßte entweder zuge⸗ ben, daß die Welt einen ſchlechten Begriff von meinem Benehmen faſſe, eine Sache die ſich ſchlechterdings nicht mit dem verträgt, was ich mir ſelbſt ſchuldig bin; oder aber ich müßte den wahren Beweggrund Deines Ent⸗ ſchluſſes enthüllen und...“ Aber als er hier ſah, daß Gertrud ganz in Feuer und Flamme gerieth, daß ihre Augen anſchwollen und ihr Geſicht ſich zuſammenzog, wie die Blätter einer Blume in der Schwüle, die dem Sturm vorangeht, da brach er dieſe Rede ab und fuhr mit heiterer Miene fort:„Nun, nun, es kommt Alles auf Dich, auf Deine eigene Einſicht an. Ich weiß, daß Du viel Verſtand haſt und kein Kind mehr biſt, das eine beinahe fertige Sache zuletzt noch verderben könnte; aber ich muß da alle Fälle vorherſehen. Es ſoll nicht mehr die Rede davon ſein und es bleibt zwiſchen uns ausgemacht, daß Du freimüthig antworteſt, auf eine ſolche Art und Weiſe, daß dieſem braven Mann keine Zweifel in den Kopf ſteigen. Dadurch wirſt Du auch am ſchnellſten die ganze Sache los.“ RNachdem er ihr dann einige Antworten auf die 224 muthmaßlichen Fragen angegeben, kam er wieder auf ſein gewöhnliches Geſpräch von den Annehmlichkeiten und Freuden, die ihrer im Kloſter warteten, und damit hielt er ſie ſo lange hin, bis ein Bedienter kam und den Eraminator anmeldete. Der Fürſt wieverholte ihr in kurzen Worten die wichtigſten Ermahnungen und ließ dann der Vorſchrift gemäß ſeine Tochter mit ihm allein. Dieſer Ehrenmann kam mit der vorgefaßten Mei⸗ nung, daß Gertrud einen gewaltigen Beruf in das Kloſter in ſich verſpüre, denn ſo hatte ihm der Fürſt geſagt, als er ihn einlud. Allerdings huldigte der gute Prieſter, welcher wußte, daß das Mißtranen eine der nothwendigſten Tugenden in ſeinem Amte war, dem Grundſatz, im Glauben an ſolche Verſicherungen nur langſam voranzuſchreiten und ſich vor Vorurtheilen zu hüten, aber es geſchieht ſehr ſelten, daß beſtimmte Ver⸗ ſicherungen einer angeſehenen Perſon dem Gemüthe desjenigen, dem ſie ertheilt werden, nicht ihre eigene Färbung verleihen. Nach der gebührenden Anrede: „Mein junges Fräulein,“ſagte er,„ich komme, um die Rolle des Teufels zu übernehmen; ich komme, um das in Zweifel zu ziehen, was Ihr in Eurem Geſuch als ge⸗ wiß bezeichnet; ich komme, um Euch die Schwierig⸗ keiten vor die Augen zu halten und mich zu vergewiſ⸗ ſern, ob ihr dieſilben wohl erwogen habt. Laßt es Euch gefallen, daß ich Euch einige Fragen vorlege.“ „Sprecht immer zu,“ antwortete Gertrud. Der brave Prieſter begann nunmehr ſie in der vorſchriftmäßigen Form zu befragen.„Empfindet Ihr in Euerm Herzen einen freien, ungezwungenen Ent⸗ ſchluß, Nonne zu werden; ſind keine Drohungen oder Liebkoſungen angewandt worden? Hat man von keiner⸗ lei Auctorität Gebrauch gemacht, um Euch dazu zu verleiten? Sprecht unverholen und aufrichtig mit einem Mann, deſſen Pflicht es iſt, Euren wahren Willen kennen „ 22⁵ nen zu lernen, damit nicht auf irgend eine Weiſe Ge⸗ walt an Euch verübt werde.“ Die wahre Antwort auf dieſe Fragen ſtellte ſich ſogleich mit furchtbarer Klarheit vor Getruds Geift. Um aber dieſe Antwort geben zu können, mußte ſie zu einer Erklärung ſchreiten, mußte ſagen, womit ſie be⸗ droht worden war, mußte eine Geſchichte erzählen Die Unglückliche ſchauderte entſetzt vor dieſem Gedan⸗ ken zurück und beeilte ſich, irgend eine Antwort zu ſuchen, wodurch ſie ſich ſchneller und ſicherer aus dieſer Noth retten könnte.„Ich werde Nonne,“ ſagte ſie, ihre Unruhe verbergend,„ich werde Nonne aus eigenem⸗ freiem Antrieb.“ „Wie lange gehet Ihr ſchon mit dieſem Gedanken um?“ fragte der gute Prieſter weiter. „Ich habe ihn immer gehegt,“ antwortete Gertrud, die nach dem erſten Schritte mehr Dreiſtigkeit gewon⸗ nen hatte, um gegen ſich ſelbſt zu lügen. „Aber was iſt der hauptſächliche Beweggrund, der Euch veranlaßt, Nonne zu werden?“ Der gute Prieſter wußte nicht, welch eine furcht⸗ bare Saite er anſchlug, und Gertrud that ſich große Gewalt an, um auf ihrem Geſichte nicht die Wirkung durchſchimmern zu laſſen, die dieſe Worte in ihrer Seele hervorbrachten.„Mein Beweggrund,“ ſagte ſie,„iſt die Abſicht, Gott zu dienen und den Gefahren der Welt zu entfliehen.“ „Sollte es nicht etwa ein Verdruß ſein? Irgend eine verzeiht mir. eine Grille? Zuweilen kann eine augenblickliche Urſache einen Eindruck machen, der den Anſchein hat, als ſollte er bleibend ſein, aber wenn heſn die Urſache aufhört und der Sinn ſich ändert, aün „Nein, nein,“ antwortete Gertrud haſtig,„der Grund iſt derjenige, den ich Euch angegeben habe.“ Mehr um ſeiner Pflicht vollſtändig zu genügen, als weil er es wirklich für nöthig hielt, beharrte der Die Verlobten. 1. 15 226 Vikar auf ſeinen Fragen; aber Gertrud war ſeſt ent⸗ ſchloſſen, ihn zu täuſchen. Abgeſehen von dem Schau⸗ der, welchen der Gedanke in ihr erregte, dieſen würdi⸗ gen und rechtſchaffenen Prieſter, der ſo weit entfernt ſchien, etwas Böſes von ihr zu denken, zum Mitwiſſer ih er Schwäche zu machen, ſo bedachte die Aermſte auch noch, daß er zwar ihre Abführung in's Kloſter verhin⸗ dern könnte, daß aber damit ſeine ganze Gewalt über ſie und ſein ganzer Schutz aufhören würde. Sobald er ſich entfernt bätte, müßte ſie allein bei dem Fürſten bleiben. Was ſie dann weiter noch im Hauſe zu er⸗ dulden hätte, davon hätte der wackere Prieſter entweder nichts erfahren, oder wenn er es auch erfuhr, ſo hätte er mit all ſeiner guten Abſicht weiter nichts thun, als ſie bemitleiden können. Der Eraminator war früher des Fragens, als die Unglücktiche des Lügens müde; da er nun dieſe immer gleichlautenden Antworten hörte und keinen Grund hatte, an ihrer Aufrichtigkeit zu zweifeln, ſo änderte er endlich ſeine Sprache, fügte noch einige Bemerkungen bei, welche er für geeignet hielt, ſie in ihrem guten Vorſatz zu beſtärken, wünſchte ihr Glück und verabſchiedete ſich. Als er durch die Säle ſchritt, um ſich zu entfernen, begegnete er dem Fürſten, der ganz zufällig vorbeizugehen ſchien, und nun wünſchte er auch ihm Glück zu der ganz vortrefflichen Stim⸗ mung, worin er ſeine Tochter gefunden habe. Der Fürſt hatte ſich bis jetzt in einer höchſt peinlichen Ungewiß⸗ heit befunden; bei dieſer Nachricht aber athmete er auf, vergaß ſeinen gewohnten Ernſt, eilte ſchnellen Schritts zu Gertrud und überhäufte ſie mit Lobſprüchen, Liebkoſungen und Verſprechungen, dies Alles mit einer herzlichen Freude und einer großentheils aufrichtigen Zärtlichkeit. So beſchaffen iſt dieſes Gewirr, das man das menſchliche Herz nennt. Wir werden Gertrud bei dieſem ununterbrochenen Kreislauf von Schauſpielen und andern Lußtbarkeiten nicht begleiten. Ebenſo wenig gedenken wir die Gefühle ihres Herzens in dieſer Zeit einzeln und der Reihe 227 nach zu ſchildern. Es wäre dies eine allzu eintönige und dem bereits Geſagten allzu ähnliche Geſchichte von Schmerzen und Unſchlüſſigkeiten. Die Anmuth der Landſchaft, der Wechſel der Gegenſtände, die Freude, im Freien umherzuſchweifen, machte ihr den Gedanken an den Ort, wo ſie am Ende zum letzten Mal und für immer ausſteigen ſollte, noch verhaßter. Noch pein⸗ licher waren die Eindrücke, welche ſie bei den geſell⸗ ſchaftlichen Vergnügungen in der Stadt empfing. Der Anblick von Bräuten, denen man dieſen Titel im buch⸗ ſtäblicheren und gewöhnlicheren Sinne beilegte, rief einen unbeſchreiblichen Neid und Gram in ihr hervor, und zuweilen konnte ſie auch bei der Erſcheinung irgend einer ſo bevorzugten Perſon auf den Glauben kommen, daß es der Gipfel aller Glückſeligkeit ſein müſſe, ſich dieſen Titel beilegen zu hören. Zuweilen rief die Pracht der Paläſte, der Glanz der Hausgeräthe, das fröhliche Gewimmel und Geräuſch der Geſellſchaften eine ſolche Trunkenheit und ein ſolches Verlangen nach einem fröh⸗ lichen Leben in ihr hervor, daß ſie ſich ſelbſt gelobte, Widerruf zu thun und lieber Alles zu erdulden, als daß ſie in die kalte Todesnacht des Kloſters zurückkehre. Aber all dieſe Entſchließungen verrauſchten bei einer ruhigeren Ueberlegung der Schwierigkeiten, ja ſogar wenn ſie nur dem Fürſten in's Geſicht ſah. Manchmal machte ihr auch der Gedanke, daß ſie all dieſen Genüſ⸗ ſen entſagen müſſe, ſchon dieſe kleine Probe davon bit⸗ ter und widerlich, gleichwie der dürſtende Kranke den Löffelvoll Waſſer, welchen der Arzt ihm kaum zuge⸗ ſieht, mit Groll anſieht und gleichſam mit Unmuth von ſich ſtößt. Inzwiſchen hatte der Nonnenvikar das nöthige Zeugniß ausgeſtellt, und es kam die Erlaubniß, das Capitel wegen der Aufnahme Gertrud's zu halten. Das Capitel wurde gehalten; wie vorauszuſehen war, kamen die zwei Dritttheile der vorſchriftsmäßigen geheimen Stimmen zuſammen, und Gertrud wurde aufgenommen. Müde der langen Qualen, wünſchte ietzt ſo⸗ 2²⁸ bald als möglich in's Kloſter zu treten. Es war in der That Niemand da, der ſich einem ſolchen Drängen hätte wiberſetzen wollen. Ihr Wille geſchah alſo, ſie wurde pomphaft nach dem Kloſter geführt und nahm den Schleier. Nach einem zwölfmonatlichen Noviziat voll von Leidweſen und Reue kam der Augenblick des Profeſſes, d. h. der Augenblick, in welchem ſie entweder ein Nein, das noch weit ſonderbarer, unerwarteter und anſtößiger war als je, ausſprechen, oder ein ſchon ſo oft ausgeſprochenes Ja wiederholen mußte; ſie wieder⸗ holte es und ward Nonne für immer. Es gehört zu den eigenthümlichen und unmittheil⸗ baren Eigenſchaften der chriſtlichen Religion, daß ſie Jedermann zurechtzuweiſen und zu bernhigen vermag, unter welchen Verhältniſſen und in was für einer Lage immer er ſich an ſie wende. Wenn gegen etwas Ge⸗ ſchehenes ein Mittel gefunden werden kann, ſo ſchreibt ſie es vor, gibt es an die Hand, verleiht Einſicht und Kraft, um es um jeden Preis in's Werk zu ſetzen; gibt es kein Mittel, ſo zeigt ſie die Art und Weiſe, um wirklich und in der That, wie man ſprüchwörtlich zu ſagen pflegt, aus der Noth eine Tugend zu machen. Sie lehrt mit Weisheit etwas fortſetzen, was man mit unbedachtem Leichtſinn unternommen, ſie beſtimmt die Seele, mit Neigung etwas zu umfaſſen, was ihr durch Uebermacht auferlegt worden iſt, und ſie verleiht einer Wahl, welche verwegen war, aber unwiderruflich iſt, die ganze Heiligkeit, die ganze Vernünftigkeit und, um es offen herauszuſagen, alle Freuden eines wirklichen Berufes. Sie iſt eine Straße, ſo beſchaffen, daß der Menſch, von welchem Labyrinth, von welchem Abgrunde aus er an ſie gelangen und ſie betreten mag, fernerhin mit Sicherheit und getroſten Muthes auf ihr weiter⸗ ſchreiten und fröhlich zu einem fröhlichen Ziele gelan⸗ gen kann. Vermöge dieſes Mittels hätte Gertrud eine heilige und zufriedene Nonne werden können, ganz ab⸗ geſehen von der Art, wie ſie überhaupt Nonne gewor⸗ den war. Aber die Unglückliche ſträubte ſich ſtatt deſſen 2²9 unter ihrem Joche, und ſo mußte ſie die Schwere und den Druck defſelben um ſo ſtärker empfinden. Eine un⸗ aufhörliche Klage um die verlorene Freiheit, der Ab⸗ ſchen vor dem ergriffenen Stande, ein ermüdendes Ja⸗ gen hinter Wünſchen her, welche nie befriedigt werden ſollten, das waren die Hauptbeſchäftigungen ihrer Seele. Sie brütete fortwährend über dieſer bittern Vergan⸗ genheit, ſie rief ſich all die Umſtände, durch welche ſie dahin gekommen, wo ſie war, in's Gedächiniß zurück; ſie hob tauſendmal in ihren Gedanken nutzloſer und unnöthiger Weiſe das wieder auf, was ſie in Wahrheit gethan hatte; ſie klagte über ihre eigene Verzagtheit, ſowie über die Thrannei und Treuloſigkeit Anderer, und ſo härmte ſie ſich ab. Sie vergötterte und be⸗ weinte zugleich ihre Schönheit, beklagte eine Jugend, die dazu beſtimmt ſei, ſich in langſamem Märthrerthum zu zerſtören, und ſie beneidete in gewiſſen Augenblicken jede Frau, die ſich, gleichviel in welcher Lage und mit welchem Bewuß ſein, jener weltlichen Güter ungeſtört erfreuen konnte. Der Anblick der Nonnen, welche dazu beigetragen hatten, ſie hierher zu bringen, war ihr verhaßt. Sie erinnerte ſich der Kunſtgriffe und Liſten, welche ſie in's Werk geſetzt hatten, und ſie vergalt dieſelben reichlich durch ein unhöfliches und launiſches Benehmen, ja ſie machte ihnen ſogar unverblümte Vorwürfe. Dieſe muß⸗ ten ſie meiſt ſchweigend hinunterſchlucken, denn der Fürſt hatte zwar ſeine Tochter ſo weit tyrannifirt, als es nöthig war, ſie in's Kloſter zu treiben, aber nachdem er dieſe Abſicht erreicht, würde er nicht ſo leicht geduldet haben, daß irgend eine andere Perſon ſich vermeſſen hätte, gegen ſein Fleiſch und Blut ein Recht zu behaup⸗ ten; und wenn Gertrud nur im Mindeſten Lärm machte, ſo konnten die Nonnen dadurch dieſen mächtigen Schutz verlieren, ja ſogar einen hohen Gönner in einen Feind verwandelt ſehen. Man könnte meinen, ſie hätte eine gewiſſe Vorliebe für die andern Schweſtern empfinden ſollen, welche ſich bei dieſer ſchmutzigen Intrigue nicht 230 betheiligt hatten und ſie, ohne ſie zur Genoſſin ver⸗ langt zu haben, als ſolche liebten, dabei fromm, thätig und heiter ihr durch ihr eigenes Beiſpiel zu zeigen ſuchten, wie man auch im Kloſter nicht bloß leben, ſondern ſogar genießen könne. Aber auch dieſe waren ihr, und zwar aus einem andern Grunde verhaßt. Ihr frommes und zufriedenes Ausſehen wurde für ſie ein Vorwurf wegen ihrer eigenen Unruhe und ihres lau⸗ niſchen Benehmens; ſie ließ daher keine Gelegenheit vorbei, um ſie hinter ihrem Rücken als Betſchweſtern zu beſpötteln oder als Heuchlerinnen zu bekritteln. Vielleicht wäre ſie ihnen weniger abgeneigt geweſen, wenn ſie gewußt oder geahnt hätte, daß die wenigen ſchwarzen Kugeln, die ſich in der über ihre Aufnahme entſcheidenden Urne befanden, gerade von ihnen hinein⸗ gelegt worden. Einigen Troſt ſchien ſie zuweilen im Befehlen zu ſinden, darin, daß man ihr im Kloſter den Hof machte, daß von Außen her ſchmeichleriſche Beſuche kamen, daß ſie irgend ein Unternehmen durchſetzen, ihren Schutz gewähren konnte und ſich Domina nennen hörte: aber was waren das für Tröſtungen! Die Seele, die ihre äng'ichkeit empfand, hätte ihr zuweilen die Tröſtun⸗ gen der on beifügen und ſich an ihnen erfreuen können; rdieſe werden nur Demjenigen zu Theil, der jene andern geringſchätzt, gleichwie der Schiffbrü⸗ chige, wenn er das Brett erhaſchen will, das ihn ſicher an's Ufer führen kann, ſeine Fauſt öffnen und das See⸗ gras und Röhricht, das er mit inſtinktartiger Haſt er⸗ faßt hatte, fahren laſſen muß. Bald nach ihrem Profeß war Gertrud zur Vor⸗ ſteherin der Koſtgängerinnen ernannt worden, und nun kann man ſich's denken, wie es den jungen Mädchen unter einer ſolchen Disciplin ergehen mochte. Ihre ehemaligen Geſpielinnen waren ſämmtlich ausgetreten, aber ſie hatte noch alle Leidenſchaften aus jener Zeit behalten, und auf die eine oder andere Weiſe mußten die Zöglinge das Gewicht derſelben empfinden. Wenn K 231 ſie daran dachte, daß viele von ihnen zu einem Leben beſtimmt waren, auf welches ſie ſelbſt alle Hoffnung verloren, ſo hegte ſie gegen die armen Kinder einen Groll, eine Art von Rachgier, ſie unterdrückte ſie, be⸗ handelte ſie hart, ließ ſie die Freuden, die ſie eines Tages genießen ſollten, zum Voraus abbüßen. Wer in ſolchen Augenblicken gehört hätte, mit welchem herriſchen Jähzorn ſie die Kinder wegen jeder kleinen Uebereilung ausſchalt, der hätte ſie fuͤr ein Weib von wilder und unvernünftiger Frömmigkeit halten müſſen. In andern Augenblicken machte ſich derſelbe Abſcheu vor dem Kloſter, vor ſeinen Regeln, vor dem Gehorſam in einer ganz entgegengeſetzten Laune Luft. Dann duldete ſie nicht nur die kärmende Ausgelaſſenheit ihrer Zöglinge, ſon⸗ dern ermunterte ſie ſogar noch; ſie miſchte ſich in ihre Spiele und machte ſie noch muthwilliger; ſie betheiligte ſich bei ihren Geſprächen und fübrte ſie weit über die Abſichten hinaus, mit denen die Mädchen ſie begonnen hatten. Wenn Eine von ihnen ſich eine Bemerkung über das alberne Geſchwätze der Mutter Aebtiſſin er⸗ laubte, ſo äffte die Lehrerin den ganzen Ton und das Gerede derſelben nach und machte eine luſtige Scene daraus; ſie verzog das Geſicht wie die eine Nonne, nahm den Gang einer andern an und brach dann in ein unmäßiges Gelächter aus, aber dieſes Gelächter kam nicht von Herzen. So hatte ſie einige Jahre ge⸗ lebt, ohne daß ſie Zeit und Gelegenheit gefunden, mehr zu thun; nun aber wollte ihr Unglück, daß eine Gele⸗ genheit ſich ihr darbot. Unter den andern Vorrechten und Auszeichnungen, die man ihr als Entſchädigung dafür, daß ſie nicht Aebtiſſin ſein konnte, bewilligt hatte, befand ſich auch der Beſitz einer abgeſonderten Wohnung. Dieſe Seite des Kloſters ſtieß an ein Haus, worin ein junger Mann wohnte, der aus allen Arten von Ruchloſigkeiten ein förmliches Gewerbe machte, einer der vielen, die zu jener eit theils vermittelſt ihrer Söldner, theils durch ihr Bündniß mit andern Böſewichtern in den Stand 232 geſetzt waren, die öffentliche Gewalt und die Geſetze bis zu einem gewiſſen Grad zu verlachen. Unſer Ma⸗ nuſeript nennt ihn ſchlechtweg Egidio. Von einem ſei⸗ ner Fenſter aus, das einen kleinen Hof jener Wohnung beherrſchte, hatte er Gertrud mehrere Male vorüber⸗ gehen oder müßig herumſtreichen geſehen, und von den Gefahren, ſowie der Ruchloſigkeit des Unternehmens mehr angelockt als abgeſchreckt, erfrechte er ſich eines Tags, ſie anzureden. Die Unſelige antwortete. In dieſen erſten Augenblicken empfand ſie ein, wenn auch freilich nicht reines, ſo doch lebhaftes Ver⸗ gnügen. In die frendloſe Leere ihres Gemüths hatte eine ſtarke, anhaltende Beſchäftigung wie ein mächtiges Leben ſich ergoſſen; aber dieſes Vergnügen glich dem ſtärkenden Tranke, welchen die erfinderiſche Grauſam⸗ keit der Alten für den Verurtheilten erſann, um ihm die nöthige Kraft zur Ertragung der Martern zu geben. Zur ſelben Zeit zeigte ſich eine große Veränderung in ihrem ganzen Benehmen; ſie wurde auf einmal geord⸗ neter, ruhiger, unterließ ihr Höhnen und Klagen, zeigte ſich im Gegentheil einſchmeichelnd und höflich, ſo daß die Sichweſtern ſich gegenſeitig zu der angenehmen Ver⸗ änderung Glück wünſchten, da ſie weit entfernt waren, den wahren Beweggrund zu ahnen und einzuſehen, daß dieſe neue Tugend nichts Anderes war, als Heuchelei, die ſich ihren alten Untugenden beigeſellt. Dieſes Ge⸗ bahren, dieſes, wenn man ſich ſo ausvrücken darf, äußere Sichweißbrennen dauerte inzwiſchen nicht lange, wenigſtens nicht ununterbrochen und gleichmäßig fort⸗ Bald genug hörte man wieder die früheren Spötte⸗ reien, die alten Launen kamen wieder zum Vorſchein, man mußte die Verwünſchungen und Witzeleien über das Kloſtergefängniß wieder vernehmen, und zwar zu⸗ weilen in Ausdrücken, die an einem ſolchen Orte und aus einem ſolchen Munde ſehr ſonderbar klangen. Uebrigens folgte auf jeden Fehltritt eine Reue, ein ernſtes Beſtreben, denſelben durch Gefälligkeit vergeſſen zu machen. Die Schweſtern fügten ſich ſo gut als mög⸗ 233 lich in all dieſe veränderlichen Launen und erklärten ſie ſich aus der grillenhaften, leichtfertigen Gemüthsart der Domina. Einige Zeit ſchien es, als ob keine weiter daran dächte, aber eines Tags, als die Domina wegen irgend einer Klatſcherei mit einer Laienſchweſter in Wortwech⸗ ſel gerieth, ließ ſie ſich zu ganz maßloſen Beſchimpfun⸗ gen gegen dieſelbe hinreißen, ſo daß dieſe, nachdem ſie eine Zeit lang geduldig in den Zügel gebiſſen, endlich die Geduld verlor und ein Wort fallen ließ, daß ſie etwas wiſſe und zu ſeiner Zeit ſprechen werde. Von dieſem Angerblick an hatte die Domina keine Ruhe mehr. Bald darauf wurde die Laienſchweſter vergebens zu ihren gewohnten Dienſtverrichtungen erwartet⸗ Man ſuchte ſie in ihrer Zelle, aber ſie fand ſich nicht vor; man rief ſie laut bei Namen, aber ſie gab keine Ant⸗ wort; man ſucht überall, man ſtöbert alles durch vom Keller bis zum Dachboden, ſie iſt nirgends zu finden. Wer weiß auf welche Vermuthungen man noch gera⸗ then wäre, wenn man nicht gerade beim Nachſuchen in der Gartenmauer ein großes Loch entdeckt hätte, was Allen zuſammen als ein augenſcheinlicher Beweis galt, daß ſie durch daſſelbe entſprungen ſei. Man ſchickte ſogleich auf verſchiedenen Straßen Boten aus, um ſie zu verfolgen und zurückzubringen; es wurden aller⸗ wärts große Nachſorſchungen angeſtellt; aber man be⸗ kam nie die mindeſte Spur von ihr. Vielleicht hätie man mehr erfahren können, wenn man, ſtatt in der Ferne zu ſuchen, in der Rähe gegraben hätte. Nach langem Staunen, weil Niemand dieſe Schweſter deſſen fähig geglaubt hätte, und nach reifticher Ueberlegung, kam man zu dem Schluß, ſie müſſe weit, ſehr weit fortgereiſt ſein, und weil eine Schweſter einmal geſagt hatte:„ſie iſt ſicherlich nach Holland entflohen,“ ſo ſagte man nachher im Kloſter als gewiß, ſie ſei nach Holland entflohen. Es ſcheint indeß, daß die Domina dieſer Anſicht nicht huldigte. Nicht etwa als ob ſie ſich ungläubig gezeigt oder die allgemeine Meinung 234 mit ihren beſondern Gründen bekämpft hätte: wenn ſie deren hatte, ſo wurden gewiß Gründe noch nie ſo gut verſchwiegen! auch gab es Nichts, was ſie lieber ver⸗ mied, als eine Wiederaufrührung dieſer Geſchichte, Nichts, um was ſie ſich weniger bekümmerte, als dieſem Geheimniß auf den Grund zu kommen. Aber je weni⸗ ger ſie davon ſprach, um ſo mehr dachte ſie daran. Wie manchmal am Tage tauchte das Bild dieſer Frau unverſehens vor ihrem Geiſte auf, pflanzte ſich vor ihr feſt und wollte nicht weichen! Wie manchmal hätte ſie gewünſcht, ſie leibhaftig und greifbar vor ſich zu ſehen, ſtatt ſie immer mit zäher Beharrlichkeit in ihren Gedanken zu behalten, ſtatt ſich Tag und Nacht in Ge⸗ ſellſchaft dieſer leeren, furchtbaren, empfindungsloſen Geſtalt befinden zu müſſen! Wie manchmal hätte ſie ausdrücklich die wahre Stimme derſelben, ihr Geplau⸗ der und alle möglichen Drohungen aus ihrem Munde hören mögen, ſtatt daß ſie jetzt fortwährend im Inner⸗ ſten ihres geiſtigen Ohres das phantaſtiſche Geziſche dieſer hellen Stimme vernehmen mußte, welche ihre Worte, auf die ſie Nichts zu erwiedern wußte, mit einer Hartnäckigkeit und einer unermüdlichen Beharr⸗ lichkeit wiederholte, wie ſie noch nie einer lebendigen Perſon innewohnte! Es war etwa ein Jahr nach dieſem Vorfall, als Lucia der Domina vorgeſtellt wurde und mit ihr dieſe Unterredung hatte, bei der wir in unſerer Erzäblung ſtehen geblieben ſind. Die Domina ſtellte eine Menge Fragen über die Verfolgung Don Rodrigo's an ſie und ließ ſich auf gewiſſe Einzelnheiten mit einer Uner⸗ ſchrockenheit ein, die unſerer Lucia nicht ſowohl ſchlimm als neu erſchien und erſcheinen mußte, da ſie niemals geglaubt hatte, daß die Neugierde der Nonnen ſich mit ſolchen Dingen beſchäftigen könne. Nicht minder ver⸗ wunderlich waren auch die Urtheile, welche die Do⸗ mina in ihre Fragen miſchte oder durchſchimmern ließ. Es ſchien faſt, als lache ſie über die große Angſt, welche Lucia immer vor dieſem Herrn empfunden, und ſie 235 fragte, ob er denn häßlich ſei, weil ſie ihn ſo ſehr ge⸗ fürchtet: es ſchien beinahe, als würde ſie die Sprödig⸗ keit des Mädchens unvernünftig und albern geiunden haben, wenn ſie nicht in der Bevorzugung Renzo's be⸗ gründet geweſen wäre. Und auch über dieſen erging ſie ſich in Fragen, welche Lucia zugleich ſtaunen und erröthen machte. Als ſie dann merkte, daß ihre Zunge ſich zu weit auf die Ausſchweifungen ihres Gehirns eingelaſſen hatte, ſo ſuchte ſie all dies Geſchwätz wie⸗ der gut zu machen und aufs Beſte auszulegen. Aber ſie konnte nicht verhindern, daß bei Lucia eine unan⸗ genehme Verwunderung und eine verworrene Angſt zu⸗ rückblieb. Koum war ſie wieder bei ihrer Mutter, ſo eröffnete ſie ſich ihr; aber Agneſe, als eine viel erfah⸗ rene Perſon, löſte all dieſe Zweiſel mit wenigen Wor⸗ ten und klärte das ganze Geheimniß auf.„Wundere Dich darüber nicht,“ ſagte ſie; wenn Du einmal die Welt ſo gut kennen gelernt haſt wie ich, ſo wirſt Du ſchen, daß man über dieſe Dinge nicht zu ſtaunen braucht. Die vornehmen Leute ſind alle zuſammen bald mehr bald weniger, bald auf die eine bald auf die andere Art ein bischen närriſch. Man muß ſie ſchwatzen laſſen, beſonders wenn man ihrer bedarf; man muß thun, als ob man ihnen ganz ernſthaft zu⸗ höre, wie wenn ſie die vernünftigſten Dinge von der Welt ſprächen. Haſt Du gehört, wie ſie mir über's Maul fuhr, als ob ich etwas ganz Dummes geſagt härte? Ich habe mich ganz und gar nicht darüber ge⸗ wundert. Sie ſind alle ſo. Und bei allem dem muß man dem Himmel danken, denn ſie ſcheint Dich liebge⸗ wonnen zu haben und uns wirklich in ihren Schutz nehmen zu wollen. Wenn Du übrigens aus dieſer Verlegenheit gerettet ſein wirſt, meine Tochter, und wenn Du ſpäter wieder einmal mit vornehmen Herr⸗ ſchaften zu thun haben wirſt, dann wirſt Du. es ſchon einſehen, wirſt es ſchon einſehen, wirſtes ſchon ein ſehen.“ Der Wunſch, dem Pater Guardian eine Gefällig⸗ keit zu erweiſen, das angenehme Bewußtſein der Schutz⸗ 236 herrlichkeit, der Gedanke an den gulen Eindruck, wel⸗ chen eine auf ſo fromme Weiſe gewährte Protection hervorbringen könne, eine gewiſſe Neigung zu Lucia und auch eine gewiſſe Luſt einem unſchuldigen Geſchöpfe etwas Gutes zu thun, Unterdrückten beizuſtehen und ſie zu tröſten, hatten die Domina wirklich geneigt ge⸗ macht, ſich das Schickſal der beiden armen Flüchtlinge zu Herzen zu nehmen. Aus Achtung für die Befehle, die ſie ertheilte, und für den Eifer, den ſie an den Tag legte, wurden ſie in der an das Kloſter ſtoßenden Wohnung der Schaffnerin untergebracht und ſo behan⸗ delt, als ob ſie in den Dienſten des Kloſters ſtänden. Mutter und Tochter freuten ſich zuſammen, daß ſie ſo bald eine ſichere und ehrenvolle Zufluchtsſtätte gefunden hatten. Es wäre ihnen auch ſehr lieb geweſen, wenn ſie von Jedermann unbemerkt hätten dableiben können, aber dies war in einem Kloſter nicht ſo leicht, und zwar um ſo weniger, als es einen Menſchen gab, der nur allzu feſt entſchloſſen war, ſich über die Eine von ihnen Nachrichten zu verſchaffen, und in deſſen Seele ſich zu der urſprünglichen Leidenſchaft und dem geſta⸗ chelten Ehrgeiz noch der Zorn geſellte, daß man ihm zuvorgekommen war und ihn getäüſcht hatte. Wir un⸗ ſerer Seits wollen jetzt die Frauen in ihrem Verſtecke laſſen und uns nach der Burg dieſes Menſchen wenden, in dem Augenblicke, wo er dem Ausgang ſeiner ruch⸗ loſen Expedition entgegenharrte. Elftes Capitel. Gleichwie eine Koppel Spürhunde, nachdem ſie vergebens einen Haſen verfolgt, kleinmüthig mit ge⸗ ſenkten Schnautzen und hängenden Schwänzen zu ihrem Herrn zurückfehrt, ſo kehrten in jener Nacht des all⸗ gemeinen Wirrwars die Bravi nach Don Rodrigo's Burg zurück. Er ſchritt im Dunkeln in einer ſchlech⸗ ten, unbewohnten Stube des oberen Stocks, welche die Ausſicht nach der Ebene gewährte, auf und ab. Jeden 237 Augenblick blieb er ſtehen, um zu horchen und durch die Spalten der auseinandergegangenen Fenſterläden zu ſpähen, und ſeine Ungeduld war eben ſo groß wie ſeine Unruhe, nicht blos wegen der Unſicherheit des Ausgangs, ſondern auch wegen der möglichen Folgen, denn das war das gröbſte und verwegenſte Stück was der Ehrenmann bis jetzt unternommen hatte. Er er⸗ muthigte ſich jedoch durch den Gedanken an die Vor⸗ ſichtsmaßregeln, die man ergriffen, um jede Spur ſeiner Betheiligung zu verwiſchen. Was etwaigen Verdacht betrifft, darüber lache ich. Ich möchte doch den Lü⸗ ſternen ſehen, welchen der Kitzel ſtäche, hier heraufzu⸗ kommen, um ſich überzeugen zu wollen, ob ein Mäd⸗ chen da iſt oder nicht. Er komme, er komme nur, der Bauernlümmel, er ſoll ſchon empfangen werden! Er mag kommen, der Mönch, er mag kommen! Die Alte, hol' der Teufel die Alte! die Juſtiz? Pah die Juſtiz: der Podeſta iſt weder ein Kind noch ein Narr. Und in Mailand? wer kümmert ſich in Mailand um ſolche Leute, wer wird ihnen Gehör ſchenken? wer weiß, daß ſie überhaupt auf der Welt ſind? ſie ſind ſo gut wie verlorene Geſchöpfe, ſie haben nicht einmal einen Herrn, ſie gehören gar Niemand an. Weg da, weg da, Nichts von Furcht! Was für Augen Attilio morgen machen wird! er wird ſehen, ob ich ein bloßer Strohrenummiſt bin, und dann... Wenn etwa Verwicklungen daraus entſtehen ſollten.. wenn vielleicht irgend ein Feind dieſe Gelegenheit benützen wollte, nun dann wird mir Attilio auch zu rathen wiſſen, die Ehre der ganzen Verwandtſchaft iſt dabei verpfändet. Derjenige Ge⸗ danke aber, bei welchem er am längſten verweilte, weil er darin zugleich eine Beſchwichtigung ſeiner Zweifel, und eine Nahrung ſeiner Hauptleidenſchaft fand, war der Gedanke an die Schmeicheleien und Verſprechungen, die er aufbieten wolle, um ſich Lucia's Neigung zu er⸗ werben.— Sie wird ſo große Angſt haben, ſich hier allein zu befinden, mitten unter dieſen Burſchen, dieſen Fratzengeſichtern, daß„das menſchlichſte Geſicht auf 238 der ganzen Burg bin wahrhaftig ich... daß ſie zu Zuflucht nehmen und ſich aufs Bitten legen wird.“ Während er dieſe ſchönen Berechnungen anſtellt, vernimmt er Fußtritte, geht ans Fenſter, öffnet ein klein wenig, ſtreckt den Kopf vor; fie ſind's. Und die Sänfte? Teufel! wo iſt die Sänfte? drei, fünf, acht; ſie ſind es alle; auch der Graue iſt dabei; aber die Sänfte iſt nicht da: Teufel, Teufel, der Graue ſoll mir Rechenſchaft geben! Als ſie hereingetreten waren, ſtellte der Graue ſeinen Pilgerſtab in eine Ecke der untern Stube, legte Hut und Pilgermantel ab und ging ſodann, wie ſeine amtliche Stellung es erheiſchte, um die ihn in dieſem Augenblick Niemand beneidete, fort, um Don Rodrigo ſeinen Bericht abzuſtatten. Dieſer erwartete ihn oben auf der Treppe, und als er ihn mit dem verdutzten und verblüfften Geſichte des betrogenen Schurken er⸗ ſcheinen ſah, fagte er, oder ſchrie ihm vielmehr zu: „Nun, Herr Eiſenfreſſer, Herr Hauptmann, Herr „laßt nur mich machen?“ „Es iſt hart,“ antwortete der Graue, indem er den einen Fuß auf der oberſten Treppe ſtehen hatte, „es iſt hart, Vorwürfe einzuernten, nachdem man ge⸗ treulich gearbeitet, vollkommen ſeine Schuldigkeit ge⸗ than und ſogar ſeine Haut zu Markte getragen hat!“ „Wie iſt's gegangen? Laß hören, laß hören,“ ſagte Don Rodrigo und ging nach ſeinem Zimmer. Der Graue folgte ihm und erzählte umſtändlich Alles, was er angeordnet, gethan, geſehen und nicht geſehen, ge⸗ hört, gefürchtet, verhütet hatte, und zwar erſtattete er ſeinen Bericht in der Ordnung und Verwirrung, Zwei⸗ felhaftigkeit und Betäubung, welche nothwendig alle zuſammen in ſeinen Ideen herrſchen mußten. „Du biſt nicht Schuld daran und Du haſt Dich gut gehaiten,“ ſagte Don Rodrigö.„Du haſt Dein Mög⸗ kichſtes gethan; aber, aber, aber wenn unter dieſem Dache ſich ein Spion befände! wenn einer da iſt, wenn ich * 239 ihn heraus bekomme, und wir kommen ihm gewiß auf die Spur, dann will ich ihn Dir zurichten; ich ſage Dir, Grauer, ich prügele ihn lederweich.“ „Auch mir, Herr,“ ſagte der Graue,„iſt ein ſol⸗ cher Verdacht in den Sinn gekommen! und wenn es wahr wäre, wenn ein Hollunke dieſer Art entdeckt würde, ſo gebt ihn getroſt in meine Hände. Demjenigen, der ſich das Vergnügen gemacht hat, mir eine Nacht wie dieſe da zu bereiten, möchte ich den Lohn nicht ſchul⸗ dig bleiben. Inzwiſchen glaube ich aus dem Ganzen ſchließen zu können, daß noch irgend eine andere Ver⸗ wirrung los iſt, die man bis jetzt nicht begreifen kann. Herr, morgen wird man das klare Waſſer ehen.“ „Ihr ſeid doch wenigſtens nicht erkannt worden?“ Der Graue antwortete, er hoffe nicht, und die Unterredung ſchloß damit, daß Don Rodrigo ihm für den morgigen Tag dreierlei Dinge befahl, woran dieſer wohl von ſelbſt gedacht hätte: In aller Frühe zwei Männer abzuſchicken, um dem Schulzen jene Mahnung zu ertheilen, welche ihm, wie wir geſehen haben, wirk⸗ lich zukam; zwei Andere nach dem verfallenen Häus⸗ chen, um ſich in der Nähe deſſelben herumzutreiben, jeden Müßiggänger, der etwa des Weges käme, entfernt zu halten, und die Sänfte bis zur nächſten Nacht allen Blcken zu entziehen; früher nämlich konnte ſie nicht abgeholt werden, da man natürlich alle verdächtigen Bewegungen vermeiden müßte; endlich ſollte der Graue ſelbſt auf Kundſchaft ausgehen und auch einige Andere von den Gewandteſten und Verſchlagenſten ausſchicken, um den Urſachen und Folgen dieſer nächtlichen Ver⸗ wirrung auf die Spur zu kommen. Nachdem er ſolche Befehle ertheilt, legte ſich Don Rodrigo ſchlafen und erlaubte dieß auch dem Grauen, indem er ihn unter vielen Lobſprüchen verabſchiedete, aus denen augen⸗ ſcheinlich die Abſicht hervorleuchtete, ihn wieder aufzu⸗ richten und ihm gewiſſermaßen die übereilten Vorwürfe abzubitten, mit denen er ihn empfangen hatte. 240 „Gehe, ſchlafe jetzt, armer Grauer, denn Du mußt es nöthig haben. Armer, Grauer! Du haſt den ganzen Tag und die halbe Nacht hindurch arbeiten müſſen, 4 ungerechnet die Gefahr, den Bauern in die Klauen zu fallen, oder wegen des Raubs eines ehrlichen Mäd⸗ chens einen Preis auf Deinen Kopf zu verdienen, auf welchen ihrer bereits ſo viele geſetzt find; und dann auf dieſe Weiſe empfangen zu werden! Aber ſo beloh⸗ nen die Menſchen oft. Du haſt jedoch bei dieſer Ge⸗ legenheit ſehen können, daß manchmal auch in dieſer Welt dem Verdienſte ſein Recht geſchieht und die Rech⸗ nungen ſo ausgeglichen werden, wie es billig iſt. Gehe jetzt ſchlafen; bald wirſt Du uns vielleicht eine andere und ausgezeichnetere Probe ablegen können.“ Am folgenden Morgen war der Graue von Neuem in voller Thätigkeit, als Don Rodrigo ſich erhob. Er ſuchte ſogleich den Grafen Attilio auf, der, ſobald er ihn erblickte, mit ſpöttiſchen Mienen und Geberden ihm entgegenrief:„Der heilige Martin!“ „Ich weiß nicht, was ich ſagen ſoll,“ antwortete Don Rodrigo, indem er zu ihm trat:„Ich werde die Wette bezahlen; aber das iſt es nicht, was mich am meiſten kränkt. Ich habe Euch Nichts geſagt, weil —— ich, offen geſtanden, Euch dieſen Morgen eine gewal⸗ tige Ueberraſchung zu bereiten hoffte. Aber genug, ich will Euch jetzt Alles ſagen.“ „Der Mönch hat ſeine Hand im Spiel,“ ſagte der Vetter, nachdem er mit Spannung, Verwunderung und größerm Ernſt, als man von einem ſo leichtfertigen Menſchen hätte erwarten ſollen, den ganzen Bericht angehört hatte;„dieſen Mönch,“ fuhr er fort, halte ich, trotzdem daß er ſich ſo einfältig anſtellt und ſo kopflos herausſchwatzt, für einen abgefeimten Schur⸗ ken. Und Ihr habt Euch mir nicht anvertraut, habt mir nicht offen und aufrichtig geſagt, was der Burſche Euch neulich aufbürden wolltes“ Don Rodrigo erzählte die Unterredung.„Und das Alles habt Ihr hinuntergeſchluckt!“ ſchrie Graf Atti⸗ ——— 241 lio;„und Ihr habt ihn ziehen laſſen, wie er gekom⸗ men war!“ „Ei, hätte ich mir denn alle Kapuziner von ganz Italien auf den Hals laden ſollen?“ „Ich weiß nicht,“ ſagte Graf Attilio,„ob ich mich in dieſem Augenblick erinnert haben würde, daß es noch andere Kapuziner außer dieſem verm⸗ſſenen Schur⸗ ten auf der Welt gebe; aber warum ſollte man denn nicht, ſelbſt bei Beobachtung aller Geſetze der Klugheit, auch von einem Kapuziner Genugthuung erhalten kön⸗ nen? Man muß zur rechten Zeit die Höflichkeit gegen den ganzen Körper verdoppeln, ſo darſ man ſchon ein einzelnes Glied ungeſtraft durchprügeln. Genug, er iſt für dießmal der wohlverdienten Züchtigung entwiſcht, aber ich nehme ihn unter meinen Schutz, und ich will das Veranügen haben, ihn zu lehren, wie man mit Unſers Gleichen ſpricht.“ „Macht mein Spiel nicht noch ſchlimmer, als es ſchon iſt.“ „Verlaßt Euch einmal auf mich, ich werde Euch als Verwandter und Freund zur Seite ſtehen.“ „Was gedenket Ihr zu thun?“ Ich weiß es ſelbſt noch nicht, aber ich werde den Mönch ganz ſicher bedienen; ich werde es überlegen und Der Herr Graf Oheim! wie eraötzt es mich jedesmal, ſo oft ich ihn, einen großen Staatsmann von dieſem Kaliber, für mich arbeiten laſſen kann! u⸗bermorgen werde ich in Mailand ſein und der Mönch ſoll auf die eine oder andere Weiſe bedient werden.“ Inzwiſchen kam das Frühſtück, durch welches die Beſprechung einer Sache von dieſer Wichtiakeit nicht unterbrochen wurde. Graf Attilio ſprach friſch von der Leber weg, und wiewohl er an dem ganzen Handel denjenigen Antheil nahm, wozu ſeine Freundſchaft für den Vetter und die Ehre des gemeinſchaftlichen Na⸗ mens, ſeinen Begriffen von Ehre und Freundſchaft ge⸗ mäß, ihn verpflichtete, ſo konnte er doch von Zeit zu Zeit nicht umhin, das Mißgeſchick ſeines Freundes ein Die Verlobten. 1. 16 242 wenig lächerlich zu finden. Don Rodrigo aber, welchen die Sache näher anging und der in dem Augenblick, wo er einen großen Schlag auszuführen gehofft, eine ſo auf⸗ fallende Niederlage erlitten hatte, wurde von ſtärkeren Leidenſchaften erregt und von läſtigeren Gedanken ge⸗ quält.„Es wird eine ſchöne Klatſcherei geben,“ ſagte er,„unter dieſem Lumpenvolk in der ganzen Umgegend; aber was liegt mir daran? die Juſtiz verlache ich, Be⸗ weiſe ſind nicht vorhanden, und wenn auch ſolche vor⸗ handen wären, ſo würde ich gleichfalls darüber lachen; nichtsdeſtoweniger habe ich dem Schulzen heute frühe bedeuten laſſen, daß er ſich wohl hüten ſolle, von dem Vorfall Meldung zu machen. Es würde zwar nichts dabei herauskommen, aber ſolche Klatſchereien ärgern mich, wenn ſie ſich in die Länge ziehen. Es iſt ſchon mehr als genug, daß ich auf eine ſo heilloſe Weiſe geprellt worden bin.“ „Ihr habt ſehr wohl daran gethan,“ antwortete Graf Attilio,„dieſer Euer Podeſta, ein großer Starr⸗ kopf, ein Einfaltspinſel und langweiliger Schwätzer von einem Podeſta, iſt bei allem dem ein Ehrenmann, ein Mann, der ſeine Pflicht kennt, und gerade, wenn man mit ſolchen Leuten zu thun hat, muß man ſich ſehr hüten, ſie in Verlegenheit zu bringen. Wenn ein Lump von einem Schulzen eine Anzeige macht, ſo kann der bei der beſten Geſinnung dennoch nicht um⸗ in „Ihr aber,“ fiel Don Rodrigo etwas zornig ein, „Ihr verderbt mir den Handel damit, daß Ihr ihm beſtändig wiverſprechet, ihm über's Maul fahret und ihn gelegentlich noch verhöhnet. Zum Teufel, könnt Ihr einen Podeſta nicht ein ſtarrköpfiges Vieh ſein laſſen, wenn er nur im Uebrigen ein Ehrenmann iſt2“ „Wißt Ihr, Vetter,“ ſagte Graf Attilio, indem er ihn mit einem Blick ſpöttiſcher Verwunderung anſah, „wißt Ihr, daß ich zu glauben anfange, daß Ihr ein wenig Angſt habt? Betrachtet Ihr ſogar den Podeſta als eine ernſthafte Perſon... —— — 8 3 243 „Ei, habt Ihr nicht ſelbſt geſagt, daß man ſich in Acht nehmen müſſe 2“ „Ich habe es allerdings geſagt, und wenn es ſich um eine ernſte Sache handelt, ſo werde ich Euch zeigen, daß ich kein Kind bin. Wißt Ihr, was ich im Stande bin, für Euch zu thun? Ich bin der Mann, dem Herrn Podeſta in eigener Perſon meinen Beſuch zu machen. Glaubt Ihr wohl, daß er ſich über die Ehre freuen werde? Und ich bin der Mann, ihn eine halbe Stunde von dem Grafen⸗Herzog und unſerem ſpaniſchen Herrn Kaſtellan ſchwatzen zu laſſen und ihm in Allem Recht zu gehen, ſelbſt wenn er noch ſo albernes Zeug zu Markie bringt. Ich werde dann ein Wörtchen vom Grafen⸗Oheim im Geheimenrathe fallen laſſen, und Ihr wißt, welche Wir⸗ kung ſolche Wörtchen im Ohre des Herrn Podeſta her⸗ vorbringen. Am Ende bedarf er doch unſerer Gönner⸗ ſchaft mehr, als Ihr ſeiner Gefälligkeit bedürfet. Ich werde das in allem Ernſte thun, ich werde hingehen und ihn in eine beſſere Stimmung, als je, verſetzen.“ Nach dieſen und ähnlichen Redensarten ging Graf Attiliv auf die Jagd, Don Rodrigo aber blieb zu Hauſe und wartete ängſtlich auf die Rückkehr des Grauen. Endlich um die Mittagsſtunde kam dieſer, um ſeinen Bericht abzuſtatten. Die Verwirrung in der Nacht war ſo lärmend ge⸗ weſen, das Verſchwinden dreier Perſonen aus einem klei⸗ nen Dorfe war eine ſo bedeutende Sache, daß natürlicher⸗ weiſe, ſowohl aus Theilnahme, als aus bloßer Neugierde viele eifrige und anhaltende Nachforſchungen angeſtellt wurden, und auf der andern Seite waren diejenigen, die etwas davon wußten, allzu ſuhlreich⸗ als daß ſie ſich hätten vereinigen können, Alles zu verſchweigen. Per⸗ petua konnte den Kopf nicht vor die Thüre hinausſtrecken, ohne daß dieſer oder jener ſie beſtürmt hätte, ſie möchte doch ſagen, wer ihrem Herrn ſo große Furcht eingejagt habe: und Perpetua empfand, wenn ſie alle Umſtände der anzen Geſchſchte durchging und bei ihrer Zuſammen⸗ ſelzng erſah, daß Agneſe ſie S hutte, über 244 dieſe Treuloſigkeit einen ſolchen Aerger, daß es ihr ein wahres Bedürfniß war, ihrem Herzen ein wenig Luft zu machen. Sie ging freilich nicht zu Jedermann, um die Art und Weiſe zu klagen, wie man ſie hinter's Licht geführt hatte; darüber ließ ſie im Gegentheil kein Wört⸗ chen verlauten; aber der Streich, den man ihrem armen Herrn geſpielt, durfte nicht mit Stillſchweigen über⸗ gangen werden, und beſonders, da ein ſolcher Streich von ſo ſtillen, ruhigen Leuten, von dieſem rechtſchaffenen Jüngling, von dieſer braven Wittwe ausgeſonnen und ausgeführt worden war. Don Abbondio mochte ihr noch ſo ernſtlich befehlen und ſie noch ſo herzlich bitten, zu ſchweigen, ſie wiederholte ihm jedesmal, es ſei ganz und gar nicht nöthig, ihr eine ſo klare und natürliche Sache vorzupredigen; gewiß aber iſt, daß es mit dieſem wich⸗ tigen Geheimniß im Herzen der armen Frau ſo beſtellt war, wie in einem ſchlecht gebundenen alten Faß mit einem ganz jung aufgefüllten Weine, welcher braust, gährt und ziſcht und, wenn er auch den Spunt nicht hinaustreibt, dennoch ſo viel um denſelben herum arbeitet, daß er als Schaum heraustritt, zwiſchen Daube und Daube durchſickert und da und dort herabtröpfelt, ſo daß man davon trinken und ungefähr ſagen kann, was für Wein es iſt. Gervaſo, der es nicht glauben konnte, daß er einmal beſſer unterrichtet ſein ſollte, als andere Leute, der es für keinen geringen Ruhm erachtete, eine große Angſt ausgeſtanden zu haben, der, weil er ſich einmal bei einer Sache betheiligt hatte, von welcher er wußte, daß ſie unerlaubt war, ſich einbildete, nunmehr ein Menſch geworden zu ſein wie die Andern, zerſprang beinahe vor Verlangen, ſich Alles deſſen zu rühmen. Obſchon Tonio, der ernſtlich an eine mögliche Unterſuchung, an einen Prozeß und ein Verhör dachte, ihm mit der Fauſt unter der Raſe die nöthigen Mahnungen gab, ſo war es ihm doch nicht möglich, jedes Wort im Munde des Burſchen uerſticken. Im Uebrigen konnte auch Tonio ſelbſt, nach⸗ dem er in der Nacht zu ungewöhnlicher Stunde außer dem Hauſe geweſen, als er haſtigen Schritts und ver⸗ 24⁵ ſtörten Geſichtes, mit einer Gemüthsbewegung, die ihn zur Aufrichtigkeit ſtimmte, nach Haus zurückkehrte, ſeinem Weib die Sache nicht verſchweigen, und ſein Weib war nicht ſtumm. Wer am wenigſten ausplauderte, war Menich; denn kaum hatte er ſeinen Eltern den Zweck ſeiner Sendung mitgetheilt, als dieſe in der größten Angſt darüber, daß ihr Sohn dazu beigetragen haben ſollte, ein Unternehmen des Don Rodrigo zu vereiteln, den Jungen ſeine Erzählung kaum vollenden ließen. Sie befahlen ihm jetzt unter den ſtärkſten Drohungen, daß er ſich wohl hüten ſolle, auch nur ein Wörtchen davon verlauten zu laſſen, und am folgenden Morgen be⸗ ſchloſſen ſie, da ſie ſich noch nicht genugſam geſichert ſahen, ihn auf ein paar Tage in's Haus zu ſperren. Aber wie? Sie ſelbſt ſchwatzten darauf mit den Leuten aus dem Dorfe, und ohne daß ſie ſich den Anſchein geben wollten, mehr als Andere zu wiſſen, konnten ſie ſich's dennoch, wenn man auf den dunkeln Punkt der Flucht unſerer drei armen Leutchen, auf das Wie, Warum und Wohin zu reden kam, nicht verſagen, als etwas ganz Bekanntes hinzuwerfen, daß ſie nach Pescarenicv ge⸗ flohen ſeien. So wurde auch dieſer Umſtand ein Stoff allgemeinen Geſprächs. Aus all dieſen Fetzen von Notizen, welche man denn üblicher Maßen zu einem Ganzen zuſammenflickte und beim Zuſammennähen natürlicherweiſe noch mit allerlei Franzen ausſchmückte, hätte ſich eine Geſchichte von als gewöhnlicher Wahrſcheinlichkeit und Klar⸗ heit Fachen laſſen, womit ſelbſt der zweifleriſchſte Krittler ſich hätte begnügen fönnen. Aber jener Einbruch der Bravi, ein allzu wichtiges und allzu geräuſchvolles Er⸗ eigniß, als daß man es hätte übergehen können, während doch Niemand etwas Beſtimmtes davon wußte, gerade dieſes Ereigniß machte die Geſchichte am dunkelſten und verworrenſten. Man murmelte den Namen Don Rodri⸗ go's; darin war Alles einig; im Uebrigen aber herrſchte Zweifel und Uneinigkeit. Man ſprach viel von den bei⸗ den Bravi, die man gegen Abend auf der Straße ge⸗ ſehen, und von jenem andern, der an der Wirthshaus⸗ thüre geſtanden; aber wie konnte man aus einer ſo trocknen Thatſache viel Aufklärung ſchöpfen? Man fragte zwar auch den Wirth, wer am vorigen Abend bei ihm geweſen ſei; aber der Wirth erinnerte ſich kaum noch, an dieſem Abend Gäſte gehabt zu haben und ſchloß immer mit ſeinem alten Spruch:„Das Wirthshaus ſei ein Seehafen.“ Was die Köpfe noch am meiſten verwirrte und die Leute in verſchiedenen Muthmaßungen am mei⸗ ſten irreführte, das war jener Pilger, welchen Stefano und Carlandona geſehen hatten, jener Pilger, welchen die Räuber ermorden wollten, und der mit ihnen fortgegan⸗ gen oder von ihnen fortgeſchleppt worden war. Was hatte dieſer gewollt? Er war ein guter Geiſt, der er⸗ ſchienen war, um den Frauen zu heifen; er war der böſe Geiſt eines ſchurkiſchen, betrügeriſchen Pilgers, der immer bei Nacht kam, um in Verbindung mit ſolchen zu treten, die das Nämliche thaten, was er zu ſeinen Lebzeiten ge⸗ than hatte; er war ein leibhaftiger und wahrer Pilger, welchen die Räuber hatten ermorden wollen, weil er Miene machte, das Dorf aufzuwecken; er war(man ſehe doch, an was Alles nicht die Leute denken!) er war ſelbſt einer dieſer Hallunken und bloß als Pilger vermummt; er war dieſes, er war jenes, er war ſo viel, daß der Graue mit all ſeinem Scharfſinn und all ſeiner Erfahrung nicht hätte ermitteln können, wer er war, wenn er ſich dieſen Theil der Geſchichte aus den Reden Anderer hätte erklären müſſen. Aber wie der Leſer bereits weiß, das w die Geſchichte für Andere verwickelt machte, war für ihnFrade das Klarſte daran: er benützte das als Schlüſſel, um die andern, unmittelbar von ihm ſelbſt und mittelſt unter⸗ geordneter Kundſchafter eingeſammelten Nachrichten aus⸗ zulegen, und ſo vermochte er aus Allem zuſammen einen ziemlich deutlichen Vericht für Don Rodrigo abzufaſſen. Dieſer ſchloß ſich ſogleich mit ihm ein, und nun erzählte ihm der Graue den Verſuch der armen Verlobten, worin die ganz natürliche Erklärung dafür lag, daß er und ſeine Lente das Haus leer gefünden und daß man Sturm R 247 geläutet hatte, ohne daß man, wie die beiden Ehren⸗ männer vorher geglaubt, im eignen Hauſe Verräther an⸗ unehmen brauchte. Er ſprach von der Flucht, und auch jür dieſe konnte leicht mehr als ein Grund aufgefunden werden: die Furcht der auf der That ertappten Braut⸗ leute, oder hatte ihnen vielleicht Jemand einen Wink über den Einbruch ertheilt, nachdem derſelbe entdeckt und das anze Dorf aus dem Schlaf gerüttelt worden war. Seine etzte Wittheilung beſtand darin, daß ſie ſich nach Pes⸗ earenieco geflüchtet haͤttenz weiter erſtreckte ſich ſein Wiſſen nicht. Don Rodrigo freute ſich über die Gewißheit, daß Niemand ihn verrathen habe und daß keine Spuren von ſeiner That zurückgeblieben ſeien. Dieſe Freude war jedoch nur kurz und flüchtig.„Zuſammen entflohen!“ rief er:„zuſammen! Und dieſer Schuft von einem Mönch! dieſer Mönch le das Wort kam nur mit einem heiſern Röcheln und halb verſtümmelt zwiſchen den Zäh⸗ nen hervor, die an den Fingern nagten; ſein Ausſehen war häßlich, wie ſeine Leidenſchaften.„Dieſer Mönch ſoll mir dafür büßen! Grauer, ich will nicht mehr ich ſein. ich will wiſſen, wo ſie ſind. Ich habe keine Ruhe. Geſchwind nach Pestarenico, erſpähe, ſieh nach, finde.. Du bekommſt auf der Stelle vier Seudi, und mein Schutz iſt Dir für immer geſichert. Heute Abend noch will ich es wiſſen. Und dieſer Schurkeſ...“ Und dieſer Mönch. So rückte denn der Graue von Neuem in's Feld, und am Abend deſſelben Tages konnte er ſeinem würdi⸗ gen Schutzherrn die gewünſchte Nachricht überbringen; man ſehe, auf welche Art. Eine der höchſten Tröſtungen dieſes Lebens iſt die Freundſchaft, und eine der Tröſtungen der Freundſchaft iſt der Beſitz einer Perſon, der man ein Geheimniß an⸗ vertrauen kann. Nur ſind die Freunde nicht wie die Ehegatten nach Paaren abgetheilt; jedermann hat, im Allgemeinen geſprochen, immer mehr als einen, und dies bildet eine Kette, deren Ende Niemand auſzufinden ver⸗ möchte. Wenn alſo ein Freund ſich den Troſt verſchafft, 248 ein Geheimniß in den Buſen eines Andern niederzulegen, ſo erweckt er in ihm das Verlangen, ſich ſeinerſeits den⸗ ſelben Troſt zu verſchaffen. Er erſucht ihn allerdings, es Niemanden zu ſagen, und dieſe Bedingung würde, wenn man ſie im ſtrengen Sinne des Wortes nähme, den Lauf der Tröſtungen alsbald hemmen. Aber der allgemeine Gebrauch hat gewollt, daß ſie blos die Ver⸗ pflichtung auferlegt, das Geheimniß nur einem ebenſo vertrauten Freunde anzuvertrauen, und zwar unter Auf⸗ erlegung derſelben Bedingung. So läuft denn das Ge⸗ heimniß von einem vertrauten Freunde zum andern dieſe ganze Kette entlang um und um, bis es zu den Ohren deſſen oder derjenigen gelangt, welche nach der Abſicht des erſten Sprechers nie etwas davon hätten erfahren ſollen. Inzwiſchen müßte es ſich gewöhnlich lange Zeit unter Wegs aufhalten, wenn Jeder nicht mehr als zwei Freunde beſäße: denjenigen, der ihm die zu verſchweigende Sache anvertraut, und denjenigen, dem er ſie ſelbſt wieder an⸗ vertraut. Aber es gibt bevorrechtete Menſchen, die ihre Freunde nach Hunderten zählen, und wenn das Geheim⸗ niß einem dieſer Menſchen zugekommen iſt, ſo wird der umlauf ſo ſchnell und ſo vielfach, daß es nicht mehr möglich iſt, ihm nachzufolgen. Unſer Autor hat nicht ermitteln können, durch wie viele Munde das Geheimniß elaufen war, das der Graue auszumitteln Befehl hatte; oviel ſteht feſt, daß der brave Mann, welcher die Frauen nach Monza geführt hatte, als er zur Veſperzeit mit ſeiner Barutſche nach Pescareniev zurückkehrte, noch ehe er die Schwelle ſeines Hauſes betrat, einem vertrauten Freund begegnete, dem er in aller Eile das gute Werk, das er ausgeführt, ſowie den Erfolg deſſelben erzählte, und ebenſo gewiß iſt, daß der Graue ſchon zwei Stun⸗ den darauf nach der Burg eilen und Don Rodrigo be⸗ richten konnte, Lucia und ihre Mutter hätten ſich in ein Kloſter zu Monza geflüchtet, Renzo aber ſei ſeines Weges weiter bis nach Mailand gegangen. Don Rodrigo empfand eine laſterhafte Freude über dieſe Trennung, und die laſterhafte Hoffnung, ſeine Zwecke 249 dennoch erreichen zu können, erwachte von Neuem in ſei⸗ ner Seele. Er dachte einen großen Theil der Nacht über die Art und Weiſe nach, und am friſchen Morgen erhob er ſich mit zwei Plänen, von denen der eine bereits beſchloſſen, der andere bloß flüchtig entworfen war. Der erſte beſtand darin, den Grauen alsbald nach Monza zu ſchicken, um nähern Bericht über Lucia zu erhalten und zu erfahren, ob etwas und was ſich unternehmen laſſe. Er ließ alſo auf der Stelle dieſen ſeinen Getreuen rufen, händigte ihm die vier Seudi ein, lobte ihn von Neuem wegen der Gewandtheit, wodurch er ſie verdient habe, und ertheilte ihm den inzwiſchen ausgedachten Befehl. „Herr..« begann der Graue zögernd.. „Ei wie? habe ich denn nicht deutlich geſprochen?“ „Wenn Ihr Jemand Andres damit beauftragen könntet...“ „Wie ſo 26 „Gnädigſter Herr, ich bin bereit, meine Haut für meinen Gönner zu laſſen: es iſt meine Pflicht und Schul⸗ digkeit, aber ich weiß auch, daß Ihr das Leben Eurer Untergebenen nicht allzu ſehr in Gefahr bringen wollt.“ „Nun, was iſt es denn?“ „Fuer Gnaden weiß recht gut, daß ein paar Preiſe auf meinen Kopf geſetzt ſind und. Hier ſtehe ich unter der Schutzherrſchaft von Euer Gnaden; wir bilden eine ganze Rotte; der Herr Podeſta iſt ein Hausfreund; die Schergen haben Achtung vor mir und auch ich... es iſt dieß eine Sache, die mir gerade nicht zur Ehre gereicht, aber ich thue es um des lieben Friedens willen... auch ich behandle ſie als Freunde. In Mailand iſt Euer Gnaden Livree bekannt, aber in Monza.. da bin da⸗ gegen ich ſehr bekannt. Und wißt, Euer Gnaden, ich ſage es nicht, um mich zu rühmen, daß derjenige, der mich der Juſtiz überliefern oder meinen Kopf überant⸗ worten wuͤrde, ein recht einträgliches Geſchäft damit machen könnte. Hundert Seudi, einen auf dem andern, ſowie die Erlaubniß, zwei Verbannte frei zu machen.“ „Ei zum Teufel,“ ſagte Don Rodrigo,„kommſt Du mir jetzt nicht vor wie ein Bauernhund, der kaum das Herz hat, einem an der Thüre Vorübergehenden zwiſchen die Beine zu fahren, wobei er ſich noch umſieht, ob Jemand vom Hauſe ihn beobachte, dann aber es nicht wagt, ſich vier Schritte vom Hauſe zu entfernen.“ „Ich glaube doch, Herr Patron, daß ich Beweiſe gegeben habe... „Nun denn!“ „Nun denn,“ fuhr der auf ſolche Weiſe gereizte Graue in keckem Tone fort, vnun denn, ſo möge Euer Gnaden annehmen, daß ich Nichts geſagt habe; löwen⸗ herzig, haſenfüßig, bin ich bereit, aufzutreten.“ „Ich habe ja auch nicht verlangt, daß Du allein gehen ſollſt: Nimm ein paar von den beſten Leuten mit, den Narbenmann und den Langfinger, ſei guten Muthes und zeige Dich als der Graue! Zum Teufel auch! wenn drei Larven, wie Ihr, ruhig des Weges ziehen, wer wird ſich nicht ein Vergnügen daraus machen, ſie ungeſtört ziehen zu laſſen! Die Häſcher von Monza müßten ſehr lebensüberdrüßig geworden ſein, um ihr Leben in einem ſo gewagten Spiel gegen hundert Seudi einzuſetzen; und dann glaube ich doch nicht dort ſo gänzlich unbekannt zu ſein, daß Jemand in der Eigenſchaft als mein Diener nicht eine gewiſſe Schutzwehr fände.“ Nachdem er den Grauen auf ſolche Art ein wenig beſchämt hatte, gab er ihm weitere und umſtändlichere Verhaltungsbeſehle. Der Graue nahm ſeine beiden Ge⸗ ährten und zog mit heiterer und verwegener Miene ab, im Innerſten ſeines Herzens aber verfluchte er Monza, die Prämien auf Köpfe, die Weiber, ſo wie die Grillen ſeines Herrn; er ſchritt dahin, wie der Wolf, der vom Hunger getrieben, mit eingeſchrumpftem Bauch die Fur⸗ chen ſeines Rippenbaues auf dem aſchgrauen Felle aus⸗ geprägt, von ſeinen ſchneebedeckten Bergen herabſteigt, argwöhniſch in der Ebene weiter dringt, jeden Augen⸗ blick mit aufgehobener Tatze den haarloſen Schwanz hin und her bewegend, ſtehen bleibt— . 25¹ die Schnauz' erhebt, im falſchen Winde ſchnüffelnd, wenn er ihm etwa die Witterung eines Menſchen oder Eiſens zuführt, die ſcharfgeſpitzten Ohren dorthin richtet und zwei blutunterlaufene Augen umherrollen läßt, aus denen Raubgier und Furcht vor der Jagd zugleich her⸗ vorleuchten. Der ſchöne Vers iſt übrigens, wenn etwa Jemand wiſſen möchte, woher er kommt, aus einer noch ungedruckten Teufelei von allerlei Grillen und Lombar⸗ dismen entnommen, die nächſtens an's Licht treten und ein ſchönes Aufſehen erregen wird; ich habe ihn daraus entlehnt, weil er mir gerade recht in den Weg kam, und wo ich ihn geſtohlen, das ſage ich, um mich nicht mit fremden Federn zu ſchmücken; im Uebrigen möge Niemand darin einen Kunſtgriff von mir zu finden glauben, womit ich etwa zu verſtehen geben wollte, der Verfaſſer dieſer Teufelei und ich ſeien wie Brüder, und ich könne ganz nach Belieben in ſeinen Manuſeripten herumſtöbern. Don Rodrigo's zweite Intrigue betraf die Art und Weiſe, wie Renzo, nachdem er ſich von Lucia getrennt, verhindert werden könne, ihr je wieder nahe zu kommen, oder das Dorf wieder zu betreten. Er beſchloß Gerüchte von Drohungen und Nachſtellungen ausſprengen zu laſſen, welche ihm durch irgend einen Freund hinterbracht wer⸗ den und alle Luſt benehmen ſollten, wieder in dieſe Ge⸗ gend zu kommen. Er dachte jedoch, das Allerſicherſte werde ſein, wenn er eine Möglichkeit fände, ihn gänzlich aus dem Staate zu vertreiben, und in dieſem Punkte ſah er ein, daß ihm die Juſtiz weit behülflicher ſein könne, als die Gewalt. Man konnte z. B. dem Verſuch im Pfarrhauſe eine weit grellere Färbung geben, ihn als einen Einbruch, als einen meuteriſchen Akt darſtel⸗ len und dem Podeſta durch den Doctor zu wiſſen thun, daß er alle Urſache habe, einen ſcharfen Haftbeſehl gegen Renzo auszuſtellen. Aber Don Rodrigo ſah ſogleich ein, daß es ihm ſelbſt nicht zuſtehe, dieſen ſchmutzigen Han⸗ del wieder aufzurühren, und um ſich nicht länger den Kopf damit zu zerbrechen, beſchloß er, ſich dem Doctor 2⁵² Ferkelſtecher zu eröffnen, ſo weit es nöthig wäre, um ihm ſeinen Wunſch begreiflich zu machen.— Es gibt ja ſo viele Verordnungen, dachte Don Rodrigo, und der Doctor iſt nicht auf den Kopf gefallen, er wird wohl irgend Etwas aufzufinden verſtehen, was in meinen Kram paßt; er wird dieſem nichtsnutzigen Schlingel ſchon Etwas anzuhängen wiſſen; ſonſt ziehe ich auch gegen ihn ſelbſt kunftig andere Saiten auf.— Aber (wie es doch zuweilen in den Angelegenheiten dieſer Welt zugeht!) während Don Rodrigo an den Doetor, als an denjenigen Mann dachte, der ihm am beſten hel⸗ fen könne, arbeitete ein anderer Menſch, ein Menſch, von welchem Niemand es ſich einbilden würde, Renzo ſelbſt, um es mit dürren Worten zu ſagen, aus allen Kräften darauf hin, ihn mit weit ſicherern und ſchnel⸗ lerern Mitteln zu bedienen, als der Dortor hätte erſin⸗ nen können. Ich habe ſchon mehrmals einen lieben Jungen, der allerdings lebhafter iſt als gerade nöthig, allen An⸗ zeichen nach aber ein tüchtiger Mann zu werden ver⸗ ſpricht, ich habe, ſage ich, einen lieben Jungen ſchon öfter damit beſchäftigt geſehen, Abends eine ihm angehö⸗ rende Heerde von Meerſchweinchen, die er den Tag über in einem Gärtchen hatte herumſchweifen laſſen, unter Dach und Fach zu treiben. Er hätte gerne alle auf einmal in's Lager gebracht, aber das war vergebliche Mühe eines verlief ſich rechts, und während der kleine Hirte ihm nachſprang, um es zur Heerde zu jagen, machten ſich ein zweites, drittes und viertes nach links und nach allen Seiten hin los. Zuletzt wurde er ein wenig ungeduldig, fügte ſich aber in die Art und Weiſe der kleinen Thierchen und trieb zunächſt diejenigen hinein, die dem Eingang am nächſten waren, dann ging er hin und holte die andern, eins, zwei, drei auf einmal, wie ſie ihm grade in die Hände kamen. Zu einem ähnlichen Spiel ſehen wir uns mit unſern Perſonen genöthigt. Nachdem wir Lucia in's Trockene gebracht, ſind wir zu * 2⁵3³ Don Rodrigo zurückgeeilt, und jetzt müſſen wir dieſen verlaſſen, um Renzo ab ufertigen, der eben vor uns tritt. Nach dem Wnerzſichen Abſchied, den wir erzählt haben, wanderte er von Monza nach Mailand zu, in einer Stimmung, die Jedermann ſich leicht denken kann. Sich von Hauſe und, was noch mehr iſt, ſich von ſei⸗ nem heimathlichen Dorfe, ja was noch mehr iſt, von Lucia zu entfernen, ſich auf einer Straße zu befinden, ohne zu wiſſen, wo er ſein Haupt niederlegen ſollte, und Alles um eines ſolchen Schurken willen! Wenn dieſes Bild ſich vor Renzo's Einbildungskraft ſtellte, dann ſchwoll er auf vor Wuth und Rachedurſt; hernach aber ſiel ihm jenes Gebet wieder ein, das auch er ſeinem guten Mönch in der Kirche von Pescarenicv nachgeſpro⸗ chen hatte, und er erkannte ſeinen Fehler; bald darauf gerieth er wieder in Zorn, aber wenn er dann ein Hei⸗ ligenbild an einer Mauer ſah, ſo zog er den Hut ab und blieb einen Augenblick ſtehen, um von Neuem zu beten. So kam es denn, daß auf dieſer Reiſe Don Ro⸗ drigo in ſeinem Herzen wenigſtens zwanzigmal ermordet und wieder in's Leben gerufen wurde. Die Straße war zwiſchen zwei hohen uferwänden ganz begraben, kothig, ſteinig, von tiefen Fahrgeleiſen durchfurcht, die ſich nach einem Regen zu Goſſen erweiterten, und anmanchen Stellen, wo ihr Bett zur Aufnahme des Waſſers nicht ausreichte, völlig überſchwemmt, in eine Lache verwandelt und bei⸗ nahe ungangbar. An ſolchen Stellen zeigte ein ſchmaler ſtufenartiger Fußpfad, der an der Uferwand hinaufführte, an, daß andere Wanderer einen Weg über die Felſen hin geſucht hatten. Renzo kletterte auf einem ſolcher Durchgänge zu dem höhern Boden hinauf, ſchaute vor ſich hin, ſah das gewaltige Domgebäude allein in der Ebene, wie wenn es nicht mitten aus einer Stadt, ſon⸗ dern aus einer Wüſte hervorragte, und nun blieb er ſtehen und vergaß all ſein Herzeleid über der fernen Be⸗ trachtung dieſes achten Weltwunders, von welchem er ſeit ſeiner Kindheit ſo viel reden gehört hatte. Aber als 254 er ſich nach einigen Augenblicken zurückwandte„ ſah er am Horizonte jene ausgezackte Gebirgskette, erkannte deutlich und hoch unter den andern hervorragend ſeinen Reſegone, und nun gerieth ſein Blut wieder in Wal⸗ lung, er ſchaute eine Weile traurig nach dieſer Seite hin, dann wandte er ſich traurig wieder um und ſetzte ſeinen Weg fort. Allmälig begann er Kirchſpitzen, Thürme, Kuppeln und Dächer zu entdecken; er ſtieg dann wieder auf die Straße hinab, ſchritt noch eine Weile weiter, und als er bemerkte, daß er ſehr nahe bei der Stadt war, trat er auf einen Wanderer zu, verbeugte ich vor ihm ſo höflich als er nur konnte und fragte: »Mit Verlaub, Herr.“ „Was wollt Ihr, guter Jüngling?“ „Könntet Ihr mir vielleicht den Weg nach dem Kapuzinerkloſter zeigen, wo der tura iſt?2“ Der Mann, an welchen Renzo ſich mit dieſer Frage wandte, war ein wohlhabender Einwohner der Umge⸗ gend und dieſen Morgen in Geſchäften nach Mailand gegangen, von wo er unverrichteter Dinge jetzt zurück⸗ kehrte; er hatte ſo große Eile, daß er den Augenblick ſeiner Ankunft zu Hauſe kaum erwarten konnte„und er hätte ſich dieſe Aufhaltung gerne erſpart geſehen. Trotz all dem verrieth er ſeine Ungeduld durch keine Zeichen, ſondern antwortete ſehr freundlich:„Lieber Sohn, es gibt hier mehr als nur ein Kloſter: Ihr müſſet mir deutlicher angeben können, was für eines und welches Ihr ſuchet.“ Renzo zog jetzt den Brief des Paters Cri⸗ ſtoforo aus dem Buſen und zeigte ihn dem Herrn, der, als er die Worte Porta vrientale geleſen, ihn zurückgab, mit der Bemerkung:„Ihr könnt von Glück ſagen, guter Jüngling, das Kloſter, das Ihr ſuchet, iſt nicht fern von hier. Schlagt vieſen Fußweg da zur Linken ein: er kürzt um Vieles ab; dann werdet Ihr bald ein lan⸗ ges und niedriges Gebäude zur Seite haben; dies iſt das Lazareth; gehet an dem Bach entlang, der es ein⸗ ater Bonaven⸗ 3 255 ſchließt, ſo werdet Ihr zu der Porta vrientale kommen. Tretet hinein und nach drei⸗ oder vierhundert Schritten wird Euch ein kleiner Platz mit ſchönen Ulmen in die Augen fallen; dort ſteht das Kloſter, ſo daß Niemand es verfehlen kann. Goitt ſei mit Euch, guter Jüngling.“ Dieſe letzten Worte begleitete er mit einer graziöſen Handbewegung und ging weiter. Renzo war ganz ver⸗ wundert und erbaut über die Höflichkeit der Städter gegen die Landleute; er wußte nicht, daß dies ein außer⸗ ordentlicher Tag war, ein Tag, an welchem ſich die Mäntel vor den Jacken demüthigten. Er ging auf dem bezeichneten Wege voran und gelangte zu der Porta orientale. Bei dieſem Namen darf jedoch der Leſer die jetzt damit verbundenen Bilder nicht vor ſeine Phantaſie treten laſſen: dieſe breite, gerade, mit Pappeln beſetzte Straße außerhalb; den weiten Raum zwiſchen zwei Ge⸗ bäuden, die jedenfalls mit großen Anſprüchen begonnen worden ſind; beim erſten Eintritt dieſe beiden Seiten⸗ aufgänge zum Glaecis der regelmäßig geneigten, geſchleif⸗ ten und mit Bäumen eingefaßten Baſteien; vieſer Garten auf der einen Seite und dann weiterhin dieſe Paläſte rechts und links auf der Hauptſtraße der Vorſtadt. Als Renzo zu dieſem Thore einzog, lief die Straße außerhalb gerade an der ganzen Länge des Lazareths hin, was zu jener Zeit nicht anders ſein konnte; dann wandte ſie ſich ſchräg und eng zwiſchen zwei Hecken durch. Das Thor beſtand aus zwei Pfeilern mit einem Wetterdach darüber, um die Flügel zu ſchützen, und auf der einen Seite ſtand ein kleines Häuschen für die Zollwächter. Die Mündungen der Baſteien neigten ſich in unregelmäßigem Abhange, und der Fußboden war eine rauhe, unebene Fläche, mit Schutt und allerlei Scherben bedeckt. Die Straße der Vorſtadt, welche ſich dem durch dieſes Thor Eintretenden eröffnete, mochte viele Aehnlichkeit mit derjenigen haben, die man jetzt vor ſich ſieht, wenn man durch das Toſa⸗ thor eintritt. Ein kleiner Bach lief mitten durch bis auf wenige Schritte vom Thor und theilte alſo die Straße in zwei kleine, gekrümmte und je nach der Jahreszeit mit Staub oder dünnem Schlamm bedeckten Wege: da, wo die elende Borghettoſtraße war und noch immer iſt, ergoß ſich das Bächlein in eine Kloake und floß durch dieſelbe in den andern Bach, der die Mauern beſpülte. Hier ſtand eine Säule mit einem Kreuz da⸗ rauf, die Säule des heil. Dionys genannt; rechts und links waren mit Zäunen eingefaßte Küchengärten; da und dort ſtanden auch elende Häuschen, größtentheils von Wäſchern bewohnt. Renzo tritt ein, geht hindurch: keiner der Zoll⸗ wächter läßt ein Wort verlauten, und dieß fällt ihm ſehr auf, weil er von den wenigen Leuten ſeines Dorfes, die ſich rühmen konnten, in Mailand geweſen zu ſein, Wunderdinge von den Unterſuchungen und Fragen gehört hatte, denen alle von außen Herkommende ausgeſetzt ſeien. Die Straße war öde, und wenn er nicht ein fernes Geſumme gehört hätte, das auf eine große Bewe⸗ gung deutete, ſo hätte er geglaubt, in eine verlaſſene Stadt zu kommen. Während er vorwärts ſchritt, ohne zu wiſſen, was er denken ſollte, bemerkte er auf dem Pflaſter gewiſſe weiße Streifen wie von Schnee; aber Schnee konnte es nicht ſein, denn dieſer fällt nicht in Streifen und gewöhnlich auch nicht zu dieſer Jahreszeit. Er trat näher zu einem derſelben, betrachtete, befühlte ihn und überzeugte ſich, daß es Mehl war. In Mai⸗ land, ſagte er bei ſich ſelbſt, muß großer Ueberfluß herr⸗ ſchen, wenn man die Gottesgabe auf ſolche Art vergeudet. Man hat uns doch erklärt, die Theurung habe überall eingeriſſen. Da ſieht man jetzt, wie ſie's machen, um die armen Leute auf dem Lande in Ruhe zu halten!— Als er aber nach einigen weitern Schritten in die Nähe der Säule kam, erblickte er am Fuß derſelben etwas noch Seltſameres; er ſah auf den Stufen des Fuß⸗ geſtelles gewiſſe Dinge hingeſtreut, die gewiß keine Rieſelſteine waren, und die er, wenn ſie in einem Bäcker⸗ laden gelegen hätten, Brod genannt haben würde. Aber Renzo wagte es nicht, ſo bald ſeinen Augen zu traue 257 beim Henker, das war doch nicht der Ort für Brod.— Wir müſſen doch das Ding ein bischen näher anſchauen, ſagte er dann bei ſich, ging auf die Säule zu, bückte ſih, hob eines auf; es war wahrhaftig ein rundes Brod, ganz herrlich weiß, wie Renzo es gewöhnlich bloß an den Feſttagen gegeſſen hatte. Es iſt wirklich Brod, ſagte er laut, denn ſo groß war ſeine Verwun⸗ derung.— Säet man es hier zu Lande ſo aus in dem heurigen Jahre? Und man nimmt ſich nicht einmal die Mühe, es aufzuleſen, wenn es fällt! Iſt denn das hier das Schlaraffenland? Nach einem Marſch von zehn Mi⸗ glien in der friſchen Morgenluft erweckte dieſes Brod, ſobald er ſeiner Verwunderung Raum gegeben hatte, ſeinen Appetit.— Nehme ich's? überlegte er bei ſich ſelbſt: Ei was, ſie haben es hier den Hunden preisge⸗ geben, da wird doch wohl auch ein ehrlicher Chriſt davon eſſen dürfen. Am Ende, wenn der Eigenthümer dazu kommt, bezahle ich's ihm. Mit dieſer Betrachtung ſteckte er dasjenige, was er ſchon in der Hand hielt, in die eine Taſche, nahm ein zweites und ſteckte es in die andere, ein drittes und begann zu eſſen; nun machte er ſich, zweifelhafter als je und äußerſt begierig nach einer Aufklärung dieſer Geſchichte, wieder auf den Weg. Kaum hatte er ſich in Bewegung geſetzt, ſo ſah er aus dem Innern der Stadt Leute kommen und betrachtete aufmerkſam Diejenigen, die ſich zuerſt zeigten. Es war ein Mann, ein Weib und einige Schritte hinter ihnen ein kleiner Junge, alle Drei mit einer Laſt auf dem Rücken, die ihre Kräfte zu überſteigen ſchien, und alle Drei in einem ſeltſamen Aufzug. Die Kleider, oder vielmehr die Lumpen mit Mehl beveckt, die Geſichter voll Mehl und dazu noch verzerrt und erhitzt; der Gang nicht blos von der Laſt beſchwert, ſondern auch ſchmerzlich, wie wenn es zerquetſchte und zerſtoßene Glieder abgeſetzt hätte. Der Mann trug mühſam auf ſeiner Schulter einen großen Mehlſack, der da und dort durchlöchert war und bei jedem Anſtoß, bei jeder Bewegung, die das Gleichgewicht ſtörte, Etwas herausfallen ließ. Noch nuffllende war die Figur der Frau: ein unförmlich dicker Leib und zwei ausgebreitete Arme, die ihn kaum feſtzuhalten ſchienen, ähnlich zwei vom Hals bis zum Bauch hinabgekrümmten Handgriffen eines großen Gefäßes; unter dieſem dicken Vibe hervor gingen zwei bis über die Kniee nackten Beine, die ſich taumelnd vorwärts bewegten. Renzo blickte ſcharf hin und ſah, daß dieſer große Leib der Unterrock war, welchen die Frau aufgehoben trug und mit ſo viel Mehl, als er nur faſſen konnte, ja ſogar mit noch etwas mehr angefüllt hatte, ſo daß jeden Augenblick etwas Staub davon herausflog; der Junge hielt mit beiden Händen einen mit Broden angefüllten Korb auf dem Kopf; da er jedoch kürzere Beine hatte als ſeine Eltern, ſo blieb er allmählig ein wenig zurück, und wenn er ſie dann wieder im Schnellſchritt einzuholen ſuchte, ſo kam der Korb aus der Lage und es fielen einige Brode heraus. 1 „Wenn Du noch eines herauswirfſt, du garſtiger Eſel.. ſagte die Mutter, mit den Zähnen knirſchend gegen den Jungen. „Ich werfe ſie nicht heraus; ſie fallen von ſelbſt. Wie ſoll ich's denn machen?2“ antwortete dieſer. 1 „Du darfſt Gott danken, daß ich die Hände nicht frei habe,“ fuhr die Frau fort, indem ſie ihre Fäuſte bewegte, wie wenn ſie dem armen Kleinen eine derbe Züchtigung zukommen ließe; und bei dieſer Bewegung verſchüttete ſie eine Mehlwolke, welche mehr als zwei ſolche Brode abge⸗ geben hätte, die der Junge hatte fallen laſſen. 4 „Vorwärts, vorwärts,“ ſagte der Mann,„wir wollen hernach wiederkommen und ſie aufleſen, oder es wird irgend ein Anderer ſie aufleſen; wir darben ſchon ſo lange, jetzt da uns ein bischen Ueberfluß zukommt, wollen wir ihn in frommem Frieden genießen.“ Inzwiſchen kamen Leute von außen hinzu; Einer 3 näherte ſich der Frau und fragte ſie:„Wo holt man denn das Brod 2“— Vorwärts, vorwärts, antwortete ſie, und als die Fremden zehn Schritte eutfernt waren, fügte ſie brummend hinzu:„dieſe Tölpel von Bauern werden noch alle Magazine und Oefen ausräumen, ſo daß für uns nichts mehr übrig bleibt.“ * 259 „Es gehört jedem Etwas, du Plaudertaſche, ſagte der Mann,„Ueberfluß, Ueberfluß!“ Aus ſolchen und ähnlichen Dingen, die er ſah und hörte, begann Renzo zu ſchließen, daß er in eine empörte Stadt gekommen und daß dieß ein Tag der Eroberung ſei, d. h. ein Tag, wo Jeder nach Belieben und Kräften zugreife und höchſtens mit Prügeln bezahle. So gern wir nun unſern armen Gebirgsbewohner eine löbliche Rolle ſpielen laſſen möchten, ſo zwingt uns die hiſtoriſche Aufrichtigkeit, zu geſtehen, daß ſeine erſte Empfindung dabei Wohlgefallen war. Er hatte ſo wenig Urſache, mit dem gewöhnlichen Lauf der Dinge zufrieden zu ſein, daß er ſich geneigt fühlte, Alles gut zu heißen, was den⸗ ſelben auf irgend eine Weiſe verändern könnte. Im Uebrigen war auch er keineswegs ein Menſch, der über ſeinem Jahrhundert ſtand, in der allgemeinen, leiden⸗ ſchaftlichen Meinung befangen, daß der Brodmangel durch die Kornwucherer und Bäcker verurſacht worden ſei, und er billigte gern jedes Mittel, ihnen die Nah⸗ rung aus den Händen zu reißen, welche ſie jener An⸗ ſicht zu Folge dem Hunger eines ganzen Volkes ver⸗ weigerten. Dennoch beſchloß er, dem Aufruhr fern zu bleiben und freute ſich, auf dem Wege zu einem Ka⸗ puziner zu ſein, der ihm eine Zufluchtsſtätte gewähren und guten Rath ertheilen würde. Unter ſolchen Ge⸗ danken und indem er inzwiſchen die neuen Froberer betrachtete, die mit Beute beladen einherkamen, legte er den kurzen Weg zurück, den er noch bis in's Kloſter zu machen hatte. Da wo jetzt der ſchöne Palaſt mit der hohen Galerie hervorragt, befand ſich damals und noch vor nicht vielen Jahren ein kleiner Platz, und am Ende deſſelben ſtand die Kirche und das Kloſter der Kapuziner mit vier großen Ulmen davor. Wir wünſchen dazu nicht ohne Neid denjenigen unſerer Leſer Glück, welche die Dinge in dieſem Zuſtand nicht geſehen haben, d. h. denjenigen, die noch ſehr jung ſind und noch nicht Zeit gehabt gn viele dumme Streiche zu machen. i ging gerade auf die Pforte zu, ſchob das halbe Brod, das er übrig hatte, wieder in die Taſche, holte den Brief hervor, hielt ihn in der Hand bereit und klingelte. Es öffnete ſich ein vergittertes Pförtchen, und an dieſem zeigte ſich das Angeſicht des Bruders Pförtner, welcher fragte, wer da ſei. „Einer vom Lande, der dem Pater Bonaventura einen dringenden Brief von Pater Criſtoforv zu über⸗ bringen hat.“ „Gebt her,“ ſagte der Pförtner, indem er die Hand durch das Gitter ſtreckte. „Nein, nein, ich ſoll ihn dem Pater in ſeine eigene Hände übergeben.“ „Er iſt nicht im Kloſter.“ „Laßt mich eintreten, ſo will ich auf ihn warten,“ erwiederte Renzo.“ „Ich will Euch einen Rath geben,“ erwiederte der Mönch; erwartet ihn in der Kirche, ſo könnt Ihr in⸗ wiſchen ein wenig fromm ſein. In's Kloſter darf für jetzt Niemand. Mit dieſen Worten ſchloß er das Pfött⸗ chen wieder zu. Renzo blieb ganz verblüfft mit ſeinem Vrief in der Hand ſtehen. Er that ungefähr zehn Schritte nach der Kirche zu, um den Rath des Pförtners zu befolgen, dann aber dachte er, er wolle ſich doch zu⸗ Por den Aufruhr noch anſehen. Er ſchritt über den kleinen Platz, trat an den Eingang der Straße und ſtellte ſich, die Arme über der Bruſt gekreuzt, dort auf, um links hin nach dem Innern der Stadt zu ſehen, wo das Gewühl dichter und der Lärm größer war. Der Strudel ergriff den Zuſchauer.— Wir wollen doch etwas näher zuſehen, dachte er, zog ſein Brod von Neuem her⸗ vor und brach kauend nach dieſer Gegend auf. Wäh⸗ rend er ſich auf den Weg machte, werden wir ſo kurz als möglich die Urſachen und Anfänge dieſes Tumultes er⸗ zählen. ——— ſſſſ 9 10 11 12 13 14 15 16 17