eibiitee deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oktmann in Gießen. Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 6. Seih und eſebedingungen. 1 oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Ubr bis Abends 8 Uihr offen. ₰ 2 Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von peir Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en aenmmen 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe veſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird.. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und„ eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf Monat: 1 Mk.— Pf 1 Mr. 50 Pf 2 W.— Pf. ² 6 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſ endung ß der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6 6. Schadenersatz. Lir beſchmutzte zerriſſene, verlorene und b defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der 4 Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt z der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. . Ansleihezeit. Dieſelbe it auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ———————————————— — Der Seehof. „ Von Mit 30 Jüuſtrationen von Heribert König. Zweite Ausgabe. * Berlin, 1860. Druck und Verlag von Otto Janke. — ,. — Der heehof. Von funn Lewald. Erſtes Kapitel. Man nimmt es den alten Leuten immer übel, wenn ſie die Tage ihrer Jugend rühmen, wenn ſie dieſelben beſſer finden, als die Gegenwart, und doch ſollte man ſie deshalb mehr be⸗ klagen als tadeln; denn jene Behaup⸗ tung ſpricht es nur aus, daß ſie nicht mehr im Stande ſind, der fortſchreiten⸗ wägende Vergleichen und damit die Gerechtigkeit und Verſöhnlichkeit un⸗ möglich geworden ſind. Indeß ohne noch an ſolcher Stufe des Alters zu ſtehen, gelangt man zu einem Punkte, in welchem jedes Rückerinnern zum Vergleichen auffordert, weil man ſich nicht verbergen kann, daß die Zeit und die Menſchen in ihr ſich geändert haben. Es fallen einem dann unwillkürlich Dinge und Geſchichten ein, die man erlebt hat, die geſchehen„un denen man ſich doch ſagen muß, daß ſie jetzt nicht mehr in gleicher Weiſe geſchehen könnten. Damit wird dann leicht die Luſt erregt, ſie aufzuzeichnen, um ihr Andenken nicht untergehen zu en und zu ſolcher eſ nehme ich dieſes Blatt zur Hand. Fanny Lewald, Der Seehof. 4 den Bewegung des Lebens und der Geiſter zu folgen, daß ihnen das ab⸗ Es war ein Zufall, der mich heute in die Vergangenheit zurückführte. Ich hatte ein altes Dokument zu ſuchen, und während ich damit beſchäftigt war, gerieth mir ein kleines Miniaturgemälde in die Hände, das ich ſeit langen Jahren nicht mehr angeſehen hatte. Es ſtellte ein ganz junges, ſehr ſchönes Mädchen dar, das nach der Sitte, welche im vorigen Jahrhundert herrſchte, als Prieſterin oder doch als Opfernde gemalt iſt. Dieſes Bildniß ſtammt aus dem Nachlaſſe meines Urgroßvaters her, der wie alle meine Vorfahren Kauf⸗ mann, und zur Zeit der erſten franzöſiſchen Emigration ein ſehr angeſehener Handelsherr in unſerer Vaterſtadt Hamburg geweſen iſt. Ich hatte das Bild zum erſten Male noch bei Lebzeiten meiner Urgroß⸗ mutter geſehen und von ihr ſelber erfahren, daß es eine franzöſiſche Prinzeſſin darſtelle. Das war aber noch in den frühen Jahren geweſen, in welchen ich alle Menſchen, die nicht meine Eltern waren, für meine Onkel und Tanten hielt, und ſo hatte ſich denn in mir auch der Gedanke feſtgeſetzt, dieſe Prinzeſſin ſei meine Tante geweſen. Mich darüber zu wundern, war mir niemals einge⸗ fallen, denn Kinder wundern ſich über nichts, weil jeder Tag ihnen neue Erfahrungen bringt, die alle etwas Wunderbares für ſie haben. Indeß in meiner Phantaſie hatte ſich der Glaube an jene Tante einmal feſtgeſetzt, und als dann meine An⸗ ſichten von den Verhältniſſen und Zuſtänden um mich her ſich allmählich berichtig⸗ ten, hatte ich von jenem Erlebniß und von dem Bilde nicht zu ſprechen gewagt. Ob dies aus der Furcht geſchah, man könne mir den Glauben an die ſchöne Tante zerſtören, oder ob ich mich erinnerte, daß die Urgroßmutter das Bild mit einer gewiſſen traurigen Heimlichkeit beſeitigt hatte, oder ob ich alſo aus Beſcheidenheit nicht darnach fragen mochte, das weiß ich jetzt nicht mehr. Dafür aber ſchweben mir noch deutlich alle die phantaſtiſchen Ideen vor, die ſich in meinem kleinen Kopfe in Bezug auf jenes Bild entſponnen hatten, und ich war ſchon ein ganz erwachſenes Mädchen, als ich mich, wenn ich mit meinem Nähzeug ſtill da ſaß, noch oftmals mit der ſchönen Prinzeſſin beſchäftigte und allerlei romanhafte Geſchichten erſann, deren Heldin ſie war, und die ich dann immer in in näheren oder ferneren Zuſammenhang mit unſerer Familie zu bringen verſuchte. Wir Mädchen waren damals, d. h. vor dreißig Jahren, viel romantiſcher geſinnt, als die jetzige Jugend, weil unſere Beſchäftigung, ſelbſt in den wohl⸗ habenden Familien, eine ganz praktiſche war. Wenn wir den Tag über in häuslicher Arbeit thätig geweſen waren, konnten uns Schilderungen der arbei⸗ tenden Stände, wie ſie jetzt in Dorf⸗ und Stadtgeſchichten und in allen den tauſend kleinen Erzählungen Mode ſind, nicht ſonderlich reizen. Wir hatten an unſerer eigenen Arbeit genug, trugen alſo kein arbeitenden Bauern, nach Dienſtboten⸗ und Handwerkergeſchichten, o dnach Schilderung der häuslichen Mühen und Familiennöthen, mit denen wir ſelbſt zu thun hatten, und die zu bekämpfen und zu überwinden wir von unſerer Kindheit an — 3 3 ———4— — erzogen wurden. Wenn wir am Abend unſer Nähzeug fortgelegt, der Haus⸗ halt beſorgt, für den Bedarf des nächſten Tages unter der Mutter Leitung das Nothwendige vorbereitet war, wenn die Lichter angezündet wurden, und nun die Ruhe des Feierabends begann, deren Genuß nur der Thätige kennt, ſo wollten wir für dieſe Zeit der Muße auch etwas Beſonderes haben. Wir wollten nicht mehr an dasjenige denken, was wir eben ſelbſt geleiſtet hatten, wir trugen auch gar kein Verlangen, unſer Leben und unſere Zuſtände in einer beſonderen Verklärung vor uns zu ſehen, ſondern wir ſehnten uns nach etwas Höherem, wie wir es nannten, nach etwas, das uns dem täglichen Leben ent⸗ rückte, das wir anſtaunen und bewundern konnten; und ein Roman, der uns erbauen ſollte, mußte ſich um andere Dinge und Figuren bewegen, als um Landleute, Nähmädchen, Commis und Kammerjungfern, wie es jetzt geſchieht. Ohne ein adeliges Fräulein, ohne eine Gräfin thaten wir es nicht, und ſollte die Sache uns zu Herzen gehen, ſo mußte eine edle, ſchöne Frau das Opfer ihrer rückſichtsloſen, unglücklichen Liebe werden, oder wir mußten, wie in den Romanen der guten Amalie Schoppe, wo möglich irgend eine Hofdame haben, die, in tngendhafter Liebe für einen ſchönen Kronprinzen entbrannt, ſich ſchwei⸗ gend zurückzog, und ein erhabenes Muſter der Entſagung für uns wurde⸗ Jetzt freilich lächeln Viele über die Rührung, der wir uns damals mit ſolchem Genuſſe überließen. Die Vorzeit erſcheint der jetzigen Iugend empfind⸗ ſam und überſpannt, denn dieſe letztere iſt vernünftig. Entſagung gilt ihr für Thorheit oder Schwäche, die unglückliche Liebe iſt aus der Mode gekommen. Die jungen Männer tröſten ſich in geſchäftlichen Speculationen über eine fehl⸗ geſchlagene Liebeshoffnung, den Mädchen ſpricht man, wie mir ſcheint, ſehr vor der Zeit, von der Erziehung für die Ehe, und das mag recht vorſorglich, recht verſtändig ſein, ich tadle auch diejenigen nicht, die ſo empfinden, oder beſſer, die ſo denken können. Jedoch das Menſchengeſchlecht beſteht nit nur aus hülfsbedürftigen Kindern. Es ſind auch Männer auf der Welt, die Anſpruch haben an das Weib, und ehe das Mädchen zur Mutter heranreift, muß es ſich gebildet und erzogen haben durch die Liebe und die Leidenſchaft für den Mann. Die Mädchen trugen auch ſonſt weniger Verlangen nach der Ehe, als nach der Liebe, und mag die jetzige Generation auch noch ſo viele Vorzüge haben, leiden⸗ ſchaftlichere und zärtlichere Liebhaberinnen waren wir und unſere Mütter, und vollends unſere Großmütter gewiß. Eine recht romantiſche, eine unglückliche Liebe galt uns wie ein Adelsbrief des Herzens, und in meiner Ingend brüſteten wir uns ſchon etwas damit, wenn uns einmal eine recht romantiſche iebes⸗ geſchichte in der Familie vorgekommen war. 2 2 In jedoch war zu meiner Zeit von Nomantik nichts zu ſpüren. Wir bewohnten ein großes, helles Haus, hinter deſſen hohen, ſpiegel⸗ blanken Fenſtern ein ungewöhnliches Ereigniß gar nicht an ſeinem Platze ge⸗ „ — weſen wäre. Meine Onkel und Tanten von beiden Seiten der Familie waren eben ſo behaglich eingerichtet, und ſelbſt in dem alten Gebäude, in welchem unſer Urgroßvater ſein Geſchäft begründet hatte und in dem die Großeltern wohnten, ſah Alles ſo bürgerlich tüchtig und ſo einfach aus, daß man gar nicht darauf kommen konnte, auch nur an irgend eine Spukgeſchichte, geſchweige denn an einen Roman zu denken. Man machte ſich ſogar eine Art Familienſtolz daraus, keine Geheimniſſe zu haben, und Alles, was die Einzelnen oder die Geſammt⸗ heit betraf, in Gegenwart der Kinder beſprechen zu können. Nur über einen Bruder meines Großvaters, der Emil geheißen hatte, und als ein nachgebornes Kind der Liebling ſeiner Eltern geweſen ſein ſollte, ſprach man nicht. Alles, was ich und meine Altersgenoſſen über ihn gelegentlich er⸗ fahren oder eigentlich errathen hatten, beſchränkte ſich darauf, daß er ſehr jung nach Amerika gegangen und nicht zurückgekommen war. In einer Handelsſtadt, in einer Familie von Kauflenten, in welcher die Männer, die ſich faſt ohne Ausnahme in fremden Welttheilen verſucht, und mannigfache Gefahren über⸗ ſtanden hatten, lag aber in ſolchem Verſchwinden eines jungen Menſchen nichts, was uns Nachlebende weſentlich hätte beſchäftigen können, und als ich ſpäter us der Familie in die Welt getreten war, dachte ich viele Jahre hindurch nicht an den verſchollenen Großonkel oder gar an ſein Geſchick. Nur bei dem Tode meines Vaters, der einige Jahre nach des Großvaters ſpätem Ableben erfolgte, wurde ich an den Großonkel erinnert. Mein Vater hatte namlich ein kleines Beſitzthum deſſelben, ein Landhaus, aus der Erbſchaft des Großvaters überkommen, und es fragte ſich jetzt, da mein Vater geſtorben war, wer fortan die Beaufſichtigung deſſelben übernehmen ſollte. Es war von dieſem Landhauſe wohl gelegentlich einmal geſprochen worden, aber trotz der großen Pietät, mit welcher Jeder in der Familie den Willen der verſtorbenen Großeltern aufrecht zu erhalten beſtrebt war, hatte ich doch zu bemerken geglanbt, daß ſchon mein Vater die Erwerbung des Seehofs eher als eine Laſt, denn als eine Annehm⸗ lichkeit für ſich betrachtet hatte. Im Ganzen war jedoch, wie ſchon geſagt, von dem Landhauſe ſehr ſelten die Rede geweſen, und ich wußte nur, daß es dem verſchollenen Großonkel Emil gehört, und daß die Urgroßmutter es in ihrem letzten Willen ausdrücklich feſtgeſetzt hatte, den Seehof nicht eher zu verkaufen, als bis achtzig Jahre nach der Geburt ihres Sohnes Emil, des Beſitzers von Seehof, verfloſſen ſein würden. So lange ich denken konnte, war Niemand von der Fanilie im Seehof geweſen, obſchon er kaum eine Tagereiſe von Hamburg gelegen war, und ſo viel ich mich erinnern konnte, hatte ich auch keine Schitdn des Beſitzes machen hören. Nur einmal hatte mein Großvater bei einem Anlaſſe, der mir dunkel iſt, die Aeußerung gethan: ſo lange ſein Bruder Emil noch leben könne, müſſe len dieſes Fleckchen Erde ihm erhalten bleiben, und wer von den Kindern oder Enkeln es unternehmen würde, den Seehof vor dem Jahre acht⸗ zehnhundertfünfzig zu verkaufen, der habe ihn nicht geliebt und ſein Andenken nicht in Ehren gehalten. Als daher bei der neuen Erbſchaftstheilung die Rede ſich wieder einmal auf den Seehof wandte und mein Bruder, als der Aelteſte der Familie, den verwaltenden Beſitz des Landhanſes über ſich nahm, fragte ich, was es mit dieſem letzteren eigentlich auf ſich habe. Ich weiß es im Grunde ſelbſt nicht, antwortete er, und bin ſo wenig als Du jemals dort geweſen. Die Großeltern und der Vater hatten entſchieden eine Art von Scheu vor dem Hauſe, und doch irgend einen Grund, es nicht zu veräußern; denn daß Emil jetzt, wo er in den Sechzigen ſein müßte, nach einer vierzigjährigen Entfernung noch an eine Rückkehr denken ſollte, iſt mir unwahrſcheinlich. Der Seehof hat ihm gehört, und er muß dort mit einer Geliebten gewohnt haben, oder irgend etwas der Art dort geſchehen ſein. Haſt Du aber Luſt dazu, ſo können wir uns das verwünſchte Schloß ja einmal an⸗ ſehen, da es nicht außer der Welt gelegen iſt. Damit ward an jenem Tage die Sache abgethan. Sie blieb mir aber doch im Sinne, und als mein Bruder im Laufe des Frühjahrs daran dachte, ſich durch irgend einen kleinen Ausflug zu erfriſchen, machte ich den Vorſchlag, die früher angeregte Beſichtigung des Seehofes zu unternehmen. Mein Bruder erklärte ſich damit einverſtanden, es wurden Poſtpferde beſtellt, und am folgenden Tage machten wir uns in aller Frühe auf den Weg. Es war ein prächtiger Junimorgen, den wir doppelt genoſſen, weil es der erſte war, welchen wir in dieſem Jahre im Freien verlebten. Die Friſche der Natur und das ruhige, einſame Beieinanderſein, welches uns Vielbeſchäftigten ſeit Jahren nicht in ſolcher Weiſe zu Theil geworden war, ſchloß uns die Herzen auf, machte uns das Gemüth empfänglich, und regte unſere Phantaſie an. Es hat wirklich etwas Wunderliches und Amüſantes zugleich, ſagte mein Bruder, der jetzt der Chef des alten Handelshauſes war, wie wir Beide hier hinaus fahren, ein Landgut zu entdecken, das ſeit Menſchenalter der Familie namhafte Summen gekoſtet hat, und von dem nie irgend Jemand das geringſte Vergnügen oder den kleinſten Vortheil bezogen in all der Zeit. Ich fragte, ob es denn ſo ſchlecht verwaltet worden ſeid Mein Bruder lachte. Das iſt eben das Wunderliche, daß ich über alle dieſe Dinge nicht das Geringſte in den Büchern oder in den Privatpapieren habe finden können. Der Großvater und unſer Vater müſſen gewußt haben, wie die Sachen ſtehen, haben es aber offenbar nicht für nöthig erachtet, mir irgend eine Mittheilung darüber zu hinterlaſſen, und alles, was ich aus den Privatpapieren habe ent⸗ nehmen können, ſind vierteljährige, regelmäßige Quittungen über die Summe von fünfundſiebzig Thalern. Sie ſind alle deutlich mit L. Dubois aus Seehof unterzeichnet. Ich weiß aber nicht einmal, ob dieſer Name einem Manne oder einem Weibe angehört, ſo vertrackt und kritzelig iſt die Handſchrift. In des Großvaters wie in des Vaters Privatausgaben ſteht vierteljährig als feſter Poſten: Fünfundſiebzig Thaler nach Seehof; aber von irgend einer Rechnungs⸗ ablegung über dieſen Seehof, von irgend einer dorther kommenden Einnahme iſt keine Spur vorhanden. Ich bin deshalb ſelbſt geſpannt, zu erfahren, was und wen wir dort finden werden, und wem ich vom erſten Juli ab, als Erbe des Geheimniſſes die Penſion zu zahlen habe. Eine Weile unterhielten wir uns mit ſcherzenden Vermuthungen, dieſe führten aber durch allerlei Nebenwege auf die neueren Familienverhältniſſe zurück, und wir waren mit ganz anderen Dingen beſchäftigt, als auf der letzten Sta⸗ tion der Poſtillon ſich von einem Fußpoſtboten die Straße nach dem Seehof beſchreiben zu laſſen anfing. Das währte eine ganze Weile, denn Poſtillone, welche es gewohnt ſind, immer nur ihre grade Chauſſee entlang zu fahren, finden ſich viel ſchlechter auf Landwegen zurecht als der erſte beſte Bauerburſche, und alles, was mein Bruder und ich aus den verſchiedenen Rechts und Links entnehmen konnten, war, daß wir noch etwa zwei Stunden zu machen haben würden, und daß der Weg keinesfalls ein beſuchter ſein müſſe. Darin hatten wir uns auch nicht getäuſcht. Gleich vor dem Poſthauſe bog die Straße ab. Wir fuhren eine Viertelſtunde über eine Haide hin, dann kamen wir mitten zwiſchen zwei Kornfeldern durch, während der Boden hügelig wurde. Dörfer fanden wir gar nicht, und nur hier und da ſahen wir ein einzelnes Gehöft. Endlich, als wir einen der Hügel hinangefahren waren, er⸗ blickten wir vor einem Laubwalde, der den Horizont abſchloß, einen großen Teich, der allenfalls den Namen eines See's verdienen konnte, und zwiſchen dieſem See und dem Walde lag anmuthig genug der Seehof. Das iſt alſo die Familien⸗Domaine! ſagte mein Bruder ſcherzend, als wir das kleine Landhaus mit ſeinen geringen Nebengebäuden vor uns erblickten; aber der Scherz hielt nicht Stich vor einer Art ſchweigender, banger Rührung, die ſich unſerer bemächtigte, ohne daß wir ſie einander eingeſtehen mochten, ohne daß wir im Stande geweſen wären, uns den Grund derſelben klar zu machen. Mein Bruder hatte unſere Ankunft gemeldet. Schon aus der Entfernung ſahen wir daher einen Knecht in der Thür ſtehen, der uns zu erwarten ſchien und bei dem Nahen unſeres Wagens in das Haus ging. Gleich darauf kehrte er mit einer behäbigen Perſon zurück, die, halb ſtädtiſch, halb ländlich gekleidet, eine Wirthſchafterin oder ſonſt ſo etwas ſein konnte. Sie öffnete ſelbſt den Schlag des Wagens für uns, knixte dazu mehrmals in altmodiſcher Weiſe und ſagte: Die Mamſell wäre gern ſelbſt gekommen, die Herrſchaften zu empfangen, denn ſie hat es ganz gut verſtanden, daß es die Herrſchaften wärenz g wiſſen wohl, ſie iſt ſchwach geworden in ihren hohen Jahren! ———————— Wir begriffen das viel weniger, als irgend eine Mademoiſelle von unſerem Eintreffen begriffen haben konnte, und ohne ſich auf etwas Anderes einzulaſſen, fragte mein Bruder: Heißen Sie Dubois, liebe Frau? Nein! ich heiße Holzmann, Chriſtine Holzmann, und bin keine Verwandte von unſerer Mamſell, wenn ich ſchon von Jugend auf bei ihr geweſen bin, und ſie auch nicht verlaſſen werde! antwortete ſelbſtgefällig die Gefragte, ſichtlich er⸗ ſtaunt über unſere Unwiſſenheit. Kann man Mademoiſelle Dubois alſo ſehen? fragte mein Bruder. Ja, gewiß! gewiß! rief die Haushälterin, wir haben ſchon lange auf Sie gewartet, und da ſie ohnehin nicht ſchläft, habe ich ſie ſchon um vier Uhr Mor⸗ gens anziehen müſſen und ſie ſitzt nun ſeitdem ſo da. Aber freuen wird ſie ſich! Ach Gott! ſehr freuen, die arme Seele! Denn früher, wie ſie bei Kräften war, dachte ſie doch immer, daß der Herr noch wiederkommen würde. Mein Bruder und ich ſahen uns betroffen an. Die Haushälterin ſchien von einer Kranken zu ſprechen, die ihres Verſtandes nicht völlig mächtig war, und wir wußten kaum, was wir aus ihr ſelber machen ſollten, als ſie mit jener altmodiſchen Förmlichkeit, die ſonderbar gegen ihre derbe Geſtalt abſtach, vor uns hergehend in das Haus eintrat. Es war ein einſtöckiges, von außen ganz ſchmuckloſes Gebäude, ſechs Fenſter breit, in deren Mitte die Eingangsthür lag. Hätte ſich nicht au die linke Seite des Hauſes ein kleines Treibhaus angeſchloſſen, wären nicht die Spuren von leichter Stuckarbeit über der Thür und über den Fenſtern, wenn auch in gänzlichem Verfalle, ſichtbar geweſen, ſo würde der Seehof ſich von den Bauerhäuſern der Umgegend durch nichts weiter unterſchieden haben, als durch den kleinen Garten, der ihn rings umgab, und der trotz ſeiner Verwahrloſung noch frühere ſorgfältige Anlagen errathen ließ. Mit wenig Schritten hatten wir dieſen kleinen Garten durchmeſſen und wurden durch den ſchmalen Hausflur in ein Zimmer hineingeführt, das uns, obſchon wir uns auf irgend welche Wunderlichkeit gefaßt gemacht hatten, doch auf das äußerſte überraſchte und betroffen machte. Das Zimmer war ziemlich groß und unverhältnißmäßig hoch. Die Fenſter lagen nach der Gartenſeite, eine Glasthür, dem Eingange gegenüber, führte in das Treibhaus, eine andere, mit Vorhängen verhüllte, nach einer Hinterſtube. Dunkelgraue Damaſt⸗Tapeten bedeckten die Wände, vor den Fenſtern hingen Gardinen von blaßblauem Gros de Tours, vor den Thüren eben ſolche Por⸗ tieren, und auch die Möbel von lackirtem Holze waren mit demſelben Stoffe überzogen. Die vielſcheibigen Spiegel in verſilberter Faſſung, der Glas⸗Kron⸗ leuchter, die ausgelegten, weitgeſchweiften Schränke, die lackirten Etageren fehlten nicht. Schmale Sopha's ſtanden an den Wänden, ein Paar Lehnſtühle auf einem Teppich vor dem Kamine, das Fußkiſſen lag noch bavor, und auf dem Mar⸗ 6———— morſims deſſelben küßten ſich zwiſchen chineſiſchen Vaſen verſchiedene Schäfer⸗ paare und Liebesgötter von Sevres⸗Porzellan. Dieſer kleine altfranzöſiſche Salon in dem einſamen Landhauſe, mitten in Norddeutſchland, mitten in unſerer Zeit, hatte gradezu etwas Märchenhaftes, das nur erhöht ward durch die Zeichen des Verfalles und der Verlaſſenheit, welche trotz der ſichtlich darauf verwandten Sorgfalt, überall unverkennbar her⸗ vortraten. Die Damaſt⸗Tapeten hatten hier und da Schlitze bekommen, die koſtbaren Vorhänge und Möbelüberzüge waren ganz verblaßt, die Spiegel blind und fleckig geworden von der Feuchtigkeit des unbewohnten Raumes. Den zärt⸗ lichen Schäfern fehlte hier ein Arm und dort ein Bein, und die Liebesgötter mochten ihrer Flügelchen lange ſchon beraubt ſein. Einige Paſtell⸗Portraits an den Wänden ſahen in bläulicher Erloſchenheit in die ſtille Stube hinein. Man konnte ſich der Vorſtellung kaum erwehren, daß ſie trauernd den Hauch der Verwitterung empfänden, der auf dem ganzen Raume lag, und deſſen Melan⸗ — 2——————*— ————————— cholie ſelbſt die ſtrahlende Frühlingsſonne nicht zu zerſtören, oder auch nur zu erhellen vermochte, die heiß und leuchtend bis mitten in das Zimmer hinein⸗ ſchien, und den Duft des ſtarken, friſchgefüllten Potpourri faſt betänbend machte. Es war ein ſonderbarer gemiſchter Eindruck, den man hier empfing. Traurig und geheimnißvoll, rührend und ſpukhaft zugleich, konnte man ſich ihm nicht entziehen, und wir befanden uns wie unter einem Banne, als die Thür, durch welche wir eingetreten waren, ſich öffnete und die Haushälterin und der Knecht Mademoiſelle Dubois, die Bewohnerin des Hauſes und die langjährige Penſionairin unſerer Familie hineinführten, um ſie auf einen der Lehnſtühle am Kamine niederzuſetzen, denn ſie konnte ſich ſelbſtſtändig nicht mehr auf den Füßen halten. Wie alt ſie ſein mochte, war ſchwer zu beſtimmen, doch mußte ſie an den äußerſten Grenzen des Lebens ſtehen. Ihr Kopf war tief auf ihre Bruſt ge⸗ ſenkt, ihr Körper, der niemals groß und ſtark geweſen ſein konnte, war von der Laſt der Jahre zuſammengebengt und gekrümmt, ihre faltigen, mageren Hände, ihr Geſicht hatten eine bräunliche Mumien-Farbe bekommen, und ſelbſt ihre dunklen Augen ſchienen ſchon umſchleiert zu ſein. Dennoch hatte ihr Erſcheinen nichts Unangenehmes, denn ſie war in ihrer ganz altmodiſchen Tracht, mit dem weißen Kopftuche und weißen Bruſttuche, mit dem Kleide von dunkelem Kattun, aus deſſen engen, kurzen Aermeln die verdorrten Arme hervorſahen, noch ein Muſter von Sauberkeit; und ſie ſchien, nach der Sorgfalt, mit welcher man ſie behandelte, auch noch immer eine Herrſchaft über die Perſonen auszuüben, welche ihr dienten. Als ſie eintrat, hob ſie den Kopf ein wenig in die Höhe, taſtete ſuchend mit den Augen umher, und als man ſie dann niedergeſetzt und ſie uns wahr⸗ genommen hatte, ſprach ſie mit zitternder Stimme in vortrefflichem Franzöſiſch: Ah, ich wußte es wohl, daß Sie kommen würden, daß Sie kommen würden, mein Herr! mir die Augen zu ſchließen. Aber es war wohl Zeit, denn ich bin ſehr alt, ſehr alt. Hatten wir vorher nicht gewußt, was wir denken ſollten, ſo wußten wir es jetzt vollends nicht. Es ſchien aber, als ob die arme Alte, die uns zu Ehren wohl ihre Kleidung geändert hatte, von Kälte litte, und mein Bruder befahl, trotz der Wärme, die im Zimmer herrſchte, ein Feuer im Kamine anzumachen. Sie ſah das gern. Oh, Sie ſind immer noch der Alte, Monſieur Emil! rief ſie: immer gut! immer verbindlich! und es iſt wahr, es iſt kalt hier! Es kommt Niemand in die Zimmer Ihrer Hoheit! Ich ſelbſt wage nicht hineinzugehen, ſeit... Sie unterbrach ſich und fügte daun in Thränen ausbrechend hinzu: Welche Er⸗ innerungen! Welche Erinnerungen! Das wird ja ein vollſtändiges Abentener! ſagte mein Bruder leiſe, zu mir „ „ gewandt. Was iſt denn hier vorgegangen?— Und ſich zu der Alten nieder⸗ ſetzend, fragte er, um wo möglich irgend welche Aufſchlüſſe über die Räthſel zn erlangen, welche uns hier von allen Seiten umgaben: Aber weshalb benutzten Sie dieſe Zimmer nicht, da Niemand ſonſt ſie bewohnte? In dem Augenblicke loderte das Feuer im Kamine auf, das die Dienerin angezündet hatte, und wie von einem Entſetzen erfaßt, ſtöhnte die Greiſin: Ach, machen Sie das Feuer aus! Es hat kein Feuer hier gebrannt, ſeit die Leichen hier geſtanden haben!— Gehen Sie! Flüchten Sie, Monſieur Emil, damit Sie Sich erretten, denn die Todten ſind doch todt!— Sie rang die mageren Hände, die Dienerin fragte erſchrocken, was geſchehen ſei, da ſie das Franzöſiſche nicht verſtand, und weil die Greiſin durch den An⸗ blick des Zimmers oder durch unſer Kommen gar zu ſehr erſchüttert zu werden ſchien, ſo befahl mein Bruder, man ſolle ſie in ihre Stube zurück führen, und bat zugleich die Haushälterin, wiederzukehren, wenn ſich Mademviſelle Dubvis beruhigt haben, und ſich in ihrem gewohnten Zuſtande befinden würde. So viel war uns klar geworden, daß hier irgend ein Roman geſpielt, irgend welche Ereigniſſe, und zwar traurige Ereigniſſe, vorangegangen ſein mußten, deren Held unſer Großonkel Emil geweſen war, und als deren muth⸗ maßliche Heldin aus meiner Erinnerung nun plötzlich die Prinzeſſin hervor⸗ tauchte, deren ſchönes Bild mir ſchon in meiner Kindheit ſo oft zu denken ge⸗ geben hatte. Während deſſen ſahen wir uns weiter in der Wohnung um. An den Salon ſtieß ein Schlafzimmer, das in demſelben Geſchmacke und mit demſelben Luxus eingerichtet, aber noch viel verfallener war. Aus dem großen zweiperſo⸗ nigen Bettgeſtelle waren die Kiſſen und Polſter fortgenommen. Nur die untere Matraze lag darin, und an dem Himmel des Bettes waren noch dunkelgrüne, ganz vergilbte Lamberquins befeſtigt, die Behänge des Bettes fehlten jedoch, und auch von dem Waſchtiſch und der Toilette war der größte Theil⸗ der Geräth⸗ ſchaften verſchwunden. Was uns aber am meiſten zu denken gab, war eine Wiege in dem Nebenzimmer, die vollſtändig und unverſehrt mit allen ihren Zuthaten erhalten, auf das ſauberſte mit dichter Bedeckung vor dem Staube geſchützt, und ſichtlich niemals gebraucht worden war.— Das ganze Landhaus, die ganzen Vorgänge wurden uns immer anziehender und räthſelhafter zugleich, weil man ſie in der Familie ſo geheimnißvoll be⸗ handelt, weil ſelbſt mein Vater gegen meinen Bruder dieſes Beſitzes nie in irgend einer Weiſe erwähnt hatte, welche einen beſonderen Antheil daran ver⸗ rathen hätte; und während wir über dieſe Thatſache redeten, traten wir in das Gewächshaus hinein, das eigentlich noch merkwürdiger war, als die ganze Ein⸗ richtung des übrigen Gebäudes. F Wie das ganze Haus, mußte es einſt ſorgfältig gehalten und mit Luxus 3 — n—————————— — ausgeſtattet geweſen ſein. Noch immer ſtanden in einigen Kübeln die ſtarken Stämme verdorrter Orangenbäume da, und an den wenigen freien Stellen der Wände ſah man die Spuren gemalter Vögel in erloſchenen Farben ſchimmern. Aber aus den zerfallenen Kübeln wuchſen hohes Gras und krauſe Wolfsmilch hervor, die Orangenſtämme waren mit Schmarotzer⸗Pflanzen überzogen, die Wände mit dunklem, kleinblättrigem Ephen dicht bedeckt, deſſen Ranken ſich bis zu den Orangenſtämmen ausgeſtreckt, ſich an denſelben feſtgeklammert und ſie ganz umſponnen hatten. Und da bei dem ſehr verfallenen Dache und den ſcheibenloſen Fenſtern Luft, Regen und Sonne ſeit Menſchenaltern hier freien Zutritt gehabt, ſo war der Fußboden mit allem möglichen Unkraut überwuchert, und vor Allem hatten in der Feuchtigkeit und unter dem Schutze der Mauern die Blätter des wilden Meerrettigs eine faſt tropiſche Kraft und Größe gewonnen. Als wir die Thür des Treibhauſes öffneten, das ſeit langen Jahren Nie⸗ mand betreten haben mußte, denn die Bänder der Thür waren in den Angeln faſt eingeroſtet und ließen ſich nur mit großer Anſtrengung bewegen, flogen ganze Schaaren von Vögeln in die Höhe, die hier in der Sicherheit ihre Neſter gebaut hatten, und rings um uns her ſang und zwitſcherte es von allen Ecken hernieder. Ein paar Eidechſen ſchoſſen blitzſchnell auf den Fenſterrahmen dahin, überall kam etwas Lebendiges zum Vorſchein, während unſer Fuß ſich von dem Geranke am Boden gehalten und gefangen fühlte. Dieſes wilde, üppige Natur⸗ leben bildete einen auffallenden Contraſt gegen die ängſtliche Aufbewahrung der lebloſen Dinge in der ſchweigenden Wohnung, und als bei unſerer Rückkehr in die Stube die Stutzuhr auf dem Spiegeltiſche die Mittagsſtunde ſchlug, und dabei mit leiſem Glockenſpiel eine alte franzöſiſche Romanze zu erklingen begann, ſtanden wir befangen und lauſchend da, als wären wir in einen verzauberten Bezirk gerathen. Wir kannten Beide die alte Melodie, und unfähig, das leiſe Singen der Uhr durch unſer Geſpräch zu unterbrechen, wiederholte ich mir in meinem Innern unwillkührlich den Tert dieſer ſanften Florian'ſchen Romanze, welche im vorigen Jahrhundert von Frankreich aus den Weg durch die Welt, und das Entzücken unſerer Aeltermütter gemacht hatte: A Poulouse il fut une belle, Clémence Isaure était son nom; Le beau Lautrec brüla pour elle Pt de sa foi recut le don. Mais leurs parents trop inflexibles Sopposaient à leurs tendres feux, Ainsi tousjours les coeurs sensibles Sont nés pour étre malheureux. Alphonse le père d'Isaure Veut lui donner un autre époux, Fidéèle à l'amant qu'elle adore Sa fille tombe à ses genoux: „Ah! que plutét votre colère PTermine des jours de douleur! Ma vie appartient à mon pöére A Lautrec appartient mon coeur!“ So weit war ich in meiner ſtillen Recitation gekommen, und mir ſelbſt waren dabei die Tage meiner erſten Kindheit lebendig geworden, in welchen unſere alte Franzöſin uns mit heiſerer Stimme dieſe vielſtrophige Romanze zu unſerer größten Erbaunng zu ſingen pflegte, als das Spielwerk nach zweimaliger Wiederholung der Melodie das ſanfte Nachſpiel erklingen ließ und dann mit plötzlichem Abbrechen verſtummte. Ich war förmlich gerührt worden, meinem Bruder aber wurde es des Wunderſamen und Unverſtandenen zu viel, und als in dem Angenblicke die Haushälterin zurückkam, uns in einem ganz altmodiſchen Dejeneur⸗Service mit kleinen Taſſen, Kaffee und Brod und Butter vorzuſetzen, als das Einzige, was ſie zu bieten hätte, nahm mein Bruder die Gelegenheit wahr, ſie über Made⸗ moiſelle Dubvis auszufragen. Was ſie wußte, war jedoch nicht weſentlich mehr, als wir hier durch den Augenſchein erfahren hatten. Schon die Mutter der Haushälterin hatte hier gedient, und dieſe ſelbſt war in dem Hauſe aufgewachſen. Sie ſagte, ſo viel ſie gehört, ſei die Mamſell, mit welchem Namen ſie Mademoiſelle Dubois immer ſchlechtweg bezeichnete, mit einer vornehmen Herrſchaft aus Frankreich hiehergekommen, die hier geſtorben, und deren Körper man mit großen Koſten nach Frankreich zurückgebracht habe. Als aber die Mutter der Haushälterin bei der Mamſell in Dienſt getreten, wäre die Herrſchaft ſchon todt, und Alles grade ſo geweſen wie jetzt. Mein Bruder wollte wiſſen ob Land zu dem Hauſe gehöre und wie dieſes verwaltet würde. Die Haushälterin antwortete, es wäre ein Gemüſegarten da und ein paar Morgen Acker. Sie hätten zwei Kühe, mäſteten auch immer ein paar Schweine. Der Knecht habe den Acker beſtellt, den Garten bearbeitet und das Vieh in Acht genommen. Etwas Federvieh habe ſie alle Jahre gezogen. Das Getreide und das Gemüſe, welches man erübrigen könne, wäre immer im nächſten Flecken verkauft worden; die Mamſell habe von auswärts regelmäßig Geld bekommen, und einige Male auch größere Sendungen von unbekannter Hand, ſo daß ſie wohl etwas Erkleckliches beſitzen müſſe. Sie hätte der Wirth⸗ ſchafterin lange ſchon verſprochen, daß ſie ihre Erbin werden und ihre Kleider und all ihr Geld und Gut erhalten ſolle. Vor langen Jahren, als die Mamſell noch ganz rüſtig und bei Kräften geweſen ſei, habe ſie das auch aufgeſchrieben, und das Teſtament liege drüben, wo ſich überhaupt alles befinde, was der Mamſell gehöre. Was hier in dieſen Zimmern, in den Schränken und Com⸗ moden liege, gehöre nicht der Mamſell zu. Dieſe habe vielmehr ausdrücklich befohlen, die Haushälterin möge in den guten Zimmern die Gegenſtände ſorg⸗ fältig bewahren, weil ſie einer Herrſchaft in Hamburg zukämen, der man einmal ihr Teſtament ſchicken ſolle, und die dann kommen und Alles in Ordnung bringen und Jedem das Seine geben werde. Wir wollten wiſſen, ſeit wie lange Mademoiſelle Dubvis ſich in dieſem Zu⸗ ſtände der Geiſtesſchwäche befinde. Die Haushälterin vermochte das nicht genau zu ſagen, wie denn Ungebildete ſelten klare Begriffe über den Verlauf der Zeit beſitzen. Es ſei ſo allmählich gekommen, meinte ſie, und von ſich * — ——— wiſſen thäte die Mamſell auch jetzt noch ſehr gut. Sie ſei vorhin nur zu ge⸗ rührt geweſen, aber wenn wir uns jetzt zu ihr begeben wollten, würde es beſſer gehen. Wir nahmen alſo das kleine Frühſtück ein, und ſuchten die Greiſin in ihrer Stube auf, die ſauber und wie die Wohnung einer Pächterfamilie anzuſehen wer. Ohne ſich irgend wie auf die Vergangenheit einzulaſſen, erklärte mein Bruder ihr, er ſei der Sohn der hamburger Herrſchaft, und ſei gekommen, zu hören, ob ſie irgend welche Bedürfniſſe oder Wünſche habe. Sie verſtand das auch vollkommen, dankte und zeigte ſich erfreut, ihm, wie ſie es nannte, ihre letzten Dispoſitivnen anvertrauen zu können. Auf ihr Verlangen mußte ich aus einer Schieblade, welche ſie mir bezeich⸗ nete, das Teſtament hervorſuchen, und mein Bruder es eröffnen. Es war an unſeren verſtorbenen Großvater adreſſirt, und kurz vor deſſen Ableben, alſo nahezu vor fünfzehn Jahren verfaßt. Sie dankte darin, daß man ihr das Ge⸗ halt, welches Herr Emil ihr feſtgeſetzt, bis an ihr Ende gelaſſen habe, ſprach von ihrer Haushälterin, die ſie wirklich zur Erbin eingeſetzt hatte, wie von einem jungen Mädchen, und überſandte dem Großvater zugleich einen Brief von der Handſchrift meines Großonkels Emil, der franzöſiſch geſchrieben an Mademoiſelle Louiſe Dubvis im Seehof adreſſirt war, und alſo lautete:„Ich will, meine liebe Dubvis, daß nichts in dem Hauſe geändert werde, an das alles Glück und Leid meines Lebens geknüpft iſt. Sage das meiner Mutter, der Einzigen, die mich nicht verdammt hat und die ich anflehe, mir dieſes Eigenthum durch ihren Einfluß zu erhalten. Sie wird auch für Dich Sorge tragen. Bleibe im Seehof, denn ich werde wiederkehren, um einſt meine Ruhe⸗ ſtätte da zu ſuchen, wo ich das Glück meines Lebens genoſſen habe.“ Der Brief erſchütterte uns in ſeiner Kürze. Er war aus Amſterdam vom vierten November des Jahres ſiebenzehnhundert dreiundneunzig datirt. Wir hatten die Handſchrift des Großonkels nie geſehen, und die wenigen vergilbten Zeilen gewährten uns plötzlich einen ahnungsvollen Einblick in ſein Schickſal. Auf unſere Frage, ob Mademoiſelle Dubvis unſere Urgroßmutter gekannt hätte, antwortete ſie verneinend. Es ſei nie Jemand von der Familie des Mon⸗ ſieur Emil hier geweſen, als einmal ſein Vater mit dem Herrn Herzoge. Aber kaum war ſie auf dieſe Erinnerung gekommen, als ſie wirr durch einander zu ſprechen anfing, ſo daß wir uns bald überzengen mußten, daß ihre Gedanken nur noch das Nächſte zuſammen zu halten im Stande waren, und daß wir über die Vergangenheit dieſes Hauſes und ſeiner Bewohner nichts Sicheres von ihr zu hören hoffen konnten. Mein Bruder nahm alſo, wie ſie es wünſchte, ihr Teſtament, einige nicht werthvolle Schmucknadeln und Ringe und die Documente an ſich, die ihren Beſitz ausmachten, der ſich auf etwa fünfzehnhundert Thaler belief, und ver⸗ ſprach, Alles dieſes nach ihrem Tode der Haushälterin zurückzugeben, deren Treue und Redlichkeit ſie dankbar rühmte. Sie händigte meinem Bruder auch die Schlüſſel von den Schränken in den anderen Zimmern aus, bat ihn, ſich zu überzeugen, daß ſie Alles gut im Stande gehalten habe, und nichts daran zu rühren, denn ſie ſelber ſehe noch danach, und es müſſe auch Alles liegen bleiben, damit Monſieur Emil es fände, wenn er wiederkäme. Darauf trennten wir uns von ihr, denn ſie war ſehr erſchöpft und ange⸗ griffen von dem ungewohnten Verkehr mit uns beiden Fremden, und wir gingen, 1 die Herrlichkeiten zu muſtern, über die ſie bis dahin Wache gehalten hatte. Und Herrlichkeiten waren die Gegenſtände in der That zu nennen, welche wir in den zierlichen Schränken und den ausgelegten Behältern fanden. Alles, was im vorigen Jahrhundert zur Ausſtattung einer reichen und eleganten Frau gehörte, alles, deſſen man für ein neugeborenes Kind bedürfen konnte, war dort, auf das geſchmackvollſte gewählt, vorhanden und lag ſauber geordnet da, als ſolle es in dem nächſten Augenblicke wieder in Gebrauch ge⸗ nommen werden. Die Frauengarderobe, die Frauenwäſche war nicht reichlicher, als eine Dame ſie auf Reiſen brauchen konnte, aber ſie war koſtbar und faſt prächtig, während das eben ſo werthvolle Kinderzeug auch der Maſſe nach ſehr vollſtändig genannt werden konnte. Die Frauentviletten waren, wie man ſehen konnte, getragen worden, das Kinderzeug aber offenbar niemals gebraucht. Schweigend betrachteten wir die langen Schleppkleider, die breiten Taillen⸗ bänder, die Bruſttücher mit mechelner Kanten beſetzt, die Haarbänder, Hauben, Fächer, Nähgeräthe, und alle jene Kleinigkeiten, welche der Luxus jener Tage zu Bedürfniſſen erhoben hatte, und die uns jetzt ſchon ſo fremd erſchienen, während das liebevoll vorausbeſorgte und nie benutzte Kinderzeug etwas höchſt Trauriges für mich hatte. Es iſt mir zu Muthe, als wohnte ich in Pompeji einer Aufgrabung beil rief mein Bruder aus, nur daß die Sache uns nahe genug angeht! Was be⸗ ginnt man hier mit dieſen Dingen? Mir ſelbſt war es auffallend, daß die anerkannte genaue Sparſamkeit mei⸗ ner Großeltern dieſe immer in gewiſſem Sinne noch werthvollen Gegenſtände hier dem Zufalle Preis gegeben hatte. Wir trafen aber in dem Glauben zu⸗ ſammen, daß es nur auf einen ausdrücklichen Befehl der Urgroßmutter alſo geſchehen ſein könne. Und da mein Bruder ſich nicht entſchließen mochte, der Mademoiſelle Dubvis, deren Seele an dieſen Sachen zu hangen ſchien, die⸗ Felben plötzlich fort zu nehmen, ſo entwarſen wir nur ein oberflächliches Ver⸗ zeichniß davon, ſagten der Haushälterin, daß wir ſpäter einmal darüber be⸗ ſtimmen würden und daß wir ſie bis dahin für die gute Aufbewahrung des Ganzen verantwortlich machten. Dann fuhren wir, nachdem wir die Greiſin über die Fortdauer ihrer Penſion beruhigt und von ihr Abſchied genommen hatten, nach dem nächſten Flecken zurück, in dem ſich die Poſtſtativn und auch die Kirche befanden, in welcher der Seehof eingepfarrt war. Konnten wir irgend etwas Genaneres über die einſtigen Bewohner des Hauſes erfahren, ſo mußte es ſich in dem Kirchenbuche finden, und mein Bru⸗ der rechnete mit ziemlicher Gewißheit auf daſſelbe, da die Fremde im Seehofe geſtorben war, und alſo in der Kirche eine Anzeige davon gemacht worden ſein mußte. Der Pfarrer jedoch, an den wir uns wandten, und der augenblicklich das Kirchenbuch jener Jahre nachſah, konnte nichts darin entdecken, was uns anging. Er war ein junger Mann und wußte kaum etwas von den jetzigen, geſchweige von den früheren Bewohnern des Seehofs; doch meinte er, von dem alten Küſter einmal irgend etwas darüber gehört zu haben, und ließ dieſen auf unſere Bitte zu ſich rufen. Der Küſter indeſſen hatte auch nichts anderes zu berichten, als eine Erzäh⸗ lung ſeines emeritirten Vorgängers, nach welcher zur Emigranten⸗Zeit eine junge und ſehr ſchöne Madame Dubvis den Seehof gekauft und eingerichtet Fanny Lewald, Der Seehof. 2 — —— —— haben ſollte. Eine ältere Schwägerin von ihr, die noch lebende Mademviſelle Dubois, ſei gleich mit ihr eingezogen, und ihr junger Schwager, ebenfalls ein Herr Dubois, immer nur zeitweiſe zu ihnen gekommen. Sie ſollten alle vor⸗ nehme Leute geweſen ſein, obſchon ſie ganz für ſich gelebt hätten und nach dem Seehofe nie Beſuch gefahren wäre. Nur als die junge Frau geſtorben, wären plötzlich ihr Mann und ihr Vater eingetroffen. Ihr Mann habe ſich aus Gram das Leben genommen, worauf man einen katholiſchen Prieſter verſchrie⸗ ben und die Eheleute in zwei Gräbern neben einander im Garten des Seehofes beerdigt habe. Später aber, nach der zweiten Franzoſenzeit, hätte man ſie ausgegraben und nach Hamburg geholt, um ſie zu Schiff nach Frankreich in ihre Familiengruft zu bringen. Dieſe Mittheilung war wenig geeignet, uns Licht zu ſchaffen, aber um ſo mehr dazu angethan, unſere Neugier zu reizen, unſere Vermuthungen zu ver⸗ mehren, und wir brachten nach Hamburg ſtatt der Erfriſchung, die zu ſuchen wir ausgefahren waren, jene Niedergeſchlagenheit mit zurück, welche der Hin⸗ blick auf vergangene und leidensvolle Exiſtenzen in dem denkenden Menſchen unwillkürlich hervorrufen muß. Zweites Kapitel. Jener Beſuch im Seehof hatte im Sommer des Jahres achtzehnhundert dreiunddreißig Statt gefunden, und es verging eine geraume Zeit, ehe wir den Eindruck deſſelben in uns überwinden konnten. Mein Bruder geſtand mir, daß ihm jene Scenerie oftmals im Traume als Hintergrund der wunderbarſten Vor⸗ gänge erſcheine, und ich ſelbſt wurde das Andenken daran nicht los. Immer wieder ſah ich die Stuben mit ihrem verblaßten Mobiliar, das leere Bett, die unbenutzte Wiege oder das verwilderte Treibhaus vor Augen, immer wieder ſchwebte mir die greiſe Franzöſin vor der Seele, und wenn ich mich damit beſchäftigte, was ſie Trauriges in dem verlaſſenen Landhauſe erlebt haben mochte, tönte mir jedesmal die ſchwermüthige Melodie der Spieluhr im Gedächtniß wieder, und ich betraf mich darauf, die Verſe: Ainsi tousjours les ccurs sensibles, Sont nés pour stre malheureux! vor mich hin zu ſummen. Zu thun war augenblicklich in dieſer Angelegenheit nichts. Das Land⸗ haus mußte noch im Beſitze der Familie bleiben, obſchon es kaum anzunehmen war, daß der Großonkel nach der vierzigjährigen Entfernung von der Heimat, — 5 während welcher er gar keine Kunde von ſich gegeben hatte, noch am Leben ſo ſein ſollte; und erſt im Herbſte, als Mademviſelle Dubois geſtorben war, traf mein Bruder andere Einrichtungen. Er nahm die ſämmtlichen Kleidungs⸗ ſtücke, und was dazu gehörte, aus den herrſchaftlichen Zimmern mit nach der Stadt, ſorgte, daß die Haushälterin ihr Erbe erhielt, und ſetzte einen Gärtner, der lange in unſerer Familie gedient hatte, als Verwalter des Seehofes ein. Es wurden Vorkehrungen getroffen, durch Reparaturen aller Art den gänzlichen Verfall des Grundſtückes zu verhindern; man that das Nothwendige, dem Garten, dem Acker und dem Treibhauſe ſo weit als möglich aufzuhelfen, und allmählich gewöhnte mein Bruder ſich daran, das Landhaus als einen Ruheſitz für den alten Diener anzuſehen, und zufrieden zu ſein, wenn er von dort gelegentlich einen Korb Gemüſe geſchickt erhielt, ohne daß er wie früher eine jährliche Rente nach dem Seehof zu zahlen hatte. Kurze Zeit darauf hatte mein Bruder ſich verheirathet, ſeine glückliche Ehe und ſeine große mercantiliſche Thätigkeit nahmen ihn gänzlich in Anſpruch. Ich aber hatte mich durch verſchiedene Rückſichten zu einer Ueberſiedelung nach Paris veranlaßt gefunden, wo ich mich förmlich eingerichtet und ſchon Jahr und Tag gelebt hatte, als meine Jungfer eines Morgens mit der Meldung bei mir eintrat, daß ein Fremder mich zu ſprechen wünſche, der ſich indeß geweigert habe, ihr ſeinen Namen zu nennen, oder ihr ſeine Karte zu geben. Dann weiſen Sie ihn ab, ſagte ich, Sie wiſſen, daß ich ſolche geheimniß⸗ volle Gäſte nicht liebe und nicht annehme. Das habe ich dem Herrn ſchon geſagt, antwortete ſie mit einer ihr ſonſt fremden Unſicherheit, er beſteht aber darauf, er müſſe Sie ſprechen. Es iſt ein alter, großer Herr mit grauem Haar. Er ſieht ganz ſonderbar aus in ſeinem Anzuge, er war auch gewiß noch niemals hier, und doch kommt er mir bekannt vor, als hätten wir ihn ſchon geſehen. Das machte mich neugierig. Ich ließ den Fremden bitten, einzutreten. Einen Augenblick darauf ſtand er vor mir: ein alter, großer, ſtattlicher Mann mit ſchneeweißem Haare, der auch mir durchaus bekannt erſchien, denn ſeine Aehnlichkeit mit unſerer Familie war ſo auffallend, daß ſie mich überraſchte. Die ſtarke, wohlgeformte Naſe, die freie Stirn, die großen braunen Augen unter ſtarken Brauen, die breiten Wangen, die Kraft des Mundes und des Kinnes, das alles war mir wunderſam vertraut. Um ſo fremder aber erſchienen mir die Kleidung und das Behaben meines Gaſtes. Er trug die Tracht, welche zu Anfang unſeres Jahrhunderts Mode ge⸗ weſen war, und der man noch auf den Kupferſtichen aus jener Zeit begegnet. Es waren der damals übliche braune Ueberrock mit der kleinen Pellerine, die grauen, kurzen Beinkleider, die faltigen Stiefel mit den gelben Stulpen, die Klappenweſte von weißem Piqué, das große Batiſtjabot, die Buſennadel und die großen Uhrberloques; aber ſie ſahen unter unſeren Zeitgenoſſen eben ſo befremdlich aus, als ſie zur Zeit des napoleoniſchen Conſulates elegant geweſen ſein mußten. Und doch hatte die Erſcheinung des Greiſes etwas ſo durchaus Würdevolles, daß es ſelbſt durch ſeine auffallende Kleidung nicht im Geringſten beeinträchtigt wurde. Ohne mir Zeit zur Verwunderung oder auch nur zu einer mündlichen Begrüßung zu laſſen, trat er vor mich hin, ergriff meine beiden Hände und ſagte in deutſcher Sprache, indem er mit ſeinem Blicke ſinnend und for⸗ ſchend auf mir verweilte: Du biſt alſo die erſte, die ich wiederſehe. — — Betroffen wich ich einen Schritt zurück, denn auf ein ſolches Begegnen hatte ich unmöglich gefaßt ſein können. Der Unbekannte wurde es gewahr. Er richtete ſich auf, fuhr mit der Hand über die Stirn und ſprach in einer feſten, gelaſſenen Weiſe: Vergib! ich hatte es vergeſſen, daß Du nichts von mir wiſſen kannſt! Vergib! — Aber wer ſind Sie? unterbrach ich ihn, von einer plötzlich aufdämmernden Ahnung ergriffen. Dieſe meine innere Bewegung entging dem ſcharfen, beobachtenden Auge 3 meines Gaſtes nicht. Er neigte ſich zu mir nieder, legte ſeine Rechte auf mein 1 Haupt und bat, indem er mich mit freundlichem Blicke anſah: Beſinne Dich! ſpricht nichts in mir Dich als ein Bekanntes, als etwas Befreundetes an? Sie gleichen im höchſten Grade meinem Urgroßvater, ſagte ich, und— ietzt, wie Sie Sich zu mir ſo hernieder neigen— jetzt erinnern Sie mich auf * das Lebhafteſte auch an meinen theuren Vater, der freilich Ihre Jahre nicht erreicht hat. Ich fühlte mich dabei von dem Blicke des Greiſes ſehr gerührt, auch er wurde bewegt. Erinnere ich Dich, erinnere ich Dich? Nun, ſo ſind doch nicht alle Bande zerriſſen zwiſchen mir und ihnen, rief er aus, und die folge⸗ rechte Natur hat aufrecht erhalten, was das Leben zwiſchen uns zerſtörte. Es entſtand eine kurze Pauſe, ich fühlte mich mehr und mehr zu meinem Gaſte hingezogen, und erſt viel ſpäter iſt es mir einmal aufgefallen, daß ich kein Mißtrauen gegen ihn, gegen einen mir ganz fremden Mann empfunden habe, der ſich in ſo ſeltſamer Weiſe bei mir eingeführt hatte. Hat man Euch nie erzählt, ſagte er nach kurzem Schweigen ernſthaft, daß ein Glied der Familie ausgeſtoßen worden, daß... Ich ließ ihn nicht enden. Sie ſind Emil! Onkel Emil! der Verſchollene! der Todtgeglaubte! rief ich aus.* Du weißt alſo von mir, ſie haben mich nicht vergeſſei! nicht vergeſſen! wiederholte er mit bebender Stimme, und indem er mich tief erſchüttert um⸗ armte, fühlte ich ſeine Thränen auf mich hernieder tropfen. Plötzlich aber 5 richtete er ſich au vor das Bild meines Urgroßvaters hin und ſagte, nach⸗ dem er es lange ſtill betrachtet hatte: Er iſt wieder da, der Emil, der ver⸗ lorene Sohn!— Aber du biſt nicht mehr da, mein Vater! ſetzte er nach einer Pauſe hinzu, das Lamm zu ſchlachten für des Sohnes Rückkehr! Und was gäbe ich darum, was gäbe ich darum, könnte ich hintreten und zu dir ſprechen: Vater, da bin ich! Vater, nimm mich auf! Er legte die Hand einen Moment über die Augen, ſchüttelte das ſchöne . greiſe Haupt, als wolle er damit den Schmerz von ſich werfen, und ſagte dann tiefaufathmend: Das iſt vorbei!— Aber das Bild mußt Du mir geben, Kind! das Bild muß mein ſein! Gewiß, gewiß! antwortete ich, und es war mir zu Muthe, als müſſe ich es gleich herunter nehmen von der Wand. Ich befand mich überhaupt in der eigenthümlichſten Verfaſſung. Alle die Generationen meiner Familie, welche ich gekannt und vor mir hatte hingehen ſehen, ſtanden in meiner Erinnerung plötzlich wieder vor mir auf. Mein Ur⸗ großvater und meine Urgroßmutter, welche ſo ängſtlich Sorge getragen, dieſem Sohne ſeinen kleinen Beſitz zu erhalten, mein Großvater, welcher dieſes Bruders offenbar mit liebendem Bedauern gedacht, mein eigener lieber Vater, der ihm den Seehof ſo lange verwaltet, und der den Onkel Emil noch in ſeiner Jngend geſehen, allen dieſen Menſchen hatte er angehört, mit Allem, was mir lieb ge⸗ weſen in meiner Kindheit und Jugend, war er verwandt! Er gehörte zu mir, ich gehörte zu ihm! Ich kannte den ländlichen Beſitz, an dem ſein Herz ge⸗ hangen, ich hatte das Bild der Frau geſehen— in dieſem Moment zweifelte ich gar nicht mehr daran— deren Verluſt ihn in die Welt getrieben, ich hatte an der Wiege des Kindes geſtanden, welches er erwartet hatte, und das ihm nicht geboren ſein mußte! Ich fühlte mich ihm verbunden und doch war er mir fremd; ich wußte ſo viel von ihm und kannte doch ſein Schickſal nicht! Aber eine unwiderſtehliche Sympathie zog mich zu dem ſchönen Greiſe hin, und mein ganzes Beſtreben war für jetzt darauf gerichtet, ihn empfinden zu machen, daß er in ſeiner Familie, daß er in derſelben unvergeſſen und hochwillkommen ſei. Denn hoch willkommen mußte der ſchöne Greis mit ſeinen ſanften, klugen und noch immer feurigen Augen jedem Menſchen bei dem erſten Anblick werden. Ich fragte nicht, woher er käme, nicht, wo er ſo lange geweilt; und da ſein Vater nicht mehr da war, ihm das Mahl zu rüſten, wie er es vorher ge⸗ nannt, ließ ich, ſo gut ich's in der Eile konnte, ein Frühſtück auftragen, zu dem wir uns kaum niedergeſetzt hatten, als er ſelbſt zu reden anfing. Es iſt gut, ſagte er, daß der Zufall mich zuerſt zu Dir geführt hat. Du haſt Verſtand und Herz, denn Du legſt Dir die Thatſachen wohlwollend zurecht, ohne nach ihren Urſachen zu fragen. Das iſt gut für Dich und wohlthuend für Andere. Der hamburgiſche Conſul, von dem ich in London Deine An⸗ weſenheit in Paris erfuhr, ſagte mir, daß Du unverheirathet wäreſt. Du wirſt alſo wohl ein paar Tage übrig haben für den alten Gr onkel, der ſich neben Dir allmählich daran gewöhnen möchte, daß er ſeiner Heimat und ſeiner Fa⸗ milie entgegen geht. Er fing dann an, nach den Schickfalen der verſchiedenen Familien⸗Mit⸗ glieder zu fragen, und war über dieſelben weit mehr unterrichtet, als ich es irgend erwartet hatte. Theils hatte ihm der obenerwähnte Conſul, der ein Landsmann und Jugendgenoſſe von uns war, die erbetene Auskunft gegeben, theils aber hatte er, wie er ſagte, ſchon in America, wohin ſo viele Hamburger in Handels⸗Angelegenheiten kommen, oftmals von den Seinen ſprechen hören. —,— Da ich nun auf dieſe Weiſe erfahren hatte, daß er in America gelebt, wagte ich endlich die Frage, wie es möglich geweſen ſei, daß durch jene Hamburger nicht auch irgend eine Kunde von ihm zu ſeinem Vater oder ſpäter zu ſeinen Geſchwiſtern gekommen ſei. Laß das ruhen für heute! antwortete er mir. Es findet ſich bald die Zeit, von mir zu reden, obſchon ich's nicht gewohnt bin. Ich habe gelernt, allein zu leben und zu ſchweigen. Ich fragte, ob er verheirathet ſei. Er verneinte das kurz, und wollte dann wiſſen, ob ich von dem Seehof gehört, den er einmal beſeſſen habe, und was aus demſelben geworden ſei. Ich gab ihm die gewünſchte Auskunft, erzählte von unſerm Beſuche im Seehof, von dem Zuſtande, in welchem wir die Dinge dort gefunden, von den Vorkehrungen, welche mein Bruder für die Erhaltung des Beſitzes getroffen hatte, und von dem Ableben der alten Franzöſin, die dort hausgehalten. Der Onkel ſchien hingenommen von den Erinnerungen, welche meine Erzäh⸗ lung ihm erweckte, und ſehr ergriffen von dem Tode dieſer Frau⸗ Ich wußte es, ſagte er, daß ſie kaum noch leben konnte, und doch habe ich mich oftmals der Hoffnung nicht erwehren mögen, dieſes treue Geſchöpf noch wieder zu finden, deſſen Namen ich in den Tagen meines Glückes, wie in der Trauer und in der Einſamkeit meines Exiles geführt, und der mir ſo zur Ge⸗ wohnheit, mir ſo zu eigen geworden iſt, daß ich Mühe habe, darauf zu achten, wenn man mich jetzt wieder mit unſerm Familiennamen anſpricht. Durch ſolch zufällige Aeußerungen erfuhr ich im Laufe der Mahlzeit einzelne Thatſachen, die ſich mehr und mehr verknüpfen, und mich deutlichere An⸗ ſchauungen von ſeiner Vergangenheit und von ſeinem Schickſale gewinnen ließen. Er war unter dem Namen Dubois nach Nordamerica geflüchtet, als er Europa verlaſſen, hatte dort, wie es ſchien, Jahre eines mühſamen Erwerbes durch⸗ gemacht, dann war er, da er von Jugend auf ein Blumenfreund und tüchtiger Botaniker geweſen, auf den Gedanken gekommen, eine Gärtnerei zu errichten und Handelsgärtner zu werden, was ihm eingeſchlagen ſein, und ihm eine auskömmliche Exiſtenz bereitet haben mußte. Reich war er nicht, wie er ſagte, aber völlig ſorgenfrei, und in der Lage, wohl auch einem Hülfsbedürftigen zu Hülfe kommen zu können. Als ich ihm die Bemerkung machte, ob er keinen Anſpruch an ſein väterliches Erbe erheben könne, ſchüttelte er verneinend das Haupt. I†ch bin nicht zurückgegangen, als mein Vater ſtarb, ſagte er, und fügte dann halb ſchmerzlich, halb ſpottend hinzu, während eine leichte Wolke über ſeine edle Stirn flog: Was ſollte der Phantaſt, der Verbrecher, unter Menſchen, die ihn verdammten!— Und jetzt— da mehr als ein Menſchenalter darüber hingeoangen iſt, jetzt da Kinder und Enkel ſich eingelebt haben in den Beſitz deſſen, was mein Erbtheil hätte ſein können, jetzt es zu beanſpruchen, wäre thöricht für den Einſamen, der kein Mißgefühl erwecken möchte, wo er Theil⸗ nahme zu erregen und liebenden Antheil zu nehmen gekommen iſt. Wir blieben den ganzen Morgen ruhig beiſammen. Am Nachmittage machten wir einen Spaziergang durch die Straßen, und ich konnte mich nicht erwehren, ihm zu ſagen, wie märchenhaft es mir ſei, wie es mich ein Traum bedünke, daß ich mit ihm, dem Todtgeglaubten, hier im fremden Lande luſt⸗ wandeln gehe. Es kann Dir nicht traumhafter ſein, verſetzte er nachdenklich, als es mir der Anblick von Paris geweſen iſt, da ich es nach einem Zeitraume von ſo langen, langen Jahren wiederſah. Sie haben es alſo früher beſucht? Als ich es verließ, ſagte er im eigenen Rückerinnern, war man mitten in der Bewegung der Revolution. Welche Zeit der Hoffnungen, welche Zeit der Sorge, der Angſt, der Enttäuſchung! Er brach ab, ich konnte ſeinem Gedankengange nicht deutlich nachkommen, und er ſelbſt wandte die Unterredung auf näher liegende Dinge. Wir hatten während deſſen das Portal des Hauſes erreicht, in welchem ich wohnte, der Onkel wollte ſich von mir trennen. Er logirte unfern in einem Gaſthofe, ſo daß wir einander leicht erreichen konnten, und ich fragte, wann wir uns am nächſten Tage wiederſehen würden. Während er dies überlegte, zog er, wie man das oft unwillkürlich thut, wenn man an eine Zeitbeſtimmung denkt, die Uhr aus ſeiner Taſche, und indem er auf das Zifferblatt ſchaute, erblickte ich auf der Rückſeite der ganz altmodiſchen, aber koſtbar in Brillanten gefaßten Uhr ein weibliches Bildniß. Ach, die Prinzeſſin! rief ich unwillkürlich aus. Der Onkel hob den Kopf empor und ſah mich an. Was weißt Du von ihr? fragte er in einem Tone, der faſt ſtreng zu nennen war, und der mich verwirrte oder erſchreckte, daß ich mir wie ein Kind vorkam, welches ſich über einer unerlaubten Handlung ertappt fühlt. Ich habe einmal dieſes Portrait, das heißt ein Bild dieſer Frau, bei der Urgroßmutter geſehen, und ſie hat mir geſagt, daß es eine franzöſiſche Prin⸗ zeſſin ſei. Und wo iſt dieſes Bild jetzt? fragte der Onkel lebhaft weiter. Ich beſitze es! gab ich ihm zur Antwort. Er ſtand einen Augenblick in Gedanken, als ob er weiter ſprechen wollte; aber er erwiderte nichts auf meine Antwort und wir trennten uns, nachdem wir eine S für den nächſten Morgen getroffen hatten. ==— —— Drittes Kapitel. Mein Verkehr mit meinem Großonkel währte damals etwa eine Woche, während welcher wir eine herzliche Zuneigung zu einander faßten. Er war ein Mann von klarem Verſtande und von reicher Erfahrung, und eben darum von großer Duldſamkeit und Milde. Da ſeine reife Jugend in die Zeit der erſten franzöſiſchen Revolution gefallen, und er überhaupt von ſeiner Mutter in den ſchwungvollen Ideen jener Zeit erzogen worden war, hatte er ſich die Theilnahme für alles Menſchliche, Gute und Vernünftige bewahrt, die man bei den Jüngern jener Epoche zu finden pflegte; und ſein Leben in den freien Staaten Nordamerica's hatte den edeln Sinn der geſunden Vernunft, der alle Lehren der Gerechtigkeit und Menſchlichkeit nur als vernünftig anerkennt, auf das höchſte in ihm ausgebildet. Er war dabei aber gar nicht geneigt, Doctrinen aufzuſtellen oder über Theorien zu ſtreiten, eben weil ihm das Vernünftige natürlich und nothwendig erſchien, und er das Unvernünftige nicht der Rede werth hielt.. Von ſeinen Erlebniſſen in America, von der Mühe, welche er gehabt, ſich Anfangs durch die Welt zu bringen, von ſeinen Erfolgen, wie von den bedeu⸗ tenden Perſonen, welche er in America kennen gelernt, redete er gern und gut. Von der Zeit ſeiner Jugend, welche ſeiner Flucht vorangegangen war, ſprach er nie ein Wort. Seine Erkundigungen nach der Heimath beſchränkten ſich fortan nur auf die noch lebenden Familienglieder und auf den Seehof, und als wir uns in Paris trennten, ſagte er mir, daß er geſonnen ſei, den Seehof zu bewohnen, das dazu gehörende Land in einen Garten zu verwandeln, und daß er ſich freuen würde, wenn ich ihn in Jahr und Tag beſuchen käme, um zu ſehen, was er dort geſchaffen haben würde. Dieſe unerwartete Rückkehr des Onkels machte natürlich das höchſte Aufſehen in der Familie. Er war eine Zeit hindurch der Gegenſtand einer allgemeinen, unruhigen Theilnahme, bis die Verwunderung ſich ſchnell in Zutrauen und in Neigung verwandelte, und Alle es ſehr zufrieden waren, den trefflichen Greis noch zu beſitzen. Mein Bruder, der am meiſten mit ihm zu thun hatte, rühmte die Leichtigkeit und Feinheit, mit welcher er alles Geſchäftliche behandelte, das zwiſchen ihnen wegen des Seehofs abzumachen war, und nachdem der Greis ſo lange in Hamburg verweilt, als nöthig war, die ganze Familie dort kennen zu lernen, fuhr er nach dem Seehof hinaus, den er zu ſeinem Wohnſitze auserſehen. Im Laufe des Sommers und des Herbſtes kam er mehrmals nach der Stadt. Er hatte Beſtellungen und Einkäufe zu machen, um ſein Haus und die Wirthſchaft auf einen ſchicklichen Fuß zu bringen. Er nahm Handwerker hinaus, engagirte einige Gartenarbeiter und einen Gärtner, der unter ſeiner Leitung die Einrichtung der Gärten und des Treibhauſes übernehmen ſollte, und als die Kälte des Winters herankam, hatte er ſich eine behagliche Heimat und eine neue Thätigkeit geſchaffen, da er einer ſolchen nicht entbehren konnte. Schon im Laufe des erſten Jahres kaufte er einige Morgen Land dazu, und als er mich etwa achtzehn Monate nach unſerm erſten Begegnen aufforderte, ihn zu beſuchen, konnte er mit Fug und Recht von ſich fagen, daß ich zwar nur zu einem Arbeiter, aber zu einem ſolchen kommen würde, der Freude an ſeiner Arbeit habe. Erſt den zweiten Sommer nach der Rückkehr des Onkels Emil, wie man ihn in der Familie nannte, wurde es mir möglich, nach Deutſchland zu gehen und der Einladung nach dem Seehof zu folgen. Ich fand denſelben aber ſo verändert, daß ich über die große Thätigkeit des jetzt faſt ſiebenzigjährigen Mannes nicht genug erſtaunen konnte. Schon die Straße, welche dahin führte, war den Poſtillonen jetzt nicht mehr unbekannt. Neue Wegweiſer zeigten ſie dem Wanderer, und es waren Gewerbtreibende und Nothleidende genug vorhanden, welche gelernt hatten, dieſen Weg zu gehen. Das Haus war völlig hergeſtellt, die verfallene Stuckatur⸗ arbeit dauerhaft ergänzt. Schon von Weitem ſah man die bedeutenden Treib⸗ häuſer, welche ſich an das alte, kleine Treibhaus anſchloſſen, und zur anderen Seite des Gebäudes waren kleine, artige Häuschen für die Gartenarbeiter und verſchiedene Wirthſchafts⸗Gebäude erſtanden, während wir, ehe wir den Seehof erreichten, ſchon eine ganze Strecke zwiſchen Garten⸗Anlagen hinzufahren hatten. Vor der Thür des Seehofs nahm der Onkel mich in Empfang, und auf meinen Ausruf, daß ich das Gut nicht wiedererkenne, daß er hier in der kurzen Zeit faſt Unwahrſcheinliches geleiſtet habe, ſagte er mit heiterer Ruhe: Vorwärts zu kommen, das lernt man drüben in America, wo man ſo oſt genöthigt iſt, das Haus erſt zu zimmern, in dem man übernachten will; und dieſe Gewohnheit, raſch vorwärts zu gehen, kommt dann dem Alter ſehr zu Statten, das doch auch noch etwas ſchaffen möchte, und nicht viel Zeit dafür übrig hat. Auch im Innern des Hauſes war Alles hergeſtellt, ohne daß man jedoch in den Roecoco⸗Zimmern eine Neuerung vorgenommen hätte. Man hatte nur das Schadhafte ergänzt, und ſie ſprachen mich daher als ein Altbekanntes an. Der Onkel hatte ſeine eigentliche Wohnung in dieſem Salon und in dem Schlafzimmer daneben. Die Stube, in welcher die Wiege geſtanden, war in eine Arbeitsſtube für ihn verwandelt worden, zu der man vom Flur aus den Zutritt hatte, und auf der anderen Seite des Hauſes, welches Mademoiſelle Dubois inne gehabt, waren ein Eßzimmer und ein paar Fremdenſtuben einge⸗ richtet, hinter denen ſich das Wirthſchafts⸗Gelaß befand. Ein alter Diener, den der Onkel aus Amerika mit ſich gebracht, und die Haushälterin von Mademviſelle Dubois, welche er zu ſich genommen, überwachten das Hausweſen, — und rund umher herrſchte in Garten und Feld eine ſo rüſtige Thätigkeit, ein ſo erſichtliches Gedeihen, daß der melancholiſche Hauch, welcher über den Zimmern des Onkels lag, doppelt fühlbar dadurch wurde, daß die klagende Melodie der Romanze, welche die Spieluhr noch immer durch die Zeiten ſang, nur um ſo rührender tönte. 3 Aber hier ſo wenig als damals in Paris erwähnte er ſeiner Jugend, und obſchon er an den Schickſalen der einzelnen Familienglieder herzlichen Antheil nahm, obſchon er ſich um die kleinſten Vorgänge im Leben ſeiner Arbeiter väterlich ſorgend bekümmerte, obſchon jeder, der ſich an ihn wandte, auf ein achtſames Gehör und ſo weit als möglich auf ſeinen Rath und ſeinen Beiſtand rechnen durfte, ſchien ihn eine heilige Scheu vor jeder Enthüllung ſeines Innern zurückzuhalten. Das war um ſo auffallender, da er, wie geſagt, von ſeinen ſpäteren äußeren Erlebniſſen gern und viel erzählte, ganz vortrefflich ſprach, und entſchieden liebebedürftig war. Seine Lebensweiſe war eine ſehr regelmäßige. Er ſtand früh mit ſeinen Arbeitern auf, und die Zeit bis zum Mittage ſeiner Leute brachte er immer mit und unter ihnen zu. Dann nahm ihn eine weitverzweigte, theils geſchäft⸗ liche, theils freundſchaftliche Correſpondenz in Anſpruch, und die Stunden, welche ſeiner Mahlzeit vorangingen, das heißt von drei bis ſechs Uhr, pflegte er mit Lectüre oder mit botaniſchen Studien auszufüllen. Von der Mahlzeit ab gehörte er dann ſeinem Gaſte, da er ſtets Einen oder den Andern ſeiner Verwandten bei ſich hatte; und was dann die Lage des Seehofes irgend An⸗ genehmes gewähren konnte, das wurde aufgeboten, den Gaſt zu vergnügen. Spät, wenn Alles im Hauſe die Ruhe ſuchte, ließ der Onkel ſich im Salon noch die Kerzen auf einem kleinen eingelegten Schreibpulte anzünden, den er am Tage niemals benutzte, und dann pflegte er noch einige Stunden zu wachen und zu ſchreiben, wenn Alles ſchlief und Nichts um ihn lebendig war, als die Erinnerungen ſeines Lebens, an deren Aufzeichnung er an dieſem Schranke arbeitete. In dieſer Weiſe hatte er noch faſt zehn Jahre auf dem Seehofe gelebt, ein Menſchenfreund in der edelſten Bedeutung des Wortes, als ein ruhiger Tod den faſt Achtzigjährigen dahin nahm. Meilenweit in die Runde hatte ſein Einfluß ſich geltend gemacht, und ohne daß er irgend welchen beſtimmten ſocialen oder philantropiſchen Ideen gefolgt wäre, hatte er, indem er einfach mit Rath und That zu Hülfe kam, wo eine Hülfe nöthig war, auf die Kultur des Landes und auf die Lage ſeiner Bewohner höchſt weſentlich und vortheilhaft gewirkt. Der Seehof aber war in ſeinen Händen zu einer werthvollen Beſitzung geworden, welche er meinem Bruder vererbt hat, in deſſen Armen er geſtorben iſt, und den er zu entſchädigen wünſchte für die Opfer, welche unſer Vater und mein Bruder auf die Erhaltung des Seehofs verwandt. Mein Bruder wurde damit auch der Erbe ſeiner Papiere. Was ſich in denſelben auf des Onkels inneres Leben, auf die Schickſale ſeiner Jugend bezog, fand ſich alles in dem kleinen lackirten Schranke des Salons beiſammen, an dem er immer nur bei nächtlicher Weile gearbeitet hatte. Es waren mehrere Hefte Memoiren, in deren Aufzeichnung der Greis ſich offenbar mit feiernder Liebe verſenkt hatte. An Einſamkeit gewohnt und deshalb nicht geneigt, ſich durch Geſpräche über die Vergangenheit den Genuß belebter Erinnerungen zu bereiten, waren dieſe Blätter ihm die Freunde geweſen, denen er ſich anvertraut, je nachdem das Andenken an entſchwundene Zeiten in ihm mächtig geworden war. Bald war es eine lange fortlaufende Erzählung, bald wie ein Ausruf zärtlichen Gedenkens, dann kamen wieder längere Bruchſtücke. In dieſer Weiſe 20 hatte er ſeine ganze Kindheit und ſein Jugendleben behandelt, und obſchon die einzelnen Kapitel dem Anſcheine nach zu ſehr verſchiedenen Zeiten geſchrieben worden waren, bildeten ſie doch ein verſtändliches und fortlaufendes Ganzes. Dieſe Aufzeichnungen aber ſind es, welche meinem nothwendigen Vorberichte folgen. Er hatte ſie überſchrieben: Erinnerungen aus einem Menſchenleben. Indem ich mich hinſetze, meine Erinnerungen außzuſchreiben, ſo begannen die Memoiren, habe ich keinen anderen Zweck als meine eigene Befriedigung. Ich will Nichts beweiſen, ich will mich weder anklagen, noch mich vertheidigen. Jedes Leben iſt eine Reihe von Urſachen und Folgen, die zum Theile nicht in uns liegen. Glücklich genug der Menſch, der ohne ſchwere Reue zurückſchauen kann, der ſich an einen Wechſel von Freuden und von Schmerzen zu erinnern hat, der ſich nicht ſagen muß, ich konnte nicht herſtellen und nicht ſühnen, was ich durch meine Irrthümer zerſtört und gefehlt, ich konnte denen nicht lohnen, diejenigen nicht beglücken, die ich liebte und welche mich geliebt haben. Mein Vater war ein hamburger Kaufmannsſohn und hatte in ganz jungen Jahren ſeine kaufmänniſche Lehrzeit in Italien und in Frankreich durchgemacht. In dieſem letzteren Lande hatte er ſich viele Bekanntſchaften und einflußreiche Gönner erworben, und als er ſich in Hamburg etablirt, und ein für die da⸗ maligen Zeiten umfangreiches Geſchäft begründet hatte, wurde er durch Ver⸗ mittelung ſeiner auswärtigen Freunde zum franzöſiſchen Konſul in unſerer Vater⸗ ſtadt ernannt. Das veranlaßte ihn zu einem wiederholten Beſuche von Frankreich und von deſſen Handelsſtädten, und es war in Bordeaux, wo er meine Mutter kennen lernte und zur Frau gewann. Meine Mutter ſtammte aus einer ſehr angeſehenen Familie. Einer ihrer Onkel und ihr Bruder bekleideten wichtige Verwaltungspoſten in Paris, und ſie ſelbſt hatte in einem pariſer Kloſter, in welchem meiſt nur die Töchter des höchſten Adels als Penſionärinnen aufgenommen wurden, durch Verwendung ihrer Familie den Zulaß, und eine ſorgfältige Erziehung genoſſen. In jenem Kloſter entſpannen ſich die erſten Fäden des Geſchickes, das über mein ganzes Daſein entſchieden hat. Die Ehe meiner Eltern war eine ehrenhafte und ſchickliche. Sie hatten Achtung vor einander, die ſie auch beide fordern konnten, und ihre beiderſeitigen Neigungen trafen gut zuſammen. Mein Vater war ein galanter Mann, der noch als Greis die huldigenden Rückſichten für ſeine Frau nicht anßer Acht ließ. Meine Mutter wußte ihm ihre Anerkennung dafür durch freundliches Eingehen auf ſeine Wünſche zu danken. Mein Vater war prachtliebend, meine Mutter verſtand es, ſeinem Hauſe Ehre zu machen, und weil damals die Bildung und die Sitten der guten Geſellſchaft durchweg in Europa einen franzöſiſchen Zu⸗ ——— ſchnitt hatten, ſo war es meiner Mutter nicht ſchwer geworden, ſich in ihrer neuen Heimat heimiſch zu fühlen. Gleich in den erſten Jahren ihrer Ehe wurden meinen Eltern in ſchneller Folge zwei Söhne geboren, und damit ſchien die Reihe ihrer Nachkommenſchaft geſchloſſen zu ſein. Je mehr aber dieſe Kinder heranwuchſen, je freier ſie die Zeis meiner Mutter ließen, welche der Reichthum meines Vaters der klein⸗ lichen Sorge um ihr Hausweſen enthob, um ſo mehr bemächtigte ſich ihrer ein inneres Unbehagen. Während mein Vater mit ſeinem blühenden Geſchäfte, mit ſeiner hoch⸗ geachteten Stellung, mit ſeiner ſchönen und tugendhaften Frau ſich im Kreiſe ſeiner heranwachſenden Kinder vollſtändig glücklich fühlte, bildete ſich in meiner Mutter die Ueberzeugung aus, daß ſie das wahre, höchſte Glück des Herzens, daß ſie die rechte Liebe nie gekannt habe, wenn ſchon ihr ein ſchönes befriedigendes Lebensloos gefallen ſei. Sich zu zerſtreuen, nahm ſie zur Lectüre ihre Zuflucht, und Rouſſeau, den mein Vater in ſeinen philoſophiſchen Schriften bewunderte, wurde für meine Mutter der Evangeliſt der Liebe, nachdem ihr die„Neue Heloiſe“ be⸗ kannt geworden war. Sie las nun alles, was er ſchuf und dichtete, und wie meines Vaters ſtolzer, bürgerlicher Freiheitsſinn ſich in dem Contrat social befriedigt fand ſo ſchwärmte meine Mutter mit Madame de Wollmar und Saint Preur für das höchſte Ideal der Liebe, um wie ihre Heldin darauf als tugendhafte Gattin Verzicht zu leiſten. Aber ſie wünſchte ſich noch einen Sohn, um ihn nach dem Vorbilde von Rouſſeau's Emil zu einem freien und voll⸗ kommenen Menſchen erziehen zu können. Indeß Jahre vergingen, ohne daß dieſer Wunſch ſich ihr erfüllte, und ſchon hatte ſie der Hoffnung entſagt, noch einmal Mutter zu werden, als dieſe ſich ihr zu ihrer großen Freude eröffnete. Meine Mutter, die ſich ſehr jung verheirathet hatte, ſtand in ihrem zweiunddreißigſten Lebensjahr, mein jüngſter Bruder war achtjährig, als ich ge⸗ boren wurde, und meine beiden Eltern habe ich es oftmals ausſprechen hören, daß meine Geburt ihnen eben ſoviel, wenn nicht mehr Freude gemacht habe, als die ihres erſten Kindes. Es iſt aber ein großes Glück für einen Menſchen, ja, es iſt eigentlich ein Segen für ſein ganzes Leben, mit Freuden begrüßt, von Liebe, Muth und Hoffuung bewillkommt zu werden bei ſeinem Eintritt in die Reihen der Menſchen, und ich habe immer Mitleid gehabt mit jenen Geſchöpfen, die von ihren Eltern gleichſam als nothwendige Laſten mit ſorgendem Erbarmen aufgenommen werden. WMein Vater ſah in ſeinem reichen Hauſe das Wachſen ſeiner Familie mit Vergnügen. Er hatte Anſehen, Ehren und Mittel genng, uns alle damit auszuſtatten. Meine älteren Geſchwiſter waren entzückt über den Neugebornen, der ihnen in ſeiner Hülfloſigkeit ein Gegenſtand der Neugier und des thä⸗ tigen Wohlwollens wurde, indem die Kinder ſo viel Befriedigung finden, und für meine geliebte Mutter war mit meiner Geburt der Anfang eines neuen Daſeins aufgegangen. An ein Ideal der Liebesleidenſchaft dachte ſie jetzt nicht mehr, ſie gelobte ſich der Mutterliebe an, und mich, den nachgeborenen Sohn, dem ſie aus Vorliebe für Rouſſeau den Namen Emil beigelegt hatte, auch, wie man es damals nannte, à la Jean Jaques Rousseau zu erziehen, das war ihr höchſtes Streben. Mein Vater, den ihre Schönheit immer ſehr erfreut, hatte aus Sorge für die Erhaltung derſelben meine älteren Geſchwiſter von fremden Frauen ſäugen laſſen. Er wollte dieſes Auskunftsmittel aus gleichem Grunde auch für mich in Anwendung bringen, aber diesmal verweigerte meine Mutter es entſchieden, um ſelbſt meine Amme zu werden. Sie hatte mich mit geſteigerter Freude erwartet, ſie hängte ſich feſter an mich, ſie liebte mich mehr als ihre älteren Kinder, weil ſie mich ſelbſt ernährte, ja, weil ſie mich ſelbſt in einer Weiſe wartete und pflegte, welche damals für eine Frau von ihrer geſellſchaftlichen Stellung und von ihren perſönlichen Anſprüchen etwas Unerhörtes war. Sie war immer eine gute Gattin und Mutter geweſen, jetzt ſtrebte ſie doppelt danach, ein ſchönes Familienleben um ſich her zu verbreiten, um ihrem Lieblingskinde nur reine und gute Eindrücke zukommen zu laſſen; und wenn meine Geſchwiſter in ge⸗ wiſſem Sinne mir den Vorzug wohl zu neiden gehabt hätten, welchen die Zärt⸗ lichkeit meiner Mutter mir einräumte, ſo gewannen ſie doch auch ihrerſeits weſent⸗ lich durch die neue Richtung, welche die Seele meiner Mutter genommen hatte. Ich habe alſo den Troſt für mich, daß meine Geſchwiſter mich alle liebten, daß meine Geburt ihnen geiſtig nichts entzog. Ich wuchs in der glücklichſten Lage heran. Mein Vater, der ſelbſt ein ſtattliches Aeußeres und eine vortreffliche Haltung hatte, begünſtigte alle Unter⸗ nehmungen meiner Mutter, welche es bezweckten, mich, und mit mir meine älteren Brüder körperlich abzuhärten und auszubilden. Wir lebten den größten Theil des Jahres auf unſerem Landhauſe in freier Luft, wir lernten unſere Glieder zur Arbeit und in allen männlichen Künſten brauchen, und wir ge⸗ diehen, da wir die kräftige Körperanlage meines Vaters ererbt hatten, vor⸗ trefflich dabei. Mit dieſer körperlichen Erziehung ging aber, ſoweit es mich betraf, eine eben ſo große Sorgfalt für die Entwicklung meiner geiſtigen Fähigkeiten Hand in Hand. Meine Mutter fing an, ſich mit mancherlei Wiſſenſchaften zu beſchäf⸗ tigen, welche ihr bis dahin fern gelegen hatten, um mich ſelbſt unterrichten zu können. Ich erlernte von ihr faſt ſpielend das Engliſche und Franzöſiſche, während wir andere Dinge trieben, und auch die Anfangsgründe der Muſit kamen als etwas Gelegentliches durch ſie an mich heran. Da ich von Natur mäßig in meinen Wünſchen war, und wir in einer Behaglichkeit lebten, welche uns obenein wenig zu wünſchen übrig gelaſſen hätte, ſelbſt wenn unſere Verlangniſſe weiter gegangen wären, ſo hatte man mir ſelten etwas abzuſchlagen; und da ich bei den Eltern wie bei den erwachſenen Geſchwiſtern der größten Zuvorkommenheit begegnete, ſo bedurfte es von meiner Seite keiner beſonders glücklichen Anlage, um mich vor der frühen Entwicklung übler Leidenſchaften zu bewahren. Meine gute Mutter rühmte es als einen Erfolg ihrer Erziehungs⸗ Methode à la Jean Jaques, daß ich zehn Jahre alt geworden ſei, ohne daß ſie je eine Unwahrheit, ohne daß ſie je eine Anwandlung von Neid, von Zorn an mir bemerkt habe. Sie glaubte ein Meiſterſtück zu vollführen, und bedachte nicht, wie ſehr ſie mich gewöhnt hatte, alles zu erlangen, was ich wünſchte, wie völlig fremd es mir war, auf irgend einen Widerſtand zu ſtoßen. Die Erziehung eines Menſchen wird aber in ſeinen erſten Lebensjahren gemacht, und die Grundzüge ſeines Characters bilden ſich eben ſo früh. Seit ich mich erinnern konnte, hatte man in meiner Gegenwart häufig von den FPflichten geſprochen, welche Eltern für ihre Kinder, von der Verant⸗ wortlichkeit, welche ſie für das Glück derſelben hätten, und eben ſo oft hatte ich es ſagen hören, daß Jeder ſeine Wünſche nach ſeinen Anlagen zu geſtalten habe. Kinder aber ſind viel klüger, ſind viel ſchärfere Beobachter, als man glaubt, und wiſſen aus dem, was ſie vernehmen, ohne es recht zu verſtehen, ſich mit großem Egoismus die ihnen gemäßen Schlüſſe zu ziehen. Daß ich Pflichten gegen meine Eltern hätte, davon ſprach man nicht mit mir, benn ich war ein gutes Kind, und während ich mich alſo mit voller Unbefangenheit für den Mittel⸗ punct des Daſeins für meine Eltern anſah, hielt ich mich, eben weil ich ein ſo gutes, beſcheidenes Kind ſein ſollte, auch für ein beſonderes Weſen, dem einmal, wenn es erſt groß ſein würde, auch ein ganz beſonderes Schickſal und ein ganz beſonderes Glück zu Theil werden müßten. Nach Rouſſeau's Prinzipien und nach dem Willen meiner beiden Eltern ſollten alle ihre Söhne ein Handwerk erlernen. Man meinte das ernſtlich, nahm es aber nicht ernſthaft, und die Geſchicklichkeit, welche meine Brüder ſich als Stellmacher und Schloſſer erworben hatten, wäre kaum ausreichend geweſen, ſie in einer Werkſtatt irgend wie brauchbar zu machen. Mich ließ man, da ich viel Liebe für Blumen zeigte, unter der Anleitung eines Gärtners arbeiten, und dieſe Beſchäftigung im Freien, die mir wohl gefiel, erzengte in mir ſchon in der Kindheit den Wunſch, ganz auf dem Lande zu leben. Meine Mutter war durch dieſe meine Richtung ſehr erfreut. Sie ſah auch darin eine Wirkung ihrer Erziehungs⸗Methode, welche mir den Zuſammenhang mit der Natur zum Bedürfniß gemacht, mich im Zuſammenhange mit der Natur erhalten hatte, und da mein Vater, wie faſt alle reich gewordenen Kaufleute, das Verlangen trug, einen Theil ſeines Vermögens den Wechſelfällen des Handels zu entziehen und in — Grundbeſitz anzulegen, ſo kam man leicht darin überein, daß ich Landwirth werden, und einſt ein Gut für mich gekauft werden ſollte. Es war damals die Zeit des Humanismus und der philanthropiſchen Ideen. Meine Mutter hing ihnen von ganzer Seele an und ſah mich im Geiſte ſchon auf meinem Gute, einen vollendeten Menſchen, an der Seite einer eben ſo vollkommenen Gattin, an der Spitze einer glückſeligen Kolonie, für deren Verwaltung meine ganze Bildung mich vorbereiten ſollte. Dieſe Beſtrebungen waren in gewiſſem Sinne phantaſtiſch, aber die Quelle, aus welcher ſie ent⸗ ſprangen, war rein.. * Auf mich hatte der Idealismus meiner Mutter eine doppelte Wirkung. Er gab mir eine leidenſchaftliche Liebe für ſie, Theilnahme für meine Mit menſchen, er zerſtörte in mir alle Standes- und Religions⸗Vorurtheile, welche damals in meiner Vaterſtadt noch ſehr im Gange waren. Ich erhielt ein ſtarkes, reines Selbſtgefühl, aber mein Herz ward zu weich gmacht, meine Empfänglichkeit zu ſehr geſteigert, und ich lernte es nicht, einzuſehen, daß das Leben wenig Vollkommenes erzengen könne, und daß allem idealen Wollen durch die beſtehenden Verhältniſſe ſchwerfällige Hinderungen und enge Schranken ge⸗ ſetzt ſind. Und ſo war ich denn mit ſechszehn Jahren ſehr erwachſen, recht unterrichtet, und ein liebevoller, zärtlicher Schwärmer, der es ſich wohlgefallen ließ, einen poetiſcheren Lebensberuf zu haben, als ſeine älteren Brüder, und von der Mutter als der Erfüller ihrer Hoffnungen mit beſonderer Liebe bevor⸗ zugt zu werden. Meine Mutter hatte bis dahin eine gute Geſundheit genoſſen. Jetzt fing ſie zu kränkeln an, und die Aerzte riethen zu dem Gebrauch der Bäder von Spaa, welches damals ſeines größten Rufes genoß, und zugleich einen Ver⸗ einigungspunet für die elegante Geſellſchaft von Deutſchland und Frankreich bildete; denn in jenen Tagen reiſten auch die Geſunden noch zum Vergnügen in das Bad. Daß ich meine Mutter begleiten müſſe, davon ſprach man gar nicht beſonders, es ſchien Allen ſelbſtverſtändlich. Mein Vater, welcher einige Jahre vorher Senator geworden war, ſetzte ohnehin ſeinen ganzen Stolz darin, ſeine Frau in dem weltberühmten Badeorte reich und vornehm auftreten zu laſſen, und er bedauerte es nur, daß er und ſeine anderen Söhne die Mutter nicht ebenfalls begleiten konnten, um eine noch impoſantere Familie darzuſtellen, und ihre Equipage und Dienerſchaft noch anſehnlicher auszuſtatten. Sogar meine beiden Brüder, die bereits ſeit Jahren als Theilnehmer in dem Geſchäfte meines Vaters thätig waren, hatten bei ihrer Herzensgüte und Freigebigkeit offenbar eine Genugthuung darin, die geliebte Mutter die Früchte ihrer Arbeit genießen zu ſehen, wie ihr das ſo wohl anſtand, und ſchon im Beginn des Früh⸗ jahrs hatte mein Vater eine Wohnung in Spaa beſtellt, eine neue Reiſekutſche bauen laſſen, und zwei neue Wagenpferde und ein Reitpferd angeſchafft, welche Fanny Lewald, Der Seehof. 3 Letztere mit einem Kutſcher uns vorangehen, und uns im Bi zu Spiefhe⸗ ten und Landpartieen dienen ſollten. Nach monatelangen Vorbereitungen, bei denen die e mit Schneidern, Putzmacherinnen und Juwelieren keinen kleinen Theil eingenommen hatten, brachen wir endlich, von den Wünſchen der ganzen Familie geleitet, von Hamburg auf. Wir waren mit Empfehlungsſchreiben an Geſchäftsfreunde für die Orte verſehen, an denen wir unterwegs verweilen ſollten, und der Ruhe⸗ punkte gab es nur zu viele. Unſer Wagen war mit Vorräthen aller Art aus⸗ geſtattet, die Kammerjungfer meiner Mutter und ein treuer Diener, deſſen Brauchbarkeit mein Vater ſchon auf ſeinen eigenen früheren Reiſen erprobt, ſaßen auf dem Bocke, und ſo fuhren wir, von vier Poſtpferden gezogen, unter dem Segen des ſchönſten Sonnenſcheines in die Welt. Es war Mitte Juli, als wir in Spaa anlangten, und im... hauſe die für uns gemiethete Wohnung bezogen. Sie beſtand aus einer halben Etage von fünf Zimmern, außer den Stuben für die Dienerſchaft. Weil dies in der That für unſere Bedürfniſſe ſehr geräumig war, weil obenein mein Vater, noch ehe wir angekommen waren, eine ganze Ladung von Dingen an den Wirth geſandt hatte, welche er für die Bequemlichkeit ſeiner Gattin wünſchenswerth glaubte, und weil endlich das Auftreten meiner Mutter eben ſo elegant als würdig war, bildete ſich in dem Hauſe, ohne daß wir es Anfangs bemerkten, bald das Urtheil, daß wir irgend eine vornehme Herrſchaft wären, die unter bürgerlichem Namen zurückgezogen zu leben wünſche. Das Leben in dem Bade gefiel uns gleich von Anfang ſehr. Die Gegend war ſchön, der Verkehr leichter als in unſerer Vaterſtadt, und da ſich viel Franzoſen unter den Curgäſten befanden, ſo genoß meine Mutter das lange entbehrte Vergnügen, ſich einmal wieder unter ihren Landsleuten zu bewegen, welche ſie, als Frau eines franzöſiſchen Conſuls, doppelt zu den Ihrigen zählten. Was mich anbetraf, ich genoß dieſe Zeit der erſten Freiheit mit wahr⸗ haftem Entzücken. Zu Hauſe hatte ich bei aller Nachſicht, welche man mir von Seiten des Vaters und der Brüder angedeihen ließ, doch immer das beſchä⸗ mende Gefühl gehabt, kein Arbeiter zu ſein wie ſie. Und ſelbſt wenn ich dem hochmüthigen Gedanken nachgehangen, zu etwas Beſſerem beſtimmt zu ſein, ſo hatte ich doch dazwiſchen immer wieder meines Müßiggehens gedacht, und ge⸗ wünſcht die höheren Sphären des Lebens kennen zu lernen, aus denen ich dann, wie meine Mutter es nannte, mit geläutertem Sinne zu den Arbeiten des Le⸗ bens zurückkehren ſollte.— Hier in dem Badeorte hörte das drückende Gefühl meiner Sonderſtellung plötzlich auf. Niemand arbeitete, Alle ſuchten ſich zu vergnügen, ich that alſo genau ſo viel, als alle die Anderen, und die Zwangloſigkeit, mit welcher der Verkehr der Badegäſte unter einander Statt fand, machte mich glauben, daß in der guten, großen Geſellſchaft die Standes⸗Vorurtheile abgethan wären, wie die Geſpenſterfurcht. Wer mit äußerm Anſtand auftrat, gut Franzöſiſch ſprach, gefällige Sitten hatte, konnte hier in der Geſellſchaft keinem Hinderniſſe begeg⸗ nen, und meine Mutter und ich fanden uns bald in einen Kreis hineingezogen, der weit ablag von dem Bereiche, in welchem wir uns zu Hanſe bewegten. Das war durch einen Zufall herbeigeführt worden. In dem Hauſe, in welchem wir wohnten, hatte eine Herzogin das Rez⸗de⸗ Chauſſee und den Garten gemiethet, aber trotz der großen Zimmerreihe, welche ſie inne hatte, meinte ſie noch einer Stube zu bedürfen, und ließ meine Mutter fragen, ob ſie nicht geneigt wäre, ihr eine der Domeſtikenſtuben zu überlaſſen. Meine Mutter erklärte ſich dazu bereit, unter der Bedingung, daß man uns den Beſuch des Gartens und eine Laube in demſelben zu unſerem Gebranche geſtatte, und das lebereinkommen kam auf dieſe Weiſe bald zu Stande. Wir gaben das Zimmer ab, das nur zur Aufbewahrung der Koffer gedient hatte, und ließen uns dafür an dem nächſten Morgen mit unſerm Frühſtück in der Laube des Gartens nieder, froh des trefflichen Tauſches, den wir gemacht hatten. Da meine Mutter ſich ſeit meiner Kindheit gewöhnt hatte, ſich zeitig zu erheben und die Morgenſtunden mit mir in der freien Natur zuzubringen, ſo waren wir auch hier in Spaa immer mit unter den Erſten, welche ſich an den Brunnen begaben, und wir hatten uns an dem Tage, an welchem wir uns das erſte Frübſtück in der Laube des Gartens verſprechen durften, beſonders zeitig aufgemacht. Obſchon es aber eben erſt fünf Uhr war, als wir an die Quelle kamen, fanden wir ſchon einige Perſonen vor. Unter ihnen befand ſich eine Dame, die uns den Rücken zugekehrt hatte, und welcher ihr Diener eben den gefüllten Becher darreichte. Sie hatte das Capuchon ihres ſchwarzen Mantelets über den Kopf genommen, weil der Morgen noch kühl war, aber ihre Geſtalt war ſo hoch und edel, daß ſie mir auffiel, und grade als ich meine Mutter auf ſie aufmerkſam machte, wandte die Dame das Haupt um. Sie mußte es alſo gewahren, daß wir ſie betrachteten, und ſchien ihrerſeits ebenfalls durch irgend etwas in dem Weſen meiner Mutter überraſcht zu werden, denn ſie ſah ſie förmlich forſchend an, drehte ſich, nachdem ſie ſich ſchon entfernt hatte, noch mehrmals um, und meine Mutter machte die Bemerkung, daß für ſie in dem Geſichte der Fremden irgend eine Aehnlichkeit liege, daß ſie meine, ihr ſchon begegnet zu ſein, ja, daß ſie ſie durchaus kennen müſſe. Der Dame aber mußte es eben ſo gegangen ſein, denn ſie kreuzte auf der Promenade mehr⸗ mals abſichtlich unſern Weg, und als wir dann abermals am Brunnen zuſam⸗ mentrafen, näherte ſie ſich uns, und ſagte zu meiner Mutter: Es iſt gewiß ſehr ſelten, daß man in den Zügen einer Frau noch die Phyſiognomie eines Kindes wiederfinden kann. Aber es müßte mich Alles tänſchen, wenn Sie 3* 3* nicht einſt Penſionärin im Kloſter der Carmeliterinnen in Paris geweſen wären, wie ich ſelbſt! In dem nächſten Augenblicke reichten die beiden Frauen einander die Hände, die Namen Pauline und Valerie ertönten mit gegenſeitiger Freude. Die Frauen waren angenehm überraſcht, ſich faſt nach einem Menſchenalter ſo unerwartet wieder zu finden, ſie fragten ſich um die Länge der Zeit, welche man ſchon in dem Badeorte zugebracht, um die Wohnung, die ſie inne hätten, und auf die Bemerkung meiner Mutter, daß ſie in dem... Hauſe logire, ſagte die Fremde: Nun denn, ſo ſind wir wieder Hausgenoſſen, wie einſt in unſerem Kloſter, und ich habe Ihnen bereits für die Gefälligkeit zu danken, mit welcher Sie mir Ihr Zimmer abgetreten haben. Meine Mutter ſah daraus, daß ihre Jugendgenoſſin, die Tochter einer ganz mittelloſen, aber edlen Familie, eine glänzende Heirath gemacht, und daß ſie in ihr die Herzogin von Valmont vor ſich habe. Trotz ihres bürgerlichen Selbſtgefühls, trotz ihrer freien Anſichten über die Gleichheit der Menſchen, machte dieſe Entdeckung ſie zurückhaltend und änderte ihren Ton. Aber die Herzogin wollte dies offenbar nicht bemerken, denn ſie fragte mit ſolcher Freund⸗ lichkeit nach den Verhältniſſen meiner Mutter, daß dieſe mich herbeirief, um mich als ihren jüngſten Sohn vorzuſtellen. Die Herzogin ſagte mir etwas Verbindliches, erzählte dann, daß ſie eine zahlreiche Familie habe, daß ſie be⸗ reits Großmutter ſei, daß aber keines ihrer Kinder ſie begleitet habe, außer ihrer jüngſten Tochter, die jedoch von der Reiſe ermüdet, bis jetzt unwohl geweſen wäre, und erſt heute ihr Zimmer verlaſſen würde. Es kamen dann andere Perſonen hinzu, welche die Herzogin begrüßten, und meine Mutter verabſchiedete ſich. Das war der Anfang des Tages, der über mein ganzes Leben entſchieden hat. Jenes erſte Begegnen mit der Herzogin führte gleich an demſelben Morgen ein zweites Geſpräch zwiſchen den beiden Frauen im Garten herbei. Wir nahmen unſer Frühſtück in der Laube ein, als die Herzogin ebenfalls in den Garten kam. Sie hatte ihre Tochter an der Hand, und graden Weges auf uns zugehend, ſagte ſie: Sie haben mir heute Ihren jüngſten Sohn vorgeführt, dieſes iſt meine jüngſte Tochter, meine kleine Clandine!— Damit blickte ſie zärtlich zu dem Mädchen hinunter, das uns mit unſchuldiger Neugier freund⸗ lich anſah. Es war das ſchönſte Menſchenweſen, das meine Augen jemals geſehen, und ein Herz wie das ihre habe ich auf der ganzen Erde nicht wieder gefunden. Sie kam mir in jenem Augenblicke wie eine himmliſche Erſcheinung vor, und wie eine ſolche iſt ſie durch mein Leben gegangen. Sie hat es erleuchtet, ſie hat mir ein Paradies geſchaffen, und als ſie von dem Leben ſchied, floh ich, ein Ausgeſtoßener aus dem Paradieſe, in die Welt, die mir leer war und kalt, und die mir keinen Erſatz zu bieten hatte für die Verlorene, für Claudine. Die Herzogin war eine Ariſtokratin, wie jene Zeit ſie in Frankreich vielfach aufzuweiſen hatte. Unangefochten in ihrer Stellung, in ihrem Beſitze und in ihren Rechten, hatte die franzöſiſche Ariſtokratie damals jene Leichtigkeit des Tones, jene ſichere Zuvorkommenheit, welche jeden Aufgeklärten, jeden Gebil⸗ deten, freundlich willkommen hieß. Man fürchtete noch nicht, daß geiſtige Gleichberechtigung den Nichtariſtokraten jemals ermuthigen könne, an den Vor⸗ rechten der Ariſtokratie zu zweifeln oder gar an denſelben zu rütteln. Die vor⸗ nehme Welt in Paris verkehrte vertraulich mit ihren berühmten Schriftſtellern, mit ihren ſchönen Geiſtern. Der amerikaniſche Freiheitskrieg hatte den Liberalismus zur Mode erhoben, mancher Graf und mancher Herzog bekannte ſich zu dem⸗ ſelben, wie zu den Schriften eines Voltaire, eines Ronſſeau. Die Lehren des Letzteren hatten, ſoweit ſie die Erziehung betrafen, auch in Frankreich vielfach Eingang und Anhänger gefunden. Das Alles jedoch hatte keineswegs die Folge gehabt, daß die Ariſtokratie die Gelehrten oder den Bürger als ihres Gleichen anſah. Man räumte ihnen gefällig das Vorrecht ein, zur guten Geſellſchaft zu gehören; aber man würde den bürgerlichen Dichter ſchnell auf ſeinen Stand⸗ punkt zurückgewieſen haben, hätte er es ſich einfallen laſſen, jene Zugeſtändniſſe als ſein Recht zu fordern. Die Herzogin befand ſich in dem gleichen Falle meiner Mutter gegenüber. Es war eine Gefühlsaufwallung geweſen, welche ſie bewogen hatte, dieſelbe anzureden, und als ſie in ihr eine angeſehene gebildete Frau bemerkte, die obenein ihre Hausgenoſſin und, was die Ronſſeau'ſchen Ideen anbetraf, eine Gleich⸗ geſinnte mit ihr war, hielt ſie es gerade dieſen Ideen und ihrer Freiſinnigkeit angemeſſen, meine Mutter unter ihren Schutz zu nehmen, ſie der übrigen Ge⸗ ſellſchaft vorzuſtellen und ſich dem häuslichen Verkehre mit ihr zwanglos zu überlaſſen, wie die Gelegenheit es bot. Meine Mutter täuſchte ſich weder über die Geſinnungen ihrer Jugendfreundin, noch über die Beweggründe, aus welchen dieſelben entſprangen; aber ſie hatte den Grundſatz meines Vaters zu dem ihrigen gemacht, daß man, um vorwärts zu kommen, jeden dargebotenen Fuß breit Erde benutzen müſſe, ſich darauf zu ſtellen und ihn zu behaupten. Der Titel eines Emporkömmlings, den man gewohnt iſt, zu verſpotten, wenn er mit falſchen Anſprüchen verbunden iſt, hatte in dem Sinne meiner Eltern nichts, was ſie erſchreckte; denn ſie hatten das Verlangen, ihren Kindern eine Stellung in der Welt zu bereiten, von welcher aus ſie ſich frei bewegen konnten, und möglichſt Vieles ihnen erreichbar werden ſollte. Meine Mutter nahm den Schutz und die Einführung durch die Herzogin alſo ohne Weiteres an, weil ſie ſich in der beſten Geſellſchaft mit Recht nur an ihrem Platze glauben durfte, und weil es ihr erwünſcht war, mir, dem ſie eine vollſtändige Ausbildung zu geben ſtrebte, die Vortheile meiner Erziehung begreiflich zu machen, und mich zugleich an freiere Umgangsformen mit den Perſonen der verſchiedenſten Stände zu gewöhnen. Was aber Anfangs ein gewährter und angenommener Schutz geweſen war, das wurde zwiſchen den Frauen bald zu einer gegenſeitigen Neigung, und grade das Bewußtſein, welches ſie beide über die Verſchiedenheit ihrer geſellſchaftlichen Stellung behielten, gab dieſer Neigung einen gewiſſen leidenſchaftlichen Zug. Die Herzogin fand ein romantiſches Genügen darin, eine Kanfmannsfrau zur Freundin zu haben und ſie, gegenüber der fragenden Geſellſchaft, als eine Ju⸗ gendgefährtin zu behaupten. Die Familie meiner Mutter war auch nicht unbekannt; ſie ſelbſt ſetzte ihren Stolz darin, den Adel ihres Bürgerſinnes neben der Ariſto⸗ kratie zu beweiſen, und unter den Augen unſerer Mütter genoſſen wir ein Glück, das ſchöner keines Dichters Phantaſie erträumen konnte. Ich ſage: wir,— ich meine Clandinen und mich. Sie hatte eben ihr dreizehntes Jahr zurückgelegt, aber in dem ſchlank aufge⸗ ſchoſſenen Körper, in den feinen, biegſamen Gliedern knospete ſchon die ſanfte Fülle der werdenden Jungfrau, und in dem fröhlichen Blicke ihres Auges, in dem Lächeln ihres Mundes lag damals ſchon all der Zauber verhüllt, mit dem die Liebe des Weibes zu beglücken vermag. Ich begriff dies nicht mit meinen ſechszehn Jahren, aber ich empfand es. In der Heimat hatte ich eine Ehre darin geſetzt, für einen jungen Mann zu gelten, jetzt fühlte ich mich glücklich, noch ſo jung zu ſein, daß Claudine mich für ihren Kameraden gelten laſſen wollte, und da ich keine beſtimmte Beſchäf⸗ tigung hatte, nahm ich an allen den ihrigen Theil. Die Herzogin hatte ein Spinet herbeigeſchafft, Clandine ſpielte es ſchon in jenem frühen Alter mit natürlichem Gefühl, und ich lernte es bald, mich mit meiner Flöte den kleinen Abweichungen anzupaſſen, die ſie ſich immer erlaubte, wenn ihre Empfindung es ihr gebot. Man hatte mich von Jugend an im Zeichnen unterrichtet, und da die Herzogin ſah, daß ich hier und da eine Blume malte oder eine ſkizzirte, bat ſie mich, den Lehrmeiſter Claudinens zu machen, damit dieſe ihre Zeichen⸗ ſindien nicht unterbreche. Dann wieder gab es Stunden, in denen wir, ohne zu ermüden, Federball ſpielten, und nie werde ich die Anmuth vergeſſen, mit welcher ſie den Ball in die Luft warf, während ihr leichter Körper ſich ſo ſchwungvoll hob, als wolle er ihm folgen. Promenirten unſere Mütter bei der Abendkur am Brunnen, ſo fanden wir Beide uns leicht zuſammen. Sie erzählte mir dann von Paris, von ihrem Schloſſe in der Normandie, von ihren Gärten und von ihren Wieſen, von ihrem kleinen Pferde, auf dem ſie den Vater und die Brüder begleitete, von dieſem Vater und von den Brüdern ſelbſt. Vor Allem aber erzählte ſie gern von ihrer Schweſter, dem älteſten Kinde ihrer Mutter, die früh verheirathet und nun ſchon Wittwe war, und als ſie mir ein⸗ mal den Schmerz dieſer Schweſter bei dem Tode ihres Gatten beſchrieb, rief ſie aus: Sehen Sie, Herr Emil, ich begriff nicht, wie ſie es überleben konnte! Wir dachten auch alle, daß ſie ſterben würde in ihrem Kummer, und ich müßte auch ſterben, gewiß, ich müßte ſterben, wenn ich von meinem Gatten getrennt würde! Die Thränen ſtanden ihr dabei in den Angen, und ich dachte gar nicht daran, daß es ein Kind war, welches alſo zu mir ſprach. Ich war gerührt über das Schickſal ihrer Schweſter, über die erſten Thränen, welche ich ſie ver⸗ gießen ſah. Und ich wußte doch nicht, wie oft ich die füßen Augen noch weinen ſehen ſollte, und daß ſie ſich ihr eigenes Schickſal prophezeite. Die glücklichſten Augenblicke aber waren es, wenn wir unter den Augen ihrer Gouvernante abwechſelnd das eben erſchienene Meiſterwerk Bernardin's de Saint Pierre laſen, das die Herzogin als eine Neuigkeit von Paris mit ſich gebracht hatte, und welches damals alle fühlenden Herzen entzückte. Es waren nicht Paul und Virginie, deren Liebe mich rührte, es war Claudinens Geſtalt, es war Claudine ſelbſt, die ich in dem reinen Bilde Virginiens wiederfand, und alle die aufopfernde Liebe des glücklich unglückſeligen Paul war nicht ſtärker, als die Luſt, welche ich fühlte, mein Leben für Claudinen hin zu geben. Wenn meine ganze Seele überwallte bei den Worten Pauls, dann lobte die Gouver⸗ nante meine Art zu leſen, und meine Ausſprache, die für einen Fremden wirklich rein ſei. Claudine aber hörte mit liebevollem Lächeln zu, und ſagte, ich hätte ein gefühlvolles Herz!. Sechs Wochen gingen bald vorüber. Sie hatten ausgereicht, mich die Liebe in ihrer heiligſten Reinheit kennen zu lehren, und als ſie vorüber waren, erſchien mir Alles wie ein Traum. Meine Mutter hatte ihre Kur früher beendigt als die Herzogin. Wir ſollten aufbrechen von Spaa, das wußte ich ſeit Tagen. Aber wie es ſein würde am andern Morgen, wenn ich nicht mehr in den Garten gehen, wenn ich nicht mehr Claudinen erblicken, ihre Stimme mich nicht mehr bewillkommnen hören würde— das begriff ich nicht. Den ganzen Tag, welcher unſerer Abreiſe vorherging, hätte ich ſie immer fragen mögen, ob ſie denn glaube, daß wir uns morgen nicht mehr ſehen würden? Indeß ich hatte ſie niemals noch allein geſprochen, als wenn wir auf der Promenade einige Schritte fern von unſern Müttern waren, und grade an dem Tage befand ſich die Herzogin in größerer Geſellſchaft, Claudine fuhr allein mit ihrer Gouvernante aus, und ich hatte meine Mutter bei ihren Abſchiedsbeſuchen zu begleiten. Am Mittage zog ein Gewitter auf. Es ſtürmte und regnete heftig; gegen Abend wurde es hell. Meine Mutter überwachte die Vorkehrungen für die Reiſe, die Herzogin machte mit Gäſten eine Kartenpartie in ihren Zimmern, und ich hatte mich in dem Pavillon des Gartens hingeſetzt, das Haus zu flizziren. Ich hatte bisher in dem Gefühl des ſicheren Beſitzes nicht daran gedacht, daß ich eines Andenkens bedürfen könne, daß ein Tag kommen könne, an welchem ein ſolches mir unſchätzbar ſein würde. Während ich zeichnete, kam Clandine mit ihrer Gonvernante in den Garten. Die Sonne ſchien ſchon wieder, und obwohl ſie ſich zum Untergange neigte, trocknete ſie bereits die Gipfel der Bäume, welche ſie berührte, aber die Erde war aufgeweicht; und Gras, Strauch und Blumen tropften noch überall von Perlen, die farbig in dem rothen Glanze des Spätabends ſchillerten, und die Luft war feucht und kühl Claudine hatte ein weißes Kleid an und nur eine dünne Hülle übergeworfen, ihre Gouvernante war deshalb beſorgt. Es iſt zu kalt! hörte ich ſie ſagen, treten Sie in den Pavillon ein, ich will hinaufgehen, Ihnen ein Entredenx zu holen. Treten Sie ein, ich komme gleich! Claudine gehorchte; die Gouvernante, die mich beſchäftigt ſah, wünſchte mir einen guten Abend und ging ſo ſchnell, als ihre Jahre es erlaubten, davon. Wir Beiden blieben allein. Ich wollte mich erheben. Bleiben Sie! ſagte Clau⸗ dine, ich will ſehen, was Sie machen.— Sie trat herzu, kniete neben mir auf einen Stuhl und betrachtete meine Arbeit. Ach, Sie nehmen das Haus auf! bemerkte ſie. Ich will es zum Andenken haben, entgegnete ich, ohne daß ich wagte, den Kopf zu erheben, denn ſie hatte ſich nah zu mir herübergebengt, und ich fühlte ihren friſchen Athem meine Wange berühren. Ja, es iſt wahr, Sie reiſen morgen. Das iſt recht ſchade! meinte Clau⸗ dine. Ich werde recht allein ſein ohne Sie! Und ich? Und ich? rief ich aus, und die Thränen traten mir in die Augen. Clandine erhob ſich und fragte zagend und erſchreckend zugleich: Sie vee aber weshalb weinen Sie, Monſieur Emil? Weil ich ſcheiden muß, und weil ich Sie nicht wiederſehen werde! antwortete ich ihr, unfähig, meine Gedanken zu verbergen. Nicht wiederſehen? wiederholte ſie in einem Tone, als ſei dieſe Vor⸗ ſtellung ihr noch nicht gekommen. Oh, freilich werden wir uns wiederſehen. Ihre Mutter hat es geſagt, Sie werden nach Paris kommen, Ihre Erziehung 8 zu beenden. Ich rechne darauf, daß Sie nach Paris kommen werden! 3 Aber wo werden Sie dann ſein? fragte ich unwillkürlich. Sie werden eine große Dame ſein, Sie werden eine Herzogin ſein, wie Ihre Frau Mutter, und— Sie werden mich vergeſſen haben! Clandine ſchwieg. Ja, ſagte ſie nach einer kleinen Weile, es iſt wahr, 3 man wird mich verheirathen, wenn ich erwachſen bin. Sie hatte ſich niedergeſetzt und den Kopf auf die Hand geſtützt, ihre langen braunen Locken bedeckten ihren ganzen Arm. Sie wußte mir keinen Troſt zu geben, ich konnte gar nicht ſprechen. Es iſt merkwürdig genug, daß die Bruſt eines ſo jungen Menſchen den ganzen Schmerz der ſtärkſten Leidenſchaft em⸗ pfinden kann.. In dem Augenblicke erſchien die Gouvernante in dem Thor des Gartens. Hören Sie, Herr Emil! rief Claudine ſchnell und heftig, hören Sie, glauben Sie es nicht, ich werde Sie nicht vergeſſen, niemals! aber weinen Sie nicht! — Und ſich ſchnell umwendend, nahm ſie eine Scheere, die auf dem Tiſche lag, trat hinter einen Pfeiler, hinter welchem ihre Gouvernante ſie nicht ſehen konnte, ſchnitt eine ihrer Locken ab und ſagte noch einmal: Da! nehmen Sie! ich werde Sie nicht vergeſſen, aber weinen Sie nur nicht! weinen Sie nicht mehr! Sie reichte mir flüchtig die Hand, eilte zum Pavillon hinaus, verließ mit ihrer Gouvernante den Garten, und am folgenden Morgen reiſten wir ab, ohne daß ich ſie noch einmal wiedergeſehen hatte. Viertes Kapitel. Als ein ganz veränderter Menſch kehrte ich in meine Heimat zurück. Ich war ſtolz geworden und demüthig, ich fühlte mich meiner ganzen Umgebung überlegen, und hatte dabei doch zugleich das Gefühl, daß ich Nichts ſei und daß ich Etwas werden, daß ich etwas Ausgezeichnetes leiſten müſſe, um mich der Geliebten, denn als ſolche ſah ich Elaudinen an, zu nähern. Sonſt war es mir als eine Bevorzugung erſchienen, daß ich ein Gutsbeſitzer werden und in der Natur leben ſollte. Jetzt dünkte ein ſolches Daſein mir unerträglich, und mein ganzer Sinn war darauf gerichtet, eine hervorragende Stellung in der Geſellſchaft zu gewinnen, ein berühmter Mann zu werden, und auf dieſe Weiſe die Ebenbürtigkeit mit der Geliebten zu erreichen. Daß Claudine noch ein Kind war, hinderte meine Beſtrebungen nicht, ſondern diente nur dazu, meinen Muth zu erhöhen, weil es mir Raum ließ, etwas aus mir zu machen. Es war damals eine Zeit der Wiedergeburt in allen Künſten, eine Zeit, in welcher man die Künſtler feiernd ehrte. Der Ruhm des jugenblichen Göthe erfüllte ganz Europa, er hatte am Hofe zu Weimar eine ebenbürtige Aufnahme gefunden, er beherrſchte als erſter Vertrauter des Fürſten das Land. Alfieri war in Italien in Aller Munde, der Bildhauer Canova, die Maler Tiſchbein und Hackert wurden von den Fürſten geſucht und belohnt, und weil ich mir ein poetiſches Empfinden, eine gewiſſe künſtleriſche Begabung zuerkennen durfte, meinte ich zum Dichter, zum Künſtler geboren zu ſein, meinte ich mir als ſolcher die Herzogstochter gewinnen zu können. Die unverſtandenen Anſichten, welche ich aus meinem Rouſſeau über die Würde des Menſchen geſchöpft, die Zuvorkommenheit, welche die Herzogin in augenblicklichem Gefallen uns bewieſen, meine ſogenannten freiſinnigen Ideen und mein Bürgerſtolz, miſchten ſich in mir mit dem thörichtſten Verlangen nach Rang, nach Ehren, nach Vornehmheit, und es iſt mir jetzt ſelbſt oft ein Räthſel, wie ſo widerſtrebende Dinge ſich in mir zu irgend einer Einheit zuſammen finden konnten. Mein Vater hatte die Abſicht gehabt, mich nach der Rückkehr aus dem Bade nach England zu ſenden, wo ich zuerſt die Sprache, und dann die Land⸗ wirthſchaft erlernen ſollte, und ich begrüßte dieſen Plan mit Freude. In Be⸗ gleitung meines älteſten Bruders durchreiſte ich Holland, deſſen Kunſtſchätze mich in meinem Verlangen, ein Künſtler zu werden, nur beſtärkten, und fand mich dann im Winter für's Erſte in einem engliſchen Pfarrhauſe inſtallirt, in welchem ich die vollſte Muße genoß, allen meinen Träumen nachzuhangen. In Holland hatte ich gedacht ein Maler zu werden, in England, wo ich meine Kenntniß der Sprache auch durch das Studium der engliſchen Dichter zu ver⸗ 1 3 6 vollſtändigen ſuchte, meinte ich zum Dichter geboren zu ſein. Ich las und machte Verſe, ich fing an, einen Roman zu ſchreiben, ein Trauerſpiel zu entwerfen, und mehr und mehr ein phantaſtiſcher Müßiggänger zu werden. Früher war ich das freilich in aller Unſchuld auch geweſen, jetzt wurde ich es aber aus Ueberzeugung und mit Selbſtbewußtſein. Ich begann zu malen, ich muſicirte, ich ging oftmals nach London, um die Theater zu beſuchen, ich blieb endlich ganz in London und miſchte mich in die Geſellſchaft, ſoweit ſie mir zugänglich war, aber ich that dies alles, wie ich glaubte, nur um mir die Kenntniſſe und die Welterfahrung anzueignen, welche ein Dichter haben mußte; denn ich wollte und mußte ein Dichter werden, um in der höchſten Geſellſchaft als ein Eingeborner zu leben. Zu meinem Glücke hatte ich aber nicht nur die poetiſche und ſchwärmeriſche Seele meiner Mutter, ich hatte anch etwas von dem tüchtigen Verſtande meines Vaters ererbt, und je reifer ich wurde, je mehr ich die Werke der Dichter ihrem Geiſte nach verſtehen lernte, um ſo weniger wollten meine eigenen Verſuche mir gefallen. Ich dichtete zwar noch immer fort, aber nur um meiner ſtillen Liebe zu genügen, und nachdem ich es Jahr und Tag bald mit der Poeſie, bald mit den andern Künſten verſucht hatte, geſtand ich mir endlich ein, daß ich keine Anlage habe, in irgend einem Kunſtgebiete mir Lorbeern zu erwerben. Der Kunſt entſagen bieß jedoch meinen Träumen, hieß allen meinen bisherigen Hoffnungen entſagen. Ich war ſehr niedergeſchlagen datüber, und wußte nicht, was mit mir beginnen, als der Befehl meines Vaters mich endlich auf das Land verſetzte. Die ganz veränderte Umgebung brachte mich zur Beſinnung. Der Verkehr mit jungen Männern, die, einer rein practiſchen Thätigkeit ergeben, Genuß und Erholung fanden in den Frenden der Jagd, wie in allen männlichen Uebungen, regte in mir die Kraft der Jugend wieder auf, die in meiner bisherigen Lebens⸗ weiſe zu erſchlaffen gedroht hatte. Da ich mir nicht mehr ſchmeichelte, meinen Namen in der Zukunft unter den geiſtigen Größen glänzen zu ſehen, wandte ſich mein ganzer Ehrgeiz jetzt darauf, einer der Erſten zu werden in allen den körperlichen Fertigkeiten, welche die jungen Engländer beſaßen und die ich mir anzueignen hatte. Im Reiten und Schwimmen, im Fechten und Boxen gelang es mir beſſer als im Gebiete der Kunſt, und wenn ich nach gemeinſamem, oft lärmendem Mahle, nach der ermüdenden Arbeit in Wald und Feld, am Abend mein Lager ſuchte, ſo wollte Claudinens Bild mir nicht mehr wie ſonſt erſcheinen. Ich empfand das als eine Strafe, und ich rief ſie bald nicht mehr, aus Furcht mich durch dieſe Strafe gedemüthigt zu fühlen. Durch meine Mutter hörte ich immer ſeltener von der herzoglichen Familie und von Claudinen. Der Begegnung im Badeorte war zwar ein lebhafter Briefwechſel gefolgt, in welchem die Mittheilungen noch vertrauter, der Gedanken⸗ austauſch noch inniger geworden war, als in dem perſönlichen Verkehr, weil die Ferne alles aufhob, was die Frauen etwa von einander gehalten, und weil die Einſamkeit, in der er ſich befindet, dem Schreibenden das Herz erſchließt; aber gerade dieſe völlige Aufrichtigkeit ſtörte allmählich das Verhältniß. Die Herzogin hatte ſich in der Freundſchaft mit einer Dame des dritten Standes gefallen, hatte die Verdienſte und die Anſprüche dieſes Standes mit einſichtiger Aufrichtigkeit anerkannt, ſo lange in Frankreich die ihr gewohnten Verhältniſſe gedauert hatten. Sie ſowohl als ihr Gatte gehörten dem aufge⸗ klärten Theile des hohen Adels an, der die Mißbräuche und Uebelſtände in Frankreich kannte, und für ihre Abſtellung manches Opfer zu bringen bereit war. Aber auch ſie meinten nur Zugeſtändniſſe machen, nicht Forderungen, bewilligen zu müſſen, und die erſten Anzeichen der revolutionären Bewegung in Frankreich änderten, wenn nicht die Geſinnung und Einſicht des Herzogs, ſo doch die Stimmung ſeiner Gattin, und allmählich auch das gute Einvernehmen, welches bis dahin zwiſchen ihr und meiner Mutter geherrſcht hatte. Je weiter die Umwälzung in Frankreich vorwärts ſchritt, um ſo mehr ver⸗ dammte die Herzogin die Anmaßungen des dritten Standes, für deſſen berech⸗ tigtes Verhalten meine Mutter, als Tochter dieſes dritten franzöſiſchen Standes und als Bürgerin einer freien Reichs- und Hanſeſtadt, begeiſtert war. Beide Damen nahmen in den Kreiſen, in denen ſie lebten, eine bevorzugte Stellung ein. Beide waren Frauen von Geiſt und behaupteten ſich als ſolche; beide waren von den Ereigniſſen in Frankreich ſehr ergriffen. Statt der Herzensergüſſe und der literariſchen Unterhandlungen, trat jetzt alſo die Politik in die vertrauten Briefe ein, und bald ward durch ſie die Correſpondenz ihres friedlichen Reizes in einer Weiſe beraubt, daß man die Nothwendigkeit fühlte, in dieſem Augen⸗ blicke den Briefwechſel abzubrechen, ſollte die Neigung, welche man noch immer für einander hegte, nicht darunter leiden. Es war ein verſtändiger Enſchluß, eine freundſchaftliche Uebereinkunft, aber doch immer eine Trennung. Mich berührte die Nachricht von dieſem Zerwürfniß nicht eben tief. Ich war zwanzig Jahre alt, hatte fröhliche Genoſſen, mancherlei Intereſſen, war ſelbſt lebhaft hingenommen von den Vorgängen jenſeit des Kanals, für und wider welche man in England leidenſchaftlich Partei nahm, und obſchon ich das größte Ver⸗ langen trug, nach Frankreich zu gehen, ſo hatte meine frühere Leidenſchaft für Clandinen doch keinen eigentlichen Antheil daran. Ich hatte ſie freilich nicht vergeſſen, ich trug mit phantaſtiſchem Sinne noch immer ihre Locke auf dem Herzen, aber ich wußte nicht mehr, wie ſehr ich ſie geliebt hatte, ich wußte es nicht, daß der Gedanke, die Liebe dieſes Fürſtenkindes beſeſſen zu haben, mir ein Talisman gegen jedes Verſinken in die wilde Luſt der Jugend um mich her geworden war. Ich ſchrieb den Lehren meiner Matter, der Erinnerung an ſie, und meinen eigenen Grundſätzen eine Kraft zu, welche ſie nicht beſaßen, und war gebunden durch die unbewußte Erinnerung an die reine Schönheit eines Kindes. Die Zeit, welche man für meinen Aufenthalt in England beſtimmt hatte, war während deſſen zu Ende gegangen, und mein Vater verlangte meine Rückkehr in die Heimat. Was ich dort beginnen ſollte, wußte man freilich noch nicht. Der Augenblick war nicht dazu angethan, meinen Vater zu dem Ankauf eines Gutes für mich zu beſtimmen, und während man noch über meine nächſte Zukunft berieth, trat einer jener Zufälle ein, welche das Loos eines Menſchen umgeſtalten, ein Zufall, welcher meinem Leben unerwartet eine neue Bahn anwies. Der älteſte Bruder meiner Mutter, ein angeſehener Mann, und einer der Vertreter des dritten Standes, verlor ſeinen Sohn, ſein einziges Kind, und verlangte, daß man mich zu ihm ſenden ſollte, die Lücke in ſeinem Daſein möglichſt auszufüllen. Das Mitleid mit dem Schmerze ihres Verwandten, die Rückſicht auf die Vortheile, welche mir durch meines Onkels Liebe erwachſen konnten, ließen meine Eltern nicht anſtehen, ihre Einwilligung zu geben, und im Anfang des Jahres eintauſend ſiebenhundert und neunzig reiſte ich von Dover nach Paris. Fünftes Kapitel. Es war im erſten Frühling. Der König und der Hof reſidirten bereits lange in den Tuilerien, die kurze Zufriedenheit, welche der Aufenthalt des Königs in der Reſidenz erregt hatte, war ſchon vergeſſen, und die National⸗ Verſammlung arbeitete rüſtig fort an den Geſetzen, mit denen ein großer Theil ihrer Mitglieder die Ruhe herzuſtellen, und die Verſöhnung zwiſchen dem Könige und dem Volke immer noch zu Wege zu bringen hoffte. Die Erklärung der Menſchenrechte, die Aufhebung der Privilegien, des Religionszwanges, der Mönchsorden waren bereits erfolgt, viele Deputirte des tiers 6état hatten damit mehr erreicht, als ſie zu fordern jemals geneigt geweſen waren. Sie hätten ſich, und mein Onkel gehörte zu ihnen, jetzt gern befriedigt erklärt: aber die Macht der geſammten Bewegung war ſtärker, als der Wille des Einzelnen, und wer nicht den Verdacht erregen wollte, die Bewegung zu hemmen, mußte ſich von ihrem Strome vorwärts tragen laſſen. Mein Onkel war tief gebengt durch den Tod ſeines Sohnes, und eben ſo tief erſchüttert von der Lage ſeines Vaterlandes. Wer ſich nicht abſichtlich ver⸗ blendete, wer nicht von fanatiſchem Haſſe gegen den Hof, gegen den Adel und die Geiſtlichkeit eingenommen war, konnte ſich des Gedankens nicht erwehren, daß auch von ihrer Seite jetzt viel und ſchwer gelitten wurde, und mein Onkel zählte zu denen, welche dies beklagten, weil die harten Schickſalswechſel mit den Schuldigen auch Tauſende von Schuldloſen betreffen mußten. Die Emi⸗ gration war ſchon lange im Gange, ich und die meiſten meiner Altersge⸗ noſſen ſahen ſie als eine Wohlthat für das Land an, und jung und unbe⸗ ſonnen wie ich war, hatten die Ideen, welche damals die große Maſſe in Frankreich beherrſchten, mich ſo ſehr ergriffen, daß ich mich fragte, wie jemals die Würde und Haltung der Herzogin mir habe imponiren können, wie es möglich geweſen ſei, daß ich ihre Tochter geliebt, daß ich ſolches Verlangen getragen, mich dem Adel anzuſchließen, und wo möglich an einem Hofe zu leben? Ich ſchämte mich des Kultus, den ich ſo lange mit der ſchönen blonden Locke der kleinen Ariſtokratin getrieben, und an dem Tage, an welchem ich mein Haar zum erſten Male ohne Puder trug, legte ich die Locke mit ſtolzem Selbſtgefühle ab, um ſie, wie ich meinte, nie wieder anzuſehen. Grade in dieſem Zeitpunkte erfuhr ich zufällig von der Anweſenheit der Herzogin in Paris. Bei der Verwüſtung, welcher ſo viele Beſitzungen des Adels im Innern des Landes anheim gefallen waren, hatte ſie ſich mit ihrer Tochter in ihrem Schloſſe nicht mehr ſicher geglaubt, und die Sorge um ihren Gatten, der, ein treuer Anhänger der Dynaſtie, in der National⸗Verſammlung uner⸗ müdlich für dieſelbe kämpfte, war ihr ein doppelter Antrieb geworden, ſich nach der Reſidenz zu begeben. Die Herzogin bewohnte ihr Hotel jenſeits der Seine; aber obſchon man mir ſagte, wo es gelegen ſei, machte ich keinen Weg, es zu ſehen, geſtand ich mir nicht ein, daß mich dies eine Ueberwindung koſte. Es ſchmeichelte mir ſo ſehr, ein Demokrat zu ſein, daß ich mich ſelbſt betrog, um nur in der mir wohlgefälligen Einbildung zu verharren. Eines Abends, als ich mit meinem Onkel von einem Geſchäftsgange deſſelben nach Hauſe zurückkehrte, fanden wir, daß das Volk in Maſſen nach dem Palais Royal hinſtrömte. Man war in jenen Tagen der Zuſammenläufe, der Volksverſammlungen ſo ſehr gewohnt, man hatte bereits ſo entſetzliche Scenen erlebt, daß Männer wie mein Onkel, welche ſich ſeit Jahren in der Bewegung befanden, einen ſtoiſchen Gleichmuth gewonnen hatten. Mich aber, dem dieſe Vorgänge etwas Neues, der noch voll von Illuſionen war, mich regten ſie augenblicklich auf, und ich verlangte, in das Palais Royal zu gehen, das damals den Mittelpunkt für ſolche Zuſammenkünfte bildete. Mein Onkel widerſetzte ſich meinem Verlangen nicht. Gehl ſagte er, ſieh was es giebt, und ſchweige! Es ſind ohnehin genug Perſonen dort, die unnütz reden!— Mein Onkel entfernte ſich, ich ließ mich von der Maſſe fortziehen. Alle die kleinen Straßen, welche nach dem Palais Royal führten, waren gedrängt voll Menſchen, die Eingänge waren kaum zu erreichen, innen aber, unter den Hallen, auf dem Platze wogte eine jubelnde Menge. Volksredner ſtanden auf den Poſtamenten der Statuen und laſen etwas vor, ein donnerndes Bravo erſcholl von allen Seiten, und überall ließ man die National⸗Verſammlung leben. Sie hatte an dem Tage noch eine ſpäte Sitzung gehalten, und fortgeriſſen Einer von dem Andern, hatte man alle Orden, alle Titel aufgehoben. Mir ging es wie der Menge um mich her, ich fühlte eine Genugthuung bei der Nachricht! Ich rief ihr Beifall wie die Uebrigen Alle, ich freute mich an dem Witze, mit welchem einer meiner Umgangsgenoſſen, dem ich zufällig begegnete, die Verzweiflung jener Adeligen ſchilderte, deren ganzes Daſein auf ihrem Titel beruhte, und die ohne denſelben in das Nichts verſanken; und ich befand mich noch in dieſer Laune, als dicht neben mir ein Weib von widrigem Anſehen ſich zu einer ſchamlos entblößten Dirne wandte, und lachend zu ihr ſagte: Oh, guten Abend, meine ſchöne Herzogin! wo haben Sie Ihren Hof * 9 309* gehalten dieſen Tag, wo ſind die Prinzeſſinnen, Ihre luſtigen Schweſtern? Die Worte trafen mich wie ein Schlag. Eine ganz andere Reihe von — Vorſtellungen trat in mir hervor. Ich ſah die ſchöne würdige Geſtalt der Her⸗ zogin Mutter plötzlich im Geiſte vor mir, ich dachte, mit welcher Empfindung ſie dieſe Nachricht empfangen würde. Ich ſah auch Claudinen wieder vor mir, und eine unbeſchreibliche Verehrung für die Mutter, eine angſtvolle Sehnſucht nach dem einſt geliebten Kinde erfüllten mein Herz.* Und wenn Niemand ſie Herzogin nennt, ſo wird ſie es bleiben! rief ich unwillkürlich. Was haſt Du? fragte der Freund, der mich begleitete, ganz verwundert, von wem ſprichſt Du? Ich dachte an eine ſchöne Frau, die ich gekannt habe, als ich ſelbſt noch ein Kind war! Und Du haſt ſie geliebt, als Du noch ein Kind warſt? forſchte mein Gefährte lachend. 4 Ich bejahte das kurz, weil ich damit der bedenklichen Unterredung am ſchnellſten zu entgehen meinte.* Um ſo beſſer für Dich! ſagte mein Begleiter, um ſo beſſer für Dich das Deeret der Verſammlung— vorausgeſetzt, daß Deine Exherzogin Dir jetzt noch nicht zu alt iſt. Wir trennten uns damit, und ich ging nach Hauſe, aber ich fand keine Ruhe, ich ſchloß kein Ange die ganze Neßt. Immerfort beſchäftigt mit dem neuen Geſetze, konnte ich den Gedanken nicht ertragen, daß Jemand der Herzogin, daß Jemand Claudinen die ſchuldige Anrede, den ihnen angeborenen Titel verweigern könne, und noch ehe der Morgen tagte, war ich entſchloſſen, mich zu ihnen zu begeben, nur um ſie in der ihnen gewohnten Weiſe anzureden. Mein Verſtand mißbilligte das als eine Thorheit, mein Herz brachte ihn zum Schweigen, und als wolle das Schickſal ſelbſt mich in meinem Vorſatze beſtärken, erhielt ich früh am Morgen einen Brief von meiner Mutter, der mich nöthigte, zu thun, was zu thun ich ohnedies gewillt war. Der Brief meiner Mutter ſchloß ein Schreiben an die Herzogin in ſich. Ganz Deutſchland und natürlich auch Hamburg, waren damals bereits voll von franzöſiſchen Emigranten, und die Erzählungen, welche ſie voll Abſcheu über die Vorgänge in ihrem Vaterlande machten, mußten den Zuſtand deſſelben und die Lage der Zurückgebliebenen noch ſchlimmer erſcheinen laſſen, als ſie wirklich waren. Dieſe Schilderungen hatten in meiner Mutter treuem Herzen die Sorge um die unvergeſſene Freundin wachgerufen, und nach einem faſt zwei Jahre langen Schweigen nahm meine Mutter plötzlich den Briefwechſel wieder auf, um die Herzogin dringend zur Flucht zu ermahnen, um ihr und ihrer Familie im Namen meines Vaters jeden Beiſtand für dieſelbe und die freundlichſte Aufnahme anzubieten, falls ſie ſich entſchließen ſollten, Hamburg zu ihrem Aufenthalte zu machen. Fanny Lewald, Der Seehof. 4 Am Mittage paſſirte ich den Platz Louis XV., um mich über den Pont Royal nach dem Faubourg Saint Germain zu begeben. Ich hatte ſeit längerer Zeit die reichgeſtickten Kleider abgelegt, wie die Mode unter den Patrioten und Liberalen es mit ſich brachte, an jenem Morgen aber hatte ich mich beſonders friſiren und pudern laſſen, und mein reichſtes Kleid angelegt, nicht um den Damen, welche ich zu ſehen ging, einen angenehmen, ſondern nur um ihnen keinen unangenehmen Eindruck zu machen. Jenſeits der Seine war es ſonſt immer ſehr ſtill. Die Thore und Fenſter der Hotels waren faſt überall geſchloſſen, denn viele ihrer Bewohner befanden ſich im Auslande, und diejenigen, welche die Liebe für die Ihren, die Treue für das Königshaus, die Sorge um das Wohl des Vaterlandes in Paris zurück⸗ gehalten hatte, ließen ſich nicht ſehen, wenn nicht eine Nothwendigkeit ſie dazu zwang. Heute aber war ein unruhiges Treiben in der Gegend zu bemerken. Spottende und beobachtende Volksmaſſen zogen durch die Straßen, warfen mit Steinen gegen die Wappenſchilder der Hotels, oder ſahen es mit höhnender Luſtigkeit an, wie man bemüht war, ſie zu entfernen. Vor einigen Gebäuden nahmen Arbeiter die eiſernen Helme und Embleme von den Mauern ab, welche die Höfe umſchloſſen. An dem Hotel der herzoglichen Famile war dieſer Akt der Gleichmachung bereits vollendet, nur die Eiſenſtangen, welche das Wappen Jahrhunderte hindurch getragen, ragten noch über dem Portale und von dem Dache kalt und leer in die Luft. Es hatte etwas ſehr Melancholiſches für mich, und als ich die Wipfel der Bäume ſah, welche aus dem Garten hinter dem Palaſte ſichtbar wurden, that es mir wohl, zu denken, daß man ihnen doch wenigſtens noch den Schatten ihrer alten Bäume nicht genommen habe. Als ich ſchellte, öffnete ein Pförtner ohne Livree mir das Portal und fragte nach meinem Begehren. Ich verlangte die Frau Herzogin zu ſprechen. Der Pförtner ſah mich mißtrauiſch an. Sie wiſſen wohl, ſagte er, daß es keine Herzoginnen mehr giebt, und Madame hat ſchon ſeit langer Zeit keine Beſuche von Fremden mehr empfangen, weil ſie leidend iſt. Ich habe ihr aber einen Brief von Freunden aus dem Auslande zu bringen. Madame und Monſieur haben keine Freunde im Auslande, die ganze Familie iſt in Paris! verſetzte der Pförtner, der für ſolche Fälle unterrichtet war, mit wachſendem Mißtrauen, das freilich in jenen Zeiten, in denen das Spioniren an der Tagesordnung war, nur allzu gerechtfertigt erſchien. So geben Sie der Frau Herzogin dieſen Brief, und ich will warten, bis ſie ihn geleſen hat. Damit war der Pförtner zufrieden. Er klingelte, ein Diener erſchien aus dem Hauſe, nahm den Brief und hieß mich warten. Ich gewann dadurch Zeit, mich umzuſehen. Der Hof lag voll Kalkſtücke, voll Stangen, voll Steine und voll zerbrochener Steinarbeit. Bei der Eile, mit welcher man die Wappen * „ von den Mauern heruntergenommen, waren dieſe und jene beſchädigt worden, und die Arbeiter hatten ſich das Feſt gegeben, die Wappen vollends zu zer⸗ trümmern, weil ſie doch nichts mehr nütze waren. Während ich noch die Trümmer betrachtete, erſchien in der Thür des Hotels der Diener, welcher meinen Brief empfangen hatte, und mit ihm ein anderer, den ich augenblicklich wiedererkannte. Es war Jaques, der alte Kammerdiener der Herzogin, den ſie bei der Badereiſe mit ſich gehabt hatte; aber auch er trng keine Livree, und er ſah gedrückt aus, trotz der Gefliſſenheit, mit der er mich willkommen hieß. Treten Sie ein! ſeien Sie ſehr willkommen, mein Herr! rief er aus, während die große Halle des Hauſes mich empfing. Wie ſie gewachſen ſind! Nicht zu erkennen und doch derſelbe! Madame werden erfreut ſein, Sie zu ſehen!— Ach, es iſt ſehr ſelten, daß Madame jetzt erfreut iſt, einen Freinden zu ſehen!— Die Zeiten haben ſich ſehr geändert, mein Herr, die Zeiten ſind ſehr ſchwer!— ſagte er, ſich in einzelnen Pauſen zu mir wendend, während er die breite Treppe hinauf ſtieg, mich durch einen Saal führte, deſſen Bogen⸗ fenſter nach dem Garten lagen, und dann leiſe vorausgehend noch eine Reihe von Zimmern vor mir öffnete, ehe wir in das Gemach der Herzogin gelangten. Alles in den Räumen hatte einen Anſtrich von Ruhe und Größe, Alles war reich und edel darin, nirgend ein falſcher Aufputz, nirgend eine Ueberladung oder ein leeres Prunken zu bemerken. Vor Allem einfach war das Zimmer der Herzogin. Die dunkelgrauen Damaſttapeten, die blaßblauen Vorhänge und Möbel bildeten den ruhigſten Hintergrund für die hohe Geſtalt der Bewohnerin, die mir entgegentrat, als Jaques die Thüre für mich öffnete. Sie trug ein Kleid von grauer Seide und hatte die Bruſt und das Haupt mit ſchwarzen Spitzentüchern verhüllt, ſo daß nur einige Locken ſich aus dem Kopftuche auf ihre Wangen hervorſtahlen; aber ihre Wangen waren bleich, ihr Haar war ganz weiß geworden. Sie hielt ſich jedoch ſo hoch und ſtolz wie ſonſt, und hieß mich wie ſonſt freundlich willkommen. Man muß der Sohn Ihrer Mutter ſein, ſagte ſie, um in ſolchem Augen⸗ blicke anzulangen. Ich bin ſchon längere Zeit in Paris! verſetzte ich, um ein Verdienſt von mir abzulehnen, das ich nicht beſaß. Und Sie ſuchten uns ht auf? fragte ſie im Tone eines freundlichen Vorwurfs, fügte dann aber gleich ſelbſt hinzu: Unſere traurigen Hotels ſind freilich jetzt kein lockender Aufenthalt für die fröhliche Jugend! Wie können Sie denken, Frau Herzogin, rief ich aus, daß Sie ließ mich nicht vollenden, und mit einem Lächeln, das eben ſo ſtolz als traurig war, ſagte ſie: Hüten Sie Sich, mein junger Freünd! Dieſe Höflichkeit iſt bedenklich— und ich kann ſie entbehren! 5 Es entſtand eine Pauſe, ich wußte vor Bewegung Nichts zu ſprechen. Die Herzogin kam mir zu Hülfe. Sie ließ ſich auf das Sopha nieder, wies mir einen Seſſel neben ſich an, und fragte nach meiſr Mutter. Ich erzählte, daß ich ſie ſeit vier Jahren nicht geſehen, gab über ihr Befinden und über mein Leben auf den Wunſch der Herzogin Auskunft, ſie ſprach aber nicht von ſich, noch weniger von ihrer Tochter. Es war, als hätte ſie vergeſſen, daß ich Clandinen jemals gekannt, und nun erſt ſtieg in mir die Frage auf, ob ſie noch bei ihrer Mutter, ob ſie in Paris und ob ſie nicht ſchon lange verheirathet ſei. Ohne daß ich hätte ſagen können, weshalb, verwirrte und quälte mich die Vor⸗ ſtellung, und mir fehlte der Muth, mich durch eine Frage der Thatſache zu verſichern. Die Herzogin machte mir dies auch unwillkürlich dadurch unmöglich, daß ſie auf den Brief meiner Mutter und auf deren Vorſchläge überging. Ich erkenne darin das treue, großmüthige Herz meiner Freundin wieder, und ich würdegkein Bedenken tragen, ihr Anerbieten zu benutzen, ſagte ſie, wenn ich den Herzog und meine Söhne überreden könnte, Frankreich in dieſem Augenblicke zu verlaſſen. Sie halten ſich verpflichtet, neben ihrem Könige auszuhalten; es iſt alſo auch meine Pflicht, neben ihnen zu bleiben, und meine Töchter denken wie ich. Dieſe Zeit, die uns viel ſchlimme Erfahrungen gebracht, hat uns dafür auch auf's Neue gezeigt, wie ſtark die Bande der Liebe ſind, die uns mit⸗ einander verkuüpfen, und das iſt ein Troſt. Dieſe Antwort klang ſo ablehnend, daß ich es für ſchicklich hielt, mich zum Aufbruch zu erheben. Die Herzogin ließ dies geſchehen. Aber als ich ſchon vor ihr ſtand, ſagte ſie: Ich weiß kaum, ob ich Sie einladen darf, wiederzukehren. Sie haben vielleicht ſchon mit dieſem Beſuche ein Opfer gebracht! Ich wollte ihr das Gegentheil bethenern, ſie kam mir zuvor. Glauben Sie nicht, daß ich Ihnen dies verarge! ſprach ſie lebhafter. Sie ſind jung, Sie gehören dem dritten Stande an, die Ideen, welche dieſer leider ausgearteten Bewegung zum Grunde liegen, waren die Ideen Ihrer Mutter — ſie waren und ſind in ihrer geiſtigen Reinheit auch heute noch die meinigen. Aber der Baum iſt nicht geworden, was ſein Same verhieß, und Sie würden in meinem Hauſe auf Perſonen, auf Anſichten ſtoßen, welche den Ihrigen wider⸗ ſprechen.— Sie hielt einen Augenblick inne, dann fügte ſie mit jener ſanften Tranrigkeit, die ſie in meinen Augen wie ein arenen umgab, freundlich hinzu: Verſtehen Sie mich recht! Wenn man einem lieben Gaſte keine frohe Gaſtlichkeit zu bieten hat, ſo ſcheint es mir das Einzige, was man für ihn thun kann, daß man ihm unwillkommene Berührungen erſpart. Wollen Sie wieder kommen, ſo wiſſen Sie ja, daß es mich immer freuen wird, den Sohn meiner Freundin, der ich noch heute ſchreiben werde, bei uns zu ſehen. Ich hatte damit meine Entlaſſung erhalten, bot nochmals für alle Fälle meine Dienſte gu, mußte dem eintretenden Diener, nachdem die Herzogin geſchellt hatte, meine dreſſe geben, und wurde von ihm ehrfurchtsvoll durch die lange Zimmerreihe zurückgeführt, ohne daß er wie früher zu mir geſprochen, ohne daß ich ihn gefragt hätte, was zü wiſſen mir am Herzen lag. 4 —— —— Sechſtes Kapitel. Seit dieſem Beſuche war meine bisherige Ruhe verſchwunden. Eine quälende. Sehnſucht, die ich Neugier nannte und zu verlachen ſtrebte, wollte nicht von mir weichen. Ich mußte wiſſen, ob Claudine vermählt war, ich mußte ſie in jedem Falle wiederſehen. Weshalb, zu welchem Zwecke? das fragte ich mich nicht, ich wollte es aber mit Leidenſchaft, und dieſe trübte mein ganzes Urtheil. 1 Ich hatte Anfangs die würdige Reſignation der Herzogin bewundert. Schon am folgenden Tage empörte mich der Hochmth, mit dem ſie, wie ich meinte, ſelbſt die Dienſte eines Bürgerlichen abgewieſen hatte. Ich ging mit Abſicht durch die Rue de Varennes, in welcher ihr Hotel gelegen war, und ſah mit † Freude die niedergeworfenen Wappenſchilder an ihrem Hauſe; ja, ich dachte, daß es damit nicht genug ſei, daß man den Stolz dieſer alten Ariſtokratie nicht tief genug beugen könne, daß man ihn und ſie ſelbſt für immer zu vernichten ſtreben müſſe. Es war damals keine große Kunſt, ſolche Gedanken zu hegen, man hörte ſie an allen Ecken und Enden wiederholen. Dann kamen wieder Stunden in der Nacht, in welchen eine Angſt ohne Gleichen mich bei der Vorſtellung über⸗ fiel, es könne gegen die Ariſtokraten zu ähnlichen Scenen kommen, wie ſie der Hof bereits mehrmals erduldet hatte, und voll Entſetzen ſprang ich von meinem Lager auf, um mich beim Grauen des Tages zu überzeugen, daß das Hotel des Herzogs ruhig in ſeinem Garten da lag, um mich darüber zu entzücken, daß nichts den Schlummer von Clandinen geſtört.. Drei Tage waren mir ſo vergangen. Am Morgen des vierten erſchien ein Diener, der mich erſuchte, mich um eilf Uhr in das Hotel der Herzogin zu begeben. Man ſagte mir nicht, was ich dort ſolle, ich wußte nicht, ob es eine geſellſchaft⸗ liche Einladung oder was es ſonſt gälte, und da ich mich in dieſen Tagen heftiger als je in der Abneigung gegen alle ariſtokratiſchen Anſprüche beſtärkt hatte, ſo war es eine Art von Trotz, mit welcher ich der Weiſung folgte. Ich fand bei meiner Ankunft die Herzogin wieder in Pinn und aus einem anſtoßenden Gemache trat gleich darauf der Herzog ein. Er war ein Greis von mehr als ſechszig Jahren, eine große, militairiſche Figur, noch lebhaft in ſeinen Bewegungen, mit ſtrengem Auge, mit kurzem, befehlendem Weſen, mit ſtolzer Miene. Die Herzogin ſtellte mich ihm freundlich vor, er ging auf ihre Empfehlung aber gar nicht ein, ſondern ſagte: Madame hat mir den Brief mitgetheilt, welchen Sie ihr neulich gebracht haben, und indem Ihre Frau Mutter uns ihre Dienſte in gefälliger Weiſe angeboten hat. Ich darf alſo annehmen, daß Sie ihre Geſinnungen theilen, und daß man auf Sie bauen kann. —— — 55 S S Dieſe Weiſe beleidigte mich, und ich wollte ſie ablehnen, aber die Herzogin mochte meine Empfindung errathen, denn ſie bemerkte einlenkend: Ich habe Ihnen ja geſagt, mein Freund, daß ich Herrn Emil als heranwachſenden Jüng⸗ ling gekannt, daß er der Spielkamerade Elaudinens geweſen iſt, und daß ich volles Zutrauen zu ihm hege. Ich fühlte die Berechnung in ihren Worten, und doch beſänftigten ſie mich. Es war das erſte Mal, daß ich Claudinens Namen wieder nennen hörte, mir klopfte das Herz und ich erwartete, ſie nun auch ſelber zu ſehen, aber es blieb Alles ruhig und nur der Herzog ſagte: Ich höre, daß Sie längere Zeit ſchon in Paris ſind. Madame— er nannte ſeine Gattin im Laufe der ganzen Unterredung nicht einmal die Herzogin— Madame hat mir geſagt, daß Ihr Herr Vater ein Handeltreibender iſt, daß Sie ſelbſt aber nicht ſein Gewerbe ergriffen haben. Würde es Ihnen trotzdem möglich ſein, hier und da in einer nicht auffallenden Weiſe, eine oder die andere Summe Ihrer Frau Mutter zu übermachen? Es iſt dies Alles, was mir für den Augenblick nothwendig ſcheint! Er machte dieſen Zuſatz in der Weiſe eines Herrn, der einem Diener ſeine Befehle ertheilt, und trotz der Empfindung, welche mich noch eben erwärmt, fühlte ich mich zu einer ablehnenden Entgegnung geneigt, als die deßiozin aber⸗ mals dazwiſchen trat. Mein Mann, ſagte ſie, wünſcht für Nothfälle, deren mzite wir uns leider nicht verbergen können, irgend einen Rückhalt im Auslande zu haben, und die Freundſchaft Ihrer Mutter hat uns die Hand dazu geboten, dieſe Vorſicht anzuwenden. Es handelt ſich darum, die Summe von hunderttauſend Franken, welche wir allmählich realiſirt haben, in's Ausland zu ſchicken. Würde Ihr Herr Vater geneigt ſein, eine ſolche Summe für uns aufzuheben und zu verwalten? Man würde ihm natürlich den üblichen Vortheil dabei gewähren, ſchaltete der Herzog ein. Ich befand mich wie auf einer Schaukel, bald gehoben von der Freundlichkeit der Herzogin, bald herabgedrückt von ihrem Gemahl, und das Gefühl der Kränkung, welche er mir zufügte, gewann ſo ſehr die Oberhand, daß ich ablehnend erwi⸗ derte: Ich bin nicht hierher gekommen, mein Herr, vortheilhafte Geſchäfte für meinen Vater zu machen, ſondern Ihrer Familie, deren Sicherheit meine Mutter bedroht glaubte, eine Zuflucht in meinem Vaterhauſe anzubieten. Kaum aber hatte ich das ausgeſprochen, als ich es bereute, als ich mir bitter vorwarf, dem ſchwer getroffenen Greiſe gegenüber mein Selbſtgefühl geltend gemacht zu haben. Des Herzogs Miene wurde noch düſterer. Er ſah mich einen Augenblick ernſt und prüfend an, und ſagte dann: Ich hatte nicht die Abſicht, Sie zu verletzen, mein Herr, ich war aber ſtets der Meinung, daß ehrliche Rechnung gute Freunde macht. Laſſen Sie uns nicht weiter davon reden. Ich habe kein Recht, Ihnen Bedingungen vorzuſchreiben. Sagen Sie mir, ob und in welcher Weiſe Sie die Uebermachung des Geldes an Ihren Herrn Vater möglich glauben. Beſchämt, verwirrt, ſann ich darüber nach. Ich war der kaufmänniſchen Ver⸗ hältniſſe wenig kundig, ich ſchlug vor, mich mit meinem Onkel zu berathen. Der Herzog wollte davon nichts wiſſen. Er nannte die Anfrage bedenklich für ſich und mich, er hielt die kaufmänniſche Vermittlung überhaupt für langwierig, er ſchien daran zu denken, daß ich Paris verlaſſen und jene Summe mit mir nehmen könne. Ich war aber entſchloſſen, noch in Paris zu bleiben, und nach längerem Ueberlegen kamen wir darin überein, daß das Geld, in einzelne Poſten vertheilt, an meine Eltern und Brüder abgeſandt werden ſollte, wovon ich ſie in Kenntniß zu ſetzen hatte. 5 Die Herzogin lud mich darauf ein, an dem Frühſtück Theil zu nehmen, und indem ich ihr und ihrem Gatten folgte, gingen wir aus dem Seitenflügel 7 ibieiiee 57— und Buchsbaum⸗Pyramiden, welche den Hauptweg einfaßten, nach einem chineſiſchen Gartenhauſe, in welchem das Frühſtück aufgetragen war. Ich hatte mit Zuverſicht erwartet, Claudinen jetzt endlich wieder zu ſehen des Hotels eine Treppe in den Garten hinunter, zwiſchen den Orangen umn aber nur der Sohn des Hauſes, den man mir als den Marquis von** bezeichnete, und die verwittwete Tochter mit zwei ſchönen Kindern waren an⸗ weſend. Man wußte von mir und von der Verhandlung, zu welcher die Her⸗ zogin mich eingeladen hatte, offenbar nichts. Das machte meinen Empfang feierlich und kalt, 8 ich fing an, die Freundestreue meiner Mutter mehr und — „ — zu bedauern, da ſich mir der Glanbe Claudine habe die 3 milie verlaſſen und ſei vermählt. Während deſſen erſchienen die Diener mit dem Service, der Haushofmeiſter meldete, daß man bedient ſei, und nun erſt blickte der Herzog ſich um, als vermiſſe er Jemanden, und ſagte: Mein Sohn, wo Deine Schweſter? Ich ſah ſie mit Dir vorhin im Garten.* Da kommt ſie, mein Vater! bedeutete der Marquis, und in dem nugeß blicke trat ſie aus einer Taxushecke hervor. Ich werde den Moment, ich werde den Eindruck nicht, vergeſſen, ich pabe ihn nie vergeſſen können. All die Liebe, die ich als Knabe für ſie gefühlt, all die Leidenſchaft, welche die Trennung von ihr mir damals aufgeregt, waren in ihrer ganzen Stärke in mir lebendig. Ich fühlte nicht mehr, daß es eine Zeit gegeben, in welcher ich ihrer kaum noch gedacht. Ich liebte ſie, wie ich das Licht liebte, in dem wir athmen, ich empfand ſie als die Bedingung und den Zweck meines Daſeins, ſo wie mein Auge ſie wieder erblickte. Sie war damals grade ſiebenzehn Jahr alt, und konnte für das Urbild weiblicher Jugendſchöne gelten, ſo kräftig und ſo fein war ihre ſchlanke Geſtalt, ſo vollendet die Pracht ihrer Glieder, welche die damals zur Mode gewordene enge Tracht in all ihrem Reize zur Geltung kommen ließ. Sie hatte ein klares, weißes Kleid an, durch das ein roſafarbenes Unterkleid ſichtbar wurde, und ihr Buſen war nur wenig durch einen Ueberwurf von leichter Gaze verhüllt. Ihr Haar, das noch immer den goldigen Schmelz auf ſeinem reichen Braun bewahrte, floß ihr tief über den ſchlanken Rücken hernieder, während von den Schläfen und hinter den Ohren einige künſtlich gekräuſelte Locken auf ihre Bruſt herab ſielen, und das roſafarbene Band berührten, das ihr Buſentuch zuſammenknüpfte. Sie hielt einen Strauß friſchgepflückter Roſen in der Hand, und ſie war ſelbſt ie die Göttin der Roſen anzuſchauen. Schon von fern gewahrte ſie mich. Sie kam ſchnell auf den Pavillon zu, va ſie bemerkte, daß man ihrer harre, und kaum ſtand ſie auf der Schwelle, als ſie mit einem Blick des Erſtaunens erſt mich, dann ihre Mutter, dann wieder mich anſah, und plötzlich ſich zu mir wendend, mit frendigem Tone ausrief: Aber gewiß Sie ſind es, Monſieur Emil! Welche Ueberraſchung! Wie kommen Sie hierher? Sie hatte mir dabei die Hand gereicht und die meinige herzlich gedrückt, und ihr Geſicht war ſo voll Güte, ſo voll unſchuldiger Freude, daß ich mich kaum zu faſſen wußte. Dieſer Empfang ſtach ſo vollſtändig gegen die Haltung der übrigen Familie b, daß dieſelbe ſich entſchließen mußte, ihre Weiſe zu ändern, ſollte das Be⸗ Clandinens nicht als ein unpaſſendes erſcheinen, und der Marquis, der vorhin ſich am külteſten gezeigt, war nun der Erſte, der mit dem Ausrufe: . — Welches liebenswürdige Herz! ſie verliert ihre Heiterkeit nicht!— die Scene in das Gleichgewicht zu bringen trachtete. 5 Soll ich denn nicht erfreut ſein, wenn ich plötzlich einen Gefährten meiner fröhlichen Kindheit wiederfinde? meinte Claudine.— Und nicht wahr, Monſieur Emil, wir waren ſehr frohe Kinder damals? Es war ſehr ſchön in Spaa? Man hatte während deſſen Platz genommen, Claudine ſaß am andern Ende der kleinen Tafel. Sie hatte ihren Roſenſtrauß neben ſich liegen, von dem ſie eine voll erblühte Blume an ihren Buſen ſteckte, und nie ſeit jener Stunde habe ich blühende Roſen geſehen, ohne daß jene glückliche Stunde, ohne daß die Geliebte in all ihrer Schönheit in meinem Geiſte lebendig geworden iſt. Ich konnte kein Auge von ihr wenden, ich konnte mich nicht ſatt an ihrem Anblick ſehen. Niemand beachtete das. Die Herzogin richtete zwar ab und zu einmal das Wort an mich, aber ihre Theilnahme galt ihrer verwittweten Tochter, die krank war, und um welche die ganze Familie ſich bemühte, während eine Bonne, die hinter den Stühlen der beiden Enkelkinder ſtand, dieſe bediente und verſorgte. Die Unterhaltung war ſehr einſylbig. Von den Ereigniſſen des Tages zu ſprechen, mochte ſowohl die Anweſenheit der Dienerſchaft als die meinige, die Familie abhalten, und doch hatte man den Sinn offenbar damit beſchäftigt, denn die gleichgültigen, kurzen Reden und Gegenreden, welche man wechſelte, dienten nur dazu, das Schweigen nicht auffällig zu machen. Auch Claudine hielt ſich nach jener erſten Aufwallung ſehr ſtill, und als in der Mitte der Mahlzeit der Marquis ſich mit der Frage an ſie wandte, ob ſie keinen Brief erhalten habe, antwortete ſie mit einem kurzen Nein, und verſtummte dann gänzlich. So ging die ganze Mahlzeit vorüber. Man erhob ſich nach kurzer Zeit. Der Herzog und der Marquis griffen nach den Zeitungsblättern und Pamphleten, die ein Diener herbeibrachte, die Herzogin mit ihren Töchtern und Enkeln trat aus dem Pavillon hinaus, und ſetzte ſich unter das breite Dach, das den Vorplatz um denſelben beſchattete. 3 Wie! rief Clandine, als ich nun Anſtalt mich zu empfehlen, Sie wollen fort, ehe ich noch weiß, wig Ihre Mutt befindet? Ich habe Sie noch gar nicht geſprochen, und ich denke, ein wenig ſind Sie doch auch für mich gekommen. In dem Munde jedes Mädchens hätte dieſe Frage den Eindruck einer an⸗ muthigen Coquetterie machen, und als ſolche einem jungen Manne wohl thun und ſchmeicheln müſſen, der ſich hier auf einem ihm fremden Boden in einer ohnehin ſonderbaren Lage befand. Gekommen, Beiſtand anzubieten, ſah ich mich von den beiden Männern hochmüthig behandelt, und doch mit dem Selbſtbewußt⸗ ſein der Ariſtokratie, die ſich ihrer Anmaßungen eher im großen Ganzen, als im perſönlichen Verkehr entäußert, für ihre Zwecke benutzt. eß eine Frau, 31 1[ 1 Prie uns gefallen will, ſtellt uns nicht nur neben ſich, ſondern über ſich, und hite ich nicht ohnehin das Gefühl meiner völligen Freiheit und Gleichberechtigung in mir getragen, ſo würde die Gewißheit, derjenigen willkommen und werth zu ſein, die ich allein in dieſem Hauſe ſuchte, mir meine Unbefangenheit erhalten haben. Ich blieb alſo noch eine Weile dort. Ich erzählte Claudinen, was ich ihrer Mutter ſchon zuvor erzählt, und die Freude und Kindlichkeit, mit welcher ſie zu der Herzogin und zu ihrer Schweſter von unſeren Spielen und von unſeren Studien in dem Badeorte ſprach, erheiterte auch die anderen Damen, während ſie mich bezauberte. Als ich dann endlich aufbrechen mußte, ſagte ſie: Wenn Sie wiederkommen, will ich Ihnen zeigen, daß ich die Skizzen noch alle habe, die ich damals unter Ihrer Leitung machte. Unbedeutend wie ſie ſind, geben ſie doch ein Bild des Hauſes und des Gartens, und Mama und ich haben ſie deshalb immer gern gehabt! Sie aber hen die Blätter wohl nicht mehr? Die Männer haben keinen Sinn für ſolche Angedenken! Im Gegentheil! antwortete ich, der Aufenthalt im Bade, nach dem ich mich bald von meiner Mutter trennte, war großen Epochen meines Lebens, und ich habe jedes Andenken an dieſelbe wie ein Heiligthum bewahrt!— Ich hatte damit nichts geſagt, als was die damaligen Begriffe von Galanterie erfor⸗ derten; ich hatte es auch ſo eingerichtet, daß Claudine nicht an das Geſchenk ihrer Locke gemahnt wurde, wenn ſie deſſelben nicht mehr gedachte. Aber ihr ſchnelles Erröthen bewies mir, daß ſie ſich deſſelben in dieſem Augenblicke erinnern mußte, hätte ſie es auch bis jetzt vergeſſen gehabt. Sie brach die Unterhal⸗ tung ab, und endlich machte ich mich auf meinen Weg. Als ich ein paar Schritte von dem Pavillon entfernt war, hörte ich mich von dem Herzoge rufen. Ich hielt an, er kam die Stufen unte und erklärte, daß er mich bis an das Haus begleiten wolle. Dieſe Verbindlichkeit mußte mir auffallen, und ſie hatte natürlich auch ihren beſonderen Grund. Denn kaum waren wir weit genug von den Damen entfernt, um nicht von ihnen gehört zu werden, als der Herz tu. ernſten Weiſe und ohne den kalten Ausdruck ſeiner Züge zu verlieren, ſagte„daß ernoch etwas mit mir zu reden habe. Sie ſind jung, ſprach e„aber Sie gehören einer reſpectablen Familie an, und ich bin überzengt, daß S ein Mann von Ehre ſinb, dem man vertrauen kann. Sie leben hier lange genug, um die wachſende Gefahr unſerer Lage zu kennen, und einzuſehen, daß Paris jetzt kein ſicherer Aufenthalt für Frauen iſt. Nichts deſto weniger hat meine Gattin ſich geweigert, ſich jetz, wo es noch Zeit iſt, wo ihrer Reiſe kein Hinderniß im Wege ſtehen würde, von mir zu trennen, und ich habe nicht darauf beſtehen mögen, ra teigende Zahl der Ans⸗ wanderer wird das Geſetz gegen dieſelben, an vorbereitet, nur um ſo gewiſſer der Annahme empfehlen. Aber—— er hielt inne, als kämpfe er mit — einer Unentſchloſſenheit oder mit einem Mißtrauen, dann ſagte er ſchneller, als es ſonſt in ſeiner Art lag: Es können Fälle eintreten, in denen ich meiner Tochter befehlen würde, Paris auch ohne ihre Mutter zu verlaſſen. Ihr Herr Vater iſt franzöſiſcher Conſul. Glauben Sie, daß er ſich bewegen laſſen würde, Päſſe für die Damen auszuſtellen? Ich antwortete, daß mein Vater, als er Senator geworden, das Conſulat niedergelegt habe. Und würde der hieſige Vertreter Ihrer Vaterſtadt, den Sie ja kennen müſſen, geneigt ſein, uns den Dienſt zu leiſten? fragte er weiter. Unſer hieſiger Conſul iſt ein Verwandter meines Vaters, verſetzte ich. Wenn ich ihm den Brief meiner Mutter an die Frau Herzogin zeigte, fuhr ich fort, von dem Verlangen des Herzogs überraſcht, ſo halte ich es für möglich, das Gewünſchte zu erhalten, denn— er iſt kein Freund der jetzigen Zeit und der Bewegung. Und Sie? fragte der Herzog plötzlich, fügte dann jedoch eben ſo plötzlich hinzu: Aber laſſen wir das! Sie ſind jung, Sie gehören dem dritten Stande an, Sie müſſen Hoffnungen hegen— und Sie werden ſchwere Enttäuſchungen erfahren! Laſſen wir das! Kommen Sie morgen wieder! Wir ſprechen dann mehr von dem Dienſte, welchen ich von Ihnen für die Damen fordern möchte. Er hatte mich damit gleichſam in einer mir zuſagenderen Weiſe verpflichten, oder auch die Laſt der möglichen Dankbarkeit von ſich abwenden wollen, und nachdem er mich aufgefordert, am anderen Tage die Mittagsmahlzeit bei ihnen einzunehmen, entließ er mich. 3 Wie ein Berauſchter verließ ich das Hotel. Die Stadt mit ihrem Gewühle, die Begegnung mit meinen Bekannten, das Geſpräch mit meinem Onkel während der Mahlzeit, das ſich um die Tagesereigniſſe drehte, alles das fiel mir uner⸗ träglich. Die Zeit eiſtirte für mich nicht mehr, die blutigen Parteikämpfe waren für mich nicht mehr vorhanden. Alles, was ich ſeit Jahren erlebt, verſank für mich in Nichts, und nur zwei Momente meines Daſeins traten mir aus der Erinnerung deutlich und als lebenswerth hervor: mein früherer Aufenthalt in in Spaa und die Stunde, die ich eben jetzt an der Seite Claudinens zugebracht hatte. Alles Werdende iſt abhängig von der Stunde und von dem Boden, denen es ſeinen Urſprung verdankt. Zeiten der leidenſchaftlichen politiſchen Erregungen erzeugen auch in allen anderen Bereichen ſtarke Empfindungen, und in einem noch unentweihten Herzen wurzelt die Liebe ſchnell und tief. Jetzt, da ich aus ſo weiter Ferne auf jene Tage zurückblicke, jetzt kann die Vernunft es mir ſagen, daß, wäre ich damals beſchäftigt geweſen, hätte ich mich in ruhiger Umgebung befunden, die Leidenſchaft für Elaudinen mich vielleicht nicht ſo gewaltig ergriffen, mich vielleicht nicht ſo vollſtändig erfüllt haben würde. Aber ich war freier Herr meiner Zeit, Alles um mich her befand ſich in Aufregung, ich ſah — die Geliebte von Gefahren bedroht, ich wurde zu ihrem Beiſtand aufgefordert, ich war zwanzig Jahre, in der vollſten, ungebrochenen Kraft jugendlicher Männ⸗ lichkeit, ich erſehnte ein Weib, und das Ideal meiner frühen Vergangenheit trat mir in aller ſeiner holdſeligen Güte, in ſeiner unvergleichlichen Schönheit entgegen! Der ganze Tag, die ganze Nacht vergingen mir in Entwürfen. Die Liebe und die Sorge um die Geliebte machten mich ſchöpferiſch. Ich erträumte immer neue Gefahren, ich erſann immer neue Mittel der Rettung, und alle liefen darauf hinaus, mir Claudinen als den Preis ihrer Befreiung zu zeigen, mir ein Glück ohne Ende an ihrer Seite zu verſprechen. Ihr Rang, ihre Familie hielten meine Phantaſie nicht auf, denn was waren jetzt dieſe Titel und Würden, deren Exiſtenz geſetzlich vernichtet worden war?— Ich dankte meinem Schickſal, welches mich dieſe Zeit der Befreiung, der Menſchlichkeit, hatte erleben laſſen. Ich pries mich glücklich, daß Clandine von ihrer Mutter in Grundſätzen erzogen worden war, welche ihr den Verluſt, den ſie mit allen ihren bisherigen Standes⸗ genoſſen erlitten hatte, nicht ſchmerzlich ſcheinen laſſen konnte. War doch ihr Frohſinn auch ungetrübt geweſen, hatte doch auch ſie Alles um ſie her vergeſſen, um wie ich, nur unſerer Kindheit und des Augenblickes zu gedenken!— Noch am Tage vorher hatte ich mich gerührt gefühlt, als die Herzogin mir verwehrte, ſie mit dieſem Titel anzureden; jetzt empfand, jetzt genoß und ſegnete ich die welterlöſende Kraft der Freiheit und der allgemeinen Gleichheit, welche mir die Geliebte und mich ihr entgegenbrachte. Die ſtolze Kälte des Herzogs und ſeines Sohnes fochten mich nicht mehr an. Ich beklagte ſie beide als ſolche, die es nicht verſtanden und nicht verdienten, in dieſer Zeit zu leben. Ich ſah im Geiſte ein neues Geſchlecht vor Augen, das frei geboren und dem alle Vorurtheile der Vergangenheit unglaublich ſein würden, und ich liebte dieſes Geſchlecht der Zukunft, weil ich wähnte, es werde beſſer ſein als wir. Der Menſch ſelbſt iſt aber niemals beſſer, als in jenen Augenblicken ſeiner inneren Erhebung, in welchen er, weil er groß und wahr empfindet, den Sieg und die Herrſchaft des Wahren auch für unfehlbar hält. Es war ein ſchöner Tag voll ſchwungvoller Erhebung!— Es war ein kurzer Tag! Siebentes Kapitel. Als ich mich am nächſten Mittage, der Einladung des Herzogs zu folgen, in das Hotel deſſelben begab, war es gegen zwei Uhr und ſehr heiß. Man führte mich wieder in den kleinen Salon der Herzogin, in dem man die Fenſter und die ſchweren ſeidenen Vorhänge geſchloſſen hatte, um die Wärme und die Sonne abzuhalten. Es war alſo kühler, aber auch dämmerig in dem Raume, und gleich bei dem Eintreten ſah ich Claudinen, welche mit einer Filetarbeit an einem kleinen Tiſche unweit des einen Fenſters ſaß. Auf die Meldung des Dieners hatte ich ihre Stimme annehmend antworten bören, aber ſchon dieſe Stimme hatte nicht den friſchen Klang gehabt, wie an dem verwichenen Tage, und als ich in ihr Antlitz blickte, fand ich den Glanz des Frohſinns davon gewichen. Sie hieß mich niederſitzen, befahl dem Diener, die Herzogin von meiner Ankunft zu benachrichtigen, und ſagte dann, als er hinausgegangen war, die Mutter habe ſie beauftragt, mich zu erwarten, da ſie ſelbſt anderweit in Anſpruch genommen wäre. In England würde mir dies nicht auffallend geweſen ſein, in Frankreich war es eine ungewöhnliche Abweichung von der Sitte, aber ich dachte damals darüber nicht weiter nach. Mein ganzes Intereſſe beſchränkte ſich darauf, die Urſache von Clandinens Verſtimmung zu erfahren, und ich fragte ſie um dieſelbe. Ach, ſagte ſie, wie kann Ihnen dieſe auffallend ſcheinen? Ich wundere mich nur immer, wenn ich noch eine Spur meiner alten Heiterkeit in mir wiederfinde. Alle Welt um uns her iſt traurig. Jeder Tag bringt meinem Vater neue Sorgen, meiner Mutter nene Schmerzen. Meine Schweſter ſtirbt dahin und kann ſich nicht entſchließen, das wärmere Klima aufſuchen zu gehen, von dem die Aerzte ihre Erhaltung erwarten, und nun vollends heute Heute? fragte ich ſie unterbrechend, iſt Ihnen heute eine üble Nachricht gekommen? Sie ſchüttelte verneinend das ſchöne Haupt. Nein, ſagte ſie, aber man hat den ganzen Morgen von der Auswanderung geſprochen. Und Sie möchten Frankreich nicht verlaſſen? Sie möchten Ihr Vaterland nicht verlaſſen? Mein Vaterland? wiederholte ſie mit einem Tone, der mir auffiel, deſſen Bedeutung ich aber nicht verſtand. Mein Vater hat uns immer geſagt, die Frauen hätten kein Vaterland außer dem Hauſe ihres Vaters und ihres Gatten. Es iſt vielleicht deshalb, daß ich kein ſo lebhaftes Vaterlandsgefühl empfinde, als die Mänrer, und das Frankreich, das ich jetzt vor Augen habe, iſt auch nicht gemacht, uns Liebe einzuflößen. Ich ſehe den guten König, die ſchöne, huldvolle Königin mißkannt, beleidigt und verhöhnt. Mein Vater, meine Mutter werden in ihren Rechten angetaſtet, werden gekränkt; wir ſind nicht mehr ſicher in unſerem Schloſſe, nicht in unſerem Hauſe hier. Es iſt ſchon ſo viel Blut gefloſſen, daß man täglich neues Blutvergießen fürchtet. Alle meine Träume ſind damit erfüllt. Hundert Mal habe ich im Traume meinen Vater ſterben ſehen, wie der unglückliche Herr von Favras, wie Andere geſtorben ſind. Man wagt nicht mehr, von einem Tage auf den anderen zu rechnen! Und Sie können glauben, daß ich dieſes Frankreich liebe? daß ich Vaterlandsliebe empfinde? — Ich verſichere Ihnen, ich verabſcheue dieſes Land, wie es jetzt iſt! Der ärmſte Bürger iſt ja glücklicher als wir! 5 Sie hatte mit großer Leidenſchaft geſprochen, ſie ſchwieg nun plötzlich ſtill, und ſich beſinnend, ſagte ſie: Verzeihen Sie, daß ich mich hinreißen ließ! Der Gedanke, zu einem Freunde zu ſprechen, riß mich fort und machte mich vergeſſen, daß Sie vielleicht ganz andere Geſinnungen hegen, und daß Sie für ſegensvoll halten, was mir entſetzlich ſcheint. Ich hatte die Gewaltthaten der Revolution, ſelbſt wo ſie herausgefordert worden waren, immer beklagt, und es werden in jenen Tagen in Paris nicht viele Gebildete geweſen ſein, die den reinen Enthuſiasmus für die Revolution zu fühlen vermochten, mit welchem die glücklichere Nachwelt auf ſie zurückblickt. Aber der klagenden Geliebten gegenüber dachte ich weder an die Segnungen, noch an die Gewaltthaten der Umwälzung. Ich hatte nur das Verlangen, Clandinen heiter zu ſehen, ſie einer Umgebung zu entreißen, in der ſie leiden mußte, und voll von dieſem Wunſche, fragte ich: Aber warum erſchreckt Sie denn der Gedanke an das Ausland? Weil ich— weil ich allein in das Ansland gehen müßte! 5 Allein? ſprach ich ihr nach, die Frau Herzogin und Ihre Frau Schweſter würden Sie nicht begleiten? Nein! antwortete ſie. Meine Mutter wird den Vater nicht verlaſſen, und welche Frau könnte ſich in der Stunde der Gefahr von ihrem Gatten trennen? Meine Schweſter würde, wenn ſie ſich überreden ließe, nach Italien gehen müſſen, und Sie würden ihr nicht dahin folgen? unterbrach ich ſie. Nein! mein Vater will, daß ich nach England gehe. Seine Schweſtern ſind dort, und— auch der Graf iſt dort! fügte ſie mit einer mir auffallenden Zurückhaltung hinzu. Der Graf? fragte ich. Der Graf von Lantenil! bedentete ſie in derſelben Weiſe. Sie ſchien an⸗ zunehmen, daß der Name mir bekannt ſei, ich mußte ihr das Gegentheil erklären, und mit ſichtlichem Erſtaunen ſprach ſie: Hat meine Mutter Ihnen nicht geſagt, daß ich vertobt bin? Es kam mir vor, als erbleiche ſie bei dieſen Worten, aber ich wußte ſelbſt nicht, was ich ſah. Es war wie ein vernichtender Schlag auf mein Haupt hernieder gefallen, der Boden, auf dem ich ſtand, ſchien mir unter den Füßen zu ſchwanken. Sie war verlobt, ſie war gegen ihren Willen verlobt, daran konnte ich nicht zweifeln, und mich, mich wollte man dazu benutzen, ſie ihrem ihr verhaßten Bräutigam, einer ihr verhaßten Ehe entgegen zu führen! Es iſt mir oft begegnet, daß unerwartete Eindrücke mein Gedächtniß auch auf unerwartete Erinnerungen, auf vergeſſene Erlebniſſe zurückgeführt haben. — 65 Kaum hatte daher Claudine die verhängnißvollen Worte ausgeſprochen, als unſer Abſchied in dem Gartenhauſe zu Spaa in völliger Deutlichkeit in mir hervor⸗ tauchte, und an jenen Abend denkend, rief ich: Oh, Sie hatten es mir ja geſagt, man würde Sie verheirathen, wenn Sie erwachſen ſein werden! , — — Sie hatte ihre Arbeit in der Hand, aber die Hand ſank ihr nieder, und ihr Auge voll tiefer Schwermuth zu mir erhebend, ſagte ſie traurig: Ich habe oft daran gedacht! aber damals wußte ich noch nicht, was es heiße— verhei⸗ rathet zu werden! In dem Augenblicke trat die Herzogin herein. Die Bewegung ihrer Tochter, meine völlige Verwirrung entgingen ihr nicht; ſie war jedoch weit davon entfernt, dies durch irgend eine Frage zu verrathen, ſondern ſie ſagte mit der ruhig ausgleichenden Weiſe, welche ſie nie verließ, ſich zu mir wendend: Ich ſehe, Fanny Lewald, Der Seehof. 5 — 66— er Ihnen geſtern ſchon ſelbſt mitgetheilt hat. Sie ſollte keine ſolche Schwäche zeigen, wenn es die Beruhigung ihres Vaters ilt; indeß ich habe ſie verwöhnt. — Sie reichte der Tochter dabei die Byei⸗ dieſe küßte, und fragte mich dann, ob ich mit unſerem Conſul Rückſprache genommen hätte. Ich konnte ihr eine zufriedenſtellende Antwort geben. Sie machte genaue Erkundigungen, und als dieſe ihr genug gethan hatten, rückte ſie die ganze, ihr offenbar ſehr wichtige Angelegenheit mit der Bemerkung in die Ferne und in das anſcheinend Gleichgültige: ſie hoffe, man werde nicht in den Fall kommen, meine Bemühungen in Anſpruch zu nehmen. Madame Nangis, ſagte ſie, Madame Nangis kann und muß nach Italien gehen, denn die Entfernung aus dieſer Stadt und die Verpflanzung in eine gleichmäßigere Atmoſphäre ſind ihr nothwendig. Ich habe ihr begreiflich gemacht, daß ſie die Pflicht hat, ſich für ihre Kinder zu erhalten, und eben jetzt hat ſie ſich bereit erklärt, zu reiſen. Ihr Vater wird ſchon morgen den Paß für ſie verlangen, und krank wie ſie iſt, wird ihre Abreiſe Jedermann natürlich dünken. Meine Schweſter verläßt uns? rief Claudine mit Beſtürzung. Was befremdet Dich daran, mein Kind, da Du es weißt, wie ſehr ſie dieſer Reiſe bedarf? verſetzte die Herzogin, und wie vorhin fühlte ich mitten durch den freundlichen Ton ihrer Worte eine gewiſſe Kälte oder Schärfe heraus, die ich bei meinen beiden erſten Beſuchen nicht wahrgenommen hatte. WMeine Schweſter geht fort? wiederholte Claudine, und ſetzte dann ſchüchtern bittend n aber ich, Mama, ich bleibe doch bei Ihnen? Du bleibſt noch bei uns! entgegnete die Mutter, und von dem ganzen Auswanderungsplane war nicht mehr die Rede. Weder die Herzogin noch der Herzog, der bald darauf erſchien, gedachten deſſelben gegen mich. Man behan⸗ delte mich freundlicher noch, als an dem vergangenen Tage, man wußte, worauf man rechnen konnte, und behielt es ſich vor, über mich zu beſtimmen, ſobald und wie man meiner bedürfen würde. Die Zeit verſtrich mir ſchnell. Man ſprach von der Reiſe der älteren Tochter, die, bleicher noch als am verwichenen Tage, ſich noch nicht in das bevorſte⸗ hende Ereigniß finden konnte. Der Herzog und der Marquis erzählten von ihren beiderſeitigen Erlebniſſen in Italien, man machte der Kranken Hoffnung, ihr zu folgen, ſobald die Zuſtände ſich etwas ruhiger geſtalten würden— ich hörte die ganze Unterhaltung, aber ich war nicht dabei. Ich konnte nichts denken, als daß Claudine Braut, daß ſie unglücklich ſei, und daß man mich benutzen wolle, ſie einem ihr verhaßten Gatten zuzuführen. Mein Herz empörte ſich gegen das, was ich einen Mißbrauch des Vertrauens nannte, in nie gefühltem Grimme, und ich gelobte mir, Nichts zu thun, als was Claudine ſelber von mir fordern würde. daß meine Tochter Ihnen von den Abſichten ihres Vaters geſprochen, welche c — G Nach der Mahlzeit, bei der ſie ſchweigend dageſeſſen hatte, ſuchte ich in ihre Nähe zu kommen, und einen Angenblick benutzend, in welchem ich mich unbemerkt befand, ſagte ich zu ihr: Rechnen Sie auf mich! Sie ſollen nicht reiſen gegen Ihren Willen! Ach, Sie kennen meine Familie nicht! antwortete ſie mir. Sie verließ mich darauf ſchnell, und ich ſprach ſie nicht mehr, denn ſie hielt ſich eben ſo gefliſſentlich fern von mir, als ſie mich am vorigen Tage unbefangen aufgeſucht hatte. Mehr als ein Vierteljahr verging. Frau von Nangis hatte Paris ohne alle Schwierigkeiten verlaſſen, die Abſendung des Geldes war nach einer Rückſprache mit unſerem Conſul, der aus Freundſchaft für meine Eltern mir ſeinen Beiſtand zugeſagt, in bequemer und ſicherer Weiſe beſorgt worden. Es war alſo eigentlich „für den Augenblick weiter nichts zu thun und meine Anweſenheit in dem Hotel der Herzogin war nicht nothwendig. Trotzdem wurde ich öfter zu ihr entboten, und ſie wußte mich mit den verſchiedenſten Erkundigungen in ihrem Intereſſe zu beſchäftigen. Ich traf die Herzogin meiſt allein. Sie behandelte mich mit der größten Freundlichkeit, ſprach jedesmal mit mir von meiner Mutter, gelegentlich auch von den vergangenen Tagen, in welchen ich und Claudine ſorglos unter ihren Augen geſpielt hätten, und in denen man nicht habe vorausſehen können, welchen ſchweren Prüfungen man entgegen ging. Sie war dann ganz Milde, ganz Faſſung und Entſagung, und verfehlte es niemals, mich zu gewinnen und Eindruck auf mich zu machen. Fügte es ſich, daß die Tochter zugegen war, ſo wurde ich kürzer abgefertigt, und niemals gelang es mir, dieſelbe in ein Geſpräch zu verwickeln, oder gar einen Augenblick allein mit ihr zu reden, ſelbſt nicht an den Tagen, an welchen ich zur Mahlzeit eingeladen wurde. Die Männer waren meiſt ſehr beſchäftigt, ſehr ernſt und wortkarg. Der Herzog gab ſich Mühe, dies zu verbergen und ruhig zu erſcheinen; den Marquis aber hinderten ſeine Erbitterung und ſein Haß gegen die Revolution daran, irgend welchen Schein zu wahren, und nur die Unterordnung unter ſeine Eltern legte ihm einen Zügel an, wenn er ſich in heftigen Worten gegen die Männer der Be⸗ wegung äußern wollte. Ich war mit lieben Erinnerungen, mit einer großen Neigung zum Ver⸗ ehren in die herzogliche Familie eingetreten. Ich hatte ihr gegenüber die volle Freiheit eines Menſchen gefühlt, der Nichts zu begehren hat, und der gekommen war, in großer Bedrängniß theilnehmend und freiwillig ſeine guten Bienſte anzubieten. Weil ich die Exiſtenz der Familie von außen her angegriffen und bedroht ſah, war es mir ein Bedürfniß geweſen, ſie mir im Innern um ſo einiger und glücklicher zu denken. Weil ſie ſich mit ſicherer Faſſung derge⸗ wohnten Titel entäußerte, hatte ich vorausgeſetzt daß ihr Sinn zu groß ſei, um Werth darauf zu legen. In meiner jugendlichen Verblendung hatte ich ſie ¹ für Menſchen gehalten, deren innerſte Ueberzeugung mit der neuen Ordnung 5 der Dinge eigentlich zuſammenfiel, und ich hatte geglaubt, als der Sohn einer Freundin von der Herzogin auch mit Freundſchaft, mit einem Worte, als ein Gleichberechtigter empfangen worden zu ſein. Man erzählt aber ein Märchen von einem Zauber, der dem Menſchen die Augen öffnet, und ihn plötzlich hellſehend macht. Ein ſolcher Zauber war die Klage der Geliebten für mich geweſen. Der Vertrauende vergißt es, zu beob⸗ achten, und wird darum ſo leicht getäuſcht. Seit ich jedoch die feſte Zuverſicht zu den Perſonen verloren hatte, mit denen ich in Berührung gekommen war, ſeit ich, aufmerkſam gemacht, aufmerkſam wurde, ſah ich die Abſichtlichkeit, mit welcher man mich behandelte, und erkannte auch ihren Zweck. Man wollte meine Ergebenheit erhalten, ſich meiner Dienſte verſichern, und doch in der Lage G bleiben, mich zu beſeitigen, ſobald man mich nicht zu bedürfen glaubte. Die Herzogin, welche, durch die Revolution empört, ihre früheren humanen Anſchauungen als eben ſo viele Irrthümer verleugnete, beſaß die ruhige, uner⸗ ſchütterliche Selbſtſucht des Adels, die ſich für berechtigt hält, Alles für ihre Zwecke zu benutzen, die des Glanbens lebt, daß Jedermann Befriedigung darin finden müſſe, dieſen Zwecken ſeine Dienſte zu weihen. Die Treue meiner Mutter, meine ehrfurchtsvolle Hingebung, meine warme und dankbare Erinnerung an das frühere Leben in ihrer Nähe hatten ſie in ihren Anſichten in einem Augen⸗ blicke beſtärkt, in welchem eine ſolche Zuverſicht ihr doppelt willkommen geweſen war, und ſie genoß meine Unterordnung in ihren Willen, wie man den Son⸗ nenſchein in trüben Tagen genießt, mit Freuden und mit Mißtrauen zugleich. Daß die Herzogin meine Liebe für ihre Tochter kannte, daran zweifelte ich nicht. Wie ſie darüber denken mußte, war mir eben ſo gewiß, und ich hätte es ihr verziehen, wenn ſie mich aus der Nähe der Geliebten verwieſen hätte. Aber daß ſie ſelbſt meiner Liebe ſchmeichelte, indem ſie mich immer wieder an die Zeit ihres Urſprungs erinnerte, daß ſie meine Leidenſchaft anfachte, indem ſie mich Claudinen ſehen und nicht ſprechen ließ, daß ſie mich nur als ein Mittel für ihre Zwecke betrachtete, auf deſſen Empfinden, auf deſſen Glück und deſſen Verzweiflung man gar keine Rückſicht zu nehmen habe, das löſte die Bande, durch die ich mich ihr verpflichtet glaubte, und Claudinens Klagen, ihre ſichtliche Traurigkeit und endlich die Kenntniß ihres Schickſals gaben meinen Ideen eine ganz neue Richtung. Ich hatte Anfangs vergebens danach geſtrebt, auch nur zu erfahren, wer jener Graf von Lanteuil, wer Claudinens Verlobter ſei. Alles in dem Hauſe hatte ſo gewieſene Wege, die Dienerſchaft war ſo wohl geſchult, daß dem Zufall kaum ein Spielraum gelaſſen war, und erſt nach mehrfachen Verſuchen gelang es mir, den alten Kammerdiener der Herzogin einmal zur Rede zu bringen, als er mit einem Auftrage derſelben in meine Wohnung kam. Vorſichtig und mißtrauiſch, wie Dienſtbarkeit und Alter es machen, wich er zuerſt meiner Frage ſtandhaft aus; endlich aber, als ich davon ſprach, daß Mademoiſelle ſehr leidend ausſehe und ſich wohl nach dem Verlobten ſehnen möge, ſagte er kopfſchüttelnd: Ich glaube das nicht! Mademoiſelle weiß es, daß ihre Eltern Sorge haben, das macht ſie traurig. Aber wie konnte ihr Bräutigam ſie verlaſſen in einer ſolchen Zeit? Des Herrn Grafen Geſundheit iſt nicht gut, und er war auf ſeinen Gütern, wie man ſagt, nicht ſehr geliebt! antwortete der Kammerdiener. Wenn er krank iſt, wenn ſeine Leute ihn nicht lieben, rief ich, wie konnte Mademoiſelle ihn wählen? Der Alte ſah mich mit überlegener Verwunderung an. Mein Herr, ſagte er mit einer Vornehmheit, wie der Herzog ſelbſt ſie nicht ſtärker ausdrücken konnte, bei uns in Frankreich wählen junge Damen ihren Gatten nicht. Mon⸗ ſieur de Lanteuil iſt der Freund unſeres Herrn, und obſchon unſer Herr ein reicher Herr iſt, ſo hat er doch drei Söhne zu verſorgen, die ihren Rang in der Welt behaupten müſſen, und—— Aber liebt Mademoiſelle den Grafen von Lanteuil? fragte ich, von meiner Leidenſchaft fortgeriſſen. Gewiß! entgegnete der Alte, da ihr Vater ihn für ſie gewählt hat! Und zudem— Monſieur de Lanteuil hat einen ſehr ſchönen Namen, iſt ſehr prächtig und ſehr gern geſehen in Verſailles! Ich konnte von dem Greiſe keine weiteren Thatſachen erfahren, aber ich wußte jetzt, was ich wiſſen mußte, und ich gelobte mir, Claudinens Beiſtand, ihr Freund zu werden, ſelbſt wenn ſie mir meine Neigung nicht erwiedern ſollte, ſelbſt wenn ich ſie einem geliebteren Manne zu erhalten hätte. Ich fühlte einen bitteren Groll gegen ihre Eltern. Die Tyrannei, welche ſie gegen die Tochter übten, das ſtarre Gepräge urtheilsloſer Abhängigkeit, welches die Art ihrer Herr⸗ ſchaft dem Diener aufgezwungen, empörten mich. Ich beſtärkte mich gefliſſent⸗ lich in der Anſicht, daß dem Adel und ſeinem Stolze nur ſein Recht geſchehe, wenn man ihn zu vernichten ſtrebe, und während ich dieſe Gedanken in meinem Innern trug und hegte, bannte mich die Liebe für eine Herzogstochter an ein Herzogshaus, unterjochte mich immer wieder die Gewohnheit der Herzogin, auf Gehorſam und Unterordnung zu rechnen. Achtes Kapitel. So war das ganze erſte Jahr meines pariſer Aufenthaltes und das ihm folgende verfloſſen. Im Frühling von Zweiundneunzig ſtarb mein Onkel. Er hatte ſeit dem Tode ſeines Sohnes ſeine Geſundheit eingebüßt, er war auch den Stürmen der raſtlos fortſchreitenden Revolution nicht gewachſen geweſen, und der Kummer über den Verluſt ſeines Sohnes und über die Lage ſeines Vaterlandes rieben ihn auf und brachen ihm das Herz.— Damit war eigentlich der Zweck meines pariſer Aufenthaltes beendet, und meine Eltern forderten meine Rückkehr nach Deutſchland. Indeß ich wußte meine Tante zu überreden, daß es erſprießlich ſei, mich, ſo lange die verwickelte Vermögensordnung meines Onkels nicht beendet wäre, bei ſich zu behalten, und ich erlangte die Bewilligung, noch in Frankreich zu bleiben, wo meine Anweſen⸗ heit für meine Tante auch wirklich nicht ganz ohne Nutzen war. Ich ſelbſt hatte ein Legat von achtzigtanſend Franken von meinem Onkel ererbt, und be⸗ fand mich damit trotz meiner Minderjährigkeit, nach ſeinem ausdrücklichen Willen im Beſitze eines unabhängigen, wenn auch kleinen Vermögens, das mir un⸗ ſchätzbar dünkte und auch ſpäter unſchätzbar für mich wurde. Während deſſen war, ſeit der mißglückten Flucht des Königs und ſeiner Familie, das Königthum in Frankreich immer ſchneller ſeinem Untergange zuge⸗ ſchritten. Der Haß und das Mißtrauen des Volkes gegen den König, gegen die Emigranten und gegen die wenigen in Paris zurückgebliebenen Adeligen, welche aus Liebe und Treue für den König in deſſen Nähe verweilten, hatte eine furchtbare Stärke gewonnen. Schon lange von Mangel gedrückt, hegte das Volk die Ueberzeugung, daß die fremden Heere ſich auf Paris werfen, der König und ſeine Ariſtokratie ſich flüchten würden, und daß man die Stadt und ihre bürgerlichen Bewohner der Hungersnoth und dem Untergange Preis zu geben beſchloſſen habe. Der König war ſchon ſeit ſeiner Flucht ein Gefangener in den Tuilerieen, die Auswanderung war ſchwer und gefährlich geworden, und in der herzoglichen Familie ſchien keine Rede mehr von derſelben zu ſein. Der Krieg an der Nordgränze hatte bereits begonnen, die beiden jüngeren Söhne des Herzogs waren zum Heere abgegangen, den Marquis hatten Un⸗ ruhen auf den Beſitzungen ſeines Vaters dorthin geführt. Der Herzog und ſeine Gemahlin, welche in den Zeiten der Ruhe wenig am Hofe erſchienen waren, ſetzten ihre Ehre darin, in dieſen Leidenstagen durch doppelte Ehrfurcht und Ergebenheit das Königspaar von ihrer Treue zu überzengen. Sie waren täglich in den Tuilerieen, und ihre Tochter lebte in der Umfriedung ihres Hauſes ein faſt klöſterliches Daſein, in welches nur die Sorge um die Ihrigen und die Aufregung, worin die immer wiederkehrenden Aufläufe und Zuſammenrottungen des Volkes die Ariſtokratie erhielten, eine Art von Wechſel brachten. Ich ſelbſt hatte keine Raſt und keine Ruhe. Meine Liebe zu Claudinen war zur heftigen Leidenſchaft geworden, und doch hütete ich mich, dieſelbe zu verrathen, um das Glück nicht zu verlieren, welches ich fühlte, wenn ich ſie nur ehen durfte. Geſprochen hatte ich ſie nie wieder allein, als endlich ein Zufall — mir dazu in einem Augenblicke verhalj. der die ganze übrige Stadt i in Auf⸗ regung verſetzte. Es war am zwanzigſten Inni, an dem Tage, an welchem man durch einen Aufſtand den König zur Annahme eines Dekretes gegen die nicht vereideten Prieſter und gegen die Emigranten zwingen wollte. So ſehr man der Auflänfe, der Zuſammenrottungen gewohnt war, hatte das Unternehmen dieſes Tages doch von Anfang an einen beſonderen Charakter gehabt, und nicht ohne Schrecken hatte ich geſehen, wie die Schaaren bewaffneter Männer und Weiber ſich von den Vorſtädten aus nach den Tuilerieen hinaufwälzten, hier und da die Hänſer bedrohend, in welchen Anhänger des Königs wohnten. Je weiter der Tag hin⸗ auf ſtieg, deſto gewaltſamer wurden die Vorgänge. Das Volk hatte ſich mit Gewalt den Zugang in die Tuilerieen eröffnet, der König hatte den Tag über den Maſſen Stand zu halten. Außen in den Straßen verlangten einzelne Grup⸗ pen, man ſolle ein Ende mit ihm machen, um dem Kriege und der Noth ein Ende zu machen. Und da die ganze Menſchenmaſſe nicht Raum in dem Schloſſe und in dem Garten finden konute, fingen einzelne Züge an, ſich unter wildem Lärm über die Brücke nach dem anderen Ufer der Seine zu werfen. Schon ſeit Monaten hatte der Gedanke mich verfolgt, daß es einmal zu einem Angriff auf die Hotels des Adels kommen könne. Vielmals hatte ich in meinen Träumen ſolche Scenen mit Grauſen und Entſetzen erlebt, und als ich jetzt den Weg der empörten Menge gewahrte, eilte ich von Angſt und Sorge getrieben, das Hotel des Herzogs zu erreichen. Als ich vor demſelben ankam, war Alles in der Straße ruhig. Das Gitter war geſchloſſen wie immer, die Thür des Hotels ſtand offen, daß man durch die Säle des Erdgeſchoſſes in den Garten hinaus ſah, der ruhig im heißen Sonnenlicht des Nachmittags dalag. Aber gerade der Gegenſatz, welchen dieſe Stille mit den Scenen des wilden Aufruhrs in den Tuilerieen bildete, hatte etwas ſehr Bewegendes und machte mir die Vorſtellung, auch hier die Zerſtörung und Verwüſtung hereinbrechen zu ſehen, nur noch furchtbarer. Der Portier, der mich kommen ſah, öffnete mir von ſelbſt. Ich fragte nach ſeiner Herrſchaft. Sie haben ſich beide in der Frühe zu Ihren Majeſtäten begeben, antwortete der Diener mit einem Seufzer und fügte dann hinzu: Ich wollte, ſie wären erſt wieder heimgekehrt. Mademoiſelle hat verſchiedene Male ausgeſchickt, Nachrichten zu erhalten, aber es iſt unmöglich bis in die Gemächer Ihrer Majeſtäten durchzudringen! Ich wollte mich melden laſſen, aber auf ihren Boten wartend, hatte Clau⸗ dine mich kommen ſehen und ging mir bis in den Vorſaal des oberen Stockes entgegen. Sie war, obſchon es gegen Abend war, noch im Morgenkleide, ihr Haar hing in natürlichen Locken auf ihre Schultern herab, ſie hatte gar keinen Schmuck irgend einer Art an ſich, und dieſe Einfachheit, verbunden mit der Bläſſe ihrer Wangen und der Angſt, die in allen ihren Zügen lag, machten ſie in meinen Augen nur noch ſchöner. Reden Sie, reden Sie, mein Freund! rief ſie mir entgegen, was iſt ge⸗ ſchehen? was geſchieht? Ich ſagte, was ich wußte und geſehen hatte. Ich ſprach von dem Durch⸗ zuge des Volkes durch den Garten und das Schloß, indem ich es verſuchte, denſelben als ein Ereigniß darzuſtellen, wie man deren ſchon viele erlebt; aber ſie hatte bereits Kunde davon erhalten, wie ſehr das Leben des Königs und der Königin bedroht geweſen war, und ihre Phantaſie war nicht davon abzubringen. Tröſten Sie mich nicht! ſagte ſie ſehr ſanft. Wer unſer Freund iſt in dieſen Tagen, muß uns darauf vorbereiten, den Kelch bis zu ſeiner Hefe zu leeren! Sie werden den König und die Königin ermorden, und wir werden mit ihnen untergehen; denn der Haß des Volkes gegen uns iſt furchtbar. Aber, fügte ſie hinzu, und ihre Stimme bebte, es iſt ſehr hart, gehaßt zu werden für Miſſe⸗ thaten, die man nicht begangen hat! Sie ſah dabei ſo rein und ſchuldlos aus wie ein Engel, der über die Sünden der Menſchheit weint. Mein ganzes Herz wallte ihr entgegen, und meiner ſelbſt nicht mächtig, rief ich: Wer könnte Sie haſſen der Sie ſähe, ſo heilig, ſo ſchön, ſo jung! Sie ſchüttelte abwehrend das Haupt, und als hätte ſie nur meine letzten Worte vernommen, entgegnete ſie: Ich bin nicht mehr jung, und es ſcheint mir, als ob Niemand es ſein könnte, in der Lage, in welcher wir uns befinden. Wenn man immer um das Leben der Seinigen zittert, wenn man ſeit Jahren die wechſelndſten Erregungen durchlebt hat, vergißt man, daß man jung iſt, und welch ein Vortheil wäre es denn auch, jung zu ſein?... Sie brach ab und ſagte dann: Ein Kind ſein, das iſt Alles, denn bei uns in Frankreich, dünkt mich, ſind jetzt nur die Kinder noch glücklich! Aber warum in Frankreich verweilen? Warum verſuchen Sie es nicht, Ihre Familie zur Auswanderung zu bewegen? Sie ertragen den Zuſtand der Angſt nicht lange, Sie werden unterliegen! ſagte ich, von der zärtlichſten Sorge um ſie ergriffen. Was thäte das? verſetzte ſie mit bitterem Tone, aber eben ſo ſchnell, als dieſer Ausdruck ihr gekommen war, ging er vorüber, und zu der Weiche und Innigkeit zurückkehrend, welche den Grundzug ihres Weſens bildeten, ſprach ſie: Sie nehmen Theil an mir, ich weiß das, und es war mir oft ein Troſt. Aber wenn ich Ihnen werth bin, ſprechen Sie nie von Auswanderung! Nie⸗ mals! ich will Frankreich nicht verlaſſen! Sie brach plötzlich ab, und wir hatten einander nichts mehr zu ſagen. Wir ſtanden auf dem Balkon, der ſich vor dem mittleren Saale nach der Garten⸗ ſeite hinzog. Sie hatte den Arm auf die Baluſtrade und das Haupt auf den — Arm geſtützt. Die Sonne war hinter den großen Bäumen ſchon herabgeſunken, ein leiſer Luftzug hatte ſich erhoben und ſpielte mit Claudinens Haar und Ge⸗ wand. Die Fülle köſtlichen Duftes ſtieg von dem Garten empor. Ich war wie in einem wundervollen und doch quälenden Traume. Ich war wie auf⸗ gelöſt in Liebe, ich hätte vor ihr niederſtürzen oder ſie in meine Arme ziehen mögen. Ich ſagte ihr in meinem Innern alles, was ich für ſie fühlte; aber ein Zauber ſchloß mir die Lippen, daß ich kein Wort zu ſprechen, daß ich mich nicht zu regen vermochte. Ich ſtand und ſtand, und ſie war neben mir und in Gedanken verſunken wie ich, und der Wind fächelte immer leiſer und wärmer, und die Blumen dufteten immer ſtärker, und die Dämmerung fing an, ſich über den Garten auszubreiten. Ich wußte nicht, was mit uns werden ſollte, ich wußte nicht, wie ich nach dieſer Stunde leben ſollte, ohne ſie zu ſehen, ohne in ihrer Nähe zu athmen. Ein Diener, den ſie ausgeſandt hatte, und der jetzt zurück kam, weckte mich aus dieſem Brüten. Er brachte die Nachricht, daß es gelungen ſei, das Volk zum Rückzuge aus den Tuilerieen zu bewegen, und daß die Ruhe ſich her⸗ zuſtellen anfange. Wir fragten nach dem Könige und ſeiner Familie, Claudine wollte wiſſen, ob irgend Menſchenleben geopfert worden wären, ob der Um⸗ gebung des Königs Gefahr gedroht habe. Der Diener antwortete, den eigent⸗ lichen Kern dieſer Erkundigung verſtehend, er habe von den Herrſchaften nichts erfahren können; ſo viel man aber außerhalb des Schloſſes vernommen, ſei nirgend ein Angriff gegen das Leben der Bewohner deſſelben vorgefallen. Das beruhigte Claudinen in etwas, und mit dieſer Beruhigung mochte das Gefühl ihr kommen, wie ungewöhnlich und unſtatthaft unſer langes, einſames Bei⸗ ſammenſein geweſen ſei. Sie fragte nach der Dame, welche ihr ſonſt in Ab⸗ weſenheit ihrer Mutter Geſellſchaft leiſtete, und als man ihr meldete, daß Schreck und Angſt ſie unwohl gemacht, bot ihr dies den Vorwand, mich zu entlaſſen, und uns Beide aus der verwirrenden Befangenheit zu erlöſen, die über uns gekommen war. Neuntes Kapitel. Ich hatte den weiteſten Umweg gemacht, mich dem Gewühl der lärmend heimkehrenden Volksmaſſen zu entziehen, und war eben erſt in dem Hauſe meiner Tante angelangt, in welchem dieſe ſich vorbereitete, Paris zu verlaſſen, um ſich nach einem kleinen Orte zu begeben, wo ſie bei Verwandten mehr Ruhe zu finden hoffte, als eine Botſchaft der Herzogin mich erreichte, welche mich aufforderte, mich noch an dieſem Abende zu ihr zu begeben. Ich machte mich alſo angenblicklich wieder auf den Weg, und es mochte gegen eilf Uhr ſein, als ich das Hotel zum zweiten Male erreichte. Bei meinem Eintritt fand ich die Familie in dem Zimmer der Herzogin beiſammen. Die Vorſäle hatte ich dunkel gefunden, die Hausordnung hatte zum erſten Male Störungen erlitten. Die Herzogin ſaß in halb liegender Stellung auf einem Sopha, ihre Klei⸗ dung, ihre Friſur waren beſchädigt und verdorben, ohne daß man ſagen konnte, —— worin dieſe Beſchädigungen beſtanden; ſie ſah ſehr bleich und erſchöpft aus. Der Herzog ſchrieb an dem Tiſche ſeiner Gemahlin, es ſtanden verſchiedene Kaſſetten, es lagen Päcke von Papieren auf den anderen Tiſchen umher. Das war alles ganz ungewöhnlich. Die Geſellſchafterin Claudinens, Mademviſelle Charpentier, bereitete in der Ecke des Zimmers den Thee, kein Diener war anweſend. Claudine war um die Mutter beſchäftigt, beide Frauen hatten ge⸗ weint. Aber während die Herzogin matt und hinfällig ausſah, überraſchte mich ein finſterer Ernſt in den Zügen der Tochter, und eine gewiſſe kalte, entſchloſſene Haltung erſchien mir als etwas völlig Fremdes an ihr. Die Herzogin, welche es ſonſt nie an den herkömmlichen Formen der Be⸗ grüßung fehlen ließ und immer erſt auf zahlreichen Umwegen zu dem Zwecke gekommen war, um deſſentwillen ſie mich hatte rufen laſſen, wich heute auch von dieſer Regel ab. Sie finden uns in wahrhafter Zerſtörung, aber welch ein Tag war das! rief ſie mir entgegen, ſobald der alte Diener die Thür hinter mir geſchloſſen hatte. Zwölf Stunden der Todesgefahr haben wir den König wie einen Helden, wie einen Märtyrer erdulden ſehen! Zwölf Stunden der Folterqual haben die Ungehener ihm bereitet. Hundert Mal haben wir geglaubt, daß ſeine, daß unſer aller letzte Stunde geſchlagen hätte! Zu Fuß, am Arme eines National⸗ Gardiſten, mitten durch eine Menge, die uns fluchend den Untergang drohte, habe ich meine Wohnung erreicht, ohne noch beruhigt zu fein über meinen Gatten! Welch ein Glück, daß meine arme Tochter und meine Enkel dieſem Abgrunde entronnen ſind! Keine Stunde der Sicherheit iſt uns mehr vergönnt, und wir werden unterliegen! Nach dieſem Ausbruche ihres Gefühls und Entſetzens wurde ſie rubiger. Sie wußte, daß ich im Hotel geweſen war, und dankte es mir. Es kommt mir faſt unmöglich vor, daß noch irgendwo Treue und Freundſchaft zu finden iſt! ſagte ſie, und doch habe ich an Sie gedacht und auf Sie gerechnet mitten in der Qual dieſes Tages. Jetzt muß das Schwanken und Zögern ein Ende haben. Meine Tochter muß fort! Wir werden ruhiger ſein, wenn wir nicht mehr für ſie zu zittern brauchen, und Sie haben doch ſicher den Paß für ſie in Reſerve? Ich war über dieſe Vorausſetzung erſtaunt, denn man hatte ſeit mehr als einem Jahre nicht mehr von der Auswanderung geſprochen, und ich machte ſie darauf mit dem Zuſatze aufmerkſam, daß ich trotzdem hoffe, innerhalb vierundzwanzig Stunden einen Paß beſorgen zu können, nur müſſe ich natür⸗ lich wiſſen, für wie viele Perſonen, und für wen man ihn verlange. Der Herzog hatte bis dahin ununterbrochen geſchrieben. Selbſt die Klagen ſeiner Gattin hatten ihn nicht in ſeiner Arbeit geſtört. Jetzt erhob er ſich. Haben Sie die Güte, ſagte er ſehr ruhig, einen Paß zu fordern für Ihre ſieben⸗ 6 ſa itiiißüitte i i ſii . Zu Fuß, am Arme eines National⸗Gardiſten, mitten durch eine Menge, die uns fluchend den Untergang drohte, erreichte ich meine Wohnung. zehnjährige Schweſter und deren vierzigjährige Begleiterin, Mademoiſelle Char⸗ pentier. Als Ziel der Reiſe nennen Sie London, und wenn es ſich um den Zweck derſelben handelt, ſo geben Sie an, daß man Ihre Schweſter der Unruhen wegen aus einer pariſer Penſions⸗Anſtalt in eine engliſche verſetzen wolle. Aber Sie, mein Herr! und die übrigen Glieder Ihres Hauſes? fragte ich. Ich und meine Söhne, die wir Unterthanen und Diener unſeres Königs ſind, — bleiben in der Nähe unſeres Souverains, und Madame findet ihren Troſt darin, ſich nicht von uns zu trennen, wenn wir unſere Töchter in Sicherheit wiſſen. Er ſprach das mit einer mich erſchütternden Feſtigkeit, wie mir überhaupt die Haltung des Herzogs immer Achtung gebot, ſobald ich mich ihm perſönlich gegenüber befand. Es lag etwas Erhabenes in der Entſchiedenheit, mit welcher er ſich den neuen Geſetzen unterordnete, in der Selbſtverläugnung, mit der er ſich und ſeine Söhne zu opfern bereit, neben ſeinem Könige ausharrte, nur darauf bedacht, die Töchter zu retten, deren Anweſenheit in Frankreich von keinem Nutzen für den Herrſcher ſein konnte. Auch in dieſem Augenblicke flößten der Herzog und ſeine Gemahlin mir eine verehrende Theilnahme ein, und doch dämpfte der Anblick von Claudinens finſterer Entſchloſſenheit jene Empfindung, ſo daß ich an ſie denkend die Frage aufwarf, ob Mademvoiſelle denn ohne männliche Begleitung reiſen ſolle. Wir rechnen auf Sie, antwortete der Herzog, meine Tochter bis Havre zu führen. Es iſt das der kürzeſte Weg, Frankreich zu verlaſſen. Dort kann es in dieſem Augenblicke nicht an Schiffen fehlen, die nach England gehen, und es wird Ihnen alſo nicht ſchwer fallen, für die Ueberfahrt meiner Tochter eine ſichere Gelegenheit zu ſchaffen, und dort für ſie bis zu ihrer Ueberfahrt Sorge zu tragen. In England aber findet ſie meine Schweſtern, die ihr auf die erſte Nachricht von ihrer Ankunft entgegengehen werden, und in deren Schutze ſie für das Erſte bleiben ſoll. Die Hoffnung Claudinen zu begleiten, ergriff mich auf das Lebhafteſte, aber das verhängnißvolle„für das Erſte“ ſchlug meine Freude nieder. Eine Wahl war mir im Grunde nicht gelaſſen, und doch fühlte ich ein inneres Schwanken, das Claudinens beobachtendem Auge nicht entgangen ſein mußte; denn ſie wandte ſich zu mir und ſagte: Verſagen Sie mir Ihren Beiſtand nicht! Wenn meine Eltern darauf beharren, mich zu entfernen, ſo muß ich mich fügen, aber mein Loos iſt dann ſehr traurig! Und wieder fiel mir die Ver⸗ änderung auf, welche ihr Ausdruck und ihre Stimme in den wenigen Stunden erlitten hatten. Ohne längeres Zögern ſagte ich alſo zu. Alle nöthigen Verabredungen wurden getroffen. Der Herzog ordnete verſchiedene Papiere, welche er mir ſchon heute übergeben wollte, um ſie ſeinen Schweſtern zu übermachen. Die Herzogin hatte ſich entfernt, und Mademoiſelle Charpentier war fortgeſandt worden, aus dem Zimmer des Herzogs eine Landkarte herbei zu holen. Den Augenblick benutzte Claudine, und wie zufällig an mich herantretend, drückte ſie mir ein kleines, zuſammengefaltetes Papier in die Hand, das ich ſchnell verbarg, da die beiden Damen faſt gleichzeitig wiederkehrten. Es war weit nach Mitternacht, als ich daran denlen konnte, mich zu ver⸗ obſchieden. Die Herzogin war ſehr angegriffen und war mehr und mehr gerührt worden, je genauer wir die Einzelheiten der Flucht und der Reiſe beſprachen, die ihr erſt dadurch zur Wirklichkeit wurde. Claudine hatte ſich ganz ruhig verhalten und keine Meinung, keine Beſorgniß, keinen Wunſch geäußert. Als ich mich aber empfohlen hatte, und auf dem Punkte ſtand, das Zimmer zu verlaſſen, warf ſie ſich plötzlich ihrer Mutter in die Arme und rief mit flehendem Tone: Stoßen Sie mich nicht von Sich, theure Mutter! zwingen Sie mich nicht, mich von Ihnen zu trennen! Noch iſt es Zeit!— und ſich dann zu ihrem Vater wendend, wiederholte ſie: Laſſen Sie mich hier, mein Vater! Laſſen Sie mich hier mit Ihnen leben oder ſterben! Ich verlange es nicht anders! Sie konnte vor Schluchzen kaum ſprechen, und wiederholte dann mit matter Stimme, die gefalteten Hände gegen die Bruſt gepreßt: Wenn Sie mich lieben, zwingen Sie mich nicht, Sie zu verlaſſen! Die Herzogin weinte wie ihre Tochter und blickte bald dieſe, bald ihren Gatten an, deſſen Antlitz ſich mehr und mehr verfinſterte. Ohne von den Klägen ſeiner Tochter gerührt zu werden, ergriff er ihre Hand und ſagte ge⸗ bietend: Keine Schwäche, mein Kind! Unſere Tage ſind nicht für Schwächen des Herzens gemacht! Es kommt darauf an, Muth zu haben und ſich in das Unabänderliche mit Vernunft zu fügen. Soll ich Empörung finden ſelbſt in meinem Hauſe? ſelbſt im Schooße meiner Familie? Die Tochter blieb ſprachlos vor ihm ſtehen, auch die Herzogin ſchwieg⸗ Aber es zuckte über Claudinens Geſicht ein gewaltiger Schmerz, ſie trat an mich heran, reichte mir die Hand und ſagte: Nun denn, wir werden alſo gehen! Ich baue auf Sie!— und damit verließ ſie das Zimmer. Von den verſchiedenſten Empfindungen beſtürmt, trat ich meinen Heimweg an. Das Billet Claudinens brannte auf meinem Herzen, aber ich wagte nicht, es hervor zu ziehen, ſo lange ich mich noch in dem Bereiche des Hotels befand. Erſt als ich die ganze Straße hinter mir hatte, in welcher es lag, blieb ich ſtehen und öffnete das Schreiben, es bei dem erlöſchenden Lichte einer Straßen⸗ laterne zu leſen. Es enthielt nur die Zeilen:„Nach England zu gehen, iſt für mich ſchlimmer als der Tod. Auch ich habe das Gefühl meiner Menſchen⸗ rechte! Schaffen Sie mir einen Paß nach Deutſchland, helfen Sie mir, mich zu erretten!“ Eine ungekannte Freude dämmerte in mir auf. Ich wagte nicht zu glau⸗ ben, daß Claudinens Abneigung gegen die Heirath mit dem Grafen in irgend einem Zuſammenhange mit mir ſtehen könne, aber daß ſie mir vertraute, daß ſie ihre Zukunft in meine Hände legte, daß ſie, wie ich nach jenen Zeilen glaubte, zu meiner Mutter flüchten wollte, das beſeligte mich, indem es mir zugleich Faſſung und Entſchloſſenheit verlieh, obſchon ich alle Schwierigkeiten meiner Lage überſah. Daß ich Claudinen beiſtehen müſſe, ſich der ihr verhaßten Hei⸗ rath zu entziehen, das ſtand zweifellos feſt in mir; daß meine Mutter und — vollends mein Vater nicht gewillt ſein würden, die Tochter der herzoglichen Familie aufzunehmen und zu beſchützen, welche ſich derſelben durch die Flucht entzog, das wußte ich eben ſo zuverſichtlich; indeß das ſteigerte nur den Enthu⸗ ſiasmus, mit dem ich das Vertrauen der Geliebten aufnahm. Meine Aufregung hielt mich ab, mich zur Ruhe zu legen, aber die kurze Sommernacht verging mir wie im Fluge. Die Ausſicht mit Claudinen zu reiſen, ſie zu beſchützen, ſie zu bedienen Tage und Tage hindurch, erfüllte mich mit Entzücken, und dieſes Glück kam mir ſo unerwartet, ſchien mir ſo groß, daß ich es kaum auszudenken wagte, daß es alle meine Wünſche befriedigte. Da⸗ neben beſchäftigten mich die Plane für die Flucht. In aller Frühe begab ich mich zu unſerem Conſul. Da ich ihm vor einem Jahre von der Verbindung meiner Eltern mit der herzoglichen Familie geſprochen hatte, und die Geldſendungen derſelben durch ſeine Hände gegangen waren, ſo fiel es mir nicht ſchwer, die Päſſe, wie man ſie verlangte, zu erhalten, und ich ließ zugleich den meinigen für eine Reiſe durch England und Holland nach Deutſchland ausſtellen. Dieſe Päſſe wurden ohne alles Bedenken von den fran⸗ zöſiſchen Behörden viſirt, da man mich als einen Deutſchen erkannte, und damit war die erſte und größte der Schwierigkeiten überwunden. Ich machte dem Herzoge die Anzeige, daß der Paß bereit ſei, und die Reiſe wurde für den folgenden Abend feſtgeſetzt, da ich erſt noch meiner Tante das Geleit zu geben hatte. Nachdem dieſe Paris verlaſſen hatte, war ich frei, und nie in meinem Leben habe ich eine wonnevollere Erwartung in der Seele getragen. Am folgenden Abende war Alles zur Abreiſe in Bereitſchaft. Ich hatte die Abrede getroffen, um ſechs Uhr noch einmal in das Hotel zu gehen, um zu erfahren, ob es bei dem Uebereinkommen bleibe. Auf meine Frage, ob ich die Frau Herzogin ſprechen könne, ſagte man mir, die Damen wären ausgefahren. Das war, wie man es vorher beſtimmt. Sie hatten ſich nach dem Orte des Rendezvous begeben— wir reiſ'ten alſo! Mit welcher Em⸗ pfindung ſagte ich mir das in jener Stunde! Ich wurde zum Herzoge geführt. Er arbeitete in ſeinem Kabinette, kam mir jedoch gleich in das anſtoßende Zimmer entgegen. Es iſt Alles in Ordnung! ſagte er, Sie werden die Damen an dem be⸗ zeichneten Orte finden. Seine Stimme war gepreßt, und er ſah bekümmert aus. Während ich vor ihm ſtand, erwartend, ob er mir noch Etwas mitzutheilen habe, richtete er ſich aber wieder auf und ſprach mit großer Würde: Ich hatte nicht geglaubt, daß ich jemals in die Lage kommen könnte, eine meiner Töchter einem fremden Schutze zu übergeben. Die Zeit zwingt mich dazu. Denken Sie daran, junger Maun, und wachen Sie über die Sicherheit meiner Tochter! Ich vertraue Ihrer Ehre!— Er reichte und drückte mir damit die Hand, und verließ das Zimmer, unfähig, ſeine Bewegung zu ver⸗ bergen, unwillig, ſie zu zeigen. Ich fühlte mich wie von einem Banne getroffen. Ich ſtand auf dem Punkte, den Herzog zurückzurufen, ihm zu ſagen, daß ich ſein Vertrauen nicht verdiene, daß er ſeiner Tochter einen anderen Begleiter geben ſolle; aber die Sophiſtik der Leidenſchaft, der Liebe trug den Sieg davon, und ich kehrte in meine Woh⸗ nung zurück, vor welcher mein Wagen mich ſchon erwartete. Im Hauſe der Herzogin hatte man ſeit dem letzten Aufſtande die Nachricht verbreitet, daß die Familie ſich doch wieder auf das Land zurückziehen werde, welches im Vergleich zu dem jetzigen Zuſtande der Hauptſtadt eine größere Sicherheit bot, und da der Marquis wirklich dorthin gegangen war, ſo konnte die Dienerſchaft es nicht auffällig finden, daß man die Tochter ihm nachzuſenden beſchloß, um ſich dann ſpäter ebenfalls nach der Normandie zu verfügen. Nach dieſem Vorgeben hatte man das Gepäck Claudinens beſorgt, der alte Kammer⸗ diener, den man in das Vertrauen gezogen, war beſtimmt worden, mit der Tochter und ihrer Gefährtin abzureiſen, und die Herzogin hatte ihr bis zu der erſten Station das Geleit geben wollen. So hatte man das Hotel, ohne den geringſten Verdacht zu erregen, verlaſſen. Ich aber ſollte Claudinen eben auf dieſer Station vegegnen, ſie und ihre Begleiterin in meinem Wagen mit mir nehmen, während der Kammerdiener wirklich mit der einen Kaleſche nach der Normandie ging, den Marquis zu holen, und die Herzogin noch an demſelben Abende in ihr Hotel zurückkehrte. Es war ſieben Uhr Abends, als ich Paris verließ. Obſchon ich wußte, daß ich es ſo bald nicht wiederſehen würde, hatte ich doch in jener Stunde durchaus nicht das Gefühl, welches ſonſt der Abſchied von einem Orte einflößt, an dem man lange Zeit verweilt, und in welchem man viel erlebt hat. Meine Phantaſie war einzig auf den Augenblick gerichtet, in dem ich Clau⸗ dine wiederfinden würde. Ich ſtellte mir es vor, wie ich eintreten, wie ich zu ihren Füßen ſinken, wie ſie mir freudig ihre Zukunft anvertrauen, wie das Glück meines Lebens mit dieſer Stunde anheben werde, und während ich dies Alles dachte, während meine Wangen glühten, mein Herz mir ſchneller und ſchneller klopfte, fuhr die Equipage der Herzogin an mir vorüber, nach der Stadt zurück. Sie beachtete meinen Wagen und erkannte ihn und mich, aber wir hatten verabredet, daß ich es vermeiden ſollte, mich hinaus zu lehnen oder zu grüßen, damit ihre Dienerſchaft mich nicht bemerke, und nicht gewahre, daß ich ebenfalls und auf derſelben Straße wie Claudine Paris verlaſſe. Von dem Momente ab hatte der letzte Reſt meiner Ruhe mich verlaſſen. Nun war Claudine allein, nun gehörte ſie mir. Ich trieb den Poſtillon, alle Vorſicht vergeſſend, zu einer Eile an, die ſehr geeignet geweſen wäre, ſeinen S Denken Sie daran, junger Mann, und wachen Sie über die Sicherheit meiner Tochter! Ich vertraue Ihrer Ehre!— Er reichte und drückte mir damit die Hand. Verdacht zu erregen, und doch war die Sonne ſchon lange untergegangen, als ich Verſailles und den Gaſthof erreichte, in welchem Claudine mich erwartete. Wie ich nach dem Zimmer der Damen gefragt habe, wie ich die Treppe hinaufgekommen bin, weiß ich noch in dieſem Augenblicke. Noch jetzt, da mehr als vierzig Jahre mich von jener Stunde trennen, fühle ich mein Herz erzittern bei der Erinnerung, und die Wärme der Jugend kehrt mir zurück, mich die eentſchwundene Wonne noch einmal empfinden zu laſſen. Fanny Lewald, Der Seehof. 6 Athemlos, mit zagendem Finger klopfte ich an die Thüre, Mademoiſelle Charpentier rief, daß man eintreten ſolle, und in dem nächſten Momente ſtand ich vor der Geliebten, die mit einem andern Namen zu bezeichnen, mir jetzt in meinem Innern nicht mehr möglich war. Aber kaum hatte ich die Schwelle überſchritten, als meine wonnevolle Er⸗ regung vor dem Anblicke ſchwieg, der ſich mir darbot. In einem Zimmer, das im Vergleiche zu den Räumen, in welchen ich Claudinen bisher geſehen, ärmlich und traurig erſchien, ſaß ſie da bleich und niedergeſchlagen, die Augen von vergoſſenen Thränen geröthet. Ihre dunkle einfache Reiſekleidung kam mir dürftig, ſie ſelbſt kam mir verändert und krank vor, weil man ihr ſchönes Haar zuſammengeflochten und unter einer Art von Haube verborgen hatte. Ihr Gepäck lag in einer Ecke des Zimmers am Boden, Mademoiſelle Charpentier, ebenfalls in Thränen, war mit demſelben beſchäftigt, und Claudine erhob ſich nicht von dem Seſſel neben dem Tiſche, auf welchem ein Paar Kerzen unbeach⸗ tet und deßhalb trüb und dunkel brannten. Alle meine Freude, alle meine goldenen Hoffnungen verſtummten, alle Schwierigkeiten, alle Hinderniſſe, welche mir drohten, die Lage, in welche Clau⸗ dine ſich durch ihre Flucht verſetzen wollte, ſtanden mir mit allen ihren Schatten⸗ ſeiten vor der Seele, und die Vorſtellung, die Geliebte leiden und entbehren zu ſehen, that mir ſchon jetzt wehe, wo noch kein Mangel irgend einer Art an ſie herangetreten war. Ich hatte mir ſo oft wiederholt, was ich ihr ſagen, wie ich mir ihr angeloben wollte— nichts von allem dem kam jetzt in meinen Sinn. Beklommen und niedergeſchlagen trat ich an ſie heran. Ich wagte nicht, ihre Hand zu nehmen, und alles was ich vorzubringen wußte, war die Bemer⸗ kung, daß ich der Herzogin auf der Hälfte des Weges begegnet wäre. Ja! verſetzte Claudine, in dieſem Angenblicke wird ſie zu Hauſe ſein!— und es dünkte mich, als klinge aus dieſen Worten eine Sehnſucht und ein Be⸗ dauern hervor, denen ich nichts entgegen zu ſtellen wußte, als die Bemerkung, daß ſie ſich in England ja bald wieder unter dem Schutze von Perſonen be⸗ finden werde, die ihr nahe ſtänden und Sorge für ſie tragen würden. Ich wollte ihr damit nur andeuten, wie ſie Herrin über ihre Entſchlüſſe wäre; ſie aber ſah mich mit einem langen, ernſten Blicke an und ſagte dann ruhig: Laſſen Sie uns denn aufbrechen, um unſer Ziel ſo früh als möglich zu erreichen. Ich gab den Befehl, die Pferde kommen zu laſſen, und um zehn Uhr fuhren wir von Verſailles wieder ab. Die Nacht war wundervoll hell und warm. Claudine ſaß mir im Wagen gegenüber. Sie hatte den Kopf leiſe zurück⸗ gelehnt, daß ihr ſchönes Antlitz, vom Monde beleuchtet, ſich gegen das dunkle Kiſſen deutlich abzeichnete und ich jede ihrer Mienen ſehen konnte; aber ſie ſchaute gedankenvoll vor ſich hin, und wir ſprachen keine Silbe mit einander. Ihre Begleiterin hatte zu weinen angefangen, als wir auf's Neue den Wagen beſtiegen, und war dann eingeſchlafen. So fuhren wir die ganze Nacht. Wenn wir an den Stationen halten mußten und ich Claudinen irgend eine Erfriſchung anbot, lehnte ſie dieſelbe freundlich ab, und einmal bemerkte ſie dabei: Man muß ſich entwöhnen, ſo viele Bedürfniſſe zu haben. Ein ander Mal, als ſie einen Trunk Waſſers von mir begehrte, that ſie es mit dem Zuſatze: Glauben Sie mir, daß es mir ſehr ſchwer fällt, Ihnen Mühe zu verurſachen! Dies war alles vollkommen anders, als ich es mir geträumt hatte, und es machte mich ſo befangen, daß es mir den Muth nahm, irgend etwas dagegen zu thun. Ich war über die Maßen traurig. Ich wußte mir gar nicht zu erklären, was geſchehen ſei, ich wußte noch weniger, was Claudine beabſich⸗ tigte, und hoffnungsreich, wie ich geweſen war, ging ich nun zu einer tiefen Traurigkeit über. So hatten wir in der Nacht eine tüchtige Strecke zurückgelegt, obſchon ſeit der verunglückten Flucht des Königs alle Poſtmeiſter ſich berechtigt und ver⸗ pflichtet glaubten, die Päſſe der Reiſenden zu unterſuchen. In der Frühe aber mußten wir in einem Flecken liegen bleiben, weil man uns keine Pferde geben konnte; und weil es mir immer unerträglicher fiel, in dieſer Gedrücktheit neben der Geliebten zu ſein, machte ich ihr den Vorſchlag, einen Weg durch den Ort zu machen, um ſie und mich zu erheitern. Sie nahm das an, und Mademoiſelle Charpentier wollte ſich eben zu uns ge⸗ ſellen, als Claudine ſie bat, zurückzubleiben. Es werden Wege genug kommen, ſagte ſie, die ich ohne Deine Begleitung machen muß, und man thut wohl, das Unvermeidliche je eher je lieber zu erlernen. Obſchon auch dieſe Bemerkung melancholiſch klang, war Claudine doch gefaßter. Der Tag ſchien ihr Muth zu geben, die Friſche des Morgens auch ſie zu erfriſchen. Es war das erſte Mal, daß ſie am Arme eines fremden Mannes, ohne ihre Mutter die Straße betrat, und eine neue Befangenheit überfiel ſie, da ſie ſich auf dem Wege als einen Gegenſtand der Neugier angeſehen fand. Sie derſelben zu entziehen, bogen wir in eine Seitengaſſe ein und erreichten bald das freie Feld. Die Gegend war der ſchönſten eine. Zwiſchen hügeligem Boden, der hier und da ſich bis zu anſehnlichen Höhen erhob, ſtrömte die Seine mit reicher Waſſer⸗ fülle hindurch. Laubholzgekrönt ſtiegen die Höhen empor, eine Burg ſah mit ihren ſtarken Zinnen von dem anderen Ufer majeſtätiſch zu uns herüber, und die reinſte Himmelsbläue wölbte ſich über unſerem Haupte, während die Lerchen ſich jubelnd empor ſchwangen. Nachdem wir eine Weile gegangen waren, kamen wir an eine Stelle, auf welcher eine Gruppe von großen Steinen lag. Die Sonne hatte ſchon den 6* Thau davon getrocknet, und eine Hecke von Brombeergeſträuch ſchützte ſie jetzt vor ihren Strahlen. Hier ſetzte ſich Claudine, um ausruhend umherzu⸗ ſchauen, und ich ließ mich neben ihr nieder. Schon während wir gingen, hatte ich der Wonne kaum zu widerſtehen vermocht, in welche das Alleinſein mit der Geliebten, in der Schönheit dieſes Morgens mich verſetzte. Jetzt aber, da ich mich neben ihr befand, fernab von allen Menſchen, jetzt kam eine ſo ſüße, unausſprechliche Rührung, eine ſo rein menſchliche Freude über mich, daß ich zu den Füßen der Geliebten niederſank und ihre Hände ergreifend, ausrief: Warum erheitert ſich Ihr Auge nicht, Claudine? Iſt dieſe ſchöne Welt nicht dazu gemacht, daß wir ſie genießen ſollen? Sind Sie denn einſam, ſind Sie verlaſſen, wenn ich neben Ihnen bin? wenn der Mann zu Ihren Füßen liegt, der Sie geliebt hat, Sie allein, ſeit den Tagen ſeiner Kindheit, und der ſein Leben hingeben würde, Ihr Auge wieder einmal freundlich auf ihn gerichtet zu ſehen, wie in jener wundervollen Zeit! Ich hatte aus vollem Herzen, mit der ganzen Kraft einer lange zurück⸗ gehaltenen Leidenſchaft geſprochen, aber Claudine wandte ſich von mir ab, und kaum hörbar ſagte ſie: Unter dem Dache meines Vaters, unter dem Schutze meiner Mutter, hätten Sie nicht alſo zu mir geſprochen!— Sie verhüllte dabei ihr Geſicht mit den Händen, und ich ſah, daß ſie weinte. Jetzt erſt begriff ich, was ich gethan. Voll Schmerz, ihr Schaamgefühl beleidigt, ihr richtiges Empfinden gekränkt zu haben, flehte ich um ihre Ver⸗ gebung, gelobte ich ihr, daß kein Wort, keine Miene ſie mehr an das erinnern ſolle, was ich für ſie fühle. Ich beſchwor ſie, über mich zu beſtimmen, mich als den Diener ihres Willens zu betrachten, und, ſagte ich: wenn ich dieſem Verſprechen auch nur in einem Augenblicke treulos werde, ſo verbannen Sie mich aus Ihrer Nähe, und ich werde gehen. Sie hatte ihr Haupt empor gehoben, ihre Thränen zu trocknen geſucht, ihr Auge ruhte ſchwermüthig auf mir. Dann reichte ſie mir mit einer zaghaften Bewegung die Hand und ſagte: Ja, ich weiß, Sie werden es nicht vergeſſen, daß ich allein bin, daß ich Schutz bei Ihnen ſuchte. Es lag dabei ein ſolcher Zauber der zarteſten Weiblichkeit über ihr ausge⸗ breitet, daß ich es mir nicht vergeben konnte, ſie erſchreckt zu haben, und mit dem feſten Vorſatze, mich nie wieder zu gleicher Aufwallung hinreißen zu laſſen, ſo lange ſie in meinem Schutze war, fragte ich ſie, was ſie über ſich beſchloſſen habe. Mit demſelben ſchwermüthigen Blicke, der mir ſchon vorher die Seele bewegt hatte, ſah ſie mich an, und es ſchien mir, als ſcheue ſie ſich auszuſprechen, was ſie denke. Aber ſie gewann die Herrſchaft über ſich und ſagte: Als ich in meiner gewohnten Umgebung war, däuchte mir mein Vorhaben ſo berechtigt, meine Plane ſchienen mir ſo leicht ausführbar, ich hatte ein ruhiges Gewiſſen, ich fühlte Muth, und jetzt... Und jetzt? wiederholte ich. Jetzt ſcheint mir die Welt ſehr groß, ſehr fremd!— Nicht einmal der Sorge kann ich Herr werden, daß Sie übel von mir denken! antwortete ſie ſchnell und fügte dann hinzu: Aber wenn Sie wüßten, welchem Schickſale ich mich zu entziehen habe, welch ein Loos meiner wartete— Sie würden Mitleid mit mir haben. Ich bedurfte dieſer Anmahnung nicht, und als ich ſie bat, mir zu vertrauen, ſagte ſie: Wir haben uns nie allein geſprochen, ich muß anknüpfen an die Tage unſerer Jugend, um Ihnen verſtändlich zu ſein. Als wir aus Deutſchland zurückkamen, war ich dreizehn Jahre alt, und man brachte mich, wie es auch mit meiner Schweſter geſchehen war, in das Kloſter der Engländerinnen. Ich wußte, daß ich bis zu meiner Verheirathung in demſelben bleiben würde, denn auch meine Schweſter hatte die guten Nonnen nur verlaſſen, um ſich mit unſerem Vetter zu verbinden, dem ſie beſtimmt war, und den ſie ſeit ihrer Kindheit geliebt hatte. So jung ich war, hatte ich doch ſchon ihr Glück geſehen, und nach Pmn Tode ihres Gatten hatte ſie es ſtets geliebt, mir von ihrem entſchwundenen Glücke, von ihrer Liebe und Treue für den Geſtorbenen zu ſprechen, vielleicht die Einzige war, welche ihr nicht ſagte, daß ſie ſich tröſten und eine nele Ehe ſchließen müſſe. Sie beſuchte mich, da ſie immer in Paris lebte, oft⸗ mals im Kl oſter, wir liebten einander ſehr. Eines Tages, als ſie wieder zu — kam, ſchen ſie mir trauriger als ſonſt, und ich fragte ſie, was ihr geſchehen ſei. Es iſt mir nichts geſchehen, verſetzte ſie. Meine Kinder ſind wohl, aber — man wird Dich verheirathen! Claudine machte eine kleine Pauſe, dann fuhr ſie im Tone der Entſchuldigung fort: Ich war damals ſechszehn Jahre— was wußte ich von der Welt! Ich fing an zu lachen bei den Worten meiner Schweſter. Ach! rief ich, ſo werde ich alſo endlich dieſes einſame Kloſter verlaſſen und glücklich werden⸗ wie Du es geweſen biſt.— Sie ſchüttelte verneinend das Haupt. Der Gatte, den man Dir beſtimmt, ſagte ſie, iſt nicht, wie mein theurer Franz es war! Weil ich Dich beklage, hielt ich es für meine Pflicht, Dich darauf vorzubereiten.— Ich war aus allen meinen Himmeln geſtürzt. Ich beſchwor ſie, mir den Namen meines Zukünftigen zu nennen, ſie verweigerte es, weil das nur unſerer Mutter zuſtehe. Als wir uns darauf trennten, blieb ich in einer Angſt und Sorge zurück, wie ich ſie bis dahin nicht gekannt hatte. Acht Tage vergingen indeſſen, ohne daß irgend eine Nachricht von außen zu mir gelangte, und ich fing an, wieder Muth zu faſſen, als eines Tages meine Mutter mit einem Herrn an das Gitter kam, der mir in ſeiner ſchwarzen Perrücke und mit ſeinen düſteren, zuſammengewachſenen Augenbrauen ſehr häßlich und älter als mein Vater erſchien. Meine Mutter ſagte mir, daß er ein Freund meines Vaters ſei, den er ſchätze, und der Antheil an mir nähme, und der Graf ſagte mir, daß ich groß wäre, wie eine Frau, und daß ich ſicher das Kloſter nicht mehr nach meinem Geſchmacke fände. Er unterhielt ſich dann mit der Oberin, die meine Kennt⸗ niſſe gegen meine Mutter lobte, und als er uns verließ, war ich überzengt, den Vater meines Zukünftigen, nicht aber dieſen ſelbſt geſehen zu haben. Damals war das Edikt wegen Aufhebung der Klöſter bereits erlaſſen, und man fing die Ausführung deſſelben damit an, daß man die Penſionäre in ihre Familien zurückſchickte. Eines Morgens langte denn auch für mich der Wagen meiner Eltern mit der guten Charpentier an, die meine Geſellſchafterin werden ſollte, und ich verließ meine Nonnen, um auf das Schloß meiner Eltern gebracht zu werden. Anfangs war ich ſehr glücklich, zu Hauſe zu ſein. Meine Eltern behandelten mich mit beſonderer Güte, meine Geſellſchafterin, die gute Louiſe, gefiel mir ſehr, mein Unterricht bekam eine neue Wendung. Ich las die Dichter meines Vaterlandes mit meiner Mutter, und die engliſchen Dichter die engliſchen Romane mit Louiſen, die lange in England gelebt hatte, und eine höhere Welt ging mir damit auf. Hier fand ich alles wieder, was meine Schweſter mir ſonſt von dem Glück der Liebe geſprochen hatte, nur daß ch höher und ſchwungvoller war, und daß ich es jetzt ganz anders mit zu empfinden, mir anzueignen vermochte, als zuvor. Ich erſehnte mir ſelbſt ein ſolches Glück, ich hatte ein Ideal, dem ich mich angelobte, dem ich nicht entſagen wollte. ne Sie brach plötzlich ab, ihre Farbe wechſelte, ſie war verwirrt und kon ſich nicht zurecht finden. Ich erwartete, den Namen ihres Geliebten, meines Nebenbuhlers, zu vernehmen, aber ſie fuhr leicht mit der Hand über ihre Stirn, erhob ſich und ſagte: Laſſen Sie uns gehen! Es iſt thöricht, von Zeiten zu reden, die vergangen ſind! Laſſen Sie uns gehen! Wir werden hoffentlich abreiſen können! Ich hatte verſprochen, ihrem Willen zu folgen, ich folgte alſo, und wir brachen auf. Zehntes Kapitel. Wir fuhren in ſtarken Tagereiſen. Claudine wurde des Zuſammenſeins mit mir gewohnter, und ich war glücklich in ihrer lieben Nähe, glücklich, ſie auf mich angewieſen zu denken. Die Anweſenheit ihrer Geſellſchafterin ſtörte mich darin nicht. Mademoiſelle Louiſe hing mit einer Zärtlichkeit an ihrer jungen Herrin, die eben ſo viel von der Mutterliebe als von der Freundſchaft einer Schweſter an ſich hatte, und die dabei doch niemals jenen Anſtrich freiwilliger —— Dienſtbarkeit verlor, deren nur wirklich hingebende Naturen fähig ſind. Clau⸗ dine ſprach oft von ihren Eltern, von ihrer verlaſſenen Heimat, und weil ich bemerkte, daß dieſe Erinnerungen ſie immer traurig machten, ſo bat ich ſie, nicht auf denſelben zu verweilen. Nein! entgegnete ſie mir, laſſen Sie mich nur! Auf dieſen mich betrübenden Erinnerungen beruht mein Recht, mich der Herrſchaft meiner Eltern zu ent⸗ ziehen, und ich muß mir immer wieder vorhalten, wie viel man mich hat leiden machen, um keine Reue über meinen Ungehorſam zu empfinden. Ich habe Ihnen neulich geſagt, fuhr ſie an dem Tage nach einigem Ueberlegen fort, daß ich Anfangs ſehr zufrieden war, im Vaterhauſe zu ſein. Indeß, dieſe Zufrieden⸗ heit war nur von kurzer Dauer, denn nach kaum zwei Monaten kündigte meine Mutter mir an, daß man mich mit dem Grafen Lanteuil verheirathen, und daß er kommen werde, mein Wort zu empfangen. Ich ſpreche Ihnen nicht von meiner Verzweiflung darüber, nicht von dem Entſetzen, welches des Grafen kaltes, finſteres Weſen mir einflößte. Ich beſchwor meine Mutter, von dem Gedanken abzuſtehen, ich flehte meinen Vater mit tauſend Thränen an, mich nicht ſo unglücklich zu machen, ich erlangte keine Aenderung ihres Entſchluſſes. Mein Vater bedeutete mich, daß es eine Ehre für mich ſein werde, den großen Namen der Grafen von Lanteuil zu tragen und auf die Nachwelt fortzupflanzen. Meine Mutter war von meinen Bitten gerührt, aber ſie hielt mir die Pflicht des Kindes vor, dem Vater zu gehorchen, die Pflicht des Weibes, ſich für ſeine Familie hinzugeben. Sie vertraute mir, daß Unglücksfälle das Vermögen meines Vaters betroffen hätten, die ihn genöthigt haben würden den verkäuflichen Theil ſeiner Güter, das Erbe meiner jüngeren Brüder, zu veräußern, wäre der Graf ihm nicht zu Hülfe gekommen. Mein Vater befände ſich in der Unmög⸗ lichkeit, mir eine Mitgift zu geben, und würde ſich ebenſo in der Unmöglichkeit befinden, der fälligen Forderung des Grafen zu genügen. Es ſei alſo in jedem Sinne ein Glück für mich, daß der Graf mich zur Frau begehre, denn es ſichere mir eine Zukunft, halte die Ehre unſeres Hauſes aufrecht und befreie meine Eltern von drückender Sorge.— Claudine unterbrach ſich bei den Worten. Dann rief ſie: Was brauche ich Ihnen mehr zu ſagen? Man zwang mich zur Fügſamkeit! Ich fügte mich!— Ich wollte mich damit tröſten, mich geopfert zu haben, ich wollte gehorchen, ich verſprach es— aber ich bin es nicht im Stande, dieſes Verſprechen zu halten! Ihre Wangen waren heiß geworden, ihre Augen leuchteten vor Erregung. Sie ergriff die Hand ihrer Gefährtin. Ohne ſie, ſagte Clandine, ohne dieſe treue Hand, hätte ich jene Tage nicht überſtanden, lebte ich nicht mehr!— Ein leichter Schauer flog über ihre Glieder, indeß ſie unterdrückte ihn, und entſchloſſen, ſich mir völlig mitzutheilen, fuhr ſie fort: Ich hatte damals keinen Vertrauten. Meine Mutter gehorchte meinem Vater aus Ueberzeugung und aus Pflichtgefühl, F— — Claudine ſaß mir im Wagen gegenüber. Ste hatte den Kopf leiſe zuruckgelehnt, daß ihr ſchönes Antlitz, vom Monde beleuchtet, ſich gegen das dunkle Kiſſen deutlich abzeichnete. meine Schweſter gehorcht aus Schwäche Jedem, der ihr befiehlt, denn ſie iſt krank. Meine Brüder haben es immer ſagen hören, daß ſie die Stützen unſeres Hauſes ſind, wir Schweſtern kamen daneben nur wenig in Betracht. Sie wünſchten mir Glück zu meiner Heirath, und Niemand hatte ein Herz dafür, daß es die Entwürdigung des Weibes ſei, daß man ſeine Menſchenrechte unter die Füße trete, wenn man es zwinge, ſich einem verhaßten Manne zu verbinden. Niemand dachte daran, wie ich dieſen Stolz der alten Geſchlechter, wie ich dieſen Adel verabſcheuen mußte, den aufrecht zu erhalten beſtimmt war. Niemand überlegte, wie ich mich innerlich von denen abwenden mußte, die mich ihren eigenen Intereſſen fühllos zum Opfer bringen konnten! Claudine hatte das mit einer Schärfe und Bitterkeit geſprochen, die ich 8 aus ihrem Munde zu hören nicht für möglich gehalten. Sie bemerkte das und meinte: Ich ſcheine Ihnen heftig, ich ſcheine Ihnen ungerecht!— Aber ich habe oft gedacht, wenn man die Härte des Volkes in unſeren Sälen verdammte: man wird es gezwungen haben, hart zu werden! Und indem ich ſelbſt die Aus⸗ brüche ſeiner Wuth mit Grauſen gewahrte, fühlte ich Mitleid mit dem Volke, denn man iſt ſebr unglücklich, wenn man ſich empören muß! Sie ſprach an dem Tage immer in abgeriſſenen Sätzen, ihre Erinnerungen mußten lebhafter ſein als ſonſt, und ich wagte es nicht, ſie zu ſtören. Denn wie die Geliebte mich ſonſt durch ihre Sanftmuth bezauberte, ſo riß ſie mich nun vollends hin, da die Tiefe ihres Weſens ſich mir zum erſten Male offen⸗ barte. Und ich hätte ſie nicht lieben, ich hätte nicht ſelbſt von dem Geiſte jener Zeit ergriffen ſein müſſen, hätte ihr Entſchluß zu fliehen, mir nicht bewunderns⸗ werth und groß erſcheinen ſollen. Auf meine Frage, wann derſelbe in ihr zur Reife getomij ſei, antwortete ſie: Am Anfange dachte ich nicht an Flucht, ich dachte nur an den Tod. Ich flehte zu Gott, daß er mein Leben enden möge, und an dem Tage, an welchem man meine Hochzeit feſtgeſetzt hatte, weil der Graf Frankreich zu verlaſſen wünſchte, wie unſere Prinzen es gethan, an dem Tage,— ich weiß nicht, wie ich Ihnen dieſes Geſtändniß machen ſoll,— an dem Tage würde ich mein Leben beendet haben, ohne die rettende Hand meiner Louiſe, meiner zweiten Mutter, meiner Schweſter! Sie umarmte dabei ihre Gefährtin, und ehe dieſe es hindern konnte, hatte Claudine ſich herabgeneigt, ihre Hände zu küſſen, ſei es, daß dankbare Erinnerung ſie dazu antrieb, oder daß ſie mir den Anblick ihrer Verwirrung und ihrer Reue verbergen wollte. Es entſtand eine lange Pauſe. Ich war von dieſem Bekenntniß der Ge⸗ liebten erſchüttert, wie ſie ſelbſt. Meine Phantaſie ſah ſie todt, ſah ihre Schön⸗ heit als Leiche entſeelt, und voll von dieſen Vorſtellungen rief ich: Schwören Sie mir, daß Sie nie wieder ſolch entſetzlichem Gedanken in Ihrem Innern Raum geben wollen. Schwören Sie mir, daß Sie leben wollen—— ich konnte nicht weiter reden. Ich hatte ſie anflehen wollen, für mich zu leben, ich durfte dieſes nicht wagen, ohne meinem geleiſteten Verſprechen untreu zu werden, und ohne recht zu wiſſen, was ich that, ſagte ich: Wie konnten Sie an eine ſo untugendhafte Handlung denken, wie kam eine ſolche Sünde gegen Gottes Gebote in Ihr Herz? Sie ſah mich ernſt und feſt an, und mit einem Ausdruck, den ich nie vergeſſen habe, ſprach ſie: Ich ſehe, Sie ſind nie unglücklich geweſen! Bewahre der Himmel Sie davor, daß Sie es lernen, wie man zum Verbrechen ſich hingedrängt findet, daß Sie es nie erfahren, wie der Moment gewaltig iſt, in welchem ſich uns der Blick eröffnet auf ein langes Leben voller Verzweiflung! Ihr Ton war ſo traurig, ihre Stimme klang ſo prophetiſch, daß ich davor verſtummte. Claudine war jünger als ich, aber ſie übte in dem Angen⸗ blicke eine große Herrſchaft und Ueberlegenheit über mich aus, und ich fühlte in meinem Herzen einen Schmerz, eine Angſt, einen Schrecken, die noch ſtärker waren, als die Erſchütterung, welche ich durch Clandinens Erzählung erlitten hatte, es rechtfertigen konnte. War es eine Ahnung, daß auch ich einſt auf ähnlichem Punkte ſtehen, daß auch ich mich fortgeriſſen finden würde zum Ver⸗ brechen? zum Verbrechen aus Verzweiflung? aus Entſetzen vor der langen Zukunft ohne ſie?—— Wir waren in Havre angekommen. Der Hafen lag voll Schiffe, aber es war ſchon ſeit zwei Tagen völlige Windſtille eingetreten, die Schiffe lagen regungs⸗ los vor Anker, keines ging in See, wir mußten warten— warten in banger Sorge, warten in ſtiller Angſt. Aber die Windſtille, die uns umgab, die ſtille Sorge, in welcher wir äußerlich lebten, waren nur ſchwache Bilder des Zuſtandes, in welchem ich ſelber mich befand. Ich hatte das Vertrauen von Mademvoiſelle Charpentier gewonnen. Von ihr hatte ich erfahren, wie ſie meine Geliebte einſt entdeckt, ſchon halb entſeelt vom Kohlendampfe, wie ſie ſie zurückgerufen in das Leben und von ihr das Verſprechen erlangt habe, ihr Daſein niemals wieder anzutaſten. Sie erzählte mir, wie ſie ihre junge Herrin in ihr Herz geſchloſſen, wie ſie der⸗ ſelben, um ſie von dem Gedanken des Todes abzuziehen, geſchworen habe, ihr im Nothfalle ſelbſt zur Flucht zu helfen und ſie niemals zu verlaſſen, wenn Claudine ſich nicht entſchließen könne, des Grafen Frau zu werden, und wie ſie beide dann endlich lange genug zu Rathe gegangen wären, ehe ſie es ge⸗ wagt hätten, mich in das Geheimniß zu ziehen. Claudine hatte mir niemals geſagt, welche Plane ſie für ihre Zukunft entworfen, und es wäre mir unmöglich geweſen, ſie darum zu befragen. Es lag etwas ſo Hohes und ſo Ungewöhnliches in ihrem ganzen Weſen, daß man, wenn man ſie anblickte, den Gedanken an eine irdiſche Nothdurft vergaß. Sich dieſe ätheriſche Geſtalt auf eine Arbeit gebückt, dieſe Hände für das tägliche Brod ſchaffend vorzuſtellen, war kaum möglich. Dennoch trug die vornehm Gewöhnte ſich mit dieſem Plane. Dennoch war ſie geſonnen, wie ihre Gefährtin mir vertraute, unter der Anleitung und dem Beiſtande derſelben ihr Brod zu gewinnen, und die Fertigkeit der beiden Franuen in künſtlicher Arbeit ſollte ihnen die Mittel dazu bieten. Mademoiſelle Charpentier wollte den Verkehr mit den Käufern beſorgen, Claudine in ſtiller Verborgenheit arbeiten, und jene verſicherte mir, ſie hätten Stunden, in denen Claudine mit einer Art von Freude an die Freiheit und Zurückgezogenheit denken könne, welche ſie zu ſuchen ging, und zu finden hoffte. Ich hingegen, deſſen Seele voll Leidenſchaft war, ich konnte nicht glauben, nicht verſtehen, daß Claudine ſolcher Opfer fähig ſei, wenn nicht die Kraft einer verborgenen Liebe ihr dazu ihren Beiſtand leihe, und ich drang in ihre Ge⸗ fährtin, mir den Gegenſtand derſelben zu nennen. Ich verſicherte ihr, das Geheimniß ihrer Herrin ſolle in meiner Bruſt für ewig verborgen ſein, und da alle meine Bitten vergeblich blieben, da alle meine Vorſtellungen von ihr mit der Entgegnung abgewieſen wurden, daß Claudine kein Herzensgeheimniß habe, vermehrte dies meine Unruhe, ſtatt ſie zu befänftigen. Bald hoffte ich, daß in einem freien Herzen meine Leidenſchaft Liebe erwecken müſſe; bald ſchlug mich der Gedanke nieder, daß Clandine ſich nicht an mich gewandt haben würde, wenn irgend ein anderes Gefühl als das einer freundlichen Erinne⸗ rung ſie für mich belebte. In einer Stunde wollte ich in enthuſiaſtiſcher Erge⸗ benheit und Entſagung ihr, der Hochgeborenen, meine Liebe verſchweigen, damit ſie meine Dienſte ſich unbeſorgt gefallen laſſe; in der folgenden Stunde ver⸗ ſpottete ich die Standesunterſchiede, welche vergangene Zeiten aus ſelbſtſüchtigen Zwecken zwiſchen den Menſchen aufgebaut hatten, und fühlte mit ſtolzer Freude meine reine, glühende Liebe für dieſes ſchöne Mädchen, als mein Mannesrecht. Und ſtand ich dann vor ihr, ſah ich in ihr ſanftes, blaues Auge, ſah ich die ſüßgeſchwellten Lippen und die weiße, ernſte Stirn, die in ſich ſo Schweres ſchon erwogen hatte, die ſo Schweres auf ſich nehmen wollte, ſo ſchmolz mein ganzes Denken und Wollen dahin in gerührter, anbetender Liebe, und ich ver⸗ langte nichts weiter in der Welt und von dem Leben, als ihre Stimme zu vernehmen, als Claudinen ſorglos und glücklich zu wiſſen. Elftes Kapitel. Drei Tage hatten wir ſchon gewartet. An jedem Abende begaben wir uns hinaus nach dem Hafen, zu ſehen, ob noch kein Wind die leichten Flaggen auf der Spitze der Maſten bewege, ob das Schiff, das uns gemeinſam in die Ferne führen ſollte, noch immer auf ſeinem alten Platze liege. Auch am vierten Abende gingen wir hinaus. Der Tag war ſehr heiß geweſen. Kein Luftzug regte ſich, als wir uns auf den Weg machten. Ich führte Claudinen am Arme, durch die Stadt voll bewegten Treibens kamen wir an den Hafen hinaus. Die Sonne ſtand, da man in der Mitte des Sommers war, noch ſehr hoch am Himmel, aber ſie war von Wolken verdunkelt, die ihren Schatten hernieder warfen auf die breiten Quais. Mitten durch Wagen, von denen man Fäſſer ablud, mitten durch Arbeiter, welche von den Schiffen Produkte an das Land, oder vom Lande Waaren in die Schiffe trugen, durch das Drängen und Zurufen der Eilenden, über die Taue und Ketten hinweg, welche die Schiffe an die Pfähle banden, leitete ich die Geliebte vorwärts, die mir nie zarter undsholdſeliger erſchienen war, als hier, wo rauhe Arbeiter und eine achtloſe Menge ſie umgaben. Aber was Andere an ihrer Stelle vielleicht beängſtigt haben würde, das erheiterte Claudinen und reizte ihre Neugier. Ihr Sinn war auf ferne Länder und fremde Welttheile gerichtet, ſie fragte um Vieles, ich gab ihr Beſcheid. Ich erzählte von den Reiſen, welche meine Brüder nach Amerika gemacht hatten, von meinem Verlangen jenen Erdtheil ebenfalls kennen zulernen, und Claudine ſprach von ihrer Tante, einer ſchönen Creolin, welche die Sehnſucht nach ihrem Heimatlande, nach der lieblichen Isle de France niemals verloren hatte. So waren wir aus den Reihen der Schiffe und aus dem Hafen an das offene Meer hinausgekommen, das ſich vor uns aufthat mit ſeiner unerfaßbaren Weite und Majeſtät. Es war ein Gewitter im Anzuge, aber noch war Alles ſtill. Ein ſchwarzer Streif gränzte am Horizonte die ruhenden Waſſermaſſen gegen den Himmel ab. Schwere Wolken ſtiegen im Weſten, von der Sonne glühend durchleuchtet, aus dem Meere empor, die Möven ſchoſſen unruhig durch die Luft und über das Waſſer hin, daß man kaum ihrem blitzgezackten Fluge folgen konnte, wenn ſie mit ihren ſilberweißen Flügeln die Fluth der Wellen berührten, die ſich all⸗ mälig hoch und höher zu heben begannen, während ein ſprühender, flüchtiger Schaum auf ihrem Rücken bemerklich wurde. Ein fernes Grollen ließ ſich vernehmen, ohne daß man ſagen konnte, ob es aus der Tiefe ſtamme oder aus der Höhe, und alles verkündete einen nahen Sturm. Claudine hatte das Meer noch nie in ſeiner Erregung geſehen, und wie in Anbetung verſunken, mit gefalteten Händen, ſtand ſie neben mir. Der Wind fing während deſſen an, ſich zu erheben, ihr blondes Haar, ihr leichtes Gewand, flogen unter ſeinem Hauche. Ich mahnte zur Heimkehr, ſie verlangte noch zu bleiben. Ein Paar Schiffe, die, in der Ferne ſichtbar, alle ihre Segel aufgeſetzt hatten, den Hafen vor Ausbruch des Gewitters zu erreichen, einige Fiſcherkähne, die näher zum Ufer mit angſtvoller Haſt demſelben zuſteuerten, hatten ihre Auf⸗ merkſamkeit gefeſſelt, ich aber beachtete das alles wenig, ich war ſolcher Scenen gewohnt. Ich ſah nur ſie, nur ihr helles, flatterndes Haar, ihre ſchlanke Geſtalt, deren herrliche Form die bewegten Gewänder mir verriethen, und wie wir ſo neben einander waren an dem Ufer des aufbrauſenden Weltmeeres, kam mir auf natürliche Weiſe die Erinnerung an jene Tage, in welchen wir einſt die zärt⸗ lichen Leiden und Freuden von Paul und Virginie geleſen hatten, und unwill⸗ kürlich rief ich aus: Ach, daß ſie für ewig vorüber ſind, jene Tage der glück⸗ lichen Kindheit! Claudine blickte mich an, eine ſanfte Rührung glänzte in ihren Augen, und mit mildem Tone ſagte ſie: Wie ſtark ſolche Erinnerungen ſind! Auch ich dachte daran, wie wir einſt bei einander ſaßen in dem kleinen Gartenhauſe, wie wir uns freuten mit Paul und mit Virginie, wie ihr tragiſches Ende unſere Herzen bewegte.. Ich ließ ſie nicht vollenden. Claudine! rief ich, Sie dachten daran? Sie haben es nicht vergeſſen? Eine leuchtende Hoffnung zuckte in mir auf, ich ergriff ihre Hand, ſie wandte ihr Antlitz von mir, aber ich fühlte, wie ihre Hand in der meinigen zuckte, ich ſah, wie ihr ſchneller Athem ihren Buſen hob, und hingeriſſen ſagte ich: Dieſer Augenblick wird uns nicht wiederkehren, wie jene Tage der Kindheit uns nicht wiederkehrten. Morgen, Claudine, morgen, wenn der Wind, der ſich jetzt erhebt, die Segel unſeres Schiffes ſchwellen wird, wenn wir dieſen Boden Ihres Vaterlandes verlaſſen haben werden, dann Claudine, dann thut eine neue Welt ſich für uns auf! dann— Ich konnte nicht weiter reden, ich wußte ſie nicht vorzubereiten auf das, was mich einzig belebte, und ihren ſchlanken Leib in meine Arme ziehend, flehte ich: O, finde Deine Heimat an meinem Herzen, finde Deine Heimat in meinen Armen, in den Armen des Jünglings, der Dich liebte, ſeit er Dich zuerſt erblickte, dem Dein himmliſches Bild ein Schirm und Schutz geweſen iſt, bis auf dieſe geheiligte Stunde! Meine ganze Seele hatte ich in die Worte gelegt, aber Claudine ſchauerte in ſich zuſammen, machte ſich ſanft aus meinen Armen los, und verbarg ihr Geſicht in ihren Händen, während ſie ſich auf einige Balken niederſetzte, die als Reſte eines geſtrandeten Schiffes aus dem Uferſande hervorragten. Ich war wie vernichtet, als ſie mich verließ. Ich folgte ihr nach, ich kniete vor ihr nieder, ich beſchwor ſie, zu mir zu ſprechen. Sie ſchüttelte das Haupt. Endlich, als ſie es fühlte, wie meine Thränen auf ihre Hände niederfloſſen, ſagte ſie: Gott, mein Gott! warum liebe ich ihn ſo ſehr! Ich traute meinen Sinnen nicht. Ich vermochte nichts, als ihren Namen zu rufen in der Wonne meines Herzens; aber ich umſchlang ſie auf's Neue, ich bedeckte ſie mit meinen Küſſen und ſie wehrte mir nicht. Sie hing voll Zärtlichkeit an meinem Halſe, ſie war beſeeligt, wie ich ſelbſt. Mit einem Male ließ ſie mich los. Es iſt genug! ſagte ſie, genug für ein ganzes langes Leben! Ich verſtand ſie nicht, ich wollte ſie nicht laſſen. Ihre Miene und ihre Stimme hatten aber etwas Feierliches, das mich beherrſchte, und ihre Hände auf meine Schultern legend, ſagte ſie: Weil ich Dich lieben werde mein Leben lang, wie Du mich geliebt haſt Dein Leben hindurch, darum ſoll dieſe Stunde uns genug gethan haben für alle Zeiten! Niemand außer meinem Gott kennt meine Liebe für Dich, und ich hatte mir gelobt, daß auch Du ſie niemals kennen ſollteſt. In der Stille meines Herzens wollte ich mich ihr erhalten, ich wollte ſie nicht entehren in den Armen eines Anderen. Aber ich hätte Dich nie um Beiſtand angefleht, hätte ich gewußt, daß dieſe Flamme auch in Deinem Herzen brennt, hätte ich geglaubt, daß Du mehr für mich fühlteſt, als eine mitleidige Freundſchaft. Ich wußte ihr nichts zu entgegnen, denn das Unerwartete befängt unſeren Sinn. Ich kannte ihr ſtolzes Selbſtgefühl, ich kannte die große Zartheit ihres Empfindens, ich begriff alſo den Kampf und das Widerſtreben in ihrem Innern; aber ich wußte, daß meine Liebe den Sieg davontragen würde über ihre Vor⸗ ſätze, weil ihr eigenes Herz mein heimlicher Bundesgenoſſe war. Und obſchon ich dies wußte, war ich traurig wie ſie ſelbſt, mahnte ich ſelbſt ſie zum Auf⸗ bruch; denn der Abend ſank herab, das nahende Gewitter verdunkelte ihn mehr und mehr, der Wind wehte heftig, und die Wellen fingen an, ſich ſo hoch zu thürmen, daß ſie weit und gewaltig dahin floſſen, wenn ſie ſich auf dem Sande brachen, und das Ufer überſpülten. Claudine fröſtelte vor den Stößen des Windes, ich zog ſie an mich, ſie zu ſchützen, ich hob ſie und trug ſie über die Stellen, die das Waſſer ſchon erreicht hatte. 8 Sie ließ es ſanft und ſtill geſchehen, aber ihre Traurigkeit wich nicht von ihr. So erreichten wir unſere Wohnung, ſo geleitete ich ſie an ihr Zimmer. Ich wollte ihr in daſſelbe folgen, wie ich ſonſt auf der Reiſe hier und da gethan, ſie ließ es nicht zu. Vor ihrer Thür gab ſie mir die Hand: Lebe wohl! ſagte ſie, und denke, daß dieſer glückliche Tag nicht wiederkehrt! Der Sturm währte die Nacht und den folgenden Tag und noch die nächſte Nacht. Ich hatte Claudinen wieder geſehen, aber nur in Gegenwart ihrer Gefährtin, und ſie war ruhig und ſchweigſam geweſen. Mademoiſelle Char⸗ pentier glaubte, daß ſie den Abſchied von Frankreich fürchte, denn den nächſten Morgen ſollten wir in See gehen. Claudine widerſprach dieſer Vorausſetzung nicht. Am Abende, bei der Mahlzeit, die wir immer gemeinſam genommen hatten, weil wir für Geſchwiſter galten, fing ſie von der Reiſe zu reden an. Ich hatte die Damen mit den Päſſen, welche der Herzog in meinen Händen geſehen, auf ein engliſches Schiff einſchreiben laſſen, und dieſem Schiffe hatten wir auch die Kiſte übergeben, welche den Schmuck Claudinens und die ihrer Tante beſtimm⸗ ten Papiere enthielt. Sie war an die Tante adreſſirt und wir durften darauf rechnen, daß ſie dieſer zu Händen kommen würde auch ohne daß Clandine und ihre Geſellſchafterin England erreichten. Damit war die Möglichkeit einer Ent⸗ deckung erſchwert, wenn man Claudinen zu vermiſſen anfing, und ich hatte für mich und die Frauen Plätze auf einem nach Amſterdam beſtimmten Schiffe beſtellt. Alles war vorbereitet, die engliſche Brigg hatte den Hafen bereits verlaſſen, und jetzt erſt erklärte mir Clandine, daß ſie nicht mit mir reiſen, daß ſie bleiben, und eine andere Gelegenheit erwarten wolle. Ihre Gefährtin konnte dieſe Sinnesänderung nicht verſtehen. Meine Bitten, meine Vorſtellungen, Claudinens Entgegnungen, meine Leidenſchaft und der Geliebten bange Thränen klärten ihr das Räthſel auf, und enthüllten ihr zugleich unſer Geheimniß, unſere 3 Liebe. Ich verlangte Beiſtand von ihr, ſie war rathlos wie ich ſelbſt. Mit aller Beredſamkeit, welche mir zu Gebote ſtand, drang ich in Clau⸗ dinen, mir ihre Zukunft zuzuſagen. Ich ſprach ihr von der Liebe, welche meine£ Mutter für ſie gehegt, ich erinnerte ſie an die Freundſchaft, welche zwiſchen der⸗ 6 ſelben und der Herzogin beſtanden, ich malte ihr die Nachſicht und Zärtlichkeit aus, die mein Vater mir immer bewieſen, und ich gedachte auch des Anſehens, 6 welches er in unſerer Heimat genoß, und das uns zum Schutz und Schirme werden konnte. Sie hörte das alles mit an, ohne daß es ihre Meinung 16 änderte. Ich fragte ſie, ob ſie meinen Worten nicht glaube, ob ſie mir ſelber nicht vertraue? Ich glaube und vertraue Ihnen wie mir ſelbſt! antwortete ſie mir; aber obſchon Sie älter ſind, als ich, haben Sie noch nicht erfahren, was die Familie iſt. Auch meine Eltern liebten mich, auch meine Mutter hat ein ſanftes Herz, auch ich habe ihre Güte und Nachſicht genoſſen. Hat das ſie gehindert mich ihren Zwecken aufzuopfern?— Und wenn Ihre Liebe in mir auch keinen Fehl entdeckt, fuhr ſie lebhafter fort, wenn Sie, theurer Emil, mich werth halten, Ihre Gattin zu werden, wenn ich ſelbſt meine höchſte Glückſeeligkeit darin fände, Ihre Familie wird in mir nichts erblicken als die ungehorſame Tochter, die ihren Eltern entflohen iſt! Ihrer Familie werde ich nichts ſein, als ein Mädchen, 6 das ſich Ihnen aufgedrungen hat. Man wird mich nicht aufnehmen, wird mich den Meinen zurückgeben wollen, und ich habe mein Vaterhaus nicht verlaſſen, um Zwietracht in das Ihre zu bringen, um mit Schande bedeckt zu meinen Eltern zurück zu kehren! Der Tag wird kommen, an dem Sie mir es danken 3 werden, ſchloß ſie, daß meine Liebe für Sie mich bewog, von Ihnen zu laſſen und Ihnen zu entſagen! Was ich auch thun mochte, ihren Sinn zu ändern, es gelang mir nicht. 1 Ich fand ſie zärlich und voll ſanfter Freundlichkeit, aber feſt entſchloſſen ſich 1 von mir zu trennen. Endlich bewegte ich ſie, wie es vorher feſtgeſetzt worden war, nach Holland abzureiſen, jedoch nur unter der Bedingung, daß ich noch in Havre bleiben, und mit dem nächſten Schiffe, welches nach Deutſchland gehen würde, in meine Heimat zurückkehren ſollte. Wie der Tag uns ver⸗ ging, wie wir uns trennten, ich weiß es nicht mehr. Wie ich verſprechen konnte, ſie nicht aufzuſuchen, ſie niemals wieder zu ſehen, ich begreife es jetzt nicht; denn nur die Jugend iſt ſolcher Opfer fähig. Ich wünſchte ſo ſehr ihr meine Liebe zu beweiſen, daß ich ihr alles zugeſagt haben würde, was ſie von mir fordern konnte; denn großer Schmerz bannt die Seele ſo an den Augenblick feſt, daß ſie nicht über ihn hinaus zu denken vermag, und daß ſie ſich Alles zutraut. Als der andere Tag ſeine Höhe erreicht hatte, war ich allein. Ich befand ———— Ihren ſchlanken Leib in meine Arme Pehen flehte ich: O, finde Deine Heimat an meinem Herzen, finde Deine Heimat in meinen Armen! mich in dem Zuſtande eines Menſchen, dem eine himmliſche Erſcheinung zu Theil geworden iſt. Ich ging unter den anderen Sterblichen umher, und Nie⸗ mand konnte ahnen, was mich von ihnen ſchied, was mich über ſie erhob. Ich war ſo erfüllt von meinem Glücke und von ihrem Bilde, daß ich mein Alleinſein gar nicht empfand. Erſt als ich ſie auf dem hohen Meere wußte und vollends, als ich mir ſagen konnte, daß ſie in Holland angekommen ſein werde, fing ich an, ſie zu vermiſſen, die Entfernung zu empfinden, um ſie zu ſorgen, und meine Lage ohne ſie unaushaltbar zu finden. Ich ſchalt ihre Mä⸗ ßigung und meine Nachgiebigkeit eine Schwäche, ich beſchloß, ihr nachzueilen: aber kein Schiff ging nach Holland ab, und da mein Verlangen nach ihr und meine Angſt um ſie mir keine Ruhe ließen, gab ich alle meine Pläne, alle meine Verſprechungen auf, kehrte mit der Poſt nach Paris zurück, wo ich es ſorgfältig vermied, mich zu zeigen, und erreichte ohne alle Hinderniſſe, wenn auch langſam von dort aus die holländiſche Gränze. Zwölftes Kapitel. Es war ſpät am Abende, als ich auf dem Polizei⸗Bureau von Amſterdam die Wohnung der beiden Frauen aufgefunden hatte. Der Tag war regneriſch geweſen, die Canäle ſahen trübe aus, die Wege an den Grachten dampften eine dumpfe Feuchtigkeit aus, die ganze Luft hing voll Nebel, daß die Straßenlaternen weite Lichtkreiſe um ihre trüben Flammen verbreiteten; und das Volk, das ſich eilig und ſtill durch die Straßen bewegte, ſchien ſich nur zu haſten, um ſich dieſer unheimlichen Atmoſphäre ſchleunigſt zu entziehen. Unwillkürlich dachte ich an das luftige, helle Faubourg St. Germain, an das Hotel des Herzogs, und der Gedanke, daß Claudine dies alles aufgegeben habe aus Liebe zu mir, ſchwellte mir das Herz mit Rührung und mit Entzücken. Unten in dem Hauſe, welches ſie bewohnte, war ein Tabaksladen. Ich trat in denſelben ein und fragte, ob Madame und Mademviſelle Dubvis hier wohnten. Die Frau, welche das Geſchäft beſorgte, ſah mich mißtrauiſch an. Es wohnen ſeit einer Woche ein paar Franzöſinnen hier, aber es ſind anſtän⸗ dige Frauen, die keine Beſuche empfangen! gab ſie mir zur Antwort. Ein Schreck kam über mich, ich bedachte zum erſten Male, in welch bedenk⸗ liche Lage die Geliebte gerathen konnte, alles Blut ſtieg mir nach dem Kopfe, und dem beleidigenden Verdachte vorzubengen, ſagte ich ſchnell: Ich bin ein Verwandter der Damen, wo wohnen ſie?— Vier Stiegen hoch zur Rechten! entgegnete die Wirthin, und ich hörte, wie ſie, als ich mich entfernte, ſagte: Honnette Verwandte pflegen die Wohnung zu wiſſen, und nicht bei Nacht und Nebel zu kommen! Ich eilte die Treppen hinauf, ich ſtand an der bezeichneten Thüre, ſie war niedrig und eng. Ich hielt den Drücker in der Hand, ich wagte kaum zu klopfen. Ich fühlte eine Scheu, ſie in der niedrigen Umgebung zu erblicken, ich wußte nicht, wie ſie mich aufnehmen würde, da ſie mir verboten hatte, ihr zu folgen, und doch konnte ich den Augenblick nicht erwarten, in dem ich ſie wiederſehen würde. Fanny Lewald, Der Seehof. 7 — Es war ganz dunkel auf dem Flur. Als ich die Thüre öffnete, ſchwamm es mir vor den Augen, und doch konnte das ſparſame Licht des Zimmers mich nicht blenden. Ich blieb wie gefeſſelt, ich blieb beklommen ſtehen. Es war ein Moment, ein kurzer, flüchtiger Moment, denn in dem nächſten hing ſie an meinem Halſe, preßte ich ſie an mein Herz, lag ich zu ihren Füßen. Ich wußte nicht, was ich that, ſagte ſie unter Thränen, als ich Dich bat, mich zu verlaſſen! Ich wußte es nicht, daß ich nicht leben kann, ohne Dich zu ſehen! Wir kannten unſeres Glückes kein Ende, wir ſchwuren uns, einander zu gehören für Zeit und Ewigkeit, und wir haben einander Wort gehalten. Bei guter Zeit verließ ich den Abend das Haus. Ich kam früh am anderen Tage wieder. Seit ſie mir zugeſagt, mein Weib zu werden, war ein neuer, ein anderer Sinn in mir aufgegangen. Die Sorge für das Schickſal einer geliebten Frau reift den Jüngling zum Manne. Ich hatte in der Nacht nicht geſchlafen, aber ich war weit davon entfernt geweſen, mich wie ſonſt in wachen, ſüßen Träumen zu wiegen. Ich hatte die Stunden in ernſtem Ueberlegen zugebracht, und weil ich Claudinen ſchon jetzt als die Meine anſah, weil ihre Ehre die meinige war, beſchloß ich, ſie ſobald als möglich zu verlaſſen. Ich wollte verſuchen, wie und wo ich eine Heimat für uns finden, und ob ich meine Eltern nicht allmälig für unſere Wünſche zugänglich machen könne. Clandine ſtimmte mir bei, wir trennten uns zum zweiten Male, und ich ſetzte meine Reiſe nach meiner Vaterſtadt fort. Ich hatte mein Vaterhaus als ein Jüngling von ſiebzehn Jahren verlaſſen, ich ſtand in meinem zweiundzwanzigſten Jahre, da ich es wieder betrat. Ich war es gewöhnt worden, für mich ſelbſt zu denken und zu handeln, jetzt fühlte ich mich plötzlich der Herrſchaft meines, keinen Widerſpruch ertragenden Vaters, der Bevormundung meiner älteren Brüder gegenüber, die mich mit Fragen über mein bisheriges Treiben, mit Rathſchlägen für meine Zukunft beſtürmten. Daß ich meiner Abſicht, Landwirth zu werden, entſagen ſollte, darüber waren wir ſchon brieflich einig geworden, als ich England verlaſſen, und mich nach Frankreich zu meinem Onkel begeben hatte; aber jetzt zeigte es ſich, daß man über meine nächſten Jahre ſchon beſtimmt, und daß man mich meinem Bruder zum Gehülfen zugedacht hatte, der eine Commandite unſeres Hauſes in Peters⸗ burg begründen ſollte. Man behandelte mich dabei wie einen Menſchen, der noch keinen eigenen Willen, keine eigenen Plane haben konnte, und ich ſelbſt dachte doch daran, mir einen eigenen Heerd, eine eigene Familie zu gründen. Daß es nicht thunlich ſei, in dieſem Augenblicke mit meinen Abſichten offen gegen meinen Vater hervorzutreten, wußte ich nur zu gut. Ich ſuchte alſo Zeit zu gewinnen, ich ſprach mit meiner Mutter von einer heimlichen Liebe, deren Gegenſtand ich ihr noch nicht nennen könne. Meine Mutter hatte mich fünf Jahre entbehrt, unſere Eintracht, unſer Einverſtändniß waren noch immer innig, und ſie erlangte es, daß ich um ihretwillen in dem Hauſe meines Vaters arbeiten, mit dem von meinem Onkel ererbten Vermögen als ſtiller Theilneh⸗ mer in die Handlung treten, und in ihrer Nähe bleiben konnte, während ein fremder Gehülfe meinem Bruder nach Rußland mitgegeben ward. Ich hatte nun einen Stand, ich hatte Ausſicht auf eigenen Erwerb, ich war in meiner Heimat, aber ich fühlte mich ihr nicht angehörend. Ohne Raſt und Ruhe verbrachte ich meine Tage, bis ein Brief Claudinens mir eine Stunde der Erleichterung gewährte, und meine Mutter hätte nicht ein Mutter⸗ auge haben müſſen, hätte der Zuſtand ihr entgehen können, in welchem ich lebte. Mehrmals ſchon hatte ſie ſich bemüht, mein Vertrauen zu erhalten, aber ich kannte ihre und meines Vaters Grundſätze zu genau, ich wußte zu entſchieden, wie Jeder von ihnen, von ſeinem Standpunkte aus, über die unumſchränkten Rechte der Eltern über ihre Kinder dachte, um mich voreilig zu verrathen. So oft auch die Angelegenheiten der herzoglichen Familie, oder die Weiſe, in welcher ich die Flucht der Tochter bewerkſtelligen geholfen hatte, zwiſchen uns und mit Freunden beſprochen worden waren, hatte ich mein Geheimniß doch ſorgfältig gehütet. Da gelangte im September eines Tages durch den pariſer Correſpondenten meines Vaters, durch den Conſul, der mir zu Clandinens Flucht behülflich geweſen war, die gelegentliche Nachricht zu uns, daß der Herzog, bei dem Sturme des Volkes auf die Tuilerien, in der Vertheidigung ſeines Königes ſein Leben verloren, daß die Herzogin wenige Tage ſpäter dem Schrecken über dieſes Ereigniß, dem Grame über ihren Verluſt erlegen ſei. Ich befand mich bei meiner Mutter, als mein Vater ihr dieſe Kunde brachte. Die Empörung des Letzteren, die Trauer der Erſteren machten es möglich, daß meinen Eltern mein Entſetzen, meine Verwirrung entgehen konnten. Der Ge⸗ danke an Claudinens Lage, wenn dieſe Botſchaft ſie unvorbereitet treffen ſollte, ſträubte mir das Haar auf dem Kopfe, und doch— ſo eigenſüchtig iſt das Menſchenherz— doch empfand ich ſelbſt in dieſem ſchreckensvollen Augenblicke eine Art von Erleichterung und Freude durch die Vorſtellung, daß Claudine ihrerſeits nun der elterlichen Herrſchaft entriſſen, daß ſie frei ſei. Aber das zuckte nur wie ein grelles Licht durch mein Gehirn, und die zärtlichſte Angſt und Sorge um den Schmerz der Geliebten nahmen mich ſchnell wieder gefangen. Mein Vater ging bald von uns, meine Mutter dachte mit Thränen der geſtorbenen Freundin. Sie beklagte es, daß dieſelbe es verſchmäht, Zuflucht bei ihr zu ſuchen, als es noch Zeit geweſen war, ſie ſprach liebevoll von ihr, und in ihren Klagen tönten die Worte: Arme, unglückliche Claudine! von ihren Lippen. 7* 6 ſi Sſ Als ich die Thüre öffnete, ſchwamm es mir Licht des Zimmers mich nicht blenden. Ich blieb wie gefeſſelt, ich blieb beklommen ſtehen. vor den Augen, und doch konnte das ſparſ Vor dieſem Laute, vor dieſem Namen ſchmolzen alle meine Vorſätze, ſchmolz meine Feſtigkeit dahin. Ein unwillkürlicher Ausruf entrang ſich meiner Bruſt, ich warf mich in einen Seſſel und weinte ſchmerzlich. Meine Mutter ſah mit Erſtaunen auf mich hin. Sie ſtand auf, trat an mich heran und legte ihre Hand auf meine Schulter. Sie mochte erwarten, daß ich ſprechen ſollte, aber ich vermochte es nicht. Da hob ſie mit leiſer Bewegung mein gebeugtes Haupt empor, wie ſie es oft gethan in meiner Kindheit, wenn ſie meinen Unmuth be⸗ ſänftigen wollte, und ſagte mit ihrer milden Stimme, die niemals ihre Wirkung W — 101— auf mich verfehlte: Du haſt ſie ſehr geliebt, die kleine Claudine, als Du noch ein Knabe warſt, und Du haſt es, wie ich ſehe, nicht verlernt, ſie zu lieben, mein armer Sohn! Sie iſt mein Leben! rief ich aus, und daß ich jetzt, jetzt nicht bei ihr bin, daß ich nicht da bin, ihre Thränen zu trocknen... Meine Mutter ließ mich nicht vollenden. Unglücklicher, was ſprichſt Du! warnte ſie mich. Die Tochter des Herzogs, die Gattin des Grafen von Lantenil! was ſprichſt Du, mein Emil! Meine Gattin wird ſie werden, meine! rief ich, Alles vergeſſend, aus, wer lebt jetzt noch, der ihr gebieten könnte... Und wieder unterbrach mich meine Mutter. Mein Sohn, ſagte ſie, laß ſolche wahnſinnige Gedanken nicht aufkommen in Dir und nicht zu Worten werden, ich bitte Dich darum! Du ſprichſt von einem Ehebruche!— Ihr angſtvoller Ton brachte mich zur Beſinnung, ich ſchwieg. Meine Mutter ſetzte ſich zu mir, ſie faßte meine Hand. Das alſo war der Kummer Deines Herzens, das war Dein ſchwermüthiges Ausſehen, Deine Unruhe, mein Emil? fragte ſie mit dem Tone fanften Troſtes. Ach, es muß hart ſein zu entſagen, wenn man jung iſt wie Du! Ich konnte ihr nicht gleich antworten, ich wußte nicht, was ich ihr entgegnen ſollte. Endlich trug mein Verlangen nach Wahrheit den Sieg davon, und ich erklärte, daß ich Claudinen nie entſagen würde, weil ich ihrer Liebe ſicher ſei. Die Beſtürzung meiner Mutter wuchs mit jedem meiner Worte. Ich ſtand auf dem Punkte, ihr Alles zu entdecken, nur die Beſorgniß, ſie wider ihren Willen zur Vertrauten zu machen, hielt mich davon zurück, als ich bemerkte, daß der ganze Ausdruck in ihren Zügen ſich verändert hatte. Sie ſaß nicht mehr an meiner Seite, ſie ſtand neben mir und hatte ihre Hand auf den Tiſch geſtützt. Ihre feinen Augenbrauen hatten ſich zuſammen⸗ gezogen, ich ſah, daß ſie nach einer Faſſung rang, die ihr fehlte. Endlich ſprach ſie mit mühſam erkämpfter Ruhe: Emil, mein Leben hat Dir gehört, ſeit der Stunde Deiner Geburt. Was ich Gutes, Großes und Erhabenes kannte, habe ich Dir zu vererben, auf Dich zu übertragen geſtrebt. Dein Vater hat in Dir einen ehrenhaften Mann von mir zu fordern, denn er hatte mir die Erziehung Deiner erſten Jugend überlaſſen. Deines Vaters, unſeres Hauſes Ehre und Sitten ſind makellos. Du kannſt nicht ehrlos handeln, ohne die Liebe Deiner Mutter als Schwäche anzuklagen und ſie pflichtvergeſſen vor Deinen Vater hin⸗ zuſtellen!— Du darfſt es nicht! Du ſollſt es nicht! Ihre Hand zitterte, ihre Stimme bebte. Ihre Worte erſchütterten mich, weil ich wußte, wie ſehr ſie ihr vom Herzen kamen, aber vor der Gewalt der Liebe, die mich an Claudinen feſſelte, verſtummte das Mitleid mit der Mutter; und da man immer hart wird, wenn man gegen ſeine beſſere Einſicht eine weiche Regung in ſich beſiegen will, ſagte ich: Ihre Liebe, Ihre Erziehung würden wenig Dank verdienen, Mutter, wenn Sie mich nicht zum Manne gebildet hätten, der für ſein Thun und Handeln die höchſte und letzte Rechen⸗ ſchaft nur ſich ſelber ablegt. Der Ton, in welchem ich das ausſprach, klang ſchärfer, als ich es beabſich⸗ tigt hatte. Meine Mutter blieb unbeweglich vor mir ſtehen. Du mußt ein ſchweres Unrecht zu verbergen haben, denn Du ſtößeſt die Theilnahme Deiner Mutter von Dir! rief ſie aus.— Dann hielt ſie inne und fragte erſt nach längerem Schweigen: Wo iſt Claudine? Du weißt es, und ich will es wiſſen! Dieſe Herrſchaft, welche ſie über mich auszuüben ſtrebte, reizte mich auf das Aeußerſte, ich wollte mich derſelben mit Einem Schlage entziehen. Ich habe Clandinen entführt, und ſie iſt mein Weib! ſagte ich feſt und ſchnell, während die heiße Röthe der Schaam meine Wangen bedeckte, als ich die Lüge ausſprach, als ich meine und der Geliebten Ehre in frevelndem Trotze alſo Preis gab. Meine Mutter ſchlug ihre Hände vor ihrem Antlitz zuſammen, als wolle ſie mir den Anblick ihres Schmerzes entziehen. Sie hatte ſich niedergeſetzt, denn die Kraft mochte ihr verſagt haben. Die Tochter meiner Freundin! rief ſie endlich ſchmerzlich aus. Die Tochter des Mannes, dem wir ſelbſt, dem Deine Eltern ihr Haus als Zuflucht, ihren Beiſtand angeboten, der uns, der Dir vertraute!— Das iſt entſetzlich, das iſt unerhört, das iſt ehrlos, Emil! Jede dieſer Anklagen traf mich wie ein Schlag. Ich kam mir in doppeltem Sinne wie gebrandmarkt vor, und ich konnte der Gewalt der Wahrheit, der drückenden Schaam kaum widerſtehen, welche mich antrieben, vor meiner Mutter niederzufinken, ihr die Lüge zu bekennen, und ihre Hülfe, ihren Beiſtand, und vor Allem ihre Liebe zu erflehen. Aber jener Dämon des jugendlichen Mannes, der falſche Stolz, hielt mich davon zurück, und— ſo räthſelhaft mir das ſelber war— ich fühlte eine Art von Triumph darin, meiner Mutter ſo ſtrafbar zu erſcheinen. Es entſtand eine lange Pauſe. Meine Ueberlegung war mit meiner Reue zugleich erwacht. Ich wollte meine Mutter verſöhnen, ich wollte auch einlenken, denn ich hatte für Claudinen einzu⸗ ſtehen und zu ſorgen. Ich ging zu meiner Mutter, ich ſetzte mich zu ihr, und ſagte bittend: Helfen Sie uns, Mutter! einen befriedigenden Ausweg zu finden. Helfen Sie uns, unſere Leidenſchaft unter Ihren Angen zu heiligen. Meine Mutter hatte ſich von mir abgewendet, ich wartete vergebens auf ein Zeichen, daß ſie mich höre und erhöre, und während deſſen fühlte ich die Ver⸗ — —,— 103 ſündigung, welche ich gegen die Geliebte begangen hatte, immer ſchwerer und verdammenswerther. Endlich ertrug ich es nicht länger. Ich kniete vor meiner Mutter nieder, ich erfaßte in meiner Qual ihre Hände: Mutter! rief ich, vergeſſen Sie, was der Wahnſinn einer verlangenden Leidenſchaft, was der unglücklichſte Trotz gegen Sie, mich frevelnd reden machte. So wahr Gott lebt, ich habe Clau⸗ dinen nicht entführt, kein Engel vor dem Throne des Höchſten iſt reiner als ſie. Aber ich liebe ſie, ſie hat ſich mir zum Weibe zugeſagt, kein Vater, keine Mutter haben die Selbſtbeſtimmung der Unglückſeligen jetzt mehr zu hindern. Werden Sie meine Fürſprecherin bei Claudinens Brüdern, bei meinem Vater! Laſſen Sie Ihren Sohn, Ihren Emil, aus Ihrer Hand das reine Glück ſeines Herzens empfangk, und mein und Clandinens ganzes Leben ſollen dem Danke gegen Sie gewidmet ſein! In herzklopfender Angſt hing ich an den Mienen meiner Mutter, denn es war nicht mein, es war auch der Geliebten Schickſal, das ich in ihre Hände legte. Aber meine Mutter blieb unbewegt, ſie glaubte meinen Worten nicht. Selbſt wahrhaft bis auf das Aeußerſte, beleidigte ſie der Gedanke, daß ich ſie hintergangen hatte. Wer ſeine Mutter zu täuſchen, wer die Tochter einer edlen, vertrauenden Familie zu entehren vermochte, der wird auch kein Bedenken haben, ſeiner Mutter die Entehrte in das Haus zu führen! ſagte ſie mit einer Kälte und mit einer Verachtung, die mir bis in das tieſſte Innere drangen; und ich war zu ſehr ihr Sohn, zu ſehr Blut von ihrem Blute, als daß ihr Verhalten in mir nicht den Wiederhall hätte erzengen ſollen. Ich erhob mich, wir ſtanden einander bleich und ſprachlos gegenüber. Ich habe alſo auf Ihre Vergebung, auf Ihre Theilnahme nicht zu hoffen, Mutter? fragte ich endlich. Es würde mir übel anſtehen, an den heimlichen und ſündhaften Liebeshändeln meiner Söhne Theil zu nehmen! antwortete ſie in der früheren Weiſe. Dieſe Rede, ſo weh ſie mir that, entmuthigte mich noch nicht. Ich hatte vorhin aus falſchem Stolze geſündigt, ich wollte mich demüthigen, denn ich hatte den Irrthum aufzuklären, den ich ſelbſt in meiner Mutter hervorgerufen hatte. Ich hinderte ſie, mich zu verlaſſen, ich nöthigte ſie, ſich noch einmal zu mir niederzuſetzen, ich erzählte ihr, wie Clandine und ich uns gefunden, wie man ſie zu einer Heirath mit einem ungeliebten Manne hatte zwingen wollen, wie wir beide unſere Leidenſchaft für einander zu beherrſchen geſtrebt, wie wir mit dieſem Vorſatze die Reiſe angetreten hätten. Meine Mutter hörte mir ernſt und ſchweigend zu. Als ich darauf des Abends gedachte, da in Havre unſere Liebe uns überraſcht, da wir ſie uns eingeſtanden, erhob meine Mutter ſich plötzlich. Wo iſt Claudine? Iſt ſie in England? forſchte ſie noch einmal, aber ihr 1 % S Schwöre nicht, ich glaube Dir nicht mehr! antwortete meine Mutte Thüre zu. Ich blieb ſchweigend zurück. Blick, ihr Ton waren ſo entmuthigend, daß ich es nöthig fand, vorſichtig zu Werk zu gehen. Haben Sie kein Verſtändniß mehr für die Liebe unſerer Herzen? Keine Theilnahme für mein Geſchick? fragte ich ausweichend. Habe ich nichts von den Erinnerungen Ihres eigenen Herzens zu erwarten, theure Mutter? Sie ſchwieg eine Weile, dann ſagte ſie: Du biſt mir die Antwort ſchuldig geblieben auf meine Frage. Claudine iſt alſo Deine Maitreſſe, und— ſie iſt hier! Nein! bei Gott im Himmel ſchwöre ich es Ihnen, nein! rief ich aus, WW r und ſchritt der — 105— und fügte dann als Mahnung für mich ſelber und für ſie, die Worte hinzu: Bedenken Sie, was Sie ſagen, Mutter! Schwöre nicht, ich glaube Dir nicht mehr! antwortete ſie mir und ſchritt der Thür zu. Ich blieb ſchweigend zurück. Eine unüberſteigliche Scheidewand hatte ſich zwiſchen uns erhoben mit dem Schmähworte, welches ſie gegen meine Geliebte ausgeſtoßen, und ich ſelber war es geweſen, deſſen trotzige Unwahrheit ſie dazu berechtigt hatte. Das kettete mich nur noch feſter an Claudinen. In der Thüre wandte ſich meine Mutter nochmals um. Emil! ſagte ſie, ich weiß es, ich kenne Dein Herz! Ein Verführter biſt Du, kein Verführer! Ich will es glauben, d Claudineſlicht hier, daß ſie in England iſt, aber bedenke, daß kein der ErderPich an ein Weſen bindet, welches Dich Dir ſelbſt und n Eltern und Deiner Ehre untreu machte. Ich werde ſchweigen und zu bergeſſen ſuchen— damit Du Zeit gewinnſt, Dich loszureißen und zu vergeſſen, wie Du es mußt. Das aber beherzige, Emil! Der Vater ſoll nicht ſagen können, daß meine Anſichten Dich zum Schwärmer erzogen, daß meine Schwäche für Dich, Schande gebracht habe durch Dich über ihn und über unſer Haus. Denn ſo lange meine Augen offen ſtehen über dieſem Hauſe, ſo lange ich an Deines ehrwürdigen Vaters Seite in demſelben lebe, ſoll unſer reiner bürgerlicher Name nicht dazu gemißbraucht werden, die Schande eines entlaufenen Mädchens zu bedecken, und wäre es zehnfach eine Herzogstochter! Meine Mutter verließ das Zimmer. Woher ſie den Glauben gewonnen, daß Claudine in England ſgh begriff ich nicht. Ich hatte nichts davon geſagt. Aber zwiſchen mir und metkker Mutter war jetzt keine Verſtändigung mehr zu hoffen. Die Ueberzeugungen ihrer Jugend waren jetzt nicht mehr die ihrigen, die unglückliche Liebe fand kein Erbarmen mehr bei ihr, wenn ſie ihr in ihrem Hauſe, in ihren Abſichten ſtörend entgegen trat. Meine Mutk r hatte immer Scheu getragen vor irgend einem offenen Zwieſpalte mit meinem Vater, deſſen Zorn ſie fürchtete. Sie wollte nicht die Mitwiſſerin meines Geheimniſſes werden, nicht wieder den Vorwurf hören, die Urheberin meiner romantiſchen Richtung geweſen zu ſein. Sie hoffte wohl auch, ich würde anders denken lernen, weil die Jahre ſie ſelbſt anders denken gemacht.— Ich hatte nichts von ihr zu erwarten! Claudine und ich hatten alſo beide jetzt auch nichts mehr zu verlieren und zu ſcheuen. Wir ſtanden frei und einſam, Mann und Weib, inmitten der Welt auf uns ſelber angewieſen, be⸗ rechtigt, unſer Glück zu ſuchen auf unſere eigene Weiſe. Und ich war nicht der erſte Mann, der ſich ſeine Philoſophie und ſeine Moralgeſetze nach ſeinem Bedürfniß modelte, Claudine nicht das erſte Weib, welches ihre Ueberzeugung aus den Händen des Geliebten annahm und nach ſeinem Willen handelte, weil ihr eigenes Herz ihm zuſtimmte. — 106— Dreizehntes Kapitel. Man hat Zeiten im Leben, in welchen Alles unſeren Zwecken entgegen⸗ kommt, Alles ſich zurechtlegt, uns den Weg zu bahnen, den wir zu gehen wünſchen, Alles uns recht eigentlich auf demſelben fortzuziehen ſcheint, wenn wir, zweifelnd und in unſerem Gewiſſen uneins, anhalten und vielleicht nicht weiter gehen möchten. Dieſe Erfahrung machte ich in jenen Tagen meiner Jugend. 8„ Ich war in Sorgen geweſen, wie man Claudiggs Flucht auf die Länge ihren Eltern werde verbergen können, eiwſchneller 3 ihre Eltern beide hinweggerafft. Ich erwartete von Tag zu Tag mit wa r Spannung die Anfrage ihrer Brüder, wohin Claudine gekommen, was aus ihr geworden ſei. Die Anfrage wurde nicht gethan. Gerade dieſes räthſelhafte Schweigen beängſtigte die Geliebte, die nach dem furchtbaren Tode ihrer Eltern doppelt danach verlangte, bei mir zu ſein. Sie wähnte, und ich theilte dieſe Befürchtung, daß man ihrem Entweichen auf die Spur gekommen ſei, daß man ſie ſchweigend verfolge, um ſie ſicher ver⸗ weilen zu machen, wo ſie war, und ich ſelbſt konnte den Augenblick kaum erwarten, in welchem ich ſie in meiner Nähe wiſſen, in welchem ich ihr ein Beſchützer werden konnte. Aber ich hielt es nicht für möglich, ihr zu einem Aufenthalte in Hamburg zu rathen, wo alle t mich kannte, wo es den Meinen ein Leichtes ſein mußte, ſie augenblicklich zu entdecken und ſie ihren Brüdern zu verrathen, und ich war noch zu keinem Eutſchluſſe gelangt, als ein Brief des Marquis ein neues Stadium in unſerer Lage erzeugte. Mit kurzen Worten meldete er meinem Vater den Tod ſeiner Eltern und den Unter⸗ gang des Schiffes, auf welchem ſeine Schweſter die Reiſe nach England unter⸗ nommen hatte. Er dankte mir die Sorgfalt und Treue, welche ich ihr und ihnen allen bewieſen, er erſuchte meinen Vater, das bei ihm deponirte Geld im Intereſſe der herzoglichen Familie noch länger zu verwahren und zu verwer⸗ then, und, ſo ſchloß er ſeinen Brief:„Wenn einer von uns Brüdern dem Unter⸗ gange entrinnt, dem alles Beſtehende und Heilige in Frankreich geweiht zu ſein ſcheint, ſo wird der Zeitpunkt kommen, in welchem es uns möglich ſein wird, Ihnen und Ihrem Herrn Sohne zu vergelten, was er und Sie für unſere Familie gethan haben.“ Unerwartete Glücksfälle haben an ſich immer etwas Erſchreckendes. Dieſer Zufall, welcher Claudinen und mir zu Hülfe kam, während er ihre ohnehin ſchwer gebeugten Brüder und ihre kränkelnde Schweſter noch mit dem Grame um Claudinens Verluſt belaſtete, machte mir einen entſetzlichen Eindruck, beſon⸗ ders als ich gerade in demſelben Augenblicke eine anſehnliche Summe in der — 107— Stadt⸗Lotterie gewann. Ich hatte ſonſt niemals geſpielt, und das Loos nur genommen, weil ich mich des Juden, der es mir anbot, gar nicht zu entledigen vermochte. Nun fiel mir plötzlich das Geld zu, deſſen ich für Claudinen be⸗ durfte, und es fiel mir in dem Momente zu, in welchem Niemand mehr daran denken konnte, nach ihr zu fragen und zu forſchen. Ich kam mir vor wie Einer, der mit dem Verluſte ſeines Seelenheils ſich dem Teufel verſchrieben, und ſich dafür vollendetes irdiſches Gelingen erkauft hätte. Ich mußte mich beſinnen, um zu wiſſen, wie ich dieſe Glücksfälle nutzen und was ich für uns thun ſollte. Dieſe Zwieſpältigkeit meiner Empfindung, dieſer Hinblick auf ein heißerſehntes Ziel, dem ich mich doch nicht mit vollem, freiem Herzen nahen konnte, machte mich Anfangs düſter und ſchweigſam. Meine Familie, meine Mutter fanden das natürlich und berechtigt, und die Letztere beſonders, welche mir jetzt einen falſchen Verdacht abbitten zu müſſen glaubte, verſuchte ſich mir tröſtend zu nähern. Ich wies ſie zurück, weil ich es eben ſo wenig ertragen konnte, ſie aufs Neue zu tänſchen, als Claudinens wie einer Geſtorbenen er⸗ wähnen zu hören. Meine Mutter fühlte ſich davon beleidigt und gekränkt, die Entfremdung zwiſchen uns ſteigerte ſich dadurch, und mir war es dazumal eine Wohlthat, mich von den Meinigen losgeriſſen zu denken, weil es mich vieler Reue und Sorgen enthob. Meines Vaters Geſchäfte waren in dem Jahre von dem glücklichſten Erfolge gekrönt, mein eigenes kleines Vermögen trug mir in denſelben reichlichen Zins, mein Lotterie⸗Gewinn, den ich verborgen hielt, gab mir größere Freiheit. Aber meine Niedergeſchlagenheit war unbezwinglich, meine Sehnſucht nach Claudinen ließ mir keine Ruhe mehr, und ſelbſt mein Vater, dem die Mutter es vertraut hatte, daß ich die verſtorbene Tochter des Herzogs geliebt, dachte daran, mir durch eine Zerſtreuung die verlorene Heiterkeit wieder zu geben. Man ſchlug mir vor, zu einer befreundeten Familie, die im Holſteiniſchen an⸗ ſäſſig war, auf das Land zur Jagd zu gehen. Ich nahm dieſen Gedanken lebhaft auf, denn ich war mit meinen Planen fertig, und dieſe Entfernung aus Hamburg diente denſelben. Eigenes Verſchulden und ein Zuſammentreffen von Umſtänden hatten uns auf einen Punkt gebracht, auf welchem es für uns nicht möglich war, auf unſere Vereinigung durch eine öffentliche Vermählung zu hoffen, und ich hielt mich überzeugt, daß an eine Aufklärung unſerer Verhältniſſe, daß an eine Rückkehr zur Wahrheit nur dann zu denken ſein könne, wenn Claudine mit mir verheirathet, und unſere Verbindung nicht mehr rückgängig zu machen wäre. Denn ich glaubte meine Familie darauf zu kennen, daß ſie ſich eher dazu verſtehen würde, eine heimlich geſchloſſene Ehe anzuerkennen, als mir ihre Zu⸗ ſtimmung zu einer auffälligen und in ihren Augen verwerflichen Heirath zu gewähren und die Liebe eines hingebenden Frauenherzens iſt ſo groß, daß — — 108— ich wenig Mühe hatte, Claudine meinen Anſichten geneigt zu machen. Ihre Liebe war damals ausſchließlicher und größer als die meine, denn ſie über⸗ wand in jener Zeit ſelbſt das Gefühl der Reue ganz in ihr. Während ich dies ſchreibe, liegt das Blatt vor mir, deſſen jetzt halb erloſchene Züge mir ihre Zuſtimmung verkündeten, und noch heute ſtrömt die Fülle ihrer Liebe daraus in meine Seele.„Warum bitteſt Du mich ſo ſehr,“ ſchrieb ſie mir,„Dir zu gewähren was Dein iſt? Oder wem ſollte ich folgen, zu wem mich wenden wollen auf der Erde, als zu Dir, für den ich Vater und Mutter verlaſſen habe? Ich habe keine Eltern, keine Heimat mehr. Meine Brüder haben mir niemals Liebe bewieſen. Meine Schweſter lebt für ihre Kinder, mein Verluſt wird ſie nicht lange ſchmerzen. Du biſt mein Leben und meine Welt. Ich wußte, daß ich fremde, rauhe Pfade gehen müſſe, um den Erdenweg mit Dir zu wallen; aber wo ich Dich finden werde, wird mein Himmel ſein. Befiehl mir, und ich gehorche. Sage mir, was Du willſt, und ich werde es thun. Nur verlange nicht, daß ich Dich noch länger entbehre!“ Wenige Tage, ehe meine Eltern mir das Anerbieten zu dem kleinen Aus⸗ fluge gemacht hatten, war durch die Zeitung eine Beſitzung in der Nähe Ham⸗ burgs zum Kaufe, oder auch zur Miethe angeboten worden. Ich fuhr, als ich die Stadt verließ, nicht nach Holſtein, ſondern begab mich nach dem Seehof, ihn in Augenſchein zu nehmen. Er entſprach allen meinen Wünſchen. Haus und Garten waren trefflich gehalten, ich konnte den Landſitz in einem Tage von Hamburg aus erreichen, der Kaufpreis, den man dafür forderte, war verhältnißmäßig nur gering, und ich wußte, welche Wohlthat es für Claudinen ſein würde, hier in der Einſamkeit zu leben, hier nicht mehr dem Verkehre mit Menſchen ausgeſetzt zu ſein, die ihr fremd und deren Annäherung peinlich für ſie war. Ich that, als ſtehe die Beſitzung mir nicht an, aber ich ſchrieb augen⸗ blicklich an Claudinen, daß ſie dieſelbe durch ihre Gefährtin auf ihren Namen miethen laſſen ſolle, weil das in jenen Tagen von Seiten einer franzöſiſchen Emigranten⸗Familie nicht auffallen konnte, und noch im Hanſe meiner hol⸗ ſteiniſchen Gaſtfreunde erfuhr ich mit Genugthuung, daß der Seehof für Ma⸗ dame Dubois, das war der Name, unter welchem Claudine lebte, gemiethet worden ſei. Mademoiſelle Charpentier, die als Mademoiſelle Dubvis für die ältere Schwägerin meiner Geliebten galt, verſtand ſich dazu, vorauszugehen und die innere Einrichtung des Seehofs zu beſorgen, und ſie empfing von mir die Anweiſung und die Mittel, die Zimmer, in welchen Claudine leben ſollte, ſo herzurichten, daß ſie ihr heimatlich und vertraut entgegen träten. Jetzt, da ich den Ort kannte, den Zeitpunkt beſtimmen konnte, in welchem ich Claudinen wiederfinden würde, jetzt zum erſten Male kamen wieder Freude und Lebensluſt in mein Herz. Jetzt konnte ich warten, denn die Hoffnung — 109— erhellte mir den Blick in die Zukunft. Ich kehrte gefaßt von meinem Aus⸗ fluge in das Vaterhaus und in das Geſchäft zurück. Ich war eifriger bei der Arbeit, und häuslicher als je zuvor. Mein Vater fing an, ſich dem Glauben hinzugeben, daß er aus mir, wie aus ſeinen älteren Söhnen, einen tüchtigen Geſchäftsmann erziehen werde, und ich wünſchte ſehr, ihn in jedem Betrachte zufrieden zu ſtellen, um etwas in ſeiner guten Meinung voraus zu haben, wenn ihm einſt mein Geheimniß enthüllt werden mußte. Auch gelang mir dies vollkommen. Es war gegen den Jahresſchluß hin im Geſchäfte viel zu thun, ich war der Erſte und der Letzte im Bureau, mein Vater bemerkte das wohl⸗ gefällig, und als Weihnachten heran kam, ſagte mir meine Mutter, daß der Vater mir irgend eine beſondere Freude, eine beſondere Belohnung zu bereiten beabſichtige, und daß ich ihr vertrauen möge, was ich wünſche. Ich ſprach ihr das Verlangen aus, eine eigene Wohnung vor den Thoren zu haben. Sie ſchien zuerſt befremdet darüber, aber da in jener Zeit mein älteſter Bruder mit ſeiner Familie, und die ſämmtlichen Handlungsgehülfen in unſerem Hauſe lebten, ſo war ich wirklich ſchlecht und eng logirt, und ich erlangte daher die Erfüllung meiner Bitte. Damit aber hatte ich weſentlich an Freiheit gewonnen, und weil mein Vater mich pünktlich in meinem Berufe, pünktlich in allen Verpflichtungen des Familienlebens fand, ſo erhielt ich zu Ende des Januar leicht ſeine Zuſtim⸗ mung dazu, mich abermals für eine Jagdpartie von Hauſe und von dem Geſchäfte zu entfernen. Ich hatte als das Ziel meiner Reiſe das Gut eines Freundes im Hannbverſchen bezeichnet, mit dem ich in England viel zuſammen gelebt, und ich ging auch direct zu ihm, aber nur, um ihn nach zwei Tagen zu verlaſſen, und zu der Geliebten zu eilen, die ich nun endlich, endlich wieder⸗ ſehen, und ſelber nach dem indeſſen eingerichteten Seehofe geleiten wollte. Vierzehntes Kapitel. Man muß Tage, Wochen, Monate lang von einem erſehnten Menſchen, von einer Geliebten entfernt geweſen ſein, man muß die Stunden, die Meilen⸗ ſteine bis zur Ankunft gezählt, man muß ſich den Augenblick des Wiederſehens in allen ſeinen Einzelheiten vorgeſtellt und ausgemalt haben, um es zu wiſſen, was es heißt, im Hauſe der Geliebten anzukommen, und ſie nicht zu finden. Auf meine Beſtürzung, auf mein Fragen nach ihr erhielt ich die Antwort, Madame Dubois habe in der letzten Woche einen greiſen Landsmann, einen Ausgewanderten, in der Kirche gefunden, in welcher ſie die Meſſe gehört, und — 110— da derſelbe ſeitdem erkrankt, ſei ſie täglich zu ſeiner Pflege in ſein Haus gegangen, doch erwarte man ihre Rückkehr in jedem Augenblicke. Es war ſehr kalt. Ich ſtand am Fenſter und thaute mit meinen heißen Händen, mit meinem Athem die dichtbefrorne Scheibe auf, um ſie zu ſehen, wenn ſie in die Straße trat. Ich ſtand und ſtand! Ich preßte meine Stirn gegen das eiſige Fenſter, ich konnte nicht errathen, wer der Fremde ſei, ich konnte Claudinens Handlungsweiſe nicht begreifen, die ſich dem Verkehre aus⸗ ſetzte, während wir ſo viel, während wir Alles zu befürchten hatten, wenn irgend einer der zahlreich in Hannover lebenden Emigranten ſie erkannte. Endlich bog eine weibliche Geſtalt um die Ecke. Sie war in einen ſchweren, dunklen Mantel gehüllt, eine ſchwarze weite Haube mit dichtem Schleier bedeckte das Haupt. Es war die Kleidung der älteren Frauen des Bürgerſtandes, und nur der leichte Gang, nur mein klopfendes Herz verriethen mir, wen ich hinter der fremden Tracht zu ſuchen hatte. Ich wollte die Treppe hinabeilen, ſie zu empfangen, ſie in meine Arme zu ſchließen, ich hatte ſie ſo lange nicht geſehen. Ich mußte bleiben und warten, ich durfte mich nicht verrathen. Ach, wie beneidete ich in dem Momente alle diejenigen, welchen es vergönnt iſt, ihre Liebe offen zu bekennen, ihres Glückes froh zu werden vor den Augen der Welt!— Noch eine Minute und noch eine, und Claudine lag in meinen Armen. Welch ein Wiederſehen! Mitten in den Entzückungen der Liebe floſſen ihre Thränen um ihre geſtorbenen Eltern, mitten in der Freude unſerer Herzen hatten wir unſere Sorgen und Befürchtungen, unſere Entwürfe, Plane und Vorſätze auszutauſchen. Jetzt erſt, da ich bei ihr war, geſtand ich ihr, wie wenig Ausſicht ich hatte, jemals die Zuſtimmung meiner Familie zu einer Verbindung mit ihr zu erhalten, und daß vielmehr alle meine Hoffnung darauf beruhe, ihre Liebe zu mir werde ſtark genng ſein, ſie eine heimliche Ehe mit mir eingehen zu laſſen. Ich verſicherte ihr, daß meine dankbare Zärtlichkeit, daß meine Hingebung nie enden würden, ich ſagte ihr alles, was die tiefſte Leidenſchaft dem Menſchen einzugeben vermag, ſie hörte mit nachdenkender Ruhe zu. Warum betheuerſt Du mir, was ich weiß? fragte ſie mich. Warum erklärſt Du mir, was ich Dir vorausgeſagt habe? Es kommt Alles, wie ich es mir gedacht, und es wird auch enden, wie es muß! Sie ſah bei dieſen Worten ſehr traurig aus, und ich verlangte, daß ſie ſich erklären ſolle. Sie verweigerte es mir. Wozu Dich mit trüben Ahnungen plagen? ſagte ſie mit ihrer ſanften Freundlichkeit. Es wird Zeit genng ſein zum Leiden, wenn das Unglück kommt. Wir, die wir ſo trübe in die Vergangenheit zurück zu blicken haben, deren ganzer Horizont ſo düſter iſt, wir brauchen nicht ängſtlich vorwärts zu ſchauen, um voraus zu empfinden, was uns noch alles bedroht. Du haſt es mich ſingen hören, als ich noch ein Kind war, und die Spieluhr in dem Zimmer meiner Mutter hat es mir oftmals wiederholt: Les coeurs sensibles sont nés pour ötre malheurenx! fügte ſie wehmüthig hinzu. Aber nachdem ſie das geſprochen, ſchien ſie es zu bereuen, und als wolle ſie mich erheitern, fing ſie an, von den Tagen unſerer erſten Begegnung zu plaudern. Wenn jedoch das Herz betrübt und der Sinn ſorgenvoll iſt, gleicht auch das heitere Geſpräch nur einer blühenden Wieſe unter einem ſchweren, grauen Himmel. Die heiterſten Farben verlieren ihre Friſche unter dem kühlen, grauen Schatten, der über ihnen ruht. Wir wollten uns unſerer Kindheits⸗ ſcherze erfreuen, aber wir mußten dabei an die frohe, zuſchauende Zärtlichkeit unſerer Mütter denken, und wir hatten beide den Verluſt derſelben, Jeder auf ſeine Weiſe, zu beklagen. Still und ſchwermüthig ſaßen wir bei einander, bis Claudine ausrief: Arme Kinder, die wir ſind! wir haben den Frohſinn ver⸗ loren und das Lachen verlernt! Dieſe Klage hatte in ihrer Einfachheit etwas Herzzerreißendes. Ach! rief ich aus, laß mich nicht denken, daß ich das Unglück Deines Lebens bin! Sie ſah mich mit ihren klaren, ſeelenvollen Augen an, als begreife ſie dieſen Ausruf nicht. Du vergiſſeſt, daß ich es war, die Dir ohne Dein Verlangen folgte! ſagte ſie, und wieder kam das traurige Schweigen über mich und ſie. Da richtete Claudine ſich plötzlich daraus empor. Höre mich! bat ſie, und denke, daß ich reiflich erwogen habe, was ich Dir ſage. Ich trage alle Schuld der Lage, in welcher wir uns befinden, denn ich habe Dich geliebt von meiner Kindheit an, ich habe Dir folgen wollen, als ich mein Vaterhaus verließ, wennſchon ich es mir damals nicht eingeſtanden hatte. Ich habe kein Vaterland mehr, keinen Rang, keine Familie, kein Ver⸗ mögen. Ich beſitze nichts als mich ſelbſt. Ich habe Dich mit den Deinigen entzweit, und ich weiß es, jede Sünde fordert ihre Strafe, ihre Buße, auch wenn die reinſte Liebe ſie begehen machte. Ein Opfer wird zur Sühne fallen, und da Gott gerecht iſt, werde ich dieſes Opfer werden. Ich that einen Ausruf des Schreckens, ich begriff nicht, woher dieſe ihr ſonſt fremde Reue, woher dieſe düſteren Vorſtellungen ihr kämen. Ich wollte ſie nicht weiterſprechen laſſen, ſie aber fuhr in ihrer ſanften Weiſe fort: Glaube nicht, daß dieſe Ueberzeugung mich ängſtigt. Sie ſteigert nur meine Liebe für Dich und meinen Wunſch, Dir dieſelbe in jedem Augenblicke zu beweiſen. Du verlangſt mich zur Frau, Du denkſt die Deinen mit unſerer Liebe verſöhnen zu können, wenn ich Deinen und ihren Namen trage. Ich glanbe das nicht. Aber auch ich wünſche Dir anzugehören, ich will die Deine und S S——— Endlich bog eine weibliche Geſtalt um die Ecke. gehüllt, eine ſchwarze weite Haube mit dichtem Schleier bedeckte das Haupt. Sie war in einen ſchweren, dunklen Mantel . mit Dir glücklich geweſen ſein, wäre es auch nur für eine kurze Zeit; und ich hoffe den Prieſter gefunden zu haben, der uns verbinden wird, wenn er es einſieht, daß es ihm nicht möglich iſt, uns von einander zu entfernen. Ich war außer mir vor Freude. Voll Liebe und Leidenſchaft, wie ich es war, hörte ich von ihren Worten nur die Zuſage, welche ſie mir machte, die Meine zu werden, und die Ausſicht, daß ich ſie beſitzen ſolle. Ich ſank zu ihren Füßen, ich bedeckte ihre Hände mit meinen Küſſen, ich war ſo glücklich, daß ich nicht merkte, wie traurig ihre Seele, wie herzzerriſſen ſie war, und wie ſelbſt in dieſem Angenblicke die Ahnung ſie nicht verließ, daß ſie dem Unter⸗ gange geweiht ſei. Ich vermochte mir das nicht zu deuten, ihre Antwort auf meine dahin⸗ zielende Frage löſte mir das Räthſel. Ich erfuhr von ihr, daß jener kranke Landsmann, den ſie eben beſucht, ein emigrirter Geiſtlicher ſei, der Beichtvater des Kloſters, in welchem Claudine ihre Erziehung erhalten. Sie hatte ihn plötzlich neben ſich geſehen, als ſie, wie es ihre Gewohnheit war, eines Tages in früher Morgenſtunde der Meſſe in der Kirche beigewohnt. In ihrer ſie verhüllenden Tracht hatte er ſie unbemerkt an ſich vorübergehen laſſen, während ſie den greiſen Lehrer und Freund augenblicklich erkannt hatte. Alle Vorſicht vergeſſend, war ſie ihm gefolgt, als er die Kirche verließ, um den Weg nach ſeiner Wohnung einzuſchlagen. Sie ſchilderte mir die Ueberraſchung, mit welcher er ſie erblickt, die ſchmerzliche Freude, mit der ſie einander in dem fremden Lande wiedergefunden. Sie geſtand mir, daß ſie ihm Alles vertraut, weil es ihr ein Bedürfniß geweſen ſei, ihr Herz wieder einmal durch die Wohlthat der Beichte zu erleichtern, welchen Troſt ſie habe entbehren müſſen, ſeit ſie Frankreich verlaſſen. Dieſe Beichte nun hatte zwar in gewiſſem Sinne ihr Herz befreit, aber die Unterredungen mit dem Greiſe hatten den Gedanken an ihre Sünde, und an die nothwendige Buße derſelben in ihr geweckt. Mit aller Strenge ſeines Amtes, mit der Würde ſeines Alters und ſeiner Perſönlich⸗ keit hatte er Claudinen überreden wollen, abzulaſſen von mir und von dem Wege, den wir, Einer den Anderen fortreißend, gemeinſam gegangen waren. Er hatte von ihr gefordert, daß ſie ihre Brüder von ihrem Leben, von ihrer Flucht benachrichtigen, daß ſie heimzukehren verſprechen ſolle, wenn man ſie von der Verpflichtung befreie, die Gattin des Grafen zu werden. Er hatte ihr vorgehalten, was ſie gegen ihre verſtorbenen Eltern, gegen ihre Familie gethan, und ſie darauf hingewieſen, daß ſie auch gegen mich und gegen ſich ſelbſt ein ſchweres Unrecht begangen, indem ſie, meiner verſchwiegenen Leiden⸗ ſchaft entgegenkommend, ſich von dem ihr angewieſenen Lebenswege entfernt, und mich mit meiner Familie in einen kaum zu löſenden Zwieſpalt gebracht habe. Er hatte ſie daran erinnert, daß ſelbſt unſer religisſer Glanbe nicht derſelbe ſei, und er hatte ihr endlich die Abſolution verweigert, falls ſie ſich nicht von mir losſagen und zu den Ihrigen, in die ihr von Gott angewieſenen Verhältniſſe zurückkehren würde. Indeß es war ihm damit nur gelungen, die Unglückliche noch tiefer zu beugen, nicht aber ſie von mir zu trennen; denn die Liebe hat ihre beſondere Ueberzeugung, und Claudine fühlte ſich unantaſtbar in derſelben. Sie haben die Macht, mein Vater, hatte ſie ihm in der Trübſal ihres Herzens geantwortet, mir den Troſt der Abſolution zu verſagen, aber ohne die Begegnung mit Ihnen würde ich denſelben auch noch haben entbehren müſſen. Fanny Lewald, Der Seehof. 8 — 114— Indeß keine Macht der Erde wird mich dahin bringen, mich freiwillig von dem Geliebten zu trennen, und Sie dürfen und werden nicht verrathen, was ich Ihnen unter dem heiligen Siegel der Beichte anvertraute. Sie haben mich einſehen machen, deutlicher als ich es ſonſt gefühlt, was ich geſündigt, und daß ich eine ſchlechte Tochter, daß ich keine gute Schweſter geweſen bin, daß eigen⸗ williges Verlangen nach Selbſtbefriedigung meine Handlungen beſtimmt. Sie nennen mein Leben ein verlorenes, weil es denen keine Freude bereitet hat, für die der Himmel mich geboren werden ließ. Nun denn! ſo laſſen Sie mir den einzigen Troſt, der für mich möglich iſt, den Troſt, das Glück des Mannes geweſen zu ſein, dem ich mich eigen fühle! Laſſen Sie mir den Troſt, wenig⸗ ſtens Einer Pflicht, der Pflicht der Liebe gegen ihn, getreu zu ſein. Komme dann über mich, was mir beſchieden iſt! Ich werde mein Lvos ſegnen und ruhig ſterben, wenn auch Niemand meine letzte Beichte hört, als der Allmäch⸗ tige, der dieſe Liebe in mein Herz gelegt, und meinen Eltern das Erbarmen mit meinen flehenden Bitten verſagt hat. Während ſie mir dieſes erzählte, hatten Thränen oftmals ihren Bericht unterbrochen. Ich ſah es, welchen ſchweren Kampf ſie gekämpft, wenn auch die Liebe den Sieg davon getragen hatte. Ich konnte mich nicht überzeugen, daß der Prieſter ſich entſchließen werde, unſere Ehe zu ſegnen; Claudine aber hatte ihre Hoffnung auf ihn gebaut, und ſie betrog ſich nicht. Nach Tagen der Unterredung und der Ueberredung, nach meinen und . Claudinens Vorſtellungen und Betheuerungen überzeugte ſich der Greis, daß er es nicht vermöge, uns zu trennen. Und wie er bis dahin die Strenge ſeiner Kirche walten laſſen, ſo übte er jetzt ihre Milde gegen uns aus, indem er uns den Weg zu gehen half, auf welchem allein eine innere Verſöhnung für Claudine und, wie ich glaubte, endlich auch eine Herſtellung unſerer äußeren Verhältniſſe zu hoffen war. Er ſelbſt, der Claudinens Jugend geleitet, der theilnehmend um ſie ſorgte, fand endlich eine Beruhigung darin, ſie im fremden Lande doch unter dem Schutze ihres Gatten zu denken. Er ſprach ihr die Hoffnung aus, daß es ihr gelingen werde, mich ihrem Glauben zu gewinnen, wenn ſie als meine Frau einſt dauernd an meiner Seite leben würde. Er verlangte mein Verſprechen, daß unſere Kinder in dem Glauben ihrer Kirche erzogen werden ſollten. Und wie hätte Claudine, die ſich Eins mit mir fühlte, ſeine Hoffnung nicht theilen ſollen? Wie hätte ich in dem Augen⸗ blicke, wäre mein kirchliches Bewußtſein ſelbſt lebhafter geweſen, irgend ein Be⸗ denken haben können gegen die Kirche, in der das reinſte der Herzen, in der die Geliebte erwachſen war und ihren Troſt fand? — Fünfzehntes Kapitel. Es war früh, in der Morgendämmerung. Der bleiche Schein des beginnenden Wintertages fing an, ber den hohen Häuſern der Altſtadt zu zittern, als ich Claudine aus ihrer Wohnung holen ging. Der Schnee kniſterte unter unſeren Füßen. Hier und da blickte noch ein Stern am Himmel, hier und da ſah ein Licht aus den Fenſtern hervor und erhellte unſeren Weg. Das ſind unſere Hochzeitsfackeln! ſagte ich. Claudine gab mir keine Antwort, ſie ſchmiegte ſich nur feſter an mich. Ich hätte ſie in meinen Armen durch die Welt tragen mögen! Der Prieſter wohnte in einem alten, thurmartigen Gebände, nahe am Thore der Stadt. Die Thüre des Hauſes war ſchon geöffnet, doch war es noch nächtlich und ſtill in demſelben. Schweigend und taſtend ſtiegen wir die leiſe knarrenden Treppen hinauf. Unſer Weg iſt dunkel! bemerkte Claudine, und ich fuhr zuſammen, als werde mir ein unheilvolles Orakel verkündet. Ihre trüben Ahnungen waren in den Tagen unſeres Beiſammenſeins auch über mich Herr geworden. In unregelmäßigen Lebensverhältniſſen zucken ſie auf, wie Irrlichter in ſchwüler Nacht. Wir klopften, der Prieſter öffnete uns ſeine Thür, wir traten in ſeine Stube ein. Es war ein enger, ärmlicher Raum. Der einzige Tiſch in demſelben war in die Mitte gerückt und mit einem Tuche bedeckt, zwei Kerzen brannten auf demſelben, ein Gebetbuch lag dazwiſchen— das war unſer Traualtar. Ich nahm Claudinen den Mantel und den Hut ab, ſie ſtand ſchmucklos vor mir, die Tochter eines fürſtlichen Geſchlechtes, in der Trauerkleidung, welche ſie ſeit dem Tode ihrer Eltern trug. Ihre ſtarke, opferfreudige Liebe überkam mich in dem Moment aufs Neue, wie eine Beſeeligung, und noch in meiner Todesſtunde wird ſie mir hellſtrahlend als das Glück meines Lebens, als eine Gnade erſcheinen. Ich hatte am verwichenen Abende einen Kranz von Myrthen, einen Strauß von Orangenblüthen gekauft. Ich konnte es nicht entbehren, ſie bräutlich geſchmückt zu ſehen. Als ich den Kranz auf ihr Haupt drückte, als ich den Strauß in ihre Hand gab, ſchlug ſie die ſanften Augen zärtlich zu mir empor, aber die Thränen floſſen über ihre Wangen, als werde ſie unſerer Verlaſſenheit jetzt doppelt inne, und unſere Hände in einander ſchlagend, knieten wir einſam nieder vor dem Prieſter, der uns verband für alle Zeit. Und es iſt etwas Ge⸗ heimnißvolles um den Augenblick, in welchem man ſein Leben an ein anderes hingiebt! Es iſt etwas Wunderbares um das Einsſein, zu welchem man ſich 8* Der einzige Tiſch in dem Zimmer des Prieſters war mit einem Tuche bedeckt, zwei Kerzen. brannten auf demſelben, ein Gebetbuch lag dazwiſchen— das war unſer Traualtar. verpflichtet, um das Opfern und Empfangen, um das Aufgeben und Gewinnen, auf dem die Ehe beruht, die in der Liebe ihre Wurzeln hat. Als ich das Haupt erhob, auf dem die ſeegnende Hand des Greiſes ge⸗ ruht, als ich Clandinen an mein Herz zog, fiel der erſte helle Strahl der Sonne durch das Fenſter in die Stube und ſtreifte leuchtend über uns hin. Oh, möge die Sonne hell ſcheinen über uns wie in dieſer Stunde, immerdar, immerdar! rief Claudine aus, indem ſie ihre Arme um meinen — 117— Nacken ſchlang, und mit unausſprechlicher Empfindung ſchloß ich mein Weib an meine Bruſt. Unſere Reiſe währte vier Tage. Sie waren aus Stunden voll der höchſten Freude, voll des reinſten Glückes zuſammengeſetzt. Alles, was uns drückte, alles, was wir zu befürchten und zu bereuen hatten, ward vergeſſen in der Liebe, die uns verband, in der ſüßen Befriedigung und Ruhe, die uns die Ehe gegeben hatte. Wir fühlten uns ſo unauflöslich verbunden, daß der Gedanke in uns nicht aufkam, man könne jemals verſuchen wollen, uns zu trennen. Am Morgen des fünften Tages langten wir in dem Seehof an. Die geſchäftige Treue der guten Louiſe hatte in den verwichenen Monaten Alles für unſere Ankunft vorbereitet, und ſparſam und ſinnig zugleich, mit den Mitteln, welche ich ihr angewieſen, eine der zierlichſten Wohnungen für uns hergeſtellt. Durch den beſchneiten und feſtgefrornen Gartenweg führte ich die Geliebte in den freundlichen Flur, und als Louiſe uns die Thüre des Zimmers öffnete, traten wir beide betroffen zurück, denn vor uns lag der Salon der Herzogin, nur im verkleinerten Maßſtabe. Die grauen Damaſitapeten, die Stühle und Sopha's von blauem Seidenzeuge, die Aufſtellung der Möbel, Alles ſprach mich befreundet an. Die Spiegel hingen, wie ſie dort gehangen, die Seſſel ſtanden an dem Kamine wie dort, dieſelbe, damals ſehr beliebte Pendule war an der Wand befeſtigt, und kanm hatten wir das Zimmer betreten, als bei dem Schlage der Uhr die ſanfte Melodie der Romanze von Clemence Iſaure ſich hören ließ. Mich entzückten dieſe Erinnerungen, Claudine aber wurde ſchmerzlich davon getroffen. Was haſt Du gethan! ſagte ſie in klagendem Ton zu ihrer Freundin und als vollends die Melodie der Spieluhr ihren Refrain wiederholte, rief ſie: Du hätteſt mich nicht daran erinnern ſollen, daß liebende Herzen nicht für das Glück geboren ſind! Indeß dieſer erſte, wehmüthige Eindruck konnte nicht lange beſtehen vor unſerer Freude, uns in dem eigenen Hauſe zu finden. So eng es war, in wie prächtigen Schlöſſern Clandine von ihrer Kindheit an gelebt, an welche Räumlichkeit und Breite des Daſeins ich ſelber gewohnt war, es dünkte uns beiden, als gäbe es keine Herrlichkeit, welche unſerem Beſitze gleich zu ſtellen wäre, und wenn wir einander das Glück der Liebe dankten, das wir fühlten, ſo dankte Claudine mir zugleich mit kindlicher Freude die neue Heimath, die ich ihr bereitet, und das kleine Eigenthum, das ihr geworden war. Nur einen Tag und einen halben konnte ich in meinem Hauſe, bei meiner jungen Gattin weilen. Der Termin, welchen ich meinen Eltern für meine Rückkehr angegeben, war bereits verſtrichen, und ich mußte eilen, nach Hamburg zu kommen. Ich fuhr den Abend hindurch bis in die Nacht hinein. Ich — 118— erreichte meine Stadtwohnung nach Mitternacht, und früh um die gewohnte Stunde ging ich zu meinen Eltern und begab mich in das Comptoir. Es war eine wunderſame Empfindung, mit welcher ich an dem Morgen in dem großen, düſteren Raume vor dem alten Pulte ſtand. Was ich erlebt hatte, kam mir wie ein Traum, kam mir unglaublich vor, und noch unglaub⸗ licher dünkte es mich, daß ich mich hier befand. Ich hatte nie ein Weib geliebt, nie ein Weib beſeſſen außer Claudinen. Das Entzücken hatte mich ganz hinge⸗ nommen, ſo lange ich in ihrer Nähe geweſen, und ich hatte, mädchenhaft wie ſie ſelbſt in ihrer gewährenden Liebe war, in ihr nur das ſanfte Mädchen ge⸗ liebt. Jetzt, getrennt von ihr, dachte ich ihrer nur als meiner Frau, gedachte ich ihrer ernſt und mit der Sorge deſſen, der ſich ein Haus, eine Familie gegründet hat. Düſter, wie das Comptoir mir erſchien, gegen die ſonnigen, kleinen Räume, in welchen ſie weilte, war ich doch williger und mit großer Genugthuung bei der Arbeit, deren Ertrag ſie mit mir theilen, deren Ueber⸗ ſchuß ihr Freude machen ſollte, und dieſe Luſt an dem Geſchäfte und an dem Erwerbe wuchs in mir um ihretwillen von Tag zu Tag. Ich war zweiund⸗ zwanzig Jahre alt, ich hoffte bis zu meiner Volljährigkeit ſo viel gelernt und mit meinem Capitale in dem Geſchäfte meines Vaters ſo viel erworben zu haben, daß ich ein eigenes Geſchäft beginnen und mich unabhängig machen konnte, ehe ich ihm meine Verheirathung geſtand, und die vielfachen Geſchäftsreiſen, welche der Verkehr unſeres Hauſes erforderte, und welche mein Vater gern von mir beſorgt ſah, mußten mir in nicht zu fernen Zwiſchenräumen die Gelegenheit bieten, einzelne Tage zu erübrigen, und in meinem Landhauſe meine Frau und mein Glück finden zu gehen. Das ganze Jahr dreiundneunzig ging ſo hin. Während Länder und Völker den Sturm der franzöſiſchen Revolntion in ſich nachdröhnen füblten, während in Frankreich der Terrorismus wüthete, während in meiner Vaterſtadt und in dem Geſchäfte meines Vaters ſich die Ungunſt der Verhältniſſe ſehr bemerklich machte, drang von dem allem keine Kunde in das kleine Haus, das mein Heilig⸗ thum umſchloß. Claudine fragte niemals nach den Ereigniſſen der Außenwelt, niemals nach ihrem Vaterlande oder nach ihren Geſchwiſtern, und ich hatte nur zu viel Grund, ihr die Trauerbotſchaften zu verſchweigen, welche ich von ihnen erfahren hatte. Wie Hunderte ſeines Standes hatte der Marquis ſein Leben unter dem Beile der Guillotine geendet, ſein zweiter Bruder war bald nach dem Tode ſeiner Eltern in einem Gefechte an der Gränze ſchwer verwundet, aber her⸗ geſtellt worden und hatte, aller Hoffnung für ſein Vaterland entſagend, ſich aus Frankreich mit ſeinem züngſten Bruder durch eine gefährliche Flucht entfernt. Von Coblenz aus war ein Schreiben der beiden Brüder, welche jetzt als die Letzten ihres Hauſes den Titel des Herzogs und des Erbſohnes, des Mar⸗ quis angenommen, zu uns gelangt, in dem ſie die Hälfte der bei uns von ihrem Vater niedergelegten Summe erhoben, und ihren Beſuch in Hamburg an⸗ gekündigt hatten, ohne den Zeitpunkt deſſelben irgend wie zu beſtimmen. Es war im Herbſte, als wir die Kunde erhielten, und ich hatte mich gehütet, ſie meiner Frau zu melden, ſo ſehr es mich beunruhigte, mir die beiden Brüder dieſſeits der Gränze innerhalb Deutſchlands, oder vollends gar in Hamburg, zu denken. Freilich ſagte ich mir zu meinem Troſte, daß ſie nicht im Stande ſein würden, mir meine Frau zu entreißen, ja, daß ſie, wie die Verhältniſſe waren, nicht einmal gewillt ſein konnten, es zu thun. Ich begriff auch nicht, auf welche Weiſe mein vorſichtig behütetes Geheimniß von ihnen entdeckt werden könnte. Aber der Beſitz macht ſorgenvoll, und das Glück trägt, wie ſeinen Schatten, die Sorge vor dem Verluſte deſſelben mit ſich. Ich bangte um die Sicherheit meiner Frau, ich verlor die Ruhe, wenn ich von ihr fern war, ich führte die Gelegenheit ſie zu beſuchen, immer gefliſſentlicher herbei, und fand endlich keine Raſt mehr in Hamburg, wenn ich nicht faſt täglich Nachricht von ihr hatte. Meine Arbeitſamkeit und mein Ernſt in den Geſchäften, meine Unermüd⸗ lichkeit in den Reiſen für unſer Haus hatten meines Vaters großen Beifall erworben. Mein Verhältniß zu meiner Mutter hatte ſich ſo weit hergeſtellt, als es zwiſchen Perſonen möglich war, von denen die eine der anderen den eigent⸗ lichen Inhalt ihres Lebens verbarg. Ihrer Beobachtung entging es aber nicht, wie wenig ich mit dem Herzen an dem geſelligen Leben der Familie Antheil nahm, wie ich kein Intereſſe hatte für die Menſchen, mit denen ich zuſammen⸗ kam, wie gleichgültig die Zerſtreuungen der Jugend, wie kalt die Frauen mich ließen, deren Freundlichkeit mir hier und da wohl ermunternd begegnete. Um die Weihnachtszeit kehrte mein Bruder von Petersburg zum Beſuche in das Vaterhaus zurück. Er fand mich verändert, denn wir hatten uns ſeit Jahren nicht gefehen. Man hatte ihm von meiner Ungeſelligkeit geſprochen, meine Mutter mochte ihm auch ihre Beſorgniß darüber mitgetheilt haben, und er war es, der eines Tages in Gegenwart meiner Eltern die Bemerkung machte, daß ich in meinem vierundzwanzigſten Jahre ſtehe, und daß es Zeit für mich ſei, mich zu verheirathen. Sie haben unſeren Bruder als Ihren beſonderen Liebling erzogen, theure Mutter! ſagte er ſcherzend, und wenn unſer Vater und wir Andern Ihre Experi⸗ mental⸗Erziehung à la Jean Jaques damals auch mit zweifelndem Auge be⸗ trachteten, ſo haben Sie mit Ihrem Emil doch Recht behalten. Die Ronſſeauſſche ungeſelligkeit abgerechnet, iſt unſer Bruder auch ein ganzer Mann geworden, der vor uns Uebrigen noch ein gewiſſes Etwas in ſeinen Manieren voraus hat, Es war eine wunderſame Empfindung, mit welcher ich an dem düſteren Raume vor dem alten Pulte ſtand. was ihm bei den Frauen zum Vortheil gereicht. Thun Sie alſo ein Letztes! Suchen Sie dieſem männlichen Muſterbilde ſein weibliches Ebenbild, ſuchen Sie für Emil eine Sophie— und Sie werden ſehen, ehe ein Jahr zu Ende iſt, iſt es auch mit ſeiner Hypochondrie zu Ende! Er hatte dieſen Vorſchlag in heiterſter Weiſe gethan, meine Mutter nahm ihn mit ſichtlicher Zufriedenheit auf, und mein Vater, der ſonſt zum Scherze mit ſeiner Familie wenig geneigt war, ließ ſich dieſesmal denſelben wohlgefallen. Er ſagte mir, als habe er nur den Anlaß erwartet, daß er mit mir ſchon vor — — 121— einiger Zeit über den Gegenſtand zu reden beabſichtigt, weil er ein Mädchen für mich im Auge habe, welches ſicher ein Muſterweſen genannt werden könne. Freilich, fügte er gutlaunig hinzu, entbehrt das Mädchen den Vorzug Sophie zu heißen, und damit die romantiſchen Ideen Deiner Mutter vollſtändig zu verwirklichen. Indeß Dir wird der Name nichts zur Sache thun, und das reiche, ſchöne, wohlerzogene Kind, das ich mir zur Schwiegertochter auserſehen habe, gefällt Dir, wie ich weiß, auch ſelbſt. Ich war ſehr beſtürzt über dieſe Zumuthung, aber in der Heiterkeit, der man ſich überlaſſen hatte, bemerkte man dies nicht, und das Einzige, was meinem Vater auffiel, war, daß ich gar nicht um den Namen der für mich Erwählten ſragte. Ich erklärte alſo, daß ich die ganze Sache als einen Scherz betrachte, daß ich gar nicht daran denke, mir jetzt eine Frau zu nehmen, und daß, wenn dieſe Luſt mir einmal kommen würde, ich viel zu ſehr der Zögling meiner Mutter ſei, um mir meine Frau nicht ſelber auszuſuchen. Ich hatte mich bemüht, die Antwort auf demſelben Tone der Munterkeit zu halten, in welchem die Unterhaltung ſich bis dahin bewegt hatte. Meine Eltern wurden jedoch beide dadurch verſtimmt, und mein Bruder rief verwundert aus, wie ich ſo aus der Art geſchlagen ſein könne, daß ich, ſtark und geſund wie unſer ganzes Geſchlecht, nicht ſchon ſeit Jahren das Verlangen getragen hätte, eine Frau zu haben. Das Geſpräch war indeſſen damit für den Augenblick zu Ende; doch währte es nicht lange, daß die einzelnen Mitglieder meiner Familie darauf zurückkamen, wenn ich mich mit Einem oder dem Anderen von ihnen allein befand. Meine Mutter nahm an, daß die Erinnerung an Claudine in mir den Gedanken an eine neue Liebe nicht aufkommen laſſe. Sie war davon theil⸗ nehmend bewegt, ſie ſchalt mich zärtlich, daß ich ihr mein Vertrauen entzogen, und forderte mich auf, mein Herz vor ihr zu enthüllen. Denn nur eine Wunde, die ausgeblutet habe, ſei zu heilen, nur ein Herz, das ſich genug gethan in der Mittheilung ſeines Leidens, könne geneſen; und geneſen und Lebensluſt ge⸗ winnen, müſſe ich wieder, wenn ſie ſelbſt meiner froh werden ſolle. Ich erkannte ihre gute Abſicht an, indeß der Konflikt, um den es ſich handelte, war nicht der Art, durch ihren Troſt gemildert, oder durch ihre Vermittlung hergeſtellt zu werden, und je mehr ihre Zärtlichkeit ſich mir zuwandte, um ſo mehr quälte mich die Gewißheit, in nicht zu ferner Zeit in ſchweren und peinlichen Zwieſpalt mit ihr zu gerathen. Ich vermied ſie alſo, wie ich es früher ſchon einmal gethan hatte, und meine Mutter ertrug dieſe anſcheinende Undankbarkeit von meiner Seite mit tiefem Schmerze. Mein Vater ſchwieg Anfangs gänzlich von dem Gegenſtande, aber mein Bruder theilte mir eines Tages mit, daß meine Weigerung, auf die für mich 5 gemachten Pläne einzugehen, meines Vaters Mißtrauen erregt habe, daß er be⸗ fürchte, ich möchte auf meinen Reiſen irgend eine Verpflichtung ohne ſein Wiſſen eingegangen ſein, oder gar eine Maitreſſe unterhalten. Ich lehnte das ab, und mein Bruder meinte, er für ſeinen Theil habe ſelber an jene Vorausſetzungen auch nicht geglaubt. Dergleichen iſt höchſtens denjenigen nachzuſehen, ſagte er geringſchätzend, die keiner ehrbaren Familie angehören, und nicht in der Lage ſind, eine ſchickliche Ehe zu ſchließen, wenn es dazu Zeit iſt. Wer wie wir in ſeinem Hauſe gelernt hat, was die Ehre der Frauen und die Mannesehre iſt, und wer in dieſem Hauſe zu jeder Stunde ein Obdach für eine ihm zuſtändige Frau zu finden gewiß ſein kann, der wäre in meinen Angen ein Schurke, wenn er ein Weib zum Spielball ſeines Leichtſinnes machte. Der Vorwurf traf mich, und traf mich nicht. Es ging mit ihm wie mit den allgemeinen Sätzen überhaupt. Sie enthalten eine Wahrheit, die im beſonderen Falle meiſt nicht zupaßt. Aber ich war gewarnt, und dieſe Be⸗ ſorgniß vor einer plötzlichen Entdeckung meiner Ehe fiel in einen Zeitpunkt, in welchem ohnehin ſchwere Sorge auf mir laſtete. Etwa vierzehn Tage vor der Ankunft meines Bruders hatte ich es, bei Anlaß einer Geſchäftsreiſe, durch ſtarke Tagestouren möglich gemacht, meine Frau für einige Stunden zu beſuchen, und von ihr das füße Geſtändniß erhalten, daß ſie ſich Mutter fühle. In dem Aufwallen, in der Liebe für den Ungebornen und für mein Weib, hatte es mich gedrängt, mit dem freudebebenden Vaterherzen an das Vaterherz zu flüchten. Ich hatte es einen Augenblick lang nicht für möglich gehalten, unter ſolchen Verhältniſſen zurückgewieſen zu werden. Ich hatte mir geſagt, mein Vater könne das erſte Kind ſeines Sohnes nicht in Sorgen, nicht in Einſamkeit geboren werden laſſen. Aber ſchon der nächſte Mo⸗ ment machte mich einſehen, wie trügeriſchen Hoffnungen ich mich überließ, und hätte ich mich in meiner Freude auch darüber täuſchen mögen, ſo würde Clau⸗ dine mich daran verhindert haben. Die Zurückgezogenheit, in welcher ſie lebte, hatte ſie um viele Jahre gereift. Sie war ſehr ernſt und nachdenkend geworden, und da ſie in allem ihrem Wollen und Thun von voller Einheit war, hatte ſie ſich auch in ihre Einſamkeit und in alle neuen Verhältniſſe ihres Lebens, ſo fern ab ſie von dem Wege ihrer Jugend lagen, vollkommen gefunden. Mittellos, wie ſie es war, hatte ſie es ohne Widerſtreben angenommen, daß ich ihre Einrichtung in dem Landhauſe beſorgte; ja, ſie hatte Anfangs der Sache gegen mich mit keinem Worte erwähnt. Als ich aber, etwa drei Monate nach unſerer Verheirathung, ſie zum erſten Male beſuchte, hatte ſie mit mir davon zu reden begonnen. Da ich unerwartet ankam, fand ich ſie mit einer Seidenſtickerei beſchäftigt, während die Geräthſchaften zum Malen und zum Verfertigen künſtlicher Blumen in dem Zimmer auf den Tiſchen — 123— lagen. Verwundert über ihre Beſchäftigung, wie über jene Geräthſchaften, fragte ich ſie, was ſie treibe. Ich muß mich doch mit etwas beſchäftigen! antwortete ſie freundlich, und da man ſeinen guten Vorſätzen niemals untreu werden ſoll, ſo haben Louiſe und ich, die wir Frankreich mit der Abſicht verließen, Arbeiterinnen zu werden, unſere in Amſterdam und Hannover gekauften Vorräthe und begonnenen Ar⸗ beiten hier benutzt und vollendet. Sie zeigte mir dabei einige ſehr zierliche Miniaturen für Doſen und Fächer, einige ſeidene Arbeitsbeutel, und vor Allem mehrere Schachteln voll Blumen, deren Schönheit mich überraſchte. Aber was willſt Du mit all dieſen Dingen machen? wendete ich ein. Wie kannſt Du das fragen? Ich will ſie verkaufen, um mein Brod zu gewinnen! rief ſie aus, und fing dann an, mir die Vorzüge ihrer Arbeiten mit Genugthuung begreiflich zu machen. Ich hörte aber kaum, was ſie mir ſagte. Ihre Worte, ſo ruhig ſie dieſelben ausgeſprochen hatte, enthielten für mich etwas Trauriges und Kränkendes zugleich. Ich mochte nicht daran denken, ſie etwas entbehren oder ſie arbeiten zu laſſen, und ich erklärte ihr, daß ſie mit ſolchen Beſtrebungen von ihrer Seite meinen Mannespflichten und meinem Ehrgefühl entgegen und zu nahe träte. Sie ließ mich ruhig ſprechen, dann ſagte ſie ernſthaft: Emil! ſteht es uns an, Vorurtheile zu haben? uns, die wir uns das Recht anmaßten, allem Herkommen und allen Vorurtheilen entgegen zu handeln? Die Wahrheit in ihren Worten hatte etwas Unwiderlegliches, aber ſtatt mich zu beruhigen, verſtimmte ſie mich nur tiefer. Da trat Clandine an mich heran, ſetzte ſich zu mir nieder, und ihren Arm um meinen Hals legend, ſprach ſie in dem Tone der Erzählung, der von ihren Lippen einen wahren Zauber hatte: Das Leben meiner armen Mutter hatte oft Trübſal aller Art. Wenn ſie die Geldverlegenheiten meines Vaters bemerkte, wenn ſie genöthigt war, einen Aufwand zu machen, der ihre Mittel überſtieg, ſo hörte ich ſie die Frauen der Handwerker, die Frauen der Kaufleute beneiden, die uns bedienten, und ſie ſagte dann oftmals: Wie glücklich ſind ſie, daß ihre Bedürfniſſe nicht groß, daß ſie im Stande ſind, ſich ſelber zu erwerben, was ſie brauchen! Sie hielt inne, und ſich an mich ſchmiegend, fügte ſie hinzu: Ich bin die Frau eines Kaufmannes, ſoll ich das Glück einer ſolchen nicht haben dürfen? Willſt Du mir nicht gönnen, zu arbeiten wie Du ſelbſt, und in dem Hauſe, das Du mir bereitet haſt, Dich an meinem eigenen Tiſche von dem Ertrage meiner Arbeit zu bewirthen? Ihrer Liebe, ihrer Anmuth, ihrer Vernunft zu widerſtehen, wäre dem falſcheſten Stolze nicht möglich geweſen. Sie ſprach mit Feuer von den Lehren der Revolution, in deren Mitte wir einander gefunden hatten. Sie gab mir artet kam, fand ich ſie nit einer Seidenſtickerei beſchäftigt, während die Geräthſchaften zum Malen und zum Verfertigen künſtlicher Blumen in dem Zimmer auf den Tiſchen lagen. zu bedenken, daß ich ſelber noch nicht reich ſei, und ſie erlangte es von mir, daß ich ſie in ihrer kleinen Induſtrie gewähren ließ, bei der die praktiſche Ge⸗ wandheit Louiſens ihr weſentliche Dienſte leiſtete. Im Laufe des Jahres hatten ſich dann Leben und die Einrichtungen in dem Seehofe völlig nach Claudinens Abſichten umgeſtaltet. Die kleine Land⸗ wirthſchaft und der Gartenbau wurden unter der Aufſicht der Frauen von den Leuten, welche man dort vorgefunden, nicht ohne Erfolg betrieben, und in jedem Monate einmal fuhr Louiſe nach Hamburg, um dort in einem Ma⸗ — 125— gazine, welches ich ihr angewieſen hatte, ihre Arbeiten zu verkaufen, neue Be⸗ ſtellungen anzunehmen, und die Erforderniſſe für dieſelben zu beſorgen. Sie ſprach dann in meiner Wohnung vor, um Nachrichten und Briefe zu bringen und zu empfangen, und Clandine hatte, ihre Sehnſucht nach mir abgerechnet, ſich in dieſe ſtille und arbeitſame Lebensweiſe ſo hinein gefunden, als hätte ſie niemals eine andere gekannt oder erſehnt. Mir aber hatten das Verlangen nach ihrer Nähe und die Sorge um ſie nie Ruhe gelaſſen, und vollends jetzt, da ich ſie Mutter wußte, da man mich überreden wollte, eine andere Ehe zu ſchließen, ſchien es mir unerträglich, ſie länger in der Verborgenheit und fern von mir zu halten. Ich vertraute ihr alſo die Plane meiner Eltern, ich ſagte ihr, daß die Ankunft ihres Bruders in Hamburg zu erwarten ſtehe, daß es mir unmöglich ſcheine ihm zu begegnen, ſo lange ſie nicht neben mir als meine Gattin lebe. Ich ſtellte ihr alle Mög⸗ lichkeiten vor, die eine Entdeckung ihres Aufenthaltes und unſerer Ehe herbei⸗ führen konnten. Ich bewies ihr, daß die Länge der Zeit nichts dazu bei⸗ tragen würde, den Zorn meiner Eltern zu mildern, die Schwierigkeit unſerer Lage zu ändern. Ich gab ihr zu bedenken, daß es mir leichter ſei, den Kampf mit meiner Familie endlich zu beſtehen, als das geliebte Weib meiner freien Wahl zu verbergen, und das Daſein meines erwarteten Kindes wie ein Ver⸗ brechen zu verheimlichen. Wir haben gefehlt, ſagte ich, indem wir uns beide dem Willen unſerer Familien entzogen, wir werden das, wenn wir es ihnen jetzt entdecken, in Tagen ſchwerer Zerwürfniſſe büßen müſſen; aber wir werden uns nicht mehr zu verbergen brauchen, und wenn man mich auf das Aeußerſte treibt, ſo werden wir Europa verlaſſen, um jenſeit des Meeres eine neue Heimath, ein Leben der Arbeit und der Sorge, aber in jedem Falle auch ein gemeinſames Daſein voll Liebe und voll Freiheit zu finden. Claudine hörte mir freundlich und oft mit Rührung zu, wenn ich alſo zu ihr ſprach, indeß meine Worte vermochten ſie nicht zu überzeugen. Sie war unfähig, ſich meinem Verlangen nach vollem, ruhigem Glücksgenuſſe hinzugeben, oder gar auf einen zu hoffen, denn hier trat mir ihre religiöſe Anſchauung als unüberwindliche Schranke entgegen. Seit der Begegnung mit dem geiſtlichen Lehrer ihrer Jugend hatte der Gedanke an ihre Schuld ſie nicht mehr verlaſſen, und ſie fühlte ſich nicht berechtigt zu irgend einem vollen Anſpruche an das Leben und an ſeine Freuden. Was das Geſchick mir Gutes gönnt, ſprach ſie immer, nehme ich mit Dank als eine Gnade hin. Nach Beſſerem zu ſtreben halte ich mich nicht berufen, es würde eine Vernunftloſigkeit von mir ſein. Ich liebe Dich, ich bin hier in Ruhe, warum ſollte ich Dich alſo in Kämpfe verwickeln, deren Ausgang zweifelhaft, und für mich ſelber vielleicht ohne alle Bedeutung iſt? —————————— 5 Ich verſtand nicht, was ſie damit meinte, ich bat ſie, ſich zu erklären, und ohne im Geringſten aus ihrem Gleichmaß zu kommen, ſagte ſie: Ich habe mich hier eingewohnt und eingerichtet, als ſollte ich hier für lange Jahre leben. Aber es iſt ein unabweisliches Gefühl in mir, daß meine Laufbahn nicht lang ſein wird. Die Uhr ſingt mir es in jeder Stunde vor: Les coeurs sensibles sont nés pour étre malheureux! Ich ſprang auf, ich wollte das unheilvolle Geräth aus dem Zimmer entfernen, Claudine hinderte mich daran. Laß mir die Uhr! bat ſie. Die Melodie iſt ſo ſüß, fuhr ſie fort, die Mahnung iſt ſo ſanft, und da der Zufall durch Louiſens Hand ſie mir bereitet hat, iſt ſie mir ſo werth geworden, wie den Frommen das Memento mori! Ich würde am Tage etwas vermiſſen, und in der Nacht nicht ſchlafen, ohne die leiſen, lieblichen Töne. Es war vergebens, daß ich Claudinen aufmerkſam darauf machte, daß ſie nicht krank ſei, daß nichts ihren frühen Tod befürchten laſſe. Ich werde auch noch nicht ſterben, jetzt noch nicht! tröſtete ſie mich. Allein ſollſt Du nicht bleiben in der Welt. Wenn ich Dir Dein Kind gegeben habe, dann werde ich hingehen, denke ich mir, und dann bringe das Kind zu Deinen Eltern. Ihm werden ſie vergeben, was ſie mir nie verzeihen können! Laß mich die Zeit der Erwartung in Ruhe und Frieden verleben; ich verlange das von Dir als den größten Liebesbeweis. Ueberlebe ich dieſe Zeit, nun, dann thue, was Dich befreit, und Alles ſoll mir recht, es ſoll mir nichts zu ſchwer ſein, was dann über uns kommt. Ich konnte mich ſolchen Bitten nicht verſchließen, aber die Vorſtellung meiner Frau, daß ſie dem Tode geweiht ſei, zerriß mir das Herz, und ſie ſelber brachte mich, wenn ſie meine Trauer ſah, wieder davon ab. Indeß der Ge⸗ danke, ſie zu verlieren, wich nicht mehr von mir, und als wolle ich ſie und mich von demſelben losreißen, indem ich Plane und Maßregeln für eine weite Zukunft traf, kaufte ich im Frühjahre auf Claudinens Namen den Seehof an, den ich für einen ſehr geringen Preis erſtehen konnte, weil ſein Beſitzer ſich außerhalb Deutſchlands aufhielt, und der Sorge für das kleine Gut ent⸗ hoben ſein wollte. Wider mein Erwarten bezeugte Claudine eine große Freude über dieſe Nachricht. Sie war überhaupt munterer geworden. Sie ſchrieb mir, daß der Gedanke an ihr Kind ihr eine Sehnſucht zu leben einflöße, daß er ihr doppelte Luſt zur Arbeit gebe, und daß ſie ſich reich vorkomme in dem eigenen Hauſe, mit der Fähigkeit zu erwerben, die ſie in ſich kennen ge⸗ lernt habe. Wie es aber zu gehen pflegt, überfiel die Beſorgniß um die Geliebte mich grade in dem Zeitpunkte, in welchem ſie von ihr gewichen zu ſein ſchien, mit dop⸗ pelter Stärke. Ich konnte keine Ruhe finden, wenn ich ſie eine Woche nicht — 127— geſehen, und nachdem ich alle möglichen Vorwände erſchöpft hatte, meine häufigen Entfernungen zu erklären, fing ich endlich an, ohne alle Erklärung fortzugehen. Jeder, der ſich einmal in ſeinem Leben in einer Lage befunden hat, deren Zwieſpältigkeit ihn drückte, während er ſich verpflichtet hatte, vorläufig in derſelben nichts zu ändern, wird Anwandlungen eines ähnlichen fataliſtiſchen Trotzes empfunden und durchgemacht haben. Fern von meinem Weibe zu ſein, mein Daſein in lauter Heimlichkeiten hinzubringen, mein Kind wie einen Ba⸗ ſtard in der Verborgenheit geboren werden zu laſſen, das waren mir Schmerzen und Kränkungen, die mich immer ſchwerer drückten, die ich um jeden Preis von mir abzuwerfen wünſchte, nur nicht um den Preis von Claudinens Ruhe. Hundertmal hatte ich auf dem Punkte geſtanden, zu meinem Vater zu gehen und ihm zu ſagen: Ich habe ein Weib, und dieſes Weib iſt die todtgeglaubte Claudine, nehmt ſie als Eure Tochter auf, oder ich kann Euer Sohn nicht ſein! Und eben ſo oft hatte Claudinens Bitte, ihr den Frieden zu gönnen in der Zeit der Erwartung, mich davon abgehalten. Endlich kam ich zu jener tolldreiſten Stimmung und Handlungsweiſe, welche die letzte Ent⸗ ſcheidung des eigenen Schickſals, aus Verzweiflung und aus Schwäche, in die Gewalt des Zufalls legt. Ich wollte mich nicht erklären, nicht verrathen, während ich doch in einer Weiſe handelte, daß mein Thun zum Verräther an mir werden konnte. Indeß wider mein Erwarten ſah man eine Weile meinem unregelmäßigen Erſcheinen im Geſchäfte und in meinem Vaterhauſe nur mit verſtecktem Tadel zu, und die Entſcheidung, welche ich in frevelndem Trotze ſo oft herbeigeſehnt, ſollte von einer anderen Seite über uns hereinbrechen. Sechszehntes Kapitel. Es war im Juni. Die Geburt unſeres Kindes ſtand im Laufe der nächſten Monate bevor, Claudinens Geſundheit war ſehr angegriffen und hatte Störungen mancher Art erlitten. Der Arzt aus dem nächſten Städtchen, den wir in Er⸗ mangelung eines beſſeren zu Rathe gezogen, hatte die größte Sorgfalt und Vorſicht für ſie empfohlen, ſie ſelbſt aber war zuverſichtlich und guten Muthes, und ſah mit rührender Mutterzärtlichkeit in die Zukunft, die ihrem Kinde an⸗ gehören ſollte. Ich für mein Theil hielt mich mit großem Zwange in Hamburg und bei meinen Geſchäften zurück, denn ich hatte die Abſicht, ſpäter eine längere Ent⸗ fernung von Hauſe zu machen, um meiner Frau in der entſcheidenden Stunde nicht zu fehlen. Jeder Tag aber war mir in jenen Monaten eine Qual, jeder 128— erſchien mir unabſehbar lang mit ſeinen Stunden, weil jede Stunde mit Sorge und Sehnſucht erfüllt war, und die Spannung und der Mißmuth, in welchen ich mich befand, fingen allmählig an mich auch körperlich unwohl zu machen. Unruhig am Tage, ſchlaflos in der Nacht, konnte es nicht fehlen, daß ich nicht geſund ausſah. Meine Mutter befragte mich deßhalb, mein Vater ſchien es nicht zu bemerken. Eines Tages aber, als er am Abend, eines beſtimmten An⸗ laſſes wegen, wider ſeine Gewohnheit noch einmal in die Stadt und in das Comptoir kam, fand er mich und den Lehrling, dem es oblag, die Räume zu ſchließen, noch allein in demſelben. weilt am Fenſter und ſah in den Hof hinaus, denn die Arbeitszeit war vorüber, ich war auf meinem Platze vor Ermüdung eingeſchlafen, und der arme Junge hatte nicht gewagt, mich zu erwecken. Mein Vater that es an ſeiner Statt. Er trat an mich heran, ſchüttelte mich, und nachdem er den Lehrling in das Nebengemach geſchickt, dort die Läden zuzumachen, ſagte er kurz und feſt, wie es in ſeiner Weiſe war: Wie kann man ſich ſo blosſtellen vor ſeinen Untergebenen! Ein Leben, wie Du es führſt, reibt freilich Körper und Geiſt auf! Geh nach Hanſe und lege Dich zur Ruhe. Vergiß aber nicht, daß Dein vierundzwanzigſter Geburtstag nahe iſt, und daß ich keinen Wüſtling in meinem Hauſe dulden, in mein Geſchäft auf⸗ nehmen will! Ohne mir Zeit zur Antwort zu laſſen, die auch, ſchlaftrunken und ermüdet, wie ich es war, ſicher nicht von Bedeutung geweſen ſein würde, verließ er mich, und ich blieb mit dem widerwärtigſten Eindrucke zurück. Indeß meine Ab⸗ ſpannung war ſo groß, daß ich ſelbſt über die Drohung meines Vaters, der ſeine beiden älteren Söhne nach vollendetem vierundzwanzigſten Lebensjahre öffentlich als Theilnehmer in die Handlung aufgenommen hatte, mir weiter keine Sorgen machte. Hatte ich doch immer vorgehabt, an dieſem Geburtstage, an dem mein Kind ſchon geboren ſein mußte, das Geheimniß meines bisherigen Lebens zu enthüllen und, falls man ſich mit demſelben nicht auszuſöhnen ver⸗ mochte, mit meiner Familie Europa zu verlaſſen. An dem gedachten Abende glitt das alles jedoch nur wie im Traume durch meinen Sinn, und in meiner Wohnung angekommen, verſank ich augenblicklich wieder in einen tiefen Schlaf, der der Verkünder und der Beginn eines Nervenfiebers war. Tage und Wochen hindurch lag ich bewußtlos da. Mein Vater konnte es ſich nicht vergeben, mich im Momente meines Erkrankens hart angelaſſen zu haben, meine Mutter hatte ſich in meiner Wohnung eingerichtet und verließ mich keinen Angenblick. Als der Zuſtand der todähnlichen Lethargie vorüber war, als das Fieber und das Irrereden begannen, bezeugten meine zuſammen⸗ hangloſen Worte, womit meine Seele beſchäftigt war. Ich rief nach Claudinen, ich ſprach von Weib und Kind, aber man hielt Claudinen ſeit Jahren für ge⸗ ſtorben, und ſelbſt der Verrath, den ich unwillkürlich an mir beging, klärte die Meinigen nicht völlig auf, obſchon er anfing, meine Mutter zu beunruhigen. Man war lange vor meiner Krankheit darüber einig geweſen, daß ich einen heimlichen Liebeshandel haben, eine Geliebte unterhalten müſſe. Man hatte an⸗ genommen, daß der Schmerz um Claudinens Verluſt, daß das Bedürfniß mich zu betäuben, mich zu dieſer Verirrung getrieben habe. Aber weil die genaueſte Beobachtung keine beſtimmten Reſultate geliefert, hatte man nicht mit Behaup⸗ tungen gegen mich herausgehen wollen, für die man keine Beweiſe bieten konnte. Mein Vater hegte den Grundſatz, daß Eltern niemals oberflächliche Anklagen gegen ihre Kinder wagen dürften, weil es ihrer Würde zu nahe träte, Unrecht gegen die Kinder zu haben. Während meine Mutter an meinem Krankenbette varitber nachſann, in Fanny Lewald, Der Seehof. welcher Weiſe man mir Ruhe bereiten, und mich zu einem geregelten Leben führen könne, während ſie ſich der Härte anklagte, weil ſie mir nicht zärtlicher begegnet ſei, mein Vertrauen nicht durch jedes Zugeſtändniß zu gewinnen ge⸗ ſucht, und mich nach ihrer Anſicht dadurch an den Rand des Grabes gebracht hätte, überlegte mein Vater, wie man erfahren könne, wer meine Geliebte ſei, und wie man ſie während meiner Krankheit bewegen könne, mich und den Ort zu verlaſſen, an dem ich ſie unterhielt. Er hoffte in der Schwäche der Geneſung Herr über meinen Willen zu werden und, wie er es nannte, dieſes Nervenfieber zu einer allſeitigen glücklichen Kriſis, zu einem Wendepunkte meines Lebens zu machen, nach welchem ich die Heirath ſchließen ſollte, die er ſeit Jahren für mich beſtimmt hatte. Denn er war nicht der Mann, ſeine Plane aufzugeben, oder irgend etwas Anderes für unbeſieglich zu halten, als ſeinen eigenen Willen. Er hatte mit Zuverſicht darauf gerechnet, daß Briefe für mich eingehen würden, und ſich das Recht zuerkannt, die Briefe ſeines kranken Sohnes zu eröffnen. Aber es kamen keine ſolche an, denn ich hatte immer die Vorſicht gebraucht, ſie nicht unter meiner Adreſſe ſenden zu laſſen, und die Perſon, welche ſie für mich empfing, war angewieſen, ſie ruhig aufzubewahren, wenn ich nicht ſelbſt kam, ſie abzuholen. So entſchwanden drei Wochen, in welchen ich nichts von mir wußte, in welchen Claudine auf alle ihre Briefe keine Nachricht, keine Antwort von mir erhielt. Ihre Angſt ließ ihr endlich keine Ruhe mehr, und in der Verzweiflung ihres Herzens ſandte ſie Louiſen in die Stadt, um nachzu⸗ fragen, was geſchehen ſei, um durch die erprobte Gefährtin perſönliche Kunde von mir zu erhalten. Die treue Louiſe war ſeit einem Jahre in jedem Monat einmal in meiner Wohnung geweſen, und immer unter dem Vorwande gekommen, mir irgend welche feine Arbeit zum Kaufe anzubieten, was damals in keiner Weiſe auf⸗ fallen konnte, da viele Emigranten aus allen Ständen ihr Leben durch ähnliche Induſtriemittel zu friſten gezwungen waren. Mein Hauswirth, mein Bediente kannten ſie, und ohne gehindert zu werden, gelangte ſie auch dieſes Mal bis in mein Vorzimmer. In den anderthalb Jahren, welche ſie in Deutſchland zu⸗ gebracht, war ſie, die im Seehof ausſchließlich mit den Leuten zu verkehren hatte, der deutſchen Sprache ziemlich mächtig geworden, und als ſie im Neben⸗ zimmer nach mir fragte, gab man ihr die Antwort, daß ich zum Tode krank, und eben erſt auf den Weg der Geneſung gekommen ſei, daß ich alſo ihr dieſes Mal nichts von ihren Arbeiten abkaufen würde. Der Wärme wegen hatte man die Thüre des Vorzimmers ein wenig ge⸗ öffnet, und obſchon man nur flüſternd ſprach, vernahm mein durch die Krank⸗ heit geſchärftes Ohr doch den Ton der bekannten Stimme. Ich winkte mit der Hand, ohne zu bedenken, daß die Schirme, welche mein Bett umgaben, „½ die Außenſtehende dies Zeichen zu ſehen verhinderten. Meine Mutter aber, die an meinem Lager ſaß, fragte nach meinem Begehren, und ich verlangte, daß man die Fremde zu mir führen ſolle. Es war das erſte Mal, daß ich mich auf irgend einen Vorgang um mich her achtſam zeigte. Meine Mutter war höchlich darüber erfreut, doch zögerte ſie meinem Verlangen Folge zu leiſten, und erſt als ſie ſah, daß ihre Weigerung mich heftig aufregte, gab ſie mir nach. Mit dem Ausdruck des höchſten Erſchreckens trat die bewährte Freundin an mein Lager, und wie mit einem Male kam jetzt die völlige, bewußte Er⸗ innerung an meine Lage, an meine Krankheit und an die Verlaſſenheit über mich, in welcher die unglückliche Claudine ſich befunden haben mußte. Wie geht es ihr? rief ich mit matter Stimme, und alle meine Liebe und Angſt drängte ſich in die wenigen Worte zuſammen. Gut, es geht uns gut! antwortete Louiſe mit der Geiſtesgegenwart, welche ſie nie verließ, aber Sie ſind krank geweſen, mein armer Herr, fügte ſie hinzu, und Sie dürfen noch nicht ſprechen. Ich werde wiederkommen! Sie wollte ſich damit entfernen, ich hielt ſie bei der Hand zurück. Ob man jetzt mein Geheimniß entdeckte, war mir gleichgültig. Ja, ich ſehnte mich danach, Claudine dem Schutze meiner Mutter anzuvertrauen, da die Vorſtellung, die mir ſonſt ſchon in einzelnen lichten Momenten nahe getreten war, ich könne ſterben und mein Weib in fremdem Lande hülflos zurück bleiben, mich jetzt plötzlich lebhafter als je erfaßte. Mutter, ſagte ich, ich bin verheirathet. Sie kommt von meiner Frau. Schneide mir eine Locke ab, damit Claudine ein Lebenszeichen von mir erhalte! Gott im Himmel! rief meine Mutter, und ſchlug, wie es ihre Art war, er⸗ ſchreckend die Hände vor ihre Augen. Mich aber focht das gar nicht an. Ich hatte nur das Verlangen, Claudinen meine Locke zu ſenden. Schneide mein Haar ab! bat ich noch einmal, ſchneide mein Haar ab! wiederholte ich endlich ſo dringend, daß meine arme, beſtürzte Mutter mir will⸗ fahrte, obſchon die Hand ihr zitterte, mit der ſie's that. Als ſie mir die Locke reichte, ſtreifte ich einen Ring vom Finger, den ich immer trug, und ihn der guten Louiſe gebend, ſagte ich: Gehen Sie, bringen Sie ihr das, und ſagen Sie ihr, daß ich kommen werde, daß ſie leben ſolle, denn auch ich werde leben. Ich hatte damit aber meine Kräfte erſchöpft, und unfähig, meine Gedanken länger zuſammen zu halten, verſank ich in einen Halbſchlaf, deſſen ich mir be⸗ wußt war, den ich aber nicht zu überwinden vermochte. Ich nahm es wahr, daß Louiſe ſich entfernte, daß meine Mutter ihr folgte, ich hatte eine unklare orſtellung davon, daß dieſes Zuſammentreffen von großer Wichtigkeit für ſei, und mit jener Art von gleichgültiger Neugier, die man im Traume 3 allem Unwahrſcheinlichen gegenüber empfindet, dachte ich daran, was jetzt ge⸗ Namen, nicht wiedergekommen ſei, und daß es Claudinen gut gehen mü Male kam jetzt Die bewährte Freundin trat erſchreckt an mein Lager, und wie mit einem die völlige, bewußte Erinnerung an meine Lage über mich. ſchehen werde.— Dann aber ſchwand mein Bewußtſein ganz dahin, und es vergingen viele Tage, ehe es mir völlig wiederkehrte. Als ich Herr meiner ſelbſt wurde, galt meine erſte Frage jenem Beſuche aus dem Seehof. Ich wußte nicht, ob die dunkle Erinnerung, welche ich hatte, ſich auf ein Erlebniß oder auf einen Traum bezog. Meine Mutter ſagte mir, daß Mademoiſelle Charpentier, ſie nannte ſie gleich bei dieſem ihrem ſie wäre mit Jener übereingekommen, daß man ſie benachrichtig —,— —— — —— im Seehofe irgend etwas Bedrohliches geſchähe. Sie ſprach das gelaſſen aus, indem ſie ihre Hand auf meine Stirn legte. Ich fühlte mich von ihrer Stimme, wie von ihrer Bewegung wunderbar getröſtet, und da ein Geneſender ſolch ein Verlangen hat, zu leben und des Lebens froh zu werden, küßte ich die Hand, welche mich ſo ſanft berührte. Ich könnte ſo glücklich ſein, ſagte ich— und wir haben viel ertragen, mein armes, theures Weib und ich! fügte ich hinzu. Ich fühlte, wie meine Mutter vor dieſen Worten erſchreckend zuſammen zuckte, doch überwand ſie es und ſprach in ihrer früheren Weiſe: Denke nicht daran, mein Sohn, nur an Deine Geneſung denke. Es wird ſich Alles finden, wenn Du erſt geſund biſt, und ich hoffe, wir lernen dann uns wieder verſtehen. Je mehr meine Kräfte ſich hoben, deſto öfter ſprach ich von der Geliebten, und meine Mutter ging immer ruhig darauf ein, da ſie bemerkte, wie wohl es mir that, wie ſehr es mir das Herz befreite. Sie war durch Mademoiſelle Charpentier von allen Umſtänden unſerer Flucht, unſerer Trauung und unſeres Lebens unterrichtet. Sie zeigte ſich voll Mitleid, ſoweit es mich betraf, ſie be⸗ klagte mich, wie man ein Kind beklagt, dem ein Fremder ein Unrecht zuge⸗ fügt. Sie verſuchte unmerklich unſer ganzes Unglück als die Folge von Clau⸗ dinens Leichtſinn darzuſtellen; aber ich konnte mit allen meinen beſtimmt ge⸗ ſtellten Erklärungen und Fragen nicht ermitteln, ob und wie weit mein Vater in dieſe Verhältniſſe eingeweiht war, ich konnte mit meinen Bitten um ihren Schutz und um ihren Beiſtand für mich und für meine Frau, keine irgend ſichere Zuſage erhalten. Mit ſanften Beruhigungen, mit Ermahnungen, mich zu ſchonen, wich ſie mir immer aus, und als ich ihr eines Tages erklärte, daß dieſer Zuſtand der Ungewißheit für mich quälender und darum nachtheiliger ſei, als jeder andere, daß ich mich daher endlich mit meinem Vater in das Reine ſetzen wolle, ſagte ſie mir, daß mein Vater am verwichenen Abende eine kleine Reiſe angetreten habe, von der er jedoch wiedergekehrt ſein würde, noch ehe ich das Zimmer verlaſſen hätte. Dieſe plötzliche Reiſe meines Vaters, für den kaum eine Nothwendigkeit zu einer ſolchen denkbar war, und der Hamburg ſeit Jahren nicht mehr ver⸗ laſſen hatte, machte mich auf das äußerſte betroffen. Ich wollte die Veran⸗ laſſung zu derſelben kennen, meine Mutter ſagte mir, der Arzt habe ihr aus⸗ drücklich anbefohlen, nicht von Dingen mit mir zu reden, die mir noch ferne lägen, die Reiſe gehe mich nicht an, und ich würde ſeiner Zeit ſchon das Nähere erfahren. Es kam mir dabei vor, als lächle ſie verlegen, und da ſie mich bald darauf verließ, hatte ich Muße, über den Sinn ihrer Worte, über die Be⸗ deutung ihrer Mienen nachzudenken. Daß die Reiſe mir und meinen Angelegen⸗ heiten gälte, daran zweifelte ich nicht im Geringſten, aber in welchem Sinne und zu welchem Zwecke ſie unternommen worden, darüber konnte ich nicht in — 134— das Klare mit mir kommen. Es ſchien mir unmöglich, daß mein Vater gegen mich, den vom Tode Erſtandenen, gegen Claudinen, in dem Zuſtande, in wel⸗ chem ſie ſich grade jetzt befand, irgend etwas Feindliches unternehmen könne. Ich war geneigt, von der Güte meiner Eltern jede Handlung der Vergebung und der Großmuth zu erwarten. Ich hatte Stunden, in welchen jeder Schritt, der auf der Treppe erſchallte, mich erzittern machte, weil ich meinte, mein Vater werde kommen, mir die Geliebte, die Gattin zuzuführen; aber dieſe Stunden waren ſelten, und ſobald ich im Stande war, die Feder zu halten, ſchrieb ich Claudinen, daß ich umgehend Nachricht von ihr verlange, und ſandte den Brief, jetzt, da ich nichts mehr zu verbergen hatte, durch einen reitenden Boten, den mein Diener mir geſchafft, nach dem Seehof hinaus. Meine Geſundheit war ſo weit hergeſtellt, daß meine Mutter nicht mehr bei mir wohnte, und ich konnte alſo am folgenden Abende, als der Bote mir die Antwort der Geliebten brachte, mich dem Entzücken über dieſelbe ungehin⸗ dert überlaſſen. Mit jener einfachen Anmuth, welche nur ſie allein beſaß, be⸗ ſchwor ſie mich, ohne Sorge um ſie zu ſein und nur an mich zu denken. Sie ſei wohl und kräftig, nichts habe ihre Ruhe und ihre Einſamkeit unterbrochen, meine Mutter habe ſich gegen Louiſen nicht unverſöhnlich gezeigt, mein Vater habe nichts von ſich hören laſſen, ſie gebe ſich alſo Hoffnungen auf eine frohe Zukunft hin, die ſie bisher nie zu hegen gewagt. Jeder Poſttag ſolle mir Nachricht von ihr bringen, ſie aber bedürfe derſelben nicht, denn wenn ſie mich dem Leben erhalten wiſſe, ſo ſei ich auch ihr und unſerer Liebe erhalten, und mehr verlange ſie nicht.„ Der Brief, der meinem Herzen Ruhe gab, that mehr für mich, als alle . Mittel meines Arztes. Ich denke noch mit Wolluſt an den ſanften Schlaf, der 5 mich die folgende Nacht erquickte, an die lieben Träume, welche mich wiegten, 6 an das wonnevolle Gefühl der Stärkung, mit dem ich erwachte. Als meine Mutter mich gegen den Mittag beſuchen kam, zeigte ich ihr den Brief meiner Frau. Sie zögerte Anfangs, ihn zu nehmen, dann trugen Neugier und An⸗ theil den Sieg in ihr davon, und ſie las denſelben, während ich mit Spannung 1 ihre Mienen überwachte. Indeß ihr Geſicht blieb ruhig, und den Brief auf die Seite legend, ſprach ſie: Wie traurig, daß ſolche Liebe auf keinem reinen ₰ Boden aufgewachſen iſt, daß ich mich ihrer nicht für Dich erfreuen kann!. Ich wollte auffahren, aber ich unterdrückte es, denn ich hielt mir vor, daß ich auf Widerſtand gefaßt geweſen, daß ich meine Mutter zu ſchonen, und ihre Verzeihung für mich, ihre Theilnahme für uns zu erbitten hatte. Iſt's Dir nicht möglich, theure Mutter, ſagte ich in freundlicher Weiſe einlenkend, mir ein Glück zu gönnen, weil ich es nicht auf dem gewohnten Wege fand? Iſt's Dir 3 nicht möglich, Dich mit Schritten auszuſöhnen, welche Dir einſt Thränen des 6 1 Antheils und der Bewunderung erpreßten, wenn die Helden der Dichtungen ſie N „ thaten, die Du liebſt? Verdient das Schickſal, das Lieben und das Leiden lebender Menſchen weniger Nachſicht, weniger Erbarmen, weniger gerechte Wür⸗ digung, weniger Berückſichtigung der ſie zwingenden und fortreißenden Verhält⸗ niſſe, als die Schickſale erdichteter Geſtalten ſie überall finden, und auch bei Dir ſtets gefunden haben? Willſt Du härter ſein gegen Deinen Sohn.. Meine Mutter unterbrach mich mit ſichtlicher Ungeduld. Zwinge mich nicht zu Erörterungen, mein Sohn, ſagte ſie, ſich mühſam beherrſchend, für die es zwiſchen uns noch nicht die Zeit iſt. Aber vergiß nicht, daß Du Dein Schickſal freiwillig heraufbeſchworen haſt, während wir, Dein Vater, Deine Brüder und ich, ohne unſer Verſchulden die Unehre auf uns laſten fühlen, die Du über uns gebracht haſt! Vergiß nicht, daß wir Dir einen reinen Namen mitgegeben haben in das Leben, und daß wir unſeren Namen rein und unbefleckt hinab nehmen wollen in die Erde, wenn es Gott gefällt uns abzurufen! Ich wußte jetzt, woran ich war. Meine Krankheit hatte den Sinn meiner Eltern nicht gewandelt. Dennoch verſuchte ich alle möglichen Einwendungen, alle erſinnlichen Vorſtellungen. Sie ſcheiterten ſämmtlich, und meine Mutter verließ mich weinend und im Zorne. Ich ſchrieb ſogleich an Claudine, daß ich mich beſſer befände, daß ich Hoffnung hätte, am nächſten Tage mein Zimmer zu verlaſſen, und daß ich mich zu ihr verfügen würde, ſobald ich erſt einmal in das Freie gekommen wäre und friſche Luft geathmet haben würde. Ich konnte mich der Vorſtellung nicht erwehren, daß mein Vater ſich zu ihr be⸗ geben habe, daß ihr von dieſer Seite irgend ein Schreck, eine Härte drohe. Aber auch diesmal erhielt ich als Antwort die Nachricht, daß es ihr wohl gehe, daß ſie ruhig lebe, und der Brief war ſo ſanft, ſo liebevoll, daß er mich be⸗ wegte, noch einmal eine Unterredung, eine Ausgleichung mit meiner Mutter zu verſuchen. Es war zeitig am Tage, als ich mich, den erſten Fußweg nach der Krank⸗ heit machend, zu ihr begab. Der ſchöne warme Morgen, das Gefühl wieder⸗ gekehrter Kräfte machte mich heiter. Die Stadt und ihr reges Leben gefielen mir, als hätte ich es nicht von Jugend an gekannt. Die Vierländerinnen mit ihren Blumenkörben mochten mir die gute Stimmung anſehen, denn ſie boten mir von allen Ecken Blumen an, und ich kaufte einen ſchönen Strauß, ihn meiner Mutter mitzubringen. Als ich in mein Vaterhaus kam, fand ich ſie jedoch nicht zu Hauſe. Man ſagte mir aber, ſie werde bald wiederkehren, ſie ſei nur zu einer kleinen Beſorgung ausgefahren, die ſie abzumachen wünſchte, ehe ſie am folgenden Tage wieder auf das Landhaus hinausziehe. Ich ging alſo in das Wohnzimmer, ſie zu erwarten, und ſetzte mich an den Platz vor ihrem Arbeitstiſche nieder. In ihrem Strickkorbe lag unter der Arbeit ein Brief, er trug die Handſchrift meines Vaters. Ich nahm ihn hervor, er war mehrere Tage alt und von Berlin geſtempelt. Mir hatte man geſagt, daß der Vater — 15 in Bremen ſei, und einer unſerer Commis, der mich am vorigen Abende be⸗ ſucht, hatte es auch nicht anders gewußt. Wie mein Vater plötzlich nach Berlin gekommen ſei, was er dort zu ſuchen habe, war mir nicht klar, und von meinem ſorgenvollen Mißtrauen getrieben, ſchlug ich den offenen Brief aus⸗ einander ihn zu leſen. Es iſt noch in meinen Händen, dieſes unheilvolle Blatt, und ich ſetze ſeinen Inhalt hieher: Geſtern endlich iſt der junge Herzog gekommen, hieß es gleich zum Anfange. Sein Aeußeres iſt hochmüthig, wie ſeine Briefe es erwarten ließen. Wir hatten beide keinen Grund, das ſchriftlich vielfach Erörterte noch⸗ mals zu berühren, konnten alſo gleich zur Sache gehen, und der Herzog that dies auch. „Ich bin nicht im Stande, es Ihnen Dank zu wiſſen, mein Herr!“ ſagte er,„daß Sie mich von dem Leben einer Dame unterrichtet haben, die ſelbſt gefühlt hat, daß ſie für ihre Familie todt ſein müſſe. Wenn ich dennoch Ihrer Aufforderung zu einem Rendezvons Folge leiſtete, ſo geſchah dies in der Abſicht, Ihnen einen Vorſchlag zu machen, deſſen Annahme ich von Ihrer Seite wohl erwarten darf.— Ihr Herr Sohn hat die jüngſte Tochter meines Vaters“— der Herzog nannte ſie nicht einmal ſeine Schweſter—„entführt, nachdem er ein namhaftes Capital von uns in Händen hatte, und ſie iſt ihm angetraut mit ihrem freien Willen. Ich enthalte mich jedes Urtheils über dieſe Handlungsweiſe, und gehe gleich zu meiner Anerbietung über!“— „Ich war wenig begierig, dieſelbe kennen zu lernen, da ſie bei der hoch⸗ müthigen Sprechweiſe des jungen Herzogs mir im Voraus mißfiel, doch ſagte ich, daß ich bereit ſei dieſelbe zu vernehmen.—“ „Mir muß daran gelegen ſein,“ ſprach er kurz und ſchnell, wie er alles Vorhergehende auch geſprochen hatte,„mir muß daran gelegen ſein, ich rede als zu einem Ehrenmanne freimüthig zu Ihnen, die junge Dame, welche Ihr Sohn entführt hat, in eine Lage zu bringen, in welcher ihre und unſere Wege ſich künftig in keiner Weiſe kreuzen. Nehmen Sie alſo die Frau Ihres Herrn Sohnes, wie ſie ein Recht hat es zu fordern, in Ihre Familie auf, laſſen Sie ſie immerhin als eine verwittwete Dubois gelten, damit unſer Name bei dieſer Angelegenheit aus dem Spiele bleibe, und empfangen Sie dagegen die Hälfte des bei Ihnen von meinem verſtorbenen Vater niedergelegten, und noch in Ihren Händen befindlichen Capitals als die Mitgift Ihrer Schwiegertochter.“ „Er ſprach das mit einer ſo anmaßlichen Zuverſicht, als mache er uns ein Zugeſtändniß damit, als müſſe ich die Großmuth dieſes Anerbietens bewundern, deſſen Beleidigendes er in ſeinem ariſtokratiſchen Hochmuthe gar nicht zu ahnen ſchien. Ich ließ ihn aber die Antwort nicht lange erwarten.“ „Ich finde es ſehr natürlich, mein Herr Herzog, ſagte ich ihm, daß Sie nur an die Wahrung Ihrer Ehre und Ihrer Familienintereſſen denken, denn ich bin ——— Raſend vor Wuth nahm der ne, ich griff zur andern Fete wir ſchoſſen beide— und uſet ſank der Herzog zu meinen Füßen. — 13* meinerſeits ganz mit denſelben Abſichten für meine Familie hiehergekommen. Alſo Familie gegen Familie, Ehre gegen Ehre, Namen gegen Namen! Denn meine bürgerliche Ehre und mein bürgerlicher Name ſind mir eben ſo heilig und ſind eben ſo makellos, als Ihr Wappen es nur ſein kann! Darum aber, mein Herr Herzog, und auch ich rede als ein Ehrenmann zu einem Ehrenmanne, darum aber iſt mein Haus eben ſo wenig dazu gemacht, die ausgeſtoßenen Mitglieder des Ihren in ſich aufzunehmen, als es einen Preis giebt, um welchen ich meinen Namen dazu herleihe, die Schande eines Frauenzimmers zu verber⸗ gen, das ſich einem jungen Manne leichtfertig in den Weg und in die Arme ge⸗ worfen hat!“ „Sie ſprechen von Ihrer Frau Schwiegertochter, mein Herr! ſagte der Herzog mit bitterm Spotte.“ „Ich ſpreche von Ihrer Mademviſelle Schweſter, mein Herr Herzog! er⸗ wiederte ich ihm.“ „Er ſchwieg und biß die Lippen zuſammen. Dann ſagte er plötzlich und ſchnell:„Die Ehe Ihres Herrn Sohnes mit der jungen Dame, die er entführt hat, iſt eine Thatſache!“— „Die heimliche Ehe zweier Minderjährigen iſt eine Poſſe! entgegnete ich ihm.“ „Ein noch lebender Prieſter unſerer Kirche hat Ihren Sohn mit ſeiner Fran getraut, die Ehe iſt in unſerer Kirche unauflöslich, und es werden ſich Mittel finden, Ihren Sohn und Sie zur Anerkennung derſelben zu zwingen! rief er heftig.“ „Mein Sohn iſt minderjährig, antwortete ich ihm, und Proteſtant. Er hatte kein Recht, irgend eine Ehe ohne meinen Willen zu ſchließen, und...“ „Was denken Sie alſo zu thun? unterbrach er mich ſchnell.“ „Ich werde alle meine väterliche Gewalt gebrauchen! verſetzte ich.“ „Das heißt alſo? fragte er.“ „Ich werde, wenn mein Sohn mir nicht Gehör giebt, oder wenn Sie Ihre Schweſter nicht mit Sich nehmen, den Fehltritt derſelben in Ihrer Familie zu verbergen, die Geliebte meines Sohnes durch die Behörden zu entfernen, und meinen Sohn zu der Heirath zu beſtimmen wiſſen, die ich für ihn mit der Tochter eines meiner Freunde ſeit Jahren ſchon beſchloſſen habe.“ „Da er ſah, daß es mir Ernſt war, blieb er eine Weile ſtill, als gehe er mit ſich zu Rathe. Danach fragte er mich in feſtem Tone: Sie würden alſo nöthigen Falles die Oeffentlichkeit nicht ſcheuen. Sie würden zur Wahrung Ihrer Ehre, Ihren Namen der Böswilligkeit des Geredes Preis geben?“ „Die öffentliche Meinung meiner Mitbürger und Standesgenoſſen wird un⸗ bedenklich für mich ſein, wenn ich Alles anwende, mein Wort zu halten und die Sitten meines Hauſes rein zu bewahren. Sie würde ſich gegen mich wen⸗ den, und ich würde mich ſelbſt verachten, wenn ich ein entehrtes Mädchen — 139 als Tochter aufnehme in mein unbeſcholtenes Haus, wenn ich dem ſtrafbaren Leichtſinne eines Jünglings durch meine Billigung Vorſchub leiſtete. Aber, fügte ich hinzu, weil ich für Sie und für mich dieſes Aeußerſte zu vermeiden wünſche, weil ich meinem Sohne, der eben eine tödtliche Krankheit überſtanden hat, die Aufregung ſolcher Kämpfe erſparen möchte, habe ich dieſe Beſprechung mit Ihnen gefordert. Und wie Sie mir die Annahme des in meinen Händen befindlichen Kapitals anboten, zur Ausſtattung für meine Schwiegertochter, ſo biete ich Ihnen die gleiche Summe an, als Kapital für den Neffen oder für die Nichte, welche Ihre Schweſter Ihnen geben wird!“ „Der Herzog fuhr auf in heftigem Zorne; ich ließ ihn nicht zu Worte kommen.“ „Anerbieten gegen Anerbieten! Preis gegen Preis! ſagte ich, ſo iſt es Sitte unter den bürgerlichen Geſchäftsleuten, zu denen ich gehöre.“ „Des Herzogs Miene war ſehr finſter geworden, der leichtfertig hochmüthige Ton, mit welchem er die Sache Anfangs behandelt, war ganz verſtummt. Er wußte jetzt, mit wem er es zu thun hatte, er hatte ſeine Beleidigung zurückbe⸗ kommen, wir waren quitt! Das machte mich ruhig.“ „Sie beharren alſo bei Ihrem Vorſatze? fragte er endlich, Sie würden die Gerichte anrufen gegen die Frau Ihres eigenen Sohnes?“— „Ich würde, wie ich Ihnen ſagte, antwortete ich, nöthigen Falles die Ge⸗ richte anrufen gegen die Tochter des Herzogs von***, gegen Ihre Schweſter, welche meinen minderjährigen Sohn zu einer heimlichen Ehe verleitet hat!“ „Das koſtet Ihnen fraglos Ihren Sohn, wenn er kein Elender iſt! rief der Herzog.“ „Mein Sohn iſt eben fraglos für mich, für meine Familie und für meine Vaterſtadt verloren, wenn er der Gemahl Ihrer Schweſter bleibt. Unſere Sitten ſind Gottlob noch rein!“ „Der Herzog ging im Zimmer ein paar Mal auf und nieder.“ „Iſt Ihr Herr Sohn im Seehof? fragte er darauf.“ „Ich konnte dies verneinen.“ „Er beſann ſich dann noch eine Weile, und plötzlich mit ganz veränderter Haltung an mich herantretend, ſagte er:„Ein Ausweg muß gefunden, der Name meines Hauſes darf nicht vor die Gerichte geſchleppt werden in ſolchem Handel! Sie mag ernten, was ſie geſäet hat, und da Sie es feſt verweigern, ſie in Ihre Familie aufzunehmen, ſo muß ein Kloſter ſie verbergen, ſobald es thunlich iſt. Aber ich bedarf Ihrer Mitwirkung für dieſen Zweck!“ „Als ich ihn auf ſolchem Punkte angelangt fand, ließ ſich weiter reden. Wir kamen überein, was zu thun nöthig, wie ſeine Schweſter vom Seehofe und aus dem Bereiche Emils zu entfernen ſei; und morgen gehen wir, Jeder für ſich, nach dem Seehof ab.“ — 140— „In acht Tagen ſpäteſtens denke ich zu Hauſe zu ſein. Sorge dafür, Emil ſo lange ruhig und wo möglich im Zimmer zu halten. Iſt die Sache erſt beendet, ſieht er, daß gar keine Hoffnung für ihn da iſt, ſo wird er ſich finden, und mir einſt danken, was ich für ihn gethan habe. Du aber nimm Dir ſeinen augenblicklichen Kummer und ſeine Verirrung nicht ſo zu Herzen. Freilich haſt Du die romanhaften Neigungen in ihn gepflanzt, und ich habe Dich immer vor den Folgen derſelben gewarnt. Aber ſo weit er ſich auch vergeſſen hat, ſo iſt er doch ein Geſchäftsmann geworden, der dieſen Komödien⸗ ſtreich bald ſelbſt anders und im richtigen Lichte betrachten wird. Er wird dieſer ſogenannten heimlichen Ehe und ihrer koſtſpieligen Unbequemlichkeit wohl auch müde ſein. Er wird es uns Dank wiſſen, wenn man dieſem Handel keine Verbreitung giebt, ſondern ihn, wie es geſchieht, im Stillen unterdrückt. Und an der Seite der ihm beſtimmten ſchönen und verſtändigen Frau wird er ſich dieſer Jugendthorheit ſchämen, bis er ſie vergeſſen haben wird.“ Der Brief überraſchte mich nicht, er warf mich auch nicht nieder, er gab mir vielmehr das volle Gefühl der Geſundheit zurück. Ich vergaß es, daß ich krank geweſen war, ich empfand nur, wohin ich jetzt gehörte und was ich zu thun hatte. Ohne einen Angenblick zu verlieren, verließ ich das Haus. Ich ſprach ſelbſt auf der Poſt vor, mir eine Kaleſche und Pferde nach meiner Wohnung zu beſtellen, ſteckte Geld und ein Paar Piſtolen, ohne die ich nie zu reiſen pflegte, zu mir, und als die Glocke Mittags zwölf vom Thurme ſchiug, fuhr ich zur Stadt hinaus— um ſie durch mehr als vierzig Jahre nicht wieder zu betreten. Erſt als ich mich auf dem Wege befand, und Stunde um Stunde an mir vorüberging, begann ich mich zu fragen, welches die nächſten Abſichten des Herzogs und meines Vaters mit Clandinen ſein könnten, und wohin man ſie bis zur Geburt unſeres Kindes bringen werde. Erſt jetzt fing der Gedanke. mich zu quälen an, daß ich zu ſpät kommen, daß man ſie entfernt, ſie mir eentriſſen haben könnte. Ich malte mir aus, wie man bei ihr eingedrungen, ich ſah ihr Entſetzen bei dem Anblick ihres Bruders und meines Vaters, ich hörte ihr Flehen und ihr Klagen— es riß an meinem Herzen.— Bald ſtellte ich mir das leere Haus vor, in das ich kommen würde, bald fragte ich mich, wem ich dort begegnen würde, ob dem Herzoge oder meinem Vater. Ich dachte die Reden und Gegenreden durch, welche Statt haben mußten, ich wollte mich fern halten von allen Rechtfertigungen und Erklä⸗ rungen, welche die Liebe mir eingab, und, mich ganz wie jene beiden auf dem Standpunkt der Vernunft haltend, meine Rechte, meine Pflichten beweiſen, und darthun, wie ich entſchloſſen ſei, mit Claudine Europa zu verlaſſen. Ich hatte Augenblicke, in denen mir es unmöglich ſchien, daß ich kein Gehör finden . — 141— könne, andere, in denen ich darüber nachſann, wie ich Claudine auffinden ſolle, wenn man ſie fortgeführt hätte, wie ich meinen Vater dazu zwingen könne, meine Ehe anzuerkennen und die Freiheit meines Handelns nicht anzutaſten. Ein Gedanke, eine Möglichkeit jagten die anderen, und als die Dämmerung endlich einbrach, empfand ich nichts mehr, als die vernichtende Unruhe, an mein Ziel zu kommen, und eine das Herz beklemmende Angſt. Zehn Mal war ich auf dem Punkte geweſen, vom Wagen zu ſpringen, um laufend die Qual des Stillſitzens nicht zu fühlen, welche die größte Eile der Poſtillone mir nicht erleichtern konnte. Es waren ſchwere, laſtende Stunden, bis ich den Hügel hin⸗ anfuhr, von welchem man am Tage den Seehof erblicken konnte, den mir jetzt die Dunkelheit verhüllte. Siebenzehntes Kapitel. Mein ganzes Leben war in meinen Augen, und doch traute ich ihnen nicht. Siehſt Du kein Licht? fragte ich den Poſtillon, der mich die Straße ſchon früher ein paar Mal gefahren. Licht? Im Seehof? fragte er, indem er langſam hinſchaute und noch langſamer ſprach: da iſt Alles dunkel! Ich hätte um Alles eine andere Antwort haben mögen, denn die Zimmer, welche Claudine und Mademoiſelle Charpentier bewohnten, lagen beide nach der Straße. Es war heißes Wetter, die Läden, die Fenſter mußten offen, ein Licht in den Zimmern mußte ſichtbar ſein, wenn die Bewohner in dem Hauſe waren. Ich verlor die Luſt zum Sprechen, und doch verkürzte es mir die Zeit. Ich hatte ſchon auf der Station Erkundigungen eingezogen, daß in den letzten Tagen keine Poſtpſerde nach dem Seehofe genommen worden waren; aber in Lagen, wie die meine damals, möchte man von jedem Menſchen einen Zuſpruch haben, während man doch Scheu vor jedem fremden Worte trägt. Haſt Du irgend welche Wagen die Tage her, hier nach dem Seehof fahren ſehen? Ich? Wagen? wiederholte er, nicht Einen! Da fährt ja außer Ihnen keine Seele hin! Ich hatte eine augenblickliche Beruhigung, der Mond ging während deſſen auf, und endlich erblickte ich Licht in den Zimmern zu beiden Seiten der Thüre. Sie waren alſo da! Sie mochten ruhig im Garten geweſen und jetzt erſt in die Stuben zurückgekehrt ſein. Ich athmete zum erſten Male frei und erleichtert auf. Nach zehn Minuten, und noch zehn— meine Kaleſche hielt vor der Thüre!—— 4 — Aber noch zwei andere Wagen ſtanden mit angeſpannten Pferden in dem Hofe. Ich eilte in das Haus, die Thüren des Flures waren offen, der Knecht, die Magd ſchrieen auf, als ich kam. Eine völlige Verſtörung war hereinge⸗ brochen. In dem Wohnzimmer brannten Lichte auf dem Tiſche. Männerhüte, ein Reiſemantel lagen auf dem Sopha. Niemand hörte mein Kommen. Aus der Schlafſtube ſchallte ein leiſes Aechzen an mein Ohr. Ich ſtürzte hinein, ich ſah Claudine blaß und entſtellt auf ihrem Lager liegen, die Augen geſchloſſen, eine Sterbende. Claudine! mein Weib! ſchrie ich und warf mich vor ihr nieder, ſie in meine Arme ſchließend. Da öffneten ſich ihre Angen, da ſah ich noch einmal ihren ſanften, ihren zufriedenen Blick. Ach! ſagte ſie kaum hörbar, indem ihr Kopf ſich an meine Bruſt lehnte, nun iſt's gut! nun iſt Alles gut!* Ich konnte nicht fragen, was geſchehen ſei— ich wußte Alles. Ich konnte auch Claudine nicht tröſten, nur ſtill im Arme halten konnte ich ſie, nicht einmal weinen. Ihr Athem berührte kaum fühlbar meine Wange, ihre Hand ruhte matt und ſchlaff in der meinen. Sie wollte ſprechen, es fiel ihr ſchwer. Endlich ſagte ſie leiſe: Ich hätte doch nicht leben können ohne Dich! Und dann nach einer Weile: Ich muß es ſühnen! Das waren die letzten Worte, die ich von ihren Lippen hörte. Es regte ſich nichts in dem Zimmer, ich ſaß und hielt ſie an meiner Bruſt, lange, lange! Endlich ſank ihr Haupt herab— es war zu Ende! Und weinend warf ich mich auf den geliebten Leichnam, weinend hielt ich die Trümmer meines Glückes in meinen Armen. Plötzlich fühlte ich mich emporgeriſſen. Fort von ihr! rief der Herzog, deſſen Erſchütterung ſich im Zorne Bahn brach. Fort von ihr, Ehrloſer!— Ich ſprang auf, er packte mich an der Bruſt. Ihn von mir abwehrend, ſah ich, daß er ſeinen Degen zog, ich riß ihm denſelben aus der Hand und warf ihn zerbrochen vor ſeine Füße nieder. Meine Piſtolen lagen auf dem Tiſche, auf den ich ſie bei meinem Eintritt hingelegt. Raſend vor Wuth nahm der Herzog die eine, ich griff zur anderen, wir ſchoſſen beide— und lautlos ſank der Herzog zu meinen Füßen.—— Mein Vater ſtand am Fenſter und ſah in die Nacht hinaus. Ich ſaß wieder an Claudinens Lager, die Leiche des Herzogs hatte man auf das Sopha gelegt, Louiſe und die Dienſtboten waren um ihn beſchäftigt. Da trat mein Vater zu mir heran. Denkſt Du hier zu bleiben? fragte er kurz. „ — 143— Ich ſah in die Höhe. So elend er mich gemacht hatte, es war mein Vater, es waren die Züge, die ich von Ingend an geehrt. Ich war erdrückt von meinem Unglück, mein Weib, meine Zukunft, meine Hoffnungen, Alles war mir verloren— und ich hatte den Bruder meines Weibes getödtet. Ich warf mich an meines Vaters Bruſt, ich würde ein tröſtendes Wort, ein Wort der Barmherzigkeit von ſeinen Lippen, ihm mit einem Leben voll Liebe gedankt haben, ich hätte es als die größte Wohlthat empfunden. Mein Vater gewährte es mir nicht— ich hatte es freilich auch nicht von ihm zu fordern. Denkſt Du hier zu bleiben? fragte er noch einin⸗ und da ich ſchwieg, ſagte er: Du haſt Kummer genug gebracht und Elend genug, über mich und mein Haus. Sollen die Mutter und ich es erleben, Dich in den Händen der Criminal⸗Juſtiz, Dich als Gefangenen zu ſehen? Ich wußte nicht, was er von mir wollte. Der Gedanke, mein eigenes Leben zu enden, lag mir näher, als der Gedanke, zu fliehen. Und doch, auch zu ſterben fühlte ich mich nicht fähig, ſo lange die holde Geſtalt der Geliebten mir noch ſichtbar war. Ich hatte mich wieder zu ihr niedergeſetzt, ich wollte ſie ſehen, mir ihr Bild einprägen, mein Schmerz ſchien mir das einzig Berechtigte in dieſer Welt. Eine geraume Zeit mochte ſo vergangen ſein, als mein Vater aus dem anderen Zimmer meinen Namen rief. Ich begab mich zu ihm. Es iſt Mitternacht vorüber, ſagte er. Was hier zu thun iſt, werde ich thun. Morgen Mittag um zwei Uhr geht unſer Schiff mit der Fluth in See. Wenn Du jetzt von hier abfährſt, kannſt Du um zehn Uhr auf dem Schiffe ſein. Siehe zu, daß Du davon kommſt. Ich habe nichts zu ſuchen im Leben und in der Welt, ſagte ich. Du haſt Dein Leben zu erhalten, damit Deine Mutter Deinen Tod nicht zu betrauern braucht! entgegnete er mir kurz und feſt. Die Erinnerung an meine Mutter riß mich empor und erweichte mir wieder den Sinn. Und Sie, mein Vater, rief ich, haben Sie kein Wort fir den Sohn, der von Ihnen geht in... Er ließ mich nicht zu Ende ſprechen. Ich habe den Befehl für ihn, ſich nicht meinen Sohn zu nennen! ſprach er ſtreng. Und mit hervorbrechender Leidenſchaft fügte er hinzu: Ich habe Dir das Leben gegeben, und einen guten Namen und ein glückliches Loos. Du haſt meinen Namen beſchimpft, Dein Leben verſchwendet, und zum Danke für das glückliche Loos, das ich Dir bereitet, legſt Du mir die Nothwendigkeit auf, mir, dem alten, unbeſcholtenen Manne, dem Senator, Deine Frevel zu verbergen, für Deine Miſſethaten Rede zu ſtehen. Mich dünkt, Du hätteſt nicht eben viel Ich ging in das Schlafzimmer, ich ſaß noch eine Weile an Claudinens Lager, ſie noch zum letzten Male. an mich zu fordern.— Ich aber, ich fordere von Dir, ich befehle Dir, daß Du meinen Namen fortan nicht als den Deinigen nenneſt, ich befehle Dir, von meinem Hauſe fern zu bleiben, das, ſo lange ich in demſelben lebe, Dein Fuß nicht wieder betreten ſoll! Wir ſtanden ſtumm und regungslos einander gegenüber. Endlich richtete ich mich auf. Vater! ſagte ich, iſt das Ihr letztes Wort? Mein Schiff ſteht Dir zu Dienſten, verſetzte er. Im Uebrigen thue, was Du willſt. Ich kann Dich nicht hindern, hier zu bleiben und meinen Namen in die Hände der Juſtiz zu überliefern. Ich hatte keine Wahl, aber ich hatte noch eine Pflicht zu erfüllen. ch ſah Dieſes Beſitzthum iſt mein, ſagte ich, und mein Vermögen iſt hinreichend, es mir dauernd zu erhalten. Ich wünſche, daß Mademoiſelle Charpentier, wenn ſie es will, hier verweile, und von den Zinſen meines Vermögens unter⸗ halten werde. Was Dein iſt, wird Dir bleiben. Du haſt darüber zu beſtimmen, antwortete mein Vater. Haſt Du ſonſt noch irgend welche Wünſche oder Verpflichtungen, ſo nenne ſie. Ich wünſche, daß man meine Frau hier in dem Garten unter den beiden Linden zur Ruhe bringe, ſagte ich, und der Gedanke, daß man ſie in die Erde legen, daß alle dieſe Schönheit und Holdſeligkeit vergehen werde, packte mich wie Wahnſinn an. Mein Vater bemerkte das nicht. Willſt Du ſonſt noch etwas? fragte er noch einmal, wie Jemand, der eine läſtige Sache ein⸗ für allemal beenden will. Willſt Du ſonſt noch etwas? Nein, nichts! entgegnete ich. So lebe wohl! ſprach mein Vater, und verließ das Gemach— und ich ſah ihn niemals wieder. Ich ging in das Schlafzimmer, ich ſaß noch eine Weile an Claudinens Lager, ich ſah ſie noch zum letzten Male. In dem Augenblicke, da ich mich aufraffte zu gehen, ſchlug die Uhr, und melancholiſch tönte ihre Melodie durch die Stille: Pes coeurs sensibles sont nés pour étre malheureus! Es war die Todtenklage um mein Weib und um mein Kind, das mit ihm ſtarb. Als ich ſie verlaſſen hatte, fuhr ich einſam und verwaiſt, ein Verſtoßener, ein Flüchtling, durch die Nacht dem Meere zu. F Achtzehntes Kapitel. Damit endeten die Aufzeichnungen, welche das Jugendleben meines Groß⸗ onkels betrafen. Seine ſpäteren Tagebücher und Memoiren haben mit dem Seehofe nichts gemein. Aus einem Briefe ſeiner Mutter, der ſich unter ſeinen ſorgfältig geordneten Papieren fand, konnte man erſehen, daß er, als er in einem arbeitsvollen Leben mit ſich zur Ruhe gekommen war, ſich an die Mutter gewandt, und durch ſie eine Verſöhnung mit ſeinem Vater nachgeſucht hatte. Der Vater hatte ſich zu derſelben geneigt gezeigt, er hatte dem Sohne auch eine Unterſtützung an Geld angeboten, ihn in ſeinen Geſchäften vorwärts zu bringen, aber er hatte zejorbez, daß er nicht nach Hamburg zurückkehren ſolle, Fanny Lewald, Der Seehof. 10 um vergeſſene Ereigniſſe nicht in der Erinnerung ſeiner Mitbürger wach zu rufen. Dieſe Bedingung und dieſe Art der Verſöhnung waren von dem Sohne zurück⸗ gewieſen worden, und der Vater hatte danach jeden Verkehr mit dem Ausge⸗ ſtoßenen verboten, den die Mutter nie vergeſſen, den die Brüder beklagt und 3. auf deſſen Rückkehr ſie nicht verzichtet hatten. Später, als mein Urgroßvater geſtorben war, that man Schritte, den Ver⸗ ſtoßenen aufzuſuchen. Aber ſeine Mutter war nicht mehr am Leben, und eine 6 innere Erbitterung gegen ſeine Familie hatte in ihm Flatz gegriffen. Sie hatte 1 ihn bewogen, kein Zeichen ſeines Lebens auf die Aufforderungen zu geben, welche man erlaſſen. Erſt das milde machende Alter hatte ihm die Sehnſucht nach der Heimath, nach den Seinen, und dem Orte eingeflößt, an den alle ſeine Erinne⸗ rungen ihn gebunden hielten. Wie es meinem Urgroßvater gelungen, die Vorgänge im Seehof, den Tod„ Claudinens und des Herzogs, den Nachforſchungen der Gerechtigkeit zu entziehen, 4 darüber fanden wir keine Auskunft irgend einer Art. Indeß in jenen Tagen allgemeiner Bewegung, in welchen Tauſende von Flüchtlingen in Deutſchland —— ein abenteuerndes Leben in wechſelnden Verhältniſſen führten, und bei dem An⸗ ſehen, welches unſer Ahnherr in der ganzen Umgegend, als Senator ſeiner Vater⸗ ſtadt, genoß, mochte er weniger Schwierigkeiten dabei gefunden haben, als es in unſeren ruhigeren Zeiten der Fall geweſen ſein würde. Dagegen war eine Notiz vorhanden, daß die einzig Ueberlebenden der her⸗ zoglichen Familie, der zweite Bruder Claudinens und deren verwittwete Schweſter, zur Zeit des Kaiſerreichs in ihr Vaterland zurückgekehrt, die Leichen der im Seehof beerdigten Geſchwiſter nach Frankreich hatten bringen laſſen, um ſie in der Familiengruft des Stammſchloſſes zur Ruhe zu beſtatten. „ — Und damit mögen denn dieſe Erinnerungen an das Leben eines Mannes* 3 ſchließen, der uns thener war durch ſeines Herzens Milde, wie durch ſeinen klaren Sinn. Und der Ausſpruch, mit dem eine Jugendgeſchichte beginnt, ——— z. ſoll auch das Ende dieſer Außzeichnungen machen:„Jedes Leben iſt eine Reihe von Urſachen und Folgen, die zum Theil nicht in uns liegen. Glücklich genug der Menſch, der ohne ſchwere Reue zurückſchauen kann, der ſich an einen 2 echſel von Frenden und von Schmerzen zu erinnern hat, der ſich nicht ſ ich konnte nicht herſtellen und nicht fühnen, was ich durch meine Irr zerſtört und gefehlt, ich konnte denen nicht lohnen, diejenigen nicht beglücken, ich liebte und die mich geliebt.“ —132 8— —— ſ 15 1 17 1 1 6 7 8 9 10 11 12 13 14 6 8