Leihbiblivthet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 4 Eduurd Oitmann in Gießen, f Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seiß und geſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. N 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von iedem Tag 5 Pf. vezahlt. Die Jeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe 6 hinterlegen, welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——— 1 Mr. 50 Pf. —— auf 1 Monat: 1 Mr.— Ff. 4 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ korene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo i der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihereit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das ver Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — feſtgeſetzt und wird Weiterverleihen. welche die⸗ 7 3 4 1 Die nſiedler David Cover und ſeine Söhne. Belehrende und unterhaltende Erzählung 5 nach Cooper für die Jugend bearbeitet Philipp Körber. Mit einem Stahlſtich. NRürnberg. Verlag der C. H. Zeh'ſchen Buchhandlung. „ der nch einer indiſchen Bezeichnung den Namen On⸗ Erſtes Kapitel. — Der Anſiedler und ſeine Söhne. Der Delawaren Häuptling. Um einen Begriff davon zu bekommen, mit welchen Mühſeligkeiten, Entbehrungen und Gefahren eine An⸗ ſiedelung in den nordamerikaniſchen Urwäldern und Wild⸗ niſſen verbunden iſt, werden wir unſern freundlichen Leſern eine Geſchichte mittheilen, welche ſich im Jahre 17 in der Nähe des großen Seees zugetragen hat, tario trägt. Dieſer große Süßwaſſerſee lag damals noch in der dichteſten Wildniß, von tauſendjährigen Ur⸗ wäldern umgeben. Unzähliche Bäche, Flüſſe, und ſelbſt ein paar ſchiffbare Ströme ergießen ihre Gewäſſer in die Fluren dieſes Süßwaſſermeeres. Der Boden iſt vor⸗ trefflich und reizte ſchon frühzeitig die Luſt der Anſiedler, an en Ufern des Ontario zu gründen. Das und Engländern, für welche die Indianer, dieſe Gegenden bevölkerten, Parthei und Mitleid; ſie waren tapfer, aber ſie beſiegten Feinde Pardon und der höchſte ſich nach ihren Begriffen erwerben konnten, rin, nach geendigtem Kriegszug recht viele alpe*) mit nach Hauſe zu bringen, recht zahlreiche Niederlaſſungen zerſtört und mit recht vielem Raub ſich beladen zu haben. Gegen ſo grauſame Feinde mußten die Anſiedler mit außerordentlichem Muth und einer Kraſt gerüſtet ſein, welche jede Gefahr zu überwinden vermochte. Es lebte damals auf dem neuengliſchen Boden ein ſolches Geſchlecht, Menſchen, denen die härteſte Arbeit ein Spiel ſchien, deren Ausdauer und Arbeitsluſt durch kein Hinderniß gelähmt und deren Muth durch kein Schreck⸗ niß beſiegt werden fonnte. Sie waren die Vorläufer⸗ eines ſchwächeren Geſchlechts, das zwar ihren Fleiß be⸗ ſitzt, ihre Ausdauer— das aber nicht fähig wäre, unter dem Donner des Krieges und dem Schlachtgeheul der Wilden muthig auszuharren. Darum leben die Thaten jener früheſten Anſiedler noch heute im Munde des amerikaniſchen Volkes und ſie werden noch nach Jahr⸗ hunderten ruhmvoll erzählt werden, gleich dene jener gewaltigen griechiſchen Helden, des Herkules, Odiſſeus, **) Die Kopfhäute, welche nach indiſcher wundenen mit dem Meſſer abgeſchn als Siegeszeichen aufdewahrt werde und ſodann — 5 Hektor und anderer, wenn ſie auch nicht, wie jene, durch die Geſangesgabe eines Homer mit dem ſchimmernden Kranz der Poeſie umſchlungen ſind. Ehe wir unſere freundlichen Leſer in die Erzählung ſelbſt einführen, möge eine kurze geographiſche Beſchrei⸗ bung jener Landestheile vorangehen, welche der Schau⸗ platz unſerer Geſchichte ſind. Nordamerika, nämlich das Gebiet der jezien ver⸗ einigten Staaten und zwar der an Canada grenzende nördlichere Theil derſelben, hat erſt ſeit einem halben Jahrhundert ſo ſehr an Einwohnerzahl zugenommen, daß es jetzt den erſten Rang unter allen amerikaniſchen Staa⸗ ten beſitzt. Das Innere des Landes war damals noch ſehr dünn durch die Eingebornen, die Wilden, be⸗ völkert und unter dieſen ſich gegenſeitig bekriegenden Völkerſtämmen lebten nur einzelne Europäer als Jäger und Pelzhändler, faſt eben ſo wild, als ſie und nur der Farbe nach den europäiſchen Stammgenoſſen ähnlich. Eine ungeheure Urwaldung, die nur an wenigen Stellen durch Naturereigniſſe oder andere natürliche Umſtände gelichtet war, bedeckte das ganze weitgedehnte Land. Nur an Stellen beſtanden Niederlaſſungen und dieſe ſtä in Gefahr, je öfter ſich der Krieg in Ontario hatten unter dem Schutze eines —————— angebaut. Ihre Plantagen lagen ziemlich weit von ein⸗ ander entfernt, an Flüſſen welche ſich in den See er⸗ gießen, deren Ufer gute Weiden für das Vieh darboten und deren Umgebungen durch Fruchtbarkeit zu Nieder⸗ laſſungen einluden. Das Land wurde hier zu einem Spottpreiſe von der Regierung verwerthet. Ein Mor⸗ gen Ackerland koſtete einen halben Dolar, etwa 1 fl. 10 kr. rhein. Holz war im Ueberfluſſe vorhanden, Jagd und Fiſcherei ergiebig; nur die leidige Gefahr, welche mit dem einſamen Aufenthalte in dieſen menſchen⸗ leeren Wildniſſen verbunden war, drohte mit ihren Schrecken. Aber die Pflanzer, welche es unternahmen, ſich hier anzuſiedeln, achteten nicht darauf und waren auf Ereigniſſe der ſchlimmſten Art gefaßt und gerüſtet. Wir nehmen nun den Faden unſerer Erzählung auf. Zwiſchen dem Hudſon und den Seeen waren meh⸗ rere Forts erbaut, welche durch breite Heerſtraſſen, die durch den Wald gehauen waren, mit einander in Ver⸗ bindung ſtanden. Diejenigen Reiſenden, welche zu einem der Seeen zu gelangen wünſchten, wählten meiſtens dieſe belebtere Richtung, als den geraderen und deshalb kür⸗ zeren Weg durch den Wald, um an ihr Ziel zu gelangen. Auf der Brüſtung einer der letzten ngen ſtanden an einem ſchönen September Nen⸗ ſchen beiſammen, welche in einer ernſten unt lebhsften Unterredung begriffen waren. Viere von i en gehörten —— 7 dem kraftvollen Geſchlechte an, welches ſich vorzugsweiſe die Aufgabe geſetzt hat, die Waldungen auszurotten und an den gelichteten Stellen Pflanzungen anzulegen. Es war ein Vater mit ſeinen drei Söhnen. Der Vater David Cover, ſtand ſchon in der höheren Reihe der menſchlichen Jahre. Doch war ſeine Geſtalt kraftvoll wie die eines Vierzigers und wenn ihn ſeine drei rüſtigen Söhne durch ihre Größe überragten, ſo erſetzte er durch eine koloſſale Schulterbreite, durch die Länge und Mäch⸗ tigkeit ſeiner musculöſen Arme und durch eine gewaltige Hand, deren Druck gleich einer eiſernen Zange preſſen mußte, reichlich das Fehlende. Sein Angeſicht und der Blick ſeines hellen muthſtrahlenden Auges entſprach ganz dem ſtarken Bau ſeines durch das Alter ungebeugten Körpers. Eine freie Stirne, ein breites Antlitz, eine kühn gebogene Naſe, ein trotziger Mund und ein derbes Kinn— dieſe Theile zuſammen, durch die Witterung mit einer dunkeln Färbung überzogen und von einem nur wenig ins Graue ſpielenden hellbraunen Haupt⸗ und Barthaar überſchattet, bildeten Züge, in denen ſich Muth, Kühnheit, Ausdauer und Schlauheit gleich deutlich ſpiegelten. Die drei jünge⸗ ren Männer zeichneten ſich durch offenere Blicke, jugend⸗ lichere Schönheit des Körpers aus. Aber eine große Familienähnlichkeit ließ ſogleich errathen, daß ſie in einem ehe Verwandtſchaftsgrade zu dem alten Manne ſtanden. Sie hießen Charles, Richard und Henry Coveér. 8 Zur Seite bei einem Haufen Waffen und eiſernen Geräthſchäften, als Beiien, Sägen und ähnlichen Dingen⸗ ſaß ein junges Mädchen, ländlich gekleidet. Sie hieß Eſter Cover und war die Schweſter jener tüchtigen, kühn⸗ ausſehenden Jünglinge. „Ich bin es müde, Vater, dem langſamen Zuge der Soldaten zu folgen,« fuhr Henry Cover fort, vund ich denke, wir laſſen Eſther mit dem Fuhrwerke auf der Straſſe nachkommen und gehen gerade durch die Wälder nach unſerem angekauften Grundſtück. Es bedarf weiter nichts, als daß zu Eſters Schutze einer von uns bei dem Fuhrwerk bleibt. Dann können wir früh genug an Ort und Stelle ſein, um das Holz auf drei oder vier Morgen umzuſchlagen und zu verbrennen ehe das Fuhr⸗ werk anlangt, und damit iſt ſchon ein guter Anfang gemacht.« „Verwünſcht ſei dieſe langweilige Reiſe,« murrte der Vater.»Wäre ich doch auf unſerm Gehöft am Hud⸗ ſon geblieben; es war ein ganz gutes, ſchönes Gut. Aber der Mutter Tod hat mirs verleidet; es litt mich nicht mehr dort, alles erinnerte mich an die brave Frau, mit der ich dreißig Jahre Freud und Leid getheilt hatte, die mir eine ſo redliche Gattin, euch eine ſo fromme, treue Mutter geweſen iſt.« Bei dieſen Worten zitterte im Auge des biedern Landmannes eine Thräne, die er mit der breiten, rauhen, arbeitgewohnten Hand zer⸗ 9 drückte. Die Jünglinge neigten das Haupt, oder ſahen wehmüthig zur Seite und das Mädchen, welches dem Geſpräch aufmerkſam zuhörte, verbarg das Antlitz in der Schürze und weinte bitterlich. In dieſem Augenblick trat ein Soldat, der den Rang eines Sergeanten bekleidete und von ferne dieſe Leute betrachtet hatte, näher und ſprach:„Was bedrückt Euch das Herz, Landsmann, daß Ihr ſo trübſelig und web⸗ müthig daſtehet?« »Mein Weib iſt mir geſtorben, meine Pflanzung habe ich verkauft und bin nun im Begriff, eine neue am Ontario zu gründen. Seit acht Tagen bin ich mit meinen Kindern und dem Fuhrwerk auf dem Weg und ziehe hinter dem Regimente drein, das die Truppen im Fort am See ablöſen ſoll. Dieſer langſame Zug iſt mir widerlich und ich berathe mich ſo eben mit meinen Söhnen, ob wir nicht durch die Waldung vorausgehen und das Fuhrwerk dem Regimente nachſolgen laſſen ſollen?« antwortete Cover mit offener Herzlichkeit. »Ei, das könnt Ihr leicht, wenn Ihr wollt,« ent⸗ gegnete der Soldat.»Einer von Euren Söhnen kann bei dem Fuhrwerk und Eurer Tochter bleiben. Ihr ſeid dann zu Dreien und ich will Euch einen tüchtigen Führer verſchaffen, der Euch gegen kine geringe Erkenntlichkeit an den Ontariv bringen wird.« „Wie lange werden wir brauchen, wenn wir Euren Rath befolgen und den kürzeſten Weg wählen?« fragte Cover. »Macht Ihr Euch morgen vor Tagesanbruch auf, ſo ſeid Ihr des Abends zu guter Stunde an Ort und Stelle. Das Regiment braucht dagegen noch fünf Tage, bis es im Fort ankommt.« „Das wäre etwas, Freund und ich bin Euch für Eure Nachricht Dank ſchuldig,« rief Cover erfreut.»Wer von Euch bleibt bei Eſther?« redete er ſeine Söhne an. „Ich wills thun, Vater,« antwortete Charles, der älteſte unter Covers Söhnen,»wenn Ihr es nicht beſſer findet, ſelbſt bei dem Fuhrwerk zu bleiben und es Euch bequem zu machen.« „Das iſt nichts für mich, Charles, ich muß hin und zuſehen, was ich bekomme. Wer kauft die Katze im Sack? Die Unterhändler ſind Spitzbuben und könnten mich betrügen wollenz ja, ſie würden Euch, Ihr Knaben, betrügen. Ich bin ein alter Fuchs, ich muß ſelbſt alles ſehen. Freund,« redete er den Sergeanten an,»wollt Ihr mich zu dem Führer bringen, damit ich mit ihm reden kann?« „Kommt, Landsmann,«— ſagte der Sergeant, wendete ſich auf dem Fleck um und ſchritt voran in das Innere der Feſtung. Ihm folgte der Landmann und ſeine beiden Söhne Richard und Henry. Die niedrigen Gebäude des Forts umgaben einen 11 etwa zweihundert Schritte ins Gevierte haltenden Hof, in deſſen Mitte ein Brunnen befindlich war, den man mit einer ſteinernen Einfaſſung umgeben hatte. In die⸗ ſem Hofe und beſonders in der Nähe des Brunnens war ein ſo dichtes Gewühl von Menſchen, die ſich da lärmend umhertrieben, daß man keinen Schritt zu machen im Stande war, ohne auf einander zu ſtoßen, oder ſich gegenſeitig zu hindern. Die Soldaten welche erſt vor wenigen Stunden hier angekommen waren, hatten ihr Abendbrod verzehrt und beſchäſtigten ſich jetzt damit, ihre Waffen und Kleider zu reinigen und für den nächſten Tag, an welchem Raſt gehalten wurde und Parade ſtattfinden ſollte, in Stand zu ſetzen.— In einer Mauerecke auf einem erhöheten Platze ſtand ein Weſen, das allein dieſem Getümmel völlig fremd zu ſein ſchien. Es war einer jener edelausſehenden india⸗ niſchen Krieger, wie man ſie jetzt faſt gar nicht mehr in Amerika antrifft, wenigſtens nur in Gegenden, die noch von dem zerſtörenden Fortſchritt der Niederlaſſungen voll⸗ kommen unberührt ſind. Obgleich er beſtändig als Bun⸗ desgenoſſe der Engländer mit engliſchen Kriegern, beſon⸗ ders mit Offizieren im Umgang war, hatte er doch nichts von der wilden Größe und edlen Würde eines Häupt⸗ lings verloren. Doch lag in ſeinem Weſen etwas Zu⸗ rückhaltendes und er blickte ernſt und ſchweigſam mit untergeſchlagenen Armen hinaus über die Mauerbrüſtung 12 auf das dichte Blätterdach der Bäume, die jetzt von den goldenen Strahlen der untergehenden Sonne mit Pur⸗ pur überſtreut wurden. Auf dieſe Scene, die ſeiner Natur mehr zuſagte, als das unordentliche geräuſchvolle Menſchengewühl im Fort, blickte er mit ſo großer Ruhe und Feſtigkeit, wie ein Adler, der von einer jähen Felſenſpitze die umliegen⸗ den Geſilde durchſpäht, um eine Beute ausfindig zu machen. Er war ganz im vollen Kriegerſchmuck ſeiner tapfern Nation, der Delawaren. Sein beinahe nackter Körper zeigte die Kriegsmalerei; ſein kurzgeſchorener Kopf hatte keine andern Haare, als den Büſchel, den der ritterliche Geiſt der Indier auf dem Scheitel ſtehen läßt, zur Herausforderung für den Feind, der ſeinen Scalp, oder ſeine Kopfhaut zu rauben lüſtern iſt. Eine Adlerfeder ſteckte mitten in dieſem natürlichen Kopfputze, und flatterte leicht im Abendwinde. Ein Tomahawk oder Beil, ein Scalpiermeſſer und eine kleine Pfeife trug er in ſeinem Gürtel. Ueber ſeiner linken Schulter hing eine vortreffliche Flinte aus engliſcher Fabrik und links an einem breiten Bande das Pulverhorn und der ſchwere Beutel, aus dem Fell des Bibers kunſtreich ver⸗ fertigt, der neben wenigen Nahrungsmitteln die Bleiku⸗ geln für die Büchſe enthielt. Seine breite Bruſt, ſeine wohlgebildeten Glieder und ſein ernſtes Ausſehen gaben ihn als einen erfahrenen Krieger zu erkennen, obwohl die Umriſſe ſeiner Geſtalt und das friſche, aber männ⸗ liche Antlitz verriethen, daß er kaum vierzig Sommer erlebt haben konnte. Als der Sergeant mit ſeinen Begleitern in den Hof trat, warf er einen Blick über das dort herrſchende Getümmel und entdeckte ſogleich den Indier. So raſch, als es das Gewühl zuließ, ſchritt er auf den Krieger zu. Dieſer kehrte der ganzen Scene den Rücken und achtete erſt dann auf diejenigen, welche mit ihm ſprechen wollten, als der Sergeant ihn durch einen leichten Schlag auf die Schulter aus dem Strome ſeiner Ge⸗ danken erweckte. Der Indier wendete ſich raſch um, erkannte den Sergeanten und grüßte ihn lächelnd mit einer leichten Bewegung des Hauptes. Doch lag in dieſem Gruße eine gewiſſe Ueberlegenheit, die er gegen den Soldaten zeigte, deſſen niedern Rang er wohl zu beurtheilen ver⸗ ſtand und den er auch im Verhältniß zu den höheren Perſonen, die ihn, ſeiner Treue und ſeines hohen Mu⸗ thes wegen, ihres Vertrauens würdigten, ſehr wohl als einen Untergeordneten zu behandeln verſtand. »Hier ſind Fremde, Häuptling, welche Eurer Hilfe bedürfen und Euch zu ſprechen wünſchen,« ſagte der Sergeant ernſt. In Folge des gebieteriſchen Weſens, wel⸗ ches der Häuptling gegen Leute ſeines Gleichen zu ihrem 14 nicht geringen Aerger an den Tag legte, wagte er keine Vertraulichteit. Das raſche Auge des Delawaren haſtete einen Au⸗ genblick prüfend auf den ehrlichen Geſichtern und herku⸗ liſchen Geſtalten der Landleute, die ihn mit unverhehl⸗ tem Mißtrauen und großer Unbehaglichkeit betrachteten. Dann grüßte er auch ſie würdevoll und wendete ſich rupig und mit vielem Wohllaut im Tone in engliſcher Mundart ſprechend an David Cover: „Mein Vater, was wünſcheſt Du von Unkas?* „Der Sergeant ſagt mir, daß Du mich und meine Kinder gegen eine Erkenntlichkeit durch die Wälder an den Ontario bringen könnteſt.« „Der Pfad iſt offene— entgegnete der Indier ruhig, „wozu bedarſſt Du eines Führers?« „Ich bin hier zu Lande fremd und weiß keinen Weg, als die Straſſe. Doch man ſagt mir, daß ich den See auf einem viel kürzeren Pfade erreichen fönnte. Aber wie ſoll ich dieſen durch die mir unbekannten Wildniſſe finden?“ „Ees iſt gefährlich, für Dich und die Deinen, dieſen Weg zu wählen. Die Wälder ſind voll Huronen⸗ die den Reiſenden auflauern, wie Diebe, um ſie zu morden und zu berauben;« entgegnete der Delaware ſtolz. „Ich fürchte die Huronen nicht,« rief David höh⸗ ſchon oft gehört.« niſch lächelnd.„Sie haben den Knall meiner Büchſe — 15 »Die weißen Geſichter prahlen; der rothe Mann ſchweigt und handelt,« ſagte der Delaware ſtolz.„Kann der Hirſch einer Heerde Wölfe entrinnen, wenn ſie ihn umſtellt haben? Mein Vater iſt mit den Gefahren der Wälder unbekannt, deshalb verachtet er meine War⸗ nung.« »Nein, Häuptling,« entgegnete David, verlegen über dieſe wohlverdiente Zurechtweiſung, vich danke Dir viel⸗ mehr dafür und ich wollte nur ſagen, daß ich, ſelbſt einer möglichen Gefahr zum Trotze, den Ontario mor⸗ gen zu erreichen ſuchen muß.« Biſt Du allein, Vater, oder werden Dir dieſe jun⸗ gen Männer folgen?« ſprach Unkas. „Es ſind meine Kinder, ſie werden mich begleiten;« antwortete David. »Genug,« ſagte der Delaware freundlich, laß' uns dieſen Abend zuſammen eſſen, morgen, ehe der Tag graut, wollen wir aufbrechen und ich will Euch nach dem Ontario führen. Den Huronen wollen wir zeigen, daß wir Männer ſind, wenn ſie es wagen, unſerer Spur zu folgen.« Der Delaware machte jetzt eine Gebehrde, durch welche er David Cover und ſeinen Söhnen andeutete, voranzugehen, mit einer Würde, die einem Fürſten nicht unangemeſſen geweſen wäre. David und feine Söhne, welche wohl Indier kannten, aber nur jene verworfenen 16 Geſchöpfe, die die Gemeinſchaft ihrer Stammgenoſſen fliehen und zwiſchen den Colonieen raubend und mor⸗ dend umherſchweifen, theils ein elendes Jägerleben füh⸗ ren, theils als Boten und Läufer dienen und ſich da⸗ durch kenntlich machen, daß ſie gegen die Sitte ihrer freien Brüder dem Trunke und Spiel mit Leidenſchaft⸗ lichkeit ergeben ſind, gehorchten unwillkührlich. Hier ſtand ein Weſen anderer Art ihnen gegenüber, ein In⸗ dier vom edelſten Stamme, von dem der Delawaren, die ſich ſelbſt den Ehrennamen der Urnation, der Lenni⸗ Lennapes, beilegen und die von allen übrigen indi⸗ ſchen Nationen mit dem Namen„die Väter“ beehrt werden. Ehemals bildeten dieſe Delawaren ein großes mächtiges Volk und bewohnten die großen ſchönen Land⸗ ſtriche längs des atlantiſchen Oceans, woſelbſt jetzt die größte Bevölkerung der amerikaniſchen Freiſtaaten ſich zu⸗ ſammendrängt, die Gegenden in Newyork und die ſüdlich von dieſem Staate gelegenen Küſtentheile. Aber der gewal⸗ tige Andrang der Anſiedler hat ſie aus ihrem Vaterlande vertrieben und gezwungen, neue Jagdgründe im Innern des Landes aufzuſuchen. Sie leben jetzt zerſtreut unter den übrigen indiſchen Völkerſtämmen und ihre Anzahl iſt durch die beſtändigen Kriege vermindert und ſo herab⸗ gebracht, daß man mit Grund fürchtet, es werde der ganze edle Stamm bald ausgeſtorben ſein. Die Zeit, in welche unſere Erzählung fälit, ſah das Volk der Delawaren noch mächtig und ſie waren die geehrteſten und nützlichſten Bundesgenoſſen der Engländer im Kriege gegen Frankreich. Es traf ſich aus dieſem Grunde oſt, daß Häuptlinge der Delawaren in den engliſchen Forts und Feldlagern erſchienen, um ſich über vorzunehmende Kriegsoperationen mit den Oberanführern zu berathen. Dieſe ritterlichen Männer verließen ihre Begleiter mitten in den von Feinden erfüllten Wäldern, oft viele hun⸗ dert Meilen*) von dem Punkte entfernt, den ſie errei⸗ chen wollten. Sie beſtimmten Tag und Ort, an denen ſie ihre Gefährten wieder treffen wollten und gingen allein durch die pfadloſe Waldung, nur gewiſſen Zeichen vertrauend, die vielleicht von Europäern gar nicht ge⸗ ſehen, oder nicht beachtet werden würden. Die Sonne und Geſtirne, die Bäume, der üppigere Wuchs der gegen Süden gerichteten Zweige, das die Stämme gegen Nor⸗ den ſtärker bekleidende Moos— alles dieſes diente ihnen zum Auffinden der Wege. Dabei verloren ſie ihr Ziel nicht aus dem Auge und trachteten beſtändig darnach, die Anzahl ihrer Feinde zu vermindern und Scalps zu erringen. Sie entdeckten durch Hilfe ihres ſcharfen Ge⸗ ſichts die Fußſtapfen derſelben im Urwald. Auf dem weichſten Graſe, wie ſelbſt auf dem härteſten Sande, *) Engliſche Meilen, von denen 3 auf eine deutſche gehen. In dieſer Erzählung ſind überall nur ſolche gemeint.“ 2 18 ſogar auf Steinen, wußten ſie aus der Bildung der Fuß⸗ ſtapfen, aus der Weite und Art der Tritte zu beſtimmen, ob Europäer oder Indier, ob Männer oder Frauen, ja ſelbſt von welcher indiſchen Nation, die Spuren einge⸗ drückt hatten. Sie beſtimmten genau die Anzahl derſel⸗ ben und nahmen hiernach ihre Maßregeln. Deshalb errang ein ſolcher ausgezeichneter Krieger oft eine kaum glaubliche Anzahl von Scalps und ſein Name ſtand bei Freund und Feind in gleich großem Ruhm. Doch nicht allein durch ſo hohen Muth und ſo ausgezeichnete krie⸗ geriſche Talente waren ſolche Krieger berühmt und an⸗ geſehen. Eben ſo groß, als ihre Stärke, Ausdauer und Geſchicklichkeit, war auch ihr natürlicher Verſtand, ihre Beſcheidenheit und Zurückhaltung. Sie übereilten ſich Erzähler an und urtheilten dann nie, hörten ruhig den mit vieler Ueberlegung. Bei ihnen unbekannten Gegen⸗ ſtänden fragten ſie und hörten die ihnen gegebene Er⸗ klärung mit der größten Aufmerkſamkeit an, wodurch es ihnen faſt immer gelang, der Sache Meiſter zu werden. Aber auch durch andere edlere Eigenſchaften machten ſich ſolche Indier den Europäern ſchätzbar. Sie äußer⸗ ten im friedlichen Leben Höflichkeit, Gaſtfreiheit und Großmuth. Sie entließen keinen Fremden, ohne ihn zuvor zu ſpeiſen und ohne für ſeine Ruhe Sorge zu tragen. Als Bundesgenoſſen der Europäer zeigten ſie ſich treu, edel und uneigennützig und man konnte in 19 jeder Gefahr feſt auf ſie bauen, denn ſie würden ſich für entehrt gehalten haben, ihre Freunde in der Noth zu verlaſſen. David Cover hatte das Glück, auf einen ſolchen ausgezeichneten Krieger zu treffen. Dieſer hatte ſich ſelbſt Unkas genannt, ein ſehr gewöhnlicher Name der Delawaren. Den bezeichnenderen, welchen ihm ſeine Krieger beigelegt hatten, erfuhr Cover erſt durch den Sergeanten, einen tapfern Veteranen, der ſchon ſeit fünf und zwanzig Jahren in den Wäldern auf den eng⸗ liſchen Militärpoſten lebte und genau mit den Sitten und Gewohnheiten der Indier bekannt war. Der Ser⸗ geant kehrte mit David nach den Orte zurück, woſelbſt Eſther bei den Geräthſchaften auf die Rückkehr ihrer An⸗ verwandten wartete und beſeitigte durch ſeine Schilder⸗ ung alle Befürchtungen und Zweifel des vorſichtigen und mißtrauiſchen Anſiedlers. David hatte ſchon durch die mit Unkas geführte Unterhaltung, Zutrauen zu dem De⸗ lawaren gefaßt. War Vorſicht und Mißtrauen gegen Unbekannte, insbeſondere gegen Indier, ſeinen Grund⸗ ſätzen angemeſſen, ſo war er darum nicht weniger voll Zutrauen, wenn er die Ueberzeugung gewonnen hatte, daß eine Perſon derſelben werth ſei und ſie verdiene. Der Sergeant hatte ihm erzählt, in welcher Gunſt und Achtung der Häuptling bei allen engliſchen Oberanfüh⸗ rern ſtand und ſchilderte ihm wehe Züge aus deni 20 Leben desſelben mit offenbarer Vorliebe für den Indier. Er ſagte ihm, daß er feſt auf dem Häuptling vertrauen dürfte und David ſchenkte ſeinen Worten Glauben. Der Wagen ward jetzt mit Bewilligung des Kom⸗ mandanten in die Verſchanzungen herein gebracht und ein leichtes Zelt für Eſther aufgeſchlagen. Dann zog David einen Sack voll Lebensmittel hervor, legte davon auf mehrere hölzerne Teller und lud ſowohl den Dela⸗ waren, als auch den Sergeanten ein, an dem frugalen Abendmahl Theil zu nehmen. Der Häuptling legte ſeine Waffen ab, ſetzte ſich zu den Landleuten auf eine für ihn zurecht gerückte Kiſte, David und dem Sergean⸗ ten gegenüber, die auf ähnlichen Geräthſchaften Platz nahmen, während die drei Söhne des Anſiedlers ſich ohne Umſtände zu ihrer Schweſter auf das Gras ſetzten und ſich ganz dem ſchönen Gefühl einer liebevollen Un⸗ terhaltung überließen, ohne ſonderlich auf das zwiſchen den drei älteren Perſonen ſtattfindende Geſpräch zu achten. Anfangs herrſchte eine tiefe Stille und man vernahm nur das Geräuſch der Meſſer und Gabeln. Als der Sergeant ſich geſättigt hatte und bemerkte, daß der Häuptling längſt mit großer Mäßigkeit ſein Mahl been⸗ det hatte, begann er mit dieſem eine Unterredung, und zwar in einer Weiſe, die den Begriffen und Gewohn⸗ heiten des Indiers möglichſt angemeſſen war. Er ſagte: 21 »Mein Bruder iſt ein großer Krieger und der Name des Panthers iſt weit gefürchtet und berühmt. Wa⸗ gen es denn die Mingos, bis auf unſer Gebiet über die Seeen vorzudringen.« Der Häuptling, den man Panthers wegen ſeines Muthes, ſeiner Stärke und Schnelligkeit nannte, hörte ihn mit Auſmerkſamkeit an und entgegnete: »Ich bin heute vom Ontario hierher gegangen; ich war ihnen auf der Spur und weiß, daß ihrer ſo viel ſind, als Finger an den Händen von zehn Männern. Aber ſie ſind feige Memmen und verkriechen ſich wie die Schlangen in die Gebüſche.« »Die Räuber!« rief der Sergeant, voſie gehen auf das Plündern und Morden aus. Cover, ich werde einen meiner Freunde beim Regiment, mit dem Eure beiden Kinder ziehen, bitten, daß er ein wachſames Auge auf die Euren haben möchte, damit ihnen kein Leid wieder⸗ fährt.« »Sollte denn bei dem Regiment, in deſſen Beglei⸗ tung, Gefahr zu fürchten ſein?« rief David ungläubig. »Werden die Jrokeſen nicht vor ſo vielen Kriegern Furcht haben und ihnen weit aus dem Wege gehen?« »Ihr ſeid ſehr unbekannt mit den Indiern und ihrer Kriegsweiſe, weil Ihr ſo wenig von ihnen haltet. Wir kennen ihre Manieren beſſer, die wir in den Wäldern viele Jahre lange gelebt haben und der Häuptling wird 22 wir Zeugniß geben, wenn ich Euch verſichere, daß es die Schurken von Jrokeſen öfter als einmal gewagt ha⸗ ben, die Truppen auf ihrem. Lagerplatze zu überfallen, wenn auch nur, um ihr abſcheuliches Geheul hören zu laſſen, Schrecken zu erregen und in der Ueberraſchung des Augenblicks einige Scalps zu erbeuten. Die um die Lagerplätze aufgeſtellten Wachen dürfen ſehr auf ihrer Hut ſein, ſonſt werden ſie beſchlichen und kommen elendiglich um ihr Leben.« Der Häuptling hörte ernſt dieſem Geſpräche zu und veſtätigte die Erzählung des Sergeanten nur durch ein leichtes Kopfnicken. Der Letztere fuhr fort: „Ich bin ſelbſt in dem traurigen Falle, Euch das Schickſal eines jüngern Bruders, der durch einen ſo ver⸗ rätheriſchen, ſchurkiſchen Ueberfall um's Leben kam, mit⸗ theilen zu können. Er diente gleich mir als Gemeiner im 44ten Regiment. Wir lagen damals am Ufer des St. Lorenzſtromes, zwiſchen den Seeen und er ſtand in der Nacht unmittelbar am Waſſer Wache. Wir andern waren kaum hundert Schritte von ihm entfernt und ſahen ihn, fröhlich und wohlgemuth ein Liedchen tril⸗ lernd, auf ſeinem Poſten auf⸗ und abſchreiten. Un⸗ ſer Wachtfeuer brannte und der Mond ſchien hell und klar auf die Umgegend. Wir fürchteten in einer ſo ſchönen Nacht reine Gefahr und legten uns nieder, um ein Stündchen zu ſchlafen. Als wir erwachten, lag 23 mein unglücklicher Bruder ermordet, ſeiner Kopfhaut und ſeiner Waffen beraubt, am Ufer. Indianer hatten ihn trotz unſerer Gegenwart beſchlichen und auf eine ſo grauſame Weiſe umgebracht.« Das iſt doch ſchurkiſch!« zürnte David. Verfolg⸗ tet Ihr den Meuchelmörder nicht?« »Wir fanden keine Spur von ihm,« ſagte der Ser⸗ geant trübe,»und wenn wir eine ſolche gehabt hätten, ſo würden wir unſern Poſten darum nicht haben verlaſ⸗ ſen dürfen. Wir machten am Morgen nach der Ablö⸗ ſung die Meldung von dem Vorfall; das war alles, was geſchehen konnte.« »Das muß ein ſchrecklicher Tag für Euch geweſen ſein,« rief David mitleidig.»Doch ich kenne das Ge⸗ zücht von Jrokeſen aus eigener Erfahrung. Sie haben meinen Hof überfallen und anzubrennen verſucht. Aber ſie haben uns wach gefunden und ich habe ſie bös heim⸗ geſchickt. Wir kamen mit ihnen zum Handgemenge; ſeht!«— rief David, indem er ſeinen Hals entblößte und eine tiefe Narbe zeigte, welche von dort bis auf die Bruſt herablief,—»das iſt eine Wunde, die mir einer von ihnen mit dem Kampfbeil ſchlug. Aber er büßte dafür, denn ich habe ihn, weil ich gerade ohne Waffen war, mit dieſen meinen Händen, erwürgt.« Bei dieſen Worten ſtreckte der athletiſche Landmann ſeine Hände aus; ſie waren ſo derb, muskelkräftig und 24 groß, die ganze Geſtalt des Bauern zeugte ſo ſehr von ungeheurer Stärke und ſein Ausſehen beſtätigte ſo ſehr ſeine einfache, aber ſchreckliche Schilderung, daß dem Indier ein halblauter Ausruf der Ueberraſchung entfuhr und der Sergeant laut ſeine Bewunderung ausſprach. „Mein Vater wird die Mingos ſchlagen, wenn ſie ſich in unſern Weg ſtellen,« ſagte der Häuptling, auf den das entſchieden muthvolle Weſen des Landmannes und ſeine, bei ſo hohem Alter, noch ungeſchwächte Kör⸗ perkraft einen vortheilhaften Eindruck hervorbrachte. „Ja, Häuptling, ich und meine Kinder, wir werden männlich fechten, wenn ſich Gefahr zeigt. Aber vergiß nicht, daß wir nicht aus Kampfluſt durch die Wälder ziehen, ſondern dieſen Weg nur darum wählen, weil wir hören, daß er der Kürzeſte iſt.« „Unkas wird Euch führen,s ſagte der Krieger ruhig; „er wird die Spur Eurer Tritte verwiſchen. Doch laßt Eure Zungen im Walde ſchweigen, denn die Bäume haben Ohren und die Mingos ſind lauernde Diebe. Kein Geräuſch darf unſern Zug verrathen.« „Wir werden Deinem Wort gehorchen, Häuptling,« ſagte David zufrieden; vund willig thun, was Du ver⸗ langſt.« »Gut,« ſprach der Delaware mit lakoniſcher Kürze; »morgen wollen wir aufbrechen.« Bei dieſen Worten erhob er ſich, breitete eine Decke 25 auf die Erde, wickelte ſich in Dieſelbe und überließ ſich der Ruhe, um ſich für den weiten Marſch des folgenden Ta ges und für die damit verbundenen Gefahren zu ſtärken. Auch David und ſeine Söhne fühlten dasſelbe Be⸗ dürfniß. Der Sergeant verſprach, ſie um 2 Uhr nach Mit⸗ ternacht zu wecken und dafür zu ſorgen, daß Eſther und Charles ungefährdet mit dem Fuhrwerk an den Ontario gelangen könnten. Als ſie dieſe beruhigende Verſicher⸗ ung erhalten hatten, überließen auch dieſe Ermüdeten ſich dem erquickenden Schlafe. Zweites Kapitel. Die Reiſe durch die Urwälder. Die Huronen oder Mingos. Das Verſteck am Bache. Der Kampf mit den Mingos. An⸗ kunft auf der Inſel im Oswego. Es war etwa die zehnte Stunde des folgenden Tages, als eine kleine Reiſegeſellſchaft von nur vier bewaffneten Männern durch eine dichte Waldung, die den Abhang eines ziemlich ſteilen Berges bedeckte, vorſichtig hinaufſtieg. Der vordere war ein indiſcher Krieger, die drei übrigen dagegen waren europäiſcher 26 Abkunft. Unſere lieben Leſer werden dieſe Leute aus dem Vorhergehenden hinlänglich kennen gelernt haben; ſie ſehen den Delawaren⸗Häuptling und David Cover mit ſeinen beiden Söhnen vor ſich. Dieſe rüſtigen Männer hatten, angeführt von dem großen Panther, wie der Delaware von ſeinen Stamm⸗ genoſſen bezeichnet wurde, bereits einen tüchtigen acht⸗ ſtündigen Marſch zurückgelegt ohne daß ſie von irgend Jemand bemerkt worden wären. Sie hatten das Ge⸗ birge überſtiegen und erklimmten jetzt einen der letzten bedeutenderen Hügel, welche in größerer Entfernung das Tiefland umziehen, in welchem jene ungeheueren Waſſer⸗ baſſins ſtufenweiſe hintereinander aufgefüllt ſind. Hier wurde der Marſch gefährlich, denn die Gegenden um den Ontario wimmelten von wilden Kriegern und von Tag zu Tag widerhallte die Urwaldung vom ihrem Kampf⸗ geſchrei und dem Krachen ihrer Büchſenſchüſſe. Aus dieſem Grunde verdoppelte der erfahrene Krieger, der den kleinen Trupp anführte, ſeine Vorſicht und als nur noch wenige Schritte nöthig waren, um den Gipfel des Hügels zu erreichen, ließ er ſeine Begleiter ſich im Schatten der Gebüſche lagern und erſtieg den Hügel allein, um von deſſen Spitze die umliegende Gegend mit ſcharfem Auge zu durchſpähen.. Der Sturm hatte den weſtlichen Ahang des Hügels n Bäumen frei gemacht; eine mächtige Windsbraut 27 ſtürzte mehrere Hunderte dieſer Waldrieſen übereinander hin, wie der Schnitter mit der Senſe die Halme auf dem Ackerfeld niedermähet, daß ſie Reihe bei Reihe neben einander hinfallen. Solche durch die Gewalt der Elemente niedergeworfene Waldſtrecken nennt man Windlichtungen; ſie laſſen das Himmelslicht in die dun⸗ keln feuchten Tiefen des Waldes eindringen und bilden recht erfreuliche Unterbrechungen in den ſchauerlich ein⸗ ſamen und einförmigen Forſten. Die Windlichtung, von welcher hier die Rede iſt, war am Abhange des Berges und öffnete dem auf der Spitze Stehenden eine weite Ausſicht über die, die Ebenen bis zu den Seeen bedecken⸗ den Wälder. Als Unkas die Spitze des Hügels erreicht hatte, warf er einen raſchen Blick über die nächſten Umgeb⸗ ungen. Seine Hände hielten die Büchſe zum augen⸗ blicklichen Gebrauch in Bereitſchaft und er horchte mit äußerſter Anſtrengung. Aber kein Laut ließ ſich ver⸗ nehmen als das Rauſchen des Windes in den be⸗ laubten Wipfeln, der ſcharfe Ton einiger Vögel und das eintönige Klopfen des Grünſpechtes, der an den Rinden der gefallenen Bäume ſuchend auf und ablief. Am oberen Rande der Windlichtung hatte der Einfluß des Sturmes Bäume auf Bäume gehäuft. Unkas ſtieg ohne Anſtrengung auf die dürren Stämme, die von der Gewalt des Luftſtromes gebrochen und geſtürzt waren und wie Strohbüſchel durcheinander lagen, während ihre Zweige, welche den Duft der welkenden Blätter noch verathmeten, ſo verflochten waren, daß ſie den Händen eine hinreichende Stütze gewährten. Einer der Bäume war mit den Wurzeln ganz ausgeriſſen und ſein unteres mit Erde bedecktes Ende ſo noch oben gekehrt worden, daß es eine Art von Ruheplatz gewährt. Hier hielt der Deleware inne, ſah nach allen Seiten mit großer Vor⸗ ſicht und ſein ſcharfes auſmerkſames Auge entdeckte nichts, das ein Zeichen von irgend einer drohenden Ge⸗ fahr ſein konnte. Als er ſeine Unterſuchung beendigt hatte, kehrte er auf demſelben Wege zurück, um ſeine Begleiter zu rufen. Mit Freuden folgte ihm David Cover und ſeine rüſtigen Söhne; ſie ſtanden bald auf der natürlichen Teraſſe, wohin ſie der Delaware geleitete und bewunderten mit unverhehltem Staunen eine Natur⸗ ſcene, die ſelbſt für ungebildete Naturmenſchen etwas Tiefergreifendes, Erhabenes hatte. Das Auge ſchweifte über ein Meer von Blättern, prachtvoll und reich in dem manichfachen lebendigen Grün einer üppigen Vege⸗ tation und von den herrlichen Tinten überſchattet, welche die helle Morgenſonne einem ſo ſchönen Gemälde nur geben kann. Die Ulme mit ihrem anmuthigen ſich wiegenden Wipfel, die ſchönen Ahornarten, viele edle Eichen des amerikaniſchen Waldes und breitblätterige Linden verflochten ihre oberen Zweige und bildeten einen 29 unabſehbar ſcheinenden Laubteppig, der ſich gegen We⸗ ſten hindehnte, bis er, ſich mit den Wolken ver⸗ miſchend, den Horizont ſtreifte, wie Wellen und Himmel an der äußerſten Grenze desſelben in einander ver⸗ verſchmelzen. Da und dort ließ eine kleine Oeffnung, welche dem zufälligen Wirken des Sturmes oder einer Laune der Natur beizumeſſen war, unter dieſen rieſigen Gliedern des Waldes einen kleineren Baum gegen das Licht anſtreben und ſeinen beſcheidenen Wipfel faſt ſo hoch emportragen, wie die große grüne Oberfläche rings⸗ um. Dahin gehörten die hier ſehr ſchlanken und hoch⸗ ſtämmigen Birken, die zitternde Espe, manichfache edle Nußbäume. Auch zeigte ſich hie und da auf dem aus⸗ gedehnten Raume der ſchlanke hohe Stamm der Fichte und ſtrebte hoch empor, wie ein großes Monument, das kunſtreich auf einer Blätterfläche errichtet worden. Alle Abſtufungen von Licht und tiefen Schatten ſpielten über dieſer Scene und die weit umher herrſchende feierliche Ruhe ſtimmte das Gefühl zur Ehrfurcht. »Vater,« rief Nichard Cover, der mit inniger Be⸗ wunderung dieſes köſtliche Gemälde überſah,»mich dünkt, in ſolchen Umgebungen könnten wir wohl das vergeſſen lernen, was wir verlaſſen haben.« »Du ſprichſt wie ein Knabe,« entgegnet David ſtreng. »Dieſe Wälder ſind unſere ſchlimmſten Feinde und bergen 30 Gefahren in ſich, denen zu widerſtehen wir kaum im Stande ſein werden.« „Der Häuptling hat geſagt, daß wir von dieſer Höhe den Ontario erblicken würden,« rief der jüngſte Sohn Henry Cover, welcher eine Zeit lange die Schulen in Newyork beſucht hatte und nnter allen zur Familie gehörigen die meiſten Talente und Bildung beſaß. „Wo liegt der See, mein Bruder?« ſprach David zu dem Delawaren, der dieſes ihm bekannte Gemälde mit Ruhe, aber nicht ohne ein Gefühl für deſſen Schön⸗ heit überſah. „Ontario!l« entgegnete Panther mit Nachdruck, in⸗ dem er auf einen leeren Punkt am Himmel, ein wenig über der Blätterfläche zeigte. Seine drei Begleiter folgten ſeiner Hand geſpannt und begierig mit ihren Augen, und dieſe Neugierde be⸗ wieß, daß ſie ſehnlich wünſchten, wenigſtens den Ort oder die Umgebungen ihrer zukünftigen Heimath kennen zu lernen. Aber das, was ſie von dieſer Höhe und aus ſolcher Entfernung ſahen, befriedigte ihre Erwartungen keines⸗ wegs. David äußerte ſeine Verwunderung offen und ſagte: »Man muß mich getäuſcht haben, indem man mir ſagte, dieſer See ſei ſo groß, daß man von dem einen ufer das jenſeitige nicht mehr zu ſehen vermöchte, denn was ſich dort am Horizonte zeigt, iſt eine ſehr unbedeu⸗ tende Waſſerfläche.« 31 Der Delaware blickte ruhig lächelnd auf den Land⸗ mann und verſetzte:»Ontario, wie der Himmel! Nur noch wenige Stunden und mein Vater wird es er⸗ fahren.« In dieſem Augenblick wendeten ſich die drei Anſied⸗ ler mit größerer Aufmertſamkeit nach dem fernen glän⸗ zenden Streifen, der den Himmel begrenzte und betrach⸗ teten denſelben durch die einfache, aber Vertrauen er⸗ weckende Verſicherung ihres Gefährten von neuem In⸗ tereſſe erfüllt, mit Gefühlen freudiger Spannung. Da bemerkte Henry in dem Thale über den Wipfeln der dort ſtehenden Bäume einen feinen Rauch, der ſich im leiſen Winde emporſchlängelte. Der Delaware war hin⸗ abgeſtiegen zur Erde und hatte ſo eben begonnen, ein kleines Mahl an einer dort rinnenden Quelle zu halten. Henry zeigte den Dampf ſeinem Vater und dem Bruder, welche mit nicht geringem Staunen dieſe im dichten Walde ſeltene Erſcheinung betrachteten. „Das miſſen wir dem Häuptling ſagen; er wird uns ziemlich genaue Auskunft darüber geben,« rief David. Ein einziges Wort genügte und bald ſtand der De⸗ leware wieder auf der natürlichen Teraſſe.* »Hier iſt Rauch, Häuptling,« ſprach David, vund wo Rauch iſt, da findet ſich wahrſcheinlich auch ein gaſt⸗ licher Heerd, an dem wir Ruhe und ein Mittagsmahl halten können.« 32 Der Delaware ſtieß die Sylbe»Hugh« aus, als er den Rauch bemerkte, ohne auf die Rede des Anſied⸗ lers zu achten. Sein Auge haftete auf dem Orte und er ſtand eine volle Minute da, auf den Zehen ſich hebend und die Naſenlöcher öffnend, wie der Hirſch, der einen Feind wittert. Dann ſenkte er den Fuß und der leiſe Ruf entfuhr noch einmal ſeinem Munde. Sein Antlitz wurde wieder ruhig und ſein raſches dunkles Auge ſtreifte über das Panorama hin, als wollte er mit einem Blick jeden Umſtand erfaſſen, der ſeinen Geiſt erleuchten könnte. Jetzt ſprach er zu ſeinen Begleitern:»Kommt und haltet Euch ſtill, Feinde ſind in der Nähe.« Dieſe Erklärung machte, da ſie mit ſo großer Be⸗ ſtimmtheit ausgeſprochen wurde, einen tiefen Eindruck auf die Anſiedler. David unterſuchte das Schloß der Flinte, welche über ſeinen Rücken hing und ſeine beiden Söhne beeilten ſich, als ſie unten ſtanden, friſches Pul⸗ ver auf die Zündpfannen ihrer Gewehre zu ſchütten. Aber der Delaware legte ihnen die Hand auf die Schul⸗ ter und ſprach leiſe:»Wollt Ihr Euch mit den Mingos ſchlagen? Ein losgegangener Schuß, ja nur das Ab⸗ fnacken Eurer Flintenhähne— und ſie werden wie eine Meute hungriger blutgieriger Hunde auf unſerer Ferſe ſein. Setzt Euch, eßt und laßt uns ſodann überlegen⸗ was wir thun können, um ihre Wachſamkeit zu täu⸗ ſchen.« 55 Sein Wille wurde befolgt, denn, obwohl David und ſeine Söhne weit entfernt waren, Furcht vor den Wilden zu äußern oder zu empfinden, ſo hatten ſie doch keineswegs Luſt, ſich mit einer ungeheuern Ueberzahl derſelben in einen Kampf einzulaſſen, der unmöglich zu ihren Gunſten ausfallen konnte. Sie machten ſich deshalb ſtill daran, ihr Mittagsmahl, das aus Brod und einem Stückchen geräuchertem Fleiſche beſtand, zu verzehren und die Duelle lieferte ihnen dazu das geſundeſte und zuträglichſte Tiſchgetränk. Als das Mahl vorüber war, ergriff der Häuptling ſeine Waffen, ſetzte ſich David Cover gegen⸗ über und ſprach: »Mein Vater, es gibt von hier aus zwei Wege nach der Garniſon am Ontariv, einen zu Waſſer auf dem Oswego⸗ ſtrome und einen andern zu Lande. Der letztere iſt der kürzere; aber dort ſind Mingos, die den Reiſenden auf⸗ lauern. Der Oswego iſt dagegen eine gute Fahrſtraſſe.« »Werden wir dort keine Indier antreffen?« fragte David. »Die Mingos ſind hungernde Hunde,« rief der De⸗ laware verächtlichz und leiſe, vaber ſie können nicht ſchwimmen, wie die Fiſche.« »So meint mein Bruder,« erwiederte David,»daß der Weg zu Waſſer beſſer ſei, als der zu Lande?« »Welchen willſt Du wählen, Vater?s fragte der Delaware entgegen. 2 3 „Ich verlaſſe mich ganz auf Deine Geſchicklichkeit und Erfahrung, mein Bruder,« antwortete David über das beſcheidene Benehmen dieſes ausgezeichneten Kriegers erſtaunt,»denn ich bin hier unbekannt und weiß den Ge⸗ fahren, die uns etwa drohen, nichts entgegenzuſetzen, als Muth und Geſchicklichkeit im Gebrauche meiner Büchſe.« »Gut,« ſagte der Indier kurz und ſah erwartungsvoll auf Davids Söhne, die dem Geſpräch zwar mit geſpannter Aufmerkſamkeit zuhörten, aber viel zu ſehr an Zurückhal⸗ tung gewöhnt waren und zu viele Achtung vor ihrem Vater empfanden, als daß ſie deſſen Geſpräch mit einem Fremden unterbrochen und nicht ſtillſchweigend angehört hätten. Als David bemerkte, daß ſeine Söhne erſt auf ſeine Erlaubniß warteten, reden zu dürfen, ſprach er liebreich:»Was meint Ihr, Kinder 26 „Ich denke, wir wollen den Häuptling dafür ſorgen laſſen, daß wir unbemerkt nach dem Fort kommen. Sollte der Weg zu Waſſer gewählt werden, ſo kann ich von Nutzen ſein, denn ich beſitze Erfahrung, ein Bvot oder Rindenkanot zu führen und rudernz« ſagte Richard. „Und Du, Henry?« ſagte der Vater, der auf die Meinung ſeiner Söhne kein geringeres Gewicht legte, als auf ſeine eigene. „Ich denke, wie mein Bruder und kann, wenn ich auch ſeine Geſchicklichkeit nicht beſitze, doch kräftig den Riemen(das Ruder) handhaben.« 35 »Gut,« rief der Delaware, als er ſich durch einmüthi⸗ gen Beſchluß ſeiner Gefährten zu ihrem Führer ernannt ſah; folgt mir, ſeid vorſichtig und thut alles, was ich vornehme.« Hierauf erhob er ſich, ſchritt den Hügel wieder hin⸗ ab in das Thal, woher ſie gekommen waren. Hier floß ein kleiner Bach, der mit dichten Gebüſchen eingefaßt war. Der Delaware gebrauchte die Vorſicht, auf den⸗ ſelben Spuren, die ihre Tritte im weichen Graſe zurück⸗ gelaſſen hatten, rückwärts bis zum Rande des Baches zu gehen. David Cover, der einige Erfahrung in den indiſchen Vorſichtsmaßregeln beſaß, erklärte ſeinen Söh⸗ nen während, ſie auf gleiche Weiſe rückwärts ſchritten, daß, falls nun auch die Mingos ihre Spur finden ſoll⸗ ten, ſie über die Anzahl derer, die hier gegangen waren und über die Richtung ihres Weges von der Spitze des Hügels aus in Ungewißheit blieben. Dieſe Abſicht ſuchte der Delaware auch wirklich zu erreichen. Als er an dem Ufer des Baches ſtand, bog er die Zweige vorſich⸗ tig auseinander, ſtieg in das Waſſer und befahl ſeinen Gefährten, es eben ſo, wie er zu machen. Bald befand ſich die kleine Geſellſchaft in dem nur 1—2 Fuß tief ſtrömenden Gewäſſer und folgten dem Delawaren, der gegen Süden in demſelben weiterſchritt. kach Verfluß einer halben Stunde erweiterte ſich das Bett des Baches, das Waſſer nahm an Tiefe zu und 3 konnte nur — 36 noch am Rand desſelben gehen. Noch eine ſtarke Krümmung wurde zurückgelegt und plötzlich glänzte den Wanderern der breite prachtvoll von der Mittagsſonne erleuchtete Spiegel eines Stromes entgegen. „Hugh!« rief der Häuptling,»der Oswegv.« Dann zeigte er lächelnd hinter ſich auf den Bach und ſprach:»Das Waſſer bewahrt keine Spur. Die Min⸗ gos ſind Hunde, aber ſie werden uns nicht finden.« „Das haſt Du klug gemacht, mein Bruder,“ ſprach David, vund nun ſollten wir nur ein tüchtiges Kanot haben, dann würden wir wahrſcheinlich bald und wohl⸗ behalten an Ort und Stelle ſein.« „Das Bovt iſt hier,« rief der Delaware, indem er einige Zweige aufhob, welche ein zierlich geformtes Ka⸗ not ſo vollſtändig verborgen hatten, daß David es hätte mit der Hand erreichen können, wenn er von deſſen Lage unterrichtet geweſen wäre. Unfas ſchlüpfte in das Verſteck und forderte ſeine Begleiter auf, ein Gleiches zu thun. Es war ein klei⸗ ner Einſchnitt in das Ufer und eine beſſere Stelle für den Zweck der Reiſenden, als diejenige, welche ſie nun inne hatten, konnte unmöglich gefunden werden. Das Gebüſch war dicht, überhing das Waſſer und bildete ein vollſtändiges Laubgewölbe. An dem Rande der kleinen Bucht war ein ſchmaler, kieſiger Strand, und auf dieſen hieß der Delaware ſeine Gefährten ſich tie derſetzen und ſeiner warten. Er ſelbſt verließ das Ver⸗. ſteck, um die Umgebungen des Stromes zu unterſuchen. Binnen einem Augenblick hatten die Cover's ihren indiani⸗ ſchen Gefährten aus den Augen verloren und befanden ſich nun allein mitten in den Wildniſſen der amerikaniſchen Urwaldungen. Eine geraume Zeit verfloß in größeſter Stille; end⸗ lich, als ſchon mehr, als eine Stunde verfloßen war, machte ſich bei David Cover das Bedürfniß nach Mit⸗ theilung geltend und er ſprach leiſe zu ſeinen Söhnen: »Wo nur der Delaware bleiben mag 2« »Er iſt vorſichtig, Vater,« entgegnete Richard,»und wird ſich ſorgfältig umſehen, ob wir den Fluß ohne Ge⸗ fahr hinabfahren können.« »Mag ſein,« antwortete David, vaber ich überlegte ſo eben, ob es nicht am Ende doch ſicherer geweſen wäre, dem Regimente zu folgen, als uns von Eſther und Charles zu trennen. Ueberdies flößt mir die lange Abweſenheit unſeres indianiſchen Gefährten keine gerin⸗ gen Beſorgniſſe ein.« »Ich vertraue dem Delawaren unbedingt, Vater,« ſagte Henry. Er iſt ein ſehr edler Krieger und ich würde ruhig unter ſeinem Schutze ſchlafen, obwohl ich ihn nur wenige Stunden erſt kenne.« »Ja, alle jungen Leute, die, wie Du, ein vffenes Herz haben, denken an keinen Betrug und halten es 38 für unmöglich, daß die Menſchen einander um elendes irdiſches Gut, oder um noch viel nichtswürdigerer Ur⸗ ſachen willen verrathen und hinopfern könnten. Aber ich kenne die Welt beſſer und beſonders dieſes blutgierige in⸗ diſche Geſchlecht. Es kommt nur darauf an, daß ſeine Leidenſchaften geweckt, oder ſeine Begierden entflammt werden, dann ſind ſie zu den größten Unthaten aufgelegt.« „Ich denke, Vater,« ſprach Richard,»der Delaware macht in dieſer Beziehung eine Ausnahme. Er ſcheint mir ein ſehr treuer und tapferer Freund zu ſein und ſteht bei den Offizieren der Garniſon in gutem Anſehen. Auch würde der Sergeant ihn uns nicht zum Führer empfohlen haben, wenn er nicht gewußt hätte, daß der Häuptling ein ſolches Vertrauen verdiente.« »Wohl,« ſprach David,»ich bin nicht abgeneigt, ihn für einen redlichen Mann zu halten und was er bisher für uns gethan hat, iſt ſolcher Art geweſen, daß es dazu beitragen konnte, meine gute Meinung von ihm zu befeſtigen. Wir werden ſehen,« fuhr er leiſe fort, »es wird ſich bald zeigen.« 8 „Hörtet Ihr nichts?« rief Henry, den Kopf rück⸗ wärts neigend. Die Verborgenen lauſchten angeſtrengt und vernah⸗ men das leiſe Geräuſch, welches ein Menſch verurſacht, der durch das Waſſer gehet. Richard trat vorſichtig in das Canot, das am äußerſten Rand der Gebüſche 39 ſchwamm und ſah durch die belaubten Zweige, welche bis zum Spiegel des Waſſers niederhingen hinaus auf die freie Oberfläche des Baches. Dieſer ergoß ſich hier in den Strom und hatte ſein Bette bis zur Weite von etwa fünf und zwanzig Fuß ausgeſpühlt. In der Mitte ſchien das ruhige Gewäſſer von ſo bedeutender Tiefe zu ſein, daß es einem Menſchen unmöglich war, dasſelbe zu durchwaten. Das gegenüberliegende Ufer war flacher und mehr von Geſträuchen entblößt, als das diesſeitige. Richard ſah nach dem Strome, der ganz in der Nähe vorüberrauſchte. Jetzt warf er ſeine Blicke auf das an⸗ dere Ufer und ſchrack ſichtbar zuſammen. Doch nur vorübergehend war dieſe Bewegung bei dem muthvollen Jüngling; dann machte er dem Vater und dem Bruder ein Zeichen, ſich ganz ſtill zu verhalten und wies dabei nach dem Orte, woſelbſt ſich der Gegenſtand befand, der ihm ſo viele Beſorgniße einflößte. David und Henry erhoben ſich geräuſchlos und blickten durch die Blätter. Da ſtand ihnen gegenüber ein fremder Indianer, den der Vater ſogleich an der Bemalung*) als einen Hurv⸗ nen erkannte. In dieſem Augenblick kamen noch meh⸗ rere zu ihm und ihre Anzahl wuchs bis zu zehn Man⸗ *) Die Indianer pflegen ihren meiſt nackten Körper mit verſchiedenen Farben zu bemalen. Man erkennt daran, welcher Nation angehören u. ſ. w. 40 nern an. Alle waren bewaffnet und hielten die Büchſen zum augenblicklichen Gebrauche bereit. Sie ſchienen in der Verfolgung begriffen zu ſein und einer unter ihnen, der ſich durch eine bedeutende Größe und Stärke aus⸗ zeichnete, ertheilte den andern Befehle. Dieſer unerwar⸗ tete Anblick wirkte mächtig auf David und ſeine Söhne. Die leuchtenden Augen der Wilden irrten an ihrem Ver⸗ ſteck vorüber, ſie begegneten den Blicken der Verborge⸗ nen; aber die im Verſteck herrſchende Dunkelheit und das dichte Blätterdach geſtattete den Huronen nicht, die dort Befindlichen zu ſehen, während dieſe den Vortheil genoſſen, alles außen Befindliche ganz gut wahrnehmen zu können.« In dieſem Moment fühlte Richard einen leiſen Schlag auf die Schulter, wendete ſich erſtaunt um und erkannte den Delawaren, der, in der Linken die geſpannte Büchſe haltend, mit dem Zeigefinger der Rechten den Mund bedeckte und ihm dadurch andeutete, ſich ganz geräuſchlos zu verhalten. Jetzt bemerkten David und Henry auch den Delawaren, aber es war ihnen ein völ⸗ liges Räthſel, auf welche Weiſe es ihm möglich gewe⸗ en war, das Verſteck unbemerkt zu erreichen. Der Häuptling gab ihnen mit vollkommener Ruhe durch Zei⸗ chen den Befehl, ihre Büchſen zum Gebrauch bereit zu halten und durch keinen Laut ihre Gegenwart zu ver⸗ rathen. Dann legte er ſich, wie eine Schlange, im Ge⸗ 41 büſch auf die Lauer. Richard knicete im Kahne und David und Henry ſtanden bis an den Gürtel im Waſ⸗ ſer. Es war ein athemloſer Augenblick.— Die Huronen waren augenſcheinlich unentſchloſſen. Die einen zeigten den Bach hinauf, die andern den Fluß hinab; wieder andere wollten dem Strome folgen und traten, die Büchſen über ihren Köpfen haltend, in das Waſſer des Baches, das ihnen bald bis an die Bruſt reichte. Ihre Gebehrden gaben den Verborgenen deutlich genug zu erkennen, daß ſie in der Verfolgung begriffen waren und die Zeichen, die den Huronen in der Wuth über ihre getäuſchte Erwartung entfuhren, ſprachen deutlicher, als Worte, ihre Begierde aus, einem gehaßten und gefürchteten Feind das Leben zu rauben. Jede Bewegung vermeidend, kaum Athem holend vor Spannung, lauerten die vier Männer in ihrem Ver⸗ ſteck. Es war ſo wenig Hoffnung vorhanden, daß die⸗ ſes dünne Laubdach ſie vor den alles durchſtöbernden Händen ihrer zahlreichen, ſchlauen und blutgierigen Ver⸗ folger ſchützen könnte, daß ſie ſich feſt auf eine nach⸗ drückliche Vertheidigung gefaßt machten und im Falle der Entdeckung ihr Leben ſo theuer, als möglich verkau⸗ fen wollten. Der Delaware dachte an ähnliche Dinge. Seine Büchſe lag geſpannt auf ſeinen Knieen und er war damit beſchäftigt, den Tomahawk(das Beil der Wilden) und das Meſſer locker zu machen, ohne daß er 42 darum ſeine gehaßten Feinde einen Augenblick aus dem Auge verloren hätte. Sein Benehmen war wundervoll ruhig und gefaßt und ſein edles ſprechendes Antlitz ver⸗ rieth nicht im Mindeſten die ſtürmiſchen Gedanken, welche in dieſem kritiſchen Augenblick ſeine ſtolze, muthige Seele durchzogen. Der Häuptling der Jrokeſen, Huronen oder Mingos, wie die am gegenüberliegenden Ufer verſammelten wil⸗ den Krieger vielnamig genannt wurden, hatte endlich ſeine Gefährten alle um ſich verſammelt und es gelang ihm, ſie von ſeinen Anſichten zu überzeugen. Sie durch⸗ ſchwammen den Bach und hielten nun an dem diesſei⸗ tigen Ufer. Hier theilten ſie ſich in zwei Haufen; der eine ſchritt aufwärts im Bette des Baches, um dieſen zu durchſuchen, der andere ging längs dem Ufer des Stromes hin, um auch hier die begonnenen Nachforſch⸗ ungen fortzuſetzen, Dieſe Veranſtaltung wurde ſo ſehr in der Nähe der Verſteckten getroffen, daß ſie jedes leiſe geſprochene Wort vernehmen konnten. David verſtand die Mundart der Huronen hinlänglich und ſah mit Stau⸗ nen, daß ſie ſeinen Gefährten kannten und auch davon unterrichtet waren, daß dieſen drei Anſiedler auf ſeinem Zuge nach dem Fort begleiteten. Jetzt kamen zehn Hu⸗ ronen an dem Verſteck vorüber; ihre nackten Körper ſtreiften das Gebüſch, doch die Vorſehung lenkte es, daß ſie hier an der Mündung des Baches ganz in ihrer Nähe die geſuchten Feinde nicht vermutheten. Sie gin⸗ gen vorüber und die Verborgenen athmeten leichter. Etwa einige Minuten lag der Delaware noch ruhig und wartete erſt eine größere Entfernung der Verfolger ab. Dann ſchob er die Gebüſche vorſichtig bei Seite und durchſpähte die nächſten Umgebungen— ſie waren leer, die Huronen aufwärts im Bette des Baches ver⸗ ſchwunden. Jetzt trat er herein, befahl ſeinen Beglei⸗ tern, das Canot zum Gebrauch bereit zu halten und ihn zu erwarten, dann kroch er geräuſchlos, wie eine Schlange durch das Gebüſch am Ufer, um den dort ſuchenden Huronen nachzuſpüren. Er entdeckte nichts und kehrte zu dem Verſteck wieder zurück, um das Canot durch die Gebüſche in das Freie zu ſchieben und den Ort, ſo ſchnell, als möglich zu verlaſſen, als ihn plötzlich ein warnendes Zeichen des noch immer durch die Blätter lauſchenden Richard auf eine neue Gefahr aufmerkſam machte. Beſonnen kauerte ſich der Häuptling nieder. Ein Huronenkrieger hatte ſich an der äußerſten Ecke der Bachmündung im Schilf verborgen und mit ſeinem Ohr das durch das Einlegen der Ruder entſtandene leiſe Geräuſch gehört. Er verließ ſeinen Ort und kam, die Zweige überall zur Seite biegend, allmählig dem Verſteck näher. Der Delaware ſah ihn, faßte den To⸗ mahawk mit feſtem Griff und erwartete den Augenblick zum Handeln mit Beſonnenheit und Feſtigkeit. Der Hurone kam heran, drückte das Gebüſch zur Seite, entdeckte das Verſteck, trat herein und bemerkte jetzt plötzlich die Verborgenen, deren Geſtalten, ſo vielen lebloſen Statuen ähnlich, ſeinen Blicken begegneten. Der leiſe Ausruf, das kaum bemerkliche Zurückfah⸗ ren und das glühende Auge waren kaum gehört und geſehen, als Unkas Arm erhoben und der Tomahawk des Delawaren auf den nackten Schädel ſeines Feindes mit dumpfem Schlage zerſchmetternd niedergefallen war. Der Hurone erhob ſeine Hände in wahnſinnigem Schmerz, ſprang inſtinktartig zurück und ſtürzte in das Waſſer. Aber der Delaware war ſchneller, als er, ergriff ihn bei dem Schopfe, ſchnitt die Kopfhaut auf einen Zug mit dem blitzenden Scalpiermeſſer los und riß das theure Siegeszeichen vom Haupte des Sterbenden. Alles dieſes war das Werk weniger Augenblicke und die Vorgänge waren ſo raſch, plötlich und uner⸗ wartet, daß David und ſeine Söhne, welche weniger an das Kriegsleben in den Wäldern gewöhnt waren, kaum wußten, wie ſie ſich dabei verhalten ſollten. Der Delaware ergriff das Canot und rief:»Schnell, ſteiget ein, es iſt kein Augenblick zu verlieren. David und ſeine Kinder begriffen das wohl und kaum ſchwamm das leichte Fahrzeug, ſo begannen die beiden rieſigen Söhne des Pflanzers, mit Macht und Geſchicklichkeit zu rudern. Der Delaware ſprang in den Kahn und ſetzte ſich hinten nieder, um denſelben zu lenken. Als ſie den Strom erreichten, ſprach er zu David, der, die Büchſe in der Hand in der Mitte des Canots knieete.⸗ »Iſt mein Vater ein ſicherer Schütze?« »Ich führe das Gewehr ſeit vierzig Jahren, Sohn, und werde meine Schuldigkeit thunz« entgegnete der Pflanzer. »Gut,« rief der Indier,»mein Vater mag das Feuer der Huronen erwiedern; wir andern wollen ſorgen, daß wir bald aus dem Bereich ihrer Kugeln kommen.« »Werden ſie uns entdecken können?« ſprach der Anſiedler ernſt, indem er ſeine Büchſe und die der an⸗ dern unterſuchte und zum Gebrauch bereitlegte. »Hugh, dort!« ſagte der Delaware,»ſie ſehen uns noch nicht, die Huronen ſind blinde Hunde.« Er hatte noch nicht ausgeredet, als ein entſetzliches Geſchrei und Geheul durch den Wald tönte, das David und ſeinen Kindern alles Blut zum Herzen zurücktrieb. Es war, als ob alle Geiſter der Hölle ringsum die Luft erfüllten und ihre barbariſche Wuth in den wildeſten Tönen ausſtrömen ließen. Zugleich krachten ein Dutzend Schüſſe vom Ufer her; das Waſſer ſpritzte empor von den einſchlagenden Kugeln und Trümmer vom Holzwerk des Kahnes, der auf mehreren Punkten getroffen worden war, flog der Luft umher. Der Delaware antwortete Kriegsgeſchrei mit mit dem Kampfrufe 46 ſeiner Nation, der wo möglich noch grauſenhafter über die Stromfläche hinüber tönte. Die Huronen riefen laut mit Wuthgeheul den gefürchteten Namen, den er trug und die Bäume im Walde wiederhallten tauſendfach das Wort»der Panther l« David nahm nun ſeine Flinte zur Hand und bat, das Canot etwas ruhiger zu halten. Es war jetzt in der Strömung und ſchoß raſch genug dahin, des Ruders nicht mehr bedürftig. Da krachte der Schuß und augen⸗ blicklich folgte das Todesgeheul vom Ufer. Ein Hurone kämpfte ſterbend in den Fluthen. Die Strömung war ſo raſch, daß ſie, ehe die Hu⸗ ronen wieder laden konnten, das Kanot aus dem Bereich ihrer Schüſſe brachten. Ihr Wuthgeheul über das glück⸗ liche Entrinnen ihrer Feinde ſchallte den Schiffenden nach; aber binnen einer Viertelſtunde war der wüthende Haufe hinter einer Krümmung des Stromes verſchwun⸗ den. Doch eine Gefahr anderer Art erwartete jetzt die Flüchtenden. Sie waren in eine Strömung gerathen, welche durch einen Sturz des Fluſſes über Felſen und an höheren Felſen verurſacht wurde. Schon hallte der Donner des Falles über die ſich im Wind beugenden Wipfel herüber und David erinnerte den Delawaren, daß es Zeit ſein möchte, am Ufer zu landen, da man einem Catarakt zutreibe. Der Häuptling drehte durch eine 47 Ruders das Canot nach dem gegenüberliegenden Ufer. Aber plötzlich hatte er einen Gedanken, dem gemäß er dem Boot wieder die frühere Richtung gab. Dann ſagte er ruhig zu David. »Fürchte nichts, Vater. Wir dürfen nicht landen am Ufer; die Wälder ſind voll Huronen. Wir müſſen das Fort bei Nacht zu erreichen ſuchen und wir wollen die übrige Zeit des Tages an einem Orte zubringen, woſelbſt wir vor dem Angriff der Mingos ſiher ſind und ihre Wuth verlachen können.« Das Bovot ſchoß nun, von dem Delawaren allein gelenkt, raſch im mächtigen Zuge der Strömung dahin. Die Ufer des Oswego erheben ſich an dieſer Stelle und werden durch Felſen eingeengt. Nach einiger Zeit ſprach der Delaware: »Haltet Euch ruhig und wendet Euch, um zu ſehen, wohin ich Euch führe.« Mitten im Strome zeigten ſich jetzt Felſenmaſſen, welche ſeinen Lauf aufzuhalten ſchienen. Zu ihren beiden Seiten rauſchten die Fluthen wild vorüber, doch rechts wildwogend und ungeſtümm, links dagegen ohne Brech⸗ ung der Wellen. Der Felſen bildete eine weite Bruſt⸗ wehr gegen den Strom. Baumſtämme, die derſelbe mit ſich führte, lagen dort aufgehäuft und zeigten die Stelle genau an, wo ſich die Waſſer theilten und der Lande⸗ platz war. Es gehörte eine ungewöhnliche Geſchicklichkeit 48 dazu, ſo zu rudern, daß der Kahn gerade auf jenen Punkt zutrieb, ohne von einer der Strömungen dahin⸗ geriſſen zu werden, oder am Felſen zu zerſchellen. Denn, rochts getrieben, wurde der Kahn von den wüthenden Brandungen verſchlungen und linls möchte der ſchwindel⸗ ſchnelle gewaltige Waſſerzug alle Bemühungen, anzulan⸗ den, zur Unmöglichkeit gemacht haben. Vertrauend auf die Geſchicklichkeit des Delawaren, ſaßen die Männer ruhig. Erſt ganz in der Nähe des drohenden Felſens beſchrieb plötzlich der Kahn eine raſche Bewegung auf ſeinem Kiel, wodurch der Delaware, der bisher hinten geſeſſen hatte, vorne hinkam und dem Fel⸗ ſen der Nächſte war. Gedankenſchnell ſprang er aus dem Fahrzeuge, ſank aber kaum bis an den Gürtel ins Waſſer, ergriff das ſchwankende Canot und zog es gegen den Felſen, wo es von dem Strome feſt angedrückt wurde. Das alles geſchah ſo ſchnell und plötzlich, daß den im Kahne ſitzenden Hören und Sehen verging und ſie nicht wußten, wie ihnen geſchah. Lächelnd ſprach der Delaware:„Wir ſind zur Stelle; helft mir, das Canot über den Felſen tragen.« Ietzt erholten ſich die kräftigen Männer. Mit ihrer Hilfe wurde das Kanot über die Fläche der Felſen ge⸗ bracht. Plötzlich zeigte ſich links an demſelben eine Oeff nung, die kaum ſichtbar war, wenn man nicht unmittel⸗ bar vor ihr ſtand. Sie war aber breit und hoch genug, um 49 einem Mann den Durchgang zu geſtatten und führte zu einer Höhle, deren Inneres wir im nächſten Kapitel kennen lernen werden. Der Kahn wurde zwiſchen vor⸗ ſpringenden Felſenmaſſen verſteckt und der Delaware lud ſeine Begleiter ein, das Innere der Grotte zu betreten. Bald waren die vier Männer dort verſchwunden. Aber ihr Eintritt war nicht unbemerkt geblieben. Am gegenüberliegenden Ufer erhob ſich aus dem die Fel⸗ ſen bedeckenden Gebüſch das Haupt eines Huronen, der mit vor wilder Freude leuchtenden Augen die Ankunft unſerer Freunde beobachtet hatte. Er überſah die Lage des Felſens und die zu ſeinen Seiten hinſtürzenden Stromarme. Als er die Gelegenheit genau erkundet hätke, wendete er ſich und verſchwand raſch im Dunkel des Waldes, um ſeinen blutgierigen Gefährten dieſe ſo ſehr willkommene Nachricht zu überbringen. 50 Drittes Kapitel. Der Ueberfall der Huronen. Glücklicher Ausgang eines gefähr⸗ lichen Kampfes. Die Fahrt über den Waſſerfall. Der Ontario und die Garniſon an ſeinem Ufer. Mit großer Geſchicklichkeit machte Unkas Feuer an und bald beleuchtete ein heller Strahl die rauhen, aber ausgeſchliffenen Felſenmaſſen, welche die Höhle bildeten und David und ſeine Söhne betrachteten mit großer Verwunderung das merkwürdige Gebäude, das die Natur hier, mitten in dem Fluthbette eines reißenden Waſſerfalles, errichtet hatte. Der Delaware beendete jetzt ſein Geſchäft und bemerkte die Neugierde ſeiner Begleiter. Er ergriff einen brennenden Tannenaſt und hob ihn in die Höhe, um die Decke der Höhle zu be⸗ leuchten. Die Grotte war ſo regelmäßig, wie ein von Menſchenhand ausgeführtes Gewölbe und die jungen Covers äußerten laut ihre Bewunderung. Jetzt hob der Indier eine bisher von ſeinen Begleitern unbemerkt ge⸗ bliebene Decke auf, und zeigte ihnen, daß die Höhle einen zweiten Ausgang habe. Er ging ſodann mit ſei⸗ ner Fackel durch eine Art Felſenſpalte, welche jedoch oben offen war und nur den freien Himmel zum Dache hatte; ſie führte in eine kleinere Höhle, welche der er⸗ „ 3 S1 ſteren ungefähr ähnlich war und eine Menge verſchie⸗ dene Geräthe enthielt. Dieß bewieß, daß dieſer Ort außer Unkas noch Mehreren bekannt ſein mußte. David konnte ſich nicht enthalten, den Delawaren darüber zu befragen, ſobald ſie in die vordere Höhle zurückgekehrt waren. Unkas antwortete: »Dieſe Höhle iſt der Sammelplatz meiner Krieger. Hier treffen wir uns, wenn wir nach Kriegs⸗ oder Jagd⸗ zügen uns wieder zuſammenfinden wollen.« Das iſt ein gutgewählter Platz für wenige Krieger und leicht zu vertheidigen,« ſagte Henry. Aber er faßt nicht viele Leute und Deine Begleiter können demnach nicht zahlreich ſein.⸗ Unkas antwortete dadurch, daß er die Finger an ſei⸗ nen beiden Händen ausſtreckte und deutete damit an, daß der Trupp, welcher unter ſeinem Befehl ſtehe, nur zehn Krieger zähle. »Wo ſind aber jetzt Deine Begleiter, Häuptling 2* fragte David. »Sie ſind den Huronen auf der Ferſe, Vater!« ent⸗ gegnete der Indier ſtolz. »Das iſt aber ein gefährliches Unternehmen, in ſo geringer Anzahl gegen einen weit ſtärkeren Feind aus⸗ zuziehen.« »Die Huronen ſind Weiber, die Delawaren Män⸗ ner!s rief Unkas verächtlich. „Ja, wenn ſie alle Dir gleichen, mein Sohn,« rief der alte Cover,»ſo ſind es achtungswerthe Leute, aber ſie werden darum gegen die Ueberzahl ihrer Feinde we⸗ nig ausrichten, denn viele Hunde, ſagt das Sprichwort, ſind des Haſen Tod!« Der Indier war zu ſtolz, auf dieſe Bemerkung etwas zu antworten und ſetzte ſich ohne viele Umſtände nieder, um an dem einfachen Abendmahle Theil zu neh⸗ men, das Henry auf der Erde ausgebreitet hatte. Alle machten ſich jetzt ſchweigend daran, und ſtillten ihren Hunger, welcher durch den weiten Marſch und die An⸗ ſtrengungen der letzten Stunden nicht wenig erregt war. Als das Mahl geendet war, wurden die übrigen Stunden des Tages der Ruhe gewidmet. Nach Unter⸗ gang der Sonne ſprach der Delaware zu David: „Schlummre, Vater! ehe der Tag graut, müſſen wir aufbrechen. Ich will wachen und einer von den jungen Männern ſoll hier bleiben und ſich munter erhalten.« Sogleich erbot ſich Richard zu dieſem Dienſte. David und Henry legten ſich nieder, um wenige Stun⸗ den dem Schlafe zu widmen. Der Delaware verſchwand und erreichte bald einen Punkt auf dem Felſen, der mit Gebüſch umkränzt war und hier ließ er ſich nieder, um die Umgebungen zu beobachten. Sein ſcharfes Auge irrte über die Felſenmaſſen am ufer des Stromes hin, welche hell vom Monde beſtrahlt wurden. Aber nichts E 53 Gefährliches war zu erſpähen. Gegen Mitternacht ſtand der Mond faſt ſenkrecht am Firmamente und beleuchtete die Gegend mit großer Klarheit. Da ertönte plötzlich in der Nähe das widrige Geheul einer Schaar von Wiölfen, das ſich einige Minuten lang fortzog, bis es in den Wäldern verhallte. Bei dieſem Tone horchte Unkas, wie der Hirſch, der den Jäger wittert und ver⸗ doppelte ſeine Aufmerkſamkeit. Bald zeigte es ſich, daß ſeine Vermuthung, die Raubthiere möchten durch einen Trupp von Indiern verſcheucht worden ſein, nicht unge⸗ gründet war, denn am rechten Ufer des Fluſſes erſchie⸗ nen zwiſchen den Gebüſchen einige dunkle Geſtalten, von denen eine ſehr lebhaft geſtikulirte und auf die In⸗ ſel deutete, woſelbſt ſich Unkas mit ſeinen Begleitern befand. Als das der Delaware bemerkte, zog er ſich vorſichtig im Gebüſch kriechend gegen die kleine Schlucht zurück, welche die beiden Höhlen mit einander verband und ſuchte von hier aus die Anzahl und die Abſichten der im Walde Befindlichen zu erſpähen. Bald ſah er den ganzen Trupp im Mondſchein beiſammen ſtehen; es waren acht Wilde und als jetzt einer von ihnen ſeine Geſtalt dem Mondſchein ausſetzte, erkannte er ſie an der Bemalung,— es waren ſeine bitterſten Feinde, die Huronen. Unkas ließ ſich jetzt an den Felſen hinab, ſo weit er mit den Füßen reichen konnte, gelangte auf dieſe. Weiſe gefahrlos bis auf die ebene Erde und trat in die Höhle, woſelbſt er ſeine ſämmtlichen Begleiter, den Wächter nicht ausgenommen, in tiefem Schlafe fand. Einen Augenblick überſah er die Gruppe, dann berührte er David leicht an der Schulter. Der Pflanzer richtete ſich ſogleich auf und ſah den Delawaren erwartungsvoll an. »Hugh!« rief Unkas,»die Huronen ſind nahe. Mein Vater mag ſich zum Kampfe rüſten!« »Wo? wo ſind die Schurken?« rief der ſtarke mu⸗ thige Landmann, indem er nach der Flinte griff. „Stille!« ſagte Unkas. Der Fluß trennt ſie von uns; aber ſie werden kommen. Will mein Vater kämp⸗ fen, oder mit ſeinen Söhnen den Fluß hinab fahren, ehe ſie an's Ufer der Inſel gelangen?« ch ziehe das Letztere vor, wenn es ſein kann!« rief der Pflanzer. „Das Waſſer iſt ſehr reißend und die Fahrt über den Fall hinab bei Racht gefährlich. Drüben können auch Huronen ſein!« „So wäre es beſſer, die Sache hier mit ihnen ab⸗ zumachen?« fragte David, der ſich unbedingt auf die Einſicht ſeines Gefährten verließ. „Wenn mein Vater kämpfen will!« ſagte Unkas. „Ich fürchte das Waſſer mehr, als die Huronen!“ ſagte der Pflanzer. »Gut!s rief der Indier,»wecke Deine Söhne.« Die jungen Leute ſprangen munter auf und hörten ohne Zeichen von Unruhe, daß Gefahr in der Nähe ſei. Der Indier führte nun ſeine Begleiter durch den Ein⸗ gang der Höhle hinaus ins Freie. Hier hatten einige kleine Zwergſichten auf Felſenblöcken Wurzel gefaßt und bildeten ein Gebüſch, welches ſie trefflich verbarg und hier hieß ſie Unkas Platz nehmen, die freie Inſel beob⸗ achten und ſich zum Kampfe rüſten. Er ſelbſt ging wieder durch die Höhle, nachdem er ihnen eingeſchärft hatte, keinen Schuß zu thun, ehe er zu ihnen zurückkäme, möchte auch vorfallen, was da wollte. Bald darauf hatte er wieder ſeinen Standpunkt oben auf der Spitze der Felſen eingenommen, wo er alles ganz gut ſehen konnte, was an beiden Ufern vorging. Jedoch die Hu⸗ ronen ſchienen den Tag abwarten zu wollen und es verging die Nacht, ohne daß ein anderer Laut, als das Getöſe des Waſſerfalles die feierliche Ruhe der Natur unterbrochen hätte. Jetzt brach der Morgen an und nun erhellten ſich auch die düſtern Schatten des Waldes. Aber nirgend war es möglich, einen der Huronen zu ſehen. Da verlor Henry Cover die Geduld; er erhob ſich und überblickte das nächſte Ufer, um dasſelbe zu durchſpähen. Als er keinen Feind dort bemerkte, ſtand er auf und ſeine kraft⸗ volle Geſtalt ragte bedeutend über die niederen Gebüſche 56 weg. Kaum war dieſe unvorſichtige Handlung vollbracht, als ein halbes Dutzend Flintenſchüſſe knallten und der junge Mann, wie vom Blitz niedergeſchlagen, zu Boden ſtürzte. Nun erhob ſich das hölliſche Freudengejauchze der Huronen, die mit wildem Jubel einen ihrer Feinde niedergeſtreckt ſahen und aufſprangen, um ſich in den Fluß zu ſtürzen und an die Inſel herüber zu ſchwimmen. Aber in dieſem Augenblick fuhr ein Blitzſtreif vom Fel⸗ ſen weg, dem das Geheul des Todeskampfes folgte. Die Flinte des Delawaren hatte ein Opfer erreicht. Auf dieſen erſten Verluſt zogen ſich die Angreifer ſogleich zurück und alles wurde ſo ſtill, als vor dieſem unerwar⸗ teten Tumult. 2 Im nächſten Augenblick war Unkas bei ſeinen Be⸗ gleitern und traf dieſe beſchäſtigt, die Wunde des noch immer bewußtloſen Henry zu unterſuchen. Glücklicher Weiſe hatte die Eile und die noch herrſchende Dämmer⸗ ung den Huronen nicht genau zu zielen erlaubt, ſonſt wäre es um Henry geſchehen geweſen. Eine Kugel hatte ihMm den Kopf geſtreift. Blut rann herab und eine ſtarke Anſchwellung des Stirnbeins verrieth, daß die Kugel dasſelbe tüchtig mitgenommen hatte. »Hugh!« rief Unkas, als er den jungen Mann leb⸗ los liegen ſah, viſt er todt?« „Er iſt noch am Leben,« ſagte Richard freudig,„und wird durch dieſe Witzigung wohl klüger gemacht werden In dieſem Augenblick ſchlug Henry die Augen auf und ſah verwundert um ſich her. »Gut, mein Sohn!« rief David»das war eine recht eindringliche Lehre, die Du da erhalten haſt. Wußteſt Du nicht, daß die Spitzbuben von Huronen uns aufpaſſen und nach unſerm Leben dürſten, wie hung⸗ rige Wölfe? War es nicht eine Tollheit, dem Befehl des Häuptlings zuwider, raſenden Wilden ſechs Fuß Fleiſch und Bein zu zeigen und ſich zu einer lebenden Zielſcheibe zu machen?« »Ihr habt recht, Vater!« antwortete der Jüngling ziemlich gedemüthigt.»Jetzt will ich klüger ſein.« »Kann ich nichts für Dich thun, Henry?« rief Richard, der mehr die augenblicklichen Leiden ſeines Bru⸗ ders, als deſſen Unklugheit ins Auge faßte. »Nicht doch, ich bin ſchon wieder friſch und ein Trunk Waſſer wird mich wieder ganz herſtellen.« »Stille jetzt, rief Unkas, der dieſem Geſpräch ruhig zuhörte,»laßt Euch das zur Warnung dienen und vergeßt nicht, daß ich bei Euch bin, ſobald es nö⸗ thig iſt.« Er verließ ſie wieder, um ſeinen früheren Stand⸗ punkt auf dem Felſen einzunehmen. Von den Huronen war nichts zu ſehen und zu hören. So verfloß mehr, als eine Stunde, als plötzlich der Delaware bei den Verſteckten erſchien und ſie durch Zeichen aufforderte. 58 ſich ſo ruhig, als möglich zu verhalten und nach dem vorderen Theile der Inſel zu ſehen. David Cover hob vorſichtig den Kopf in die Höhe und nahm gewahr, was ihm mit Recht ein Wunder von Geſchicklichkeit und Verwegenheit dünkte. Der lange Einfluß des Waſſers hatte allmählig den Felſen ſo ab⸗ geſpült, daß der eine Sturz weniger gewaltſam und ſenkrecht war, als der andere. Einige der Huronen hatten die Kühnheit gehabt, ſich dem Strome zu über⸗ laſſen, in der Hoffnung, die Spitze der Inſel zu gewin⸗ nen, zu deren beiden Seiten die Wellen ſich theilten. In dieſem Augenblicke zeigten vier derſelben ihre Köpfe über einigen Baumſtämmen, die der Fluß hergeſchwemmt und die, weil ſie ſich an der Spitze der Inſel angehängt hatten, die Wilden zu ihrem gefährlichen Unternehmen mochten veranlaßt haben. Ein Fünſter ſtürzte ſich ſo eben vom gegenüberliegenden Ufer in den Strom, um gleich ſeinen Bundesgenoſſen die Inſel zu erreichen; aber dieſer konnte entweder der Strömung nicht wieder⸗ ſtehen, oder er war ein ſchlechter Schwimmer. Das Waſ⸗ ſer zog ihn in die Mitte; er machte vergebliche Verſuche, um wieder die Richtung der Inſel zu gewinnen; er ſtreckte von Zeit zu Zeit einen Arm, wie um Hilfe fle⸗ hend, nach ſeinen Kameraden aus; ſeine funkelnden Au⸗ gen ſchienen aus ihren Höhlen zu treten. Endlich faßte ihn der Strom ganz; er wurde in den Abgrund hinab⸗ 59 geriſſen; ein Heulen der Verzweiflung ſchien aus dem Schlunde heraufzutönen und er blieb verſchlungen. Im Drange natürlichen Edelmuths machte David Cover eine Bewegung, um dem Unglücklichen womöglich beizuſtehen; aber er fühlte ſich durch die Hand ſeines Gefährten zurückgehalten. »Hugh!« rief der Delaware,»was will mein Vater thun? Brennt ihm das Haar auf dem Kopfe?« »Es iſt wahr,« rief der alte Mann rauh, veiner unſerer grimmigen Feinde iſt weniger und wir werden genug mit den andern Spitzbuben zu thun bekommen.« »Schüttet friſches Pulver auf,⸗ ſagte der Delaware, ohne dieſe Betrachtung ſeines Gefährten zu beachten; »die Luft iſt feucht und könnte das in den Zündpfannen befindliche verdorben haben.⸗ Als die drei Covers dieſem Befehl nachgekommen waren, ſagte der Indier:„Jetzt ſind die Huronen alle an der Inſel. Zielt gut und ſorgt dafür, daß keiner lebend entkommt. Sobald Ihr abgefenert habt, macht Euch zum Kampfe fertig. Die drei Anſiedler lockerten ihre Meſſer in den Scheiden, legten das Beil zur Hand und hielten die Büchſen zum augenblicklichen Gebrauche bereit. Unkas lag auf den Knieen und ſpähte mit unerſchütterlicher Kaltblütigkeit durch das Gebüſch. David Cover, der Vater, war gleich ſtandhaft. Nicht ſo ſeine beiden Söhne, * 60 dened das Herz vor Erwartung der Dinge hörbar klopfte. So verfloß faſt eine halbe Stunde. „Die Spitzbuben beſinnen ſich ſehr lange, auf welche Weiſe ſie unſerer Schöpfe am Sicherſten habhaft werden können,« rief David, vaber wir wollen es ihnen ſauer mach 4 »Hugh! Hughl« flüſterte der Delaware, den Alten unterbrechend. „Ich ſehe ſie, ich ſehe ſie gut,« ſagte David, den Kolben ſeiner Büchſe an die Wange drückendz„ſie m⸗ chen ſich fertig, auf die Inſel zu ſteigen, ſonſt würden ſie ihre rothe Bruſt nicht außerhalb dem Waſſer zeigen. Eins, zwei, fünf, ſechs Mann.fuhr er zählend fort. Der erſte, der ſich heran wagt, läuft dem Tode in die Arme, oder ich will nicht David heißen!« In dieſem Augenblick ſtiegen die Wilden auf die Inſel unter wildem Geſchrei und ſchickten ſich an, in das Innere derſelben vorzudringen. Da ſchob ſich Da⸗ vids Büchſe vor, der Schuß jiel, der vorderſte Indier machte einen Satz, wie ein geſchoſſener Hirſch und ſtürzte über den Felſen hinab. Jetzt krachte auch die Büchſe des Delawaren; ein anderer ſtürzte und während die jungen Covers feuerten, ſprangen die andern vier H⸗ ronen unverletzt, die Tomahawks und Meſſer ſchwingend unter fürchterlichen Geheul über ihre ſich an der Erdt wälzenden Kameraden weg. 4 61 »Jetzt!« rief der Delaware, indem er aufſprang, »ſeid Männer!« Nach dieſen Worten ſtieß er das fürch⸗ terliche Kriegsgeheul ſeiner Nation aus und ſetzte, wie ein Panther den Feinden entgegegen ſpringend, über die Fichtengebüſche weg. »Mir nach, Kinder!« rief der alte Cover, beſonnen aber mit jugendlicher Raſchheit dem Indier nacheilend. »Kommt her, Höllenhunde!« brüllte er drei ſich ihm entgegenwerfenden Indiern zu,»kommt her, ich bin Euer Mann!« Kaum hatte er dieſe Worte geſprochen, ſo befand er ſich einem Huronen von rieſenmäßigem Wuchſe un wilden Zügen gegenüber; Richard und Henry wurden im nemlichen Augenblicke von zwei andern angegriffen. Der letztere faßte nach ſeinen Gegner mit der linken Hand, um ihn zur Seite zu reißen, ſtrauchelte, erhielt ſich aber noch zu rechter Zeit und hatte das Unglück, ſein Beil zu verlieren, das ihm der Wilde durch einen gewaltigen Hieb mit dem Tomahawk aus der Hand ſchlug. Beſonnen ergriff der nun waffenloſe Jüngling ſeinen Gegner an beiden Armen, faßte dieſe mit un⸗ glaublicher Kraft und ſetzte auf dieſe Weiſe den Huronen außer Stande, von ſeinen Waffen Gebrauch zu machen. Dadurch war dieſer genöthigt, dieſelben fallen zu laſſen und ſeine ganze Kraft aufzubieten, damit er nicht von dem jungen Anſiedler über die Felſen in den Strom 62 hinabgeſtürzt würde. Das Ganze war das Werk eines Augenblicks geweſen und als der Wilde fühlte, um was es ſich handelte, bot er ſeine ganze Stärke auf, um ſei⸗ nen Gegner zu bezwingen. Jede neue Kraftanſtrengung näherte die Ringer dem Rande des Abgrundes mehr; Henry fühlte, der Augenblick ſei da, wo er alle Kräſte aufbieten müſſe, um in dieſem Kampfe Sieger zu blei⸗ ben. Aber der Wilde ſtrengte ſich nicht minder an; da⸗ zu kam, daß Henry durch ſeine Kopfwunde geſchwächt war, daß der ſchwache Verband nachließ, daß das Blut in Strömen aus der Wunde ſchoß und ihm über die Augen lief, ſo daß er faſt nicht mehr zu ſehen im Stande war. Der Hurone preßte ihm die Kehle zuſam⸗ men; Henry ſah auf ſeinen Lippen ein wildes Lächeln, das zu ſagen ſchien, er wolle gerne ſterben, wenn er nur ſeinen Feind mit ſich in den Strudel hinabziehen könne; er fühlte, wie ſein Körper allmählig einer über⸗ legenen Muskelkraft nachgab. Nur noch zwei Schritte waren an den Rand des Abgrunds... Der junge Pflan⸗ zer empfand die Todesangſt dieſes Augenblicks in ihrer ganzen Furchtbarkeit. In dieſem Moment der äußerſten Gefahr ſah Henry zwiſchen ſich und dem Wilden einen rothen Arm und eine glänzende Meſſerſchneide erſchei⸗ nen. Der Indier ließ ſogleich los; Ströme von Blut ſprangen aus den Flechſen ſeiner Arme, die durchſchnit⸗ ten worden waren und während Unkas rettender Arm * 65 Henry rückwärts zog, ſtieß ſein Fuß den wilden Feind, deſſen Blicke noch drohend waren, in den Abgrund. Der Kampf zwiſchen dem Delawaren und dem Hu⸗ ronen war ſchnell geendet geweſen. Unkas hatte ſeinen Feind getödtet und ſah, daß Henry in Gefahr war, ſeinem Gegner zu erliegen. Geſchwind ſprang er herbei und es gelang ihm, noch im rechten Augenblick Hilfe zu bringen. Henry's Lippen ſtrömten von Dank gegen ſeinen edelmüthigen Retter über. Dieſer drückte ihm die Hand und während dieſes Beweiſes von Zuneigung leuchtete ein Strahl von Gefühl und Verſtand aus ſei⸗ nen Augen. Jetzt eilte Unkas fort, um zu ſehen, welchen Ausgang der Kampf zwiſchen Richard und David Cover und den beiden Wilden nehmen würde. Richard beſaß unter ſeinen Brüdern die größte Stärke und war eben deshalb, ſo wie auch insbeſondere wegen ſeiner Kühnheit und Gutmüthigkeit bei ihnen und allen ſeinen Freunden ſehr beliebt. Als Unkas zu ihm hingelangte, ſah er voll Staunen, daß der junge Pflanzer ſeinen Gegner entwaffnet hatte und damit be⸗ ſchäftigt war, denſelben zu knebeln. »Hugh!« rief der Delaware,»was ſoll das ſein 2« Der Hurone wand ſich wüthend und wie eine Schlange unter den gewaltigen Fäuſten ſeines Gegners; aber gegen deſſen herkuliſche Kraft waren alle ſeine An⸗ ſtrengungen vergebens. 64 „Was ſoll das ſein?« rief Unkas, ſeine erſte Frage wiederholend und das Meſſer ziehend. »Muß man denn einen Menſchen nicht zum Gefan⸗ genen machen, wenn es möglich iſt?« entgegnete der junge Mann. Der Delaware ſtand einen Augenblick ſinnend; dann vückte er ſich raſch nieder und ſtieß dem Huronen das Meſſer bis an das Heft in's Herz. Richard ſprang zornig auf, als er fühlte, daß der Widerſtand ſeines Geſangenen plötzlich nachließ, um den Delawaren zur Rede zu ſtellen über dieſe grauſame That. Aber eine Scene anderer Art feſſelte ſeine Auf⸗ merkſamkeit und ließ ihn vergeſſen, was er ſagen wollte. Der Delaware hatte ihn augenblicklich verlaſſen, ſo⸗ bald er den Wilden getödet hatte und eilte wie ein Hirſch zu David Cover hin, deſſen Kampf mit dem Wil⸗ den bisher noch ohne Entſcheidung geblieben war. Auch Richard ergriff ſein Beil, um ſeinem Vater beizuſtehen. Aber dieſer war zu ſehr Meiſter ſeines Gegners und hatte zu viel Stolz, als daß er die Ehre ſeines Sieges mit einem Andern hätte theilen wollen. Deshalb rief er laut: „Keiner gehe heran; wir wollen als Männer unſere Sache allein ausfechten.« Der Delaware blieb ruhig ſtehen und Richard war zu ſehr an Gehorſam gewöhnt, als daß er noch einen Schritt zu thun gewagt hätte. Er lud nur eiligſt ſeine 65. von der Gebt aufgeraffte Büchſe. Unkas bepbaghitte halb den Fortgang des Kampfes, halb die beiden Strom⸗ ufer, um zu ſehen, ob nicht eine neue Gefahr ſich zeigte; aber dort war alles ruhig. David Cover war mit dem ſtärkſten aller Huro⸗ nen, welche an der Inſel gelandet waren, in Kampf gerathen und er und ſein Gegner faßten ſich zu gleicher Zeit an dem Arm, der mit dem Meſſer bewaffnet war. Eine Minute lang maßen ſie ſich mit den Augen und David erkannte den Anführer der Huronen, den er am vorigen Tage im Gebüſch verſteckt, mit ſeinen Kriegern geſehen hatte, wie er mit denſelben in ihrer Verfolgung begriffen war. Während der oben erzählten Vorfälle hatte ſich jeder von den beiden gleich kraftvollen Käm⸗ pfern auf das Aeußerſte angeſtrengt, ſeinen Arm zu be⸗ freien, ohne den des Gegners fahren zu laſſen. Aber jeder wußte nur zu gut, daß hievon der Ausgang des Kampfes abhinge und ſo lag die Sache noch, als Unkas und Richard herbeieilten. Der Hurone verſtand hinläng⸗ . lich engliſch, um den Sinn der Worte zu begreifen, welche ſein Gegner den Herbeieilenden zugerufen hatte. Ein wilder Stolz leuchtete aus ſeinen Augen und— wie im gemeinſamen Einverſtändniß— ruhten beide ſtarke Männer einen Augenblick, hielten, ohne ſich loszulaſſen und ohne ihre Vorſicht nur ein en Moment zu vergeſſen, mit ihren Anſtrengungen inne und ſahen einander, der 5 66 Weiße dem Wilden mit feſtem Blick und ruhigem Be⸗ wußtſein ſeiner ungeheuern Kraft und Ueberlegenheit, der Wilde dem Weißen mit nicht geringerem Muthe in das Auge. Jetzt begann das Ringen von Neuem mit noch mehr Kraſtaufwande. „Hurone, Du mußt ſterben!« rief David, den Arm ſeines Gegners mit der Kraft einer Schraube preſſend. Kein Zug verrieth die Schmerzen oder die Angſt, welche der Wilde empfand. Mit Wuth ſetzte er ſeine Anſtrengungen fort. Endlich ſiegten die ſtarken verhär⸗ teten Sehnen des Weißen über die minder geübten Ge⸗ lenke des Wilden; ſein Arm gab der eiſernen Kraft David Covers nach, es gelang dieſem, ſeine rechte Hand zu befreien und er ſtieß ſein langes Meſſer ſeinem Feinde in die Bruſt, der leblos zu ſeinen Füßen niederfiel. Als der Delaware das bemerkte, machte er ſich über die Huronen her, ſcalpirte ſie, ſtürzte ihre Leichname in den Strom und winkte ſeinen Begleitern, ihre Waffen, ſo wie die der getödteten Huronen aufzunehmen und ihm in die Höhle zu folgen. Bald waren alle hier um Henry verſammelt, deſſen Zuſtand jetzt durch die Aufregung des Kampfes ſich bedeutend verſchlimmert hatte und der, vor Wundfieber ſchaudernd, auf dem trockenen Graſe, mit deger Boden der Höhle beſtreut war, ausgeſtreckt lag. Unkas eilte in die andere Höhle, holte von dort einige Kräuter, legte ſie auf die Wunde und befeſtigte um dieſelbe einen einfachen, aber zweckmäßigen Verband. David Cover dagegen zog eine Flaſche voll Genever*) ließ ſeinem kranken Sohne einige Züge daraus thun und durch dieſes einfache Mittel wurde der junge Mann ſo weit hergeſtellt, daß er an den Berathungen ſeiner Freunde Antheil nehmen konnte. »Richard,« ſagte David Cover, nachdem er Platz ge⸗ nommen und ſich den Schweiß abgetrocknet hatte,»gehe hinaus und halte Wache. Sei vorſichtig! ſetzte er hinzu. Der junge Mann entfernte ſich augenblicklich und David lud nun den Delawaren ein, bei ihm und Henry Platz zu nehmen. Unkas befolgte ſtill dieſe ihm ertheilte Weiſung. »Mein Sohn,« redete ihn David Cover an,»Du biſt ein tapferer Krieger und wir verdanken Dir ohne Zweifel alle unſer Leben.« Der Indier entgegnete kein Wort auf dieſe einfache Anerkennung ſeiner Verdienſte, ſondern begnügte ſich, dem guten Manne die Hand zu reichen und zwar mit ſolcher Herzlichkeit, daß dieſer die Hautfarbe ſeines Be⸗ gleiters und alle ſeine Vorurtheile gegen die Eingebornen vergaß und fortfuhr: *) Genever iſt Wachbolderbranntwein. „Ja, ſei bedankt, Häuptling und vergiß nicht, daß Du Dir in David Cover einen ehrlichen treuen Freund erworben haſt. Ich werde hier herum am See wohnen; ich habe zwar noch kein Haus, aber ich werde eines be⸗ kommen; Du kannſt es getroſt jederzeit als das Deinige betrachten und ich will meinen letzten Biſſen Brod red⸗ lich mit Dir theilen, wenn Du in Noth kommen ſollteſt.« „Mein Vater iſt ein tapferer Mann. Unkas wird ſeine Worte wohl behaltenz⸗ ſagte der Indier. „Was iſt aber jetzt zu thun?“ fragte David. „Wir müſſen fort!« rief der Delaware,»die Hurv⸗ nen werden auf unſerer Spur ſein, ehe die Sonne in der Mitte des Himmels ſteht.“ »Die Huronen?« rief Cover; vich denke, dieſe wer⸗ den uns wohl nimmer beunruhigen.* „Die Getödteten nicht, aber jene, welche leben;“ ſagte der Delaware ernſt.»Mein Vater wird bald ge⸗ nug von ihnen hören.« „Glaubſt Du, daß ſie unſere Spur finden werden?“ rief David, der ſich durch den Gedanken an einen neuen Kampf beunruhigt fühlte. „Laß ſie kommen, Vater, wir wollen ſie zurückweiſen und ſie werden fliehen, wie der Hirſch, der den Jäger wittert.« »Gäbe es denn kein Mittel⸗ den See zu erreichen, 69 ohne mit dieſen Spitzbuben zuſammenzutreffen?« ſagte Henry. „Laßt es uns verſuchen!« antwortete Unkas, indem er das Canot ergriff, um es mit Hilfe ſeiner Begleiter durch den Eingang zur Höhle hinaus in's Freie zu ſchaffen. David Cover griff an und bald ſchwamm das Fahr⸗ zeug auf dem wie ein Pfeil hinſchießenden Gewäſſer. Jetzt wurde Richard herbeigerufen, der durch ſeine Ver⸗ ſicherung, daß alles am Strome ſtill ſei, jede Unruhe beſeitigte und nun beſtiegen die vier Gefährten den Kahn. David und Richard ruderten, Henry ſaß im Canot und machte den Wächter und der Delaware gab dem kleinen Fahrzeug die nöthige Richtung. Ihre Ab⸗ fahrt vom Felſen weg geſchah glücklich und unbemerkt. Sobald das Canot die Mitte der Strömung erreicht hatte, rief Unkas: »Die Ruder herein, haltet Euch feſt und ganz ohne Bewegung!« In der Eile der Abreiſe und an das Geräuſch des Falles der Waſſer ſeit vielen Stunden gewöhnt, hatte Riemand von den Covers daran gedacht, daß ihre Waſ⸗ ſerreiſe den Strom hinab mit einem Abentheuer begin⸗ nen ſollte, welches von Perſonen, die die Umſtände und das Ganze des Unternehmens nicht zu beurtheilen ver⸗ ſtanden, für eine Tollkühnheit gehalten werden mußte. 270 Das Canot, ein ſchwaches, aus Baumrinden verfertig⸗ tes Fahrzeug, ſollte über den Waſſerfall hinabfahren. Und wirklich, es war kein anderer Weg mehr möglich, das Land zu erreichen, denn die Strömung war zu ge⸗ waltig, als daß ſie hätte überwunden werden können. Unſere Leſer wiſſen ſchon, daß der Oswego durch die Inſel in zwei Arme getheilt wurde. Der eine Strom⸗ arm ſtürzte ſteil und ſenkrecht über Felſen in eine Schlucht hinab. Der andere dagegen war nur ein ſo⸗ genannter Riß, das heißt, eine Stelle des Fluſſes, welche durch ein übermäßig ſtarkes Gefälle reißend und aus dieſem Grunde ſehr gefährlich zu befahren war. In dieſem Arm fuhren jetzt unſere Freunde; es war zu ſpät und wäre auch völlig unnütz geweſen, gegen das Wagniß zu proteſtiren. Doch würde jeder von den Co⸗ vers, wenn er die Wahl gehabt hätte, es vorgezogen haben, ſich lieber mit einem halben Dutzend Huronen zu ſchlagen, als dieſe tollkühne Fahrt mitzumachen, denn das Waſſer war nun einmal ihr Element nicht, am allerwe⸗ nigſten eine Fahrt über einen Waſſerfall hinad. Trotz der beruhigendſten Verſicherungen ihres Führers richte⸗ ten ſich ihre Blicke mit einer Furcht den Fluß hinab nach der geſährlichen Stelle, die dem Delawaren an Männern von ſo entſchieden kühnem Charakter ſehr auffiel.„ An eine Mittheilung war jetzt nicht mehr zu den⸗ 24 ken; das Donnern der ſtürzenden Waſſer übertönte jeden Laut. Das Canot war in der Mitte der Strömung, kehrte ſeine Spitze dem Falle zu und ſchon hatte es angefangen, ſeine Bewegung durch die vermehrte Ge⸗ walt der Strömung zu beſchleunigen. David Cover ſah den grünen Waſſerſtrich unterhalb des Falles den Wald durchſchneiden, welchem entlang das ſchäumende, erzürnte Element ſich auszudehnen und zu glänzen ſchien, als ob ſeine Theilchen im Begriff wären, ſich verflüchtigen und ihrem Zuſammenhang entſagen zu wollen. Das Uebrige war ſo furchtbar ſchnell, wie der Wind und einige Au⸗ genblicke kam es dem alten Pflanzer vor, als ob er in einem Keſſel umgerührt würde. Er fühlte den Bug des Fahrzeugs dann und wann aufſtoßen, ſah das tobende und ſchäumende Waſſer wie toll an ſich vorbeijagen, wurde gewahr, daß das leichte Fahrzeug, in dem er ſchwamm, wie eine Eiſchale umhergeworfen wurde und entdeckte dann nicht weniger zu ſeiner Freude, als zu ſeinem Erſtaunen, daß es von dem Ruder des Dela⸗ waren anhaltend vorwärts getrieben, auf dem Behälter ſtillen Waſſers unterhalb des Falles dahin glitt. David Cover ſtieß ein ungeheures»Hm!« aus, griff dann nach ſeinem Kopf, nach den Beinen, rieb ſich die Hände und als er bemerkte, daß ſeine Glieder noch unverletzt in trockner Luft ſich befanden, blickte er hinter ſich, um die Gefahr, der er ſo eben preißgegeben war, näher zu unterſuchen. Aber die wildſchäumenden Wellen des Sturzes wurden ſeinem Blick durch eine Krümmung des Fluſſes, in welche das Canot ſo eben einbog, auf immer entzogen. Der übrige Theil des Weges war gefahrlos und die ſämmtliche Bemannung des Canots, Henry aus⸗ genommen, der ſich immer noch ſehr unwohl befand, ruderte ernſtlich und mit einer Kraſt, daß das Canot wie ein Pfeil über die immer breiter werdende Waſſer⸗ fläche des Oswego dahinflog. So verfloſſen etwa zwei Stunden, als plötzlich ein dumpfes Brüllen gehört wurde, das dem Murren des entfernten Donners glich. Dann erklang wieder ein Geräuſch, wie das Waſchen oder Aufſpülen großer Waſſermaſſen. Die Covers horchten angeſtrengt und ſahen ihren Gefährten fragend an. »Es iſt die Brandung des Sees;« rief dieſer,»ſeht Euch um.« Niedrige, gekrümmte Landſpitzen lagen vor ihnen das Canot gleitete ſtill voran, der Fluß erweiterte ſich und plötzlich fühlten die Männer an dem majeſtätiſchen Schwanken und Rollen des Canots auf breiten Wellen⸗ rücken, daß ſie den Fluß verlaſſen hatten und auf den mächtigen Wellen eines großen Binnenmeeres, des On⸗ tario, dahin fuhren. Der Uebergang war ſo raſch und groß, daß die Covers gar nicht„ wie ihnen ge⸗ ſchah. ——— 75 Nördlich, öſtlich und weſtlich lag ein endlos ſchei⸗ nendes Gefilde rollender Wellen. Kein Land war zu ſehen, das rückwärts ſich rechts und links hindehnende Geſtade ausgenommen, das in einem ununterbrochenen Umriſſe von Wald und weiten Buchten mit kleinen Berg⸗ vorſprüngen ſich darſtellte. Der größere Theil des Ufers war felſig und klippig und in ſeine Höhlungen brach dann und wann das Waſſer, wodurch ein Ton erzeugt wurde, der dem Donner einer fernen Kanone glich. Kein Segel glänzte auf der weiten Fläche. Es war auf der einen Seite eine Scene von ſcheinbar nie enden⸗ dem Waldesgrün, während ſich auf der andern eine Waſſerwüſte in das Unbegrenzte ausbreitete. Die Scene war ruhig, erhaben und obwohl David Cover und ſeine Söhne durch vielfältige Reiſen nach der Küſte an den majeſtätiſchen Anblick des Meeres gewöhnt waren, ſo verfehlte doch dieſe unerwartete Scene ihren Eindruck nicht. Der Indier harrte geduldig, bis ſeine Begleiter geſättigt von dieſem ſchönen Bilde ſich abwenden wür⸗ den. Endlich ergriff Cover der Vater ſein Ruder wie⸗ der und rief: »Laßt uns den Ort unſerer Beſtimmung zu errei⸗ chen ſuchen!« 52 Die Arbeit begann von neuem; bald gleitete das Canot in eine ziemlich große Bucht, ſchoß dann geräuſch⸗ los auf den Sand und das Fort lag vor aller Augen. 274 Unter dieſer mit dem Namen»Fort« beehrten Nie⸗ derlaſſung hatten ſich die Covers freilich etwas ganz an⸗ deres vorgeſtellt. Es waren nur Baſtionen von Erde und Holzblöcken, mit einem trockenen Graben umgeben, der einen ziemlich ausgedehnten Exerzierplatz und eine Kaſerne von Holzblöcken, welche den doppelten Zweck der Wohnung und Befeſtigung in ſich vereinte, einſchloß. Das Thor war offen, im Hofe wurde exerziert; einige leichte Kanonen ſtanden auf einem freien Platze, von welchem man ſie an jeden Punkt bringen konnte, wo man ſie brauchte und von der Höhe der Baſtionen ſahen die Mündungen ſchwerer eiſerner Kanonen herab. Ei⸗ nige Wachen lehnten nachläſſig an den Bruſtwehren und die unter dem Thore ſtehenden Soldaten riefen jetzt die Ankommenden an mit der gewöhnlichen Frage:»Wer da?« „Gut Freund!« entgegnete David Cover voll Ver⸗ gnügen, indem er on's Land ſprang und wieder feſten Boden unter ſeinen gewaltigen Beinen fühlte.»Der T.. l ſoll die Wälder und alle Spitzbuben von Huro⸗ nen holen.« Der Delaware ſtieg ruhig aus, behing ſich mit ſei⸗ nen Waffen und ſchritt ſtolz an den Wachen vorüber in das Fort auf einen hohen Offizier los, den eine Gruppe jüngerer Militärs umgab. Gleich hernach ver⸗ ſchwand er mit demſelben in dem Innern der kleinen Feſtung. 75 David Cover half dem ſehr matten Henry aus dem Fahrzeug ſteigen und ſah ſich im nächſten Augenblick von einer ſehr großen Anzahl neugieriger Leute umge⸗ ben, welche ihn und ſeine Söhne mit Fragen beſtürm⸗ ten und ſich theilnehmend erboten, Henry nach der Woh⸗ nung des Regimentsarztes zu geleiten. Der junge Mann nahm dieſes Erbieten dankbar an und war nach kurzer Zeit von den Händen des Wundarztes ſorgfältig ver⸗ bunden und mit allem verſehen, was nur zur Linder⸗ ung ſeines Zuſtandes dienen konnte. Er traf ſeinen Vater in der Schenke des Forts, woſelbſt dieſer ſchon mit dem Agenten beſchäftigt war, die Lage ſeines ange⸗ kauften Grundſtücks und die Beſchaffenheit desſelben zu beſprechen. Bei ſeinem Eintritt erhob ſich der Vater und verließ das Zimmer, um ſich mit mehreren Perſo⸗ nen, welche in der Nachbarſchaft angeſiedelt waren und mit dem Agenten an Ort und Stelle zu begeben. So⸗ bald ſie den Platz im Fort betraten, ſahen ſie den De⸗ lawaren, der ſie hier erwartete und ſogleich auf ſie zu⸗ ſchritt. »Gut, mein Sohn, daß ich Dich finde,« rief David, dem Indier mit offener Freundſchaft ſeine Hand hinſtre⸗ ckend, welche dieſer eben ſo offen und würdevoll ergriff und drückte;»ich ſtehe in Deiner Schuld. Wie iſt es mir möglich, Dir meine Dankbarkeit zu beweiſen?⸗ »Mein Vater iſt ein tapferer Mann und Unkas iſt 76 ſein Freund!« erwiederte der Delaware herzlicher, als es David an ihm gewöhnt war. „Ja, Du biſt ein Freund in der Noth, eine treue Seele, wie ich ſelten eine gefunden habe,« entgegnete der Anſiedler ernſt; vhabe Dank für alles, was Du für mich und meine Kinder gethan haſt. Gott ſegne Dich dafür.« Der Indier ſah den Weißen verwundert an. Er ſchien es für eine völlig natürliche Sache zu halten, daß Freunde einander in der Noth beiſtünden, für eine Sache, die weder beſondere Erwähnung, noch Dank verdiene und glaubte ſich durch das, was er für David Cover und ſeine Söhne gethan hatte, kein Verdienſt erwor⸗ ben zu haben. Aus dieſem Grunde drückte er dem Anſiedler nochmals die Hand, ſah deſſen Söhne der Reihe nach an, wendete ſich ſodann kurz um und ging leichten Schrittes nach dem Ufer. Hier ſchob er das auf dem Strande liegende Canot in tiefes Waſſer, ſprang ſodann in dasſelbe, ergriff das Ruder und war, ehe die Zurückgebliebenen es vermutheten, hinter einer der vor⸗ ſpringenden Landſpitzen verſchwunden. Wehmüthig ſah ihm Cover nach und mit demſelben Gefühl betrachteten auch ſeine Söhne die Entfernung des Indiers, als das Scheiden eines treuen bewährten Freundes. Erſt als ſie ſeine edle kraſtvolle Geſtalt aus den Augen verloren hatten, ergoß ſich ihr Mund in Lob⸗ reden auf den Delawaren, welche die Umherſtehenden mit gleichem Gefühl anhörten. Dann verließen auch ſie das Fort und wanderten mit ihren Begleitern, einem Unteroffizier und dem Agenten nach der entgegengeſetzten Seite, wo ſie bald das grüne Dickicht der Wälder auf⸗ nahm und verbarg. Viertes Kapitel. Die Gründung der Niederlaſſung. Der Eintritt des Winters. Die erſte Beſetzung Amerika's durch menſchliche Bewohner fand unſtreitig von Aſien aus ſtatt. Der Schöpfer bahnte dem Zuge wandernder Menſchen eine Straſſe in den nur durch geringe Meerescanäle von einander getrennten Inſelmaſſen, die zwiſchen Aſien und“ Amerika liegen und die Aleuten genannt werden. Un⸗ ſere lieben Leſer müſſen, um dieſe zu finden eine Karte zur Hand nehmen und auf derſelben die Behringsſtraſſe ſuchen, wo ſie dieſelben ſehen werden. Aber gewiſſe untrügliche Zeichen laſſen auch die Vermuthung entſtehen, daß in grauen, über das Gebiet der Geſchichte hinausliegenden Zeiten noch ein anderer 28 Menſchenſtamm durch irgend einen Zufall nach Amerika verſetzt wurde. Mächtige Pyramiden, Tempel und an⸗ dere coloſſale Bauten, deren Ruinen in den Waldungen der neuen Welt verborgen liegen und heute noch Stau⸗ nen und Bewunderung der Beſchauer erregen; dann die hohe Bildung der alten Mexikaner, wie ſie uns von Cortez und ſeinen Begleitern geſchildert wurde, laſſen faſt mit Gewißheit darauf ſchließen, daß ein anderer Menſchenſtamm ſich mit den rohen Barbaren vermiſcht habe, wodurch die ſeltſame Miſchung von Halbcultur und Barbarei der Bewohner Amerika's des Räthſelhaf⸗ ten und Geheimnißvollen entkleidet wird. Dieſe Beſetzung Amerika's durch Menſchen aus der alten Welt wird faſt vollkommen erweisbar durch die Körperbildungsähnlichkeit der Amerikaner mit den Oſt⸗ aſiaten und durch Sagen aus der graueſten Vorzeit von einer großen Fluth, durch welche die Erde überſchwemmt worden und welche Amerikaner und alle Bewohner der alten Welt gemeinſam und faſt gleichlautend zu erzäh⸗ len wiſſen. Man kann deshalb annehmen, daß die Bewohner Nordamerika's Nachkommen der Sibirier; die von Mit⸗ tel⸗ und Südamerika dagegen Abkömmlinge von Phöni⸗ ziern oder Aegyptiern ſind, welche ſchon vor und zu Salomons Zeiten das atlantiſche Meer beſchifft, ſelbſt Afrika umfahren haben und durch Orkane, oder durch 79 die gewaltige Weſtſtrömung an die Oſtküſten des großen, damals noch unbewohnten Erdtheils geführt worden ſind. Wir ſind durch unſere Erzählung nach dem Norden Amerika's verwieſen. Dieſer rauhere, kältere Theil des neuen Continents bot den zuerſt in ſeinen unabſehbaren Wäldern erſcheinenden wilden Horden der Aſiaten eine reiche Jagdbeute dar. Sie wußten nichts vom Acker⸗ bau und blieben auf derſelben unterſten Stufe der Ge⸗ ſittung, wie ſie noch heute in den einſamen Forſten an⸗ getroffen werden: ein Volk von Jägern, dem die ſanf⸗ teren Künſte des Ackerbaues unbekannt ſind. Die Le⸗ bensweiſe der Jagdvölker, die Gefahren, welche mit der⸗ ſelben verknüpft ſind, die beſtändigen blutigen Kämpfe, in denen ſie unter einander leben, verhindern die Zu⸗ nahme der Menſchenzahl. Deshalb waren die Wälder Nordamerika's nur dünn bevölkert und durch die Zu⸗ ſtrömung der Auswanderer aus dem übervölkerten Eu⸗ ropa wird der Zeitpunkt immer näher gerückt, in wel⸗ chem das Daſein der Nordamerikaner aufgehört hat und ſie alle durch den Vernichtungskrieg, den die Civiliſation gegen ſie führt, vertilgt ſein werden. Ehedem beſchränkte ſich die Anſiedlung mehr auf das Küſtenlandz alle jene ungeheuren, waldbedeckten Erdſtriche im Innern waren unbeſtrittenes Eigenthum der Indier. Aber bald drang die Anſiedlung in's In⸗ nere, geht Schritt vor Schritt nach Weſten hin; ſchon 6 iſt ſie jetzt über den Miſſiſippi getreten, ſie zieht hinauf am langgeſtreckten Miſſuri, nach dem Oregongebirge und wenn dieſes einmal überſchritten iſt, werden die Anſiedler am Geſtade des ſtillen Meeres ihre Grenze finden. Ruhig bewohnt der Indier ſein Jagdgebiet; er iſt allein im Forſte und ahnt nichts von der Anſiedlung, die ſich ihm langſam, aber ſicher nähert. Doch bald ſoll er Zeichen bekommen, aus denen er ſicher entnehmen kann, daß es für ihn gerathen ſein dürfte, den bisheri⸗ gen Wohnplatz zu verlaſſen und weiter in unbekannte Wildniſſe gegen Weſten zu ziehen. Das erſte ſichere Zeichen für ihn vom Nahen Frem⸗ der iſt die Flucht des Biſons, eines großen, dem Rind⸗ viehgeſchlechte angehörenden Thieres. Dieſe wilden Ochſen wittern zuerſt die nahende Gefahr und flüchten in weit entlegene Gegenden. Der Indier liegt lauernd an den breitgetretenen Pfaden, welche ſich die Biſons durch den Forſt nach dem Strome gebahnt haben; aber keines der gewaltigen Thiere zeigt ſich mehr; ſie haben die Gegend verlaſſen. Bald gewahrt er ein anderes Zeichen, das ihm die Annäherung der gefürchteten Wei⸗ ßen ſicherer verkündet. Es erſcheinen Bienenſchwärme, welche ſich in den hohlen Bäumen ihre Wohnungen bauen und deren Honig begierig von den Bären geſucht wird. Sobald der Indier dieſe wahrgenommen hat, bereitet * 81 er ſich ſelbſt zur Abreiſe. Das leichte Zelt, oder die Hütte, welche er ſich in dem einſt ſo fröhlichen Jagdge⸗ biete errichtet hatte, wird abgebrochen, den Ruheſtätten der Vorfahren Lebewohl geſagt und zu Roß oder ge⸗ flügelten Schrittes zieht der Indier, ſeine Frauen, oder die Pferde mit den unerwachſenen Kindern, dem Zelte oder dem Hausrathe 2 den, ſelbſt nur Waffen und Schießbedarf mit ſich weſtwärts zur Auffindung eines vom Weißen noch unbetretenen oder unbeſetzten Bodens. Nun erſcheinen bald einzeln und zerſtreut die ſtrei⸗ fenden Jäger, oder, wie ſie auſſerdem häufig genannt werden, die verlorenen Wachten, Pioneers, denen jeder nicht meilenweit entfernte Nachbar läſtig iſt. Sie über⸗ laſſen ſich der von dem Indier bereits zu unergiebig be⸗ fundenen Jagd und erſetzen die Lücken der unzureichen⸗ den Ernährung durch mitgebrachte Vorräthe ſo wie aus der geliebten Flaſche. Dieſe unruhigen Menſchen bleiben nicht lange, denn ihnen folgt auf dem Fuße das Heer der Anſiedler. Wir werden nun Gelegenheit haben, die Art und Weiſe, wie in Amerika Pflanzungen entſtehen, kennen zu lernen. Der ungeheure Waldzug der die Ufer des Ontario umgrenzte, reicht an vielen Stellen bis an das Waſſer des Seees und die Wurzeln der Bäume werden im eigentlichen Sinne des Wortes von dem Schaum der 6 32 Brandung benetzt. An andern Orten, beſonders da, wo Flüſſe ſich in das Süßwaſſermeer ergießen, ſind preite Gürtel, offen und mit üppigem Graſe bewachſen. Hier ſtehen nur einzelne Baumgruppen, während die Waldung dieſe Wieſen, Prairieen genannt, faßt und ſo die lieblichſten Landſchaften erzeugt. Mitt rch die Prairieen winden ſich vice oder Fli meiſt einen unerſchöpflichen Reiehhum von Fiſchen ⸗ halten. An einer ſolchen Prairie, ohngefähr fünf Meilen vom Fort entfernt, ſaß ein ſeltſam gekleideter Mann im dichten Schatten junger Eichen und durch niedriges Ge⸗ vüſch vollkommen verborgen. Sein Plätzchen, das er ſich zur Ruhe ausgeſucht, lag auf einem kleinen Hügel, welcher rechts in den See abfiel, und nach vorne ſich in die meilenlange und breite Prairie verlief. Die Stille umher wurde durch nichts unterbrochen, als durch das Waſchen der Wellen, durch das Kniſtern eines kleinen Feuers, welches der Mann angezündet hatte und an dem ein Stück ſaftiges Rehfleiſch ſchmorte, durch das Klopfen des Grünſpechts, der an den Bäumen ſuchend auf und ablief und durch das häßliche Geſchrei der Möven und einiger Reiher, die über den Waſſerſpiegel hinflogen. Das Ausſehen dieſes Mannes verkündete, nach den Theilen zu ſchließen, welche ſeine Kleidung unbedeckt ließ, einen Menſchen, der von der zarteſten Jugend an ein 83 hartes und mühſeliges Leben geführt hatte. Er war ſehr mager; aber alle ſeine Muskeln ſchienen durch Ge⸗ wöhnung an Strapatzen und ſchlimme Witterung ver⸗ härtet zu ſein. Er trug einen grünen verſchoſſenen Jagd⸗ rock und eine Pelzmütze von abgetragenem Rauhwerk. In ſeinem Gürtel ſtack ein Meſſer. Seine indiſchen Schuhe oder Moccaſins, wie dieſe von den Indiern verfertigte Fußbekleidung genannt wird, waren nach Art der Eingebornen geſchmückt; ſeine Beine waren in lederne Kamaſchen eingeſchnürt, die über dem Knie mit Hirſch⸗ ſehnen gebunden waren. Eine Weidtaſche und ein Pul⸗ verhorn vollendeten ſeinen Anzug und eine Flinte mit langem Laufe, dem Anſcheine nach ein ſehr ausgezeich⸗ netes Gewehr, lehnte neben ihm an dem Baumſtamme. Das Auge dieſes Jägers war klein, lebhaft, feurig, trotz ſeiner dem Anſcheine nach trägen Ruhe beſtändig in Be⸗ wegung und rollte immer von einer Seite zur andern, als ob er auf Wildprett lauerte oder die Annäherung eines Feindes befürchtete. Zu ſeinen Füßen lag ein ſchöner Jagdhund; das große ſtarke Thier ſchien er⸗ müdet und hatte die Augen geſchloſſen. Aber leiſe Be⸗ wegungen, oder ein gelegentliches Indiehöherichten ſeiner langen Ohren verrieth, daß er horchte und daß nichts, auch nicht das kleinſte Geräuſch unbeachtet von ihm bliebe. Von Zeit zu Zeit ſah der Mann nach dem Hund und beobachtete ihn, wie man einen werthen 6 84 Gegenſtand mit Vorliebe oft zu beſchauen pflegt“ Da⸗ bei trugen ſeine Züge keineswegs den Ausdruck eines an Verbrechen gewöhnten Menſchen, ſondern vielmehr das Gepräge rauher Ehrlichkeit. Jetzt ſchien das Fleiſch genießbar zu ſein. Der Mann warf etliche Hände voll Erde auf die Kohlen und erſtickte ſo das Feuer; dann zog er ſein Meſſer, langte aus der Jagdtaſche Salz und etwas Brod hervor und begann ſein Mahl zu halten. Der Hund erhob ſich jetzt; aber anſtatt ſich zu ſeinem Herrn bettelnd zu ſtel⸗ len, drang er in das Gebüſch und unterſuchte die näch⸗ ſten Umgebungen, als ob er jetzt die Sorge für die Sicherheit ſeines Herrn allein übernehmen wollte. Bald hatte dieſer ſeinen Hunger geſtillt; ein leiſer Pfiff rief das wachſame Thier an ſeine Seite und er legte ihm die Reſte ſeiner Mahlzeit hin, welche der Hund begierig verſchlang. Unmittelbar hierauf bereitete ſich der Jäger vor, eine Mittagsruhe zu halten, nahm die Flinte in den Arm und ſtreckte ſich im weichen Graſe aus, als plötzlich der neben ihm ſitzende Hund ein leiſes Knurren hören ließ und ſeinen Herrn mit der Vorderpfote am Arme kratzte. ₰ Der Jäger erhob ſich ſogleich wieder und ſagte: »Was gibt's, Hettor?« Der Hund erhob den Kopf, richtete die Ohren auf und knurrte anhaltend. 85 Jetzt ſtand der Jäger auf und rief:„Kuſch! vorwärts, Hektor!« 3 Sogleich ſchritt das kluge Thier bis an den des Dickichts, in welchem beide geruht hatten. Von dieſem Platze aus konnte man die ganze Prairie und einen großen Theil des Sees überſehen. Aufmerkſam blickte der Jäger nach allen Seiten, nachdem er dem Hunde befohlen hatte, ſich zu legen. Noch konnte er nichts entdecken; alles war öde, einſame Wildniß. Aber jetzt traten die Geſtalten von fünf Menſchen hinter einer Waldſpitze hervor. Die Fremden ſchienen ſo eben erſt angelangt zu ſein, denn einer derſelben, welchen der Jä⸗ ger ſehr gut kannte, zeigte nach verſchiedenen Seiten und die übrigen ſchienen ihm aufmerkſam zuzuhören. Es war der Agent, mit David Cover und ſeinen Söhnen. Der Unteroffizier hielt ſich etwas entfernt und beobgchtete die Umgebungen. Jetzt ſchritten die Angekommenen immer am Saume des Waldes gehend, gegen den See heran, ſo daß ſie kaum zwanzig Gänge von dem Verſteck des Jägers ent⸗ fernt vorüber kamen. Der Verborgene betrachtete ſie genau und aufmerkſam und entnahm aus dem ziemlich laut geführten Geſpräche, daß er Anſiedler vor ſich habe, welche dieſen Platz gekauft hatten und hier am Ufer des Sees eine Niederlaſſung gründen wollten. Als er das erfahren hatte, trat er aus dem Gebüſch hervor und 86 ging ihnen, die jetzt mehr nach der Mündung des Fluſ⸗ ſes hinſchritten, nach. Geräuſchlos verfolgte er ihre Spur und ſie wurden nicht eher etwas von ihm gewahr, als bis ſie ſich am Ufer des Fluſſes befanden und ſich von dieſem Platze aus in der Gegend umſahen. Das erſte, was ihnen in die Augen fiel, war die Geſtalt des Jägers, der ruhig daſtand, während ihn die Covers mit ziemlich viel Mißbehagen anſtarrten. Endlich rief der Vater: „He, Landsmann, was habt Ihr hier zu ſchaffen 7“ Der Jäger trat einige Schritte näher, grüßte durch Abnehmen der Mütze und entgegnete ruhig: „Ich bin wohl lange vor Euch ſchon da geweſen, ſo daß ich eher das Recht hätte, an Euch dieſe Frage zu richten. Doch ſo viel mögt Ihr wiſſen, daß mein Ge⸗ ſchäft da aufhört, wo das Eurige beginnt. „Gut,« rief David Cover lachend,„da wird's alſo wohl keine Gelegenheit zum Brodneid geben.⸗ „Es ſcheint, Ihr ſeid gutes Muths, Landsmann und dennoch befindet Ihr Euch in einer eben nicht be⸗ neidenswerthen Lage.« „Weshalb?« fragte der Landmann kurz und ernſt. „Ich bin weit entfernt, Euch Beſorgniße einflößen zu wollen,« ſprach der Jäger in ſehr treuherzigem Tone „noch will ich mich in Eure Sache unberufen einmengen. Aber weil Ihr mich fragt, einen Mann, der die Wälder 87 und das Klima genau kennt, ſo will ich Euch auf zwei Dinge aufmerkſam machen, welche Ihr unbedachtſamer Weiſe nicht beachtet habt. »Und dieſe wären 2« ſagte Cover ruhig. „Ich ſehe, daß Ihr hier eine Niederlaſſung gründen wollt. Die rechte Zeit zu einem ſolchen Unternehmen iſt das Frühjahr, nicht der Herbſt. Ihr werdet kaum im Stande ſein, ein Obdach zu Stande zu bringen, und der Winter kommt Euch ſchon über den Hals. Das zweite, was ich an Eurem Verfahren tadeln würde, wäre das, daß Ihr in viel zu geringer Anzahl hierher gekommen ſeid.* David Cover ſah den Jäger ſcharf an; dann ſprach er: Es folgt mir noch ein Sohn und eine Tochter. Binnen 14 Tagen aber werden meine Knechte mit meinem Haus⸗ und Ackergeräthe nachkommen. Wir ſind dann unſerer acht rüſtige Männer und das iſt genug, ein Wohnhaus und eine Stallung herzuſtellen. Noch iſt es Zeit, hier Futter für das Vieh zu ſchneiden und zu trocknen. An Lebensmitteln ſoll es uns nicht fehlen, denn ich habe das Verſprechen, das nöthige Vieh und meinen Mehlbedarf aus dem Magazin des Forts be⸗ ziehen zu können. Wir ſind alſo nicht ſo unbedachtſam hierher gegangen, als Ihr denkt.« Der Jäger zuckte die Schultern und ſah den An⸗ ſiedler theilnehmend an. Dann ſprach er:»Ich weiß, 88 daß binnen einigen Tagen die Truppen im Fort abge⸗ löſt werden. Aber das Regiment iſt noch auf dem Wege. Wie ſeid Ihr ins Fort gekommen?« »Wir gingen durch die Wälderz« entgegnete Cover. „Das ſoll mich Wunder nehmen, wenn Ihr mit heiler Haut davon gekommen ſeid. Denn die Wälder wimmeln von Huronen, die der ſpitzbübiſche Franzoſe, der General M“uns auf den Hals gehetzt hat;⸗ antwortete der Jäger ungläubig. „Wir hatten einen Indier als Führer,« rief Cover in dankbarem Andenken an den Delawaren. Die Indier ſind gute Wegweiſer, wenn ſie treu ge⸗ ſinnt ſind. Es war ſicher kein Hurone, der Euch leitete.« „Eine Delaware,« rief Eover. „Wie hieß er?« ſagte der Jäger neugierig. Unkas,« antwortete David,»doch pflegt man ihn außerdem noch den großen Panther zu nennen.« »Ihr ſeid in guten Händen geweſen,« ſagte der Jäger neugierig.„Ich kenne den Häuptling ſehr wohl und weiß, daß er ſo rechtſchaffen iſt, als ein rother Mann nur ſein kann.« Hierauf folgte ein langes Geſpräch. Der Jäger nannte ſeinen Namen, Georg Blount, und verſprach auf die Bitte des Agenten, welcher ihn den Anſiedlern als einen ſehr rechtſchaffnen und erfahrenen Mann empfahl, den Winter über in ihrer Nähe ſich eine Hütte 89 zu errichten und ihnen nicht nur mit Rath und Belehr⸗ ung, ſondern auch thätig beizuſtehen. David Cover hatte für eine geringe Summe ein längſt des Sees gelegenes ausgezeichnet gutes Grund⸗ ſtück in der Größe von tauſend Morgen gekauft. Der Boden war ſehr fett und fruchtbar, jedoch größtentheils noch mit Wald bewachſen. Etwa 50 Morgen Prairie oder Wieſenland gehörte dazu. Das ganze Grundſtück war bereits abgeſteckt und ſollte am nächſten Sonn⸗ tage dem Landmann im Fort gerichtlich als Eigenthum übergeben werden. Nachdem nun das ganze Stück Land von Cover beſichtigt war, lud ihn der Agent ein, mit nach dem Fort zurückzukehren. Aber David war viel zu ſehr beſorgt, es möchte ihm daraus ein Zeitverluſt er⸗ wachſen. Aus dieſem Grunde beſchloß er, an Ort und Stelle ſogleich zu übernachten und am nächſten Morgen ſich einen Platz auszuſuchen, wo er ſein Wohnhaus er⸗ bauen wollte. Der Agent kehrte nun begleitet von dem Unteroffizier nach dem Fort zurück. Jetzt ſetzten ſich die vier Zurückgebliebenen am Fuße des Hügels zuſammen, um über den wichtigen Gegen⸗ ſtand, die Errichtung eines Wohnhauſes, ſich zu be⸗ rathen. Der Jäger hörte die verſchiedenen Meinungen ſeiner neuen Bekannten geduldig an. Dann erhob er ſich und ſprach: „Folget mir, ich will Euch an einen Platz führen, 90 woſelbſt Ihr Eure Hütte errichten müßt, wenn Ihr dem Rathe eines erfahrenen Mannes gemäß handeln wollt.« Er ſchritt voran, bahnte ihnen durch das Gebüſch bis auf den Gipfel des etwa 40 Fuß hohen Hügels einen Weg und alle riefen überraſcht von der Schönheit und Zweckmäßigkeit des Ortes: „Ja, hier iſt der beſte, ſicherſte und bequemſte Platz.⸗ „In Gottes Namen, Kinder!« rief David Cover, warf Flinte und Büchſenſack zur Erde, zog das Beil, das ihm auf dem Rücken hing, herab und fuhr fort: „Laßt uns den Platz vom Gebüſch reinigen; ange⸗ faßt!« Seine rüſtigen Söhne ahmten ihm nach und bald erſchallte der Forſt von dem lauten Ton der Aexte, dem Krachen der ſtürzenden jungen Bäume und dem Rauſchen der Gebüſche, welche, wie vom Winde niedergeriſſen, mit ungemeiner Schnelligkeit beſeitigt wurden. Es war keine ſchwere Arbeit, den Gipfel des Hügels zu ſäubern, denn erſt vor wenigen Jahren hatte ein Orkan das dort wachſende große Holz entwurzelt. Bald war es vermo⸗ dert und auf den Trümmern der verfaulenden Bäume wuchs ein junger Schlag empor, der raſch unter den Beilhieben der Anſiedler hinſank. Ehe zwei Stunden verfloſſen, war der höchſte Theil des Hügels, ein Platz von mehr als hundert Fuß im Durchmeſſer, gereinigt, das Holz in Haufen über einander gethürmt und nun 91 gewährte die nach drei Seiten abgeholzte Anhöhe eine herrliche Ausſicht. Rechts lag der unabſehbare See; der Fuß des Hügels grenzte an eine kleine ſtille Bucht, die einen natürlichen Hafen bildete. Vor dem Hügel lag die Prairie, die ſich zu beiden Seiten längs des Fluſſes dahinzog und erſt in der Ferne von mehreren Meilen durch den vortretenden Wald beendigt wurde. Den Hintergrund bildete der Forſt, der ſich auf dem Rücken der nach dem Fort hinlaufenden Anhöhen ſtets bis an den See hinzog. Kein ſchönerer Platz zu einer Anſie⸗ delung, zu einem Wohnhauſe, konnte gefunden werden. „Jetzt bin ich zufrieden,« rief David Cover.»Wir werden Futter für unſer Vieh in Menge erhalten und dieſer Platz iſt ſehr ſchön zu einem Wohnhauſe geeignet. Henry, Du wirſt mir einen Plan entwerfen zu Wohn⸗ haus und Stallungen. Wir wollen morgen damit be⸗ ginnen, unſere Hütte zu errichten. Möchte der Schutz Gottes auf dieſem Platze, der künftig unſere Heimath ſein ſoll, immerdar ruhen.« „Ihr gefallt mir, Landsmann,« ſagte der Jäger ge⸗ rührt.„Ihr beginnt da Euer Werk im Namen Gottes und ich denke, auf dieſe Weiſe kann's Euch nicht feh⸗ len.* „So hab' ich's mein Lebtage gehalten, Blount⸗ rief Cover weich geſtimmt, durch die ihn bewegenden Gedanken.»Ich weiß, daß alles beſſer geht, wenn 92 man's in Seinem Namen beginnt und es hat mich die⸗ ſer Glaube noch nie getäuſcht.« Am nächſten Morgen begann eine imere und an⸗ haltende Arbeit. Der Vater und Richard ſchlugen Holz um, das ganz nahe an dem Platze in Menge wuchs. Henry und der Jäger, der ebenfalls thätig mit angriff, ebneten den Gipfel des Hügels und trieben nach der Schnur Pflöcke ein, durch welche der Umriß des Ge⸗ bäudes bezeichnet wurde. Ebenſo wurde neben dem Haupt⸗ gebäude ein Platz zum Stalle bezeichnet. Das Wohnhaus ſollte 60 Fuß lang und 30 Fuß breit werden. Es bekam in der Mitte einen Saal und an jeder Seite desſelben zwei Abtheilungen, drei als Schlafzimmer, eine als Küche. Ein halb flaches Dach ſollte das Ganze decken. Der Stall für das Vieh ſtand hinter dem Wohnhaus; er enthielt Raum für 20 Stück Si drei Abtheilungen; in der erſten ſollte Platz für 10 Kühe, in der zweiten für 6 Ochſen und in der dritten für 4 Pferde ſein. Alles das wurde einfach durch ein⸗ geſchlagene Hölzer bezeichnet. Auf jedes dieſer Hölzer ſchrieb Henry mit Bleiſtift, was dorthin für ein Balken kommen ſolle, oder ob hier Thüre, Fenſter oder derglei⸗ chen angebracht werden müſſe. Dieſes Geſchäft forderte eine raſche und mühſame Arbeit von zwei vollen Tagen. Endlich war es vollendet. Der Vater, Richard und der Jäger hatten während i dieſer zwei Tage das nöthige Holz gefällt. Man errich⸗ tete Lager und die geradeſten und ſchönſten Baumſtämme wurden nun an zwei Seiten glatt gehauen. Der Jäger ttieb ein anderes Geſchäft; er ſpaltete junge ſchönge⸗ wachſene Bäume durch eingeſchlagene Holzkeile, ſo daß ſie in der Mitte zertheilt wurden, ein Geſchäft, in wel⸗ chem er eine nicht geringe Uebung beſaß. So verfloſſen vier Tage unter anhaltender Arbeit. Täglich erhielten die Anſiedler Beſuch aus dem Fort. Am letzten Tage ſollte ſie eine große Freude überraſchen. Mit dem Agenten und begleitet von einigen Perſonen aus der Garniſon erſchienen nämlich Charles Cover und Eſther, die am Morgen im Fort glücklich eingetroffen waren und den kurzen Weg hieher mit dem Fuhr⸗ werke zurückgelegt hatten. Zugleich brachten ſie die an⸗ genehme Nachricht mit, daß der neue Kommandant ſich ſehr für ihr Unternehmen intereſſire und ihnen, ſobald die Truppen ausgeruht hätten und eingerichtet wären, vier Tage in der Woche die ſechszehn Zimmerleute des Regiments gegen billige Vergütung ihrer Arbeit zum Bau des Wohnhauſes und der Stallung überlaſſen wolle. Auch verſprach der Kommandant, alles über⸗ flüſſige Bauholz im Fort, ſowie eine große Menge Steine und andere unnütze Gegenſtände zu Schiffe laden und gegen eine geringe Bezahlung an den Platz fahren zu laſſen. Dieſe günſtigen Nachrichten, ſowie die glückliche 94 Ankunft der Kinder ſetzten David Cover in große Freude und er beſchloß nicht nur, ſelbſt in's Fort zu gehen um dem Kommandanten zu danken, ſondern jetzt ſogleich ſtatt der Balkenhütte, ein ordentlich eingerichtetes, feſtes Wohnhaus bauen zu laſſen. Am nächſten Tage machte er ſich auf den Weg und gelangte glücklich ins Fort, be⸗ ſprach ſich mit dem wohlwollenden Befehlshaber und erhielt das Verſprechen, daß er allen Schutz und alle Unter⸗ ſtützung zu erwarten hätte. Der Befehlshaber war ein Freund der Landwirthſchaft, verſprach fleißig nach ſeinem Nachbarn zu ſehen und ihm außer den Zimmerleuten noch vierzig in der Landwirthſchaft erfahrene Soldaten zu ſenden, welche Gras ſchneiden und Heu daraus trock⸗ nen könnten. Alles dieſes war dem Anſiedler ſehr will⸗ kommen; er verſprach, die Leute gut zu belohnen und für ihren Unterhalt ordentlich zu ſorgen. Zu dieſem Ende machte er bei dem Wirth im Fort bedeutende Ein⸗ käufe und ließ die angeſchafften Lebensmittel noch an demſelben Tage zu Schiffe nach dem Orte ſeiner Anſie⸗ delung ſchaffen. Nun begann eine wunderbare Rührigkeit. Täglich kamen 8 bis 10 Boote mit Balken, Brettern, Bauſtei⸗ nen. Eine Menge Arbeiter begannen den Hausbau, zu dem kaum Materialien genug herbeigeſchafft werden konnten. Das Haus wuchs zuſehends aus dem Grunde. David Cover benützte das gefällte Holz zum Bau 95 eines großen Schoppens, um dort das von den Solda⸗ ten angefertigte Heu einzuerndten. Vierzig Mann arbei⸗ teten mit Senſen auf der Prairie und binnen wenigen Tagen lagen mehr als 20 Fuder vortreffliches, wohlge⸗ trocknetes Heu bereit. Es fehlten nur die Fuhrwerke, um dasſelbe einzuerndten. Aber auch dieſe erſchienen jetzt. Die vier Knechte kamen glücklich mit den vier beladenen Wagen an. Alles Vieh war geſund und fand ſogleich in dem faſt ganz fertigen Stalle ſeine Unterkunft. Zwei Tage nachher begannen die Knechte die Heuerndte einzufahren und auch dieſes Geſchäft war binnen zwei Tagen vollendet. Winterfutter lag reichlich für den ganzen Winter im Schoppen aufge ſpeichert. Der Jäger hatte längſt aufgehört, beim Bau mit⸗ zuhelfen. Er ging täglich mit dem Canot ab und kehrte immer erſt des Abends, aber ſtets mit einer reichen La⸗ dung Wildprett aus dem Walde zurück. Auf dieſe Weiſe war auch er ein ſehr nützlicher Freund der Land⸗ leute. So verfloſſen acht Wochen. Als Scheune und Stal⸗ lung fertig war, arbeitete alles mit vereinter Kraſt am Hauſe und ehe die Herbſtfröſte ſich einſtellten, ſtand auch dieſes, zwar höchſt einfach, aber feſt und gut gebaut, zur Bewohnung da. David und ſeine Söhne und Knechte machten nun *0 96 um das Ganze eine Umfriedigung aus Baumſtämmen, ſchafften das nöthige, längſt bereitgehaltene Brennholz in dieſelbe; hatten aber inzwiſchen Zeit genug gehabt, mehrere Morgen von dem höherliegenden Theil der Prairie umzuackern und mit Getraide zu beſäen. Auch dieſes Geſchäft wurde noch glücklich beendet. Die milde Oktoberſonne und der herrliche Boden trieben die junge Saat noch zum erſten Keime und ehe der Winter die kleine Flur bedeckte, ſah David Cover mehr als 12 Mor⸗ gen neuangelegte Korn⸗ und Waizenfelder üppig aus der Erde treiben. Der Kommandant erſchien wenigſtens zweimal in der Woche, um ſich nach dem Wohl der Anſiedler und nach den Fortſchritten zu erkundigen, welche ihr Bau machte. Ihm verdankten ſie es, daß ſie noch ſo weit gekommen waren und er ſelbſt fühlte ſich durch das Glück der wackern Leute, das er mitbegründen half, reich belohnt. Das nöthige Futter für das Vieh war eingeerndet; es fehlte nur an Hafer für die Pferde und dieſen konnte ſich Cover leicht im Fort verſchaffen. Er ſelbſt war mit Nahrungsmitteln reichlich verſorgt und war nicht nur im Stande, Mehl und andere nothwendige Dinge im Fort, wohin nur wenige Meilen waren, ſondern auch ſelbſt Gegenſtände des Luxus und der Bequemlichkeit, von dorther zu beziehen. Aber ſo einfache, genügſame M Menſchen, wie David Cover und ſeine Söhne, verlang⸗ ten gar nicht nach unnützen Dingen, ſondern ſie waren zufrieden, dem ſtrengen anhaltenden Winter von Canada mit Ruhe und ohne Beſorgniß entgegen ſehen zu können. Eſter Cover führte ſtill und fleißig das Hausweſen des Vaters. Der gefürchtete Gaſt ließ nicht lange auf ſich war⸗ ten. Eines Abends drehte ſich der Wind plötzlich nach Nordoſt; die Luft war noch rein, aber gegen den bis⸗ herigen milden Zuſtand der Witterung ſchneidend ſcharf. Gegen Untergang der Sonne umzog ſich der Horizont mehr und mehr mit Dünſten, welche düſteres, ſchwarzes Gewölk bildeten, in das die untergehende Sonne ſich wie trauernd hüllte. Die Dunkelheit war kaum einge⸗ brochen, ſo erſchien Blount ziemlich ermüdeten Ausſehens. Er trug einen ſchönen fetten Hirſch, warf ihn unmuthig zur Erde, zog die Mütze, wiſchte ſich den Schweiß von der Stirn und rief: »Gott ſei Dank, daß ich da bin! Ich hoffte nicht, ſobald zu Euch zurückkehren zu können.« »Nun, was gibt's?« fragte David Cover, der mit einer Arbeit beſchäftigt war. »Einen tüchtigen Sturm,« ſagte der Jäger,»und darauf einen acht⸗ bis zehntägigen Schneefall. Unter 14 Tagen oder 3 Wochen, bis eben der Schnee feſt und 5* 98 der See zugeftoren iſt, werdet Ihr wohl nicht aus dem Hauſe gehen können.« ₰ Alle ſtießen einen Ruf der Rdem und des Staunens aus. „Ja, ſtaunt nur!« ſagte der Jäger.»Hier im In⸗ nern wechſelt der Herbſt in einer Nacht mit dem Win⸗ ter, obgleich ich recht gut weiß, daß an der Küſte ein von dem unſerigen ſehr verſchiedenes Klima ſtattfindet. Horchlb ſetzte er hinzu,»hört Ihr den Sturm?« Leiſe Töne, wie fernes Geheul, drangen durch die Nacht. Es verſtärkte ſich dieſer Ton; man vernahm das Sauſen des ſich erhebenden Windes aus der Waldung. Jetzt begann das Geheul des Sturmes und ehe die Horchenden ſich von ihrem Staunen erholten, donnerte der See gleich dem wilden Ocean und warf ſeine toben⸗ den Wellen brandend an die Ufer des Hügels. »Da habt Ihr ihnz« ſagte der Jäger, ſeinen Rock feſt⸗ knüpfend.»Kommt und helft mir, das Canot aus dem Waſſer heben, damit es die Triftung*) nicht zerſchmettert.⸗ Die jungen Leute gingen mit und auch der alte Co⸗ ver legte ſeine Arbeit bei Seite, um ihnen nachzufolgen. Kaum war die Thüre geöffnet, als der Sturm gewaltig ins Haus eindrang und die Kraft eines Mannes genügte kaum, die Pforte wieder zu ſchließen. *) Brandung. 99 Es war ziemlich hell, empfindlich, ſchneidend kalt. Der See tobte außer der Bucht wüthend, wie das Meer und wälzte hohe Wellen über die niederen Vorlande. Selbſt das Waſſer der kleinen, wohlgeſchützten Bucht ſchäumte und wallte, als wenn es durch unterirdiſches Feuer zum Sprudeln gebracht würde. Heulend fuhr die Windsbraut in die Wälder, wo ein immerwährendes Krachen die Zerſtörung verkündete, welche ſie dort an⸗ richtete. »Dem Himmel ſei Dankl« rief David Cover,»daß wir ein feſtes Haus haben, in welchem wir dem Toben der Elemente Trotz bieten können. Wenn uns dieſe Witterung überraſcht hätte, ehe wir mit dem Bau unſe⸗ res Hauſes fertig geweſen wären!« »Erinnert Ihr Euch, daß ich ſagte, Ihr befändet Euch dann eben nicht in einer beneidenswerthen Lage? Denkt Ihr noch daran, daß ich ſo ſprach, als ich Euch zum erſten Male ſah?« fragte der Jäger. David Cover ſchwieg und dankte im Stillen Gott, der ihn Freunde hatte finden laſſen, welche ihm beiſtan⸗ den und zur Vollendung ſeiner Einrichtung behilflich waren. Das Canot war aus dem Waſſer gehoben; das leichte Fahrzeug wurde den Hügel hinauf in die Umfrie⸗ digung getragen und an den Schoppen gelehnt. Man bedeckte es mit Reißig und ſo war es ziemlich vor der Zerſtörung durch die Witterung geſichert. 100 Cover und die Seinen erwachten frühe am nächſten Morgen. Als ſie zum Fenſter hinaus ſahen, war der See ruhig, der Himmel ſchwarz und eine fußhohe Lage Schnee bedeckte die ganze Gegend. Der Winter war binnen einer einzigen Nacht eingetreten. Täglich nahm nun die Kälte zu und als der Dezember begann, über⸗ zog ſich der ungeheuere See mit einer dicken Eismaſſe. Der Himmel hellte ſich auf; die Kälte war nie unter 18 bis 20 Graden. Als das Eis genug Feſtigkeit hatte und noch überdies viel Schnee darauf gefallen war, ent⸗ ſtand eine ganz neue Straſſe nach dem Fort, nämlich eine vortreffliche Schlittenbahn, die von Cover ſowohl, als auch von den Offizieren des Forts ſehr fleißig zu Beſuchen und Gegenbeſuchen benützt wurde. So verfloß der größte Theil des langen und ſtrengen Winters. Das Frühjahr wurde erwartet und David Cover faßte ſchon die ſchönſten Hoffnungen. Allein bald ſollte eine beunruhigende Nachricht dieſe angenehmen Ausſichten ſtören. 101 Fünftes Kapitel. Der Beſuch des Delawaren. Nachrichten vom Kriegsſchauplatze. Die trüben einſamen Wintertage waren ohne Ge⸗ fahr glücklich vorübergegangen. Täglich ſtieg die Sonne höber am Firmamente und ihr Strahl bekam eine grö⸗ ßere Wärmekraft. Um die Mittagszeit war es ſchon möglich, im Freien ſich ohne Beſchwerde aufzuhalten, obwohl die Nächte noch fürchterlich kalt waren und täg⸗ lich noch das Geheul der Wölfe in den Umgebungen im Dickicht des Waldes, widerhallte. Blount war ſchon im Dezember ſehr häufig außer dem Hauſe geweſen und hatte ſein Lieblingsgeſchäft, die Jagd, betrieben. Man hatte ihm ein Plätzchen im Schlafzimmer der jungen Leute angewieſen und in einer Ecke des Hofes hatte er ſich ſelbſt ein feſtes Behältniß gezimmert, in welchem er die Ausbeute ſeiner Jagdzüge, eine ſehr große Menge von Fuchs⸗, Wolf⸗ Bärenfellen und andern Pelter⸗ eien, aufbewahrte. Richard Cover und Charles began⸗ nen, ihn ſehr häufig auf ſeinen Jagdzügen zu begleiten, weil die Arbeiten vollkommen beendet waren und es nun, ſo lange der Winter noch währte, für ſie nur ſehr we⸗ nig im Hauſe zu thun gab. Sie lernten durch dieſe Züge, an denen ſehr oft auch Offiziere aus dem Fort 102 Antheil nahmen, die Umgegend kennen und beſonders Richard erwarb ſich durch ſeinen Muth und durch Pro⸗ ben ſeiner außerordentlichen Stärke die allgemeine Zu⸗ neigung. An Faſtnacht hatten die Offiziere auf dem Eiſe ein Scheibenſchießen veranſtaltet. Zu dieſem Vergnügen waren auch die Covers eingeladen. Sie ließen den Schlitten anſpannen und fuhren mit ihrer Schweſter und dem Jäger Blount über die Eisdecke des Seees nach dem Fort, in deſſen Nähe der Schießplatz angelegt war. David Cover, ſolchen Vergnügungen abgeneigt, blieb zu Hauſe, um ſein Eigenthum nicht unbewacht zu laſſen. Als die Sonne unterging, ſchloß er ſelbſt die Thore des Gehöfts, begleitet von Blounts Hunde, den dieſer zurückgelaſſen hatte. Sodann befahl er einem der Knechte, wach zu bleiben und ſeine Kinder zu erwarten und be⸗ gab ſich in das warme Gemach, woſelbſt er ſich am Tiſche niederließ, um nach ſeiner Gewohnheit vor dem Schlafengehn noch ſein Abendgebet zu verrichten. Plötzlich ließ der Hund ein Knurren hören, erhob ſich und lauſchte. Unmittelbar hierauf begann das Thier laut und anhaltend zu bellen. David ſtand raſch auf, ging hinaus und ſah durch eine in der Thüre ange⸗ brachte Oeffnüng. Sogleich bemerkte er eine im Dunkel des Abends über den Abhang des Hügels heraufſchrei⸗ tende Geſtalt, Der Ankommende war bewaffnet und 105 trat leichten Schrittes zur offenen Pforte in das Gehöft herein. Jetzt erſt war es David möglich, ihn näher zu betrachten und er bemerkte zu ſeiner nicht geringen Be⸗ unruhigung, daß er einen Indianer, einen bisher noch nie in der Nähe des Forts bemerkten Gaſt, vor ſich habe. Da in der Halle immer einige geladene Gewehre der Vorſicht wegen aufgehängt waren, ſo griff David nach einem derſelben, um ſogleich zur Vertheidigung ge⸗ rüſtet zu ſein, falls der Fremde entſchieden ſchlimme Abſichten verrathen ſollte. Allein der Indier ſtand nur einen Augenblick ſtill und warf unentſchloſſene Blicke auf das Haus. Unmit⸗ telbar hernach trat er auf die Thüre zu und pochte raſch an dieſelbe. David, der von ihm nicht geſehen werden konnte, weil er im dichten Dunkel der Hausflur ſtand, rief nun, nachdem er ſich vergeblich bemüht hatte, die Züge des Indiers zu beſchauen: »Wer iſt draußen?« »Ein Freund! Unkas!« entgegnete die wohllautende, David ſehr gut bekannte Stimme des Indiers. Bei dieſem Worte verklärte ſich der finſtere erwart⸗ ungsvolle Ernſt des Pflanzers ſchnell in den Ausdruck der Freude und des Wohlwollens. Er ließ ſich kaum Zeit, die Büchſe wieder an ihren Platz zu hängen: dann zog er die Riegel zurück, öffnete die Thüre und rief, 4 — 2 104 indem er dem Draußenſtehenden die breite derbe Hand entgegenſtreckte: »Willkommen, lieber Sohn, ſei mir herzlich will⸗ kommen.« Der Indier trat ſchnell, nachdem er die Hand des Pflanzers gedrückt hatte, herein und ſprach: »Mein Vater möge die Thüre ſchließen; Unkas iſt allein.« David ſchob die ſchweren Riegel vor, führte ſeinen Gaſt in das Gemach, nahm ihm dort die Büchſe ab, hing ſie an die Wand, ſchob einen Stuhl für ihn zu⸗ recht, holte die Reſte des Abendeſſens, Hirſchbraten und Brod, ſetzte ihm eine Flaſche Genever vor und lud ihn ein, es ſich bequem zu machen und ſeinen Hunger zu ſtillen. Der Indier aß mäßig von dem Mahle, trank einen Becher von dem feurigen ungewohnten Getränk und ließ ſodann ſeine Blicke ruhig im Gemach umher⸗ gleiten. Nicht unbekannt mit der Sitte dieſer Natur⸗ menſchen holte David zwei Pfeifen herbei, ſtopfte ſie für ſich und ſeinen Gaſt und bald erfüllten wohlriechende Dampfwolken das warme Gemach.. Nach einiger Zeit, welche von beiden Männern im tiefſten Stillſchweigen hingebracht war, nur unterbrochen von wenigen ſtrafenden Worten, mit denen David Blounts Hund, Hektor, der immer noch knurrte, zurecht⸗ wieß, waren die Pfeifen zu Ende geraucht und der In⸗ dier legte die Seinige bei Seite. Hierauf begann er: »Mein Vater iſt ſehr gut eingerichtet; ſein Haus iſt groß und gaſtlich. Seine Thüre iſt dem Freunde nicht verſchloſſen geweſen.« »Mein Sohn!« rief der Pflanzer gerührt, valles, was Du hier ſiehſt, betrachte als Dein Eigenthum. Benimm Dich, als wäreſt Du in Deinem Hauſe. Du haſt ſehr viel für mich und meine Kinder gethan, das werde ich Dir nimmer vergeſſen. Mein Haus iſt ſtets offen für Dich und Du biſt zu jeder Zeit willkommen als mein beſter Freund.« »„Es iſt gut, mein Vater, Unkas danktz« ſagte der Indier, nicht unempfindlich für dieſe herzliche Aufnahme und für die Dankbarkeit, welche der Pflanzer an den Tag legte.»Wo ſind die jungen Männer, Deine Söhne, Vater?« »Sie ſind im Fort, wo heute eine Luſtbarkeit, ein Scheibenſchießen ſtattfand. Sie werden ſich dort noch verweilt haben.« »Sind ſie allein, mein Vater 24 fragte der Indier. »Ein Freund von uns, den wir erſt hier kennen gelernt haben und der dieſen Winter bei uns lebte, hat ſie dahin begleitetz« antwortete David, durch dieſe Frage beunruhigt. »Wer iſt dieſer Mann und was iſt ſein Geſchäft?« fragte Unkas. 106 »Er iſt ein Jäger; ſein Name iſt Blount;« ſagte David. »Scharfauge?« rief der Indier raſch. „Ich glaube, man hat ihm dieſen Namen beigelegt wegen ſeines ſichern Blickes und ſeiner Geſchicklichkeit im Schießen.« Der Indier ſchwieg befriedigt. Endlich ſprach er: „Sie werden nicht verlaſſen ſein, wenn ihnen Gefahr drohen ſollte. Scharfauge iſt klug und wird ſeine Vor⸗ ſicht nicht vergeſſen.« „Iſt denn Gefahr vorhanden?« rief David voll. Sorge und Unruhe. „Die Huronen erfüllen die Wälder, wie eine Schaar hungriger Wölfe;« antwortete der Indier.»Die Fran⸗ zoſen haben den Krieg begonnen. Schon iſt die Linie der Forts von ihnen unterbrochen. Bald wird dieſer Wald von ihrem Kriegsgeſchrei und dem Donner der Kanonen widerhallen, wenn nicht ſchleunigſt die Eng⸗ länder ſich aufmachen, um die Verwegenen zu züchtigen.⸗ Wie? höre ich recht?« rief der über⸗ raſcht,»mitten im Winter ſollte General M.. den Krieg eröffnet haben?* „Es iſt, wie ich Dir geſagt habe, Vater;⸗ fuhr d der Indier fort.»Franzoſen ſind auf Schlitten über den See gefahren, haben das Fort Wilhelm angegriffen und Ihr ſeid von den übrigen abgeſchnitten. Zugleich 107 hat der Anführer der Franzoſen ſeine Bundesgenoſſen, die Huronen aufgeboten. Es iſt die Waldung von ihnen erfüllt und auch Ihr, die Ihr hier einſam woh⸗ net, habt Gefahr zu befürchten. Seid wachſam und vorſichtig!« Es war wirklich ſo, wie der Indier berichtete. Der franzöſiſche Obergeneral hatte mitten im Winter einen Angriff auf die Linie der engliſchen Forts verſucht. Zugleich lagen die wilden blutgierigen Horden der Hu⸗ ronen längs der gebahnten Heerſtraſſe. Alle Boten wur⸗ den aufgegriffen, auf das Grauſamſte ermordet, die Verbindung zwiſchen den einzelnen Poſten war gänzlich unterbrochen; Pflanzungen wurden beraubt, niederge⸗ brannt, die Bewohner ermordet, oder in ferne Gegen⸗ den als Gefangene fortgeſchleppt. Alles dieſes geſchah ſo raſch, daß die Engländer erſt nach vollzogener That die Nachricht davon erhielten. Es war unmöglich, den Wald zu paſſiren und den Angegriffenen Hilfe zu ſen⸗ den, denn die hochbeſchneieten„voſt durch Schneehaufen völlig geſperrten Straſſen waren kaum für leichtes Fuhr⸗ werk, aber nicht für Truppenmaſſen und Geſchütz gang⸗ bar. Die einzige Hoffnung beſtand auf einem uner⸗ warteten Eintritt des Frühjahrs, der den Franzoſen Tod und Verderben bringen mußte. Allein der ſchlaue Anführer der Feinde hatte ſich hierauf vorgeſehen. Nur ein kleiner Theil des Heeres, angeführt von einem der 108 tüchtigſten Offiziere, aus leichten Truppen beſtehend, nur mit ein paar Geſchützen verſehen, die auf Schlitten transportirt worden waren, aber von Tauſenden von Indianern begleitet, hatte den Streifzug übernehmen müſſen und man hegte dabei weniger die Abſicht, eine dauernde Eroberung zu machen, als vielmehr die Eng⸗ länder zu ſchrecken und gleich bei Beginn des Feldzugs den kriegeriſchen Geiſt ihrer Truppen zu lähmen. Glück⸗ licherweiſe ſcheiterte dieſer gefährliche Anſchlag an dem Muthe und der Entſchloſſenheit des Befehlshabers in Fort Wilhelm, der ſeinen Poſten nicht nur heldenmüthig vertheidigte, ſondern auch alle Aufforderungen zur Ueber⸗ gabe, alle Drohungen und alle glänzenden Verſprech⸗ ungen mit Verachtung von ſich wieß. Inzwiſchen blieben die Engländer nicht unthätig. Sie riefen ihre indiſchen Bundesgenoſſen, die Delawa⸗ ren und andere ſüdlich wohnende Indiſche Stämme. Bald erſchienen dieſe tapfern Krieger und nun begann ſich die Lage der Franzoſen zu verſchlimmern. Schon dachte ihr Anführer an den Rückzug, nur wollte er die Geſchütze und das Lagergeräthe nicht im Stiche laſſen. Auf dieſem Punkte ſtand die Sache, als Unkas bei David erſchien, um dieſen, obwohl er weit vom ſüias⸗ ſchauplatze entfernt wohnte, zu warnen. Unkas und David beſprachen ſich noch mit einan⸗ der, als das Fuhrwerk der Zurückkehrenden gehört 109 wurde. Beide eilten ſogleich hinaus und ſahen alle wohlbehalten den Hügel herauffahren. Staunend be⸗ grüßten die jungen Männer den Delawaren, der ihnen mit herzlicher Zuneigung die Hand reichte. Die Knechte beſorgten das Fuhrwerk, das Gehöft wurde geſchloſſen, alle reihten ſich um den Tiſch und vernahmen die ſchlimmme Nachricht. Als Unkas ſie gehörig unterrichtet und auf die Er⸗ fahrung des Jägers verwieſen hatte, der bei ihnen weilte, erhob er ſich, um ſich noch in der Nacht wegzubegeben. David bat ihn, auf dem Gehöft zu bleiben, aber der Häuptling wieß dieſes Anerbieten zurück und ſchritt nach kurzem Abſchied hinaus in die kalte Winternacht. Bald war ſeine Geſtalt im Walde verſchwunden. Nach einer Stunde begehrte er Einlaß im Fort, nachdem er ſeinen Namen dem Kommandanten hatte melden laſſen. Auch hier verurſachte ſeine unerwartete Nachricht Staunen. Der Befehlshaber ließ ſogleich alle Poſten verdoppeln, alle Truppen zur größten Wachſamkeit auffordern und am folgenden Morgen machte er ſeine Untergebenen mit den Vorfällen bekannt. Man war auf alles vor⸗ bereitet und erwartete muthig den Angriff, da das Fort mit Munition und Lebensmitteln auf das Beſte verſorgt war. Allein der gefährliche Anſchlag der Franzoſen ſollte ohne Exfolg bleiben und zu ihrem eigenen Verderben 110 enden. Am erſten März überzog ſich der Himmel mit düſtern Wolken. Der Wind drehte ſich nach Südweſt;z ein außerordentlich raſcher Wechſel der Temperatur trat ein; das Thermometer zeigte bald 9 Grad Wärme. Der Sturm erhob ſich; es begann in Strömen zu reg⸗ nen und der Himmel ſendete 3 Tage lang unermeßliche Waſſermaſſen aus den Wolken auf die beeiſeten Forſte herab. Wie eine Theaterveränderung zerfloſſen die das Land bedeckenden Schneemaſſen, die Eisdecke des Sees brach mit fürchterlichem Toben und Krachen— ein ſchreck⸗ liches Schauſpiel. Der Wind jagte die ungeheuren Trümmer hinaus in den hohen See, wo ſie ſich über⸗ einander thürmten und endlich ungeheure thurm⸗ und bergartige Maſſen von den ſeltſamſten Geſtalten bilde⸗ ten. Viele trieben an die Küſte, wo ſie zerſchellten und mit fürchterlichem Krachen zertrümmerten. Die meiſten gingen im See, durchweicht vom Regen und der Wärme, unter. Binnen wenigen Tagen war der See rein vom Eiſe; der Frühling begann hereinzuziehen in die öde Landſchaft. Die Flüſſe ſchwollen fürchterlich an und David Co⸗ ver erkannte, welch' ein Glück es war, ſich auf der Spitze des Hügels angebaut zu haben, denn das ganze Waldthal des unbedeutenden Gewäſſers, an deſſen Mün⸗ dung in den See ſeine Beſitzung lag, war von einem wildbraußenden Strom erfüllt. Bald ſanken jedoch die 111 Waſſer und nun ging alles dem Grünen und Aufkeimen raſch entgegen. Nach vierzehn Tagen traf im Fort die Nachricht ein, daß die Engländer jene Abtheilung der Franzoſen, welche Fort Wilhelm belagert hatten, auf ihrem eiligen Rückzuge angegriffen, mit Hülfe ihrer Bundesgenoſſen, der Delawaren und anderer mit dieſen verwandten Stämme nicht nur geſchlagen, ſondern völlig zer⸗ ſtreut hätten und daß die Huronen in einzelnen Trupps durch die Wälder oder über den See zu flüchten ſuch⸗ ten. Deshalb erhielt der Befehlshaber des Forts den Auftrag, Abtheilungen der Truppen den ihm überſen⸗ deten, etwa 100 Krieger zählenden Delawaren beizuge⸗ ben, den Huronen aufzulauern und ſowohl die Nieder⸗ laſſungen vor ihrer Raubgier und Mordluſt zu beſchützen, als auch dieſe Räuber wo möglich für ihre Unthaten zu züchtigen. Unkas führte die Delawaren an und David Cover, der ſich eines Geſchäfts wegen mit Richard, Charles und zwei Knechten nach dem Fort begeben hatte, ſprach daſelbſt den Anführer der Indier, der dieſe Nach⸗ richten und den Befehl des Generals Webb in das Fort perſönlich überbracht hatte. Der Delaware mißbilligte offen die von David Co⸗ ver begangene Unvorſichtigkeit, in einem ſo kritiſchen und gefährlichen Augenblick ſein Gehöft verlaſſen zu haben und forderte ihn nicht nur auf, unverzüglich und ſo 112 ſchnell als möglich dahin zurückzukehren, ſondern erbot ſich, ihn mit einer Anzahl Kriegern dorthin zu begleiten. David Cover kürzte deshalb ſeinen Beſuch ab und be⸗ gab ſich unverzüglich auf den Heimweg. Der Delaware und zehn Krieger ſeines Stammes begleiteten den An⸗ ſiedler und ſeine Söhne nach der Pflanzung. Es wird ſich im nächſten Kapitel zeigen, ob die Beſorgniſſe des treuen Indianers gegründet waren. Sechſtes Kapitel. Der Ueberfall der Huronen. Die Gefangennehmung Henrys und ſeiner Schweſter Eſther. Die Verfolgung und der Kampf. Etwa eine halbe Stunde, nachdem David Cover und ſeine Begleiter die Plantage verlaſſen hatten, be⸗ gab ſich Blount, der ſchon ſeit mehreren Tagen allerlei ihm verdächtige Zeichen in den Wäldern bemerkte, in den Forſt, um die nächſten Umgebungen der Pflan⸗ zung zu durchſuchen. Er hatte ſich vergebens bemüht, den alten Pflanzer von ſeinem Vorſatz, ins Fort zu gehen, abzubringen und dennoch hatte er es auch nicht 113 über ſich vermocht, ihm ſeine Beſorgniſſe mitzutheilen und ihn vielleicht in unnöthige Angſt zu verſetzen. Er vertiefte ſich, nachdem er Henry und den Knechten Wach⸗ ſamkeit anbefohlen hatte, in die Waldung und gelangte nach einem ziemlich großen Umweg an die entgegengeſetzte Seite des Fluſſes, den er bei einer Furth durchſchritt. Kein gefahrdrohendes Zeichen war ſichtbar und Blount gelangte bis an den See, ohne etwas Verdächtiges zu entdecken. Er ging auf einem der vorſpringenden Vor⸗ lande bis an den Strand. Von dieſem Punkte aus konnte er nach der Gegend der Pflanzung ſehen, obwohl dieſe durch vorſpringende Waldanhöhen verdeckt war Die Entfernung dieſes Punktes von der Plantage be trug etwa 2 Meilen. Sobald Blount den erſten Blic nach der Gegend warf, bemerkte er einen dicken Rauch, der ſich gen Himmel zog. Entſetzen erfaßte ihn, und ohne an die eigene Gefahr zu denken, warf er die Flinte über die Schulter und begann, ſo ſchnell er konnte, nach der Plantage zu laufen. Erſchöpft und athemlos ge⸗ langte er endlich an den Rand des Waldes. Hier hielt er einen Augenblick inne, um die Plantage ſelbſt zu beobachten. Der Schoppen ſtand in vollen Flam⸗ men. Nichts zeigte ſich ſonſt; kein Menſch war zu ſehen. Von fürchterlicher Ahnung gefoltert, rannte der wackere Jäger eiligſt ins Thal, warf ſich in den Fluß, ſchwamm, die Büchſe und das Putahes hochhaltend, gekommen war, aber er hörte den ſchrecklichen Bericht, 114 über denſelben und eilte, die Büchſe zum Gebrauch be⸗ reit, nach den Gebäuden. Er traf nur eine Scene fürch⸗ tterlicher Verheerung. Der Schoppen war bis zur Erde niedergebrannt, die Ställe leer, das Haus offen. Unter der Thüre lag einer der Knechte, die Bruſt durchbohrt, das Haupt ſcalpirt. Den andern Knecht fand er èben⸗ falls getödet im Stalle liegend. Er ſchien erſt nach einem fürchterlichen Kampfe gefallen zu ſein. Jetzt drang Blount ins Haus; hier war alles zer⸗ ſchlagen, die Schränke erbrochen, geleert, alles vernichtet, umhergeſtreut. In der Schlafkammer lag ſein Hund; der Kopf war demſelben von einer Büchſenkugel zerſchmettert. Brandgeruch drang Blount entgegen. An mehreren Orten war Feuer angelegt; aber ein gütiges Geſchick hatte bisher das Zünden verhütet. Blount zertrat und er⸗ ſtickte die glimmenden Brennſtoffe; dann ſetzte er ſeine Nachforſchungen weiter fort, durchſtöberte alle Winkel, aber von Henry und Eſter war keine Spur zu finden. Eine Menge Spuren bewieſen ihm, daß Huronen dieſe Zerſtörung angerichtet hatten. Als er ſich hier⸗ über Gewißheit verſchafft hatte, eilte er fort, um dem unglücklichen Pflanzer die Nachricht von dem ſchrecklichen Ereigniß zu überbringen. Mitten im Walde traf er auf David Cover, deſſen Söhne und die Delawaren. Der Vater erbleichte, als er vernahm, was über ihn * 115 wie ein Mann und ſeßte ſodann eiligſt ſeinen Weg. fort, um an Ort und Stelle die nöthigen Nachforſch⸗ ungen über das Schickſal ſeiner Kinder anzuſtellen. Schnell war die Unthat vollbracht worden. Eine Anzahl von Huronen, welche ihr Weg in der Nähe des Gehöfts vorübergeführt hatte, ſtürzten ſich voll Mord⸗ und Raubgier über dasſelbe her. Die Kuechte erlagen ihren Streichen. Henry wurde zu Boden geworfen gebunden und ſammt ſeiner Schweſter in die Gefangen⸗ ſchaft geführt. Dann entfernten ſich die Wilden beim Praſſeln der Flammen, die den Schoppen in Aſche leg⸗ ten. Wohnhaus und Stallung blieben, denn die dort ungeſchickt angelegten Zündſtoffe erloſchen wieder und der Wind trieb die Flammen des brennenden Schoppens nach der Seite der Prairie hin. Sobald Cover bei ſeinem zerſtörten Eigenthum an⸗ langte, ſuchte er mit gebrochenem Herzen, alle andern Verluſte überſehend, nach ſeinen Kindern. Unkas dage⸗ gen zerſtreute ſeine Krieger über die Ebene, um dort die Spuren der Räuber zu ſuchen. Bald kehrten die ſcharfſinnigen Söhne der Wildniß zurück. Sie hatten nicht nur die genaueſte ſicherſte Spur entdeckt, ſondern vermochten ſogar, die muthmaßliche Anzahl der Mörder und ihren Anführer zu beſtimmen. Es waren ſechszehn Indier vom Stamme der Wyandots, wie die Dela⸗ waren mit größter Sicherha ungaben. Zugleich nahmen ſie an den Fußſtapfen wahr, daß jene von einem ihrer Häuptlinge geführt wurden, der weit über ſechs Fuß hoch, von herkuliſcher Stärke, den Delawaren ſehr wohl bekannt war und dem man wegen ſeines gewaltigen Fußes den Namen Big Foot oder Großfuß beigelegt hatte. Unkas war außer ſich vor Freude, ſich mit dieſem berühmten, aber aufs Aeußerſte gehaßten Feinde, der, wie er wußte, noch fünf, ihm wenig an Furchtbarkeit nachſtehende, Brüder bei ſich hatte, und von einem ſo zahlreichen Trupp begleitet war, meſſen zu können. Doch nur einen Augenblick vergaß er ſeiner Zurückhaltung; dann beobachtete er wieder ſeine ihn ſo ſehr auszeich⸗ nende Ruhe und ertheilte ſeinen Kriegern die gemeſſen⸗ ſten und wohlüberlegteſten Befehle. Sie theilten ſich in zwei Haufen, deren jeder an einem Ufer des Fluſſes vordrang. Den einen befehligte er ſelbſt. Ihm folgte Charles Cover und einer von Co⸗ vers Knechten, der ſich freiwillig dem Zuge anſchloß, um ſeine ermordeten Cameraden womöglich zu rächen. Den andern Haufen ſollte der erfahrne Blount an⸗ führen. Bei ihm befand ſich Richard, der von Rache erfüllt und zugleich von dem Wunſche beſeelt, ſeine Kraft mit dem berühmten Feinde meſſen zu können, kaum in der nöthigen Beſonnenheit zu erhalten war. Beide Haufen ſollten ſich Nachricht geben, wenn ſie den —— —— — 117 Feind entdecken würden, und keiner ſollte ohne den Bei⸗ ſtand des andern ſich in einen ungleichen Kampf einlaſſen. Die Wyandots hatten ſich an dem Ufer des Fluſſes in das Dickicht der Wälder zurückgezogen. Ihrer Spur folgte jetzt Unkas mit ſeinen Begleitern. Blount durch⸗ ſchritt die Furth und ging am andern Ufer des Fluſſes aufwärts. David Cover blieb mit einem der Knechte zurück, um das Haus zu hüten und den Erfolg des Unternehmens abzuwarten. Eifrigſt wurde die Verfolgung fortgeſetzt. Der Zug der Wyandots konnte nur langſam vorwärts gehen und ſie glaubten auch, keine Urſache zu beſonderer Eile zu haben, weil ſie nicht wiſſen konnten, daß Menſchen ihres Stammes ſie in Verbindung mit Weißen einzuholen trachteten. Auch war ihre Anzahl ſo groß und ſie konnten durch ihre im Innern der Wälder zerſtreueten Bundes⸗ genoſſen ſelbſt im Fall militäriſcher Verfolger ſich ſo ſchnell Hülfe verſchaffen, daß ſie immer im Vortheil bleiben mußten. Aber dieſe falſchen Annahmen ſtürzten ſie ins Verderben. Bald zeigte die Friſche der Spuren dem Delawaren und ſeinen Begleitern, daß man den Wyandots auf der Ferſe war. Sie kamen jetzt an eine Stelle, wo der bisher am Südufer des Fluſſes wahrnehmbare Pfad der Indier aufhörte, wo ſie den Fluß überſchritten hatten, und der Weg am gegenüberliegenden Ufer im 118 ſtumpfen Winkel landeinwärts ging. Hier ließ Unkas einen Augenblick Halt machen, um den Haufen der von Blount angeführten Krieger an ſich zu ziehen. Allein ehe er dieſen Nachricht geben konnte, hatten ſie weiter landeinwärts den Pfad oder die Spuren ent⸗ deckt, und die wilde Hitze Richards, der voll Kampfgier weiter ſchlich, vereitelte alle Plane. Richard ging leiſe längs des hier eine Krümmung machenden Fluſſes fort. Bald fand er eine Art Anlände und beim Herabſchauen von einer überhängenden Klippe zwei leere, anſcheinend verlaſſene indianiſche Kähne. Zugleich hörte er ein leiſes Gemurre und ſah plötzlich den rieſenmäßigen Großfuß, den er ſogleich an ſeiner ungeheuern Geſtalt erkannte, wie er am Ufer unter dem Schatten einer Weide hingeſtreckt, halblaut mit einem andern Krieger ſprach, der neben ihm wie ein Zwerg erſchien. Richard zog ſich ſorgfältig zurück, zielte und drückte in einer Entfernung von zwanzig Fuß auf die Bruſt des indiſchen Häuptlings ab. Aber die Flinte verſagte. Alsbald ſprangen beide Wyandots verwun⸗ dert auf und alle drei ſtarrten einander, aber nur einen Augenblick, an. Richard Cover fühlte ſich zu feſt in das Gebüſch verwickelt, um durch die Flucht entrinnen zu können. Kühnen Entſchluſſes ſprang er daher in einem Satze von der Höhe herab und zwar mit ſolcher Gewalt auf — ———————— 1¹9 3 Großfußens von ihm umklammerte Bruſt, daß beide vvn der Gewalt des Falles zu Boden ſtürzten, mit ihnen aber auch der andere Indier, den Richard beim Herab⸗ ſpringen mit dem rechten Arme umhalſet hatte. So lagen alle drei, als ſich gleichzeitig im Gebüſch das fürchterliche Kriegsgeſchrei der Delawaren vernehmen ließ, dem das des Unkas und deſſen Trupp vom Fluß⸗ ufer antwortete. Gleichzeitig begann ein ſcharfes Feuern, woraus die drei Kämpfer ſchließen konnten, daß auch die andern im Gefecht ſeien. Aber keiner von ihnen hatte Zeit, auf das zu achten, was vorging. Anfangs war Großfuß durch Richards gewaltſamen Anſtoß betäubt, ſo daß dieſer beide Indier niederzu⸗ halten vermochte. Der dazu nöthige Kraftaufwand war aber ſo groß, daß er keine Zeit behielt, das Meſſer zu ziehen. Großfuß erholte ſich ſchnell und ſchlang nun, ohne einen Verſuch zum Aufſtehen zu machen, ſeine langen Arme mit ſolcher Gewalt um Richard, daß dieſer trotz ſeiner Stärke den kleineren Indier ſogleich fahren laſſen mußte. Dieſer ſprang nun alsbald in die Höhe und rannte auf Großfußens Geheiß, deſſen zehn Schritte davon liegende Streitart zu holen, um Richard während jener ihn umfaßt hielt, zu tödten. Dieſer aber nahm ſogleich die ihm drohende Gefahr wahr und arbeitete gewaltig, ſich dem rieſigen Indier zu entwinden; aber vergebens, ſo daß der kleinere Indier mit erhobener 120 Streitart nahe kommen konnte. Aber auch nur nahe; denn, als er einen Hieb führen wollte, erhielt er von Richard einen ſo gewaltigen Stoß mit dem Fuße, daß er rücklings ins Waſſer fiel und die Streitart ſeinen Händen entſank. Großfuß heulte verachtungsvoll und ſchrie ſeinem Gefährten donnernd indiſche Worte entgegen, welche, obgleich Richard unverſtändlich, ihm doch einen Aufruf zu erneuetem Angriffe zu enthalten ſchienen. Vorſichtig nahte der Indier wieder, die Beine Richards vermeidend, den er mit der hin und her geſchwungenen Streitart über die Stelle des beabſichtigten Hiebes zu täuſchen verſuchte, bis er durch einen neuen Donnerruf des in⸗ diſchen Häuptlings gezwungen wurde, den Hieb zu führen. Im Augenblicke, wo dieſer fiel, wußte ſich jedoch Richard ſo geſchickt zu drehen, daß derſelbe, ohne ihn kampfunfähig zu machen, blos halbflach ſein linkes Hand⸗ gelenke traf, in welches er tief einſchnitt. Gleich nach dieſem Hiebe machte Richard einen ſo plötzlichen und kräftigen Verſuch, ſich aus des Indiers Armen loszureißen, daß es ihm wirklich gelang, worauf er raſch den Augenblick des Aufſpringens benutzte, eine Büchſe zu ergreifen und den kleineren Indier, der aus Furcht, ſeinen Landsmann zu treffen, bisher ſelbſt nicht losdrücken durfte, niederzuſchießen. Kaum war aber der Schuß gefallen, als Richard ſich von Großfuß zu Boden 8—— 121 geſchleudert fühlte. Er fel auf ſeinen Rücken an den Rand des Fluſſes, ſprang aber, ehe ſein Gegner ihn niederhalten konnte, mit ſolcher Wuth über dieſe Hand⸗ habung ſogleich wieder auf die Beine, daß er eine Zeit⸗ lang in hartem Fauſtkampfe ſeinem ſtärkeren Gegner das Gleichgewicht hielt, ohne daß einer von ihnen ſich Zeit ließ, daß Meſſer zu ziehen. In dieſer Fechtart war Richard durch größere Schnelligkeit und Uebung dem Indier überlegen, der ihn daher eilig auch wieder umklammerte, worauf beide mit einander in den Fluß rollten und nun mit großer Erbitterung darum kämpften, welcher den Andern unterzutauchen vermöchte. Fetzt zeigte ſich, daß der ſo gewaltſamer Anſtreng⸗ ungen ungewohnte, durch Richards Sprung von der Klippe auf ſeinen Magen noch immer etwas benommene Indier nicht ferner die früher gezeigte Kraft zu ent⸗ wickeln vermochte, was jenen in den Stand ſetzte, ihn bei der einzigen Schädellocke zu ergreifen und deſſen Haupt ſo lange unter das Waſſer zu halten, bis er aus deſſen nachlaſſendem Sträuben ſchließen konnte, daß er zu leben aufgehört habe. In dieſem Augenblicke erſchien auf der Klippe Blount, der überall bisher vergebens nach Richard geſucht hatte. Dieſer erblickte kaum den Jäger, ſo erhob er ſich, ſtieß ein Triumpfgeſchrei aus und wollte ihm ſeinen Sieg erzählen. Aber bald wäre ihm dieſe Unvorſichtigkeit theuer zu ſtehen gekommen. 122 Der Indier hatte den Erſäuften nur geſpielt, ſprang plötzlich auf und wollte nun Richard untertauchen. Aber beide verloren in ſo regem Kampfe den feſten Halt im Fußboden, wurden vom Waſſer fortgeriſſen und mußten nun einander loslaſſen, um ihr Leben durch Schwimmen zu retten. Jetzt galt es, wer auf dieſem Wege die ein⸗ zige noch am ufer liegende geladene Büchſe erreiche. Bald zeigte es ſich jedoch, daß Großfuß hierin Richard weit überlegen war, der, als er das wahrnahm, gegen die Mitte des Stromes ſchwamm, um unterzutauchen und ſo dem Schuſſe ſeines Gegners auszuweichen. Aber jetzt war auch Hilfe vorhanden. Blount ſtand feſten Fußes und erwartete den Indier unten am Fuße der Klippe. Seine Büchſe war nicht geladen geweſen, ſonſt würde er den herkuliſchen Gegner längſt niederge⸗ ſchoſſen haben. Er war im Begriff, dieſelbe zu laden, als Großfuß unter den verſchiedenen am Ufer liegenden Indier losgeſchoſſene erfaßte, ſo daß beide, er und Blöunt, nicht ſchußfertig waren. Großfuß ſuchte eiligſt zu laden; aber er konnte unmöglich damit zu Stande ſäumte keinen Augenblick; er feuerte, die Kugel durch⸗ bohrte die Bruſt des Wilden, er ſank vornüber auf ſein Angeſicht und das Gewehr entfiel ſeinen Händen. Büchſen zufällig die von Richard bereits auf den andern kommen, als Blount ſchon fertig war. Der Jäger ver⸗ Mit einem mächtigen Satze, Büchſe und Steitart ——— 123 in den Händen ſchwingend, ſprang jetzt auch Unkas von der Klippe herab. Er hatte ſeinen Feind geſucht und gehört, daß Richard Cover ſich im Kampfe mit dieſem befand. Da ſah er den jungen Mann ſo eben aus dem Waſſer ſteigen, während Großfuß dem Anſcheine nach ſterbend an der Erde lag. Blount erklärte dem Häupt⸗ ling mit wenigen Worten den Vorfall. Als Großfuß mit brechenden Blicken ſeinen gehaßteſten und gefürchtetſten Feind in der Nähe ſtehen ſah, der ſchon nach dem Meſſer griff, um ihn zu ſcalpiren, rollte er ſich in gleicher, ächt indiſcher Denkweiſe in den Fluß hinab, deſſen Welle ſeinen ungeheuern Leichnam ganz und unberaubt der Zierde und des Stolzes des indiſchen Kriegers davon trug.*) Früher, als der eben beſchriebene fürchterliche Zwei⸗ kampf, war der Streit mit den Kriegern Großfußens beendet. Dieſe wurden zuſammen am Fluſſe überraſcht, wo ſie ſich gelagert hatten. Unkas, Charles, Blount und die Delawaren feuerten nach ihnen und mehr als die Hälfte wälzten ſich ſterbend an der Erde. Die übrigen wollten fliehen; aber ſie waren umringt und fielen ſämmt⸗ lich unter den Streichen der Delawaren. Nicht Einer entrann, um ſeinen Brüdern das Schickſal ihrer Genoſſen zu verkündigen. Dr. Julius„Nordamerika.“ 124 enry und Eſther waren im Hintergrunde mit Stricken an Bäume gebunden; man befreiete ſie, die ſich ſchon verloren geglaubt hatten und die Geſchwiſter fielen ſich mit überſtrömenden Gefühlen an die Bruſt. Dann dankten ſie Gott, der ſie aus ſo großer Gefahr gerettet hatte. Alles Eigenthum, das die Indier aus der Plantage geraubt hatten, fand ſich noch vor, wurde auf die Pferde geladen und nun, nachdem auch Richard glücklich zu⸗ rückgekehrt war und ſeinen Kampf mit dem Wilden ge⸗ ſchildert hatte, beſchloß man, auf das andere Ufer über⸗ zuſetzen und dort ein Stündchen zu ruhen. Dieſer Er⸗ holung bedurften alle nach der außerordentlichen An⸗ 1 ₰ ſtrengung, mehr, als alle übrigen, aber Richard. Noch nach langen Jahren gedachte er ſchaudernd der fürch⸗ terlichen Umklammerung des rieſigen Indiers. Sein Ruf war von dieſem Tage an unter den In⸗ diern wohlgegründet. Sie legten ihm nach ihrer Sitte einen bezeichnenden Namen— Starkarm— bei. Er war bei den Delawaren und allen, die ihn kannten ſehr beliebt; bei den Huronen aber durch die Beſiegung des tapferſten aller ihrer Häuptlinge geachtet und gefürchtet. Oft hatte er ſpäter noch Gelegenheit, Beweiſe ſeines unerſchütterlichen Muthes und ſeiner gewaltigen Kraft abzulegen, und ſelbſt dann, als längſt die Gegend um den Ontario ſicher war und die Indier weit in die Wildniſſe zurückgewichen, rühmte man noch ſeine Tay keit und Stärke. 8 Es lag nicht im Plane des Verfaſſers, die Ge⸗ ſchichte einer Anſiedlung in den amerikaniſchen Wild⸗ niſſen ſeinen lieben Leſern mitzutheilen, ſondern vielmehr nur, die Gefahren zu ſchildern, unter welchen eine ſolche begründet werden muß. Unſere theilnehmenden Leſer konnten durch die in dieſem Werkchen enthaltenen Schilderungen ſich einen Begriff davon machen und ſehen, daß der Anſiedler faſt gänzlich darauf beſchränkt iſt, ſich ſelbſt zu helfen; daß er Muth, Ausdauer, Stärke und Entſchloſſenheit beſitzen müſſe, um den Schrecken der Wildniß und den Angriffen feindlicher Barbaren zu trotzen, zu widerſtehen und Hin⸗ derniße ſo gefährlicher Art zu überwinden. Dazu gehören ſtarke, muthige Menſchen und ſolche waren David Cover und ſeine Söhne. Längſt ſind an dem Platze, wo ſich dieſe Ereigniße zutrugen, die Spuren der Wildniß durch die Kultur verwiſcht und freundliche Fluren, von klugen und arbeitſamen Menſchen bebaut, traten verſchönernd und Herz und Auge erfreu⸗ end an die Stelle finſterer, feuchter, nur von wilden Thisren und Menſchen, die nicht viel beſſer waren, durch⸗ ſtreifter Urwaldungen. Aber das Andenken an die ge⸗ „ waltigen Menſchen, welche ſolche furchtbare Kämpfe mit der gefahrvollen Wildniß beſtanden, iſt noch nicht erlo⸗ ſchen und mit Bewunderung erzählt man noch heute in Amerika ihre Heldenthaten.. Die Indier' ſind zurückgewichen in unbekannte Wild⸗ niße. Dort leben ihre erlöſchenden Stämme ein elendes kummervolles Daſein. Aach ſie bewahren Erinnerungen an die wilde Tapferkeit ihrer Väter; aber nur noch wenige edle Helden, wie jdaer Delaware Unkas, leben unter ihnen und ſeßen mit Kummer, wie nach und nach ihr Geſchlecht ſinkty dahinſtirbtz wie ein anderer. Men⸗ ſchenſtamm ihr ſchönes Eigenthum in Beſitz nimmt und nach wenigen Jahren umwandelt. In einem der folgenden Bände wird es uns ver⸗ gönnt ſein, noch eine Erzählung aus dem Innern Aſe⸗ rika's zu bringen, welche, wie die von David Cover und ſeinen Söhnen nach einer wahren Begebenheit bear⸗ beitet iſt. Wir wünſchen, daß ſie unſern Leſern, wie dieſe, nicht bloß zur Unterhaltung, ſondern auch zue Be⸗ lehrung didnen inöchte. nſinſinſſſ ſ 8 9 10 11 12 13 8