Leihbibliothet᷑ deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Litergtur Cdnard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih und geſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf1 Monat: T Wr. W 1W d 2 W 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung. der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6 Schadenergatz. 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Die Portugieſen, welche im Jahre 1498 unter Vasco de Gama's Führung das Vorgebirge zuerſt erblickten, und im Hoffen auf reichere Entdeckungen das Vorgebirge der guten Hoffnung benannten, ließen ſich zuerſt darauf nieder. Seit 1601 landeten dort zuerſt die Hollän⸗ der auf ihren Fahrten nach Oſtindien und nach den Mo⸗ lukken und nahmen hier Waſſer und ſonſtige Erſriſchun⸗ gen an Bord. Die vortheilhaſte Lage als Mittelſtation und Hafenort bewog die vſtindiſche Compagnie, durch Anlegung einiger Feſtungswerke im Jahre 1652, wo gegenwärtig die Capſtadt liegt, von dieſem Poſten förmlich Beſitz zu nehmen. Seitdem haben ſich Niederländer, Deutſche, auch Franzoſen dort angeſiedelt und einen bedeutenden Landſtrich angebaut, der gemeinhin das Capland oder auch die Colonie am Cap der guten Hoffnung genannt wird. 3 Die erſten wenigen Anſiedler blieben in der Nähe der Capſtadt, obwohl ihnen ſo ungeheure Landſtriche zur Benutzung eingräumt wurden, daß es gänzlich unmöglich war, dieſelben urbar zu machen. Manche dieſer Meier⸗ eien gleichen an Umfang kleinen Provinzen und da die Beſitzer wohlhabend genug ſind, um nichts davon ver⸗ kaufen zu dürfen, aber nur einen kleinen Theil davon bebauen können, ſo benützen ſie weite, ſehr üppig mit Gras bewachſene Strecken als Futterplätze für große Heerden von Rindvieh, Schafen, Pferden, Schweinen, die ihnen als Handelsartikel eine Quelle des Wohlſtan⸗ des und Reichthums werden. In früherer Zeit waren dieſe Gegenden von einem einheimiſchen kriegeriſchen und tapfern Volksſtamme, den Kaffern, bewohnt. Dieſer afrikaniſche Volksſtamm trieb die Viehzucht mit gutem Erfolg, bis ihnen durch die fremden Eroberer Vaterland und Erwerbszweig zu⸗ gleich entriſſen und ſie ſelbſt in die Wildniſſe der Gebirge verdrängt wurden. Nicht ohne Kampf konnte dieſes ge⸗ ſchehen; er war aber langdauernd, blutig, gefährlich und wurde erſt im Jahre 1819 vollkommen beendigt. Ein anderer ſchwächerer Menſchenſtamm bewohnte die Gebirgsabhänge vom Cap aufwärts am Weſtgeſtade ——— — —————— 7 von Afrika. Bekannt unter dem verdorbenen Namen, Hottentotten, unterwarfen ſich die Hollontotes mit demüthiger, ſchüchterner Ergebung den übermüthigen Er⸗ oberern. Die Mehrzahl ging zu Grunde, während noch viele in Dörfern mitten unter die Anſiedelungen zerſtreut, ihr Leben als Tagelöhner der reichen und übermüthigen Korn⸗, Vieh⸗ und Weinbauern kümmerlich friſten. Dieſe wenigen Bemerkungen werden hinreichend ſein, um unſern Leſern zur Vorbereitung für das Folgende die⸗ nen zu können. Ein Blick auf die Karte von Afrika zeigt den gegenwärtigen Umfang der Capevlonie, oder geographiſch ausgedrückt, der Südſpitze von Afrika; er lehrt, wie weit die Civiliſation in dieſem geheimnißvollen Erdtheile bisher unter dem Schutze engliſcher Waffen dringen konnte. Unſere Erzählung wird uns weiter in das Innere führen, in Theile des Continents, von denen wir nur geringe oder ſehr mangelhafte Nachrichten haben. Erſtes Kapitel. Der Kriegerzug.— Der Miſſionär.— Kaffern und Hotten⸗ totten.— Vorbereitungen zum Kriege.— Der nächtliche Ueber⸗ fall und die Niederlage der Engländer. Es war im November des Jahres 17.., als vom Cap aus eine mehrere tauſend Mann ſtarke Militärab⸗ theilung aufbrach, um die gegen dreißig Tagreiſen im Innern des Landes liegenden äußerſten Grenzpunkte der Colonie gegen die verwegener und öſter ſich wiederholen⸗ den Einfälle der Kaffern zu beſetzen und dieſes kriegeriſche edle afrikaniſche Volk durch die Künſte europäiſcher Tak⸗ tik zum Frieden, oder wo möglich zur Unterwerfung, zu zwingen. Als ob ein dunkles Gefühl des Vergeblichſeins, oder das Bewußtſein der Unmöglichkeit, in ſolcher Ent⸗ fernung von aller Unterſtützung den Krieg mit Erfolg zu führen, die Soldaten und Officiere ergriffen hätte— kein feuriges Auge blickte kampfverlangend über die wei⸗ ten Ebenen zwiſchenſden fernhinlaufenden Gebirgen nach der Richtung hin, wo der Kampfplatz liegen mochte; kein fröhlicher Geſang aus den Reihen der unter dem Strahl der mildblickenden ſüdlichen Frühlingsſonne hin— ziehenden Krieger; ſelbſt die rohen Scherze des gemeinen Soldaten wurden durch eine dumpfe ſchwere Ahnung nie⸗ ———————— —.————————— 7 ————— —— der gepreßt und nur der im Freien verhallende düſtere Ton der Trommeln, welche von Stunde zu Stunde ge⸗ rührt werden mußten, unterbrach momentan die Einför⸗ migkeit des Kriegerzugs. Schwer gepackte Wagenzüge mit Ochſengeſpannen, von Reitermaſſen eskortirt ſchlän⸗ gelten ſich knarrend und tief in den feuchten Boden ein⸗ ſinkend durch die einſamen Gefilde. Weit voran und in tiefer Ferne zogen die Wachtpikets der engliſchen Drago⸗ ner in derſelben Richtung fort. Die hottentottiſchen Fuhr⸗ knechte waren die einzigen Eingebornen, welche den Zug mitmachten und ihr melancholiſcher improviſirter, unme⸗ lodiſcher Chorgeſang gab der ganzen Scene einen wo möglich noch viel düſtereren Charakter. Das Gefilde war öde, leer. In der Ferne zeigten ſich die Wohnungen und Oeconomiegebäude einzelner holländiſcher Coloniſten, welche, den neuen Beſitzern der Colonie abhold, ſich entweder beim erſten Anblick der Engländer geflüchtet hatten, oder trotzig in der Ferne ſtehend, die Vorüberziehenden mit argwöhniſchen, ſcha⸗ denfrohen) oder ſeindlichen Blicken Phne Gruß vorbei⸗ marſchiren ließen. Mühſam hatte die Colonne eine Gebir gsterraſſe nach der andern überſtiegen, einen noch von der Regenzeit hoch fluthenden Strom nach dem andern durchſetzt. Jeder Tag hatte neue Opfer gekoſtet, neue Strapatzen gebracht und noch war des mühſeligen, immer einſamer werdenden Weges kein Ende abzuſehen. Sieben und zwanzig Tagereiſen, die auf den wohlgebahnten Straſſen des Vaterlandes mit leichter Mühe im dritten Theile der. Zeit hätten zurückgelegt werden können, waren vollendet und jetzt wurde die Richtung mehr öſtlich genommen, um das allverbindende Meer zu erreichen und daſelbſt einige Kriegs⸗ und Transportſchiffe zu erwarten, welche von der Capſtadt aus zur Unterſtützung der Erxpedition an die Oſtküſte beordert worden waren. Mit allgemei⸗ nem Jubel ſtiegen die ermatteten Krieger durch ſteile, das Sandſteingebirge jäh durchſetzende Päſſe hinab zum Ge⸗ ſtade des indiſchen Oceans. Der Ruf des geht zur See hin« tönte jubelnd aus ihren gelichteten Reihen und zeigte deutlich ihre Unluſt, ſich weiter in die menſchenlee— ren öden und unbekannten Gefilde dieſes gebirgichten, wilden Landes zu vertiefen.. Sehr unähnlich ſeinen zahlreichen Begleitern, ſowohl dem Aeußern nach, als auch der Denk⸗ und Hand⸗ lungsweiſe, blieb auf dieſem, einem Rückzug ähnlichen Marſche ein junger Mann, der bisher immer in der Reihe der Vorderſten auf einem dürren langbeinigen Klepper geritten war, zurück. Unſere Leſer dürfen in die⸗ ſem Reiter keinen kampfluſtigen Krieger vermuthen, denn ſchon ſein Aeußeres zeigte genügend, daß ihm die Künſte des Krieges völlig fremd waren. Ein ſchwarzer Filzbut, mit einer zu beiden Seiten 11 aufgeſchlagenen Krempe, unter dem ein bleiches hageres Geſicht mit blauen Augen, deſſen Ausdruck der einer ent⸗ ſchiedenen Sanſtmuth und Demuth war, herausſchaute, bedeckte ſeinen mit ſchlichtem hellblonden Haar bewach⸗ ſenen Kopf. Ein langer Rock von ſchwarzem dünnen Wollenzeuge mit großen Schößen und großen hornenen Knöpfen, kurze ſchwarze Beinkleider von demſelben Stoffe, ſchwarze wollene Strümpfe, Schuhe mit ſchwarzen eiſer⸗ nen Schnallen, an deren einem ein roſtiger Sporn be⸗ feſtiget war, während dem andern dieſes grauſame In⸗ ſtrument fehlte, übrigens reine Wäſche, wie auch große Reinlichkeit im ganzen äußerſt ärmlichen Anzug dieſes jungen Mannes,— mit dieſen wenigen Worten und etwa mit dem Zuſatze, daß er von ungewöhnlicher Größe war, glauben wir unſere lieben Leſer hinlänglich mit der Geſtalt des Unbekannten vertraut gemacht zu haben. Der Name des Fremden war Wilberforce; ſein Geburtsland Schottland und in demſelben ein faſt unbe⸗ kanntes Dörfchen, wo ſeine Eltern, arme Handwerks⸗ leute, ihm durch einen frühen Tod entriſſen wurden. Der verwaiſete Knabe verließ die Geburtsſtätte und wanderte mit den geringen Reſten der Habe ſeiner ver⸗ lebten Eltern nach Edinburg, um ſich hier kümmerlich als Alumnus zu ernähren. Sein anhaltender Fleiß, ſeus ſeltene Fügſamkeit und Gutmüthigkeit und ſeine nicht geringen Talente erwarben ihm Gönner, durch . deren Unterſtützung er die Univerſität Orford beſuchte und hier einige Jahre mit mehr als gewöhnlichem Erfolg den theologiſchen und philologiſchen Studien oblag. Frühe ſchon war in ihm der Drang erwacht, ſeine Kräfte und ſein Leben einſtens dem Dienſte Gottes unter den heidniſchen Völkern zu weihen. Aus dieſem Grunde ſuchte er die reichen Schätze des Bildungsortes, woſelbſt er ſich befand, auch in Beziehung auf die ſprachlichen Verhältniſſe ferner Erdtheile auszubeuten und ſeine ſchnelle Faſſungskraft, beſonders aber ſein treues Ge⸗ dächtniß kamen ihm dabei vortrefflich zu ſtatten. Aus⸗ gerüſtet mit einer großen Menge von Kenntniſſen und mit einem vor keiner, wenn auch noch ſo großen, Gefahr zurückbebenden Muthe trat er in die Reihe der jüngeren Miſſionäre, welche vom großen Miſſionsvereine zu Lon⸗ don für ihren künftigen Beruf beſonders gebildet und er⸗ zogen werden. Er erſchien ſeinen würdigen Lehrern wie ein beſonders auserwähltes Rüſtzeug, von der Vorſeh⸗ ung zu großen Dingen beſtimmt, ein neuer Paulus, Licht und Glück den armen unglücklichen Heiden zu brin⸗ gen. Nachdem er noch mehrere Jahre ſich auf ſeinen gefahrvollen aber auch erhabenen Beruf vorbereitet hatte, Arzneikunde, Botanik, Aſtronomie und praktiſche Oekv⸗ nomie ſtudirt und alle dieſe verſchiedenen Wiſſenſchaften wie durch ein Wunder ſich angeeignet, nebenbei abrr auch noch Sprachenkunde getrieben und die wichtigſten und nothwendigſten Kunſtgriffe und Fertigkeiten der Chi⸗ rurgie erlernt hatte, hegte er den eifrigen Wunſch, in eine Lage verſetzt zu werden, die ihm Gelegenheit bieten konnte, von allen dieſen ſo mühſam erworbenen Kennt⸗ niſſen Gebrauch zu machen. Sein Wunſch wurde erfüllt. Er kam durch Vermittelung ſeiner Gönner auf ein nach Afrika beſtimmtes Schiff, das ihn nach einer glücklichen und kurzen Reiſe an des Cap der guten Hoffnung brachte. Hier wurde er mit einer ihm angehörenden oder anvertrau⸗ ten Menge Büchern, Arzneigegenſtänden, chirurgiſchen und aſtronomiſchen Inſtrumenten, dann einem großen Vorrathe von Handwerkszeugen und beſonders von Acker⸗ geräthſchaften an das Land geſetzt. Beſondere Empfeh⸗ lungen an den Gouverneur des Caps, General N.„ erwarben ihm die Theilnahme dieſes Herrn, der ihn öſters zu ſich kommen ließ und durch ſeine perſönliche Bekannt⸗ ſchaft mit Hochachtung und Theilnahme für ihn erfüllt wurde. General N.. erkannte die perſönliche Tüchtigkeit und den hohen Glaubensmuth unſeres würdigen Freun⸗ des Wilberforce und verſuchte es mehrmals ernſtlich, ihn zur Annahme einer Pfarrſtelle in der Capſtadt zu bere⸗ den. Er ſtellte ihm die Gefahren vor, die ihn unter den wilden afrikaniſchen Stämmen erwarteten, er ſchilderte ihm das traurige Schickſal, das einige Miſſionäre unter den Barbaren bereits betroffen hatte, er erklärte ihm die unmöglichkeit, ihm auch nur einen geringen perſönlichen Schutz zu theil werden zu laſſen;— aber ohne Erfolg. Wilberforce war entſchloſſen, ſein Leben zu wagen, um das Evangelium den Heiden zu verkündigen und ähnliche Schilderungen ſchienen ſeine Beharrlichkeit eher zu erhöhen, als zu erſchüttern. Als Wilberforce einige male in der Hauptkirche des Caps gepredigt und ſich durch ſeine er⸗ greifenden Reden die Liebe und das Zutrauen ſeiner Zu⸗ hörer in hohem Maaße erworben hatte, verdoppelte man von allen Seiten die Bemühungen, ihn für die Gemeinde als Prediger zu erhalten. Aber es war vergebens; ſein Entſchluß ſtand feſt. Vachdem die Regenzeit verfloßen war, wurde ein im Cap garniſonirendes Infanterieregiment nebſt vielen andern Truppen, die zum Kriege gegen die Kaffern beſtimmt waren, nach der Nordoſtgrenze der Colonie an den großen Fiſchfluß und zur Algovabai, abge⸗ ſendet. Während dieſe Truppen den Weg zu Lande machen mußten, um die aufrühreriſchen holländiſchen Coloniſten in Reſpekt zu erhalten, ging ein Geſchwader eben nach jener Bai ab, welches das nöthige leichte Geſchütz an Bord hatte, ſowie alle Geräthſchaften und Arbeits⸗ leute ʒur Anlegung eines feſten Lagers und wohlgeſicherter kleiner Forts. Durch dieſen Kriegszug ſollten die Kaf⸗ fern wo möglich unterworfen, wenigſtens von der Grenze zurückgeſchlagen werden. Man bot Wilberforce einen 1 Platz auf einem Transportſchiffe an. Aber er bat nur um das Ueberſchiffen ſeiner Geräthſchaften und zog es vor, mit den Truppen zu reiſen und durch das Ertragen aller Beſchwerden und Entbehrungen des weiten Mar⸗ ſches ſich an das Klima und an das, was vielleicht ſeine vereinzelte Stellung mitten unter einem unciviliſir⸗ ten Menſchenſtamme mit ſich bringen möchte, allmählich zu gewöhnen. Er nahm Abſchied von ſeinem wohlwol⸗ lenden Gönner und den neuerworbenen Freunden und eine Reihe von wenigen, aber mühſeligen und an trau⸗ rigen Erfahrungen reichen Tagen trennte ihn auf immer von denen, die ihm durch den kurzen Aufenthalt am Cap lieb und werth geworden waren. Die beſten Wünſche folgten ihm nach, das Mitleid aller guten Menſchen, die bei ſeinem Scheiden wie von einem Sterbenden von ihm Abſchied nahmen und ihn je wieder zu ſehen kaum zu hoffen wagten. Wir haben ſchon aus dem Vorher⸗ gehenden geſehen, daß Wilberforce glücklich mit den Truppen in die Nähe des großen Fiſchfluſſes kam und nur mit unbehaglichem Gefühle plötzlich die Colonne die Richtung nach der See hin einſchlagen ſah. Je nicher er dem Lande kam, wo er arbeiten wollte am Werke Gottes, deſto mehr erhöhte ſich ſein Sehnen und ſein Eifer und ein deſto größerer Verluſt ſchien ihm ein Aufenthalt von nur wenigen Tagen zu ſein. Glücklich gelangten die Truppen zu dem Meerbuſen 8 16 und an die Mündung des großen Fluſſes, der ſich hier in die See ſtürzt. Die Schiffe lagen ſchon ſeit mehreren Tagen im Hafen vor Anker und es hatte ſich zwiſchen den Seeleuten und den in der Nähe wohnenden Kaffern und Hottentotten bereits ein lebhaſter Verkehr gebildet. Die Gegend wurde durch die Ankunft ſo vieler Menſchen äußerſt belebt. Die Truppen erholten ſich von ihren beſchwerlichen Marſche; es wurden Lazarethe errichtes, Waffenübungen veranſtaltet. Die Eingebornen bracht Lebensmittel herbei und zwiſchen ihnen und den Gapi⸗ tänen der Transportſchiffe entſtand ein friedlicher Tuſch⸗ handel. Die Produfte der Viehzucht, zumal di kref⸗ liche, dem Merino ähnliche Schafwolle, Buter, Seife, Straußfedern, Leoparden⸗ und Löwenhäne, die großen Zähne der Elephanten und des pferdes, wurden gegen europäiſche Waaren ungeſetzt und der Verkehr nahm von Tag zu Tag zu. Wilberforce hatte jetzt Gelegenheit genug, ſich mit dem Charalter der Einge⸗ bornen bekannt zu machen, insbeſondere mit dem Kaffern und Hottentotten. Letztere waren am häufigſten auf dem Platz anweſend; erſtere ließen ſich weniger ſehen und dann nur Kaffern von ſolchen Stämmen, wel mit der Colonie im Frieden und innerhalb des Gebietes derſelben lebten, wogegen die wilden Kaffernſtämme bei der erſten Nachricht vom Nahen engliſcher Truppen ihre zunächſt liegenden Dörſer verbrannten, ſich in die — 17 Gebirge zurückzogen und ſich hier zum Kriege v melten und rüſteten. Um nun unſere Leſer mit den beiden V ollsſtämmen bekannt zu machen, wird zwar bezüglich der Kaffern unſere Erzählung genug Gelegenheit darbieten, weniger aber hinſichtlich der Hottentotten, denn dieſe leben gegenwärtig zerſtreut innerhalb des Gebietes der Colonie. Ehedem bildeten ſie einen nicht unbedeutenden Volks⸗ ſtamm; aber dieſes gutmüthige, unkriegeriſche, aus ſeinen alten Beſitzungen verdrängte Volk traf unter der hollän⸗ diſchen Verwaltung ein ſo hartes Loos, daß ihre Zahl bis zum Jahre 1807 nach einer damals vorgenommenen Zählung nur 17570 Seelen betrug. Sie waren für gänz⸗ lich unfähige, elende, ſchmutzige, halbthieriſche Menſchen ausgeſchrieen worden. Die rohen, gefühlloſen, ſelbſtſüch⸗ tigen holländiſchen Bauern hatten ſie in völlige Scla⸗ verei gebracht und ſie ſtanden bei dieſen übermüthigen Eindringlichen gleich einer niedrigeren Kaſte in wab⸗ rer Dienſtbarkeit. Als England die Capeolonie übernahm, ſuchte man vor allem das Elend dieſer armen Menſchen zu lindern. General N... bildete aus ihnen zuerſt ein eigenes Militzcorps, nach Art der Seapoy's in Oſt⸗ indien und gab ihnen dadurch ihre Würde in der menſch⸗ lichen Geſellſchaft wieder. Durch die ſtrengſte Disciplin, Gehorſam, Lernfähigkeit, Reinlichkeit zeichneten ſie ſich ſogleich in gleichem Grade aus, wie die europäiſchen 2 ——— ——— 18 Soldaten der Capeolonie und es lieſerten dadurch dieſe armen Menſchen den Beweis, daß ihre Entartung aus ihrer Unterdrückung, Verarmung und Noth hervorgegan⸗ 5/* 16 gen war. Auch die Uebrigen vertauſchten ſchnell ihre Schaſpelze mit wollenen Kleidern, ihren Schmutz mit Reinlichkeit und in den neuen Miſſionen der Brüderge— meinden zeigten ſie ſich ſür das Ehriſtenthum und die Gewöhnung zur geſelligen Ordnung, wie zum ſittlichen vebenswandel ſelbſt noch empfänglicher als der Vieh⸗ hauer der Capcolonie. Die übrig gebliebenen Reſte dieſer Hottentottenſtämme werden den Capbewohnern von größten Nutzen durch ihre Dienſte als Viehhirten, Wa⸗ genführer, Gärtner und Handlanger. Wilberforce machte hei ihnen ganz dieſelben Bemerkungen. Sie waren em⸗ pfänglich für ſeine Erzählungen, auſmerkſame Zuhörer und zeigten nicht geringen Verſtand und viele Beurthei⸗ lungskraft. In Geſprächen mit ihnen ſuchte er ſeine Kenntniß ihrer Sprache zu vervollkommen und ſich mit ihren Begriffen und ihrer Denkungsweiſe bekannt zu machen. Beides gelang ihm bald, während bei den Caffern gerade das Gegentheil ſtatt zu finden ſchien. Doch wir kehren zu unſerer Erzählung zurück. Nach mehreren Wochen gelangten andere Regimenter, theils aus europäiſchen Truppen, theils aus Hottentotten, Negern, oder den oſtindiſchen Seapoy's gebildet, auf dem Lagerplaze an der Algooabai an, der als Erholungs 19 platz für die Truppen beſtimmt war. Ein Fort wurde gebaut und ſeine Mauern wuchſen durch die vereinigte Thätigkeit des Militärs und der Arbeitsleute, welche vom Eap hieher geſendet worden waren, zuſehends aus dem Boden hervor. Die anſcheinende Unthätigkeit der Eng⸗ länder machte die kriegeriſchen Kaffernſtämme kecker. Sie gingen raſch aus dem Zuſtande vorſichtiger Beobachtung, in dem ſie ſich bisher gehalten hatten, zur Offenſive, zum kühnen Angriffe über. Der nächtliche Himmel war oft geröthet von den Flammen der Dörfer und der Oe⸗ konomiegebäude der Pflanzer, die ſie überfielen und in Brand ſteckten. Einzelne Reiterpikets, die über den Strom auf feindliches Gebiet vorgeſchoben waren, erlitten furchtbare Angriffe und Ueberfälle der Barbaren und durften ſich glücklich preißen, wenn es ihnen mit großem Verluſte gelungen war, unter den Schutz der engliſchen Kanonen ſich zurück zu ſchlagen. Viele Krieger gingen auf dieſe Weiſe verloren, ehe das engliſche Heer im Stande war, mit Erfolg etwas gegen den Feind zu unternehmen. Nur der Muth und die Erbitterung der Truppen ſtieg von Tag zu Tag mehr und mehr, je öſter ſich dieſe Einfälle wiederholten und mit je größerer Grauſamkeit die Wilden gegen die wehrloſen Einwohner, oder gegen Gefangene, die in ihre Hände fielen, verſuhren. Wilberforce blieb dieſen kriegeriſchen Stenen fremder, als man hätte vermuthen ſollen. Er fand hier Gelegen⸗ 20 heit zur ſegensvollſten Thätigkeit, ſobald er nur einiger⸗ maſſen Sprache, Sitten und Denkungsweiſe der Landes⸗ bewohner kennen gelernt hatte. Er wirkte gleich wohl⸗ thätig als Arzt und Seelſorger, jemehr der Krieg die befreundeten Horden der Eingebornen um das Lager zuſammendrängte. Bald gewann er das Vertrauen dieſer armen Menſchen in hohem Grade, und als ſpäter Gefangene und Verwundete der Kafſern zahl⸗ reicher eingebracht wurden, gelang es ihm, auch dieſe durch die ihnen mit milder Hand geſpendeten Wohlthaten ſich nicht ſelten zu befreunden. Nur das Werk ihrer Bekehrung zum Chriſtenthume wollte nicht ſo ſchnell vorwärts ſchreiten, als es der feurige Miſſivnär gehofft hatte. Die Umgebungen waren nicht geeignet, dieſe Bemühungen unſeres Freundes nur einigermaſſen zu unterſtützen. Das Benehmen des Mili⸗ tärs, ihre frivolen Anſichten von höheren Dingen, die Unſittlichkeit, welche das ungeregelte Leben im Lager mit ſich bringt, dieſe und noch viele andere Hinderniſſe ſtellten ſich unſerm Wilberforce in den Weg. Er ſehnte ſich darnach, dieſe geräuſchvolle Menſchenmaſſe verlaſſen zu können. Er wünſchte ſich fort in die entlegene Wildniß, um hier allein mit Gott und unter ſeinem allmächtigen Schutze ſein Werk vorbereiten und beginnen zu können; allein hiezu war vor der Hand keine Ausſicht vorhanden. Gleiche Gefühle der Unzufriedenheit machten aber 21 auch die Truppen nachgerade unmuthig. Dieſe tapfern, ſchlachtgewohnten Männer ſahen ſich vom Cap aus hie⸗ her in eine entlegene Wildniß verſetzt, weit hinaus über die Grenze aller Civiliſation, ohne bisher einen Feind erblickt zu haben, der ihnen würdig ſchien, ihre Kräfte und ihre Tapferkeit an ihm zu verſuchen. Der Oberbe⸗ fehlshaber, dem dieſe jetzt bis zur Anzahl von 5000 Mann angewachſene Truppenmaſſe untergeordnet war, erfüllte die Erwartungen nicht, die der Gouverneur, General N.„ von ihm hegte. Sein Ruf hatte ihn als einen tapfern Soldaten auf dem Schlachtfelde bezeich⸗ net. Er hatte bei Gelegenheit eines Krieges in Oſtindien ſeinem Vaterlande durch entſchiedenen, mit großer Vor⸗ ſicht gepaarten Muth ſehr wichtige Dienſte geleiſtet und man hatte deshalb das Vertrauen in ihn geſetzt, daß er auch hier mit Erfolg gegen die Eingebornen verwendet werden könnte. Aber Obriſt K... verlor den Kopf, als er gezwungen war, nach eigenem Ermeſſen ohne Be⸗ fehl eines Höheren zu handeln. Er war zu ſtolz, ſeine Untergebenen um Rath zu fragen und zu vorſichtig, etwas zu wagen, das ihn um ſeinen Ruf bringen konnte, wenn es fehl ſchlug. Er beſchränkte ſich deshalb darauf, an den Ufern des Fiſchfluſſes von der Algovabai an bis etwa drei geographiſche Meilen in das Innere eine Kette von Poſten zu errichten und jeden Verkehr mit dem In⸗ nern der Colonie auf der ganzen Kafferngrenze zu ſper⸗ 22 S ren. Dieſer Verſuch gelang ſchlecht, denn er hatte mit einem Feinde zu thun, der ſich mit Leichtigkeit durch dieſe WPoſtenlinie hinſchlich. Die einzelnen Pikets bekamen dadurch einen gefährlichen Stand; die Linie wurde unter— brochen und die an tapfern Angriff gewöhnten, in kleine machtloſe Abtheilungen zerſplitterten engliſchen Truppen wurden auf dieſe Weiſe zu einem gefährlichen Verthei⸗ digungskrieg gezwungen, der ihren Muth lähmte, Unzu⸗ friedenheit erzeugte, alle Disciplin zu vernichten drohte und, was am Ende das Schlimmſte war, den wilden grau⸗ ſamen Feind, der ſich bisher in einer reſpektvollen Ent⸗ fernung gehalten hatte, mit Trotz und Verachtung vor den Truppen der Colonie erfüllte. Als man bemerkte, daß dieſe Art, Krieg zu führen, viele Opfer koſtete, ohne Gewinn zu bringen, gingen Beſchwerden der Unter⸗ gebenen an den Gouverneur ab. Man hatte im Cap ſchon längſt auf Nachrichten vom Kriegsſchauplatze mit großer Begierde gewartet, erhielt aber nur gewöhnliche Berichte von ſehr unerquicklicher Magerkeit. Da erfuhr der Gouverneur durch die Beſchwerden, welche von dort⸗ her einliefen, den wahren Stand der Dinge und nun wurde ein neuer Befehlshaber ernannt, der den bisherigen zurückrufen und im Kommando erſetzen ſollte. Allein ehe dieſer auf dem Kriegsſchauplatze anlangen konnte, hatte dort der Stand der Sache ſich geändert und die Kaffern hatten durch einen unerwarteten und mit wilder 26 Kühnheit ausgeführten Angriff die Engländer aus den wenigen Poſten, die ſie jetzt noch in der Nähe der Ba behaupteten, verdrängt und zurückgeworfen. Ehe wir die⸗ ſes traurige Ereigniß erzählen, wollen wir unſere Leſer mit der Gegend, woſelbſt es ſich ereignete, bekannt machen. Die Algovabai, in welche ſich der große Fiſchfluß er⸗ gießt, liegt an der Oſtküſte von Afrika und mündet ſich in den indiſchen Ocean aus, deſſen große Weſtſtrömung mächtig gegen Süden dringend, an ihr vorüber rauſcht. Nördlich zu ihr heran ſtrömt der vorhingenannte Fluß und ſendet hier ſeine Waſſer in der Breite von faſt einer gevgraphiſchen Meile in das Weltmeer. Es iſt unmöglich, mit Seeſchiffen ſeine Mündung zu befahren, da geſährliche Barren*) dieſelbe verſperren. Die ufer dieſes großen Fluſſes ſind mit dichten Waldungen ein⸗ geſäumt; der nächſte Rand der Gewäſſer und die ſeich⸗ teren Stellen, bedeckt von einer faſt undurchdringlichen Mangrovewaldung, ſind der Aufenthalt der Nilpferde und ungeheurer Krokodille, während ein unzähliges bunt⸗ farbiges Gefieder die Wipfel belebt und die verſchlungenen Dickichte zahlreichen Affenheerden zum Aufenthalt dienen. Das ſüdliche Ufer der Bai hat einen breiten, meilen⸗ langen Abhang, der ſich allmählig gegen Süden zu Ge⸗ ) Sandbänke, auf denen die Wellen branden. birgen erhebt, durch die nur einzelne Päſſe nach den Pochebenen der Colonie hinführen, die dann wieder, aber ſehr allmählig, zum Cap ſelbſt abfallen. Der Strom kommt aus dem gebirgichten Innern durch ein pracht⸗ volles Thal, das mit einer edlen majeſtätiſchen Waldung eerfüllt iſt, während die breiten Abhänge der Gebirge nur einzelne Baumgruppen zeigen und an andern Stellen das öde Geröll der verwitternden Kalk⸗ und Sandſtein⸗ ſchichten. Das Auge kann den Stromlauf bis in die tiefſte blaue Ferne verfolgen, wohin noch nie der Fuß eines Europäers zu dringen wagte. Das linke Strom⸗ ufer iſt faſt unbekanntes Land, während das rechte von den Engländern als die Grenze der Colonie betrachtet wurde, eine Annahme, der ſich die Eingebornen mit aller Energie eines tapfern Volkes widerſetzten, das dem Ueber⸗ muth ſremder Eindringlinge das väterliche Erbe zu ent⸗ reißen ſucht. Das Lager der Engländer ſtand auf dem Südrande der Bai und die neuerbaute, jetzt nach Verfluß eines Vierteljahres ſaſt vollendete, Cidatelle war ſo vortrefflich auf einer in das Waſſer vortretenden Landenge gelegen, daß ſie mit ihren Kanonen den Eingang in die Bai nicht nur beherrſchte, ſondern die Engländer auch zu Herren der Umgebungen machte. Ein ſehr waſſerreicher Bach ergoß ſich unter ihren Mauern in die See und die Tiefe des Waſſers war unter der letzten am weiteſten „ 3 — S 25 vorgeſchobenen Redoute gerade ſo groß, daß ein Provi⸗ antſchiff bis dahin ſegeln und dort vor Anker gehen konnte, während die Kriegsſchiffe nur in größerer Ent⸗ fernung, außerhalb der Schußweite, ſich vor Anker zu legen vermochten. Dieſe vortheilhafte Lage konnte den Einſichten des Befehlshabers nur Ehre machen. Fort Eduard,(ſo nannte er es dem Gouverneur zu Ehren) wäre nun ein herrlich gelegener Ort geweſen, von dem aus alle Ope⸗ rationen gegen die Kaffern aufs Beſte hätten unternom⸗ men werden können. Aber Oberſt K. verſplitterte ſeine Truppen in kleine, machtloſe Abtheilungen, die keinen Angriff wagen, ja ſich kaum gegen ſolche vertheidigen konnten. Sein Plan ſchien dahin zu gehen, hier nach und nach eine Kette von Forts zu errichten gegen einen Feind, der durch ſolche nichts weniger, als erſchreckt und abgewieſen werden konnte. Dieſer Fehler koſtete vielen Menſchen das Leben und er ſelbſt konnte ihn durch herviſche Aufopferung und Tapferkeit nicht mehr gut machen. Während die Engländer durch die Angriffe ihrer wilden Feinde beſtändig in Athem erhalten wurden, erkannte der Anführer der Kaffern, ein berühmter Krie⸗ ger, endlich die Blöße, welche ſich Oberſt K.. gegeben hatte. Sein Heer war zu einer Größe angewachſen, die es ihm möglich machte, etwas Bedeutendes zu 26 wagen. Die Spione erforſchten die Stellungen der Truppen genau; ja ſogar die Anzahl der Soldaten, welche auf den einzelnen Poſten verwendet waren. Dieſer kluge und tapfere Barbar erkannte, daß jetzt der rechte Augenblick zum Handeln gekommen war und er beſchloß, ſeine Gegner auf einen Schlag zu vernichten. Es war am 16. Oktober des Jahres 17. z eine ſtrahlende Frühlingsſonne beleuchtete die herrliche Ge— gend. Die Truppen, welche im Fort lagen, waren frohen Muthes, und gaben ſich ganz dem Vergnügen hin, welches Unthätigkeit zu einer ſo ſchönen Jahres⸗ zeit bei Leuten erwecken kann, die keinen höheren Beruf kennen, als den Eingebungen ihrer Launen zu folgen und die Zeit mit andern ihres Gleichen hinzubringen. Der Abend ſank auf das Meer und von allen Seiten ertönte ſchallendes Gelächter, frohe Laute der Sänger und Tänzer. Selbſt die einbrechende Nacht verſcheuchte dieſen Lärm des Lagers nicht. Man hätte glauben können, dieſe Truppen befänden ſich mitten im ruhigen und ſichern Vaterlande, ſtatt auf feindlichem Boden, und ſie hätten nichts zu fürchten, als die Strafe ihrer Vorgeſetzten, wenn ſie etwa Fehler in der Ordnung des Lagers zu begehen Luſt bezeigten. Mancherlei warnende Zeichen blieben unbeachtet. Die Sicherheit der Truppen und ihrer Befehlshaber war ſo groß, daß man ganze Kähne voll bewaffnrter N 27 Eingeborner, die ſich in der Bai herumtrieben, unbe⸗ achtet ließ, daß man es überſah, wie alle dein Kaffern⸗ ſtamme angehörigen, bisher im Lager befindlichen Ein⸗ gebornen ſammt Hab und Gut ſich auf dieſen Kanots einſchifften und das gegenüberliegende Ufer zu erreichen ſuchten. Man überſah die ängſtlichen Geſichter der Hottentotten, die ſtill und furchtſam ſich entfernten, um die gegen Süden liegenden Gebirge zu erreichen. Nur eine geringe Anzahl vorſichtiger Militärs ſetzten vor dem Löſen des Nachtſignals, wo alle Unruhe im Lager aufhören mußte, ihre Waffen zum augenblick⸗ lichen Gebrauch in den Stand und gaben ſich dann der Ruhe hin, die ihnen das Bewußtſein einflößte, daß die Wachen, welche rings um das Lager aufgeſtellt waren, jede Gefahr entfernen, oder die Schlummernden wenig⸗ ſtens frühzeitig genug von dem Drohen einer ſolchen in Kenntniß ſetzen würden. So nahte die Mitternachts⸗ ſtunde. Die Runden umgingen das Lager, während in demſelben, wie auf der weiten im Mondſchein glänzenden Gegend, eine tiefe Stille lag und aus der Ferne nichts als das hohle Gebrüll der ſchweifenden Leoparden, oder das ſchaurige Geheul hungriger Hyänen ſich vernehmen ließ, als plötzlich aus weiter Ferne vom Nachtwind getragen das dumpfe Knattern des Gewehrfeuers heran⸗ drang und bald hernach Feuerſchein den nordweſtlichen 28 Himmel röthete und die runden Kuppen der Gebirge matt erleuchtete. Die wachehaltenden Männer in der Citadelle be⸗ merkten dieſe Zeichen kaum, als ſie dieſelben auch ſchon dem Commandeur meldeten, deſſen fehlerhaſte An⸗ ordnung in dieſem Augenblick ſo verderbenvolle und unglückliche Früchte trug. Oberſt K. erkannte ſogleich die Gefahr und ſah jetzt ein, in welcher ſchreck⸗ lichen Lage ſich die entfernten vereinzelten Militärpoſten befinden mußten. Er ließ ſchnell die Lärmkanonen löſen und im Angenblick bewieß ein dumpfes verwirrtes Getöſe, daß die im Fort und Lager vertheilten Truppen ſich zu regen begannen. Nach wenigen Minuten wir⸗ belten die Trommeln„ ſchmetterten die Trompeten, flammten die Wachtfeuer heller und erſchallte und drang durch dieſes Getöſe das Raſſeln der Waffen, welche die erſchreckten aus dem Schlafe erweckten Krieger zum Kampfe ergriffen. Oberſt K... war ſchon zu Pferde; ſeine Adju⸗ tanten flogen nach allen Seiten und die von ihnen über⸗ brachten Befehle bewieſen, daß er trotz aller begangenen Fehler den Ruf eines tüchtigen Kriegers, der ihm vorange⸗ gangen war, ſehr wohl verdiente. Die ſämmtliche hier verſammelte Reiterei mußte ſich bis auf Wenige zum Auszuge rüſten und auf dem Hofe der Cidatelle ſtanden ſchon vier Kanonen und zwei Haubitzen bereit, um den 29 Reitergeſchwadern zum nächtlichen Kriegerzuge zu folgen. Zwei Schwadronen leichter Reiter brachen zum Vortrapp auf und vertheilten ſich ſogleich, um dem Kampfplatze, den der Schein der Flammen jetzt hell genug anzeigte, raſch, aber vorſichtig, zu nahen und dabei die ganze Gegend zu refognosciren. Sobald die ganze Infanterie unter Waffen ſtand und vortheilhafte Poſitivnen in der Nähe des Lagers beſetzt hatte, folgten ihnen die Dra⸗ goner und die leichte Artillerie, während zwei Kom⸗ pagnien Seapois in geſchloſſener Colonne ſchweigend nachzogen. Das Fort war vollkommen beſetzt und einem, dem Oberſt K... wohlbekannte Officier zur Bewachung anvertraut. Die tiefe Stille in der Gegend wurde durch nichts unterbrochen, als durch das ferne Toben des Kam⸗ pfes, der von Minute zu Minute an Heftigkeit zuzuneh⸗ men ſchien. Längſt hatte der letzte Nachzügler der Trup⸗ ven die Umgegend verlaſſen und ein düſteres unheimli⸗ ches Schweigen verbreitete ſich wieder rings um das La⸗ ger, wo wenige Minuten vorher noch eine ſo große Le⸗ bendigkeit geherrſcht hatte. Die ganze Mannſchaft ſtand ſchweigend unter den Waffen; man lauſchte ängſtlich auf das ferne Kampfgetöſe, das an Heftigkeit nach und nach zu verlieren ſchien, eine Bemerkung, die weniger Hoff⸗ nungen, als vielmehr gräßlichen Befürchtungen Raum zu geben ſehr geeignet war. So kam der Morgen heran. Plötzlich ertönte faſt unter den Mauern des Forts ein greller, ſchrecklicher Schrei, ſo heftig und wild, daß er weithin in der ſtillen Umgebung vernehmlich war. Sogleich hierauf folgten Flintenſchüſſe und, ehe noch die Truppen Zeit zur Beſinnung hatten, ertönte ein Geheul von ſo barbariſcher Wuth, daß die Herzen ſelbſt der tapferſten Krieger vor Schreck erbebten. Dieſer gräßliche Laut ſchien die Luſt, die Erde, das Meer zu erfüllen; er ertönte mit gleich furchtbarer Stärke von allen Seiten, aus der Mitte des Lagers, wie aus der ganzen umgebung, vom Fort, wie von der Bai. Er ſchien von in der Luft ſchwebenden Dämonen, wie von hölliſchen Geiſtern, aus dem Innern der Erde erhoben zu werden. Kaum vermochten die Krieger ihre Waffen feſter zu faſſen, als ſie auch ſchon, gleichſam wie ein ſchwarzes Gewimmel, aus dem Innern des feſten Grundes heraus⸗ brechend, unzählbare verworrene Schaaren von blut⸗ gierigen Afrikanern rings umher auſtaumeln und auf⸗ ſpringen ſahen, die mit raſender Schnelligkeit auf ſie zuſtürzten und mit ſchreckbarem Kampfgeſchrei, mit thieriſcher Wuth ſich auf die Europäer ſtürzten. So ſchnell, ſo unerwartet und mit ſo furchtbarer Geſchick⸗ lichkeit wurde dieſer Ueberfall ausgeführt, daß die engliſchen Soldaten, gegen die er zunächſt gerichtet war, von ihren Waffen gar nicht den gewohnten Gebrauch zu machen vermochten, ſondern Mann gegen Mann tämpſend mit dem Bajonett ſich ihrer blutgierigen raſen⸗ den Feinde zu erwehren ſuchen mußten. Dabei geſchah es, daß ganze Reihen tapferer Männer, ohne es ſich zu verſehen, zu Boden geriſſen, unter dem Dolch oder der Keule ihrer Angreifer dahin ſanken, ohne daß es ihnen möglich war, ſich ihrer zu erwehren; daß andern zu Dutzenden die Waffen entriſſen und ſie von den Afri⸗ kanern unter ſchweren Mißhandlungen in die ſchmach— vollſte Gefangenſchaft geſchleppt wurden. Erſt nachdem die Kanonen des Forts die Umgegend beſtrichen, und als es mehreren Kompagnieen alter verſuchter Krieger gelang, ſich zu ſammeln und die immer von neuem mit tollkühnerer Wuth anſtürmenden Feinde mit einem Musketenfeuer zu empfangen, das eine um ſo gräßlichere Niederlage unter ihnen anrichtete, je dichter und je näher die verworrenen Maſſen der Wilden den Mündungen der Gewehre waren— erſt dann gelang es, mehrere der gänzlich umzingelten Abtheilungen zu retten. Allein die Hoffnung, das Lager zu beſchützen, mußte aufgege⸗ ben werden. Schon war daſſelbe erfüllt von raubgieri⸗ gen Kaffern, welche ergriffen und raubten, was ihnen des Nehmens werth ſchien, welche die wehrloſen Frauen der Krieger und die Kinder derſelben, die in dieſe ent⸗ legene Wildniß gefolgt waren und im Lager gewohnt hatten, gefangen mit ſich fortſchleppten, und als nichts ihre Habgier oder ihre Wuth mehr reizen konnte, die — 32 4 niedergeriſſenen Zelte in Brand ſteckten. Die taktiſchen Künſte der europäiſchen Krieger hatten endlich über die wilde Todesverachtung der Afrikaner einen blutigen Sieg errungen. Es gelang den einzelnen Abtheilungen, ſich in feſtgeſchloſſenen Maſſen unter die Wälle des Forts zurückzuziehen, nachdem der furchtbare Kampf bis zum Anbruch der Morgenröthe gedauert hatte und bald her⸗ nach erhellte der junge Tag ein Gemälde, das über jede Beſchreibung gräßlich war. In einen dichten Haufen zuſammengedrängt, ſtanden die Reſte der Trup⸗ pen, die dem ſchrecklichen Gemetzel entronnen waren, längs den Sanddünen hin, die ſich rechts vom Fort nach dem Meere zogen. Der weite Platz, woſelbſt das Lager geſtanden hatte, war erfüllt mit Wilden, die heulend unter ſchrecklichen Gebehrden wahnwitziger Wuth dort umherrannten. Die Leichname der Gefallenen waren jetzt Gegenſtände ihrer Rache und ein noch gräßlicheres Gelüſte kanibaliſcher Gier ſchienen ſie befriedigen zu wollen. Die Bai war gerade leer von europäiſchen Schiffen, aber eine unzählbare Anzahl von Canots lag an den ferneren Ufern und zeigte deutlich, welchen Weg die Angreifer genommen hatten. Schon ſchiffte man die Gefangenen ein, um ſie nach dem gegenüberliegenden Ufer zu bringen auf feindlichen Boden und ſie nach den entlegenen Wildniſſen fortzuführen. Man ſah ſie ihre Hände ringen, ihre Verzweiflung, ohne ihnen helfen zu F können, qh gräßlicher Anblick für die Engländer, die mit ſtummem Zorn ihre Augen davon abwendeten. Dieſen Moment hatte der Kommandant erwartet, und das ganze Geſchütz der Cidatelle, durch welches die Um⸗ gegend weithin beſriches werden konnte, begann nun zu ſpielen. Noch hatten die Wilden die ſchreckliche Wir⸗ kung des Kanonenfeuers nicht kennen gelernt, da die Nacht den vortheilhaften Gebrauch dieſer furchtbaren Waffen unmöglich gemacht hatte. Jetzt beſiegte die ſchreckliche Wirkung der Geſchütze ihren barbariſchen Trotz. Sie flohen heulend vor Wuth und Entſetzen in ihre Kähne. Aber auch dieſer Weg zur Flucht wurde ihnen ein gräßlicher Todespfad. Die Kanonen der Eng⸗ länder zertrümmerten Dutzende von Kähnen, die mit blutgierigen Afrikanern erfüllt das Weite ſuchten. Sehr viele Fahrzeuge wurden beſchädigt von den einſchlagen⸗ den Kugeln und die Wilden trieben ſterbend auf den Fluthen umher; viele Hunderte fanden bei dieſem Rück⸗ zug noch einen gräßlichen Tod. Die erſchöpften Krieger ſäuberten nun vorſichtig die Ebene und jetzt erſt konnte man die Verluſte erkennen, welche dieſer Ueberfall gekoſtet hatte. Au ein hiczu blieb nicht lange Zeit, denn andere Ereigniſſe nahmen die ganze Theilnahme nnd Aufmerkſamkeit der Engländer in Anſpruch. Plötzlich erſchien am Saume der Gehötze, durch 3 * 34 w2 welche der Weg nach dem am Sirnuſer angelegten Militärpoſten führte, ein verwundetes Pferd, das ſich dem Anſcheine nach mühſam nach der Eidatelle hinzu⸗ ſchleppen ſuchte. Mehrere Reiter, die in der Nähe u herſtreiften, ritten herbei, um daſſelbe einzufangen, a& einige Pfeile aus einem Gebüſch ziſchten und dem ohne⸗ hin todesmatten Thiere Hals und Bruſt durchbohrten, daß es ſterbend dahinſank. Die Dragoner feuerten ihre Karabiner ab und die zurückgebliebenen Wilden, die bis⸗ her lauernd hier im Verſteck gelegen hatten, flüchteten heulend vor Wuth in die dichteren Wildniſſe. FJetzt erſt war es möglich, ohne Gefahr dem ſo eben im hohen Graſe verendenden Thiere zu nahen und man erkannte ſchaudernd, daß es ſeinen todten Reiter am Zügel bis hieher geſchleppt hatte. Vom Torngeſtrüpp zerriſſen, vom Hufſchlag und dem Hinzerren über ſchar⸗ fes Geſtein verſtümmelt, bot der Todte einen gräßlichen Anblick dar. Mehr als ein Dutzend Pfeile und Aſſa⸗ gayen(ſo nennt man die Lanzen der Wilden) hatten ſei⸗ nen Leib durchbohrt und ſteckten noch mit den Spitzen in demſelben. Nur die Uniform, die in Fetzen um die vblutigen Glieder hing, ließ errathen, daß man hier den Leichnam eines der beliebteſten und tüchtigſten Offiziere des Reiterregiments vor ſich habe, eine ſchreckliche That⸗ ſache, die mit Sicherheit auf eine Niederlage der Trup⸗ pen ſchließen ließ, welche Oberſt K. bei anbrechendem 55 Tage aus dem Lager geführt hatte, um den von den Wilden angegriffenen Militärpoſten zu Hilfe zu kommen. Der Angriff hatte alſo nicht allein die um das Fort ge⸗ lagerten Truppen betroffen, ſondern auch die Reiterko⸗ en auf ihrem gefahrvollen Wege Ueberfälle der ilden erfahren haben und ihnen entweder gänz⸗ lich erlegen ſein, oder ſchweren Verluſt erlitten haben. Eine neue Angſt, die Sorge für die Kameraden, denen man noch dazu keinen Beiſtand leiſten konnte, weil der Platz nicht noch mehr von Truppen entblößt werden durfte, geſellte ſich zu dem Gefühl des Schmerzes. Wir verlaſſen dieſe gebeugten Truppen, und folgen denjenigen, die Oberſt K den Militärpoſten zu Hilfe führte. Die vorauseilenden Reiter brachen bald hernach in die zwiſchen Strom und Gebirg ſtehende Hochwaldung ein und tiefes Dunkel umhüllte die im engen Wege ſchweigend dahinziehenden Krieger. Hier* lehrte die eigene Erfahrung den unbeſonnenen Anführer einen neuen Fehlgriff einſehen, den er begangen hatte. Statt nämlich durch das Dickicht einen breiten Fahrweg zu bahnen, hatte er ſich damit begnügt, das Gehölz nur in der Breite von etwa zwanzig Fuß ausreuten zu laſſen. Nun ſollte Artillerie auf dieſem feuchten dunſtigen Boden fahren, aber die Kanonen ſanken bis an die Axe in den Moorboden; die Pferde der Reiter traten tief in den mora⸗ ſtigen Grund und, um nur vorwärts zu.ommen, mußte die 3 — 56 Reiterei in eine ſchmale langhingeſtreckte Lienie aufgelöſt durch dieſe Waldwildniß dem Kampfplatze mühſam ſich zu nähern ſuchen. Mehrere höhere Offiziere machten dem Kommandanten Vorwürfe über dieſen Fehler und unterließen es nicht, ihm die Gefahren in Erinnerung zu bringen, denen die Reiterei auf ihrem mühſamen Pfade durch dieſe dichtverwachſenen Forſte ausgeſetzt wäre. Allein jetzt war es zu ſpät; das ferne Getöſe des Kampfes und der Widerhall desſelben, der durch die erhabenen Wipfel rauſchte, verdrängte bald jeden andern Gedanken. Der Weg wurde ſo raſch als möglich zurück⸗ gelegt und man nahte endlich nach Ueberwältigung unglaublicher Hinderniſſe und Schwierigkeiten dem erſten Poſten. Dieſer lag auf einem wellenförmigen Hügel, von dem die Waldung abgereutet worden war und welcher gegen den Strom ein ziemlich bedeutendes Vorland bil⸗ dete. Oberſt K.. hatte dieſen Punkt gewählt, weil der⸗ ſelbe den Strom beherrſchte und weil gegenüber einige nicht unbedeutende Kraals(Dörfer) der Kaffern gelegen waren, woſelbſt früher mit den Coloniſten ein lebhafter Verkehr und Tauſchhandel beſtanden hatte. Die weite Thalſohle war hier zu Ackerland umgewandelt worden, aber die Kaffern hatten die Niederlaſſungen zerſtört und die früheren Felder waren längſt wieder ein Raub der Wildniß. Beim Ausbruch des Krieges hatten auch die Kaffern ihre Dörfer verbrannt und ſich in die 06 Wildniß der Karrooberge zurückgezogen. Bis in Nähe dieſes Poſtens war Oberſt K. gelangt, ohne auf ſeinem Pfade auch nur eine Spur des Feindes zu ſehen, obwohl hohl und ſchauerlich das Kampfgebrüll der Wil⸗ den herüberdrang durch die dunkle Waldnacht und das Flintenfeuer in den Wipfeln der ungeheuern Bäume einen tauſendfachen Wiederhall hervorrief. Plötzlich ſtockte der Zug der Reiter; Geſchrei und wirres Rufen, Stampfen und Wiehern der Pferde, wilde Flüche der an einander ſich drängenden Reiter, Waffengeraſſel, Nachdrängen derer, die noch im Dunkel des Waldes fortritten, ohne zu wiſſen oder ſehen zu können, was vorne geſchah, Verwirrung, Betroffenheit — alles dieſes war die Sache eines Augenblicks. Die Beſehle der Offiziere machten ſich endlich geltend, Stille trat ein und jetzt war es möglich, die Urſache dieſes Unfalls zu entdecken. Ein Verhau dicht verſchlungener Bäume ſperrte den Weg nach der Ebene; es ſollte raſch beſeitigt werden. Mehrere Reiter ſprangen zu dieſem Ende von den Pferden und verſuchten es, die Hinder⸗ niſſe zu beſeitigen. Darüber wurde die in dieſem Augen⸗ blicke ſo nöthige Vorſicht vergeſſen; die Reiter begannen zu ſchwatzen, einander zuzurufen, den Weg, die Kaffern, das eingetretene Hinderniß und viele andere Dinge zu verwünſchen und es entſtand ein lautes Getöſe, das um ſo gefährlicher und thörichter war, je näher man ſich am „ . befand, je mißlicher und ſictch es war, wenn der eng im Walde eingekeilte Reiterzug von ihm angegriffen werden ſollte und je weniger es möglich war, ſich unter ſolchen Umſtänden gegen einen gewandten, tapfern und blutgierigen Feind zu vertheidigen. Dieſe Verwirrung nahm noch überhand, als die raſch marſchi⸗ renden Seapoys nebſt der Artillerie nachkamen und plötz⸗ lich außer Stand, waren, ihren Zug fortzuſetzen. Ehe es aber geſchehen konnte, den Pfad vollkom⸗ men frei zu machen, brach ſchon das Verderben im voll⸗ ſten Maße über dieſe unglücklichen Krieger herein. Ein fürchterliches barbariſches Geheul ausſtoßend, ſtürzte plötz⸗ lich der von Haß, Kampf⸗ und Blutgier bis zum Wahn⸗ ſinn erhitzte afrikaniſche Kriegerſtamm, gegen den die Tapferkeit und Kriegszucht der Europäer ſeit Stunden ſchon mühſam angekämpft hatte, von allen Seiten auf die hilfloſen Reitermaſſen los, und jetzt entwickelte ſich eine Scene, die zu gräßlich war, als daß ſie durch die Feder geſchildert werden könnte. Niedergeworfen von den ſcheu ſich bäumenden Pferden, oder von der Wucht der durch die Waldbäume mit thieriſchem Geheul andrän⸗ genden Feinde, kämpfte hier der ſtarke Engländer, der gewandte Schotte, der heißblütige Irländer den verzwei⸗ feltſten Todeskampf. Umſonſt war alle Kraftanſtrengung, aller Muth, alle verzweifelten Verſuche, durch dieſes gräßliche ſtockende Gewühl nach dem freien Felde ſich N 3 S( Bahn zu brechen. Die Rufe der Offiziere verhallten ungehört in dieſem wirren Gewimmel ſich gegenſeitig mordender, nicht mit Waffen, nein mit dem, was zu⸗ nächſt zur Hand war, würgender Menſchen. Die Sea⸗ poys konnten eben ſo wenig von dem Vortheil ihrer Waf⸗ fen Gebrauch machen, denn auch ſie waren eng einge⸗ keilt und vermochten kaum ſich ſelbſt zu vertheidigen. Hätte nicht ein rettendes Geſchick und die Todesangſt der Pferde endlich Bahn gebrochen, ſo würde wahrſchein⸗ lich kein Mann der Mordſucht der durch ihre Ueberzahl und die günſtigſten Umſtände ſiegenden Afrikaner entron⸗ nen ſein, um das ſchauerliche Ende der Gefährten den Ueberlebenden zu berichten. Einer der mitziehenden Pul⸗ verwagen war im Getümmel geſtürzt und, feuerfangend, erplodirte die Pulvermaſſe mit furchtbarem Krachen und zerriß und zerſchmetterte Hunderte von Wilden, welche von den nachdrängenden kampfgierigen Maſſen in der Nähe feſtgehalten wurden. Die Wirkung mußte gräß⸗ lich ſein, denn ein verzweiflungsvolles Furcht⸗ und Schmerz⸗ geſchrei ertönte im Forſte. Die entzündet umherfliegen⸗ den Granaten vermehrten, mit grellem Ziſchen und Krachen mitten in den entſetzten Menſchenmaſſen zerſpringend und die Zunächſtſtehenden auf das Gräßlichſte zerſchmetternd und zerreißend, die Verwirrung und die Angſt der Wilden. Dieſe niegeſehene furchtbare Gewalt des Pulvers und der eiſernen Zerſtörungsmaſchinen beſiegten ihren Blutdurſt „ und verwandelten ihren wilden Muth eben ſo ſchnell in das unaus ſprechlichſte Entſetzen. Heulend flohen ſie in die Wälder, während die Engländer, den günſtigen Augenblick benützend, ſich in die Ebene retteten und die muthvollſten und tapferſten Offiziere mit übermenſchlicher Aufopferung der Seapoys auch die Artillerie und die noch unverſehrten Pulverwagen aus dem Dickicht in's Freie führten. Erſt nachdem die Truppen ein geräu⸗ miges Terrain erreicht hatten, gelang es, ſie zu ordnen, die Geſchütze ſchnell in Stand zu ſetzen und ſich zum Kampfe fertig zu machen und wahrlich, es war hohe Zeit, denn die Gefahr war noch nicht vorüber. Tauſende von wilden Kriegern waren noch nicht zum Kampfe gekommen und der tapfere Anführery der dieſen nächtlichen Ueberfall mit ſo verderbenbringender Einſicht veranſtaltet und geleitet hatte, wußte ſeinen er⸗ ſchreckten Gefährten ſchnell wieder neuen Muth und neue Kampfluſt einzuflößen. Das erwachende Tageslicht er⸗ hellte die Umgebungen und zeigte den Afrikanern, mit welch' einem kleinen Häuflein europäiſcher Krieger ſie es zu thun hatten. Die Muſchelhörner ertönten ermuthigend. Gleich düſtern Wolken verſammelten ſich die racheſchnau⸗ venden Schaaren der Eingebornen auf den umherliegen⸗ den Höhen um die im Thale aufgeſtellten ſich zur Ver⸗ theidigung rüſtenden Engländer. Der anbrechende Morgen zeigte dieſen die noch unbezwungenen Erdſchanzen und 41 das ſreudige Wehen der Fahnen bewieß— ein frohes und ermuthigendes Zeichen— daß die hier eng einge⸗ ſchloſſenen Waffenbrüder noch nicht überwältigt waren und ihre Brüder voll froher Hofſnung auf Hilfe und Eutſatz begrüßten. Aber zwiſchen Freunden und Brüdern lag noch das verderbendrohende Heer barbari⸗ ſcher Feinde, die mit wildem Kampfgeſchrei zur Feld⸗ ſchlacht ſich rüſteten. Noch war ein harter Streit zu kämpfen, ehe es möglich war, den Belagerten den er⸗ ſehnten Beiſtand, die Rettung zu bringen. Oberſt K... überſah die Lage der Seinen und derer auf dem Hügel und bewährte in dieſem entſchei⸗ denden Augenblick ganz ſeine Tüchtigkeit. Durch eine raſche Schwenkung zogen ſich die Reiter, die Geſchütze mühſam durch den Moorboden nachſchleppend, nach einer vom Feinde nur ſchwach beſetzten kleinen Anhöhe hin, welche ſchnell von den Dragonern geſäubert wurde. Hier fuhren die Geſchütze auf, während ſeitwärts die Reiter zum Angriff ſich ordneten und die Seapoys im Thale eine vortheilhafte Stellung einnahmen. Nun begannen die Kanonen gegen den auf der Anhöhe in dichten Maſſen ſchwärmenden Feind zu ſpielen. Die Kartätſchen riſſen ganze Reihen nieder, die Kugeln wirkten gräßlich in dem ſich verzweiflungsvoll drängenden Knäuel der Feinde. Dennoch ſtürzten ſie herab in das Thal und griffen die hier ſie feſt erwartenden und mit zerſtörenden Musketen⸗ 42 feuer empfangenden Seapoys wüthend an. Aber jetzt brach die Reiterei vor. Die Dragoner, froh, von der Waffe und dem Vortheil über den Feind Gebrauch machen zu können, hieben voll rachgieriger Tapferkeit ein und endlich beſiegte die europäiſche Kriegskunſt den ſtarren Trotz der wilden Feinde. Viele Hunderte fanden hier den Tod, aber nur wenige wurden gefangen, weil der durch die ſchrecklichen Scenen der Nacht erbitterte eng⸗ liſche Krieger dem barbariſchen Feinde kein Quartier geben wollte. Es gelang aber dennoch der Mehrzahl der Wilden, ſich über den Strom oder in die unzugänglichen Wildniſſe zu retten. So endete die nächtliche Schlacht gegen die Kaffern, die erſte, welche in dieſem an furchtbaren Scenen ſo reichen Kriege geſchlagen wurde. Die Engländer hatten geſiegt; aber welche Opfer hatte dieſer mehr als zweifel⸗ hafte Sieg gekoſtet! Mehr als dreihundert der tapfer⸗ ſten Krieger hatten ihr Leben eingebüßt, eine kleinere Zahl war lebend in die Hände dieſer barbariſchen Feinde gefallen. Welches mochte ihr Loos ſein?! Dieſer ſchreck⸗ liche Gedanke beſiegte alle andern und gab Raum zu den düſterſten Beſorgniſſen. Das barbariſche Kriegsgeheul der Kaffern war ver⸗ ſtummt; nachdem die letzten Nachzügler verzweiflungsvoll in den Wald geflüchtet waren, fand die Vereinigung der Engländer ſtatt; die beiden hier angelegten Militärpoſten wurden aufgehoben und zerſtört und jetzt begann der Rückzug durch den Wald nach dem Fort. Man hatte von dem Kampfe, der dort genau zu derſelben Zeit ſtatt⸗ gefunden, keine Ahnung. Dieſe ermatteten Krieger legten vielmehr den Weg voll froher Hoffnung, ihre Waffen⸗ genoſſen, ihre Familien und ihre Freunde ungefährdet wieder anzutreffen, zurück. Die erſten Vorpoſten, welche am Abend dieſes Tages auf der Ebene anlangten und mit ihren Blicken das Lager ſuchten, erſtaunten nicht wenig, als ſie ſtatt deſſen nur eine Scene gänzlicher Zerſtörung, das Gefilde blutbedeckt, mit Leichen beſtreut und den Boden vom Geſchütz zerriſſen und aufgewühlt ſahen. Statt eines friedlichen Lagers betraten ſie ein zweites Schlachtfeld und der frohe Jubelruf, mit dem die unter Waffen ſtehenden Zurückgebliebenen ſie begrüßten, ver⸗ ſtummte bald vor dem Bewußtſein einer erlittenen Nie⸗ derlage, eines herben unerſetzlichen Verluſtes. Statt der erſehnten Ruhe erwartete dieſe tapfern Krieger neue harte Arbeit, denn die Erfahrung hatte gelehrt, daß man es mit einem zahlreichen kampf⸗ und blutgierigen Feinde zu thun hatte keineswegs entmuthigt, jeden Augen⸗ blick ſeine Wgriffe erneuern konnte. Das Fernrohr zeigte am gegenüberliegenden Stromufer dichte, zahl⸗ reiche Schwärme von Kaffern, denen aus den Gebir⸗ gen ſowohl, als auch zu Waſſer immer neue Schaaren zuſtrömten. Einer nicht übertriebenen Schätzung gemäß mußte die Zahl der Angreifer ſehr groß geweſen ſein und mehr als 15000 Krieger betragen haben. Dieſes Heer wurde nichts weniger als ungeſchickt geleitet, wie der wohlangelegte nächtliche Ueberfall bewieſen hatte und es verſtärkte ſich von Stunde zu Stunde durch neuhin— zukommende kampfgierige Schaaren. Es war unmöglich, in ſolcher Ferne ihr graußenerregendes Freuden- und Rachegeheul zu vernehmen; aber man konnte durch das Sehrohr die wilden Siegestänze der Feinde, ihre halb wahnſinnigen Geberden und die drohenden Vor bereitungen erkennen, die ſie zur Fortſetzung des Kampfes trafen. Das Lager war nothdürftig in Stand geſetzt und auf einem Platze aufgeſchlagen worden, der vortheilhaſter zur Vertheidigung war und dem ſchlauen Feinde weniger Gelegenheit zum Ueberfalle darbot. Starke Poſten von Reiterei waren in angemeſſener Entfernung zur Wache vertheilt. Unter ſolchen Verhältniſſen brach die Nacht an. 5 Zweites Kapitel. Schreckliche Lage der Gefangenen.—— Das Menſchenopfer.— Die Rettung. Seltſame Fügung der göttlichen Vorſehung! Wie wunderbar und unbegreiflich ſind ihre Führungen im Leben mancher Menſchen. Diejenigen, denen Wilberforce das Licht des Chriſtenthums hatte bringen wollen; in deren blutbefleckten Händen befand er ſich jetzt ſelbſt— ein armer, durch den grauſamſten Tod bedrohter Gefange⸗ ner. Eine große Anzahl derjenigen, welche hierher geſen⸗ det worden waren, um die wilde äfrikaniſche Völkerſchaft der Kaffern zu beſiegen und zu unterjochen, Menſchen, die es für ein Kleines gehalten hatten, dieſe unciviliſir⸗ ten Barbaren zu Paaren zu treiben, Leute, die mit frev⸗ lem Spott ſie Halbmenſchen genannt und die erhabene Sendung unſers Wilberforce mit Hohn lächerlich gemacht hatten, dieſe Thörichten verloren jetzt eben ſo ſchnell ihre kecke übexgüthige Weiſe und all ihr Trotz und ihr gerühmter Winvanvelt ſich plötzlich in Kleinmuth, in verzweiflungsvolle Angſt beim Andenken an das ſchreckliche Schickſal, das ihrer wartete. Da ſah man ſo recht klar, was den Menſchen weit über alle Schreck⸗ niſſe der Erde erhebt. Wie ein milder Engel, ſo waltete 46 der Miſſionär tröſtend, helſend, wie und wo er nur konnte, unter ſeinen Schickſ alsgenoſſen. Die gebeugten und geängſtigten Frauen und Kinder, die in die Hände der Wilden gefallen waren, ſie ſtanden zunächſt unter ſeinem Schutze und durch gute Worte war es ihm wirklich gelun⸗ gen, ſie vor den ferneren Mißhandlungen ihrer wilden Wächter zu ſchützen. Er ſelbſt ſtand mit gebundenen Händen in der Reihe der Männer. Ihre kleinmüthigen Klagen, ihre Zaghaſtigkeit und ihre unchriſtliche Ver⸗ zweiflung ſchnitt ihm in's Herz. Da wurde der verſpot⸗ tete Heidenbekehrer ihr Troſt, ihre Predigerſtimme in der Wüſte. Es gelang ihm, ſie dahin zu bringen, daß ſie ſich faßten und das Vertrauen nicht ſinken ließen. Durch ſein Zureden dachten ſie mit größerer Hingebung an Gott, der jetzt allein ihr Helfer ſein, mit deſſen Bei⸗ ſtand ſie allein das, was kommen mochte, erdulden konn⸗ ten; ja Der allein noch Mittel und Wege zu ihrer Ret⸗ tung beſaß und wußte. Und wahrlich, es that noth, den ganzen Muth eines Chriſten zu beſitzen, denn was jetzt geſchah und von den verlaſſenen Gefangenen geſehen werden konnte, war geeignet, das Herz des Tapferſten zu erſchüttern und beben zu machen. Wilberforce hatte im Lager gewohnt, während ſeine Geräthſchaften und faſt ſein ganzes Eigenthum im Fort 401 aufbewahrt wurden. Die kriegeriſche Seite des hier auf⸗ gerollten Gemäldes war für ihn ohne Werth; er hatte 5 47 feinen Sinn dafür. Dennoch hatte er es vorgezogen mitten im Lager zu bleiben und das Geräuſch der ihn umgebenden kriegeriſchen Scene zu ertragen, weil ſich ihm mitten in dieſem Wirrwar Gelegenheit darbot, den armen Heiden Hülfe und die tröſtliche Botſchaft des Evangeliums zu bringen. Obwohl ſein Werk in ſo we⸗ nig fördernden Umgebungen und ſo ſehr gehindert durch mancherlei zerſtörende Einflüſſe, kaum als eine Gründung betrachtet werden durfte und er mehr als Arzt und Noth⸗ helfer, denn als Seelſorger zu wirken im Stande war, ſo verließ ihn das Vertrauen auf den Beiſtand der Vor⸗ ſehung nicht und er war feſt überzeugt, daß kein Samen⸗ korn, das er zu ſtreuen bemüht war, verloren gehen würde, wenn es dem Lenfer aller Dinge Zeit ſcheinen würde, es wurzeln und keimen zu laſſen. Daß ſein Seh⸗ nen, in die Wildniß zu den Heiden zu gehen, und hier ganz als Miſſivnär, als Wohlthäter, Menſchenfreund und Volksbildner zu wirken, noch immer nicht erfüllt werden konnte, betrübte ihn tief; aber er erwartete auch in dieſer Hinſicht, was Gott über ihn beſchließen würde, mit ſtille hoffender und harrender Seele. Sein Sehnen ſollte erfüllt werden, aber auf eine von ſeiner Erwar⸗ tung ſehr verſchiedene Weiſe. So kam der 16. Oktober heran. Wilberforce ſchlief ruhig in ſeinem Zelte. Er war Tags zuvor weit vom Lager entfernt auf einer bota⸗ niſchen Exkurſion geweſen; da erweckten ihn Kanonen⸗ 48 ſchüſſe und er erfuhr durch ſeine Zeltgenoſſen, daß ſie nach den landeinwärts liegenden Poſten ziehen müßten, die in dieſem Augenblick von den Wilden beſtürmt ſeien, um ſie zu entſetzen. Er fühlte keine Luſt, dieſem nächt⸗ lichen Kriegerzuge ſich anzuſchließen, wie er es bei frü⸗ heren ſchon gethan hatte, ſondern zog ſich in das Zelt zurück, um ſich völlig anzukleiden und mehrere Kranke zu beſuchen, die ſeine Hilfe und ſeinen Troſt in Anſpruch genommen hatten. Später ſo eben aus dem Zelte tre⸗ tend, vernahm er das in einer entfernten Gegend des Lagers beginnende Flintenfeuer, dem ſogleich auf allen übrigen Punkten das gräßliche Kriegsgeſchrei der Kaß fern und das Toben eines wilden Gemetzels, eines wi⸗ thenden Kampfes folgte. Starr vor Entſetzen blieb Wilberforce im dunkeln menſchenleeren Lager ſtehen Da rötheten die Flammen der brennenden Zelte den Himmel; ſie verbreiteten Tageshelle in den Umgebun⸗ gen. Auf allen Seiten Geheul, Toben der Schlacht, Wimmern der Verwundeten, Brüllen der ſich mit Stur meseile verbreitenden Flammen, Kreiſchen der entſet mit fliegenden Haaren und wehenden Gewändern dem Fort zueilenden Frauen, Hilfegeſchrei erſchreckter Kinder — eine Scene, die ganz geeignet war, das Blut im Herzen der Muthigſten ſtocken zu machen. Wilberforc erkannte ſogleich die drohende Gefahr und ſein richtiger Verſtand, ſeine Beſonnenheit lehrten ihm, was unter 49 dieſen Umſtänden ſeine nächſte Pflicht war. Frauen und Kindern zurufend, ſammelte er bald ein Häuflein dieſer erſchreckten Schafe um ſich und es gelang ihm, dieſe Unglücklichen ſicher und wohlbehalten in das Fort zu zu bringen, wo ſie unter dem Schutze der daſſelbe bewa⸗ chenden Krieger für den Augenblick geſichert waren. Er ſelbſt kehrte trotz der Warnungen der Soldaten in das Lager zurück, das jetzt ein von allen Schrecken eines nächtlichen Ueberfalls durchraſter Kampfplatz war. Wie durch ein Wunder entging er den Pfeilen und Lanzen⸗ würfen der Wilden und den Kugeln der Truppen, welche pfeifend in ſchrecklicher Nähe an ihm vorüber flogen, und mühſam ſammelte er einen zweiten Haufen erſchreck⸗ ter Frauen mit ihren Kindern um ſich. Allein der Weg zum Fort war jetzt durch dichte Horden blutgieriger Kaffern verſperrt, die auf dieſer völlig unbewachten Seite ohne Widerſtand in das Lager einbrachen und hier alles niedermachten, was ihnen in die Hände fiel. Wilber⸗ force ſah ein, daß jetzt alle Hilfe und Rettung verge⸗ bens war. Er begann daher diejenigen, die unter ſeinen Schutz ſich begeben hatten, zu tröſten und betete laut den 143. Pſalm. Die armen Verlaſſenen fielen voll Ver⸗ zweiflung auf ihre Kniee nieder und hörten dem lauten Gebet des Miſſionärs mit halb von Entſetzen, halb von Vertrauen erfüllten Herzen zu. Plötzlich drangen die Wilden i Scheine der 50 Flammen in großer Anzahl durch die Gaſſe des Lagers, in welcher Wilberforce ſich mit ſeinem wehrloſen Häuf⸗ lein befand. Einige Engländer, die ſich ihrer nicht mehr erwehren konnten, flohen vor ihrem wildſtürmiſchen Angriff mit verzweiflungsvoller Angſt. Die Wilden kamen näher und erhoben ein Mordgeheul, als ſie die fnieenden Menſchen erblickten, den Miſſionär in ihrer Mitte, die Hände gen Himmel ſtreckend, und laut mit tiefer Inbrunſt betend. Bei dieſem ſeltſamen Anblick mitten im Getümmel wilder Zerſtörung und eines bluti⸗ gen Gefechtes blieben die Vorderſten wie von einer unge⸗ wöhnlichen Erſcheinung an den Fleck gefeſſelt, ſtehen, ſo daß die verfolgten Soldaten Zeit hatten, ſich durch die Zeltgaſſe hin zu ihren Brüdern zu retten. Es entſtand eine augenblickliche Pauſe und tiefe Stille, ſo daß Wil⸗ berforce, der ganz im Gebet verſunken die Umgebungen mit ihren Schrecken vergeſſen zu haben ſchien, weit umher vernommen werden konnte. Die Kinder ſchmiegten ſich ſtill und ängſtlich an ihn; der Schein der Flammen erleuchtete hell ſeine hagere Geſtalt, ſeine ſanften demüthi⸗ gen, aber in dieſem Augenblick faſt verklärten, Züge. Im Kreiſe um ihn her knieeten eng zuſammen geſchaart die Frauen. Die Wilden wichen, von einem tiefen Schauer unwillkührlich ergriffen, nicht vom Platze; ſie wagten es jedoch nicht, die Hand gegen eines der hilf⸗ loſen Geſchöpfe, die jetzt ihrer Wuth preißgegeben waren, 51 zu erheben. Dieſe Scene dauerte mehrere Minuten und während dieſer ganzen Zeit wurde die Stille in der Nähe durch keinen Laut unterbrochen. Der Kampf nahm jetzt eine andere Wendung. Das Geſchütz des Forts begann, mörderiſch nach den ſich unter den Mauern desſelben hindrängenden Schaa⸗ ren der Kaffern zu wüthen. Voll Entſetzen über die gräßliche Wirkung der Feuerſchlünde flüchteten ſie nach allen Seiten und ein rachgieriger Haufen dieſer wilden Krieger drängte auch in die Straſſe des Lagers, wo die ſo eben beſchriebene Scene ſtattgefunden hatte. Von der Nachdrängenden wildem Kampfgeſchrei und der Gewalt des Augenblicks hingeriſſen, ſchwand ſchnell das Staunen, das dieſe Afrikaner aus Kämpfern für den Augenblick in lauſchende Zuſchauer verwandelt hatte. Sie fielen über das zagende Häuflein her, und ihre Raub⸗ gierde hatte bald das geringe Eigenthum„ die wenigen Kleider, welche die Unglücklichen in der Verwirrung zu⸗ ſammenraffen konnten, denſelben entriſſen. Aber auch die Perſonen der Mißhandelten ſchienen ihnen zu werth⸗ volle Güter zu ſein, als daß ſie dieſelben hätten zurück⸗ laſſen wollen. Man ſchleppte ſie alſo unter Qualen aller Art mitten durch das Kampfgewühl nach der Bai und zwang ſie, die Kähne zu beſteigen. Wilberforce wurde hier von den weinenden Frauen und Kindern getrennt und an Händen und Füßen in ein Ka⸗ 52 not geworfen, woſelbſt er ſich plötzlich mitten unter einer Anzahl engliſcher Krieger befand, die gleich ihm das ſchreckliche Lvos getroffen hatte, in die Hände ihrer grau⸗ ſamen Feinde zu fallen. Bald hernach trug das Geſchütz und die von ſtarrer Disciplin geregelte Tapferkeit der Engländer über die Kaffern einen blutigen Sieg davon. Die Wilden ſtürzten von allen Seiten herbei, um ſich über den Meerbuſen an das gegenüberliegende Ufer zu retten. Das Kanot, in welchem ſich Wilberforce befand, war eines der erſten, welche abſtießen. Nach einer Fahrt von mehreren Stunden legte dasſelbe am gegenüber liegenden Strande an; man zwang die Ge⸗ fangenen, auszuſteigen und ſie ſahen ſich von dem wüthen⸗ den Geheul mehrerer tauſend Weiber empfangen, die mit gräßlichem Freudengeſchrei, mit wilder Rachgierde und wahnwitzigen Geberden ſie umtanzten und umſpran⸗ gen. Dieſes Geſchrei, mit neuer größerer Wuth ange⸗ ſtimmt, ſagte den armen Gefangenen beſſer, als tauſend Worte es vermocht hätten, welches gräßliche Schickſal ſie erwartete. Eine ſumpfige Wieſe am Ufer des Stro⸗ mes ward ihnen zum Aufenthaltsort angewieſen. Der Kampf am andern ufer des Stromes, beſonders jener gegen die Hauptmacht der Kaffern einige Meilen oberhalb der Mündung des Fluſſes bei den dort angelegten Vor⸗ werken, tobte noch fort. Die Gefangenen konnten zwar nichts vom gegenüber liegenden Ufer ſehen, aber unge⸗ 55 ſtüme Schaaren neuangekommener Krieger, die auf dem höchſten Punkten ſtanden, beobachteten mit ſcharfem Auge die in der Ferne aufſteigenden Rauchwolken und die Bewegungen der vielen hundert Kanots, in denen bald Krieger, die der Gewalt der europäiſchen Waffen nicht mehr zu widerſtehen mochten, aufgenommen wur⸗ den, bald an andern Punkten ſich wieder an das Land ſetzen ließen. Es konnte endlich nicht verborgen bleiben, daß der Plan des Oberanführers nicht gelungen war und daß die Wilden auf allen Punkten eine um ſo blutigere Niederlage erlitten, je mehr ſie ſich durch ihr tollkühnes Vordringen der mörderiſchen Wirkung der Ge⸗ ſchütze ausſetzten. Diejenigen, welche das Lager ange⸗ griffen hatten, ſtürzten jetzt verzweiflungsvoll in die Boote und faſt zu gleicher Zeit begann auch das Hauptcorps der Kaffern den Rückzug. Mit unglaublicher Schnelligkeit verbreitete ſich dieſe unerwartete Nachricht unter den Zurückgebliebenen und es entſtand jetzt eine Scene, die an Gräßlichkeit alles übertraf, was Wilberforce bisher geſehen hatte. Unter unmenſchlichen Gebehrden und allen Aeußerungen einer thieriſchen Wuth und Rachgierde ſprangen die Flüchtenden aus den Kanots an das Ufer, warfen wüthende gierige Blicke nach den zitternden Ge⸗ fangenen und ſchaarten ſich in drohender Nähe zuſammen, um geheimnißvolle Vorbereitungen zu treffen, deren Zweck ſich wohl kaum verkennen ließ. Die Verwundeten wurden 54 von Weibern verbunden, während eine größere Anzahl dieſer Megären ſich um die Gefangenen drängte, die wildeſten niedrigſten Verhöhnungen gegen ſie ausſtießen und dieſe vor ihrer Mordluſt kaum durch die zur Be⸗ wachung aufgeſtellten Krieger geſchützt werden konnten. Wilberforce betrachtete mit trauerndem Herzen dieſe armen unwiſſenden Menſchen, die von Haß, Blutgier und Rachſucht erfüllt, nichts Böſes zu thun gedachten, indem ſie ihre wehrloſen Gefangenen zu peinigen und einem grauſamen Tode zu opfern ſuchten; die vielmehr ein ihren Götzen wohlgefälliges Werk zu vollbringen meinten. Je mehr er ſie beobachtete, ein um ſo tieferes Mitleid erfüllte ſeine Seele, deſto ſehnlicher flehte er zu Gott, ihn zu erhalten und durch ihn dieſen unglücklichen Menſchen das Licht eines friedevollen ſeligmachenden Glaubens entzünden zu laſſen. Er ſah jetzt das Wort des Apoſtels mit leiblichen Augen, durch die Wahrheit beſtätigt, jenes»vom Fürſten, der ſein Werk hat in den Kindern des Unglaubens.« Die Weiber, dürftig die Blöße bedeckt mit elenden Fetzen oder Thierfellen, ſtellten in ihrer jetzigen Gier, das Blut der Gefangenen zu vergießen, einen mehr ecklen, als fürchterlichen Anblick dar. Dagegen bot die düſtere drohende Haltung der ermatteten, oft aus ſchweren Wun⸗ den blutenden Krieger eine graußenvolle Gruppe. Das dichte ſchwarze Haar verdeckt von dem Kopffell eines wilden Thieres, etwa eines Löwen oder einer Hyäne ſtets ſo zubereitet, daß es die Stirne und das Geſicht bis unter die Naſe verbarg und die Augen durch die Augenhöhlen des Felles hervor ſchauten, den nackten Leib bemalt, am linken Arm oder auf der Schulter das mäch⸗ tige mit Rhinozeros⸗, Flußpferd⸗ oder Elephantenhaut überzogene Schild hängend, in der Rechten die Bogen und die Lanzen tragend, am Gürtel den Köcher mit den Pfeilen, die ſchwere Keule und das ſcharfe Meſſer— ſo ſtanden dieſe Krieger in zahlreichen düſteren Gruppen umher. Sie beobachteten mit wilder Rachgier ihre zitternde Beute, oder ſie folgten mit den Augen den Kähnen, die auf der ruhigen Fläche des Stromes und des Meer⸗ buſens gaukelten. Jeder anlegende Kahn rief aufs Neue das gellende gräßliche Kriegsgeſchrei hervor. An andern Orten ſchaarten ſich die Maſſen um große Feuer zum Kriegstanze. Wilberforce ſah auch auf dieſe ihm völlig neue Scene, aber er wendete bald ſchaudernd ſein Auge wieder ab. Dieſe Verrenkungen des Körpers, dieſe jetzt eckelhaft unzüchtigen, dann fürchterlich drohenden Gebehrden, dieſe Zuckungen des Geſichts, dieſe nun Hohn⸗ dann Wutbſprechenden Züge, ihre bald verdrehten, bald geſchloſſenen Augen— das alles verſetzte ihn in den Vorhof der Hölle und machte ihn am ganzen Leibe beben. Dabei prangte die Sonne am azurnen Himmelsge wölbe; ringsum zeigte die Natur ſich in ihrer ganzen 5 56 füdlichen Frühlingspracht; ein linder Wind ſäuſelte durch die Federbuſchähnlich blühenden Wipfel der ungeheuren ſchwankenden Rohre im Strome und durch die erhabenen Kronen der ehrwürdigen Bäume. In Mitte all der Schönheit, welche dieſem Fußſchemel Jehvvas, dieſer durch die Sünde verderbten Erde ſo reichlich geſchenkt iſt, nur allein der Menſch, das edelſte Werk Gottes, das Bild des Allmächtigen, nach Seinem Gleichniß geſchaffen und doch ſo tief geſunken, verderbt, entartet, ſo grauen⸗ haft— ach! das predigte mit Donnerſtimme dem erſchüt⸗ terten Herzen des Miſſionärs:»Gedenke, wovon du ge⸗ fallen biſt!l« Ermattet von ſo unerhörten Erfahrungen und mit einem auf das Tiefſte verwundeten Gemüth ſank Wilberforce zu Boden. Etwa zwei Stunden verfloſſen, während er da auf feuchtem Graſe lag und an ſeinen Beruf mit bekümmer⸗ ter Seele dachte, an den Zweck ſeines Hierſeins, der jetzt nach menſchlichem Dafürhalten vereitelt und mit ſeinem unter den Mordſtreichen der Wilden hinſtrömenden Leben wohl ganz vernichtet ſein würde. Das wirklich betäubende Geſchrei war ununterbrochen fortgeſetzt wor⸗ den, jedoch ohne daß der Miſſionär ferner darauf geach⸗ tet hätte, wenn ihn nicht die ängſtlichen Bewegungen ſeiner zunächſt ſtehenden Leidensgenoſſen auf beſonder drohende Vorfälle aufmerkſam machten und eine eigent⸗ liche Gefahr konnte für den Augenblick nicht eintreten, 57 da Wilberforce aus einzelnen Geſprächen der Wächter vernommen hatte, daß man ſie bis zur Ankunft des Oberhauptes lebend erhalten und dann nach ſeinen Be⸗ ſtimmungen mit ihnen verfahren wolle. Die Zeit verſtrich; der Abend nahte ſchon und dieſe hier in ſo großer Aufregung verſammelte Völkerſchaft hatte Zeit genug, ihre Verluſte zu zählen. Mit einem gleich traurigen Geſchäft ſchienen auch die Engländer am gegenüberliegenden Ufer der Bai beſchäftigt zu ſein, wie die zerſtreut auf dem Schlachtfelde umher ſtehenden Menſchenhaufen, die man an dieſem Ufer freilich nur ſehr undeutlich zu ſehen im Stande war, vermuthen ließen. Wilberforce hatte ſich erhoben und ſah mit be⸗ kümmertem Herzen ſeine Mitgefangenen ſehnende Blicke nach dem fernen Strande werfen, nach dem Orte, wo ſie früher unter Freunden und Landesgenoſſen gewohnt, durch gemeinſamen Schutz geſichert, Freude und Leid mit einander getheilt hatten. Plötzlich entſtand ein furcht⸗ bares Geſchrei, während unter den zunächſt ſtehenden dichten Maſſen der Wilden eine ſehr lebhafte Bewegung ſich kund gab. Das Geſchrei wurde aus der Ferne wiederholt, alles eilte auf die Anhöhen, oder an das Ufer, während die zur Bewachung der Gefangenen auf⸗ geſtellten Kaffern ſich feſter um dieſe ſchloſſen, um jeden Verſuch zum Entrinnen zu vereiteln. Dennoch konnte Wilberforce, durch ſeine ungewöhnliche Größe begünſtigt, 58 ſehen, was dieſe Aufregung veranlaßte. Um in in den Strom weit hineinreichendes Vorland ſchifften jetzt meh⸗ rere Kanots, bis zum Unterſinken von Schwarzen voll⸗ gepfropft, welche die bei den Vorwerken gegen die Eng⸗ länder gefochtene Schlacht mitgekämpft hatten und nun die Siegestrophäen der Wilden, Waffen, Uniformſtücke aller Art, Geräthſchaften und das Schrecklichſte— abge⸗ hauene menſchliche Häupter, die auf lange dünne Stan⸗ gen geſteckt waren— in den Händen ſchwangen oder trugen. Die Ankunft dieſes ſcheußlichen Triumpfzuges erregte eine ſo barbariſche Freude, ein ſo durchdringe⸗ des wildes Freudengeheul, daß die armen Gefangenen vor Schreck erſtarrten. Dieſes Gefühl verſtärkte ſich aber zum Entſetzen und höchſten Abſcheu, als die Kähne, denen eine ſehr große Maſſe anderer Kanots folgten, mehr in die Nähe des Ufers kamen und man nun erkannte daß die entſtellten, zerfetzten Schädel den gefallenen eng⸗ liſchen Kriegern angehört hatten; ja als es möglich war, mehrere derſelben zu erkennen. Noch vermehrte ſich das unaufhörliche Geheul, je näher die Flotte dem Ufer kam und jemehr Zeichen eines blutigen Triumpfes die A⸗ kommenden zur Schau trugen. Bald hernach ſprangen die erſten an das Ufer und die ſcheidenden Strahlen der Sonne beleuchteten ein Schauſpiel, das an Gräßlichkeit alles übertraf, was die Gefangenen bisher noch erlebt hatten. 59 Sogleich ward rings um die Gefangenen ein ſehr großer Raum ſrei gemacht. Die abgehauenen Köpfe der in der Schlacht Gefallenen wurden zu einer Art von Pyramide aufgeſchichtet, ein ſchrecklicher Anblick für die Engländer, welche nun ganz frei daſtanden und ſich in furchtbarer Angſt eng zuſammen drängten. Auf meh⸗ reren erhöheten Stellen wurden gryße Feuer von dürrem Rohr, Palmblättern, Holz und dergleichen Geniſte ent⸗ zündet, während die Krieger ſich auf den Anhöhen lagerten, oder mit wildem Geheul und wahnſinnigen Gebehrden um die Flammen tanzten. Am Ufer des Fluſſes wurde aus ſchnell ausgeſtochenen Raſenſtücken eine Art erhöheten Sitzes gebildet und mit Fellen belegt. Dieſen Thron beſtieg ein Krieger, in dem durch ſeine ausgezeichnete Geſtalt ſowohl, als auch durch den Schmuck, der ſeine ſtarken muskulöſen Glieder zierte, und durch die furcht⸗ ſame Ehrerbietung, die ihm von den Kriegern bewieſen wurde, das Oberhaupt dieſer wilden Nation nicht ver⸗ kannt werden konnte. Zwei große Feuer, die vor ihm angezündet wurden, beleuchteten ſein von Stolz und Verachtung ſprühendes Antlitz, und ſeine kraftvolle, durch eine ernſte Haltung ausgezeichnete Geſtalt. In der Rech⸗ ten trug dieſer Mann einen ſchwer mit Stahl beſchla⸗ genen Spieß, während die Linke ſich auf einen Schild ſtützte, der vollkommen mit glänzendem Goldblech über⸗ zogen war. Das Löwenfell, welches über ſeine Schultern 60 hieng war, durch beſondere Größe ausgezeichnet und in der nach innen zugekehrten Seite ganz mit brennend rothem Tuch gefüttert. Seine fleiſchige Bruſt trug meh⸗ rere Gehänge ausgezeichnet ſchöner goldener und ſilberner Medaillen und anderer Schmuckſachen, unter welche ſelt⸗ ſamer Weiſe auch einige Ordenszeichen gereiht waren, die er entweder auf dem Schlachtſeld erbeutet oder zum Geſchenk erhalten haben mochte. Eine Schärpe von Goldſtoff legte ſich eng um den nackten Leib und an ſeiner Linken hing eines jener koſtbaren Schwerter, welche weit entfernt von dieſer abgelegenen und unbekannten Weltgegend in einem andern Erdtheile verfertigt werden und ſo theuer ſind, daß eine Klinge oft mit mehreren tauſend Gulden bezahlt wird. Auſſer dieſen wenigen Gegenſtänden und einigen goldenen Ringen, die er um Arme und Beine trug, bemerkte man keinen Schmuck an ihm, während ſeine Untergebenen ſich auf die ſeltſamſte Weiſe mit den erbeuteten Kleidungsſtücken der gefallenen Engländer behangen hatten, von denen ſie meiſt gar nicht den richtigen Gebrauch zu machen wußten. Er hatte es ſeiner nicht würdig gefunden, von dem Raube etwas zu nehmen, ſondern alle Theile desſelben ſeinen Unte gebenen überlaſſen. Den Hintergrund der Scene erfüllte jetzt ein anderes Bild. Eine Anzahl Wilder ſchleppten nämlich vier, roh aus Baumſtämmen gezimmerte Statuen herbei, verzert 61 Nachahmungen der menſchlichen Geſtalt. Jedes derſelben ſtand auf einer runden roth bemalten mit räthſelhaften gelben Charakteren bezeichneten Säule. Es waren die Götzenbilder, denen dieſe Nation ein eben ſo ſchreckliches, als unnatürliches Opfer bringen wollte. Man richtete ſie auf und nun war es den Gefangenen möglich, dieſe ſcheußlichen Idole zu betrachten. Ein ungeheuerer Kopf mit übergroßen mißgeſtalteten Ohren, entſetzlich breitem zähnefletſchenden Rachen, der gräßlich zu lachen ſchien; dünne Arme und kreuzweiſe übereinander geſchlagene Beine, drei der Götzen ſchwarz, der vierte blendend weiß bemalt, aber— o Himmel!— alle auf das widrigſte mit Blut befleckt— ſo ſtellten ſich dieſe Gegenſtände eines bejammernswerthen Aberglaubens dar und auch die Prieſter, welche dieſes unglückliche Volk ſo grober Abgötterei fröhnen lehrten, fehlten nicht, ſondern waren in großer Anzahl verſammelt, um ihren Antheil an dem Triumpf der Nation über die Macht der gehaßten Feinde in An⸗ ſpruch zu nehmen. Die ſchrecklichen Diener dieſes Götzen⸗ dienſtes waren in dem Schmucke, den der finſtere Wahn geheiligt hatte. Schärpen mit geheimnißvollen, vielleicht ſinnloſen Charakteren bemalt, meiſt von rother und gel⸗ ber Farbe, um die wolligen Köpfe gebunden, hingen zu beiden Seiten auf die Schultern herab, und gaben ihnen beinahe das Anſehen jener Prieſter, die man auf den Gemälden in den ägyptiſchen Gräbern und Katakomben 60 hieng war, durch beſondere Größe ausgezeichnet und in der nach innen zugekehrten Seite ganz mit brennend rothem Tuch gefüttert. Seine fleiſchige Bruſt trug meh⸗ rere Gehänge ausgezeichnet ſchöner goldener und ſilberner Medaillen und anderer Schmuckſachen, unter welche ſelt⸗ ſamer Weiſe auch einige Ordenszeichen gereiht waren, die er entweder auf dem Schlachtſeld erbeutet oder zum Geſchenk erhalten haben mochte. Eine Schärpe von Goldſtoff legte ſich eng um den nackten Leib und an ſeiner Linken hing eines jener koſtbaren Schwerter, welche weit entfernt von dieſer abgelegenen und unbekannten Weltgegend in einem andern Erdtheile verfertigt werden und ſo theuer ſind, daß eine Klinge oft mit mehreren tauſend Gulden bezahlt wird. Auſſer dieſen wenigen Gegenſtänden und einigen goldenen Ringen, die er um Arme und Beine trug, bemerkte man keinen Schmuck an ihm, während ſeine Untergebenen ſich auf die ſeltſamſte Weiſe mit den erbeuteten Kleidungsſtücken der gefallenen Engländer behangen hatten, von denen ſie meiſt gar nicht den richtigen Gebrauch zu machen wußten. Er hatte es ſeiner nicht würdig gefunden, von dem Raube etwas zu nehmen, ſondern alle Theile desſelben ſeinen Unter⸗ gebenen überlaſſen. Den Hintergrund der Scene erfüllte jetzt ein anderes Bild. Eine Anzahl Wilder ſchleppten nämlich vier, roh aus Baumſtämmen gezimmerte Statuen herbei, verzert 61 Nachahmungen der menſchlichen Geſtalt. Jedes derſelben ſtand auf einer runden roth bemalten mit räthſelhaften gelben Charakteren bezeichneten Säule. Es waren die Götzenbilder, denen dieſe Nation ein eben ſo ſchreckliches, als unnatürliches Opfer bringen wollte. Man richtete ſie auf und nun war es den Gefangenen möglich, dieſe ſcheußlichen Idole zu betrachten. Ein ungeheuerer Kopf mit übergroßen mißgeſtalteten Ohren, entſetzlich breitem zähnefletſchenden Rachen, der gräßlich zu lachen ſchien; dünne Arme und kreuzweiſe übereinander geſchlagene Beine, drei der Götzen ſchwarz, der vierte blendend weiß bemalt, aber— o Himmel!— alle auf das widrigſte mit Blut befleckt— ſo ſtellten ſich dieſe Gegenſtände eines bejammernswerthen Aberglaubens dar und auch die Prieſter, welche dieſes unglückliche Volk ſo grober Abgötterei fröhnen lehrten, fehlten nicht, ſondern waren in großer Anzahl verſammelt, um ihren Antheil an dem Triumpf der Nation über die Macht der gehaßten Feinde in An⸗ ſpruch zu nehmen. Die ſchrecklichen Diener dieſes Götzen⸗ dienſtes waren in dem Schmucke, den der finſtere Wahn geheiligt hatte. Schärpen mit geheimnißvollen, vielleicht ſinnloſen Charakteren bemalt, meiſt von rother und gel⸗ ber Farbe, um die wolligen Köpfe gebunden, hingen zu beiden Seiten auf die Schultern herab, und gaben ihnen beinahe das Anſehen jener Prieſter, die man auf den Gemälden in den ägyptiſchen Gräbern und Katakomben — . 64 Schnell waren ihnen die wenigen zerfetzten Kleider, die ſie noch trugen, abgeriſſen. Man zwang ſie, vor den Götzenbildern niederzuknieen und band ihnen in dieſer Stellung die Hände an ihre Füße feſt, ſo daß ſie die nackte Bruſt unbeſchützt dem Meſſer darbieten mußten. Jetzt trat einer der Prieſter vor die Götze⸗ bilder und begann dieſe unter abergläubiſchen Gebehrden anzurufen, während jeder Theil ſeines Gebets von den übrigen mit lautem dreimaligen Geheul beſchloſſen ward. Dreimal ward dieſes gräßliche Gebet verrichtet und als der dritte Ruf verhallte, ſtießen die den Opfern zunächſt ſtehenden Prieſter den Unglücklichen, die von ihren Ge⸗ noſſen feſtgehalten wurden, plötzlich ihre Meſſer in das Herz. Das ſpringende Blut wurde in großen Muſchel⸗ ſchalen aufgefangen und vor den Götzenbildern ausgl⸗ goſſen, oder den ſchrecklichen Idolen ins Antlitz geſpritzt. Mehrere der Hingeopferten ſtießen ein herzzerſchneidendes Geſchrei aus, während die meiſten ſogleich ihr Leben aushauchten. Bei dieſem furchtbaren Anblick erſtarrte den Gefangenen das Herz im Buſen und die meiſten beantworteten den Todesſchrei ihrer ermordeten Leidens⸗ genoſſen mit verzweiflungsvollem Weheruf. Der Eindruck, den dieſe Scene auf Wilberforce machte, iſt unbe⸗ ſchreiblich. Zorn, Wehmuth und Mitleid zerfleiſchten ſeine reine Seele. Einen Augenblick verlor er ſeine Beſonnenheit; er rief laut die Rache des Himmels herab * 65 auf dieſe unmenſchlichen Götzendiener. Doch ſchnell faßte er ſich wieder und von all den widerſtreitenden Gefühlen blieb nichts, als eine unausſprechliche Wehmuth.»Herr, verzeihe mir,s betete er laut, vverzeihe, daß ich dieſen Elenden fluchte. Sie wähnen, ihren Götzen ein wohlge⸗ fälliges Opfer darzubringen; ach! ſie wiſſen nicht, was ſie thun!« Indeß wurde dieſes gräßliche Opfer vollendet. Die lebloſen Leiber wurden losgebunden und an der Erde ausgeſtreckt. Dann ſchnitten ihnen die Prieſter die Häupter ab und legten dieſe den Götzenbildern zu Füßen. Als das geſchehen war, wurden die Feuer, welche vor den Statüen gebrannt hatten, verlöſcht und die rauchen⸗ den Brände ſchnell auf dem Platze verſtreut. Die armen geängſteten Gefangenen faßten Hoffnung und wähnten, es möchte wenigſtens für heute dieſe ſchreckliche Scene beendet ſein. Aber ein neuer, noch furchtbarerer Anblick bot ſich ihnen dar. Jetzt war nämlich der gräßliche Götzendienſt vorüber, aber die Blutgier des Volkes war entflammt, ſeine wil de Rachſucht forderte neue Opfer, ſie forderte das Blut der Gefangenen und rings im düſtern Kreiſe der Volksmaſſen entſtand ein wüthendes Geheul. Neue Feuerbrände wur⸗ den herbei geſchleppt, neue Flammen loderten gen Him⸗ mel und immer raſender erhob ſich das Geſchrei, immer näher drängten die Maſſen der Krieger. Der Raum um 5 66 die Gefangenen wurde enger, von Augenblick zu Augen⸗ vlick erwarteten ſie den Tod, der ſich ihnen drohend in den wüthend geſchwungenen Waffen dieſer wilden Völ⸗ kerſchaft ſpiegelte. Da erhob ſich der Anführer und er⸗ theilte den Kriegern, welche ihm zunächſt ſtanden, Befehle. Sie eilten herbei und befahlen den Andrängenden gebie⸗ teriſch, ſich zurückzuziehen. Schnell wirkte dieſes, es verbreitete ſich eine dumpfe drohende Stille im weiten Raume und bald war die frühere Ordnung wieder her⸗ geſtellt. Als das Volk auf die Gefangenen losdrängte, hatte Wilberforce, erfüllt von dem Bewußtſein ſeines erhabe⸗ nen Berufes, den unglücklichen Leidensgenoſſen tröſtend zur Seite zu ſtehen, ein lautes inniges Gebet begonnen. Aber er endete jetzt, denn ſeine und ſeiner Gefährten Aufmerkſamkeit wurde gewaltſam durch die folgenden Auſtritte in Anſpruch genommen. Vor dem Anführer ſtanden jetzt die Unterbefehlshaber, welche die einzelnen Heeresabtheilungen in der Schlacht geleitet hatten. Es ſchien nun eine Berathung ſtattzufinden und Wilberforce hatte die Sprache dieſer Völkerſchaft ſchon hinlänglich kennen gelernt, um vernehmen zu können, daß denjeni⸗ gen Kriegern, welche ſich in der Schlacht am Meiſten hervorgethan hatten, eine eben ſo ſchreckliche, als in ihrem Wahne große Auszeichnung zu Theil werden ſollte. Hie⸗ pei wurde beſonders auf Solche Rückſicht genommen, 67 welche im Gefecht Verwandte verloren hatten. Der Tumult, welcher hierbei entſtand, das laute Geſchrei, das Aufrufen der Krieger bei ihren Namen, das Freude⸗ jauchzen ſolcher, welche ſich durch dieſe erſehnte Auszeich⸗ nung begünſtigt ſahen; alles dieſes, vermiſcht mit dem Zorngeſchrei ſo vieler Tauſende, welche ſich ungerecht übergangen glaubten, erregte Abſcheu und unbeſchreibli⸗ chen Widerwillen. Endlich ſtand eine blutgierige Schaar vor dem Anführer und dieſe Tapferſten aus der ganzen Nation ſollten das blutige Werk dieſes blutbezeichneten Tages vollenden. Auf das Gebot des Feldherrn erweiterte ſich der Kreis, der ſchon früher gebildet worden war. Der König ſtellte ſich an die Spitze dieſer Krieger und nun begann der Kriegstanz, ein in ſeiner Art eben ſo ſeltſames als ſchreckliches Schauſpiel. Sobald dieſe Scene geendet hatte, begannen die Krieger eine Marſchordnung zu bilden, als wenn ſie im Begriff wären, den Feind auf⸗ zuſuchen und ihm ein Gefecht zu liefern. Spione brachten dem Anführer Nachrichten und wurden wiederholt von ihm entſendet, bis er endlich den Stand der Sache hinlänglich zu kennen ſchien. Nun rückte das kleine Heer mit unbe⸗ ſchreiblicher Stille dem Häuflein der Gefangenen, die den eingebildeten Feind vorſtellten, näher, aber kriechend, mit ſolcher Vorſicht, daß auch nicht das geringſte Ge⸗ räuſch entſtand. Schon vorher waren die Feuer ange⸗ 5* 68 zündet worden und jetzt ergriffen mehrere Krieger Brände, gleichſam wie in der Abſicht, ein Lager oder Gebäude in Brand damit zu ſtecken. Einige Haufen Holz und Rei⸗ ſig, die in der Nähe lagen, dienten dazu, um die ſes zu verſinnlichen. Sobald nun dieſes Brennmaterial hell gen Himmel aufloderte, erhoben die Krieger den Kampfruf ihrer Nation, der den armen Gefangenen ſo wohl und ſchrecklich bekannt war. Auf dieſes Zeichen ſtimmte die ganze umher ſich reihende Nation in den Schlachtruf ein; die an der Erde liegenden Krieger ſprangen auf, umkreiſten die wehrloſen Gefangenen und ſtürzten gleich blutgierigen Tigern von allen Seiten über ſie her, um ihnen das Leben zu rauben. Auch dieſer Anfall geſchah plötzlich; aber die meiſten der Gefangenen waren darauf vorbereitet, daß ein Blutbad unter ihnen angerichtet wer⸗ den ſollte und ſetzten ſich, obwohl ſie nur ihre Hände zur Vertheidigung gebrauchen konnten, mit verzweiflungs⸗ voller Anſtrengung zur Wehre. Allein was half dieſes Bemühen gegen die wilde varbariſche Wuth der Angrei⸗ fer? In einem Augenblick lagen die Vorderſten getödtet auf der Erde; ja die Hitze und Blutgier der Kaffern war ſo unmäßig, daß ſie einander ſelbſt beſchädigten⸗ Die Gefangenen erhoben ein Geſchrei der Verzweiflung, in das ſich ſchrecklich das Gebrüll der Kämpfer, das Kreiſchen der zertretenen erdrückten Kinder, die Todes⸗ ſeufzer der Gefallenen und der Weheruf der Frauen 69 miſchte. Kein Alter, kein Geſchlecht fand Schonung bei dieſen unmenſchlichen Barbaren, die das in Strömen fließende Blut gleich dem Tiger nur mordluſtiger zu machen ſchien. Wilberforce ſtand in der Mitte dieſer mörderiſchen Scene. Seine hagere Geſtalt war hell beleuchtet; das Antlitz, die Hände gen Himmel erhoben, erwartete er ſeinen letzten Augenblick mit Ruhe und Er⸗ gebung. Sein Mund ſprach nur immer die Worte aus: »Herr ich befehle meinen Geiſt, wie die Seelen dieſer hingevpferten Unglücklichen, in deine Hände. Schon waren die meiſten ein Opfer der blutgierigen Barbaren geworden; ſchon ſtrebte einer der wüthendſten Mörder, die Kinder und Frauen, welche ſich kreiſchend an der Erde wanden, zerſchmetternd mit der fürchterlichen Keule, gegen den Miſſionär— von allen Seiten drangen die erhitzten keuchenden Mörder heran und der nächſte Augenblick mußte ihm das Leben koſten; da ſprang plötzlich ein Krieger mitten in das Mordgewühl; ſein heller ſtarker Ruf gebot Einhalt; rückſichtslos Weiber und Kinder bei Seite werfend, kam er gewandt bis zu Wilberforce heran, dieſen mit dem großen Schild, den er trug, beſchirmend und den Mördern, die nicht inne halten wollten, drohend mit augenblicklichem Tode, wenn ſie es wagen ſollten, noch einen Streich zu führen. Das helle Licht der Flam⸗ men beleuchtete die erhabene Geſtalt dieſes noch in voller Rüſtigkeit der Jugend ſtehenden Kriegers. Wilberforce 70 * ſah ihn an und erkannte in ihm einen jener armen Ver⸗ wundeten, die bei einem Gefecht in die Hände der Eng⸗ länder gefallen waren. Er hatte ihn ſelbſt geheilt, ge⸗ pflegt, liebevoll behandelt und der Wilde hatte mitten unter den Schlachtopfern ſeinen früheren Freund und Wohlthäter erkannt. Er war ſelbſt unter der Schaar der ausgezeichneten Krieger, deren Hände den Gefangenen das Leben rauben ſollten, hatte mitten im Mordgetümmel den Miſſionär geſehen und die Dankbarkeit gab ihm Kraft, ſich bis zu Wilberforce mitten durch das Gemetzel hinzudrängen. Gebieteriſch befahl er den Mördern, einzuhalten, bis er ſeinen Vater— ſo nannte er unſern Freund— aus dem Gewühl geführt hätte. Die Scene war auf⸗ fallend; tiefe Stille breitete ſich über das Volk, Staunen, Zagen und Ehrfurcht vor dem mächtigen Krieger lähm⸗ ten den Arm der Mörder. Fortwährend den Miſſionär mit dem Schild bedeckend, bemühte ſich dieſer Häuptling, unſern geängſteten Freund aus dem Getümmel zu füh⸗ ren. Aber der Miſſionär war nicht zu bewegen, ihm zu folgen.»Erſt rette dieſe unſchuldigen Frauen, dieſe armen Kinder,« ſprach er,»dann, wenn du kannſt, magſt du auch für mich etwas thun.« „Dein Wille ſoll geſchehen, mein Vater,« antwortete der dankbare Sohn der Wildniß. Er verließ Wilberforce und auf ſeinen Befehl zogen ſich die Krieger zurück. 11— Sodann ging er zum Anführer, der nicht wenig verwun⸗ derk dieſe ſeltſame Scene betrachtete. J „Mein Bruder,« ſprach er laut zu dieſem, vſieh hier den gr en Azt, der Munorvah das Leben geret⸗ tet hat. Wirſt du⸗dulden, daß derjenige, der deinem Bruder Gukes t St werde? Sollen nicht auch die Frauen, die K für die er bittet, das Leben behal⸗ ten?.* * 1* * „Wenn er dir Gutes thut, ſo nimm ihn,« entgegnete; ½ der König,»denn es iſt wohlgethan, Gutes mit Gutem zu vergelten. Auch ſein Weib, ſeine Kinder ſollen leben, Munvoroah, aber die übrigen müſſen ſterben; mein Volk verlangt ihr Blut.« »Nicht doch, mein Bruder, es iſt nicht ſein Weib unter dieſen, auch hat er ſelbſt keine Kinder, ſondern er bittet nur für das Leben dieſer Gefangenen, weil er weiß, daß ſie nie uns Schaden gethan haben.⸗ Ein wüthendes Geheul der ganzen Völkerſchaft, die mit ungeſtümer Blutgier den Tod der Gefangenen for⸗ derte, unterbrach hier den Jüngling, unter deſſen ſchwar⸗ zer Haut ein Herz ſchlug, das von Dankbarkeit und Edel⸗ muth erglühte. Der König zauderte; er ſchien geneigt, dem ſtürmiſchen Verlangen des Volkes nachzugeben und ſeine erhobene Hand winkte gebieteriſch. Nochmals trat Stille auf dem Platze ein. »Nimm den Arzt, Munoroah,« ſprach er, vund bringe 72 ihn an einen ſichern Ort, die übrigen müſſen ſterben! Mein Volk fordert ihr Blut.« Der Jüngling beugte das Haupt 1 nitie und ſprach zu Wilberforce.»Du ſiehſt Vater, des Königs Herz iſt verhärtet, denn Vitten in umſonſt; ſo folge mir denn!« 6 „Nein, mein Sohn, entweder n durch dich dieſe unglücklichen wehrloſen Menſchen, oder ich theile ihr Loos,« rief der Miſſisnãt entſchloſſen.»Gedenke der vielen Männer von deinem Volke, die wir gefangen genommen, deren Wunden ich geheilt, die ich gepflegt und die wir in ihre Heimath ungekränkt und mit Wohl⸗ thaten überhäuft entließen. Für dieſe hätte das Leben dieſer unglücklichen Gemordeten erhalten werden ſollen, für dieſe ſollten wenigſtens die armen Frauen und Kin⸗ der, die noch athmen, geſchont werden.« Was ſpricht der Arzt, mein Bruder?« rief der Kö⸗ nig, der die Worte des Miſſionärs nicht vernehmen konnte. Munorvah wiepelhnie„ was Wilberforce geſagt hatte, um ſeine Leidensgenoſſen zu retten und Wilber⸗ force bemerkte mit auflodernder Hoffnung, daß der Ein⸗ druck, den dieſe Bemerkungen auf dem König machten, die Schale zu Gunſten der Gefangenen ſenkte.»Führe den Arzt zu mir und trage Sorge, daß die Weiber und Kinder geſchützt werden. Kangho will ſich nicht ducch 73„ die Fremden beſchämen laſſen. Sie mögen ſich erquicken und morgen zu den Ihrigen zurückkehren« Mit dieſen Worten wendete ſich der Häuptling, um den Platz zu verlaſſen. Sein Wink ſcheuchte die Krieger zurück, die mit drohend gefaßter Waffe auf den Augenblick warteten, der ihnen das ſchreckliche Recht ertheilte, das Blutbad zu enden und die jetzt gleich Tigern, die im Sprung das gehetzte Wild nicht erhaſchen konnten, wüthend und mit grimmigen, aber ſcheuen, Blicken davon ſchlichen. Munorvah war ſchnell zu ſeiner Schaar geeilt und hatte die ausgezeichnetſten Krieger in derſelben gerufen. Unter den Schutz dieſer Tapfern ſtellte er die Ge⸗ retteten, deren Mund von Dank und Anbetung gegen Gott und von Segenswünſchen für ihren Retter über⸗ ſtrömte. Wilberforce lag in ihrer Mitte auf den Knieen und ſein brünſtiges Gebet drang aus dieſem blu⸗ tigen Gefilde hinauf zu den Wolken. Vater,« betete er,„du hilfſt, wenn die Noth am größten iſt. Ich glaube, daß du mich ſchwaches Reis zu deinem Rüſtzeug erwählt haſt, um deinen Namen und deine Rechte dieſem gräß⸗ lichen Heidenvolke zu verkünden. Du haſt mich errettet aus der Todesgefahr, da ſchon das Schwert nach mei⸗ nem Herzen zuckte; du haſt mir mein Leben zum zwei⸗ tenmale geſchenkt. Gib mir Kraft, es ganz deinem Dienſte zu weihen.« Jetzt nahte Munorvah und ergriff ſeine Hand, um 3 74 ihn zu dem königlichen Bruder zu führen. Aber die armen geängſtigten Frauen umſchlangen flehend die Kniee des Miſſionärs, ſo daß dieſer innig gerührt wurde und ſelbſt der Wilde ein tiefes nie gefühltes Mitleid empfand. „Mein Sohn, ich kann dieſe Armen nicht verlaſſen,« ſprach Wilberforce,»du ſiehſt, daß ſie meines Troſtes bedürfen.« »Fürchte nichts für ſie, mein Vater, meine Krieger werden ſie beſchützen. Laß ſie uns folgen,« fügte er mit einem Winke auf die Leichen, die die Erde noch mit ihrem ſtrömenden Blute färbten, hinzu,»in unſerer Nähe kann ihnen nichts widerfahren, denn ſie ſtehen unter mei⸗ nem beſondern Schutze.« Das ganze Häuflein der Geretteten folgte nun, geführt von den Kriegern, den Voranſchreitenden, bi ſie in das aus Rohr⸗ und Zweighütten beſtehende Laget der Kaffern kamen, vor die Wohnung des Königs. Hier brannten mächtige Feuer und man konnte ſehen, daß dieſes leichte Gebäude ſich durch nichts, als allein durch ſeine Größe, von den übrigen unterſchied. Den noch hatte man Sorge getragen, daß hier ein ſehr gro ßer weiter Raum geebnet und frei geblieben war. Große Haufen von Kriegern wärmten ſich, oder lagen ruhend an den Feuern. Aus der Ferne drang dumpf das Ge⸗ räuſch der heimziehenden Menſchenmaſſen heran. An einen dieſer Feuer wurde dem Reſt der Gefangenen ein Plät chen zur Ruhe angewieſen und bald erſchien durch Mu⸗ norvah's Fürſorge ein Neger mit einigen Laſtochſen, die mit Lebensmitteln, Waſſer und trockenen Decken beladen waren. Die Gefangenen erquickten ſich und ſollten, ſo⸗ bald der neue Tag angebrochen war, auf Canots von Munorvah's vertrauten Freunden ungefährdet in das engliſche Lager geſchafft werden. Man empfing ſie dort, als ſie nach mancherlei Hinderniſſen dahingelangt waren, mit Staunen und Freude; aber ihr Bericht von der Niedermetzelung der Männer erregte Zorn und Wehmuth und das Verlangen, eine ſo blutige unmenſchliche That auf dem Schlachtfelde zu rächen. Der Name des bis⸗ her gering geachteten Miſſionärs wurde jetzt mit Ehr⸗ furcht und Dankbarkeit genannt. Hohe Auszeichnung erwartete ihn, wenn er zurückkehren würde. Aber Wil⸗ berforce hatte beſchloſſen, ſich ganz den Führungen der Vorſehung, deren leitende Hand er in ſeinen bisherigen Schickſalen nicht verkannte, zu überlaſſen. Doch hievon im nächſten Kapitel. 76 Drittes Kapitel. Die Unterredung des Miſſionärs mit Kangho, dem König der Kaffern.— Wilberforce geht als Dolmetſcher mit einer Ge⸗ ſandtſchaft der Kaffern ins engliſche Lager.— Fortſetzung des Krieges.— Der Miſſionär zieht in die Wildniß.— Munorvah gönnte ſeinem väterlichen Freunde in einer Hütte, die dem königlichen Zelte zunächſt ſtand, einen Augenblick Ruhe und bewirthete ihn mit Erfriſch⸗ ungen. Der Miſſionär genoß jedoch nur wenig davon. Sein Geiſt erlag faſt unter der Laſt von furchtbaren Eindrücken, welche die im Laufe ſo weniger Stunden erlebten blutigen Ereigniſſe nothwendiger Weiſe auf eine ſo milde friedliche Seele machen mußten und eine tiefe Wehmuth hatte ſich ſeiner bemächtigt. Munorvah bemühte ſich mit mehr Takt, als man einem wilden Krieger dieſer furchtbaren Nation zutrauen ſollte, ihn zu tröſten und ſeinen Gedanken eine andere Richtung zu geben; aber wie wäre ihm dieſes nach ſo kurzer Friſt möglich geweſen. Ueberdieß wurde die Unterhal⸗ tung beider Freunde jetzt geſtört, denn es erſchien ein Häuptling, der Munorvah den Befehl überbrachte, den Miſſionär augenblicklich in das Zelt des Königs zu füh⸗ ren, der ihn mit großem Verlangen erwarte. N Der entſcheidende Augenblick war jetzt gekommen. Wilberforce fühlte die Wichtigkeit deſſelben mit ganzer Seele und ſah darin einen Fingerzeig der göttlichen Vorſehung, die ihn zu großen Dingen beſtimmt zu haben ſchien. Ehe er jedoch ſeinen ſchweren Gang antrat, bat er Munorvah, ihn noch einen Augenblick allein zu laſſen, damit er ſich faſſen und auf das Kommmende vorbereiten könne. Der Krieger verließ die Hütte und der Miſſiv⸗ när befand ſich allein in dem dürſtigen Gemach. Er ſank voll Rührung nieder auf die Kniee und begann zu beten: »Warum toben die Heiden und die Leute reden ſo vergeblich? Die Könige im Lande lehnen ſich auf und rathſchlagen wider Gott und ſeinen Geſalbten? Du, Herr, haſt deinen König eingeſetzet auf dem Berg Zion und haſt geſagt: Heiſche von mir, ſo will ich dir die Heiden zum Erbe geben und der Welt Ende zum Eigen⸗ thum! Höre mich, Herr, merke auf meine Rede. Ver⸗ nimm mein Schreien, mein König und mein Gott, denn ich will vor dir beten. Du biſt mein Hirte, du leiteſt mich auf meinem Wege; und ob ich ſchon wandere im finſtern Thal, fürchte ich kein Unglück, denn du biſt bei mir; dein Stecken und Stab tröſtet mich! Ich will dein Wort, deine Rechte verkündigen, Herr Herr Zebaoth! Ich will rufen zu den Heiden: Machet die Thore weit und die Thüren hoch, daß der König der Ehren einziehe! 78 Deine Stimme erregt ja die Wüſte; ſie wird auch in die finſtern Herzen dieſer Götzendiener dringen. Höre mich, Herr, gib meinem Munde Kraft, dein Wort zu verkündigen. Laß dein Wort ein zweiſchneidig Schwert ſein, daß es den Heiden durch die Seele dringe. Ich gehe, ein ſchwaches Reis, um deinen Namen zu predi⸗ gen. Ich bin, wie Johannes, die Stimme eines Predi⸗ gers in der Wüſte. Segne dein Werk, das ich vollbrin⸗ gen will. Laß mich gehen mit dem Segen und Beruf der Apoſtel, zu denen du geſagt haſt: Gehet hin und lehret alle Völker. Laß auch hier die Morgenröthe dei⸗ nes großen Tages anbrechen, von dem du ſelbſt ſageſt: Siehe, es wird Ein Hirt und Eine Heerde ſein. In deinem Namen, Herr Jeſu, ſei das Werk begonnen! Führe es nach deinem Wohlgefallen. Amen l« Der Miſſionär erhob ſich. Eine überirdiſche Begei⸗ ſterung lagerte ſich ſtrahlend auf ſeinem bleichen Antlitz und als jetzt Munorvah hereintrat, erkannte er ihn kaum mehr, ſo ſehr war ſein Ausſehen verändert. Erfurchts⸗ voll neigte ſich der wilde Krieger vor ihm, als Wilber⸗ force ſprach:»Mein Sohn, laß uns von dannen gehen.« Die grobe Wolldecke, welche den Eingang in die Hütte des Königs verbarg, zur Seite ſchiebend, trat der Miſſionär bis in die Mitte des Gemaches vor und warf, indem er ſich ſammelte, einen prüfenden Blick auf ſeine 99 Umgebungen. Unmittelbar vor ihm, im Hintergrunde des Gebäudes war eine Erhöhung von Raſenſtücken angebracht, welche mit Löwen⸗ und Pantherfellen bedeckt war, eine Art kunſtloſen Thrones. Hinter dieſer erha⸗ benen Stelle bemerkte man eine Oeffnung, die zu einem verborgenen Theile des Gemaches führte, in den der Blick nicht dringen konnte, da ſie mit Matten aus farbi⸗ gem Gras kunſtreich geflochten, verhängt war. Zu bei⸗ den Seiten der aus ſtarken Rohrſtäben leicht und künſt⸗ lich errichteten Wände, die mit Palmblättern und Schilf bedeckt waren, reihten ſich etwa ein Dutzend der vornehm⸗ ſten Krieger, welche der König zu Unteranführern des Heeres ernannt hatte und die das ausſchließende Recht beſaßen, ſtets in der Nähe und um den König zu ſein. Tiefe Stille herrſchte in dem weiten Raume; ſelbſt die Bewegungen der Krieger, die ſich ſtumm mit niederge⸗ ſchlagenen Blicken auf ihre Waffen ſtützten, waren voll⸗ kommen geräuſchlos. Dieſes Benehmen der Häuptlinge verbunden mit der achtungsvollen Ruhe, die ſie beobach⸗ teten, gab dem Raume, woſelbſt ſich Wilberforce befand, etwas Ehrfurchtgebietendes, das durch die größe Dürf⸗ tigkeit und Aermlichkeit des königlichen Zeltes keinen Nachtheil erleiden konnte. Rechts vom Throne kauerten an der Erde, ganz in die langen Gewänder gehüllt, zwei jener Prieſter, die Wilberforce an ihrer ſeltſamen Tracht ſogleich erkannte. Einige Minuten verſtrichen und der 80 Miſſionär benützte ſie, um ſich auf die Ankunft des Königs vorzubereiten. Jetzt wurden die Matten rau⸗ ſchend zur Seite geſchoben; einige Neger traten heraus und trugen hellbrennende Fackeln in den Händen, mit denen ſie ſich zu beiden Seiten des Thrones auſſtellten. Ihnen folgte, in ein ſehr einfaches Gewand nach der Sitte ſeines Volkes gekleidet, der König. Sobald er den Thron erreicht hatte, blieb er ſtehen und außen wurde auf einer Trommel ein Zeichen gegeben. Bei dem Ton des Inſtruments warfen ſich die Krieger zun Erde und bedeckten ihr Haupt mit den Händen. I dieſer demüthigen Stellung blieben ſie liegen und jetzt ließ ſich der König auf den Thron nieder. Ihm folgte Munoroah aus dem Gemach und ſtellte ſich auf die linke Seite des Thrones. Nachdem der König einige Augenblicke den Miſſio⸗ när, der unbeweglich vor ihm ſtand, betrachtet hatte, rief er:»Erhebt euch!« und auf dieſes Zeichen ſtanden die Krieger geräuſchlos auf und reihten ſich in ihre vorige Stellung zu beiden Seiten der Hütte. „Mein Bruder iſt ein großer Arzt,« redete der König unſern Freund Wilberforce an,»doch er ſcheint nie vot einem König geſtanden zu haben, weil er ihm die ſchu⸗ dige Ehrerbietung nicht erwieſen hat.« »Und worin beſtünde dieſe?« entgegnete der Miſſi⸗ när mit feſter Stimme. 81 »Es iſt Sitte bei uns, das Antlitz des Königs nur dann zu ſehen, wenn er es geſtattet,« ſprach der Wilde mit ſcharfer Betonung der Worte;»man erwartet dieſe Gunſt an der Erde liegend und mit bedecktem Haupte.« »Hierin werde ich als Fremder Entſchuldigung fin⸗ den,« entgegnete Wilberforce ernſt.»Ich bin ein Chriſt und meine Religion verbietet mir, außer Gott allein, Niemanden eine ſolche Ehre zu erweiſen, die der Anbe⸗ tung des höchſten Weſens gleichkommt. Der Chriſt fällt nur vor Gott auf die Kniee oder auf das Antlitz, aber er darf es nicht vor einem Menſchen thun.« »Kangho iſt ein großer König!s rief der Wilde ſtolz. »Gott im Himmel iſt noch größer, als Kangho und alle Könige in der Welt l« rief Wilberforce feurig. »Vor Ihm beugen ſich die Kniee aller derer, die auf dem Erdboden wohnen.« »Es iſt gut, mein Bruder, ich will es ferner von dir nicht fordern, da dein Glaube dir eine ſolche Ehren⸗ bezeugung verbietet. Munorvah hat mir geſagt, daß du ein großer Arzt biſt,« fuhr der König in milderem Tone fort,« du haſt mich dir verpflichtet, indem du meinen Brüdern Gutes gethan haſt. Aus dieſem Grunde iſt dein Leben und das jener Frauen und Kinder geſchont geblieben. Doch ich wünſche, noch mehr zu thun, um mich dir erkenntlich zu bezeigen, denn wn Väter lehren 82 2 mich, daß es einem Könige zieme, die Wohlthäter ſeiner Nation und beſonders ſeiner Verwandten mit der Fülle ſeines Reichthums zu überſchütten. Darum, mein Bru⸗ der, fordere, was du willſt und Kangho's Hand wird offen ſein. Er wird dir geben, was du verlangſt, wenn es in ſeiner Macht ſtehet. „So höre denn, was mir Gott eingibt,« rief der Miſſionär begeiſtert.»Schaffe die Menſchenopfer ab, ſchone die Gefangenen, die im Kriege in deine Hände fallen. Ende dieſen mörderiſchen Kampf; verſöhne dich mit den Engländern, wehre den Mordbrennern aus dei⸗ nem Volke, welche die Gefilde der Colonie verheeren; bekehre dich zum Chriſtenthum, rufe Lehrer herbei, die dein Volk im Chriſtenthume unterrichten und dasſelbe im Ackerbau und in den friedlichen Künſten der Chriſten unterweiſen. Zerſtöre und vernichte die Götzenbilder, denen deine Prieſter ſo ſchreckliche Opfer...6 Ein lautes wildes Geheul der Prieſter ſtörte jetzt und unterbrach den begeiſterten Sprecher. Sie erhoben ſich und ſtreckten drohend die Hände gegen den Miſſiv⸗ när aus. Aber der König gebot ihnen zu ſchweigen; da ſanken die Sclaven demüthig wimmernd am Throne nieder. Tiefe Stille trat ein und Kangho ſchien in ernſtes Nachdenken zu verſinken. »Mein Bruder iſt ein großer Arzt; aber er hat nicht weiſe geſprochen,« ſagte er ſodann ruhig. Seine 83 Rede iſt ſchwer und er fordert mehr, als Kangho gewäh⸗ ren kann. Er höre das Wort des Königs und bewahre es in ſeiner Seele.« Kangho erhob ſich und nun konnte Wilberforce ſeine von den Fackeln beleuchtete kraftvolle Geſtalt ganz überſehen. Der Wilde war ohne Schmuck, aber die ihm eigenthümliche Würde, dann eine ſehr große unge⸗ ſchwächte Körperkraft, verbunden mit einem Antlitz, das trotz der ihm aufgeprägten afrikaniſchen Farbe und Eigen⸗ thümlichkeit männſich ſchön genannt werden konnte, mit einem leuchtenden, von Feuer und natürlichem Verſtand ſprühenden Auge verliehen ſeiner halb nackten Geſtalt etwas Ehrfurchtgebietendes. Sich feſt auf den linken Fuß ſtützend, den Rechten vorwärts ſetzend, die Hand erhoben, während die Linke ſich auf die Hüfte ſtützte, begann er: »Die Kaffern ſind ein auf dieſem Boden fremdes Volk. Sie kamen weit aus dem Innern von Afrika, wo die Sonne ihren Vätern ſenkrecht auf das Haupt brannte und ihr Körper keinen Schatten warf. Als dort der Menſchen zu viele wurden, ſprachen unſere Väter: Laßt uns fortziehen und ein Land aufſuchen, wo Nie⸗ mand wohnt, oder woſelbſt es nur wenige Menſchen gibt. Sie ſammelten alles, was ſie beſaßen und traten eine weite Reiſe an. Durch einige Länder zogen ſie friedlich, durch andere mußten ſie ſich mit S Schwert ihren 84 Weg bahnen. Zwei Jahre reiſten ſie umher. Fünf Theile von ihnen ſtarben auf dem gefahrvollen Pfade, die übrigen gelangten an die Ufer dieſer Ströme, wo Niemand wohnte, als die Hollontotes, die ſich vor ihrer Macht beugten. Der große Geiſt ſprach zu meinen Vätern, hier ſollt ihr wohnen und weiter hinab bis zum Soalzwaſſer die Hollontotes. Es iſt Raum genug für beide. Wir befreundeten uns mit den Hollontotes, wir gaben ihnen Schafe und Rinder, die ſie nicht beſaßen; ſie aber ſchenkten uns den Hund zur Jagd und lehrten uns eßbare Wurzeln und Kräuter bauen. Wir lebten in Frieden und in Eintracht und es floß kein Blut, als das der Löwen und anderer wilden Thiere, die wir töd⸗ teten, weil ſie uns Schaden brachten. Mein Bruder, hat dein Ohr meine Stimme vernommen 26 Wilberforce verneigte ſich und Kangho fuhr fort, als er ſich geſammelt hatte.. „So wollte es der große Geiſt und wir lebten glück⸗ lich, weil wir friedlich beiſammen wohnten. Da ertönte das Gerücht, weiße bärtige Freindlinge ſeien am Salz waſſer auf ungeheuren Kähnen erſchienen, die den Don⸗ ner tragen. Sie riefen die Hollontotes herbei und gaben ihnen Feuerwaſſer zu trinken, bis ſie taumelten und dem Thiere gleich ſich an der Erde wälzten. Dann forderten ſie von den Hollontotes Land, um ihre Hütten zu errichten, um ihr Vieh zu weiden und ihr Korn zu 85 bauen. Die Hollontotes waren trunken und wußten kei⸗ nen Rath. Sie ſendeten zu meinen Vätern und fragten: »Was ſollen wir thun? Ihr ſeid ſtark und weiſe; ſagt es uns Da kamen Kaffern an das Salzwaſſer auf ſremdes Gebiet, das den Hollontotes gehörte und das ſie nie betreten hatten. Sie ſahen die Freinden und ihre großen Kanots. Sie hörten, was dieſe forderten; man bot auch ihnen Feuerwaſſer an, aber ſie waren weiſe und ſprachen:»Wir trinken nicht, es möchte unſere Kraſt verſengen. Als ſie alles geſehen hatten, kehrten ſie zu den Vätern zurück und berichteten alles treu und redlich. Da hielten die Kaffern Rath mit den Hollon⸗ totes, die zu ihnen gekommen waren und ſprachen: Gebt den Fremden Speiſe und Waſſer; bewirthet ſie gaſtfrei. Aber Land ſollt ihr ihnen nicht geben, damit ſie nicht Luſt bekommen, zu bleiben und euch Schaden thun. Wenn ihr ſie bewirthet habt, ſo entlaſſet ſie und ſaget zu ihnen: Kehret in Frieden in euer Vaterland, zu euren Weibern und Kindern zurück, denn unſer Land iſt arm, es hat nicht Raum für uns und Euch!« Da ſprachen die Hollontotes: Was ſollen wir thun, wenn ſie nicht gehen wollen? Aber meine Väter antworteten: Jeder ſchütze ſein Haus, ſo will es der große Geiſt. Wenn ſie Gewalt brauchen, ſo müßt ihr ſie mit Gewalt vertreiben und wir wollen Euch brüderlich beiſtehen.« Aber die Hollontotes hatten von dem Feuerwaſſer 86 getrunken; ſie waren feig und ſchwach und wagten es nicht, ſich zu widerſetzen. Deshalb faßten die Holländer feſten Fuß und die Hollontotes wurden ihre elendeſten Knechte. Sieh', mein Bruder, dahin würde es auch mit den Kaffern kommen, wenn wir deine Brüder in unſer Land ziehen ließen.« Wilberforce wollte eine Einwendung machen, aber Kangho ſprach:»Mein Bruder iſt ein großer Arzt, aber meine Väter waren älter und haben geſehen, was ich dir geſagt habe. Höre jetzt den Schluß meiner Rede. Die Holländer unterjochten nach und nach das ganze Land. Sie benahmen ſich wie Diebe und Mörder, obwohl ſie Chriſten waren. Sie kamen bald auch zu uns, um unſere Väter zu unterjochen. Aber die Kaffern ſagten:»Bis hieher geht unſer Gebiet und ihr dürft nicht weiter gehen.« Da verſuchten ſie es mit Gewalt, uns zu unter⸗ jochen; aber der große Geiſt war mit uns und ihre Ge⸗ beine bleichten in der Wüſte. Kein Mann von ihnen kehrte zurück, um ihren Briüdern zu ſagen, welches Schick⸗ ſal ſie getroffen hatte Wir aber lebten in Frieden auf dem Voden den uns der große Geiſt gegeben hat. Wir opferten unſern Göttern, nach der Sitte unſerer Väter, denn ſie ſchenkten uns Sieg gegen unſere Feinde und Brot und den Wein der Fächerpalme. Wir verlangten nicht nach der Religion der Chriſten, weil wir geſehen haben, daß die Chriſten ſchlechtere Menſchen ſind, als 87 die Kaffern. Wir wünſchen auch, die Künſte der Chriſten nicht kennen zu lernen, denn wir bedürfen ihrer nicht. So gehe nun hin, und ſage deinen Brüdern Kanghos Wort: Verlaßt unſere Gefilde, kehrt über die Gebirge zurück und wagt es nie, die Grenze wieder zu überſchrei⸗ ten. Der Strom gehört uns. Seine Ufer ſind unſere Jagdgründe, ſein Waſſer ernährt unſere Fiſche. Laßt uns in Ruhe, wir wollen Euch nicht kränken und wir bedürfen der Ruhe. So ſpricht Kanghv.« Wilberforce war ergriffen. Wohl mußte er dem Könige recht geben, als derſelbe ſprach, daß die Hollän⸗ der ſich gleich Dieben und Mördern benommen hätten und daß ihr Benehmen gegen die armen Hottentotten nicht den Lehren des Chriſtenthums angemeſſen war. Aber mehreres in der Rede des Königs veranlaßte ihn, ſein Volk zu vertheidigen und er antwortete: »Der Zug der Engländer bis in dieſe ferne Gegend entſtand nicht durch ihren Willen und geſchah nicht, um den Kaffern ihr Eigenthum zu rauben. Es ſind von Seite der Kaffern Einfälle in das Gebiet der Colonie gemacht, Plantagen zerſtört, Menſchen gemordet und ihr Eigenthum geraubt worden. Dieſe grauſamen Thaten forderten Vorſicht, damit ſie nicht noch öfter ſich wieder⸗ holten. Das Land iſt offen„jedem Einfall preißgegeben und da die Engländer durch göttliche Zulaſſung die Herren der Colonie geworden ſind, ſo gebietet ihnen die 88 Pflicht, ihre Unterthanen zu ſchützen. Man hat mir geſagt, daß zu dieſem Ende der Strom beſetzt werden, daß hier Feſtungen errichtet werden ſollen, um Mördern und Räubern ihre Einfälle auf unſer Gebiet zu wehren, icht um friedliche Menſchen, die ruhig ihren Geſchäften nachgehen, zu kränken. Auch behanpten die Engländer, das Gebiet der Colonie rveiche bis an dieſen Strom. Demnach haben ſie ein Recht, zu fordern, daß man ſie in ihrem Eigenthum ungekränkt laſſe.— Ich bin ein fried⸗ licher Mann, der nichts mit dieſen blutigen Händeln zu thun hat und ich wünſche nur, wenn wirklich die ſchreck⸗ liche Nothwendigkeit beſtehen ſollte, dieſe Frage durch Krieg zu entſcheiden, daß die Kaffern dem Beiſpiel der Engländer, der Chriſten, folgen und fernerhin das Lh der wehrloſen Gefangenen ſchonen möchten.« »Ihr habt die Rede des großen Arztes gehört, meine Krieger, was denket ihr, iſt ſeine Rede weiſe?« redete Kangho die Krieger an. Doch dieſe beobachteten fortwährend ihr düſteres Schweigen und ſchienen mit großer Aufmerkſamkeit dem Geſpräch zuzuhören. »Mein Vater, du ſiehſt, daß meine Kieger dein Wort überlegen wollen, denn es war bisher unſere Sitte die Gefangenen zum Theil den Göttern zu opfern, zum andern Theil ſie zur Blutrache für die gefallenen Lands⸗ leute zu ſchlachten. Wir haben gelernt, unſeren Vor⸗ fahren gleich zu thun und ihre Sitten zu ehren. Sage 89 mir, wird das Leben der gefangenen Kaffern im Lager deiner Brüder geſchont werden 2« »Es wird nicht nur geſchont, ſondern die Wriun⸗ deten werden gepflegt und geheilt wieder in ihr Vater⸗ land zu den Ihrigen entlaſſen;« entgegnete Wilberforce. »Genug, mein Vater. Kangho iſt weiſe und wird thun, was ihm gut dünkt. Wenn die Engländer die Gefangenen ſchonen, ſo wird Kangho ſie darin zu über⸗ treffen ſuchen, obwohl ihn ſeine Religion lehrt, den Freunden Gutes, den Feinden aber Böſes zu thun.« »Auch hierin unterſcheidet ſich der Glaube der Chri⸗ ſten von deinem Glauben, o König;« ſprach Wilber⸗ force.»Unſere Religion lehrt, daß wir nicht nur unſere Freunde lieben ſollen, ſondern auch unſere Feinde. Wiv ſollen ihnen das Böſe, welches ſie uns zufügen, ver⸗ zeihen und ihnen Gutes dafür erweiſen.« Der König der Kaffern ſah den Miſſionär lange ſtarr an, als wenn er kaum ſeinen Ohren traute. End⸗ lich ſprach er:„Gefällt es dir, deine Rede zu wieder⸗ holen? Kangho gubt. nicht recht gehört zu haben und doch ſagt Munorvahv daß du ein großer Arzt und ſehr weiſe ſeieſt.« Wilberforce lächelte und ſein Mund ſprach mit mil⸗ dem Nachdruck die erhabenſte Lehre des göttlichen Er⸗ löſers aus. »Ha! wer kann Solches von Menſchen fordernz⸗ 90 rief Kangho, den Arm mächtig ſchüttelnd.»Wer lehrte dich, ſolche Worte ſprechen?« »Der Gott, der für aller Menſchen Sünden am Kreuze ſtarb, Jeſus, Gottes eingeborner Sohn,« ent⸗ gegnete der Miſſivnär. Und nun begann er mit Begei⸗ ſterung und edler Einfalt die Grundzüge des chriſtlichen Glaubens auf eine der Faſſungskraft und den Begriffen ſeiner Zuhörer ſehr angemeſſene Weiſe darzulegen. Der König verfolgte ſeine langſame Rede mit einer Auß⸗ merkſamkeit, die ihm kein Wort entgehen ließ. Was er nicht verſtand, bat er, ihm wiederholt näher und beſſer zu erklären. Auch die umherſtehenden Krieger verloren keine Sylbe von dieſer wichtigen Unterredung. Der Ein⸗ druck, den die Worte unſeres Freundes auf ſeine Zuhöret machten, iſt unbeſchreiblich und Wilberforce bemerkte mit Begeiſterung, daß das Wort Gottes hier auf einen wilden, aber weichen Boden fallen würde. Als er nun endlich zum Lebensende, zum Leben durch den Tod, zum Gericht des jüngſten Tages gelangte, und ſeinen Zi⸗ hörern die Auferſtehung der Todten ſchilderte, wie Ehri⸗ ſtus der Herr ſie im Evangelium verkündigt hat, ſprang Kangho auf und rief: »Was ſollen dieſe Worte bedeuten? Die Todten würden eines Tages auferſtehen?« »Ja,«entgegnete der Miſſionär,„alle Todten wer⸗ den auferſtehen.« 91 »Wird mein Vater auch auferſtehen?« fragte der König. »Ohne Zweifel,« antwortete Wilberforce. »Und alle die, welche in den Schlachten geblieben ſind,« forſchte Kangho weiter,»die den Göttern geſchlachtet wurden, die wir der Blutrache geopfert haben, werden wieder lebendig?« »Ja,« rief der Miſſionär. Kangho fuhr fort:»Und jene, welche von Löwen, Tiegern und Krokodilen verſchlungen ſind, ſollen auch ins Leben znrückkehren?« »Ja, mein König,« rief Wilberforce,»ſie werden auferſtehen, um gerichtet zu werden.« »Und die, deren Leichname auf dem Sande der Wiüſte liegen blieben, um da zu faulen, die, deren Ueber⸗ reſte die Winde zerſtreut haben, ſollen ebenfalls wieder erſcheinen und leben.«. »Ja,« antwortete der Miſſivnär,»alle Menſchen ohne irgend eine Ausnahme werden wieder in das Leben zurückgerufen werden.« Nachdem ihn Kangho eine Zeitlang ſtarr angeſehen hatte, ohne ein Wort zu ſagen, fuhr er mit donnernder Stimme fort, indem er ſich an die Häuptlinge wendete; eihr alle um mich her, ihr alle, die ihr lange gelebt habt, Weiſe unter den vergangenen weiſen Geſchlechtern, fönnt ihr Euren Ohren trauen?« Dann wendete er 92 ſich zu Wilberſorce, ſtieg vom Throne herab, legte ſeine Hand auf deſſen Bruſt und ſagte: „Mein Vater, ich liebe dich ſehr; deine Rede h bu mein Herz fröhlich gemacht; die Worte deines Mundes ſind ſüß, wie Honig; aber die Worte von der Auferſteh⸗ ung ſind zu groß, ſie ſind ſchrecklich! Man kann ſie nicht verſtehen. Sprich nicht mehr von den Todten, die in's Leben zurückkehren werden, die Todten können nicht wieder lebendig werden, ſie dürfen nicht auferſtehen.« „Warum nicht? entgegnete Wilberforce;»weshalb wendet ein ſo großer Mann der Weisheit den Rücken zu? Aus welchem Grunde ſoll ich nicht wieder von der Auferſtehung der Todten ſprechen?« Kangho, der inzwiſchen auf dem Throne xi genommen hatte, ſprang auf, entblößte ſeinen Arm, de mächtig in der Schlacht war, ſchüttelte ſeine Hand als hätte er einen Wurfſpieß geßchlendert und an⸗ wortete ihm: „Ich habe Tauſende getödtet; wagſt du zu ſagen, daß ſie eines Tages auferſtehen werden?6 G »Sie werden dir am jüngſten Tage gegenüberſtehen, o König,« rief Wilberforce ſchaudernd und voll Weh⸗ muth und Gott wird dich zur Rechenſchaft ziehen übet all das Blut, das du vergoſſen. Denn du biſt Stau *) Moffats Schriften, ſiehe öber Südafrika. 93 vor Gott, deine Tage ſind vor ihm gezählet, v König. Darum höre auf meine Worte: Schaffe die Menſchen⸗ opfer ab, ſie ſind vor Gott ein Greuel. Schone das Leben der Gefangenen und trage bei, was du kannſt, um dieſen fürchterlichen Krieg zu enden.« Kangho erſchrack ſichtbar. So manche finſtere That, die er im düſtern Wahne des Heidenthums vollbracht, trat vor ſein inneres Auge. Wilberforces Worte waren gleich einem zweiſchneidigen Schwert durch ſein Herz gedrungen und das Evangelium erſchütterte die Bruſt dieſes Heiden gleich dem Donner, der die Erde erbeben macht und vor deſſen Rollen die Felſen zittern. Er neigte das heldenmüthige Antlitz zur Erde, verhüllte es in ſeine Gewänder und befahl durch einen Wink ſeiner Hand, den Anweſenden, das Gemach zu verlaſſen. Munorvah ergriff leiſe die Hand des Miſſionärs, um ihn in ſein Zelt zu führen und ihm hier für den übrigen Theil der Nacht ein Lager zu bereiten. Auch die Krieger kehrten zurück, erfüllt von dem, was ſie gehört hatten und Kangho brütete ſtill und einſam nach⸗ denkend über die Worte des Miſſionärs, bis ihn gegen WMorgen ein kurzer unruhiger Schlummer beſchlich, aus dem er oft und heſtig aufſchreckte. Kaum graute der Tag, ſo erſchien an Munorvah's Hütte ein Häuptling, um Wilberforce zum König zu bringen, der ihn ſehn⸗ ſüchtig erwartete. Der Miſfionär hatte friedlich geſchlum⸗ 94 mert. Ein ſüßes Bewußtſeyn der Gnade Gottes und der Pflichterfüllung ſtärkte ſein Herz und gab ihm ganz die Freudigkeit ſeines Herzens wieder, die er durch die fürchterlichen Ereigniſſe der letzten Tage nur augenblick⸗ lich verloren hatte. Ein demüthiges Gebet um den Beiſtand Gottes verrichtete er noch und folgte dann dem vorantre⸗ tenden Häuptling zum König, in der Hoffnung, dort ſein Werk, die Predigt vom Reiche Gottes fortſetzen zu können. Kangho lag auf dem Platze, woſelbſt ihn Wilber⸗ force geſtern verlaſſen hatte. Er winkte dem Miſſionär freundlich mit der Hand grüßend und lud ihn, nebſt Munoroah, der Wilberforce begleitet hatte, ein, ſich nie⸗ derzulaſſen und das Morgenmahl mit ihm zu theilen⸗ Die Sclaven trugen auf friſch gebrochenen Blättern die ſehr künſtlich geflochten und in einander gefügt waren, gebratenes Fleiſch, ein aus Mehl von der Sagopalme bereitetes ſehr wohlſchmeckendes Brod und in großen Gefäßen das gewöhnliche Getränk dieſer Völkerſchaft, geronnene Kuhmilch, auf. Wilberforce genoß nur wenig; er erwartete ſtill, was der König ſprechen würde, und es entſtand eine lange Pauſe, als plötzlich der ferne dumpfe Knall eines ſchweren Geſchützes erdröhnte. Bei dieſem Schall horchte Kangho mit Aufmerkſamkeit; nicht minder auch Wilberforce und Munorvah. Allein die Neugierde der drei Verſammelten blieb nicht lange unbe⸗ friedigt, deun plötzlich entſtand im Lager der Wilden ein 2 95 ſehr lebhaftes Geſchrei und ein geräuſchvolles Hin⸗ und Herrennen. Die Thüre des Gezeltes öffnete ſich und einer der vor derſelben wachhaltenden Häuptlinge trat ein, um dem Könige die Nachricht zu bringen, daß ſo eben mehrere Kriegs⸗ und Transportſchiffe im Begriff wären, in die Bai einzulaufen. Kangho ſprang auf und eilte hinaus, ihm folgte Munorvah und Wilberforce. Der Anblick, der ſich den Außenſtehenden darbot, war eben ſo überraſchend, als erhaben, prachtvoll und großartig. Die Sonne war ſo eben über das Firmament her⸗ aufgeſtiegen und malte den reinen blauen Morgenhimmel und die leichten Wölkchen, die an demſelben gleich wol⸗ ligen Flocken ätheriſch durchſichtig ſchwebten, mit goldig roſenfarbner Pracht. Der Strom, der ſich gegen Süden laufend in die See ergießt, wie auch die viele Meilen breite Bai, ſanft fluthend und mit vom friſchen Morgen⸗ winde gekräuſelten Wellen rollend, glänzte wie Purpur im Widerſchein des ſtrahlenden Himmels. Die grünen Ufer mit ihren erhabenen Wäldern„mit ihren himmel⸗ anſtrebenden Palmen, deren buſchige Häupter vom Wind bbewegt wurden, das hohe rauſchende Rohr im Sumpf⸗ ufer der Strombuchten, alles dieſes erglänzte im Nacht⸗ thau gebadet, friſch, grün und durchſichtig. Weit in der Ferne rollte, den ganzen Horizont umfaſſend, der indiſche Ocean und gegen Süden ſtarrten die Gebirge nackt und 1„ 96 — violett gefärbt, von Nebelmaſſen, wie von Schleiern, um⸗ wallt, hoch in die feine balſamiſche Luft. In weiter Ferne am jenſeitigen Ufer erkannte man die Schanzen und Mauerwerke des engliſchen Forts. Einzelne weiße Wölkchen fuhren raſch aus ihren winzigen Oeffnungen; es war der Pulverdampf der Signalſchüſſe, welche dort zur Bewillkommnung der Flotte gelöſt wurden. Aber die Entfernung war zu groß, als daß man den Donner der Kanonen his hierher hätte vernehmen können. Das herr⸗ lichſte von allen, ein prächtiges Linienſchiff, gefolgt von einer Fregatte und einem Kutter, dann zwei Transport⸗ ſchiffen, ſteuerte mit vollen Segeln herein in die weite herrliche Bai und legte ſich mitten in derſelben, jedoch aus Vorſicht näher am feindlichen Ufer vor Anker. Hoch vom Mittelmaſte wehte der farbige Wimpel, über dem Hauptverdeck die königliche Flagge von England. Zur Seite ankerte die Fregatte, ein ſtolzer geſchmeidiger Bau, während der Kutter ganz in der Nähe des Lagers der Kaffern recognoscirend vorüber ſegelte, um die Tiefe des Waſſers, oder gefährliche Stellen in demſelben zu erforſchen. Die beiden Transportſchiffe legten ſich unter die Mauern des Forts, Boote wurden auf allen dieſen Fahrzeugen ausgeſetzt und durch dieſen lebhaften Verkehr vildete die öde Waſſerfläche plötzlich das herrliche Gemälde eines Seehafens mit den köſtlichſten weichſten Umgebungen. Die Schönheit dieſer lebendigen Landſchaft erhielt etwas 97 Wildes durch die zahlreichen Menſchenmaſſen, die ſich tobend an den grünen Ufern, oder auf erhöheten Stellen zuſammen drängten und mit ihrem tauſendſtimmigen, herausfordernden Schlachtruf die Lüfte erzittern machten. Unten am Ufer lagen die Kanots, in denen die Frauen und Kinder, welche auf das engliſche Ufer über⸗ geſetzt werden ſollten, ſich befanden. Beim Anblick der in die Bai einlaufenden Schiffe hielten es die Kaffern, welchen dieſes Geſchäft übergeben war, für zweckmäßig, an das freundliche Ufer zurückzukehren und den ferneren Verlauf dieſer Sache dort abzuwarten. Sie wurden jetzt mit einem wilden Rachegeſchrei empfangen und die Krieger wagten nicht, am Ufer zu landen. Munorvah entdeckte mit ſcharfem Auge, was dort geſchah und eilte, nachdem er ſeinen königlichen Bruder hievon in Kennt⸗ niß geſetzt hatte, hinab, um das bedrohte Leben der Ge⸗ fangenen zu ſchützen. Auf ſein gebietendes Wort wichen die Andrängenden, meiſt Weiber und Knaben, zurück und bald befanden ſich die Bedrohten in Sicherheit. Kangho kehrte jetzt mit ſeinem Gaſte und Mund⸗ roah in das Lager zurück und berief in das Zelt oder die Hütte, welche er bewohnte, die vornehmſten Anführer der Kaffern. Bald füllte ſich der Raum im Innern der Hütte⸗mit den Tapferſten, Muthigſten und Weiſeſten dieſer edlen, kriegeriſchen und doch ſo grauſamen Nation. Der König hatte ſich inzwiſchen in das anſtoßende Ge⸗ 98 mach zurückgezogen und es verging etwa eine Stunde, während die Krieger ihn erwarteten, ſchweigend in wür⸗ devoller Stille und in einer Haltung, welche einer An⸗ zahl hoher europäiſcher Offiziere Ehre gemacht haben würde. Endlich erſchien der König, vollſtändig nach der Sitte ſeiner Nation gekleidet und bewaffnet. Bei ſeinem Anblick ſtürzten die Krieger auf ihr Angeſicht nieder und erwarteten ſchweigend in dieſer Stellung, was der König durch ihre Berufung beabſichtigte. Kangho genoß eine kurze Zeit den Triumpf, den ihm dieſe Unterwerfung ſeines Volkes gewährte; dann ſprach er: „Erhebt euch, meine weiſen und tapſern Krieger.« Man ſah auf den wilden Geſichtern dieſer Söhne der Wildniß, die ſich jetzt in Reihen vor dem Könige aufſtellten, ſo daß ſie alle ſein männlich ſchönes Antlitz betrachten konnten, wie ſehr dieſe Anrede ihnen ſchmeichelte, und daß ſie ganz die Ehre fühlten, welche ihnen durch ſo bezeichnende Beinamen erwieſen werden ſollte; aber kein Laut unterbrach die ehrfurchtsvolle Stille, welche in dem Gemach herrſchte. Der König bemerkte mit Woh⸗ gefallen die Wirkung, welche ſeine Anrede hervorbrachte und fuhr ſodann fort: „Wir kamen aus der Gegend, wo die Sonne um Mittag ſenkrecht am Himmel ſteht und der menſchliche Leib keinen Schatten wirft, über den großen See, der die Kroodille nährt, über die Löwen- und Panther⸗ 99 ebenen. Wir kämpften mit den Caſſons und Caartas, mit den Bewohnern von Cayor, Sin und Yany und' mit vielen andern Völkern; ſie widerſtanden uns, aber die Erde war roth von ihrem Blut. Als wir hier⸗ her kamen, fanden wir am Ufer des Stromes Niemand mehr. Das Land war eine einſame Wildniß, nur von Elephanten, Rhinoceroten, und dem Nilpferd bewohnt, und von Löwen und Liegern, die mit ihnen kämpften. Wir ließen uns am Strom nieder, und nannten ihn den Fiſchfluß, weil ſeine Fiſche uns Nahrung gaben. Unſere Frauen rotteten die Wälder auf den Bergen aus und wir bewohnten das Land in Frieden. Die Hollontotes wurden unſere Freunde, weil ſie ſagten: Hier könnt ihr wohnen, wir wollen euch nicht kränken, denn es iſt Raum für alle vorhanden. Die Finggas folgten unſern Schritten, aber wir behaupteten als Männer das Gebiet, das wir als Krieger erkämpft hatten. Sie koſteten das Waſſer des Stroms mit ihren Lippen, aber ſie fiſchten nicht in ſeiner Fluth und wir warfen ihnen die Gräten unſerer Fiſche zu.« »Die erſten weißen Menſchen, die wir ſahen, waren Holländer. Es waren Diebe, Mörder und ſie nannten ſich Chriſten. Die feigen Hollontotes vertheidigten ihr Land nicht, denn das Feuerwaſſer, das ihnen die Weißen foſten ließen, verſengte ihre Kraft. Sie wurden die Knechte der Holländer und von unter die Füße 100 getreten. Man ſuchte auch uns zu unterjochen; aber unſere Väter richteten ein Maal auf an der Grenze und ſagten: dieſes dürft ihr nicht überſchreiten. Da kamen ſie mit Donnerbüchſen am Tage und ſuchten das Maal zu verwiſchen. Abet die Kaffern ſchlugen eine Schlacht von Untergang bis zum Aufgang der Sonne. Kein Mann von den Holländern kehrte zurück und ihre Ge⸗ beine bleichten unbeerdigt im Strahl der Sonne. Seit jener Zeit waren wir allein und glücklich. Wir bauten Wurzeln, wie es uns die Hollontotes gelehrt. Der Strom, das Meer gaben uns Fiſche, die Wälder Hirſche, Antelopen, die Luft Vögel. Wir beteten den großen Geiſt und ſeine Brüder an; wir opferten dem böſen Weſen uͤnd hielten die Weißen in ſolcher Entfernung, daß ſie unſere Triumpf⸗ geſünge nicht hören konnten.« »Jetzt, meine Brüder, kommt eine neue Zeit. Ein anderes Volk ſucht in dieß Land zu dringen. Sein Arm iſt eiſern und es verbindet mit der Tapferkeit Weisheit und ſchlauen Sinn. Die Ingleſes(Engländer) ſagen uns: der Strom, das Meer gehören uns und ihr ſollt in die Berge gehen. Ihr ſollt nicht mehr fiſchen im Strom und im Salzwaſſer; die Wälder mit ihrem Wild, das Thal mit ſeinen Palmen wollen wir euch nehmen. So werden ſie uns Fuß für Fuß in die Wildniß treiben, vis wir nichts mehr ſehen, als den heißen Sand der Wiüſte und das blaue Gewölbe des Himmels über unſerem 101 Haupte. Wir werden verſchmachten, wenn wir thun, was die Fremden fordern, und unſer Stamm wird von der Erde verſchwinden wie ein Wölkchen, das ſtill am Firmamente ins Blaue zerfließet.« »Ich habe Euch rufen laſſen, um Euren Willen zu hören. Was ſoll geſchehen? Sollen wir den Strom räumen, wie es die Ingleſes fordern, oder ſollen wir unſer Eigenthum und die Gräber unſerer Vorfahren ver⸗ theidigen?« Die Rede des Königs hatte einen tiefen Eindruck hervorgebracht. Einen Augenblick blieb es ruhig. Dann brach ein lautes Geſchrei aus, das die Kampfluſt und die verhaltene Wuth der Wilden über das ungerechte Begehren der Fremden deutlich genug bezeichnete. Es endete mit dem dröhnenden furchtbaren Schlachtruf der Kaffern. Der König erhob ſeine Hand, da wurde es ſtille. »Wohlan, die Kaffern ſind Männer. Wir wollen unſer Land vertheidigen bis zum letzten Blutstropfen,« ſprach er,»eher ſollen unſere Gebeine hier am Ufer vom Sturm zerſtreut werden, ehe ein Mann von den Frem⸗ den hier eine Hütte errichten darf. Doch höret jetzt, was die Götter mir eingegeben haben. Die Fremden ſind tapfer und ſtark im Kriege, aber ſie handeln mild gegen die Gefangenen. Mein Bruder fiel bei einem Ge⸗ fecht nebſt vielen Kriegern unſeres Volkes verwundet in 102 ihre Hände. Sie haben ihn gepflegt, geheilt und mit Wohlthaten überhäuft, denn es iſt Sitte bei ihnen, die Gefangenen wie Gaſtfreunde zu behandeln und wenn ſie wieder hergeſtellt ſind, mit Geſchenken überhäuft in ihre Heimath zu ſenden. So pflegen Tapfere gegen Tapfere zu handeln und dieſe Sitte gefällt den Göttern wohl. Das Blut fließe auf dem Schlachtfelde und des Wehr⸗ loſen werde geſchont. Es iſt ein Mann hier aus dem Lager der Fremden. Sein Geſchäft iſt nicht der Krieg, ſondern er iſt ein großer Arzt und ſehr weiſe. Ich will meinen Bruder und ſechs Häuptlinge von unſerm Volk zu den Ingleſes ſenden, und er ſoll ſie begleiten. Ich will die Worte des Friedens verſuchen und wenn es möglich iſt, dieſen Krieg beendigen.«) Hier ſchloß Kangho und rief ſechs der tapferſten und weiſeſten Kaffern vor den Thron.»Geht zum An⸗ führer der Ingleſes, der große Arzt wird euch führen. Sagt ihm: Uns ſendet Kangho, der Kaffern König. Sagt ihm: Der Strom, das Meer, das Land bis an die Berge gehört uns, denn der große Geiſt hat es uns gegeben Zerſtört die Burg, die ihr am Strome gebaut habt; kehrt über die Berge zurück in das Land der Ho⸗ lontotes. Es iſt groß genug für euch und der große Geiſt hat es euch gegeben. Geſtattet nicht, daß die holländiſchen Bauern Einfälle in unſer Jagdgebiet machen und die friedlichen Fiſcher und Jäger der Kaffern mit 105 ihren Gewehren aus dem Hinterhalte tödten, dann wollen auch wir ferner keine Einfälle auf euer Gebiet geſtatten. Die Bai ſoll euch offen ſtehen; wir wollen einen großen Marktplatz hier errichten und einen friedlichen Handel mit euch treiben. Wir wollen euch Felle, Vieh, Elfenbein, Gold und alles, was ihr von den Erzeug⸗ niſſen unſeres Landes brauchet, zuführen und von euch eintauſchen, was wir von euch bedürfen. Aber ihr dürft keine Hütten errichten, ſondern ihr ſollt unſere Gäſte ſein und wir wollen euch ernähren, ſo lange ihr unter uns weilet.« Wenn die Ingleſes nicht annehmen wollen, was ich ihnen biete, dann ſprechet: So ſei Krieg zwiſchen uns und euch! Aber das Blut fließe nur auf dem Schlachtfelde, die Gefangenen ſollen geſchont werden, und die Götter mögen entſcheiden, wem der Sieg ge⸗ hört. So ſpricht Kangho, der König der Kaffern.« Einſtimmig gaben die Verſammelten dieſen Vor⸗ ſchlägen des Königs ihren Beifall. Die Häuptlinge machten ſich zur Abreiſe fertig und Wilberforce war voll froher Hoffnung, daß dieſe Vorſchläge im engliſchen Lager Beifall finden und dort genehmigt werden würden. Eine ſo friedliche uneigennützige Seele, wie er, konnte gar den Gedanken nicht faſſen, daß unter dem Deck⸗ mantel der Vertheidigung der Grenzen dieſer Colonie die unerſättliche Vergrößerungsſucht ſeiner Landsleute 104 nichts anderes erſtrebte, als ſich hier feſtzuſetzen und das herrliche, an allen Naturerzeugniſſen ſo reiche Gebiet der Kaffern ſammt dem kriegeriſchen Volke, welches dasſelbe bewohnte, zu unterjochen und unter engliſche Botmäßig⸗ keit zu bringen. Er zweifelte nicht im Mindeſten, daß dieſe gemäßigten Forderungen erfüllt und das vortheil⸗ hafte Anerbieten des Königs ſogleich angenommen wer⸗ den würde. Wie wenig kannte er die habſüchtige Politik von Albion!(England.) Bald war die Geſandtſchaſt bereit, in das Lager des engliſchen Heeres zu gehen. Allein als man ſich ein⸗ geſchifft hatte, erkannte man, daß es unmöglich ſein würde, der Begegnung mit einem oder mehreren Booten der Kriegsſchiffe auszuweichen, denn die beiden Kanots, auf deren einem ſich Wilberforce mit Munorvah und deſſen Begleitern befand, während das andere die Frauen und Kinder trug, die von den Kaffern den Engländern zurückgegeben wurden, erregten ſogleich Aufmerkſamkeit und der beſtändig lavirende Kutter ſowohl, als auch die in der Nähe befindlichen größeren Kriegsſchiffbvote ſteu⸗ erten ſogleich auf die Fahrzeuge los. Es war eine kluge Vorſichtsmaßregel, daß der Miſſionär den Kaffern ge⸗ rathen hatte, grüne Zweige zum Zeichen ihrer fried⸗ fertigen Geſinnungen mitzunehmen und in den Händen zu tragen, ſonſt würden ſie wohl ſchwerlich einer feind⸗ lichen Behandlung entgangen ſein. Wilberforce ließ nun 105 nach dem Linienſchiffe ſteuern und kurze Zeit darauf ſtand er auf dem erhabenen Verdeck des mächtigen Gebäudes mitten unter einer ſehr großen Anzahl ſeiner Landsleute, welche ihn und ſeine Begleiter neugierig und ſpöttiſch muſterten. Der kommandirende Offizier meldete ſeine Ankunft dem Befehlshaber der ganzen Flottenabtheilung und Wilberforce wurde mit ſeinen Begleitern in die große Kajüte geſührt, wo er den Admiral und den neu⸗ ernannten Oberbefehlsbaber des engliſchen Heeres an der Algvabai traf, denen er von dem Gouverneur des Caps ſehr angelegentlich empfohlen war und die mit nicht geringem Erſtaunen die Erzählungen der blutigen Ereig⸗ niſſe aus den letzten Tagen von ihm vernahmen. Da ſich die Schiffe während dieſer Vorfälle in See befunden hatten und noch Niemand vom Fort an Bord derſelben gelangt war, ſo war die Nachricht für die Zuhörer etwas völlig Neues und aus dieſem Grunde ließ der Com⸗ mandeur dem Kutter ſignaliſiren, heranzukommen und den neuen Gouverneur, ſo wie die Geſandtſchaft der Kaffern nach dem Fort zu bringen. Nach Verlauf einer Stunde war das geſchehen. Oberſt K..., der bis⸗ herige Befehlshaber, empfing den neuen Gouverneur an der Spitze der vor dem Fort in Parade aufgeſtellten Truppen, las den Befehl ſeiner Abſetzung und trat ſo⸗ gleich als untergeordneter Offizier eine Haft an, während deren Dauer er eine kriegsrechtliche Unterſuchung ſeiner 106 begangenen Fehler und ſeines ganzen Kommandos zu beſtehen hatte. Jetzt trat Wilberforce mit ſeinen Be⸗ gleitern vor den neuen Kommandanten General P.. übergab die Gefangenen und machte den General mit dem Inhalt der Botſchaft bekannt, die Kangho durch ſeine Krieger überſendet hatte. Der General hörte ihn mit Aufmerkſamkeit an und ließ ſodann einen Kriegsrath zuſammentreten, um die Meinung der Offiziere über dieſe Angelegenheit zu ver⸗ nehmen. Er erfuhr wiederholt, welche Niederlage die Engländer erſt vor einigen Tagen erlitten hatten und hörte mit Staunen und unverhehlter Entrüſtung den Rath mehrerer älterer Offiziere, auf die nicht unbilligen Vorſchläge des Königs Kangho einzugehen, um weiterem Blutvergießen vorzubeugen. Dieſes Benehmen ſeiner Untergebenen bewieß ihm beſſer, als alle ſeine Inſtruk⸗ tionen, daß der kriegeriſche Geiſt der engliſchen Truppen durch die ungeſchickten und verkehrten Maßregeln ſeines Vorgängers gelähmt, wo nicht gänzlich verſchwunden war und er hielt es für zweckmäßig, ſeine Untergebenen mit den von der Regierung erhaltenen Vorſchriften be⸗ kannt zu machen. Deshalb ſagte er ihnen, daß es der Regierung darum zu thun ſei, feſten Fuß auf der gan⸗ zen Küſte zu faſſen, die Kaffern vom Strom und Meere zu vertreiben, die wichtigſten Punkte im Innern ihres Gebiets zu beſetzen, dort Forts anzulegen und ſo das 107 Gebiet dieſes kriegeriſchen Volksſtammes, der allein dem Vordringen nach dem Innern bisher hindernd im Wege geſtanden war, mit der Capcolonie zu vereinigen. Zur Erreichung dieſes Zweckes genüge es nicht, befeſtigte Po⸗ ſten am Strome zu haben, ſondern das Heer müſſe den Feind im Herzen ſeines Landes angreifen, ihn wieder⸗ holt empfindlich ſchlagen, ſeinen wilden Trotz brechen und eine Flotte müſſe die Anſtrengungen des Landheeres von der Küſte her unterſtützen. Alles das müſſe ſo ſchnell, als möglich geſchehen und von einer Annahme der Bedingungen des Barbaren könne alſo natürlich keine Rede ſein. Alles das ſprach der neue Befehlsha⸗ ber in ſehr ſtrengem Tone. Die Offiziere, welche zum Frieden gerathen hatten, ſchwiegen beſchämt und es läßt ſich nun leicht denken, daß die Geſandtſchaft der Kaffern unverrichteter Dinge zurückkehren mußte. Der Miſſionär hatte bei der Verhandlung als Dollmetſcher gedient, und erhielt, nachdem die Unterredung der Abgeſandten mit dem Kommandanten zu Ende war, die Einladung, beim Heere zu bleiben, bis der Krieg die Sache zur Entſchei⸗ dung gebracht haben würde. Aber Wilberforce fühlte einen tiefen Abſcheu vor dieſen Machinationen in ſeiner Bruſt. Er bat alſo, ihm ſein Eigenthum zu überliefern und gab ſeine Abſicht zu erkennen, ſich mit dieſem in die fernſte Wildniß des Kaffernlandes, wohin der Fuß eines Europäers bisher noch nicht hatte dringen können, 108. zurückzuziehen. Es war vergeblich, ihm hierüber Vor⸗ ſtellungen zu machen. Man erfüllte alſo ſeinen Wunſch und er ſtand bis gegen Abend wieder im Lager der Kaf⸗ fern. Der König empfing ihn wohlwollend und vernahm die Zurückweiſung ſeiner friedlichen Vorſchläge mit ſtol⸗ zer Ruhe, obwohl mit flammendem Auge. Sogleich nachher ergriff er ſeine Maßregeln zur Vertheidigung des väterlichen Bodens. Wilberforce machte ihn mit ſeinem Wunſche bekannt, ferne vom Kriegsſchauplatz in einer bevölkerten Gegend des Kaffernlandes wohnen zu dürfen und Kangho gewährte ihm gerne dieſe Bitte. Am folgenden Morgen zog Wilberforce, begleitet von mehreren vertrauten Dienern Kangho's und von einer großen Anzahl Sclaven, die ſeine Geräthſchaften trugen, fort in das Innere des Landes. Der Weg führte über Berge und durch Ebenen, über Küſtenflüſſe und Bäche, durch bebaute Gegenden und durch waſſerleere Wüſten, bis tief in das Innere, an die nördliche Grenze des Kaffernlandes, an die Ufer eines größeren und waſſerrei⸗ cheren Stromes, den die Eingebornen Malalareen, oder mit einer bildlichen Bezeichnung»das Herz des Vaterlandese nannten. Hier umgaben ihn nur fried⸗ liche Menſchen, die europäiſche Kunſt und Tücke nicht kannten. Ihnen wollte er Lehrer, Vater und Freund ſein: hier wollte er die erſte Miſſion gründen und der Vorläufer ſpäterer Miſſionäre werden, die durch ſeine 109 N Bemühungen ein ſchon bereitetes Feld für ihre Thätig⸗ keit finden ſollten. Die Krieger, welche Kangho ihm zum Schutz beigegeben hatte, kehrten zurück auf den Kriegs⸗ ſchauplatz und Wilberforce begann im Namen des Höch⸗ ſten das Werk der Heidenbekehrung. General P.„ eröffnete den Krieg gegen die Kaß⸗ fern auf's Neue. Zwei Tage nach der Abreiſe des Mi⸗ ſionärs rekognoscirte er ihre Stellung und gegen 10 Uhr Vormittags legten ſich die drei Kriegsſchiffe möglichſt nahe am Ufer, das von ungeheuren Schwärmen afrika⸗ niſcher Krieger beſetzt war, vor Anker. Hierauf eröffne⸗ ten ſie ein zerſtörendes ſchreckliches Feuer gegen dieſe Wilden, deren heldenmüthige Tapferkeit den fürchterli⸗ chen Mordmaſchienen der Europäer freilich nur einen kaum beachtenswerthen Widerſtand entgegen ſetzen konnten. Unter dem Schutz der Batterien, welche mehrere Stunden unaufhörlich ſpielten, obwohl die Eingebornen ſich längſt aus dem Bereich der Kugeln zurückgezogen hatten, ſtiegen die Grenadiere des Caps, ſowie die übri⸗ gen Truppen ans Land und griffen die Hügel an, auf welchen König Kangho die Seinen aufgeſtellt hatte. Hier half keine Aufopferung, keine Todesverach⸗ tung gegen die ſtarre Disciplin. Tauſende fielen, un⸗ zählige blieben verwundet, mit zerſchmetterten Gliedern auf dem Wahlplatze. Schritt vor Schritt vertheidigten die tapfern afrikaniſchen Krieger ihre heimathliche Erde. baren Seeſtrandes. Doch bot ihnen dieſe blutgetränkte 110 Aber umſonſt waren alle ihre Anſtrengungen; ſie ver⸗ mehrten nur das nutzloſe Blutbad, welches das Ge⸗ ſchütz der Engländer und die fürchterliche neuerfundene Mordwaffe, das Bajonett unter ihnen anrichtete. Bis zum Untergang der Sonne wüthete die Schlacht und als die Nacht einbrach, befahl Kangho den Rückzug. Er verließ mit ſeinen Kriegern den geliebten Strom, um ihn nie wieder zu ſehen. Die Engländer mach⸗ ten ſich ſchnell zu Meiſtern des linken Ufers. General P.. benützte den erſten Schrecken und verjagte die entmuthigten Eingebornen in die entlegenen Wildniſſe. Ein einheimiſches Heer von Hottentotten und Kaffern, die längſt im Gebiete der Colonie gewohnt hatten, wurde organiſirt. Das Land erhielt Forts auf allen gefährlichen Punkten. Ein Truppenkordon wurde weit in das In⸗ nere vorgeſchoben, um die Einfälle der durch ihre Ver⸗ luſte in Wuth geſetzten Kaffern zu vereiteln. Nie hiel⸗ ten ſie wieder den Engländern in offener Feldſchlacht Stand. Ihr Krieg beſchränkte ſich auf nächtliche Ueber⸗ fälle, oder auf die Vertheidigung der Gebirgspäſſe, eine Kriegführung, die ihnen durch die Natur ihres Vater⸗ landes und durch die Klugheit geboten war und in der ſie durch keine Anſtrengung überwunden werden konnten. Die Fortſchritte der Engländer endeten mit der Erobe⸗ rung des Stromes und des ſchmalen, aber ſehr frucht⸗ 111 Erwerbung keine Vortheile dar und die Beſitzung, die ſie frevelhaft erworben hatten, wurde ihnen durch die wilde rachgierige Tapferkeit der Eingebornen unaufhör⸗ lich ſtreitig gemacht. Die Geſchichte dieſes Krieges iſt eine der fürchterlichen, welche nichts, als blutiges Geme⸗ tzel, rauchende Brandſtätten und wilde Verheerungen darbietet, ein unerfreuliches Gemälde für den Menſchen⸗ freund und wir werden deshalb im ferneren Verlauſe dieſer Erzählung nur ſeltene Blicke dorthin werfen, um den Faden der Ereigniße nicht gänzlich zu verlieren. Viertes Kapitel. Die Thätigkeit des Miſſionärs.— Früchte ſeiner Anſtreng⸗ ungen.— Ein Brief.— Beſchreibung des Miſſionsortes.— Munorvah wird bei einem Ueberfall verwundet und zu Wilber⸗ force gebracht.— Der Urſprung des Stromes, an dem ſich jetzt unſer Freund Wilberforce befand, iſt an der Oſtgrenze der Hochteraſſe der Bosjesmans, eines wilden Bergvolkes, im Norden der Schneeberge, welche das Kaffernland von der Hochteraſſe ſcheidet, und wahrſcheinlich viele hohe Berggipfel trägt. Im Oſten davon wohnen die Stämme der Tambvokies und Mambvokies, im 112 Nordweſten aber die der Mathimba, Mathuana und Imbo. Vier Quellſtröme wurden Wilberforce von den Eingebornen angegeben, die alle von Oſten und Südoſten fließen und zwiſchen dem 28. und 29. Grad ſüdlicher Breite ſich unter dem Meridian der Algvabai in ein Strombette verſammelt haben. Sie heißen von Oſten nach Weſten gerechnet, der Malalareen, der gelbe Fluß, der Alexanders und der Craddokfluß. Die drei letzteren haben ihre Namen von Europäern erhalten, die in ſpäterer Zeit erſt in dieſe entlegenen Gegenden vor⸗ drangen. Der Malalareen dagegen hat ſeinen Namen von Eingebornen, den Beetjouanen, erhalten, obwohl ihn andere Völker auch anders benennen. Die Koranas z. B. nennen ihn Hhou, und allgemein wird er, wie wir ſchon geſagt haben, das Herz von Afrika benannt. Wie dieſe Benennung zu verſtehen ſei und weshalb er ſo genannt wird, iſt nicht bekannt. Hier wohnte unſer Frelind Wilberforce, fern von den kriegeriſchen Scenen, deren Nachhall nur wie ein dumpfes ſchreckliches Ge⸗ rücht hieher in dieſe entlegene friedliche Gegend drang. Die reizendſte Landſchaft liegt an den Ufern dieſes Quellſtromes; Waſſer, Bäume und grüner Boden zeigen ſich in mannigfaltiger Form, ein lachender Anblick. Der Strom iſt hier ſchon breit und tief, wie die Themſe bei der Fluthzeit; Wald ſteht an ſeinen Ufern und die wunderbarſten Geſchöpfe Afrikas beleben ſie. Die Luft 113 iſt mild und lieblich, nicht heiß, ſondern durch friſche Gebirgswinde abgekühlt. Wilberforce war kaum hieher gelangt, ſo umgaben ihn zahlreiche Schaaren von Eingebornen, welche nie einen Europäer geſehen hatten. Ihr Erſtaunen über ſein Ausſehen und über die große Anzahl ſeltſamer Gegenſtände, die er mit hierher gebracht hatte, war eben ſo groß, als ihre Gutmüthigkeit und Einfalt. Sie über⸗ boten ſich in dem Bemühen, die Wünſche des weißen Fremden, der bis zu ihnen gekommen war„zu befriedi⸗ gen. Sie wurden nicht müde, alles, was ſie an ihm ſahen, zu bewundern und ihre Fragen nach Zweck und Beſtimmung der Dinge, die ſie bei ihm ſahen, waren eben ſo natürlich, als verſtändig. Die Freude, welche Wilberforce genoß, als er ſich unter einem ſo ganz noch im Stande der edelſten Unſchuld und Einfachheit leben⸗ den Naturvölkchen ſah, iſt unbeſchreiblich. Er faßte die ſchönſten Hoffnungen für das Gelingen ſeines edlen Werkes, ihnen Vater, Freund und Lehrer zu ſein und ging mit frohem Muthe an das Werk, ſich eine Hütte zu errichten, um die künftigen Tage ſeines Lebens hier zu verleben und auch zu beſchließen. Bäume wurden mit Hilfe der Eingebornen gefällt, zubehauen, in die Erde gerammt. Schnell begriffen die Eingebornen die Handhabung der Werkzeuge und ſchon nach wenigen Wochen ſtand hier ein wohnliches nach euro⸗ 114 päiſcher Art. Der Ruf des weiſen Fremdlings verbrei⸗ tete ſich im ganzen umherliegenden Lande und die Ein⸗ gebornen reiſeten aus ſehr fernen Gegenden bis hierher, um den Europäer, ſein großes Haus und ſeine Schätze zu ſehen und kennen zu lernen. Aber auch in anderer Hinſicht erwarb ſich Wilber⸗ force die Freundſchaft und Anſprüche auf die Dankbar⸗ keit ſeiner Nachbarn. Wo ein Kranker oder Hülfsbedürf⸗ tiger war, da erſchien Wilberforce, wie ein rettender Engel. Er brachte Hilfe, wo es möglich war, Troſt, wo Gott es anders beſchloſſen. Die Eingebornen hörten gerne auf ſeine lieblichen religiöſen Erzählungen und unterredeten ſich häufig mit ihm über höhere Gegenſtände. Schritt vor Schritt gieng der Miſſionär vorwärts und nichts trat hier ſeinem Wirken hindernd in den Weg, als die abergläubiſchen Vorurtheile der Wilden, die er in ihrer Nichtigkeit enthüllte und mit Erfolg bekämpfte. Sein Streben ging aber nicht allein dahin, die Religion Jeſu Chriſti hier auszubreiten und zu lehren, ſondern er machte die Eingebornen auch mit den Vortheilen des Ackerbaues bekannt. Felder wurden urbar gemacht, mit Reiß und europäiſchen Getraidearten beſäet, die hier ein vortreffliches Gedeihen verſprachen. Kartoffeln, Ge⸗ müſe aller Art wurden in einen neu angelegten Garten gepflanzt. Ein beſonderer Theil desſelben wurde zu einer Baumſchule beſtimmt und in dieſer fruchtbaren 115 Erde wurzelten europäiſche Obſtbäumchen ſo gut, als die köſtlichen und wohlthätigen Fruchtarten Weſtindiens, deren Samen und Triebfechſer Wilberforce mit hierher gebracht hatte. Die Eingebornen begriffen ſchnell die Art und Weiſe, wie Wilberforce den Ackerbau behan⸗ delte. Er theilte freigebig die mitgebrachten Geräthſchaf⸗ ten an ſeine befähigteſten Nachbaren aus und ſie began⸗ nen mit lobenswerthem Eifer, ihm nachzuahmen. Andere, deren Neigung oder Fähigkeiten nach einer anderen Richtung ſtrebten, lehrte er, das Rind, welches ſie bis⸗ her nur zum Tragen gewöhnt hatten, zum Zug am Wagen zu benützen und wieder andere, deren Hand geſchickt war zum Verarbeiten des Holzes, oder anderer roher Naturſtoffe, verfertigten nach ſeiner Anleitung und nach den mitgebrachten Muſtern zweiräderige Laſtwagen, oder Handkarren und andere Dinge, die zum Transport nöthig waren. Er ſelbſt verwendete einen Theil ſeiner Zeit zum Studium der Sprache dieſes Völkchens. Eine kleine Druckerpreſſe und eine große Auswahl von Cha⸗ rakteren, die er aus England mitgebracht hatte, und mit deren Hilfe es ihm gelang, die einfachen Laute der Kaffernſprache auf dem Papier zu verſinnlichen, gab ihm die Möglichkeit an die Hand, mühſam und mit An⸗ ſtrengung aller ſeiner erfinderiſchen Geiſteskraft kurze Sätze in der Mundart dieſes Landes zu drucken. Als er die Möglichkeit gefunden hatte, kitzin bei weiteren 116 Erfahrungen etwas Größeres zu Stande zu bringen, vegann er, ein Wörterbuch und eine kurze Sprachlehre zu entwerfen. Mehrere Jahre waren nöthig, bis es ihm gelang, dieſes wichtige, mühſame Werk zu einiger Vollſtändigkeit zu bringen, weil er fand, daß für außer⸗ ſinnliche Dinge in der Sprache dieſes Völkchens, nur äußerſt mangelhafte oder gar keine Ausdrücke vorhanden waren, weil die engliſchen Worte von demſelben nicht ausgeſprochen werden konnten und er deshalb genöthigt war, neue Worte zu erſinnen. Nach ungeheurer An⸗ ſtrengung gelang es ihm, dieſes große und mühſame Werk zu Stande zu bringen. Wilberforce wurde nun Drucker. Er entwarf eine wohlgeordnete Fibel zum Leſeunterricht und druckte ſie ab. Die größere Frucht ſeines Bemühens, den Katechismus der engliſchen Hoch⸗ kirche zu drucken, gelang ihm nach unſäglicher Mühe. Nun ſendete er ſein Wörterbuch, ſeine Sprachlehre und Exemplare der von ihm ſelbſt verfertigten kleinen Büch⸗ lein durch einen Boten nach dem Cap. Von dort ge⸗ langte dieſe von einem unglaublichen Fleiß und der glücklichſten Befähigung zeugende Arbeit nebſt einem treuen Bericht alles deſſen, was er ſeit ſeiner Abreiſe erlebt hatte, nach England an den großen Centralmiſſi⸗ onsverein. Man ſtaunte dort, was Ein Mann in ſo kurzer Zeit von drei Jahren geleiſtet hatte und dachte ſchon ernſtlich daran, die gonze heilige Schrift nach Wil⸗ 117 berforces Bearbeitung in der Kaffernſprache zu drucken. Mehrere der tüchtigſten Lehrlinge bereiteten ſich vor, Wilberforce nachzufolgen und ihn in dem großen Werke der Heidenbekehrung zu unterſtützen. Es war nun ein Leichtes für ſie, die Sprache dieſes Volkes zu erlernen, da das Wörterbuch und die Sprachlehre von Wilber⸗ force ſchon entworfen waren und bald durfte unſer Freund hoffen, die Früchte ſeiner Anſtrengungen zu genießen. Aber auch die ihm Zunächſtwohnenden hatten ſich längſt mit Wilberforce befreundet. Eine Kirche ſtand ſchon, zwar nur einfach von Holz erbaut, ohne Schmuck;z aber die Eingebornen ehrten dieſe Hütte des Herrn und wußten, was ſie dort zu thun hatten und genoßen ſchon in nicht unbedeutender Zahl die Segnungen des chriſt⸗ lichen Glaubens. Das Thal war ſchon ein lieblicher Fruchtgarten, Korn⸗ und Waizenfelder grünten und reif⸗ ten neben einander. Junge Birn-Pflaumen⸗ Pfirſich⸗ und Aprikoſenbäumchen ſtrebten auf den Hügeln empor und trugen im vierten Jahre ihre erſten Blühten. Uum die Kirche, die auf einem grünen Hügel erbaut worden war, reihten ſich einfache, aber wohlgebaute Hütten und Stallungen. Rinder zogen die Frachtwagen über gebahnte Wege und auf dem Strome ſchaukelte ſich die kleine Segelbarke des ſchwarzen Fiſchers. Schafheerden lager⸗ ten auf den Triften unter der Aufſicht der Hirten. Die Frauen hatten das Wollengarnweben gelernt, die Kinder 118 das Spinnen an der Spindel und der ſtarke Kaffer führte den von Rindern gezogenen Pflug und gebrauchte geſchickt die Senſe und das Grabſcheit. Ein Magazin war errichtet worden; dort wurde der Ueberfluß aufbe⸗ wahrt und jeder bezog daraus, gegen eine beſtimmte Abgabe deſſen, was er durch ſeiner Hände Arbeit her⸗ vorbrachte, ſeine Bedürfniße. Wilberforce konnte nun ſchon allein ſeinem Amt als Lehrer ſich widmen und baute ſeine Felder und ſeinen Garten nur des Beiſpiels wegen, denn ſeine kleine Gemeinde gewann der Erde bereits viel mehr ab, als ſie ſelbſt bedurfte. Die ganze Gegend hatte ein noch viel lieblicheres, freundlicheres Anſehen gewonnen und man ſah hier keine halbnackten Menſchen mehr, ſondern gutgekleidete Arbeiter, die im ſelbſtverfertigten zweckmäßigen Gewande umhergingen. Hier möchte ein Brief unſeres Wilberforce am Beſten die Lage und das Gedeihen ſeiner Gemeinde ſchildern. Er lautet folgendermaſſen: Bethlehem im Kaffernlande, den 7. Mai 17.. Theurer Freund und Bruder! Recht gerne würde ich ſchon früher an Dich geſchrie⸗ ben haben; aber ich zog es vor, die Zeit abzuwarten, wo der Allgütige mein Werk ſo weit geſegnet haben würde, daß ich Dir etwas Erfreuliches darüber mitthei⸗ len könnte. Mein Bethlehem gedeiht und ich wünſche 119 nur, daß Du ſelbſt ſehen möchteſt, welche Veränderung die vergangenen drei Jahre hier, mitten in der afrikani⸗ ſchen entlegenſten Wildniß, hervorgebracht haben. Ich ſtaune ſelbſt täglich darüber und kann nicht aufhören, den lieben Gott zu preißen, der mich gewürdigt hat, ſo Großes durch mich zu wirken. Denn nicht ich, Gott iſt es, der durch mich unwürdiges Werkzeug ſchaffet und alles, was geſchehen iſt, das danke ich blos Seinem Beiſtande und Seiner Gnade. Möge Er auch ferner gnädig über meinem Bethlehem walten. Es iſt doch etwas recht Liebliches, ein keimendes Saatfeld in ſeinem erſten Frühlingsgrüne zu ſehen, wenn es auch durch heftige Gewitterſchauer zum Keimen ge⸗ bracht iſt. Dieſe Gewitterſchauer der Leiden und Trüb⸗ ſale, die ſo gar oft im Reiche Gottes lange ſchlum⸗ mernde Samenkörner zum Keimen brachten, fehlten nicht, aber die dunkle Erde, die das erſte Grün verbarg, war in meinem lieben Bethlehem nur wenig oben auf⸗ geſtreut. Das ſtille friedliche Völkchen, unter das mich die Hand des Allmächtigen verſetzte, hat nur den Sa⸗ men erwartet, wie ein bereitetes Feld, und allenthalben um mich her ſproßt er auf in herrlicher Frühlingspracht. Ja, mein theurer Bruder, ich lebe jetzt unter Menſchen, die ich aus Götzendienern zu Gottesdienern, aus Wilden zu einem friedlichen Arbeitsvolke, aus Heiden zu Chriſten gemacht habe. Da, wo ſonſt ein gräulicher Aberglaube * 120 Menſchen opferte, ſteht jetzt eine Chriſtenkirche und der Gottesdienſt wird von 250 bis 300 Perſonen regelmä⸗ ßig beſucht. Die Zahl dieſer Neubekehrten wächſt noch immer, ſo daß ich bald an die Vergrößerung der Kirche werde denken müßen. Die Kinder meiner Gemeindeglie⸗ der gehen zur Schule— ach! ich wünſchte, du möchteſt zuſehen können, wie begierig ſie aus der Fibel, die ich für ſie anfertigte und druckte, leſen lernen. Die Alten ſtaunen über die Fortſchritte ihrer Kleinen und viele da⸗ von lernen wieder von ihren Kindern. Das iſt ein An⸗ blick, der das Herz erquickt. So geht die geiſtliche Wirk⸗ ſamkeit auf dem von mir gegründeten Inſtitute, dem Herrn ſei Dank, recht geſegnet fort und die guten Früchte bleiben nicht unſichtbar. Aber auch das Land ſelbſt, welches wir bewohnen, erlitt eine faſt herrlich und köſtlich zu nennende Umwand⸗ lung. Als ich hierher kam, war alles wilde rohe Na— tur. Der Boden brachte viele Früchte, Kräuter, Wur⸗ zeln hervor und andere nährende Dinge, die von den Eingebornen zur Speiſe geſucht wurden. Aber ſie ver⸗ ſtanden es nicht, den Acker zu bauen; ſie trieben blos Viehzucht. Der Strom war ungebändigt und floß rei⸗ ßend in den ſumpfigen Ufern. Jetzt iſt er mit Dämmen eingefaßt und am Waſſer liegen Getreidefelder voll Ueberfluß und Segen. Das wilde Geſtrüpp auf den 3 Hügeln iſt ausgerottet und die Abhänge prangen im 121 Schmuck junger blühender Obſtbäumchen und der edlen Rebe, die ich gezogen und gepflanzet. In den ſumpfi⸗ gen Niederungen wächſt der nährende Reiß, das edle Piſanggewächs ſtreckt ſeine rieſigen Blätter gen Himmel. Sago⸗ und andere Palmen kommen hier recht gut noch fort trotz der tiefen ſüdlichen Lage und der nahen Ge— birge. Auf den Triſten weiden Lämmer, brüllt das kraſt⸗ volle Rindvieh. Auf wohlgebahnten Wegen knarren zweiräderige von Stieren gezogene Wagen. In den Feldern arbeiten wohlgekleidete Menſchen und der Pflug lockert einen Boden jungfräulicher Art auf, der dem Säe⸗ mann hundertfältige Früchte trägt. Im Strom ſtand ſonſt ſchnaubend das koloſſale Nilpferd, rauſchte das gefährliche Krokodill. Die Wälder und das Gefilde er⸗ dröhnten vom Brüllen des raubgierigen Löwen. Jetzt hat die Büchſe, mit deren Gebrauch ich meine Kinder bekannt gemacht habe, die Gegend von wilden Thieren geſäubert und wenn ſich hie und da eines blicken läßt, ſo wird darnach gemeinſam geſtreift, bis es erlegt, oder erjagt iſt. O! könnteſt du hier ſein, wie würdeſt Du Dich freuen! Mir dünkt, mein Bethlehem ſei der ſchönſte An⸗ blick von Südafrika. Die Gegend iſt frei, groß, frucht⸗ bar. Ueberall ſind Materialien im Ueberfluß zum Er⸗ bauen von Städten. Es ſi leicht, den Strom ſchiff⸗ 122 bar zu machen und ganz in unſerer Nähe ſind die beſten Furthen durch den Fluß. Welch' eine Ausſicht, von hier einſtens bis zum Meere fahren zu können und dorthin die Erzeugniße unſeres Ackerbaues, die Früchte unſerer Viehzucht, die Gegenſtände unſeres Handels zu bringen! Gold, Elfenbein, Straußfedern, vegetabiliſche Butter, Gummi, Rhinoceroshörner, Tiſchler- und Färbeholz im Ueberfluß, Wolle, Getreide,— welche Maſſe von Ge⸗ genſtänden, mit denen wir mit der Zeit handeln können, wenn Gott die Niederlaſſung beſchützt und wir mehr Hände zum Arbeiten haben.« So weit reichen die Berichte über Bethlehem. Der Brief unſers Freundes ſchließt mit Bitten, bald neue Arbeiter zur Hilfe zu ſenden. Er ſelbſt fuhr eifrig auf dem gebahnten Wege fort und Gottes Segen lohnte ſeine Anſtrengungen mit dem ſchönſten Erfolg, wenn auch zuweilen trübe Ereigniſſe den Frieden der ſtillen Niederlaſſung ſtörten. Ein ſolches trug ſich bald nach der Abſendung des vorhin im Auszuge mitgetheilten Briefes zu. Die Kriegsereigniße blieben, wie zu erwarten ſteht, dieſem ſo entfernt liegenden Theile des Kaffern⸗ landes fremd Wilberforce vernahm nur ſehr ſelten etwas von den blutigen Vorfällen, die ſich auf dem Kriegsſchauplatze drängten und ſeinen Freund Munorvah hatte er ſeit ſeiner Abreiſe in das Innere von Afrika 13 nicht mehr geſehen. Dennoch ſchlug ſein Herz noch warm und mit inniger Freundſchaft für ſeinen edlen Lebensretter und er beklagte es innig, daß er ihn nicht in der Nähe hatte, um auch dieſen theuren Freund mit den edelſten und erhabenſten Gütern der Erde beſchen⸗ fen zu können. Allein Munorvah war durch die Pflicht an die Seite ſeines königlichen Bruders gebunden und konnte nur ſehr ſelten durch einen Boten, der bis in dieſe weit entlegene Gegend geſendet wurde, Nachrichten von ſich geben, oder Erkundigung über die Schickſale des Miſſionärs einziehen. Selbſt dieſes konnte aber nur ſehr ſelten geſchehen und wenn dann eine ſolche Bot⸗ ſchaft kam, enthielt ſie meiſt mehr Trauriges, als Freu⸗ diges. Der Krieg wüthete noch immer mit gleich furcht⸗ barer Heſtigkeit; aber die Eingebornen begannen nach und nach zu ermatten und das Uebergewicht der europäi⸗ ſchen Kriegskunſt zog die Schale zu Gunſten der Eng⸗ länder herab. Längſt waren die Kaffern aus allen Kü⸗ ſtenpunkten verdrängt und in die unwegſamſten Schluch⸗ ten und Felsthäler der Gebirge geworfen. Der kriegeri⸗ ſche Volksſtamm vertheidigte dieſe Päſſe mit letzter, ver⸗ zweiflungsvoller Kraft. An eine offene Feldſchlacht war jetzt nicht mehr zu denken. Nur durch nächtliche Ueber⸗ fälle ſuchten die Eingebornen ihren Ueberwindern zu ſchaden. Der tapfere Kangho hatte das Aeußerſte verſucht, 124 ſein Volk und Vaterland gegen die Unterdrücker zu ver⸗ theidigen. So lange er an der Spitze ſtand, gelang es nicht, das von ihm mit Muth und Einſicht geleitete Heer zu unterdrücken, oder zu überwältigen. Auch ſchenkte ihm ſein Volk zu viel Vertrauen, es hing mit zu großer Ehrfurcht an dem angeſtammten Herrſcher, der durch Milde und Tapferkeit ſich gleich groß auszeichnete, als daß die Stimmen ſeiner Feinde, der fanatiſchen Prieſter— kaſte und einiger blutgieriger Häuptlinge, die ihm ſein Volk abgeneigt zu machen ſuchten, etwas vermocht hätten. Aber dieſe Geſinnngen ſeiner Unterthanen begannen ſich zu ändern, als es ihm unmöglich war, der Uebermacht und Kriegskunſt und den fürchterlichen Zerſtörungsma⸗ ſchinen des Feindes ferner Widerſtand zu leiſten. Mit jedem Verluſte, mit jeder Niederlage, welche dieſes durch unzählige Schlachten geſchwächte Volk erlitt, ſank das Vertrauen auf den König. Seine Feinde wurden immer frecher, jemehr die Macht des Königs ſank. Jetzt ge⸗ lang es den Verführern, viele im Volke auf ihre Seite zu bringen. Es bildeten ſich Partheien, Verſchwörungen. Was das Unglück gethan hatte, wurde der Unfähigkeit des Heerführers zur Laſt gelegt. Er hatte die Götter zum Zorne gereizt, weil er die Menſchenopfer abgeſchafft und das Leben der Geſfangenen geſchont. Er war alſo die Urſache des Verderbens, das jetzt in vollem Maße über dieſes unglückliche Volk hereinbrach. Die Götter 125 hatten ihm Sieg gegeben, ſo lange er ſie geachtet hatte. Aber er wendete ſein Herz dem Gott der Ehriſten zu; er hatte einem Prieſter dieſes Gottes das Leben ge⸗ ſchenkt; er duldete es, daß dieſer Prieſter in einer ent⸗ fernten Gegend des Landes eine chriſtliche Gemeinde gebildet hatte und er beförderte ſelbſt die Botſchaften, die dieſer Miſſionär ins engliſche Lager ſendete, an den Anführer der Feinde. Er war alſo ein Verräther des Landes, ein Verächter der Götter und der ehrwürdigen Sitten der Väter. Ein ſolcher König mußte ſich ſelbſt und durch ihn ſein Volk unglücklich machen und ins Ver⸗ derben ſtürzen. Ihm gehorchen, war Frevel gegen die Götter; ihn ſtürzen, hieß den Göttern einen Dienſt er— weiſen. So flüſterten die Feinde des edlen Königs dem be⸗ thörten Volke in das Ohr. Das war die Stimme der Verführung, der Aufreizung und ſie hallte in den Herzen vieler Krieger wieder. Kangho wußte, was ſich gegen ihn vorbereitete. Aber er verachtete ſeine Feinde, die ſich vor ihm demüthigten und wünſchte nichts ſehnlicher, als den Tod des Kriegers auf dem Schlachtfelde zu ſterben. Von nun an ſah man ihn in den Reihen der Vorderſten und am gefährlichſten Platze. Da kämpfte er, gleich dem gemeinen Krieger, mit todesmuthiger Ergebung und Ta⸗ pferkeit. An ſeiner Seite focht Munorvah unzertrennlich von dem königlichen Bruder, nie für das eigene, ſondern 126 nur für des Geliebten Leben beſorgt. Die Kugeln ver⸗ ſchonten den Fürſten. Sein Leben ſchien geweiht; eine höhere Hand ſchützte ihn vor dem Tode, den er ſuchte und den er doch nicht finden konnte. Von nun an wurde der Krieg wilder. Entflammt vom Beiſpiel des Königs ſtürzten ſich die, Eingebornen mit unerhörter Todesver⸗ achtung auf die Engländer, die, durch eine verheerende peſtartige Krankheit ohnehin geſchwächt, ihnen kaum zu widerſtehen vermochten. An einem Morgen gegen das Ende der Regenzeit, ergoſſen ſich unerhörte Fluthen vom Himmel. Die⸗ ſer furchtbare Tag ſchien Kangho ganz geeignet zu einem Ueberfall. Sein Befehl rief Tauſende ſeiner wilden Krieger an ſeine Seite. Ein Bach trennte ſie vom Lager; der Engländer; er war zu einem tiefen und reißenden Bergſtrom angeſchwollen. Kangho ſtürzte ſich, allen voran, in die Fluthen, theilte ſie kräftig und erreichte das gegen⸗ über liegende Ufer. Viele Tauſende folgten ihm und; als ihre Anzahl groß genng ſchien, machte ſie der König; mit ſeinem Plane bekannt. Der Regen fiel ſo dicht, daß der Geſichtskreis dadurch beengt ward und das Heer vom Lager der Britten aus unmöglich geſehen werden konnte. Auch floß der Bach ſo tief und reißend, daß das Ueberſetzen kaum als möglich zu denken war. Des⸗ halb fürchteten die Engländer keinen Ueberfall und ſuchten ſich unter der leichten Bedachung der Zelte gegen die 127 ſtrömenden Regengüſſe zu ſchützen. Niemand war auf der Umwallung, als die Wachen und ſelbſt dieſe fürch⸗ teten an einem ſolchen Tage keinen Ueberfall der Feinde. Mit großer Vorſicht ſchlichen ſich die Kaffern längs der den Bach einſäumenden Gebüſche demjenigen Theil des Lagers näher, der den Gebirgen zunächſt befindlich war. Etwa zweihundert Schritte von dem Graben des Walles entfernt, endete das Gebüſch und hier war ein freier Platz. Der Regen ſtrömte unaufhörlich und zu⸗ gleich war die Luft von einem feinen Nebel erfüllt, der es zur Unmöglichkeit machte, die Gegenſtände genau zu erkennen. Kangho war unter den Vorderſten und befahl jetzt ſeinen Kriegern, ſtill im Gebüſch liegen zu bleiben. Er gab Munorvah dem Befehl, im Bache unterzutau⸗ chen und bis an die Verſchanzungen zu ſchwimmen. Sobald er dort angekommen wäre, ſollte er ſich Mühe geben, einen Ort zu entdecken, woſelbſt man ins Lager der Engländer einzudringen vermöchte. Der König be⸗ fahl ihm Vorſicht, machte ihn darauf aufmerkſam, daß das Gelingen der ganzen Unternehmung nur von ſeiner Geſchicklichkeit abhinge und ermahnte ihn, möglichſt ſchnell zu dem Orte zurück zu kehren. Munorvah glitt leiſe in die reißenden Fluthen; ſeine Waffen, das Meſ⸗ ſer abgerechnet, hatte er alle zurückgelaſſen. Sobald er ſich in der Strömung befand, trieb der Fluß einen Zweig beran, deſſen blätterrreiche Theile ziemlich hoch über das 128 Waſſer hervorragten. Munoroah ergriff ihn, zog ihn mit der Linken über den Rücken, daß das buſchige Ge⸗ ſträuch ſeinen Kopf verbarg und ſchwamm ſo, ziemlich gut verſteckt, vorſichtig dem Ufer näher. Es gelang ihm, dasſelbe gerade in einer Gegend zu erreichen, woſelbſt im Walle ein Thor angebracht war, damit die Soldaten aus dem Bache Waſſer holen könnten. Die Ueberſchwem⸗ mung war aber ſo groß, daß das Waſſer faſt bis zu dem Fuße des Walles drang. Mehrere Wachen lehnten nachläſſig unter einem leichten Blätterdach und beobach⸗ teten die fortſchreitenden Wellen, welche immer mehr dem Fuße des Walles ſich näherten. Dieſe Männer waren dicht in ihre Mäntel gehüllt, denn der Südweſt⸗ wind war rauh und kalt; ſie dachten an keine Gefahr und hielten nachläſſig das Gewehr in den Händen. Oben auf der Höhe des Walles ſchritten die Poſten auf und ab. Ihre Mäntel flatterten in Winde und der Nebel gab ihnen ein geſpenſtiſches Ausſehen. Im Lager war alles ſtill; die Soldaten hielten ſich in den Zelten verborgen. Als Munorvah dieſe Bemerkungen gemacht hatte, tauchte er unter, ließ das Geſträuch zurück und ſchwamm in die Mitte des Stromes, der ihn ergriff und mit reißender Schnelligkeit fortführte. Faſt eine Viertelſtunde unterhalb des Lagers gelang es ihm erſt, unbemerkt das gegenüberliegende Ufer zu erreichen. Auf einem weiten Umwege gelangte er nach mehreren 129 Stunden wieder über den Bach zu dem Orte, woſelbſt Kangho mit ſeinen Kriegern voll Kampfbegierde auf ihn wartete und berichtete, was er geſehen hatte. Der Kö⸗ nig faßte ſogleich einen Entſchluß. Er ließ einige der tüchtigſten Krieger dichtbelaubte Zweige abbrechen, beſtellte Munoroah zu ihrem Anführer und befahl ihnen, ihm einzeln zu folgen. Munorvah ſchwamm allein mit dem um dem Kopf befeſtigten Zweige nach der Stelle, wo⸗ ſelbſt er zuerſt gelandet war und hielt ſich hier an der Erde feſt. Die Soldaten bemerkten zwar das Geſträuch, aber ſie dachten, es wäre ein vom Waſſer losgeriſſener Zweig und faßten ſelbſt dann keinen Verdacht, als noch drei oder vier ähnliche Büſche in der Nähe erſchienen und, als wenn der ſteigende Fluß ſie an's Ufer ſchwemmte, dort an verſchiedenen Plätzen hängen blieben. In die⸗ ſem Augenblicke entſtand im Innern des Lagers ein Geräuſch, das ihre Aufmerkſamkeit erregte. Sie kehr⸗ ten ſich gegen die Zeltreihen. Sobald Munorvah dieſes bemerkte, erhob er ſich vorſichtig und ſchritt möglichſt geräuſchlos dem ihm zunächſt ſtehenden Soldaten näher. Seine Gefährten ahmten ihm nach; es gelang ihnen, bis auf wenige Schritte den Wachen näher zu kommen und jetzt war es um jene Unglücklichen geſchehen. Jeder von den Kaffern hatte ſich ſeinen Mann ausgeſucht und. S ſämmtliche vier Soldaten fielen geräuſchlos durch das Meſſer der Wilden, das ihnen von dieſen in den Rü⸗ 9 *— ———— 130 cken geſtoßen wurde. Nachdem dieſe grauſame That vollbracht war, ſchleppten die Kaffern die Soldaten in das Waſſer, riſſen ihnen die Tzackos und Mäntel herab, zogen dieſelben an, ließen ihre Leichname vom Strome forttreiben und ergriffen die Waffen, um die Stelle der Gefallenen bis zur Ankunft Kangho's zu vertreten. Die⸗ ſer mit eben ſo viel Kühnheit als Geſchicklichkeit ausge⸗ führte Handſtreich gelang vollkommen; einer der Kaffern eilte zurück, um Kangho von dem, was geſchehen war, zu benachrichtigen und ihn nebſt ſeinen Kriegern herbei zu holen. Von den oben auf dem Walle befindlichen Wächtern bemerkte nur ein Einziger, daß am Thore etwas Verdächtiges vorging. Er eilte herbei und ſah oben herab, erkannte jedoch die Wilden nicht, weil ſich dieſe ſchon durch die Uniformsſtücke der Ermordeten unkennt⸗ lich gemacht hatten und kehrte verdrießlich zu ſeinem Platze zurück. Wenige Minuten reichten aber jetzt hin, um die Krieger des Königs im Gebüſch zu verſammeln. Der König befahl den Angriff und, das Kriegsgeſchrei aus⸗ ſtoßend, ſtürzten viele Hunderte auf den Wall los, um dort einen Scheinangriff zu machen und denſelben in der Ueberraſchung des Augenblicks vielleicht zu erſteigen. Kangho folgte mit der größeren Anzahl dem von Muno⸗ rvah abgeſendeten Krieger, erreichte das Thor und drang mit ſeinen Kriegern in das Lager. Hier herrſchte eine 131 fürchterliche Verwirrung. Die Militärs ſtürzten aus den Zelten, die Waffen in der Hand und, kaum zur Verthei⸗ digung gerüſtet, mußten ſie ſogleich Mann gegen Mann, ohne Ordnung und ohne die Vortheile, welche ihnen ſonſt die Kriegskunſt gewährte, ſich gegen den wüthenden Angriff ihrer Feinde vertheidigen. Es entſtand ein mör⸗ deriſcher Kampf und dieſes Gefecht ſchien ſich zum Nachtheile der Engländer enden zu wollen. Allein dieſe erfahrenen Krieger waren ſeit langer Zeit und durch die verſchiedenartigſten Wechſelfälle dieſes grauſamen Kriegs zu ſehr an die ihnen drohenden Gefahren gewöhnt, als daß ſie ſelbſt in einem ſo kritiſchen Falle ihre Beſonnen⸗ heit verloren hätten. Da die Gewehre nicht losbrennen wollten, griffen ſie zum Bajonett. Trotz des furchtbaren Andranges der Kaffern gelang es, die Linie zu bilden. Die Reiterei brach aus allen Thoren des Lagers hervor und trieb die in der freien Ebene ſchwärmenden Wilden in die Flucht. Im Lager ſelbſt bildete die Infanterie Colonnen und drang mit gefälltem Bajonett von allen Seiten nach dem Kampfplatz. Hier widerſtand Kangho mit großer Tapferkeit ihrem Andrange; aber an ſeiner Seite ſtürzten die tapferſten ſeiner Krieger todt oder ver⸗ wundet nieder; er ſelbſt gerieth in Gefahr, gefangen genommen zu werden und nur durch Munorvah's Auf⸗ opferung gelang es ihm, ſich zu retten. Aber der edle Bruder, der nur an die Rettung des nicht an 132 die eigene dachte, fiel, von einem Bajonett verwundet, ſeufzend zur Erde. Ein ungeheurer Schmerz durchzuckte das Herz des Königs. Sein Ruf feuerte die Kaffern zu Munorvah's Rettung an. Wüthend über den Fall des geachtetſten und tapferſten Kriegers drängten ſie die Engländer zurück. Zwei Kaffern ergriffen Munorvah, ſtürzten ſich mit ihm in den Fluß und es gelang ihnen nach unſäglicher Mühe, ihn glücklich und lebend an's gegenüberliegende Ufer zu bringen. Hier wurde aus Zweigen eine Tragbahre verfertigt und auf dieſer der Verwundete ſo ſchnell, als möglich in Sicherheit gebracht. Der Kampf im Lager dauerte nur noch kurze Zeit. Die Uebermacht der Engländer war zu groß, als daß Kangho mit ſeinen Kriegern ihnen länger hätte wider⸗ ſtehen können. Es entſtand die Gefahr, im Lager gefan⸗ gen genommen zu werden und Kangho befahl den Rück⸗ zug. Die Kaffern ſtürzlen ſich in den Strom, der ſie bald aus dem Bereich der Waffen ihrer Feinde brachte. Das Gefecht hatte nur kurze Zeit gedauert, aber auf beiden Seiten waren ſehr viele Menſchen geblieben. Es war ein nutzloſes Hinſchlachten. Kangho hatte nichts, als die Ueberzeugung gewonnen, daß er außer Stande ſei, den Engländern weſentlich zu ſchaden und dieſe hat⸗ ten durch ihre großen Verluſte abermals gelernt, daß ſie es mit einem Feinde zu thun hatten, der liſtig, tapfer und todesverachtend war und gegen deſſen 153 kühne Angriffe die größte Vorſicht angewendet werden mußte. Zwölf Tage nach dieſem Gefecht bewegte ſich ein trauriger Zug vom Gebirge herab in das ſchöne Thal, wo die Colonie der Kaffernchriſten unter Wilberforce's Leitung ſich angeſiedelt hatte. Vier Träger trugen auf einer Tragbahre einen ſchwarzen Mann, der mit geſchloſ⸗ ſenen Augen und todtesmatt auf dem getrockneten Graſe lag, das man ihm untergebreitet hatte. Ein Knabe ging neben ihm, ſorgfältig die Inſekten mit einem ſchönen, aus Federn verfertigten, Fächer von ſeinem Ant⸗ litz verjagend. Neben der Bahre ſchriten zwei ſchwer⸗ bepackte Sclaven, welche mit den Waffen des Kranken und mit mehreren zu ſeinem Eigenthum gehörigen Ge⸗ genſtänden belaſtet waren. Einige Krieger von ausge⸗ zeichnetem Rang und kräftigem Ausſehen ſchienen dem Kranken zum Schutze beigegeben zu ſein. Als die auf den Feldern arbeitenden Männer und Frauen den Zug erblickten, kamen ſie theilnehmend näher und erkannten mit Staunen den Bruder des Königs, Munorvah, den gefeiertſten Helden des Kaffernheeres, der von ſeinem wilden, aber edlen und tapfern Volke in Liedern geprießen ward. Die Nachricht von ſeiner An⸗ kunft verbreitete ſich ſchnell bis zum Dorfe, ehe der Zug dorthin gelangte und eine große Menſchenmenge kam ihm entgegen. Wilberforce war zu dieſer Zeit in ſeinem 134 Gärtchen und damit beſchäftigt, für die Kinder Schule zu halten. Er ahndete nichts von dem, was in der Nähe vorging, ſondern gab ſich mit ganzer Aufmerk⸗ ſamkeit ſeinem Berufe hin. Der Umſtand, daß ein ſo trauriger Zug von den geſitteten Einwohnern des Dor⸗ fes nicht, wie es vielleicht in einem andern Falle geſchehen wäre, mit Freudengeſchrei begrüßt wurde, verurſachte eine große Stille unter der Menſchenmaſſe, welche Mu⸗ norvah empfing und ſo geſchah es denn, daß der Zug vor Wilberforce's Hütte angelangt war, ohne daß der Miſſionär das Mindeſte davon wußte. Jetzt trat ein Mann aus der Gemeinde in die Hütte und ſetzte ihn von der Ankunft des Fürſten in Kenntniß. Freudig erſtaunt eilte Wilberforce vor die Thüre, ohne den Schluß der Rede des Mannes abzuwarten. Der erſte Blick auf den Kranken, ließ ihn faſt vor Schrecken erſtarren. Munorvah lag, einen Todten ähnlicher, als einen Lebenden, auf der Bahre. Die Augen waren geſchloſſen, die abgezehrten Hände hingen von der Bahre herab in den Staub, den ſie berührten. Die ſchwarze Haut des Häuptlings, ſonſt von einem blühenden Roth durchſchimmert, zeigte jetzt eine erdfahle leichenhaft bräun⸗ liche Färbung und ſpannte ſich glänzend und mit Schweißtropfen überzogen, über das charakteriſtiſche Heldenantlitz. Mit unausſprechlichem Schmerz ſah Wil⸗ berforce ſeinen edlen Freund und Lebensretter, dem 135 Tode nahe und bereits von ſeinem ſchwarzen Schleier umweht, vor ſich liegen, bewußtlos und ohne die Fähig⸗ keit, ſeine Glieder zu bewegen. Thränen drangen ihm in die Augen; er ſank auf die Kniee nieder und beob⸗ achtete betend die Athemzüge, die eine Bruſt noch ſchwach belebten, ein Herz, das für edle Empfindungen ſchlug, obgleich es unter einer dunkeln Hülle verborgen war. Doch nur einen Augenblick überließ ſich der Miſſio⸗ när ſeinen wehmüthigen Gefühlen. Er erhob ſich raſch und ließ den Kranken in die Hütte ſchaffen. Die meiſten Begleiter des Fürſten wurden den Einwohnern von Beth⸗ lehem zur Verſorgung übergeben. Zwei Krieger und den Knaben behielt der Miſſionär ſelbſt zur Pflege des Kranken in der Hütte. Das eigene Lager räumte er dem Lebensretter ein und nun ging er daran, den Zuſtand des Freundes auf das Sorgfältigſte zu unterſuchen. Zu ſeiner unausſprechlichen Freude fand er, daß der Bajonettſtich, von dem Munorvah durchbohrt worden war, zwar eine äußerſt gefährliche Wunde verurſacht hatte, daß aber Rettung noch möglich ſei. Der ſchlimme Zuſtand des Kranken rührte nur von der dürf⸗ tigen Pflege und dem weiten Transport her und Wil⸗ berforce bewunderte die Lebenskraft des Freundes, die ſolchen zerſtörenden Einflüſſen nicht unterlag. Mit liebender Sorgfalt und kunſtreicher Hand legte 1356 der Miſſionär einen Verband über die Wunde, nachdem ſie gereiniget worden war. Dann flößte er dem Kranken eine ſtärkende und beruhigende Medizin ein und ent⸗ fernte alle Perſonen aus dem Zimmer, um ſelbſt die Pflege des Freundes zu übernehmen, bis ſich feſte Hoff⸗ nung auf deſſen Wiedergeneſung faſſen ließ. Eine tiefe Stille herrſchte jetzt mehrere Tage im Hauſe und in den nächſten Umgebungen desſelben und die inbrünſtigſten Gebete des Miſſionärs und der Gemeinde erflehten die Hilfe Gottes. Was nur die Kunſt vermochte, wurde angewendet, um dieſes, allen ſo theure Leben, zu erhal⸗ ten und zur unausſprechlichen Freude des Miſſionärs gelang es, Munorvah dem Leben wieder zu ſchenken. Am dritten Tage nach ſeiner Ankunft hörte Munoroah auf, durch matt ausgeſprochene Worte die fürchterlichen Träume anzudeuten, in denen ſeine Seele umherirrte. Ein tiefer ruhiger Schlaf erquickte ihn die ganze Nacht hindurch und am folgenden Morgen, als eben Wilber⸗ force den Verband über die ſich bereits recht gut ſchlie⸗ ßende Wunde legte, hörte er den Kranken mit zitternder Stimme ſprechen: »Mein Vater, welch' ein Glück, bei dir zu ſein.« Wilberforce ließ, vor Freude bebend, den Verband fallen und ſah mit unausſprechlicher Beruhigung, daß der Kranke die Augen geöffnet hatte und ihm lächelnd und mit glänzendem Blick zuſah. Beide Freunde reich⸗ 137 ten ſich die Hand und ihre Blicke ſagten ſich, was der Mund in dieſem Augenblick nicht auszuſprechen ver⸗ mochte. Von dieſem Tage an genas Munorvah ſichtlich und kaum waren drei Wochen vergangen, ſo war er bereits im Stande, mit dem Miſſionär das Gärtchen zu beſuchen und hier die ſtärkende Frühlingsluft zu athmen. Bald hernach beſuchte er das Dorf und die herrlichen Umgebungen, die in aller Pracht der neube⸗ lebten Natur und der Schönheit, welche die Hand des Menſchen und ſein Fleiß einem geſegneten fruchtbaren Boden geben kann, prangten. Staunen, Freude und Ehrfurcht vor dem, der alles dieſes in ſo kurzer Zeit geſchaffen hatte, erfüllte ſeine Seele. Längſt ſchon hatte er ein tiefes Sehnen nach dem gefühlt, das allein deu Menſchen veredeln und ihm ſo Hohes geben kann. Er wurde jetzt des Miſſionärs eifrigſter Schüler und über⸗ traf bald alle Erwartungen ſeines thätigen und frommen Lehrers. Binnen ſechs Wochen hatte ſich Munorvah mit wunderbarer Schnelligkeit die niegeahndete Kunſt des Leſens zu eigen gemacht und genoß die unausſprech⸗ liche Freude in vollen Zügen, den Inhalt der heiligen Schrift, die Wilberforce ſo eben in die Kaffernſprache überſetzte und in einen dazu beſtimmten Folianten ſchrieb, entziffern zu können. Von nun an bildeten Geſpräche über den erhabenen Inhalt dieſes göttlichen Buches den 138 Hauptgegenſtand aller Unterhaltungen zwiſchen den bei⸗ den Freunden. Munorvah's Begleiter erhielten jetzt von ihm die Erlaubniß, entweder zum Heere zurückzukehren, oder ihre in andern Theilen des Landes befindlichen Familien hierher zu bringen und ſich in Bethlehem nieder zu laſ⸗ ſen. Die meiſten entſchieden ſich für das letztere, da der Krieg nur dem Namen nach fortbeſtand, aber in der Wirklichkeit nicht mehr geführt wurde. Das unglückliche tapfere Volk der Kaffern hatte durch unzähliche blutige Erfahrungen einſehen gelernt, daß es außer Stande ſei, der Macht der Engländer zu widerſtehen. Kangho be⸗ ſchränkte ſich darauf, die Gebirgspäſſe, welche in das Innere des Landes führten, zu vertheidigen, denn ſein Heer war durch unaufhörliche Verluſte zu ſehr geſchwächt, als daß er es ferner hätte wagen dürfen, die Engländer im offenen Felde anzugreifen. Dieſe unternahmen nicht, ihm dahin zu folgen, da auch ſie wußten, welche nutz⸗ loſe Bemühung es geweſen wäre, die Kaffern in ihren unzugänglichen Zufluchtsörtern anzugreifen. Kangho hatte Munorvah durch einen Boten ſeinen Wunſch zu erkennen gegeben, daß er bei Wilberforce bleiben möchte um die junge aufkeimende Colonie zu ſchützen und ihr Aufblühen zu befördern. Dieſer Befehl des königlichen Bruders war Munorvah's Wünſchen entſprechend und nun nahm die Colonie, durch ſeinen Schutz befeſtigt, 139 einen immer raſcheren Aufſchwung. Neue Ländereien wurden urbar gemacht, der Wildniß das Land Schritt vor Schritt abgewonnen und die wilde Kraft des Stro⸗ mes gebändigt. Allein dieſe Anlagen koſteten große Mühe; verſchiedene Gefahren waren dabei zu überwin⸗ den und große Hinderniße zu beſiegen, wie unſere Leſer im nächſten Kapitel finden werden. Fünftes Kapitel. Die Nilpferde.— Das Nachtlager der Jäger in der Wüſte.— Die Aloe.— Die Giraffe.— Munorvah's Rückkehr nach Bethle⸗ hem.— Ein Geſpräch zwiſchen Wilberforce und Munoroah.— Die Thätigkeit des Miſſionärs hatte alſo mitten in den entlegenſten Wildniſſen von Afrika, in einer Ge⸗ gend dieſes Erdtheils, deren Klima in ſüdlicher Breite dem heißeſten Theil von Aegypten oder Arabien entſprach, welche beide ohngefähr auf eben dem Grade nördlicher Breite liegen, eine chriſtliche Gemeinde geſchaffen, meh⸗ rere hundert Seelen zur Religion des Erlöſers bekehrt und ihnen die Segnungen der ECultur und des Fleißes geſchenkt. Eine Wildniß war in eine liebliche, vortreff lich angebaute Gegend verwandelt worden und auf dieſi 140 Weiſe war demnach Bahn für Chriſtenthum, Cultur und Menſchlichkeit gebrochen. Es gereichte ihm zur ſüße⸗ ſten Genugthuung, die neuangelegten Beſitzungen ſeiner Freunde wöchentlich einmal zu durchgehen und ſich an ihrem Glück und an dem Wohlſtande, deſſen ſie durch ihn genoſſen, zu erfreuen. Munoroah war dabei ſein beſtändiger Begleiter und fand bei jedem Spaziergang neue Veranlaſſung, ſeinen Freund höher zu und zu ſchätzen. Etwa ein Vierteljahr war verfloßen, ſeitdem ſich der Häuptling zu Bethlehem befand. Er war jetzt völlig wieder geneſen und hatte ſeine volle Manneskraft wieder erlangt. Sein Weſen war jedoch nicht für die friedliche Beſchäf⸗ tigung des Ackerbaues geſchaffen; er zog es vielmehr vor, die Colonie zu ſchützen und alles Gefährliche von den geſegneten Fluren des neuen Dörfchens abzuwenden. Gerne überließen die Coloniſten dem gefeierten Krieger dieſes gefahrvolle und nothwendige Werk. Munorvahs Jagdzüge ſäuberten die Gegend von reißenden Thieren, die, von den zahlreichen Heerden angelockt, oft— ein Schrecken der friedlichen Einwohner aus der Wildniß hervordrangen. Zugleich verſorgte Munorvah die Tiſche aller Coloniſten mit Wild und ſo wurde er der Wohl⸗ häter ſeiner Schützlinge. Viele Tage waren ohne Unfall vorüber gegangen; aber eines Morgens erſchien einer der Coloniſten mit 141 Weib und Kindern vor der Hütte des Miſſionärs und berichtete wehklagend, daß während der vergangenen Nacht ſeine neuangelegten Reisfelder völlig verheert worden ſeien. Wilberforce und Munorvah gingen ſo⸗ gleich mit dem Manne und man erreichte binnen kurzer Zeit den Platz, woſelbſt ſich die zerſtörten Felder befan⸗ den. Dieſe lagen keineswegs etwa an der äußerſten Grenze der Colonie, ſondern ſie befanden ſich zwiſchen dem Hügel, auf dem das Kirchlein erbaut war und dem Strome, demnach in einer der belebteſten Gegenden. Die Aecker waren auf das Beklagenswertheſte verwüſtet, alle Früchte auf denſelben durch die plumpen zermalmen⸗ den Tritte ungeheurer Thiere vernichtet und zerſtampſt. An andern Orten bemerkte man deutlich, daß der gewal⸗ tigen Eindringlinge mehrere geweſen ſein mußten, daß ſie ſich in den Feldern gewälzt und von den Früchten, was ihnen behagte, gefreſſen hatten. Wilberforce erin⸗ nerte ſich nicht, ſeit ſeiner Anweſenheit in dieſer Gegend etwas Aehnliches erlebt zu haben und ſprach mancherlei Vermuthungen darüber aus. Er wußte, daß nicht ſehr ferne von dieſer Gegend Elephanten und Rinocerote angetroffen werden und ſprach ſeine Beſorgniß aus, daß dieſe Thiere bei der dürren Jahreszeit und dem unge⸗ wöhnlich niedern Stand des Stromes vielleicht durch Mangel an Nahrung gezwungen worden ſeien, herabzu⸗ kommen; daß ſie vielleicht noch größere Zerſtörungen 142 anrichten möchten. Sein Auge irrte ſorgenvoll über das Rinnſal des Stromes, der jetzt zwiſchen trockenliegenden Sanddünen in unzähligen Armen floß. Aber Munorvah unterbrach ihn und entſchied mit Beſtimmtheit, daß weder das Eine, noch das Andere ſtattfände. Er bewieß aus der Spur, daß kein Elephant und kein Rinoceros hier⸗ her gekommen ſei, ſondern daß Flußpferde verheerend hier eingebrochen wären. Sogleich verſprach er, mit ſei⸗ nen Jägern die Ungethüme, die hier in ungeſchlachter Luſt ſo großen Schaden angerichtet hätten, aufzuſuchen und entweder zu tödten oder zu verjagen. In ſeiner raſchen und entſchiedenen Weiſe ſäumte er nicht lange, ſondern ergriff, nachdem er mit Wilberforce in die Hütte zurückgekehrt war, ſeine Waffen, hieß ſeine Gefährten ſich rüſten, legte ſeine Hunde an die Leine, führte ſie an das Ufer, nahm hier von Wilberforce Abſchied und beſtieg den Kahn, um die nächſten Arme des Fluſſes nach den Thieren zu durchſuchen. Die Jäger folgten ihm bald in einem andern leichten Fahrzeuge und wur⸗ den angewieſen, ihn bei dem Bemühen, den Aufent⸗ halt der Thiere ausfindig zu machen, zu unterſtützen. Unſere Leſer werden gerne dieſem intereſſanten Zuge folgen. Dieſe Art der Jagd, Thiere, die amphibienartig halb auf dem Lande, halb im Waſſer leben, zu ſuchen, war weder ergötzlich, noch konnte ſie raſch abgemacht 143 werden. Das Wild hielt ſich an die tiefſten Arme des Stromes, aber wer konnte beſtimmen, in wel⸗ chem Theile des faſt eine halbe Stunde breiten Gewäſ⸗ ſers und an welcher Stelle ober⸗ oder unterhalb der Niederlaſſung es ſeinen Aufenthalt genommen hätte? Unſere Leſer dürfen ſich deshalb nicht wundern, wenn wir ihnen verſichern„daß Munorvah zwei Tage nach einander unverrichteter Sache nach Bethlehem zurück⸗ kehrte. Am dritten Tage ſchloſſen ſich eine größere An⸗ zahl von den Einwohnern des Dorfes an die Jäger an und man war jetzt im Stande, an vielen Orten zugleich zu ſuchen. Auch Wilberforce, der ſich für ſeine natur⸗ hiſtoriſchen Sammlungen eine lohnende Ausbeute ver⸗ ſprach und zugleich Gefahr fürchtete, hatte ſich dem Jãä⸗ gerzuge angeſchloſſen, obwohl ſolche Unternehmungen für ihn nichts Reizendes beſaßen und er ſelbſt ſeine Neubekehrten ſoviel als uur möglich davon abzuhalten ſuchte. Hier trat jedoch eine gebieteriſche Nothwendig⸗ keit ein und aus dieſem Grunde ſowohl, als auch in der Abſicht, durch ſeine Gegenwart vielleicht Unglück verhü⸗ ten zu können, war er mitgegangen. Die eine Hälfte der Jäger ſetzte auf Kähnen über den Fluß, die andere blieb auf dem diesſeitigen Ufer. Als die erſteren am entgegengeſetzten Ufer angelangt waren, theilten ſie ſich. Ein Trupp ruderte ſtromauf⸗ wärts, der andere ging eine Strecke am Ufer hinunter. 144 Dasſelbe that man an dem Ufer, wo die Niederlaſſung lag. Munorvah hielt ſich mit den geſchickteſten Jägern in der Mitte des Stromes auf. Alle hatten von ihm Befehl, auf ein gegebenes Zeichen ihre Poſten zu verlaſ⸗ ſen und langſam auf den Platz zuzurudern, woſelbſt er ſich verborgen hielt. Einige mußten dabei laut ſchreien, die andern aber von Zeit zu Zeit Flinten abfeuern, um die Flußpferde, welche ſich etwa in dieſer Strecke des Stromes befänden, ihm zum Schuſſe zu bringen. Die⸗ ſer Plan gelang vollſtändig. Plötzlich ſtürzten aus dem Dickicht auf einer bebuſchten Inſel zwei erwachſene Fluß⸗ pferde und ein junges Thier ſchnaubend in den Strom. Bei dieſem Anblick erhoben die Jäger ein lautes Freu⸗ dengeſchrei. Der enge Kanal, woſelbſt ſich die Thiere vefanden, wurde durch Kähne geſperrt und die beiden Inſeln, welche ihn bildeten, mit erfahrenen Jägern be⸗ ſetzt. Jetzt kam es nur darauf an, wer dem Orte zu⸗ nächſt ſtand, woſelbſt ſich die Thiere, um Luſt zu ſchöp⸗ fen, aus der Tiefe erheben würden und in Kurzem war das junge Thier verwundet; die Mutter desſelben hin⸗ gegen wurde, als ſie ſich wüthend brüllend auf die Jäger ſtürzte, von den Kugeln durchbohrt und erlegt. Das junge Thier kam bald hernach in der Nähe ſeiner in rieſigen Zuckungen verendenden Mutter wieder zum Vorſchein und erlag der Kunſt der Jäger. Jetzt fehlte nur das männliche Flußpferd, der gefähr⸗ 145 lichſte Gegner der mit fürchterlichen Zähnen bewaffnet, vielleicht erſt nach einem ſchweren Kampfe erlegt werden konnte. Es war zu vermuthen, daß das Thier nach dem Tode ſeiner Gefährten wohl ſchwerlich in der Gegend bleiben würde und Wilberforce wünſchte die gefährliche Jagd geendet zu ſehen. Aber Munorvahs Leute wußten, daß das Thier in ihrer Gewalt war und es ſchien ein ſehr verzeihliches Begehren, ſich der Beute, die nicht ohne Werth war, verſichern zu dürfen. Ehe jedoch nur wenige Worte über dieſen Gegenſtand gewechſelt werden konnten, erſchien mitten im Strome der Hypopotamus ſchnaubend und beim Anblick der Verfolger, die ſogleich von allen Seiten ihre Kugeln nach ſeinem fürchterlichen Kopf ſendeten, in heißeres Gebrüll ausbrechend. Einige der eilig abgefeuerten Schüſſe trafen und das verletzte Thier tauchte ſogleich wieder unter. Munorvah befand ſich ganz in der Nähe, durch ein dichtes Gebüſch zunächſt des Waſſers vor dem Thiere verſteckt; er hatte noch nicht gefeuert. Da trat plötzlich das Thier, den Kopf ſchüttelnd, ans Ufer, um hier das Gebüſch zu erreichen und im Dickicht ſich vor ſeinen Verfolgern zu verbergen. Nur zwei Kaffern waren in ſeiner Nähe; die übrigen Jäger waren auf den Kähnen oder der gegenüberliegen⸗ den Inſel. Der entſchloſſene Jäger trat aus dem Ge⸗ büſch muthig hervor, dem Ungethüm allein entgegen und legte an, um dasſelbe ins Auge zu Kefi i wo mög⸗ 146 lich zu tödten. Der Hippopotamus bemerkte kaum den Jäger, ſo öffnete er wüthend den ungeheuren Rachen, ſtieß ein Gebrüll aus, das weithin in der Gegend wider⸗ hallte und ſtürzte voll blinder Wuth auf Munorvah los. Mit einer Ruhe und Kaltblütigkeit, die wahrhaft be⸗ wundernswürdig war, zielte der Häuptling auf das raſch daher kommende Thier. Sein Schuß fiel erſt, als es kaum noch zehn Schritte von ihm entfernt war und da⸗ mit hatte das ungeheure Geſchöpf ſeinen Reſt erhalten. Es ſtürzte und ſtarb auf der Stelle. Nun verſammelten ſich alle Jäger auf dem Platze und Wilberforce beſichtigte den männlichen Hypopotamus. Er war von wahrhaft rieſenmäßiger Größe und von plumpem, aber fürchterlichem Ausſehen. Er maß vom Kopfe bis zum Schwanze mehr als 12 Fuß, war neun Fuß hoch und der Leib hatte in der Mitte 22 Fuß im Umfang. Die aus dem weiten Rachen ausgehauenen Zähne wogen zuſammen mehr als ſiebenzig Pfund und das ganze Gewicht des Thieres konnte nach einer mäßigen Schätzung mehr als 36 Zentner betragen. Das getödete Weibchen war kleiner, aber demungeachtet auch ein un⸗ geheures Geſchöpf. Das junge Thier mochte erſt ein Jahr alt ſein und verſprach ein keineswegs zu verachten⸗ des Gericht für den Tiſch. Man zog den alten Thieren die Häute ab und ſtürzte ſie ſodann in den Strom, der ſie fortſchwemmte. Das junge Thier ward mitgenom⸗ 147 men, um verſpeiſet zu werden und das Fleiſch desſelben fand der Miſſivnär ſo genießbar und wohlſchmeckend, als das von einem jungen Rind. Der etwas amphibien⸗ artige Beigeſchmack war keineswegs widerlich genug, um das Mahl unſchmackhaft zu machen. Wilberforce kehrte mit den meiſten Jägern zurück zum Dorfe, während Munorvah mit ſeinen Leuten an das andere Ufer des Stromes überſetzte, um dort einige Tage zu jagen. Es war ihm jedoch unmöglich, an die⸗ ſem Tage eine werthvolle Beute zu erlangen, und lals es Abend wurde, lagerte er ſich mit ſeinen Gefährten unter einigen Alven, die am Fuße einiger Felſen ſtan⸗ den. Es wurden Feuer angezündet und an denſelben das frugale Abendeſſen zubereitet, für die Bedürfniſſe dieſer Söhne der Wildniß vollkommen genügend. Zu⸗ gleich dienten dieſe bis zum Anbruch des Morgens un⸗ terhaltenen Flammen dazu, die reißenden Thiere zu ver⸗ ſcheuchen, welche jetzt in Menge in der Nähe des Fluſſes umherſchweiften, durch die Dürre gezwungen, die ver⸗ brannten öden Steppen zu verlaſſen. Sobald die Nacht völlig eingetreten war, erhob ſich das grauſenhafte Ge⸗ brüll hungriger Löwen, ſtreifender Panther und nah und ferne das widerliche Geheul der Hyänen, die ſelbſt ganz in der Nähe des Lagerplatzes umherſchweiften und das Gebell der Hunde, die ſich loszureißen und ihnen nach⸗ zuſetzen ſtrebten, mit heißeren uten erwiederten. 148 Mitten unter dieſem Lärm und umgeben von den droh⸗ enden Gefahren ſchliefen Munoroah und ſeine Begleiter ruhig, denn ſie waren daran gewöhnt und nur ein Mann wachte, die Büchſen zum Gebrauch bereit haltend, zum Schutze der Schlummernden. Ehe wir die Ereigniſſe des folgenden Tages be⸗ ſchreiben, wird es unſern Leſern nicht unintereſſant ſein, eines der merkwürdigſten Gewächſe der afrikaniſchen Wildniſſe kennen zu lernen, unter deſſen Schutz Muno⸗ rvah ſein Lager aufgeſchlagen hatte, nämlich die Aloe. Sie wird von den Eingebornen Karap genannt, von den Botanikern aber Aloe dichotoma. Sie wächſt 25 bis 30 Fuß hoch. Ihr Stamm iſt glatt und ihre Rinde weiß. So lange ſie noch jung und ihr Stamm noch nicht über vier oder fünf Fuß hoch iſt, endigt er ſich in einen einzigen Büſchel von Blättern, welche ſich ausbreiten, wie die der Ananas und dieſelbe Krone bilden, aus der alle ihre Blumen hervorwachſen. Wenn ſie älter wird, treibt ſie vollkommen ſymmetriſche Zweige, regelmäßige Aeſte, von denen jeder an ſeiner Spitze ebenfalls eine ſolche Krone hat. Die Aloe kommt auf Bergen weit veſſer fort, als in der Ebene. Anſtatt langer und tief⸗ gehender Wurzeln hat die Alve nur eine ſehr ſchwache, durch die ſie an dem Boden hängt. Sie braucht auch; nur drei Zoll tiefe Erde, um ſelbſt auf Felſen zu wachſen und ihre vollkommene Schönheit zu erlangen; aber ſi 149 ſitzt ſo wenig feſt in der Erde, daß man die größten mit dem Fuß umſtoßen kann. Aus dem jungen Stamme machen die Wilden ihre Köcher; deshalb wird die Pflanze von den Holländern auch Kockerbvom oder zu deutſch Köcherbaum, genannt. Des andern Lages ſtreifte einer von Munorvahs Jägern, während das Morgenmahl bereitet wurde, ganz in der Nähe des Lagers umher, kam jedoch bald wieder, um dem Häuptling die Nachricht zu geben, daß unfern von dem Platze, woſelbſt ſie ſich befanden, eine Giraffe unter dem Schatten einer Baumgruppe ſich befände, von deren Blättern ſie fräße. Wilberforce hatte oft den Wunſch ausgeſprochen, dieſes damals noch unbekannte, halb fabelhafte Thier ſehen zu können und Munorvah ſprang deshalb voll Freude und Jagdluſt auf, um das herrliche ſeltene Thier wo möglich zu erlegen. Er eilte mit ſeinen Hunden nach der ihm bezeichneten Stelle; die Giraffe war dort nicht mehr, aber die Jäger ſahen ſie durch die Ebene auf der Weſtſeite gehen und ſetzten ſich in den ſchnellſten Lauf, um zu ihr hinzukommen. Das Thier ſah ſogleich ſeine Verfolger; es lief einen ſehr leichten Trapp, doch ohne ſich dabei anzuſtrengen. So wurde es faſt eine halbe Stunde lang eifrig verfolgt; die Jäger ſchoſſen von Zeit zu Zeit nach ihr, ohne ſie verwunden zu können. Endlich verließen ſie ihre Kräfte und nun mußten ſie einhalten und verloren bald das 150 Thier aus dem Geſichte. Verdrüßlich über die vergeb⸗ liche Anſtrengung und ſein Mißgeſchick kehrte Munoroah zu dem Platze zurück. Aber als er ſo eben um einen Hügel bog, ſtürzten plötzlich die Hunde fort und die Jäger erblickten zu ihrer größten Freude ſieben Giraffen, welche in dieſem Augenblick von den Hunden angegriffen wurden. Sechſe davon nahmen die Flucht; die ſiebente dagegen wurde durch die Hunde von ihnen abgeſchnitten und entfernte ſich raſch in einer entgegengeſetzten Rich⸗ tung. Die Hunde folgten dem Thiere und an ihrem Gebell bemerkte man bald, daß ſie ihren Feind umringt und geſtellt hatten, da das Bellen immer von demſelben Orte kam. Jetzt eilte alles dorthin, wo das Thier ver⸗ muthet wurde und bald ſah man es, von den Hunden umringt, wie es ſich bemühte, durch ſtarkes Ausſchlagen mit den Hinterbeinen dieſe von ſich zu entfernen. Einer von Munorvahs Jägern kam jetzt in die Nähe und ſtürzte es mit einem Schuß ſeiner Flinte zu Boden. Voll Freude über ſein Glück kehrte er zurück, um den Häuptling zu rufen. Aber die übrigen, welche jetzt beſſer ſehen konnten, was an dem Orte vorging, wo das Thier geſtürzt war, gaben ihm Zeichen, die er jedoch nicht zu verſtehen vermochte. Jetzt blickte er um ſich und ſah eine Giraffe unter einem großen Ebenholzbaume ſtehen. Munorvah kam jetzt herbei und wollte dieſe, als ſie ihn nicht beachtete, und ganz damit beſchäftigt war, ſich der 151 Hunde zu erwehren, niederſchießen. Doch in dem Augen⸗ blick ſtürzte das Thier todt zur Erde. Es hatte ſich noch einmal aufgerichtet, verendete aber jetzt. Die Freude der Jäger über ihr Glück kannte keine Grenzen. Voll Bewunderung umſtanden ſie das prachtvolle Thier, ſtaunten ſeinen edlen Kopf mit den beiden hörnerartigen Auswüchſen, den langen Hals, die hohen Vorder⸗ und die niedrigen Hinterbeine an und lobten das prachtvolle gelbe, mit braunen Flecken tiegerartig geſprengte Fell. Das erlegte Geſchöpf maß vom Vorderhufe bis zur äußerſten Spitze der Hörner auf dem edlen Kopfe nicht weniger als 16 Fuß. Die Hörner,— wenn man dieſe Knochenerhöhungen der Hirnſchale, die mit Haut und Haaren überzogen ſind und an ihrer Spitze mit einem ſchönen Haarbüſchel prangen,— ſo nennen könnte, waren nur 8 bis 9 Zoll hoch. Wer aber nach der an⸗ gegebenen Höhe auf die Stärke und Dicke des Thieres ſchließen würde, würde ſehr irren. Das Geſchöpf be⸗ ſteht, wie man beinahe ſagen könnte, bloß aus Beinen und Hals, denn die Länge des unverhältnißmäßig kleinen Körpers beträgt kaum 7 Fuß vom Schwanze bis an die Bruſt gerechnet. Dabei macht der ſtarke Kontraſt zwiſchen dem Vorder⸗ und Hintertheile, daß der Leib mißgeſtaltet ausſieht. Der Vorleib iſt gegen den Hinterleib unver⸗ hältnißmäßig dick, ſo daß es ſcheint, als ob beide gar nicht einem Thiere angehören könnten. Die hier erlegte Giraffe 152 war ein männliches Thier, der Grund ihrer Hautfarbe war gelblich weiß, die ſehr regelmäßig gezeichneten Flecken auf derſelben hingegen dunkelbraun, die auf dem Halſe und Rücken faſt ſchwarz. Die Weibchen ſollen durch eine fahle Farbe und geringere Größe ſich von der männlichen Giraffe unterſcheiden. Die Giraffen nähren ſich von Baumblättern, vorzüglich von dem Laub einer gewiſſen Mimoſe, die in ihrem Vaterlande wächſt. Auch von den Wieſenpflanzen nähren ſie ſich zum Theile, wo⸗ bei ihr langer Hals ihnen ſehr dienlich iſt, um ihre Nahrung abzugraſen. Die Giraffe iſt ein friedliches Thier, gehört zum Geſchlecht der Wiederkäuer, wie das Rind und fliehet in raſchem Trott davon laufend, jede Gefahr ſo ſchnell, daß ein ſehr gutes Pferd im vollen Laufe ſie kaum einzuholen im Stande iſt. Sie verthei⸗ diget ſich durch Ausſchlagen mit den Hinterfüßen, wie die Pferde, gleichet dieſen aber nur dem Kopfe nach, denn ſie hat geſpaltene Hufe, wie unſer Rind. Ihre Bewegungen ſind dabei ſo kraftvoll, leicht und lebhaft, daß man ihnen kaum mit dem Auge folgen kann. Munorvah ließ jetzt dem Thiere die Haut abziehen und zwar ſo, daß der Kopf vom letzten Halswirbel ab⸗ gelöſt, an derſelben hängen blieb und auch die Füße unterhalb der Schienbeine abgelöſt wurden. Dann be⸗ fahl er mehreren Jägern, dieſe Theile nach dem Kahne zuückzutragen, wohin er gegen Abend ſelbſt zu kommen 153 verſprach. Er ſelbſt beſchloß, mit den übrigen die am Strome liegenden ungemein wildreichen Gegenden noch zu durchſtreifen und zu ſehen, was ſich hier ſeiner Jagd⸗ luſt noch darbieten möchte. Außer einigen ſeltenen Vögeln und Affen traf er jedoch auf kein bedeutendes Wild, Raubthiere ausgenommen, welche überall in die⸗ ſer menſchenleeren Wüſte in großer Menge geſehen, wurden. Gegen Abend kehrte denn auch er zurück zum Strome und erreichte bald nachher die Niederlaſſung, woſelbſt ihn Wilberforce mit großer Freude empfing. Der Miſſivnär hatte die Haut der Giraffe im Sonnen⸗ ſtrahl ausſpannen laſſen, um ſie zu trocknen und in die⸗ ſem Zuſtande der naturhiſtoriſchen Geſellſchaft in Lon⸗ don zu überſenden. Auch der Kopf und die Füße wur⸗ den, nachdem ſie gereinigt und von allem anklebenden Fleiſche befreit waren, getrocknet und ſo zum Verpacken zugerichtet. Wilberforce beklagte nur, das Thier nicht lebend geſehen zu haben, um eine recht richtige Beſchrei⸗ bung ſeiner Geſtalt dem Geſchenke beifügen zu können. Doch war das, was er ſenden konnte, ſchon eine ſehr werthvolle Neuigkeit, weil man zu jener Zeit das Thier in Europa faſt nur dem Namen nach und aus ſehr unrichtigen Beſchreibungen kannte. Als der Miſſionär dem Freunde gezeigt hatte, welche Anwendung er von deſſen Geſchenk machte, kehrten beide zu der Hütte zu⸗ rück, welche ſie zuſammen bewohnten. Dieſe lag etwas 154 ſeitwärts vom Dörfchen und war von einem majeſtä⸗ tiſchen Baume beſchattet. Man ſah ganz in der Nähe auf dem Hügel das Kirchlein mit dem Thürmchen und der Blick konnte weithin über die herrlich angebauten Felder, bis zum Strome ſchweifen, der jetzt majeſtätiſch und gebändigt in ſeinen Ufern hinrollte. Auf einer Bank am Hauſe, vor der ein kleines Tiſchchen ſtand, pflegten des Abends die beiden Freunde gerne zu ſitzen und ſich über ihren Lieblingsgegenſtand, die heilige Schriſt zu „ unterhalten. Wilberforce hatte in den letzten Tagen die Ueberſetzung des Evangeliums St. Johannis vollendet und Munvrvah lehnte ſeine Waffen an den Baum, nahm auf dem Bänkchen Platz und durchblätterte die Arbeit ſeines Freundes, die dieſer auf den Tiſch gelegt hatte, um ſie hier zur Prüfung noch einmal durchzuſehen. Wäh⸗ rend nun Munorvah las, fiel ihm die Stelle im erſten Kapitel desſelben Evangeliums in das Auge:»Das Geſetz iſt durch Moſes gegeben, aber die Gnade und Wahrheit iſt von Gott. Niemand hat Gott je geſehen; der eingeborne Sohn, der in des Vaters Schooße iſt, der hat es uns verkündigt.“ Dieſer bibliſche Ausſpruch beſchäftigte den forſchen⸗ den Verſtand des Häuptlings und es entſpann ſich zwiſchen ihm und dem Miſſionär eine Unterredung über dieſe Worte, welche wir ihrem Hauptinhalte nach unſern lieben 155 Leſern mittheilen wollen, denn ſie war zu lehrreich, als daß ſie dieſe Berückſichtigung nicht verdiente. Nachdem Wilberforce dem forſchenden Freunde den Sinn der bibliſchen Worte erklärt, machte er ihn da⸗ darauf aufmerkſam, daß eben darin die Erhabenheit der chriſtlichen Religion liege, weil ſie von Gottes Sohn ſelbſt verkündigt worden wäre, dem wir die genaueſten Nachrichten vom höchſten Weſen aus dem Grunde ver⸗ dankten, weil er den Vater am Genaueſten kannte, da er ja, als das Wort von Gott, von Anfang an bei ihm geweſen und nur zur Erlöſung des ſündhaften Men⸗ ſchengeſchlechts ſich ſeiner Herrlichkeit entäußert hatte und in die Welt herabgekommen war, um Knechtsgeſtalt anzunehmen und ſeine Lehre mit ſeinem Blute zu be⸗ ſiegeln. Munoroah trug ſich noch immer nach der Sitte ſeines edlen Volkes und erſchien, ſeitdem er wieder ge⸗ neſen war, täglich in voller Kriegerrüſtung. Jetzt ruhten ſeine Waffen nachläſſig an den Baum gelehnt. Er ſtritt mit beſſern Waffen, mit denen des Geiſtes', der ſich, ernſtringend, das Höchſte zu eigen zu machen ſucht. »Ja,« rief er demüthig aus, vich glaube, daß die Menſch⸗ heit fündhaft war und der Erlöſung bedurfte. Doch hatte ſie damals ſchon ein Geſetz und wußte wenigſtens grobe Sünden zu vermeiden, lwie Mord, Raub, Men⸗ ſchenopfer. Aber wir Kaffern begingen in finſterem 156 F Wahne alle dieſe Sünden und wußten nicht, daß wir unrecht thaten. Wir waren wie Blinde, die nicht ſehen, was ſie thun. Können denn auch ſo ſchwere Sünden durch den Tod des Erlöſers von uns genommen werden?« »Mein theurer Freund,« antwortete der Miſſionär, vein Beiſpiel ſoll dich lehren, daß Gottes Gnade ſich auch über dein edles Volk erſtreckt.« »Nimm zwei Brüder an, einen jüngeren und einen älteren. Der eine iſt klug und kennt den Willen des Vaters. Der andere weiß nichts, weil er noch zu jung iſt, ein Kind dem man nichts zurechnen darf und das nicht ſeinem durch Bildung geregelten Verſtande, ſon⸗ dern ſeinen Begierden folgt. Wenn dieſes Kind den Garten des Vaters betritt und dort von Früchten ge⸗ nießt, die der Vater verboten hat, ſo iſt es nicht ſtraf⸗ bar, weil es das Verbot nicht kennt. Wenn aber der ältere Sohn, dem des Vaters Willen bekannt iſt, gegen dieſen väterlichen Willen handelt, dann, mein Freund, iſt es nicht ſchwer zu unterſcheiden, welcher von beiden Söhnen wohl Strafe verdient und welcher nicht.« »Ha, derjenige doch, der wiſſentlich ſündiget!« rief Munorvah ernſt. »So iſt es auch, mein theurer Freund,« entgegnete Wilberforce.»Das von Moſes gegebene Geſetz konnte nur das jüdiſche Volk im Gehorſam gegen Gott erhal⸗ ten, aber kein Volk, das von Gott und Geſetz keine 157 Nachricht erhalten hatte. Aus dieſem Grunde iſt der Jude und der Chriſt vor Gott ſtrafbar, wenn er ſündigt; nicht im gleichem Maße aber der Heide, dem keine Er⸗ kenntniß Gottes geworden. Die Gnade und Wahrheit iſt jedoch nicht bloß für Juden und Chriſten, ſondern für alle Menſchen und das iſt eben die große Verkün⸗ digung des Eingebornen Sohnes Gottes geweſen, daß er geſagt hat, ſie müſſe zu allen Völkern dringen, dieſe göttliche Gnade. Darum ſprach er zu ſeinen Jüngern: Gehet hin und lehret alle Völker und taufet ſie im Namen der Dreieinigkeit.« »Welche Mühe,« ſprach Munorvah, nachdem er einen Augenblick ruhig überlegt hatte, mit dem Finger auf die Bibel deutend, die auf dem Tiſche lag,»mag es dir gekoſtet haben, dieſes theure Buch in unſere Sprache zu übertragen! Was iſt dabei dein Zweck geweſen 7« »Die Bekehrung der Seelen, mein Bruder!« erwie⸗ derte der Miſſionär einfach. »Durch dieſes Buch, Vater?« rief Munorvah zwei⸗ felnd.»Wenn dieſes Buch ſolche Dinge bewirken könnte, ſo müßten die Worte desſelben eine große Kraft haben.⸗ »Dieſe göttliche Kraſt, ſelig zu machen, beſitzen ſie auch,« rief Wilberforce.»Sie machen ſelig Alle, die daran glauben.« So konnten alſo die Gebete unſerer Prieſter bei N 158 dem höchſten Weſen nichts bewirken, weil der Inhalt derſelben nicht aus dieſem Buche genommen war, das ſie nicht kannten?« »Gott hat ſie gewiß auch gehört, aber er konnte kein Wohlgefallen an Gebeten haben, die ungläubig und unter ſo furchtbaren Umſtänden an hn gerichtet wurden;« ſagte Wilberforce. „Was heißt denn gläubig beten,— Vater 74 fragte Munoroah. »Gläubig beten? Ach! ſelig, dreimal ſelig, wer das kann!« rief Wilberforce.»Erkenneſt du die Nichtigkeit der Götzenbilder, denen die Prieſter deines Volkes opfern.« »Ich weiß, daß ſie leblos, unmächtig, ein Werk der Menſchen, und daß ſie nichts zu vollbringen im Stande ſindz«e rief Munorovah verächtlich. »Aber der Sturm, der die Länder verheert, die ganze Welt, die du um dich ſiehſt, mit ihren wohlthäti⸗ gen und ihren ſchrecklichen Erſcheinungen, alles dieſes gibt dir doch den Beweis, daß ein mächtigeres Weſen, als die Menſchen, das alles hervorbringen müſſe und daß es nicht von Ohngefähr ſo erſcheint und wieder vergehet, wie wir es ſehen.« »Ich weiß, daß Gott im Himmel, den ich nicht ſehen kann, das hervorgebracht hat. Er ſendet die Stürme, er läßt aber auch unſere milde Sonne ſcheinen.« 159 »Fühlſt du, daß Gott alles durchdringt, mein Bru⸗ der, biſt du feſt davon überzeugt 76 ſprach Wilberforce gerührt. bedeckte er die Augen mit der Hand, ſank auf die Bank an der Seite des Miſſionärs nieder und überließ ſich ganz den ſeligen Empfindungen, die ſeine nengewon⸗ nene Erkenntniß des höchſten Weſens in ihm hervor⸗ brachte. Da ertönte das Glöcklein auf dem Holzthürmchen der Kapelle, läutend zum Abendgebet. Die Sonne war herab geſunken und ſtrahlte klar über die Kuppen der fernen Berge, die ſie jetzt bald verhüllen ſollten. Ein prachtvoller Himmel ſpiegelte ſich im Strome und in der milden Abendluft rauſchten die Wipfel der Rohre im Gewäſſer, ſchwankten die Kronen der Palmen und ſäuſelte das zarte Laub der erhabenen Waldungen. Die Fluren wogten im Zephir, gleich den Wellen der ruhigen See, wenn ſie ſanft und glatt ihren mächtigen Buſen hebt und wie ein rieſiges Weſen ſchlummernd auf⸗ athmet. Wilberforce faltete die Hände zum ſtillen Gebete und der Häuptling that gleich ihm, mit erhabenſter Em⸗ pfindung das Gebet des Erlöſers flüſternd. Die Vöge⸗ lein flöteten ſanft, die ganze große herrliche Natur ſchien dem höchſten Weſen ein Opfer der Anbetung darzubrin⸗ gen und die Silbertöne des Glöckchens drangen immer »Ich glaube an Gott!« rief Munorvah. Dann 160 reiner herab, als wollten ſie den einen großen Gedan⸗ ken reiner religiöſer Erhebung, der dieſes ſchöne Gemälde zu durchdringen, zu heiligen ſchien, durch einen unendlich milden und lieblichen Klang zum Throne Got⸗ tes tragen. Lange ſaßen die Freunde, bis die Nacht ſchnell ihre Schatten über die Gefilde ſtreuete. Sie ſprachen nichts, ſondern jeder überließ ſich ſeinen Em⸗ pfindungen. Endlich erhob ſich der Miſſionär und ſprach: „Mein Bruder, ich ließ deine Frage unbeantwortet. Vergib mir, denn ich kann es nicht ausſprechen, ich kann nur empfinden, was»gläubig beten? heißt. Du kannſt es auch nicht lernen, du mußt es fühlen, empfin⸗ den und die Gabe dazu von Oben erwarten.« S endete dieſes ernſte Geſpräch der beiden Freunde. Ermüdet von den Anſtrengungen des ver⸗ gangenen Tages gingen ſie in die Hütte, genvſſen das einfache Mahl, verrichteten ihr Abendgebet gemeinſchaftlich und wollten ſich ſo eben zur Ruhe bege⸗ ben, als plötzlich ein wildes Geſchrei im Dorfe entſtand und die Einwohner, aus der Ruhe geſtört, voll Entſetzen aus ihren friedlichen Hütten ſtürzten. Munorvah, einen Ueberfall befürchtend, griff ſchnell nach ſeinen Waffen und horchte dann angeſtrengt. Der Lärm nahm an Heſtigkeit zu und kam der Hütte des Miſſionärs raſch näher. Jetzt ergriff Wilberforce den Freund an der 161 Hand und trat hinaus vor die Thüre. Hier bot ſich den beiden Freunden ein eben ſo unerwarteter, als über⸗ raſchender Anblick dar. Sechſtes Kapitel. Kangho's Tod.— Die Niederlaſſung wird durch neuhinzu⸗ kommende Einwohner vermehrt und erweitert.— Der Tod des Miſſionärs. Das ganze Dörfchen war in Aufruhr und die Einwohner, durch den ungewöhnlichen Lärm erſchreckt, ſtürzten aus ihren Hütten hervor, dürftig gekleidet, wie ſie es in dieſem Moment nur ſein konnten und noch dürftiger bewaffnet. Der Ruf,»die Bosjesmans, die Buſchmänner kommen,« bewirkte einen fürch⸗ terlichen Schrecken und ſetzte ſelbſt die muthigſten Män⸗ ner in der Niederlaſſung in eine ganz ungewöhnliche Aufregung. Alles eilte, den Ruf des Miſſionärs und Munorvah's Befehle in dieſem Augenblicke überhörend, vor das Dorf hinaus auf die Hügel, um von hier einen weiteren und freieren Usberblick über die nächſten Ge⸗ birge, die ſich gegen Süden dahinzogen, zu gewinnen und das Herannahen der Gefahr frübzeitig zu erkennen. 162 Dieſe Buſchmänner, Bosjesmans oder Saabs, wie ſie ſich ſelbſt nennen, bewohnen die innerſten, verbor⸗ genſten und wildeſten Theile der Schneegebirge. Es iſt ein kleiner hagerer, thieriſch roher Menſchenſtamm und ſie ſtehen weit unter den edeln hochherzigen Kaffern. Dennoch ſind ſie der Schrecken aller Völker am Cap, wenn ſie aus ihren Schlupfwinkeln hervorbrechen, getrie⸗ ben von der harten Winterzeit, dem Hunger oder inne⸗ ren Fehden; denn ſie brennen, zerſtören und morden mit der gefühlloſeſten Grauſamkeit, gleich wilden Thieren. Aus dieſem Grunde ſind die angegriffenen Völker, ſo⸗ bald ſich der Schrecken ihrer Erſcheinung verbreitet, gezwungen, ſich zum Kampfe gegen ſie zu rüſten und ſie entweder zu tödten, wie reißende Thiere, oder durch Uebermacht wieder in ihre Wildniſſe zurückzuſcheuchen. Schon der Ruf»die Buſchmänner kommen« bringt einen wahrhaft paniſchen Schrecken hervor und jeder ergreift die Waffen, welche ihm zunächſt zur Hand ſind, um mit denſelben gegen die gefürchteten Wilden zu ziehen. In ſolche Aufregung wurden auch die Bewohner der friedlichen Niederlaſſung Bethlehem verſetzt, als der Schreckensname des gefürchteten wilden Volkes durch die ſtillen Gaſſen ertönte. Nie war noch eine ähnliche Gefahr über dieſen ſtillen Winkel der Erde hereinge⸗ brochen; bis jetzt war er von den Schrecken, welche die bekannteren und bevölkerteren Gegenden dieſes geheim⸗ „ . nißvollen Erdtheils ſo oft und ſo blutig erſchüttern, frei geblieben. Um ſo größer war aber auch das Entſetzen. Wilberforce vernahm den Ruf; aber er wußte von der Gefahr nichts, welche man ſich mit dieſem Worte verbunden dachte und fragte verwundert den neben ihn in voller Waffenrüſtung ſtehenden Fürſten, weshalb die Gemeinde durch das Nahen dieſes ihm nur dem Namen nach bekannten Volkes in ſolche Unruhe verſetzt werde 2 Munorvah ſchilderte ihm nun die Sitten dieſer Räubernation, ſetzte jedoch hinzu, daß er glaube, es ſei ein blinder Schrecken, von dem die Leute ergriffen wären, indem er wiſſe, daß die Bosjesmans wohl ſehr häufig in das Gebiet der Engländer einzufallen pflegten, um die Hottentoten und Bauern zu berauben; daß es ihm aber unmöglich ſcheine, die angedeiete Gefahr den Buſch⸗ männern zuzuſchreiben, weil dieſelben zu weit nach Wee ſten wohnten und es ihnen unmöglich ſei, durch die Wüſten hierher zu gelangen. Auch ſtünden in den Ge⸗ birgen, durch deren Päſſe allein Wege und Straſſen in dieſe Niederung führten, die Kuffern unter der Anfüh⸗ rung ſeines Bruders und di Buſchmänner wären nim⸗ mermehr im Stande, di fern Krieger zu üherwin⸗ den. Das müßte abe er nothwendig geſchehen ſein, ehe es ihnen möglich„o weit herauszubrechen. Während dieſer Untert ghatten ſich Munorvah's Krieger um den Häuptling Lollkommen bewaffnet ver⸗ 164 ſammelt. Der junge Fürſt forderte jetzt ſeinen Freund auf, ihm vor das Dörfchen hinaus auf einen der Hügel zu folgen. Beide beſtiegen denjenigen, auf welchem das Kirchlein lag. Hier fanden ſie eine Menge Frauen und Kinder, die ſich im erſten Schrecken hierher geflüch⸗ tet hatten. Wilberforce gab ihnen die beruhigendſten Verſicherungen und nun wurde es ſtill auf dem Platze. Munorvah führte jetzt den Miſſionär auf die vom Dörf⸗ chen abgelegene äußerſte Spitze. Wir werden es ver⸗ ſuchen, den Anblick, welcher ſich Wilberforce und ſeinem Begleiter hier darbot, unſern lieben Leſern zu beſchreiben. Der im Oſten glühend roth aufſteigende Mond ver⸗ mochte es nur wenig, die in das Dunkel der Nacht verhüllte Gegend zu beleuchten. Gleich rieſigen Schat⸗ ten ſtiegen die Gebirge in das tiefe Blau des ſternen⸗ ſtrahlenden Himmels auf, ſchwarz und unheimlich. Durch eine ſehr erklärbare Täuſchung der Augen ſchienen die zackigen Felſenhäupter näher heran gerückt, das fried⸗ lich ſtille Thal, wo der neue Chriſtenort gebaut worden war, zu umgürten. Der Strom ſchoß rauſchend in ſei⸗ nem Bette hin und die Waldungen an ſeinen Ufern veugten ſich mächtig im Nachtwinde. Einzelne Wipfel höherer Bäume bildeten, durch die herrſchende Finſter⸗ niß träumeriſch umhüllt, geſpenſtiſche Geſtalten, die vom Luftzug bewegt, belebt zu ſein ſchienen und ſeltſame Bewegungen über dem dunkeln Laubdach darſtellten. 165 Die auf dieſer Höhe herrſchende Stille ließ das Gebrüll der Löwen aus tiefer Ferne vernehmen, wie ſie hungernd in den Wildniſſen nach Beute umherſchweiften. Das ganze nächtliche Gemälde hatte den Charakter des Ge⸗ heimnißvollen, Wilden und Schauerlichen und der Ein⸗ druck, den es auf die Zuſchauer hervorbrachte, war dieſem Anblick vollkommen angemeſſen. Munoroah ſah mit ſcharfem Auge über die großartige, aber dunkle Nacht⸗ landſchaft; aber es war ihm unmöglich, etwas Gefahr⸗ verkündendes zu entdecken. Er wendete ſich jetzt an Wilberforce, um ſeine ſchon vorher ausgeſprochene Ver⸗ muthung, daß das Gerücht von einem nahen Ueberfall falſch wäre, zu wiederholen, als ihn plötzlich ein halb⸗ lauter Ausruf der Ueberraſchung von den ihm zunächſt ſtehenden Kriegern auf ein ſeltſames Schauſpiel aufmerk⸗ ſam machte. Genau in der Richtung, wo der Paß nach dem Strome vom Gebirge herab lief, entſtand jetzt eine Helle, die einige dort befindliche Felſenpunkte ſehr klar erleuch⸗ tete. Bald hernach glänzte ein Lichtfunke durch die Nacht. Bei dieſem Anblick erhob ſich das Geſchrei auf allen Seiten. Munorvah ſtrengte ſich an, dieſen Schein zu verfolgen und es gelang ihm wirklich, die Bemer⸗ kung zu machen, daß er ſich fort, und zwar vom Ge⸗ birge herab in das Thal, bewegte. Auch Wilberforce beſtätigte dieſe Bemerkung und eilte hinab in ſeine Woh⸗ 166. nung, um das Fernrohr herbei zu ſchaffen. Während ſeiner Abweſenheit blieb dieſe Erſcheinung immerwährend ſichtbar und als jetzt der Miſſionär erſchien und ſie mit Hilfe des Glaſes näher ins Auge faßte, gelangte er zu der Ueberzeugung, daß in jener fernen Gegend eine ziemlich große Anzahl Menſchen ſich vom Gebirge herab⸗ bewegten, die ſich durch Fackeln die gefährliche Straſſe erhellten. Es war alſo gewiß, daß Fremde ſich nahten, ob aber in gefährlicher Abſicht, oder ohne ſolche?— das mußte erſt die nächſte Zukunft lehren. Der Miſſionär berieth ſich beſorgten Herzens mit Munorvah und den angeſehenſten Einwohnern des Dor⸗ fes, was wohl zu thun wäre, wenn wirklich eine Gefahr zu befürchten ſei und der Fürſt erklärte ſich ſogleich bereit, mit ſeinen Kriegern aufzubrechen und den Frem⸗ den entgegen zu gehen. Zugleich ertheilte er den Be⸗ wohnern des Dorfes den Rath, ſich für den ſchlimmſten Fall zu bewaffnen, damit ſie zur Gegenwehr gerüſtet ſeien und ihr Leben und Eigenthum vertheidigen könn⸗ ten. Wilberforce war darüber ſehr erfreut, ermahnte aber ſeinen Freund dringend, ſein theures Leben zu ſcho⸗ nen und jedenfalls ſich in kein Gefecht einzulaſſen. Er machte ihm vielmehr zur Pflicht, bei drohender Gefahr ſo ſchnell, als möglich zurückzukehren und der kleinen Gemeinde den Schutz angedeihen zu laſſen, welchen er ſchon früher bei mehreren gefährlichen Gele genheiten 167 ausgeübt. und auch für die Folge verſprochen hatte. Jetzt verrichtete er ein Gebet, das die um ihn Befind⸗ lichen, auf die Kniee zur Erde geſunken, mit inbrünſtiger Andacht anhörten. Dann aber entließ er ſeinen tapfern Freund mit Segenswünſchen. Binnen kurzer Zeit war nun Munorvah mit den Seinigen im Dunkel der Nacht verſchwunden. Wilberforce kehrte zum Dorfe zurück und verſam⸗ melte alle kampffähigen Männer und Jünglinge auf dem freien Platze vor dem Magazin. Er ermahnte ſie zum Muthe und zur Beſonnenheit und ließ die Einwohner ihre werthvollſten Geräthſchaften nach dem Hügel in das Kirchlein bringen, das von einer kleinen Anzahl der tapferſten und rüſtigſten Männer bewacht wurde. Hierher trug auch er ſeine Ueberſetzungen aus der hei⸗ ligen Schrift und andere Dinge, die er im Falle eines Angriffes zu retten wünſchte. Sobald dieſes Geſchäft heendigt war, ließ der Miſſionär durch die Geſammt⸗ zahl der Einwohner eine leichte Verſchanzung errichten. Aller Pulvervorrath wurde hierher gebracht, die Waffen und Feuergewehre wurden zum augenblicklichen Gebrauch in Stand geſetzt und das Dorf verlaſſen, da man nicht ſtark genug war, dasſelbe vertheidigen zu können. Un⸗ ter dieſen Vorbereitungen floß der größte Theil der Nacht hin und der Morgen nahte. Jetzt war alles voll⸗ endet und die kleine Gemeinde verſammelte ſich um das 168 Kirchlein innerhalb der neuangelegten Verſchanzungen. Wilberforce war in der Kirche, tröſtete die hier verſam⸗ melten Frauen und Kinder und ordnete alles zur nach— drücklichſten Vertheidigung an. Etwa zwanzig rüſtige Männer ſtanden wachehaltend am Fuße des Hügels, wo ſie jede Gefahr zu erkennen vermochten. Alle übri⸗ gen hatten die gegen das Gebirge hin liegenden wich— tigſten Punkte beſetzt und beobachteten von hier aus die Straſſe, die von dort in das Thal hinab führte. Es war ein erfreuliches Zeichen, daß die Cultur und das Chriſtenthum den hohen natürlichen Muth dieſer Afrikaner eher erkräftigt, als geſchwächt hatte, ſtatt dieſe an dem Manne ſo ſchätzenswerthen Eigenſchaften u unterdrücken oder ihnen etwas davon zu rauben. Ihre ehemalige wilde Blutgier wurde jetzt durch chriſt⸗ liche Ergebung und Ruhe erſetzt und es war unter all' dieſen guten Menſchen nicht Einer, der nicht mit Freu⸗ digkeit ſeine ganze Kraft, ja ſelbſt ſein Leben hingegeben hätte, wenn der Augenblick ein ſolches Opfer fordern würde. Mit Gelaſſenheit ergaben ſie ſich in das droh⸗ ende Schickſal; ſie hatten einſehen gelernt, daß nichts über ihre friedlichen Fluren kommen könnte, was nicht von Gott geſendet wäre. Sie hatten ſich gewöhnt, alles den Führungen einer höheren Leitung zuzuſchreiben und dieſe wahrhaft chriſtliche Geſinnung bewahrte ſie vor 169 Angſt und Klagen, die beide in Augenblicken der Prü⸗ fung dem wahren Chriſten nicht geziemen. Wir verlaſſen jetzt den Miſſionär mit ſeiner kleinen aber wohlgerüſteten Schaar und folgen Munorvah, der ſeine Krieger dem Gebirge zuführte. Bald gelangte er an den Fuß desſelben. Hier beginnt eine dichte maje⸗ ſtätiſche Waldung, durch welche eine breite Straſſe gehauen worden war. Kein andrer Weg lief durch die⸗ ſen von unzähligen Quellen und Bächen bewäſſerten Forſt und Munorvah fand es aus dieſem Grunde nöthig, ſeinen Begleitern Vorſicht und Stille anzuempfehlen, damit ſie ſich nicht ſelbſt verrathen möchten, wenn man mit den Fremden früher, als er es möglich glaubte, hier zuſammentreffen ſollte. Geräuſchlos zogen die tapferen Krieger durch dieſe Wildniß. Nach Verlauf mehrerer Stunden, in denen der Marſch immer bergan ging, lichtete ſich die Waldung lund die Kaffern kamen nun an das hier jäh emporſteigende Gebirge, zwiſchen deſſen felſigen Wänden der Weg in manichfaltigen Krümmun⸗ gen zur Höhe hinan lief. An dieſem Abhang ſtanden zwei Felſen einander gegenüber, die unerſteigliche Wände bildeten. Die üp⸗ pige Vegetation dieſes merkwürdigen Landes hatte das nackte Geſtein mit Grün überzogen. Bäume ragten aus den Spalten und Riſſen hervor und Moos und Schling⸗ gewächſe überzogen die jähen Wände. Zwiſchen die⸗ 170 ſen Felſen windet ſich die Straſſe hin und kein anderer Weg führte in vieler Meilen weiter Entfernug hinauf auf das nackte Gebirge. Dieſer Paß wird von den Ein⸗ gebornen Miko, oder das Thor genannt und kann von wenigen tapfern Männern geraume Zeit gegen ein gan⸗ zes Heer vertheidiget werden. Als Munorvah ganz un⸗ gehindert hierher gelangt war, freute er ſich ungemein und nahm ſogleich mit ſeinen Kriegern Beſitz davon. Gegen das Ende der Schlucht iſt eine Stelle, welche ſo eng iſt, daß ſie kaum für einen Wagen den Durchgang geſtatten würde. Hier ließ der Häuptling eiligſt Fels⸗ trümmer über einander häufen und eine Art roher Bruſt⸗ wehr errichten, hinter welcher er ſich mit den Seinigen zur Vertheidigung aufſtellte. Das erwachende Tages⸗ licht erleichterte dieſe Arbeit und bald war der Ort zur nachdrücklichſten Gegenwehr vollkommen gerüſtet. Als dieſe ſchwere Arbeit verrichtet war, hieß Muno⸗ roah ſeine Begleiter ſich lagern und ein frugales Mor⸗ genmahl von den mitgenommenen Vorräthen halten. Einige Krieger gingen an das Ende des Paſſes, um dort Wache zu ſtehen. Ihnen geſellte ſich Munorvah ei So verfloßen einige Stunden, ohne daß man von dem erwarteten Feinde etwas bemerkt hätte. Erſt gegen Mittag erblickte einer der Kaffern in der Höhe Männer, die dort ſuchend umherſtreiften. An ihrer Kleidung 171 und Bewaffnung waren ſie leicht zu erkennen; es waren keine Buſchmänner, ſondern Kaffern. Mit großer Beſorgniß erkannte Munorvah die fremden Krieger. Da jetzt die Vertheidigung des Paſſes völlig unnöthig war, ſo rief er ſogleich alle ſeine Begleiter herbei und ging den vom Gebirge herabkommenden entgegen. So⸗ bald ſich die verſchiedenen Abtheilungen erkannt hatten, erhoben ſie ein Freudengeſchrei und binnen wenigen Minuten ſah ſich Munoroah von dem Reſte der tapfern Schaar umringt, deren Anführer er früher geweſen. Doch dieſe Freude war nur von ſehr kurzer Dauer. Die Ankommenden ſahen niedergeſchlagen, ermattet aus; ſie ſtanden dem Fürſten, der in ihnen kaum ſeine alten Waffengefährten wieder erkannte, ſtumm, mit traurig geſenktem Haupte gegenüber und ſeine Fragen nach der Urſache ihrer Entfernung vom Heere, nach dem Befinden des Königs wurden nur durch ein düſteres Schweigen beantwortet.. Munorvah erſtaunte und befahl jetzt einem der älteſten Krieger, unverhohlen zu berichten, was ſich zu⸗ getragen hatte. Der Häuptling, den er hiezu auffor⸗ derte, war einer von jenen Männern, die ſich beſtändig in Kangos Nähe befunden hatten. Er begann: »Als du im Fort der Feinde verwundet wurdeſt, befahl Kangho, dich hieher zum großen Arzte zu brin⸗ gen, der allein im Stande wäre, dein Leben zu retten. 172 Sobald du das Heer verlaſſen hatteſt, ging mit dem König eine ſehr beklagenswerthe Veränderung vor. Er wurde finſter, zurückgezogen und zeigte ſich uns nur dann, wenn es zum Kampfe ging. Bei ſolchen Ge⸗ legenheiten war Kangho unter den Vorderſten und am gefährlichſten Platze; doch die Götter verſagten ihm, was er ſo ſehnlich zu wünſchen ſchien; er konnte den Tod auf dem Schlachtfelde nicht finden, obwohl die Kugeln der Engländer unzählige Tapfere an ſeiner Seite dahin rafften. Die Angriffe auf die Verſchanzun⸗ gen der Engländer wurden jetzt immer gefährlicher und wiederholten ſich Tag für Tag. Alle Gefangenen, die in unſere Hände fielen, ſtarben eines grauſamen Todes und dem Verwundeten auf dem Schlachtfeld wurde keine Schonung mehr zu Theil. Dadurch geriethen auch die Feinde in Wuth; ihre Vertheidigung wurde heſtiger, keinem der Unſrigen wurde Gnade geſchenkt, ſondern ijeder, der in ihre Hände fiel, ohne Barmherzigkeit nie⸗ dergeſtoßen. Eine fürchterliche Krankheit wüthet unter den Feinden; ſie verbreitete ſich auch bei uns und raffte faſt mehr Menſchen hinweg, als die ſchrecklichen Schlach⸗ ten und Gefechte, welche täglich geliefert wurden. Als die Krieger unſeres Heeres bemerkten, daß durch die unſäglichen Anſtrengungen nichts gewonnen wurde, ſon⸗ dern daß vielmehr nur das Heer ſich verminderte, daß Tauſende verloren gingen und daß auf dieſe Weiſe bald 0„ kein Mann mehr übrig ſein würde, der das Schickſal ſeiner Brüder den Zurückgebliebenen berichten könnte, gaben ſie Kangho's Feinden Gehör. Dieſe flüſterten den Kriegern Verleumdungen über den großen König ins Ohr und es gelang ihnen, das Herz des Volkes von ihm abwendig zu machen. Nur deine Schaar, o Munoroah, blieb ihm treu. Wir bewachten den König mit ſorgſamem Auge. Wir kannten ſeine Feinde und nur die Scheu vor uns hielt ſie ab, ihm das Leben zu rauben. Aber die nach Kangho's Blut dürſtenden Häuptlinge der andern Stämme raſteten nicht und bald gelang es ihnen, den Aufruhr gegen Kangho zu ent⸗ flammen. An einem Morgen, als Kangho das Heer dem Feinde entgegen führen wollte, verſagten ihm alle Stämme, uns ausgenommen, den Gehorſam. Der Kö⸗ nig gerieth in Zorn und forderte die Häuptlinge auf, ſeinen Willen zu thun. Allein dieſe traten höhnend in die Reihen ihrer Untergebenen zurück. Das düſtere unheilverkündende Gemurmel erhob ſich ſchnell zum wü⸗ thenden Geheul und ehe wir es hindern konnten„ ſank Kangho, der allein und unbeſchützt ihnen gegenüber ſtand und ſie, auf's Höchſte entrüſtet, mit erhobener Hand bedrohte, von unzähligen Kugeln und Pfeilen durchbohrt, zu Boden. Sobald dieſe ſchreckliche That geſchehen war, ertheilte ich den Meinigen den Befehl zum Angriff. Aber es war zu ſpät, dein edler Bruder 174 war zum Tode getroffen. Wüthend über Kanghos Tod, griffen die Meinigen an und es erhob ſich ein entſetzli⸗ ches Schlachten. Die Ueberzahl war jedoch zu groß; wir mußten weichen. Das Heer der Kaffern gehorcht jetzt wahrſcheinlich dem Korana, der deines Bruders bitterſter Feind und die Urſache ſeines Todes iſt. Wir aber flüchteten hierher, um zu dir zu gelangen. Wir wollen nur dir gehorchen, der du unſer angeſtammter Herrſcher und würdig biſt, Kanghos Nachfolger zu ſein.« Bei dieſen Worten ſtürzten Hunderte von Kriegern auf ihr Antlitz nieder, Munorvah eine Ehrſurcht erwei⸗ ſend, die nach ihren Sitten dem Könige erzeigt werden mußte. Aber der Häuptling verhüllte in unausſprechli⸗ chem Schmerze ſein Antlitz und ſah nichts von Allem, was um ihn her vorging. Eine tiefe Stille lag auf den umgebungen. Die Krieger ehrten den Schmerz des Fürſten, der auf das Innigſte einen Bruder betrauerte, welcher hochherzig, tapfer und edelmüthig, deſſen Auf⸗ gabe es war, ein ſo edles muthiges Volk zu regieren. Auch ſie hatten ihn geehrt und jeder hätte freudig ſein Leben für ihn hingegeben, wenn es möglich geweſen wäre, dadurch das Seinige zu retten. Endlich gelang es Munorvah, ſeine Faſſung wieder zu gewinnen. Er ſah mit Thränen im Auge auf das kleine Häuflein tapferer und treuer Männer, die bis zum Tode ihren Fürſten nicht verließen und ihm jetzt durch eine ſtille Ehrerbietung jenen hohen Rang übertrugen, den vor ihm Kangho mit ſo viel Recht und Würde ein⸗ genommen hatte. Ehedem war es eine Schaar von mehreren tauſend Männern; jetzt war ſie bis auf wenige Hunderte zuſammengeſchmolzen. Die Gebeine der übri⸗ gen lagen unbeerdigt. Sie ſchliefen lange ſchon und ihre Geiſter waren nach ihren Begriffen in glücklichere Gefilde hinüber gegangen, die ihnen durch die Habſucht und den Uebermuth mächtigerer Fremdlinge nicht mehr ſtreitig gemacht wurden. »Alſo durch die mörderiſchen Hände deines eigenen Volkes mußteſt du fallen, edler Bruder!« rief Munorvah voll Kummer und Wehmuth.»War keine feindliche Kugel geſchickt genug gerichtet, um dein Herz zu zerrei⸗ ßen und dieſe Schmach von unſerem Volke abzuwenden. Wie werden die Fremden jubeln, wenn ſie hören, Kangho iſt nicht mehr, er, deſſen Name ſchön hinreichte, um ſie zittern zu machen. Es gibt kein Glück und keine Ehre mehr, denn die Kaffern haben den Edelſten und Tapferſten ihrer Nation meuchleriſch erſchlagen.« So jammerte Munorvah und die tapfern Männer, von denen er umringt war, theilten ſeinen gerechten Schmerz. Endlich ſprach der Häuptling, der das Schick⸗ ſal des Königs berichtet hatte: »Meine Nachrichten ſind noch nicht zu Ende, mein Herrſcher. Du weißt, daß wir der Uebermacht weichen . 176 mußten. Aber es gelang uns, den Leichnam des Königs zu retten. Wir trugen ihn hinauf auf die höchſte Kuppe des Gebirgs. Dort liegt ein kleines Thal, das nur den Jägern und Hirten bekannt iſt. Sechszehn Gefangene mußten hier dem Könige das Grab bereiten. Ich und mein Bruder trugen ſeine irdiſchen Reſte und beſtatteten ſie, wie es den Gebeinen eines ſo großen Kriegers würdig iſt. Die Gefangenen, welche dieſes Geſchäft verrichteten, wurden nach der Sitte unſerer Väter auf dem Grabe geſchlachtet. Das Herz deines edlen Bru⸗ ders ruht nun in freier Erde; er wird drüben Diener finden, die ihm gehorchen und in den glücklichen Gefil⸗ den jene Leiden vergeſſen, die ihn hier ſo ſchwer be⸗ drückt haben.« Munorvah ſchauderte bei der Erzählung dieſer grau⸗ ſamen That, durch die das Grab des Helden in finſte⸗ rem Wahne befleckt wurde; aber er kannte den Aber⸗ glauben, in welchem dieſe Krieger noch befangen waren und erwiederte: »Mein Bruder, du haſt wohlgethan, die Leiche des Königs an einem Platze zu beſtatten, wo ſeine Gebeine ungeſtört und in Frieden ruhen werden. Doch jenes Orfer, welches du gebracht haſt, wäre beſſer unterblie⸗ ben. Die Geſtorbenen bedürfen keiner Diener mehr, es wird überhaupt im Lande der Vollendung jeder Unter⸗ ſchied des Ranges aufhören und der Knecht wird ſo groß ſein, als der Fürſt, wenn er am Throne Gvottes mit einem Gewiſſen erſcheint, das ihn von Laſtern und Fehltritten freiſpricht.« Der Häuptling neigte ſich würdevoll und Munoroah trat ſogleich mit der ganzen Kriegerſchaar den Rückweg nach dem Miſſionsorte an. Sobald ſie hierher gelangt waren und die Nachricht vom Tode des Königs ſich verbreitet hatte, erfüllte tiefe Trauer die Herzen aller Bewohner, denn Kangho war ein Vater aller ſeiner Un⸗ terthanen, des Mächtigen Schrecken, wenn er Uebermuth üben wollte, des Armen Schutz, wenn er bedrückt war, geweſen. Munorvah war in die Hütte ſeines Freundes Wilberforce zurückgekehrt und ſuchte Troſt in den Lehren einer Religion, die er um ſo inniger liebte und denen er um ſo treuer anhing, je mehr er ihre Erhabenheit einſehen lernte und ihre erhebenden Wirkungen an ſich ſelber erfuhr. Wilberforce erkannte ſtannend in den Schickſalen Munorvah's, die jetzt mit den ſeinigen ſo innig verknüpft waren, den Finger der göttlichen Pyrſehuns⸗ der ſein Werk ſchützend leitete. Die ärztliche Kunſt des Miſſivnärs erhielt Muno⸗ roah zweimal das Leben und jetzt war dieſer durch eine gleich wunderbare, als furchtbare, Anordnung der Vorſehung plötzlich das Oberhaupt aller Kaffernſtämme geworden. Che dieſe wichtige Veränderung vorging 12 178 war der Fürſt durch die Gnade Gottes und die Bemüh⸗ ungen unſeres Freundes Wilberforce zum Chriſtenthume bekehrt und er hatte die Segnungen desſelben und der Kultur durch eigene Erfahrung ſchätzen gelernt. Munorvah war noch jung und die Vorſehung hatte ihn mit ausgezeichneten Geiſtesgaben beſchenkt. Sein Herz war gut, ſein Wille feſt und ſeine Tapferkeit und Gerech⸗ tigkeitsliebe unter ſeinem Volke, das ihn in Liedern prieß, ſprüchwörtlich geworden. Dabei war der Fürſt voll hoher Verehrung für Wilberforce und ſtets bereit, deſſen Wünſche zu erfüllen, ſo weit es in ſeiner Macht ſtand. Welche Hoffnungen ließen ſich jetzt nicht faſſen?! Wil⸗ berforce bewunderte die Führungen der göttlichen Weis⸗ heit und betete demüthig, daß der Höchſte aus dieſer blutigen, aber ſegenverſprechenden Veränderung Nutzen für das Werk der Bekehrung dieſes heidniſchen Volkes gnädiglich entſpringen laſſen wolle. Die Krieger hatten die übrige Tageszeit dazu benützt, um ſich hier Hütten zu errichten, in denen ſie ruhen und ſich von den Mühſeligkeiten ihrer weiten Reiſe erholen konnten. Es waren mehrere Familienväter, die aus die⸗ ſer Gegend ſtammten und deren Angehörige während ihrer Abweſenheit ſich zum Chriſtenthume bekehrt hatten, zurückgekommen und hatten ſtaunend die Veränderungen erkannt, die hier vorgegangen waren. Andere Familien erfuhren jetzt erſt den Verluſt ihrer Beſchützer und Er⸗ 179 nährer. Es läßt ſich denken, daß durch einen ſolchen Vorfall eine große Aufregung in der Colonie entſtand. Wilberforce ließ aus dem Magazin Lebensmittel an die Angekommenen verabreichen und erhielt noch an demſel⸗ ben Tage von Gemeindegliedern die erfreuliche Nach⸗ richt, daß viele des Krieges müde Kaffern ſich hier häus⸗ lich niederlaſſen und ſeinen Unterricht genießen wollten. Munorvah überließ ſich ſeinem Schmerze nicht, ſon⸗ dern kämpfte ihn männlich nieder. Er erkannte, daß er durch ſeine Stellung dazu berufen war, die Nation wie⸗ der zu vereinigen und diejenigen, welche zum Aufruhr verführt worden waren, wohl von jenen zu unterſcheiden, welche den Aufruhr erregt und den Tod des Königs veranlaßt hatten. Zugleich entſtand bei ihm der Wunſch, dem nutzloſen Blutvergießen ein Ende zu machen. Er berieth ſich mit Wilberforce über dieſen Gegenſtand und am nächſten Morgen wurden Boten ſowohl an das Heer, als auch an den Oberbefehlshaber der Engländer abgefertigt. Munoroah forderte ſeir Jolk zur Unter⸗ werfung auf und verſprach Ver⸗hung und Vergeſſen alles Vorgefallenen denen, de gehorchen wollten und ſich von dem Vorwurfe* Aufreizung zu reinigen ver⸗ möchten. Die Mörder ves Königs wollte er zwar kennen, aber ſie nur durch serbannung aus den Grenzen des Vaterlandes beſtrot wiſſen. Ihnen ſollten jene folgen, die ſich ihm nice unterwerfen. 180 Dem Anführer der Engländer bot er Abtretung der Meeresküſte, die bereits in den Händen der Engländer war, und des Stromes an. Dagegen forderte er, daß dieſe Eroberung nie mehr erweitert werden ſollte und daß das übrige Gebiet der Kaffern geſchützt und geachtet würde. Zugleich bot er einen friedlichen Tauſchhandel an, bat um Lehrer und verſprach, ſein Volk zu ſittigen und nach und nach zum Chriſtenthume zu bekehren. Die auf dieſe Anordnungen des jungen Königs ge⸗ bauten Hoffnungen gingen wirklich in Erfüllung. Nach vierzehn Tagen erſchlenen engliſche Offiziere in Bethle⸗ hem, welche vom Oberanführer des Heeres an Muno⸗ roah abgeſendet worden waren, um die Beſtimmungen feſtzuſetzen, auf welche hin der Friede zwiſchen der Cap⸗ regierung und den Kaffern abgeſchloſſen werden ſollte. Dieſe Herren wurden von den Einwohnern auf das Gaſtlichſte aufgenommen und während ihres mehrtägigen Aufenthalts bewirthet. Sie erſtaunten nicht wenig über die Fortſchritte, weche die Kaffern binnen ſo kurzer Zeit in Kultur und Geſittung gemacht hatten und erſtatteten an die Regierung bei ihre. Rückkehr ſo vortheilhafte Berichte, daß man am Cap peſchloß, die Nation künftig in ihrem Eigenthume ncht nur ungekränkt zu laſſen, ſondern ihr Beſtreben uch Geſittung und Kultur mit allen zu Gebote ſtehenden mitteln zu unter⸗ ſtützen und ſie durch Wohlthaten und aufehtige Beweiſe . 181 von Freundſchaft aus erbitterten Feinden in nützliche Nachbarn und Freunde zu verwandeln. Man behielt die eroberten Länder nur bis auf das Stromgebiet und einige Anlandungsplätze auf der Küſte, wo die Handels⸗ ſchiffe anlegen und Kaufleute Märkte zum Handel mit den Eingeborenen errichten ſollten. Alle Rache ſollte begraben und vergeſſen und Kaffern die Bundesgenoſſen der Engländer ſein. Wilberforce wurde nicht vergeſſen. Seine Verdienſte wurden in einem beſondern Berichte an die engliſche Regierung hervorgehoben und für ihn paſſende Mitarbeiter gefordert. Der Miſſivnär war viel zu beſcheiden, als daß er auf das ihm ſo reichlich ge⸗ ſpendete und auch wirklich ſo wohlverdiente Lob großen Werth gelegt hätte. Doch war ihm der beigefügte Wunſch, Hilfsarbeiter aus England für ihn zu ſenden, ſehr aus der Seele geſprochen, denn er fühlte, daß ſeine Anſtrengungen nicht mehr genügen konnten, um die Be⸗ dürfniſſe einer ſo großen und aus Menſchen von ſo ver⸗ ſchiedenen Bildungsgraden anengeſeiteß Gemeinde zu befriedigen. Die Abgeſandten, welche in Munurvaho Namen das Kaffernheer zur Unterwerfung auffordern mußten, trafen auf ihrem Wege in die Gebirge verſchiedene Deeresabtheilungen, die im Begriffe waren, ſich in ihre Heimath zu begeben. Von dieſen erhielten ſie die über⸗ raſchende Nachricht, daß das ganze Heer ſich nach ver⸗ 182 ſchiedenen blutigen Ereigniſſen aufgelöſt habe. Wir wollen unſere Leſer kürzlich mit dem weiteren Verlauf dieſer Angelegenheit bekannt machen. Der Kampf, welcher unmittelbar nach Kanghos Tode, zwiſchen Munorvahs Beetjouanen⸗Kriegerſchaar und den Mördern des Königs ſtattfand, endigte ſich mit einer Niederlage der erſteren, die vor der Ueberzahl der Aufrührer weichen mußten und ſich nach Bethlehem zu⸗ rückzogen, um Munorvah dort zu treffen und ſich unter ſeinen Befehl zu ſtellen. Die Aufrührer blieben völlig rathlos und unentſchloſſen auf dem Wahlplatze zurück. Sobald die erſte Hitze des Kampfes verraucht war, und die ruhige Ueberlegung an die Stelle der entflammten 3 Leidenſchaften trat, ergriff die meiſten Krieger eine ſchmerzliche Reue über die verruchte That, welche ſie verübt hatten. Kangho war immer von ihnen als das edelſte Vorbild der Tapferkeit und des hochherzigen Sinnes geachtet worden, und nur die Stimme der Ver⸗ führung hatte ihm das Vertrauen und die Liebe ſeines Volkes geraubt. Nach ſeinem blutigen Ende kam die Reue. Alle ſeine Vorzüge, ſeine Weisheit und Tapfer⸗ keit, ſein Edelmuth und ſeine Milde, erſchienen plötzlich den Verblendeten in einem helleren Lichte. Wie ein ſchöner Stern hatte ihnen der edle Fürſt vorangeleuchtet und nun, da ſie ihn im ſchrecklichen Wahne, in der blutgierigſten Verirrung gemordet hatten— ihn, der in ſo fürchterlichen Kämpfen ihr Anführer geweſen war und deſſen Leben im heiligen Schutze der Götter geſtanden hatte— nun fühlten ſie ſich verlaſſen, rathlos und Verzweiflung ergriff die Herzen dieſes muthigen Volkes. Mit ſcheuen Blicken ſtanden ſie einander gegenüber und mit jedem Augenblicke glaubten ſie die Strafe der Gott⸗ heit für ihre blutige That über ſich hereinbrechen zu ſehen. Die Feinde Kanghos hatten aber mit dem Tode des Königs ihr Werk nur begonnen und jetzt traten ihre nichtswürdigen Beweggründe ans Tageslicht. Neid, Herrſchſucht und Feigheit hatten ſie veranlaßt, ihrem edlen Anführer die Liebe ſeines Volkes und das Leben zu rauben. Sobald er beſeitigt war, glaubten ſie ihre ehrgeizigen Abſichten leicht erreichen zu können und nun traten mehrere Bewerber um die erledigte Krone auf. Es war natürlich, daß dieſe Elenden ihre Sache durch⸗ zuſetzen ſuchten. Jeder hatte ſeine Anhänger. Voll Angſt und Erbitterung, ohne Oberhaupt, ſtanden ſich ſchon am nächſten Tage die Partheien ſchlag⸗ fertig gegenüber, um ſich voll wilder Rachgier gegenſei⸗ tig zu morden. Fürchterliche Kämpfe folgten jetzt und in unnatürlicher Blutgier mordete ſich dieſes unglückliche Volk ſelbſt im Angeſichte des Feindes, der mit unausſprech⸗ lichem Erſtaunen die Nachrichten von dieſen blutigen Vor⸗ fällen aufnahm. Durch eine gerechte Fügung der göttlichen Vorſehung fielen ſämmtliche Anſtifter des Aufruhrs in 184 dieſem Bürgerkriege. Die Ueberlebenden waren nun bis auf Wenige entſchloſſen, einen Anführer und König aus Kanghos Stamme zu wählen und Munorvah wurde zum Fürſten ausgerufen, als derjenige, der mit dem beſten Rechte die Würde des Gemordeten tragen könnte. Das Heer war jedoch jetzt zu ſehr geſchwächt, als daß es gegen die Engländer mit Hoffnung auf Erfolg etwas hätte unternehmen können. Mehrere der angeſehenſten Krieger begaben ſich deshalb in das engliſche Lager, machten den Oberanführer der Britten mit den Ereig— niſſen bekannt und baten um Einſtellung der Feindſelig⸗ keiten. Die Britten waren durch die unaufhörlichen An⸗ griffe der Kaffern und durch eine peſtartige Krankheit, welche in ihren Reihen wüthete, geſchwächt und durch das gänzlich erfolgloſe Blutvergießen, durch Strapatzen und Entbehrungen aller Art mitten in einem ſo unge⸗ ſunden und gefährlichen feindlichen Lande ermattet und des Krieges völlig müde. Mit Freuden murde dieſer Vorſchlag eines Waffenſtillſtandes aufgenommen und genehmigt. Bald hernach traf Munorvahs Bote ein und nun wurden die günſtigen Umſtände benützt, um einen vortheilhaften Frieden abzuſchließen. So endigte ein fünfjähriger an ſchrecklichen Vor⸗ fällen reicher Krieg. Der Menſchenfreund wendet ſein Auge von dieſen blutigen Ereigniſſen mit Wehmuth ab, 185 und blickt gerne auf Gegenſtände, die dem gefühlvollen Herzen ein erfreulicheres Gemälde darbieten. In der vollſten Kraft des Lebens, erfüllt von den edelſten Vorſätzen und den ſchönſten Hoffnungen, über⸗ nahm Munorvah die Zügel der Regierung, um ſein tapferes, aber gedemüthigtes Volk dem Leben der Ge⸗ ſittung allmählig entgegen zu führen, ihm durch euro⸗ päiſche Lehrer den Ackerbau und die Künſte der gebil⸗ deteren Menſchen lehren zu laſſen. Die Kaffern ſollten unter ſelbſt gegebenen Geſetzen und unter ſeiner Regier⸗ ung leben und durch ihn ein Glück genießen, das ſie noch nicht kannten und deshalb, wenn ſie es einſt erlangt hätten, nur um ſo höher zu ſchätzen wüßten. Ein Mann ſtand ihm zur Seite, der eine Probe abgelegt hatte, wie das zu Stande zu bringen wäre, wenn der große Gedanke mit Ernſt und Beharrlichkeit ausgeführt würde. Munorvah wußte den Werth des Miſſionärs zu ſchätzen und verſprach ihm ſeine Mitwirkung und ſeinen eifrig⸗ ſten Beiſtand. Nach dem Friedensſchluſſe verſammelte er ſein Volk im Herzen des Landes an dem Strome, woſelbſt Bethlehem lag. Er ſchilderte den Kaffern mit ergreifender Beredſamkeit die Vortheile der Cultur und die Vorzüge des Chriſtenthums vor der furchtbaren Abgöt⸗ terei, welcher ſie bisher gehuldigt hatten. Zwei Dritt⸗ theile erklärten ſich bereit, ſich belehren zu laſſen und das Chriſtenthum anzunehmen. Rur ein Dritttheil, etwa tau⸗ 186 ſend Familienväter, wünſchten beim Jäger⸗ und Hirten⸗ leben zu beharren und zu dieſem Ende theils in den Gebirgen, theils am entgegengeſetzten Ufer des Stromes, wo das Wild noch reichlicher war, Jagdgründe ange⸗ wieſen zu erhalten. Doch erklärte auch dieſe Minderzahl, daß ſie bereit ſeien, Lehrer unter ſich aufzunehmen und daß ſie für deren Unterhalt ſorgen wollten. Wilberforce, der allem Zwang, oder jeder Maßregel, die darauf hin⸗ auslief, völlig abhold war, rieth dem Fürſten, die Män⸗ ner gewähren zu laſſen. Mit hoher Begeiſterung prieß er die göttliche Gnade, die ihn ſo hohe Hoffnungen auf die Ausbreitung des Evangeliums faſſen ließ. Sogleich in den nächſten Tagen wurden aus dem Vorrathe der Gemeinde Aexte, Schaufeln und vielerlei anderes Acker⸗ geräthe und Werkzeug an die in der Nähe gelagerte Menge vertheilt. In der Entfernung von mehreren Stunden wurde der Boden unterſucht und die beſten Ländereien an beſtimmte Abtheilungen der Volsmenge angewieſen. Jetzt begann das Werk der Ausrottung der Wildniß. Die Bewohner von Bethlehem dienten ihren Stammgenoſſen als Lehrer und binnen wenigen Wochen war Platz für zehn Ortſchaften, welche hier neuangelegt werden und wo dieſe Menſchenmaſſen wohnen ſollten. Das reichgefüllte Magazin ſpendete Nahrungsmittel, Mehl, Korn und andere Mundvorräthe. Die Frauen fiſchten im Strome und die Jagdkaffern brachten ihre ——— 187 Beute über den Fluß. Es war ein erhabener Anblick, die Gründung einer ſo ungeheueren Niederlaſſung zu ſehen. Wilberforce führte die Oberaufſicht. Mit wun⸗ derbarem Eifer war er überall gegenwärtig, mit Rath und That zur Hand, helfend, wo er konnte und die un⸗ endlich manichfaltigen Geſchäfte, die ihm aus dieſer gro⸗ ßen Umwandlung erwuchſen, allein und mit faſt über⸗ menſchlicher Anſtrengung beſorgend. Die Einwohner von Bethlehem unterſtützten ihn mit dem größten Willen und Muth und es kamen Fälle vor, daß Hausväter viele Wochen lang nicht mehr zu ihren Familien zurückkehrten. Auf allen ausgerodeten Plätzen wurden zuerſt leichte Hütten errichtet und dann unter der Anleitung der auf alle Niederlaſſungen vertheilten Einwohner von Bethle⸗ hem, der mit ſchnellwachſenden Feldfrüchten beſäete Bo⸗ den zum Wintervorrath angebauet. Schon nach weni⸗ gen Wochen grünten zwiſchen den Stümpfen der umge⸗ hauenen Bäume Korn⸗Weizen⸗ und Kartoffelfelder mit der ſegenvollſten Ueppigkeit auf dem fruchtbaren Boden und immer mehr wurde urbar gemacht, gepflanzt, beſäet“ Als man endlich ſo viel Land bearbeitet hatte, um den Vorrath für das erſte Jahr bauen zu können, wurde der Strom überall eingedämmt und nun ſchritt man zur Anlegung feſter und bequemer Wohnungen. Dieſe ent⸗ ſtanden mit großer Schnelligkeit, da überall Steine, Kalk und Bauholz im größeſten Ueberfluß gefunden wurde. 55 3 188„ Munoroah leitete alle Kräfte ſeines Volkes, regte an, wo hie und da die Luſt oder der Muth erlahmen wollte, ſchlichtete Streitigkeiten, ſorgte und ermahnte und unterſtützte, wo es geſchehen mußte und war in allem die kräftigſte Stütze des Miſſionärs. Auf ſolche Weiſe gelang, was ſelbſt die kühnſte Hoffnung kaum für mög⸗ lich geachtet hatte und das Werk ſchien ſich durch höh⸗ eren Segen ſeiner Vollendung ſchnell zu nahen, als der unbegreifliche Rathſchluß Gottes plötzlich die edelſte Triebfeder all' dieſer ſchönen und hoffnungsvollen Thä⸗ tigkeit hinwegnahm. Es war ein ſchöner Sommermorgen. Wilberforce hatte ſich beim Erwachen etwas matt gefühlt; da er aber nicht gewohnt war, auf ein unbedeutendes Uebelbefinden zu achten, ſo nahm er ein Bad im Strome, verſah ſich mit einigen Arzneimitteln und chirurgiſchem Geräthe, ohne das er nie auszugehen pflegte und beſtieg ſein Pferd, um einige der entfernteſten Niederlaſſungen zu beſuchen. Für Munorvah hatte er einige Worte nieder⸗ geſchrieben, um dieſen zu benachrichtigen, wohin er ſich begeben und wann er zurücktehren würde. Auf ſeinem Wege berührte er die meiſten Colonieen, wurde überall mit großer Liebe empfangen, verordnete den Kranken Medizin und ſetzte ſodann ſo ſchnell als möglich, ſeinen Weg fort. Glücklich erreichte er, begleitet von einem Einwohner der ſo eben verlaſſenen Ortſchaft, die am ————————— ———. — 189 eutfernteſten gelegene Niederlaſſung. Hier erfriſchte er ſich durch einen Trunk Waſſer, beſuchte ſodann die Ar⸗ beiter auf den Feldern und in den Forſten und war trotz der drückenden Sonnenhitze und ſeines ſteigenden Unwohlſeins mit ganzer Kraft thätig. Erſt gegen Abend dachte er daran, nach dem Dorfe zurückzukehren und hier ſich durch etwas Speiſe zu ſtärken. Kaum hatte er ſich jedoch in der Hütte niedergelaſſen, als ihn ein heftiges Fieber ergriff, deſſen Symtome ſich ſo gefährlich und bedenklich zeigten, daß er ſelbſt davor erſchrack. Die mitgenommenen Arzneimittel wendete er vergeblich an, um die wachſende Heftigkeit der Krankheit zu mildern und endlich mußte er ſich entſchließen, ſo ſchnell als mög⸗ lich nach Bethlehem zurückzuehkren. Die Bewohner der Niederlaſſung erſchracken über ſein Ausſehen. Sechs der kräftigſten Männer begleiteten ihn nach Beth⸗ lehem. Wilberforce tröſtete die Jammernden und ſuchte ſie zu beruhigen, obwohl er ſeine Kraft mit großer Schnelligkeit ſchwinden fühlte. Mit übermäßiger An⸗ ſtrengung ſuchte er die ſich immer ſchneller und fürchterlicher wiederholenden Anfälle niederzukämpfen, obwohl er oft vor Schmerzen faſt bewußtlos wurde und nach Verlauf von zwei Stunden kaum mehr im Stande war, ſich auf dem Pferde zu erhalten. Der wirre Gedanke, daß er Bethlehem zu erreichen ſuchen müſſe, wenn er nicht hilf⸗ los in der Wildniß verſchmachten wolle, richtete ihn 190 immer wieder auf und machte ihn taub gegen den Rath ſeiner ängſtlichen Begleiter, in einer der Niederlaſſungen zu bleiben. So verließ er denn auch die letzte, um den noch etwa zwei Stunden betragenden Weg nach der Heimath zurückzulegen, welcher durch eine düſtere Wal⸗ dung führte. Die Nacht brach ein und dichte Finſterniß lagerte ſich über den majeſtätiſchen Forſt. Jetzt wurde Wilberforce von dem Fieber mit ſolcher Heſftigkeit er⸗ griffen und litt ſo fürchterlich, daß er ohnmächtig vom Pferde ſank. Seine Begleiter hatten kaum den Unglück⸗ lichen zu rechter Zeit noch erfaſſen können; ihr Jammer war grenzenlos. Schnell bereiteten ſie eine Tragbahre, legten den in den wildeſten Fantaſien raſenden Kranken auf dieſelbe und erreichten nach unſäglicher Angſt und Mühe gegen Mitternacht mit ihm das Dorf. Ein unbeſchreiblicher Schrecken, eine faſt an Ver⸗ zweiflung grenzende Bewegung brachte die ganze Bevöl⸗ kerung desſelben in Aufruhr, denn mit Blitzesſchnelle verbreitete ſich die Nachricht von dem äußerſt bedenklichen Zuſtande des Miſſionärs in allen Hütten. Die Einwoh⸗ ner verſammelten ſich vor Munorvahs Wohnung, wohin Wilberforce gebracht worden war. Ein rührender An⸗ blick bot ſich jetzt dar. Der Einzige, der Rath und Hilfe gegen eine ſo ſchreckliche Krankheit wußte, bedurfte ihrer ſelbſt, war ohne Bewußtſein und die armen Menſchen, welche ſeinen mitleiderregenden Zuſtand ſahen, vermochten — —— 191 nichts zu thun, um ihm zu helfen. Wilberforce hatte zwar einem jungen Menſchen die nothwendigſten Kunſt⸗ griffe gelehrt und ihn in der Zuſammenſetzung der Arznei⸗ mittel unterrichtet; aber er hatte ihm auch auf's Strengſte unterſagt, in außergewöhnlichen Fällen ohne ſeine An⸗ ordnung zu handeln und ihm begreiflich gemacht, welche Verantwortung er auf ſich laden würde, wenn er dieſem ſtrengen Befehle auch nur im Mindeſten zuwider han⸗ delte. So war alſo er, der allen geholfen hatte, allein ohne menſchliche Hilfe und nur bei Gott war Rettung, nur von Ihm Beiſtand zu hoffen. Das ganze Volk lag auf den Knieen, um die Barmherzigkeit des Höchſten anzuflehen. Vier Tage nach der Rückkehr des erkrankten Miſſiv⸗ närs erblicken wir eine Scene der Trauer und des innig⸗ ſten Schmerzes, der ein ganzes Volk ergriffen hatte. Die Hütten von Bethlehem waren verlaſſen; alle Be⸗ wohner waren im freien Felde verſammelt, wo ſie in einem weiten Kreiſe ſchweigend und mit kummervoller Haltung umher ſtanden. Hoch über dieſer wohl viele Tauſend Menſchen ſtarken Volksmaſſe erhob ſich der hier ſteil anſteigende Hügel mit dem Kirchlein, von deſſen Thürm⸗ chen eine ſchwarze Fahne wehte und ununterbrochen des Glöckleins heller Ton erſchallte. Am Fuße des Hügels mitten im Kreiſe der im düſterem feierlichem Schweigen umherttehenden Menſchenmaſſen, die obwohl an Alter, Rang und Geſchlecht verſchieden, alle dasſelbe Gefühl, theilten, ſtand eine Gruppe von ausgezeichneten Kriegern in einem kleineren Kreiſe umher. Aller Augen waren auf dem Mittelpunkt des Kreiſes geheſtet, wo ſich die Gegenſtände eines ſo tiefen Schmerzes befanden. Zehn Mädchen, welche in dichte Gewänder gehillt waren, beſchäftigten ſich unter Thränen und Seufzern damit, die Leiche eines weißen Mannes mit Gewinden aus den herrlichſten Blumen zu ſchmücken. Ach! es war Wilberforce, der ſein Leben ſo früh hatte enden müſſen. Man hatte ihm ſeine beſten Kleider angethan und ihn auf eine Art Tragbahre gelegt, welche zu gleicher Zeit ſeinen Sarg bildete und das verwaiſete Volk, dem ihn Gott zu früh entriſſen hatte, ſtand nun in voller Anzahl umher, ihm die letzte Ehre zu erweiſen und auf ſein Grab die Opfer eines Dankes niederzule⸗ gen, den der Verewigte durch Wohlthaten aller Art und durch ſeine ſegensvolle Thätigkeit ſo ſehr verdient hatte. Zu den Füßen des Verſtorbenen ſaß der troſtloſe Munorvah. Sein Haupt war den Strahlen der Sonne ausgeſetzt und der Ausdruck des herzzerreißendſten Schmer⸗ zes war auf ſeiner edlen Stirne zu leſen. Er bemühte ſich vergeblich, die Ausbrüche eines Jammers zu unter⸗ drücken, an dem all' ſeine Männlichkeit und Charakter⸗. ſtärke geſcheitert war.* An einem Baume in der Nähe waren mehrere reich⸗ geſchirrte Pferde angebunden und etwas im Hintergrunde. 195 ſtanden berittene Diener. Unmittelbar am Grabe faß auf einem leichten Feldſtuhle ein Offizier von ſehr hohem Rang in engliſcher Uniform, der als Ueberbringer des definitiv abgeſchloſſenen Friedens gekommen war. Auch für Wilberforce hatte er ſehr erfreuliche Botſchaften gebracht. In ſeiner Begleitung befand ſich ein Militär⸗ arzt; doch dieſer war zu ſpät gekommen; er konnte nur das Ende des Miſſionärs beobachten. Kein Ton ließ ſich hören, außer hier und dort ein unterdrücktes Schluchzen. Es war, als ob jeder Theil⸗ nehmer an dieſer rührenden Scene durch den Schmerz der Fähigkeit, ſeine Gefühle durch Worte auszuſprechen, beraubt wäre. Nur die hellen Klänge des Glöckleins tönten fortwährend herab in das Thal. Jetzt hatten die Mädchen ihr trauriges Geſchäft beendigt und nun traten ſie zurück ließen ſich ſchluch⸗ zend und mit verhülltem Haupte auf die Erde nieder und Munorvah erhob ſich geräuſchlos. Man vernahm einen lieblichen Ton, wie von einer fernen Muſik, aber ſo leiſe, daß er kaum vernehmlich war. Endlich bemerkte man an den zitternden Lippen des Fürſten, daß er es ſei, der dem innig geliebten verſtorbenen Freunde das letzte»Schlafe wohl!« die letzten Worte des Dankes in das ſfrühe Grab auf fremder Erde nachrufen wollte. Endlich wurden die leiſen Worte vernehmlicher und man hörte Folgendes: »Mein Vater, o mein Vater! warum haſt du deine Kinder ſo frühe verlaſſen? Du warſt gut, weiſe; du warſt unſer Wohlthäter. Wer wird jetzt die Kaffern lehren den Weg gehen, der in die ſeligen Gefilde führt, damit ſie dir nachfolgen können? Du warſt unſer Freund. Auf die Rede deines Mundes hörte das Ohr eines armen, trauernden, unglücklichen Volkes, zu dem du aus weiter Ferne über die großen Gewäſſer kameſt, um es glücklich und fromm zu machen. Wir hören deine milden Worte nicht mehr, die uns lieblich tönten, wie das Säuſeln des Frühlingswindes, wenn die Blüthenbüſche in ſeinem Athem rauſchen. Wir ſind verwaiſet und werden herum⸗ irren, wie das junge Reh, das die Mutter verloren hat. Höret dein Geiſt die Worte der Menſchen, dann ver⸗ nimm unſern Dank für deine Wohlthaten und ſei gewiß, daß wir dich nie vergeſſen werden. Mein Vater! o mein Vater! warum haſt du uns verlaſſen 26 Eine tiefe Stille lag auf den hier verſammelten Menſchenmaſſen. Alle Blicke hatten ſich geſenkt aus Achtung vor dem Schmerze des Königs, der ſich in ſo rührenden Worten ausſprach. Sie horchten noch lange, nachdem Munorvah geendet hatte. Aber der Fürſt fetzte ſich am Grabe nieder, verbarg das Antlitz in den Händen und Thränen des troſtloſeſten Schmerzes rannen über ſeine Hände nieder, die aus dem Grabe geworfene Erde benetzend. —— 195 Jetzt traten vier der edelſten Krieger aus dem Stamme der Beetjouanenkaffern leiſe herbei. Sie ergrif⸗ fen lange Tücher und ließen den Leichnam des Miſſio⸗ närs hinab in ſeine letzte Ruheſtätte. Ein tiefer, ſchmerz⸗ licher Seufzer und lautes allgemeines Schluchzen waren die einzigen Stellvertreter einer wohlgeordneten Rede, die keiner von dieſen trauernden Menſchen zu halten vermochte. Aber der Schmerz und die Thränen eines ganzen Volkes ſprachen lauter und beſſer, als alle Worte es zu thun vermocht hätten, den Dank und die Verehr⸗ ung aus, die der Verſtorbene ſo wohl verdient hatte, deren er ſo würdig geweſen war. * * Das durch Wilberforce begonnene Werk ſollte nicht untergehen. Es folgten bald neue Arbeiter im Weinberge Gottes nach. Sie wurden mit Begierde von den Kaf⸗ fern aufgenommen und fanden ein wohlbereitetes Feld für ihre Thätigkeit. Aber keiner vermochte ſich die Liebe und das Zutrauen dieſes Volkes in ſo hohem Grade zu erwerben, als Wilberforce. Noch heute lebt ſein Name im Munde der Kaffern, obwohl bald achtzig Jahre ver⸗ floſſen ſind, ſeitdem er das Land der Kaffern betrat. Ueber ſeinem Grabe erhebt ſich ein Stein, auf dem ein eiſernes Kreuz befindlich iſt. In der Sprache der Kaf⸗ 196 fern und in engliſcher Mundart lieſ't man daran die Ueberſchriſt: Hier ruht Johannes Wilberforce, der die erſte chriſtliche Gemeinde unter den Kaffern gründete. Friede ſeiner Aſche! Munorvah überlebte ſeinen edlen Freund nicht lange. Es brachen Zwiſtigkeiten zwiſchen den Engländern und den Eingebornen aus und in dieſem Kriege wurde auch er gezwungen, ſein Gebiet zu vertheidigen. Der Krieg währte bis ins neunzehnte Jahrhundert. Die chriſtlichen Niederlaſſungen hatten mit großen Prüfungen und man⸗ chem Mißgeſchick zu kämpfen. Sie wurden einige Mal zerſtört und auf das Grauſamſte verheert. Doch der Herr beſchützte die jungen Gemeinden und ließ ihren völligen Untergang nicht zu. Munorvah erlebte dieſe ſchreckliche Periode nicht mehr. Er ſtarb an einem Fie⸗ ber, dem zuerſt nur die Europäer unterworfen waren, das aber ſpäterhin auch die Eingebornen ergriff und nur um ſo fürchterlicher unter ihnen wüthete. Seine Gebeine ruhen neben Wilberforce und, wie die Freunde friedlich Seite an Seite bis zum Tage der Auferſtehung ſchlummern, ſo nennt das dankbare Andenken des Vol⸗ kes vereinigt die Namen des tapfern Munoroah und des frommen Miſſionärs. Ende.