—— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und geſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 23 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 5 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Wertes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —— 3 B „ Lals ah, und wirk mir keinen mehr. Eine Erzählung für die Jugend von Philipp Körber. —— 3 mit rei colorirten Bildrrn in Condruc 3 Nürnberg.„ Verlag von J. L. Lotzbeck. 8 — 2 — 2 — 8 — 2 6 2 5 — 5 6 Wen der Herr lieb hat, den züchtigt er! Lange Jahre der Kriegsnoth, der Theuerung und des Elends waren über das ſchöne baheriſche Land hin⸗ gegangen; es hatte ſich zwar vergrößert an Umfang und Volkszahl, aber überall bluteten noch die Wunden, welche die Schlachten geſchlagen, rauchten noch die Trümmer der im Kampf verbrannten Dörfer, trauerten noch die Familien der Gebliebenen. Ein gütiger König war vom Himmkl dieſem armen Lande beſchieden worden, ein Menſchenfreund, berufen, die Wunden zu verbin⸗ den, die Jammernden zu tröſten, der verlaſſenen Armuth ein Engel zu ſein. In dieſe Zeit des erſten Aufathmens nach langer Noth und Angſt, in dieſe Tage des wieder⸗ auflebenden Muthes und bleiche Wangen röthender Hoff⸗ nung fällt die Geſchichte, welche ich Euch, ihr lieben Kinderlein, erzählen will. Vom ragenden Kranze der Alpen gegen Morgen, Mittag und Abend umgeben, deren ſchneeglänzende Häup⸗ ter wie zackige Mauern aus der Ferne herunterſchauen auf die weike kieſige Ebene, breitet ſich das ſchöne Mün⸗ chen längs dem Ufer der grünlich rollenden Iſar aus. Aber während am linken Geſtade prichtige Paläſte, er⸗ 1 — habene Tempel und die reiche Reſidenz ins Auge fal⸗ len, zeigt das rechte nur die beſcheidenen Gebäude der großen Vorſtadt Au. Hier wohnen die weniger be⸗ mittelten Leute; ja in den entfernteſt gelegenen, unmit⸗ telbar an das Freie grenzenden Häuschen birgt ſich die beſcheidene Armuth, welche von den Broſämlein lebet, die von den Tiſchen der Reichen fallen. Es zeigt ſich da unter andern ein ganz kleines Hüttlein, das mitten in einem geräumigen Grasängerlein einſam liegt. Dieſes Grasplätzchen diente zum Wäſchbleichen; ſo waren auch hohe Stangen, an denen man die Stumpfe der Aeſte ge⸗ laſſen hatte, daſelbſt in die Erde eingerammt und über dieſe natürlichen Henken hatte man lange ſauber ge⸗ ſchälte Stangen gelegt, um daſelbſt die Wäſche dem Zuge der Luft noch beſſer ausſetzen zu können. Die Thüre und die beiden Fenſter des Häusleins waren nach dieſem Grasplatze gekehrt, mit der Rückwand ſtieß das Häuschen hart an eine große und hohe Gartenmauer, die ſich lang hinzog und hinter belaubten Bäumen ver⸗ lor, unter denen man die Dächer mehrerer ähnlicher Hütt⸗ chen ſehen konnte. Links und rechts führten ſchmale Fuß⸗ pfade zwiſchen Hecken ins Freie und wenn wir uns noch einen alten Hollunderbaum neben dem Hüttchen und einen halb entblätterten Rottwienerapfelbaum hinzudenken, der die Thüre der Hütte beſchattete, und die daſelbſt ange⸗ rachte Bretterbank, ſo iſt das Bildlein fertig. . Im Innern des Häuschens ſah es recht ärmlich aus; aber trotzdem war dieſe Armuth ſchmuck zu ſchauen. Das kleine Stübchen, zu welchem die verſchloſſene Thüre rechts im Hausgange führte, konnte man zwar nicht ſchen; aber die Thüre links ſtand offen und wir erblicken vaſelbſt eine kräftig ausſehende Frau, die an einem großen Zuber mit Waſchen beſchäftigt iſt. Gerade der Haus⸗ thüre gegenüber war die Küche; da brodelten in einem tüchtig geheizten Keſſel die Leinenhemden— und die Frau ſpringt von Zeit zu Zeit eiligſt aus dem Stübchen, um unter dem Keſſel Holz nachzulegen, die darin kochende Wäſche mit dem großen hölzernen Löffel umzurühren, einen Blick ins Freie zu werfen und dann ſchnell wieder an ihre Arbeit zu eilen. Sie war hart, dieſe Arbeit, venn der Schweiß troff von der Stirne der Frau und an ihrer Anſtrengung ſah man, daß ſie alle Kraft auf⸗ wendete, um mit ihrem Geſchäft vorwärts zu kommen und alles doch recht gewifſenhaft rein zu machen. So hätten ihr unſere lieben kleinen Freunde viele Stunden lang zuſehen können, wie ſie einen Zuber Wäſche nach dem andern aus dem Keſſel holte und die bereits gekochte Wäſche vollſtändig mit fleißigen Händen rein wuſch, dann in einem großen hölzernen Gefäß tüchtig durch⸗ weichte, ausſchwenkte und endlich kräftig ausrang. Eben war ſie über dem letzten Hemde, als plötzlich ein Kind baut zu weinen begann. Bei dieſem Jammerton„der 1 vom Freien aus in die Hütte drang, erſchrak die Frau, ließ das Hemd in die Wanne fallen und eilte aus der Hütte mit mütterlicher Beſorgniß. Aber das Weinen hatte bereits aufgehört; man vernahm nur unterdrücktes Wimmern. Dem Tone nacheilend flog die gute Frau über den Platz hin, der Ecke links zu, und ſtand da vor einer Gruppe von Kindern, die wir unſern Leſern be⸗ ſchreiben wollen. Ein blondhaariger Knabe ſaß am Fuße eines Haſel⸗ nußbaumes, der aus der Hecke emporgeſchoſſen war, und hielt auf ſeinen Knieen ein kaum zweijähriges Mädchen, welches ſo bitterlich weinte. Zwei weißhaarige Buben, etwa ſechs und fünf Jahre alt, ſtanden daneben und guckten verdutzt bald auf das weinende Kind, bald auf die Mutter, welche mit erhitztem Geſicht und zorniger Miene über die zwiſchen ihr und den Kindern liegende Hecke herüber ſah. Ein kleines Mädchen von vier Jahren aber duckte ſich pfiffig hinter einen Strauch, und kaute eifrig an dem Reſte einer Brätzel, welchen ſie ſo⸗ eben dem kleinen Schreihals entriſſen hatte. Der größere Knabe, welcher das weinende Kind auf den Knien hielt, war ſo eifrig beſchäftigt, die Kleine zu ſtillen und durch Darreichung einer andern Brodkrume zu beſchwichtigen, daß er die Mutter gar nicht bemerkte. Aber die Kleine hatte ihren Verluſt noch nicht verſchmerzt und war eigen⸗ ſinnig genug, alles, was ihr der Bruder unter den zärt⸗ ree eIe lichſten Schmeicheleien darbot, mit den Händchen von ſich zu ſtoßen und ihre Blicke ſuchten, ſo oft auch immer von dem Orte abgewendet, dennoch ſtets wieder den Buſch, hinter dem ſich die kleine Räuberin der Brätzel verborgen hielt und ſchmauſte. Als die Frau geſehen hatte, was wir ſoeben be⸗ ſchrieben, ſagte ſie in altbaheriſcher Mundart: „Aber Niklas, für was biſt du bei den Kindern, als um aufzupaſſen?! Wenn du ſie nicht in Ruhe hältſt, wie kann ich mit der Arbeit zu Stande kommen! Jetzt iſts bald Mittag; ich habe heute Mitternacht angefangen und ſehnſüchtig auf dich gewartet, bis du aus der Schule kämeſt. Wenn ich die Wäſche nicht vor zwölf Uhr auf⸗ gehängt habe, ſo trocknet nichts mehr und ich kann nichts zu eſſen für uns alle brins Du leichtfinniger Schelm!“ 8 „Mutter,“ ſagte der Knabe erſchrocken,„'s Lieſi hat dem Lorle das Bretzerl genommen und ich hab' es nicht geſehen!“ „So, du haſt das Kind auf dem Schooß und ſiehſt nichts? Was treibſt denn?“ „Ich hab' etwas aus dem Katechismus bis Nach⸗ mittags auswendig zu lernen, Mutter!“ ſagte Niklas und zeigte auf das daneben an der Erde liegende Buch. „Na, gib das Kind!“ ſagte hierauf die Frau, nahm dem darreichenden Knaben die Kleine ab und beſchwich⸗ tigte ſie liebkoſend. Als das Kind ruhig an ſeinem Krümchen kaute, ſagte ſie zu Niklas:„Was ſetzeſt dich denn in den Gang zwiſchen den Hecken; es kann ja kein Menſch vorüber!“ „O, jetzt geht da Keins, Mutter, und die Kleinen ſpielen da gern im Sand. Da drinnen hab' ich immer zu hüten, daß ſie nicht auf der Wäſche herumtrampeln.“ „So? nun, ſo bleibt da und ſeid brav! Die Kar⸗ toffeln kochen ſchon und dazu gibt's heute einen guten Kaffee zu Mittag. Alſo freut euch und ſeid brav!“ Damit verließ die Frau eiligſt die Hecke, nachdem ſie Niklas das Kind wieder gegeben hatte, während die Klei⸗ nen jubelnd hüpften und ſprangen, denn in der That war das Verſprechen der Mutter für ſie eine Veran⸗ laſſung zur größten Freude. Kartoffeln und Butter war ſchon ein gutes Mittagseſſen; aber Kaffee bildete eine Zugabe, die den Tag faſt zu einem Feſttag machte. O wie viele von Euch, ihr lieben Kinderchen, würden eine ſolche Mittagskoſt für eine ganz ärmliche halten, ja vielleicht damit gar nicht zufrieden ſein! Und Arme, merkt es! freuen ſich, hüpfen vor Freude, wenn ſie das haben! O danket Euren guten Eltern ja recht für die gute kräftige Speiſe, mit der ſie Euch täglich verſorgen; verſchmähet nie, was Euch vorgeſetzt wird; danket ins⸗ beſondere dem lieben Gott für Eure guten Eltern und für alles Gute, das Er Euch durch ſie angedeihen läſſet! 7 Bald darauf kam die Frau aus der Hütte und trug einen Zuber um den andern voll ausgerungener Wäſche heraus. Sie rief jetzt Niklas und die andern Kinder in den Grasplatz herein, ſetzte die kleine Lorle zwiſchen die beiden weißhaarigen Buben, befahl dieſen, mit dem Kinde liebreich zu ſpielen, reichte jedem eine warme abgeſchälte Kartoffel zum einſtweiligen Zuſpitzen und Niklas mußte ihr bei dem Wäſcheaufhängen behilflich ſein. Der treu⸗ herzige Knabe war ſchon trefflich dazu abgerichtet, ſchleu⸗ derte ſeine Wäſchſtücke flink aus und trug der Mutter ſo emſig zu, daß das Geſchäft überraſchend ſchnell von ſtatten ging. In einer Stunde hingen mehr als fünfzig Hem⸗ den, lagen eine größere Menge von Taſchentüchern, Strümpfen, Unterbeinkleidern auf dem Raſen und dazu erhob ſich, als wolle er auch ſein Theil zum Gelingen beitragen, ein tüchtiger Wind, der das Waſſer faſt zu⸗ ſehends aus dem naſſen Linnen ſaugte. Aber kalt war er, eiſig kalt wehte er und nach kurzer Friſt hatte er die Kleinen aus dem Anger in die Hütte verſcheucht, wo ſie bei dem warmen Keſſel Schutz ſuchten. Jetzt wiſchte die Frau, nachdem ſie alles verbrauchte Waſſer weggegvſſen, raſch im Stübchen Tiſch, Bank, Stühle und den Fuß⸗ boden rein und trocken, ſtreute Sand ins Zimmer und in die Hausflur, legte dann das halb abgebrannte Holz in den Ofen, ein paar derbe Scheiter zum Nachhalten darauf, breitete ein blendend weißes Tiſchtuch über den 8 Tiſch, legte darauf Wachstuch an die Plätze, wo die Kleinen ſaßen, goß den fertigen Kaffee ab, trug ihn auf, ſtellte die Kartoffeln auf den Liſch, zog ſchnell den naſſen Rock und die Schürze ab, legte veine warme Kleider an und rief nun die Kinder herbei, die geduldig auf dieſen erſehnten Augenblick gewartet hatten. Alle ſechs ſtellten ſich vor den von Speiſen dampfenden Tiſch und die Mut⸗ ter betete beim Klange der aus der Stadt vom Frauen⸗ thurm herüberbrummenden Mittagsglocké: „Aller Augen warten auf Dich, o Herr, und Du gibſt ihnen Speiſe zur rechten Zeit; Du öffneſt Deine milde Hand und erfülleſt Alles, was lebet mit Segen. Amen!“ Dann ſetzten ſie ſich und begannen zu eſſen und trefflich labten ſich die Kleinen an der einfachen Speiſe. Sie waren faſt zu Ende damit, als ſich eilige Schritte der Hütte näherten und eine Frauensperſon in die Haus⸗ flur trat. Sie war ältlich, hager, trug unſchöne, aber reinliche Kleidet und ihr Geſicht hatte einen trüben weh⸗ müthigen Zug, als ob ſich ein langjähriger, geheimer und tiefer Kummer darauf abgeprägt hätte⸗ Mit den Worten: „Gott geſegne es euch 1“ trat ſie ins Zimmer und nach⸗ dem ſie gegrüßt hatte, ſprach ſie„Alſo ſchon fertig? Und ich bin erpreß gelaufen, um Ihr zu helfen, Menderin.“ „Nein, ich hab's ſelbſt gezwungen und wäre wohl früher noch fertig worden, wenn ich Vormittags mich nicht um die kleinen Kinder hätte annehmen müſſen und 3 . ! ho Her 10 en warten auf Di Uler Aug 1 . 4 9 mir nicht ſo unwohl wäre,“ ſagte Niklas Mutter und ſchlürfte die letzten Tropfen Kaffee aus dem Töpſchen. *„Wo iſt denn Niklas geweſen?“ ſagte die Ankom⸗ mende, die im Häuschen wohnte und Bärbi Loh hieß. „In ſeiner Schule!“ antwortete die Mender kurz. „Aber das ſollte doch eine Ausnahme leiden,“ meinte die Loy,„der hätte heute daheim bleiben und Euch an die Hand gehen ſollen, da Ihr nicht wohl ſeid und ſo viel zu thun hattet.“ „Nicht doch, das litt' ich nicht, obſchon er in die Stadt laufen und ſich bei ſeinem Herrn Lehrer ausbitten wollte. Er ſoll mir nichts verſäumen durch meine Schuld.“ —„Aber Ihr werdet das nicht aushalten, Nachbarin,“ ſagte die 909 und ſah die Mender Koſara— „Es„—— 66 nut ſchell *— SIch habe eine gute Natur,“ ſagte vudet und bemühte ſich zu lächeln. Aber in die⸗ ſem Augenblicke empfand ſie einen ſo heftigen Schmer in ihren Beinen, daß ſie ſich niederbücken mußte, di Kriee krampfhaft mit den Händen faßte und in den Rif ausbrach:„O mein Gott! O mein Gott!“ Die Loh ſah das kaum, ſo ſprang ſie raſch heran ud faßte die vor Schmetzen zitternde und ſtöhnende Fau unter den Armen, daß ſie nicht vom Stuhle ſank. De erſchrockenen Kinder waren gleich anfangs aufge⸗ 10 ſprungen und wollten ſich der Mutter nähern, als könn⸗ ten ſie ihr Beiſtand leiſten. Aber nun brachen ſie in lautes Weinen und Wehklagen aus und der Ruf: O Mutterle, Mutterle! drang weit aus der Hütte in die Umgebungen. Die Loy beſchäftigte ſich mit ihrer Hausgenoſſin, denn die arme Mender verbleichte ſich jetzt gänzlich und ſank ohnmächtig an die Erde. Vom Jammerruf der Kinder herbeigezogen kam eine Nachbarin gelaufen. Mit Hilfe dieſer Frau wurde die Mender entkleidet, ins Bette geſchafft und dann ſo lange an Stirn und Schläfen mit friſchem Waſſer beſtrichen, bis ſie wieder zu ſich kam. Erſt als die arme Frau an ihre troſtlos wehklagenden Kleinen einige Worte richtete, erſt dann gelang es den. andern Weibern, die Kleinen zu ſtillen uns ayin zu bringen, daß ſie ſich vor dir bit begaben, um hier zu warten und die Wiäſche zu hütd Aber die Kinderluſt war hier weg; ſo freundlich auch die bbe Sonne ſchien, ſo grün auch Bäume, Hecken und Wiſen in ihren Strahlen ſchimmerten, die Kinderherzen waen durch die Leiden der Mutter im Innerſten verſtört, id ſelbſt die Kleinſten ſo betroffen, als ob ſie im Stane geweſen wären, die lange Kette von Leiden, Entbehru⸗ gen und Trübſalen im Voraus zu überblicken, welte ſich an die Erkrankung ihrer Ernährerin und Verſorgern anreihen würden. Stumm ſaß das kleine Häuflein in 11¹ einem Winkel, den die Hecke bildete, die größeren um Niklas herum, der das jüngſte Schweſterchen auf dem Schooß hielt und aus deſſen treuen Augen Thränlein um Thränlein auf das Lockenhaupt ſeines jüngſten Schwe⸗ ſterchens herabtröpfelte. Riklas und ſeine Geſchwiſter. „Was fehlt denn der Mutter, Niklas?“ ſagte nach langem, nur von Schluchzen und Seufzern unterbroche⸗ nem Schweigen die kleine vierjährige Lieſe zu ihrem Bru⸗ der Niklas. „Weiß nicht,“ ſchluchzte dieſer,„ſie iſt halt recht krank.“. 8 „Wird ſie denn nicht wieder geſund?“ fragte das Kind und ſein liebliches Seſ ſich von neuem ſchmerzhaft. „Ja, warum nicht, uieſit Was ſollte aus uns werden, wenn der liebe Gott anß Mutter auch ſterben ließe!“— „Warum hat er ſie denn krank werden laſſen?“ meinte die Kleine. „Da iſt der liebe Gott nicht daran ſchuld, ſen du, ihr alle, ich auch,“ rief der Knabe. „Wir ſind dran ſchuld, Riklas? warum denz fragte die Kleine ungläubig. 7 42 „Weil wir nicht folgen und immer ſo viel eſſen! Ihr ſchreit ja immer: Mutter, gib uns Brod, uns hungert! wenn ihr die Mutter ſeht und auch noch Kru⸗ men in der Hand habt. Es iſt gerade, als ob ihr nur da wäret, um immer zu eſſen und zu eſſen. Da muß die Mutter immer mehr ſchaffen und arbeiten, daß ſie es doch herbringt und vor lauter Arbeit iſt ſie krank geworden.“ „Die Kleinen ſchauten den Knaben verdutzt an, als er ſo in ſcheltendem Tone zu ihnen redete und endlich ſprach Lieſt:„Aber es hungert mich immer und das Brod ſchmeckt zu gut, Niklas. Doch wenn die Mutter davon krank wird, daß ich ſo viel Brod eſſe, ſo will ich lieber gar keins mehr eſſen.“ „Dummes Zeug!“ ſagte der Knabe,„mir ſchmeckt's ſelber. Aber ich meine, manchmal könnten wir ſchon zuwarten, bis es der Mutter ſelbſt einfällt, uns zu eſſen zu geben. Wir ſollten nicht den ganzen Tag am Brod hängen.“ „Niklas, Papa!“ ſtammelte die kleine Lorle, welche der Knabe auf dem Schooße hielt, als ſie immer von Brod reden hörte. „Da habt ihr's! ſagte ich es nicht? Kaum iſt ge⸗ geſſen, ſo ſchreit ſchon wieder eins: Niklas, Papa! So ſchreien ſie den ganzen Tag, wie junge Raben im Neſt, ——— —— und die arme Mutter mag ſterben, ſo ſchreit es doch: Niklas, Papa!“ „Aber Niklas, Lorle hat ſein Papa gar nicht ganz gegeſſen, das Stückerl liegt noch in der Stube auf dem Tiſch,“ ſagte Hans, der nach Niklas nächſtälteſte Bube. „Haſt es gewiß in der Abſicht gemerkt, es der Klei⸗ nen wegzufireln(heimlich zu nehmen); gleich geh und hol's; aber geh leiſe, daß die Mutter nicht erſchrickt. Schau auf und frag Bärbi(die Loy), wie es mit der Mutter geht.“ „Ich will zur Mama,“ rief der kleine fünfjährige Friedi, der ſehr an ſeiner Mutter hing. „Du bleibſt, Friedi!“ ſprach Niklas ſtreng. „Zur Mutter will ich; darf ja Hans auch hinein.“ „Und ich leid's nicht, du darfſt nicht, du bleibſt außen,“ befahl Niklas hart. Da fing der kleine Bube laut zu ſchreien an und nun kam mit Hans, der das Stückchen Brod, ohne es mit dem Munde zu berühren, in der Hand trug, die Loh und ſagte, indem ſie Friedi auf den Arm nahm:„Ja, was iſt's mit meinem kleinen Männchen? warum weinſt du? 2 „Will zur Mutter, Niklas läßt mich un 6 ſchluchzte der Kleine. „Sei gut gegen deine Geſchwiſter, Niklas, 4 die Loy.„Denk, wenn die Mutter ſie weinen hört, nicht gut.“ „Ich necke ſie nicht, aber kaum iſt's Eſſen vorbei, ſo ſchreit das Eine: Mama, Papa! das andere will gor zur Mutter hinein, welche doch ſo krank iſt, und wenn ich es nicht leide, ſo brüllen ſie den Garten voll.“ „Habe Geduld mit ihnen, es ſind halt Kinder und nicht ſo klug, wie du,“ ſagte die Loh gutmüthig. „Niklas ſagt, die Mutter ſei krank geworden, weil wir ſo viel Brod eſſen. Iſt das wahr, Bärbi?“ fragte Lieſt, in deren Köpfchen ſich etwas gewaltig gegen dieſe Behauptung ihres älteſten Bruders auflehnte. Die Loy brach trotz ihrer traurigen Stimmung in Gelächter aus und ſagte dann:„Pardu eben nicht; aber etwas trug es ſchon dazu bei.“ „Wie geht es drinnen?“ fragte Niklas, während die Loy jedem der Kinder noch ein mitgebrachtes Stück⸗ lein Brod zuſteckte, welches auch Niklas annahm, ohne dabei Spuren von beſonders großen Gewiſſensbiſſen zu äußern. „Du wirſt wohl nach einem Doktor gehen müſſen⸗ Die Mutter will's zwar nicht haben, aber ich denke, es iſt beſſer, du rufſt einen Arzt.“ „So? wird's ſchlimmer? iſt ſie wieder wie todt?“ rief der Knabe erbleichend, ließ das Brod fallen und ſetzte das Kind auf die Erde, um ſogleich fortzulaufen. — — 15 „Halt, es eilt nicht. Vorhin war's nut eine Ohnmacht. Die Mutter hatte ſich durch die Nachtarbeit und das Abhetzen über ihre Kräfte angeſtrengt und da⸗ von kam die Schwäche. Aber ich fürchte, ſie kriegt das Gicht, denn die Schmerzen in den Beinen laſſen nicht nach.“ „Das Gicht? was iſt das?“ ſagte Niklas. „Das iſt eine ſchmerzhafte Gliederkrankheit, welche beſonders häufig Leute unſeres Standes befällt, die an⸗ haltend mit Waſſerarbeit beſchäftigt ſind und dabei viel Kälte und abwechſelnd wieder Hitze leiden müſſen.“ „Ich will doch zum Doktor laufen, daß er geſchwind hilft.“. „Das kann er nicht, ſo was geht oft gar nicht und wenn es geht, nur ſehr langſam,“ ſagte die Loh traurig. „Wie lang dauert denn das?“ ſagte Niklas und blickte, gewohnt, die Sorgen ſeiner Mutter redlich zu theilen, bedenklich auf ſeine vier Geſchwiſter. Die wackere Loh ſah und verſtand dieſen Blick. Gerührt ſagte ſie:„Aengſtige dich nicht; will es Gott, ſo wird es ſchnell vorübergehen. Wie aber auch das Lvos deiner Mutter fallen mag, ſo baue feſt auf mich, ich werde ſie und euch nicht verlaſſen!“ Damit erhob ſie ſich und ging in die Hütte. Niklas aber blieb nach⸗ denklich bei ſeinen Geſchwiſtern ſitzen. Er hörte und 16 ſah nicht, daß die Kleinen allmählich den Schreck am Schluſſe des Mittageſſens, den ihnen die plötzliche Er⸗ krankung ihrer Mutter verurſacht hatte, vergaßen und ihre kindlichen Spiele ſtörten keinen Augenblick das in⸗ brünſtige Gebet, welches aus ſeiner bedrängten Kinder⸗ bruſt zum Himmel emporſtieg. Kein Menſch vernahm es von all denen, die ruhig an dieſem treuen guten Kinde vorübergingen, ohne ſeine Noth und Angſt zu kennen. Nur das Ohr Heſſen, der alles hört, war ihm nicht ver⸗ ſchloſſen. Zum lieben Gott drangen die Seufzer des armen Knaben; Er hörte ſein Schreien und Seufzen und er beſchloß, zu helfen, wunderbar zu helfen, aber erſt zu Seiner Zeit. Nahrungs⸗ und häusliche Sorgen.* Vergebens hoffte die brave Mender, die Schmerzen, deren Vorboten ſie ſchon ſeit Jahren empfunden hatte, und die damit verbundene Geſchwulſt und Ermattung ihrer Glieder möchten, wie ſchon öfters, wieder nachlaſſen und vergehen. An dem auf dieſen Freitag folgenden Sonntage war ſie genöthigt, den vereinigten Bitten und Vorſtellungen der Loh, des Niklas und mehrerer theil⸗ nehmender Nachbarn nachzugeben und einen Arzt rufen zu laſſen. Dieſer erſchien und zog die ſorgfältigſte Erkun⸗ digung über ihren Zuſtand und ihre Lebensweiſe ein. — 17 Leider konnte er der armen Frau keinen Troſt geben, ſondern er überblickte nur mit bedenklichem Schweigen die Hütte, das Kinderhäuflein, welches mit weit offenen Augen ihn anſtarrte, als er vor dem Bette ſaß, und for⸗ derte dann Schreibzeug und Papier, um ein Rezept aus⸗ zufertigen. Dann ſchied er mit dem Verſprechen, in einigen Tagen wieder nachſehen zu wollen, und indem er ſich verabſchiedete, gab er der verſtändigen, bei ſeinem Beſuche anweſenden Loh einen Wink mit den Augen, ihm zu folgen. Dieſe verſtand ihn und begleitete ihn vor die Hütte bis an den Eingang des Gärtchens, wo er ſtehen blieb und fragte:„Iſt Sie mit dieſer Frau verwandt?“ Nein, Herr Doktor, ich wohne nur bei ihr,“ ſagte die Loh. „Da iſt die Noth wohl jetzt ſchon und was wird werden, wenn dieſe Frau Wochen, ja vielleicht Monate lang darniederliegt?“ ſagte der menſchliche Arzt. „Ich will ſie nicht verlaſſen,“ entgegnete die Loh gerührt. „Das iſt Chriſtenpflicht; thue Sie, was Sie kann. Armuth und Entbehrungen, mehr noch Temperatur⸗ wechſel, haben dem armen Weibe dieſe Leiden auferlegt. Sie muß vor allem darauf ſehen, daß meine Mittel recht genau gebraucht werden. Dann könnte es gelingen, die arme Frau bald wieder herzuſtellen. Adieu!“ 2 1 — — 18 Damit ſchied der Arzt. Wohl erfüllte die gute Loh gewiſſenhaft, was er ihr anbefohlen hatte; allein ſchon nach Verfluß etlicher Tage mußte ſie varauf bedacht ſein, durch Arbeit ihren eigenen Lebensunterhalt zu erringen. Zwar hatte die Mender eine Penſion von achtzig Gulden; aber wie konnte dieſe kleine Summe für ihren Unterhalt hinrei⸗ chen? Sie war die Wittwe eines braven Soldaten, der als Feldwebel im Garderegiment ehrenvoll gedient und ſpäter eine Stelle als Bureaudiener beim Stadtgericht in München erhalten hatte; aber in Folge der rrlebten Strapazen und im Kriege erhaltenen Wunden ein paar Jahre zuvor geſtorben war. Die kräftige und thätige Mender trauerte tief um ihren braven Gatten; aber ſie legte die Hände nicht in den Schvoß, miethete ſich das kleine Häuschen in der Au, begann für Militärperſonen zu waſchen und erwarb ſich bisher das, was zu ihrem Unterhalte und dem ihrer fünf unmündigen Kinder nöthig war. Dieſer Erwerb war aber durch ihre plötz⸗ liche Erkrankung auf einmal abgeſchnitten.— Wuas ſollte nun werden?—— Der Unterhalt ihrer Kinder hatte alles hinwegge⸗ nommen, was ſie verdient hatte, und ein Sparpfennig für ſolche Tage der Noth, wie die eben eingetretenen, war nicht vorhanden. Da war guter Rath theuer!— 19 Einen Rath hielten ſie nun am Krankenbette der Mender und mit der armen Kranken nahmen daran die ehrliche Frau Loh und der kleine Riklas Antheil. Das wenige Geld, welches im Hauſe geweſen, war ausgegeben, auch das, was Riklas für die Wäſche der vorigen Woche eingenommen, die er am Sonntage ausgetragen hatte, war dahin. Die Bedürfniſſe der Kranken und der Kin⸗ der mußten aber beſtritten werden und die Rate der Penſion, welche der armen Loy auf dem Generalzahlamt der Hauptſtadt in vierteljährigen Theilen bezahlt wurde, war erſt mit Ende Oktober fällig. Bis dahin waren zwar nur noch zwei Wochen, aber womit ſollte in dieſen peiden Wochen beſtritten werden, was nöthig war? Al⸗ lerdings hatte die Mender einmal in einem Nothfalle ihr Geld um einige Wochen früher erhoben; aber da war ſie ſelbſt gegangen und hatte den Kaſſier durch ihre Bitten zu dieſer Vergünſtigung bewogen. Als ſie aber die Loh anging, ihr den Dienſt zu erweiſen, da weigerte ſich dieſe plötzlich. Sie erklärte, alles andere gern thun zu wollen und ſollte ſie acht Tage lang in kein Bett kommen vor Arbeit, es wäre ihr nicht zuviel; aber dahin, zu dieſem vornehmen ſtrengen Herrn, traue ſie ſich nicht und könnte ſie dadurch ihr eigenes Leben retten. Niklas hörte ruhig zu und endlich ſagte er:„Mutter, gib mir was Geſchriebenes mit, ſo will ich ſelbſt hin⸗ c1——— 20 gehen. O, ich will den Herrn bitten; mir ſoll er es gewiß geben!“ Die Mutter wollte Anfangs davon nichts hören und lieber auf dieſe Hilfe Verzicht leiſten. Aber gar bald ergab ſie ſich, von der Noth gezwungen, darein und es wurde beſchloſſen, Niklas morgen mit einem Briefe in's Generalzahlamt abzuſenden. Die andern Verlegenheiten wurden leichter gehoben. Die Loy erbot ſich ſelbſt, die Wäſche ſo lange für die Mender zu beſorgen, bis dieſe wieder ihrer Arbeit vorſtehen könnte, damit die Kunden ſich nicht anders wohin wendeten. Da ſie aber ſelbſt ſehr arm war, ſo kam die Mender mit ihr über einen billigen Lohn über⸗ ein, den ſie ihr für ihre Dienſtleiſtungen geben wollte und den die Loh am Hauszins abrechnen könnte. Auch hiermit war die brave Perſon einverſtanden. Sie ging auch ſofort in die Stadt, um bei den Herrſchaften, wo ſie als Putzfrau zu arbeiten pflegte, ſich zu entſchuldigen, für die Dauer ihrer Verhinderung eine Stellvertreterin zu empfehlen und ſomit ihre eigenen Angelegenheiten zu ordnen. Als Abends die ſämmtlichen Hausgenoſſen bei⸗ ſammen waren, blickten ſie der nächſten Zukunft mit mehr Ruhe entgegen und die Kranke hoffte mit grö erer Zuverſicht auf ein günſtiges Ergebniß des Ganges, den Niklas am folgenden Tage für ſie machen ſollte. Die Mender hatte bereits auf ihrem Krankenbette mühſam 2 ein paar Zeilen an den Kaſſier geſchrieben und ihr Pen⸗ ſionszeugniß denſelben beigefügt. Der arme Niklas erhebt die Penſion ſeiner Mutter. Am frühen Morgen wuſch und reinigte ſich der gute Niklas und zog ſeine beſten Kleider an, um möglichſt anſtändig vor den vornehmen Herren zu erſcheinen, bei denen er ſeine Bitten anbringen wollte. Die Loh leiſtete ihm dabei Beiſtand, ſo gut ſie konnte, lieh ihm ihr ſchönſtes Halstüchlein, welches ſie beſaß, und kämmte und ſtrich ſo lange an ſeinen widerſpenſtigen blonden Locken, bis dieſe endlich ganz gegen ihre Natur ſchlicht. geſcheitelt auf ſeinem runden Köpfchen lagen. Alle anderen Kin⸗ ver ſtanden um ihn herum, bewunderten den Putz, deſſen ſie an ihm nicht gewohnt waren, die ſchwarzgeölten Schuhe und blauen Strümpfe, die er an den Füßen trug, und es gab vorher noch eine ziemlich lange Scene des Weinens und Wehklagens vom kleinen Lorle, das durch⸗ aus mitgenommen ſein wollte, und nur zu beruhigen war, als es die Mutter aufs Bett fitzen ließ und für das Dableiben ein Stücklein weißen Zucker opferte. Schlag halb acht Uhr nahm der Knabe Abſchied, nachdem ihm alle möglichen und erdenklichen Verhaltungs⸗und Höflich⸗ keitsregeln auf's Strengſte eingeprägt waren und man ihm hundertmal dasſelbe wieder eingeſchärft hatte, bis er end⸗ S 2 lich ungeduldig wurde und behauptete, nun werde er erſt alles wieder vergeſſen und am rechten Orte nicht wiſſen, was er thun und reden ſolle. Die Loy und die drei größeren Kinder gaben ihm das Geleite bis in die erſte Gaſſe der Au. Auch hier prägte ihm die Loh noch ein⸗ mal ein, duß er ja den Kratzfuß nicht vergeſſen und Jeden „Euer Gnaden, allergnädigſter Herr!“ nennen ſolle. Niklas war ganz ängſtlich geworden und fühlte nun erſt, daß er einen ſchweren Gang vorhabe. Dennoch trabte er, als es das letzte Viertel vor acht Uhr ſchlug, ſchnell durch die Straßen hin, durch welche ein eiſiger Wind heulte, und erreichte endlich den Stadttheil, woſelbſt das Amt war, in welchem er ſein Geſchäft verrichten ſollte. Das Haus war ihm genau bezeichnet; er fand es auch leicht; aber als er zum vffenen Thore eintreten wollte, rief ihm ein daſelbſt Wache ſtehender Soldat barſch zu: „He da, wo hinaus, Burſche?“ Niklas fuhr zuſammen; aber in der Angſt machte er den ihm vorgeſchriebenen Kratzfuß und theilte dem Poſten mit, was er im Hauſe wolle. Der Soldat lachte und ſagte, er möge vann nur die Treppe hinaufgehen und wünſchte ihm gute Verrichtung. Froh, über dieſes erſte Hinverniß ſo leichten Kaufes weggekommen zu ſein, ging Niklas durch die Hausflur zur breiten Treppe und erſchrak über das Ge⸗ klapper, welches die hartgenagelten Sohlen der Schuhe, die ihm die Loy geliehen, auf dem marmornen Boden ver⸗ 23 urſachten. Vorſichtig ſtieg er die breite Treppe hinauf, kam auf den Corridor und bemerkte nun mehrere Thüren, über denen auf ſchwarzen Tafeln mit Gold geſchriebene und ihm meiſt unverſtändliche Worte zu leſen waren. Aber alle dieſe eiſernen Thüren waren verſchloſſen und in dem weiten Corridor war es ſo mäuschenſtill, als ob da kein Menſch befindlich wäre. Geduldig ſtellte ſich Niklas in eine Ecke und wartete, bis Leute erſcheinen und öffnen würden. Aber es ſchlug acht Uhr und alles blieb ſtill. Endlich vernahm er im Innern der Zimmer Ge⸗ räuſch; ſchwere Schlüſſel klirrten, ſchwerere Schlöſſer und Riegel krachten und donnerten niederfallend, eine der Thüren nach der andern öffnete ſich und jede wurde von einem wohlgekleideten dicken, ſchnurrbärtigen Manne an die Wand zurückgeſchlagen und daſelbſt durch einen Kloben befeſtigt. Aber ſowie dieſer Mann in die Zim⸗ mer zurückkehrte, verſchloß er auch jedesmal die hölzerne Thüre wieder, welche nach dem Innern des Gemaches führte. Nachdem dieſes geſchehen war, verfloß wieder eine Stunde, für den armen Knaben eine Ewigkeit. Um neun Uhr erſchallte endlich lautes Geſpräch in der Hausflur. Dort ſtanden mehrere Herren beiſammen. Niklas konnte ſie von oben ſehen; es waren meiſt junge Leute in Uniform, die ſich daſelbſt mit heiterem Ge⸗ lächter unterhielten. Nach und nach wuchs dieſe Geſell⸗ ſchaft zu einem vollen Dutzend durch andere Hinzukom⸗ 24 mende an und endlich gingen die meiſten von ihnen zögernd und faſt auf jedem Treppenabſatz ſtehen bleihend herauf. Auf dem Corridor hielten ſie noch ein langes luſtiges Geſpräch, welches ſich um Bälle, Theater, Gaſt⸗ häuſer und dergleichen Luſtparthien und Vergnügungen drehte. Dann rief Einer:„Aber nun, es iſt faſt halb zehn; laßt uns auf's Bureau gehen! Dieſer Herr machte in der That den Anfang, ging auf eine der Thüren zu und zog an einer Klingel, deren Daſein unſer armer Freund jetzt erſt bemerkte. Die Pforte wurde nun von innen aufgeſchloſſen und ebenſo die übrigen Thüren bis auf eine, welche verſchloſſen blieb. Zögernd verſchwan⸗ den die jungen Offiziere— für ſolche hielt ſie Niklas— im Innern der Gemächer, aus deren jedem ein Strom warmer Luft wehte. Aber Keiner von allen hatte ihm die mindeſte Aufmerkſamkeit geſchenkt. Als nun aber⸗ mals eine tiefe Stille eintrat und der arme Knabe jeden fernen Glockenſchlag mit angſterfülltem Herzen zählen und abwarten mußte, da bemächtigte ſich ſeiner eine ängſtliche Ungeduld und es fehlte nicht viel, er wäre entmuthigt unverrichteter Dinge wieder von dannen ge⸗ gangen. Als ein ſchwerbepackter Poſtbote erſchien, ſetzte er an, dieſen um Rath zu fragen. Aber auch der eilte an ihm ſo raſch vorüber und achtete ſo wenig auf ihn, vaß ſein Entſchluß in dem Augenblicke wieder zerrann, in welchem er denſelben gefaßt hatte. Es kamen nun mehr 25 Leute; viele waren in bürgerlicher Kleidung, viele in mannigfachen Uniformen und endlich verzweifelte Niklas gänzlich an dem Erfolge ſeiner Sendung und beſchloß, ſich erſt zu Hauſe Raths zu erholen, wie er es anfangen müſſe, um hier an den rechten Mann zu kommen. Er ſah unentſchloſſen zu dem großen Fenſter hinaus, welches auf die belebte Straße hinabging und wendete ſich raſch um, in der Abſicht, nach Hauſe zu rennen, als er einen Mann bemerkte, welcher ſo eben die Treppe heraufkam und ihn mit ſtrengem Blicke muſterte. Dieſen betrach⸗ tete er flüchtig und wollte eben an ihm vorüberſtreifen und im Fluge die Treppe hinabeilen, da erfaßte ihn die Hand des Heraufkommenden und dieſer brummte aus tiefer Stimme:„He da, was haſt du hier oben gemacht, Schlingel?“ Niklas erſchrak über dieſe barſche Anrede ſo ſehr, daß er die Papiere fallen ließ, welche er in der Hand hielt, und kein Wort hervorbringen konnte. 2 Der Fremde griff raſch nach den Schriften, ohne mit der Linken Niklas Arm fahren zu laſſen, ſah nach⸗ denklich auf die Adreſſe des Briefes und fuhr dann fort: „Der Brief iſt an mich und gehört alſo mir. Wie kommſt du dazu und wer hat ihn dir gegeben.“ Jetzt faßte Niklas ein Herz und berichtete ziemlich unzuſammenhängend alles, was er glaubte, zum Snn ſeiner Sache vorbringen zu müſſen. 26 Der Mann hörte anfangs ernſtzu; endlich überzog ein feines Lächeln ſein ſtrenges Geſicht, das nach und nach immer heiterer wurde, und er ſagte:„Schon gut, komme herein zu mir!“ Damit klingelte er an der verſchloſſenen Pforte, bis dieſe von innen geöffnet wurde, trat dann ein, ließ Niklas ein und befahl ihm, zu warten. Unſer Freund ſah nun den Mann wieder, welcher heute die Thüren geöffnet hatte, und bemerkte verwundert, daß dieſer den eben an⸗ gekommenen Herrn entkleidete und ihm einen ſtark mit Gold geſtickten Uniformsrock anzog. Dann warf er einen Blick in dem großen ſchönen Zimmer umher und dieſes reizte erſt ſeine Neugierde im höchſten Grade. Eine hölzerne Schranke theilte es in zwei Abtheilungen. In der einen Abtheilung ſtand ein großer Arbeitstiſch, auf dem rieſengroße Bücher lagen, ſolche, wie Niklas noch nie welche geſehen. Neben dem Arbeitstiſch aber befand ſich eine eiſerne, gemalte und vergoldete Kaſſe, ſo groß faſt, wie die Bettſtatt, in der er mit ſeinem Bruder Hans ſchlief. Im Rücken der Wand aber war eine eiſerne Thüre, welche jetzt der Diener mit einem Schlüſſel auf⸗ ſperrte, und dort ſah Niklas noch viele ſolche ungeheure eiſerne Kiſten. Kaum war er mit dieſen ſtaunenden Beobachtungen fertig, ſo rief ihn der Herr zu ſich und ſagte:„Alſo krank iſt deine Mutter, Sohn?“ * —.— —— —————— W „Ach ja, gnädigſter Herr!“ ſprach Niklas und machte bei jedem Wort einen Kratzfuß, ſo groß er es nur vermochte. „Nun denn, ſo geh' heim— ſige ihr, ich ihr das Geld heute noch ſenden. Hier nimm das Pen⸗ ſionszeugniß mit und wirf es ja nicht wieder weg, wie du ſo eben gethan haſt. Hörſt du?“ Niklas lächelte verlegen, empfahl ſich unterthänigſt, verließ das Zimmer und rannte wie ein angeſchoſſener Hirſch durch die weite Stadt nach der Au, wo er er⸗ ſchöpft und in Schweiß gebadet bei ſeiner ſehnſüchtig auf ihn harrenden Mutter ankam. Die arme Mender er⸗ ſchrak gewaltig über ſein rothüberlaufenes Geſicht und ſeine Athemloſigkeit. Aber ihr Schreck verwandelte ſich endlich in Freude, als ſie erfuhr, daß ihre Bitte erfüllt werden würde. Eine Stunde ſpäter kam ſchon der Amts⸗ bote ſammt Quittung und Geld. Niklas und der Mann im blauen Rocke. Waren es Folgen der Sorgen und Gemüthsbe⸗ wegungen, oder der Armuth und Anſtrengungen, wie der Arzt behauptete— die Krankheit der Mender nahm allmählich einen immer bedenklicheren und ſchmerzhafteren Verlauf. Jahre lang hatte ſie die Vorboten des Uebels gefühlt, welches ſie jetzt befallen hatte, ohne zu ahnen, daß ſie ſolchen großen Leiden vorhergingen. Aber nach⸗ dem dieſe lange und heimlich ihre Geſundheit untergra⸗ ben und den Sturm vorbereitet hatten, der an ihrem Leben rütteln ſollte, ſo behaupteten ſte ſich jetzt um ſo hartnäckiger und alle dagegen angewendeten Mittel zerfloſſen ſpurlos an der Macht der ſchmerzhaften Krankheit. Doppelt, ja dreifach ſchwer litt die unglückliche Frau. Gedrückt von faſt unerträglichen körperlichen Leiden, das Herz mit den bitterſten Sorgen belaſtet, von Kummer erſchüttert um die armen Kleinen, an denen ſie nun ihre Mutterpflichten nicht mehr zu erfüllen vermochte, ſeufzte ſie die Tage hin, durchwimmerte ſie die langen Nächte. Wenn der Sturm nach Mitternacht über die einſamen Auen heulte, nach denen die Fenſter ihrer Hütte hingingen, wenn ſie ſchlaflos den fernen Klang der Glocken abzählte und den Ruf der Wächter; wenn das Nacht⸗ lichtlein elend die kleine Stube erleuchtete, wo alles um ſie her ſchlief, nur ſie allein nicht, da irrte ihr gebeugter Geiſt in die Vergangenheit, er verlor ſich in eine nahe Zukunft, in welcher nur Elend, Leiden und vielleicht das letzte, ein qualvoller Tod, vor ihr aufzudämmern ſchien, und nirgends fand ſie Troſt, als allein im Gebete. Ach, ſolche Leidensnächte ſind harte, ſchwere Prüfungen! Schwer lag die Hand des Herrn auf dieſer armen Mutter! 29 Balſam träufelte zwar die Theilnahme der treuen Loh in ihr geängſtetes, zerſchlagenes Herz, dieſer armen, unwiſſenden und doch ſo aufopfernd edlen Perſon, und die Liebe ihres guten Niklas, der ſeine Kräfte überbot, um zu helfen, zu tröſten, zu beruhigen, zu erheitern, wie er es vermochte; der wirklich mehr that, als man einem ſolchen Kinde nur zutrauen ſollte. Das waren Licht⸗ punkte, Strahlen, in die Leidensnacht gefallen. Aber das von kurzer Freude gehobene lichte Mutterherz wurde immer wieder von Noth, Schmerz und Angſt verdüſtert, ſo ſehr auch der gute Knabe ſich bemühte, alles mit der Mutter zu tragen und zu theilen. Die kleine Summe, welche die arme Frau im Voraus von ihrer Penſion erhoben hatte, linderte zwar einige Wochen lang die Noth; aber bis der Dezember kam, war leider nichts mehr davon vorhanden. Für den Ankauf von Holz war ja ſchon faſt die Hälfte aufge⸗ gangen;— wie ſollte die andere Hälfte hinreichen, um das zu erſetzen, was durch die Krankheit der Mutter von dem Erwerbe abging? Eines Morgens war Niklas wieder zur Kaſerne des Leibregiments mit ſeinem Schiebkarren gefahren, auf dem er die ſchwarze Wäſche aufzuladen pflegte. Die Unteroffiziere dieſes Regiments ließen meiſt bei ſeiner Mutter waſchen, da ſie allen bekannt war, denn ihr ſe⸗ liger Mann war ja Feldwebel bei dieſem Regiment ge⸗ weſen. Niklas hatte nach und nach einen ſehr großen Pack Wäſche in den Kaſernenhof zuſammengeſchleppt, wo ſein Schiebkarren unter der Obhut des Thorpoſtens ſtand, ſchnürte endlich die Wäſche in ein großes Leintuch vermittelſt bereitgehaltener Stricke mit Hilfe eines ge⸗ fälligen Soldaten zuſammen und griff dann herzhaft an, um ſeine Laſt nach Hauſe zu ſchaffen. Anfangs ging die Sache, obgleich der Poſten ſtehende Soldat, ſowie mehrere am Thore müſſig ſtehende Leute zweifelten, ob der Knabe im Stande wäre, dieſe Laſt zu bewegen. Aber als Niklas an die kleine Erhöhung kam, welche vom nie⸗ driger liegenden Eingange der Kaſerne nach der Straße hinaufführte, da wollte es nicht mehr gehen und ohne die Hilfe des Soldaten, der ihm hier zum zweiten Male beiſprang, wäre es mit ſeiner Fahrt hier ausgeweſen. Oben auf ebenem Wege dankte der Knabe herzlich und fuhr dann, um dem Gelächter der Soldaten zu entgehen, raſch dem engliſchen Garten zu, woſelbſt er auf näherem Wege ſeine Wohnung gewinnen wollte. Als er den großen Fahrweg erreicht hatte und über den vorderſten Ifarkanal bis in die Gegend des chineſiſchen Thurmes gekommen war, ermüdete er ſo ſehr, daß er abſetzen mußte. Es war einſam da unten unter den entlaubten Bäumen; der Wind rauſchte ſchaurig durch die wenigen Blätter, welche noch einſam und gelb in den halbkahlen Kronen flatterten, und warf ſie herab zu denen, die ſchon 31 dicht den Boden deckten und mit denen er ſein Spiel trieb. Hart war der Boden gefroren; kalt und naß ſah es an der Erde aus und an den ſchmutzig grünen er⸗ frornen Gräſern glitzerten wie Eis die trüben Thau⸗ tropfen. Als Niklas ſo neben dem Karren ſtand, um Athem zu holen und ſich den Schweiß abzuwiſchen, fror ihn an die Füße. Er hockte ſich alſo vorſichtig auf den Wäſchepack, zog ein paar erſparte Brodkrumen aus der Taſche und ſeine ſtarken Zähne löſeten krachend Stücklein auf Stücklein von der ausgedörrten harten Speiſe. Bald war er damit fertig; er blickte nachdenklich in dem Park umher; es war nicht mehr ſchön da; der Nebel lag auf den Wipfeln und entzog ihm den Blick in die Ferne und von der Stadt, über die er doch kaum ein paar hundert Schritte hinaus war, ſah er nichts mehr. Dieſe Ein⸗ ſamkeit ſtimmte ihn trüb; er dachte an ſeine kranke Mut⸗ ter, an ihre Sorgen und ſchweren Bedrängniſſe, an ſeine kleinen Geſchwiſter, welche die Noth noch nicht begrif⸗ fen, in der ſie ſich befanden und ihn darum um ſo mehr dauerten. Er überrechnete, was für die Wäſche eingehen würde, die er jetzt heimbrachte, und wie viel ſeine Mutter der Loh dafür bezahlen müſſe, wenn ſie dieſelbe wuſch und plätten ſollte. Endlich rechnete er zuſammen, wie viel für einen Tag nöthig war, und als er dieſes Ergeb⸗ niß verſiebenfachte, da war das, was verdient ward, kaum zur Hälfte hinreichend.„Ach lieber Gott,“ ſagte er endlich leiſe vor ſich hin,„wir ſind doch recht arm, und in recht großer Noth. Unſer Mütterlein iſt ſo krank und hat kaum, was für ſie noth iſt, geſchweige denn für uns Häuflein arme Kinder. Ich wollte wohl gerne Hun⸗ ger leiden und für meine Brüderlein und Schweſterlein bei reichen Leuten betteln gehn. Aber das wäre ja eine Schande, wie meine Mutter ſagt, denn hungern, ſagt ſie, iſt beſſer als betteln. Und ſo hab' ich armes Kind Niemand in der Welt, zu dem ich gehen dürfte, um ihm die Noth zu klagen, in der wir uns befinden. So will ich denn dir meine Noth klagen, lieber Herr Gott. Ich habe alle Tage noch gebetet, aber nicht aus Hunger und Angſt, wie heute, weil ich bisher immer noch ein wenig hatte, was ich brauchte. Aber jetzt hab' ich es nicht mehr, denn wenn ſie daheim austheilen, ſo kriegen meine Brü⸗ der und Schweſterlein ſo kleine Stücklein, daß ſie nicht ausreichen, und ehe ich ſie dann vor Hunger weinen laſſe, gebe ich ihnen lieber das meinige. Und doch hungert's mich ſelber ſo ſehr! Ach, lieber Herr Gott, der du die Thierlein ernährſt und jedes Gräslein ſpeiſeſt, ich bettle aber nicht um Brod, denn auch ich weiß ſchon, Du wirſt mich nicht verhungern laſſen; ich werde ſchon einige Krümlein finden, die vielleicht reiche Kinder verloren haben, wenn ſie ſatt waren;— nein, ich bete, daß Du meine gute Mutter wieder geſund machſt. Ach, ſie hat große Schmerzen und iſt ſehr krank! O, hilf ihr wie⸗ 33 der; mache Du, daß ihre Leiden aufhören. Du kannſt ja alles thun, was Du willſt, Du Allmächtiger. O hilf doch einmal; hilf, hilf uns, o lieber Herr Gott!“—— Ietzt hörte er auf zu flüſtern; ſeine Lippen zitterten nur noch und aus den treuen blauen Augen, über welche er die Hände gelegt hatte, quollen die Thränen ſo ſtark, daß ſie durch ſeine Finger rannen und daß ſein ganzer kleiner Körper vor Jammer und Froſt zitterte. Dieſe Erſchöpfung ſeiner bisher ſo friſchen Kinderſeele, dieſes Riederbrechen ſeines Muthes unter der Laſt von Sörgen, die für dieſes arme Kind viel zu groß waren, weil es noch nicht im Stande war, mit der Arbeit ſeiner ſchwa⸗ chen Händlein ſo viel zu verdienen, als es möchte, dau⸗ erte lange, länger, als der arme Niklas ſelber wußte. Wohl gingen hie und da Menſchen bei ihm vorbei, und ſahen und hörten ihn ſchluchzen; aber es waren meiſt nur arme Wanderer, die erfroren und kalt an ihm vorüber eilten, denn der Froſt und der düſtere nebelige Himmel hatten längſt alle Luſtwanvelnden aus den modrig duf⸗ tenden Waldestiefen des engliſchen Gartens verſcheucht. Sie gingen kalt vorüber an dem armen Niklas und kei⸗ ner hatte für ihn eine Frage nach ſeiner Noth, keiner ein Wort des Troſtes. Plötzlich ſchrak Nicklas zuſammen; es ſiel ihm ein, er müſſe ſich verſäumt haben, denn daheim wartete ſeine kranke Mutter Niemand und die Kinder waren ohne 3 Aufſicht, weil heute die Loy in die Stadt nach Arbeit gegangen war. Er zog ein zerriſſenes Tüchlein hervor, trocknete ſich das Geſicht ab, nahm den Tragriemen eilig über die Schulter, griff an den Schubkarren, hob ſchwer und ſetzte ihn mit aller Kraft in Bewegung. Aber durch ſein Daraufſitzen mochte er wohl die Laſt aus dem rech⸗ ten Gleichgewicht gebracht haben, denn jetzt wankte der Karren hin und her und Niklas mußte alle Augenblicke anhalten, um nicht umzuwerfen. So gelangte er end⸗ ſich bis an den zweiten Iſarkanal, wo der Weg nach der Aubrücke hinläuft, und hier auf einem ſchmalen Pfade neben der Fahrſtraße hatte er endlich den Unfall, umzu⸗ werfen und der ſchwere Pack Wiäſche rollte weithin über das naſſe Gras. Auf dieſem einſamen Platze nun er⸗ ſchallt plötzlich das Gebell vieler kleiner Hündlein und ehe er es ſich verſah, zwickten ihn ſcharfe Zähne in die nack⸗ ten Ferſen. Raſch wendete er ſich um und ſah acht bis zehn ſchöne, weiß und braun gefleckte Hündchen, welche, 4 von dem Umwerfen des Karrens erſchreckt, ihn anfielen 3 mit heftigem Klaffen und wieder näherten ſich ihm ein paar der dreiſteſten, um nach ſeinen Füßen zu beißen. Da ihm das wehe that, ſo ſuchte er ſie zu verſcheuchen. Aber dadurch wurden die Thierlein noch mehr erzürnt; ſie ſprangen mit gewaltigem Gebell um ihn her und er ſuchte, während er mit den Füßen um ſich ſtieß, nach * einem Prügel, fand aber keinen. Da ergriff er kleine 35 Kieſel, ſchleuderte ſie nach ſeinen Drängern und traf end⸗ lich einen davon, daß er ſchreiend davon lief. Jetzt kam aus dem Seitenwege ſchnell ein alter, wohlbeleibter Mann, der einen runden Hut, einen langen blauen Rock und eben ſolche Beinkleider trug und ſchon lange lachend und unbeierkt zugeſehen hatte, herbei, rief Niklas zu:„Laß ab und wirf nun keinen mehr!“ und trieb die Hündlein ſchnell mit dem goldbeſchlagenen Rohr von dem Karren weg. Niklas betrachtete ihn ſtaunend. Der alte Herr ſah ſo gut aus, er hatte eine ſo liebreiche Miene, ein Geſicht voll Herzlichkeit und Biederſinn, voll Heiterkeit und dennoch auch voll Würde und Hoheit, und aus jeder ſeiner Bewegungen ſtrahlte ein ſolcher Adel, daß Niklas unwillkührlich tiefe Ehrfurcht, aber dennoch auch ſogleich ein unbegrenztes Zutrauen zu ihm empfand. Wohl war er ſich des Grundes dieſer Empfindungen nicht bewußt, aber er empfand ſie mächtig, es war ihm wohl in der Nähe dieſes Mannes und doch auch feierlich zu Muthe, faſt, als wäre er in der Nähe eines Heiligthumes. Jetzt hob der alte Herr den umgefallenen Karren auf, klopfte auf den höchſten Punkt mit dem Stock und ſagte:„Da ſetze dich her, liebes Kind, und zeige mir, wo dich Fidele gebiſſen hat.“ „Je, es iſt nicht der Mühe werth, e Herr,“ ſagte Niklas. * 3 36 „Ei, das verſtehſt du nicht, Kind. Der Biß eines erzürnten Hundes hat zuweilen ſehr ſchlimme Folgen. Setze dich!“ Niklas folgte gehorſam der Weifung und der Mann ergriff nun ſeinen Fuß und unterſuchte denſelben mit einer großen Sorgfalt. Da er keine Wunde, wohl aber Eindrücke der ſcharfen Zähne des Hundes fand, ſo rich⸗ tete er ſich zufrieden auf, ſah den Knaben mitleidig an und ſprach:„Es iſt heute kein Wetter zum Barfuß⸗ laufen, Kind. Du mußt wohl recht armen Leuten ge⸗ hören. Wer ſind deine Eltern?“ „Mein Vater iſt ſeit drei Jahren ſchon todt, gnä⸗ diger Herr!“ ſagte Niklas betrübt,„und meine Mutter iſt nun ſeit ſechs Wochen auch ſh krank; da geht es uns ſchlecht.“ „Was war dein Vater?“ „Er war Feldwebel im Leibregiment,“ entgegnete Niklas. Der Herr, welcher ſch ein wenig abgewendet hatte, kehrte ſich raſch um und ſagte barſch:„Feldwebel war er? das iſt nicht wahr! Seit drei und mehr Jahren iſt kein Feldwebel von dem Regiment geſtorben.“ „g, gnädiger Herr, er war 11 Jahre Feldwebel und erhielt ſpäter eine Büreaudienersſtelle beim Stadt⸗ gericht hier in München. Aber die hatte er nicht lange, dann ſtarb ex.“ 37 „Wie hieß er denn?“ „Niklas Mender, wie ich auch heiße,“ ſagte der Knabe. „Wovon ernährt ſich Deine Mutter? hat ſie keine Penſion?“ „Ja, gnädiger Herr, alle e achtzig Gulden, aber——“ „So viel verzehrſt du allein, willſt ſagen?“ un⸗ terbrach ihn der Herr, ehe Niklas nach kurzem Stocken weiter reden konnte. „Das kann doch wohl nicht ſein, gnädiger Herr,“ ſagte Niklas lachend,„denn da wir unſer ſechſe ſind, die Mutter und fünf Kinder, ſo müßten wir wenigſtens 480 Gulden Penſion haben.“ „Du biſt ein Rechenmeiſter, wie ich ſehe, und lernſt was in der Schule. Aber was fehlt denn deiner Mutter?“ „Sie hat das Gicht,“ ſagte der Knabe betrübt. „Hm, das iſt ſchmerzhaft!“ flüſterte der Mann und, fuhr dann fort, indem er in die Taſche griff:„da haſt du was; laß dir dafür ein Paar warme Strümpfe und Schuhe kaufen.“ Er wollte Niklas einen Kronenthaler geben. „Nein, nein,“ rief junger Freund abwehrend, „das darf ich nicht nehmen!“ „Wer hat das geſagt?“ fragte der Herr und lachte herzlich. „Meine Mutter hat geſagt, das Betteln wäre eine Schande, antwortete Niklas. „Du haſt ja nicht gebettelt,“ meinte der Mann und reichte dem Knaben abermals das Thalerſtück hin. Es war ganz neu, ganz wie eben aus der Münze, und Nik⸗ las ſagte ſtaunend:„Ei, wie ſchön! Aber nein, ich darf es nicht annehmen; meine Mutter würde ſich darüber er⸗ zürnen, wenn ich es thäte.“ „Auf dieſe Gefahr hin nimm es, ich befehle es. Und wenn ſie ſich wirklich über dieſen Thaler ärgert, ſo will ich die Schuld haben. Sage ihr nur, ich hätte be⸗ fohlen, ſie ſolle das Geld gleich für ein Paar Strümpfe und Schuhe umſetzen. Sie wird mehr Zeit zum Ein⸗ kaufen haben, als ich. Da, nimm!“ Niklas griff nun freilich zu und erſchöpfte ſic in Dankesäußerungen, die der Herr dadurch abſchnitt, daß er fragte:„Wo wohnſt du denn?“ Der Knabe nannte ihm die Stadtgegend und die Nummer ſeines Hauſes und beſchrieb deſſen Lage ſo ge⸗ nau, daß der Herr endlich ſagte:„Schon gut, jetzt weiß ich es, ich habe das Hüttchen ſchon geſehen. Nun, ich will mich einmal dort umſchauen.“ „Aber wer ſind Sie denn, gnädiger Herr. Ich bitt' um Vergebung, aber ich möcht' es wiſſen, damit ich es mei⸗ ner Mutter ſagen könnte.“ „Das ſollſt du einmal erfahren, wenn ich es für gut finde. Ich meine aber, du hätteſt mich ſchon oft geſehen und ſiehſt mich alle Tage Nun leb' wohl!“ Damit kehrte * 39. ſich der Herr ab, lockte ſan Hündlein, die ihm belend voranſprangen, und war bald im Nebel verſchwunden. Niklas hatte ihm nachgeblickt, ſo lange er noch eine Spur von dem Manne wahrnehmen konnte. Dann aber ſah er mit einer kindiſchen Freude auf die Münze, die prächtig funkelte und glitzerte. So was Schönes hatte der arme Knabe noch nie gehabt. Verwundert betrach⸗ tete er das Schwert und Scepter, welche auf der Wappenſeite befindlich waren, das Bruſtbild des Königs, welches die andere Seite des Thalers trug, las wohl zehnmal die Schrift und den Wahlſpruch des Monarchen und freute ſich über den Lorbeerkranz, den der Rand ſo ſchön darſtellte. Aber er hatte ſich noch lange nicht ſatt geſehen, da brummte die große Glocke vom Frauenthurm, es läutete Mittag und mit einem Satze war der Knabe vom Karren auf der Erde, wo er vor Luſt und Vergnü⸗ gen einen Augenblick wie toll tanzte und ſprang. Dann ſteckte er den Thaler zu unterſt in ſeine Taſche, nachdem er ihn, um ſeines Schatzes recht ſicher zu ſein, in einen Zipfel ſeines zerfetzten Tüchleins gewickelt hatte, griff nach ſeinem Wäſchepack, rollte ihn mit Leichtigkeit nach dem Karren, lud auf, rüſtete ſich zur Fahrt und wie im Fluge ging es durch den Garten, über die Brücke, der Au zu. Als er an den Thalabhang kam, rief er einige Nachbarskinder, die da ſpielten, um Hilfe an, und als ſich ein ganzes Häuflein vorſpannte, ging es raſch hin⸗ 40 auf bis zur heimathlichen Hütte, wo Niklas endlich er⸗ müdet, aber auch höchſt erfreut und vergnügt, anlangte. Weinen, Wehklagen und Seufzen der Mutter ſchallte ihm da entgegen, als er die Zimmerthüre öffnete, und dieſe Jammertöne warfen den Armen ſchnell wieder aus dem Himmel, in dem er ſich befand, in dieſes Erdenjam⸗ merthal herab. „O Niklas, Niklas, wo bleibſt ſo lange?“ ſeufzte die Mutter.„Ich liege da, krank und elend, das Zim⸗ mer iſt kalt, die Kinder ſind erfroren und voll Hunger, die Loh kommt, wie du weißt, heut nicht heim und du treibſt dich von 8 bis 12 Uhr draußen herum! Seit ei⸗ ner Stunde ſchon muß ich das Weinen und Wimmern der Kinder hören, die nicht einen Augenblick von mir weichen und bin davon ganz betäubt. Und dazu dieſe Schmerzen! O Gott, o Gott!“— „Gut's, lieb's, allerbeſt's, allerherzigs, zuckerſüß Mütterl,“ rief Niklas im weichſten Schmeichelton, deſſen ſeine biegſame Stimme mächtig war, indem er ſich über das Bett hinwarf,„wein' mir nur nicht und ſei mir wieder gut.“ Und er erzählte kurz, was ihn ſo aufge⸗ halten hatte. Dann zog er den Thaler als Beweis ſei⸗ nes Berichtes aus der Taſche, reichte ihn der Mutter und erſchrak nicht wenig, als dieſe faſt zornig abwehrte und rief:„Aber, Niklas, iſt das auch wahr? Du wirſt doch K 1 4¹ nicht——! du doch deine kranke Mutter nicht belügen?“— „Mutter, ich dich anlügen! hab' ich das je noch gethan?“ ſagte der Knabe und Thränen der Kränkung traten aus ſeinen Augen. Zum Glücke machten die Klei⸗ nen all dieſen Zweifeln ein Ende und verlangten ſtür⸗ miſch das blitzende„Schönchen,“ welches ihnen Niklas unter der Bedingung gab, ſich recht ſtill in die Ecke hinter den Ofen zu ſetzen und hier den Thaler, ſo lange ſie wollten, zu betrachten. Er aber machte ſchnell Licht, lief in die Hausflur, zündete ein tüchtiges Feuer an, ſetzte nach der Mutter Anweiſung zu, was für Mittag von der Loh hergerichtet war, richtete dann auf dem Liſch das Eßgeſchirr zuſammen, bis die Speiſen kochend wurden, und erzählte im Ab⸗ und Zugehen der Mutter alles auf das Ausführlichſte. Die letzten leiſen Zweifel, welche die brave Mender noch bedenklich gemacht hatten, löſeten ſich durch Niklas Erzählung endlich in reine Freude auf. Ach, mit welcher Kleinigkeit kann dem Armen Freude bereitet werden! Die Kinder wurden nun abge⸗ füttert und zerſtreuten ſich nachher zufrieden auf den Ra⸗ ſenplatz vor dem Hüttchen, wo ſie fröhlich ſpielten. Nach⸗ dem Niklas ſeine Wäſche ausgepackt und in den großen Einweichzuber getaucht hatte, welcher in der Küche ſtand, verwahrte er den Zettel an dem dazu beſtimmten Platze und ſetzte ſich an das Vett ſeiner Mutter, um mit ihr 42 einen kleinen Rath zu halten. Die gute Mutter wollte . ihn ſogleich mit dem Thaler zum Schuhmacher ſenden; 5 aber Niklas ſagte:„Nein, Mutter, ein Paar alte Schuhe 3 tthun's auch für mich; das andere nimmſt du. Ich würde mir nicht alte kaufen, wenn der Herr nicht geſagt hätte: .„du ſiehſt mich alle Tage.“ Da fürcht' ich mich, wenn er mich barfuß ſehen ſollte, und das allein iſt der Grund, ſonſt ſollteſt du den Thaler ganz haben.“ Die Mender * fügte ſich endlich in den Willen ihres Sohnes und es „ wurde ausgemacht, die Loh ſolle ihm ein Paar noch halt⸗ bare Schuhe beim Trödler kaufen. Nun erſchöpften ſich beide, die Mutter und der Sohn, in Vermuthungen, wer der Mann im blauen Rocke wohl ſein möchte Zum dritten und vierten Male beſchrieb ihn Niklas mit ängſt⸗ licher Genauigkeit und ſeine Mutter, die viele Leute kannte, zerbrach ſich vergebens den Kopf. Aber es gab damals in München gar viele alte Herren in blauen Röcken! Der Weihnachtsabend. Pelzmärtel. Die Zeit ſchritt voran und ein harter, ſtrenger Win⸗ ter hatte ſich eingeſtellt. Mit ſeinen weißen, tiefen Schnee⸗ maſſen deckte er gleichmäßig die Paläſte der Großen dieſer Erde, welche Noth und Armuth nur von Hörenſagen kennen, wie die Hütten der Dürftigen zu, bei denen um⸗ 58ehit die Sorgloſigkeit und der Ueberfluß was Uner⸗ 43 hörtes iſt. Während die Reichen ſich des Froſtes freu⸗ ten, der ihnen täglich neue und ſeltene Ergötzlichkeiten und Genüſſe brachte, während ſie in koſtbaren warmen Pelzen der eiſigen Luft ſpotteten, und daheim in lieblich erwärmten Prunkgemächern des Lenzes Blumendüfte ge⸗ noſſen, als der Froſt ſeine ſeltſam ſchönen Gebilde in wunderlichen Zügen an die großen Spiegelſchéiben der Fenſter malte, fror die Armuth und mit dem Froſte mehrte ſich Noth und Hunger auf das bedenklichſte. Das Weihnachtsfeſt kam endlich auch heran mit ſeinen Ga⸗ ben; es beſcheerte das Chriſtkind in all den Tauſenden von Häuſern, Hütten und Paläſten; es funkelte der Weihnachtsſchein überall, ſo in glitzernden Lichtlein, wie meiſt auch ſchöner in den Aeuglein beglückter Kinder, wenn ſie der ſüßen Gaben ſich fröhlich getröſteten. Nur an einem halbverſchneiten elenden Hüttlein, deſſen Fenſter mit Läden verſchloſſen waren, nur in dieſer armſeligen Wohnung ſchien das Chriſtkind allein ohne Spende vor⸗ übergegangen zu ſein. Drinnen brannte düſter das Lämp⸗ lein; um den Tiſch ſaßen mit andächtig verſchlungenen Hündchen zwei kleine Mägdlein und zwei Knaben vor einem etwa zehnjährigen Jungen und im Bette ſeufzte leiſe, um den erzählenden Knaben nicht zu ſtören, eine kranke Frau, die Mutter dieſer Kinder, und zerdrückte mit abgezehrter Hand Thräne auf Thräne, die über ihr blei⸗ ches Geſicht rannen. Ach, es waren die arme Menderundihre 44 Kinderchen, und der unglücklichen Mutter wollte es das Herz abdrücken, daß ſie ihre Kinder zum erſten Male, ſeitdem ſie auf der Welt waren, nicht beſchenken konnte. Immer war noch das Chriſtkind eingekehrt, immer noch hatte die arme Wittwe etwas zurückthun können, um ihren Kindern an Weihnachten eine kleine Freude zu be⸗ reiten. Aber heuer war es unmöglich; das thut weh! Die Kleinen murrten nicht und klagten nicht. Sie waren in ihrer großen Noth ſchon zu ganz andern Ent⸗ behrungen gezwungen worden, und es fiel ihnen daher nicht ſchwer, als endlich die Mutter es nicht mehr ver⸗ winden konnte, ſie wegen des freude⸗ und gabeloſen Chriſt⸗ abends zu tröſten und auf beſſere Tage zu verweiſen. Wohl fühlte der arme Niklas, daß es beſſer geweſen wäre, den Kleinen gar nichts davon zu ſagen; er fühlte aber, daß die Mutter ſich ſelbſt mehr, als ihm und ſeinen Ge⸗ ſchwiſtern, Troſt einſprach und ſuchte deren Aufmerkſam⸗ keit auf etwas anderes zu lenken. Aber die Kleinen, nun einmal an die Sache erinnert, begannen zu fragen, wer denn eigentlich das Chriſtkindlein ſei? und er beantwor⸗ tete dieſe Fragen nach beſtem Wiſſen. Allmählig gerieth er in's Erzählen und berichtete, wie er es in der Schule gelernt, die Geburtsgeſchichte unſeres theuren Erlöſers. Hingeriſſen von dem ſchönen und heiligen Stoff, wurden ſeine Worte immer feuriger und gar bald umkleidete er den Bericht der heiligen Schrift mit den lebhaften Bil⸗ 45 dern, welche die aufgeregte Einbildungskraft ihn daran reihen lehrte. Als er erzählt hatte von den Engeln, die den Hirten erſchienen, von dem Geſang der himmliſchen Heerſchaaren am ſternbeſäeten Firmamente und von der Anbetung der Hirten an der Krippe, die den Leib des neugebornen Heilandes trug, da verſetzte ihn der Flug der erregten Einbildungskraft in die weite nachtbedeckte Stadt Jeruſalem, wo unter goldſchimmernden Decken der gottloſe König Herodes vom Umſturze ſeiner Herr⸗ ſchaft träumte, wo im Tempel bei dem Scheine der Opfer⸗ feuer die Prieſter des Dienſtes Jahova's warteten und auf den dunkeln Zinnen der Wächter in die nächtlich ſtillen Berge und Auen hinausſtarrte.„Droben am Him⸗ mel,“ fuhr er fort,„glänzte ein Stern mit wunderbarem Schein und ſtreute Lichtſtrahlen in Geſtalt eines Kreuzes über das Firmament nach Mittag und Mitternacht, nach WMorgen und nach Abend. Da ſtaunten die Wächter über dieſes ſeltſame Geſtirn und ſahen es halb entzückt, halb furchtſam, mit den vorrückenden Stunden immer weiter und höher nach dem Mittelpunkte des Himmels herauf⸗ ſteigen. Aber bald wurde ihre Aufmerkſamkeit durch eine noch merkwürdigere Erſcheinung erregt. Aus den wald⸗ und fruchtbebeckten Höhen des Oelberges glänzte ſich nähernder Fackelſchein herab; es drang ein ſeltſames, wunderbares Klingen und Tönen hernieder in das Thal von Jeruſalem, wiederhallend an den ſtillen Höhen und in den dunkeln Straßen und bald zog eine große Rei⸗ terſchaar heran, hellbeglänzt vom Scheine zahlreicher Windlichter, welche goldfunkelnde Diener, die auf ſchnee⸗ weißen Zeltern ritten, in Händen trugen, voran aber ritten Muſiker, die auf fremden, nie geſehenen Inſtru⸗ menten unerhörte Weiſen ertönen ließen; dann kamen drei gekrönte Männer, Könige, ein weißer auf blen⸗ dend weißem, ein brauner auf braunem, ein ſchwarzer König auf kohlſchwarzem Roß, die ritten gar ſtill und einmüthig, wie Brüder, neben einander und ihre Augen waren unabläſſig gerichtet auf den ſchönen Stern am Himmel droben. Aber ein großer glänzender Zug von Reitern in prächtigen gold⸗ und edelſteingeſchmückten Ge⸗ wändern folgte ihnen nach. Als der Zug an das Thor kam, das zur Nachtzeit verſchloſſen war, da pochte der den Zug leitende Herold gewaltig. Die Wächter eilten neugierig und erſtaunt öffneten und fragten nach der Fremden Begehr. Aber der Herold deutete auf die drei Könige und dieſe ſagten: „Wo iſt der neugeborne König von Iſrael? Wit haben ſeinen Stern geſehen und ſind gekommen, ihn zu ehren!“ Da führten die Wächter den Zug durch die ſtille Stadt, deren einſame Straßen wiederhallten vom Getöne der Pſaltirer, Poſauniſten und Zinkenbläſer und dem Klin⸗ gen der goldſtrahlenden Waffen und Geſchmeide, zum marmornen Palaſte des Herodes, der erſchreckt aus dem 47 Sündenſchlafe aufwachte. Er empfing die drei Könige nach kurzer Raſt und vernahm ihre Frage mit zitterndem Herzen. Dann ſprach er:„Mir iſt kein Söhnlein gebo⸗ ren worden. Doch harret, ob ich euch Antwort aus dem Heiligthume bringen mag.“ Und er ging hinüber in den Tempel, während ſeine Kniee wankten und zitterten, zu den Prieſtern und erzählte ihnen, was er geſehen und welche Frage man an ihn geſtellt. Die aber ſagten: Es iſt an der Zeit, denn alle Zeichen ſind worhanden, daß da erſcheine der Heiland der Welt, Iſraels Meſſias. Aber nicht hier iſt die Stätte ſeiner Geburt, ſondern in Bethle⸗ hem, wie der Prophet ſagt: Und du, Bethlehem, biſt mit Nichten die kleinſte in Juda, denn aus dir ſoll mir kom⸗ men der Fürſt, der über mein Volk Israel der Herr ſei!“ Herodes eilte hinüber und verkündete das den Kö⸗ nigen, ſie einladend, bei ihm zu weilen und anzunehmen königliche Ehre und Bewirthung. Aber die drei Kö⸗ nige verneinten jede Raſt, verließen Jeruſalem zur Stunde und zogen nach dem kleinen Bethlehem. Und der Stern ging vor ihnen her und blieb ſtehen über dem Orte, da Jeſus Chriſtus geboren war. Aber die Kö⸗ nige gingen hinein und fielen nieder vor dem Heiland. Sie ſchenkten ihm Gold und Myrrhen und beteten ihn an. O könnt ich, holder Jeſus, ſo deiner Krippe nahn!“ Der Knabe ſchwieg, denn ihm war, als hörte er draußen den Schnee knarren unter dem Tritt ſchwerer X 48 Füße und die Kleinen, noch dürſtend nach der Fortſetzung der ſchönen Geſchichte, harrten leiſe. Aber da pochte es wirklich draußen.„Wer iſt draußen?“ rief Niklas. „Macht auf,“ ſagte eine tiefe Brummſtimme, „macht auf, ihr Kinderlein, Pelzmärtel kommt, und will hinein. Es iſt ſchon ſpät, die Nacht iſt kalt, Pelzmärtel kommt aus finſterm Wald, er kommt von Nüß⸗ und Aepfelbäumen und will ſein Säcklein noch ausräumen, will ſeinen Pelz. gewaltig ſchütteln, will Nüß und Aepfel herausrütteln. Zum Chriſtfeſt hat er dieſe Nacht ein ganzes Säcklein voll gebracht!“ Die Kinder fuhren er⸗ ſchreckt unter den Tiſch; Niklas aber, der trotz der ver⸗ ſtellten Stimme doch die gute Nachbarin Loh erkannt hatte, eilte lächelnd vor ſeliger Freude, ein Licht anzu⸗ zünden und die Thüre zu öffnen. Da kam's herein, einen alten verkrüppelten Hut auf dem Kopfe, mit ſchwarzbehaartem Geſicht, über und über in Pelz gehüllt, in der einen Hand einen langen, großen Stab, in der andern einen Sack und ſchritt herzhaft, ihn mit dem Licht voranſchiebend, in die Stube herein.„He, wie geht's? Sind die Kinderl brav?“ fragte der Pelzmärtel.“ „O ja, ja!“ ſchrieen die Kleinen unter dem Tiſch hervor und ſchauten das dicke Ungethüm halb furcht⸗ fam und doch neugierig an. Aber als die kleine Lorle vor Angſt zu ſchreien begann, fing der Märtel an, ſich zu ſchütteln und da gab's ein Gepurzel und Geklapper und in die Stube rollte ein ganzer Hagel von Nüſſen und Aepfeln.„Da, klaubt auf, das iſt euer! Aber theilt ehrlich.“ ſagte Pelzmärtel, ſchritt dann auf Lorle zu, das ſich entſetzt ins Bett zur Mutter geflüchtet hatte, und ſagte:„Da, mein gutes Engerl, nimm!“ und reichte ihm einen großen Honigkuchen. Aber das Kind wendete ſich noch immer ab, obſchon die zitternden Händchen nach der ſüßen Speiſe greifen wollten, und wagte es nicht, zu nehmen, bis plötzlich die haarige Maske fiel und hin⸗ ter derſelben das ehrliche, freundliche Geſicht der braven Loy zum Vorſchein kam. Jetzt langte Lorle zu und dann mit beiden Händchen nach der vermummten Wohlthä⸗ terin, die es auf den Arm nahm und den kleinen Lieb⸗ ling herzte und küßte. Da war große Freude in der Hütte und die Mender ſagte ſchluchzend:„O liebe Bärbi, wie kann ich Euch vergelten, was Ihr an mir und mei⸗ nen Kindern thut. Gottes Segen über Euch! Rein, Euch muß es gut gehen in der Welt.“ Aber die Loy drückte der kranken Frau ſtumm vor Wehmuth und Freude die Hand und empfand in ihrem guten Herzen die Wahr⸗ heit des Spruches: Geben iſt doch noch tauſendmal ſe⸗ liger, als nehmen!“ d Ein reines Herz wird nicht verkannt. Der Januar verfloß, Februar kam und mit ihm ie achtzehnte Woche, ſeidem die unglückliche Mender 4 50 krank darnieder lag. Niklas hatte auf dem Zahlamt die Penſion wieder erhoben; aber dieſesmal mußte der Haus⸗ zins beſtritten und Holz gekauft werden und ſo blieb faſt gar nichts davon für das Leben übrig. Die Noth war groß bei der armen Mender; die braven Nachbarn beklagten ſie; viele ſendeten Eſſen zur Stärkung, denn 3 der Appetit hatte ſich bei ihr wieder eingeſtellt; aber eine größere Unterſtützung konnten ihr die armen Leute nicht gewähren. Der Arzt beſuchte ſie längſt nicht mehr; er hatte geſagt, der Frühling werde vielleicht Beſſerung und Wiederherſtellung bringen; aber bis zum Lenz war noch lange und der lichte Oſtertag mit dem friſchen Wieſengrün, dem Murmeln des Baches, dem Getriller der Lerchen und dem Schwarm geſchäftiger Bienen und 3 munterer Kindlein auf der Au kam noch lange nicht. Da hieß es Geduld und Ergebung in Gottes Willen. Das iſt leicht geſagt von Geſunden und Glücklichen, aber von Kranken ſchwer geübt und bewieſen. Noch lag der Schnee auf Erden. Er war alt und grau geworden, dieſer Schnee, der von einem Jahre zäh und hartnäckig bis ins andere liegen blieb und dem gar mancher Bruch der Witterung, ja mancher Regen und manches Thauwetter nichts anhaben konnte, als daß ſie ihm ſeine Reinheit und Weiße nahmen und ihn vor Alter grau machten. Aber ſeit einem Tag etwa pfiff ein biſſiger, ſcharfer und doch lauer Wind über die ₰ v 51 —— Ebenen herüber, der drang in die Tiefen dieſes alten Schnees und erweichte ihn, daß er allmählich abließ von ſeinem trotzigen Kniſtern und Knarren unter den Fuß⸗ tritten derer, die drüber hinſchritten. Auch Niklas war einer von dieſen Wanderern, aber ein verdroſſener und unwilliger. Die Mutter, die jetzt ein wenig kräftiger wurde und im Bette aufſitzen konnte, hatte das Regi⸗ ment wieder in die Hand genommen und verdrießlich über allerlei geſcholten und gezankt, was er hatte liegen laſſen. Da nun Niklas dieſe Verweiſe daheim ruhig hinnehmen mußte, ſo ließ er ſeinen Zorn am Schnee aus und trat ihn ſo grimmig mit ſeinen zerfetzten Schuhen, als er nur konnte. Durch den engliſchen Garten führte ihn ſein Weg; er trabte verdrießlich mit ſeinem Karren dahin und bemerkte nicht einen einſa⸗ men Wanderer, der ihm entgegen kam, bis er faſt mit dem Karren an den Mann anrannte und erſchrocken raſch zur Seite ausbog. Dann warf er einen Blick nach der großen, in blaue mit koſtbarem braunſchwarzen Pelz verbrämte Gewänder gekleideten Geſtalt und er⸗ kannte ſeinen„Mann im blauen Rocke“ mit nicht ge⸗ ringer Beſtürzung. Aber der alte Herr ſtand wie eine Mauer und rief ſtreng:„He da, halt ein wenig ſtill, du!“ Niklas ſtand, ſetzte ab, nahm das Käppchen vom Kopf und erröthete über und über. 52 „Aber, Burſch, was haſt du für Schuhe an? Sind das die, welche du dir gekauft haſt, wie ich dir gehei⸗ ßen? Da, ſetz dich und zeig' einmal.“ Und er klopfte wieder mit dem Stocke auf die Pr⸗ des rens. Niklas gehorchte zitternd und ſagte, während der alte Herr mit ſtrengen Blicken die ſohlenloſen Schuhe und die halbnackten Füße des Knaben betrachtete:„Ach, allergnädigſter Herr, ſeien's halt nit bös; ich hab' mir ſtatt neuer, alte Schuhe kaufen laſſen!“ „So? und warum?“ fragte der Herr, und in ſi- nem Antlitz kämpfte Widerwillen mit Heiterkeit. „Weil— weil— meine Mutter iſt halt recht krank und arm!“ platzte Niklas hetaus. „Das alte Lied!“ meinte der Herr und ſagte dann: „es ii nicht gut angewendet, wenn man euch Kindern Geld in die Hand gibt. Ihr wißt doch keinen beſſern Gebrauch, als davon zu naſchen und es zu verthun. Ich hab' das ſo oft ſchon erfahren. Uebrigens vergaß ich deiner Mutter, nach der ich ſehen wollte. Es iſt da was dazwiſchen gekommen. Wie geht es ihr? iſt ſie noch krank?“— „Ach ja, gnädiger Herr. Aber, wenn es gütigſt erlaubt würde, ſo wollte ich ſagen, daß——“ „Na, was denn?“ fragte der Mann ſtreng. 53 „Ich hab' ganz gewiß das Geld meiner Mutter ge⸗ geben, lieber Herr, und gewiß nichts verthan. Sie kön⸗ nen ſich erkundigen.“ „Dazu hätte ich Zeit!“ meinte der Herr und lachte. „Aber ich will dort nachſehen und wenn du es wagſt, zu belügen, ſo iſt es ſchlimm für dich. Du kennſt mich nicht? ₰ „Nein, gnädiger Se ſagte Niklas und beobach⸗ tete den Mann ſcharf. In der That hatte er dieſe ſchö⸗ nen, ernſtfreundlichen und ehrfurchterweckenden Züge ſchon oft geſehen, aber wo?— das war ihm räthſel⸗ haft. 18 t „Alſo wirklich? nun, da du mich nicht kennſt, ſo will ich dir hiemit noch einen neuen Kronenthaler geben,“ ſagte der Greis lachend und rticht: Niklas eine blitzende Münze hin. Aber dieſer ſprang entſchloſſen einige Schritte zu⸗ rück und ſagte:„Nein, nein, gnädiger Herr, ich darf diesmal nichts nehmen, obſchon mir das Herz darüber weh thut!“ Und er brach in Thränen aus. „Wie? warum nicht?“ ſagte der Mann und ſtützte ſich ehent auf ſein goldbeſchlagenes Rohr. „Schauen' s, gnädiger Herr,“ ſagte Niklas,„gerade ſo, wie es mir bei Ihnen geht, iſt's mir däheim gegan⸗ gen. Die Mutter und die Loh haben mich gar zuerſt in Verdacht gehabt, ich hätte das große Gelvſtück nicht auf 54 ehrliche Weiſe erhalten. Das hat mir wehgethan. Dann wollte meine Mutter nicht einen Theil davon für ſich verwenden, obgleich wir damals gar kein Geld im Hauſe hatten und nicht wußten, wovon Brod und Kartoffeln für die Kleinen anſchaffen. So ginge es mir heute wie⸗ der, denn wir ſind noch ärmer, als damals. Unſere Pen⸗ ſton iſt gerade für Hauszins und Holz aufgegangen und meiner Mutter wäre mit dieſem Geld geholfen. Ach Gott, ach lieber Gott, was ſoll ich thun!“ Und der Knabe fing bitterlich zu weinen an. „Da muß ja große Noth ſein,“ ſagte der Mann er⸗ ſchüttert und eine ſo ſchöne menſchliche Rührung zeigte ſich auf ſeiner edlen Miene, daß ihn NRiklas entzückt be⸗ trachtete und ihn im Stillen ſegnete. Gott hat dieſes Mitgefühl eines Herrſchers geſehen; der Herr hat es eingetragen in das Schuldbuch des Him⸗ mels, wo ſo viele herrliche Wohlthaten dieſes Edlen von Engelhänden aufgezeichnet wurden, für die Er ohne Zwei⸗ fel den ſüßeſten Lohn der Seligen„ ſeiner Vollen⸗ dung gefunden hat. Der alte Sert bewältigte die Rührung raſch, welche ihn ergriffen hatte, und noch einmal ſtiegen leiſe Zweifel an der Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit des Kluben in ſei⸗ ner Seele auf. „Du biſt entweder ein zueun wackeres Kind, oder ein für deine Jahre ausgemachter Heuchler,“ ſagte 55⁵ er.„Ich weiß es nicht, welches das Richtige iſt; Gott weiß es aber und ich ſchenke dir das Zutrauen, daß du gut und brav biſt. Sage deiner Mutter, ich werde nach ihr ſehen laſſen; ſie ſoll Gott vertrauen und nicht ver⸗ zagen. Hier nimm den Thaler und kaufe dir diesmal Schuhe dafür. Deine Mutter wird erhalten, was ihrer Noth ein Ende macht.“ Aber Niklas weigerte ſich ſtandhaft und ſagte klug: „Wenn Sie meiner Mutter helfen, ſo wird es Ihnen Gott lohnen. Ich brauche dann nichts, gnädiger Herr, und Sie überzeugen ſich am beſten, daß ich Ihr Miß⸗ trauen nicht verdiene.“ „Das iſt wahr,“ ſagte der Mann und ſtaunte über die en des Knaben.„Solche Ueberlegung ver⸗ räth ein Talent, das, wohlgepflegt, zu ſchönen Hoffnun⸗ gen berechtigt,“ ſagte er dann nachdrücklich vor ſich hin. „Aber“, fuhr er launig fort,„ich habe es mir in den Kopf geſetzt, daß du dieſen Thaler haben ſollſt. Hebe ihn auf und— horch, was iſt das?“— unterbrach er ſich. Aus der Stadt aber ertönte der dumpfe, ſchaurige Ruf der Sturmglocken; es war Feuer in München. „Großer Gott, es brennt! Da, nimm! Adieu!“ Mit dieſen Worten warf der Mann Niklas das Geldſtück zu und eilte mit ſchnellen Schritten davon. Niklas aber ſteckte den Thaler erſchreckt zu ſich, ohne Zeit zu finden zum ſchuldigen Danke, und eilte furchtſam mit dem — Karren nach der Hütte ſeinet wuter, welchn er— Gefahr erreichte. Der Herr Zankerl und die arme Mender. Die Flammen wütheten in einer der großen Brau⸗ ereien, welche in München das beliebte, nahrhafte und wohlfeile Volksgetränk, das Bier, erzeugen. Den her⸗ beieilenden Löſchmannſchaften gelang es, dem Feuer Pald Grenzen zu ſetzen, und die anſtoßenden Stadttheile vor Verheerung und Vernichtung durch das entfeſſelte Element zu bewahren. Aber das ungeheure Gebäude ſammt allen Nebenbauten, Scheunen, Scheuern, Ma⸗ ſchinen, Holz⸗, Hopfen⸗ und Getreidevorräthen konnten ſie nicht retten. Wie ein Vulkan wüthete dort die Brunſt, die immer neuen Stoff fand und nicht eher zu unter⸗ prücken war, als bis am folgenden Morgen das ausge⸗ brannte, glühende Gemäuer nach und nach ſammt den ungeheuren Kaminen mit gewaltigem Krachen zuſammen⸗ brach und ſo die Gluth erſtickte und unter rauchenden Trümmern begrub. Das war ein Schreckenstag für die Hauptſtadt geweſen, wie lange noch kein für München gekommen. Zum Glücke der kranken Mender lag der Schau⸗ platz dieſer Schreckensſcene weit ab von ihrer Wohnung, faſt am entgegengeſetzten Ende der Stadt. Aber ein an⸗ deres wartete der Armen am folgenden Tage. Die Loh war mit den Vorbereitungen zum Waſchen beſchäf⸗ tigt, der geheizte Keſſel brodelte in der Küche, die Däm⸗ pfe drangen aus dem Hauſe und der Vorplatz, ſo wie der Hausgang ſtand voll Zuber mit kaltem und warmem Waſſer, indem die gute Bärbi handthierte. In der Stube waren die Kleinen bei der im Bette ſitzenden Mutter, weil ihr gewöhnlicher Wärter und Beaufſichtiger Niklas zur Schule gegangen, und ſpielten da auf kleinem Raume. Draußen aber war der Schnee geſchmolzen; der laue Wind fegte ſcharf über die Flur und alle Wege ſtanden voll Schneewaſſer. Es war ein ſchmutziges, un⸗ freundliches Wetter. n Da näherte ſich der Hütte ein kleiner, wohlbeleibter Mann, deſſen Geſicht ganz dem abſcheulichen Tage glich. Denn wie am Himmel Wolke auf Wolke die andere drängte, ſo ſchien auf dem Antlitz dieſes wohlhäbig und patzig ausſehenden Männleins ein Grimm den andern, zu überhaſten und zu verjagen. Zornig ſchritt er durch das Heckengäßlein, das zur Hütte der Mender führte, bei jedem Schritt die gewichſten, mit Koth beſudelten Stiefel betrachtend, und kam dann ohne Anmeldung ungeheißen in das Grasgärtlein herein. Da blieb er ſtehen, ſtemmte das Stöcklein zornig gegen die Erde und betrachtete mit giftigen Aeuglein die zahlreichen Wäſchhenken, die langen arübergelegten Stangen und ſchnüffelte verdrießlich, als ihm der Wind den Dampf der Wäſche geradezu in die empörte Naſe führte. Dann griff er in die Taſche, zog die ſchildkrotene, mit Silber beſchlagene Doſe heraus, ſchnupfte bedächtig zwei⸗ oder dreimal und preßte die Lippen ſo bedenklich aufeinander, wie etwa ein Richter bei Entſcheidung eines ſchweren Rechtsfalles thun würde. In dieſer Stellung mit zuſammengekniffenem Munde, weit offenen Augen, hinaufgezogenen Augenbraunen, gerunzelter Stirn und nach hintenhängendem Filzhut ſah der Mann ſehr weiſe und bedenklich aus, faſt wie eine kleine Wetterwolke, die zu blitzen und zu donnern begin⸗ nen will. Endlich ſchien er mit ſeinen Betrachtungen zu Ende zu ſein und ſchritt auf die offenſtehende Haus⸗ thüre gravitätiſch zu. Die Loy, welche da handthierte, ſah ihn erſtaunt an; da aber das Grüßen nach aller Welt Brauch an dem iſt, der da kommt, und ſie das Männlein nicht kannte, ſo grüßte ſie ihn auch nicht, ſon⸗ dern beide maßen ſich mit den Blicken, während ihnen der mürriſche Groll aus den Augen leuchtete. Das Männ⸗ lein wurde gewaltig erboſt, als es ſich unbegrüßt em⸗ pfangen ſah, hielt aber die Loh für eine Magd der Men⸗ der, ſetzte ſich aufs hohe Pferd und befahl „Platz da gemacht, Jungferl!“ Die ſonſt ſo demüthige Loy, ohnehin erhitzt von der An⸗ ſtrengung, entgegnete erboſt:„Was ſchaffen's da, Mosjö? Wollen's machen, daß'ns weiter kommen oder nicht?“ „So?“— ſagte der Mann und ſchwoll auf, wie ein erzürnter Kater;„ſo⸗v⸗v⸗v⸗?“ 59 „So?“— höhnte vie erboſte Loy und ergriff dro⸗ hend einen Gießbecher voll Waſſer, auf den ſie mit einer bezeichnenden Gebehrde wies. „Na, das fehlte noch, daß Sie ſich das eruuihe ſchrie der Mann.„Aber ich werde Sie einſperren laſſen!“ „Du?“ ſagte die Loy ſpöttiſch,„Du Gedanken von 'nem Mannli?“ „Platz da gemacht, ich bin pei Herr in dieſem Haufe!“ ſchrie der Mann wüthend und erhob den Stock mit drohendem Augenblitzen. Die Mender hörte ſeine Stimme und eiſchrat und an der erboſten Loy, die ſo heftig einen Zuber nach dem andern bei Seite riß, daß ſich ein Theil des Inhaltes auf den Boden und über Stiefel und Beinkleider des Hausherrn ergoß, ſchritt derſelbe ganz ſteif vor Majeſtät und Zorn in das Zimmer. „Guten Tag, Herr Zankerl!“ ſigte die kranke Mender„Geſchwind, Hans, räum' den Stuhl ab und ſtelle ihn dem Herrn Zankerl zrecht. Nehmen's halt gnädigſt Platz, ich bin krank, Herr Zankerl.“ „Wer iſt denn die unverſchämte Perſon, welche Sie 6 im Hauſe hat, Menderin?“ fragte Sankerl und ſchnaubte zornig. „Es iſt eine gute Freundin, ſe heißt Bärbi Loh und it Aufwärterin in der Stadt. Mir aber ſpringt 60 ſie jetzt bei und thut mir viel Gutes,“ entgegnete die Mender erſchrocken. „So? das Menſch muß aus dem Hauſe, ich rid ſie nicht hier,“ ſagte Herr Zankerl gebieteriſch. „Sie hat das kleine Stübchen hierneben gemie⸗ thet,“ entgegnete die Mender, indem ſie auf das tti⸗ Wort einen beſondern Nachdruck legte. „Das iſt gegen den Contrakt, den Sie hat unter⸗ ſchreiben müſſen, Menderin. Ich habe darin geſchrieben, daß Sie keine Familie in Aftermiethe nehmen darf,“ ſagte der Mann, zog ein Papier heraus, entfaltete es und klopfte nach kurzer Einſicht auf eine Stelle der Schrift mit dem Stockknopf. „Ja, ſie iſt aber ganz allein, lieber Ich leid' es nicht, Sie muß dieſe Perſon fortſchaf⸗ fen; bis Montag komme ich wieder und da muß ſie aus dem Hauſe ſein!“ ſagte der Mann hart. „O lieber Gott, das kann ich nicht, wer ſollte mir pelfen? Sie muß mir arbeiten, ſonſt Lerhungern wir,“ ſagte die Mender. „Dafür kann ich nichts,“ ſagte 6 Nann kalt und nahm eine Prieſe Tabak. „Sehen Sie, lieber Herr Zankerl, die Wohnung hat Raum für uns und ſie,“ ſagte die Mender demüthig, da wird's mir mit dem Hauszins leichter. Ich muß zu erſparen ſuchen, wie ich kann; es find gar zu harte Zeiten.“ - Se P— 61 „Dafür kann ich nichts!“ entgegnete der Mann kalt und ſah ruhig im Stüblein umher. Dann fuhr er fort: „Da iſt alles feucht; das kommt von dem verwünſchten Waſchen, Menderin. Sie ruinirt mir das Haus. Das Waſchen leide ich nicht mehr.“ „Aber mein Gott, es iſt ja mein Erwerb, ich könnte mich ja nicht mehr ernähren, lieber Herr,“ rief die Mender beſtürzt. „Dafür kann ich nichts, aber ich leide es nicht mehr, Menderin. Darum muß Sie ſich ein anderes Quartier ſuchen. Ich komme eben, um Ihr zu ſagen, daß Sie bis in vier Wochen ausziehen muß.“ „Wie?“ rief die Mender und zitterte vor Schreck am ganzen Leibe. „Ausziehen müßt Ihr, die Perſon da vraußen am Montag und Ihr in vier Wochen. Bis zum erſten April ziehen die neuen Miethsleute ein.“ „O Gott, das iſt mein Letztes!“ ſeufzte die Men⸗ der und brach in einen Strom von Thränen aus. „Dafür kann ich nichts,“ ſagte das Männlein mit einer ſataniſchen Kälte und fuhr dann fort;„die Steu⸗ ern werden immer höher, die Zeiten find hart, wie Sie ſelbſt ſagt, und mit Ihrem Waſchen wird mir das Haus feucht und baufällig. Die Leute, welche da ein⸗ ziehen, haben kein Geſchäft und das Haus bleibt alſo im guten Stand. Zudem zahlen ſie 10 fl. mehr, als Sie, Menderin. Jeder muß zu ſich ſelbſt ſehen und peſonders ich, denn ich bin ein unbemittelter Mann.“ „Aber wo ſoll ich hin, lieber Herr Zankerl. Ich bin jetzt krank und kann keine Wohnung, wie ich ſie brauche, in ſo kurzer Zeit finden.“ „Dafür kann ich nichts.“ „Aber ich habe viel Geld in das Haus gewendet, und mir mit großen Opfern den Keſſel in die Küche mauern laſſen.“ 8 „Hab ich Ihr das geheißen? Den thut ſie wieder heraus und läßt alles in den vorigen Stand ſetzen,“ las er aus dem Papier.„Hier ſteht's, ſchwarz auf weiß. Sie hat es unterſchrieben, Menderin!“ ſagte der Herr Zankerl. „Ach, wenn ich dafür keinen Erſatz kriege und aus⸗ ziehen, und das alles machen laſſen muß, ſo geht dar⸗ auf, was wir haben, Kleider, Bett, Hausrath, ja alles!“ weinte die artne Frau und ſank vernichtet in das Kiſſen S 3 zurück.. „Dafür kann ich nichts!“ ſagte Zankerl biſig und ſchnupfte. Zur halbgeöffneten Thür ſah aber ent rüſtet die Loy herein und rief:„Muth gefaßt, Haus⸗ frau, Der da wird wohl an einem andern Ort mit ſich reden laſſen und dann etwas dafür können.“ 63 „Steckt Sie ihren Schnabel auch drein, Sie da vnßert⸗ ſchrie Herr Zankerl und ſein Antlitz wurde ſo roth, daß er aufs Haar einem erboſten Truthahn glich. Ja, ich ſtecke meinen Schnabel drein, Er Unhold, Er!“—— und ſie überfluthete den Hartherzigen mit einer Reihe echt Münchner Schimpfwörter, die wir nicht wieder geben wollen. „Ich werde Sie finden, Sie Perſon, Sie,“ ſagte Zankerl, außer ſich vor Jorn, warf dann einen Streifen Papier auf den Tiſch und ſagte zur Mender:„Hier liegt Ihre Aufkündigung, damit Sie nicht ſagen kann, ich hätte Sie nicht rechtzeitig von derſelben in Kenntniß geſetzt.“. Dann verließ er das Zimmer wüthend und traf außen die Loy, welche mit geſträubten Haaren und wie ein Drache erzürnt auf ihn wartete und an dem Garten⸗ thürchen Poſto gefaßt hatte. So gutmüthig und auf⸗ opfernd ſie war, wenn es galt, Menſchen, die in Noth waren, zu helfen, ſo grenzenlos war an Heftig⸗ keit und ihr Zorn, wenn ſie beleidig urde oder Zeu⸗ 3 gin von Härte und Ungerechtigkeiten ſein mußte. Her„ Zankerl hatte ſich unglücklicher Weiſe beide Fehler zu ſchulden kommen laſſen, und dadurch die alte Jungfrau in einen Gemüthszuſtand gebracht, woſie ihrer nicht mehr mächtig war. An Mäßigung war nun natürlich nicht zu denken, und ſomit entſtand eine Scene, welche wir 64 zu beſchreiben unterlaſſen müſſen. Bis faſt in die Stadt verfolgt von der wüthenden Loh, der ſich eine gute Anzahl der nahewohnenden Weiber hilfreich anſchloſſen, die den böſen, hartherzigen Zankerl alle nicht leiden konnten und ſich alſo der Gelegenheit freuten, ihr Müthchen an ihm kühlen zu können, gelangte der Herr athemlos und erſchöpft in ſeine Wohnung, wo er, auf's Tiefſte gekränkt und von Gedanken der Rache erfüllt, ſich ſogleich zu Bette legen mußte und niederſchlagende Mittel gebrauchte, um nicht an den Folgen W erlit⸗ tenen Beleidigungen zu erkranken. Der Haufen ergrimmter Weiber zog ſch nach und nach zur Mender, die von allen aufrichtig bedauert wurde. An Nachgiebigkeit von Seite des Hausbe⸗ ſitzers war nach dem Vorgefallenen nicht mehr zu den⸗ ken, und guter Rath deshalb theuer. Doch erhielt die Mender das Verſprechen, daß für ſie geſorgt werden ſollte. Dabei hatte es aber vor der Hand freilich n Bewenden. Zwar ließ Herr gantert die Loy nicht augen⸗ blicklich, wie er gedroht hatte, aus dem Hauſe ſchaffen, denn mit der hatte er keine Luſt mehr. anzubinden. Da⸗ gegen wurde es Ernſt mit dem Ausziehen und die Loh erkannte bei nachfolgender Ueberlegung, daß ſie durch ihre Heftigkeit jede Möglichkeit zur Vermittelung abge⸗ ichnitten hatte. Dafür hielt ſie ſich auch verpfüchtet, 65 für die Mender und ihre Kinder zu ſorgen. Sie be⸗ ſaß ein kleines Erſparuiß von 50 fl., welches ſie noch an demſelben Tage auf der Sparkaſſe erhob und der überraſchten Mender als freiwilliges D Darlehen einhän⸗ digte. Dann aber ging ſie an ihre Arbeit und be⸗ ſorgte die Wäſche, ſo daß dieſelbe bis zum Samſtag Morgen, der einen heitern Himmel brachte, ganz ge⸗ glättet und hergerichtet an den Wäſcheſtangen zum Aus⸗ trocknen aufgehängt werden konnte. Bis Morgens 7 Uhr war ſie damit fertig und ging nun in die Stadt ihren Beruksgeſchäſten nach. Der Diebſtahl und der Wohlthäter im blauen Rocke. Am viſem Tage fühlte ſich die arme Leidende ſo matt und unwohl, daß ſie nicht im Bette aufſitzen konnte. Die ganze Nacht hatte ſie vor Angſt und Be⸗ ſorgniß nicht ſchlafen können. Wohin werden wir ziehen? wo eine Wohnung finden, welche zur Ausübung des Erwerbs ſo geeignet iſt, wie dieſe? Wie wird es mir möglich ſein, der guten Loy ihr bischen Erſpartes, wel⸗ ches ſie mir als Darlehen gegeben, und das ich nun wohl bis nach vollbrachtem Umzug verbraucht haben werde, wieder zu erſtatten, da es überhaupt noch ſehr im Zweifel ſteht, ob ich je wieder geſund werde und ſo zu Kräften komme, daß ich wieder arbeiten kann, 66 wie früher? Und wenn mir der liebe Gott meine Kräfte nicht wieder gäbe;— wenn er es vielleicht an⸗ ders beſchloſſen hätte mit mir;— was ſoll dann aus meinen armen fünf Kindern werden?— Wer wird dieſe unglücklichen Doppelwaiſen aufnehmen, ernähren, kleiden, erziehen, unterrichten laſſen und für ihr Fort⸗ kommen in der Welt ſorgen?— Alle dieſe gewich⸗ tigen Fragen erwog die gebeugte Frau mit geäng⸗ ſtetem Herzen und kein Troſt, keine Hoffnung, nichts, was ſie aufrichten konnte, kam ihrem ſntenten Muthe zu Hilfe. Das war hart! Die Loy war, ehe ſie in die Stadt abging, noch einmal in die Stube hereingekommen, hatte den Schlüſſel ihres Stübchens an den dafür beſtimmten Nagel ge⸗ hängt und ihrer Hausgenoſſin noch anbefohlen, ja recht auf die Wäſche zu achten und die Kinder zur Wachſam⸗ keit anzuhalten, damit nichts entwendet würde. Denn in der Stadt mehrten ſich ſeit geraumer Zeit die Dieb⸗ ſtähle ſo auffallend und es wurde mit ſo raffinirter Frechheit geraubt, daß Jedermann um ſein Eigenthum be⸗ ſorgt ſein durfte, wenn es auch hinter Thür und Riegeln verwahrt war, geſchweige denn im Freien offen zu Jeder⸗ manns Händen hing und lag. Dann ſuchte ſie die ängſtlich klagende Frau mit wenigen kräftigen Worten zu tröſten und zu beruhigen und verließ die Hütte. Niklas ging nit ihr in die Schule, welche heute nur bis neun Uhr währte, denn er hatte den Auftrag, ſeinen Herrn Lehrer zu bitten, daß ihn dieſer um jene Stunde entlaſſen möchte. Die kleinen Kinder waren warm angekleidet und wohl verſorgt. Hans und Friedi ſollten die zwei Mäd⸗ chen vor dem Hauſe warten, den Platz aber um keinen Preis verlaſſen und wohl Acht geben, wenn Fremde vorübergingen, damit nichts geſtohlen werden könnte. Die beiden Buben waren geſcheidt genug, dieſe Aufträge vollziehen zu können, und es war nichts zu beſorgen, wenn ſie nur den Grasplatz nicht verließen. Die arme Mender wachte bis nach acht Uhr; ſie hörte die Kin⸗ der vor dem Hauſe lachen und plaudern, aber nun ſtellte ſich plötzlich das Bedürfniß des die ganze Nacht hindurch entbehrten Schlafes mit einer Macht ein, wie ſie dasſelbe ſeit ihrer Erkrankung in ähnlichem Maße nicht mehr empfunden hatte. Vergebens ſuchte ſie zu widerſtehen; nach einigen fruchtloſen Verſuchen, wach zu bleiben, ſchloſſen ſich ihre Augenlieder und ſie ſchlief ein. Wie lange ſie geſchlafen, davon wußte ſie ſich keine Rechenſchaft zu geben. Aber plötzlich wurde die Thüre aufgeriſſen und ihre vier Kinder kamen mit großem Weinen und dem Geſchrei:„Mutter, die Wiäſche iſt geſtohlen!“ ins Zimmer herein. „Wie, Kinder?“ ſchrie die Mender erſchrocken und war, ohne an ihre Krankheit zu denken, und irgend à 68 Schmerz und Mattigkeit zu empfinden, mit einem Sprung aus dem Bette und am Fenſter. Die Hände ringend, ſank ſie da nach einem Blick kraftlos auf die am Fenſter ſtehende Bank. Die langen Wäſcheſtangen auf dem Platze vor dem Hauſe waren größtentheils leer, obwohl ſie vier Dutzend Hemden enthalten hat⸗ ten. Nur die Strümpfe, Unterbeinkleider und Ta⸗ ſchentücher wehten unberührt von den frechen Händen des Diebes an ihrem Platz. „Mutter, Mutter!“ riefen die Kinder, welche bei dem Anblick der plötzlich auferſtandenen Frau anfangs erſchreckt zurückfuhren, aber jetzt ſich um dieſelbe dräng⸗ ten,„du biſt ja jetzt wieder geſund!“ „Bei Gottlich kann gehen!“ ſagte die Men⸗ der, die ſich nun erſt beſann. Und in der Freude über dieſes unverhoffte Glück vergaß ſie des Unglücks, wel⸗ ches ſie ſo eben niedergeſchmettert hatte. Jetzt bemerkte ſie Niklas Schulbücher, welche Lieſi in der Hand hatte, und ſagte:„Was haſt du denn da?“ „Der Niklas hat mir ſeine Bücher ins Gärtchen hereingeworfen und iſt fortgelaufen,“ ſagte Hans;„Lieſit hat's aufgehoben.“ „Der gottloſe Bube! Und jetzt eben ſollte er da ſein!“ „Frau— Wäſch!“ ſtammelte das kleine Lorle. „Wie, Töchterchen? haſt du es geſehen, daß eine Frau die Wäſche nahm?“ forſchte die Mender haſtig. — 69 „Frau, Wäſch, ada gegangen, mir Zucker geben!“ ſtammelte die Kleine wieder und wies in ihrer Hand einige Reſte von einem Marzipanſtückchen. „Ja, ja, Mutter, jetzt verſteh' ich erſt, was der Niklas im Fortrennen rief: ich will der Frau nach, ich werde ſie noch einholen! ſchrie er,“ ſagte Hans.“ Die Mender kleidete ſich raſch an und bemerkte mit Staunen und Dank gegen den Allerhöchſten, daß, eine ſehr natürliche Schwäche abgerechnet, ihr nichts mehr fehlte, ja daß ſie wie neugeboren ſei und daß auch die letzte Spur von Schmerzen ſie verlaſſen hätte.„Gott hat an mir ein Wunder gethan; Preis, Ehre und Dank ſei Ihm dafür!“ rief ſie und faltete zum andächtigen Gebet die abgezehrten Hände. Als ſie ge⸗ betet hatte, trocknete ſie die Thränen von ihren Wangen und ſagte:„Ich gehe nicht da weg; ich will es dem lieben Gott überlaſſen, ob er uns vor dieſem Schaden behüten will oder nicht. Sollte es nicht ſein, ſo will ich gerne für alles Erſatz leiſten und müßte auch mein letztes Stücklein Bett darauf gehen, weil ich nur wieder geſund bin!“ Und hingeriſſen von Dank und Ergebung in den Willen des Allmächtigen, ſchlug ſich die beglückte geneſene Dulderin alle Sorgen dieſes Lebens aus dem Sinn, ergriff das Gebetbuch und begann andächtig in demſelben zu leſen. Aber durch einen Beſuch wurde ſie in ihrer Andacht unterbrochen. 7⁰ Sart klopfte es mit einem Stock an die Haus⸗ thüre, welche die Kinder aus Furcht vor dem Diebe zu⸗ geſchloſſen hatten.„Geh, Hans, öffne!“ ſagte die Men⸗ der, legte das offene Gebetbuch auf den Tiſch und erhob ſich mühſam, um dem Kommenden entgegen zu gehen. Da kam mit dem Knaben ein alter Mann in feiner plauer Tuchkleidung ins Zimmer herein, warf nach höf⸗ lichem Gruß einen flüchtigen Blick über das Gemach, die ärmlichen Geräthe in demſelben, das Häuflein ihn ängſtlich anſtaunender Kinder und dann heftete er ſein Auge auf die Mender, welche verlegen über den Lorneh⸗ men Beſuch vor ihm ſtand und ihm mit zitternden Hän⸗ den einen Stuhl an den Tiſch zu ſetzen ſuchte. Raſch griff der Mann zu, ſetzte ſich, legte Hut und Stock auf den Tiſch und ſagte:„Sie heißen doch Mender, liebe Frau?“ „Gehorſamſt zu dienen, gnädiger Herr,“ ſprach die Mender und wiſchte mit der Schürze raſch einige Brod⸗ krümchen weg von dem Orte, wohin der Mann ſeinen Arm legen wollte. „Ich hätte Sie im Bette zu treffen erwartet, Ma⸗ 3 6 ſauen ſagte der Herr freundlich. „Heute Morgen, gnädiger Herr, war ich meiner Glieder noch nicht mächtig. Aber vor wenigen Augen⸗ blicken konnte ich plötzlich das Bett verlaſſen. Gott ſei geprieſen, es iſt ein Wunder an mir geſchehen!“ rief die „ 2 Mender und ein Strom von Thränen der Freude und Wehmuth ſtürzte aus ihren Augen. Der Mann wurde ſehr ernſt und ſchwieg ſtill. End⸗ lich ſagte er:„Sie ſollen ſeit vergangenem Herbſt ſchwer darnieder gelegen ſein. Man hat es mir geſagt und ich freue mich, daß ich Sie geſund vor mir ſehe. Schon lange wollte ich Sie beſuchen, um zu helfen, wenn ich könnte; aber ich wurde ſtets daran verhindert. Heute führt mich ein unverhoffter Zufall zu Ihnen Sie find beſtohlen worden und ich bringe Ihnen die Nachricht, daß die Diebin vor wenigen Augenblicken durch Ihren talentvollen und braven Niklas eingeholt und ſodann von einem Gerichtsdiener verhaftet worden iſt. Der wa⸗ ckere Knabe wurde als der erſte und wichtigſte Zeuge vor Gericht geführt. Ich werde Sorge tragen, daß er bald entlaſſen werde. Auch die geſtohlenen Wäſchſtücke liegen bei Gericht; ſie werden unverzüglich und unverſehrt zurückgegeben werden.“ „Ach, welche Güte, gnädiger Herr!“ rief die Men⸗ der. Aber mein Gott, Sie ſind wohl der gute Mann, welcher meinem Niklas die beiden Kronenthaler gab?“ „Freilich,“ ſagte der Fremde und lächelte. „O, ſo haben Sie tauſend Dank, Gott wird Sie dafür ſegnen! Aber werden ſie auch vergeben, daß ich den erſten Thaler für mich verwendete? Ich war damals, Gott weiß es! in einer großen Bedrängniß und der Junge— es iſt mein einziger Vertrauter, meine Stütze, mein Stab— that es nicht anders. Aber jetzt hat er ganz neue Schuhe bekommen. Ach, Sie ſollen Dank haben, lieber, gnädiger Herr!“ „Still, ich höre das nicht gerne, es iſt ja kaum der Rede werth und ich komme eben, um nachzuholen, was ich verſäumt habe. Zeigen Sie mir doch die Papiere Ihres verſtorbenen Mannes!“ Die Mender öffnete das Schränkchen, wo ſie dieſe Gegenſtände aufbewahrte, und legte dem Manne das Verlangte vor. Er ſah die Schriften ſorgfältig durch, notirte ſich ſodann wenige Worte in einer prachtvoll verzierten Brieftaſche, welche er ſogleich wieder zu ſich ſteckte, und ſagte:„Hier ſind dieſe Schriften wieder; ich habe den Inhalt geleſen. Sie werden demnächſt mehr von mir hören. Aber nun will ich gehen und Ihnen einen Arzt ſenden, der Ihren Zuſtand genau unterſuchen und Sie mit Gottes Hilfe bald vollkommen wieder her⸗ ſtellen ſoll. Damit Sie aber auch im Stande ſind, ſich zu pflegen, laſſe ich Ihnen hier eine kleine Unterſtützung zurück, welche für einen Monat ausreicht. Dann wird Weiteres folgen. Fargen Sie alſo nicht, ſondern thun Sie ſich etwas zu Gute, damit ich Sie geſund und kräftig wieder ſehe!“ Damit legte er eine große Rolle Geld auf den Tiſch, griff nach Hut und Stock und rief:„Kinderl, da kommt her und gebt mir die Hand!“ — — — 7— 73 „Aber haben Sie doch die Gnade, mir Ihren Na⸗ men zu ſagen, damit ich meinen Wohlthäter, ja unſern Erretter kenne,“ rief die Mender. „Nein, das darf nicht ſein, es iſt beſſer, Sie kennen ihn nicht,“ ſagte der Herr und lächelte freundlich. Die erſtaunte Mender war einen Augenblick be⸗ troffen; dann aber rief ſie entzückt:„O Gott, gani Herr, Sie machen uns ja reich.“ „Das wennich Allen thun könnte, diearm und bedrängt ſind, wie glücklich wäre ich!“ rief der Mann, entzog ſich raſch den leidenſchaftlichen Dan⸗ kesäußerungen der Mender, verließ, gefolgt von ihr und den Kindern, die Hütte, ſchlug den Weg in das freie Feld ein und war nach wenigen Augenblicken raſchen Schrittes in der Ferne entſchwunden. Jetzt eilte die Mender in die Hütte, öffnete die Rolle und vor ihr lagen fünfzig neue Kronenthaler! Welches Glück! Niklas und die Diebin. Wir wenden uns wieder zu Niklas. Dieſer brave Burſche verließ mit dem Glockenſchlage neun Uhr die Schule, ſetzte ſich in ſcharfen Trab und ſuchte ſeine Wohnung ſo ſchnell als möglich zu erreichen. Faſt in demſelben Augenblick ging draußen am Gärtchen eine nach Art der Weiber niedern Standes ziemlich wohlge⸗ 74 kleidete Frau von reinlichem Ausſehen vorüber; Hans und Friedi ſpielten in dieſem Moment mit Lieſe im Gäßchen zwiſchen den Hecken, freuten ſich kindlich über einen ſchönen Schmetterling, den ſie ſo eben gefangen hatten und auf der Erde kriechen ließen. Nur das kleine Lorle war im Gärtchen, die Frau warf einen Blick über die Umgebungen, ging dann herein, zog ein Marzipan⸗ ſtückchen aus der Taſche, lockte das Kind zu ſich und ſagte:„Da, mein kleines Spätzchen, ſetz dich her und wenn du es dir recht gut ſchmecken läßt und ruhig bleibſt, ſo kriegſt du noch eines.“ 2 Das Kind ſetzte ſich, fing an zu ſchmauſen und das Weib zog unterdeß Hemd auf Hems mit gewandter Hand von den Stangen, bis ſie die Laſt groß genug fand, ver⸗ ließ dann ſchnell das Gärtchen mit dem Raub und ſchlug den Weg nach der Stadt ein. Bald erreichte ſie unan⸗ gehalten und noch ganz unbemerkt die Niederung. Faſt auf demſelben Orte, wo jetzt die ſchöne Aukirche ſteht, (damals war hier noch ein grüner umzäunter Anger) begegnete ihr der harttrabende Niklas. Erſt als er an ihr vorüberſtreifte, ſah er, daß ſie auf dem linken Arm einen ſchweren Pack Wäſche trug, und blickte ihr be⸗ troffen nach. Eine ängſtliche Ahnung faßt ihn; er rennt wie ein Pfeil nach ſeiner Hütte, ſieht die Wäſchſtangen leer und ſeine beiden Brüder, vie mit Lieſi betroffen nach den abgeleerten Henken ſchauen. Raſch wirft er ſeine — ——— „ 75 Bücher hinein über die Hecke, ruft Hans die weiter oben angeführten Worte zu und rennt wie ein gehetzter Hirſch, nach der großen Iſarbrücke. Das Weib läßt ſich in⸗ zwiſchen Zeit mit ihrem Raube; ſie nimmt auf der Brücke die Wäſche, welche ihr ſchwer zu werden beginnt, vom linken auf den rechten Arm, damit verliert ſie eine für Niklas gewonnene koſtbare Minute, denn ſchon er⸗ blickt ſie dieſer von ferne und ſchießt hier durch das Ge⸗ wühl der hier beſtändig zu dieſer Tageszeit vorhandenen Menſchen dem Weibe nach. In dem Moment, in welchem dieſe an der großen Kuiraſſierkaſerne vorübergehen und durch das Thor ins Thal(ein Münchner Stadtviertel) gelangen will, wo bald jede Spur von ihr verſchwunden ſein würde, ſtürzt ſich der erhitzte, athemloſe Knabe auf ſie und ruft, indem er ſich feſt in ihre Kleider mit den Händchen häckelt: Halt, Diebin! Hülfe! Hülſe Bei dieſem Angſtruf erblaßt das Weib, ſieht Hunderte von Menſchen ſtehen, näher treten, ſteht ſich durch ſie jeden Ausweg zur Flucht abſchneiden, wählt einen Augen⸗ blick, ob Fliehen, die Wäſche wegwerfen, oder Bleiben, Läugnen und auf gut Glück eines günſtigen Ausganges harren, das Beſte ſei? Im nächſten Moment ruft ſie drohend:„Laß los, Range, oder ich ſchlage dir— und der Drohung folgten ſchon unbarmherzige Hiebe auf den hlonden Lockenkopf des Knaben, der ſie mit dem Ruf: „Hütfe! Hülfe! und ohne die Gefangene loszulaſſn, 76 ſtandhaft erträgt. Nun entſtand ein gewaltiges Gedränge. Die Umſtehenden fielen dem Weib in die Arme, hielten ſie feſt; Geſchrei, Verwirrung, Aufſehen auf allen Seiten. Die vor der Kaſerne ſtehenden Kuiraſſiere ſpringen her⸗ zu, ein Wachtmeiſter, Namens Dentinger, macht ſich Platz durch die Menge und faßt das zitternde Weib. Er kennt Niklas, deſſen Vormund und Pathe er iſt, und deſſen Mutter auch für ihn die Wäſche beſorgt, und er⸗ fährt, was vorgegangen. Nun iſt dem Weibe jede Hoff⸗ nung, zu entkommen, abgeſchnitten. Sie geſteht, daß ſie die Wäſche geſtohlen, alles ruft nach der Polizei, nach Gensdarmen; endlich kommt einer; die Kuiraſſire über⸗ geben ihm die Diebin und der Gerichtsdiener führt ſie fort nach dem Amte, wohin ſie die entwendeten Gegen⸗ ſtände ſelbſt tragen und wohin ihn Niklas begleiten muß. Eben wollte dieſer dem Wachtmeiſter danken, als der Sol⸗ dat plötzlich die Hand an den Helm legte und vor einem Mann im blauen Rocke die Honneurs machte. Alles weicht ehrfurchtsvoll zurück und Niklas erkennt im Ab⸗ gehen ſeinen mildthätigen Freund. Gerne hätte er ihn geſprochen, aber der Gensdarm drängt und nach weni⸗ gen Schritten iſt er aus der Gegend, woſelbſt ſich der Vorfall zugetragen hatte. Die Verſammlung aber verließ dieſebbe nicht, denn ein Anderer hatte dort die Aufmerkſamkeit des Volkes erregt. Der Wachtmeiſter Dentinger hatte eben ſeine Gefangene dem Polizeimanne mit wenigen Worten über⸗ geben und ſeinen Namen genannt, als er ſich auf die Schulter geklopft fühlte. Raſch ſich umwendend, ſtand er vor— dem König Maximilian dem Gütigen, dieſem ausgezeichneten Monarchen und wahren Vater ſeines Volkes, den der Zufall auf einem ſeiner Morgen⸗ ſpaziergänge, welche durch ſo viele geheime Wohlthaten ausgezeichnet waren, an den Ort führte. „Was gab's hier, Wachtmeiſter?“ fragte der König den überraſchten Soldaten. „Ew. Majeſtät, einer armen Wäſcherin, die drüben in der Au wohnt, iſt ſo eben faſt ihre ganze Wäſche ge⸗ ſtohlen worden und der Knabe jener Wäſcherin hat hier die Diebin eingeholt. Ich habe ſie verhaftet und einem Gensdarmen übergeben.“ „Kennſt du dieſen Knaben, Wachtmeiſter?“ fragte der König. „Ja, Ew. Majeſtät, ich kenne ihn und ſeine Mutter; ich bin ja ſein Pathe und Vormund.“ „Gut,“ ſagte der König,„da, vertrink das aufmeine Geſundheit. Adieu.“ „Unterthänigſt gehorſamſten Dank, Ew. Majeſtät,“ murrte der Wachtmeiſter vergnügt, zeigte den Umſtehen⸗ den, die mit abgenommenen Hüten und tiefen Verbeu⸗ gungen den Monarchen vorübergehen ließen, die blanke Krone, welche er empfangen hatte, und kehrte in die Kaſerne zurück. Der König aber ging eilig nach der 78 Au, wo er bald die Hütte der Mender, wie wir oben beſchrieben haben, erreichte. Der Herr Gevatter Dentinger. Etwa eine Vietelſtunde ſpäter verließ der Wacht⸗ meiſter Dentinger die Kaſerne und ſchlug denſelben Weg ein, den der Monarch vor ihm gegangen war. Als er in die Hütte eintrat, ſah er die Mender, welche er doch krank wußte, mit ihren Kindern vor dem Tiſche ſtehen, auf welchem ein Haufe funkelneuer Kronenthaler glänzte. Die Kinder waren ſo entzückt über die blitzenden Geld⸗ ſtücke, daß ſie den Eintritt des rieſigen Soldaten gar nicht bemerkten; wohl aber ſah ihn die Mender, ging dem alten Kriegskameraden und erprobten Freunde ihres verſtorbenen Mannes mit Thränen in den Augen ent⸗ gegen und reichte ihm die Hand zum Gruße. Der Wachtmeiſter war aufs genaueſte mit den Verhältniſſen der Familie bekannt, denn der verſtorbene Mender hatte ihn zu Niklas Pathen und zum Vormund ſeiner Kinder erwählt. Er deutete alſo erſtaunt auf die blitzenden WMünzen und ſagte:„Na, da ſchaut's luſtig aus! Gratuliere.“ „O, lieber Herr Gevatter,“ rief die Mender wei⸗ nend,„welches Glück!“ „Aber woher? Sie ſetzt doch nicht zum Lotto? ja?“ „Mein Lebtage keinen Heller! Nein, das iſt ein Geſchenk von dem alten Herrn im blauen Rocke. Wir wiſſen nicht, wer er iſt; aber er hat uns ſchon öfter Gutes gethan und wir nennen ihn nur den Mann im blauen Rocke,“ ſagte die Mender. „Wie ſieht er aus?“ rief der Wachtmeiſter haſtig und ſein rothes Geſicht lief vor Staunen ganz blau an. „Es iſt ein alter, biederer Mann mit liebreichem Geſicht, voll Anſtand und Würde. Ich hätt' ihn faſt für einen penſionirten General, oder ſo was, gehalten. Aber er muß was ganz anderes ſein, viel, viel mehr, denn er ſchaut, ſo gut er iſt, recht vornehm aus. So eben iſt er weggegangen, nachdem er uns dieſes Geld geſchenkt.“ „So eben iſt Er weggegangen?—“ wiederholte der Wachtmeiſter immer erſtaunter;„was hat er denn hier gemacht?“ „Er hat mir Nachricht gebracht, daß Niklas die Die⸗ bin entdeckt hätte, welche unſere Wäſche geſtohlen,“ ſagte die Mender. „Er iſt's! bei St. Paulus, Er iſt es ſelber!“ ſchrie der Wachtmeiſter außer ſich vor Freude, Staunen und Bewunderung. „Wer iſt's? wer denn, wer?“ drängte Mender und faßte den Rieſen bei den Schultern. „Zebt rath' Sie einmal, Gevatterin,“ ſagte der ſt nehm' Sie einmal den Thaler da und 5 Kanz das Br „Der König!“ ſagte die Mender gleichgültig, denn ſie war noch immer weit von dem Gedanken ent⸗ fernt, daß der Monarch höchſt eigenhändig ſie beſchenkt, ja ſich nicht enthalten hätte, in ihre armſelige Hütte zu gehen und da Segen und Wohlthat auszuſtreuen. Der Wachtmeiſter ergriff das Papier, in welchem das Geld eingewickelt geweſen war. Er beſah den Umſchlag und ſagte, indem er auf drei mit rother Farbe dahin ge⸗ druckte Buchſtaben und auf das Wappen deutete, mit dem die Rolle verſiegelt war. Sieht Sie denn nicht die drei K. K. K. auf dieſer Rolle, Gevatterin?“ „Ja,“ ſagte die Mender ängſtlich. „Das heißt: Königliche Kabinets⸗Kaſſe.“ „Gerechter Gott, es iſt der König!“ rief die Men⸗ der überraſcht, und taumelte auf einen Stuhl.— „Ja, ja, es iſt der König ſelber, unſer guter Vater Max. Allmächtiger Gott, ſegne ihn!“ rief der Wacht⸗ meiſter von Rührung und Freude überwältigt und der ſtarke Mann konnte ſeine Gefühle nicht mehr beherrſchen und weinte vor Freude wie ein Kind. Ach, lieber Gott, du haſt dieſe Freudenthränen ge⸗ ſehen, du haſt dieſe Dankesſeufzer vernommen, du haſt dieſe Gebete gehört, welche in dieſer in einen Tempel des Glückes und der Dankbarkeit verwandelten armen Hütte für den vortrefflichen Monarchen zu Dir empor⸗ ſtiegen, für dieſen gütigen und menſchlichen Kön —— —— der Könis.“ i i jo hter 1 „6erec S½ nicht nur der Erſte ſeines Volkes, ſondern auch der Edelſte war. Er ruht lange ſchon in ſtiller Vätergruft; aber Sein Andenken iſt nicht verloſchen, ſo würdig und ebenbürtig, ſo trefflich, ja in vielen Stücken Ihn über⸗ ragend, Seine Nachfolger auch ſind— es wird und kann nicht verlöſchen, ſo lange noch Bayernherzen den ſchul⸗ digen Dank für ihre erhabenen und gütigen Monarchen fühlen. Und daß dies, wie jetzt, in allen Zeiten der Fall ſein werde: das, Du höchſter Herr der Könige und Völ⸗ ker, wolleſt Du in Gnaden bewirken und erhalten. Wohl eine Stunde verfloß mit Geſpräch, das von begeiſterten Ausrufungen der Ehrerbietung, Liebe und Dankbarkeit ſtets wieder unterbrochen wurde. Es war unmöglich, zu einem beſtimmten Reſultat, zu einem feſten Entſchluß zu kommen. Nur das war beſtimmt, daß die Mender ſelbſt mit all ihren Kindern in die Re⸗ ſidenz gehen und daß ſie der Wachtmeiſter dahin beglei⸗ ten ſollte. Da wurde die Unterhaltung abermals durch einen Beſuch unterbrochen, den der Soldat ſogleich er⸗ kannte, denn es war der Leibarzt des Königs. Dieſer ausgezeichnete Praktiker verordnete der Mender, nachdem er ihren Zuſtand genau ermittelt, Arznei, befahl ihr, ſich ſogleich zu Bett zu begeben und bei fleißigem Gebrauch der Medizin dasſelbe nicht eher zu verlaſſen, bis er es ihr geſtatten würde. Ehe er ſchied, ſagte er:„Ihr werdet nun wohl wiſſen, wer Euer Wohlthäter iſt, gute Frau?“ 6 82 „Ich weiß es, Herr Medizinalrath,“ ſagte die Men⸗ der.„O, bitten Sie Se. Majeſtät, daß Höchſtdieſelben mein unehrerbietiges Benehmen allergnädigſt mit meiner Unwiſſenheit enſchuldigen möchten. Ich werde nicht mehr beten, ohne es für meinen königlichen erhabenen Wohl⸗ thäter zuerſt zu thun, und ehe ich ſterbe, will ich noch einmal rufen, wenn ich kann: Gott ſegne König Ma⸗ rimilian!“ Der Leibarzt ſagte gerührt:„Unſer König verdient es wohl, daß Alle ſo gegen Ihn denken, ſo für Ihn fühlen. Er iſt mit Euch ſehr zufrieden und wünſcht Euch alles Gute. Aber Se. Majeſtät befehlen Euch durch mich, daß Ihr von all dieſen Vorgängen kein beſon⸗ deres Aufheben machen ſollt, damit die Sache verſchwie⸗ gen bleibe. Lebt wohl, morgen werde ich wieder nach Euch ſehen. Gute Beſſerung!“ Der Wachtmeiſter erhob ſich jetzt auch, um zu gehen und ſagte:„Mir iſt der Hals ganz trocken; ich muß ein Maß'l Bier trinken. Schwere Noth! ſo vergnügt und ſo durſtig bin ich ſeit der Schlacht bei Brienne nimmer geweſen, wo wir einen tüchtigen Schwerttanz init den gelben franzöſiſchen Kuiraſſieren gemacht haben. Heut ſoll meine Schwadron an meiner Freude Antheil nehmen. Ich habe fünf und ſiebzig Gulden Zinſen gut von mei⸗ nen Einſtandsgeldern; die ſollen bis auf den letzten Heller aufs Wohl unſeres guten Marl Co vertraulich ———ͤů— ———ͤ¼— 83 nannten die Soldaten den König) vertrunken werden! Gleich will ich ſie erheben und den Oberſt um Urlaub bitten!“ Er nahm Abſchied und ſil mit ſeinem langen Schwert im Sturmſchritt von dannen. Noch eine Angſt und Frende. Während dieſer Vorfälle arbeitete die gute Loh in einem vornehmen Hauſe als Putzfrau. Sie war eben mit dem Scheuern der großen Marmortreppe beſchäftigt und hatte keine Ahnung von den Vorgängen zu Hauſe. Nur der böſe Herr Zankerl lag der braven Perſon be⸗ ſtändig im Sinne und die arme Mender, welche aus⸗ ziehen mußte und nicht wußte, wohin?„Hätt' ich dich, wie wollt ich dich!“ murrte ſie grimmig fegend, wenn ihr der Herr Zankerl einfiel und ſie den allerdings nicht lobenswerthen Wunſch recht heiß fühlte, mit der Feg⸗ bürſte ſo eindringlich ſein Geſicht bearbeiten zu dürfen, wie dieſe ſteinerne Treppe. Droben vor Amt beſtand inzwiſchen Niklas ein Verhör. Er bemerkte ängſtlich auch den Herrn Zankerl, der ſeine Klagſache gegen die Loy eben anbringen wollte, und der außen vor der Thür warten mußte. Da Niklas Mutter krank war, ſo mußte die Loh herbeigeholt wer⸗ den. Niklas wußte den Ort, wo dieſe arbeitete, und der Atuar ſendete einen Gensdarmen ſtatt hin, die Putzfrau ſogleich vor Gericht zu führen. So kam es denn, daß die Loh, als ſie eben die letzte Stufe der Treppe fegte, von dem Gensdarmen dabei überraſcht wurde. „Iſt hier eine Putzfrau, Namens Bärbi Loy?“ fragte ſie der Gensdarm. „Ja, und ich bin's ſelber!“ antwortete ſie. „Sie muß gleich mit auf die Polizei,“ ſagte der Gensdarm.„Kleid' Sie ſich nur ſchnell an.“ „Die Loh erſchrak bis auf den Grund ihrer Seele, denn ſie war in ihrem ganzen Leben nicht dahin gekom⸗ men, und da ſie ſich ſonſt keines Unrechtes bewußt war, als deſſen gegen den Herrn Zankerl, ſo fragte ſie:„Es iſt gewiß wegen dem Zankerl?“ „Ja, der iſt auch droben,“ ſagte der Gensdarm, dem der alte Geizhals durch viele Klaghändel, welche er immer vor Gericht durchführte, wohlbekannt war. „Die Loh erbleichte und ſagte mit vor Angſt ge⸗ brochener Stimme:„Ich komme gleich!“ wankte dann hinauf in die Küche, erkuſirte ſich bei der Herrſchaft mit der erhaltenen Vorladung, zog ihre Kleider an und wan⸗ derte dann neben dem Gensdarmen fort. Tief beſchämt und geängſtet, wie ein Miſſethäter, ging ſie neben dem Gerichtsmann durch die Straßen und entgegnete kein Wort auf die Reden des Gensdarmen.„Wie wird's mir gehen? Ich werde gewiß eingeſperrt!“ vachte ſie.„Aber das kommt von dem Schimpfen her. Warum muß ich 85 denn gleich ſo ſchimpfen! Ich will es gewiß nicht wie⸗ der thun!“ Sie dachte nach, mit wie vielen Chrentiteln ſie den Herrn Zankerl belegt. Endlich ſagte ſie zu dem Gensdarmen:„Was geſchieht einem denn, wenn man Einen:„Er alter Filz!“ ſchimpft?“ Dem Gensdarmen wurde nun plötzlich klar, was das Gewiſſen der Loh belaſtete, und da er geneigt war, ſich einen Jur zu machen, ſo entgegnete er:„Das ſind drei Injurien: erſtens iſt es eine Injurie, wenn ſie den Zan⸗ kerl per„Er“ betitelt hat; zweitens, wenn Sie ihn „alter,“ drittens, wenn Sie ihn„Filz“ geſchimpft hat. Jede ſolche Injurie macht einen Tag Thurmſtrafe und dreimal eins iſt drei! nach Adam Rieſens Rech⸗ nenbuch.“ „Aber ich hab' ihn mehr als hundert Mal„Er alter Filz! Er Lauſer ꝛ.“ geſchimpft.“ „Dreimal hundert macht alſo drei hundert Tage und wenn Sie noch dazu geſchrieen hat, ſo verſchärft das die Strafe zu Waſſer und Brod,“ ſagte der Gensdarm. „Oh!“ ſtöhnte die Loy halb ohnmächtig vor Schrecken. „Ja, das wird ſchrecklich geſtraft, beſonders ſeit⸗ dem das neue Geſetzbuch gemacht worden iſt,“ ſagte der Gensdarm. „O Gott, was iſt denn das für eins?“ ſagte die Loy zähneklappernd. „Das gehört blos für die böſen Weiber, die immer ſo ſchimpfen. Wenn's arg iſt, wird ihnen die Zunge ausgeriſſen,“ ſagte der Gensdarm. „Gerechter Gott!“ rief die Loh, die nicht den min⸗ deſten Zweifel in dieſe Angabe ſetzte, denn der Polizei⸗ mann mußte das nach ihrer Meinung gewiß wiſſen.“ Als ſie auf die Polizei kam, ſah ſie den Herrn Zan⸗ kerl, der bei ihrem Anblick in eine Art von Nervenzuckun⸗ gen gerieth und deſſen Lippen ſich zornig bewegten. Sie ſtand nun hart neben ihm und empfand keine geringe Luſt, ihm zu Füßen zu fallen und ihn um Barmherzig⸗ keit und Verzeihung zu bitten. Anfangs wagte ſie es nicht, ihn anzublicken; als ſie aber lange warten mußte, warf ſie endlich einen Blick auf ſein Geſicht. Das aber ſtrahlte von ſolcher Bosheit und Schadenfreude, daß alle ihre guten und verſöhnlichen Vorfätze plötzlich wie⸗ der erloſchen. „Und wenn ſie mir die Zunge ausreißen, ſo ſag ich nicht, daß es mich reut; Baſta!“ dachte ſie. Endlich wurde ſie ins Zimmer gerufen und wegen der Wäſche vernommen, die Diebin leugnete nicht und das Verhör war ſchnell zu Ende. Inzwiſchen hatte Herr Zankerl, der außen immer noch wartete, durch einen Zu⸗ fall den Wachtmeiſter Dentinger getroffen, der auch außen vorüber ging und den er ſeit längerer Zeit kannte. Der Wachtmeiſter hatte bereits ein paar Maaß'l zu ſich genommen und dem Zankerl in der beſten Laune von der Welt die Wohlthaten erzählt, welche ſeine Ge⸗ vatterin vom König empfangen hatte. Eines ſolchen Be⸗ ſchützers ſeiner Miethsfrau hatte ſich Herr Zankerl frei⸗ lich nicht verſehen, und er dachte nun an keine Klage gegen die Loy mehr, ſondern er lief ſpornſtreichs nach der Au zur Mender ſelbſt, widerrief eiligſt die Aufkün⸗ digung, entſchuldigte ſich mit kriechender Höflichkeit wegen ſeiner geſtrigen Härte und war ſchon wieder auf und da⸗ von, als endlich nach zwölf Uhr die Loh, mit der Wäſche und Niklas nach Hauſe zurückkehrten. Wer kann ſich die Freude vorſtellen, welche Alle empfanden, die Ueberraſchung, in welche Niklas und die Loy geriethen? wer die Segenswünſche wiederholen, wel⸗ che aus der Hütte für den guten König emporſtiegen? Die Mender wurde geſund und acht Tage ſpäter ging ſie, begleitet von ihrem Gevatter Dentinger als dem Vor⸗ mund ihrer Kinder, zu Vater Max. Der König ſtellte die arme Frau ſeiner Gemahlin vor und beide erlauchte Perſonen empfingen mit Wohlgefallen die Dankesäuße⸗ rungen der beglückten Familie. Die durch den edlen und wohlthätigen Monarchen beglückten Menſchen entfernten ſich zu Thränen gerührt und laute Segenswünſche rufend aus der Reſidenz. Im kleinen Häuschen daheim waltete aber die gute Loy. Sie war heute mit der Bereitung eines zwar ein⸗ fachen aber guten Mittagsmahles emſig beſchäftigt, da der — 88 tapfere Kuiraſſierwachtmeiſter von der Mender zu Tiſch gebeten worden war und mit Freuden die Einladung an⸗ genommen hatte. Darum dampfte ein Braten in der Kochröhre und auf dem Heerd glänzte ein Teller voll grünen Salat, der oben mit gekochten Eiern appetitlich belegt war. Auch eine mächtige Zinnkanne ſtand ſchon auf dem Tiſch bereit und blitzte wie Silber und hinter dem Ofen ſtand ein Zuber mit kaltem Waſſer, aus dem die Pfröpfe einer tüchtigen Reihe von Krügen mit ab⸗ gezogenem Bier, dem Leibgetränk des ſtattlichen Wacht⸗ meiſters, guckten. Wohl mochten heute tauſend Reiche köſt⸗ licher ſpeiſen, als die Mender, ihr Gaſt, ihre Kinder und die brave Loh; aber gewiß hat es Keinem beſſer geſchmeckt. Der Wachtmeiſter aß keinen Biſſen, ohne dabei auf das Wohl des Königs, der Königin, des Kronprinzen, der Kronprinzeſſin und aller hohen Glieder der königlichen Familie zu trinken und er vermaß ſich hoch und theuer, daß es ihm eine Wonne wäre, wenn er für ſeinen herr⸗ lichen Kriegsherrn auf dem Schlachtfelde ſterben könnte; eine Verſicherung, die Glauben verdient, denn Dentin⸗ ger war ein herzhafter und rechter Soldat. Allmählig aber wurde er, wir wiſſen nicht recht, ob in Folge des vielen Bieres, welches er trank, oder aus andern Grün⸗ den, weichmüthiger und hatte es immer mit der Loy zu thun, die darob ganz verlegen wurde und ſich kaum mehr im Zimmer ſehen ließ. Nun fragte er ſeine Gevatterin 89 über dieſelbe, und dieſe, von Dankbarkeit und Zunei⸗ gung zu ihrer Hausgenoſſin hingeriſſen, erzählte ihm un⸗ ter Thränen, was die bribe Perſon an ihr und ihren Kindern den langen harten Winter hindurch gethan hatte. Der tapfere Wachtmeiſter erſtaunte und ſagte dann plötzlich:„Schwerenoth, Gevatterin, die Bärbi hat das Herz auf dem rechten Fleck! Gerade ſo eine Frau will ich, oder keine. Wir paſſen zuſammen, wie der Nußkern in die Schale. Potz Himmel——— gleich ſoll die Sache in Richtigkeit kommen!“ Damit erhob er ſich, jedoch nicht, ohne die Zinnkanne mitzunehmen, öffnete die Stube und überraſchte da die Loy, welche heimlich gehorcht hatte und nun beſchämt zurückfuhr. „Jungfer Bärbi,“ ſagte der Wachtmeiſter:„ich bin ſeit Jahren Wittwer, habe keine Kinder und bei dreitauſend Gulden Einſtandsgeld. Ich brauche eine Frau, ſo eine, wie Sie. Will Sie mich, ſo nehm' ich Sie. Will Sie mich nicht, nun dann— aber Sie wird doch wollen? He? heraus mit der Farbe!“ Die Loy wollte davonlaufen; aber der Wachtmeiſter griff raſch zu und ſo mußte ſie Stand halten. Nach wenigen Ausreden gab ihm die brave Perſon das Ja⸗ wort und die Mender und ihre Kinder riefen:„Hoch die zukünftige Frau Wachtmeiſterin!“ Beide ſind längſt verheirathet und leben recht glücklich und zufrie⸗ den mit einander. ½ 90 Der König verlor aber die Familie Mender nicht mehr aus dem Auge; fort und fort genoſſen ſie, oft un⸗ erwartet, der Wohlthaten ihres gnädigen Monarchen. Eine beſonders gnädige Zuneigung empfand aber der König gegen Niklas. Durch Königliche Fürſorge durfte der brave Knabe die lateiniſche Schule beſuchen und lernte daſelbſt ſo eifrig und zeigte ſo glückliche An⸗ lagen, daß ihn der König ſtudiren ließ. Er iſt jetzt ein würdiger Beamter, die Stütze ſeiner greiſen Mutter und ſeiner braven Geſchwiſter. Unvergeßlich iſt allen der edle König Marximilian, ihr Wohlthäter und Freund. Niklas ließ ſich das Bild des guten Vaters Mar malen und zwar in jener einfachen blauen Kleidung, die der höchſtſelige Köng bei ſeinen Spaziergängen zu tragen pflegte. Es hängt dieſes Bild in dem Zimmer ſeiner hochbetagten Mutter unter dem Kruzifir an der Wand und iſt ſtets mit einem Kränzchen friſcher Blümchen geſchmückt. Unter dem Bild ſtehen aber die Worte von Niklas Hand: König Mar, der Gütige! Er war ein Mann nach Gottes Herzen, Der mild gelindert Noth und Schmerzen Auf Erden ſchon, den Engeln gleich;— Drum gab Ihm Gott das Himmelreich! — — —— Nachfolgende neueſte Jugendſchriften und Spiele, welche Eltern, Lehrern und Jugend⸗ freunden als treffliche Geſchenke für die Jugend mit Recht beſtens empfohlen werden können, ſind ebenfalls bei J. L. Lotzbeck in Nürn⸗ berg kürzlich erſchienen und in jeder Buchhandlung' N zu haben: ABC⸗ und Bilderbuch, militäriſches, mit 25 illum. Bildern, Erklärung und Leſeübungen, nebſt Vorlage zum Zeichnen und Schönſchreiben. 8. 24 Seiten. Geb. 24 kr. oder 7 ½ Sgr. ABC⸗Schützen, die kleinen. Neueſte Bilderfibel mit 8 colorirten Kupfertafeln und einer Vorlage zum Schön⸗ ſchreiben und Zeichnen. 8. 16 Seiten. Gebund. 24 kr. oder 7 ½ Sgr. Linchen's Spiel⸗ und Arbeitsfrenden. ABC⸗ und Bilderbuch für kleine Mädchen, mit 25 illum. Bildern nebſt Erklärung und Leſeübungen und einer Vorlage zum Schön⸗ ſchreiben, Sticken, Stricken und Häckeln. 8. 24 Seiten. Geb. 24 kr oder 7 ½ Sgr. 5 Bilderkranz aus dem Jugendleben für wißbegierige Knaben und Mädchen. 12 colorirte Lithographien Ton⸗ druck mit erläuterndem Text. 4. Geb. 48 kr. oder 15 Sgr. Bilderluſt für kleine Kinder. 12 illum. Kupfertafel. 4. Geb. 36 kr. oder 10 Sgr. Bübchen und Mädchen. Schönſtes Bilderbuch mit arti⸗ gen Geſchichten und 8 color. Lithographien in Tondruck. 4. Geb. 48 kr. oder 15 Sgr. Märchenkranz für die Ingend, mit 8 colorirt. Litho⸗ graphien in Tondruck und Text. 4. Geb. 48 kr. oder 15 Sgr. Müller, G. F., das Reich der redenden Thiere. Neueſtes Fabelbuch mit 120 Abbildungen in Stahlſtich, nebſt Tert und allegoriſchem Titelblatt. 4. Geb. 1 fl. 45 kr. oder 1 Thlr. Onkel Toms Hütte. Erzählung für Kinder mit 8 col. 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Reim⸗ und Liederſchatz aus den Werken unſerer Dichter, ſowie aus dem Volksmunde für die verſchiedenen Stufenjahre der Kinderwelt geſammelt und herausgegeben. Mit 12 Illuſtrationen in Farbendruck. Gr. Ler.⸗8. Geb. 2 fl. 30 fr. oder 1 Thlr. 15 Sgr. Fortuna im Goldlande, oder das luſtige Klecblatt in Californien. Colvrirt, auf Pappe in gr. 8. Futteral mit Pfell und Spielerklärung. 30 fr. oder 9 Sgr 2 Die Löwenjagd in Hindoſtan. Color. Auf Pappe, in 8. Futteral, mit Pfeil und Spielerklärung. 24 kr. oder 7 ½ Sgr. 5 Ritter⸗Turnier⸗ und Sarazenenſpiel. Große Spiel⸗ tafel in Farbendruck, auf Leinwand gezogen, nebſt Spieler⸗ klärung. 8. Futteral. 48 kr. oder 15 Sgr. Schlachtenmyrivrama, oder mehr als 1000 Schlachten⸗ gemälde ausgeführt durch willkührliche Zuſammenſtellung von 18 colorirten aufgezogenen Kärtchen. Mit erklär. Text. In einer Duodez⸗Mappe. 48 fr. oder 15 Sgr. ——— * ſiſſſſiſſſſinſlſſinſmſſiſſiſſſſin 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18