deutſcher, engliſcher und franöſiſcher Literatur von 4 ödnard Ottmann in Gießen, cßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih und geſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Fm⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgns 7 Uhr bis Abends 8 ½ . Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von iedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. CAution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme ines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe ien welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wid 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: S für Schenttich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf 1 Mr. 50 Pf. 2 Mt.— Pf 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung erBücher auf ihre eigener Koſten und Gefahr ſekbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Dieſer junge, noch unverheirathete Doktor hatte im hohen Erdgeſchoſſe des Hauſes zwei Zimmer inne, und pflegte, von Natur lebhaft, geſellig und geiſtreich,p oft er Bekannte zu treffen dachte, in die Gaſtſtuße herüber zu kommen. Es war im Nachſommer des Jahres 1792. Die prunkvollen Feſte in Mainz nach der Krönung Koenig, Familien⸗Abende. 1. 1 des Kaiſers Franz waren verrauſcht, die Welt von der Unterhaltung darüber ermüdet; auch brachten die Zeitungen, die auf dem Wirthstiſche lagen— das„Frankfurter Riſtretto“, die„Geſpräche im Reiche der Todten“ und der Mainzer„politiſche Merkur“ nichts beſonderes über den Feldzug der Preußen in der Champagne, auf deſſen Ausgang man mit entzweiter Theilnahme geſpannt war. Dagegen trat keiner der vertrauten Gäſte ein, ohne eine beängſtigende oder erſtaunliche Neuigkeit mitzutheilen; wie denn damals die wunderbarſten Gerüchte ſich in der Atmoſphäre der Geſellſchaft verbreiteten. Pfarrer Kuhn, Sohn eines Gaſtwirthes in der Pfalz, hatte Nachrichten aus Speier, wo man in wachſender Beſorgniß vor einem Ueberfalle der Franzoſen unter General Cüſtine bangte. In Mainz ſelbſt gehen ſchon kriegeriſche Be⸗ wegungen vor, bemerkte der Wirth Herrle Geſtern Abend ſpät kam noch eine vornehme franzöſiſche Familie und kehrte bei mir ein,— Emigranten aus Coblenz. Der deutſche Bediente erzählte, daß die Mainzer Beſatzung in Bewegung ſei, auszurücken und ſich mit den Oeſtreichern zu vereinigen, die unter dem Grafen Erbach bei Speier ſtehen. Dieſen Morgen hat die Familie Wohnung in der Stadt genommen. Sie wollen vorerſt hier bleiben und ab⸗ warten. Die Frau Marquiſe hatte ſchon in der Frühe unſern Doktor hinauf rufen laſſen. Sie hat Vapeurs gekriegt. Was? rief Hauptmann Ohlenſchlager. La⸗ borirt Die noch an den alten vorrevolutionären Anwandlungen? Gewiß einerechte Royaliſtin! Das ſind noch von den galanten Beängſtigungen. Sagt, Freunde, ob wohl unſer republikaniſcher Doktor „Vapeurs“ behandeln kann? Wenn die Vapeurs in die Galanterie ſchlagen, — ganz gewiß! lachte der dicke Baurath Heer⸗ wagen. Aber wahrlich, unſer kleiner Doktor macht ſich mit ſeinem angeerbten Franzöſiſch die Revo⸗ lution zinsbar. So entgeht doch das Völkchen ſeinem Ver⸗ hängniſſe nicht! bemerkte Zimmermann, der prote⸗ ſtantiſche Pfarrer aus der Altſtadt. * Welches Völkchen? Wer entgeht ſeinem Ver⸗ hängniß nicht? fragte, lebhaft eintretend, ein junger Mann. Es war der eben beſprochene Doktor Ri— viére, nicht groß, aber zierlich von Geſtalt, feurigen Blicks, das lebhafte Geſicht in männlichen, ein⸗ nehmenden Zügen ausgeprägt, ſein Benehmen verbindlich, nur etwas geziert. Im Anzuge war er ſeinen Hanauer Mitgäſten modiſch voraus. Er trug ſein dunkles glänzendes Haar in neufran⸗ zöſiſchem Zuſchnitt ohne Puder, Pantalons zu Schuhen mit Bändern und einen runden Hut. Wer ſeinem Verhängniſſe nicht entgeht, Doktor? antworteteihm Zimmermann. Ei, dieſe Emigrirten, die noch Vapeurs und dergleichen Royalismen be⸗ kommen und Euch rufen laſſen. Den Revolutions⸗ männern drüben glücklich entkommen, müſſen ſie nun dieſſeits des Rheins erkranken, nur um einem deut⸗ ſchen Republikaner unter die Hände und Recepte zu fallen. Das iſt es weniger, wendete der Steinheimer Pfarrer ein, das Verhängnißvolle ſcheint mir mehr darin zu liegen, daß unſer Doktor Riviére, als — 5— Abkömmling einer Familie jener franzöſiſchen Re⸗ fügiés, jetzt die franzöſiſchen Emigrirten zu kuriren bekommt,— jene Ausreißer vor der neuen bürgerlichen Freiheit, deren Väter einſt die ſogen. religiöſe Freiheit aus dem Lande vertrieben haben. Der junge Arzt hatte den ihm an der Tafel offen gelaſſenen obern Sitz eingenommen, und ſah jetzt den Geiſtlichen mit ſchalkhaft prüfendem Blick an, indem er lächelnd ſagte: Cw. Hochwürden ſind über den erſten Schoppen hinaus gegangen, und— weit hinaus! Ein Lachen der Gäſte verdroß den mitlachen⸗ den Pfarrer nicht. Es bezog ſich darauf, daß Pfarrer Kuhn hinter dem Wein ein ganz anderer Menſch als vor dem Wein erſchien. Nüchtern, als Land⸗ pfarrer, etwas verbauert, wie man es nennt, ſchweig⸗ ſam oder eifernd, konnte er ſich durch guten Wein, den er vom väterlichen Hauſe her reichlich vertrug, zu einem belebten, wohlredenden, jawitzigen Manne ſteigern. Er verrieth dann wohl auch ausgebreitete Kenntniſſe aus der guten Mainzer Schule, und zeigte ſich warm und wohlwollend als feinen, frei⸗ müthigen Denker. Das Abſonderliche lag nur da⸗ rin, daß eine ſo ſchöne, humane Bildung, wie ſie damals, recht im Gegenſatz von heut, ein ziemlich verbreiteter Schmuck des rheinländiſchen Klerus war, eben nur als ein glücklicher Rauſch erſchien. Unangefochten vom Lachen der Mitgäſte er⸗ widerte er: Hinaus gegangen? Ja wohl, Doktor, und ich ſage ſogar gottlob! Denn ich habe eine Ent⸗ deckung gemacht, die Euch, wenn ſie ſich verbreitet, keinen Nutzen bringen ſoll. Schon drei Tage war ich recht unwohl geweſen, als ich mich entſchloß, es wieder einmal mit Euern Recepten zu verſuchen. Wie ich über den Main fuhr, ſank ich vor Schwin⸗ del in's Boot zum Schreck des Fährmannes. Hier angekommen, nehme ich, da Ihr noch immer aus⸗ bleibt, meine Zuflucht zu unſeres lieben Wirthes 75er Hochheimer. Und was geſchieht? Ich bin völlig hergeſtellt. Da ſchaut mich nur an! Und nun werde ich das Gewiſſe für's Ungewiſſe nehmen und mich fortan gleich an den Apotheker Herrle halten, ehe ich es mit dem Doktor Riviére verſuche. Hochwürdiger Freund, verſetzte der Arzt, Ihr fallt in meine Handwerksſprache; laßt mich alſo in der Eurigen antworten. Hütet Euch vor dem böſen Feinde, der Euch als guten Prieſter mit„Lacrimä Chriſti“ und„Liebfrauenmilch“, oder als braven Wirthsſohn in den wechſelnden Geſtalten von Hoch⸗ heimer, Rüdesheimer, Scharlachberger, Nierenſteiner u. dgl. lockt, um Euch zu verderben, und dann in Vorſpiegelung von Mäuſen und dergleichen Unge⸗ ziefer zu verfolgen. Man unterbrach dieſe heiteren Neckereien und wollte etwas von den neuen Ankömmlingen und von den„Vapeurs“ wder ſchönen Marquiſe hören. Der Arzt nannte den Marquis Chapuis, und ſprach entzückt von der Liebenswürdigkeit der jungen Marquiſe.— Leider iſt ſie ſehr leidend, ſagte er, und wird ſich einer ernſten Kur unterziehen müſſen. Das heißt, Doktor,— Ihr werdet ihr ernſtlich die Cour machen! lachte der Hauptmann. O die Frauen weiß er zu behandeln, kennt ſie in ihren Leiden und Schwächen! bemerkte der Baurath. Er heirathet deßhalb auch nicht, nur um in ſeinen Studien fecies Feld zu behalten! Dergleichen Neckereien waren indeß nicht im ſchlimmſten Sinne gemeint; aber ſie trafen aller⸗ dings eine bekannte Schwäche des ſonſt ausge⸗ zeichneten Mannes. Bei ausgebreiteten Kennt⸗ niſſen, gutem ärztlichen Blick und hohem Ernſt in ſeinem Berufe hatte Riviére— vielleicht von ſeiner franzöſiſchen Abſtammung— eine allzulebhafte Reizbarkeit des Herzens für weibliche Schönheit und Liebenswürdigkeit. Seine deutſche Phantaſie ſpielte ihm dabei gern mit und entflammte ſein Ge⸗ müth, ſo daß er für diejenige, die den jüngſten und mithin lebhafteſten Eindruck auf ihn machte, förmlich ſchwärmen konnte. Dann träumte er vom Glück der Ehe und nach Umſtänden von den aben⸗ teuerlichſten Eroberungen, bis eine neue Erſchei⸗ nung dazwiſchen kam, die ihm Wahl und Unter⸗ nehmung durchkreuzte. Bei alle dem galt er für einen beliebten Frauenarzt, indem er ſich bei ſeiner lebhaften — Verehrung ihres Geſchlechtes höchſt aufmerkſam, zurt, theilnehmend und unverdrrſſen finden ließ. Zuweilen verdarb er es nur eben bei den⸗ jenigen, für die er ein ſchwärmeriſches Intereſſe faßte. Denn indem er ſich dann leicht gehen ließ, gab er ſeiner Empfindung in Ton und Blick einen Ausdruck, der ihn beſonders einer Leidenden wider⸗ wärtig machen konnte. Nur bei Franzöſinnen der Emigration traf er es beſſer damit; vielleicht weil eine Franzöſin unter allen Umſtänden empfäng⸗ licher für Huldigungen des Herzens bleibt, manche auch angenehme Unterhaltung in ihrem Exil ſuchte oder gar bei ihrer Freundlichkeit die Honorirung des Arztes im Auge hatte.—— Während der Neckereien der Gäſte unter ein⸗ ander hörte der Wirth einen raſſelnden Wagen, unter Peitſchenknallen des Pvoſtillons, durch das nahe, gewölbte Thor einfahren. Man eilte an die Fenſter; denn die Neubegierde auf reiſende Herr⸗ ſchaften war in der bewegten Zeit ſehr lebhaft. Der Wagen fuhr am Hauſe an; der Bediente ſchwang ſich vom Bock. Es währte eine Weile, 1 ehe der Poſtſtallmeiſter, der an den Schlag getreten war, öffnen durfte. Die Ankommenden ſchienen uneins oder unſchlüſſig, ob ſie Wohnung oder neue Pferde nehmen wollten. Endlich ſtieg ein ſchlanker hübſcher Mann aus und empfing eine junge Dame, die er mit vornehmer Artigkeit die Haustreppe hin⸗ auf führte. Kaum waren ſie in's Haus getreten, als der Arzt lebhaft ausrief: Welch edle weibliche Geſtalt war das! Und habt ihr den ſchwärmeriſchen Blick dieſes ſeelen⸗ vollen Frauengeſichtes bemerkt? Ganz gewiß vor⸗ nehme Leute. Feine Phyſiognomien, ariſtokratiſche Haltung! Und die Dame,— in meinem Leben habe ich keine ſo von Empfindung behenden Züge geſehen! Ein wenig blaß und ziemlich verdrießlich ſah mir die Ariſtokratin aus! ſagte Ohlenſchlager. Sie wird doch keine Vapeurs bekommen, Doktor? Blaß von der Reiſe, verdroſſen vielleicht über die Urſache ihrer Flucht, meinte der Doktvr. Man räthſelte hin und her in Erwartung des — Wirthes, der endlich mit kopfſchüttelndem Lächeln eintrat.—— Sie bleiben nun doch, wenigſtens über Nacht, ſagte er. Erſt bot der Herr der ſchweig⸗ ſamen Dame die Einkehr an, und ſie forderte friſche Pferde. Als er nun artigerweiſe nach Pferden fragte, befahl ſie gute Zimmer. Ich hab ihnen meine beſten gegeben. Aha! rief der Arzt. Die kommen expreß, um ſich in die hieſige Harmonie aufnehmen zu laſſen. Aber, wer ſind ſie wohl? Herr Graf, betitelte ihn der Bediente. Ein rechtes Gaunergeſicht, dieſer Domeſtik! Mir nannte er ihn Grafen von der Leyen. Was? rief der Pfarrer Kuhn. Das wäre ja ein Verwandter von unſerem Domprobſten Damian Friederich! Ah! Er erhob ſich dabei und lüpfte die Calotte, als ob er ſeiner Vermuthung gleich den gebühren⸗ den Reſpekt erweiſen wolle.— Steinheim gehörte nämlich damals zum Rothgauer Landkapitel des Mainzer Erzſtiftes, und der Domprobſt war der erſte Prälat im Kapitel.— Der Graf ſpricht die Pfälzer Mundart, fuhr der erzählende Gaſtwirth fort. Seine Gemahlin aber redet das ſchärfſte Berliniſch. Sie ſcheint ſehr niedergeſchlagen. Eine hübſche Dame. Der Be⸗ diente ſagte mir, es ſei ein neuvermähltes Paar. Man war noch in der friſchen Unterhaltung begriffen, als der Fremde im modiſchen Reiſerock eintrat und ſich nach dem Wirth umſah.— Wohnt kein Arzt in der Nähe? fragte er. Meine Frau be⸗ findet ſich unwohl. Wie ſich Herrle mit fragendem Wink nach Doktor Riviére wendete, trat dieſer mit artiger Verneigung vor und ſagte: Wenn Sie keinen beſtimmten, Ihnen namhaft bekannten Arzt begehren: ſo bin ich wenigſtens der nächſte zu Ihren Dienſten. Der Herr Doktor wohnen hier im Hauſe, ſagte Herrle, und iſt eben von ſeinen vielen Patienten gekommen. Wir haben viel vornehme Emigranten hier. Der Graf muſterte unter dieſen Worten den jungen Mann, entweder auf deſſen hübſches, kekes Ausſehen, oder vielleicht auch nur auf den neu⸗ fränkiſchen Anzug. Dann ſagte er: Hier iſt der nächſte der beſte. Ich wollte Ihnen nur erſt in Betreff meiner Frau bemerken—. Doch, nein! Sie werden ſchon ſelbſt—. Wollen ſich nur gefällig hinauf— zur Gräfin bemühen. Er ſelbſt blieb zurück und winkte den Wirth mit ſich hinaus. Was fehlt der Frau Grüſin? Der Arzt fand in dem Zimmer, das ihm der Diener vom Gang her öffnete, die Gräfin auf dem Kanape ruhend hingeſtreckt. In dieſer Lage, worin ſie jedenfalls reizend ausſah, ließ ſie ſich auch nicht ſtören, und der junge Mann, ſonſt ſehr em⸗ pfindlich für die Art, wie man ihn empfing, nahm es eben ſo wenig für eine Unachtſamkeit gegen ihn, ſondern für Unwohlſein oder Ermüdung einer etwas verwöhnten Dame. Was hat Ihnen denn mein Mann über mein Befinden beigebracht? fragte ſie mit einem miß⸗ trauiſchen Aufblick, ſobald der Arzt ſich über ſein Erſcheinen erklärt hatte. Ich will ſagen, ſetzte ſie raſch ſich beſinnend hinzu,— was hat er Ihnen — in ſeiner Sorgfalt für mich— mitgetheilt? Gnädige Gräfin erwiderte er, ich pflege mich nie voraus einnehmen zu laſſen, ſondern behalte mir ſtets den unbefangenen Blick vor. Uebrigens hat es der Graf auch gar nicht verſucht. Es mußte in der Haltung des jungen Arztes oder in ſeinen Blicken etwas liegen, was die Dame bewog, ſich ſitzend außzurichten und ihm einen Stuhl anzuweiſen.—— Ich bin gar nicht krank, ſagte ſie, indem ſie mit dem Schnupftuche in den zarten Händen ſchmerzliche Empfindungen ihres Innern zu verwinden ſchien. Ich glaube nicht krank zu ſein. Aber ich bin unwohl, erſchöpft, angegriffen.— Wir haben fatale Wege gehabt,—— mancherlei Eindrücke—. Ich glaube nur Ruhe zu bedürfen und— Lieber Doktor, ich bin nicht in der Ver⸗ faffung mich zu expliziren. Mein Mann drängt mich ſo—. Aber ich kann jetzt durchaus nicht mehr vertragen, als ich ſchon—. Mein Mann weiß ja doch,— er kann ſich ja doch ſelbſt den Zuſtand denken, in den er mich—. Und dann auch die Umſtände,— und kann mir ein paar Tage gönnen — Ich bin wahr, ſehen Sie! Ich liebe die Wahrheit, ich will wahr ſein und Niemanden täu⸗ ſchen,— ich! Alſo krank bin ich nicht: aber Sie wiſſen, daß es Zuſtände gibt, in denen man eben doch nicht reiſt. Faſſen Sie eine gute Meinung von meinen Empfindungen und verbieten Sie mir das Reiſen. Erklären Sie das dem Grafen. Oder, ſind Sie zu jung für dergleichen— 2 Sie erröthete und ſchlug den fragenden Blick nieder, ja ſie vermochte nicht ſitzen zu bleiben und trat mit ſtürmiſcher Bruſt an's Fenſter. Während die ſchöne Frau, aus innerer Be⸗ wegung ſo mit ſich kämpfend, Ton und Farbe wech⸗ ſelnd ſprach, ſpielten dem Arzte die wunderlichſten Gedanken und Vermuthungen mit. Er überzeugte ſich auf weitere Fragen mehr und mehr, daß ſie wirklich nicht krank ſei; auch gab er bald wieder auf, was er bei den von ihr gebrauchten Ausdrücken von einem Zuſtande, der ihrem Manne kein Räthſel ſein könne, ſich zuerſt vorgeſtellt hatte. Eine wiſſenſchaftliche Arbeit, mit welcher er ſich eben beſchäftigte, hatte ihn zuerſt auf die Vermuthung eines hoffnungsvollen Zuſtandes der Neuvermählten gebracht. Nun ſchien es ihm doch mehr ein Ge⸗ müths⸗ ein Seelenzuſtand zu ſein. Er zweifelte * nicht, daß auf der Reiſe etwas vorgefallen wäre, was zwiſchen dem jungen Ehepaar ein tiefes Miß⸗ verſtändniß bewirkt habe. Denn offenbar hatte die Dame mit einer ſchmerzlichen Kränkung zu kämpfen. Und wie ſolche Gedanken, durchkreuzten ſich auch ſeine Empfindungen. Sein reizbares Herz nahm raſch Partei für die leidende Schönheit. Ein Intereſſe für ihr Geheimniß war nicht abzuweiſen. Tadelnswerther blieb ein Wohlgefallen, verwerf⸗ lich eine Abſicht des jungen Mannes, die ſich mit ſeiner Theilnahme an der Perſon und an dem Ge⸗ heimniſſe der reizenden Frau verknüpften. Er bil⸗ dete ſich nämlich raſch geni eine Entzweiung, ein unglückliches Verhältniß des unbekannten Paares ein, und je höher er dabei die Dame ſtellte, für deſto unwürdiger nahm er ihren Mann. Eben ſo übereilt faßte er die Vorſtellung, in welch ein ſchönes Ver⸗ hältniß er ſelbſt, als Beiſtand und Berather, zu der liebenswürdigen Frau treten würde, wenn ſie allein und fremd in der Stadt zurück bliebe. Er wünſchte ihr Vertrauen zu gewinnen und hoffte ihre Zuneigung zu verdienen. Sie ſelbſt kam ihm Koenig, Familienabende. 1. 2 ja mit der Gelegenheit dazu entgegen, und es galt nur dieſe Gunſt zu ergreifen. Wer konnte wiſſen, welch ein Lebensglück ihm auf dieſem Wege be⸗ ſchieden war! Indem er dies alles während der Rede der Gräfin mehr empfand, als klar bedachte, antwortete er auf ihre letzte Frage: Zu jung, meine gnädige Gräfin? Vergebung! Vielmehr gerade jung genug, um Das, was ein älterer Arzt vielleicht mit Mißtrauen aufnehmen oder mißverſtehen würde, mit dem Einblick einer lebhaften Sympathie zu begreifen. Um mir aber als Arzt genug zu thuzg ſo erlauben Sie mir Ihren Puls—! Er konnte nicht laſſen, Hand und Arm, die er erfaßte, in ihrer muſterhaften Form mit einer Ge⸗ berde der Bewunderung zu betrachten. Die Gräfin trat mit unwilliger Bewegung zurück, und nahm ihren Sitz wieder ein. Rivière folgte ihr mit den Worten: Nein, meine Gnädige, Sie dürfen in dieſer Gemüthsbewegung nicht reiſen. Ich werde es dem HerrnGrafen erklären, ich werde ihm meinenGrund dafür ſagen, und gewiß, er wird ohne Sie weiter reiſen. Der Arzt wird dann nichts mehr bei Ihnen zu thun haben: ſollten Sieyaber, wie ſie hier fremd ſind, eines Rathes, einer Beſorgung, irgend eines Aufſchluſſes über hieſige Verhältniſſe bedürfen: ſo verfügen Sie über mich! Ich zwohne unten im Hauſe, und würde es für ein Glück achten, Ihnen zu dienen. Er verneigte ſich mit Ehrerbietung, was ſie mit Stolz in der innigſten Empfindung erwiderte, daß ſie ſeiner weiter zu gar nichts bedürfen werde Wie er raſch die Thür öffnete, taumelte des Grafen Dienerzurück. Er ſchien gelauſcht zu haben, meldete aber mit aller Unbefangenheit, der Herr Graf erwarte den Herrn Doktor auf dem Zimmer. Der Graf erhob ſich bei Rivières Eintritt, behielt aber die lange Pfeife bei, aus der er— wie es ſchien— nicht ohne Befangenheit fort rauchte.— Nun, ſagte er lächelnd, hat Ihnen meine Frau Rede geſtanden, Ihnen— ihren Zuſtand vertraut? Riviére hätte kaum überlegen können, welchen Grund für ſeine ärztliche Anordnung er dem Grafen geben möchte. Das Wort der Frage brachte ihn aber wieder auf ſeine erſte, aufgegebene Vermuth⸗ ung, und er ſagte mit bezüglichem Lächeln: Es gibt bei jungen Frauen Zuſtände, mein Herr Graf, die der Arzt am beſten aus der Art er⸗ kennt, wie ſie ihm eben nicht vertraut werden. Die gnädige Frau hat wohl ſelbſt kaum mehr, als ein dunkles Vorgefühl von ihrem Zuſtande, der Ihnen die erfreulichſte Vaterhoffnung gibt. Wie? Was ſagen Sie? rief, von freudigem Schreck etwas erblaſſend, der Graf, wobei er ſeine Pfeife beiſeit ſtellte. Mein Gott, beſter Doktor,— reden Sie wahr,— und irren ſich nicht? O, Sie Bote der Freude! Er faßte den Arzt und ſchüttelte ihm beide Hände.— Riviore, nicht wenig überraſcht, machte nur ſtumme Geberden der Zuſtimmung. Dann warf ſich der Graf ſehr bewegt, mit gefalteten Händen, in einen Seſſel, indem er vor ſich hinträu⸗ mend leiſer ſprach: „ Ja, ja, das wird alles ausgleichen, wird mich herſtellen im Herzen meiner edeln Cornelie! Ein Sohn wird mir geſchenkt! O ich bin es nicht werth! Aber, ja, das muß jetzt auch anders werden, alles, alles! So wahr ich lebe,— er ſoll einen wahr⸗ haftigen Vater an mir haben!—— Verzeihen Sie, beſter Doktor! Was denken Sie von mir! Aber— ich will jetzt hinüber, Cornelien an mein Herz drücken mit all der Zukunft, die— Der Atzt hielt ihn zurück, ſelbſt nicht wenig betroffen von dem Entzücken das über ſeine Berech⸗ nung hinaus ging. Um des Himmels willen, keine Uebereilung, Herr Graf, oder Sie verderben alles! rief er ſich zuſammennehmend. Die gnädige Frau iſt noch ſehr verſtimmt,—— wie es ihr Zuſtand mit ſich bringt: wie leicht aber könnte es in eine Gemüthsverſtim⸗ mung umſchlagen, die ſehr ſchlimm auf ihr Befinden rückwirken müßte. Sie ließen eben ein Wörtchen von„Ausgleichen“ fallen,— verzeihen Sie! wenn etwas zwiſchen Ihnen vorläge, was einer Verſöh⸗ nung, einer Verſtändigung bedürfte; ſo gehen Sie ja mit Vorſicht zu Werk! Jetzt nur keine Szene! Nehmen Sie Ihre Gemahlin für leidend an, und gönnen ihr ein paar Tage auszuruhen. Berufen Sie dieſelbe ja noch nicht auf ihre Hoffnung! Sie würde Ihnen nicht verzeihen, wenn Sie ſo Erfreu⸗ liches nicht zuerſt von ihr ſelbſt vernommen hätten. Der Graf, von dieſen Andeutungen betroffen, gab nicht ohne Selbſtüberwindung nach. Er that noch einige Fragen wegen der künftigen Lebens⸗ weiſe ſeiner Gemahlin jund entließ dann den Atzt, indem er ihn bis an die Treppe begleitete. Ich ver⸗ reiſe auf einige Tage, ſagte er. Leben Sie wohl! Auf Wiederſehen! Dem hier harrenden Diener trug er mit bedeutſamer Freundlichkeit auf, das für ſeine Perſon allein auf einige Tage Nöthige zu packen, und begab ſich dann zu ſeiner Gemahlin, ihr zu ſagen, daß er ſie hier zurück laſſen wolle, weil es ihm der Atzt ſehr angelegentlich empfohlen habe. Sie mißverſtand das Lächeln, womit dieſe Worte begleitet waren, und erklärte, daß gerade 33 des Arztes Benehmen ſie beſtimmt habe, nicht zu bleiben. Aber, liebſte Cornelie, iſt das nicht—? er⸗ widerte er an ſich haltend. Ich kehre in wenig Tagen von Mainz zurück. Ich laſſe Dir den Franz, den Wagen und alles hier. Sei doch vernünftig! Sei Du doch wahr! entgegnete ſie lebhaft. Nach Mainz ſagſt Du jetzt. Erſt wollteſt Du hier in der Nachbarſchaft zum Grafen Iſenburg, und nur darum wollte ich nicht mit. Eure Obligations⸗ Angelegenheit,—— und ob er Dein Vetter iſt! Ich wollte nicht bei dieſen Verhandlungen ſein. Sie lachte wegwerfend, nahm ſich aber zuſam⸗ men und erklärte: Nach Mainz gehe ich mit. Warum ſoll ich nicht? Weil mir der Arzt— Ja gerade darum, weil mir der Arzt— Beide ſchwiegen befangen und zurückhaltend. Der Graf hatte ihr ſchon des Doktors Eröffnung andeuten wollen: bei ihrer raſchen Einwendung aber beſann er ſich, daß und warum ſie es übel auf⸗ nehmen könnte, und hielt an ſich. Die Rückſicht auf ihren Zuſtand, der ihn innerlich ſo froh bewegte, half ihm über ſeinen reizbaren Unwillen hinaus. Er gab ſcheinbar nach und ſchlug nur vor, ſie wollten wenigſtens nicht ſo früh, wie bisher, aufbrechen, da⸗ mit ſie doch einmal eine ausruhende Nacht hätte. Heimlich aber befahl er dem Diener, die zu packenden Sachen nach angebrochener Nacht auf das Marktſchiff zu bringen und ihn in aller Frühe zu wecken. 2 S Auf dem Marktſchiffe? Es war für einen Grafen allerdings keine ſehr ausſchließende Gelegenheit mit dem Markt⸗ ſchiffe zu reiſen. Obſt⸗ und Gemüſehändlerinnen, Schacherjuden, Krämer und Viehhändler nahmen die hölzernen Bänke unter den kleinen Fenſtern zu beiden Seiten des großen Schiffraumes ein, ihre Körbe, Fruchtſäcke, Päcke und Ranzen vor ſich hin, zwiſchen den Kiſten und Kaſten der Schiffsfracht niedergeſetzt. Im Mittelraum der Verdecksſtützen trieb ſich ein luſtiges Völkchen um, das auf der langſamen Fahrt ſich mit Neckereien, drolligen Ein⸗ fällen und luſtigen Stadtgeſchichten die Zeit kürzte, und dazwiſchen einem blinden Muſikanten zuhörte, wenn er zu ſeiner rauhen Baßſtimme eines luſtigen Liedes ſeine Fiedel kratzte. Oder man drängte ſich um den Winkeltiſch am Eingange, hinter welchem eine ſaubere Schenkerin neben einem großen Koh⸗ lenbecken ihren dünnen Kaffee zu friſchen Wecken ſchenkte, und verſchiedene Sorten Schnapps— Nordhäuſer„Kornjack“, Kümmel und Anis zu dam⸗ pfenden Würſtchen ſpendete. Andere frühſtückten aus Handkörbchen und Querſäcken, was ſie in Pa⸗ pier gewickelt oder in umflochtenen Fläſchchen ver⸗ korkt mit ſich führten. Unſer Graf, der ſeinen Grund hatte, nicht mit einem eigenen Wagen in Mainz anzukommen, gab doch dieſer Gelegenheit den Vorzug vor dem ſchlechten Poſtwagen oder einem Hauderer um ſo mehr, als das Schiff früh und von der Stadt ent⸗ fernt abging. Er hatte ſich auch ſogleich auf das Verdeck erhoben, wo ein beſſerer Schlag von Rei⸗ ſenden— Fabrikanten, Kaufleute Luſtfahrende— die Bänke einnahmen oder hin und her wandelten. Der Tag war heiter, eine angenehme Luft ſpielte, und wenn auch die flachen Ufer keine großartige — Szenerie darboten, ſo wechſelten doch die ange⸗ bauten Felder um die Dörfer, an denen der Strom hinzieht, und beſchäftigten den Blick mit den Arbeiten der Ernte, bis zuerſt Offenbach zur Linken einen Theil der Reiſenden und bald auch Frankfurt am rechten Ufer die ganze Ladung von Menſchen und Gütern aufnahm. Als das Schiff, unter einem der Brücken⸗ bogen hingleitend, am untern Kai angelegt hatte, drängte man ſich aus dem Schiff und vom Ufer her nach dem Landungsbrückchen. Der Graf war an das Treppchen des Verdecks vorgetreten, nach einem Laſtträger umzuſchauen, der ihm den Koffer fort⸗ brächte, als er mit Erſtaunen ſeinen Franz er⸗ kannte, der ihm, athemlos und ängſtlich, zurück zu bleiben winkte. Bis derſelbe ſich im Gedränge des Brückchens durcharbeitete, hatte ſich das Ver⸗ deck geleert und er flüſterte ſeinem Herrn keu⸗ chend zu: Verfluchte Geſchichte, Herr Graf! Kaum waren Sie fort, als die Polizei erſchien, Ihnen einen guten Morgen zu wünſchen. Der Wirth war ſo klug oder ſo verblüfft, nichts von Ihrer Abreiſe zu wiſſen; er wollte Sie rufen. Der Beamte mit ſeinen Leuten folgte ihm aber an der Ferſe auf das Zimmer der Gräfin. Ich hatte mich unbemerkt von der Treppe in die Nebenſtube gerettet und hörte da den Namen Ihres Herrn Schwiegervaters, und daß er Sie wegen einer verfälſchten Iſenburger Obligation von Goldner— in Anſpruch nehme. Der verfluchte Advokat! ſeufzete der Graf. Nun, Franz? Weiter weiß ich nichts— von den Verhand⸗ lungen. Mir war's eben genug, mich ſchnell des ledernen Beutels zu erinnern, den ich der Frau Gräfin mit Ihrem Abſchiedsbillet zuſtellen ſollte. Und— Du haſt das Geld mitgenommen? Ja, Herr Graf, ich wollte, aber— der Menſch denkt, der Teufel lenkt. So ſtand jetzt vor der Thür der Gräfin ein Polizeidiener. Glücklicher⸗ weiſe war das Sälchen an dem Zimmer offen, das einen Ausgang nach hinten hat. Dort aber ſtieß ich auf den fatalen Doktor von geſtern Abend, der im Hauſe,— nun wie er heißt!— Er packte — mich und entriß mir den Beutel, ja—— wenn ich nicht irre, ſo gab er mir— einen Tritt, den ich ihm aber in Rechnung ſetzen werde! Wahrſcheinlich, mein lieber Franz, haſt Du zufällig die Miene gehabt, als wollteſt Du Dich mit dem Gelde auf— und davon machen. Hm? ſagte der Graf mit drohendem Kopfnicken. Die Miene? Meinen Sie? Ich habe nie eine bloße Miene, Herr Graf! Ich hatte die wirk⸗ liche Abſicht. Mein gnädiger Herr, dachte ich, braucht jetzt das Geld nöthiger, als meine gnädige Frau. Zurückkehren kann er nicht mehr, und kommt die gnädige Frau zu ihrem Mann, ſo kommt ſie auch zu ihrem Geld. Das war meine Miene. So kam ich in den Hof und durch das Thor in die Seitengaſſe. Eben hielt das Poſtkärrnchen am Hauſe; ich eilte vvraus vor die Stadt und gewann mir einen Platz auf dem Felleiſen. So kam ich dem langſameren Schiffe zuvor, und bin ſo glücklich, Ihnen dieſe gar nicht angenehme, aber ſehr nütz⸗ liche Nachricht zu bringen. Der Graf ſtarrte nachdenklich in den Strom. Er dachte an den Zuſtand ſeiner Cornelie, an ihr neues Mißtrauen gegen ihn zurück, und dachte an ſeine Sicherheit vorwärts.— Herr Graf, redete ihn der Diener an, ich denke, wir gehen am ſicherſten mit dem Mainzer Marktſchiff weiter. Das Waſſer hinterläßt am wenigſten unſere Spur. Wo wir dann Halt machen, können wir ruhiger überlegen, als hier. Aber wir müſſen eilen; dort liegt das Schiff und alles iſt ſchon zur Abfahrt in Bewegung. Der Graf nahm ſich zuſammen, nickte und deutete auf ſeinen Koffer. Dann ſchritt er dem Diener voraus, das Kai entlang nach dem Main⸗ zer Schiffe. Unbekümmert um den Diener und um den Koffer, warf er ſich in einer Ecke der kleinen Ka⸗ jüte auf die Bank. Franz ſchüttelte mit tückiſchem Lächeln den Kopf zu dieſer Niedergeſchlagenheit. So betroffen von einem mißlungenen„Genie⸗ ſtreich“, wie er's nannte, hatte er ſeinen Herrn noch nie geſehen.— Erſt als das Schiff unter dem Städtchen Höchſt wie gewöhnlich Halt machte, die zahl⸗ reichen Paſſagiere ausſtiegen und zum Thor hinauf wandelten ein Mittageſſen einzunehmen, kam der Graf zu einem Entſchluſſe.— Franz, ſagte er, die Fahrt geht mir zu langſam. Suche in der Stadt eine Chaiſe zu bekommen,— nach Mainz. Nimm gleich den Koffer mit, ich bezahle den Schiffer. Recht ſo, Herr Graf! antwortete der kecke Menſch. Vom Land auf's Waſſer, vom Waſſer auf's Land, wie die Fröſche! So ſchlagen wir der Polizei ein Schnippchen. Aber ſo zu eilen, daß wir den Appetit darüber verlieren, haben wir juſt nicht nöthig. Meinen Ew. Gnaden nicht? Ich be⸗ ſtelle einen Kutſcher, und derweile befehlen der Herr Graf ſo was Frugales,— droben im Adler,— er ſibe Nicht ſo leicht, als der Graf das Schiff ver⸗ laſſen konnte, war es ſeiner zurückgebliebenen Ge⸗ mahlin geworden, aus der verwirrenden Ueberraſch⸗ ung des frühen Tages einigermaßen zu ſich ſelbſt zu kommen. Doktor Rivière hatte ſich ihr alsbald und während noch die Unterhandlung mit dem Po⸗ lizeibeamten dauerte, durch den vor ihrer Thür — ſtehenden Polizeidiener zum Beiſtand anmelden laſſen; die geängſtigte Gräfin aber, in Verlegen⸗ heit über ie ſteckbriefliche Verfolgung ihres Mannes, und ohnehin gegen den Arzt von geſtern Abend etwas mißtrauiſch, hatte ihn nicht angenommen. Als aber die Polizeileute fort— und die Werth⸗ ſachen, namentlich ein Kiſtchen mit dem Silberge⸗ räth ihrer Ausſtattung, nebſt dem Reiſewagen unter Siegel gelegt waren, überkam die einſame Frau eine verzweiflungsvolle Rathloſigkeit. Sich auch nur auszuſprechen fehlte ihr ſogar die Kammerjungfer, da ihre Liſette noch am Vorabende der Abreiſe des Dienſtes reuig geworden und zurückgeblieben war. Indem nun die an ſich ſelbſt gewieſene Frau ihre Lage in Betracht zog, und dem Benehmen ihres Mannes nachdachte, fand ſie bei ihrer Reizbarkeit ſich um ſo mehr geſtimmt, ihm das Schlimmſte beizumeſſen, als er ihr bereits unterwegs Grund zum Argwohn gegeben hatte. Sie legte ihm ſeine Eile, ſein Dringen auf Weiterreiſe nur als Angſt, als Flucht vor der ihm drohenden Verfolgung aus, und daß er dann, als ſie ſelbſt für die Weiterreiſe geweſen war, ſich über Nacht fortgeſtohlen und ſie der Verfolgung gleichſam zur Beute gelaſſen hatte, ſchien ihr unverzeihlich. Sie kam ſich abſicht⸗ lich und förmlich von ihm verlaſſen vor. Und hatte ſie eben noch aus einem letzten Wohlwollen für ihn dem Beamten erklärt, ſie habe keine Ahnung, wohin ihr Gemahl gegangen ſei: ſo fiel nun eine wirkliche Ungewißheit darüber doppelt auf ſie ſelbſt zurück. Was ſollte ſie nun beginnen? Zu ihrem Vater zurückkehren, dem ſie die Einwilligung zu ihrer Hei⸗ rath abgetrotzt, der ſie gewiſſermaßen verſtoßen hatte? Oder ihren Mann aufſuchen und ihm— ſeine Pflichten gegen ſie abtrotzen? Zu jenem wie zu dieſem fehlte es ihr an dem verſchiedenen Muthe oder ſie beſaß zu beiden zu viel eigenſinnigen Stolz. Am Ende gingen ihr ſogar auch zu der einen wie zur andern Reiſe die nöthigen Mittel ab, indem alles, was ihr an Werthſachen geblieben, zur Deck⸗ ung des Betrugs in Beſchlag genommen war. Ihre Verlegenheit, mehr und mehr erwogen, ſteigerte ſich zur Verzweiflung, und die Rathloſigkeit der Koenig, Familienabende. 1. 3 3 Seele— als ob ſie ſich ſinnbilvlich darlegen wollte — drohte mit einer körperlichen Ohnmacht. In dieſem Augenblicke trat der Wirth Herrle bei ihr ein und nannte den Arzt, der ihr eine drin⸗ gende Mittheilung zu machen habe und um ihr Ver⸗ trauen bitte. Der Doktor?— rief ſie aufathmend, und plötz⸗ lich hatte die tiefempfundene Bedrängniß ihre Stim⸗ mung gegen den Angemeldeten verwandelt. Sie eilte ihm entgegen, denn er zeigte ſich eben in der halb offenen Thür. Sie hieß ihn aus tiefſter Em⸗ pfindung— willkommen, und in Thränen aus⸗ brechend, ſank ſie, in der Anwandlung ihrerSchwäche von ihm aufgefangen, wie ohmächtig an ſeine Bruſt. Er hob ſie auf das Kanape und brachte ſie mit Hülfe eines Flacon, das er für die gewohnten Vapeurs ſeiner Patientinnen bei ſich führte, ſchnell wiedeér zu ſich. Der Wirth⸗Poſtſtallmeiſter verließ das Zimmer und Rivière zog nun mit bedeutſamer Miene den Beutel hervor, den er dem Diener abgenommen hatte. Sie erkannte denſelben und kam vadurch über den erſten ſchreckhaften Eindruck hinaus, als ob ſie eine Unterſtützung annehmen ſollte. Die Börſe enthielt eine artige Summe in Gold, vielleicht aus der verfälſchten Obligation herrührend.— Jedenfalls Geld Ihres Vaters oder Ihres Gemahls, erklärte Rievisre. Alſo nehmen Sie es ohne Anſtand hin! Recipe! ſagt der Arzt. Es iſt das indicirteſte Recept, das Ihnen der Doktor der Gelegenheit eben wohl aus fremder Apotheke verſchreibt. Ohne Zweifel— ſetzte er mit ſchalk⸗ haftem Lächeln hinzu— hat Ihnen auch der Die⸗ ner das Geld zuſtellen wollen, und ich entriß es ihm nur, weil es in meinen Händen ſicherer war, als in ſeinen— Klauen. Hernach war ich doch auch froh, daß ich es vor dem nun ebenfalls ver⸗ ſchwundenen Gaudieb in Sicherheit gebracht hatte. Die Gräfin, jetzt um vieles beruhigter, ging mit dem Arzt über ihre Lage zu Rath. Dieſer, dem es ein heimliches Anliegen war, ſich bei der ſchönen Frau in Vertrauen zu ſetzen, hatte den Vortheil, daß gerade Dasjenige, was er ihr aufrichtig mit ehrlichem Verſtand, als das Geeignetſte für ihre S 5 36 Umſtände vorſchlagen konnte, auch mit ſtummen Wünſchen ſeines ſelbſtſüchtigen Herzens überein⸗ ſtimmte.— Die Verzweiflung hatte das reizende Weib im erſten Moment in ſeine Arme geführt und der leichtfertige junge Mann nahm es für eine gute Vorbedeutung. Aber er verdarb ſich gleich ſelbſt ſein Spiel. Denn durch dies Selbſtvertrauen an⸗ geeifert und im Verkehr mit emigrirten Franzöſinnen verwöhnt, ließ er ſeine Blicke und Mienen verrathen, was er ſeiner Zunge noch nicht geſtattet hätte. Da⸗ durch ſchüchterte er die zartfühlende Frau alsbald wieder ein; ſo daß ſie in ihren Eröffnungen mit allem zurückhielt, was hinter ihrem augenblicklichen Zuſtande verborgen lag. Sie ließ ſich daher auch über ihre Heirath und Herkunft, ſoweit ſie ſolche nicht geradezu umgehen konnte, doch nur ſo unbe⸗ ſtimmt aus, daß er mit ſeiner lebhaften Phantaſie nur täuſchende Vorſtellungen darüber faßen konnte. Vor allem rieth er ihr zu einer Privatwoh⸗ nung, die vielleicht ein Gärtchen am Hauſe hätte, damit ſie, einſamen Spaziergängen abgeneigt, doch vorerſt der freien Luft nicht entbehre. Sie ſollte dann abwarten, ob ihr Gemahl von ſich hören laſſe, aber auch in dieſem Falle ihm nicht eher folgen, bis er ihr eine feſte, ſichere und anſtändige Stellung anbieten könnte. Ein Umherſchweifen, Suchen und Wagen in der jetzigen ſchwankenden Zeit, oder wenn gar der Hr. Graf noch weiter verfolgt werde, ſetze doch eine Dame von ihren Vorzügen und An⸗ ſprüchen den widerwärtigſten Begegniſſen aus. Lieber möchte ſie ſich ihrem Vater wieder nähern und ſeine Liebe anrufen. In dieſem Fall erbot er ſich als Vermittler einzutreten, an ihren Vater zu ſchreiben, und dem erzürnten Manne die ganze Lage der Sache in verſöhnendem Lichte votzuſtellen. In dem, was der beredte Mann vorbrachte, lag vieles, was doch die Gräfin ſichtbar ermunterte und ihr neuen Muth gab. So beruhigt, dankte ſie dem Arzte und nahm es an, daß er ihr eine Woh⸗ nung und eine Kammerjungfer beſorgen wollte. Er verſicherte ſie ſeiner unbedingten Ergebenheit, bat um ihr hetzliches Vertrauen und empfahl ſich mit einem ehrerbietigen Handkuſſe. 4 4. Was denkt der Herr Graf? In der That blieb die Gräfin über eine Woche lang ohne Nachrichten von ihrem Gemahl, und be⸗ ſtätigte ſich dadurch, mit dem bitterſten Gefühle von Kränkung, in ihrem Argwohne, verlaſſen von ihm zu ſein. Es hatten ſich für ſie zwei artig eingerichtete Zimmer bei einem Seidenweber, in einem ſtillen Haus am Kanalthore, gefunden, mit einem Gärt⸗ chen, das auf den Wall und Feſtungsgraben hinaus lief. Sie nahm weibliche Arbeiten vor, für welche ſie eine feine Hand hatte, und der Doktor ver⸗ ſorgte ſie mit Lektüre. Indeß war ſie für beides bald innerlich zu bewegt, bald nach außen zu ſehr zerſtreut. Ihr Herz ſchien ein Sprudel von trüben Gedanken, die alles umher unter Fluth ſetzten. An ihren Vater zu ſchreiben, fiel ihr noch zu ſchwer, auch hoffte ſie, er ſelbſt werde vielleicht, bei Gelegen⸗ heit ſeiner Erklärung an die Behörde über die in Beſchlag genommenen Sachen, den erſten Schritt aus väterlichem Herzen thun. Inzwiſchen dachte der Graf nichts weniger, als ſeine Gemahlin zu verlaſſen. Im Gegentheil hing er jetzt mit viel reineren, man konnte ſagen— gehobneren Empfindungen an ihr, als vielleicht früher, da ihn blos Sinnlichkeit und Berechnung eingenommen hatten, die jetzt einer edleren Regung, einer ſüßträumeriſchen Hoffnung Platz in ſeinem Herzen machten. Aber gerade, weil er nun ſelbſt nicht zurückkehren konnte, ging er viel ernſter an die Prüfung des Zuſtandes und der Stimmung einer Geſellſchaft, in die er ſeine Gemahlin zu rufen gedachte. Da fand er ſich nun wieder im alten Mainz. Jahre waren vorüher gegangen, ſeit er unter— ſchonend geſagt— ſehr compromittirenden Umſtänden die Stadt und das Land hatte verlaſſen müſſen. Die Erinnerung an die Zwiſchenzeit ſeiner damaligen Flucht und jetzigen Rückkehr legte ſich in den erſten Stunden ſchwerer, als ſeither, auf ſeine Bruſt! Welche luſtige Zeit hatte er hier ver⸗ lebt, und welche krummen Wege war er ſeitdem ge⸗ wandelt! Dennoch war es Das nicht, was ihn jetzt bewegte und beunruhigte. Zwei Momente ſeines letzten Reiſetages— verhängnißvoll und feind⸗ ſelig zuſammentreffend— erſchütterten ihn:— das erhebende Gefühl ſeiner Vaterſchaft und die beſchä⸗ mende Verfolgung ſeines jüngſten Betrugs. Dies letzte Schelmſtück, um der Liebe zu Cornelien willen verſucht, hätte er ſich gerade um deßwillen leichter vergeben: indem es aber die Mutter ſeiner rührend⸗ ſten Hoffnung mit traf, ſchien ihm dieſe Hoffnung ſelbſt bedroht. Für einen reumüthigen Sünder von ſchwacher Willenskraft iſt es die glücklichſte Fügung, wenn er in freundliche Verhältniſſe geräth, die ihm eine aufhelfende Hand bieten; indem Widerwärtigkeiten den Unbeharrlichen bald wieder zurückwerfen würden. Wie es Graf Lothar nach einigen Tagen in Mainz fand, ſchien die öffentliche Stimmung ihn über ſeine Erwartung zu begünſtigen. Es war, wie ſchon bemerkt, in jenem Auguſt des Jahres 1792, als nach den prachtvollen Feſten in Mainz der Herzog von Braunſchweig, unter der Fahne ſei⸗ nes berühmten„Manifeſtes“, an der Spitze des preußiſchen Heeres, in Frankreich einrückte, die Re⸗ volution zu vernichten. Die Stadt war theils noch von den rauſchenden Luſtbarkeiten her, theils von bänglichen Erwartungen ſehr bewegt. In den Krei⸗ ſen des Adels und der zahlreichen franzöſiſchen Ausgewanderten herrſchte eine eben ſo lebhafte Mißachtung der aus Frankreich drohenden Gefahr, als unter den Bürgern eine Furcht vor derſelben ſich verbreitete, und der Hof zeigte ſich eben ſo un⸗ thätig die wichtige Reichsfeſtung zu ſchützen, als der Club der Revolutionsfreunde geſchäftig den Em⸗ pfang der erwarteten Franzoſen betrieb. Unter dieſen Umſtänden konnte Graf Lothar bald wahrnehmen, daß ſeine frühere Geſchichte im Andenken der Mainzer Geſellſchaft, wenn nicht ganz erloſchen, doch ſehr verblaßt ſei und daß in der ſtür⸗ miſchen Bewegung politiſcher Parteiung ſich leicht eine Stelle aufthun werde, wo ein Sopha für die Hausfrau und eine Wiege für den zu erwartenden Sprößling ihren anſtändigen Platz fänden.—— Ein neuer Seelenmuth erhob ihn; lebhafte Vor⸗ ſätze für ein würdiges Betragen bewegten ſein wenigſtens noch ehrgeiziges Herz, und derſelbe Leicht⸗ ſinn, mit dem er ſonſt ſeine ſchlechten Streiche be⸗ gangen, half ihm jetzt über die Bedenken hinaus, die mit einer ernſten, gründlichen Umwandlung ſeines Lebens noch immer verknüpft blieben. Lothar hatte verſchiedene Befuche gemacht,— leiſe Verſuche auf die Stimmung chemaliger Be⸗ kannten und Gönner. Er war zufrieden mit der Aufnahme, die er gefunden. Die Gemüther waren von ſo viel neuen Angelegenheiten eingenommen und die Wellen der Zeit gingen ſo hoch, daß die Vergangenheit eines Einzelnen wie vergeſſen da⸗ hinter lag; während er ſelbſt doch als früherer Be⸗ kannter ſich durch angenehme Gegenwart geltend machte. Er erhielt ſogar ſchon eine vornehme Ein⸗ ladung von einem alten Freunde ſeines Vaters, — dieſes Ehrenmannes, der jetzt, aus ſeiner Dienſt⸗ ſtelle in Worms geſchieden, mit Penſion zu Aſchaffen⸗ burg lebte. Der Oberhofmarſchall gab nämlich zu Ehren einiger Beamten aus Worms, die wegen Verpflegung des nach Speier beſtimmten Mainzer Kriegs⸗Contingents zu einer Conferenz einberufen waren, einen großen Abend.— Während Lothar ſich als Gaſt zur Geſell⸗ ſchaft ankleidete, erwartete er jeden Augenblick ſeinen Franz zur Beihülfe. Der Burſche hatte ſich den ganzen Nachmittag noch nicht ſehen laſſen. Dies Benehmen war eben nicht neu; es bewies nur, daß die Theilnahme eines Dieners an den Gau⸗ nereien ſeines Gebieters keine ſtrengen Pflichtbe⸗ griffe bildet, und daß der Gehorſam darunter leidet, wenn der Kammerdiener auf die Windfälle des lockern Lebens ſeines Herrn geſtellt iſt. Wie mithin hier Herr und Diener zuſammen ſtanden, wäre ſolche Unachtſamkeit dem Grafen auch weniger aufgefallen, hätte er gerade jetzt nicht, im Selbſtge⸗ fühl der Einladung, ſo wie ſeiner ſittlichen Erhe⸗ bung, auch die Anſprüche ſeiner Stellung und die Schicklichkeit des Dienſtverhältniſſes lebhafter em⸗ pfunden. Wirklich konnte er Franz nicht abwarten. Der beſtellte Wagen fuhr an, und Graf Lothar mußte ſich vom Kellner im Gaſthofe der drei Reichs⸗ kronen, wo er Quartier auf Nummer 3 genommen hatte, den Schlag öffnen laſſen.— Die glänzenden Zimmer beim Oberhofmar⸗ ſchall fingen ſchon an ſich zu füllen, als Graf Lothar eintrat. Wie er durch den Salon ſchritt, der Frau Excellenz ſeine Reverenz zu machen, erregte er durch ſein günſtiges Ausſehen und ſeine ariſto⸗ kratiſche Haltung Aufmerkſamkeit. Nur Einzelne erkannten ihn; Viele konnten ſich nicht gleich auf dies Geſicht beſinnen.. Die Oberhofmarſchallin, eine Dame von langer, ſtarker Statur, erſchien von Natur und Kunſt ſtark gefärbt. Ihr aufgeworfener Mund drückte etwas Imponirendes aus, ihre kühne Hal⸗ tung viel Gebieteriſches; ihr ganzes Weſen hatte etwas Aufprotzendes, und als ſie einer lieben Freundin, der Frau Generalin von Ferette, entgegen ging, bewegte ſie ſich in wahrem Sturmſchritte. Frau von Ferette, zweite Hofdame neben der Gräfin Coudenhove, die als Verwandte des Kur⸗ fürſten an dieſem geiſtlichen Hofe die Stelle einer Oberhofmeiſterin vertrat, ſtand auch neben derſelben im beſondern Vertrauen des alten Herrn. Sie hatte manchen Tag hervorragenden Glanzes und ausge⸗ zeichneter Gunſt hinter ſich; denn ihr Einfluß beim Fürſten wechſelte mit jenem der Gräfin; ſo daß beide Damen äußerlich auf dem herzlichſten, inner⸗ lich auf dem eiferſüchtigſten Fuße der Freundſchaft ſtanden. Graf Lothar von der Leyen ergriff die erſte Ge⸗ legenheit, ſich der ſchönen Frau vertraulich zu nähern und Frau von Ferette erkannte ſogleich auch ihren alten Anbeter wieder.— Ah, Herr von Radler! rief ſie. Sie waren geſtern in meiner Woh⸗ nung: ich konnte Sie nicht annehmen, der Kurfürſt erwartete mich. O wie Schade, daß ich da nicht ſchon vorher bei Ihnen geweſen war, meine huldreiche Gene⸗ ralin! erwiderte Lothar im Tone des ehemaligen Günſtlings. Ich kam freilich nicht, Ihnen mein 6 Anliegen vorzutragen, ſondern mit einem Herzen voll Verlangen, Sie nach einer ſchmerzlichen Ewig⸗ keit wieder einmal zu verehren. Ich wollte Ihnen nur beichten, mir Ihre Abſolution erflehen, daß ich — daß ein nichtswürdiger Flüchtling es gewagt hat, Ihr angebetetes Bild im Herzen mit auf ſeine trau⸗ rigen Wege zu nehmen, wie Verbannte das Idol ihres Hausalters. Am Ende hätten Sie aber doch wohl, in einer Anwandlung ihrer alten Gunſt, nach meinem Zuſtande gefragt und ich hätte Ihnen mein Anliegen an Seine kurfürſtliche Gnaden mit nach Hofe geben können. Die ſchöne Frau, die unruhig umherblickend ihn angehört hatte, antwortete in der Haltung ihn zu verlaſſen. Davon ein andermal, lieber Herr von Radler! Sehen Sie nur, wie dieſe— Wachskerzen um uns her mit ihren lodernden Flämmchen auf uns herab⸗ ſehen! Kommen Sie morgen unter der kurfürſt⸗ lichen Tafel zu mir; Sie finden mich allein für Ihr Anliegen an den Kurfürſten. Sie wendete ſich mit leichtem Kopfnicken; er drängte ſich Ihr aber mit zwei Schritten folgend auf, indem er flüſterte: Nur ein Wort noch! Hat wohl der vieux papa dieſer Emigrirten— vergeſſen—? Mich nicht, will ich hoffen, aber— meine— 2 Ihre dummen Streiche, nicht wahr? fiel ſie ein wenig ungeduldig ein, ſetzte aber mit beſänfti⸗ gendem Lächeln hinzu: Nun, ich denke dieſe Unbeſonnenheiten werden wenigſtens etwas nachgedunkelt haben. Auch läßt das Gedächtniß des alten Herrn manchmal eine Maſche fallen und es verliert ſich Eins oder das Andere daraus. Wie lang iſt es her, daß— 2 Wie lang? lächelte er. Wenn ich in mich gehe, iſt es ziemlich lang her; ſehe ich aber Sie an, ſelige Eliſabeth: ſo ſieht es aus wie von geſtern! Schmeichler ſchalt ſie. Allerdings iſt es Zeit, daß Sie in ſich gehen, nachdem Sie ſich ſo ins Wilde verlaufen haben. Ah! die Fürſtin Monaco! Sie eilte einer ſchlanken, blonden Dame ent⸗ gegen, die zu den in Mainz damals ſehr zahlreichen Emigrirten gehörte und als„junge, heitere, poſſen⸗ war. Nach der wechſelſeitigen Begrüßung beider Damen ſagte ein, die Fürſtin begleitender ſtrifer, ceremoniöſer Mann: Madame la Prinzeſſe fragte mich eben, wer der junge hübſche Mann ſei, mit dem Sie ſich unterhalten haben, gnädige Generalin. Iſt es nicht, Herr von Radler, der— 2 Ganz recht, Herr von Hertling, der Sohn ihres Dienſtvorgängers in Worms! antwortete Frau von Ferette. Ei, nicht wahr? Ich hab ihn doch wieder er⸗ kannt von damals her, meine ich, wo ſein Vater, der Hof⸗ und Regierungsrath von Radler, jetzt mit Penſion nach Aſchaffenburg gezogen, noch Direk⸗ torial⸗Geſandter des oberrheiniſchen Kreiſes war. Während Frau von Ferette zu der ſelbſt be⸗ wußten Miene lächelte, womit der ſteife Mann ſeine eigene jetzige Würde verkündigte, fragte die Fürſtin, was denn aber der junge Mann ſelbſt bedeute. hafte Freundin des Prinzen von Coudé“ bekannt — Frau von Ferette war dem guten Ton an geiſtlichen Höfen nicht fremd. Man ſcheute nämlich unſtatthafte Verhältniſſe nicht; aber man gab ge⸗ legentlich dem guten Schein eine kleine Satisfaction, indem man den Gegenſtand der leichtfertigen Nei⸗ gung durch geiſtreiche Mediſance zum Opfer brachte. — So geſchah es auch jetzt, als die Generalin mit ſchalkhaftem Lächeln verſetzte: 3 Ein ehemaliger Günſtling meines Mannes, den ich jetzt vor der gefährlichen Fürſtin Monaco werde hüten müſſen. Er kommt eben— ob aus der großen Welt, weiß ich nicht, jedenfalls aber aus der weiten Welt. Früher im hieſigen Militär mit guten Ausſichten, ließ er ſich einiges zu Schuld kommen, was ihn veranlaßte, auf der Seite, wo unſer gütiger Kurfürſt ein Auge zudrückte, raſch ſein Porteépée abzulegen und auf Reiſen zu gehen. Ob er jetzt aus Petersburg kommt, wohin er Em⸗ pfehlungsbriefe vom hieſigen Geſandten, Grafen Rumanzow hatte, weiß ich nicht: der artige junge Mann hat ſich mir eben nur flüchtig vorgeſtellt. Der von ſo ſchönem und vielleicht auch ſchonen— Koenig, Familienabende. 1. 4 i dem Mund Beſprochene, den wir nun für keinen Grafen von der Leyen mehr nehmen dürfen, trieb ſich inzwiſchen unter den zahlreichen Gäſten umher. Die Freundlichkeit der alten Gönnerin und ihre Zuſage gab ihm die volle Zuverſicht des Auf⸗ tretens auf einem Eſtrich, wo ohnehin ſchon das günſtige Licht der Einladung auf ihn fiel. Indeß bemerkte er doch, daß einige Offiziere, überraſcht, wie es ſchien, von ſeiner Erſcheinung, ſich mit der Miene ihn nicht zu bemerken zurück zogen. Lothar war gewandt genug, mit derſelben Miene dem anweſenden Stadt⸗ und Feſtungs⸗Gouverneur, General⸗Feldzeug⸗Meiſter von Gymnich, der ihn ſcharf in's Auge faßte, ſorglos auszuweichen. Die Unterhaltung ging laut und lebhaft, etwas ſcharf ſchmeckend durch eine gewiße Leidenſchaftlich⸗ keit der Geſellſchaft. Ein Haß gegen alles Revo⸗ lutionäre ſprach ſich mit einer Heftigkeit aus, die gegen den guten Ton des geiſtlichen Hofes ſelbſt etwas rebelliſch erſchien. Ein neu errichtetes Re⸗ giment, 2000 Mann ſtark, und beſtimmt zu dem gegen Frankreich aufgebotenen Heere zu ſtoßen, hatte vor der Stadt ein Lager bezogen. Der Kur⸗ fürſt fuhr öfter hinaus, und ſpeiste ſelbſt einmal dort unter einem großen Zelte. Daher gehörte es zur Mode des Tages für Damen und Herren das Lager zu beſuchen. So brachte man in die Abend⸗ zirkel den muthigen Ton mit, der dort herrſchte. Die Nachricht von der Einnahme von Longwy durch die deutſchen Alliirten, und von der Beſchießung Thionvilles war eingelaufen, und nun brannte man in Mainz vor Verlangen nach Siegen. Die größte Verachtung der franzbſiſchen, nur von bürgerlichen Offizieren angeführten Heere ſprach ſich aus. Wer hätte bezweifeln dürfen, daß es bloße Lappalie, ein bloßer Kinderſpott ſei, die Franzoſen zu ſchlagen? Zu fürchten— wenn die Allürten nächſtens Paris genommen hätten— blieb nur, daß es an Händen fehlen würde, alle die Männer aufzuknüpfen, die ſich in der Revolution hervorgethan hätten. Denn der althergebrachte Galgen bildete das Ge⸗ genſpiel zu der neu aufgekommenen Guillotine, nur daß er noch bloß in der Reſerve ſtand. Lothar vermied die Gruppen, wo dieſe Unter⸗ 4* haltung am hellſten loderte. Dies that er nicht bloß weil gewöhnlich einer der höhern Offiziere das Feuer unterhielt, ſondern weil er ſelbſt, ohne Theil⸗ nahme für dieſe Politik, nur ſein perſönliches Fort⸗ kommen im Sinne hatte und daher ſich nur den⸗ jenigen näherte, von denen er ſich zu dieſem Zwecke Gunſt und Fbrderung verſprach. Es fiel ihm ein, daß er dem Hausherrn noch ſeinen Dank für die ihn ſo auszeichnende Einladung auszuſprechen habe. Er kannte ihn von früher und wußte ihn darnach zu behandeln. Aufmerkſam des Augenblickes, wo dieſer dürre Mann mit ſpitzer Naſe und ſpitzem Kinn umher wandelte und mit ſeinen grauen kreuzenden Augen ſein Feſt über⸗ wachte, trat Lothar zu ihm. Die Excellenz rieb ſich nach ihrer Gewohnheit die Hände und ſteckte ſie abwechſelnd in die Taſchen, als ob er fürchte, etwas von den kleinen Ränken und Schelmereien zu verlieren, die er immer bei ſich trug, wie der Kurfürſt ſeine Bonbonisre. Er ſprach gern von edeln deutſchen Männern, und that ſich etwas zu gut darauf, daß er dem Kurfürſten bei Ge⸗ legenheit auch Widerpart halte. Wirklich, um beim Fürſten für bieder zu gelten, widerſprach er ihm zuweilen, doch ſo, daß er des Augen⸗ blicks wahrnahm, wo er ſich der überwiegenden Einſicht Sr. kurfüſtlichen Gnadenunter werfenmußte. Als Lothar ihm für das gnädige Vertrauen, das er einem rückkehrenden verlorenen Sohne ge⸗ ſchenkt habe, ſeine Rührung ausſprach, reichte ihm die Excellenz drei Finger der rechten Hand mit den freundlichen Worten: Jugendſtreiche, lieber Radler, Jugendſtreiche! Verirrte Talente,— Genie ohne Wirkungskreis! Ich ſage immer— Wirkungs⸗ kreis muß ſein. Hab' ich Recht? Verſtehe Sie ſchon,— wollen ſich jetzt zu unſern edeln deutſchen Männern zurecht finden, anſchließen. Werd' es Sr. kurfürſtlichen Gnaden mit Nachdruck zu rühmen wiſſen. Muß Ihnen Hand geboten werden. O es iſt jeßzt eine Zeit für welterfahrene Männer! Eine geeignete Stelle im Militär— 2 Nein, nicht wahr? Eher vielleicht— 2 Etwa—? Beim Forſtweſen, Excellenz, dächt' ich mich nützlich zu machen, vielleicht verdient. Sehen Sie! Ganz recht! verſetzte, die Hände reibend, der Oberhofmarſchall und fügte mit kreu⸗ zenden Augen umherblickend hinzu: Schade, daß unſer Vice⸗Oberjäger-Meiſter von Haußen nicht da iſt! Würde Sie gleich vor⸗ ſtellen. Und Landjäger⸗Meiſter Graf Keſſelſtadt hat mir abgeſagt. Aber— Sie machen Beſuch, nicht wahr? Unſer Jagdweſen iſt vortrefflich organiſirt für adeliche und bürgerliche Stellen, Oberforſt⸗ meiſter, Oberjägermeiſter, Oberförſter, Hofjäger, Faſanenjäger, Trüffeljäger. Eine Rangleiter mit vielen Sproßen. Nicht wahr? Mit dem Kur⸗ fürſten ſpreche ich. Ich fürchte nur, Seine kurfürſtliche Gnaden gedenken meiner in— Ungnaden. O, Herr von Radler, kennen Sie mich nicht? Ich bin der Mann am Hvofe, ich, der auch Seiner Gnaden widerſpricht— wie ein Biedermann. Oh! Zählen Sie auf mich! Mit einer entſchuldigenden Bewegung eilte die Excellenz einem anſehnlichen Domherrn ent⸗ gegen, der verſpätet kam. Ein Mann in den Fünf⸗ zigen, ſtattlich ohne ſtark zu ſein, lebhaft von Ge⸗ ſichtsfarbe und von Blick, angenehm lächelnd. Lothar zog ſich zurück. Ein verlegenes Lächeln glitt über ſein Geſicht.— Der Domprobſt, Graf von der Leyen! dachte er. Wenn er wüßte—! Der Freund meines Vaters, und mein Firmpathe! Nun ja, ich bin ja auch als ein Radler wieder da. Gerade an ihn hatte ich noch gar nicht gedacht. Glück auf!„Leyen“ iſt die Loſung! Gleich morgen! Und wenn das Glück gut iſt, hebt er einen kleinen Radler aus der Taufe. Franz, Du willſt fort? Als Lothar in ſeinen Gaſthof zurück kam, fand er Licht im Zimmer und ſeinen Franz auf dem Ka⸗ nape behaglich ausgeſtreckt. Noch geſtimmt auf den vornehmen Ton der Geſellſchaft, aus der er eben kam, empfand er dieſe Anmaßung mit der Ent⸗ rüſtung des erſten Augenblicks; doch faßte er ſich und ſagte nur ſpöttiſch: Aha! Du ruhſt Dich aus von den Strapazen, die Du heut in meinem Dienſte gehabt haſt! Verzeihung, Herr Graf! antwortete, gelaſſen aufſtehend der Burſche mit dem tückiſchen Lächeln, womit er dieſen Titel zuweilen begleitete. Weil es heute der letzte Tag in meinem Dienſte bei Ihnen war: ſo habe ich mir aus Leidmuth noch einmal die gnädige Freiheit genommen, die Sie mir früher zuweilen zum Spaß geſtatteten,— zur Abwechs⸗ lung mit Ihnen auch einmal den Grafen zu ſpielen. Dieſe Erinnerung, ſo richtig ſie war, würde — Si — Lotharn doch empört haben, wäre ihm nicht die vorausgegangene Aeußerung ſchwer aufgefallen.— Was? ſagte er. Der letzte Tag deines Dienſtes? Du willſt plbtzlich von mir fort? Ja, Herr von Radler, antwortete Franz mit beſcheidenem, ja mit einem eigens weichmüthigen Ton. Ich habe heut einen andern Platz genommen, und hatte viel Läufe und Gänge damit. Verzeihen Sie alſo, daß ich ſo wenig zu Ihrer Verfügung war. Und warum denn fort, Franz? Biſt Du nicht bis auf den letzten Kreuzer bezahlt? Oder habe ich an meinem— Vertrauen gegen Dich, in meiner Behandlung, das Geringſte geändert? Nein, Herr von Radler, nein! Gegen mich ſind Sie noch der Alte geblieben, aber— nicht mehr für ſich ſelbſt, und— ſehen Sie!— Da werden Sie's auch nicht lange mehr gegen mich ſein können. Ich verſtehe Dich nicht, Franz! erwiderte Lo⸗ thar, indem er ſich ſetzte und den Diener neben ſich auf einen Stuhl zog. Nun denn, antwortete dieſer vor ſich hinblickend und die flachen Hände zwiſchen den Knieen reibend, — ich habe mir die Sache eben noch einmäl recht klar gemacht. Sehen Sie! Sie haben den Weg eingeſchlagen, ein vortrefflicher Vater Ihres künf⸗ tigen Herrn Sohnes zu werden: dabei müſſen Sie aber einen andern Bedienten haben. Wenn ich an meinen ſeligen Vater denke, der ein rechtſchaffener Feldſcherer war obgleich er die ehrlichſten Männer — barbirte, ſehen Sie, da kann ich's recht mit Ihnen fühlen, wie's einem Vater zu Muth ſein muß, der einen nichtsnutzigen Sohn hat, und was der väterliche Reſpekt ſagen will. Nun haben Sie aber auch zu einer richtigen Autorität einen recht⸗ ſchaffenen Platz in der Welt nöthig, zu dem unſere bisherigen Wege nicht führen, und Den ſuchen Sie hier. Gut! Da ſcheide ich nun von Ihnen. Meine alten Sohlen halten vielleicht noch eine Strecke auf den alten Kreuz⸗ und Querwegen, die ich einmal gewohnt bin. Beſſer, als ich mich bei Ihnen geſtanden, wünſche ich mir's eben nicht. Mein Herr von morgen an iſt wohl auch eine liederliche Haut: ob er aber unter der Haut eine ſo noble Ader hat, wie Sie, ſteht noch dahin. Und drum darf ich ſagen, ich bringe Ihnen ein Opfer aus Dankbarkeit. Sehen Sie, einmal würde meine Gegenwart Sie immer wieder an unſere— Genieſtreiche erinnern; Sie würden ſich Zwang anthun müſſen mit Ihrer herrſchaftlichen Autorität, und ich mit meinem unter⸗ würfigen Gehorſam. Nicht wahr? Dann aber weiß ich auch nicht, ob Ihren kühnen Streichen nicht früher oder ſpäter nachgeforſcht wird, und ich käme in die Verlegenheit, Zeugenſchaft gegen Sie abzulegen, und würde am Ende gar noch zu einem ſchlechten Kerl an Ihnen und— das ſollen Sie wahrhaftig nie an mir erleben. Lothar war einigermaßen bewegt von dieſer ſo unerwartet ehrlichen Geſinnung und noch mehr viel⸗ leicht von dem empfindſamen Tone, der ihm an dem oft ſo hämiſchen Burſchen eben ſo ungewohnt war. Er ſtand auf und ging hin und wieder; es regte ſich etwas wie Rührung unter ſeiner Bruſt⸗ krauſe und geſtickten Weſte. Wer weiß auch welche Erinnerungen, von der Weihe dieſes Weichmuthes aus ihren Gräbern beſchworen, zwiſchen Herrn und Diener ſchwebten!— In dieſer innern Unruhe fing er an ſich zu entkleiden, und Franz ſprang ihm behülflich bei. Die Kühle der Auguſtnacht wehte durch die Fenſtergardinen herein; über ven abſchüſ⸗ ſigen Platz am ſogenannten Brand tlang die blöde Clarinette eines Anfängers, der den„guten Mond“ zu begrüßen die tiefe Nacht abgewartet hatte. Darüber kam Lothar zur Ueberlegung, daß Franz doch ſehr Recht habe,— daß es gut ſei, wenn er gehe und ihm Raum laſſe, unter manchen Umſtänden ſeines neu zu geſtaltenden Lebens unbe⸗ fangener aufzutreten.— Zu wem kommſt Du denn, Franz? fragte er, ſeine Hand auf des Dieners Schulter gelegt. Zu Herrn von Bünau, dem hieſigen ſäch⸗ ſiſchen Geſandten und bevollmächtigten Miniſter, antwortete Franz. Und wir gehen übermorgen nach Dresden. Die Excellenz will dort perſönlich für ge⸗ wiſſe Fälle Inſtruktionen einholen. Man ſpricht davon, daß ein franzöſiſches Heer unter General Cuſtine losgelaſſen ſei, die Revolution nach dem Oberrhein zu bringen. Unſer Geſandtſchaftsſekretär Huber bleibt einſtweilen zurück, ein artiges, blaſſes Männchen, das viel liest und ſtudirt. Ich glaub', er ſchreibt auch Bücher. Uebermorgen ſchon, Franz? Ei, daß Dich—! Ich hatte darauf gerechnet, Du ſollteſt mir einen Brief nach Hanau bringen. Meine liebe Cornelie wird in nicht geringer Verlegenheit und Unruhe über mein Schweigen ſein. Ich habe ihr heut um⸗ ſtändlich und ſehr vorſichtig geſchrieben, ſie hierher eingeladen. Mit der Poſt darf ich keinen Brief ſchicken: es müßte ja unter meiner Reiſe⸗Adreſſe geſchehen, denn meine Frau ſelbſt weiß noch von keiner andern, und— ich muß fürchten, die Po⸗ lizei invigilirt auf dieſe Adreſſe, um hinter meinen Aufenthalt zu kommen. Den Teufel auch, Franz, was mach' ich nun? Im Uebrigen muß ich Dir Recht geben, und es mag gut für uns beide ſein, daß Du Dir einen andern Platz ſuchſt oder haſt, ſo leid es mir in der Seele thut, Dich zu verlieren. — Wahrhaftig Franz! Du ſiehſt aber, jede Beſ⸗ ſerung, jede Bekehrung fängt mit Entſagen und Entbehren an, und wer, wie man's gewöhnlich ausdrückt,— einen neuen Menſchen amzieht, muß darauf gefaßt ſein, daß er ſich gedrückt und beengt fühle, bis die neue Montur auch wieder ein wenig nachgibt. Da thuſt Du denn wohl daran, in der alten Livrée zu bleiben, wenn ſie auch einen neuen Kragen und andere Aufſchläge bekommt. Bei Bünau iſt's ein Platz für Deine Talente, beſonders für die zarten Manipulationen. Die alte Excellenz hat noch viele Herzensbedürfniſſe und dabei ſtehſt Du Dich gut.— Nur— mit meinem Brief— was fang ich an? Ei, wiſſen Sie was? erwiderte nach einigem Ueberlegen der Diener. Wir fahren ja über Hanau und wechſeln dort Pferde. Dieſe Wechſelzeit wäre freilich zu kurz,— auf Sicht. Wenn ich nun aber Erlaubniß von meinem Herrn nähme, morgen Nachmittag voraus nach Hanau zu machen— ich kann ja noch Sachen dort haben!— und beſtellte mit aller Vorſicht den Brief— in der Dämmerung, — nach ſieben wird's ſchon Nacht— und erwartete übermorgen meinen Herrn an der Poſt—? Nicht wahr? Bei Gott, Franz, das iſt geſcheit! rief Lothar. Auch hätteſt Du dann Gelegenheit, zu erforſchen, wie's dermal mit der Polizei⸗Geſchichte und meinen Sachen ſteht. Du ſchriebſt mir dann, bis Dein Herr dort ankäme, ein paar Zeilen? Hm? Franz erklärte ſich zu allem bereit, und ver⸗ ſprach im Laufe des morgenden Vormittags den Brief, oder was es noch ſei, abzuholen. Mit dieſer guten Ausſicht trennten ſich beide wahrhaft herzlich, indem Lothar den Diener wie einen ſcheidenden Freund umarmte. Franz hielt Wort, und holte am andern Mor⸗ gen den Brief ab. Da die kaiſerliche Reichs⸗ ordinäre ſchon früh um ſechs nach Frankfurt abging: ſo mußte er eine andere Gelegenheit dahin nehmen, und machte ſich von dort zu Fuße nach Hanau. Die Polizei hatte damals noch nicht ſo ſcharfe Augen und ſo viel Spürnaſen, wie heut, ſo daß Franz es nicht hätte wagen dürfen, mit einiger Vorſicht, bei angebrochener Dämme⸗ rung, über der Kinzbrücke die Vorſtadt und Stadt zu betreten. Es gelang ihm, durch das Seitenthor des Gaſthauſes, aus welchem er ſich jüngſt geflüchtet hatte, auch wieder einzuſchleichen. Hier erfuhr er durch den Hausknecht die Wohnungsveränderung der Frau Gräfin und ließ ſich dahin beſcheiden. Seine Erſcheinung fiel, wenn auch nicht wie ein Sonnenblick, doch wie Mondſchein in das ver⸗ düſterte Gemüth der einſamen Frau. Sie be⸗ ſtürmte ihn mit Fragen. Franz aber, mit dem Vorſatze gekommen, ihr beim ängſtlichen Ueber⸗ gang aus der bisherigen Täuſchung zur Mainzer Pahrheit keine Hand zu bieten, berief ſich nur auf den Brief, der alles enthalte; ja er ließ ſie mit ſeinen dringenden Fragen nach der Angelegen⸗ heit ſeines Herrn nicht ſogleich zum Leſen kommen und entfernte ſich, als ſie den Brief erbrochen und entfaltet hatte mit dem Verſprechen, morgen früh wieder zu Befehl zu ſein. In einem ſtillen Gaſthauſe der Nachbarſchaft, im ſchwarzen Roß, wußte er beim Wirth und einigen Schoppengäſten auf geſchickte Weiſe nach dem Doktor Riviore und der fremden Dame zu fragen; da ihm denn durch manchen zweideutigen Scherz über den„Damendoktor“ die Fürſorge deſſelben, deren die Gräfin mit dankbaren Worten gedacht hatte, doch etwas bedenklich vorkam. Die Ab⸗ ſichten des Arztes bei ſeiner Beeiferung für die liebenswürdige Frau ſchienen ihm ſehr verdächtig, und bald ſollte er erfahren, daß ein ſo thätiger Arzt, wir Rieviöre, es auch gegen ihn felbſt nicht an Aufmerkſamkeit fehlen ließ. Rivière pflegte die früheſten Stunden des Tages, ehe er ſeine Patienten beſuchte, zu gelehrten Arbeiten zu verwenden. So ſaß er am andern Morgen über den erſten Druckbogen der oben erwähnten, in Frankfurt verlegten Schrift:„Ueber die Symptome und Sympathien der Mutterhoff⸗ nung.“— Das Büchlein war einem nachbarlichen Fürſten gewidmet, deſſen Gemahlin ſich eben zum erſten Mal in dieſen intereſſanten Umſtänden be⸗ fand. Vielleicht hoffte der republikaniſche Mann doch Leibarzt an dem kleinen Hofe zu werden, oder wenigſtens einen empfehlenden Titel zu erhalten. In dieſem Behagen empfing er ſeinen Hauswirth der ihm die verſtohlene Neuigkeit brachte, daß des Grafen Franz im Hauſe geweſen ſei. Rivière eilte Koenig, Familienabende. 1. 5 ſogleich nach der Polizei, um den Burſchen feſt⸗ nehmen zu laſſen, von dem man den Aufenthalt ſeines Herrn heraus bringen könnte. Die Behörde ſetzte ſich ſofort in Bewegung. Die paar alten Polizeidiener der Stadt wurden aufgeboten, des Burſchen habhaft zu werden. Der Arzt aber eilte zur Gräfin, die er in Thränen über dem Briefe fand. Er durchflog die Zeilen mit mehr Zufriedenheit, wie es ſchien, als die Gräfin daraus geſchöpft hatte.— Ha! rief er am Ende aus, das ſetzt uns nun ins Klare, meine Theuerſte! Nun können wir handeln! Beruhigen Sie ſich, wir ſprechen hernach darüber! Jetzt gilt es um den Franz. Ich gehe, einen Polizeidiener in das Haus zu legen, der ihn feſtnehme, wenn er verſprochenermaßen wieder zu Ihnen kommt. Hiermit eilte er fort und ſetzte alles in Thä⸗ tigkeit. Inzwiſchen hatte der Nachtzettel die Ver⸗ muthung auf das ſchwarze Roß gelenkt, wo der Geſuchte aber nach ſeinem früh genommenen Kaffee auch ſchon fort war. Und wirklich entdeckte man ihn erſt am Nachmittage, und zwar auf dem Bock eines Reiſewagens, der zum Umſpannen an der Poſt anfuhr.—— Steige Er einmal herunter! hieß es. Wir kennen Ihn auch im neuen Rock und Kragen, und brauchen ſeine Ausſagen. Franz lachte wegwerfend, bis die Schergen dringender wurden. Jetzt ſtreckte ſich aber ein gepuderter Kopf und vornehm gefälteltes Geſicht aus dem Schlage und gebot mit klangloſer Stimme — Halt da! Was ſoll das heißen? Ich bin der ſächſiſche Miniſter von Bünau, aus Mainz kom⸗ mend. Dieſer Mann da iſt nicht, den ihr ſucht, es iſt mein Kammerdiener. Ruhe, ſag ich euch. Und ſchert euch zum Teufel! Die Polizeidiener zogen die Hüte und traten zurück. Rievière ſtand während deſſen auf der Treppe, und als der Wagen fortfuhr, ſtrich Franz, ſich gegen ihn verneigend, mit dem rechten Zeige⸗ finger über die Naſe. 5* 6. Alſo— Verſöhnung? Lothar fühlte ſich nach der Entfernung ſeines Dieners, der zuweilen auch ſeine Gefährte geweſen war, innerlich wie aufgeräumt. Es war ihm zu Muthe, als hätte Franz einen großen Theil des Schuttes mit fortgenommen, der ihm vom Abbruche ſeiner Vergangenheit im Gemüthe lag. Eine auf⸗ geregte Erwartung, ein liebevolles Verlangen nach ſeiner Cornelie, die er ſo dringend eingeladen, nahm dafür in ſeinem Herzen Platz. Er beeiferte ſich nun mit Beſuchen und Auf⸗ wartungen bei Männern von Stellung, bei Frauen von Einfluß um irgend einen Poſten im öffentlichen Dienſte, den er mit gutem Anſtand und noch beſ⸗ ſerem Einkommen möglichſt bald einnehmen könnte. Die Erinnerungen, die er freilich bei Allen erwecken mußte, und das Selbſtgefühl von ſeiner beſchränkten Befähigung brachten ihn gar oft dahin, ſich auch zu erniedrigen, manches hinzunehmen, wofür ihn auch ſein bisheriges Leben noch nicht ganz abge⸗ ſtumpft hatte, manches auch zu thun, was ihn freilich mit ſeinen friſchen guten Vorſätzen in jähen Widerſpruch brachte. Letzteres war gleich bei Frau von Ferette der Fall. Lothar kannte ihren leichtfertigen Sinn, ihr reizbares Herz. Die Empfindungen, die er ehemals für ſie gehegt, waren abgeſtorben; aber er rechnete auf ihren Einfluß beim Fürſten, und mußte leiſe taſtend verſuchen, ob ſie ſelbſt noch für das altver⸗ trauliche Verhältniß geſtimmt war. So wurden die Erinnerungen ſchwärmeriſcher Vergangenheit zu einem Zwang für ſeine Zukunft; ſie kehrten als Geſpenſter zurück, ihn zu peinigen und zu demüthigen.— Er beſuchte die Generalin zu der ihm beſtimmten Stunde und mußteé entdecken, daß Frauen, wenn auch in augenblicklichen Neigungen oft wankelmüthiger als die Männer, doch für ab⸗ —————————— gebrochene Verhältniſſe des Herzens meiſt ein treu⸗ eres Gedächtniß bewahren. Sie empfing ihn ver⸗ traulich wie ehemals, und er wagte nicht, neben ſeinem Anliegen ſich auch als verheirathet zu be⸗ kennen. Er empfing ihre beſten Zuſagen, aber er ſchied nicht ohne die bitterſte Unzufriedenheit mit ſich ſelbſt. Mit heimlicher Aengſtlichkeit ging er dann eines Morgens nach der Domprobſtei. Damian Friederich, Graf von der Leyen, ein Studiengenoſſe ſeines Vaters, hatte ihn zur Firme⸗ lung geführt, und Lothar empfand unterwegs, viel⸗ leicht zum erſtenmal, mit zunehmender Verzagtheit, wie verwegen er ſich an dem ſtolzen Namen des hochwürdigen Pathen vergangen hatte. Das herrliche Gebäude, deſſen Hof er jetzt be⸗ trat, war das Werk des pracht⸗ und kunſtliebenden Prälaten, der es eben bewohnte, nachdem er beim Antritte ſeiner Würde den alten Bau hatte nieder⸗ reißen und durch einen franzöſiſchen Baumeiſter die neue Probſtei ausführen laſſen. Seit ſechs Jahren ſtand ſie nun mit einem durch korinthiſche Säulen und mit Statüen geſchmückten Mittelbau, und zwei einſtöckigen Flügelgebäuden prachtvoll da, wo heute das neue Theater den geräumigen Platz zum Gutenberg einnimmt. Ein eiſernes Gitter ſchloß den Hof ab, den beide Flügel bildeten. Der gräfliche Prälat empfing Lothar, den er ſchon am Abende beim Oberhofmarſchall flüchtig bemerkt hatte, mit der Miene ſchalkhaften Stau⸗ nens, hörte die ehrerbietige Anrede mit ironiſchem Lächeln und ſagte, indem er ihm über die Stirne ſtrich: Alſo— die Hörner abgelaufen, Burſche? Lothar ergriff und küßte die Hand mit den Worten: Und die geweihte Hand Eurer Hochwürden⸗ Gnaden ſtreicht Vergebung und Vergeſſenheit über die Stelle! Ha, ha! lachte der Prälat. So kurz weg? So mir und dir nichts? Meinſt wohl, es ging ſo leicht ab, wie mit dein Salben und Segnen bei der Firmung und mit dem leiſen Fingerſtreich, den dir der Weihbiſchof über die runde Bubenwange ——— gab? Braucht's keinen weitern Segen? Biſt wohl nur meines Streichens halber gekommen? Hm? Sprich! Kehrt der verlorene Sohn mit einem Glück nach Haus und ſucht nur blauen Himmel der Vergebung drüber hin? Oder— jagt dich die liebe Noth heim, und es gilt dir mehr ums Ver⸗ geſſen, in der Hoffnung, unter dem weggefegten wilden Laub deiner Vergangenheit ein fruchtbares Aeckerchen zu finden? Brauchſt du bloß den Segen einer geweihten— oder auch einer gefüllten Hand? Hm? So geſchickt, wie Lothar ſich bei der Baronin Ferette in die Geberden eines entzückten Anbeters geworfen hatte, ſtand er jetzt mit beſchämter, ge⸗ rührter Miene eines geſcholtnen Knaben vor dem Prälaten,— flennmäulig, die Augen niederſchla⸗ gend. Endlich ſagte er mit blöder Stimme: Auf den tiefen Seelenblick Curer Hochwürden⸗ Gnaden war ich gefaßt. Ich bin wenigſtens nicht zurück gekehrt, um Ausflüchte zu machen. Ja, ich bekenne es, ich rechnete auf die vermittelnde Hand meines hochherzigen, lebenskundigen Pathen zur Verſöhnung mit meinem Vater. Darum gilt es mir, abgeſehen von Glück oder Noth. So? Führt dich wirklich dies Bedürfniß zu mir, erwiderte der Prälat. Vor allem Verſöh⸗ nung? Nun ja, das laß ich mir ſchon gefallen! Du weißt wohl, daß dein Vater nach Aſchaffen⸗ burg übergeſiedelt iſt, als Penſionär? Ja wohl! Und macht dort ohne Zweifel mit dem Oheim Oberſtlieutenant eine Familie? Gewiſſermaßen allerdings. Dein Vater und deine Schweſter Juliane wohnen beim Comman⸗ danten und führen gemeinſamen Tiſch. Sonſt hat der alte Huſar und Landjäger⸗Chef noch ſeine iſo⸗ lirten Gewohnheiten, wie mir letzt dein Bruder ſagte. Apropos! Du weißt wohl auch, daß dein Bruder Moriz Regierungs⸗Rath in Erfurt ge⸗ worden iſt? Und iſt in Mainz— eben? fiel Lothar, mehr betroffen, als erfreut ein. War hier, zu einer Conferenz berufen, hat ſich aber zu einem umfaſſenden Gutachten mit des Kur⸗ fürſten Erlaubniß nach Aſchaffenburg zurück ge⸗ zogen. Ein prächtiger Mann, ſage ich dir! Talent⸗ voll, das weißt du ſchon, aber auch nobel, liebens⸗ würdig, einnehmend von Geſinnung, Manier und in ſeiner ganzen Erſcheinung. Verbindet, wie wenige unſers Mainzer Adels die moderne Bildung mit bewährtem Charakter. Ich habe ihm ohnehin zu ſchreiben, und er mag denn die Verſöhnung mit deinem Vater einleiten. Nicht wahr? Wär's nicht vielleicht doch beſſer, lenkte Lothar ein, wir warteten mit dem Schritte, bis mir's ge⸗ lungen wäre, vom Kurfürſten in Gnaden aufge⸗ nommen zu werden, und eine Stelle zu erlangen, die ſich dann in die Wagſchale meiner reumüthigen Bitte werfen ließe? Aha! Da willſt du hinaus! rief der Dom⸗ probſt. Alſo zu allererſt Verſöhnung, aber doch vorher eine Anſtellung? Du machſt es umgekehrt wie die wandernden Komödianten, die eine letzte Vorſtellung geben und dann noch eine allerlette? Halunke du! Standſt du daruin vorhin ſo über⸗ legend im Hof drunten— wie du mich d'ran kriegen könnteſt? Hm? Verzeihung, Eure Gnaden! Bei Gott, das war's nicht! betheuerte der Geſcholtene. Ich be⸗ trachtete den herrlichen Bau, das ſchönſte Haus in Mainz. Da trat mir noch einmal lebhaft das vorige Probſteigebäude vor die Erinnerung, wie es zweiſtöckig, einen Winkel bildend, gegen die Dom⸗ dechanei und gegen das Dominikanerkloſter gerichtet ſtand. Eure Gnaden ließen den Bau abbrechen, als Sie dem ſeligen Grafen von Elz folgten und beſchenkten die Reſidenz mit dem koſtbaren Bau. Ja wohl koſtbar! Ueber 150 tauſend Gulden kommt er mich zu ſtehen, ſag ich dir, fiel Leyen ein, und Lothar ſprach weiter: In Gedanken erblickte ich den Schutthaufen des alten Abbruches; er iſt verſchwunden, vergeſſen, und der ſtolzeſte, glänzendſte Bau ſteht da! So dachte ich bei mir ſelbſt: Sollteſt du, reumüthig Heimkehrender, nicht deine Leichtfertigkeiten ver⸗ geſſen machen und ein würdiges Leben darauf bauen können? O nein, großherziger Pathe! Sie haben bei der Firmung mir zur Seite geſtanden, Ihre Hand auf die Achſel des Knaben gelegt, als ich geſegnet ward zur Befeſtigung im Glauben: o entziehen Sie mir jetzt dieſe Hand nicht und ſtehen mir noch einmal bei zur Befeſtigung in meinen Vor⸗ ſätzen eines adeligen Lebens! Er ergriff die Hand des Probſtes und neigte ſich zu einem Kuſſe darauf. Der Prälat ſchien bewegt. Er entzog dem Pothen die Hand, wendete ſich und nahm aus einem ſilbernen Körbchen ein Schnupftuch, mit welchem er die Augen betupfte, indem er, ſich e einen Scherz verſteckend, ſagte: Schade, du hätteſt Faſten⸗ Prtizer werden können; nur haſt du das Faſten zu ſ verlernt., Lothar ſprach weiter: Ich will Eure Gnaden mit teiner umſtind⸗ lichen Beichte heimſuchen. Aber— allerdings habe ich meines Vaters letzte Geldſumme— vergeudet, die ſchönen Empfehlungs⸗Briefe nach Rußland— nicht über Warſchau hinaus gebracht. Mögen Sie aus dieſem allgemeinen Beinntuiß errathen, daß ich zur Erkenntniß über mich und mein verfehltes Leben gekommen bin. Daß ich nach Mainz zurückkehre und die Gefahr der Ungnade und Mißachtung laufe, iſt für mein Herz keine allzuleichte Buße. Und ſo fehlt mir zu Reue und Vorſatz nur die Losſprechung. Ich bitte Eure Gnaden um Vertrauen und Ver⸗ gebung! Der Prälat ließ ſich in einem Seſſel unter dem Oelgemälde, das den Kurfürſten vorſtellte, nieder, indem er Lotharn ein Tabouret anwies. — Du vergleichſt deinen Zuſtand mit einem Ab⸗ bruch auf Neubau, ſagte er, nachdenklich mit dem Taſchentuche ſietend Der Vergleich geht in's Große und Koſtbare. Ich kenne das ſchon, Pathe, und bleibe lieber bei meinem Bild von abgefal⸗ lenen Blättern deiner Lebenszweige, unter denen du eine Stelle zu neuer Pflanzung ſuchſt,— zu einem Brotbaume. So höre denn, Lothar! Du kommſt eben recht, wo ſich ein Sturm aus Weſten erhebt,— von Paris her. Wir ſpüren leider! in unſerm goldenen Mainz ſchon einige Revolutionswirbel in der Luft. Nimm du nun einen Beſen zur Hand, und benutze dieſen Wind, die raſſelnden Blätter hinweg zu fegen. Ich will ſagen, empfiehl dich dem Kurfürſten und dem Adel, zu dem du ja von Haus aus gehörſt, durch Handlungen in ihrem Sinn, heißt das, in treuer, echaltender Geſinnung. Dein zerſtörter Ruf hat dann noch das Gute oder Nützliche,— er leiht dir das Anſehen von Sympathie mit der Revv⸗ lution, ſo daß die hieſigen Revolutionsfreunde, die Männer des geheimen Clubs, dir als Ariſto⸗ kratenſohne trauen, dich in ihre Abſichten ein⸗ weihen, und du erhältſt damit einen Werth, mit dem du dir Gunſt, Gnade und Beförderung deines Fürſten erkaufen kannſt— verdienen will ich ſagen. Du ſiehſt mich verwundert an? Ich weiß was du ſagen willſt. Für Den aber, der ſich moraliſch erniedrigt hat, gibt's nichts Niedriges mehr! Was ich meine und dir rathe, bedeutet nur ſittliche Demuth zur ſittlichen Erhebung. Und am Ende— wiſſe nur: erſt leiſten und dann fordern, ſteht einem adelichen Manne noch — immer beſſer an, als bloß bereuen, um zu betteln. Verſtehſt du mich, Pathe? Inzwiſchen rede ich mit dem Kurfürſten und ſorge dafür, daß dein Thun und Laſſen nicht falſch genommen und beurtheilt werde,— nicht, als ob du dich jenen Nichtswürdigen zugeſellt hätteſt. Im Gegentheil, ich werde Erwartungen von dir anregen, und dir dann im rechten Augenblicke ſagen, wann du dich dem Kurfürſten vorſtellen darfſt. Und noch Eines! Du warſt immer ſehr galant, und magſt auch jetzt in Gottes Namen unſere Damen von Ein⸗ fluß cajoliren: aber bei der Gräfin Couſine ſei vorſichtig! Mit ihren beiden Nichten will ſie zwar hoch hinaus, höher als ein Lothar von Radler deines Schlages reicht: ſie iſt aber auch die Be⸗ ſchügerin gewiſſer andern Dämchen, die ſich aus ſtillen Herzens⸗Verhältniſſen häuslich zu firiren ſuchen, und die daher von der Frau Cvuſine an gewiſſe Aemter geknüpft werden. Merke dir das Lothar! Der alte, fromme Spruch—„wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch Verſtand“, reicht bei uns nicht mehr aus, ſondern es lautet: — „Wem die Gräfin Couſine eine Frau gibt, dem gibt ſie auch ein Amt.“ Richte dich darnach und ſei vorſichtig, Lothar! Ein Mann, der noch ledig iſt, wie du—— nicht wahr? Er wollte ſagen,„nicht wahr, du verſtehſt mich.“ Lothar aber hielt es für eine Frage, ob er noch ledig ſei, und verlor— verwirtt, wie er ſchon von der Zumuthung des Prälaten war, vollends die Faſſung. Er fühlte, daß er ſich jetzt nicht als verheirathet darſtellen dürfe; ſchämte ſich aber doch, nein zu ſagen, und— verneigte ſich ſtumm. Nun genug davon, fuhr der Probſt fort. Komm mit hinüber und nimm ein Frühſtück. Auch will ich Dir meine Gemälde zeigen. Der geiſtliche Herr erhob ſich, und ſchritt, mehr lebhaft, als würdevoll, der Flügelthür des Empfangzimmers zu, aus welchem beide durch einige reich möblirte Gemächerzin den Hauptſaal des Mittelbaues n von oben ſein Licht empfing und mit koſtbaren Oelbildern be⸗ hangen war, großentheils aus der ſeltenen Samm⸗ lung ſeines Vorgängers, des Grafen von Elz, erkauft, die nach des Beſitzers Tode zu einem Erlös von achtzig Tauſend Gulden war ver⸗ ſteigert worden. Koenig, Familienabende. 1. 5. was? Frau von Mauritius? Lothar blieb auch hinter dem guten Frühſtücke des hohen Pathen her noch den ganzen Tag verſtimmt und unzufrieden mit ſich ſelbſt. Die empfangene Andeutung, durch Ausſpähen des ge⸗ heimen Clubs in der Stadt ſich zu einer Anſtellung zu empfehlen, wurmte ihm nach; ſo daß es ſchien, als ob ein Standesvorurtheil länger, als das rechtliche und ſittliche Gefühl in der Seele eines verirrten Menſchen ſich behaupten wolle. Doch war es ihm eigentlich noch empfindlicher, daß er ſtillſchweigend ſich für unverheirathet hatte an⸗ ſehen laſſen. Obſchon dies au einem Mißver⸗ ſtändniß beruhte, konnte er ſich doch noch weniger als jene Kränkung zugemutheter Spionerie die Feigheit vergeben, die er ſich gegen ſeine geliebte und hoffnungsvolle Cornelie hatte zu Schuld kommen laſſen. Zuletzt fand er einige Erhebung hinter dem trotzigen Vorſatze, nun wenigſtens die Verwendung und Fürſprache der Gräfin Couſine beim Kurfürſten in keinem Fall anzuſprechen, ja ſie lieber zu vernachläßigen, als Erwartungen für eines ihrer beſchützten Fräulein bei ihr zu erregen. Er ward ſich nicht bewußt, daß dieſer Trotz doch nur auf der erneuten Muthloſigkeit beruhe, ſeine eheliche Verbindung ohne weiteres einzugeſtehen. Die Klugheit, glaubte er, nöthige ihn noch mit Dem zurück zu halteu, was ſein Herz ſo gern der Welt mit Poſaunen verkündigen möchte. Er meinte ſeine Liebe, ſeine träumeriſche Hoffnung und fürch⸗ tete nur durch die bürgerliche Herkunft ſeiner prote⸗ ſtantiſchen Frau die adeliche Geſellſchaft in Mainz zu früh für ſein Intereſſe zu erkälten.— Es bangte ihm vor keinen Verwirrungen ſeiner Zu⸗ kunft, in die ihn die vermeintliche Klugheit ver⸗ ſtricken könnte, und noch weniger ahnte er, was 3 5 ihm dieſelbe Klugheit bereits angerichtet hatte. Denn ſchon in dem Brief an ſeine Gemahlin hatte ſie ihm die Feder geführt.——— Dieſer Brief, der eben als Gegenſtand der Berathung zwiſchen Cornelien und ihrem ärztlichen Freund auf dem kleinen Tiſche lag, lautete fol⸗ gendermaßen: „Meine theuerſte Cornelie! Ich bin, auf Ehre! in Verzweiflung wegen des Schrecks, den Du am Morgen meiner Ab⸗ reiſe gehabt haben wirſt. Um Dich wider Deinen Willen zur Ruhe zu nöthigen, die der Arzt für Dich verlangte, hatte ich mich ſo früh fortgemacht, ohne Ahnung, wie nöthig Dir in nächſter Stunde mein Beiſtand ſein würde, und der getreue Franz mußte mich auch ſo ſpät, und als es längſt viel zu ſpät war, auffinden, anſonſten ich auf der Stelle zurück geeilt wäre, Dir beizuſtehen und das em⸗ pörende Mißverſtändniß niderzuſchlagen, das meine Ehre verletzt. Over ſollte ich ſelber mit einer ge⸗ fülſchten Obligation betrogen worden ſein? Das muß alles ſich aufklären. Nun aber hält mich hier die für Dich und mich angeknüpfte Sache unſerer Zukunft zurück. Ich kann Dir nicht genug ſagen, wie herzlich ich hier überall aufgenommen bin. Man beſtürmt mich von allen Seiten mit An⸗ trägen; denn man braucht jetzt in vielen Fächern Männer von Stand, von Adel und geprüfter Geſinnung der Treue und Rechtſchaffenheit. Ich erwarte jeden Tag dem Kurfürſten vorgeſtellt zu werden. Es hängt nur daran, daß er mich gleich mit einem ausgefertigten Patent empfangen will. Ich werde alſo unſern ſchönen Traum aufgeben müſſen, ländlich in Bewirthſchaftung meiner Güter zu leben. Das Vaterland ruft und braucht ſeine Getreuen. Indeſſen weiß ich doch nicht, wohin man mich plaeciren wird; derowegen ich auch an unſere häusliche Einrichtung noch nicht denken kann. Aber Dich eben ſo lang entbehren,— auf Parole! das geht nicht. Ich verlange jeden Augenblick mit Schmerzen nach Dir, mein Engel! Ich verzehre mich in nächtlich einſamen Stunden, — denn am Tage bin ich zu zerſtreut dazu— ſo wie in mitternächtlichen Thränen der Sehn⸗ ſucht und Liebe. O eile herbei mit Deinem edeln Herzen und dem theuren Pfand der Liebe und Hoffnung, das Du—. Aber, vergib, daß ich in meinem Entzücken ausſpreche und verrathe, was Du ſelbſt mir noch als Geheimniß verſchwiegen haſt. Dieſer Ver⸗ rath meiner Worte mag Dir die Wahrheit meiner Gefühle verbürgen. Alſo Du kommſt! Aber wiſſe nur, daß wir noch eine Weile incognito leben müſſen. Ich thu's nicht anders, als daß ich Dich in meiner neuen Dienſtwürde der So⸗ eietät in Mainz zuführe. Bis dahin habe ich uns eine Wohnung in Caſtell genommen,— ſtill und traut, mit dem Ausblick in's herrliche Rhein⸗ thal. Kehre nur geradezu im Gaſthauſe zum Bären ein, aber unter dem einſtweilen angenommenen Ineognito⸗Namen einer Frau von Mauritius. Ich habe dazu Deinen Familien⸗Namen gewählt, und werde Dir alles erklären, was aus der Fülle meiner Liebe geſchehen iſt und ſich Deiner Ver⸗ zeihung getröſtet. Man wird die Frau von Mau⸗ ritius ſogleich in das Logis führen und mich rufen laſſen. Und nun eile, eile! Tauſend Cito mögen Dich unterwegs umflattern: es ſind die Nachtigallen meiner Sehnſucht und des Verlan⸗ gens ganz zu ſein Dein aufrichtiger Lothar.“ Der Brief, von beiden ſtill geleſen, lag nun in ſeinen ungeregelten Schriftzügen zwiſchen dem Lächeln des Doktors und der Verlegenheit Cor⸗ neliens da. Manches darin konnte für wahr gelten, da man es eben nicht beſſer wußte; den⸗ noch regte der ſeltſame Ton und Das, was im Zuſammenhang des Ganzen bedenklich erſchien, ein ſtilles Mißtrauen an. Eine Andeutung des Briefes hatte die gute Frau beſonders in ängſt⸗ liche Verwirrung verſetzt. Rivière errieth ihre Empfindung aus ihrem Erröthen, und da ihm jede Gelegenheit willkommen war, über zarte Ver⸗ hältniſſe zu ſprechen, wodurch er ſich der ſchönen Frau vertraulicher zu ſtellen dächte: ſo unterließ er nicht, ihr das von ihm ſelbſt veranlaßte Miß⸗ verſtändniß des Grafen auseinander zu ſetzen. Cornelie ging ſtillſchweigend darüber hinaus; deſto drückender blieb aber im Herzen der ſchweigſamen Frau eine Vorſtellung oder Empfindung zurück, die ſie auszuſprechen bebte, ehe der rathſuchende Arzt auf einem Umweg eben dahin kam. Ich kann nicht begreifen, ſagte er, was in aller Welt Ihren dort ſo beeifert aufgenommenen Gemahl abhalten kann, eine ſo ſchöne und liebens⸗ würdige Frau ſofort in die Geſellſchaft zu führen. Er will dazu ſeine neue Dienſtwürde abwarten: hat er dann aber mit ſeinem gräflichen Rang nicht eine beſtimmte glänzende Stellung im geſell⸗ ſchaftlichen Leben, und wird er ſich nicht darin behaupten, auch wenn er eine untergeordnete Stelle im öffentlichen Dienſt annehmen müßte? Zum Kuckuk, das kennt man ja doch! Dieſer Einwand konnte die heimliche Angſt der Frau nur verſtärken. So ſehr ſie, wenigſtens gegen den ihr etwas zudringlichen Arzt, mit allem zurückhielt, was ihren Gatten mehr bloß ſtellte, als es der Steckbrief ſchon gethan hatte, drängte es ſie doch, nicht ihre ganze Beſorgniß, aber doch den Zweifel auszuſprechen, ob Lothar vielleicht eine Zurückſetzung, eine Ungunſt befürchte, wenn er vor ſeiner Anſtellung eine bürgerliche Frau ein⸗ führe, und ob er ſie etwa deßhalb— ſo geheim und entfernt halten wolle— in Caſtell? Sie haben Recht! rief der Arzt. Ihr Herz trifft weiter, als mein Verſtand. Ja doch! Man muß nur den Mainzer Reichsadel kennen. Nun fällt mir auch ein, daß ſchon bei Ihrer Ankunft, als uns in der Gaſtſtube der Wirth den Namen des Grafen nannte, der Pfarrer von Steinheim mit großem Reſpekt bemerkte, daß der Domprobſt in Mainz, die erſte Perſon im Kapitel, ein Graf von der Leyen ſei. Viel lleicht ein Oheim Ihres Gemahls? Ich weiß es nicht, antwortete ſie verzagt und mit einem Seufzer. Ach, ich weiß ſo vieles nicht, — nicht ſehr genau. Lothar war immer etwas kurz über die Seinigen. Der Domprobſt ſagen Sie? Vielleicht kommt auch zu meiner bürgerlichen Abkunft noch hinzu, daß ich Proteſtantin bin? Möglich, meine theure Gräfin, antwortete er, obgleich der Kurfürſt für einen ſehr freiſinnigen Herrn gilt. Aber freilich die geiſtliche Ariſtokratie und die Familie—! Frau von Mauritius? Hören Sie, das will mir noch weniger gefallen. Offen geſprochen: Das heißt ſo— an die linke Hand—. Oder, es bedeutet eine bloße Freundin,— wie man an jenem Hofe Freundinen hat. Nein, das iſt empörend! Bei Gott, meine verehrte Gräfin, — Sie dürfen das nicht thun,— nicht incognito nach Mainz gehen, meine ich,— nach Caſtell! Wiſſen Sie, wenn Sie ſich dort als Frau von Mauritius einführen: ſo bekennen Sie ſich ja zu allem, was die Welt dabei denken will. Und wiſſen Sie, was das alles iſt? Wollen Sie meinen Rath? Ein Nein, ein Pfui auf ſolche Zumu⸗ thung, ſolche Entwürdigung! Dieſe, wenn auch etwas erzwungene Entrü⸗ ſtung des Arztes half doch, wie es ſchien, der gebeugten Frau zu einiger Faſſung weiblichen Stolzes. Sie drückte zwar ihr Geſicht lang in das feine Schnupftuch, das von belebenden Eſ⸗ ſenzen durchzogen war, und von ihren Thränen benetzt, ſtärker duftete. Dann aber erhob ſie ſich deſto muthiger, indem ſie mit Entſchloſſenheit ſagte: Sie haben Recht, lieber Doftor! Ich danke Ihnen! Ich werde der Einladung nicht folgen, ich werde ſie gar nicht beantworten. Das würde ich Ihnen doch rathen! wendete er ein. Beantworten, aber kurz und kalt. Sie ſeien von Ihrer bürgerlichen Herkunft nicht ge⸗ wohnt, incognito oder unter angenommenem Na⸗ men zu reiſen, und wollten warten, bis er Sie als Gräfin von der Leyen in Mainz einführen könnte. Sehen Sie, auch die Nachſchrift des Briefes macht mir die ganze Sache bedenklich: „Ich logire in den drei Reichskronen, wo auch die Poſt iſt.— Adreſſire nur: An Nrv. 3 in den 3 Reichs⸗ kronen am Brand.“—. Verſtehen Sie, was dahinter ſteckt? Drum, „— wie ich Ihnen ſagte, ſo ſchreiben Sie ihm: kurz und würdig, ſo ſehr er auch verdiente, daß Sie ihm ſeine ganze Nichtswürdigkeit— Herr Doktor, ich verbitte mir, fiel ſie ihm entrüſtet in's Wort. Er bat um Vetzeihung für ſeine Uebereilung und Unbeſonnenheit.— Er iſt noch immer Ihr Gemahl, ich ehre Ihr Zartgefühl! ſagte er. Und wie er ſich überhaupt leicht exaltirte, ſank er mit flehender Geberde auf ein Knie und ergriff Cor⸗ neliens Hand, indem er ausrief: O mein Gott! iſt es denn nicht in ihre eigne edle Seele, daß ich mich ſo entrüſte und vergeſſe? O fühlten Sie nur einen Augenblick, was mich für Sie bewegt, was ich für Sie zu thun, zu wagen fähig wäre! Ihr Herz, das ſonſt ſo richtig das Leben, die Zuſtände der Welt durchblickt, — oh! es wird auch die Träume und Wünſche meiner Seele— Doch ich verſtumme und flehe nur um ihre Vergebung! Er drückte den Mund auf die Hand die ihm Cornelie raſch entzog, indem ſie mit Würde ſagte: „ An Dank, Herr Doktor, an würdigem Dank für Alles, was Sie an mir, in meiner augen⸗ blicklichen Verlaſſenheit thun, wird es mir auch in der glücklichſten Lage nicht fehlen. Ich habe Sie bis jetzt für fähig gehalten, uneigennützig für mich zu handeln; wenn ich Sie bitten muß, mir dieſes ſchöne Vertrauen nicht zu nehmen: ſo thue ich es doch weniger um meiner ſelbſt willen, weil ich ſonſt Ihre Theilnahme für mich für immer zurückweiſen müßte; ſondern— es thäte mir leid für Sie ſelbſt, da Sie doch gewiß nicht unwerth der Achtung rechtſchaffener Frauen erſcheinen wol⸗ len. Laſſen Sie jetzt mein Herz ausbeben, und ſobald meine Hand feſt und ſicher wird, werde ich ſo ſchreiben, wie Sie mir gerathen haben. Nicht wahr, ſo freundlich ſoll es zwiſchen uns bleiben? In dieſem Vertrauen würde ich Sie dann auch bitten, mir einen recht guten, liebe⸗ vollen Brief an meinen Vater zu entwerfen. Wir wollen nun doch nicht länger warten. Sei denn hier der Wendepunkt meines Lebens! Ich breche mit— Mainz und wende mich— nach Berlin 8 zurück. Bis Sie mir Ihren Entwurf bringen, wird mein armes Herz geſtimmt ſein, mich nur als reumüthige, rückkehrende Tochter zu fühlen. Ich darf dann Ihrem Schreiben zuſetzen, was und wie ich es empfinde, darf meine innigſten Empfindungen mit ihren klugen, guten Ge⸗ danken— Sie verſtummte in ihren ſchmerzlichen Bewe⸗ gungen und Rieviére, als ob er ihr auf das rechte Wort helfen wolle, rief: Vermählen, wollen Sie ſagen. Ihre Em⸗ pfindungen mit meinen Gedanken vermählen. O, welche Eingebung, meine Verehrteſte! Die Loſung der Zukunft, da doch Ihre Gegenwart auf— Scheidung geſtellt wird! Sie ſtarrte ihn an, entſetzt über dies Wort, und wie er ſich mit flehenden Geberden näherte, wendete ſie ſich ab, winkte ihm heftig mit der Hand, ſich zu entfernen, und ſank, das Geſicht bedeckend, in den nächſten Seſſel. 8. Du haſt Uecht, Zuſtine! Dieſe ſchmerzliche Stunde der Berathung hatte der verlaſſenen Frau wohl von einer Seite ihrer Lage manches klar gemacht, hinterließ aber noch lebhafter ein erneutes Bewußtſein ihrer Rath⸗ loſigkeit. Doch die Noth, die— wie man zu ſagen pflegt— beten lehrt, indem ſie die Ver⸗ zagten auf höhern Beiſtand verweist, lehrt Andere auch denken, und ſtellt die Muthigen auf ihre eigenen Füße. Cornelie, die einzige Tochter eines genialen und reichen Advokaten und von ihm verzogen, hatte ſich aus leidenſchaftlicher Neigung einen vor⸗ nehmen und verführeriſchen Mann ertrotzt, den ſie bis jetzt eigentlich noch nicht kannte, und war nun in eine Verwirrung gerathen, worin ihr die Nemeſis, die Göttin der Vergeltung, gerade auch an der leidenſchaftlichen Neigung eines Mannes die bitterſte Buße einſchenkte. Die Einſicht und der Eifer dieſes ſonſt geiſtreichen und liebens⸗ würdigen Arztes boten ihr in der That die beſten Recepte für ihren verwickelten Zuſtand, nur daß dieſelben mit ſeiner unſtatthaften Zuneigung ver⸗ ſetzt waren. Zwiſchen dieſe beiden Pole, den anziehenden ſei⸗ nes Vorſtandes und den abſtoßenden ſeines Herzens, war nun die reiſende Gräfin gerathen. Sie hatte das Mißliche ihrer Lage nie ſo lebhaft empfunden, wie eben jetzt, hinter dem fortgewieſenen Rath⸗ geber her. Ihr erſter klarer Gedanke war, daß ſie ſich von ihm um ſo mehr losmachen müſſe, als ſein Beiſtand mit jedem Tage verbindlicher zu werden drohte. Im erſten Augenblick erſchien ihr dies auch ſehr leicht. Warum aus ſolcher Ent⸗ fernung mit meinem Vater unterhandeln? fragte ſie ſelbſt. Iſt es nicht beſſer, zurückzukehren und » die Vermittlung von Freunden und Angehörigen anzuſprechen? Allein, da fiel ihr plötzlich das ſchreckliche Wort des Doktors wieder ein, daß ihre Gegenwart auf Scheiden geſtellt ſei. Sie empfand mit heftigem Herzklopfen, was es heiße, ihren Mann ſo geradezu aufzugeben. Er hatte ſie ja doch, wie ſie zuerſt gefürchtet, nicht verlaſſen; er verlangte vielmehr nach ihr, ja er erwartete ſie. Sollte ſie nun ihn verlaſſen, und durfte ſie auf ein bloßes Mißtrauen hin, dem ſie nicht ein⸗ mal auf den Grund ſehen konnte, ihrer Pflichten ſo ſchnöde vergeſſen? War es denn auch ſo un⸗ verzeihlich, wenn Lothar ſich von den Vorurtheilen ſeiner Standesgenoſſen gegen die bürgerliche Frau eines Grafen etwas gedrückt fühlte, und dieſen Vorurtheilen aus Schwäche,— vielleicht auch nur aus Klugheit auszuweichen ſuchte? Sie geſtand ſich, vielleicht zum erſten Mal und nicht ohne einen ſtillen Vorwurf, daß Lothar's gräflicher Stand ſie doch mit zu ſeinen Gunſten eingenommen — jedenfalls aber in ihrem Trotze gegen den Koenig, Familienabende. 1. . Vater beſtärkt habe. Und dafür wollte ſie nun nichts dulden, nicht wenigſtens durch weibliche Ergebung, durch ein wenig bürgerliche Demuth büßen? Genug, wenn ſie ihre Frauenwürde äußer⸗ lich dadurch rettete, daß ſie darauf beſtände, ihrem Gemahl nur mit ſeinem Rang und Namen als Gräfin von der Leyen zu folgen und in der Ge⸗ ſellſchaft zu erſcheinen. Dieſer Name erinnerte die durch ihre Ueber⸗ legung ermuthigte Frau an die Aeußerung des Arztes, daß der Pfarrer in Steinheim den Dom⸗ probſt von der Leyen kenne. Vielleicht, daß der Geiſtliche über ihn und die ganze Familie Aus⸗ tunft geben könnte. Sie empfand ein lebhaftes Verlangen, ihn zu ſprechen, zu befragen, und der Doktor, der ſie des andern Tags mit dem Brief⸗ entwurf unbefangen, wie gewöhnlich, wieder be⸗ ſuchte, gab dem Wunſche der erregten Frau Bei⸗ fall, er erbot ſich, ſie zu ſeinem Patienten zu be⸗ gleiten.— Wir haben ja längſt einmal über den Main gehen wollen, ſagte er; es war uns nur immer des Nachmittags zu heiß oder zu gewitter⸗ 5 haft. Heut iſt ein etwas bewölkter Tag zu einem ſo angenehmen Gang. Ein ebener Weg von einer guten Viertelſtunde führt vom Thore, zwiſchen Gärten und Feldern, nach der Ueberfahrt über den Strom. Hier er⸗ blickt man rechts hin zu Thal das Schloß Phi⸗ lippsruhe, ein kleines Verſailles zu dem dahin ziehenden Dorfe, links hinauf, dem Strom ent⸗ gegen und über die weite Ebene, auf der ſich der Main in ſeiner früheſten Jugend breit machte, überſchaut man den ſanften Gebirgszug, der die Rhön und den Vogelsberg mit dem Speſſart ver⸗ bindet,— auf ſeinen Gipfeln bewaltet, in der Mittellage mit Wein angebaut. Weiter oben, an einer jähen Wendung des Stromes erhebt ſich, an der Spitze des Städtchens, auf dem hohen linken Ufer, ein kleines Schloß mit einem gothiſch verzierten Thurm, zu einem Jagdſchloß beſtimmt und außerdem wenig bewohnt. Das Pfarrhaus lag innerhalb des weiten Schloßhoſes Hier begegnete unſer ankommendes Paar dem Pfarrer Kuhn, im Begriff einen Spa⸗ —4 100 ziergang zu machen. Er empfing den Beſuch nicht ohne Befangenheit gegen die vornehme und ſchöne Frau. Der Arzt aber brachte ihn durch heitere Neckerei ſehr bald zu dem ſonſt ihm eignen unbefangenen Humor. Da ihn aber das Räthſel⸗ hafte des Beſuches doch im Stillen zu drücken ſchien, ſo kam Cornelie ſchnell auf ihr Anliegen, etwas Näheres von der Perſönlichkeit und der Verwandtſchaft des Domprobſtes in Mainz zu erfahren. Ihr Gemahl, ſagte ſie, habe ihr im Allgemeinen geäußert, die Familie ſei gar weitläufig und ſie ſolle dieſelbe lieber perſönlich kennen lernen; nun ſei es ihr aber doch erwünſcht, im Voraus etwas von ihren neuen Verwandten zu wiſſen. Da ſetzte es aber eine neue Verlegenheit für den Pfarrer ab, der nur den hochwürdigſten Hrn. Domprobſt kannte, und von der Familie der von der Leyen nichts Genaues wußte. Er ſchilderte und pries deſto umſtändlicher Seine Hochwürden⸗ Gnaden, deſſen Prachtliebe, aber auch deſſen Mild⸗ thätigkeit aller Welt bekannt ſei. Und er hat zu beiden die Mittel, ſagt er. Denken Sie ſich, daß ein Dompropſt in Mainz, auch ohne Ver⸗ mögen von Haus, 40,000 Gulden Einkünfte von einer Stelle hat. Doch, da fällt mir eben ein, daß mein Amtsbruder da drüben in Großauheim ein geborener Mainzer iſt,— ich ſtamme aus der Pfalz— und Der kann gewiß Auskunft geben. Sie ſollen bald das Genauere hören, meine gnädige Gräfin. Inzwiſchen hatte des Pfarrers Schweſter, die ihm Haus hielt, unter vielen Knixen eine Colla⸗ tion aufgetragen.— Du bringſt uns den rechten Wein nicht, Juſtine! rief der Pfarrer lachend. Siehſt nicht, daß wir die Ehre von einer Dame haben? Frauenwein!—— Und noch herzlicher lachte er, als die geſchäftige Juſtine ihn verſtan⸗ den und gleich darauf mit zwei Flaſchen„Lieb⸗ frauenmilch“ zurückkehrte. Als Wirth gab ſich der geiſtliche Herr in ſeiner natürlichen Liebenswür⸗ digkeit; zeigte aber auch, daß er früherhin als Alumnus im Seminar der Weltgeiſtlichen mit den übrigen jungen Klerikern einige Anweiſung in Weltmanieren erhalten hatte, indem er nun — 102— ohne Selbſtbelächeln gegen die vornehme Dame herauswendete. Auf Cornelien machte dieſe ländliche Gaſt⸗ freundlichkeit den wohlthuendſten Eindruck; ſie freute ſich wieder einmal aus ſo aufgeräumter, ſchuld⸗ und ſorgloſer Bruſt eines guten Menſchen lachen zu hören. Gegen Abend begleitete der Pfarrherr ſeine Gäſte nach der Ueberfahrt hinab, und Juſtine, die Hausſchürze abgelegt und eine ſeidene Saloppe umgeworfen, ſchloß ſich an. Unterwegs machte er die Gräfin auf einzelne ſchöne Ausblicke auf⸗ merkſam, die man von der höhern Lage des linken ufers über die Ebene hatte.— Gnädige Gräfin müſſen mich recht bald wieder beehren, ſagte er; dann führe ich Sie ins Schloß und Sie ſollen ſich einmal der herrlichen Ausſicht erſtaunen, die man von jenen Fenſtern hat, und gar nicht er⸗ wartet.—— In das Schlafzimmer der Gräfin, als ſie in ihre Wohnung zurück kam, fiel mit der friſchen alles, was ihm davon haften geblieben, nicht— —, — 103 Gartenluft die Abendröthe des ſchönen Auguſt⸗ tages. Die Sonne war eben untergegangen und eine Heerde purpurner Lämmerwölkchen lagerte ſich über ihrem Scheiden. Mit ſanfter Rührung blickte Cornelie zum ſtrahlenden Himmel auf. Alle gute Stunden ihrer Erinnerung, gleich jenen goldenen Wölkchen, umgaben das Heimweh ihres Herzens. Es war eine Stimmung des Einklangs mit dem Naturleben, worin unſere Seele zuweilen jene Eingebungen zum Handeln empfängt, die unſer⸗ Leben nach einer andern Seite lenken.„Doch ahnte die gerührte Frau nicht, daß der plötzlich in ihr aufſteigende Wunſch, eine Woche drüben in der Nähe des freundlichen Pfarrers zu wohnen, eine ſolche Eingebung ſei. Sie bedachte nur, wie ſie ſich damit zugleich auf die ſchonendſte Weiſe der wachſenden Zudringlichkeit des Arztes entzöge. Aus ſo froher Bruſt, wie mit dieſer Empfindung, hatte ſie lange nicht aufgeathmet. Und nun wußte ſie auch gleich, wäs ſie weiter thun ſollte. Gleich morgen wollte ſie mild, aber entſchieden, ihrem Manne antworten, den Brief an den Vater aber noch zurückhalten, bis ſie weitere Beſtimmung von Mainz erhalten hätte. Gegen Abend könnte ſie dann in Begleitung ihrer Dienerin über den Main gehen, um mit der Schweſter des Pfarrers eine Wohnung im Wirths⸗ haus over im Städtchen zu beſprechen.—— Ehe die vergnügte Frau aber zu dieſem Gang kam, war der geiſtliche Herr in Steinheim, ſtatt bei ſeinem nachbarlichen Amtsbruder ſich um die Familie von der Leyen zu erkundigen, auf andere Gedanken gebracht worden. Seine kluge Schweſter, über die Unbekannt⸗ ſchaft der ſchönen Frau mit der Familie ihres Mannes doch etwas verwundert, hatte auf dem Spaziergange den Doktor einige Augenblicke bei Seite genommen und wegen des abweſenden Grafen befragt.—— Aha, Sie merken was! hatte der unbeſonnene Mann erwidert. Ja, das graft ſich! Ein Abenteurer ſage ich Ihnen,— vielleicht ein fahrender Gauner mit der Verbrämung vornehmer Manieren,— allerwenigſtens ein Wind⸗ beutel, der— ich weiß nicht ob die ſchöne — 105— Frau mit ſeinem Stand, oder den Stand mit ſeiner Frau belügt! Nun wußte die erſchrockene Juſtine gar wohl, daß ſie ihrem geiſtlichen Bruder, der ohnehin für die liebe Frau etwas eingenommen ſchien, mit dergleichen Argwohn nicht kommen durfte. Sie bedachte die Sache über Nacht und fand beim Kaffee des andern Morgen die gute Auskunft, den Bruder mit geheimnißvoller Miene aufmerk⸗ ſam zu machen, wie ſehr er ſich jetzt bei dem hochwürdigſten Dombrobſt in Gunſt ſetzen könnte, wenn er ihm etwas voraus von der liebenswür⸗ digen Anverwandten meldete, die ſich hier auf⸗ halte und ihn nächſtens in Mainz heimſuchen werde. Ei, Juſtine, antwortete er, von dem Gedanken überraſcht,— du haſt Recht; aber— ſollte ihr Herr Gemahl Das nicht ſchon gethan haben? Wofür wäre er denn nach Mainz gemacht? Hochwürdiger Bruder, erwiderte ſie, der Doktor ſcheint nicht viel von dem Grafen zu halten. Und wer weiß auch, wo Der hin iſt: haben wir — 106— ja doch gehört, daß die Polizei hinter ihm her war. Sei dem aber wie ihm wolle, ſo geſchieht Sr. Hochwürden⸗Gnaden entweder ein Gefallen damit, daß er von einer ſolchen Anverwandten nicht überraſcht wird, oder, wenn's überflüſſig wäre, muß es ihm doch gefallen, daß ein Land⸗ pfarrer ſo aufmerkſam— Ihr verſteht mich, lieber Bruder! Der geiſtliche Herr nickte nachdenlich mit ge⸗ ſpitztem Munde, ging einigemal, die Hände über den Knöpfen des ſchwarzen Talars gefaltet, auf und nieder und ſetzte ſich dann an das Pult, ſeinen Bericht zu entwerfen, den er ſofort auch zur Poſt ſchickte. g. Was denken Ew. Gnaden zu thun? Inzwiſchen hatte Lothar ſeine Mainzer Be⸗ kanntſchaften auch nach einer Seite hin erweitert, gegen die er eigentlich Voraus eingenommen war. Auch würde es ihm mit dieſer Abneigung ſchwer geworden ſein, unter den Angehörigen des Clubs Fuß und Vertrauen zu gewinnen, wäre nicht ein Mann dazwiſchen getreten, der ſeine Einführung vermittelte. Doktor Ehrmann war ein alter Be⸗ kannter Lothar's aus deſſen Militärzeit, ihm aber gänzlich aus dem Sinn gekommen, bis er ihm eines Abends auf der Rheinbrücke begegnete. Der wunderliche Hageſtolz war Arzt ohne aus⸗ — 108— gebreitete Praxis, weil er gern ſeinen Liebhabe⸗ reien nachhing, zu denen es auch gehörte, daß er lieber Geſunde zum Beſten hatte, als daß er Kranke beſſette. Er gehörte zur Gattung jener ſeltfamen Käuze, die ſeitdem unter der durch die Revolutivn umgeſtimmten Atmoſphäre der Geſell⸗ ſchaft ſo ziemlich ausgeſtorben ſind. Aus Straß⸗ burg gebürtig, voller Geiſt und Kenntniſſe, erwies er ſich in hundert Stücken, auf die er eben nicht, wie auf die Medizin ſtudirt hatte, hülfreich gegen Jedermann, wobei aber freilich Keiner un⸗ geneckt davon kam. Er ſtimmte ſeinen Witz in Jean⸗Paul'ſche Tonart und kokettirte mit ſeiner natürlichen Grobheit. Dabei kitzelte ihn fort⸗ während das für einen ehrlichen und phantaſie⸗ vollen Mann ſehr verlockende Talent, fremde Handſchriften glücklich nachzumachen. Von dieſer Seite kannte ihn Lothar ſchon früher. Er hatte den in ſeiner Selbſtgefälligkeit oft allzugefälligen Mann zu manchen leichtfertigen Verſuchen gebracht, die— ob auch von dem ſchalk⸗ haften Meiſter durchaus nicht auf Schädigung — 109— abgeſehen,— doch den gelehrigen Schüler durch ihr Gelingen auf jene Wege verlockten, auf denen er jetzt Steckbriefe an die Ferſe bekommen hatte. Ehrmann, dem Arzte Wedekind befreundet, der nebſt Profeſſor Hofmann die Seele des Main⸗ zer Clubs war, brachte den Baron dahin, indem er ihn, mit Erinnerung an jene Streiche, die Lotharn einſt aus Mainz vertrieben hatten, als einen Verfolgten der Ariſtokraten empfahl. Die Angelegenheiten aber, die hier auf's Leidenſchaft⸗ lichſte verhandelt wurden, fanden wenig Anklang in Lothar's Gemüthe, das auf ganz andere Noten geſetzt war, und für Politik keine Saite hatte. Er würde ein ſehr nachläßiger Beſucher der ge⸗ heimen Zuſammenkünfte geblieben ſein, hätte Dr. Ehrmann ihn nicht auf die Lächerlichkeiten man⸗ cher Verhandlung aufmerkſam gemacht. Auch half er demſelben die Briefe ſchmieden, die angeblich von den Pariſer Revolutionshelden einliefen und den höchſten Enthuſiasmus erregten. Nach einem ſolchen Abende fand er auf ſeiner Stube Corneliens Brief. Ihre Weigerung, ſeiner Einladung zu folgen, betrübte ihn alles Ernſtes, bis er hinter einigen Wendungen des Schreibens die Einflüſterungen des Arztes vermuthete, über deſſen Bemühungen um Cornelien ein Brief ſeines Franz aus Leipzig Winke gegeben hatte, die ihn empörten.—— Alſo nur als Gräfin von der Leyen will ſie nach Mainz kommen! flüſterte er ärgerlich und ſchlug ein lautes Lachen auf. Doch die ſanfte Mondnacht ſtimmte ihn nach und nach milder und er überlegte eben am andern Morgen beim Kaffee, wie er dieſe bedenkliche Sache am beſten anfaſſen könnte, als er nach der Dom⸗ probſtei gerufen wurde. In der ſichern Erwar⸗ tung, daß es einer Vorſtellung beim Kurfürſten gelte, eilte er dahin. Er fand den hochwürdigen Pathen in verdrießlicher Unruhe, das Zimmer auf⸗ und niederſchreitend. Denke Dir, Lothar, rief er dem Eintretenden entgegen, in Hanau hält ſich eine Abenteurerin auf, die ſich eine Gräfin von der Leyen nennt! Es läßt ſich denken, wie ſehr Lothar erſchrak, und daß er verſtummte. Nicht wahr, fuhr der Prälat fort, es iſt ab⸗ ſcheulich? Du biſt ganz blaß geworden: mir ſchlagen alle Flammen aus dem Geſicht. Nun? Der mit dieſem herausfordernden Wort Be⸗ fragte, ungewiß wie es gemeint war, und was etwa für ihn ſelbſt dahinter laure, ſtand ziemlich hölzern da, machte mit den gehobenen Armen räthſelhafte Bewegungen, und brachte endlich ziem⸗ lich kleinlaut nur die Worte hervor: Aber, woher in aller Welt haben Eure Gnaden—? Der Probſt, der es liebte, auch die Kleinlich⸗ keiten des Alltagslebens geheimnißvoll zu behan⸗ deln, erwiderte mit entſprechender Miene: Die Nachricht, meinſt Du,— von dieſer Spitzbübin, von der ganzen Schurkerei, die gewiß dahinter ſteckt,— woher? Man hat ſeine Ver⸗ bindungen, lieber Pathe! Frage nicht woher: meine Quelle iſt zuverläßig; frage wohin—? Mit dem freundlichen Namen Pathe fiel un⸗ erwarteter Sonnenſchein auf Lothar's Geſicht und durchhellte den gefürchteten Hinterhalt.— Mit einem Eifer, der allerdings von dem jungen Manne, wenn auch nicht in des Prälaten, doch im eigenen Intereſſe parteilich gemeint war, fragte er jetzt lebhaft: Und was denken Eure Gnaden zu thun? Dazu eben hab ich Dich rufen laſſen, und brauche Deine guten Dienſte, verſetzte der Geiſt⸗ liche. Ich werde Dir's gedenken, daß Du an dieſer meiner Familien⸗Angelegenheit ſo innigen Antheil nimmſt, wie mir ſchon Dein Geſicht ver⸗ rathen hat. Drum höre! Du mußt alsbald nach Hanau fahren und mit der Polizei unter⸗ handeln— vertraulich, freundnachbarlich. Ich mag den offenen Fahrweg der Behörden nicht, damit mir's kein Gerede gebe. Ich habe da ein freundliches Erſuchen abgefaßt unter meinem Sie⸗ gel. Die Perſon muß ſich als eine Gräfin von der Leyen ausweiſen, was ſie nicht vermag, oder als Betrügerin behandelt werden. Man hat mir nichts Genaueres angegeben; ich vermuthe aber, die liederliche Schweſter erwartet dort einen Schurken, der ſich ebenwohl Graf von der Leyen nennt. — 113— Den wird ſich die Polizei dann nicht entgehen laſſen. Findet ſich aber die Dirne noch allein: ſo bemerke den Herrn, es wäre wohl am beſten, wenn dieſer Strichvogel, dieſe leichfertige Schnepfe, mit keiner Sauce, keiner Aktenbrühe und Ge⸗ ſchäftstunke angerichtet würde;— kurz abgemacht, mit dem Schub fortgebracht, wäre mir am liebſten. Lothar blieb auch hinter ſeiner verſchwun⸗ denen Beſorgniß her doch nicht ohne innere Pein. Empfand er auch einen Augenblick die Zufrieden⸗ heit, als der Schuldige nicht verrathen oder erkannt zu ſein: ſo traf ihn doch immer wieder die Be⸗ zeichnung eines Schurken, einer Spitzbüberei, und während er ſich zuſammen nehmen mußte, dieſe Biſſen des Ingrimms zu verſchlucken, ſtieß ihm wieder die Bedenklichkeit auf, was er mit dem Auftrag anfangen ſolle, der nicht abzulehnen war und der um Alles in keine andere Hand kommen durfte. Und alle dieſe aufwallenden Empfindungen mußten in dem Gefäße einer ruhigen, ehrerbietigen Haltung dem imponirenden Auge des Geiſtlichen entzogen werden. Dieſer, ſonſt leicht ein wenig Kenig, Familienabende. 4. 8 114— mißtrauiſch, war von der ihm ſehr widerwärtigen- Angelegenheit ſelbſt zu lebhaft eingenommen, um auf die Unruhe des Pathen zu achten. Er durchlief noch einmal ſein unterſiegeltes Schreiben, faltete es und übergab's Lotharn nebſt einem feinledernen Beutelchen mit—„Reiſegeld“, wie er's freundlich nannte; worauf er ihn mit ver⸗ abſchiedender Handbewegung und einem: Nun Gott befohlen! entließ. Erſt als Lothar den Probſteihof hinter ſich hatte, gewann er etwas von ſeiner leichtfertigen Faſſung wieder. Ja er fühlte ſich humoriſtiſch aufgelegt. Es kam ihm jetzt höchſt komiſch vor, daß er ein Geſchäft bei derſelben Polizei haben ſollte, die auch eines für ihn hatte.— Glück⸗ licherweiſe ſind's befreundete Angelegenheiten, ſagte er in Gedanken; wie vergnügt werden die Verhöre einander begegnen! Und die Pro⸗ tokolle berühren ſich ſo herzlich, daß ſie ſich am Ende unter einer und derſelben„Chemiſe“, d. h. Aktendecke vertragen. Eines bleibt mir nur be⸗ denklich daß ich meinem hochwürdigen Pathen — 115— zu lang ausbleiben dürfte, wenn ich nach Hanau ginge, und er verlangt doch ſehr nach dem Re⸗ ſultat der Sache. Seine Ungeduld und meine Unſchuld halten einander auf, fürchte ich. Da wird's jedenfalls gerathener ſein, ich entferne mich nicht zu weit von Mainz, um zur rechten Zeit wieder da zu ſein. Aber,— mit welcher Nach⸗ i Allein, am Ende war's mit Späßen doch nicht gethan; er mußte darauf denken, ſeinen hohen Gönner zufrieden zu ſtellen. Und ihm ſelbſt mußte alles daran liegen, dem ereiferten Geiſt⸗ lichen, wo möglich, ein Räthſel aus den Augen zu rücken, das durch unvermuthete Löſung ſeinen Urheber bloß ſtellen konnte. Gerade dieſe Angſt beunruhigte ſeine Ueberlegung und machte ihn rathlos, bis er aus einem gewiſſen Inſtinkt auf etwas fiel, was Andere aus Erfahrung thun, indem man durch eine kleine äußere Zerſtreuung glücklichen Gedanken Raum gibt, ſich zu ſammeln. Während er nämlich die ſchönen Goldſtücke zählte, die ihm zur Reiſe geſchenkt waren, zeigte ſich — 16 plötzlich eine ihm glücklich ſcheinende Auskunft.— — Wenn es mir gelänge, bedachte er, die„ver⸗ dächtige Gräfin“ nun doch noch unter dem Reiſe⸗ mantel einer Frau von Mauritius ſchnell nach Caſtell unter die Haut des„Bären“ zu bringen, ſo wäre ihre Spur ſchnell verloren. Das Gräf⸗ liche an ihr iſt doch nur ſo zu ſagen— ein Par⸗ füm ihres Taſchentuches: ſie werfe es weg, und keine Spürnaſe findet unſere Fährte. Hier ver⸗ ſehe ich ſie mit dem für eine Advokatentochter noch immer recht anſtändigen Rang einer Baro⸗ nin von Radler, und alles iſt gut. Sie wird mir den tollen Streich verzeihen, und ſich mit dem neuen Stolze der ſchönſten Hoffnung an den Vater ihres Kindes ſchmiegen. Nach einigem Ueberlegen, wie er der gefun⸗ denen Hacke einen handlichen Stiel gäbe, lachte er vergnügt auf, und ſetzte ſich, um mit der Kürze eines eiligen Briefes an den Arzt Rivière Fol⸗ gendes zu ſchreiben: „Sp eben, mein hochgeehrter Doktor, erhalte ich von einem Vertrauten aus meines Schwieger⸗Vaters Schreibſtube den Wink, daß beſagter Papa mich der Obligationsgeſchichte halber nicht weiter verfolgen, ſondern nur gegen ſeine Toch⸗ ter verfahren will. Er hat ſich, ſcheint mir, nun überzeugt, daß ich ſelber mit dem falſchen Papiere hinter's Licht ge⸗ führt worden bin. Seine Beſchämung darüber kommt nun zu ſeinem alten Verdruß über ſeine Tochter. Er will ſie per Schub nach Berlin bringen laſſen. Denken Sie! Daß ich darüber in Verzweiflung bin, gebe ich Ihnen mein Wort, und beſchwöre Sie, meine einzige Cornelie cittissime dieſer Ge⸗ fahr zu entziehen und ſie zu vermögen, meiner frühern Einladung auf der Stelle nachzukommen. Um Gotteswillen ſchnell: es iſt Perikles in mora. Haben Sie, wie mir ſcheint, zum ablehnenden Briefe meiner Gemahlin Ihren Rath ertheilt, ſo eilen Sie, wieder gut zu machen, 113 mitverſchulden. Sie wiſſen auch, in welchem Zuſtande ſich meine Cornelie befindet. Ich mache Sie verantwortlich für die Folgen einer Mißhandlung, wie ſie meiner Gattin droht. Und wenn der Stammhalter meiner Familie, ob auch in ſeinem derzeitigen Incognito, auf den Schub kommt: ſo fordere ich Satis⸗ faction für ſeine Ehre von Ihnen auf drei Schritt Schußweite. Indeß halte ich Sie für einen Mann von Vernunft und Ehre, gegen den ich mit Achtung verharre Lothar.“ Dieſen Brief brachte er noch durch beſondere Gefälligkeit des Poſtſekretärs im Hauſe in das bereits geſchloſſene Felleiſen, das im Reichscvurs täglich um 11 Uhr über Frankfurt, Hanau, Det⸗ tingen nach Franken und Oeſtreich abging. Er ſelbſt nahm, um ſeine Geſchäftsreiſe zu decken, einen Wagen zu einer Fahrt nach Königſtein. was Sie durch die Weigerung derſelben — — 119— Die Antwort des Arztes kam früher, als Lothar es erwartet haben mochte; denn der Brief lag ſchon auf ſeinem Zimmer, als er nach einigen Tagen wieder eintraf, und lautete: „Ihre Gemahlin, mein Herr, die wir derzeit noch als eine Gräfin von der Leyen verehren, hat ſeit einigen Tagen ländliches Quartier auf unbeſtimmt beim Pfarrer in Steinheim genommen, be⸗ findet ſich mithin auf Mainzer Grund und Boden, wo Sie dieſelbe in Perſon abholen können, ſintemal der Arm un⸗ ſerer Polizei nicht ſo lang, als der Main breit iſt. Was den intereſſanten Zuſtand betrifft, den Sie zu Gunſten Ihrer Gattin bei mir anrufen: ſo ſchwe⸗ ben Sie darüber in einer allzuange⸗ nehmen Selbſttäuſchung. Sie haben mich damals mißverſtanden, und ich hatte Grund, Sie in Ihrer Exaltation nicht zu ſtören. Sie würden ſich leicht er⸗ kältet haben. Ihr Stammhalter erxiſtirt alſo nicht in einem Incognito, ſondern pure auf Nummer Null, wozu ich einige Urſache habe, ihm Glück zu wünſchen. Uebrigens bin ich für Sie, wie für den mir unbekannten Perikles, ſobald peri— culum in mora iſt, ſtets auf drei Schritt meiner Alvepillen Shr bereitwilliger Dr. Riviére.“ Die üble Laune, die der Brief an der Stirne trug, mochte daher rühren, daß der Arzt die heim⸗ lich ausgeführte Ueberſiedlung der Gräfin als eine Flucht vor ihm ſelbſt empfand und übel ge⸗ nommen hatte. Das Beleidigende des Inhalts aber machte auf Lothar um deßwillen weniger Eindruck, weil ihn die Mittheilung über ſeinen Irrthum in Betreff des Zuſtandes ſeiner Ge⸗ mahlin wahrhaft erſchreckt hatte. Der neue Menſch, den er angezogen, drohte in allen Nähten zu platzen. Indem er aber die Bitterkeit des Schrei⸗ bens mit Corneliens Ueberſiedlung auf das Land in Verbindung brachte, fühlte er ſich geneigt, lieber als an eine Selbſttäuſchung, zu glauben, daß der verdroß'ne Doktor ihn nur mit einer vorgeb⸗ lichen Täuſchung kränken wolle. Am Ende war es ihm doch über alles lieb, daß er eine Ant⸗ wort und gerade dieſe ſo glückliche Nachricht von Corneliens Entfernung aus Hanau erhalten hatte. Ihren Aufenthalt in Steinheim aber, wo ſie in Mainzer Gewalt war, wollte er klugerweiſe ver⸗ ſchweigen und eine Flucht vermuthen laſſen, wo⸗ mit ſich der hochwürdige Herr hoffentlich zufrieden geben werde. Er dachte nur daran, wie er ſich bei demſelben in's Anſehen eines raſch vollzogenen Auftrags ſetzen könnte. Er eilte nach der Domprobſtei,— nur da⸗ rüber noch ein wenig bedenklich, daß er über einen oder den andern Umſtand noch näher be⸗ fragt werden könnte. Lebhaft und geſchäftig ausſehend, trat er vor den Prälaten, der ihn vergnügt empfing, und den mündlichen Bericht mit dem Ausruf unterbrach: Ich weiß ſchon, alles, alles! Kaum daß du — 122— neulich fort warſt, Pathe, erhielt ich die weitere— Nachricht, die verwegene Perſon habe Wohnung in Steinheim genommen. Sie hatte ſchon vorher mit ihrem Arzte den Pfarrer beſucht, und dieſer, oder vielleicht ſeine ökonomiſche Schweſter, war nun ſo klug geweſen, ihr einige Stuben im Pfarr⸗ hauſe und auch den Tiſch anzubieten. Es ſcheint, die Betrügerin will, ehe ſie hieher kommt, ſich an die Mainzer Luft gewöhnen, heißt das, ſich nach den Familien und Verhältniſſen erkundigen, um gutes Spiel zu machen. Aber höre, lieber Pathe! Es wird dich freuen, zu vernehmen, wie wir ſie nun packen wollen. Ich habe an deinen Oheim, den Landjäger⸗Commandanten geſchrieben und ihm die Perſon bezeichnet; er ſoll ſie unter Aufſicht ſeiner Landjäger ſtellen und nicht wieder entſchlüpfen laſſen. Dabei hab ich ihn gebeten, ſie auf vorſichtige Weiſe in's Gebet zu nehmen. Alsbald hat er mir hierauf zu wiſſen gethan, er wolle die falſche Gräfin, durch die möglicher Weiſe angeſehene Familien compromittirt werden könnten, erſt von deiner Schweſter Juliane ſondiren laſſen, — 123— und wünſchte ein paar Zimmer im Schloß für ſie zu erhalten. Hab' ich daher gleich unſern Weih⸗ biſchof Heimes um die Schlüſſel zu ſeinen dortigen Zimmern angegangen. Er hat nämlich als Ge⸗ neral⸗Vicar in pontificalibus das Beneficiat zum heiligen Gregorius im Steinheimer Schloß. Und nun bin ich recht verlangend auf die Ent⸗ deckungen! Ich hätte gar gern dich hingeſchick, aber die Sache war eilig, und du wollteſt ja auch den Deinigen noch nicht ange meldet ſein, alſo auch deinem Oheim nicht. Nein, nein, Eure Gnaden! rief Lothar in ſeiner kaum zu bewältigenden Unruhe etwas un⸗ willig aus. Nicht eher möchte ich, als bis ich einige Ausſicht zu einer Anſtellung— Aber das dauert ja eine Ewigkeit—! Geduld, Lothar! lächelte der Prälat. Deine Sache iſt auf gutem Wege. Geiſt und Witz haben Dir vorgearbeitet. Geſtern hatte ich nämlich Ge⸗ legenheit, deinetwegen mit dem Kurfürſten zu reden. Ich rühmte ihm deine Sinnesänderung und daß du dich durch Ueb erwachung der revo⸗ lutionären Bewegungen in Mainz verdient ma⸗ chen wollteſt.—— Wie, was? rief der alte Herr aus. Glaubt denn Eure Hochwürden, daß der Leichtfuß nicht verlernt hat zu beten:„Und führe uns nicht in Verſuchung?“—— Kurfürſt⸗ liche Gnaden, antwortete ich raſch, ich glaube nicht, daß er's Vaterunſer vergeſſen hat, ſintemal er ja die andere Bitte vorbringt:„Gib uns unſer täglich Brod!—— Aber, Lothar, da hätteſt du den Kurfürſten ſollen lachen hören! Er ließ die Bonbonière aus den Händen fallen, daß die ſüße Ausſaat über's glatte Parket hinrollte. Und glaube mir, Pathe, mein glückliches Impromtü wird dir mehr helfen, als der lächelnde Mund einer Gräfin Cvuſine; denn für Witz bleiben ältere Herrn viel länger empfänglich als für— Ein Huſten und Räuspern ließ ihn nicht ausreden. Lothar empfahl ſich, und als er den Palaſt verließ, war ihm von ſo beängſtigenden und ſo beſchämenden Mittheilungen ungefähr zu Muthe, wie einem Köter, der mit heißem Waſſer begoſſen wurde. 10. Eine klare verlockende Jand! Es bleibt wohl ewig ein Geheimniß, in wel⸗ chem Zuſammenhange mit einer unſichtbaren Re⸗ gion des irdiſchen Daſeins der Menſch je von ſeinen guten oder böſen Empfindungen auf gute oder böſe Wege geführt wird, heilſame oder ſchlimme Begegniſſe hat. Lothar, von ſeiner Beſorgniß und Beſchäm⸗ ung zu jedem Wagniß und jähem Trotze ge⸗ ſtimmt, mußte gerade jetzt in der Schuſtergaſſe auf Doktor Ehrmann ſtoßen. Vertraulich, wie beide auf's Neue miteinander ſtanden, hatte es Lothar doch noch nicht über ſich vermocht, dem Freunde die Verwirrung zu geſtehen, in die er — durch Täuſchungen und Fälſchungen gerathen war. Er mochte fühlen, daß er wohl für ſeine Geſchicklichkeit, nicht aber für den Mißbrauch derſelben die Zuſtimmung des Meiſters zu er⸗ warten habe. Auch jetzt, vom Bedürfniß guten Rathes und Beiſtandes gedrängt, theilte er ihm, mit Uebergehung ſeiner ſteckbrieflichen Rückſichten, doch nur die Verlegenheit mit, worin er ſich, durch„eigene Rangerhöhung“ ſeiner Frau, dem Domprobſt gegenüber befand. Ehrmann, lachend und nachdenklich zugleich, entdeckte keine andere Auskunftj, als daß die ah⸗ nungsloſe Frau unverzüglich von Steinheim fort geſchafft werden müſſe. Aber wie und wodurch? Ihr ſelbſt konnte man keine Entdeckung machen und ihre Verſucher waren ſchon aufgeboten. Der gegen ſie ertheilte Auftrag des Prälaten hätte müſſen zu⸗ rückgezogen werden. Wie war das möglich?—— Ja, rief Ehrmann aus, wenn ich die Handſchrift des Domprobſtes hätte, dann ließe es ſich etwa mit einem zurücknehmenden Befehl an den Pfarrer verſuchen! — 127— Ei, die hab ich in der Taſche! verſetzte der überraſchte Lothar, und zog die ihm ertheilte Voll⸗ macht hervor, die der Prälat nicht zurückgefor⸗ dert hatte. Ha! welche Götterbeſcheerung! rief der Doktor, indem er das Papier an ſich nahm, und mit Wohl⸗ gefallen betrachtete. Eine klare, verlockende Hand! Und hier auch ein Siegel, das wir abnehmen und dem Brief aufkleben können, um alle Zweifel des ehrlichen Landpfarrers unter der Wucht dieſes Sie⸗ gellacks zu zerquetſchen. Nun, denk ich, laſſen wir unſern gräflichen Probſt ſchreiben, daß er aus gnä⸗ diger Rückſicht für die ihm nun bekannt gewordene Familie der unbeſonnenen jungen Frau die Sache nicht weiter verfolgen wolle; wir laſſen ihn dem Pfarrer befehlen, die Dame auf der Stelle nach Hanau zurück zu weiſen, mit einem vertraulichen Winke hinſichtlich der ihr drohenden Unterſuchung und mit dem Rathe, ja gleich Zuflucht bei ihrem Manne zu ſuchen. Nicht wahr? Lothar, während er beifällig zuhörte, hielt ein vom Tiſche genommenes pergamentartiges Foliv⸗ — blatt in Händen, das lateiniſch bedruckt und mit- verſchiedenen Unterſchriften verſehen war. Wie er nun ſeinen Jubel über den prächtigen Vorſchlag ausgedrückt hatte, fragte er mit Vorweis des Blattes: Was iſt denn das da, Doktor? Ehrmann lachte.— Habt Ihr noch nichts vom neuen Orden der verrückten Hofräthe gehört? erwi⸗ derte er. Nun denn, Vertrauen gegen Vertrauen, Geheimniß für Geheimniß! Meine Erfindung, meine Gnadenſchöpfung! Seht, die Legion un⸗ praktiſcher, metaphyſiſcher, phantaſtiſcher und dabei ſehr eingebildeter Tollköpfe,— Blaſenhanſe iſt ein treffendes Wort!— mit denen das deutſche Reich geſegnet iſt, hat mir das Bedürfniß einer Auszeichnung der hervorragendſten dieſer Tröpfe an's Herz gerückt. Ich habe den Orden der ver⸗ rückten Hofräthe ereirt. Seht das iſt die Beſtallung in lateiniſchem Curialſtyl abgefaßt. Auf die leeren Stellen wird der Name und das beſondere Ver⸗ dienſt der vortrefflichen Männer eingetragen, die ich des Ritter⸗ oder des Großkreuzes für würdig halte. — 129— Das größte Kreuz hat Deutſchland ſelbſt an dieſen aſchgrau oder himmelblau ängelaufene Genien. Und der geziemenden Feierlichkeit halber wird dies große Siegel beigedruckt. Dieſes Siegel hatte etwa zwei Zoll Durch⸗ meſſer. Ein ſtehendes Kreuz theilte es in vier Fel⸗ der, die mit allerlei anzüglichen Sinnbildern aus⸗ gefüllt, und von einer lateiniſchen, myſteribſen Randſchrift umfaßt waren.— Wißt Ihr vielleicht einen würdigen Candidaten, ſo können wir gleich eines der Formulare ausfertigen? lachte Ehrmann⸗ Ihr habt dann ein Mitverdienſt als Proponent. Der ärgerliche Brief des Hanauer Arztes — ag Lotharn noch nahe genug in Sinn, daß ihm der Name Rivière ohne langes Beſinnen einfiel. Rivière? rief der Doktor, und ſuchte auf ſei⸗ nem Schreibepult eine Broſchüre hervor, indem er ausrief: Richtig! Rivière, Dr. med. hat hier nagel⸗ neu ein Büchlein drucken laſſen:„Ueber die Sym⸗ ptome und Sympathien der Mutterhoffnung.“ Iſt es derſelbe? Koenig, Familien⸗Abende. 1. 9 Was? lachte Lothar. Darüber hat er geſchrie⸗ ben? Nein, das geht über's Bohnenlied! Da kann ich Euch eine Geſchichte erzählen— Geſchichte? Heut Nachmittag! fiel Ehrmann ein. Jetzt vor Allem den Brief nach Steinheim! Er muß mit der Abendpoſt fort. Kommt nur nach Tiſche wieder! Dann fertigen wir auch mit Bezug auf Eure Geſchichte das Diplom für Euern Can⸗ didaten aus. Er dedieirt ſeine Vaterhoffnung einem Fürſten: will wahrſcheinlich hofräthlicher Leibarzt werden. Wohl ſoll ihm willfahrt werden. Soll zum verrückten Hofrath ernannt werden! Auf Wie⸗ derſehen, Baron! 11. Rennen Sie einen Grafen von der Leyen? Inzwiſchen befand ſich Fräulein Juliane ſchon mehrere Tage in Steinheim, wo ſie im nördlichen Schloßflügel ein ſchönes Zimmer mit Kabinet be⸗ wohnte. Ein mitgebrachter Brief ihres Oheims, des Oberſt⸗Lieutenants von Radler, hatte dem Pfarrer nähere Andeutungen gegeben und ihn be⸗ wogen, dem Fräulein ebenfalls den Mittag⸗ und Abendtiſch anzubieten. Sie ſollte dadurch ſchneller auf vertrauten Fuß mit der räthſelhaften Gräfin kommen. Juliane, die ältere Schweſter zweier Brüder, war eine anziehende Erſcheinung. Nicht groß, aber zierlich gebaut, von anmuthiger Fülle und behag⸗ licher Haltung; reiches, aſchblondes Haar bei hei⸗ tern blauen Augen, ein wehmüthiger Zug um die vollen Lippen lächelnd, die wohlgepflegten Hände ſo eigenthümlich getragen, als wären ſie ſtets bereit einzugreifen, zu helfen oder abzuhalten.— Sie be⸗ trat eben die Jahre, in denen unvermählte Frauen, je nach ihrer Gemüthsſtimmung, entweder einen Umkreis liebthätiger Hingebung ſuchen, oder ſich lieber als den Mittelpunkt betrachten, auf den ſie ihre Umgebung beziehen. Zu dieſen, denen oft eine ganze Generation nicht genügt, den Einen zu erſetzen, der ſich nicht eingefunden hat, gehörte Juliane nicht. Sie hatte dieſen Einen freilich auch gehabt,— ſein Wort und ſeinen Ring— und als er ihr durch frühen Tod genommen war, entdeckte ſie unter dem Schmerz über ſo viel Seligkeit, die ein Mädchenherz verlieren kann, einen unermeß⸗ lichen Schatz von Theilnahme und Wohlwollen für alle ihres Geſchlechts, die unerkannt, unge⸗ ſucht oder unbeglückt ihre öden oder leidvollen Tage abſpinnen. Mit dieſer Stimmung hatte ſie den Auſtrag gegen eine beargwohnte Frau über⸗ nommen, der vielleicht Unrecht geſchah, und die jetzt noch weder die Abſicht kannte, mit der das — 133— Fräulein ihr entgegen kam, noch das Mißtrauen, das auf ihr ſelbſt ruhte. Cornelie, durch ihre ſchwankende Lage, wie durch den Frieden ihres ländlichen Aufenthalts zu Vertrauen geneigt, ließ ſich auch gegen eine ſo an⸗ muthige Erſcheinung und zartes Begegnen Julia⸗ nens nicht ſpröde und rückhaltend finden. Was ihr nur im erſten Augenblick ein wenig aufgefallen war, etwas in den Zügen und in der Stimme Julianens, das— ſie wußte ſelbſt nicht gleich an wen erinnerte, verlor ſich bald unter der Geſprächig⸗ keit des Fräuleins, das jedoch mit neugierigen Fragen ſich durchaus nicht übereilte.— Nicht ſo unbefangen blieb der gutmüthige Pfarrer. So oft bei Tiſch und auf gemeinſamen Spaziergängen oder bei weiblichen Arbeiten beider Damen in der Geißblattlaube des Hausgartens auch die unbefangenſte Rede auf Mainz und die dortigen Rüſtungen und Vorfälle bei Hofe führten, und Cornelie ſogar ihre Fragen gern vahin lenkte, befand er ſich in der ſeltſamſten, unruhigſten Ver⸗ legenheit. Sein mildes Herz ſtellte ihn insgeheim auf die Seite der bedrohten Frau, und er bangte vor jedem Worte, das ſich gegen die bloß geſtellte Gräfin wenden und ihn zum Zeugen der Maß⸗ regeln machen könnte, die dann in ſeinem fried⸗ lichen Hauſe wider ſie ergriffen würden. Er lenkte die Rede immer wieder auf unverfängliche Pfade, und wenn er ſich doch wieder Vorwürfe darüber machte, daß er dem Fräulein nicht, wie er ſollte, in die Hände arbeitete, ſo ſuchte er es durch Artig⸗ keit gegen daſſelbe wieder gut zu machen. Dabei bemühte er ſich, zwiſchen zwei ſo gebildeten Frauen ſelbſt gebildet, weltmänniſch und— da beide von verſchiedener Confeſſivn waren— duldſam und freidenkend im Sinne jener ſchönen Mainzer Zeit zu erſcheinen. Begreiflich, daß er bei ſo unge⸗ wohnter Anſtrengung öfter nach den Mitteln ſich anzuregen griff, die ihm ſein guter Keller darbot. Bei ſeiner reizbaren Conſtitution war es aber eigen⸗ thümlich, daß die Wirkung jener Mittel, die in ihrer ſinnlichen Erſcheinung manche Männer, beſonders vor Frauen, leicht herabſetzt, dieſen würdigen Mann nur geiſtig ſteigerte. Bedeutende Gedanken — 135— ſtrömten ihm dann zu, hochgetragene Empfindungen leuchteten in ihm auf, ſo daß ſich beide Frauen da⸗ ran recht erbauten. Der wackere Geiſtliche ahnte dabei nicht, daß er gerade in dieſer Richtung ſelbſt eine Löſung entgegen führte, die er ſo ängſtlich zu vermeiden ſuchte. Eines Abends nämlich, wo er mit ſeinem Be⸗ ſuche von einem weiteren Spaziergange bei Mond⸗ dämmerung zurückkehrte, ktam Juliane auf die wun⸗ derbare Stimmung zu reden, die an mondhellen Sommerabenden vertraute Herzen zu beſchleichen pflege. Sie mochte dabei an rührende Stunden ihres Brautſtandes denken. Ja, entgegnete der Pfarrer, und in ſolchen trauten Stunden des Mondſcheins kommen gute Menſchen auf gute Gedanken. Oeffnen dann ihre Geſpräche die Herzen und führen die Seelen inniger zu einander: ſo iſt das auch eine Art von Fröm⸗ migkeit, worin man Unſterbliches empfindet. Da erwacht der innere Menſch in uns, der ſich gerade unter Geräuſch und Genuß des Alltagslebens tiefer unter ſeine dicke Schlummerdecke zurückzieht; er er⸗ — — 186 4 wacht und badet ſeine Kräfte für ein höheres Leben. Dann klingen zuweilen Töne in unſerm Innerſten auf, denen wir es anfühlen, ſie gehören zu jener Muſik, mit der wir dereinſt den Ewigen preiſen. Aber ſie wirken wohl auch ſchon auf unſer finnliches Leben zurück und bilden— Doch, Verzeihung! — Haben Sie denn ſchon von den ſogenannten „Klangfiguren“gehört, die unſer Zeitgenoſſe Chladni beobachtet hat? Man ſtreut Feilſpäne, Sand oder dergleichen auf eine Scheibe von Glas oder Metall und ſtreicht man dann mit einem geharzten Fiedel⸗ bogen am Rande hin, ſo kommt plötzlich Leben in die Eiſenſpänchen oder Sandkörnchen, und ſie ord⸗ nen ſich aus ihrem Chaos in regelmäßige Figuren, die je nach den verſchiedenen Tönen aus verſchiede⸗ nen Scheiben immer anders ausfallen. Jeder Ton bildet dann, wie jede Seele, ihre eigene Lebensge⸗ ſtaltung. Und alſo, meine ich, vermögen wohl auch jene erhabenen Töne aus unſerm Innern, die oft ſo verworrnen kleinen Angelegenheiten auf der ſchwebenden Scheibe unſeres bürgerlichen Lebens in Klarheit und Ordnung zu verſetzen.—— Dies war nun rechte„Liebfrauenmilch“ für die beiden Zuhörerinnen des liebenswürdigen Geiſt⸗ lichen. Er ſelbſt, als ſie ſich mit ihm zum frugalen Abendtiſche ſetzten, ahnte hinter ſeiner Flaſche dieſes Weines nicht, was in ihrem Innern vorging, und wie ſie nach dem Tone ſuchten, der ihrem geheimnißvollen Anliegen verwandt genug ſei, um es zu geſtalten. Als Juliane aufſtand, um zu gehen, ſchloß Cor⸗ nelie ſich ihr an. Beide wandelten im Schloßhofe hin und wieder und traten an das Mäuerchen, wo man hinab auf den glänzenden Strom und nach dem Gebirge blickte, das im dämmerigen Abſchim⸗ mer des nachleuchtenden Abendhimmels lag. Wie beide, Arm in Arm, ſich inniger an ein⸗ ander ſchmiegten, hob endlich die Gräfin mit be⸗ bender Stimme an: Sie haben eine Scheu vor mir, liebe Radler? Geſtehen Sie mir's! Ich? meine liebe— Cornelie? Ja, ſo ſcheint mir's. Sie weichen manchen Fragen und Geſprächen aus, die ich vorbringe. Und das peinigt mich, gerade weil es meine Ange⸗ legenheiten— O, ich muß einmal ganz vffen ſein! Ich ertrage die Zweifel und Ungewißheit nicht länger. Mein Herz ſagt mir, Juliane,— Sie ſind mir durch höhere Fügung zugeführt. Fügung? Einigermaßen ja, verſetzte Juliane. O wüßten Sie, Cornelie, wie ſehr ich um Ihretwillen hier bin,— heißt das— hierher ge⸗ kommen ſein möchte! Die Gräfin umarmte das Fräulein, indem ſie leiſer mit einer gewiſſen Verzagtheit fragte: Sagen Sie mir,— kennen Sie einen Grafen von der Leyen,— meinen Mann? Ich kenne nur den Domprobſt von der Leyen und ſeine beiden Nichten Charlotte und Sophie, war die Antwort. Die Familie ſtammt aus dem Badiſchen. Von einem Grafen, der ihr Gemahl ſein könnte, hab' ich nie gehört. O mein Gott, ſeufzte Cornelie; ſchwieg dann nachdenklich und flüſterte endlich vor ſich hin: Wenn es damit wäre, wie mit meiner Ver⸗ wandtſchaft zur Fürſtin Colloredo—? Wie meinen Sie? fragte Juliane mit betrof⸗ — 139— fener Scheu zurück tretend.— Jetzt kommt ſie auf falſche Wege! ſchien ſie zu denken. Eine Angſt überfiel Cornelien, und als ob ſie von ihren eigenen Zweifeln verfolgt, mit Einem Satze ſich über den Abgrund ihres Lebens retten müßte, rief ſie mit gepreßter Stimme und Haſt: Ach! ich muß Ihnen Alles ſagen, Juliane! O hören Sie mich gütig an!— Ich bin die ein⸗ zige Tochter des Advokaten Mauritius in Berlin— das verzogene Kind eines genialen und reichen Man⸗ nes. Ein andermal umſtändlich, wie und wo in Geſellſchaften ich meinen Mann zuerſt kennen lernte. Er hatte ſich als Grafen von der Leyen eingeführt, und lebte auf vornehmen Fuß. Sein Stand zu ſeinem angenehmen Aeußern und feinen Manieren nahmen mich für ihn ein, und als mein Vater ſeine Bewerbung um meine Hand abwies, hing ich ihm aus mädchenhaftem Trotze nur um ſo feſter an. Denken Sie ſich meine Verzweiflung, als ſein Arzt eines Morgens erſchien, mir zu ſagen, der Graf liege von einem Blutſturze darnieder und wünſche mich noch einmal zu ſehen.—— Laſſen Sie mich über jene Verwirrung meiner Seele, über die Szenen im Hauſe hinwegeilen! Genug, ich brachte den Vater dahin, daß er mich zum Kranken führte, und mich ihm zuſagte für den Fall— Er war beim Anblicke des Kranken plötzlich nachgiebig ge⸗ worden. Ach! er mochte ihn wohl in Gedanken aufgegeben haben, während ich aus dem Lächeln des Geliebten errieth, daß der ganze Blutſturz bloß eine Finte ſein dürfte. Ich vergab ſie ihm ich fühlte ja nur, was ich mit ſolcher Täuſchung ge⸗ wonnen hatte. O mein Gott! Verdien' ich nun nicht auch mit Täuſchungen beſtraft zu werden? Der Kranke erholte ſich ſchnell; er brachte die nöthigen Papiere bei; oder nahmen es vielleicht auch die Behörden leichter mit einem ſo vornehmen Manne und wir wurden getraut. Ehe wir Berlin verließen, übergab mein Gemahl dem Papa eine Iſenburger Obligation von Goldner über 13,000 Gulden, theils zur Deckung einiger Schuldpoſten, theils zur Einwechslung einer Summe Geldes für die Reiſe und die neue Einrichtung auf ſeiner Be⸗ ſitzung in der Pfalz. Das Lebewohl meines Vaters ſah wie eine Verſtoßung aus. Mir galt nur mein neues Glück, und das Herz der Tochter ging in ſeiner Bethörung auf. Doch ſchon unterwegs be⸗ traf ich meinen Mann,— vielleicht weil er es ſich nun leichter machte, auf widerſprechenden Reden, und als wir in Fulda, wo wir bei Hofe vorgeſtellt und zur Tafel des Fürſtbiſchofs geladen wurden, ein ſchönes Oelgemälde, das Porträt einer Fürſtin Colloredo, bewunderten, ſagte er mit einer Zuver⸗ ſicht, die mich erblaſſen machte,— ich wäre eine Anverwandte dieſer Fürſtin. Mit dieſer Lüge, zu der ich meines Mannes wegen ſchweigen mußte, reisten wir bis Hanau. Aber mit jeder Meile Wegs wurde ſie ſchwer und ſchwerer auf meinem Herzen. Was mein Mann auch zu ſeiner Beſchö⸗ nigung vorbringen mochte, die Unwahrheit griff um ſich, wie eine Anſteckung; ſie zog die ganze Verbin⸗ dung mit ihm, meine ganze Zukunft in Zweifel und Argwohn mit einer grauenvollen Angſt drückte meine Seele nieder. Ich ſchwankte, ihm weiter zu folgen und er rief mir einen Arzt herbei, da er mei⸗ nen Zuſtand nur als körperliche Erſchöpfung begriff. Ich ließ mir als Medizin verordnen, da zu bleiben und zu ruhen. Am andern Morgen war mein Mann fort,— entflohen, dacht ich zuerſt, aber wie mir ſein ſpäterer Brief meldete— nur voraus nach Mainz. Aber— v mein Gott!— ihm an der Ferſe traf ein Steckbrief ein— von meinem Vater mit der Beſchuldigung einer Fälſchung der ihm ab⸗ getretenen Obligativn. Sehen Sie, Juliane, ſo bin ich nun hier,— herabgeſunken von einem erſten Zweifel am Blutſturze meines Mannes auf ſeine Lüge über meine Herkunft und von dieſer auf ſeinen Betrug in Geldſachen, immer tiefer und tiefer, härter und härter! Eines fehlt noch, o mein Engel des Rathes!— Sprechen Sie es aus,— ich bin jetzt gefaßt, alles zu hören— nicht wahr, Juliane,— mein Mann iſt nicht, wofür er ſich ausgibt—? Sie warf ſich an des Fräuleins Bruſt und Ju⸗ liane, indem ſie die arme Frau feſt an ſich preßte und küßte, erwiderte leiſe: Ehe ich ja oder nein ſage, liebe Cornelie,— laß mich„Schweſter“ ſagen, laß mich Du ſagen! O Schweſter Juliane! rief Umarmung und Kuß erwidernd die Gräfin. Was gibſt Du mir nicht Alles mit dieſem mir neuen Namen! Was thut mir jetzt nöthiger als eine Schweſter! Aber, liebſte Juliane,— nun brauchſt Du nicht mehr Nein zu ſagen: ich habe Dich verſtanden!—— Sie wankte nach dem Steinſitze neben dem Seiteneingang ins Schloß.— Juliane ließ ſich zu ihr nieder und zog ſie mit beiden Armen an ihre Bruſt, bis Corneliens Leid durch ſtille Thränen leichter geworden war. Dann ſagte ſie: Nun komm, lieb Schweſterherz! Ich ſehe Licht in des Pfarrers Schlafſtube. Komm, ich führe Dich hinüber! Ruhe jetzt von Deiner ſchmerzlichen Beichte aus: morgen früh theile ich Dir auch ein Geheimniß mit, das mich angeht. Gewiß, wir kommen nun in's Klare. Laß nur erſt all die Nebel der Täuſchung fallen: in Deinem Herzen, in Deiner Jugend liegen noch die Keime des Frühlings und des Glückes! Vertrau und hoffe! Beide wandelten Arm in Arm nach dem Pfarr⸗ — hauſe und ſchieden mit ſtummer Umarmung an der Treppe. Am andern Morgen, als Juliane vom Schloß herüber zuerſt beim Pfartherrn einſprach, um ihm von Corneliens Bekenntniſſen das Geeignete mit⸗ zutheilen, wurde vom Amtsboten ein Brief mit dem gräflichen Siegel des Domprobſtes abgegeben. Es enthielt die Weiſung des Prälaten, die vorgebliche Gräfin ſofort nach Hanau zu entlaſſen, ſie vertrau⸗ lich und wohlmeinend zu verwarnen, und zu ihrer Sicherheit vor aller Verfolgung an ihren Mann zu verweiſen. Der Geiſtliche, ganz betreten, übergab das Schreiben dem Fräulein, und auch Juliane war nicht wenig betroffen davon.— Aber ich begreife Das nicht! ſagte ſie nach wiederholtem Durchleſen. Die Anordnungen des Probſtes ſind ja doch an meinen Oheim ergangen. Auch können Ew. Hoch⸗ würden die jetzige Weiſung gar nicht ausführen: der zur Ueberwachung der Frau Cornelie beſtellte Landjäger läßt ſie nicht über den Fluß und nimmt auch von Ihnen keine Gegenbefehle an. Iſt es doch des Probſtes Handſchrift? Der Geiſtliche verſicherte es auf Vergleichung derſelben mit dem herbeigeholten frühern Schreiben. — Ich bin jetzt in Allem, was die gute Frau be⸗ trifft, ſehr argwöhniſch geworden, entſchuldigte Ju⸗ liane ihren Zweifel. Hier haben wir ja auch das hochgräfliche Pet⸗ ſchaft, bemerkte der Pfarrer; das iſt ſo leicht nicht nachzumachen. Das Siegel war nicht erbrochen, ſondern aus Reſpekt mit der Scheere umſchnitten. Das Fräu⸗ lein erkannte es als das von der Leyen'ſche Wappen. Indem ſie es aber hin und her bog, löste ſich der Rand deſſelben vom Papier ab, und ſie rief: Um Gotteswillen! Das Siegel ſcheint auf⸗ geklebt,— mit ſchlechtem Siegellack, das ſich ab⸗ bröckelt. Sehen Sie doch nur! Auch iſt es dunk⸗ leres Roth, als das Wappenwachs, und— ſehen Sie!— es hat auf dickerem, weißetem, Papier geſeſſen, als der Briefbogen iſt. Guck, guck ein Menſch, was für Spitzbüberei! Koenig, Familienabende. 1. 10 2 Iſt ſie wirklich ſo einnehmend? Dieſer Brief mit ſeinem Beiſchluſſe gab der räthſelhaften Angelegenheit eine neue Wendung. Der alte Landjäger-Commandant hatte einen zu günſtigen Begriff von dem feinen Takt und Ver⸗ ſtande ſeiner Nichte, als daß er auch nur einen augenblicklichen Zweifel in die Entdeckung derſelben geſetzt hätte, als ob ſie ſich etwa von einer ver⸗ ſchmitzten Gaunerin ſelbſt hätte täuſchen und ein⸗ nehmen laſſen. Er war vielmehr gleich einig mit ſich, die unglückliche Frau möglichſt zu ſchonen und auf den betrügeriſchen Grafen Jagd zu machen; wobei er hoffte, durch den falſchen Brief und das mißbrauchte Siegel ihm auf die Fährte zu kommen. Unerwartet erſchien gegen Abend des folgenden — Tages Julianen's Bruder, jener vvm Domprobſte gegen Lothar ſo gerühmte Regierungs⸗Rath von Radler. Er kam von Aſchaffenburg über Seligen⸗ ſtadt, war am Wirthshauſe angefahren und über⸗ raſchte die Schweſter, als ſie eben mit Hut und Halstuch aus dem Schloſſe trat, Cornelien zum Abendgang abzuholen. Die Heiterkeit, womit ſie ihn empfing, trübte ſich einen Augenblick durch einen Zweifel, der in ihrer Bruſt aufſtieg. Ein ängſtlicher Gedanke lag ihr nämlich ſeit dieſem Morgen im Sinn. Cornelie, die bei ihren Erzählungen immer nur von ihrem„Manne“ ge⸗ ſprochen, hatte zum erſtenmal den zärtlicher ge⸗ meinten Vornamen Lothar gebraucht, und damit Julianen durch die Vorſtellung erſchreckt, ob nicht am Ende gar der mißrathene Bruder, von deſſen Aufenthalt und Umherfahren lang keine Nachricht gekommen war, der nichtswürdige Betrüger ſei. Entſetzt über dieſe Möglichkeit hatte ſie nicht einmal gewagt, Cornelien auch nur um das Ausſehen ihres Gemahls genauer zu befragen. Ihr Herz wider⸗ ſtrebte einer ſo ſchrecklichen Ueberzeugung!— — 146— rief der Geiſtliche aus. Nun ſcheint mir freilich die— Schrift auch nicht ſo feſt und ſicher, wie die ältere da. Ei, ei! Sieh, ſieh! Aber wiſſen Ew. Hochwürden, fiel Juliane ein, das Siegel führt vielleicht auf den Fälſcher, auf den Betrüger. Das kommt doch alles aus der⸗ ſelben Täuſchungs⸗Fabrik! Der hochwürdigſte Probſt wird doch wiſſen, wer etwa ſein Siegel bekommen hat. Man überlegte was nun weiter zu thun ſei, und da Juliane einen Brief zur Poſtverſendung mitge⸗ bracht hatte, worin ſie dem Oheim von den Eröff⸗ nungen der vermeintlichen Gräfin in Kenntniß ſetzte, ſo erbrach ſie denſelben noch einmal, fügte das ver⸗ dächtige Schreiben aus Mainz bei und bemerkte in einer Nachſchrift ihre Entdeckung in Betreff des Sie⸗ gels. Zugleich kamen beide überein, den Brief nun nicht zu der erſt Nachmittags in Hanau ein⸗ treffenden Poſt zu geben, ſondern ihn der Eile wegen durch einen Reitenden nach Aſchaffenburg zu verſenden. — Hierauf begab ſich das Fräulein zu Cornelien, um ihr auf die ſchonendſte Weiſe mitzutheilen, was von Mainz aus gegen ſie angeregt worden ſei, und daß es jetzt darum gelte, in dieſer bearg⸗ wohnten Angelegenheit die Familie von der Le yen in's Klare zu ſetzen. —— 10* — — 150— Dieſe heimliche Beſorgniß dem Bruder mitzu⸗ theilen, war nun ihr erſter Gedanke. Sein Anblick flößte ihr Muth ein und ſie hoffte von ihm wider⸗ legt zu werden. Doch in demſelben Augenblicke gab ſie es nach flüchtiger Ueberlegung ſchnell wieder auf, theils um den Bruder in dieſer gewiſſenhaften Angelegenheit nicht einzuſchüchtern, dann aber auch um ihn ſelbſt dem Eindrucke, den die bearg⸗ wohnte Frau Cornelie auf ihn machen würde, recht unbefangen zu überlaſſen. Um ſich vor allem noch über Eins und das Andere vertraulich zu beſprechen, betraten ſie nicht gleich das Haus, ſondern wandelten durch das Thurmthor hinab an den heitern Strom. Unter⸗ wegs begann Moriz: Ich war eben fertig mit meiner Arbeit, als dein Brief kam, liebe Schweſter. Ich mußte nun doch nach Mainz, und hoffe meine Aufträge ſollen jetzt erledigt ſein, und ich ſelbſt nach meinem lieben Erfurt entlaſſen werden. Einſtweil hat unſer Oheim den falſchen Brief nebſt Siegel an den Domprobſt voraus geſchickt, damit der eifernde Herr, bis ich eintreffe, ſich beſinne, in welche Hände ſein Siegel gekommen ſein möchte. Ich nehme den Weg über hier, um dein Vernehmungsprotokoll zu vervollſtändigen. Ueber Eines möchte ich noch klarer werden. Der falſche Brief iſt nämlich offenbar von dem Gauner ausgegangen, und da der Pfarrer die ſogenannte Gräfin antreiben ſoll, zu ihrem Manne zu eilen: ſo hat ſie gewiß auch ſeine Adreſſe, und ich komme ihm mittelſt derſelben ſchneller auf die Spur. Ja wohl, lieber Moriz, dieſen Punkt habe ich unbemerkt gelaſſen, lächelte Juliane. Allerdings hat Cornelie Weiſung von ihrem Manne. Sie ſoll unter ihrem Familiennamen als Frau von Mau⸗ ritius im Bären zu Caſtell einkehren, ihren Brief aber in die drei Reichskronen adreſſiren, wo er wohnt und auch die Poſt iſt:„An Nummer 3 in den drei Reichskronen am Brand.“ So lautet die Adreſſe. Es ſcheint alſo doch ein Fremder, der keine Familie in Mainz hat, meinte Moriz. Alſo im Gaſthof, wo ich einzukehren pflege. Ich werde mich aber hüten, perſönlich mit ihm in Berührung zu kommen. Das Widerwärtige muß man mit einer Zange anfaſſen und das Vicedomamt hat ſolche Beißzangen. Ich weiß nicht, beſter Moriz, welch ein Grauen ich vor der Entdeckung des Mannes habe! ſagte Juliane, mit Mühe an ſich haltend. Gott geb's, daß es ein Fremder ſei! Cornelie wollte mir aus Hanau ſein Bild holen, das ſie in einem Medaillon beſitzt; ich hielt ſie davon auch darum zurück, um ſie nicht wahrnehmen zu laſſen, daß ſie von Land⸗ jägern überwacht wird. Man hätte ſie nicht Waſſer gelaſſen. Das macht ſich nun, Juliane! wendete der Regierungsrath ein. Ich habe des Oheims Ordre bei mir und kann die Wache nach Befinden zurück ziehen. Nun aber komm! Es verlangt mich doch, deine„ſchöne liebe Frau und Freundin“ zu ſehen! Iſt ſie wirlich ſo einnehmend?——— Cornelie war beim Eintreten des Regierungs⸗ rathes ſichtbar überraſcht. Die an Julianen dunkel empfundene Aehnlichkeit mit Lothar kam ihr jetzt am Bruder derſelben mehr zum Bewußtſein; ob⸗ gleich Moriz aus zweiter Ehe des Vaters dem ältern — Lothar und Julianen ſtiefbrüderlich war. Ihre Be⸗ fangenheit löste ſich aber an dem einfach edeln und 8 feingebildeten Benehmen des Regierungsrathes und das Unähnliche im Ausdrucke des innern Seelen⸗ gehaltes trat meht und mehr hervor. Moriz erbot ſich, beide auf ihrem beabſichtigten Spaziergange zu begleiten und gab Cornelien Raum ſich anzu⸗ ſchicken, indem er den Pfarrer zu begrüßen vor⸗ aus ging. Es läßt ſich denken, welch einen beunruhigen⸗ 8 den Eindruck es auf Julianen machte, als Cornelie mit einer eigenen Erregtheit, des Einzelnen ge⸗ dachte, worin der Herr Regierungsrath ſie an ihren Mann erinnere. Juliane ſchwieg, und dies reizte die Freundin nur deſto mehr, ſich mit ſteigender Wärme auch über die Unähnlichkeit beider und zwar zum Vortheil für Moriz auszulaſſen. Ein ſo günſtiger Eindruck war zuerſt nur er⸗ 8 freulich für Julianen, die mit einer gewiſſen Schwärmerei an dieſem Bruder hing. Doch fiel es ihr ſchon auf, als auch Moriz nach dem Spa⸗ ziergange, auf dem er ſich ſehr vertraulich zu Cor⸗ eingenommen ſchien.— Ja Du haſt ganz recht geſehen, Juliane! ſagte er, während er ſie vom Pfarrhauſe nach dem Schloß begleitete. Die lie⸗ benswürdige Frau iſt um Gotteswillen keine Be⸗ trügerin; vielmehr iſt ſie ſelber ſchändlich betrogen, ſchmählich getäuſcht. Welch ein ſeelenvolles Weſen verbirgt ſich halb in dieſer reizenden Erſcheinung und will doch errathen ſein. Ich finde ſie noch merkwürdig mädchenhaft in der Art wie ſie fremde Eindrücke aufnimmt und Eigenempfundenes von ſich gibt. Sie iſt freilich nur kurz verheirathet, und ihr Mann, der Nichtswürdige, hat an ihrem reinen Weſen nichts verderben können, ſondern es durch ſeine Unbeſonnenheit nur zu jähem Widerſpruch herausgefordert. Ich habe der lieben Frau bis auf den Grund des Herzens geſchaut. Eine Sympathie unſerer Seelen, ohne Zweifel, hat mir ſo ſchnell ihr Vertrauen gewonnen. Sie ſcheint jetzt ihr Un⸗ glück zu erkennen, und— Ja, beſte Juliane, ſie muß gerettet, muß befreit werden von dem verwerf⸗ lichen Menſchen, der ihrer nicht werth iſt. Nicht nelien gehalten hatte, ungemein lebhaft von ihr — — 155— werth! Mein Gott, was heißt das? Nicht werth! O es läßt ſich gar nicht ausdrücken, was er ihr nicht iſt! Juliane lächelte. Sie nahm dieſe an dem ern⸗ ſten Bruder ſo ungewohnte Schwärmerei im Augen⸗ blicke noch für den Ausdruck ſeiner Ueberraſchung von einer, wahrſcheinlich von ihm ſehr bearg⸗ wohnten Frau,— für eine Art von Abbitte und Ehrenerklärung ſeines edeln Hetzens gegen ſich ſelbſt; ja es mußte ihr ſchmeicheln, ſich in ihrer richtigen Erkenntniß einer in tiefem Schatten ſtehen⸗ den Unbekannten von einem lieben und weltkun⸗ digen Bruder ſo beſtätigt zu finden. Als aber der ſo geſchäftig gekommene und von Geſchäften bedrängte Regierungsrath am andern Morgen er⸗ klärte, daß er noch einen Tag bleiben und des anmuthigen Aufenthalts froh ſein wolle, ſtieg doch in ihrer Bruſt eine neue, ängſtliche Beſorgniß auf, die ſich noch verſtärkte, als bei ihrer deßfallſigen Mittheilung Cornelie die unverhohlenſte Befriedi⸗ gung zeigte.— Lieber Himmel, wo ſoll das hinführen! rief es betrübt, daß der edle Bruder, der wohlgerathene Sohn des Hauſes, keinen Gegenſtand herzlicher Zuneigung finden mochte, und ſollen uns nun freuen, daß dies reine hochſchlagende Herz auf eine unglückliche Frau fällt, die gebunden und für einen Katholiken unlösbar iſt?— Wirklich blieb Moriz den Tag über. Man machte einen Ausflug in die benachbarte Faſanerie und war fröhlicher Dinge, ſo heiter wie der Tag, am innigſten Moriz und Cornelie, die ſich viel zu⸗ ſammen hielten. Es ſchien ein geheimnißvolles Geſtändniß, das beide in ihren Gedanken und Gefühlen zu einander zog. Und als Juliane das fortwährende Beben einer erhöhten Stimmung in den beweglichen Zügen der Schwägerin bemerkte, flüſterte ſie ihr zu: Nicht wahr, Cornelie, heut ſind wir recht froh?— Ach! antwortete ſie, ich athme einmal in der Lebensluft der Wahrheit!—— Am andern Nachmittage, nach der frühen in ihrem Innern. Haben wir uns daheim ſo lang — Abreiſe des Regierungsrathes erſchien unerwartet Doktor Rivière, und ließ ſich zuerſt bei Cornelien melden. In ihrer jetzt ſo gehobenen und dem Ab⸗ gereiſten vielleicht nachträumenden Stimmung rief ſie dem Arzt ein recht herzliches und— wie ſie es ehrlicherweiſe fühlte— ein dankbares Will⸗ kommen entgegen. Seit ihrem Ueberzug aus der Stadt hatte er ſich nicht ſehen laſſen. Auch jetzt verrieth ſeine ge⸗ ſuchte Höflichkeit, ſein Ton und manches ihm ent⸗ ſchlüpfende Stichelwort ſeine noch dauernde Em⸗ pfindlichkeit. Ja der Beſuch überhaupt ſchien einem etwas ſchadenfrohen Trumpf zu gelten, mit dem er auch nicht lange zurück hielt.— Ich komme, meine Verehrteſte— ſagte er mit zuckenden Lippen und einer kurzen Pauſe, die das Wort„Gräfin“ ver⸗ ſchlucken ſollte,— um mich Ihnen in meiner neuen Würde zu präſentiren. Ah! ſind Sie alſo wirklich zum Leibarzt be⸗ rufen worden? Sie ſagten mir früher einmal von Ihrem Buche und hofften— Das weniger, fiel er ihr erröthend in's Wort; — 158— aber ich bin von anderer Seite zum—„verrückten Hofrath“ befördert worden. Was? lachte ſie, hielt aber, um ihn nicht zu verletzen, an ſich und ſagte mit ernſter Miene: Wie verſtehe ich denn dieſen Spaß, beſter Dok⸗ tor? Doch ja, ich entſinne mich: Sie haben mir früher einmal von der unbekannten Geſellſchaft, von einem modernen und mealitiöſen Vehmgericht erzählt, das ſeit kurzem Diplome für beneidete Ver⸗ dienſte ausgehen ließe. Nun, was haben Sie denn jetzt geleiſtet, das in den Augen dieſer ſelbſt ver⸗ rückten Unbekannten ſo ärgerlich und mißgünſtig erſcheint? Ich habe das Büchlein, von dem Sie ja wiſſen, erſcheinen laſſen, und mit Bezug darauf erklären mich nun jene geheimnißvollen Unberufenen für „theoretiſch und praktiſch verdient um die Sym⸗ ptome und Sympathien“— Sie wiſſen es ja!— Das Wort„praktiſch“ ſoll ein Hieb, eine Stichelei ſein, iſt aber zum Lachen; denn es ſchlägt eigentlich nur zurück auf eine Selbſttäuſchung, wobei auch Sie, meine gnädige— Ich ſagte Ihnen ja! Ich? fiel Cornelie erſchrocken ein. Sind Sie gekommen, Doktor, mich mit neuen Aengſten oder Bekümmerniſſen heimzuſuchen? Dann— Dann gehen Sie zum Teufel! wollen Sie ſagen, entgegnete er. Aber, beruhigen Sie ſich! Im Gegentheil komme ich bloß in Betreff Ihres Herrn Gemahls. Sehen Sie, das Diplom iſt unterzeichnet von verſchiedenen Perſonen,— Prä⸗ ſident: Geheimerath von Haferkrütze. Soll auch ein Witz ſein! Sodann Proponent,— alſo Der⸗ jenige, welcher mich für den Orden in Vorſchlag gebracht hat: Lothar von— Im Augenblicke trat Juliane ein, und Frau Cornelie, ſo betroffen ſie von dieſem Namen war, unterließ nicht, ihr den Arzt— und ihm Fräulein von Radler vorzuſtellen; worauf ſie haſtig fragte: Alſo Lothar von—? Der Arzt, durch den Namen des Fräuleins verblüfft, verneigte ſich nur wiederholt und ſuchte das zuſammengefaltete Diplom in ſeine Taſche zu ſchieben. Doch Cornelie, ſeine winkenden Blicke unbeachtend, beſtand darauf, das Weitere zu hören. — 160— Ohne Zweifel bin ich im Irrthum, lenkte er ein; aber— Sie befehlen! Alſo:„Lothar von Radler“ ſteht hier. Mein Bruder? fragte Juliane erſchrocken. Was iſt mit ihm? So— 7— Ihr Herr Bruder—2 ſtotterte der Arzt, und ſah Eine um die Andere forſchend an, als ob zu errathen, ob beide über Das ein⸗ verſtanden ſeien, was ihn ſelbſt nicht wenig über⸗ raſchte.— Und ihn halten Sie für meinen— Lothar? fragte Cornelie. Rievière verneigte ſich wieder ein um das andre Mal, und dachte wahrſcheinlich dahin, wo der Pfeffer wächſt; doch Juliane ließ ihn nicht ent⸗ ſchlüpfen, ſondern beſtand auf einer Erklärung mit ſo imponirendem Nachdrucke, daß er nicht umhin konnte, die Schrift vorzuzeigen und ihr das Nöthige wegen der vermeintlichen geheimen Geſellſchaft, von welcher der Orden der verrückten Hofräthe ausgehe, zu erläutern. — In Mainz— wäre dieſe Geſellſchaft? fragte ſie mit ängſtlich geſpannten Blicken. Das will ich nicht ſagen, antwortete er. Der Sitz dieſer Vehme iſt eben nicht bekannt. Auch iſt das Diplom nicht aus Mainz datirt. Ah! athmete Juliane auf. Doch nun empfind⸗ lich wegen ihrer Angſt, unwillig über den Arzt, fuhr ſie lebhaft fort: Wie kommen Sie denn aber dazu, hinter un⸗ ſerm Familiennamen den Gemahl meiner lieben Cornelie zu vermuthen, der eben doch nach Mainz gereist iſt? Und noch mehr! Wenn, wie Sie ſelbſt ſagen, dieſe Unbekannten, die Ihnen ſo viel Ver⸗ druß machen, ſich in Geheimniß einhüllen: wie würde mein Bruder, falls er zu denſelben gehörte, ſeinen wirklichen Namen unter ein Patent ſetzen, das ja dadurch zum Verräther des Geheimniſſes würde? Das erklären Sie mir einmal! Auf dieſen Einwand, der ſich hören ließ und den Doktor in ſeiner Uebereilung bloß ſtellte, wußte er nichts zu antworten. Das wahre Verhältniß der Sache war ihm ja unbekannt. Doktor Ehrmann Koenig, Familienabende. 1. 12 — 162— hatte nämlich, erſt nachdem er ſeine Ausfertigung Lotharn vorgezeigt, deſſen Namen in nachgemachter Handſchrift unterfertigt. Es war wieder eine ſeiner beliebten kleinen Tücken, womit er zugleich den neuen Ehrenhofrath zu necken dachte, wenn er ihn an ſeine Täuſchung über die Umſtände der vermeint⸗ lichen Gräfin erinnere. Indem nun Rivisre den Einwand des Fräu⸗ leins nur mit Achſelzucken beantwortete, fragte ſie. weiter: Stützen Sie Ihre Weisheit vielleicht auf den Vornamen L Lothar, Herr Hofrath! Vergebung, mein Fräulein, erwiderte er ärger⸗ lich und verlegen zugleich. Mein Grund bezieht ſich auf eine Täuſchung gerade des Herrn Gemahls der gnädigen Frau,— eine Täuſchung über ver⸗ meintliche Umſtände, die— in Verbindung mit dem Gegenſtande einer von mir herausgegebenen Schrift einen Fingerzeig auf den Proponenten— Ich weiß nicht, ob ich wenigſtens der gnädigen Frau begreiflich bin—? Begreiflich? lachte Juliane mit ungeduldiger — 163— Empfindlichkeit. O ja, auch mir! Sie reden ohne Zweifel aus Ihrer neuen Würde! Ah! rief Riviere glühroth,— als verrückter Hofrath meinen Sie! Sehr verbunden! Bedaure nur, daß ich in dieſer meiner Eigenſchaft dero feine Liebenswürdigkeit nicht gebührend würdigen kann. Empfehle mich dahero zu Gnaden! Er ſtürzte fort. Vergebens rief ihm aus dem Fenſter des Erdgeſchoſſes der Pfarrer nach, er ſei Patient: Rivière wollte nichts hören, er ſchüttelte nur heftig den Kopf und wehrte mit den Händen den Zuruf ab. Hinter ihm her lächelten beide Freundinnen, wiewohl nicht mit aufgeräumter Seele: ängſtliche Zweifel, ſchweigſame Beſorgniſſe waren aufgeregt, und blieben in ihrem Herzen zurück.— 13. Wo wohnt Herr von kadler? Moriz, unſer Regierungsrath, fand doch für die kurze Zeit ſeiner Abweſenheit Mainz auffallend ver⸗ ändert. Das Luſtlager war weggeräumt und das neue Regiment mit ſechs Kanonen nach Worms abgezogen, wo es ſich mit dem vom Grafen von Erbach commandirten öſterreichiſchen Heere ver⸗ einigt hatte. Die Lücke, die es in der Garniſon der wichtigſten Reichsfeſtung gelaſſen, wurde mit Reichstruppen einiger kleinen Fürſten ausgeſtopft, und an den verfallenen Feſtungswerken mit einer Gelaſſenheit geflickt, als ob die revolutionäre Be⸗ wegung gegen den Rhein nur zu verachten, durch⸗ aus aber nicht zu fürchten wäre. Dabei nahm je⸗ doch die Beſorgniß der Bürger und die Kühnheit der Männer des Clubs mit jedem Tage zu. . Der alte Kurfürſt, ermüdet von den ſtürmiſch wechſelden Bewegungen der großen Politik, die er ſeit der Kaiſerktönung, den Sommer über, mitbe⸗ trieben hatte, ſehnte ſich nach ländlicher Ruhe, und ſchickte ſich an, die ſchönen Herbſttage noch in der Sommerreſidenz zu Aſchaffenburg ſeiner Er⸗ holung zu widmen. Als dahet Moriz ſich zur Au⸗ dienz anmelden ließ, wurde er nicht angenommen, ſondern nach Aſchaffenburg beſchieden. Seltſam genug war er von Aſchaffenburg mit der Sehnſucht abgereist, recht bald nach ſeinem lieben Erfurt ent⸗ laſſen zu werden, und freute ſich nun doch im Stil⸗ len, Mainz mit dem Befehle zu weiterem Aufent⸗ halt in Aſchaffenburg zu verlaſſen. Er betraf ſich ſelbſt auf dieſem innern Widerſpruche und lächelte zum leichten Wankelmuthe ſeines Herzens.— Nun ja! dachte er, ich kannte das liebe Neſt noch nicht, das zwiſchen den beiden Reſidenzen auf lieblichem Hügelufer hockt, dies Steinheim. Andere Befehle, als ich erwartet, finden ja auch mich ſelbſt verän⸗ 166 dert. Wie unglücklich wäre der Menſch, wenn dem Umſchlag der Ereigniſſe, denen er ſo vielfach aus⸗ geſetzt iſt, nicht manchmal eine Umſtimmung ſeines Gemüths voraus ginge, die ihm das Befürchtete in's Erwünſchte verwandelt! Doch das Unerwünſchteſte blieb ihm noch zu er⸗ ledigen, und er hielt ſich für entſchuldigt, wenn er es kurz faßte, weil er ſelbſt durch Amt und Herz, durch Pflicht und Neigung kurz gebunden war. Aus Vorſicht und Scheu vor etwaiger perſönlicher Berührung mit dem widerwärtigen Gaſte auf Num⸗ mer 3 in den drei Reichskronen hatte er dieſen ſonſt gewohnten Gaſthof diesmal vermieden, und war im„König von England“ eingekehrt. Um nun vor allem auf die Spur zu kommen, ob etwa jener Gaſt — der vermuthete Gemahl Corneliens, auch der Fälſcher des Briefes und Siegels ſei, eilte Moriz, ſobald er ſich des Hofkleides entledigt hatte, nach der Domprobſtei. Er überlegte bei ſich, wie er in dem vermutheten Falle den geiſtlichen Herrn am eheſten dazu beſtimmen könnte, die verhängnißvollen Schritte gegen den vielleicht noch wie mancher Ver⸗ gehen ſchuldigen Abenteurer ſelber einzuleiten. Es ängſtigte den zartfühlenden und gewiſſenhaften Mann in tiefſter Seele, irgend etwas anzuheben, was unberechenbares Leid und Kummer auf die liebe Frau in Steinheim wälzen könnte. Er hoffte, mit den Befehlen des Kurfürſten, die ihm kein Ver⸗ weilen in Mainz erlaubten, ſich jeder Zumuthung des Prälaten entziehen zu können. Der hohe Geiſtliche empfing ihn im Ornat mit Demantkreuz und Violetkragen.— Bleiben Sie. nur, lieber Regierungsrath! ſagte er, als Moriz ſich mit Entſchuldigung zurück ziehen wollte. Ich will ins Schloß, dem Kurfürſten gückliche Reiſe zu wünſchen; aber ſo viel Zeit haben wir noch für die fatale Geſchichte, und zu längerem Beſuche beehren Sie mich dann einen andern Tag. Oder ja, Sie kommen morgen zu Tiſche. Wiſſen Sie, wenn mein mißbrauchtes Siegel wahrſcheinlich zur Laſt fällt? Doch nein, Sie könnens nicht errathen. Oder hätten Sie ſchon gehört, daß Ihr Bruder hier iſt, mein leichtſinniger Pathe? 6 Mein Bruder? fragte Moriz, und die Stimine wollte ihm verſagen. Erſchrecken Sie nicht, lieber Radler! fuhr der Prälat fort. Er iſt mit beſten Vorſätzen heimge⸗ kehrt, der verlorene Sohn, und auch der leichtfertige Streich, deſſen ich ihn im Verdacht habe, ſieht ſchlimmer aus, als er wohl gemeint war. Aber es zeigt ſich da wieder, wie ſchwer es einem Sünder wird, ſich auf beſſern Wegen zu halten, ohne durch Selbſttäuſchung in neue oder vielmehr in die alten Verirrungen zurück zu fallen. Hochwürden⸗Gnaden—? verſetzte mit fragen⸗ der Erwartung der junge Mann. Ich gebe Ihnen ein Räthſel auf, nicht wahr? Nun ja, hören Sie die Löſung! Unſer Lothar iſt mit den beſten Vorſätzen heimgekehrt, ſage ich Ihnen,— will vor allem mit Vater und Geſchwi⸗ ſtern verſöhnt ſein, dazu aber erſt das Vertrauen des Kurfürſten und eine Anſtellung haben, um ein Pfand ſeiner Umkehr und ſeiner Zukunft bieten zu können. Nun hatte ich ihm eine Vollmacht beſiegelt übergeben, um die ſpitzbübiſche Gräfin— wofür — 169— ich ſie hielt, die aber nun eine gar liebe Dame ſein ſoll— in Hanau polizeilich aufheben zu laſſen. Er kam aber von dort mit der Nachricht zurück, daß ſie in unſerm Steinheim ſich aufhalte. Ich wußte das bereits auch von dort ſelbſt, vergaß aber meine Vollmacht zurück zu fordern. Und— ſehen Sie! — gerade dies Siegel könnte mißbraucht worden ſein. Wenigſtens kann ich mich ſchlechterdings auf kein anderes, in jüngſter Zeit gegebenes beſinnen. Und mein Petſchaft iſt nagelneu, erſt ſeit wenigen Wochen angefertigt, und der Abdruck iſt auch nicht von meinem ältern Petſchaft, ſondern eben von dem neuen. Aber, Eure Gnaden,— ich kann mir gar keine Abſicht meines Bruders dabei denken. Ich hoffte vielmehr mittelſt des Siegels auf die Fährte des falſchen Grafen, des Gemahls unſerer Dame zu kommen. Wer anders hätte ein Intereſſe bei dem Zweck, auf den es offenbar mit dem Brief abge⸗ ſehen war? Doch! mein Lieber, rief der Prälat aus. Das iſt es ja, was ich als neue Verirrung Ihres Bru⸗ ders bezeichnet habe. Sehen Sie, er zeigte ſich mir gleich voll Eifers, voller Entrüſtung in dieſer mir ſo fatalen Familienſache und beſtrebte ſich, mir ge⸗ fällig zu ſein. Hat's auch Urſach, für alte und neue Gunſt; denn ich habe den Kurfürſten bereits zu ſeinem Beſten bearbeitet, und Lothar war ſehr erfreut über den guten Witz, womit es mir gelungen iſt. Und, wie geſagt, da hat er ſich heimlich verdient um mich machen wollen, der Pathe, hat den Brief an den Pfarrer Kuhn fabricirt, und das Siegel dazu verwendet. Er wollte nur vor allem die vor⸗ gebliche Gräfin wieder nach Hanau geſchafft wiſſen, verſtehen Sie!— um ſie dann zu packen. Damit hätte er mich allerdings überraſcht und auf ange⸗ nehmere Weiſe, als er mich nun mit der verfälſchten Handſchrift überraſcht. Beſter Regierungsrath, das iſt ein galgenwerthes Talent! Der ehrlichſte Menſch könnte beſchwören, es ſei meine Hand. Nein, lieber Radler, wenn ich ihm auch den ſchlechten Streich, weil er in meinem Intereſſe gut gemeint war, zu verzeihen denke: wegen der Spitzbubenhand muß er eine tüchtige Reprimande haben. Sapperment, damit kann man ja den ehrlichſten Mann um Geld und Gut bringen. Kuckuk noch einmal! Allerdings, ſo ließ es ſich denken, ſagte der Re⸗ gierungsrath, aus ſeinem Nachdenken ſich ermun⸗ ternd ſo— wie es Eure Gnaden— Lieber, beſter Radler, fiel ihm der Prälat in's Wort, indem er ihn mit ſelbſtzufriedenem Lächeln auf die Achſel klopfte,— Menſchenkenntniß! Welt⸗ kenntniß!— Dafür haben wir freilich auch ein halb Jahrhundert auf den Buckel gekriegt und manches eingebüßt, was man ohne Menſchenkennt⸗ niß wohlfeiler bekommt, oder luſtiger hinnimmt. Aber mein Wagen iſt vorgefahren. Begleiten Sie mich hinab! Gehen Sie nun zu Ihrem Bruder, mein Beſter, laſſen ſich die Vollmacht zeigen, und ſehen, ob noch das Siegel daran haftet. Wenn nicht, ſo— wollen wir überlegen, was wir dann zu thun haben. Vor allem muß der Streich geheim bleiben. Wenn ihn der Kurfürſt erführe—! Lothar hat ohnehin ſchon die Gräfin-Couſine gegen ſich. Er hat ſie, ſcheint's, ganz vernachläßigt, und ſich nur der Frau von Ferette in die Arme geworfen. Aber damit hat er's gerade quer angegriffen; denn die gute Eliſabeth ſteht eben in abnehmendem Licht, und wer weiß, wann wieder Neumond bei ihr wird! Ha, ha! Sie waren am Wagen angekommen und Moriz hob den Prälaten hinein. Der Kammerdiener trat zurück und der Lakai ſchwang ſich hinten auf. Wiſſen Eure Gnaden, wo ſich mein Bruder aufhält? fragte Moriz. Ignaz! rief der Probſt aus dem Schlage. Wo wohnt Herr von Radler? Du weißt es ja! Und der Diener antwortete vom Rücken des Wagens herab: Hochwürden⸗Gnaden, der Herr von Radler haben Logis in den drei Reichskronen auf Num⸗ mer drei. Alſo auf Wiederſehen! grüßte der Prälat mit der Hand im vivletten Handſchuh und der Wagen nollteſhit Dieſe unerwartete Ausſage des Lakaien fiel in die ehrerbietige Verneigung des Regierungsrathes und drohte ihn zu Boden zu dricken. Ein uner⸗ S— — 173— meßlicher Abgrund that ſich vor ihm auf.—— Der wahrſcheinliche Fälſcher iſt alſo dein Bruder! Und Corneliens verwerflicher Gatte iſt dein Bruder. Mit dieſen Gedanken des Entſetzens und eines verzweiflungsvollen Inhalts für Morizens Herz, wie es eben geſtimmt war, taumelte der junge Mann fort. Wie er durch die engen Gaſſen in den „König von England“ gekommen ſei, konnte er ſich ſpäter nicht erinnern, und kaum hatte er ſein Zim⸗ mer erreicht, als er auf das Kanape erſchöpft nieder ſank. So blieb er länger liegen, das Geſicht auf die gekreuzten Arme geſtützt, die Bruſt dumpf von unentwirrbaren Gebreſten. Nur nach und nach ſchied ſich das Chaos ſeiner Empfindungen. Er dachte an den alten gebeugten Vater, dem das zur Rettung und Reiſe des ehrloſen Sohnes auf⸗ genommene Kapital noch in hohen Jahren ſo man⸗ ches Entbehren auflegte; er dachte an die Schweſter, die einſt für den hübſchen Bruder ihre Fürſprache und ihre werthvollen Pathengeſchenke hergegeben hatte. Nun auch die liebe Frau, die jetzt mit der Schweſter ſo herrlich war,— die dem ſchmachvollen — Menſchen Angetraute,— ſeinem Bruder, jetzt ihm ſelber— Schwägerin. Ach die Schwägerin! Ein unſägliches Leid durchzuckte ſein Herz und bebte um die Lippen, die ſich zu unvernehmbaren Klagen bewegten. Er hatte, wenn er Corneliens gedachte, die Empfindung von einem unnennbaren Verluſte, und als ob ſein Daſein keinen Werth und keine Beſtimmung mehr hätte. Und doch wat eben ſeine Fahrt von Steinheim in ſo hohen Lüften ge⸗ gangen. Ein täuſchender Zauber hatte ihn unter⸗ wegs ſo hoch getragen, nur um ihn fallen zu laſſen. Eine Angſt trieb ihn aufzuſtehen; eine quälende Unruhe litt ihn nicht im Zimmer. Er verließ den Gaſthof, als eben die Eßglocke ertönte und fand ſich wie aus rettendem Inſtinkte durch das Fiſchthor hinaus an den prächtigen Strom geführt.— Die Handelsthätigkeit, die hier an den Lan⸗ dungsplätzen herrſchte, das Rufen und Jauchzen, das aus Kähnen und Booten erſcholl, daneben der ruhige Strom des mattgrünen Gewäſſers und weit hinüber die auslaufenden Kuppen des Open⸗ waldes über der Bergſtraße in träumeriſchen Duft — 175— gehüllt,— das alles zerſtreute mählich ſeine laſten⸗ den Gedanken und wiegte zwiſchen Muth und Sehn⸗ ſucht ſein Herz. Und wenn doch der Menſch einmal ſo gemacht iſt, daß er ſelbſt am letzten Rande des Mißgeſchicks, ich nach einer Hoffnung von unten oder von oben umſieht: ſo hat ja Moriz, bis jetzt doch nur von einer Wahrſcheinlichkeit geängſtigt, noch eine Strecke Landes vor ſich, auf der ihm unter ſo vielfachen Täuſchungen vielleicht doch aus Nummer drei der drei Reichskronen ein anderer Menſch ent⸗ gegen treten kann, als der unglückſelige Bruder Lothar. Alſo raſch und entſchloſſen umgewendet! Von mitten der Schiffbrücke bis zum Gaſthof am abſchüſſigen Brandplätzchen iſt eine kurze Strecke! 14. kadler gegen Radler? In dieſem Gaſthofe ging es indeß an der Mit⸗ tagstafel ziemlich ausgelafſen zu. Neben den Frem⸗ den und den ſtändigen Gäſten hatte ſich heut eine kleine Geſellſchaft von Angeſtellten aus der Stadt eingefunden, einen Freund zu ehren, der von Worms zu Beſuch gekommen war. Der Gymnaſialprofeſſor Böhmer, ausgezeichnet als Phantaſt unter ſo vielen Phantaſten jener fruchtbaren Zeit, benutzte die an⸗ gehenden Ferien, ſich mit den Maitzer Freiheits⸗ männern über die bevorſtehenden Ereigniſſe zu be⸗ rathen. Man hatte nämlich vorauseilende Nach⸗ richten von der Annäherung eines franzöſiſchen Corps unter General Cuſtine, und wollte für ſo außer⸗ ordentliche Erwartniſſe nicht unvorbereitet bleiben. Unter den vertrauten Freunden,— Profeſſor Hofmann, Doktor Wedekind, Sekretär Steppes, Arzt Ehrmann und andern ſaß auch der Profeſſor der praktiſchen Philoſophie Dr. Dietler bereits in neufranzbſiſchem Anzug. Gerade dieſe Erſcheinung machte manchen ängſtlichen Gaſt ſtutzig, und ſtörte anfangs die hierorts heimiſche Unbefangenheit. Bald aber kam es hergebrachtermaſſen dahin, daß die Tiſchgenoſſen insgeſammt an den Flaſchen ſchweren Weins, die zum Nachtiſche floſſen, ſich be⸗ theiligten. Da löste ſich nach und nach der ängſt⸗ liche Rückhalt, ſo daß auch die vorſichtigſten Gäſte erſt ſtummlächelnden Antheil an den kühnen Reden nahmen, die immer lauter wurden und zuletzt ſich nicht weigern konnten, mit den grünen Rb⸗ mern, aus denen ſie den verführeriſchen Wein ge⸗ meinſam tranken, auch zu den Toaſten anzuſtoßen, vor denen ſie vielleicht in einer nüchterneren Stunde die Flucht ergriffen hätten. Doch kleideten ſich jetzt noch die verwegenſten Trinkſprüche in doppelſinnige Worte. So ließ zum Beiſpiel nur der Ton er⸗ rathen, wie's gemeint war, als Profeſſor Hof⸗ Koenig, Familienabende. 1. 12 ———————— mann mit gehobenem Glaſe ausrief: Morgen keist unſer Kurfürſt ab, wünſchen wir ihm glück⸗ liche Reiſe nach Aſchaffenburg— und weitet! Profeſſor Metternich, der Mathematiker, ſüchte ſeinen Collegen zu überbieten, indem er einen be⸗ tannten Spottnamen auf den alten Hertn laut werden ließ.— Trinken wir auf die glücklichen Er⸗ eigniſſe, rief er, unter denen„die höchſte Schuhu⸗ perrücke“ aus dem Leim gehen wird! Böhmer, der Ehrengaſt, brachte ein Glas auf die nächſte Generation. Meine Frau, ſagte er, das geniale Weib, hält es nicht, wie ihr gelehrter Vater Michaelis in Göttingen, mit dem alten Teſtament. Für das neue, das wir erwarten, gibt ſie mir auch die ſchönſte Hoffnung auf ein neues Glied jener kommenden Generativn, die ſich in der allgemeinen Freiheit ſonnen wird. Ich werde meinem künftigen in der Republik gebornen Sohne, den Namen Gracchus beilegen, und ihm, dem Aufwachſenden, täglich zurufen: Graecchus, mein Sohn, ich erwarte von Dir, daß Du gleich jenen zwei großen, brüder⸗ lichen Römern, deren Namen Du trägſt, ein eif⸗ iger Freund des Volkes und ein unverſöhnlicher Feind der Ariſtokraten ſein wirſt! Erlaubt einem hoffnungsvollen Vater auf das Wohl und Ge⸗ deihen ſeines embryoniſchen Graechus zu trinken. Und zwar aus Römern dem jungen Römer! fiel Lothar ein, der mit jeder neuen Flaſche den Clubverwandten näher gerückt war. Jetzt hatte ihn die verwandte Hoffnung des Profeſſors vol⸗ lends aufgeregt und, als könnte er die höhniſche Nachricht des Doktors in Hanau mit einem Trumpf niederſchlagen, rief er: Sie haben zweier edeln Gracchen gedacht, Pro⸗ feſſor. Laſſen Sie mich für den Fall Ihre vor⸗ treffliche Frau— Karvline heißt ſie! ſchrie Böhmer, und Lothar fuhr fort; Frau Karoline Sie nicht mit Zwillingen be⸗ glückt— laſſen Sie mich, ſage ich, Beſchlag legen auf die Stelle des zweiten Monſieur Gracchus! Nichts Monſieur,— Bürger Gracchus! ſiel Böhmer ein. Aber es bleibt dabei! Ich be⸗ 12* halte den Tiberius Sempronius für mich und Sie nehmen den Cajus für Ihren Kleinen, und— Beiden jungen edeln Gracchen Mag das freie Deutſchland lachen!— hoch! Solches wilde Waſſer von Reden ſuchten die Beſonneneren abzuleiten, und friſche Ouellen von Neuigkeiten in ruhige Geſpräche zu faſſen. Doktor Wedekind theilte Nachrichten aus der Champagne mit, wo es ſchlimm um den Feldzug der Preußen ausſah. Er hatte beim Bibliothekar Forſter, deſſen Frau er ärztlich behandelte, einen Brief Gvethe's an Sömmering, den Naturforſcher, geleſen, aus dem Lager bei Landres und Grandpré geſchrieben, nachdem der Dichter ſich des überraſchenden Farben⸗ ſpiels in einem Waſſerloch erfreut hatte. In dieſem Briefe war ſehr launig der Klagen eines Marquis gedacht, der den König von Preußen wahrer Grau⸗ ſamkeit gegen die franzöſiſchen Prinzen beſchuldigt hatte. Beim Ausmarſch von Glorieux habe der König nämlich, unerachtet des ſchrecklichſten Regens keinen Ueberrock angezogen, keinen Mantel umge⸗ nommen, da denn die königlichen Prinzen von Frank⸗ reich ebenfalls ſich dergleichen wetterabwehrende Gewande hätten verſagen müſſen. Mit dem heitern Lachen, das dieſe Anekdote her⸗ vorrief, brachen einzelne Gäſte auf. Auch L Lothar, ſeines glühenden Kopfes nicht mehr Herr, ſchlich ſich fort auf ſein Zimmer. Als jetzt der Regierungsrath gegen das Haus kam, empfing ihn der Wirth, der die weggehenden Gäſte geleitete, mit lebhafter Höflichkeit und mit dem Bedauern, daß der Herr Regierungsrath dies⸗ mal die drei Reichskronen umgangen habe. Auf die Frage, ob der Herr auf Nr. 3 zu Hauſe ſei, lachte der Wirth mit den Worten: Der Herr Bruder? O ja! Sind eben von Tiſch hinauf! Glücklicherweiſe hatte der aufmerkſame Wirth einigen fortgehenden Herren„vergnügten Nachmit⸗ tag“ zu wünſchen, ſo daß er den Eindruck des Schrecks und die Bläſſe nicht bemerkte, die ſein lachender Beſcheid auf Morizens Angeſicht hervor⸗ gerufen hatte. Mit klopfendem Herzen ſtieg er die Treppe hin⸗ auf und blieb oben, nach Faſſung athmend, einige Augenblicke ſtehen. Der flüchtige Gedanke, mit welch' entſetzlichem Leichtſinn der nichtswündige Bruder hier keck in den Tag hinein lebe, erfüllte ſeine Bruſt mit Unwillen. Mit dieſer Entrüſtung klopfte er an, und trat in das Zimmer. Lothar hatte ſich, den Rock ausgezogen, und die Weſte aufgeknöpft, in einen Großvaterſtuhl geworfen, und war eben am Einſchlummern, als ihn die heftig geöffnete Stubenthür aufſchreckte. Er ſtarrte den Eingetretenen an, ſprang auf und rief, die Arme ausbreitend: Moriz? Du biſt es? Dieſer aber trat einen Schritt zurück, den rechten Arm abwehrend vorgeſtreckt.— Entſchuldigen Sie! ſagte er kalt. Ich kam nicht hierher einen Bruder zu finden, ſondern— auf Nummer 3 den Mann, der— eine Frau von Mauritius erwartet, und ſeine Adreſſe auf dieſe Nummer geſtellt hat. Lothar wendete ſich ab, beide Hände vor das Geſicht geſchlagen. Dieſe Bewegung, von einem ſchmerzlichen Aus⸗ rufe begleitet, erſchütterte Morizen. Eine tiefe Stille entſtand, durchſäuſelt von den Palmenzweigen, wo⸗ mit die Genien der Reue und des Mitleids, ein⸗ ander zuwinkend, zwiſchen den Brüdern ſchwebten. Wer aber, leider! dies Säuſeln überhörte, war Lothar. Sein Blut, von den genoſſenen ſchweren Weinen erhitzt, ſtürmte nur allzubald wieder auf. —— Und was wollen Sie von dem Manne der Frau von Mauritius, Herr Regierungsrath? fragte er, mit kecker Geberde vortretend. Der Regierungsrath hat hier nichts zu thun, erwiderte Moriz, mit entzweiter Empfindung an ſich haltend. Was der Freund einer edeln, lieben, getäuſchten Frau hier wollte, laſſe ich hingeſtellt ſein, nachdem ich in jenem Manne den Bruder ge⸗ funden. Vielleicht wollte Corneliens brüderlicher Freund nur den in. Mainz bisher unbekannten Gra⸗ fen von der Leyen kennen lernen. Ich wünſche dieſe Bekanntſchaft nicht mehr, und es ſollte mir leid thun, wenn der Herr von Bibra, der Hofrichter und Vicedom, die Bekanntſchaft ſuchte. Nein! Aber da ich den Bruder hier finde, ſo habe ich an Den einen andern Auftrag. Der Herr Domprobſt wünſcht die Vollmacht zurück zu erhalten, die er für Dich nach Hanau gegeben hatte. Die Vollmacht? fragte Lothar betroffen und ſich bedenkend. Ach das überflüſſige, unnütze Pa⸗ pier habe ich nicht aufbewahrt! Ich glaub's, entgegnete Moriz. Nachdem Du das Siegel verbraucht hatteſt, war das Papier vollends unnütz geworden. Das Siegel hat ſich aber wieder gefunden: unſere Juliane hat's auf dem Schreiben an den Steinheimer Pfarrer aufge⸗ klebt entdeckt. Schlechte Arbeit! Und unſer Oheim hat's an den Probſt zurück geſchickt, und Der hat mich an Dich gewieſen. Das nennt man die Neme⸗ ſis! Ein mißhandeltes Wappen reißt ſich los von ſeinem unwürdigen Platz, nimmt den Rückweg der Rache und verräth den Fälſcher.—— Du haſt mir weiter nichts zu ſagen?—— Gut! Auch ich bin fertig. Leider kann ich mit keiner Anerkennung Deines Talentes ſcheiden— falſche Handſchriften zu machen. Moriz! rief Lothar, und ſtürzte mit geballten Fäuſten gegen den Bruder, blieb aber von deſſen ruhigen Blicken wie gebannt ſtehen. Der Wein⸗ rauſch, den ſein kräftiges Naturel ſo zu ſagen ge⸗ bunden gehalten hatte, ſchien nun von der heftigen Gemüthsbewegung entfeſſelt zu werden. Lothar's Geſicht glühte und ſeine Zunge wurde unſicher für die Worte ſeiner Aufwallungen.— Du kommſt zu ſpät mit Predigten, Brüderchen, lachte er wild, nachdem Du des Vaters Wunſch, ein Pfaff zu werden, verſchmäht haſt. Schwerlich, eiferte Moriz, hätte ich von der Kanzel herab oder mit einem Kapitelskreuze auf der Bruſt den Unſegen bannen können, den Du über des Vaters weißes Haupt gebracht haſt. Jetzt ſchweig! fuhr Lothar auf. Jetzt iſt's ge⸗ nug, oder—! Du biſt mein Vormund nicht, mein Richter nicht. Geh' Deiner Wege! Wer hat Dich gerufen? Niſche Dich nicht in meine Sache! Deine Sache? rief Moriz, und ſteigerte ſich in ſprechendem Eifer. Es iſt der Name Radler, den Du entwürdigt haſt, alſo auch mein Name;— es „ — 186— iſt die Sache eines gebeugten Vaters, dem ein ſöl⸗ cher Sohn ſo wieder zurückkehrt; es iſt meine Sache, des Bruders einer jungfräulichen Schweſter, die mit unſerem Namen geehrt ſein will; es iſt meine Sache als ritterlichen Schwagers einer liebenswürdigen, edeln Frau, die Du getäuſcht haſt und in die Gefahren Deiner verfolgten Wege, Deiner ſteckbrieflichen Verbrechen ziehſt. O beim ewigen Gott! es wäre viel werth, wenn es Deine alleinige Sache wäre, ein Schurke zu ſein! Er wendete ſich zu gehen; allein Lothar mit einem Tigerſprung faßte ihn am Arm, und führte ihn an's andere Ende des Zimmers. Er zitterte und brachte mit bebenden Lippen und ſchwerer Zunge nur die Worte hervor: Schimpfen und fortlaufen? Oho! Radler gegen Radler! Hier! Er nahm, wahrſcheinlich für verzweifelte Fälle bereit liegend, zwei Piſtolen aus einem offen ſtehen⸗ den Commodefach und fuhr fort: Hier! Bleikugel⸗Inſtanz iſt unſer privilegirter Gerichtsſtand. Hier nimm! Ich trete an die Thür, Du da vor den Seſſel, in den ich Dich nieder⸗ ſchmettern werde. Du ſchießeſt zuerſt! Allons, Du kommſt auf Ehre ohne Schuß nicht hinaus. Mach' nicht lang! Er hatte eine Piſtole neben Moriz auf den Tiſch gelegt, und war an die Thür getreten, wo er Poſitivn nahm. Lothar, beſinne Dich, wo Du biſt und wer wir ſind! mahnte mit Ruhe und Nachdruck der Bruder. Beſinne Du Dich, daß man nicht ungezüchtigt beleidigen darf, verſetzte Lothar. Du kommſt nicht fort, vhne— Wo wir ſind? Die drei Reichskronen fallen nicht herab, wenn's auf Nummer 3 zweimal knallt. Alſo—! Du willſt nicht? Hör', Menſch, ich will kurz ſein! Glaubſt Du, Moriz, daß nach Allem und Allem noch ein Edelmannsplätzchen in meinem Herzen iſt, wenn auch nur— Haſel⸗ nuß groß? Das mag ſein! Mag ſein? Gut! Dann ſteh' ich jetzt auf dieſem Plätzchen, und ſo wahr ich darauf noch Radler heiße, ſo gewiß erſchieße ich Dich hier auf dieſen Dielen, wenn Du Dich nicht ſchlägſt! Gott ſtrafe mich auf dem Platz, wenn ich dies Wort breche! Und— braucht's noch mehr Ver⸗ ſicherung, daß ich ſchieße? Meinſt Du denn, ich verſtände dieſen Nachtigallenton in Deiner Kehle nicht? Dieſen Kuckuksruf? Auf denn! Es gilt um dieſe—„edle, unglückliche, liebenswürdige Frau!“ Es gilt, es gilt bei allen Teufeln! Auf! Eins, zwei, drei! Der Hahn knackte, er ſchlug an. Die Wildheit des Tons und des Geſichts⸗ ausdruckes, die tollerwachte Leivenſchaft der Eifer⸗ ſucht machten Morizen, wenn auch nicht ängſtlich für ſich, doch beſorgt wegen einer That, für deren Erwägung dem wahnſinnigen Menſchen der letzte Funke von Beſonnenheit ausgegangen ſchien. Nach flüchtiger Ueberlegung nahm Moriz die Pi⸗ ſtole auf.— Gut! ſagte er, Du zwingſt mich. Ich will Dich nicht zum Meuchelmörder machen! Sind doch die Piſtolen gleichmäßig geladen? Gewiß: — Gewiß? Sonſt habe ich die Wahl, Lothar, denn ich kenne Deine Waffe nicht! Gut! Wähle, welche Du willſt. Da! Er hielt dem Bruder ſeine Piſtole hin. Raſch ergriff ſie Moriz zu der ſeinigen, ſprang in kurzer Wendung einige Schritte der Thür zu, und ſchlug dabei mit dem geſpannten Sackpuffer in der Rechten gegen Lothar an, indem er mit ruhigem Ernſt ſagte: Jetzt, Unbeſonnener, ſchieße ich, und werd's verantworten, wenn ich mich gegen Meuchelmord wehre. Dort ſetz' Dich in den Seſſel, und— rühre Dich nicht, und höre, was ich Dir zu ſagen habe!— Der verblüffte, ſich ernüchternde Lothar zog ſich zurück und blieb auf den Tiſch geſtützt ſtehen. Moriz trat an die Stubenthür. Höre! ſagte er, der Domprobſt, Dein Pathe, nimmt an, Du habeſt mit dem falſchen Brief in ſeinem Intereſſe gehandelt, und die Gräfin nach Hanau zu locken geſucht, ihrer habhaft zu werden. Er iſt geneigt, — 190— Dir den Mißbrauch ſeines Siegels zu vergeben. Den Mißbrauch ſeines Namens vermuthet er noch nicht von Dir. Setze Dich mit ihm, und ordne Du ſelbſt Deine nächſte Zunkunft. Cor⸗ nelien bringen wir zum Vater. Sie iſt Julianen innig befreundet, und ſobald ſie die ehrenwerthe Familie kennt, der ſie ſo unerwartet angehört, werden wir ihr eröffnen, wer Du biſt. Mag ſie dann wählen ob ſie bei uns bleiben oder einem Abenteurer folgen will. Wage es aber nicht ſie zu beunruhigen! Will ſie von Dir geſchieden ſein, — ich glaube ſie hat Grund genug dafür und könnte vielleicht ſelbſt in unſerer Kirche geſchieden werden, wegen Irrthums in der Perſon. Sie hat ſich einem Grafen von der Leyen vermählt, und ſolcher exiſtirt nicht. Sie iſt frei ihres Idols, ſie iſt Witwe eines Phantoms. Er hatte inzwiſchen die Thür entriegelt und die Klingel angezogen. Als ein Kellner eintrat, ſagte Moriz: Hier nehmen Sie die Piſtolen, ziehen die alten Kugeln heraus und bringen Sie dann dem Herrn Baron zurück. Er denkt morgen zu ver⸗ reiſen.— Adieu, Lothar! Er ging raſch dem Kellner voraus. Hinter ihm blieb es ſtill. 15. Wird ſie ihn aufgeben? Zwei pralle Körper, je härter ſie zuſammen ſtoßen, fahren um ſo weiter auseinander. Aehnlicherweiſe erging es beiden Brüdern nach jenem leidenſchaftlichen Begegnen, worin beide ſich vergaßen:— ſie flohen einander ſo, daß ihnen ſogar die Stadt zu enge wurde. Die Unruhe ließ Morizen nicht dazu kommen, ſein übergangenes Mittagmahl nachzuholen. Am lieb⸗ ſten wäre er ſogleich abgereist, hätte ihn nicht der doppelte Zweifel zurückgehalten, wie viel er von ſeinen unglücklichen Entdeckungen dem Domprobſte mittheilen dürfe, und welchen Rückweg nach Aſchaffenburg er nehmen ſolle. Der Bruder und — die liebe Frau ſtanden vor ſeiner Seele,— — 193— Haß und Neigung begegneten ſich in ſeiner Vut; do ch wie heftig auch ſein entzweites Herz ſchlug: die Stimme der Vernunft oder des Gewiſſens erhob ſich laut und lauter gegen alle Sophiſterei der Leidenſchaft. In dieſer Entzweiung fühlte er das Bedürf⸗ niß eines beruhigenden Blicks in die Natur oder in eine ideale Welt. Der frühe Abend der Jahres⸗ zeit und die Scheu vor begegnenden Bekannten hielten ihn von einem Spaziergange ab, und er entſchloß ſich, ins Theater zu gehen. Die Theatergeſellſchaft, früher zwiſchen Mainz und Frankfurt abwechſelnd, war ſeit Kurzem für Mainz ausſchließend übernommen, und beeiferte ſich im Schauſpiel und in der Oper. So' ſehr ſonſt Moriz die Muſik liebte, war es ihm in ſeiner jetzigen Stimmung doch lieb, daß Salieri's „Arur, König von Ormus“, wegen Unwohlſeins des Dirigenten Stegemann und der Sängerin Madame Schick, für heute eausgeſetzt war, und da⸗ für„Otto von Wittelsbach“ gegeben wurde. Die Ausführung ging gut; der Direktor Koch und Kvenig, Familienabende. 1 13 Madame Eunike ſpielten ausgezeichnet und Moriz tehrte wirklich von dem Anblick einer kühnen, aber bedeutſamen That mit jener innern Er⸗ hebung zurück, die unſere Seele von ſelbſtſüchtiger Stimmung reinigt. In dieſer Faſſung des Gemüths ſchrieb er noch am Spätabend an die Schweſter Juliane und an den Domprobſt. Gegen letzteren entſchuldigte er ſeine frühe Abreiſe, die ihn abhalte, Seinen Gnaden perſönlich zu berichten, mit dem Befehle des Kurfürſten zu einem Vortrage in Aſchaffen⸗ burg und bemerkte wegen des erhaltenen Auf⸗ trags wörtlich: „Mein unglücklicher Bruder Lothar will die von Ew. Gnaden erhaltene Vollmacht nicht aufbewahrt haben, wagte aber doch nicht, meine Beſchuldigung einer Verwen⸗ dung des Siegels zu jenem falſchen Schrei⸗ ben an den Pfarrer Kuhn in Abrede zu ſtellen. Ich habe ihm gerathen, ſich Cw. Gnaden zu ſubmittiren, und hoffe, er wird dieſer Schuldigkeit nachkommen.— Gebe — 195— der Himmel, daß ihm nicht auch noch Anderes zu Schuld liege, und daß er, wo möglich bald in einem Licht erſcheine, worin er ſich einer tiefbekümmmerten Familie wieder nähern könne!“—— Er hatte bei dieſem Schlußſeufzer, ohne den Bruder anklagen zu wollen, den Fall im Auge, daß der Domprobſt noch auf anderem Wege hinter den Mißbrauch ſeines Familien⸗Namens kommen könnte.— In der Frühe des andern Tags reiſte Moriz ab, innig erquickt, als er die Stadt hinter ſich hatte, und über das Gebälk der Schiffbrücke rollend, den erſten Strahl der Sonne begrüßte, die eben den dichten Nebel des Stromthales durch⸗ brach. Anders hatte Lothar den Zuſammenſtoß mit dem Bruder aufgenommen. Die Elaſticität der Seele, mit der beide zuſam⸗ men trafen, war zu ungleich; ſie ruhte bei Lothar weniger in ſeinem ſittlichen Kern, ſondern rührte mehr aus dem erregten Blut und den Aufwallungen — 196— des Gemüths her. So wurde er, als der ſiütlich Schwächere, von dem Anſtoße mit einer ehrenhaften Natur weiter zurückgeworfen, als Moriz, den nicht ſowohl die fremde Kraft, als ein Widerſpruch in ſeinen edelſten Empfindungen betroffen hatte. Lothar war durch dieſen Auftritt ernüchtert genug geworden, um den Gedanken an Gefahren zu faſſen, die hinter ſeinen aufgedeckten Täuſchungen lauern möchten. Hatte ſein Herz auch noch nicht jede Em⸗ pfänglichkeit, jede Vorausſetzung von Edelmuth ein⸗ gebüßt: ſo verwirrte ihn jetzt doch über den recht⸗ ſchaffenen Bruder eine nicht ganz irrige Eiferſucht. Die warmen, lebhaften Empfindungen, womit Mo⸗ riz ſich über Corneliens Unglück und den Unwerth ihres Gatten ausgelaſſen hatte, fanden in Lothars ſchuldbewußter Seele einen ſich verſtärkenden Wie⸗— derhall. Er traute dem Bruder zu, daß er nichts unterlaſſen würde, was ihn ſelber in Corneliens Augen über ihren herabgeſetzten Mann erheben könnte. Hatte Moriz doch bereits das Wort der Scheidung fallen laſſen. Dies Wort kam aller⸗ dings aus einer Untiefe des Herzens, in die er ſelbſt mit klarem Bewußtſein noch nicht geblickt hatte. Gerade daher trug es aber auch einen ſo myſteriöſen Klang, daß der ohnehin leidenſchaftlich verwirrte Lothar, anſtatt dabei, wie Moriz, an das Wohl und die Ehre ſeiner Gemahlin zu denken, den Gedanken an Scheidung nur mit Abſichten des Bruders in Verbindung brachte, und von Eiferſucht und Angſt abwechſelnd gefoltert wurde. Denn er ſah ſich nun als den auf Betrug ausgegangenen Grafen vom Bruder verrathen. Dieſer war ja vom Domprob⸗ ſten abgeordnet erſchienen, und Lothar wußte, wie entſchloſſen der Prälat das Vergehen gegen ſeinen Familiennamen zu verfolgen ſuchte. Aber dieſe Verfolgung allein war es nicht, was ihn ängſtigte: ſein Fortkommen, ſeine Exiſtenz in Mainz hing daran, und die Steckbriefe aus Norddeutſchland, die ihn unter ſeinem wahren Namen nicht ſo leicht finden konnten, kamen dem Verrath'nen wieder auf die Spur. So fühlte Lothar ſich in W Norizens Macht gegeben, der ihn durch ſeine Enthüllungen zur Flacht aus Mainz nöthigen konnte; da denn Cornelie rechtlichen Grund genug hatte, als Ge⸗ täuſchte und Verlaſſ'ne auf Scheidung zu klagen. Aber Moriz,— wird er ſich ſo weit vergeſſen, wird er ſo feindſelig gegen den Bruder handeln können? Bei dieſem Zweifel erinnerte ſich Lothar jener Aeußerung Morizens gegen den Kellner:„Der Herr Baron denkt morgen zu verreiſen.“ Wie? fragte er ſich, iſt es eine Argliſt vder das letzte brüderliche Wohlwollen, daß er ſelbſt mir den Wink zur Flucht gibt?— Es fiel ihm nicht ein, daß Moriz damit nur allen Verdacht wegen Verwendung der Piſtolen hatte entfernen wollen. Solche Gedanken ſtürmten in Lothar's Bruſt. Angſt und Entrüſtung wechſelten und beſtritten ein⸗ ander den Entſchluß zum Handeln, und dieſe Un⸗ ſchlüſſigkeit ſelbſt mahnte immer wieder zur Flucht. Aerger und Ungeduld über ſich ſelbſt trieben ihn im Zimmer umher, bis die Betrachtung dazu kam, daß an all' dieſem Wirrſal der verwünſchte Brief an den Pfarrer und das ſchlecht aufgeklebte Siegel Schuld ſeien, die auf die Fährte des Thäters geführt hatten. — Was? rief er laut und heftig, des Thäters? 409 Wer iſt der Thäter? Ich nicht! Wer hat den Rath gegeben und ausgeführt? Doctor Ehrmann und kein anderer! Beim Teufel! Wenn es verrückte Hof⸗ räthe gibt, ſo iſt er einer. Das will ich ihm ſa⸗ gen, und er muß Rath ſchaffen, oder— er ſoll die letzte falſche Handſchriſt gemacht haben! Hiermit warf Lothar einen Abendmantel um, und eilte fort,— durch die verſteckteſten Gäßchen, die nach Ehrmanns Wohnung führten. WMoriz, der am Morgen vor dem Kurfürſten Mainz verlaſſen hatte, fuhr heute nur bis Flörs⸗ heim, wo ſein ehemaliger Hauslehrer Würdt⸗ wein, Pfarrer und Camerarius des Landkapitels, war. Bei dieſem freiſinnigen, herzlichen Manne, der auch als Doctor der Theologie eine höhere wiſſenſchaftliche Bildung beſaß, hoffte der Regie⸗ rungsrath in heitern Geſprächen zu einer Beruhi⸗ gung und Klarheit über ſich ſelbſt zu kommen, ehe er die Schweſter träfe, die er auf den folgenden Nachmittag nach ihrem nachbarlichen Dorf Auheim eingeladen hatte. Hier traf er um Mittag, über Hanau kommend, ein. Es war ein anmuthiger Septembertag von milder balſamiſcher Luft unter halbbedecktem Him⸗ mel. Er ließ ſich ein einfaches Mahl im Wirths⸗ hausgarten anrichten, an welchem dicht der Main⸗ ſtrom hinzieht, und etwas weiter unten eine Wen⸗ dung nach dem nahen Steinheim nimmt. Er war bald fertig mit ſeinen drei Schüſſeln, überließ die Flaſche ſtarken Michelbachers, der dort an den nachbarlichen Bergen des Freigerichts im guten Weinjahre 1783 gewachſen war, ſeinem Kut⸗ ſcher, und wandelte, mit dem Ausblick auf das hoch⸗ gelegene Steinheim, den Fußpfad am rechten Main⸗ ufer hinab. Um ihn her auf der weiten Ebene herrſchte die Ruhe, die von abgeärnteten Feldern Beſitz nimmt. Belebter war der Strom, der Flöße mit Holz, Bvote mit rothen Bruchſteinen und Ladun⸗ gen neuer Weinfäſſer gelaſſen zu Thal trug. Andere, in Frankfurt gelöſchte Schiffe gingen, von ſchweren Gäulen gezogen, ſtromaufwärts, und das Halloh der ſich begegnenden Schiffer erſcholl luſtig über dis weite Gefild. Dieſen Eindrücken träumeriſch hingegeben, ward 201— Moriz von der Schweſter, die er erwartete, doch überraſcht. Frohen, aber doch fragenden Blicks trat Juliane ihm entgegen. Daß der Bruder in ſeinem Mainzer Briefchen ſie allein und insgeheim herüber beſchieden hatte, ſtatt dahin zu kommen, wo er vor wenig Tagen mit der Zuſage ſeiner Rückkehr geſchieden war, hatte ſie tiefer beunruhigt, als er es zu erwarten ſchien. Er wußte ja nichts von ihrer früheren Beſorgniß, die ſeit dem Beſuche Doctor Riviéres zu einer deſſen geſteigert war, wo⸗ mit Moriz jetzt noch ſie zu erſchrecken fürchtete. So kam es, daß ſie ſ ausſprach, womit er ſelber einleitend noch an ſich hielt,— ob er den Mann auf Nummer 3 der drei Reichskronen getroffen, und — ob Corneliens Gatte nicht vielleicht eine mit Bruder Lothar ſei. Und doch blieb das Ja noch immer ſchreckhaft genug für die Schweſter, und tönte noch einmal ſchreckhaft auch für Moriz zurück. Stumm und tief bewegt wandelten beide neben einander, bis ſie den Garten erreichten, wo ihnen unter leiſem Geſpräche der aufgetrag'ne Kaffee erkaltete. Moriz erzählte ihr den Gang ſeiner Entveckungen und den ſchrecklichen Auftritt mit Lothar. Sie über⸗ legten, was nun zu thun ſei. Es war jetzt eine Sache der Familie geworden: eine Schwägerin, eine Schwiegertochter, ſonderbar herbeigeführt, ſtand dicht an der Schwelle des Hauſes und begrüßte mit ihrem Namen, der ihr ſelbſt noch fremd war, die fremden Angehörigen.—— Ach ja, liebſter Moriz, rief Juliane aus, iſt es nicht wunderbar? Ein Geheimniß wird uns mit einer Warnung zu heimlicher Prüfung überliefert, und wie wir's öffnen, enthält es einen Gewinn und einen Verluſt für uns ſelbſt, beides unabgewogen. Ja wohl, liebe Juliane! erwiderte er. Wie wird aber der gute Papa ſeinen Antheil hinnehmen, den er noch nicht zu ſchätzen weiß, und der ihn nur mit neuem Kummer an den aufgegebenen Sohn erinnert? Und dieſen ſelbſt noch aufgebenswerther, noch ſchuldiger macht! verſetzte ſie. Jedenfalls kommen wir beide am beſten dabei ab; wir kannten und ſchätzten den Gewinn, ehe wir wußten, daß er un⸗ ſer war. Aber die arme Cornelie? wendete Moriz ein. Sie gewinnt freilich dreifach,— eine Schweſter,— einen Schwiegervater und— wenn ihr der Schwa⸗ ger ein Gewinn iſt, auch mich: werden wir ihr je⸗ doch ein Erſatz ſein für den Gatten, den ſie dabei verliert? Denn eigentlich verliert ſie doch allein: wir haben ja längſt verloren, was wir aufgeben mußten. Oder,— glaubſt du, Juliane, daß ſie ihn nicht wird aufgeben wollen? Dem ſeelenvollen Blicke der Schweſter entging die ängſtliche Bewegung des Bruders nicht. Sie bangte ja ſchon früher um ſeine Empfindungen für Cornelie; doch wie viel lieber hätte ſie für ſein Herz gehofft, als daß ſie bangte! Sie billigte ſeine errathenen Wünſche nicht, und konnte ihnen doch die zärtlichſte Theilnahme nicht verſagen. Ihr recht⸗ ſchaffenes Herz war ja doch ein ſchweſterliches! Ob Cornelie ihn aufgeben wird? antwortete ſie mit Ueberlegung. Ich möchte es nicht voraus ſa⸗ gen. Ein rechtes Frauenherz verzweifelt nicht leicht an dem Mann ihrer Liebe; es traut gern der Stärke, womit es ſich ſelbſt für ihn aufgeben kann, auch die Macht zu, den Geliebten zu halten, zu erheben, zu verwandeln. Nur fürchte ich nach der Art und Weiſe, wie ſie unſern Lothar lieb gewonnen und ſich ihn gegen ihren Vater ertrotzt hat, daß es die rechte Liebe nicht war. Mir bangt, ſie büßt mit dem Gra⸗ fen auch den Gatten ein. Sie iſt über die Beweg⸗ gründe ihrer Zuneigung klar geworden, ehe dieſel⸗ ben ſich mehr veredeln konnten. Denn was ohne Zweifel von echter Liebe in einem ſo innigen Herzen allmählich aufgegangen wäre, hat Lothar leider! durch Lug und Trug allzuraſch im Keim erſtickt. Cornelie ahnt ſeine Täuſchungen, und ſieht ſolche jetzt ſchon als verdiente Buße für die Selbſttäu⸗ ſchung über ihre Zuneigung an, und bei ſolcher Bußfertigkeit, lieber Moriz,— ſteht ſie da nicht auf dem Punkte nur noch der Losſprechung zu be⸗ dürfen? Glaubſt du, Juliane? fragte er lebhaft, und mochte das Wort„Losſprechung“ im Sinn einer Scheidung nehmen. Aber— wir müſſen noch Ei⸗ nes bedenken, liebe Schweſter! Die Entfernung mildert; ſie legt ihren bläulichen, ſehnſuchterwecken⸗ den Duft— wie um die rauhen öden Gebirgs⸗ — ſo auch um die Felſen und Abgründe der Menſchenherzen. In dieſer günſtigen Beleuchtung ſteht jetzt Lothar,— in jenem milden Duft, aus dem er ſich erſt um ſie bewarb, und jetzt ein Unter⸗ kommen für ſie ſucht. Doch, wenn dieſe Empfin⸗ dung,— ſelbſt wieder gleich jenem Gebirgszauber eine Täuſchung— ihr Herz auch für den Moment verſöhnlich ſtimmte: müßten wir ſie mit geſchwiſter⸗ licher Ehrlichkeit nicht vor einem Manne warnen, der auf's Neue durch unverbeſſerlichen Hang zum Falſchen und Fälſchen bewieſen hat, daß kein Verlaß auf ihn iſt, und daß Cornelie mithin nur einem unausbleiblichen, verderbenden Jammer entgegen geht? Nun denn, rief Juliane, ſo komm mit hin⸗ über, und ſprich du ſelber mit der lieben Frau! Enthülle ihr das Geheimniß ihrer Che, löſe ihr das Räthſel ihrer Zukunft! Du kennſt und be⸗ greifſt am beſten Lothars ſittlichen Zuſtand, ſeine — 206— hoffnungsloſe Lage in Mainz. Mir nimmſt du zugleich eine ſchmerzliche Aufgabe vom Herzen, und wirſt als Mann und Schwager dem Ausbruch ihres Leidmuthes mehr imponiren, ſie mehr auf⸗ richten. Moriz ſchüttelte mit wehmüthigem Lächeln den Kopf, indem er leiſer noch, als bisher ſprach: Nein, Juliane, ich nicht! Ich muß dir Eines noch bekennèn, was ich in meiner Mittheilung über⸗ gangen habe. Der leidenſchaftliche Ausbruch des Bruders, die Wildheit ſeiner Herausforderung ent⸗ ſprang aus plötzlich gefaßter Eiferſucht. Freilich empfand ich, in meiner gerechten Eutrüſtung über ihn, vielleicht allzu lebhaft das Unglück Corneliens, und ſprach in Ausdrücken von ihr, die ihm Argwohn erweckten. Das hätte nun an ſich nichts zu ſagen gehabt, Juliane;— aber ſeine Vorwürfe machten mich klar über die Empfindungen meines Herzens, über die ich mich noch getäuſcht hatte, und trafen ſo, wenn auch noch keine Schuld, doch eine Wahrheit, und eine Gefahr in meiner Seele. 2 —— O, meine hetzliche Juliane, laß es mich dir ausſprechen! Wie lag, als ich euch beide letzt da drüben verließ, mein Leben in wunderbarem Glanz und mit einer ſeligen Fernſicht vor mir da! Ach, ich bedachte nicht, woher dieſer plötzliche Zaubtt kam! Nun weiß ich's und das Trugbild meines Her⸗ zens iſt dahin! Ich darf Cornelien nicht wieder ſehen. Ich will es wenigſtens jetzt nicht, wo es darum gilt, was ſie zu thun und zu laſſen habe. Mag ſie darüber mit ihrem eigenen Herzen zu Rathe gehen: das meinige iſt nicht unbetheiligt genug bei ihrem Wohl und bei ihrer Wahl. Ich bin in einer Stimmung, in einer Unruhe, wo es für mich und für ſie zu bedenklich iſt, nicht zu viel und nicht zu wenig zu thun, und wo man ſich mit dem reinſten Willen am Ende über Das beunruhigt oder betrübt, was man gethan hat. Er ſchwieg. Nach einer Weile gab ihm Ju⸗ liane mit gerührtem Zunicken die Hand und ſagte: So muß ich denn der lieben Frau entdecken— Oder meinſt Du, wir ſollten damit noch warten? — Ueberlege Dir's ſelber, liebe Schweſter, ant⸗ — 208 wortete er, und thue nach Deinem Herzen. Laß mich auch gar nichts ſagen, wo mein Herz bei den Folgen ſo betheiligt iſt.— Ich gehe nach Aſchaffenburg und bereite den Vater vor. Er wird gewiß Cornelien zu ſich einladen. Bis dahin haſt Du ihr entdeckt, oder wirſt ihr dann eröffnen, was ſie uns iſt und bleiben ſoll,— ein theures, willkommenes Glied der Familie, ein Erſatz, eine Vergütung für den mißrathenen Sohn des Hauſes. Juliane, die ſo das Aengſtliche übethahm, hatte noch manches zu fragen, und auch Moris, der ſie eine Strecke rückwegs begleitete, gefiel ſich zu zögern. Endlich mußte doch geſchieden ſein. Nit einem Blicke nach dem nahen Steinheim und ins Auge der Schweſter ſagte er ihr Lebe⸗ wohl, und Juliane hatte ihn verſtanden. 209 16 Was? Kein Cnjus? An demſelben freundlichen Nachmittage ſtand Lothar hinter dem Dom in Worms vor einem Hauſe mit ziemlich hoher ſteinerner Treppe über dem gewölbten Kellereingang, und blickte nach dem Erker hinauf. Ein vorüber gehender Bürger beſchied ihn mit abgenommenem dreieckigen Schlapp⸗ hute, daß dies die Wohnung des Herrn Profeſſors Böhmer ſei, und ſo ſchritt er der Treppe zu. Einen Brief des Profeſſors hatte er aus dem Wirthshauſe voraus geſchickt, und kam nun, ſich der Profeſſorin vorzuſtellen. Eine junge hübſche Frau, etwas nachläſſig in Halbtrauer angezogen, empfing ihn an einem Tiſchchen im Erker. Ein langes, leichtes Tuch Koenig, Familienabende. 1. 14 hing über ihren Schooß, als ſie ſich erhob. Sie hieß Lotharn willkommen, bot ihm den zweiten Stuhl im Erker an, und nahm den ihrigen wiever ein. Sein Brief lag noch auf dem kleinen Tiſche zwiſchen ihrem Arbeitskörbchen und einem aufgeſchlagenen Buche. Hier hab' ich Ihr Signalement liegen, Herr Baron, und kann Sie im guten Erkerlichte gleich muſtern! ſagte ſie ſcherzend und höchſt unbefangen in Ton und Manier. Sie haben den Brief ſelbſt mitgebracht; es iſt mithin kein Steckbrief. Und Flüchtling gemeldet. 5 doch ſind Sie mir al Flüchtling nur aus Vorſicht, wendete er läch⸗ lend ein, bis es ſich zeigt, wie ein luſtiger Streich ausſchlagen wird. Nun,— Sie wiſſen ja. Doch nicht, Herr Baron! Mein Mann ſchreibt mir kurz, ich ſoll Sie hübſch verſteckt halten und Sie würden mir alles erzählen. Das erwarte ich alſo von Ihnen, aber nicht mit dieſem pfif⸗ figen, lauernden Geſicht, ſonſt! Doch warten Sie! In vino veritas! pflegte mein gelehrter Papa zu ſagen, der, wie Sie mir anſehen, vor einiger Zeit das Zeitliche geſegnet hat. ie griff nach einer kleinen Schelle, die auf dem Tiſchchen ſtand. G Nun wohl, im Wein iſt Wahrheit! rief Lothar, das heißt, der Wein macht ſie flott. In dieſem Sinne nehme ich ein Glas an. Sehen Sie doch lächelte Sie. So viel Latein hätte ich Ihnen kaum zugetraut! Ich fürchte nur, Ihre Wahrheit wird ſo ſchwer ſein, daß ſie mehr als ein Glas nöthig haben wird, um flott zu werden. Sie hatte geſchellt und ein allerliebſtes kleines Mädchen von 7 bis 8 Jahren kam wild herein gelaufen, ſah den Fremden verwundert an und machte ſeinen Knix. Komm her, Auguſte, ſagte die Mutter, und gib dem Herrn Baron eins Hand zum Willtomm! Lothar zog die Kleine an ſich. Es war ſchwer, das liebliche Geſchöpf nicht an ſich zu ziehen. 5 14 Mein Gott, wie gleicht Ihnen der Engel! Die Kleine aber entwand ſich ihm mit den Worten: Das ſchickt ſich nicht, Herr Baron! Und Sie ſind auch noch ein Ariſtokrat! Die Mutter lachte laut. Das aber hat der Engel vom Vater! ſagte ſie.— Der Herr iſt unſer Gaſt, Guſtel, fuhr ſie. fort, und Du ſorgſt mir hübſch mit Liſetten für die Bequemlichkeit unſeres Beſuchzimmers. Vor allem aber holſt Du Wein. Doch halt! Von welchem nehmen Sie, Herr Baron? Sie wiſſen, Worms hat ſeine eigenen Gewächſe. Die beliebte„Liebfrauenmilch“ wächst um die Liebfrauenkirche. Ich möchte Ihnen aber als einem Flüchtling eine Sorte vorſchlagen, die bei uns„Lug in's Land“ heißt. Sie wächst nämlich um die Ruine eines ehemaligen Wartethurms. Ja, Guſtel, von Dem bring uns! Vom Lug in's Land! Liſette weiß ſchon. Wie die Kleine jetzt mit anmuthiger Geſchäf⸗ tigkeit dahin ſchwebte, rief Lothar: Ein prächtiges Kind, Frau Profeſſorin! Welch — geheimnißvoller Blick in dieſen dunkeln tiefen Augen! Welcher Liebreiz in den harmoniſchen Zügen! Welcher Zauber um dieſe aufbrechende Roſe der Lippen mit der Doppelreihe von Perl⸗ chen darin! Nun, nun! wendete Karvline ein, was ſehen Sie mich ſo dabei an? Ich weiß ſchon, Herr Ariſtokrat, daß Guſtel das alles von der Mutter hat. Sie haben mir's ja ſchon geſagt. Kommen Sie lieber auf Ihren Bericht! Erlauben Sie mir nur noch die Frage: Iſt es Ihr einziges Kind, Frau Profeſſprin? Ich darf ſagen: ja! lächelte ſie, denn ich rede von offenkundigen Dingen. Sie haben— ver⸗ borgene Dinge zu bekennen. Ich verſtehe Sie! lächelte auch er, und gerade ſolch ein verborgenes Ding meine ich eben. Es betrifft eine Verwandtſchaft mit Ihnen, auf die ich ſtolz bin. Ich erwarte nämlich ein Söhnchen und unſer lebhafter Profeſſor behauptet, mir mit einer gleichen Erwartung voraus zu ſein. Dieſem Erwarteten will er den Namen Gracchus geben, und da dieſer berühmte Name zweien Brüdern gemein iſt, ſo haben wir uns darein getheilt: er nimmt für ſeinen künftigen Sohn den ältern Tiberius Sempronius in Anſpruch und überläßt mir den Cajus Cracchus für meinen Stammhalter. Bin ich Ihnen recht, als ſolcher Verwandter Er reichte ihr die offene Hand hin. Frau Karoline lachte laut, nicht ohne ein flüchtiges Erröthen. Wir wollen erſt abwarten, was daraus wird, ſagte ſie. Aber darin erkenne ich von Worms bis Mainz hin meinen guten Mann. Nun ja, mein lieber Böhmer iſt ein Phantaſt von ſeiner angehenden Glatze bis zur Fußſohle, die er ein wenig ſchief tritt. Meinen Sie? erwiderte Lothar befremdet, ja etwas unbeholfen zu ſolcher Freimüthigkeit. Eben kam vie Kleine mit einem Körbchen feinen Obſtes, und das Hausmädchen ſetzte Wein und Gläſer auf das Tiſchchen. Die Profeſſorin winkte dem Kinde mit der Magd zu gehen und ſagte einſchenkend: Nicht wahr, es wundert Sie, wie ich von meinem Manne rede? Glauben Sie etwa, Liebe vertrüge ſich nicht mit Wahrheit? Man nimmt und hält die Menſchen, wie ſie eben ſind. Heißt das, ich halte es ſo. Der liebe Gott münzt ſie nicht, wie die Fürſten ihre Kronthaler oder Gro⸗ ſchenſtücke aus einem und demſelben Prägeſtock: er gibt jedem ein beſonderes Bild und Umſchrift damit cvurſirt er, und nur wenn Einer für mehr gelten will, als er die Währung hat, fälſcht er ſich ſelbſt, und täuſcht die Abnehmer. Dann aber geht's ihm umgekehrt gegen unſere Silbermünzen: je mehr Kupfer er zuſetzt, deſto weniger wird er — roth. Uebrigens nenne ich meinen Böhmer mit einem gewiſſen Selbſtgefühl einen Phantaſten. Ich will's Ihnen nur gleich bekennen, um Ihnen Muth für Ihre Geſtändniſſe zu machen. Sehen Sie, in der Nacht vor meiner Confirmation träumte mir, ich würde drei Männer bekommen, verſteht ſich nacheinander,— einen ächten Phantaſten, einen geckenhaften Literaten und einen genialen Philoſophen. Der erſte iſt richtig eingetroffen und 216— Sie begreifen, was der„Phantaſt“ mir für an⸗ muthige Erwartungen übrig läßt.*) Sie ſtand lächelnd auf, um aus einem Wand⸗ ſchränkchen Pfeffernüſſe und anderes Confekt zu hohlen, und zeigte ſich ſo allerdings in einem Zu⸗ ſtand anmuthiger Erwartung, worin ſie ſich auch ungewöhnlich anmuthig bewegte. Dies alles machte die Profeſſorin zu einer neuen Erſcheinung für Lothar und ſetzte ihn, ſo weltläufig er ſonſt war, auffallend unbeholfen, wenigſtens ſo lang er darauf dachte, ihr gewandt zu erwidern. Auf dieſe Tonart war er eben nicht geſtimmt. Die Art und Weiſe, wie ſie als Frau ſich gab, ohne ſich etwas zu vergeben, wie ſie dabei in Manieren ſich gehen ließ, doch von natür⸗ licher Anmuth gehalten, und wie ihre oft kecken Gedanken durch den edeln Ton einer weichen Stimme gedämpft erſchienen, alles das befremdete *) Wirklich hat die ſeltſame Frau nach ihrem Böhmer den Aug. Wilh. Schlegel und nach ihm, von dem ſie ſich ſcheiden ließ, den Philoſophen Schelling geheirathet. Mit Traumen iſt's alſo nicht ganz ohne. ——— ihn; er konnte Scherz und Ernſt darin nicht recht unterſcheiden. Er mußte es aufgeben, den Liebenswürdigen und Galanten wie ſonſt zu ma⸗ chen; ihr Geiſt imponirte ihm, und da er ihre zufällige Aeußerung über Selbſtfälſchung der Men⸗ ſchenmünzen auf ſich und ſeine Gräflichkeit bezog: ſo mußte er ſich für durchſchaut anſehen, und fand nur darin ſeine Haltung wieder, daß er ſich in unbedingte Offenherzigkeit ergab. Ja, er ging noch weiter, und als der feurige„Lug ins Land“ und die graziöſe Unbefangenheit, womit die ſchöne Frau ihr Glas mittrank, ſeine Stimmung ſteigerte, glaubte er, ſo freien Anſichten und Manieren einer geiſtreichen Frau gegenüber, ſich ein Relief, einen Schwung zu geben, wenn er auch ſeine leicht⸗ fertigſten Streiche lachend bekenne. Er erzählte, welche herrliche Berlinerin er gerade mit dem an⸗ genommenen höheren Gepräge eines Grafen von der Leyen erobert habe, aber auch in welche Ver⸗ wicklungen ſeiner bürgerlichen Exiſtenz er jeßzt ge⸗ rathen ſei, und welche Furcht vor dem Bruder ihn auf flüchtigen Fuß geſeßt habe. Er hatte ſich zwar in dem Eindruck verrechnet, den ſeine Leichtfertigkeit auf Frau Böhmer machte, allein in ſeiner vergnügten Aufregung verletzte ihn ihr mißächtliches Lächeln nicht, und ihre ironiſchen Fragen verklangen ihm mit dem Ton des Glaſes, das ſie mit dem ſeinigen ſchalkhaft zuſammenſtieß. Aus dieſer Ueberſpannung drückte ihn aber der ſchwere Wein nach und nach zur Sentimentalität herab. Er beklagte das Mißtrauen ſ einer theuren Cornelie gegen ihn und ereiferte ſich in's Weiner⸗ liche über den Arzt Rivière, der ihn entweder früher mit erlogenen Hoffnungen getäuſcht habe, oder jetzt mit heimtückiſchen Zweifeln peinige, ſo daß— Er verſtummte, weil die ſchalkhafte Frau in's Lachen fiel, indem ſie erwiderte: So, daß der hoffnungsvolle junge Cajus Graechus in der Luft ſchwebt, wollen ſie ſagen? Ich ſehe, das beunruhigt Ihr Herz; aber da weiß ich Ihnen Rath. Nannten Sie nicht Steinheim, wo Ihre Frau ſich dermal aufhält? Gut! Dort hab' ich eine Freundin, eigentlich eine Nachbarſchaftsbe⸗ kannte; ſie ſtammte aus jenem Eckhaus. Sehen Sie, die Alte dort in der Backenkappe am Fen⸗ ſter iſt ihre Mutter. Sie 4 ſeit anderthalb Jahren an den Amtsphyſikus Dr. Weidenbruch in Stein⸗ heim verheirathet. An die ſchreib' ich. Sie kennt des Pfarrers Schweſter genau, und wenn die geiſt⸗ lichen Herrn die Herzen und Nieren ihrer Beicht⸗ kinder zu prüfen haben: ſo wiſſen ihre Haushälte⸗ rinnen gewöhnlich auch Beſcheid da herum! O Sie liebe prächtige Frau! rief Lothar, und ergriff ihre Hand zum Kuß! Fragen Sie die Doc⸗ torin um alles und jedes, was meine Cornelie be⸗ trifft. Nur— Ich verſtehe Sie ſchon, fiel Karoline ein, und Sie dürfen mir zutrauen, daß ich alles mit Vorſicht thue. Glauben Sie, ich würde ſagen, Sie ſeien hier bei uns? Nein, ich werde ſchreiben, mein Phan⸗ taſt habe mir allerlei Neuigkeiten aus Mainz mitge⸗ bracht, die mich intereſſirten und neugierig machten. — Aber nun kommen Sie und beziehen ihr Ver⸗ ſteck. Es geht nach dem Dom hinaus, und Sie können da die große Meſſe am Fenſter mithalten; denn ſie hören den Dompfarrer Boller vom„Glo- „ ria“ bis zum„ltte missa est“ ſingen. Sie erhob ſich, ſchlug die langen Zipfel ihres Halstuches über einander, wie ſich die Kelchblätter um eine Knospe legen, und führte ven Gaſt nach ſeinem Zimmer, damit er ſich ausruhe, wie ſie ſagte, und— damit ſie ſeiner los werde, wie ſie dachte.— Denn Lothar war allzubald aus dem günſtigen Eindruck gefallen, denn ſein Erſcheinen beim erſten Eintritt auf Karolinen gemacht hatte, der es nicht an einem Auge für ſchöne Männer fehlte. Seine einſchmeichelnde Weltmanier, womit er bei den koketten Frauen der vornehmen Geſellſchaft ſo leicht ankam, fand an dem höheren, ſchroffe⸗ ren Geiſte der Frau Böhmer, gebornen Mi⸗ chaelis, keine Anfurt, keinen Landungsplatz, und ſo wenig ängſtlich ſie es mit ihrer eigenen weiblichen Haltung und mit ihren freien Gedanken nahm, ſo entſchieden fühlte ſie doch ſich abgeſtoßen von uneh⸗ renhaften Handlungen eines Mannes, wie ſolcher Streiche der Baron eingeſtändig geweſen war. Indeß blieb dennoch der lebhaften Frau Das, worauf jetzt Lothar brannte, eine Angelegenheit weiblicher Neugierde, ob ſie gleich geneigt ſchien, ſich von einer Frau, für welche dieſer Lothar ſchwärmte, nicht viel zu verſprechen. Sie ſchrieb noch den Abend an die Doctorin in Steinheim. Ehe aber mit dem damaligen langſamen Poſtenlauf Antwort eintreffen konnte, kehrte Böhmer aus Mainz zurück, und widmete ſich ſeinem Gaſte, der aus Vorſicht ſich ſehr zurückgezogen hielt. Die Freunde Lothars gaben Nachricht von den Fortſchritten des Clubs, der ſich mit jedem Tag er⸗ weiterte; in der beſonderen Angelegenheit des Ba⸗ rons hatten ſie aber bis jetzt nichts Beſtimmtes in Erfahrung gebracht. Sie wußten nur vom Wirthe zu den drei Reichskronen, vaß der junge Domicellar von Hornek ſich zum zweitenmal geheimnißvoll und angelegentlich nach Lothar erkundigt, und zu der Antwort— der Herr Baron ſei abgereiſt, unbe⸗ ſtimmt wohin und auf wie lang— den Kopf ge⸗ ſchüttelt habe. Die Clubbrüder ließen ihren Freund warnen, ja auf ſeiner Hut zu ſein,— je tiefer ſich * deſto ſicherer ſei ihr Netz geſpannt. Wahrſcheinlich meinte man den Domprobſt damit.— Lothar wußte, daß dieſer Domicellar zum Anhange des Domprobſtes gehörte, und zweifelte nicht, daß Bruder Moriz ihm dort das Schlimmſte eingebrockt habe. Um ſo mehr befremdete es ihn, als der einlaufende Brief aus Steinheim ihn über die große Kreuzſpinne verſtecke, dieſen Punkt auf beſſere Vermuthung bringen wollte. Die Profeſſprin hatte dieſen Brief erſt mit Muße ſtudirt, ehe ſie ihren Gaſt in Spannung ſetzte.— Die Handſchrift iſt, wie Sie ſehen, ſehr kritzelig, ſagte ſie, und die Worte ſo unorthographiſch geſchrieben, daß ein wahrer Frauen⸗Inſtinkt dazu gehört, ſie zu errathen. Laſſen Sie mich Ihnen lieber den Inhalt ehrlich berichten.— Ihre Ge⸗ mahlin iſt augenblicklich nicht mehr in Steinheim. Fräulein Juliane— Ihre Schweſter, nicht wahr? hat ſie am Morgen des Briefdatums mit nach Aſchaffen⸗ burg genommen. Eine höchſt ergreifende Scene wäre vorausgegangen.— Doch muß ich Ihnen erſt erklären, woher die Dvetorin das ſo genau weiß. Nämlich von ihrem Manne. Der Pfarrer dort, wo ja Ihre Dame wohnte, leidet ſeit kurzem an einem eigenthümlichen Uebel, und hat, ſtatt ſeines bisherigen Hanauer Arztes, den einheimiſchen Phyſikus angenommen. Er leidet nämlich an Hallucinationen,— an Augentäuſchungen. Er glaubt überall Ungeziefer, beſonders kleine Mäuſe um ſich her zu ſehen. Ei, fiel Böhmer ein, der hat ſeine Nerven mit zu viel Wein herunter gebracht. Ja, ſo ſchreibt die Doctorin, ſagte Karoline; er habe als Gaſtwirthsſohn von jeher in dieſem Artikel etwas leiſten können, ohne gerade ein Trinker zu ſein. Brav! rief Böhmer. Im Gegentheil, er hat ſich zum ehrlichen Mann getrunken: er ſieht doch die Mäuſe für ſich allein, während die andern Schwarzröcke ihren Gläubigen das Mäuſezeug vorſpiegeln. Ich bitte, weiter! erinnerte Lothar mit Unruhe, und die Profeſſprin fuhr fort: Bei Gelegenheit ſeines Beſuches iſt nun der — 3 Doetor zu jener Scene gekommen. Fräulein Ju⸗ liane hatte Ihrer Gemahlin entdeckt, wer ſie ei⸗ gentlich ſei, und wie ſie mit ihres Mannes wahrem Namen heiße. Das habe einen wun⸗ derbaren Eindruck auf ſie gemacht. Nur einen Augenblick betroffen, habe ſie ſich an Julianens Bruſt geworfen, und ausgerufen: Gott ſei Dank! O ich hab's geahnt, daß ich betrogen bin; ich hab' lang und bange geträumt: o welches Glück, daß ich doch an Deiner Bruſt erwache, Ju⸗ liane, und heiße wie Du mit Deinem lieben eh⸗ renwerthen Namen!— Dann ſei ſie einen Au⸗ genblick in Klagen und Entrüſtung über die Täu⸗ ſchungen ihres Mannes ausgebrochen, von denen ſie ſich habe bethören laſſen; doch mit ſchneller Faſſung, abermals in Julianens Arme geſunken, habe ſie flehend ausgerufen: O vergib, Schwe⸗ ſter, Lothar iſt ja auch Dein Bruder und Mori⸗ zens Bruder! Nach einiger Beruhigung hat ihr dann das Fräulein mitgetheilt, daß es alles das vom Bruder Moriz erfahren habe, mit dem ſie in der Nachbarſchaft eine Zuſammenkunft gehabt hat. Ihr Bruder, Herr Baron, iſt nämlich ſchnell aus Mainz abgereiſt, um ſelbſt nichts gegen Sie ausſagen zu müſſen. Sie ſehen alſo, daß Sie Ihrem Bruder Unrecht gethan haben. Indeß ſchreibt mir die Freundin, der Pfarrer habe ſich für verpflichtet gehalten, den Vorfall an den Herrn Domprobſten zu berichten, und habe ſeiner Schwe⸗ ſter das Schreiben in die Feder dictirt, weil ihm ſelbſt die Mäuschen immer über's Papier ge⸗ laufen wären. Was übrigens Ihre! wichtige Frage wegen des Zuſtandes Ihrer Gemahlin betrifft: ſo het der Arzt, der ihr auf jene Alteration et⸗ was Niederſchlagendes verſchreiben mußte, ſich bei dieſer Gelegenheit pflichtmäßig nach allen Um⸗ ſtänden ihres Befindens erkundigt, und— da hat ſich denn ergeben, Herr Baron, daß es mit dem Cajus Gracchus für diesmal nichts iſt. Was? rief Böhmer aus. Kein Cajus zu er⸗ warten? Das iſt Jammerſchade! Aber beſte Ka⸗ roline, dann bleibt uns nichts übrig, ich muß doppelte Erwartung auf Dich ſetzen. Denn auf den S haben wir beſtimmt ge⸗ Koenig, Famiti 1 15 226— rechnet, und ſogar ſchon getrunken. Er darf nicht ausbleiben. Schweig, toller Menſch! lachte die erröthende Frau. Du weißt ja noch nicht einmal, ob Du einen Sempronius bekommſt! Der Profeſſorin blieb der Eindruck nicht un⸗ bemerkt, den dieſe Nachricht auf Lothar machte. Es nahm ſie Wunder, daß eine ſolche„Kinderei“, wie ſie des Barons Erwartung nannte, einen Mann von ſeiner abenteuerlichen Vergangenheit ſo niederſchlagen konnte. Aber ſie hatte freilich keinen Begriff davon, wie Lothars Einbildung mit einem tieferen Seelenbedürfniß zuſammen hing. In jedem Menſchenherzen nämlich, auch in dem von den Sandalen der Gemeinheit, von den Spornen der Leidenſchaften am meiſten ausge⸗ tretnen, findet Wahrheit und Güte noch immer ein Winkelchen, ſich verborgen zu halten und ein Stündchen der Erleuchtung und Zerknirſchung abzuwarten, wo dann das Gewiſſen hervortritt, und Hand an den verrotteten Boden legt.“ Solch ein Moment war für Lothar mit jener Täuſchung des Arztes gekommen, und ſeine jetzige Niedergeſchlagenheit galt weniger einem erwarteten Kind, als dem neuen Menſchen, den er für das⸗ ſelbe angezogen hatte. Nur allzu leicht fiel er nun aber aus ſeiner Betroffenheit in Mißmuth. Und wie man aus Verdruß und mit Trotz ein Kleid von ſich wirft, wenn aus dem Feſte nichts geworden iſt, für welches man es anlegte: ſo ließ Lothar bald ge⸗ nug fürchten, daß er ſich aus Groll in die alten Unordnungen ſtürzen werde, in die er einſt aus Leichtſinn gefallen war.—— ——— 1. Was thun, was laſſen? Am Hoflager zu Aſchaffenburg ging es indeß ganz vergnügter Dinge zu. Das prächtige, in's Viereck gebaute Schloß dicht am hohen Mainufer hatte alle Fenſter bis hinauf in die Stockwerke der vier Eckthürme aufgethan, um von dieſem Vorhügel des Speſſart die innere Aufregung aus⸗ zuathmen und ſich an der friſchen Luft des Bach⸗ gaues mit dem Ausblick in die weite Ebene des Stroms zu erquicken. Das mitgekommene Ge⸗ folge des Kurfürſten und der einheimiſche, beſitzende oder bedienſtete Adel bemühte ſich, den alten Herrn der herannahenden Gefahren, die ſeiner Reſidenz drohten, vergeſſen zu machen. Noch hörte man hier die Meute der Revolution nicht bellen und fühlte fich auf dieſem alten Jagdſchloſſe der Mainzer Kurfürſten noch nicht als eine Beute der Kriegsjagd, ſondern als die luſtigen Jäger des Speſſart. Alte Erinnerungen an Jagd⸗ und Liebesabenteuer wachten auf; luſtige Sommertage klangen im„ſchönen Buſche“ noch einmal nach. Bejahrte Damen erſchienen wieder im echten Hof⸗ coſtüm,— das graue Haar nur noch halben Puders bedürftig und in den einſt pfirſichglatten Geſichtern hundert heimliche Erinnerungen einge⸗ fältelt. Mit ſtrahlenden Augen laſen ſie aus dem eben ſo faltenreichen Antlitze des 73Jährigen Kur⸗ fürſten Erzbiſchofs und Erzkanzlers ein lächelndes Verſtändniß ihrer Geheimniſſe. Und wenn an heitern Nachmittagen im ſchönen Buſche oder an den ſchon längeren Abenden im Schloſſe— „Cirkel“ war, führten ſie ihm ihre verheiratheten oder noch harrenden Töchter vor, und der noch immer galante alte Herr, der ſolcher Jugend das welke Herz nicht mehr öffnen konnte, begnadigte ſie aus ſeiner Bonbonnieère von Schildpatt. Dann gelang ihm wohl auch noch ein gelehrter Witz — 230— für die lächelnden Mütter, und er ſagte: Wie lang ſuchen die Gelehrten ſchon das Quadrat des Cirkels! Ich habe mich immer ſehr glücklich gefühlt in den Cirkeln des Quadrats— in meinem viereckigen Schloß. Nicht wahr, Heinſe? Heinſe, der Romandichter, verneigte ſich bei⸗ fällig mit den Worten: Wir fürchten auch nicht, daß Hochfürſtliche Gnaden den Sansculotten werden zuzurufen brau⸗ chen: Stört mich nicht in meinen Eirkeln! Aha, wie jener griechiſche— brav, Heinſe! Geometer Archimedes, fiel Heinſe ein, bei der Belagerung von Syrakus. Die römiſchen Sol⸗ daten waren eigentlich auch— Sansculotten, Hochfürſtliche Gnaden! Dieſer genußſüchtige Vorleſer des Fürſten fehlte nicht, wo es galt ſeines gnädigen Herrn witzige Gedanken zu haſchen und weiter zu werfen oder ihm lüſterne Szenen aus ſeinem Roman „Ardinghello“ votzuleſen. Gegenüber dieſem halb duftigen, halb dun⸗ ſtigen Kreiſe von Hoftäuſchungen hielt ſich die Familie von Radler getheilt. Der alte Direk⸗ torialrath entſchuldigte ſich bei einer erſten Auf⸗ wartung mit ſeiner Kränklichkeit und ſeine Tochter Juliane mit der Pflege ſeiner alten Tage. Sein Bruder aber konnte ſich als Stadt⸗Commandant und kurfürſtlicher Truchſeß dem Hofkreiſe nicht entziehen, und der Regierungsrath durfte es nur ſo oft, als ihm die Aufträge aus dem Cabinet einen Vorwand liehen, daheim zu bleiben. Jener brachte die Vorfälle des Tages, dieſer die Neuig⸗ keiten aus dem Geſchäftsverkehre mit Mainz in den häuslichen Kreis. Daß Moriz ſich mehr von Cornelien, der neuen Schwägerin, als vom Hof⸗ glanz angezogen fühlte, vermied er ſich recht klar zu machen; wie wohl auch edle Menſchen ſich gern über das täuſchen, was ihr Gewiſſen ängſtigt. Er glaubte ſeiner ganz ſicher zu ſein, wenn er nur im Verkehr mit ihr ſein Herz auf die höflichſten Formen der guten Geſellſchaft ſtellte. Die liebenswürdige Frau war vor beiden durch Moriz vorbereiteten Alten auf's Herzlichſte empfangen worden. Man begegnete ihr mit jenem wohlwollenden, zärtlich wehmüthigen Ernſte, wo⸗ mit man etwa die frühe Witwe eines Sohnes behandelt, von deren verlornem Gatten man, um ſie und ſich ſelbſt zu ſchonen, auf alle Weiſe zu reden vermeidet. Um ſo mehr aber ließ der Oheim ſich insgeheim angelegen ſein, nach dem miß⸗ rathenen Neffen zu forſchen, für welchen, als ehemaligen Offizier, er eine kleine Schwäche hatte. — Er beſaß als Witwer einer reichen Frau ſeit Jahr und Tag ein hübſches Vermögen, und raſch von Cornelien eingenommen, wie er es war, ſchien er nicht abgeneigt, zu ihrem Glücke mit Lothar ein Opfer zu bringen, falls der Neffe für ſeine Ehre und Herſtellung nur irgend noch einige Hoffnung gäbe. Moriz aber lehnte alle Mit⸗ wirkung dabei ab, indem er die Erwartung des gütigen Oheims nicht theilen zu können erklärte. Juliane hielt ſich dabei neutral; ſie beklagte im Stillen die Unwürdigkeit des entfernten und die Hoffnungsloſigkeit des anweſenden Bruders, und hätte die liebe Schwägerin gern vor dem einen wie vor dem andern bewahrt, und vor verwirkten Anſprüchen, wie vor verwerflicher Bewerbung un⸗ angefochten in zufriedener Reſignation geſehen. Dieſe Schwägerin, Cornelie, empfand mit der Innigkeit zugleich auch den Muth eines neuen Fa⸗ milienbundes. Sie gab ſich dieſen Eindrücken hin, und es ſchien, als ob ſie eben den Boden und die Witterung gefunden hätte, worin ihr liebenswür⸗ diges Weſen ſich am herrlichſten entfaltete. Der erſte, voreilige Trieb ihres luſtigen Lebensfrühlings durchſetzte ſich nun mit dem ſommerlichen Johan⸗ nistrieb edler Empfindungen. Sie war theilneh⸗ mend, hingebend, mittheilſam. Ein ſchöner weib⸗ licher Verſtand ſprach aus ihren Urtheilen, ein wohlwollendes, aber auch muthiges Herz aus ihrem Thun und Laſſen, eine gewinnende Anmuth aus all ihrer Thätigkeit, und jene liebliche Phantaſie, die zuerſt im Bunde mit einem bethörten Herzen, ihr ſelbſt ſo viel Widerwärtigkeit zugezogen hatte, ſchien nun durch ſo bittere Täuſchungen die Weihe empfangen zu haben, alles Widerwärtige im Leben Anderer mit einem verſöhnenden Ferndufte zu um⸗ ſpinnen. Jo, die kleine Eigenheit ihrer Berliner Mund⸗— art mit einem leiſen Anſtoß der Zunge, hatte für das ſüddeutſche Ohr der Freunde etwas heiter Ge⸗ winnendes.— In dieſer Stimmung erzählte ſie von Berlin, vom Hauſe ihres Vaters, vom Hofe des Königs. Zu dem, was man in der Nähe eines geiſtlichen Hofes täglich erfuhr oder von früher erzählte, brachten ihre Erinnerungen vom Hofe eines welt⸗ lichen Herrn gar manches herbei, was ganz inte⸗ reſſante Vergleichungspunkte darbot. An beiden Höfen ſtand eine Dame vom hhchſten Einfluß. Man begegnete jetzt oft genug der Gräfin Cvuden⸗ hove, dieſer vertrauteſten Freundin des alten Kur⸗ fürſten. Sie war eine ſchöne und geiſtreiche Frau, voller Standesvorurtheile und von Erwerbſucht für die Ihrigen beſeelt, ſelbſt intrigant, aber noch öfter die Beute fremder Intriguen. Cornelie ſchilderte dagegen die Gräfin von Lichtenau, die Geliebte des dicken Königs von Preußen,— groß von Perſon, munter von Ausſehen, nachläßig im Anzug, eine volle, prächtig gebaute Brünette mit wunder⸗ ſchönen Armen, die Vorſtellung einer Bachantin erweckend. Neu für die Familie war die bekannte Geſchichte, wie ſie als Citronenhändlerin die Gunſt des Königs ſchon als Kronprinzen erworben hatte. — Am Schluſſe ſagte Cornelie lächelnd zu Moriz: Sie haben vorhin, lieber Schwager, Ihren katholiſch⸗geiſtlichen Hof, der ſich mit dem Scheine von Aufklärung und Freiſinnigkeit in weltläu⸗ figem Franzöſiſch ſo breit mache, einem leichten Champagnerwein von flüchtigem Schaum verglichen: wir an unſerm norddeutſchen Hofe geben uns lieber mit Punſch ab. Das glaub' ich, liebe Cornelie! fiel Moriz ein. Euer König hatte die Citronen aus erſter Hand.— Und den Zucker von derſelben Lieferantin! lachte der Oberſtlieutenant. Aber nun fehlt noch der Rum und das heiße Waſſer. Nicht wahr? Oder Thee, ſprach Cornelie weiter. Nun weiß man ja, wie ſtark der Herr von Biſchofs⸗ werder den König mit Geiſterbeſchwörung und Alchymie beſchäftigt. Alſo fabricirter Geiſt! Ei ja, das iſt ein berauſchender Spiritus, be⸗ merkte Moriz und nimmt ja dem Monarchen auch den Kopf ſo ſehr ein, daß ihm Biſchofswerder da⸗ für die Regierungsgeſchäfte abnehmen muß. Nicht wahr, in Erfurt wiſſen wir ſchon etwas mehr davon, als hier am Rhein und Main im Publi⸗ kum bekannt iſt? Und nun bin ich Ihnen noch den Warmwaſſer⸗ lieferanten ſchuldig, lächelte Cornelie. Dafür neh⸗ men wir den bekannten Wöhler mit ſeinen kirchen⸗ eifrigen intoleranten Anordnungen. Aber, beſte Cornelie, rief Moriz, mit ſteigender Empfindung aus, das iſt ein ganz verbrodeltes Waſſer, was dieſer intrigante Heuchler bietet, wenn er mit der Miene eines reumüthigen Sünders das von Genuß erſchöpfte Herz ſeines Gebieters mit Dem erquicken will, was er Religion nennt. Sehen Sie, das ſind die hohen Täuſchungen, die oft in bizarren Geſtalten die Throne der Herrſchenden um⸗ wölken und ihre ſchmählichen Niederſchläge in die Geſellſchaft verbreiten. An jenem Punſche berauſcht ſich die Reſidenz, wo Luxus, Verſchwendung, Ueppig⸗ — — keit und Sittenloſigkeit um ſich greifen und den Staat wie die Familien verderben. Beſonders zeichnen ſich auf beklagenswerthe Weiſe die ade⸗ ligen Offiziere aus, indem ſie, bei Mißachtung P ihrer Vorgeſetzten und Mangel an Subordination, ohne ernſtes Intereſſe, nur auf Verführung der Frauen, auf Täuſchung der Mädchen bedacht ſind, — Nachtſchwärmer, Zecher und Falſchſpieler, arro⸗ gant und voll Verachtung der andern bürgerlichen Stände. * Eine Stille folgte auf dieſe Herzensergießung. Jedes mochte ſeinen eigenen Gedanken nachhangen. Juliane und Cornelie blickten ängſtlich auf den Vater, der nachdenklich da ſaß und endlich mit einer gleichgiltig einlenkenden Frage gerade die ſchmerz⸗ . lichſte Empfindung berührte.—— Wie lang war — denn mein Sohn in Berlin, ſagte er, ehe er ſich um Dich bewarb, meine Tochter? „ Er war gegen den Herbſt gekommen, lieber Vater, antwortete ſie mit etwas bewegter Stimme, und wir lernten uns an geſelligen Abenden kennen, an denen höhere Beamten und Offiziere Theil nahmen. Gegen Ende November fiel er in die ſchwere Krankheit, die uns ſein Ende fürchten ließ, und— ich erinnere mich, daß ein oder zwei Tage vor dem erſten Adventsſonntag der Vater mich zu ihm begleitete und ihm zuſagte. Sie brachte das Letztere mit ſtockender, beklom⸗ mener Stimme und einem ſchmerzlichen Blicke nach Julianen vor, und mußte ſich mit Herzklopfen ſetzen In die Stille, die entſtand, ſprach der Oberſt⸗ lieutenant mit ſeiner trockenen Laune: Ei, ei! Da ſieht's in eurem Berlin doch gar ſcheu aus mit der rechten Ehre! Da wird's wohl den Männern des Ruhms gehen müſſen, wie mei⸗ nen ſchmuzigen Stiefeln: erſt wenn ſie gehörig Wichſe gekriegt haben, glänzen ſie wieder. Die zum erſtenmal und ſo bezüglich an die Schwiegertochter gerichtete Frage nach Lothar be⸗ wegte doch ſchmerzlich Corneliens Erinnerung und ließ einen dauernden Nachklang in ihr zurück. Die Herzlichkeit der gemüthlichen Verwandten hatte ſie bis jetzt ganz eingenommen. Nun ſtahlen ſich doch manche Zweifel bei ihr ein, wie ſie ihre Zukunft anzufaſſen habe, und was die neuen Verwandten vielleicht von ihr erwarten möchten. Sie hatte die ſchriftliche Einladung des Direk⸗ torialrathes aus Julianens Munde zuerſt nur im Sinn eines kurzen Beſuches angenommen, und hoffte eine Beſtimmung über ſich ſelbſt zu erfahren. Statt deſſen fand ſie ſich in der Wohnung der Familie ſo eingerichtet, als ob es auf ihr Bleiben abgeſehen ſei. So leicht und lieb ſie ſich nun auch in dieſem Familienkreiſe zurecht fand, ſah ſie doch ein, daß ſie bleibend oder auch nur auf einige Dauer demſelben nicht anders angehören dürfe, als wenn ihr Vater ſie auf eigene Mittel und unabhängig von fremder Güte ſtellen würde. Das Gefühl ihrer Pflichten gegen Lothar trat zugleich wieder leb⸗ hafter aus der erſten gerechten Entrüſtung über ſeine Täuſchungen hervor. Und je unklarer in ihrer wunderſamen Lage der Inbegriff ihrer Pflichten blieb, deſto inniger regte ſich, was ſie für den Ent⸗ fernten, wenn auch nicht als Liebe oder frühere Leidenſchaft doch als Verzeihung oder als Wohl⸗ — 240— wollen und Ergebung empfand. Doch immer wie⸗ derdrängte ſich allem die Frage vor, was ſie denn nun zu thun habe, und was ihr etwa mehr als bloß abzu⸗ warten bleibe. Und ſo irrte ſie wie in einem jener necki⸗ ſchen Labyrinthe, die man damals in den Hofgärten der Fürſten liebte, ſo, daß ſie in jeder neuen Rich⸗ tung immer wieder auf den alten Fleck in der lieben Familie zurückkam. Vielleicht, dachte ſie, fände ſich eine Auskunft, wenn ſie wüßte, was dieſe Familie von ihr erwarte. Zwar deuteten alle gelegentlichen Aeußerungen derſelben darauf hin, daß man an Lothar's Rückkehr nicht denke und ſie nicht wünſche: doch blieb ihr dabei der Zweifel, ob er, von ſeiner Gattin zurückgebracht— im Doppelſinne dieſes Wortes— vielleicht doch Verzeihung und Wieder⸗ aufnahme fände.— Wo aber ſollte ſie ihn auf⸗ fuchen, und in welcher Lage ſeines Lebens durfte ſie ſich ihm anſchließen? Sie fragte Julianen nach ihm und vernahm, er ſei nicht mehr in Maim, wenigſtens hätten die Nachforſchungen des Don⸗ probſtes ihn dort nicht entdeckt, aber auch nicht er⸗ mittelt, wo er ſei. Indem aber das Fräulein einer — 241— weitern Beſprechung auswich, kam Cornelie wieder auf Moriz zurück. Zu ihm hegte ſie ein unbedingtes, man könnte ſagen,— ſehnſüchtiges Vertrauen; aber ein ängſt⸗ liches Herzklopfen überfiel ſie jedesmal bei dem Gedanken, mit ihm über ihren Mann zu ſprechen. Sie konnte oder wollte ſich nicht klar machen, was es ſei; doch erröthete ſie jedesmal, wenn in ſeinem Beiſein Lothar's Name genannt wurde, und der Mund verſagte ihr von ihm zu reden.— Eine tußerliche Fügung ſollte ihr endlich zu Hülfe kommen. Eines Nachmittags ſaß ſie in Erwartung Ju⸗ lianens im kleinen Hausgarten, aus welchem man zwiſchen vortretenden Häuſern der Nachbarſchaft einen ſchmalen Ausblick auf und über den Main hatte. Sie ſaß allein, in Gedanken verſunken, mit einer hübſchen Arbeit für den Schwiegervater beſchäftigt, der bei anderer Gelegenheit ihre feine geſchickte Hand bewundert hatte. Es war ſtill umher; aus weiter Ferne erklang ein Poſthorn. Als ſie mit ihrer Nadel inne hielt, und in weh⸗ Koenig, Familienabende. 1. 16 — müthiger Empfindung hinaus horchte, hörte ſie herankommende Schritte. Es war der Regierungs⸗ rath im Reiſeanzug, ſehr eilig und ſchien auch innerlich ungewöhnlich erregt, wie ſeine leidvolle Miene und der empfindſame Ton ſeiner Anrede verrieth, den er ſich bisher gegen Cornelien noch nicht geſtattet hatte. Es begegnet ja den beſten und beſonnenſten Menſchen leicht, daß ſie, von unerwarteten Begeg⸗ niſſen aus dem äußern Gleichgewichte gebracht, auch die Zügel der inneren Selbſtbeherrſchung, wenn nicht verlieren, doch auf Augenblicke ſich ent⸗ ſchlüpfen laſſen. Ich ſuche Sie, theuerſte Cornelie, ſagte er, um Ihnen— Aber, habe ich Sie erſchreckt? Sie ſind ein wenig blaß geworden? O nicht doch, lieber Moriz! erwiderte ſie, etwas verwirrt und nun erröthend. Aber— Sie ſahen ſo eilig aus, und— Und? Cornelie, und—? Ich hatte im Augenblicke den wunderlichen Eindruck davon,— von dieſer Haſt— Sie wären für mich— im Verſchwinden. Je nun, ich bin es auch eigentlich, Cornelie. Oh! Wie? Iſt Ihnen das ſo leid? Nach einigen Augenblicken ſagte ſie weich und etwas wehmüthig: So iſt mir das doch ein Votzeichen geweſen! Vor wenig Minuten hörte ich nämlich ein fernes Poſthorn. Es bewegte, ach! es erſchütterte mein Herz! Es klang in die weite Welt hinaus, und ich ſelbſt fühlte mich ſo verloren in dieſer Weite. Die Unendlichkeit hatte keine Richtung für mich. Ich ſchwebte, ach! ich ſchwebte! Und da kam eine Unruhe über mich; wohin ich blickte, trat mir ein Zweifel, eine Frage entgegen. Wären Sie da ſo langſam heran gekommen, Moriz, ſo hätte ich es für ein Zeichen angeſehen, Sie wären mir zu Rath und That geſendet: aber ſo, wie eben, hatte ich den entgegengeſetzten Eindruck,— Sie gingen mir verloren. Fragen, Zweifel haben Sie? O liebe Cornelie, reden Sie doch! Ich kam eben nur ſo eilig, weil ich nicht abreiſen konnte, ohne Sie erſt noch zu ſehen, Ihnen Lebewohl zu ſagen und doch in dieſer Stunde noch fort muß. In unſerm Erfurt iſt näm⸗ lich Unruhe ausgebrochen. Die Garniſon, zum Theil aus Landeskindern beſtehend, ſollte nach dem bedrohten Mainz abmarſchiren; da haben ſich die Bürger widerſetzt und wollen ſie nicht ziehen laſſen: die Leute wären nur verpflichtet worden in der Pro⸗ vinz zu dienen, nicht in der Reichsfeſtung. Wir ſind eben gute Spießbürger! Da eile ich nun hin mit den weitern Befehlen des Kurfürſten. Doch, — laſſen wir dieſe Nebendinge! Reden Sie, Cor⸗ nelie! So lang habe ich noch Zeit, dieweil Ju⸗ liane meinen Koffer packt. Was haben Sie zu fragen? Oder—?— Nun ja, laſſen Sie mich Du ſagen, wie ein Bruder! Es gibt Dir vielleicht mehr Vertrauen. Nun? O zu wem hätte ich mehr Vertrauen, lieber, edler Mann! Aber— Doch zu meinem Aber iſt keine Zeit. Ach! ich bin ſo verwirrt, ſo zweifelhaft mit mir ſelbſt— über mich ſelbſt. Ich kann doch hier nicht bleiben, es kann ſo nicht mit mir bleiben, aber— was ſoll ich thun, was habe ich zu thun? Und— was erwartet die liebe Familie von mir? Sag' es mir offen, Moriz! Was ſind Cure Ge⸗ danken?— Daß Du bei uns bleibeſt, daß Du Dich in unſere Liebe einwachſen laſſeſt, liebe Cornelie, Tochter des Hauſes werdeſt an der Stelle, wo ein Sohn abgewelkt, ausgegangen iſt; daß Du Dich lieb haben laſſeſt von allen hier— und von mir in der Ferne. Ach! in der Ferne darf ich es auch mehr,— ich meine nicht eher, ſondern mehr! Sieh', das wünſcht die Familie— und ich! O Gott, ihr macht mich ſo glücklich! erwiderte ſie. Aber, liebſter Moriz, ich habe ja widerſprechende Pflichten, und die mich nicht ſo unthätig, ſo Unver⸗ dientes empfangend in heimlichem Glück bleiben laſſen. Ich gehöre Lotharn,— heißt das, ich bin ihm angetraut, ich muß ihm folgen. Aber,— wo finde ich ihn? Und— nicht wahr, ich ſoll ihn Euch zurück bringen? Zurück? Nein, Cornelie— ſtotterte er überlegend. — 246— Nicht? Soll ich ihn nicht—? fragte ſie leb⸗ haft, und Moriz fuhr eben ſo bedrängt fort: So meine ich es nicht, nein! O mein Gott! Ich— kann Dir darüber nicht rathen, Cornelie. Was Du glaubſt thun zu müſſen, kann ich Dir um Deines Glückes willen,— wie ich den Bruder kenne, nicht anrathen, und darf doch auch um meinetwillen,— um meiner Zweifel willen, und — wie ich mich ſelbſt kenne, nicht rathen, daß Du es unterlaſſen ſolleſt. Nein, laß mich von dieſer Entſcheidung weg, Cornelie! Sprich mit Julia⸗ nen! Berathet, entſcheidet mit euerm weiblichen Herzen, und laſſet es treffen— Oh! Nein nein, lebe wohl! Er ſtreckte ihr beide Hände entgegen; ſie legte die ihrigen zitternd hinein, blickte ihm ſchmerzlich in die Augen, und ſank, laut weinend, an ſeine Bruſt.—— Moriz breitete die Arme, ſie zu unfaſſen, aber er bezwang ſich, drückte ſie ſanft von ſich, und führte ſie zu ihrem Stuhl, indem er mit be⸗ bender Stimme ſagte: Faſſe Dich, Cornelie! Beruhige Dich, und lebe wohl! Sie nahm ſich zuſammen, drückte ihr Tuch an die Augen und flüſterte mit ſo feſtem, gleichgiltigem Tone, als es ihr möglich war: Bleibſt Du denn nun in Erfurt, Moriz? Ich kehre noch einmal wieder, war die Ant⸗ wort, mit der er, zum Gehen gewendet, ſtehen blieb.— Eben blies der Poſtillon vor dem Hauſe. Einige Augenblicke hörten beide innig bewegt zu; dann faßte Moriz Corneliens Hand, drückte ſie an den Mund und eilte fort. Sie ſtand auf, folgte ihm ein paar Schritte nach und rief: Moriz! Er blieb ſtehen, und ſie ſagte mit gehobener Stimmung: Eben fällt mir das Rechte ein,— wenn Du mir etwas Liebes erweiſen wollteſt, Moriz? Cornelie? Geh nach Berlin,— wenn Du darfſt, wenn's Deine Geſchäfte erlauben, und— verſöhne mich — 248— mit dem Vater! Dort iſt dann eine Zuflucht für mich,— um abzuwarten. Ich weiß ja nicht, wo Lothar iſt, und ihr wißt dann für alle Fälle, wo ich bin! Juliane kam eben vom Hauſe her. Moriz nickte mit gerührtem Lächeln Cornelien zu, drängte ſie nach dem Garten zurück und eilte der Schweſter entgegen. Er wollte ſie Corneliens Bewegung nicht bemerken laſſen, aber Julianen entging die ſeinige nicht. 18. Ein Fremder, Zuliane? Die Nachricht aus Erfurt, der heiße Bericht des dortigen Statthalters, Cvadjutors von Dal⸗ berg, hatte doch einen erſchütternden Schlag in die leichtfertigen Luſtbarkeiten gethan, mit denen der alte Herr ſich im rothen Schloß und im ſchönen Buſche amüſiren ließ. Während man noch ganz heiter und verlachend nach Mainz blickte, wo voch die Gefahr am eheſten zu befürchten war, hatte man plötzlich im Rücken, mitten in Sachſen, den Aufſtand, als ob die erſte Bombe der Revolution weit über ihr Ziel hinaus gefahren wäre. Die Berichte des Hofkanzlers, Miniſters Albini aus Mainz lauteten immer noch ſo unbedenklich, wie früher. Aber ſie lauteten auch nur ſo, und es 2 — lag eben daran, daß der alte Herr, dem ſie vorge⸗ leſen wurden, ſich nur an den Scherz, Witz und Spott hielt, wemit ſie aus Gefülligkeit für ſeinen Geſchmack aufgeputzt waren, dabei aber die bedenk⸗ lichen Vorfälle unbeachtet ließ, die der Hoftanzler aus Vorſicht ſeiner Verantwortlichkeit keineswegs unterdrückte. So ging der Monat September zur Neige, als die Nachricht einlief, daß Speier von den Franzoſen unter Cuſtine beſetzt worden ſei, nachdem ſie die Mainzer Beſatzung der Stadt, mit welcher Oberſt von Winkelmann unbeſonnenerweiſe den 12,000 Franzoſen entgegen gegangen war, in Stücke ge⸗ hauen hatten. Das große kaiſerliche Magazin, die Hauptabſicht der Franzoſen, war denn auch genom⸗ men und unter den Kanonen von Landau hinweg gebracht worden. Ob der Feind weiter gehen, und ungeachtet des Fürſten Eſterhazy und des Prinzen von Condé, die hinter ihm in Breisgau ſtanden, ſich nach Mainz herab wagen würde, war noch ungewiß, aber es blieb zu fürchten. Und ſo ent⸗ ſchloß ſich nun der Fürſt nach Mainz zurück zu keh⸗ ren, und reiſte wirklich in der Frühe des zweiten October ab. Hinter ihm blieb diesmal nicht wie ſonſt ein ausruhendes Nachträumen, ſondern eine unruhige Erwartung zurück. Man verſprach ſich ſtolze, ret⸗ tende Unternehmungen, und ſah mit Verlangen den Nachrichten entgegen, die von Höflingen und Prä⸗ laten den Freunden und guten Freundinnen zuge⸗ ſagt waren. Doch ſchon nach wenigen Tagen verbreitete ſich die Nachricht von der Flucht des Kurfürſten, des Hofes und des Adels. Heinſe kam mit ſeinem Ge⸗ päck nach Aſchaffenburg zurück und erzählte mit ſeinem egviſtiſchen Lachen, der alte Herr habe nicht wie Archimedes eine Belagerung aushalten wollen, ſondern habe ſich lieber in ſeinen Cirkeln ſtören laſſen. toch andere Familien ſuchten hier Zuflucht, und ſtatt der Briefe kamen die Freunde ſelbſt, die ſie hatten ſchreiben wollen. Da hörte man nun von der entſetzlichen Verwirrung, die mehrere Tage gedauert hatte, von den enormen Preiſen, mit denen man ſich zur Flüchtung von Hab' und Gut einander überboten hatte. Die Neugierde, das Staunen der Einwohner von Aſchaffenburg befrie⸗ digte ſich an den Einzelnheiten dieſes ſchrecklichen Ereigniſſes, indeß der alte Directorialrath, ein Ei⸗ ferer für ſeinen Fürſten, vor ſich hin ſeufzete: Großer Gott, was ſoll da werden? Der Fürſt verläßt ſeine Reſidenz, ſeinen Regentenſtuhl, ſeinen erz⸗ biſchöflichen Baldachin! So ſind ſeine Unter⸗ thanen, ſeine Glaubensheerde preisgegeben! Was hält nun noch die Revolution auf, wenn Pflicht und Ehre die Feſtung, die Schutzwälle des deutſchen Reiches, räumen? Dieſen patrivtiſchen Kummer zu erneuern, erhielt der wackere Mann jetzt auch noch manchen Beſuch alter Freunde und Amtsgenoſſen. Denn der Sitz der Landesregierung war nach Miltenberg verlegt und die Mitglieder der höheren Behörden, die eben mit den nöthigen Subalternen und Akten an der Stadt vorüber zogen, beſuchen bekannte Famtlien, um ihre Klagen und Sorgen auszuſprechen. Wo⸗ hin der Fürſt ſelbſt entflohen, wußte man nicht gleich und erfuhr blos, daß Vorkehrungen zu ſeinem Em⸗ pfang in Krautheim getroffen würden. Juliane und Cornelie thaten das Ihrige, den guten Papa zu erheitern. Der Oheim Commandant war viel auswärts, um mit ſeinen Landjägern die Straßen, beſonders durch den Speſſart gegen Ge⸗ ſindel und Landſtreicher zu ſichern, die ſich bei ſol⸗ chem Glückswechſel nur allzubald einfinden und die öfientliche Sicherheit gefährden.— Man hatte Morizen erwartet, aber ſelbſt Briefe von ihm blie⸗ ben aus. So kam Corneliens Geburtstag heran,, der 15. October, der Tag der heiligen Thereſia. Ju⸗ liane hatte für ſie und zugleich, um den ſo niederge⸗ ſchlagenen Papa zu erheitern, ein kleines häusliches Feſt bereitet, und ſtand in der Frühe des Tages auf, die zu einem Morgengruß beſtellten Muſikanten zu empfangen und nach dem Hinterbau des Hauſes in das Gärtchen unter die Fenſter des Schlaßimmers zu führen. Als ſie wieder in's Haus zurückkam, wurde ſie ſelbſt zuerſt von zwei Männern überraſcht, die ſich zum Feſt eingefunden, und im Gaſthof übernachtet hatten. Sie brachte ſie in das untere Zimmer, und eilte, während die Muſik ein Adagio ſpielte, hinauf, die ſo rührend Erweckte zu begrüßen. St war auf's tiefſte bewegt, umſchlang die Schweſter und hielt ſie lang an ihrer Bruſt feſt. —— Nun aber komm, liebſte Cornelie und kleide dich an, ſagte Juliane, geheimnißvoll lächelnd, der Vater wartet unten auf Dich, auch iſt ein Fremder da, der Dir etwas einzuhändigen hat. Was denn, Juliane? Ein Fremder?— Ich glaube, es iſt ein Brief dabei, antwortete das Fräulein. Ah! von Moriz! rief Cornelie vergnügt. Kennt er denn meinen Geburtstag, Juliane? Juliane verneinte mit Kopfſchütteln. Doch nicht etwa von Lothar? fragte ſie be⸗ troffen Juliane verneinte wieder, und half der nach⸗ denklichen Frau in die Gewänder,— beide ſtill und von Erwartung bewegt.—— Heut war feines Backwerk auf den Kaffetiſch beſorgt, und auf einem Nebentiſchchen lagen kleine — 255— Geſchenke zwiſchen zwei prächtigen Stöcken blü⸗ henden Goldlacks. Ein älterer Mann, in Schuhen und Strümpfen feſtlich angezogen, ſtand vor dieſem Tiſchchen, den Hut in der einen, einen Blumenſtrauß und Brief auf einem ſilbernen Teller in der andern Hand. So trat er Cornelien entgegen, als ſie mit Julianen herein kam. Mit einem Aufſchrei, die Hände freudigen Stau⸗ nens zuſammenſchlagend, ſtarrte ſie ihn an, und rief: Herr Rüſterfeld! O mein Gott! Sie ſind es! Und— Sie kommen von meinem Vater? Oh! Gerührt, mit zwinkernden Augen und bewegter Stimme ſprach, ſich verneigend, der Gehülfe des Berliner Anwalts: Herr Juſtizrath Mauritius laſſen der gnädigen Frou Tochter zu derv Geburtstage Glück wünſchen und haben mir die Ehre und Freude gegönnt, Ih⸗ nen mit einem Blumenſtrauße dies väterliche Hand⸗ ſchreiben zu überreichen. Sie ergriff raſch den Brief, drückte ihn mit wei⸗ nendem Lachen an Mund und Bruſt, und indem ſie 256 dann den Blumenſtrauß nachdenklich vor ſich ſteckte, fragte ſie, etwas befangen: Aber— wie hat ſich denn das gemacht?— Nicht wahr, guter, lieber Rüſterfeld, der Herr Regierungsrath v. Radler war bei euch in Berlin? Statt der Antwort blickte der Gefragte lächelnd nach der Thür des Cabinets, wobei er ſich ein wenig verneigte. Wie nun auch ſie dahin ſah, trat Mo⸗ riz mit dem Directorialrathe, ſeinem Vater, hervvr. — Ach, ach! rief Cornelie, und eilte in die Arme des Vaters, aus denen ſie Morizen eine Hand reichte. 5 Hetzensväterchen! ſagte ſie den alten Herrn liebkoſend und küſſend, und zu Moriz: Ach! und du, guter, edler Moriz, tauſend Herzensdank! Nur Du vermochteſt ſo viel! Sie konnte nicht weiter reden, und warf ſich an Julianens Bruſt. Dieſe führte ſie in's Cabinet zu einem Seſſel, indem ſie ſagte: Lies nun für Dich allein den Brief! Er iſt Dir jetzt das Liebſte und Wichtigſte, und dann ſei für dieſen Tag noch einmal ganz und gar unſer! Wirklich enthielt das Schreiben die Einladung für Cornelien zur Rückkehr nach Berlin. Es war in den herzlichſten und zärtlichſten Ausdrücken ab⸗ gefaßt, und verrieth, mit welchem Leide der Vater die Tochter entbehrt hatte, und wie rührend ihm ihr Entgegenkommen, wie angenehm ihr Vermittler geweſen war. In der That mußte die Art und Weiſe, wie dieſer feine, innerlich vornehme Re⸗ gierungsrath die verwickelte Angelegenheit aus⸗ einander geſetzt, die unverantwortliche Schuld ſeines Bruders, den ſo leicht begreiflichen Irrthum der Tochter dargelegt hatte, den verlaſſenen Vater um ſo leichter verſöhnen, als er hinter ſeinem leiden⸗ ſchaftlichen Trotze her ſeine eig'nen Mißgriffe in der Erziehung ſeiner Tochter ſo wie in der Be⸗ handlung ihrer Zuneiguug für den vermeintlichen Grafen längſt klar eingeſehen hatte. Sein er⸗ littener Verluſt ſchätzte ſich nun auf bloßen Geld⸗ werth ab, und er war mit erheitertem Gemüthe ganz in der Laune, ſeine Einbuße ſcherzend für die Auslage anzuſehen, die ihn für einen Sohn die Univerſität gekoſtet hätte, wofür ihm denn nun Koenig, Familienabende. 1. 17 — ſtatt eines Doctors beider Rechte, eine gnädige Frau v. Radler zurückkehrte,— durch die Folgen ihrer Selbſttäuſchung vielleicht an Geiſt und Herzen noch entwickelter, als es ein Sohn durch alle Vorleſungen der Facultät geworden wäre. Im Uebrigen verlief der Geburtstag in milder Fröhlichkeit,— verinnerlicht durch Empfindungen, die Jedes als Geheimniß in der eigenen Bruſt behielt, und äußerlich durch das Mißgeſchick der Zeit zu edler, hochherziger Theilnahme erweitert. Rüſterfeld war mit Moriz über Würzburg gekommen, und beſprach ſich nun mit Cornelien und der Familie über ſein weiteres Vorhaben. Er hatte Vollmacht, die noch unter Gerichtsſiegel verwahrten Werthſachen aus ihrem Beſchlage zu löſen. Der neue Reiſewagen Lothars ſollte ver⸗ kauft werden, und Cornelie mit dem Gehülfen in der Kaleſche zurückkehren, worin beide Herren die Reiſe gemacht hatten. Man kam überein, daß Cornelie, die auch noch ihre Wohnungsangele⸗ heit zu erledigen hatte, morgen mit Rüſterfeld nach Hanau fahren und dort Morizen mit Julia⸗ nen erwarten ſollte. Man wollte dann noch ein paar Tage in Frankfurt zuſammen ſein, wo Rü⸗ ſterfeld leichter einen guten Käufer für den Wagen, und Moriz Gelegenheit zu finden hoffen durfte, ſich über die Belagerung von Mainz und den Aufenthalt des Kurfürſten zu unterrichten. Der Abſchied von den beiden Alten war herzlich und durch die Zuſage der Wiederkehr Corneliens im nächſten Sommer erleichtert, das Geſchäft in Hanau mit Einſchluß eines höflichen Abſchiedbeſuches beim Atzte Riviöre bereits abge⸗ than, als Moriz mit der Schweſter eintraf. Man war von der bevorſtehenden Trennung ſo bewegt, daß man der umlaufenden politiſchen Gerüchte wenig achtete. So kamen die Vier gegen Abend nach Frankfurt. Eben war die Nachricht eingelaufen, Mainz ſei mit Capitulation in die Hände der Franzoſen gefallen. An der Wirthstafel im Weidenbuſche ſprach man mit lauter Entrüſtung, von Verrath; — es ſei unerhört, ohne Beiſpiel in der Ge⸗ ſchichte, daß eine Veſte, ſelbſt von geringerem Werthe, ſo leicht genommen worden ſei.— Man beſorgte einen Beſuch der Franzoſen in Frank⸗ furt, und der Wirth berief ſich auf den ſächſiſchen Geſandten von Bünau, der von Mainz geflüchtet, bei ihm eingekehrt ſei und Miene mache, der Franzoſen wegen ſich r weiter zu entfernen. In aller Frühe des andern Tages. wurden unſere Freunde durch Lärm auf der Straße ge⸗ weckt. Unzählige Menſchen liefen mit dem Rufe: Sie ſind da! dem Bockenheimer Thore zu. Moriz und Rüſterfeld machten ſich auf die Beine, und eilten auch dahin. Das Thor ließ eben einen franzöſiſchen Of⸗ fizier zu Pferd ein, und ſchloß ſich wieder. Alles eilte auf den Wall, und hier waren denn Fran⸗ zoſen genug zu erblicken,— reitende Jäger und Nationalgarden, die auf dem Raſen lagen, theils vom nächtlichen Marſch ausruhend, theils mit Reinigung an ſich ſelbſt beſchäftigt. Man erblickte den Commandeur der reitenden Jäger, Oberſten Houchard, eine gräuliche Geſtalt, das Geſicht von Säbelhieben ſchief gezogen, ſo daß — — 261— ein Auge nach der Wange herabhing und die Hälfte des Mundes aufwärts ſtand. Beide Männer kehrten zurück, um mit den Damen zu berathen, was zu thun ſei. Fort konnten ſie nicht, denn leider waren die Thore geſchloſſen. Man ſtand in Unterhandlung, wäh⸗ rend welcher die Feinde nicht eingelaſſen, ſondern vor den Thoren abgefüttert wurden. Des Nach⸗ mittags aber erzwang General Neuwinger mit vorrückenden Kanonen ſeinen Einzug durch das Sachſenhäuſer Thor mit etwa 4000 Mann. Die Nativnalgarden, meiſt unanſehnlich, nur theilweiſe in blauen Röcken mit rothen Klappen, die Mehr⸗ zahl aber bunt und zerlumpt gekleidet, mit Pi⸗ ſtolen im Gurt. Hübſcher und ſoldatiſcher nahmen ſich die Linientruppen aus, und die Cavallerie erſchien gut beritten. Neuwinger, mit dem ehr⸗ würdigen Ausſehen eines alten, verſuchten Krie⸗ gers, nahm Quartier im rothen Haus und ord⸗ nete ſtrenge Mannszucht an. Ein Manifeſt ging alsbald von ihm aus, nach welchem eine Con⸗ tribution von zwei Millionen Gulden dem Magi⸗ ſtrat als Genugthuung und Erſatz jenes Scha⸗ dens angeſetzt wurde, den die Mitglieder desſel⸗ ben durch Aufnahme, Schutz und Unterſtützung der emigrirten Ariſtokraten der franzöſiſchen Na⸗ tion Jahre lang ſollten zugefügt haben. Doch wurden die Bürger und Beiſaſſen ausdrücklich von jedem Beitrag zu dieſer, nur von den adlichen Patrizierfamilien und den geiſtlichen und fürſtlich⸗ gräflich und adlichen Beſitzungen zu tragenden Contribution freigeſprochen Die Thore waren nun wieder geöffnet; da ſich aber das Gerücht von einem Zuge nach Hanau verbreitete: ſo hielten es die Freunde für gerathener, in Frankfurt zu bleiben, das ihnen mehr Ruhe und Sicherheit verſprach, als eine ſchwächere Stadt oder gar die bewegte Landſträße. Ueberdieß gab der Wirth Hoffnung zum Verkauf des Wagens. Gegen Abend ſchlenderten Norz und Rüſter⸗ feld umher. Es war ein neues, ſeltſames Leben und Treiben in die Stadt gekommen. In allen Gaſſen tönte das Ca ira der luſtigen Soldaten. Auf Flößen am Main lagen ſie zu Dutzenden, und reinigten ihre Wäſche ſelbſt, lachend, daß die Quartiergeber die entſetzliche Unſauberkeit von ſich abwieſen. Die Wirthshäuſer erſchollen von ſin⸗ genden und prahlenden Soldaten, die bei ihren gebrannten Waſſern die Fürſten abſetzten und mit Königskronen, wie mit Bällen, ſpielten. Ganz anders lautete es in gutem Frankfurter Deutſch an der Abendtafel im Gaſthofe, wo ſich die wohlhabenden Bürger heute noch zahlreicher eingefunden hatten.—„Da haben wir nun die geprieſene rothe Kappe mit der dreifarbigen Ko⸗ karde! hieß es. Sie iſt das Mahlzeichen der Raubſucht geworden, und nur die Narren werden fortan in Deuſchland damit ſpielen, oder ſich ſchmücken wollen. Es iſt leicht über Fürſten zu richten, leicht ihre Schwächen außuſuchen und die Bosheiten treuloſer Diener auf ihren Nacken zu wälzen: aber ſchwer, ſehr ſchwer, ein Fürſt und vorwurfsfrei zu ſein. Noch drückt den Deutſchen kein Tyrannenjoch zu Boden, und wenn es wäre, ſo bedarf er, ſeine Ketten zu brechen, keines ſo verderbten zügelloſen Volkes zu ſeinem Beiſtande, wie ſich uns dieſe zerlumpten Franken zeigen.“ „Pfui über das Manifeſt! rief ein Anderer. Bei uns will der Arme kein Vorrecht vor dem Reichen; denn er weiß, daß des Reichen Reich⸗ thum ihn ernährt. Wo wahre Freiheit herrſcht, wie bei uns, da iſt der Menſch des Menſchen Freund und Bruder. Bei der erſten Aufforde⸗ rung des väterlich ſorgenden Magiſtrats wird Jeder willig ſeinen Beitrag zur Brandſchatzung der allgemeinen Ruhe opfern.“— Uebrigens erfuhr man, daß eine Deputation nach Mainz an den General Cüſtine um Erlaß der Brandſchatzung abgegangen ſei. Auch erwartete man den Feldmarſchall ſelbſt. v— 4 Wie hat ſich das gemacht? Am andern Morgen, beim Frühſtück der Freunde, erſchien der Gaſtwirth, um über den Ankauf des Reiſewagens für den Geſandten von Bünau zu unterhandeln. Die Umſtände begünſtigten ein leichtes Uebereinkommen. Der Geſandte, der aus Mißtrauen gegen die Franzoſen weiter zu reiſen brannte, während ſein alter Wagen auf der Dresd⸗ ner Hin⸗ und Herreiſe, ſo wie auf der Flucht von Mainz, Schaden genommen hatte, that auf Rüſter⸗ felds Forderung ein annehmliches Gebot, mit wel⸗ chem dieſer ſich um ſo eher zufrieden gab, als auch er abzureiſen wünſchte, und ein beſſerer Verkauf — dermal nicht wohl zu erwarten ſtand. So wurde das Geſchäft ſchnell abgemacht, und eine Viertel⸗ ſtunde ſpäter erſchien der Bediente der Exeellenz mit der Bezahlung des Wagens. Es war der uns bekannte Franz, der den Wa⸗ gen ſeines ehemaligen Herrn gleich wieder erkannt hatte, und nun mit der ſchmunzelnden Erwartung, ebenfalls erkannt zu werden, in's Zimmer trat. Rüſterfeld, der ihn bei ſeinem Prinzipal in Ber⸗ lin einigemal geſehen hatte, ſtutzte wirklich im erſten Augenblicke, faßte ſich aber, und behandelte ihn als fremd. Anders Cornelie, die mit Julianen und Moriz am offenen Fenſter ſtehend, kaum des Bur⸗ ſchen Stimme gehört hatte, als ſie ſich umwendete, und mit betroffenem Staunen ausrief: Franz! Um Gotteswillen, iſt Er's denn? Zu Befehl, gnädige—! Das Wort Gräfin verſchluckte der Schalk mit einem Räuspern. Ihre Bewegung zu verbergen, wendete ſich Cor⸗ nelie beiden Geſchwiſtern zu. Ihr Herz klopfte hef⸗ tig von Angſt und Erwartung, als ſie ihnen ſagte, — 267— Franz ſei Lothars Diener in Berlin und auf ihrer Reiſe geweſen. Moriz trat nun hervor, maß den Menſchen mit ſcharfem Blick, und fragte ihn, wie lang er vom Bruder fort ſei. Ah ſo! Sie ſind der Herr Bruder? antwortete Franz mit Verneigungen, unter denen er zu über⸗ legen ſchien, was und wie viel er verrathen wollte. Oich bin gleich damals, will ich ſagen, nach unſerer Ankunft in Mainz, bei Sr. Excellenz in Dienſt getreten. Und wo hat ſich mein Bruder hingewendet? Er iſt von Mainz fort. Der Herr Graf— wollt' ich ſagen, der Herr von Radler ſind hier. Was? hier in Frankfurt? Ja wohl,— als Adjutant des Obergenerals Cuſtine iſt er voraus mit General Neuwinger ein⸗ gerückt. Franz ſagte das mit einem ſo verſchmitzten Lä⸗ cheln, daß Moriz, ſich vergeſſend, mit Entrüſtung ausrief: Burſche, Du lügſt! Unter den Franzoſen, im Dienſte dieſer— Es iſt nicht wahr! Verzeihung, Herr Baron! erwiderte Franz. Der Herr General Neuwinger würde Ihre Art von Unglauben ſehr übel nehmen. Ihr Herr Bruder hat ſich um den Marſchall Cuſtine und die Franzoſen ſehr verdient gemacht und iſt ſehr ſtolz auf ſeine dreifarbige Kokarde. Moriz, ſeiner Aufwallung, wie ſeiner Unbe⸗ dachtſamkeit beſchämt, nahm ſich zuſammen, und ſagte: Er hat mich mißverſtanden, Franz. Aber— allerdings hat mich dieſes— Dienſtverhältniß, dieſe Richtung meines Bruvers überraſcht. Kann er mir ſagen, wie das gekommen iſt? Franz bat um Erlaubniß, nur erſt ſein Ge⸗ ſchäft abzumachen. Er wollte vor allem freien Fuß haben. Denn die Behandlung des Barons wurmte ihm, und er ſann darauf, das Kränkendſte zu erwidern. So ſah er ſchweigſam zu, während Rüſterfeld das Geld zählte, und erſt als er die — 269— Quittung und ein Trinkgeld eingeſteckt hatte, ſprach er, indem er ſich langſam zurückzog: Wie's eigentlich gekommen, Herr Baron, weiß ich nur vom Herrn Adjutanten ſelbſt, den ich geſtern Abend im rothen Hauſe beſucht habe. Anfangs dachten der Herr Bruder allerdings in Mainz zu bleiben, und hatten auch ſchöne Zu⸗ ſagen von der Frau von Ferette. Doch, das war ſchon nach mir. Denn da der Herr Baron einen„neuen Menſchen“ anziehen wollte, wie er ſich ausdrückte: ſo fiel ein alter Flicken wie ich von ſelbſt ab, und ich nahm Dienſt bei meiner jetzigen Excellenz. Hätte ich freilich gewußt, daß der neue Anzug ſobald wieder einen Riß be⸗ käme: ſo wäre ich doch geblieben, und hätte dem Herrn Baron freilich beſſer gedient, als gewiſſe Freunde, die ihn mit dem Siegel des Herrn Domprobſtes in Verdruß brachten. Ich weiß nicht, was noch dazu kam: aber der Herr Bruder hielten es für gerathen, ſich aus Mainz fort zu machen, und fanden Zuflucht im Hauſe des Pro⸗ feſſors Böhmer in Worms. Er hatte dieſen — Narren im Mainzer Club kennen gelernt. D'rauf kamen die Franzoſen von Speier herunter, Böhmer wurde in Worms Secretär des Generals Cü⸗ ſtine, ſeine luſtige Frau ging auch mit, und Herr Baron Lothar wurde Adjutant. Bei der Be⸗ lagerung that er gute Dienſte, indem er als ehe⸗ maliger Offizier die ſchwachen Seiten der Feſtungs⸗ werke kannte. Denn mit dieſen vechielt es ſich ſo, wie meine gnädige Excellenz auf unſerer fatalen Flucht von Mainz ſagte: Der alte Kur⸗ fürſt, ſagte er, hat weder bei Hof noch an der Reichsfeſtung viel auf— gute Werke gehalten. Halunke! rief Moriz entrüſtet, und ſchritt mit gehobener Fauſt gegen den Burſchen. Dieſer wich einen Schritt zurück, indem er ſagte: Meinen Sie die Excellenz mit dieſem Namen! ſo will ich's gehorſamſt beſtellen. Ich ſelbſt heiße Franz, und ſchreibe mich Franz Steiglehner aus Treuenbritzen. Und da Sie ſo gnädig waren, mich zu befragen, ſo erlaube ich mir noch zu bemerken, daß Ihr Herr Bruder als Parlamentär zwiſchen General Cuſtine und dem Commandanten von — 271— N Gymnich das Beſte gethan hat. Er kannte nicht nur die Schwäche der Werke, ſondern auch der Herrn Generäle. Ein wenig,— wie ſoll ich ſa⸗ gen?— wild, oder rauh, und wenn Sie's nicht übel nehmen wollen,— ein wenig roh iſt der Herr Bruder dabei geworden. Ich glaube aus Verdruß und Unzufriedenheit mit ſich ſelbſt. Auch ſagte er mir, er ſei mit ſeiner ſchönſten Hoffnung getäuſcht worden. Der tückiſche Geſelle ſchielte bei dieſen Worten nach Cornelien, die neben Julianen ſitzend, in ſchmerzlicher Bewegung an ihrer Schulter lehnte. Dann verneigte er ſich, und ging nach der Thür. Hier, die offene Thür in der Hand, wendete er ſich noch einmal um.— Ja, ja, ſagte er, als Baron iſt der Herr Bruder ſehr herunter gekom⸗ men. Er war viel angenehmer, als Graf! Mit dieſen boshaften Worten ſchlug er die Thür zu, und machte ſich davon.——— Er hätte nicht nöthig gehabt, ſo auf ſeine Sicherheit bedacht zu ſein. Es war ihm mehr ge⸗ lungen, als die bloße Tücke, einen adelſtolzen Mann durch die Erinnerung an den abenteuer⸗ lichen Bruder zu kränken: er hatte ihn vielmehr durch den Verdacht, daß Lothar beim Verrathen von Mainz den Franzoſen gedient habe, völlig niedergebeugt. Moriz, der beim höhnenden Aus⸗ fall auf ſeinen Fürſten ſich eben noch gegen einen verächtlichen Menſchen hatte entrüſten können, ſtand jetzt wie gebrochen da vor der Schweſter und Gattin eines Mannes, den er für einen Ver⸗ räther an ſeiner Geburtsſtadt, an ſeinem Vaterland und Fürſten halten mußte. Beide Frauen theilten ſeine Empfindungen, mit denen er den Jammer des Vaters, die Ent⸗ rüſtung des Oheims, die Schmach der Familie beklagte. Dieſe Theilnahme war, dem Naturell beider Frauen nach, leidenſchaftlicher bei Cornelien, tief innerlich bei Julianen. Rüſterfeld, durch die Advokatenpraris mehr auf einen bürgerlich⸗verſtändigen Geſichtspunkt ge⸗ richtet, ſuchte die niedergeſchlagenen Geſchwiſter auf ſeine Weiſe aufzurichten.— Bedenken Sie doch, ſagte er, daß Sie nun vielmehr erleichtert ſind, indem ein unwürdiger Mann, der mit jedem von Ihnen noch mehr oder weniger verwachſen war, und die innigſten und zarteſten Lebensver⸗ hältniſſe mit ſeinem faulen Zuſtande bedrohte, ſich durch Hochverrath ganz losgeriſſen hat,— für geſchieden von ſeiner Gemahlin, für ausge⸗ ſtoßen von ſeiner Familie zu betrachten iſt. Doch ſolcher verſtändige Zuſpruch änderte nicht, was geſchehen war, und fand nur ein höfliches Ohr, aber kein zugängliches Hetz. Mehr Zuſtim⸗ mung erhielt ſeine Aufforderung, nun das Ge⸗ ſchäft abgemacht ſei, die Stadt zu verlaſſen, und lieber noch einen Tag in Hanau beiſammen zu bleiben. Dieſer Vorſchlag regte zum Ueberlegen, zum Handeln an, und der Umſtand, daß die Damen noch einiges zu kaufen nokirt hatten, trug zur Zerſtreuung der Gemüther bei. Namentlich hatte Cornelie einige Andenken im Sinn. Ein Paar Pelzſchuhe und ein wattirter Schlafrock auf den Winter für den alten Papa in Aſchaffen⸗ burg, der ſo leicht fror,— irgend etwas Liebes Kvenig, Familienabende. 1. 18 für Schweſter Juliäne als Andenken, und kleine Geſchenke für die Dienſtboten waren ausgedacht. Mit dieſem Vorhaben gingen alle vier noch ein⸗ mal aus. Die Stadt hatte ſchon in ſo kurzer Zeit ein theilweiſe ſehr verändertes Ausſehen genommen. Die freien Plätze lagen verwüſtet; aus der Allee, dem gewöhnlichen Sommerſpaziergange der Frank⸗ furter, war ein Pferdeſtall gemacht; den ganzen Tag raſſelte die Trommel durch die Gaſſen, bald zum Exercieren, bald zur Wache oder zum Fleiſch⸗ und Brotempfang. Dabei ſetzte es abſonderliche, oft ſehr widerliche Erſch einungen a Die zur Wache ziehende Mannſchaft nahmz. B. ihre Brot⸗ und Fleiſchportionen, auf das Bajonett geſteckt, mit ſich. Hier und da wurde auf offener Straße, wo ſich eben ein Holzblock oder ein Steinſitz fand, ein Ochſenviertel in kleinere Portionen zerlegt. Das Ga ira in allen Gaſſen hörte nicht auf, und klang wie zum Hohn, daß es mit der Unordnung beſſer gehe, als mit den Geſchäften und Arbeiten, die da und dort bereits zu ſtocken anfingen. An den ———— Aie. Straßenecken klebten Mandate, eines über dem an⸗ dern; die Bauern aus der Umgegend ſtanden mit offenen Mäulern und beifälligem Nicken leſend davor und die grimmigen Bürger riefen ihnen zu: Ja, ja, Hanns Michel, lacht nur, buchſtabirt's nur richtig heraus: auf dem Papier ſteht euer Glück! Guckt nur das zerlumpte Völkchen an, das es euch bringt, und dafür bei euch ißt und trinkt und fouragirt.“ Oder man riß auch die Anſchläge verſtohlen ab, und reichte ſie dem Bauer mit dem Zuſpruch hin: „Da, nehmt's mit heim! Und wenn ihr eine Wurſt hinein wickelt, ſo habt ihr auch was drin!“ Es hieß allgemein, die Deputation ſei von Mainz zurück mit einem Nachlaß an der Contribu⸗ tion von einer halben Million; eine zweite aber gehe um weitern Erlaß nach Paris. Der Oberge⸗ neral Cuſtine wurde von Mainz erwartet. Auf dem Rückwege nach dem Gaſthofe fanden unſere Freunde die Zeil mit Menſchen angefüllt. Ein Handſtreich auf die heſſiſche Saline Nauheim war den Franzoſen gelungen. Ueber hundert und Aepfelwein dazu einſchenken. Wagen Salz nebſt 120 gefangenen heſſiſchen Sol⸗ daten waren eben eingebracht worden. Ein Schar⸗ mützelzwiſchen einem Kommando vom RegimentKos⸗ poth und den viel ſtärkeren Franzoſen hatte nämlich ſtattgefunden, und man hörte, daß ein ſtarkes Ar⸗ mee⸗Corps von Preußen und Heſſen im Anzuge ſei. Dieſe Nachricht trieb die Freunde an, ihre Ab⸗ fahrt nach Hanau zu beſchleunigen. Sie mußten ſich durch das zuſammengelaufene Volk drängen. Aus dem rothen Hauſe erſcholl Muſik und Jubelruf. Die Offiziere hatten ein Bankett. Von außen brüllten die hungernden Ochſen an den Salzwagen dazu, und beim Gläſerklang durch die offenen Fenſter nagten die heſſiſchen Frohndbauern, arm gekleidet, traurigen Blicks, an ihrem mitgebrachten Schwarz⸗ brote. Wohlhabende Bürger ließen ihnen Schnaps 20. Klit wem wollen Sie gehen, Cornelie? inſere Reiſende hatten eine kleine Collation ge⸗ nommen, und erwarteten den vorfahrenden Wagen, als es hart an die Stubenthür klopfte und zwei Männer lebhaft eintraten. Es war ein franzöſiſcher Offizier der Nationalgarde und ein Mann in Civil, nur durch eine dreifarbige Schärpe mit Degen und durch einen dreieckigen Hut mit Kokarde militäriſch — ſo zu ſagen angedeutet. Mit einem Ausruf des Schrecks enannte ihn Cornelie zuerſt für Lo⸗ thar. Es trieb ſie, ihm einen Schritt entgegen zu kommen; doch ſein Ausſehen, der Ausdruck ſeines Geſichtes, die ganze Haltung des Mannes ſchreckte ſie zurück. Beide Offiziere mochten wohl vom kuſtigen Gelag im rothen Hauſe kommen; doch ſah Lothar erhitzter, als der Franzoſe aus. Noch auffallender war an ihm ein rüdes, verwildertes Weſen,— nicht wie von Natur ungeſchlachte Sitten es mit ſich bringen, ſondern wie es als Folge eines mit ſich zer⸗ fallenen Gemüthes viel widerlicher erſcheint. Seine frühern ariſtokratiſchen Manieren ſchienen mit ihm ſelbſt der Revolution verfallen; ſeine Mienen, ſeine Geberden waren halbe Sanseulotten, die jede zart⸗ fühlende Frau mit unbeſtimmter Bangigkeit ent⸗ ſetzten. Er trat mit einem franzöſiſchen„Guten Abend“ ein. Bei dem ſchreckhaften Ausrufe Corneliens lachte er, gegen ſeinen Begleiter gewendet mit den Worten: Hören Sie, Freund Foyot, wer mich ſo ver⸗ gnügt erkennt? Sehen Sie, das iſt meine Frau! Guten Abend, liebe Cornelie! Er wollte ſie umarmen; ſie trat einen Schritt zurück, indem ſie ihm die weit ausgeſtreckte Hand reichte. Ich bringe Dir hier meinen Freund, Lieute⸗ nant Foyot von der Nativnalgarde, der Dir ſeinen Reſpekt bezeigen will. Sie verneigte ſich blaß und bebend. Und hier, Foyot, meine Schweſter Juliane! Er ſprach alles dies franzöſiſch, wobei er beiden Männern den Rücken zukehrte. Eine peinigende Unruhe vor dem Bruder ſuchte er durch wegwer⸗ fendes Ignoriren zu bewältigen. Dadurch fiel aber auch die Art, ſich ſeiner Frau zu nähern, in's Barſche; ſo daß Cornelie ſich an Julianens Seite flüchtete. Als Lothar ihr ſchäkernd folgte, trat Moriz dazwiſchen, und fragte nach der Be⸗ deutung des ſehr unerwarteten Beſuches. Ohne der Frage zu achten, ſagte Lothar franzöſiſch: Ich komme, Madame, Sie abzuholen. Ich habe Sie ſehr lange erwartet. Erſchrocken blickte ſie nach Moriz, wie nach einer Antwort. Reden Sie nur deutſch, liebe Cornelie! ſprach dieſer lächelnd. Sie haben Ihre Mutterſprache noch nicht unter den Wällen einer verrathnen Stadt begraben. Darüber kam es zu einem Wortwechſel, der nun auch von Lothar deutſch geführt, thätlich zu werden drohte, als der Regierungsrath, von Ju⸗ lianens Hand berührt, ſich faßte, und zu Foyot gewendet, in gutem Franzöſiſch ſagte: Es iſt ſehr liebenswürdig von Ihnen, Herr Lieutenant, daß Sie Ihren Freund begleiten. Er ſcheint mir noch nicht lang genug Franzoſe zu ſein, um den rechten Ton eines franzöſifchen Of⸗ fiziers gegen Damen zu kennen. Ich verſtehe Ihre Sprache nicht, erwiverte der 5 Offizier mit feinem Lächeln, aber ich zweifle nicht,* daß mein Freund ſich ſtets wie ein franzöſiſcher Offizier benehmen wird. Oho, Foyot! rief Lothar. Sie wollen mir einen Wink, wollen dieſem hochmüthigen Ariſtv⸗ kraten Recht geben? Sind Sie nicht mitgekommen, meine Frau abzuholen? Allerdings, Bürger Adjutant! antwortete Foypt. Thun wir es mit aller Artigkeit, die ein Repu⸗ blikaner gegen liebenswürdige Frauen beobachtet? Lothar wollte über dieſe feine Zurechtweiſung auffahren, ſtieß aber nur ein kurzes Lachen aus, und wendete ſich mit Höflichkeit, aber ſeines Be⸗ gleiters wegen wieder franzöſiſch, an Cornelie: Wohlan, Madame, ſind Sie bereit, ihrem Manne zu folgen? Unten hält ein Wagen: es ſcheint, Sie ſind ohnehin reiſefertig? Dir folgen, Lothar? antwortete ſie deutſch, mit bebender Stimme und mit ftagend auf Ju⸗ lian t gerichtetem Blick. Wohin ſoll ich Dir folgen? Wo haſt Du einen anſtändigen Aufenthalt für mich,— für uns? Ich bringe Dich vor allem nach Hanau, er⸗ widerte er,— jetzt wie es ſchien, aus andern Rückſichten— deutſch und in vertraulichem Tone. Eine Abtheilung unſerer Truppen wird die Stadt beſetzen, und ich habe mir von General Cuſtine eine Sauvegarde für dieſelbe ausgebeten. Hier lies: Er brachte ein beſchriebenes Papier hervor, und Cornelie las mit Julianen: Nous Adam Philippe Custine Ci- toyen frangais, General des Armees de la Republique Ordonnons à nos Commandans de Postes et de Troupes, à tous Soldats et Citoyens frangais de respecter et faire respecter les personnes et les Propriétés des Citoyens de la ville de Hanau, rendant tous Commandans de Troupes et de Postes responsables de toutes violences qui pourroient ötre commises sur la ville de Hanau les Personnes qui Phabitent. Custine. Dazwiſchen ſprach Lothar weiter: Dieſe edle Zuſicherung, gerade durch mich vollzogen, ſoll mir zu einer Genugthuung dienen für die Unbilde, die mich zwar dort nicht erreichte, Dir aber ſchmerzliche Stunden bereitet hat. Iſt Dir das anſtändig genug? Iſt das nicht edel⸗ männiſch? Unter dieſer vertraulichen Mittheilung war — 283— Moriz abermal zu dem Offizier getreten.— Sie denken das nachbarliche Hanau zu beſetzen? fragte er leiſe. Verzeihung! Wir denken nicht daran, antwor⸗ tete der Lieutenant. Es war ein Lieblingsproject meines Freundes; Cuſtine hat es aber abgewieſen. Wir werden genug mit den Preußen und Heſſen zu ſchaffen kriegen. Von dieſem Widerſpruche betroffen, faßte Moriz Mißtrauen gegen das Papier, das Lothar auch raſch wieder eingeſteckt hatte.— Was er nur damit will? fragte er ſich ſelbſt. Er war empört über dies unaufhörliche Treiben. In dieſer Verſtimmung entging ihm Corneliens Kampf mit ſich ſelbſt, die Angſt und Unruhe nicht, mit der ſie, wie Rath und Beiſtand ſuchend, bald nach Julianen, bald nach ihm blickte; und ſo trat er, ſich und alles andere vergeſſend, hervor und ſagte: Unſer Wagen ſteht nach Hanau bereit; wir fahren alſo voraus dahin ab, liebe Cornelie. Wir werden's ja dort erleben, ob man einer — 284— Sauve⸗Garde bedürfen, oder wer vielleicht im heranrückenden Kampfe mit Preußen und Heſſen — Sauve qui peut! rufen wird. Der abfertigende Ton dieſer Entgegnung und vielleicht noch mehr der ermunternde Eindruck, den dieſelbe auf Cornelien machte, reizte Lotharn auf's Neue, und bedrohte ihn zugleich in ſeiner Abſicht auf ſie. Er fühlte, daß ihn der Bruder abermal durchkreuze, und war entſchloſſen, auf welche Weiſe es auch ſei, ihn bei Seite zu werfen. Er nahm ſich indeß zuſammen; aber die innere Erbitterung verrieth ſich in der leidenſchaftlichen Haſt, womit er erklärte: Meiner Abſicht entſpricht es, Cornelien ſelbſt nach Hanau zu bringen, ich! Meiner Abſicht, ſage ich, und meinem Rechte. Und Cornelie, denk' ich, wird die Pflichten gegen ihren Mann nicht vergeſſen haben. Soviel ich weiß, Cornelie, fuhr Moriz mit immer wärmerem Nachdrucke fort,— ſ o waren Ihre Pflichten bisher ſchon ſchwere Fragen für Ihr Herz. Solche Pflichten, die allein und ver⸗ laſſen in der Welt ſtehen, und nicht Hand in Hand mit entſprechenden Pflichten wandeln, fangen mit Recht an, irre an ſich ſelbſt zu werden. Indeß,— wie Sie ſehen— iſt die Stunde ge⸗ kommen, wo dies fragende Herz ſich Antwort geben muß. Er trat, Julianen an der Hand gefaßt, einen Schritt zurück, ſo daß Cornelie zwiſchen ihnen und Lotharn frei in der Mitte ſtand. Blaß und be⸗ bend, als ob ſie in ſich ſelbſt verſinken könnte, ſtand ſie gänzlich von dem ſchönen Frohmuthe verlaſſen, mit dem ſie in Aſchaffenburg ſich ſo glücklich und beglückend empfunden hatte.—— Hier ſtehen Sie, fuhr Moriz fort, hier, auf dem Scheidewege zwiſchen Wahrheit und Täuſchung, und eine Wahl wird von Ihnen gefordert. Sie haben, glaube ich, recht frohe Wochen in unſerer Familie gelebt, und auch wir haben uns durch Sie recht beglückt gefühlt. Von uns haben Sie gehört, wer Sie eigentlich find, und daß Sie einer ehrenwerthen, deutſchen, mainzer Familie in Wahrheit angehören. Ich frage nicht, wohin jener — 286— Mann, der Pflichten von Ihnen fordert, Sie von Hanau weiter in einen ruhigen, anſtändigen Auf⸗ enthalt zu bringen im Stande iſt,— ob etwa auf ſeine Güter in der Pfalz. Sie wiſſen das nicht, und ihn darf ich nicht fragen, und denke mir nur, daß in jetzigen Zeitläuften jene Güter ſchwer aufzufinden ſein würden. Nein, die nächſte Frage bleibt: Was wählen Sie, Wahrheit oder Täuſchung, und in welchem von beiden Lebens⸗ kreiſen liegen Ihre Pflichten? Hier ſteht die Fa⸗ milie Radler, der Sie angehören, und als ange⸗ hörig gelten. Dort ſehen Sie den— Parlementär von Mainz, dem als Grafen von der Leyen Sie ſich haben antrauen laſſen. Er hat aufgehört ein Graf zu ſein, und iſt bei der Belagerung und Capitu⸗ lation vovn Mainz auch der ihrem Fürſten treuen Familie Radler verloren gegangen. Mit wem wollen Sie gehen, Cornelie,— mit der Familie Radler oder mit— dem Parlementär von Mainz? Cornelie, laut in Weinen ausbrechend, wendete ſich, und wankte nach Julianen, der ſie wie ohn⸗ mächtig in die Arme ſank. Moriz winkte nach dem Seitenzimmer, und Juliane führte Cornelien dahin. Er ſelbſt blieb ſtehen, abzuwarten oder abzuwehren. Dies alles hatte Lothar im Kampfe mit widerſprechenden Empfindungen und Rückſichten über ſich ergehen laſſen. Was der Bruder ſo unvermuthet von ihm wußte, drückte zuerſt mit Beſchämung die Wuth über Das nieder, was er ausſprach. Auch die Gegenwart des Offiziers hielt einen Ausbruch ſeines Zornes zyrück; der beſchwichtigende Gedanke aber, daß der Franzoſe die beleivigende Rede nicht verſtanden habe, brach— ſich gleich wieder am Anblicke Rüſterfelds, der als Zeuge dabei ſtand. Die Wahrnehmung, wie entſchieden ihm nicht nur der Bruder bei Cornelien im Wege ſei, ſondern ſie ſelbſt ihm vertraue und zuneige, gab ihm einen tückiſchen Gedanken ein, im Augenblicke, als der Lieutenant, ungeduldig der ihm unverſtändlichen Verhandlung, mit der dienſtförmlichen Frage hervortrat: Was thun wir, Bürger Adjudant? Es will Nacht werden. — 288— Ganz recht, Bürger Lieutenant! erwiderte Lothar. Arretiren Sie dieſen Mann! Er hat eben die Einnahme von Mainz als einen Schimpf, als einen Verrath bezeichnet. Er hat die Ehre der franzöſiſchen Nation angetaſtet. Sie bringen ihn nach dem vom Stadteommandanten, General van Helden, für hieſige Bürger bezeichneten Ge⸗ wahrſam. Auf der Melwack? fragte Foyot. Auf der Mehlwage, ganz recht! befahl Lothar. Der Franzoſe, der eigentlich nicht im Dienſte, ſondern aus Gefälligkeit mitgekommen war, und Cuſtines Befehle kannte, die deutſchen Bürger freundlich zu behandeln, wollte eine leiſe Einwen⸗ dung machen, durch die Lothar ſich bloßgeſtellt glaubte.— Was? fuhr er ihn an. Sie haben nicht die ſchmählichen Worte dieſes Mannes,— aber Sie müſſen die Mienen, Sie müſſen den Ton der Rede verſtanden haben. Doch— war⸗ ten Sie! Er eilte nach der Stubenthür. Drei National⸗ gardiſten mit Gewehr zeigten ſich auf dem Gang. Er gab das Commandowort, und ſie traten ein.— FJetzt, Bürger Lieutenant, im Namen des Generals Cuſtine, arretiren Sie dieſen Mann! Ich es zu verantworten. Mit dieſem Befehl verließ er das Zimmer. Mein Herr Lieutenant, ſagte Moriz mit ruhigem Anſtande zu dem überlegenden Offizier. Kommen Sie, wir gehen zuſammen. Laſſen Sie die Sol⸗ daten zurück! Wir wollen kein Aufſehen machen. Wir gehen als Freunde. Und deutſch zu Rüſterfeld gewendet: Lieber Rüſterfeld, beruhigen Sie meine Schweſter und Schwägerin. Morgen kommt General Cuſtine: wenn Sie bis dahin nichts von mir hören, ſo wen⸗ den Sie ſich an ihn, und zeigen ihm an, was hier gegen die Zuſagen ſeiner Sauvegarde geſchehen iſt.—— Gehen wir, Herr Lieutenant! Er hatte Hut und Mantel genommen, und ging mit dem Offizier. Die Soldaten folgten und wur⸗ den vor dem Hauſe entlaſſen. Rüſterfeld verriegelte die Stubenthür, und trat nach einiger Ueberlegung bei den Damen ein.— Koenig, Familienabende. 1. 19 Sind Sie damit zufrieden? Zwei in liebevollem Verſtändniß und Beſtreben zu ſchönem Einklang geſtimmte Seelen— wie ver⸗ ſchieden werden ſie doch bewegt von den Ereigniſſen des Lebens, die an ihre Herzen ſchlagen! Der unvermuthete Ausgang der brüderlichen Entzweiung regte Cornelien leidenſchaftlicher auf, und beugte ſie zugleich tiefer, als Julianen. Dieſe, mit ihrem gefaßteren Gemüth und umfaſſenderen Weltverſtande, nahm den böswilligen Streich Lv⸗ thars nicht mit ſolcher Aengſtlichkeit um Moriz, wie jene, die von den feindlichen Franzoſen alles für ſein Leben oder ſeine Freiheit fürchtete. Zugleich aber fand auch die Schweſter, in der Stellung zwiſchen zwei ſo ungleichen Brüdern, doch an ihrer — S* Entrüſtung über den Verrath des Einen, wie an dem Evelmuthe des Anderen eine gewiſſe Erhebung der Seele, während freilich Cornelie, in ähnlicher Zwiſchenſtellung, von ihren Pflichten für Lothar und von ihrer Neigung für Moriz, mithin von zweifachen Zweifeln, geängſtigt wurde. Rüſterfeld, dem Ereigniß an ſich, ſowie der adlichen Familie eigentlich fremd, fühlte ſich doch in ſeinem rechtſchaffenen Sinn und im Interreſſe der Tochter ſeines Prinzipals zu eifrigſter Bethäti⸗ gung für zwei bedrängte Frauen aufgefordert. Er hatte ſich noch am Abende zur Mehlwage zurecht gefragt und ſden Gefangenwärter gewonnen, dlle Bequemlichkeit für den Gefangenen zuzulaſſen. Ein guter Frankfurter und Franzoſenfeind, gab der Auf⸗ ſeher auch am andern Morgen eine Beſprechung mit Moriz nach, und Rüſterfeld konnte nun mit Grüßen und Rathſchlägen ſdes Regierungsrathes die beiden Frauen beruhigen. Und nun ſetzte ſich der eifrige Mann in Bewegung, die Ankunft Cuſti⸗ nes zu erwarten. Die Freiheitsſoldaten wurden bei ihrer gewohn⸗ ten Unbekümmertheit und lockern Kriegszucht von dem obgleich zu erwartenden Obergeneral doch überraſcht. Sie waren eben bei ihrem heut etwas früheren Mittageſſen, als plötzlich Generalmarſch geſchlagen wurde. Alles kam nun auf die Beine, die Bürger wie die Soldaten. Jene glaubten im erſten Augenblicke, die Preußen rückten gegen die Stadt vor; die Franzoſen aber gaben mitunter den lächerlichſten Anblick. Während ſie dem Roßmarkte, ihrem Waffenplatze, zueilten, waren viele noch mit ihrem Anzuge, mit Zuknöpfen des blauen Rocks oder der gelben Weſte, mit Zurechtrücken des Tor⸗ niſters u. dgl. beſchäftigt; andre trugen ihre Fleiſch⸗ und Brotportion auf's Bajonnet geſpießt mit ſich fort, oder hatten ihren Reis in einem Säckchen über den Rücken geworfen, nur beeifert, den Stummel ihrer irdnen Pfeiſe zu ſtopfen und anzurauchen.— Am weitſten zurück mit ihrem Mittagmahle waren jene, die mit ihrem irdnen Suppenſchüſſelchen und hölzernen Löffel eſſend über die Gaſſe liefen und das Geſchirr dann wegwarfen. Dazwiſchen ritten die Jäger und raſſelten die Kanonenwagen nach dem Platze, und ehe noch alles in fertiger Ordnung aufgeſtellt war, kam Cuſtine mit ſeinem zahlreichen Gefolge herangejagt. Ha! Da kommt ja der zweite Joſua, der die Mauern der deutſchen Feſtungen mit Poſaunen umblaſen läßt! hörte Rüſterfeld einen Frankfurter rufen, den ſeine Nachbarn Herrn Ihle nannten. Cuſtine, ein Fünfziger von angenehmer Bil⸗ dung, zeichnete ſich durch einen mächtigen Schnurr⸗ bart aus. Seine Augen, unter tief herabgedrück⸗ tem Hute munter umherblickend, verriethen ein lebhaftes Temperament. Neben ihm ritt, exaltirt von Ausſehen, ein Mann in rothem Rock. Das iſt der Doctor Böhmer, hieß es, der verrückte Hofrath aus Worms! Pfeift ihn aus: er ſpielt eine ſchlechte Rolle. Wie der Feldmarſchall in die Nähe Rüſterfelds geritten kam, hörte man ihn unter freundlichen Grüßen gegen das ihn umdrängende Volk rufen: Ihr werdet keinen Kaiſer Franz mehr krönen ſehen, keine Kaiſerkrönung mehr erleben, ihr Frank⸗ furter! — 294— Er erwartete vielleicht ein: Es lebe die Re⸗ publik! zu hören; aber alles umher verſtummte, wie vor einer Läſterung, bis ein rothnaſiger Leder⸗ händler heftig nieſte, und darüber ein allgemeines Gelächter entſtand. Schnell wendete Euſtine ſein Pferd, und jagte nach dem Bockenheimer Thore zurück, durch das er zwei Linien⸗ und zwei Na⸗ tionalgarde⸗Regimenter in die Stadt führte. Als ſich hierauf das Gerücht verbreitete, Cu⸗ ſtine werde, um dem hochedeln Rath Eröffnungen zu machen, nach dem Römer reiten, eilte Rüſter⸗ feld nach ſeinem nahen Gaſthofe, um Fräulein Juliane verabredetermaßen abzuholen. Der Römer war mit Wache beſetzt, es gelang aber Rüſterfelden mit ſeiner vornehm ausſehenden Dame die untere Halle des alten Baues betreten zu dürfen. Nicht lange hatten beide fröſtelnd unter dem hohen Gewölbe, vor dem Eiſengitter der Treppe zum Kaiſerſaale, geſtanden, als der Obergeneral angeritten kam, und mit Böhmer und einem Ad⸗ jutanten abſtieg. Juliane trat ihm mit würdiger —— —— 1 — 5 e Haltung an der Treppe entgegen. Cuſtine blieb mit ariſtokratiſcher Artigkeit grüßend ſtehen, und ſie redete ihn unbefangen in leidlichem Franzöſiſch an.— Bürger General, ſagte ſie, ſchenken Sie ein paar Augenblicke einem Anliegen Gehbr, das einer achtbaren Mainzer Familie ſehr wichtig iſt. Sie haben unter Ihren Adjutanten einen von Radler. Cuſtine nickte freundlich. Ich bin ſeine Schweſter. Cuſtine legte mit Verneigung die rechte Hand an ſeinen Federhut. Mein Bruder— Verzeihung, daß ich im Drang der Augenblicke ganz offen reden muß!— hat in ſeiner Unbeſonnenheit unter falſchem Namen eines Grafen eine liebenswürdige Berlinerin geheirathet. Mit einem lächelnden Blick auf Doctor Böh⸗ mer ſagte Cuſtine. Ich kenne zufällig dieſe Geſchichte, Madame! Auch ein Zufall, fuhr Juliane fort, hat die von ihm verlaß'ne Frau in unſere Familie geführt; ſie hat durch uns erfahren, wer ſie eigentlich iſt, — 296— und wir haben einander liebgewonnen. Während wir nun nicht wußten, wo ihr Mann ſei, und ob er wiederkehren werde, erſcheint dieſer Herr da im Namen ihres Vaters, ſie nach Berlin zurück zu bringen. Hier in Frankfurt hören wir zuerſt, daß mein Bruder in Ihren Dienſten ſteht, und er erſcheint auch bei uns mit einem Lieutenant Foyot, und fordert von ſeiner Frau ihm zu folgen. Er will ſie nach Hanau bringen, wohin er von Ihnen, Herr General, mit Truppen und einer Sauvegarde abgeordnet ſei. Was? Das iſt nicht an dem! rief Cuſtine, und Juliane erklärte in der Uebereilung, der Ad⸗ jutant habe einen offenen Erlaß des Herrn Ge⸗ nerals vorgezeigt. Falſch! Aber das iſt infam! zürnte Cuſtine. Auch nimmt ſeine Frau Bedenken, ihm in die kriegeriſche Bewegung zu folgen, ſprach Juliane weiter. Mein andrer Bruder, der uns begleitet, ſtimmt ihr bei und tritt ihm entgegen. Im Wort⸗ wechſel wirft er ihm vor, daß er durch die bei der Uebergabe von Mainz geleiſteten Dienſte un⸗ dankbar gegen den Kurfürſten gehandelt habe. Unſere Familie, müſſen Sie bedenken, Herr Ge⸗ neral, iſt dem Kurfürſten vielfach verpflichtet, mein Bruder im Beſondern. Jetzt aber, als Ihr Ad⸗ jutent, ergreift er dieſe vertrauliche Aeußcrung in ſeinem Unwillen, beſchuldigt den Bruder einer Belei⸗ digung der franzöſiſchen Nation und läßt ihn durch Foyot arretiren. Foyot ſelbſt, der die deutſche Unter⸗ redung nicht verſtanden, ſtutzt, gehorcht aber dem im Namen des Obergenerals gegebenen Befehl. Cuſtine ſtieß mit unwilliger Geberde einen Fluch aus, und Juliane ſchloß ihre Rede mit den Worten: Mein edler Bruder ſitzt axf der Mehlwage in Haft. Er läßt ſich nicht beigthen, ein Urtheil über das kriegeriſche Unternehmen der franzöſiſchen Nation gegen Mainz auszuſprechen; er hat nur dem Bruder Mangel jener Ehre vorgeworfen, die in der Treue und Pietät wurzelt. Ich bitte, Herr General, im Namen dieſer Tugenden, auf die auch Sie ſelbſt bauen werden, den Bruder ſeiner unge⸗ rechten Haft zu entlaſſen. — 298— Cuſtine ſchüttelte nachdenklich den Kopf.— Sehen Sie, Böhmer, ſagte er, das ſind die Phan⸗ taſten, die Egviſten, die das Vertrauen der Völker vergiften und unſere Bemühungen für die Freiheit der Nationen in Mißeredit ſetzen! Und bei ſich dachte er: Verräther kann man gebrauchen, aber man darf ſie nicht behalten. Gehen Sie, Böhmer, fuhr er dann fort, reiten Sie nach dem Waffenplatze; Sie finden Radler und den Lieutenant Foyot dort. Stellen Sie beide in meinem Auftrag zur Rede, und wenn ſich der Handel ſo verhäls, wie ich voraus den ſchönen Au⸗ gen und dem beredten Munde des Fräuleins vollen Glauben ſchenke: ſoanehmen Sie Ihren Freund bei Seite und ſagen ihm, er möge ſtillſchweigend ſeine Entlaſſung nehmen und ſich in Frankfurt nicht be⸗ treten laſſen, damit ich nicht genöthigt ſei, ſeine Ei⸗ genmächtigkeiten, in meinem Namen begangen, von einem Kriegsgericht unterſuchen zu laſſen. Dann nehmen Sie Foyot mit, den Bruder der Dame ſeiner Haft zu entlaſſen. Sind Sie hiermit zufrieden, mein Fräulein? Juliane dankte mit ehrerbietiger Verneigung, und Cuſtine die Hand an den Federhut gelegt, ſagte kurz: Ich grüße Sie! und beſchritt die gewundene Treppe zum Kaiſer⸗ ſaal.—— Böhmer begleitete nun Julianen vor das Haus. — Jammerſchade, ſagte er, daß Ihr Bruder ſo ſchnell aus ſeiner ſchönen Carrière geworfen wird! Ein Ariſtokrat, der ſich der Republik weiht, hat einen großen Vorſprung voraus: er genießt noch einmal die Privilegien ſeines Standes und macht die beſte Ernte von ſeinem Stammbaum im Moment, wo derſelbe umgehauen wird. Aber— unter uns!— Cuſtine beſitzt keinen Feldherrnblick: ſonſt hätte er eines Republikaners Selbſtändigkeit im Handeln beſſer zu benutzen gewußt. Warten Sie einen Au⸗ genblick! Sie können nicht durch: ich reite Ihnen eine Gaſſe! Wirklich war der Zudrang des Volkes auf dem Römerberge ſo groß, daß Juliane ſchwerlich verſucht hätte, ſich durchzuarbeiten. Indem aber der Doctor — 300— im rothen Rocke, wenn auch mit etwas ſchul⸗ meiſterlicher Haltung, ein wenig evurbettirte, gab's aus Angſt vor dem ungeſchickten Reiter ſchnell Platz, und Juliane, an Rüſterfeld's Arm, folgte raſch. Einzelnes Pfeifen ließ ſich hören. Als aber die bekannte Stimme eines Schiffers den echt Frank⸗ furter Schimpf ausrief:„Das Stäupeaas hat ſich 'nen rothen Rock verdient!“— fand das Lachen, Pfeifen und Jauchzen keine Grenze mehr. Unter dem ſchreckhaften Eindrucke davon eilte Juliane die neue Kräm⸗Gaſſe hinauf. Zu dem Widerwillen, den ſie gleich gegen Böhmer gefaßt hatte, ſtieg nun aus ſeiner letzten Aeußerung die Beſorgniß in ihr auf, ob er auch ſeinen Auftrag in Cuſtines Sinne ausrichten, oder vielleicht in ſeinem Adelshaſſe die Gunſt des Generals verderben werde. Indeß ſchwieg ſie darüber gegen Rüſterfeld. Sie war eine der muthigen Seelen, die mit Sorgen und Kümmerniſſen, denen von Mitwiſſenden doch nicht abgeholfen werden kann, lieber in verſchwiegener Bruſt allein fertig zu werden ſuchen, und die reicher — 301— ſind an Theilnahme für andere, als der Theilnahme anderer bedürftig. So überlieferte ſie der ohnehin ängſtlichen und verzagt gewordenen Cornelie eine ungetrübte Er⸗ wartung. Rüſterfeld, ebenfalls ohne Mißtrauen in den guten Ausgang der Sache, gab den Rath, inzwiſchen alles zu einer ſchnellen Abreiſe vorzu⸗ kehren. Er ſchien zu fürchten, daß der ſeines Dienſtes entlaſſene Bruder vor der ihm anbefohlenen Flucht aus der Stadt ihnen noch einen widerwärtigen Auftritt machen könnte. Cornelie ſtimmte ihm leb⸗ haft bei, und legte gleich auch Hand an ihre Sachen. Juliane that gelaſſener desgleichen, mehr zur Beruhigung der Schwägerin, als aus munterem Einverſtändniß. Darüber verkürzte ſich ihnen die Zeit des Ab⸗ wartens, ſo daß es alle faſt überraſchte, als ſie eine laut redende Stimme auf dem Gang hörten, und Moriz mit Böhmer eintrat. Während Jener auf's herzlichſte empfangen wurde, warf ſich Böhmer in einen Seſſel und rief mit lebhaften Geberden aus: — 0 Bin ich aber nun verlangend, wohin ſich unſer Exadjutant wenden wird! Er war wüthend, ſage ich Ihnen, über Cuſtines Undankbarkeit, und thut gewiß etwas Unberechenbares. Denn wahr iſt es, — ſchon ſeit einiger Zeit hat er einen Dämon in ſich. Woher denn dies, Doctor? fragte Moriz. Er war bei Ihnen in Worms, und Sie wollten mir ja erzählen, wie Sie beide zu den Franzoſen gekom⸗ men ſind? Nun ja, verſetzte Böhmer. Hören Sie denn! Die Geſchichte mit dem Domprobſt kennen Sie. Apropos! Er ſprang auf und trat mit ſteifer Reverenz vor Cornelien, indem er ſagte: Ich vergaß gänzlich, der Gemahlin meines Freundes meine Ehrerbietung zu bezeugen. Schade, daß meine Frau, meine herrliche Karoline, in Mainz zurückgeblieben iſt! Sie hätte gar zu gern Ihre perſönliche Bekanntſchaft gemacht. Ihre G e⸗ ſchichte kennt ſie nämlich von A bis Z aus Correſpondenz mit der Steinheimer Doctorsfrau. Wiſſen Sie!— Ja ſehen Sie! Bürger Regierungs⸗ rath, dieſe Correſpondenz eben hat Ihren Bruder ganz toll gemacht. Er hatte nämlich ſeine feſte Hoffnung auf einen neuen Zweig ſeines Stamm⸗ baums geſetzt, den er der Republik weihen wollte, — den Zweig meine ich, nicht den Stammbaum! Er ſollte ein Cajus Grachus werden, dieſer Spröß⸗ ling. Wie er nun erfuhr, daß er mit einer falſchen Hoffnung getäuſcht worden ſei, da war's aus mit ſeinen edelnj Vorſätzen, und ein toller Dämon kehrte bei ihm ein, beſonders ſeitdem er wußte, daß ſeine Frau von der Familie in Aſchaffenburg ent⸗ deckt worden ſei. Meine Karoline, ein Weib von tiefem Seelenblicke, behauptet, außer dem Zorn über ſeine Täuſchung, ſei es auch der Trotz ſeiner Beſchämung und der in Verbitterung umgeſchlagene frühere Leichtſinn, was ihn ſeitdem, gegen ſeine ſon⸗ ſtigen angenehmen Manieren, ſo unruhig und rache⸗ ſüchtig umhertrieb, bis die Franzoſen von Speier herabkamen, und ſich ihm eine edle Erhebung für die Tricolore der Republik darbot. Jetzt konnte er ſeine Satisfactivn an Mainz nehmen. Was hatte — 304— er auch dort zu erwarten gehabt? Die Gräfin Cpu⸗ ſine und der klapperbeinige Hofmarſchall hatten ſchon das Ihrige gethan, ihn beim alten Kurfürſten zu ruiniren. Er ſchloß ſich mir an, um Cuſtine im Namen der Mainzer Freunde der Freiheit zu be⸗ grüßen. Der General bot uns Dienſte an, und bald gab ſich die bedeutendſte Wirkſamkeit für Ihren Bruder. Es kam nämlich zur Belagerung von Mainz—. Das weiß ich ſchon, Herr Doctor! fiel Morz ablehnend ein. Das iſt mir ſchon mitgetheilt wor⸗ den. Ich danke Ihnen für Ihre Nachrichten! Und als der Doctor noch ruhig ſitzen blieb, fuhr er aufſtehend mit artiger Jronie fort: Ich will Sie, mein vortrefflicher Doctor, nicht länger aufhalten. Ich muß nun auch an meine leider noch ariſtokratiſche Angelegenheiten denken. Ich ſage Ihnen Lebewohl, und wenn Sie auf Ihren raſchen Fortſchritten unter der Tricolore der Republik vielleicht nach Erfurt kommen, werde ich mich beeilen und Ihnen den beſten Platz zei⸗ gen, wo Sie einen Freiheitsbaum errichten können. ——— — 305— Ha! Das nehme ich mit Dank an! rief der eraltirte Mann. Ich werde es dem General Cu⸗ ſtine zu rühmen wiſſen, daß es auch dort nicht an Herzen fehlt, die den Franzoſen entgegen ſchlagen. Mit den heranziehenden Preußen wer⸗ den wir bald fertig ſein, und dann weiter, weiter ziehen. Ga ira! Grüßen Sie mir alle Gleich⸗ geſinnten in Erfurt! Böhmer eilte fort. Moriz ſchloß hinter ihm die Thür mit dem erbitterten Ausruf: Dummkopf und kein Ende! Eben kehrte Rüſterfeld zurück, der ſich fortge⸗ ſchlichen hatte, den Wagen zu beſtellen.— Recht, lieber Rüſterfeld! ſagte der Regierungsrath. Macht, daß wir fort aus dieſem Kreis unglückſeliger Ver⸗ rücktheit kommen. Sie beeilten ihr Gepäck. Der Wirth erſchien mit der Rechnung und begleitete ſeine Gäſte an den Wagen, wobei er ihnen erzählte, daß Cuſtine die Kanonen der Stadt begehrt, aber eine abſchlä⸗ gige Antwort erhalten habe.— Unſer Geld haben wir Frankfurter willig hergegeben, ſagte er, aber Koenig, Famtlienabende. 1. 20 66 das Eigenthum des Gemeindeweſens opfern wir der zügelloſen Freiheit nicht ſo ungeahndet auf. Braucht der ſchnurrbärtige Eroberer Gewalt, dann ſteht ſeinen Helden ein trauriges Schickſal bevor. Es könnte allenfalls eine Scene werden, wie ſie Frankreich ſeit vier Jahren ſo oft ſchon ſah. Der Regierungsrath lächelte zu dieſen ſtolzen Worten des Wirthes; aber er belöbte den Muth und die Geſinnung der Frankfurter.—— So fuhren ſie ab, froh aufathmend, als ſie die kriegeriſch lärmende Stadt und das von blutigen Kämpfen bedrohte Gebiet hinter ſich hatten. 22. Was? Ein kurfürſtlicher Spion? Nicht ſo unangefochten, wie die Abgereiſten, ſollte Lothat von dieſen drohenden Kämpfen bleiben, obgleich ihm der Offizierdegen genommen war. Sein Freund Foyot hatte ihn alsbald nach Entlaſſung des Verhafteten im Quartier aufgeſucht, und ihm ſeine Verwendung beim Obergeneral an⸗ geboten, indem er dem Vorfall eine Wendung zu geben hoffte, die Cuſtine zu Lothars Gunſten um⸗ ſtimmen ſollte.— Ich kenne den General, ſagte er, er unterliegt oft ſeinen altariſtokratiſchen Aufwal⸗ lungen; aber gerade darin hat er auch wieder eine andere Schwäche; ich meine die heimliche Vorliebe für Offiziere von adeliger Herkunft. Sie wiſſen, 20* 308— lieber Radler, daß er, ſelbſt von gräflicher Familie, zur Volkspartei übergegangen iſt. Die Royaliſten. haſſen ihn dafür gründlich, und ſo findet er in jedem adligen Offizier ſeiner Fahne einen Parteigänger, ich möchte ſagen— einen Trumpf mehr in ſeiner Farbe. An eine andere Schwäche des Generals dachte Foyot nicht einmal. Es war nämlich nicht bloß eine Aufwallung Cuſtines über Lothars Eigenmacht auf ſeines Generals Namen, ſondern auch eine gewiſſe ritterliche Galanterie gegen die liebenswür⸗ dige Bittſtellerin, was ihm einen ſo raſchen Befehl entrisſen hatte. Doch wie viel auch dafür ſprach, daß der Ge⸗ neral vielleicht zu einer Zurücknahme vder Milderung ſeiner Ordre zu bringen ſein möchte: Lothar lehnte ſeines Freundes Vermittlung ein für alle Mal ab. Was ihn dazu bewog und er auch als Grund ſeiner Weigerung ausſprach, war nicht bloß die Verletzung ſeiner Ehre, die Undankbarkeit Cuſtines; es war vielmehr die Seelenſtimmung überhaupt, in die der Vorfall mit den Seinigen ihn verſetzt hatte. Der — 309— Geiſt des Widerſpruchs und eines rachſüchtigen Trotzes, der ſich ſeines, wenn auch durch eigene Schuld getäuſchten Herzens bisher bemächtigt hatte, that ſich auf's Neue hervor, nachdem das Unter⸗ nehmen gegen Cornelie, womit er ſich aus ſeiner Beſchämung vor dem Vater und den Geſchwiſtern zu erheben dachte, gänzlich und mit neuer Kränkung durch den Bruder fehlgeſchlagen war. Sein Trotz wendete ſich gegen Den, der ihn in ſeinem Unter⸗ nehmen durchkreuzt und ihm eine neue Schmach bereitet hatte,— gegen den Obergeneral. Ihm einen Poſſen zu ſpielen, verſprach mehr innerſte Befriedigung, als ihm verſöhnt zu werden, da es Lotharn ohnehin um eine Stelle geordneter und fügſamer Thätigkeit jetzt ſo nicht mehr galt, wie, damals, als er mit ſo ſchöner Erwartung und Er⸗ hebung nach Mainz gekommen war. Dennoch hatte etwas zu ſeinem jetzigen Wider⸗ willen auch der tolle Böhmer beigetragen, als er ihm den Befehl und die Entrüſtung des Obergene⸗ rals mit gewohnter Uebertreibung inſinuirte. Nach ſeinen Aeußerungen gegen Julianen hätte man — 310— allerdings eher das Gegentheil erwarten ſollen. Allein im Gegenſatze zu jenen Menſchen, die aller Welt zu gefallen— oder wie man ſagt, nach dem Maule reden, hatte der Phantaſt einen wahren In⸗ ſtinkt für Das, was den Leuten nach ihrer Lebens⸗ ſtellung oder Empfindungsweiſe gerade ärgerlich oder beängſtigend war, und er gefiel ſich darin, es mit hoher Wichtigkeit auszuſprechen. Lothar's trotzhafte und racheſüchtige Gedanken bewegten ſich nun zwiſchen ſeiner Kenntniß von der Annäherung der Preußen und Heſſen und zwiſchen Dem, was er von der franzoſenfeindlichen Stimmung der Einwohner wußte. Die wohlhabenden Bürger hielten zwar aus Furcht oder Vorſicht mit ihrer Geſinnung zurück; die unteren Klaſſen aber und beſonders die zahlreichen Handwerksgeſellen und Taglöhner, theils aus dem Heſſiſchen ſtammend, theils von Arbeitsloſigkeit be⸗ droht, ließen ſich in den Kneipen ſehr laut, und, wenn ſie aus denſelben kamen, ſehr ünvorſichtig in ihren Aeußerungen gehen. Zum Glück war der franzöſiſche Platz⸗Commandant, General van Hel⸗ — 311— den, ein wohlgeſinnter Mann, der manches nachſah, und durch ſein beſonnenes Benehmen mehr, als die Stadtbehörden durch ihre öffentlichen Aufforderun⸗ gen, Ruhe und Ordnung aufrecht hielt. Durch zweckmäßige Vorkehrungen des Magi⸗ ſtrats war eine Theuerung der Lebensbedürfniſſe bisher noch abgehalten worden; doch machte es ſich ſchon fühlbar, daß die Zufuhr aus Franken aus⸗ blieb, ſeitdem man in Hanau keine Schiffe mehr mainabwärts paſſiren ließ. Auch wurden manche Arbeiten eingeſtellt und der Aufwand beſchränkt; es gab bereits müſſige Hände, zu denen ſich gern un⸗ ruhige Beine geſellen. Auch pflegen die Geſetze der Schwere und der Anziehung ſich in den Truppen⸗ maſſen zu bethätigen, die zur Belagerung einer Stadt heranziehend die Bewohner in wirbelnde Bewegung verſetzen. Lothar war ſchon von ſeinem Frans, als dieſer ihm vor der Abreiſe ſeiner Excellenz Lebewohl ſagte, vor den Handwerksgeſellen gewarnt worden. Sie bildeten Complotte gegen die Franzoſen, hatte ihm Franz geſteckt. Damals hatte Lothar über einen 0 Angriff von Schuſtern und Schreinern oder über eine Cavalerie von Schneidern, die auf ihren Ziegen⸗ böcken einen Anſturz machten, ſpöttiſch gelacht: jetzt überlegte er, was man doch mit ſolchen Kräften, wenn einigermaßen abgerichtet, wenigſtens inner⸗ halb einer belagerten Stadt vermöchte, ſei es auch nur, daß man ſich mit Gewalt oder Liſt eines Thors bemächtige, um den Feind einzulaſſen. Und da er doch, der Warnung Cuſtines zum Trotze, vorerſt in Frankfurt zu bleiben entſchloſſen war: ſo hing er ſolchen berechnenden Gedanken nach. Er ſuchte in einer der verſteckteren Gaſſen, die zwiſchen den Thoren auf das Mainkai hinziehen, eine kleine Wohnung, und fand ſie bei einem Satt⸗ ler, der gerade durch die Beſatzung ungewöhnlich viel Arbeit bekam und eine ſtärkere Anzahl von Ge⸗ ſellen angenommen hatte. Um ſich der Aufmerkſamkeit der Franzoſen zu ent⸗ ziehen, vertauſchte er ſeinen halbmilitäriſchen Anzug mit einem ſchlichteren, der ihm ein gutbürgerliches Ausſehen gab. Dagegen war es ihm ein Leichtes und entſprach ſeiner früheren Richtung, ſich in den — Augen ſeines Hauswirthes, dem die Verwandlung auffiel, zu einem bedeutſamen Räthſel zu machen. Seine vornehmen Manieren, ſeine Kenntniß der Mainzer Verhältniſſe, ſeine geheimnißvollen Ur⸗ theile über Cuſtines Abſichten ließen, ohne daß er es ausſprach, einen verſteckten Beobachter des ver⸗ triebenen Kurfürſten durchſchimmern. Dabei wußte er im Rücken des Meiſters die Geſellen für ſich einzunehmen. Er ließ ſich in ihre Verſammlungen einführen und bemächtigte ſich durch die Leichtig⸗ keit, womit er, der Geheimnißvolle, in ihren Ton einſtimmte, ihres Vertrauens in einem Grade, daß es in der Atmoſphäre jener geſpannten Lage an Schwärmerei grenzte.— Hier zeigte ſich freilich mehr Eifer als Verſtand. Vor allem ließ Lothar ſich angelegen ſein, die Verſammlungen in denen es zu bunt und laut zuging, in ein dämmeriges Schweigen zu rücken. Er ordnete mehrere Lokale zu den Zuſammen⸗ künften an und vertheilte die Geſellen nach den verſchiedenen Stadttheilen, wo ſie arbeiteten. Er ſelbſt beſuchte ſie alle, und machte ſich zu einem — 314— Einigungspunkt ihres bisher vielfach uneinigen Vorhabens. Dies wurde im Allgemeinen dahin bezeichnet, daß beim Anrücken der deutſchen Truppen dieſen, je nach eintretenden Umſtänden, Hand ge⸗ boten, und im Rücken der Beſatzung von der Stadt aus für die Uebergabe derſelben gekämpft werden ſollte. An Waffen fehlte es, und man ſuchte ſich, ſo gut es gehen wollte, mit großen Meſſern und Dolchen, Aexten und Beilen zu rüſten. Dem Unternehmen kam es zu gut, daß Cu⸗ ſtine, um der Contribution ſchneller habhaft zu werden, fünf der reichſten Kaufleute und zwei Juden zu Geißeln nahm. Dies erregte allgemei⸗ nen Unwillen, und die Abneigung gegen die Fran⸗ zoſen verbreitete ſich auch unter den höhern Bür⸗ gern, die bisher noch geſchwankt hatten. Während dieſen geheimen Vorbereitungen ging es in der Stadt kriegeriſch genug zu. Die Fran⸗ zoſen waren in fortwährender Bewegung, beſon⸗ ders auch des Beſatzungswechſels. Sie breiteten ihre Poſten in der Umgegend aus und legten zwiſchen Frankfurt und Höchſt Verſchanzungen an. Die Bauern aus den umliegenden Ortſchaften wurden zu dieſen Arbeiten gegen einen Taglohn von 20 Sols herangezogen. Mit weniger Rück⸗ ſicht, als gegen das„Volk“, verfuhr man gegen die ſogenannten„Ariſtokraten;“ daher denn bei Gelegenheit der Lieferungen zu den Magazinen in Frankfurt das Schloß des Fürſten von Weilburg vollſtändig geplündert wurde. Cuſtine ſelbſt wech⸗ ſelte ſein Hauptquartier zwiſchen Homburg und Höchſt. So rückte das Ende des November heran. Gegen Mittag des 28. entſtand Lärm: die Preußen ſeien im Anzuge gegen die Stadt. Alles eilte nach dem neuen Thore. Wirklich jagten einige und vierzig Mann der franzöſiſchen Cavallerie, einige leicht verwundet, auf ſchweißtriefenden Pfer⸗ den herein, von preußiſchen Huſaren bis an die Gärten verfolgt. Um die Friedberger Warte er⸗ blickte man den Kern der Truppen, Preußen und Heſſen. Sie dehnten ſich gen Bergen, Vilbel und im Thale nach Bonames aus,— nach jenem altrömiſchen bona messis in der fruchtbaren Wet⸗ — 316— terau ſo genannt, da, wo man heut, von der Main⸗ Weſerbahn ab, nach der Homburger Spielbank fährt, um auch eine„gute Ernte“ zu machen.— Gegen Abend, als ein preußiſcher Offizier mit einem Trompeter vor das Eſchenheimer Thor kam, und zum franzöſiſchen Commandanten begehrte, fand die Geſinnung der Frankfurter einen Aus⸗ bruch: ein Vivat der Menge empfing den Ein⸗ gelaß'nen und begleitete ihn die Straße entlang. Die Aufregung dauerte die Nacht hindurch. Die Behörden, die auch damals ſchon, der Freiheit ihrer Stadt zu Lieb, den Freiheiten der Bewohner nicht ſehr hold waren, geriethen in Unruhe. Der Magiſtrat hatte ſchnell eine Bürgerwacht errichtet, die umherſtreifend der Unruhe und allen De⸗ monſtrativnen in den Straßen wehren ſollte. Dennoch brach am Morgen ein Tumult aus, als der Lärm entſtand, die Franzoſen hätten das Zeug⸗ haus im Ramhof erbrochen. Alles ſtrömte da⸗ hin, viele mit Knitteln bewaffnet. Der Magiſtrat reſchien, das Volk zu beſchwichtigen, und der franzöſiſche Offizier des hier ſtationirten Com⸗ mando gab eine beruhigende Erklärung über den Vorfall. Am Nachmittage war die Zufriedenheit her⸗ geſtellt, aber die Beſorgniß vermehrte ſich wieder, als Cuſtine mit Gefolge von Höchſt herüber kam und nach dem Römer ritt. Abermal füllte ſich der Römerberg mit Menſchen, die räthſelnd und ängſtlich nach den hohen Fenſtern des Hauſes blickten, das ſeine Giebelſeite gegen den Himmel aufzackt. Erſt als der General von beiden Bür⸗ germeiſtern, Mühl und Dr. Schweitzer, umgeben, in freundlichem Geſpräch und den Federhut in der Hand, wieder aus der Halle hervortrat, athmete man auf, und nicht lange, ſo las man an allen Ecken angeſchlagen die Bekanntmachung, daß der. Herr General Cuſtine, für den Fall, daß er in der Nähe der Stadt zu einer Schlacht genöthigt werde, der Bürgerſchaft von Frankfurt alle Be⸗ ruhigung wegen Beſchädigung oder Belagerung der Stadt zugeſichert habe. Cäuſche dich nicht, mein Herz! Unſere Abgereiſten, das Berliner und das Aſchaffenburger Paar, hatten ſich nur einen Tag zuſammen in Hanau verweilt. Jedes empfand doch mehr oder weniger lebhaft ein Verlangen nach dem Abſchluß ihrer ſchwebenden Lage oder ein Bedürfniß innerer Sammlung. Der Regie⸗ rungsrath hatte Briefe vorgefunden, die ihn be⸗ nachrichtigten, daß der Kurfürſt bereits in Kraut⸗ heim eingetroffen ſei. Er mußte ſich ſchleunig dahin verfügen. Eben ſo wußte Rüſterfeld, wie ungern ihn ſein Prinzipal noch länger entbehren würde. Julianen lag fortwährend der kränkliche Vater im Sinn; während ſie zugleich doch ihre Aufmerkſamkeit nicht aus der Spannung löſen tonnte, mit welcher Moriz und Cornelie ihre Her⸗ zen gegenſeitig überwachten. In der eigenthüm⸗ lichſten Stimmung aber befand ſich freilich dieſe ungeſchiedene und doch zu ihrem Vater zurück⸗ kehrende Frau. Die Entſchiedenheit, womit beide Geſchwiſter ſich ihrem verirrten Bruder entfremdeten, hatte die Angſt der Zweifel von Corneliens Herzen genom⸗ men. Ihre Pflichten ſah ſie keineswegs für gelöſt an; aber ſie erſchienen für die Gegenwart gleich⸗ ſam ausgeſetzt, aufgeſchoben. Das Band, mit welchem ſie Lotharn angehörte, flatterte, ſo zu ſagen; an ihrem Herzen befeſtigt, war es an ſeinem andern Ende loſe, und es lag, wie ſie glaubte, außer ihrer Macht, ſelbſt es wieder anzuknüpfen. Doch wollte ſie es an chrem Theil unverletzt er⸗ halten. Dennoch ließ ſie, in wunderſamer Selbſttäu⸗ ſchung, den Platz der früheren Zweifel unvermerkt von Träumereien einnehmen, die ſich mit ihren Pflichten noch viel weniger, als jene Zweifel ver⸗ trugen. Seit ſie bei dem frühern Abſchied im Garten der Gegenneigung Morizens inne gewor⸗ den war, blieb ſie, nun auch klarer über ſich ſelbſt, mit ihrer Empfindung für ihn nicht ohne heim⸗ liche Vorwürfe, oder doch nicht ohne Bedenklichteit hinſichtlich ihres eigenen Herzens. Aber die Selbſt⸗ beherrſchung des edeln Mannes beruhigte ſie in⸗ ſoweit, als ſie durch ſeine ſittliche Stärke ſich gegen ihre eigne Schwäche geſchützter empfand. Ihre Zuneigung für ihn ängſtigte ſie darum nur etwas weniger, während ihr Vertrauen zu ihm wuchs. S So ſchied ſie nun mit einer gewiſſen Heiter⸗ teit von dem edeln, lieben Schwager,— in der ſeltſamen Empfindung, daß er ihr in der Ent⸗ fernung theurer ſein, ſie ſich ihm innerlich an⸗ gehöriger fühlen dürfe. Es war ihr etwa zu Muthe, wie einem ſchwärmeriſchen Gläubigen ſein mag, dem es gelungen iſt, ein ihm koſtbares Hei⸗ ligenbild zu entwenden: je weiter er damit flieht, deſto ſicherer gehört es ihm an, deſto ruhiger darf er es hegen, ſelbſt wenn er es auch dort noch nicht aus ſeinem Verſteck hervor zu nehmen wagt, weil er bangt, das Bildniß ſelbſt könnte ihm ein zürnendes Antlitz zeigen. In ſolcher Stimmung übernimmt der ſich be⸗ thörende Menſch irgend ein Widerwärtiges, was mit ſeinen Serupeln in Beziehung ſteht; als ob, er dieſe damit verſöhnen, als ob er Buße dadurch für ein Unrecht thun könnte, das er insgeheim doch nicht aufgeben mag. In dieſem Sinn er⸗ klärte Cornelie bei ihrem vertrauten Abſchiede von Julianen: Ja, theuerſte Schweſter, ich kehre abſichtlich denſelben Weg zurück, den ich vergangenen Som⸗ mer mit Lothar gekommen bin. O ich weiß, welche ſchmerzliche Erinnerungen mir da begegnen werden, welche Stativnen der Täuſchungen und Un⸗ wahrheit ich da zu begehen habe! Aber ich will es; ich will ſogar wieder überall einkehren, wo wir auf der Herfahrt übernachtet haben. Vielleicht be⸗ ſinnt ſich da mein Herz, wo auch ich gefehlt, wo ich zu verwöhnt, zu empfindlich mich Lotharn abge⸗ wendet habe. Ich hätte mir vielleicht ſagen ſollen, daß er gerade um meinetwillen ſo unwahr und Koenig, Familienabende. 1. 21 unehrlich geworden ſei, weil er mich eben um jeden Preis zu beſitzen geſucht hatte. Was bleibt uns dann aber übrig, beſte Juliane, als uns durch höhere Liebe auch werthvoller zu machen? Täuſche Dich nicht, mein Herz! erwiderte Ju⸗ liane. Das war ja kein erhöhter, es war ein falſcher, ein unwürdiger Preis, womit mein Bruder Dich zu gewinnen ſuchte. Nun ja, fuhr Cornelie fort, ich fühlte das ſpäter auch,— ſchon unterwegs hierher; allein in Einem hatte ich doch Unrecht: ſtatt meinem Miß⸗ trauen, meiner Verdroſſenheit nachzugeben, hätte ich auf Wahrheit, auf Verſtändniß dringen ſollen, und ich hätte ihn vielleicht beſchämen oder erſchüt⸗ tern können. Ich hätte wenigſtens verſuchen müſſen, was ich über ſein Herz vermöchte, und ob ich ihm angehören dürfe oder nicht. Aber ich habe es an Muth und Geduld dazu fehlen laſſen, über Wahr⸗ heit und Liebe mit ihm und mit mir einig zu werden. Beruhige Dich, theure Cornelie! verſetzte Ju⸗ liane. Du haſt uns über Deine Liebe zur Wahr⸗ heit keinen Zweifel gelaſſen: wie es aber bei Lothar mit der Wahrheit ſeiner Liebe ausſieht—? O möchteſt Du noch recht glücklich werden, liebe, liebſte Schweſter! Ob Du es ohne Liebe, oder, wie Du es durch Liebe Deines Mannes werden könneſt: ach! das liegt im Schoße der Zukunft als ein Räthſel und Du ſelbſt kannſt es nur löſen lernen! So lebe wohl! Als in der Frühe des Tages Cornelie mit Rüſterfeld ihre weitere Reiſe angetreten hatte, ſchlug der Regierungsrath den Weg nach Aſchaffenburg über Seligenſtadt vor. Einige Andenken, die Cornelie für den Pfarrer und deſſen Schweſter beſtimmt hatte, dienten ihm zum Vorwande über Steinheim zu gehen. Eigentlich aber bewegte ihn, im Andenken an Cornelie, die Erinnerung an jene heitern Sommerſtunden ſeines erſten Beſuches ſo wehmüthig, daß er einen Troſt darin ſuchte, eine Stunde dieſes trübſeligen Herbſttages, als des wahren Abbildes ſeiner entſchwundnen Träume, an Ort und Stelle zu genießen und auszuſaugen. Eine Strecke unterhalb Steinheim, da wo auf 324— den abfallenden Hügeln des Schloſſes eine Zie⸗ gelei mit zugehörigen Wohnungen ſteht, liegt im Main die breite Fähre, die hier Wagen und Vieh überſetzt. Als jetzt beide Geſchwiſter landeten, trat eben der Arzt von Steinheim aus einem der Häuſer, erkannte Julianen, begrüßte ſie, und ward dem Bruder vorgeſtellt. Als er vernahm, daß beide dem Pfarrer Kuhn einen Beſuch zudachten, ſagte er in ſeiner unbefangnen Weiſe: Nun, jetzt treffen Sie ihn wieder leidlich; zu⸗ mal vorhin fand ich ihn recht gehoben. Ich war ſchon bei ihm. Hat er denn noch immer ſein übles Leiden? fragte Juliane. Sie meinen doch ſeine Halucinationen, dieſe Geſichtstäuſchungen? lachte der Arzt. Nein, die Mäuſe, die er ſah, hab' ich ihm vertrieben. Aber meine Mittel, beſonders die Faſten und Abſtinenz, hatten ihn nicht bloß körperlich, ſondern auch in ſeiner Stimmung ſehr herunter gebracht. Der heitre, geiſtreiche Mann war ein finſtrer Eiferer geworden, ein intoleranter Pfäff. Man ſollte nicht glauben, daß es möglich wäre! Allein, Sie wiſſen, ein hoher Geiſtesflug bedarf auch des leiblichen Gefieders. Nun gehts aber wieder aufwärts, und er iſt nur noch etwas wehmüthig und von weich⸗ müthigem Humor, beſonders wenn ihm glückliche Erinnerungen aus ſeinem Leben kommen. Als ſie das Städtchen erreicht hatten, ließ Moriz ſeinen Wagen nach dem nahen Wirths⸗ hauſe fahren, und alle drei wendeten ſich dem Schloßhofe und der Pfarrwohnung zu. Mit einem freudigen Ausrufe trat ihnen der Geiſtliche entgegen,— etwas blaß und verfallen von Ausſehen. Der ſchwarze Talar ſchlotterte ihm um den Leib, und die ehemalige Rundung unter der langen Knopfreihe deſſelben war ver⸗ ſchwunden. Nicht wahr, Sie ſehen mich mitleidig an, Herr Regierungsrath? fragte er. Aber Sie ſollen doch gleich erfahren, was am Platze des Fleiſches für eine Willenskraft eingekehrt iſt. Geh', Juſtine, und bring' uns mit dem Gabelfrühſtück auch von dem bekannten Ave⸗Maria⸗Wein! Ein Glas auch — 326— für mich! Ha, ha! Was da der Doctor gleich für Augen macht! Nun ſoll's wieder losgehen, meint er. Nein, Du Schüler des Galenus oder des Doctor Fauſt! Die lieben Herrſchaften da haben früher geſehen, was ich Angeſichts gefüllter Flaſchen leiſten konnte, und ſie ſollen nun auch bewun⸗ dern, was ich laſſen kann. Nicht wahr,— Leiſten und Laſſen ſind ja die beiden Hemiſphären des ſittlichen Lebens, beide innerhalb ihrer Wende⸗ kreiſe auch von einheimiſchen Tugenden und Laſtern bewohnt. Ein Gabelfrühſtück wurde aufgetragen, und die Unterhaltung von dem Geiſtlichen lebhaft an⸗ geregt. Offenbar, wie der Arzt voraus bemerkt hatte, ſetzte ihn die Erinnerung an die ſchönen Sommertage in ſolchen ſchwungvollen Humor. und als er nun auch mit einer gewiſſen Befangenheit nach der lieben Frau— Cornelie fragte, holte Jungfer Juſtine die ihr beim Empfang uf der Hausflur übergebenen Andenken herbei, einen warmen, wollenen Ueberwurf bei häuslichen Ge⸗ ſchäften für ſie ſelbſt, und eine Studierlampe für den Pfarrer, der ſich bisher mit einem Unſchlittlicht beholfen hatte. Ei, ei! rief der Geiſtliche gerührt und verlegen. Die prächtige Frau beſchämt uns recht, Juſtine. Aber weißt Du, was uns den Druck der Dankbar⸗ keit erleichtert, Schweſter? Der gute Verſtand der aus dem Andenken ſpricht. Licht und Wärme, auf den Winter. Licht für den Prieſter und Wärme für ſeine Martha. Wir wollen zwar die allzugute Frau ein wenig ſchelten, wenn ſie nächſten Sommer wieder kommt; vorher ihr aber recht herzlich ſchrei⸗ ben, wie warm und hell ſie bei uns im Andenken ſteht. Und nun laſſen Sie uns auf ihr Wohl, auf das Glück ihres edeln Herzens trinken! Doctor, Ihr trinkt für mich: mein abstine iſt Euer recipe geworden. Und als er mit angeſtoßen hatte, ohne mitzu⸗ trinken, fuhr er fort: Jo, ja, Herr Regierungsrath,— die Mäuſe auch die ſeligſten Empfindungen meiner einſamen Tage. Sehen Sie, liebes, gnädiges Fräulein, z. mir der Quackſalber vertrieben, aber zugleich — 328— wenn ich ſo in den ſäuſelnden Sommernächten bei offnen Fenſtern daſaß, zwei Flaſchen Liebfrauen⸗ milch vor mir: da war mir zu Muthe, wie einem Kinde an der Mutterbruſt, das ſeine Zukunftträumt; ich träumte meine Ewigkeit. Oder in langen Win⸗ ternächten, wenn die Buchenſcheite in dieſem großen Ofen ihre Walderlebniſſe ſangen,— die ſauſenden Stürme, die einſt durch ihre Aeſte gegangen waren, und ich an die überfrorenen Fenſter trat, deren Blumen ſich mir in die Vegetation der Tropenländer mit rieſigen Farrenkräutern, Palmen und Schling⸗ gewächſen verwandelten: dann— 0 Docter, Doe⸗ tor, Ihr habt mich aus meinem Paradies ver⸗ trieben! Aber, Hochwürden, es gab Mäuſe in dieſem Paradies, verſetzte der Doctor lachend, und ich war nur der Kammerjäger Shie Phantaſie. Doch ge⸗ troſt, die herrlichen Gedanken, die hohen Betrach⸗ tungen kehren Euern Hochwürden bereits wieder zurück, wie wir eben vernommen. Ei was Gedanken, was Betrachtungen! rief mit Wärme der Geiſtliche. Die Muſik hier in der Bruſt— um die gilt mir's, und die iſt verklun⸗ gen. Gedanken, die ſich auf's Irdiſche um uns her beziehen, die beglücken nicht immer. Aber wenn unſere leuchtende Schläfe in die unſichtbare Welt ſtrahlt, die uns umgibt, und nur von unſerm eignen Lichte ſichtbar wird; wenn dann vom Anwehen des Unnennbaren, des Unerfaßlichen die Aeolsharfe in unſerer Bruſt mit hineintönt in die Hymnen, für welche unſer fleiſchernes Ohr taub id verſchloſſen iſt, dies, Doctor—! Er ſchwieg, da die Stimme des reizbaren Man⸗ nes zu weich wurde, und ihm Thränen in das große blaue Auge traten. Aber kaum bemerkte er die um ihn entſtandene, gerührte Stille, als er die Gläſer füllend ſich zuſammen nahm, und lächelnd verſetzte: Ueber Eines bin ich aber klar geworden, Herr Regierungsrath. Sie haben wohl vom alten Mainzer Biſchof Hatto gehört, dem die Mäuſe keine Ruhe gelaſſen, ſogar als er ſich mitten im Rhein bei Bingen einen Thurm erbaut hatte: auch dort verfolgten ſie ihn über's Waſſer. Ich habe als junger Theolog lange darüber nachgedacht, von — 330— welcher Species jenes Rattenvolk geweſen ſein möchte,— ob es die Haus⸗ oder die Feldmaus, mus musculus oder sylvaticus, die mus rattus, die Rattenmaus oder decumanus, die Wandermaus geweſen. Jetzt haben mir meine Mäuſe jenes Wunder begreiflich gemacht. Ich habe nämlich, im Vertrauen geſagt,— den guten Hatto im Verdacht, daß er zu intime Freundſchaft mit ſeinen überrhei⸗ niſchen Nachbarn gepflogen habe,— mit den Hoch⸗ heimern, Rauhenthalern, Geiſen⸗ und Rüdeshei⸗ mern. Hm? Glauben Sie nicht auch? Doch es war Zeit zum Aufbruch und die Ge⸗ ſchwiſter nahmen herzlichen Abſchied.— Der Arzt, der ſie nach dem Wirthshaus begleitete, ſprach ſich ſelbſt erſtaunt über des Pfarrers Exaltation aus. Ich werde ihn gegen Abend noch einmal beſuchen müſſen, ſagte er, und fürchte ihn wohl ziemlich ab⸗ geſpannt zu finden. Indeß iſt es eine tüchtige Pfälzer Natur, die ſich wieder herſtellen wird, ſo daß er auch wieder ſein altgewohntes Glas, wenn auch nicht gerade— Maaß, nehmen darf. Unterwegs verabredeten ſich beide Geſchwiſter darüber, wie viel von ihren Erlebniſſen ſie dem alten Vater mittheilen dürften. In Aſchaffenburg konnte der Regierungsrath nicht lange bleiben, ſondern eilte, ſich am Hoflager des Kurfürſten einzufinden. Sehr bald aber kehrte er, zur Ueberraſchung der Seinigen, zurück. Er hatte Aufträge erhalten an den Grafen Kalkreuth, der die Peußen bei Frankfurt commandirte, und ſelbſt an den König, der bei jenem Heer erwartet wurde. Der ſehr aufgeregte Kurfürſt eiferte nämlich, daß Mainz ſchnell belagert und bald entſetzt werde, und ſchickte deßhalb einen Abgeordneten, der die Preußen wie er ſich ausdrückte,—„warm halten“, und die Angelegenheit ſeiner Reſtauration betreiben ſollte. Und ſo fügte es ſich unvermuthet, daß von den aus Frankfurt abgereiſten Vieren, die zuerſt den drohenden Kämpfen glücklich entgangen ſchienen, nun doch Einer dem Treffen nahe kommen ſollte, das General Euſtine ſelbſt zu befürchten anfing. 24. Lothar, keinen Schritt weiter! Die Stadt war jetzt fortwährend geſchloſſen. Nur für den Verkehr der Fußgänger blieben die Pförtchen der geſperrten und beſetzten Thore offen; denn weder die Belagerten, noch die Belagerer dachten daran, die neutrale Stadt zu beläſtigen. So konnten die Landleute, die Taglöhner und Vie⸗ tualienhändler unbehindert aus⸗ und einziehen. Einiger Muth gehörte freilich dazu, die Pfade auf jener Seite der Stadt zu betreten, wo heſſiſche leichte Infanterie und preußiſche Huſaren ſich täglich auf der Haide nach Bornheim mit franzöſiſchen Reitern neckten, und Nativnalgardiſten zwiſchen den Gärten der Stadt mit geſpannten Gewehren lauernd umher ſchlichen. Am verwegenſten wagten ſich noch die Hand⸗ werksgeſellen aus dem Heſſiſchen auf jene bedrohten Pfade, um ihre Landsleute zu beſuchen, die an der Friedberger Warte lagerten. Das heimliche Un⸗ ternehmen, dem ſie verſchworen waren, ſchien ihner einen trotzigeren Muth zu leihen, wenn ſie nicht etwa, im Bewußtſein ihres Geheimniſſes gegen die Franzoſen und ihrer Freundſchaft gegen die Deut⸗ ſchen, ſich über die Gefahr täuſchten, zwiſchen beiden hin und wieder zu ſchleichen. Später waren ſie auch von Lothar angewieſen, die Offiziere des heſ⸗ ſiſchen Lagers von dem aus der Stadt zu erwar⸗ tenden Beiſtand in Kenntniß zu ſetzen und ſich die Thore bezeichnen zu laſſen, wo man beim Amücken der Truppen gegen die Stadt von innen am geeig⸗ netſten mitwirken könnte, das Eindringen zu er⸗ leichtern. Solche Mittheilungen, durch die der Operationsplan der Belagerer gar leicht konnte verrathen werden, wurden begreiflicherweiſe nicht gegeben. Aber am 30. November, an welchem der große Bet⸗ und Bußtag in der Stadt begangen wurde und die Geſellen beſonders zahlreich hinaus gezogen waren, kehrten ſie mit dem Auftrage zurück, ihren geheimen Anführer auf morgen Abend in's heſſiſche Lager einzuladen, wo man das Nähere mit ihm verabreden wolle. Es ſchien alſo, daß ein Angriff auf die Stadt bevorſtehe. Lothar war raſch entſchloſſen, ſich zu dieſer Be— rathung zu ſtellen. Er fühlte ſich dabei als An⸗ führer eines kühnen Unternehmens, als den Alliirten einer bewaffneten Macht, und verſprach ſich zugleich einen Weg ſeiner Zukunft, einen verdienten, ehren⸗ vollen Platz im Militär. Zu dieſem Gange nahm er den beſſern Anzug hervor, der ſeit ſeiner jetzigen Verwandlung im Kleiderſchranke gehangen hatte; warf aber, aus Vorſicht vor begegnenden Bekannten der Beſatzung, einen ſchlichten Mantel darüber. Unter dieſer Decke wagte er es ſogar, ein Paar geladene Puffer zu ſich zu ſtecken. So kam er vor das Thor nach Bornheim, wo — 335— bisher das Hauptquartier geſtanden hatte. Da es Sonnabend war und gegen Abend ging, ſchien man um der heimkehrenden Landleute und des lebhaf⸗ teren Verkehrs willen die Plänkeleien von beiden feindlichen Seiten eingeſtellt zu haben. Doch zeigte ſich ein kleines Commando Franzoſen zwiſchen den Weinbergen, und ein Detaſchement leichter Infan⸗ terie der Heſſen rückte, ſie zu vertreiben, in ausge⸗ dehnter Linie vor, die geſpannten Gewehre unterm Arm, wie Jäger auf dem Anſtande. Lothar, dieſem Treiben zuzuſehen, wandelte langſamen Schrittes. Vor dem Dorfe waren Gre⸗ nadiere zur Feldwacht ausgeſtellt, und ein Huſaren⸗ Piquet hielt auf dem Fahrwege zur Stadt. Es war ſtiller auf dem Wege geworden; ein ſchwerer— Himmel lag über der Gegend und ſchien ſich in einem Nebel herab zu laſſen. Da traf unerwartet der Klang einer ſchweren Glocke aus der Stadt das Ohr des Wanderers. Andere Glocken folgten, und ein feierliches Geläute begrüßte den dämmernden Abend. Lothar erinnerte ſich, daß der erſte Advent⸗ ſonntag eingeläutet werde, und ein wunderbarer — 336— Schauer überkam ihn bei dieſer Erinnerung. Wie durch einen Zauber fand er ſich in Gedanken weit, weit dem Ort entrückt, wo er eben wandelte. Er ſah ſich auf's Lebhafteſte auf dem Krankenlager in Berlin im Augenblick, als eben Cornelie mit ihrem Vater zu ihm an das Bett traten. Die Seene ſtand ſo lebhaft vor ſeiner Seele, daß er betroffen umherblickte, als müſſe er ſich der wirklichen Gegen⸗ wart verſichern. Und indem er ſich nun beſann, daß jenes Erlebniß wirklich in dieſelbe Zeit,— einen oder zwei Tage vor Advent fiel, überſchauerte es ihn, wie von einer drohenden Erſcheinung. Die Glocken tönten fort, und ihre wechſelnden Klänge trafen ſein Herz wie mahnende, warnende Stimmen. Beſchämung, Reue, Angſt erwachten unerwartet in ſeiner Bruſt. Eine unbegreifliche Bangigkeit tricb ihn an, einigen herankommenden Menſchen aus⸗ weichend einen Pfad rechts einzuſchlagen, und ſo gelangte er mit Schritten wie eines Flüchtlings auf einen queren Fahrweg, neben welchem ein höherer Fußpfad hinlief. Inzwiſchen hatte das Geläut ausgeklungen, 9 und er athmete ruhiger und überlegend. Er ſah, wie weit er vom Dorf abgekommen war, und vermuthete aus der Richtung des Weges, daß dieſer nach dem Allerheiligenthor der Stadt führen könne. Sollte er ihm folgen, oder links hinauf nach Bornheim zu ſeinem Vorhaben zurückkehren? Er erwog flüchtig, was er eben vor hatte, und was er ſich davon verſprach. Warum aber ſollte er ſich auf dem Hoffnungsgang ſeiner Zukunft durch eine ſeltſame Anwandlung aus ſeiner Ver⸗ gangenheit irre machen laſſen? Doch hätte er ſich vielleicht nicht ſo ſchnell entſchieden, wären nicht eben zwei Männer des Weges vom Dorfe her gekommen. Der Vordere, in einen weiten Mantel gehüllt, ließ ſich einen leichten Koffer nachtragen. Es erſchien Lotharn muthiger, ihnen entgegen zu gehen, als vor ihnen her den Pfad abwärts zu nehmen. Dieſe eigen⸗ ſinnige Empfindung entſchied: er wendete ſich dem Dorfe zu. In demſelben Moment, wie beide Begegnenden einander ausweichen wollten, er⸗ kannten ſie ſich und riefen, in der erſten Ueber⸗ Koenig, Familienabende. 1. W — 338— raſchung wie unwillkürlich, einander bei Namen an: Moriz! Lothar! Im nächſten Augenblicke der Beſinnung ſtan⸗ den die Brüder ſtumm gegen einander, als ob keiner dem andern ausweichen, aber auch nicht das Wort entgegen bringen möchte. Da trat abermal, wie einſt auf Nummer 3 der drei Reichs⸗ kronen, ein Augenblick ein, daß zwiſchen Beiden Reue und Vergebung mit Palmenzweigen einander entgegen kommend, die brüderlichen Schläfen anfächelten. Nur daß Lothar diesmal nicht wieder von wilden Pokalen entflammt, ſon⸗ dern von Gewiſſensregungen eben noch ſanftmü⸗ thig und zweifelhaft geſtimmt war. So hob denn auch er wieder das Wort an: Du biſt allein Moriz? Und wo iſt Cornelie? In Berlin. In Berlin? Iſt es wahr? Myriz hieß ſeinen Begleiter voraus gehen und dort am Feldbaume warten. Dann antwortete er: Seit wann wäre etwas nicht wahr, was ich ſage? heitlicher Ausruf der Verwunderung. Mir kam es vor, als müſſe Cornelie da ſein, wo Du— wo ihr ſeid. Aber— daß Du mir hier begegneſt! Was führt Dich hieher, lieber Moriz? Aufträge des Kurfürſten an—. Nun ja, geheime Aufträge. Aber Du—? Nun, ich— hab' eigentlich auch geheime Aufträge; doch—. Das jüngſte Begegniß im Gaſthofe trat einen Augenblick in ſeine Erinnerung; doch regte es ihn nur ein wenig auf, und er fuhr, ſeine Hand darbie⸗ tend, mit zufriedenem Lächeln fort: Es iſt ein eurioſer Zufall, Moriz, daß wir uns hier begegnen müſſen. Oder läßt es ſich vielleicht gar eine Fügung nennen! Wir wandeln eben in gemeinſamer Abſicht,— in einer guten. Nun ja, von Dir verſteht ſich das von ſelbſt; Du biſt ein nobler Kerl: aber diesmal darf ich es auch von mir ſagen. Du gehſt mit den Preußen, ſcheint mir, ich mit den Heſſen: ſo ſind wir Alliirte. Ich finde mich nämlich zu einer Berathung mit dem heſſiſchen Ge⸗ 2 Verzeih, lieber Moriz! Es war nur ein gewohn⸗ — 5— neralſtabe ein. Wir wollen beim Anrücken der Deutſchen die franzöſiſche Beſatzung von innen der Stadt überfallen und ihnen das Eindringen er⸗ leichtern. Dazu will ich nun, als der Anführer, die anzugreifenden Thore verabreden. Was ſagſt Du, Brüderchen? Biſt Du nun einmal zufrieden mit mir? Nimmſt Du mich wieder für einen voll⸗ wichtigen Radler? Moriz, obgleich von dem charakterloſen Wechſel, dem leichtfertigen Ton und der ſelbſtgefälligen Miene des Bruders innig verletzt, war doch bei dem Namen Radler, auf welchen— 6 ſtolz that, noch griffene Hand des Bruders, nun feſter ſuſen mit wahrhaft brüderlicher Beſorgniß ausrief: Um des Himmels willen, Lothar, keinen Schritt weiter! Du gehſt in Dein Unglück. Ja wohl iſt es eine Fügung, daß wir uns begegnen. Laß jetzt allen Groll und Argwohn! Laß mir das gute Gewiſſen, daß ich Alles gethan habe Dich— für Cornelien zu erhalten! Erinnere Dich, Lothar! Du haſt mir einmal zugerufen: Radler gegen — 341— Radler. Jetzt rufe ich: Radler für Radler! Komm' kehre mit mir zurück! Lothar, bei aller phyſiſcher Kühnheit doch von leicht ſchreckbarem Gewiſſen, ſtarrte den Bruder zuerſt erblaſſend an; dann aber, betroffen von der Erinnerung an Cornelie, deren ängſtlichen Sinn er nicht begriff, machte er ſich von Moriz un⸗ willig los.— Dieſer ſprach leiſer, aber ſehr ein⸗ dringlich weiter: Ich darf Dir's nicht verſchweigen, Bruder! Was Dich früher als Vorwurf erzürnte,— nimm es jetzt als ehrliche, brüderliche Warnung! Der Name Radler hat mir beim Grafen Kalkreuth zu ſchaffen gemacht, weil es auch Dein Name war, und man beim preußiſchen Generalſtab durch entflohene Mainzer Offiziere Dich als den—— Parlementär Cuſtine's kennt. Komm', kehre mit mir zurück! Ich beſchwöre Dich bei Deinem Leben. Eine Pauſe entſtand. Lothar, im erſten Au⸗ genblicke verwirrt, ſuchte ſeine Gedanken zu ſam⸗ meln und wog, was er zu fürchten, was er auf⸗ — 342— zugeben habe, gegen einander ab. Dabei regte ſich der Unmuth, daß er jetzt als Wohlthat an⸗ nehmen ſollte, was ihn früher von demſelben Bruder ſo tief herab geſetzt hatte. In ſeinem ge⸗ reizten Stolz und bei dem verdrießlichen Gedan⸗ ken, daß er die lockenden Erwartungen ſeiner Zu⸗ kunft ſo ſchnöde hinwerfen und die Flucht ergrei⸗ fen ſollte, täuſchte er ſich über die allenfallſigen Bedrohniſſe der ihm nachhinkenden Vergangenheit. Es regte ſich etwas in ihm gleich der Empfindung eines verzweifelnden Spielers, der ſein letztes Goldſtück auf Va banque! ſetzt, und der rol⸗ lenden Glückskugel vvraus, wenigſtens dem är⸗ gerlichen Menſchen, der ſich ihm als warnender Schutzgeiſt aufdrängen will, Trotz bieten kann. Daß ſeine Glückskugel möglicherweiſe eine Blei⸗ kugel ſein könnte, fiel ihm nicht im Entfern⸗ teſten ein. Mainzer Offiziere? lachte er bitter auf. O ich kenne ſie! Aber,— was ſicht denn meine Bemühung bei der Belagerung von Mainz die Preußen oder Heſſen an? Oder, wollen ſie mich — 343— dem Kurfürſten ausliefern? O möchten ſie das! Ich wünſche mir Gelegenheit mein Thun zu ver⸗ antworten. Mir bei Gott! nicht zur Schmach! Denn wiſſe nur, die vernachläſſigten Feſtungs⸗ werke, die gottsjämmerliche Beſatzung, die nieder⸗ trächtigen Commandeure, gegenüber der clubiſti⸗ ſchen Stimmung der Stadt,— die haben zu⸗ ſammen den Verrath geübt. Und wen trifft dieſe Verantwortung? Daß ich eine leichtere Uebergabe erwirkt, rechne ich mir als ein Verdienſt um Mainz und den Kurfürſten an. Denn ECuſtine hätte ſelbſt gar zu gern an einigem lächerlichen Widerſtand einen Anlaß gehabt, ſich durch gänzliche Zer⸗ ſtörung von Mainz den Pariſern als erſtaunlichen Feldherrn aufzubinden. Und nach allem dem weiß ich, was den Preußen und Heſſen Das werth iſt, was ich ihnen jetzt anbiete. Sie werden's als Buße und Genugthuung für Alles annehmen, was der verwünſchte Parlementär in ihren Augen geſündigt haben mag. Uebrigens danke ich Dir, edler Bruder, und gebe Dir auch einen guten Rath: lauf' und rette Deine Haut vor den Fran⸗ zoſen! Ich will die meinige den Preußen zu Markte bringen. Mit wildem Gelächter riß er ſich vom Bruder los, der ihn am Mantel gefaßt hatte, und ſtürzte fort, dem Orte Bornheim zu. Lothar, nur noch ein Wort! Lothar! rief Moriz ihm flehend, beſchwörend nach. Ein noch⸗ maliges Lachen antwortete ihm von weitem. Und ſchon war der dunkle Kern der entflohenen Ge⸗ ſtalt in den Nebel der Nacht zerronnen. 25. Das heiß' ich mir Honigwochen! Moriz blieb noch immer ſtehen, in Nachſchauen und Nachſinnen ſo verloren, daß er wahrhaft zu⸗ ſammen ſchrak, als ihn ſein bäuerlicher Begleiter plötzlich anſprach, und an die Thorſperre erinnerte. — Geh' voraus! befahl Moriz, und während er von den haſtigen Schritten des Burſchen mit fort⸗ gezogen ward, trieb ihn zugleich ſeine eigne innere Angſt und Unruhe vorwärts. So erreichten ſie das Thor, wie es eben geſchloſſen werden ſollte; der Regierungsrath beſtand das ſcharfe Examen mit Vorweis von Handelspapieren, und nannte dann dem Kofferträger ſeinen Gaſthof. — 6 Hier betrat er, um den Wirth zu ſprechen, das Gaſtzimmer. Er beſtellte eine geheizte Stube, und verabredete ein hübſches Reitpferd, das ihm morgen innerhalb der Stadt zur Verfügung ſtände. Die Gaſtſtube war ſehr beſetzt und von lebhaf⸗ ten Geſprächen überlaut. Als Hauptſprecher erſchien ein noch jüngerer Mann vom Anſehen eines Schreibers oder Beamten, an deſſen Ausſpruch man mit dem Zuruf: Herr Ihle! von allen Enden her appellirte. Er, wie die übrigen, alle ließen ſich in Mundart und Mundfülle als gute Franf⸗ furter vernehmen. Ihle, indem er von den Fran⸗ zoſen ſprach, behauptete: „Sie ſuchen durch allerlei Künſte die deutſche Treue zu untergraben, und ſo Verderben und Elend unter glückliche, zufriedne Menſchen zu bringen. Auch dies mißlingt ihrer verheerenden Politik, und nun rächen ſie ſich durch Schmähungen und Hohn. Ruhig und ſtandhaft ertragen die Frankfurter dies Ungemach, und ſetzen den Zerſtörern ihres Wohl⸗ ſtandes nur beſcheidne Belehrungen entgegen. Wen Das nicht rührt; wen Das nicht mit Liebe und Achtung für die braven deutſchen Bürger erfüllt: in deſſen Adern rinnt kein vaterländiſches Blut, und in ſeinem Herzen wohnt die füße Beruhigung nicht, daß er ein Nachkomme des treueſten Volkes auf Erden ſei.“ Da erhob ſich ein Anderer.„Dieſe Schmä⸗ hungen,“ rief er,„können nichts anderes bewirken, als Haß und gegenſeitige Verachtung. Darum bleibt es mir räthſelhaft, wie Cuſtine ſo kopflos handeln kann. Denn er rüttelt nur den deutſchen Nationalgeiſt aus ſeinem Schlafe, und dann wehe! wehe! ihm und ſeinen Horden!“ Moriz zog ſich aus dieſem erhitzten Kreis in ſein ſanft durchwärmtes Zimmer zurück. Im Be⸗ hagen dieſes hellen, ſtillen Gemachs überkam ihn auch ein beruhigenderer Gedanke. Er ſtellte ſich lebhaft vor, daß doch vielleicht Lothar ſein Beneh⸗ men in Mainz vor den Preußen rechtfertigen könnte, oder daß ſie ihm wenigſtens, um der guten Dienſte willen, die er ihnen anzubieten gekommen war, ſeinen ſo bezeichneten Verrath nachſehen würden. Und wenn ſich in dieſer Selbſtberuhigung auch die — 348— ſorglichſte Bruderliebe ausſprach, ſo verſteckte ſich doch auch hinter dem Eifer, womit er ſich im Vertrauen auf dieſe Erwartung befeſtigte, eine heim⸗ liche Selbſttäuſchung, indem er ſo die vorwurfs⸗ vollen Gedanken an Cornelie zu verſcheuchen dachte, die wie witternde Raben die Gefahr umſchwebten, in die er den Bruder hatte„ziehen laſſen.“ So nannte er es wenigſtens in der aufgeregten Stimmung ſeines entzweiten Herzens, und fiel im⸗ mer wieder in den bangathmenden Vorwurf, nicht genug für Lothar gethan zu haben.— Am andern Morgen ſtand ein winterlich⸗heitrer Himmel über der Stadt. Die aufgehende Sonne durchröthete den leichten Rauch der Schornſteine. Eine feierliche Stille herrſchte in den Straßen, bis die Glocken der verſchiedenen Kirchen zum Gottes⸗ dienſte läuteten. Moriz, in Erwartung der Dinge, die da kom⸗ men ſollten, kleidete ſich an, und eilte in die Stadt. Es ging gegen neun Uhr, und er hatte das Ende der Zeil noch nicht erreicht, als ein heftiges Ka⸗ nonen⸗ und Rottenfeuer die Stadt aufſchreckte. — 349— Alles ſtürzte aus den Häuſern, ja aus den Kirchen; doch noch ſchneller leerten ſich die Straßen wieder, als erſt einzeln, bald aber ziemlich häufig Kanonen⸗ kugeln und Haubitzgranaten auf die Dächer und in die Straßen ſchlugen. Der Nordoſtwind trieb einen ſchweren Pulverrauch vom Neu⸗ und Allerheil'gen⸗ thore her über die Stadt. Von jener Seite waren die Heſſen mit ſtillem Aufbruch in zwei Colonnen vorgerückt, während ſich ein Bataillon mit Huſaren nach der Seite vor Sachſenhauſen wendete, die etwa dorthin abziehenden Franzoſen abzuſchneiden. Bald erhob ſich ein neuer Lärm auf den ver⸗ einſamten Straßen, und lockte die blaſſen Geſichter der Einwohner hinter die Fenſterſcheiben. Scharen⸗ weiſe durchzogen die Handwerksgeſellen die Stadt — dahin, dorthin, beſonders nach dem Allerheiligen⸗ thor und nach dem Hauptquartier des Comman⸗ danten auf der Zeil. Moriz, auf dem Rückwege nach ſeinem Gaſthof, hörte zu ſeinem Schreck den Namen Radler aus dem Mund einzelner betrunknen Burſche mit dem Zuſatze: Der Verräther, der feige Flüchtling! ausrufen. Er blieb athemlos ſtehen. Lothar war mithin aus dem Lager nicht zurückgekehrt. Nun verrieth ſich auch die franzoſenfeindliche Abſicht dieſer nicht mehr zu einem überdachten Zwecke zuſammen gehaltenen Rotten. Sie über⸗ fielen die Soldaten, die— verwundet, entfliehend oder als Ordonnanzen von den Wällen zur Stadt kamen, und entriſſen ihnen die Gewehre. So be⸗ waffnet ſtellten ſie ſich ſogar dem Reſerve⸗Corps entgegen, das mit den zwei, vor der Commandan⸗ tenwohnung bisher aufgeſtellten Feldſtücken nach dem Neuthore zur Verſtärkung zog. Sie ſielen den Zugpferden in die Zügel, und lenkten ſie um, durchſchnitten die Stränge, ſchlugen die Räder von den Laffetten ab, und ließen die Knechte mit den Gäulen Reißaus nehmen. Indem nun der Commandant van Halden herbei geritten kam, dieſen Widerſetzlichkeiten zu ſteuern, traten die muthigſten Bürger dazwiſchen mit der— Beſchwerde, daß nun die Stadt doch, gegen Cuſti⸗ nes Zuſage, beſchoſſen würde. Der Tumult nahm zu, als eben Feuerlärm entſtand. Jetzt eilten auch — 351— die beiden geweſenen Bürgermeiſter herbei, und traten beſchwichtigend zwiſchen die Bürger und den Commandanten. Man verlangte, es ſolle dem Gefecht und dem Beſchießen ein Ende gemacht werden. Van Halden entließ hierauf zwei Trom⸗ peter nach den beiden beſtürmten Stadtthoren. Die Handwerksburſche begleiteten ſie.“ Die Thorbe⸗ ſatzung, von der Erſcheinung der Trompeter bethört, ließen ſich überrumpeln und entwaffnen. Einzelne tollkühne Burſche ſchlichen ſich unter den Thorge⸗ wölben hin, ſenkten unter dem Feuern der Heſſen die Zugbrücken nieder, und brachten mit den Sig⸗ nalen der Trompeter den Deutſchen ein Hoch! So drangen die Heſſen nach entſetzlichen Ver⸗ luſten, die ſie von den beſtürmten Wällen aus er⸗ litten, in die Stadt,— Infanterie, Huſaren und leichte Cavallerie. Jetzt entſpann ſich ein neues Schauſpiel. Die eindringenden Sieger, in der Erbitterung des Kam⸗ pfes, verfolgten die von den Wällen ſich in die Stadt flüchtenden Franzoſen, hieben und ſtießen ſie nieder, während die mitleidigen Bürger ſoviel ſie der armen Flüchtlinge habhaft werden konnten, in die Häuſer retteten. Dieſe Menſchlichkeit bethätigte ſich noch freier gegen die verwundeten Deutſchen, die jetzt vom Kanfffelde herein gebracht wurden. Zu pen ſchwer verwundeten zählte auch der Prinz von Heſſen⸗ Philippsthal; zu den leichter verwundeten der Oberſt von Fuchs. Unter den 200 Gebliebenen lagen der Major von Donop und mehrere Hauptleute. Eine Viertelſtunde ſpäter hielt der König von Preußen neben dem Herzog von Braunſchweig mit fürſtlichem Gefolge ſeinen Einzug, und ward mit jubelndem Zuruf aus dem Volksgedränge em⸗ pfangen. Während er die Zeil hinab ritt, erſchien auch der Regierungsrath von Radler zu Pferd, den Mo⸗ narchen Namens des Kurfürſten mit Glückwünſchen zum Siege zu begrüßen. Der König dankte, nicht ohne einen Anflug von Befangenheit, womit er nach ſeinem Gefolge zurückblickend, einem Militär winkte. Da ritt General von Eben gegen Moriz hervor, und nahm ihn bei Seite.— Des Königs Wink iſt mir ein leidiger Befehl, Herr Baron, ſagte er. Nach unſerem Geſpräch im Lager über die Ihrem Bruder zur Laſt gelegten Dinge war es höchſt verwunderlich, als derſelbe geſtern Abend von einem Feldpoſten in's Zelt unſeres Haupt⸗ quartiers gebracht wurde. Er kam angeblich in gutfreundlichen Abſichten; zufällig aber befanden ſich einige unſerer Offiziere da, die ihn noch letzten Winter als Grafen von der Leyen in Berlin ge⸗ kannt hatten. So fiel er in den Verdacht eines franzöſiſchen Spions; er mußte ſich eine Durch⸗ ſuchung gefallen laſſen, und da fand ſich, außer zwei geladenen Piſtolen, in einer verſteckten Taſche eine franzöſiſche Proelamation, eine ſogenannte Sauve garde für die Stadt Hanau, von General Cuſtine unterzeichnet. Der Baron betheuerte zwar ſie ſei gefälſcht; doch konnte er damit unter den Umſtänden um ſo weniger Glauben finden, als uns Cuſtines Handſchrift durchaus nicht fremd iſt. Da der Beargwohnte aber ſelbſt zu den Heſſen gewollt hatte, und die Sache nun auch ein heſiſches In⸗ tereſſe betraf, ſo wurde er ſofort an den Befehls⸗ Koenig, Familienabende. 1. haber der Heſſen abgeliefert. Dieſer hat denn am Frühmorgen— Standrecht über ihn halten laſſen. Moriz erblaßte und wankte im Sattel. Der General faßte ihn hart am Arm mit dem mah⸗ nenden Wort: Herr Baron, nehmen Sie ſich zu⸗ ſammen! Ich beklage,— es thut mir leid—! Indem er ſich dabei nach einer Oidonnanz umſah, ging die Anwandlung vorüber.— Ver⸗ zeihung, Herr General! ſagte Moriz. Aber es iſt ſchrecklich! Ich bitt' um Verzeihung! Sie ſehen, ich ſuche mich zu faſſen. Was wollt' ich doch—? Ja, Herr General, eine Bitte!— Wollten Sie nicht die Güte haben, das Protokoll und die Aus⸗ fertigungen des Gerichts an mich gelangen zu laſſen? Ich ſagte Ihnen, Herr Baron, fiel der Ge⸗ neral ein, daß die Heſſen, nicht wir, das Stand⸗ recht erkannt und vollzogen haben. Doch— hören Sie! Das Hauptquartier kommt in's rothe Haus: ſchicken Sie nur dahin. Entſchuldigen—! Er trabte dem Zuge des Königs nach, hinter welchem beide etwas zurückgeblieben waren.—— Die nächſte Sorge für Moriz, die ihn auch aus ſeiner Niedergeſchlagenheit immer wieder auf⸗ rief, betraf die Papiere über das unglückliche Ver⸗ hängniß, mit denen er das üble Gerücht von dieſer Schmach oder doch die Benachrichtigung der An⸗ gehörigen in die Gewalt zu bekommen wünſchte. Dem alten Vater mußte auß alle Weiſe die Kunde von dem Unglück wenigſtens vorerſt abgeſchnitten werden, und ob Cornelie oder ihr Vater zu be⸗ nachrichtigen ſei, blieb zu überlegen. Ruhen, ſo erſchöpft ſich Moriz fühlte, konnte er nicht; er wandelte von Betrachtungen der ſchmerz⸗ lichſten Art getrieben, im Zimmer auf und nieder. Wie er ſich in den ganzen Verlauf des Ereigniſſes hinein dachte, blieb ihm nur die Unbeſonnenheit unbegreiflich, wie der Bruder das gefährliche Pa⸗ pier auf ſeinem bedenklichen Gang habe in der Taſche behalten können. Er zweifelte nicht, daß es jenes Patent geweſen ſei, das er, Tags vor ſeiner Entlaſſung, der Schweſter und Cornelien vorgezeigt hatte. Moriz konnte ſich ja nicht vor⸗ ſtellen, daß Lothar bei dieſer Entlaſſung den Rock 23* 5 von ſich gethan, und während der ſo aufgeregten Zwiſchenzeit und in der gedankenvollen Eile vor dem letzten Gang des gefälſchten Papiers gänzlich vergeſſen hatte. Die öffentlichen Vorgänge und ſeine amtliche Sendung nöthigten ihn bei allem Widerwillen des Herzens zur Aufmerkſamkeit und Theilnahme. Cuſtine war mit ſeinen bis zum nahen Bocken⸗ heim vorgeführten Truppen vom Heere der Preußen, die über Bonames und Eſchersheim vorrückten, nach Rödelheim und dem Niddaer Wäldchen zu⸗ rückgeworfen worden. Auch der König war am Nachmittage auf das Kampffeld hinaus geritten, und eben als Moriz mit den erlangten Papieren aus dem rothen Hauſe in ſeinen Gaſthof zurück⸗ kehrte, brachten ſechs Mann Soldaten den an der Seite des Königs ſchwer getroffenen General von Eben in die Stadt. Wunderbares Begegniß! Dieſen Morgen hatte derſelbe Mann den wan⸗ tenden Freund, den er mit einer entſetzlichen Nach⸗ richt erſchütterte, im Sattel feſtgehalten.— Die zudringende Betrachtung über den unbegreiflichen Gang der menſchlichen Dinge war geeignet, den gebeugten Moriz mit frommen Empfindungen auf⸗ zurichten. In dieſer Stimmung ſchrieb er an Julianen und an Cornelie,— an dieſe einen herzlichen, die innigſte Theilnahme athmenden Brief. Sie und ſich ſelbſt zu ſchonen, drückte er ſich nur ganz allge⸗ mein dahin aus, daß Lothar bei einem zu Gunſten. der vorrückenden Heſſen gewagten Unternehmen ſeinen Tod gefunden habe.— Inzwiſchen war auch ſein Diener und die Reiſekaleſche mit dem preußiſchen Heergeräthe ein⸗ getroffen. Moriz ſehnte ſich fortzukommen. Er wünſchte nur erſt noch eine nähere Mittheilung über den Gang des Feldzuges, um den Kurfürſten wenigſtens mit Ausſichten auf Mainz zufrieden zu ſtellen. Nach einigen Tagen eröffnete man ihm das Allgemeinſte: Hochheim, Mainz gegenüber, war beſetzt, die Veſte Königſtein erzwungen, und es galt nun vor durch einen vorläufigen Feldzug auf dem tigen Rheinufer ſich den Rücken frei zu ma⸗ chen. Dazu wurde den Truppen die Richtung am Taunsgebirge hin auf Idſtein, über das Benedictinerkloſter Schönau nach Caub gegeben. Daß man alsdann auf einer Schiffbrücke nach Bacharach überſetzen, in vorausſichtlichen Vor⸗ poſtengefechten den Feind zurücktreiben, links den Hundsrücken, über Stromberg, Creuznach ge⸗ winnen und den Winkel zwiſchen der Nahe und dem Rheinſtrom reinigen müſſe, um mit der nö⸗ thigen Sicherheit ſich Mainz zu nähern,— dies Alles war vor dem nächſten Frühjahre nicht zu erwarten. G Mit dieſen Andeutungen beeilte ſich der Regie⸗ rungsrath nach dem Hoflager des Kurfürſten, ſeinen Bericht zu erſtatten, und ward nach einigen Tagen mit der gnädigen Zuſage entlaſſen, Jaß er nach der Wiedereinnahme von Mainzzu einem höheren Poſten dahin würde berufen werden. In Aſchaffenburg fand er Briefe aus Berlin vor. Vater Mauritius ſchrieb eine derbe, flüchtig Advokatenhand in kurzen Sätzen und geiſtre Wendungen. Seine kalte Aufnahme des ung — 359— lichen Ereigniſſes verſteckte ſich halb hinter den herz⸗ lichen Ausdrücken ſeiner hohen Achtung gegen Moriz.—„Als Vater kann ich wohl zufrieden ſein“, ſchrieb er,„daß mich meine Tochter wieder heinge⸗ ſucht hat. Wäre ſie an den jüngern Radler ge⸗ kommen, ſo hätte ich das Nachlaufen gehabt. Es war ein kurzer Ausflug, den meine wilde Hummel gemacht hat, und bringt mir nun von den Diſteln ihres Weges und vom Thymian aus dem lieben Aſchaffenburg den reinſten Honig der Seele und Wachs zu einer Kerze hell flammenden Lebensblickes in's Haus. Das heiß ich mir Honigwochen! Sie hat den Kreuzweg der Täuſchungen gehen müſſen, um als Stern⸗Kreuz⸗Ordensdame der Wahrheit zurück zu kehren,— nicht bloß die Wahrheit ſchätzen zu lernen, ſondern der Wahrheit werth zu ſein.“ U.ſ.w. Wohlthuender war für den Freund Corneliens Brief,— ſchon für das Auge durch die reinen, an⸗ muthigen Züge einer ſo ſchönen weiblichen Hand, noch mehr aber durch die hohe, edle Geſinnung, mit der ſie ſich über Lothars Mißgeſchick und ihre ei⸗ genen Erlebniſſe ausſprach. Ihr liebevolles, liebe⸗ — bedürftiges Herz ſchlug in jeder Zeile, und Moriz hatte eine Hand für dieſen Puls. Sie bat um einen brieflichen Verkehr und wünſchte für denſelben jene Unbefangenheit und jenes Du beizubehalten, die im Aſchaffenburger Hausgarten von ihm ſelbſt, unter dem Klang des Poſthorns, ſeien angeſtimmt worden. Seitdem wob ſich aus zarten Fäden des Brief⸗ wechſels ein duftiges Band, dem der Zauber ver⸗ liehen war, mit zunehmender Länge doch immer enger zwei Herzen an einander zu ziehen; ſo daß ſich bald errathen ließ, zu welchem Bund es ſich ver⸗ ſchlingen werde, ſobald die Zeit mit ihrer ausglei⸗ chenden Hand die Schicklichkeiten des Alltagslebens gelbſt haben würde. Als Moriz im folgenden Herbſte Cornelien von Aſchaffenburg zum erſten Mal nach Mainz brachte, blieb er mit ihr unter der noch überall ſichtbaren Verwüſtung vor einem großen Schutthaufen ſtehen. — Sieh', ſagte er, das war das ſchönſte Gebäude der Stadt und ſtand kaum ſeit ſieben Jahren. Cu⸗ ſtine mit ſeinem Genetalſtabe bewohnte es unter der Belagerung, und hierher richteten die Alliirten täglich ihr heftigſtes Feuer. So ging es in der Nacht vom 29. auf den 30. Juni dieſes Sommers in Flammen auf. Es war das Haus des Dom⸗ probſtes Damian Friedrich Grafen von der Leyen! 3 6 8 — Druck von 17 18 ————— — 1 ——