Leihbibliothet᷑ deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur ** Cduard Oklmann in Gießen, 6 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 579 Seih- und Keſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em- pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8. Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe iitterlegen welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———— auf Monat:— Pf. 50 Pf. 2 Me.— Ff. 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Scladenersatz. 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Eckſtedt, ein Kommiſſair. Ein Knabe. Die Scene iſt in einer großen Stadt. Edſter. Er ſt e S cene Flink Guaͤhlt Geld in die Hand.) Vierig, ein und vierzig, zwey und vierzig, und eine ſilberne Uhr. Bravo, Flink! Du ſchmiedeſt das warme Eiſen. Wie hieß der Mann, der das Buch von be⸗ ruͤhmten Hunden geſchrieben hat? Ich wollte, er ſchriebe auch Buͤcher von beruͤhmten Lakayen,— was gilts, dann kaͤme Flink auf die Nachwelt?— Hier noch ein Gulden von Mabame Luppnitz. Ihro Gnaden muͤſſen freygebiger werden. Ein reicher Schwiegerſohn iſt keine Puppe von Honigkuchen, die man fuͤr einen Gulden kauft. Zwiſchenträgereyen werden an allen Hoͤfen mit Golde bezahlt, und Ihro Gnaden wollten mich mit Silber abſpeiſen? Zweite Scene. Flink, Herrmann. Herrm. Guten Morgen, Flink! Flink.(verdruͤßlich) Großen Dank— S Seite) Herr Hofmeiſter! Das Schreibepult, Herrm. Wo iſt ſein Herr? Flink. Er ſchlaft noch. Herrm. Um zehn Uhr? Flink. Mein Herr iſt kein Mann nach der Uhr. Herrm. Vermuthlich die Nacht durch geſpielt? Flink. Koͤnnte wohl ſeyn. Herrm. und verloren? Flink. Doch nur ſein eigen Geld. Herrm. Wo war er? Flink. Bey guten Freunden. Herrm. Hat er außer mir noch S Flink. Bey Dutzenden. Herrm. Alſo Fabrikwaare? Flink. Da iſt der Baron Baldern. Herrm. O weh! Flink. Er nennt meinen Herrn ſeinen Damon, Oreſt. Herrm.(halb fuͤr ſich) Armer Juͤngling! Daß dein Vater ſo fruͤh ſterben mußte! Flink.(bey Seite) Erfahrung war von jeher eine theure Waare, warum ſoll denn mein Herr ſie wohlfeil kaufen? Herrm.(ſchlägt ein Buch auf, auf dem Tiſch liegt) Was ſeh' ich? Le Systéme de la Nature?— Wie kommt ſein Herr zu dieſem Buche? Flink. Sein Damon hat es ihm geliehen. Herrm. Sprech er lieber: ſein Dämon. Iſt es ſchon geleſen? oder die Gefahren der Jugend. S Flink. Ja, wenn wir Zeit zum Leſen hätten! Herrm. Gott ſey Dank!(ſteckt das Buch in die Taſche) Fort mit dir! Iſt es nicht genug, daß man den Leichtglaͤubigen um ſein Geld beſtiehlt, will man ihm auch Ruhe und Tugend rauben? Dritte Scene. . Bonige Bierhm. Dieth.(gahnend) Guten Morgen, lieber Herrmann! Perrm.(wehmuͤthig bey Seite) Wie blaß! wie hager! Dieth. Warum ſehen Sie mich ſo forſchend an? Perrm. Ich ſuche Ihre rothen Wangen. Dieth. Gewiß haben wir heute Wss Herrm. Warum? Dieth. Weil der Poſttag Ihnen der krauſen Stirne geſchrieben ſteht. Herrm. Allerdings haben wir Poſttag und einen ſauern Tag. Dieth. O dann eile ich aus dem Hauſe. Die ſauern Tage und ſauern Geſichter— Herrm. 3uviel Süßigkeit macht auch ſtumpſfe Zahne. Dieth. Bravo, mein Freund! Ich liebe die Sen⸗ tenzen. Herrm. Ja, wenn es Opern⸗Arien wären. Dieth. Ey ſo wollen wir ſie in Muſik ſetzen laſſen. Das Schreibepult, Herrm. Unſere Voreltern handelten, die En⸗ kel ſingen. Dieth. Dieſe ſchmollende Laune kleidet Sie aller⸗ liebſt; Sie gefallen mir. Herrm. Habe ich denn geſchmeichelt? Dieth. Immer beſſer! Sie muͤſſen ein Stuͤndchen mit mir plaudern.— Flink! Chokolade! unſer lieber Herrmann will Chokolade mittrinken. Perrm. Keineswegs! Ich komme in Geſchften. Dieth.(ähnend) So? Herrm. Zuerſt in Geſchäften an Ihr Herz. Dieth. Was? der finſtre Herrmann ein Bothe der Liebe? Herrm. Warum denn der Liebe? Vormals ſtand Ihr Herz nur dem Mitleid offen. Dieth. Vormals nur?(mit Gefuht) Das war bitter! Herrm. Gott ſey Dank, daß Sie nmiich jetzt mit keinem froſtigen Scherz abſpeiſen! Dieth. Reden Sie, lieber Ihr Mit⸗ keiden iſt mir gewoͤhnlich ein Buͤrge fuͤr das Verdienſt. Herrm. Ich habe in Erfahrung gebracht, daß der alte Erlen Noth leidet. Dieth. Wie kann ich ihm helfen? X Herrm. Der alte Erlen— Sie kennen ihn doch? Dieth. Was ſollt' ich nicht? Der Freund meines Vaters. Herrm. Sie wiſſen doch, wie er um ſein ganzes, kieines Vermoͤgen kam? oder die Gefahren der Jugend. 7 Dieth. Man ſagt, er habe es in unſrer Hand⸗ lung verloren. Herrm. Der ploͤtzliche Tod Ihres Vaters hat uber die Begebenheit einen Schleyer geworfen, den Gott allein durchſchaut. Mir gnuͤgt indeſſen an Erlens Aus⸗ ſage; ich kenne ihn; er log nie. Dieth. Nun wohl! Was kann ich fuͤr ihn thun? Herrm. Ihn zu unterſtutzen halte ich fuͤr Pflicht. Wie? das ſey Ihre Sorge. Der Mann iſt edel und ſtolz; geradezu Wohlthaten von Ihnen annehmen, das wird er nicht.. Dieth. Durch die dritte Hand? berrm. Wie Sie wollen. Ich habe genug gethan, indem ich Sie zum Vertrauten ſeiner Noth machte. Dieth. Ich danke Ihnen. Sie ſorgten fuͤr mein Vergnuͤgen. Perrm.(mit Wärme) Gewiß? Iſt es noch ein Vergnuͤgen fuͤr Sie? Dieth.(ſanft verweiſend) Herrmann! Herrm. Verzeihen Sie mir! Sie haben Schreiben und Rechnen bey mir gelernt. Der Hofmeiſter ſchlägt mich noch zuweilen in den Nacken. Dieth.(vruckt ihm wohlwollend die Su) Guter Herrmann!. Herrm. Jetzt noch ein Wort als aufnann Unſer Korreſpondent in Sachſen— Dieth. Iſt ein langweiliger Korreſpondent. Das Schreibepult, Herrm. Ein Kaufmann braucht die Form ſeiner Briefe nicht von der Madame de Sevigny zu entlehnen. Dieth. chalb verdrußlich) Nun was will denn un⸗ ſer Korreſpondent in Sachſen? Herrm. Er trägt uns eine Partie dunkelblanen Vitriol an. Dieth. Was ſollen wir damit machen? 7 Herrm.(nach einer Pauſe— ſpöttiſch) Brenn— bare Luft zu Montgolfieren. Dieth. Nur nicht böſe, lieber Alter! Ich ziehe den engliſchen Vitriol vor; er beſteht aus hellen, feſten Kryſtallen, loſt ſich ſchneller im Waſſer auf, und ſchmilzt leichter am Feuer.— Uh! nun hab' ich doch einmal recht viel Vernunftiges in einem Athem geſprochen; nicht wahr? Herrm. Dem Himmel ſey Dank! ja! Wenn ſo danm und wann einmal der denkende unterrichtende Kaufmann dem lockern Jüngling uͤber die Achſeln ſchaut, ſo iſt mir immer noch, als wenn ich Ihren braven Vater vor mir ſahe. Wir wollen alſo unſern Vitriol von Hull kommen laſſen? Dieth. Von Hull, ganz wohl! Sind wir nun fertig?. Herrm. Ja!(will gehen.) Dieth. Aber, lieber Herrmann! Ich brauche Geld. Herrm. Schon wieder?— Viel? Dieth. Ein paar hundert Louisd'or. Ich habe geſtern Abend mit verdammtem ungluck geſpielt. Herrm. Die Kaſſe iſt die Stutze. Hier iſt ein ——————— —— —— oder die Gefahren der Jugend. 9 Poſten, der ſo eben eingegangen.(reicht ihm eine Brieftaſche.) Dieth. Machen Sie doch auch ein freundlich Ge⸗ ſicht dabey. Herrm. Junger Mann! Ich liebe Sie;— Ihrem Vater bin ich Dank und folglich Ihnen Wahrheit ſchul⸗ dig. Wen Sie ſo fortfahren, ſo gehen Sie zu Grunde. Dieth. Nicht doch! Herrm. Ja doch! Faſt möcht' ich mich ſhlnet daß Sie die Rechenkunſt bey mir gelernt haben; denn es ſcheint, Sie haben nur das Subtrahiren begriffen und das Multipliciren ganz vergeſſen. Dieth. Geduld, lieber Alter! Bin ich doch erſt ſeit zwey Monathen muͤndig. Herrm. Eben deswegen! In zwey Jahren möchte die Erinnerung zu ſpaͤt kommen⸗ Dieth. Man iſt jung,— man will genießen. Herrm. Iſt der ſchoͤnſte Lebensgenuß nicht auch der wohlfeilſte? O freygebige Natur! Nur die Kunſt, aus deinen Händen zu empfangen, läßt ſich durch kein Geld erkaufen. Dieth. Wohl Ihnen, wenn die Nullen, die Sie täglich malen, dieſe Kunſt nicht verſchlungen haben. Herrm. Gott ſey Dank! nein! Im Gegentheil wuͤrzt mir der Fleiß den ſparſamen Genuß. Drum bitte ich Sie, lieber Friedrich,— erlauben Sie mir immer, Sie noch einmal ſo zu nennen! 10 Das Schreibepult, Dieth.(drückt ihm die Hand) Gern! herzlich gern! Herrm. Ich bitte Sie,— wenn Sie auch das Erwerben noch nicht verſtehen, ſuchen Sie wenig⸗ ſiens zu erhalten, was das Gluͤck Ihnen verſchwenderiſch zuwarf. Bedenken Sie, wie mancher arme Juͤngling, der Ihnen in nichts nachſteht, ſich kuͤmmerlich durch⸗ helfen muß, und verdienen Sie zum mindeſten die Gunſt des Zufalls. Dieth. Zufall und Frauenzimmer gewaͤhren Ihre Gunſt ſelten dem Verdienſt. Herrm. Sie haben einen hellen Kopf und ein fuͤhlbares Herz. Welcher Schwindel warf Sie in jenes fremde Element? Dieth.(leicht) Der Jugendſchwindel. Herrm. Meiden Sie die Barons, die in Spaa und Pyrmont ihr Handwerk treiben; entfernen Sie ſolche Taugenichtſe von Ihrer Perſon!(auf Flink deutend) Flink. Gehorſamer Diener! Dieth. Zeitvertreib, guter Herrmann! Ein froher Tag iſt mir mehr werth, als ein langweiliges Jahr. Herrm. Beſchaͤftigen Sie Ihr Herz! Dieth. Das thu' ich! Herrm. Suchen Sie ein braves Maͤdchen! Dieth. Das thu' ich alle Tage. Herrm. und wenn Sie ſie gefunden haben— Dieth. Ich habe deren ein Dutzend gefunden. Herrm. So heirathen Sie! Dieth. Hm!— Ja— Das Heirathen iſt —— oder die Gefahren der Jugend. 11 wohl ein Zeitvertreib, aber die Ehe ſoll auch verdammt langweilig ſeyn. Herrm. O hätten Sie Ihre braven Aeltern gekannt! Dieth. Eine Schwalbe macht keinen Sommer. Herrm. Uund ein paar abgeſtorbene Baͤume noch keinen Winter. Dieth. Ich habe keinen ſokratiſchen Genius, der meine Wahl leitet. Herrm. Das Herz— Dieth. Es klopft fuͤr jedes huͤbſche Mädchen.— Da iſt die ſanfte Friederike,— die ſchalkhafte Caro⸗ line,— die ſchmachtende Henriette,— die ſittſame Sophie— Sophie! halt! halt!— Nein, du gehoͤrſt nicht in mein Regiſter. Herrm. Wer iſt dieſe Sophie? Dieth. Ein reizendes, liebenswuͤrdiges Mädchen, tugendhaft ohne Prunk, heſcheiden ohne Blodigkeit, wiz⸗ zig ohne Unart, verſtändig ohne die Sucht zu glaͤnzen. Herrm. Das Gemaͤlde gleicht Ihrer Mutter; wollte Gott, auch Ihrer kuͤnftigen Gattin! Dieth. Ach! leider iſt ſie nur ein Kammermädchen. Herrm. Lieber mochte ich Sie mit einem ſolchen Kammermaͤdchen verheirathet, als laͤnger ſo zwecktos herumtraͤumen ſehen. Dieth. Caͤchelnd) Sie halten alſo ein gutes Weib fur ein Univerſalmittel gegen alle Krankheiten der Seele? Herrm. Ja, das thu' ich. Eine wackere Frau Das Schreibepult, iſt ein Harniſch gegen Verfuͤhrung, und Wunden, die die Welt ſchlug, heilt ſie in ſtiller Haͤuslichkeit. Dieth. Wer ſollte glauben, einen Hageſtolz reden zu hören? Herrm. Leider bin ich ein Hageſtolz. Armuth hat die Liebe von mir geſcheucht. Spotten Sie nicht uͤber mich. Bedauern Sie mich alten Mann, der des Lebens groͤßter Wonne entſagen mußte, weil es ihm von Jugend auf ſauer wurde, ſein taͤglich Brod zu verdienen. Wie oft, wenn ich in frohen Abendſtunden Ihrer guten Aeltern Liebe und Eintracht ſah, wie oft iſt mein Herz uͤberge⸗ wallt, und mein Auge feucht geworden? Wie oft habe ich ſchlaflos auf meinem einſamen Lager ein Exempel aus der Algebra gerechnet, um Wuͤnſche zu vergeſſen, die nicht in die Rechnung meines Lebens gehoͤrten? Bedauern Sie mich! Dieth. Guter Herrmann! Wenn bloß Nahrungs⸗ ſorgen Sie von Hymens Altare verſcheuchen, ſo heira⸗ then Sie. Ich verdopple Ihren Gehalt; ich räume Ihnen die Haͤlfte meines Hauſes ein. Herrm. Soll auch ich Sie pluͤndern helfen? Dieth. Dann will ich ſparſam werden;— dann weiß ich doch, fuͤr wen ich ſammle, fuͤr den Freund meines Vaters, den Lehrer meiner Jugend! O ja, lieber 12 Herrmann! Machen Sie mir die Freude! Heirathen Sie! Herrm. Zu ſpät! Dieth. Ein ſpätes Gluͤck iſt ſchones Herbſtwetter, man genießt es doppelt. — oder die Gefahren der Jugend. 13 Herrm.(ſcherzend) Soll ich etwa durch meine Frau die Zahl Ihrer Liebſchaften vermehren? Dieth. Pfuy, Herrmann! Das war nicht S. Ich meinte es gut. Herrm. und ich ſcherzte nur. Ihre Geſinungen haben mir wohl gethan. Gott erhalte Sie dabey. Er fuͤhre Ihnen ein braves Mädchen zu, und Sie ſind geborgen. Gern will ich dann fuͤr Sie arbeiten, und wenn ich nicht mehr ſchreiben kann, ſo will ich Ihre Kinder wiegen.(ab.) Vierte Scene. Diethelm, Flink. Dieth.(ſieht ihm bewegt nach) Der ehrlichſte Mann, den ich kenne. Flink. Ich werde mich auch aufs Brummen legen, damit ich ehrlich heiße. Dieth. Wenn ich ihn micht hůtte— Flink. So hätten Sie keinen Hypochondriſten im Hauſe. Dieth. Er hat Recht. Meine Lebensart iſt ein hineſiſches Gemälde, bunt, aber ohne Licht und Schat⸗ ten. Verſchlingen heißt nicht genießen; blaͤttern heißt nicht leſen. Flink. Das klingt, als ob heute Ihr ö0ſter Ge⸗ burtstag waͤre. Dieth.(nachdenkend) Ein V— eine Gat⸗ tin,— ha, wo find ich ſie? Das Schreibepult, Flink. Hier in meiner Hand.(bält ihm ein Billet vor.) Dieth. Was haſt du da? Flink. Ein Billet von Mamſell Emllien. Dieth. Willkommen! Das wird mich zerſtreuen. Eieſt.) Flink. Zerſtreuen nur? Mich dünkt, für bloße Zerſtreuung iſt das Mädchen zu gut. Dieth. Fängſt du auch an zu predigen? Flkink. Ein ſanftes Täubchen— Dieth. Sprich lieber: ein Gänschen. Flink. Sittſam, wie eine Nonne. 1 Dieth.(achend) Flink lobt die Sittſamkeit! 1 Flink. Ein Herz voll Liebe— Dieth. Zu ſich ſelbſt. Flink. Beleſenheit— Dieth. Im Mode⸗Journal. Flink. Schoͤn, wie eine Grazie. Dieth. Doch nicht ſchoͤn wie Sophie. Flink. Aber auch kein Kammermaͤdchen. Dieth. Kurz, Herr Lobredner! ich liebe die ſchö⸗ nen Mädchen nicht, die man immer kuͤſſen muß, damit ſie nichts Dummes ſchwatzen. Flink. Das gute Kind nährt gewiſſe Hoffnungen— Dieth. Sprich lieber: die Frau Mama; denn eine Mutter findet uberall Hoffnungen, wie ein Syſtem⸗ krämer überall Beweiſe. Flink. Sie lieben alſo die reizende Emilie nicht? . oder die Gefahren der Jugend. 15 Dieth. O ja, ich liebe ſie; warum nicht? Du ſiehſt ja, daß ich Brieſchen mit ihr wechsle. Flink. Aber von Briefchen bis zum Ehekontrakt iſts noch weit. Dieth. Man hat vielerley Verdruß in der Welt; man verliert im Spiele, oder mault mit einem Freunde, da thut man wohl, zu einer huͤbſchen Dirne zu flattern, und von ihren Lippen Vergeſſenheit zu ſchluͤrfen. Flink.(bey Seite) O weh! meine gute Madame Luppnit! Dieth. Aber heirathen— Schade! Schade! daß Sophie nur ein Kammermaͤdchen iſt. Flink.(bey Seite) Meinen Gulden hab' ich red⸗ lich verdient. Dieth. und was bin ich denn? Ein ubermuͤthiges⸗ Gluͤckskind. Was kann ich gegen Sophiens Reize auf die Waage legen? Eine Handvoll Gold. Fuͤnfte Scene. Vorige, Hädebrath,(ein alter Mann mit grauem Bart und grauen Haaren, ſehr einfach anſtändig gekleidet.) Hädebr. Gegruͤßet ſeyſt du, mein Sohn! Dieth. Willkommen, ehrwuͤrdiger Hädebrath! End⸗ lich haben Sie ſich einmal wieder zu Ihrem Zögling verirrt? Hädebr. Weh mir, wenn ich mich verirrte!(mit gebietendem Ernſt zu Flink.) Man laſſe uns allein! — 16 Das Schreibepult, Flink.(etwas ſchnippiſch) Doch nur, wenn mein Perr es befiehlt? Hädebr.(kalt und ſtrenge) Menſch! Du haſt dich geſtern beſtechen laſſen, um deinen Herrn zu hin⸗ tergehn.— Entferne dich! Flink.(ey Seite) Verdammter Hexenmeiſter!(ab.) Dieth. Errſtaunt) Was bedeutet das, ehrwuͤrdiger Vater? Hädebr. Geduld! Er iſt noch nicht reif. Dieth. Sie kennen die neueſten Begebenheiten meines Hauſes, und waren Wochenlang verſchwunden? Hädebr. Ich war immer bey dir. Dieth. Doch nicht unſichtbar? Hädebr. Ich habe dich begleitet vom Furotiſch zum Trinkgelag; aus der Wohuung der Freude in die Huͤtte des Armen. Dieth. unbegreiflich! Pädebr. Du ſpielſt,— du verlierſt große Sum⸗ men,— ich habe dir verziehen; denn ich ſchaute in dein Herz und fand es rein von Gewinnſucht. Dieth. Ein Sterblicher, der in mein Herz ſchaut? Hädebr. Du trinkſt— ſey gewarnt!— Du berauſcheſt dich aus gefälliger Schwachheit gegen Schein⸗ freunde. Dieth. Auch das iſt Wahrheit. Pädebr. Du täͤndelſt mit jungen Dirnen,— huͤte dich! Ich verzeihe dir; denn ich fand dein Herz unentweiht durch Wolluſt. oder die Gefahren der Jugend. 17 Dieth. Seltſam! bey Gott! ſeltſam! Hädebr. Du ſtiegſt hinab in die Wohnung des Jammers und trockneteſt Thraͤnen im Verborgenen— dafür ſey geſegnet!(egt feyerlich die Hand auf ihn.) Dieth. Was ſoll das? umſchweben mich Geiſter? Hädebr. Noch vor zwey Tagen retteteſt du einen armen Handwerker von Hunger und Verzweiflung. Dafuͤr ſey geſegnet! Dieth. Mann! Als ich das that, war ich ganz allein. Pädebr. Ich war immer bey dir. Dieth. Man kannte mich nicht. Pädebr. Ich kenne dich. Dieth. O du Unbegreiflicher! Findeſt du mich würdig dieſer väterlichen Theilnahme, warum ſtillſt du nicht meinen Durſt nach hoͤhern Wiſſenſchaften? Hädebr. Ich habe dich ausgeſpaͤht,— ich habe dir meinen Stab vorgehalten, wie jener Weltweiſe dem Alcibiades; aber, junger Menſch,— kannſt du ſchon in die Sonne ſchauen und ihre Flecken ſehen? Kennſt du ſchon den Abgrund, in welchen verſchwundene Sterne ſanken? und das Lichtmeer, aus welchem ein Stern emporſteigt? Dieth. Ich verſtehe Sie nicht. Hädebr. Harre,— lerne,— ſchweige— und vor allen Dingen— vergiß! Dieth. Was ſoll ich vergeſſen? Fotzebue's dram. Werke 11. Th. 2 ſen. 18 Das Schreibepult, Hädebr. Genug fuͤr heute!(nach einer Pauſe) Ich verſprach dir Nachricht von deinem Freunde Blunt. Dieth.(haſtig) Von Blunt? Von meinem lieben Amerikaner? Haͤdebr. Er gruͤßt dich. Dieth. Man hielt ihn fuͤr todt. Haͤdebr. Er iſt todt. Dieth.(in großer Bewegung, doch zweifelhaft Alſo— ſein Geiſt? Hädebr.(ſehr trocken) Sein Geiſt. Dieth.(mit Lebhaftigkeit) Mann! Du könnteſt mich auf ewig an dich feſſeln, den treueſten Juͤnger dir zu eigen machen, wenn du Blunts Geiſt mich ſehen ließeſt. Hädebr. Ich koͤnnte,— aber darf ich? Dieth. Es iſt nicht Neugierde,— nur Freund⸗ Hädebr. Das waͤre etwas;(faßt ihn bey beyden Händen, und ſieht ihm einige Augenblicke ſtarr ins Ge⸗ ſicht) und es iſt wahr! Dieth. O ſo laß, du Herzenkundiger! laß mich meinen Jugendfreund wiederſehen!(nimmt ein Miniatur⸗ gemälde von der Wand) Mein ſanfter Wilhelm!(be⸗ trachtet das Bild mit Zärtlichkeit.) Hädebr. Gieb dies Bild!(nimmt ihm das Bild aus der Hand) Falte die Hände, ſchaue gen Himmel und ſchweige!(Diethelm thut, was ihm befohlen wird. Haͤdebrath hebt das Bild mit beyden Händen hoch empor, oder die Gefahren der Jugend. 19 ſein Korper zittert, ſein Auge rollt, plöslich ſcheint ein elektriſcher Schlag ſeinen Koͤrper zu erſchuͤttern. Sein Geſicht wird heiter, er wendet ſich, erhaben lächelnd, zu dem unruhigen Diethelm, legt ſanft die Hand auf ſeine Schulter und ſpricht): Du ſollſt ihn ſehen. Dieth. Wann? wann? „ Hädebr.(nach einer ernſten Pauſe) In einigen Wochen. Dieth. Warum nicht fruͤher? warum nicht heute? Hädebr. Heute geh' ich ins Gefaͤngniß. Dieth. Eerſtaunt) Ins Gefängniß? Hädebr. Ich habe mich fur einen redlichen Mann verbürgt. Er kann nicht zahlen, ich auch nicht. Er ſſt entflohen,— ich fliehe nicht. Dieth. Giebt es auch Kerker für einen Mann mit ſolchen Kraͤften ausgeruſtet? Haädebr. O ja! Denn dieſer Mann hat Ehrfurcht vor den Geſetzen. Frey bin ich uͤbrigens auch dort, und werbe immer um dich ſchweben. Dieth. Aber wie lange— Haͤdebr. In dreymal neun Tagen wird ein Schiff ans Smyrna ſeine Anker in unſerm Hafen werfen. Willkommen ſind mir die Schaͤtze, die meine Bruͤder aus Aegypten mir ſenden, willkommen um der Armen willen. Dieth. Dreymal neun Tage? Eine Ewigkeit! Warum fordern Sie nicht von Ihrem beguͤterten Zögling? Hädebr. Ich bitte nie. 2* 20 DDas Schreibepult, Dieth. Aber ich bitte um ein Zutrauen, das mich ehrt. Wie viel betraͤgt die Summe? Hädebr. Hundert Thaler. ₰ Dieth. C(theilt den Inhalt ſeines Taſchenbuchs) Hier ſind ſie! Hädebr. Cfaßt ihn mit beyden Häͤnden, und ſieht ihm einige Augenblicke ſtarr ins Geſicht) Ja, du giebſt gern! Dieth. Warlich! Haͤdebr.(nimmt das Geld und ſpricht mit wahrer Empfindung) O wenn du das Elend kennteſt, das dieſe Summe lindern wird!— Habe Dank, habe Dank, edler Juͤngling! Dieth. Wann ſehe ich nun meinen Freund? Haͤdebr.(indem er ſeinen feyerlichen Ton wieder annimt, nach kurzem Bedenken) Heute noch! Dieth. In der Nacht? Hädebr. Betruͤger huͤllen ſich in Nacht.— Venn die 33ſte Minute der dritten Stunde eintritt, ſo erſcheint dir Blunt. Dieth. Wo Hädebr. Ich fuͤhre dich!(will gehen.) Dieth. Aber ſein Bild? Hädebr. Aus Freundes Haͤnden empfängſt du es zuruͤck.(ab.) oder die Gefahren der Jugend. 21 Sech ſte Scene. Diethelm. Welch ein Mann! Ja, nur der Freund höherer Weſen kann Furcht und Liebe, Zittern und Vertrauen in jeder Bruſt wecken. Wußte er nicht jede meiner verborgenſten Handlungen? Jeden meiner Gedanken ſo⸗ gar? O wenn er Wort hält—— Du zweifelſt, Diethelm?(ſchuchtern um ſich ſchauend) Erzürne ihn nicht, er hoört dich.— Gewiß, er wird Wort halten! und dann, guter Herrmann, bin ich dann noch von kau⸗ ter Betruͤgern umgeben? Siebente Scene. Diethelm. Flink. Dieth. Nur naͤher, mein Freund!— Du trittſt mir ſehr keck unter die Augen. Flink. Ich will nicht hoffen, daß der Hexen⸗ meiſter— Dieth. Ehrfurcht, Mosje Flink! Flink. Seine dienſtbaren Geiſter haben ihn be⸗ trogen. Dieth. Hute dich! Ihn täuſcheſt du nicht. Flink. Freylich, gegen den bin ich nur ein Lehrling. Dieth. Schweig! Flink. Ein armer Bedienter, luſtig und ehrlich. Etwas dumm mag ich freylich wohl ſeyn, aber die dummen Menſchen ſchicken ſich am beſten zum Dienen. * K 22 Das Schreibepult, Dieth. Genug!— Was haſt du da? Flink. Meine Monatsrechnung, gnädiger Herr! Dieth. Flink, wie oft ſoll ich dir ſagen:— ich bin kein gnaͤdiger Herr? Flink. Aber— Dieth. Die italieniſchen Bettler nennen jeden Rei⸗ ſenden Mylord, und die deutſchen Betruͤger machen aus iedem Narren eine Epcellenz. Entweder du willſt bet⸗ teln, oder betruͤgen. Flink. Ach nein, Herr Diethelm! Meine Aeltern waren einfaͤltige Leute; zu ſo einem eintraͤglichen Hand⸗ werk haben ſie mich nicht erzogen. Dieth.(achend) Ein Genie kennt keine Schran⸗ ken. Gieb her!(Lieſt)„Fuͤr Stiefelwichſe vier Tha⸗ ler.“ Kerl! damit koͤnnte man ja ein ganzes Regiment Dragoner frey halten. Flink. Ich bitte um Vergebung; es iſt Patent⸗ Stiefelwichſe. 6 Dieth.„Fuͤr Puder— 7 Thaler.“ Ey, cy, Herr Flink, wenn wir in England lebten und Pitt das erfuͤhre— Flink. Der Prre iſt von einer emigrirten Mar⸗ quiſe, und die ganze koͤnigliche Familie iſt vormals da⸗ mit gepudert worden. Dieth.„Fuͤr Bartſeife fuͤnf Thaler.“— Nun bey Zoroaſters Bart! Du biſt ein Gaudieb. Flink. Waͤre ich dann nur Bedienter? Dieſe Seife iſt Wilsons royal vegetable Almond Soap. oder die Gefahren der Jugend. 23 Dieth.„Den Zeiger an der Uhr zu befeſtigen, fuͤnf Thaler.“(Er ſieht Flink ſtarr an, Flink ſchaut ihm ganz ehrlich in die Augen) Weißt du, was Herr⸗ mann dazu ſagen wuͤrde?(Flink zuckt die Achſeln und ſchuͤttelt den Kopf) Wenn das ſo fortgeht, wuͤrde er ſagen, ſo moͤchte der Zeiger an der Uhr bald genug auf die Stunde des Bankrotts deuten. Flink. Leute von Stande laſſen ihre Uhren bey Monſ. Piccot repariren, und Monſ. Piccot iſt theuer. Ein Deutſcher haͤtte es freylich fuͤr acht Groſchen ge⸗ than; aber Monſ. Piccot iſt kein Deutſcher. Dieth.„Den Pudel zu kuriren, zehn Thaler.“ Kerl! der ganze Pudel hat nicht mehr als fuͤnfe gekoſtet. Flink. Das glaube ich wohl, denn er iſt ein ehr⸗ licher Hund. Dieth. Das iſt mehr, als du von dir ſagen kannſt. Flink. um Vergebung, Hr. Diethelm! vormals brachte man die Hunde zum Scharfrichter, oder zum Hirten, aber heut zu Tage haben wir einen graduirten Viehdoktor, den kann man nicht mit Groſchen abſpeiſen. Dieth. Mosje Flink, ich mag es wohl leiden, daß man mich betruͤgt, aber nur feiner, wenn ich bitten darf. Flink. Ich bin noch ein junger Anfänger, Sie müſſen Geduld haben. Dieth. Da nimm deinen Wiſch. Flink. Soll ich quittiren? geſtalten. Hier bluͤhen Roſen und Veilchen,— ſehr 24 Das Schreibepult, Dieth. Wenn du nicht furchteſt, daß dein Gewiſſen dich unter dem Galgen guittiren wird. Flink. O, der Galgen iſt bekanntlich nur eine Aufmunterung, ein großer Dieb zu werden. Dieth. Caͤchend) Setze zu deiner Rechnung noch hinzu: Für witzige Einfälle fuͤnf Thaler. Flink. Ein ſchoͤnes Honorarium! Zum Buch⸗ haͤndler iſt mein Herr verdorben. Achte Scene. Vorige. Baldern. Baldern. Guten Morgen, cher ami!(zu Flink) Mein Freund! ein Taſſe Chokolade!(Flink ab.) Dieth. Willkommen, Baron! Ich vermuthete Sie noch in den Armen des Schlafs. Bald. Der Morgen war ſo ſchon, ſo einladend— Dieth. Zu einem Spaziergange? Bald. Nein, zu einer Parthie Billard. Ich bin kein Freund vom Spazierengehen. So ohne Zweck auf und nieder zu wandeln. Dieth. Ohne 3weck? Man genießt die Schön⸗ heiten der Natur. Bald. Dafuͤr hat man Landſchaften auf den Wän⸗ den, und Blumentoͤpfe vor den Fenſtern.(Flint bringt Chokolade. Baldern, indem er ſchluͤrft) Denn ſagen Sie mir, cher ami! die liebe Natur— man ſpricht immer von ihren Reizen,— gar nicht von ihren Miß⸗ oder die Gefahren der Jugend. 25 wohl! aber dort brennen auch Neſſeln, und alle meine Rockfalten haͤngen voll Kletten. Hier ſchlägt eine Nach⸗ tigall,— recht artig, j'en couviens,— aber zu gleicher Zeit ſummen mir die ekelhaften Maykaͤfer um die Ohren. Enſin, des Morgens durchnäßt mich der Thau, des Mit⸗ tags verſengt mich die Hitze, Nachmittags erſticke ich im Staube, und Abends ſtechen mich die Muͤcken.(Zu Flink) Mein Freund! hole er mir ein Glas Liqueur.(Flink geht und bringt Liqueur.) Dieth. Sie werden Prozeß mit den Dichtern be⸗ kommen. Bald. Je ne dispute pas des gouts. Ich habe alles verſucht— eſlleurs, der Deutſche hat keinen Ausdruck dafuͤr; aber nirgends fand ich ſo viel ſolide Unterhaltung, als am Spieltiſch. Dieth. Sie haben Recht! Das Spiel verſetzt und erhält in Thätigkeit. Bald. Es ſchaͤrft den Verſtand. Dieth. Es erweckt die Leidenſchaften. Bald. Und wo waͤre Genuß ohne Leidenſchaft? Dieth. Die Dichter hingegen— Bald. Sie bewerfen mich mit Kenien. Dieth. Die Philoſophen— Bald. Sie haben eine Sprache erfunden, die Nie mand verſteht. Dieth. Die Moraliſten— Bald. Sie ſind langweilig.(ſtuͤrzt den Liqueur hinunter) Mein Freund! hole er mir etwas Butter⸗ ——— ——— — — 26 Das Schreibepult, brod und kalten Braten. Enfin, cher ami, es bleibt dabey: nur das Spiel kann einen Mann von Geſchmack feſſeln. Dieth. Das Spiel und Liebe. Bald. Sie kommen doch heute zur Graͤfin? Dieth. um zu ſpielen oder zu lieben? Bald. Beydes, wenn Sie wollen; aber die Graäfin iſt ſchon sur le retour. Dieth. Sie hat ein allerliebſtes Kammermaͤdchen. Bald. Ja! Hat das ſchelmiſche Ding Sie auch be⸗ zaubert? Schade nur, daß ſie ſo ungebildet iſt! Dieth. ungebildet? Ich bitte um Verzeihung! Sie ſcheint mir gebildeter, als ihr Stand erwarten läßt. Bald. Tant pis! Sie hat, der Himmel weiß, wo, Grundſaͤtze eingeſogen, die nur fuͤr hoͤhere Staͤnde belt wurden. Dieth. Die Tugend, lieber Baron, iſt ja kein Stift, wo man ohne Ahnen nicht aufgenommen wird. Bald. Sollten Sie glauben, daß ſie neulich die Impertinence hatte, mir gradezu in die Haare zu fahren? Und warum? weil ich ſie kuͤſſen wollte. Dieth. Welcher Cato haͤtte der Verſuchung wider⸗ derſtanden? Bald. Sie iſt huͤbſch,— ja; aber kalt, kalt, wie eine Billardkugel. Weg mit der Schoͤnheit, die eben ſo wenig Genuß verſpricht, als die Blumen in der Hand der Treff⸗Dame. oder die Gefahren der Jugend. 27 Dieth. Die verdammte Treff⸗Dame! Sie erin⸗ nern ſich an mein geſtriges Quinze- 1eva. Bald. Aber Sie ſpielten auch mit einer ſo edeln Käͤlte, einer ſo vornehmen Nachlaͤßigkeit,— die Graäfin iſt ganz von Ihnen bezaubert. Dieſer junge Mann, ſagte ſie neulich, kann einſt der Liebling unſerer erſten Häuſer werden. Sie ſprach ſogar von einem alten, erloſchenen Geſchlecht Diethelm in Thuͤringen, und meinte: es ließe ſich durch Protektion wohl noch dahin bringen, daß Sie in gerader Linie von dieſen Diethelms abſtammten. Dieth. Wozu das? Ich denke, meine Ahnen ſtehen auf den holländiſchen Dukaten. Bald. Bon, bon! ha, ha, ha! Ventre pleu! wir vergeſſen unſer Billard. Wollen wir die Parthie um 10 Ihrer Ahnen ſpielen? Dieth. Greift nach Huth und Stoc) Wenn Sie mir acht points vorgeben. Bald. Es ſey darum! Den geharniſchten Ahnen zu Ehren! ha, ha, ha! Cbeyde ab.) Neunte Scene. Flink(allein.) 2ht points? Er kann ihm auf der Tafel des Gluͤcks die Tugend vorgeben, und er wird ihn doch Matſch machen. Ja, ja, dies Spiel iſt ein Bild des Lebens. Wer gut zu ſchleichen verſteht, wer ſeinen Ball fein ſachte ſchleichen laͤßt, der ſiegt, ohne Aufſehen zu erregen. 28 Das Schreibepult, Wer aber immer gewaltig ſtößt, und nur brillant ſpielen will, der verſprengt ſich hier und verläuft ſich dort, oder bekommt eine Contrebille, die ihn zuruͤckwirft. O Schick⸗ ſal! warum haſt du mich nicht auch zu einem ſolchen Baron gemacht, daß ich mit Ehren en gros ſtehlen könnte! Die kleine Diebskrämerey— es kommt nichts dabey heraus.(ab.) Zehnte Scene. Gimmer des Rath Erlen.) Räthin Cſitzt und ſtrickt, vor ihr liegt ein Buch, in welchem ſie lieſt, ohne ihre Arbeit zu unterbrechen; lächelt und ſchuttelt den Kopf.) Schon wieder ein Ausfall auf die armen Romane! Muß denn eben alles Schwärmerey ſeyn, was nicht ganz gewöhnlich iſt? was ſich nicht alle Tage zuträgt?— Als ich noch jung war, da ſang ſo mancher Dichter— die Liebe unterm Strohbach, Zufriedenheit bei Milch und Brod. Zwanzig Jahre ſpaͤter ſcheinen ſie ſich alle das Wort gegeben zu haben, die genügſame Liebe lächerlich zu machen. uUnd es bleibt denn doch wahr: an der Seite eines trefflichen Gatten hoͤrt das Entbehren auf, eine Kunſt, oder ein Opfer zu ſeyn.— Iſt mein Leben ein Roman? Hat die Erfahrung nicht meinem Herzen Recht geſprochen? Sind wir nicht arm, ſehr arm?— und wo lebt die Frau, mit der ich tauſchen möchte? — oder die Gefahren der Jugend. Eilfte Scene. R äthin Fzhnrich. Fähnr. Guten Morgen, beſte Mutter! Räͤthin. Willkommen, lieber Karl! was bringſt du mir? Faͤhnr. Meine halbe Gage und mein ganzes Perz. Raäthin. Guter Junge! Wie kannſt du dich mit ſo wenigem behelfen? Fähnrich. Wie haben Sie ſich denn beholfen, als Sie bey Ihren geringen Einkuͤnften doch nichts an meiner Erziehung ſparten? Raͤthin. Wir lebten eingezogen; du aber mußt deinem Dienſte Ehre machen. Faͤhnr. Wenn der Fuͤrſt mich einſt ünihn wird, warum mein Rock ſo kahl iſt, ſo denk' ich, ſoll meine Antwort ſeinen Dienſt nicht ſchänden. Räthin. Du biſt jung, du mußt dein Leben genießen. Faͤhnr. Das thue ich; wenn ich jeden Monat dieſe paar erſparten Thaler auf Ihren Tiſch lege, ſo habe ich mir wieder auf 4 Wochen Lebensgenuß erkauft. Räthin. Aber deine Kameraden werden dich für geizig halten; oder wiſſen ſie vielleicht— Faͤhnr. Pfui, Mutter! Räthin. Du wirſt dich ihren Spöttereyen ausſetzen. Fähnr. Beſſer, als wenn mein Gewiſſen meines Herzens ſpotten muͤßte. S Das Schreibepult, Räthin.(ſchließt ihn in ihre Arme) Guter Karl! Welcher Furſt iſt reich genug, mir die Penſion abzukaufen, die mein Sohn mir giebt?— 3 wö lfte Scene. Vorige. Sophie. Sophie.(fliegt hinzu) Laſſen Sie auch für mich ein Pläschen üͤbrig!(ſchmiegt ſich an die Mutter.) Naͤthin. Du auch hier, Sophie?— Kinder, Ihr verſchafft mir einen feſtlichen Morgen. Soph. Willkommen, lieber Bruder! Wir haben uns lange nicht geſehen. Faͤhnr. Iſt das meine Schuld? Warum verbieteſt du mir, dich zu beſuchen? Räthin. Wie? Haſt du es ihm verboten? Soph. Allerdings! Er iſt Offizier. Die Welt muß nicht wiſſen, daß ſeine Schweſter nur ein Kammer⸗ mädchen iſt. Fähnr. Pfuy, Sophie! Ich wäre fähig, es noch heute in die Zeitung ſetzen zu laſſen. Soph. Sehr wohl, Herr Sprudelkopf! Wenn du deſſen nicht fähig waͤrſt, ſo würde ich es auch nicht ver⸗ ſchweigen. Aber du dienſt einem Fürſten, und Riemand ſoll dich uͤber die Achſel anſehen, weil beine Schweſter einer Graͤfin dient. Fähnr. Wer das thäte, der wurde doch nur ſeine eigene Achſel brandmarken. oder die Gefahren der Jugend. 31 Soph. In den Augen der Vernuͤnftigen— ja! aber die Vernuͤnftigen ſind ſo ſelten, als bie Leute, die die Pocken nicht gehabt haben. Räthin. Sie hat Recht. Soph. Der Fäͤhnrich Erlen iſt brav, hore ich oft. Dein alter Oberſter beſucht zuweilen meine Graͤfin an der Toilette, und ſpricht von dir und lobt dich. Dann wer⸗ den meine Augen feucht und der Kamm zittert in meiner Pand, daß die Haare der Gräfin es oft empfinden müſſen. Freylich ſchilt ſie dann uͤber meine ungeſchicklichkeit, aber mag ſie doch ſchelten; ich habe meines Bruders Lob gehoͤrt. Fähnr. und nie entſchluͤpft der Name Bruder deinen Lippen? Soph. Bin ich nicht lange genug in der großen Welt, um zu wiſſen, welchen Eindruck das auf deinen Oberſten machen wuͤrde? Wahrhaftig, er wäre im Stande, dir einmal auf der Parade zu ſagen: Herr Faͤhnrich, ich habe heute Ihre Schweſter geſehen. Sie verſteht recht artig die Haare zu kraͤuſeln. Faͤhnr. Nun, was weiter? Räthin. Sie hat Recht, lieber Sohn! Faͤhnr. Sie hat Unrecht! Die Graͤfin weiß ja doch ſchon— Soph. O die Graäfin iſt viel zu vornehm, als daß ſie ſich um meinen Zunamen bekummern ſollte. Sie nennt mich Sophie, und damit gut. Fähnr. Herz und Vernunft adeln jeden Stand. Das Schreibepult, Soph. Herr Philoſoph! Setze er ſich hinter den Schreibtiſch und verſuche er es, die Thoren durch Sen⸗ tenzen zu bekehren. Genug, es bleibt dabey: in dem Hauſe der Graͤfin mache ich dem Herrn Fähnrich einen tiefen Knix, hier aber iſt er mein lieber Bruder Karl, Fähnr. Hier und uberall! Soph. Baſta, mein Herr! Was in der Wekt ſich ſchickt,— was man thun und nicht thun darf,— das muͤßt Ihr Adamsſoͤhne erſt von uns Evenstöchtern lernen. Fähnr. Cͤchelnd) Doch nur, wenn ihr nicht ver⸗ liebt ſeyd? Soph. Richtig angemerkt! und nun, beſte Mutter, hier iſt ein kleiner Beytrag—(druͤckt ihr ein Paar Goldſtücke in die Hand.) Räthin. Schon wieder? Soph. Die Gräfin ſchenkte mir geſtern ein abge⸗ legtes Kleid,— das habe ich heute an einen Iuden verkauft. Raͤthin. Gutes Mädchen! Du gehſt ſelbſt ſo ein⸗ fach gekleidet— 3 Soph. Aber reinlich— nicht wahr? Fähnr. Sehen Sie, liebe Mutter, Sophie beſchämt mich. Sie thut weit mehr, als ich. Räthin.(Gzu Sophien) Eben brachte er mir ſeine halbe Gage. (Sophie nimmt den Bruder beym Kopf und kuͤßt ihn.) oder die Gefahren der Jugend. 33 Fähnr. Das iſt ſo gut, als nichts! Aber daß eine achtzehnjaͤhrige Dirne ein Kleid aufopfert— Soph. Herr Bruder! Wenn ich nicht ſchon ge⸗ wußt hätte, daß du ein Fähnrich biſt, ſo häͤtte ich es an dieſer Spotterey errathen. Räthin. Aber, Sophie, was ſagt die Graͤfin, wenn ſie dich trotz ihrer Geſchenke immer in dem namlichen Kileide ſieht? Soph. Wenn ſie brummt, ſo mache ich ihr weiß, daß ich mein Geld in die Lotterie ſetze; das iſt doch auch eine Art von Spiel, und ein jedes Spiel iſt in ihren Augen verzeihlich. Näthin. Ich bitte euch, laßt den Vater nichts von eurer kindlichen Unterſtuͤtzung merken. Ihr kennt ſeinen edeln Stolz, er wuͤrde lieber darben, als von euern Wohlthaten leben. Fähnr. Ja, wenn er Wohlthat nennt, was Pflicht und Liebe heiſchen. Soph. Wohlthat iſt es wahrlich; aber nur für uns. Räthin. Still! Ich hoͤre kommen.(verbirgt das Geld.) Dreyzehnte Scene. Vorige, Rath(mit einer Menge Papiere unterm Arm. Als er eintritt, ſtutzt er.) Nath. Sieh da! Ich komme eben aus einem reich moͤblirten Hauſe; doch meine Hütte iſt weit koſtbarer ausgeſchmůͤckt.(Sohn und Tochter eilen auf ihn zu Kotebne's dram. Werke 14. Th. 3 34 Das Schreibepult, und küſſen ihm die Hand.) Seyd willkommen, Kinder! ſeyd willkommen! Wie geht es euch? Soph. Gut, mein Vater! Rath. und dir? Fähnr. Ertraͤglich! Rath. Warum nur ertraͤglich? Fähnr. Sie wiſſen, ich habe wenig Neigung zu meinem Stande. Rath. Lieber Sohn! Man muß das Gluck nie in ſeinem Stande ſuchen, ſondern in ſeinem Herzen, und ich denke, du haſt ein geſundes Herz. Fähnr. Mein väterliches Erbtheil. Rath. Iſt es wahr, ſo biſt du ein reicher Gbe⸗ wenn gleich dieſe Wände kahl ſind. Faͤhnr. Auch würde ich glucklich ſeyn, wenn Sie es wären. Rath. Bin ich denn ungluͤcklich? Darfſt du in deiner Mutter Gegenwart an meinem Glücke zweifeln? Fähnr. Der Mangel bey Ihrem herannahenden Alter— Nath. Was nennſt du Mangel? Wer ſeine Be⸗ durfniſſe befriedigen kann, der iſt wohlhabend. Fähnr. Koͤnnen Sie das? Rath. O ja, denn ich bin genügſam. Meinſt bu, wir gingen hungrig zu Bette? Deiner Mutter liebe Hand bereitet mir täglich, was mein Fleiß erwarb, und ſie wuͤrzt die Koſt durch immer gleiche Heiterkeit. oder die Gefahren der Jugend. 35 Siehſt du Thränen in ihren Augen, ſo hat nur der Rauch in der Küche ſie hervorgelockt. Räthin. Ja, beſter Mann, ich wäre ganz zufrie⸗ den, wenn nur— Rath. Es lebt kein Menſch auf Erden, deſſen Zufriedenheit nicht zuweilen ein ſolches Wenn nur durchkreuzte. Laß horen: wie lautet das Deinige? Räthin. Wenn nur Sophie nicht dienen müßte. Rath. Was heißt das: dienen?— Wäre ſie reich, ſtolz, eitel, dann wuͤrde ſie dienen, und welch' eine Dienſt⸗ barkeit! Meine Tochter iſt nur ein Kammermaͤdchen, das bewahrt ſie vielleicht vor dem ungluͤck, ihre eigne Sklavin zu werden. NRaͤthin. Es ſchmerzt mich, daß ſie fremd in un⸗ ſerm Hauſe iſt. Rath.(vruͤckt Sophien die Hand) Unſere Herzen werden ſich nie fremd werden. Glaubt mir, Kinder, glaubt es meiner Erfahrung: Lebensgenuß kann man auch aus geringen Blumen ſaugen, wenn man nur den Bienen die Kunſt ablernt, bis in den Kelch zu dringen. Räthin. Dieſe Kunſt uͤbſt du unter dem Druck muhſamer Geſchaͤfte. Rath. Und freue mich der Elaſticität meines Geiſtes. Raͤthin. Du haſt da wieder einen Haufen Pa⸗ piere heimgeſchleppt— Rath. Ja, Gott ſey Dank! Hier iſt wieder Arbeit fuͤr manche Woche, wenn nur— ſiehſt du, da ertappe ich mich ſelbſt auf einem Wenn nur— 3„ 36 Das Schreibepult, . Käthin. Vertraue es den Deinigen! Rath. Wenn nur die Bezahlung meiner Schulden, . wollt' ich ſagen, nicht mehr noch wir⸗ als meinen Gläu⸗ bigern am Herzen läͤge. 5 Räthin. Sie werden Geduld habenz upſert un⸗ verſchuldete Armuth wird ſie ruhren. Rath. Ich weiß nicht, heute— doch laßt uns hoffen! (fährt mit der Hand uͤber's Geſicht und ſchweigt.) Soph. Ach, Vater! wie war es moglich, daß bey Ihrem Fleiße, bey Ihrer Genuͤgſamkeit— Fähnr. Kannſt du noch fragen, Schweſter? Die Koſten, die er auf unſere Erziehung wandte— Rath. Nicht eure Erziehung; denn die habe ich von einem Kapitale beſtritten, was unerſchopflich iſt, die habe ich durch Vaterliebe ſelbſt vollendet. Nein, lieben Kinder, ein Ungläck, das mich vor zehn Jahren traf, hat uns ſo zuruͤckgeſetzt, daß bey meinen abnehmenden Kräften es mir unmoͤglich wurde, mich wieder empor zu arbeiten. Räthin. Arm waren wir beyde, als wir uns hei⸗ ratheten, aber wir hatten ſchon ein artiges Kapital ge⸗ ſammelt— Rath. Siebentauſend Thaler. Raͤthin. Die trug euer Vater nun zu dem alten Banquier Diethelm— Soph.(mit einiger Verwirrung) Diethelm? Rath. Er war mein Freund— Fäͤhnr. und betrog Sie? Rath. Das wuͤrde mich mehr geſchmerzt haben, als oder die Gefahren der Jugend. 37 der Verluſt meines Geldes. Nein, er meinte es gut mit mir,— hatte mir einen Antheil in ſeiner blühenden Hand⸗ lung zugedacht. Ich brachte ihm die erſparte Summe, die ſich bereits durch frohe Hoffnungen verzinſte. Es ger ſchah grade in einem Augenblick, wo er mit Geſchäften uͤberhaͤuft war, und mir keinen Empfangſchein daruͤber ausſtellen konnte. Räthin. Er verlangte, euer Vater ſollte das Geld wieder mitnehmen, lieber am andern Morgen— Rath. Wozu das? Kannte ich den Reblichen etwa nicht? Räthin. Ein halbe Stunde nachher ruhrte ihn der Schlag. Rath. Ich verlor einen gepruͤften Freund. Räthin. und den ſauer erworbenen Lohn acht mühſamer Jahre. Soph.(etwas heftig) Wie? könnte ſein Sohn ſo niederträchtig ſeyn, die Schuld abzuleugnen? Rath. Sein Sohn war ein Kind. Die Vormünder thaten ihre Pflicht. Beweiſe hatt' ich nicht. Fähnr. Aber ſeine Bücher— Ihr Wort— Rath. Die Summe ſelbſt fand ſich nicht. In feinen Bͤchern war nichts angezeigt. Herrmann, ſein treueſter Commis, wurde befragt, alles durchſucht. Ich beſchrieb die Banknoten,— das Papier, in welches ſie gewickelt waren,— vergebens! es fand ſich nichts. Gott allein weiß, wo das Geld geblieben ſeyn mag. 38 Das Schreibepult, Soph. Armer Vater! Wie war Ihnen da zu Muthe? Rath. Frage deine Mutter, ob ſie eine Verände⸗ rung an mir bemerkte. Ein paar Stunden ging ich hin⸗ aus aufs Feld, um mich zu ſammeln. Dort weinte ich, — alle dieſe Thränen galten meinem Freunde. Ich kam nach Hauſe und ſchwieg, und ſpielte mit euch, wie ge⸗ woͤhnlich. Erſt am andern Morgen entdeckte ich dieſem guten Weibe, was ihr, wie ich furchtete, eine ſchlafloſe Nacht verurſachen wuͤrde. Räthin. Wie gerne haͤtte ich ſie mit dir getheilt! Rath. Sie nahm ſich dabey mit Liebe und Seelen⸗ große. Wir hatten eine Kochin, ſie uͤbernahm ſelbſt die⸗ ſes Amt; ich hielt euch einen Hofmeiſter, und wurde nun ſelbſt euer Lehrer. So gebahr ein truber Augenblick mir manche frohe Stunde; denn das Ungluͤck iſt ein Lebensreiz, der Kräfte erweckt, und durch das behagliche Gefühl der⸗ ſelben zwiefach das Verlorne erſetzt. Wir ſchränkten uns ein und waren vergnuͤgt. Räthin. Freylich konnte euer Vater nun, da er ſeine Zeit zwiſchen euch und der Arbeit theilen mußte, nicht ganz ſo viel erwerben,— auch die genügſamſte Maͤßigkeit bedurfte. Rath. Aber wir waren voch vergnuͤgt, und ſind es noch.— Genug, Kinder, und ſchon zuviel von einer böſen Stunde, da ich mein Gluck nach Jahren zählte.— Gu⸗ tes Weib! haſt du auch darauf gedacht, unſere lieben Gäſte zu bewirthen? Iſt der Tiſch gedeckt? . ————— —————— oder die Gefahren der Jugend. 89 Räthin. Ein paar Kohlkopfe aus unſerm Gaͤrt⸗ chen iſt alles, was ich ihnen vorſetzen kann. Rath. Weißt du nicht, was Göthe ſagt?„Wie wohl iſt mir, daß mein Herz die ſi imple, harmloſe Wonne des Menſchen fuͤhlen kann, der ein Krauthaupt auf den Tiſch bringt, das er ſapſt gezogen.“ Uund wie wohl iſt mir, daß ich ſelbſt hinzuſetzen darf: der Kinder um ſeinen Tiſch ſammelt, die unter eigner Pflege geſund aufwuchſen, ihre Armuth adelten, durch den Stolz der Tugend mit Liebe lohnen, was Liebe fuͤr ſie that. Kommt, Kinder! Kommt in meine Arme! Schließt die Kinder in ſeine Arme, die Mutter trocknet eine Thraͤne froher Wehmuth von der Wange. Der Vorhang fällt.) (Ende des erſten Akts.) 40 Das Schreibepult, Seffentlicher Spaziergang, der an eine Straße ſtößt, on welcher einige Häuſer ſichtbar ſind.) Erſte Scene. Mad. Luppnitz. Emilie. (Emilie ſitzt auf einer Bank, fächelt ſich und gähnt, Mad. Luppnis geht auf und ab, und ſieht ſich überall um.) 6 Emil. Mir wird die Zeit lang. M. Lupp. Du gehſt doch ſonſt gern ſpazieren. Emil. Ja, des Abends, wenn die ſchöne Welt ſich hier verſammelt. Jetzt ſieht man ja nichts, als Bäume.. M. Lupp. Die der Fruͤhling mit Bluthen beſchenkt. Emil. Man holt ſich nur Sommerſproſſen. M. Lupp. Hoͤrſt du die Nachtigall? Emil. Ich freue mich uͤber die Froͤſche, denn nun bekomme ich Froſchlaich zum Waſchwaſſer. M. Lupp. und Bohnenblüthen— nicht wahr? Emil. Ja, Bohnenbluͤthen; das macht eine zarte Haut. M. Lupp. Bald, mein Kind, wirſt du dieſer Fuͤnſte nicht mehr beduͤrfen. Emil. Warum nicht? oder die Gefahren der Jugend. 41 M. Lupp. Du wirſt heirathen. Emil. Werde ich dann nicht mehr ſchoͤn ſeyn wollen? M. Lupp. Ein Ehemann gewoͤhnt ſich an alles. Emil. Ja, der Ehemann; aber es giebt ja doch ſonſt noch Männer. und dann die Langeweile— M. Lupp. Dafuͤr hat man Kaffeeviſiten und Stadtgeſchichten, eheliche Zwiſtigkeiten und Hausfreunde. Jetzt, mein Kind, beſchaͤftige dich nur mit dem Gedan⸗ ken an deinen Brautſchmuck. Emil. Weißer Atlas mit Lilla⸗Band. M. Lupp. Denn kurz und gut, der Roman zwi⸗ ſchen dir und Diethelm muß ein Ende nehmen. Emil. Das iſt Schade! M. Lupp. Eine Liebe, die ſich in die Länge zieht, iſt wie eine Reiſe, die man aufſchiebt; es wird am Ende nichts daraus. Emil. Iſt es denn meine Schuld? M. Lupp. Auch kenne ich drey oder vier Muͤtter, die ähnliche Abſichten hegen, denen muß man zu⸗ vorkommen. Emil. Aber wie? M. Lupp. Der junge Herr flattert und naſcht; es iſt Zeit, ihm die Fluͤgel zu verſchneiden. Noch heute ſchaffe ich dir einen Bruber. Emil. Einen Bruder? ha, ha, ha! Das iſt luſtig! Wo wollen Sie denn einen Bruder für mich hernehmen? M. Lupp. Das iſt meine Sorge. 42 Das Schreibepult, Emil. Aber ich brauche ja einen Mann und keinen Bruder. M. Lupp. Mein Plan iſt ſnnn nicht neu, doch fein und ſicher; ich bin einem Juͤngling auf der Spur,— er pflegt um dieſe Zeit nach jenem Wirthshauſe zu wanbern. Ich werde ihm auf den Zahn fuͤhlen, und wenn er ſeiner Rolle gewachſen iſt, ſo mag er noch heute im fuͤnften Akte auftreten. Emil. Wie ſoll das Stuͤck heißen? M. Lupp. Le Mariage fores! ha, ha, ha!(btictt in die Ferne) Sieh da, der auserkohrne Rittter! Faſt hatte er uns uͤberraſcht. Geh hinein, Emilie; ich will ohne Zeugen mit ihm ſprechen. Emil. So werde ich unterdeſſen mein neues Neg⸗ ligee anprobiren!(geht ins naͤchſte Haus.) M. Lupp. Haben meine Kundſchafter mich nicht betrogen, ſo iſt er grade der Mann, den ich brauche. Haſtig,— handfeſt,— und ein armer Schlucker. 38 weite Scene. M. Luppnitz. Fähnrich,(will grade uͤber die Buͤhne gehen.) M. Lupp. Cvertritt ihm den Weg) Mit Erlaubmiß, mein Herr,— Herr Lieutenant,— oder— Fähnr. Vor der Hand mr noch Fihmich. Was iſt zu Ihren Dienſten? M. Lupp. Je nun, wenn ich mich ncht in irre,— oder die Gefahren der Jugend. 43 Fähnr. Es kommt darauf an, wofür Sie mich halten. M. Lupp. Fuͤr einen jungen Herrn, den die Na⸗ tur mehr beguͤnſtigt hat, als das Gluͤck. Fähnr. Die zweyte däfte Ihrer Vermuthung iſt ſehr M. Lupp. Lieber Gott! man weiß ja wohl, daß die Einkuͤnfte eines Faͤhnrichs nicht ſehr betrůchklich ſ nd. Faͤhnr. Ja, das weiß man. M. Lupp. Man muß eignes Vermoͤgen zuſich. Fähnr. Wenn man welches hat. M. Lupp. Krieg iſt jetzt auch nicht. Faͤhnr. Deß freut ſich mein Vaterland. M. Lupp. Kein Avancement,— keine Beute— Fähnr. Beute? Ich bin ja kein Packknecht. WM. Lupp. In Ihren Jähren muß man doch die Welt genießen. 3 Fähnr. Wozu ſoll das fuͤhren? M. Lupp. Ich bin die Frau von Luppnit. Fähnr.(verbengt ſich) Sehr wohl! M. Lupp. Ich Sie ſchon oft mit Theil⸗ nahme beobachtet. Faͤhnr. Ich danke. M. Lupp. und hin und her— 8. hmn⸗ SIhr Schickſal zu verbeſſern.. Fächnr. Ich bin zufrieben. M. Lupp. Geſchenke, dacht' ich, nimmt er nicht Fähnr. Da dachten Sie ganz recht. 44 Das Schreibepult, M. eupp. Aber wenn ſich nun eine Gelegenheit darbote, mir ſelbſt einen nicht geringen Dienſt zu Fähnr. Ich? Ihnen? WM. Lupp. Dann, meinte ich ſo, würde er weht einen Beutel voll Dukaten als einen Beweis meiner Dankbarkeit nicht verſchmaͤhen. Fähnr. Laſſen Sie horen! M. Lupp. Ich habe eine Tochter,— ein pibſcee, frommes Maͤdchen— Fähnr. Dazu wuͤnſche ich Ihnen Gluͤck. Mad. Lupp. Sie hat einen Liebhaber. Faͤhnr. Sehr natuͤrlich! M. Lupp. Ein junger Kanßnann— Faͤhnr. ich. was mich das angeht? M. Lupp. eie ſolen es bad Dieſer Liebhaber iſt ein Windbeutel. Fähnr. So ſchicken Sie ihn fort⸗ M. Lupp. Bewahre der Himmel! Er iſt reic Faͤhnr.(ironiſch) Ja, dann Wus terpflicht, ihn feſt zu halten. M. Lupp. Sehr wahr, mein tieber, zmnger nbe Ich merke wohl, daß ich einen vernünftigen, tiefſchauen⸗ den Jüngling vor mir habe. Geld und Gluck ſind immer beyſammen, und wenn es auch nicht eben das ſogenannte hausliche Glůͤck iſt, je nun⸗ die Welt iſt roß, Zerſtreuung iſt üͤberall. Fähnr. Es giebt Schwärmer, die das laͤugnen. oder die Gefahren der Jugend. 45 Mad. Lupp. Weg mit der Schwaͤrmerey! Laß ſe 50 Jahre alt werden, und nechem ob die Schwäͤr⸗ merey Stich häͤlt. Fähnr.(bei Seite) Gute Aeltern! M. Lupp. Ihre edle und reife Denkungsart giebt mir Muth, mich deutlicher zu erklären. Fähnr. Ich warte mit Verlangen darauf. M. Lupp. Der junge Kaufmann täͤndelt und ſchwatzt, liebelt und koſt; aber— Fähnr. Zoͤgert, Ernſt zu machen? M. Lupp. Errathen! Meine Tochter iſt jung, un⸗ erfahren, ſie weiß ſich nicht recht dabey zu benehmen. Fähnr. Die Lehren einer ſo weiſen Mutter— M. Lupp. Ach mein lieber junger Herr! Ich bin eine Wittwe, ohne maͤnnlichen Schutz,— wenn ich einen Sohn haͤtte,— einen wackern Jungen, der wuͤrde dem Dinge ſchon längſt ein Ende gemacht haben. Faͤhnr.(ungeduldig) und das Ende dieſes Geſpraͤchs? M. Lupp. Geduld! Ich bin am Ziele. Meine muͤtterliche Zärtlichkeit hat mich auf den Einfall gebracht, einen Sohn zu adoptiren, waͤre es auch nur auf einige Wochen. Fähnr. Haben Sie mir vielleicht dieſe Ehre zugedacht? M. Lupp.(ſehr freundlich) Ja, mein Kind! Fähnr. Sehr verbunden! Aber wozu kann das helfen? M. Lupp. Das errathen Sie nicht? Als Offtzier, 46 Das Schreibepult, als Mann von Ehre und Emiliens Bruder, ziemt es Ih⸗ nen, ſich des ſchweſterlichen Rufs mit Ernſt anzunehmen. Fähnr. Schweſter, oder nicht; das thu' ich gern fuͤr jedes brave Mädchen. M. Lupp. Sie kommen in mein Haus— Faͤhnr. Mit Vergnugen. M. Lupp. Sie belauſchen ein verliebtes geprich— Fähnr. Wozu? M. Lupp. Sie ſind wohl gar Zeuge eines Kuſſes— Faͤhnr. und dann? M. Lupp. Dann ſtuͤrzen Sie ploͤtzlich hervor, ein zweiter Beaumarchais, ſprechen von beleidigter Ehre, von blutiger Rache, dringen auf Genugthuung— Fähnr. So, ſo,— nun begreife ich. M. Lupp. Die Belohnung ſoll auf der Steue— Fähnr. Wenn er ſich aber an meine Drohungen nicht kehrt? M. Lupp. Hier ein ſchoͤnes Maͤdchen, und dort ein bloßer Degen; er wird vernuͤnftig waͤhlen. Fähnr. und wenn der Betrug einſt offenbar wird? M. Lupp. Je nu, ich weiß noch keine Heirath, wo nicht hinterdrein irgend ein Betrug offenbar gewor⸗ den wäre. Man findet ſich darin,— man ſchweigt. Fähnr. Wenn aber der junge Menſch mich kennt? meinen Namen weiß? M. Lupp. Seyn Sie unbeſorgt, das hab' ich vorläufig ausgeforſcht. Fähnr. Wie heißt er? oder die Gefahren der Jugend. 47 M. Lupp. Diethelm. Fähnr.(fährt zuſammen) Diethelm? Der iſt es? M. Lupp. Sie ſcheinen ihn zu kennen. Faähnr. Von Anſehen nur. M. Lupp. Sie willigen alſo in mein Begehren? Fähnr.(nach einer Pauſe) Wie, Madame, wenn ich auf der Stelle hinginge und ihm das Komplott entbeckte? M. Lupp. Göniſch lächelnd) Gehen Sie, mein berr! Wir waren ohne Zeugen. Den Thränen einer ſchoͤnen Tochter wird er mehr Glauben beimeſſen, als den Worten eines Fremdlings, vielleicht gar eines ver⸗ ſchmahten Nebenbuhlers. Fähnr. Sie haben Recht! Die kluge Frau hat an alles gedacht. 5 M. Lupp. An alles. Faͤhnr. Wohlan, ich bin Ihr Sohn und gehorche! M. Lupp. Vortrefflich!— Dieſen Nachmittag erwart' ich Sie. Fähnr. Je eher, je lieber! M. Lupp. Hier iſt meine Wohnung, im zweyten Stock. Fähnr. Sehr wohl! 2 M. Lupp. Das huͤbſche Madchen, welches da oben hinter dem Vorhang lauſcht, iſt Ihre Schweſter. Faͤhnr. Ich verſtehe. (Hädebrath iſt während des letzten Theils dieſer Scene ſchon einigemal auf und nieber geſchritten.) das Schreibepult, M. Lupp. Wir häͤtten wohl noch allerley zu ver⸗ abreden, aber ich ſehe da ſchon lange einen Mann um uns herumſchleichen, deſſen Phyſiognomie mir mißfällt. Leb' wohl, mein theurer Sohn! Faͤhnr. Frau Mutter, ich bin Ihr Diener! (Mad. Luppnitz geht ins Haus.) Fähnr. Cbleibt in Gedanken ſtehen) Hm! Sonder⸗ bar! Iſt die Armuth ein Aushaͤngeſchild, worauf ge⸗ ſchrieben ſteht: Hier wohnt ein Schurke?— Diethelm! Daß es gerade der ſeyn muß,— o das freut mich! Dritte Scene. Hädebrath. Faͤhnrich. Haͤdebr.(mit ſchwarzem Bart, ſchwarzer Perucke, und veraͤnderter Kleidung, ſchleicht um den Fähnrich her⸗ um, indem er bas Miniaturgemaͤlde in der Hand hält, und zwiſchen demſelben und dem Faͤhnrich Vergleichungen anzuſtellen ſcheint.— Bey Seite.) Ja, ja, viel groͤßere Aehnlichkeit werde ich ſchwerlich finden.— Blondes Haar,— ein laͤngliches Geſicht,— eine Adlernaſe— das Uebrige thut der Rauch und das Koſtuͤm. Fähnr.(noch immer in tiefen Gedanken) Ob das Mädchen mit der Mutter unter einer Decke ſpielt? Haͤdebr.(bey Seite; indem er ihn von oben bis unten beſchaut) Eine kahle Uniform,— grobes Tuch,— das Haar, wie es ſcheint, ſelbſt friſirt.— Ich denke, der iſt mein Mann. Fähnr. Huͤbſch war ſie,— ſehr huͤbſch! oder die Gefahren der Jugend. 49 Haͤdebr. Ein intereſſanter Monolog! Fähnr. Wenn ſie eben ſo viel Verſtand, als Schoͤnheit beſitzt—— Hädebr. Er iſt wohl gar verliebt. Fähnr. So möchte der Sieg mir ſchwer werden. Hädebr. Deſto beſſer,— ſo braucht er Geld. Fähnr. Doch ich hanble, wie ich muß; was kuͤmmert mich der Erfolg?(will gehen.) Hädebr.(tritt ihm in den Weg) Kann ich Ihnen dienen, mein Herr? Fähnr. Nein, mein Herr! Hädebr. So laſſen Sie mich die Frage umkeh⸗ ren. Wollten Sie mir wohl einen Dienſt erweiſen? Faͤhnr. Warum nicht? Recht gern! Haͤdebr. Es verſteht ſich, daß dabey auf meine Dankbarkeit zu rechnen wäre. Fähnr. Wenn die Sache gut iſt, ſo bedarf es deren nicht. bädebr. Der Zweck iſt wahrlich gut. Fähnr. Aber das Mittel? Hädebr. Ein Scherz. Fähnr. Auch den befoͤrdere ich mit Vergnügen. Haͤdebr. Ich brauche einen Geiſt. Faͤhnr. Wie komme ich zu der Ehre, daß Sie mich fuͤr einen Geiſt halten? Hädebr. Ich meine„nur eine Geiſterrolle.— Fähnr. Sind Sie vielleicht Mitgleid eines Lieb⸗ habertheaters? Kotzebue's dram. Werke 11. Th. 4 Das Schreibepult, Hädebr. Nicht doch! Einer meiner Freunde iſt ein Schwärmer; von dieſer Krankheit muß man ihn heilen. Faͤhnr. Das iſt verdienſtlich. Häbebr. Er glaubt an Geiſterbeſchwörung. Fähnr. Man muß ihn auslachen. Hädebr. Das Auslachen beſſert nur Thoren, und auch die nicht immer. Schwaͤrmer ſind eine Art von Kindernz um Kinder zu belehren, muß man ſich zu ihnen herablaſſen. Fähnr.(mißtrauiſch) und Geiſter citiren,— nicht wahr? Hädebr. Errathen! Faͤhnr. und am Ende? Haͤdebr. Soll mein Freund lernen, wie leicht es ſey, die Phantaſie zu täuſchen. Fähnr. Wirklich? 4 Hädebr. Heute verſprach ich ihm, den Geiſt eines Jugendfreundes hervorzurufen. Hier iſt deſſen Bild. Faſt ſcheint es, als hätten Sie zu dem Gemaͤlde geſeſſen. Fähnr. Ich verſtehe! dieſer Aehnlichkeit verdanke ich die Ehre Ihrer Bekanntſchaft. Hädebr. Vielleicht auch das Vergnuͤgen, einen ungluͤcklichen zu retten. GFahnrich ſieht ihn ſtarr an. 50 Hadebrath etwas verlegen) Warum ſehen Sie mich ſo an? Fähnr. Mein Herr,— wie heißen Sie? Hädebr. Haäͤdebrath. Fähnr. Lieber Herr Haͤdebrath, Sie gehen nicht aufrichtig mit mir um. Hädebr. Wie ſo? oder die Gefahren der Jugend. 51 Fähnr. Ich verdenke Ihnen das nicht,— denn ich habe ein ſo verdammt ehrliches Geſicht,— aber laſſen Sie ſich dadurch nicht abſchrecken. Ich bin der Fähnrich Erlen, ein armer Teufel, und folglich brauche ich Geld. Vor einem kleinen Schelmenſtück erſchrecke ich nicht. Reden Sie offenherzig mit mir! Hädebr. Ey, das hab' ich ja gethan! Faͤhnr. Nein, das haben Sie nicht gethan. Sie wollen da einem Gimpel die Federn ausrupfen, und ich ſoll Ihnen zur Leimruthe dienen. Haͤdebr. Geſturzt) Mein Herr! ich war immer ein ehrlicher Mann. Fähnr. Nun— ja,— ich auch; aber dumm bin ich nicht, und Sie wahrhaftig auch nicht. Hädebr. Wenn Sie wuͤßten,— nein, mein Herr, ich bin nicht ganz der, für den Sie mich halten. Leben Sie wohl! Fähnr. Nicht von der Stelle! Sie haben ſich einmal zu weit herausgelaſſen. Ich bin Ihr Geiſt, und Sie muͤſſen mit mir theilen. Hädebr.(nach einer Pauſe) Wohlan! Wenn Sie mir Ihr Ehrenwort— Faähnr. Pfuy! was hat die Ehre mit einem Bu⸗ benſtuͤck zu ſchaffen? Hädebr.(ſeufzend) Bubenſtuck? aͤhnr. Wir wollen es glimpflicher nennen. Die Noth zwingt uns, von der Dummheit einen Tribut zu fordern. 4* Das Schreibepult, Hädebr. Ja wohl, die Noth! Faͤhnr. Stehlen iſt zu gemein; aber Geiſter citi⸗ ren iſt ein vornehmes Gaukelſpiel. Haͤdebr. Ich habe nichts geſtanden. Fähnr. Gleichviel! Ich habe alles errathen⸗ Hadebr. Wo ſind die Beweiſe? Fähnr. Creißt ihm das Bild aus der Hand) Hier ſind ſie! der Eigenthuͤmer des Gemäldes wird ſich ia wohl finden! Haͤdebr. Eerſchrocken) Gemach, junger Herr! Cey Seite) ungluͤcklicher, in welche Schlinge biſt du gefallen? Iſt die Bahn der Tugend denn ſo ſchmal, daß ein Schritt aus dem Gleiſe den unvermeidlichen Sturz in den Abgrund nach ſich zieht? Fähnr. Was murmeln Sie da? Haͤdebr. Ich bedenke, daß es freylich in Ihrer Macht ſteht— Faͤhnr. Warum zittern Sie? Luſtig, Hr. Häde⸗ brath! Ich werde Ihr Zögling. Weihen Sie mich ein in die Myſterien Ihrer Kunſt; Sie ſollen einen geleh⸗ rigen Schuͤler an mir finden. Hädebr. Ach, ich bin ſelbſt nur ein Schüler. Fähnr. Wie heißt der dumme Teufel, den wir heute bearbeiten werden? Hädebr. Er heißt Diethelm. Faͤhnr.(erſtaunt) Diethelm?— Schon wieder? Hädebr.(ngſtlich) Kennen Sie ihn vielleicht? Fähnr⸗(ſich verſtellend) Nicht doch! oder die Gefahren der Jugend. 53 Hädebr. Ein junger leichtgläubig und verſchwenderiſch— Faͤhnr. Vortrefflich!(bey Seite) Vortrefflich! Haͤdebr. Mich treibt die bitterſte Noth,— er kann es entbehren. Fähnr. Wohlan, mein guter Freund! wo iſt die Buhne, auf welcher unſer Genie glaͤnzen wird? Hädebr. In meiner Wohnung. Fähnr. So fuͤhren Sie mich dahin, damit ich meine Rolle ſtudire, und dem Meiſter keine Schande mache. Pädebr. Wenn nur der Guckuk mir kein Ey ins Neſt legt! Fähnr. Der Guckuk legt ſeine Eyer nie in Ha⸗ bichtsneſter. Kommen Sie!(Nimmt ihn untern Arm und zieht ihn mit ſich fort.) Vierte Seeme GSimmer der Graͤfin.) Sophie.(mit einem offnen Billet in der Hand.) hUnverſchämt, Frau Graͤfin! Wahrhaftig, unverſchämt! Ein ſolches Billet nicht einmal zu zerreißen— es auf die Toilette zu werfen, als ſey es eine Schneiderrech⸗ nung. Armer Diethelm! Sind das deine Freunde? Dieſer Baldern, der dich zwanzigmal in einem Athem ſeinen cher ami nennt, und hier einen Gimpel aus dir macht. Wahrlich, ich hätte große Luſt, dem beſtrickten — 54 Das Schreibepult, Juͤngling das Billet in die Hände zu ſpielen.— Aber dann merkt es die Graͤfin,— verſchwunden von ihrem Nachttiſch, wer kann es anders genommen haben, als die kecke Sophie?— und der Lohn meiner ehrlichen Verrätherey?— Ein Abſchied uͤber Hals und Kopf! — O wie gern wuͤrde ich dies Haus verlaſſen, wenn nicht arme Aeltern— Nein, Diethelm, noch haben Sie nichts gethan, was ſolch ein Opfer verdiente. Ich bin Ihnen gut;— ich weiß ſelbſt nicht, warum?— Sie dauern mich, aber— Guckt die Achſeln) ich darf nichts thun, als Sie bedauern. Fuͤnfte Scene. Diethelm. Sophie. Dieth. So allein, Mademoiſelle2 Soph. Ganz allein!(verbirgt das Billet und zieht einen Strickſtrumpf hervor.) Dieth. und die Frau Graͤfin? Soph. Iſt ausgefahren; laßt Sie aber bitten, ei⸗ nige Augenblicke zu warten. Dieth. Augenblicke nur? Warum nicht Stunden? Soph. O weh! Dann wuͤrde ich Ihnen Karten holen muͤſſen, um graude patience zu ſpielen. Dieth. Sie ſcherzen. Der Mann, der die Karten erfand, war ſchwerlich in ſo guter Geſellſchaft. Soph. Ein Gluͤck füͤr die Menſchheit; denn was wären Tauſende ohne Karten? oder die Gefahren der Jugend. 55 Dieth. Zahlen Sie auch mich zu dieſen Tau⸗ ſenden? Soph. Sie, Herr Diethelm?— Ich zählte die Maſchen an meinem Strickſtrumpf. Dieth. Der Schein truͤgt. Soph. Eine gute Wahrheit; aber ſ⸗ e iſt nicht neu. Dieth. Ach, wenn die Menſchen nur S. die alten Wahrheiten gehorig ſchätzen lernten! Soph. Das war ſchon etwas neuer. Dieth. Wenn ſie ſich gewöhnten, Verſtand und Tugend nicht immer in den hoͤheren Klaſſen zu ſuchen. Soph. Verſtand und Tugend ſind zufrieden, wenn ſie ungeſucht bleiben. Dieth. Das iſt Trotz. Soph. Dann wäre es Dummheit. Dieth. Oder Stolz. Soph. Gleichviel! Dieth. Die Tugend muß ſich herchlnſen. Soph. Mit nichten, mein Herr! Sie muß ſich hinaufziehen. Dieth. Die Tugend darf ihren Glanz nicht ver⸗ huͤllen. Soph. Sie darf aber auch keine Rakete ſeyn. Dieth. Das waͤre ſo uͤbel nicht, benn es lockt die Menge herbey. Soph. Am ſtillen Abendſtern ruht der einzelne Blick des Weiſen. „ 86„5 Das Schreibepult, Dieth. Herrliches Mädchen! Woher haben Sie Ihre Bildung?. Soph. Kein Lob fur Ihre täglichen Geſellſchaften, wenn ſchon meine Bildung ſich auszeichnet. Dieth. Die Wahl des Umgangs in der großen Welt iſt auch ein Hazardſpiel. Soph. und eins der ſchlimmſten. Dieth. Nicht immer! Soph. Immer! Dieth. Verdanke ich nicht auch Ihre Bekannt⸗ ſchaft dem Zufall? Soph. Ich gehöre nicht zur großen Welt. Dieth. Dann mag ich auch nicht dazu gehoren, denn ich bin nirgends lieber, als bey Ihnen.— Sie lächeln und ſchweigen? Soph. Zweifelſucht iſt der Karakter unſers Jahr⸗ hunderts. Dieth. Sollten Sie noch nie bemerkt haben, daß nur Ihre Gegenwart mir das Haus der Graͤfin ſo rei⸗ zend macht? Soph. Was ſchoͤne Worte gelten, das lernt man in Palläſten. Dieth. Ich bin ein Kaufmann, und halte auf Treu und Glauben. Soph. Ja, wenn Ihr Gewiſſen Buch fuͤhrte. Dieth. Meine beſte Waare iſt mein Herz. Soph. Pfuy! wer wird mit dem Herzen Handel treiben? E oder die Gefahren der Jugend. 57 Dieth. Aber verſchenken darf man es doch? Soph. Junge Herren und Kinder verſchenken alles, nehmen aber auch bald wieder zuruͤck. Dieth. Stellen Sie mich auf die Probe! Soph. Ich, mein Herr? Sie vergeſſen, wer ich bin. Dieth. Sie ſind nicht, was Sie ſeyn ſollten. Soph. Ueberreden Sie mich das ja nicht! Es wäre ſchlimm, wenn ich es glaubte. Dieth. Wie ſo? Soph. Wehe dem Menſchen, der nicht in ſeine Lage paßt! Dieth. Warum verändern Sie die Ihrige nicht? Soph. Eine ſeltſame Frage! Dieth. Sie dienen und könnten herrſchen. Soph. Ich bin zufrieden, wenn ich über mich ſelbſt herrſche. Dieth. Der Schonheit ſteht ſo mancher Weg offen. Soph. Zum Laſter. Dieth. Zur Liebe. Soph. Leider iſt die Liebe oft auch Laſter. Dieth. Ihr umgang veredelt jedes Gefühl. Soph.(ſcherzend) Gleiche ich denn jenem Manne, unter deſſen Händen Alles zu Golde wurde? Dieth. Mit dieſer Bildung an Geiſt und Körper— Soph. Sie ſagen mir Schmeicheleyen. Wahrhaftig, Hr. Diethelm, Sie thäten beſſer, grande patience zu ſpielen.& n 68 Das Schreibepult, Dieth. Warum dieſe Bitterkeit gegen einen ehr⸗ lichen Mann?* Soph. Warum dieſer Spott gegen ein unſchul⸗ diges Mädchen2 Dieth.(mit Wärme) Ich ſollte eines Mädchens ſpotten, das mir Ehrfurcht fuͤr weibliche Tugend ein⸗ floͤßte?— Deſſen Bild oft mitten im Wirbel der Zer⸗ ſtreuungen beſſere Gefuͤhle in mir rege macht?— Ich ſpotten, wenn mein Herz— Soph.(mit Wurde) Halt, Herr Diethelm!— Wenn Sie etwa das einem Frauenzimmer Ihres Standes geſagt hätten, ſo moͤchte es hingehen,— aber einem Kammermädchen,— das iſt nicht ebel! Sechſte Scene. Vorige. Hauptm. Fernau. Fern.(zu Soph., nach einer ſtummen Verbeugung gegen Diethelm) Iſt die Frau Graͤfin zu Hauſe? Soph. Nein, Herr Hauptmann! Fern. So will ich warten. Soph. Czieht ihn mit einiger Verlegenheit bey Seite) Es thut mir Leid, mich eines unangenehmen Auftrages ent⸗ ledigen zu muͤſfen. Die Frau Graͤfin verbittet ſich Ihre Beſuche. e Fern.(ſtutzt) Wie, mein Kind? Hab' ich recht gehoͤrt? O ſagen Sie es noch einmal! laut, laut! Denn mir macht das keine Schande. Die Frau Graͤfin ver⸗ bittet ſich meine Beſuche?(Sophie zuckt die Achſeln,— oder die Gefahren der Jugend. 59 Fernau mit Bitterkeit) Vortrefflich! So lange die oſtin⸗ diſchen Goldſtuͤcke noch ſchimmerten,— o da war ich willkommen! und erſchien ich nicht täglich, ſo liefen die Bedienten ſich lahm nach mir. Ich war der liebe, ſchar⸗ mante Herr Hauptmann,— der aimable Capitaine⸗ Nun iſt das Korn ausgedroſchen,— wozu das leere Stroh? 3 Dieth.(mit hoͤflichem Ernſt) Mein Herr— ich kenne zwar nicht die Quelle Ihres unmuths, aber es ſcheint mir doch, als ob Sie ſich ein wenig hart aus⸗ druͤckten. Fern. Hart? Ha, ha, ha!— Hart, ſehr hart iſt das Lager, auf welchem mein krankes Weib ſchmachtet, und meine Ausdruͤcke ſollen gepolſtert ſeyn? Dieth. Die Frau Gräͤfin iſt eine Dame von feinem Gefuͤhl. Fern. O ja; wenn ſie die Karten zwiſchen den Fingern hat. 30 923 Dieth. Wahrhaftig, man darf in Ihrer Gegen⸗ wart nicht vergeſſen, daß umſtaͤnde vieles entſchuldigen. Fern. Junger Mann, ich kenne Sie nicht; aber mein Leben will ich darauf verwetten,— denn ſonſt habe ich nichts,— daß Sie reich ſind. Dieth. Wie gehort das hieher? Fern. Immerhin moͤgen Sie Ihre Erfahrung theuer kaufen. Sie ſind jung, haben vermuthlich weder Gattin noch Kinder. Je nun! man darf Verzeihung von Gott und der Welt hoffen, ſo lange man nur ſich ſelbſt 60 Das Schreibepult, ins Elend ſturzt. Aber ich— ich alter Thor! Cſchlägt ſich vor die Stirn.) e Soph. Herr Diethelm iſt ein Banquier, deſſen Name Ihnen vielleicht bekannt ſeyn wird. Fern. Diethelm?— Sind Sie der junge Herr Diethelm?— Ihr Vater war ein braver Mann. Dieth. Sie kannnten ihn? Fern. O ja, ich kannte ihn. Er hatte reine Hände, und ein Herz ohne Tadel. Er vergaß über dem Kaufmann nie den Menſchen. Er half, wo auch nichts zu gewinnen war. Gott ſegne ihn! Er hat auch mir geholfen. 26. 5 6 5 Dieth. Sie halten ihm die ſchönſte Leichenrede. Fern. Nicht ihm,— ſeinen Thaten. Als ich nach Oſtindien ging, haben wir manches Geſchäft mit einander getriben. Es thut mir weh, ſeinen Sohn hier zu finden. Dieth. Mich däucht, Herr Hauptmann, es ſey keine Schande, dies Haus zu beſuchen. 6 Fern. Schande? Ach nein, es iſt ja ein vor⸗ nehmes Haus. Nur Schade, daß der Weg zur Ver⸗ weiflung gerade durch dieſen Pallaſt fuhrt. Dieth. Sie ſprechen räthſelhaft. in Fern. Ihr wackerer Vater hat es um mich ver⸗ dient, daß ich deutlicher rede. Wenn ich in bieſer Stunde einen Juͤngling vom Verderben rette, ſo bin ich doch nicht umſonſt hier geweſen. Ich will Ihnen den Ab⸗ grund zeigen, in den ich geſturzt hin; Sie ſtehen noch oder die Gefahren der Jugend. 61 am Rande,— Sie können noch fliehen. Zwanzig Jahre habe ich in Oſtindien zugebracht. Durch Fleiß und kleine Spekulationen hatte ich bey kargem Solde ein geringes Vermögen erworben. Die Sehnſucht nach dem Vater⸗ lande erwachte,— ich ging mit Weib und Kind zu Schiffe, um hier mein Leben in Ruhe zu beſchließen. Die hohe Aufklärung von Europa war mir unbekannt. Ich maß die Menſchen mit dem kurzen Maaßſtabe, der vormals fuͤr meinen engen Zirkel hineichte. Ich war nun Greis, als ich mit unbefangenem Knabenſinn in dieſe neue Welt eintrat.— Kaum hatte ich feſten Boden unter mir, als ſchon die Spuͤrhunde mein Geld witterten. O da fand ich uͤberall freundliche Geſichter, zuvorkom⸗ mende gehorſame Diener. Wenn ich den Mund aufthat, ſo erhob man meine Weisheit; wenn ich den Armen ein paar Kreuzer ſchenkte, ſo pries man meine Wohlthaͤtigkeit. Das ging vortrefflich; bis Zufall oder Verhängniß mich in den Pallaſt der Circe fuͤhrte, wo der Dämon des Spiels ſich meinen ungewohnten Muͤßiggang zu Nutze machte, mir nach und nach immer ſchwerere Feſſeln auf⸗ legte, und mich nicht eher hinaus ſtieß, bis ich ihm das Loſegeld der Duͤrftigkeit und der Verzweiflung bezahlte. Ja, Herr Diethelm, das Spiel hat mich zu Grunde ge⸗ richtet. Ach! das wäre wenig;— das Spiel hat meinen hauslichen Frieden zerſtört, es hat die Geſundheit meines Weibes untergraben. Ein Engel, deſſen himmliſche Sanft⸗ muth allein mich abhaͤlt, fuͤr meinen letzten Groſchen eine 62 Das Schreibepult, Ladung Pulver zu kaufen.(druckt ſich die Fauſt vor den Kopf.) Dieth. Geruͤhrt) Ich bedaure Sie herzlich! Fern. O ſtaͤnden ſie jetzt alle vor mir, gleich Ihnen, die unbeſonnenen Juͤnglinge! Daß ſie alle, gleich Ihnen, in mein blutendes Herz ſaͤhen und zuruͤckſchau⸗ derten vor dem Abgrunde, den nicht einmal Roſe n, den nur Karten bedeckten! Dieth. Pauſe) Darf ich mir Ihren Ramen ausbitten? Fern. Ich heiße Fernau. Dieth. Fernau?(ſich gleichſam beſinnend.) e Ganz recht! Der Name iſt mir bekanntz ich habe ihn oft in meines Vaters Buͤchern gefunden. Fernau? Ich entſinne mich ſogar, daß ein Geſchäft, bey welchem mein Vater anſehnlich gewann, noch nicht einmal vollig zwi⸗ ſchen Ihnen beendigt iſt. Fern. um Verzeihung— Sie irren— Dieth. RNein, nein, ich irre mich nicht. Es war im Jahre— gleichviel!— Das Jahr iſt mir entfal⸗ len; aber ich erinnere mich ſehr deutlich, daß Ihnen noch ein anſehnlicher Saldo zu Gute kommt. Fern. Mir? Dieth. Ja, Ihnen, dem Hauptmann von Fein Mein Vater muß Ihren Aufenthalt nicht gewußt— Fern. Doch! doch! Dieth. Oder er muß ihn vergeſſen haben; ater die Sache iſt richtig. oder die Gefahren der Jugend. 63 Fern. Noch einmal: Sie irren. Dieth. Ich will es Ihnen aus meinen Buͤchern beweiſen, ſobald Sie zu mir kommen. Indeſſen ſcheint Ihre Lage mir jetzt ſo dringend, daß Sie mir erlauben werden, wenigſtens einen Theil meiner Schuld auf der Stelle abzutragen.(will ihm aufdringen, was er bey ſich hat.) Fern. RNein, mein Herr! Sie ſind mir nichts ſchuldig. Dieth. Wollen Sie meinen Vater im Grabe Lü⸗ gen ſtrafen? Fern. Ich verſtehe. Dieth. Dank dem Zufalle, der mir Gelegenheit verſchafft, eine Nachlaͤſfigkeit wieder gut zu machen. Fern. Sie ſind Ihres Vaters wuͤrdiger Sohn. Soph.(bey Seite) Jetzt verdient er, daß ich et⸗ was fuͤr ihn wage.(ab) Fern. Sie haben durch Ihr Betragen die Bitterkeit meiner Empfindungen mit einer ſanften Wehmuth gemiſcht. Auch das iſt Wohlthat. Ich ſchätze und bedaure Sie. Achten Sie auf meine Warnung, ſchoͤpfen Sie Nutzen aus meinem traurigen Beyſpiel.— Daß ich Ihr Geſchenk zuruͤckweiſe, iſt nicht Stolz.— Ach, es geſchieht zum Er⸗ ſtenmale in meinem Leben, daß man mir Almoſen anbietet. Bald vielleicht wird der eiſerne Druck der Noth auch das letzte widerſtrebende Gefuhl in mir erſticken. Dann, guter Juͤngling, dann komme ich zu dir!(druͤckt ihm die Hand und entfernt ſich ſchnell, indem er eine Thraͤne abwiſcht.) 5 Das Schreibepult, Siebente Scene. Diethelm(allein.) Armer, alter Mann! Du dauerſt mich! Freylich hat er ſein ungluͤck ſelbſt verſchuldet; aber was geht das i mich an?— Es iſt eine häͤßliche Gewohnheit der Men⸗ . ſchen, ſich gegen das Mitleid mit Verdammungsurtheilen . zu bewaffnen. Man iſt ſo willfährig, ungluͤcklichen Ver⸗ brechen aufzubuͤrden, weil man ſich dann von der Pflicht entbunden glaubt, ihnen zu helfen. Pfuy! Aber der Graͤfin thut er wohl unrecht. Was kann ſie dafuͤr? hat ſie ihn gelockt? oder Baldern? Der Hauptmann ſcheint das zu vermuthen. Er kann ſich irren. Sein Verluſt macht ihn ungerecht. GMauſe.) Und wenn es nun doch ware? Wenn ſie auch mich lockten?— Mich ſo am Nar⸗ renſeile herumfuͤhrten? mir den Beutel fegten, und ſi ch am Ende meine Beſuche gleichfalls verbitten ließen?— Nicht doch! Baldern iſt ja mein Freund, und die Gräfin deklamirt ſo ſchön uͤber Kants Moralprincip. Achte Scene. Diethelm. Ein Knabe⸗ Knabe. Ein Billet an Herrn Diethelm. Dieth. An mich? von wem? Knabe. Das weiß ich nicht.. Dieth.(Eerbricht, ein eingeſchloſſener Zettel fällt ihm vor die Fuße) Noch ein Billet? chebt es auf und ent⸗ faltet das erſte.) Von unbekannter Hand?(leſt)„Man oder die Gefahren der Jugend. 65 warnt Sie freundſchaftlich,— Sie werden betrogen. In⸗ liegend finden Sie den Beweis.“— Ey, wie lautet denn der Beweis?(entfaltet den andern Zettel.) Das hat wohl gar Baldern geſchrieben?(ſieht nach der unterſchrift) Richtig!(lieſt)„Beſorgen Sie nichts, gnaͤdige Frau! Unſer Gimpel flattert noch immer in der Schlinge.“ Gimpel? Ich will nicht hoffen, daß ich der Gimpel bin?—„Sein Vater, der alte Jude, hat ihm ſo glaͤnzende Federn hin⸗ terlaſſen, daß er wohl verdient, von Ihrer ſchoͤnen Hand kahl gerupft zu werden.“— Was Teufel!—„Sein geſtriger Verluſt iſt bereits verſchmerzt, und der kleine Buͤrger wird nicht ermangeln, ſich dieſen Nachmittag eine neue Lektion zu holen. Ihr treuer Bundesgenoſſe, Bal⸗ dern.“ Vortrefflich! Haben Sie Dank, mein Hochwohl⸗ geborner Herzensfreund! Sie haben mir da wirklich eine Lektion gegeben, die ich ſobald nicht vergeſſen werde. Ich komme mir ſelbſt in dieſem Augenblick verzweifelt albern vor. Nun, was die Federn betrifft, die Sie mit hoch⸗ adelichen Händen mir fernerhin gnädigſt auszurupfen ge⸗ ruhen wollen, ſo moͤgen Sie mit denen vorlieb nehmen, die bereits an der Leimruthe kleben.(Pauſe) Wer mag der Unbekannte ſeyn, der es ſo gut mit mir meint?(beſieht das Billet) Eine Frauenzimmerhand!— ſollte Sophie— ja, ja Sophie! wer ſonſt? Wem, als Sophien, konnte ein Billet an die Grafin in die Hände fallen?— Wahr⸗ haftig, ſie iſt es!— und wenn ich nicht irre, ſo ent⸗ wickelt dieſer Zug etwas mehr Theilnahme an meinem Schickſale, als ſie mir verrathen moͤchte.— O deſto Kotzebne's dram. Werke 11. Th. 5 6 Das Schreibepult, beſſer! Wer Sophiens Liebe gewann, hat der ſein Geld verloren?— Liebe? und wenn ſie mich wirklich liebte? wie dann?— Wilſt du die Neigung eines Maͤdchens mißbrauchen, das dich ſo edelmuͤthig warnte?— Be⸗ wahre der Himmel! Aber was will ich denn?(ſeufzt.) Weiß ich das ſelbſt? Fuͤrs erſte nur Gewißheit, ob dieſer Zettel wirklich von ihrer Hand iſt.— Wie fang' ich das an?— Sie fragen?— Ja, ſie wirds nicht geſtehen. Das Billet mit ihrer Handſchrift vergleichen? Das waͤre das Beſte. Aber wer zeigt mir ihre Handſchrift? Liſt und Zufall kommt mir zu büit(Cleibt in Gedanken ſtehen.) Neunte Scene. Diethelm. Sophie. Soph.(bey Seite) Er denkt nach. Es hat gewirkt. Dieth. Eben recht, mein ſchoͤnes Kind! Ich ſtehe da und ſinne, wie ich es anfangen ſoll, Ihnen meine Dankbarkeit auszudruͤcken. Soph. Mir? Dieth. Sie haben mir einen großen Dienſt erwieſen. Soph. Ich? Ihnen? Doch ja, ich entſinne mich. Sie meinen die zerriſſenen Manſchetten, die ich Ihnen neulich ausbeſſerte?* Dieth. Keineswegs! Ich meine das Billet, wel⸗ ches Sie mir geſchrieben haben. Soph. Ich? Genug, mein Herr! Vofuͤr halten Sie mich? oder die Gefahren der Jugend. 67 Dieth. Füͤr ein gutes, edles Madchen.— Soph. Ich ſchreibe keine Billets an junge Herren und uͤberhaupt verſtehe ich auch gar nicht zu ſchreiben. Dieth. chaͤlt ihr das Billet vor) Iſt das nicht Ihre Hand?* Soph. Wie kommen Sie zu der Frage? Dieth. Ja oder Nein!, Soph. Nein, nein, mein Herr! ich brauche meine Haͤnde blos zum Naͤhen und Stricken. Dieth.(ich verſtellend) Hm! ich muß mich alſo doch wohl geirrt haben. Soph. Wovon iſt die Rede? Dieth. Gleichviel! Ich habe mich geirrt.(ablenkend) Wiſſen Sie auch, daß der alte Hauptmann mich ge⸗ ruͤhrt hat? Soph. Er verdient Mitleid. Dieth. und doch nahm er nichts von mir. Soph. Das ſieht ihm aͤhnlich. Dieth. Vielleicht lag die Schuld an mir. Die Kunſt zu geben iſt faſt noch ſchwerer, als die zu nehmen. Soph. Sehr wahr! Dieth. Ich kenne ſo manche arme Familien, denen ich gern helfen möchte, aber es gluͤckt mir ſelten. Soph. Auch der Verſuch iſt verdienſtlich. Dieth. Ich bin auf den Einfall gekommen, in Zukunft meine kleinen Wohlthaten nur durch eine dritte Hand zu verbreiten. Was meinen Sie dazu? § 2 63 Das Schreibepult, Soph. Der Einfall beweiſt, daß es Ihnen mit dem Wohlthun Ernſt iſt. Dieth. Es kaͤme nur darauf an, eine vern zu finden, welche die Muͤhe uͤbernahme— Soph. Gewiß, eine angenehme Muͤhe. Dieth. Wirklich? Nun, dann haätt' ich ja wohl die Perſon gefunden. Soph. Wie meinen Sie das? Dieth. Ich habe Zutrauen zu Ihnen. Soph. Das freut mich. Dieth. Wollen Sie mir helfen Gutes thun? Soph. Wenn ich kann, herzlich gern. Dieth. Topp! Der Vertrag iſt geſchloſſen. Ich liefere Ihnen von Zeit zu Zeit kleine Summen; Sie geben mir eine Quittung daruͤber,— verwenden das Geld meiner Bitte gemaͤß, und meinen Namen. Soph. Ein Auftrag, der ien und mir Ehre ſ Dieth. Wohlan! So laſſen Sie uns auf der Stelle das gute Werk beginnen.— Mein alter, ehr⸗ licher Buchhalter hat mich noch heute an einen Mann erinnert, der meines Vaters Freund war, und jetzt dar⸗ ben muß. Der Mann iſt edel und ſtolz, es wird Muhe koſten, ihm Huͤlfe aufzudringen. Von mir nimmt er es ſchwerlich; es ſey alſo Ihr Probeſtuͤck! Soph. Ich werde mein Moͤglichſtes thun. Dieth. Es iſt ein gewiſſer Rath Erlen. Soph. Eerſchrickt) Erlen? oder die Gefahren der Jugend. 69 Dieth. Kennen Sie den Mann? Soph.(ſucht ſich zu faſſen) Nein; aber ich habe von ihm gehoͤrt. Dieth. Vermuthlich viel Gutes? Soph. Ja, gewiß! Dieth. Nun ſo nehmen Sie. Hier ſind 100 Thlr. Soph. So viel? Dieth. Ich bin ihm vielleicht weit mehr ſhuldig. Doch, wenn das auch nicht wäre, er war meines vertrauter Freund. Nehmen Sie! Soph.(mlt zitternder, geruͤhrter Stimme, indem ſie das Geld nimmt) Ich danke in ſeinem Namen. Dieth. Daß er den meinigen nicht erfaͤhrt, dafuͤr buͤrgt mir Ihr Wort. Soph. Ich gab es.. Dieth. Behutſamkeit und Seſ brache ich Ihnen nicht zu empfehlen. Soph. Mein Herz wird handeln. Dieth. So bitt' ich nur noch um die Soph. Wozu? Dieth. Verzeihen Sie;— das iſt ſo eine kauf⸗ männiſche Grille. Wir Handelsleute geben nie Geld ohne Quittung. Hier iſt ein Schreibzeug. Nur ein paar Worte! Soph.(geht an den Liſch) Wie ſoll ich ſchreiben? Dieth. Hundert Thlr. zu einer geheimen Wohl⸗ that von Diethelm empfangen. Nichts weiter.(Sophie 70 Das Schreibepult, ſchreibt, er ſchielt ihr uͤber die Achſeln, und verräth ſeine Freude.) Soph. Ciebt ihm die Quittung) Iſt's ſo recht? Dieth. Vollkommen! chaͤlt die beyden Zettel gegen einander) Aber ſehen Sie doch nur, ſchoͤne Sophie, welch ein ſonderbarer Zufall! Man ſollte darauf ſchwo⸗ ren, der gute Freund, der mich vorhin warnte, und die liebenswürdige Quittungsſchreiberin wären eine Perſon. Soph.(ſehr verlegen) Wie ſo? Dieth. Vergleichen Sie doch mur! Der erſte fluͤchtige Blick wird Sie uͤberzeugen. Soph. Wirklich, die Hand hat einige Aehnlichkeit. Dieth. Einige nur? O Sophie! wollen Sie noch laͤnger läugnen? Soph.(empfindlich) Ich glaubte nicht, daß Sie eine Wohlthat als Kunſtgriff gebrauchen wuͤrden— Dieth. Nicht doch! Ich that nur zwey Wuͤrfe mit einem Steine. Soph. Nun ja, Hr. Diethelm! Ich habe das Billet geſchrieben. Meine Abſicht war gut. Dieth. Ich verkenne ſie nicht. Soph. Eine Handlung der Menſchenliebe— Dieth. Weg damit! Liebe iſt ein ſo ſchoͤnes Wort, daß alles, was man davor ſetzen kann, es nur verunſtaltet. Soph. Cächelnd) Liebe? Sie ſind ſehr eitel. Dieth. Stolz und gluͤcklich, wenn ich die Wahr⸗ heit ſprach. ——— oder die Gefahren der Jugend. 71 Soph. Wir armen Geſchoͤpfe ſind uͤbel daran. Wir duͤrfen nicht einmal Gutes thun. Dieth. Warum nicht? Soph. Weil man unſere froͤmmſten Empfindungen in Liebe verdreht. Dieth. Die froͤmmſte Empfindung iſt Liebe. Soph. Dann ſchwoͤre ich Ihnen: wenn Sie heute ins Waſſer fielen, ſo wuͤrde ich Ihnen nicht meinen Finger reichen. Dieth. Cittend) Aber doch die ganze Hand? Soph. Wollen Sie es darauf wagen? Dieth. Ja, ja, verbergen Sie immerhin Ihr Ge⸗ fuhl hinter dieſen Anſtrich von Schalkheit. Sie ſind mir gut; ich leſe es in Ihren Blicken. Soph. O mein Herr! In Frauenzimmerblicken und in einem chineſiſchen Buche kann man hoͤchſtens buchſtabiren. 2 Dieth. Vergebens! Ich laſſe Sie nicht entſchlap⸗ fen.(mit Wärme) Es iſt nicht von heute, daß Sie durch Sittſamkeit und Guͤte meine Aufmerkſamkeit feſ⸗ ſelten; es iſt nicht von heute, daß Sie durch Schonheit und Geiſt ſich in mein Herz ſtahlen. Ich bin Ihnen gut.— Eergreift ihre Hand) Ich liebe Sie. Soph.(mit Ernſt) Halt, Herr Diethelm! Ich glaubte mindeſtens Ihre Achtung verdient zu haben. Dieth. Achtung und Liebe ſind verſchwiſtert. Soph. Ihr Bekenntniß iſt, aufs gelindeſte beur⸗ theilt,— eine jugendliche Unbeſonnenheit. Das Schreibepult, Dieth. Gott erhalte mich ſo unbeſonnen bis ins greiſe Alter! 5 Soph. Ich bin nur ein Kammermaͤdchen. Dieth. Ach, daß ich nicht Peter der Große bin! Soph. Man muß nichts thun, was die Welt blos um der Groͤße willen verzeiht. Dieth. Soll ein Vorurtheil mich um mein Gluck betrͤgen? Sie ſind arm; wollte der Himmel, ich ware es auch, ſo würde ich doch das Verdienſt haben, fuͤr Sie zu arbeiten.— Sie ſind vielleicht von geringer Perkunft?— O nennen Sie mir Ihre Aeltern, daß ich hinfliege und Sie uͤberzeuge, daß ich nicht zu ſtolz bin, einen ehrlichen Handwerker Vater zu nennen. Soph. um Gotteswillen, Herr Diethelm, wohin verleitet Sie ein fluchtiges Wohlgefallen? Sie vergeſſen, was Sie Ihrer Lage, Ihren Verhältniſſen ſchuldig ſind. Reue iſt immer eine Natter,— aber Reue in der Ehe— die Holle auf Erden. Ich bitte Sie, ſtören Sie meine Ruhe nicht! Dieth. Haben jugenbliche Verirrungen mich ſo tief bey Ihnen herabgeſetzt, daß Sie jedes Gefuhl für das wahre Gute und Schoͤne in mir erſtickt glauben? Iſt nicht ſchon mancher Wildfang durch ein braves Weib bekehrt, für ſtille, hausliche Freuden empfaͤnglich gemacht worden? Soph. Der Verſuch iſt immer gefaͤhrlich. Dieth. Ich fuhle es taͤglich mehr, daß nur ein ſol⸗ 72 ches Weib mir mangelt, um zu werden, was ich werden kann; ich wuͤrde es gefühlt haben, auch ohne die väter⸗ oder die Gefahren der Jugend. 73 lichen Erinnerungen meines alten Freundes Herrmann. O ſeyn Sie dieſes Weib! Sie haben vielleicht mein Ver⸗ moͤgen gerettet,— retten Sie nun auch mein Herz aus dem Strudel, in dem Gewohnheit und Langeweile es herum wirbelten! Soph. Herr Diethelm, das iſt eine jugendliche Auf⸗ wallung, von der ich keinen Nutzen ziehen darf. Um Ih⸗ nen zu beweiſen, daß Sie ſich nicht in mir irrten, ſchlage ich Ihre Hand aus. Dieth.(gekraͤnkt) Sophie! Soph. Damit Sie mich aber nicht fuͤr unempſind⸗ lich halten, ſo füge ich hinzu, daß ichs ungern thue. Dieth. O dann laſſe ich Sie nicht. Sie ſträuben ſich vergebens gegen die Gewalt der Liebe. Auch die Tugend hat ihre Spitzfindigkeiten; auch die Tugend iſt des Uebertreibens faͤhig. Liebes, holdes Maͤdchen! Sie haben die ſtrengſte Forderung Ihrer Gottheit erfuͤllt, weichen Sie jetzt den ſanften Bitten der Meinigen! oph.(Cverwirrt) Herr Diethelm, laſſen Sie mir Zeit! Dieth. Nein! nein! Jetzt ſind Sie geruͤhrt,— dies Gefuͤhl darf nicht erkalten, jetzt müͤſſen Sie mir antworten. Soph. Ich kann nicht,— ich haͤnge nicht von mir ab. Dieth. Von wem haͤngen Sie ab? Wo leben die guten Menſchen, die fuͤr das Gluͤck meiner Zukunft eine ſolche Tochter bildeten? Fuͤhren Sie mich zu Ihnen, es 74 Das Schreibepult, ſey die niedrigſte Hutte. Gewaͤhren Sie mir die Freude, den Urhebern Ihres Daſeyns ein ſorgenfreyes Alter zu verſchaffen. 6 Soph.(Cgeruͤhrt) Meinen Aeltern ein ſorgenfreyes Alter? Dieth. Ja, Sophie! Laſſen Sie dieſe Ausſicht Ihren Entſchluß beſtimmen, wenn ſonſt in Ihrem Herzen nichts fuͤr mich ſpricht. Dann entſage ich allen täuſchenden Berſtreuungenz dann ſchuͤttle ich alle die umwuͤrdigen Feſ⸗ ſeln ab, und lebe nur, um das Geſchenk der kindlichen Liebe durch mein Herz zu verdienen!— Dieſe holde Roͤthe auf Ihren Wangen,— dieſe zitternde Thraͤne in Ihrem Auge— O Sophie! geben Sie Ihrer Empfindung freund⸗ liche Worte!(tuͤrzt zu ihren Fuͤßen.) 3ehnte Scene. Vorige. Gräfin. Baldern. Coffnen die Mittel⸗ thuͤre und brechen in ein unmäßiges Gelaͤchter aus.) Bald. Bravo, mein Freund! Ein Schauſpiel fuͤr Goͤtter— Graͤfin. Fi donc, Herr Diethelm! Schickt ſich das? (Mit Strenge zu Sophie) Mademoiſelle! Auf ihr Zim⸗ mer!(Sophie ab.) Sie ſind ein großer Cherubin; von der Dame zur Zofe. Bald. Lieber, kleiner Freund! Warum ſo erſchrok⸗ ken? Die Frau Gräfin iſt eine Dame von Welt— Dieth. AIch! ————— oder die Gefahren der Jugend. 75 Graf. Was? Sogar ein Ach? Genug, Herr Diet⸗ helm! Gewoͤhnen Sie ſich die Empfindſamkeit ab. Die Siegwarte ſind laͤngſt aus der Mode. Dieth. Was Sie geſehen haben, entſprang blos aus dem Wunſche, mich zu zerſtreuen. Gräf. Nun ja,— warum denn ſonſt? Dieth. Ein ploͤtzliches ungluͤck— Bald. Ein ungluͤck? Ihr engliſches Reitpferd iſt doch nicht krank geworden? Gräf. Oder der niedliche Bologneſer? Dieth. O waͤre es nur das! Bald. Noch mehr? Dieth. Es wird doch nur allzuſchnell bekannt werden; warum ſoll ich daraus vor Perſonen ein Ge⸗ heimniß machen, mit deren Freundſchaft ich mir ſchmeichle? Gräf. Monsieur, vous pouvés comptèér sur moi. Bald. Mon ami, je suis tout à vous. Dieth. Ich bin ruinirt. Graäf. Eerſchrocken) Ruiné! Bald. Vous plaisantés. Dieth. Ein Londner Bankrott zieht auch den Mei⸗ nigen nach ſich. Graͤf. Sériensement? Bald. Que diable! Dieth. Mein großes Vermoͤgen wird kaum hin⸗ reichen. Gräf. C'est terrible! Das Schreibepult, Bald. Könnten Sie denn nicht auf eine gute Art — Sie verſtehen mich? Fur den Mann von Kopf iſt ein Bankrott eine ſehr einträgliche Spekulation. Dieth. Mein Gewiſſen— Gräf.(ſehr kalt) Schöne Principes! Bald. Allerdings! Aber der Schiffbruͤchige greift nach dem erſten Brette, wenn auch ſein Vater ſchon darauf ſäße. Dieth. Großmuthige Freunde konnten mich retten. Bald. Großmüthige Freunde, mon ami, ſind nicht immer reiche Freunde. 3 Dieth. Mein erſter Gedanke war die Frau Gräfin. Graf. Vous rendés justice à mes sentimeuts. Dieth. Mein zweyter, Sie, lieber Baron! Bald. Vous me touchés, mon cher! Dieth. Ein Vorſchuß von 1000 Louisd'or würde vielleicht hinreichen. Gräf. Tauſend Louisd'or? Ey! Ey! Dieth. So viel, dächt' ich, habe ich ſeit einigen Wochen hier verloren, und man wird kein Bedenken tragen, mir die Summe vorzuſtrecken. Gräf. Schade, Baron, daß ich eben jetzt den theuern Schmuck kaufen mußte! Bald. und daß eben jetzt der verdammte Inde mir die Bezahlung ſeiner Wechſel ſo ungeſtum abdrang.— O mon ami,— nur eine Stunde fruͤher— Dieth. Erſt dieſen Augenblick empfing ich die Schreckenspoſt. Da leſen Sie ſelbſt!(giebt ihm ſein oder die Gefahren der Jugend⸗. eigen Billet, und betrachtet ihn lächelnd. Baldern er⸗ kennt es, iſt in komiſcher Verlegenheit, ſucht ſich air zu geben, es will ihm aber nicht gelingen, und er ſteht da, wie ein armer Suͤnder. Diethelm geht laut lachend ab.) Eilfte Scene. Gräfin. Baldern. Graͤf. Was ſoll das heißen?(Baldern uͤberreicht ihr das Billet) Mon Pieu! Das iſt ja das nämliche Billet— Bald. Das naͤmliche. Graͤf. Wie kommt das in ſeine Händet Bald. Weiß ich das?. Graͤf. Verwuͤnſcht! Le petit se moque de nous.. Bald. Le conp est sanglaut. Gräf. Errathen Sie auch, wem wir dieſen verma⸗ ledeyten Streich verdanken? Bald. Wem anders, als der ſchönen Silvia, zu deren Füßen wir den zaärtlichen Damoͤt fanden? Graf. Ganz recht! Der Zettel blieb auf meiner Toilette.(klingelt mit Heftigkeit und ruft): Sophie! Sophie! 8 wolfte Scene. Vorige. Sophie. Soph. Was befehlen Sie? Gräf. Sie iſt eine unverſchaͤmte, eine Nichtswür⸗ dige. Auf der Stelle packe ſie ſich aus dem Hauſe!(ab.) 78 Das Schreibepult, Soph. Was habe ich denn verbrochen? Bald. Mein ſchoͤnes Kind! Sie hat einen dummen Streich gemacht. Thoren zu warnen iſt ein armſeliges Handwerk. Man beſſert ſie ſelten, und noch ſeltner verdient man Dank. Soph. Ich verſtehe Sie nicht. Bald. O ja, ſie verſteht mich. Indeſſen habe ich Mitleiden mit ihrer Jugend. Die Graͤfin iſt eine ange⸗ ſehene Dame, wer auf dieſe Art ihr Haus verläßt, der erhaͤlt ſo leicht keinen andern Dienſt. Will man aber gefällig gegen mich ſeyn, ſo wird man einen großmü⸗ thigen Beſchuͤtzer an mir flnden. Ich habe eine Art von Richte, die einer Kammerjungfer bedarf. Nur ein wenig mehr Gelehrigkeit, und es kann noch alles gut werden.(Kneipt ſie in die Backe und geht ab.) Dreizehnte Scene. Sophie. Elender Menſch!— Gott ſey Dank, daß es ſo kommen mußte!— Ich werde meiner Mutter arbeiten helfen; ich werde nicht gezwungen ſeyn, Menſchen zu dienen, die ich verachte. Fort, fort aus dieſem Hauſe! mit leichtem Herzen und leichtem Gewiſſen!— Ach, nur eins ſchmerzt mich, daß Diethelm mich verrathen konnte!(ab.) (Ende des zweyten Akts.) —————— —————————— oder die Gefahren der Jugend. 79 (Verfinſterter Saal, mit verſchiedenen Attributen ausge⸗ ſchmuͤckt. In der Mitte der Buͤhne ein Altar, uber welchem dicke Rauchwolken ſchweben.) Erſte Scene. Hädebrath. Ciſt beſchäͤftigt alles zu ordnen.) Hm! Warum zitterſt du? Die Wuͤrfel liegen.— O guter Gott! nur Brod fuͤr meine Kinder!(geht an eine verborgene Tapetenthuͤr, oͤffnet ſie ein wenig und ſpricht hinein:) Sind Sie angekleidet! Faͤhnr.(inwendig) Ja! Hädebr.(macht die Thuͤr ſorgfältig zu, und wirft friſches Rauchwerk auf die Pfanne) Wohlan!(geht nach der Mittelthur, will ſie offnen, kehrt wieder um, lehnt ſich an den Altar und ſtützt den Kopf in die Hand.) Iſt es der Dampf, der mich ſo beängſtigt, oder das Sewiſſen? Muth! Muth! Zuruck kann ich nicht mehr. (Ermannt ſich, oͤffnet die Mittelthuͤre und ſpricht mit feyerlichem Ton:) Tritt herein, Juͤngling! 8 weyte Scene. Hädebrath. Diethelm. Dieth.(tappt herein) Warum ſo finſter, mein Vater? 80 Das Schreibepult, Hädebr. Reiche mir die Hand, zittre nicht!— Sey reines Herzens, ſo wird das ticht von deinen Innern ausgehen. Dieth. Wohin führſt du mich? Haͤdebr. Folge mir getroſt, habe Vertrauen!— N Geiſter umſchweben dich! Sey ihrer Gemeinſchaft wuͤrdig! Dieth. Ein unwillkuͤhrlicher Schauer— Hädebr. Tritt in dieſen Zirkel— ſammle dich! — Einwarts dein Auge— durchſpähe die Seele. Ver⸗ banne der Neugier letzte Spur;— wo nicht, ſo droht dir Gefahr.(äßt ihn ſtehen und kniet am Altar.) Dieth.(der die Wirkung des Dampfes ſpuͤrt.) Wie iſt mir?— Meine Sinne werden ſtumpf— mein Kopf iſt ſchwer,— das Gefuͤhl eines Trunkenen. Hädebr.(mit gefalteten Haͤnden) Du, den ich nicht nennen darf, ſchau in das Herz jenes Juͤnglings! Iſt es der Tugend befreundet, ſo gieb mir das Zeichen deiner Naͤhe!(eine Flamme lodert vom Altar empor, und durchleuchtet ſchwach den Saal.) Dieth. Ha!(ſieht ſich ſchuͤchtern um.) Hoͤdebr.(nach einer Pauſe) Du, den ich jetzt nennen darf,— Ariel! Ariel! werde meinen Augen ſichtbar! erſcheine mir in freundlicher Geſtalt! Mauſe. — Er ſpringt auf, ſchaudert zuruͤck, blickt ſtarr auf eine Stelle, und ruft mit heiſerem Ton:) Juͤngling! Juͤngling! weiche nicht aus dem Kreiſe! Dieth.(ſchaut bebend nach dem Platze, an Hadebraths Auge gefeſſelt iſt) Ich ſehe nichts, mein Vater! 7 oder die Gefahren der Jugend. 31 Hadebr. Schweig! Ariel! Der Freund bangt nach dem Freunde; verſchwiſterte Seelen, deines Schutzes wuͤrdig, von gleicher Sehnſucht entbrannt, heiſchen deine Hulfe. Schwebe uͤber die Gewäſſer, die gleich Thau⸗ tropfen unter deinen Blicken glaͤnzen! Huͤlle Blunts Geiſt in Aether, und kehre mit meinen Gedanken zuruͤck! GPauſe) Juͤngling! der Augenblick naht,— ziehe mich zu dir in den ſichern Kreis.(reicht ihm die Hand, und tritt zu ihm in den Kreis. Pauſe. Diethelm ſchmiegt ſich dicht an ihn.— Haͤdebrath begeiſtert) Vernichtet iſt der Raum! verſchwunden die Zeit! Ariel flog hin und fand ihn weinend, da rief er ihn ſanft aus dem traumloſen Schlummer, und zog ihn ſanft aus der weinenden Huͤlle, wie den Duft aus einer bethauten Roſe. Erhebt die Stimme:) Blunt! Blunt! ich rufe dich!(es geſchieht ein ſtarker Knall, die Flamme auf dem Altar lodert hoch empor.— Pauſe.— Diethelm in äͤngſt⸗ licher Erwartung) Des Freundes Stimme dringt uͤber die Gräber, ſchallt uͤber Meere, zieht verſchleierte Geiſter aus fernen Planeten herab. Blunt! Blunt! ich rufe dich! Gauſe, man hoͤrt die Toͤne einer Harmonika in der Ferne) Triumph! er iſt uns nahe! Dies geiſtige Lispeln verkündigt eine freunbliche Erſcheinung. Schwebe hernieder, entfeſſelter Geiſt! verkoͤrpere einen Lichtſtrahl und werde ſichtbar dem Auge deines harrenden Freun⸗ des!— Blunt! Blunt! Ich rufe dich zum Dritten⸗ male!(Die Harmonika tönt naher,— Haͤdebrath außer ſich, mit funkelnden Augen) Jungling! faſſe mich beym Kotzebue's dram. Werte 11. Th. 6 82 Das Schreibepult, Schopf, umſchlinge mich feſt! hefte dein Auge auf jene Mauer! Dritte Scene. Vorige.(Die Tapetenthuͤr ſpringt auf, eine Rauch⸗ wolke quillt hervor, in der Wolke ſteht Faähnrich Erlen unbeweglich, in einen Oberrock gehuͤllt.) Dieth.(ſchreyt laut auf Er iſt es! Es iſt mein Freund! Fähnr. Ja, ich bin Ihr Freund, doch nicht Blunt. Hädebr.(Eerſchrocken) Was ſoll das? Faähnr. Junger Mann! Sie ſind in den Haͤnden eines Betruͤgers. Mich hat er gedungen, um Sie zu täuſchen.(wirft das Kleid von ſich.) Dieth. Ha! wär' es moöglich!(ſtoßt Haͤdebrath mit Heftigkeit von ſich) Menſch! haſt du mich wie einen gemeinen Dummkopf in dieſen Zauberkreis gebannt? Hädebr. ttritt beſchaͤmt in einen Winkel, ſchlägt ſich mit der Hand vor die Stirne, und ruft ſchmerz⸗ haft:) o Gott! Fähnr. Ich übernahm die Rolle, um Sie zu warnen. Trauen Sie nie wieder einem Menſchen, der geheimnißreiche, uͤbernatuͤrliche Dinge in aufgeſchwollene Phraſen kleidet. Er iſt entweder ein Narr, oder ein Betruͤger. Er beſtiehlt Sie um Ihren geſunden Men⸗ ſchenverſtand, oder um Ihr Geld. Leben Sie wohl! (will gehen.) Dieth. Wer ſind Sie, großmuͤthiger unbekannter? ————.———— oder die Gefahren der Jugend. 83 Faͤhnr. Der Name thut nichts zur Sache. Ich bin ein ehrlicher Mann, und that meine Pflicht. (ſchnell ab.) Vierte Scene. Haͤdebrath. Diethelm. Dieth.(geht in großer Bewegung auf und nieder, dann ſtellt er ſich mit verſchraͤnkten Armen vor den zagenden Haͤdebrath, und ſieht ihn ſpoͤttiſch an) Nun, mein ehrwuͤrdiger Vater? ſcheint es doch faſt, als ob Sie ſelbſt einen Geiſt geſehen hätten. Hädebr. Herr Diethelm, ich bin in Ihrer Gewalt. Dieth. Allerdings! und damit Sie in Zukunft keinen Schaden mehr ſtiften, werde ich ſogleich den Wirth nach der Hauptwache ſchicken. Haͤdebr. Ehe Sie das thun, haben Sie die Guͤte, jene Kammerthuͤr zu oͤffnen. Dieth. Wozu? Iſt etwa noch ein Geiſt darin verborgen? Hädebr. Drey kleine Kinder auf Stroh; zwey davon ſind krank. Dieth. Was ſoll das heißen? Haͤdebr. Herr Diethelm! Aus Erbarmen hoͤren Sie meine Geſchichte! Ich war ein ehrlicher Handwer⸗ ker,— ein Tiſchler; ich machte ſchoͤne Arbeit. Die großen Herren beſtellten viel bey mir. Ich habe man⸗ ches Prunkzimmer moblirt, und es hat geheißen, die Moͤbeln woren aus England verſchrieben werden. Ich 34 Das Schreibepult, hatte nehrere 100 Thaler zu fordern, aber die großen Herten bezahlten mich nicht. Als die Noth mich trieb, zu mahnen, da warfen mich die Bedienten aus dem Vorzimmer, und endlich die Gläubiger aus meinem eig⸗ nen Hauſe. Ich wollte verzweifeln. Mein munteres, fleißiges Weib richtete mich auf. Vir verſuchten aller ley, es ging nicht. Endlich hatte ſie einen beſondern Einfall, und der gelang. Ihr Vater war eine Art von Tauſendkuͤnſtler; er machte uns ein Marionettentheater, damit zogen wir herum und verdienten viel Geld; denn meine wackere Margarethe war immer guter Laune. Ihre drolligten Einfaͤlle lockten Zuſchauer herbey. Vor fuͤnf Wochen— erinnern Sie ſich noch, Herr Diet⸗ helm, des Marionettenſpielers, dem Sie in trunkenem Muthe ſeine Puppen zerſchlagen halfen? Dieth. Wie? das waret Ihr?(verwirrt und be⸗ ſchämt.) Hädebr. Das war ich. Vor fuͤnf Wochen ſtarb mein Weib im Kindbette. Des Morgens ſtarb ſie— des Abends ſollten meine Marionetten die Geſchichte des Holofernes aufführen. Die Vorſtellung war angekün⸗ digt,— meine Kinder winſelten um Brod, und ich mußte mit zerriſſenem Herzen hinter den Vorhang tre⸗ ten. Sie kamen auch mit einigen wilden jungen Her⸗ ren, vermuthlich von einem luſtigen Schmauſe. Mit meinem Holofernes ging es freylich ſchlecht. Harlekin ſollte was machen, die Leiche lag im Nebenzimmer.. Die Kinder Iſrael ſollten jubeln, mein neugebornes Kind oder die Gefahren der Jugend. 85 wimmerte ohne Nahrung. und als ich nun vdlends an die Rolle der Judith kam, die mein Weib geſpielt hatte, und als mir einfiel, daß ſie vor ein paar Tagen noch neben mir ſtand, und den Drath regierte, da ver⸗ ſuchte ich umſonſt, ihre muntern Scherze zu wiederholen. Sie blieben mir alle im Halſe ſtecken, und die Thranen ſchoſſen mir aus den Augen.— Es gab eine lange Pauſe. Die Herren Zuſchauer wurden ungeduldig, und pochten mit den Stöcken. Ich wollte wieder anfangen; aber es war vergebens. Die Herren wußten nicht, wie mir da hinten zu Muthe war. Sie wurden zornig, zerſchlugen mir meine Puppen, und gingen davon. Dieth.(bewegt und beſchaͤmt) Warum kamt ihr nicht am andern Morgen zu mir? Haͤdebr. Das wollt' ich. Ihr Flink wies mich ab. Dieth. Der Schurke! Haͤdebr. Bey den andern jungen Herren ging mir's noch ſchlimmer; ſie nannten mich einen Betruger, und— bey Gott! das war ich damals noch nicht. Als ich nach Hauſe kam, ſaugten meine Kinder die Far⸗ ben von den zerbrochenen Puppen, und der arme Säug⸗ ling hatte, ſtatt der Mutter Bruſt, den Kopf des Ho⸗ lofernes im Munde. Da gab mir die Verzweiflung zum Erſtenmale— wahrlich zum Erſtenmale— den Gedanken ein, zu betruͤgen. Ich wußte, daß Sie ein junger, gutherziger und leichtgläubiger Herr wären. Mit Huͤlfe meines Schwiegervaters verſchaffte ich mir dieſen Apparat. unter einer fremden Geſtalt drängte ——— 85 Das Schreibepult, ich mich zu Ihnen, unter meiner eignen; beobachtete ich alle Ihre Schritte.— Mit ein paar zuſammengerafften Flos⸗ keln und einer imponirenden Dreiſtigkeit gelang es mir, Sie zu hintergehen. Das Gewiſſen ſchlug mir freylich, aber ich horte, Sie wären reich und verſpielten Ihr Ver⸗ moͤgen. Ach nur ſo viel, dachte ich, als ich bedarf, um mein ehrliches Handwerk wieder anzufangen; dann helfe mir Gott und mein Fleiß, dann bezahle ich ihn vielleicht einmal, wenn er ſelbſt es nothwendig braucht— jetzt braucht er es nicht. Dieth. Iſt das alles wahr? Haͤdebr. Sie haben Recht, mir zu mißtrauen. Hier iſt Ihr Geld; ich habe nur wenig davon ver⸗ wechſelt. Fuͤgt einen Beutel hinzu.) Hier iſt auch das Meinige. Kaum ein Thaler fehlt daran; dafur habe ich meinen Kindern einen Arzt geholt, und ihnen eine Suppe kochen laſſen. Dieth. Menſch! wofur haͤltſt du mich? Ich habe deine Puppen zerſchlagen, und bin dir Erſatz ſchuldig. Fange in Gottes Namen dein Handwerk wieder an. Ich ſchieße dir vor, ſo viel du bedarfſt. Haͤdebr.(bricht in Thraͤnen aus und will vor ihm knien.. O Herr Diethelm! Dieth. Gält ihn zuruͤck) Nicht ſo, mein Freund! Nache er nicht, daß ich mich vor ihm ſchämen muß. Schaffe er ſeinen Kindern, was ſie brauchen, ſuche er ihnen eine brave Stiefmutter und fuͤr das Uebrige laſſe er mich ſorgen! ——— oder die Gefahren der Jugend. 37 Hädebr.(von Wehmuth erſtickt) Kinder! Kinder! nimmt ihn bey der Hand und zieht ihn nach ſich) Herr Diethelm! Kommen Sie! Dieth.(ſich ſtraͤubend) Was ſoll das? Haͤdebr. Kinder! Hier iſt euer Retter, euer Vater! Gzieht ihn hinein.) Fuͤnfte Scene. (Zimmer der Madam Luppnitz.) Emilie an der Toilette. Mad. Luppnitz hilft ihr den Putz vollenden. Emil. Nicht wahr, Mama, ich bin huͤbſch? M. Lupp. Zum Kuͤſſen! weiß und himmelblau, was iſt ſchmachtender? Und die Kornblumen im ſchwar⸗ zen Haar, ſo lieblich, ſo abentheuerlich— Emil. Brillanten wären doch beſſer. M. Lupp. Der Schoͤnheit Zauberſtab wird dieſe Kornblumen in Brillanten verwandeln. So! mun biſt du fertig!— Maädchen! Maͤdchen! faſt geht es mir, wie dem Pygmalion. Ich verliebe mich in meine eigne Statue. Emil. Ey, Mama, ich bin ja keine Statuͤe. M. Lupp. Leider auch nicht viel mehr. Doch wozu mehr? Es giebt noch mehr Pygmalions in der Welt, die ſich nicht einmal freuen wuͤrden, wenn ihre Statuͤen ſich belebten.— Freylich hat Diethelm mehr Verſtand, als er bey ſo vielem Gelde braucht, und es Das Schreibepult, waͤre immer gut, wenn du etwas mehr Zeit 6 deine Bildung verwendeteſt— Emil. Kleide ich mich nicht mit Geſchmack? M. Lupp. Wenn du dich im Schreiben uͤbteſt— Emil. Habe ich nicht noch geſtern das Rezept zu der Handpomade abgeſchrieben? M. Lupp. Wenn du fleißiger läſeſt— Emil. Habe ich nicht das ganze Buch geleſen von den zwoͤlf Jungfrauen, die ſo lange ſchliefen und immer huͤbſch und jung dabey blieben? M. Lupp.(auf den Tiſch zeigend) Dort liegen noch bie liaisons daugereuses, die muͤſſen wir fortſchaffen. Er hat zuweilen moraliſche Anwandlungen. Dafur habe ich dir hier ein andere Buͤcher aus der Bibliothek geholt. Riter⸗ Romane? M. Lupp. Nein!„ueber Liebe und Ehe.“„Roſa⸗ liens Briefe von Madame La Roche;“ und:„Wie ſoll ein junges Frauenzimmer ſich wuͤrdig bilden?“ Emil. Ich mag ſie nicht leſen. M. Lupp. Sie ſollen aber hier auf dem Tiſche liegen, damit es wenigſtens ſcheint, als ob du ſie läſeſt. Emil. Wozu das? M. Lupp. Kind, du glaubſt nicht, was ſolche Kleinigkeiten oft auf Männerlaunen wirken. Hier iſt auch ein Billet von einer armen Wittwe, der du eine geheime Wohlthat erzeigt haſt. Emil. Ich? ———.— i oder die Gefahren der Jugend. 89 M. Lupp. Ja du. Das muß halb entfaltet und ſo nachläſſig hingeworfen werden. Vielleicht faͤllt ſein Blick darauf. Emil. Aber ich weiß von keiner Wohlthat. M. Lupp. Gleichviel! Ein Frauenzimmer kann unmoglich alles ſeyn, was ſie ſcheint. Emil. Ich ſoll auch wohl ſcheinen, ihn zu lieben? M. Lupp. Allerdings! Emil. Aber ich liebe ihn nicht. 8 M. Lupp. Das hat nichts zu bedeuten. Du wirſt eine reiche Frau, und das iſt genug. Emil. Warum ſchwatzen denn die Snant ſo viel von der Liebe? M. Lupp. Eben, weil ſie Romane ſind. Häus⸗ liches Gluͤck, mein Kind, muß auf ſilbernen Grundpfei⸗ lern ruhen. Man kann immerhin das Gebaude nach⸗ her ſo ausſchmuͤcken, daß Niemand eben argwohne, es ſey blos auf Geld gebaut. Man kann, wenn man reich iſt, hin und wieder ein Wort von Verachtung der Reich⸗ thuͤmer fallen laſſen, ſo wie man es mit einem warmen Schlafrock macht, den man zwar vor den Gäſten ver⸗ ſteckt, ſich aber doch am behaglichſten darin befindet. Emil. und die Liebe? M. Lupp. Liebe, mein Kind! Liebe iſt gut Ding. Wer ein Haus kauft,— je nun, der ſieht es gern, wenn ein huͤbſches Gaͤrtchen dabey iſt; aber um des Gaͤrt⸗ chens willen kauft er nicht; denn im Winter behorcht man keine Nachtigallen. Wenn die Liebe jung iſt,— Das Schreibepult, o ja, da iſt ſie genügſam; aber mit den Jahren ſieht ſie ſich nach Bequemlichkeit um, wie alles, was alt wird, und findet ſie dieſe nicht, ſo geht ſie ein Haus weiter zum reichen Nachbar. Drum biete alles auf, ihn zu feſſeln; es gilt dein Gluͤck, es gilt das Gluͤck deiner Mutter, die ſeit der Entwickelung deiner Reize ſo oft und ſfuͤß von einem reichen Schwiegerſohn traͤumte. O laß dieſen Traum in Erfuͤllung gehen! Emil. Sollen wir unſer Traumbuch aufſchlagen? M. Lupp.(begeiſtert) Ein reicher Schwiegerſohn!— Du weißt nicht, in welches Meer von Entzuͤckungen dieſe Idee das Mutterherz verſetzt.— Ach, die ſo genannten klugen und empfindſamen Muͤtter, die Frauen, die vor der Welt mit feſſelloſem Geiſte prunken, ſteuern doch im Stillen das Schifflein ihrer Wuͤnſche nach die⸗ ſem Hafen von Eldorado, und kehren ſich wenig an den unnuͤtzen Ballaſt verliebter Grillen, mit welchen die Toͤchter das Fahrzeug zu befrachten pflegen. Genug, Emilie, ich hoͤre jemand auf der Treppe. Du weißt deine Lektion. Iſt es der Faͤhnrich, ſo empfange ihn als deinen Bruder⸗(geht in ein Neherzimmer.) Sechſte S cene. Faͤhnrich. Emilie. Fähnr. um Vergebung— komme ich. recht zur Frau von Luppnitz? Emil.(verneigt ſich) O ja! Faͤhnr. Sind Sie vielleicht das gnädige Fraͤuleink —,— oder die Gefahren der Jugend. 91 Emil.(erneigt ſich) O ja! Fähnr. So freue ich mich der Ehre— Emil.(ſchnell einfallend mit tiefem Knir.) Die Ehre iſt auf meiner Seite. (Fäͤhnrich betrachtet ſie laͤchelnd vom Kopf bis zu den Fuͤßen,— lange Pauſe, in der beyde einander an⸗ ſehen. Fahnrich kann ſich kaum des Lachens enthalten.) Faͤhnr. Wir haben heute recht ſchoͤnes Wetter. Emil. O ja!(wieder eine Pauſe, endlich platzt ſie heraus.) Sind Sie geſtern in der Comdodie geweſen? Faͤhnr. Nein! Emil. Es war recht voll, und ich habe da aller⸗ liebſte neue Moden geſehen. Faähnr. Aber das Stuͤck? Emil. Ach das Stuͤck war ein aber faſt hatt' ich lachen muͤſſen. Faͤhnr. und woruͤber? S Emil. ueber einen Prinzen, der immer meinen Namen rief. 4 Fähnr. Welchen Namen. Emil. Emilie. Fähnr. Alſo wohl Emilia Galotti? Emil. Ja, ja, Galotti. Das Stuͤck iſt von ei⸗ nem gewiſſen Leſſing. Fähnr.(bey S Ein gewiſſer Leſſing! o Apoll! o Muſen! Emil. Meine arme Ramensſchweſter wollte Faͤhnr. Das wollen Sie ja auch? Das Schreibepult, Emil. Hm! eigentlich die Mama. Fähnr. Alſo wider Ihren Willen! Emil. Pfuy, mein Herr! ich habe keinen Willen. Fähnr. Armes Kind. Emil. Ja, ich bin ein armes Kind, deßwegen ſoll ich eben einen reichen Mann nehmen. Faͤhnr. und ich ſoll Ihren Bruder vorſtellen? Emil. Das iſt mir recht lieb! Faͤhnr. Wenn aber nichts aus der Sache wird? Emil. Die Mama wird es ſchon durchſetzen. Ach, Sie wiſſen nicht, die Mama ſetzt alles durch. Faͤhnr. Liebt Herr Diethelm Sie? Emil. Er ſagt es zuweilen. Fähnr. und Sie lieben ihn? Emil. Die Mama hat mich gelehrt, daß Leute immer liebenswurdig ſind. 5 ähnr. Allerdings! Emil. Ich werde Brillanten bekommen. Fähnr. Nun, dann iſt Ihr Gluͤck gemacht. Siebente Scene. Vorige. Mad. Luppnitz. M. Lupp. Willkommen, Herr Fähnrich! Das heiß' ich Wort halten! Diethelm wird ſogleich hier ſeyn; ich ſah ihn bereits vom Balkon. Haben Sie indeſſen die Guͤte, mir zu folgen, um noch einige Winke zu empfangen.— Du, Emilie, ſey vernuͤnftig, und gedenke meiner muͤtterli⸗ chen Vorſchrift!(fuͤhrt den Fähnrich ins Nebenzimmer.) oder die Gefahren der Jugend. 93 Aſchte Scene. Emilie. Ey, der Offizier gefällt mir beſſer, als Diethelm. Mama will ihn zu meinem Bruder machen,— warum nicht lieber zu meinem Manne?— Aber Diethelm iſt reich, und wird mir Brillanten ſchenken.(Mit kindiſcher Freude) Ohrgehange! ein Halsband! O wie will ich dann ſo fleißig in die Kirche gehen! Da werden die Leute rechts und links fluͤſtern: wer iſt die huͤbſche junge Frau mit dem koſtbaren Schmuck?(klopft in die Haͤnde) Ach, wie glucklich werd' ich dann ſeyn! Neunte Scene. Diethelm. Emilie. Dieth. Gut, daß ich Sie finde, meine ſchöne Emilie! Emil. Gut, daß Sie kommen, mein ſchöner Herr Diethelm. Dieth. Ich bedarf Zerſtreuung, und will Ihnen heute recht oft ſagen, daß ich Sie liebe, anbete und ſo weiter. Emil. Und ſo weiter? Was bedeutet das? Dieth. Je nun, mein Kind, das bedeutet,— die Frage iſt auch verdammt naiv. Emil. Habe ich etwas Dummes geſagt? Dieth. Gleichviel! So lange dieſe Roſen auf Ihren Lippen und dieſe Veilchen in Ihren Augen bluͤhen, ſo lange beduͤrfen Sie keiner fremden Zauberkraft. Ich ſehe . Das Schreibepult, dies belebte Kunſtwerk lieber, als die beruͤhmte Frau von Medicis. Emil. Die Frau von Medicis? Wer iſt dieſe Dame? Ich kenne ſie nicht. Dieth. Ein ſchoͤnes Weib, aber kalt und ſtumm. Emil. Stumm? Die arme Perſon! Dieth. Sie beſitzt indeſſen einen großen Vorzug; ſie wird nie alt. Emil. Ey, da moͤchte man faſt wuͤnſcheu, ſtumm zu werden. Dieth. Sieh da, der weibliche Inſtinkt verläugnet ſich auch hier nicht. Wahrlich, liebe Kleine, Sie ſind mit Ihrer Taubeneinfalt unterhaltender, als die Mama mit ihrer Schlangenklugheit.(will ſie bey der Hand faſſen.) Emil. Kommen Sie mir nicht zu nahe! Dieth. Warum nicht? Emil. Ich ſchreye. Dieth. Pfuy doch! Haben Sie das aus den Bü⸗ chern gelernt?(deutet auf den Tiſch und ſchlaͤgt ein Buch auf.)„Wie ſoll ein junges Frauenzimmer ſich wuͤrdig bilden?“— Bravo! Das iſt ein gutes Buch. Emil. und ſehr ſchoͤn eingebunden. Dieth. Haben Sie es geleſen? Emil. O ja! Dieth. Gefaͤllt Ihnen die Vorrede? Emil. Außerordentlich. Dieth. Aber es hat ja keine Vorrede. Emil. Das,— das gefällt mir eben. oder die Gefahren der Jugend. 95 Dieth. Ha, ha, ha! In der That, ſchoͤne Emilie, Sie haben einen allerliebſten Mund, aber er iſt zu nichts weiter geſchaffen als zum Kuͤſſen. Wohlan! erfuͤllen Sie ſeine Beſtimmung!(will ſie kuͤſſen.) Emil. Herr Diethelm, ich ſchreye. Dieth. Im Ernſt? Emil. Scherz oder Ernſt! Genug, ich ſchreye. Dieth. Ey, darauf will ich's wagen. Emil. Huͤten Sie ſich! Mein Bruder wird kommen. Dieth. Ihr Bruder? Seit wann haben Sie einen Bruder? Emil. Seit dieſem Morgen.* Dieth. Nun wohl; es ſoll mir lieb ſeyn, ihn kennen zu lernen, und wenn er ſo artig iſt, als ſeine Schweſter, ſo wird er mir ja wohl einen Kuß gonnen. (kuͤßt ſie mit Gewalt, ſie ſchreyt.) Zehnte Scene. Vorige. Mad. Luppnitz. M. Lupp. So, mein Herr? Iſt das recht, mein Herr? Die Abweſenheit der Mutter zu nuͤtzen, um der Tochter Fallſtricke zu legen? Dieth.(roͤhlich und unbefangen.) Gehorſamer Die⸗ ner, Madame! M. Lupp. Ich habe Sie immer fuͤr einen feinen, ſittſamen jungen Herrn gehalten,— Dieth. Ey, das bin ich auch. 96 Das Schreibepult, M. Lupp. Dem man den Zutritt ohne Gefahr verſtatten könnte— Dieth.(galant) Erlauben Sie mir, Ihnen die Hand zu kuͤſſen. M. Lupp. Hier iſt nicht vom Handkuͤſſen die Rede. Sie haben mein armes Kind um ſeinen guten Ruf gebracht; ja, das haben Sie. Dieth. Wahrhaftig, Mutterchen, ich glaube, ſie hat noch gar keinen Ruf gehabt. M. Lupp. Hörſt du, Emilie? Du keinen Ruf! (heimlich) Fang an zu weinen!(ſaut) Ja du mein Gott! was hat ſie denn, wenn ſie keinen Ruf hat? Ceimlich) Weine, ſag' ich dir!(Emilie zieht ein Schnupf⸗ tuch heraus, und haͤlt es vor die Augen.) Dieth. Sie hat eine kluge, vernuͤnftige Mutter. M. Lupp. Kahle Schmeicheleyen?— Kurz, mein Herr! Dieſes arme Maͤdchen beſitzt nichts auf der Welt, als eine angenehme Geſtalt und ſeine unſchuld. Dieth. Die bey mir ſo ſicher iſt, als auf einer wuͤſten Inſel. M. Lupp. Wuͤſten Inſel? Seht doch! Kuͤßt man ſich auf wuͤſten Inſeln?— Thut man das?. Dieth. Einen Kuß in Ehren kann niemand wehren? M. Lupp. Das iſt, mit Ihrer Erlaubniß, ein albernes Sprichwort. Ein Mädchen von 16 Jahren darf nur ſeinen Braͤutigam mit Ehren kuͤſſen, und wenn Sie ſolche Abſichten haben— ja ſolche Abſichten— — oder die Gefahren der Jugend. 97 Dieth. Ach, die Welt wäre kaum halb ſo luſtig, wenn nur die Bräutigams kuͤſſen duͤrften.—— M. Lupp. Ich ſage, wenn Sie ſorche Abſichten haben— Dieth. Ctreuherzig) Nein, liebe Madame, die habe ich nicht. M. Lupp.(mit ſteigender Hize) So, mein Herr? Keine rechtſchaffenen Abſichten? Dieth. Halt! Wer ſagt das? M. Lupp. Sich in das unbefangene Herz einer Tochter einzuſchleichen! Dieth. Sie hat noch kein Herz. M. Lupp. Ihren Verſtand zu benebeln— Dieth. Verſtand? Sie ſcherzen. M. Lupp. Ihre Tugend zu untergraben— Dieth. Pfuy, Madame! M. Lupp. und am Ende ganz trocken zu erklaͤ⸗ ren: nein, ich hatte keine Abſichten. Dieth. Ich ſehe wohl, Sie ſind heute uͤbler Laune. (will gehen.) M. Lupp.(vertritt ihm den Weg.) Nicht von der Stelle, mein Herr! Dieth.(Kutzt) Nun? was ſoll das werden? M. Lupp. Sie haben mein Haus beſchimpft; Sie ſind mir Erſatz ſchuldig. Dieth. Welchen? M. Lupp. Sie glaubten vielleicht, einem Frauen⸗ Kotzebue's dram. Werke. 11. Th. 7 ——— 98 Das Schreibepult, zimmer, einer Wittwe konnten Sie nach Gefallen mit⸗ ſpielen. 5 Dieth. Emilie, ſind Sie mit Ihrer Mutter ein⸗ verſtanden? Emil. Ich habe Ihnen ja vorher geſagt, daß ich ſchreyen wuͤrde. M. Lupp. Aber Sie ſollen wiſſen, mein Herr, daß ich auch einen Sohn habe, ja, einen Sohn— Dieth. Soll ich den Sohn auch heyrathen? M. Lupp. Er iſt Offizier und ſehr empfindlich im Punkte der Ehre. Dieth. Was geht das mich an? M. Lupp. Er wird ſeiner Schweſter Schimpf allenfalls mit dem Degen zu rächen wiſſen. Dieth. Iſt es denn ein Schimpf, wenn man ſeine Schweſter ſchon findet? 7 M. Lupp. Tritt hervor, mein Sohn, und belehre dieſen jungen Herrn, was er deiner gekraͤnkten Familie ſchuldig iſt. Dieth. Verdammt! Die Sache wird ernſthaft! Eilfte Scene Vorige. Fäͤhnrich. M. Lupp. Hier, lieber Karl! Fordre Rechen⸗ ſchaft! Dein Schwager, oder dein Feind! Dieth.(ſtutzt) Was iſt das? Wenn ich mich nicht irre— Fähnr. Mein Herr! Ich bin ſo gluͤcklich, Ihnen oder die Gefahren der Jugend. 99 zum Zweytenmale eine heilſame Warnung ertheilen zu koͤnnen. Sie ſind jung, leichtgläubig, unerfahren; man ſtellt Ihnen Netze auf jedem Ihrer Schritte. Huͤten Sie ſich weniger vor Maͤdchen, als vor Muͤttern. Dieſe kluge Dame hat Sie zum Schwiegerſohn erkohren, und mich zum Don Quirotte gedungen, um vielleicht von Ihrer Furcht zu erzwingen, was Ihr Herz nicht freywillig geben moͤchte. S M. Lupp.(mit ſtarrem Entſetzen) Was ſoll das heißen? Faͤhnr. Das ſoll heißen, Madame, daß auch eine weltkluge Frau ſich zuweilen irren kann. Die Armuth, meinten Sie, ließe ſich zu jedem Bubenſtuͤck erkaufen. Denken Sie hinfüro beſſer von der Armuth. Meine Rolle iſt geſpielt. Freylich werden die Damen mir ſchwerlich Beyfall zuklatſchen. Leben Sie wohl!(will gehen.) Dieth. Nein, mein Herr, zum Zweytenmale ſollen Sie mir nicht entfliehen. Sie, den eine hoͤhere Macht mir zum Schutzgeiſt ſandte,— wer ſind Sie? wie hei⸗ ßen Sie? Faͤhnr. Wozu der Name, da die Sache beendigt iſt? Dieth. Vollen Sie mir das Vergnuͤgen rauben. dankbar zu ſeyn? Sie ließen ein Wort von Armuth fallen— Fähnr. Wahrlich nicht fuͤr Sie. Könnte ich hier Anſpruch auf Belohnung machen, ſo wuͤrde meine Hand⸗ lung zweydeutig ſcheinen. Arm bin ich; aber druͤckend könnte meine Armuth nur dann werden, wenn ich ge⸗ 100 Das Schreibepult, zwungen wäre, eine gute That an den Meiſtbietenden zu verkaufen.(ſchnell ab.) Zwoͤlfte Scene. Vorige, ohne Fähnrich⸗ NV. Lupp.(uͤr ſich) Verdammter Streich! Emil. Geimlich) Was ſoll ich nun thun? Dieth. Madame, ich wunſche Ihnen Gluͤck zu ei⸗ nem ſo wackern Sohne! Ihnen, liebe Emilie, verzeihe ich von Herzen, denn Sie haben mir ja vorher geſagt, daß Sie ſchreyen wuͤrden. Emil. Cheimlich) Mama, was ſoll ich thun? M. Lupp. Geimlich) Falle in Ohnmacht! Dieth. Aber wozu war hier ein Bramarbas von Bruder noͤthig? In Zukunft trauen Sie mehr auf Ihre Reize, die keines Sekundanten beduͤrfen. M. Lupp. Cheimilich) Fall in Ohnmacht, ſag ich dir!(Emilie fällt in Ohnmacht.) Dieth. Bravo! Das kleidet Sie vortrefflich! D geſchwind, ſchone Emilie! laſſen Sie Ihr Haupt auf dieſem Buche ruhen!(ſchiebt ihr ein Buch unter ihren Kopf.) So!„Wie ſoll ein junges Frauenzimmer ſich wuͤrdig bilden?“ Was meinen Sie, Madame? Der Con⸗ traſt iſt allerliebſt!— M. Lupp. Cergebens ihre Impertinenz zu Huͤlfe rufend) Herr Diethelm! Dieth. O Mutter! Muͤtter! ſchämt euch doch der Katzentuͤcken, mit denen ihr fuͤr eure Tochter auf Raub oder die Gefahren der Jugend. 101 ausgeht! Bildet eure huͤbſchen Gaͤnschen zu braven, haͤuslichen Gattinnen, und es wird ihnen an Maͤnnern nicht fehlen.(Madame Luppnitz fällt in Ohnmacht) Was? Beyde? Ha, ha, ha! Im Grunde iſt das ſo uͤbel nicht.— Wo es an einer Antwort fehlt,— je nun, da hilft man ſich mit einer Ohnmacht.— Sehr wohl, meine Damen! Bleiben Sie in dieſer reizenden Stellung, ſo lange es Ihnen beliebt! Aber mir den Schreck zu vergelten, das iſt billig.(Kuͤßt Emilien) Sie erwacht nicht! Guͤßt ſie noch einmal) Ach, ſie iſt todt!(geht lachend ab.) M. Lupp.(ſchlägt die Augen auf und ſieht ihm nach) Fort iſt der Schwiegerſohn! Emil.(eben ſo) und meine Brillanten.(Sehen einander wehmuͤthig an.) Dreyzehnte Scene. (Zimmer des Rath Erlen, in welchem unter andern Mo⸗ beln auch ein Schreibepult.) Rath. Critt mit einem Billet in der Hand ein.) Ein Billet von Eckſtedt— das wird entſcheiden. (betrachtet es unruhig) Sollte mein Gläubiger darauf beſtehen, mich auszupfaͤnden?— Ach, die Summe iſt ſo gering!— aber er iſt reich, und folglich hart! Ich bin auf das Schlimmſte gefaßt.(erbricht das Billet)„Mit Betruͤbniß melde ich Ihnen“— Ha! das ahndete mir!(ſucht ſich zu faſſen, geht auf und 102 Das Schreibepult, niedet und lieſt dann weiter)„Mit Betruͤbniß melde „ich Ihnen, daß alle Ihre Vorkehrungen fruchtlos ge⸗ „weſen. So eben erhalte ich den Befehl, Sie auszu⸗ „pfaͤnden. Ich eile, wackerer Mann, Ihnen davon „Nachricht zu geben, damit der Schlag Sie nicht ganz „unerwartet treffe.“— Ich danke dir, guter Eckſtedt! ——„In einer halben Stunde bin ich bey Ihnen.“ — Wohlan! So kommt denn und nehmt mir Alles. Mein Weib, meine Kinder, und mein Herz koͤnnt Ihr mir doch nicht nehmen.(Wirft ſich auf einen Stuhl, und verbirgt den Kopf in ſeinen Arm.) Vierzehnte Scene. Rath. Räthin. Räthin.(als ſie ihn in dieſer Stellung erblickt) Was iſt dir, lieber Mann?(Rath kehrt ſich mit halbem Leibe nach ihr, und reicht ihr wehmuͤthig die Hand) Mein Gott! was iſt dir? Rath. Ich dachte ſo eben daruͤber nach, was du doch anfangen wuͤrdeſt, wenn mich einſt eine langwierige Frankheit befallen ſollte. Raäͤthin. Wie köminſt du darauf? Du biſt doch nicht krank? Rath. Nein, aber ich werde alt.— Wirklich, der Gedanke quält mich.— Wovon wuͤrdeſt du meine Pflege beſtreiten? Räthin. Haſt du nicht Weib und Kinder? — —— oder die Gefahren der Jugend. 108 Rath. Sehr gut; aber der Arzt,— die Arzney — der Unterhalt, waͤhrend ich nichts verdienen koͤnnte? Räthin. Boͤſer Mann! Warum marterſt du mich mit ſo bangen Vorſtellungen? Rath. Sprich: was wuͤrdeſt du thun? Rathin. Je nun, ich wuͤrde alles verkaufen, was ich habe, ausgenommen dein Bette, und einen Stuhl, um vor deinem Bette zu ſitzen.* Rath. und ſelbſt auf Stroh ſchlafen? Räthin. Warum nicht? Tauſende ſchlafen gut darauf. Der Himmel weiß, welcher Weichling das Stroh in ein ſo boſes Geſchrey gebracht hat. Rath. und wenn ich nun wieder geſund wuͤrde? Räthin. Dann wurde ich ja fuͤr alle die kleinen Aufopferungen belohnt. Rath. und wenn wir nun nichts, gar nichts mehr haͤtten? Räthin. Dann fingen wir wieder an zu arbeiten, und wie ſanft wuͤrden wir ruhen, wenn nach einigen Monaten das erſte Kiſſen verdient waͤre? Rath.(faßt ſie in ſeine Arme) Mein treues, gu⸗ tes Weib! wir haben nichts mehr. Räth.(ſtutz) Beſter Mann! Du ſagſt das in einem Tone— Rath. Doch wohl nicht im Tone der Verzweif⸗ lung? Ich bin geſund und kann noch arbeiten. Räthin. Iſt denn etwas vorgefallen? Rath. Pir ſchlafen dieſe Nacht auf Stroh. 104 Das Schreibepult, Räthin.(ihre unruhe verbergend) Rede deut⸗ licher, du kennſt mich. Rath. Bruckmann hat mich verklagt. Räthin. Das wußte ich ſchon. Rath. Ich kann nicht bezahlen. Räthin. Aber du hatteſt Hoffnung— Rath. Ich hatte. Ich baute auf die Menſchlich⸗ keit eines reichen Mannes; das heißt: ich baute auf Sand. Räthin. Er will nicht warten? Rath. Heute laͤßt er mich auspfaͤnden. Räthin. Geftig erſchrocken) Heute ſchon? Rath. Ich erwarte die Kommiſſion jeden Augenblick. Räthin.(in großer Bewegung, faßt ſich aber mit moglichſter Anſtrengung) Wohlan, in Gottes Namen! Jetzt danke ich dir fuͤr den ſchwermuͤthigen Eingang zu dieſer Entdeckung!(verſchluckt ihre Thränen) Es wäre ja weit ſchlimmer, wenn ich alles hätte verkaufen muͤſ⸗ ſen, um einen kranken, geliebten Mann zu pflegen. Rath. So hoffte ich dich zu findenz(umarmt ſie geruͤhrt) und ſo finde ich dich. Räthin. WVir gehören ja nicht zu den Leuten, die die Haͤnde in den Schoos legen und ſprechen: Gott wird uns helfen! * Rath. Meine Wilhelmine! Wir haben gethan, was wir konnten. Wir ſind fleißig und ſparſam geweſenz jetzt dürfen wir mit Vertrauen unſere Haͤnde falten, und ſprechen; Gott wird wohl helfen! oder die Gefahren der Jugend. 105 Räthin. Füͤr die erſten Tage iſt geſorgt. Du gehſt zu unſerm Karl,— ich zu Sophien.. Rath. Du wollteſt dich von mir trennen? Du, mein Troſt und meine Stuͤtze?— Als Gott die Armuth in meines Lebens Waagſchale warf, da legte er in die andere das Glck der Ehe, und die Schale ſank. Wir wollen uns nicht trennen. Räthin.(an ſeinem Halſe) Nein, wir wollen uns nicht trennen. Rath. Wenn du nur bey mir bleibſt, ſo iſt mein Haus nicht leer. Stuͤhle und Liſche machen ja des Men⸗ ſchen Gluͤck nicht aus. Wenn ich dich nur um mich ſehe, dich, ſanfte Dulderin! o dann habe ich Muth und Kraft. Ohne dich kann ich weder beten noch arbeiten. Raͤthin. Wir wollen uns nicht trennen— wir ſchlafen auf Stroh. (Rath reißt ſich aus ihren Armen, als er ein Ge⸗ rauſch hört.) Funfzehnte Scene. Vorige. Eckſtedt. Eckſt.(zu einigen Gerichtsdienern, die ſich an der Thür zeigen) Wartet, bis ich euch rufe!(tritt ein und gruͤßt höflich) Glauben Sie mir, Herr Rath, daß in meiner Amtsfuͤhrung von dreyzehn Jahren mir noch nie meine Pflicht ſo ſchwer geworden, als heute. Rath. Das dankt Ihnen mein Herz⸗ 106 Das Schreibepult, Eckſt. Sie kennen meine Lage. Eine Menge Kin⸗ der und karges Brod. Ich wollte gern helfen, wenn ich könnte. Rath. Des Redlichen Mitleid iſt auch eine Wohl⸗ that. Verwalten Sie Ihr Amt!— Sie ſehen, daß wiy gefaßt ſind. 4 Eckſt. Ich freue mich, Sie ſo zu finden. Ich be⸗ wundere dieſe brave Frau, und moͤchte Sie faſt glůͤck⸗ licher nennen, als den harten Mann, in deſſen Namen ich hier erſcheine. Rath. O gewiß, ich bin gluͤcklicher. Räthin. Hier ſind die Schluͤſſel, Herr Kommiſ⸗ ſair, zu allem, was dieſe Wohnung enthält. Eckſt. Sie werden die Güte haben, mir anzuzeigen, was etwa Ihnen perſonlich gehoͤrt. Räthin. Mir? perſoͤnlich? Nichts, mein Herr! Eckſt. Ihre Ausſteuer an Moͤbeln— Silberzeug — Waͤſche— 4 Räthin. Ich war ein ſehr armes Mädchen,— ich habe meinem Manne nichts zugebracht, als mein Herz. Eckſt. Vielleicht Geſchenke von Verwandten, Pathen⸗ geſchenke und dergleichen? Räthin. Was mein war, iſt auch ſein. Eckſt. Sie haben ſich ja nicht fuͤr Ihres Mannes Schulden unterſchrieben. thun. Käthin.(nit edler Hize) So will ich es noch oder die Gefahren der Jugend. 107 Eckſt. Bedenken Sie doch! Sie ſind beyde nicht jung mehr; entbloßet von jeder Bequemlichkeit. Räthin. unter welchem Titel ſollten wir etwas zuruͤckbehalten? Als Geſchenke eines Mannes, den wir verachten? Oder als Gewinn eines wiſſentlichen Be⸗ trugs? Eckſt. Wahrlich, Sie erſchweren mir meine Pflicht auf eine ſeltſame Art. Rath. Geſtehen Sie aber auch, Herr Kommiſſair, Sie werden dafür belohnt. Nur in ſolcher Lage lernt man Menſchen kennen. Welch ein Weib haben Sie heute kennen gelernt! Eckſt.(eruͤhrt) Ich ſehe wohl, daß Sie reicher ſind, als die Welt vermuthet. Wohlan! So laſſen Sie uns den Anfang machen. Iſt dies Schreibepult offen? Rath oͤffnet es) Wollen Sie nicht Ihre Papiere her⸗ aus nehmen.? Rath.(indem er die Papiere herausnimmt) Wiſſen Sie auch, daß von allem, was ich beſitze, der Verluſt dieſes Schreibepults mir am wehſten thut? Eckſt. Man gewohnt ſich an ſo etwas. Rath. Das iſt es nicht. Dies Schreibepult ge⸗ hoͤrte vormals meinem alten Freunde Diethelm. Er ſaß davor, als ich ihn das Letztemal ſah⸗ Nach ſeinem Tode wuͤnſchte ich ein Andenken von ihm zu beſitzen, und man uͤberließ mir dieſes hier. Eckſt. Das war wenig genug fuͤr den anſehnlichen Verluſt, den Sie damals erlitten. Das Schreibepult, Nath. Nur Gott und mein Gewiſſen ſind von der Wahrheit dieſes Verluſts uͤberzeugt. Eckſt. und jeder rechtſchaffene Mann, der eie kennt. Rath. Es iſt leer. Hier iſt der Schlůſſel. Eckſt.(unterſucht das Schreibepult) Hm! hm! Iſt denn nicht da noch ein verborgenes Schubfach? Rath. Das ich nicht wuͤßte! Eckſt. Es kommt mir doch ſo vor— hier in die⸗ ſer Gegend. Ich habe ſelbſt ein ahnliches Burcau,— hier ſcheint es mir ſo dick— da könnte wohl eine Feder verborgen liegen. „Rath. Ich bin nie darauf gefallen, es zu unter⸗ ſuchen. Eckſt.(nach einer Pauſe druckt er an einer Feder, und ein verborgenes Schubfach ſpringt hervor) Sehen Sie da — allerdings— ganz recht— hier iſt ein verborgenes Schubfach— und zwar voller Papiere. Rath.(Eerſtaunt) Die mir nicht gehoͤren. Eckſt. Ey, ey! Hier iſt ja Geld im ueberfluß. Sehen Sie da— ein ganzes Papier Banknoten. Rath. Cbeſieht es) Großer Gott! Das iſt mein Geld! Räthin. Waͤre es möglich! Rath. Das ſind meine 7000 Thaler. Räthin. Gott! Du warſt uns nahe in der Stunde der Pruͤfung. Rath. Herr Kommiſſair, das iſt das nämliche Geld, welches ich dem alten Diethelm am Abend Fa Todes brachte. oder die Gefahren der Jugend. 109 Eckſt. Ich verſtehe. Nun da klärt ſich ja alles auf. Der alte Mann hatte ſeines Freundes Geld gut genug verwahrt. Räthin. Er hatte eben Geſchaͤfte, hatte es ver⸗ muthlich aus der Hand gelegt. Eckſt. Es iſt klar! Ey, ey, und ich bin ſo gluͤck⸗ lich,— mich hat der Himmel zum Werkzeug erkohren, — Herr Rath! Ich wuͤnſche Ihnen von Herzen Gluͤck, und gehe mit Freuden meiner Wege. Rath. Halt, Herr Kommiſſair! Darf ich Gebrauch von dieſem Gelde machen? Eckſt. Warum nicht? Es iſt ja das Ihrige. Schlimm genug, daß das ſchone Kapital ſo lange todt gelegen.* Rath. Habe ich Ihnen nicht ſo eben erklärt, daß die Papiere, welche dieſes Schubfach enthielt, mir nicht zugehorten? Eckſt. Aber ſie gehoren Ihnen ja zu. Rath. Als des jungen Diethelms Vormünder mir dies Schreibepult zum Geſchenk machten, wußten ſie etwas von deſſen Inhalt? Eckſt. Das wohl eben nicht. Rath. und wenn ſie es gewußt haͤtten? Gckſt. Sie waren ehrliche Männer, und wuͤrden ohne Bedenken das Geld zuruͤckgezahlt haben. Rath. Doch wohl nicht ohne unterſuchung? Eckſt. Was iſt da zu unterſuchen? Die Sache iſt ja klar, wie die liebe Sonne. Vermißt etwa Diet⸗ 110 Das Schreibepult, helm dieſe Summe? Klagt er etwa, daß er in ſeinen Büchern um 7000 Thaler zu kurz komme? Nein, er vermißt nichts,— ihm fehlt kein Heller. Wem gehort folglich das Geld? Ihnen. Rath. Alles wahr! Aber hier iſt die Frage: darf ich mir etwas zueignen, was durch Zufall in dem Pulte eines Verſtorbenen blieb, deſſen Erbe ich nicht bin? Eckſt. unter andern umſtaͤnden freylich nicht. Rath. Darf ich uͤber dieſe Umſtaͤnde richten? Eckſt. Lieber redlicher Mann! Rath. Darf ich ſchweigen? Konnten nicht außer dem Gelde auch noch andere Dinge in der Schublade liegen? Sckſt.(wirft einen Blick dahin) Nun ja, da liegt auch wirklich noch ein Brief, den haben wir in der erſten Freude uͤberſehen. Rath. Ein Brief? An wen? Eckſt.(lieſt die Adreſſe)„An meinen Sohn, Frie⸗ „drich Wilhelm, am Tage ſeiner erlangten Vollzährig⸗ „keit zu eroͤffnen.“ Rath. Nun, lieber Freund, ſoll ich auch dieſen Brief unterſchlagen? Eckſt. Ey, was hat der Brief mit Shrem Geide zu ſchaffen? Rath. Beydes trage zu Diethelm. Eckſt. Ich warne Sie. Der junge Diethelm iſt ein Verſchwender. Wer weiß, ob er nicht etwa fähig * oder die Gefahren der Jugend. 111 wäre, das Geld zu nehmen, und ſich ganz trocken zu bedanken. Rath. Wenn ich thue, was Redlichkeit mir zur Pflicht macht, ſo entſage ich darum nicht meinem Rechte an dieſem Gelde. Nur die Befugniß, darüber zu ent⸗ ſcheiden, därf ich mir nicht anmaßen. Eckſt. Der Caſus iſt mir in Praxi noch nicht vor⸗ gekommen. Ich mochte wohl wiſſen, was ein Kantianer dazu ſagen wuͤrde? Thun Sie, was Sie wollen; was mich betrifft, ſo habe ich vor der Hand hier nichts zu ſchaffen. Wenn Diethelm kein Schurke iſt, ſo haben Sie Geld im ueberfluß. Sie bezahlen Ihre Schulden, und ſind ein wohlhabender Mann;(ſchuͤttelt ihm die Hand) woruͤber ich mich denn aufrichtigſt freue. Mit ſchwerem Herzen ging ich an das Geſchaͤft; aber es hat mir herrliche Sporteln getragen. Leben Sie wohl!(ab.) Sechzehnte Scene. Rath. Räthin. Rath. Du ſagſt zu alle dem kein Wort? Räthin. Ich bewundere Dich. Rath. Man billigt nicht alles, was man bewundert. Räthin. Ich will nicht läugnen, daß deine Tugend mir allzuſtreng vorkommt. Rath.(ſanft) Gieb mir Gruͤnde! Räthin. unſere bedraͤngte Lage. Rath. Man muß nach Ueberzeugung und nicht nach Umſtänden handeln. Das Schreibepult, Räthin. Iſt das Geld nicht unwiderſprechlich dein Eigenthum?* Rath. Wer weiß das? Räthin. Du,— ich,— Gott. Rath. Genug fuͤr mein Gewiſſen, nicht genug fur meine Mitbuͤrger. Ich will nicht blos chrlich ſeyn, ich will es auch ſcheinen. und kurz;— chalb im Scherz) Frauenzimmern darf man ja auch Gefuͤhl für Gründe geben,— kurz, liebes Weib, ich fuͤhle, daß ich ſo handeln muß. Drum laß mich eilen, Diethelm aufzuſuchen. Wenn nur ein Tropfen vom väterlichen Blute in ihm rinnt, ſo kehre ich ſchnell und froh zuruͤck. (Nimmt Huth und Stock und reicht ihr die Dand Leb wohl, gute Wilhelmine! Raäthin. Gott ſey mit dir! Rath. Wir ſchlafen heute nicht auf Stroh.(ab.) Räthin.(ihm nachſehend und die Haͤnde thig faltend) Gott ſey mit ihm! (Ende des dritten Akts.) * oder die Gefahren der Jugend. 113 Vierter Akt. Diethelms Zimmer.) Erſte Scene. Diethelm(ſitzt im Lehnſtuhl und lacht ausgelaſſen.) Herrmann(ritt ein.) Perrm. Sie haben mich rufen laſſen? Dieth. Ha, ha, ha! Herrm. Darf ich mit lachen? Dieth. O ja, lieber Herrmann! wuͤnſchen Sie mir Gluͤck Herrm. Wozu? Dieth. Ich bin gepluͤndert. Herrm. Ein ſauberes Gluͤck Dieth. Meine Schranke, meine Kaſten,— alles rein ausgepluͤndert. Herrm. Von wem? Dieth. Von wem anders, als von meinem ſaubern Flink? Waͤſche und Kleider, Spitzen und Ringe, alles hat er mir eingepackt. Ich habe nichts, als dieſen Rock und dieſes Hemd. Herrm. Man muß ihm nachſetzen. Dieth. Richt doch! Heute iſt für mich ein Tag des unterrichts; heute habe ich viel gelerm. Flink war Kotzebues dram. Werke 11. Th. 8 — „ 114 Das Schreibepult, auch einer von meinen Profeſſoren. Er habe Dank und ziehe in Frieden. Herrm. Der Verluſt iſt doch anſehnlich genug. Dieth. Weit geringer, als mein Gewinn. Was iſt ein Dutzend Kleider gegen eine einzige praktiſche Lehre der Lebensweisheit?— Spieler, Geiſterſeher, habſuͤchtige Muͤtter, kokette Tochter, ſpitzbuͤbiſche Bedienten,— alle an einem Tage entlarvt! Wuͤnſchen Sie mir Gluͤck, Herrmann! Herrm. Von ganzem Herzen. Dieth. Ich bin wieder frey. Alle Fäden ſind zer⸗ riſſen, mit welchen ich umſponnen war. Herrm. Das gebe Gott! Dieth. Heute habe ich gelernt, daß der Pfad des Jünglings der ſchmalen Brucke in Wielands Wintermaͤr⸗ chen gleicht; wenn keine hohere Macht ihm hinuͤber hilft, ſo ſturzt er herab. Herrm. Sehr wahr! Dieth. Gott ſey Dank! Ich bin am ufer. Herrm. Gewiß? Dieth. Am ufer, ſag' ich Ihnen, und ein weibli⸗ cher Genius reicht mir freundlich die Hand. Ja, Herr⸗ f mann, nun will ich heirathen. Herrm. So plozlich? Dieth. Weiß ich doch nun, worin das Glüc nicht beſteht,— Herrm. Das iſt freylich ſchon etwas. Dieth. und ahnde, wie ich es ſuchen muß. * oder die Gefahren der Jugend. 115 Herrm. Ich verſtehe Sie nur halb. Dieth. Hoͤren Sie die wunderbare Geſchichte die⸗ ſes Tages. Eine ſeltſame Verkettung von Zufällen und Durchkreuzungen von guten und boͤſen Menſchen.— Es wird geklopft.) O weh! wir werden geſtört. Pfuy, daß mich grade jetzt—„ 3weite Scene. Vorige. Rath. Herrm. Sieh da, der Herr Rath Erlen! Ein ſeltner Beſuch. Rath.(nach einer Verbeugung) Ein Haus, in dem man frohe Jahre durchlebte, betritt man ungern wieder, wenn die alten Bekannten nicht mehr darin wohnen. Dieth. Als meines Vaters Erbe durfte ich hoffen, er habe mir auch ein Recht an Ihrer Freundſchaft hinterlaſſen. Rath. Ich bin alt, Herr Diethelm. Juͤnglinge und Greiſe paſſen ſo wenig zuſammen„ als der Vogel und die Auſter. Aber ich liebe Sie als den Sohn meines alten Freundes, den ich oft auf meinen Armen getragen, und der ſo gern zu meiner Taſche kroch, weil ſie ein Konfektmagazin fuͤr ihn war. Heute bringe ich Ihnen auch etwas mit, doch weiß ich kaum, ob es Ihnen ſo viel Freude machen wird, als damals ein Stuck Marzipan.(greift in die Taſche) Es iſt Geld. 116 Das Schreibepult, Dieth. Geld? Sie mir?(bey Seite) Sollte So⸗ phie geplaudert haben?*. 3 Rath. Vom Hörenſagen werden Sie wiſſen, daß ich am Todestage Ihres Herrn Vaters ihm eine Summe Geldes brachte, die ſich nachher nirgends fand. Dieth. Leider! Rath. Nun hat ſich ein ſonderbarer Zufall ereig⸗ net.— Zufall? Gott, vergieb mir! Es war das Werk deiner Vorſehung. Ich erhielt damals zum Andenken das Schreibepult Ihres Vaters.(zu Herrmann) Sie werden ſich deſſen wohl noch erinnern?. Herrm. Vollkommen! Rath. In dieſem Schreibepulte wurde heute durch ein Ohngefähr ein geheimes Schubfach entdeckt; es la⸗ gen 7000 Thaler darin, die ich Ihnen hiermit, meiner Pflicht gemoͤß, uberliefere. Dieth. Wie, Herr Rath? Mir? warum mir? Rath. Weil das Schreibepult Ihnen zugehoͤrte, und weil Ihre Vormuͤnder nicht wußten, welch ein Schatz darin verborgen lag⸗ Dieth. Aber 7000 Thaler,— grade ſo hoch belief ſich ja die Summe, welche Sie meinem Vater anvertrauten? Rath. Ganz recht! Dieth. Run, ſo iſt es ja Ihr Geld. Herrm. Ohne allen Zweifel. Rath. Ja, Herr Diethelm, ich glaube ſelbſt, daß es mein Geld iſt, aber die Art, wie ich es zuruͤck em⸗ v oder die Gefahren der Jugend. 117 pfange, legte meinem Gewiſſen die Verbindlichkeit auf, es nicht eher als das Meinige anzuſehen, bis auch Sie es dafuͤr erkannt haben. Dieth. Mein Gott! Welche Frage? Herrm. Wackerer Mann! Ich bewundere Sie! Rath. Sie ſind alſo uͤberzeugt durch den Augen⸗ ſchein und das Wort eines ehrlichen Mannes, daß dies Geld mein wahres Eigenthum iſt? Dieth. Wie koͤnnte ich anders? Rath. Ich danke dir, Gott! Du warſt mir nahe in einer boͤſen Stunde. O daß jeder Verzweifelnde meine Geſchichte hoͤre, und der Vorſehung trauen lerne! Herrm.(druͤckt ihm geruͤhrt die Hand) Lohn der Tugend! Dieth. Ich freue mich, Herr Rath— bey Gott! ich freue mich mehr, als ſey das reichſte Schiff aus dem Sturme mir gerettet worden. Rath. Das durfte ich von Ihrem Herzen erwarten. Dieth. Indeſſen iſt unſere Rechnung noch nicht geſchloſſen. Rath. Wie verſtehen Sie das? Dieth. Ich bin Ihnen ſeit zehn Jahren die Zin⸗ ſen dieſes Kapitals ſchuldig. Herrm.(bey Seite) Bravo! Rath. Mit nichten. Dieth. Allerdings. Was können Sie dafür, daß der Erbe Ihres Schuldners das Schreibepult ſeines Erblaſſers nicht ſorgfältiger unterſuchte? 18 Das Schreibepult, Rath. Sie waren ein Kind. Dieth. Doch meine Vormuͤnder. Allenfalls koͤnnte ich von dieſen Erſatz begehren. Sie aber duͤrfen auf keinen Fall dabey verlieren. Rath. Das iſt edel, Herr Diethelm. Dieth. Meine Pflicht. Rath. Ich ſehe es, mein alter Freund lebt noch. Das Zimmer war mir gleich wieder ſo bekannt; denn hier ſtehen noch die alten Stuͤhle,— die namliche Wanduhr, und mun finde ich auch ihn ſelbſt wieder.— Ich danke Ihnen, lieber, junger Mann, fuͤr Ihr groß⸗ muͤthiges Anerbieten, und wenn ich gleich keinen Ge⸗ brauch davon machen werde, ſo verlaſſe ich Ihr Haus doch wahrlich froher, als wenn meine Taſchen von Ihrem Gelde ſtrotzten. Dieth. Wirklich, Herr Rath, Sie müſſen es annehmen. Rath. Ich muß nicht; aber Ihre edeln Geſinnun⸗ gen belohnen, das muß ich und das will ich auf der Stelle. Es fand ſich bey dieſem Gelde noch ein eigen⸗ handiger Brief, ein Vermächtniß der Vaterliebe; hier iſt er!(Diethelm nimmt den Brief haſtig, erbricht ihn und lieſt ihn heimlich. Rath wendet ſich indeſſen zu Herrmann.) Guter Herrmann! wir ſind auch ſo aus einander gekom⸗ men. Wie geht es Ihnen? Herrm. Wie dem Pferde in unſerer Fabrik. Ich trete noch immer auf eine Stelle. Rath. Es iſt traurig, daß Geſchaͤfte und Verhält⸗ oder die Gefahren der Jugend. 119 niſſe ſo manche gute Menſchen aus einander reißen, die ſich einſt ſo nahe waren. Herrm. Ach, lieber Herr Rath, ich habe Ihrer oft mit Wehmuth gedacht. Der Sonnabend Abend, wenn wir in dieſem Zimmer bey einem Glaſe Rhein⸗ wein Muth und Kraft fuͤr die neue Woche ſWöpfſen— ich werde das nie vergeſſen. Rath. Drey Freunde,— ein Glas Wein und eine vheitere Stunde— o das erquickt den Menſchen! Es iſt mir lange nicht ſo gut geworden. Herrm. Chlickt auf Diethelm) Sie weinen, lieber Friedrich? Dieth. Gum Rath) Sie hatten Recht; es iſt ein vaterlicher Brief. Rath. Ich freue mich dieſer ſuͤßen Wehmuth, und gehe, um Ihren kindlichen Gefuͤhlen freyen Lauf zu laſſen.(reicht ihm die Hand.) Sie haben ſich meine Achtung erworben. Dieth. Wenn das iſt, ſo beſchämen Sie ich nicht. Ich werde Sie Wir haben noch Ge⸗ ſchaͤfte mit einander. Rath. Geſchaͤfte haben wir nicht; aber als Freund ſoll mir der Sohn des Freundes willkommen ſeyn. Dieth.(mit einiger Bewegung) und Ihre Kinder? — Nicht wahr, Sie haben Kinder? Rath. Sie waren einſt Ihre Spiettameraden. Kommen Sie, lieber junger Mann, um ſich im Schoos meiner Familie Ihrer kindiſchen Freuden zu erinnern.(ab.) Das Schreibepult, Dritte Scene. Diethelm. Herrmann. Dieth.(ganz betäubt.) Wie iſt mir geſchehen Herrm. Sie ſcheinen ſehr bewegt. Dieth. Leſen Sie!(deutet auf eine Stelle des Briefes) Leſen Sie hier! Herrm.(leſt)„Und wenn Sophie Erlen das wird, was ſie verſpricht, das Ebenbild ihrer wackern Mutter und der Deinigen, dann mein Sohn, dann flehe ich zu Gott, daß du in meinem Freunde einen Vater, und in dem Maͤdchen einen Schatz findeſt, den ich dir nicht hinterlaſſen kann. Gluͤck der Liebe, häus⸗ liche Zufriedenheit—“(ſchweigt und ſieht ihn ſcharf an.) Dieth.(in Gedanken verloren) Sonderbar! Sie heißt auch Sophie. Herrm. O moͤchte dieſer Wunſch Ihres Vaters nicht gegen Ihre Neigung ſtreiten. Dieth. Guter Herrmann, ich liebe eine Sophie,— aber ſie iſt nicht Erlens S r ich jene fruͤher geſehen— vielleicht— Herrm. Noch immer die Grile vom Kammer⸗ mädchen? Dieth. Pfuy, Herrmann! Was waͤre ich dann, wenn mein Wohlgefallen an Tugend— Schoͤnheit eine Grille wäre! Herrm. Schminke giebt Schonheit— Tugend läßt ſich erheucheln. oder die Gefahren der Jugend. 121 Dieth. Abgebeten, ungerechter Zweifler!— Sie ſelbſt hat meine Hand ausgeſchlagen. Herrm. Wie? Sie haͤtten bereits— Dieth. Ihre Lehren befolgt.. Herrm. Gott! welche uebereilung! Dieth. Uebereilung?— Kenne ich das Mädchen ſeit geſtern? Herrm. Iſt ſie eine Kokette, reichen Jahre nicht hin, ſie auszuſpähen. Dieth. Kokette? O wie wird der arme Herrmann ſich ſchaͤmen, wenn er Sophien erblickt! Herrm. Ich ſehe nicht mit den Augen des Lieb⸗ habers. Dieth. Ihr verdanke ich die Rettung aus den Schlingen der vornehmen Beutelſchneider. Herrm. Das iſt gut. Dieth. Sie war es, die mich warnte, auf die Ge⸗ fahr, ihr karg Stuͤck Brod einzubüͤßen. Herrm. Alles gut; aber vielleicht nicht abſichtlos. Dieth. Sie war es, die aus Delikateſſe mir ihre Hand verweigerte. Herrm. Fein, ſehr fein! Dieth. und nur dann erſt wankte, als ich das Gluͤck ihrer armen Aeltern in mein Spiel zog. Herrm. Wer ſind ihre Aeltern? Dieth. Das weiß ich nicht, und werde es früh genug erfahren. Wackere Leute muͤſſen es„ denn kein Dornenſtrauch bringt ſolche Fruͤchte. 122 das Schreibepult, Herrm. O warum ward dieſer Brief nicht fruͤher entdeckt? 2 Dieth. Lebte mein Vater noch, er haͤtte ihn ſelbſt zerriſſen. 8 Herrm. Sehen Sie zum wenigſten erſt Erlens Tochter. Dieth. Das will ich, daß muß ich; aber nicht, um Vergleichungen anzuſtellen, denn meine Wahl iſt entſchieden. Herrm. Nun, ſo ſehen Sie ſie lieber gar nicht. Dieth. Doch, mein Freund! Ich will fuͤr ſie thun, was ich kann, und was der Wunſch meines Va⸗ ters mir zur Pflicht macht. Erlen hat die Zinſen ſei⸗ nes Kapitals ausgeſchlagen?— wohl! ich beſtimme ſie der Tochter zur Ausſteuer. Billigen Sie das? Herrm. Es iſt viel und wenig, wie man's nimmt. Dieth. Gern will ich mehr thun, ich will brüder⸗ üch mit ihr theilen; nur auf mein Herz darf ſie keinen Anſpruch machen; denn das kennt nur eine Sophie!— Ich eile, um den Willen meines Vaters wenigſtens halb zu vollbringen, und dann zu Sophien, ſie noch heute der unwuͤrdigen Dienſtbarkeit zu entreißen.(ab.) Herrm.(Den Kopf ſchuttelnd.. Armer Jüngling! faſt mocht' ich die Spieler und Geiſterſeher zuruͤck wuͤn⸗ ſchen; ſie ſind minder gefaͤhrlich, als ein paar ſchöne Augen.(ab.) oder die Gefahren der Jugend. 123 Vierte Scene. Gimmer des Rath Erlen.) Raͤthin(geht unruhig auf und ab.) Einſamkeit! du warſt mir ſonſt ſo lieb; warum druͤckſt du mich heute? Furcht und Hoffnung! als die Bruſt des Menſchen euch gebahr, da ſprach Gott: es iſt nicht gut, daß der Menſch allein ſey. Ein nahes ungluͤck iſt wie ein nahes Gewitter: Kinder und Haus⸗ genoſſen verſammeln ſich gern,— ich aber bin allein! Marternde Ungewißheit! Jede ferne Moglichkeit quält mich,— und ich bin ganz allein. Fuͤnfte Scene. Raͤthin. Sophie. Sophie.(fliegt haſtig an ihren Hals.) Mutter! Mutter! Raͤthin. O ſey mir willkommen, liebe Sophie! Bleib bey mir! Ach, wie froh bin ich, daß ich Kinder habe!(druͤckt ſie feſt an ſich.) Bleib bey mir! Soph. Was iſt Ihnen? Raͤthin. Dein Vater iſt ausgegangen,— ich bin ganz allein— und ſo ſchwermuͤthig,— geh nicht von mir, bis er zuruͤckkommt. Soph. Mutter, ich verlaſſe Sie nie wieder. Räthin. Wollte Gott! Soph. Ich habe in dem verfloſſenen Jahre vieles gelitten, aber doch manches gelernt, was wenig nutzt, 124 Das Schreibeputt, unb theuer bezahlt wird. Ja, Mutter, ich kann mein Brod verdienen. Räthin. Was ſoll das? Soph. Ein Bette und einen Tiſch in dem entlegen⸗ ſten Winkel Ihrer Wohnung— vergönnen Sie mir nur das! unter Ihren Augen werde ich leicht und viel arbeiten, und immer noch leere Stunden finden, um meiner Mutter die Wirthſchaftsſorgen zu erleichtern. Nur verſtoßen Sie mich nicht wieder aus Ihrer Ge⸗ genwart! Räthin. Mein Kind, du kennſt unſere Lage— Soph. Sie ſey ſo druͤckend ſie wolle,— ich theile ſie. Mutter,— ich bin verabſchiedet. Räthin. Eerſchrocken) Verabſchiedet? Soph. Ohne meine Schuld. Räthin. Gott! in dieſem entſcheidenden Augenblick! Soph. Was ich that, verdient Belohnung, und der Himmel gewaͤhrte ſie mir auf der Stelle. Ich bin wieder bey meinen Aeltern; ich will gern ſchwarzes Brod bey Ihnen eſſen. Ach, man ruht voch nirgends ſo ſanft, als im Schooße ſeiner Familie. Räthin. Kind, du weißt nicht— dein Vater,— wir ſind in einer Verwirrung— te Soph. Dieſe Aengſtlichkeit— meine Mutter zit⸗ tert— was iſt vorgefallen? Räthin. Richts.— Dein Vater— Soph. um Gotteswillen! iſt mein Vater krank? Raͤthin. Nein! nein! oder die Gefahren der Jugend. 125 Sechſte Scene. Vorige. Faͤhnrich. Faͤhnr.(ſtuͤrzt haſtig herein) Mutter, ich hore ein Geruͤcht—. Räthin. Schweig! Fähnr. Wo iſt mein Vater? Räͤthin. Nicht zu Hauſe. Fähnr. Iſt es wahr, daß ein Kommiſſair— Räthin. Ich bitte dich, ſchweig! Soph. Was iſt das?— Ihre Angſt— die un⸗ ruhe meines Bruders— Rede, Karl! rede! Räthin. Schone ſie; es kann noch alles gut werden. Soph. Was iſt geſchehen?— Wo iſt mein Vater? Fähnr. Ich wllt zu ihm; ich will den ehrwuͤrdi⸗ gen Greis zu ſeinen harten Gläubigern fuͤhren. Söph. Gläubiger? Faͤhnr. Ich will die Schuld mit meinen Haͤnden abarbeiten. Soph. Schuld? Wie viel? Ich habe Geld. Raͤthin. Kinder! Ihr quält mich. Sey ruhig, Sophie! O Gott! muß ich euch Ruhe predigen?— Wir ſind ja ſchon mit der Armuth bekannt,— faſt moͤchte ich ſagen,— befreundet! Sie ſchreckt nur da, wo ſie ein Fremdling war. Sie iſt auch wohl⸗ thatig; denn ſie erleichtert die Buͤrde mit der Tugend. Gott und die Tugend! haltet nur feſt an beyden, ſo ſeyd ihr reich in eurer Armuth!(indem ſie weinend in * 126 Das Schreibepult, ihr Zimmer geht.) Ich wuͤnſchte euch um mich zu ſehen, und ihr brecht mir das Herz! Siebente Scene. § ähnrich. Sophie. Soph.(ſchluchzend) Meine Mutter weint. Fähnr. Sie darf weinen, wir nicht. Schweſter, wir durfen nicht weinen, wir muͤſſen handeln. Soph. Was iſt geſchehen? Fähnr. Der Vater hat Schulden,— man wird ihm alles nehmen, alles, alles. Er wird keinen Pfühl mehr behalten, um ſein graues Haupt darauf zu legen. Schweſter, wir dürfen nicht weinen; wir muͤſſen handeln. Soph. Wie, Bruder? wie? Faͤhnr. Jetzt muͤſſen wir zeigen, was Kinder für ihre Aeltern thun können. Wir ſind gluͤcklich, Schwe⸗ ſter!— nicht allen Kindern wird es ſo gut, nicht al⸗ len vergönnt das Schickſal, ihre Aeltern vom Hunger zu retten. Sophie! wir werden unſere Aeltern vom Hunger retten! ⸗ Soph. Wie, Bruder? wie?— Faͤhnr. Wir muͤſſen arbeiten. Soph. Ja! Fahnr. Des Abends will ich meine Uniform an den Nagel hängen, und mich zur Arbeit fuͤr die Nacht verdingen; gleichviel, zu welcher,— es ſey die nie⸗ drigſte,— verworfenſte— oder die Gefahren der Jugend. 127 Soph. Ja, ja, am Tage will ich nähen und waſchen, und des Nachts bey Kranken wachen. Fahnr. Recht, Sophie! ſind wir nicht jung und geſund? Ein paar Stunden Schlaf, damit kann der Menſch ſich behelfen! und ſehen wir denn auch blaß aus, ſo wird doch Zufriedenheit unſere blaſſen Wangen ſchmuͤcken.— O ich fühle eine Kraft in mir, einen freudigen Stolz! Schweſter, es gilt unſere braven Ael⸗ tern. Laß uns im Stillen handeln, ganz im Stillen, — niemand darf darum wiſſen,— ſelbſt unſere Ael⸗ tern nicht,— nür Gott und unſer Herz. Soph. Ja, Bruder, mit Freuden! Faͤhnr. Armuth, ſprach die Mutter, errichtet Bund mit der Tugend. Auf, Schweſter! laß uns die⸗ ſen goͤttlichen Bund ſchließen!(faßt ſie in ſeine Arme und ruft mit dem feurigſten Enthuſiasmus) Sophie! ich entſage dem Glanz der Ehre und dem Gluͤck der Liebe! Nur in deinen Armen will ich nach ſchwerer Ar⸗ beit meinen Lohn finden. Wir werden unſern Aeltern Brod geben. Ha! wer darf ſagen, unſre Jugend ſey nicht mit Roſen beſtreut?(vruͤckt ſie zärtlich an ſeine Bruſt und geht zur Mutter.) Achte Scene. Diethelm. Sophie. Dieth.(der gerade im Augenblick der letzten um⸗ armung die Thuͤr oͤffnete) Kaum trau' ich meinen Augen! 128 Das Schreibepult, Soph.(ſutzt) Herr Diethelm! Sie hier? Dieth. Warum erſchrecken Sie? Soph. Ich bin nicht erſchrocken; nur uͤberraſcht. Dieth. Freylich, es war ſehr unhoflich von mir. Soph. Was? Dieth. O ich habe heute viel erfahrenz abe dieſe Lehre war die bitterſte. Soph. Was iſt Ihnen? Dieth. Die Binde Wu mir von den Augen; mir ſchwindelt noch. Soph. Sie ſprechen in Räthſeln,— und ich ge⸗ ſtehe, daß ſelbſt der Zufall, Sie hier anzutreffen, mir ein Räthſel iſt. Dieth. Zufall? Ganz recht! ein allerliebſter, der⸗ maledeyter Zufall!— Sie, Mademoiſelle, ſind vermuth⸗ lich hier, um meinen Auftrag zu erfuͤllen? Ich danke Ihnen fuͤr dieſe Puͤnktlichkeit,— S gab es denn andere Geſchaͤfte. Sopyh. Welcher Ton? Dieth. Verzeihen Sie, wenn ich unbeſcheiden war. Ich habe ja kein Recht— Soph. In der That, mein Herr, ich durfte ein anderes Benehmen von einem Manne erwarten, der mir heute meinen guten Willen mit undank vergolten. Dieth. Ich verſtehe Sie nicht. Soph. Der mich durch ſeine Schwatzhaftigkeit um meinen Dienſt gebracht. oder die Gefahren der Jugend. 129 Dieth. Habe ich das?(hoͤflich und ſanft) Es thut mir leid! Soph.(empfindlich) und ich bedaure, daß ich mich in Ihnen irrte. Dieth. Wie gern boͤte ich Ihnen meine Huͤlfe an! Soph. Ich bedarf deren nicht. Dieth. Man iſt mir zuvorgekommen. Soph. Wer? Dieth. Der junge Offizier, der ſo eben davon ging. Soph. Was ſoll der? Dieth. Er ſchien ſich ſo warm fur Sie zu inter⸗ eſſiren. Soph. Allerdings! Dieth. Sie lagen ſo willig in ſeinen Armen. Soph. Ich liebe ihn von ganzem Herzen. Dieth.(ſehr bitter) Vortrefflich! Eine liebens⸗ wurdige Aufrichtigkeit! Nur ein wenig ſpät, Mademoi⸗ ſelle! D guter Herrmann! Du hatteſt wohl recht: iſt das Mädchen eine Kokette, ſo reichen Jahre nicht hin, ſie auszuſpaͤhen. 3 Soph. Cbeleidigt) Mein Herr! Dieth. Dank dem Zufall, der auch dieſe Feſſeln loͤſtel! Ja, nun will ich den Wunſch meines Vaters ganz erfuͤllen. Wo iſt Erlen? wo iſt ſeine Tochter? Sie ſey ſchon, oder haͤßlich— klug, oder dumm„— ſie wird die Meinige! Kobebues dram. Werke 11. Th. 9 Das Schreibepult, Neunte Scene. Vorige. Rath. Dieth.(geht ihm haſtig entgegen) Herr Rath! Ich bin Ihnen zuvorgeeilt— Rath. Sie hatten keine Gläubiger zu befriedigen. Dieth. Die unruhe, in der Sie mich ſehen— Rath. Iſt mir auffallend. Dieth. Wenn ich in Gegenwart dieſer Dame ein Wort im Vertrauen reden duͤrfte— Reth. Cachelnd) Ich habe kein Geheimniß vor dieſer Dame. Dieth. Nicht? Deſto beſſer! Soph. Ich will mich entfernen. Dieth. Nein, nein, bleiben Sie! Was ich zu ſagen habe, wird Ihnen nicht unerwartet kommen. Rath. Wirklich, Herr Diethelm, Sie ſcheinen mir nicht der, der Sie vor einer Stunde waren. Dieth. O ja, ich wohl, ich bin noch derſelbe. Nur die Gegenſtaͤnde um mich her haben ſich veraͤndert. Rath. Dieſer empfindliche Ton— Dieth. Er gilt nicht Ihnen, wahrlich nicht!— Ohne weitere Vorrede!— Sie beſitzen eine Tochter. Rath. Ja, Herr Diethelm⸗ Dieth. Iſt ſie ſchon verſagt? Rath. Nein! Dieth. Oder liebt ſie jemand? Rath. Das muͤſſen Sie das Mädchen ſelbſt fragen. oder die Gefahren der Fugend. 131 Dieth. Ich wuͤnſche Ihr Schwiegerſohn zu werden. (indem er nach Sophien mit bitterm Lächeln blickt) Ja, ich wuͤnſche es!(Sophie laͤchelt,— Diethelm empſind⸗ lich dadurch gekrankt) Lachen Sie nicht, Mademoiſelle! Ich wuͤnſche es von ganzem Herzen. Rath. Mein Herr! Der Antrag ſcheint ein wenig uͤbereilt. Dieth. Nein! nein! ich bin ein freyer Mann! Zwar war ich das nicht immer,— ich will geſtehen, daß ich liebte— und ſehr warm liebte— einen Ge⸗ genſtand,— meiner Liebe unwerth— ich war ein Thor! Rath. Alſo wohl gar ein Depit amonrenx, der Sie zu meiner Tochter führt? Dieth. Hier leſen Sie! Der Wunſch meines Va⸗ ters,— meine wiederkehrende Vernunft—(berreicht ihm den Brief, der Rath lieſt fur ſich, Sophie ſchlagt ver⸗ wirrt die Augen nieder— Diethelm bey Seite, indem er verſtohlen nach ihr blickt) Sie ſieht mich nicht einmal an; aber das Gewiſſen gluͤht ihr auf ihren Wangen, — ſie iſt beſchaͤmt,— bereut vielleicht,— zu ſpät! zu ſpät! Rath. Die Geſinnungen meines Freundes ruͤhren und entzucken mich, duͤrfen aber keinen Einfluß auf Ihre Wahl haben. Dieth. Meine Wahl iſt entſchieden. Rath. Sie kennen meine Tochter noch zu wenig, 132 Das Schreibepult, Dieth. Gleichviel! Der Aeltern Tugend buͤrgt fur ſie. Rath. Hat bloß ihre Geſtalt Sie gefeſſelt, ſo prufen Sie zuvor ihr Herz. Dieth. Ihre Geſtalt? Ich habe ſie nie geſehen. Rath. Wie, mein Herr? Dieth. Iſt ſie ſchoͤn, auch gut; wo nicht, deſto beſſer! Im Ernſt, Herr Rath, ich wuͤnſchte, daß ſie haͤßlich ware! Rath. choͤchſt erſtaunt) Sie kennen Sie nicht? Dieth.(ungeduldig) Nein, nein! Aber ich hoffe, Sie werden ſie rufen laſſen. Rath. Mein Gott! ſie ſteht ja vor Ihnen. Dieth. CGanz verſteiner,; Wer? dieſe Dame iſt Ihre Tochter? Rath. Das wußten Sie nicht? Dieth.(nach einer Pauſe ſich vor den Kopf ſchla⸗ gend) Schickſal! Du fuͤhrſt mich am Rarrenſeil! Rath. unbegreiflich! Ich verſtehe von der ganzen Begebenheit nichts, als die Pantomime, die Ihnen eben entwiſchte, und die ſehr deutlich ein Mißverſtändniß an meiner Sophie verrieth. Iſt das, Herr Diethelm, ſo ſeyn Sie ruhig! Sie haben ſich zu nichts verbunden. Dieth. Wenn das Ihre Tochter iſt, ſo muß ich freylich dem Gluͤck entſagen, in Ihnen einen Vater wie⸗ derzufinden, denn— verzeihen Sie, Mademoiſelle, die Indiskretion, die mir durch meine Rechtfertigung abge⸗ —,— oder die Gefahren der Jugend. 183 noͤthigt wird— dieſe Dame hat ihr Herz bereits verſchenkt. Rath. Es wuͤrde mich ſchmerzen, wenn ich das zuerſt von einem Fremden erfahren muͤßte. Soph. Mein Vater kennt mich. Dieth. Wahrhaftig, Sie ſagen das ſo ruhig, ſo zuverſichtlich, als ob kein Zeuge Sie widerlegen könnte. Soph. Mein Vater wird mir mehr Glauben bey⸗ meſſen, als einem verblendeten Zeugen. Dieth. Verblendet?2 Allerliebſt! Rath. Kinder! Ihr macht mir den Kopf ſchwind⸗ licht! Sophie! faſt ſcheint es, als habeſt du dieſen Herrn ſchon länger gekannt. Dieth. Errathen! Rath. Wirſt du dich näher erklären? Dieth. O nein, das wird ſie nicht. Soph. Sagen Sie alles, was Sie wiſſen. Dieth. Sie trotzen auf meine Delikateſſe. Soph. Trotzen darf man nur auf Unſchuld. Dieth. Das iſt zu arg! Soph. Ich fordere Sie auf! Reden Sie! Dieth. Wohlan! wenn Sie es durchaus verlangen! Es thut mir leid, Herr Rath, Sie vielleicht aus einem ſüͤßen Traum wecken zu muͤſſen. Als ich hier iné Zimmer trat, ſtand dieſe Dame— ſoll ich weiter reden? Soph. Weiter! weiter! Dieth. In den Armen eines jungen Offiziers, „ 134 Das Schreibepult, Rath.(zu Sophien) Iſt das wahr? Soph. Ja! Dieth. O ſchoͤn! Sie hält es nicht einmal der Muͤhe, werth, zu luͤgen. Sehnte Sene. Vorige. Fähnrich. Raͤthin- Räthin.(fliegt in ihres Gatten Arme) Lieber Mann! ich hoͤre deine Stimme. Dieth.(bey Seite) Da iſt er ja. Räthin. Wie wurdeſt du empfangen? Rath. Gut! Dieth.(bey Seite) Verdammt! Mein Schutzgeiſt! Räthin. Sind wir am Ziele unſerer Leiden? Rath. Am Ziele. Raͤthin. Gott ſey Dank! Dieth.(bey Seite) Ha! daß gerade dieſer Menſch mein Wohlthaͤter ſeyn muß! Rath. Der junge Diethelm tritt in die Fußtapfen ſeines Vaters. Er iſt weit entfernt, uns zu beunruhi⸗ gen, wenigſtens nicht auf die Art, die wir befuͤrchteten. Hier ſteht er ſelbſt. Räthin. Seyn Sie mir herzlich willkommen! Dieth. Verzeihen Sie, Madame, wenn ich in die⸗ ſem Augenblick unfähig bin,— ich werde von man⸗ cherley Gefühlen beſtürmt.(zum Fähmich) Mein Herr, ich habe heute uͤberall das Gluͤck und ungluͤck, Sie zu finden. oder die Gefahren der Jugend. 135 Soph.(ͤchelnd) Herr Diethelm, ich ſtelle Ihnen meinen Bruder vor. Dieth. CGerſteinert) Ihren Bruder? Fähnr. Wir kennen uns ſchon. Soph.(ſchalkhaft) Nicht ganz, wie es ſcheint. Rath. Was fehlt Ihnen, Herr Diethelm? Räthin. Der junge Menſch iſt ſeltſam. Dieth. Bruder? Faͤhnr. Zweifeln Sie nicht. Weder adoptirt, noch erkauft. Rath. Was ſoll das heißen? Dieth.(kniet nieder und ſtreckt die Hand nach Sophien aus) Vergebung, Sophie! Soph. Verdient? Dieth. Unverdient! Soph.(reicht ihm die Hand) Stehen Sie auf! Dieth. Ich bin beſchämt. Rath. Jetzt errathe ich— Räthin. Mir ſind es Raͤthſel. Fähnr. und mir. Dieth. Dummkopf, der ich war! O Sophie! Sie ſind mir noch von heut eine Antwort ſchuldig. Soph. In Gegenwart der Aeltern hat die Tochter keine Stimme. Dieth. Gum Fähnrich) Mein Wohlchäter! Wer⸗ den Sie es jetzt zum Drittenmale— helfen Sie mir die Hand Ihrer Schweſter erflehen! 186 Das Schreibeput, od. die Gefahren der Jugend. Fähnr. In Gegenwart der Schweſter hat der Bruder keine Stimme. Raͤthin. Wenn ich recht vermuthe, ſo iſt hier ſchon eine fruͤhere Verbindung vorhergegangen. Nath. Rede, Sophie! weiß dein Herz etwas davon? Soph. Liebe Mutter! Antworten Sie fuͤr mich! Räthin.(guͤtig vorwerfend) Haſt du mir dein Geheimniß anvertraut?. Soph. Hab' ich nicht? Habe ich mir's vielleicht ſelbſt nicht geſtanden?. Dieth.(mit dem froheſten Enthuſiasmus) Ha! ¹ ſie liebt mich! Sie hat entſchieden! Gute Menſchen! 3 nehmt mich unter Euch auf! Sophie! Sophie!(ſtuͤrzt vor ihr nieder und ihre Hand feurig an ſeine † Lippen.) Rath. Geſegnet ſeyd Ihr, meine Kinder! und ge⸗. ſegnet der Kuͤnſtler, der das Schreibepult erfand! (Der Vorhang fäͤllt.) —— Der —— o—— Graf von Burgund. Ein Schauſpiel in fünf Akten. „ Perſonen. Bruder Peter, ein Einſiedler am Fuße der Alpen. Heinrich, ſein Sohn. Ritter Cuno von Hallwyl. Elsbeth, ſeine Tochter. Mutter Gertraud, Elsbeths geweſene Amme. Graf Hugo von Werdenberg, Schirmvoigt zu Arles. Guido, ein Knabe. Gräfin Mathilde von Burgund, eine Nonne. Ritter Walther von Blonay. Bruno. Meiſter Benedir, ein Sßonder Niklas, ſein Geſell. Meiſter Märten, ein Schſenhandter. Meiſter Block, ein Schreiner. Ein Greis. Eine junge Dirne. Ein kleines Maͤdchen. Trabanten, Knappen, Edelknaben, Volk. S (Eine waldigte Gegend am Fuße der Schweizergebuͤrge. Im Hintergrunde eine Einſiedlerhütte; gegenuber eine offene Kapellez zwiſchen beiden ein Gartenzaun. Im Vordergrunde eine Raſenbank unter einem Apfelbaume. ——— Erſte Scene. GPeter ſizt auf der Bank, und flicht einen Korb von Weidenzweigen. Heinrich, an der andern Seite, hackt Holz und ſingt dabei:) Und die Banner flattern Hoch in der Luft! Und die Schwerdter klirren Wenn das Harſthorn ruft. Peter. Das Lied gefällt dir? Heinrich. Ja, Vater. Peter. Du ſingſt es lieber, die Fruͤhmetten? Heinr. Viel lieber. Peter.(chelnd) Furchteſt dich der Suͤnde nicht? Heinr. Nein, Vater! Muß wohl keine Suͤnde ſeyn. S es Euch mit dem Liede eben wie mir. — . 140 Der Graf von Burgund. Peter. Wie meynſt du das? Heinr. Wenn Ihr Hora ſingt, ſo hängen Eure Backen herunter, und Eure Augen ſtehn verdroſſen. Aber wenn Ihr das Schlachtlied bei Morgarten„ oder das Siegeslied bei Sempach anſtimmt, dann gluͤhen Eure Wangen, und Eure Augen brennen wie die Kerzen vor der heiligen Jungfrau. Peter. Haſt du mir's abgelauert? Heinr. Mehr noch. Ihr habt ein geſſtlich Lied vom Schwerdt der Gerechtigkeit, und vom Harniſch des Glaubens, das ſingt Ihr am liebſten, weil Schwerdt und Harniſch drinn vorkommen. Peter. Caͤchelnd) Bube! Heinr. Iſt auch eine ſchoͤne Sache um ein Schwerdt. Was den Harniſch anlangt, der läßt ſich entbehren. Peter. Meynſt du, braver Junge? Heinr. War Ritter Erlach geharniſcht, wie er am Donnerbuͤhel focht?—(Er ſchwingt das Beil uͤber dem Kopfe.) Ha! mich dunkt, ich hore die Harſthoͤrner ſchallen! Peter. und die Schweizer bei Morgarten, ſie tru⸗ gen leinene Kittel. Heinr. Recht Vater! wie die funfzig vertriebenen Mäͤnner von der Gefahr des Vaterlandes horen— Peter. Wie ſie kommen und bitten: man wolle ihnen nur vergonnen, ihr Blut auf der Grenzmark zu vergießen— ——— Der Graf von Burgund. 141 Heinr. Wie ſie die großen Steine auf Ritter und Herren waͤlzen und ſchleudern— 6 Peter. Gedenkſt du auch Rudolphs von Erlach bei Laupen? E Heinr. Was ſollt' ich nicht! Ich ſehe ihn mit dem Banner der Stadt Bern in der Hand; ich hoͤre ihn rufen: Freunde! wir ſiegen!— Da ſtuͤrzt' er mit einer Schaar auserleſener Juͤnglinge in den Feind!— Jünglinge! Vater!— ach! ich war nicht dabei! Peter.(ſeinen Korb wegſetzend und mit Lebhaftig⸗ keit aufſtehend) Iſt doch alles nichts gegen den Arnold von Winkelried. Heinr. Ha, Vater! wie er bei Sempach dem Wald von Speeren trotzt— Peter. Wie er ausruft: ich will euch eine Gaſſe machen!. Heinr. Sorgt fuͤr Weib und Kind! Peter. Wie er dann die Spieße mit den Armen packt— Heinr. und ſie in ſeine Bruſt druͤckt— Peter. Die Eidgenoſſen wallen uͤber ſeinen Leichnam— Heint. Die Feinde preſſen hinterwärts— Peter⸗ Die Ritter erſticken in ihren Parniſchen— Heinr. Hier ſinkt die Fahne von Tyrol— Peter. Dort das Banner von Oeſterreich— Heinr. Herzog Leopold faͤllt * 142 Der Graf von Burgund. Peter. Sie fliehen! Heinr. Juchhey! ſie fliehen! Peter.(ſich faſſend) Bube! was machſt du aus mir alten Manne? geh, hacke Holz, und laß mich mei⸗ nen Korb in Ruhe flechten.(Er ſetzt ſich wieder.) Heinr.(ſchleicht zu ſeiner Arbeit) Wollte ich doch faſt lieber, meine Knochen laͤgen im Beinhauſe bei Murten. Peter. Was murrſt du, Knabe? Heinr. Wenn ich einmal dorthin komme zu Tell und Stauffacher, werden ſie fragen: wer biſt du? werde ich antworten: ein Schweizer,— was haſt du Schweizer gethan? ich habe Murmel⸗ thiere tanzen gelehrt. Peter. Wer ſagt dir, daß du ein Schweizer biſt? Heinr. Mein Herz— mein Durſt nach Thaten! Peter. Gedulde dich, Sohn! beine Stunde wird kommen. Heinr. Eine ſchleichende Stunde, fein langſam wie die alte Mutter Gertraud. Ich habe Luſt, ihr entgegen zu laufen. 3 Peter. Sieh die Aepfel auf dieſem Baume; ſind ſie reif? Heinr. Noch nicht, aber bald. Peter. Suͤße Fruͤchte, dem, der warten kann. Heinr. Warum facht Ihr eine Flamme in mir an, die in dieſen Wäldern keine Nahrung findet, und mich ſelbſt verzehrt?— Warum erzählt Ihr mir ſo oft von Schlachten und Turnieren, daß Roß und Mann bei Der Graf von Burgund. 143 Tag und Racht mir immer vor den Augen wimmeln? So oft unſer alter Hengſt im Stalle wiehert, greife ich nach der Lanze, und erwiſche ein Paternoſter. So oft der Thurmwart auf der Burg ins Horn ſtoͤßt, fahre ich nach dem Schwert, und ergreife eine Holzart. Jede ſchoͤne That treibt mir das Blut zu Herzen, und Waſ⸗ ſer in die Augen; jeden braven Rittersmann mochte ich an meine Bruſt druͤcken, und jedem Schalk mit der Streitaxt den Schaͤdel ſpalten. Peter. So wollte ich dich haben. Heinr. Wozu? für wen?— habt Ihr mich ſo manche Wiſſenſchaft gelehrt, um ſie unſern Hirten beim Kuͤhreigen vorzuſingen?— Wer einen Falken zur Jagd erzieht, muß ihn nicht in den Käſicht ſperren. Peter. So lange er die Kappe uͤber den Augen traͤgt, iſt er noch zu jung. Heinr. Laßt hoͤren, wie alt? Peter. Achtzehn Jahr, und druͤber. Heinr. Schaut her, Vater!(Er ſpaltet einen Klotz auf einen Hieb) Wie alt war der Knabe, der die⸗ ſen Hieb that? Meynt Ihr, Feindes Schaͤdel ſey haͤrter als dieſer Eichenſtamm? Peter. Kraft ziemt dem Juͤngling. Auch in die⸗ ſer Weidenruthe iſt Saft und Kraft, aber ſie laͤßt ſich biegen. Gehorſam ſchmuͤckt den Knaben. Heinr. Soll der Bogen ſchlaff werden, ſo netzt ihn; gebt mir Kräuter, die mein Blut kuhlen. 144 Der Graf von Burgund. Peter. Geh', verſuche deinen Muth an Bären und Woͤlfen. Heinr. Sind es doch nur kleine Räuber, ſo lange es Menſchen giebt. Laßt mich auf die Burg. Ritter Cuno hat ſchon lange mich zum Knappen begehrt. Peter. Willſt du den alten Vater in dieſer Wild⸗ niß allein laſſen? Heinr. Ihr ſeyd ein frommer Mann; die ganze Gegend verehrt den frommen Bruder Peter; wer wird Euch antaſten? Peter. Genug, Heinrich es ziemt dir nicht, Ritter Euno's Edelknecht zu werden. Heinr. Es ziemt mir nicht? warum nicht?— iſt das Geſchlecht von Hallwyl nicht edel und beruͤhmt?— und wer bin ich denn, daß ich mich ſchämen ſollte, von Ritter Cuno die Waffen fuͤhren zu lernen? Peter. Forſche nicht nach Dingen, die nur die Zeit enthuͤllt. Einen Harniſch kann der Juͤngling tra⸗ gen, aber kein Geheimniß. Heinr. Vater, warum mich demuͤthigen? Ward ein edler Name mir zum Erbtheil, warum wollt Ihr meinen Schatz mir vorenthalten? Peter. Ihn jetzt in deine Haͤnde liefern, hieße dich darum betruͤgen. Heinr. Räthſel, und immer Räthſel. Warum hat der Vater kein Vertrauen zum Sohne?— daß Ihr vom Sade der Ehre in eine Wuſte geflohen; daß —,—— Der Graf von Burgund. 145 Ihr den Panzer mit der Eremiten⸗Kutte verwechſelt; zwang Euch Gewalt? Peter. Und wenn du es errathen haͤtteſt?2 Heinr. Dann gebt mir ein Schwerdt, ich raͤche Euch! Peter. Dachte ich's doch. Nein, Sohn, die Rache hinkt dem Laſter nach, und hat nur Fluͤgel, um die Tugend zu ereilen. Noch zoͤgert die erſeufzte Stunde. Heinr. So vergoͤnnt mir indeſſen eine Fahrt in fremde Laänder, daß ich durch Thaten mich zu Eurem Raͤcher weihe. Peter. Vergaßeſt dann im Getümmel der Welt den alten Vater und ſeine Wildniß. Heinr. Das meynt Ihr nicht im Ernſt. Ich liebe Euch und die Wildniß, in der ich aufwuchs; ich liebe den Apfelbaum, den Ihr an meinem zweiten Ge⸗ burtstag pflanztet; und den Grabhuͤgel, wo Ihr zu weinen pflegt; ich liebe den Waldſtrom, unſer Sommer⸗ bad, und das Gärtchen, wo der Kohl unter meiner Hand gedeiht. Mehr als Alles liebe ich Fraͤulein Els⸗ beth, die an meiner Seite empor ſchoß, als eine junge Tanne, und deren Wangen gluhen, wie ihre Burgfenſter, wenn die Abendſonne ſie vergoldet. Auch der alte Rit⸗ ter Cuno iſt mir lieb, denn Elsbeth nennt ihn Vater, und er ließ mich oft als Knabe langmuͤthig ſeinen Kne⸗ belbart zauſen. Auch Mutter Gertraud nicht zu ver⸗ geſſen! habe ich ſie doch manches liebes mal geneckt, zum Dank fuͤr ihre ſchone Semmel. Ja Alles, Alles iſt mir lieb und theuer. Hinaus in die Welt führt die Kotzebue's dram. Werke. 14. Th. 6 146 Der Graf von Burgund. Bahn der Ehre; zuruͤck in die Gebürge der ſchmale Pfad zur Ruhe. Nur Einen Lorbeerzweig laßt um meine Schläfe bluͤhen! raſch bin ich wieder bei Euch, und lege ihn zu Elsbeths Fuͤßen. Peter. Begieße deinen Kohl, und wenn es dir zu warm wird, ſo kuhle dich im Waldſtrom, bis die Stunde dir zu hohern Dingen ſchlägt— wer weiß wie bald!— noch eine kurze Friſt— vielleicht winkt dein Geſchick, noch ehe das Laub von dieſen Bäumen faͤllt.— Mein Korb iſt fertig. Du haſt uͤber dem Geſchwaͤtz dein Tagewerk vergeſſen. Im Garten giebt es noch Arbeit vollauf. Iſt das Holz geſpalten, ſo köͤmmſt du mir zu helfen.(Er geht ab.) 3 weite Scene. Heinrich allein.(Er ſieht dem Vater nach, ſchuͤttelt den Kopf, und geht an ſeine Arbeit.) Sehr begreiflich. Er hat den Becher geleert, was weiß er, wie dem Durſtigen zu Muthe iſt.— Ruhe— ein Labetrunk dem Alter, der Jugend ein Gift.— Wenn doch das Holz im Walde wenigſtens haͤrter wuͤchſe, daß es mehr Kraft koſtete, es zu ſpalten. Oder wenn— (er blickt auf. Holla! da klimmt Fräulein Elsbeth den Fußpfad herunter.— Weiß Gott, wie ſie's macht, ich darf ſie nur ſehen, und bin mit allem zufrieden.— Huͤpft ſie nicht wie eine Gemſe?— Die alte Getraud hinter ihr, hält ſich fein vorſichtig an jedem Zweige.— Soll ich das Mädel necken?— ich bin noch ihr Schuldner von . —— 1 Der Graf von Burgund. neulich, als ſie den großen Stein in den Teich warf, daß ich durch und durch naß wurde.— Wo verſtecke ich mich? — Huſch! auf den Baum!(Er wirft die Art weg, und klettert auf den Apfelbaum.) e Fraulein Elsbeth huͤpft auf die Buͤhne, und ſieht ſich uͤberall neugierig um. Mutter Gertraud erſcheint einen Augenblick ſpaͤter. Man hoͤrt ſie ſchon in der Ferne keuchen.) Gertraud. Mein Gott, Fraͤulein, lauft doch nicht ſo! ich bin außer Athem! Elsbeth. Ruht hier aus, liebe Mutter. Gertr. Dachte ich's doch! ſoll ich nicht abermals hier ausruhen? warum denn eben hier? Elsb. Es iſt ein freundliches Plätzchen. Gertr. Freundlich? das ich nicht wuͤßte. Kann doch kaum die liebe Sonne durch die hohen Tannen⸗ wipfel ſcheinen. Elsb. Nun ſo iſt es kuͤhl. Gertr. Ja, wie im Burgkeller. Meynt Ihr, das Blut koche mir ſo in den Adern, wie Euch?— Das huͤpft, wie eine Schmerle im Bache, das lebt auf tau⸗ ſend Füßen, wie ein Kellerwurm. Schon hundertmal hättet Ihr den Hals vom Felſen herabgeſtuͤrzt, wenn die lieben Engelein nicht über Euch walteten. Kaum tagt es oben auf der Burg, huſch iſt ſie aus den Fe⸗ dern, vergißt Ave Marie und Roſenkranz, ſchlingt ihr 2 10* 148 Der Graf von Burgund. Morgenſuͤpplein herunter, als ſey es eine bittre Arzeney; dann geht es an ein Rufen und Quälen: Mutter Ger⸗ traud, ſollen wir nicht luſtwandeln gehn? —„Ach Fraͤulein, der boſe Huſten„— Die friſche Luft wird Euch wohlthun—„Ich habe meinen Morgenſegen noch nicht gebetet“— Unter Gottes freiem Himmel betet ſich's inbruͤnſtiger— und ſo hängt ſie ſich an meine Kleider, zerrt mich, ſchleppt mich— Elsb. Seyd nicht boͤſe, Mutterchen. Gertr. und wohin zerrt ſie mich? wohin ſchleppt ſie mich?— immer hieher!— Da heißt es wohl ein⸗ mal: wir wollen in den Garten gehn; kaum ſind wir drinn— ich ſtehe und eſſe Johannisbeeren— huſch ſchlupft ſie zum Pförtchen hinaus, ſpringt wie eine Gemſe von Felſen zu Felſen, huͤpft wie ein Eichhoͤrnchen von Baume zu Baume, und ehe man ſich's verſieht— da ſteht ſie wieder auf dem nemlichen Platze, und die alte Mutter Gertraud mag ſich oben heiſer rufen— Elsb. Habt Ihr nun genug geſcholten, Mutterchen? Gertr. Je, ſagt mir doch: liegt hier irgendwo ein Schatz vergraben?— Ihr ſeyd freilich ein Sonntags⸗ eind.— Wornach ſchaut Ihr ſo ängſtlich? wornach dreht Ihr das Kopfchen wie eine Droſſel, die rothe Beeren haͤngen ſieht* Elsb. Begreift Ihr denn nicht, warum ich hier bin? ich ſuche Kraͤuter. Gertr. Ey, die wachſen am Berge beſſer als hier. „——— — — Der Graf von Burgund⸗ 14149 Elsb. Seht da, Weißwurz, die waͤchſt nur im Schatten; und Ehrenpreis und Sauerklee fuͤr den Vater in die Suppe. Gertr. Ey freilich! und das giftige Waldhaͤhn⸗ lein, wollt Ihr das auch in die Suppe thun? und die Kuhblume, meynt Ihr, die wachſe nur hier allein?— Fräulein! Fräulein! die Kuhblume iſt ein unkraut, und der junge Burſche, der hier hauſt, iſt auch ein Unkrautz Ihr aber ſeyd ein Bluͤmlein Wunderhold, und muͤßt im Verborgenen bluͤhn, daß Gott und Menſchen Freude an Euch haben. Elsb. Was wollt Ihr damit ſagen? Gertr. Seht doch, das arme Kind, es verſteht mich nicht. Ich will es Euch deutlicher machen. Ihr lauft dem jungen Buben hier nach, dem Heinrich, ver⸗ ſteht Ihr mich nun? Elsb. Pfuy, Mutter! Gertr. Ja wohl pfuy! das ſage ich auch. Sa⸗ tanas legt der unſchuld Fallſtricke. Euer Vater ſoll es erfahren. Elsb. Immerhin, ich thue nichts Boͤſes. Gertr. Richts Boͤſes? Das Ungluͤckskind! Kaum kann ſie einen Pſalm herbeten und ihren Namen kritzen, ſo weiß ſie auch ſchon, was Gut oder Boͤſe iſt. Meynt Ihr, das Boͤſe erkenne man immer am Pferdefuß und Drachenſchwanz? mit nichten!— Der Honig, den Jona⸗ than vom Stocke leckte, war ſuͤß. Folgt meinem Rathe, 150 Der Graf von Burgund. Fraulein; ich meyne es ehrlich mit Euch; kommt der Flauſe nicht zu nah. Elsb. Ihr ſeyd wunderlich, Mutter! warum ſoll ich den frommen Peter nicht beſuchen? Gertr. Ey ja doch, der fromme Peter hat einen Sohn, mit deſſen Froͤmmigkeit ſieht es uͤbel aus. Hat mir der Burſche neulich zugemuthet, am lieben Sonntag zu ſpinnenz und ſogar waͤhrend der Meſſe ertappe ich ihn oft, wie er hinter dem Hute nach Euch ſchielt. Elsv. Er ſchielt nicht, er hat ein paar ſchöne große Augen. Gertr. Deſto ſchlimmer! Wollte Gott, er wäre blind und lahm! Huͤtet Euch, Fräulein! wenn Herr Wal⸗ ther von Blonay das erfaͤhrt— Elsb. Was? Gertr. Je nun, Ihr verſteht mich ſchon. Elsb. Mein Thun und Laſſen mag ein Jeder rich⸗ ten; und was kummert das den Ritter Blonay? Gertr. Euer Braͤutigam— Elsb. O! ſo weit ſind wir noch nicht. Gertr. Aber wir werden mit Gottes Huͤlfe ſo weit kommen. Herr Walther iſt ein ſtattlicher Ritter, hat drey ſchoͤne Burgen— Elsb. Immerhin! die Sonne ſcheint auch in Hutten. Gertr. Gold und Silber— Elsbe Kann er mehr thun, als ſich ſatt eſſen? Gertr. Ihr redet wie ein unverſtändiges Kind; Der Graf von Burgund. 54 wenn Ihr aber erſt die güldenen Spangen und Ketten, und das Brautgeſchmeide ſehen werdet— Elsb. Huͤpft man leichter in goldenen Ketten? Gertr. Man huͤpft dann gar nicht mehr. Ihr werdet ſtattlich einherſchreiten in Schnabelſchuhen, ein Bube wird Euch die Schleppe tragen, und ein Knappe den Zelter halten. Elsb.(rämlich) Ach laßt mich zufrieden. Gertr. Geduld! Geduld! die Kinderſchuhe find noch nicht vertreten. Elsb. Ey ſeht doch! ich bin kein Kind mehr. Gertr. Mit funfzehn Jahren ſteht man noch immer mit einem Fuße in der Wiege, und hat das Fallhuͤtlein oft nothiger, als beim erſten Stolpern.— Fort! fort, Fräulein! wenn Euer Vater von der Jagd zuruͤckkömmt, und findet Euch nicht, ſo brummt er. Elsb. Das iſt nicht wahr, Mutter! mein Vater iſt gut, er brummt nicht. Gertr. Ja, ja, er iſt nur allzu gut. Fort! fort! mich duͤnkt, ich hore ſchon die Hoͤrner. Elsb. Ich will nicht. Gertr. Was wollt Ihr denn? Elsb. Hier bleiben, ausruhen. Gertr.(ſpottelnd) und Ehrenpreiß ſuchen? Elsb. Ich bin muͤde.(ſie ſetzt ſich auf die Bank.) Gertr. Eigenwilliges Kind! was ſoll ich machen? —(für ſich) Zum Gluck iſt der Bube nicht in der Näͤhe, jetzt hat es keine Gefahr.(aut) Ruht denn aus⸗in Got⸗ 152 Der Graf von Burgund. tes Namen! ich gehe indeſſen hier in die Kapelle, und bete ein Ave Maria. Elsb. Thut das Mutter, betet auch fur mich. Gertr. Ja, ja, es thäte wohl Noth. Einen Nal feſthalten, iſt leichter, als eine junge Dirne huͤten.(Sie trippelt fort.). Vierte S cene. Elsbeth und Heinrich auf dem Baume. Elsb.(um ſich ſchauend) Wo muß er ſtecken? ſchlaft der faule Bube noch? ſoll ich ihm einen duͤrren Baum⸗ oſt in die Huͤtte werfen? Heinr.(aͤßt einen Apfel auf ſie herabfallen.) Elsb. Was war das? ein Apfel— ein Apfel Gie hebt ihn auf und beſieht ihn)— iſt aber noch nicht reif. Heinr. ttrifft ſie abermals.) Elsb. Schon wieder?(ſie ſpringt auf Neckt mich ein Poltergeiſt?(ſie wird Heinrich gewahr.) O du Schelm! herunter vom Baum! das ſoll dir üͤbel be⸗ kommen.(Waͤhrend Heinrich herabſteigt, rauft Elsbeth ſchnell einige Hände voll Gras und Blumen aus der Erde, ſammelt ſie in die Schuͤrze, und als er vor ihr ſteht, wirft ſie ihm eine Handvoll nach der andern ins Geſicht.) Das iſt für den erſten Apfel— das fur den zweiten— das fuͤrs Horchen und das für dein ewiges Necken. Heinr.(ſprudelt) Elsbeth! Elsbeth! hör' auf, oder ich kuſſe dich. Der Graf von Burgund. 153 Elsb. Ja, kuͤß nur, Mutter Gertraud iſt in der Kapelle, wenn ſie den Kopf umdreht, kann ſie uns ſehn. Heinr. Sie wird den Kopf nicht umdrehn.(Er will ſie kuͤſſen.) Elsb. Du! ich laufe auch in die Kapelle. Heinr.(ſie feſthaltend) Lauf, wenn du kannſt. Elsb. Heinrich, ich werde boͤſe. Heinr. Nun, boͤſe mußt du nicht werden. Er läßt ſie los.) Warum willſt du mich denn nicht kuſſen? Elsb. Habe ich dich nicht erſt neulich gekußt, als der Bach angeſchwollen war, und du den armen alten Mann uͤber den ſchmalen Steg leiteteſt? Heinr. Das iſt ſchon lange her. Elsb. und als du den kleinen Bauerjungen aus dem Waſſer zogſt, habe ich dich da nicht auch gekuͤßt? Heinr. HO! das iſt noch weit laͤnger. Elsb. So oft du etwas Gutes thuſt, bekömmſt du einen Kuß. Heinr. Ich thäte gern immer Gutes. Iſt es meine Schuld, daß nicht alle Tage Bauerjungen ins Waſſer fallen, oder alte Männer 6 den Steg gehen wollen?— Kuͤß mich. Elsb. Ich will nicht. Heinr. Ich weiß ſchon, warum du nicht willſt. Elsb. Nun, warum denn nicht? Heinr. Herr Walther von Blonay iſt ein ſtattli⸗ cher Ritter— Elsb. Schweig. . 154 Der Graf von Burgund. Spangen— Heinr. Geh, geh nurz du wirſt doch bald genug dahin gehn, um Herrn Walther zu heurathen. Elsb. Das hat dir die alte Mutter Gertraud in den Kopf geſetzt. Heinr. Iſt es etwa nicht wahr? Elsb. Je nun, der Vater hat wohl ein Woͤrtchen davon fallen laſſen— Heinr. und das iſt dir aufs Herz gefallen? Elsb. Was geht es dich an? Heinr. Freilich— mich geht es nichts an— ich bin ein armer Bube— ich habe dich lieb, und das iſt alles.— Wenn ihr nun von der Burg herunter ziehen werdet mit Pfeifen und Schalmeyen, da wirſt du auf ei⸗ nem geſchmuͤckten Zelter ſitzen, Knappen und Edelknechte um dich her.— YPlotzlich wird der Zelter ſcheu werden und ſchnauben— was iſt das? wirſt du fragen.— Ach nichts! der arme Heinrich liegt da am Wege, und hat ſich todt gegraͤmt. Elsb.(ſanft verweiſend) Pfuy, Heinrich! pfuy! das war ſchlecht von dir. Heinr.(chluchzend) und wenn es nun doch wahr waͤre? Elsb. Ich glaube gar du weinſt?— Lieber Hein⸗ rich! kuͤß mich. Heinr. Nein, ich mag dich jetzt nicht kuͤſſen. Du Heinr. Die See— die goldenen Elsb.(drohend) Heinrich! ich gehe in die Kapelle. Der Graf von Burgund. 155 willſt mich doch nur fuͤr die Schmerzen bezahlen, die ich werde dulden muͤſſen. Elsb. Du biſt ein Narr! ich werde gar nicht heirathen. Heinr. Verſprichſt du mir das? Elsb. Lieber ziehe ich ins Kloſter, als zu Walther von Blonay. Heinr. Meine Augen haben den Mann nie ge⸗ ſehen, aber ich haſſe ihn von ganzem Herzen— Elsb. Schäme dich! man muß Niemand haſſen. Heinr. Wenn er einmal ins Waſſer fiele— Elsb. Wuͤrdeſt du ihn nicht herausziehen?— ſieh mich an! Heinr.(will Nein ſagen, ein verſtohlner Blick auf Glsbeth macht es ihm unmoglich) Nun freilich— um deinetwillen— Elsb. RNein, um Gottes willen! Freunden Gutes erzeigen iſt keine Kunſt, aber Feinde retten iſt ein Einlaß⸗Pfennig beim heiligen Peter. Heinr. Das ſchwazt wie ein Abt. Elsb. Sey nun wieder luſtig und wohlgemuth. Komm, laß uns Kraͤuter ſuchen. Heinr. Ich muß Holz hacken. Elsb. Ich will dir helfen. Heinr. Du, mir helfen! ha! ha! ha! du kannſt kaum die Axt aufheben. Elsb. Oho! kann ich doch des Vaters Turnier⸗ Schwerdt aus der Scheide ziehen. 156 Der Graf von Burgund. Heinr. Nun da, verſuche.(Er giebt ihr ein Beil in die Hand, ſie thut einige ungeſchickte Hiebe, in⸗ deſſen er mit großer Geſchwindigkeit einige Klotze ſpaltet.) Elsb.(ermuͤdet) Es geht doch nicht. Heinr. Das dacht' ich wohl. Du wirſt dich den Fuß hauen. Aber ſieh, wie flink es mir von der Hand geht. Wenn du dabei ſtehſt, ſo koͤmmt es mir vor, als koͤnnt ich Felſen ſpalten. Elsb. Haſt du auch gehoͤrt, Heinrich? wenn man ſich lieb hat, und die Arbeit theilt, ſoll es weit raſcher gehn. Heinr. Nein, das hab' ich nicht gehoͤrt, aber es mag wohl wahr ſeyn. Elsb. Komm, und hilf mir Kraͤuter ſuchen. Heinr. Was fuͤr Kraͤuter? Elsb. Weißwurz und Ehrenpreiß. Heinr. Ich kenne ſie nicht. Elsb. Ich will ſie dich ſchon kennen lehren. Sieh, das iſt Ehrenpreiß. Heinr. O, das wächſt hier genug. (beide pfluͤcken emſig.) Heinr. Da haſt du eine ganze Hand voll. Elsb. Narr! das iſt Wolfskirſche und Hahnenfuß. Die ſind beide giftig.. Heinr. Wirf den Plunder weg, und laß uns ſchwatzen. Wenn ich einſt in einer Schlacht verwundet werde, dann magſt du Kraͤuter ſuchen und mir ein Pflaſter kochen. Der Graf von Burgund. 132 Elsb. Ey ja doch! das wuͤrde ſich ſchicken. Was geht es mich an, wenn du verwundet wirſt? Heinr. So? du wollteſt mich hülflos liegen laſſen? Elsb. Da iſt der Pater Burkard im Kloſter Ein⸗ ſiedeln, der verſteht ſich auf die Wundarzneykunſt. Heinr. Ich mag aber keinen Pfaffen um mich dulden. Elsb. So nimm dir ein Weib. Einer treuen Hausfrau ziemt es wohl, ihren Herrn zu pflegen Heinr. Recht Elsbeth! ich will dich zu meiner Hausfrau machen. Elsb. Du mich? ha! ha! ha!— wie willſt du das anfangen? Heinr. Erſt will ich hinausziehen nach Welſchland und Deutſchland, nach Burgund und Wallis, da will ich tapfer fechten, daß die Leute von mir reden ſollen; ein wackerer Fuͤrſt ſoll mich zum Ritter ſchlagen, und eine ſchone Prinzeſſin mir im Turnier den erſten Dank reichen; dann will ich vor deinen Vater treten und ſprechen: geſtrenger Ritter, gebt mir das holdſelige Fraͤulein Elsbeth zum Weibe. Elsb. und wenn nun der Vater Ja ſagt? Heinr. Gut, ſo laſſen wir den Burgpfaffen holen. Elsb. So? und mich willſt du gar nicht fragen? Heinr. Du wirſt doch nicht Nein ſagen? Elsb. Wer weiß. Heinr. Gaͤrtlich) Wirſt du Rein ſagen? Elsb. Pfuy! ſieh mich ſo nicht an. 158 Der Graf von Burgund. H einr.(noch zartlicher) Liebe Elsbeth! wirſt du Nein ſagen? Elsb.(ſinkt in ſeine Arme.) Fuͤnfte Scene. Mutter Gertraud. Die Vorigen. Gertr. Nun, da haben wir's! heilige Agnes! und alle eilftauſend Jungfrauen! ſteht mir bey! Elsb. Was giebts, Mutter Gertraud? Heinr. Was giebts? Gertr. und ihr fragt noch? ihr gottloſen Kinber! was habe ich ſehen muͤſſen? Beide. Wo? wo? Gertr. Lagt ihr einander nicht in den Armen? Heinr. Nun? was mehr? Gertr. Mehr noch? bewahre der Himmel! Bube! wollteſt du den Frevel noch weiter treiben? Heinr. Frevel? Gertr. Während ich dort in meiner Andacht auf den Knieen liege, und Einen Roſenkranz nach dem an⸗ dern abbete, treibt hier der Satan ſein Spiel. Elsb. Der Satan iſt gar nicht hier geweſen. Heinr. Laßt es gut ſeyn, Mutter, Ihr wißt, wie lieb ich Euch habe. Gertr. Du? mich? ſo liebt der Wolf den Hund, der bei der Heerde wacht. 3 Heinr. Ihr habt uns Arm in Arm gefunden, iſt das nicht beſſer als Hader und Zwietracht? Her Graf von Burgund. 159 Gertr. Rein, es iſt nicht beſſer, ich wollte, ihr hättet euch die Augen dabei ware minder Gefahr. Elsb. Welche Gefahr? Gertr. Das verſteht Ihr nicht, Fraͤulein, das muß ich beſſer wiſſen; und kurz— noch heute ſage ich es Eurem Vater. Elsb. In Gottes Namen. Heinr. Seyd doch nicht wunderlich, Mutter Ger⸗ traud.(Er hebt die beiden Aepfel auf, mit welchen er Elsbeth warf) Da nehmt, ein paar ſchöͤne Aepfel. Gertr. Bleib mir mit deinen ſauren unreifen Holz⸗ pfeln vom Leibe. Heinr.(ſchalkhaft) Je nun, gebt den Aepfeln etwas von Eurer Reife ab, ſo habt Ihr beide genug. Gertr. Ich glaube gar, der Bube ſpottet noch? Heinr. Bewahre der Himmel! iſt es meine Schuld, daß die Aepfel nicht reifer ſind?— Halt! ich beſinne mich.(Er faͤhrt nach der Taſche) Seht da, ein ſchö⸗ nes Mutter Gottes Bildgen, fein bunt gemahlt, das ſchenk' ich Euch. Gertr. Ich will es nicht haben. Fort, Fräulein! Heinr. Ey, ey! iſt das die Mutter Gertraud, von der die alten Landleute mir ſo viel Gutes erzaͤhlt haben? Gertr. Was haben ſie dir erzählt? he? Heinr. Ihr waͤret in Eurer Jugend die ſchoͤnſte Dirne im ganzen Thale geweſen. —— Der Graf von Burgund⸗ 160 Gertr. Paperlapapp! Heinr. Die Minneſaͤnger haͤtten Lieder auf Eure ſchwarzen Augen gedichtet. Gertr. Wer hat es ihnen geheißen? Heinr. Man haͤtte Euch nur die ſchoͤne Gertraud genannt. Gertr. Der liebe Gott hatte mir eine feine Ge⸗ ſtalt verliehen. Heinr. Alt und Jung gafften, wenn Ihr Euch im Ringeltanze drehtet. Gertr. Ja, ja, das iſt wohl wahr. Heinr. und dabei ſeyd Ihr immer ſo zuͤchtig und fromm geweſen, ſo ſittſam und holdſelig— Gertr.(halb fuͤr ſich) Der Schalk! man kann ihm nicht gram ſeyn. Elsb.(ſie liebkoſend) Seyd Ihr nun wieder gut, Mutterchen? Heinr. Ja doch, Mutterchen! zuͤrnt nicht auf den armen Heinrich. Elsb. Ich ſehe ihn ſo gern. Heinr. Ich habe ſie ſo lieb⸗ Elsb. Iſt es ſtrafbar, ſich gern zu ſehen? Heinr. Iſt es eine Suͤnde, ſich lieb zu haben? Gertr. Kinder! Kinder! ihr verſteht das nicht. Aus Gerneſehen und Liebhaben knetet der Satan zu⸗ weilen ein Bubenſtuͤck zuſammen. Du, Heinrich, magſt ein ganz guter Knabe ſeyn, aber Niemand weiß, von — ——⸗———————— Der Graf von Burgund. 161 wannen du koͤmmſt, noch wohin du gehſt. Fraͤulein Elsbeth hingegen iſt ein Ritterbuͤrtiges Fraulein. Heinr. Ey, mein Vater war vormals auch ein Rittersmann.. Gertr. Dein Vater iſt der fromme Bruder Peter; von ſeiner Ritterſchaft iſt mir nichts bewußt. und kurz, es iſt die hoͤchſte Zeit, daß man euch aus ein⸗ ander bringt, ehe ein ungluͤck geſchieht. Elsb. Welch ein ungluͤck kann denn geſchehen? Gertr. Fort, Fraulein! fort! Ihr ſeyd immer ſo wunderſchnell herabzukommen, und ſo traͤge, hinauf⸗ zuſteigen— Elsb. Seht doch, Mutter, da wandelt ein Pil⸗ grimm den Fußſteig durch den Wald. Gertr. Was geht Euch der Pilgrimm an? wall⸗ fahrtet er doch nicht zu Euch. Elsb. Er kommt vielleicht vom heiligen Grabe. Ich hoͤre gar zu gern neue Maͤhr aus fremden Ländern. Gertr. Neubegier ziemt keiner ſittſamen Dirne. Man erfaͤhrt oft in einer Stunde mehr, als man zeit⸗ lebens wieder vergeſſen kann. Elsb. Nur noch ein Augenblickchen, liebe Mutter! Vor dem alten Graubart werdet Ihr Euch doch nicht furchten? Sechſte Scene. Bruno in Pilgrimms⸗Tracht. Die Vorigen. Bruno. Gelobt ſey Jeſus Chriſt! Kotzebue's dram. Werke 11. Th · 11 162 Der Graf von Burgund⸗ Gertr. In Ewigkeit Amen! Bruno. Koͤnnt Ihr mich berichten, wo der fromme Flauſner Bruder Peter hauſt? Gertr. Ihr ſeyd an Ort und Stelle. Bruno. Habt Dank, Mutter. Ich komme aus dem Kloſter Einſiedeln, und als ich unfern durchs Dorf zog, hoͤrte ich viel von ſeinem heiligen Wandel; da be⸗ ſchloß ich, einen Umweg nicht zu ſcheuen, um dem from⸗ men Manne zu beichten. Wo find' ich ihn? Gertr. Hier ſteht ſein Sohn, er kann Euch be⸗ richten. Bruno.(freudig auffahrend und Heinrich neugierig betrachtend) Sein Sohn! vieſer Jungling ſein Sohn? (mit Feuer zu Heinrich) Gott ſegne Euch! meine Au⸗ gen werden wacker bei Eurem Anblick. Heinr. Ich danke Euch, ehrwuͤrdiger Greis; aber ich bin nicht ſo fromm als mein Vater. Gertr. Nein, wahrlich! das iſt er nicht. Bruno.(ſich in Heinrichs Anſchauen vergeſſend) Der zarte Sproßling iſt zum ruͤſtigen Stamme aufge⸗ ſchoſſen. Heinr. Habt Ihr mich denn ſonſt gekannt? Bruno. Vielleicht. Heinr. War't Ihr vormals hier? Bruno.(bedeutend) Oft war ich hier— immer! Heinr. Eure Zuͤge ſind mir entfallen. Doch gleichviet! kann ich Euch in irgend etwas dienen? Bruno. Wenn Ihr es gerne thut?. Der Graf von Burgund. 163 Heinr. Ich diene gern. Bruno. So darf ich Euch dereinſt an Euer Wort erinnern. Jetzt ſagt mir, wo iſt Euer Vater? Heinr. Wenn Ihr dort uͤber den Zaun ſchaut, ſo ſeht Ihr ihn im Garten. Gertr. Fort, Fraulein! mich duͤnkt, ich hore Eures Vaters Jagdhoͤrner. Elsb. Ich gehe ſchon. Leb' wohl, Heinrich! Heinr. Ich begleite dich ein Stuͤck Weges. Gertr. Iſt nicht von noͤthen. Heinr. Nur bis an die Stelle, wo das abgeriſſene Felſenſtuͤck den Fußpfad ſperrt. Dort helfe ich Euch hinüber. Gertr. Bin oft genug ohne Huͤlfe druͤber wegge⸗ ſchritten. Heinr. Der Regen hat den Weg ſchluͤpfrig ge⸗ macht, und rechter Hand der Abgrund— nein, wahr⸗ lich! ich laſſe Euch nicht allein gehn. Gertr. Du lieber Gott! man ſollte Wunder den⸗ ken, wie viel ihm daran läge, daß ich nicht ausglitſche. Aber ich merke ſchon— nun diesmal magſt du mit⸗ gehn, doch nicht weiter als bis an den großen Stein. Elsb. Gehabt Euch wohl, frommer Pilger! wenn Ihr zu uns auf die Burg kommt, ſo will ich Euch einen Becher von unſerm beſten Wein kredenzen. Bruno. Ich danke Euch, holdes Fraulein. Heinr. Im Garken findet Ihr den Vater.(Er huͤpft mit Elsbeth davon.) 11 164 Der Graf von Burgund⸗ Gertr.(zu Bruno) Gott behuͤt' Euch!— Kin⸗ der! Kinder! lauft nicht ſo ſchnell.(Sie wackelt hin⸗ terdrein.) 3 Siebente Scene. Bruno allein. Heil dir, mein Vaterland! der wackere Knabe iſt unverſchroben an Leib und Seele. Kein krankes Pflänz⸗ lein aus fuͤrſtlichen Gäͤrten; eine friſche Staude voll Saft und Kraft.— Es war vielleicht ein Glück fuͤr dich, Burgund! daß es ſo kommen mußte. Kein Pfaff hat ihm den Nacken gebeugt, und keine Buhldirne das friſche Roth von ſeinen Wangen gehaucht.— Doch ich vergeſſe ganz den lieben alten Herrn, ſo wonnig uͤber⸗ raſchte mich des Knaben Anblick.— Längſt erwuͤnſcht iſt meine Botſchaft, dennoch unerwartet.—(Er nähert ſich dem Gartenzaun) Iſt er das?— der dort mit dem Grabſcheit ſo emſig in der Erde wuͤhlt?— Es ſteht ihm wohl an— doch ſtand das Schwerdt ihm beſſer⸗ — O! wie haben Sorge und Alter ihn gekruͤmmet! — Graues Haar— tiefe Furchen auf der Stirn— iſt er es auch? Herz! mein pochend Herz! Ja er iſt's! —(Er ruft) Ritter Hans von Bonſtetten! Peter. chinter der Scene) Wer ruft? Bruno. Ritter Hans von Bonſtetten! Peter. Großer Gott! wer ruft? ℳ Der Graf von Burgund. 165 Achte Scene. Peter ſtuͤrzt in großer Bewegung auf die Bühne. Peter. Pilgersmann! wer verrieth Euch meinen Namen? Bruno. Kennt Ihr meine Stimme nicht mehr? Peter. Gaukelbild! vor achtzehn Jahren hätte ich geſchworen, es ſey mein treuer Bruno. Bruno. Enieet nieder) Er iſt's. Peter.(auf ihn herabſinkend) Ha! willkommen Freundesſtimme! wie klinzſt du dem entwoͤhnten Ohr ſo ſuͤß! Steh auf, und laß an dieſes Herz dich drucken, das noch einmal jugendlich klopft! Bruno.(in ſeinen Armen) Mein guter alter Herr! Peter. O welch ein buntes Gewimmet von Bil⸗ dern erwacht bei deiner Stimme Klang!— wie iſt mir— wo bin ich?— Achtzehn lange Jahre hat ein ein⸗ ziger bekannter Ton in einen Traum verwandelt. Ich ſtehe wieder im Kreis der Meinigen, ſehe Bruͤder und Schweſtern um mich her, halte mein liebes Weib in meinen Armen— Bruno. Wo iſt ſie? daß ich ſie begruͤße. Peter. Ach! ich habe ſie begraben! jener Huͤgel deckt die thenern ueberreſte. Acht Jahre hat die edle Agnes meiner Hoffnung welke Schattenpflanze hier in dieſer Wildniß pflegen helfen. 166 Der Graf von Burgund. Bruno. O! daß Gott nicht ihre Tage friſtete bis zum Aufgang einer neuen Sonne! Peter. Rede! was fuͤhrt dich hieher? Bruno. Das koſtbare Pfand, Euch vom Schickſal anvertraut! es lebt? Peter. Es lebt. Bruno. Nun ſo wapnet Euch! auf! auf nach Burgund! Peter. Starb der Thronen⸗Raͤuber? Bruno. Er ſtieg mit Fluch beladen hinab zu ſei⸗ nen Vätern. Peter. So wäre es endlich Zeit?— Bruno. Hervorzutreten. Noch fließen täglich Thränen der Volksliebe, auf dem Grabe des ermordeten Vaters. Peter. Wohl auf, Heinrich! deine Stunde iſt ge⸗ kommen. Lebt Mathilde noch? Bruno. Sie kebt in kloſterlicher Einſamkeit. Ihr Mutterherz ahndet nicht, daß noch ſtarke Bande es an dieſe Welt feſſeln. Peter. Bote des Himmels! du haſt nach langer Dürre der Hoffnung milden Thau auf mich herabgetraͤu⸗ felt.— So werde ich dich verlaſſen, traute Eindde— dich verlaſſen, Grab meines guten Weibes!— Ich danke dir, Gott! daß du zum Heil meines Vaterlandes die wenigen Tage mir gefriſtet!— Komm, Bruno, komm in die Kapelle. Dem Ewigen ein Opfer unſrer Herzen! —— —— ———— Der Graf von Burgund. 167 — und dann den Harniſch blank geputzt, der ſeit acht⸗ zehn Jahren roſtet.(Er ergreift ihn bei der Hand, und fuͤhrt ihn in die Kapelle.) Ende des erſten Akts. — Zweyter Akt. (Der Schauplatz bleibt unveraͤndert.) Erſte Scene. Peter und Bruno mit Hacken und Spaten; ſie graben unter einem Baume ein Loch in die Erde; waͤhrend der Arbeit ſchwatzen ſie.) Peter.— und ſo iſt er immer: treuherzig, raſch zum Guten, voll Kraftgefuͤhl und Durſt nach Thaten.— Bruno. Verlangt ihn nie, Euer Schickſal zu wiſſen? Peter. O ja, er wird nicht muͤde zu fragen. Meine Antworten ſind Hrakelſpruͤche. Daß er nur mein Pflegeſohn war, kommt ihm nicht in den Sinn. Auch lieb' ich ihn warlich als mein Kind! — 168 Der Graf von Burgund. Bruno. Gabt Ihr ihm nicht ein zweites Leben? Ohne Euch traf ihn ſeiner Bruͤder hartes Loos. Peter. Zum Klauſner bin ich nicht gebohren, das hat er mir abgemerkt. Ich erzähle lieber eine Waffen⸗ that als eine Legende. Die Geſchichte ſeines Vater⸗ landes weiß er beſſer, als die des heiligen Antonius in der Wuͤſte. Vom kuͤhnen Voſo und der verſchmitzten Irmen⸗ gard hoͤrt er gern. Er ahndet nicht, wie nah verwandt— Bruno. St! mich duͤnkt, ich hore ein Geräuſch. Wenn er uns belauſchte— Peter. Lauſchen? Horchen?— Guter Bruno, du kömmſt von einem gräflichen Hoflager. Hier in dieſer Eindde behorcht man nur Nachtigallen. Auch iſt Heinrich fern genug; ich ſandte ihn an den See, ein Gericht Fiſche zu angeln, weil mir bang war, ſeine Fragen moͤchten mir das Gefühl durchkreuzen, dem ich bei dieſer Arbeit ſo gern nachhaͤnge.— Genug, Bruno! ſiehſt du den Kaſten? Laß uns hinabſteigen und ihn heraufheben, er iſt nicht ſchwer.(Sie ſteigen in die Grube, und holen einen Kaſten heraus) Ha! wie Ar⸗ beit und Mäͤßigkeit den Kraͤften immer wieder zulegen, was das Alter verzehrt. Warlich, Bruno! ich habe vor achtzehn Jahren den Kaſten minder leicht gehoben als heute.— Da ſteht er nun— ich ſehe ihn wieder— und gedenke des letzten Blicks, den ich darauf wärf, als ich ihn mit Erde bedeckte— mein Weib ſtand damals neben mir— an dieſen Baum lehnte ſie ſich— der Baum iſt noch grün— o!— Er ſucht ſich zu faſſen) Der Graf von Burgund. 169 Hier iſt der Schluſſel— vom Roſt zernagt— wir werden das Schloß leichter mit dem Beile offnen. Mach einiger Anſtrengung ſpringt der Kaſten auf. Peter läßt ſein Werkzeug fallen, wendet ſich, ſchlagt beide Haͤnde vor das Geſicht, und weint laut.) Bruno. Was iſt Euch, guter Herr? Ihr weint? Peter. Ach Bruno! mein erſter Blick fiel auf das Palsgeſchmeide meines guten Weibes. Nimm es weg, und ſtecke es zu dir. 2 Bruno.(ill es wegnehmen und verbergen.) Peter.(wendet ſich raſch und entreißt es ihm) Nein! nein! ich kann es nicht in fremden Händen ſehn! Er druͤckt es feurig an ſeine Lippen) In dieſem Geſchmeide habe ich ſie einſt zum Traualtar gefuͤhrt— in dieſem Ge⸗ ſchmeide ſchwur ſie mir vor Gottes Antlitz ewige Treue, und hat ihren Schwur redlich gehalten— bis in den Tod!— Meine holde treue Agnes! die Kette, die einſt deinen Schwanenhals umringelte—(er ſteckt ſie in den Buſen) ſie ſoll nicht wieder von meinem Herzen kommen. Bruno. Ctrocknet ſich die Augen.) Peter. Du biſt bewegt, guter Bruno? Bruno. Ich gedenke ihrer Wohlthaten. Als ich vor zwanzig Jahren ſiech darnieder lag, hat ihre Pflege mich erquickt. Peter. Das war nur einmal vor zwanzig Jahren, und du gedenkſt deſſen noch mit dankbaren Thraͤnen. Aber ich, dem ſie alles war! ich, dem ſie ſelbſt jene Huͤtte zum Pallaſt umſchuf— O, welch ein koſtlich Kleinod iſt 170 Der Graf von Burgund. eine wackere Hausfrau! wo ſie würkt und ſchafft, da verwiſchen Jahrhunderte nicht die Segensſpur! Genug, Bruno! das Vaterland ruft— ſchweige mein Herz! — Sieh hier, das ſind die Windeln, in welchen Hein⸗ rich lag, als er auf den Armen meiner Agnes dem Blutbad entſchluͤpfte.— Das iſt der Siegelring des alten Grafen.— Das der Becher mit dem Burgun⸗ diſchen Wappen, aus dem ich fremden Fuͤrſten und Herren manchen Willkommen zugetrunken.— Da unten liegt mein Harniſch, ſammt Helm und Schwerdt. Laß ſehen, ob ich es noch zu fuͤhren vermag.(Er zieht es aus der Scheide, und ſchwingt es uͤber dem Haupte) Fuͤr Gott und Vaterland! Hier iſt noch Kraft. Bruno. Heinrichs Name wird ſein Volk beſiegen, nicht das Schwerdt. Peter. Recht, Bruno, die Sohne finden den Weg zum Throne leicht, wenn uͤberall der Väter ihn bezeichnen. Bruno.(um ſich ſchauend) Herr, ich ſehe Men⸗ ſchen vom Berge herabkommen. Peter. Laß uns den Kaſten in die Hůtte tragen. Sind es die Weiber von der Burg, ſo nimmt das Fra⸗ gen kein Ende. Bruno. Mich duͤnkt, ſie fuͤhren einen Greis in ihrer Mitte. Peter. Vielleicht der alte Ritter Cuno. Ein wackerer Mann, nur ein wenig ſchwathaft. Welche ————— 8 6———— S 2 ———— ————————₰ ———— Der Graf von Burgund. 171 Quaal, die Lippen zu bewegen, wenn das Herz bewegt iſt. Komm, hilf mir tragen.(Sie tragen den Kaſten in die Huͤtte.) Zweyte Scene. Fraulein Elsbeth. Gleich darauf Ritter Cuno und Mutter Gertraud. Elsb.(lauſchend) Zwey Maͤnner gingen in die Huͤtte, und trugen ein Ding, es ſah aus wie ein Sarg. Aber Heinrich war nicht dabei. Cuno.(noch hinter der Scene) Elsbeth! Elsb. Hier, Vater! Cuno. Ctritt auff Du ſpringſt herum, wie ein junges Fuͤllen, das iſt nicht ſittſam. Du biſt funfzehn Jahr alt, mußt anfangen fein zuͤchtig und bedächtig mit kleinen Schritten einher zu wandeln. Elsb. Warum iſt denn ein Schritt ſittſamer, als ein Sprung? Gertr. Einen crun beim Tanz, den laſſe ich gelten. Cuno. Auch tragſt du den Kopf ſo hoch und frei; er wackelt dir auf dem Rumpfe, wie eine Thurm⸗ fahne. Gertr. Und die Augen! die Augen! ſie flackern hin und her, wie ein Flammlein im Zugwind. Cuno. Uund die Haͤnde fahren auf und nieder, wie die Flugel an einer Windmuͤhle. 172 Der Graf von Burgund, Gertr. und die Haare haͤngen wild um den Nak⸗ ken, wie Tannenzweige. Elsb. Der eine muſtert mich hier, der andere dort; mein Gott! wie ſoll ich's denn recht machen? Cuno. Eine ehrbare Jungfrau muß nicht gehn, ſondern trippeln. Gertr. Nicht ſchauen, ſondern blinzeln. Cuno. Die Haͤnde muͤſſen ſittſam im Schooße ruhen. Gertr. Die Haare nett geringelt feſt am Nacken kleben. Elsb.(unwillig) Mutter, laßt Euch eine Dirne aus Polz ſchnitzen. Gertr. Boͤſes Kind! bin ich denn aus Holz ge⸗ ſchnitzt? In meiner Jugend habe ich manch liebes mal bei Ehrengelagen ſo ſteif geſeſſen, daß man mir eine Feder vor den Mund halten mußte, um zu wiſſen, ob ich lebte. Elsb. Ehrengelage ſind keine Freudengelage. Seht das Rothkehlchen da im Buſche, wie es huͤpft und zwitſchert; oben ſchnattert eine Elſter, aber es kehrt ſich nicht daran, nicht wahr, Vaterchen?— Euch iſt ganz warm geworden.(Sie liebkoſt ihn und trocknet ihm den Schweiß von der Stirn.) Cuno. Habe ich dir doch den Berg herab. keuchen muͤſſen. Gertr. So macht ſie's immer; an jedem Dorn⸗ ſtrauch laͤßt ſie einen Lappen haͤngen. . Der Graf von Burgund. 173 Cuno. Ich weiß auch gar nicht, warum du mich aus meinem Sorgeſtuhl gezerrt haſt? Elsb. Elagend) Mutter Gertraud wollte nicht mitgehn, und allein darf ich nicht. Gertr. Ja doch, allein! wenn die Biene aus dem Korbe fliegt, ſind zehn Schwalben hinter ihr her, um ſie wegzuſchnappen. Elsb. Gerrt Cuno unter den Apfelbaum) Setzt Euch hieher, Vaterchen, auf die Raſenbank. So— lehnt Euch an den Baum— ſchlummert— ich will hier noch ein paar Zweige vorbiegen, daß Euch die Sonne nicht treffen kann—(ſie iſt geſchäftig um den Alten, es ihm bequem zu machen.) Nun? iſt's hier nicht beſſer, als in den kalten gewolbten Zimmern der Burg? in dem kahlen ledernen Sorgeſtuhl?— Jetzt will ich gehn, und Kräuter zum Sallat fuͤr Euch pflucken, Kreſſe, Sauerampf und Loffelkraut.(Sie huͤpft fort.) Dritte Scene. Ritter Cuno und Mutter Gertraud. Gertr. Fraͤulein Elsbeth! wo lauft Ihr hin? Cuno. Laßt ſie laufen. Gertr. Ganz allein? Cuno. Die Kinderjahre, Frau Gertraud! wir find ja auch jung geweſen. Gertr. Ey ſie iſt kein Kind mehr. Cuno. Wohl ihr, wenn es ihr noch ſo vorkommt. Gertr. Sie rennt in ihr Verderben. „ 174 Der Graf von Burgund. Cuno. Die wenigen Schritte, wo wäre da Gefahr? Gertr. Ein Fehltritt iſt genug zum Fall. Cuno. Hier unten im Thale— Gertr. Eben hier unten im Thale! Geſtrenger. Ritter, habt Ihr denn nichts gemerkt? CGuno. Was gemerkt? Gertr. Der junge Bube, des frommen Slauſners Sohn— Cuno. Nun? Gertr. Sie ſieht ihn gern. Cuno. Ey, ey, Mutterchen, hat ſie Euch das vertraut? Gertr. Hm! ſo etwas vertrauen die jungen Dir⸗ nen nicht. Sie mag es wohl ſelbſt kaum wiſſen. Cuno. Nun, woher wißt Ihr es denn? Gertr. Seht nur, geſtrenger Ritter, Fraͤulein Els⸗ beth hat das Stillſitzen verlernt. Immer will ſie luſt⸗ wandeln. Cuno. Nun, wenn es weiter nichts iſt. Gertr. Aber wohin?— Die Burg liegt frey und offen, gegen Norden iſt das ſchoͤne Birkengehege, da geht. ſie nicht! gegen Süden der ſanfte Abgang bis zum See hinunter, da geht ſie auch nicht; gegen Weſten der ſ one Huͤgel, wo bie große Linde ſteht, da geht ſie auch nicht.— Cuno. Nun, wo geht ſie denn? Gertr. Immer gegen Oſten, wo der Felſen am rauheſten iſt, und der Hals bei jedem Schritte Gefahr ₰ läuft; immer in dieſes Thal, wo die Schuhe im Sumpfe Der Graf von Burgund. 175 ſtecken bleiben, und die Sonne kaum des Mittags den Thau wegleckt.„ Cuno. Hm! hm! Gertr. Des Morgens beim Erwachen iſt Hein⸗ rich ihr erſtes Wort; des Abends beim Auskleiden Heinrich ihr letztes. Cuno.(ſein Haupt wiegend) Hm! hm! Gertr. Wenn ich etwa ein gutes Suͤppchen koche, oder Ihr habt ein köſtlich Stuͤck Wild mit nach Hauſe gebracht, ſo heißt es immer: Was meynt Ihr, Mutter? ein paar Loͤffel oder ein paar Biſſen für Heinrich. Cuno. Hm! hm! Gertr. Als Euch die Kloſterherren neulich den ſchoͤnen Wein aus Welſchland ſandten, wo Euer Bruder Abt iſt, huſch hatte ſie eine Flaſche hinter ihr Bettchen verſteckt.— Fuͤr wen„ Fraͤulein?— ſie wollte es nicht ſagen— aber fuͤr wen ſonſt als fuͤr Heinrich? Cuno. Ey, ey, das iſt faſt bedenklich. Gertr. Ein Blumenſtrauß, den er ihr giebt, und waͤren es Gänſeblumlein, kommt nicht von ihrem Buſen, bis er verwelkt iſt.— Ihren Namen ſchneidet der loſe Bube in jede Baumrinde— Ja es muß nur vollends heraus— Dieſen Morgen haben die gottloſen Kinder — ich ſchaͤme mich, es zu ſagen— Cuno. Nun, was haben ſie denn gemacht? Gertr. Sie haben— ich zittere noch, wenn ich daran denke!— Cuno. Geſchwinde heraus damit! 176 Der Graf von Burgund. Gertr.(mit einem tiefen Seufzer, indem ſie ein Kreuz vor ſich ſchlagt) Sie haben ſich gekuͤßt. Cuno. Gekuͤßt? ey! ey! das iſt zu viel. Gertr. Wenn Herr Walther von Blonay das erfuͤhre— Cuno. Ja wohl, Frau Gertraud, er ließe das Mädel ſitzen, und das von Rechtswegen. Gertr. Mein Rath waͤre, wir ſperrten ſie fein daheim in ihr Kämmerlein. Cuno. Die Nadel in die Hand— Gertr. Und den Spinnrocken— Cuno. Und eine Heilige⸗Legende— Gertr. und ein Gebetbuch. Cuno. Was unterfängt ſich der Bube? iſt nicht einmal Ritterbuͤrtig. Vorlaͤngſt wollte ich ihn als Edel⸗ knecht auf die Burg nehmen, weil mir ſein raſches kek⸗ kes Weſen wohl geſiel. Ich dachte: der Vater ſey ein verkappter Rittersmann, den irgend ein Mißgeſchick ge⸗ zwungen, in dieſe Eindde zu fliehen. Ich meynte, es ſey ein chriſtlich Werk, dem Knaben um Gottes willen eine ritterliche Erziehung zu geben. Als ich aber den Alten daruͤber ausholte, und Beweiſe ſeines Stan⸗ des forderte, da merkte ich wohl, daß er nur von ge⸗ meiner Herkunft iſt, und keinen offenen Helm im Wap⸗ pen fuͤhrt. Gertr. Der Heinrich iſt uͤbrigens wohl ein guter Knabe, das kann ich nicht anders ſagen. Cuno. Mag alles ſeyn, Frau Gertraud, aber er ——— Der Graf von Burgund. 177 ſoll mir das Maͤdel ungeneckt laſſen. Ich werde mit dem Bruder Peter ein Wöortchen darüber ſprechen; er iſt vernünftig und fromm, er wird ſchon Rath ſchaffen. Gertr. Da kommt der Alte. Cuno. So laßt uns allein, und ſeht indeſſen nach, wo Elsbeth geblieben iſt. Verliert ſie nicht aus den Augen. Gertr. Ja, ja, die Augen ſind geſund; aber was hüft's, die Beine wollen nicht mehr fort.(Sie trippelt in den Buſch.) Vierte Scene. Peter und Cunmo. Cuno. Gott gruͤße Euch, frommer Mann! Peter. Ich dank Euch, edler Ritter. Cuno. Ich hätte wohl ein freundlich Wörtchen mit Euch zu koſen. Peter. Redet. Cuno. Ihr habt einen muntern Buben. Peter. Er reift zum Manne. Cuno. Ja, das merk' ich wohl. Peter. Er fühlt ſich. Cuno. Ein wenig zu früh. Peter. Wie ſo? Cuno. Er laͤuft meiner Elsbeth nach. Peter. Ihr ſcherzt, Ritter. Cuno. Den Geyer auch. Ritterehre und Weiber⸗ Kohebue's dram. Werke. 11. 2h. 12 ſendet den Buben je eher, je lieber nach Welſchland; 178 Der Graf von Burgund⸗ zucht ſind ein paar Dinge, mit denen Cuno von Hall⸗ wyl nicht ſcherzt. Peter. Woher glaubt Ihr denn— Cuno. Hm! es hat ſich allerlei zugetragen— ſie ſind ſo gern beiſammen— Peter. Kinder. Cuno. Sie taͤndeln, ſie ſpielen. Peter. Wie die Kinder. Cuno. Aber ſie küͤſſen ſich! Thun die Kinder das auch? Peter. Nein, das wohl nicht. Cuno. und folglich— Peter. Seyd Ihr deſſen gewiß? Cuno. Mutter Gertraud hat es mit ihren leibli⸗ chen Augen geſehn. Peter. Es hat nichts zu bedeuten. Cuno. Nichts zu bedeuten? Potz Wetter! frommer Bruder! ſeyd Ihr ſo alt geworden, und wißt noch nicht, was ein Kuß zu bedeuten hat? Wart Ihr keuſch und zuͤchtig Euer Lebenlang, deſto beſſer fuͤr Euch! aber nehmt mir's nicht uͤbel, es kommt mir vor, als ob der Knabe nicht in Eure Fußtapfen treten wuͤrde. Peter. Ich meynte nur— Cuno. Seyd ſo gut, und hoͤrt was ich meyne. Ich meyne, wenn Stroh und Feuer zuſammen kommen, ſo giebt es eine helle Flamme. Darum bitte ich Euch, Der Graf von Burgund. 179 dort iſt Krieg, er kann dem Maylaͤnder als Lands⸗ knecht dienen. Peter.(aͤchelnd) Mein Heinrich ein Landsknecht? Cuno. Nun warum denn nicht? iſt er doch kein Edelmann! Beſſer, er ſchlagt dort dem Feinde Wunden, als hier einem alten Vater, der, außer ſeiner Tochter, weder Schatze noch Freude hat. Peter. Seyd ruhig, edler Ritter, mein Heinrich ſoll Euch keine Wunden ſchlagen. Noch heute verlaſſen wir dieſes Thal auf immer. Cuno. Richt doch! ſo war es nicht gemeynt. Peter. Auch ohne dieſen Zufall hätten wir, mit Dank für Eure Gaſtfreundſchaft, uns dennoch trennen muͤſſen. Cuno. Rebet Ihr im Ernſt? Peter. Gzuckt die Achſeln) Wir folgen dem Rufe des Schickſals. Cuno. Warlich! frommer Bruder, Ihr verkuͤndet mir üble Botſchaft. Eure Gegenwart hat Segen uͤber mein Haus gebracht. Ich laſſe Euch ungern ziehen. Was iſt's, das Euch ſo ploͤtlich aus dieſem ruhigen Thale treibt? Hat irgend Einer meiner Unterſaſſen Euch geneckt? das ſollt' ihm uͤbel bekommen. Peter. Nein, edler Herr. Achtzehn Jahre hat hier des Friedens Palme meine ſtille Huͤtte beſchattet, das dank ich Euch. So oft es mir an irgend Etwas mangelte, wart Ihr immer huͤlfreich bei der Hand. Das werde ich nie vergeſſen. Beſonders als mein ar⸗ 12 180 mes Weib das ſchwere Siechthum traf, da ſtunden Küch und Keller offen; Ihr ſelbſt wart Tag und Nacht an ihrem Bette; Eure Thraͤnen fielen auf ihr Kran⸗ kenlager— und endlich auf ihr Grab— das ſteht in meinem Herzen!— Cuno. Ihr macht mich weich, guter Bruder! Ihr wißt, ich bin ſelbſt arm, und hätte oft gern mehr gethan. Peter. um deſto redlicher von Euch. Ein Biſſen Brod und Herzensfreundlichkeit ſind Wohlthaten, die der Reiche vergebens in ſeinen Silberkiſten ſucht. Auch ſoll es Euch, bei Gott! nicht unvergolten bleiben. Cuno. Habt Ihr mir es doch ſo oft vergolten, durch guten Rath und frommes Gebet.(herzlich) Bleibt bei mir, Bruder Peter! wir ſind beide alt, warum wollt Ihr mich verlaſſen? Ein alter Baum wurzelt nicht mehr in fremden Boden. Ein paar alte Menſchen muß man nicht trennen, ſie haͤngen ſich nicht ſo leicht wieder an etwas Neues. Gefaͤllt es Euch hier unten im Thale nicht laͤnger? zieht hinauf zu mir auf die Burg. Peter. Ich kann nicht, ich muß fort. Cuno. Habt Ihr Feinde, die Euch verfolgen? dort oben ſeyd Ihr ſicher. Peter. Mehr als Eure Bitten feſſelt mich an dieſe Eindde meiner Agnes Grab. Aber ich kann nicht bleibenz Liebe und Pflicht— bald, Herr Ritter, ſollt Ihr erfahren, was allein vermochte, in das Weltgetuͤm⸗ mel mich zuruͤck zu ſchleudern. Der Graf von Burgund. —— Der Graf von Burgund. 181 Cuno. Nun ſo geleite Euch Gott! Ihr ſeyd ein kluger erfahrner Mann, Ihr wißt am beſten, was Euch frommt. Wann brecht Ihr auf? Peter. Noch in dieſer Stunde. Cuno. So bald? ich wollte Euch doch vorher mit Zehrung auf die Reiſe verſehen. Da habe ich die⸗ ſen Morgen ein feiſtes Reh erlegt, ich laſſe es braten. Peter. Dank'! wir brauchen wenig. Fuͤnfte Scene. Heinrich. Die Vorigen. Heinr.(mit einigen Fiſchen) Vater, die Sonne ſcheint heute gar zu hell, die Fiſche wollen nicht an⸗ beißen. Gott gruͤß' Euch, edler Ritter! Iſt Fraͤulein Elsheth mit Euch? Cuno. Könnte wohl ſeyn. Heinr. Wo? wo?— da Vater, nehmt die Fiſche und laßt mich fort. Peter. Bleib, ich habe mit dir zu reden. Heinr. Hat es Eile? Peter. Allerdings. Heinr. Cverdrüßlich) Nun, ſo redet. Cuno. Ich will Euch nicht ſtören. Auf Wieder⸗ ſehn, frommer Bruder. Ihr werdet doch nicht ohne Abſchiedstrunk von meiner Grenze ziehen? Peter. Jeder Augenblick Verweilens wäre Hoch⸗ verrath an meinem Vaterlande. Cuno. So zieht mit Gott! es thut mir weh. 182 Der Graf von Burgund. Vergeßt mich auch in der Ferne nicht in Eurem Gebet. — Lebt wohl!— Nein, noch ſcheiden wir nicht. Ich ſuche meine Elsbeth, und komme dann hier wieder vorbei.(Er geht ab.) Sechſte Scene. Peter und Heinrich. Heinr. Was plaudert er von Abſchiedstrunk und Scheiden? Peter. Wir muͤſſen fort. Heinr.(ſtarrt ihn mit großen Augen a Vater— 3 Peter. Nun? Heinr. Was kommt Euch an? Peter. Deine Wuͤnſche ſind erfuͤllt. Heinr. Welche? Peter. Du wollteſt ja hinaus in die weite Welt. Heinr. und es geſchieht? Peter. Noch heute. Heinr. Ihr ſcherzt, Vater. Peter. Ich rede ernſtlich. Der Sn Pilger brachte mir eine Botſchaft.— Heinr. Laßt hoͤren, wie lautet ſie? Peter. Mein Vaterland iſt zerruͤttet— es be⸗ darf meines Arms. Heinr. Euer Vaterland?— ich ſchäme mich, daß ich fragen muß: wo iſt Euer Vaterland? Peter. Wir ziehen dahin. Der Grafvon Burgund. 183 Heinr.(deſſen Unruhe ſichtbar zunimmt.) Wirklich? — aber wer ſorgt indeſſen fuͤr unſere Wirthſchaft? Peter. Die brauchen wir hinfort nicht mehr. Heinr. Die Huͤtte wird einfallen. Das Gäaͤrtchen verwildern— Peter. Freilich. Heinr. Beſſer waͤre es, ich bliebe hier, und hielte alles in Ordnung. Peter. Wie? du wollteſt mich allein ziehen laſſen? Heinr. Ich bin ſo jung, zu mir hat Euer Vater⸗ land kein Vertrauen. Peter. Aber ich— ich bedarf eines wackern Kna⸗ ben, der im Kampfe mir zur Seite ſtehe, von mir fech⸗ ten, ſiegen— ſterben lerne— Heinr. Sterben? Peter. Warum nicht? um zu lernen wird der Menſch geboren, und ſtirbt, um zu lehren. Im Sterben iſt der ſchwaͤchſte Greis des ſtärkſten Juͤnglings Meiſter. Heinr. Ihr werdet nicht fallen,(auf ſeine Bruſt deutend) hier iſt Euer Schild. Peter. Recht, mein Sohn! du ſiehſt, ich kann dich nicht entbehren. Heinr. Freilich wohl— ich muß mit Euch zie⸗ hen— aber wann kehren wir zuruͤck? Peter. Nie. Heinr. Nie? wie meynt Ihr das? die Fehde kann doch nicht ewig dauern. Wir fechten wacker bis 184 Der Graf von Burgund. der Winter kommt, dann ziehen wir heim, und pfdegen der Ruhe unter unſerm Strohdach. Peter. Heinrich, was iſt das? ich begreife dich nicht. Noch dieſen Morgen ſchien dir jede Stunde druͤckend; noch dieſen Morgen begehrteſt du mit Unge⸗ ſtüm hinaus ins Freie; und nun, da ich dir auf halben Wege entgegen komme, nun rechneſt du mir deinen Ge⸗ horſam als ein Opfer an? Heinr. Vater, ich weiß ſelbſt nicht— mir iſt ſonderbar zu Muthe— ich begreife es nicht— Ihr ſeyd ein kluger Mann, erklaͤrt mir das; warum mir bald die Welt zu enge ſcheint, und ich dann wieder jene Huͤtte nicht gegen den Kaiſerthron von Trapezunt ver⸗ tauſchen moͤchte? Peter. Gewohnheit— Heinr. Sey es, was es wolle. Ihr muͤßt mir eine baldige Ruͤckkehr verſprechen— oder ich gräme mich zu Tode! Peter. Ich kann dir nichts verſprechen. Heinr. Ihr ſeyd mein guter Vater— ich wollte gern gehorchen— herzlich gern— aber— ich muß es Euch nur gerade heraus ſagen— das. Fräulein Elsbeth iſt mir gar zu lieb! Peter. Was kuͤmmert dich Fraͤulein Elsbeth? Heinr. Sehr viel. Sie hat, ich weiß nicht wie, ſich in mein Herz geniſtelt. Wo ich bin, da iſt ſie mit mirz wo ich gehe, da ſchwebt ſie vor mir her. Im Walde ſteht ſie hinter jedem Baume, und in der 1 „ ———,— Der Graf von Burgund. 185 Huͤtte ſchaut ſie aus jedem Winkel. Ich lege mich ſchlafen, ſie ſetzt ſich vor mein Bette; ich erwache, und ſie ſitzt noch da. Peter. Die Entfernung wird dich heilen. Heinr. Ja, wenn ich nur ſchon fort wäre!— aber— werdet nur nicht boͤſe, Vater— ich kann nicht fort! Peter, Heinrich! wenn ich d nun ſage, daß noch eine Perſon lebt, der die Natur weit guͤltigere Anſpruͤche auf dein Herz gab, als dieſer Dirne?— wenn ich dir ſage, daß du noch eine Mutter haſt? Heinr. Ich eine Mutter? deckt jener Hügel nicht ihr Grab? Peter. Meine Agnes hat das Leben dir gerettet, aber nicht gegeben. Sie war deiner Kindheit red⸗ liche Pflegerin; doch die, die dich gebahr, lebt noch. Heinr. Sie lebt noch?— wer bin ich denn?— wart Ihr vermählt?— verſtießt Euer Weib, und nahmt eine Andere?— oder ſeyd Ihr nicht mein Vater? Peter. Wenn Liebe und Sorge ein Recht auf dieſen Titel geben— Heinr. Sonſt nicht? Peter. Sonſt nicht. Heinr. Weh' mir! Ihr raubt mir einen Vater, den ich liebe, und gebt mir eine Mutter, dir ch nicht kenne. Peter. Eile in ihre Arme! —— 186 Der Graf von Burgund. Heinr. Ich mag nicht. Ich mag keine fremde Mutter!— ich bitte Euch um Gottes willen! bleibt mein Vater!— habe ich doch ſchon ſo lange mich daran gewöhnt, Euch kindlich zu lieben, und nun ſoll ich mein ganzes Herz in fremde Hände legen. Peter. In Mutterhaͤnde. Heinr. Das klingt wohl ſchoͤn, aber—(aufs Herz deutend) es toͤnt hier nicht wieder. Ich habe meine Mutter nie gekannt; durch welche Wohlthaten hat ſie mich gefeſſelt? welche Rechte kann ſie gegen die Eu⸗ rrigen geltend machen? Peter. Die Rechte der Natur. Heinr. Natur, Natur— ich weiß nicht, was das iſt. Seyd Ihr denn mit der Natur in einen Bund getreten, um mein Herz zu gewinnen? werde ich meine Mutter mehr lieben als Euch? mehr als Fraͤulein Els⸗ beth?— um Gottes willen! wie bin ich denn auf Einmal ſo zur Waiſe geworden!— Aus Barmherzig⸗ keit! bleibt mein Vater, oder ich ſturze mich in den Strom!— Peter. Sey getroſt! ich will dein Vater bleiben, ſo lange du mich dafuͤr erkennen magſt. Heinr. So lang' ich lebe! ſo lange ein Bluts⸗ tropfen— Peter. Wohlan! der Vater darf Gehorſam von dem Sohn fordern. Mache dich bereit zur Abreiſe. Noch vor Sonnen⸗Untergang verlaſſen wir dieſes Thal. Heinr. Ohne meiner Elsbeth Lebewohl zu ſagen? —— Der Graf von Burgund. 187 Peter. Du haſt in meinen Vater⸗Rechten mich be⸗ ſtätiget. Wir haben keinen Augenblick zu verlieren. Bald ſollſt du erfahren warum?(Er geht in die Huͤtte.) Siebente Scene. Heinrich allein. Wie iſt mir geſchehen?— es war ja ſonſt Alles ſo freundlich um mich— mun auf Einmal ſo dunkel — der Felſen kommt mir hoͤher vor— das Thal enger— die hohen Baͤume machen mir zu viel Schat⸗ ten— ich bin aͤrgerlich— ich muß weinen.—(Mauſe) Eine Mutter?— was iſt das?— wer ſagt mir, was das iſt?— ich habe keinen Sinn dafuͤr— und was ſoll ich bei ihr?— kann ſie nicht zu mir kom⸗ men?— will ſie mich von Fraͤulein Elsbeth reißen? — das iſt nicht der Weg zu meinem Herzen— nein, wahrlich nicht!(Er bleibt in tiefen Gedanken ſtehn.) Achte Scene. Elsbeth und Heinrich. Elsb.(ſchleicht leiſe herbei, mit einem Blumen⸗ kranze in der Hand, nimmt Heinrich plötzlich den Hut vom Kopfe, und ſetzt ihm den Kranz auf.) Heinr. Ach Elsbeth! liebe Elsbeth. Elsb.(ſetzt Heinrichs Hut auf) Seh' ich nun aus wie ein Knabe? Heinr. Du kannſt noch ſcherzen? und ich bin halb todt. 188 Der Graf von Burgund. Elsb. Du? laß doch ſehn, wie ſieht man aus, wenn man halb todt iſt? Rothe Backen— klare Augen— Heinr. Voll Thraͤnen. Elsb. Thraͤnen?— wahrhaftig, da drängt ſich eine hervor— Heinrich, biſt du krank? Heinr. Wollte Gott! Elsb. Pfuy, uͤber den haͤßlichen Wunſch! Heinr. Schlimm genug, wenn man ſo haͤßlich wün⸗ ſchen muß. Ja, wollte Gott! ich waͤre krank! ſo muͤßte der Vater mich zuruͤck laſſen. Elsb. Was redeſt du da?— geſchwind! ehe die beiden Alten mich einholen.— nimmt den Kranz vom Kopfe) Das wird mein Tod⸗ tenkranz! Elsb. um Gottes willen! aͤngſtige mich nicht. Heinr. Ich muß fort! Elsb. Wohin? Heinr. Fort, in die weite Welt! Elsb. Weswegen? Heinr.(weinerlich) Mich herum balgen— die Menſchen todtſchlagen— Elsb. Was haben ſie dir gethan? Heinr. Mir?— nichts, gar nichts— meinet⸗ halben moͤchten ſie Alle leben bis an den juͤngſten Tag. Elsb. So laß ſie leben und bleib hier. Heinr. Ich darf nicht. —— Der Graf von Burgund. 189 Elsb. Aber du koͤmmſt doch bald wieder? Heinr. Das iſt es eben— ich werde nicht wie⸗ der kommen⸗— Elsbeth!— ich werde dich nie wie⸗ derſehen!— Elsb. Mich nie wiederſehen!— dann ſche ich dich ja auch nicht wieder? Heinr. Ach! das bricht mir das Herz! Elsb. Lieber Heinrich! du machſt mir ganz bange — weine nicht—(ſie trocknet ihm die Thränen mit der Schuͤrze) Sieh mich doch an— rrede doch ver⸗ nuͤnftig— wer will denn haben, daß du mich nie wie⸗ derſehen ſollſt? Heinr. Mein Vater, und doch nicht mein Vater— Elsb. Redeſt du im Schlafe? Heinr. Eben geht er von mir— eben hat er mir vertraut, daß ich ſein Sohn nicht bin. Elsb. Bewahre der Himmel! Heinrich, du wirſt doch wohl einen Vater haben? Peinr. Das gilt mir gleich. Wenn es dieſer nicht ſeyn ſoll, ſo mag ich auch keinen Andern. Elsb. Warum nicht? es giebt noch mehr gute Väter in der Welt. Der Meinige zum Beiſpiel— wenn er dich zu meinem Bruder aufnähme— das waͤre luſtig. Heinr. Hm! das wäre auch eben nicht ſehr luſtig. Eine Schweſter darf man ja nicht heyrathen. Elsb. Villſt du mich denn wirklich heyrathen? 190 Der Graf von Burgund. Heinr. Freilich! ich habe dich gar zu lieh— viel lieber als du mich. Elsb. Das iſt nicht wahr. Heinr. Das iſt wohl wahr. Sieh nur, meine Augen ſind voll Thränen— mein Herz voll Jammer — und du biſt immer ganz wohlgemuth dabei. Elsb. Ich denke, Heinrich, wenn du mich wirklich recht lieb haſt, ſo recht ſehr lieb: ſo wirſt du bald wieder kommen, nicht wahr? Heinr. Wenn ich darf. Elsb. Wer wird dich hindern? Heinr. Meine Mutter. Elsb. Wer iſt deine Mutter? Heinr. Was weiß ich! es iſt eine Mutter, die ich in meinem Leben nicht geſehen habe. Slsb. Aber gewiß eine gute Frau, wenn ſie deine Mutter iſt. Sey getroſt, Heinrich! da haſt du meine Hand, ich will dein Weib werden, und keines andern. Heinr. Verſprichſt du mir das? Elsb. Ich verſpreche es dir. Heinr. Schwore. „Elsb. Wie ſoll ich ſchwoͤren? Heinr. Bey deiner Schutzpatronin. Elsb. Wohlan, ich ſchwore dir bei der heiligen Agathe! Heinr. Du wirſt Herrn Walther von Blonay nicht heyrathen? Elsb. Nimmermehr. — Der Graf von Burgund. 191 Heinr. Du wirſt auf Botſchaft von dem armen Heinrich warten? Elsb. Gewiß!— ſey nun auch wieder freundlich. Heinr. Ach! das iſt alles recht ſchoͤn und gut; aber wie kann ich freundlich ſeyn? wir ſollen ſcheiden— Elsb. Wann? Heinr. Jetzt gleich. Noch vor Sonnen⸗Untergang, ſagte der Vater, verlaſſen wir dieſes Thal. Elsb. Was iſt das: ſcheiden? wie machen wir das? Heinr. Du giebſt mir die Hand— ich ſchuͤttele ſie herzlich— du ſiehſt mich traurig an— ich weine — du ſagſt Lebewohl— ich ſage auch Lebewohl— und dann geht einer hierhin, der andere dorthin. Elsb. Ach, Heinrich! das iſt ſchwer! Heinr. Centnerſchwer! Elsb. Gärtlich) Bleib bei mir! Heinr. Ja, wenn du mich vollends bitteſt— Elsb.(ſich an ihn ſchmiegend) Bleib bei mir! Heinr. Ja, wenn du mir ſo köͤmmſt— chaſtig entſchloſſen Elsbeth! ich bleibe bei dir! Neunte Scene. Peter. Die Vorigen. Heinr.(ihm entgegen) Vater, ich kann nicht mit Euch ziehen! Elsbeth liebt mich— ſie bittet— ſie weint— mir ſchwindelt— und— kurz— ich kann nicht mit Euch ziehen! 192 Der Graf von Burgund⸗ peter. So werde ich deiner Mutter ſagen, ſie habe einen liebloſen Sohn geboren. Heinr. Sagt, was Ihr wollt. Wer dieſe Heilige an ſeinem Herzen tragt, iſt nicht lieblos. Peter. und deine Mutter? Heinr. Warum verſtieß ſie mich. 1 Peter. Wenn ſie nun bis jetzt dich todt glaubte? Heinr. So laß ſie bei dem Glauben. Hat ſie den Verluſt doch ſchon längſt verſchmerzt. Peter. Wie? du wolltäſt der nicht Freude geben, die dir das Leben gab? Der Vogel im Neſt zwitſchert der Mutter entgegen— Heinr. Weil ſie einen Wurm im Schnabel traͤgt, ihm zur Speiſe. Aber was hat meine Mutter fuͤr mich gethan? Peter. Sie hat fuͤr dich gelitten⸗ Heinr. Sehnſucht, Liebe, Hoffnung, Verlangen, das iſt wahres Leben! All' das gab mir Elsbeth, nur ſie iſt meine Mutter! Drum will ich bei ihr ausharren, ihr Liebe um Liebe weihen, hoffen als ein Knabe, ver⸗ langen als ein Juͤngling, und um ihren Beſitz kampfen, als ein Mann!. Peter. Wenn das Herz die Vernunft uͤbertäubt, ſo gedenke mindeſtens der Vater⸗Rechte, die du mir freiwillig einräumteſt. Du mußt mit mir ziehen. Heinr. Ihr ſagt: du mußt!— Elsbeth ſagt nichts— ſie ſieht mich nur an— und doch kann ich nur ihr gehorchen. — Der Graf gen Burgund. 193 Peter. Fraͤulein, ich fordre meinen Sohn von Euch. Elsb. Werdet Ihr ihn mir wiederbringen? Peter. Ich kann nichts verſprechen.* Elsb. Zieht allein! ſagt ſeiner Mutter, ſie ſolle hieher kommen, hier werde ſie Sohn und Tochter finden. Heinr. Ein köſtlicher Einfall! ja Vater! zieht allein!. Elsb. Euer Heinrich ſoll indeſſen an nichts Man⸗ gel leiden.. Heinr. Gruͤßt meine Mutter! Elsb. Und kommt bald wieder. Peter. Ich bin euch läſtig, wie es ſcheint. Wohlan, Fräulein! wenn Euer Vater nichts dagegen hat. Elsb. Mein Vater iſt ein guter frommer Mann. Peter. Da kommt er. Fragt ihn ſelbſt. Zehnte Scene. Cuno. Gertraud. Die Vorigen. Gertr. Hab' ich es nicht geſagt? linker Hand ver⸗ ſchwand ſie hinter dem Buſche, und rechter Hand treffen wir ſie wieder. Cuno. Ey! ey! Elsb.(ihm entgegen huͤpfend) Vater, der fromme Bruder Peter will uns verlaſſen. Cuno. So hore ich. 5 Elsb. Aber Heinrich muß hier bleiben, nicht wahr? Cuno. Er muß hier bleiben? und warum? Kotzebue's dram. Werke 11. Th. 13 194 Der Graf von Burgund⸗— * Elsb. Weil ich ihn ſo leb habe— faſt ſo lieb als Euch. Gertr. und das ſagt ſie ſo offenherzig, wie ein Paternoſter. Boſes Kind! Cuno. Elsbeth! haſt du aller jungfräulichen Schaam entſagt? Elsb. Wie ſo, Vater? Cuno. Du darfſt niemand lieben, als deinen Bräu⸗ tigam, Herrn Walther von Blonay; und auch dem darfſt du es nicht einmäl ſo unverſchämt in den Bart ſagen. Elsb. Der ſoll es auch gewiß nicht von mir horen. Guno. Heinrich zieht mit ſeinem Vater, und du bleibſt fein zu Hauſe in deinem Kämmerlein, bis man dich zum Traualtar holt. Heinr.(Cbetrubt) Hoͤrſt du, Elsbeth? Elsb. Cerſtohlen) Gräme dich nicht; gedenke meines Schwurs. Heinr. Ach, geſtrenger Ritter! behaltet mich auf Eurer Burg als den niedrigſten Knecht. Ich will Eure Roſſe in die Schwemme reiten, und Eure Hunde fut⸗ tern. Liebe Mutter Gertraud! ſprecht doch ein freund⸗ lich Wort fuͤr mich. Ich will Sperlinge fangen fuͤr Euren alten Kater, und Euch in den Ruͤcken klopfen, wenn Ihr den Steckhuſten habt. Gertr. Mein alter Kater wird ſchon ohne dich ſatt werden. Der Graf von Burgund. 195 Cuno. Zieh mit deinem Vater, Heinrich, ſo ziemt es dem Sohne. Hier iſt deines Bleibens nicht. Peter. Genug, Kinder! meine Stunden ſind ge⸗ zählt. Wir muͤſſen ſcheiden. Heinr. Scheiden?— horſt du, Elsbeth? Elsb.(weinerlich) Ich will nichts hören— ich will nicht ſcheiden— Cuno. Du mußt!— Gehabt Euch wohl, Bruder Peter! Euer Abſchied thut mir wehe, doch wer weiß, wozu es frommt. Die leichtſinnige Dirne macht mir Sorgen. Zieht mit Gott! und gedenkt meiner in Eurem Gebet. Peter. So oft ich einen Biedermann ſehe, gedenke ich Eurer Gaſtfreundſchaft. Lebt wohl!(ſie ſchuͤtteln ſich die Hände) Vergoͤnnet den Kindern auch ein letztes Lebewohl.. 4 Cuno. Nun macht fort! gebt Euch die Häͤnde! Heinr.(ſchluchzend) Es wird Ernſt— Leb⸗ wohl, Elsbeth! Elsb.(auch ſchluchzend) Vergiß mein nicht! Heinr. Gedenke deines Schwurs! Elsb. Bei der heiligen Agathe! Peinr. Wenn du hieher luſtwandelſt, ſo rede mit mir, als ob ich noch da wäre. Elsb. Sey immer wacker und liebe mich. Heinr. Dort im Garten ſteht ein Roſenſtock, ich habe ihn auf dein Gluͤck gepflanzt, begieße ihn zuweilen. Elsb. Mit meinen Thraͤnen. 13* — 196 Der Graf von Burgund. Heinr. Meine Turteltauben ſchenke ich dir, füͤttre ſie. Elsb. Aus meinem Munde... Gertr. Die armen Kinder machen mir das Herz ganz weich. Cuno. Fort, Elsbeth! nun iſt's genug! Esb.(fortwankend und oft zuruͤckſchauend.) Leb' wohl! Heinr. cheftig ſchluchzend) Lebe wohl! Cuno. Gottes Segen auf die Reiſe! 6 Gertr. Moͤgen die lieben Heiligen Euch uͤberall geleiten! Peter. Geht, geht, mir bricht das Herz! Eisb.(ſchon in der Scene) Leb' wohl, Heinrich! Heinr.(ohne um ſich zu ſchauen, mit erſtickter Stimme) Leb' wohl, Elsbeth! (Cuno, Gertraud und Elsbeth ſind verſchwunden.) Peter. Faſſe dich, Sohn! ſey ein Mann! Heinr. Wenn ein Mann nicht weinen darf, ſo will ich kein Mann ſeyn. Elsb. Eommt haſtig zurück mit einem Blümchen.) Heinrich! lieber Heinrich! Vergiß mein nicht!(ſie reicht ihm das Bluͤmchen, und verſchwindet.) Heinr.(trocknet ſeine Thränen, und betrachtet das Blümchen) Hm!— was ſoll mir die Blume? morgen iſt ſie verwelkt. Er ſteckt ſie auf den Hut) Haͤtte ſie mir lieber ein Tuch gegeben, oder ein Band, das haͤtte ich hoher achten wollen, als die Reliquien vom Kloſter Einſiedeln, das haͤtte ich um den Arm gebunden, oder Der Graf von Burgund. 197 an die Drathhaube geheftet, und fo ins dickſte Gedränge. Ha, Vater! wenn wir doch nicht unter Freunden blei⸗ ben duͤrfen, ſo wollte ich, wir waͤren ſchon mitten im Gewuͤhl der Feinde. Peter. Wohlauf, mein Sohn! ergreife den Wan⸗ derſtab! Die Sonne neigt ſich in Weſten, die Voögel zwitſchern das Abendlied, es wird hohe Zeit. Peinr. Wenn wir nur die Alpen ſchon im Ruͤcken haͤtten; wenn die Vurg nur nicht ſo hoch läge, daß man ſie Meilenweit im Geſichte behalt. Peter. Schaue vorwarts. Getroſt, Heinrich! wenn Zeit und Entfernung in einen Bund treten, ſo loſchen ſie Flammenſchrift aus Menſchenherzen. Heinr. Nimmermehr, Vater! fuͤhrt mich zum hei⸗ ligen Grabe; ſagt mir: auf dieſem Steine ſaß der En⸗ gel der Verkuͤndigung— und meine Augen werden Elsbeth ſitzen ſehen. Peter. Große Dinge harren dein. Heinr. Große Dinge haben ihren Mann an mir gefunden, wenn Elsbeth der Preis iſt. Peter. Der Pfad aus dieſer Eindde führt dich vielleicht zum Throne. Heinr. Ihr ſcherzt. und ſitzt es denn auf einem Throne ſich weicher, als hier unter dem Apfelbaume? was meynt Ihr, Vater? wenn Ihr mit Eurer Linken nach dem Scepter greifen, oder mit Eurer Rechten die gute Agnes aus dem Grabe ziehen durftet„ was wuͤrdet Ihr thun? 198 Der Graf von Burgund. Peter. JZuͤngling! dein Gefuhl iſt nur der Liebe Morgenroͤthe; aber cheliches Gluck iſt Fruͤhlingsſonne am Mittage. einr. Wohl!— auch mein Mittag wird einſt kommen! Elsbeth oder keine! Peter. Verdiene ſie. Heinr. Fuͤhrt mich in die Schlacht! Ruhm oder Tod! Eilfte Scene. Bruno mit einem Buͤndel auf dem Ruͤcken. Die Vorigen. Bruno. Wir ſind reiſefertig. Heinr. ungluͤcksbote! Bruno.(ächelnd) Ich ein ungluͤcksbote? Ha Jun⸗ ker! wenn Ihr wuͤßtet— Heinr. Spotte nicht. Bruno. In dieſem Buͤndel trage ich eine Ritter⸗ kleidung für Euch. Heinr. Fuͤr mich? was ſoll das heißen? wer bin ich? rede! Peter.(unterbrechend) Das fuͤhrt uns zu weit. Geduld, mein Sohn, bis auf den Abend. In der naͤch⸗ ſten Herberge ſoll dein Schickſal dir kund werden. Heinr. Nur Eine Frage noch vergönnet mir, ehe wir aus dieſem Thale ſcheiden: beguͤnſtigt meine Ge⸗ burt eine Verbindung mit Elsbeth? Peter.(nach einer Pauſe) Nein⸗ Heinr. Ich Elender! warum erblickte keiner mei⸗ ————————————— —————————— ——————— — Der Graf von Burgund. 199 ner Voreltern eine Dirne wie Elsbeth! die Liebe hätte ihn zum Ritter geſchlagen. Peter. Auch dir winken der Ehre offene Schran⸗ ken. Laß uns allein! Heinr. Ach!(ſie gehen einige Schritte. Peter bleibt ſtehen und breitet die Arme nach der Huͤtte aus.) Peter. Wie?— ſo ſollte ich dir den Ruͤcken kehren, kleine Huͤtte, die mich achtzehn Jahre lang fried⸗ lich herbergte?— Richt einmal ein feuchter Blick des Dankes fiele auf dich zuruͤck?— Pfuy des Schiffbruͤ⸗ chigen, der das Brett gefuhllos verbrennen kann, auf welchem er ſich ans ufer rettete. Wie manchen fro⸗ hen Augenblick haben Liebe, Hoffnung, Froͤmmigkeit und Ruhe mir hier geſchaffen!— Moͤgen Blitz und Sturm dein morſches Dach verſchonen! und es oft noch muͤde Pilger decken! Moͤgen ſtets die Turteltauben in den Wipfeln dieſer Tannen girren, und ihre Speiſe aus dem Gaͤrtchen holen, wo hinfort kein Strohmann ſie verſcheucht.—(Er wendet ſich um und blickt in die Ferne.. Aber ach! weſſen Hand wird die Blumen pfle⸗ gen, die das Grab meiner guten Agnes ſchmuͤcken?— Agnes!— von deinem Staube mich trennen!—(raſch) Geh' voran, Bruno, folge ihm, Heinrich. Noch einen Augenblick fuͤr mein Herz! dann gehoͤre ich dir und dem Vaterlande. Bruno. Wohlan, Junker! laßt uns in Gottes Namen die Wanderſchaft antreten! Der Graf von Burgund. Heinr. Da haben wir's! Bley in den Füßen. Gebt mir ein Stoß in den Ruͤcken, daß ich fort taumele. Bruno. Gieht ein Schwerdt unter ſeiner Kutte hervor.) Dieſes Schwerdt iſt fuͤr Euch, Junker! Heinr.(haſtig darnach greifend) Für mich? Bruno. Laßt es mich tragen, es mochte Euch am Gehen hindern. Heinr.(reißt es ihm aus der Hand) Alter Knabe! wenn du mude wirſt, lade ich dich ſelbſt auf den Ruͤk⸗ ken. Ha! Elsbeth! ich habe ein Schwerdt.(Er geht raſch ab, Bruno folgt ihm.) Geter betrachtet eine Zeitlang wehmuͤthig die Hütte, dann eben ſo den Apfelbaum, von welchem er einen Zweig abbricht und auf ſeinen Hut ſteckt; dann tritt er an die offene Grube, und ſchaut mit duͤſterm Blick hinab; dann wendet er ſich gegen das ferne Grab, nach welchem er beide Hände ausſtreckt, und endlich in die Kniee ſinkt. Nach einem kurzen und ſtillen Gebet ſteht er auf, entfernt ſich langſam; ſchaut oft zuruͤck, und verſchwindet endlich hinter den Bäumen.) ————— Ende des zweiten Akts. ——— Der Graf von Burgund. 201 D ritter AFt. (Freier Platz zu Arles, mit Haͤuſern umgeben; im Hinter⸗ grunde das Schloß der Grafen von Burgund. Im Vordergrunde das Haus eines Faßbinders, der, nebſt ſeinem Geſellen, vor der Hausthuͤr beſchäftigt iſt, Reifen um eine Tonne zu ſchlagen. Sie laſſen oft die Arbeit ruhen, um zu ſchwatzen.) Erſte Scene. Meiſter Benedir und Niklas. Benedix. Du haſt die Welt durchkrochen, Riklas, wo gefaͤllt es dir am beſten? Niklas. Iſt doch Arles meine Vaterſtadt, und ſchmeckt daheim ein Trunk Quellwaſſer beſſer, als in der Fremde ein koͤſtlicher Wein. Bened. Gott ſey Dank! wir duͤrfen nun auch wieder Sonntags einen Schoppen Wein trinken. Nikl. Ihr war't die Zeit her uͤbel berathen. Bened. Ach, Niklas! der liebe Gott hat es wahr⸗ lich gut mit dir gemeint, daß er dich nicht fruher zu⸗ ruͤck in deine Heimath brachte. Es ging hier Alles drunter und druͤber. Nikl. Ich war noch ein Knabe, als der boͤſe Graf ulrich den frommen Grafen Albrecht erſchlug. Bened. Brudermord! Hu!(ſie arbeiten.) 202 Der Graf von Burgund. Nikl. Doch iſt der Moͤrder ruhig auf ſeinem Bette geſtorben? Bened. Auf dem Bette iſt er geſtorben, aber ruhig?(rr ſchuͤttelt den Kopf.) Konnt er doch nicht ein⸗ mal ruhig ſchlummern. Der Fuͤrſt, der ohne eine gute That zu Bette geht, geht ohne Troſt zu Grabe. Wenn ich des Morgens einen Schlag mit dem Hammer that, gleich erſchien ein Trabant aus dem Schloſſe: Meiſter Benedir, der geſtrenge Herr Graf laͤßt Euch das Hammern verbieten! es ſtoͤrt ſeinen Morgenſchlum⸗ mer. Hm! murmelt' ich in den Bart: kann er ſeinem Gewiſſen das Hammern auch verbieten?— Nikl. Wunder, daß er Euch nicht gar aus dem Hauſe jagte. Bened. Faſt wäre es geſchehen,„deine Hütte, ſprach er einmal zu mir, verunſtaltet den Schloßplatz“— Geſtrenger Herr Graf, antwortete ich: Redlich⸗ keit und Fleiß bewohnen dieſe Huͤtte; wollte Gott! man koͤnnte eben das von manchem Pallaſte ſagen—„ich will dir die Hütte abkaufen,“ redete er weiter.— Ich mag ſie nicht verkau⸗ fen. Mein ur⸗ur⸗Großvater hat ſie gebaut, mein Vater hat ſie renovirt, ich bin darin geboren und großgezogen. Mein alter Va⸗ ter iſt blind, und tappt dennoch im Hauſe herum, ohne Gefahr. Bräaͤchte ich ihn aber in ein fremdes Haus, ſo ſtieße er ſich den Schaͤdel ein.— Was meynſt du, Niklas, welche Si Der Graf von Burgund. 203 Antwort der geſtrenge Herr mir werden ließ?—„Je nun, ſagte er, indem er ſich den Knebelbart ſtrich: was waͤre daran gelegen?“— Nikl. Der Wuͤtrich! Bened. Kurz, es war um mein Haus geſchehen, wenn nicht Gevatter Block der Schreiner ein guter Freund vom Hofnarren geweſen waͤre, der brachte es denn wieder ins Gleis.(Sie arbeiten.) 4 Nikl. Da war Graf Albrecht, Gott verleih' ihm eine froͤhliche Urſtend! ganz ein andrer Mann. Bened. Wohl war er! immer freundlich und her⸗ zensgut. Hier ſtand er oft und ſchaute meiner Arbeit zu, und wenn die Sonne brannte, litt er nicht, daß ich die Muͤtze bei Seite legte. Er hat manch liebes mal aus meinem ſilbernen Becher getrunken.— Ach Gott! ich ſehe ihn noch, wenn er hier vorbei ſpazierte, die kleinen Junker huͤpften um ihn her, zogen hoflich ihr Barret vor jedem Handwerksmanne, nickten traulich je⸗ dem Obſtweibe— und wenn ein Bettler ihnen aufſtieß, gleich waren die Haͤndchen voll Silberpfennige ausge⸗ ſtreckt— O! es ſtoͤßt mir das Herz ab, wenn ich denke, wie ſie Alle ſo ſchmaͤhlig ins Gras gebiſſen! Nikt. Keiner entwiſchte? Bened. Keiner. Hab' ich doch ſelbſt in jener graͤßlichen Mordnacht das Wimmern und Winſeln aus den Fenſtern der Hofburg vernommen— das Rocheln der Sterbenden— das Wehklagen des Hofgeſindes— das Gekreiſch der Mutter— 204 Der Graf von Burgund. Nikl. Die alte Graͤfin lebt noch? 3 Bened. Ihr waͤre beſſer, ſie lebte auch nicht mehr. Sie verſchonen, war aͤrger als Mord. Die hochherzige Frau begrub ſich in ein Nonnenkloſter. Ge⸗ mahl und Kinder mag ſie vergeſſen haben, aber den Glanz der Hoheit, den Durſt nach Rache, kann ſie nicht vergeſſen, wie man ſpricht.— Ich glaub's wohl, ſie war Mutter— bin ich doch nur Buͤrger, und wuͤßte ich einen der Moͤrder unter dieſen Hammer zu bekommen, ich wollte ihn zum Reifen um dieſe Tonne ſchlagen. (Er arbeitet heftig darauf los.) Nikl. Der Knabe, ſagt man, den Graf ulrich hinterließ, iſt gut geartet? Bened. Er iſt ein Knabe. Der Dornbuſch traͤgt keine Pflaumen. So lange Graf Hugo von Werden⸗ berg, der Schirmvoigt, ſeine leitet— der iſt ein wackerer Ritter— Nikl.(in die Ferne blickend) Seht doch, Meiſter, welch ein Auflauf dort am Thore?— Bened. Was geht es uns an? wird wohl ein Trunkener ſeyn. Nikl. Ich ſehe Hellebarden flimmern. Bened. Hat nichts zu bedeuten. Es iſt nicht mehr wie vormals, wo auch der ehrlichſte Mann jedem Trabanten aus dem Wege ging. Nikl. Das Getoͤſe nimmt Wechanb— ſie i men naͤher— Bened. Nun? was ſoll's geben? Der Graf von Burgund. 205 3 et (Einige Buͤrger rennen uͤber die Buͤhne, und rufen: Laͤutet die Sturmglocke! die Sturm⸗ glocke! Ein andrer Volkshaufen draͤngt ſich herbei, unter ihnen Meiſter Block.) Block. Hieher, ihr Buͤrger von Arles! hieher auf den Schloßplatz! Bened. Gevatter Block, was geht vor? Block. Gevatter Benedir, laßt alles ſtehn und lie⸗ gen! Gräßliche Dinge! der Tag der Rache iſt gekommen! Das Volk. Rache! Rache! Bened. Rache? an wem? weswegen? Das Volk. Schleppt die Moͤrder hieher! laßt ſie bluten unter den Fenſtern des Schloſſes! Bened. Welche Moͤrder? Block. Man hat Pilgrimme gefangen, man hat den Siegelring des Grafen bei ihnen gefunden— Ein Andrer. und den Becher mit dem Bur⸗ gundſchen Wappen. Bened. Ha! gerechter Gott! dein Wuͤrgengel 4 ſie nach Arles! wo ſind ſie? Block. Man ſchleppte ſie in den Kerker.— Das Volk. Her mit ihnen! lautet die Sturmglocke! (Man hoͤrt die Sturmglocke lauten. Das Volksgewimmel vermehrt ſich mit jedem Augenblicke. Man fragt, man ruft, ſchreyt, erzaͤhlt, tobt, flucht durcheinander.) Bened. Heil mir, daß ich dieſen Tag erlebe! Siehſt 206 Der Graf von Burgund. du, Niklas, wie dieſe Menſchen noch Alle mit heißer Liebe an ihrem ermordeten Herrn hängen? So ſproſſen Wohl⸗ thaten wie Blumen aus dem Grabe des Gerechten. Steig herauf, Graf Albrechts Geiſt! aus deiner Gruft, und ſiehe die Blutrache in der Liebe deines Volkes gluͤhen. (Die Thore des Pallaſtes offnen ſich.) Einige Stimmen rufen: Der Schirmvoigt! der Schirmvoigt! Dritte Scene. (Graf Hugo von Werdenberg tritt aus dem Schloſſe mitten unter das Volk.) Hugd. Was habt ihr, Kinder? was geht hier vor? (Das Volk drängt ſich um ihn, ein Jeder will erzäͤhlen, man vernimmt blos ein unverſtaͤndliches Getoͤſe.. Hugo. Ich verſtehe Euch nicht. Redet ginzeln. Das Volk. Rede du, Meiſter Maͤrten! (Allgemeine Stille.) Meiſter Maͤrten(der Schſenhaͤndler.) Ich war zwei Tagereiſen weit ins Land gezogen, und ging meinem Gewerbe nach. Auf der Heimkehr uͤberfiel mich die Nacht in einem Dorfe, eine Stunde von hier⸗ Nachdem ich mein Vieh beſchickt hatte, legte ich mich zu andern Fremdlingen auf die Streu. Es war dunkel. Als aber die erſte Morgenrothe durch die Fenſter ſchim⸗ merte, erwachte ich, und warf einen Blick auf die Schlummernden. Ein alter Mann in einer Pilgerkutte lag neben mir. Sein Gewand hatte ſich verſchoben, Der Graf von Burgund. 207 ich ſah, daß er einen Panzer unter der Kutte trug. Das nahm mich Wunder. Ich betrachtete ihn aufmerk⸗ ſamer, und wurde an ſeiner Hand einen Siegelring ge⸗ wahr, der auf ein Haar dem Ringe unſers ermordeten Grafen glich, wie ich ihn oft beſchreiben hoͤrte, als er vermißt wurde. Das Volk. Der Moͤrder des Grafen Albrecht! er iſt gefunden! Rache! Blut! Hugo. Stille! ſtille! laßt ihn weiter reden! Meiſter Märten. Es lief mir eiskalt durch alle Glieder. Doch war ich meiner Sache noch ungewiß, bis ich zu den Fuͤßen des Alten einen großen ſilbernen Be⸗ cher gewahr wurde— ſie mochten wohl am Abend gezecht haben auf die gluckliche Heimkunft— Als ich den Becher aufhob, ſiehe da fiel das Burgundiſche Wappen mir in die Augen. Das Volk. Genug! genug! fuͤhrt ihn her! Hugo. Stille, meine— laßt euren Mitbuͤr⸗ ger vollenden! Meiſter Märten. Schon wollte ich mein Meſſer zucken, um den grauen Boſewicht zur Holle zu ſenden, da. ſchlug er die Augen auf. Neben ihm lagen noch ein ruͤſti⸗ ger Juͤngling, und ein andrer Vube in Pilgerstracht. Er weckte ſie, ſie rafften ſich eilig vom Lager, und nahmen wohlgemuth den Weg nach der Stadt. Ich geſellete mich zu ihnen, um ſie nicht aus den Augen zu verlieren. unter⸗ wegens fragte mich der Alte dieſes und jenes; ob die Bür⸗ ger noch mit Liebe ihres guten Grafen Albrecht gedächten? 208 Der Graf von Burgund. ob ſie ſeine Moͤrder haßten? und was dergleichen mehr war. Auch von Euch, Herr Schirmvoigt, zog er Er⸗ kundigung ein, und ſchien ſich zu freuen, als er horte, daß Ihr noch lebtet und wohl auf wäret. Als wir nun ans Thor kamen, da rief ich die Trabanten zu Huͤlfe. Man fand in ihrem Reiſeſack unter andern verdaͤchtigen Dingen auch Windeln mit dem Burgundi⸗ ſchen Wappen bezeichnet, und dem Buchſtaben H, unter einer Grafen⸗Krone. Die haben gewiß einſt dem armen kleinen Grafen Heinrich zugehoͤrt, deſſen unſchuldiges Blut der Boͤſewicht vergoſſen hat. Das Volk. Rache! Blut! ſchleppt ſie her! Hugo. Ihr Buͤrger von Arles! ein ſchweres Joch hat euch gedruͤckt. Ihr wißt, welch Unheil ein uͤbereiltes Machtwort ſtiften kann. Seyd langſam zu ſtrafen! un⸗ terſucht bedaͤchtig! Entwiſchen koͤnnen die Gefangenen. euch nicht. Hoͤrt ſie, und richtet kalt, damit dieſer kaum entſühnte Boden nicht abermals von unſchuldigem Blute rauche. Das Volk. Er hat Recht!— wir wollen ſie hoͤren— bald! bald! Eine Stimme. Schaut auf! da bringen die Tra⸗ banten ſchon den Alten!. * Das Volk. Hieher, Trabanten! hieher! ins Blut⸗ gericht! Der Graf von Burgund. 209 Vierte Scene. (Peter, von einigen Trabanten begleitet und gebunden, tritt mit heiterer Miene unter das Volk.) Hugo. Stellt ihn her in unſre Mitte. Ein Trabant. Er verlangte ſelbſt, vor das Volk gebracht zu werden. Eine Stimme im Hintergrunde. Scht, ob er einen Panzer unter der Kutte traͤgt? Einige.(welche Petern am nächſten ſtehn, heben das Pilgergewand auf, und ſchreyen:) Ja! ja! Eine Stimme. Schaut nach dem Siegelring an ſeinem Finger. Einige.(heben ihm die gebundenen Hände empor) Ja! ja! Das Volk.(ſchreyt graͤßlich) Haut ihn mieder! zerreißt ihn! ſteinigt ihn!(Alles dringt auf den Gefan⸗ genen ein.) Hugo.(aus Leibeskraͤften abwehrend) Trabanten! ſchuͤtzt ihn! zuruͤck! zuruͤck! nur noch wenige Minuten!— hoͤrt ihn! ihr Buͤrger von Arles! wenn ihr mich liebt! — ich beſchwöre euch bei der Aſche eures ermordeten Grafen! (Die vernünftigern Buͤrger vereinigen ſich mit Hugo und den Trabanten.) Zuruͤck! zuruͤck! Er hat ſich auf das Volk berufen. Laßt nun hoͤren, was der Frevler vorzubringen wagt. Hugo. Stille! ſtille! im Namen der Gerechtigkeit! Kotzebue's dram. Werke 11. Th. 14 1 210 Der Graf von Burgund. laßt ihre Waage wiegen, und dann ihr Schwerdt treffen. (Es wird ſtille. Zu Peter) Du haſt vernommen, wel⸗ cher ſchweren Verbrechen du bezüchtiget wirſt. Peter. Vergebens droht ein ſchimpflicher Tod mir unſchuldigen! Freudenthränen rollen uͤber meine Wangen, und netzen die Bande, die ich mit Ehren trage. Heil mir! zu ſehen, wie nach achtzehn Jahren der Buͤrger Liebe noch immer heiß an meinem guten Grafen Albrecht hängt. Er war mein Freund, mein Wohlthaͤter! Fluch ſeinem Moͤrder! Das Volk.(murmelt:) Sein Freund?— ſein Wohlthaͤter?— Peter. Ihr Buͤrger von Arles! ihr vormals gelieb⸗ ten Mitbuͤrger! iſt keiner unter euch, der mich erkennt 2 (Dumpfes Getoͤſe. Alle drängen ſich naäher, um ihm in's Geſicht zu ſchauen.) Peter.(ſich zu Hugo wendend) Auch du nicht, mein Waffenbruder? Hugo.(ihn aufmerkſam betrachtend) Warlich! mir iſt) dieſe Stimme nicht fremd! Peter. Mein Gott! haben Zeit und Gram meine Zuge ſo entſtellt? Iſt denn keiner mehr, der Hans von BVonſtetten in ſeiner Heimath willkommen hieße? Das Volk. Hans von Bonſtetten?— er iſt's! Hugo.(in ſeinen Armen) Hans von Bonſtetten! mein Freund und Waffenbruder! hat das Grab dich wie⸗ der ausgeſpieen?— Eine Stimme. Ja, ja, ich kenne ihn noch. Der Graf von Burgund. 1 Eine Andere. Ich auch. Eine Dritte. Ein wackerer Mann! Eine Vierte. Der Buſenfreund unſers Grafen! Das Volk. Loͤſt ſeine Bande! tragt ihn auf den Haͤnden! tragt ihn zum Grabe ſeines ermordeten Herrn! (Die Trabanten entfeſſeln ihn. Er wirft die Kutte von ſich, und ſteht da in ritterlicher Kleidung.) Peter.(mit Begeiſterung) Je, zum Grabe meines guten Albrechts! Auf ihr Buͤrger von Arles! Kront dort ſeinen einzigen Sohn zu eurem rechtmaͤßigen Herrn! Das Volk. Seinen Sohn! ſeinen Sohn! Peter. Bemeiſtert euren Taumel! hort mich! hört Freundes Stimme! In jener gräßlichen Mordnacht, als das Klirren der Säͤbel gedungener Moͤrder, und das Win⸗ ſeln der Sterbenden mich umgabz als mein guter Herr ſchon blutend vor mir lag, und ſeine aͤltern Soͤhne nur noch rocheltenz da rief ich mein Weib, deſſen Sorge das juͤngſte Kind in Windeln anvertrauet war; Agnes! rief ich, rette dein Kleinod! den Siegelring des Grafen zog ich dem Leichnam vom Finger, den ſilbern Becher riß ich von der Tafel. Durch eine heimliche Pforte entſchluͤpften wir ins Freie. In finſtrer Nacht, durch Sumpf und Roͤhrig, durch Dorn und Diſteln, wandelten wir auf ungebahnten Straßen. Die Sonne ging uns nur zum Schrecken auf, denn ſie leuchtete unſern Verfolgern. Am Tage bargen wir uns in Kornfeldern, und ſtillten unſern Hunger mit unreifen Aehren. Gott wachte uͤber euren Fuͤrſten! wir erreichten die Graͤnze von Burgund. Dort 14* 212 Der Graf von Burgund. ſandte ich unſern einzigen Begleiter, meinen treuen Diener Bruno zuruͤck; er ſollte ſchweigen und harren, bis er mir von beſſern Zeiten Botſchaft bringen könne. Am Fuße der Alpen, in einer duͤrftigen Einſiedlerhuͤtte, verwahrte ich das theure Pfand, das Gott mir anvertraute. Der Säugling iſt zum Knaben aufgebluͤht. Der Knabe zum wackern Juͤngling gereift. Ihr Buͤrger von Arles! ich bringe ihn euch heute zuruͤck! nehmt ihn, und eurer Zu⸗ kunft Glück aus meinen Haͤnden! Das Volk.(im frohen Taumel) Wo— wo— Peter. Er ward mit mir in den Kerker geſchleppt. Die Hand, die euren Scepter fuͤhren ſoll, iſt gebunden. Das Volk. Fort! fort! er lebt! er lebt! Al⸗ brechts Sohn! (Das Volk eilt jauchzend von dannen, die Buͤhne wird plotzlich leer.) Hugo. Wache ich?— oder traͤume ich? Peter. Reiche mir deine Hand, Hugo! Auf dieſem Platze ſind wir oft mit Händedruck geſchieden, wenn wir vom frohen Mahle aus dem Schloſſe heimkehrten⸗ Hugo. Ach! wo ſind die ſchoͤnen Zeiten! Peter. Sie werden wiederkommen. Mein Hein⸗ rich iſt ein wackerer Sprößling des alten Burgundſchen Stammes. Ich erzog ihn zum Menſchen, arm und niedrig; wohl dem Fuͤrſten, der Armuth kennt! Hugo. Wo blieb deine gute Agnes? Peter. Truͤbe mir dieſe Stunde nicht. Hugo. Ich verſtehe dich. Der Graf von Burgund. 213 Das Volk.(in der Ferne) Es lebe Graf Hein⸗ rich von Burgund! Peter. Ha! ſie kehren ſchon zuruͤck!— Freue dich, Hugo! du wirſt einen ſtattlichen Juͤngling ſehen. Fuͤnſte Scene. Das Volk trägt Heinrich auf den Haͤnden herbei.) Das Volk. Da iſt er! der junge Graf!— ein Auge, wie ſein Vater!— ein Lacheln, wie ſein Vater! — es lebe Graf Heinrich! Einige Stimmen im Hintergrunde. Wir wollen ihn uch ſehn! wir konnen ihn nicht ſehn! hebt ihn in die Hoͤhe! Benedir. Stellt ihn da auf meine Tonne! (Heinrich wird auf die Tonne gehoben. Ein lautes Jubelgeſchrey ſteigt in die Luft:) Es lebe Graf Heinrich von Burgund! (Trompeten und Pauken vom Balkon des Schloſſes.) Heinrich.(verſucht zu reden. Er wendet ſich bierhin und dorthin. Er kann nicht ſprechen. Thraͤ⸗ nen ſtürzen aus ſeinen Augen.) Einige Stimmen. Er weint! er weint! Heinr.(mit erſtickter Stimme) Ihr ſeht mich zum Erſtenmale und liebt mich ſchon— dieſe Liebe verdanke ich meinem guten Vater— ſein Segen ruhe auf mir! Das Volk.(hebt die Arme gen Himmel) Graf Albrechts Segen üͤber ſeinen guten Sohn! 2¹4 Der Graf von Burgunt. Heinr. Kann ich euch nicht werden, was Er euch war,— ſo will ich euch doch lieben, wie er euch liebte—(er hebt Haͤnde und Augen gen Himmel) Dankt Gott mit mir fuͤr meine wunderbare Rettung! Das ganze Volk knieet nieder⸗ Dank dir, Gott! Eine Weiberſtimme hinter der Scene. Wo iſt er? wo?— wo? Einige aus dem Volke. Ha! ſeine Mutter! Sechſte Scene. Die Gräfin von Burgund ſtürzt auf die Buͤhne. Das Volk.(ſchreyt ihr entgegen) Euer Sohn! Euer Sohn!(und deutet mit dem Finger auf Heinrich.) (Sie draͤngt ſich durch die Haufen, erblickt ihren Sohn, ſtreckt die Arme nach ihm aus, und ſinkt ſprachlos in die Knie.) Heinr. Meine Mutter!. (Er will herabſpringen, das Volk draͤngt ſich her⸗ bei, hebt Heinrich von der Tonne und bringt ihn in die Arme ſeiner Mutter.) Das Volk. Es lebe Mathilde! es lebe Heinrich! (Trompeten und Pauken vom Balkon des Schloſſes.) Mathilde. Bin ich noch Mutter?— iſt dieſer mein Sohn?— du einzig Entronnener!— Eſie be⸗ trachtet ihn mit Wohlgefallen) O! Alles in der Welt verlernt ſich! Alles vergißt ſich, nur Mutterliebe nicht. * — Der Graf von Burgund. 215 Heinr. Gebt mir Euren Segen! Math. Der Segen deines biedern Vaters ruhe auf „dir! Einen Fürſten muß ſein Volk ſegnen, nicht ſeine Mutter.. Heinr. Ich will die Liebe meines Volks verdie⸗ nen, und die Eurige; bei Gott! ich will! Math. Ha! ſo wird zum Erſtenmale meine ode Zelle von muͤtterlichem Jauchzen wiedertonen! ſo werde ich nicht mehr vor dem Gekreuzigten um Rache! Rache! flehen!— Dank!— Dank!— O wie gern ſpricht Mutter dieſes Wort zum Vater unſer Aller! Peter. Gnadige Graͤfin, vergönnet einem ih treuen Diener den Saum Eures Gewandes zu kuͤſſen. Math. Ritter Hans von Bonſtetten! O wie mag ich Euch vergelten!— Peter. Wehe meinem Herzen, wenn dieſes Schau⸗ ſpiel ihm nicht vergalt! Math. Als Ihr mir zum letztenmale in jenen Hallen Gute Nacht botet,— wer haͤtte gedacht, daß der Morgen erſt nach achtzehn Jahren anbrechen wuͤrde! — wo iſt Eure brave Agnes? Peter.(nach einer Pauſe mit Wehmuth) Ihr Morgen iſt noch nicht angebrochen. Math. 55ch verſtehe Euch. Wir haben beide nur noch einen Sohn. Peter. Graf Heinrich von Vurgund, vergonnt, daß ich der Erſte ſey, der dem neuen huldige. (Er knieet nieder.) 216 Der Graf von Burgund. Heinr.(ſtrzt in ſeine Arme) Beſchämet mich nicht. Entzieht mir nicht den ſuͤßen Namen, von dem mein Herz ſich nie entwoͤhnen wird! nennt mich Euren Sohn! ſchaͤmt Euch meiner nicht im Angeſicht des Volkes! Peter. Eihn in ſeine Arme ſchließend) Mein Sohn! Heinr.(mit edler Hitze) Volk pon Burgund! wenn ich einſt deine Hoffnungen erfuͤlle, wenn es mir gelingt, dir meinen Vater zu erſetzen, ſo verdankſt du es dieſem Manne! Er nahm nichts mit in die Eindde, als was kein Tyrann ihm rauben konnte— ſeine Tu⸗ gend! Ihn liebt' ich als Knabe, ihn bewundert' ich als Jüngling, ihm werde ich nachſtreben als Mann. Er iſt nicht der nachſte nach mir, er iſt der Erſte uͤber mir! was hinfort durch mich euch Gutes. wiederfahren mag, das ſind nur aufgeſchoſſene Keime, die er pflanzte. Koͤnnt' ich je vergeſſen, was er mir war— iſt— und bleiben wird: ſo vergeſſe Gott meiner ewiglich! Peter. Aus edlen Keimen edle Fruͤchte ziehen, iſt geringes Verdienſt. Math. Sohn! was ich von dir ſeh' und hore, macht mich ſtolz darauf, dich gebohren zu haben. Siebente Scene. (Ein Volkshaufe draͤngt mit Getoſe aus dem Schloſſe, und ſchleppt einen gebundenen Knaben zu Hein⸗ richs Fuͤßen.) Das Volk. Rache! Blutrache! Der Graf von Burgund. 27 Heinr. Was iſt das? Der Knabe. O weh! man hat mich gebunden. Graf Hugo.(tritt hervor) Wer erkuͤhnte ſich, dieſen unſchuldigen Knaben zu binden?— Geſtrenger Graf, Ihr werdet die erſte Stunde Eurer Regierung nicht mit einer Grauſamkeit beflecken? Dieſer Knabe iſt ulrichs Sohn, Euer leiblicher Vetter! Knabe.(aͤngſtlich) Willkommen, Vetter! Hugo. Sein Vater ermordete den Eurigen. Doch der Sohn ſoll nicht tragen die Miſſethat des Vaters. Knabe. Toͤdte mich nicht! ich will dich lieb haben. Math. Iſt das die Brut?— Ha! wie ihr An⸗ blick die Schrecken der Vergangenheit zuruͤckruft! wie mit Gras bewachſene Graͤber ſich wieder aufthun, ver⸗ moderte Leichname wieder bluten!— Schafft ihn mir aus den Augen, daß der Schmerz mich nicht zu unedler Rache verleite. Knabe. Gu Hugo) Warum iſt ſie zornig? Math.(den Knaben wild anſchauend) Dieſen from⸗ men Heuchlerblick erbteſt du von deinem Vater, dieß verfuͤhreriſche Laͤcheln um den Mund ſtahlſt du deiner Mutter. Knabe. Vater und Mutter ſind geſtorben. Heinr. Wer koͤnnte dieſen holden Knaben haſſen? bindet ihn los. Knabe. Ich danke dir, es that ſo weh. Math. Huͤte dich, Sohn! waͤrme keine Natter in deinem Buſen. 218 Der Graf von Burgund. Knabe. Ich bin ein frommes Kind. Math. Deiner Bruder Blut ſchreyet um Rache! Heinr. Rache den Lebendigen! Thränen den Tod⸗ ten. Koͤnnte Blut ihre Graͤber oͤffnen, das Meinige ſollte fließen.— Komm her zu mir, holder Knabe! wie nennt man dich? Knabe. Ich heiße Guido. Heinr. Willſt du mein Bruder ſeyn? Knabe. Recht gern. Wie heißeſt du denn? Heinr. Heinrich. Knabe. Alſo biſt du mein Bruder Heinrich? Heinr. Ja, ich ſchwore es dir im Angeſicht Got⸗ tes und meines Volkes! Peter. So recht, mein Sohn! Math. O! daß es dich nie gereue! Knabe.(zu Mathilden) Sey auch nicht mehr zornig. Ich fuͤrchte mich vor dir. Math. Laß mich! nur die Zeit kann deinen An⸗ blick mich ertragen lehren. Knabe. Sage mir, Bruder denich, was habe ich ihr gethan? Heinr. Sey immer fromm und gut, ſo gewinnſt du ihr Herz. Knabe. Ja, ich will immer fromm und gut blei⸗ ben.(er zieht ihn geheimnißvoll bei Seite) Was meynſt du, wenn ich ihr dieſen Roſenkranz ſchenkte? Der Graf von Burgund. 219 Heinr. Wackerer Knabe!(er hebt ihn auf und druͤckt ihn an ſich.) (Das Volk giebt Zeichen der Ruͤhrung.) Peter. Heinrich, ich bin zufrieden mit dir. Du haſt dich ſelbſt beherrſcht, jetzt erſt verdienſt du Men⸗ ſchen zu beherrſchen. Heinr. Noch nicht, mein Vater, ich that mur, was mein Herz gebot. Hugo.(der indeſſen von einigen alten Buͤrgern umringt, und mit ihnen im Geſprach begriffen war, tritt zu Heinrich) Edler Graf, die Buͤrger von Arles wollen Euch nach alter Sitte berilrannt⸗ Sie gehn, Euch Geſchenke zu bringen, wie ſie vor Jahrhun⸗ derten die Erſten Buͤrger dieſer Stadt dem Erſten guten Fuͤrſten reichten. Heinr. War ihr Jauchzen, waren ihre Thraͤnen nicht die koſtlichſten Geſchenke 2 Peter.(halb leiſe) Verdirb deinem Volke nie eine Freude. Heinr. Seht, Kinder, und thut, was euch Freude macht. Das Volk. Fort, Bräder! auf das Rathhaus! die Geſchenke! das alte Herkommen!(Alles verläuft ſi ich.) Pugo. Cuͤhrt den Knaben in den Pallaſt.) Der Knabe.(dreht noch einmal den Kopf um) Konmſt du nicht mit, Bruder Heinrich? Heinr. Ich folge dir bald, lieber Kleiner. Der Graf von Burgund. Achte Scene. Heinrich, Peter und Mathilde. Math.(ſteht mit geſenktem Haupte und gefaltenen Haͤnden, ſtarr vor ſich hinſchauend.) Heinr.(naͤhert ſich ihr liebevoll.) Woruͤber ſinnt meine gute Mutter? Math.(erwachend) Ich?— über nichts— Alle meine Sinne feſſelt der holde Traum.— Nicht einmal veten könnt' ich jetzt— es wäre denn, daß dieſe Thrä⸗ nen dem Schöpfer fur ein Dankopfer gälten!— Ich vin nicht krank, und doch ſo matt— ſo müde— Heinr. Vergonnet, daß ich Euch in Eure alte Wohnung fuhre. Math. Nicht dorthin! mein Sohn! noch nicht!— Aus jenen Pforten haben die Moͤrder deine Mutter bei den Haaren geſchleppt. Heinr. Zieht die Vergangenheit nicht aus ihrer Nacht. Math. Siehſt du das offene Fenſter?— ach! dort in jenem Scale!— peter. Dort, Frau Grafin, wurdet Ihr dem edeln Albrecht angetraut. 2 Math. Dort hab' ich meiner Kinder Blut an den Waͤnden verſpruͤtzt geſehen! Heinr. Ich bitt' Euch, Mutter,— einen Schleyer uͤber dieſe Bilder. Math. Rein, nicht dorthin!— laß mich, mein ———————— Der Graf von Burgund. 221 Sohn!— auch die Freude will Athem ſchöpfen. Goͤnne mir Erholung!— Sie ſinkt auf eine ſteinerne Bank am Thore des Pallaſtes.) Heinr.(macht eine Bewegung, ihr zu folgen.) Peter. Bleib, mein Sohn. Es giebt Augenblicke, wo ſelbſt Liebe laͤſtig wird. Laß dieſe kurze Friſt mich nutzen, um dich zu fragen: Wie iſt dir nun zu Sinne? Heinr. Wohl, mein Vater. Peter. Völker⸗Gluck an ſeinem Herzen tragen, es iſt groß und ſchon! nicht wahr, mein Sohn? Heinr. Der Himmel ſchuf ein Menſchenherz zu eng fuͤr dies Gefuhl. Peter. Drum dunkt ſich der ein Weſen hoͤherer Art, zu dem Millionen aufblicken. Heinr. Nur Dank von Millionen rechtfertigt die⸗ ſen Duͤnkel. Peter. Ich prophezeihte dir Vergeſſenheit deiner Jugendgrillen. Hab' ich Wort gehalten? Heinr. Nein, mein Vater, Ihr habt falſch pro⸗ phezeiht. Peter. Wie?— noch immer— Heinr. Nun und nimmer! jetzt mehr, als jemahls! Was ein Jugendtraum mir verhieß, hat ein Wunder mir gegeben. Meine Hoffnungen waren thoricht; ein Gott hat ſich meiner Thorheit erbarmt! ich trage heute ein anderes Kleid, mein Herz ſchlaͤgt darunter wie vor⸗ 222 Der Graf von Burgund. mals; ihr nennt mich Graf von Burgund, und ich fuhle noch immer, daß ich der arme Heinrich bin. Peter.(warnend) Juͤngling! 33 Heinr. Das ſuße Gefuͤhl, Menſchen zu begluͤcken, iſt es untheilbar? Gewinnt es nicht hoͤhern Reis durch Mittheilung? darf der Fuͤrſt nicht Hausvater ſeyn? muß er es nicht ſeyn? um im Kleinen zu lernen, was er im Großen uͤben ſoll? Peter. Er darf und muß. Heinr. Der Füͤrſt, der Gatte und Vater iſt,— ſpracht Ihr nicht noch geſtern ſo?— hat ein zarteres Gefuͤhl fuͤr das Gluͤck ſeiner Unterthanen; er wird dem Weibe nicht den Geliebten, der Mutter nicht den Sohn entreißen, um ihn in Schlachten zu fuͤhren, die vielleicht nur Laune und Uebermuth kaͤmpfen. Indeſſen der Fuͤrſt den Frieden mit Sanftmuth einladet, windet die Fuͤr⸗ ſtin einen Blumenkranz, um den willkommnen Gaſt zu ſchmuͤcken.. Peter. Recht, mein Sohn! habe ich denn von dir begehrt, daß du unbeweibt bleiben ſolleſt? Heinr. So laßt uns Eilboten nach Hallwyl ſenden. Peter. Warum nach Hallwyl? Heinr. Ich habe geſchworen: Elsbeth oder keine! Peter. Was Heinrich ſchwur— Heinr. Das wird der Graf von Burgund halten! Peter. Es ziemt dir nicht. Heinr. Es ziemt nicht— ein heilloſes Wort! Der Graf von Burgund. 223 das Böſe ziemt weder dem Fuͤrſten, noch dem Bettler. Aber Schoͤnheit und Tugend kroͤnen, dünkt mich fuͤrſtlich. Peter. Juͤngling! du ſahſt bis jetzt der Dirnen wenige, und liebſt in Elsbeth nur das Geſchlecht. Heinr. So laßt die Toͤchter des Landes nach Hofe laden; ich will ſie Alle uͤberſchauen, wie ein Blu⸗ menbeet: hier eine bunte Tulpe, dort eine duſtendes Veilchen; hier eine unſchuldige Lilie, dort eine wuͤrzreiche Nelke— Ol es iſt doch Alles nichts gegen die Königin der Blumen, die gluhende Roſe! Peter.(ächelnd) Wahrlich, Heinrich! du haſt Anlagen zum Minneſinger. Aber hoͤre zuvor den Wunſch deines Volkes, den Rath deiner Mutter; befolge jenen, gehorche dieſem. Heinr.(zu Mathildens Fuͤßen) Verſagt mir meine erſte Bitte nicht!* Math. Stehe auf, mein Sohn, was begehrſt du? Heinr. Ihr ſpracht Segen uͤber Euren Sohn— ach! Ihr habt auch noch eine Tochter. Math. Eine Tochter? Heinr. In den Schweizergebuͤrgen hauſt ein bie⸗ derer Ritter, ſein Geſchlecht iſt edel und beruͤhmt; doch die Edelſte ihres Geſchlechts iſt Elsbeth von Hallwyl— meine Geliebte— laßt mich ſagen: mein Weib! Math. Hoͤr' ich recht? du biſt vermaͤhlt? Heinr. Nicht ohne Euren Segen. Sprecht ein freundlich Wort, und ich fliehe in die Arme der hol⸗ den Braut. 224 Der Graf von Burgund. Math. Steh' auf, mein Sohn. Was kann ich dir antworten? du biſt nicht mehr minderjährig. Peter. Mein Heinrich weiß, daß ein Sohn in Gegenwart der Mutter nie volljährig iſt. Heinr. Ich weiß es, und erwarte mein Urtheil. Math. Ein Fräulein Hallwyl nannteſt du? Heinr. Dieſen Namen trägt der Inbegriff alles Guten und Schdnen! Math. Ihr kennt ſie, Ritter Bonſtetten? Peter. Ich kenne ſie. Ihr mangelt nur die Geburt. Heinr. Nie ward ein Geſchoͤpf edler geboren. Math. Graf von Burgund! Fuͤrſtenherzen ſind dem Volke unterthaͤnig. Heinr. Ich betruͤge mein Volk um eine Mutter, wenn ich eine andere Gattin waͤhle. Math. Du mußt deinen Thron durch glaͤnzende Verbindungen ſtuͤtzen. Heinr. Auch ohne Glanz iſt die Tugend eine maͤchtige Stutze. Math. Die reiche Erbin von Savoyen— Heinr. Redet nicht aus, Mutter— Math. Sie würde dir eine Grafſchaft zum Braut⸗ ſchatz bringen. Peinr. Ohne Elsbeth entſage ich auch der, die ich ſchon beſitze. Math. Sie iſt ſchön und gut. Heinr.(auf ſein Herz deutend) Hier iſt kein Raum mehr fur fremde Schoͤnheit und Gte. Der Graf von Burgund. 22 Math. Pruͤfe zuvor dein Herz. 6 Heinr. Ein Herz, das im Taumel des Gluͤcks ſtandhaft blieb, iſt es nicht ſchon gepruͤft? Math. Harre mindeſtens ein Jahr. Heinr. Ich darf nicht zaudern„ein Andrer wirbt um ihren Beſitz. Ach! wenn es ſchon zu ſpaͤt wäre! Math. Du zerſtorſt mir liebe Wuͤnſche, raubſt mir hohe Ausſichten. man Heinr. Der Purpur iſt kein Gewand für haͤus⸗ liche Zufriedenheit; ein Herz ohne Liebe bleibt kalt unter dem Hermelin. Math. Ritter Vonſtetten, ſagt reblich, was Ihr von der Sache denkt? Peter. Soll ich als Menſch, oder als Staats⸗ mann ſprechen? Heinr.(ſpringt auf, und haͤngt ſich an ihn) Laßt den Vater reden! Peter. Wohlan! ich habe dieſe junge Pflanzen ihre Wurzeln in einander ſchlingen ſehn. Ich vermag ſie nicht zu trennen. Heinr. Dank! Dank! für dies väterliche Wort.— O! meine Mutter! worauf deutet Euer ſtiller Ernſt? Math.(nach einer Pauſc) Achtzehn Jahre klöſter⸗ licher Einfamkeit haben freilich manchen Schimmer von der Wahrheit mich ſcheiden gelehrt. Ich kenne die Thraä⸗ nen, die Sehnſucht und Liebe weinen.— Ach! ich kenne ie!— Du haſt meinen Stolz beſiegt— geh' und ge⸗ horche deinem Herzen! Kotzebue's dram. Werke. 11. Th. 15 226 Der Graf von Burgund. Heinr. Eentzuͤckt, umarmt wechſelsweiſe Peter und Mathilde.) Vater!— Mutter!— Neunte Scene. Graf Hugo tritt auf. Heinr.(ihm entgegen) Gut, daß Ihr kommt, lieber Graf! Ihr habt mein Zutrauen gewonnen— Hugo. Zu fruͤh, edler junger Herr! Zutrauen iſt keine Muͤnze fuͤr ein Wuͤrfelſpiel; man muß es nicht gewinnen, ſondern verdienen. Heinr. Die Gelegenheit iſt ſchon gefunden. Ich mache Euch zu meinem Freywerber. Hugo. Das waͤre allensfalls ein Verdienſt um Eure kuͤnftige Gemahlin. Heinr.(gutmuthig ſcherzend) Graf Hugo, Ihr ſeyd doch ein Hoͤfling. Soll ich mich auf Euch verlaſſen, ſo muß ich ſelbſt mit Euch ziehen. Ich ſelbſt!— vortreff⸗ lich!— ein zahlreiches Gefolge begleitet den Geſandten von Burgund, ich verliere mich darunter als Euer Edel⸗ knabe; verſtecke mich hinter Eure Trabanten; bin Zeuge von Elsbeths holder Schaam; hore, wie ſie den Grafen von Burgund ausſchlägt, ihrem Heinrich zu Liebe! wie der Fuͤrſtenſohn vergebens den Sohn des armen Klauſners aus ihrem Herzen verdrängen mochte— ich ſeh⸗ ich höre das! ſtürze in ihre Arme, und haſche den Ruf des Schrek⸗ kens mit einem Kuſſe von ihren Lippen!— Gluͤcklicher Heinrich! du wirſt hoch uͤber alle Fuͤrſtenſohne ſtrahlen! Der Graf von Burgund. 227 denn welcher unter ihnen kann auftreten, und ſprechen: mich liebte das Mädchen, nicht meinen Purpur! Hugo. Noch kann ich nicht errathen— Heinr. Ihr ſollt alles wiſſen— und wann reiſen wir? morgen in der Fruͤhſtunde— nein, die Tage ſind heiß— auf den Abend— ſobald es kuͤhl wird— oder — jetzt gleich— die Sonne geht unter. Peter. Cͤchelnd) Heinrich, es iſt hoch am Mittage. Goͤnne doch zum mindeſten deinem Volke dieſen Tag. Heinr. O der feſtlichſte ſteht ihm nöch bevor! wenn Elsbeth an meiner Seite durch die Thore von Arles ziehen wird, wenn Alt und Jung mit zuruͤckgehaltenem Athem gafft; wenn die Kinder lächelnd ihre Haͤndchen empor⸗ ſtrecken, weil ſie einen Engel zu erblicken waͤhnen; und die Greiſe mit frommer Ruͤhrung ausrufen: Nun konnen wir in Frieden zur Grube fahren— O Mutter! Mutter! (Er ſinkt in Mathildens Arme.) Math. Seliges Gefühl! du verfüngſt mich, ihin Sohn! 8ehnte Scene. (Es beginnt ein feierlicher Marſch. Knaben und Mäd⸗ chen, weiß gekleidet, erſcheinen Paarweiſe; in ihrer Mitte fuhren ſie ein Lamm, mit rothen Bändern ge⸗ ſchmuͤckt. Ihnen folgen Juͤnglinge und junge Dirnen, mit Straͤußen und Myrthenkraͤnzen. Einige Greiſe beſchließen den Zug, deren Einer einen ſilbernen Pokal, mit Goldſtuͤcken gefullt, träͤgt. Der Zug ordnet ſich 15* 228 Der Graf von Burgund. zu beiden Seiten. Die Muſik ſchweigt. Der Greis mit dem Pokal tritt hervor, und redet Heinrich an:) Der Greis. Meine Hand zittert, aber vor Freude; mein Auge iſt naß; aber es ſind Freudenthraͤnen!— Empfanget, edler Graf, nach verjährter Sitte, das kleine Geſchenk unſrer Stadt. Es iſt ein altes Herkommen. Gedenkt dabei: daß die Liebe zu unſerm Fuͤrſten auch Herkommens unter uns iſt. Heinr.(en Pokal nehmend) Eure Liebe iſt mein väterliches Erbtheil. Was ich nicht erſt gewinnen durfte, werde ich wenigſtens zu erhalten wiſſen. Eine junge Dirne(naͤhert ſich ihm und ſetzt ihm den Myrthenkranz auf.. Vater des Vaterlandes! gebt uns bald eine Mutter. Heinr. Ich danke dir, mein Kind. Ehe noch dieſe Myrthen verwelken, ſoll dein guter Wunſch in Erfullung gehen. in eine Mädchen.(fuͤhrt ihm das Lamm zu) Nimm, edler Graf, dieſes Lämmchen, das Sinnbild unſrer unſchuld. Noch kann es nur huͤpfen und ſpielen; aber unter deiner Pflege wird es heranwachſen, und einſt Milch und Wolle geben. 4. Heinr.(bergiebt das Lamm einem Edelknaben, umarmt geruͤhrt das kleine Maͤdchen, und ſchuͤttet ihm die Goldſtuͤcke in die Schurze.) Nimm das, und bring' es deinen Eltern. Das kleine Mädchen. Ich bin eine Waiſe. Heinr.(ſie in Mathildens Arme werfend.) So „ Der Graf von Burgund.„ 229 ſchenk ich dir eine Mutter!— Knappen! bringt mir Wein! der Pokal iſt leer! Was mein Volk mir gab, floß unter mein Volk zuruͤck. Eure Liebe iſt das ein⸗ zige Geſchenk, das ich in meinem Buſen verwahre; eure Perzen tauſchtet ihr gegen das Meinige.(Der Knappe hat indeſſen den Pokal voll geſchenkt.. Es lebe mein Volk!(Er trinkt.) Der Greis.(ſich die Augen trocknend.. Segen uͤber den wackern jungen Herrn! 3 Aen Heil! und Segen! Ende des dritten Akts. — Vierter Akt. (Ein Zimmer in der Burg Hallwyl.) 8 Erſte Scene. Elsbeth allein.(Sie ſpinnt. Neben ihr hängt ein Vogel in einem Käſicht.) Biſt du endlich des Singens muͤde, kleiner Schreyer? warum hackſt du ſo an den Stäben? mochteſt gern her⸗ aus?— willſt auch du mich verlaſſen, du einziges Ge⸗ ſchoͤpf, dem ich klagen und ſagen darf, was mich druͤckt!— Darre nur, bis Heinrich wiederkehrt— o! er kommt ge⸗ * 230 Der Graf von Burgund. wiß!—(Sie ſpinnt, und verſucht einige Toͤne eines Liedes.) Gett weiß, warum ich nicht ſingen kann; der Hals iſt mir nicht rauh, aber zugeſchnürt. Ehemals, wenn ich vom Berge herabhüpfte, ſang ich lauter als du, lieber Haͤnfling! damit Heinrich ſchon in der Ferne mich hoͤren ſollte. Jetzt iſt es immer ſo ſtille um mich, daß ich oie Todtenuhr in der Wand klopfen hore.— Sie deutet vielleicht auf mein letztes Stündlein— immerhin!— wenn Heinrich ausbleibt—(Sie ſpinnt und weint.) Aus dieſem Flachs ſoll man mir mein Todtenhemd webenz er iſt mit Thraͤnen der Liebe genezt!— 3 weite Scene. Mutter Gertraud mit einem großen Blumenſtrauße. Gertr. Luſtig, Fräulein! Alle Noth hat nun ein Ende. Elsb.(raſch aufſpringend) Iſt Heinrich hier? Gertr. Was Heinrich! der mag wallfahrten nach Paläſtina, und einen Splitter vom heiligen Kreuze holen, ſo hat er Huͤlfe wider Zahnſchmerzen. Nein, hier iſt von ganz andern Dingen die Rede! Seht nur den ſcho⸗ nen Blumenſtrauß, bunt wie ein Specht, und riecht wie indiſch Gewuͤrz. Was meynt Ihr wohl, von wem ich ihn empfangen? Elsb. Das gilt mir gleich. Gertr. Seht doch nur, riecht doch nur. Ersb. Meine Roſe iſt doch ſchoner, und duftet lieblicher. Der Graf von Burgund. 231 Gertr. Die verwelkte Roſe? ha! ha! ha! Ihr habt ſie ja in zehn Tagen nicht vom Buſen gebracht. Elsb. Aber ich brach ſie von dem Stocke, den Heinrich pflanzte. Gertr. Was gilt's, Ihr werdet bald ein ander Liedlein ſingen. Juchhey! Fraͤulein, Euer Bräutigam iſt hier. Elsb. Ach nein! ſobald kommt er nicht. Gertr. Iſt er doch im Waffenſaale. Euer Vater redet mit ihm. Herr Walther von Blonay ſandte mich unterbeſſen mit dieſem Blumenſtrauße.— BGruͤße mir, ſprach er, die edle Jungfrau, meine holde Braut. und da ſchob er mir ein Goldſtuͤck in die Hand, der liebe Herr!— Euer Vater laͤßt Euch wiſſen, Ihr ſollt Eure beſten Kleider anlegen. Elsb. Gute Mutter, quäle mich nicht. Gertr. Hat ſich was zu quälen. Das arme Kind, hi! hi! hi! es ſchämt ſich. Elsb. Iſt der Ritter wirklich hier? Gertr. Gewiß und wahrhaftig, warum ſollt' ich Euch eine vergebliche Freude machen? Elsb. und iſt gekommen, mich zum Weibe zu nehmen? Gertr. Je wozu denn ſonſt? Elsb. Ach nein! nimmermehr! (Sie lehnt ſich an das offene Fenſter, und bict wehmuͤthig heraus.) 232 Der Graf von Burgund. Gertr. Ich weiß gar nicht, wie Ihr mir vor⸗ kommt. Ich glaube die alte Hexe, unten im Dorfe, hat es Euch angethan. Das Weib thut großen Scha⸗ den an Menſchen und Vieh. Die Obrigkeit ſollte wach⸗ ſamer ſeyn. Iſt das nicht ein Jammer, wie das arme Kind ſich abzehrt. Die Kleider werden ihr alle zu weit. Ehemals huͤpfte ſie immer auf Einem Beine, jetzt geht ſie kaum auf Zweyen. Ehemals lachte ſie immer über Alles, jetzt weint ſie uͤber Nichts. Aber nur Geduld, Ihr ſollt wohl lachen, wenn Ihr den ſtatt⸗ lichen Ritter ſehen werdet. Er iſt dick und fett ge⸗ wordenz ein braunes Geſicht, ein ſchwarzer Knebelbart, ein feines Wamms, und Reigerfedern auf dem Barret. Unten im Schloßhofe wimmelt Alles, Knappen und Zo⸗ fen, Roſſe und Maulthiere, Kiſten und Kaſten. Was da für ſchoͤne Sachen und Brautgeſchenke drinne ſeyn moögen! der Mund wäͤſſert mir, wenn ich nur daran denke!— So hat der Himmel doch endlich mein Ge⸗ bet erhoͤrt! ich werbe den frohen Tag erleben, wo ich mein ſüßes Fraͤulein in die Brautkammer führe, und ihr die Haube auſſetze.— Aber, Ihr hoͤrt mich nicht, wornach ſchaut Ihr ſo ſtarr in die Ferne? Elsb. Siehſt du, liebe Mutter, Heinrichs Huͤtte unten im Thale?— ach! ſie iſt leer! Gertr. Was kuͤmmert Euch die alte morſche Huͤtte, denkt lieber an Herrn Walthers ſchöͤne Burg. Elsb. Eine Huͤtte mit Heinich!— ach! nur eine Huͤtte mit Heinrich! . Der Graf von Burgund. 285 Gertr. Poſſen, mein Kind, beſſer iſt beſſer! keinen Tod ſtirbt die Liebe leichter, als den Hungertod.— Aber was macht Ihr denn da? der Vogel wird ja herausfliegen. Elsb. Das ſoll er auch.(Sie hat den Käſicht geoͤffnet) Geh und ſuche dein Weibchen. Gertr. Wunderliche Dirne! hat ſie das Voöglein nicht gehegt und gepflegt— und nun wardelt ihr plötz⸗ lich die Grille an— horch! ſie kommen. Elsb. um Gottes willen!(Sie entflieht.) Gertr. Wohin, Fraͤulein? wohin?— Doch, ſie hat Recht! ſie muß zuvor ihren Sonntagsſtaat anlegen. Bertha ſoll ihr die Haare krauſeln. Ein Schleppkleid — ein Buͤgelrock— eine goldene Kette— dagegen hält ſich kein Heinrich, und waͤre er auch gleich Kaiſer Heinrich der Vogelſteller.(Sie watſchelt fort.) 1 Dritte Scene. Cuno und Walther von Blonay im Geſpraͤch begriffen. Walth. Wenn ich der ſchoͤnen Elsbeth nur nicht zu alt ſcheine. Cuno. Zu alt? wie meynt Ihr das? Walth. Ich bin uͤber die Jahre hinaus, wo man den Weibern Minnelieder vorgurgelt, und ſich in ihre Farben kleidet. Cuno. Meine Elsbeth hat keine Farben. Ein blanker Schild ohne Wappen. 234 Der Graf von Burgund. Walth. Ach ſchlimm! ich war faſt noch ein Knabe, als ich mir den gekroͤnten Löͤwen in offner Feldſchlacht verdiente. Damals haͤtte es manche ſchmucke Dirne gerne geſehen, wenn ich den Loͤwen ſammt der Krone gegen ein Herz vom Pfeil durchſtochen vertauſcht haͤtte. Aber jetzt— Cuno. Nun? jetzt? ſeyd Ihr nicht noch ein ruͤſti⸗ ger Kempe? Walth. Weiß nicht. Der Zug zum heiligen Grabe hat mich muͤrbe gemacht, die ägyptiſche Sonne mir Runzeln ins Antlitz gebrannt. Die Saracenen ha⸗ ben mir den linken Arm ſteif gehauen, und der Hieb uͤber den Schaͤdel hat einen Kahlkopf aus mir gemacht. Cuno. Laute Zeugen Eurer Tapferkeit, der ſchonſte Ritterſchmuck! Walth. Mag ſeyn fuͤr den Vater! aber die Toch⸗ ter iſt keine Amazone. Cuno. Seyd unbeſorgt. Harret allhier ein wenig, ich ſende Euch Elsbeth her, ſo moͤgt Ihr in Gottes Namen Euer Wort anbringen.(ab.) Walth. Callein) Muß wohl wahr ſeyn, was der alte Minneſinger mir vertraute: Tapferkeit verſtummt vor Schoͤnheit. Eine Heerde Araber angreifen, iſt leich⸗ ter, als eine huͤbſche Dirne anſprechen.— Sie wird kommen— was ſoll ich ihr ſagen?— Als ich zum heiligen Grabe zog, da ſpielte das kleine Maͤdchen mit dem Federbuſch auf meinem Helm— und jetzt— ſpielt ſie mit meinem Herzen— wirft es vielleicht von Der Graf von Burgund. 235 ſich, wie ein zerbrochenes Spielwerk.— Guter Vater! ein glattes Kinn iſt den Weibern lieber, als ein glatter Kopf. Wenn ein Arm nicht mehr vermag, ſich um ihren Nacken zu ſchlingen, ſo fragen ſie wenig darnach, ob er von Saracenen ſteif gehauen worden!— Wal⸗ ther! Walther! hute dich! den Feſſeln der Ungläubigen biſt du entronnen; faͤllſt du hier in Liebesnetze, ſo hilft der Ablaß dir nichts, den du ſauer verdient haſt. Vierte Scene. Elsbeth. Walther. Elsb.(ängſtlich) Gott gruͤß Euch, Herr Ritter! mein Vater ſchickt mich her. Walth. So waͤrt Ihr, ohne Eures Vaters Ge⸗ bot, mir wohl nicht entgegen gekommen? Elsb. Warum nicht? Ihr ſeyd ein alter Freund von unſerm Hauſe. Walth. Ein alter Freund iſt oft willlommener, als ein neuer Liebhaber? Elsb.(verlegen) Ihr muͤßt das freilich beſſer verſtehen. Walth. So, p.— Wißt Ihr auch, holdes Fraͤulein, daß Ihr ſeit meinem letzten Beſuch u um einen halben Kopf gewachſen ſeyd? Elsb. und Ihr ſeyd alt geworden, Ritter. Walth.(bei Seite) So, ſo, das iſt troſtlich, Wo nun den Faden wieder anknuͤpfen?—(aut) Ja, ia, die Zeit nagt auch wohl einen Panzer mürbe. 236 Der Graf von Burgund. Kommt es mir doch vor, als ob Eure holde Munterkeit in den Kinderſchuhen ſtecken geblieben wäre. Elsb. Ach! ich war als Kind ſo glucklich! Walth. Wird Eure Zukunft minder lachend ſeyn? Elsb. Eine alte Zigeunerin hat mir viel Schoͤnes prophezeiht, aber ich fürchte, ſie hat gelogen. Walth. So, ſo.— Laßt doch hoͤren, was pro⸗ phezeihte die Alte? Elsb. Sie ſah mir in die Hand, dn war Liebe und Freude uͤberall, und der lange Strich ſoll bedeuten: bis ins ſpateſte Alter. Walth. Nun, die Liebe hat ſich ſchon gefunden— Elsb. Ja, aber die Freude— Walth. Iſt der Liebe Leibeigene, und dient ihr gern. Ihr wißt, holdes Fraͤulein, warum ich hier bin? Elsb. Mein Vater hat es mir geſagt. Walth. Ich wollte, Euer Herz hätte es Euch geſagt. Elsb. Das wuͤnſcht 3 Vater auch. Walth. Ich bin freilich ſchon ein Vierziger, kann Euch nicht durch Jugendreiz gewinnen; auch iſt meine Liebe keine Glut, aber eine immer gleiche Waͤrme; kein gebrechlich Flittergold, aber ein ſtark gewebtes Zeug auf Treu und Glauben. Ich brauſe nicht mehr, weiß nichts von Grillen und Launen, bin morgen, wie heute, ehrlich, ohne Schminke. Mehr weiß ich nicht vorzubringen. Jetzt ſagt, wie Ihr's meint. Der Graf von Burgund. 237 Elsb. Ihr ſeyd ein Biedermann, ich kann Euch nicht betruͤgen. Walth. Euer frommes Auge ſpricht deutlich: Ihr wurdet auch den Schelm nicht hintergehn. Elsb. Iſt Euch Eure und meine Ruhe lieb, ſo nehmt mich nicht zum Weibe. Walth. Nehmen? Pfuy! Ihr ſollt Euch mir zum Weibe geben. Elsb. Das kann ich nicht. Watth. Cei Seite) Dacht ich's doch: Elsb. Mein Vater wird mich zwingen— Walth. Das ſoll er nicht. Elsb. Vergebt mir! Walth. Wodurch habe ich Euren Haß verſchuldet? Elsb. Ich haſſe Niemand, am wenigſten Euchz ich liebe alle Menſchen, und Euch vor vielen. Walth. und dennoch— Elsb. Ich will ins Kloſter gehn. Walth. Thut das nicht; denn ſo wenig ich auch werth ſeyn mag, ſo lebt es ſich in meiner Burg doch immer beſſer, als im Kloſter. Elsb. Ein Geluͤbde bindet mich. Walth. Wem thatet Ihr es? Elsb. Der heiligen Agathe. Walth. Seht mich an: iſt das wahr? Elsb.(unfaͤhig zu lügen) Nein, es iſt nicht wahr. Walth. Ein Gelübde mag Euch freilich binden, 238 Der Graf von Burgund. aber nicht an die heilige Agathe. Hab' ich Recht, Fräulein?. 4 Elsb. Ich flehe um Euer Mitleid. Walth. Ich weiß nicht, wer von uns beiden des Mitleids beduͤrftiger iſt. hätte ich Euch doch dem Heiland gegoͤnnt, als irgend einem neidenswerthen Jüngling.— Mit mir iſt's aus! Fahre wohl, mein ſchoͤner Traum! ſtatt einer lieben Hausfrau wird Nie⸗ mand als der Burgpfaff um mich ſeynz ſtatt dem luſti⸗ gen Gekreiſch meiner Buben und Mädchen werden die Jagdhunde in ihrem Zwinger heulen. Gute Nacht, Walther! wärſt du kein Thor geweſen, in deinen beſten Jahren nach dem heiligen Grabe zu wallfahrten, ſo wuͤrdeſt du auch wohl eine Dirne gefunden haben, die einſt dein Grab mit Blumen beſtreuet haͤtte. Dir ge⸗ ſchieht Recht! warum ſuchteſt du das Gluͤck in Paläſtina? es wohnt überall bei der Liebe! Elsb. Guter Mann! ich moͤchte Euch ſo gern gluͤcklich ſehn. Walth. Ja, wenn es ohne Euch geſchehen kann, nicht wahr? Ersb. Ich hore meinen Vater; ach! er wird zurnen. Walth. Haͤtte ich nur ein Kind! wenn ich auch gleich daruͤber zuͤrnen müßte. Der Graf von Burgund. 239 Fuͤnfte Scene. Cuno. Die Vorigen. Cuno.(frohes Muthes) Nun? ſeyd ihr richtig e Walth. Vollkommen. Cuno. Hat das Mädel ſich geziert? Walth. Keinesweges. Cuno. Das iſt brav, Elsbeth. Wie gefaͤllt er dir? Elsb. Sehr gut. Cuno. Biſt du zufrieden? Elsb. Wenn Ihr es ſeyd. Cuno. Ja doch, ja, liebe Dirne! ich bin ſo froh, als ob ich ſelbſt Hochzeit machen ſollte. Walth. Das muͤßt Ihr auch. Cuno. Ich? Walth. Wenn Ihr anders eine Hochzeit hier im Hauſe feyern wollt. Cuno. Wie meynt Ihr das?— ich errathe— Ihr gedenkt auf Eurer Burg— Das leide ich nicht! ich bin ein armer Mann, aber zu meiner Elsbeth Eh⸗ rentage gebe ich mein letztes Loth Silber her. Der muß hier auf Hallwyl gefeiert werden. ₰ Walth. Ihr ſeyd irre. Cuno. Worinn? Walth. Sie will mich nicht. Cuno. Was! treibt Ihr Euren Spott mit mir? Walth. Das ſey ferne. Cuno. Sagtet Ihr nicht eben, es ſey Alles richtig? — 240 Der Graf von Burgund. Walth. Daß nichts daraus wird, iſt richtig. Cuno. Sie habe ohne Ziererey— Walth. Gerade heraus geſagt, daß ſie mich nicht lieben koönne. S Cuno. und du— ſchläͤgſt die Augen nieder? Elsb. Mein Vater— Cuno. Redet er wahr? Elsb. Zuͤrnet nicht! Cuno. Boſes Kind! werden ſolche Freyer ſich alle Tage melden? du biſt eine arme Dirne! dein glatt Ge⸗ ſicht iſt eine karge Mitgift. Auch weißt du wohl, daß ich dich nicht in Sammt und Seide kleiden, von einem Turnier zum andern fuͤhren kann, um begafft und an⸗ geäugelt zu werden. Du blühſt hier im Verborgenen; Niemand ſieht dich, Niemand kennt dich; meiner Freunde ſind wenige, denn bei mir wird nicht geſchmauſt. Du ſollteſt deiner Schutzpatronin danken, daß ſie dir einen Biedermann zugefuͤhrt, der unſere Armuth nicht ſcheut. Walth. Keine ueberredung, Ritter. Ich ſehe es gerne, wenn der Hopfen ſich freiwillig um die Ume ſchlängelt; aber ich mag es nicht leiden, daß man ihn feſt bindet. Cuno. Doch! doch! ein kurzer Zwang, und er gewöhnt ſich dann von ſelbſt.— Elsbeth! mache dich bereit: auf Aller Heiligen Tag iſt deine Hochzeit mit dieſem wackern Manne. Elsb. Vater, ich kann nicht! laßt mich in ein Kloſter gehn. Der Graf von Burgund. 241 Cuno. In ein Kloſter? iſt das dein Ernſt? Elsb. O ja, Vater, je eher! je lieber! dort will ich für Euch beten. ⸗ Cuno. Was ſoll mir dein Beten? wer nicht fromm handeln mag, der betet.— Ich bin alt und ſchwach, ich habe keine andere Stuͤtze, und keine andere Freude, als dich— und mich willſt du verlaſſen?— Als ich am Todtenbette deiner Mutter wimmerte; als ich ſchluchzend ausrief: wer wird mich nun im Alter pflegen! da ſchlug der Engel noch einmal die Augen auf, lächelte, deutete auf dich— und verſchied. Elsb.(weinend an ſeinem Halſe) Ach mein Vater! Cuno. Ich vertraute der Verheißung einer Ster⸗ benden. Dich heranwachſen zu ſehn, war mein Troſt, wenn ich fuͤhlte, daß meine Kraͤfte abnahmen. Sie wird mich pflegen, dachte ich immer, ſie und meine En⸗ kel; wenn das boͤſe Zipperlein mich ergreift, oder die Gicht mir den Arm lähmt, daß ich den Loffel nicht mehr zum Munde führen kann, dann wird ſie mich fuͤt⸗ tern, ſie und meine Enkel. Elsb.(ſich ängſtlich an ihn ſchmiegend) Vater! lieber Vater! Cuno. Als mich wegen der Treue an meinem Lehns⸗ herrn, dem Grafen von Greyerz, der Kaiſer in die Acht erklärte; als meine ſchönſten Burgen zerſtoͤrt und ge⸗ ſchleift wurden, und ich mein Haab' und Gut verrinnen ſah; da dachte ich: wie Gott will! bleibt mir doch meine Elsbeth noch! und findet ſie einſt einen braven, Kotzebue's dram, Werke 11. Th. 16 N 242 Der Graf von Burgund. wohlhabenden Mann, ſo ziehe ich mit ihr, ſie wird es mir auf meine alten Tage an Nichts mangeln laſſen.— Ar⸗ mer Greis! ſie geht in ein Kloſter und betet, daß die Heiligen dem alten Vater helfen moͤgen, dem ſie ſelbſt nicht helfen mag.— Geh'! geh! Mutter Gertrau wird mir die Augen zudruͤcken.(er weint.) Elsb.(außer ſich) Vater! Ihr weint?(ſie kehrt ſich raſch zu Walthern) Ritter, ich bin Euer Weib! Walth. Ich ſollte von dieſer Ruͤhrung keinen Vor⸗ theil ziehen; aber die Empfindung, die Euch in meine Arme fuͤhrt, iſt ſo fromm und edel, daß ich daraus ſuͤße Zuverſicht für mein Gluͤck und Eure Ruhe ſchopfe. Eine ſolche Tochter— welch ein trefflich Weib! Cuno.(ſie in ſeine Arme ſchließend) Sie iſt meine Tochter!— Der Mutter Segen und des Va⸗ ters Dank ziehen mit ihr in die neue Wohnung. Wenn Gott frommen Kindern herrlich lohnen will, ſo macht er ſie zu Wohlthätern ihrer Eltern! Elsb. Eure Thräne und das letzte Lächeln meiner Mutter bleibe mir immer gegenwaͤrtig. Walth.(einen Ring vom Finger ziehend) Darf ich dieſen Ring der holden Braut— Cuno. Gieb, mein Sohn.(Er nimmt den Ring, ſteckt ihn an Elsbeths zitternde Hand, und vereinigt dann beider Hande) Gott ſegne Euch, und laſſe Euren Stamm in ſpaͤten Jahrhunderten bluͤhn! Elsb.(wankt.). Cuno, Was iſt dir?— Mutter Gertraud! Der Graf von Burgund. 243 Elsb. Ruft nicht— habt Geduld mit mir— gleich iſt's vorüber— Cuno. Erhole dich— geh' in dein Käͤmmerlein— (Ein Trompetenſtoß hinter der Scene.) Cuno. Ha! der Thurmwart ſtößt ins Horn. Wir bekommen Gäͤſte zum Verlobungsmahl. Elsb. Heute nicht, mein Vater— nur heute nicht!— ich bin außer Stande Eure Gäſte liebreich zu empfangen. Walth. Seyd ruhig, holde Braut, Euch ſoll kein Zwang geſchehen. Elsb. Mir iſt nicht wohl— wuͤrklich nicht!— aber es wird beſſer werden.(Sie wankt fort, hebt Au⸗ gen und Häͤnde gen Himmel, und murmelt leiſe;) Ach Heinrich! Walth.(ſieht ihr bedenklich nach, und ſchuͤttelt den Kopf.) Ich kann mich meines Gluͤcks nicht freuen. Cuno. Seyd unbeſorgt, und laßt der Braut nur Zeit, Abſchied von den Maͤdchen zu nehmen. Sechſte Scene. Ein Knappe. Die Vorigen. Knappe. unten an der Brucke haͤlt ein Abge⸗ ſandter des Grafen von Burgund, und begehrt mit Euch zu ſprechen, geſtrenger Ritter. Cuno. Des Grafen von Burgund? was will der von mir?— iſt er vielleicht irre geritten? Knappe. Er ſucht Ritter Cnno von Hallwyl. 16* 244 Der Graf von Burgund. Guno. und der Name des Abgeſandten? Knappe. Graf Hugo von Werdenberg. Cuno. unbegreiflich. Laß die Zugbruͤcke fallen; hilf ihm vom Pferde, und fuͤhre ihn her.(Der Knappe geht.) Man ſpricht nicht viel Gutes vom Grafen von Burgund. War er es nicht, der ſeinen Bruder Albrecht erſchlug? Walth. Die Sage geht, er ſey nicht mehr am Leben. Cuno. Gleichviel. Der Apfel faͤllt nicht weit vom Stamme. Auch mit ſeinem Sohne habe ich nichts zu ſchaffen. Walth. Der Abgeſandte iſt mir wohl bekannt. Wir haben in juͤngern Jahren manche Lanze mit ein⸗ ander gebrochen. Eine Botſchaft, die Graf Hugo von Werdenberg üͤbernimmt, kann keine ſchlimme Botſchaft ſeyn. Siebente Scene. (Graf Hugo mit einem großen Gefolge. Unter dem⸗ ſelben Heinrich als Edelknabe, der ſich im Ge⸗ dränge verborgen hält.) Hugo. Gott gruͤß Euch, Ritter! Cuno. Seyd willkommen! Hugo. Ich bitte um ein Nachtlager.. Cuno. So gut ichs habe. Hugo. Seh' ich recht? iſt das nicht Walther von Blonay? Walth. Er iſt's. Der Burgund. 245 Hugo.(ihm die Hand ſchuͤttelnd) Lange nicht ge⸗ ſehn, wie geht es Euch? Walth. Die Sonne ſcheint in meinen Garten. Hugo. Gluͤck zu.(Er wendet ſich zu Cuno.) Herr Ritter, ich habe eine Botſchaft an Euch. Cuno. Sagt an in Frieden.— Hugo. Heinrich, Graf von Feenb⸗ zu Arles, entbietet Euch ſeinen freundlichen Gruß, und be⸗ gehrt Eure Tochter, das edle Fraͤulein Elsbeth von Hallwyl zu ſeiner ehelichen Hausfrau. (Nach einer Pauſe, in welcher Cuno und Walther ſich voller Erſtaunen anſehn, ſpricht:) Cuno. Heyr Ritter, Euer Wort in Ehren, ſeyd Ihr nicht in Irrthum? Hugo. Keinesweges. Cuno. Lautet Eure Botſchaft wuͤrklich an Cuno von Hallwyl? Hugo. An Cuno von Hallwyl. Cuno. An den armen Cuno, dem die eihoacht Haab' und Gut verſchlang? und der ſelbſt die letzte Burg, die ihm uͤbrig blieb, von einem Pfaffen zu Lehn traͤgt? Hugo. An denſelben. Graf Heinrich, mein Herr, begehrt keine andere Mitgift, als das Herz Eurer Tochter. Cuno. Seltſam! bei Gott! wunderſeltſam! wie kann Euer Graf Verlangen nach einer Ken Dirne tragen, die er nie ſah? Hugo. Sie iſt ihm nicht er ſah ſe— 246 Der Graf von Burgund⸗ Guno. So iſt er mit den Schwalben um ihr Fenſter geflattert; denn noch nie hat ihr Fuß die Graͤnze von Hallwyl uͤberſchritten. 5 Hugo. Gleichviel, er kennt und liebt ſie. Cuno. Das thut mir leid. Sagt Eurem Herrn, ich finde mich durch ſeinen Antrag hoch geehrt! doch die Gewährung ſeiner Bitte ſteht nicht mehr in meiner Gewalt, denn meine Tochter iſt dieſes wackern Mannes verlobte Braut. S Hugo. Ihr erſchreckt mich. Ritter Blonay, den Preis der Waffen habt Ihr oft uͤber mich errungen, doch blieb ich Euch immer hold, den Kranz der Minne aber mißgonn' ich Euch. Walth. Auch habe ich ſeine Knospen nur geſehen, vielleicht, daß Euch die Bläthen beſſer gedeihen. Cuno. Was wollt Ihr damit ſagen? Setzt Ihr ein Mißtrauen in mein Ritterwort?— nie hat Cuno von Hallwyl ſeine Zuſage gebrochen, und Elsbeth trägt Euren Ring an ihrem Finger. Walth. Dieſer Rede verſah ich mich zu Euch, viedrer Ritter, und danke Euch dafuͤr. Hier iſt aber nicht die Frage: was Euch ziemt, und mir behagt? — Ich geb' Euch Euer Wort feierlich zuruͤck; nur Fraͤulein Elsbeth darf entſcheiden. guno. Gott weiß, wie mein Vaterherz an der Dirne haͤngt! doch wäre ſie hier im Stande, den Edel⸗ muth zu verläugnen, den ich von ihr fordere und er⸗ Der Graf von Burgund. 247 warte; ſo wuͤrde ich ſie von meinem Herzen reißen!— Geh, Knappe, und rufe meine Tochter hieher. (Ein Knappe geht ab.) Gzu Hugo) Herr Ritter, legt mir das nicht uͤbel aus, Ihr wißt, was Ehre heiſcht. Kann ich Euren Wunſch auch nicht erfuͤllen, ſo ſeyd Ihr doch in meinem Hauſe herzlich willkommen. Hugo. Noch entſage ich der Hoffnung nicht. Walth. Mit Gunſt, Herr Ritter, wie alt iſt Euer Herr? Hugo. Neunzehn Jahr. Walth. Gluͤck zu! nur die Jugend pfluͤckt Liebe Roſen. Cuno. Gebt Acht, ſie werden zwiſchen Euren Lor⸗ beern bluͤhn. 5 Achte Scene. Elsbeth. Die Vorigen. Elsb. Ihr habt mich rufen laſſen, mein Vater? Cuno. Tritt näher. Hier ſteht Graf Hugo von Werdenberg. Elsb. C(verneigt ſich ſittſam.) Cuno. Er wirbt um deine Hand, im Namen ſei⸗ nes Herrn, des Grafen von Burgund. Elsb. Ihr ſcherzt, Vater. Hugo. Kein Scherz, mein Fraͤulein. Vergoͤnnet, daß ich der Erſte ſey, der die neue Gräfin von Bur⸗ gund, als ſeine kuͤnftige Gebieterin, begruͤße. 248 Der Graf von Burgund.“ Elsb. Herr Ritter, Ihr nehmt mich fuͤr ein Kind. Wer iſt dieſer Graf von Burgund? Kenn' ich ihn? habe ich jemals von ihm gehoͤrt? Hugo. Er liebt Euch warm und redlich. Elsb. Wie kann er 5 lieben? hat er mich im Traum geſehn? Hugo. Wenn Ihr meinen Worten nicht traut, ſo empfanget hier zum Wahrzeichen dieſen Schmuck. Ihn ſandte die Graͤfin Mathilde, ſeine Mutter, fuͤr Euch, ihre geliebte Schnur. Elsb. Ergoͤtzt Euch meine Verlegenheit? Will mein guter Vater ſich eine Luſt mit mir machen?. Cuno. Mit nichten! der Antrag iſt Ernſt, denn mit Hallwyls Tochter ſcherzt man nicht. Was mir zu ſagen Pflicht war, habe ich bereits geſagt; jetzt iſt es an dir, rede, wie es dir um's Herz iſt. Elsb. Ach Vater! Ihr wißt, daß mein Herz nur an Einem haͤngt! dieſer Eine iſt fuͤr mich verloren!— Guter Heinrich! ſoll ich dich nicht beſitzen, ſo reizt mich auch kein Thron!— Euch zu Liebe, Vater, habe ich mich dieſem Manne ergeben, und ich will mein Wort halten.(Sie reicht Walthern die Hand, und kehrt ſich darauf zu Hugo.) Herr Ritter, ſagt Eurem herrn Els⸗ beth von Hallwyl ſey verlobt. Heinr.(aufſchreiend) Sagt es Wn nicht, Ritter! er wuͤrde vor Gram ſterben! Elsb(um ſich ſchauend und niederſin⸗ kend) Heinrich! Der Graf von Burgund. 249 Cuno und Walth.(nach dem Gefolge blickend) Was war das? 53133 5 Hugo. Meine Rolle iſt aus. Graf Heinrich, nun moͤgt Ihr fuͤr Euch ſelbſt ſprechen. Heinr.(vor Elsbeth hinſtuͤrzend) Weg mit Eurer Grafen⸗Krone! hier zu Elsbeths Fuͤßen lege ich ſie nieder. Den armen Heinrich liebte ſie, den armen Heinrich ſoll ſie wieder erkennen, wenn ſie die Augen aufſchlägt. Cuno. Wie iſt mir? iſt das nicht Heinrich? der Sohn des alten Klauſners? Hugo. Der Sohn des Grafen Albrecht von Bur⸗ gund, deſſen Oheim ſeinen Vater erſchlug, und achtzehn Jahre lang ihm ſein vaterliches Erbe vorenthielt. Elsb. Gu ſich kommend) Heinrich, biſt du es? Heinr. Gedenke deines Schwurs bei der heiligen Agathe! Elsb. Mein Heinrich! Heinr. Meiner Mutter Schmuck haſt du verwor⸗ fen; ſiehe das Blümchen liegt dazwiſchen, das du mir beim Abſchiede reichteſt. Elsb. Bin ich geſtorben? und erwache nun im Himmel? Cuno. Wunderdinge! wo iſt Bruder Peter? Hugo. Er hat ſich in den Ritter Hans von Bonſtetten verwandelt. Elsb.(auf Walthern deutend) Vater! um Gottes willen! ich kann dieſes Mannes Weib nicht werden. 260 Der Graf von Burgund. Walth. Gott bewahre mich, ein ſolches Paar zu trennen! bleibt mir hold, edles Fraͤulein, tragt meinen Ring zum Andenken an einen redlichen Freund. Heinr.(ſpringt auf und faͤllt Walthern um den Hals) Nehmt alle meine Schaͤtze! nur dieſen laßt mir! Walth. Die Liebe gab ihn Euch. Cuno. Es iſt Gottes Finger! Heinr. und Elsb.(ſich zu Cuno's Füßen werfend) Euren Segen, Vater! Cuno.(ſich geruͤhrt auf ſie herabbuͤckend) Empfanget ihn in dieſer Freudenthrane! Das Gefolge. Es lebe die junge Gräͤfin von Burgund! (Der Vorhang fällt.) Maͤdchenfreundſchaft der tuͤrkiſche Geſandte. Ein Luſtſpiel in Einem Akt. Perſonen. Madam Braun, Vorſteherin einer Penſionsanſtalt fuͤr junge Mädchen. Lenore. 1 Natalie. in Penſion bei Mad. Braun. Wilhelmine. Hopſa, ein Tanzmeiſter. Roſe, Lenorens Bräutigam. Maulwurf, ein Gärtner. Kleine Maͤdchen als Penſi ionairinnen, ſo viel man will. (Der Schauplatz: ein Saal mit mehreren Thuͤren, im Hintergrunde ein Catheder, Stuͤhle und Bänke fuͤr die Penſionaire.) Erſte Scene. (Madam Braun, auf dem Catheder, giebt Unterricht und iſt von allen ihren Penſionairs umgeben; die wenigſten derſelben haben Acht auf die Lection; ſie plaudern, ſie necken ſich, u. ſ. w.) Madam Braun. Still, Kinder! ſtill! Man kann ja ſein eigenes Wort nicht horen. Mamſell Lenore, Sie ſind die Aelteſte, Sie ſollten mit gutem Beiſpiel vorgehn. Lenore. Wir haben alles gehoͤrt. Mad. Braun. Nun? wovon hab' ich zuletzt ge⸗ ſprochen? Lenore. Von der ſpaniſchen Poeſie. Mad. Braun. Da haben wir's! Ich war ſchon längſt bei der griechiſchen! He! wer weiß mir zu ſagen, wovon zuletzt die Rede war? Natalie. Von der Raturgeſchichte. Wilhelmine. Ja, von den Thieren, die den Mo⸗ ſchus in einem Beutel tragen. WMad. Braun. O leichtſinnige Jugend! Ich ſprach freilich von Moſchus, aber von einem Idyllendichter, der vor 2000 Jahren in Syrakus lebte. Kinder! 254 Mädchenfreundſchaft Kinder! wenn Ihr nicht mit Ernſt dergleichen wichtige Dinge zu erlangen ſtrebt, wie wollt Ihr denn einſt lie⸗ benswuͤrdige Gattinnen werden?— Ihr tanzt, Ihr ſingt, Ihr ſpielt auf der Guitarre, das iſt alles recht gut, und gehoͤrt allerdings zur haͤuslichen Zufriedenheit; aber um Eure Maͤnner ganz zu begluͤcken, muͤßt Ihr auch wiſſen, wer Moſchus war, und muͤßt, gleich ihm, ſuͤße Verſe dichten lernen. Lenore. Hab' ich nicht am Sonnabend ein Lied⸗ chen auf meinen Dompfaffen gemacht? Mad. Braun. Ja, die Gedanken waren ganz artig; aber die Reime noch ſo à la Gellert. Peutzu⸗ tage verlangt ein Ehemann— Natalie. Ei was kuͤmmert es uns, was ein Ehemann verlangt? Wir drei heirathen doch nie. Mad. Braun. Alberner Schnack! Lenore iſt ja ſchon Braut. Lenore. Bewahre der Himmel! Oncles und Tan⸗ ten moͤgen das wohl unter einander ſo ausgemacht haben, aber ich thue es nicht. Da müßte ich mich ja von meinen Freundinnen trennen! Das geſchieht nimmermehr! Natalie. Nein, Madam Braun, das thut keine von uns. Eher ſagen wir Nein am Altare. Mad. Braun. Nun, nun, das wird ſich ſchon finden. Jetzt wieder auf den Idyllendichter Moſchus zu kommen—(Man hoͤrt eine uUhr Drei ſchlagen.) Alle Penſionairs.(indem ſie die Buͤcher weg⸗ oder der tuͤrkiſche Geſandte. 255 werfen und davon laufen) Es Drei geſchlagen! es hat Drei geſchlagen! Mad. Braun.(allein) Das kann die Zeit nicht erwarten, bis die gymnaſtiſchen Uebungen anfangen. Zweite Scene. Maulwurf(ein klein wenig betrunken.) Madam Braun. Maulwurf. Madam, aus dem Raſenplatz vor der Gartenthuͤr kann nichts vernuͤnftiges werden; denn wenn das junge Volk ſo mit einemmahle aus der Schule ſturzt, wie jetzt eben, da fallen ſie darauf wie die Heu⸗ ſchrecken, und tanzen mir das junge Gras gleich zu Schanden. Mad. Braun. Kinder mſen froh ſeyn, huͤpfen, ſpringen. Maulw. Freilich; aber die Mamſellchens hier im Hauſe tanzen gar nicht wie andere Kinder. Sie fallen die Haͤnde uͤber den Kopf, und ſtrecken die Beine bald vorne bald hinten hinaus, und machen mit den Halstuͤ⸗ chern ſo kurioſe Poſituren, daß ich meinen Gaͤrtnerbur⸗ ſchen nur immer weit wegſchicke. Mad. Braun. Vie lernen Ballet tanzen, wie es jetzt unter ſittſamen jungen Frauenzimmern Mode iſt. Maulw. Meinetwegen! Da hab' ich auch im Gartenhauſe ein Buch verſteckt gefunden. Mad. Braun. Laß ſehn.(Sie ſieht den Titel an) Lucinde. O das hat nichts zu ſagen, das iſt ein 256 Mädchenfreundſchaft Buch, in welchem ſich die höhere Poeſie mit der Reli⸗ gion der Liebe vermaͤhlt. Leg' es nur wieder dahin, wo Du es gefunden haſt. Maulw. Sehr wohl. Draußen ſteht aber auch ein junger Herr, der gern herein moͤchte, und der mir noch gefaͤhrlicher ausſieht, als ein Buch. Mad. Braun. Wie heißt er? Maulw. Ja Gott weiß! Er nannte ſich Roſez das that er aber wohl nur mir zu gefallen, weil er ſah, daß ich der Gaͤrtner bin. Mad. Braun. Nein, nein, ich kenne ihn. Es iſt Lenorens beſtimmter Braͤutigam. Laſſ' ihn kommen. Maulw. In Gottes Namen. Mad. Braun. Bleib in der Naͤhe, wenn ich Dich brauche.(Maulwurf ab.) Mad. Braun.(allein) Er wird erſtaunen, wenn er ſieht, wie ſchoͤn ſie tanzt. Da liegt auch eine Zeich⸗ nung von ihr, ein nackender Apoll, der gewiß nichts zu wuͤnſchen uͤbrig laͤßt.(Sie findet einen Strickſtrumpf, den ſie verbirgt) Nur ihren Strickſtrumpf muͤſſen wir bei Seite thun, denn da ſieht es uͤbel aus. Dritte Scene. Roſe. Madam Braun. Roſe.(uͤberbringt ihr einen Brief.) Madam, dieſes Schreiben von Lenorens Oheim wird Ihnen ſagen, wer ich bin, und mit welchen ſuͤßen Erwartungen ich hie her komme. oder der türkiſche Geſandte. 287 Mad. Braun. Ich freue mich, die Bekanntſchaft eines ſo gebildeten jungen Mannes zu machen, obgleich er kommt, mir einen meiner liebenswuͤrdigſten Zöglinge zu entfuͤhren. Roſe. Meine Familie beſtimmt mir genoren zur Braut. Ich kenne ſie noch nicht, aber da ſie Ihrer Erziehung anvertraut war— Mad. Braun. Allzuguͤtig. Roſe. Einen kleinen Schrecken hat mir der Oheim dennoch eingejagt. Mad. Braun. Wie ſo? Roſe. Er ſagte mir, Lenore habe einen unuber⸗ windlichen Widerwillen gegen das Heirathen. Mad. Braun. Kinderei. Sie hat mit zwei jun⸗ gen Maͤdchen ihres Alters eine felſenfeſte, ewige Freund⸗ ſchaft errichtet. Alle drei ſind ſchwärmeriſch gleichſam in einander verliebt; hat die Eine einen Fehler began⸗ gen, ſo nehmen die andern beiden die Strafe auf ſich. Alles theilen ſie ſchweſterlich, keine kann vergnuͤgt ſeyn ohne die andere. Roſe. und dieſe zarten Freundſchaftsbande ſoll ich zerreißen? Mad. Braun. Ich habe ſie freilich ſchon auf eine nahe Trennung vorbereiten wollen, man hat mir nur durch Thränenſtrome geantwortet: aber Ihre Ge⸗ genwart— Roſe. Wenn es weiter nichts iſt als Mädchen⸗ freundſchaft, die kenr ich und furchte ſie nicht. Kotzebue's dram Werke. 11. Th. 17 258 Mädchenfreundſchaft Mad. Braun. Maulwurf! geh und rufe Lenoren hieher. Sag' ihr aber nichts von dieſem jungen S ſonſt kommt ſie nicht. Maulw. Sie ſteht da draußen und redet mit der Pflirſchbluͤthe.(Indem er fortſtolpert) Mamſell Lenore! Mamſell Lenore! Kommen Sie geſchwind! Da iſt ein junger Herr, der Sie heirathen will. Mad. Braun. Tölpel!—(3u Roſe) Ich hoffe, mein Herr, Sie werden ſowohl durch Geſtalt als Gei⸗ ſtesbildung Ihrer Braut ſehr angenehm uͤberraſcht wer⸗ den. Ich habe, ohne Ruhm zu melden, nichts verab⸗ ſaumt, um das haͤusliche Gluͤck eines Gatten zu gruͤnden. Ich darf ſogar verſichern, daß ſie, an jedem Ihrer Geburtstage, Sie mit einem ſelbſtverfertigten Gedichte er⸗ freuen wird. Roſe. Ich werde mir alle Muͤhe geben, unſer Gluͤck aus der Dichterwelt in die wirkliche zu verſetzen. Maulwurf.(kommt zuruͤckh) Der Henker mag die einholen. Als ſie vom Heirathen hoͤrte, da rannte e fort, als häͤtten die Weſpen ſie geſtochen. Mad. Braun. Mein Freund, Du biſt ein 6ſu. Geh und ſag' ihr, der junge Herr ſy fort, ich wolle ſie ſprechen. Maulw.(forttaumelnd) Kurios! ſich ſo vor dem Heirathen zu furchten, als ob Lebensgefahr dabei wäre. Mad. Braun. Gu Roſe) Gehn Sie unterdeſſen in dieſes Nebenzimmer. Ich werde ihr das Köpfchen zurecht ſetzen. oder der türkiſche Geſandte. 259 Roſe. Und dann werde ich mit dem Herzchen mein Heil verſuchen.(ab) Mad. Braun.(allein) Halsſtarriges Maädchen! Hundertmal hab ich ihr geſagt, daß die Freundſchaft in der großen Welt eine lächerliche Schwärmerei iſt. Man ſieht ſich gern, ſo lange man ſich die Zeit vertreibt; man hoͤrt auf ſich zu ſehn, wenn andere Verhaͤltniſſe 1 eintreten. Vierte Seene. 1 Lenore Gommt ſchuchtern. Natalie und Wilhel⸗ mine(folgen ihr von ferne.) Mad. Braun. Nun? warum ſo ſchuͤchtern? Nur näher, Mamſell! Lenore. Der alte Maulwurf hat mich ſo erſchreckt. Mad. Braun. Es brachte mir jemand einen Brief von Ihrem„der Sie durchaus verheira⸗ then will. Lenore. Dacht' ichs doch, Sie wuͤrden mir Kum⸗ mer machen. Antworten Sie meinem Oheim, cher wollt' ich ins Waſſer ſpringen. 1 Mad. Braun. Sie wiſſen doch, daß Sie Ihrem Oheim Ihren ganzen Wohlſtand verdanken? Lenore. Das weiß ich, und erkenne es dankbar. 3 WMad. Braun. Wenn er Sie nun aber enterbt? Was wollen Sie anfangen? Bei wem eine Zuflucht finden? Lenore. O ich habe zwei Freundinnen— Mad. Braun. Die ſich verheirathen weyden. 4 260 Maädchenfreundſchaft Lenore. Nimmermehr! Wir haben einander feier⸗ lich zugeſchworen— Mad. Braun. Kinderei. Lenore. Sehr wohl. Bin ich noch ein Kind, ſo kann ich auch noch nicht heirathen; und bin ich kein Kind mehr, ſo darf ich meinen Eid nicht brechen. Mad. Braun. Genug der Albernheiten. Jetzt im Ernſte, Mamſell, Sie werden heirathen. Lenore. Lieber ſterben! Mad. Braun. So muß ich Sie v drei Ta⸗ gen Ihrem Oheim zuruͤckſchicken, und dann werden Sie doch von Ihren Freundinnen getrennt.(Sie geht ab.) Lenore. Ich! ich ungluͤckliche! Natalie und Wilhelmine.(die bisher im Hin⸗ tergrunde lauſchten, kommen herbei. Meine geliebte Freundin! wir haben alles gehort. Wilh. Madam Braun iſt ein Tyger. Natalie. und Dein Oheim ein Leopard. Wilh. Die Zweizuͤngige! Hundertmal hat ſie uns geſagt: die Mäͤnner waͤren flatterhaft, Betrüger, wir ſollten uns vor ihnen huͤten— Natalie. und nun will ſie Dich dem erſten beſten an den Hals werfen. Lenore.(ſchluchzend) Ich ungluͤckliche! Von Euch mich trennen! Wilh. Das uͤberlebt keine von uns. Natalie. Weißt Du was, wir laufen davon. Wilh. O ich bin es zufrieden. oder der türkiſche Geſandte. 261 Lenore. Ich auch. Aber wohin? Natalie. Ja, wohin? Laßt uns geſchwind Kriegs⸗ rath halten, denn wir haben keine Zeit zu verlieren. Wilh. Wenn wir katholiſch wären, ſo gingen wir alle drei ins Kloſter. Lenore. Wir könnten je allenfalls katholiſch werden? Natalie. Immer beſſer, als einen Mann nehmen. Lenore. Halt! ich habe einen koͤſtlichen Einfall. Was erzählte Madam Braun geſtern in der geobraphi ſchen Stunde von den Tuͤrken? Natalie. Daß ſie viele Weiber nehmen— Wilh. Die in prächtigen Harems wohnen— Lenore. Alle Schätze und Wohlgeruͤche xrabiens verſchwenden— Natalie. Von einer Wenge Sklaven bedient werden— Wilh. Die huͤbſcheſten Mädchen aus allen Ländern— Lenore. und vor allen Dingen, daß ſie ſtets beiſammen wohnen. Nun?— errathet Ihr nicht, was ich im Sinne habe? Natalie und Wilh. O vortrefflich! vortrefflich! Lenore. Wir ſind, ohne Ruhm zu melden, alle Drei auch recht huͤbſch. Natalie. O gewiß. Aber Conſtantinopel iſt weit, wie kommen wir dahin? Wilh. Wenn wir auch an den Großſultan ſchrie⸗ ben, es waͤhrt ſo lange, ehe die Antwort kommt. — Lenore. Nein, nein, ich weiß ein Mittel. An unſerm Hofe iſt ja ein türkiſcher Geſandter, er wohnt in dieſer Straße, an den ſchreiben wir. Natalie und Wilh. Ja, ja, wir ſchreiben. Lenore. und unſer Tanzmeiſter Hopſa beſtellt wohl den Brief. Natalie. Auf jeden Fall laßt uns den feierlichen Schwur wiederholen, uns nie zu trennen.(Alle Drei legen die rechten Hände in einander, heben die linken zum Schwur in die Hoͤhe, und ſagen mit hohler Stimme) Wir ſchwoͤren! 33 Lenore. So. Es iſt vollbracht. Nun will ich ſchnell an den Geſandten ſchreiben. Ich hoͤre den Tanz⸗ meiſter ſchon auf der Treppe.(Sie ſetzt ſich und ſchreibt.) Fuͤnfte Scene. Hopſa. Die Vorigen. Natalie.(mit einem tiefen Knir) Monsieur Hopsa, vos très-humbles servantes. Wilhelmine.(mit einem tiefen Knir) Monsieur Hopsa, je suis charmée de vous voir.— Hopſa. Ei, ei, Mesdemoiselles, was mak Sie for ſlekte Reverence? Wer woll ſo praſentir der Hinter? ſein wie ein Ent der wackel mit die Stuß. Natalie. Wir machen es, wie Sie uns gelehrt haben. ge Hopſa. Klein Impertinente ſein nix wahr, Der oder der türkiſche Geſandte. 263 Bruſt ein wenik heraus, der Hinter avec grace inwendik vermakt, ſo aben ich keſakt. Lenore.(giebt den andern beiden ein Zeichen zu unterſchreiben) Mein lieber Monſieur Hopſa, wir wollen heut gar keine Stunde nehmen. Hopſa. Kein Lection? ſein der pure Fauleit, muß ich rapportir an Madam Braun. Lenore. Es iſt Ihnen ja doch nur um unſere Karten mit dem Pettſchaft zu thun; da nehmen Sie. Hopſa. Wofuͤr ſeh Sie mik an? Wer da nir keben Lection und nehme die Kart, der ſein Spiſſebub. Keb Sie man her die Kart.(Er ſteckt ſie ein.) Wilh.(giebt Lenoren den Brief von hinten.) Lenore. Apropos, Monſieur Hopſa, beſuchen Sie noch fleißig den tuͤrkiſchen Geſandten? Hopſa. Parbleu! freilik, ik ſeyn ſein Sprakmeiſter. Lenore. Lieber Monſieur Hopſa. Sie ſind ein ſo gefälliger, artiger Mannz wollten Sie wohl ſo gut ſeyn, dieſen Brief an den Geſandten zu beſtellen? Hopſa. Que diable! was ab Sie ſu ſreib an die tuͤrkiſch Ambassadeur? Lenore. Wir lernen jetzt tuͤrkiſch, und wollen iyn um Rath fragen wegen eines Ausdrucks, den wir nicht verſtehn. Hopſa. Aha! Sie lernen rurque? von die todte Sprak? PEh bien, ik maken Ihr Commission- Lenore. Aber ja reinen Mund halten. Hopſa. Verlaß ſik auf mein Piscretion, ick ſein Franucmagon. Lenore. A revoir, Monsieur Hopsa.(Leiſe zu den Andern) Er iſt ein Dummkopf. Natalie. Aber er tanzt ſchoͤn.(Zu Hopſa) Adieu! Wilh.(wirft ihm neckend einen Kuß zu) Adien mon bijou!(Alle Drei ab.) Hopſa. Callein) Das ſein maliſids petites S drei Stuͤck. Arm pauvre mari, der werden fiel aben fon chagrin. Sechſte Scene. Madam Braun und Hopſa. Mad. Braun. Sieh da, Monſieur Hopſa! Wo ſind denn die drei unzertrennlichen? Sind Sie zufrieden mit ihren Fortſchritten? Hopſa. O ſie danse wie der Engel. In dieſe moment ſie ab kenomm ihr Lection, da ſein die Kart.— Et voilà encore quelque chose. Sie ab mir ferbot, Madam, ik ſoll nik fein der porteur von verdäcktik Brief. Dieſer aben ein ſolk Phyſiognomie. Mad. Braun. Geſchwind zeigen Sie her.(Sie lieſt die Adreſſe)„An Sr. Excellenz, den Tuͤrkiſchen Herrn Geſandten allhier?“— Was ſoll das heißen? Hopſa. Sie woll ſtudir der tuͤrkiſch Sprak. Mad. Braun. Coͤffnet den Brief und lieſt.)„Herr Ambaſſadeur! Wir haben in der Geographie geleſen, daß Sie mehrere Frauen heirathen duͤrfen. Wir ſind oder der tuͤrkiſche Geſandte. 265 drei junge huͤbſche Maͤdchen in Ihrer Nachbarſchaft, wir haben geſchworen uns nie zu trennen, und da Sie, wie wir hoͤren, unſern Hof nächſtens verlaſſen, um in Ihr Vaterland zuruͤckzukehren, ſo fragen wir hiermit an, ob Sie uns mitnehmen wollen?— Antworten Sie uns durch Monſieur Hopſa, oder kommen Sie lieber ſelbſt, uns zu ſehn. Auf jeden Fall ſind wir entſchloſſen nach Conſtantinopel zu reiſen, ſobald wir zum Erſtenmal zur Beichte geweſen ſind. Herr Ambaſſadeur! Ihre ge⸗ horſamen Dienerinnen Lenore. Natalie. Wilhelmine.“ Sind die Mädchen toll? Soll ich lachen oder boſe werden? Hopſa. Monsienr IAmbassadenr werde laken. Trois jolies files, mais ſie werd ihm ſchon eiß mak ſein Kop. Mad. Braun. Mir fällt ein herrliches Mittel ein, die Maͤdchen zu beſtrafen, und zwar gleich. Apropos, Sie verſprachen mir ja Kleider zu Zaire, die meine Penſionairs in einigen Tagen aufführen wollen? Hopſa. Sein ſchon keſter arrivir, ein ganz Trodelbud. Mad. Braun. Deſto beſſer; folgen Sie mir. Auf der Stelle will ich den Einfall ausfuͤhren. Hopſa. Sk folge mit kroß ouriosite.(Beide ab.) Siebente Scene. Lenore, Natalie, Wilhelmine.(ſchleichen herein.) Lenore. Der Tanzmeiſter iſt fort. Mir klopft das Herz. 266 M chenfreun chaft Natalie. Sage mir doch, Lenore, wenn der Am⸗ baſſadeur uns heirathet, muͤſſen wir uns denn auch turkiſch kleiden? Lenore. Freilich. Wilh. O das iſt allerliebſt! Der Turban wird mir recht huͤbſch ſtehn. Lenore. Mir auch. Natalie. Mir auch. Lenore. Wir wollen uns auch in Conſtantinopel nie einzeln ſehen laſſen. Alle Abend fahren wir zuſam⸗ men in die Comoͤdie. Natalie. Ich hoffe, unſer Türke wird ſo galant ſeyn, eine Loge zu abonniren. Wilh.(ſpoͤttiſch) Das verſteht ſich: ich wollt' ihm nicht rathen, uns ins Parterre zu fuͤhren. Lenore. Im Winter fahren wir täglich auf dem Schlitten. Natalie. Ach ja, in Zobelpelzen. Wilh. Das ſoll eine Luſt werden! Lenore. Dann ſind wir aber verſchleiert. Natalie. Thut nichts, wir konnen doch von der Seite ein wenig luͤften. Siehſt Du, ſo.(Sie macht die Pantomime, als hübe ſie den Schleier auf.) ODie andern beiden machen es ihr nach.) Ja, ſo. Lenore. O wir werden die gluͤcklichſten Tage ver⸗ leben. umarmt mich, Schweſtern! Mir habt Ihr den herrlichen Einfall zu verdanken.(Sie umarmen ſich.) * oder der türki che Geſandte. Natalie. Ewige, ewige Freundſchaft 1 Lenore und Wilh. Ewig! ewig! chte Madam Braun. Die Vorigen. Mad. Braun. Kinder, ich bin in der groͤßten Verlegenheit! So eben laͤßt mich der tuͤrkiſche Geſandte um Erlaubniß bitten, meine Penſion zu beſehen. (Die Maͤdchen zupfen ſich verſtohlen.) Aha!— Merkſt Du was?— Er hat unſern Brief empfangen— er kommt. Mad. Braun. Er kommt mir ſo unvermuthet uͤber den Hals— ich kann ihn aber doch nicht abwei⸗ ſen.— Jetzt, meine ſchoͤnen Mamſells, haben Sie Ge⸗ legenheit Ihre Talente zu zeigen. Sie ſind die älteſten in der Penſion, Sie muͤſſen die Honnenrs machen. Der Geſandte iſt ein vornehmer Herr, er beſieht alle Merkwuͤrdigkeiten der Stadt; von Ihnen erwarte ich, daß Sie ihm eine gute Idee von meinem Inſtitut bei⸗ bringen. Lenore. Sollen wir uns nicht beſſer kleiden? Mad. Braun. Das iſt gar nicht noͤthig. In Ihren Jahren je einfacher, je beſſer. Natalie. Gzu Lenoren) Was meinſt Du, liebe Freundin, wie ſitzt mir die Chemiſe? 4 Lenore. Recht gut; aber ſtecke mir doch die Blume ein wenig anders. 268 Mädchenfreundſchaft Mad. Braun. Cbei Seitc) Schon Koketterie? Ein gutes Zeichen. Neunte Scene. Maulwurf. Die Vorigen. Maulw. Zu Huͤlfe! zu Huͤlfe! Mad. Braun. Was giebts? Maulw. Ach das ungluͤck! Da haben wir nun alle Sonntag in der Litaney gebetet: vor den Tuͤrken uns bewahre Gott! und da ſteht auf einmal eine ganze tuͤrkiſche Armee unten vor der Thuͤr, und wollen mit des Teufels Gewalt einbrechen. Mad. Braun. Dummkopf! es iſt der Geſanbte. Fuͤhr' ihn geſchwind herein. Maulw. Was? einen türkiſchen Wolf in dieſen chriſtlichen Schaafſtall? Mad. Braun. Thu, was ich Dir ſage. Maulw. Nun, ich waſche meine Haͤnde in Un⸗ ſchuld. Aber all mein Lebstage habe ich gehoͤrt: ein Iltis im Taubenſchlag, und ein Tuͤrke unter ingen Maͤdchen— Mad. Braun. Wirſt Du gehn? Maulw. Ich gehe ſchon. Gott ſei den armen Kindern gnäbig! Solche Barbaren—(ab.) Die drei Mädchen.(unter einander) Fühle, wie mir das Herz pocht— Mir auch— Mir auch— Lenote. Nur Muth gefaßt. Ein iſt ja doch auch nur eine Mannsperſon. oder der türkiſche Geſandte. 269 Mad. Braun. Was ziſcheln Sie da unter ein⸗ ander? Setzen Sie ſich in Poſitur, ich hore kommen. BZehnte Scene. Roſe und Hopſa.(als Tuͤrken verkleidet, mit Ge⸗ folge. Roſe gruͤßt nach tuͤrkiſcher Sitte und läßt ſich dann auf ein Kiſſen nieder, welches ein Sklave ihm nachtrug.) Die drei Mädchen. Cunter ſich) Ein hůbſcher Mann— Es geht wohl an— Er iſt nicht haͤßlich. Mad. Braun.(leiſe zu Roſe) Die Blondine iſt Ihre Braut. Reden Sie jetzt im orientaliſchen Styl. Roſe.(zu Madam Braun) Springbrunnen der Weisheit! Quelle der Sittſamkeit! Wenn mein Auge Dich betrachtet, ſo ſehe ich den Pomeranzenbaum, in deſſen Schatten die Lilien wachſen. Lenore. Gzu den andern beiden) Er ſpricht ziem⸗ lich gut Deutſch. Maulw. Ein ſchlechter Gärtner. Wer ſetzt Lilien unter einen Pomerarzenbaum. Mad. Braun. Cw. Excellenz druͤcken ſich ſehr gnädig aus. Erlauben Sie, daß dieſe meine Zöglinge einige Talente in Ihrer Gegenwart uͤben, um zu be⸗ weiſen, daß die jungen Frauenzimmer in meiner Penſion zu wackern Hausfrauen gebildet werden. Ro ſe.(nickt mit dem Kopfe.) Mad. Braun. Wohlan,„tanzen gi ein Solo. 270 Mäde Lenore.(empfin bei Seite) Das iſt doch auch ſonderbar, daß man die Juͤn gſte zuerſt auftreten läͤßt. Wilhelmine.(tanzt.) Hopſa.(leiſe zu Roſe) Sie aben von mir kelernt. Roſe. Beim Mahomet! ſie ſchwebt wie ein Para⸗ diesvogel und huͤpft wie eine Gazelle.(Er giebt Hopſa einen Diamantring, der ihn Wilhelminen uͤberreicht.) Lenore. Brillanten? Ich hoffe fuͤr uns Drei. Wilh. Sachte, Mamſell, der Ring iſt fuͤr mich allein. Mad. Braun. Jetzt, Natalie, ſingen Sie. Lenore.(bei Seite) Das iſt abſcheulich. Ende kommt die Reihe gar nicht an mich. Natalie.(ſingt ein Liedchen oder eine Romänze.) Roſſe. Allah! Allah! ich bin entzuͤckt! So ſingen die Huris im Paradieſe!(Er giebt Hopſa ein Flaͤſch⸗ chen mit Roſeneſſenz, der es Natalien uͤberreicht.) Lenore.(bei Seite) Ich erſticke. Mad. Braun. um Ew. Excellenz nicht zu er⸗ muͤden— Lenore.(zupft ſie 6 ſagt empfinlich) So, Madam? Mich wollen Sie gar nicht erſcheinen laſſen? Mad. Braun.(bei Seite) Sie iſt empfindlich⸗ Deſto beſſer.(Laut) Wenn Se. Excellenz erlauben— Declamiren Sie den ſchoͤnen aus Jungfrau von Orleans*). S *) Statt deſſen kann nach Beüeben unn anders gewählt werden. oder der türkiſche Gefandte. 271 Lenore.(thut es.) Ro ſe.(nickt zwar ſeinen Beifall, ats aber Hopſa ſich ihm nähert, um auch ein Geſchenk für Lenoren zu empfangen, ſteht er auf, ohne etwas zu geben.) Lenore.(bei Seite) Mein Gott! er geht fort. Mad. Braun. Ich werde jetzt die Ehre haben, Ew. Excellenz mein ganzes Haus zu zeigen. (Das Gefolge entfernt ſich. Roſe reicht Madam Braun die Hand, kehrt aber noch einmal um, betrachtet die drei Freundinnen, und wirft endlich Lenoren das Schnupftuch zu, die mit einem ſolchen Geſchenke ſehr unzufrieden ſcheint. Darauf geht er mit Madam Braun äb.) Eilfte Scene. Lenore. Natalie. Wilhermine. Natalie. Nun, liebe Freundinnen, was ſagt Ihr dazu? Wilh. Ich vin zufrieden; aber die arme Lenore! Er hat nicht einmal aus Hoflichkeit gethan, als ob er zuhorte. Lenore. Weil er vor lauter Sehn nicht zum Hoͤ⸗ ren kommen konnte. Er hat mich ja in einemfort ſtarr angeblickt. i WVilh. Da irrſt Du dich, Lorchen. Auf mich hatte er die Augen immer geheftet. Natalie. Ihr ſeyd doch in der That alle beide Kotzebue's dram. Werke 11. Th. 18 idhenſein ſehr leicht zu täuſchen. Habt Ihr denn nicht bemerkt, als ich ſang— 3 Lenore. Du? geſungen? Ach ich bitte Dich, rede doch davon nicht. Du hatteſt heute gar keine Stimme. Wilh. Das iſt wahr. Ich ſtand Deinetwegen wie auf Nadeln. Natalie.(ſpottiſch) Liebes Minchen, haſt Du denn etwa heute gut getanzt? Lenore. O erbaͤrmlich. Wilh. Mein Tanz war doch wohl beſſer als Deine Declamation.„ Natalie. Den beſten Beweis geben ja wohl die Geſchenke. Das Meinige iſt allerliebſt, und riecht— und duftet— Vilh. und das Meinige glänzt! und ſchimmert! Natalie. Deines, liebe Lenore, iſt eben nicht ſon⸗ derlich. Lenore. Sehr einfach; aber er hat es mir ſelbſt gegeben, und mit welcher Grazie? Euch hat er durch ſeine Sklaven bedienen laſſen. Wilh. Seht doch, wie eingebildet! Lenore. und Du, wie eiferſuchtig! Natalie. und Du, wie uͤbermuͤthig! Wilh. Schon gut, ich ſag' es dem Geſandten. Natalie. Mamſell hat üble Laune. Wir wollen ſie lieber allein laſſen. Wilh. unſere Schuls iſt es ja nicht, daß der Ge⸗ ſandte ihr bloß ein Schnupftuch gegeben. oder der türkiſche Geſandte. 273 Lenore. Ich bitte Euch, geht, wohin es Euch be⸗ liebt! Ihr aͤrgert mich. Wilh.(indem ſie abgeht, hyaͤlt ſie Lenoren den Ring vor die Augen) Wie das flimmert! Natalie.(macht es eben ſo mit der Roſeneſſenz) Wie das duftet!(Beide ab.) Lenore.(allein, faſt weinend) unausſtehliche Ei⸗ telkeit! Ach! wenn ich ſie doch ein wenig demuͤthigen könnte!— Ich weiß nicht— ſeit einer Viertelſtunde — iſt mir ſo wunderlich zu Muthe— ich empfinde etwas, das ich nie empfunden habe— Mein Gott! da kommt der Geſandte. Ich zittre und bebe. Zwoͤlfte Scene. Roſe und Lenore. Roſe. Liebenswuͤrdige Lenore! ich bin dem läſtigen Gedraͤnge entſchläpft. Mein Herz fuhrt mich hieher zuruͤck. Sie ſind allein? Wo ſind Ihre beiden Freun⸗ dinnen? Lenore. Ich weiß es nicht. Roſe. Sollt' ich ſo unglucklich ſeyn, daß ſie vor mir floͤhen? Lenore. Davon haben ſie nichts geſagt. Roſe. Aber Sie, ſchone Lenore, Sie ſcheinen ſo bewegt? Lenore. Ach! laſſen Sie mich zufrieden. Ich habe mich geärgert, ſo geaͤrgert— Sie ſind Schuld, daß wir uns gezankt haben. 18 Mädch dſchaft Roſe. Waͤr es moglich! Die unzertrennlichen Freundinnen? die Verfaſſerinnen jenes allerliebſten Brie⸗ fes? Darf man fragen, warum? Lenore. Mamſell Wilhelmine— Roſe. unmoͤglich kann ſie Schuld daran ſeyn. Ihre lebhafte Phyſiognomie, ihre Grazie, die ſuͤße Un⸗ ſchuld, der kein Herz widerſteht— Lenore. Es iſt ja nur ein Kind Roſe. Aber ein ſehr liebenswuͤrdiges Kind. Lenore.(bei Seite) Er iſt raſend in ſie verliebt. Roſe. Ratalie hingegen ſieht ſo gut aus, iſt ein Engel von Sanftmuth. Lenore.(gleichguͤltig) Ja, es iſt ein recht gutes Maͤdchen. Roſe. Es wird nicht ſchwer halten, Sie wieder zu verſohnen. Sind wir nur erſt auf dem Wege nach Conſtantinopel— Lenore. Auf mich, Herr Ambaſſadeur, dürfen. Sie bei dieſer Reiſe nicht zählen. Ro ſe. Himmel! was ſagen Sie! Lenore. Reiſen Sie in Gottes Namen mit mei⸗ nen beiden Freundinnen. Ich habe keine Luſt, mich aufopfern zu laſſen. Roſe. Aufopfern? Lenore. Wilhelmine iſt ſo ſchon, Natalie iſt ſo gut— was brauchen Sie mehr? Sie nehmen mich doch nur aus Hoflichkeit mit. Roſe. Wer wagt es, ſolche Läſterungen auszuſtoßen? oder der tuͤrkiſche Geſandte. 275 Lenore. Die beiden Mamſells. Sie behaupten, ich haäͤtte nicht einmal die gehabt, von Ihnen be⸗ merkt zu werden. Roſe. Ha! ſchoͤnſte Lenore! und das konnten Sie glauben? Sie wiſſen nicht, wie tief der Eindruck iſt, den Sie auf mein Herz gemacht haben. Lenore. Sie täuſchen mich. Roſe. Natalie und Wilhelmine moͤgen uns beglei⸗ ten, aber Sie werden uͤber ihre Freundinnen herrſchen, wie uͤber mich. Lenore.(mit ausbrechender Freude) Ich werde uͤber ſie herrſchen?(Sie faßt ſich) Richt doch— wir ſind zu vertraute Freundinnen— um alles in der Welt moͤchte ich keine von beiden kraͤnken— In der That, Herr Ambaſſadeur, wenn ich es recht bedenke— ſo thun Sie wohl am beſten, beide hier zu laſſen. Roſe.(bei Seite) Sie iſt allerliebſt.(Laut) Wie? Sie wollten ſich allein mit mir verbinden? Sie hätten Neigung zu mir?— Richt mein Rang, mein Reichthum— Lenore. Chalb aͤrgerlich, halb freundlich) Ach Gott, nein! Roſe. Sie ſprechen das Gluͤck meines Lebens aus. Der treuſte Liebhaber ſchwort zu Ihren Fuͤßen, nie fuͤr eine Andere, als fuͤr Sie zu athmen,(Er knieet, faßt ihre Hand, und druͤckt ſie an ſeine Lippen.) dſchaft Dreyzehnte Scene. Madam Braun. Natalie. Wilhelmine. Die Vorigen. Mad. Braun. Himmel! was ſeh' ich! Lenore.(bei Seite) Ich bin verloren! Mad. Braun. Wie, Mademoiſell! waren Sie es nicht, die den Befehlen Ihres Oheims ſo halsſtarrig widerſtrebte? Natalie. O das iſt ganz abſcheulich! Wilh. Leſen Sie ihr den Tert nur recht tuͤchtig. Roſſe. Madam, Sie kennen mich und meine Ab⸗ ſichten. Ich wuͤnſche dies liebenswuͤrdige Kind zu hei⸗ rathen. t Natalie. Vergeſſen Sie nicht die Bedingung, Herr Ambaſſadeur. Wir gehen alle Drei mit.* Roſe. Daruͤber hat nur meine Geliebte zu ent⸗ ſcheiden. Lenore. Liebe Freundinnen! es wuͤrde mir aller⸗ dings unendlich angenehm ſeyn— Euch um mich zu ſehn—(leiſe zu Roſe) Nehmen Sie ſie nicht mit! (Laut) Aber ich muß den Befehlen meines kuͤnftigen Gemahls gehorchen.(Leiſe) Sagen Sie, es gehe nicht an. Wilh. Schoͤn, Mamſell, recht ſchon. So etwas Schlangenartiges! Natalie. Wo bleitt der feierliche Schwur? Eid⸗ hruͤchige! ſandte. 277 oder der türkiſch e Vierzehnte Scene. Maulwurf.(fuͤhrt Hopſa beim Ohr herein) Die Vorigen⸗ Madam! Madam! es ſind keine Tuͤrken. So eben hab' ich dieſen Schelm erwiſcht, wie er meinen Wein ausſoff. Hopſa. Aber ſo laß Sie bok n nur los mein Ohr. Maulw. Es iſt der Musje Hopſa. Mad. Braun.(ſtellt ſich verwundert) Was be⸗ deutet das? Ro ſe. Ich bekenne die Schelmerei. Ich bin kein Muſelmann, ſondern ein ehrlicher Deutſcher. Lenore. Himmel! Natalie. Deſto beſſer⸗ Wilh. Er hat ſie nur fuͤr den Narren gehalten⸗ Roſe. Geliebte Lenore! ich bin der Mann, den Ihr Oheim Ihnen beſtimmte· Moͤchte Ihr Herz nicht widerſprechen! 3 Lenore.(bei Seite) Ha! ich erhole mich! Roſe. Ich könnte mit Reichthum prahlen, ich könnte Ihnen ſagen, daß ich die ſchonſten Guͤter im Rheingau beſitze— Maulw. Im Rheingau? Sapperment! da liegt der Johannisberg. Roſe. Aber nur meiner Liebe will ich Ihren Beſiz verdanken, e türkiſche Geſandte. Lenore. Cgiebt ihm verſchaͤmt die Hand) Ich ge⸗ horche meinem Oheim. Ro ſe.(ſchließt ſie in ſeine Arme) Es ſoll Sie nie gereuen! Hopſa. Keb Sie ackt, er werde Sie eyrathen. Sie tanzen kut, das werden ſeyn ein gluͤcklick Eh. Natalie. In meinem Leben glaube ich nicht mehr an die Freundſchaft. Wilh. Ich auch nicht, Mad. Braun. Vergeſſen Sie wenigſtens nie, daß die Freundſchaft bei un ſerm Geſchlecht zwei gefohrliche Feinde hat: Eigenliebe und Koketterie. 278 Mäbchenfte Sultan Bimbambum oder dder Triumph der Wahrheit. Eine moraliſche Heroi⸗Tragi⸗Comoͤdia. Perſdnen Bimbambum, Sultan von Bembom. Biribi, ſeine Maitreſſe. Juckmack, ſein erſter Miniſter. Buͤckling, ſein Hofmarſchall. Verax, ein grober Kerl. Frau Armuth. Der Schauplas iſt in Pallaſt des Suttans. Erſte Scene. Sultan Bimbambum.(allein.) (Er ſitzt auf einem Throne, mit einem gewaltig dicken Bauche. Vor ihm ſteht ein gedeckter Liſch mit Bratwuͤrſten und Wein. Einige Sklaven oder Sklavinnen bedienen ihn. Nachdem er ein Weilchen mit gutem Appetit gegeſſen und getrunken, ſtreichelt er ſich den Bauch und hebt an): Wr koniglicher Hirt von den geſchornen Schafen, Wir ſind wohl recht geplagt mit Eſſen, Trinken, Schlafen; Den lieben langen Tag, von Gnade wie beſeſſen, Muß unſre Majeſtät halt ſchlafen, trinken, eſſen; und wenn am Firmament die alten Sternlein blinken, So muͤſſen abermals wir ſchlafen, eſſen, trinken⸗ Ein jeder Maulaff' nennt uns gnaͤd'ger Landspapa, und meint, wir wären bloß ihn zu begluͤcken da Auf unſre eigne Hand zu leben und zu lachen, Wir kommen nicht dazu vor lauter gluͤcklich machen.— Das ennuyirt denn doch natuͤrlich auf die Länge. Jetzt, zum Exempel, iſt die Weſte mir zu engez Der Appetit geſtillt durch wohl farcirte Wurſt; „Auch loͤſchte Rebenſaft aus Tokay mir den Durſt. Was fang' ich nunmehr an, um gruͤndlich zu verdauen?— Ruft mir den Hofmarſchall, die Noth ihm zu vertrauen⸗ Eein Sklave ab.) Sultan Bimbambum 282„ Indeſſen wollen wir, der Väter Thron zu zieren, Und zu des Landes Gluͤck ein wenig noch regieren. Er ſchläft ein.) 8weyte Sc'ene. Hofmarſchall Buͤckling und der Sultan. Buͤckling. (verbeugt ſich, raͤuſpert ſich, dreht ſi h von einer Seite zur andern, und als der Sultan immer noch nicht erwachen will, beginnt er mit Stimme): O Sultan Bimbambum, Herr über Afrika! Europal Aſia!— Sultan.(erwacht.) Aha! Biſt Du ſchon da? Buͤckling. Des Sultans treuſter Knecht hat den Befehl vernommen, Sich einzuſtellen flugs, und er iſt flugs gekommen. Sultan. Hofmarſchall! womit wird man heut' uns amuͤſiren? Rur bitt' ich, kein Tournier, ich haſſe das Tournieren; Denn ſtets denk' ich dabei an Kaiſer Albrechts Schmach, Die einſt ihm angethan Otto von Wittelsbach. Buckling. Befiehlt mein Koͤnig ein aͤchte Wiener Thierhatz? Sultan. Das Herz der Biribi wird ſtraks zu weich im Schnuͤrlatz. Buͤckling. So jagen wir par force, und dann ein luſtig Schpraun oder der Triumph der Wahrheit. 283 Sultan. Auch das verdunkelt ihr die Aeugelein, die uchepelen. Buͤckling. Der Fiſchfang— Sultan. Waͤre gut mit Angel oder Netz, Doch gebe man zuvor den Fiſchen ein Geſetz, Daß, wenn wir unſern Koͤder in das Waſſer ſchmeißen, Pflichtſchuldigſt dann die Fiſch' an unſre Angel beißen. Buͤckling. Theatrum ſchlag ich vor, etwa die Donau⸗Nixe? Sultan. Ja, ja, die ſeh' ich gern, das ſchwoͤr ich Dir beim Styxe! Mit Larifari bin ich wie im Paradieſe; Doch Biribi glaubt mich vernarrt in die Actriſe. Du kennſt die Biribi, ſie iſt verdammt jalonx, und wir, wir lieben unſre konigliche Ruh. Buͤckling. Ein Lhombre oder Whiſt?— Sultan. Das amuͤſirt mich wenig. Ich haſſe den vermaledeiten Karokonig; Weil unſrer Majeſtät er gleichet an Geſtalt, und wir nicht theilen moͤgen Anſehn, noch Gewalt. Buͤckling. Will Eure Hoheit ſich etwa herunterlaſſen, Bei Nacht verkleidet zu ſpazieren durch die Gaſſen? Sultan. 4 Ja, Einmal thaten wir's; doch, es geſchieht nicht wieder. Sultan Bimbambum 284 Sottiſen hoͤrten wir, und laͤſt'ge Klagelieder; In einem Bierhaus haben wir uns faſt bezecht; und die Laternen auf den Straßen brannten ſchlecht. Buͤckling. Man koͤnnte zur Lektuͤr— Sultan. Halt! ſeht, ich gähne ſchon Bei Eurer abgeſchmackten Propoſition. Auch kann ſich kein Scribent. gedruckt mit Dingen bräͤſten, Die wir ſelbſt allbereits nicht allergnadigſt wüßten. Buͤckling. So geben wir Konzert, nachher Soupee und Ball? Sultan. Ihr ſeid ein Dummkopf, mein Herr Oberhofmarſchall. Tonjours Ihr kennt das Spruͤchlein von Cer⸗ vantes. Schlagt etwas Neues vor, doch bitt' ich, was Pikantes. Ein'n Luftball— ein Syſtem— auch wohl die Ther⸗ molampe, Die juͤngſt erfunden ward in Braunſchweig von Herrn Campe. Nun? wird es bald? Allons! beſinnt Euch nur nicht lange! uns ſelber wird bereits vor unſerm Zorne bange. Buͤckling. Jetzt hab' ich's! Sultan. Laſſ't es los! Buͤckling. Es lebt hier in Bembom Ein wunderlicher Kauz, ein ſeltſamer Patron, oder der Triumph der Wahrheit. 285 Der, ſagt man, thaͤt verwegen ein Geluͤbde wagen, Die Wahrheit Jedermann in ſein Geſicht zu ſagen; Schwatzt in den Tag hinein, kennt weder Ziel noch Maaß; Wenn man den kommen ließ, das gäbe großen Spaß. Mit Eurer Majeſtaͤt Geſchmack bin ich vertraut, und weiß, daß man am Hof gern fremde Thiere ſchaut. Drum mein' ich, dieſer Verax— Sultan. Laß ihn kommen, ſtraks! Die Wahrheit iſt ja ſonſt nur ein verborgner Dachs; Laͤßt die ſich aus dem Loch in meinen Pallaſt hetzen, So iſt das Schauſpiel neu, und wird mich baß ergotzen. Doch magſt Du nur zuvor die Hoͤfling' präveniren, Daß ſie nicht allzuſehr ſich moͤgen alteriren; Denn wenn gleich alte Leut' hier auf und nieder gehn, So hat doch dies Geſpenſt noch keiner hier geſehn. Buͤckling. Wenn der unreine Geiſt voruͤberzieht mit Schrecken, Mag, was zum Hof gehoͤrt, ſo lange ſich verſtecken. Sultan. Ja ja, ſo ſei es, laß ſogleich es austrompeten; Doch, der Miniſter Juckmack ſoll zum Throne treten! Auch werde die Maitreſſe flugs herbei gerufen Zu einem wuͤrd'gen Schmuck auf meines Thrones Stufen. (Der Hofmarſchall Buͤckling empfiehlt ſich.). Dritte Scene. Der Sultan allein. Die Krone auf dem Kopf, den Rheinwein in dem Glaſe, 286 Sultan Bimbambun Mag ich die Wahrheit wohl, verſteht ſich, nur zum Spaße. Der Verax wird wohl ſo ein Art von Hofnarr ſeyn, Die ſchlugen vormals oft mit Haſenſchwänzen drein. Von wegen Amt und Pflicht, die Wahrheit ſie geſagt; Doch machten ſie's zu toll, man hat ſie fortgejagt. Seitdem iſt dieſes Amt— weil wir ſo was nicht lieben— Mit gutem Vorbedacht ſtets unbeſetzt geblieben. Vierte Scene. Juckmack und der Sultan. Juckmack. Ich komme aus dem Rath, wo Fliegen ich gefangen, Zu hoͤren, was der Sultan thut von mir verlangen. Sultan. Du ſiehſt, wie ſauer mir es ankoͤmmt, zu regieren; Drum will ich heute mich ein wenig amuͤſiren. Da iſt ein närr'ſcher Kerl, der will uns Wahrheit ſingen; ISch ſandte eben fort, und laſſ' ihn zu mir bringen. Juckmack. O Sultan Bimbambum! die Wahrheit iſt ein Schwindel! Verſchließe den Pallaſt ſolch' laͤſtigem Geſindel. Sultan. Was kummert's mich? Dein Mund mir ja ſchon längſt bekennt, Das mich das ganze Volt⸗den Vielgeliebten nennt. Daß jeder luſtig lebt, nach ſeinem eignen Kopfe; und jeder Bauer kocht ſein Huͤhnchen in dem Topfe. Juckmack. So iſt es allerdings; doch thut man immer beſſer, 1 oder der Triunph der Vahrheit. 287 Man giebt ſich gar nicht ab mit ſolchem Eiſenfreſſer. Wer räſonniren darf, dem wächſt die Kuͤhnheit großer; Man leg' ihm an den Mund drei derbe Vorhaͤngſchlöſſer. F uͤn fte Scene. Die Maitreſſe Biribi. Die Vorigen. Biribi. Geliebteſter Sultan, Du haſt mich her beſchieden? Sultan. Ja, traute Biribi, ich bin mit Dir zufrieden; Dein Anblick mich erfriſcht, wie Winter⸗Brunnenkreſſe, und hoch biſt Du geehrt als Bimbambums Maitreſſe. Biribi. Auch treibt mit meinem Herzen Liebe keinen Schacher; Ja, waͤr'ſt ein Schneider Du, waͤrſt ein Peruͤckenmacher, Ein armer Schlucker, mit denſelben großen Ohren, 2 Ich haͤtte dennoch Dich allein zum Stern erkohren, Nach dem mein Herzmagnet ſich zärtlich dreht und ſchiebt. Sultan. Es iſt entſetzlich, wie das Frauenvolk mich liebt! Biribi. Ein Pallaſt, ohne Dich, waͤr' mir ein Haidekrug. Sultan. Nuitreſe Biribi, Du redeſt wie ein Buch. Biribi. In Deinen Armen wird die Huͤtte zum Pallaſt. Sultan. Die gute Seele ruͤhret mich zu Thraͤnen faſt. Kotzebue's dram. Werke 11. Th. 19 Biribi. aur oi der Fodespfei; ſo wär' auch ich erſchoſſen! Sultan. Sei ruhig, denn wir haben allerhoͤchſt beſchloſſen, Noch wohl ein hundert Jahr die Menſchen zu beglͤcken, und dieſen Thron durch unſre Weisheit auszuſchmuͤcken. Nur will uns Langeweile dann und wann beſchleichen, Die ſoll uns eben jetzt ein' Art Hanswurſt verſcheuchen, Der Verax heißt, und ſtets die Wahrheit giebt zum Beſten, Wovon er eben nicht ſich allzufett wird mäſten. Biribi. Ach 3 Sm mein Sultan! das macht mich gar nicht frohlich, Ich kenne dieſen Kerl, er iſt ganz unausſtehlich. Sultan. Er ſchwatz' ein Weilchen nur, weil ich die Luſt verſpuͤre; Doch macht er es zu bunt, ſo weiſt man ihm die Thuͤre. Sechste Stene Verax. Hofmarſch. Buͤckling. Die Vorigen. (Pofmarſchall Buckling kriecht ſogleich unter den Siſch) Sultan. He da! wie ſteht's, Patron? Du darfſt ſchon naͤher kommen. Seltſame Kunde haben wir von Dir vernommen. Man ſagt, Du naͤhmeſt niemals Dir ein Blatt vor's Maul, und raiſonnirteſt oft wie ein Caroſſen⸗Gaul. Verax. Itch kann auch ſchweigen, wie der Gott Harpokratesʒ Doch ſoll ich reden, dann red' ich wie Sokrates. Sultan. Wer war der Sokrates? — oder der Triumph der Wahrheit. 289 Verax. Ein Maͤrtyrer der Wahrheit! Gleich einem Barometer, Reaumur oder Fahrheit, Zeigt' er, unfehlbar, ſtets der Duͤnſte Lug und Trug; Entriß der Wahrheit oft ihr letztes Buſentuch. Biribi. er, pfuy! das ſchickt ſich nicht. Juckmack. Das woll'n wir uns verbitten. Sultan⸗ Der alten Wahrheit Bruſt iſt gelber als die Quitten. Im Reifrock allenfalls erlaub' ich ihr Geſchnatter. Biribi. und um den magern Hals ſteh' ihr ein Henri- quatre. Verar. O Sultan Bimbambum! Dein Volk ſchreit ach und weh! und Dich verwuͤnſcht man von der Scheitel bis zur Zeh⸗ Sultan. Haͤ haͤ! Der Kerl meint wohl, daß mir mein Hofpoet In ſeinen Verſen täglich eine Naſe dreht? Hat er nicht kuͤrzlich noch gereimt zu meinem Ruhm, Ich ſei der große Bim? der vielgeliebte Bum? und iſt es nicht gedruckt auf ſchoͤn Velinpapier: An geicht kein Fuͤrſt auf Erden mir? Verax. Wenn die Maitreſſe hier liegt jährlich in den Wochen, Giebſt Du zur Suppe Mark aus unterthanenknochen. 19* 290 Sultan Bimbambum . Sultan. Nun ſeh' mir Einer an! Giebt's einen groͤßern Eſel, Als dieſer Verax da, von Babylon bis Weſel? Hab ich denn nichts zu thun, als mich um Suppen kuͤmmern? Brillanten muͤſſen hier am Wochenbette ſchimmern! Nicht wahr, mein Biribi? Du wuͤrdeſt ſchoͤn mich jagen, Wollt' ich Dir Knochenmark ſtatt Schmuck entgegen tragen⸗ Biribi. Mich duͤnkt, es waͤre gut, geruht Ihr zu befehlen, Dem Frechen hundert Hieb' auf ſeinen Bauch zu zählen. Sultan. Geliebteſte! das mocht ihn gar zu ſehr verſtimmen. Wir koͤnnen ja nachher zu rechter Zeit ergrimmen. Verax. 7 Sie heuchelt Treue Dir, ſie wiegt Dich in den Schlafz Dann ſchwelgt in ihrem Arm ein junger Chriſtenſtlav, An den verſchwendet ſie Dein Gold mit vollen Haͤnden; Der Sohn, den ſie gebahr, ſtammt nicht aus Deinen Lenden. Sultan. Hä hä! wie abgeſchmackt der dumme Teufel lügt! Seit meiner Amme Tod hat Keiner mich gewiegt. und— daß ich Vater bin, ſieht jede alte Baſe; Der Prinz hat meine Ohren, hat ja meine Naſe. Biribi. Doch Naſ' und Ohren, bitt' ich, dieſem abzuſchneidenz Denn die Verwegenheit kann ich nicht länger leiden⸗ Sultan. Sei ruhig, Schatz, er ſoll den Raben nicht entwiſchenz Doch laſſ/ zum Spaß, nur noch die Schlang ein wenig ziſchen. oder der Triumph der Wahrheit. 291 Verax. O Sultan Bimbambum! Dein erſter Herr Miniſter und druͤckt das Volk, wie Simſon die Philiſter. Sultan. Hä!. Freund Juckmack, horch! jetzt will er auch Juckmack. Laſſ' ihm die Zung' ein wenig aus dem Halſe reißen⸗ Verax. Den edlen Ackerbau will Niemand mehr betreiben. Sultan. Es iſt nicht wahr! Sie thun ja dicke Bucher ſchreiben, Die Herrn Gelehrten, von Oekonomie und Wittrung, und wie man pflůgen foll, und auch von der Stallfuttrung. Verax. Der Handel ſtockt, kaum ſieht man auf dem Meer ein Schiff⸗ Sultan. Vor Kurzem macht' ich noch den neuen Zolltarif. Verax. Fabriken fehlen ganz⸗ Sultan. 5 Wir haben ja den Luxusz Aus Frankreich und aus England kommt uns der Eonfluxus. Verax. Die Wiſſenſchaften ruhn; es ſchläft die Poeſie. Sultan. Es iſt nicht wahr! Wir haben eim Akademie, Wo man in einem Saal, mit Gravität und Pracht Sich ſelbſt und uns, die ſchonſten Complimente macht. 292 Sultan Bimbambum Verax.. Des Schauſpiels Muſe will nicht länger bei Euch wohnen. Sultan. Erlogen! Haben wir nicht Dekorationen? Verar. Dahin ſtirbt der Geſang in feinen Schmeichelliedern; Auch muß die Mahlerei zur Luͤge ſich erniedern. Dich, Popanz! mahlt man ſchön. Sultan. Halt, Freund, nun hab' ich's ſatt! An meiner Schoͤnheit noch kein Menſch gezweifelt hat. Die Mahler bilden mich, das merke Dir, Du Tropf! Mit einem Lorbeerkranz um meinen dicken Kopf. Ein Fullhorn in der Hand, aus dem die Milde ſtrahlt, Und Fruchte ſchuttl' ich aus— verſteht ſich nur gemahlt. Den Neid, zu Fuͤßen mir, ſieht man mit Ruthen geißeln; Bildhauerei muß auch zu meinem Ruhme meißeln. In dem geheimen Rath iſt, ſeit verwichnem März, Die Frau Juſtitia, verſteht ſich, nur von Erz. 2 alle dem iſt klar, Du ſei'ſt ein großer Luͤgner, Dr um werd' in jener Welt geſcheiter und verſchwiegner; In dieſer haſt Du Deine Rolle ausgeſpielt, Denn ſieh nur, wie der Tod ſchon grimmig nach Dir ſchielt. Zwar ſind wir jederzeit geneigt zu Mild' und Gnade, und ließen Dich wohl ziehn mit einer Baſtonade, Hatt' allenfalls Dein Mund den lieben Gott geſchmaͤht; Allein, bedenke ſelbſt, an unſrer Majeſtät Haſt Du gefrevelt küͤhn, an unſres Thrones Erben, xn der Maitreſſe ſelbſt!— und darum mußt Du ſterben!— oder der Triumph der Wahrheit. 293 He! Wache! fuͤhrt ihn fort! im Kerker ihn zu ſtoßen, Bis wir die Todesart im hohen Rath beſchloſſen. (Die Wache ergreift Verar, und ſchleppt ihn fort.) Siebente Scene. Die Vorigen, ohne Verarx. Sultan. Wo iſt der Hofmarſchall?— Er ſitt noch unterm Tiſche. Erſchrockenes Gemuͤth, mit Rheinwein Dich erfriſche. Buͤckking. O Sultan! zuͤrne nicht auf Deine treue Milbe! In unterthaͤnigkeit vernahm ich keine Sylbe. Sultan. Schon gut. Miniſter, ſprich! auch Du, Maitreſſe, rede! Wie wird der Kerl beſtraft? Der Grobe, Freche, Schndoͤde? Juckmack. Sein Auge ſah zu viel, drum werd' es ausgekratzt. Biribi. Die Zunge kürze man, weil ſie zu viel geſ chwatzt. Juckmack. und endlich laſſe man ihm ſeine beiden Ohren, Weil ſie zu viel gehdͤrt, in heißem Bleie ſchmoren. Biribi. In Ketten hänge man zuletzt ihn an den Galgen, Daß, warnend für das Volk, ſich Raben um ihn balgen⸗ Sultan. Scharmant! das urtheil werde alſobald vollzogen, Wir bleiben übrigens in Gnaden ihm gewogen⸗ 294 Sultan Bimbambum Buͤckling. O großer Bimbambum! Du biſt zwar der Doch ein bedenklich Wort vergoͤnne Deinem Knechte. Sultan. So ſprich! wir hoͤren gern, was man uns offenbart; Verſteht ſich, wenn man nur die Antwort uns erſpart. Buͤckling. Wahr iſt's, der Verax iſt ein gräulicher Philiſter, Er hat gelaͤſtert Dich und auch den Herrn Miniſter. Noch mehr gefrevelt hat ſein Mund an dieſer Jungfer, Auf die ich keinen Reim im Reimregiſter finde. Allein bedenke, Herr, Du biſt ſo hoch erhaben, Von keinem Laͤſterwort erreichen Dich Buchſtaben; und wer Dir nah zu ſtehn das hohe Gluͤck genießt, Zu dem ſagt man nicht minder prosit, wenn er nießt, Geſetzt es waäͤre wahr, was ſeine Kehle luget, Daß unſer Handel ſtockt, der Bauer murrend pfluͤget, Am Hungertuche nagt ſo Wiſſenſchaft als Kunſt: 8 Was kuͤmmert ſich ein Held um ſolchen blauen Dunſt? Darum ſchmeckt ihm der Wein nicht ſchlechter und nicht beſſer, Ja, er bewegt wie ſonſt die Gabel und das Meſſerz . Er ſpeiſt, wie ſonſt, den Kern und giebt dem Volk die Schaalen, Auch raiſonniren mag's, wenn nur die Hunde zahlen. und zahlen thun ſie gern, ertragen Hunger, Peſt Et caetera, wenn man ſie raiſonniren laͤßt. Will man noch williger ſie an den Zahltiſch locken, So ſpeiſe dann und wann von Gnade ſie ein Brocken; Damit bezaͤhmet man ſtracks jeden Widerbeller; Verſteht ſich, koſten darf die Gnade keinen Heller. oder der Triumph der Wahrheit. 295 O Sultan Bimbambum! Du Sonne der Planeten! Drum waͤre jetzt mein Rath, Du ließeſt austrompeten: Es habe Wahrheit ſich zwar ſchwer an Dir vergangen, und muͤſſe eigentlich dafuͤr in Ketten hangen; Doch kenne man ja ſchon die ſuͤße Milch der Gnade, In der Dein liebes Volk ſeit vielen Jahren badez Den Du nicht hoͤher als die Bohnen, Drum wo Du den Wicht noch einmal gnaͤdig ſchonenz Doch muͤſſe alſogleich ſich eine Dirne finden, Entſchloſſen, mit dem Kerl ſich eh'lich zu verbinden. Hat er ein Weib erſt, mit Pantoffeln an den Fuͤßen, So wird er bald genug das Schweigen lernen muͤſſen. Surtan„ Das laͤßt ſich hören; doch was meint der Herr Miniſter? Juckmack. Bei ſolchem Hauskreuz? ja! das Predigen vergißt er. Sultan. und was denkt meine holde Jungfrau von der Sache? Biribi. Man geb' ihm flugs ein Weib, das iſt die ſchönſte Rache! Sultan. Wohl! Doch zum Zeitvertreib die Huld mir wenig nützt. Ich hatte mich auf das Spektakel ſchon geſpitzt. Was wird mir nun dafuͤr, laſſ' ich ihn los und ledig, Daß ich ſo gnädig bin? ſo ganz entſetzlich gnädig? Buͤckling. Fur's erſte fragt ſich's noch, nimmt ihn ein Mädchen an? und will ihn keines— wie gar leicht ſich treffen kann, Denn bei den Damen ſteht er auch nicht hoch im Courſe— 2 ——— 296 Sultan Bimbambum So bleibt der Galgen ja noch immer die Reſſource. Wenn aber Eine ſich von ihm bethoͤren läßt, Je nun, ſo feiern wir ein kom'ſches Hochzeitfeſt; Da wird dem Braͤutigam der lange Bart geſtutzt, und mit der bunten Jacke er herausgeputzt. Sultan. Ja ja, mein Freund, das wird mir Allerhöchſt gefallen; Drum laſſe die Trompeten man ſogleich erſchallen. S In meiner Reſidenz ſoll man den Spaß verkuͤnden, Ob eine Dirne ſich zur Hochzeit wolle ſinden? Indeſſen fuͤhre man herbei den Delinquenten, Daß er den Spruch vernehm' des weiſeſten Regenten. geht ab.) Achte Scene. Die Vorigen, ohne Buͤckling. Sultan. Was dunkt Euch, meine Freunde, zu den Weisheitsgaben, 4 Die Allerhochſt auf's neu wir jetzt erprobet haben? Juckmack. Der weiſe Salomon war gegen Dich ein Thor. Biribi. Du biſt die Sonne. Sultan. Ja, ſo koͤmmt es Uuns auch vor. Neunte Scene. hofmarſch. Buͤckling. Verar. Die Vorigen⸗ Buͤckling. Hier iſt der Grobian; er hat gar viel Sottiſen Mir unterwegs geſagt. 3 ————— — oder der Triumph der Wahrheit. 297 Sultan. Die ſoll er alle buͤßen. Iſt unſer Herold ſchon bei ſeinen Amtsgeſchaͤften? Buͤckling. Er bläͤſt und haranguirt bereits aus allen Kraͤften. Sultan. Wie ſteht's, Monſieur Verar? dem heiligen Herodes Befehl Er ſich indeß; Er iſt ein Kind des Todes. Verax. Nicht tödten kannſt Du mich, und auch nicht einmal feſſeln. Sultan. Was? ſieden läſſ' ich Dich in großen Branntweinskeſſeln. Verar. Du magſt nun immerhin mich ſieden oder braten; Vergebens exilirſt Du mich aus Deinen Staaten; Hermetiſch ſiegelſt Du umſonſt mich in die Flaſche; Verbrenne mich, der Phoͤnir ſteigt aus ſeiner Aſche. Sultan. Nun hor' mir Eins den Prahlhans! Nur Geduld, Herr Phoͤnir! BVald ſingſt ein andres Lied, beim Brechen Deines Geniks. So wahr ich kluger bin, als alle andre Leute, Verſchmäh'n die Weiber Dich, ſo bummelſt Du noch heute. (zum Hofmarſchall, der am Fenſter ſteht.) Wie iſt's? Was hoͤrt man neues unten auf der Straße? Bückling. Dem Herold lachen ſie gewaltig in die Naſe. Die Weiber alleſamt traktiren ihn mit Hohn, und nennen abgeſchmackt die Propoſition. Sultan Bimbambum Sultan. Da haben wirs! Buͤckling. Die Schönheit ſpricht, er ſei nicht klug. Der Spiegel ſage ſchon der Wahrheit ihr genug. Sultan. Was ſpricht die Häßlichkeit? Sie will von gar nichts horen. Kein Verax ſoll ſie je im ſuͤßen Wahne ſtören. Sultan. Sie hat ganz recht. Was ſpricht die Jugend? Buͤckling. Ach, ſie meint, Es ſei noch Zeit genug zu einem ſolchen Freund. Sultan. Das mein ich auch. Was ſpricht das Alter? Buͤckling. Ei, es habe Den Verar längſt gekannt, er ſei ein boͤſer Knabe. Sultan. Das iſt er auch. Was ſpricht die Frau Gelehrſamkeit? Buͤckling. Sie ſagt, der Verax ſei gar oͤfters nicht geſcheit; Denn wolle man die ächte, reine Wahrheit leſen, So finde man ſie nur in ihren Hypotheſen. Sultan. Da hat ſie Recht. Was ſagt die Jungfer Dichtkunſt? —.—— oder der Triumph der Wahrheit. 299 Buͤckling. Die Hat gegen ihn beſonders ein' Antipathie. Sultan. Was meint Frau Politik? Buͤckling. Die thut den Ruͤcken kehren, Sie kann den Monſieur Verax gar nicht nennen hoͤren. Sultan. Hä! hä! hä! hä! ich ſeh' ihn baumeln, meiner Treu! Was ſagt das alte gnäd'ge Fraͤulein Hoͤfelei? Buͤckling. Je nun, ſie will ſich mit ihm ſelbſt zwar nicht bemengenz Doch allenfalls ſein Bild in ihre Stube haͤngen. Sultan. Hä! hä! ich ſeh' es ſchon, der Verar iſt verloren; Der Meiſter Hämmerling erwiſcht ihn bei den Ohren. Buͤckling. Doch halt!— Was hor' ich da!— Iſt's möglich?— Welch ein Wunder!— O Sultan Bimbambum! Da haben wir den Plunder! Ein hͤßlich altes Weib laͤßt endlich ſich erweichen, Sie will ihm Hand und Herz noch dieſen Abend reichen. Sultan. Wer iſt die Närrin? Buͤckling. Von dem Verar eine Muhme, Frau Armuth nennt man ſie, die welke Todtenblume. ——— —— ———— „ — Sie fuͤllt mir den Pallaſt wohl nicht mit Wohlgeruͤchen. —————— Du aber willigſt ein, ſie Deine Frau zu nennen? 300 Sultan Bimbambum Sultan. Im! hm! ich kenne weder ſie, noch ihre Ahnen. Buͤckling.. Doch thut ſie ſehr bekannt mit Deinen Unterthanen. Sultan. Das kann wohl ſeyn; ſie mag vielleicht in Huͤtten wimmern. Wir thun uns Allerhoͤchſt darum gar nicht bekuͤmmern. Doch weil das dumme Beeſt den Verar ſich erſehn, So moge alſobald die Hochzeit vor ſich gehn. Man hole ſie herbei. Buͤckling. Da kömmt ſie ſchon geſchlichen. Sultan.. Zehnte Scene. Frau Armuth. Die Vorigen. Frau Armuth. Herr Sultan, ich bin da, und will mich gern bequemen, Den Vetter Verax hier zum Eh'gemahl zu nehmen. Er jammert mich, wir ſind ganz nahe Anverwandte, und auch noch uͤberdies von Alters her Bekannte. In meinem Hauſe hat er lange Zeit gewohnt, und mit der Zunge mich am meiſten noch verſchont. 3 Sultan. In Gottes Namen iſt der Braͤut'gam Dir zu gonnen. (zu Verax) oder der Triumph der Wahrheit. 301 Verar. Warum nicht? Dieſe hier bleibt mir gewißlich treu; und nur in ihrem Arm iſt meine Zunge frei. Sultan. Sehr wohl; ich goͤnne Dir die ausgeſognen Bruͤſte. Zum Brautſchatz ſchenk' ich Dir die allerfernſte Wuͤſte, Da moͤgt Ihr liebevoll Euch an die Herzen druͤcken; edoch an meinem Hof laßt Euch nie wieder blicken. Biribi. mpfanget auch von mir ein kleines Brautgeſchenk: i einer Ladung Spott ſeid meiner eingedenk. Juckmack. oßmuͤthig zieh' auch ich Eu'r Schickſal in Betrachtung, d geb' Euch auf den Weg ein Buͤndelchen Vera chtung. Verax. holde Braut, uns froh in unſer Schickſal fuͤgen; Spott empfangen wir, die Wuſte ſoll uns gnügen. dort bleibt Wahrheit rein, gleich ſeltnen Berg⸗ kriſtallen; und aus der Wuͤſte ſelbſt ſoll meine Stimm' erſchallen, Ul uͤber Berg' und Meer, bis zu dem Throne dringen! 1 durch den Sternen⸗Plan ſich bis zur Gottheit ſchwingen! enn Ihr Alle einſt von meiner Stimm' erſchuͤttert, einem Antlitz bloß und nackend ſteht— dann zittert! (er druͤckt die Frau Armuth an ſein Herz, und geht mit ihr fort.) 302 Sultan Bimbambum od. d. Triumph d. Wahrbh. Letzte Scene. Die 3uruͤckhleihenden. Biribi. Was? nackend? ich? vor ihm? Was denkt ſich der Musje? Juckmack. Es wäre gut, man brächt' ihn in die Charite. Sultan. Nun kann man doch einmal frei wieder Athem ſcht Der Charlatan! er thät uns recht empfindlich ſchr Die Wahrheit? ja, o ja, die lieben wir wohl au Doch eine ſolche nicht, die iſt nicht mehr im B Allein die ächte Wahrheit iſt uns oft vonnöt Drum rufe man ſogleich den Herren Hofpoeten! — ſſſ 9 10 11 12 13 14 15 1 6 17