Paul de Kock's humoriſtiſche Romane, deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. Hundertunderſter Theil. Stuttgart: Druck und Verlag von Scheible, Bieger Sattler. ſ 1846. Johann. Von Paul de Rock. Unſer Ruhm iſt oft das Werk eines Lächelns. Legonvs, Verdienſt der Frauen. Deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. Dritter Theil. G Stuttgart: Vruck und Verlag von Scheible, Vieger a Hattler. 1846. Erſtes Kapitel. Johann in großer Soirse. Nicht ohne Abſicht miethete Johann eine Woh⸗ nung in der Rue Provencez er kam mehr in die Nähe der Frau Dorville, und hoffte, da er in ihrem Quartiere wohnte, ihr öfters zu begegnen. Kein Tag ging vorbei, ohne daß er die Rue Richer durchſtrich, zwanzigmal hatte er ſchon verſucht, bei Madame Dorville einzutreten, aber es hielt ihn immer etwas zurück, er wollte ſich keinem ſchlechten Empfange ausſetzen; ein geheimer Stolz ſagte ihm, daß auch die Liebe die Verachtung nicht ertragen dürfe. Man iſt noch in der ſchönen Jahreszeit. Da er nun weder auf der Promenade noch im Theater Carolinen begegnete, ſo vermuthete Johann, ſie ſei aufs Land gezogen und wartete mit Ungeduld, bis der Winter ſie in die Stadt zurückführen würde. Johann haite die Bekanntſchaft eines jungen Mannes, Namens Gerſac gemacht, der in ſeinem Hauſe logirte. Dieſer Gerſac brachte ſeine Zeit damit zu, daß er allen Vergnügungen nachlief, und er hatte Johann bereits ſchon mehrmals das Aner⸗ bieten gemacht, ihn in eine Soirée führen zu wollen, denn Gerſac, deſſen tauſend Thaler Renten zur 6 Befriedigung ſeiner Vergnügungsſucht nicht immer hinreichten, nahm keinen Anſtand, auch aus der Börſe ſeiner Freunde zu ſchöpfen, und die Johanns war ihm niemals verſchloſſen. Aber Gerſae ging bei ſeinen Handlungen doch wenigſtens offen zu Werke. Sein unumwundenes Geſtändniß, er könne nicht ſagen, wenn er das Entlehnte wieder heimzu⸗ geben im Stande ſei, und er verbrauche mehr als er habe, entſchuldigte wieder Vieles. Gerſac, ein geſcheiter junger Mann von gutem Tone durchſchaute Johann, deſſen Offenherzigkeit und Originalität ihm geſielen, auf der Stelle. „Mein Lieber,“ ſagte er zu ihm,„Sie haben bis jetzt in einer andern Welt gelebt, Sie ſind noch ein Neuling in dem, was Sie kennen lernen wollen, aber Sie beſitzen Naturanlage und Geld damit kann man erlangen, was man will. Sie wollen heute als ein faſhionabler junger Mann erſcheinen und einen Salon beſuchen. zählen Sie auf mich, ich werde Ihnen ſchon Anleitung geben.“ Johann lächelte über Gerſac's zuverſichtliche Sprache, aber er befolgte ſeinen Rath und bereits hatte Gerſac Johann in mehre kleine Soiréen ge⸗ führt, wo dieſer, um keine Tölpeleien zu begehen, weder ſich zu bewegen, noch zu ſprechen wagte. Eines Morgens kam Gerſac auf Johanns Zim⸗ mer und ſagte zu ihm:„Mein Freund, heute Abend will ich Sie in eine große Geſellſchaft führen⸗„ eine muſikaliſche Soirée.. Punſch. Ball kurz, Sie werden alles Mögliche finden. Es ift be 7 einem alten reichen Junggeſellen, ver nicht weiß⸗ was er mit ſeinem Gelde anfangen ſoll und der ſich zu Tod langweilen würde, wenn wir nicht die Güte hätten, ihn fünf bis ſechs Feten alljährlich geben zu laſſen. Da er in ſeinem Hotel einen ſehr ſchönen Garten beſitzt, ſo arrangiren wir immer im Sommer eine Fete, weil man alsdann den herr⸗ lichen Garten genießen kann. Sie gehen doch mit, nicht wahr?— Recht gern. obwohl ich mich noch ziemlich linkiſch in vornehmer Geſellſchaft fühle. — RNein, es macht ſich.„ Sie haben bereits eine gute Haltung.. Sie haben in dem Hauſe, wohin ich Sie letzthin führte, Ihr Geld mit Anſtand ver⸗ loren; aber warum kein Wort ſprechen, ſich nie⸗ mals in die Unterhaltung miſchen?— Ich würde nur eine Dummheit ſagen.— Bah! Sie ſind zu ſchüchtern; und glauben Sie denn, daß man in vornehmer Geſellſchaft keine Dummheiten ſagt? Es geſchieht nur mit feſtem Tone, mit Anmaßung, und dann hält mans für geiſtreich.— Ich glaube nicht, daß die meinigen dafür gelten würden.— Man wird ſingen, Muſik machen.— Ich verſtehe nichts davon.— Gleichviel. man muß die Talente immer beurtheilen, als ob man ein großer Kenner wäre WMan muß ſeine Meinung ausſprechen man muß ſagen: das iſt entzückend! das iſt gött⸗ lich! ſelbſt auf die Gefahr hin, ſich zu täuſchen; es iſt immer beſſer, als wenn man nichts ſagt.— Aber die Furcht, mich unpaſſender Ausdrücke zu be⸗ dienen, hält mich fortwährend zurück.— Ahl z. B. muß man die Flüche unterdrücken! Sie müſſen ſich da ſehr in Acht nehmen; jedoch,„der Teufel ſoll mich holen,“ können Sie ganz ruhig ſagen; auch dürfen Sie Ihre Finger nicht benetzen, wenn Sie Karten ſpielen, das gehört nicht zum guten Tone. Glücklicherweiſe haben Sie neulich, als Ihnen dies begegnete, 500 Franken verloren, ſonſt würde man Ihnen dieſen Verſtoß gegen den Anſtand nicht ver⸗ ziehen haben. Heute Abend werden Sie ſehen, was eine brillante Reunion heißt! Charmante Frauen⸗ zimmer Künſtler, Banquiers... kurz eine bunte Geſellſchaft„— Ach Gott! Sie machen mir Angſt.— O nein, mein Freund, im Gegentheil; man fühlt ſich unter dreihundert Perſonen weit behaglicher als unter zwölf.“ Johann verſprach, Gerſac's Lehren zu befolgen, und nachdem er eine elegante Toilette gemacht, be⸗ gab er ſich mit ſeinem Rathgeber zu der glänzenden Soirée, welche in einem ſchönen Hotel des Fau⸗ bourg St. Honoreé ſtattfand. Die Reunion iſt zahlreich; aber Johann fühlte ſich nicht behaglich, obwohl er unter der Menge weniger bemerkt wurde; Gerſae erfüllte die Forma⸗ lität der Vorftellung; er führte Johann zu einem ſiebenzigjährigen Greiſe, der einige höfliche Worte an ihn richtete, auf welche Johann mit einer tiefen Verbeugung antwortete, dann ging der Alte zu einer andern Perſon und Gerſae ſagte leiſe zu Johann:„Nun, mein Lieber, haben Sie die Be⸗ kanntſchaft des Herrn vom Hauſe gemacht und 9 können jetzt an den Vergnügungen der Soirée Theil nehmen, ohne dem, der ſie gibt, weitere Auf⸗ merkſamkeit zu ſchenken. Ich verlaſſe Sie jetzt, weil ich nicht immer an Ihrer Seite ſein kann, denn das wäre lächerlich; aber gehen Sie ungenirt hin und her, ſpielen Sie, unterhalten Sie ſich, nur ver⸗ meiden Sie ein ſteifes Benehmen. Uebrigens werden wir uns wieder ſehen.“ Gerſac entfernte ſich und Johann war in den glänzenden Salons, mitten unter zwei⸗ bis drei⸗ hundert Perſonen, welche gingen kamen, bald lächelnd Andere muſterten, bald leiſe mit ihren Nachbarn ſprachen, ſich ſelbſt überlaſſen. Indeß ſuchte Johann ſeine Verlegenheit hinter einer zuverſichtlichen Miene zu verbergen und, den Hut in der Hand(weil Gerſae ihm geſagt hatte, daß man ſich in großen Reunionen niemals von ſeinem Hute trennen dürfe), ſpazierte er in den mit der größten Eleganz geſchmückten Salons, wo Spiel, Unterhaltung und Muſik die mannigfachſten Vergnü⸗ gungen darboten, auf und ab. Des Umherlaufens in den Salons müde, ging Johann in den anſtoßenden Garten, wo verſchiedene Spiele, als Schaukeln, Ringelrennen u. ſ. w. arrangirt waren. Johann betrachtete Alles von Ferne, wagte aber nicht, an irgend einer Ergötzlich⸗ keit Theil zu nehmen und konnte das Gähnen, welches ihn mitten unter der fröhlichen Menge über⸗ kam, kaum unterdrücken. Von Zeit zu Zeit ging Gerſac an Johann vor⸗ 10 über und fragte ihn:„Amüſiren Sie ſich?— Nicht ſehr.— Thun Sie doch etwas.— Ich kenne Niemanden.— Das iſt ganz gleichgültig, man plaudert, man ſchließt Bekanntſchaft. Auf, mein Lieber, rühren Sie ſich doch ein wenig.“ Gerſac entfernte ſich aufs Neue und Johann ſetzte ſeinen Spaziergang fort, ohne etwas zu ſagen oder zu thun. Plötzlich aber verſchwand die Langeweile und ſogar die Verlegenheit; ein anderes Gefühl bemäch⸗ tigte ſich Johanns; all ſein Blut drang ihm nach dem Herzen; er blieb unbeweglich, er bemerkte nicht mehr, was um ihn her vorging, er ſah nur noch ein Frauenzimmer, das durch einen der brillanteſten Salons ſchritt.. es war Caroline. „Sie iſt da, welches Glück!“ dies war Johanns erſter Gedanke, aber er blieb dennoch auf derſelben Stelle und ſchien ſogar zu fürchten, er möchte ſich getäuſcht haben. Caroline iſt bereits wieder unter der Menge verſchwunden; Johann läuft nach dem Salon, in welchen er ſie geſehen hat. Nach langem Suchen erblickt er ſie endlich in einem Zimmer, wo man gerade Muſik machen will. Caroline ſitzt neben einer jungen Dame und mehre Herren grüßen ſie und plaudern mit ihr. Johann wagt nicht, ſie gleich⸗ falls zu grüßen, ſondern bleibt nur in der Nähe. Das Concert beginnt, mehre Perſonen laſſen ſich auf der Harfe oder auf dem Piano hören; Johann ſchenkt ihnen keine Aufmerkſamkeit, ſondern betrachtet fortwährend Caroline. Jetzt kommt ein junger Mann, 1¹ nimmt Madame Dorville beim Arme und führt ſie an das Piano, wo bereits eine andere Perſon ſitzt. Johann folgt allen dieſen Bewegungen; er wirft zornige Blicke auf den jungen Mann, der mit Ca⸗ rolinen lacht und plaudert. Seine Wuth ſteigert ſich noch, als er im Geſange an die hübſche Frau die zärtlichſten Liebesgeſtändniſſe richten hört, worauf dieſe mit bezaubernder Stimme dem jungen Manne antwortet, daß ſie ſeine Liebe theile. Johann fühlt einen kalten Schweiß auf ſeinem Geſichte ſtehen; er ballt die Hände, beißt ſich in die Lippen und iſt mehrmals im Begriffe, nach dem Piano hinzugehen und mit demjenigen, der es wagte, mit Madame Dorville von ſeiner Liebesglut zu ſpre⸗ chen, einen Streit anzufangen. „Das iſt herrlich geſungen!“ ſagte eine Dame neben Johann.„Welcher Geſchmack! welcher Aus⸗ druck! Nicht wahr, mein Herr?“ Dieſe Frage war an Johann gerichtet, der indeß keine Antwort gab und nur auf die Singenden hörte. „Es iſt ein Duett aus den Aubergistes de qualité, nicht wahr, mein Herr?“ ſagte abermals die Dame zu Johann, und da ſie wieder keine Antwort erhielt, ſo glaubte ſie, der junge Mann ſei taubſtumm. Das Duett war zu Ende, Madame Dorville kehrte an ihren Platz zurück. Man überhäufte ſie mit Complimenten und nun begriff Johann, daß das, was er gehört hatte, nur ein mufikaliſches Stück war, aber er fühlte auch, welches Glück es ſein müſſe, wenn man ſo ſchön mit Caroline fingen könne, 12 und bedauerte nun von Herzen, daß er kein Mußi⸗ ker war. Johann konnte ſich nicht mehr halten, er mußte mit ihr ſprechen. Er erhob ſich, ging raſch auf den Stuhl zu, welchen Madame Dorville einnahm, und ſtellte ſich gerade vor ſie hin. Caroline ſchlug jetzt die Augen nach der Perſon auf, die unbeweglich vor ihrem Stuhle ſtand; ſie erkannte Johann, und Ueberraſchung malte ſich auf ihren Geſichtszügen, während ſie in ſehr liebens⸗ würdigem Tone zu ihm ſagte:„Wie, Sie find's, Herr Durand?“ „Ja, Madame, ich bin's,“ erwiderte Johann mit erſtickter Stimme,“ erwarteten Sie nicht, mir hier zu begegnen?— Nein, ich geſtehe es, denn ich glaube mich zu erinnern, daß Sie mir ſagten, Sie lieben die Geſellſchaft, die Soiréen nicht.— Aller⸗ dings, Madame, dies war der Fall; aber ich habe mich unterdeſſen ſeit einiger Zeit ſchrecklich ge⸗ ändert.“ „Ich ſehe es,“ erwiderte Madame Dorville, in⸗ dem ſie einen verſtohlenen Blick auf Johanns Toi⸗ lette warf. „Madame, Sie haben göttlich geſungen!“ rief ein junger Herr, indem er auf Frau Dorville, vor welcher Johann noch immer ſlehen blieb, zuging. „Auf Ehre! es war bezaubernd, hinreißend, voll⸗ endet!“ „Ah, Sie ſind allzu nachſichtig, mein Herr,“ ſagte Caroline lächelnd.—„Nein, ich bin nur das 13 Echo des ganzen Salons. Ich weiß gewiß, daß Ihnen der Herr da das Nämliche ſagte.“ Johann blickt den jungen Mann an und murmelt: „Nein, mein Herr, ich ſprach nicht davon mit Ma⸗ dame.“ „Ich glaube, Sie lieben die Muſik nicht ſehr?“ ſagte Caroline zu Johann.—„Ja, Madame, ich liebe ſie jetzt ſehr.— Man müßte ein Wilder ſein, ein Jrokeſe, wenn man Sie nicht gerne fingen hörte!“ ſagte der Stutzer und entfernte ſich mit einer höfli⸗ chen Verbeugung. Johann war froh, daß derſelbe fortging, denn obwohl er mit Carolinen kein Wörtchen ſprach, ſo konnte er es doch nicht leiden, daß Andere mit ihr redeten. Caroline betrachtete Johann, offenbar in der Er⸗ wartung, er werde etwas zu ihr ſagen; dieſer aber blickte ſie bloß an, ſeufzte und drehte ſeinen Hut in der Hand herum. „Ich glaube einen Flor an Ihrem Hute zu ſehen,“ ſagte plötzlich Caroline.„Sollten Sie Jemand von Ihren Verwandten verloren haben?— Ja, Madame, meine Mutter iſt vor vier Monaten geſtorben.— Ihre Mutter ach, ich beklage Sie! Nun begreife ich, daß Sie in der Geſellſchaft Zerſtreuung für Ih⸗ ren Schmerz ſuchten.— O, ich ſuchte keine Zer⸗ ſtreuung, ſondern..„ „Ah! Madame Dorville Sie ſind alſo jetzt in Paris?“ Dieſe Frage wurde an Caroline von einem Herrn 14 mit einem Orden gerichtet, der ſich zwiſchen ſie und Johann ßellte; dieſer blickte die Perſon, welche ihn verhinderte, mit Carolinen zu plaudern, ärgerlich an, verließ aber ſeine Stelle nicht. „Ich bin geſtern vom Lande zurückgekehrt, vloß um acht Tage in Paris zu verbringen, und mehre von meinen Freundinnen haben mich beinahe zum Beſuche dieſer Soirée genöthigt, denn ich war ſehr müde.— Da haben dieſe Damen der Fete die Krone aufgeſetzt. Wahrhaftig, man ſieht Sie viel zu we⸗ nig Bei Ihren Talenten begehen Sie ein Un⸗ recht an der Geſellſchaft, wenn Sie dieſelbe nicht öfters mit Ihrer Gegenwart zieren.“ Lächelnd nimmt Caroline dieſes Compliment hin; der Herr küßt ihr höflich die Hand und geht; Jo⸗ hann ſchneidet eine ſchreckliche Grimaſſe, rührt ſich aber nicht. „Sind Sie ſchon früher hierher gekommen?“ ſagt Caroline nach einem Augenblick zu Johann.—„Nein, Madame, es iſt das erſte Mal, auch fing ich bereits an, mich zu langweilen, als ich endlich Sie erblickte. — Ich begreife wohl, wenn man Niemand in einem Salon kennt. Spielen Sie nicht?— Ach, ich finde ſehr wenig Gefallen am Ecarté; indeß habe ich es vor einigen Tagen geſpielt.— Aber Ihren Augen mußten die ſchönen Toiletten, die hübſchen Frauen, deren es hier ſo viele gibt, angenehm ſein. — Biele ich habe nur Eine geſeben—. aber dieſe„ „Madame Dorville, Sie werden wohl noch etwas ———— 15 ſingen, nicht wahr?“ ſagte ein kleiner Herr mit einer Lorgneite, der Caroline grüßte, während Jo⸗ hann zwiſchen den Zähnen murmelte:„Der Teufel hole alle dieſe verdammten Schwätzer!“ Caroline entſchuldigte ſich, daß ſie nicht noch ein⸗ mal fingen könne, und der kleine Herr ging weiter, um eine Virtuoſin zu ſuchen; Madame Dorville wandte jetzt ihre Blicke wieder auf Johann, welcher ſtammelte:„Es ſcheint, daß man hier unmöglich zwei Worte ruhig mit einander ſprechen kann.“ „In vornehmer Geſellſchaft,“ erwiderte Caro⸗ line,„wechſelt man viele Worte, aber man ſagt ſich ſehr wenig.“ In dieſem Augenblick gehen mehre Damen auf Madame Dorville zu, und diesmal muß Johann von ſeinem Platze weichen; aber er hält ſich ganz in der Nähe, feſt entſchloſſen, ſeinen Wachpoſten unter kei⸗ ner Bedingung zu verlaſſen. Jetzt läßt ſich das Orcheſter hören und Tolbecks herrliche Quadrillen laden zum Tanze ein. „Tanzen Sie nicht, ſchöne Dame?“ ſagt ein jun⸗ ger Zierbengel zu Madame Dorville und reicht ihr die Hand. Caroline gibt auf die Bitten des jungen Herrn nach, ſteht auf, reicht ihm den Arm und ent⸗ fernt ſich, nachdem ſie zuvor noch einen Blick auf Johann geworfen hat. Dieſer ſtampft vor Aerger mit dem Fuße, als er Caroline gehen ſieht. Jetzt tritt Gerſac in den Salon, wo Johann allein in einer Ecke ſitzt und ſeinen Gedanken nachhängt.„Was zum Teufel machen 16 Sie da?“ ſagt er, auf Johann zugehend.— Ich ſinne über Etwas nach.— Man kommt nicht pier⸗ her, um nachzufinnen, ſondern um ſich zu zerſtreuen. Warum nehmen Sie keinen Theil an den Vergnü⸗ gungen der Soirée? Sie müſſen tanzen.— Ich tanze nicht.— Sie müſſen ſpielen, kurz Sie müſſen Etwas thun und nicht da hocken wie ein Bär. Punſch und Eis cirkuliren in Menge... Haben Sie ſchon davon genoſſen?— Nein, ich will nichts.— Und ich will, daß Sie Punſch trinken, ich will Ihr gries⸗ grämiges Geſicht aufheitern„ Gerſac nimmt Johann beim Arme und führt ihn zum Ecarté. Johann verliert ſein fämmtliches Geld, das er bei ſich hat, denn ſeine Gedanken find nicht auf das Spiel, ſondern auf Caroline gerichtet. Voll Aerger wünſcht er alle Spiele zum Leufel. Dann wird Punſch getrunken, ſein Blut erhitzt ſich, und als er Madame Dorville erblickt, mit welcher ein junger Herr eine Anglaiſe tanzt, ſo faßt Johann augenblicklich den Entſchluß, gleichfalls zu tanzen, indem er ſagt:„Ich will nicht daſtehen wie ein Tölpel, ſondern es machen wie die Anderen.“ Da jedoch keine hübſche Tänzerin mehr zu be⸗ kommen war, ſo mußte er ſich mit einer alten fünf⸗ zisiährigen Kokette begnügen. Kaum aber hatte der Tanz begonnen, als durch Johanns Ungeſchicklichkeit Beide— er und ſeine Tänzerin— mitten in dem Salon zu Boden ſielen. Ein Geſchrei des Entſetzens erfolgte. Johanns Tänzerin, wohl wiſſend, daß mit fünfzig Jahren ein 17 Fall keine anmuthige Seite mehr darbietet, faßte den Entſchluß, ohnmächtig zu werden, um ſich intereſſant zu machen. Man trug die Dame hinweg und dieſes Ereigniß machte dem Tanze ein Ende. Jeder dachte ans Heimgehen, und Johann, der nicht ohnmächtig, aber über ſeine mitten im Salon und vor Carolinens Augen an den Tag gelegte Ungeſchicklichkeit wüthend war, ſtieß einen kräftigen Fluch aus, den er in ſei⸗ nem Zorne nicht unterdrücken konnte, und verließ den Salon, Alles was ſich auf ſeinem Wege befand, links und rechts zurückdrängend. Zweites Kapitel. Johann erklärt ſich. Sobald Johann nach Hauſe gekommen iſt, ver⸗ ſchließt er ſich in ſein Zimmer, ohne mit ſeinem Bedienten ein Wort zu ſprechen, welcher aus der üblen Laune ſeines Herrn den Schluß zieht, der Ball habe ihn nicht amüfirt.. Die ganze Nacht hindurch kann Johann kein Auge ſchließen und denkt fortwährend an Caroline. Den nächſten Morgen kommt Gerſac und fragt ihn, ob er ſich bei der geſtrigen Soirée amüſirt habe. „Amüfirt!“ entgegnet Johann, indem er Gerſac ärgerlich anblickt.„Ich habe mich ſauber aufgeführt! — Warum? Was haben Sie denn gethan? Meinen Sie, weil Sie im Erarté verloren haben?— O nein, Paul de Kock. C1. 2 18 daran denke ich nicht mehr Ich habe geſpielt, um etwas zu thun. Aber der dumme Streich, welcher mir paſſirte.— Bah! Sie find zu beſchei⸗ den.— Ich meine die Anglaiſe; hat man mich denn nicht abſcheulich verhöhnt?— O nein, man hat nur über Ihre Tänzerin gelacht; wenn es ein junges und hübſches Frauenzimmer geweſen wäre, dann hätte man Ihnen alles Unrecht zugeſchoben; aber glücklicherweiſe tanzten Sie mit einem mit Blumen und Federn überladenen halben Jahrhundert.. Sie iſt ſo drollig gefallen.. Ha! ha! mein Lieber, man konnte unmöglich ernſthaft bleiben, man blickte nur auf die Dame und hat nicht an Sie gedacht. Ich habe Sie nach der Anglaiſe geſucht, aber Sie hatten ſich ſo raſch entfernt.— Ich glaubte, es ſeien alle Augen nach mir gerichtet und habe mich deßhalb gerettet.— Das iſt einzig; kommen Sie dieſen Abend mit mir, ich werde Sie wieder in eine große Soirée führen. Sie tanzen alsdann nicht mehr die Anglaiſe und damit Punktum.— Nein, ich danke Ihnen, ich beſuche keine Geſellſchaft mehr, außer wenn ich mich fähig fühle, meinen Platz darin zu behaupten und an der Unterhaltung Theil nehmen zu können, ohne daß ich befürchten muß, eine Dumm⸗ heit zu ſagen.— Welcher Aberwitz! Gerade in der Geſellſchaft werden Sie ſich bilden.— Ich ſage Ihnen nochmals, ich habe Vieles zu lernen, bevor ich wieder eine beſuche.— Ei, mein Freund, Sie find jung und reich... wenn Sie einen weltmän⸗ niſchen Anſtrich haben, ſo genügt es.— Mein lieber 19 Gerſac, ich möchte etwas mehr haben, als einen Anſtrich.“ 5 Als Gerſac merkte, daß ſeine Bitten umſonſt ſeien, ſo entfernte er ſich und überließ Johann ſei⸗ nen Betrachtungen. Es wurde indeß bald aufs Neue geklingelt und— Schönzopf trat ein. „Wie! Sie ſind's, mein lieber Freund!“ ſagte Johann und ging Schönzopf entgegen, der mit Staunen die Wohnung betrachtete. „Ja, gewiß, ich bin's. Ich muß wohl ſelbſt kommen, denn Gott weiß, Du würdeſt mich ſterben laſſen, ohne nach mir zu fragen.— Ach! verzeihen Sie, ich habe Unrecht, das gebe ich zu; aber es beſchäftigte mich ſo Vieles... Sollten Sie krank geweſen ſein?— Ein kleiner Gichtanfall, weiter nichts, ich denke nimmer daran. Ich bin heute wie⸗ der ſehr rüſtig und mein Bein iſt nimmer ge⸗ ſchwollen, nichtwahr?— Ich ſehe nichts.— Ich muß jedoch ſitzen. Au! Ich bin hierher ge⸗ fahren; Du Schlingel koſteſt mich Geld; doch ſchmeichle ich mir, ich werde es nicht bereuen dür⸗ fen. Könnte man zuerſt erfahren, warum der Herr eine andere Wohnung bezogen hat?— Mein lieber Pathe, das Logis, welches ich bewohnte, erinnerte mich zu ſehr an den erlittenen Verluſt und dann.. gefiel mir dieſes Quartier beſſer.— Das Quartier iſt ſchön, das gebe ich zu, aber nach meiner Anſicht iſt auch das unſrige nicht zu verachten.— Ich ver⸗ achte es nicht, aber...— Hat nichts zu ſagen; ſehen wir ganz von der Wohnung ab, denn dies 20 iſt nicht das Weſentlichſte; ich bin in einer weit wichtigeren Angelegenheit gekommen. Sage mir, warum haſt Du ſeit dem Abend, wo ich Dich hin⸗ führte, die Chopards nicht mehr beſucht? Man be⸗ hauptet, Du geheſt ins Theater, auf die Prome⸗ nade, in Geſellſchaft und kümmerſt Dich nicht im geringſten um Deine Braut? Ich geſtehe Dir, mein Feund, daß man Dein Benehmen gar nicht be⸗ greifen kann und die ſchöne Adelaide ſelbſt iſt em⸗ pört darüber. Indeß iſt Deine Mutter ſeit mehr als vier Monaten todt und Du ſollteſt jetzt daran denken, die Zeit eurer Vermählung feſtzuſetzen. Du weißt wohl, daß ſchon vor der Krankheit der Ma⸗ dame Durand alle Anſtalten dazu getroffen waren, ich hatte mir ſchon eine Kleidung für dieſe Feſtlich⸗ keit machen laſſen; willſt Du nun warten, bis die Motten in meine enganliegenden Hoſen kommen?“ Johann gibt keine Antwort, ſondern erhebt ſich und geht unruhig im Zimmer auf und ab. Schön⸗ zopf, der in einem Lehnſtuhle ſitzt, folgt mit ſeinen Augen dem jungen Manne. „Mein lieber Pathe,“ ſagt Johann endlich und bleibt vor Schönzopf ſtehen,„ich habe Ihnen ein Geſtändniß zu machen.— Ein Geſtändniß. Ich wette, Du willſt Deiner Braut ein Geſchenk machen und weißt nicht, wie Du es anbringen ſollſt?— Ganz und gar nicht es koſtet mich große Ueberwindung„ denn es wird Sie beleidi⸗ gen; aber ich muß es Ihnen doch geſtehen.— Wie ſo, mein Junge, erkläre Dich, laß mich nicht zwei 21 volle Stunden im Ungewiſſen.— Kurz und gut, ich will Fräulein Chopard nicht beirathen.“ Schönzopf macht eine Bewegung vorwärts, in Folge deren er beinahe ſammt ſeinem Lehnſtuhl um⸗ gefallen wäre, indeß gewinnt er doch das Gleichge⸗ wicht wieder und ruft:„Du willſt nicht? Was haſt Du denn geſagt? Ich habe ohne Zweifel falſch gehört?“ Johann wiederholte mit feſtem Tone:„Ich will Fräulein Chopard nicht heirathen!“ Diesmal ſpringt Schönzopf auf und ſchlägt ſich mit verzweiflungsvoller Miene vor die Stirne.„Dies,“ ruft er,„überſteigt allen Glauben! Du willſt Deine Braut nicht heirathen Deine Zukünftige die ſchöne Adelaide, mit der Du verlobt biſt?— Was das Verlobtſein betrifft, mein lieber Pathe, ſo haben Sie eigenmächtig dieſe Ceremonie veranſtaltet; ich weiß wohl, daß man nicht an ein Frauenzimmer gebunden iſt, deßhalb weil man ihr die Hand gege⸗ ben hat.— Bitte um Verzeihung, mein Herr, man iſt im Gegentheil ſehr gebunden. Wenn man bereits die Hochzeit ausgemacht hat, wenn die Eltern Sie bereits als Ihren Sohn betrachten, wenn Fräulein Adelaide auf Sie zählt, denken Sie alsdann wohl, daß Sie nicht gebunden ſeien? Denken Sie, daß man auf ſolche Weiſe mit einer Familie und einem neunzehnjährigen Herzen ſpielen dürfe?“ Der Zorn hatte Schönzopf beinahe beredt ge⸗ macht; er ging in dem Zimmer auf und ab und fühlte nichts mehr von ſeiner Gicht. Johann näherte 22 ſich ihm, ergriff ſeine Hand und ſagte:„Mein lie⸗ ber Pathe, ich bekenne mein Unrecht und fühle voll⸗ kommen, daß ich die Familie Chopard dadurch ſehr beleidige.— Nun, dann heirathe ihre Tochter, ſo beleidigeſt Du ſie nicht.— Nein, ich werde ihre Tochter nicht heirathen; denn ich könnte ſie nicht glücklich machen und ich ſelbſt wäre unglücklich mit ihr.— Du ſollteſt unglücklich ſein mit einem Frauen⸗ zimmer, das Du anbeteſt?— Aber bete ich denn Fräulein Chopard an? Ich verſichere Ihnen, daß ich noch nie daran gedacht habe.— Und ich, mein Herr, ſage Ihnen, daß Sie dieſelbe anbeten. Ha⸗ ben wir es nicht Alle bemerkt? Hat Dich die Liebe nicht völlig umgewandelt? Daß aber Deine Liebe ſo ſchnell wieder vergangen ſei, begreife ich nicht; die des Fräuleins iſt noch nicht erloſchen. Du haſt das Mädchen in Flammen geſetzt, ſie iſt ganz in Dich vernarrt. Ein junges, unerfahrenes Herz fängt ſehr leicht Feuer.— O, ich fühle es auch.— Si⸗ cherlich würde es Adelaide Chopard an keinem Manne fehlen; es iſt ein ſuperbes Mädchen, das ſo Vieles verſteht und einen excellenten Nußliqueur macht. Solche trifft man nicht alle Tage, mein Herr.“ „Mein lieber Pathe, ſie mag Nußliqueur ma⸗ chen ſo viel ſie will, ich kann ſie doch nicht heira⸗ then. Ich geſtehe zu, daß ich es ihr hätte früher ſagen ſollen, aber ich wußte nicht, wie ich es an⸗ gehen ſollte.“ „Ich ſage Ihnen, mein Herr, Sie müſſen das Mädchen heirathen, Sie ſind zu weit gegangen, um . 23 wieder zurücktreten zu können. Und ich, mein Herr, der ich mich ſo angelegentlich für Sie verwendet habe fühlen Sie denn nicht, daß ich in dieſer Sache compromittirt werde? Ich habe für Sie um die Hand der ſchönen Adelaide geworben. Ich frage Dich deßhalb zum letztenmal: Willſt Du Fräulein Adelaide Chopard heirathen?— Rein, lieber Pathe. — Das iſt Dein feſter Entſchluß?— Ja wohl.— Adieu, nun bin ich nicht mehr Dein Pathe.“ Johann wollte Schönzopf zurückhalten und be⸗ ruhigen, aber dieſer hatte voll Wuth ſich ſeinen dreieckigen Hut in die Stirne gedrückt und war ſo ſchnell, als ſein Bein es ihm geſtattete, die Treppe hinunter geſtiegen und ſodann in einem Fiaker nach Hauſe gefahren. Drittes Kapitel. Der Vater als Geſandter. Zu Haufe angekommen, wirft ſich Schönzopf in ſeinen Lehnſtuhl, ohne nach ſeinem Schlafrocke zu fragen und ohne auch nur zu bemerken, daß er ſeinen dreieckigen Hut noch auf dem Kopfe hat. Roſa zweifelt nicht, es müſſe etwas Außerordentliches zwiſchen ihrem Herrn und Johann vorgegangen ſeinz indem ſie nun eilends den Schlafrock, womit fie Herrn Schönzopf am Neujahr ein Geſchenk gemacht hatte, herbeibringt, fragt ſie:„Was iſt Ihnen doch, 24 Herr Schönzopf? Sie ſehen ja ganz verßtört aus.. Haben Sie die Gicht wieder bekommen?“ „Ach, Roſa, wenn Du wüßteſt ich bin un⸗ tröſtlich, meine liebe Freundin!— Was iſt es denn? Sie machen vielleicht viel Lärmen um nichts? Wir wollen ſehen, erzählen Sie mir.— Es iſt Jo⸗ hann es iſt der treuloſe Johann, welcher mich ganz zur Verzweiflung bringt.— Vor Allem glaube ich nicht, daß Johann treulos iſt! Sodann, was hat denn der arme junge Mann Schlimmes ange⸗ richtet?— Der arme junge Mann... Du ergreifft immer ſeine Partei... Er benimmt ſich auf eine höchſt unwürdige Weiſe.— Wie? Spielt er? reißt er den Wilden?— Noch weit Schlimmeres er ſchlägt die Hand der Adelaide Chopard aus!“ Roſa weicht einige Schritte zurück und ruft unter lautem Lachen:„Deßwegen alſo kommen Sie mit einem ſo verßörten Geſichte nach Hauſe, deßwegen geberden Sie ſich wie ein Verzweifelter!“ Schönzopf blickt die kleine Bonne mit mißmuthiger Miene an und brummt:„Ich hätte nicht geglaubt, Jungfer Roſa, daß Sie über eine Sache, die mich in ſo große Verlegenheit ſetzt, lachen würden. Sie thun mir dadurch ſehr wehe, Roſa!“ Schönzopf ſchien dermaßen angegriſſen, daß Roſa nicht mehr lachte, ſondern ſich ihrem Herrn näherte und zu ihm ſagte:„Mein Herr, ich ſehe nicht ein, warum Sie krank werden ſollen, weil Ihr Pathe ſeinen Entſchluß geändert hat.— Aber Roſa— Sollten denn Sie Fräulein Chopard heirathen?— 25 Nein, gewiß nicht.— Iſt es alſo Ihr Fehler, wenn ein junger Mann von einundzwanzig Jahren die Wahrnehmung macht, daß er diejenige, welche er heirathen ſoll, nicht liebt?— Keineswegs.— Sollte ſich Johann aus Rückſicht auf die ſchönen Augen Adelaidens für ſeine ganze Lebenszeit unglücklich machen, dadurch, daß er eine Frau heirathet, die er nicht liebt?— Gewiß nicht.— Lieben Sie Ihren Pathen nicht mehr, als die große Adelaide, welche immer auf Stelzen zu gehen ſcheint?— Sicherlich liebe ich meinen Pathen mehr, aber ich weiß nicht, was ich zu den Chopards ſagen ſoll.— Sie berichten ganz einfach das, was Ihnen Johann ge⸗ ſagt hat.— Dies wird ein furchtbarer Schlag für das Mädchen ſein!— Bah! ſie beſitzt Stärke genug, um es zu ertragen. Da man übrigens unangenehme Dinge nicht auf den morgigen Tag verſchieben ſoll, ſo müſſen Sie auf der Stelle zu den Chopards gehen, damit die Sache bereinigt wird.“ Schönzopf ſtand mit entſchloſſener Miene auf und ſagte:„Du haſt Recht, man muß der Sache ein Ende machen... Ich gehe jetzt zu den Chopards!... Aul mein Bein Ich kann noch nicht recht gehen und habe leider meinen Fiaker fortgeſchickt Ich könnte den Beſuch nicht zu Fuß machen.— Es fehlt in dieſem Quartiere nicht an Fiaker. Wir wollen hinuntergehen, Herr Schönzopf, ich will Ihnen im Augenblick einen herbeiholen.— Ich ver⸗ brauche heute ſchrecklich viel Geld, Roſa!— Das 26 kommt heraus, wenn man Heirathen kuppeln will. Auf! Ich will Ihnen den Arm geben.“ Sobald ſie an der Hausthüre angekommen ſind, läuft Roſa nach einem Fiaker, der auch in kürzeſter Friſt erſcheint. Schönzopf ſteigt ein; der Kutſcher ſchließt den Schlag und die kleine Bonne gibt ihm die Adreſſe, indem ſie noch hinzufügt:„Fahren Sie ſchnell, dann bekommen Sie ein Trinkgeld.“ Der Kutſcher ſteigt auf den Bock und peitſcht ſeine Pferde ſo tüchtig, daß der arme Schönzopf ſchon vor Cho⸗ pards Hauſe ankommt, während er noch im Unge⸗ wiſſen iſt, ob er gehen ſolle oder nicht. „Ach Gott! ich bin da!“ ſagt Schönzopf, als er den Kutſcher halten fieht. Indeß, eingedenk der Rathſchläge Roſa's, faßt er ſich ein Herz, ſteigt aus dem Gefährt, befiehlt dem Kutſcher zu warten, drückt ſodann ſeinen Hut tief in die Stirne und geht ins Haus hinein. Die Familie war gerade beiſammen, man er⸗ wartete Schönzopf mit Ungeduld. Fräulein Adelaide hatte bereits drei Gläſer Orangenliqueur getrunken. Madame Chopard wiederholte ihr unaufhörlich: „Beruhige Dich, mein Kind, unſer Freund Schön⸗ zopf hat geſagt, er wolle Deinen Zukünftigen in Deine Arme zurückbringen.“ „Ja, gewiß,“ ſagte Chopard, indem er im Sa⸗ lon auf und abging.„Schönzopf hat ſich die Sache zu Herzen genommen.. das iſt natürlich weil, wenn es ſich um eine Liebesſache handelt, das Herz die Hauptrolle ſpielt.“ 27 Jetzt wurde geklingelt.„Sie ſind da!“ rieſ Ma⸗ dame Chopard, während Adelaide ſtudirte, welche Miene ſie machen und ob der Zorn auf ihrem Ge⸗ ſichte der Liebe weichen ſollte. Aber bevor ſie ſich entſchied, ging die Thüre auf und Schönzopf erſchien allein. Seine Phyſiognomie kündigte nichts Gutes an. „Sie ſind allein.. Herr Schönzopf?“ ſagte Madame Chopard überraſcht. „Ja, ja, Madame, ich bin allein,“ erwiderte Schönzopf. „Johann hat es alſo nicht für gut befunden, Sie zu begleiten?“ ſagte Adelaide mit erſtickter Stimme. Schönzopf ſchneuzte ſich und ſtammelte dann in der größten Verlegenheit:„Der junge Durand mein Pathe der ſonſt Johann hieß iſt nicht mit mir gegangen... das iſt wahr... und doch hatte ich ſogleich einen Fiaker genommen. denn meine Beine ich fühle, daß meine Gicht.. das Wetter wird ſich ändern.. ohne allen Zweifel...“ „Ja, es iſt morgen Neumond,“ ſagte Herr Cho⸗ pard. „Bitte, lieber Papa,“ rief Fräulein Adelaide, „es handelt ſich jetzt nicht um den Mond und um Fiaker.. Ich kann nicht länger in einer ſo unge⸗ wiſſen Lage bleiben. Was hat Herr Johann zu Ihnen geſagt? Warum kommt er nicht? Warum bört man nichts mehr von ihm? Sprechen Sie doch, Herr Schönzopf, ich bitte Sie darum.“ „Es iſt wahr,“ ſagte Herr Chopard, eine miß⸗ muthige Miene annehmend,„es handelt ſich jetzt 28 nicht um das Wetter. Was hat der junge Mann geſagt?“ Als ſich Schönzopf dermaßen gedrängt ſah, zog er ſein Sacktuch heraus, blinzelte heſtig mit den Augen, um ſie feucht zu machen, und ſagte endlich: „Es wurde mir ein ſehr unangenehmer Auſtrag zu Theil. aber, meine lieben Freunde, ich bin nicht mein Pathe. wenn ich es wäre, gewiß„ Schönzopf unterbrach ſich durch ein langes Schneuzen, um glauben zu machen, daß er weine, während Fräulein Adelaide ausrief:„Gehen Sie doch zur Hauptſache, Herr Schönzopf, ich beſchwöre Sie ich bin auf Alles gefaßt.“ „Meine Tochter bittet, Sie möchten auf die Hauptſache kommen, Herr Schönzopf,“ ſagte Ma⸗ dame Chopard. „Da ſie auf Alles gefaßt iſt, ſagte Herr Cho⸗ pard,„ſo ſehe ich nicht ein, warum Sie noch länger zögern ſollten.“ „Ich will Ihnen alſo ſagen, wie ſich die Sache verhält,“ verſetzte Schönzopf, indem er ſein Sacktuch wieder einſteckte.„Ein Kobold, oder vielmehr der Teufel ſelbſt muß in den jungen Mann gefahren ſein Johann würdigt die Tugenden.. die Reize die ſoliden Eigenſchaften der ſchönen Adelaide vollkommen; er hat mir ſehr viel Rühm⸗ liches davon geſagt, o ſehr viel!„— Und dann, Herr Schönzopf.— Und dann, nachdem er ſie ausnehmend gelobt hatte. ſagte er mir, er könne„ Fräulein Adelaide nicht mehr heirathen..— Er 29 will nicht mehr— Ich ſage nicht, daß er nicht mehr will, aber er kann nicht mehr.. weil er ſich eines ſo großen Glückes nimmer würdig fühlt.„ „Mama, es wird mir übel!“ ſagte Adelaide und warf ſich in einen Lehnſtuhl. „Meine Tochter wird ohnmächtig,“ rief Madame Chopard und ſprang Adelaide bei.„Herr Chopard, bringen Sie doch geſchwind etwas her.“ „Gleich, gleich!“ ſagte Herr Chopard und lief von einem Orte zum andern.„Was ſoll es ſein? Ein Abricot? Ein Kirſchengeiſt?“ „Ich will einen Arzt holen,“ rief Schönzopf und die Gelegenheit benützend, ſtürzte er raſch aus dem Salon, ſtieg die Treppe hinab und warf ſich in ſei⸗ nen Fiaker, indem er dem Kutſcher befahl, ihn ſo ſchnell als möglich nach Hauſe zu bringen. In demſelben Augenblicke, wo Madame Chopard mit einer Flaſche und ihr Gemahl mit einem Kelche herbeikam, ſtand Adelaide raſch auf, ging mit gro⸗ ßen Schritten im Salon auf und ab und rief:„So kann die Sache nicht gehen Herr Johann muß Gründe angeben. oder muß wenigſtens ſolche an⸗ zugeben wiſſen.“ „Allerdings muß er ſeine Gründe angeben!“ rief Herr Chopard und folgte ſeiner Tochter Schritt für Schritt. „Wo iſt denn Herr Schönzopf?“ fragte Adelaide. „Sollte er fortgegangen ſein?“ „Er holt einen Arzt, liebe Tochter,“ ſagte Madame Chopard;„hier, mein Kind, rieche an dieſer Flaſche.“ 30 „Ich will nicht riechen und brauche auch keinen Arzt. Ich will nur Johann; ich ſterbe, wenn ich ihn nicht bekomme.“ „Wie es unſerem lieben Kinde zu Herzen geht!“ rief Madame Chopard und hielt ihre Tochter. „Das iſt die Wirkung der Liebe!“ erwiderte der Papa und ſchlug ſich vor die Stirne.„Sie hätte ihren Mann in Syrup eingemacht! Dieſer Menſch weiß nicht, was er verſchmäht.“ „Lieber Papa, ich bitte Sie, gehen Sie doch ſo⸗ gleich zu Herrn Johann,“ ſagte Adelaide und ſuchte eine ruhigere Miene anzunehmen.„Sie fühlen wohl, daß mir eine Schmach zugefügt wird, die auf Sie zurückfällt.“ „Sie hat Recht, Herr Chopard, dies fällt auf uns zurück.— Johann muß Ihnen doch wenigſtens ſeine Gründe angeben gute Gründe.. und Herr Schönzopf hat uur Dummheiten geſagt.“ „Allerdings,“ erwiderte Chopard,„Schönzopf hat nichts Anderes geſagt.— Ich finde übrigens, daß er ſich in der ganzen Sache ſehr ſchlecht be⸗ nimmt.— Ja, ſehr ſchlecht!— Sie brauchen ihn nicht, um mit Herrn Johann zu ſprechen. Gehen Sie, lieber Papa, ſuchen Sie dieſen jungen Men⸗ ſchen auf, der mich anbetete und deſſen Betragen nun abſcheulich iſt. Gehen Sie, lieber Papa, ſeien Sie ein Mann, weiter ſage ich nicht.“ Adelaide drückte ihrem Vater die Hand und ging auf ihr Zimmer, um ſich allen Gefühlen, die ihr In⸗ neres bewegten, zu überlaſſen. Herr Chopard blieb 31¹ bei ſeiner Frau, welche er mit unſchlüſſiger Miene anblickte und murmelte:„Ja, ich werde zeigen, daß ich ein Mann bin„ und wenn der Kerl meine Tochter nicht heirathet, ſo muß er ſagen, warum. — Nur keine Uebereilung, Chopard, ich bitte Dich. — Ach! ich weiß gar nicht mehr, wo mir der Kopf ſteht. Wenn ich Johann die neuen Liqueurproben meiner Lochter brächte?— Das könnte dem Tho⸗ ren die Augen öffnen und in jedem Fall iſt es ein Mittel, das ihn nur rühren muß.— Ich habe immer ausgezeichnete Gedanken. Frau, gib mir dieſe beiden Flaſchen her, ich nehme ſie mit; wenn der junge Mann nicht andern Sinnes wird, ſo iſt es nicht meine Schuld; ich werde ihn in jeder Rich⸗ tung angreifen.“ Chopard macht ſich mit den beiden Flaſchen auf den Weg und kommt ganz ſchweißtriefend bei Johann an, der ſich ſeit dem Beſuche Schönzopfs ſeinen Ge⸗ danken überlaſſen hatte. Der Bediente wollte dieſen neuen Beſuch ſeinem Herrn anmelden, aber Chopard ſtand ſchon in Jo⸗ hanns Zimmer, noch ehe dieſer ſeinem Bedienten eine Antwort ertheilt hatte.“ „Ich bin's, mein lieber Freund,“ tagte Herr Cho⸗ pard, indem er durch ſeine breiten Flaſchen ſehr ge⸗ nirt ringsumher nach einem Plätzchen ſpähte, wo er dieſelben hinſtellen könnte. Johann gab dem Be⸗ dienten einen Wink, ſich zu entfernen. Chopard ſiellte ſeine beiden Flaſchen endlich in eine Conſole und ſetzte ſich, ſeine ſchweißtriefende Stirne trock⸗ 32 nend, in einen Lehnſtuhl.„Ach! wie ſchwer!— Sind Sie denn mit den Flaſchen zu Fuße gekommen, Herr Chopard?— Ja, mein Freund, ich war ſo im Gedränge, daß ich nicht einmal daran dachte, ein Gefährt zu nehmen.— Es iſt Ihnen ſehr heiß, wollen Sie nicht etwas genießen?— Meiner Treu', ja, ein Gläschen Kirſchengeiſt, unter der Bedingung, daß Sie mit mir trinken,“ Johann ließ zwei Gläschen bringen; er netzte ein wenig ſeine Lippen, Herrn Chopard zu gefallen, der ſein Gläschen auf einen Zug ausleerte und rief: „Das iſt ein köſtlicher Kirſchengeiſt, aber ſeit ich Lendenſchmerzen habe, trinke ich lieber Rum.“ Johann lächelte, Chopard ſetzte ſich wieder und ſagte:„Weßwegen ich eigentlich gekommen bin, iſt weil Ihr Pathe Schönzopf uns geſagt hat, daß Sie meine Tochter nicht mehr heirathen wollen. Es muß hier ein Irrthum obwalten, denn es kann unmöglich anders ſein. Ihrerſeits iſt Adelaide fortwährend ſehr geneigt, Sie zu heirathen und Sie können ſich doch nicht ganz allein veruneinigen. Ich dachte nun: ich will zu Herrn Johann gehen und ich weiß gewiß, daß wir uns verſtändigen werden das iſt ein guter Junge, der ehemals tüchtig trank! Ich habe nur die Gelegenheit benützt und Ihnen dieſe beiden Proben meiner Tochter mitgebracht. Wollen Sie nicht, daß wir ſie koſten?“ „Nein, mein Herr,“ ſagte Johann, indem er ſich Herrn Chopard, der mehr an die Flaſchen, als an den Zweck ſeines Beſuches zu denken ſchien, mit 35 bekümmerter Miene näherte:„Es thut mir wahr⸗ haft ſehr leid, mein Herr, daß Sie ſich die Mühe gemacht haben, mich zu beſuchen, denn es war an mir, Ihnen einen Beſuch abzuſtatten. Ich fühle mein ganzes Unrecht Ich bin Ihnen und Ihrer Fräulein Tochter ſehr verpflichtet.— Bah! Wozu bedarf es denn der Complimente? Speiſen Sie morgen mit uns zu Mittag, wir werden die Stöpſel ſpringen laſſen und auch die Hochzeit beſtimmen.“ „Ich kann nicht, mein Herr, was mein Pathe Ihnen ſagte, iſt das Reſultat reifen Nachdenkens. Es thut mir leid, daß ich es Ihnen wiederholen muß. Ich laſſe den Reizen, den Talenten, den vor⸗ züglichen Eigenſchaften Ihrer Fräulein Tochter alle⸗ Gerechtigkeit widerfahren; aber ich kann nicht ihr Mann werden, denn ich würde ſie nie glücklich ma⸗ chen.— Ja, mein lieber Freund, Sie würden es, dafür ſtehe ich Ihnen, Sie hat mir dies ſo eben noch geſagt. Zum Teufel auch! es mangelt Ihnen nichts zu einem guten Ehemanne: Sie find groß, ſchlank gewachſen, ein hübſcher Burſche!“ „Ach! mein Herr, ich denke, es bevarf noch mehr, um das Herz einer Frau zu feſſeln.“ „Was Anderes meinen Sie denn, mein Lieber?“ „Ich will damit fagen, mein Herr, daß man ſich gegenſeitig lieben muß, denn ohne Liebe ſcheint mir eine lebenslängliche Verbindung etwas ſehr Trauri⸗ ges zu ſein.“ „Ah! Sie ſprechen von Liebe das erwartete ich, mein Freund, und in dieſer Beziehung ihr Paul de Kock. CI. 34 ganz für einander geſchaffen. Adelaide iſt verliebt. ſie verbirgt es ſich nicht, Sie haben Ihren Stolz be⸗ ſiegt auch fingt ſie fortwährend: Du trium⸗ phirſt, ſchöner Aleindor. Was Sie anbelangt, mein Junge, ſo haben wir Sie geſehen wir ha⸗ ben alle Veränderungen bemerkt, welche die Leiden⸗ ſchaft in Ihnen hervorbrachte, das können Sie nicht läugnen.“§ „Ich wiederhole Ihnen, mein Herr, man hat ſich über meine Gefühle getäuſcht. Ich habe ſehr unhe⸗ ſonnen gehandelt und bin ohne Zweifel höchſt ta⸗ delnswürdig; aber Sie müſſen doch zugeben, daß es beſſer iſt, wenn man ſein Unrecht frei geſteht, als wenn man ſein eigenes und das Glück einer Andern aufs Spiel ſetzt.“ Als Chopard ſah, daß Johann von ſeiner Mei⸗ nung nicht abgehen wollte, ſtand er mißmuthig auf, drückte ſich ſeinen Hut in die Stirne und ging einige⸗ mal im Zimmer auf und ab, wobei er ſtets nach ſeinen Flaſchen blinzelte. Endlich ſtand er vor dem jungen Manne ſtill, biß ſich in die Lippen und ſagte: „Aus dieſem Allem, mein Herr, geht hervor, daß Sie meine Tochter nicht heirathen wollen.“ „Das iſt nur zu wahr, mein Herr.— Dann muß ich Ihnen bemerken, daß ich hierher gekommen bin, um von Ihnen Rechenſchaft zu verlangen. Ich gehöre nicht zu jenen charakterloſen Vätern, welche ſolche Dinge behandeln wie ein Glas Roſenöl,“ prummte Chopard. Johann blickte Chopard verwundert an, erwiderte 35 ihm jedoch in ſanftem Tone:„Ich fühle wohl, mein Herr, daß Sie das Recht haben, ſo zu handeln. Wenn Sie es durchaus verlangen, wenn die Verfi⸗ cherung meines Bedauerns Ihnen nicht genügt, ſo befehlen Sie nur, mein Herr, ich ſtehe zu Dienſten, ſobald Sie es wünſchen und werde Ihnen mit jeder Waffe, die Sie wählen, mögen es nun Säbel oder Piſtolen ſein, Rechenſchaft geben.“ Chopard prallte vier Schritte zurück, nahm eine ſanftere Miene an und rief:„Sie verſtehen mich nicht, junger Mann, ich ſagte, daß ich Rechenſchaft von Ihnen verlange, meinte aber damit weder Sä⸗ bel, noch Piſtolen, das iſt eine ſehr ſchlechte Re⸗ chenſchaft; aber Sie müſſen doch einen Grund ha⸗ ben, warum Sie meine Tochter nicht mehr heira⸗ then wollen, Sie müſſen einen triftigen Grund dazu haben und dieſen Grund möchte ich wiſſen.“ „Verzeihen Sie, mein Herr, verzeihen Sie, wenn ich geglaubt habe— Hat nichts zu ſagen, mein lieber Freund.— Sie wünſchen, ich ſoll Ihnen angeben— Ja, mein Lieber, das wäre mir an⸗ genehm, wenigſtens weiß man alsdann, woran man ſich halten muß.— Nun gut, Herr Chopard, wenn Sie es verlangen.. Ja, ich fühle es, ich muß Ihnen die ganze Wahrheit ſagen.„Vernehmen Sie alſo das, was ich zu meinem Pathen nicht geſagt habe! Wenn ich Fräulein Adelaide nicht heirathe, ſo geſchieht es nur, weil ich eine Andere liebe, mein Herr.“ „Sie lieben eine Andere?— Ja, mein Herr; 36 vergebens wollte ich dieſe Leidenſchaft bekämpfen, die mich vielleicht für mein ganzes Leben unglücklich macht Ich kann nicht darüber triumphiren.. dieſe Liebe iſt gekommen, ich weiß nicht wie.. und ich habe die, welche ſie erweckte, ſtets vor Augen. Nun, mein Herr, wünſchten Sie noch, daß ich der Gatte Ihrer Tochter würde? Sollte ich ihr ein Herz darbringen, das für eine Andere glüht?“ „Nein, mein Freund, das würde ich nicht zu⸗ geben und wenn Sie weinend wie ein Kind darum bitten würden. Nun, dieſer Grund läßt ſich hören, er iſt ſtichhaltig und ich bin überzeugt, daß ſich Adelaide damit zufrieden geben wird. Jetzt bleibt mir nichts mehr übrig, als Ihnen guten Tag zu wünſchen.. Was dieſe Flaſchen betrifft, ſo glaube ich, daß in dieſem Augenblicke Sie nicht im Stande ſein werden, den Inhalt derſelben zu würdigen.— Gewiß nicht, mein Herr.— Ich will ſie alſo wie⸗ der mitnehmen.. ſpäter können wir... Adieu, mein lieber Freund, ich will nun zu meiner Tochter gehen, die ungeduldig auf meine Rückkehr wartet.“ Chopard nahm die Flaſchen unter ſeine Arme und verließ Johanns Zimmer, der ihn bis auf die Treppe begleitete. Sobald Chopard ſich entfernt hatte, ſagte Johann zu ſeinem Bedienten:„Packen Sie meine Effekten zuſammen.. morgen ziehe ich aus.— Wie, mein Herr, morgen. und Sie haben noch nicht aufgekündigt..— Thut nichts, ich will nicht länger hier bleiben... Ich will allein ſein, nicht jeden Augenblick geſtört werden und kei⸗ 37 nen Beſuch mehr annehmen. Damit man meine neue Wohnung nicht erfährt, ſo ſagen Sie im Hauſe, ich reiſe nach Italien.“ Der Bediente verbeugte ſich und Johann ging aus, um ein anderes Logis zu ſuchen, das er ſogleich beziehen könnte. Indeſſen war Chopard ohne irgend einen Unfall mit ſeinen Flaſchen nach Hauſe gekommen. Adelaide, die in ihrer Ungeduld das Fenſter geöffnet hatte, um ihren Vater bälder zu ſehen, lief ihm bis auf die Treppe entgegen, während Madame Chopard ihr mit den Worten folgte:„Ah, nun iſt er da; jetzt werden wir erfahren, wie er mit Johann ſich abgefunden hat.“ „Lieber Papa, Sie haben ihn geſehen?— Ja, gewiß habe ich ihn geſehen,“ ſagte Herr Chopard, indem er die Treppe hinauſſtieg.„Und ich ſchmeichle mir, daß ich keinen vergeblichen Gang gemacht habe. Ah, wie ſchwer!..— Lieber Papa, nur ein Wort iſt es wahr, daß er ſeine Geſinnung ge⸗ ändert hat?— Ich werde Dir dies Alles ausein⸗ anderſetzen, meine Liebe Dieſe iſt weit ſchwerer als die andere. O, ich habe dem jungen Manne das Gehörige geſagt... Ich ging nicht vom Flecke, denn ich dachte: er wird meine Tochter heirathen, oder er wird ſagen warum.. Und ich habe mei⸗ nen Zweck erreicht.“ „Ach, mein lieber Vater, wie jehr danke ich Jh⸗ nen! rief Adelaide und warf ſich Herrn Chopard um den Hals.—„Gib Acht, meine Liebe, Du wirſt 38 mir hier Etwas zerbrechen.— Er will mich alſo jetzt heirathen?— Nein, 5 will nicht aber er hat mir geſagt, warum„ Auf dieſe Antwort ſank 5h Adelaide egen das Treppengeländer, und als Chopard ſie halten wollte, fiel ihm eine Flaſche zu Boden und zerbrach auf den Treppenſtufen. Beim Anblicke des verſchüt⸗ teten Liqueurs und der zerbrochenen Flaſche ſchien Chopard wie verſteinert, während ſeine Frau ihrer Tochter zu Hülfe eilte und ausrief;„Ach Gott! das iſt heute ihre elfte Ohnmacht.. Das arme Kind, es wird noch ſterben. Aber warum kommſt Du denn mit einer ſo triumphirenden Miene zurück, Chopard?“ „Frau, meine Miene iſt wie ſie ſein ſoll,“ er⸗ widerte Chopard in verzweiflungsvolleim Tone und fortwährend nach dem verſchütteten Schnapſe blickend. „Ich habe meine Miſſion ſehr ehrenvoll ausgeführt, und gewiß, wenn ich gewußt hätte, daß ich dieſe Flaſche zerbrechen würde, ſo hätte ich ſie dem jungen Manne gelaſſen. Gott, welchen Geruch, welches Parfüm verbreitet der Liqueur er gibt meinem Hauſe auf wenigſtens acht Tage einen balſamiſchen Duft!“ Adelaide kam wieder zur Befinnung und ging in ihr Zimmer, ihre Eltern folgten ihr und nun begann Herr Chopard Johanns unwürdiges Benehmen zu entſchuldigen. „Meine Liebe, er hat mir einen Grund angege⸗ ben„und zwar einen ſehr guten Grund,“ ſagte 39 Herr Chopard.—„Das iſt unmöglich, mein Vater; man hat keinen guten Grund, wenn man ſo han⸗ delt.. Aber ich will doch dieſen Grund hören.— Nun, meine Liebe, wenn er Dich nicht mehr hei⸗ rathet, ſo geſchieht es, weil er eine Andere liebt.“ „Er liebt eine Andere!“ rief Adelaide und wurde in demſelben Augenblicke roth, blaß und grün;„er liebt eine Andere!“ „Ach Gott, ſie wird zum zwölften Male ohn⸗ mächtig werdenl“ rief Madame Chopard und ging auf ihre Tochter zu. „Nein, liebe Mutter,“ ſagte Adelaide mit wü⸗ thender Miene und die Hände ballend;„nein, ich werde nicht ohnmächtig wegen eines Ungeheuers eines Undankbaren.. eines Menſchen, der keine wahre Liebe verdient, da er unfähig iſt, dieſelbe zu würdigen.“ „Vortrefflich geſprochen!“ rief Chopardz„gewiß, dieſer Kerl kann Deine Liebe nicht würdigen.— Hat er Ihnen den Gegenſtand ſeiner Flamme genannt, Papa?— Nein, meiner Treu, ich habe nicht daran gedacht, ihn deßhalb zu fragen... Aber wenn Du willſt, ſo will ich ihn noch einmal beſuchen, jedoch ohne Liqueurflaſchen.— Es iſt unnöthig, lieber Papa; ich werde Alles erfahren, ich werde dieſe ſchwarze Treuloſigkeit entlarven, ich werde diejenige kennen lernen, um deren willen man mir eine ſo himmelſchreiende Schmach zufügt. Aber er mag ſagen, was er will, nicht ſie, ſondern mich wird er heirathen. Ich habe ihn mir in den Kopf geſetzt 40⁰ und ich werde ſeine Frau werden, ſo wahr ich dieſe Flaſche zerſchmettere.“ Dies ſprechend, warf Adelaide eine mit altem Cognac gefüllte Flaſche auf den Boden, dann ver⸗ ſchloß ſie ſich in ihr Zimmer. Herr und Madame Chopard blickten ſich an und blieben einige Zeit völlig verdutzt. Endlich rief die Mama:„Ich begreife nicht... ſie hält ihn für ein Ungeheuer und will ihn doch fortwährend.— Mei⸗ nes Erachtens war der heutige Tag ein ſehr trau⸗ riger. Ein Glück für uns, daß wir nur eine Tochter zum Verheirathen haben.— Ach, Chopard, man muß es dem lieben Kinde verzeihen, ſie hat ſo viel Kummer auszuſtehen. Ihre Liebe war ſo innig!— Wahrlich, die Proben ſind davon vorhanden! O Liebe, Liebe! Du reißeſt uns zu furchtbaren Ausbrüchen des Gefühles hin!— Ach, Chopard, unter ſolchen Um⸗ ſtänden müßte man die Geduld eines Engels haben, um ſich nicht zu ärgern.— Allerdings wäre Engels⸗ geduld nöthig und noch iſt es ungewiß, ob die Engel ſo viele Geduld hätten.“ Viertes Kapitel. Ein Jahr. Seit der großen Soirée, bei welcher Johann und Madame Dorville ſich begegneten, find bereits mehre MWonate verfloſſen. Die ſchönen Tage ſind dahin, 4¹ der Winter iſt gekommen und die vornehmen Frauen in die Stadt zurückgekehrt, wo ſie Zerſtreuung in Luſtbarkeiten, Huldigungen und Bällen ſuchen. Für einige dieſer Damen bietet das Land nur wenig An⸗ zügliches; da es aber zum guten Tone gehört, vier bis fünf Monate lang von Paris abweſend zu ſein, ſo langweilen ſie ſich lieber, als daß ſie die Etikette verletzen. Für Caroline hatte das Landleben große Reize; ſie liebte eine ſtille Zurückgezogenheit von dem Ge⸗ räuſche der Welt, ſie wollte für einige Zeit der faden Complimente, die ſelbſt diejenigen, denen ſie gelten, anwidern, überhoben ſein. Allerdings ließ ſich Ca⸗ roline gerne ſchmeicheln, indeß machten die Schmei⸗ cheleien doch nicht ihr Hauptvergnügen aus, wie bei den Koketten. Der Winter hat auch Caroline wieder nach Paris geführt; ſie kehrt in die Welt zurück, mehr aus Ge⸗ wohnheit als weil ſie beſondern Geſchmack daran findet. Man macht ihr aufs Neue den Hof, denn eine junge, reiche und ſchöne Wittwe iſt beſtändig von Anbetern umgeben. Indem aber Caroline die ſtets wachſende Zahl ihrer Verehrer huldvoll aufnimmt, gibt ſie doch keinem von ihnen einen beſondern Vorzug. Jeder dieſer Herren iſt entzückt über das liebenswürdige Lächeln, mit welchem man ſeine Complimente an⸗ hört; aber keiner kann ſich ſchmeicheln, das Herz der jungen Wittwe gerührt und ihr ftille Seufzer entlockt zu haben, was weit ſchwerer hält, als ſie vor der Welt zum Lächeln zu bringen. 42 Unier den jungen Leuten, welche Carolinen fort⸗ während den Hof machten, war Valcourt einer von denjenigen, der ſich als der feurigſte Anbeter der liebenswürdigen Wittwe benahm. Valcour beſaß neben ſeinem Vermögen eine hübſche Geſtalt und war von guter Herkunft. Er hatte eine glänzende Erziehung genoſſen und zeichnete ſich auch durch Geiſt aus. Er dachte nicht, daß man ihm wider⸗ ſtehen könne und gerade dieſe Ueberzeugung ließ ihn oft bei den Frauen ſcheitern; denn die Eitelkeit wirft einen Schleier über unſere Vorzüge, anſtatt ſie in ein helles Licht zu ſtellen und läßt bei denjenigen, welche dieſen Fehler haben, öfters wenig Geiſt vor⸗ ausſetzen. Madame Dorville ſchien Valcourt nicht ungerne zu ſehen; ſie lachte über ſeine Geſtändniſſe und ant⸗ wortete mit einigen Scherzen auf die Erklärungen, welche er ihr machte, und behandelte als etwas ganz Oberflächliches, was dem Anſcheine nach einen ſehr ernſthaften Ausgang nehmen zu wollen ſchien; denn Valcourt war verliebt in die junge Wittwe, ſo fern nämlich ein Geck verliebt ſein kann; aber es that ihm wehe, daß Caroline ſeine Huldigungen mit Lachen aufnahm und er begriff nicht, wie ſie ſeinen Blicken und ſeinen Seufzern widerſtehen konnte; der Wunſch, an Madame Dorville eine Eroberung zu machen, wurde bei Valcour jeden Tag lebhafter; er wäre gerne für immer bei Carolinen geblieben, aber er beſaß Geiſt genug, um nicht den Aufdringlichen zu ſpielen, und guten Ton genug, um nicht die 43 Erlaubniß, ihr manchmal den Hof machen zu dürfen, zu mißbrauchen. Unter den gewöhnlichen Vergnügungen wurde der Winter dahingebracht und von Johann, der ſich niemals blicken ließ, war in dem Kreiſe der Ma⸗ dame Dorville nur höchſt ſelten die Rede. Caroline ſprach oft von ihrer Sehnſucht nach dem Lande. Bereits waren die Tage länger, die Bäume erſchienen wieder in ihrem Schmucke und Carolinens Kammer⸗ mädchen Louiſe ſagte zu ihrer Gebieterin:„Wir werden bald wieder nach Luzarche gehen, nicht wahr, Madame?— O ja, bald, erwiderte Caroline. In⸗ deß verging eine Woche um die andere, ohne daß Madame Dorville Anſtalten zur Abreiſe treffen ließ⸗ Es wurde Ende Juni und man war noch in Paris, während die vornehme Welt ſich ſchon vor zwei Monaten aufs Land begeben hatte. Carolinens Kammermädchen fragte ihre Gebieterin nicht mehr, ob man bald nach Luzarche abreiſen würde, eines Morgens aber befahl Caroline, daß man alle Vor⸗ kehrungen dazu treffen ſolle.“ Am Vorabende des zu ihrer Abreiſe beſtimmten Tages hatte Madame Dorville viele Einkäufe zu machen, denn das Land würde ihr ein wenig mono⸗ ton vorkommen, wenn ſie nicht tauſenderlei Dinge aus der Stadt mitbrächte. Nachdem ſie den Kaufleuten die Weiſung ertheilt, ihr das Ausgewählte zu ſchicken, kehrte ſie nach Hauſe zurück. Wenige Schritte von ihrem Hauſe entfernt, ging ein junger Mann ſchüch⸗ 44 tern auf ſie zu. Caroline ſchlug die Augen auf und ſah Johann vor ſich ſtehen. „Wiel Sie find's, mein Herr,“ ſagte die junge Frau mit einem Ausdrucke der Ueberraſchung, der für den, welcher mit ihr ſprach, nichts Unangenehmes hatte.„Ja, Madame, verzeihen Sie, wenn ich mir die Freiheit nehme, Sie anzuhalten, aber ich konnte dem Verlangen, Ihnen vor Ihrer Abreiſe aufs Land Lebewohl zu ſagen, nicht widerſtehen.— Aber, mein Herr, wenn Sie ein ſo heftiges Verlangen darnach hatten, warum beſuchten Sie mich denn nicht? — Ich wollte mich vorher dieſes Glückes würdig machen, um in Ihrer Geſellſchaft nicht mehr am unrechten Platze zu erſcheinen und Ihnen durch meine Anweſenheit zur Laſt zu fallen.“ „Zur Laſt fallen! Ah! mein Herr, dachten Sie, daß ich je.— O nicht Sie, Madame, denn ich halte Sie für viel zu nachſichtig, aber die Welt iſt es nicht und ich verdiente in der That wohl, daß man über meinen Beſuch Ihres Hauſes erſtaunte.“ Caroline blickte Johann verwundert an. Die Veränderung ſeiner Ausdrucksweiſe entſprach der ſeiner Manieren; er war nicht mehr der ungebildete Menſch mit gemeinem Tone und kreiſchender Stimme, ſondern es war ein junger Mann, der zwar ſchüch⸗ tern ſchien, deſſen Verlegenheit aber nichts Linkiſches hatte und der mit polirten Formen eine ſanfte Stimme verband, welche die, ſo ihn hörten, nicht mehr er⸗ müdete. „Wahrhaftig,“ ſagte Caroline,„ich kenne Sie —— 45 nicht mehr; Sie ſind nimmer derſelbe. nein, es iſt eine merkwürdige Veränderung mit Ihnen vor⸗ gegangen, jedoch völlig zu Ihrem Vortheile.— Ach! Madame, wenn es wahr wäre!— Sie können ſich jetzt meiner Anſicht nach ohne Furcht in der Geſell⸗ ſchaft bewegen.— O, verzeihen Sie, Madame, ich habe noch Vieles zu lernen!— Wie! Haben Sie jetzt Geſchmack am Studiren bekommen?— Joa, Madame.— Durch welches Wunder! Denn Sie waren, wie Sie mir ſelbſt ſagten, ein Feind jeder Arbeit.— Allerdings, Madame, aber ich bin es nicht mehr; mein Geſchmack, mein Verlangen hat ſich geändert, ſeit... Johann vollendet nicht; er erröthet, und Caroline fährt nach einer kurzen Pauſe fort:„Man hat Sie den Winter über weder in Geſellſchaft, noch im Theater geſehen.— Nein, Madame, faſt ſeit einem Jahre. ſeit jener Fete, wo ich Ihnen begegnete, habe ich mich unabläſſig dem Studium überlaſſen... Ich wollte in kurzer Zeit Alles hereinbringen, was ich verſäumt hatte.— In einem Alter, wo es tauſenderlei Zerſtreuungen gibt, muß das Studiren eben nicht angenehm ſein.— Nein, Madame, es hat jetzt Reiz für mich! Mit allem Eifer widmete ich mich demſelben.. Ich dachte, es würde mich der Geſellſchaft, die ich jetzt kennen lernen möchte, näher bringen.— Und Sie find während dieſer ganzen Zeit in Paris geblieben?— Ja, Madame, ich war dort Johann zeigte der Madame Dorville die Fenſter 46 des Halbgeſchoſſes eines Hauſes, das gerade vor ihnen ſtand. „Wie! Sie wohnen in meiner Straße und ich bin Ihnen niemals begegnet!— Aber ich, Madame, ſah Sie alle Tage. An jenem Fenſter bei der Arbeit ſitzend, blickte ich oft nach Ihrer Wohnung herüber.. dies iſt die einzige Erholung, welche ich mir gönnte. Wenn ich mich nach einigen Stunden des Studiums ermüdet fühlte, wenn neue Schwierigkeiten, einige trockene Unterſuchungen mir die Arbeit läſtig machten, ſo ſchweiften meine Blicke nach Ihren Fenſtern, und ein neuer Muth, eine geſteigerte Lernbegierde war die Folge davon; bisweilen ſah ich Sie auch aus⸗ gehen: alsdann hatte meine Wohnung für mich einen unſchätzbaren Werth und ich war glücklich in dem Gedanken, daß ich Sie vielleicht morgen wieder ſehen könnte.“ Carvline hörte Johann mit einer Theilnahme zu, welche durch jedes Wort, das er ſprach, noch mehr angeregt wurde. Sie gerieth in eine Verwirrung, die ihr ſelbſt ſonderbar vorkam. Johann ſprach nichts mehr und Caroline wartete, bis er wieder ſprechen würde. Alle Beide vergaßen, daß ſie ſich auf der Straße befanden.. Wenn man ſich ſo Vieles zu ſagen hat, ſo vergeht die Zeit gar ſchnell.. und die Augenblicke des Vergeſſens ſind immer die glück⸗ lichſten. Envlich begann Johann mit furchiſamer Miene wieder:„Das, was ich ſo eben geſagt habe, beleidigt Sie vielleicht Madame, und Sie werden mir übel 47 nehmen, daß ich jeden Augenblick, wenn Sie aus⸗ gehen, ſo genau ausgekundſchaftet habe.— Warum denn, mein Herr, Sie können ja wohnen, wo es Ihnen gefällt.. Von Ihren Fenſtern aus ſehen Sie die meinigen. es iſt deßhalb nichts Außer⸗ ordentliches, wenn Sie dieſelben manchmal betrachtet haben und ſomit konnten Sie mich auch ausgehen ſehen. dies Alles iſt kein Grund, weßhalb ich gegen Sie böſe ſein ſollte. darüber aber muß ich mich wundern, daß ein Mann von Ihrem Alter ein ganzes Jahr in der tiefſten Zurückgezogenheit mit Studiren zubringt!...— Ich verſichere Ihnen, Madame, daß dieſes Jahr ſehr ſchnell verfloſſen iſt und ich wünſchte..— Aber, mein Gott, ich denke nicht mehr daran, daß wir hier auf der Straße plaudern... Es ſcheint mir zweckmäßiger, wenn Sie mit mir in mein Haus gingen.— Ich will mich von Ihnen verabſchieden, Madame.— Sie wollen mich alſo nicht mehr beſuchen, mein Herr? — Ah!l verzeihen Sie, Madame, aber Sie haben beinahe immer Geſellſchaft. Man kann keinen Augen⸗ blick mit Ihnen reden, und ich bin noch nicht auf den Zwang vorbereitet, den man ſich in Geſellſchaft anthun muß..— Welche Thorheit! Für ſich allein alſo hat der Herr ſich der Arbeit, dem Studium gewidmet, feine, liebenswürdige Manieren ange⸗ nommen, mit einem Worte, ſich völlig umgewandelt? — Dürfte ich Ihnen nur ſagen, wem ich dieſe Um⸗ wandlung verdanke..— Mein Gott, ich muß ins Haus hineingehen.. Jedermann ſieht uns an.. 48 wir ſtehen ſchon ſo lange da..— WMir kommt es nur wie ein Augenblick vor.— Von den Vorüber⸗ gehenden werden zwei Perſonen, die mit einander plaudern, auf eine ſo naſeweiſe Art begafft..— Die Dummköpfe! was brauchen Sie uns zu begaffen?... Sie verdienten...— Nur nicht ſo aufbrauſend! Bedenken Sie, daß Sie nicht mehr der junge Mann von ehemals ſind!...— Sie haben Recht, aber ich bedürfte noch ſehr des Unterrichts. Und morgen reiſen Sie aufs Land ab.— Gewiß, wir haben bald Juli; ich ſollte ſchon längſt meine kleine Villa bezogen haben... Apropos, wer hat Ihnen geſagt, daß ich morgen abreiſe?“ Johann antwortete erröthend:„Mein Bedienter... der manchmal in der Nachbarſchaft ſich erkundigte, ob Sie bald abreiſen würden.“ Caroline lächelte, dann ſagte fie nach einigen Au⸗ genblicken:„Ja, ich reiſe morgen nach Lüzarche.. ſieben Stunden von hier... kennen Sie den Ort? — Nein, Madame.— Er iſt ſehr hübſch.. Be⸗ ſonders ſind die Umgebungen entzückend die an⸗ genehmſten Spaziergänge.. die reizendſten Lagen. Sind Sie gerne auf dem Lande?— Ich bin ſchon lange nicht mehr aufs Land gegangen.. aber ich glaube, daß es mir dort Geſellſchaft gewiſſer Perſonen ſehr gefallen würde.— Wenn Sie mir einige Augenblicke aufopfern wollten, und Sie in meiner Nähe keine Langeweile empfänden..— Ich ſollte mich bei Ihnen langeweilen. Madame, iſt das möglich, während ſchon Ihr Anblick mich über⸗ 49 glücklich macht?— Nun gut, mein Herr, ſo kom⸗ men Sie nach Luzarche; Sie können daſelbſt ſo gut als in Paris ſtudiren; auf dem Land iſt völlige Freiheit eine der erſten Annehmlichkeiten.— Sie geſtatten mir alſo, Madame, daß ich Ihnen meine Huldigungen darbringen darf?— Ja, mein Herr, ich hoffe, Sie werden ſich nicht ſo ſelten ſehen laſſen, wie hier in Paris.— Ach! Madame, wie gütig ſind Sie, wie glücklich bin ichl!— Aber jetzt muß ich Sie verlaſſen, man würde ſonſt aus allen Fenſtern nach uns blicken... Adien, Herr Durand.— Adien, Madame.“ Caroline niim wit einem liebenswürdigen Lä⸗ cheln von Johin Abſchied, welcher ſeinerſeits ſtehen bleibt und ihr nachblickt, bis ſie in ihrem Hauſe ver⸗ ſchwindet. Dänn begibt er ſich mit wonnetrunkenem Herzen raſch in ſeine Wohnung. Fünftes Kapitel. Fruchtloſe Verſuche. Wir wiſſen, daß beinahe feit einem Jahre, d. h. ſeit dem Beſuche Chopards, Johann ſeine Wohnung in der Rue de Prope ge verlaſſen hat. Da er ſich dem Studium widmi und jeine in der Jugend ver⸗ lorene Zeit hereinbringen wollte, ſo war der nächſte Zweck dieſer Aenderung, ſich ungelegenen Beſuchen zu entziehen; da er jedoch ausging, um ſich ein an⸗ deres Logis zu ſuchen, ſo lenkten ſich ſeine Schritte Paul de Kock. Cl. 4 50 unwillkürlich in die Rue Richer; hier fand er das herrliche Entreſol, von wo aus er das Haus, wel⸗ ches Madame Dorville bewohnt, beobachten konnte. Man kann ſich denken, mit welcher Freude er ſich in demſelben einmiethete; er realifirte nun den ge⸗ faßten Plan, er, der ſonſt ſo arbeitsſcheue Junge, ließ einen Sprachlehrer, einen Profeſſor der Geo⸗ graphie, der Geſchichte und der Literatur, ſo wie einen Mufiklehrer zu ſich kommen und ſtudirte oft bis tief in die Nacht hinein. Als er ſeine alte Wohnung verließ, ſagte Johann, er wolle eine Reiſe nach Italien machen und ein Freund kaufe ihm ſeine Möbel ab; dadurch hoffte er jeden ungelegenen Beſuch abzuſchneiden. Schönzopf, der, ſobald er den Chopards ſeinen unangenehmen Auftrag ausgerichtet, ſich das Bein mit Flanell um⸗ wickelt hatte, um nicht mehr in Heirathsangelegen⸗ heiten verwendet zu werden, wurde gegen Johann bald wieder milder geſtimmt und geſtand endlich auf Einreden ſeiner kleinen Bonne zu, daß er mit ſeinem Pathen bei der letzten Zuſammenkunft allzuſtrenge verfahren ſei. Es überkam ihn deßhalb ein eigent⸗ licher Kummer, als er eines Tages in der Rue de Provence in Johanns alter Wohnung von dem Por⸗ tier die Worte hörte:„Herr Durand logirt ſeit zwei Monaten nicht mehr hier, ſondern reiste nach Ita⸗ lien; ich weiß nicht, ob er wieder zurückgekommen iſt, aber ich kann Ihnen keine Adreſſe geben.“ Bei Chopards war man unterdeſſen auch nicht unthätig geblieben. Nachdem Fräulein Adelaide die 51 Cognacflaſche zerbrochen und ſich einige Zeit lang geſtellt hatte, als denke ſie gar nicht mehr an den Undankbaren, hielten Papa und Mama ihre Tochter wieder für völlig vernünftig und waren deßhalb voll Freude darüber.„Sie beſitzt zu viel Geiſt, als daß ſie nicht über ihre Leidenſchaft hätte triumphiren ſol⸗ len,“ ſagte Mama Chopard und ihr Gemahl er⸗ widerte:„Aber Adelaide iſt noch nicht zur Deſtilla⸗ tion zurückgekehrt und ich glaube nicht, daß ſie von ihrer Liebe völlig geheilt iſt, als bis ſie wieder Schnaps brennt.“ In der That war die Ruhe des Mädchens nur ſcheinbar. Nach einigen Wochen nahm Adelaide eines Morgens ihre Mama beim Arme, führte ſie in die Rue de Provence, ließ ſich Johanns Wohnuug zei⸗ gen und ſagte zu ihrer Mutter:„Treten Sie bei dem Portier ein, Mama, und erkundigen Sie ſich, was der junge Mann macht.— Welcher junge Mann?“ fragte die Mama mit Verwunderung.— „Wie! welcher junge Mann!“ rief Adelaide und ließ den Arm ihrer Mutter los.„Stehen wir nicht vor der Wohnung des Undankbaren, des Betrügers, des Ungeheuers, das mit meinem Herzen ein freches Spiel getrieben hat!— Wie! liebe Tochter, Du denkſt noch an Johann?— Ja, ich denke an ihn, und zwar bei Tag und Nacht.— Ich glaubte, liebe Adelaide, Dein Verſtand hätte endlich.— Ah! es iſt die Rede von Verſtand! Ich werfe ganz Pa⸗ ris über den Haufen, wenn ich ihn nicht zum Manne bekomme.— Aber, liebe Tochter.— Sprechen 52 Sie doch mit dem Portier, Mama, ich will hier warten.“ Die gute Mama gab den Wünſchen ihrer Toch⸗ ter nach, ſuchte den Portier auf und erhielt von ihm dieſelbe Antwort, wie Schönzopf, daß nämlich Herr Durand nach Italien gereist ſei. „Nach Italien gereist!“ rief Adelaide mit einer wüthenden Geſticulation;„nach Italien gereist! das iſt vielleicht eine Lüge. Liebe Mutter, fragen Sie den Portier, ob keine Liſt dahinter ſtecke und ge⸗ ben Sie ihm fünfzehn Sous, damit er Ihnen nichts verbirgt.“ Madame Chopard zog ein Fünfzehnſousſtück aus der Taſche, ſchenkte es dem Portier und brachte ih⸗ rer Tochter wieder dieſelbe Antwort zurück. Adelaide ging höchſt übel gelaunt einige Schritte in der Straße auf und ab und ſagte dann zu ihrer Mutter:„Mama, haben Sie nicht gefragt, wann er wiederkommen werde?— Er hat mir nicht.. — Fragen Sie ihn doch, ob er wohl bald zurück⸗ kehre.“ Madame Chopard ging abermals zu dem Portier und brachte ihrer Tochter alsdann den Beſcheid: „Der Portier weiß es durchaus nicht.— Dieſer Portier iſt ein rechter Ochs!“ Hierauf begaben ſich Beide wieder nach Hauſe.“ Einige Tage ſpäter ging Adelaide aufs Neue in die Rue de Provence und fragte den Portier, ob er keine Nachrichten von Herrn Johann habe. Der Portier gab ſeine gewöhnliche Antwort. Das Mäd⸗ li ———— ———— 53 chen kam aber noch mehrmals hintereinander und er⸗ hielt immer die gleiche Antwort. „Der Kerl kann mir nicht einmal ſagen, in welche Stadt von Italien er gegangen iſt!“ rief Adelaide manchmal;„man hätte wenigſtens können Lie⸗ ber Papa, iſt Italien weit entfernt?“ „Ach Gott! Ja wohl!“ erwiderte Herr Cho⸗ pard, welcher befürchtete, es möchte ſeine Tochter die Luſt anwandeln, eine Reiſe zu unternehmen und Johann aufzuſuchen.„Italien iſt ein unermeßlich weit entferntes Land. Es liegt jenſeits. aller Berge.— Iſt es weiter als Rouen, wohin Sie mich einmal mitgenommen haben?— Ach! hundertmal weiter. Und dann, welch ſchauerliches Klima! Man erſtict den Tag über faſt vor Hitze und genießt zur Erfriſchung Macaroni. Und eine Menge Diebe gibt es auf allen Straßen; höchſt ſelten kann man einen Weg paſſiren, ohne fünf⸗ bis ſechsmal geplündert zu werden.“ „Das würde mir nicht bange machen,“ ſagte Adelaide;„aber wenn man nicht weiß, wo der Weg hinausgeht. Er wird ſeiner neuen Eroberung gefolgt ſein. Vielleicht hat er ſich in eine Italienerin verliebt, dieſe Frauenzimmer ſind ſehr kokett. Sie wenden ſo viele Verführungskünſte an.— Sie ge⸗ brauchen oft ſogar Liebestränke,“ ſagte Herr Cho⸗ pard.—„Ja, ſo etwas wurde gewiß angewandt, um mir Johanns Herz zu rauben, denn er war ſo ſehr in mich verliebt, daß er auf natürliche Weiſe ſeine Liebe nicht ändern konnte.— Adelaide hat 54 Recht,“ ſagte Madame Chopard,„man wird den jungen Mann bezaubert haben.“ „Ha, wenn ich dieſes Frauenzimmer entdeckte!“ rief Adelaide.„Lieber Papa, iſt Italien groß?“ „Welche Frage! Ob es groß ſei! Ein Land, das die Römer, Italiener und Lateiner in ſich faßte! Es iſt dreimal ſo groß als China.“ Adelaide ſeufzte und ſchwieg, denn ſie hätte gerne eine kleine Reiſe nach Italien unternommen. Ein Beſuch bei Schönzopf ergab auch kein gün⸗ ſtigeres Reſultat. Das Jahr verſtrich, ohne daß man RNachricht von Johann erhielt, der ruhig in ſeinem kleinen Entreſol ſtudirte, während Schönzopf ſeinetwegen in der größten Beſorgniß lebte und Adelaide jeden Morgen zu dem Portier in der Rue de Provence lief. Sechstes Kapitel. Aufenthalt zu Luzarche. Johann verſäumte nicht, von Madame Dorville's Einladung Gebrauch zu machen, denn das Vergnü⸗ gen, in Carolinens Nähe zu ſein, ging ihm noch über ſeine Luſt am Studiren; auch wird derjenige, welcher einer geiſtreichen und liebenswürdigen Frau zu gefallen ſeine Erziehung gleichſam von Grund aus verbeſſern will, ſtets den vorzüglichſten Unterricht bei ihr ſelbſt erhalten. Die Profeſſoren lehren uns 55 die Wiſſenſchaft, die Frauen dagegen lehren uns die Kunſt zu gefallen; ſtolz auf unſere Kenntniſſe gehen wir aus den Händen der erſteren hervor, bei den zweiten lernen wir die Dürftigkeit des Wiſſens unter angenehmen Formen der Galanterie verbergen. Johann, welcher jetzt die Regeln des Anſtandes kannte, wartete, bis Madame Dorville auf ihrem Landgute angekommen war und ſich daſelbſt einge⸗ richtet hatte; aber nach ſechs Wochen ritt er, gefolgt von ſeinem Bedienten, auf einem ſchönen Pferde, das er ſich gekauft hatte, nach Luzarche. Johann hatte Madame Dorville nicht gefragt, in welchem Theile der Gegend ihr Landhaus liege, aber er war überzeugt, daß er den Ort, welchen ſie bewohnte, finden würde. Als er ein hübſches Wohnhaus erblickte, rief er ſogleich aus:„hier iſt's!“ ſtieg vom Pferde, klopfte und fragte nach Madame Dorville. Ein Mädchen öffnete und ſagte:„Mein Herr, das Haus der Madame Dorville befindet ſich weiter droben, links.“ Johann ſtieg wieder zu Pferde und fand endlich das langerſehnte Haus. Es war weniger elegant als das, bei welchem Johann zuerſt gehalten hatte, aber ſeine Einfachheit verrieth einen guten Geſchmack. Eine Dame blickte zum Fenſter heraus: es war Ma⸗ dame Dorville; Johann ließ ſein Pferd einen kurzen Galopp anſchlagen und Caroline fand, daß er ſich als Reiter ſehr gut ausnehme. Sie kam die Treppe herunter, um den erwarteten Gaſt zu empfangen. Erröthend ſtammelte Johann die Worte:„Sie ſehen, 56 Madame, daß ich von Ihrer Einladung Gebrauch mache.“ „Das iſt ſehr ſchön von Ihnen ich hatte Ih⸗ nen nicht geſagt, auf welcher Seite ich wohne, und fürchtete, Sie würden mich nicht finden. Sind Sie müde?— Durchaus nicht.— Dann will ich Sie denjenigen Perſonen vorſtellen, welche mir hier Ge⸗ ſellſchaft zu leiſten die Güte haben.“ Johann folgte Carolinen in einen Salon zu ebe⸗ ner Erde; hier findet er eine alte Dame von ehr⸗ würdigem Ausſehen, welche ſich mit dem Leſen von Journalen beſchäftigt. Vor einem Piano ſitzt ein zwölf⸗ bis dreizehnjähriges Mädchen. Die alte Dame, Madame Marcelin genannt, war eine Freundin von Carolinens Mutter geweſen; ſie war nicht reich und Caroline wählte ſie deßhalb als Geſellſchafterin auf dem Lande, was die gute Dame mit größtem Ver⸗ gnügen annahm. Das Mädchen, Namens Laura, war die Tochter ehrbarer Eltern, die durch Unglück heruntergekommen waren und ihrer Lochter keine angemeſſene Erziehung geben konnten. Caroline machte ſich das Vergnügen, ſie im Klavierſpielen zu unter⸗ richten, wozu das Mädchen große Anlagen hatte. Johann grüßte die alte Dame, welche ihre Brille bei Seite legte und einen Augenblick im Leſen ihrer Journale innehielt. Die kleine Laura grüßte gleich⸗ falls, dann fuhr ſie fort, ihr Muſikſtück zu ſtudiren. „Dies ſind,“ ſagte Caroline zu Johann,„meine treuen Gefährten in dieſem Landhauſe. Wenn Sie unſere Geſellſchaft vermehren wollen, ſo werden Sie 57 mir einen großen Gefallen erweiſen. Ohne ein Schloß zu haben, kann man doch diejenigen logiren, welche uns einige Tage widmen wollen. Uebrigens herrſcht bier vollkommene Freiheit: man arbeitet, man liest, man geht ſpazieren, man thut was man will. nur muß man die Stunde des Eſſens pünktlich ein⸗ halten. Man bleibt hier, ſo lange es beliebt, und da die Plaudereien der Damen nicht immer die Her⸗ ren amüſiren, nun ſo wünſcht man guten Abend und zieht ſich auf ſein Zimmer zurück.“ Johann iſt entzückt über die liebenswürdige Auf⸗ nahme bei Carolinen; doch hätte er ſie lieber in ihrem Landhauſe allein getroffen; aber in ihrer Nähe zu ſein, hält er bereits für ein unausſprech⸗ liches Glück. „Betrachten Sie nur auch meine Domänen,“ ſagte Caroline und ergriff Johanns Hand. Sie durchwandelten nun zuerſt miteinander den ungeheuer großen Garten, dann führte ſie ihren Gaſt in ein kleines Zimmer, wo mehre mit Bücher beladenen Geſtelle und Zeichenmappen ſich befanden. „Hier, mein Herr, kann man arbeiten, ſtudiren oder leſen,“ ſagte die junge Wittwe lächelnd.„Da ich manchmal fünf bis ſechs Monate des Jahres dieſes Landhaus bewohne, ſo habe ich hier gerne die Autoren, welche mir gefallen. Es ſind zwar nur hundert Bände, aber Sie können vielleicht doch noch Vieles daraus lernen. Dies iſt auch das Zeichnungs⸗ zimmer, ich gebe Laura täglich darin Unterricht. Sie können nun hier mit aller Muße arbeiten. 58 „Wenn Sie es erlauben, Madame, und wenn meine Gegenwart Ihnen nicht unangenehm iſt, werde ich dieſes Zimmer oſt beſuchen,“ ſagte Johann, in⸗ dem er Caroline anblickte. Dieſe erwiderte mit nie⸗ dergeſchlagenen Augen:„Wenn Ihre Gegenwart mir unangenehm wäre, ſo hätte ich Sie nicht ein⸗ geladen.— Wie habe ich denn dieſes Glück verdient? — Ihre Offenheit hat mir immer gefallen es gibt ſo wenig aufrichtige Leute in der Welt! Nur mißſiel mir Ihr manchmal etwas zu freier Ton und Ihre bisweilen gemeine Ausdrucksweiſe.. Aber ich beleidige Sie vielleicht und bitte deßhalb um Verzeihung.“ „Ganz und gar nicht, Madame. Geben nicht Sie mir die beſten Lehren? Verdanke ich nicht Ih⸗ nen, daß„ In dieſem Augenblicke ließ ſich der Ton einer Glocke hören.„Es iſt Eſſenszeit!“ rief Caroline, „dieſe Glocke kündigt es an. O, bei mir geht es zu wie in einem Schloſſe. Wohlan, mein Herr, wir wollen nicht auf uns warten laſſen.“ Johann folgte ſeiner jungen Wirthin. Die alte Dame und die kleine Laura waren bereits im Speiſe⸗ zimmer. Man ſetzte ſich zu Tiſche. Anfangs war Johann noch ein wenig verlegen, aber bald wurde er durch Carolinens Liebenswürdigkeit und Munter⸗ keit ermuthigt, dieſen Zwang abzulegen. Er fühlte ſich allmählig ganz behaglich, drückte ſich mit mehr Leichtigkeit aus, wagte zu ſagen, was er dachte, und wagte endlich auch zu plaudern, weil er wohl 59 wußte, daß man nicht mehr über ihn ſpotten würde. Zum erſten Male war er in Carolinens Gegenwart munter, liebenswürdig und geiſtreich, und doch ſchien Caroline nicht erſtaunt darüber: ſie hatte geahnt, daß Johann dies Alles ſein könne. Nach dem Diner ging man in dem Garten oder in der Umgegend ſpazieren, Abends kehrte man zurück und es wurde alsdann Muſik gemacht. Die Mor⸗ genſtunden brachte Johann häuſig in dem Bibliothek⸗ zimmer zu. Mehre Tage verfloſſen auf dieſe Weiſe. Johann betete Caroline an, fürchtete aber, wenn er ihr ſeine Lieve geſtände, ſo möchte ſie vöſe darüber werden und ihm den Aufenthalt bei ihr nicht mehr geſtatten. Dieſe Furcht machte ihn ſtumm; wenn aber ſein Mund das Geheimniß ſeines Herzens nicht verrieth, ſo mußten wenigſtens ſeine Augen es kundgeben. Sobald Johann zufällig einen Augenblick allein bei Carolinen war, ſo ſuchten ſeine Blicke die ihrigen; er ſah darin immer einen wohlwollenden Ausdruck, aber vielleicht nur den der Freundſchaft; Caroline war gut und liebenswürdig, aber ſollte fie jemals Liebe für ihn hegen? Johann hielt ſich nicht für würdig, ihr Herz zu beſitzen; er kam ſich immer noch vor wie ehemals. Acht Tage ſchwanden raſch dahin, und da Johann einen längern Aufenthalt für indiskret hielt, ſo ver⸗ abſchiedete er ſich am Morgen des neunten. „Sie verlaſſen uns alſo?“ ſagte Caroline zu ihm. Ihre Stimme ſchien noch ſanfter, die vor⸗ 60 wurfsvolle Miene, welche dieſe Worte begleiteten, bezauberten Johann, der ihr gerne geantwortet hätte, daß er bleiben möchte. Indeß beharrte er auf ſeinem Entſchluß und gab vor, daß ihn gewiſſe Geſchäfte nach Paris riefen. „Wenn Sie lange ausbleiben,“ ſagte die kleine Laura,„ſo werden Sie alle Muſikſtücke vergeſſen, die ich Sie gelehrt habe.— Sie hören,“ ſagte Caroline,„Ihre Mufiklehrerin will, daß Sie bald wieder kommen.“ Die ſchöne Frau ſprach nichts mehr, aber ihre Blicke ſchienen mit Laura's Wünſchen übereinzuſtim⸗ men. Johann ergriff ſchüchtern Carolinens Hand, drückte ſie, wagte ſie aber nicht an ſeine Lippen zu bringen. Es gab noch viele Dinge, die er nicht wagte und doch war er ſonſt ſo kühn und unter⸗ nehmend; aber die Extreme berühren ſich und es iſt nicht mehr der frühere Johann. Endlich riß er ſich von dem lieblichen Orte los und dachte bei ſeiner Rückkehr nach Paris:„Ich bin diesmal des Anſtands wegen nicht länger geblieben; aber wenn ich wieder komme, ſo werde ich dableiben, bis ſie mich ſelbſt gehen heißt.“ 6¹ Siebentes Kapitel. Die Beſuche— Das Duell und ſeine Folgen. Johann findet ſein kleines Entreſol jetzt ziemlich trübſelig, denn Madame Dorville iſt nicht mehr in der Nähe;z er kann nimmer hoffen, ſie auf der Straße zu erblicken; die Tage erſcheinen ihm von einer tödtlichen Länge und ſogar das Studiren ver⸗ mag ihn nicht zu zerſtreuen. Nach acht Tagen, welche ihm eine Ewigkeit dünken, hält er es nicht mehr aus, ſondern reist aufs Landgut der Madame Dor⸗ ville.„Wenn ſie ſich mit meinem ſo baldigen Wiedererſcheinen unzufrieden zeigt, wenn ſie mich kalt aufnimmt,“ dachte er,„nun ſo werde ich ihr erklären, daß ich nicht mehr ohne ſie leben kann. Wenn meine Gegenwart ihr läſtig iſt, ſo laſſe ſie mich wenigſtens dieſelbe Luft athmen, die ſie athmet, ſie laſſe mich unter demſelben Dache ruhen, das ſie ſchützt, und ich will niemals von meiner Liebe mit ihr ſprechen.“ Eine geheime Stimme ſagte ihm jedoch, Caroline würde über ſeine ſchnelle Wiederkehr nicht unzufrieden ſein, und in dieſer Hoffnung gab er ſeinem Renner die Sporen, daß derſelbe ſchweißbedeckt zu Luzarche ankam. In einem Ru ſteigt Johann vom Pferde, übergibt ſein Pferd dem Gärtner, der auch die Dienſte eines Stalltnechts verſieht und fragt nach Madame Dorville. —„Madame find ſo eben in den Garten gegangen,“ erwiderte der Gärtner. Entzückt gab ihm Johann ein Goldſtück und lief nach dem Garten. Johann kannte jeden Winkel des Gartens, er hatte bereits eine Strecke deſſelben durchſucht und nichts von Caroline entdeckt, als er endlich am Ende einer Allee die junge Frau auf einer Raſenbank ſitzen ſah. Johann blieb ſtehen; Caroline konnte ihn nicht wahrnehmen; dann beugte er ſachte den Kopf vor⸗ wärts, um zu erforſchen, was ſie beſchäftige, aber Caroline hatte weder ein Buch, noch eine weibliche Arbeit in der Hand; ihren Kopf hatte ſie in eine ihrer Hände geſtützt, ihre Augen waren auf den Raſen geheftet, ihr Buſen hob ſich leiſe und ſie ſchien völlig in Betrachtung verſunken. Johann rührte ſich nicht, ſagte aber mit einem Seufzer zu ſich ſelbſt:„Woran denkt ſie wohl in dieſem Augenblicke?“ Nach einigen Minuten erwacht Caroline aus ihren Träumen, blickt plötzlich auf und ſieht Johann ganz nahe vor ſich ſtehen. „Wie! Sie find's! Sie hier!“ rief Caroline überraſcht.„Ja, Madame. Ich bin hieher gekom⸗ men; man hat mir geſagt, Sie wären im Garten und ich ſuchte Se nun hier.— Und Sie blieben da ſtehen, ohne ein Wort zu ſprechen?— Ich ſah Sie. war das nicht genug?“ „In der That, Herr Johann, ich finde, daß Sie nur allzuſehr den Weltton annehmen, denn Sie machen auch Complimente.— Complimente 63 Nein, Madame, ich mache niemals ſolche.. Ich will meine frühere Aufrichtigkeit bewahren denn dies iſt Alles, was ich Gutes beſaß.— Mein Gott, wie haben Sie ſich erhitzt! Sie ſind ganz in Schweiß gebadet.— Ich bin ein wenig ſchnell geritten.— Setzen Sie ſich doch wenigſtens.“ Johann ließ ſich dieſe Einladung nicht wiederholen, ſondern ſetzte ſich neben Caroline, die mit Theilnahme ihn anblickend fortfuhr:„Welche Thorheit! ſich alſo anzuſtrengen! Und warum ſind Sie ſo ſchnell geritten? — um deſto bälder bei Ihnen zu ſein.— Haben Sie denn in Paris dieſen Landſitz nicht vergeſſen können?— Dieſen Landſitz? Ach, Madame, ich bin ſo glücklich in Ihrer Nähe, daß mir Paris ganz un⸗ erträglich vorkommt. Ich konnte meinen Gefühlen nicht widerſtehen. Vielleicht hat dieſe Sehnſucht mich den Anſtand verletzen laſſen, indem ſie mich ſo ſchnell an dieſen Ort zurückführte...— Herr Johann, ich habe Ihnen bereits geſagt, Freunde bekümmern ſich nicht um ceremonielle Formen. Vollen Sie nicht der meinige ſein?— Ihr Freund? Dieſer Titel iſt ſüß indeß gibt es noch einen ſüßeren.“ Ein Seufzer begleitete dieſe Worte. Caroline ſtellte ſich, als habe ſie dieſelben überhört und rief: „Aber mein Gott! wie ernſt find wir auf einmal geworden! Man könnte glauben, wir beſchäftigen uns mit einem höchſt traurigen Gegenſtande und ich hoffe, daß dies nicht der Fall iſt.“ „Nun, ich werde heiter ſein, Madame,“ erwiderte Johann und ſtieß abermals einen ſchweren Seufzer 6¹ aus. Caroline betrachtete ihn lächelnd, aber Jo⸗ hanns Augen, welche den ihrigen begegneten, hatten einen ſo zärtlichen Ausdruck, daß ſie nicht umhin konnte, zu erröthen und gleichfalls zu ſeufzen. In dieſem Augenblicke erſchien die kleine Laura und meldete ihrer guten Freundin, daß Bekannte auf Beſuch erſchienen ſeien. Caroline ſtand auf und ſagte zu Johann:„Nun wollen wir in den Salon... Man muß ſich der Geſellſchaft widmen.“ Johann folgte ihr, indem er dachte:„Der Anſtand hat auch ſeine ſchlimme Seite.“ Die Angekommenen waren außer der Familie Deschamps Herr Valcourt und Madame Beaumont. Caroline empfing ſie mit ihrer gewöhnlichen Anmuth; Valcourt bat um Entſchuldigung, daß er ſich die Freiheit genommen habt Pgbme Beaumont zu begleiten. Sobald zum Mittageſſen geläutet wird, reicht Johann der Madame Beaumont ſeinen Arm. Man ſetzt ſich zu Tiſche und ſpricht zuerſt wenig, denn ein Jedes ſcheint Beobachtungen anzuſtellen; Madame Beaumout erzählt jedoch bald Neuigkeiten aus Paris, und Valcourt, der noch nichts voh Johanns völliger Umwandlung weiß, ſucht ihn in ein Geſpräch zu verwickeln. Aber zur großen Verwunderung des jungen Gecken gibt Johann treffliche Antworten, und obwohl er nicht in Metaphern und geſuchten Aus⸗ drücken redet, ſo läßt er doch den Faden der Unter⸗ haltung nicht fallen. Valcourt beißt ſich in die Lippen und verfolgt 65 Johann den ganzen Tag über mit ſpöttiſchen Be⸗ merkungen, die ſich auf den früheren Bildungszu⸗ ſtand deſſelben beziehen und wodurch auch Madame Dorville nicht wenig geärgert wird. Eine Forderung von Seiten Johanns war die Folge davon.„Morgen früh um fünf Uhr werde ich Sie an der Barriere de lEtvile treffen,“ ſagte Johann zu Valcourt und reiste ſchleunig nach Paris ab. Nur von ſeinem Bedienten begleitet, begab ſich Johann des andern Tags zu dem Rendezvous und der eiferſüchtige Valcourt ließ gleichfalls nicht auf ſich warten. Das Reſultat dieſes Duells war ein Degenſtoß, den Johann in die Seite empfing; denn obwohl er als ein Zögling Schönzopfs den Degen ſehr gut führte, ſo dachte er doch zuviel an Caroline, während Valcvint h hin Gegner im Auge hatte. Valcourt fand nun, ſeit ſich Johann mit ihm ge⸗ ſchlagen hatte, einen beſſeren Ton bei demſelben und half dem Bedienten, ſeinen Herrn in ein Ge⸗ fährt zu bringen. Dann entfernte er ſich mit einem höflichen Complimente. Johanns Wuhde war nicht gefährlich, aber er hatte einen ſtarken Blutverlußt gehabt, woraus eine große Schwäche entſtand und ſo ſehnlich er auch Carolinen am Tage nach ſeinem Duell Nachricht von ſich zu geben wünſchte, ſo war er doch noch nicht im Stande, eine Feder zu führen; überdies hatte ihm der Arzt die größte Ruhe anempfohlen, wenn er ſchneller geheilt ſein wolle. Paul de Kock. CI. 5 66 Aber die Ruhe iſt unverträglich mit der Liebe, beſonders wenn die Liebe noch keine Befriedigung gefunden hat. Johann war untröſtlich, das Bett hüten zu müſſen und er dachte daran, ſeinen Be⸗ dienten nach Luzarche zu ſchicken, als Luiſe, Caro⸗ linens Kammermädchen, in ſeiner Wohnung erſchien. Johann machte eine freudige Bewegung dann wurde er blaß wie der Tod und bekam eine Ohnmacht, weil er noch nicht im Stande war, die geringſte Aufregung zu ertragen. Das Kammer⸗ mädchen kam ihm zu Hülfe und rief:„Ach Gott! der arme junge Mann! Madame hatte vollkommen Recht, ſeinetwegen in Unruhe zu ſein!“ Trotz ſeiner Schwäche hatte Johann doch dieſe Worte gehört und als er wieder zu ſich kam, ſagte er lächelnd zu Luiſe:„Wiel Ihre Gebieterin hatte die Güte, wegen meiner in Unruhe zu ſein?— Gewiß, mein Herr. d. h⸗ ich ſollte mich ſtellen, als ob ich von ſelbſt gekommen wäre, aber ſie hat mich geſchickt. Sie wurden alſo verwundet, mein Herr? — Unbedeutend, gute Luiſe! Ich werde bald wieder hergeſtellt ſein. Ich ſchätze mich ſo glücklich, weil Caroline. weil Madame Dorville an mich ge⸗ dacht hat. Luiſe, ſagen Sie ihr, ſobald ich aus⸗ gehen könne, werde ich nach Luzarche kommen.— Ja, mein Herr! aber Sie müſſen ſich doch in Acht nehmen, daß Sie nicht aufs Neue krank werden. Adien, mein Herr, ich kehre nun ſo ſchnell als mög⸗ lich zu Madame zurück, denn ſie kann es kaum er⸗ warten, bis ſie Nachricht von Ihnen erhält.“ 67 Luiſe entfernte ſich und Johann fühlte ſich bereits beſſer, denn die Gewißheit, daß Caroline an ihn denke, hatte Balſam auf ſeine Wunde gegoſſen. Bei einem zweiten Beſuche gab Johann dem Kammer⸗ mädchen einen Brief an ihre Gebieterin mit, der aber nur mündlich beantwortet wurde, und erſt auf ein drittes Billet(Luiſe mußte den Kranken faſt täglich beſuchen) entſchloß ſich Caroline, einige Worte an Johann zu ſchreiben. Es waren nur zwölf Zeilen, aber dieſer kurze Brief machte Johann überglücklich. Caroline ſagte darin,„ſie erwarte mit Ungeduld den Augenblick, wo ſie einander wiederſehen könnten, aber ſie möchte nicht, daß er eine Unvorſichtigkeit beginge, weil ſeine Geſundheit allen ihren Freundinnen zu Luzarche ſehr theuer ſei.“ Dies Alles enthielten die wenigen Worte, welche die ſchöne Hand geſchrieben hatte. Man wird ſich Johanns Wonne, welcher dieſes Billet hundert⸗ mal küßte, leicht denken können. Er dankte Luiſen, ja er hätte gerne auch Valcourt gedankt, daß er ihn verwundete, denn von dieſem Ereigniſſe hing ſein Glück ab. Endlich gab er dem Mädchen einen neuen Brief an ihre Gebieterin mit, worin er ſchrieb, er hoffe innerhalb drei Tagen in ſo weit wieder her⸗ geſtellt zu werden, um ſich nach Luzarche begeben zu können. Das Kammermädchen nahm den Brief und ver⸗ abſchiedete ſich von Johann. Dann miethete ſie ein Gefährt, um zu ihrer Gebieterin zurückzukehren, ohne zu bemerken, daß ihr fortwährend ein großes Frauen⸗ 68 zimmer auf dem Fuße folgte, die ſie auf eine ganz beſondere Weiſe betrachtete und in demſelben Wagen mit ihr nach Luzarche fuhr. Achtes Kapitel. Adelaide bei Caroline.— Die Diebe. Der Leſer wird ſich noch erinnern, daß Fräulein Adelaide regelmäßig jeden Tag in die Rue de Pro⸗ vence ging, um dort in Johanns ehemaliger Woh⸗ nung bei dem Portier Erkundigung über ihren treu⸗ loſen Liebhaber einzuziehen. Obwohl die Antworten nie befriedigend lauteten, ſo verlor Adelaide doch den Muth nicht. Endlich entdeckte ſie ihn während ſeiner Krankheit, als er an einem ſchönen Auguſttage zum Fenſter hinausſah und Adelaide ganz zufällig durch die Rue Richer einen Spaziergang machte. Sie zog bei dem Portier die genaueſten Erkundi⸗ gungen über ihn ein, gab ſich aber durchaus nicht zu erkennen, und als Carolinens Kammermädchen Johann beſuchte, faßte ſie den Entſchluß, dieſer zu folgen, und ſo kam ſie mit derſelben nach Lu⸗ zarche. Während ſich Caroline nach Durchleſung von Jo⸗ hanns Brief gerade den ſüßeſten Liebesgedanken überließ und den Entſchluß faßte, dem jungen Manne Hand und Herz anzubieten, wurde Adelaide Chopard bei ihr gemeldet. —— — ————— 69 Adelaide trat in das Geſellſchaftszimmer. „Was wünſcht Madame?“ fragte Caroline mit ihrem gewohnten freundlichen Tone. „Ich wünſchte Sie allein ſprechen zu können, Madame,“ erwiderte Adelaide, runzelte die Stirne und zeigte ihre Zungenſpitze. Caroline war erſtaunt über den Ton der großen Dame; ſie antwortete ihr indeß:„Ich bin unter guten Freundinnen, Madame Ich habe kein Geheimniß vor ihnen und ich denke, daß das, was Sie mir zu ſagen haben, gleichfalls kein Myſterium iſt.— Verzeihen Sie, Madame, es iſt ſehr my⸗ ſteriös.“ Caroline konnte ſich des Lächelns nicht enthalten, ſie ließ jedoch Fräulein Chopard in ein anderes Zimmer treten, während die kleine Laura zu Madame Marcelin ſagte:„Man ſollte faſt glauben, die Dame da ſei ein verkleideter Mann.“ Caroline bot Adelaiden einen Stuhl und ſetzte ſich gleichfalls. Adelaide begann nun nach einem wohlberechneten Plane:„Sind Sie Madame Dor⸗ ville?— Ja, Madame.— Ich, Madame, bin noch unverheirathet und bis Johanni einundzwanzig Jahre alt.— Bitte um Entſchuldigung, Fräulein, aber man kann ſich täuſchen.— Ich bin allerdings für mein Alter ſehr ausgebildet, aber ich werde auch zwanzig Jahre ſo bleiben.— Daran zweifle ich nicht, Fräulein.— Uebrigens, Madame, hätte ich heirathen ſollen ſchon vor langer Zeit aber Sie, Madame, ſind ſchuld, daß ich noch ledig bin. 70 — Ich, Fräulein?— Ja, Madame, Sie. Sie kennen doch Herrn Johann Durand?“ „Herrn Durand? Ja, Fräulein,“ erwiderte Ca⸗ roline, wider Willen erröthend.—„Sie haben da eine ſehr ſchlechte Bekanntſchaft gemacht, Madame! — Wie ſo, Fräulein? Erklären Sie ſich deutlicher. — Ja, Madame, ich will mich erklären, deßhalb bin ich hierher gekommen. Sie werden wiſſen, Ma⸗ dame, daß ich Adelaide Chopard heiße und die Toch⸗ ter achtbarer Eltern bin; mein Vater iſt ein ehe⸗ maliger Deſtillateur, der ſich vom Geſchäfte zurück⸗ gezogen hat, und wenn ich etwas in Branntwein einmache, ſo hält es ſich wie die egyptiſchen Mumien. — Fräulein, ich denke, Sie werden mich nicht da⸗ mit unterhalten wollen?— Nein, Madame, aber man muß doch im Vorbeigehen ſeine Erziehung zei⸗ gen.— Das gebe ich zu, Fräulein.— Endlich, Madame, um auf Johann zurückzukommen, müſſen Sie wiſſen, daß wir intime Freunde ſeiner Eltern waren und daß man ſchon in früheſter Jugend un⸗ ſere ſpätere Verbindung beſchloſſen hatte.— Ihre Verbindung.. Ihre Verbindung mit Herrn Durand? — Ja, Madame.— Aber öfters gefallen von El⸗ tern entworfene Pläne ihren Kindern nicht.— O, Madame, im Gegentheil gefiel uns dieſer Plan ſehr gut. Wir waren immer beiſammen.. wir ſpielten Papa und Mama mit einander; Johann konnte keinen Tag ohne mich ſein, deßhalb nannte man uns im ganzen Quartier nur Paul und Vir⸗ ginie.“ ——,— — 7¹ Caroline konnte kaum den Eindruck verbergen, welchen Adelaidens Erzählung auf ſie machte, und dieſe, welche die Verlegenheit ihrer Rivalin bemerkte, freute ſich bereits der gelungenen Rache und ent⸗ ſchloß ſich ſogar, ihren Ruf zu opfern, um Johann bei Madame Dorville anzuſchwärzen. „Endlich, Fräulein?“ ſagte Caroline und ſuchte ihre Aufregung zu verbergen.—„Endlich, Madame, ſind wir groß geworden und unſere Liebe entfaltete ſich mehr und mehr. Johann betete mich an und wiederholte es mir täglich, ſo daß unſere Eltern glaubten, es ſei jetzt Zeit, uns zu verheirathen. Als die Mutter meines Zukünftigen ſtarb, waren wir ſchon ſeit ſechs Wochen verlobt; dieſes Ereigniß verzögerte unſere Heirath, aber ich betrachtete Jo⸗ hann bereits als meinen Mann. Er war oft allein bei mir, er zeigte ſich ſo zärtlich und ich war ſo ſchwach, daß. „Ich verſtehe Sie, Fräulein.. Sie brauchen nicht weiter zu ſagen!“ rief Caroline, die kaum mehr athmen konnte. „Sollte man nun glauben, Madame, daß nach ſolchen Vorgängen der Undankbare und Treuloſe plötzlich unſer Haus nicht mehr beſuchte und meinem Vater ſagen ließ, er könne mich nimmer heirathen, weil er in Sie verliebt ſei und auf Ihre Hand zähle?“ „Herr Johann hat dies geſagt, Fräulein?— Ja, Madame; ohne Zweifel wird er es läugnen, aber fragen Sie ihn, ob er Adelaide Chopard kenne, 72 ob der Tag unſerer Hochzeit nicht feſtgeſetzt worden ſei, ob ſein Pathe ſich nicht deßhalb habe ein Ball⸗ kleid machen laſſen, und Sie werden finden, daß er mich nicht Lügen ſtrafen kann, wofern er nicht der ſchlechteſte aller Menſchen iſt, was auch möglich wäre. Hier iſt übrigens meine Adreſſe, und wenn Sie an der Wahrheit meiner Ausſagen zweifeln ſollten, ſo können Sie Erkundigungen in meinem Quartier einziehen.“ „O, ich glaube Ihnen, Fräulein!.. Ihre Adreſſe iſt mir nutzlos.— Verzeihen Sie, Madame, zeigen Sie dieſelbe nur Herrn Johann, dann werden Sie ſehen, welche Miene er macht. Madame, ich will Sie nicht länger um Ihre Zeit bringen, ſondern nach Paris, zu meiner Familie zurückkehren, die über meine Abweſenheit unruhig ſein wird. Beden⸗ ken Sie, Madame, daß von Ihnen das Glück eines Opfers der Liebe abhängt.— Es hängt nicht von mir ab, Fräulein, daß Herr Johann ſeine Pllicht erfüllt.“ Adelaide machte Carolinen eine tiefe Verbeu⸗ gung und entfernte ſich ſodann. Als ſie fort war, verſchloß ſich Caroline in ihr Zimmer; nun brach ſich ihr bis dahin mit Gewalt unterdrückter Schmerz Bahn und ſie ließ ihren Thränen freien Lauf.„Wie hat er mich getäuſcht“, ſagte ſie,„mich, die ich ihn für die Redlichkeit ſelbſt hielt.. Wie hat er dieſes Mädchen hintergangen! Auf eine ſolche Weiſe mit einer ganzen Familie ſein Spiel treiben, iſt eine ſehr ſchlechte Handlung. Aber wenn es nicht der 73 Fall wäre. doch ach! es iſt nur zu wahr..„die⸗ ſes Frauenzimmer muß ihn ſehr lieben, daß ſie ein ſolches Geſtändniß ablegt. Und er er hat ſie auch geliebt. Ich geſtehe, daß ich ihm einen beſſern Geſchmack zugetraut hätte. aber ich habe viel⸗ leicht Unrecht. das Frauenzimmer kann ihm ſehr hübſch vorgekommen ſein.. Sie hat einen ſuper⸗ ben Wuchs. Ach! Johann, wie haſt du mich ge⸗ täuſcht! Indeß Alles, was er mir zu gefallen ſeit einem Jahre gethan hat. Gleichviel, ich kann einen Menſchen, der ein Frauenzimmer mit dem Verſprechen der Ehe hintergeht, nicht achten, und Jemand, den ich nicht achte, werde ich auch nie heirathen.“ Das ganze Haus bemerkte bald eine auffallende Veränderung in Carolinens Gemüthsſtimmung. Ma⸗ dame Marcelin und die kleine Laura fragten ſie um die Urſache; aber Caroline verſicherte, daß man ſich täuſche und daß ſie keinen Kummer habe. Um ihre Gebieterin wieder zum Lächeln zu bringen, glaubte Luiſe, von Johann mit ihr ſprechen zu müſſen. Dadurch jedoch wurde ſie noch weit ernſter und verbot ihrem Kammermädchen, in Zukunft Herrn Durand auch nur mit einem Worte zu erwähnen. Ganz erſtaunt ſchwieg Luiſe, dachte aber bei ſich ſelbſt:„Seit dem Beſuche der großen Dame iſt meine Gebieterin nicht mehr dieſelbe.. Dieſes Menſch hätte wohl dürfen in Paris bleiben!“ Zwei Tage ſind ſeit dem Beſuche Adelaidens verſtrichen. Caroline iſt fortwährend traurig; aber 74 mit jedem Augenblicke ſcheint ſie aufgeregter zu wer⸗ ven, denn nach Johanns Schreiben iſt die Zeit ſei⸗ ner Ankunft jetzt da, und dieſe Ankunft muß ſie überzeugen, ob Fräulein Chopard die Wahrheit ge⸗ ſagt hat. Die Perſonen, welche in Madame Dor⸗ ville's Hauſe wohnen, wünſchen den jungen Mann ſehnlichſt herbei, denn ſie hoffen, ſeine Gegenwart werde Carolinens Traurigkeit zerſtreuen.. Sich den ſüßeſten Träumen überlaſſend, reiste Johann von Paris ab und kam richtig zur bezeich⸗ neten Zeit in Luzarche an. Er war jetzt wieder hergeſtellt, wiewohl immer noch ſehr ſchwach. Ein Cabriolet brachte ihn an den Ort ſeiner Beſtim⸗ mung. Luiſe, die Johann ausſteigen ſah, lief ihm entgegen und ſagte:„Ach wie froh bin ich, Sie zu ſehen, mein Herr!— Danke, gute Luiſe. Wo iſt Deine Gebieterin?— Im Salon.„ Ach! ich hoffe, Sie werden ihr jetzt ihre frühere Mun⸗ terkeit wieder geben!— Was willſt Du damit ſa⸗ gen?— Madame ißt ſeit einigen Tagen nicht mehr dieſelbe, ohne daß wir den Grund davon errathen können.“ Johann hörte nimmer auf Luiſe, ſondern eilte in den Salon. Madame Dorville ſaß neben Ma⸗ dame Marcelin und Laura. Bei Johanns Anblicke konnie ſie ſich einer heftigen Aufregung nicht erweh⸗ ren, indeß unterdrückte ſie doch dieſelbe und empfing ihn mit Höflichkeit. Aber der kalte Ton, in welchem ſie ſich nach ſeiner Geſundheit erkundigte, der zurück⸗ haltende Ausdruck ihrer Miene, ihre veränderten 75 Manieren, Alles machte Johann beſtürzt, der ſie erſtaunt anblickte und nicht wußte, welcher Urſache er dieſe Umwandlung zuſchreiben ſollte. Die kleine Laura und Madame Marcelin bezeig⸗ ten dem jungen Manne viele Freundſchaft und er dankte ihnen für ihre zärtliche Theilnahme an ſeiner Geſundheit. Aber während er mit ihnen ſprach, waren ſeine Blicke immer auf Caroline gerichtet; er wollie in ihren Augen leſen, doch die angebetete Frau würdigte ihn keines Blickes. Johann bemerkte, daß ſie ſehr aufgeregt war und daß ein geheimer Kummer ihre reizenden Geſichtszüge umgeſtaltet zu haben ſchien. Er war beinahe im Begriffe, ſich vor Carolinen niederzuwerfen und ſie um eine Erklärung über ihre Kälte gegen ihn zu bitten. Aber Caroline, die ſelbſt einer tödtlichen Ungewißheit ein Ende zu machen wünſchte, verließ ſchnell den Salon und begab ſich in den Garten, wohin ihr Johann folgte. „Ums Himmelswillen was haben Sie gegen mich, Madame? Was habe ich gethan, das eine ſolche Aufnahme von Ihrer Seite verdient?“ rief Johann aus.—„Ich glaube, mein Herr, es liegt nichts Ungewöhnliches in der Aufnahme, die Ihnen heute zu Theil wurde. Ich habe meine Freude an den Tag gelegt, Sie wieder hergeſtellt zu ſehen. und— Nein, Madame, Sie find gegen mich nimmer wie früher; verzeihen Sie, wenn ich mehr verlange, aber Sie haben mich nicht an dieſen eis⸗ kalten Ton, an dieſe ceremonielle Höflichkeit ge⸗ wöhnt„ Und warum ſoll ich Ihnen noch ver⸗ 76 vergen, was ich zu hoffen wagte? Meine Briefe haben Ihnen das Geheimniß meines Herzens geof⸗ fenbart! Ja, Madame, ich liebe Sie„ich habe Sie von dem Augenblicke an geliebt, wo ich Sie zum erſten Male ſah. Dieſe Liebe hat mein ganzes Weſen verändert. Ihnen zu gefallen habe ich mich dem Studium gewidmet. Ihnen zu gefallen ſuchte ich mir den geſellſchaftlichen Ton anzueignen. Wenn ich jetzt Etwas bin, ſo verdanke ich es Ihnen... und jetzt, nachdem Ihr Brief in meiner Seele die ſüßeſten Hoffnungen erweckte, nachdem ich von Liebe trunken hieher gekommen bin, finde ich Sie ganz anders; Kälte und Gleichgültigkeit ſind die einzigen Gefühle, welche Sie gegen mich an den Tag legen!“ „Mein Herr, Sie konnten ſich über die Theil⸗ nahme, die ich für Sie hegte, täuſchen,“ erwiderte Caroline,„wie ich mich auch über die Gefühle, die ich bei Ihnen vorausſetzte, getäuſcht habe.— Wie, Madame?— Wenn Sie noch einige Freundſchaft für mich empfinden, ſo ſchwören Sie mir, die Fra⸗ gen, die ich nun an Sie richten werde, offen und der Wahrheit gemäß zu beantworten.— Ich ſchwöre es Ihnen, Madame.— Kennen Sie ein Frauen⸗ zimmer Namens Adelaide Chopard?“ „Adelaide Chopard?“ erwiderte Johann, ganz erſtaunt, dieſen Namen aus Carolinens Mund zu hören.„Ja, Madame ja, gewiß.“ Johanns Verlegenheit überzeugte Caroline vollends, die, ihn feſt anblickend, ſagte:„Sie erröthen, mein Herr? Ich ſehe, daß man mich nicht getäuſcht hat. 77 Sie ſollien dieſes Frauenzimmer heirathen?— Al⸗ lerdings, Madame.— Die Zeit der Heirath war bereits feſtgeſetzt. Fräulein Chopard betrachtete Sie ſchon als ihren Mann Iſt dies wahr, mein Herr?— Ja, Madame, ich kann es nicht läugnen.“ „Weiter brauche ich nicht zu wiſſen, mein Herrz ein Ehrenmann muß ſeine FPflichten erfüllen.. be⸗ ſonders, wenn aber Sie verſtehen mich ſchon, mein Herr. Ich verlaſſe Sie... Ich kann nicht bergen, daß Ihre Gegenwart mir von nun an läſtig ſein würde.. Kehren Sie zu ihr zurück zu derjenigen, die Sie mit Recht als ihren Gatten be⸗ trachtet.„ Leben Sie wohl, mein Herr, leben Sie wohl auf immer.“ Caroline enifernte ſich raſch, denn die Thränen benahmen ihr die Sprache. Johann blieb, wie ver⸗ nichtet, noch einige Minuten ſtehen, dann gewann er ſeinen natürlichen Stolz wieder und verließ Ma⸗ dame Dorville's Wohnung, indem er die Frauen⸗ zimmer und die Liebe verfluchte. Zu Paris angekommen, verſchloß er ſich in ſein Zimmer. Er wünſchte ſeine alte Gleichgültigkeit, ſeine früheren Liebhabereien und Neigungen wieder zurück.„Damals,“ ſagte er,„war ich glücklicher! Wozu brauchte ich mir Kenntniſſe zu erwerben; ich war ſchon recht für die Geſellſchaft, die ich beſuchte. Ich habe allerdings Einiges gelernt, habe aber jene Sorglofigkeit, welche mein Glück ausmachte, ver⸗ loren. Um ihretwillen wollte ich anders werden. und nun habe ich den Lohn dafür.“ 78 In ſeinem Zorne warf Johann ſeine Bücher und Schreibhefte weit von ſich weg, dann legte er ſich zu Bette und ſchwur, nicht mehr an Caroline denken zu wollen. Aber ihr Bild ſchwebte immer vor ſeinen Augen, er glaubte ſie zu ſehen, er ſprach mit ihr, er hörte fortwährend ihre Stimme. Die Nacht entfernt dieſes theure Bild nicht aus Gedanken. Es iſt ein Uhr morgens und Jo⸗ ann kann noch immer nicht ſchlafen, als ein dumpfes Geräuſch zu ſeinen Ohren dringt. Er horcht: das Geräuſch kommt von ſeinem Fenſter, das man mit Gewalt öffnen zu wollen ſcheint. Johann hat ein Licht auf dem Kamine brennen laſſen, er ſteht nun auf, als das Fenſter ſich vollſtändig öffnet. Nicht zweifelnd, daß Diebe bei ihm einbrechen wollen, ergreift Johann ſeine Piſtolen, die beſtändig im Nachttiſchchen liegen. Dann geht er wieder zu Bette, ſtellt ſich, als ſchlafe er und wartet ruhig das Weitere ab. Zwei Männer erſcheinen am Fenſter.„Es iſt Licht da,“ ſagt der Eine von ihnen.„Sonderbar, ſonderbar, man hat uns geſagt, daß der Herr heute Nacht auf dem Lande ſchlafe.— Gleichviel, nur vorwärts, da wir jetzt ſchon ſo weit ſind Um ſo ſchlimmer für ihn, wenn er da iſt.“ Die beiden Schurken ſtiegen nun durch das Fenſter ins Zimmer herein und gingen auf das Bett zu, welches im Hintergrunde des Gemaches ſtand. „Da ſchläft Jemand.. Wir wollen uns wieder fortmachen,“ ſagte der Eine.—„Nein, nein. 79 hier iſt Geld zu gewinnen„ und damit er nicht aufwacht, muß man..— Aber Du haft geſast, daß es ohne Gewalt abgehe.— Ich glaubte, wir würden hier Niemand treffen. um jedoch den Sekretär aufzubrechen, müſſen wir Geräuſch machen. dies würde ihn aufwecken er würde rufen und daran will ich ihn verhindern.“ Dies ſprechend näherte ſich der Elende mit einem Dolche in der Hand dem Bette. Während er ge⸗ rade im Begriffe war, Johann zu erſtechen, ſprang dieſer ſo ſchnell wie der Blitz auf und hielt jedem der Diebe die Mündung einer Piſtole vor die Bruſt. Die beiden Schurken wurden von jähem Schrecken erfaßt und wollten fliehen, als Johann ſelbſt ſeine Waffen fallen ließ und ihnen nachrief:„Hmein Gott! Iſt es kein Traum? Ihr ſeid's. Demar! Gervais!.. „Es iſt Johann!“ riefen die beiden Räuber und näherten ſich wieder dem Bette. Einige Sekunden lang blickten alle Drei einander ſprachlos an. „Ihr ſeid es!“ fuhr endlich Johann fort.„ſo finde ich Euch wieder! Demar, Du wollteſt mich ermorden!— Meiner Treu', ja aber ich wußte nicht, daß Du es warſt.— Unglücklichel So weit ſeid Ihr gekommen! bis zur letzten Stufe des Ver⸗ brechers! Dahin hat Euch die Faulheit und die Völlerei geführt!“ Gervais ſchien vernichtet; Demar aber rief:„Ha, mein Junge, glaubſt Du, wir ſeien zu Deinem Fenſter hereingeſtiegen, um Moral anzuhören! Wir 8⁰ vrauchen Geld. das haſt Du Erinnerſt Du Dich nicht mehr, daß Alles unter uns gemeinſchaft⸗ lich ſein ſollte?“ Johann blickte Demar einige Augenblicke mit Entrüſtung anz dann ſtand er auf, legte ſeine Pi⸗ ſtolen auf den Tiſch, öffnete ſeinen Sekretär und zog zwei Beutel voll Geld aus demſelben hervor. Einen davon gab er Demar und den andern Ger⸗ vais, indem er ſagte:„Ich könnte Euch der Gerech⸗ tigkeit überliefern, aber ich will Euch lieber noch die Mittel zur Aenderung Eurer Lebensweiſe an die Hand geben. Jeder von dieſen Beuteln enthält 1200 Franken. Damit könnet Ihr Frankreich ver⸗ laſſen und in einem andern Lande Euch durch Ar⸗ beit ein ehrliches Auskommen verſchaffen“ „Du haſt vielleicht noch mehr Geld,“ ſagte Demar, der ſich zwiſchen Johann und den Tiſch, auf welchem die Piſtolen lagen, geſtellt hatte. wir könnten Dich zwingen.—„Ich werde Euch nichts mehr geben.. ich bin waffenlos.. Du kannſt mich jetzt ermorden!“ „Nein, nein!“ rief Gervais.„Auf, Demar, laß uns ſliehen, es iſt Zeit... Ich glaube Geräuſch auf der Straße zu hören!“ Die Straße war ruhig, aber bereits hatte Ger⸗ vais den Rückweg durch das Fenſter angetreten. Nach einem kurzen Zögern entſchloß ſich Demar, ihm zu folgen und bald waren die beiden Diebe verſchwunden. Jetzt warf ſich Johann wieder auf ſein Bett und ſagte:„Das alſo find meine Schul⸗ 81 kameraden! Die Genoſſen meiner Jugend! Schwoͤret nur Eide! Faſſet nur Pläne!“ Neuntes und letztes Kapitel. Noch einmal die kleine Bonne— Doppelte Heirath. Der Anblick ſeiner ehemaligen Kameraden ließ es Johann nicht bereuen, daß er einen von den ihrigen verſchiedenen Weg in der Welt eingeſchlagen habe. Am Morgen nach ſeinem nächtlichen Aben⸗ teuer raffte Johann deßhalb ſeine Bücher und Schreib⸗ hefte wieder zuſammen und ſagte:„Wenn ſie mich auch nicht liebt, ſo verdanke ich ihr doch, daß ich nicht mein ganzes Leben lang ein unwiſſender Tölpel geblieben bin und ich fühle, daß es ſchon ein Glück iſt, ihr nur etwas zu verdanken.“ Johann fand wieder Geſchmack am Studiren, denn er fühlte, daß dies allein die Langeweile von ihm fern halten könnte. Er dachte unaufhörlich an Caroline und machte keine vergeblichen Verſuche mehr, ſie aus ſeiner Erinnerung zu verbannen. Sie hatte ihm verboten, ſie zu beſuchen, und Johann beſaß allzu viel Stolz, als daß er dieſem Verbote hätte Trotz bieten wollen. Da er nicht begriff, warum Caroline ihn deßhalb aus ihrer Gegenwart verbannte, weil er Fräulcin Chopard hätte heirathen ſollen, ſo lebte noch die Hoffnung in ſeinem Herzen, die ſchöne Frau werde ihn nicht gänzlich vergeſſ Paul de Kock. 0. 82 Ihrerſeits hatte ſich Caroline ſeit Johanns Ab⸗ reiſe gelobt, nicht mehr an einen Mann zu denken, den ſie ihrer Liebe nimmer für würdig hielt. Aber iſt das Herz ſtets im Einklange mit den Projekten des Verſtandes? Caroline ſtrebte vergebens nach ihrer früheren Heiterkeit; ein Seufzer verrieth ihren geheimen Kummer, wenn ſie ein Lächeln heucheln wollte. Niemals wurde in ihrer Gegenwart der Name Johann ausgeſprochen, weil man bemerkt hatte, daß derſelbe ſtets ihre Traurigkeit vermehre. Caroline fing jetzt bereits zu glauben an, daß man ihr Verbot allzu ſehr achte. Sie hegte im Innern das Verlangen, von demjenigen zu ſprechen, an welchen ſie fortwährend dachte, aber ſie wagte es nicht, dieſe Unterhaltung ſelbſt anzuknüpfen. Drei Wochen waren verfloſſen ſeit Johanns Abreiſe von Luzarche. Drei Wochen ſchwinden ſehr ſchnell dahin, wenn man ſich amüſirt; ſie ſind ewig, wenn man ſeufzt, bedauert und nicht mehr hofft. Caroline hatte das Landleben zu einförmig gefunden und obwohl es erſt Ende Septembers war, ſo war ſie doch nach Paris zurückgekehrt. Virlleicht dachte ſie auch, es wäre beſſer, wenn ſie ganz nahe bei demjenigen wohnte, den ſie nicht mehr ſah; aber Johann, der Caroline auf dem Lande glaubte, ſah nie zum Fenſter hinaus. Während dieſer drei Wochen hatte Fräulein Chopard ihrem theuren Freunde, Johanns Portier, häufige Beſuche abgeſtattet und von ihm erfahren, der junge Mann ſei ſeit ſeinem letzten Beſuche in * 83 Luzarche nicht mehr ausgegangen und ſcheine immer ſehr übel gelaunt. Voll Freude rieb ſich Adelaide die Hände und ſagte:„Ich habe geſiegt! Sie ſind entzweit! Sie werden einander nicht mehr ſehen! Ich will Johann noch einige Zeit jammern laſſen, dann werde ich an einem ſchönen Tage vor ihn hin⸗ treten und zu ihm ſagen:„Sie ſind ein treuloſer Schelm! aber ich liebe Sie immer noch, obwohl Papa und Mama es mir verboten haben; heirathen Sie mich und ich verzeihe Ihnen.“ Dann wird er mich heirathen„ Und die ſchöne Frau, die ich abſcheulich häßlich finde, wird aus Gram dahin⸗ welken. Durch ein zufälliges Zuſammentreffen mit Ade⸗ laide auf der Straße erfuhr Roſa, Schönzopfs kleine Bonne, Johanns Wohnung. Sogleich beſchloß ſie, dieſelbe aufzuſuchen. Sie trat ein, und Johann legte eine große Freude an den Tag, ſie wieder zu ſehen; Roſa fragte Herrn Durand nun, wie es ſeit den fünfzehn Monaten, wo man nichts mehr von ihm gehört habe, ergangen ſei. Johann erzählte ihr hierauf Alles, was ſich zwiſchen ihm und Caroline zugetragen; ſein Glück, ſeine Wonne, während er ſich geliebt glaubte, und ſeine Verzweiflung in den letzten drei Wochen, in welchen er den Gegenſtand ſeiner Anbetung nicht mehr ſah. Roſa, welche Johann mit vieler Aufmerkſamkeit zugehört hatte, ſagte jetzt:„Vor Allem, mein Herr, dürfen Sie nicht verzweifeln, denn Madame Dor⸗ ville liebt Sie noch immer.— Du glaubſt es, Roſa? 8⁴ — Ich glaube es nicht, ich bin überzeugt davon.— Aber ſie hat mir geſagt, ſie wolle mich nicht mehr ſehen.— Weil Sie damals ſehr zornig war.— Sie hat mich mit Kälte und Gleichgültigkeit behan⸗ delt.— Dies Alles beweist nichts. Ein weit ſtär⸗ kerer Beweis aber iſt der ſchöne Brief, den ſie Ih⸗ nen drei Tage vorher ſchrieb. Weil ſie ihre Gefin⸗ nung ſo ſchnell änderte, muß man nothwendig ſchändlich auf Sie gelogen haben. O, das rührt Alles von der Chopard her.— Du glaubſt es, Roſa? — Ich bin davon überzeugt. Habe ich nicht durch die lange Adelaide Ihre Adreſſe erfabren! Sie glaubte wohl ſchwerlich, daß ich ſo ſchnell davon Gebrauch machen würde. Aber wir wollen ſehen, ob ſie ſchlauer iſt, als ich. Und Madame Dorville wohnt hier in der Nähe?— Ja, aber fie iſt gegenwärtig auf dem Lande.— Gut. Adieu, Herr Johann, Sie werden mich bald wieder ſehen.— Roſa, was willſt Du machen? Bedenke, daß ich Dir verbiete, in mei⸗ nem Namen zu Madame Dorville zu gehen, die ich nicht mehr beſuchen werde.“ „Gut! gut! ich weiß ſchon,“ ſagte Roſa und entfernte ſich, feſt entſchloſſen, auf der Stelle nach Luzarche zu fahren, obwohl ſie nicht wußte, unter welchem Vorwande ſie Caroline aufſuchen ſollte; aber als ſie auf die Straße kam, dachte fie plötzlich: „Wenn Madame Dorville Herrn Johann noch im⸗ mer liebt, ſo iſt ſie vielleicht nach Paris zurückge⸗ kehrt, um wieder in ſeiner Nähe zu ſein.“ Roſa hatte es richtig errathen, denn der Portier 85⁵ ſagte ihr:„Madame Dorville iſt ſeit acht Tagen in Paris; ſie iſt zu Hauſe, ſteigen ſie nur hinauf.“ Roſa ſtieg die Treppe hinauf, aber vor der Thüre angekommen, blieb ſie ſtehen, um ſich auf das, was ſie ſagen wollte, zu befinnen. Nach kurzem Nachdenken fand ſie einen paſſenden Vorwand und klingelte. Luiſe öffnete und Roſa ſagte zu ihr:„Fräu⸗ lein, wohnt hier Madame Dorville?— Ja.— Mein Gott! ich weiß nicht, ob ich Madame ſtören darf. Ich komme, um„— Wollten Sie mir es nicht ſagen?— Recht gerne: Herr Durand beſuchte dieſen Sommer Ihre Frau zu Luzarche— Ja. — Herr Durand hatte ein kleines, in rothes Saffian⸗ leder gebundenes Buch mitgenommen. Mein Gott! ich weiß nicht mehr den Titel davon. Aber Herr Durand hielt es ſehr in Ehren, weil es von ſeiner Mutter herrührte. Ich möchte mich nun erkundigen, Fräulein, ob Sie zu Luzarche dieſes Buch gefunden haben?“ „Ich habe nichts gefunden und weiß auch nicht, ob Madame das Buch, wovon Sie reden, geſehen hat. Warten Sie einen Augenblick, ich will ſie fragen.“ Luiſe berichtete ihrer Gebieterin, was man ihr geſagt hatte. Bei Johanns Name erröthete Caro⸗ line; dann erwiderte ſie mit gleichgültiger Miene: „Es iſt eine Bonne, welche fragt?— Ja, Ma⸗ dame.— Iſt ſie da?— Ja, Madame.— Sie ſoll hereinkommen, denn Sie ſelbſt drücken ſich ſo un⸗ 86 deutlich aus, daß ich von Allem kein Wort verſtehe.“ Luiſe hieß Roſa eintreten. Die kleine Bonne er⸗ ſchien vor Caroline mit ſanfter und beſcheidener Miene; Caroline blickte ſie wohlwollend an, dann gab ſie Luiſen einen Wink, ſich zu entfernen. Hier⸗ auf ſagte ſie zu Roſa:„Sie kommen eines Buches wegen?— Ja, Madame.— Sie ſind alſo im Dienſte des Herrn Durand?— Nein, Madame, ich diene ſeit langer Zeit bei Herrn Schönzopf, Johanns Pathen. O, es iſt ein ſehr braver Mann, der Jo⸗ hann wie ſeinen Sohn liebt.— Ich weiß. Herr Durand ſprach öfters von ſeinem Pathen, mit dem er, ſo viel ich glaube, entzweit war.— Ja, Ma⸗ dame.— Herr Durand ſchickt Sie alſo?— O, nein, Madame, ich habe mir ſelbſt die Freiheit ge⸗ nommen.— Herr Johann befindet ſich zu Paris 2 — Ja, Madame. O, er geht gar nicht aus. Man ſieht ihn ſtets nur traurig und bekümmert.— Wie! Sie glauben, daß er Kummer hat?— Ich weiß nicht, Madame.— Kennen Sie Herrn Johann ſchon lange?— O ja, Madame. Ich bin ſehr jung in die Dienſte des Herrn Schönzopf getreten und Herr Johann beſuchte öſters ſeinen Pathen.— Sie wuß⸗ ten alſo auch um ſeine Liebe zu Fräulein Adelaide Chopard?— Liebe zu wem, Madame?— Zu Adelaide Chopard, die Johann ſeit ſeiner früheſten Jugend kennt und liebt.— Herr Johann ſoll Fräu⸗ lein Chopard ſeit ſeiner früheſten Jugend kennen! Ach! welche Lüge! Er hatte ſie nie geſehen, nie an ſie gedacht, bis Schönzopf auf den Gedanken kam, — 87 Beide miteinander zu verheirathen.— Wie! das wiſſen Sie gewiß? Setzen Sie ſich doch, meine Beſte.“ Caroline wies Roſa einen neben ihr ſtehenden Stuhl und die Bonne nahm beſcheiden auf. dem Rande deſſelben Platz.„ „Alſo Johanns Pathe hat den Plan gefaßt, ihn mit Fräulein Chopard zu verheirathen?— Ja, Madame. Da hatte mein Herr einen ſehr dummen Gedanken; aber Johann war damals ein kleiner Leichtfuß, und man glaubte, eine Heirath würde ihn zur Ordnung bringen.— Er war aber wohl in dieſes Fräulein verliebt?— Verliebt in Fräulein Chopard! Nein, wahrhaftig! das war er nie! Rie! Ach! Sie täuſchen ſich!— Doch nein, Ma⸗ dame, ich wußte immer um Alles, denn ich genoß Herrn Johanns volles Vertrauen. Er willigte nur ſeiner Mutter zu gefallen in dieſe Heirath. Er kannte damals die Liebe noch nicht. Als er aber verliebt wurde, ſo galt dieſe Liebe auf keinen Fall Adelaiden, weil er zu gleicher Zeit den Entſchluß faßte, ſie nie zu heirathen, wodurch eben ſein Pathe ſo ſehr wider ihn aufgebracht wurde.“ „Sie denken alſo.. Ach! ſagen Sie mir doch Alles, mein liebes Kind; ſagen Sie mir die volle Wahrheit. Ich intereſſire mich ſehr für Hetrn Johann.“ Mit dieſen Worten ftellte Caroline ihren Stuhl dicht neben den der kleinen Bonne, nahm von ihrem Finger einen hübſchen Ring mit einem prachtvollen 88 Diamant und ſchob ihn an einen Finger der Jungfer Roſa, die es ruhig geſchehen ließ und nur wiederholte: „Ach! Madame, wie konnten Sie glauben, Herr Johann habe Mamſell Chopard je geliebt?— Er ſollte ſie aber doch heirathen.— Weil ſeine Mutter dieſe Heirath wünſchte.— Er betrachtete Fräulein Adelaide bereits als ſeine Zukünftige.— D. h. er betrachtete ſie wie alle Andere, ohne ihr beſondere Aufmerkſamkeit zu ſchenken.— Dies hat mir die Chopard nicht geſagt, ſie hat mir im Gegentheile geftanden, ſie ſei bereits in ihrer Liebe zu Johann zu weit gegangen und habe ihm die Rechte eines Gatten eingeräumi.— Ach Gott! Wie abſcheulich! Wie ſchamlos! Der arme junge Mann ſoll Mamſell Adelaide verführt haben! Nein, Madame, nein, das iſt nicht der Fall. Um ſich zu rächen, hat Mamſell Chopard ſolche freche Lügen erfunden! Aber wenn ihre Eltern wüßten, daß ſie dies geſagt hat! Herr Chopard würde höchſt übel dazu ſehen!“ Caroline glaubte der kleinen Bonne; es machte ihr das größte Vergnügen, ſich zu überzeugen, daß Johann ſich nicht ſo benommen hatte, wie Adelaide ihn ſchilderte. Sie ließ ſich von Roſa Alles wieder⸗ holen, was dieſe über Johann, über ſeine Kindheit, ſeinen Charakter, die projektirte Heirath und den Irrthum derjenigen wußte, welche Johanns verän⸗ dertes Betragen ſeiner Liebe zu ſeiner Zukünftigen zuſchrieb. Endlich überzeugte ſich Caroline, daß ſie allein von Johann geliebt worden ſei und daß er ſie noch liebe.„Zum Lohne für ſeine Liebe alſo,“ —— —— — — 89 rief ſie aus,„habe ich ihn fortgeſchickt, ihn mit Ver⸗ achtung behandelt Ach, Roſa, wie ſehr bereue ich es!— Mit einem Worte, Madame, kön⸗ nen Sie ihn wieder glücklich machen.— Aber wie ſoll ich ihm dieſes Wort ſagen? Er kommt nicht mehr zu mir und ich kann ihn nicht aufſuchen.— Nun, Madame, gibt es nicht tauſend Mittel? War⸗ ten Sie„ Als Luiſe ins Zimmer trat, flüſterte Roſa Ca⸗ rolinen ganz leiſe ins Ohr. Dieſe erwiderte ihr: „Ja, Roſa. ja, ich bin damit einverſtanden. Apropos und dieſes Buch?— O, es iſt wieder gefunden, Madame,“ ſagte lächelnd die kleine Bonne, machte hierauf Carolinen ein artiges Compliment und entfernte ſich eilends. Roſa ging nun wieder in Johanns Wohnung. Als der junge Mann die Freude bemerkte, welche in ihren Augen ſtrahlte, wollte er ſie ausfragen; Roſa jedoch ſchützte Eile vor, da ihr Herr auf ſie warte, und ſagte bloß zu Johann, daß ſie ſeinen Pathen von ſeinem heutigen Beſuche benachrichtigen wolle. „Ja, Roſa, ich werde heute kommen.— Unterlaſſen Sie es auf keinen Fall, mein Herr.“ Mit dieſen Worten entfernte ſich die kleine Bonne nd kehrte zu ihrem Herrn zurück, der wegen ſeiner hicht noch immer zu Hauſe bleiben mußte und ſich e lange Abweſenheit Roſa's nicht zu erklären ver⸗ vchte. Als ſie heimkam, ſagte ſie zu ihm:„Ich lbe ihn geſunden. er wird kommen. Ich habe djenige geſehen, welche er liebte.. Ach, das iſt 90 eine ſchöne Frau! ein wahrer Engel! Und ſehen Sie, wie dies glänzt!“ Roſa zeigte ihren Ring. Herr Schönzopf, wel⸗ cher die Freude ſeiner Bonne nicht begriff, fragte, ob ſie den Diamant in der Truthenne, die ſie für ihn gekauft, gefunden habe. Während Roſa ihrem Herrn Alles erzählte, was ſie ſeit ihrem Ausgehen gethan, entſchloß ſich Johann, ſeinen Pathen zu beſuchen; Roſa's Worte hatten wieder einige Hoff⸗ nung in ihm erweckt; indeß ſeufzte er immer noch, und als er ſein Haus verließ, warf er einen trau⸗ rigen Blick auf Carolinens Wohnung. Als Johann im Marais anlangte, betrachtete er nicht ohne Vergnügen das Quartier, welches Zeuge ſeiner jugendlichen Thorheiten geweſen war, in einer großen Stadt iſt jedes Quartier ein Vaterland. Rachdem er einige Augenblicke vor dem Hauſe, in dem er geboren worden, ſtehen geblieben war, begab er ſich envlich zu ſeinem Pathen. Roſa führte den jungen Mann in einen kleinen Salon, wo Schönzopf ſaß. Johann warf ſich in ſeine Arme und ſagte:„Verzeihen Sie, daß ich einen Augenblick an Ihrer Freundſchaft gezweifelt habe. Sind Sie mir nicht mehr böſe, daß ich ein Frauenzimmer, welches ich niemals liebte, nicht heirathen will?— Nein, mein lieber Johann,“ er widerte Schönzopf, indem er ſeinen Pathen zärtlit umarmte;„nein, ich bin Dir nicht mehr böſe. Abe ich habe eine andere Heirath für Dich im Werke. Ach, mein lieber Pathe, ſprechen wir nicht me 2 ₰ vom Heirathen... Es gibt nur eine Frau, welche ich lieben kann!— Und doch mußt Du diejenige heirathen, welche ich Dir vorſtellen werde und welche da in dem Nebenzimmer iſt.“ Johann blickte verwundert umher, aber Roſa hatte bereits eine Thüre geöffnet und Caroline ſtand vor Johanns Augen. Lächelnd reichte ſie ihm die Hand, Johann ergriff raſch dieſe geliebte Hand und wollte ſich ihr zu Füßen werfen. ſtatt deſſen aber lag er auf einmal in ihren Armen. Bei Liebenden bedarf es keiner weitläufigen Er⸗ klärungen, um ſich zu verſtändigen; in wenigen Mi⸗ nuten hatten Beide einander über das Vergangene genug geſagt und dachten nur noch an die Gegenwart mit ihrer Liebe und ihrem Glücke. Staunend betrachtete Schönzopf Carolinen und ſagte wiederholt zu Roſa:„Das iſt ein Engel!“ Was ſeinen Pathen betrifft, ſo erkannte er ihn nicht mehr, ſondern entdeckte ſo feine Manieren und eine ſo gewählte Ausdrucksweiſe bei ihm, daß er nicht wußte, wie er in ſeiner Gegenwart reden ſollte. „Nun,“ ſagte Caroline zu Johann,„werden Sie die Frau, welche Ihr Pathe Ihnen anbietet, zurückweiſen?“ Stalt aller Antwort küßte Johann die geliebte Hand und Caroline fuhr fort: Mein Freund, ich kann Ihnen jetzt geſtehen, ich habe Sie von dem erſten Augenblicke an, wo ich Sie kennen lernte, geliebt. Ich hatte eine Ahnung, daß Sie mir zu Liebe ſich völlig ändern würden. Richt wahr, Herr Schönzopf, Ihr Pathe gefällt Ihnen jetzt auch beſſer?“ 92 Schönzopf verbeugte ſich und ſagte mit Emphaſe: „Ja, er iſt ſo daß ich ihn nicht wieder erkannte.“ Johann war jetzt der glücklichſte Menſch. Caro⸗ line hatte keine anderen Wünſche als die ſeinigen. Die Heirath ſoll nach zehn Tagen ſtatifinden. Man wird keine Hochzeit halten, aber Caroline verlangt durchaus, daß Schönzopf an dem in ihrem Hauſe ver⸗ anſtalteten Feſteſſen Theil nehme, worein dieſer willigt, indem er die Hand der liebenswürdigen Frau küßt. Während der zehn Tage, welche der Vermählung vorangehen, befindet ſich Johann öfter bei Caroline als in ſeinem Entreſol. Fräulein Adelaide aber, die fortwährend bei dem Portier Erkundigungen ein⸗ zieht, erfährt bald alles Vorgefallene und hört zu ihrem Schrecken, daß Johann ſchon in den nächſten acht Tagen heirathe und ſich immer bei Madame Dorville aufhalte. Adelaide iſt wüthend; Gift und Galle ſpeiend verläßt ſie die Loge des Portiers, läuft zu Caroline, ſteigt die Treppe hinauf und klingelt heftig; aber Luiſe ertheilt ihr die Antwort:„Madame kann Sie nicht empfangen,“ und ſchließt die Thüre ihr vor der Naſe zu. Glühend vor Zorn kehrt die lange Mamſell in ihr elterliches Haus zurück und ſchreit, ſobald ſie dort angekommen:„Jetzt iſt's aus!. Johann heirathet in acht Tagen.. Das iſt mir gleichgültig, ich habe den Schurken doch niemals ge⸗ liebt. Aber ich will mich durchaus an demſelben Tage, wie er, verheirathen. Lieber Papa, leſen wir geſchwind einen Mann aus der Menge meiner Anbeter aus.“ . — 93 Die Menge beſtand damals nur aus einer ein⸗ zigen Perſon Namens Courtapatte, einem zweiund⸗ dreißig Jahre alten und vier Fuß fünf Zoll großen Oelhändler, der nach der Gewohnheit kleiner Leute eine beſondere Vorliebe für große Frauenzimmer hatte und aus dieſem Grunde ein Anbeter Adelaidens wurde. „Wir können Dir jetzt nur Herrn Courtapatte bieten,“ ſagte Madame Chopard;„er iſt ein wenig klein, aber.— Das iſt mir gleichgültig, ich nehme ihn,“ erwiderte Adelaide.„Ich liebe die klei⸗ nen Leute man kann ihnen geſchickter den Arm geben. Aber ſorgen Sie dafür, Papa, daß meine Hochzeit gleichfalls in acht Tagen ſtattfinden kank.“ Man benachrichtigt Courtapatte von ſeinem Glücke, und Adelaiden zu gefallen werden die Vorbereitun⸗ gen ſo ſehr beſchleunigt, daß Johanns Hochzeittag auch der ihrige iſt. Da jedoch die Vermählungs⸗ feierlichkeit nicht in derſelben Kirche vorgenommen werden kann, ſo läßt ſich Madame Courtapatte mit ihrem Manne und ihrer Familie ſpazieren führen, der Kutſcher hat den Befehl, mehrmals die Rue Richer zu paſſiren, man bezahlt die Lotteriemufik, daß ſie unter den Fenſtern der Madame Dorville, nunmehrigen Madame Durand, ſtillehält und der dicke Tambour ſeine Trommel ſchlagend ausruft: „Dies iſt zu Ehren der Hochzeit des Fräuleins Ade⸗ laide Chopard mit Herrn Courtapatte!“ Die Neu⸗ vermählte wirft alsdann glühende Blicke nach Ca⸗ rolinens Fenſter, und ihr Gemahl, der ihr die Hand 94 küſſen will, iſt beinahe gänzlich in den Falten des Kleides ſeiner Frau verſteckt. Was das andere Ehepaar betrifft, ſo beſchäftigt er ſich wenig mit dem, was auf der Straße vorgeht. Nur ihrem Glücke und ihrer Liebe lebend kehren fie an dem auf ihre Vermählung folgenden Tage nach Luzarche zurück. Schönzopf dankt Carolinen, die ihn zum Beſuche auf ihrem Landhauſe einladetz aber Schönzopf iſt nimmer ſo raſch wie früher, er bleibt jetzt lieber zu Hauſe und macht von Zeit zu Zeit mit ſeiner kleinen Bonne ein Damenſpiel. Mit derjenigen, die er anbetet, vermählt, genießt Johann das füßeſte Glück, während ſeine beiden Ju⸗ gendfreunde Demar und Gervais ihre durch alle Laſter gebrandmarkte Lauſbahn auf den Galeeren endigen. Johann widmet dieſen Unglücklichen manchmal einen Seufzer, dann umarmt er ſeine Caroline und ſagt:„Du haſt mich zu dem gemacht, was ich bin.“ Und ihren Arm ſanft um ſeinen Hals ſchlingend, erwidert die liebenswürdige Frau:„Mein Lieber, es gibt Männer vom beſten Tone, die rauchen, ſpielen und ſogar manchmal fluchen, bei Damen aber jenes artige Betragen wieder annehmen, das den Zauber der Geſellſchaft ausmacht. Man entſchuldigt tauſend Dinge bei Leuten, welche Erziehung habenz Derjenige aber, welcher nichts thun und nichts lernen will, ſteht mitten in der Welt vereinzelt da und muß, weil er eine geringe Mühe ſcheute, ſehr viele Freuden entbehren.“ —— — — 5— Inhalt des erſten Theils. Erſtes Kapitel. Die Niederkunft„.*.. Zweites Kapitel. Die Taufe„ Drittes Kapitel. Reiſe im Coucou.— Beſuch bei der Amme Viertes Kapitel. Johanns Kindheit Fünftes Kapitel. Ball bei einem Tanzlehrer.— Johanns Knaben⸗ und Jünglingsalter Sechstes Kapitel. Der Familienrath und das Reſultat deſſelben ₰ Siebentes Kapitel. Die drei Flüchtlinge Inhalt des zweiten Theils. Erſtes Kapitel. Die Mißgeburt..... Zweites Kapitel. Ein anderer Schelmenſtreich Demars.— Die Bauernfamilie Drittes Kapitel. Das väterliche Haus.— Die junge Bonne.— Schönzopfs Plan... Viertes Kapitel. Die Familie Chopard.— Johanns Ver⸗ lobung... Fünſtes Kapitel. Nächtliches Ereigniß.— Das Notizen⸗ buch einer ſchönen Frau * Seite 1³ A 29 34 96 Sechstes Kapitel. Die Dame mit dem Gedenkbuch. Siebentes Kapitel. Carcline„ Achtes Kapitel. Zweiter Beſuch bei Madame Dorville„ Neuntes Kapitel. Johann ändert ſeine Lebensweiſe ⸗ 6 Inhalt des dritten Theils. Erſtes Kapitel. Johann in Soirée 5 8 8 Zweites Kapitel. Johann erlturt ſich Drittes Kopitel. Der Vater als Geſandter„.. Vlertes Kapitel. Ein Jahr„ 8.. Fünftes Kepitel. Fruchtloſe Vetfuche„ Sechstes Kapitel. Aufenthait zu Luzarch„„ Siebentes Kapitel. Die Beſuche.— Das Duell und ſeine Folgen....... Achtes Kapitel. Adelaide bei Caroline.— Die Diebe„ Nenntes und letztes Kapitel. Noch einmal die kleine Bonne. — Doppelte Heirath„ „ — 0— 2 8 8 8 Seite 81¹ ſſſiſ 13 14 13 16