1 Paul de Kock's ⸗ deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. 4*— Hundertſter Theil. vOE 3 Stuttgart: Druck und verlag von Scheible, Rieger 2 Sattler. 1846. Johann. Von Paul de Rock. Unſer Ruhm iſt oft das Werk eines Lächelns. Legonvs, Verdienſt der Frauen. Deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. Zweiter Theil. E 6 Stuttgart: Druck und Verlag von Scheible, Bieger* Fattler. 1846. Erſtes Kapitel. Die Mißgeburt. Einige Wochen lang durchſtrich Johann mit ſei⸗ nen Kameraden die Umgegend von Paris. Ueberall, wo es ihnen gefiel, machten ſie Halt, und beſon⸗ ders ließen fie ſich im Eſſen und Trinken nichts ab⸗ gehen. Alles bezahlten ſie, ohne zu handeln, und ſie wurden deßhalb, beſonders auch ihrer ſchönen Kleidung wegen, für junge Leute von guter Familie gehalten, die ihre Vacanz auf dem Lande zubringen wollten. Die Bauern finden Gefallen an ihnen, weil ſie fluchen, rauchen und trinken; und von den Bäurinnen, die manchmal mit ihnen tanzen, erhal⸗ ten ſie nicht immer Ohrfeigen, wenn ſie dieſelben küſſen wollen. Wenn man aber des Tages dreimal ißt und war immer das Beſte, was es gibt, auftragen läßt, wenn man ſich kein Vergnügen verſagt, wenn man endlich niemals handelt, ſo muß man bald den Grund ſeiner Börſe ſehen, ſelbſt wenn dieſelbe vierundzwanzig Louisd'or enthält. Eines Morgens, nachdem wie gewöhnlich die Zeche bezahlt war, ſagte Johann zu ſeinen Kameraden:„Meine Herrn, wißt ihr, daß ich nur noch zwei Goldftücke in mei⸗ ner Börſe habe?“ Paul de Kock. C. 4 2 „Sonderbar,“ ſagte Demar.—„Schade!“ ſagte Gervais.—„Was wollen wir anfangen, wenn wir dieſe beiden letzten Louisd'or verbraucht haben?“ „Verdammt!“ ſagte Gervais, ſich hinter den Ohren kratzend;„ich weiß nicht, womit wir unſere Diner bezahlen werden.“ — „Nun, wir wollen uns anderes Geld zu ver⸗ ſchaffen ſuchen,“ ſagte Demar.—„Wie ſo?— Wie? Ach! wir werden ſehen!... Soviel iſt ge⸗ wiß, daß ich nicht zu meinem Vater zurückkehren werde.— Ich eben ſo wenig zu meinen Eltern,“ ſagte Gervais;„man möchte mich wieder arbeiten laſſen, aber proſit! da wird nichts draus.— Zu⸗ dem dürfen wir einander nicht verlaſſen, wir find unzertrennlich.— Gewiß; und dann iſt es beſſer, wir ſeien beieinander, als zu Hauſe.“ Johann ſpricht nichts; er ſcheint nachzudenken. Unſere Rei⸗ ſenden betreten jetzt das Städichen Coulomniers. „Ein hübſcher Ort,“ ſagt Demar.—„ Ja erwidert Gervais;„hier iſt eine Reſtauration, ſo ſchön, wie man nur in Paris eine finden kann; wir wollen eintreten und diniren.— Aber,“ ſagt Johann,„wir ſollten jetzt unſer Geld ſparen und nicht ſo in den Tag hinein leben wie bisher.— Bah! bah! es iſt ſchon noch Zeit. Zuerſt wollen wir diniren und nachher rechnen.“ Man kehrt bei dem Reſtaurateur ein. Er reicht den jungen Herrn eine Karte, wie zu Paris. Ger⸗ vais geräth über die verſchiedenen Arten, auf welche 3 Kalbs⸗ und Hammelsfleiſch zubereitet wird, in Ver⸗ zückung und ruft:„Man ſollte von dem und von dem„und von dem eſſen.“ „Ja,“ ſagte Johann,„dann wird einer unſe⸗ rer Louis darauf gehen.— Und wenn auch! es bleibt ja noch einer übrig.— Aber nachher?— Nachher haben wir gut dinirt, das iſt die Haupt⸗ ſache.— Ihr denkt immer nur ans Eſſen.— Und Du predigſt nichts als Moral; es iſt ſchon der Mühe werth, die Kaſſe einem Menſchen anzuver⸗ trauen, der immer brummt, wenn er bezahlen ſoll.— Ich glaube doch, daß ſie mir gehörte.— Nein, ſie gehörte uns; wir haben ja Alles zuſam⸗ mengethan.— Zuſammengethan? Ich habe Alles hergegeben; ihr habt nichts dazugethan.— Du brauchſt uns keine Vorwürfe zu machen! Du biſt mir ein ſauberer Freund.“ Zum erſtenmale zankten ſie ſich zur Eſſenszeit; die Eintracht, welche, ſo lange Geld da war, un⸗ ter ihnen herrſchte, hatte bereits einen bedeutenden Stoß erlitten, weil die Louisd'ors ſtark auf die Neige gingen. Indeß wurde jetzt aufgetragen und Johann rief:„Meinetwegen könnt Ihr, wenn Ihr wollt, Alles verzehren, was noch da iſt; es iſt völlig gleichgültig.“ Nach dem Eſſen ging man in der Stadt ſpa⸗ zieren. Die jungen Herren hörten, daß am folgen⸗ den Tage ein Jahrmarkt gehalten würde, zu dem ſehr viele Leute aus der Umgegend kämen. „Sapperment!“ ſagte Demar zu ſeinen Kame⸗ 4 raden,„morgen wäre die beſte Gelegenheit, Geld zu verdienen, wenn man den Bauern einige Gau⸗ keleien vormachte.— Was für Gaukeleien?“ fragte Gervais.—„Ich weiß noch nicht, aber man muß die Sache überlegen.— Nun,“ ſagte Johann,„wir wollen über eine Poſſe nachdenken; ich bin dabei.“ Unſere Helden gingen wieder in das Wirthshaus zurück, wo ſie übernachten und ſoupiren wollten. Jeder ſann auf ein leichtes Mittel, um am folgen⸗ den Tage Geld zu verdienen. „Wenn wir Kartenkunſtſtücke machten?“ ſagte Demar.—„O! die Bauern ſind ſo abgeſchlagen als wir.— Ich,“ ſagte Gervais,„ich kann mich drei Minuten lang auf den Händen halten und die Füße in die Höhe ſtrecken.— Das hat man ſchon geſehen.— Ich verſchlinge Flachs.— Iſt zu ge⸗ wöhnlich.— Gervais Du haſt einen ſo guten Ma⸗ gen, könnteſt Du nicht ein Meſſer verſchlucken?— O nein, das kann ich nicht.— Verſuchs einmal. — Nein, es würde nicht gehen.— Wenn wir nur eine Merkwürdigkeit ſehen laſſen könnten, das wäre einträglich; die Bauern ſind ſehr neugierig; wir würden viel Geld gewinnen.— Der Teufel auch! Was könnten wir ihnen denn zeigen, das fſie nicht ſchon geſehen hätten?— Wir wollen ihnen eine Mißgeburt zeigen, wie man ſo viele auf dem Bou⸗ levard du Temple zu Paris ſieht.— Eine Mißge⸗ burt? Wir haben ja keine.— Glaubt ihr, daß alle diejenigen, welche ſolche zeigen, mehr haben, als wir? Es handelt ſich nur darum, eine zu — 5 machen; zu drei werden wir doch auch etwas ver⸗ anſtalten können.— Er hat Recht, wir wollen eine Mißgeburt machen, ein Thier, kurz, eine Merkwürdigkeit.— Wer ſoll aber die Mißgeburt vorſtellen? Gervais? nichtwahr?— Ja, er iſt ohnehin häßlich genug, da geht's um ſo leichter.— Demar ſoll Zuſchauer herbeirufen und ich werde das Thier als Cornac zeigen.— Ganz recht.— Es handelt ſich jetzt nur darum, was wir eigentlich aus ihm machen wollen. Einen Rieſen?— O nein, man müßte Stelzen und Beine von Pappendeckel haben.— Einen Fiſch?— Dazu wären Schuppen nöthig.“ „Wartet,“ ſagte Johann, indem er ſich vor die Stirne ſchlug.„Seht dort in jener Ecke liegt ein großer Kopf von Pappe, den wahrſcheinlich irgend ein Modehändler in dieſer Schenke liegen ließ.— Ja; und dann?— Du kannſt Deinen Kopf unter⸗ wärts halten, nichtwahr Gervais?— Ja, ein paar Augenblicke, wenn ich mich an einen Gegen⸗ ſtand anlehne.— Gut, nun iſt unſere Mißgeburt gefunden.— Wie ſo?— Du hältſt den Kopf un⸗ terwärts, wir unwickeln Dir die Beine mit Dei⸗ nem Rock und ſetzen den Puppenkopf, der noch eine Perrüke und einen Hut bekommen muß, auf Dei⸗ nen Rumpf. Dann können wir einen Mann zeigen, der zwei Köpfe hat, den einen oben, den andern unten.— In der That, nicht übel.— Ja, aber wenn man den oberen Kopf genau betrachtet und merkt.— Man betrachtet die Mißgeburten nur von ferne. Zudem kommſt Du an einen dunkeln Ort, und dann muß man auch etwas riskiren.— Einver⸗ ſtanden! wir wollen einen Mann mit zwei Köpfen ſehen laſſen.“ Nachdem die drei Reiſenden eine Probe mit ihrer Vorſtellung, die völlig zu ihrer Zufriedenheit aus⸗ fällt, und ſich auch über die Einrichtung einer zweck⸗ mäßigen Bude berathen haben, gehen ſie zu Bette, ganz entzückt über ihr Projekt, von dem ſie ſich eben ſo viel Vergnügen als Gewinn verſprechen. Nach⸗ dem am folgenden Morgen das Frühſtück und der große Kopf bezahlt iſt, ſuchen ſie auf dem Markte einen paſſenden Ort zu ihrer Vorſtellung auf. Dann kaufen ſie zu einer Bude mehre Ellen Lein⸗ wand, die ihnen aber theurer zu ſtehen kommt, als fie anfangs glaubten, weßhalb Johann zu ſei⸗ nen Kameraden ſagte:„Wenn wir nur unſere Un⸗ koſten herausſchlagen.— Man muß eben das Ein⸗ trittsgeld hoch ſtellen,“ erwidert Gervais. Jetzt mußten ſie auch noch große Pfähle haben, um das linnene Haus zu ftützen. Nachdem endlich die Einkäufe beſorgt waren, wurde zur Errichtung der Bude geſchritten. Als ſie fertig war, konnten zur Noth zehn Perſonen darin Raum finden. Das Innere wurde aber nur durch die Helle erleuchtet, welche durch die Leinwand hindurchdrang; dieſes Halbdunkel hielten unſere Helden zum Gelingen ihres Flanes durchaus für nothwendig. Gervais wurde nun aufgeputzt, wie am geſtri⸗ gen Abend; da er jedoch ſeinen Kopf nicht eine —,—— m 7 Stunde vorher unterwärts halten konnte, ſo ver⸗ abredete man, daß Demar Niemand einlaſſen ſollte, ohne in die Hände geklatſcht zu haben, zum Zeichen für ſeine Kameraden. Als Alles in Bereitſchaft war, ſtellte ſich Demar vor der Bude auf und rief: „Hier iſt zu ſehen ein außerordentliches, über⸗ natürliches Geſchöpf, ein Mann mit zwei Köpfen; denn einen hat er oben, den andern unten; treten Sie ein, meine Herrn und Damenz die Mißgeburt iſt lebendig, ſie ſpricht, und was das Merkwürdigſte iſt, ſie ſpricht gewöhnlich mit ihrem unteren Kopfe. Treten Sie ein, geniren Sie ſich nicht, es iſt noch Platz, es koſtet nur zehn Sous die Perſon, und Kinder unter zwei Jahren zahlen bloß die Hälfte.“ Einige Neugierige nähern ſich der Bude, aber Niemand tritt ein, Demar ruft immer lauter, doch die Leute entfernen ſich lachend wieder:„Das find uns ſchöne Komödianten, die nicht einmal ein Ge⸗ mälde an ihrer Bude haben.“ „Es ſcheint, wir machen ſchlechte Geſchäfte,“ ſagt Johann zu Gervais, der auf dem Boden liegen muß, weil ſeine Füße in den Rock eingewickelt find. „Treten Sie ein, meine Herren, treten Sie nur ein!“ ruft Demar einigen Bauern zu, die vor der Bude ſtehen.—„Wie viel koſtet's, wenn man Deine Mißgeburt ſehen will?“ fragt einer von ihnen.—„Nicht weiter als zehn Sous die Per⸗ ſon.— Zehn Sous! O, wir haben für zwei Sous Affen, Schlangen und Bären geſehen.— Ja, aber 8 keinen Mann mit zwei Köpfen!— Der kann auch* nicht ſchöner ſein als ein Bär.“ Die Bauern entfernen ſich und Johann ruft zur Bude hinaus:„Demar, ſetze Deinen Preis herab, Du ſiehſt, daß Niemand kommt; laß Ger⸗ vais um fünf Sous ſehen.“ Als Demar einige Neugierige in der Nähe fieht, ſo ruft er:„Heute zeigt man den Mann mit zwei Köpfen um fünf Sous, weil wir viele Leute haben; morgen aber muß man das Doppelte bezahlen, da unſere Mißgeburt ſehr theuer zu unterhalten iſt.“ Ein alter Bauer und ſein Weib gehen auf De⸗ mar zu und bezeigen nicht wenig Luſt zum Ein⸗ treten.„Ich habe noch nie eine ſolche Mißgeburt geſehen,“ ſagt der Mann;„und ich möchte doch nicht ſterben, ohne dieſelbe zu ſehen; es muß ſchön ſein.“—„Ein Mann, der zwei Köpfe hat!“ ſagt die Frau;„das iſt erſtaunlich, und Sie ſagen, Herr, da einer oben und einer unten iſt?— Ja wohl.— Wie ſitzt denn der obere?— Ganz wie die unſrigen.— Und an welchem Ort iſt der untere2 — Ah! das iſt außerordentlich; treten Sie ein, dann werden Sie es ſehen.— Wir wollen ein⸗ treten, Frau...— Nur noch einen Augenblick Geduld. Iſt Ihre Mißgeburt bösartig?— Sie iſt ſo ſanft, wie ein Lamm und ſingt ſogar, wenn man es verlangt.— Wie viel koſtet es?— Zehn Sous für Beide.— Das iſt ſehr theuer.— O ganz und gar nicht.— Bezahlt man vorher?— Dies iſt durchaus nöthig.“ Der alte Bauer gibt Demar ſeine zehn Sous und ſagt:„Wo geht es hinein, ich ſehe ja keine Thüre?— Da hinein. Aber wartet ein wenig, ich muß vorher ein Zeichen geben; unſere Mißgeburt könnte auch ſchlafen und dann würdet ihr nichts ſehen, weil ſie während des Schlafes ihre Köpfe unter ihren Schultern verbirgt, wie die Zeiſige.“ Demar klatſcht in die Hände. Alsbald muß Gervais den Puppenkopf aufſetzen und in demſelben Augenblicke treten der Bauer und ſeine Frau in die Bude und reiben ſich die Augen, um deutlicher zu ſehen. „Ach! Gott, wo ſfind wir denn?“ fragte die Frau;„man ſieht ja beinahe nichts.“—„Sehen ſie, meine Herrn und Damen, hier iſt der Mann mit zwei Köpfen,“ ſagt Johann, indem er ſich beinahe zwiſchen das Publikum und Gervais ftellt. „Ah! nun ſehe ich etwas,“ ruft der Bauer; „dort, Weib, iſt die Mißgeburt— Ach Gottl Mann, wie iſt ihr oberer Kopf ſo häßlich! was hat ſie für ſtiere Augen!“—„Blicken Sie den unteren Kopf an,“ ſagt Johann,„dieſer iſt ſchöner und er bewegt ihn gewöhnlich auch.— Laſſen Sie ihn doch ein wenig ſprechen.“ „Sprich!“ ſagt Johann, Gervais auf den Magen klopfend.—„Ich erſticke,“ murmelte dieſer und wird bereits purpurroth. „Was hat er geſagt, Herr?“ fragt die Bäurin. —„Er hat geſagt, ſie ſeien eine ſehr ſchöne Frau. — Dieſe Mißgeburt iſt nicht ſo dumm.“—„Man 10 hat uns auch geſagt, daß er finge,“ ſagt der Bauer. „Laſſen Sie ihn doch ein Liedchen fingen.“ „Willſt Du fingen?“ fragte Johann ſeinen Freund Gervais, aber dieſer flüſtert ihm ins Ohr:„Rein, beim Blitz! ich will aufſtehen Schicke die Leute ſogleich fort, ich kann nicht mehr.“ „Gehen Sie ſchnell!“ ruft Johann dem alten Bauer und ſeinem Weibe zu;„er geſtand mir, er habe Luſt, Sie zu freſſen.“ „Ach Gott! retten wir uns!“ Mit dieſen Worten ftürzte der Bauer und die Bäurin zur Hütte hinaus. Draußen fragte ſie Demar, um den ſich bereits eine Schaar junger Leute verſammelt hatte, ob ihnen die Mißgeburt nicht merkwürdig vorgekommen ſei. „Ja, ja,“ ſagte die Bäurin, es iſt eine ſchöne Komödie; aber Sie ſagten, Ihre Mißgeburt ſei zahm wie ein Lamm, und doch hat ſie uns den größten Schrecken eingejagt.—„Es iſt zwar merk⸗ würdig,“ ſagte der Bauer,„aber ich möchte nicht mehr ſo viel Geld ausgeben.— Warum nicht?— Nun, fragen Sie den Cornae, was dieſer Mann mit zwei Köpfen uns thun wollte. Wenn wir nicht ſo ſchnell hinausgelaufen wären, ſo hätte er uns gefreſſen; dies iſt Alles.“ Demar, der kaum das Lachen halten konnte, er⸗ widerte:„Sonderbar!. er befand ſich eben gerade in einem ſeiner ſchlimmen Augenblicke; doch iſt das ſehr ſelten.“ „Wir wollen gehen, Mann, ich bin nicht ruhig 11 bei dieſer Bude,“ ſagte die Bäurin zu dem Bauer und das alte Paar entfernte ſich. Die Bauernburſche, welche vor der Bude einen Theil dieſes Geſprächs gehört hatten, wurden dadurch nur um ſo neugieriger; ſie beriethen ſich wegen des Eintritts, wollten aber nicht fünf Sous bezahlen. Da ſie zu Vier waren, ſo ging Demar endlich auf zwölf Sous für alle zuſammen herunter. Die Bauernburſche zahlten, Demar klatſchte in die Hände und ließ dann ſein Publikum eintreten. Drinnen murrten die Burſche über die geringe Helle, welche durch die Leinwand drang.—„Warum haſt Du Deine Mißgeburt nicht beſſer beleuchtet!“ ſagte Einer von ihnen zu Johann.„Willſt Du uns Katzen für Tiger zeigen?“ Statt aller Antwort ſtellte Johann die vier Bauernbuſche ſo weit als möglich von Gervais auf und ſagte:„Seht, meine Herrn, den Mann mit zwei Köpfen; betrachtet beſonders den unteren Kopf, dies iſt der merkwürdigſte.“ Die Burſche betrachteten Gervais einige Augen⸗ blicke mit mißtrauiſcher Miene; dann ſagte Einer von ihnen zu Johann:„Warum bewegt der obere Kopf weder ſeine Augen, noch ſeinen Mund?— Er iſt ſo zur Welt gekommen, meine Herren, weiter kann ich nichts ſagen.“ „He! ihr Andern, ſieht der nicht aus wie eine Maske?“ ſagte ein zweiter Burſche, indem er auf Gervais zuging. Johann ſuchte ihn mit den Worten:„Kommen Sie ihm nicht ſo nahe, meine 12 Herren, er iſt manchmal bösartig,“ zurückzu⸗ drängen. „Freunde, ich glaube, daß man uns das Geld ſtiehlt!.. das iſt noch nie ein Kopf geweſen.. Während dieſes Geſpräches ſagte Gervais, der bereits ſehr müde war, zu Johann:„Schicke ſie doch fort. Ich kann es nicht mehr aushalten...“ Aber die Bauernburſche waren durchaus nicht geſonnen, jetzt ſchon zu gehen und während Johann ſein Möglichſtes that, um fie von dem Pappen⸗ kopfe fern zu halten, fiel Gervais der Länge nach hin und in dieſem Augenblicke rollte der falſche Kopf ſammt ſeiner Perrüke den Bauernburſchen vor die Füße. „Ahl ſeht ihr die Schelmerei! Spitzbuben ſind es! der Kopf iſt von Pappe,“ ſchrieen die Burſche; und als Johann ſah, daß die Sache ſchlimm ab⸗ laufe, ſchlich er zur Bude hinaus und wollte De⸗ mar zu Hülfe rufen. Dieſer aber hatte ſich bereits aus dem Staube gemacht. Um nun ſeinen gefan⸗ genen Kameraden zu retten, zog er die Pfähle aus dem Boden, ſo daß dieſelben ſammt der Leinwand auf die Bauernburſche fielen und in dieſer Verwir⸗ rung gelang es ihm, Gervais hervorzuzerren und mit ihm ins Freie zu entfliehen. 13 Zweites Kapitel. Ein anderer Schelmenſtreich Demars— Die Bauernfamilie. Johann und Gervais hatten Coulomniers hinter ſich, ehe noch die ſchwerfälligen Bauernburſche aus dem linnenen Häuschen hervorgekrochen waren. Johann wollte Halt machen, Gervais aber lief immer fort, denn die Furcht gab ihm Flügel; als ſie einen ſchmalen Fnßpfad eingeſchlagen hatten, ſahen ſie Jemand vor ſich herlaufen. „Ach Gott, da iſt einer von denen, die mich geſchlagen haben,“ ſagte Gervais.—„O nein,“ ſagte Johann,„es iſt Demar, ich kenne ihn wohl.“ Dieſer war es auch. Sobald die jungen Leute ſich wieder verſammelt hatten, ſtanden ſie hinter Gebüſchen ſtille, um Athem zu ſchöpfen. „Du haſt uns in einer ſchönen Klemme ver⸗ laſſen,“ ſagte Johann zu Demar.—„Warum wiſſet ihr eure Rollen nicht beſſer zu ſpielen?— Gervais konnte es eben nimmer aushalten.— Glaubt ihr, man könne lange in einer ſolchen Stellung bleiben und ſich nachher durchprügeln laſſen? Der Teufel ſoll mich holen, wenn ich je wieder eine Mißgeburt ſpiele.— Ich habe mich zuerſt geflüchtet, weil ich das eingenommene Geld nimmer herausgeben wollte. — Apropos, wie viel beträgt unſere Einnahme2 — Zweiundzwanzig Sous im Ganzen.— Das iſt ſauber! Wir haben nicht einmal ſo viel herausge⸗ ſchlagen, als die Perrüke koſtete.— Und die Lein⸗ 14 wandbude iſt in den Händen der Bauern geblieben! — Daran biſt Du ſchuld, Johann, denn Du machteſt den Vorſchlag, eine Merkwürdigkeit zu zeigen.— Man gewinnt eben nicht immer; vielleicht find wir ein andermal glücklicher.“—„Ja, aber ich mache auch keine Mißgeburt mehr,“ ſagte Gervais, indem er ſich die Lenden rieb.„Aufl wir wollen weiter reiſen, denn ich mag nicht ſo nahe bei dem Schau⸗ platze unſerer Heldenthaten bleiben.“ Die jungen Herren machten ſich wieder auf den Weg und ruhten erſt in dem Dörſchen Boiſſy⸗le⸗ Chatel ein wenig aus. Sie hielten es für gerathen, ſich immer weiter von Coulomniers zu entfernen. Unterwegs wurde aber nicht mehr geſpielt, denn Gervais ſchien zu leiden, Demar war in tiefes Nachdenken und Johann ſagte ganz leiſe zu ſich ſelbſt:„Ach! wäre ich doch bei meinen Eltern! Mein Vater hatte mich allerdings eingeſperrt, aber ich verdiente auch eine Straſe, und ſicherlich hätte meine Mutter mich nicht lange bei Waſſer und Brod ſitzen laſſen.“ Als unſere Reiſenden in das Städtchen Rebais einziehen, denken ſie nicht mehr daran, den beſten Lraiteur aufzuſuchen, das Schauſpielunternehmen hat ihre Börſe bedeutend erleichtert; Johann beſitzt nur noch zwanzig Franken und erklärt mit Beſtimmt⸗ heit, daß dieſes Geld fünfzehn Tage ausreichen ſoll. Demar lachte ihm ins Geſicht und Gervais erwidert:„Wenn's ſo ſteht, eſſen wir keine Reb⸗ hühner mehr.“ 15⁵ Die jungen Herren gehen in eine abſcheuliche Kneipe und ſpeiſen zum Nachteſſen Omelette und Käſe. Dann weist man allen Dreien ein einziges Bett in einem Manſardenzimmer an; die Nacht bringen ſie mit Streitigkeiten anſtatt mit Schlafen hin; denn das Unglück macht übelgelaunt, beſonders wenn man es verdient hat. Nach dem Frühſtück am folgenden Morgen be⸗ zahlt Johann die Zeche; trotz aller Einſchränkungen beträgt ſie mit dem Schlafgeld doch ſieben Franken, und Johann ſagt zu ſeinen Kameraden:„Bei aller Sparſamkeit und ſchlechter Koſt werden die zwanzig Franken nicht weit reichen.— Dann wäre es beſſer, wir dinirten gut,“ bemerkte Gervais. Demar ſprach kein Wort, ſondern betrachtete einen Reiſenden, der ſo eben das Wirthshaus be⸗ treten hatte und unter dem Arme ein ſchweres Felleiſen hielt, das er auf eine Bank neben einem Tiſch ſtellte, an welcher er ſelbſt ſich niederſetzte. Das Geſicht dieſes Reiſenden verrieth Zutraulich⸗ keit und Gutmüthigkeie; kaum war er eingetreten, ſo knüpfte er ein Geſpräch mit allen Perſonen in ſeiner Nähe an und erzählte ihnen ſeine Angelegenheiten. „Laſſet uns gehen,“ ſagt Johann,„was thun wir hier?— Meiner Treu, ich bin müde,“ verſetzt Demar,„auch haben wir keine Eile... Wir wollen deßhalb noch ein wenig bleiben, und ich hoffe, es wird nicht umſonſt ſein.— Wie?“ Demar ſpricht nicht weiter, ſondern legt ſich auf eine Bank und raucht eine Pfeife. Johann und 16 Gervais gehen in einem kleinen Garten hinter dem Hauſe ſpazieren. Hier mochten ſie bereits eine Vier⸗ telſtunde ſein, als Demar zu ihnen kam. Sein Geſicht hatte einen ganz beſonderen Ausdruckz er blickte häufig zurück und ſchien ſehr aufgeregt. „Was zum Teufel haſt Du gemacht?“ fragte Johann, betroffen über Demars Verwirrung.— „Einen ſchönen Schelmenſtreich,“ erwiderte Demar mit leiſer Stimme und immer zurückblickend.— „Was iſt's denn?— St! ſprecht leiſe! O⸗ ich habe meine Zeit nicht verloren. Ich habe dieſem Tölpel von Reiſenden, den Ihr geſehen habt, einen guten Streich geſpielt. Ich glaubte, es ſei hier im Garten ein Ausgang, ich ſehe aber keine Thüre.— Gut, wir werden durchs Haus gehen... kommt! — Rein, nein, wartet!“ ſagte Demar, indem er Johann, der gerade ins Haus zurück wollte, auf⸗ hielt. Ich gehe dieſen Weg nicht wieder zurück... Wenn der dumme Reiſende es bemerkt hätte Jedoch, er frühſtückt und ich hoffe— Was haſt Du denn? Warum zitterſt Du ſo? Sprich„— Freut Euch wir ſind wieder bei Geld! Wir können uns aufs Neue und lange Zeit hindurch amüfiren! Da. ſeht Ihr dieſes Portefeuille?“ „Ach Gott!“ rief Johann, dem plötzlich ein Licht aufging;„ſprich Dich aus. dieſes Portefeuille, wem gehört es?— Es gehörte jenem Reiſenden, der mit Jedermann plauderte. Nachdem Ihr hin⸗ weggegangen, habe ich mich ihm genähert und ein Geſpräch mit ihm angeknüpft. Der Tölpel machte 17 ſein Felleiſen auf, um mir die Geſchenke zu zeigen, welche er ſeiner Frau bringe; dabei ſagte er mir, er habe zu Coulomniers tauſend Thaler eingenom⸗ men; dann zog er ſein Portefeuille heraus, um eine Adreſſe zu ſuchen, und nachdem er daſſelbe wieder zugemacht, wollte er es in die Taſche ſtecken, ließ es aber auf den Boden fallen. Alsbald ſtellte ich meinen Fuß darauf, dann bewunderte ich die Geſchenke, welche das Felleiſen enthielt, um den Fremden zu zerſtreuen; endlich hob ich das Porte⸗ feuille unbemerkt auf und verabſchiedete mich.— Unglücklicher! das iſt ein Diebſtahl,“ ſagte Jo⸗ hann, indem er Demar mit Entrüſtung anblickte. —„Nein, es iſt kein Diebſtahl; warum läßt der Tölpel ſein Portefeuille fallen?— Du ſahſt es ſeinen Händen entfallen und hätteſt es ihm wieder geben ſollen.— Ich habe es aber nicht genommen, ſondern nur aufgehoben.— Du mußt es aber dem Eigenthümer wieder zurückſtellen.. Wenn dieſer Reiſende bemerkt, daß es ihm fehlt. wenn man es bei Dir fände.. Ach Gott, wir würden als Diebe verhaftet..— Bah! bah! Du ſiehſt ſogleich Alles im ſchwärzeſten Lichte. Ich werde es nicht zurückgeben.— Gut, ich gehe O Himmel, es iſt nicht mehr Zeit.. Gebt Acht, wir werden verhaftet.“ Demar und Gervais kehren ſich um und ſehen zwiſchen den Bäumen hindurch, hinter denen ſie verborgen find, drei Gendarmen, die in den Gar⸗ ten getreten ſind, am Eingange einer Allee ſtehen bleiben und Jemand zu ſuchen ſcheinen. Paul de Kock. C. 2 18 Gleich als hätte man ihm ein Meduſenhaupt vorgehalten, wird Demar blaß und kann keinen Schritt weder vor⸗ noch rückwärts thun. In Folge einer unter bedenklichen Umſtänden bei ihm gewöhn⸗ lichen Bewegung iſt Gervais ſogleich unter einen einen Tiſch geſchlüpft; Johann hingegen, der bei dem Gedanken zuſammenſchaudert, als Mitſchuldi⸗ ger eines Diebſtahls verhaftet zu werden, während ſein Gewiſſen ihm nichts vorwerfen kann, entfernt ſich ſchnell von ſeinen Kameraden, läuft nach dem Hintergrunde des Gartens und ſpringt über die nur vier Fuß hohe Mauer ins Freie, wo er über eine Stunde weit flieht, ohne anzuhalten oder zurück⸗ zublicken. In einem Gehölze legt er ſich endlich vor Mat⸗ Ligkeit nieder und ſchläft ein. Als er wieder auf⸗ wacht, iſt es vereits finſtere Nacht. Da ſieht er in der Ferne ein Licht; er geht darauf zu und kommt an ein elendes Bauernhäuschen. Auf ein leichtes Klopfen an der Thüre erwidert eine Kinderſtimme: „Biſt Du es, Johann?“ Unſer Reiſender iſt ein wenig überraſcht, an einem ihm völlig unbekannten Orte ſeinen Namen nennen zu hören. Indeß iſt die Stimme, welche ihm zurief, ſo ſanft, daß er nicht umhin kann, als⸗ bald zu antworten:„Ja, ich bin's.“ Die Thüre wird geöffnet, ein ſieben⸗ bis acht⸗ jähriger Knabe mit ſanftem, naivem Geſichtchen erſcheint auf der Schwelle und ruft, als er den jungen Reiſenden ſieht:„Ach, das iſt nicht Johann!“ „ 19 Indeß thut unſer Reiſender einige Schritte vor⸗ wärts und befindet ſich an der Thüre eines ärmlich möblirten Zimmers, in welchem ein etwa fünfzig⸗ jähriger Bauer an einem Tiſche ſitzt, während eines ſeiner Beine auf einem Schemel ruht.„Wer iſt da?“ fragt derſelbe, nach der Thüre blickend. „Guter Freund,“ ſagt Johann und ſchreitet wei⸗ ter vorwärts,„ich habe mich im Walde verirrt, ich bin nicht bekannt in dieſer Gegend und ſuche ein Haus, wo ich zu Nacht eſſen könnte, denn ich bin ſehr hungrig. Ich werde bezahlen Freund, denn ich habe ſchon noch Geld.“. Der Bauer lächelte, indem er Johann anſah, deſſen Jugend und offenes Geſicht ihm Theilnahme einflößten.—„Wenn Sie auch nicht bezahlen könn⸗ ten,“ ſagte er,„glauben Sie, ich würde Ihnen ein Stück Brod verweigern? Nein, das iſt nicht meine Gewohnheit, obwohl ich nicht reich bin.“ „O nein, wir ſind nicht reich,“ ſagte der kleine Knabe,„beſonders ſeit unſere Kuh todt iſt.“ „Schweig, Jakob. Treten Sie ein, junger Herr, ſetzen Sie ſich. Ich will Ihnen geben, was ich habe, auch erwarte ich jeden Augenblick meinen älteſen Sohn, der wieder Mundvorrath bringt. Ich glaubte, er wäre es, als Sie klopften.— Er heißt alſo Johann?— Ja.— Gerade wie ich.— Ah, Sie heißen wie mein Sohn! Dies iſt ein wei⸗ terer Grund, daß Sie mit uns zu Nacht eſſen müſſen.“ Johann ſetzt ſich an den Tiſch. Der kleine Jakob 20 legt ihm Brod und Käſe vor und betrachtet ihn mit vieler Neugierde. Während Johann ißt, hat er alle möglichen Fragen zu beantworten, die der Bauer an ihn richtet. Eine Weile nachher kommt der älteſte Sohn, der durch unermüdliche Arbeit ſeinem an einem Fuße gelähmten Vater ein ſorgen⸗ freies Leben bereitet. Rührende Worte der Liebe werden zwiſchen Vater und Sohn ausgetauſcht und machen auf Johann einen unbeſchreiblichen Eindruck, ſo daß dieſer den feſten Entſchluß faßt, am nächſten Morgen nach dem dreizehn Stunden entfernten Paris zu ſeinen Eltern zurückzukehren. Johann theilt mit dem älteſten Sohne des Bauers das Bett. Aber der Schlaf kommt nicht in ſeine Augen, allzuviele Gedanken bewegen ſein Herz und ſeinen Geiſt; er wirft ſich ſeine Flucht vor, er denkt an den Kummer, den ſeine Eltern erdulden müſſen, an die Art, auf welche er ihre Liebe, ihre Nachſicht gegen ihn belohnt. Welcher Unterſchied zwi⸗ ſchen ſeinem Betragen und dem der Kinder dieſes armen Bauers, deſſen älteſter Sohn jetzt ſo ruhig neben ihm ſchläft.„Ich will zu meiner Mutter zurückkehren,“ dachte Johann,„dann werde ich ſo ruhig ſchlafen als er.“ Der Tag erſchien endlich und die Bewohner der Hütte ſtanden frühzeitig auf. Man frühſtückte, der älteſte Sohn nahm Hacke und Spaten und ging an die Arbeit. Johann erkundigte ſich nach dem Wegz vor ſeiner Abreiſe wollte er all ſein Geld dem Bauern geben, dieſer aber nahm nur einen ſehr 21 kleinen Theil davon an. Der kleine Jakob zeigte Johann die Straße nach Paris, und als Johann an der Stelle angekommen war, wo er keines Führers mehr bedurfte, gab er dem Kleinen ſein Geld und ſagte:„Da bring es Deinem Vater, ich brauche nichts mehr, denn ich werde heute Abend ſchon bei meinen Eltern ſein.“ Der Kleine nahm Alles, was man ihm gab, hüpfte vor Freude und rief, als er heimkam.„Jetzt können wir wieder eine Kuh kaufen! Jetzt können wir wieder eine Kuh kaufen!“ Mit ſich ſelbſt zufriedener, als am vorigen Abende, wanderte Johann wohlgemuth ſeinen Weg dahin, und machte erſt nach ſechs Stunden Halt, um in einem Wirthshauſe für zehn Sous, die er ſich als Reiſegeld zurückbehalten hatte, ein Mittag⸗ eſſen einzunehmen. Es blieben ihm jetzt noch ſieben Stunden übrig und als er in Paris ankam, war es bereits Nacht. Aus Furcht, zu Hauſe übel empfangen zu werden, ſuchte er die Wohnung ſeines Pathen Schönzopf auf, der von jeher zwiſchen ihm und ſeinem Vater den Vermittler gemacht hatte und deſſen ausnehmende Nachſicht er wohl kannte. Drittes Kapitel. Das väterliche Haus— Die junge Bonne— Schönzopfs Plan. Von Herrn Schönzopf wurde Johann mit der größten Freude aufgenommen. Leider aber hatte 22 ihm der würdige Pathe mitzutheilen, daß ſein Vater während ſeiner zweimonatlichen Abweſenheit am Schlage geſtorben ſei, obwohl er jeden Morgen einen Kräuterabguß gegen einen ſolchen Fall ein⸗ genommen habe. Johann fand deßhalb ſeine älter⸗ liche Wohnung in ganz veränderten Verhältniſſen. Madame Durand hatte ſich vom Geſchäfte zurück⸗ gezogen und lebte von ihren ſechstauſend Thalern Renten, welche ſie der Sparſamkeit ihres Mannes und dem vortheilhaften Verkaufe des Kräuterladens verdankte. Da nun Johann von dem Vermögen ſeiner verſtorbenen Pathe eben ſo viel Renten be⸗ zog, ſo ſagte Madame Durand zu Jedermann: „Mein Sohn erhält eines Tages zwölftauſend Thaler Renten, mit dieſen, ſo wie mit ſeiner hübſchen Figur und ſeinen ſonſtigen Eigenſchaften kann er eine Herzogin heirathen.“ Uebrigens hatte Johann, beiläufig geſagt, eine größere Vorliebe ſür Griſetten, als für Herzoginnen. Er war jetzt häufig in Geſellſchaft Schönzopfs und lebte ganz nach ſeinem Behagen, aber ohne ſich, wie unter ſeinen früheren Freunden, zu berauſchen. Die Zeit floß ſchnell dahin. Johann hatte ſein neunzehntes Jahr zurückgelegt. Er ſchloß ſich an mehre junge Leute ſeines Alters an, betrachtete ſie aber mehr als Bekannte, denn als Freunde. Indeß wurde ſein gutes Herz doch öfters mißbraucht. Man entlehnte Geld von ihm und er konnte Niemand etwas abſchlagen; er erwies Anderen gerne einen Dienſt und ſo ſich einer bei ihm über Unglücksfälle 6 23 beklagte, ſo ſtellte er demjenigen, den er für un⸗ glücklich hielt, ſeine ganze Börſe zur Verfügung. Viele borgten nun von ihm, ohne es ihm wieder zurück zu zahlen, und oft traf es ſich, daß er den vermeintlichen Unglücklichen, welchem er geholfen, in einem Wirthshauſe ſchwelgen und ſich über ſeine Gutmüthigkeit luſtig machen ſah. Schönzopf ſiellte ihn deßhalb manchmal zur Rede, aber Johann wollte nie auf die engherzigen Grundſätze ſeiner Pathen eingehen. Johann beſuchte oft mehrmals des Tages den alten Peruquier, fand ihn aber nicht immer zu Hauſez dagegen traf er Jungfer Roſa, eine junge Bonne, welche der galante Herr als Haushälterin angenommen hatte. Dieſe ſah Johann nicht un⸗ gerne; beſonders fand das Mädchen Gefallen an ſeinem freien, ungenirten Weſen. Johann plauderte mit Roſa, die keineswegs die Spröde ſpielte, und oft drückte er ihr während des Geſpräches die Hand, dann den Arm, dann das Kinn und manchmal auch noch etwas Anderes. Jungfer Roſa wurde keines⸗ wegs böſe, ſondern ſtellte ſich, als gebe ſie nicht Acht darauf. Als Johann eines Morgens ſeinen Pathen nicht zu Hauſe fand, ſetzte er ſich neben die junge Bonne und ſagte zu ihr:„Roſa, man behauptet, ich ſei roh, uncultivirt, glauben Sie das?— Gewiß nicht, Herr Johann, ich habe Sie im Gegentheile immer ſehr artig gefunden. Sie ſind jung und lebhaft, das iſt ſehr verzeihlich! Auch liebe ich lang⸗ 24 ſame Leute durchaus nicht; ach Gott! dieſe find ganz unerträglich.— Man ſagt auch, ich fluche bei jeder Gelegenheit.— Pfui! welche Lüge! Zudem.. welcher Mann flucht nicht? In Augenblicken der Aufregung kann man ſich oft unmöglich zurückhalten. Ich kenne viele Frauen, welche ärger fluchen als Grenadiere, z. B. die Frau des Portiers da drüben. — Man ſagt, ich rieche nach der Pfeife auf eine Stunde weit.— Nun, das beweist eben, daß Sie rauchen, weiter nichts. Ich liebe den Tabaksgeruch ſehr.— Mein Pathe behauptet, ich habe einen ſchlechten Gang.— Er möchte wohl, daß Sie gleich ihm wie ein Aal einherſchlichen.— Ferner ſagt er, ich verwende nicht genug Sorgfalt auf meine Toi⸗ lette.— Etwa, weil Sie den Stutzer nicht machen und zwei Stunden vor dem Spiegel ſtehen? Sie ſind ſehr geſchmackvoll gekleidet; ich verabſcheue die Gecken.— Er behauptet, ich habe nicht Weltkennt⸗ niß genug, ich müſſe mehr lügen und gegen die mir Unangenehmen eine gute Miene machen.— Das ſind mir ſchöne Rathſchläge! Man will Ihr reines Herz beflecken, Ihre gute Geſinnung ver⸗ derben. Hören Sie nicht darauf, Herr Johann; ſind Sie denn nicht groß genug, um Ihr Benehmen ſelbſt ermeſſen zu können?— Endlich hat er ge⸗ ſagt, ich könne keinem Frauenzimmer den Hof machen; ich ſei nicht galant u. ſ. w.— Hal ha! hal als ob Sie ſeiner bedürften, um zu gefallen. ⸗ Es ſcheint mir, daß Sie wohl im Stande find. N 25 Kurz, Sie ſind in einem um zu wiſſen.. Und dann verſteht es ſich. Sei es, daß Jungfer errathen hatte, daß ſie Johann geßalle, oder daß dieſer ihr zeigen wollte, wie er den Damen den Hof mache, kurz die Unter⸗ haltung hatte bereits über eine Stunde gedauert, als Schönzopf heimkam; da er einen Hausſchlüſſel hatte, ſo klingelte er nicht und gelangte unbemerkt bis in den kleinen Salon, in welchem Johann noch mit der jungen Bonne plauderte. Schönzopf ſchnitt diesmal eine Grimaſſe, welche keinem Lächeln glich; es kam ihm vor, als ob ſein Pathe und die junge Bonne allzu vertraulich mit einander koſeten. Johann indeß ging ſeinem Pathen fröhlich ent⸗ gegen und ſagte:„Ich erwartete Sie..— Das ſehe ich,“ erwiderte Schönzopf und biß ſich in die Lip⸗ pen;„biſt Du ſchon lange hier?— Herr Johann iſt ſo eben gekommen,“ rief die Bonne.—„Bahl Lügen Sie doch nicht,“ ſagte Johann,„ich bin ſchon über eine Stunde da.“ Roſa erröthete, indem ſie wahrſcheinlich fand, daß Johann doch allzu frei ſei und daß es ihm wirklich an Weltklugheit fehle. „Worüber plauderteſt Du denn mit Roſa,“ fuhr Schönzopf nach einem Augenblicke fort.—„Herr Johann erzählte mir von ſeiner Reiſe,“ ſagte Roſa. —„Von meiner Reiſe? Ich habe Ihnen kein Wort davon geſagt! Ich ſagte Ihnen ja, daß Sie ſehr hübſch ſeien, Roſa.— Ah! das war aus Spaß, 26 mein Herr.— Nein, es war Ernſt.. Kurz, mein lieber Pathe, ich umarmte Jungfer Roſa, als Sie kamen.— Nein, mein Herr, Sie umarmten mich nicht.— Ach, das iſt doch zu arg! Sehen Sie, lieber Pathe, wie ich ſie hielt.“ „Gut, gut,“ ſagte Schönzopf, indem er ſich zwiſchen Schönzopf und Roſa ſiellte.„Ich kann mir denken, wie Du ſie hielteſt. Roſa, gehen Sie in die Küche.“ Roſa ging, warf aber Johann noch einen ver⸗ ſtohlenen Blick zu, der ihm offenbar Verſchwiegen⸗ heit anempfehlen ſollte; dieſer jedoch achtete nicht darauf. Nun hielt der eiferſüchtige Alte ſeinem Pathen eine lange Moralpredigt, welche der leichtfinnige Johann mit der Frage abbrach:„Wollen wir nicht ausgehen und irgendwo eine Pfeife rauchen?— Nein, ich danke, ich werde zu Hauſe bleiben.“ Johann entfernte ſich und Schönzopf blieb allein; er verſank in tiefes Nachdenken und ſchien nicht ſo guter Laune zu ſein wie gewöhnlich. Roſa kam öfters ins Zimmer, aber er ſprach nichts mit ihr; ſie huſtete, ſang, näherte ſich endlich ihrem Herrn und ſprach mit honigſüßer Stimme, wobei ſie ihre ſchneeweißen Zähne durchſchimmern ließ:„Wollen Sie nicht Dame ſpielen?“ Roſa kannte ihren Herrn ſehr gut; ſein Zorn hatte ſich bereits gelegt; das Lächeln der kleinen Bonne hatte etwas Verführeriſches, dem Schönzopf nicht widerſtehen konnte; indeß verſuchte er eine 27 ernſte Miene anzunehmen und erwiderte:„Roſa, ich bin ſehr unzufrieden mit Ihnen?— Warum denn, Herr?— Weil ſich Johann Freiheiten, ja Vertraulichkeiten gegen Sie erlauben darf.— Er hat ſich keine Freiheiten erlaubt, Herr; glauben Sie nicht, daß Johann an mich denkt, er will nichts von den Frauenzimmern... Warten Sie, Ihre Friſur iſt ein wenig in Unordnung, ich will Ihnen dieſe Locke anders wickeln.— Ich weiß wohl, daß Johann ein loſer Vogel iſt, der über Alles lacht, und damit baſta! Sieht meine Friſur jetzt wieder beſſer aus, Roſa?— O, nun ſind Sie wieder allerliebſt; es ſteht kein Haar ſchief.— Deſſen⸗ ungeachtet, wenn mein Pathe während meiner Ab⸗ weſenheit wieder kommt, ſo muß man ihm ſagen... — Ich weiß recht gut, was ich ihm ſagen muß.. aber warum waren Sie heute morgen ſo lange aus? Ohne Zweifel beſuchten Sie die Parfümeuſe?— Ja, ich habe einen Augenblick bei ihr eingeſprochen. — Das dachte ich mir doch! Wenn Sie dort ſind, ſo können Sie kaum wieder fortkommen.— Roſa, Sie ziehen mich an den Haaren! Sie thun mir wehe!— Um ſo beſſer. Ich ſollte Ihnen alle Haare herausreißen, damit Sie weniger den Galanten ſpielen.“ „Ein verteufeltes Mädchen, aber bezaubernd!“ ſagt Schönzopf zu ſich ſelbſt, während er ſich an das Spielbrett ſetzt.„Trotzdem möchte ich doch nicht, daß mein Pathe oft allein bei ihr wäre.“ Während Schönzopf die Steine legt, finnt er varüber nach, auf welche Weiſe wohl Johann die Gedanken an Roſa aus dem Kopfe zu bringen ſeien. Plötzlich geht ihm ein Licht auf, Schönzopf iſt ganz begeiſtert durch ſeine Entdeckung; er erhebt ſich raſch, nimmt ſeinen Hut und läßt die junge Bonne bei dem unvollendeten Spiele ſitzen. „Nun, warum laſſen Sie mich denn da ſitzen, Herr?“ fragt Roſa.—„Ich habe mit Jemand über eine wichtige Angelegenheit zu ſprechen.— Sie haben aber die Partie noch nicht ausgeſpielt.— Wir werden ſie ein andersmal ausſpielen.— Das iſt ſauber, mitten in einer Sache ſtecken bleiben.— Heute Abend, Roſa, heute Abend mache ich vier Partien mit Ihnen.“ Dies ſprechend, geht Schönzopf zur Thüre hin⸗ aus und begibt ſich zu Madame Durand. Wie er wohl wußte, war Johann um dieſe Zeit nicht zu Hauſe. Der Zweck dieſes eiligen Beſuches beſtand in nichts Anderem, als daß der eiferſüchtige Schönzopf Madame Durand überreden wollte, ſie möchte jetzt ihren Sohn verheirathen, indem ſich in der Perſon des Fräuleins Adelaide Chopard eine vorzügliche Gelegenheit dazu darbiete. Die Mutter erhob zwar allerhand Bedenklichkeiten, Schönzopf wußte ſie aber, indem er namentlich ihrer Eitelkeit ſchmeichelte, auf eine gewandte Weiſe niederzuſchlagen. Beſonders machte er geltend, daß Fräulein Adelaide eine einzige Tochter ſei und 60,000 Franken als Mitgift bekomme, ohne die künftigen Ausſichten in Rechnung zu brin⸗ 29 gen, indem die Chopards wenigſtens 10,000 Thaler Renten hätten. Schönzopf wollte auch den Braut⸗ werber machen, und die Unterredung ſchloß endlich damit, daß er den Auftrag erhielt, die Familie Chopard zu einem Diner zu Madame Durand ein⸗ zuladen, um Johann Gelegenheit zu geben,* ſeiner Zukünftigen bekannt zu werden. Sehr zufrieden mit dem guten Erfolge eines Planes, kehrte der Friſeur nach Hauſe zurück und dachte bei ſich ſelbſt:„Wenn ich Johann mit Fräu⸗ lein Chopard verheirathe, ſo weiß ich gewiß, daß er mich Morgens nicht mehr ſo oft beſuchen und nicht mehr daran denken wird, meiner Bonne Schmei⸗ cheleien zu ſagen. Viertes Kapitel. Die Familie Chopard.— Johanns Verlobung. Nachdem Schönzopf am nächſten Morgen ſeine Toilette gemacht und Roſa bis zu ſeiner Rückkehr zu ihrer Nachbarin geſchickt hatte, ſtattete Schön⸗ zopf der Familie Chopard, welche in der Rue de Berry wohnte, einen Beſuch ab. Die Chopards waren gute Leute. Der Mann machte gerne Witze und lachte eine ganze Viertelſtunde lang über ein altes Bonmot, welches er ſchon hundertmal zum Beſten gegeben hatte; ſeine Frau lachte, ſobald ihr Mann den Mund öffnete, und oft, nachdem ſie bis zu Thränen gelacht hatte, fragte ſie, was er geſagt 30 habe. Fräulein Adelaide war das Idol ihrer El⸗ tern, welche kein anderes Kind als ſie beſaßen. Sehr verſchieden von Johann, der vom Geſchäfte ſeines Vaters nichts wiſſen wollte, legte Adelaide ſehr viel Vorliebe für das Deſtilliren(ihr Vater war ein Deſtillateur und Liqueurhändler) an den Tag. Schon in ihrer früheſten Jugend machte ſie Verſuche mit Kirſchen⸗ und Pflaumenwaſſer, und ihre erſtaunten Eltern wollten ſogar einen von ihr fabrizirten Abricot in die Induſtrieausſtellung ſchicken, aber er wurde nicht angenommen. Indeß war Fräulein Adelaide etwas launiſch, etwas ſauertöpfiſch, etwas anſpruchsvoll und immer eigenfinnig; in den Augen ihrer Eltern jedoch war ſie ein Engel Sie hatte die Muſik und das Zeich⸗ nen angefangen, aber nichts darin gelernt; nachher wollte ſie Aſtronomie, dann Geſchichte, dann Bo⸗ tanik, dann Chemie ſiudiren: kurz, ſie hatte Alles angefangen und wußte gar nichts, außer einen vor⸗ züglichen Ratafia zu bereiten; die Chopards jedoch hielten ihre Tochter für ſehr gelehrt und zogen vor ihrem Uurtheile die Flagge ein. Fräulein Adelaide hatte auf dieſe Weiſe ihr neunzehntes Jahr erreicht; ſie war groß und ſehr gut gebaut; ihr obwohl et⸗ was ſtarkes Geſicht war nicht unangenehm; ihre ſehr hervortretenden Augenbrauen verliehen ihr ein etwas hartes Ausſehen; da ſie jedoch eines Tages reich werden ſollte, ſo hatte ihr bereits viele junge Leute den Hof gemacht. Adelaide aber ſpielte die 31¹ Spröde; ſie war dergeſtalt an Schmeicheleien ge⸗ wöhnt, daß die Complimente ihrer Anbeter ſie wenig berührten, und wenn ihre Eltern fragten:„Willſt Du dieſen da heirathen?“ ſo antwortete ſie ganz unumwunden:„Nein, wahrhaftig; er hat mir das⸗ ſelbe geſagt, was die Anderen.“ Schönzopf findet Herr und Frau Chopard allein und dieſer Umſtand iſt ſeinen Planen ſehr gelegen. Er ſpricht von der reizenden Adelaide; mit Eltern von ihrer einzigen Tochter ſprechen, heißt mit einem Schriftſteller von ſeinen Werken, mit einem alten Soldaten von ſeinen Schlachten, mit einer Kokette von ihren Eroberungen, mit einem Liebhaber von ſeiner Geliebten reden. Dann lenkt Schönzopf durch eine geſchickte Wendung das Geſpräch auf das Thema des Heirathens und ſagt:„Ich wüßte eine vor⸗ zügliche Partie für Ihre Tochter.— Bah!— Es iſt gerade kein Gelehrter, aber ein luſtiger Kerl, mit dem eine Frau nicht ſchlecht fahren würde; ein hübſcher Burſche von zwanzig Jahren und einziger Sohn, der zwölftauſend Thaler Renten bekommt. — Nun, das läßt ſich hören; wer iſt denn der junge Mann?— Es iſt der Sohn des verſtorbenen Du⸗ rand, des Herbariſten in der Rue St. Paul.— Der Sohn des armen Durand, der die Kräuter ſo ſehr liebte. Ach, wahrhaftig, ich habe ihn noch als ein kleines Kind geſehen.— Aber ich glaube, man legt ihm einen ſchlechten Charakter bei?— Reine Verleumdung, Madame Chopard; Johann Durand iſt etwas lebhaft und luſtig, was man Leuten von 32 ſeinem Alter nicht verargen kannz im Uebrigen je⸗ doch iſt er rein wie ein Diamant und gefühlvoll wie ein Frauenzimmer. Zudem bin ich ſein Pathe und habe ihn beinahe nie aus den Augen gelaſſen⸗ ich kann mich deßhalb für ihn verbürgen.— Wenn es ſich ſo verhält, könnte man.. Uebrigens wird Adelaide ſogleich ſehen, ob er ihn anſteht ſie hat einen merkwürdigen Takt.— Kennt ſie ſich in den Männern ſo gut aus?— In Allem, mein lieber Freund.— Sie haben eine ſehr gelehrte Toch⸗ ter.— Ich verſichere Ihnen, ihr Mann muß ſehr geſchickt ſein, wenn er ſie noch etwas lehren will. — Hören Sie, ich will keine Umſchweife machen; ich bin von Madame Durand veauftragt, Sie nebſt Ihrer Fräulein Tochter auf morgen zu einem Diner einzuladen. Wir wollen aber den jungen Leuten nichts davon ſagen, ſie werden deſto beſſer ſehen, ob ſie einander gefallen. Madame Durand wagte nicht ſelbſt zu kommen, aber unter Eltern, die ihre Kinder zu verheirathen wünſchen, macht man keine Umſtände; nehmen Sie alſo an?— Meiner Treu, ja,“ ſagte Herr Chopard;„wir werden uns ein⸗ finden.— Vortrefflich!“ ſagte Schönzopf,„ich werde ſogleich Madame Durand davon benachrichtigen⸗ daß ſie morgen auf Sie hoffen darf.“ Der Tag des Diners kam. Um vier Uhr war Schönzopf bei Madame Durandz er hatte ſich ſchwarz gekleidet und Schnallenſchuhe angezogen. Als Jo⸗ hann ihn bemerkte, ſagte er:„Wie zum Teufel wählten Sie für unſer Diner dieſe Toilette? Sie 33 ſind ja geſchniegelt und glatt wie ein Aal.— Mein Freund, man muß immer eine gewählte Toilette haben, wenn man eine Geſellſchaft be⸗ ſucht.— Haben wir denn Geſellſchaft?— Gewiß, mein Freund, Deine Mutter erwartet die Familie Chopard.— Wer iſt die Familie Chvpard? Ich kenne dieſe Leute nicht.— Es ſind ſehr brave und reiche Leute, die ſich von ihrem Geſchäfte zurück⸗ gezogen haben.— Darnach frage ich nicht; was geht es mich an, ob ſie reich oder arm ſind? Sind ſie heiter, lebensluſtig?— O ſehr heiter! Chopard iſt ein Witzbold vom erſten Range.— Raucht er? Spielt er Siam?— O, was das Rauchen be⸗ trifft, ſo iſt er wahrſcheinlich nicht fünfzig Jahre alt geworden, ohne zu rauchen. Kurz, er iſt ein Lebemann und ſeine Frau lacht beinahe ſo viel als Deine Couſine Aglae.. Was aber ihre Tochter betrifft.— Ah, er hat eine Tochter?— Und was für e Du wirſt Dich nicht genug über ſie wundern können. Sie iſt erſtaunlich gelehrt, beſitzt vortreffliche Eigenſchaften und weiß alle mög⸗ lichen Liqueurs zu bereiten!— Das iſt nicht übel. — Auch Frau Ledour wird von der Geſellſchaft ſein,“ ſagte Madame Durand;„ſie altert, aber ſie iſt eine ſo gute Frau.— Ja,“ ſagte Johann,„ſie wird uns wieder von ihren Männern und Kindern erzählen.— Nein, ſeit einiger Zeit ſpricht ſie we⸗ niger, weil ſich immer ihre Gedanken verwirren. Sie verliert nachgerade das Gedächtniß, ſie hat aber auch das fiebenzigſte Jahr auf dem Rücken.“ Paul de Kock. C. 3 34 Die Familie Chopard ſiellt ſich frühzeitig ein. Das Diner beginnt. Es werden manche Reden zwiſchen den Eltern, ſowie zwiſchen Adelaide und Johann gewechſelt, an welchem die Tochter des De⸗ ſtillateurs Gefallen findet. Das Reſultat dieſes Familieneſſens war ein ſo günſtiges, daß Schönzopf bei ſeiner Nachhauſekunft ausrief:„Er kann nicht mehr zurück; es iſt jetzt ausgemacht.— Was iſt ausgemacht?“ fragte Jung⸗ ſer Roſa.—„Nun, daß mein Pathe Johann Fräu⸗ lein Adelaide Chopard heirathen wird.— Eine hübſche Heirath!“ murmelte Jungfer Roſe und er⸗ griff ihr Licht.—„Roſa! eine Damenpartie eine einzige Partie. Sicherlich ſpiele ich dieſen Abend beſonders gut!“ rief Schönzopf ſeiner Bonne zuz dieſe aber ging, ohne auf ihren Herrn zu hören, in ihr Zimmer und verſchloß die Thüre deſſelben, indem ſie vor ſich hinbrummte:„Er mag nun allein ſpielen, wenn es ihm gefällt.“ Fünftes Kapitel. Nächtliches Ereigniß— Notizenbuch einer ſchönen Frau. Seit acht Tagen war Johann mit Fräulein Cho⸗ pard verlobt. Die Hochzeit ſollte ſechs Wochen ſpäter ſtattfinden, vamit Fräulein Adelaide Gelegen⸗ heit hätte, ihren künftigen Mann noch näher kennen zu lernen. 35 Johann kümmerte ſich wenig darum, ob die Vermählung früher oder ſpäter ſtattfand. Er be⸗ ſuchte Chopards, weil er ſich dort eben ſo frei be⸗ wegen konnte, als zu Hauſe: er plauderte aber mit Fräulein Adelaide, wie mit jeder anderen Perſon, und nichts verrieth, daß er verliebter oder galanter würde. Fräulein Adelaide fühlte dagegen mit jedem Tage eine ſtärkere Hinneigung zu dem jungen Du⸗ rand. Ueberzeugt, daß man ihre Lochter nicht ſehen könne, ohne von ihren Reizen und Vorzügen be⸗ zaubert zu werden, zweifelten die Chopards nicht an Johanns zärtlichen Gefühlen und ſchrieben ſeine geringe Neigung zu Adelaide der Sonderbarkeit ſei⸗ nes Charakters zu; ſo oft der junge Mann ſie be⸗ ſuchte, ermangelten ſie nicht, ihm die Talente ihrer Tochter anzupreiſen und ihm von Adelaide bereitete Leckerbiſſen vorzuſetzen. Johann fand dieſelben ſehr gut und Madame Chopard ſagte ganz leiſe zu ihrer Tochter„Dein Zukünſtiger hat Deine Pfirſiſche in Branntwein mit dem größten Appetit gegeſſen. Der gute Junge liebt Dich von Herzen, mein theures Kind.“ Fräulein Adelaide antwortete nicht, ſondern ſeufzte und dachte, daß Johann ſie weniger liebe, als die Pfirſiche. Johann kehrte eines Abends von den Chopards nach Hauſe zurück. Es war erſt zehn Uhr, aber die Straßen des Marais waren bereits leer. Als er in die Rue des Trois⸗Pavillons einlenkte, drangen Frauenftimmen in ſein Ohr, man ſchrie:„Dieb!“ 36 und in demſelben Augenblicke floh ganz nahe an Johann ein Mann mit einem Shawl vorbei. Jo⸗ hann erreichte ihn aber noch, faßte ihn beim Kra⸗ gen, entriß den Shawl ſeinen Händen und wollte ihn mit ſich ſchleppen, als der Dieb ſagte:„Ums Himmelswillen! richten Sie mich nicht zu Grunde!“ Die Stimme dieſes Menſchen war Johann nicht unbekannt; es ergriff ihn eine unbeſchreibliche Be⸗ ſtürzung, während welcher ſeine Hand den Dieb unwillkürlich losließ; dieſer entfloh, und Johann ging auf die beiden Damen zu, die um Hülfe ge⸗ rufen hatten. Dieſe Damen, deren Kleidung elegant und deren Tournüre ausgezeichnet war, ſtanden zitternd an einer Mauer; ſie hatten nicht mehr die Kraft zum Gehen und als ſie Johann auf ſich zukommen ſahen, entſchlüpfte ihnen ein Angſtſchrei, weil ſie glaubten, es ſei abermals ein Dieb, der ſie er⸗ greifen wolle. Johann beruhigte die beiden Damen und über⸗ reichte ihnen den wieder erbeuteten Shawl, indem er ſagte:„Iſt dies Alles, was der Spitzbube Ih⸗ nen genommen hat? Beim Teufel! das thut mir leid, daß ich ihm Zeit zur Flucht ließ. Aber ſeine Stimme kam mir vor meiner Treu! ich ließ ihn los, ohne zu wiſſen, was ich that.“ Die Damen erſchöpften ſich in Dankbezeugungen; der geſtohlene Shawl mar ein ſchöner Kaſchemir und hatte einen Werth, daß man Johann wohl für ſeine Hülfe danken durfte.—„Er hat mir auch 37 meine Laſche genommen,“ ſagte eine von den Da⸗ men,„aber das iſt ein ſehr leichter Verluſt; es war nur meine Börſe mit wenig Geld, mein Sack⸗ tuch und ein Tagebuch darin. Das letztere vermiſſe ich am ungernſten.“ Johann bot den Damen ſeinen Arm; unterwegs erzählte man ihm den Hergang dieſes Ereigniſſes. Die Damen waren auf Beſuch in einem Hauſe der Rue des Trois⸗Pavillons geweſen und ſie hatten es ausgeſchlagen, daß man ſie heimbegleite, indem es ihnen durchaus nicht einfiel, daß Abends um zehn Uhr zwei Frauenzimmer in einem lebhaften Quartiere irgend Gefahr laufen könnten. Es war übrigens ihre Abſicht, am nächſten Platze ein Ge⸗ fährt zu nehmen, aber kaum hatten ſie zwanzig Schritte auf der Straße gethan, als ein Mann ſich ihnen näherte, ihnen raſch einen Shawl und einen Ridikul entriß und ſich alsbald flüchtete. Die beiden Damen, bei denen Johann jetzt den Cavalier machte, ſprechen jede beſonders und manch⸗ mal beide mit einander, wie es zu geſchehen pflegt, wenn uns ein Ereigniß, von dem wir noch ver⸗ wirrt ſind, zugeſtoßen iſt. Die eine von den Da⸗ men ſchien etwa vierzig Jahre alt, die andere mußte noch ſehr jung ſein. Beide überhäuften Johann mit Dankbezeugungen; dann machten ſie einander wech⸗ ſelſeitig Vorwürfe:„Es iſt Ihr Fehler, meine Liebe, daß wir angegriffen wurden.— Nein, es iß viel⸗ mehr der Ihrige, gute Freundin. Vor drei Vier⸗ telſtunden wollte ich ſchon gehen.— Wiel wir be⸗ 38 ſuchen Madame von Saint⸗Lure ſo ſelten, und dann machte es ihr das größte Vergnügen, daß wir Bo⸗ ſton mit ihr ſpielten. Sie wollte übrigens einen Fiaker holen laſſen, und Sie haben ſich geweigert. — Ihre Bonne iſt ſo alt und faſt ſo ſchwach, als ihre Frau; ich wollte ihr dieſe Mühe erſparen.— Glücklicher Weiſe find wir noch gut weggekommen. — Das haben wir dieſem Herrn zu danken.— Aber ich war ſehr in Angſt.— Und ich gleichfalls! Indeß habe ich laut geſchrieen. Der Verluſt des Shawls wäre kein allzugroßes Unglück geweſen; aber ich fürchtete, der elende Räuber möchte um⸗ kehren und uns tödten.— Ach! mein Herr! wir verdanken Ihnen vielleicht das Leben.“ Jetzt war man auf einem Fiakerplatze angekom⸗ men; die Damen mietheten einen Wagen und ver⸗ abſchiedeten ſich mit der größten Freundlichkeit und neuen Dankbezeugungen von Johann. Dieſer kehrte wieder um und ſchlug den Heimweg ein, indem er fortwährend über das ſtattgefündene Abenteuer nach⸗ dachte. weniger beſchäftigten ihn die Damen, als vielmehr der Dieb, deſſen Stimme noch in ſeinen Ohren ſummte und ihn an ſeiner Penſions⸗ kameraden erinnerte: „Sollte es möglich ſein, daß dieſes wirklich Demar war!“ dachte Johann, während er die Straße zurückſchlenderte, welche er hergekommen war. „Demar ein Dieb! Das Verbrechen, welches er beging, als ich ihn verließ, beurkundete nur zu ſehr ſeinen Hang zu dieſem Laſter. Der Unglückliche! 39 Vielleicht hat er auch den armen Gervais in ſeine ſchimpfliche Lebensweiſe hineingezogen! Wie wäre es wohl mit mir gegangen, wenn ich dieſe Leute nicht verlaſſen hätte? Alles ſollte gemeinſchaftlich unter uns ſein! Welche Thorheit, ſich mit fünfzehn Jahren durch einen Eid binden! Es wäre vielleicht klüger, dies niemals zu thun.“ Während Johann ſolchen Gedanken nachhing, war er wieder in die Rue des Trois⸗Pavillons und zwar an die nämliche Stelle gekommen, wo er den Dieb aufgehalten hatte. Es glänzte Etwas zu ſei⸗ nen Füßen, er bückte ſich und fand einen hübſchen ſeidenen Ridikül mit Eicheln und einer Stahl⸗ kette. „Ich wette, daß dieſer Ridikül jener Dame ge⸗ hört!“ rief Johann. Er öffnete nun denſelben und fand darin ein Sacktuch, eine Börſe mit fünfund⸗ zwanzig Franken und eine hübſche mit Stahl gar⸗ nirte Brieftaſche.„Dieſer Ridikül,“ dachte er, während er denſelben zu ſich ſteckte,„enthält genau Alles, was man mir angegeben hat. Gehört er der Alten? oder gehört er der Jungen? Ich weiß es nicht mehr; ſie ſprachen faſt immer zu gleicher Zeit. Ich glaube jedoch, daß er der Jungen ge⸗ hört, denn ihr gehört auch der Shawl, und der Dieb, der ſie angriff, wird wahrſcheinlich Alles miteinander genommen haben.“ Als Johann ſeine Wohnung erreicht hat, iſt elf Uhr bereits vorbei. Madame Durand hat ſich zu Betie gelegt, Johann geht ſogleich auf ſein Zimmer 40 und betrachtet jetzt den Ridikül und beſonders die Brieftaſche etwas genauer. Die Brieftaſche hat eine violette Maroquindecke und in der Mitte befindet ſich ein Plättchen, auf welchem das Wort Souvenir eingravirt Hierauf ſtellt Johann ein Licht auf den Tiſch, ſitzt nieder, zündet eine Cigarre an, öffnet die Brieftaſche und beginnt den Inhalt derſelben zu leſen: „Madame Derval erwartet mich nächſte Woche zum Dejeuner; ich habe es ihr verſprochenz wenig⸗ ſtens zweimal hat ſie mich eingeladen. Sie ruht nicht eher, als bis ich komme. Ich tiebe Madame Derval nicht; ſie iſt eine Kokette, hat ein loſes Maul und einen kauſtiſchen Witz, welcher zerfleiſcht, indem er nur zu ſcherzen ſcheint; aber geht man in der Welt nur mit Leuten um, die man liebt 2... „Wie dumm ſind doch dieſe Weltleute!“ dachte Johann,„ſie thun immer Dinge, welche ihnen nicht gefallen, und zwar aus keinem andern Grunde, als weil es ſo der Brauch iſt!... Wie würde ich mich darüber luſtig machen. Was braucht man bei einer Dame zu frühſtücken, die man nicht leiden kann! Aber, was weiß ich, vielleicht nennt ſie die⸗ ſelbe ihre gute Freundin!— Ich will weiter leſen: „„„Donnerſtag, Ball bei Madame von Bremont. Daß ich ja eine Roſengarniture nicht vergeſſe! Die Clotildens war ſchön; Madame Julien nahm ſich ſehr gut in Sren daltenbme aus; ich muß einen gleichen haben 41¹ „Mein Gott! Die Damen find ſchrecklich mit ihrer Toilette,“ dachte Johann„„Ich glaubte, dieſe wäre kokett! Sie ſind es Alle! Aber Jungfer Chopad, wenn Sie mich ganz betäuben mit Gelüſten nach Juvelen, Kreuzen und Kämmen, ſo werde ich Sie bitten, Ratafia zu machen.“ „Wie hübſch und intereſſant war dieſes Kind! Es heißt Adolf, zählt erſt ſechs Jahre, ſeine Mutter iſt Wittwe und ſeit drei Monaten krank. Arme Leute! Sie wohnen in Faubourg St. Martin, Nr. 238, in Manſardenzimmern. Ich werde morgen früh hingehen „Für eine Kokette,“ dachte Johann,„klingt das nicht übel! Sie iſt wenigſtens gut. Dies ver⸗ ſöhnt mich etwas mit ihr.“ „„Der Ball bei Madame von Bremont war kößilich. Ich habe keinen Contretanz hinausge⸗ laſſen.. Herr Valcurt hat mich ſo oft engagirt, daß es auffiel.. Ich glaube wahrhaftig, er iſt verliebt in mich! Man hat meine Toilette bewun⸗ dernswürdig gefunden.. Ich verſprach gleichfalls einen Ball zu geben, um dem jungen St. Amand ein Vergnügen zu bereiten. Dieſe armen Mädchenl ſie lieben das Tanzen ſo ſehr! Ich werde ihre Cou⸗ ſine, dann die Familie Dormeuil, dann die St. Leon einladen; an Herren wird es nicht fehlen. Ecarté ſoll nicht geſpielt werden, denn ich will, daß dieſe Damen tanzen„ „Wie! Sie ſagt immer, ich will, und ſpricht niemals von ihrem Manne.. Hat ſie vielleicht 42 keinen? Doch da unten ſteht noch etwas geſchrieben, aber die Schrift iſt beinahe ausgelöſcht... An Madame Dorville von ihrem treuen Anbeter. Madame Dorville heißt ohne Zweifel die Eigenthümerin der Brieftaſche.. Caroline Dorville... So iſt's. Da man ſie Madame nennt, ſo iſt ſie alſo verheirathet.. Und ſie läßt ſich Liebeserklärungen machen! Nicht übel! Ich bin nicht eiferſüchtig auf Jungfer Adelaide, aber wenn ſie meine Frau wäre, ſo ſähe ich doch nicht gut dazu, wenn man ſolche Deviſen an ſie richtete.“ Johann blies eine Rauchwolke von ſich und las weiter: „„Dieſe armen Leute ſchienen glücklich durch meinen Beſuch. Ich habe die unglückliche Mutter, welche mit fünfundzwanzig Jahren auf einem Speicher vor Kummer und Elend ſterben würde, der Hoff⸗ nung und vielleicht dem Leben wieder gegeben. Ihr Sohn hüpfte vor Freude, die Mutter küßte mir die Hände, umarmte ihr Kind und ſagte, es ſolle mir danken! Und doch bedurfte es nur weniger Louis⸗ d'or, um den Leiden dieſer Unglücklichen ein Ende zu machen. Ach! ich kann mich noch nicht von ihnen abwenden; ich muß ſie wieder beſuchen; ich werde Arbeit oder eine Stelle für die junge Frau aus⸗ findig machen. Bei dem Gedanken, daß viele Leute in der Lage ſchmachten, in welcher ich dieſe arme Mutter gefunden habe, muß ich erröthen, wenn man das Geld für eitle Vergnügungen und Flitter⸗ werk ausgibt. Um ein Nichts hätte ich dieſe ſchöne 43 Garnitur, die mich dreimal ſoviel gekoſtet hat, als ich den Unglücklichen gab, ins Feuer geworfen 1. „Das verräth eine ſehr gute Geſinnung und läßt mich ihre Putzſucht vergeſſen.. Wenn ſie Fehler hat, ſo hat ſie wenigſtens auch Tugenden, welche jene aufwiegen.“ „. Samſtags ſpeiſe ich bei Madame St. Levn. — Montags Thee bei Madame Dorfeuil.— Auf Freitag eine Loge in der Oper nehmen.— Drei neue Romanzen von Panſeron, bei Frere, Paſſage des Panoramas.. Man hat ſie bei Madame de la Roche geſungen, ſie ſind entzückend.— Eine neue Arie für das Piano von Herold.., fie iſt ein wenig ſchwer, aber das Leichte wird zu oft von Schülern geſpielt.— Madame von Remond hat ſich porträtiren laſſen; das Miniaturbild iſt aus⸗ gezeichnet gelungen; die Adreſſe des Malers: Herr Maricot, Rue Meslée, Nr. 28— Cileſtine nach dem Namen ihrer Modehändlerin fragen „Nun verfällt ſie wieder in Dummheiten; auf der vorigen Seite war ſie ſo gefühlvoll und ſtellte ſehr vernünftige Betrachtungen über die Koketterie an und jetzt ſinnt ſie bloß auf Vergnügungen und Putz! Dies iſt das Tagebuch einer Frau; aber ihre Adreſſe habe ich immer noch nicht herausgefunden. Ich will weiter leſen: „. Wie ſeltſam ſind doch die Männer! Sie ſagen mir unaufhörlich, daß ich kein Jahr mehr Wittwe bleiben werde. Und warum denn? Gewiß, ich denke an keine zweite Heirath.. Ich bin frei und glück⸗ 44⁴ lich. Ach! wenn ich ein Kind gehabt hätte, ſo würde mir nichts fehlen„ „Ah! man iſt Wittwe.. Ich hätte es errathen ſollen. Aber es ſcheint nicht, daß man den Ver⸗ ſtorbenen ſehr betrauert.“ „.„Sie machen mir Alle den Hof, ſelbſt die, wel⸗ che durch unauflösbare Bande an Andere geknüpft ſind die Erſteren bringen mich manchmal zum Lachen, die Letzteren machen mich oft ſehr zornig. Ich werde Madame von P.. nicht mehr beſuchen. Ich liebte ſonſt ihre Geſellſchaft, aber ihr Mann wird wirklich unerträglich und es iſt mir jeden Augenblick bange, ſeine Frau möchte ſeine lächer⸗ liche Liebe bemerken.. „Einiges in dieſem Tagebuche iſt nicht übel. Jedermann macht alſo der ſchönen Caroline den Hof. Vielleicht iſt es auch ein Irrthum von ihrer Seite. Es gibt Frauenzimmer, welche glauben, man ſei in fie verliebt, weil man ihnen einen Stuhl hinſtellt.“ „„Hortenſie wird mit ihrem Manne nach Paris ziehen, ſie beauftragt mich, eine Wohnung für ſie zu ſuchen. Es ſoll eine ſehr ſchöne in der Rue du Sentier ſein, und eine andere in der Rue Riches, beim Faubvurg Poiſſonniere, meiner Wohnung faſt gerade gegenüber. Ich werde vor der Hand dieſe letztere beſichtigen„ „Ah! das iſt gut, Rue Riches beim Faubourg Poiſſonniere. nun kann ich die Eigenthümerin dieſer Brieftaſche finden. Morgen werde ich ſie an 45⁵ Madame Caroline Dorville überbringen. Jetzt, nachdem ich dieſe Gedenkblätter geleſen habe, möchte ich ſie doch wieder ſehen.. Es war heute Abend dunkel und ich konnte dieſe Damen nicht genau betrachten. Uebrigens muß es eine hübſche, ele⸗ gante und gutmüthige Frau ſein.“ Johann fieckt die Brieſtaſche wieder in den Ri⸗ dikül, legt ſich zu Bette und venkt noch lange an das ſo eben Geleſene. Sechstes Kapitel. Die Dame mit dem Gedenkbuch. Als Johann am folgenden Morgen erwachte, hatte er bereits die beiden Damen und das, was er in dem kleinen Notizenbuche geleſen, vergeſſen. Er dachte an ſeine bevorſtehende Heirath mit Fräu⸗ lein Adelaide, ſowie an die Veränderungen, welche dieſelbe in ſeiner Lebensweiſe herbeiführen mußte, und rief dann aus:„Dennoch werde ich ſtets nach meinem eigenen Willen handeln und den ganzen Tag rauchen, wenn es mir beliebt.. O, ich will meine Frau ſchon auf den gehörigen Fuß ſetzen. Uebrigens ſagt mir mein Pathe, daß ſie mich an⸗ betet, und eine Frau, welche ihren Mann anbetet, muß ſich auch an den Geruch ſeiner Pfeife ge⸗ wöhnen.“ Johann kehrte ſich um und ein ſüßer Duft von 46 Jasmin und Orangen drang ihm in die Naſe. Er ſuchte nach der Urſache und fand auf einem Stuhle neben ſeinem Bette die kleine ſeidene Taſche, von welcher dieſer Wohlgeruch ausſtrömte. „Ah, das iſt der Ridikül jener Kokette!“ ſagte Johann, indem er ſich erhob.„Dieſe Damen legen doch Parfümerien in Alles was ihnen nahe kommt; es riecht wie der Orangenliqueur des Papa Cho⸗ pard. Apropos, ich muß dieſe Taſche ihrer Eigen⸗ thümerin überliefern. Wenn ich ſie hinſchickte.. Dieſe Dame wird vielleicht glauben, ich komme, um noch einmal Dankſagungen entgegenzunehmen. Gott weiß, daß mich nichts mehr langweilen würde. Uebergebe ich indeß dieſe Taſche einem Andern, ſo weiß ich nicht gewiß, ob man die Dame finden wird; ich muß alſo ſchon ſelbſt gehen.“ Johann hielt es nicht für nothwendig, das Aben⸗ teuer vom vergangenen Abend ſeiner Mutter zu erzählen. Nach dem Frühftücke ſteckte er den Ridikül und Alles, was er enthielt, in ſeine Taſche; dann ging er aus, um die Wohnung der Madame Ca⸗ roline Dorville aufzuſuchen. Nach langen vergebli⸗ chen Fragen antwortete endlich ein Portier:„Ja, hier wohnt ſie; gehen Sie zwei Treppen hinauf.“ Johann geht hinauf; im zweiten Stocke ange⸗ kommen, klingelt er ſo ſtark, als wäre es das Haus ſeines Pathen und denkt bei ſich ſelbſt:„Dieſe Dame iſt vielleicht noch nicht aufgeſtanden; es iſt erfſt halb elf Uhr und eine Kokette verläßt nicht ſo frühzeitig die Federn.“ 47 Eine junge Bonne öffnet; Johann fragt mit ſei⸗ nem ungenirten Tone:„Wohnt Madame Caroline Dorville nicht hier?— Ja, mein Herr.— Iſt ſie aufgeſtanden?“ Das Mädchen blickt Johann an und ſcheint über ſein Benehmen verwundert; indeß gibt ſie ihm doch zur Antwort:„Ja, mein Herr, Madame iſt auf⸗ geſtanden.— Ich möchte mit ihr ſprechen— Darf ich um Ihren werthen Namen bitten?— Mein Name gibt ihr keine Aufklärung, ſie kennt mich nicht; aber wie! kann man denn nicht mit Ihrer Gebieterin ſprechen, ohne vorher ſeinen Namen zu nennen? Gott, wie viele Ceremonien!— Aber, mein Herr— Sagen Sie ihr, daß Jemand da iſt, der ihr Etwas zu übergeben hat.“ Die Bonne führt Johann in einen hübſchen Salon und entfernt ſich mit dem Verſprechen, ihre Gebieterin von ſeiner Anweſenheit in Kenntniß zu ſetzen. Johann wirft ſich auf ein Kanapee von karmvifinrothem Atlas und blickt umher. Der Sa⸗ lon iſt elegant dekorirt, man fieht darin ſehr ſchöne Gemälde, ein Piano und eine Harfe. Während Johann ſich allerlei Gedanken macht, geht plötzlich eine Thüre auf und eine Dame von etwa zwanzig bis einundzwanzig Jahren geht auf ihn zu. Die junge Frau iſt von etwas mehr als mittlerer Größe; ihre abgerundeten Formen, ihre anmuthigen Bewegungen verleihen ihrer Tournüre etwas Verführeriſches. Ihre Geſichtszüge ſind edel und ſanft, ihre großen braunen Augen haben einen Glanz, der anzieht ohne zu blenden, im Gegentheil, ihr liebenswürdiger Ausdruck erregt das Verlangen, ſie noch genauer anzublicken; kurz, dieſe Augen gehören zu denen, welchen man überall gerne be⸗ gegnet. Eine griechiſche Naſe, nicht zu groß, ein Mund, nicht zu klein, eine nicht zu lebhafte Farbe und gut gezeichnete Augenbrauen vollendeten den Umriß eines ovalen Geſichtes, dem eine hohe Stirne und ein ſchönes kaſtanienbraunes Lockenhaar noch einen beſonders reizenden Ausdruck verleihen. Mit Jöflichem, wiewohl etwas kaltem Tone fragte nun dieſe Dame Johann nach ſeinen Wün⸗ ſchen. Anſtatt ſogleich zu antworten, muſterte Jo⸗ hann die Dame einige Augenblicke und rief endlich: „Der Teufel hole mich, wenn ich Sie wieder er⸗ kannt hätte! Allerdings war es geſtern Nacht und Sie trugen einen ſo großen Hut, unter dem man unmöglich ein Geſicht ſehen konnte. Ohne Zweifel kennen Sie mich nicht mehr?“ Die Dame betrachtete Johann und ſuchte ſich an ſeine Phyſiognomie zu erinnern, indem fie ſtam⸗ melte:„Ihre Stimme iſt mir nicht unbekannt, mein Herr, aber ich weiß nicht..— WMein Gott, Madame, ich war es, der geſtern Abend in der Rue des Trois⸗Pavillons einen Schurken fefthielt, der Ihnen einen Shawl geſtohlen hatte.— Wie! Sie find's, mein Herr? Ach, verzeihen Sie, daß ich Sie nicht wiedererkannte.— Hat nichts zu be⸗ deuten, Madame; wahrſcheinlich hätten Sie nie mehr von mir ſprechen hören, wenn ich nicht, als 49 ich Sie verließ, auch dieſe Taſche gefunden hätte, die der Dieb wahrſcheinlich aus Furcht fallen ließ. — Wie, mein Herr, Sie hatten alſo die Güte... — Da iſt von keiner Güte die Rede, Madame, dieſe Taſche gehört Ihnen und hier haben Sie die⸗ ſelbe wieder, das iſt die ganze Sache; nun habe ich die Ehre. Johann verbeugte ſich und wollte gehen, Ma⸗ dame Dorville hielt ihn zurück; ſeit ſie in dem Herrn, der ſich ſo cavaliermäßig ausdrückte, den⸗ lenigen erkannt hatte, der am Abend vorher ihr Beſchützer geweſen war, vertauſchte ſie ihre Zurück⸗ haltung mit einem huldvollen Lächeln und lud ihn aufs Freundlichſte ein, ſich einen Augenblick zu ſetzen und nicht ſo ſchnell fortzugehen. Johann war ſonſt wenig gewohnt, ſich in die Wünſche einer Dame zu fügen; indeß bat ihn Ma⸗ dame Dorville in ſo freundlichem Tone, mit ſo gewinnender Miene, daß er einen Augenblick, ohne zu wiſſen, was er thun ſollte, ſtehen blieb und dann neben Madame Dorville Platz nahm. Die hübſche Frau, welche mit ihrer Anmuth viel Geiſt und Feinheit verband, merkte bald, daß Johann ſehr wenig Routine beſitze; anſtatt jedoch ſeine Verlegenheit zu vermehren, ftellte ſie ſich, als achte ſie dieſen Mangel gar nicht, damit er ſich weniger geniren möchte. „Sie haben alſo auch dieſe Taſche gefunden, mein Herr?“ fragte die junge Dame, welche merkte, daß ſie, wenn eine Unterhaltung zu Stande kommen Paul de Kock. C. 4 ſollte, zuerſt ſprechen müſſe.—„Ja, Madame, als ich Sie verließ nachdem ich Sie verlaſſen hatte und weiter ging, ſah ich etwas zu meinen Füßen glänzen und hob dies auf. Ich habe geſehen, daß gtwas darin iſt„vielleicht das was Sie meinten und— Und Sie hatten die Güte, es mir ſelbſt zu bringen! Wahrhaftig, mein Herr, Sie haben mich aufs Höchſte verpflichtet.— O ganz und gar nicht, Madame, das iſt eben keine große Gefällig⸗ keit; denn ohnehin ſchlendere ich ja den ganzen Tag müßig umher und zehre von dem Vermögen meines Vaters und meiner Tante. Ich weiß von Morgens bis Abends nichts zu thun und das iſt oft gottſträflich langweilig.“ Bei dieſen Worten ſucht die Dame eine leichte Grimaſſe zu unterdrücken und rückt ihren Stuhl ein wenig von dem Johanns hinweg. „Ich wollte Ihnen lieber dieſe Taſche ſelber hringen, als ſie einem Tölpel anvertrauen, der vielleicht Ihre Wohnung nicht gefunden hätte.— Aber, mein Herr, wie wußten Sie denn meinen Namen und meine Adreſſe?“ Dieſe Frage brachte Johann einen Augenblick in Verlegenheit; envlich erwiderte er:„Wie ich Ihren Ramen wußte?— Ja, denn Sie haben nach Ma⸗ dame Dorville gefragt ſogar nach Caroline Dorville.. Sie wiſſen alſo auch meinen Tauf⸗ namen und doch habe ich Ihnen geſtern denſelben nicht genannt.— Allerdings, Madame, von Ihnen weiß ich ihn nicht.. Aber da ich, um Ihnen Ihr 51 Eigenthum wieder zuſtellen zu können, nothwendig Ihren Namen erfahren mußte, ſo habe ich die Taſche geöffnet, um nachzuſehen, ob ſie nicht eine Adreſſe enthalte, und als ich nichts fand, durch⸗ blätterte ich Ihr Gedenkbuch und las den Inhalt deſſelben.“ Die junge Dame erröthete und ſchlug die Augen nieder; Johann bemerkte es und ſagte:„Es iſt Ihnen vielleicht unangenehm, Madame, aber es gab kein anderes Mittel, um nähere Auskunft zu erhalten.“ Ein leichtes Lächeln verbreitete ſich über Caro⸗ linens Züge, die ſofort in liebevollem Tone ver⸗ ſetzte:„Ich nehme es nicht übel, mein Herr, Sie haben gethan, was die Umſtände erheiſchten. Nur geſtehe ich, daß ich nicht hoffte, es würden einige Gedanken, einige zufällige Noten unter fremde Au⸗ gen kommen.“ Die Dame ſchwieg; ſie ſchien ſich Alles, was ihr Gedenkbuch enthielt, ins Gedächtniß zu rufen. Johann blickte bloß Madame Dorville an, dann wandte er ſeine Augen gegen die Gemälde und ſummte hierauf ſeiner Gewohnheit nach etwas zwiſchen den Zähnen. Die junge Dame ſchaute ihn einen Augenblick verſtohlen an und ein leichtes Lä⸗ cheln erſchien aufs Neue auf ihren Lippen. Johann murmelte, ein Gemälde gerabe vor fich betrachtend: „Das iſt kurios! Das iſt ein Partikulier; der in einer Kirche ohnmächtig wird.— Das iſt Taſſo's Tod, mein Herr.— Ab, Taſſo's Tod Ich 52 kenne dieſen Burſchen nicht. Er iſt ganz ſchwarz gekleidet, es ſcheint, er war ein Arzt.“ Madame Dorville biß ſich in die Lippen und be⸗ trachtete Johann mit verwunderter Miene; dieſer aber gewahrte es nicht, ſondern fuhr in ſeinen Bemerkungen über die Gemälde fort:„Ah! dort iſt ein Luſtiger! es wird getanzt; ohne Zweifel ein Feſt; aber nach dem Coſtüm dieſer Leute muß es ein Carneval ſein.— Es iſt die Hochzeit der The⸗ tis und des Peleus.— Thetis und Peleus. welch komiſche Namen für Eheleute!— Es find Götter.— Ah! es ſind Götter! Wer iſt denn da der Häßliche mit dem rothen Schweif und den Hörnern, ein wahrer Teufel?— Dies iſt die Zwietracht, mein Herr.— Ah! die Zwietracht.— Sie kennen wohl das Urtheil des Paris nicht?— Das urtheil des Paris, nein.. Ich kenne in mei⸗ nem OQuartier einen Weinhändler Paris, aber ich glaube nicht, daß er je Richter in einer Sache war.“ Die Dame kann ſich nicht mehr halten, ſondern lacht aus vollem Halſe, und Johann, der ſich ge⸗ gen ſie umkehrt, ſagt ganz ruhig:„Lachen Sie über mich, Madame?“ Madame Dorville blickt Johann einen Augen⸗ blick an, dann erwidert ſie ihm endlich:„Ja, mein Herr.— Ich habe alſo eine Dummheit geſagt?— Das gerade nicht, aber mein Herr, entſchul⸗ digen Sie, wenn ich ein wenig frei bin.— Sie entſchuldigen! Ich werde Ihnen im Gegentheile Dank wiſſen. Ich liebe nichts mehr als die Offen⸗ 53 heit und Sie werden ſehen, Madame, daß ich kein Freund von Ceremonien bin. Was wollen Sie mir ſagen, Madame?— Daß ich erſtaunt bin über Ihre Unwiſſenheit in ſolchen Dingen, die Jeder⸗ mann weiß, und es wundert mich um ſo mehr, als Sie mir ſagten, Sie hätten nichts zu thun; Sie hätten kein Geſchäft, das Ihre ganze Zeit in Anſpruch nähme.— Nein, Madame; ich heiße Jo⸗ hann Durand und bin ein einziger Sohn. Mein Vater war Herbariſt in der St. Paulsſtraße und ein ſehr geachteter Mann in dem ganzen Viertel. Er ſprach Lateiniſch und kannte von Grund aus die Eigenſchaften der Arzneipflanzen. Man wollte einen Gelehrten aus mir machen, aber meiner Treu, ich biß nicht an. Auf der Straße herumzulaufen gefiel mir beſſer, als das Hocken auf den Schulbänken. Ich liebte immer ein freies Leben wie die Sperlinge. Kurz und gut, mein Vater gab mir Schläge, daß ich die Botanik lernen ſollte, aber meine Mutter küßte mich, gab mir Geld und ſagte immer, ich wiſſe genug. Mein armer Vater iſt geſtorben, ohne daß er je ſehr zufrieden mit mir war, was mich nicht wenig betrübt. Ich habe jetzt nur noch meine Mutter, die ſeit langer Zeit den Handel aufgegeben hat. Uebrigens beziehe ich zwölftauſend Thaler Renten und verzehre dieſelben ſo gut ich kann, in⸗ dem ich bald mit Dieſem, bald mit Jenem ſpazieren gehe, rauche und Billard ſpiele.“ Johanns Offenheit gefiel Carolinen und dieſe er⸗ widerte ihm:„Sie haben eben Ihrer Reigung ge⸗ 54 folgt; es iſt Niemand verwehrt, nur das zu thun, was ihm beliebt.— Ja, Madame, und es beliebte mir, nichts zu thun.— Sie haben ein freies Leben den Vergnügungen geſellſchaftlicher Zirkel vorgezo⸗ gen, in denen Sie mit Ihrem Vermögen eine be⸗ deutende Rolle hätten ſpielen können.— Wie? Glauben Sie, ich könne keine Geſellſchaft beſuchen, wenn es mir beliebt?— O! das will ich nicht ſagen; aber Sie haben ſelbſt gegen mich bemerkt, die ſocialen Gebräuche und Gewohnheiten ſeien Ih⸗ nen läſtig.— Nun, ich finde es eben langweilig, ganze Stunden da zu ſitzen und über nichtsſagende Dinge zu ſchwatzen; Toilette zu machen, jeden Au⸗ genblick zu grüßen, ſich vor dem Fluchen in Acht zu nehmen WMacht Ihnen dies Alles Vergnügen, Madame?“ Die Dame erwiderte lächelnd:„Mein Herr, Alles hängt von der Richtung ab, die man ſeinen Neigungen gibt. In der Kindheit lieben wir die Spiele. Mir hat man Geſchmack an der Muſik, am Zeichnen und an der Geſchichte beigebracht; die Unterhaltung mit Perſonen, welche meine ſchwachen Talente aufmunterten, war eine Erholung für mich und ich fand Vergnügen an der Geſellſchaft, wo ich mir neue Kenntniſſe zu erwerben ſuchte, um nicht ganz iſolirt in der Welt dazuſtehen.“ Johann ſchüttelte den Kopf und murmelte: „Ganz richtig, wie Sie ſagen; Alles hängt von der Richtung der Neigungen ab. Aber ich glaube, daß wir heute Regen bekommen werden.“ 55 Die Dame biß ſich aufs Neue in die Lippen⸗ während Johann den Flafond betrachtete und nicht mehr wußte, was er weiter ſprechen ſollte. End⸗ lich ſtand Madame Dorville auf und machte Johann ein anmuthvolles Compliment, indem ſie ſagte: „Mein Herr, ich werde Ihnen für den Dienſt, den Sie mir und meiner Freundin erwieſen haben, ſtets dankbar ſein. Wenn Sie in mein Quartier kom⸗ men, ſo werden Sie hoffentlich immer auch einen Augenblick bei mir einſprechen.“ Johann begriff, daß es Zeit zum Gehen ſei; er ſtand auf, machte eine Verbeugung, ſo gut er konnte, und ſtammelte:„Madame ſicherlich. es wird mir Vergnügen machen„Uebrigens.. Bemühen Sie ſich doch nicht„ich werde die Thüre ſchon finden.“ Mitten unter dieſen Phraſen ging Johann, der ſich ſehr verlegen fühlte, auf die Küche zu und ge⸗ langte in ein Büffet; aber die Bonne zeigte ihm den Weg und öffnete die Thüre. Johann machte abermals eine Verbeugung und fühlte ſich erſt wie⸗ der wohl, als er draußen war. „Verdammt! Iſt es nicht thöricht, vor einer Frau in Verlegenheit zu gerathen!“ ſagte Johann, während er in ſein Quartier zurückkehrte.„Ich betrug mich doch als ein wahrer Lölpel bei dieſer Madame Dorville, die ſehr liebenswürdig iſt und ſehr hübſch, das muß man ihr laſſen. Ein ſanftes Geſicht, blaue Augen nein braune, glaube ich, ich weiß es nimmer ſo recht, aber ich weiß, daß 56 ſie reizend find. Mamſell Chopard hat große Au⸗ gen und neben den Augen dieſer Dame nehmen die ihrigen ſich aus wie Glasaugen neben einem na⸗ türlichen. Ich glaube auch nicht, daß dieſe Dame denkt wie Fräulein Adelaide und daß ſie mich ge⸗ lehrt findet! Um mich für gelehrt zu halten, darf man ſich höchſtens auf den Pfrſich⸗Liqueur ver⸗ ſtehen. Madame Dorville hat auch eine ſehr an⸗ genehme Stimme. Ich glaube, man kann länger mit Jemand plaudern, der eine ſo liebliche Stimme hat; man ermüdet nicht im Zuhören. Mamſell Cho⸗ pard hat keine ſolche Stimme; ſie könnte ein Re⸗ giment commandiren das iſt eine Stimme.. ich weiß nicht wie Johann war bereits zu Hauſe angekommen; denn indem er ſtets an die Dame mit dem Gedenk⸗ buche dachte, hatte er die Länge des Weges nicht bemerkt. Siebentes Kapitel. Caroline. Während Johann Betrachtungen anſtellte über die Perſon, die er ſo eben beſucht hatte, wollen wir daſſelbe thun; die Bekanntſchaft mit einem hübſchen Frauenzimmer iſt immer etwas Angenehmes, be⸗ ſonders wenn daſſelbe mit ſeinen Reizen auch vor⸗ treffliche Eigenſchaften des Herzens und des Geiſtes verbindet. 57 Caroline war die Tochter eines reichen Kauf⸗ manns, Namens Grandpré, der, ganz dem Handel lebend, nur kurze Augenblicke ſeiner Frau und ſei⸗ ner Tochter widmete, obwohl er Beide ſehr zärtlich liebte; dagegen wandte Madame Grandpre alle ihre mütterliche Sorge Carolinen zu, und da ſie ſelbſt eine gute Erziehung gehabt, ſo konnte ſie auch ihrer Tochter eine ſolche geben. Carvline hatte Lehrer in der Mufik, im Zeich⸗ nen und in den fremden Sprachen; das freundliche Entgegenkommen ihrer Mutter bewirkte, daß ſie raſch die Schwierigkeiten überwand, welche in den Künſten wie in den Wiſſenſchaften nur mit Mühe beſiegt werden. Caroline wurde eine gute Ton⸗ künſtlerin, fie ſang vortrefflich zur Harfe oder zum Piano und zeichnete mit Geſchmack. Ihre Mutter war ſtolz auf ihre Talente und ſagte oft zu ihrem Gemahl:„Unſere Lochter iſt entzückend; ſie befitzt tauſend Talente und noch mehr; ſie iſt gut und be⸗ ſcheiden.“ „Um ſo beſſer, um ſo beſſer,“ erwiderte Grand⸗ pré,„ich werde ihr eine reiche Partie verſchaffen; ſie muß wenigſtens einen Mann mit dreißigtauſend Livres Renten bekommen.“ Man ſieht, daß für Grandpré, wie für den größten Theil des menſchlichen Geſchlechts das Geld die Hauptſache war. Madame Grandpré dachte nicht ganz ſo; ſie fand, daß ihre Caroline hübſch genug war, um Liebe einzuflößen und wünſchte, daß der Zukünftige mit dreißigtauſend Livres Renten 58 der ſich bald einſtellen mußte, ein ſchöner junger Mann ſein möchte, der gleichfalls im Stande wäre, die Neigung ihrer Tochter zu gewinnen. Was Caroline betrifft, ſo zählte ſie damals erſt fünfzehn Jahre und kam nicht von der Seite ihrer Mutter. Es fiel ihr noch keine Heirath ein und an die Liebe, welche ſie nur dem Namen nach kannte, wagte ſie kaum zu denken. Da ſie öfters mit ihren Eltern eine Geſellſchaft, einen Ball oder eine Soirée beſuchte, ſo hatten ihr bereits einige galante junge Herrn Schmeicheleien geſagt, welche auch die min⸗ der koketten Frauenzimmer vor Freude erröthen ma⸗ chen und die Unſchuld bezweifeln laſſen, ob es noch lieblichere Dinge zu hören gebe. Indem ſich aber Caroline mit reinem Herzen den Freuden ihres Al⸗ ters überließ, machte ſie ſtets ihre Mutter zur Theilhaberin bei allen ihren kleinen Plänen. Ein beträchtlicher Bankerot, in welchen auch Grandpré verwickelt war, ruinirte jetzt dieſe Fa⸗ milie faſt gänzlich, d. h. es blieben von ihrem großen Vermögen etwa nur dreitauſend Livres Ren⸗ ten. Damit hätten Manche ſich für reich gehalten⸗ während Andere mit einer ſolchen Summe ſich rui⸗ nirt glauben; Alles hängt von der Stellung ab, die man in der Welt einnimmt. Herr Grandpré konnte dieſen Glückswechſel nicht ertragen; an große Geſchäfte, an Spekulationen⸗ an alle Vortheile gewöhnt, welche der Reichthum verſchafft, konnte er ſich ganz und gar nicht ent⸗ ſchließen, wieder ein einfacher Mann zu werden, 59 kein Aufſehen mehr an der Börſe zu erregen, nim⸗ mer jeden Morgen mit den Commis zu zanken, Briefe zu unterzeichnen und Befehle zu geben. Leute, welche kein wahres Verdienſt durch ſich ſelbſt beſitzen, können den Wechſel des Schickſals nicht er⸗ tragen; ſie fühlen ihre Schwäche, daß ſie ohne das Gold, das ihnen Gewicht, Sprache und Selbſtver⸗ trauen verlieh, nichts mehr ſein und zu Boden ſinken werden, wie jene Ballons, die der Wind nur trägt. Sechs Wochen nach dieſem Bankerot ſtarb Grandpré an dem Kummer, welchen ihm derſelbe verurſacht hatte. Caroline, jetzt noch der einzige Troſt ihrer Mutter, verdoppelte ihre Sorgfalt, ihren Eifer und ihre Zärtlichkeit. Sie ſagte jeden Tag zu ihr:„Mama, da wir noch tauſend Thaler Renten haben, ſo find wir nicht arm. Findeſt Du jedoch, daß dieſes nicht hinreicht, ſo will ich arbei⸗ ten, Gebrauch von meinen Talenten machen und Unterricht in der Muſik geben. Du haſt mir hun⸗ dertmal geſagt, dies ſei ein Mittel gegen das Un⸗ glück und nur die Thoren ſchämen ſich, davon Ge⸗ brauch zu machen.“ Madame Grandpré umarmte ihre Tochter und erwiderte:„Wir haben genug, um zu leben, meine liebe Caroline, Du brauchſt deßhalb nicht zu Dei⸗ nen Talenten Zuflucht zu nehmen. Tauſend Thaler gewähren uns eine ehrenvolle Exiſtenz; ohne Zwei⸗ fel werden aber in unſerer Toilette, in unſerer Haushaltung, ſowie in unſeren geſellſchaftlichen . Vergnügungen einige Einſchränkungen nöthig ſein. Wenn ich die beſſeren Zeiten ſchwer vermiſſe, ſo ge⸗ ſchieht es Deinetwegen, liebe Tochter, denn ich glaubte, Du würdeſt einſt in der Welt eine glän⸗ zende Stelle einnehmen.— Ich werde immer glück⸗ lich ſein bei Ihnen, auch werden mir die Kennt⸗ niſſe, die ich Ihnen verdanke, ſtets Freude bereiten. Ich glaube wohl, Mama, daß dies der wahre Reichthum iſt, weil er uns auch im Unglücke bleibt und uns ſogar die Mittel liefert, für unſere Exiſtenz zu ſorgen.“ Mutter und Lochter ſchickten ſich alſo an, mit dem zu leben, was ſie noch hatten. Caroline log nicht, als ſie behauptete, ſie wäre eben ſo glücklich, als zu jener Zeit, wo ſie noch reich waren. Mit ſechszehn Jahren braucht man ſo wenig, um glück⸗ lich zu ſein. Ein Spaziergang, Muſik in Geſell⸗ ſchaft einiger Freundinnen, manchmal ein Beſuch des Theaters— dies waren große Freuden für Caroline. Allerdings zog man, wenn man eine Geſellſchaft beſuchte, ein einfacheres Kleid an, man ging lange mit demſelben Hute aus; aber ein hüb⸗ ſches Mädchen erſcheint in einem einfachen Schmucke eben ſo ſchön, als in einer ausgeſuchten Toilette⸗ ja ſie gefällt manchmal noch mehr. Caroline ver⸗ nahm ſtets ein ſchmeichelhaftes Gemurmel, wenn ſie einen Salon betrat, oder wenn fie in einem Con⸗ tretanz ſigurirte. Die Worte:„wie ſchön! wie an⸗ muthig!“ drangen oft an ihr Ohr, und ohne kokett zu ſein, weiß man immer, an wen ſolche Phraſen 61 gerichtet find. Könnie ſie alſo etwas vermiſſen, wenn ſie in allen Augen las, daß ihr nichts fehlte Madame Grandpré war weniger philoſophiſch als ihre Tochter, weil ſie die Jahre der Illuſionen überſchritten hatte. Es fiel ihr beſchwerlich, zu Fuß zu gehen, während fie ſonſt in einem Cabriolet gefahren, drei Treppen hoch in einem einfachen Lo⸗ gis zu wohnen, während ſie ſonſt im erſten die ſchönſten Zimmer bewohnte, nur eine Bonne zu haben, während ſie ſonſt vier Domeſtiken gehabt hatte. Sie ſeufzte, wenn ſie ihre Treppen hinauf⸗ ſtieg und von Zeit zu Zeit entſchlüpften ihr Worte, welche Carolinen bewieſen, daß ihre Mutter nur ſchwer ihr gegenwärtiges Schickſal ertragen könne. Caroline liebkoste ſie alsdann und ſuchte ſie zu zerſtreuen. Madame Grandpré verſicherte ihrer Tochter, daß ſie ſich über den Grund ihrer Seufzer täuſche, aber Caroline ſah wohl, daß ihre Mutter fich ſelbſt zu täuſchen ſuchte. Madame Grandpré, die zur Zeit ihres Glückes für ihre Lochter einen jungen und hübſchen Gatten wünſchte, der ihr Liebe einflößen könnte, ſagte ſich jetzt:„Ach! ſie wird keinen Mann mit 30,000 Livres Renten be⸗ kommen!“ Caroline ging noch oft mit ihrer Mutter in Geſellſchaft; dieſe hoffte, ihre Tochter würde eine gute Partie finden, und ihre ſeltenen Talente, ihre Anmuth, ihr Geiſt würden über ihr geringes Ver⸗ mögen hinwegſehen laſſen. Madame Grandpré täuſchte ſich nicht. Obwohl man meiſtens das Geld 62 vor den Töchtern ſucht, ſo finden doch diejenigen immer einen Mann, welche mit einer ſchönen Ge⸗ ſtalt Kenntniſſe, Geiſt, Anmuth und Beſcheidenheit verbinden. Es wäre zu traurig, wenn das Geld allein bei einer Heirath den Ausſchlag gäbe, und wenn Tugenden und Talente für nichts geachtet würden. Herr Dorville ſah zuerſt in einer Geſellſchaft Fräulein Grandpré; einmal von ihrer hübſchen Ge⸗ ſtalt bezaubert, wurde er auch noch ein Bewunderer der Talente, mit denen Caroline unter ihren Freun⸗ den ſich angenehm zu machen ſchien, ohne darauf ſtolz zu ſein. Herr Dorville wunderte ſich nicht wenig, mit ſo viel Anmuth und Kenntniſſen eine ſo große Beſcheidenheit gepaart zu ſehen: indeß wollte er einige Zeit Carolinens Charakter ſtudiren, um ſich zu überzeugen, ob das, was ihn in Geſell⸗ ſchaft verführte, wirklich auf jenen ſoliden Eigen⸗ ſchaften beruhe, welche uns allein in unſerem In⸗ neren glücklich machen. Das Reſultat der Beobachtungen Dorville's war ſtets vortheilhaft für Carolinen und er entſchloß ſich, ſie zu heirathen. Herr Dorville, etwa fünfzig Jahre alt, war früher Marineoffizier geweſen; er hatte eine nicht ſehr liebenswürdige Phyſiognomie, aber eine edle und impoſante Haltung. Sein Ein⸗ kommen betrug vierzehntauſend Livres. Mit fünfzig Jahren kann man, wenn man Geiſt veſitzt, einem ſechszehnjährigen Mädchen gefallen, aber man darf ſich nicht ſchmeicheln, ihr eine leb⸗ 63 hafte Leidenſchaft einzuflößen. Herr Dorville, der weder dumm noch ein Geck war, täuſchte ſich nicht darüber; er ging gerade zu Madame Grandpré und begann mit dem, womit andere Liebhaber gewöhn⸗ lich endigen, d. h. er warb um die Hand ihrer Tochter. Madame Grandpre fühlte ſich ſehr geſchmeichelt durch dieſe Werbung. Herr Dorville hatte einen ehrenvollen Namen und 14,000 Livres Renten; dies war eine gute Partie für ihre Tochter, es war mehr, als ſie zu hoffen wagte. Allerdings hatte Herr Dorville ſeine fünfzig Jahre auf dem Fücken und war kein hübſcher Burſche; aber ſeit ſie ihr Vermögen verloren hatte, hielt Madame Grandpré nimmer viel auf ſolche Bagatellen. Indeß verſprach ſie Herrn Dorville nichts, ſie wollte ihre Tochter nicht zwingen, aber ſie ließ durchblicken, welch große Freude es ihr machen würde, ihn Schwieger⸗ ſohn nennen zu dürfen. Als Caroline von ihrer Mutter vernahm, daß Herr Dorville um ihre Hand geworben hätte, ſo machte ſie ein etwas ſaures Geſicht und ſchien keineswegs erfreut über eine ſolche Werbung. Ma⸗ dame Grandpre ſchilderte die Vortheile dieſer Ver⸗ bindung, welche das Glück Carolinens ſicherte, ſo wie die Rechtſchaffenheit und Ehrenhaftigkeit Dor⸗ ville's mit den glänzendſten Farben. Ohne Zweifel war dies Alles ſehr ſchön, aber mit ſechszehn Jahren denkt das tugendhafteſte Mädchen doch auch manchmal an die Liebe, und 64 ihrer jugenvlichen Einbildungskraft genügten Ehren⸗ haftigkeit und Rechtſchaffenheit noch nicht, um ihr Herz zu feſſeln. Caroline erwiderte alſo ihrer Mutter, daß ſie nicht zu heirathen wünſche und daß ſie ſich vollkommen glücklich bei ihr fühle. Madame Grandpré drang nicht weiter in ſie; aber Caroline merkte bald, daß ihre Mutter öfters traurig, mißvergnügt und mürriſch war; ſie ſchloß daraus, daß ſie es übel nehme, weil ſie Dorville's Hand ausgeſchlagen; und immer gut, immer be⸗ reit, ihre Wünſche denen Anderer zu opfern, ſagte fie zu ihrer Mutter, daß ſie jetzt nach reiflicher Ueber⸗ legung, den Mann, der um ſie geworben, heirathen wolle. Einen Monat ſpäter hieß ſie Madame Dorville. Madame Grandpré wohnte bei ihrer Tochter, und ihrem Schwiegerſohne. Wenn auch Caroline durch ihren Mann die Gefühle der Liebe nicht kennen lernte, ſo hegte ſie doch eine aufrichtige Freund⸗ ſchaft für ihn und genoß aufs Neue alle Vortheile des Reichthums. Madame Grandpré war noch zwei Jahre lang Zeuge einer Verbindung, bei welcher der Unterſchied des Alters nie einen Zwiſt herbei⸗ führte; dann ſtarb ſie, beruhigt über die Zukunft ihrer Tochter. Aber ein Jahr ſpäter wurde Dorville, deſſen Hauptvergnügen in der Jagd beſtand, das Opfer der Ungeſchicklichkeit eines ſeiner Freunde und em⸗ pfing eine Kugel, die einen Haſen treffen ſollte. Caroline wurde alſo mit neunzehn Jahren Wittwe und unumſchränkte Herrin über 17,000 Livres Renten. 65 Die Ehe verleiht der Jugend einen Rang im der Geſellſchaft. Eine Wittwe mit neunzehn Jahren nimmt darin eine Stelle ein, welche kein lediges Frauenzimmer mit neunundzwanzig Jahren ein⸗ nehmen kann. Mit ihrem Vermögen, ihrer Schön⸗ heit und ihren Talenten mußte die junge Wittwe des Herrn Dorville nothwendigerweiſe zahlreiche Anbeter finden; aber da ſie in der Frühlingszeit ihres Lebens nur dem Willen Anderer gefolgt war, ſo wollte jetzt Caroline auch ihrer eigenen Neigung folgen und nicht mehr ihre Freiheit verpfänden ohne zuvor ihr Herz gefragt zu haben. Nehmen wir nun den Faden unſerer Erzählung wieder auf. Nachdem Johann fortgegangen war, durchblät⸗ terte Caroline vor Allem ihr Gedenkbuch; ſie wußte wohl, daß es nichts enthielt, worüber ſie erröthen durfte, aber ſie wünſchte doch zu wiſſen, welche Zeilen ihm ihren Namen und ihre Adreſſe verrathen hätten. Als ſie einige Stellen über die Dviletten las, lächelte Caroline und ſagte:„Das wird ihm frei⸗ lich ſehr albern vorgekommen ſein— dieſem jungen Menſchen, der gar keinen geſellſchaftlichen Ton be⸗ ſitzt. Schade um ſeine ſchönen Anlagen! Auch ſeine Geſtalt iſt nicht übel, wenn er nur Erziehung hätte. Aber welche Manieren! welche Haltung! welche Un⸗ wiſſenheit in den allereinfachſten Dingen!“ In dieſem Augenblicke meldete die Bonne Ma⸗ dame Begumont, und eine etwa vierzig Jahre alte Paul de Kod. C. 5 66* Dame trat in den Salon der Madame Dorville, welche ihr mit den Worten entgegenlief:„Ah! ich bin ſehr erfreut, Sie zu ſehen!— WMeine liebe Freundin, ich möchte mich gerne erkundigen, ob Sie ſich von unſerem geſtrigen Schrecken erholt haben. Was mich betrifft, ſo geſtehe ich Ihnen, daß ich dieſe Nacht ſehr ſchlecht geſchlafen habe; ich ließ indeß auch meine Kammerfrau in meinem Zimmer ſchlafen und blickte fünf bis ſechs Mal unter mein Bett und in meine Schränke, ich glaubte überall Diebe zu ſehen und es hat mir geträumt, es ſeien drei durch mein Kamin heruntergekommen.“ „Ich habe ſehr gut geſchlafen, das verſichere ich Ihnen. Aber Sie wiſſen die Folge unſeres Aben⸗ teuers noch nicht.— Wie? Es hat eine Folge?— Sehen Sie, da iſt meine Taſche, meine Börſe, mein Gedenkbuch, ich habe jetzt Alles wieder.— Mein Gott! was will dies heißen?— Man hat mir dies Alles gebracht.— Wer„der Dieb?— Nein, ſondern jener Herr, der geſtern Abend dem Dieb meinen Shawl entriſſen und uns bis an einen Wagen begleitet hat.— Wie?— Er hat auch meine Taſche auf der Straße wieder gefunden und ſie mir gebracht.— Ach! das iſt ſehr ſonderbar. Meine liebe Freundin, könnte dieſer Menſch viel⸗ leicht nicht ein geheimer Polizeidiener ſein?— O was fällt Ihnen ein! ein ganz junger Mann, dem ich wenigſtens vielen Dank ſchuldig bin! Ach! wenn Sie mit ihm geſprochen hätten, wie ich, Sie würden nicht auf dieſen Gedanken kommen.— Sie haben 67 ihn alſo geſehen?— Gewiß. Er iſt ſelbſt gekommen, denn er wollte dieſe Taſche Niemand als mir über⸗ geben.— Wie ſieht er bei Tag aus? Ich war geſtern Abend ſo beſtürzt, daß ich vergaß, ihn näher zu betrachten.— O, er fieht nicht übel aus.— Er ſchien mir groß.— Ja, ziemlich groß.— Ein ge⸗ meines Geſicht— Nein, durchaus nicht.. aber ſeine Haltung ſein Ton„ O, er roch auf fünfzehn Schritte weit nach Tabak.— Abſcheu⸗ lich! und Sie haben mit ihm ſprechen können?— Meine liebe Freundin, dieſer Tabakgeruch nimmt doch wohl dem Dienſte, den er mir leiftete, ſeinen Werth nicht?— Keineswegs, aber ich kann die Pfeifen nicht ausſtehne.— Uebrigens iſt der junge Mann ſehr originell. er beſitzt keine geſellſchaftliche Bildung. weiß weder mit Anſtand in einen Sa⸗ lon einzztreten, noch hinauszugehen, aber er hat ein ungeüirtes Weſen, welches gefällt. Er hat mir ſogleich alle ſeine Verhältniſſe erzählt; er heißt Johann Durand; ſein Vater, ein Handelsmann, iſt geſtorben; er wohnt bei ſeiner Mutter und be⸗ ſitzt 12,000 Livres Renten.— Zwölftauſend Livres Renten und ſich nicht in Geſellſchaft zu bewegen wiſſen. das iſt unverzeihlich!— Er geſtand mir, er habe niemals etwas arbieten oder lernen wollen. — Dieſer Herr muß ſich ſehr hübſch in einem Salon ausnehmen.— Sie können wohl denken, daß er ſich nicht behaglich fühlt; er kann nur rauchen, fluchen und Billard ſpielen.— Ach Gott! er muß ſehr roh in ſeinen Ausdrücken ſein!— Im Gegen⸗ 68 theil, er war ſehr fein, etliche Flüche, die ihm entſchlüpften, abgerechnet.— Ach, das hätte mir Nervenkrämpfe zugezogen.— Indeß nach dem Dienſte, den er mir geleiſtet hat, glaubte ich ihn auch zu einem ferneren Beſuche einladen zu müſſen, wenn er wieder in dieſes Quartier käme; allein ich bin überzeugt, daß er nicht mehr kommen wird, denn es gefällt ihm hier ganz und gar nicht.— Das iſt ein Glück für Sie, meine liebe Freundin, was würden Sie mit einem ſolchen Burſchen an⸗ fangen? Er hat uns allerdings geſtern einen großen Dienſt geleiſtet, aber wir haben ihm dafür gedankt und man kann ſich deßhalb nicht mit Leuten einlaſſen, die uns nicht gefallen.“ Caroline gab hierauf keine Antwort; es kamen neue Beſuche und man beſchäftigte ſich n cht mehr mit Johann Achtes Kapitel. Zweiter Beſuch bei Madame Dorville.. Johann traf Schönzopf in ſeinem elterlichen Hauſe und wurde von demſelben zu einer Abend⸗ viſite bei den Chopards eingeladen.—„Du mußt hingehen, mein lieber Freund, denn Du biſt mit der ſüperben Adelaide verlobt und mußt ihr auch Deine Aufwartung machen.— Ach, mein lieber Derr Pathe, ich habe Ihnen ſchon geſagt, daß ich 69 nicht galant ſein kann; ich werde die ſüperbe Ade⸗ laide heirathen, werde ihr aber nicht die Aufwar⸗ tung machen, denn ſo etwas iſt mir zuwider und überdies— Ueberdies?— Ueberdies weiß ich nicht. Kurz und gut, es langweilt mich, den Verliebten zu ſpielen.— He! Du loſer Vogel, haſt immer etwas Geheimes.— Ich brauche nichts zu verbergen, das verſichere ich Ihnen.— O doch, die Chopards ſagen es ja und Adelaide ſelbſt behauptet, Du ſeiſt ein kleiner Duckmäuſer.. Gleichwohl gefällſt Du ihr, ſie betet Dich an und das iſt die Hauptſache Du wirſt eine prächtige Frau be⸗ kommen und immer mit Liqueur verſehen ſein... An was denkſt Du jetzt, mein Freund?— An nichts, lieber Pathe.— Das begegnet mir auch manchmal. Dieſen Abend alſo zu Chopards.“ Johann denkt den ganzen Tag über an Madame Dorville, an das kleine Notizenbuch, an den Be⸗ ſuch, den er der hübſchen Frau abgeſtattet und an die Unterhaltung mit derſelben. Abends begibt er ſich ganz maſchinenmäßig zu den Chopards; Fräu⸗ lein Adelaide macht ihm zärtliche Vorwürfe, daß er ſeit drei Tagen ſie nicht mehr beſucht, und gibt ihm ſogar einen leichten Klapps auf den Arm. Jo⸗ hann nimmt denſelben geduldig hin und erwidert nichts. Fräulein Adelaide kneift ihn und er ſpricht immer nichts, ſeufzt aber, indem er die Augen auf den Boden heftet, und Fräulein Adelaide denkt bei ſich ſelbt:„Er hat angebiſſen! er iſt verliebt! Ich wußte wohl, daß es ſo kommen würde.“ 70 Jobanns Seufzer erfüllte Fräulein Chopard mit einer tollen Fröhlichkeit; die Eltern ſchloſſen daraus, daß die jungen Leute ſehr zufrieden mit einander ſein müßten, und Schönzopf, der natürlich auch anweſend war, hörte Fräulein Adelaide zu ihrer Mutter ſagen:„Mein Zukünftiger iſt dieſen Abend herzig!— Ich finde ihn weniger heiter als ſonſt,“ antwortete Madame Chopard.—„Gerade das wollte ich, Mama; die Liebe macht ihn melancho⸗ liſch und zerſtreut. O, ich will mich ſchon äuf ſeine Koſten amüſiren 8 Fräulein Adelaide hüpfte wie toll im Salon auf und ab; Papa Chopard ſagte deßhalb zu Schön⸗ zopf:„Sehen Sie, meine Lochter ſpielt die Kokette, um ihren künftigen Gemahl beſſer zu unterjochen! Sie kennt bereits ihre Gewalt. Ah! die Weibs⸗ leute!“ Johann nimmt keinen Theil an der Unterhal⸗ tung, ſondern denkt fortwährend an ſein geſtriges Abenteuer; er möchte indeß gerne lachen und plau⸗ dern wie gewöhnlich, aber er iſt zerſtreut, ſeine Gedanken ſind abweſend. Herr Chopard neckt ihn und fragt, warum er ſo nachdenklich ſei, und Jo⸗ hann erzählt, was ihm am geſtrigen Abende in der Rue des Trois⸗Pavillons begegnete. Jedermann lobt den Muth des jungen Mannes. „Allein einen Dieb aufhalten!“ ruft Herr Chopard; „er konnte auch bewaffnet ſein— Sie ſetzten ſich einer großen Gefahr aus,“ ſagte Madame Chopard. 71 Johann zuckte die Achſeln; Schönzopf allein be⸗ hauptete, daß das Benehmen ſeines Pathen ganz natürlich geweſen ſei. „Bei all dem,“ ſagte Adelaide,„werden Sie zugeben, daß dieſe Damen, die Abends allein nach Hauſe gingen, nichts Rechtes geweſen ſein können. — Allerdings,“ ſagte Herr Chopard,„allein und ohne einen Cavalier da war es ſchon der Mühe werth, ſich für Solche einer Gefahr auszuſetzen!“ Johann warf einen ungeduldigen Blick auf ſeine Künftige und brummte:„Mamſell, ich weiß wohl, was ich zu thun habe Sehr mißvergnügt über das, was man von den beiden Damen geſagt hatte, erwähnte er ſeinen Beſuch bei Madame Dorville mit keinem Worte, ſondern wünſchte der Familie Chopard ſobald als möglich gute Nacht. Mehre Tage verſtrichen. Johann iſt nicht ſo heiter wie ſonſt. Er begibt ſich nach ſeiner Ge⸗ wohnheit ins Kaffeehaus zum Billardſpiel, aber er fühlt Langeweile und bleibt nur kurze Zeit. Wenn er die Chopards beſucht, ſo ſpricht er manchmal eine Viertelſtunde lang kein Wort. Fräulein Ade⸗ laide iſt mehr als je überzeugt, daß er Liebe für ſie empfindet, weil er ſo ſchweigſam und trübfinnig iſt, und Madame Chopard ſagt zu ihrer Tochter: „Meine Theure, man wird wohl Deine Hochzeit um einige Tage früher halten müſſen, ſonſt könnte Dein Verlobter vor Liebe ſterben.— Deſto beſſer, deſto beſſer,“ ſagte Fräulein Adelaide;„ich habe 7⁰ Lange genug geſeufzt. jetzt iſts an ihm! Laſſen Sie mich meinen Triumph genießen.“ Johann wußte ſelbſt nicht, warum er nimmer fröhlich war, warum er das, was ihn ſonſt amü⸗ firte, langweilig fand; das Bild der Madame Dor⸗ ville ſchwebte öfters ſeinem Geiſte vor; dann är⸗ gerte es ihn wieder, daß er ſich immer mit einer Frau beſchäftige, die er kaum kannte.„Sie iſt allerdings hübſch,“ ſagte er,„ja, ſie iſt entzückend; aber was hilft mir dies, da ich ſie nicht mehr ſehen darf? Wenn ich indeß wollte. hat ſie mich nicht eingeladen, ſie zu beſuchen? Aber was ſoll ich in den ſchönen Salons thun, wo man nichts als Com⸗ plimente machen muß? Bah! ich will nimmer daran denken. das iſt eine Geſellſchaft, die mir ganz und gar nicht behagt.“ Und dennoch dachte Johann immer an die Kokette, er glühte insgeheim vor Sehnſucht nach ihr. Um dieſe Gedanken los zu werden, ſuchte er ſich zu zerſtreuen, aber ſeine alten Vergnügungsörter boten ihm keinen Reiz mehr, und er begab ſich eines Morgens zu Schönzopf, den er ſeit langer Zeit nicht mehr beſucht hatte. Schönzvpf war nicht zu Hauſe, ſondern machte Beſuche in der Nachbarſchaft; da er auf ſeinen Pathen, den er ganz mit Fräulein Chopard be⸗ ſchäftigt glaubte, nimmer eiferſüchtig war, ſo be⸗ wachte der ehemalige Friſeur die. kleine Bonne weniger als früher und ließ ſie allein, ohne Ver⸗ dacht zu ſchöpfen. ——— 73 Roſa öffnete alſo Johann die Thüre und machte eine Bewegung des Staunens, als ſie ihn erblickte. „Wie, Sie ſind's, Herr Johann?— Ja, Roſa, ich bin's.— Wahrhaftig, ich hätte nicht im Ent⸗ fernteſten daran gedacht.— Iſt mein Pathe zu Hauſe?— Nein, mein Herr Sie wünſchen ihn ohne Zweifel zu ſehen?“ Dieſe Frage wird mit einer etwas ſpöttiſchen Miene gethan. Johann beachtet es nicht, ſondern tritt in das Zimmer und ſetzt ſich in einen Lehn⸗ ſtuhl; die kleine Bonne folgt ihm, während ſie ihre Haarlocken ordnet. Wiſſen Sie, Herr Johann, daß Sie lange, lange uns nicht mehr beſucht haben— O, ich weiß es wohl,“ erwidert Johann mit zerſtreuter Miene und ohne die ſchelmiſchen Blicke Roſa's zu bemerken. „Seit dem Tage nicht mehr, wo der Herr ſo raſch heimkam, während wir miteinander plauder⸗ ten.„Sie waren ſchuld, daß ich geſchmält wurde! Aber warum ſagten Sie denn, Sie hätten mich geküßt? Solche Dinge ſagt man nicht.“ „Bah! bahl das find Dummheiten!“ erwiderte Johann. Hierauf erzählte er der kleinen Bonne ſein nächtliches Abenteuer und ſeinen Beſuch bei Madame Dorville. Roſa hört aufmerkſam zu; ſie nimmt das Ver⸗ gnügen wahr, welches Johann empfindet, während er von Madame Dorville ſpricht, und ſie richtet in dieſer Beziehung tauſend Fragen an ihn. 74 „Es i alſo eine ſehr hübſche Frau, mein Herr? — O ja, Roſa, eine Figur, welche ſogleich gefällt. — Sie iſt jung?— Etwa zwanzig Jahre alt.— Groß?— Von gewöhnlicher Taille, aber ſehr gut gewachſen.— Sie war hübſch gekleidet?— Ja, elegant.— Was für ein Kleid trug ſie?“ Johann machte eine ungeduldige Bewegung und rief:„Glaubſt Du, ich habe den Stoff ihres Klei⸗ des betaſtet? Es iſt eben eine ganz modiſch ge⸗ kleidete Dame.— Sie haben den Chopards nichts von Ihrem Beſuche bei dieſer Dame geſagt?— Meiner Treu, nein. Wozu denn?— Natürlich find Sie Herr Ihrer Handlungen, und Sie wären ſehr dumm, wenn Sie ſich genirten.. Haben Sie dieſer Dame ſchon einen zweiten Beſuch abge⸗ ſtattet?— Nein.. Glaubſt Du, ich könne ſie wieder beſuchen, Roſa?— Warum nicht? Hat die Dame Sie nicht eingeladen? Sie haben ihr einen Dienſt geleiſtet, es wird ihr daher Freude machen, Sie wieder zu ſehen, das iſt ganz natürlich, und meiner Anſicht nach wäre dies für Sie eine ſehr angenehme Bekanntſchaft.— Glaubſt Du, Roſa? Wie, Du glaubſt?„ Ganz entzückt ſchließt Johann die Bonne in ſeine Arme und küßt ſie zu wiederholten Malen; Roſa läßt ſich küſſen, während ſie fortwährend ruft:„Wol⸗ len Sie aufhören... Wenn mein Herr käme... er würde wieder glauben, daß und Gott weiß doch, daß wir ſehr tugendhaft find.“ Nachdem Johann die Bonne noch einmal geküßt 2 75 hatte, ſtand er raſch auf und ſagte:„Meiner Treu, Du haſt Recht ich will Madame Dorville be⸗ ſuchen.“ „Beeilen Sie ſich, mein Herr,“ ſagte Roſa zu Johann, der ſich raſch entfernte; hierauf rieb ſich die Bonne die Hände und ſagte:„Ha, wie froh bin ich, daß ich das weiß!.. So, Herr Schönzopf, Sie ſtiften Heirathen, ohne mich zu befragen... gut, wir wollen ſehen.. Herr Johann iſt ſo wenig in Mamſell Chopard verliebt, als in meine große Zehe! Das iſt ganz recht„ Ich kann dieſe Chopards, die mich als eine Magd betrachten, nicht ausſtehen.“ Nachdem Johann vorher zu Hauſe mit einiger Sorgfalt— zum erſtenmal in ſeinem Leben— ſeine Toilette gemacht hatte, begab er ſich in einem Ca⸗ briolet in die Rue Richer. Vor dem Hauſe der Madame Dorville angekommen, fühlte er ſein Herz klopfen, er empfand eine Unruhe, wovon er ſich keine Rechenſchaft geben konnte, und fragte deßhalb zitternd den Portier nach Madame Dorville. „Steigen Sie nur hinauf, mein Herr, Madame iſt zu Hauſe,“ erwiderte der Portier.—„Wie wird dieſe Dame mich empfangen?“ dachte Johann, indem er langſam die Treppe hinaufſtieg.„Viel⸗ leicht findet ſie es ſonderbar... Indeß hat ſie mich eingeladen.. Was werde ich zu ihr ſa⸗ gen? Ich werde ſie zuerſt fragen, wie ſie ſich befinde. das iſt ganz natürlich. Es ſcheint mir, daß ich ſchön genug gekleidet bin, um ihren 76 Salon betreten zu können. Alſo raſch vor⸗ wärts. Johann ſteht vor der Thüre und klingelt. Die Bonne öffnet ihm.„Madame Dorville„ ſagt Johann mit etwas voller Stimme, um ſich mehr Gewicht zu geben. „Madame iſt zu Hauſe, mein Her 3h Name, wenn ich bitten varf?— Johann Durand.“ Die Bonne öffnet die Salonthüre und meldet Johann Durand. Es war zwei Uhr Nachmittags. Um dieſe Zeit machen und empfangen vornehme Leute Beſuche; es befanden ſich damals bei Madame Dorville, Madame Beaumont, zwei junge, ſehr elegante Frauenzimmer und ein ziemlich hübſcher Stutzer, der ſich aber augenſcheinlich zu viel auf ſeine Schönheit einbildete. Als Caroline den Namen Johann Durand hörte, ſchien ſie ſich zu befinnen, wer wohl die Perſon ſei, welche dieſen Namen führe; der Stutzer ſtand auf und ſämmtliche Damen kehrten den Kopf nach der Thüre, um den Herrn zu ſehen, den ſie nicht kann⸗ ten und deſſen Name und Vorname ihre Neugierde ſtachelte. Johann, der ſich durchaus eine wichtige Miene geben wollte, war roth wie ein Hahn; in der einen Hand hielt er ſeinen Hut, in der andern ſeine Handſchuhe und wußte nicht, mit welchem Beine er zuerſt vorwärts ſchreiten ſollte. Indeß meldete ihm die Bonne, daß er eintreten könne. Er entſchloß ſich und machte einen raſchen Schritt, wußte aber 77 beim Anblick der gegen ihn gewandten Geſichter nim⸗ mer, wo er daran war;z er wankte auf die Seite, ſah Madame Dorville nicht, wollte grüßen und fühlte, daß er den Kopf an ein Leuchtergeſtell ſtieß. Von dem Leuchtergeſtell ſich entfernend, warf er einen Stuhl um, blieb mit den Füßen in einem Tep⸗ pich hängen und warf bei dem Verſuche, ſich von dem Teppiche loszumachen, alle Möbel, welche auf dem⸗ ſelben ſtanden, durcheinander.„Ach! mein Herr! bleiben Sie ſtehen, rühren Sie ſich nicht, ich will Sie losmachen.“ Johann war nicht mehr im Stande ſich zu rüh⸗ ren, er war vernichtet, Hut und Handſchuhe waren ſeinen Händen entfallen, er bückte ſich nicht einmal, um ſie wieder aufzuheben, er hörte das erflickte La⸗ chen der Damen, ſah aber nichts mehr. Dies Alles war das Werk eines Augenblicks. gö. roline, die Johann wieder erkannt hatte, ſtand auf und ging auf ihn zuz der Stutzer nahm den jungen Mann bei der Hand und wickelte ihn aus dem Tep⸗ pich los; Madame Dorville grüßte Johann mit liebenswürdiger Miene und fragte ihn nach ſeinem Befinden. Johann machte ein linkiſches Compliment und ſtammelte:„Mein Gott! Madame, ich bitte recht ſehr um Verzeihung, wenn ich die Möbel „O, mein Herr, das hat nichts zu bedeuten! Haben Sie doch die Güte, Platz zu nehmen.“ Mit dieſen Worten ſtellt Caroline Johann einen Stuhl hin, der wie ein armer Schiffbrüchiger, welcher end⸗ lich das Ufer erreicht hat, von demſelben Beſitz ergreift. 78 „Es iſt ſehr ſchön von Ihnen, mein Herr, daß Sie auch wieder an mein Haus gedacht haben,“ ſagte 1 Caroline, welche Johanns Verlegenheit durch An⸗ knüpfung eines Geſprächs zu zerſtreuen ſuchte. „Madame, ich habe es niemals vergeſſen,“ erwi⸗ derte Johann,„und ich wäre früher gekommen, wenn ich geglaubt.. wenn ich gedacht hätte.. „Sie waren vielleicht auf dem Lande?“ fiel Ca⸗ roline ein, als ſie bemerkte, daß Johann mit ſeinem Satze nicht fertig werden konnte. „Nein, Madame, ich war flets hier.“ „Und Sie, meine liebe Freundin, wann werden Sie auf Ihr Landgut gehen?“ fragte Madame Dor⸗ ville eine von den jungen Dämen, um die Unterhal⸗ . tung allgemein zu machen, denn ſie bemerkte, daß die Damen Johann neugierig muſterten und daß Herr Valcourt, ſo hieß der Stutzer, ſie unaufhörlich an⸗ blicke. „Ich weiß in der That nicht, wann ich abreiſen werde,“ erwiderte die junge Dame.„Ich habe noch ſo viele Geſchäfte in Paris kein Augenblick ge⸗ hört mir es ſind ſo viele Beſuche zu machen.. Einkäufe zu beſorgen, Vorbereitungen zu treffen; und mein Mann kümmert ſich auch um gar das iſt grauſam!“ Während dieſes Geſpräches blickte Johann bald in die Höhe, bald zu Boden; er kreuzte ſeine Beine bald ſo, bald anders, und wurde von Herrn Val⸗ court auf's Sorgfältigſte gemuſtert; auch die Damen warfen ſich von Zeit zu Zeit bedeutungsvolle Blicke zu. b 79 Caroline allein, immer gut, immer zur Nachſicht geneigt, hätte Johann gerne aus ſeiner Verlegenheit geriſſen; indeß fürchtete ſie, wenn man ihn an der Unterhaltung Theil nehmen laſſe, ſo möchten ihm einige unpaſſende Ausdrücke entſchlüpfen. Seinerſeits hätte Johann gleichfalls gerne geſprochen, aber er wußte nichts zu ſagen und blickte Caroline jedesmal an, ſo oft man die Augen nicht nach ihm richtete. Nun kam das Geſpräch auf eine muſikaliſche Soirée. Herr Valcourt behauptete, es ſei nichts lang⸗ weiliger, als eine ſchlechte Muſik und ſagte:„Ich wette, der Herr da iſt auch meiner Meinung?“ Dieſe Frage war an Johann gerichtet, der ſeit ſeinem Eintritt zuhörte und keine Silbe ſprach. Er wandte ſich gegen Valcourt und erwiderte:„Die ſchlechte Muſik?.. Meiner Treu', ich kenne weder die ſchlechte noch die gute.. In dieſem Allen bin ich ſehr unerfahren.“ Der Stutzer ließ ein ſpöttiſches Lächeln über ſeine Lippen gleiten, die Damen blickten ſich an und Caro⸗ line fiel mit der raſchen Bemerkung ein:„Es gibt Leute, welche die Muſik nicht lieben. Es hat nicht Je⸗ dermann Zeit, ſich derſelben zu widmen.. Aproypos, wer hat das neue Stück im Vaudevilletheater ge⸗ ſehen? Man ſagt, es ſei ſehr gut gegeben worden.“ „Ja, nicht übel. Haben Sie es geſehen, mein Herr?“ Dieſe Frage war abermals an Johann ge⸗ richtet, den der Stutzer boshafter Weiſe auf's Korn zu nehmen ſchien. „Ich gehe höchſt ſelten ins Theater,“ erwiderte 8⁰ Johann.„Man muß immer auf ſeinem Platze Rtzen bleiben und das iſt ſcheußlich.“ Sämmtliche Damen machten eine Bewegung des Staunens. Herr Valcourt biß ſich in die Lippen und Johann, welcher glaubte, es gehöre zum guten Tone, ſich auf dem Stuhle zu wiegen, ſchaukelte ſich und ſummte einige Liederſtrophen. Aber nicht ge⸗ wöhnt an derlei Uebungen ſtieß er mit ſeinem Stuhl an eine Fenfterſcheibe und brach dieſelbe in Stücke. Dieſer Vorfall vermehrte Johanns Verlegenheit, während die Damen und Valcourt unter einander murmelten:„Der Herr ſcheint entſchloſſen, Alles zu zerbrechen.. Ein ſehr liebenswürdiger Menſch für einen Salon.— Welch ſonderbares Benehmen!— Und ſeine Kleidung, meine Damen, bewundern Sie doch ſeine Schleife!— Was er für unanſtändige Ausdrücke hat!— Wo zum Teufel hat Madame Dorville, die ſonſt einen vortrefflichen Geſchmack be⸗ ſitzt, eine ſolche Bekanntſchaft gemacht?“ Johann entſchuldigte ſich wegen der zerbrochenen Fenſterſcheibe und Caroline erwiderte:„Ich bin ſchuld, mein Herr, denn ich hätte Ihnen bemerklich machen ſollen, daß mit Ihrem Schaukeln Gefahr verbunden ſei. Aber Sie ſind doch nicht verletzt. das iſt die Hauptſache“ Johann ſtellte ſeinen Stuhl weit vom Fenßter hinweg und kam nun den Damen ganz nahe. Ca⸗ roline, welche die Urſache des ſtattgefundenen Flü⸗ ſterns errieth, wandte ſich gegen Madame Beaumont und ſagte zu ihr;„Apropos, meine liebe Freundin, 81 ich muß Ihnen doch den Herrn da vorſtellen; Sie ſind ihm auch einigen Dank ſchuldig für den Dienſt, den er uns geleiſtet hat, als wir neulich Abends von einem Diebe angefallen wurden; denn obwohl ich allein beſtohlen wurde, ſo theilten Sie doch damals auch meinen Schrecken.“ „Wie! das iſt der Herr?“ ſagte Madame Beaumont, während die andern Perſonen, für welche dieſe Worte eine nähere Erklärung waren, Johann mit mehr Wohlwollen anblickten. Madame Beaumont wollte Johann ihren Dank abſtatten, dieſer aber erwiderte:„Es iſt nicht der Mühe werth, Madame, ich hätte bei jedem andern Frauenzimmer ebenſo gehandelt.“ Herr Valcourt lächelte abermals mit ſpöttiſcher Miene. „Mein Gott! was iſt denn in dem Zimmer, meine liebe Caroline?“ ſagte jetzt eine von den jungen Damen, die neben Johann ſaß.„Riechen Sie nichts? Wenn es Winter wäre, ſo würde ich glauben, Dein Kamin rauche.— Wahrhaftig, ich rieche gleichfalls Rauch,“ ſagte Madame Beaumont. „Das gerade nicht, meine Damen,“ ſagte Val⸗ cvurt,„das, was Sie riechen, iſt der Geruch einer Pfeife.“ „Eine Pfeife!“ riefen die drei Damen und mach⸗ ten eine Bewegung des Ekels. „Kein Zweifel!“ rief Johann,„ ich rieche nach Tabak; der verdammte Pfeifengeruch durchdringt alle Kleider und ich habe doch heute noch nicht ge⸗ raucht.“ Paul de Kock. C. 6 Es erfolgt keine Antwort. Man blickt ſich gegen⸗ ſeitig an. Caroline ſelbſt ſcheint an der allgemeinen Mißſtimmung Theil zu nehmen; ihre Gäſte entfernen ſich raſch, bis auf Madame Beaumont, die, das Geſpräch fortführend, zu Caroline ſagt:„Dieſer Pfeifengeruch verurſacht abſcheuliches Kopfweh!— Ja, es iſt wahr,“ erwidert leiſe Madame Dorville, „beſonders wenn man nicht daran gewöhnt iſt.“ Dieſe Worte treffen Johann wie ein Donner⸗ ſchlag. Er ſteht eilends auf, entſchuldigt ſich bei Madame Dorville wegen der Störung, die er her⸗ vorgerufen habe, und verläßt voll Aerger das Haus. Als er, in ſeiner Wohnung angekommen, die Pfeife, deren er ſich gewöhnlich bedient, auf dem Tiſche liegen ſieht, ergreift er dieſelbe und zerſchmet⸗ tert ſie auf dem Boden. Neuntes Kapitel. Johann ändert ſeine Lebensweiſe. Die Ereigniſſe nehmen öfters einen ganz ande⸗ ren Verlauf, als wir vermutheten. Kaum war Johann nach Hauſe gekommen, ſo wurde ſeine Mut⸗ ter ſehr unwohl und mußte ſich zu Bette legen; Abends hatte ſie Fieber, Johann blieb bei ihr und dachte nicht mehr an eine Heirath; in wenigen Ta⸗ gen machte die Krankheit raſche Fortſchritte, und trotz aller Pflege und ärztlicher Hülfe ſtarb Madame Durand ſchon nach Verfluß von neun Tagen. 83 Johann fühlte den tiefſten Kummer über den Verluſt ſeiner Mutter; Schönzopf theilte ſeinen Schmerz, und auf lange wurden die Heirathspläne von der Trauer um die Dahingeſchiedene verdrängt. Während der erſten ſechs Wochen, die auf den Tod ſeiner Mutter folgten, ging Johann faſt gar nicht aus; immer traurig und tief von dem erlitte⸗ nen Verluſte ergriffen, wies er jede Zerſtreuung zurück und nur die Einſamkeit ſchien ihm zu ge⸗ fallen. Schönzopf achtete einen ſo natürlichen Schmerz; indeß verſuchte er nach Verfluß dieſer Zeit, Johann aus ſeiner Melancholie zu ziehen, und glaubte, daß es kein geeigneteres Mittel hiezu gebe, als von ſeiner Künftigen mit ihm zu ſprechen. „Du haſt,“ begann Schönzopf,„ſeit dem Todes⸗ fall Deiner Mutter die Chopards nicht mehr be⸗ ſucht; ſie ehren zwar Deinen Kummer, lieber Johann, aber man darf doch ſeine Freunde und diejenige, welche man liebt, auch wieder ſehen; ich weiß wohl, Du wirſt jetzt nicht von Deiner Liebe mit ihr ſpre⸗ chen; Adelaide iſt zu vernünftig, als daß ſie ſo et⸗ was fordern ſollte; aber ſie wird Dich tröſten, ihr Anblick wird Dir Freude machen, und auch ſie wünſcht ſehnlichſt, Dich wiederzuſehen. „Es preſſirt nicht,“ erwiderte Johann trocken. Schönzopf wußte ſich dieſe Antwort von einem jungen Manne, der ihm bis über die Ohren ver⸗ liebt ſchien, gar nicht zu erklären. Indeß nahm es die Chopards Wunder, daß Jo⸗ S 8 84⁴ hann ſie nicht mehr beſuchte; Fräulein Adelaide erwartete ihn jeden Tag. Man fragte Schönzopf und dieſer erwiderte:„Mein Pathe treibt alle Ge⸗ fühle auf die Spitze. Weil er fürchtet, der Anblick ſeiner Verlobten möchte ſeine Mutter bei ihm in Vergeſſenheit bringen.. deßhalb iſt er noch nicht gekommen.— Das macht ſeinem gefühlvollen Her⸗ zen die größte Ehre,“ ſagte Madame Chopard.— „Und beweist zugleich die Stärke ſeiner Liebe zu unſerer Tochter,“ fügte Herr Chopard bei. „Mit dem Allem iſt mir wenig gedient,“ bemerkte Adelaide.„Mein Gott, er wird nicht von Liebe mit mir ſprechen; ich weiß wohl, daß wir jetzt nicht ſogleich heirathen können, aber ich will ihn ſehen, Herr Schönzopf, ich will es „Ich werde ihn mitbringen, ſchönes Kind; Sie wiſſen, daß er Ihnen zu gefallen alle Opfer bringt: er raucht zum Beiſpiel nicht mehr.— Er raucht nicht mehr!.. Ah, das iſt charmant! Ich habe es ihm aber doch nicht verboten.— Das iſt gleich⸗ gültig; Johann hat mir geſagt, er habe bemerkt, daß dies den Damen mißfalle.— Ah, meine Toch⸗ ter, Du wirſt einen köſtlichen Mann bekommen⸗ O, lieber Vater!“ „Endlich,“ fuhr Schönzopf fort,„geht er nim⸗ mer in die Kneipe, ſpielt nimmer Billard und hat alle jene ſauberen Kameraden, die ſonſt Geld von ihm entlehnten, aufgegeben.“ „Das iſt ſehr gut...— O, er macht ſich Auch in der Kleidung hat er, Ihnen zu gefallen, 85⁵ ſchöne Adelaide, eine völlige Umwandlung vorge⸗ nommen. Sie haben dieſe Metamorphoſen bewirkt. — Wie Diana, die ihren Geliebten in einen Hirſch verwandelte Ha! ha! ha!— Ach, Papa! wie ſchrecklich verſeſſen find Sie doch auf Ihre Wort⸗ ſpiele!“ Schönzopf entfernt ſich mit dem Verſprechen, ſeinen Pathen bald herzubringen. Um den dringen⸗ den Bitten ſeines Pathen ein Ende zu machen, wil⸗ ligt Johann endlich ein, ihn eines Abends zu den Chopards zu begleiten. Johann wird mit einer Zuvorkommenheit em⸗ pfangen, unter welche ſich die von den Umſtänden gebotene Trauer miſcht. Fräulein Adelaide hat eine Toilette gemacht, worin Schwarz vorherrſcht, um ihrem Verlobten zu zeigen, daß ſie an ſeinem Schmerze Theil nehme. Madame Chopard ſpricht nicht von Liqueuren und Herr Chopard hat verſprochen, keine Calembourgs zu machen. Man beobachtet den gan⸗ zen Abend hindurch eine ernſte Haltung; Schön⸗ zopf glaubt ſogar, es gebühre ſich, nur halblaut zu ſprechen und möglichſt ſtill im Salon umher⸗ zugehen. Nach Verfluß einer Stunde hat Johann genug; er ſteht auf und verabſchiedet ſich ziemlich kalt von Fräulein Adelaide, die einen ſchweren Seufzer aus⸗ ſtößt und ihm eine Hand reicht, die er aber nicht küßt, worauf fie zu ſich ſelber ſagt:„Er muß ſchreck⸗ lich angegriffen ſein!“ Nachdem Johann forigegangen iſt, ſagt Schön⸗ 86 zopf zu den Chopards:„Das iſt ſehr gut abge⸗ laufen!— Der arme Junge iſt noch äußerſt be⸗ trübt!“ bemerkt Madame Chopard.„Sicherlich hat er Dir kein einziges zärtliches Wort geſagt, nicht wahr, liebe Tochter?— Rein, liebe Mutter, kein einziges!— Er muß ſich furchtbar Gewalt angethan haben!“ ſagt Herr Chopard.„Aber man kann ihn nur loben, weil Pflicht und Natur vor Allem gehen.“ Einige Tage nach dieſem Beſuche verließ Jo⸗ hann, ohne ſich mit irgend Jemand darüber zu be⸗ rathen, plötzlich ſeine Wohnung in der St. Pauls⸗ ſtraße und miethete ein ſehr hübſches Logis in der Rue de Provence. Einen Theil ſeines Mobiliars tauſchte er gegen moderne und elegante Möbel um, ließ aufs Sorgfältigſte ſeine neue Wohnung de⸗ koriren und nahm an Katharinens Stelle einen Bedienten. Obwohl Johann nicht mehr rauchte und ſich ſogar nach der Mode kleidete, ſo erinnerten bei ihm doch Haltung und Manieren noch viel an ſeine al⸗ ten Gewohnheiten; denn was man ſchon in der früheſten Jugend angenommen hat, legt man nicht ſo leicht in einigen Wochen ab. Johann fluchte noch oft und gebrauchte Ausdrücke, die in der vornehmen Welt nicht gangbar ſindz aber da er jung war, da er Vermögen beſaß, da er zutraulich und gutherzig ſchien, ſo konnte er ohne alle Schwierigkeit in jenen hohen Geſellſchaften Zutritt finden, wo man oft unter dem glänzenden Firniß der Feinheit und vornehmen 87 Lebensart Leuten begegnet, die nicht einmal ſo viel werth ſind als ein Bauer in Holzſchuhen. Die Familie Chopard wartete indeß vergebens, daß Johann ſeinen Beſuch erneuern würdez Fräulein Adelaide verzehrte ſich faſt vor Liebe und Lange⸗ weile; die Deſtillation ward vernachläſſigt, die Wiſ⸗ ſenſchaften und die Künſte wurden aufgegeben. Seit dem traurigen Beſuche Johanns war mehr als ein Monat verſtrichen und man hörte nicht mehr von dem Bräutigam ſprechen. Ein ſolches Betragen ſchien ungewöhnlich. „Es iſt ganz natürlich, den Verluſt ſeiner Eltern zu beweinen,“ ſagte Fräulein Adelaide,„aber doch gibt es in Allem ein beſtimmtes Maß. Wenn mein Verlobter ſeit ſeinem letzten Beſuche immer Thränen vergoſſen und Seufzer ausgeſtoßen hat, ſo muß er jetzt trocken ſein wie ein Kukuk und ich möchte ihn vor der Heirath durchaus nicht ganz verkommen laſſen.“ „unſere Tochter hat Recht,“ ſagte Herr Chopard, „Johann treibt die Sache zu weit; wie Adelaide ganz richtig bemerkte, gibt es in Allem ein beſtimm⸗ tes Maß, und der junge Mann hat daſſelbe über⸗ ſchritten.— Lieber Vater, ich will, daß er uns beſucht, ich will wiſſen, was er thut, ich kann nicht länger auf dieſe Weiſe leben.— Beruhige Dich, liebe Tochter,“ ſagte Madame Chopard,„Du weißt, daß der arme Johann ganz verliebt geworden iſt.— Ich weiß nicht, ob er ganz verliebt iſt, aber es ſcheint mir jedenfalls ſehr unbillig, daß er uns gar nicht mehr 88 1 beſucht. Und von Herrn Schönzopf hört man auch nichts mehr.— Er muß krank ſein.— Lieber Papa, gehen Sie doch zu ihm, ich bitte Sie darum.“ . Herr Chopard gibt dem Verlangen ſeiner Tochter nach und begibt ſich zu Schönzopf. Seit fünf Wo⸗ chen mußte Johanns Pathe eines leichten Gichtanfalls 8 halber das Haus hüten; die Langeweile vertrieb er ſich dadurch, daß er mit ſeiner kleinen Bonne Dame ſpielte, und da Johann ihn nicht mehr beſuchte, ſo war er der feſten Meinung, daß derſelbe fortwährend bei den Chopards ſich aufhalte. Mamſell Roſa öffnete Herrn Chopard die Thüre; dann ging ſie fortwährend aus und ein, um zu er⸗ fahren, was er ihrem Herrn ſagen würde. „Nun, lieber Freund, haben Sie den Hochzeittag ſchon beſtimmt?“ fragte Schönzopf, als er Chopard ins Zimmer treten ſah.„Madame Durand iſt ſchon über drei Monate todt und ich begreife, daß die jungen Leute, welche ſehr verliebt ſind „Nein, lieber Freund, darum handelt es ſich jetzt nicht. Ich wollte mich vor Allem erkundigen, warum man nichts mehr von Ihnen vernimmt.— Sie ſehen ia, ein kleiner Gichtanfall aber es hat nichts zu bedeuten. es geht wieder weit beſſer und ich hoffe der Hochzeit meines Pathen mit ganz geſunden Füßen beiwohnen zu können. Er vernachläſſigt mich, 4 der gute Johann, aber ich verzeihe ihm, denn ich kann mir wohl denken, daß er ftets bei Ihnen ſteckt, † nicht wahr?“ „Keineswegs, lieber Freund Im Gegentheil 89 wollte ich Sie fragen, was aus ihm geworden ſei. Wir haben ihn ſeit jenem Abende, wo Sie ihn mit⸗ brachten, nicht wieder geſehen.— Ach Gott! was ſoll das heißen?— Ich geſtehe Ihnen, daß ich ſehr fürchte, er möchte jene Krankheit von den Eng⸗ ländern angenommen haben, Sie wiſſen ja.. den Spleen. und meine Tochter fürchtet es auch. — Zum Leufel! Sie machen mir nicht wenig Un⸗ ruhe„ Sicherlich, wenn er immer weint.. Und meine verdammte Gicht, die mir das Ausgehen noch nicht erlaubt.. Aber Sie müſſen ihn beſuchen, lieber Chopard. Sie müſſen durchaus den armen Jungen tröſten.— Allerdings, als ſein künftiger Schwiegervaterkannich mich wohl nach ſeinemBefinden erkundigen, ohne deßhalb den Anſtand zu verletzen. — Ganz natürlich; gehen Sie und ſagen Sie mir dann wieder, in welchem Zuſtande Sie ihn gefun⸗ den haben.“ Herr Chopard verläßt den ſeines Pathen wegen ſehr beſorgten Schönzopf, während Mamſell Roſa über das, was ſie gehört hat, ſich freut. Der ehemalige Deſtillateur ſucht in der St. Pauls⸗ ſtraße Johanns Wohnung auf. Er fragt nach Herrn Durand und erhält zur Antwort, daß derſelbe ſeit einem Monat ausgezogen ſei und jetzt in der Rue de Provence, Chauſſée d'Antin wohnte. Herr Chopard, ziemlich verwundert über dieſe Nachricht, begibt ſich in die Rue de Provence und findet bald Johanns Wohnung. Es iſt ein pracht⸗ volles Haus. Im dritten Stocke deſſelben angekom⸗ 90 men, klingelt er, worauf Johanns Bedienter ihm offnet. „Iſt der junge Herr Durand zu Hauſe?“ fragt Herr Chopard.„Nein, mein Herr iſt nicht da.— Ah! er iſt nicht da., zum Teufel! er iſt alſo aus⸗ gegangen?— Ja, mein Herr.— Geht er öfters aus?— Alle Tage. WMein Herr iſt faſt nie da⸗ heim.— Gleichviel, ich will doch eintreten, denn ich wünſchte ſeine Wohnung zu ſehen.“ Der Bediente läßt den Herrn, deſſen ehrliches Geſicht keine ſchlechten Abſichten verräth, eintreten⸗ folgt ihm aber in jedes Zimmer, wovon Chopard Einſicht nimmt. „Der Tauſend! welche Eleganz!.. ausgezeichnet hübſch! Sagte ich doch, er würde uns eine Ueber⸗ raſchung bereiten... Hat er Ihnen von dieſer Veberraſchung nichts gefagt?— Mein Herr hat mir nichts geſagt.— Für einen Verliebten iſt er ſehr discret!... Ah! das iſt der Speiſeſaal... dort der Geſellſchaftsſalon...— Mein Herr hat keinen Salon, er empfängt Niemand..— Ja, jetzt nicht, aber ſpäter.. was iſt das?— Ein kleines Loilettenzimmer.— Und dann?— Dies iſt Alles, mein Herr, außer einer Kammer, die ich oben habe.— Wie! dies iſt Alles? Aber es iſt zu klein. Und die Küche?— Es iſt keine Küche da, mein Herr.— Keine Küche! Iſt er toll? Dieſe Piece iſt doch für eine Haushaltung höchſt nothwendig.— Mein Herr iſt ledig.— Ich weiß wohl, daß er jetzt ledig iſt, aber er wird es nicht lange mehr 91 ſein. Eine Wohnung miethen ohne Küche, wo denkt er denn hin? Nicht wahr, lieber Freund, Ihr Herr iſt immer ſehr traurig? Er denkt an kein Vergnügen, an keine Zerſtreuung?— Bitte um Verzeihung, mein Herr bleibt keinen Tag zu Hauſe, er geht ins Theater, man ſieht ihn auf den Promenaden, er reitet ſpazieren und macht wenigſtens zweimal täglich Toilette.“ Chopard macht große Augen und ſagt:„Eine ſonderbare Trauerweiſe.. Ich begreife es nicht... aber Adelaide, die ſo viel Geiſt beſitzt, wird ſchon den Schlüſſel zu dieſem Benehmen finden Ich muß ihr Alles ſagen, was ich vernommen habe.“ Chopard geht nach Hauſe und theilt ſeiner Frau und ſeiner Tochter Johanns Betragen mit. Ma⸗ dame Chopard ergießt ſich in Ausrufungen des Staunens, erwartet aber, daß ihre Tochter ſprechen werde. Adelaide bleibt einige Minuten ſtumm; man ſieht jedoch, daß eine heftige Bewegung in ihr vorgeht. Endlich murmelt fie mit erloſchener Stimme: „Mutter! Schaffen Sie mir doch Luft ich erſticke.— Ach Gott! meine Tochter erſtickt!— Hat ſie vielleicht ſchon zum dritten Male gefrüh⸗ ſtückt?“ rief Herr Chopard.—„Nein, Johanns Benehmen raubt mir den Athem, empört mich!“ „Das iſt wahr ſie hat Recht,“ ſagte Ma⸗ dame Chopard.„Johanns Benehmen iſt abſcheulich. — Es iſt ſehr ſpitzbübiſch,“ ſagte Herr Chopard, indem er mit dem Fuße ſtampfend, mit zorniger Miene im Zimmer auf und abging. „Ich weiß wohl,“ nahm Adelaide wieder das Wort, „daß die Beftürzung, der Kummer über den Tod ſeiner Mutter ihn Vieles vergeſſen laſſen konnte und daß ſein Herz vielleicht entſchuldbar iſt.“ „O gewiß,“ ſagte Madame Chopard,„unter ſolchen Umſtänden.. der arme junge Mann ich ſehe wohl ein, daß er ſehr zu beklagen war.“ „Ich glaube auch, daß ſein Herz gut iſt,“ ſagte Herr Chopard, indem er mit gerührter Miene ſein Sacktuch herauszog.„Ich habe niemals an ſeinem guten Herzen gezweifelt.“ „Aber länger als einen Monat ausbleiben, mir, ſeiner Braut.. ja beinahe ſeiner Frau, keine Nach⸗ richt von ſich geben, den Schauſpielen nachlaufen und ſein Geld, Gott weiß mit wem, verſchwenden das iſt doch zu arg! Das überſchreitet allen An⸗ ſtand. das iſt eine Rückſichtslofigkeit ohne Gleichen!“ „Es iſt ſehr roh,“ ſagte Madame Chopard,„ja durchaus unverzeihlich!“ „Das heißt, ſich wie Schuhputzer aufführen,“ rief Herr Chopard und machte eine drohende Geberde. „Und doch liebte er mich; Sie haben Alles ge⸗ ſehen, wie die Liebe ihn umwandelte er rauchte nicht mehr er nahm ſogar eine raffinirte Ko⸗ ketterie an. „und ſeine Melancholie, meine liebe Tochter, ſeine ſanfte Melancholie, welche ſeine Leidenſchaft ſo ſchön ausdrückte„ „Lieber Papa, ſo kann es nicht fortgehen; ich kümmere mich im Grunde ſehr wenig um Herrn 93 Johann, ja ich mache mir gar nichts aus ſeiner 1 Liebe!“ „Du thuſt ganz Recht, liebe Tochter,“ ſagte Madame Chopard;„denn es wird, da Du alle Eigenſchaften befitzeſt, um zu verführen, niemals an einem Mann fehlen! Und gewiß würdeſt Du bald einen finden, der mehr werth iſt als der Herr Johann.“ „Der ſogar weit mehr werth iſt,“ ſagte Herr Chopard,„denn ich ſehe überhaupt nichts Schönes an dem jungen Manne, und ſein Geſicht... „Verzeihen Sie, Papa, ſein Geſicht iſt ſehr ſchön und ſein Wuchs ausnehmend regelmäßig.“ „Ja, er hat einen hübſchen Wuchs,“ ſagte Ma⸗ dame Chopard,„das kann man nicht läugnen.“ „Und einen herrlichen Gang!“ ſagte Herr Chopard. „Aber er muß ſich endlich erklären, Papa; er muß uns beſuchen; ich kann nicht länger in einer ſolchen Ungewißheit wie bisher leben.“ „Unſere Tochter hat Recht, Chopard, ihre Lage iſt ſehr zweifelhaft. Ich glaube deßhalb auch, daß es nothwendig iſt Was ſoll man denn thun?“ „Lieber Papa, Sie ſollten zuerſt Herrn Schön⸗ zopf aufſuchen, ihn von dem Benehmen ſeines Pathen benachrichtigen und ihn bitten, er möchte Herrn Johann zu einer beſtimmten Erklärung über ſeine Abſichten auffordern?“ „Du haſt Recht!. er muß ſich über ſeine Ab⸗ ſichten erklären.. Aber Schönzopf hat die Gicht und kann noch nicht gehen.— Nun, ſo wird er ein 94 Gefährt nehmen.— Ja, er wird ein Gefährt nehmen. Mein liebes Kind weiß doch auf Alles zu antworten. Höre Adelaide, wenn Du Johann Durand nicht hei⸗ ratheſt, ſo wirſt Du Viele finden, die ſich glücklich ſchätzen werden.— Ja, lieber Vater, aber ich will eben Herrn Johann heirathen.“ „Nun, Du wirſt ihn heirathen, liebe Tochter,“ ſagte Madame Chopard, und Herr Chopard wieder⸗ holte, während er ſich auf den Weg zu Schönzopf machte:„Die Sache iſt ganz einfach„ da ſie will, ſo muß ſie ihn bekommen.“ — ſſſiſ 13 14 13 16