Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Keſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Sbe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für nentlich 2 Büchen: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mi.— Pf. „3„ 3„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder deferte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. S Ansſelherelt Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen häben. S — Paul de Kock's humoriſtiſche Romane, deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. Neunundneunzigſter Theil. Stuttgart: Druck und Verlag von Scheible, Bieger Zattler. Johann. Von Paul de Rock. Unſer Ruhm iſt oft das Werk eines Lächelns. Legouvé, Verdienſt der Frauen⸗ Deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. Erſter Theit. 8 Stuttgart: Pruck und Verlag von Scheible, Bieger x Sattler. Erſtes Kapitel. Die Niederkunft. Mitternacht war vorbei, es ſchlug Ein Uhr auf der St. Paulskirche; ſchon lange herrſchte tiefes Schweigen in den leeren Straßen; die Bewohner des ebenten Arrondiſſements ſchliefen oder lagen we⸗ ens im Bette. Das volkreiche Quartier der vie St. Antvine war nur noch von einigen Saum⸗ ſeligen oder von ſolchen Leuten beſucht, zu deren Geſchäft es gehörte, bei Nacht herumzulaufen. Die Einen gingen ſchnell und wichen den Entgegenkom⸗ menden gerne auf die andere Seite der Straße aus, ie Andern ſtanden vor jedem Hauſe ſtill und der Mond erleuchtete dieſe ganze Scene; er erleuchtete aber noch mehr, fintemal es nur einen Mond für le fünf Welttheile gibt, der zu gleicher Zeit in die Gewäſſer des Nils und der Tiber, auf die öbenen Amerika's und die Wüſten Arabiens, auf die lachenden Ufer der Rhone und die Waſſerfälle es Niagara, auf die Ruinen von Memphis und die Gebäude von Paris ſeine Strahlen wirft. Das t faſt zu viel für einen Mond, werdet Ihr ſagen. Frangois Durand, Herbariſt in der Rue St. Pauſ, in gerade jetzt vierzig Jahre alter Mann, der, ſeinem Berufe nicht weniger aus Vorliebe als aus 6 Intereſſe nachkommend, die Heilkunde beſſer als irgend ein Botaniker der Hauptſtadt zu kennen glaubte und ſehr böſe wurde, wenn man ihn einen Samenhändler nannte, war nach einer unabänder⸗ lichen Gewohnheit, wovon er nicht einmal an ſei⸗ nem Hochzeittage abwich, um elf Uhr zu Bette gegangen. Seit zwölf Jahren hatte Francvis Du⸗ rand mit Mademviſelle Felicité Legros, der Tochtt eines Buchhändlers aus Paris, zur Fahne Hymens geſchworen. Durand war alſo zu Bette gegangen, lag ab⸗ nicht neben ſeiner Gattin, aus einem Grunde, de Ihr ſogleich erfahren werdet. Durand ſchlief ſehr feſt, da die Kräuterkunde ſeine Einbildungskraft. nicht ſo ſehr erhitzte, daß er des Schlafes beraubt worden wäre. Schon ſeit einigen Minuten ſchüttelte ihn ſein Dienſtmädchen Katharine am Arm und ſchrie ihm in die Ohren, als er endlich die Augen öffnete und den Kopf auf ſeinem Kiſſen halb auf⸗ richtete:„Was gibt's, Katharine? Was gibt's? Wozu dies Geſchrei?“& „Wozu, Herr? Schon ſeit zehn Minuten ſage ich Ihnen, daß Madame Wehen fühlt.. Wehen, die mit jedem Augenblicke zunehmen, was eine bal⸗ dige Entſcheidung der Sache anzeigt.“ Durand erhebt plötzlich ſeinen Kopf vom Kiſſen, ſchiebt ein wenig die Schlafmütze zurück und mur⸗ melt, indem er das Mädchen verwundert anßarrt: „Iſt meine Frau unwohl?“ „unwohll⸗ ruft die Bonne und fährt fort, ihri Herrn am Arme zu ſchütteln, damit er nicht wieder einſchlafe;„unwohl! Mein Gott, haben Sie denn vergeſſen, daß Madame ſchwanger iſt und jeden Augenblick ihre Niederkunft erwartet?“ „Beim Blitz!'s iſt wahr, Katharine!“ erwidert Durand und ſetzt ſich im Bette aufrecht.„Mein Traum iſt ſchuld daran, daß es meinem Gedächtniſſe tfallen iſt. Denke Dir, mir träumte, ich ſammle auf einem ebenen Felde Kletten, als plötzlich — Ach, Herr, es handelt ſich jetzt nicht um Ihren Fraum Ich verſichere Ihnen, Madame wird iederkommen, holen Sie ſchnell den Geburtshelfer und die Wärterin Sie wiſſen wohl, Madame Moka, in der Rue des Nonaindiéres.. Beeilen Sie ſich, Herr; ich muß wieder zu Madame gehen, denn ich kann ſie nicht allein laſſen.“ Mit dieſen Worten verließ die Bonne das Zim⸗ mer, in welchem Durand ſchlief, ſeitdem ſeine Ehe⸗ hälfte ſich dem Ziele ihrer Schwangerſchaft näherte. Dieſes Gemach diente zugleich auch als Magazin. An den Wänden hetum waren Fächer angebracht und mit Kräutern, Wurzeln u. ſ. w. gefüllt, wäh⸗ rend andere Pflanzen zum Trocknen an ausge⸗ ſpannten Schnüren hingen. Unter dieſen würzigen Kräutern hatte alſo Durand ſeine proviſoriſche Lagerſtätte, weßhalb man ihn, wenn er das Bett verließ, leicht für einen wandelnden Kräuterſack halten konnte. „Gut, Katharine, ich gehe eilends,“ ſagte der Herbariſt gähnend; dann blieb er auf ſeinem Bette 8 ſitzen und hielt folgendes Selbſtgeſpräch:„Nun, es iſt doch ſonderbar, daß meine Frau bei Nacht niederkommt, nach meiner Berechnung hätte ſie ſollen bei Tag niederkommen aber in ſolchen Dingen kann man ſich natürlich täuſchen. Es iſt nicht wie bei den Kräutern und ihren Eigenſchaften. Der, welcher mich auf einem Fehler ertappen wollte, müßte ſehr geſchickt ſein. Ich kenne ſicherlich die Namen von mehr als zweitauſend Pflanzen ja noch weit mehr, ich kenne ſogar die lateiniſchen Benennungen. Im Traum ſammelte ich Kletten, doch plötzlich waren es keine Kletten mehr, aber ich kann mich nimmer erinnern, in welche Pflanzen ſie ſich verwandelten.“ Ganz in ſeinen Traum vertieft, ließ Durand den Kopf auf das Kiſſen zurückfinken, ſeine Augen ſchloſſen ſich wieder und bald ſchnarchte er aufs Neue, ohne Zweifel um das Ende des merkwürdigen Traumes zu erfahren. Katharine war unterdeſſen wieder zu ihrer Frau gegangen, die von Zeit zu Zeit Zeichen des Leidens gab, ächzte, ungeduldig umherblickte und dachte, der Geburtshelfer werde nicht zeitlich genug kommen. Madame Durand war um ſo unrhiger, als ſie noch nie Mutter geweſen war, obwohl ſie ſich bereits ihrem fünfunddreißigſten Lebensjahre näberte. Seit zwölf Jahren ſchon wünſchte ſie ſehnlichſt ein Kind zu bekommen. In der erſten Zeit ihrer Ehe gab Durand ihr immer zur Antwort, daß die Sache keine Eile habe und daß ſie noch mehr Kinder —, 9 bekommen würden, als ihnen lieb wäre. Als hier⸗ auf die Jahre dahinſchwanden und die Familie ſich nicht mehrte, ſagte Durand, der Handel gehe ſchlecht und man müſſe vorher ein kleines Vermögen ſam⸗ meln. Da jedoch das Vermögen des Herbariſten mit jedem Tage zunahm, weil ſein Handel ſehr gut ging, ſagte Durand, um ſeine Frau zu tröſten: „Es iſt nicht mein Fehler, ſondern der Deine; wenn noch die Zeit der Patriarchen wäre, ſo hätte ich das Recht, Dich zu verſtoßen, oder auch eine zweite Frau zu nehmen, oder auch Kebsweiber zu halten; denn die Polygamie war zu den Zeiten Abrahams, Iſaaks und des großen Salomo erlaubt.“ Dagegen verſetzte Felicité Durand:„Wenn wir zu Sparta oder Lacedämon lebten, ſo hätteſt Du mir bereits einen hübſchen Jüngling zugeführt, um zu erproben, ob dieſer glücklicher wäre als Du; denn bei den Griechen war es nichts Seltenes aß eine verheirathete Frau ſich mit Zuſtimmung hres Mannes den Liebkoſungen eines ſchönen Jünglings hingab. Die Bürger ſchenkten einer ſo menſchen⸗ freundlichen Handlungsweiſe ihren Beifall und er⸗ warteten aus einer ſolchen Verbindung Kinder, die der Republik Ehre machen würden.“ „Frau, wir ſind nicht in Griechenland,“ ent⸗ gegnete Herr Durand.—„Auch nicht in Egypten, Herr Gemahl,“ verſetzte die Ehehälfte. Man ver⸗ ſichert jedoch, daß wir viele Gebräuche der Alten angenommen haben. Doch kehren wir zur armen Ma⸗ dame Duraud zurück, die wir in Kindsnöthen verließen. 7 „He, Katharine!“ ruft Madame, als ſie ihre Bonne kommen ſieht.—„Der Herr ſchlief wie eine Ratze, aber ich habe ihn aufgeweckt. Er holt nun die Wärterin und den Geburtshelfer.— Ach, wenn er nur auch eilt! O Katharine, welche Schmerzen! Aber wie ſehr wird es mich freuen, mein Kind umarmen zu dürfen!— Ja, ich glaub's wohl.. nach einer zwölfjährigen Ehe.. es iſt ziemlich ſpät. Ich denke, es wird ein Bube ſein und habe deßhalb mit Frau Moka zwei Loth Tabak gewettet, weil dieſe behauptet, es werde ein Mädchen ſein... — Knabe oder Mädchen, das macht keinen Unter⸗ ſchied in meiner Liebe.— Ich habe Luſt, unſere Nachbarin, Frau Ledoux, zu wecken.— Ja, ge⸗ ſchwind, Katharine; aber ich hörte die Hausthüre noch nicht gehen. weißt Du auch gewiß, daß Durand ſchon fort iſt?— Ei, er muß bereits in der Rue des Nonaindiéres ſein.— Sis doch nach, Katharine.“ Um ihre Frau zufrieden zu ſtellen, kehrt das Mädchen ins Magazin zurück, hört aber ſchon von ferne Herrn Durand ſchnarchen. Katharine iſt ein ſtarkes, lebhaftes und offenherziges, achtzehnjähri⸗ ges Frauenzimmer, das ſchon acht Jahre im Hauſe des Herbariſten dient und hier ein gewiſſes Anſehen erlangt hat. Als ſie bemerkt, daß ihr Herr wieder eingeſchlafen iſt, läuft ſie auf das Bett zu und wirft die Decke, unter welcher der Kräuterſammler ruht, auf den Boden herunter. Es war März und noch kalt. Katharine hofft, die friſche Luft werde 1———— 13 geben Sie auf dieſes Salbeibündel, salvia salviae, hier Acht, welches aus ſeinem Fache herunterge⸗ fallen iſt.“ Statt aller Antwort ſchiebt Katharine ihren Herrn aus dem Zimmer, ſteigt vor ihm die Treppe hinab, öffnet die Thüre und ſchließt ſie wieder raſch hinter Herrn Durand, gerade während dieſer um⸗ kehren will, um ſein Sacktuch zu holen. Nach völliger Ueberzeugung von dem Hinaus⸗ gehen ihres Herrn weckt Katharine im zweiten Stocke die Frau Ledour und geht ſodann wieder zu ihrer Gebieterin. Frau Ledoux iſt die Wittwe eines Gerichtsdie⸗ ners, eines Ebeniſten und eines Papierhändlers; ſie hatte von ihren drei Männern vierzehn Kinder, wovon ſechs verheirathet und etablirt ſind. Indeß zählt die Wittwe Ledour erſt neunundvierzig Jahre; ſie iſt eine große, magere Frau mit ſehr gerader Hältung und einer ſchönen Haarfriſur. Auch be⸗ hauptet ſie, mehrmals einen vierten Mann ausge⸗ ſchlagen zu haben. Wenn man vierzehn Kinder gehabt hat, ſo muß man in den Augen ſchwangerer Frauen eine ſehr wichtige Perſon ſein; auch war Madame Ledoux, die ſich ſchmeichelte, im Nothfalle die Stelle einer Hebamme vertreten zu können, keineswegs verlegen bei ſolchen Umſtänden; es gereichte ihr im Gegen⸗ theil zum Vergnügen, von dem Eintritte eines unſchuldigen Geſchöpfes in die Welt Zeuge ſein zu können, und da nicht alle Damen dieſen Muth 14 beſaßen, wenn ein derartiges Ereigniß in dem Quartiere vorfiel, ſo wandte man ſich gewöhnlich zuerſt an die Wittwe des Papierhändlers, des Ge⸗ richtsdieners und des Ebeniſten. Auf die erſten Worte Katharinens erwiderte Frau Ledour:„Sogleich ich ſchlüpfe nur in mein Kleid und komme dann hinunter.“ Wirklich war die Bonne kaum bei ihrer Gebieterin angelangt, als Frau Ledvux mit ihrer Wachskerze in der Hand in faſt geſpenſterhaftem Neglige hereintrat. „Ei, Frau Nachbarin, iſt es ſchon ſo weit ge⸗ kommen?— Ja, Frau Ledoux, ich glaube, dies⸗ mal wird's Ernſt,“ erwiderte Madame Durand, unter leichten Zuckungen, welche ihr der Schmerz abnöthigte. „Um ſo beſſer, liebe Nachbarin. Es iſt immer beſſer, bei Nacht als bei Tage niederzukommen: man hat mehr Ruhe. Meine drei erſten, mein fünftes und meine vier letzten Kinder habe ich gleich⸗ falls bei Nacht geboren. Jetzt iſt's Ein Uhr. Wenn es nur nicht ſo lange dauert, wie bei Frau Du⸗ pont, der Wurſthändlerin, bei welcher ich letzten Samstag war; dieſe hatte ſechszehn Stunden lang Geburtswehen, und das iſt entſetzlich!“ „Ach, kein Accoucheur keine Wärterin.. kein Menſch iſt da!— Wie, bin denn nicht ich da? verſtehe ich nicht ſo viel als Alle zuſammen? Als ich mein achtes Kind hatte„es war ein Bube, der am Gallenfieber ſtarb das herzige Kind s ißt Schade, es hatte eine ſchöne Naſe 15 und war vom Ebeniſten damals befand ich mich auch allein, gerade wie Sie, Frau Nachbarin.. ich hatte meine Bonne am Abende fortgeſchickt, weil ſie mich beſtahl, und mein Mann war von Hauſe abweſend, gerade auf einer Reiſe. Doch das küm⸗ merte mich wenig ich traf ſelbſt die nöthigen Vorkehrungen..— Katharine, iſt mein Mann noch nicht zurückgekommen?“ „Zurückgekommen!“ erwiderte Katharine;„o nein, Madame, er kann unmöglich ſchon da ſein, aber ich habe ihm die größte Eile empfohlen.— Ach, Frau Ledour, welche Schmerzen!— Halten Sie ſich an mir, liebe Nachbarin; drücken Sie mich, fürchten Sie nicht, mir wehe zu thun! O, in ſol⸗ chen Fällen muß man ſich an irgend einen Gegen⸗ ſtand feſt anklammern„dies ſcheint Erleichterung zu gewähren. Ich erinnere mich, daß ich bei mei⸗ nem vierten Kinde es war ein Mädchen, vom Gerichtsdiener. eine große Stange Candiszucker in der Hand hielt und ſie dergeſtalt drückte, daß man mir dieſelbe nachher kaum aus der Hand brachte. He, Katharine, wir wollen Alles, was nöthig iſt, zurüſten.“ Immer plaudernd läßt Frau Ledoux, für welche eine Entbindung etwas ſehr Gewöhnliches iſt, die unter ſolchen Umſtänden erforderlichen Anſtalten treffen. Katharine führt ihre Befehle aus, läuft aber vn Zeit zu Zeit zu ihrer Frau und jammert furchtbar, weil ſie zum erſtenmale einer olchen Ceremonie anwohnt. Madame Durand iſt untrößllich, daß weder der Accoucheur noch ihr Mann kommt, allein die Nachbarin ſucht ſie zu beruhigen, indem ſie ihr fortwährend nicht nur ihre eigenen Rieder⸗ künfte, ſondern auch diejenigen anführt, von denen ſie ſchon Zeuge war. Schon ſeit drei Viertelſtunden iſt Durand fort und es erſcheint immer noch Niemand, während der Accoucheur und die Wärterin nicht weit entfernt wohnen. Frau Durand und Katharine werden un⸗ geduldig, die Nachbarin aber beruhigt ſie. „Wenn ich am Ende ohne den Accoucheur nie⸗ derkäme!“ rief Frau Durand.—„Um ſo beſſer, liebe Nachbarin, dann wäre es eine leichte Geburt. Dies war bei meinem zehnten der Fall, ein hübſcher Junge„ vom Papierhändler. Doch Sie kennen ihn, es iſt Jules, der die Tochter eines Limonade⸗ ſchenken auf dem Boulevard du Temple geheirathet hat. Ich hatte den Abend vorher das Gaitétheater beſucht; ich glaube, man gab Hüon von Bor⸗ deaux, oder die Liebesprobe eine hübſche Pantomime mit Metamorphoſen. Wie ich aus dem Theater nach Hauſe gekommen war und kaum ſou⸗ pirt hatte, ſo befielen mich Geburtswehen und zehn Minuten nachher— Ach, Frau Ledoux, welche Schmerzen!— Muth, meine liebe Nachbarin! Wenn Sie vierzehn Kinder gehabt hätten, wie ich, ſo wären Sie nicht ſo erſchrocken.“ Während ſeine Ehehälſte klagt und ſeufzt, läuft Durand, in ſeine Hände blaſend, durch die Straße, Nachdem er etwa zweihundert Schritte weit gekommen, 17 erinnert ſich der Herbariſt, daß er nicht gefragt hat, ob er zuerſt zum Accoucheur oder zur Hebamme gehen ſolle; er bleibt ſtehen und faßt beinahe den Entſchluß, wieder umzukehren, findet jedoch nach reiflicher Ueberlegung, daß der Accoucheur zuerſt benachrichtigt werden müſſe, und eilt dann der Rue St. Antvine zu, mit den Worten:„Zum Teufel! wie iſt es ſo kalt! Dieſe Katharine hat mir nicht einmal Zeit gelaſſen, meine Strumpfbänder umzu⸗ legen.. Wenn meine Strümpfe herunterfielen, ſo würde ich unfehlbar einen Katarrh bekommen. Ich will gewiß Winters, das heißt für den Winter, keine Kinder mehr machen. Allein auf der Straße wandeln. mitten in der Nacht das iſt nicht ſehr vorſichtig. Ich hätte ſollen meinen Freund Schönzopf wecken; da er der Pathe iſt, ſo würde er mich begleitet haben.. ein Pathe iſt ja ein zweiter Vater Erſt vor acht Tagen hat man in der Rue du Petit⸗Muse eine Frau beſtohlen.. Wer mich beſtehlen wollte, thäte Unrecht, denn ich habe nichts bei mir, nicht einmal meine Uhr. Nun bin ich in der Rue St. Antvine. Wie merk⸗ würdig verſchieden fieht doch eine Straße bei Nacht aus. kaum erkenne ich die Häuſer Hum! hum! Ich glaube, daß ich bereits einen Katarrh habe ich werde zu Hauſe einen Veilchentrank nehmen und Orangenblätter, malus aurea, dazu thun.“ Unter ſolchen Betrachtungen durcheilte Durand denjenigen Theil der Rue St. Antvine, welchen Paul de Kock, XCIX. 2 der Mond beſchien, indem er ſich in ehrfurchtsvoller Entfernung von der in Schatten gehüllten Seite hielt. Noch einige Schritte, und der Herbariſt ſieht bereits das Haus des Aecoucheurs, obwohl es ſich auf der finſteren Seite befindet, was ihn ein wenig genirt da gewahren ſeine unruhig umherſchwei⸗ fenden Augen einen Mann, der gerade vor der Wohnung des Doktors ſteht. Bei dieſem Anblicke ſtutzt der Herbariſt plötzlich, tritt vier Schritte zu⸗ rück und ſucht ſein Taſchentuch, ohne ſich zu erin⸗ nern, daß er gar keines mitgenommen hat. End⸗ lich trocknet er das Geſicht mit dem Halstuche und hält, die Augen fortwährend auf den Mann im Schatten gerichtet, folgendes Selbſtgeſpräch:„Da iſt Jemand es iſt ein Mann.. vielleicht find es zwei in der Dunkelheit kann man nichts genau unterſcheiden aber ohne Abſicht haben ſie ſich gewiß nicht in den Schatten geſtellt.. Wer iſt wohl dieſer Mann? Wenn es Kräuter wären⸗ ſo würde ich ſogleich ihre Eigenſchaften kennen Aber dieſer Teufel von einem Mann! Gerade vor dem Hauſe des Aeccoucheurs.. Ich bin unbe⸗ waffnet ausgegangen die Katharine hat ſo preſſirt. Was nun anfangen? Ich glaube, ich ſollte zuerſt zu Frau Moka gehen und nachher wie⸗ der hierher kommen; vielleicht iſt alsdann dieſer Menſch nicht mehr da. Seltſam, es jetzt nimmer ſo kalt als vorhin.“ Während Durand ſolche Betrachtungen anſtellte, hielt er ſich immer auf der vom Monde erleuchteten 19 Seite und in anſtändiger Entfernung von dem Ge⸗ genſtande ſeiner Beſorgniß. Der Mann vor dem Dauſe des Doktors war indeß nichts Anderes als ein Betrunkener, der zur Erde ſchaute und ſich alle Mühe gab, um nicht auf das Pflaſter zu ſtürzen. Bevor er zu ſeiner Frau nach Hauſe kam, wollte er noch den Reſt ſeines Geldes zählen, und mehre Stücke waren ihm dabei aus der Hand gefallen; der arme Teufel ſuchte ſie nun vergebens und mur⸗ melte von Zeit zu Zeit:„Verfluchte Nacht! Warum zündet man keine Laternen an auf der Seite, wo der Mond nicht ſcheint? Ich habe wenigſtens fünf⸗ zehn Sous verloren. hätte ich doch lieber Alles verſoffen! Es iſt auf dieſen verdammten Pflaſter⸗ ſteinen ſockfinſter.. WMein Weib wird mich durch⸗ prügeln doch das iſt mir gleich, ich werde ihr diejenige Seite hinhalten, wo ich Schwielen habe. Wenn nur ein Freund käme und mir ſuchen hälfe. O, die verfluchten Beine wollen mich nicht mehr tragen!.. Keine Laus von einem Sous!. Das Geld wird in eine Ritze zwiſchen dem Pflaſter gerollt ſein.“ Seines vergeblichen Suchens müde, verläßt der Betrunkene endlich den Platz und entfernt ſich brum⸗ mend, aber ohne Durand bemerkt zu haben. Dieſer athmet wieder neu auf und faßt jetzt den Entſchluß, ſich dem Hauſe des Doktors zu nähern, indem er ſagt:„Er wagte es nicht, mich anzureden; meine feſte Haltung hat ihn von ſeinen ſchlimmen Abſich⸗ ten zurückgeſchreckt. Ich zittere aber auch vor keinem 5 Menſchen. Wenn es ſich um einen Erben handelt, ſo kenne ich keine Gefahren mehr Alſo vor⸗ wärts!“ Nachdem ſich Durand vorher überzeugt hat, ob der Mann nicht wieder zurückkomme, ſo geht er gerade auf das Haus des Accoucheurs zu und zieht die Glocke, dreht aber immer den Kopf nach derje⸗ nigen Richtung, in welcher der Gegenſtand ſeiner Unruhe ſich entfernt hat. Man öffnet ein Fenſter im zweiten Stocke und fragt, was man wolle:„Ich bin's, der Herbarißt Durand aus der Rue St. Paul, und komme, um den Herrn Doktor zu meiner Frau zu holen, welche niederkommen will,“ erwidert unſer Held mit einer Stimme, in welche er vergebens Feſtigkeit zu legen ſucht. „Der Herr Doktor iſt bei einem Kranken; ſobald er aber zurückkehrt, wird er zu Ihnen kommen.“ „Wie, bei einem Kranken!“ ruft Durand;„aber es ſcheint mir, daß, wenn es ſich um ein Neuge⸗ borenes handelt, wovon ich Vater bin. Der Herbariſt vollendet ſeine Phraſe nicht, denn er ſieht in dieſem Augenblick den Mann, welcher ihm ſo viel Furcht eingejagt, gerade auf ſich zu⸗ tommen. Der Betrunkene war in einiger Entfer⸗ nung ſtehen geblieben, unſchlüſſig, ob er ſeine ſchweren Sous noch einmal ſuchen ſolle, als Du⸗ rands Stimme zu ſeinen Ohren drang. Er glaubte, dieſer habe ſein Geld gefunden und rufe ihn jetzt herbei. Er kehrte alſo ſo ſchnell zurück, als ihm 21¹ ſeine Beine geſtatteten, und ſchrie mit heiſerer Stimme:„Hier bin ich, Freund, hier bin ich. warte nur ein wenig. das Geld gehört mir... Wart', ich werde Dich bald eingeholt haben.“ Durand, der nicht eingeholt ſein will und der die Worte des Betrunkenen für Drohungen hält, verläßt den Platz und läuft aus allen Kräften, verfolgt von dem Betrunkenen, der zwar weit hin⸗ ter ihm zurückbleibt, den er ſich aber dicht auf den Ferſen glaubt. Ganz athemlos erreicht er die Rue des Nonaindieres, hat aber zu allem Unheile die Hausnummer der Frau Moka vergeſſen. Er ftürzt nun auf eine Thüre zu, welche er zu kennen glaubt, und ſchlägt mit dem Klopfer ſieben⸗ bis achtmal dergeſtalt daran, daß das Haus zittert und das ganze Quartier aufwacht. Als man ihm nicht ſchnell genug antwortet, klopft er abermals; nun öffnen ſich mehre Fenſter. „Was wollen Sie?... Was gibt es denn?“ fragen mehre Perſonen voll Unruhe. „Die Madame Moka zur Wache für meine Frau,“ verſetzt der Herbariſt mit vor Schrecken erſtickter Stimme und fortwährend mit dem Thürklopfer lär⸗ mend, obwohl man ihn bittet, dies zu unterlaſſen. „Wache? Bei wem? Was iſt vorgefallen? Brennt es?“ „Zur Wache bei meiner Frau, beim Herbariſten in der Rue St. Paul.“ Durand kann nicht weiter ſprechen. Er bemerkt daß der Mann, vor dem er flieht, ihm bereits ₰ 22 ſehr nahe gekommen iſt. Er läßt deßhalb ſogleich den Thürklopfer los, flüchtet mitten in die Straße, nimmt Reißaus durch mehre Umwege und befindet ſich endlich, ohne zu wiſſen wie, vor ſeiner Thüre, die er mit einem Hauptſchlüſſel, den ihm Katha⸗ rine in die Weſtentaſche geſteckt hat, öffnet. Die Wehen der Madame Durand nahmen mit iedem Augenblicke an Heftigkeit zu. Als ſie nun die Thüre ſehr geräuſchvoll zuſchlagen hörte, rief ſie:„Endlich ſind ſie da!“ Ins Zimmer tritt jedoch nur Durand, bleich, verſtört, ſchweißbedeckt, mit verſchobenem Halstuche und hinunterhängenden Strümpfen. Einige Minu⸗ ten lang kann er gar nicht zu Athem kommen. „Ach, mein Lieber, Du biſt ſehr ſtark gelaufen,“ ſagt Madame Durand, deren Schmerzen einen Au⸗ genblick ruhen.—„Ja, ja, gewiß bin ich ſtark gelaufen,“ erwidert Herr Durand und blickt rings umher, um ſich zu überzeugen, ob er auch in Si⸗ cherheit ſei.—„Die Zeit iſt uns lang geworden, Herr Nachbar,“ wirft Frau Ledvur ein. „Mir auch Glauben Sie, es ſei ein Spaß da draußen auf der Straße— Wird der Accou⸗ cheur kommen, mein Lieber?— Ja, Alles wird kommen. Aul ich kann nicht mehr!“ „Was iſt Ihnen, Herr?“ fragt Katharine;„Sie ſehen ganz verſtört aus.— Meiner Treu, das wäre auch kein Wunder. Ich bin angegriffen wor⸗ von einem Diebe, von zwei bis drei Dieben. Mau hat mich lange genug verfolgt.. Wenn 23 ich nicht ſo viel Kraft im Laufen beſeſſen häits ſo wäre es um mich geſchehen geweſen.— Ach Gott, mein lieber Mann!— Du darfſt Dir ſchmeicheln, Frau, daß dieſes Kind mir Noth genug gemacht hat.— Herr Nachbar, dies iſt gerade wie bei mei⸗ nem dreizehnten; mein Mann, der Papierhändler, war ausgegangen wie Sie, um den Accoucheur zu holen; wir wohnten damals in der Rue des Lions, und Sie wiſſen, daß die Rue des Lions eine ſchlimme Straße iſt o, ſie iſt ſehr ſchlimm. Es war etwa drei Uhr Morgens und das Wetter ſchlecht, ich erinnere mich, daß es den ganzen Abend gereg⸗ net hatte. Wie er um die Ecke der Rue des Lions wendet, hört mein Mann Schritte in ſeiner Nähe. Zum Glück hatte ich die Vorſicht gehabt, ihn ſeinen Stock mitnehmen zu laſſen.“ „Ach Gott, jetzt kommt's wieder!“ ruft Madame Durand, deren Schmerzen aufs Neue beginnen. „Was kommt?“ fragt lebhaft der Herbariſt, in⸗ dem er hinter ſich blickt. k „Mein Gott, wie Madame leidet!“ ſagt Katha⸗ rine,„und der Accoucheur kommt nicht.“ In dieſem Augenblicke hört man heftig an die Hausthüre klopfen. Ohne ein Licht mitzunehmen, läuft die Bonne hinunter, öffnet die Thüre und kehrt dann ſogleich wieder um, indem ſie den auf der Straße befindlichen Perſonen zuruft:„Treten Sie ein nur ſchnell.. folgen Sie mir O, es iſt hohe Zeit, daß Sie kommen!“ Und ſchon iſt die arme Katharine wieder oben 24 bei ihrer Frau, welcher der Schmerz ein heftiges Geſchrei entpreßt. „Seien Sie unbeſorgt, Madame,“ jagt ſie zu ihr;„die Leute kommen.“ In dieſem Augenblicke hört man wirklich auf der Treppe die Schritte von mehren Perſonen. Bald geht die Thüre raſch auf, ein Corporal, be⸗ gleitet von vier Füſilieren, tritt in das Zimmer und ruft mit furchtbarer Stimme:„Wo ſind die Diebe?“ In der gleichen Minute tritt die verhängnißvolle Krifis ein. Madame Durand bringt einen Buben zur Welt, den Frau Ledour in ihre Arme auf⸗ nimmt, mit den Worten:„Es wird ſo ſtark ſein, als mein vierzehntes!“ Durand finkt auf ſeinen Stuhl zurück, muſtert die Soldaten mit erſtaunter Miene und ſtammelt:„Mein Herren, es iſt ein Bube!— Es iſt ein Bube!“ wiederholt Katharine. Der Corporal wendet ſich gegen ſeine Leute, die einander verwundert anblicken, und ruft gleichfalls: „Ah, es iſt ein Bube!“ Zweites Kapitel. Die Taufe. Nach der erſten augenblicklichen Verwirrung und den Ausbrüchen der Freude, welche der Anblick des etorenen, der in Gegenwart von einem Cor⸗ M 25 poral und vier Füfilieren zur Welt kam, verur⸗ ſachte, blickte man einander fragend an, denn einem Jeden kam die Scene im höchſten Grade ſeltſam vor, bis endlich der Corporal zuerſt das Schweigen mit den Worten brach:„He, mein wackerer Herr, alſo um Zeuge der Geburt Ihres Sohnes zu ſein, haben Sie die Wache geholt?“ „Aber, mein Lieber, woran haſt Du denn ge⸗ dacht?“ ſagt Madame Durand. „Welcher Einfall, ein Regiment zu holen, um Madame gebären zu ſehen!“ brummt Katharine. „Ich habe,“ kreiſcht Frau Ledoux,„vierzehn Kinder gehabt und mehr als hundert in meinen Armen empfangen, aber noch nie eine ſo militäri⸗ ſche Niederkunft geſehen, wie dieſel“ Durand, der ſich unterdeſſen von ſeiner Furcht und ſeinem Staunen erholt hatte, fällt endlich ein: „Ich habe Sie nicht verlangt, meine Herren, und begreife nicht, warum Sie gekommen ſind.“ „Wir find gekommen auf das Erſuchen zweier junger Leute aus der Rue Nonaindieres, die nach dem Wachpoſten liefen und uns in aller Eile zu dem Herbariſten in der Rue St. Paul beſiellten, der, wie ſie ſagten, mit dem Rufe nach der Wache das ganze Quartier aufgeweckt habe. Dies iſt der Grund unſeres Erſcheinens, mein Herr.“ Durand beißt ſich beim Berichte des Corporals in die Lippen, Katharine kehrt ſich um, damit ſie ihrem Herrn nicht ins Geſicht lachen muß, und die Frau Ledour ruft:„Es iſt ein offenbarer 26 Irrthum, Herr Nachbar, Sie haben wahrſcheinlich ohne Ihren Willen das ganze Quartier in Alarm verſetzt.“ Durand fiellt ſich, als begreife er nicht, wie ein ſolcher Irrthum habe ſtattfinden können. In dieſem Augenblicke hört man in der Hausflur die 1 kreiſchende Stimme der Frau Moka, welche fort⸗ 3 während ruft:„Leuchten Sie doch, Katharine, leuchten Sie doch, der Herr Doktor iſt da— Es iſt nicht mehr zu bald,“ ſagt Frau Ledoux. Der Accvucheur und die Wärterin kamen wirk⸗ 3 lich, nachdem Alles vorbei war. Auch hatte ſich ſich Frau Moka nur auf den Weg gemacht, um zu ſehen, ob es nicht bei Herrn Durand brenne. Durand wollte die Soldaten ſogleich fortſchicken, aber ſeine Gattin duldete nicht, daß die Zeugen der Geburt ihres Sohnes weggingen, ohne auf ſeine Geſundheit zu trinken. Katharine erhielt deß⸗ halb den Auftrag, ſie in den Laden zu führen und ihnen Branntwein vorzuſetzen. Durand folgte den Soldaten und bot einem Jeden eine Taſſe Veil⸗ chen⸗ oder Lindenthee an, aber ſie zogen den Schnaps vor. „Auf die Geſundheit des Neugeborenen!“ ſagte der Corporal und hob ſein Glas in die Höhe. Die Soldaten ahmten ihrem Vorgeſetzten nach; Durand machte eine tiefe Verbeugung und verſchlang ein großes Glas Zuckerwaſſer mit den Worten:„Auf die Geſundheit meines Söhnchens.. primogenitus. nuf die Geſundheit des kleinen Primogeritus!⸗ 27 wiederholte der Corporal, in der Meinung, dies ſei der Name des Neugeborenen. Katharine hüpfte vor Freude und rief:„Meiner Treu, der Kleine wird einſt ein wackerer Mann werden, da ihm ſchon bei ſeinem Eintritte in die Welt von Soldaten ſalutirt wird.“ Der Corporal wandte ſich um, drehte ſeinen Schnurrbart zwiſchen den Fingern und lächelte der Bonne huldvoll zu. „Trinken Sie nicht auch auf die Geſundheit der Madame?“ fragte jetzt Katharine. „Ja wohl, ſchönes Kind,“ ſagte der Corporal, ſein Glas erhebend;„es iſt nicht mehr als billig, daß man auch auf die Geſundheit der Madame trinkt.“ Durand bereitete ſich in aller Eile ein zweites Glas Zuckerwaſſer, während Katharine die Schnaps⸗ gläſer der Soldaten wieder füllte, die nun im Chorus ausriefen:„Auf das Wohl der Wöchnerin!“ „Auf das Wohl meiner Gattin, mea uxor,“ ſagte Durand, ein zweites Glas Zuckerwaſſer ver⸗ ſchlingend. „Ach, ſie verdient es,“ bemerkte Katharine; „die arme Frau hat furchtbar gelitten!“ „Ich glaube,“ ſagte der Corporal, ſich zu ſeinen Leuten wendend,„daß wir auch den Papa nicht vergeſſen dürfen.— Ganz recht, man muß auch auf das Wohl des Papas trinken,“ riefen die Sol⸗ daten, ihre Gläſer abermals erhebend, welche Ka⸗ tharine ſofort aufs Neue füllte, während der⸗ Herbariſt ſich zur Bereitung eines dritten Glaſes Zuckerwaſſer anſchickte. „Wohlan, Kameraden, auf die Geſundheit des Papas!“ rief der Corporal und hob ſein Glas in die Höhe. Seine Leute thaten das Gleiche. Du⸗ rand beeilte ſich, mit ihnen anzuſtoßen, machte eine ſehr tiefe Verbeugung und erwiderte:„Auf mein Wohl, meine Herren, suum cuique, ich trinke mit dem größten Vergnügen.“ Die Soldaten tranken ihre Gläſer bis auf den letzten Tropfen aus und wären ſehr geneigt gewe⸗ fen, auch auf die Geſundheit eines Verwandten oder eines Freundes zu trinken; aber Durand, der ſein drittes Glas Zuckerwaſſer nur mit Mühe hin⸗ unterbrachte, öffnete jetzt eilends die Thüre und geleitete den Corporal und ſeine Leute auf die Straße hinaus. Während dieſer Zeit war es in dem Zimmer der Wöchnerin wieder ruhig geworden. Der Doktor gab die nöthigen Vorſchriften, Frau Moka nahm ihren Poſten ein, Katharine wickelte das Kind in Windeln und legte es neben ſeine Mutter, gleich⸗ ſam zur Entſchädigung für alle ihre Leiden, Frau Ledvux ging wieder in ihre Wohnung und Durand, nachdem er zuvor noch ſeine Gattin auf die Stirne geküßt, legte ſich ſchlafen mit den Worten:„Dieſe Nacht war ſehr gefährlich für meine Frau und für mich.“ Es war kaum ſechs Uhr Morgens, als ein kleiner Herr an der Thüre des Herbariſten ſchellte. — 29 Dieſer kleine Herr war noch im Morgenhabit und ohne Hut, aber bereits frifirt, als ginge es zum Ball. Auf ſeinem Rücken baumelte ein etwas kurzer, aber ſehr dicker Zopf, der mit einem breiten ſchwarzen Bande geſchmückt war. Die ganze Haartour war mit Puder und Pomade vollgepfropft, obgleich der Puder nimmer zur Mode gehörte; aber dieſer Herr putzte ſich aus beſonderen Gründen auf eine ſolche Weiſe heraus. Er war nämlich Perrüquier und hatte erklärt, daß keine politiſche Umwandlung Europa's ihn jemals bewegen würde, ſeinen Zopf abzuſchneiden. Herr Schönzopf(ſo hieß der Haarkräusler und er hielt ſehr viel auf dieſen Namen) zählte unge⸗ fähr ſechsunddreißig Jahre und hatte eine volle, kräftige Figur; ſeine, wenn auch etwas große Raſe war doch nicht mißgeſtaltet; ſeine, obwohl etwas kleinen Augen funkelten wie zwei Diamanten und ſein ziemlich großer Mund war nicht ohne allen Reiz und ließ namentlich zwei Reihen ſehr ſchöner Zähne ſehen. Dazu kommen noch ſchwarze Augen⸗ brauen, farbige Wangen, eine kleine, aber wohl⸗ proportionirte Taille, ſchöne Beine, eine reſpektable Beleibtheit und liebenswürdige Manieren. Dies iſt das Porträt des Herrn Schönzopf, der in dem ganzen Quartier als ein ſehr galanter Mann, als ein Verehrer des ſchönen Geſchlechts und als ein Friſeur bekannt war, wie man nur im Palais⸗Royal einen ſuchen mochte. Katharine öffnet den Laden und Schönzopf tritt 7 ein mit den Worten:„de, meine Liebe, es iſt alſo vorbei, die Sache iſt abgemacht? Ich habe es durch den Doktor erfahren, der bei einem meiner Kunden war.— Ja, Herr Schönzopf, Gott ſei Dank, es iſt vorbei! Die arme Madame! ſie hat ſehr gelitten.— Und wir haben einen Knaben?— Ja, mein Herr, einen ſehr ſtarken Buben, der wundernett iſt.— Wem gleicht er, Katharine?— O, mein Herr, das kann man eigentlich nicht ge⸗ nau ſagen„ ich glaube indeß, daß er mehr Madame gleicht, als— Um ſo beſſer, denn Durand iſt nicht ſchön. Ich brenne vor Begierde, dieſes Kind in meine Arme zu nehmen übrigens bin ich ſein Pathe.— Ja, mein Herr, aber Sie können den Kleinen noch nicht ſehen, er iſt bei Madame im Bette, die, wie ich glaube, gegen⸗ wärtig ſchläft. Wir mußten heute Nacht ſo Vieles durchmachen.. Mein Herr hat die Wache herbei⸗ geſchleppt, um der Niederkunft der Madame beizu⸗ wohnen.— Bah! Soldaten?— Ja, mein Herr, Soldaten mit Bajonnetten.— Was denkt doch Herr Durand? Kümmert er ſich ſo wenig um den An⸗ ſtand? Katharine, ich kann nicht anders, ich muß Dich küſſen, damit der Tag gut für mich anfängt. — Recht gerne, mein Herr.“ Herr Schönzopf küßt Katharine auf beide Wan⸗ gen, dann ſteigt er raſch zum Magazine hinauf und findet hier Durand, gerade im Begriffe, ſich an⸗ zukleiden. Guten Tag, mein lieber Durand; wir find alſo 31 papa?— Ja, mein lieber Schönzopf, das ſind wir.— Ich gratulire von ganzem Herzen, mein Freund.— Danke ſchönſtens. Ich kenne Ihre An⸗ hänglichkeit an meine Familie ſehr wohl und habe Sie deßhalb zum Pathen für mein Kind gewählt, obwohl einige Verwandte mir dieſes übel nehmen werden: aber die Freunde gehen Allen vor— Glauben Sie, Herr Durand, ich weiß dieſe Ehre ſehr wohl zu ſchätzen und will Ihrem Sohn ein zweiter Vater ſein„ er ſoll mich eben ſo ſehr lieben als Sie Apropos, wer iſt die Gevat⸗ terin?— Eine Tante meiner Frau, eine Färberin, die ſich vom Geſchäfte zurückgezogen hat.— Wie alt?— Ungefähr fünfundfünfzig Jahre, übrigens eine ſehr achtungswerthe Frau.“ Schönzopf drehte ſich um, ſchnitt eine Grimaſſe und brummte:„Zwei Büchſen Confekt werden hin⸗ reichen.“ Durand erzählte, während er ſeine Toi⸗ lette vollendete, ſeinem Nachbar die Ereigniſſe der vorhergehenden Nacht. „Hätten Sie nur an meinem Hauſe geklopft,“ ſagte der Perrüquier,„ich wäre dann mit Ihnen gegangen und Sie wiſſen, daß ich eine gute Klinge führe. Ich hätte meinen Stockdegen genom⸗ men und wir hätten getroſt die Schurken erwartet. Was trinken Sie da?— Lindenblüthenthe, um mich ein wenig von meiner geſtrigen Aufregung zu erholen.— Es ſcheint mir, ich höre ein Geſchrei.. das iſt ohne Zweifel der Neugeborene?— Er ſchreit ſchon die ganze Nacht hindurch.— Das Kind 32 hat eine charmante Stimme! Wohlan, ich will es küſſen die Mama wird jetzt ſicherlich aufge⸗ wacht ſein.“ Schönzopf zieht den Herbariſten mit ſich und beide Herren gehen in das Zimmer der Wöchnerin, die ſich bereits ein ſehr hübſches Morgenhäubchen aufgeſetzt hat, denn find die Schmerzen einmal vor⸗ bei, ſo denken die Damen ſogleich wieder an den Putz. Madame Durand lächelt dem Perrüquier anmuthig zuz dieſer nähert ſich dem Bette auf den Zehen und Frau Moka bietet ihm das Kind hin mit den Wor⸗ ten:„Sehen Sie, wie hübſch es iſt!“ Schönzopf nimmt den Neugeborenen zärtlich in ſeine Arme und betrachtet ihn aufmerkſam, während Durand beim Anblicke ſeines Söhnchens mit ernſter Miene ausruft:„Es hat ganz und gar mein Kinn und die Form meines Kopfes!— Ja,“ ſagt Schön⸗ zopf,„ich glaube, daß es etwas davon hat.“ Frau Moka nimmt nun das Kind wieder und macht dem Pathen einen Knir, denn Frau Moka legt auf Alles, was ſie thut und ſagt, das gehörige Gewicht, ſo daß man ſogleich merkt, dieſe Wärte⸗ rin gehe in vornehme Häuſer. „Wann iſt die Taufe?“ fragte Schönzopf.— „Morgen, Herr Gevatter, wenn's Ihnen recht iſ. — Warum nicht, Frau Gevatterin? Sie wiſſen, daß ich immer bereit bin.— Sollten wir aber,“ fiel Durand ein,„nicht warten, bis das Milchfieber vorüber iſt?— O nein, es iſt mir lieber, wenn die Taufe morgen ftattfindet..— Ich ſtimme 33 vollkommen der Anſicht der Madame bei,“ bemerkt die Wärterin; je bälder je beſſer.— Schreibe ſchnell an die Säugamme, Durand. Du weißt, in St. Germain.— St. Germain⸗en⸗Laye, nicht wahr?— Ja, mein Lieber, en Laye; vergiß auch die Einladungsbillette an die Familie, die Freunde und Bekannten nicht.. Uebrigens habe ich Dir eine Liſte gegeben.— Ja, liebe Frau. Ach, mein Gott, wie viele Geſchäfte! Mein lieber Freund Schönzopf, wollten Sie mir nicht dieſe Briefe ſchreiben helfen?— Recht gerne; es iſt noch früh am Tage, und die Fräuleins, welche ich gewöhnlich friſire, ſtehen nicht um dieſe Zeit auf.— Nun, ſo wollen wir auf mein Büreau.“ Durand geht in den Laden hinunter, in welchem ſein Büreau hinter einer kleinen Glaswand errich⸗ tet iſt. Schönzopf küßt der Wöchnerin die Hand, wirft auf das Kind einen ausdrucksvollen Blick und folzt dem Herbarißen, auf den Zehen ſchleichend, eine Gewohnheit, die er, um nicht ſchmutzig zu werden, auf der Straße angenommen hat. Wäh⸗ rend er ſich entfernt, ſagt Frau Moka:„Es hielte wohl ſchwer, einen höflicheren Pathen zu finden.“ Der Herbariſt zerkratzt fich vor ſeinem Büreau den Kopf und kaut an ſeiner Feder.„Wie müſſen doch ſolche Briefe geſchrieben werden? Da es mein erſtes Kind iſt, ſo bin ich noch nicht darin bewan⸗ dert. Wenn es ſich um ein Recept zu einem Bruſt⸗ thee oder um ein Laxirmittel handelte, ſo wäre die Sache bald im Reinen.— Sie ſind alſo ein Paul de Kock. Xolx. 3 yalber Arzt, Herr Gevatter?“ fragt Schönzopf, indem er ſich gleichfalls an den Schreibtiſch ſetzt. — Ja, ich bin ſehr gut bewandert in der Kenntniß der Heilkräuter. Ich habe ſchon zu Pantin, St. Denis, Fontenay und Serres botaniſirt. Wenn ich aufs Land gehe, ſo bleibe ich bei jedem Schritte ſtehen und blicke überall umher.— Da haben Sie wohl ſchon Vieles geſehen Aber es handelt ſich jetzt um meinen kleinen Pathen man muß ein Cirkular anfertigen, welches für Alle paßt.— Ganz recht, ein Cirkular.— Obwohl ein Jung⸗ geſelle, habe ich doch in dieſer Beziehung ſchon verheirathete Freunde unterſtützt; man fängt immer ſo an:„Ich habe die Ehre, Ihnen zu melden. — Nun weiß ich's; bloß der Anfang fehlte mir.“ Durand nimmt ein Blatt Papier und ſchreibt: „Ich habe die Ehre, Ihnen zu melden, daß meine Frau von ihrem erſten Kinde glücklich entbunden worden iſt... Iſt's ſo recht?— Ganz recht,“ erwidert Schönzopf,„fahren Sie nur fort.— Das Neugeborene iſt ein Knabe— Vollkommen gut gegeben.— Er iſt lebensfähig zur Welt gekommen und die ganze Familie befindet ſich wohl.— Das klingt ja, als hätte es ein renommirter Schrift⸗ ſteller geſchrieben! Ich will nur ſchnell mehre Co⸗ pien davon fertigen.“ 3 Nach Beendigung dieſes Geſchäftes verläßt Herr Schönzopf den Herrn Durand, verſpricht aber, im Laufe des Tages noch einmal zu kommen. Da die morgige Taufe von einem Familienmahle begleitet 35 ſein muß, ſo trifft man im Hauſe des Herbariſten alle Anſtalten, um die Geburt des kleinen Durand auf eine würdige Weiſe zu feiern. Katharine hat in der Küche vollauf zu thun; Durand, der in den Laden gebannt iſt, denkt bereits an die Zukunft ſeines Sohnes; während er Kamillen und Maul⸗ beerblätter verkauft, ſieht er ſeinen Erben mit der Advokatenrobe oder der Oberſtenuniform bekleidet. Frau Durand denkt ſich ihr Kind ſchon ſo groß, daß er ihr den Arm geben und ſie als Cavalier auf der Promenade begleiten kann. Ihr Sohn wird ein hübſcher, wohlgeſtalteter und geißtreicher Junge ſein; dies ſieht die Mutter bereits Alles zum Vor⸗ aus, während ſie das Püppchen, welches kaum die Augen öffnet, betrachtet und hochfliegende Pläne entwirft. Wer entwirft keine Pläne? Aber die einer Mutter find die ſüßeſten und wenigſtens nicht immer in den Sand gezeichnet. Inmitten der Bewegung, welche im Hauſe herrſcht, iſt Frau Moka am allerrührigſten, und obwohl ſie ſich fortwährend ſatt ftellt, naſcht ſie doch fortwäh⸗ rend von Allem, was ihr unter die Hände kommt. Schönzopf kommt Nachmittags wieder zum Be⸗ ſuche. Durand iſt auf einen Augenblick zu ſeiner Frau hinaufgegangen und fie ſind alle Beide ſehr unruhig wegen des Namens, den fie ihrem Kinde geben wollen, eine Frage, welche die Ankunft des Pathen natürlich entſcheiden muß. „Wie heißen Sie, mein lieber Schönzopf?“ fragt der Herbariſt den eintretenden Perrüquier.— das klingt hübſch!“ 36 „Wie ich heiße?— Ja Herr Gevatter, ich habe Sie noch nicht um Ihren Taufnamen gefragt?“ ſagte die Wöchnerin,„und gerade in dieſem Augen⸗ blicke ſuchte ich einen hübſchen Namen für mein Kind.— Meine liebe Frau Gevatterin, ich heiße Johann Schönzopf, um Ihnen aufzuwarten.— Johann? Nur Johann?— Nur Johann; aber meiner Meinung nach braucht man kein Dutzend Namen zu haben. Die Hauptſache iſt, dem Namen, welchen man führt, Ehre zu machen, den Anſtand zu beobachten und gegen die Damen galant zu ſein.“ Madame Durand ſpricht nichts, ſchneidet jedoch eine Grimaſſe, weil der Rame Johann ihr nicht flott genug ſcheint und ſie gerne für ihr Söhnchen einen wohlklingenderen Namen gehabt hätte. Durand murmelt beſtändig zwiſchen den Zähnen:„Johann. Joanny. ja, das iſt ein Name, der ſich leicht ausſprechen läßt; ich hätte indeß lieber einen ſolchen gehabt, der auch etwas vorgeſtellt hätte, wie z. B. Geranium, Roſarium oder Stramonium.— Aber mein lieber Nachbar, dieſe Namen riechen zu ſehr nach Teufelsdreck.— Ganz und gar nicht, mein lieber Schönzopf, ſie ſind im Gegentheil balſamiſch und ich kann es Ihnen beweiſen.— Ei, mein Herr, fällt Madame Durand ein, ich will nichts von allem dieſem! Gibt es einen Geranium im Kalender?“ „Ich glaube nicht,“ erwiderte Frau Moka.— „Lieber wäre mir Eduard, Stanislaus, Eugen.. — 37 „Meiner Treu, Frau Gevatterin, nennen Sie Ihr Söhnchen wie Sie wollen; ich werde es Jo⸗ hann nennen, weil Johann ein Name iſt, der jedem andern zur Seite ſtehen darf.— Gewiß, Herr Ge⸗ vatter, ich finde dieſen Namen ganz und gar nicht häßlich er iſt nur ein wenig kurz.— Um ſo beſſer.— Wir wollen doch ſehen, welchen Namen ihm meine Tante geben wird ich glaube, ſie heißt Urſula.“ „Ich werde mein Söhnchen nicht Urſula nennen,“ bemerkt der Herbariſt;„Johann iſt mir lieber..— Dies Alles wollen mir morgen ausmachen um wie viel Uhr iſt die Taufe?— Mittags.— Sehr gut, ich werde pünktlich eintreffen.— Sie ſpeiſen mit uns.— Meine liebe Gevatterin, ich danke Ihnen und werde jetzt meine Einkäufe beſorgen.— Seien Sie doch vernünftig, Herr Schönzopf, ich bitte Sie darum!— Seien Sie nur ruhig. das iſt meine Sache. alſo morgen.“ Schönzopf geht raſch fort, ohne auf Madame Durand zu hören, die ihm nachruft, er möchte ſich doch in keine Unkoſten verſetzen, während Frau Moka betheuert, ſie wette darauf, dieſer Pathe werde ſeine Sache gut machen. Hätte der Neugeborene geſchwiegen, was er aber fünf Stunden lang nicht für paſſend hielt, ſo hätte man eine ziemlich ruhige Nacht gehabt. Der zur Taufe beſtimmte Tag kündigte ſich durch einen hübſchen kleinen Regen oder vielmehr durch einen Graupenhagel an, der das Pflaſter außerordentlich ſchlüpfrig machte; die Amme jedoch traf glücklicher⸗ weiſe ein. Dies war eine ſtarke, vierundzwanzig⸗ jährige Bäurin, deren Mann den Liebhabern von St. Germain Eſel vermiethete, während ſein Weib den Neugeborenen der Hauptſtadt etwas Beſſeres vermiethete. Frau Moka erklärte die Bäurin für eine Kapitalamme und Madame Ledoux behauptete, ſie gleiche aufs Haar der Amme ihres zwölften, welches den Papierhändler zum Vater hatte. Denjenigen, welchen dieſe Sache am meiſten be⸗ rührte, gefiel die Amme ohne allen Zweifel gleichfalls, denn er warf ſich gierig auf das Dargebotene und umfaßte mit ſeinen kleinen Händchen die reichliche Nahrung verheißende Kugel, ohne dieſelbe vor Ablauſ einer Stunde loszulaſſen, weßhalb Frau Moka die Bemerkung machte, das Kind beſitze ſehr viel Charakter. Unterdeſſen hat ſich Durand von Kopf bis zu Fuß in Schwarz gekleidet, ſeine Leibfarbe, denn er glaubt darin das Ausſehen eines Doktors zu haben. Die zur Taufe eingeladenen Verwandten laſſen auch nicht lange auf ſich warten. Zuerſt kommt die Ge⸗ vatterin, Madame Grobblau, küßt ſofort ihre Nichte und überreicht ihr das mit feinen Spitzen garnirte Taufhäubchen; als ſie aber ihren künftigen Pathen küſſen will, ſträubt ſich dieſer unter ab⸗ ſcheulichem Geſchrei mit Händen und Füßen ſo ſehr gegen die Lisbkoſungen der Madame Grobblau, daß die Tante ausruft:„Charmant! Er iſt Dir wie aus dem Geſichte geſchnitten, meine liebe Felicitas.“ 39 Die Wöchnerin lächelt und Herr Durand, der einige Schritte entfernt ſteht, macht der Madame Grobblau eine tiefe Verbeugung und brummt:„Ja, ich glaub', es iſt ſo.“ Bald nachher kommen Herr und Frau Fuchs, Mützenhändler aus der Rue du Temple und Vettern von Herrn Durand. Herr Fuchs hatte anfangs den Beleidigten ſpielen wollen, weil man ihn nicht zum Pathen gewählt, als ihm aber ſeine Frau begreiflich machte, daß ja gerade dadurch bedeutende Ausgaben erſpart ſeien, ſo legte er jeden Groll ab und nahm eine ſehr freundliche Miene an. Rach dieſen erſchienen Herr Scheid und Fräu⸗ lein Aglae, ſeine Schweſter. Herr Scheid iſt ein Kummetmacher aus der Rue St. Avoin und Sei⸗ tenverwandter der Madame Durand. Er füllt ſeinen Platz bei Liſche gebührend aus, man darf jedoch nichts mit ihm ſprechen, was über den Kreis ſeiner alltäglichen Geſchäfte hinausgeht. Fräulein Aglae Scheid, die nächſtens ihre dreißig auf dem Rücken, aber noch keinen Eheſtandskandidaten ge⸗ angelt hat, beſitzt ziemlich viel Lebhaftigkeit, welche noch durch ihre Taubheit, die indeß nicht immer natürlich ſcheint, vermehrt wird. Ueberzeugt, daß Fröhlichkeit und Zerſtreutheit ein Erbtheil der Ju⸗ gend ſind, ſucht ſie auch alle Manieren eines acht⸗ zehnjährigen Mädchens beizubehalten. Ihre Stimme macht den Eindruck einer flets in dem gleichen Tone geſpielten Flötez ſie lacht über Alles, was manzu ihr ſagt und oft über das, was ſie ſelbſt ſpricht; und wenn ſie manchmal ſogar bei einer ſehr traurigen Nachricht lacht, ſo ſchiebt ſie dies zur Entſchuldigung immer auf ihre Zerſtreutheit. Uebrigens war Fräulein Aglae mit achtzehn Jahren ziemlich hübſch und könnte es noch ſein, wenn ſie weniger lachte. Zwei Nachbarn, von denen der Eine fich ſtets für krank hielt und deßhalb fortwährend zu Durands Recepten ſeine Zuflucht nahm, während der Andere, ein großer Liebhaber des Domino, öfters mit dem Herbariſten eine Partie ſpielte, vervollſtändigten die Geſellſchaft, welche der Wöchnerin ihre Auf⸗ wartung machte und das Kleine mit den herkömm⸗ lichen Redensarten:„ein ſchönes Kind! wahrhaftig, es hat u. ſ. w. bewunderte. Alle dieſe Complimeſtte erwiderte Durand, den Kopf ſteif in ſeiner Cravatte haltend, mit tiefen Bück⸗ lingen.* Schmerzenreich, dies iſt der Name des Nach⸗ bars, der ſtels über eine Krankheit klagte, ging auf den Herbariſten zu und ſagte:„Haben Sie ihm noch keinen Kräuterabguß gegeben?— Wem? — Ihrem Kinde.— WMeinem Wunſche nach ſollte es ein Decoct von Mauerkraut, helxine, trinken, weil dies eine ſehr wohlthätige Wirkung auf die Verdauungswege hat; aber die Wärterin meinte, es wäre zu bald. Dieſe Weibsleute ſind eben un⸗ verſtändige Gewohnheitsmenſchen. Heute morgen jedoch habe ich, während meine Frau ſchlief und Frau Moka mit der Amme frühftückte, in jller 41¹ Eile den Kleinen mit Fliederwaſſer, Sambuceus, gewaſchen, das gegen Geſichtsflecken ſchützen ſoll; ſehen Sie, welchen glänzenden Teint das Kind jetzt hat?— Wahrlich, man ſollte glauben, ſein Geſicht wäre gefinißt.“ In dieſem Augenblicke kommt Frau Ledour im höchſten Putze und ruft aus vollem Halſe:„Mein Gott, wie unruhig geht's im Zimmer der Wöch⸗ nerin zu! Es überſteigt jeden Begriff... und das Kind das Kind riecht nach Hollunder Hat es denn böſe Augen?“ „Das nicht,“ erwiderte Durand;„ich habe nur eine Vorſichtsmaßregel angewandt.“ „Wie!“ ſagte Madame Durand,„Du haſt das liebe Püppchen mit Hollunderwaſſer gewaſchen! Das iſt doch gar zu abſcheulich.“ „Ich verſichere Dir, Frau, es geſchah nur zu ſeinem Beſten ich kenne den Gebrauch der Heil⸗ kräuter.— Behalte Deine Kräuter für Dich und mache damit keine Proben an meinem Kinde.— Was mich betrifft,“ fiel Frau Ledvur ein, ſo habe ich vierzehn Kinder gehabt, aber keines mit Hol⸗ lunderwaſſer gewaſchen.. Mein Mann, der Ge⸗ richtsdiener, gab meinem Erſten etwas Wein zu trinken und davon mußte es eine ganze Stunde lang huſten. Meinem Siebenten wollte der Ebeniſt die Lenden mit Branntwein einreiben, damit es ſich beſſer entwickle, aber es war bucklig als es ſtarb; meinem Dreizehnten endlich, welches vom Papierhändler herkam, ließen wir Kataplas auf die Angen legen, weil es ein ſchwaches Geſicht hatte, aber das arme Kleine ftarb blind. Dies ſind die einzigen Verſuche, die ich mit meinen Kindern machte. Es ſcheint mir indeß, daß Alles da iſt; auf wen wartet man denn noch?— Auf den Pathen, meine liebe Freundin.— Ah! richtig! auf den Pathen.— Und auf meinen Vetter, Herrn Miſtigris, den Tanzlehrer. Es wäre ſehr ärger⸗ lich für mich, wenn er ſich nicht einſtellte; es iſt ein ſo lieber Mann. und Sie wiſſen, was er für Contretänze aufführt! mit welchem Geſchmack! mit welcher Präciſion!— O ja; ha! ha! ha!“ ſagte Fräulein Aglae, laut lachend. Und Frau Ledour erwiderte:„Ich glaube, daß ich ihn einmal in Ihrem Magazine habe ſpielen hören... In der That, er führt einen vortrefflichen Bogenſtrich. Bevor ich eintrat, glaubte ich, es ſeien mindeſtens vier Blinde bei Ihnen.“ „Meiner Meinung nach greift die Violine die Nerven an,“ ſagte Schmerzenreich ganz leiſe zu Durand.„Ja,“ verſetzte der Herbariſt;„aber man nimmt einige Meſſerſpitzen voll Pfeffermünze, menta mentae; dies iſt ein Antiſpasmodicum.“ Ein höchſtens vier Fuß ſieben Zoll großes Männchen unterbricht durch ſeinen zephyrleichten Eintritt das Geſpräch und ſteht mit zwei baskiſchen Sprüngen vor dem Bette der Madame Durand⸗ In dieſem luftigen Weſen wird man bereits den Tanzlehrer Miſtigris erkannt haben, der, obwohl bereits gegen vierzig Jahre alt, die Erde kaum be⸗ 43 rührt und ſeinen Körper in einer beſtändigen Be⸗ wegung hält. Die Phyſiognomie des Tanzlehrers hat ganz den Ausdruck ſeines Standes und kündigt einen Mann an, dem unaufhörlich Pirouetten vor den Augen flimmern. „Wir ſprachen ſo eben von Ihnen, mein lieber Vetter,“ ſagte Madame Durand, während ſie Herrn Miſtigris ihre Hand reichte, der, auf einem Beine ſtehend, dieſelbe küßte.„Ich fürchtete, Sie würden nicht kommen!— Ich hatte Ihnen aber doch ver⸗ ſprochen, bis Mittag hier zu ſein und nun bin ich da. Ich hatte einige Lektionen zu geben, die mich aufhielten. Auch iſt das Pflaſter ſehr ſchlecht; ich habe mehr als einen Particulier ein Seitenpas machen ſehen... Guten Tag, Durand, wo iſt das Kind?“ „Hier, mein Herr,“ ſagte Frau Moka;„war⸗ ten Sie, ich will es auf den Arm nehmen.— Wie gefällt es Ihnen, mein lieber Vetter?“ fragte Ma⸗ dame Durand.— O! das Geſiht kümmert mich wenig, ich will nach ſeinen Beinen ſehen.— Das kann jetzt unmöglich geſchehen; es iſt zur Taufe eingewickelt und angekleidet.— Wenn ich ſeine Beine geſehen hätte, ſo hätte ich Ihnen ſogleich ſagen können, was einſt aus ihm werden wirdz denn, meine liebe Coufine, die Beine ſind der Maß⸗ ſtab, wornach man einen jeden Menſchen beurthei⸗ len muß. Eine mehr oder minder dicke, mehr oder minder gutgeformte Wade iſt das untrügliche Kenn⸗ zeichen von Geiſt oder Talent.— Hal ha! hal Wie, der Geiſt ſteckt in den Waden?“ ſagte Fräu⸗ lein Aglae Scheid.—„In der Wade ſteckt Alles, Fräulein, ſogar die Seele.— Was die Seele be⸗ trifft, mein lieber Vetter,“ verſetzte der Herbariſt mit vielem Ernſte,„ſo nimmt Hippokrates als ih⸗ ren Sitz die linke Herzkammer, Eraſiſtrates die Haut, welche das Gehirn umgibt, und Strabo den Raum zwiſchen beiden Augenbrauen an.— Gut, mein lieber Vetter, wenn dieſe Herren die Seele in den Magen, das Gehirn oder zwiſchen beide Augenbrauen verſetzen, ſo kann ich mit allem Recht als ihren Sitz die Waden annehmen. Jeder hat ſein Syſtem.“ „Meine Herrn,“ ſagte Frau Ledoux und ſuchte mit ihrer Stimme alle Anweſenden zu übertäuben, „Sie machen ein zu großes Geräuſch, Sie ſprechen zu laut; meine Frau Nachbarin wird Kopfweh und nachher Milchknoten bekommen, wie es mir bei meinem ſechsten Kinde, das vom Ebeniſten war, ergangen iſt.“ „Ha! ich ſehe den Pathen,“ rief Frau Moka. Bei der Anmeldung des Pathen kehrte die Ruhe wieder zurück, indem die Verwandten denjenigen, welcher für würdig befunden wurde, das Reugebo⸗ rene aus der Taufe zu heben, mit Aufmerkſamkeit muſtern wollten. Herr Schönzopf erſchien in blauem Frack, deſſen Knöpfe gleich Spiegeln glänzten, in einer weißen Piquéweſte und ſchwarzen Hoſen. Er war mit ganz beſonderer Sorgfalt frifirt, hielt ſeinen dreieckigen 45 Hut in der Hand und hatte unter jedem Arm eine Confektbüchſe. Der Pathe, obwohl etwas genirt durch die Ge⸗ genſtände, welche er trägt, tritt in das Zimmer und gibt ſich Anfangs jene ernſte Miene, die man manchmal affektirt, um nicht dumm zu ſcheinen, wodurch ſich aber nur Thoren täuſchen laſſen. Bald jedoch kommt Schönzopf wieder auf ſeine gewöhn⸗ liche Phyſiognomie zurück und lächelt mit Jeder⸗ mann. Hierauf geht er auf das Bett der Wöchnerin zu und überreicht ihr die Confektbüchſen, ſowie ein kleines Paket mit vier Paar Handſchuhen. „Ich dachte mir doch, Sie würden einen tollen Streich machen,“ ſagte Madame Durand, dem Fri⸗ ſeur einen Couliſſenblick zuwerfend. Dieſer zog zwei Töpfchen mit Confitüren aus ſeiner rechten Taſche und gab ihr dieſelben mit den Worten: „Dies iſt Etwas für den Magen.— Aber das iſt zuviel; ich werde ernſtlich böſe, Herr Gevatter.— Und das iſt für die Bruſt,“ ſagte Schönzopf, indem er aus ſeiner linken Taſche eine halbe Flaſche Scu⸗ bac herausnahm.—„Ah! Sie ſind doch gar zu galant.“ „Hier iſt die Frau Gevatterin, mein lieber Schönzopf,“ ſagte der Herbariſt und ſtellte Madame Grobblau vor, die ſodann gegen den Pathen einen tiefen Knix machte. Dieſer überreichte der Gevat⸗ terin ein ſehr ſchönes Bouguet, ferner vier Con⸗ fektbüchſen und ein kleines Paket Handſchuhe. Wäh⸗ rend aber Madame Grobblau die Geſchenke des 46 Pathen bewunderte, näherte ſich Schönzopf der Wöchnerin und flüſterte ihr leiſe zu:„Die Hand⸗ ſchuhe der Frau Gevatterin ſind von Grenoble, die Ihrigen aber von Paris. Ihr Confekt iſt ſehr fein und es find Piftazien darunter, ſie aber hat nur Haſelnüſſe erhalten.“ Madame Durand antwortete hierauf nur mit einem boshaften Blicke und Frau Moka rief, wäh⸗ rend ſie ihre fünf Finger in eine von Madame Grobblau geöffnete Büchſe ſteckte:„Das ißt eine vortreffliche Taufe, ich zweifle, ob es eine ſchönere geben kann.“ „Apropos, meine liebe Tante, welches iſt Ihr Vorname?“ fragte Madame Durand.—„Johanna, meine liebe Freundin. Erinnerſt Du Dich nicht mehr, daß man mich immer Jeannette nannte?— Daraus folgt, daß das Kind nothwendig Johann heißen muß,“ ſagte Schönzopf;„indeß kann die Mama noch einen zweiten Namen hinzufügen.— Gut, nennt es Stanislaus, dieſer Name gefällt mir ſehr.— Alſo wohl gemerkt, Johann Sta⸗ nislaus. Aber jetzt iſt es Zeit zum Gehen.— Die beiden Fiaker warten bereits vor der Thüre,“ ſagte Katharine. „Wird mich Jedermann verlaſſen?“ fragte die Wöchnerin.—„Ich bleibe unverletzlich bei Ihnen, Madame,“ ſagte Frau Moka, ein großes Stück Confekt, das ſie erwiſcht hatte, in den Mund ſchie⸗ bend.—„Ich fürchte, der Wagen betäubt mich,“ ſagte Herr Schmerzenreich.—„Ha! eine Taufe, . 47 das muß etwas ſehr Hübſches ſein,“ ſagte Fräulein Aglae.—„In einer Minute ordne ich den Zug,“ ſagte Herr Miſtigris, welcher, nachdem er die Beine des Pathen bewundert hatte, ins Speiſezimmer ge⸗ gangen war, um Kreuzſprünge zu machen.„Man gebe den Damen die Hand und halte beim Gehen das Tempo ein.“ Herr Miſtigris ſpielte nun eine Arie aus Richard und ging dicht hinter der Geſellſchaft her; ſeine Ab⸗ ſicht war, ſich neben den Kutſcher auf den Bock zu ſetzen und den Pferden einen Tanz aufzuſpielen, damit ſie im Tempo trabten; da es jedoch gerade ſchneite, ſo entſchloß er ſich, ins Innere des Wa⸗ gens zu dem Kinde und ſeiner Amme, dem Pathen, der Gevatterin, Herrn Fuchs und Fräulein Aglae hineinzuſteigen und die Geſellſchaft zu unterhalten, indem er den ganzen Weg über Walzer ſpielte, welche das Kind mit Schreien begleitete. Wir wollen der Geſellſchaft nicht auf die Mairie und in die Kirche folgen. Jedermann weiß, was eine Taufe iſt, und dieſe bot nichts Beſonderes dar, außer daß Miſtigris in der Kirche ein Menuett ſpie⸗ len wollte, was man jedoch nicht zugab. Nachdem endlich pflichtmäßig eingetragen worden war, daß den 15. März 1805 den Durand'ſchen Eheleuten ein Knabe geboren worden ſei, wurde das Kind Johann Stanislaus genannt. Der erſte Name, welcher ſich am Leichteſten ausſprechen ließ, gefiel beſonders der Amme, welche das Kind immer Jo⸗ hann nannte. Auch wir wollen, wie die Amme, 48 unſern Helden immer nur Johann nennen, da, um mit Herrn Schönzopf zu reden, dieſer Name ſo viel werth iſt, als ein anderer, und da es Johann von allen Gattungen gibt, ſo muß es nothwendigerweiſe auch ſehr liebenswürdige, ſehr geiſtreiche und ſehr rechtſchaffene geben. Wir werden in der Folge ſehen, zu welcher Klaſſe unſer Johann gehört. Man beſtieg die Fiaker wieder. Herr Schönzopf hielt beſtändig ſeinen Hut in der Hand, und das Spiel des Herrn Miſtigris verkündigte die Rückkehr der Geſellſchaft. Es war gegen drei Uhr. Das Dejeuner oder vielmehr das Diner wurde in dem Zimmer der Wöchnerin ſervirt, welche Zeuge von dem Fefte ſein wollte, obwohl Frau Moka ihr geſagt hatte, der Lärmen werde ihr den Kopf verwirren. Katharine haite ſich ſelbſt übertroffen und der Dampf des er⸗ ſten Gerichtes ſchmeichelte höchſt angenehm dem Ge⸗ ruchſinne. Madame Durand ordnete die Plätze; Herrn Schönzopf ſetzte ſie nicht neben Fräulein Aglae, ſondern zwiſchen die Gevatterin und Ma⸗ dame Fuchs; Fräulein Scheid ſah ſich genöthigt, mit Herrn Schmerzenreich und dem Dominoſpieler, der heiter war wie ein doppelter Sechſer, zu lachen. Während des erſten Gerichtes hörte man nur das Geklirr der Teller und Gabeln, ſowie das Ge⸗ räuſch von Herrn Miſtigris Füßen, welcher unter dem Eſſen fortwährend den Takt trat. Beim zweiten Gange entſpann ſich ein Geſpräch; man ließ ſich —— 49 den alten Burgunder des Herbariſten trefflich ſchmecken und lobte beſonders die Schönheiten des Neugeborenen, ſowie die guten Eigenſchaften, welche das Kind nothwendigerweiſe von ſeinen Eltern er⸗ erben mußte; Fräulein Aglae lachte dem Herrn Schmerzenreich ins Geſicht, weil er ihr rieth, nicht zu viele Sardellen zu eſſen, da dies ſehr reizend ſei. Herr Schönzopf trank und aß beinahe ſo viel als Frau Moka, die mit ungemeiner Geſchicklichkeit Alles, was ſich auf ihrem Leller befand, verſchwin⸗ den ließ und denſelben bei jeder Schüſſel, die man herumbot, ſtets aufs Neue präſentirte, mit den Worten:„Ich will's nur verſuchen.“ Frau Ledour aß wenig und ſprach immer von ihren Kindern; Herr Fuchs hörte ihr mit liebenswürdiger Miene zu; Frau Fuchs ſprach gar nichts und berechnete, was wohl jede Schüſſel koſten konnte; Herr Scheid that nichts als ſchlucken und einſchenken; der Do⸗ minoliebhaber griff bei jeder Schüſſel zu, und Herr Durand konnte es kaum erwarten, bis man eine Platte mit Eierſchnee präſentiren würde, in welche er ohne Wiſſen Katharinens einen Kräuterabguß geſchüttet hatte, der nach ſeiner Meinung den Eiern einen ausgezeichneten Geſchmack geben ſollte. Der Eierſchnee wurde endlich den Gäſten ſer⸗ virt; der Herbariſt ſagte nichts, lächelte aber, als er ſah, daß Jeder über den Geſchmack der Eier verwundert ſchien und daß man ſich fragend anblicke. „Ich will es Ihnen ſagen,“ rief Herr Durand, Paul de Kod. R01x. 4 50 „denn ich glaube, Sie könnten lange vergebens hin und herrathen; ich habe nämlich einen Abguß von Kräutern, die außer ihren aromatiſchen und ſtär⸗ kenden Eigenſchaften auch zur Blutreinigung ſehr tauglich ſind, heimlich unter dieſe Eier gemiſcht, um Ihnen eine angenehme Ueberraſchung zu be⸗ reiten; ich bin überzeugt, daß man ſelbſt bei Hofe nichts dergleichen bekommt. He! Iſt es nicht delikat?“ Murrend blickten die Gäſte einander an.„Ja dieſe Eier haben einen ganz beſondern Geſchmack. — O das wußte ich wohl; je mehr Sie davon eſſen, deſto ausgezeichneter werden Sie dieſelben finden.“ „Ich habe eben kein beſonderes Gelüſte darnach,“ ſagte Schönzopf.—„Ich auch nicht,“ ſagte Herr Miſtigris, indem er ein Entrechat unter dem Tiſche machte.„Mir ſchmeckt es auch nicht recht,“ ſagte Frau Moka. Die übrigen Gäſte thaten, wie Schön⸗ zopf und ließen ihren Eierſchnee liegen. Als aber Schmerzenreich gehört hatte, er wäre gut zur Blut⸗ reinigung, ließ er ſich zum zweiten Male damit bedienen und verlangte ſogar zum dritten Male davon, als der Herbariſt ihm verſicherte, eine ein⸗ zige Platte könne vor vielen Krankheiten ſchützen. Glücklicherweiſe hatte Durand mit dem Deſſert keine Verſuche angeſtellt und das Zwiſchengericht mit den Kräutern wurde vergeſſen, indem man auf die Geſundheit des Neugebornen und ſeiner Eitern trank. Der Champagner ſchäumte in den Gläſern; Fräulein Aglae lachte aus vollem Halſe, weil ihr 51 Stöpſel der Madame Fuchs an die Naſe flog; Schönzopf füllte die Gläſer, und Frau Moka, nach⸗ dem ſie das ihrige raſch geleert, trank auch noch das Glas ihres Nachbarn aus und rief dann:„Ach Gott, ich habe einen Mißgriff gemacht!“ „Was wird man aus meinem kleinen Pathen machen,“ fragte jetzt Madame Grobblau.„Haſt Du bereits einen Plan, meine liebe Felicitas?— Ich wünſche, daß er ein munterer Junge werde, meine liebe Tante,“ ſagte Madame Durand;„was den Stand betrifft, ſo werden wir dies ſpäter ſchen.“ — Vor Allem laſſen Sie ihn frübzeitig das Tanzen lernen,“ bemerkte Herr Miſtigris,„dies iſt das ſicherſte Mittel, ſeinen Körper und ſeinen Geiſt auszubilden.“ „Wenn man aber aus meinem Pathen einen wackeren Soldaten machte?“ fiel Schönzopf ein, der gedient hatte und immer gerne von ſeinen Feldzügen ſprach.„Man rückt jetzt ſchnell vor. Wenn er mit achtzehn Jahren in den Dienſt tritt, ſo wette ich darauf, daß er mit zwanzig Kapi⸗ tän iſt.“ „Ach! Herr Schönzopf, Sie wollen meinen Sohn tödten.— Nein, meine liebe Gevatterin; ich ſage nur, der Soldat kann es jetzt ſehr weit bringen.“ —„Mein Sohn ſoll ein Gelehrter werden,“ ſagte Herr Durand;„ich werde ihn ſchon mit vier oder fünf Jahren botaniſiren laſſen, und wenn er die Heilkräuter einmal gut kennt, ſo iſt ſein Glück ge⸗ macht.— Man ſollte ihm ein Dominoſpiel kau⸗ 52 fen,“ ſagte der Nachbarz„durch nichts lernt man ſchneller rechnen.“ Herr Schmerzenreich ſprach ſeit einigen Minuten kein Wort, ſondern bewegte ſich nur auf ſeinem Stuhle hin und her, ſah bleich aus und ſchnitt Grimaſſen, denn der Eierſchnee mit Kräutern ſchien ſeinem Magen ſehr übel zu bekommen. Mochte nun der kleine Johann ein Gelehrter oder ein Held werden, Schönzopf ſchlug jetzt ein volles Glas auf ſeine Geſundheit vor; Herr Schmerzenreich trank aber nicht, ſondern flüſterte dem Herbariſten einige Worte ins Ohr und dieſer antwortete ihm:„Verſuchen Sie, wie gut es Ihnen thut.“ Herr Schmerzenreich, der ſeine Verſuche nicht vor der ganzen Geſellſchaft anſtellen wollte, ſtand auf und verließ das Zimmer. Indeß wurde die Fröhlichkeit bald geräuſchvoller, Schönzopf wollte fingen, Miſtigris tanzen, Fräulein Aglae lachte unaufhörlich und Frau Moka ſchenkte ſich zum dritten Male ein. Madame Durand geſtand endlich, ſie fühle ſich etwas ermüdet und nun dachte die Geſellſchaft an den Rückzug. Man nahin Abſchied, man küßte einander und ging hierauf durch den Laden, in welchem Herr Miſtigris den Vorſchlag machte, mit Fräulein Scheid die Gavotte tanzen zu wollen. Da es jedoch im Laden ſehr kalt war, ſo wollte Jedermann nach Hauſe gehen. Herr Schmerzenreich, der endlich wieder zum Vorſchein kam, aber nur mit der größten Mühe gehen konnte, bat Herrn 53 Durand, ihn bis an die Thüre zu führen. Der Herbariſt erwies ſeinem Nachbar dieſen Dienſt und gab ihm die Verſicherung, daß er ſich am folgenden Morgen vollkommen wohl befinden würde; dann kehrte er zurück und legte ſich zu Bette, während er noch lange darüber nachgrübelte, wie er ſeinem Sohne am leichteſten die Liebe zu Heilkräutern ein⸗ pflanzen könnte. Drittes Kapitel. Reiſe im Coucou— Beſuch bei der Amme. Am Morgen nach dieſem denkwürdigen Tage vertauſchte der kleine Johann den väterlichen Herd mit dem der Suſanne Jomard, bei welcher er drei kleine Kameraden fand, von denen der älteſte kaum ſechs Jahre zählte, ohne das Kind zu rechnen, welches ſo eben entwöhnt worden war. Man ſieht, daß Vater Jomard, trotz dem Eſelvermiethen, doch nicht vergaß, ſeine Grundſtücke anzubauen. Madame Durand hatte, als ſie von ihrem Kinde Abſchied nahm, reichliche Thränen vergoſſen, wäh⸗ rend Herr Durand ſich alle Mühe gab, um ſeiner Gattin begreiflich zu machen, daß St. Germain nicht in Indien liege und daß man, wenn auch nicht mit einem Dampfſchiffe, doch auf mannigfache Weiſe und in ſehr kurzer Zeit dahin gelangen könne. Eine Mutter nimmt es pöchſt übel, wenn man 54 ihr beweiſen will, ſie weine mit Unrecht um ihr Kind; übrigens hatte Madame Durand gerade nicht die Gewohnheit, aufmerkſam auf das zu hören, was ihr Mann ſagte. Suſanna, die reichlich be⸗ ſchenkt wurde, empfing von der Mama alle mög⸗ lichen Vorſchriften, wie ſie nur mütterliche Zärt⸗ lichkeit erfinden kann. Man ſchärfte ihr beſonders ein, das Kind niemals ſchreien zu laſſen, was ſie auch feierlich verſprach; deſſen ungeachtet durfte der kleine Johann den ganzen Weg über ungehindert ſchreien. Herr Durand wollte der Amme gleichfalls Wei⸗ ſungen ertheilen, aber ſeine Frau machte ihm be⸗ merklich, daß ein Mann ſich erſt in die Erziehung eines Kindes miſchen darf, wenn daſſelbe entwöhnt worden iſt. Der Herbariſt geſtand die Richtigkeit dieſer Bemerkung zu; dennoch übergab er Suſannen heimlich ein Päckchen mit Kräutern und empfahl ihr, ſeinem Sohne jedesmal, ſo oft fie ihn nieſen ſehe, einen Abguß davon zu machen. Suſanne ver⸗ ſprach es; als ſie aber zu Hauſe ankam, warf ſie das Kräuterpäckchen ihren Kaninchen hin, ohne daß dieſe genoſſen hatten. Da das Wochenbette einen glücklichen Verlauf hatte, ſo wurde Frau Moka nach vierzehn Tagen verabſchiedet. Eingedenk der guten Bewirthung ver⸗ ſprach ſie, ſich öfters nach der Geſundheit der Ma⸗ dame erkundigen zu wollen. Nach drei Wochen war Madame Durand voll⸗ kommen hergeßtellt und hatte bereits ihre Farbe 55 wieder erlangt. Obwohl bereits fünfunddreißig Jahre alt, war die Gattin des Herbariſten doch eine ſehr angenehme kleine Brünette, deren Teint und Wuchs öfters die Bewunderung ihrer Kunden erlangte, beſonders wenn ſie von Schönzopf frifirt worden war. Madame Durand hätte ſich längſt gerne nach St. Germain begeben, um ihr Söhnchen wieder zu ſehen, aber der Doktor hatte ihr das zu frühe Ausgehen verboten, beſonders da man erſt im April war und eine bedeutende Kälte herrſchte. Madame Durand hätte indeß dem Froſte Sibiriens getrotzt, um ihr Kind zu beſuchen, aber ihr Gemahl holte den Nachbar Schönzopf, damit er ſeine Frau zur Vernunft bringen möchte, welchen Verſuch dieſer auch wirklich machte. „Ach!“ rief Madame Durand, einen Seufzer ausſtoßend.„Ach! Herr Schönzopf, Sie find keine Mutter.“ „Rein, aber ich bin Pathe,“ erwiderte der Friſeur,„und ich ſchmeichle mir, gegen das Kind die größte Zärtlichkeit zu hegen.“ „Und ich, Frau,“ ſagte der Herbariſt,„bin ich nichts bei all dieſem? Es ſcheint mir doch „Ja, aber Du biſt ſo kalt! Du fühlſt nicht im Mindeſten das Glück, einen Sohn zu haben. Du denkſt nur an Deine Kräuter! Ach Gott! das Kind muß bereits ſo groß, ſo ſchön, ſo liebens⸗ würdig ſein— Glaubſt Du vielleicht, daß es ſchon mit drei Wochen ſpricht?— Nein, ich weiß 56 wohl, daß es nicht für Dich ſpricht aber für mich, das iſt etwas Anderes; eine Mutter ver⸗ ſteht Alles, was ihr Kind ſagen will. Nun ich will noch acht Tage warten, weil man es verlangt, aber dann höre ich auf Niemand mehr und reiſe nach St. Germain.“ Nach acht Tagen wird Madame Durand von einem Augenleiden befallen und dadurch genöthigt, ihre Reiſe aufzuſchteben. Uebrigens ſchrieb Suſanne oder vielmehr, ließ alle Wochen an die Eltern des kleinen Johann ſchreiben und ihnen melden, daß ihr Pflegling wachſe wie ein Pilz, daß er geſund und dick ſei, und von Jedermann wegen ſeiner Schön⸗ heit und ſeiner Antworten bewundert werde. Wahr⸗ ſcheinlich beſtanden aber dieſe Antworten nur in einer Art Pantomime, denn wenn man die Briefe der Ammen immer wörtlich nehmen wollte, ſo müßte z. B. ein fünfzehn Monate altes Kind im Stande ſein, am Chorpulte zu ſingen und Piquet zu ſpielen. Endlich verlor ſich das Augenleiden und es ſtand dem Beſuche der Madame Durand nichts mehr im Wege. Der Tag wurde feſtgeſetzt. Es war ein ſehr ſchöner Maimorgen, Madame Durand machte eine Toilette, welche die Mitte zwiſchen einer Ko⸗ kette und Amazone hielt. Sodann wurde ſie von Gevatter Schönzopf, der ſich zu ihrem Begleiter angetragen hatte, abgeholt. Ihr Mann blieb zu Hauſe ſeiner Geſchäfte wegen. Die Mama und der Pathe mietheten ein Cou⸗ 57 eou, in welchen der Conducteur ſie faſt mit Ge⸗ walt hineinzwängte, indem er verſicherte, das Ge⸗ fährt ſei nun voll und gehe ſogleich ab. Im Innern des Cvucou's ſaßen bereits zwei Perſonen, ein junger Herr und eine Griſette, die ganz vertraulich miteinander plauderten. Der junge Herr rückte jetzt näher zu der Griſette hin, damit Madame Durand neben ihm Flatz nehmen konnte, denn der Kutſcher hatte mit einer Stentorſtimme ge⸗ rufen:„Drei Perſonen auf jeden Sitz, und zur Noth, wenn Kinder kommen, vier.“ Schönzopf ſetzte ſich der Madame Durand ge⸗ genüber. Mit dem Abfahren hatte es jedoch noch Zeit. Der Kutſcher hielt alle Vorübergehenden an, um ſein Gefährt voll zu machen, und verſicherte jedesmal, es gehe ſogleich ab. Fünf Minuten ver⸗ ſtrichen und der Kutſcher fuhr immer noch nicht. „Ach!“ jammerte Madame Durand,„wir werden zu ſpät kommen, ich werde nicht mehr Zeit haben, mein Kind zu umarmen.“ „Ich glaube, dieſer Tölpel da hat uns zum Be⸗ ſten,“ ſagte Saönzopf, indem er ſeinen Kopf aus dem Wagen ſtreckte. „Warteten Sie ſchon lange, mein Herr?“ fragte Madame Durand ihren Nachbar.—„Eine halbe Stunde, Madame,“ ſagte der junge Herr lächelnd. „Eine halbe Stunde? Ach! das iſt abſcheulich. Laſſen Sie uns ausfteigen, mein lieber Schönzopf.— Endlich wird's gehen.. Beruhigen Sie ſich.“ 58 Wirklich brachte der Kutſcher einen jungen Herrn, den er ſo eben einem ſeiner Kameraden entriſſen hatte und eigentlich in das Gefährt neben Schön⸗ zopf hineinſtieß, mit den Worten:„Ich ſagte Ihnen ja, es wäre voll und ich würde ſogleich abfahren.“ Der junge Herr, ſeinem ganzen Ausſehen nach ein Engländer, blickte verwundert um ſich, indem er kaum begreifen konnte, wie er in den Coucou hereingekommen war und unterſuchte ſodann ſeine Cravatte, während Schönzopf dem Conducteur zu⸗ rief:„He! geht es jetzt ab?— Gewiß, mein Herr, gewiß.“ „Coachman,“ ſagte der junge Herr,„Sie ha⸗ ben mir den Preis nicht genannt.— O, ſeien Sie ganz ruhig, Mylord, es koſtet immer das Gleiche. Ich bin ein guter Kerl.“ Dies ſprechend, lief der Kutſcher einer Amme nach, die er unter mehren ſeiner Kameraden ſtehen ſah, während Schönzopf mit grimmiger Stimme ihm zurief:„Wir wollen ſogleich abfahren.“ „Mein Herr,“ ſagte der Engländer, ſich an Schönzopf wendend,„wollten Sie mir wohl ſagen⸗ wieviel das Gleiche beträgt?“ Schönzopf blickte den Engländer an, weil er ihn nicht recht verſtanden hatte, und fragte dann Madame Durand:„Habe ich recht gehört?“ „Ich fragte Sie, wieviel das Gleiche, welches der Coachman verlangt, ausmacht.— Ah! ich ver⸗ ſtehe; den Fahrpreis wollten Sie wiſſen?— Yes. — Dieſer beträgt zwanzig Sous, wenn man han⸗ 59 delt, und fünfundzwanzig Sous, wenn man nichts ſagt.— Iſt es hier Sitte, daß die Coachman die Reiſenden mit Gewalt in ihr Gefährt ſchleppen 2 — Wurden Sie hereingepreßt?— ges; er machte mich einem Andern freitig, der mich bereits an der Cravatte ergriffen hatte; glücklicherweiſe zerriß die Cravatte, ſonſt wäre ich erdroſſelt worden.“ „Aber man fährt immer noch nicht ab,“ ſagte Madame Durand,„und es iſt ſchon zehn Uhr vor⸗ bei; ich werde krank vor Ungeduld. Laſſen Sie uns ausſteigen, mein lieber Schönzopf.“ „Zuerſt aber will ich den Kutſcher durchprügeln,⸗ ſagte der Friſeur und wollte gerade, mit ſeinem Stocke bewaffnet, ausſteigen, als die Amme herein⸗ geſchoben und Schönzopf dadurch zum Sitzenblei⸗ ben genöthigt wurde. Die Amme ſetzte ſich zwiſchen Schönzopf und den Engländer, und der Kutſcher überreichte ihr ihr Pflegekind mit den Worten:„Wir fahren ſo⸗ gleich ab, in einer Sckunde haben wir die Barriere hinter uns.“ „Kutſcher, wenn nicht auf der Stelle abgefah⸗ ren wird,“ rief Schönzopf voll Wuth,„ſo haben Sie es mit mir zu thun.— Seien Sie ruhig, mein Herr, das Gefährt iſt jetzt voll.“ Endlich ſchloß der Kutſcher den Coucou und ſtieg auf den Bock, fuhr aber nicht fort, ſondern blickte ringsumher und rief aus Leibeskräften:„Ein Ka⸗ ninchen, ein Kaninchen nach St. Germain!“ „Warum ruft er nach Kaninchen?“ fragte der 60 Engländer die Amme, und dieſe antwortete ihm: „Ganz natürlich, er will eben den Ofen voll ma⸗ 3 chen.“ Der Engländer, welcher es nicht verſtand, 1 kehrte ſich um und ſprach kein Wort mehr. Ma⸗ dame Durand, die das hereingebrachte Kind mu⸗ ſterte, ſagte ganz leiſe zu Schönzopf:„Welcher Un⸗ terſchied zwiſchen dieſem Kinde und meinem Sohn. — So groß, als zwiſchen einem Titus und einem Zopfe,“ erwiderte der Friſeur. Die Griſette und der ſie begleitende Herr miſchten ſich in gar nichts. Als es immer noch nicht vorwärts ging, wollte Schönzopf den Kutſcher ohne Weiteres am Kragen nehmen; da kam ein kleiner, ſchlecht gekleideter Mann mit einem Pakete unter dem Arme und ſlieg zu dem Kutſcher auf den Bock, nachdem er zuvor die Geſellſchaft ehrfurchtsvoll gegrüßt hatte. Jetzt faßte der Kutſcher endlich den Entſchluß, ſich auf den Weg zu machen, aber es ging vorderhand bloß. im Schritt und er rief fortwährend:„Noch ein Ka⸗ ninchen nach St. Germain; dies iſt das letzte, und wir fliegen davon.“ Endlich ſetzte ſich eine Bäuerin neben den Kutſcher, dieſer peitſchte ietzt ſeine Pferde und der Coucou rollte auf der Straße nach St. Ger⸗ main dahin. Unterwegs zog der kleine Mann auf dem Bocke, welcher ein Schneider war, aus ſeinem Pakete eine Doſe hervor und bot der ganzen Geſellſchaft Schnupf⸗ tabak an. Unglücklicherweiſe flog Einiges davon dem Engländer in die Augen; dieſer nahm die Sache ganz ernſthaft, ergriff den kleinen Schneider beim 61 Kragen und wollte durchaus mit ihm boren. Schön⸗ zopf ſtellte den Frieden wieder her. Zu Nanterre wurde eine halbe Stunde Halt ge⸗ macht und die Geſellſchaft nahm in einem Gaſthofe Erfriſchungen ein. Das junge Pärchen ging unter⸗ deſſen ſpazieren. Wie man wieder in den Wagen ſtieg, ſo bemerkte Madame Durand, daß das Kleid der Griſette ſehr zerknittert war. Der Reſt des Weges wurde ziemlich angenehm zurückgelegt. Endlich befindet ſich Madame Durand in St. Ger⸗ main; ſie athmet dieſelbe Luft mit ihrem Sohne. Sie ergreift Schönzopf beim Arme und nun geht es auf die Wohnung Suſannens zu, die man aber nicht ohne Schwierigkeit findet. Endlich leſen ſie in einem öden Gäßchen über einer Thüre die Worte: Jomard hält Eſel. Alsbald läßt Madame Durand Schönzopfs Arm los und ſtürzt in den Hofraum des Hauſes, wo ſie vier Kinder fieht, die ſich neben Hühnern und Enten auf dem Miſte herumwälzen und an einem Stück Brod nagen, deſſen Farbe ſchwer zu erkennen war. „Iſt es wohl unter dieſen?“ fragte Schönzopf. — O nein, ſie find zu alt,“ ſagte Madame Du⸗ rand.„Suſanne! Frau Jomard! Suſanne, brin⸗ gen Sie mir doch mein Kind, den lieben Stanis⸗ laus.— Den hübſchen, kleinen Johann,“ rief Schoͤnzopf. Die Amme kam in einem ſehr nachläſſigen An⸗ zuge aus einem kleinen Zimmer und wußte ſich vor Ueberraſchung kaum zu faſſen.„Bringen Sie mir 62 doch meinen Sohn,“ ſagte Madame Durand.— „O, warten Sie nur, er liegt in ſeiner Wiege. Sie werden ſehen, er befindet ſich ganz wohl.“ Madame Durand folgte Suſanne in das kleine Zimmer, wo die Wiege ihres Sohnes neben einem großen Bette ſtand, in welchem die ganze Familie Jomard zu liegen pflegt. Der kleine Johann ſchlief. Suſanne nahm ihn heraus und gab ihn ſeiner Mut⸗ ter, die das Kind mit Küſſen bedeckte und zugeſtand, daß es vollkommen geſund ſei.—„Sein Häubchen iſt etwas ſchwarz,“ ſagte die Mama.—„Ach! Madame, es war dieſen Morgen noch ganz weiß, aber bei Kindern wird Alles ſo ſchnell ſchmutzig. Ei, der Papa gibt ihm ja keinen Kuß.— Dies iſt nicht mein Mann, ſondern der Pathe.“ Madame Durand zeigte jetzt dem Friſeur das Kind, mit den Worten:„Sehen Sie, wie ſchön es iſt.“ Schön⸗ zopf küßt daſſelbe; aber der Kleine wühlt mit ſei⸗ nen Händen in den gepuderten Locken ſeines Pathen. „Köſtlich!“ ruft Schönzopf, indem er ſeine beſchä⸗ digte Friſur zu retten ſuchte. „Ich glaube, es gleicht mir,“ ſagt Madame Durand und geht mit ihrem Kinde nach dem Gar⸗ ten, den ihr Suſanne zeigt. Hierauf führte die Amme den Friſeur auch zu ihren Kindern, damit er ſie gleichfalls bewundern möchte; ihr letztes, erſt ſechszehn Monate altes, fuhr Schönzopf mit ſeinen vom Miſte ſchmutzigen Händchen ins Geſicht; der zweite Knabe klammerte ſich an die Waden des Friſeurs; der dritte nahm ihm ſeinen dreieckigen 63 Hut, ſetzte denſelben zuerſt auf und warf ihn ſo⸗ dann in einen Speicher; endlich kletterte das älteſte auf den Rücken des geputzten Herrn und ſpielte mit ſeinem Zopfe. Der arme Pathe, nicht im Stande, ſich von den vier Kindern loszumachen, ſchrie:„Hel mein Hut! mein Zopfl mein Rock! Ihr kleinen Narren verderbet mir Alles! Frau Jomard, ſchaffen Sie doch Ihre Kinder fort.“ Suſanne lachte aus vollem Halſe über die klei⸗ nen Schelmereien ihrer Racker, und Madame Du⸗ rand mußte bei ihrer Rückkehr ebenfalls lachen, als ſie Schönzopf erblickte, den man nicht mehr erken⸗ nen konnte, weil ſein Zopfband aufgegangen war, und ihm nun die Haare über die Schulter und das von dem jüngſten Kind geſchwärzte Geſicht flatterten. „Ach Gott! mein lieber Schönzopf, Sie ſehen ja aus wie ein Waldmenſch,“ ſagte Madame Du⸗ rand. Suſanne erlöste nun den Armen, der lieber wie ein cultivirter Menſch ausſehen wollte, von den Quälgeiſtern, indem ſie die Eſelspeitſche her⸗ beiholte. „Sie werden die Güte haben, mit uns zu ſpei⸗ ſen, Madame,“ ſagte die Amme;„Schade, daß wir von Ihrem Beſuche vorher nichts wußten; in⸗ deß kann ich ihnen immerhin noch ein Eſſen berei⸗ ten.— Ich nehme es recht gerne an, meine liebe Suſanne, und zwar, weil ich bei meinem Kinde bleiben möchte.“ Schönzopf hätte lieber bei einem Lraiteur dinirt 64 und machte auch Madame Durand den Vorſchlag dazu, dieſe aber willigte nicht ein; Butter, Milch und ihr Kind, dies iſt Alles, was ſie verlangt, und der Pathe muß ſich in ihre Wünſche fügen. Während Suſanne das Eſſen bereitet, ordnet Schönzopf ſeine Toilette wieder ein wenig. Bald darauf ſetzt man ſich zu Liſche. Neben Schönzopf ſitzen die vier Racker, welche ihm ſo übel mitge⸗ ſpielt haben. Madame Durand behält während des Eſſens ihr Kind auf dem Arme. Die Mahlzeit geht ohne ein beſonderes Ereigniß vorüber, außer daß einer der Kleinen dem Friſeur Suppe über die Weſte hinunterſchüttet. Aus Furcht vor weiterem Unheil ſehnt ſich Schönzopf ſehr nach Hauſe. Er zieht die Uhr heraus und ſagt:„Vergeſſen wir ja nicht, daß wir fern von Paris find, und daß eine ſpäte Heimkehr für Sie, Frau Gevatterin, nach⸗ theilig ſein könnte. Es iſt bereits fünf Uhr. Wir müſſen jetzt gehen, denn bis wir nach Paris kom⸗ men, wird es wenigſtens acht Uhr.“ „Jetzt ſchon gehen?“ ſagte Madame Durand, „jetzt ſchon mein Herzchen verlaſſen? Das iſt grau⸗ ſam! Aber ich werde bald wiederkommen, hören Sie, Amme, ich werde mein Kind oft beſuchen.— Ja, Madame, und Sie werden es immer in gutem Zuſtande finden. Auf, ihr Racker, küßt die Ma⸗ vame! ſie hat mir etwas gegeben, wofür ich Euch Spielſachen kaufe.“ Schönzopf, welcher fühlt, daß dieſe Einladung auch ihm gilt, zieht ſeine Börſe heraus und be⸗ 65 ſchenkt die kleinen Schelme; dann gibt er ſeinem Pathen einen Kuß und eilt in den Hof hinunter, um allen ferneren Liebkoſungen der jungen Jomards zu entgehen. Endlich verläßt auch Madame Durand die Wohnung der Amme, aber nicht, ohne noch zärtliche Blicke zurückzuwerfen. „Dieſe Suſanne iſt eine ſehr gute Frau; die Jomards find eine ausgezeichnete Familie,“ ſagt Madame Durand zu ihrem Begleiter.—„Ja, aus⸗ gezeichnet,“ erwidert Schönzopf und verdoppelt ſeine Schritte, aus Furcht, es möchte der Mama ein⸗ fallen, noch einmal umzukehren. Bald finden ſie einen Coucou, in welchem es noch einen Platz gibt. „Steigen Sie ein,“ ſagt Schönzopf,„ich werde mich neben den Kutſcher ſetzen, dann können wir doch wenigſtens ſogleich abfahren.“ Madame Durand ſteigt ein, Schönzopf hockt als Kaninchen auf und es wird abgefahren. Diesmal ſcheint es ohne irgend einen Unfall abzugehen; wie man aber an die Barriere kommt, ſo ſtürzt das Pferd und Schönzopf, der auf ein ſolches Ereigniß nicht gefaßt war, fällt herunter in den Staub. Glücklicherweiſe kommt er mit einigen Beulen am Kopfe davon, was ihm, wie Madame Durand meint, nicht widerfahren wäre, wenn er ſeinen Hut aufgehabt hätte. Nicht ohne Mühe richtet man das Pferd wieder empor und erreicht vollends das Ziel des Weges. Madame Durand ergreift den Arm ihres Begleiters, der ein wenig hinkt, und ſagt während des Nachhauſegehens zu ihm:„Nicht Paul de Kock. XoIx. 5 66 wahr, mein lieber Schönzopf, wir haben einen ſehr angenehmen Tag gehabt?— Ja, äußerſt angenehm,“ erwidert dieſer, indem er ſich auf ſeinen Stod ſtützt.—„Wir wollen noch oft die gute Suſanne beſuchen.“ Schönzopf gibt keine Antwort darauf, ſondern wünſcht bloß der Madame Durand, die unterdeſſen ihre Wohnung erreicht hatte, einen guten Abend. Viertes Kapitel. Johanns Kindheit. Wir wollen dem Kinde nicht in allen ſeinen Entwicklungen folgen und nicht von jedem Zahne berichten, den es erhielt, wie auch nimmer mil Madame Durand die Amme beſuchen; Schönzopk macht es gleich uns und hat durchaus keine Luß, noch einmal einen ſchönen Tag in der Familie Jo⸗ mard zu erleben. Mit achtzehn Monaten konnte der kleine Johann ganz allein gehen; auch konnte er bereits einige derbe Flüche ausſprechen, welche Vater Jomard ihn gelehrt hatte; er ſchlug ſich wacker mit ſeinen Milch⸗ brüdern herum; er warf ſein Brod demjenigen ins Geſicht, der ihn zu genau anblickte, und ſein gan⸗ zes Weſen verkündigte Kraft und Geſundheit. Man fand, daß er bei ſeiner Amme nichts mehr zu ler⸗ nen hatte, und nahm ihn deßhalb an den elterlichen Herd zurück.„ 67 Herr Durand, der ſeinen Sohn ſeit dem Tage ſeiner Geburt nicht mehr geſehen hatte, konnte ihn nicht genug bewundern. Er nahm ihn auf ſeine Kniee, aber der Kleine wollte nicht darauf bleiben; er ſteckte ihm ein Stückchen arabiſches Gummi in den Mund, und Herr Johann blies es ihm ins Geſicht; der Herbariſt ſetzte alsdann ſeinen Soyn auf den Boden und erklärte, er ſei ein Kerl wie ein Türke, nur müſſe man ſeinen Charakter etwas biegſamer machen.* Die ganze Familie beſuchte den kleinen Johann und bewunderte ſein hübſches Geſicht, welches in der That nicht häßlich war, wenn Herr Johann gerade keine Grimaſſen ſchneiden oder die Zunge gegen diejenigen, die ihn anblickten, herausſtrecken wollte. Frau Ledoux behauptete, er gleiche einiger⸗ maßen ihrem fünften, das vom Gerichtsdiener war; Herr Fuchs rühmte ſeine feine Naſe, Madame Grobblau küßte ihn unter zärtlichen Thränen, Fräu⸗ lein Aglae lächelte ihm beſtändig zu, Herr Miſtigris betaſtete ſeine Waden und ſchwur, daß noch etwas aus ihm werden würde. „Wahrhaftig,“ ſagte Katharine,„ein Kind, das in Gegenwart von Grenadieren, die auf ſeine Ge⸗ ſundheit tranken, zur Welt kam, muß doch etwas Rechtes werden.“ Johann erreichte ſein ſechstes Jahr, ohne weiter zu lernen, als ſpielen, fluchen, eſſen und ſchlafen. Uebrigens war die Zeit noch nicht verioren und durch alle ſeine Schelmenſtreiche blickte ein gutes 68 Herz hindurch. Er theilte gerne ſein Eſſen mit einem armen Kameraden und es that ihm wehe, wenn er Jemand wirklich beleidigt hatte. Ueberdies zeigte er Verſtand, und der Fehler lag bloß in ſeiner Er⸗ ziehung, wenn ſein Charakter etwas unbändig war. Mit ſechs Jahren wollte ihn Herr Durand in die Kräuterkunde einweihen. Das war eine harte Ar⸗ beit. Der kleine Johann, welchem dieſes Studium durchaus nicht geſiel, weinte oder ſtampfte mit den Füßen vor den Kamillen oder der Pfeffermünze; der Papa gab ihm einige leichte Verweiſe, zeigte ihm dann die Geduldwurzel und verlangte mehr⸗ mals, daß er den Namen dieſer Pflanze ausſpreche. Herr Johann aber warf ſeinem Vater die Geduld⸗ wurzel ins Geſicht; dieſer wollte nun bei ſeinem Sprößlinge die ſchulmeiſterliche Züchtignng anwenden und ſagte deßhalb zu ihm:„Herr, ziehen Sie Ihre Hoſen herunter.“ In der Meinung, es handle ſich um eine ganz andere Sache, gehorchte das Kind gutwillig und der Vater verſetzte ihm ſodann ein Halbdutzend Schläge, wobei er jeden Schlag mit einer ſalbungs⸗ reichen Bemerkung begleitete, als:„Dies iſt für die Geduldwurzel, lapathum; dies für die Kamille, anthemis, u. ſ. w.; auf ſolche Weiſe, mein lieber Freund, wirſt Du die Botanik per fas et nefas lernen.“ Um den Fleinen dieſen botaniſchen Plackereien zu entreißen, machte endlich Schönzopf ſeinen El⸗ tern den Vorſchlag, ihn Morgens in die Schule 69 zu ſchicken, damit er zuerſt etwas Anderes lerne. Dieſer Rath wurde angenommen und Johann be⸗ ſuchte eine nicht weit entfernte Schule. Anfangs gefiel es ihm und er lernte in einer Viertelſtunde oft eben ſo viel, als Andere in einem halben Tage; bald aber langweilte ihn die Grammatik, ſein Hang zu Schelmenſtreichen, die er nun ſeinen Kameraden ſpielte und dadurch die ganze Klaſſe in Verwirrung ſetzte, brach wieder hervor. Da indeß Madame Durand dem Schullehrer öfters Geſchenke machte, ſo war derſelbe nachſichtig gegen Johann und ſagte bloß zu ſeiner Mutter:„Er iſt ein bos⸗ hafter Kopf, wird ſich aber ſchon beſſern. Er hat viele Talente, will aber keinen Gebrauch davon machen; doch das iſt vor der Hand gleichgültig: er hat unendlich viele Talente.“ Madame Durand küßte ihr Söhnchen, gab ihm eine Düte Confekt und erzählte, nach Hauſe zurück⸗ gekehrt, ihrem Manne, der Schullehrer habe geſagt, der kleine Johann beſitze viele Talente.—„Aber er ſchreibt ja wie eine Katze und kann nicht geläufig leſen,“ erwiderte Herr Durand.— Mag ſein, aber er hat viele Talente, und das genügt.“ Johann war nicht der einzige boshafte Bube ſeiner Klaſſe; es befand ſich darin auch einer Na⸗ mens Demar, ein ſchamloſer Lügner und Dieb, und ein gewiſſer Gervais, ein Faullenzer, Freſſer und Feigling. Dieſe Herren ſchloſſen ſich bald an Johann an, der bei ſeinen leichtfinnigen Streichen doch wenig⸗ 70 ſtens immer offen und ehrlich zu Werke ging. Wenn er zum Beiſpiel merkte, daß man ein Vergehen, deſſen Urheber manchmal unbekannt war, einem Andern aufbürdete, ſo rief er ſogleich:„Ich habe es gethan!“ aus Furcht, einer ſeiner Kameraden möchte dafür gezüchtigt werden. Nicht ſo verhielt es ſich mit dem um ein Jahr ältern Demar. Von ſeinen Eltern ſehr ſtreng er⸗ zogen, hatte diefes Kind die Gewohnheit der Lüge angenommen und ſuchte deßhalb, wenn es ſich ver⸗ fehlte, immer die Schuld auf ſeine Kameraden zu ſchieben. Wenn Johann ihm dieſe Falſchheit vor⸗ warf, ſo beſchwichtigte ihn der geſcheite Demar immer mit einem Spaß oder dadurch, daß er ihm ein neues Spiel zeigte. Gervais, ein merkwürdiger Vielfraß, ſtahl ſei⸗ nem Kameraden Johann öfters einen Theil des Frühſtücks; dieſer wurde zuerſt ſehr böſe darüber, aber weil der arme Tropf ſich gutwillig ſchlagen ließ, ſo verzieh ihm Johann, beſonders da Ger⸗ vais ihn immer um Schutz gegen ſeine anflehte. In einem Punkte harmonirten dieſe drei Her⸗ ren vollkommen: in ihrer Arbeitsſcheu und in ihrem Eigenſinne. Sie verließen mit einander die Schule, und anſtatt ſogleich nach Hauſe zu gehen, machten ſie jedesmal mit einander ein Spiel, wobei ſich Johann ſtets durch die tollſten Streiche auszeichnete. Mit zunehmenden Jahren wurde der Sohn des Herbariſten nicht gelehriger; er konnte zwar Leſen 7¹ und erträglich Schreiben, aber das war auch Alles⸗ Weder Latein, noch Geſchichte, noch Geographie wollte ihm in den Kopf. Deſſenungeachtet hatte ihn ſein Pathe Schönzopf lieb. Er ftrich ihm oft durch ſeine braunen Haare und ſagte:„Du biſt ein hübſcher Burſche; wäre es Deiner Mutter recht geweſen, ſo hätte man Deine Haare hinten nicht abgeſchnitten und Du hätteſt nun einen Zopf wie ich. Aber ſie behauptet, dies ſei jetzt nimmer Mode. Ich werde es der Revolution niemals vergeben, daß ſie die Zöpfe abgeſchafft hat.“ Darauf erwiderte Johann:„Nicht wahr, Pathe, um ein Mann zu werden, wie Sie, brauche ich keinen der Griechen und Römer zu kennen, oder zu wiſſen, daß es Vulkane in Italien und Island gibt?“ „Eigentlich,“ ſagte Schönzopf,„habe ich mich niemals mit all dieſem abgegeben, und ich glaube doch, meinem Stande nichisdeſtoweniger Ehre zu machen. Ich weiß wohl, Du wirſt kein Friſeur werden, da Du Vermögen haſt und Deine Eltern einen Gelehrten aus Dir machen wollen. Wenn Du nun ein Arzt oder ein Advokat wirſt, ſo wird nach meiner Meinung ein wenig Geographie noth⸗ wendig für Dich ſein.— Lieber Pathe, ich will nichts der Art werden.— In dieſem Falle, mein Junge, glaube ich, daß Du immerhin genug weißt, vorausgeſetzt, Du kennſt zwei oder drei geheime Stöße, um das ſchöne Geſchlecht zu vertheidigen, wenn ſich Gelegenheit dazu bietet. Vor Allem be⸗ 7² obachte den Anſtand. Gegen Damen ſei galant und dienſtfertig. dann wird es ſich mit der Zeit ſchon machen.“ Madame Durand hatte faſt die gleichen Gedan⸗ ken wie Schönzopf. Ihr Sohn verſprach ein hüb⸗ ſcher, wohlgeſtalteter Burſche zu werden. Was bedurfte es weiter? Nicht ſo dachte der Herbariſt; es verdroß ihn, daß Johann nichts lernte, daß er nicht gehorchte und bei ſeinen Freunden ſchlimme Gewohnheiten annahm. Herr Durand wollte nochmals einen Verſuch machen, ſeinem Sohne die Kräuterkunde beizubrin⸗ gen, aber vergebens: nach einer halben Stunde hatte Johann im Magazine die größte Unordnung angerichtet. Nun nahm ihn der Papa auf botaniſche Ausflüge mit, aber anſtatt Pflanzen zu ſuchen, kletterte Johann an den Bäumen hinauf oder lief den Schmetterlingen nach, und als eines Tages Herr Durand die Lektion per fas et nefas wieder beginnen wollte, entwiſchte der zwölfjährige Sohn den Händen des Vaters und kam erſt ſpät wieder nach Hauſe. „Wahrlich,“ ſagte Herr Durand,„aus dieſem Burſchen wird nie Etwas, außer wenn man ſtrenge Maßregeln anwendet.. Er kann ſeinem Kopfe keine Eibiſchwurzel einprägen und verwechſelt den Thymian immer mit Quendel! Da iſt nichts zu hoffen.“ „Du liebſt Deinen Sohn auch gar nicht,“ warf Madame Durand ihrem Gatten vor;„Du findeſt 73 nichts als Fehler an ihm. Und doch iſt es ein herr⸗ licher Junge; was für ſchöne Augen, welch weiße Zähne er hat! Ich wette, er iſt wenigſtens fünf Fuß ſechs Zoll groß! Du ſollteſt auf einen ſolchen Sohn ſtolz ſein.“ Schönzopf ſagte ſodann, indem er ſein Bein ausſtreckte und eine Haarlocke ordnete:„Ich glaube, der Burſche macht ſich noch. Er zeigt zwar nicht viel Eifer für die Arbeit, weiß aber gut mit den Waffen umzugehen und hat einen ſicheren Blick. Sie werden ſehen, es gibt noch einen Kapitalkerl.“ Fünftes Kapitel. Ball bei einem Tanzlehrer.— Johanns Knaben⸗ und Jünglingsalter. Johann zählte dreizehn Jahre, als man es für paſſend hielt, ihm den Beſuch der Elementarſchule zu erlaſſen, wo er ſeit lange ſich mit ſeiner Gram⸗ matik abquälen mußte, ohne auch nur ein Wort zu behalten. Indeß konnte er erträglich leſen und ſeine Schrift ließ ſich zur Noth entziffern. Madame Durand erklärte, ihr Sohn habe ſeine Studien be⸗ endigt, er habe ſich Kenntniſſe genug geſammelt und es handle ſich jetzt nur noch darum, ihm einen geſellſchaftlichen Ton beizubringen, um ſeine Erzie⸗ hung zu vollenden. Herr Durand war nicht dieſer Meinung; er hielt die Kräuterkunde für die rühmlichſte Wiſſenſchaft; 274 aber Johann weigerte ſich aufs Allerbeſtimmteſte, ein Herbariſt zu werden. Der Papa mußte deßhalb auf die Freude verzichten, in ſeinem Sohn einen Erben ſeiner Kenntniſſe zu ſehen. Madame Durand hatte jetzt ihr achtundvierzig⸗ ſtes Jahr erreicht, aber ſie ſpiegelte ſich in ihrem Sohne. Eine Mutter, die ſelbſt nicht mehr gefal⸗ len kann, trägt ihre ganze Koketterie auf ihre Kin⸗ der über. Sie iſt ſtolz auf die Schönheit derſelben und legt ihnen gewöhnlich Talente bei, welche ſie nicht beſitzen. Ueber Johanns Talente konnte man nicht im Irrthume ſein, denn er beſaß nur Stärke in den Kinderſpielen. Oefters ſang er auch, und man be⸗ merkte, daß ſeine Stimme voll und angenehm ſei. Madame Durand war nicht die Letzte, welche dieſes wahrnahm, denn ſie ſagte zu Jedermann: „Mein Sohn könnte in der Oper glänzen, wenn ich ihn aufs Theater bringen wollte. Haben Sie ihn ſingen gehört? Velch ſchönen Metallklang hat ſeine Stimme! Er trällerte dieſen Morgen: Der gute König Dogobert 5 Zog ſeine Hoſen an vetkehrt. Wahrhaftig, als er dieſes ſang, glaubte ich im Theater zu ſein.“ Es wurde nun ausgemacht, daß Johann die Mußik lernen ſollte; und da er nicht mehr zu junß war, um auf einem Balle zu erſcheinen und mit Grazie eine Poule oder Anglaiſe zu tanzen, ſo er⸗ 75 ſuchte man Herrn Miſtigris, er i aus Johann einen Zephyr machen. Herr Miſtigris hätte ſchon längſt gerne die Erzie⸗ hung des jungen Vetters übernommen. Er kam alſo mit ſeiner Geige, bewunderte Jobanns Beine und lehrte ihn die Füße kunſtgemäß ſtellen. Der Pro⸗ feſſor bethenerte, der junge Mann habe bedeutende Anlagen, und verſpreche ein eben ſo guter Tänzer als er ſelbſt zu werden. Der Mufiklehrer ſagte das Gleiche. Dieſe Schmeichelei wurde mit reichlichen Geſchenken belohnt und Herr Johann erhielt zur Aufmunterung einen Thaler, den er mit ſeinen Freunden Demar und Gervais verpraßte. Indeß wollten dem jungen Herrn die Noten durchaus nicht eingehen, und nach vier Monaten erklärte der Pro⸗ feſſor dem Herbariſten und ſeiner Frau, daß ihr Sohn niemals die Muſik lernen würde. „Das dachte ich mir,“ ſagte Herr Durand,„wenn man keinen mildernden Kräutertrank bereiten lernt, ſo kann man auch die Muſik nicht begreifen, welche ja die Sitten mildert, emollit mores.“ „Dieſer Lehrer weiß nicht, was er ſpricht,“ rief Madame Durand;„er verfteht ſeine Sache nicht; wir wollen unſern Sohn einem Andern ge⸗ ben. Uebrigens braucht er ja die Mußik nicht zu verſtehen, um ſingen zu können.“ Herr Miſtigris war mit Johann eben ſo un⸗ glücklich und dieſer beluſtigte ſich immer auf Koſten ſeines Tanzmeiſters. Dieſer tanzte ihm nämlich alle mögliche Touren vor; Johann ſah zu, und 76 wenn der alte Lehrer die anſtrengendſten Sprünge machte, ſo applaudirte der Zögling und rief Bravo, ſo daß man glauben mußte, er ſelbſt ſei der Tanz⸗ meiſter. Eines Tages ſagte Herr Miſtigris zu Madame Durand:„Meine liebe Coufine, da mein Zögling, Ihr Sohn, noch keine vollkommene Kenntniß von den Figuren hat, ſo glaube ich, es wäre gut, wenn er manchmal meine kleinen Bälle beſuchte, er wird dort Zöglinge beiderlei Geſchlechtes finden, und dadurch Geſchmack an ſchönen Poſituren ge⸗ winnen.“ „Sie haben vollkommen Recht,“ ſagte Madame Durand;„mein Sohn ſoll Ihre Bälle beſuchen. — Erweiſen Sie mir die Freundſchaft, ihn über⸗ morgen in mein Haus zu begleiten. Sie werden dort eine prächtige Reunion treffen.— Das wird mir großes Vergnügen gewähren.— Sie wiſſen die Nummer? Uebrigens werden Sie die Muſik ſchon von unten hören.— Um wieviel Uhr nimmt der Ball ſeinen Anfang?— O, ſehr früh; ſobald ein paar Perſonen da find, formire ich eine Qua⸗ drille. Ich zähle alſo auf Sie.“ Als der für die Reunion beſtimmte Tag gekom⸗ men war, ordnete Madame Durand die Toilette ihres Sohnes, der indeß lieber in ſeinem gewöhn⸗ lichen Kleide, in welchem er mit ſeinen Kameraden herumſchwärmte, ausgegangen wäre. Diesmal je⸗ doch konnte er nicht entrinnen; Madame Durand ließ kein Auge von ihm; ſie ſchlug ihn ſanft auf 77 die Wangen und nannte ihn einen Schlingel, aber mit einer Miene, welche offenbar ſagen wollte: Du liebes Kind. Schönzopf, der gleichfalls zum Balle geladen war, ließ nicht lange auf ſich warten. Seine Toi⸗ lette war aufs Sorgfältigſte gemacht, ſein Haar verbreitete ſchon von weitem einen Vanille⸗ und Jasmingeruch. In der einen Hand hielt er ſeinen dreieckigen Hut, in der andern ganz neue Hand⸗ ſchuhe; auch ſchien er, als er Madame Durand ſei⸗ nen Arm bot, ſich einer noch vollkommenen Ju⸗ gendfriſche zu erfreuen. Wie die kleine Geſellſchaft um fieben Uhr Abends in der Rue des Gravilliers ankam, hatte Madame Durand die Hausnummer vergeſſen; glücklicherweiſe hörte man den Ton eines Inſtrumentes und ge⸗ wahrte in einem dritten Stockwerk Herrn Miſtigris, welcher die Violine ſpielte und während er halb zum Fenſter herausſchaute, die Tanztouren angab, ſo daß man meinen konnte, er wollte die Vorüber⸗ gehenden zum Tanzen aufmuntern. „Hier ift's!“ ſagte Madame Durandz„ich kenne Herrn Miſtigris Stimme.— Der Teufel auch!“ brummte Schönzopf,„es ſcheint, daß der Ball be⸗ reits angefangen hat, denn er nennt die Tanztvu⸗ ren. Aber wo iſt denn die Thüre? Da muß ſie ſein. Wir wollen eintreten.“ Sie treten in eine ſchmale, dunkle und ſehr lange Hausflur, an deren Ende ſie die Treppe durch Herumtaſten ſuchen. 78 „Wohin führt denn dieſe Hühnertreppe?“ fragte Johann.—„Zum Balle, mein Sohn.— Man ſollte hier doch wenigſtens,“ ſagte Schönzopf,„eine Lampe oder eine Laterne für die Tanztage an⸗ bringen. Aber es iſt vielleicht ein Portier da. Rufen wir einmal: He! Portier! Portiere! Wo iſt die Treppe, die zum Balle führt?“ Es erfolgt keine Antwort; Schönzopf ruft aber⸗ mals; endlich läßt ſich eine ſchwache Stimme, dem Anſchein nach, aus dem erſten Stocke, hören:„Was wünſchen Sie?— Wir möchten zu Herrn Miſti⸗ gris Ball.— Steigen Sie in den dritten Stock hinauf.— Aber wir finden die Treppe nicht.— Gehen Sie rechts.— Unſern verbindlichſten Dank.“ Schönzopf, der als Wegweiſer vorangeht, flößt bald einen Freudenſchrei aus und ruft:„Victorial ich habe die Lehne! Geben Sie mir die Hand, ich werde Sie führen.“ Im erſten Stocke angekommen, kann man ein wenig vor ſich ſehen; im zweiten laſſen ſich die Treppenſtufen beinahe wahrnehmen; im dritten iſt es ganz hell und man liest über einer Thüre: „Miſtigris gibt Unterricht in franzöſiſchen und ausländiſchen Tänzen; man findet Schuhe bei ihm. Es wird gebeten, ſtark zu klingeln.“ Schönzopf ordnet ſeine Cravatte und klingelt, während Madame Durand den Arm ihres Sohnes abreibt, der auf der Treppe ſeinen Rock weiß ge⸗ macht hat. Eine Vonne von etwa fünfzig Jahren — 79 öffnet die Thüre und führt die Geſellſchaft in eine Antichambre, wo man ſchon von weitem Miſtigris Violine hört. Von der Antichambre aus wird die Geſellſchaft in ein großes Zimmer geführt, das nur mit Bän⸗ ken möblirt iſt und in welchem man nichts fieht, als Herrn Miſtigris, der fortwährend ſeine Violine ſpielt und zum Fenſter hinaus Tänze angibt. Schönzopf und Madame Durand blicken in allen Ecken umher und ſuchen eine andere Thüre, in der Hoffnung, die Tänzer zu entdecken. Als Herr Mi⸗ ſtigris ſeine Gäſte wahrnimmt, verläßt er ſein Fenſter, um ſie zu empfangen, ſpielt jedoch immer⸗ fort auf der Violine.—„Ah! Sie ſind's! Schön von Ihnen, daß Sie meinen Ball nicht vergeſſen haben. Herr Schönzopf, ich bin ganz entzückt, Sie zu ſehen. Potztauſend! da iſt auch mein Zögling; ei, er dehnt ſich bereits auf den Bänken aus. Die Poule!“ Nachdem er dies geſagt, geht Herr Mifligris wieder ans Fenſter und kratzt ſtärker als je dar⸗ auf los. „Aber wo ſind denn die Tänzer, Herr Vetter? — Ahl ſie ſind noch nicht gekommen, werden aber nicht mehr lange auf ſich warten laſſen.— Warum aber geben Sie Tänze an und ſpielen die Violine dazu, wenn Sie allein ſind?— Ach! aus Ge⸗ wohnheit, und dann geſchieht es auch der Vorüber⸗ gehenden wegen. Das macht den Leuten Muth, heraufzukommen und das Tanzen zu lernen. Spielen 80⁰ Sie kein Inſtrument, Herr Schönzopf? Ich habe ein Waldhorn da.— Nein, ich kann nicht ſpielen. — Schade, Sie hätten ſich neben mich ans Fenſter geſtellt. Aber wir können jetzt anfangen. Richts hindert uns, eine Quadrille zu bilden; Madame Durand tanzt mit ihrem Sohne, und Herr Schön⸗ zopf mit meiner Bonne. O, ſie tanzt vortrefflich, ſie macht beſſere Touren als Ragvuts. He! Na⸗ nette!“ Madame Durand will durchaus nicht tanzen und Schönzopf hat auch keine Luſt, ſeine gelben Hand⸗ ſchuhe mit der Bonne einzuweihen. In dieſem Augenblicke hört man klingeln und Miſtigris ruft Nanetten zu:„Es iſt Jemand da, öffnen Sie!“ Nanette hätte allem Anſcheine nach lieber ge⸗ tanzt, indeß öffnete ſie doch, und bald darauf trat ein großer junger Herr in Nankinhoſen und blauen Strümpfen ein. Er machte jeder Perſon von der Geſellſchaft eine tiefe Verbeugung. „Schön, ſchön, Herr Farl,“ ſagte Miſtigris, ohne ſein Fenſter zu verlaſſen,„nur noch etwas tiefer. Jetzt wollen wir vor dem Balle eine kleine Scene aus Annette und Lubin geben. Die Bynne ſoll dabei als Schäferin figuriren.“ In dieſem Augenblicke klingelte man abermals. Die Schäferin mußte die Thüre öffnen und aus der aufzuführenden Pantomime wurde für heute nichts. In den Saal traten vier Perſonen: eine Mutter mit ihren drei Töchtern. Herr Miſtigris verließ ſein Fenſter und rief:„Die ganze Familie Schöps! 81 Ah! das iſt charmant! Die Geſellſchaft wird heute ſehr zahlreich.“ Während die Familie Schöps Complimente macht, die der große Kerl mit Bücklingen bis auf den Boden erwidert, yolt Miſtigris ein Tambourin, welches er neben ſich yinſtellt und gibt Johann ein Zeichen, daß er ſeine Violine auf der Trommel begleiten ſolle. Johann pält keinen Takt ein, ſon⸗ dern ſucht nur einen rechten Höllenlärm zu machen; dies iſt übrigens Alles, was Herr Miſtigris ver⸗ langt. Es wird von Reuem geklingelt und drei junge Schreiber treten ein, die ſich auf dem Balle des Tanzmeiſters luſtig machen und wo möglich eine anſtändige Bekanniſchaft anknüpfen wollen; hierauf kommt ein ſiebenjähriges Mädchen mit ihrem Papa; ſodann zwei Fräulein oder Damen, die, wie es ſcheint, überall hingehen, und eben ſo ungenirt in dem Salon Platz nehmen, als ob ſie im Parterre bei Madame Saqui wären. Die Länze wurden jetzt arrangirt. Zwei von den Schreibern engagirten die Fräulein, welche ohne Papa und Mama gekommen waren; der Dritte nahm ein Fräulein Schöps; Schönzopf lud eine Andere ein und Karl ſtellte ſich mit dem ſieben⸗ jährigen Mädchen auf. Man tanzt mehre Quadrillen, in denen fich Madame Schöps unermüdlich zeigt. Johann, dem die Reunion kein beſonderes Vergnügen macht, hat ſich auf eine Bank hingelegt und ſchläft. Paul de Koc. X01X. 6 82² Als es Zeit zum Heimgehen war, wollte Ma⸗ dame Schöps noch eine Anglaiſe tanzen. Doch waren zwei von den Schreibern mit ihren Fräulein bereits fort, und Madame Durand weckte ihren Sohn, um ſich auf den Weg zu machen. Um ein Viertel auf elf Uhr war der Tanzſaal bereits geleert. Am nächſten Balltage hatte Schönzopf keine Luſt, die Soirée zu beſuchen; auch Madame Du⸗ rand liebte das öftere Ausgehen nicht. Es mußte deßhalb Herr Durand ſich entſchließen, ſeinen Sohn zu begleiten. Beide wandelten ſchweigend auf die Wohnung des Tanzmeiſters zu; Papa Durand ſprach gewöhn⸗ lich nur von ſeinem Stande, Johann aber ver⸗ ſtand nicht das Geringſte davon, und aus dieſem Grunde ſprachen Vater und Sohn kein Wort. Diesmal hatte Miſtigris ein Licht auf ſeinem Boden aufſtellen laſſen, welcher Umſtand eine ſehr zahlreiche Geſellſchaft ankündigte. Auf der Treppe begegnete man der Familie Schöps; die Mama ſtand bei jedem Schritte ſtill und fragte ihre Töchter, ob ihre Haube ſich gut ausnehme. Im Tanzſaale waren drei Damen und zwei Herren mehr als das letzte Mal, und Herr Miſtigris hatte einen kleinen Savoyarden gemiethet, der das Tambourin ſchlug, ſelbſt wenn man nicht tanzte. Herr Durand reichte beim Eintritte dem Tanz⸗ lehrer die Hand und ſagte:„Salutem tibi;“ und Miſtigris ſtreckte ihm ein Bein hin mit den Worten: „Ich danke Ihnen.“ 83 Johann ſpazierte im Salon auf und ab, und ſchien das Beginnen des Balles kaum erwarten zu können. Endlich bildete ſich eine Quadrille. Während Miſtigris präludirte, zog Johann eine Handvoll Kügelchen aus der Taſche und flreute ſie heimlich im Saale umher. Miſtigris gab das Zeichen. Die Tänzer ſetzten ſich in Bewegung; aber nun zerplatzten auf allen Seiten Johanns Knallerbſen und richteten eine ſchreckliche Verwirrung anz die Fräulein Schöps ſchrieen laut auf, die Mama wurde ohnmächtig, die jungen Mädchen weinten, die Damen riefen nach Hülfe, der große Karl glaubte, das Haus falle ein und die Schreiber lachten aus vollem Halſe. Herr Miſtigris ſuchte die Ruhe wieder herzu⸗ ſtellen, indem er ſagte:„Dies iſt ein boshafter Streich von irgend einem Collegen. Es iſt Jemand eiferſüchtig auf meinen Ball und hat mir dieſen ſchlechten Spaß geſpielt.“ Herr Durand, welcher Madame Schöps zu Hülfe eilte und abermals auf Knallerbſen trat, ſuchte überall ſeinen Sohn und rief:„Bringen Sie mir den Johann her, ich will ſeine Taſchen durchſuchen.“ Johann war nicht mehr daz er hatte ſich in dem Augenblicke, wo der Contretanz begann, davon gemacht. Nanette lief durch den Gang und rief: „Herr Johann!.. Ihr Papa verlangt nach Ihnen.“ Aber Herr Johann gab keine Antwort. Die Bonne ſchritt immer weiter vorwärts und bemerkte, daß in dem Eintrittszimmer kein Licht mehr brannte. 8⁴ „Wer hat dieſes Licht ausgelöſcht?“ ſagte Nanette und taſtete herum, verwickelte aber bald ihre Füße in Etwas und ſfiel mit einem lauten Schrei zu Boden. Durch dieſen Schrei aufmerkſam gemacht, ſtürzten alle jungen Leute nach dem Gange, um zu ſehen, was ſich dort ereignet habe. Herr Miſtigris folgte ihnen mit dem Fidelbogen in der Hand, mehre Damen, bei denen die Neugierde über die Furcht ſiegte, thaten das Gleiche; aber Niemand nahm ein Licht, weil man nicht wußte, daß keines mehr in der Antichambre ſei. Hier angekommen, hatte man kaum einige Schritte in der Dunkelheit gemacht, als Alles nie⸗ derpurzelte, wie Nanette; die Menge der Perſonen vermehrte die Unordnung; die Einen ſchrieen, die Andern lachten. Mitten in der allgemeinen Ver⸗ wirrung rief Herr Miſtigris nach Licht, und Herr Durand, welcher den Neugierigen nicht gefolgt war, kam jetzt herbei, in der einen Hand eine Kerze, in der andern ſeinen Stock haltend. Als man nun die Urſache unterſuchte, welche den Fall ſo vieler Perſonen herbeiführen konnte, entdeckte man zwei Schnüre, die etwa zehn Zoll über dem Boden von einem Ende des Gemaches bis zum andern ausgeſpannt waren. „Das iſt abſcheulich!“ ſchrie der Tanzmeiſter⸗ der ſich im Fallen den Fuß verrenkt hatte;„das iß, ein verdammter Streich, mich mit allen meinen Zöglingen einen falſchen Tritt thun zu laſſen!“ 85 Ein ſchallendes Gelächter war die einzige Ant⸗ wort, welche Herr Miſtigris erhielt, und man be⸗ merkte jetzt das Geſicht Johanns, der durch eine halboffene Thüre den Kopf hereinſtreckte und ſich mit Betrachtung aller derjenigen, die er Purzel⸗ bäume hatte ſchlagen laſſen, amüfirte. „Da iſt der Verbrecher!“ ſagte Miſtigris und deutete auf Johann.—„Ja, gewiß, er iſt's,“ ſagte Herr Durand;„aber ich will die Geſellſchaft rächen, welche mein Sohn zu Boden geworfen hat... Schlingel, Du ſollſt gezüchtigt werden, tu castiga- beris! Meine Herrn und Damen, ich werde Ihnen Wundkraut ſchicken.“ „ Dies ſprechend, eilte Herr Durand mitten durch die Perſonen, welche noch auf dem Boden lagen, nach der Treppe zu, den Stock drohend erhoben und gewillt, ſeinen frevelhaften Sohn zu züchtigen. Johann aber wartete nicht, ſondern ſprang haſtig die Treppe hinunter und lief ſchnurſtracks nach Hauſe zu ſeiner Mutter. Als Madame Durand ihren Sohn allein zurück⸗ kehren ſah, fragte ſie ihn, was vorgefallen ſei, daß er ſchon ſo frühzeitig Herrn Miſtigris ver⸗ laſſen habe und warum ſein Vater nicht mit ihm komme. Johann erzählte lachend, auf dem Balle ſei Alles ganz verkehrt gegangen, die Tänzer und Tänzerinnen haben ſich endlich in der Antichambre mit Purzelbaumſchlagen amüfirt, und er habe ſeinen Vater auf der Straße verloren. Bald aber kam Herr Durand, wüthend und ganz 86 außer Athem. Mit erhobenem Stricke ſchritt er auf ſeinen Sohn zu und dieſer entging der väterlichen Züchtigung nur durch einen raſchen Sprung über den Tiſch. Die Mutter ſuchte jetzt vermittelnd ein⸗ zuſchreiten. Es dauerte aber lange, bis Herr Du⸗ rand, der nun ſeinerſeits den Schelmenſtreich des Sohnes wahrheitsgemäß erzählte, ſich beſänftigen ließ. Zum Glück für den armen Johann erinnerte er ſich an den Spruch: Floneat antequam feriat, und verwandelte die Prügel in eine mildere Strafe. Johann ſollte nämlich vierzehn Tage lang Zimmer⸗ arreſt und zur Nahrung Waſſer und Brod, panis et aqua erhalten.„Dies iſt mein Ultimatum,“ ſchloß Herrn Durands richterlicher Spruch. Madame Durand wendete nichts mehr dagegen ein, aber ſie tröſtete ihren Sohn und während der vierzehntägigen Arreſtzeit erhielt Johann durch Katharine jeden Morgen heimlich ein Huhn und eine Flaſche Bordeaur. Sechstes Kapitel. Der Familienrath und das Reſultat deſſelben. Die von dem Herbariſten ſeinem Sohne aufer⸗ legte Buße beſſerte ihn durchaus nicht: wenn ein Vater ſtrafen will und eine Mutter ſich ſiets wider⸗ ſetzt, ſo hält es ſehr ſchwer, ein Kind zum Gehor⸗ ſam zu gewöhnen. Ehe man Andere bildet, ſollte 57 man ſich ſelbſt zuerſt beherrſchen können. Nur aus der Eintracht, welche zwiſchen den Eltern waltet, entnehmen die Kinder gute Beiſpiele. Johann war beinahe ſechszehn Jahre alt, als Madame Grobblau ſtarb und ihrem Pathen ihr ganzes Vermögen hinterließ, welches gegen ſechs⸗ tauſend Franken Renten abwarf. Madame Durand ſagte alsdann zu ihrem Manne;„Du ſiehſt, unſer Sohn iſt jetzt ſehr wohlhabend und braucht deßhalb kein beſonderes Geſchäft zu erlernen.“ Durand erwiderte, daß, wenn ſein Sohn vom Morgen bis Abend faullenze, er nothwendigerweiſe ſein Geld auf eine thörichte Weiſe verſchleudern müſſe. Auch müſſe jeder Menſch Etwas verſtehen, wenn er nicht ſich und Andere langweilen wollte. Hierin hatte Herr Durand vollkommen Recht und vielleicht noch nie ein trefflicheres Wort geſprochen; aber Madame Durand glaubte, ihr Sohn könne Niemand langweilen:„Johann,“ ſagte ſie,„hat Geiſt, einen guten Humor und Thaler; damit, mein lieber Mann, kann er meiner Anſicht nach jeden Staatspoſten bekleiden.“ Herr Durand behauptete, auch zu dem gering⸗ ſten Amte ſei erforderlich, daß man wenigſtens leſerlich und orthographiſch ſchreiben könne; aber ſeine Frau erwiderte, daß dieſe Strenge vielleicht bei niedern Aemtern, jedoch nicht bei hohen an⸗ wendbar ſei. „Wenigſtens,“ bemerkte der Herbariſt,„ſollteſ Du unſerem Sohn nicht ſagen, was ſeine Pathe 88 für ihn gethan hat; wenn er weiß, daß er ein un⸗ abhängiges Vermögen beſitzt, ſo wird er noch mehr tolle Streiche begehen.“ Da auch Schönzopf der Anſicht war, man dürfe den jungen Mann von ſeinem Reichthume nicht in Kenntniß ſetzen, ſo willigte die Mama in dieſen Vorſchlag ein; doch konnte fie es nicht über's Herz bringen, ihrem Söhnchen heimlich eine Börſe mit fünfundzwanzig Louisd'or zuzuſchieben.„Dies,“ ſagte ſie,„iſt ein kleines Geſchenk, welches Deine Pathe ſterbend Dir hinterlaſſen hat. Mache einen weiſen Gebrauch davon.. laß Dir aber nichts abgehen.“ Johann ſteckte ein Goldſtück in ſeine Taſche, ſuchte ſeine guten Freunde Demar und Gervais auf und machte ihnen das Anerbieten, ſie mit Allem, was ſie verlangten, regaliren zu wollen. Leute von dieſem Alter laſſen ſich nicht lange bitten. Man begab ſich alſo in ein Caft, wo Demar Johann im Billard unterrichtete, während ein glänzendes Gabel⸗ frühſtück für ſie zubereitet wurde. Johann fand das Billardſpiel ſehr unterhaltend und verſprach, öfters daſſelbe zu ſpielen. Auf Demar's Frage, warum er ſie ſo gut bewirthe, zog Johann das Goldſtück aus ſeiner Taſche und ſagte:„Dies iſt ein Ge⸗ ſchenk von meiner Pathe, ich habe eine ganze Schublade voll davon.“ Jetzt wurde das Frühſtück aufgetragen. Die drei jungen Leute ließen die Stöpſel ſpringen. Gervais hatte ſich noch nie bei einem ſolchen Feſte befunden und war deßhalb, noch 89 ehe ſie die Hälfte des Dejeuners verzehrt hatten, betrunken. Bald folgte ihm Johann. Demar allein bewahrte ein wenig Nüchternheit und benützte die⸗ ſelbe, um Johann das ganze Glück begreiflich zu machen, welches ſeiner warte, wenn ſie alle Drei ihre Eltern, die ihrem Hang zum Vergnügen nur im Wege ſtünden, verlaſſen würden. Obwohl Johann keineswegs in ſeinem Hange beeinträchtigt wurde, ſo billigte er doch Demar's Vorſchlag vollkommen. Die Herren tranken jetzt auf ihre Freundſchaft und auf gegenſeitige unver⸗ brüchliche Treue. Gervais ſtammelte und wurde mit jedem Augenblicke gerührter; der Wein machte ihn ſentimental und er umarmte endlich unter Thrä⸗ nen ſeine beiden Freunde. Johann wollte noch et⸗ was mehr Kaltblütigkeit zeigen, konnte aber kaum ſein Glas halten, und Demar benützte dieſen Au⸗ genblick zu dem Vorſchlage, ſich durch einen Eid zu verbinden, daß ſie in Zukunſt Alles gemeinſchaftlich mit einander haben, Glück und Unglück mit einan⸗ der theilen wollten. Demar und Gervais konnten bei einem ſolchen Vertrage nur gewinnen, dennoch war Johann der Erfte, welcher ſeine Hand emporhob und fſie in die dände ſeiner Freunde legte. Ein neues Glas be⸗ fiegelte dieſen Pakt. Armer Johann, nun haſt Du Dich an ſehr ſchlimme Subjekte angeſchloſſen! Wo⸗ hin wird Dich eine ſolche Verbindung führen! Immer mehr trinkend ſangen jetzt unſere drei Helden und machten einen ſolchen Lärm, daß alle 90 ehrbaren Leute aus dem Café vertrieben wurden. Der Gaſtwirth, welcher um drei beſoffener Jungen willen ſeine Kunden keineswegs einbüßen wollte, präſentirte den Herren die Karte und machte ihnen auf eine hölfliche Art begreiflich, daß ſie lieber draußen als in ſeinem Hauſe lärmen möchten, in⸗ dem ſonſt kein Gaſt mehr ſeine Taſſe Chokolade ruhig trinken könnte. Statt aller Antwort warf Johann ſein Goldſtück auf den Tiſch und ſagte:„Was ſalbadert der Caffe⸗ tier da?— Ich glaube, er verlangt, daß wir gehen ſollen,“ ſagte Demar.—„Wie, hält er uns für Gamins? Wir werden nicht gehen.— Er be⸗ hauptet, wir machen einen zu großen Lärmen,“ rief Gervais.—„Gut! in dieſem Falle muß man noch ſtärker ſchreien.“ Und die Herren ſtimmten nun einen Chorus, begleitet von Gabeln und Meſſern, an. Der Wirth wurde böſe, näherte ſich aufs Neue den jungen Leuten und ſagte:„Meine Herren, ich bitte Sie zu gehen; mein Haus iſt keine Kneipe.“ Die jungen Herren lachten ihm ins Geſicht und ſchlugen dergeſtalt auf den Liſch, daß die Marmor⸗ platte zerbrach. Jetzt gab der Wirth einem ſeiner Kellner ein Zeichen und dieſer holte die Wache auf dem nächſten Poſten. Vier Füſiliere und ein Cor⸗ poral erſchienen bald in dem Café. Bei ihrem Anblicke verkroch ſich der feige Gervais unter dem Tiſch, Johann aber warf mit Brodkügelchen gegen den Corporal. 91 Die Soldaten rückten vor. Johann und Demar wollten immer noch nicht gehen, während Gervais unter den Tiſchen hindurch eine Thüre erreichte und ſich flüchtete. Der Corporal ſagte nun zu ſeiner Mannſchaft:„Ergreift dieſe beiden Leute!“ Die jungen Herren, welche zuſammen kaum drei⸗ unddreißig Jahre zählten, wollten Widerſtand leiſten und ſchleuderten einige Teller gegen die Soldaten; aber ihre Kraft entſprach ihrem Muthe nicht, ſie wurden bald feſtgenommen und, umgeben von einer Schaar Neugieriger, welche der Lärmen herbeige⸗ lockt hatte, auf die Wache abgeführt. Schönzopf wollte gerade ruhig nach Hauſe gehen, als der Anblick einer großen Menſchenmenge ſeine Aufmerkſamkeit feſſelte. Da gewahrte er nun ſeinen Pathen, der ſtolz zwiſchen zwei Füfilieren einher⸗ ſchritt. Schönzopf ſtand ſtille, denn er wollte anfangs ſeinen Augen nicht trauen. Aber es war wirklich Johann, den man mit einem anderen Burſchen von ſeinem Alter auf die Wache führte. Schönzopf gewann jetzt die ganze Lebhaftigkeit ſeiner Jugend wieder; er folgte den Soldaten, durchdrang die Menge und gelangte beinahe ſo ſchnell als die beiden Verbrecher auf die Wachſtube. Hier ließ ſich Schönzopf von Johann den Verlauf der Sache erklären, und als er vernahm, es handle ſich nur um Ruheſtörung und zerbrochene Teller, bat er den Wacheommandanten, ihm ſeinen Pathen herauszugeben. Aber die jungen Leute hatten ſich gegen die be⸗ waffnete Gewalt aufgelehnt und der Commandant behauptete, ſie müßten beſtraft werden. Schönzopf ſchob ihr Vergehen auf die Trunkenheit, aber der Commandant ſagte, dann müßten ſie wegen Trun⸗ kenheit beſtraft werden. Endlich erklärte er, er werde die jungen Leute nur ihren Vätern heraus⸗ geben. Schönzopf wollte geltend machen, daß ein Pathe bei vielen Gelegenheiten die Stelle des Va⸗ ters vertreten könne, der Commandant war indeß unerbittlich und Schönzopf mußte ſich entſchließen, dem Papa Durand die ganze Sache zu berichten. Völlig verwirrt kam Schönzopf im Laden des Herbariſten an. Er hatte den Hut auf dem Kopfe, was nur bei außerordentlichen Anläſſen der Fall war.„Ich komme meines Pathen wegen,“ ſagte der Friſeur beim Eintreten,„er befindet auf der Wache.“ „Auf der Wache!“ rief Madame Durand.„Ach Gott! mein Sohn iſt in Etwas verwickelt.“ Katharine mußte nun ihrer Frau Weineſſig brin⸗ gen, weil dieſelbe faſt in Ohnmacht ſank, während der Herbariſt rief:„Mein Sohn iſt verhaftet! Er hat gewiß die Schildwache inſultirt.“ „Seien Sie ruhig,“ ſagte Schönzopf,„ſein Ver⸗ gehen iſt von keiner Bedeutung; er wurde feſige⸗ nommen, weil er nach einem Frühſtücke mit ſeinen Freunden im Café lärmte. Die jungen Leute waren betrunken. Das iſt eine Lehre für ſie und dürfte ihnen den Wein verleiden. Kommen Sie, mein lieber Durand, und ſagen Sie, daß Sie der Vater find, ſo wird man Ihnen Ihren Sohn zurückgeben.“ 93 „So eile doch!“ rief Madame Durand.—„In einer Minute, Frau,“ ſagte der Herbariſt.„Mein Sohn iſt auf die Wache gekommen, und zwar ge⸗ wiß nicht umſonſt; er verdiente wohl, daß ich ihn dort ſitzen ließe. Das iſt ſauber, mit ſechszehn Jahren auf die Wache kommen! Wenn er die Kräuter ſtudirt hätte, Frau, ſo ſäße er jetzt nicht unter Füſilieren. Studia adolescentia malunt, senectu- tem oblectant.“ Madame Durand fühlte vielleicht, daß ihr Mann Recht hatte, aber ſie bat ihn von Neuem, ihren Sohn zu befreien, und Herr Durand, der den jungen Verbrecher im Grunde auch liebte, begab ſich endlich mit Schönzopf nach dem Wachpoſten, wo die Sache bereinigt wurde. Man ſetzte die beiden Schlingel in Freiheit, obwohl Demar von ſeinem Vater nicht reklamirt ward, aber Schönzopf verbürgte ſich für ihn, um dadurch ſeinen Pathen zu verpflichten. Johann ſprach kein Wort, als er ſeinem Vater folgte. Er erwartete ſicherlich eine ſtrenge Straf⸗ predigt; aber Herr Durand ſchwieg gleichfalls ſtill, und als er zu Hauſe ankam, führte er ſeinen Sohn bloß in ſein Zimmer, ſchloß daſſelbe ab und ſteckte den Schlüſſel zu ſich. Dann kam er wieder zu ſei⸗ ner Frau herunter und ſagte:„Du ſiehſt, Frau, daß unſer Sohn ſich nicht gerade ſehr mußterhaft aufführt; wenn wir ihn ganz ohne Beſchäftigung laſſen, ſo wird er noch oft auf die Wache kommen und man wird ihn am Ende ganz dort behalten. 94 Er geht mit ſehr ſchlimmen Kameraden um und man muß durchaus die geeigneten Maßregeln er⸗ greifen, um dieſem Unfuge zu ſteuern.“ „Nun, welches iſt denn Deine Anſicht?“ fragte Madame Durand.—„Meine Anſicht? WMeine Anſicht iſt, unſere Verwandten zu verſammeln und mit ihnen zu berathen, durch welches Mittel wir Johann zu einem ſolideren Menſchen machen können.“ Das Abenteuer mit der Wache hatte Madame Durand erſchreckt, ſie billigte einen ſolchen Fami⸗ lienrath, und noch an demſelben Abend wurden alle Verwandten, die Johanns Taufe beigewohnt hatten und noch lebten, auf den folgenden Sa ins Haus des Herbariſten eingeladen. Außer der Pathe, dem Dominoſpieler und Herrn Schmerzenreich, die unterdeſſen geſtorben waren, erſchienen zur beſtimmten Zeit Herr und Madame Fuchs, Herr und Fräulein Scheid, Herr Miſtigris, Frau Ledour als Nachbarin, ebenſo Frau Moka und endlich Herr Schönzopf. Wir übergehen die langen Familiendebatten und bemerken nur, daß Herr Miſtigris der Anſicht war, man hätte eben aus Johann einen guten Tänzer machen ſollen; Fräulein Scheid meinte lachend, es wäre wohl gut, wenn er heirathen würde; Frau Ledoux ſprach im⸗ mer von ihren Kindern und verſtorbenen Männern; Herr Durand bedauerte, daß ſein Sohn keine Rei⸗ gung zur Kräuterkunde habe— kurz, die Familien⸗ verſammlung hatte noch nicht das geringſte Reſultat 95 erzielt, als Katharine völlig verwirrt ins Zimmer trat und rief:„Ach Gott, Madame! Ach Gott! Herr Johann iſt fort.“ „Fort!“ rief Madame Durand und Alles ſtand auf, während der Herbariſt die Bonne erſuchte, ſich deutlicher zu erklären. „Sie werden wohl wiſſen, Herr, daß Sie mir dieſen Morgen den Schlüſſel zu Herrn Johanns Zimmer gaben und ſagten: Wenn es Zeit iſt, ſo holen Sie ihn herunter. Ich wollte indeſſen nach⸗ ſehen, ob der junge Herr nichts bedürfe und ob er ſich in ſeinem Zimmer nicht zu ſehr langweile. Ich trete alſo ein und blicke überall umher, aber nir⸗ gends kein Johann. Seine Kommode iſt offen, die Schubladen ſind leer, wahrſcheinlich hat er ſeine Effekten zuſammengepackt, und da ſein Fenſter auf das Dach geht, welches zum Speicher führt, ſo wird er dort hinausgeſtiegen ſein.“ „Mein Sohn hat uns verlaſſen!“ ruft Madame Durand verzweiflungsvoll und fällt ohnmächtig auf ihren Stuhl zurück; Katharine und Frau Mola eilen ihr zu Hülfe; Herr Durand begibt ſich in das Zimmer ſeines Sohnes; Frau Ledour erzählt dieſes Abenteuer allen Perſonen ihrer Bekanntſchaft; Schön⸗ zopf nimmt Stock und Hut und betheuert:„Ich ſtehe Euch dafür, daß ich ihn wieder finden werde.“ Die übrigen Verwandten gehen ruhig nach Hauſe und ſprechen:„Da Johann fort iſt, ſo wäre es ver⸗ gebliche Mühe, lange darüber nachzugrübeln, was man aus ihm machen könnte.“ 96 Siebentes Kapitel. Die drei Flüchtlinge. Wenn ein junger Menſch ſein ſechszehntes Jahr erreicht hat, ſo iſt es nicht mehr Zeit, ihn ein Vergehen bei Waſſer und Brod abbüßen zu laſſen, oder ihm mit der Ruthe zu drohen. Sobald wir Recht und Unrecht einſehen und die Folgen eines Fehlers begreifen können, ſo wende man ſich an unſere Vernunft und an unſer Herz; man ſuche unſern Geiſt aufzuklären, unſer Rechtsgefühl zu entwickeln: dadurch allein kann man uns beſſern. Man wird vielleicht einwenden, daß es junge Leute gibt, die keinen Geiſt beſitzen und deren Herz allen guten Regungen verſchloſſen bleibt; dieſe find als⸗ dann unverbeſſerlich und Waſſer und Brod werden auch keine andere Menſchen aus ihnen machen. Von Kindheit an gewöhnt, nur nach ſeinem Willen zu leben, war Johann anfangs ganz über⸗ raſcht, daß er ſich wirklich in ſeinem Zimmer als Gefangener befand. Jeden Augenblick erwartete er den Beſuch ſeiner Mutter oder Katharinens, aber ſeine Mutter und Katharine kamen nicht und Abends erſchien nur ſein Vater, der ihm ein Trappiſten⸗ mahl brachte und ſich mit den Worten:„Suum cuique tribuito“ wieder entfernte. Da Johann das Latein nicht verſtand, ſo dachte er, dies bedeute ſo viel, als Du ſollſt nichts Anveres mehr eſſen; er zertrat deßhalb, ſobald ſein Vater die Thüre wieder verſchloſſen hatte, den Waſſerkrug und warf das 97 Brod zum Fenſter hinaus. Dann legte er ſich nieder und ſagte:„Lieber will ich nie mehr eſſen, denn eine ſolche Mahlzeit halten.“ Als er aber am andern Morgen erwachte, da mahnte ihn der Magen an ſeine Unbeſonnenheit; wie ſehr wünſchte er jetzt das Brod wieder zurück, das er geſtern Nacht verſchmähte! Ungeduldig ging er im Zimmer auf und ab, rüttelte an der feſt verſchloſſenen Thüre und murmelte einige Flüche, denn er glaubte ſchon, man wolle ihn vor Hunger ſterben laſſen.„Aber ein ſolches Verfahren laſſe ich mir nicht gefallen,“ ſagte er.„Habe ich doch 24 Goldſtücke, mit welchen ich mir und meinen Freunden gütlich thun könnte. Meine armen Freunde, ich habe ſie ſeit unſerem geſtrigen Abenteuer nicht mehr geſehen. Sie find gewiß äußerſt beſorgt um mich.“ Johanns Unruhe ſteigerte ſich mit jedem Augen⸗ blicke; er nahm ſein Gold, zählte es und ſtampfte dann vor Zorn auf den Boden. Endlich öffnete er das Fenſter und ſagte:„Nein, bei allen Teufeln, ich bleibe nicht hier. Wenn es meinem Vater Freude macht, mich in dieſen Käfig zu ſperren, ſo finde ich wenigſtens ganz und gar kein Vergnügen daran.“ Johann betrachtete die Dächer. Bis aufs nächſte Dach waren es nur drei Schritte von ſeinem Fenſter aus. Dieſer kurze Weg war iedoch mit Gefahr ver⸗ bunden, aber was riskirt man nicht mit ſechszehn Jahren? Bereits hatte er ſein Gold in der Taſche und einen Fuß im Fenſter. Da beſann er ſich plötzlich, trat zurück, öffnete ſeine und Paul de Kod. XC1R. 98 packte alle ſeine Effekten zuſammen.„Ich habe nicht im Sinne, ſo bald wieder zu kommen,“ ſagte er; „ich muß wenigſtens warten, bis ſich der Zorn meines Vaters gelegt hat und es iſt daher klug, Alles mitzunehmen, deſſen ich etwa bedarf. Uebri⸗ gens iſt es ja mein Eigenthum und ich kann dar⸗ über verfügen.“ Als Johann ſein Bündel gemacht hatte, nahm er es in die eine Hand und ſtieg mit zwei Schritten über das Dach in den Speicher, ſo⸗ dann gewann er die Treppe, welche nach der Hausflur führte. Beim Hinuntergehen trat er ſo leiſe als möglich auf, aus Furcht, ſeinen Eltern zu begegnen, aber ſie waren gerade bei der Verſammlung, welche über ſein Schickſal eutſcheiden ſollte. Johann zögerte nicht lange, ſondern verließ raſch das Haus und lief nach der Place⸗Ropal, um ſeine guten Freunde aufzuſuchen. Demar und Gervais waren wirklich ſehr beſorgt um Johann. Man vergißt nicht ſo leicht einen Freund, der uns mit glänzenden Frühftücken be⸗ wirthet hat und im Stande iſt, uns noch öfters damit zu bewirthen. Die kleine Kataſtrophe, welche auf das Bankett im Café folgte, hatte keine Be⸗ deutung in den Augen der Kameraden Johanns: es iſt nicht das erſte Mal, daß dieſe Herren ſich bei Händeln befanden, aber der Eine zog ſich immer mit ſeiner Frechheit, der Andere mit ſeinen flüch⸗ zigen Beinen aus der Klemme. „Da iſt er! da iſt Johann!“ riefen Demar und Gervais zu gleicher Zeit.„Ja, ich bin's,“ ſagte Johann, indem er den Schweiß von ſeiner Stirne 99 trocknete. Ich bin gelaufen, wie ein Windhund, denn ich fürchtete, man möchte meine Flucht be⸗ merken. Ihr wißt noch nicht, daß man mich bei Waſſer und Brod in mein Zimmer eingeſperrt hat.“ Demar und Gervais drückten ihre höchſte Entrü⸗ ſtung darüber aus.„All mein Geld iſt in dieſer Börſe,“ ſagte Joyann, werdet ihr mit mir gehen? — Wir ſind unzertrennlich, das verſteht ſich.— In dieſem Falle ſollten wir uns ſo ſchnell als mög⸗ lich fortmachen, denn mein Pathe Schönzopf könnte mir ſehr leicht nachrennen. Müſſet ihr vielleicht vor⸗ her nach Hauſe gehen?—„Wozu denn?“ ſagte Demar,„ich trage meine Garderobe an meinem Leibe und es iſt unnöthig, daß ich von meinem Vater Abſchied nehme, da er mich bereits zweimal vor die Thüre geſetzt und gebeten hat, nicht mehr zu kommen.“ „Ich wurde erſt noch dieſen Morgen geſchlagen,“ ſagte Gervais. Sie nennen mich immer faul. Nun das Spielen iſt mir lieber. Ich habe noch ein altes Paar Hoſen und eine Wefte zu Hauſe, aber beide Stücke ſind ſo ſchlecht, daß ich fie nicht holen mag. Da zudem Johann Effekten beſitzt und Alles gemeinſchaft⸗ lich unter uns iſt, ſo werden wir alle Drei genug ha⸗ ben.—„Allerdings,“ ſagte Demar.—„In dieſem Fall, meine Freunde, wollen wir gehen.— Welchen Weg? — Iſi einerlei, wenn er nur zur Stadt hinausführt.“ Bald erreichten unſere drei Helden die Bvule⸗ vards, ſodann die Vorſtädte und verließen Paris durch die Barriere von Menil⸗Montant. Johann 100 ſtarb beinahe vor Hunger, aber er wollte erſt an einem ſicheren Orte Halt machen. Draußen vor der Barriere ſuchten ſie eine Kneipe von hübſchem Aeußeren, um dort eine Mahlzeit einzunehmen. Zu Menil⸗Montant fehlt es nicht an Wirthshäuſern. Die Flüchtlinge traten in die⸗ lenige Schenke, deren Küche am weiteſten ihren Geruch verbreitete und ließen ſich ein Diner vor⸗ ſetzen. Da jedoch Johann noch lebhaft an den Wachpoſten dachte, ſo trank er diesmal nur ſehr mäßig, und forderte ſeine Freunde auf, das Gleiche zu thun. Das herrlichſte Diner bei einem Traiteur zu Menil⸗Montant koſtet nicht ſo viel, als ein Gabel⸗ frühſtück in einem Kaffeehauſe zu Paris. Voll Ver⸗ wunderung, daß eines ſeiner Goldftücke für das Diner nicht drauf geht, ruft Johann nach Bezah⸗ lung der Karte:„Wahrlich, Freunde, nun können wir uns lange Zeit amüfiren.—„Das wollen wir auch,“ ſagte Demar.—„Jedenfalls,“ fügte Gervais hinzu. Man begab ſich wieder auf den Weg, lachte, ſprang und ſpielte. Bei einem ſolchen Spiele zer⸗ riß Gervais ſeine Hoſen dergeſtalt, daß er nimmer darin gehen konnte.„Ach, mein Gott, wie bin ich zugerichtet!“ rief er;„blicket nur mich an, ich darf kein Dorf mehr betreten, Alles würde mich verhöh⸗ nen. Was ſoll ich anfangen, da ich keine anderen Hoſen mehr habe?“ „Dummer Kerl! wähle Dir ein Paar aus mei⸗ nem Paket,“ ſagte Johann. WMan ſetzte ſich unter Bäume. Johann machte „—— 10¹ ſein Paket auf. Es befanden ſich zwei Paar Hoſen ein graues, bereits abgeſchoſſenes und ein blaues, noch ganz neues, darin. „Ich will dieſes da nehmen,“ ſagte Gervais, indem er die blauen Hoſen ergriff, welche Johann ohne Schwierigkeit hergab. „Halt! Du biſt nicht dumm,“ ſagte Demar; „Du nimmſt die ſchönſten Hoſen, und wenn ich die meinigen zerreiße, ſo muß ich mich mit den grauen, abgetragenen begnügen.— Was thut das?“ ſagte Gervais;„es muß Dir völlig gleichgültig ſein, die Hoſen gehören Johann.— Es liegt mir ſo viel daran, als Johann, indem wir Alles gemeinſchaft⸗ lich haben, und das, was ſein iſt, iſt auch mein.“ „Gut, iſt es Dein, ſo iſt es auch mein,“ er⸗ widerte Gervais.—„Ganz gleich, ich will aber nicht, daß Du dieſe Hoſen anziehſt,“ ſagte Demar und entriß die blauen Hoſen den Händen ſeines Kameraden.—„Ich will ſie haben.— Du wirſt ſie nicht bekommen.— Ich will ſie.“ Die Herren ſtießen einander zurück und ſchlugen ſich dann für die ſchönen blauen Hoſen auf dem Boden herum. Als Johann ſah, daß der Streit ernſthaft wurde, trennte er die Kämpfenden und ſagte:„Ei, meine Herren, iſt das die ewige Freundſchaft, die wir einander geſchworen haben? Da Alles gemein⸗ ſchaftlich zwiſchen uns iſt, ſo ſehe ich keinen Grund ein, weßhalb man ſich um ein Paar blaue Hoſen herumſchlagen ſoll. Ziehe die Hoſen nur an, Ger⸗ 102 vais, denn die Deinigen find zerriſſen; machet aber keine Dummheiten mehr wie dieſe, man hielte uns ſonſt für drei Kinder.“ Gervais zog die Hoſen mit triumphirendem Lä⸗ cheln anz Demar wagte nichts mehr zu entgegnen und ſuchte ſeine üble Laune zu verbergen. Hierauf machte man ſich wieder auf den Weg und es war bereits Nacht, als die jungen Reiſenden zu Bagno⸗ let ankamen; ſie machten den Tag über nur eine kurze Strecke Weges, weil ſie ſich oft amüfirten und nicht immer auf der Straße blieben. „Hier muß man übernachten,“ ſagte Johann.— „Ja, und ein gutes Souper einnehmen,“ ſagte Gervais;„und morgen nach dem Frühftücke ſetzen wir unſere Reiſe weiter fort.— Aber was iſt denn dies für eine Stadt, ich ſehe ja keinen Traiteur? — Es iſt ein elendes Dorf.— Da iſt's nicht ſo glänzend wie zu Menil⸗Montant!— Meine Herren, wenn man reist, ſo muß man ſich auf Hohes und Riederes gefaßt machen.— Was ſoll das heißen? — Daß man nicht immer gute Küchen findet.— Ah, meine Herren, ich rieche Braten; hier herum iſt ein Traiteur.“ Wirklich näherten ſich unſere Reiſenden einem Wirthshauſe. Mit entſchloſſener Miene traten ſie in das große Zimmer gerade vor der Küche und riefen:„Kann man hier ſoupiren und ſchlafen?“ Der Wirth, ſeine Frau und die Magd kamen miteinander aus der Küche und ſchienen verwundert über das jugendliche Alter der drei Reiſenden. 103 „Lieber Freund, können Sie uns beherbergen und uns zu eſſen geben?“ fragte Demar mit einem Tone, der ziemlich ſchlecht zu ſeiner Weſte und Kappe paßte.—„Die Herren haben wohl eine Landpartie gemacht?“ ſagte der Wirth lächelnd. „Nun, was geht ihn das an?“ dachte Gervais. —„O, wir werden Sie gut bezahlen,“ ſagte Jo⸗ hann, indem er auf ſeine Börſe ſchlug.„Da ſind Batzen!— Wir werden Sie aufs Beſte bewir⸗ then.. Wir beherbergen zwar gewöhnlich Nie⸗ mand, aber es ſollen dennoch Betten für Sie her⸗ gerichtet werden.— Und vor Allem ein gutes Souper,“ ſagte Gervais.—„Seien Sie ruhig, Sie werden zufrieden ſein.“ Die jungen Leute ſetzten ſich an einen Tiſch, auf welchem wohl noch nie ein Tiſchtuch gelegen war, und während man das Souper zubereitete, tranken ſie ein Glas und der Wirth plauderte mit ihnen. „Sie haben Vacanz, meine Herren, nicht wahr? — Ja, wir haben Vacanz,“ erwiderte Johann lä⸗ chelnd, und ſich an ſeine Kameraden wendend, ſchnitt er eine jener Grimaſſen, wie ſie unter Arbeitern gewöhnlich find, wenn ſie Jemand anlügen.—„Sie haben einen Spaziergang hierher gemacht. da haben Sie ganz Recht„ die Umgegend iſt aus⸗ gezeichnet und es gibt in unſerem Dorfe ſehr ſchöne Landhäuſer.— Wie heißt Ihr Dorf?— Bagnolet. Ah! Sie wiſſen nicht einmal, daß Sie in Bagnolet ſind?— Das iſt uns ganz gleichgültig, Bagnolet oder Rognolet,“ ſagte Demar achſelzuckend. „Meine Herren,“ fuhr der Wirth fort,„wenn Sie wollen, ſo will ich Ihnen morgen das Haus zeigen, in welchem einſt der Kardinal Duperron wohnte.— Laſſen Sie uns lieber Pfeifen ſehen, das wird uns mehr Vergnügen machen.— Wie, Sie rauchen ſchon?— Ein wenig.— Man raucht in Ihrer Penſion?— Allerdings.— O, ich habe immer Pfeifen für die Fuhrleute vorräthig, welche hier anhalten. Ich will Ihnen welche holen.“ „Dieſer Wirth iſt doch ein naſeweiſer Schwätzer,“ ſagte Gervais.—„Meine Herren,“ ſagte Demar, „haben Sie ſchon bemerkt, daß die Magd hübſch iſt?— Nun, was geht uns das an?“ fragte Jo⸗ hann.—„Es gefällt mir eben, und dann. man kann nicht wiſſen— Ah, er denkt immer an Dummheiten!— Aufgepaßt, meine Herren,“ ſagte Gervais,„das Souper kommt jetzt, und dieſes iſt weit intereſſanter als die Magd.“ Das Souper war zwar nichts weniger als vor⸗ trefflich, aber die jungen Leute fanden Alles aus⸗ gezeichnet und ließen die Speiſen ſehr raſch ver⸗ ſchwinden. Am Ende der Mahlzeit zündeten die drei Herren ihre Pfeifen an und der Wirth ſah ihnen verwundert zu, indem er ausrief:„Noch ſo jung und ſchon rauchen wie die Fuhrleute! Sie müſſen in einer ſehr guten Penſion ſein!“ Unſere Reiſenden hatten viel getrunken, ſie ſchlie⸗ ſen deßhalb bald über ihrem Rauchen ein;z der Wirth rieth ihnen nun, zu Bette zu gehen, und ſie folgten der Magd, welche ſie in ihr Zimmer führte, wo drei 105 Betten zugerichtet worden waren. Gervais wählte das von der Thür und dem Fenſter am weiteſten entfernte und ſetzte ſich darauf, indemer ſagte:„Hier ſchlafe ich.“ „Ei, der iſt nicht dumm,“ ſagte Demar,„er wählt gerade den beſten Platz.“ Und auf Gervais zugehend, nimmt ihn Demar bei den Füßen, zieht ihn auf den Boden herunter und ſetzt ſich an ſeiner Stelle auf das Bett. Dadurch gerathen Beide hinter einander und Gervais erhält von Demar eine derbe Ohrfeige; Johann muß nun wieder aufſtehen und Frieden ſtiften. Diesmal erhält Demar den Vorzug. Johann ſchlief ſehr lange. Als er aufwachte, veläſtigte der Dunſt des Weines und und der Ta⸗ vaksrauch ſein Gehirn nicht mehr; er blickte rings umher und ftaunte, daß er ſich in einem Wirths⸗ hauſe befand. Zuerſt war es ihm vorgekominen, als ſei er zu Hauſe bei ſeinen Eltern. Jetzt dachte er über die Folgen ſeiner Flucht nachz er dachte an ſeinen Vater und an ſeine Mutter; an ſeine Mut⸗ ter beſonders, die ihn ſo ſehr liebte und ohne Zweifel über ſeine Abweſenheit ganz troſtlos warz mit dem Gelde, welches ſie ihm gab, wollte er ferne vom väterlichen Hauſe leben, und es ſagte ihm ſein Gewiſſen, daß er einen ſehr ſchlechten Gebrauch von dieſem Geld mache. Ein Seußzer entwand ſich ſeiner Bruſt und Thränen netzten ſeine Augenwimpern; wäre er allein, ſo würde er jetzt zu ſeiner Mutter zurückkehren und müßte er auch mit Waſſer und Brod vorlieb nehmen. Aber er kann ſich nicht entſchließen, ſeine Kameraden zu 106 verlaſſen, eine falſche Scham hält ihn zurück; De⸗ mar und Gervais würden ihn auslachen. Demar und Gervais, die ſchon längſt aufge⸗ ſtanden waren, kehrten jetzt in das Schlafzimmer zurück und nun hatten Johanns Betrachtungen ein Ende. Er bemerkte eine große Veränderung in dem Coſtüme ſeiner Kameraden: Demar hatte aus dem Bündel einen hübſchen Rock, eine Caſimirweſte, die grauen Hoſen und weiße Wäſche genommen. Gervais hatte gedacht, daß zu den ſchönen blauen Hoſen auch etwas Anderes als ſein Kamiſol und ſeine ſchwarze Halsbinde gehöre, er hatte deßhalb den in dem Bündel noch übrigen Rock angezogen und ſeine Toilette mit einer Weſte und einer wei⸗ ßen Cravatte vervollſtändigt; auf dieſe Weiſe blieb von dem umfangreichen Bündel Johanns nichts mehr übrig als einige Hemden und Strümpfe. „Ei, wie ſchön Ihr ſeid!“ ſagte Johann, in⸗ dem er ſeine Freunde betrachtete.—„Ja, wir haben aus dem Paket genommen, was uns zuſagte,“ verſetzte Demar.—„Wir ſehen viel beſſer aus, nicht wahr?— In der That, Ihr habt meine ſchönſten Kleider angezogen.— Hat nichts zu ſagen, es iſt ja Alles gemeinſchaftlich; was dem Einen fehlt, das muß der Andere hergeben, wenn er's hat, und es ſcheint mir, dieſer Grundſatz ſei nicht mehr als billig.— O ja, ſehr billig,“ erwiderte Johann, indem er eine leichte Grimaſſe zu unter⸗ drücken ſuchte. „Apropos,“ begann Demar wieder,„und das 107 Geld! Wir wollen doch zählen, was wir noch befitzen. Dann weiß man wenigſtens, woran man ſich halten muß.“ Johann zieht ſeine Goldſtücke aus ſeiner Weſten⸗ taſche und zählt ſie auf einem Tiſche.„Meine Rech⸗ nung wird bald gemacht ſein,“ ſagt Gervais,„ich beſitze keinen Sou.— Und ich hatte vierundzwanzig Sous bei mir,“ ſagt Demar,„hier find ſie, ich lege ſie zur Maſſe.“ So ſprechend wirft er ſeine Münze auf Johanns Geld.„Jetzt,“ ſagt er,„muß man Alles in drei gleiche Haufen theilen und Jeder ſeinen Part neh⸗ men.— Zu welchem Zwecke?“ bemerkt Johann.— „Haben wir nicht geſchworen, Glück und Unglück miteinander zu theilen? Geld aber iſt Glück; theilen wir alſo.— Da wir uns aber nicht trennen, ſo ſehe ich die Nothwendigkeit, das Geld zu theilen, keines⸗ wegs ein. Wenn nur Einer bezahlt, ſo iſt es genug.“ „Allerdings,“ ſagte Gervais,„wenn Johann immer bezahlt, ſo verlange ich nichts weiter.“ „Nein, nein,“ ſagt Demar,„man muß theilen, das iſt natürlich und hindert Johann deßhalb nicht, zu zahlen, wenn er will.“ „Ich werde nicht theilen,“ ſpricht Johann mit entſchiedenem Tone und ſieckt all ſein Geld wieder in ſeine Taſche.„Ihr habt meine Kleider angezo⸗ gen; ich habe nichts dagegen; was aber dieſes Gold betrifft, ſo verbrauche ich es mit euch, will jedoch das Vergnügen haben, es auch ſelbſt auszugeben.“ Demar, obwohl um ein ganzes Jahr älter als 108 Johann, war doch nicht ſo ſtark wie dieſer: er hielt es daher fürs Klügſte, nicht weiter auf eine Thei⸗ lung zu dringen. Gervais hatte unterdeſſen das Frühſtück beftellt. Die Magd meldete den jungen Herren, vaß ihr Eſſen bereits aufgetragen ſei. Um ſich für de⸗ Verluſt eines Theiles der Gelder zu tröſten, wolltt Demar durchaus die Magd umarmen, aber dieſ ſtieß ihn zurück, mit den Worten: Männche. Männchen! Dieſes Epitheton, welches ſeine Ha⸗ meraden zum Lachen brachte, machte Demar pen wüthend, er wollte ſich wieder herausbeißen u machte deßhalb einen neuen Angriff auf die Ma er erhielt aber ſtatt eines Kuſſes eine tüchtp. Ohrfeige.„Jetzt wirſt Du die Mädchen in Ruhe laſſen,“ ſagte Johann lachend.—„Auf! wir wollen frühſtücken,“ ſagte Gervais,„dann wird er ſeine Leidenſchaft vergeſſen.“ Die drei Freunde nahmen ein reichliches Wahl ein. Johann bezahlte die Karte ohne zu handeln! hierauf machten ſich unſere Reiſenden wieder auf den Weg, der ſie immer weiter von Paris hinweg⸗ führte. Bereits aber ſchien die Eintracht, welche noch am vorigen Abend unter ihnen herrſcht kaltet. Demar war noch voll übler Laune; Ger⸗ vais ſpielte nicht mehr, aus Furcht, ſeine ſchön Toilette zu beſchmutzen; und Johann ſtieß von Zei zu Zeit einen Seufzer aus, indem er an ſeine Mutter und an Paris dachte. ſſſiſ 13 14 13 16