Von Paul de Rock. Deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. Vierter Theil. Stuttgart: Druck und Verlag von Scheible, Bieger x Sattler. 1846. Erſtes Kapitel. Ereigniſſe. Das Vertrauen, das Guerreville dem Doktor Jenneval geſchenkt, hatte ihr Freundſchaftsbündniß noch feſter geknüpft; jetzt gab es zwiſchen dieſen beiden Männern keinen geheimen Gedanken mehr, nun verſtanden ſie einander und gingen in ihre Meinungen ſo ſehr ein, daß der Eine oft die Ab⸗ ſicht des Andern errieth. Guerreville empfand die ſüßen Wirkungen dieſes Vertrauens, er konnte alle Tage von ſeiner Tochter ſprechen, und er war we⸗ niger unglücklich, ſeitdem er nicht mehr gezwungen war, ſeine Erinnerungen und ſeinen Kummer in der Tiefe ſeines Herzens zu verſchließen. Derjenige, welcher das Vertrauen eines großen Kummers empfangen, bezeigt oft einen größeren Beweis von Freundſchaft als der, welcher ihm das Vertrauen geſchenkt hat; der Eine tröſtet ſeine Seele, die das Bedürfniß fühlt, ſich auszuſprechen, wäh⸗ rend der Andere fich verbindet, den ihm anvertrau⸗ ten Kummer auch zu theilen. Guerreville und der Doktor kamen faſt ue Tage zuſammen, und während ſie ſpazieren gingen, ver⸗ nachläſſigten ſie nichts, was ihnen behülflich ſein konnte, die Spuren von derjenigen, die ſie ſuchten, wiederzufinden. Wenn zufällig ein Tag verfloſſen war, ohne daß die beiden Freunde hatten zuſam⸗ menkommen können, ſo fragten ſie ſich den Tag darauf, wenn ſie ſich wiederſahen, mit den Augen, und ihr erſtes Wort war immer: Nichts Neues? Eines Tages ſagte Georg zu ſeinem Herrn: „Mein Herr, während Ihrer Abweſenheit hat eine Dame nach Ihnen gefragt; ſie nannte ſich Madame Grillon und iſt die Mutter von Ihrer Mamſell Pathe. Sie beklagte ſich, daß ſie der Herr nicht mehr beſuche; ſie wünſchte viel mit dem Herrn zu ſprechen ſie habe, ſagte ſie, wichtige Dinge, über welche ſie Sie um Rath fragen müßte und welche die Pathe des Herrn beträfe. Guerreville hatte Georg gleichgültig angehört; er machte eine leichte Bewegung mit dem Kopfe, indem er erwiderte: Es iſt gut! und einen Augen⸗ blick darauf hatte er vergeſſen, was ſein Diener ihm geſagt. Wenige Tage darauf ſagte Georg wiederum zu ſeinem Herrn:„Eine andere Dame hat nach dem Herrn gefragt; ſie iſt, wie ſie mir ſagte, die Mut⸗ ter des Herrn Julius. Sie bittet den Herrn, die Güte zu haben, auf einen Augenblick zu ihr zu kommen.“ „Marie.. Marie war bei mir?“ ſagte Guerre⸗ ville bei ſich;„von ihrer Seite ſetzt mich dieſer Beſuch in Erſtaunen; aber ohne Zweifel wird ſie von ihrem Sohne mit mir ſprechen... Ich werde zu ihr gehen.“ „Vielleicht ebenſo, wie Sie Madame Grillon 5 beſucht haben,“ ſagte Jenneval lächelnd, der eben gegenwärtig war. „Ah, Sie haben Recht, Doktor, ich habe es ganz vergeſſen!“ „Mein Freund, erlauben Sie mir, Ihnen zu ſagen, daß dies nicht wohlgethan iſt.. Es gibt alte Bekanntſchaften, gegen die man durchaus nicht völlig gleichgültig ſein darf... Sie ſind in dieſem Falle mit den Damen Grillon und Galet.“ „Können Sie es glauben, Doktor, daß ich ge⸗ rade gegen dieſe die meiſte Abneigung empfinde 2 Aber es iſt möglich, daß ich Unrecht habe. Ich werde zu dieſen Damen gehen, um zu erfahren, was ſie von mir wünſchen.“ Acht Tage waren verfloſſen, ohne daß Guerre⸗ ville daran dachte, ſein Verſprechen zu halten, als eines Nachmittags, da er gerade aus dem Fenßter blickte, ob er den Doktor nicht kommen ſehe, Georg raſch die Thüre öffnete und meldete:„Die Mutter des Herrn Julius... Guerreville machte eine unwillige Bewegung, aber faſt in demſelben Augenblicke war Madame Galet in das Zimmer getreten, und bei dem Anblick ihrer Bläſſe, des tiefen Kummers, der in ihren Zügen lag, fühlte er ſich bewegt, ging ihr entgegen und ſagte:„Sie ſind es, Marie? Mein Gott, wie aufgeregt Sie ſcheinen! Sie ſind ſchon einmal bei mir geweſen, wie man mir geſagt hat; entſchuldi⸗ gen Sie mich, daß ich Sie noch nicht beſucht habe, aber Geſchäfte„ 8 „Ach, mein Herr! ich habe nicht das Recht, mich zu beklagen ich weiß ſehr wohl, daß Sie ge⸗ genwärtig ſehr geringen Antheil an mir nehmen; aber ich hoffte, daß für meinen Sohn kurz, wenn Sie gekommen wären, wenn Sie mit ihm geſprochen hätten dann würde velleicht das, was mich heute hierherführt, nicht geſchehen ſein.“ „Beruhigen Sie ſich„. nehmen Sie Platz und erzählen Sie mir, was Ste betrübt; wenn ich Ihren Kummer erleichtern und Ihnen Ihr Glück wiederherſtellen kann, ſo zweifeln Sie nicht an mei⸗ ner Bereitwilligkeit.“ ² „Glück!... Ach. ich hatte nur ein Glück auf Erden, und das war mein Sohn; er allein machte meine Freude aus und verlieh meinem Daſein eini⸗ gen Reiz... Und nun, was ſoll aus mir werden, wenn mein Sohn mich verläßt?“ „Was ſagen Sie? Julius 4 „Will Schauſpieler werden; er hat ſich für die Provinz engagirt er will abreiſen.. ſeine Mutter verlaſſen; er iſt bereits von uns ausgezo⸗ gen Ach, mein Herr, ich hatte jo ſehr auf Sie gerechnet. auf die guten Rathſchläge, die Sie ihm würden gegeben haben... auf die Freund⸗ ſchaft, die Sie für ihn haben würden. Ich hatte gehofft, Sie würden über meinen Sohn wachen Ach, ich hatte mich ſehr getäuſcht!.. Marie konnte nicht weiter ſprechen, Thränen erſticten ihre Stimme; ſie bedeckte ihr Geſicht mit dem Taſchentuch und that ſich vergeblich Gewalt 9 an, ihre Thränen zurückzuhalten. Guerreville wußte ihr nichts zu erwidern, er wandte die Augen ab und heftete ſie traurig auf die Erde; die Stimme ſeines Herzens ſagte ihm, daß Mariens Vorwürfe gerecht waren und daß er für Julius zärtlichere Theilnabme hätte beweiſen ſollen. Marie weinte noch, und da Guerreville nichts fand, womit er ſie tröſten ſollte, ſo ſtand er ſchwei⸗ gend an ihrer Seite, als ſich plötzlich eine Frauen⸗ ſtimme im Vorzimmer hören ließ. Es war Madame Grillon, welche der treue Georg melden wollte, die ſich aber dem widerſetzte, indem ſie ausrief:„Ich weiß, daß Euer Herr zu Hauſe iſt... und ich muß ihn ſehen, ihn ſprechen. Ich bin genau genug mit ihm bekannt, um nicht mehr nöthig zu haben, bei ihm angemeldet zu werden.“ Und ohne die Antwort des Dieners abzuwarten, ſiürzte die zärtliche Euphemie auf die Thür und ging auf Guerreville zu, indem ſie rief:„Schaffen Sie mir meine Lochter wieder!... Eduard, man entführt meine Tochter, meine Agathe, Ihre Pathe, Ihre. Ach Gott! ich weiß gar nicht mehr, was ich ſpreche, ich bin ſo verzweifelt. aber ich will meine Lochter.. Lch! Sie werden ſie wieder⸗ finden, nicht wahr? und Sie werden ihren ſchänd⸗ lichen Entführer züchtigen!“ Nachdem ſie dieſe Worte mit einer außerordent⸗ lichen Geläufigkeit ausgeſprochen hatte, ließ ſich Madame Grillon in einen Lehnſtuhl nieder, und 10 erſt jetzt bemerkte ſie Marien, die ſich noch immer das Tuch vor die Augen hielt. Madame Grillon ſchielte ſeiwärts, biß ſich in die Lippen und ſagte ironiſch, vor ſich hinmurmelnd:„Ah, jetzt begreife ich, warum mich der Bediente nicht wollte eintreten laſſen.“ Die Ankunft von Agathens Mutter ſtörte Guerre⸗ ville auf unangenehme Weiſe. Er ging indeß auf ſie zu und ſagte:„Was haben Sie, Madame? Warum dieſe Klagen, dieſes Jammern?“ „Was ich habe, mein Herr? Haben Sie denn noch gar nicht auf mich gehört?.. Es ſcheint mir, daß ich große Urſache zu Klagen habe ich ſage Ihnen, daß man Agathe entführt hat, meine Tochter, Ihre Pathe... Das muß Sie doch auch bewegen und intereſſiren!“ „Wie, Madame, man hätte es gewagt...“ „Ja, mein Herr, man hat es gewagt O⸗ die Männer wagen heutzutage Alles!.. wir leben in einem ſo überfeinen Jahrhundert!„. Wenn man ſich erlaubt, in Gegenwart der Frauen zu rauchen und ſo zu tanzen, wie man es jetzt thut, ſo legt man dadurch den klaren Beweis an den Tag, daß man ſie ſehr wenig achte.“ „Aber kurz, Madame „Kurz, es iſt dieſer erbärmliche Menſch, der Adal⸗ gis, der meine Tochter entführt hat.“ „Ein erbärmlicher Menſch... Aber es ſcheint mir, als hätten Ste mir über dieſen jungen Mann eine große Lobrede gehalten.“ 11 „Ach ja, ich hatte geglaubt.. Was wollen Sie! der Schein trügt. er benahm ſich ſo gut. Sogleich, als mir Agathe geſtand, daß ſie ihn an⸗ bete, wollte ich Sie dieſer Heirath wegen um Rath fragen.. aber Sie find nicht gekommen.“ „Madame, ich „Das war ſehr Unrecht, Sie mußten kommen;z Agathe iſt keine Fremde für Sie.. Kurz, ich hatte noch die Schwachheit, dieſem Adalgis ſeine Beſuche zu geſtatten, und in dieſer Nacht.. ja, in dieſer Nacht.. nachdem er uns noch vorher in das Concert⸗monſtre im Jardin⸗Türc geführt... der Böſewicht. Ich bin überzeugt, daß ſie während der Quadrille aus den Hugenotten ihren Anſchlag geſchmiedet haben während ich durch das Ge⸗ räuſch der Glocken, Triangel und Trommeln be⸗ täubt war. Wie wollen Sie, daß man ſeine Lochter belauſche, wenn Einem das Trommelfell zerriſſen wird. Seit Agathe jenen Schein von tauſend Fran⸗ ken, den Sie ihr geſchenkt haben, beſaß, verließ ſie dieſer Agalgis nicht. Endlich iſt ſie in dieſer Nacht entflohen und hat ihre tauſend Franken mit⸗ genommen; ſie gehören ihr, ich kann nichts darüber ſagen, aber ich bin überzeugt, dieſes Ungeheuer von Adalgis wird ſie ihr aufeſſen und ſie dann ſitzen laſſen.. denn ich bin gleich zu ihm gelaufen, um Erkundigungen einzuziehen... Er iſt ein leicht⸗ finniger Burſche, ein Windbeutel, der keinen Sou beſitzt; er iſt ſeinem Schneider achthundert Franken ſchuldig, und fünfundfünfzig Sous ſeiner Wäſcherin. das habe ich Alles dieſen Morgen erfahren. Ach! Eduard! Eduard! ich bitte Sie, im Namen Ihrer alten Erinnerungen, ſchaffen Sie mir meine Toch⸗ ter wieder.“ „Madame, ich werde Alles thun, was ich ver⸗ mag. Aber ohne Zweifel verfolgt Ihr Gemahl be⸗ reits die Spur des Räubers.“ „Mein Mann? Ach! wenn ich auf den warten ſollte, das wäre ſchön! er wird meine Tochter zurückbringen wie Mutter Gigognier. Eduard! auf Sie allein verlaſſe ich mich.“ Indem ſie dieſe Worte ſprach, hatte ſie ſich er⸗ hoben, und während ſie ſich Guerreville nahte, be⸗ mächtigte ſie ſich ſeiner Hände, welche fie mit einer Gewalt ſchüttelte, als hätte ſie ihn elektriſiren wollen. Seit dem Eintreten der fremden Damen hatte die arme Marie kein Wort geſprochen; ſie hatte nicht einmal geſeufzt; ſie hörte Alles geduldig mit an und wartete vielleicht darauf, zu ſprechen, wenn Madame Grillon würde geendet haben; aber Ma⸗ dame Grillon endete nicht. Als ſie nun ſah, daß dieſe Letztere ſich der Hände Guerreville's bemäch⸗ tigt hatte und ſie mit Nachdruck preßte, damit ſie ihr ihre Agathe wiederſchafften, ſchien Marie ihren Muth wiedergefunden zu haben, und indem ſie ſih ihrerſeits auch erhob, rief ſie:„Und ich, mein Herr, werden Sie nichts zu meinen Gunften thun? werden Sie nicht Mitleiden haben mit meinen Schmer⸗ zen? werden Sie nicht die Gnade haben, an meinen Sohn zu denken, der ſeine Mutter verlaſſen will⸗ 13 um eine Laufbahn zu betreten, auf welcher er we⸗ der weit vordringen, noch ſein Glück machen wird.“ Guerreville wußte nicht, was er antworten ſollte, ſo wurde er von den beiden Frauen, die ihn umſtanden, in die Enge getrieben; er flüchtete vor ihren eindringenden Bitten nach dem Fenſter, und um den auf ihn gerichteten Blicken zu entgehen, wendete er den Kopf um und ſah auf die Straße. Madame Grillon ſchien indeß erſtaunt und faſt verletzt, daß ſich eine andere Frau erlaube, an Herrn Guerreville eine Bitte zu richten; ſie warf Marie einen Blick zu, der durchaus nichts Sanftes hattez ſie ſchien fragen zu wollen, mit welchem Rechte ſie hergekommen wäre, um ihre Bitten mit den ih⸗ rigen zu verbinden; trotz der ihr eigenthümlichen Schüchternheit aber, ſchien die Mutter des Julius durch dieſen Blick nur ſehr wenig überraſcht und in ihren Augen lag immer etwas Jroniſches, ſo oft dieſelben auf Madame Grillon gerichtet waren. Dieſe Scene währte ziemlich lange; die Damen verhielten ſich ſchweigend, und weder die eine, noch die andere machte einen Schritt oder eine Bewe⸗ gung, wodurch ſie darthun konnte, daß ſie auf einen Augenblick vor der andern wich; plötzlich aber ſtieß Guerreville einen Ruf des Erſtaunens, der Freude aus, als er Jemand bemerkte, der auf der Straße vorbeiging. Darauf ſtieß er die beiden Frauen, die vor ihm ſtanden, auseinander, ſtürzte nach der Thür, und ohne ſich die Zeit zu nehmen, nach ſei⸗ nem Hut zu greifen, ging er raſch fort. 14 „Eduard! Eduard! nun, wo gehen Sie denn hin?“ rief die Mutter von Agathe, indem ſie ſich vergebens bemühte, Guerreville zurückzuhalten. Marie that weiter nichts, als daß ſie ihm nach⸗ ſah, wie er fortlief, und als er fort war, ſank ſie wieder auf einen Stuhl, indem ſie murmelte:„So dahin zu gehen! und er hat mir nicht einmal ver⸗ ſprochen, mir meinen Sohn wiederzugeben!“ „O! er hätte ſich nicht aus dem Staube ge⸗ macht, wenn ich allein bei ihm geweſen wäre,“ ſagte Madame Grillon und ging mit einer wüthen⸗ den Miene im Zimmer auf und ab;„aber da es ſo läſtige Perſonen gibt!... „Läſtig!“ erwiderte Marie, auf Madame Gril⸗ lon einen Blick werfend, in welchen zugleich Wider⸗ willen und Verachtung lag;„es ſcheint mir, daß die Perſon dieſes Beiwort verdient, welche, allen An⸗ ſtand bei Seite ſetzend, ſich erlaubt, den Bedienten fortzuſchieben und zu Jemanden einzutreten, der nicht allein iſt.“ „O! ich habe den Herrn gewiß in einer ſehr an⸗ genehmen Unterhaltung geſtört. Armer Eduard! armer Freund! er gähnte wie ein Karpfe, als ich eintrat.“ „Ich weiß nicht, Madame, ob ich Herrn Guerre⸗ ville langweilte, jedenfalls aber war ich nicht die⸗ jenige, die ihn in die Flucht ſchlug.“ „In die Flucht ſchlagen!... In die Flucht ſchlagen!. Madame, mäßigen Sie Ihre Aus⸗ drücke, ich bitte Sie darum.“ 15 Die Damen fingen an, hitzig zu werden, ſie ſchienen nicht geneigt, einander etwas nachzugeben, als das Erſcheinen eines Fremden dieſe Scene be⸗ endete. Jenneval nämlich ſtellte ſich bei ſeinem Freunde ein, und war von Georg mit wenigen Worten von Allem unterrichtet worden; als er in den Saal ein⸗ trat, wußte er ſchon, daß er daſelbſt die Mütter von Agathe und Julius vorfinden würde. Er grüßte die Damen ehrerbietig, und indem er ſich ihnen näherte, ſagte er mit dem Tone, der bald Ver⸗ trauen einflößt:„Sie ſehen in mir, meine Damen, den Doktor Jenneval, den vertrauten Freund des Herrn Guerreville. Georg, ſein Diener, hat mir eben erzählt, daß er Sie etwas haſtig verlaſſen hätte, entſchuldigen Sie gefälligſt meinen Freund. Ohne Zweifel hat ihn irgend ein uns unbekannter Beweggrund gezwungen, ſich auf dieſe Weiſe zu entfernen. Wenn ich Ihnen, meine Damen, aber in irgend einer Beziehung bei ihm behülflich ſein kann, ſo ſtehe ich ganz zu Ihren Dienſten.“ Es gibt Leute, welche auf der Stelle Vertrauen einflößen und Intereſſe für ſich erwecken; Jenneval war von der Art; und am Ende verlangten die Damen auch weiter nichts, als zu ſprechen. Jede beeilte ſich, dem Doktor das zu wiederholen, was ſie eben erſt Guerreville erzählt hatte, indem ſie ſich auf die Theilnahme bezogen, welche dieſer für Agathe und Julius haben müßte. Der Doktor, der ſie vollkommen verſtand, ver⸗ 16 ſprach ihnen, Guerreville zum Handeln zu bewegen, und falls ſein Freund es nicht im Stande wäre, ſo erbot er ſich, ſelbſt alle die nöthigen Nachſuchungen und Bemühungen anzuſtellen, um Agathe in die Arme ihrer Mutter zurückzuführen und Julius der Bühne zu entreißen, für welche, wie er ſelbſt wohl wußte, der junge Mann nicht die geringſte Anlage hatte. Jennevals Worte beruhigten die beiden Frauen, ſie ſuchten nur nach Dankesbezeigungen und ent⸗ fernten ſich etwas beruhigter, indem ſie ſich jedoch gegenſeitig noch Blicke zuwarfen, in denen keine Spur von Wohlwollen zu bemerken war. „Arme Frauen!“ ſagte Jenneval zu ſich, als ſich die Damen entfernt hatten;„wenn ſie auf die Erinnerung, auf die Gefühle rechnen, welche ſie Guerreville einſt eingeflößt hatten, ſo täuſchen ſie ſich ſehr! Er hat nur eine einzige Erinnerung, einen einzigen Gedanken. Aber ich werde handeln, als wenn ich er ſelbſt wäre, ich werde dem Herrn Ju⸗ lius und dem Fräulein Agathe nachlaufen, ich werde die Mühe übernehmen, ohne den Dank dafür zu fordern: das ſind die Vorrechte der Freundſchaft⸗ Jetzt aber muß ich ihm ſelbſt nachlaufen. Wohin iß er gegangen? Warum iſt er wie toll davon ge⸗ rannt? Ich muß ihn wiederfinden, damit er mir ſein Benehmen erkläre.“ Jenneval wollte fortgehen, als die Thüre des Salons raſch geöffnet ward. Guerreville trat ein⸗ und hielt eine Frau feſt, welche weniger durch die 17 Jahre, als durch Elend und Leiden gealtert ſchien. Dieſe Fran, welche fünfzig Jahre alt ſein konnte, war mit Lumpen bedeckt, ihr Geſicht war fürchter⸗ lich mager und blaß, und in dem gegenwärtigen Augenblicke war in ihren Augen ein Ausdruck von Schrecken und Unruhe zu leſen, der ihrer ganzen Geftalt noch einen weit elendern Anſchein gab. Guerreville, deſſen Züge eine lebhafte Unruhe ausdrückten, in welche ſich jedoch auch einige Hoff⸗ nung miſchte, ließ dieſe Frau, welche Mühe zu ha⸗ ben ſchien, ſich aufrecht zu erhalten, eintreten und ſich niederſetzen. Als er Jenneval erblickte, ſagte er nur die Worte zu ihm:„Madame Armand.. die⸗ ſelbe, welche bei meiner Tochter war welche mit ihr entflohen iſt.“ Jenneval wurde nun Alles klar, und indem er ſich dieſer Frau näherte, wartete er, eben ſo ängſt⸗ lich als ſein Freund, darauf, daß ſie endlich im Stande ſein würde, zu ſprechen. Als diejenige, welche eben hereingeführt worden war, ſich allein zwiſchen dem Doktor und Guerre⸗ ville ſah, faltete ſie die Hände zuſammen und fiel auf die Knie, indem ſie rief:„Gnade, Gnade, ich flehe Sie darum!“ „Auf, Madame, fürchten Sie nichts!“ antwor⸗ tete Guerreville lebhaft;„Sie haben mir viel Un⸗ heil zugefügt, aber glauben Sie, daß ich mich da⸗ für rächen wollte, indem ich Sie mißhandelte?.. Wohlan! erholen Sie ſich, ſammeln Sie Ihre Gei⸗ ſteskräfte wieder, die mein Anblick verwirrt zu ha⸗ Paul de Kock. XCvII. 2 18 ben ſcheint; aber vor Allem ein Wort, ein einziges Wort, meine Tochter was iſt aus ihr ge⸗ worden?“ „Wahrlich! Mein Herr, ich weiß durchaus nichts von ihr!“ „Sie wiſſen nichts von ihr? O, mein Goitl durch Sie hoffte ich wenigſtens zu erfahren, was aus ihr geworden ſei. Wohlan, laſſen Sie hören, ſprechen Sie jetzt, ſagen Sie uns Alles, was Sie gethan haben, verheimlichen Sie nichts, keinen Um⸗ ſtand, ich höre Sie.“ „Ich bin ſehr ſchuldig, mein Herr,“ erwiderte die arme Frau mit zitternder Stimme,„ach! ja ich weiß, daß ich auf die ſchändlichſte Weiſe Ihr Ver⸗ trauen verrathen habe; aber der Himmel hat mich dafür geſtraft, man hat kein Glück, wenn man eine Niederträchtigkeit begangen hat, und Sie ſehen den Beweis davon in der traurigen Lage, in wel⸗ cher Sie mich finden.“ „Zur Sache, Madame, zur Sache, von meiner Tochter, von dieſem elenden Daubray ſollen Sie mir erzählen.“ „Sie haben Recht, mein Herr, ich ſammle meine Erinnerungen. Fräulein Pauline war ein Engel von Güte, an Gemüth, und ſie war ſo ſchön, ſo reich an Anmuth. Dieſer Herr Daubray wurde ſterblich in ſie verliebt, und trotz meiner Wachſamkeit⸗ fand er Mittel, ſich die Liebe Ihrer Tocbter zu erwer⸗ ben. Ach! mein Herr, es bedarf oft nur eines Wor⸗ tes, eines Blickes, um die Liebe zu erzengen. Fräu⸗ 19 lein Pauline glaubte auch gar nicht Unrecht daran zu thun, wenn ſie dieſen jungen Mann liebte. Ich ſelbſt glaubte Anfangs, dieſe Heirath könnte zu Stande kommen, und Ihre Lochter ſtand ſchon mehremal im Begriff, Ihnen ihre geheimen Gefühle anzuvertrauen, wenn ſich Herr Daubray dem nicht widerſetzt hätte. Eines Tages beſuchte er mich und ſagte zu mir:„Herr Guerreville verweigert mir die Hand ſeiner Tochter, ich kenne nur ein Mittel, um ihr Gemahl zu werden, nämlich, ſie zu entfüh⸗ ren, dann wird uns Paulinens Vater in der Folge wohl verzeihen müſſen.““ Ich verwarf Anfangs die⸗ ſen Vorſchlag; aber er bot mir fünſtauſend Fran⸗ ken, wenn ich mich dazu bereit fände, ihm behülf⸗ lich zu ſein. Ach, mein Herr, ich weiß wohl, daß ich bei Ihnen an nichts Mangel hatte; aber fünf⸗ tauſend Franken, ich hatte niemals eine ähnliche Summe beſeſſen, und ſie ſchien mir beträchtlich. Und dann hörte dieſer Herr Daubray nicht auf, mir zu wiederholen:„Bin ich einmal Paulinens Gatte, kehre ich mit ihr zurück, mich ihrem Vater zu Fü⸗ ßen zu werfen, der mir ſeine Vergebung nicht ver⸗ ſagen wird.“ Was ſoll ich Ihnen ſagen! ich wil⸗ ligte ein! es handelte ſich nur noch darum, Ihre Fräulein Tochter dazu zu bewegen. Armes Mädchen! Anfangs wollte ſie nicht; ſie wiederholte uns unauf⸗ hörlich:„Wir wollen uns meinem Vater zu Füßen werfen, er liebt mich ſo ſehr, er wird in unſere Verbindung willigen.“ Aber Herr Daubrap ant⸗ wortete ihr immer:„Vertrauen Sie ſich meiner 20 Zärtlichkeit, meiner Liebe, das iſt das einzige Mit⸗ tel zu unſerer Verbindung.“ Endlich willigte ſie ein. Da wurde, ohne ihr Zeit zur Ueberlegung zu laſſen, unſere Flucht in der nächſten Nacht beſchloſ⸗ ſen. Herr Daubray war ſchon darauf vorbereitet, dazu eingerichtet, ein Wagen mit Poſtpferden er⸗ wartete uns hinter der Mauer des Gartens. Ach! mein Herr, wären Sie in dieſem Augenblicke Zeuge des Schmerzes Ihrer Tochter geweſen. ſie rief Sie beim Namen ſie wollte nicht abreiſen.. man mußte ſie wegtragen.“ Guerreville gab der Madame Armand durch ein Zeichen zu verſtehen, daß ſie einen Augenblick inne halten ſollte, und indem er ſein Haupt an die Bruft ſeines Freundes lehnte, ließ er den Seufzern⸗ welche ihn zu erſticken drohten, freien Lauf. Nach einer Pauſe von einigen Minuten gab er der Frau ein Zeichen, fortzufahren. „Wir reisten ab, mein Herr. Nachdem wir einige Meilen zurückgelegt hatten, hielten wir, ge⸗ gen Tagesanbruch, bei einem Gaſthofe an; hier händigte mir Herr Daubray die Summe ein, welche er mir verſprochen hatte, und ſagte dabei:„„E iſt unnöthig, daß Sie noch bei uns bleiben; Ihre Gegenwart in Paulinens Nähe iſt nicht mehr erfor⸗ derlich, da ich ſie heirathe, und ich denke nicht, daß Sie Luſt haben werden, mit uns zu ihrem Vater zurückzukehren, der Sie übel empfangen würde.“ Nachdem er dieſe Worte beendet hatte, verließ er mich, ohne mir erlauben zu wollen, nochmals Fräu⸗ 21 lein Pauline zu umarmen Und ſeit dieſem Tage habe ich das liebe Kind nicht wieder geſehen. Aber ich zog insgeheim Erkundigungen über Sie ein, mein Herr, und ich erfuhr, daß mein Vergehen noch weit größer war, als ich geglaubt hatte, da Ihre Tochter nicht zu Ihnen zurückgekehrt war. Was meine wei⸗ teren Schickſale betrifft, ſo fühle ich wohl, daß dieſe Sie wenig intereſſiren; doch muß ich Ihnen geſtehen, daß ich die ſchrecklichſten Gewiſſensbiſſe über meinen Fehler empfinde. Ich kam nach Paris; mit der Summe, die ich beſaß, wollte ich mich etabliren, einen kleinen Handel anfangen aber dieſes Geld brachte mir kein Glück!.. nichts wollte mir gelingen. Nach Verfluß von drei Jahren war mir kein Sou mehr von dieſen unglückſeligen fünftauſend Franken übrig geblieben; da wollte ich eine Stelle ſuchen, aber ich wurde krank; ich mußte meine Effekten verkaufen ich nahm hierauf einige kleine Be⸗ dienungen an aber ich hatte faſt nicht mehr die Kräfte dazu. man entließ mich nach kurzer Zeit wieder. Endlich in das ſchrecklichſte Elend hinabge⸗ ſunken, lebe ich ſeit mehren Monaten nur von den Allmoſen, die ich insgeheim erbettle.. und eben als ich in Ihrer Straße ſtehen blieb, ſtützte ich mich auf einen Eckſtein, weil ich fühlte, daß ich ſchwach wurde. Sie ſehen es, mein Herr, der Himmel hat Sie an mir ſchrecklich gerächt.“ „Ach! ich fordere nicht ſeine Rache, ich verlange meine Lochter von ihm! da ich Sie erblickte, glaubte ich einen Angenblick, Sie würden mir helfen, 2 2 meine Pauline wiederzufinden.. und auch noch dieſe Hoffnung hat mich getäuſcht... Sie wiſſen alſo nichts mehr?“ „Ach! mein Herr.. könnte ich Ihnen heute mit meinem Leben Ihr Kind verſchaffen!.. Ach! dann glaube ich, würde das Unglück aufhören, auf mir zu laſten! In dem Augenblick, da die Bettlerin ihre Er⸗ zählung beendet halte, war Jenneval aus dem Zim⸗ mer gegangen und bald kam er mit einer Flaſche und einem Glaſe zurück und ſchenkte dieſer Frau Wein ein, indem er zu ihr ſagte:„Trinken Sie dieſer Wein wird Ihnen wieder Kraft geben.. er wird Ihnen gut thun.“ Die arme Frau wußte nicht, ob ſie ihn annehmen ſollte; ſie betrachtete Guerreville mit ängfllichen Blickenz endlich ſiegte das Bedürfniß über die Furcht; ſie nahm das Glas Wein an. Nachdem ſie getrunken hatte, grüßte ſie ehrerbietig und ging nach der Thür, indem ſie murmelte:„Ich glaube, der Herr hat mir nichts mehr zu ſagen, und meine Gegenwart kann nur unangenehm ſein.“ „Einen Augenblick!“ rief Guerreville. Die Bettlerin hemmte ihren Schritt und blieb unbeweglich ſtehen. Jenneval ſah ſeinen Freund an⸗ Guerreville näherte ſich Madame Armand. „Sie haben mir viel Unheil zugefügt, Madame; aber ich will nicht, daß die Frau, welche die Gou⸗ vernante, die Geſellſchafterin meiner Tochter war⸗ gezwungen ſei, ſich ihren Lebensunterhalt durch Bet⸗ 23 teln zu verſchaffen. Nehmen Sie dieſe Börſe; wenn ſie leer ſein wird, laſſen Sie mich es wiſſen, ich werde es Ihnen niemals am Geringſten fehlen laſſen Doch jetzt gehen Sie.“ „Ach! mein Herr!... ſo viel Güte. obgleich ich ſo ſchuldig bin!“ Und die arme Frau wollte ſich Guerreville zu Füßen werfen; er verhinderte ſie aber daran und gab ihr ein Zeichen, ſich zu entfernen; ſie wollte aus der Thür des Salons treten, als ſie plötzlich umkehrte und ausrief:„Ach! mein Herr. es fällt mir etwas ein vielleicht iſt dieſer Umſtand von Intereſſe für Sie.“ „Was iſt es denn? ſprechen Sie, ſprechen Sie, Madame.“ Guerreville und der Doktor näherten ſich Ma⸗ dame Armand, welche begann:„Vor etwa ſechs Monaten. ja, es find ſechs Monate, ging ich auf den Boulevards, ich wollte gerade über die Fehrſtraße hinüber.. da ſchnitt mir ein eleganter Tilbury den Weg ab ich hielt an, blickte auf. Ein Monn ſaß in dem Wagen... Oh! ich habe ihn wohl erkannt, es war Herr Daubray.“ „Daubray! der Entführer meiner Lochter?“ „Ja, mein Herr, obgleich mehr als acht Jahre verfloſſen ſind, ſeitdem ich ihn nicht wieder ſah, bin ich doch gewiß, daß ich mich nicht getäuſcht habe.“ „Und meine Tochter.. war ſie bei ihm?“ „Nein, mein Herr, er war allein.“ „Der Elende! er hat ſie gewiß verlaſſen!“ 24 „Mein lieber Guerreville,“ ſagte der Doktor, „was uns da eben erzählt wird, iſt ſehr wichtig; die Begegnung dieſes Mannes in Paris, in einem Tilbury, ſcheint zu beweiſen, daß er ſich gewöhnlich in dieſer Stadt aufhält.“ „Ja, mein Freund, ja... Oh! Sie haben Recht, er iſt hier, der Verräther!... Keine Ruhe mehr, bis ich ihn herausgefunden habe bis ich ihm begegne„ denn ich werde ihm auch begegnen, ich Gehen Sie, Madame, gehen Sie was Sie uns eben geſagt haben, wird uns nützlich ſein, wie ich hoffe„ Wenn Sie noch etwas über dieſen Menſchen erfahren oder entdecken, ſo verſäumen Sie es nicht, uns alsbald davon zu unterrichten. Seien Sie behülflich, zu erforſchen, was dieſer Elende mit meiner Tochter gemacht hat; das wird die beſte Art und Weiſe ſein, Ihr Unrecht wieder gut zu machen.“ Die arme Frau beſchwor ihre Ergebenheit, ihre Reue; dann grüßte ſie ehrfurchtsvoll und entfernte ſich, indem ſie wiederholte, daß ſie Alles, was in ihren Kräften ſtände, thun würde, um ihren Fehler wieder gut zu machen. „Er iſt in Paris!“ rief Guerreville, indem er heftig im Zimmer auf⸗ und abging,„und noch im⸗ mer reich immer noch glücklich, ohne Zweifel.. Und meine Tochter! meine arme Tochter!... Nie⸗ mand hat ſie geſehen... Niemand kann mir Nach⸗ richt von ihr geben. Aber, was hat noch dieſer Schändliche mit ihr gemacht. Hat er ſie nur darum den Armen ihres Vaters entriſſen, um ſie 25 dann zu verlaſſen? hat er ſie getödtet dieſes Unge⸗ heuer? O! ja ſie muß todt ſein ſonſt wäre ſie ſchon längſt zurückgekehrt, um an dem Buſen ihres Vaters ihren Fehler zu beweinen Todt... meine Tochter. und dieſer Menſch lebt noch!.. und genießt in Frieden die Vergnügungen, welche der Reichthum darbietet. Oh!.. Oh! all ſein Blut wird meine Verzweiflung noch nicht ſiillen können!“ „Mein Freund, beruhigen Sie ſich!“ ſagte Jen⸗ neval, Guerreville's Hand ergreifend,„dieſer Daubray iſt in Paris; wir werden ihn auffinden, nun bin ich feſt davon überzeugt. Aber es iſt durchaus noch kein Beweis vorhanden, daß Ihre Tochter nicht mehr am Leben ſei; hoffen wir im Gegentheil, daß wir durch ihn erfahren werden, was aus ihr geworden.“ „Ach! Jenneval ich muß Ihnen wohl glau⸗ ben, um mich nicht der Verzweiflung zu überlaſſen. Wohlan! dieſer Menſch ſoll mir meine Tochter wiedergeben, und ich will ihm das Leben laſſen und ihn für immer fliehen. Aber er gebe mir meine Pauline wieder. Ach! ich beweine ſie ſchon ſeit ſo langer Zeit!“ Guerreville ſank, von all den Empfindungen, die ihn eben durchdrungen, übermannt, auf einen Seſſel nieder. Der Doktor ließ ihm Zeit, ſich zu faſſen; als er ſeinen Freund ruhiger ſah, näherte er ſich ihm und ſagte mit leiſer Stimme:„Sie hatten zwei Damen bei ſich zurückgelaſſen, die ich hier vorfand, Madame Grillon und die Mutter des Julius; ſie 26 waren gekommen, um Ihren Beiſtand, Ihre Hülfe in Anſpruch zu nehmen.. Sie wiſſen, daß Ihre Pathe Agathe dem Herrn Adalgis gefolgt iſt, ich weiß nicht wohin, und daß Julius einen Contrakt, als erſter Liebhaber bei einer herumziehenden Truppe unterzeichnet hat. Die beiden Mütter ſind troſtlos, ſie glauben, daß Sie irgend eine Theilnahme für ihre Kinder beweiſen ſollten.“ Guerreville, der ſeinem Freund jehr aufmerkſam zuzuhören ſchien, ſprang plötzlich auf, ergriff ſeinen Hut und rief:„Er hat einen Tilbury. er muß durch die Promenade fahren... über die Boulevards nach dem Bois de Boulogne... Oh! ich werde ihn dort treffen.. Kommen Sie kommen Sie, Jenneval, gehen wir.“ „Unbedingt, ſagte der Doktor zu ſich, indem er ſeinem Freunde folgte,„wird es mein Geſchäft ſein, dem Fräulein Agathe und dem Herrn Julius nach⸗ zulaufen.“ Zweites Kapitel. Das Caſs des Comédiens⸗ Guerreville brachte jetzt ſeine Tage damit hin⸗ die beſuchteſten Spaziergänge der Havptſtadt zu durch⸗ laufen; bisweilen miethete er ſich ein Pferd und dehnte ſeine Exkurſionen nach der Umgegend aus. Ein Tilbury, ein Cabriolet, das unbedeutendſte Fuhrwerk wurde oft von ihm verfolgt, wenn er glaubte, darin den Mann zu bemerken, welchen er 27 mit glühender Begierde aufſuchte. Abends kam er, von der Anſtrengung erſchöpft, nach Hauſe, und wenn er ſich nicderlegte, that er ſich das Verſprechen, den folgenden Tag wieder von vorn anzufangen. Wie es der Doktor vorausgeſehen hatte, dachte Guerreville, einzig und allein mit dem Entführer ſeiner Tochter beſchäftigt, weder an ſeine Pathe, noch an den Sohn von Marie. Aber, während er allen Equipagen nachltef, oder nachgaloppirte, that Jenneval ſein Möglichſtes, um Julius und Agathe wiederzufinden. Es gibt in Paris ein gewiſſes Kaffeehaus, oder vielmehr Speiſehaus, das man Café des Comediens nennt. Während die Mehrzahl der derartigen Eta⸗ bliſſements in Pracht, Tapeten und Vergoldungen, Malereien und Eleganz mit einander wetteifern, iſt der Café des Comeédiens, welcher in der Rue des Deux⸗Ecus(der Zwei⸗Thalergaſſe) ſeiner alten Ein⸗ richtung, ſeiner Oelbeleuchtung und ſeinen verrauchten Wänden treu geblieben; es iſt hier nichts Modernes, nichts Geſchmackvolles zu ſchauen; es iſt wahr, man geht auch nicht dorthin, um ſeine Toilette zu be⸗ wundern und ſich im Spiegel zu beſchauen; man ſpielt und raucht dort; ſehr häufig genießt ſogar der größte Theil der anweſenden Gäſte nichts und kommen nur hin, um von ihren Angelegenheiten zu ſprechen. Dieſes finſtere Kaffechaus, welches von außen durch nichts bemerklich gemacht wird, iſt dennoch eines der beſuchteſten von Paris. Beſonders gegen die 28 letzten vierzehn Tage vor Oſtern, zu welcher Zeit die Engagements der Schauſpieler und Schauſpie⸗ lerinnen ſtattfinden, verſammeln ſich ſo viele Leute im Café des Comediens, daß es dort oft ſchwer iſt, durchzukommen. Dann bilden ſich zahlreiche Gruppen auf der Straße, vor der Thür; zuweilen können die Wagen nur mühevoll durch die Haufen, die ſtehen bleiben und ſchwatzen, paſſiren. Man ſollte glauben, daß daſelbſt, wie vor Tortoni, Börſenangelegen⸗ heiten, Handelsgeſchäfte abgemacht werden. Man behandelt hier in der That Angelegenheiten, aber es ſind nur dramatiſche. Alle die Leute, die man hier kommen und gehen, ſich an einander reihen und plaudern ſieht, leben vom Theater, oder ſollen we⸗ nigſtens davon leben. Hier werden Engagements für die Provinz, bisweilen ſelbſt für das Ausland abgeſchloſſen. Hier kommen diejenigen hin, welche keine Beſchäftigung mehr haben, die eine ſolche ſuchen, oder eine alte aufgeben wollen; und alle dieſe Leute, die ihr hier ſehet, ſind Talente der erſten Klaſſe; ſie bilden ſich dies wenigſtens ein. Jenneval entſchloß ſich, nach dem Café des Co⸗ mediens zu gehen, um es zu verſuchen, dort etwas über Julius zu erfahren, der ſich bei ſeinen Eltern nicht hatte wieder ſehen laſſen. Eines Nachmittags begab ſich der Doktor nach der Rue des Deux⸗Ecus; er bemerkte einige Gruppen von Schwatzenden, woran er erkannte, daß er an dem Orte war, den er ſuchte. Dem, der in die Myſterien des Theaters, in die Angelegenheiten der Couliſſen nicht eingeweiht 29 iſt, ſcheint der Name Café des Comediens einen fröhlichen, liebenswürdigen, anlockenden Verein zu verſprechen, in welchem er einen Theil von dem wieder zu finden hofft, was ihm im Theater gefallen hat. Man bildet ſich ein, jene erſte jugendliche Liebhaberin wiederzuſehen, wie ſie Einem in ihren Glanzrollen erſchienen iſt; man glaubt die reizende Soubrette wiederzufinden, die gewandte, mit ihren lieblichen Reizen; den verliebten Stutzer, den Mar⸗ quis von feinem Tone. Doch wie erſtaunt man, wenn man in dem Café des Comediens eintritt! Man ſieht nichts von dem, womit man ſich ge⸗ ſchmeichelt hatte; in dieſen Männern, welche rau⸗ chen oder ſpielen, findet man die Reize, die elegan⸗ ten Formen nicht wieder, welche von den Brettern herab ſo verführeriſch wirken, und man wird ver⸗ ſucht, zu ihnen zu ſagen:„Ah, mein Bott! meine Herren, wie kommt es, daß Sie ſo gar keine Künſt⸗ lermiene haben?“ Man ſucht die Schauſpielerinnen, ſie ſind in geringer Anzahl da und hielten ſich ſonſt im Hintergrunde des Kaffeehauſes, jetzt aber blei⸗ ben Sie, wie die Männer, in der Nähe der Bil⸗ lards. Die junge Frau, welche dort an einem Tiſche ſitzt, wo ſie einen ſpaniſchen Salat verzehrt, iſt eine Gavaudan, die von Nantes kommt und nach Montpellier reiſen will; jene, die in ihrer Nähe die Aepfel verſpeist und ſich mit ihrem Rach⸗ bar zu ſtreiten ſcheint, iſt eine Leichtfertige, welche, ſeitdem ſie Paris verlaſſen, dreimal ihren Reiſe⸗ gefährten gewechſelt hat. Mit einem jugendlichen 30 erſten Liebhaben abgereist, verließ ſie ihn um einen Intriguanten, der ſie an einen zweiten Tenor ab⸗ trat; endlich kam ſie mit einem zweiten Komiker zurück. Daraus und aus der Gewohnheit dieſer Art Damen, immer den Ramen des Geliebten an⸗ zunehmen, mit welchem ſie leben, geht hervor, daß wir ſie in Paris unter dem Namen A. gekannt, in Rouen unter dem Namen Madame B. geſehen hapen, in der Folge lönnen wir ſie als Madame C. wiederfinden. Das Geſcheiteſte iſt, wenn man eine ſolche Dame wieder ſieht, zu fragen, welchen Namen ſie gegenwärtig führe. Dieſe Veränderungen geſchehen übrigens faſt im⸗ mer freiwillig; beide Theile nähern ſich einander und verlaſſen ſich; ſie finden ſich wieder und find die alten guten Freunde. Oft kommt es ſogar vor, daß der derzeitige Liebhaber, wenn er einem ehe⸗ maligen Liebhaber ſeiner Dame begegnet, zu ihm ſagt:„Mein Freund, willſt Du mir wohl die Ge⸗ fälligkeit erweiſen, meiner Frau auf einen Augen⸗ blick den Arm zu reichen?“„ Der Arm wird auch auf der Stelle angenommen, und Madame, die gegenwärtig die Frau eines An⸗ dern iſt, geht mit dem ſpazieren, deſſen Namen ſie einſt geführt hat und der jetzt für ſie nur ein Be⸗ gleiter iſt. Aus dieſem allem erſieht man, daß unter den zum Theater gehörigen Leuten es viele Gebräuche gibt, die denen der St. Simoniſten gleichen. Aber ich habe wohl nicht erſt nöthig, zu erwäh⸗ 31 nen, daß dergleichen Züge unter den anſäßigen Künſtlern ſelten ſind, und daß es unter unſern großen Talenten, unter unſern Schauſpielerinnen von Ruf viele gibt, welche den Caſé des Comédiens nicht einmal dem Namen nach kennen, da dieſes Faffeehaus nur für die dramatiſche Demokratie er⸗ richtet worden iſt. Jenneval hatte ſich in einen Winkel geſetzt⸗ blickte um ſich und beobachtete. Ein Herr von geſetztem Alter, deſſen Perüke bedeutend über die Ohren heruntergezogen war und der das Kinn und die Hälfte des Mundes in einer ungeheuren Halsbinde verbarg, näherte ſich dem Ofen, laute Töne ausſtoßend, welche die Klänge einer Kirchenpoſaune nachahmten; er unterbrach ſich häufig, um zu huſten, was mit einer Gewalt ge⸗ ſchah, daß man die abſichtliche Anſtrengung nicht verkennen konnte. Man merkte, daß es dieſem Manne ein Spaß ſein würde, durch ſein Huſten den Lärm einer Kanone hervorzubringen. „Allem Anſchein nach ſpielt dieſer Herr zweite Tenorpartien,“ ſagte Jenneval zu ſich, indem er ſich dem Manne mit der ſtarken Stimme näherte. Er bot ihm eine Priſe Tabak an, die mit großer Bereitwilligkeit angenommen wurde; der Doktor glaubte ſogar zu bemerken, daß dieſer Mann, ſtatt mit den Fingern davon zu nehmen, die Hälfte ſeiner Hand mit Tabak angefüllt hätte, welche er dann mit Gewandtheit in einer Weſtentaſche aus⸗ leerte, um nur ein geringes Stäubchen an ſeine Naſe zu bringen. Ohne aber den Schein zu haben, als bemerke er dieſe Vorſicht, ſich mit Tabak zu verſehen, knüpfte der Doktor ein Geſpräch an. „Der Herr find Künſtler, ohne Zweifek?“ „Erſter Tenor hum! hum.. Bariton.. hum! mufikaliſch bis in die Fingerſpitzen... hum! hum! Es iſt mir nur gerade jetzt was in der Kehle flecken geblieben. Ich beſitze eine herrliche Stimme hum! die mich noch nie hat im Stich gelaſſen. Ich habe alle Städte des mittäglichen Frankreichs entzückt. Puah! Puah!... Ah! Ah!„das iſt ein verfl.„Huſten, den ich zwiſchen den Cuuliſſen gefangen habe. Deine liebe, theure Lochter Tröſtete ſür Alles mich! Hum! hum!. „Der Herr kommt aus der Provinz?“ „Ich komme von Bordeaur ich war dort auf ein Jahr engagirt. hum! hum! ich bin aber nur vierzehn Tage dort geblieben. ich habe mein Engagement gebrochen, es gefiel mir nicht! In Bordeaut lieben ſie nur den Tanz Ich ließ ſie herrliche Orgeltöne hören. ſie waren entzückt, aber ſie ziſchten, um dem Direktor einen Poſſen zu ſpielen, der ihnen nicht genug Ballette gab. Des⸗ halb ſagte ich zu dem Direktor:„„Ihr Publikum betet mich an, ich weiß es ſehr wohl; aber das langweilt mich, daß Sie Feinde haben, welche im⸗ — mer ziſchen, während ich ſinge. Ich will fortgehen, Sie könnten mir für jede Vorfellung zehntauſend — 33 Franken geben, ich würde nicht hier bleiben.““ Der Direktor hatte Thränen in den Augen er wollte mich mit aller Gewalt zurückbehalten. hum! hum! aber ich habe nicht gewollt.. und ich werde dieſes Theaterjahr in Beaugench beenden.. hum! Sie werden ſich nicht wenig glücklich fühlen, mich dort zu beſitzen! Ah! verfl Eine Stimme wie die meinige haben ſie dort noch nicht gehört! Ich debütire in dem Deſerteur.“ „Ah! Sie ſpielen die Rolle des Deſerteurs?“ „Pfui. den Heuler, der nichts zu fingen hat... Ich mache den Cour⸗chemin. ich ſinge die ſchöne Arie: Der König ging vorbei.. hum! hum! und der Tambour ſchlug.. hum! hum! Der verdammte Knoten im Halſe. eine ganze Schleim⸗ maſſe hAh, Teufel! die himmliſche Arie!.. in dieſer kann man ſeine Mittel entwickeln. Darf ich Sie um eine Priſe bitten?“ „Sehr gern.“ „Ihr Tabak iſt vortrefflich.“ Der zweite Tenor grub ſeine Hand in die Doſe des Doktors ein und führte daſſelbe Manöver aus wie früher. Ein Mann von etwa vierzig Jahren, mit einer jugendlich blonden Perüke, Baumwolle in den Oh⸗ ren, der zwei Ketten von grünen Steinen um den Hals trug und eine Haarkette über die Weſte, große Berlocken an der Uhr, Ringe mit falſchen Brillan⸗ ten an ollen Fingern, einen abgeſchabten blauen Rock, nußfarbene Beinkleider, an denen er ſtatt der Paul de Kock. X0pIII. 3 Hoſenträger Stricke hatte, Schuhe, blaue Strüm⸗ pfe und eine Buſenkrauſe, näherte ſich jetzt hüpfend und ſchlug den Tenor auf die Schulter. „Guten Tag, Alter!“ „Guten Tag hum! hum! „Denke doch, die Sache iſt abgemacht, ich habe dieſen Morgen unterzeichnet.“ „Was?“ „Nun was, mein Engagement für Perpignan.. Für erſte Liebhaber, erſte Helden, Marquis und erſte komiſche Rollen.“ „Potz tauſend, da wirſt Du ja Alles ſpielen.. Da hat Dich wohl die Noth dazu getrieben, weil Du von hier fort willſt?“ „Die Noth! Haſt Du mich denn nicht ver⸗ ſtanden. ein vortreffliches Engagement: ich wähle mir die Rollen aus, die mir gefallen, und vier⸗ tauſend Franken, ohne das Beneſice.. „Huml hum!. ja, die Benefice in Perpignan ſind gering! Ich habe einige Zeit dort geſpielt; das iſt eine Stadt, wo es für Künſtler nichts zu thun gibt.“ „Bah! Du ſcherzeſt.. das Theater iſt dort im Gegentheil ſehr beſucht“ „Man könnte mir dort zwanzigtauſend Franken pieten und ich ginge nicht hin.“ „Du biſt ſchwierig.. Ah, ich habe mit Be⸗ dauern erfahren, daß Du in Bordeaur Unannehm⸗ lichkeiten gehabt haſt.“ „Unannehmlichkeiten... ich!... wer hat Dir dieſe Unverſchämtheit geſagt?“ 35 „Nun hier im Büreau bei Daudel, da war Jemand, welcher ſagte, Du wäreſt ausgepfiffen worden„ „Ausgepfiffen. ich!.. Ah, ich wünſche Dir nur immer ſolche Auspfeifer zu haben wie dieſe da überſchüttet mit Beifall, mein Lieber, völlig überſchüttet... ſo daß ſie mich oft meine großen Arien gar nicht zu Ende ſingen ließen... hum! hum! Ah, zum Henker! das war ein betäu⸗ bender Lärm, wenn ich auftrat.“ „Warum biſt Du aber denn fortgegangen?“ „Ah, warum hatte der Direktor Feinde?... Siehſt Du, das iſt etwas Anderes.. Privatange⸗ legenheiten. und dann wurde ich in Bordeaur zu oft heiſer.. Ich ſagte: nicht eine Minute will ich für dieſe Schufte mein Talent mehr an⸗ ſtrengen!.. WMein Herr, ich möchte Sie noch um eine Priſe bitten.“ „Mit großem Vergnügen.“ Jenneval präſentirte ſeine Doſe; nach der drit⸗ ten Priſe war ſie geleert. „Der Herr wollen alſo nach Perpignan abrei⸗ ſen?“ fragte der Doktor, ſich an den andern Mann wendend. „Ja, mein Herr, in zehn Tagen muß ich dort ſein. ich habe fünfhundert Franken Vorſchuß.“ „Hum! hum! JPuah!“ Diesmal ſchien der Tenor mit ſpöttiſcher Miene zu huſten, indem er eine leichte Bewegung mit den Schultern machte, welche ausdrückte, daß er dem, 36 was ſein Kamerad eben ſagte, keinen Glauben ſchenke. Jenneval ſelbſt kam es ſehr ſonderbar vor, daß der leichte Vogel, wenn er fünfhundert Franken voraus⸗ bekommen, ſich nicht ein Paar lederne Hoſenträ⸗ ger an die Stelle ſeiner Stricke gekauft hätte. Doch das hinderte ihn nicht, die Unterhaltung fort⸗ zuſetzen. „Sie müſſen die Direktoren aus der Provinz ſehr genau kennen?“ „Faſt alle ich habe mich ſo viel von Stadt zu Stadt getrieben; ich liebe den Wechſel, ich habe keine Ausdauer, und auf dieſe Weiſe fieht man ſich auch in der Welt um, dabei vergnügt man ſich und lernt Lebensart. Ich habe Geſchmack und eine Gar⸗ derobe, die zu den vollſtändigſten gehört ich würde ſie nicht für ſechstauſend Franken gehen... Ah, ich glaube meine Frau zu ſehen!“ Der Leichtvogel entfernte ſich hüpfend, und der alte Huſtende ſagte hierauf zum Doktor:„Das iſt ein Schwätzer, den ich Ihnen als einen Aufſchnei⸗ der erſten Ranges ſchildere!.. Seine Garderobe iſt hübſch!. Sie haben ja eine Probe davon an ſeinem Anzuge geſehen... Alles an ihm iſt falſch, von ſeiner Stimme bis zu ſeinen Waden. hum!.. Sitellen Sie ſich vor, um Aufſehen in den Städten zu machen, wohin er kommt, ſchleppt er drei oder vier leere Mantelſäcke mit ſich; aber was thut mein Leichtvogel, um ſeinem Wirthe Ver⸗ trauen einzuflößen und Kredit zu erlangen?. Kaum iſt er in einem Gaſthofe angekommen, ſchlägt 37 er von innen Nägel in ſeine Mantelſäcke und nagelt ſie an den Fußboden feſt, dann verſchließt er ſie ſorgfältig. Denn es iſt gewöhnlich das erſte Ge⸗ ſchäft, welches ein Gaſtwirth vornimmt, wenn ein Schauſpieler bei ihm einzieht, deſſen Mantelſäcke zu wägen, um nach ihrem Gewichte zu urtheilen, wie viel er für das, was bei ihm verzehrt wird, Unterpfand habe Daſſelbe wird natürlich auch mit denen dieſes Zeiſigs vorgenommen; aber wenn man verſuchen will, ſie in die Höhe zu heben, iſt es nicht möglich! Kein Mittel, ſie nur zum Wanken zu bringen! Dann iſt mein Schwachkopf von Gaſt⸗ wirth ganz beruhigt; o! denkt er bei ſich, da drin iſt genug, was mir für die Zeche haftet! und er kreditirt in einem fort. Das iſt eine von den tau⸗ ſend Schelmereien dieſes Leichtfußes hum! hum! Uebrigens iſt er ein ſehr guter Kerl und in kleinen Rollen erträglich, nur muß er nicht die Liebhaber⸗ rollen an ſich reißen... Ah, die rathe ich ihm ſehr ab! Dabei wird er ſich ins Verderben ftürzen... Ich möchte Sie um eine Friſe bitten.“ „Es thut mir leid, aber ich habe keine mehr.“ „Ah! es iſt wahr, ich habe ſo die Gewohn⸗ beit Ein kleiner, hagerer Mann, braun, häßlich und von den Pocken ſtark gezeichnet, näherte ſich jetzt deklamirend, beide Hände in den Taſchen ſeines Oberrocks und mit den Augen rollend, wie einer, der auf Verrath ſinnt. Der Tenor begrüßte ihn mit 38 einem Kopfnicken, der Andere antwortete ihm dar⸗ auf, mit einer hohlen Stimme brummend: „Ach, Ungewißheit iſt die größte Folterpein! Des Wartens Stunde ſcheint unenvlich uns zu ſein!“ „Herrlich!“ ſagte der Tenor.„Du kommſt aus Lyon?“. „Ja.“ „Wie iſt Dirs dort ergangen?“ 5 „Ich wurde gekrönt!“ „Du haſt eine Krone erhalten?“ „So oft ich ſpielte, wurde ich gekrönt.“ „Wie ich in Bordeaur hum hum!. und haſt Du auch in Chalons Vorſtellungen ge⸗ geben?“ „Drei hinter einander... das heißt. drei Stüc⸗ an einem Abend.“ „Mit Erfolg?“ „Gekrönt!“ „Peſt, es ſcheint, daß die Tragödie dieſes Jahr in der Provinz in Aufnahme gekommen iſt. Man hatte mir aber doch geſagt, daß nichts mehr anziehe⸗ als die komiſche Oper und das Vaudeville.“ „Ah! ja! ſie machen keinen Son mit ihrer ko⸗ miſchen Oper.“ „Weil ſie keinen guten Tenor haben.“ „Das iſt möglich! Ich ſuche den Direktor von Dodai... das heißt, ſeinen Regiſſeur, der ſich in Paris befindet, und mich durchaus haben will.“ „Wenn er Dich durchaus haben will, ſo ſcheint es mir, daß er Dich aufſuchen ſollte.“ 39 „Ich ſage Dir ja auch, daß er mich gebeten hat, ihn hier zu erwarten... Für wen die Schlangen, die ob meinem Haupte ziſchen!“„ „Haſt Du ſchon in Douai geſpielt?“ „Ja freilich! deßhalb brennen ſie auch vor Be⸗ gierde, mich dort wiederzuſehen. Ich habe den Hamlet geſpielt, den Nero, Agamemnon den Menſchenfeind Antony.. dreißig Jahre.— Ah! dort lieben ſie das Drama das heißt, ſie ver⸗ ſchlingen es ſie ſuchten mich in meiner Loge auf ſie trugen mich im Triumphe davon!... ich wurde alle Tage gekrönt. „Hum! hum!. meine Gurgel iſt ſo trocken, wie ein Kryſtall!“ „Wollen Sie vielleicht ein Glas Bier von mir annehmen?“ ſagte Jenneval, indem er ſich einem Tiſche näherte. Der edle Opernvater ſchien über dieſen Vorſchlag eben ſo gerührt als entzückt; er verbeugte ſich und erwiderte:„Mit dem größten Vergnügen.“ Der Tragöde folgte dieſen Herren, indem er rief: „Meiner Treue, ja, ein Glas Bier wird nichts ſchaden.“ Man ſetzte ſich an einen Tiſch. Es ſaßen viele Beſchäftigte an demſelben; man ſpielte aber meiſt nur Domino; ſogleich richteten ſich alle Blicke nach dem Orte, wo eine Flaſche entpfropft wurde. Jenneval hatte drei Gläſer verlangt, und war eben im Begriff, den beiden Künßtlern einzugießen, ———— 40⁰ als der Leichtvogel herbeilief, ſich eines Stuhles bemächtigte und ſich mit dem Ausrufe an den Tiſch ſetzte:„Halt! Ihr trinkt Bier.. Ah! gut, ich bin auch dabei! Ein Glas, Kellner!“ „Der Herr hat uns die Ehre erwieſen, uns ein⸗ zuladen,“ ſagte der Tragöde, indem er dem neu Hinzugekommenen einen ſtrengen Blick zuwarf. „Und was thut das?“ ſprach der Doktor,„der Herr wird uns nicht zuviel ſein. Kellner, noch ein Glas und Bier.“ Der Leictfuß ließ ſich nicht bitten, er griß nah dem Glaſe und ſang: „Je närriſcher man iſt, je mehr man lacht! Je närriſcher man iſt„ „Laſſen Sie es nicht ſchäumen, wenn ich bitten darf.“ „Herrliches Bier!“ ſagte der Tenor. „Ich werde noch beſſeres in Douai trinken!“ ſagte der Tragöde. „Ah! Du gehſt nach Douai, Du?“ begann der Leichtfuß.„Ah! ah! dort habe ich eine komiſche Ge⸗ ſchichte erlebt. Ich war etwas auf dem Trockenen... ich hatte meine Gage im Voraus verzehrt ich erinnere mich, daß ich eben einen Marquis zu ſpielen hatte; ich war gezwungen, die kleinen Vorhänge von meinem Fenſter zu nehmen, um mir eine Hals⸗ binde und ein Taſchentuch daraus zu machen; hal ha! wie haben wir darüber gelacht! wir haben wir gelacht!“ ———,. 41 „Meine Herren,“ ſagte der Doktor,„Sie ſind alle drei Künſtler und durch ihre Talente ſehr bekannt, wie ich höre.“ Die Herren verbeugten ſich; der Tenor huſtete ſtärker. „Wohlan!“ fuhr Jenneval fort,„Sie könnten mir vielleicht einen großen Dienſt erweiſen.“ „Alles, was Sie wünſchen,“ erwiderte der Bonvivant und fügte, ſich auf ſeine Taſche klo⸗ pfend, hinzu:„nur darf es ſich nicht um Geld handeln.“ 5 „Oh! davon iſt durchaus nicht die Rede,“ ſagte Jenneval lachend. „Ich ſcherzte auch nur.“ „Uebrigens mußt Du auch nicht leer ſein, da Du fünfhundert Franken vorausbekommen haſt,“ ſagte der Tenor zum Leichtfuß. „Ich habe ſie meiner Frau zu ihrer Niederkunft gegeben.“ „Deiner Frau! Du haſt ja erſt vor drei Monaten ein Kind gehabt.“ „Gleichviel! wenn fie jetzt wieder eines bekom⸗ men will, geht das Dich etwas an?“ „Still doch, meine Herren, ihr verhindert ja den Herrrn zu ſprechen.“ „Wir hören Sie, mein Herr.“ Der Doktor fuhr fort:„Ein junger Mann, der Sohn einer Dame, die mich intereſſirt, wurde von der ſchönen Leidenſchaft für das Theater ergriffen; ſeine Eltern gehören dem Handelsſtande an und ſie wünſchen, den Sohn ihr Geſchäft fortführrn zu ſehen. Wenn übrigens dieſer junge Mann Anlagen für das Theater hätte, ſo würde ich ihnen gerathen haben, ihn eine Laufbahn verfolgen zu laſſen, welche ſo viel Anziehendes darbietet. Aber, weit entfernt davon, glaube ich, daß der, von welchem ich mit Ihnen ſpreche, immer nur einen ſehr ſchlechten Schauſpieler abgeben wird; und denken Sie in dieſem Falle nicht wie ich, daß er beſſer thun würde, dem Theater zu entſagen.“ Oh! ja, ohne Zweifel, mein Herr.“ „Der arme Burſche, wenn er nur wüßte, wie es auf ſolch einem Provinzialtheater geht!“ „Welche Galeere!“ „Die Viertheile unſerer Zeit bekommen wir nichts bezahlt!“ „Anſtrengungen, Kränkungen, Ungerechtigkeiten, dabei nichts zu beißen und nichts zu nagen das iſts, was auf ihn wartet!“ „Ah! mein Herr, wenn Sie irgend eine Gewalt über ihn haben, halten Sie ihn davon ab, ſich zum Theater zu begeben.“ Jenneval betrachtete mit Erſtaunen dieſe drei Männer, welche wenige Augenblicke vorher nur von ihren Erfolgen, von ihren Triumphen geſprochen hatten, und die Alle jetzt ſo einſtimmig darin über⸗ einkamen, ihn aufzufordern, einen Fremden von ihrer Laufbahn zurückzuhalten; er dachte ſich dabei, daß die Schauſpieler faſt immer auch im gewöhnlichen Leben die Gewohnheit beibehalten, Komödie zu ſpie⸗ 43 len, daß es aber auch Momente gebe, in denen ſie ſprechen, wie ſie denken, und aufhören, Komödian⸗ ten zu ſein. „Und was hat Ihr junger Mann gethan 2“ fragte der Tragöde. „Was er gethan hat? Oh! mein Gott! er hat ſeine Eltern verlaſſen; es ſind jetzt acht Tage, indem er ihnen ſagte, daß er ſich für die Provinz enga⸗ giren ließe.“ „Oh! Oh! ein Genieſtreich. nach meiner Art,“ ſagte der Leichtfuß,„aber ich, ich war von meinem Beruf durchdrungen.“ „Und welches Fach wählt er?“ „Oh! ich glaube, er wird Alles ſpielen, was man nur von ihm verlangt... doch da er ein hübſcher Burſche und noch nicht zwanzig Jahr alt iſt, ſo wird man ihn ohne Zweifel zum Liebhaber machen.“ „Oder einen Rothſchwanz,“ ſagte der Tenor, „darunter verſtehen wir einen ſchlauen Bedienten. Wenn er noch Stimme hätte! hum! hum!“ „Die hat er durchaus nicht.“ „Sich zum Theater begeben, ohne Stimme!“ „Dieſe jungen Leute find erftaunlich kühn; ſie verzweifeln an nichts. er iſt im Stande, ſich für die große Oper engagiren zu laſſen!“ „Das iſt leicht möglich.— Und für welche Stadt hat er ein Engagement angenommen?“ „Das iſt es gerade, was ich nicht weiß.“ „Wie heißt er?“ „Julius.. Galet. Doch hat er ohne Zweifel einen Theaternamen angenommen.“ „Sein Signalement?“ „Noch nicht zwanzig Jahre alt, blond, groß, rothe Geſichtsfarbe, ein hübſcher Burſche, aber ein wenig ſchwächlich.“ „Warten Sie, wir wollen Erkundigungen über ihn einziehen; da iſt gerade der zweite Merkur, der alle Neuigkeiten weiß er läuft immer bei den Theateragenten herum Holah! he! dicker Liebesbote.“ Der Künſtler, den ſeine Kameraden den dicken Liebesboten nannten, war ein ſehr ſtarkbeleibter Mann, welcher wohl ſeine fünfzig Jahre zählte, der aber noch immer ein hübſcher Mann war, ſich mit aller Koketterie bewegte und außerordentlich in ſeine Kleider eingezwängt war; ſein Accent deutete auf ein Kind von der Garonne. Er näherte ſich lä⸗ chelnd, ließ zweiunddreißig ſehr weiße Zähne ſehen und jodelte, indem er auf den Ferſen balancirte: „Wenn man ſeines Liebchens harrt, Wie die Zeit da einen narrt.“ „Guten Tag, meine Kinder.. Mein Herr, ich habe die Ehre halt, Du hier, Tragöde. ich glaubte Dich in Lyon.“ „Gekrönt!“ murmelte der kleine, hagere und braune Mann, indem er ſein Bier hinuntergoß. „Wie ich in Toulouſe... O Richard! o mein König! 45 Doch, was willſt Du von Kronen ſagen? Ich habe alle Taſchen voll davon.“ Und der dicke Liebesbote zog ein Päckchen mit Laubblättern hervor, von denen einige auf den Kopf des Tenoriſten niederflatterten. „Nun find ſie erſt am rechten Platze.. Alterchen! „Hum! hum! Danke, dicker Liebesbote...“ „Wir haben Dich um eine Auskunft zu bitten,“ ſagte der Bonvivant. „Eine Auskunft ſprecht, ihr ſeht, ich weiß Alles ich PYhr trinkt Bier?“ „Wollen Sie mir die Ehre erweiſen, mein Herr, ein Glas davon anzunehmen?“ ſagte Jenne⸗ val und begrüßte den dicken Liebesgott mit freund⸗ licher Miene. „Ein Glas, Sie find ſehr gütig.. indeß würde mir etwas Anderes lieber ſein... das Bier iſt für meinen Schlund zu kalt.“ „Kellner, eine Bowle Punſch!“ rief ſogleich der Doktor. Hierauf rannte der dicke Liebesgott an den Tiſch und es fehlte nicht viel, ſo hätte er den Bonvivant und den Tenor umgeworfen. Aber das Verlangen einer Bowle Punſch hatte in dem Kaffeehauſe eine allgemeine Bewegnng hervorgebracht; der Kellner fürchtete falſch gehört zu haben, und ließ es ſich dreimal vom Doktor wiederholen, er ſah ganz ver⸗ wundert darüber aus, daß man von ihm eine Bowle auf einmal forderte, und er lief in das Comptoir, 46 um dieſe wichtige Neuigkeit ſeiner Herrin anzu⸗ zeigen. Indeß hatte man den zuletzt Angelangten be⸗ fragt, ob er etwas über Julius wüßte. Nachdem er einige Zeit nachgedacht hatte, ſchlug ſich der dicke Liebesgott an die Stirn, indem er ausrief: „Die kleine Dugazon von Limoges hat mir von einem niedlichen Liebhaber erzählt, den ſie, ich weiß nicht mehr in welchem Büreau, für dramatiſche Ge⸗ ſchäfte geſehen hatte.. Warten Sie, wir können ſie fragen.. Wollen Sie, daß ich ſie kommen laſſe?“ „Sehr gern,“ ſagte Jenneval, der entſchloſſen war, eine ganze Truppe zu bewirthen, wenn ihm. dies dazu diente, Julius auf die Spur zu kommen. „He! hel ho! ho!... Mimi. he! hel... Mimie ho! ho! Dieſe Ausrufe machte der dicke Götterbote in Rouladen und eine junge, ziemlich hübſche Frau, deren Loilette ſich aber in der größten Verwirrung befand, lief aus dem Hintergrunde des Salons herbei, indem ſie eine ungeheure Brätzel verſpeiste, und ſagte zu dem Künſtler aus dem Süden mit einer Altſtimme:„Nun denn! was hat mich denn das Thier da in einem fort zu rufen? Willſt Du den Cider für mich bezahlen? bezahlſt Du den Cider?“.. „Der Herr bietet Ihnen ein Glas Punſch an.. das, glaube ich, Sirene, wiegt doch Ihren Cider auf. Als eine Luſt war auch für mich.. Dran denke ich, dran denke ich!“. —,— —— 47 In dieſem Augenblicke brachte man die Bowle Punſch, deren bläuliche Flamme einen ſehr lieb⸗ lichen Anſtrich über alle Anweſende ergoß⸗ Die Dugazon ließ ſich nicht lange bitten; ſie ſetzte ſich, und Jenneval ſagte zu dem Kellner: Noch ein Glas. „Wo wirſt Du dieſes Jahr hingehen, Mimi?“ fragte der Bonvivant die junge Frau, die eben herzugekommen war. „Wo ich hingehen werde? ich weiß es nicht. ich gehe ſpazieren. ich bewege mich in der freien Luft alle Direktoren reißen ſich um mich! Der Eine bietet mir ein Engagement an als erſte Liebhaberin, unter der Bedingung, daß ich auch im Chore mitſingen, wenn es nöthig iſt.. und daß ich auch in den Divertiſſements mittanzen ſolle. Ich aber ſagte: Danke! Sie ſollten mich auch noch vor dem Eingange auf die Kaſſe ſchlagen und ausrufen laſſen:„Treten Sie ein! Treten Sie ein, meine Herrn und Damen! Verſehet Euch mit Billeten, man wird gleich anfangen!. Brrrr.. verſeht Euch mit Billets!““ Alle Künſtler fingen an zu lachen und der Dok⸗ tor konnte ſich nicht enthalten, mit einzuſtimmen, weil die Dugazon ihre Erzählung damit ſchloß, daß ſie auf eine ganz originelle Weiſe die Mienen und die Sprache eines Marktſchreiers nachmachte. Hier⸗ auf goß ſie ihr Glas Punſch in einem Zuge hinunter und rief dann aus:„Ahl wie heiß iſt das!.. Gleichviel, ich will noch mehr davon das wird meine Heiſerkeit kuriren!... Während Jenneval Punſch einſchenkte, blieb eine Frau von fünfzig Jahren, bedeckt mit rother Schminke und Schönpfläſterchen, welche mit Affektation ſehr ſchnell ſprach und ging, um dadurch zu zeigen, daß ſie Soubretten und Charakterrollen ſpiele, bei dem Tiſche ſtehen und ſagte mit halber Stimme zu dem Tragöden:„Peſt! welche Schwelgerei!. Iſt der Mann, der da bei Euch iſt, nicht der Direktor von Perou?“ Der Tragöde, der ſchon halb und halb vur den Punſch, den er wieder ſeine Gewohnheit ge⸗ trunken hatte, berauſcht war, erhob den Kopf und brummte:„Gekrönt!“ „Was ſoll denn das gekrönt heißen Du glaubſt wohl, daß ich mit Dir von dem Gaule ſpreche, der uns vierzehn Perſonen in einem Bret⸗ terwagen von Moulins hergebracht hat? Ah! der war wirklich kurios gekrönt, der arme Prell⸗den⸗ Tod, der hätte vortrefflich zur Rozinante gepaßt. 6 Während dieſes Geſprächs hatte man die Du⸗ gazon um den jungen Menſchen befragt, den ſie ein Engagement hatte unterzeichnen ſehen, die Dugazon hörte ſcharf auf und reichte ihr Glas hin mit den Worten:„Warten Sie, noch ein wenig Punſch. ich muß mich erſt beſinnen gießen Sie immer ein.. Ein ſchmachtender Blondin nicht ſehr ſtark.. uebrigens ſehr gewandt.. man ſollte noch ein wenig Lebenswaſſer hineingießen. 2! ich hab's, er iſt nach Moulins engagirt.“ „Nach Moulins?... Sie glauben?“ — 29 „Ich weiß es gewiß, er ſoll die jugendlichen Liebhaber jeder Gattung ſpielen.. und zur Noth auch die edlen Väter... „Unter welchem Namen hat er ſich unterzeichnet? Hat er ſich nicht Julius Ga.. Gale Gaga. Galet genannt?“ „Ja, Gallet oder Galette. Man fragie ihn, ob er einen Theaternamen annehmen wollte und er unterzeichnete: Jalius Galette genannt Florival.“ „O! das iſt ſchön; und nach Moulins alſo.. iſt er ſchon abgereist?“ „Ich weiß es nicht gewiß.. doch ich glaube, er wird erſt morgen abreiſen... Sie werden es in der Diligencenanſtalt erfahren können er wird wohl den Wagen von Laffitte und Caillard nehmen...“ „Ich bin Ihnen ſehr verbunden, Madame; meine Herrn, ich bin entzückt über das Vergnügen, Ihre Bekanntſchaft gemacht zu haben.“ „Wir ebenfalls, mein Herr.“ Vier Hände ftreckten ſich aus, um die des Dok⸗ tors zu faſſen, der ſie auch alle herzlich drückte; hierauf bezahlte er ſeine Zeche und ging aus dem Kaffechauſe, begleitet von den Verbeugungen des Kellners und den Liebesblicken der Dugazon und der Soubrette. „Nach Moulins,“ ſagte der Doktor bei ſich, ſeinen Weg nach dem Büreau der Wagen einſchla⸗ gendz„für dieſe Stadt alſo iſt Julius engagirt; aber er iſt noch nicht dorthin gereist; ich will ihm Paul de Kod. X0vMM. 4 aufpaſſen, will mit ihm ſprechen, es verſuchen, ihn von ſeiner Theaterwuth zu heilen; ich will den Agenten ſprechen, ihm das Honorar für das Engage⸗ ment bezahlen und dieſen jungen Mann ſeiner Mutter zurückbringen. Dann werde ich mich nur noch nach Fräulein Agathe Grillon umſehen dürfen, bei der es mich vielleicht größere Mühe koſten wird, ſie zurückzubringen, oder ſie an der Flucht zu ver⸗ hindern.“ Der Doktor war indeß in dem Hofe der Mieths⸗ wagen angekommen; es war ſchon finſter, aber die Laternen, welche in regelmäßigen Zwiſchenräumen dort angebracht ſind, machen es möglich, die Rei⸗ ſenden zu unterſcheiden. Während er die Wagen nach Moulins ſuchte, wurde er von mehren Reiſenden beider Geſchlechter umringt, welche eben ausgeftiegen, ſich wieder zu erkennen, ſich zurecht zu finden ſuchten. Ein Herr, der über ſeinen Rock einen Spencer⸗ über den Spencer einen Schlafrock und über den Schlafrock einen Mantel, und auf dem Kopfe ein Netz, eine ſeidene Mütze und einen Hut trug, warf ſich über die Mantelſäcke, Koffer und Pakete, in⸗ dem er rief:„Sehr gut... Niemand erwartet mich.. Niemand iſt da, um mich bei meinem Aus⸗ ſteigen aus dem Wagen zu empfangen?. Wie allerliebſt!.. Da habe Einer eine Frau, eine Kammerfrau und eine Schweſter!... Ich hätte faſt Luſt wieder nach Lyon zurüczureiſen... Und ich bin noch ſo gut, eine ungeheure Bratwurſt mitzu⸗ 51 bringen, wofür meine Frau mit Leib und Seele eingenommen iſt, und Kaſtanien für meine Schweſter.“ „Wo iſt die Rue de Révolé?“ fragte ein großer Reiſender, an deſſen Accent man den Engländer erkannte. „Velches iſt der beſte und billigſte Gaſthof?“ fragte ein junger Mann, ſich an einen Commiſſio⸗ nären wendend. „Ich wünſchte in dem Hotel in der Rue de Ré⸗ volé einzukehren, wo alle faſhionablen Engländer hinkommen.“ „Einen Fiaker, wenn Sie die Güte haben wollen; verſchaffen Sie uns einen Fiaker!“ ſagten zwei Damen, die in großen Hüten mit grünen Schleiern ſteckten. „Ich will mich ſofort nach dem Palais⸗Royal begeben,“ ſagte ein kleiner Mann, über die Pakete hinweg ſtolpernd, und indem er ſich umſah, als hoffte er in dem Diligencenhofe ein Palais⸗Royal zu finden. Der Doktor machte ſich endlich Luft durch dieſes Gedränge; er erkundigte ſich, er fragte nach dem Wagen, der nach Moulins ginge. Man antwortete ihm, daß er ſeit einer Stunde abgegangen wäre; er ließ ſich die Liſte der Reiſenden geben, die ſich darauf befanden, und ſah auf dieſer Liſte: Julius Galet, genannt Florival. „Ich bin zu ſpät gekommen,“ ſagte Jenneval zu ſich,„er iſt abgereist. ich kann ihm nicht bis nach Moulins nachlaufen. Uebrigens würde er dort nicht mehr auf mich hörenz er würde ſein Engage⸗ ment nicht brechen wollen.. So mag er denn ſpielen... mag er Schauſpieler ſein.. Wenn er aber kein Talent hat, ſo mögen ſie ihn auch hin⸗ länglich auspfeifen, damit er recht bald zu ſeiner Mutter zurückkehre.“ Und der Doktor verließ den Hof der Diligencen, als er plötzlich mit der Naſe auf einen kleinen Mann ſtieß, den er an ſeinen hüpfenden Bewegungen ſogleich für ſeinen Freund Vadevant erkannte. „Ah! Sie find es, Doktor?“ „Aber was machen Sie denn in dieſem Hofe2.. „Sie ſcheinen mir zu lachen.“ „Ja, ſo iſt's. O! das iſt drollig. Ich freue mich unendlich, daß ich Sie zufällig erblickt habe.. O! das iſt göttlich, hi! hi!“ „Können Sie mir nicht den Grund Ihrer Freude mittheilen?“ „Das iſt leicht. und ich wette, daß Sie mit mir lachen, ſobald Sie es erfahren haben. So mögen Sie denn wiſſen, daß ich hieher gekommen vin, um meine Couſinen Devaur nach der Diligence zu geleiten. Sie wiſſen.. Clientinnen.“ „Wie! ſie verlaſſen Paris?“ „Auf einige Zeit.. Man hat der Madame Devaur geſchrieben, es lebten zu Coulomniers zwei heirathsfähige junge Leute, die ganz für ihre Töchter paßten. Sogleich ſagte meine Coufine: Wohlan⸗ wir wollen einen Abſtecher nach Coulomniers 53 machen wir haben Verwandte dort; meine Töchter werden ihre Talente, ihre Reize entwickeln.. und es iſt wahrſcheinlich, daß ſie von dort als Frauen zurückkehren werden.“ „Ich glaubte, ſie ſollten ſich in Paris verhei⸗ rathen „Ah! ja. es gab Unterhandlungen, Vorſchläge von Seiten eines gewiſſen Herrn Delaberge.. eines jungen Stutzers; aber ich habe das Alles ge⸗ löst, ich! Ich habe Erkundigungen eingezogen und erfahren, dieſer Delaberge ſei ein erbärmlicher Wicht! Er hätte meine Couſinen unglücklich ge⸗ macht. Ich ging zu ihm und ſagte: Mein Herr, ich verbiete Ihnen an meine Coufinen nur noch zu denken.“ „Sollte er ſie denn alle Beide heirathen?“ „Nein, aber er ſchwankte unentſchloſſen hin und her O! was iſt dieſer Delaberge für ein ab⸗ ſcheulicher junger Mann ein kleiner Unver⸗ ſchämter. denn er hat verſuchen wollen, einen Ton gegen mich anzunehmen! aber ich habe ihm meine Meinung geſagt!. Ich glaube nicht, daß er Luſt haben wird, mich wieder zu ſehen. Außer⸗ dem geſchieht es auch, um meine jungen Coufinen ein wenig zu zerſtreuen, daß die Mutter ſie nach Colomniers fahren läßt. Doch ich komme zu dem, worüber ich lachen mußte. Nachdem ich meine Cou⸗ ſinen in den Wagen gebracht hatte, ſtreifte ich ein wenig im Hofe umher.. Ich beobachtete Sie wiſſen, ich bin ein ſcharfer Beobachter... Ich er⸗ 54 blicke einen Wagen, der eben abfahren ſoll ich weiß nicht mehr, wohin! Das iſt gleich; ich nähere mich, um mir die Reiſenden zu betrachten; da be⸗ merkte ich in einem Winkel, auf einer Bank, eine Dame, welche an einen Herrn gedrängt ſaß; ſie waren ganz nahe aneinander, die junge Frau ſchien ſich verbergen zu wollen, ſie wendete das Geſiht weg, wenn Jemand vorbeiging. Ich verſteckte mich hinter einen Wagen und prüfte mein junges Paar genauer. Denken Sie ſich mein Erſtaunen! ich er⸗ kannte Fräulein Agathe Grillon. Ah! aber Sie kennen Sie nicht, Sie „Verzeihen Sie, verzeihen Sie, im Gegentheil ich kenne Sie ſehr genau.“ „Alsdann werden Sie mit mir lachen.“ „Und der junge Mann?“ „Der junge Mann? Meiner Treu, ich weiß ſei⸗ nen Namen nicht mehr; aber ich kann mich ſehr wohl daran erinnern, daß ich ihn bei Madame Grillon geſehen habe an dem Tage, an welchem meine Couſine Devaur mich dort vorftellte. Es iſt ein ſchöner Mann, ein Stutzer.“ „Nun gut! wo ſind ſie hin?“ „Wo ſie hin find? O! ſchon weit fort, ſie ſtie⸗ gen in einen Wagen, wo nur noch zwei Plätze wa⸗ ren, der Kutſcher griff zur Peitſche, und fort wa⸗ ren ſie. Es hatte ganz die Art einer Entführung.“ „Und Sie haben fie abreiſen laſſen?“ „Warum nicht? Ich bin weder ihre Mutter, noch ihre Tante, ich hatte keinen Auftrag, mich der 55 Abreiſe dieſes jungen Paares zu widerſetzen. Aber ich lachte! o! ich lachte gewaltig! Es ärgert mich allein, daß ſie und meine Coufinen nicht in einen Wagen kamen: das wäre noch drolliger geweſen.“ „Doch in welchem Wagen ſind ſie abgereist?“ „In welchem Wagen? Ach! ich habe dieſen Abend ſo viele ankommen und abgehen ſehen, daß ich nicht mehr weiß, in welchem ſie geſeſſen haben.“ Jenneval ging ins Büreau; er erkundigte ſich nach Herrn Adalgis, nach Fräulein Agathe; aber kein Beamter hatte dieſen Namen verzeichnet, welche die Flüchtlinge ohne Zweifel bei ihrer Abreiſe mit andern vertauſcht hatten. „Es ſei,“ ſagte der Doktor bei ſich,„mag Fräulein Agathe ein wenig mit Herrn Adalgis rei⸗ ſen. Ich glaube, daß es ſchon zu ſpät iſt, ſie zu⸗ rückzuhalten. Sobald ſie kein Geld mehr haben, werden ſie ſchon von ſelbſt zurückkehren. Ich habe gethan, was ich konnte, nur waren meine Bemü⸗ hungen vergeblich. Ich will zu Guerreville zurück⸗ kehren, und vielleicht bin ich mit ihm glücklicher.“ Jenneval verließ hierauf den Hof der Diligencen, wo er Vadevant zurückließ, der ſich wieder hinter einen Wagen verſteckte, um ein Paar zu beob⸗ achten. Drittes Kapitel. Die Ceremonie. Jenneval theilte Guerreville das mit, was er gethan hatte, und die Erfolge ſeiner Nachſuchungen über die beiden jungen Leute, Julius und Agathe, und endigte ſeine Erzählung, indem er ſagte:„Iſt es nöthig, nach Moulins zu reiſen, und den Sohn der Madame Galet zurück,ubringen? Soll man Boten, Couriere nach allen Straßen ausſchicken, um es zu verſuchen, Agathens und ihres Liebhabers habhaft zu werden? was denken Sie davon, mein Freund?“ Guerreville ſtieß einen tiefen Seufzer aus und ſiotterte:„Ich weiß nicht ich ſehe nicht, wie man könnte„ſie wollten ihre Eltern verlaſſen: dieſer Julius träumt nur vom Theater, und dieſe junge Agathe verläßt in ihrem Leichtfinne ihre Mut⸗ ter, ohne eine Thräne zu vergießen. Ach! ſolchen Menſchen braucht man nicht nachzulauſen.“ „Und Sie,“ ſagte der Doktor, indem er ſich neben ſeinen Freund niederſetzte,„haben Sie auch noch nichts erfahren? ſind Sie dieſem Daubrap noch nicht begegnet?“ „Nichts, immer nichts! ich weiß nicht, welcher Dämon dieſen Mann beſchützt und ihn meiner Rache entzieht. Ich gehe, ich laufe, ich erkundige mich; ich durchlaufe täglich alle Promenaden, bisweilen ſogar einen Theil der Umgegend von Paris; doch Alles vergeblich! Dieſer Daubray iſt unſichtbar, unauffindbar für mich.“ „Es iſt ganz unbegreiflich!“ Guerreville und ſein Freund waren in ihre Be⸗ trachtungen vertieft. Beide ſaßen vor dem Kamin, ſie ſprachen nicht mehr miteinander, aber derſelbe Gedanke beſchäftigte ſie. Es war ſchon neun Uhr vorüber, und der Dok⸗ tor wollte eben ſeinen Freund verlaſſen, der, von der Anſtrengung des Tages ermüdet, der Ruhe be⸗ dürftig zu ſein ſchien, als man klingelte. „Wer kann mich noch ſo ſpät beſuchen wollen? mich, der ich Niemand erwarte, zu dem faſt kein anderer Menſch kommt als Sie?“ „Vielleicht dieſe Frau Armand,“ ſagte Jenneval, „die irgend etwas Neues erfahren haben mag.“ „Ach! wenn es möglich wäre!“ Und Guerreville wartete ängſtlich auf das Oeff⸗ nen der Thüre. Endlich erſchien Georg. „Mein Herr, es iſt ein Mann da, ein Auver⸗ gnate, welcher ſagt, der Herr kenne ihn, und der Sie zu ſprechen wünſcht.“ „Ein Auvergnate? Ah! Jerome, ohne Zweifel.“ „Ja, Jerome, das iſt gerade der Name, den er mir nannte“ „Laß ihn eintreten. Armer Jerome,“ ſprach Guerre⸗ ville,„ich hatte ihn gänzlich vergeſſen, ſowie ſeine Tochter. Ach! ich bin ſehr erfreut, ihn wiederzuſehen.“ Der Waſſerträger trat in die Thür des Salons und ſchien es nicht zu wagen, weiter zu gehen; er hielt den Hut in der Hand und verbeugte ſich faſt bis zur Erde, indem er ſtotterte:„Verzeihung, Entſchuldigung, mein Herr, wenn ich mir erlaubte ich bitte Sie ſehr um Verzeihung, daß ich mir die Freiheit genommen, Sie zu beſuchen.“ „Treten Sie näher, treten Sie näher, mein lie⸗ ber Jerome, Ihr Beſuch macht mir Vergnügen, ich danke Ihnen, daß Sie mich nicht vergeſſen haben. Nun, kommen Sie, treten Sie doch näher. Setzen Sie ſich zu uns; dieſer Herr iſt mein Freund; mein zweites Ich; ſeine Gegenwart darf Ihnen durchaus keinen Zwang aufzuerlegen.“ Jerome verbeugte ſich bald vor Guerreville, bald vor dem Doktor, und als er in die Mitte des Saales getreten war, wollte er ſich durchaus nicht niederſetzen. Nur auf Guerreville's dringende Aufforderung entſchloß er ſich endlich, ſich auf den Rand eines Stuhles zu ſetzen. „Was führt Sie zu mir, Jerome?“ fragte Guerreville, indem er mit ſeinem Stuhle dem Au⸗ vergnaten näher rückte, der nicht aus der Mitte des Saales wich.„Kommen Sie nur, um mich zu be⸗ ſuchen, ſo ſchlage ich das ſehr hoch an und danke Ihnen dafür; wenn Sie aber etwas verlangen, ſo ſprechen Sie, es wird mich freuen, Ihnen nützlich ſein zu können.“ „O! mein Gott! mein Herr, Sie find zu gü⸗ tig!“ erwiderte Jerome, indem er den Hut auf ſeinen Knieen herumdrehte.„Wahrhaftig, weil Sie immer ſo freundlich gegen mich waren, habe ich 59 Sie auch heute aufgeſucht. Schon ſeit einigen Ta⸗ gen wollte ich Sie immer um Rath fragen, aber ich bin nicht dazu gekommen. Sie haben mir Ihre Adreſſe gegeben und ich habe ſie nicht vergeſſen.“ „Nun gut, mein Freund, erzählen Sie mir, was Sie herführt?“ „Es geſchieht, um meiner Kleinen willen, mei⸗ ner Zinzinette. Erinnern ſich der Herr noch meiner kleinen Zizine?“ „Ja, Ihre Tochter!... Ein Kind, das Zöinn auf der Stelle Intereſſe einflößen würde, Doktor; ein kleines Weſen, ſo ſanft, und ſchon ſo vernünftig, Ich erinnere mich, Jerome, daß ſie reiche Be⸗ ſchützerinnen gefunden hat ich hätte ſelbſt Er⸗ kundigungen einziehen ſollen. Ach! ich bin ſo zer⸗ ſtreut, ich vergeſſe Alles, was ich verſprochen habe.“ „O! mein Herr, Sie haben an ganz andere Dinge zu denken; aber ich, der ich nur mit dem Glücke meiner Zinzinette beſchäftigt bin, ich komme, Ihnen zu ſagen, was mich beunruhigt. Es ſind etliche Wochen her, da, zur Abendzeit, als ich ru⸗ hig meines Weges auf einer Straße hinging, hörte ich mich ruſen, die Stimme kam aus einem Cabriolet und ich hatte ſie gleich erkannt, es war die meiner Zizine. Ich laufe hinzu, ich erreiche das Pferd, ich halte es auf. Meine Kleine war in dem Wagen, mit einem ſchönen Bedienten, ganz mit Treſſen beſetzt. Man hat bei ihren Beſchützerinnen erzählt, ich wäre krank, und das Kind beſtand durch⸗ aus darauf, mich zu beſuchen. Ich beruhigte ſie 60 und brachte ſie ſelbſt zu Madame Dolbert. Indeß kam es mir ſonderbar vor, daß man meine Kleine ſo allein fortgelaſſen hatte, mit dieſem Betreßten. Ich ſagte mir: ſonſt verließ ſie Fräulein Stephanie keinen Augenblick, wie kommt es, daß ſie ſie an dem Abende nicht begleitet hat, da Zizine glaubte, ich wäre ſehr krank? Das Alles ging mir im Kopfe herum. Ich dachte: vielleicht haben es die Damen ſchon überdrüſſig, meine arme Kleine bei ſich zu haben. Darauf ging ich vor einigen Tagen zu Madame Dolbert und fragte nach meiner Zinzinette. Das Kind lief herbei; o! ſie umarmte mich noch immer mit ſo vieler Herzlichkeit wie früher, ob⸗ gleich ſie ſchöne Kleider hat; aber es kam mir vor, als hätte ſie nicht mehr die zufriedene, heitere Miene wie gewöhnlich. Doch ſie hat mich verſichert, daß ihre Beſchützerinnen ſie noch immer liebten; aber im Geſpräch hat ſie mir mitgetheilt, daß Fräulein Stephanie, die Enkelin der Madame Dolbert, im Begriff ſtehe, ſich zu verheirathen, und wie fie mir das ſo erzählte, ging der Zukünftige gerade an uns vorbei. O! es iſt ein ſchöner Herr, von einem fei⸗ nen Weſen; er ſieht aber nicht ſehr liebenswürdig aus, und während er an uns vorüberging, warf er auf meine Zizine einen Blick, man hätte glau⸗ ben ſollen, er wäre in Wuth. Das Kind ſagte zu ihm:„„Guten Tag, mein Herr!““ Er hat aber nichts darauf erwidert. Dies Alles hat mich zum Nachdenken gebracht. Ich fürchte für die Zukunft, ich fürchte, meine Kleine werde bei dem Herrn, der 61 das Fräulein Stephanie heirathen ſoll, nicht wohl aufgehoben ſein. und wäre es dann nicht beſſer, wenn ich das Kind wieder zu mir nähme? Das beunruhigt mich ſeit einigen Tagen, und darum bin ich heute Abend hergekommen, mein Herr, um mir Ihren Rath einzuholen.“ „Guter Jerome, Sie denken nur an Ihre Loch⸗ ter. Ihre Gedanken find nur darauf gerichtet.. Ach, ich begreife das!“ „Und kennen Sie den Namen dieſes Herrn, der Fräulein Dolbert heirathen ſoll?“ ſagte Jenneval, indem er ſich an den Waſſerträger wandte. „Ja, mein Herr, meine Kleine hat ihn mir ge⸗ nannt; er heißt. nun habe ich ihn denn wieder vergeſſen Ah, er heißt Emil Delaberge. Ja, ſo iſt's.“ „Delaberge!“ murmelte der Doktor,„der Name iſt mir nicht unbekannt.. Wer ſprach mir doch neulich von ihm?.. Ah! Vadevant, da er mir von ſeinen Couſinen erzählte... Aber, wenn er mir die Wahrheit geſagt hat, ſo iſt dieſer Dela⸗ berge ein ſehr erbärmlicher Menſch.“ „Sehen Sie, meiner Treu, er fieht niemals freundlich aus; ich habe gedacht, daß wenn Herr Guerreville die Güte haben wollte, dieſe Damen zu beſuchen, er ſich unterrichten könnte. Denn was mich betrifft, ſo wüßte ich nicht, wie ich mich dabet benehmen ſollte, den Damen zu ſagen:„Wenn mein Kind Ihnen überläſtig iſt, ſo geben Sie es mir zurück.“ „Ich verſtehe Sie, Jerome. Nun gut, ich unter⸗ 62 ziehe mich dieſer Commiſſion. Ich werde zu Ma⸗ dame Dolbert gehen... ich werde mich dort vor⸗ ſtellen, als käme ich in Ihrem Namen; ich werde erfahren, ob Ihre Tochter dort nicht mehr ſo geliebt wird, als ſie geliebt zu werden verdient, und in dieſem Falle werde ich Ihnen Ihr Kind wieder zuführen und wir werden gemeinſchaftlich für ihre Zukunft ſorgen.“ „O, mein Herr, wie vielen Dank ſchulde ich Ihnen.. Ah, ich war es wohl überzeugt, daß ich Sie bereit finden würde. Wenn es ſich darum handelt, Jemand einen Dienſt zu erweiſen, find Sie immer da.“ „Wie lange iſt es, daß Sie bei dieſen Damen geweſen find?“ „Das iſt ſchon lange zehn Tage.“ „Die junge Beſchützerin Ihrer Tochter iſt viel⸗ leicht ſchon verheirathet. Doch das wäre noch ein Grund mehr, um deſſentwillen ich Ihnen Ihre Zi⸗ zine zurückbrächte, wenn die Neuvermählten ſie nun mit Kälte behandelten.“ „Und wann werden der Herr die Güte haben, zu Madame Dolbert zu gehen?“ „Morgen, Jerome, morgen im Laufe des Tages verſpreche ich Ihnen von Ihrer Tochter Nachricht zu geben.“ „Ach, mein Herr, welche Güte!.. Dann, wenn Sie es erlauben, werde ich morgen Abend wieder hieher kommen, um zu erfahren, was man Ihnen geſagt hat.“ 63 „Ja, Jerome, kommen Sie morgen wieder und ich werde Ihnen von Ihrer Tochter Nachricht geben können.“ Der Waſſerträger ſtand auf, grüßte Guerreville und den Doktor mehrmals und entſfernte ſich dann, indem er ſich in Dankſagungen vertiefte. „Das iſt ein guter Vater,“ ſagte Guerreville, da der Auvergnate hinausgegangen war.„In der Hoffnung, ſeine Tochter würde glücklicher ſein, be⸗ raubte er ſich ihrer Gegenwart, ihrer Umarmungen; er dachte nicht: wenn ſie im Reichthum leben, wenn ſie andere Manieren annehmen wird, könnte ſie mich vielleicht vergeſſen; er hat keinen andern Wunſch als den, ſein Kind glücklich zu ſehen.. O, mor⸗ gen werde ich zu den Leuten gehen, welche die Kleine zu ſich genommen haben, und ich werde dort leicht erkennen, ob ſie nur noch aus Mitleid Jerome's Kind bei ſich behalten. In dieſem Falle werde ich natürlich das Kind nicht bei ihnen laſſen.“ „Ja, ja, Sie werden ſehr wohl daran thun,“ ſagte Jenneval.„Ich denke an Delaberge, von dem mir Vadevant ſo viel Schlimmes geſagt hat; aber Vadevant iſt ein arger Lügner und ich verlaſſe mich nicht auf ihn.“ „Wenn ſich Fräulein Dolbert verheirathet, wenn ihr zukünftiger Gemahl die Kinder nicht liebt.. ja, dann, glaube ich, hat Jerome Recht, man muß ſeine kleine Zizine nicht bei Herrn Delaberge laſſen... nennt ſich der Bräutigam nicht ſo?“ „Ja, mein Freund.“ 64 „Kurz, ich werde nachſorſchen, ich werde ſo verfahren, daß ich herausbekomme, ob das, was man Ihnen von dieſem Manne geſagt hat, gegrün⸗ det ſei. Morgen werde ich es verſuchen, Daubray und meine Tochter zu vergeſſen, um mich mit dem Kinde des Jerome zu beſchäftigen... Armer Je⸗ rome! Ach, er weiß nicht, welchen Beweis von Freundſchaft ich ihm gebe. Aber ſeine kleine Zizine war ſo artig ich kann Ihnen gar nicht ſagen, wie ſehr ſie mich gleich beim erſten Anblick für ſich eingenommen hat.“ „Wiſſen Sie die Adreſſe von Madame Dolbert.“ „Ja, Jerome hat ſie mir gegeben.“ „Morgen, nach dem Eſſen, beſuche ich Ste. Ich bin neugierig, den Erfolg Ihres Beſuches bei die⸗ ſen Damen zu erfahren. Auf morgen, mein Freund.“ „Auf Wiederſehen, Doktor.“ Guerreville blieb allein. Bald bemächtigte ſich die Erinnerung an ſeine Tochter und an deren Ent⸗ führer von Neuem ſeines Geiſtes; er legte ſich ins Bett und verſuchte es, ein wenig Ruhe zu genießenz aber Daubray's Bild verfolgte ihn noch in ſeinen Träumen, die ganze Nacht wähnte er ſich in der Nähe des Verführers ſeiner Pauline, und er fragte denſelben, was er mit ſeinem Kinde gemacht hätte. Den folgenden Morgen, als er erwachte, fühlte ſich Guerreville ermattet, krank, er ſetzte ſich in ſeinen Lehnſtuhl und ſtützte den Kopf in eine ſeiner Hände. Die Träume der Nacht verfolgten ihn nochz er glaubte Daubray und ſeine Tochter zu ſehen; 65 ſeine Pauline iſt unglücklich, ſie weint, ſie ſcheint das Mitleid ihres Vaters anzuflehen. Die Erinnerung an Jerome war verwiſcht; Guerreville hatte den Waſſerträger und das dem⸗ ſelben gegebene Verſprechen vergeſſen. Der Mittag kam heran; Guerreville verließ nun ſeinen Lehnſtuhl; er ging ans Fenſter, er wollte ſehen, ob ihm die freie Luft gut thun werde. Der erſte Gegenſtand, den er wahrnahm, als er ſeine Blicke nach der Straße richtete, war der Auvergnate, der zwei Eimer trug, indem er mit einer durch⸗ dringenden Stimme: Waſſer! ſchrie. Der Anblick dieſes Mannes rief Guerreville augenblicklich Jerome und Alles, was er ihm ver⸗ ſprochen hatte, ins Gedächtniß zurück. Er ſchlug ſich an die Stirn, indem er ausrief:„Mein Gott! ich hatte ganz vergeſſen!... Mittag es iſt noch Zeit. Georg! Georg! gib mir Alles, was ich zum Ankleiden nöthig habe.“ Da er ſein Gedächtniß wiedergefunden und ſich erinnert hatte, was ihm zu thun oblag, ſchien Guerreville ſeine ganze geiſtige Kraft wiedergewon⸗ nen zu haben; er fühlte ſeine Schwäche, ſeine Er⸗ mattung nicht mehr, in einer Minute hatte er ſeine Toilette beendet. Solche Veränderungen ſind bei reizbaren Leuten häufig. Guerreville gelangte bald nach der ihm bezeich⸗ neten Wohnung. Mehre Wagen hielten vor der Thüre, er achtete wenig darauf und fragte den Portier nach Madame Dolbert. Paul de Kock. XCvIn. 5 —————— 66 „Madame Dolbert? Hier, mein Herr.“ „Iſt ſie zu Hauſe?“ „O, gewiß! mein Herr.“ „Und kann ich hinaufgehen?“ „Ohne Zweifel, mein Herr, wie Jedermann. Sie wohnt im zweiten Stock.“ In dem zweiten Stock angekommen, trat Guerre⸗ ville in ein weites Vorzimmer, deſſen Thür offen ſtand; ein Bedienter befand ſich darin. „Madame Dolbert?“ fragte Guerreville. Der Diener öffnete ihm die Thür des Salons und ſagte zu ihm:„Treten Sie gefälligſt ein, mein Herr.“ Guerreville trat nun in einen ſehr ſchönen Sa⸗ lon und war ganz erſtaunt darüber, daſelbſt gegen dreißig Perſonen verſammelt zu ſehen. Die Damen waren geſchmückt, die Herren, obgleich die meiſten unter ihnen Stiefel trugen, hatten auch ein gewiſſes feſtliches Anſehen; verſchiedene Gruppen hatten ſich gebildet, man plauderte, man ging hin und her; beim Eintreten Guerreville's begnügte man ſich, ihn zu begrüßen, dann ſetzte Jeder ſeine Unterhal⸗ tung weiter fort. „Was ſoll das Alles heißen?“ dachte Guerre⸗ ville, indem er ſeine Blicke umherſchweifen ließ. „Hier geht etwas vor.. ſollte Hochzeit ſein?... Ich glaube, ich habe meine Zeit ſehr ſchlecht ge⸗ wählt, um die kleine Zizine zu ſprechen, und es wird das Beſte ſein, wenn ich mich wieder ent⸗ ferne. 67 Guerreville näherte ſich ſchon der Thür, als er in einem Winkel des Salons ein kleines, mit geſchmackvoller Einfachheit gekleidetes Mädchen be⸗ merkte, auf welches Niemand zu achten ſchien. An ſeinem niedlichen, beſcheidenen und ernſten Weſen, an der Bläſſe ſeines Geſichtes, deſſen Ausdruck noch wehmüthiger war als gewöhnlich, hatte Guerreville auf der Stelle Jerome's Lochter erkannt, und in⸗ dem er ſich alsbald an ſie wandte, ergriff er ihre Hand und ſagte zu ihr:„Du biſt die kleine Zizine, nicht wahr?“ Das Kind betrachtete ihn, bald färbte eine leb⸗ hafte Röthe ihr Geſicht, ihre Augen belebten ſich und wurden feucht, während ſie ſtotterte:„Ah, mein Herr!. Sie ſind der gute Mann, der mir Geld für meinen Vater gegeben hat, als er krank war„ „Du erkennſt mich wieder, liebes Kind!“ „O ja, mein Herr, ich erkenne Sie gut! ich weiß jetzt ſogar Ihren Namen, denn mein Vater hat mir erzählt, daß er Ihnen begegnet wäre und daß Sie ihm erlaubt hätten, Sie zu beſuchen.“ „Um Deinetwillen bin ich hiehergekommen, meine Kleine.“ „Um meinetwillen?“ „Ja, ich habe geſtern Deinen Vater jehi und er hat mir den Auftrag gegeben, mit Madame Dol⸗ bert zu ſprechen aber ich glaube, daß ich meine Zeit ſchlecht gewählt habe. Was geht denn hier vor, mein Kind?“ 68 „Mein Herr, meine gute Freundin Stephanie ſteht im Begriff, ſich zu verheirathen; man geht gleich nach der Mairie, deßhalb ſind ſo viele Leute hier verſammelt. Stephanie iſt noch bei ihrer Mut⸗ ter; man wird wohl jetzt mit ihrer Loilette fertig ſein.“ „Ich will mich entfernen, bevor dieſe Damen kommen, denn, in der That, ich wüßte nicht, was ich ihnen ſagen ſollte.“ „Oh! bleiben Sie doch noch ein wenig, um meine gute Stephanie zu ſehen Sie iſt ſo ſchön im Brautſtaate.“ „Ich bezweifle es nicht, mein Kind, aber ich muß fortgehen, denn meine Gegenwart bei dieſen Da⸗ men, die mich noch niemals geſehen haben, würde als ſehr ſonderbar erſcheinen.. In einigen Tagen komme ich wieder. Adieu.“ Guerreville drückte dem kleinen Mädchen die Hand, welches verſuchte, ihn noch zurückzuhalten und lenkte ſeine Schritte nach der Thür, als eine große Be⸗ wegung in dem Salon entſtand. „Ah! da iſt der Bräutigam! da iſt der Bräutigam!“ wiederholte man von allen Seiten, und in dem⸗ ſelben Augenblicke trat Emil Delaberge in den Salon. Guerreville, deſſen Blicke nach der Thür gerichtet waren, bemerkte ihn mit unter den erſten. Da ging eine plötzliche Verwandlung in allen ſeinen Zügen vor; da wurden ſeine Augen ſtarr, ſeine Füße ver⸗ ſagten ihm den Dienſt, ſeine Fäufte ballten ſich krampfhaft zuſammen und er brachte mit erſtickter 69 Stimme die einzelnen Laute hervor:„Das iſt er! das iſt Daubray!“ Emil hatte indeß Guerreville noch nicht ſehen können, der hinter vielen Perſonen verſteckt ſtand. Jener ſchritt mit freundlicher Miene durch den Sa⸗ lon, indem er den Damen zulächelte, den Männern die Hand drückte und auf die Glückwünſchungen, die an ihn gerichtet wurden, antwortete. Faſt in demſelben Augenblicke trat Stephanie mit ihrer Großmutter durch eine Thür im Hinter⸗ grunde ein. Emil beeilte ſich, dieſen Damen ent⸗ gegenzugehen. Stephanie, deren Toilette auf das Geſchmack⸗ vollſte angeordnet war, ſchien noch ſchöner zu ſein; eine ungewöhnliche Bläſſe, die ſich über ihr Geſicht verbreitet hatte, gab ihrer Phyſiognomie einen Aus⸗ druck, einen unbeſchreiblichen Reiz; ſie lächelte, in⸗ dem ſie ihre Blicke zu Emil erhob, der eine ihrer Hände ergriff und ſie an ſeine Lippen preßte. „Wir haben uns verſpätet,“ ſagte Madame Dol⸗ bert,„aber ich wünſchte, meine Stephanie ſollte hübſch ausſehen und am Hochzeittage iſt es wohl erlaubt, ein wenig Eitelkeit zu beſitzen. Wenn Sie meiner Anſicht ſind, meine Herren und Damen, ſo wollen wir uns aber jetzt auf den Weg machen.“ Alles fimmte in dieſen Vorſchlag ein; ein all⸗ gemeiner Auſſtand entſtand in dem Salon. Emil hatte Stephanie ſeinen Arm geboten; er war eben im Begriff, ſie fortzuführen, und alle Uebrigen woll⸗ ten ihm folgen. Aber ein Mann hatte ſich vor die 70 Thüre des Salons geſtellt; anſtatt ſich in Reihe und Glied zu begeben wie die Andern, und den Braut⸗ leuten Platz zu machen, blieb dieſer Mann unbe⸗ weglich und verſperrte ihnen den Ausgang; dann ſtreckte er Emil, auf den er wüthende Blicke ſchleu⸗ derte, ſeinen Arm entgegen und ſchrie mit donnern⸗ der Stimme:„Wohin wollen Sie, mein Herr?“ Dieſe Unterbrechung und der Ton, in welchem die letzten Worte ausgeſprochen wurden, brachten eine lebhafte Bewegung in der ganzen Geſellſchaft hervor; Alle hielten ihre Schritte zurück und richteten ihre Blicke wechſelsweiſe auf Guerreville und auf den Bräutigam; dieſer Letztere, der Anfangs nur zu erſtaunen ſchien, war plötzlich blaß geworden und zitterte, da er die Züge des Mannes, der ihm den Ausgang verſperrte, genauer betrachtete. Stephanie betrachtete bewegt und unruhig den⸗ jenigen, der eben ihr Gatte werden ſollte, und ſchien ſich zu wundern, daß er den Mann, der ihm den Ausgang verſperrte, noch nicht zurückgeſtoßen hatte. Bald aber hatte Emil ſeine Geiſteskräſte wieder ge⸗ ſammelt, und indem er zu lächeln ſuchte, rief er aus:„Das iſt ein Scherz, den ich gar nicht be⸗ greife; zurück, mein Herr, halten Sie uns nicht länger auf.“ „Flender!“ rief Guerreville, Emil am Arm er⸗ greifend;„Du ſtellſt Dich, als erkennteſt Du nicht die Stimme eines Vaters, der hierher kommt, um ſein Kind von Dir zurückzufordern! Madame, dieſer Menſch kann nicht der Gatte Ihrer Lochter werden. Et Ohne Zweifel wollen Sie das Glück Ihrer Stephanie ſichern. Der, an den Sie dieſelbe eben verhei⸗ rathen wollen, iſt ein Ungeheuer, ein elender Schuft. Unter dem Namen Daubray hat er ſich bei mir ein⸗ geführt und mir meine Tochter geraubt.. mein einziges Kind. indem er ſie glauben machte, ich hätte ihm ihre Hand verweigert... Was haſt Du aus meiner Tochter gemacht, Niederträchtiger? Antworte!— antworte!“ Dieſe Worte bewirkten einen plötzlichen Tumult in der Verſammlung. Stephanie fühlte einen eiſigen Schauer durch ihren ganzen Körper ſtrömen, dann ſchloſſen ſich ihre Augen und ſie fiel bewußtlos in die Arme einiger Damen, die fie umringten. Man trug ſie auf einen Divan. Zizine, Madame Dolbert liefen zu ihr; Jeder will ihr beiſtehen, zu gleicher Zeit aber betrachtet man auch den Fremden, deſſen Züge und ganze Perſon Achtung einflößen, und ängſtlich harrt man darauf, was ihm der Bräutigam antworten würde. Nachdem er es vergeblich verſucht hatte, ſeinen Arm loszumachen, rief Emil, indem er ſich gegen die Geſellſchaft wandte:„In der That, ich bin ganz beftürzt über dieſen Vorfall.. aber ich konnte nichts dagegen thun... Dieſer Herr iſt ſicher wahnſinnig; denn ich ſehe ihn hier zum erſtenmale, und ich weiß gar nicht, was er mit ſeiner Tochter ſagen will.“ „Elender! es fehlte Dir weiter nichts, als noch die Unverſchämtheit zur Niederträchtigkeit hin⸗ zuzufügen,“ rief Guerreville, den Emils Kälte nur 72 noch mehr erbitterte.„Ah! Du willſt mich nicht ken⸗ nen Nun gut! vielleicht werde ich ein Mittel finden, Dich dazu zu zwingen.“ In demſelben Augenblicke ließ die Hand von Guerreville einen Schlag auf Emils Wange nieder⸗ fallen. Ein allgemeines Geſchrei ertönte durch den Saalz einige junge Leute wollten ſich auf Guerreville los⸗ ſtürzen und ihn hinauswerfen, doch ſein impoſanter Blick hielt ſie zurück; während Emil, blaß, bewe⸗ gungslos, nach der Ohrfeige, die er empfangen hatte, ſich begnügte, die Augen auf Guerreville mit der Wuth eines Tigers zu richten, indem er mur⸗ melte:„Ah! wollen Sie alſo, daß ich Sie tödte! „Ja, nachdem Du mir mein Kind geraubt haſt, nimm mir auch das Leben. oder gib mir das Deine all Dein Blut wird noch nicht hinreichen, um Dein Verbrechen abzuwaſchen.“ „Wohlan! mein Herr, morgen früh „Nein, nein, heute, in einer Stunde vor der Porte Saint⸗Martin.“ „Heute, es ſei.“ „Ich gehe, mir einen Zeugen zu holen, und ich erwarte Dich; aber verſuche es nicht, mir zu entſchlüpfen; ich weiß nun Deinen Namen, ich weiß, daß Du Dich Delaberge nennſt, und ich würde Dich ſchon wieder zu finden wiſſen.“ „In einer Stunde. ich werde mich einfinden.“ Guerreville hatte von den letzten Worten nichts mehr gehört; er entfernte ſich, ohne daß ihn Jemand 73 zurückzuhalten ſuchte; er verließ dieſes Haus, in das er eben Unruhe und Beſtürzung gebracht hatte; er eilte in ſeine Wohnung, brennend vor Begierde, ſich zu rächen, aber noch betäubt von allen den Empfindungen, die ihn durchdrangen, da er den Verführer ſeiner Tochter wiederfand. Jenneval war bei ſeinem Freunde, wo er deſſen Rückkunft erwartete. Als er Guerreville erblickte, errieth er gleich, daß ein bedeutendes Ereigniß ihm zugeſtoßen ſein mußte; er ging ihm raſch entgegen. „Was gibt es. was iſt vorgefallen?“ Ach! mein Freund ich habe ihn wiederge⸗ funden! ich habe ihn endlich wiedergefunden. dieſes Ungeheuer.. dieſer Daubray.. war Emil Delaberge. derſelbe, der Fräulein Dolbert hei⸗ rathen ſollte.“ „Wäre es möglich!“ „Heute ſollte die Hochzeit ſein;... er wollte eben das junge Mädchen zum Altare führen. Beim An⸗ blick dieſes Menſchen. konnte ich mich nicht mehr beherrſchen ich habe ihn gepackt... ich habe ihn gefragt, was er mit meiner Tochter gemacht hätte „der Elende!. er ſtellte ſich, als ob er mich nicht kenne.. da, in meiner Wuth „Sie haben ihn geſchlagen?“ „Ja„Ah! das war der erſte glückliche Au⸗ genblick, den ich ſeit langer Zeit erlebt habe.“ „Aber, mein Freund, war dies auch das rechte Mittel, um ihn zum Geſtändniß zu zwingen?“ Oh! ich habe vielleicht Unrecht gehandelt. Aber 74 konnte ich Herr meiner ſelbſt bleiben... meine Wuth bemeiſtern von dieſem Niederträchtigen, welcher be⸗ hauptete, ich wäre wabnſinnig?. Der Schänd⸗ liche!. Oh! aber wir werden uns ſchlagen.. auf der Stelle bei St. Martin Doktor, Sie werden doch mein Zeuge ſein?“ „Ja, ja, ohne Zweifel. Aber dieſer Kampf... Wenn Sie dieſen Menſchen tödten, wer wird Ihnen ſagen, was aus Ihrer Pauline geworden iſt?“ „Glauben Sie nicht, daß im Augenblicke des Todes ein Gefühl der Reue in ſeiner Seele er⸗ wachen werde? Kurz, Doktor, der Kampf iſt unvermeidlich. Vielleicht hätte ich mich anders dabei benehmen ſollen.„Liſt anwenden ſollen, um ihn zum Geſtändniß zu zwingen; aber als ich ihn in den Salon treten ſah„als ich ſah, wie ſeine Hand die des Mädchen ergriff, das er zum Altare führen ſollte. da ſehen Sie da wußte ich ſelbſt nicht mehr, was mit mir vorging. dieſer Emil iſt ein Elender... und ich hätte ihm vor aller Welt ſein Verbrechen vorwerfen mögen. Mein Freund, an meiner Stelle, das bin ich überzeugt, hätten Sie wie ich gehandelt.“ „Das iſt möglich. Jetzt wollen wir nur an Ihr Duell denken. Welche Waffen nehmen Sie?“ „Säbel und Piſtolen, er mag wählen. Georg, Georg, laß einen Wagen vorfahren, wir hen keine Zeit zu verlieren.“ „Er mag hinten aufſteigen, ſeine Gegenwart kann uns nöthig werden.“ 75 Jenneval traf alle Vorkehrungen. Guerreville war nicht im Stande, ſich mit irgend etwas zu be⸗ ſchäftigen, er konnte nur mit großen Schritten im Zimmer auf⸗ und abgehen, indem er abwechſelnd, bald auf ſeine Taſchenuhr, bald auf die Wanduhr ſah und immer wiederholte:„Eilen wir, eilen wir! die Zeit drängt.“ Endlich waren die Vorbereitungen beendet. Guerreville lief eilig die Treppe hinunter. Ein Wa⸗ gen erwartete ihn auf der Straße; er ſetzte ſich mit dem Doktor, welcher die Waffen hatte, hinein, Georg ſtieg hinten auf und der Kutſcher fuhr nach St. MWartin. Jenneval ſchien beſorgt und ſaß ſchweigend neben ſeinem Freunde. Dieſer ergriff ihn bei der Hand und ſagte zu ihm:„Mein Freund, theilen Sie denn mein Glück nicht? Ich habe den Elenden wieder gefunden, der mir meine Tochter geraubt hat Ich werde mich mit ihm ſchlagen ihn züchtigen. mich rächen Oh! begreifen Sie meine Freude nicht!“ „Ich begreife vollkommen, daß Sie darüber er⸗ freut find, ſich mit dem zu ſchlagen, der ſie gekränkt hat. aber ich fürchte, das Reſultat, welches Sie wünſchen, möchte dadurch nicht herbeigeführt werden. Wenn Sie dieſen Menſchen tödten, ſo erfahren Sie nicht, was aus Ihrer Tochter geworden iſt.. wenn er triumphirt.. „Dann, mein Freund, komme ich wieder zu mei⸗ ner Pauline, denn meine Lochter lebt nicht mehr, ich kann daran nicht zweifeln.. ſie wäre ſonſt 76 ſchon längſt zurückgekehrt, um ihre Schande am Buſen ihres Vaters zu verbergen. Wenn es übrigens eine Gerechtigkeit im Himmel gibt, glauben ſie dann, daß ich in dieſem Duelle unterliegen könne?“ „Nein; aber die himmliſche Gerechtigkeit gleicht manchmal der menſchlichen Gerechtigkeit; man be⸗ greift ihre Beſchlüſſe nicht immer.“ Guerreville begnügte ſich, ſeinem Freunde die Hand zu drücken, und ſie fuhren ab. Der Wagen gelangte zum Thore von St. Martin; man ließ anhalten. Die beiden Freunde ſtiegen aus und gingen in das Gehölz. Georg hatte den Befehl, ihnen nur von weitem zu folgen. Guerreville's Blicke ſtrichen von allen Seiten unter den Bäumen umher, er ſuchte dort ſeinen Gegner. Emil Delaberge war noch nicht angelangt. „Der Schurke! er läßt auf ſich warten! er will mich bis auf den letzten Aogenblick beſchim⸗ pfen,“ ſagte Guerreville, indem er ungeduldig unter den Bäumen umherging. „Rahe, mein Freund, ſuchen Sie ſich zu mäßigen, man ſchlägt ſich weniger gut, wenn man ſo ſehr aufgeregt iſt.“ „Ach! Jenneval, ſchon ſeit ſo langer Zeit bin ich auf dieſen Augenblick begterig!. Die Augenblicke kommen mir wie Jabrhunderte vor!“ Endlich, nach Verlauf von fünf Minuten kam Emil Delaberge mit zwei jungen Leuten an, welche ſich in der Geſellſchaft, die dieſen Morgen bei Ma⸗ dame Dolbert verſammelt war, befunden hatten. 77 „Da iſt er! da iſt er!“ rief Guerreville.„Ah! ich athme wieder ich fürchtete, er würde nicht kommen.“ Die drei jungen Leute näherten ſich. Emil mit einer kalten, leidenſchaftsloſen Miene; man begab ſich nach einem einſamen Orte des Gehölzes. Bald blieb Guerreville ſtehen, indem er ſagte:„Dieſer Platz iſt geeignet.“ „Ich habe Piſiolen mitgebracht,“ ſagte Emil. „Uebrigens, wenn Sie den Degen vorziehen, ſo iſt mir dies ganz gleich.“ „Nun gut! ja, den Degen, man ſieht ſich da⸗ bei veſſer ins Geſicht.“ Jenneval reichte den Duellanten die beiden Degen, welche er unter ſeinem Overrocke verborgen hatte; Jeder ergriff nun, nachdem er Rock und Weſie abgelegt hatte, einen davon, ohne ſelbſt vorher den andern zu prüfen. „Mein Herr,“ ſagte Guerreville, indem er ſich auslegte.„ich ſchlage mich für meine Tochter, welche Sie mir geraubt haben. Einer von uns kann in dem Kampfe den Tod finden. Bevor wir unſere Waffen kreuzen, verlange ich von Ihnen, mir zu ſagen, was aus meinem Kinde geworden iſt?“ „Mein Herr,“ erwiderte Delaberge mit einer unverſchämten Miene,„ich habe Ihnen ſchon geſagt⸗ daß ich weder Sie, noch Ihre Tochter jemals ge⸗ kannt habe Ich habe mir den Auftritt, den Sie mir bei Madame Dolbert bereiteten, durchaus nicht 78 erklären können, und dieſe Herrn ſind Zeugen, daß ich mich nur der Ohrfeige wegen ſchlage, die Sie mir gegeben haben.“ „Elender!“ ſagte Guerreville.„Sehen wir denn, ob Du immer läugnen wirſt.“ In demſelben Augenblick kreuzten ſich die Degen, die Kämpfenden griffen ſich mit Heftigkeit an; aber auf Guerreville's Seite war mehr Wuth, mehr Raſerei als Bedachtſamkeit, während Emil, ſehr gewandt in Führung des Degens, anfangs ſich nur darauf einließ, die Stöße ſeines Gegners zu pa⸗ riren und ihn zu ermüden. Der Kampf währte eine Zeitlang mit gleichen Vortheilen auf beiden Seiten, als Guerreville, während er ſich auf ſeinen Feind ſtürzen wollte, ſelbſt einen tiefen Stoß erhielt. Er ward bleich, ſchwankte, wollte ſich noch weiter ſchlagen, aber der Degen ſiel ihm aus den Händen. „Piſtolen!“ murmelte Guerreville, indem er auf den Raſen hinfiel,„man gebe uns Piſtolen!. „Sie würden nicht mehr im Stande ſein, zu ſchießen, mein Herr,“ ſagte Delaberge und warf ſeinen Degen zu Boden.„Ich, ich habe meinen Schimpf abgewaſchen und habe hier nichts mehr zu thun ich will Ihnen den Wagen und den Diener ſchicken, der dort wartet; gehen wir, meine Herrenz; jetzt könnte ich meine Hochzeit feiern.“ Als er dieſe Worte vollendet hatte, nahm Delaberge den einen ſeiner Zeugen unter dem Arm, 79 und die drei jungen Leute entfernten ſich mit großen Schritten. Jenneval lag neben ſeinem Freunde auf den Knieen, er hielt ihn aufrecht und leiſtete ihm die erſte Hülfe. Guerreville verlor das Bewußtſein, indem er noch murmelte:„Piſtolen, gebt uns Pi⸗ ſtolen!“ Georg kam bald herzu; als er ſeinen Herrn verwundet auf dem Raſen liegen ſah, ſtieß der treue Diener einen Schrei der Verzweiflung aus und fragte den Doktor, ob ſein Herr werde ſterben müſſen. „Leider,“ ſagte Jenneval,„ſcheint mir die Wunde ſehr tief, ſehr gefährlich zu ſein ich kann noch nichts Beſtimmtes ſagen. Armer Guerre⸗ ville! verwundet, beſiegt während Du Dich für Deine Tochter ſchlugſt. um ihre Ehre zu rächen. und der Elende, der ihn gekränkt hat, geht als Sieger aus dem Kampfe!„ Ah! ich hatte wohl Recht, ihm zu ſagen die himm⸗ liſche Gerechtigkeit gleicht zuweilen der Gerechtig⸗ keit der Menſchen Der Doktor und Georg nahmen Guerreville auf ihre Arme und trugen ihn in den Wagen. Jenne⸗ val ſetzte ſich neben ſeinen Freund und der Kutſcher fuhr ſie, ſo ſachte als nur möglich, nach Paris. Jenneval ſetzte ſich an Guerreville's Bett, ent⸗ ſchloſſen, ihn nicht einen Augenblick zu verlaſſen, ſo lange er in Gefahr ſein würde, und wenn er ihn nicht retten könnte, wenigſtens gegenwärtig zu 80⁰ ſein, um ſeine letzten Worte zu vernehmen und um ihm die Augen zuzudrücken. Um acht Uhr Abends ſtellte ſich ein Mann bei dem Verwundeten en: es war Jerome, welcher kam, um den Erfolg des Beſuches zu erfahren, den Guerreville bei Madame Dolbert machen ſollte. Der Doktor zeigte dem Waſſerträger Guerre⸗ ville, der noch ohne Bewußtſein auf ſeinem Bette lag und ſagte zu ihm:„Das iſt die Folge von ſeinem Beſuch bei Madame Dolbert... In jenem Emil Delaberge, der die junge Stephanie heirathen ſollte, hat mein Freund einen Menſchen erkannt, der ihn auf unwürdige Weiſe gekränkt hat.. einen Niederträchtigen, den er ſeit langer Zeit ſuchte; er hat ihn gefordert ſie ſchlugen ſich. und der, welcher Unrecht hatte, triumphirte das kommt oſt vor.“ „O, mein Gott!“ murmelte der Auvergnate; „verwundet vielleicht tödtlich Snt und ich bin die Urſache davon geweſen.. „Sie!. o! machen Sie ſich keine Vorwürfe, Jerome; mein armer Freund hat Ste im Gegen⸗ theil geſegnet, weil Sie ihm dazu verholfen baben, dieſen Mann wieder zu ſinden, den er ſchon ſo lange ſuchte.“ „Und dieſe Wunde. o! mein Herr, iſt es möglich, daß er daran flerben könnte?“ „Ich fürchte noch ſehr für ihn.. aber, wenn ich auch im Stande ſein ſollte, ihn zu retten, ſo 81 wird ſich ſeine Wiederherſtellung doch ſehr in die Länge ziehen.“ „Ein ſo braver Mann!.. und der Wicht, der ihm dieſe Wunde beigebracht, iſt leer ausgegangen, der. o! Leufel! das iſt nicht gerecht, der. Herr Guerreville, mein Wohlthäter. ein ſo guter, ſo edler Mann!... Adieu, Herr Doktor, adieu, ich werde alle Tage herkommen, um mich nach ſeinem Befinden zu erkundigen.“ Und Jerome entfernte ſich, indem er zwiſchen den Zähnen murmelte:„O! das iſt gleich.. ich bin Schuld, daß er ſich geſchlagen hat, der brave Mann!. und.. das kann ich nicht ſo hin⸗ gehen laſſen.“ ⸗ Viertes Kapitel. Der Schutzengel. Der Waſſerträger kehrte nach Hauſe zurück, in⸗ dem er darüber nachdachte, was er thun könnte, um ſeinen Wohlthäter zu rächen; denn Guerreville hatte Jerome der Geſundheit, der Arbeit, vielleicht dem Leben wiedergegeben, und es gibt Leute, welche das Gute, das man ihnen gethan hat, nicht ver⸗ geſſen. Den Auvergnaten machte der Gedanke wüthend, daß derjenige, welcher einſt Herrn Guerreville be⸗ leidigt, ihm nun noch einen Degenſtoß beigebracht Paul de Kock. X0VMI. 6 8² hatte, der Schuld an ſeinem Tode werden konnte; er verbrachte die Nacht, ohne einen Augenblick zu ſchlafen und rief jeden Augenblick aus:„Ich muß die Sachen wieder in ihren natürlichen Zuſtand zu⸗ rückbringen; der Elende triumphirt und der ehrliche Mann iſt beſiegt... Ich weiß wohl, daß man das in der großen Welt ganz einfach findet.. aber ich verſtehe nicht, was das für eine Gerechtigkeit iſt!... Dieſer Emil Delaberge iſt ein miſerabler Menſch, nach dem, was mir der Doktor geſagt hat, welcher der treue Freund von Herrn Guerreville iſt... Und weil er ein Schurke iſt, werde ich auch meine Zi⸗ zine nicht bei ihm laſſen. wenn er Fräulein Dol⸗ bert heirathet, ſo nehme ich meine liebe Kleine zurück.. Armes Kind! ich will ja ſein Glück.. in der Hoffnung, es würde glücklicher werden, habe ich mich von ihm getrennt. aber ſie bei dem laſſen, der vielleicht meinen Wohlthäter getödtet hat o! das geht nicht an.. Uebrigens will ich ein paar Worte mit ihm ſprechen, mit dieſem Herrn Delaberge.. Ich bin nicht verwundet, ich.. und ich habe Luſt, ſeine Rechnung auszugleichen. ich weiß nicht, welche Art von Kränkung er früher Herrn Delaberge zugefügt hat.. aber ich brauche ſie auch nicht zu wiſſen, um ihn zu rächen.“ Mit Tagesanbruch ſtand Jerome auf und ging ſogleich, ſich nach dem Befinden des Verwundeten zu erkundigen. Die Lage des Kranken war noch immer dieſelbe; der Doktor hatte alle erdenkliche Sorgfalt angewandt. Aber Guerreville war in 83 einem ſolchen Zuſtand von Schwäche, daß man fürchten mußte, er würde ihr unterliegen. Jerome entfernte ſich, nachdem er dies erfahren batte und ging nach der Wohnung der Madame Dolbert. Doch es war noch zu früh, um bei dieſen Da⸗ men einen Beſuch abzuſtatten: der Auvergnate ging daher auf den Boulevards ſpazieren, indem er ihr Erwachen bewartete. Jerome ſah alle die Leute, welche in das Haus der Madame Dolbert traten, prüfend an; er kannte Emil Delaberge nicht, aber er bildete ſich doch ein, daß er ihn unfehlbar er⸗ kennen müßte, wenn er bei ihm vorüberginge. Endlich ſchlug es neun Uhr; Jerome entſchloß ſich, zu Madame Dolbert zu gehen. Er trat in das Haus und näherte ſich dem Portier, indem er ſagte:„Iſt Madame Dolbert zu ſprechen?“ „Madame Dolbert?... Nein. Die Damen find geſtern abgereist.“ „Abgereist?. wiel. was ſagen Sie da?... abgereist?.. Und ohne Zweifel auf ihr Landgut?“ „Auf ihr Landgut...“ „Und meine Zizinette, was iſt aus ihr ge⸗ worden? „Wer iſt dieſe Zizinette?... „Nun, Teufel! meine Kleine.. welche bei dieſen Damen wohnt. welche Fräulein Stephanie ſo ſehr liebt...“ „Achl ja. ich weiß. ein kleines Mädchen. die iſt mit dieſen Damen abgereist.“ „Aber, ich begreife das gar nicht.„ geſtern. 8⁴ ſollte ſich da nicht Fräulein Stephanie verhei⸗ rathen?“ „Ah! gewiß. aber ſeit geſtern iſt Vieles vor⸗ gefallen!.. Da war ein Herr, der mit dem Bräu⸗ tigam Händel geſucht hat. ein fürchterlicher Auf⸗ tritt!. Fräulein Stephanie iſt unwohl geworden... ihre Großmutter weinte es hat eine Ohrfeige und ein Duell gegeben Ol es muß heiß zuge⸗ gangen ſein.“ „Die Hochzeit hat alſo nicht ſtattgefunden?“ „Nein, ſie iſt verſchoben„ weiter hinausge⸗ ſchoben worden. kurz, die Damen ſind auf ihr Landgut abgereist „Und wo liegt denn dieſes Landgut. auf welcher Seite?“ „Nicht ſehr weit bei Beaumont, über St. Denis, vor Montmorency bei „Schon gut, ſchon gut; o! ich werde es ſchon finden.“ Jerome entfernte ſich, indem er ſagte:„Gut! die Heirath iſt verſchoben worden. aber das ge⸗ nügt nicht. ich muß außerdem auch meine Zizine ſehen, und erfahren, ob ihr das gefällt, auf dieſem Landgute zu ſein. Ich will zurückkehren und mich erkundigen, wie ſich Herr Guerreville befindet und dann gehe ich morgen früh nach Beaumont. Bevor wir dem Waſſerträger folgen, der ſchon einen Plan, wie er ſich verhalten wollte, gefaßt zu haben ſcheint, wollen wir zu Madame Dolbert zu⸗ rückkehren und uns unterrichten, wie es dort ſeit —————————————— 85 dem unerwarteten Vorfalle, der Stephaniens Hoch⸗ zeitsfeierlichkeit unterbrach, zugegangen iſt. Nachdem Guerreville weggegangen war, hatten ſich alle Anweſenden um Madame Dolbert und die ſchöne Braut herumgedrängt. Stephanie hatte das Bewußtſein verloren, die gute Großmutter ſchwamm in Thränen, indem ſie ihre Enkelin auf die Stirn küßte. Emil wiederholte unaufhörlich der Verſamm⸗ lung:„Ich kenne dieſen Menſchen nicht, ich weiß nicht, was er von mir will.. er iſt nicht recht geſcheit... aber ich werde in ſeinem Blute die Schmach abwaſchen, die er mir angethan hat.“ Und nachdem er dies mehremale wiederholt hatte, wählte er ſich zwei Zeugen aus den Anweſenden und ging fort, um ſich zu ſchlagen. Die Verwirrung, die Unruhe und vor Allem die Neugier herrſchten in der ganzen Geſellſchaft; man bildete Gruppen, man ſprach ganz leiſe mit ein⸗ ander, und diejenigen, welche in Gegenwart von Emil Delaberge den Anſchein hatten, als glaubten ſie, daß ihm Guerreville unbekannt wäre, ſagten jetzt mit halber Stimme zu einander:„Es iſt doch ſehr ſonderbar.. dieſer Fremde hatte ein ſo Ach⸗ tung gebietendes Ausſehen und er ſchien in ſeinen Behauptungen ſo ſicher.“ Endlich öffnete Stephanie wieder die Augen, ihre erſte Bewegung war, ihre Großmutter zu um⸗ armen, dann ſagte ſie ganz leiſe zu ihr:„Schicke alle Leute fort. Nach dem, was vorgefallen iſi, kann ich. will ich mich heute nicht trauen laſſen. 86 O, ich bitte Dich darum, ſchicke alle Leute fort; ich wünſche allein zu ſein, um nach Bequemlichkeit weinen zu können.“ Madame Dolbert beeilte ſich, den Wünſchen ihrer Enkelin nachzukommen; ſie machte den An⸗ weſenden begreiflich, daß nach dem eben Vorgefal⸗ lenen die Verheirathung durchaus verſchoben werden müßte; denn Emil wäre fortgegangen, um ſich zu ſchlagen, und ſelbſt in dem Falle, daß er als Sie⸗ ger zurückkehrte, dürfte man nicht an Vergnügen und Liebe denken; wenn man eben das Blut eines Menſchen vergoſſen hätte. Die Geſellſchaft ſtimmte den Gründen der Madame Dolbert bei und Jeder ging mit dem Vorſatz weg, ſich zu Emil Delaberge zu begeben, um ſich von den Folgen ſeines Duells mit dem Fremden zu unterrichten. Als ſie allein waren, überließen ſich die Damen ihren Vermuthungen. Die gute Großmutter wagte es nicht, vor ihrer Enkelin alle ihre Befürchtungen auszuſprechen, alle die Ahnungen, die ſich in ihrer Seele erheben; ſie fing an, davor zu zittern, ihre Stephanie möchte unglücklich werden, wenn ſie De⸗ laberge heirathete. Stephanie ihrerſeits konnte ſich eines geheimen Schauders nicht erwehren; ſie hatte denjenigen, der ihr Gatte werden ſollte, in dem Augenblick, da ihn der Fremde Daubray nannte, ſcharf an⸗ geſehen: da hatten ſich Emils Züge verzerrt und ihr Ausdruck hatte in das Herz des jungen Mädchens Schrecken gejagt. 87 Indeß ſprach noch die Liebe für Emil, und die Unruhe vergrößerte Stephaniens Qualen; denn man hatte ihr nicht verbergen können, daß ihr Bräutigam fortgegangen wäre, um ſich mit dem Manne, der ihn ſo ſürchterlich beſchimpft hatte, zu ſchlagen. Das junge Mädchen und ihre Großmutter zähl⸗ ten die Minuten, die Sekunden; ſie wagten es nicht, Fragen an einander zu richten, ſie ſcheuten es, ſich ihre Gedanken mitzutheilen. Endlich trat ein Bedienter ein und brachte einen Brief von Emil; er war an Madame Dolbert gerichtet und enthielt nur die wenigen Worte: „Madame, ich habe den Unverſchämten, der mich beſchimpft hat, gezüchtigt; er wird für lange Zeit außer Stand ſein, ſeine Tollheiten wieder anzufangen. Was mich betrifft⸗ ſo bin ich ſelbſt ohne Streifwunde davon gekommen. Beruhigen Sie meine theure Stephanie; ich ſühle, daß es unpaſſend wäre, mich vor ihr zu zeigen, da ich eben vom Kampfplatze komme; morgen aber werde ich die Chre haben, Sie zu beſuchen, und ich hoffe, mein Glück werde nicht auf gar zu lange verſchoben werden.“ „Er iſt Sieger!“ rief Stephanie mit freudiger Bewegung aus. „Und dieſer Unbekannte ſcheint ſchwer verwundet zu ſein,“ ſagte Madame Dolbert, einen leichten Seufzer ausſtoßend. „O, Mama, iſt es nicht beſſer, daß Emil trium⸗ 88 phirt? da er doch den Mann niemals geſehen hat, der ohne Grund herkam und ihn beſchimpfte?“ Die gute Großmutter ſchwieg und ſchien traurig. In dieſem Augenblicke vernahm man einige ſchwere Seufzer, die aus dem Hintergrunde des Zimmers kamen; man ſah ſich um und bemerkte Zizine, die arme Kleine, die man in der großen Verwirrung vergeſſen, die aber ihre junge Beſchützerin nicht aus dem Auge gelaſſen und fich immer einige Schritte von ihr entfernt gehalten hatte, und die jetzt, über das Befinden Stephaniens wieder beruhigt, in einem Winkel auf den Augenblick harrte, da ſie dieſelbe würde umarmen können. „Zizine, meine liebe Zizine!“ ſagte Stephanie, indem ſie auf die Kleine zulief;„mein Gott! in meinem Kummer hatte ich Dich ganz vergeſſen Aber was haſt Du denn, warum weinſt Du jetzt? Du ſiehſt doch, daß ich mich wieder wohl befinde.“ „Ja, ja!“ ſagte die Kleine, indem ſie ſich be⸗ mühte, ihrem Schluchzen Einhalt zu thun;„aber ich bin betrübt darüber, daß Herr Guerreville ver⸗ wundet iſt.“ „Wie!„was ſagſt Du? wer iſt dieſer Herr Guerreville?“ „Es iſt der Herr, der ſich geſchlagen hat... mit Herrn Emil. Ich hätte gewünſcht, daß weder dem Einen noch dem Andern ein Schaden zugeſtoßen wäre.“ „Und wie, Zizine Du weißt den Namen dieſes Fremden?“ 89 „O ja, denn ich kenne dieſen Fremden ſehr gut; ich habe es noch nicht gewagt, es Dir zu ſagen, ich fürchtete „O, ſprich, ſprich!. ſag uns Alles, was Du weißt. ſag uns Alles!“ Die Großmutter und deren Enkelin ſetzten Zizine zwiſchen fich und warketen mit Ungeduld auf die Erklärung des Kindes; die Kleine beeilte ſich, ihrem Verlangen zu entſprechen. „Dieſer Herr, den Sie geſehen haben, iſt der Retter meines Vaters geweſen.. Als ich noch bei ihm in der Rue Montmartre lebte, in einer kleinen Dachkammer, war mein Vater ſeit langer Zeit krank, er konnte nicht mehr arbeiten und wir waren ſehr unglücklich. Nun gut, eines Tages kam dieſer Herr, ich glaube, er ſuchte eine Wohnung. Er ſah mich vorbeigehen, er ſtieg nach unſerer Dach⸗ kammer hinauf, er tröſtete meinen Vater, und als er fortging, gab er mir ein Zeichen, ihm zu folgen und hat mir meine ganze Schürze mit Geld voll⸗ geſchüttet, indem er ſagte: Nimm das, meine Kleine, bringe es Deinem Vater, daß er ſich heilen laſſe und ſich nicht mehr gräme. O, Madame, wenn man ſo gut iſt, wenn man ſo gern Gutes thut, kann man dann wohl toll ſein?“ Madame Dolbert und Stephanie ſchienen lebhaft bewegt, und Beide ſagten zu der Kleinen:„Fahre fort, was weißt Du noch?“ „Nun mein Vater hätte ſo gern ſeinem Wohlthäter danken mögen, aber er kannte weder 90 deſſen Namen noch deſſen Wohnung. Um dieſe Zeit hatten Sie die Güte, mich lieb zu gewinnen, und ich ſing an, bei Ihnen zu wohnen. Aber eines Tages begegnete mein Vater endlich dieſem Herrn auf der Straße; er bedankte ſich ſehr bei ihm, wie Sie ſich wohl denken können!... Da ſagte dieſer Herr meinem Vater, wie er heiße und wo er wohne, indem er ihn aufforderte, ihn zu beſuchen, und mein Vater hat mir das Alles erzählt... an dem Abende, da er mich in dem Cabriolet fand, als ich ihn beſuchen wollte, weil ich glaubte, er wäre krank Endlich, heute, daß Herr Guerreville hieherkam. o, ich bin deßhalb ſehr betrübt. das geſchah um meinetwillen daß er hergekom⸗ men iſt.“ „Um Deinetwillen?“ „Ja, meine liebe Freundin. Herr Guerreville hat geſtern meinen Vater geſehen, der ihm den Auftrag gegeben hat, mit Ihnen zu ſprechen, Ma⸗ dame; als Guerreville ſich in dem Salon unter ſo vielen Menſchen ſah, war er ganz erſtaunt und ſagte zu mir: Ich wollte Madame Dolbert beſuchen, aber da man gerade hier Hochzeit feiert, ſo habe ich meine Zeit ſchlecht gewählt... ich werde wie⸗ derkommen. Nachdem er dies geſagt hatte, drückte er mir die Hand und entfernte ſich, als Herr Emil in den Salon trat.. und.. und Sie wiſſen ja, was weiter vorging.“ Zizinens kindliche Erzählung ließ an der Wahr⸗ heit ihrer Ausſage nicht zweifeln. War es unter 91 ſolchen Umſtänden möglich, zu glauben, daß Guerre⸗ ville nicht bei Verſtande, oder daß es ſeinerſeits ein durchdachter Plan wäre, um Emil zu ſchadenz man rief ſich die achtbare Miene, das anſtändige Weſen Guerreville's zurück und dachte bei ſich: Wenn er nicht gelogen hat, ſo iſt Emil ein Elender, der ihm ſeine Tochter geraubt hat und der, ſtatt ſein Verbrechen einzugeſtehen, ihm noch einen De⸗ genſtich beigebracht hat. Dieſe Betrachtungen ſtellten Stephanie und ihre Mutter gegenſeitig an, aber ihre Blicke verſtanden ſich; endlich rief Madame Dolbert:„Meine Ste⸗ phante, nach Allem, was dieſen Morgen hier vor⸗ gegangen iſt. nach dem unangenehmen Aufſehen, das dieſer Vorfall machen muß bift Du da nicht meiner Meinung, daß wir gut daran thun würden, Paris zu verlaſſen und auf unſer Landgut zu gehen, um dort einige Zeit zuzubringen?“ „O ja, meine gute Mutter. aber Zizine kommt doch mit uns?“ „Das verſteht ſich von ſelbſt.“ „Willſt Du, Zizine?“ Das Kind zauderte, ſtotterte:„Aber mein äter „Dein Vater!, glaubſt Du, daß er Dich heißen würde, mich zu verlaſſen, wenn ich Kummer habe wenn ich unglücklich bin?“ „O nein, nein.. Sie haben Recht, ich werde Sie nicht verlaſſen,“ ſagte Zizine, indem ſie Ste⸗ phanie an den Hals ſprang. 92 Und noch denſelben Abend reiste Madame Dol⸗ bert mit ihrer Enkelin und Zizine nach ihrem Land⸗ hauſe bei Beaumont. Als ſich Emil den folgenden Morgen bei derje⸗ nigen einfand, die er den Tag vorher hatte heirathen ſollen, war er ſehr erſtaunt, zu vernehmen, daß die Damen ſich nach ihrem Landhauſe begeben hät⸗ ten. Aber ohne Zett zu verlieren, ohne ſich mit ſchwankenden Vermuthungen aufzuhalten, ſtieg er in ſein Cabriolet, trieb ſein Pferd an und fuhr auf das Landgut nach Beaumont. In weniger als ſechs Stunden hatte der raſche Gaul die Strecke zurückgelegt, und bald ſtieg De⸗ laberge aus und trat in das Haus der Madame Dolbert. Stephanie befand ſich in dem Salon bei ihrer Großmutter, als Emil haſtig eintrat, indem er rief:„Ei, mein Gott, meine Damen, warum denn dieſe haſtige Abreiſe? Man wird glauben, Sie ſeien aus Paris geflohen. Ei! was, ohne ſich mit mir darüber zu beſprechen, ohne mich würdig zu halten, mir Nachricht davon zu geben!... Es ſcheint mir, das, was vorgefallen iſt, darf Ihnen nicht die mindeſte Unruhe verurſachen, und die Art und Weiſe, wie ſich die Sache geendet hat, muß Sie vollkommen beruhigen.“ Während Emil ſprach, betrachtete ihn Madame Dolbert aufmerkſam, ſie ſchien die Abſicht zu haben, in der Tiefe des Herzens dieſes Mannes leſen zu wollen, dem ſie jetzt die Zukunft ihrer Enkelin an⸗ — 93 zuvertrauen ſich fürchtete. Stephanie im Gegentheil hatte die Augen auf den Boden gerichtet und ſchien den Blicken ihres Bräutigams ausweichen zu wollen. Die Kälte und die Verlegenheit dieſer Damen entgingen Emil nicht, welcher ſich in einen Stuhl warf, indem er ſagte:„Aber was haben Sie denn, meine theure Stephanie? Empfangen Sie auf ſolche Weiſe Ihren Gatten? denn ich wäre es bereits, wenn nicht ein unerklärliches Ereigniß dazwiſchen getreten wäre und mein Glück verſpätet hätte.“ „Verzeihen Sie mir,“ ſagte Stephanie,„aber ich bin noch ſo verwirrt.. ſo erſtaunt über Alles, was vorgefallen iſt!“ „Ich glaube es; aber das iſt noch kein Grund, meine Blicke zu vermeiden.. Theure Stephanie! laſſen Sie uns das Alles vergeſſen. Es war ein Traum, eine Wolke, welche über unſern Feſttag einen Augenblick trübend hinwegzog. Doch es iſt vorbei. und weil ein Mann, den ich nicht kenne, der verrückt iſt oder der mich für einen Andern nimmt, mir einen abgeſchmackten Auftritt bereitet hat. ſo darf doch dies, wie mir ſcheint, Ihre Geſinnungen gegen mich in nichts ändern. Ich bin gewiß, daß Ihre achtungswerthe Mutter die Erſte geweſen iſt, die Ihnen dies geſagt hat.“ „Ich,“ ſagte die Großmutter,„ich geſtehe Ihnen, daß ich mir dieſe Scene noch nicht erklären kann. Wie, Sie hätten ihn niemals geſehen, Sie kennten dieſen Mann nicht, der behauptet, Sie hätten ihm“ ſeine Tochter geraubt?“ 94 „Er iſt mir völlig unbekannt... Wayrſcheinlich hat ihn eine große Aehnlichkeit getäuſcht. das kommt oft vor.. Sie haben ja gehört, daß er mich Daubray nannte... und habe ich denn jemals Daubray geheißen?“ „Wir wenigſtens haben Sie niemals unter dieſem Namen gekannt... Dieſer Mann ſah aber ſo achtbar aus. „Achtbar! ein Mann, der ſich wie ein Wahnſinniger geberdet... ein raſender Ruheſtörer in einem Hauſe. der die äußerſten Gewaltsmittel ergreift.. Ah! Madame. konnte man alſo auf vernünftige Weiſe eine Vertheidigung fordern.. ſelbſt wenn man gekränkt worden iſt!... Aber ich wiederhole es Ihnen und ich denke, mein Wort werde Ihnen genügen, ich kenne ihn nicht ich habe dieſen Menſchen niemals geſehen, der mir in dem Augenblicke den Ausgang ſperrte, da ich Ihre Tochter zum Altare führen wollte.“ „Nun gut! mein Herr, wir wiſſen jetzt mehr über ihn als Sie, denn wir kennen dieſen.. Fremden. der es für uns nicht mehr iſt, wir wiſſen, daß er ſich Guerreville nennt.“ Als er dieſen Namen von Madame Dolbert aus⸗ ſprechen hörte, bedeckte eine Leichenbläſſe das Ge⸗ ſicht von Emil, er verſuchte vergeblich die Bewegung zu bezwingen, welche ihn erfaßte, er verſuchte ſelbſt zu lächeln; aber der Ausdruck ſeiner Züge hatte etwas ſo Verſtelltes, daß Stephanie raſch ihre Blicke von ihm abwandte und zu zittern begann; . 95 denn in dieſem Manne, der gegenwärtig vor ihr ſtand, erkannte ſie den nicht mehr, der es ver⸗ ſtanden hatte, ihr Herz zu rühren. „Ah! Sie wiſſen, daß dieſer Menſch dieſer Herr Guerreville heißt?“ ſagte Emil, indem er eine ruhige Miene heuchelte;„und woher wiſſen Sie denn das?“ „Es iſt ein ſonderbarer Zuſall. Zizine kennt dieſen Herrn.. „Zizine!.. Ah!„alſo durch ſie!. Emil drehte ſich um und warf einen durchbohrenden Blick auf die Kleine, welche einige Schritte von ihm ent⸗ fernt ſtand.“ „Dieſer Herr Guerreville,“ fuhr Madame Dol⸗ bert fort,„iſt Jerome's Wohlthäter geweſen... des Vaters unſerer Zizine. Die Kleine hat ſeinen Na⸗ men von ihrem Vater erfahren, welchen dieſer Herr ihm geſagt hatte, indem er ihm ſeine Adreſſe gab. Kurz, dieſer Herr war im Auftrage Jerome's und um mit uns über Zizine zu ſprechen, zu uns ge⸗ kommen. Sie ſehen alſo, daß er auf den Auftritt, den er Ihnen bereitet hat, durchaus nicht vorbe⸗ reitet war...“ „Ah! das iſt ſehr ſonderbar... Ich wieder⸗ hole es Ihnen, eine unglückliche Aehnlichkeit muß ihn irre geleitet haben. Aber wir haben uns ſchon genug mit dieſem Menſchen und mit dieſem Vor⸗ falle, der beendigt iſt, beſchäftigt. Erlauben Sie mir, Madame, Sie daran zu erinnern, daß ich mich mit ihrer Enkelin verbinden wollte, als dieſer 96 Auftritt vorfiel... Bedenken Sie, daß meine Liebe zu Stephanie durch dieſe Zögerung, ſchon mehr als zu große Qualen erlitten hat... und haben Sie die Güte, mir zu ſagen, welchen Tag wir feſtſetzen wollen, um unſere Verbindung zu ſeiern... Wenn Sie es vorziehen, daß unſere Verheirathung auf dem Lande ſtattfinde, ich bin es zufrieden. nur möge Stephanie endlich meine Frau werden... und ich wünſche, daß dies morgen geſchehe. oder ſpäteſtens in zwei Tagen.“ „O! mein Herr.. Sie werden uns doch einige Zeit laſſen, um uns zu erholen.. und, nach alle dem, was meine Stephanie gelitten hat.. erlauben Sie uns, daß wir einige Wochen hingehen laſſen⸗ ehe wir an dieſe Heirath denken.“ „Einige Wochen!... rief Emil, indem er be⸗ leidigt aufſprang„und warum denn dieſe Verzöge⸗ rung meines Glückes?.. Bedenken Sie, Madame, daß ich mich dem widerſetzen könnte... Sie würden dann die abgeſchmackten Beſchuldigungen, die man gegen mich aufgebracht hat, noch beglaubigen.. In der That, es iſt ſehr ſonderbar, daß man den Erzählungen eines Kindes mehr Glauben ſchenkt, als den Worten eines Mannes wie ich.. Weil Ihnen die Tochter eines Waſſerträgers geſagt hat, der Mann, der mich beſchimpfte, hätte einſt ihrem Vater einige Thaler geſchenkt... ſo ſcheint dieſer Herr... Guerreville eine ſehr achtbare Per⸗ ſon geworden zu ſein.. die man nicht beleidigen darf.. Madame, dies kann nicht Ihre wahre Ge⸗ 97 ſinnung ſein, Sie können mich nicht wegen der Thorheiten eines Andern beſtrafen. Ich habe mich als Mann von Ehre benommen; ich habe den, welcher mich beſchimpfte, beſiegt.. RNun komme ich, die Hand von Stephanie wieder zu fordern.. ſie iſt mir verſprochen.. ich hoffe nicht, Madame, daß Sie die Abſicht haben, das mir gegebene Wort zu brechen.“ „Herr Delaberge,“ ſagte Madame Dolbert, „Sie dürfen ſich keine Befürchtungen aus der äußer⸗ ſten Vorſicht einer Großmutter bilden. Das Glück meiner Stephanie iſt kein Gegenſtand, den ich ſo leichthin preisgeben möchte. Der Mann, mit welchem Sie ſich geſchlagen haben, wird, ich hoffe es, wieder geneſen.. Dann wird er ſich erklären müſſen ohne Zweifel wird er erkennen, daß er ſich in Ihrer Perſon irrte.. und dann wird nichts mehr Ihrer Verbindung mit meiner Tochter im Wege ſtehen.“ „Dies genügt, Madame,“ erwiderte Emil, in⸗ dem er ſich bemühte, ſeinen Zorn zu verbergen, „ich ſehe, daß ich es vergeblich verſuchen würde, Ihren Entſchluß wankend zu machen.. Ich ent⸗ ferne mich ich werde warten, bis eine vernünf⸗ tigere Ueberlegung ihren Verdacht wird zerſtreut haben. und Sie mir der Gerechtigkeit werden widerfahren laſſen, die mir gebührt.. Ich werde wiederkommen in einigen Tagen dann hoffe ich, wird der Eindruck, den dieſer Vorfall Paul de Kock. 98 gebracht hat, vernichtet ſein.. und Sie werden mir ein geneigteres Ohr ſchenken.“ Als Emil dieſe Worte beendet hatte, verbeugte er ſich tief vor Stephanie und ihrer Großmutter und verließ alsdann den Salon, indem er traurig, aber reſignirt ausſah. Als er aber aus dem Hauſe heraus war, wurde er ein ganz Anderer; er knirſchte mit den Zähnen, zerriß ſeinen Hut zwiſchen den Händen und warf ſich in ſein Cabriolet, indem er murmelte:„Nur dieſem kleinen Mädchen verdanke ich den Empfang, der mir zu Theil geworden iſt.. durch Alles, was es über Guerreville erzählt hat, ſind die Gefinnungen dieſer Damen geändert wor⸗ den... Ah! ſoll mir denn dieſes Kind immer im Wege ſtehen, um mich zu verhindern, das Ziel zu erreichen, das ich mir geſteckt habe!... Es ſcheint mein böſer Dämon zu ſein!.. Man will warten, bis Guerreville geſund iſt, um ſeine näheren Er⸗ klärungen zu hören.. doch wird man vergebens warten, ich hoffe es. er kann von dem Stiche, den ich ihm beigebracht habe, nicht wieder geneſen. „Er iſt böſe weggegangen! ſagte Stepha⸗ nie, als Emil fort war, und warf ſich in die Arme threr Mutter. „Mein liebes Kind, wenn er ſich nichts vorzu⸗ werfen hat, ſo wird er es mir gewiß vergeben, eure Hochzeit verſchoben zu haben.. Wenn es aber anders iſt. o theure Stephanie, würde ich dann nicht wohl daran thun, ihn nicht Deinen Gatten werden zu laſſen?“ 99 Stephanie wagte es nicht mehr, zu Emils Gun⸗ ſten zu ſprechen; ſie hatte in ſeinen Augen einen Ausdruck gefunden, den ſie ſich nicht erklären konnte und der ſie erſchreckte. Sie begnügte ſich damit, zu ſeufzen, Zizine zu umarmen und an ihr Herz zu drücken. Das kleine Mädchen war ſehr betrübt, die Ur⸗ ſache von Allem dem zu ſein, was vorgefallen war. „Du wirſt mich nicht mehr lieben,“ ſagte ſie zu Stephanie,„denn ohne mich wäre Herr Guerreville nicht zu euch gekommen und hätte keinen Streit mit Emil bekommen.“ „Theure Kleine,“ ſagte die Großmutter und um⸗ armte Zizine ebenfalls,„weit entfernt, Dir deßhalb übel zu wollen, werden wir Dir vielleicht noch Dank dafür ſchuldig ſein; denn es iſt möglich, daß Du meine Stephanie von einem großen Unglücke gerettet haſt. Doch wie fangen wir es jetzt an, um von dieſem Herrn Guerreville Nachrichten zu bekommen?“ „Durch meinen Vater, Madame; oh! wenn er weiß, daß ſein Wohlthäter verwundet iſt, ſo wird er gewiß keinen Tag vergehen laſſen, ohne ihn zu beſuchen.“ „Sie hat Recht,“ ſagte Stephanie;„Jerome wird uns von dieſem Herrn Nachricht geben kön⸗ nen. Warten wir einige Tage; ohne Zweifel wird er herkommen, um ſeine Tochter zu ſehen. Wenn er nicht kommen ſollte, gute Mutter, dann würden wir nach Paris ſchicken und ihn bitten laſſen, uns zu beſuchen.“ 100 „Oh! ja, meine liebe Freundin, und mein Vater wird gleich herkommen, das weiß ich gewiß.“ Zwei Tage vergingen. Jerome kam nicht nach Beaumont und man hatte daher beſchloſſen, den folgenden Morgen ſollte ſich ein Bedienter nach Paris begeben und den Waſſerträger bitten, zu Madame Dolbert aufs Land zu kommen. Am Morgen des dritten Tages aber, als Zizine nach Stephaniens Zimmer hinabging, bemerkte ſie einen Mann, der mit großen Schritten über den Hof kam, indem er auf das Haus zu marſchirte. Die Kleine hatte ihn gleich erkannt, ſie lief ihm entgegen, und bevor er noch Zeit gehabt hatte, die Treppe hinaufzuſteigen, drückte Jerome ſein Kind in ſeine Arme. „Meine liebe Kleine, wie lange habe ich Dich nicht umarmt!“ ſagte der Auvergnate, indem er Zizine an ſein Herz drückte.„Ah! Teufel„das ſchnitt mir in die Seele, Dich fern von Paris zu wiſſen.“ „Mein Vater, Fräulein Stephanie hatte Kum⸗ mer ſie weinte ſollte ich da nicht mit ihr gehen?“ „Wohl, mein Kind, wohl, Du haſt wohl daran gethan.“ „Sie wiſſen ohne Zweifel Alles, was zwiſchen Herrn Guerreville und dem Bräutigam meiner Freundin vorgegangen iſt?“ „Ja! ja! ich weiß, daß ſie ſich geſchlagen haben.“ „Aber kommen Sie doch, mein Vater, kommen 101¹ Sie doch, die Damen brennen vor Begierde, Sie zu ſprechen, Sie auszufragen.“ Und das Kind zog Jerome fort, der ſich in ein Zimmer führen ließ, wo er Madame Dolbert und Stephanie vorfand. Man empfing den Auvergnaten ſehr freundlich, man nöthigte ihn, ſich niederzuſetzen; dann wiederholte ihm die Großmutter Alles, was ihnen Zizine in Betreff Guerreville's geſagt hatte, und fragte ihn, ob ſich dies wirklich ſo verhielte. „Ja, Madame,“ ſagte Jerome,„dieſer Herr Guerreville iſt der bravſte Mann, den ich kenne. Ich hatte ihn am Abende vor dieſer verdammten Geſchichte beſucht und ihm erzählt ganz frei heraus daß, wenn Fräulein Stephanie dieſen ſchönen Herrn heirathete, der ſich um meine Zin⸗ zinette gar nicht zu kümmern ſchien ich fürchten müßte, meine Kleine würde ſich bei Ihnen nicht mehr ſo wohl befinden.“ „Ah! Jerome.“ „Verzeihung, Entſchuldigung, Madame; aber was ſollte ich nun einmal thun, es war ſo mein Ge⸗ danke; und dieſer gute Herr fand ſich denn dazu bereit, zu Ihnen zu gehen, um ſich mir gefällig zu erweiſen. Es ſcheint, der Anblick dieſes Herrn Delaberge habe ihn in Wuth verſetzt. Ach! ich weiß nicht, was der verbrochen hat, man hat es mir nicht erzählt.. aber Herr Guerreville verſichert, er wäre ein Niederträchtiger... und das iſt mir genug, um nicht daran zu zweifeln. Herr Guerreville iſt unfähig zu lügen.“ 102 „Jerome! wiſſen Sie, daß Herr Delaberge ein geachteter, i der Geſellſchaft angeſehener Mann iſt? und. „Nun was beweist das Alles?. daß er reich iſt daß er Einfluß hat, das iſt möglich; denn um das Uebrige kümmert man ſich wenig. Uebrigens werden Sie Herrn Guerreville in Kurzem ſelbſt fragen können.“ „Wäre es möglich! es geht alſo beſſer?“ „Ah! natürlich! wenn es nicht beſſer ginge, würde ich denn hier ſein, ich! aber dem Him⸗ mel ſei Dank, er iſt gerettet. Geſtern Abend hat mir ſein Arzt, oder vielmehr ſein Freund, denn er iſt ein wahrhafter Freund, die Verſicherung davon mit einem Händedruck gegeben. Oh! da ſagte ich zu dieſem guten Doktor:„„Ich gehe fort und wenn ich zu Herrn Guerreville zurückkehre, will ich ihm gute Nachrichten bringen, welche ſeine Geneſung vollenden ſollen.““ „Wie, welche Nachrichten?“ „Oh! nichts! das iſt ſo eine Idee; ein xran, den ich im Kopfe habe! Drauf habe ich mich raſch auf den Weg gemacht, um meine Zizine bald um⸗ armen zu können Ah! nun bin ich zufrieden! und ich kann nach Paris zurückgehen. Aber glauben Sie mir, Madame, verheirathen Sie Ihre Enkelin nicht, bevor Sie mit Herrn Guerreville geſprochen haben; denn Sie könnten einen Schritt thun, den Sie Ihr ganzes Leben hindurch bereuen würden⸗ Entſchuldigen Sie, wenn ich Ihnen das ſo ſage: 103 die Theilnahme, die ich für Sie hege, zwingt mich, ſo zu ſprechen. und wenn Sie Herrn Guerreville, und dann ſeinen Freund, den Doktor Jenneval, ken⸗ nen werden. denn ich werde ſie Ihnen alle Beide herbringen; ah! dann, Madame, werden Sie ein⸗ ſehen, daß es brave Leute find, die von Niemand Böſes ſagen würden, ohne davon überzeugt zu ſein.“ Jerome grüßte und entfernte ſich; als er aber in den Hof gelangt war, umarmte er nochmals Zizine, die ihn bis ans Thor geleitete, und da ſagte er mit halber Stimme zu ihr:„Adieu, meine Zi⸗ zine, adieu, meine liebe Kleine; indem Du Fräu⸗ lein Stephanie Alles ſagteſt, was Du wußteſt, haſt Du ſie vor einem großen Unglück bewahrt.. und es iſt, wie ich glaube, für die Damen ein großes Glück, daß Herr Guerreville gerade in dem Augen⸗ blick erſchien, da Alles beendet werden ſollte. Oh! wie meine arme Frau mir immer ſagte, ſo iſt es auch:„Du biſt Jedermanns Schutzengel.. Du haſt mich davor bewahrt, gebraten zu werden, Du bewahrſt Deine Wohlthäterin, die Frau eines Elenden zu werden, und wer weiß Alles das Gute, das Du noch ausüben wirſt. Auf Wiederſehen, mein liebes Kind!“ Und der Waſſerträger entfernte ſich mit großen Schritten, aber nicht ohne ſich oft umzuſehen und ſeiner Kleinen zuzulächeln, welche vor dem Hauſe ſtehen geblieben war, und erſt hineinging⸗ als ſie Jerome auf der Landſtraße nicht mehr ſehen konnte. 104⁴ Fünftes Kapitel. Was Jerome alles that. Rach Paris zurückgekehrt, war es Jerome's erſte Sorge, ſich zu Herrn Guerreville zu begeben, um ſich nach deſſen Befinden zu erkundigen. Der Doktor empfing den Auvergnaten, drückte ihm freundlich die Hand und ſagte zu ihm:„Die Beſſerung ſchreitet vorwärts... ich werde meinen Freund retten, nun kann ich dafür ſtehen.“ „Ach! Herr Doktor, was für ein braver Mann ſind Sie!“ „Aber die Wiedergeneſung wird ſich ſehr in die Länge ziehen, und um ſo mehr, da mein armer Freund in der Tiefe ſeines Herzens den Kummer bewahrt, daß er ſich an dieſem elenden Delaberge nicht rächen konnte. Von dem, der uns gekränkt hat, beſiegt zu werden, heißt die Kränkung verdoppeln! Kaum hatte mein Freund die Sprache wieder er⸗ halten, ſo waren ſeine erſte Worte ein Schwur, den Kampf wieder anzufangen, ſobald er die Kraft dazu haben würde. Aber bis dahin wird es mir vielleicht gelingen, ihn zu beruhigen.“ „Oh! ja ja ich begreife es ſehr wohl, daß Herr Guerreville nicht befriedigt iſt... Aber Geduld, das wird ſich Alles ändern, ich hoffe es. Dieſer Emil Delaberge hat wohl Herrn Guerreville ſehr viel Böſes zugefügt?“ „Er hat ihn an dem gekränkt, was ihm das Theuerſte war; er hat ihm das Glück geraubt, er 10⁵ hat ihn zu ewigen Thränen verdammt. Mein lieber Jerome, mein Freund wird Ihnen, wie ich nicht zweifle, alle ſeine Leiden erzählen, er wird für Sie keine Geheimniſſe haben.“ „Oh! ich habe nicht nöthig, noch mehr zu er⸗ fahren, um überzeugt zu ſein, daß dieſer Delaberge ein Schuft iſt.“ „Aber Sie können Herrn Guerreville ſehen, er ſchläft jetzt nicht, und Ihre Gegenwart kann ihm nur angenehm ſein.“ „Nein, nein, Herr Doktor, ich danke Ihnen; ich will Herrn Guerreville nicht ſehen, bevor... bevor ich. doch, genug! ich habe ſo meinen Plan, ſehen Sie es iſt ein Schwur, den ich mir ſelbſt gethan habe und ich will ihn mir halten.“ „Ich verſtehe Sie nicht, Jerome.“ „Das iſt möglich, Herr Doktor, aber Sie wer⸗ den mich ſpäter ſchon verſtehen. Indeß ſorgen Sie immer für meinen achtbaren Wohlthäter. und für das Uebrige verlaſſen Sie ſich auf mich. Auf Wiederſehen, mein Herr.“ Und Jerome entfernte ſich, indem er Jenneval zurückließ, welcher den Sinn der geheimnißvollen Worte des Auvergnaten zu errathen ſuchte. „Nun,“ ſagte der Waſſerträger, als er ſich auf der Straße befand, handelt es ſich nur darum, die Wohnung dieſes Emil Delaberge zu erfahren; ich habe dieſen guten Doktor nicht darnach fragen wol⸗ len, aus Furcht, er könnte eine Ahnung von meinem Vorhaben bekommen. Uebrigens weiß er ſie vielleicht 106 auch nicht; eben ſo wenig habe ich es gewagt, Ma⸗ dame Dolbert darnach zu fragen. O! aber ich werde ſie ſchon finden, ein reicher Mann wohnt in keinem Fledermausloche. Oh! ich werde dieſen Herrn ſchon zu finden wiſſen; Paris iſt groß, aber ich habe gute Beine, ich, und fürchte keine Ermüdung.“ Jerome machte ſich auf den Weg, er durchlief die Stadt, er rannte hin und her, er erkundigte ſich, er bat einige Commiſſionäre, die ſeine Freunde waren, ihm in ſeinen Nachforſchungen behülflich zu ſein. Während der erſten drei Tage blieben ſeine Bemühungen erfolglos; aber am vierten fand der Waſſerträger endlich, was er wünſchte; man zeigte ihm das Hotel, welches Emil Delaberge bewohnte, in der Rue de Clichy. Sogleich ging Jerome nach dieſem Hauſe hin. Er klopfte an das Thor, trat hinein und fragte den Portier:„Bin ich wohl hier recht in der Wohnung des Herrn Delaberge?“ „Ja,“ erwiderte der Portier, indem er einen verächtlichen Blick auf den Auvergnaten warf. „Iſt er zu Hauſe?“ „Was geht das Sie an?“ „Wie? was das mich angeht„wahrſcheinlich geht das mich an, da ich Sie darnach frage.“ „Der Herr iſt nicht zu Hauſe.“ „Ah! das iſt etwas Anderes das iſt doch eine Antwort. nun gut, dann werde ich wieder kommen.“ Und Jerome ging, wenigſtens damit zufrieden⸗ 107 endlich zu wiſſen, wo derjenige wohnte, den er ſpre⸗ chen wollte, und er zweifelte gar nicht daran, daß es ihm bald gelingen würde, mit ihm zuſammen zu kommen. Den folgenden Tag, gegen neun Uhr Morgens, ging der Auvergnate wieder zu Delaberge. „Der Herr iſt nicht zu Hauſe,“ ſagte ihm der den Eingang verſperrende Portier, ſobald er ihn erblickt. „Wie, ſchon ausgegangen?“ „Ja.“ „Wann kommt er zurück?“ „Ich weiß es nicht; der Herr hat keine beſtimmten Stunden, in denen er nach Hauſe kommt; das hängt von ſeiner Laune ab.“ Jerome entfernte ſich in übler Stimmung. Er kam des Abends, er kam des Morgens, doch der Portier ſagte immer zu ihm:„Der Herr iſt ausge⸗ gangen.“ Acht Tage verfloſſen auf dieſe Weiſe, ohne daß Jerome glücklicher geweſen wäre; endlich wurde er ungeduldig; er trat eines Morgens in die Loge des Schweizers, ſah ihm ſcharf unter die Augen und ſagte in einem heftigen Tone zu ihm:„Herr Por⸗ tier, ich glaube, Sie haben mich zum Narren, machen Sie ein Ende 1...“ Jerome war ein großer und ſtarker Mann; der Portier bekam Furcht und antwortete viel artiger als ſonſt:„Mein Herr, ich bitte Sie um Verzeihung, aber ich muß wohl die mir gegebenen Befehle befolgen.“ 108 „Und was ſind das für Befehle?“ „Daß der Herr faſt immer ſagen läßt, er ſei ausgegangen, oder er ſei nicht zu ſprechen, wenn es nicht Perſonen find, die er erwartet.“ „Ich verſtehe! und ſicherlich erwartet er mich nicht. Aber ich, ich muß ihn ſehen, ich muß ihn ſprechen, hören Sie, Portier, ich muß ich werde nicht eher aus dieſem Hauſe gehen, bevor ich nicht Ihren Herrn geſprochen habe: ich bin feſt entſchloſſen.. Wollen Sie, daß ich hier Alles zerbreche, oder ſagen Sie mir, wo ich den Herrn Delaberge finden kann.“ „Mein Herr, ich verſichere Sie, daß er nicht hier iſt.“ „Sie lügen noch!“ „Nein, mein Herr. Ohl diesmal iſt es gewiß die Wahrheit; der Herr iſt geſtern Abend mit ſei⸗ nem Diener Düpré aufs Land abgereist.“ „Aufs Land?“ „Ja, ich glaube den Namen Beaumont gehört zu haben.“ „Genug, ich gehe dorthin, um ihn aufzuſuchen. Aber wenn Sie mich belogen haben, dann komme ich wieder her und erdroßle Sie.“ „Ich habe Ihnen die ſtrengſte Wahrheit geſagt, mein Herr.“ Jerome verließ das Hotel, ging nach Hauſe, nahm Alles, was er nöthig zu haben glaubte, zu ſich, dann machte er ſich, ſeinen Stock in der Hand, zu Fuß auf den Weg. Der Auvergnate ging aber 109 mit ſo feſtem, ſo raſchem Schritte, daß er vor An⸗ bruch der Nacht bei dem Landhauſe der Madame Dolbert angelangt war. Jerome hielt an, er war ungewiß, was er wun ſollte; doch endlich bemerkte er einen Gärtner an der Thür des Hauſes, dem er ſich näherte. „Sie find im Dienſte von Madame Dolbert?“ „Ja, mein Herr,“ erwiderte der Landmann, ihn grüßend. „Wiſſen Sie, ob ſeit geſtern ein Herr aus Paris zu dieſen Damen gekommen iſt?“ „O nein, mein Herr, ſeit geſtern, ſogar ſeit mehren Tagen haben dieſe Damen keinen Beſuch erhalten. O, ich kann Ihnen das beſtimmt ſagen, denn ich arbeite gerade vor dem Thorwege.“ „Danke, mein Freund.“ Jerome entfernte ſich, indem er ſagte:„Der Herr hat dieſe Damen nicht beſucht indeß wird er nicht ohne Grund auf dieſes Landgut gekommen ſein. O, diesmal müßte ich ſehr ungeſchickt ſein, wenn ich ihn nicht auffände.“ Jerome ging ins Dorf; er erkundigte ſich nach dem beſten Gaſthofe: es find deren auf dem Lande nicht viele. Während er mit einer Bäuerin plau⸗ derte, ging ein Herr an ihm vorüber; ſeine Klei⸗ dung, ſeine Haltuug, ſein ganzes Weſen ſiel dem Auvergnaten auf, der zu ſich ſprach:„O, dieſer muß mein Mann ſein!“ Es war in der That Emil Delaberge, welcher, nachdem er mehre Tage in Paris unentſchloſſen 1¹⁰ hingebracht, indem er bald Stephanie vergeſſen wollte, bald ſchwur, ſie müßte die Seine werden, endlich mit Schrecken vernommen hatte, Guerre⸗ ville's Wunde wäre nicht tödtlich und der, von dem er nichts mehr befürchten zu dürfen glaubte, würde ſehr bald wieder hergeſtellt ſein. Emil ſah voraus, daß ſeine Heirath für immer aufgelöst wäre, wenn Guerreville Madame Dolbert wiederſähe; wie aber ſollte er dies verhindern, da Stephaniens Großmutter ihm ihren Wunſch, mit Jenem zuſammenzukommen, gar nicht verheimlicht hatte. „Sie werden mir Stephanie verweigern,“ ſagte Emil zu ſich, indem er vor Wuth bebte.„Nun wohl! wenn ſie nicht wollen, daß ſie meine Frau werde, ſo will ich andere Mittel anwenden, denn ſie muß mein werden. Auf, nach Beaumont!... Es muß nicht ſo ſchwer ſein, in das Haus einzu⸗ dringen, das dieſe Damen bewohnen O⸗ das geht leicht. es iſt mir bis jetzt Alles gelungen, was ich ernſtlich gewollt habe.“ Hiernach war Delaberge mit ſeinem Kammer⸗ diener Düpré abgereist. Er hatte ſich in einen abgelegenen Gaſthof einquartirt am Ende des Dor⸗ fes, und kam eben davon her, die Wohnung der Madame Dolbert von fern zu betrachten, als ihn Jerome bemerkte. Emil ging in ſeine Wohnung zurück; er rief ſeinen Diener und ſagte zu ihm:„Nichts iſt leich⸗ ter als bei dieſen Damen einzubringen! Es iſt ein 111 wahres Kinderſpiel! Du haſt mir doch recht geſagt, daß Stephaniens Zimmer das Eckzimmer iſt, wel⸗ ches nach der Straße hinausgeht?“ „Ja, mein Herr, ich habe mich davon überzeugt.“ „Es wird genügen, wenn ich auf die Garten⸗ mauer klettere, und von da werde ich leicht das Fenſter erreichen; Deine Schultern werden mir zum Hinaufſteigen dienen. das Uebrige gibt ſich von ſelbſt. Es iſt recht drollig, gezwungen zu ſein, mit Strickleitern hinaufzudringen, um zu einem Frauenzimmer zu gelangen, das man heirathen ſollte doch, meiner Treu, man zwingt mich dazu; und in der Folge werden jene ohne Zweifel mich noch bitten, ſie zu heirathen, aber ich weiß nicht, ob ich dann noch Luſt haben werde. Dieſen Abend alſo um zehn Uhr. Ich werde vor Dir fortgehen, damit die Sache nicht als verabredet erſcheint. Punkt zehn Uhr wirſt Du an der Stelle ſein, die ich Dir beſtimmen werde.“ „Das iſt abgemacht, mein Herr. Aber iſt es nicht um zehn Uhr noch zu früh?“ „Nein, Du weißt noch nicht, daß die Groß⸗ mutter Dolbert auf dem Lande ſchon um neun Uhr zu Bette geht? O, um zehn Uhr ſind alle Leute im Hauſe längſt entſchlummert. Als dieſe Anordnungen getroffen waren, ließ ſich Emil Delaberge ein Mittagsbrod auftragen, ſo gut es eine Dorfherberge nur hervorbringen konnte, und als er ſeine Mahlzeit beendet hatte, ging er auf das Feld ſpazieren. 112 Ein Mann aber hatte gewartet, bis der Fremde endlich aus dem Wirthshauſe herauskam; dieſer Mann war Jerome, der ſich auf eine Art in den Hinterhalt gelegt hatte, daß Emil Delaberge nicht fortgehen konnte, ohne daß er ihn bemerkte; er folgte ihm von Weitem aufs Feld. Er harrte dar⸗ auf, bis die Nacht dunkler geworden wäre, um ihn anzureden, denn er wünſchte nicht, daß ſie Jemand ſehen oder ſtören möchte. Endlich betrat Emil einen einſamen Fußſteig, welcher von aller menſchlichen Spur verlaſſen war. Der Auvergnate verdoppelte ſeine Schritte, und indem er einen Querweg ein⸗ ſchlug, befand er ſich bald vor Emil, dem er plötz⸗ lich entgegentrat; eine Hecke, welche ihn von ihm trennte, hatte er weggeriſſen. „Ein Wort, mein Herr,“ ſagte Jerome, ſich vor Emil hinſtellend und ihm den Weg auf dem Fußſteige abſchneidend. „Was wollen Sie von mir?“ antwortete der junge Mann, dem das plötzliche Erſcheinen eines Mannes am Abende und auf einem abgelegenen Wege ein geheimes Mißtrauen einflößte. „O, das ſollen Sie hald erfahren.. Beruhi⸗ gen Sie ſich, ich bin kein Dieb und mache keine Anſprüche auf Ihre Börſe.“ „Was wollen Sie denn von mir?“ „Sie find wohl Herr Emil Delaberge, nicht wahr?“ „Ohne Zweifel.“ „Dann will ich mich mit Ihnen ſchlagen.“ 113 „Sie ſich mit mir ſchlagen!“ erwiderte Emil mit einem verächtlichen Lächeln.„In dieſem Augenblicke ſchlage ich mich mit keinem Menſchen.“ „Das kann ſein, aber mit mir werden Sie ſich ſchlagen.“ „Aus welchem Grunde? Zu welchem Zwecke? Ich kenne Sie nicht ich habe Sie nie geſehen.“ „Nun zut! ich heiße Jerome und bin ein Waſ⸗ ſerträger. und ein ehrlicher Mann, darauf bin ich ſtolz. Ich, ich kenne Sie, ich weiß, daß Sie ſich vor einiger Zeit mit Herrn Guerreville ge⸗ ſchlagen Ich weiß nicht, welche Kränkung Sie ihm zugefügt haben, aber er ſagt, Sie ſeien ein Schurke, und wenn dies ein achtbarer Mann ſagt, ſo muß es auch wahr ſein. Auch haben Sie ihm eine tiefe Wunde beigebracht, an der er faſt ge⸗ ſtorben wäre. Dieſer Herr Guerreville iſt mein Wohlthäter und ich bin hergekommen, um ihn zu rächen. Begreifen Sie mich jetzt?“ „Ah! Herr Guerreville hat Sie zu ſeinem Ver⸗ theidiger gewählt!“ „Herr Guerreville hat mich nicht gewählt, er ahnt nichts von dem, was ich heute thue; denn er würde es mir vielleicht verboten haben, weil er hofft, ſich wieder mit Ihnen zu ſchlagen, ſobald er die Kraft dazu hat. Aber ich habe mir ſelbſt das Verſprechen gegeben, Sie aufzuſuchen und die Par⸗ tie zu gewinnen, welche ein braver Mann verloren hat. Nun, ich hoffe, dies ſeien Gründe genug; wir wollen uns jetzt ſchlagen.“ Paul de Kock. X0VII. 8 114 „Nein, ich werde mich nicht mit Ihnen ſchlagen, da ich Sie nicht kenne. Noch einmal, laſſen Sie mich vorübergehen, mein Herr.“ „Ah, keine Beleidigungen... Sie werden nicht weiter gehen „So vernehmen Sie denn, daß ſich ein Mann meines Standes nicht mit ſo einem hergelaufenen Menſchen ſchlägt.“ „Hergelaufener Menſch!.. ein hergelaufener Menſch!“ ſchrie Jerome, indem er näher auf Emil zutrat und ihm ſcharf ins Auge ſah.„Ah, es iſt wahr, ich bin ein hergelaufener Menſch, weil ich eine Jacke trage, in einer Dachkammer wohne und im Schweiße meines Angeſichtes mir mein Brod verdiene. Aber Sie o, Sie ſind kein herge⸗ laufener Menſch!... Sie haben Geld. Sie machen Aufſehen und noch mehr, Sie ſind ein Unverſchämter, ein Schuft. und dabei noch ein Feigling, wie ich ſehe!“ „Unverſchämter!“ ſchrie Emil wüthend.„O, Du wirſt mir dieſe Kränkung theuer bezahlen!“ „Ah, gerade recht!. erhitzen Sie ſich doch endlich. das iſt mir ſehr lieb. Wohlan.. raſch zu dem Nöthigen!“ Und hierauf holte Jerome zwei tüchtige Stöcke herbei, die er hinter der Hecke hatte liegen laſſen, und reichte ſie Emil mit den Worten hin:„Wäh⸗ len Sie.“ „Ich ſchlage mich nicht mit einem Stocke,“ ant⸗ wortete Emil, die Achſeln zuckend. 1¹⁵ „Und warum denn nicht, mein ſchöner Herr?“ „Weil ich mich niemals ſolcher Waffen bedient habe.“ „Nun gut, ſo fangen Sie heute damit an O, ſie ſind feſt, ich ſtehe Ihnen dafür, daß dieſe nicht zerbrechen werden.“ „Sie ſehen wohl, daß Sie mit Ihrem Vortheile Mißbrauch treiben wollen, da Sie mir dieſen Kampf vorſchlagen. Sie ſind gewohnt, ſich eines Stockes zu bedienen, ich habe niemals einen angerührt.. würde da der Kampf auf beiden Seiten gleich ſein? „Und was hindert Sie, mein Herr Stutzer, einen Stock ſo zu handhaben, wie ich?„ Ich zähle fünfzig Jahre, Sie nur dreißig, dadurch ſcheint mir doch das ausgeglichen zu werden, was in Be⸗ treff der Gewohnheit für mich ſpricht Wohlan, wählen Sie!“ „Hier find die Waffen, deren ich mich gewöhn⸗ lich bediene,“ ſagte Emil, indem er aus ſeiner Taſche ein Paar Piſtolen hervorzog;„dieſe machen durch⸗ aus beide Theile gleich, denn es bedarf keiner Her⸗ kulesfauſt, um den Hahnen einer Piſtole aufzu⸗ ziehen Nun gut, mein Aufdringlicher, das bringt Sie ein wenig außer Faſſung das lächelt Sie nicht ſo an, wie die Stöcke!“ „Ah! Sie ſollen ſehen, daß ich vor keiner Waffe zurückweiche!“ rief Jerome;„wenn ich Sie behan⸗ deln wollte, wie Sie es verdienten, ſo müßte ich Ihnen die Piſtolen entreißen und Sie mit einem 116 Stricke erwürgen, aber ich bin kein ſo Feigling, wie Sie, und nehme dieſe Waffen an, damit ich Sie tödte und Herrn Guerreville räche!. was liegt mir daran, auf welche Weiſe dies geſchieht? Wohlan, geben Sie mir eines von Ihrem kleinen Taſchen⸗ ſpielzeugen!“ Jerome warf die Stöcke bei Seite und wartete nicht erſt, bis ihm Emil die Piſtole reichte, er riß ihm eine aus der Hand und trat drei Schritte von ihm zurück, ſpannte ſeine Piſtole und zielte mit den Worten:„Sind wir ſo weit genug?“ „Man ſchlägt ſich gewöhnlich nicht ſo nah,“ er⸗ widerte Delaberge, deſſen Muth vor dem entſchloſ⸗ ſenen Betragen des Auvergnaten zu finken ſchien. „Oh! wir dürfen uns nicht fehlen es wird ſchon ſehr dunkel, und ich habe nicht Luſt, aufs Gerathewohl loszuſchießen. Wohlan! kommen wir zum Ziele. Ich werde mit dem Fuße ſtampfen. beim zweitenmal ſchießen wir zugleich los.“ Jerome nahm ſeine Waffe und gab das erſte Zeichen; Emil beeilte ſich, ſeine Piſtole zu ſpannen; der Auvergnate erhob kaum den Fuß, um das zweite und letzte Zeichen zu geben, als Emil ſchon ab⸗ drückte die Piſtole verſagte. „Ah! die meine wird nicht verſagen, wie ich hoffe,“ rief Jerome, und in demſelben Augenblick ging ſeine Waffe los; die Kugel fuhr in Emils Bruſt, welcher faſt auf ſeinen Gegner hinſtürzte. „Ich denke, er hat ſeine Bezahlung!“ ſagte Je⸗ rome, indem er ſeine Piſtole auf den Boden warf, 117 „aber, Leufel! hätte ſein Schuß nicht gefehlt, ſo würde ich ihm wohl haben vortanzen müſſen, denn er hat mit dem Losdrücken ein wenig geeilt Mein Herr, ich werde Ihnen Ihren Diener ſchicken, er wird Sie in Ihre Herberge zurückbringen.“ „Ich bitte, Jerome,“ ſagte Emil mit ſchwacher Stimme, und indem er ſich zu erheben verſuchte, „ich bitte, bringen Sie mich ſelbſt fort mein Diener iſt nicht in dem Wirthshauſe„ich fühle, daß ich tödtlich verwundet bin; ich möchte gern noch Zeit gewinnen, einige Zeilen an Herrn Guerreville zu ſchreiben, den ich auf ſo unwürdige Art ge⸗ kränkt habe„Sie können in dem Gaſthofe vor⸗ geben, Sie hätten mich auf dieſem Fußſteige ge⸗ funden„ und ich verſpreche Ihnen, Niemand zu ſagen, daß ich mich mit Ihnen geſchlagen habe.“ „Es ſeil ich will es gerne thun. Uebrigens fürchte ich mich gar nicht, mich als Ihren Gegner zu be⸗ kennen; da Sie aber Reue empfinden, ſo iſt das die Hauptſache, und ich verweigere Ihnen meinen Bei⸗ ſtand nicht.“ Hierauf beugte ſich Jerome nieder, hob den Ver⸗ wundeten auf und nahm ihn auf ſeine Schultern; dann ging er mit dieſer ſchweren Laſt beladen auf das Dorf zu, während ſich Emil bemühte, mit dem Schnupftuche das Blut zurückzuhalten, welches ſtrom⸗ weiſe aus ſeiner Wunde floß. Der Auvergnate gelangte endlich in das Gaßt⸗ haus. Bei dem Anblick des in ſeinem Blute ſchwim⸗ menden Reiſenden beſtürmte Jedermann Jerome mit 118 Fragen. Emil hatie noch die Kraft zu antworten: „Ich habe mich geſchlagen. mein Gegner iſt ent⸗ flohen dieſer brave Mann fand mich und hatte die Kraft, mich bis hieher zu tragen.“ Man trug den Verwundeten auf ſein Bett und lief nach einem Arzte; aber Emil verlangte vor Allem Dinte und Papier. Er wollte die geringen Kräfte, die ihm noch geblieben waren, benutzen, um einige Zeilen zu ſchreiben; er brachte dies mit großer Ueberwindung ſeiner Leiden zu Stande, dann gab er Jerome ſein Billet und ſagte ganz leiſe zu ihm:„Geben Sie dies Herrn Guerreville Sie haben ihn gerächt. und Sie haben auch Ste⸗ phanie Dolbert vom Verderben gerettet; denn ich wollte dieſe Nacht in ihr Zimmer einſteigen„in der Hoffnung, ſie ihrer Unſchuld zu berauben. Indeß, bevor ich ſterbe, möchte ich ihr gern noch ein letztes Lebewohl ſagen ſie noch einmal ſehen „Ich will zu dieſen Damen hingehen,“ ſagte Zerome,„ſie ſollen erfahren, was Ihnen begegnet iſt wie Sie es wünſchen„Oh! ich zweifle gar nicht, daß Sie kommen werden, für Sie zu ſorgen. Adieu, mein Herr, ſuchen Sie, wieder zu geneſen, wenn dies möglich iſt. Ich kehre nach Paris zurück, wo ich Herrn Guerreville die Geſund⸗ heit auf einmal wiederzugeben hoffe.“ Nachdem Jerome dieſe Worte beendet hatte, nahm er das Billet, das ihm Emil überreichte und ging gerade in dem Augenblicke aus dem Gaſthofe fort, 1¹9 als ein Arzt dort ankam. Der Waſſerträger verfügte ſich ſeinem Verſprechen gemäß zu Madame Dolbert; als er vor deren Hauſe anlangte, bemerkte er den Diener von Delaberge, welcher, den Befehl ſeines Herrn befolgend, dieſen unter Stephaniens Fenſter erwartete. „Sie warten vergebens auf Ihren Herrn,“ ſagte Jerome zu Düpré gewendet. Er hat ſich eben auf Piſtolen geſchlagen und nur noch wenige Augenblicke zu leben; geben Sie der Madame Dolbert Nach⸗ richt davon; Herr Emil Delaberge will ſie vor ſeinem Tode noch einmal ſehen.“ Der Bediente blieb über dieſe Rachricht wie verſteinert ſtehen; bevor er ſich aber aus ſeinem Staunen erholen konnte, war Jerome ſchon auf dem Wege nach Paris; denn der Auvergnate hatte ſolche Eile, zu Herrn Guerreville zu gelangen⸗ daß er ſeine Schritte verdoppelte und den größten Theil der Wagen, die nach Paris fuhren, noch hinter ſich ließ. Trotz der angewandten Eile aber, war es ſchon ein Uhr Nachts, als Jerome nach Paris kam. Der Auvergnate bedachte nun, was zu thun wäre. Sollte er ſich ſo ſpät in der Nacht noch zu Guerreville begeben? Er hätte vielleicht, um ſich Eingang zu verſchaffen, das ganze Haus aufwecken und die Ruhe des Geneſenden, dem der Arzt die größte Schonung empfohlen hatte, ſtören müſſen. Jerome ſah wohl ein, daß er, trotz ſeines lebhaften Wunſches, Herrn Guerreville zu ſprechen, ſeinen Beſuch 120 dennoch auf den folgenden Tag verſchieben mußte. Der Waſſerträger kehrte in ſeine beſcheidene Woh⸗ nung zurück, aber er ſchloß die ganze Nacht kein Auge. Er hatte den Brief, welchen Emil Delaberge ihm für Guerreville übergeben; aber obgleich dieſer Brief nicht verſiegelt war, ſo erlaubte ſich Jerome doch nicht, einen Blick hinein zu werfen; er glaubte damit etwas Unrechtes zu thun. Endlich kam der Tag. Jerome zählte die Mi⸗ nuten, die Sekunden. Um ſechs Uhr ging er aus und begab ſich nach Guerreville's Wohnung, indem er zu ſich ſagte:„Wenn er noch ſchläft, nun gut! dann werde ich warten, bis er aufwacht.“ Georg, der dem Auvergnaten die Thür öffnete, konnte ſich nicht enthalten, zu ihm zu ſagen:„Sie kommen ja ſehr früh, Herr Jerome.“ „Allerdings, Herr Georg, aber ſehen Sie, wenn man gute Nachrichten mitzutheilen hat, dann, glaube ich, kommt man niemals zu früh. Vor allen Dingen: wie befindet ſich Herr Guerreville?“ „Sehr wohl. Oh! mit ihm hats keine Ge⸗ fahr mehr. er iſt geſtern ein wenig aufgeſtanden, und in dieſem Augenblicke ſchläft er noch.“ 64 „Er ſchläft. dann will ich ſeinen Schlaf nicht ſtören. Ich werde warten, bis er erwacht; aber ſ bald er die Augen öffnet, benachrichtigen Sie m 5 davon, Herr Georg.“ 3 „Oh! ich verſpreche es Ihnen.“ Jerome ſetzte ſich in einen Winkel des Speiſe⸗ ſaals; hier blieb er länger als eine 121¹ Guerreville genoß noch immer eines ſanften und friedlichen Schlummers. „Ich bin doch froh,“ ſagte Jerome,„daß er ſo gut ſchläft! und doch würde ich mich nicht ärgern, wenn er aufwachte; aber ich werde warten, denn die Ruhe muß ſeine Geneſung beſchleunigen. Eine halbe Stunde floß wieder hin; es kam Jemand; es war der Doktor Jenneval, welcher ſich erkundigen wollte, wie es ſeinem Freunde die Nacht ergangen wäre. Als er Jerome bemerkte, ging er auf ihn zu, reichte ihm die Hand und ſagte:„Was machen Sie hier?“ „Ich warte auf das Erwachen des Herrn Guerreville.“ „Sie wollen ihn wohl heute ſprechen?“ „Ja; denn ich habe gethan, was ich mir ver⸗ ſprochen hatte und ich bringe ihm eine Nachricht, die ihm Freude machen wird die kann ihm doch nichts ſchaden, nicht wahr, Herr Doktor?“ „Nein, gewiß nicht!“ In dieſem Angenblicke ertönte die Glocke in Guerreville's Zimmer, bald erſchien auch Georg und kündigte an, ſein Herr ſei erwacht. „Wir wollen eintreten,“ ſagte Jenneval und begab ſich in das Schlafzimmer ſeines Freundes, von dem Auvergnaten begleitet, welcher ganz auf⸗ geregt war und zitterte, wie in Kind, in dem Augen⸗ blicke, da es eine große Freude empfindet. „Guten Tag, mein lieber Jenneval,“ ſagte Guerreville, dem Doktor die Hand reichend, dann 122 bemerkte er erſt Jerome, der ſich ihm auf den Fuß⸗ ſpitzen näherte. Ah! Sie ſind es, mein theurer Jerome! kom⸗ men Sie doch näher, mein Freund, ich bin ſehr erfreut, Sie zu ſehen; ich weiß, daß Sie oft her⸗ kamen, ſich nach meinem Befinden zu erkundigen... Aber es iſt mir ein Räthſel geblieben, warum Sie nicht zu mir hereinkommen wollten. Glaubten Sie vielleicht, mir läſtig zu werden? Hielten Sie mich für ſo ſchlimm, um zu glauben, Ihr Beſuch könnte mir gleichgültig ſein?“ „O nein! mein lieber Herr, nein, das war es durchaus nicht, aber ſehen Sie„ich hatte es mir geſchworen und ich wollte meinen Schwur halten.“ „Einen Eid, Jerome?“ „Ja, mein Herr; denn als Sie ſich geſchlagen hatten als ſie verwundet waren und faſt ge⸗ ſtorben wären, da ſagte ich zu mir: Du, Du biſt Schuld daran; denn Alles dieſes wäre nicht vorge⸗ kommen, wenn ich Sie nicht gebeten hätte, zu Ma⸗ dame Dolbert zu gehen.“ „Jerome, machen Sie ſich deßhalb keine Vor⸗ würfe! Sie haben mir dadurch einen Dienſt geleiſtetz Sie haben mir dazu verholfen, Jemanden wieder zu finden, den ich ſeit ſehr langer Zeit ſuchte; das Schickſal der Waffen iſt mir diesmal nicht günſtig geweſen aber ich hoffe ein andersmal.“ „Das iſt unnütz, Herr Guerreville, Sie haben nicht mehr nöthig, ſich mit Herrn Emil Delaberge 123 zu ſchlagen. ich habe es auf mich genommen, Sie zu rächen und dem Himmel ſei Dank, es iſt mir vollkommen gelungen.“ „Was wollen Sie damit ſagen, Jerome?“ rief Guerreville, ſich halb im Bette aufrichtend. „Ich will damit ſagen, daß ich mir geſchworen hatte, Sie nicht früher wiederzuſehen, bevor ich Sie an dem, der, wie man ſagte, an Ihrem Un⸗ glücke Schuld iſt, gerächt hätte. Ohl ſeit vierzehn Tagen lief ich ihm nach, und es koſtete mich große Mühe, bevor ich die geſuchte Gelegenheit fand! Endlich aber, geſtern Abend, habe ich ſie gefunden. Ich begegnete Herrn Emil auf dem Felde, in der Rähe jener Damen auf einem einſamen Fuß⸗ pfade. Ich habe ein Geſpräch mit ihm begonnen. Er wollte ſich anfangs nicht mit mir ſchlagen, aber ich habe ihn dazu gezwungen Ich habe ihm einen Stock angeboten, den wies er zurück; er reichte mir Piſtolen hin, ich nahm eine; wir ſchoſſen uns ſehr nahe, und er hat das Seine bekommen eine Kugel in die Bruſt. Ohl es würde mich ſehr wun⸗ dern, wenn er dieſen Morgen noch lebte.“ „Jerome.. Jerome! wäre es möglich?.. Sie haben mich gerächt!“ „Ja, mein Herr; verzeihen Sie mir, daß ich alſo ohne Ihre Erlaubniß gehandelt habe aber ich konnte nicht anders! ich hielt es für meine Pflicht!“ „Ahl Sie ſind ein braver Mann!“ ſagte Jenneval, die Hand des Auvergnate ergreifend. 124 „Ach, mein Gott, Herr Doktor, ich habe nur die Gelegenheit benützt, mich für die mir längſt erwieſenen Wohlthaten dankbar zu bezeigen Was war da Beſonderes dabei, daß ich ſo han⸗ delte?“ „Guter Jerome,“ ſagte Guerreville,„dieſer Emil Delaberge war in der That ſehr ſchuldig.. Aber doch, bevor er ſtarb, hätte ich gewünſcht. O, wenn er mir ſein Unrecht hätte eingeſtehen können!“ „Er hat es eingeſtanden; ſeine erſten Worte waren, ſich als ſehr ſchuldig gegen Sie zu beken⸗ nen.„dann hat er einige Zeilen an Sie geſchrie⸗ ben und mir dringend empfohlen, ſie Ihnen zu überreichen. Hier iſt das Papier. o, ich habe es bei mir.“ „Wäre es möglich!. Emil hätte endlich ge⸗ ſtanden. O, geben Sie her, Jerome, geben Sie raſch her!“ „Mein Freund,“ ſagte der Doktor, ſich dem Bette nähernd,„ich fürchte eine zu ſtarke Aufre⸗ gung „Nein, Jenneval, nein, fürchten Sie nichts; ich werde Kraft haben, ſeit langer Zeit bin ich auf Alles vorbereitet; aber Ungewißheit iſt die ſchreck⸗ lichſte aller Qualen.“ Jerome hatte in die Taſche gegriffen und zog ein von ihm ſorgfältig eingewickeltes Papier her⸗ aus; es überreichte es Guerreville, der es zitternd ergriff und haſtig durchlas. Hierauf fielen große Thränen aus ſeinen Augen und er vermochte nur 125⁵ auszurufen:„O der Elende, ich hatte ſeine Schänd⸗ lichkeit wohl errathen.“ „Was ſchreibt er Ihnen denn?“ fragte Jenneval. „Ich will es Ihnen vorleſen, was er mit zit⸗ ternder Hand hingekritzelt hat; zuvor aber, mein Freund, ſoll Jerome erfahren, wie groß die Schuld dieſes Emils war, damit er ſein ganzes Benehmen gegen mich kenne. So hören Sie denn, Jerome, und urtheilen Sie, ob mein Haß gegründet war. Ich hatte eine Tochter, die ich anbetete, ſie war die Hoffnung meiner alten Tage, ſie war meine Zukunft, mein Glück.„ auf meiner LTochter be⸗ ruhte all meine Lebensfreude. Sie war jung, ſchön, gefühlvoll. Dieſer Emil kam unter einem ange⸗ nommenen Namen in mein Haus; es gelang ihm, meine Tochter zu verführen, ihre Vernunft zu be⸗ täuben, indem er ſie glauben machte, ich würde niemals meine Einwilligung zu ihrem Glücke geben. Der Schändliche, er wollte ſie nicht heirathen, er wollte ſie nur entehren„ Endlich entführte er ſie mir und alle meine Nachforſchungen waren vergeb⸗ lich. Ich konnte nicht erfahren, was er mit mei⸗ nem Kinde angefangen hatte. In der erſten Zeit ſchrieb mir meine Tochter noch, ſie verſprach mir, wiederzukommen, ſie ſchmeichelte ſich mit der Hoff⸗ nung, ihr Entführer würde ſie heirathen; bald aber blieben die Briefe aus, und ſeit neun Jahren habe ich keine Nachricht von meiner Tochter.“ „Neun Jahre!“ rief Jerome, der mit jedem Augenblicke größere Theilnahme an Guerreville's 126 Erzählung zu finden ſchien;„neun Jahre!.. iſt ſonderbar!“ Ohne Jerome's Ausruf zu beachten, ſetzte Guerre⸗ ville ſeine Erzählung fort. „Sie können ſich nun meinen Schmerz, meine Verzweiflung denken. Vergeblich reiste ich überall umher nichts, keine Nachricht, weder von mei⸗ ner Tochter noch von ihrem Entführer. Aber ſtellen Sie ſich mein Erſtaunen, meinen Unwillen vor, als ich in dieſem Emil Delaberge denjenigen erkannte, welcher ſich unter dem Namen Daubray haite bei mir einführen laſſen. Der Elende! er ſtand im Begriff, ſich zu verheirathen Ah, meine erſte Bewegung war, meine Tochter von ihm zurückzu⸗ fordern. Der Riederträchtige that, als kenne er mich nicht! Ich zwang ihn, ſich mit mir zu ſchla⸗ gen; Sie kennen den Ausgang dieſes Kampfes. Heute, in ſeiner Sterbeſtunde, iſt endlich ſein Ge⸗ von Thränen erſtickten Stimme:„Ich bin ſehr ſchuldig, mein Herr, aber im Augenblicke, da ich Ihnen Ihre Tochter entführt und ſie insgeheim nach Paris gebracht; ich hatte jedoch niemals die Abſicht, ſie zu heirathen. Nach Verfluß von ſechs Monaten, müde ihrer Klagen, verließ ich ſie. Das Schlimmfte das ſ ſterben ſoll, erkenne ich meine Fehler. Ja, ich habe 1 wiſſen erwacht. aber er gibt mir meine Tochter nicht wieder. Sehen Sie, was er mir ſchreibt.. Hören Sie, hören Sie wohl!“ Guerreville nahm das Papier und las mit einer 127 aber dabei war, daß ſie gerade damals Mutter werden ſollte „Mutter!“ rief Jerome und ſchlug ſich an die Stirn. „Und dieſer heilige Titel rührte mein Herz nicht. Ach, ich bin ein Ungeheuer! Was nach dieſer Zeit aus Ihrer Tochter geworden iſt, das weiß ich nicht, ich ſah ſie niemals wieder. Heute iſt ſie gerächt worden ich werde ſterben und ich fühle, daß ich keine Verzeihung verdienel“ „Meine arme Lochter!„ mein liebes Kind!“ rief Guerreville, als er den Brief zu Ende geleſen hatte.„O, ohne Zweifel iſt ſie vor Verzweiflung geſtorben! Aber ſie ſollte Mutter werden.„ O⸗ mein Gott! ich hätte noch nicht Alles verloren, wenn Du mir wenigſtens ihr Kind gelaſſen hätteſt.“ „Mein Freund, mein Freund, ich bitte, beruhi⸗ gen Sie ſich,“ ſagte der Doktor, indem er Guerre⸗ ville's Hände ergriff.„Ja, das Benehmen dieſes Delaberge war ſchändlich, aber Jerome hat Sie doch wenigſtens gerächt und Aber ſehen Sie doch, wie dieſer brave Mann aufgeregt iſt Ihre Erzählung hat einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht.“ In der That konnte Jerome nicht mehr auf einer Stelle bleiben; er ging, kam wieder, ſprach abge⸗ brochene Worte aus, indem er Guerreville mit ge⸗ rührten Blicken betrachtete; endlich trocknete er die Schweißtropfen ab, die von ſeiner Stirn herab⸗ floſſen, und bemühte ſich vergeblich, die Thränen zurückzuhalten, welche ſeine Augen verdunkelten. 128 „Jerome, mein Freund, was haben Sie denn?“ fragte Guerreville, den Auvergnaten unruhig be⸗ trachtend;„Sie weinen, wie ich glaube.“ „Ach, mein guter Herr. beklagen Sie mich nicht. ſie find ſo ſüß, es find Thränen der Freude, des Glückes. Ach, mein Gott, wäre es mög⸗ lich!. O, aber ich würde zu glücklich ſein. ich wage es noch nicht, daran zu glauben.“ „Erklären Sie ſich doch, mein Freund.“ „Ach! das kann ich nicht ich kann es nicht; bevor ich ſpreche, muß ich nach Hauſe laufen die Papiere, die Briefe bervorſuchen, welche als Beweiſe dienen ſollen. O, Gott ſei Dank, ich habe immer Alles ſorgfältig aufbewahrt.. Warten Sie auf mich warten Sie auf mich; o, ich werde nicht lange aus ſein.“ Und Jerome lief wie toll hinaus. Guerreville und der Doktor ſahen einander an, ſie begriffen das Benehmen des Waſſerträgers durchaus nicht, und erwarteten deßhalb nur um ſo ungeduldiger deſſen Zurückkunft.. Noch waren nicht zehn Minuten verfloſſen, als Jerome keuchend zurückkehrte, mit Schweiß und Staub bedeckt; er ſetzte ſich raſch an Guerreville's Bett, indem er ſagte:„Jetzt, mein Herr, yören Sie mich an ich werde mich deutlicher erklären. Es mögen ungefähr neun Jahre ſein. ja, es war im Monat Oktober, meine arme Frau lebte noch; wir hatten uns eben ein kleines Dachſtübchen in einem Hauſe der Rue Saint⸗Martin gemiethet. 129 Eines Tages ſagte meine Frau, als ſie nach Hauſe kam:„Wir haben unter uns eine junge Frau zur Nachbarin, die ſehr artig iſt, die aber ſehr traurig, ſehr unglücklich zu ſein ſcheint; ſie iſt nahe daran, Mutter zu werden, und ihre Augen zeigen, daß ſie beſtändig weint. Ich bilde mir ein, daß es ein junges Mädchen iſt, die ein ſchlechter Menſch ver⸗ führt und dann hat ſitzen laſſen.““ „O mein Eott!“ rief Guerreville, Jerome un⸗ terbrechend,„dieſe arme Frau war vielleicht „Warten Sie, warten Sie und Muth, mein Herr. Ich ſagte zu meiner Frau: beſuche dieſe arme Dome und nimm keinen Anfßand, ihr Deine Dienſte anzubieten, wenn ſie deren bedarf; Nach⸗ barn müſſen ſich gegenſeitig behülflich ſein. Darauf hatte meine Frau nur gewartet. Sie ging hin und bot der jungen Nachbarin ihre Dienſte an; dieſe war durch das freundliche Entgegenkommen meiner Frau ſehr gerührt, und wenn ſie mit ihr ſprach, ſagte ſie immer:„„Sobald mein Kind auf der Welt ſein wird und ich wieder genug Kräfte werde geſammelt haben, will ich zu meinem Vater zurück⸗ kehren zu meinem Vater, den ich verlaſſen habe aber er wird mir verzeihen, denn er iſt ſo gut! O ja, bei ihm werde ich nicht mehr un⸗ glücklich ſein.““ „Ach, Jerome, ſie war's meine Pauline, meine Tochter.. O ja, ſie mußte ſo ſprechen.“ „Mein Freund, Muth!“ ſagte der Doktor;„ſo wiele Aufregungen„ ich fürchte Paul de Kock. XCVIIMI. 9 130 „O, Doktor, laſſen Sie ihn ſprechen! Kommen Sie zu Ende, Jerome.“ „Kurz, meine Frau tröſtete dieſe junge Dame, ſo viel ſie es vermochte. Sie ſah wohl ein, daß dieſe auch einen Undankbaren, der fie verlaſſen hatte, beweinte, deſſen Namen ſie aber niemals ausſprach. So vergingen einige Tage. In einer Nacht ver⸗ mehrten ſich die Leiden der jungen Dame, ſie war ihrer Niederkunft nahe ich lief zu einer Heb⸗ amme Endlich, nach großen Schmerzen, gebar die junge Nachbarin ein Mädchen, das ſehr zart, ſehr ſchwach ausſah und ſchon zu leiden ſchien, wie ſeine Mutter; meine Frau wich nicht von der armen jungen Dame. Den Morgen nach ihrer Ent⸗ bindung fühlte ſie ſich nicht recht wohl, wollte je⸗ doch an ihren Vater ſchreiben. Da ſie fürchtete, lange Zeit ſchwach zu bleiben, ſo wünſchte ſie, ihm ihre Tochter anzuvertrauen und ihm ihr Kind zu empfehlen. Sie fing einen Brief an aber ſie weinte, während ſie ſchrieb endlich hatte ſie nicht die Kraft, ihn zu beenden; ihre Leiden ver⸗ mehrten ſich, bald ergriff ſie ein Delirium, um ſie nicht mehr zu verlaſſen, und den folgenden Tag „O mein Gott, mein armes Kind!„ Aber dieſen Brief dieſen Brief, Jeromel „O, ich hae ihn. deßhalb ging ich eben nach Hauſe, um ihn zu holen. Unglücklicherweiſe hatte die junge Dame nicht mehr die Kraft, die Adreſſe darauf zu ſetzen, ſonſt, das können Sie ſich wohl 131¹ denken, würde ich ihn ihrem Vater gebracht haben. Sehen Sie ſehen Sie, hier iſt er.“ Jerome reicte Guerreville einen angefangenen Brief hin; dieſer hatte nicht ſobald einen Blick hin⸗ eingeworfen, als er ſchon einen Schrei ausſtieß, den Brief an ſeine Lippen drückte und ausrief: „Meine Tochter! meine Lochter!.. O, freilich, ſie war es. Ihre geliebte Hand hat dieſe Schriſt⸗ züge auf dies Papier gezeichnet!“ Alsdann las Guerreville mit von Schluchzen unterbrochener Stimme: „Verzeihen Sie mir, mein guter Vater! Ihre Pauline war ſehr ſchuldig, aber der Himmel hat ſie ſchon dafür beſtraft. Ich bin Mutter„ ich habe eine Lochter geboren. Lieben Sie dieſe, wie Sie mich einſt liebten, und wenn ich Sie nicht wie⸗ derſehen ſollte.. „Armes Kind! ihre Hand konnte nicht weiter ſchreiben. Sie iſt todt. todt! ohne daß ich ſie habe umarmen können.“ Guerreville gab ſich von Neuem der Verzweif⸗ lung hin, als Jerome ihn beim Arm ergriff und ſagte:„Mein Herr, mein Herr, vergeſſen Sie denn, daß Pauline nicht ganz und gar für Sie todt iſt, daß ſie eine Tochter hinterlaſſen hat.. ihr zweites Ich?“ „Ja, Jerome aber dieſes Kind „Dieſes Kind? Nun, ich habe für daſſelbe ge⸗ ſorgt, ich. ich pabe es behandelt wie meine eigene Tochter, da ſeine Mutter geſtorben war, ohne über 132 ihre Familie den mindeſten Fingerzeig zu hinter⸗ laſſen. Das arme Kind, was wäre aus ihm ge⸗ worden! aber Jerome war da.. Und errathen Sie denn nicht, daß jene kleine Zinzinette.. „Wäre es möglich?“ „Ja, mein Herr! ja, das iſt die Tochter Ihrer armen Pauline. Ich habe es noch Niemand geſagt, daß ich eigentlich nicht ihr Vater bin; wozu ſollte man auch von dem wenigen Guten, das man ge⸗ than hat, ſprechen.. Aber nur deßhalb habe ich darein gewilligt, mich von ihr zu trennen, denn ich dachte, es wäre zu ihrem Glücke und ich hätte nicht das Recht, mich dem zu widerſetzen.“ „Jerome mein lieber Jerome!. O, Sie ſind ein Gott für mich!“ Guerreville öffnete dem Auvergnaten ſeine Arme, welcher hineinſtürzte, und fie hielten ſich ſo einige Augenblicke umſchlungen. Als endlich der Augenblick der erſten Aufregung vorüber war, ſuchte man ſich zu beruhigen, ſich zu verſtändigen. Guerreville wollte aufſtehen, um ſich ſogleich zu Zizine zu begeben, aber der Doktor widerſetzte ſich dem; der Kranke gab jedoch erſt dann nach, ſich ruhig zu verhalten, als Jerome ihm verſprochen hatte, ſich ſogleich in einem Ca⸗ briolet auf den Weg nach Beaumont zu machen, um Zizine herbeizuholen. „Aber,“ ſagte Guerreville,„ſollte dieſer Emil noch leben, ſo hüten Sie ſich wohl, ihm zu ſagen, daß dieſes Kind ſeine Tochter ſei. Der Leichtfinnige ———,— ——„—— 133 hat die Mutter verlaſſen und iſt daher nicht würdig, ſeine Tochter jemals in ſeine Arme zu ſchließen.“ „O, ſeien Sie ruhig,“ ſagte Jerome,„nimmer werde ich ihm meine theure Kleine anvertrauen! Nicht für ihn habe ich ſie erzogen und neun Jahre hindurch Sorge getragen.“ Der brave Auvergnate konnte nicht mehr ruhen; Georg hatte einen Wagen herbeigeholt und ſetzte ſich auf Befehl ſeines Herrn mit Jerome ein. Dem Kutſcher wurde geſagt, daß er bekommen ſollte, was er nur fordern würde, wenn er raſch fahre; man rollte dahin, daß die Funken von dem Fflaſter ſtoben; um zwölf Uhr Mittags waren ſie in Beau⸗ mont. Jerome ließ vor dem Hauſe der Madame Dol⸗ bert halten. Er wollte eintreten, da hielt ihn der Portier mit den Worten zurück:„Die Damen ſind in dem Gaſthauſe des Dorfes; Herr Emil Delaberge iſt dort, der ein Duell gehabt hat. Es ſieht ſehr ſchlimm mit ihm.. ſo ſchlimm, daß man ihn nicht mehr hat hierherbringen können.. Die Damen ſind ſehr um ihn beſorgt.“ „Und Zizine?“ „Sie iſt bei den Damen.“ Jerome ſchlug ſogleich den Weg nach dem Gaſt⸗ hauſe ein; er trat ein; an den traurigen Mienen Aller erkannte er, daß der Verwundete ſich noch nicht beſſer befände; ein Dienſtmädchen führte ihn in das niedrige Zimmer, in welchem Emil lag, in⸗ dem ſie zu ihm ſagte:„Wenn Sie ihn noch einmal 134 ſprechen wollen, ſo beeilen Sie ſich, denn der Arzt verſichert, er werde den Tag nicht überleben.“ Jerome trat leiſe in das Zimmer. An einem Fenſter ſtand Madame Dolbert und verſuchte es, Stephanie zu tröſten, welche bitterlich weinte; denn Emil hatte, indem er ſeiner Braut alle ſeine frü⸗ heren Fehler und ſelbſt das Attentat, was er gegen ſie eben noch im Sinne gehabt hatte, geſtand, durch ſeine Reue die Liebe wieder zu erwecken gewußt, die ſie einſt für ihn empfand; am meiſten aber rührte es den Auvergnaten, daß er die kleine Zizine vor dem Bette des Verwundeten knieen ſah. „Tritt näher, arme Kleine,“ ſagte Emil mit ſchwacher Stimme;„ich liebte Dich nicht, ich habe Dir nie ein freundliches Wörtchen geſagt... doch heute, ich weiß nicht, warum. heute macht es mir Vergnügen, Dich zu ſehen... Zizine, ver⸗ zeihe mir auch„ und bitte den Himmel, daß er mir vergebe.“ Das Kind weinte und betete. In dieſem Augen⸗ blick näherte ſich Jerome; er gab Madame Dolbert ein Zeichen, Stephanie hinauszuführen, aber nur mit vieler Mühe gelang es der Mutter, ihre Toch⸗ ter aus dem Gaſthauſe fortzubringen und ſie dem traurigen Anblicke von dem Tode desjenigen zu entziehen, der ihr Gemahl hatte werden ſollen. Als Madame Dolbert und ihre Tochter das Zimmer verlaſſen hatten, näherte ſich Jerome Emil, und indem er auf Zizine, die noch immer auf den Knieen lag, zeigte, ſagte er ganz leiſe zu ihm: — 135 „Möge der Himmel Ihnen gnädig alles das Böſe verzeihen, das Sie ihrer Mutter zugefügt haben.“ „Ihrer Mutter?“ murmelte Emil;„o mein Gott! wäre es möglich dieſes Kind Er hatte nicht mehr die Kraft, weiter zu ſpre⸗ chen, er ergriff Zizinens Hand und wollte ſie an ſeine Lippen bringen, bald aber ſchloſſen ſich ſeine Augen, um ſich nicht wieder zu öffnen. Hierauf nahm Jerome die Kleine in ſeine Arme und beeilte ſich, das Gaſthaus zu verlaſſen. Er begab ſich zu Madame Dolbert und brachte ihr die Nachricht, daß Emil aufgehört hätte zu leben.“ „Nun,“ ſagte Jerome mit triumphirender Stimme,„kann ich dieſe Kleine zu ihrem Vater bringen.“ „Zu ihrem Vater?“ riefen Stephanie und Ma⸗ dame Dolbert zu gleicher Zeit, während das Kind ſeine Arme um den Auvergnaten ſchlang und zu ihm ſagte:„Aber Du biſt ja mein Vater darf ich denn nicht mehr Deine Tochter ſein?“ „O, liebe Kleine, ich liebe Dich ſo ſehr, als wenn Du meine Tochter wäreſt; jetzt aber mußt Du die Wahrheit erfahren. Ich bin nicht Dein Vater, ich habe nur die Sorge für Deine Kindheit übernommen... Du haſt mir dafür reichlich durch Deine Zärtlichkeit und Liebe vergolten. Arme Zi⸗ zine!„ Ich habe Deine Mutter ſterben ſehen, und ich wußte Deine Verwandten nicht aufzufinden, daher war es ganz in der Ordnung, daß Du mich Deinen Vater nannteſt. Aber heute hat es der 136 Himmel gewollt, daß ich Deinen rechten Vater ent⸗ deckte; Deine Mutter, theure Kleine, Deine Mutter war die Lochter von Herrn Guerreville, der un er Wohlthäter geworden iſt; er ſuchte, er beweinte ſie ſeit neun Jahren aber er hat nicht Alles verloren, da er Dich wiederfindet. Du wirſt ihm ſeine theure Pauline erſetzen... denn Du biſt ja auch ſeine Tochter, Du!... und Du wirſt ihn recht ſehr lieben, nicht wahr?... Du wirſt es mit aller Kraſt der Zärtlichkeit verſuchen, ihm das Glück wiederzugeben, deſſen er ſchon ſo lange beraubt ißt.“ „O ja, ich liebe Herrn Guerreville ſehr,“ ſagte Zizine weinend,„aber ich will auch, daß Du noch immer mein Vater bleibſt!“ Stephanie, die Alles mit angehört hatte, drückte die Kleine an ihr Herz und ſagte:„Alſo verliere ich Alles auf einmal... die Liebe und die Freund⸗ ſchaft.. Alles, was mein m Leben einen Reiz geben ſollte, meine Hoffnungen für die Zukunft.“ „O, tröſte Dich, meine gute Freundin,“ ſagte Zizine,„Herr Guerreville iſt auch ſehr gut... Er weiß Alles, was Du für mich gethan paſt, und er wird mir erlauben, Dich oft zu beſuchen. Nicht wahr, Jerome?“ „Ja, ohne Zweifel, ich ſtehe dafür, wir wer⸗ den in Zukunft recht glücklich ſein. Aber Dein Großvater erwartet Dich, meine Zinzinette. Seit neun Jahren weint dieſer brave Mann und es iſt endlich Zeit, ihn zu tröſten.“ Jerome hörte weiter auf nichts, er trug die 137 Kleine fort und fſtieg mit ihr in das Cabriolet, wo er ſie auf ſeinen Schooß ſetzte; denn der gute Au⸗ vergnate wollte ſich noch die letzten Augenblicke zu Nutze machen, in denen er Zizine wie ſeine Tockter behandeln konnte; aber auf der ganzen Strecke des Weges hörte er nicht auf, dem Kinde zu wieder⸗ holen:„Du wirſt Herrn Guerreville ſogleich Dei⸗ nen Vater nennen immer Deinen Vater.. O, es wird ihm ſehr wohl thun, ſich ſo nennen zu hören; dieſer liebe Herr!.. dies wird ſeine Geneſung ſehr befördern.“ Endlich war man in Paris und hielt vor Guerre⸗ ville's Wohnung. Dieſer war aufgeſtanden und hatte ſich ins Fenſter gelegt; der Doktor hatte ihm dies nicht verbieten können. Als er Zizine aus dem Wagen ſteigen ſah, verdunkelten ſich ſeine Blicke, Thränen füllten ſeine Augen, er ſank faſt bewußt⸗ los auf ſeinen Lehnſtuhl. Aber er kam wieder zu ſich, als er die mit ſanfter Stimme an ihn gerichteten Worte vernahm:„Mein Vater, wollen Sie nicht Ihre Tochter umarmen?“ Wer könnte das Glück, das Entzücken dieſes Mannes malen, der ſich ſeit neun Jahren nicht bei dieſem Namen hatte rufen hören! Er drückte Zi⸗ zine in ſeine Arme, er überſchüttete ſie mit Lieb⸗ koſungen, er konnte nicht müde werden, ſie anzu⸗ ſehen, denn in dieſem Kinde ſah er ja auch ſeine Pauline wieder. „Braver Jerome!“ ſagte Guerreville, als er die Kraft zu ſprechen wiedergefunden hatte,„Ihnen 138 verdanke ich mein ganzes Glück! O mein Freund, verlaſſen Sie mich nicht mehr. Ich wünſche, daß Sie Ihre Beſchäftigung aufgeben und den Reſt Jh⸗ rer Tage in Ruhe und Behaglichkeit verleben.“ „Ich mich zur Ruhe begeben!“ ſprach Jerome. „Ah, warum denn? ich bin nicht krank! Meinen Stand verlaſſen! O nein, Herr Guerreville. Er⸗ lauben Sie mir, immer Waſſerträger zu bleiben, und nichts als Waſſerträger.. Sie werden mich deßhalb nicht weniger gern bei ſich ſehen, und ich werde dadurch beruhigter ſein. Ah, wenn ich nicht mehr die Kraft haben ſollte, meine Eimer zu tra⸗ gen, dann würde ich nicht nein ſagen, dann würde ich zu Ihnen kommen und Sie um ein kleines Kämmerchen bitten, in einem Winkel.. Sie wer⸗ den mir doch immer erlauben, meine Zinzinette zu umarmen. das iſt Alles, was ich brauche, um glücklich zu ſein.“ Statt aller Antwort drückte Guerreville den Au⸗ vergnaten an ſeine Bruſt und die Kleine ſprang ihm an den Hals. Man ſagt, große Aufregungen wären gefährlich, aber diejenigen, welche die Freude erzeugt, haben ſelten eine üble Nachwirkung. Acht Tage nach die⸗ ſem Ereigniſſe war Guerrville vollkommen herge⸗ ſtellt; ſeine Enkelin hatte ihn aber auch nicht einen Augenblick verlaſſen, und ſie war ſo liebenswürdig, ſo ſanft, ſo zärtlich, daß er gar nicht müde werden konnte, zu ihr zu ſagen:„Mein theures Kind! Du haſt mir meinen Verluſt vollkommen erſetzt.“ —————— 139 Madame Dolbert kam nit ihrer Stephanie wie⸗ der nach Paris. Unter guten Leuten kommt ein Freundſchaftsverhältniß bald zu Stande. Guerreville fühlte ſich glücklich, Madame Dolbert und Stepha⸗ nien ſeine volle Hankbarkeit für dasjenige an den Tag legen zu können, was ſie für Zizine gethan hatten. Es bildete ſich ein feſtes Band zwiſchen dieſen Menſchen, und auf dieſe Weiſe ſah Zizine ihre junge Beſchützerin ſehr oft. Jerome kam häufig, um diejenige, die er einſt ſeine Tochter genannt hatte, zu umarmen, und der Anblick von Zizinens Glück belohnte ihn für Alles, was er für ſie gethan hatte. Der Doktor Jenneval, dieſer treue und zuver⸗ läſſige Freund, deſſen angeſtrengte Sorgfalt Guerre⸗ ville s Leben erhalten hatte, ſchien auch zur Fami⸗ lie zu gehören, und nach Verlauf von einiger Zeit verlöſchten ſein liebenswürdiger Charakter und die Heiterkeit ſeines Geiſtes bei Stephanie das Anden⸗ ken an ihre erſte Liebe. Vadevant verließ an einem ſchönen Morgen Paris, um ſich nach Algier zu begeben, wo er bei der Verheirathung ſeiner Couſinen Devaux gegen⸗ wärtig ſein wollte, die endlich zwei Beduinen für ſich gefeſſelt hatten. Eines Tages beſuchte Jenneval ſeinen Freund, nahm ihn bei Seite und ſagte zu ihm:„Ihre ent⸗ flohene Pathe iſt ohne Adalgis zurückgekehrt, Ma⸗ dame Grillon aber verſichert, daß ein gewiſſer Lelan ſehr gerne bereit wäre, ſie zu heirathen; envlich iſt 140 auch unſer Künſtler Julius, nachdem er ohne Erfolg in mehren Provinzialſtädten geſpielt hat, zu ſeiner Mutter nach Paris zurückgekehrt, deren Gatte ihm jedoch ſein Durchgehen nicht verzeihen will.“ „Mein Freund,“ ſagte Guerreville,„greifen Sie in meine Kaſſe, thun Sie, was Sie für an⸗ gemeſſen finden.. Ich werde Agathen ausſtatten und Julius ſo viel geben, daß er ſich etabliren kann.. Ich wünſche ihr Glück; aber vaß ich ſie liebe. daß ich ihnen gut ſei, wie meinen Kin⸗ dern ach, das iſt mir nicht möglich! Glauben Sie mir, Doktor, wir empfinden die Vatergefühle nur für diejenigen, welche uns dieſen ſo ſüßen Na⸗ men geben und bei denen wir uns nicht ſcheuen, ſie öffentlich unſere Kinder zu nennen. — Erſtes Kapitel. Zweites Drittes Viertes Fünſtes Sechstes Erſtes Kapitel. Zweites Drittes Viertes Fünſtes Erſtes Kapitel. Zweites Drittes Viertes Fünftes Inhalt des erſten Theils. Seit⸗ Der Bär von Chateau⸗Thierry.. 5 Eine Schachpartie. 6 3. 32 Ein Ball auf der Unterpräfektur„ 146 Aushängetafeln Das kleine Mädchen Begegnungen„„ 104 Inhalt des zweiten Theils. Julius und Agathe 1 Ein Freund und ein Ueberläſtiger 24 Nachrichten von Zizine„147 Der Profeſſor der Deklamation. Die Damen Dolbert Inhalt des dritten Theils. Das Diner bei Herrn Grillon 5 Stephaniens Liebe..* 42 Ein Feſttag. 5. 6 4 Eine Erzöhlung 65 Der Schutentt 00 142 Inhalt des vierten Theils. Erſtes Kapitel. Ereigniſſe. 6. Zweites— Das Caſé des Comödiens Drittes— Die Ceremonie. ⸗ Viertes— Der Schutzengel. Fünftes— Was Jerome alles that Sämmtliche Buchhanblungen Deutſchlands ſind im Falle eine Anzahl Eremplare des berühmten Prachtwerks: Tanſend und Eine Nacht. Arabiſche Erzählungen, zum erſtenmale aus dem Urtext überſetzt von Dr. G. Weil. 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