— S Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Ednard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seiß und eſebedingungen. 1 ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur En pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgen 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2 Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird vo ijedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun den angenommen. S 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Ahonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat:— pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3„ 3 Auswärtige Aponnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersat?. Für beſchmutzte, zerriſſene⸗ verlorene und vefecte Bicher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ve lorene oder vefecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 2 7 Ausleihereit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ——— Von Paul de Rock. Deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. Dritter Theil. Stuttgart: Scheible, Bieger* Sattler. 1846. Erſtes Kapitel. Das Diner bei Herrn Grillon. Der feſtgeſetzte Tag, an welchem das Diner bei Herrn Grillon ftattfinden ſollte, war herange⸗ kommen; Guerreville ſchickte ſich an, ſich zu den Eltern ſeiner Pathe zu begeben. Er hatte dieſe ihm ſehr läſtige Einladung nur mit Widerwillen angenommen; aber er hatte ſein Wort gegeben und das brach er nie. Mademoiſelle Agathe hatte in der Zwiſchenzeit ihrem Pathen einen Beſuch gemacht, um ihn an ſein Verſprechen zu erinnern, aber Guerre⸗ ville befand ſich damals nicht zu Hauſe. „Sie amüfiren ſich bei dem Diner vielleicht beſ⸗ ſer als Sie glauben,“ ſagte der Doktor, als er am Morgen ſeinen Freund verließ.„Das Vergnügen hält uns im Leben oft nicht Wort, es bleibt aus, wo wir darauf rechnen, es anzutreffen; aber zur Entſchädigung dafür treffen wir es auch zuweilen, wo wir es gar nicht ſuchten.“ „Ich mich amüfiren!“ ſagte Guerreville, indem er Jenneval die Hand drückte;„Sie müſſen doch wohl einſehen, daß dies mir unmöglich iſt, wo ich auch immer ſein mag; ich kann mich manchmal zwingen, meine Leiden zu vergeſſen; aber ſelbſt dann, wenn ich mir Gewalt anthue zu lächein, iſt . 6 der Ausdruck meines Geſichtes meinem Herzen ganz fremd... Jeder Tag ſelbſt ſteigert meinen Schmerz, denn täglich ſehe ich die Hoffnung, die ich noch hegte, wiederzufinden, was ich verloren hatte, ſich vermindern.“. „Wenn man Ihren Kummer kennte, ſo würde man Sie in Ihren Nachforſchungen unterſtützen können und vielleicht würden dieſelben dann einen beſſern Erfolg haben.“ Guerreville gab dem Doktor keine Antwort; er ließ den Kopf auf die Bruſt finken und entfernte fich von ihm. Um drei Viertel auf fünf Uhr klingelte Guerre⸗ ville bei Herrn Grillon. Agathe öffnete ihm die Thüre, und als ſie ihn erblickte, brach ſie in Aus⸗ rufungen der Freude, des Entzückens aus, als wenn Manna vom Himmel auf das Haus herabfiele. „Ah, welches Glück! es iſt mein Pathe! Ah⸗ guten Tag, mein Pathe! Mama, es iſt mein Pathe! Sie ſind ſehr liebenswürdig, daß Sie Ihr Verſpre⸗ chen nicht vergeſſen haben.. Papa, das iſt mein Pathe.. O, Papa iſt im Keller!“ Treten Sie doch ein, mein Pathe... Ah, daß ich Sie endlich umarmen kann! Sie erlauben es mir doch, nicht wahr, mein Pathe?“ Und ohne einé Antwort abzuwarten, hatte Ma⸗ demviſelle Agathe Guerreville ſchon umarmt, der, beſtürzt über den Lärm, den ſein Eintreten herbei⸗ führte, ganz befangen in den Salon trat, ohne Zeit gehabt zu haben, ſich zu faſſen. Hier empfing Madame Grillon ihren Gaſt; die Mutter von Agathe trug ein kleines, roſenfarbenes Hütchen auf dem Kopfe, das vielleicht für eine Familienmutter ſchon nicht mehr recht paßte; aber die alte Bekannte von Guerreville ſah noch gut aus, und deßhalb war das roſenfarbene Hütchen nicht gerade lächerlich. Ein junger Mann mit glatten Haaren und ſiei⸗ fer Binde um ſeinen Hals war ebenfalls im Salon, wo er eben damit beſchäftigt zu ſein ſchien, eine unrechte Falte, die er an ſeinem Vorhemdchen ent⸗ deckt hatte, auszuglätten. Es war ein hübſcher Burſche, ein ganzer Stutzer, mit einer ſehr ſelbſt⸗ gefälligen Miene. Dann war noch ein ſo großer, ſo langer Mann da, daß ſein Kopf faſt die Decke berührte und daß Alle, die in ſeiner Nähe waren, wie Zwerge er⸗ ſchienen; er war ſo mager, ſo dürr, daß ſeine Glieder beim Gehen zuſammenzubrechen ſchienen. Er war auch noch jung, aber er hatte nichts von einem Stutzer an ſich und ſchien durch ſeine ſchlanke Geſtalt ganz verwirrt. Madame Grillon empfing Guerreville mit einem zärtlichen Lächeln, mit welchem ſie viel ſagen zu wollen ſchien. Die beiden jungen Leute hatten ſich bei ſeinem Eintritt in den Salon erhoben; aber Agathe ließ ihrer Mutter kaum Zeit zum Sprechen; ſie ging, kam, hüpfte um ihren Pathen herum und ſchien weder ihrem Körper noch ihrer Zunge die geringſte Ruhe gönnen zu wollen. 8 „Es ſchmeichelt uns ſehr, daß Sie die Güte gehabt haben, unſere Einladung anzunehmen,“ ſagte Madame Grillon, indem ſie den Blicken von Guerre⸗ ville zu begegnen ſuchte, welcher ziemlich kalt er⸗ wiverte:„Madame, Sie ſind viel zu gütig, darum wollte ich es Ihnen nicht abſchlagen, obgleich ich ſehr wenig in die Welt gehe und. „O ja, es iſt ſehr liebenswürdig von meinem Pathen, daß er gekommen iſt! Ich bin ganz glück⸗ lich, Sie zu ſehen, mein Pathe „Agathe hat gar nicht aufgehört, uns von Ihnen zu ſprechen,“ ſagte Madame Grillon, indem ſie einen leichten Seufzer unterdrückte. „Meine Pathe ift ſehr gütig.“ „Ich, mein Pathe, wenn ich Jemanden liebe, ſo liebe ich ihn auch von ganzem Herzen; das iſt bei mir immer ſo und dann, manchmal begeg⸗ net mir dies ſehr ſchnell.“ „So ſchweige doch, Närrin!“ ſagte Madame Grillon, indem ſie ihrer Tochter einen leichten Schlag auf die Wange gab; dann näherte ſie ſich Guerre⸗ ville und ſagte mit halber Stimme zu ihm:„Sie iſt noch ſehr kindiſch, ſehr läppiſch, aber auch ſehr gefühlvoll. Sie iſt ganz mein Abbild ſo war ich auch in ihrem Alter. Erinnern Sie ſich noch?“ Guerreville, der die Rückerinnerungen und An⸗ denken fürchtete, gab ſich den Anſchein, als hätte er nichts gehört, und wendete ſich zu Agathe, die ihm ſagte:„Mein Pathe, das iſt Herr Adalgis, 9 von dem ich Ihnen geſprochen habe, der ſo ſchöne Romanzen ſingt und das Horn blaſen lernt, um mich zum Piano zu begleiten.. Werden Sie bald im Stande ſein, mich zu begleiten, Herr Adalgis?“ Der junge Mann verbeugte ſich, indem er ſagte: „Mein Fräulein, ich will mich nicht eher in einem Salon hören laſſen, als bis ich eine große Fertig⸗ keit erlangt habe; ich finde, daß die ſchönen Künſte gegenwärtig keine Mittelmäßigkeit mehr dulden... Wenn man nicht ein ſchönes Talent hat, ſo macht man ſich nur lächerlich. Ich aber will fliegen und nicht hinken.“ „Das iſt richtig,“ ſagte der große junge Mann;z „man macht ſich über Sie.. ich wollte ſagen, ſih lächerlich.“ „O, Sie werden hören, mein Pathe, wie gut Herr Adalgis ſingt,“ ſagte Agathe; dann neigte ſie ſich an Guerreville's Ohr und fügte hinzu: „Dieſer junge Mann hat ein allerliebſtes Beneh⸗ men, nicht wahr, mein Pathe? Er würde um kei⸗ nen Preis ein Vorhemdchen tragen, das nicht nach der neueſten Mode gemacht wäre Der andere große, der dort iſt, iſt Herr Lélan; man ſagt, er ſei ſehr bemitielt, aber ich kann ihn durchaus nicht leiden, dieſen jungen Mann. Er iſt mir erſtens zu groß, und wenn er etwas ſagen oder erzählen will, ſo verſpricht er ſich immer. Er iſt nicht wie Herr Adalgis, der ſpricht ſehr gut.. Ah, da kehrt der Papa aus dem Keller zurück, ich höre ihn. Papa, kommen Sie doch, mein Pathe iſt St Paul de Kock. XCvI. 10 „Mein Freund, Herr Guerreville iſt angekommen!“ ſchrie ihrerſeits Madame Grillon. Herr Grillon erſchien hierauf in der Thüre des Salons; er hielt noch ſeinen Flaſchenkorb in der einen und ein Licht in der andern Hand. Er wußte nicht, ob er ſeine Laſt zuerſt abſetzen oder damit eintreten ſollte, um den Pathen ſeiner Tochter ſchnel⸗ ler willkommen heißen zu können; in dieſer Unent⸗ ſchloſſenheit blieb er an der Thüre ſtehen und rief: „Guten Tag, Herr Guerreville! Ich bin ſehr er⸗ freut... Ich komme eben aus dem Keller.. Und Ihre Geſundheit?... Ich bvitte tauſendmal um Verzeihung ich habe die Finger voll Talg... dieſes Licht hat auf mich geträufelt.. Sie be⸗ finden ſich voch wohl?“ „Beſorgen Sie doch Ihre Geſchäfte, Herr Gril⸗ lon,“ ſagte Guerreville;„thun Sie ſich um meinet⸗ willen keinen Zwang an, ich bitte Sie darum.“ „Ich bin im Augenblick bei Ihnen. Es iſt ſehr unangenehm, wenn Einem ein Licht auf die Finger träufelt. Jeannette! Jeannette!“ Grillon verſchwand mit ſeinem Korbe und ſei⸗ nem Lichte, und Madame rief aus:„Er hat die Manie, immer ſelbſt in den Keller gehen zu wol⸗ len... Was wollen Sie lich muß ihn wohl ma⸗ chen laſſen! Das iſt die einzige häusliche Angele⸗ genheit, in die er ſich miſcht.“ „Ich kann darin nichts Böſes ſehen,“ ſagte Guerreville. „Ich bin in meinem Leben noch in keinen Keller 11 hinabgeſtiegen,“ ſagte Herr Adalgis, indem er ſich in einem Fauteuil ausſtreckte. „Gerade wie ich,“ ſagte Herr Lelan,„ich bin nie in einen Schacht. ah, ich wollte ſagen, in einen Keller hinabgeſtiegen.“ „Ich will hoffen, daß die Damen Devaux nicht werden auf ſich warten laſſen,“ ſagte Madame Grillon,„es fehlt Niemand mehr als ſie.“ „Ah, Du weißt, daß Laura nie mit ihrem Anzuge fertig wird,“ ſagte Agathe,„ſie hat immer etwas vergeſſen; aber das iſt gleich, ſie ſind dennoch lie⸗ benswürdig; ich habe Laura geſagt, ſie ſolle ihre Caſtagnetten mitbringen, ſie iſt ſehr ſtark auf den Caſtagnetten. Haben Sie ſie ſchon einmal gehört, Herr Adalgis?“ „O, Mademviſelle, die Caſtagnette iſt kein In⸗ ſtrument! Sie ſind gut, um ſich beim Tanzen des Boléro oder der Folies d Espagne zu begleiten. Im Uebrigen aber kenne ich nichts Abgeſchmackteres.“ „Ah, das iſt ſonderbar! Ich glaubte, ſie wären allerliebſt.“ Grillon trat in den Salon, noch in ſeine Fin⸗ ger hauchend, und lief auf Guerreville zu, um ihm die Hand zu drücken. „Wie geht es Ihnen, Herr Guerreville? Ich bitte Sie um Verzeihung, daß ich nicht auf der Stelle da war, um Sie zu empfangen aber ich war im Keller.“ „Mein Herr, dieſe Damen waren da, und Sie brauchten ſich nicht zu geniren.“ „Gehen Sie auch in Ihren Keller, Herr Guerre⸗ ville? Meinerſeits gehört das zu meinen Vergnü⸗ gungen. Ich laſſe alle meine Flaſchen die Revue paſſiren; ich ſehe nach, ob die Pfropfen nicht locker geworden find.“ „Ihre Fräulein Tochter macht die Honneurs bei Ihnen ſchon ſehr gut.“ „Es gibt dem Wein einen ſchlechten Geſchmack, wenn er moufſirt, dann nehme ich die Flaſche ſorg⸗ fältig aus dem Haufen hervor und ſtecke andere Pfropfen darauf.“ „Wir warten nur noch auf die Familie Devaur,“ ſagte Madame Grillon;„ich bin erſtaunt, daß ſie noch nicht angekommen ſind das iſt ſehr wider⸗ wärtig, denn mein Eſſen iſt fertig.. Aber wenn ſie in fünf Minuten noch nicht gekommen find, ſo ſetzen wir uns zu Tiſche.“ „Ah, Madame,“ ſagte Guerreville, ſich vom Herrn des Hauſes entfernend,„wir können warten. Wir ſind dazu genöthigt, da es Damen ſind.“ „Immer galant, Herr Guerreville.“ „Wenn der Wein anfängt, ſich zu ſetzen,“ ſagte Grillon, ſich dem ſchönen Adalgis nähernd,„dann iſt es etwas Anderes, das verlangt andere Vor⸗ kehrungen; man muß ihn ſorgfältig in andere Fla⸗ ſchen umgießen. Es gibt. Leute, die es auch noch anders machen „Ich verſtehe von all dieſem nichts,“ ſagte der Stutzer, indem er ſich erhob, um mit Agathen zu plaudern. Alsdann näherte ſich Grillon dem großen 13 Lélan und fuhr fort:„Die Weine, welche ſich ſetzen, ſind nicht ſchlecht, wie man behauptet, aber ich habe nicht gerne Heſen in meinem Glaſe. Sie werden mir ſagen: man gießt langſam ein, aber der Wein iſt doch immer trübe. Dann iſt das beſte Mittel, denſelben raſcher auszutrinken. Ha! ha! Nicht wahr?“ „Allerdings, das beſte Mittel iſt, ihn nicht zu trinken.“ „Wie?“ „Ich wollte ſagen: ihn ſogleich auszutrinken.“ Man klingelte heftig und Agathe machte einen Freudenſprung, indem ſie rief:„Ah! die Damen find da!“ Nun trat Herr Adalgis vor einen Spiegel, in den er einen Blick warf, um zu ſehen, ob in der Harmonie ſeines Haares nichts geſtört wäre; Herr Lelan fiellte ſich hinter die Stühle, die er ſchon anbieten zu wollen ſchien; Grillon und ſeine Toch⸗ ter verließen den Salon, um den Ankommenden entgegenzugehen. Madame Grillon benützte dieſen Moment, um ſich Guerreville zu nähern und ihn ſanft am Arme zu drücken, indem ſie leiſe ſagte:„O Eduard! wie glücklich bin ich, Sie wieder hier zu ſehen! Welche Bewegung bringt Ihre Gegenwart in mir hervor! Welches Vergnügen! ich bin für Sie immer Euphe⸗ mie! Einſt Ihre Euphemie. Aber würdigen Sie mich kaum eines Blickes?“ Guerreville war nahe daran, zu erwidern: „Madame, wenn Sie nicht zu Ende kommen, ſo werde ich meinen Hut nehmen und fortgehen;“ aber in der Geſellſchaft muß man häufig die Kunſt an⸗ zuwenden wiſſen, die freiwilligen Antworten, die uns aus der Liefe des Herzens kommen, zurückzu⸗ halten. Guerreville ſchwieg, und die Ankunft der Familie Devaur verhinderte die zärtliche Euphemie, das Geſpräch weiter fortzuführen. Der Salon wurde durch die drei Neuangekom⸗ menen faſt gänzlich ausgefüllt. Als Guerreville die Madame Devaux, eine dicke Frau, erblickte, welche ſchon über die fünfzig Jahre hinaus war und einen ungeheuren Turban auf dem Kopfe trug, ſuchte er ſich zu erinnern, wo er ſie ſchon einmal geſehen hätte; der Anblick der beiden Töchter beſtätigte ihn in der Ueberzeugung, es wäre nicht das erſtemal⸗ daß er ſich mit der Familie Devaur zuſammen be⸗ fände. Bald kehrte auch ſeine Erinnerung zurück: die dicke Mama war dieſelbe Dame, welche er bei der Beſichtigung der Wohnungen mit Fourré, wäh⸗ rend ſie im Begriffe war, ſich ihre Schuhe zuſchnü⸗ ren zu laſſen⸗ angetroffen hatte. Mademoiſelle Laura war das junge Frauenzimmer, welches ihm die Thüre geöffnet hatte, während ſie ein Stück Butter⸗ brod verzehrte; die jüngere Tochter endlich, Fräu⸗ lein Ophelia, war die Clavierſpielerin. „Mein Gott, wie grauſam iſt es von Ihnen, ſo ſpät zu kommen 1“ rief Madame Grillon, indem ſie auf Madame Devaux und ihre Töchter zuging und ſie umarmte. 4 15 „Es iſt nicht meine Schuld, meine liebe Freun⸗ din,“ ſagte die dicke Mama, indem ſie der Geſell⸗ ſchaft graziöſe Verbeugungen machte; wir waren fortgegangen und ſchon auf der Straße, um hieher zu kommen, als ich zu Laura ſagte:„„Aber, meine Theure, die Strümpfe fallen Dir ja herunter, ſie ſind nicht feſt genug angezogen. Was ſoll denn das heißen?““ Sogleich ſah ſich Laura an, be⸗ fühlte ſich und rief, lachend wie eine Närrin, die ſie auch iſt:„Ah, ich habe meine Strumpfbänder vergeſſen!““ Hierauf, Sie können es ſich wohl vor⸗ ſtellen, mußte ſie nochmals hinaufgehen, um ihre Strumpfbänder anzulegen. Laura ſagte:„Ich könnte ſie zwar wohl entbehren, aber ich will nicht zu einem Diner ohne Strumpfbänder kommen.““ Im Uebrigen ſcheinen Sie mir Alle recht geſund zu ſein.“ Grillon wartete, bis ſeine Frau und ſeine Toch⸗ ter ihre Umarmungen beendigt hatten, um auch hinzugehen und ſein Geſicht auf das der Damen zu legen. Adalgis begrüßte die Fräulein Devaux wie Bekannte, Lélan bot Stühle an und Guerre⸗ ville konnte ſich der ſtllſchweigenden Bemerkung nicht enthalten, daß die Kleidung der beiden Mäd⸗ chen, die eben angekommen waren, mit der von ſpaniſchen Reiterinnen oder Seitänzerinnen ſehr viel Aehnlichkeit habe.“ Mademviſelle Ophelia hielt eine Notenrolle un⸗ ter dem Arme, welche ſie auf das Piano legte. Agathe lief zu ihr hin, indem ſie rief:„Ah, Sie haben Romanzen mitgebracht! O, wie gut Sie kleinen Arien nehmen ihr die Stimme. Ich ver⸗ lange, daß ſie nicht mehr von Roſini, Meyerbeer abgehe.. Richt war, Ophelia, Du wirſt nicht mehr davon abgehen, Du haſt es Deiner Mutter 3 verſprochen?“ „Ah, Madame!“ ſprach Adalgis mit einer Art 3 von ſpöttiſchem Lächeln,„ich hoffe, daß Sie ihr wohl auch Compoſitionen von Mozart erlauben werden 7“ „Von Mozart?“ entgegnete Madame Devaux, wie Jemand, der ſich an etwas zu erinnern ſucht. „Wie, von dem, der in der Rue St. Honoré Con⸗ certe gibt?“ „Nein, Madame, ich ſpreche nicht von Muſard, aber wohl von dem Componiſten des Don Juan und der Hochzeit des Figarv.“ „Ah, das iſt etwas Anveres! Die Hochzeit des Figaro! Herrlich! Ich habe ſie im Theater frangais geſehen. das hat mich ſehr erheitert.“ Avalgis wandte ſich lachend zu Agathe, dann warf er ſich auf den Divan; in dieſem Augenblick rief eine Dienerin am Eingang des Salons:„Das Diner iſt bereitet, Madame.“ „Zu Liſche! zu Tiſche!“ ſagte Grillon;„das Eſſen darf nicht kalt werden. Meine Herren, den Damen den Arm!“ ſind! Sie werden uns doch etwas ſingen!“ „Meine Tochter hat große Muſikſtücke mitge⸗ 1 bracht,“ ſagte Madame Devaux,„denn ich will ſie 5 keine Romanzen mehr ſingen laſſen.. Alle dieſe ————— 17 Und der Herr des Hauſes reichte den ſeinigen der Madame Devaux, Adalgis bemächtigte ſich Aga⸗ thens und Opheliens, Lélan beugte ſich zu Laura hinab; es blieb nur noch Madame Grillon übrig, welche erwartete, daß Guerreville ihre Hand er⸗ greifen würde, die ſie ihm von ſelbſt darbot, ſo daß er ſich doch endlich entſchloß, ſie anzunehmen; ſie drückte ihm die ſeine heftig und ſtieß tiefe Seuf⸗ zer aus, bis man in den Speiſeſaal gelangte. Als Alles Platz genommen hatte, befand ſich Guerreville zwiſchen Madame Grillon und Madame Devaux; dieſe hatte Guerreville ſchon mehremale betrachtet, als ihr die zärtliche Euphemie ſagte: „Dieſer Herr iſt der Pathe meiner Tochter, einer von unſern alten Freunden, der lange Zeit von Paris abweſend war und über deſſen Wiederſehen wir entzückt find.“ „Erfreut, ſeine Bekanntſchaft zu machen,“ er⸗ widerte Madame Devaux;„aber das Aeußere des Herrn iſt mir nicht unbekannt und ich ſuche... „Ich kann Ihr Gedächtniß auffriſchen, Madame,“ ſprach Guerreville;„ich kam einſt zu Ihnen, um mir das Logis zu beſehen, welches Sie damals in der Straße Montmartre bewohnten, und Sie hat⸗ ten die Güte, mir zu erlauben, es in Augenſchein zu nehmen, obgleich Sie Ihre Loilette noch nicht beendet hatten.“ „Ah, ich hab's ich erinnere mich.. Ja, mein Herr, ſo iſt es. Sie ziehen mich da aus einer großen Patſche! Sie kamen mit dem Portier?“ ————— — 18 „Ganz richtig, Madame.“ „Auch ich erinnere mich daran,“ rief Fräulein Laura,„ich war damals gerade damit beſchäftigt, Mama die Schuhe zuzuſchnüren.. „Welche mir zu weit waren!“ ſchrie Madame Devaux.„Wohlan, mein Herr, haben Sie eine Wohnung nach Ihrem Geſchmack gefunden? Sie haben die unſere nicht genommen und Sie thaten wohl daran; es war dort fürchterlich ſchmutzig, es gab ſo viel zu putzen. Aber nun haben wir eine herrliche Wohnung.“ „Deſſenungeachtet ziehen wir wieder aus,“ ver⸗ ſetzte Laura lächelnd. „Wie, Sie ziehen aus?“ ſagte Grillon.„Ah⸗ Sie zieh... Herr Lelan, tragen Sie doch Sorge für die Damen.“ Lélan beugte ſich vor und reichte Grillon das Salzfäßchen hin, das aber dieſer mit den Worten zurückſtieß:„Ich empfehle Ihnen, für die Damen Sorge zu tragen.“ 3 „Ah, ja, ja. verzeihen Sie... ich habe Sie nicht recht verſtanden.“ „Man muß wohl die Wohnung verändern,“ fuhr Madame Devaur fort, wenn man eine Tochter verheirathet.“ „Ah, Sie verheirathen immer Ophelia,“ ſprach Madame Grillon.„Nun, deſto beſſer. ich wäre ſehr erſreut, wenn es zu Stande käme.“ S „Ja, ja! O, gewiß wird es zu Stande kommen.. Es muß zu Stande kommen.“ Bei 19 dieſen Worten wendete ſich Madame Devaux hinter den Stuhl Guerreville's um und ſetzte mit halber Stimme hinzu:„Ich will Ihnen gerade nicht mit Beſtimmtheit ſagen, daß es Ophelia iſt, die ich verheirathe... Ich glaube, daß Laura ihrer Schwe⸗ ſter vorangehen wird.“ „Ah, Sie haben auch für ſie eine Partie?“ „Es iſt eine und dieſelbe.“ „Wie, ein Mann für Ihre zwei Töchter?“ „Ja! Das heißt, er machte zuerſt Ophelien die Cour, nun aber iſt er, wie ich glaube, in Laura verliebt. Er wagte es jedoch nicht, ſich auszuſpre⸗ chen. Dies hatte Verlegenheit, Erkaltung zur Folge. Sie begreifen.. O, eine vortreffliche 1. Herr Emil Delaberge, der ſeines Gleichen ſucht. Ein junger Mann, beinahe ein Millionär... und ſchön Ah, alle Frauen find in ihn vernarrt! Schon ſeit länger als vierzehn Tagen war er nicht mehr bei uns. Aber ich will ihn zwingen, ſich zu erklären. Uebrigens, dem Himmel ſei Dank, bin ich meiner Töchter wegen gar nicht in Verlegenheit; Alles iſt in ſie verliebt, überall erregen ſie die Leidenſchaften der Männer! Das iſt in ſo hohem Grade wahr, daß neulich auf dem Balle, wo ich ſo unvorſichtig war, zu äußern, ich wäre im Begriff, Laura zu verheirathen, zwei junge Männer unwohl wurden und zwei andere in einen Winkel des Salons gin⸗ gen, um zu weinen!.. Das that mir weh.. Aber ſtill! Alles das bleibt unter uns, meine Liebe!“ 20 Guerreville war ein unfreiwilliger Vertrauter von dem geworden, was man hinter ſeinem Rücken ſprach; denn wenn ſie gleich mit halber Stimme ſprach, ſo legte ſich die dicke Mama doch faſt an ſeine Ohren; aber er gab ſich den Anſchein, als hätte er nichts gehört, weil er keine Luſt hatte, in dieſe Unterhaltung gezogen zu werden. „Reichen Sie doch Ihren Nachbarinnen zu trin⸗ ken, meine Herren, ſorgen Sie für Ihre Damen,“ rief Grillon, die beſten Stücke von jeder Schüſſel für ſich ausſuchend. Lélan beeilte ſich ſogleich, eine Waſſerflaſche zu ergreifen und der Madame Devaur, die Wein von ihm verlangt hatte, das Glas voll zu gießen. „Nun, was machen Sie denn da, mein Herr?“ ſagte die dicke Frau.„Glauben Sie etwa, ich habe Luſt, mir den Magen auszuſpülen?“ „Ah, Verzeihung, Madame, ich hatte falſch gehört.“ „Ophelia, meine liebe Freundin, iß nur nicht von den eingemachten Gurken, der Geſangslehrer hat ſie Dir verboten.“ „Seien Sie unbeſorgt, Mama.“ „Ich finge nicht,“ ſagte Laura,„und deßhalb kann ich von Allem eſſen. Die eingemachten Gurken verhindern mich nicht, die Caſtagnetten zu ſpielen!“ „Geſtern hat ſie dieſelben wie ein Engel geſpielt,“ ſagte Madame Devaur.„Wir waren bei einer Soirse, wo man eine ſpaniſche Quadrille tanzte; Laura hat ſie begleitet.“ 8 21 „Ja,“ ſprach Mademoiſelle Laura, ich habe zu der Cachucha las manchegas geſpielt.“ „Und dann die Zatapette,“ ſagte die Mama. „El Zatapeato, meine Mutter, und La Jota ar- ragonesa.“ „Ja, das war's, der Jude araknese Es war entzückend, Alles war hingeriſſen. WMeine Tochter wurde von der ganzen Geſellſchaft beklatſcht.“ „Aber Herr Adalgis ſagt, die Caſtagnette ſei ein abgeſchmacktes Inſtrument!“ rief Agathe. „Abgeſchmackt!“ ſagte Laura mit einem giftigen Lächeln, während ihre Mutter den jungen Mann mit ihren Blicken durchbohren zu wollen ſchien. „Abgeſchmackt! die Caſtagnetten!“ ſchrie Madame Devaux.„Aber wie iſt denn der Herr im Stand, dies zu ſagen? Er hat wohl Spanien, Italien nicht geſehen! Die Caſtagnetten ſind dort überall angebetet. Bei den Stierkämpfen werden Caſtagnet⸗ ten geſpielt: es iſt ein Nationalinſtrument. Und was gibt einer Frau mehr Reiz.. Ach Gott!... Ich werde Ihnen nach Liſche vorſpielen und Sie werden ſehen.„ „Madame, ich habe nicht behauptet, daß die Caſtagnetten ohne Reiz ſeien, ich finde bloß, daß ſie nicht zu den muſikaliſchen Inſtrumenten gezählt werden dürfen.“ „Sie zählen doch wohl die Trommel und die Glocken dazu, welche mir die Ohren zerreißen!“ „In einem Marſche,“ ſagte Lelan, ſich aufrich⸗ tend, um zu ſprechen,„machen ſich die Glocken.. die Trommeln, wollte ich ſagen, ſehr gut; ſelbſt das kleine Horn, zweckmäßig angewendet, bringt eine kräftige Wirkung hervor. Ich habe, ich weiß nicht mehr in welcher Ouvertüre, ein Solo des Baßhorns des kleinen Horns. des Horns mit dem Schie⸗ ber gehört, mit dem.. dem Ding. wie heißt es doch welches die Begleitung ſpielte das machte ſich ſehr gut.“ „Wer iſt denn dieſer große junge Mann, der ſich in die Hörner verliert?“ ſagte Madame Devaux indem ſie ſich abermals hinter Guerreville's Stuhl neigte. „Es iſt ein ſehr talentvoller, ſehr unterrichteter junger Mann. Er kommt von einer Normalſchule.“ „Es iſt Schade, daß er niemals findet, was er ſagen will. Was aber Ihren Herrn Adalgis betrifft, der iſt ein ſehr netter Menſch, nur bildet er ſich etwas zuviel ein.“ Guerreville miſchte ſich ſehr wenig in die Unter⸗ haltung, er ſuchte ſich auch noch einer andern zu ent⸗ ziehen, die man unter dem Tiſche mit ihm anzu⸗ knüpfen ſuchte, wo gewiſſe Füße die ſeinen hartnäckig verſolgten. Agathe aber rief oft:„Sie eſſen ja gar nicht, mein Pathe.. Papa, mein Pathe ißt nicht Mama, ſprechen Sie doch meinem Pathen zu.“ Madame Grillon ſeufzte und biß ſich in die Lip⸗ pen, indem ſie erwiderte:„Herr Guerreville will nichts nehmen; wenn ich auch Alles verſuche, er berührt nichts von dem, was ich ihm anbiete.“ „Ophelia, rühre die Sardellen nicht an, meine Tochter, Dein Geſangslehrer hat ſie Dir ausdrücklich 23 verboten; er verſichert, die Sardelle ſei der Antipode der Kinnlade.“ „Es heißt: die Antipathie, meine Mutter.“ „Ja, der Antipathie, ich habe mich verſprochen. Wenn man eine ſchöne Stimme hat, ſo muß man ſie auch ſchonen. Mein zukünftiger Schwiegerſohn, Herr Emil Delaberge, iſt in ſchöne Stimmen ver⸗ narrt.“ „Ah! Ja es iſt wahr„Apropos.. Sie verheirathen alſo eine von Ihren Fräulein Töchtern,“ ſagte Herr Grillon;„ohne Zweifel die Aeltere?“ „Vielleicht Beide auf einmal,“ erwiderte Ma⸗ dame Devaux, ihren Töchtern einen Blick zuwer⸗ fend, der ſagen ſollte: ſprecht wie ich. „Alle beide.. Teufel! das iſt noch beſſer!“ „Schon ſeit vier Jahren höre ich ſie immer von der Verheirathung ihrer Töchter ſprechen,“ ſagte Adalgis zu Agathen,„und dennoch find dieſe Da⸗ men immer noch ledig.“ „Ol es iſt häͤßlich, daß Sie das ſagen.“ „Der Herr Delaberge,“ ſprach der große Lélan, „iſt das nicht ein junger Mann das heißt, nicht mehr ein ſehr junger Mann, aber ein Mann. in der Art„ „Ganz richtig!“ rief die dicke Mama,„der iſt es! Unermeßlich reich, ein hübſcher Mann, ein vollendeter Cavalier, der die Moden, den Ton an⸗ gibt; aber, Herr Adalgis muß ihn ja kennen, da er ſo viel in die große Welt kommt?“ — 24 „Emil Delaberge,“ erwiderte Adalgis, ſich das Kinn ſtreichend,„ja gewiß, ich kenne ihn ſehr gut⸗ ich war drei oder viermal in ſeiner Geſellſchaft.. Aber ich habe immer gehört wie er ſich über das Heirathen und über diejenigen, welche die Thorheit haben, ſich zu binden, luſtig machte.“ „Das iſt nicht möglich! Sie werden ſchlecht ge⸗ hört haben!“ rief Laura mit unwilliger Miene. „Uebrigeus kann Herr Delaberge ietzt nicht mehr dieſelbe Geſinnung haben,“ fagte Ophelia mit Ge⸗ ziertheit. „Ja, Du haſt Recht, Ophelia,“ ſagte Madame Devaux;„er konnte wohl ſo ſprechen und anders denken: das trifft man ja alle Tage 3 nicht von dem Senf, meine Tochter, das macht eine rauhe Stimme, wie Dein Lehrer ſagt, und ich will nicht, daß Du etwas Rauhes an Dir habeſt.“ „Meine Herrn, ſorgen Sie doch für Ihre Da⸗ men,“ ſagte Grillon, indem er ſich den Flügel eines Auerhahns bei Seite ſchob, den er eben zerlegte. „Apropos,“ rief Madame Deveaur, die es über ſich genommen hatte, den Faden der Unterhaltung nie abreißen zu laſſen,„unſer Couſin iſt ange⸗ kommen; Sie wiſſen, Madame Grillon, daß ich Jh⸗ nen geſagt habe, ich erwarte meinen Coufin, der der Hochzeit meiner Töchter anwohnen ſolle. Er iſt ſchon ziemlich lange hier, und ich habe mir er⸗ laubt, ihn aufzufordern, uns heute Abend von hier abzuholen. Ich wünſche ihn Ihnen vorzuſtellen.“ „Sie haben ſehr wohl daran gethan, wir wer⸗ 25 den ſehr erfreut ſein, die Bekanntſchaft Ihres Herrn Cvuſin zu machen.“ „Es iſt ein charmanter Mann..voll Geiſt. Er wohnt in Chateau⸗Thierry, wo man ihn anbetet wo er mit den vornehmſten Leuten zuſammen⸗ kommt, mit dem Unterpräfekten, dem Maire, den übrigen Beamten und wo er ſich in Geſellſchaft befindet, da ordnet er Alles an und erhält er Alles.“ „Iſt er noch jung?“ „Ja, ein junger Mann von vierzig Jahren.. noch ledig er iſt ſo ſchüchtern, ſo kindlich! Ein ſehr liebenswürdiger Mann; nicht wahr, meine Töchter? Euer Couſin Vadevant iſt allerliebſt?“ „Er hat einen zu dicken Bauch,“ ſagte Laura, indem ſie ſich ein Butterbrod ſtrich;„das hindert ihn aber nicht daran, wie ein Ball zu tanzen.“ „Kam er nicht nach Paris, um ſich hier nieder⸗ zulaſſen?“ „Rein, ich glaube nicht; indeß es wäre möglich man kann nicht wiſſen„ Indem ſie dieſes ſagte, betrachtete Madame De⸗ vaur ihre Tochter mit einer Miene, die noch vie⸗ lerlei ausdrücken ſollte. Bei dem Namen Vadevant hatte Guerreville eine Bewegung gemacht, die der zärtlichen Euphemie nicht entgangen warz ſie ſagte daher ſogleich zu itm: „Sollten Sie den Coufin dieſer Dame kennen? Ich glaube, in der That, Sie kommen auch von Cha⸗ teau⸗Thierry?“ Paul de Kod. X0vn. 5 26 „Ja, Madame, ich war mit dieſem Herrn zu⸗ ſammen.“ „Ah! Sie kennen meinen Coufin Vadevant,“ ſchrie Madame Devaur,„ich bin entzückt davon; Sie werden ihn dieſen Abend ſehen. O! wie gut ſich das zuſammenfindet, wie freut es mich, ihm aufgetragen zu haben, uns hier abzuholen. Ophe⸗ lia, nimm doch keine Krebſe, die ſind der Tod der Cadenzen.“. Guerreville war durchaus nicht erfreut darüber, ſich wieder mit dem neugierigen kleinen Manne zu⸗ ſammenzufinden, der ihn überall zu verfolgen ſchien. Aber er dachte ſich bei Herrn Grillon, wie überall, über dieſe Widerwärtigkeiten hinwegzuſetzen. „Mein Couſin Vadevant hat mir, ſeitdem er ſich hier befindet, ſchon einen großen Dienſt geleiſtet,“ ſprach Madame Devaur, nachdem ſie den Arm des Herrn Lélan, der ihr vurchaus die Waſſerflaſche hinreichen wollte, zurückgeſtoßen hatte.„Ich muß Ihnen nämlich ſagen, daß wir ſeit einiger Zeit kei⸗ nen Arzt mehr haben; der unſrige ſtarb und das petrübte mich ſehr; denn, ſo wie Sie mich ſehen⸗ vin ich doch ſehr gewählt, ohne daß man dies be⸗ merkt.“ „Wahrhaftig, man bemerkt durchaus nichts da⸗ von,“ ſagte Adalgis lächelnd. „Dieſer junge Mann bildet ſich zuviel ein,“ ſagte die dicke Mama ganz leiſe; dann fuhr ſie mit ver⸗ letztem Tone fort:„Ja, mein Herr, ich bin ſehr wähleriſch; ich muß mich an eine Regel, das heißt 27 an eine große Vorſicht in der Wahl meiner Lebens⸗ mittel halten.“ „Ganz wie ich,“ ſagte Lélan,„ich eſſe von Allem, aber das bekommt mir nicht gut, daß heißt, einige Speiſen; es find nicht gerade die Speiſen, die ich eſſe, aber ich ſollte nichts davon genießen.“ „Gewiß,“ fuhr Madame Devaux fort,„fehlt es in Paris nicht an Aerzten und an Männern von großem Verdienſte! Aber ich ſchwankte, ich war unentſchloſſen, als mein Couſin Vadevant, bei ſei⸗ nem Beſuche zu mir ſagte: Nehmen Sie den Dok⸗ tor Jenneval, der aus Chateau⸗Thierry mit mir hierhergekommen iſt, das iſt ein wahrer Damen⸗ Arzt, ein junger, verdienſtvoller Mann„ „Er hat Sie nicht getäuſcht,“ ſagte Guerreville, der nicht ſchweigen konnte, als er den Namen ſei⸗ nes Freundes aus ſprechen hörte. „Sie kennen ihn auch, mein Herr?“ „Sehr gut, Madame.“ „Er iſt vielleicht Ihr Arzt?“ „Noch mehr, Madame, er iſt mein Freund.“ „Alsdann, mein Herr, werde ich Ihnen wohl ein Vergnügen machen, wenn ich der Geſellſchaft einen Zug von Doktor Jenneval erzähle, welcher beweist, wie erfinderiſch er iſt, um ſeine Patienten aus einer gefährlichen Lage zu reißen! das zeigt, daß er eben ſo viel Genie, als Kenntniß beſitzt. Ich komme zur Sache. Ophelia, Du wirſt keinen Salat eſſen, meine Schöne; Du weißt, was Dein Lehrer Dir geſagt hat, der Salat und die Orgeltöne find unverträglich.“ 28 „Mama, ein Blättchen „Nein, liebe Freundin, Du würdeft Deine Tiefe verlieren, und ich will nicht, daß meine Tochter etwas von ihrer Tiefe verliere.“ „Ich werde für uns Beide eſſen,“ ſagte Made⸗ moiſelle Laura, indem ſie zugriff,„und ich fürchte nicht, an Tiefe zu verlieren, ich!“ „O! dieſe da iſt ein wahrer Satan! Eine Ge⸗ ſundheit von Eiſen, ſie würde Diamanten eſſen.“ „Teufel! ich möchte es nicht auf mich nehmen, ſie zu ernähren,“ ſagte Adalgis mit halber Stimme, und die dicke Mama begann ihre Erzählung: „Meine Herren, Folgendes iſt mir begeßnet: nachdem der Doktor Jenneval mir mehre Beſuche machte, bei welchen er ſich von der Stärke meines Temperaments überzeugt hatte, rieth er mir, zum Frühſtücke Chokolade zu nehmen, und ſetzte hinzu, dieſe würde meinen Magen vollſtändig herſtellen; aber damit es mir gut bekomme, ſagte er zu mir: Sie werden Ihre Chokolade zwiſchen zwei Glas Waſſer trinken, eines vorher und eines nachher. Ich befolgte die Vorſchrift des Doktors pünktlich, und verſpürte ſchon den beſten Erfolg, als ich eines Morgens beim Frühſtücke bedrängt oder geſtört, ich glaube, durch einen Beſuch, meine Chokolade nahm, ohne wie gewöhnlich vorher ein Glas Waſſer zu trinken; als ich meinen Irrthum bemerkte, war es ſchon zu ſpät, die Chokolade war getrunken. Ich trank mein Glas Waſſer wohl ſpäter, aber es fehlte mir doch immer dasjenige, das ich hätte vorher trin⸗ 29 ken ſollen, und meine Chokolade befand ſich diesmal nicht zwiſchen zwei Glas Waſſer. Sie begreifen meine Unruhe. Ich ſagte mir: Du haft gegen die Verordnung des Doktors gefehlt, was wird daraus entſtehen? Vielleicht die gefährlichfen Folgen; ich kann Ihnen gar nicht ſagen, wie ſehr mich ſchon dieſe Furcht krank machte.“ „Das war auch darnach,“ ſagte Madame Gril⸗ lon, indem ſie fortwährend ihren Fuß unter den von Guerreville zu ſchieben ſuchte. „Nicht wiſſend, welches Mittel ich ergreifen ſollte, entſchloß ich mich, den Doktor holen zu laſſen, in⸗ dem ich ihm ſagen ließ, es wäre ein dringender Fall. Herr Jenneval kam und fragte mich, was ich habe; ich erzählte ihm meine unglückſelige Zerſtreuung und fügte hinzu: Lieber Doktor, was macht man jetzt, damit ſich dieſe Chokolade zwiſchen zwei Glas Waſſer befinde? Jenneval, durch meine Verlegen⸗ heit gerührt, beſann ſich einige Augenblicke und rief dann aus:„„Gießen Sie das Glas Waſſer, das Sie zuerſt hätten nehmen ſollen, in eine Klyſtierſpritze und nehmen Sie ein Lavement, und auf dieſe Weiſe wird ſich ihre Chokolade zwiſchen zwei Glas Waſſer befinden.“ „Vortrefflich ausgedacht,“ ſagte Herr Grillon. „O! das iſt herrlich! Auf Ehre, das iſt ſehr gut!“ ſagte Adalgis, ſein Geſicht pinter ſeiner Ser⸗ viette verbergend. „Ich that, wie mir der Doktor verordnet hatte,“ fuhr die dicke Mama fort,„und ich empfand keinen 30 Nachtheil; aber das Auskunftsmittel, das er gefun⸗ den hatte, ſchien mir ſo geiſtreich, und zu gleicher Zeit ſo tief durchdacht, daß ich dieſe Anekdote, die den vortheilhaften Ruf des Doktors Jenneval nur erhöhen kann, mit Wohlgefallen überall erzähle.“ Die Erzählung der Madame Devaux machte auf die Geſellſchaft einen ſonderbaren Eindruck. Adalgis und Agathe erftickten faſt vor Lachen. Laura und ihre Schweſter ſchienen betroffen; der lange Lélan ſchien es nicht zu verſtehen; Grillon allein theilte den Enthuſiasmus der dicken Dame; glücklicherweiſe war man gerade beim Deſſert, und da Madame Grillon bemerkte, daß ihr Nachbar ſeine Füße hart⸗ näckig unter ſeinem Stuhle behielt, ſo ſtand ſie un⸗ willig auf und ſprach:„Der Kaffee erwartet uns im Salon.“ RNun ſtand Alles vom Tiſche auf, und Fräulein Agathe, die ſehr gerne liebkoste, benutzte den Moment, um zu ihrem Pathen zu laufen und ihn zu umarmen. Man begab ſich in den Salon, wo Herr Gril⸗ lon, indem er ſeinen Kaffee trank, zu jedem einzel⸗ nen ſeiner Gäſte ging und ſagte:„Wie ſinden Sie ihn he? Ich zweifle, ob man ihn veſſer fin⸗ den kann. Meine Frau hat ihn ſelbſt gemacht. Sie iſt ſehr gütig geweſen, meine Frau.“ „Thun Sie Cichorie hinein?“ ſagte Lelan. „Wie?“ „Ich meine: um ihm Farbe zu geben das macht ihn bitter.“ „Sie finden meinen Kaffee bitter?“ 31 „Neinz ich wollte ſagen, es gibt ihm einen gu⸗ ten Geſchmack. Es iſt wie bei meiner Tante, bei ihr trinkt man abſcheulichen Kaffee, weil ſie ihn ſelbſt bereitet.“ „Sie macht ihn abſcheulich?“ „Nein! Ich ſage Ihnen, daß er köſtlich iſt.“ „Ein kleines Gläschen von Parfait amvur, Madame Devaur,“ ſagte Grillon,„es iſt der feinſte Liqueur.“ „Nein, ich nehme keinen Liqueur, aber ich ge⸗ ſtehe Ihnen, daß ich wie die Männer bin, ich trinke Rum ich liebe mir dieſen und wenn Sie mir erlauben„ „Alles, was Ihnen angenehm iſt; Herr Lelan, gießen Sie doch der Madame Devaur Lebenswaſſer in den Kaffee.“ Der lange junge Mann näherte ſich, mit einer Flaſche bewaffnet, aus der er in die Taſſe der dicken Mama eingoß, welche ſich mehre Stücke Zucker nahm, und es verſuchte, dieſelben in dem Rum zergehen zu laſſen. Während dieſer Zeit hatte ſich Ophelia an das Clavier geſetzt, wo ſie ſpielte und trillerte, was ihr gerade in den Sinn kam. Guerreville hatte ſich niedergelaſſen, und alsbald ſtellte die zärtliche Eu⸗ phemie ihren Stuhl neben den ſeinigen. Adalgis betrachtete ſich in einem Spiegel und Mademoiſelle Laura, die ihn aus der Ferne beobachtete, ſagte zu Agathen:„Ich möchte doch wohl wiſſen, wie es Herr Adalgis macht, um ſeine Locken ſo gut in Ordnung zu halten, keine drückt die andere.“ 32 „Ahl ich weiß es, ich!“ ſagte Agathe;„ich hörte ihn mit einem ſeiner Freunde davon ſprechen.“ „Nun?“ „Nun, meine Liebe, er legt ſich mit einer Kinn⸗ binde zu Bette, in welche ſeine Locken ſo feſt einge⸗ punden ſind, daß ſie ſich durchaus nicht verwirren können.“ „Hal ha! ha! Eine Kinnbinde! Ol das iſt gar zu drollig.“ „Was gibt es denn dabei Drolliges, mein Fräu⸗ lein? Wir nehmen Papilloten, wir andern.“ „Ol das iſt gleich. Hal hal Mit einer Kinn⸗ binde zu Bette gehen! Ach! wenn ich einen Mann heirathen müßte, der ſich mit ſolchen Dingen be⸗ faßte, ſo würde ich ihm hinten an ſeinen Rock einen Waſchlappen anheften.“ „O! warum denn dies, mein Fräulein?“ „Weil ich darüber würde lachen müſſen.“ „O! Sie ſagen das nur, weil Herr Adalgis be⸗ hauptet hat, die Caſtagnetten wären ein abgeſchmack⸗ tes Inflrument; denn früher fanden Sie ihn char⸗ mant.“ „Charmant! Ich habe immer gefunden, daß er jenen Wachsköpfen gleicht, die man in den Gewöl⸗ pen der Haarkräusler ſieht.“ Der Streit der beiden jungen Damen begann ſich zu erhitzen, denn Fräulein Laura hing dem Stutzer alles Mögliche an, während Agathe eine große Vorliebe für ihn an den Tag legte. Aber ein unvorhergeſehenes Ereigniß machte ihrem Streit 33 ein Ende. Madame Devaux, die ſeit einiger Zeit den Zucker, den ſie in den Rum gethan hatte, her⸗ umrührte, war endlich ſo weit gekommen, ihn völ⸗ lig aufzulöſen; ſie ſetzte nun die Taſſe an den Mund und trank fie theilweiſe aus; aber faſt eben ſo bald ſchnitt ſie eine ſchreckliche Grimaſſe, ſetzte ihre Taſſe hin und ſchrie:„O! mein Gott! wie ſchlecht iſt das! Ach! das iſt abſcheulich! Ich habe in meinem Leben noch keinen Rum genommen, der einen ſol⸗ chen Geſchmack hatte.“ „Aber mein Lebenswaſſer ißt doch köſtlich,“ ſagte Grillon;„Jedermann macht mir Complimente dar⸗ über.“ „Ach! das kann Einen krank machen! Pfuil das ſtößt mir auf, das. Geben Sie mir ein Glas Waſſer, ich bitte Sie darum! Ich glaube, daß ich krank werde.“ Alles drängte ſich um Madame Devaux; aber Grillon, der auf den guten Ruf ſeines Lebenswaſ⸗ ſers ſehr viel hielt, hatte die Taſſe, welche den Reſt des Rumes enthielt, ergriffen; er ſchüttelte, prüfte ſie, und entſchloß ſich endlich, mit der Spitze ſeines Fingers ein wenig davon zu koſten; plötzlich ſchrie er:„Es iſt nie Lebenswaſſer darin geweſen. Sie haben ja den bitterſten Liqueur in Ihren Kaffee ge⸗ goſſen. Wer hat denn der Madame aufgefüllt?“ Lelan ſagte kein Wortz er ſtand hinter dem Fräu⸗ lein Devaux, welche ihrer Mutter das Kleid auf⸗ ſchnürte. Als aber mehre Haften aufgeriſſen waren, und die dicke Dame ſich erleichtert fühlte, zeigte ſie 34 mit den Fingern auf den großen jungen Mann, in⸗ dem ſie rief:„Dies iſt der Schuldige! Dieſer Herr da hat mir die Medizin bereitet. Ich, ich habe nicht aufgemerkt, während er mir eingoß, ſuchte ich mir einige Stückchen Zucker aus.“ „Mein Gott! Madame, Sie glauben? Ich werde mich in der Flaſche geirrt haben.“ „Man ſollte Sie zwingen, meinen bittern Ex⸗ trakt zu trinken, um Sie zu lehren, ein andermal mehr Acht zu haben.“ „Ich bitte Sie tauſendmal um Verzeihung, Ma⸗ dame; meine große Zerſtreuung iſt Schuld daran. Eines Tages, bei meiner Tante.. nein, bei mei⸗ nem Onkel, bat man mich, den Salat anzumachen, es war Salat von. von, Sie wiſſen„ man thut ſolche.. Dinger hinein.. Nun, ich nahm die Tabakedoſe eines Herrn, der neben mir ſaß, ſtatt der Pfefferbüchſe, die ich ſuchte. Sie war un⸗ glücklich erweiſe offen, ſo daß ich den Salat mit Ta⸗ bak beſtreute, und die ganze Geſellſchaft war acht Tage lang krank davon.“ „Er iſt ſehr artig, Ihr Herr Lelan,“ ſagte Ma⸗ dame Devaux, indem ſie ſich zu Grillon wandte. „Aber ich erkläre Ihnen, daß ich mit ihm nicht wie⸗ der an einem Tiſche ſitzen mag. Er wird eines Ta⸗ ges noch eine ganze Geſellſchaft vergiften.“ Die Rahe war wieder hergeſtellt; man ſchickte ſich an, Fräulein Ophelia fingen zu hören, als ſich die Salonthüre öffnete und Vadevant hereintrat. „Da iſt mein Couſin!“ rief Madame Devaut⸗ 35 und ſich von ibrem Stuhle erhebend, lief ſie dem Neuangekommenen entgegen, nahm ihn bei der Hand und ſtellte ihn dem Herrn des Hauſes vor. Vadevant wurde von der Familie Grillon ſehr freundlich empfangen; er überhäufte ſie mit Artig⸗ keiten, verbeugte ſich fortwährend und lächelte. Als die Begrüßungen beendigt waren, ſagte Madame Devaux zu ihrem Couſin, indem ſie auf Guerre⸗ ville zeigte: Sie finden hier alte Bekannte, mein Coufin Vadevant; dieſer Herr hat mir von Ihnen geſprochen. Vadevant näherte ſich Guerreville, der in ſeinem Winkel fitzen geblieben war; der kleine Mann be⸗ ſichtigte ihn, dann machte er einen Sprung vor⸗ wärts, ſtieß ein Freudengeſchrei aus, als ob er ſeinen Vater wieder gefunden hätte, ergriff die Hand von Guerreville, die ihm dieſer gar nicht hinreichte, und drückte ſie heftig, indem er aus⸗ rief:„Es iſt Herr Guerreville!.. Ol welch köſt⸗ licher Zufall!... Wie erfreut bin ich dieſer liebe Herr Guerreville!... Ich habe Sie ſeit der Zeit, da ich Ihnen im Theater fran gais Platz hielt; und Sie nicht kamen, nicht wieder geſehen... Guerreville bemühte ſich, ſeine Hand los zu machen, die man ihm hartnäckig feſthielt, und wollte einige Worte zur Entſchuldigung ſprechen; aber der kleine Mann ließ ihm keine Zeit dazu und begann wieder:„Ich weiß, daß Sie durchaus nicht ſchuldig ſind Sie ſind ganz gerechtfertigt.. Jenneval ſagte mir, es wäre Ihnen Jemand be⸗ 36 gegnet. der liebe Jenneval! Der gute Doktor!.. Ich verſchaffe ihm eine Praris... Er behandelt meine Coufine. Er hat Madame Devaux ſchon aus einer großen Gefahr errettet... die durch die Chokolade herbeigeführt wurb „Ich habe die Geſchichte bei Tiſche erzählt,“ ſagte die dicke Mama. „O! das iſt ein ſehr geſcheiter, praktiſch und thevretiſch ausgebildeter Mann„ fuhr Vadevant fort,„ich glaube, er hat Sie zu Chateau⸗Thierry von einer gefährlichen Krankheit gerettet? „Ja, mein Herr.“ „Ich liebe und ſchätze ihn deßhalb nur um ſo mehr, und meine Couſinen ſind entzückt, ſeine Be⸗ kanntſchaft gemacht zu haben. Nicht wahr, meine Couſinen?“ Die Familie Devaur antwortete mit einem einſtimmigen Ja. Adalgis, den Vadevants Geſchwätz ungeduldig zu machen ſchien, führte Agathe an das Piano, indem er ſagte:„Mein Fräulein, haben Sie die Gnade, uns etwas zu fingen... Es wird uns dadurch ein doppeltes Vergnügen bereitet wer⸗ den, Sie zu hören, um nicht länger gezwungen zu ſein Er ſprach das Ende ſeiner Rede in Agathens Ohr, die lächelnd murmelte:„Ah! Sie find abſcheulich.“ Vadevant ſetzte ſich hinter Madame Devaux, die ſich an Guerreville's Seite niedergelaſſen hatte, und ſagte zu ihr:„Haben meine hübſche Coufinen geſungen?“ 37 „Noch nicht.“ „Ich hoffe doch, ſie zu hören.“ „Gewiß.. Aber apropos, mein Coufin, haben Sie daran gedacht, was ich Ihnen aufgetragen habe? Haben Sie nachgeforſcht... Haben Sie et⸗ was erfahren?„ „Ol ſicherlich.. Ich habe Ihnen große Neuig⸗ keiten mitzutheilen.“ „Ah! laſſen Sie hören, ich bitte Sie darum.“ Vadevant rückte ſeinen Stuhl dem ſeiner Cou⸗ ſine näher, mit der er im Vertrauen ſprechen wollte; doch Guerreville war wider ſeinen Willen noch in die Nothwendigkett verſetzt, alle die Ge⸗ heimniſſe, welche man ſich hinter ſeinem Rücken anvertraute, mit anzuhören: während vor ihm ſeine Pathe ſang, und ſie auf eine ſo kräftige Weiſe begleitete, daß man kein Wort von ihr ver⸗ ſtehen konnte. „Ich habe mich an die Ferſe Ihres zukünftigen Schwiegerſohnes gehängt,“ ſagte Vadevant, welcher immer mit der dicken Mama ſprach, während Fräu⸗ lein Grillon ſich auf dem Flügel übte;„ich habe wiſſen wollen, was Emil Delaberge ſeit der Zeit, in der er ſich nicht mehr bei Ihnen hat ſehen laſſen, treibe „Ich wette, daß er krank iſt.“ „Nichts weniger, meine Confine, er lebt auf einem großen Fuß Uebrigens iſt er ſehr reich, wie man mich verfichert hat.“ „Er iſt ungeheuer reich.“ 38 „Dieſer Herr bringt, wie ich Ihnen ſchon ſagte, ſein Leben in fortwährenden Vergnügungen hin, doch ſeitdem er aufgehört hat, meinen liebenswür⸗ digen Coufinen den Hof zu machen, hat ſich, wie man ſagt, eine neue Leidenſchaft ſeines Herzens bemächtigt „Ahl mein Gott! Meine Töchter ſollten aus⸗ geſtochen ſein? „So viel man mir wenigſtens geſagt hat. Emil geht faſt täglich zu einer gewiſſen Madame Dolbert, vie ebenfalls ſehr reich iſt, und auf dem Boulevard de la Madeleine wohnt.“ „Das Ungeheuer!.. Er will dieſe Dame ver⸗ führen!“ „Ich glaube es nicht. Madame Dolbert hat ihre vollen ſiebzig Jahre. aber ſie hat eine Enkelin, welche erſt fiebzehn Jahre zählt, und wie man ſagt, ein Engel an Schönheit ſein ſoll!...“ „Engel an Schönheit ſo viel Sie wollen, ich wette, daß ſie nicht fingt wie Ophelia, und die Caſtagnetten nicht ſpielt wie Laura.“ „Von dieſem bin ich nicht unterrichtet. Aber Herr Emil Delaberge ſcheint in dem Hauſe ſehr heimiſch zu ſein.. Und Sie begreifen, daß dies ſeine Gründe hat.“ „Das thut nichts, Herr Emil hat meinen Töch⸗ tern den Hof gemacht, er muß ſich erklären.. Er muß Eine oder die Andere heirathen.. Sie können nicht in dieſer ſchwankenden Lage bleiben Und ſreng genommen... könnte ich ſogar für mich 39 einige Erklärungen verlangen... denn er hat mir mehremal die Hand gedrückt, mit einer Kraft. Es ſcheint, daß dieſer junge Mann zu allem fähig iſt... Aber ich will nur an meine Töchter denken, an dieſe lieben Kinder! Ich, die ich überall von ihrer Verheirathung geſprochen habe.. WMein Cvuſin, ich rechne auf Sie, um Herrn Delaberge in die Enge zu treiben.“ „Beruhigen Sie ſich, meine Coufine, ich gehöre ganz Ihnen an. Ich bin nach Paris gekommen, um bei der Verheirathung Ihrer liebenswürdigen Töchter gegenwärtig zu ſein, und ich werde gewiß Alles, was in meinen Kräften ſteht, thun, um nicht vergeblich hieher gekommen zu ſein.“ „Sie find ein koſtbarer Mann.. Aber ſiill! Ophelia beginnt zu fingen.“ Madame Devaur, die, während Agathe am Piano gefeſſen, unaufhörlich geſprochen hatte, wollte nicht, daß man auch nur liſpeln ſollte, wenn ihre Tochter ſang. Aber Fräulein Ophelia befand ſich nicht bei Stimme; ſie konnte kaum die Arie, welche ſie ge⸗ wählt hatte, beenden, und ihre Mutter rief:„Du haſt Salat gegeſſen. Du willſt es mir nicht ge⸗ ſtehen, aber ich weiß gewiß, daß Du welchen ge⸗ geſſen haſt. Laura, meine Liebe, tanze uns die Zatapa. die Zatapette... mit Begleitung der Caſtagnetten, Du thuſt es mir wohl zu Ge⸗ fallen„Sie müſſen erfahren, daß meine Tochter auf dem Ball in der großen Oper hauptſächlich 40 deßwegen geweſen iſt, um die Spanier tanzen zu ſehen, welche die Tänze ihres Vaterlandes auf⸗ führten„Sie fand das ſo ausgezeichnet, daß ſie am andern Tage im Zimmer auf eine hinreißende Weiſe trippelte.. ganz ſo, wie die Spanier beider Geſchlechter.“ „Mama, ich möchte lieber die Cachucha tan⸗ zen die iſt origineller „Tanze die Cache tout ga, liebe Freundin.. Haſt Du Tanzſchuhe mitgebracht?“ „O! gewiß. Soll ich mit leichten Filzſchuhen tanzen!„ „Alsdann bereite Dich vor und vernachläſſige nichts Ich freue mich ſehr, dem Herrn Adalgis zu zeigen, was man mit Caſtagnetten machen kann.“ „Ich,“ ſagte der große Lelan,„ich bin ſehr nengierig, Italieniſch tanzen zu ſehen. „Es iſt Spaniſch, mein Herr „Ja, Spaniſch. Sonſt ging ich ſtets zu Vaugi⸗ rard, bloß in der Abſicht, um tanzen zu ſehen, das Zeugs von. die ſo gut walzen. Sie wiſſen? „Den Schweizern?“ „Ja; ich habe es auch lernen wollen, aber ich paßte nie da hinein in die Maſchine Sie wiſſen? So daß ich eines Tages einmal ge⸗ fallen bin auf meinen. wie heißt man ihn doch. das iſt mir ſehr ſchlecht bekommen.“ Während ſich Laura zum Tanzen vorbereitete, venützte Guerreville einen Augenblick, da ſich Ma⸗ 41 dame Grillon von ihm entfernt hatte, ſtand auf, und indem er ſich den Anſchein gab, als wollte er in dem Salon auf und abgehen, gewann er den Speiſeſaal, nahm ſeinen Hut und entfernte ſich, indem er ſagte:„Ich habe meine Pathe ſingen hören, dies ſcheint mir genug zu ſein, und ich habe keine Verpflichtung mehr, Laura die Cachucha tanzen zu ſehen.“ Als er ſich aber nach ſeiner Wohnung begab, erinnerte er ſich an das, was zwiſchen Madame Devaux und ihrem Couſin Vadevant geſprochen worden war; denn bei dieſer Unterhaltung war ihm ein Name, der der Madame Dolbert, aufge⸗ fallen; er ſuchte ſich zu erinnern, wo er ihn ſchon nennen gehört hätte. Sein Gedächtniß anſtrengend, ſiel ihm endlich die Erzählung Jerome's des Waſſer⸗ trägers ein, und er ſagte zu ſich:„Madame Dol⸗ bert. Boulevard de la Madeleine ſo hießen die Damen, welche das Kind dieſes braven Auver⸗ gnaten mit ſich genommen haben. Ja, bei ihnen iſt die kleine Zizine Ich habe Jerome ver⸗ ſprochen, mich nach ihnen zu erkundigen.. Mich zu überzeugen, ob ſeine Tochter immer gut behan⸗ delt würde und ich habe es vergeſſen. denn ich vergeſſe Alles, was ſich nicht auf mich auf meine zunächft liegenden Sorgen bezieht!... In⸗ deß, ich werde mein Verſprechen erfüllen müſſen Ja, ich werde recht erfreut ſein, dieſe arme Kleine wieder zu ſehen! Paul de Kod. XOvI. 4 42 * Zweites Kapitel. Stephaniens Liebe. Drei Tage waren ſeit dem Balle verfloſſen, auf welchem ſich Stephanie als den Gegenſtand aller Huldigungen geſehen hatte. Drei Tage! das iſt ſehr kurz, für glückliche Leute, für ſolche, die nur einen Wunſch hegen dürfen, um ihn alsbald erfüllt zu ſehen; gewöhnlich hat die Zeit Flügel, wenn man inmitten der Vergnügungen lebt. Stephanie aber hatte dieſe drei Tage unaus⸗ ſprechlich langweilig gefunden, es ſchien ihr, als wären ſeit ihrer Anweſenheit auf dem Balle Wochen, Monate dahingeſchwunden. Die Stunden wurden länger, die Tage unendlich; und doch war in ihrem Innern, in ihrer Lebensweiſe keine Veränderung vorgegangen; ihre gute Großmutter ſuchte ohne Aufhören ihren kleinſten Wünſchen zu begegnen. Die kleine Zizine war noch immer da, immer zum Lachen, zum Spielen bereit, ſobald ſie Luſt dazu bezeigte; aber Stephanie war träumeriſch, faſt traurig geworden; Alles, was ihr ſonft Vergnügen gemacht hatte, langweilte ſie jetzt; ſie war ſogar manchmal gegen die Liebkoſungen ihres kleinen Schützlings gleichgültig. Von wo kam dieſe Veränderung?... Was hatte ſie hervorgerufen?. Nun! mein Gott! Ihr habt es ohne Zweifel begriffen; es iſt nicht ſchwer, zu errathen, warum ein junges Mädchen trãumt 43 und ſeufzt. Die Liebe iſt ein Gefühl, welches eine große Veränderung in unſerer Stimmung hervor⸗ bringt, wenn wir ſie zum erſtenmal empfinden; ſie macht uns heiter oder traurig, ſie macht uns ſchweigſam und zerſtreut, manchmal geſchwätzig, oft unduldſam gegen Andere, und in einigen Fällen abſcheulich. Später haben ihre Wirkungen weniger Kraft auf diejenigen, welche ſie angreift; ſie iſt wie eine Krankheit, die wir ſchon erprobt haben, und die eben dadurch von ihrem bösartigen Einfluß auf uns verloren hat. Gegen den Abend des dritten Tages hörte Ste⸗ phanie auf die kleinen Geſchichten Zizinens, ohne darauf zu antworten, als ein Diener Herrn Emil Delaberge meldete. Plötzlich fühlte das junge Mädchen ihr Herz heftig ſchlagen und all ihr Blut dorthin zurückſtrömen, aber Niemand bemerkte ihre Bläſſe und die Aufregung, welche zu verbergen ſie ſich bemühte. Emil trat in den Salon, ßiellte ſich mit jener Ungezwungenheit vor, die der Reichthum gibt, und noch mehr das Bewegen in guter Geſellſchaft; er bezeigte der Madame Dolbert das Vergnügen, welches ihm bereitet werden würde, wenn er ſie öfter beſuchen dürfte, dann wußte er die Unter⸗ haltung ſo gewandt zu führen, daß er jene Kälte, ienen ceremoniellen Ton, in welchem man ſich mei⸗ ſtens mit neuen Bekanntſchaften hält, daraus ver⸗ bannte. Selbſt Stephanie überwand bald ihre Verirrung und nahm Theil an ihrem Geſpräche. 65 44 Delaberge war geiſtreich, liebenswürdig und ſehr angenehm zu hören. Geſchickt von einem Gegen⸗ ſtand zum andern übergehend, erzählte er, ohne ſeine Zuhörer zu ermüden; er war viel gereist, hatte viel beobachtet und flocht in ſeine Erzählungen witzige Anekdoten, merkwürdige Vorfälle ein, die er mit einer Einfachheit vortrug, die ihren Reiz noch vermehrte. Der Abend verſchwand ſehr raſch, Emil bat die Damen um Erlaubniß, öfter kommen zu dürfen, um ihnen Geſellſchaft zu leiſten, was ihm mit Ver⸗ gnügen geſtattet wurde; denn die Großmutter wie die Enkelin fanden ſeine Geſellſchaft ſehr angenehm. Den folgenden Morgen beſchäftigte man ſich natürlich mit Delaberge; den ganzen Tag ſprach Stephanie von ihm; ſie lachte noch über das Luſtige, was er geſagt hatte, kein Wort war ihr von dem⸗ was er erzählt hatte, verloren gegangen, und öfters rief ſie:„Nicht wahr, Zizine, dieſer Mann iſt ſehr liebenswürdig 2.. Und da das kleine Mädchen das erſtemal ziem⸗ lich froſtig„ja“ antwortete, verzog ihre Beſchützerin das Geſicht, und ſchien ſehr geneigt, es auszu⸗ zanken. Die Sache war, daß dieſer Herr für das Kind nichts Liebenswürdiges hatte. Mit ſeinen Artig⸗ keiten gegen die Damen beſchäftigt, ſchien Emil Zizinen durchaus keine Auſmerkſamkeit zu ſchenken, und hatte nicht ein einziges Mal das Wort an ſie gerichtet; und ſo war es denn ganz natürlich, daß 45 die Kleine den Enthufiasmus dieſer Damen nicht theilte. Indeß hatte die Puppe, die kleinen Spiele, all jener Zeitvertreib, welcher Stephanie erfreute, mehr als je allen Reiz für ſie verloren. Sie liebte Zizine noch immer, ſie war ſtets erfreut, dieſelbe in ihrer Nähe zu haben; aber ihre Laune war ſchwankend geworden, und ſie empfing ihre Lieb⸗ koſungen nicht mehr mit demſelben Lächeln; denn jetzt war ihr Herz, während ſie ihre kleine Freundin umarmte, bisweilen mit einem andern Gegenſtand beſchäftigt. Emil Delaberge kam bald wieder zu Madame Dolbert, er war ſehr ſtark in der Muſik, dieſe Kunſt nähert diejenigen, welche ſie treiben, einan⸗ der ſehr bald; und wenn man zum gegenſeitigen guten Verſtändniſſe ſchon ganz geneigt iſt, dann verſchafft die Muſik tauſend Gelegenheiten zum Glücke, tauſend ſanfte und heitere, obgleich noch unſchuldige Genüſſe. Stephanie ſpielte mit größerer Vorliebe ihr Piano, ſeitdem Herr Emil ſie hörte und begleitete; ſie ſang die Romanzen, welche er ihr brachte, mit mehr Gefühl; iſt dies bloß die Eigenliebe und der Wunſch, den Beifall eines Kenners zu erlangen? Stephanie glaubte es, denn Stephanie, deren Herz ſo rein, deren jungfräulichem Herzen jeder ſchlimme Gedanke fremd war, gab ſich dem Gefühle, das ſie zu Emil zog, hin, und ſuchte ihm durchaus keinen Widerſtand zu leiſten, weil ſie gar nicht daran 46 dachte, daß etwas Böſes darin läge, glücklich zu ſein, wenn Emil da war; ſeine Gegenwart zu wünſchen, vor Freude aufzuhüpfen, wenn er er⸗ ſchien, zu ſeufzen, wenn er fortging. Das junge Mädchen befragte ſich gar nicht darüber; ſie hatte keine Furcht vor einer Gefahr, die ſie nicht faßte, ſie wich dem Einfluſſe, den Emil ſchon auf ihr ganzes Weſen ausübte, nicht aus, und ſie empfand für ihn ſchon eine tiefe Leidenſchaft, bevor fie ſich noch Rechenſchaft über das Gefühl abgelegt hatte, das ihr Herz erfüllte. Auf der andern Seite überhäufte die Großmutter ihren neuen Bekannten mit Freundſchaftsbezeigun⸗ gen; warum ſollte Stephanie nicht das Vergnügen theilen, das ihre Mutter über die Anweſenheit Emils empfand? Und warum ſollte endlich ein junges Mädchen von ſiebzehn Jahren ſich einer Neigung hinzugeben fürchten, welche ſie mit einem neuen Glücke bekannt machte, da ihr Niemand ſagte, daß eine Gefahr darin läge, ſich hinreißen zu laſſen; wie viel An⸗ dere unterliegen, obgleich ſie gewarnt find! Wie ſollte die zu wiverſtehen vermögen, die ungewarn bleibt!— Die Erfahrung? Aber die Unſchuld hat keine⸗ So war denn Emil Delaberge noch nicht lange der Freund der Madame Dolbert geworden, als Stephanie ſchon, ohne es ſich ſelbſt geſtanden zu haben und ohne daß Emil auf andere Weiſe als mit den Augen ſich ihr verſtändigt hätte, von der aufrichtigſten Liebe für ihn durchdrungen war. Es iſt wahr, daß Emils Augen ſehr beredt waren und daß es ſehr ſchwer hielt, ihre Sprache nicht zu verſtehen; gewöhnt, von Liebe zu ſprechen, drückten ſie ſich ſo gut aus, daß man ihnen in kur⸗ zer Zeit antworten oder aufhören mußte, ſie zu betrachten; und Stephanie hatte es für angenehmer gefunden, auch die ihrigen ſprechen zu laſſen. Und alles dies war in ſehr kurzer Zeit vorge⸗ gangen, in einigen gemeinſchaftlich zugebrachten Abenden, dann in den Muſikſtunden, ohne andere Zeugen als die Großmutter Dolbert und Zizine. Aber auch die Großmutter war nicht immer da: wenn man einen Whiſt vorſchlug oder einen Boſton, blieben die jungen Muſiker allein am Clavier und dann währte die Muſik gewöhnlich viel länger. Zizine allein hörte ſie und blieb einige Schritte von ihnen entfernt, während ſie ſich irgend einer für ihr Alter paſſenden Beſchäftigung hingab; nur ſehr ſelten entfernte ſich das Kind von Stephanie, und wenn dies geſchah, ſo war es nur auf ſehr kurze Zeit; ſie kam dann immer bald wieder zu⸗ rück und eilte, ſich neben diejenige hinzuſetzen, welche ſie zwar weniger liebkoste, aber noch eben ſo gerne ihre Liebkoſungen annahm. Emil hatte bei ſeinem zweiten Beſuche bei Ma⸗ dame Dolbert, als er Zizine erblickte, geſagt: „Dies iſt ohne Zweifel eine Verwandte von Ihnen?“ Als er aber erfuhr, was es mit dem Kinde für eine Bedeutung hatte, nahm er wenig Theil an ihm ¹8 und ſchien ſogar öfters darüber ungehalten, es immer in Stephaniens Nähe zu ſehen. Zizine beklagte ſich nicht darüber, daß man ſie ſeit Delaberge's Beſuchen weniger liebkoste, aber es fiel ihr doch auf, denn die Kinder beobachten oft beſſer als die Männer. Indeß die arme Kleine blieb mit ihrem anmuthigen Lächeln unbeachtet, Emil würdigte keines Blickes, oder wenn er ſie anſah, entſchlüpfte ihm eine Bewegung des Unwil⸗ lens, die keineswegs anzeigte, daß ihr Anblick ihm angenehm wäre. Bald pielt auch Stephanie, obgleich ſie gegen das Kind, welches ſie aufgenommen hatte, immer freundlich war, nicht mehr alle ihre Verſprechungen. Die Unterrichtsſtunden wurden vernachläſſigt, man hatte ja an ſo viele andere Dinge zu denken, oder vielmehr, es gab eine Sache, die ſie ſo ſehr be⸗ ſchäftigte, daß ſie keinen Augenblick finden konnte, die kleine Schülerin zu bilden; aber Zizine arbei⸗ tete für ſich allein und noch mit weit größerem Eifer; man konnte ſagen, je weniger man ſich mit ihr beſchäftigte, deſto mehr ſuchte ſie ſich die Freund⸗ ſchaft ihrer Beſchützerin zu verdienen. Die Beſuche von Emil Delaberge wurden häu⸗ figer, es verging kein Tag mehr, an dem er nicht einige Stunden in Stephaniens Nähe zugebracht hätte, und die gute Madame Dolbert empfing ihn immer mit gleicher Freundlichkeit. Indeß die Groß⸗ mutter hatte Erfahrung, ſie hatte die Liebe kennen gelernt und konnte nicht zweifeln, daß die ſchönen 49 Augen viel zu dem Vergnügen beitrugen, welches man darüber bezeigte, ſie zu beſuchen. Woher kam die große Sicherheit von Madame Dolbert? Daher, weil ſie dachte, da ihre Enkelin mit allen Reizen und Talenten geſchmückt ſei und zwanzigtauſend Franken jährlicher Einkünfte habe, ſo müßte man ſich, wenn man in dieſelbe verliebt wäre, glücklich ſchätzen, ihr Gatte zu werden. Da ferner Emil Delaberge ein ſchöner Mann, reich und von guter Familie war, ſo ſah ſie kein Hinderniß, daß er nicht Stephaniens Mann werden ſollte, und ſie ließ ihn ſich in ihre Enkelin verlieben, über⸗ zeugt, er würde, ſobald er ſich ihres Herzens ver⸗ ſichert hätte, kommen und um ihre Hand anhalten. So folgerte die gute Mama, und Emil hatte indeſſen Zeit gehabt, in dem Herzen ihrer Enkelin reißende Fortſchritte zu machen. Dennoch hatte er noch nicht zu ihr geſagt: Ich liebe Sie! aber ſeine Augen ſuchten immer Stephaniens Augen, ſeine Hände begegneten oft den ihrigen, welche er dann ſehr zärtlich drückte; das hieß ſchon ſprechen, oder wenigſtens ſeine Liebe pantomimiſch erklären, und man weiß, daß die klugen jungen Mädchen die Pantomime ſehr bald verſtehen. Emil wollte dabei nicht ſtehen bleiben, aber die kleine Zizine wich nicht aus Stephaniens Nähe, und die Gegenwart des Kindes genirte ihn gewaltig. Dies war bei Stephanie nicht der Fall: ſie fand es ſo natülich, zu lieben, daß ſie gern ihre Liebe vor der ganzen Welt geftanden hätte. Es ſchien 50 ihr, als müßte ihr Emil etwas zu ſagen haben, als dürfe er ſich nicht darauf beſchränken, ihr die Hand zu drücken und ihr liebevolle Blicke zuzuwer⸗ fen; und da ſie nicht begriff, warum er ein ſo ſtrenges Stillſchweigen beobachtete, war ſie oft verſucht, ihn zu fragen, was ihn am Sprechen verhindere, und wenn er im Begriff zu ſein ſchien, ihr ein Geſtändniß zu machen, warum er ſich mit Stolz zurückhielt und in Schweigen verſank, ſobald ſich ihnen Jemand näherte. Mehr als einmal hatte Emil, wenn er die kleine Zizine auf Stephanie zulaufen ſah, eine Bewegung des Unwillens nicht überwinden können und vor ſich hingemurmelt:„Wie ärgerlich! man kann nie⸗ mals einen Augenblick mit Ihnen allein ſein!“ Stephanie betrachtete dann Emil ſtaunend und begriff nicht, warum die Gegenwart ihres kleinen Schützlings ihrem Geliebten hinderlich ſein könnte. Eines Abends jedoch, als Delaberge zu Madame Dolbert kam, fand er die Großmutter bei einer Partie Whiſt beſchäftigt. Stephanie war in dem hübſchen Boudoir, welches an das Geſellſchafts⸗ zimmer ſtieß, und die kleine Zizine übte ſich allein auf dem Piano, auf welchen ſie jetzt ſelten Unter⸗ richt empfing. Emil benützte dieſen Augenblick, er trat in das Boudvir, ſetzte ſich raſch neben Stephanie und be⸗ mächtigte ſich einer ihrer Hände, indem er mit lei⸗ ſer Stimme zu ihr ſagte:„Endlich kann ich doch einen Augenblick mit Ihnen ſprechen⸗ ohne daß Sie 5¹ von Beobachtern umgeben find, liebe Stephanie. O, ich habe Ihnen ſo Vieles zu ſagen!“ Das junge Mädchen betrachtete Emil mit einer liebenswürdigen Unbefangenheit und erwiderte:„Sie haben mir Vieles zu ſagen aber wer verhindert Sie denn zu ſprechen?“ „Es gibt Geſtändniſſe, welche das Geheimnißvolle erheiſchen, welche indiskrete Zeugen ſcheuen.“ Und der junge Mann dämpfte die Stimme, aus Furcht, im Nebenzimmer gehört zu werden, während Stephanie ihm antwortete:„Ich verſtehe Sie nicht.“ „Schöne Stephanie! haben Sie, ſeitdem ich Sie das erſtemal erblickte, noch nicht in meinem Herzen geleſen, haben Sie das Geheimniß meiner Seele noch nicht errathen? Nun gut, ich will Ihnen Alles ſagen, was ich für Sie empfinde... Ich liebe Sie ich bete Sie an... Doch, wenn Sie mich nicht wieder liebten, wäre ich der un⸗ glücklichſte Menſch⸗“ Stephanie hatte ohne beſondere Aufregung Emils Erklärung angehört; ſie lächelte zufrieden, indem ſie erwiderte:„Nun wohl, mein Herr, ich hatte Alles, was Sie mir eben ſagten, errathen ja, ich ſah es wohl, daß Sie mich liebten, und ich war bloß darüber erſtaunt, daß Sie mir es bis jetzt noch nicht geſagt haben.“ „Wie, Sie haben mich errathen?“ erwiderte Emil, die Stimme dämpfend, um das Mädchen zu bewegen, ein Gleiches zu thun; Stephanie aber fuht mit ihrer gewöhnlichen Stimme fort:„Ja, 52 mein Herr. gewiß, ich habe Sie errathen denn ich liebe Sie auch, ich„ „Iſt es möglich! Sie lieben mich o, ich bin zu glücklich!„ „Ja, mein Herr, ich liebe Sie.“ „Liebe Stephanie!„ O, aber leiſer ich bitte Sie darum„ daß Niemand dieſes ſüße Ge⸗ ſtändniß, das mein Glück ausmacht, hören kann.“ „Warum denn dies? Iſt es denn etwas Un⸗ rechtes, die Liebe eines Mannes zu erwidern? O, ich bin es vollkommen überzeugt, daß meine gute Großmutter nichts Schlimmes darin finden wird„ Und nun, da Sie mir geſagt haben, daß Sie mich lieben, und da ich gewiß bin, mich nicht getäuſcht zu haben, ſo will ich ihr ſagen, daß auch ich Sie liebe, daß ich es Ihnen geſtanden habe, baß „O nein, nein, liebe Stephanie! noch nicht, ich bitte Sie... Die Liebe gefällt ſich im Ver⸗ ſchweigen Wozu iſt es nöthig, unſere ſüßeſten Gedanken Andern anzuvertrauen afren wir unſer Glück für uns.“ „Ich verſtehe Sie nicht ich ſage meiner Großmutter Alles. Warum wollen Sie, daß ich ihr unſere Liebe verſchweige, da ich gewiß bin, daß ſie darüber nicht böſe ſein wird?“ „Vielleicht täuſchen Sie ſich ſie könnte böſe darüber ſein„ mir verbieten, ſie ſo oft zu be⸗ ſuchen„ „O, ich wiederhole Ihnen, nein, ſie thut Alles, 53 was ich will. darum wird ſie es auch nicht für unrecht finden, daß ich Sie liebe...“ „Das macht nichts Ich bitte Sie darum, liebe Stephanie, ſagen Sie noch nichts; Gründe, die ich Ihnen noch nicht mittheilen kann, nöthigen mich, Ihnen über unſere Liebe Stillſchweigen auf⸗ zuerlegen „Wohlan! da Sie es wollen, werde ich ſchweigen; es iſt iedoch Schade; ich hätte mich ſo ſehr gefreut, dies Alles meiner guten Mama zu erzählen!.. „Aber das Geheimniß wird uns nicht hinderlich ſein, uns zu verſtehen Mittel zu finden, uns einander zu nähern„ O, wenn Sie wüßten, wie viel es zum Glück zweier Liebenden beiträgt... wenn Sie„ Emil konnte nicht weiter ſprechen, die Stimme von Madame Dolbert ließ ſich vernehmen; ſie rief ihre Enkelin; dieſe ſprang ſogleich auf und lief zu ihr hin, und Delaberge war gezwungen, ihr zu folgen; aber während des ganzen übrigen Abends wechſelte er mit Stephanie die zärtlichſten Blicke und jene halben Vorte, welche für Liebende ſo vielbedeutend find. Emil konnte an ſeinem Triumph nicht zweifeln, er beſaß das Herz von Stephanie, er herrſchte als Gebieter in dieſer kindlichen und reinen Seele, der bisher die Liebe fremd geblieben war und die ſich mit um ſo größerem Vergnügen derſelben hingab, weil ſie nichts Böſes darin ſah, ſich dieſem neuen Gefühle zu überlaſſen. Mehremal während des Abends hatte Emil ver⸗ 54 ſucht, das Mädchen in das Boudoir zurückzuführen, aber er fand keine Gelegenheit; Stephanie ſchien die Zeichen, die er ihr gab, nicht zu verſtehen, ſie blieb im Salon; er mußte ſich mit jenen kleinen Gunſtbezeigungen begnügen, die für einen ſchüch⸗ ternen Liebhaber ſchon ſehr viel find; Emil aber war kein ſolcher, und es war ihm ſchon zuwider, daß Stephanie ihm unverholen die Hand übertieß und ihn freundlich betrachtete. Am darauf folgenden Morgen dachte Emil De⸗ laberge, während er noch in ſeinem eben ſo weichen als geſchmackvollen Bette lag, vor welchem auf einem Nachttiſche eine Pyramide von Broſchüren und Journalen aufgethürmt war, an den verfloſſe⸗ nen Abend und ſagte zu ſich ſelbſt:„Dieſe junge Stephanie iſt anbetungswerth!. und ſie hat mir ihre Liebe mit einer Unſchuld geſtanden, die täglich ſeltener wird. Aber werde ich die Thorheit begehen⸗ ſie zu heirathen? Sie hat, glaube ich, zwanzig⸗ tauſend Livres jährlicher Einkünfte; iſt dies genug für mich, der ich faſt hunderttauſend habe? O nein, die allgemeine Stimme würde dagegen ſein. Uebri⸗ gens will ich mich nicht verheirathen, ich will die⸗ ſem Leben voll Triumphen, voll Genüſſen nicht entſagen, welches mich zum glücklichſten, zum be⸗ neidetſten Sterblichen macht. Nein, ich werde ge⸗ wiß kein ſolcher Thor ſein, meine Freiheit zu ver⸗ lieren. Ich liebe Stephanie, aber mit dieſer Liebe wird es wie mit den andern ſein, ſie wird mil dem Beſitze des geliebten Gegenſtandes erlöſchen! Und 55 Stephanie wird mein ſein; ich habe von ihr keinen großen Widerſtand zu fürchten. ſie betet mich an es kömmt nur noch darauf an, eine Gele⸗ genheit herbeizuführen. Das kleine Mädchen, wel⸗ ches ſie aufgenommen hat und das ſich immer in ihrer Nähe befindet, iſt mir ſehr im Wege; aber ich werde ſchon alle Hinderniſſe aus dem Weg zu räumen wiſſen. Ol entzückende Stephanie! Kein Anderer als ich, ich ſchwöre es, ſoll Deine erſten Küſſe erhalten, Deine erſten Liebesſeufzer hören und Du wirſt eine meiner ſchönſten Eroberungen ſein. So ſprach Delaberge bei ſich, indem er ſich be⸗ haglich in ſeinem Bette ausftreckte, und war mit ſeinen Anſchlägen über die Enkelin der Madame Dolbert ganz beſchäftigt, als ſich ein Klingeln hö⸗ ren ließ und bald ein Diener die Thüre des Schlaf⸗ zimmers halb öffnete und ſagte:„Mein Herr, es Jemand da, der Sie durchaus zu ſprechen verlangt. Es iſt derſelbe Herr, der ſchon dreimal hier war, ohne Sie zu treffen.“ „Ah! mein Gott! was will denn dieſer Menſch von mir? Macht man ſchon ſo früh Beſuche? Wie ſpät iſt es denn, Düpré?2, „Halb zwölf Uhr, mein Herr.“ „Ja, aber ich bin erſt ſpät zu Bette gegangen, ich habe noch Schlaf; Du ſollteſt ſagen, ich wäre noch nicht aufgeſtanden.“ „Ich habe es geſagt, aber der Herr fragte, ob Sie ihn gleich annehmen wollten, oder er würde warten, bis Sie aufgeſtanden wären.“ „Was Teufels kann denn vieſer Menſch von mir wollen? Wenn ich Gläubiger hätte, ſo würde ich gleich errathen, was ihn zu mir führt; aber ich habe die Schulden niemals geliebt, das iſt etwas ſo Ge⸗ wöhnliches; ich habe es für viel origineller gefun⸗ den, keine zu machen. Der Name dieſes Men⸗ ſchen?“ „Vadevant.“ „Vadevant! ein komiſcher Name; er iſt mir ganz unbekannt. Doch gleichviel, laß den Vadevant eintreten, damit ich dieſen ſonderbaren Menſchen an⸗ ſehe. Düpré, zieh' einen Fenſtervorhang weg, da⸗ mit ich dieſen Herrn etwas beſſer betrachten kann.“ Der Diener vollzog die Befehle ſeines Herrn, und führte bald Vadevant in das Schlafzimmer von Emil Delaberge. Der kleine Mann trat ein und grüßte mit einer freundlichen und zutraulichen Miene, welche keinen Gläubiger verrieth; er näherte ſich dem Bette und ſagte lächelnd:„Ich bin entzückt, endlich ſo glücklich zu ſein, Herrn Emil Delaberge zu begrüßen; es iſt ſchon lange, daß ich mich nach der Ehre ſehne, un⸗ ſere Bekanntſchaft zu machen.“ Emil betrachtete den Mann, der Luſt zu haben ſchien, ſeine Hand zu ergreifen, und ſich in ſeine Decke wickelnd, erwiderte er in ſehr kurz angebun⸗ denem Tone:„Was wollen Sie, mein Herr? ch kenne Sie nicht. Was haben Sie mir zu ſagen? Machen Sie ſchnell, ich bitte Sie, denn ich habe noch Luſt zu ſchlafen.“ 57 Vadevant machte einen Schritt vorwärts, ſtellte ſich auf die Fuß ſpitzen, biß ſich in die Lippen, run⸗ zelte die Stirn und ſprach:„Mein Herr, der Ge⸗ genſtand, der mich herführt, iſt ſehr wichtig. Er wird, wie ich hoffe, Ihnen die Schlafluſt ver⸗ treiben.“ „Dann, mein Herr, beeilen Sie ſich, denn bis jetzt hat er auf mich dieſe Wirkung nicht hervorge⸗ bracht.“ Da Vadevant ſah, daß man ihm keinen Stuhl anbot, rückte er ſich ſelbſt einen heran und ſetzte ſich darauf, bald aber ſchob er ihn, wie aus Ueberle⸗ gung, wieder zurück und nahm ſich einen Lehnſtuhl, in welchen er ſich hineinwarf, indem er ſagte:„Ich ſetze mich unaufgefordert; Sie haben es bequem, mein Herr, erlauben Sie, daß ich es mir auch ſo mache.“ „Das iſt eine kurioſe Erſcheinung!“ ſagte Emil, indem er den kleinen Mann alle dieſe Vorbereitun⸗ gen treffen ſah. Nachdem er ſeinen Hut vorſichtig neben ſich auf einen Liſch gelegt hatte, nahm Vadevant wieder das Wort:„Mein Herr, ein ſehr wichtiger und zugleich ſehr heiliger Beweggrund führt mich zu Ihnen: und wenn ich ſage, wichtig und heilig, ſo übertreibe ich nicht; denn gibt es in der Welt etwas Intereſſan⸗ teres, das mehr unſere Rückſichten verdient, als dieſes ſchwache Geſchlecht, mit deſſen„ „Ah! mein Herr!“ rief Emil aus, indem er ſich auf ſeinem Kopftiſſen umdrehte,„oll dies ein Scherz ſein, eine Wette„wollen Sie eine Scene aus Paul de Kock XCVII. 5 58 einer Komödie mit mir ſpielen?. Noch einmal, wer ſind Sie?“ „Nun gut! mein Herr, ich komme zum Ziele: Sie ſehen in mir den Coufin und intimen Freund der Damen Devaux.“ Nachdem er dieſe Worte geſprochen hatte, warf ſich Vadevant in die Bruſt und betrachtete den jun⸗ gen Mann, auf welchen, wie er glaubte, dieſe Worte eine gewaltige Wirkung hervorbringen wür⸗ den. Aber Emil begnügte ſich den Kopf ein wenig zu erheben, indem er murmelte:„Die Damen De⸗ vaux? Was iſt es mit dieſen?“ „Was mit meinen Couſinen Devaur iſt? Nun, mein Herr, dieſe Frage erſcheint mir ſehr ſonder⸗ bar. Sie erinnern ſich nicht an meine liebens⸗ würdigen Couſinen Laura und Ophelia, die vor⸗ trefflichen Virtuofinnen, von denen die Eine fingt, während die Andere mit den Caſtagnetten ſpielt?“ „Ahl warten Sie doch ja, ja ich erin⸗ nere mich jetzt. zwei ſehr originelle junge Frauen⸗ zimmer, die Mutter iſt eine dicke Frau, die immer einen Turban trägt.“ „Eine dicke Frau,“ murmelte Vadevant mit be⸗ leidigter Miene,„es iſt meine Couſine, mein Herr⸗ ich bitte Sie, das nicht zu vergeſſen.“ „Nun gut! mein Herr, zur Sache weßhalb ſind Sie hergelommen? und was geht es mich an⸗ daß Sie der Couſin der Damen Devaur ſind?“ „Sie ſollen es erfahren, mein Herr, da Sie es nicht errathen wollen. Es ſcheint mir indeß, daß 59 nach den Verhältniſſen, die zwiſchen Ihnen und mei⸗ nen Cvufinen ſtattgefunden haben, Ihr Herz Ihnen ſagen ſollte, was mich herführt.“ „Die Verhältniſſe meines Herzens Was Teufels ſoll Alles dies bedeuten?“ „Das ſoll bedeuten, mein Herr, daß Sie zu Madame Devaur gekommen find, und daß Sie dort Ihren Löchtern offenkundig den Hof gemacht haben. Zuerſt Ophelia, dann Laura. daß die Mutter Ihre Zudringlichkeiten ruhig mit angeſehen hat, vollkommen überzeugt, daß Sie nur anſtändige Abſichten haben könnten. daß die jungen Mädchen zu gefühlvoll durch Sie ihre Ruhe verloren haben und daß endlich meine Coufine Devaux, nicht zweifelnd, daß Sie wenigſtens um die Hand einer ihrer Töch⸗ ter anhalten würden, mir geſchrieben hat und mich aus Chateau⸗Thierry hat herkommen laſſen, damit ich von Laura's oder Oyhelia's Hochzeit Zeuge ſein ſollte; gleichviel welche, man willigt ein, Ihnen diejenige zu geben, die Sie wählen ſollten; nach dieſem, mein Herr, hat man doch Urſache ſich zu wundern, Sie nicht mehr bei meinen Couſinen zu ſehen, und um den Grund hiervon zu erfahren, und Sie zu fragen, wann Sie ein Ende zu machen gedenken, bin ich hierher gekommen.“ Vadevant wartete auf die Entſcheidung über das, was ex eben geſagt hatte; aber Emil war nicht im Stande, ihm zu antworten; ſeitdem er den Zweck des Beſuches des kleinen Mannes erfahren hatte, wälzte er ſich, laut auflachend, im Bette hin und her. Ungeduldig über die Ausbrüche von Luſtigkeit, die kein Ende nehmen wollten, ſchrie Vadevant: „Es ſcheint mir, mein Herr, daß meine Worte Ih⸗ nen Vergnügen machen; ich bin ſehr erfreut darüber, aber wenn Sie mir antworten wollten... „Ha! ha! das iſt zu drollig! das iſt zu drollig!“ „Was iſt denn hier drollig, wenn es Ihnen be⸗ liebt, mein Herr?“ „Ha! ha! ha! das iſt herrlich! Man ſollte die Familie Devaux unter einen Glas⸗Cylinder ſtellen.“ „Wie! mein Herr.„Sie wollen nicht mehr. „Ach! mein lieber Herr, habe ich denn jemals wollen können.„Weil ich manchmal zu den ſoge⸗ nannten Concerten dieſer Damen gegangen bin. und gelacht habe, wozu es übrigens dort an Gele⸗ genheit nie fehlte, und weil ich Ihren Couſinen ge⸗ ſagt habe, was mir gerade in den Kopf kam! ſollte man glauben„Ach! dazu muß man Madame De⸗ vaux ſein. Sagen Sie ihr doch, ich ſei zu ihr ge⸗ kommen, wie man zuweilen zur Parade nach den Boulevards geht, um ſich einen Spaß zu machen, ſich einen Augenblick zu zerſtreuen, und das war Alles.“ Vadevant ſprang mit einer wüthenden Miene auf und ſchrie:„Sie find zu meinen Coufinen ge⸗ gangen wie zur Parade! O! mein Herr, das iß doch zu ſtark. Aber das wird Ihnen nicht ſo hin⸗ gehen. Wir ſind da, mein Herr; Sie haben ohne Zweifel geglaubt, nur mit Frauen zu thun zu ha⸗ 61 ben, da haben Sie ſich gewaltig getäuſcht. Die Damer Devaur haben achtzehn Couſin, von denen ich der Jüngſte bin, und wir werden es nicht zu⸗ geben„ Emil lachte noch ſtärker, da er die drohende Miene ſah, welche der kleine Mann annahm. Die⸗ ſer näherte ſich dem Bette, legte ſeine Hand auf die Pfoſte und verſuchte es, ſeiner Stimme einen ge⸗ waltigen Klang zu geben, indem er rief:„Sie müſſen eine von meinen Coufinen heirathen, mein Herr; Sie müſſen es, oder Sie werden Ihr Leben großen Gefahren ausſetzen Sie verſtehen mich.“ „Ja, mein theurer Freund, ich verſtehe Sie ſehr gut; ich werde mich mit den achtzehn Coufins ſchla⸗ gen müſſen, mit all den Devaur im In⸗ und Aus⸗ lande, nicht wahr? Wohlan! Um dieſe Angelegen⸗ heit kurz zu machen, ſo können wir Beide ſogleich anfangen. Ich habe vortreffliche Klingen und Pi⸗ ſtolen hier, Sie können wählen. Ich bitte Sie bloß um die Erlaubniß, mich im Hemde ſchlagen zu dür⸗ fen, das wird mir bequemer ſein, wenn ich bleſſirt werden ſollte.“ Während der letzten Worte Emils war in Vade⸗ vants Haltung eine große Veränderung vorgegangen; die drohende Miene war verſchwunden, er nahm die Hand von der Bettpfoſte weg, er ließ die Lippen hängen und ſah ſich in allen Winkeln des Zimmers um; endlich bemächtigte ſich eine ſichtbare Bewegung ſeines ganzen Weſens, und in dem Augenblicke, in welchem der junge Mann, zu dem er zu Beſuche 62 gekommen war, ſich anſchickte, aus dem Bette zu ſpringen, beeilte ſich Vadevant, indem er mit einer faſt honigſüßen Stimme ſprach:„Mein Herr, wo⸗ für halten Sie mich! Ich werde nicht zugeben, daß Sie ſich im Hemde ſchlagen. Wenn man ſich im Hemde ſchlägt, erhitzt man ſich, und da könnten Sie ſich einen Schnupfen, oder einen Blutſturz davon tragen.“ „Das darf Sie nicht in Unruhe verſetzen, mein Herr, ich fürchte den Schnupfen nicht.“ Emil wollte noch immer ſein Bett verlaſſen, aber Vadevant warf die Decke über ihn, indem er aus⸗ rief:„Nein, mein Herr, bleiben Sie doch, ich bitte Sie darum. Wie! ich ſollte mich mit Jemand ſchla⸗ gen, der faſt nackt iſt; wie können Sie das denken? Alle Vortheile wären auf meiner Seite.“ „Weil es mir ſo beliebt.“. „Und ich, mein Herr, will, daß in einem Duel die Vortheile auf beiden Seiten gleich ſeien.“ „So ziehen Sie ſich aus, ſo weit wie ich bin, dann werden die Sachen gleich ſtehen.“ „Wie! ich ſoll mich bis aufs Hemd entkleiden! Pfui! mein Herr, unſer Kampf wäre unanſtändig.“ „Nun denn, ſo laſſen Sie mich ein Paar Bein⸗ kleider anziehen, es wird ſich bald haben.“ Emil wollte immer aufſtehen, Vadevant verhin⸗ derte ihn aufs Neue daran, indem er rief:„Es ift unnütz! Wir können uns dieſen Morgen nicht ſchla⸗ gen, wir haben keine Zeugen, und es müſſen auf jeder Seite wenigſtens zwei ſein. Ich will nicht für einen Mörder gelten.“ 63 Emil betrachtete den kleinen Mann ſcharf, dann* zuckte er die Achſeln und legte ſich nieder, indem er ſagte:„In der That, ich glaube, es iſt unnütz, daß ich aufſtehe. Geſtehen Sie, mein Herr, daß Sie keine Luſt haben, ſich zu ſchlagen, daß Ihr Vorſchlag nur Großſprecherei war, und das wird beſſer ſein.“ Vadevant erwiderte nichts, aber er zog das Schnupftuch aus ſeiner Taſche, brachte es an ſeine Augen, wiſchte ſich dieſe dreimal hintereinander ab, und ſtieß dann einen tiefen Seufzer aus. Während dieſer Zeit drehte ſich Emil nach der Wand um, drückte ſich in die Kopfkiſſen ein, und ſchien auf die ſich im Zimmer befindliche Perſon gar nicht mehr zu achten. Nachdem er eine ſehr gerührte Miene angenom⸗ men, nachdem er mehremale die Augen zuſammen⸗ gezwickt hatte, und ſie anzufeuchten verſuchte, ſtot⸗ terte Vadevant mit weinerlicher Stimme:„Ach! mein Herr, wäre es nicht grauſam, deßhalb zu dem immer ſo unangenehmen Aeußerſten zu greifen, und iſt es nicht viel beſſer, viel vernünftiger, ſich zu verſtändigen. Laſſen Sie mich an Ihr Herz ſpre⸗ chen, es wird für meine Worte nicht taub ſein; beſonders da ich die Sache der Unſchuld und der Schönheit vertheidige; denn Sie werden nicht läug⸗ nen, daß meine Coufinen ſchön ſind. Es ſind zwei Roſen, die nur auf Ihren Hauch warten, um ſih zu öffnen.“ Vadevant hielt einen Augenblick inne, doch da ihm Emil nicht antwortete, ſo ſchloß er daraus, daß er 64 „ ihn mit Aufmerkſamkeit anhöre; und nachdem er ſich nochmals die Augen getrocknet hatte, um glau⸗ ben zu machen, er weine, fuhr er fort:„Meine jungen Coufinen lieben Sie, ich ſuche es Ihnen nicht zu verbergen. Laura ſpringt für Sie mit Ihren Caſtagnetten, ſie vervollkommnet ſich in den ſpaniſchen Tänzen, weil Sie dieſe zu lieben ſchie⸗ nen. Heirathen Sie ſie, und jeden Morgen, wäh⸗ Sie Ihre Chokolade trinken, wird ſie Ihnen die Cachucha vortanzen. Ophelia betet Sie an. Schon ausgezeichnete Virtuofin, vervollkommnet ſie ſich mit allem Eifer im Geſange, da ſie weiß, daß Sie ein großer Liebhaber davon find; fie hat auf Ihren Na⸗ men einen herrlichen Orgelton gemacht, einmal Ihre Frau, wird ſie nur in Rouladen zu Ihnen ſprechen. Ich weiß ſehr gut, daß Sie nur Eine von ihnen hei⸗ rathen können; aber wählen Sie, und die Andere wird ſich tröſten, indem ſie Ihnen den ſo ſüßen Na⸗ men eines Bruders beilegen wird.“ Vadevant hielt inne; er war überzeugt, daß ſeine Rede einen tiefen Eindruck auf den jungen Mann machen mußte; aber dieſer beharrte in ſeinem Still⸗ ſchweigen. „Sie antworten mir nicht,“ ſagte Vadevant, „ich errathe die Urſache; Sie fühlen Ihr Unrecht und wollen es nicht eingeſtehen; beruhigen Sie ſich. Im Namen meiner Coufinen wage ich es, Sie zu verſichern, daß Alles vergeben iſt. Es wird von dem Vergangenen keine Rede ſein; Sie ſollen keinen Vorwurf hören; ſagen Sie mir nur, welche von — 65 den beiden Schweſtern Sie wählen, und ich kehre zurück, um der Familie Devaux das Glück wieder zu bringen.“ Vadevant näherte ſich dem Bette: keine Antwort; er neigte ſich ein wenig gegen Emil, indem er ſagte: „Ihren Namen diejenige, welche Sie wählen: Laura oder Ophelia. laſſen Sie hören Hel“ Da der kleine Mann etwas zu hören glaubte, beugte er ſeinen Kopf noch mehr vor; aber er be⸗ merkte bald, daß das, was er für eine Antwort gehalten, nur ein dumpfer und banger Athemzug war, welcher klar machte, daß der, an welchen er ſeine Worte gerichtet hatte, in einen tiefen Schlum⸗ mer verſunken war. „Er ſchläft!“ ſagte Vadevant zu ſich;„er iſt eingeſchlafen, während ich zu ihm ſprach das iſt ſehr unartig,. das iſt ſogar unanſtändig.. denn ich ſprach ſo ergreifende Dinge zu ihm, daß es ihn hätte rühren müſſen.. Was iſt zu machen? Soll ich mich alſo ohne eine Antwort hinwegbegeben? Ich weiß wohl, daß er mir gleich anfangs geſagt hat, er wolle keine von meinen Coufinen; aber ich hatte mich ſchlecht dabei benommen, ich hatte ihn in Zorn gebracht, während ich einen glücklichen Erfolg erreichen mußte, wenn ich ihm ans Herz ſprach. Und wer weiß, ob dieſer Schlummer nicht gemacht iſt. ob er nicht bloß die Augen ſchließt, um mir ſeine Thränen zu verbergen.“ In dieſer Vorausſetzung beugte ſich Vadevant noch mehr über Emil hin, dann faßte er ihn ſanft 66 am Arm, indem er murmelte:„Iſt es Laura? iſt es Ophelia? Erklären Sie ſich, theurer Coufin!“ Da er ſich geſtoßen fühlte, erwachte Emil ſo⸗ gleich: er gähnte, öffnete die Augen, drehte ſich herum und bemerkte Vadevant, deſſen Geſicht faft auf dem ſeinen lag; bei dem Anblicke dieſer Geſtalt belebte ein Ausdruck von Zorn die Augen des jun⸗ gen Mannes, und er rief:„Noch immer dieſer vermaledeite Menſch! Er hat wohl geſchworen, mich nicht ſchlafen zu laſſen.. Ah, das iſt zu ſtarl! Düpré! Düpre! Germain!. Emil hatte ſich aufgeſetzt und zog mit Heftig⸗ keit an einer Klingelſchnur, welche am Kopfe ſeines Bettes war. Der Kammerdiener erſchien. Währem dieſer Zeit lief Vadevant, ſeinen ſuchend, in Zimmer hin und her. „Düpré! wirf dieſen Menſchen augenblicklich zu Thüre hinaus!“ rief Emil, auf Vadevant zeigend, der aus Furcht ſeinen Hut nicht fand;„und wenn er noch einmal das Unglück hat, ſich bei mir zu zeigen, ſo befehle ich Dir, ihn die Treppe hinab⸗ zuwerfen.“ Der Diener näherte ſich und ſchickte ſich an, zu thun wie ihm ſein Herr befohlen hattez aber Va⸗ devant, der eben ſeinen Hut ergriffen hatte, drückte ihn in den Kopf und beeilte ſich ſelbſt, die Thür zu gewinnen, während er ſchrie:„Das iſt abſcheu⸗ lich! das iſt ein Schreck! So behandelt man keinen Ehrenmann!.. Aber Sie werden noch von 67 mir hören, mein Herr, ich werde meine Cvufinen rächen. ich werde Sie lehren ich„ Die letzten Worte erreichten Emils Ohr nicht mehr; denn während er ſprach, hielt es Vadevant für klug, ſich ſortzumachen, aus Furcht, von dem Bedienten verfolgt zu werden; auf der Straße erſt fand er ſeine volle Stimme wieder und überließ ſich einem Zorne, der die Vorübergehenden lachen machte. Emil indeß, ärgerlich, geweckt worden zu ſein, weil er von Stephanie geträumt hatte, legte ſein Haupt aufs Neue auf ſeine Kiſſen; und ſchon nicht mehr an den eben empfangenen Beſuch denkend, ſuchte er den Traum, um den man ihn gebracht hatte, wieder zu gewinnen. Das Bild des herr⸗ lichen Mädchens, dem er den Hof machte, wurde von Neuem von ſeinen Gedanken geliebkost, und er ſchloß die Augen, indem er ſagte:„Das Kind genirt mich das Kind muß ich von Stephanie entfernen.“ Drittes Kapitel. Ein Feſttag. Es war einige Zeit vorübergegangen, ſeitdem Guerreville bei Grillon zu Mittag geſpeist hatte, und ſeitdem hatte er nur ſeine Karte bei den Eltern ſeiner Pathe abgeben laſſen, da er nicht mehr den 68 Muth fühlte, ſich in einer Geſellſchaft einzufinden, in der er eine heitere Miene annehmen mußte. Guerreville hatte den von Vadevant ausgeſpro⸗ chenen Namen der Damen Dolbert vergeſſen, der ihn einen Augenblick an die kleine Zizine erinnert hatte; er hatte nicht mehr an den Waſſerträger Jerome gedacht und ſich von Neuem ſeinen Nach⸗ forſchungen hingegeben, die ſtets ohne Erfolg blie⸗ ben und die er doch den folgenden Tag wieder anfing. Der Winter ging zu Ende, der Frühling und die ſchönen Tage kamen wieder; aber gibt es ſchöne Tage für einen Mann, deſſen Herz einem Kummer zur Beute geworden iſt, den nichts zerſtreuen kannk Guerreville bemerkte kaum den Wechſel der Jahres⸗ zeiten; jeden Abend, wenn er nach Hauſe kam, ſagte er zu ſich:„Nichts! nie die mindeſte Spur! niemals nie eine Nachricht!. Und er warf ſich traurig auf einen Seſſel, ohne zu ſehen, ob der Himmel heiter wäre, ohne daran zu denken, die angenehmſte Luft des Frühlings ein⸗ zuathmen. Eines Tages fühlte ſich Guerreville, ohne ſich einen Grund angeben zu können, noch niederge⸗ ſchlagener, noch bekümmerter als gewöhnlich; da er nicht den Muth hatte, auszugehen, und das Herz bedrückt und faſt mit Thränen überſchwemmt fühlte, war er zu Hauſe geblieben und ſaß an einem Li⸗ ſche; das Haupt in eine feiner Hände geſtützt⸗ fragte er ſich ſelbſt und ſuchte zu ergründen, woher 69 ihm dieſe Verdoppelung ſeines Unbehagens und ſeiner Traurigkeit kommen könnte. Und doch war an dieſem Tage der Himmel rein und die Sonne von keiner Volke verhüllt. In dieſer Stimmung hatte Guerreville nur den einen Wunſch, daß Niemand kommen möchte, ihn in ſeiner Einſamkeit zu ftören. Aber gegen die Mitte des Tages weckte ihn der Ton der Klingel, an der mit Gewalt gezogen wurde, aus ſeinen Be⸗ trachtungen. Guerreville wollte ſich anfangs verläugnen laſ⸗ ſen, aber er hatte Jenneval ſeit mehren Tagen nicht geſechen, und da er glaubte, es wäre der Doktor, befahl er ſeinem Diener nicht, zu ſagen, daß er nicht zu ſprechen wäre. Der Diener erſchien bald darauf an der Zimmer⸗ thür ſeines Herrn. „Wer hat geläutet?“ fragte Guerreville. „Die junge Dame und der junge Herr, welche ſchon einmal den Herrn beſucht haben: Ihre Pathe und Herr Julius. Eein Laut des Unwillens entſchlüpfte Guerreville. Georg fuhr fort:„Sie haben mich gefragt, ob der Herr da wäre. und meiner Treu, ich habe ia geſagt. ch wußte nicht, ob„ „Ich bin doch nie ungeſtört, wenn ich mich meinen Gedanken hingeben will immer Störung! Und warum fommen ſie miteinander?“ „Ah, ich glaube, daß ſie ſich nur auf der Treppe getroffen haben, denn ſie ſcheinen ſich nicht zu 70 kennen„Aber, wenn der Herr den jungen Mann und das Frauenzimmer nicht annehmen wollen, ſo will ich ihnen ſagen, daß ſie fortgehen ſollen.“ „Dummkopf. nachdem Du ihnen geſagt haſt, ich ſei zu Hauſe.. das wäre unartig.. Laß ſie eintreten.“ „Beide, mein Herr?“ „Ja ſo werde ich ſchneller erfahren, was ſie von mir wollen. Geh, Georg.“ Der Diener entfernte ſich und Guerreville ſuchte ſein Geſicht ein wenig aufzuheitern, um den Beſuch der beiden jungen Leute zu empfangen.“ Bald öffnete ſich die Thüre von Neuem und Agathe trat zuerſt herein; ſie hielt einen ſchönen Blumentopf in der Hand, in welchem ein mit Knoſpen bedeckter Myrtenſtock war; das junge Mädchen ſchien ſtolz darauf, dieſen Stock zu tragen, deſſen Laſt ihr doch ein wenig beſchwerlich ſein mußte; ſie näherte ſich Guerreville mit halb ernſter halb lächelnder Miene, wie die Kinder, die ſich bei einer Feierlichkeit ein würdevolles Anſehen zu geben ſuchen und gezwungen find, ſich in die Lippen zu beißen, um nicht zu lachen. Nach dem jungen Mädchen trat Julius ein, der ebenfalls einen Blumentopf in ſeinen Armen hielt, welcher auch einen Myprtenſtock einſchloß. Derſelbe Gedanke, dieſelbe Erinnerung hatten diejenigen, welche ſie ſchickten, geleitet, und ſo hatten ſie na⸗ türlich dieſelbe Blume gewählt. Aber der junge Mann näherte ſich mit einer ernſten, feierlichen 71 Miene und die Augen auf das Bouquet gerichtet, das er darreichen wollte. Guerreville bezeigte anfangs nur ein leichtes Staunen, da er ſah, daß ihm Agathe eine Myrte brachte; als aber ſeine Augen auf das Bouquet fielen, welches Julius hielt, überzog plötzlich eine Bläſſe ſein Geſicht; ſeine Erinnerung erwachte.. ſein Gedächtniß rief ihm den Zeitpunkt zurück, in welchem er ſich befand, und ſtatt ſich zu erheben, um den jungen Leuten entgegen zu gehen, ſiel er auf den Stuhl zurück, ohne ein Wort hervorbringen zu können. Indeß kamen Agathe und Julius an ihn heran; das Mädchen ftellte ſich zu ſeiner Linken, Julius nahm die andere Seite ein; Beide reichten ihm ihre Bouquets hin und ſagten faſt gleichzeitig: „Mein Pathe wollen Sie mir erlauben?.. — Mein Herr ich nehme mir die Freiheit... — Ich komme, Ihnen zu Ihrem Feſte Glück zu wünſchen und dieſe Myrte, mit allen meinen Wün⸗ ſchen und denen der Mama für Ihr Glück, zu. überbringen.“ „Mein Herr. nehmen Sie auch mein Bouquet gütigſt an. WMeine Mutter hat mir geſagt, welcher Feſttag für Sie wäre und daß Sie mir erlauben würden, Ihnen dazu Glück zu wünſchen.“ „Mein Feſttag! heute mein Feſttag! ſtotterte Guerreville mit unterbrochener Stimme, indem er ein wenig den Kopf erhob; ſeine Augen irrten im Zimmer umher, wo er Jemand zu ſuchen 72 ſchien; bald aber drückten ſie nur eine flillſchweigende Verzweiflung aus und ſanken zur Erde, während ſein Mund murmelte:„Sonſt war es ſo und nun? nimmermehr o mein Gott! nimmer⸗ „Ja, mein Pathe, heute iſt Ihr Feſttag, der heilige Iſidorus,“ ſprach Agathe, nachdem ſie ihren Blumentopf niedergeſetzt hatte,„und ich werde darauf bedacht ſein, es niemals zu vergeſſen, Ihnen an demſelben Glück zu wünſchen.. Es iſt ein ſo großes Vergnügen, ſeinem Pathen einen Blu⸗ menſtrauß zu überreichen.. Wollen Sie mir er⸗ lauben, Sie zu umarmen?“ Das junge Mädchen beugte ſich nieder und neigte Guerreville ihre Roſenwangen hin, dieſer aber rührte ſich nicht; ſie entſchloß ſich endlich, ihn auf die Stirne zu küſſen, bald aber ſprang ſie zurück, indem ſie ausrief:„Ah, das iſt ſonderbar„wie kalt mein Pathe iſt!“ Julius, der ſeit einigen Augenblicken darauf wartete, daß ihn Guerreville eines Blickes würdigen würde, und aus ſeinem Munde ein freundliches Wort zu vernehmen hoffte, ſtürzte ſich jetzt auf ihn und ſtieß einen Schreckensruf aus, als er wahr⸗ nahm, daß Guerreville das Bewußtſein verloren hatte:„Ach, mein Gott, Mavemvoiſelle!„er befindet ſich unwohl er iſt völlig ohnmächtig!“ „Iſt es möglich. mein Pathe„mein armer Pathe!„ Ach, was hat das zu bedeuten?.. Was iſt zu machen. was gibt man ihm? 73 Ach, warten Sie, ich will Jeannette rufen„ ſie iſt mit mir gekommen O, mein Gott, mein armer Pathe!„ Und das junge Mädchen lief, ihre Kammerfrau zu holen, dann kam ſie zu Guerreville zurück, rieb ihm die Stirne, kitzelte ihn in der Hand. Während dieſer Zeit öffnete Julius das Fenſter, ſuchte Fla⸗ cons, flüchtige Salze; Georg und Jeannette liefen in allen Zimmern umher, brachten tauſend Dinge herbei, rannten aneinander, ſtießen die Köpfe zu⸗ ſammen und waren troſtlos, weil Guerreville immer in demſelben Zuſtand blieb. Die Ankunft des Doktor Jenneval weckte wieder die Hoffnung in den Herzen Aller; man lief ihm entgegen, man zeigte ihm den, mit deſſen Wieder⸗ belebung man ſich fruchtlos bemühte. Jenneval fing damit an, ſich über die Urſache dieſer Ohnmacht zu unterrichten, und Agathe drängte ſich vor, zu erzählen:„Mein Herr, wir kamen zuſammen her, dieſer Herr und ich, um meinem Pathen zu ſeinem Namensfeſte Glück zu wünſchen. Ich weiß nicht, ob er heute ſchon krank war.“ „Nein,“ ſagte Georg,„nur ſchien heute der Herr noch trauriger, niedergeſchlagener zu ſein, als ge⸗ wöhnlich. „Wir kamen hieher, um ihm Jedes ein Bouguet zu überreichen und es fand ſich, daß wir ihm Beide eine Myrte brachten Aber das hat ihn nicht krank machen können, denn die Myrten haben keinen Geruch, nicht wahr, mein Herr?“ Paul de Kock. X0vn. 6 7⁴ „Aber er war wahrſcheinlich auf Euern Beſuch nicht vorbereitet?“ ſagte Jenneval;„Was hat er bei Eurem Anblick geſagt?“ „Er wurde blaß,“ erwiderte Julius,„dann ſah er ſich nach allen Seiten im Zimmer um, ließ den Kopf auf die Bruft finken, während er einige Worte ſtammelte, die ich nicht habe hören können.“ „Genug,“ ſagte der Doktor,„ich errathe, ich glaube es zu verftehen Entfernen Sie ſich einen Augenblick gehen Sie in ein anderes Zimmer. Sie, Georg, nehmen dieſe Blumentöpfe weg, da⸗ mit ſie Ihr Herr nicht ſehen kann, wenn er wieder die Augen aufſchlägt.“ „Aber, mein Herr, da dies nicht Schuld iſt!. rief Agathe. „Belieben Sie mich handeln zu laſſen, mein Fräulein. Georg, thun Sie, wie ich Ihnen geſagt habe.“ Man führte die Befehle des Doktors aus, und die beiden jungen Leute, ganz betroffen über das eben Vorgefallene, entfernten ſich traurig von dem, zu dem ſie gekommen waren, um ihm Glück zu wünſchen. Als er ſich mit ſeinem Freunde allein befand, vemühte ſich Jenneval, ihm mit allen Mitteln ſei⸗ ner Kunſt beizuſtehen. Nach Verfluß von einigen Augenblicken ſah er Guerreville wieder zu ſich Lom⸗ men; bald öffneten ſich ſeine Augen wieder und ſchauten ſich um, aber ſeine Bruſt war beklommen⸗ er holte ſchwer Athem. Der Doktor ergriff ſeine 75 Hand und erwärmte ſie in der ſeinen, indem er ſagte:„Mein armer Freund. dieſe jungen Leute haben Ihnen, ohne ſich deſſen zu verſehen, großes Leid zugefügt. Ol ich habe Alles errathen Da ſie kamen, Ihnen zu Ihrem Feſte Glück zu wünſchen„ und da Sie ohne Zweifel nicht daran dachten, haben ſie Sie an einen Zeitpunkt Ihres Lebens erinnert, in welchem Sie glücklich waren wo Sie diejenige welche Sie ſuchen in Ihrer Nähe hatten. die, welche Sie unaufhörlich be⸗ trauern. damals vielleicht. war ſie es, welche Ihnen zuerſt ein Bouquet vorreichte.“ „Meine Tochter! WMeine Pauline!„ ſchrie Guerreville. Ot ja ja Sie kam immer die erſte.. Sie brachte mir ein Bouquet.. Und ſie warf ſich in meine Arme. indem ſie ſagte: Mein Vater! wie liebe ich es, Dich zu be⸗ glückwünſchen!“ Während er dieſe Worte ſprach, ſtützte Guerre⸗ ville ſein Haupt an Jennevals Bruſt, er hatte nicht mehr die Kraft zu ſprechen; aber zwei Thränen⸗ ſtröme brachen hervor und benetzten ſein Geſicht. Der Doktor drückte ihn in ſeine Arme, indem er ſprach:„Weinen Sie weinen Sie an der Bruſt Ihres Freundes Ich ſelbſt habe dieſe Thränen hervorgerufen, an denen Sie zu erſticken drohten... Laſſen Sie Ihren Schmerzen freien Lauf!.. Es gibt keinen, der mehr Achtung verdiente, als der eines von ſeinen Kindern verlaſſenen Vaters!. „O, mein lieber Jenneval!... Ich bin ſehr 76 unglücklich!... Aber es ſcheint mir in der That, daß dieſe Thränen mich erleichtern Jal es iſt meine Tochter. meine Tochter, die ich anbetete. welche mir heute dieſe Schmerzen verurſacht Sie wiſſen Alles, mein Freund, ich will kein Ge⸗ heimniß mehr vor Ihnen haben Sie find meines Vertrauens würdig Verzeihen Sie mir, daß ich ſo lange gezögert habe, Ihnen dieſes Geſtänd⸗ niß zu thun. Ach! es geſchah nicht, weil ich an Ihrer Freundſchaft zweifelte, aber ich wollte immer verbergen.. die Schuld meiner Tochter.“ „Wohlan, mein Freund ermannen Sie ſich, Sie befinden ſich jetzt wieder beſſer... Ah! Wie ſehr wünſche ich mir Glück, in dieſem Augenblick hieher gekommen zu ſein!“ „Guter Doktor!. Ja ich erhole mich. Es hatte ſich heute, ohne daß ich den Grund davon wußte, eine doppelte Traurigkeit meiner be⸗ mächtigt. War es vielleicht eine unbeſtimmte Erinnerung an eine einſt ſo glückliche Zeit?.. Ich weiß es nicht.„ Aber die armen jungen Leute dauern mich, welche hergekommen ſind, mir Glück zu wünſchen, und die ich auf eine ſo traurige Weiſe empfangen habe.. Ich ſehe ſie nicht mehr.“ „Sie find da.. In dem Seitenzimmer... Wo ſie ohne Zweifel ungeduldig darauf warten, daß ich ihnen erlaube, zu Ihnen zurückzukehren.“ „Arme Kinder!. Es iſt doch ſonderbar!. Ihr Anblick hat mich noch unglücklicher gemacht.. und dennoch.. Ach! Doktor wenn Sie wüßten..“ — 77 „Sie werden mir Alles ſagen. Und ich glaube, daß ich wenig Neues dabei erfahren werde; denn durch Uebung daran gewöhnt, die Gefühle meiner Kranken zu ſtudiren, weiß ich faſt immer ſchon vorher, was man mir anvertrauen will. Fühlen Sie ſich ſtark genug, die jungen Leute wieder zu ſehen, oder wollen Sie, daß man ſie fortſchicke?“ „Sie mögen kommen, Doktor, ich will ihnen ſelbſt für Ihre Gratulation und ihr Bouquet danken.“ Jenneval ging nach der Thüre des Salons und öffnete ſie, wo Agathe und Julius in verſchiedenen Winkeln ſaßen und ängſtlich darauf warteten, daß man ihnen über den Zuſtand Guerreville's Nachricht geben ſollte; auf ein Zeichen des Doktors ſprangen ſie auf und liefen herbei. „Ach! mein Pathe! Wie ſehr hat es mich geſchmerzt, Sie ohne Bewußtſein zu ſehen!“ rief Agathe, indem ſie Guerreville's Hand ergriff, wäh⸗ rend Julius mit bewegter Stimme zu ihm ſprach: „Befinden Sie ſich beſſer, mein Herr? wie fühlen Sie ſich?„ 2chl ich war ſehr in Unruhe.. ganz troſtlos! „Ich danke„Julius danke, meine gute Agathe,“ erwiderte Guerreville, ein Lächeln er⸗ zwingend.„Es war nichts.. Ein Uebelbefinden.. deſſen Grund ich nicht kenne Es iſt gänzlich vorüber.“ „Nicht wahr, mein Pathe, unſere Myrten find an Ihrem Unwohlſein nicht Schuld geweſen. 78 Obgleich der Herr Doktor unſere Blumentöpfe von hier hat entfernen laſſen wollen?.. „Nein! nein, es war nicht von Eueren Blumen.“ „Mein Stock iſt ſehr hübſch, es iſt der mit den vielen Knoſpen. Wollen Sie, mein Pathe, daß ich gehe, ihn zu ſuchen?“ „Nein, meine liebe Pathe, laß ihn, wo man ihn hingeſtellt hat. Ich bin durch Euere Auf⸗ merkſamkeit, durch Euere Erinnerung ſehr erfreut...“ „Ol mein Pathe, ich wußte nicht, daß heute Ihr Feſttag wäre; Mama hat mich geſtern davon unterrichtet, indem ſie zu mir ſagte: Obgleich Dein Pathe Dich nicht mehr beſucht, und ſich gar nicht mehr um Dich zu bekümmern ſcheint, ſo iſt doch morgen ſein Feſttag, und Du darſſt nicht erman⸗ geln, hinzugehen, um ihm Glück zu wünſchen; Mama hat mir auch die Mprten zurecht gemacht, und mehre kleine Vergißmeinnicht herumgepflanzt.. Sie werden ſehen fie ſagte, das ſei alle⸗ goriſch!„ Jenneval wandte lächelnd den Kopf ab, und Guerreville ſagte: um nur recht bald dem Geſchwätz ſeiner Pathe ein Ende zu machen: „Meine liebe Agathe, Sie werden Ihrer Frau Mutter meinen innigſten Dank bringen.. Sie werden mich entſchuldigen, daß ich Sie nicht habe beſuchen können Herr Julius, haben auch Sie die Güte, meine Empfehlung an Madame Galet zu übernehmen Meine Geſchäfte meine Geſundheit geſtatten mir nicht immer, über meine 79 Zeit zu verfügen. Bis ich Sie wieder beſuchen werde, werden Sie hoffentlich vorläufig auch mein Bougquet annehmen.. Denn ich bin ſehr zerſtreut, ich, ich könnte Ihren Namenstag vergeſſen, und deßhalb will ich es Ihnen ſchon heute überreichen.“ Julius ſchwieg und ſchlug die Augen nieder; ein Etwas ſagte ihm, daß wiederum eine Rolle mit Goldftücken ihm würde in die Hand gedrückt werden, und ſeitdem er die letzte, von der Guerreville be⸗ hauptet hatte, ſie ſchuldig zu ſein, ſeiner Mutter übergeben hatte, ſprach er nie einen Wunſch aus, ohne daß dieſe ihn nicht ſogleich erfüllt hätte; ſo konnte der junge Mann ſeine Neigung für das Theater befriedigen, ohne genöthigt zu ſein, von ſeinem Vater Geld zu verlangen, und auf dieſe Art herrſchte Frieden im Laden der Parfümerie⸗ händlerin. Agathe aber, die nicht gewohnt war, lange zu ſchweigen, ohne dazu gezwungen zu ſein, beeilte ſich, Guerreville, der an ſeinen Sekretär gegangen war, zu erwidern:„O! mein Pathe, ich werde Alles annehmen, was Sie mir gerne geben wollen, und es iſt mir weit lieber, daß dies bald, als an meinem Namenstage geſchehe, denn es iſt wahr, Sie könnten denſelben vergeſſen. Sie haben ſo viele Dinge im Kopfe!.. Uebrigens hat mir Mama geſagt, ich dürfe niemals etwas von Ihnen zurück⸗ weiſen„ Und ich möchte ihr nicht ungehorſam ſein!“ „Nehmen Sie denn, meine liebe Pathe,“ ſagte 8⁰ Guerreville, indem er Agathen ein kleines Porte⸗ feuille gab,„hier iſt mein Bouquet.. Gehen Sie, und ſeien Sie glücklich. das iſt mein aufrichtiger Wunſch Das junge Mädchen nahm die Brieftaſche, in welche ſie ſchon hätte hineinſehen mögen, und machte eine tiefe Verbeugung, indem ſie ſagte:„Ich danke, mein Pathe.“ Guerreville hatte ſich indeß Julius genähert, dem er eine geſchmackvolle Brieftaſche, mit goldenem Schloſſe überreichte, indem er ſprach:„Hier iſt mein Bouquet.. Ich hoffe, Sie werden ſich daran erinnern, daß ich ein alter Freund Ihrer Fa⸗ milie bin, und daß Sie mein Geſchenk deßhalb nicht verſchmähen werden.“ Julius nahm das Andenken, denn eine innere Stimme ſagte ihm, daß in den Tafeln noch ein anderes Geſchenk eingeſchloſſen ſei, und ſtotterte einige Worte des Dankes, während Guerreville ihm die Hand drückte; Julius hätte gern dem Mann, der trotz ſeiner kalten Miene ſich ſo großmüthig gegen ihn erwies, umarmt, aber ob wohl er große Luſt dazu verſpürte, ſo hatte er doch nicht den Muth, ihn um dieſe Gunſt zu bitten; und nachdem er einen tiefen Seufzer ausgeſtoßen, grüßte er Guerreville und nahm Abſchied von ihm. Fräulein Agathe beeilte ſich, ein Gleiches zu thun, denn ſie wollte gern ſchon draußen ſein, um ihre Brieftaſche unterſuchen zu können, ſie lief auf ihren Pathen zu, umarmte ihn, machte mehre Knixe 8¹ vor dem Doktor, und ſprang mit Jeannette fort, indem ſie rief:„Auf Wiederſehen, mein Pathe; gute Beſſerung, und beſuchen Sie uns, wenn Sie Zeit haben.“ Kaum war ſie auf der Mitte der Treppe, blieb Agathe ſtehen, und that, als wäre ihr das Schuh⸗ band locker geworden, um Julius vorangehen zu laſſen, der ſie grüßte und ſich entfernte. Mit ihrer Kammerfrau allein, zog ſie die kleine Brieftaſche aus ihrem Beutel und ſprach:„Gewiß hat mir mein Pathe dieſe ſchlechte Brieftaſche, die gar nichts be⸗ ſonderes hat, nicht leer gegeben.. Ich wette, es ſteckt etwas darin, nicht wahr, Jeannette?“ „Ol ja freilich, Mademviſelle, iß ſie ſchwer?.. „Nein, ſie iſt nicht ſchwer.. Es klingt nicht... Wir wollen ſehen Die Brieftaſche iſt offen, Agathe unterſucht ſie, durchläuft ſie mit ſolcher Haſt, daß ſie die Taſche noch gar nicht bemerkt hat, ſie blättert, reißt ſie hin und her und murmelt ſchon:„Das iſt ſonder⸗ bar! ſie enthält nichts.. das Andenken meines Pathen iſt nicht ſehr koſtbar, dann werde ich es auch nicht ſehr in Ehren halten.“ Aber Jeannette, die auch hineinſah, bemerkte die kleine Taſche und ſagte zu dem jungen Mädchen: Mademviſelle, ſehen Sie doch hieher, es ſcheint mir, Sie haben dieſes Seitentäſchchen noch nicht bemerkt. Agathe beeilte ſich, dieſen Theil der Brieftaſche zu unterſuchen, und ſtieß ein Freudengeſchrei aus: 82 „Ah! Jeannette! Ein Bankbillet.. Ein Bankbillet von tauſend Franken!. „Iſt es möglich, Mamſell! „Ja, Jeannette. Ol ich kenne die Bankzettel ſehr gut.. Papa hat mir bisweilen welche gezeigt, indem er ſagte: Das ſind Lumpen, mit denen man Paris kaufen könnte.“ „Ah! Mamſell, laſſen Sie mich doch noch ein⸗ mal ſehen, wie das ausſieht.. tauſend Franken!. „O! das ſchöne Geſchenk!.. Was das für ein lieber Pathe iſt! o! ich bin ſche er freut, habe Luſt zurückzukehren, um ihn zu umarmen. „Ol nein, Mamſell, er würde ja daß wir auf der Treppe ſtehen geblieben ſind.“ „Du haßt Recht, beeilen wir uns vielmehr, nach Hauſe zu kommen, daß ich den Meinigen das ſchöne Bankbillet von tauſend Franken zeigel. Agathe entfernte ſich mit ihrer Kammerfrau ſo ſchnell wie möglich und auf dem ganzen Wege be⸗ hielt ſie die Brieftaſche in der Hand, und ſo oft ſie hundert Schritte gemacht hatte, öffnete ſie dieſelbe, um ſich zu überzeugen, daß ihr Bantzettel noch darin wäre; als ſie endlich zu ihrer Mutter nach Hauſe kam, war ihr erſtes Wort, das ſie ſprach: „Mama, mein Pathe hat mir ein Geſchenk mit einem Bankbillet von tauſend Franken gemacht.“ Und Madame Grillon erwiderte lächelnd:„Ich glaube es wohl, man bekommt nicht alle Tage eine Pathe wie Dich!“ Julius war weniger ungeduldig als Agathe; 83 indeß beſchäftigte ihn das Geſchenk doch; als er zu Hauſe angekommen war, nahm er es aus ſeiner Taſche, drehte es nach allen Seiten um, und be⸗ wunderte es, aber er öffnete es nicht; er wollte es zuerſt ſeiner Mutter zeigen, der er verſprochen hatte, ſogleich zurückzukommen, um ihr Bericht abzuſtatten, wie ihr Myrtenſtock aufgenommen worden wäre. Marie war allein, ſie erwartete mit Ungeduld die Zurückkunft ihres Sohnes. Sobald ſie ihn er⸗ blickte, überſchüttete ſie ihn mit Fragen, dem Julius dadurch ein Ziel ſetzte, daß er ihr Alles, was vor⸗ gegangen war, erzählte. Als ſie vernahm, Guerreville habe das Bewußt⸗ ſein verloren, wurde ſie lebhaft bewegt. Thränen benetzten ihre Augenwimpern, fie blieb einen Au⸗ genblick im Nachdenken verſunken, dann rief ſie: „Ein junges Frauenzimmer, ſagſt Du, kam auch, Herrn Guerreville Glück zu wünſchen?“ „Ja, meine Mutter, er iſt ihr Pathe, denn ſie nannte ihn unaufhörlich: mein Pathe... „Eine Pathe?. Ahl ja„ich erinnere mich, die Tochter von Madame Grillon!.. Während ſie dieſe Worte ausſprach, zuckte ein bitteres Lächeln um die Lippen der Parfümerie⸗ händlerin, welche hinzufügte:„Und ohne Zweifel hat dieſe junge Dame Herrn Guerreville auch eine Moyrte überreicht?„ „Ja, meine Mutter. Wir hatten Beide den⸗ ſelben Strauch. Herr Guerreville hat ſeiner Pathe ein kleines Portefeuille und mir dieſe Brieftaſche 84⁴ gegeben, die ſehr elegant iſt.. Sieh hier iſt ſie, meine Mutter! Ich habe ſie noch nicht ge⸗ öffnet.“ Marie nahm die Taſche, zog den Stift heraus, der ſie verſchloß, und bald fiel ein Bankbillet auf den Ladentiſch. „Tauſend Franken!“ rief Julius, den Zettel prüfend, und ein freudiges Gefühl ſtrahlte in ſeinen Blicken; doch faſt in demſelben Augenblicke ſah er ſeine Mutter an und ſetzte hinzu:„Aber darf ich ein ſo beträchtliches Geſchenk annehmen?“ „Ja, mein Sohn, erwiderte Marie, die Augen niederſchlagend, ja denn ſchlägſt Du es aus, ſo wirſt Du Herrn Guerreville beleidigen. und Du mußt Dir ſeine Freundſchaft erhalten.“ Julius nahm hierauf das Bankbillet und legte es in die Brieftaſche, die er nicht genug bewundern konnte. Nach Verfluß von einigen Augenblicken ſagte ſeine Mutter mit bewegter Stimme zu ihm: „Und hat Dich Herr Guerreville auch umarmt?“ „Nein, meine Mutter und ich ich habe es nicht gewagt, ihn zu umarmen Obgleich ich ſehr große Luſt dazu hatte.. „Nicht eine Liebkoſung!“ ſagte Marie, und wendete ſich ab, um ihre Thränen zu verbergen. „Ach! eine ſolche hätte mehr Werth gehabt als Geld.“ 85⁵ Viertes Kapitel. Eine Erzählung. Kaum hatten ſich Agathe und Julius von Guerre⸗ ville entfernt, als dieſer ſeinem Diener rief, und ihm befahl, Niemanden mehr eintreten zu laſſen, da er in ſeinem Geſpräche mit dem Doktor nicht unterbrochen werden wollte. Als Guerreville und Jenneval allein war, ſetzte er ſich zu ihm und begann, ohne Einleitung, ſeine Erzählung:„Ich werde über das, was auf meinen Kummer keinen Bezug hat, raſch hinweg⸗ gehen. Ich bin der Sohn eines hohen Beamten, und habe zwanzig tauſend Franken Rente. Sehr frühe verwaist, hatte ich es meinem Namen zu ver⸗ danken, daß ich ohne Mühe eine einträgliche An⸗ ſtellung bei einer Verwaltungsbehörde erhielt; da ich aber die Freiheit liebte und keinen Ehrgeiz beſaß, kam ich nach einigen Jahren um meine Entlaſſung ein; übrigens machte mich mein etwas ſchroffer Charakter und meine Freimüthigkeit zu einem ſchlech⸗ ten Hofmann, und wären mir auf dem Wege zur Größe immer hinderlich geweſen. „So viel über meine Stellung in der Welt; jetzt will ich von meinen Gefühlen ſprechen. In meiner Jugend hatte die Liebe für mich tauſend Anziehungs⸗ kräfte; mit einem glühenden Herzen, mit einer flammenden Seele geboren, überließ ich mich viel⸗ leicht zu ſchnell den Reizen eines erſten Eindrucks, 86 welchen mich bald ein anderer, wenn auch nicht vergeſſen, doch ſehr vernachläſſigen ließ. Kurz, ich hatte ſolche Leidenſchaften, welche für den größten Theil der jungen Leute nur Launen find; aber bei mir war es immer Liebe. Wenigſtens glaubte ich es. „Ich war kaum fünfundzwanzig Jahre alt, als ich ein Fräulein Demontfort in einer Geſellſchaft kennen lernte, ich wurde ſterblich in ſie verliebt und heirathete ſie, ſeſt überzeugt, meine Liebe werde ewig währen. Meine Frau war ſanft, gut, lie⸗ benswürdig. und trotz dem, wurde ich ihr nach einiger Zeit untreu... Doktor, ich geſtehe meine Schuld ein. denn ich habe die Gewohnheit, offen zu ſein und habe mir nie Tugenden angemaßt, die ich nicht hatte. „Ich beſaß ein ſehr reizendes Gut, in der Nähe von Orleans; meine Frau liebte den Aufenthalt auf dem Lande, ſie wollte ſich dort niederlaſſen; ich aber kam oft nach Paris, und bediente mich dann al der Freiheiten eines Unverheiratheten. Um dieſe Zeit machte ich die Bekanntſchaft eines jungen und liebenswürdigen Mädchens... Namens Marie.. ich verliebte mich in ſie und hatte das Unglück, ihr zu gefallen Ich wandte indeß keine Liſt an⸗ und verbarg ihr auch nicht, daß ich nicht mehr frei wäre.. Trotz dem geſtand mir Marie, daß ſie mich liebte Ach! Doktor, die Vernunft iſt ſehr ſchwach in dem Alter, wo die Liebe ſo große Ge⸗ walt hat. Wir wurden ſchuldig.. Bald fühlte Marie, daß ſie ein Pfand unſerer Liebe unter ihrem 87 Herzen trug„ Glücklicherweiſe war ich reich, ich konnte das Schickſal des jungen Mädchens ſicher ſtellen und ſie aller Sorgen überheben; aber Marie war ſehr ſchön!.. In dem Augenblick, wo ich im Begriff ſtand, ſie zu verſorgen, bot ihr ein Mann ſeine Hand. Marie war unfähig, ihn betrügen zu wollen, ſie verbarg ihm ihre Lage nicht, trotz dem beharrte dieſer Mann in ſeinem Entſchluß, ſie zu heirathen. Marie fragte mich um Rath ſie hätte es vorgezogen, nur für mich zu leben, aber ich bewog ſie, das Schickſal ihres Kindes zu ſichern, und ſie gehorchte mir„ „Ich wollte wetten,“ ſagte der Doktor,„daß dieſer junge Julius das Kind dieſer zärtlichen Marie iſt.“ Guerreville antwortete Jenneval nur durch einen ſtarken Druck der Hand, dann fuhr er in ſeiner Erzählung fort:„Um dieſe Zeit lernte ich in Ge⸗ ſellſchaft auch eine junge und hübſche Frau kennen, die gegen ihren Willen verheirathet war!.. An einen Mann, den ſie niemals geliebt hatte dies ſagte ſie mir wenigſtens.„ Ich habe mich ſpäter überzeugt, daß ſich alle Frauen damit ent⸗ ſchuldigen, wenn fie ſich eine Schwachheit vorzu⸗ werfen haben. Ich tröſtete dieſe Frau in ihrer Langen⸗ weile; ihr Mann war damals abweſend; ſeine Reiſe zog ſich in die Länge, und die Lage dieſer Dame brachte ſie in große Verlegenheit.Sie verſtehen, Doktor?“ „Vollkommen.“ 88 „Endlich kam der Mann zurück, Alles glich ſich aus, denn die Ehemänner find die beſten Leute von der Welt.“ „Und Sie wurden der Pathe der kleinen Agathe: iſt das nicht das Ende Ihrer Geſchichte?“ „Ja, Doktor, ſo iſts.. Das ſind meine Fehler; doch ich wollte Ihnen Alles ſagen, und Ihnen ein vollſtändiges Bekenntniß machen. Indeß hatte mir meine Frau, ein Jahr nach unſerer Verheirathung, eine Tochter geſchenkt. Sie kam ſo ſchwächlich, ſo zart auf die Welt, daß man meiner Frau rieth, ſie in der Franche⸗Comté aufziehen zu laſſen, wo wir eine Tante hatten, die über unſer Kind wachen ſollte. Wir befolgten dieſen Rath und beſuchten unſer Kind jedes Jahr. Ich kann Ihnen nicht ſagen, mit welcher Wonne ich es umarmte!... Jedesmal wollte ich ſie mit fortnehmen, aber ich gab dem Rath des Doktors nach. Erſt als ſie ihr ſechstes Jahr ereicht hatte, nahmen wir unſere Pauline mit uns. Damals... O! damals fing ich an, mich ſeltener zu entfernen; meine Abſtecher nach Paris kamen nicht mehr ſo häufig vor, ich befand mich ſo wohl in der Nähe meiner Tochter!.. Sie an mein Herz zu drücken, war ein ſo reines, ein ſo neues Vergnügen für mich!... Ach! mein lieber Jenne⸗ val, ich lernte damals begreifen, daß es ein un⸗ wandelbares Gefühl gibt, welches uns eines Tages für den Verluſt aller übrigen entſchädigen können!. Es iſt das Gefühl, das man für ſeine Kinder em⸗ pfindet... Ich hatte für meine Frau die aufrichtige Freundſchaft, meine Tochter aber machte ſie mir noch 89 theuerer. Als Pauline heranwuchs, wurde ſie ſo liebenswürdig, ſo zuvorkommend; meine Gedanken veränderten ſich, ich wurde weiſer, vernünftiger.. das Glück, die Zukunft meiner Tochter zu ſichern, nur darauf war ich bedacht. Wenn ich bisweilen noch nach Paris ging, ſo war ich kaum dort, als mir ſchon die Zeit zu lang wurde und ich mich nach meiner Tochter ſehnte.“ „In Paris lebten aber doch Julius und Agathe?“ „Allerdings, Doktor; doch möchten Sie glau⸗ ben, daß mir der Anblick dieſer beiden Kinder mehr läſtig als angenehm war? Zuweilen, in Gegenwart ihrer Mütter mußte ich Sie umarmen; aber dann ſchien es mir, als ob ich Liebkoſungen an ſie ver⸗ ſchwendete, die meiner Tochter gehörten; und weit entfernt, daß mein Herz dabei betheiligt geweſen wäre, war dies immer widerwärtig für mich. In⸗ deß, den Rechten der Natur zufolge, mußten Julius und Agathe eben ſo viele Anſprüche auf meine Liebe haben, als Pauline. Woher kam es denn, daß dies nicht der Fall war? Doktor, erklären Sie mir dieſe ſonderbare Erſcheinung, von der ich überzeugt bin, daß ſie nicht mir allein eigenthümlich iſt und daß viele Andere dieſelbe Bemerkung gemacht haben wie ich. Wie kommt es, daß die Früchte der Liebe, der Intrigue, des Geheimniſſes von uns nur mit Gleichgültigkeit angeſehen werden, während wir diejenigen Kinder, welche uns Hymen gibt, lieben, obgleich die Liebe an ihrem Entſtehen oft ſehr wenig Antheil gehabt hat. Iſt es deßwegen, weil uns jene an einen Feh⸗ Paul de Kock. X0vII. 8 90 ler, an eine Schwachheit erinnern, die wir gern vergeſſen möchten?“ „Nein, mein lieber Guerreville; es kommt, wie ich glaube, daher, weil ſich unfer Herz nur denen öffnet, welche uns den ſüßen Namen Vater geben. Ja, mein Freund, dieſer Name, welcher von uns zu gleicher Zeit Liebe und Schutz verlangt, erweckt in unſerer Seele die zarteſten Gefühle der Natur, und ich verſichere Sie, unſer Gedächtniß kann uns noch ſo ſehr an eine ehemalige Liebſchaſt erinnern, eine liebenswürdige und ſchöne Frau kann uns mit einer noch ſo ſehr bedeutungsvollen Miene anſehen und uns einen kleinen, hübſchen Jungen vorftellen, niemals werden wir unſere väterlichen Gefühle für ein Kind erwachen ſehen, das uns niſt ſeinen Vater nennen darf.“ Guerreville dachte einige Augenblicke über Jen⸗ nevals Worte nach, dann fuhr er in ſeiner Erzäh⸗ lung fort:„Meine Lochter war nahezu elf Jahre, als wir ihre Mutter verloren. Ich war über die⸗ ſen Verluſt doppelt betrübt, da er mich einer guten, einer aufrichtigen Freundin, welche immer gegen meine Fehler nachſichtig geweſen war, und meine Pauline einer Führerin, einer Stütze in allen ihren Verhältniſſen beraubte. Damals that ich den Schwur, mich gänzlich meiner Familie zu widmen, und ich habe Wort gehalten Ich hörte auf, nach der Haupt⸗ ſtadt zu gehen, wohin mich nichts mehr zog; ith blieb bei meinem geliebten Kinde, das meine ganze Zärtlichkeit beſaß; ich heiligte meine Mufeſtunden da⸗ 91¹ zu, über ihre Erziehung zu wachen; ich gab ihr alle die Lehrer, welche ſie zu wünſchen ſchien; ich ſuchte auch alle Vergnügungen ihres Alters um ſie zu vereinen; kurz, ich war darauf bedacht, ihr die Mutter zu erſetzen; und wenn bisweilen meine etwas rauhe Sprache, meine Tochter einzuſchüchtern ſchien, ſo beeilte ich mich, durch eine Liebkoſung die Freude auf ihre Stirn und das Lächeln auf ihre Lippen zurückzuführen. „Meine Pauline hatte ihr ſechzehntes Jahr er⸗ reicht. Schon ſagte ich mir in meinen Gedanken: ich werde ihr einen Gatten wählen müſſen, der dieſe ſanfte, gefühlvolle und furchtſame Seele wohl zu verſtehen vermag, der ſich gleich mir ihrem Glücke weiht; denn ich würde dem nie verzeihen, der mei⸗ ner Tochter eine Thräne erpreßte. Aber dieſer Ge⸗ danke ging nur flüchtig in meinem Geiſte vorüber. Pauline war noch ſo juug! Beſeligt in ihrer Nähe, genoß ich meines Glückes, ihres Glückes, denn meine Tochter liebte mich zärtlich. O! ja, ſie liebte ihren Vater, obgleich meine manchmal ſtrenge Miene ſie oft in meiner Nähe furchtſam und ſchüchtern machte. Unglückſelige Schüchternheit! ſie verhinderte meine Tochter, mir ihr ganzes Vertrauen zu ſchenken.“ Guerreville ſtützte einige Augenblicke ſeinen Kopf in die Hände; man ſah, daß er an die ſchmerz⸗ vollſte Stelle ſeiner Erzählung gekommen war; endlich ſammelte er ſeinen Muth und fuhr fort: „Wir erhielten oft Geſellſchaft. Einwohner von »Orleans, Gutsbeſitzer aus der Umgegend: ich wollte nicht, daß meine Tochter in der Einſamkeit leben 92 ſollte. Pauline war allerliebſt, Jedermann ſagte es mir, und in meinen Augen wurde es meine Tochter jeden Tag noch mehr. „Eines Tages machten wir bei einem reichen Gutsbeſitzer aus unſerer Nachbarſchaft die Bekannt⸗ ſchaft eines jungen Mannes, Namens Daubray, der aus Paris kam und zu ſeiner Ausbildung reiſen wollte. Noch ſehr jung, denn dieſer Daubray zählte kaum dreiundzwanzig Jahre, beſaß er alle Eigen⸗ ſchaften, die zu ſeinen Gunſten ſprachen: eine hübſche Figur, Manieren, geſellige Talente; es war ſchwer, ſich nicht zu ihm hingezogen zu fühlen. Er wußte ſich zu benehmen, beſaß viel Bildung und war, wie man ſagte, aus einer reichen Familie; Jedermann ſuchte ſeine Geſellſchaft. Er kam auch zu mir. Ich empfing ihn mit Vergnügen; er zeichnete vortreff⸗ lich; er machte mit meiner Tochter Muſik; ich konnte in dieſem Umgang durchaus nichts Gefährliches ah⸗ nen; übrigens, wenn ich zufällig abweſend war, hatte eine Frau, auf die ich mein ganzes Vertrauen ſetzte, den Befehl von mir erhalten, meine Tochter nicht zu verlaſſen. So verfloſſen einige Monate. Plötzlich wurde Pauline nachdenklich, ſchwermüthig, und mehr als einmal hatte ich, über die Verände⸗ rung, welche ich in ihrem Weſen wahrnahm, beun⸗ ruhigt, ſie gefragt, ob ſie irgend einen Kummer hätte; aber immer waren ein Lächeln und ein Kuß ihre Antwort, und ich drückte ihr dann die Hand, überzeugt, daß ſie vor ihrem Vater kein Geheim⸗ niß haben könne. 93 „Eines Abends verließ ſie mich trauriger und bläſſer als gewöhnlich; als ſie mich umarmte, ſchien es mir, als ob ſie zitterte. Ich ergriff ihre Hand, hielt ſie dann in der meinigen und ſagte zu ihr: Theu⸗ res Kind, wenn Du irgend einen Kummer haſt, ſo wäre es ſehr Unrecht von Dir, ihn mir nicht anzu⸗ vertrauen; denn es iſt mir kein Opfer zu groß, wenn ich dadurch Dein Glück begründen kann. „Sie ſchlug die Augen nieder und floh, als wenn ſie ſich zu ſprechen geſcheut hätte. Allein geblieben, dachte ich darüber nach, woher die Unruhe meiner Tochter käme, und zum erſtenmale ſchöpfte ich Ver⸗ dacht, daß ſie den jungen Mann, der uns faſt täg⸗ lich beſuchte, lieben könnte. Aber wenn dies der Fall war, warum geſtand ſie mir ihre Liebe nicht? Und wenn dieſer Daubrap meine Tochter liebte, war⸗ um verlangte er nicht Ihre Hand von mir? So dachte ich und wartete mit Ungeduld auf den kom⸗ menden Morgen, um Pauline zu zwingen, mir ihr Herz zu öffnen. Aber der Morgen kam, und ich ſah meine Tochter nicht wieder; ſie war abgereist, ſie hatte ihren Vater verlaſſen, ſie war fort.. für immer. O mein Gott! Warten Sie, mein Freund, laſſen Sie mich erſt zu Athem kommen, dann will ich fortfahren. Die Erinnerung an jenen ſchlimmen Tag iſt mir immer ſchrecklich! „Ich war gewohnt, jeden Tag ſobald ich aufge⸗ ſtanden war, meine Tochter zu umarmen. Ich be⸗ gab mich in ihr Zimmer, Pauline war nicht dar⸗ in; ich ging hinunter, ich rief Madame Armand, 94 die Frau, welche fortwährend für meine Tochter lebte und die ich, ihres geſetzten Alters wegen, mei⸗ nes Vertrauens für würdig gehalten hatte; ich fand ſie nicht. Ich ging in den Garten, meine Nachſu⸗ chungen waren nutzlos. Ich fragte den Gärtner, während mein treuer Georg ſchon in der Umgegend umherlief, um die Frauenzimmer aufzuſuchen. Der Gärtner hatte Niemand geſehen; er ſagte mir aber, daß, als er am Morgen ſich an ſeine Geſchäfte be⸗ geben, er eine Gartenthür, die aufs Feld hinaus⸗ ging und die gewöhnlich von innen doppelt ver⸗ ſchloſſen war, nur hätte angelehnt gefunden. „Dieſer Umſtand ſetzte mich in Erſtaunen; durch dieſe Thüre, welche auf einen Weg führte, der an die Landſtraße grenzte, ging ſonſt faſt Niemand; durch welchen Zufall ſollte meine Tochter und ihre Gouvernante gerade dieſen Weg genommen haben? Unruhig, gepeinigt, kehrte ich in das Zimmer mei⸗ ner Tochter zurück. Indem ich mit den Augen darin umherirrte, bemerkte ich auf einem Tiſche einen Brief; er war an mich adreſſirt und ich erkannte die Handſchrift meiner Tochter. O! da ahnete ich ein ſchreckliches unglück! Doch halt! hier iſt jener un⸗ heilsvolle Brief; leſen Sie, mein Freund.“ Jenneval nahm einen Brief, welchen Guerreville aus ſeiner Brieftaſche zog, die er immer bei ſich trug; die Schriftzüge ſchienen von einer zitternden Hand herzurühren und man ſah noch die Spuren von Thränen, die beim Schreiben vergoſſen worden waren. Der Doktor las mit bewegter Stimme: 95 „Mein Vater, verzeihen Sie mir! O! ver⸗ zeihen Sie mir, wenn ich Ihnen meine Liebe zu Daubray nicht geſtanden habe; aber er hat mir ge⸗ ſagt, daß, um Ihre Einwilligung zu unſerer Ver⸗ bindung zu erlangen, ich ihm durchaus folgen und Sie auf einige Zeit verlaſſen müßte Sie ver⸗ laſſen. es ſcheint mir, daß dies ſehr Unrecht iſt, aber Madame Armaud, die in unfer Geheimniß ge⸗ zogen iſt, hatte ebenfalls die Anſicht, daß dies der einzige Weg ſei, um Ihre Einwilligung zu erlangen. O mein Gott! ich verurſache Ihnen großen Kummer; aber ich werde zurückkommen. O! ja, mein Vater, ſeien Sie gewiß, daß ich zurückkommen werde, und ich bin vollkommen überzeugt, daß Sie Ihre Pau⸗ line nicht verfloßen werden.“ Guerreville, der dieſen Brief nicht hatte anhören können, ohne abermals Thränen zu vergießen, nahm ihn wieder zu ſich, legte ihn ſorgfältig in ſeine Brief⸗ taſche und rief:„Indem ich dieſes las, begriff ich die ganze Tiefe meines Unglücks. Ich war auf eine ſchändliche Weiſe von dieſem Daubray und dieſer Frau, der ich aufgetragen hatte, über meine Toch⸗ ter zu wachen, mißbraucht, verrathen worden; aber dieſer junge Mann hatte auch meine Pauline ge⸗ täuſcht, indem er ihr ſagte, daß ich ihm ihre Hand verweigert hätte; niemals hatte er ein Wort mit mir über dieſen Gegenftand geſprochen. Warum dieſe Lüge? Warum meine Tochter verleiten, ſich ent⸗ führen zu laſſen? Wenn er fie wirklich aufrichtig liebte, warum hat er nicht ihre Hand von mir 96 begehrt?. Wäre er auch ohne Vermögen, ohne Ausſichten geweſen, ich hätte doch den Bitten meiner Tochter niemals widerſtehen können. Meine Vermuthungen waren gräßlich; denn es wurde mir klar, daß meine Pauline wie ich betrogen worden wäre. In den erſten Augenblicken meiner Ver⸗ zweiflung wollte ich den Vorfall an die Behörden berichten und den Flüchtlingen nachſetzen laſſen; aber bald erkannte ich die ganze Schande, die dieſer Lärm meiner Tochter machen würde. Ich ſollte ihren Feh⸗ ler, vielleicht ihre Entehrung veröffentlichen! O! nein, ich entſchloß mich im Gegentheil, alle meine Sorgfalt anzuwenden, um ihn zu verbergen, und ich ſagte mir: wenn meine Tochter zu mir zurück⸗ kommt, ſoll ſie nicht gezwungen ſein, vor der Welt zu erröthen. Indeß begab ich mich zu dem Manne, bei dem ich Daubray zum erſtenmale geſehen hatte, und indem ich meiner Aufregung Herr zu werden ſuchte, ſagte ich, ich möchte, da ich von der Abreiſe dieſes jungen Mannes gehört hätte, gern ſeine Adreſſe in Paris wiſſen, oder wenigſtens, die eines Mit⸗ gliedes ſeiner Familie, um mich nach ihm zu er⸗ kundigen, wenn ich hinkäme. Da geſtand man mir, daß man von ihm eben ſo wenig wüßte, als ich; Daubray war von einem jungen Manne, den man ſehr genau kannte, eingeführt und vorgeſtellt wor⸗ den; aber dieſer war nach Rußland gegangen und gleich nach ſeiner Ankunft dort geſtorben; ſo gab es kein Mittel, irgend eine beſtimmte Nachricht über dieſen Daubray und ſeine Familie zu erhalten, in Betreff welcher er uns vielleicht betrogen hatte, denn es kommt ja ſehr oft vor, daß man Unbekannte in Geſellſchaften aufnimmt und ſich mit Leuten in Verbindung ſetzt, über deren Umgang man erröthen würde, wenn man ihre Herkunft genau kennte. Ich kehrte nach Hauſe zurück und überlegte nun, wie ich's anzugreifen habe, um das Vergehen meiner Tochter vor der Welt zu verbergen. Ich erblickte nur einen Ausweg, der darin beſtand, auf der Stelle mit meinem treuen Georg abzureiſen, dieſen Aufenthaltsort zu verlaſſen, wo ich während ſo langer Zeit in der Nähe meiner Pauline glücklich gelebt hatte, und das Gerücht auszuſprengen, ich wäre mit meiner Tochter auf Reiſen. Mein Gärt⸗ ner erhielt meine Inſtruktion; dieſer brave Mann war mir zugethan; er ſchwur mir, es ſollte niemals Jemand erfahren, daß meine Lochter mich verlaſſen bätte, und ich ſollte ihm nur immer meinen Auf⸗ enthaltsort anzeigen und ihm meine Adreſſe ſchicken, damit er mir die Briefe, welche für mich einlaufen, auf der Stelle nachſchicken könnte. Dann reiste ich ab. Ich verließ mein Eigenthum. Ich kam bald nach Paris, denn dort hoffte ich meine Tochter wie⸗ derzufinden. Ueberall erkundigte ich mich, ob man Einen Namens Daubray kenne; ich erfuhr nichts. Dieſe Familie war unbekannt. Nach Verfluß von einigen Tagen ſchickte mir mein Gärtner einen Brief, er war von meiner Lochter; man hatte aber die Vorſicht gehabt, ihn einem Reiſenden zu übergeben, und er hatte nur das Poſtzeichen von Orleans. Meine 98 Pauline bat mich von Neuem über ihren Fehler um Verzeihung; ſie weine vor Kummer, ſchrieb ſie mir, ihren Vater nicht mehr umarmen zu können; aber ſie ſchmeichelte ſich, bald mit ihrem Gatten kom⸗ men zu können, um mich um Verzeihung zu bitten. Dieſer Brief gab mir ein wenig Hoffnung, und wie groß auch der Fehler meiner Tochter ſein mochte, ich ſehnte mich, ſie in meine Arme zu ſchließen. Ich fühlte wohl, daß ich dieſen Daubray nicht würde achten können, der, um mich zu zwingen, ihm die Hand meiner Pauline zu geben, kein anderes Mit⸗ tel wußte, als ſie zu entführen, ſie aus dem väter⸗ lichen Hauſe fortzureißen; denn inmitten der Ver⸗ irrungen meiner Jugend, hatte ich mir doch niemals ſolche Fehler vorzuwerfen. Und wenn ich auch einige Frauen, einige junge Mädchen verführt habe, ſo war wenigſtens nie ein Vater oder eine Mutter in ihrer Rähe, die ich ihrer Stütze, des Troſtes ihrer alten Tage beraubt hätte. Aber ich ſagte zu mir: um meiner Tochter willen, werde ich ihrem Gelieb⸗ ten vergeben, und vielleicht wird es dieſer Menſch in meiner Gegenwart nicht wagen, ſie unglücklich zu machen. „Ich ſetzte meine Nachforſchungen fort; ich be⸗ gab mich incognito nach Orleans; doch ich war dort nicht glücklicher; ich kehrte nach Paris zurück; ſechs Wochen waren verfloſſen. Ich erhielt noch Nach⸗ richten von meiner Tochter, ſie verſprach mir im⸗ mer zu mir zurückzukehren; aber ich glaubte in ihren Briefen ſchon einen Anſtrich von größerer Traurig⸗ 99 keit zu bemerken; ſie ſchrieb mir nicht Alles, was ſie empfand, ich errieth ſie aus den kleinſten Worten, die ſie hingezeichnet hatte; ich kannte das Herz, die Seele meiner Tochter ſo gut, dieſe furchtſame und liebevolle Seele, die man auf eine ſo ſchändliche Weiſe mißbraucht hatte, um fie glauben zu machen, daß ſie ſich von ihrem Vater entfernen müßte. „Ich war aufs Höchſte beunruhigt; aber die Hoffnung hatte mich nicht verlaſſen. Jeden Morgen ſchmeichelte ich mir, der Tag würde nicht enden, ohne meine Tochter in meine Arme zurückgeführt zu haben. Mein Gärtner hatte meine Befehle erhal⸗ ten, er durfte mir meine Pauline auf der Stelle ſchicken, ſie im Voraus verſichern, daß ich bereit wäre, ihr zu vergeben. Mehr als zwei Monate vergingen; endlich erhielt ich wieder einen Brief von Pauline; fie klagte ſich noch mehr anz ſie warf ſich ihr Vergehen bitterer vor; ich ſah, daß ihre Thrä⸗ nen auf ihr Schreiben gefloſſen waren, und ich ſagte mir: Meine Tochter iſt unglücklich. Aber ſie ſchloß mit dem Verſprechen, zurückzukehren, ſich zu meinen Füßen zu werfen, und ſich nie wieder von mir zu entfernen. Ach! dieſer Brief war der letzte! Ja, mein Freund, ſeit dieſer Zeit habe ich keine Nachricht mehr von meiner Tochter, und bald find es acht Jahre. Acht Jahre find dahin geſchwun⸗ den, ſeitdem ich zum letztenmal ihr Verſprechen er⸗ hielt, in meine Arme zurückzukehren Ach! urtheilen Sie über meinen Schmerz, meine Verzweiflung. Ich habe meine Nachforſchungen aufs Neue ange⸗ 100 fangen; mehre Jahre hindurch bin ich gereist; ich habe Italien, die Schweiz, England durchlaufen, immer zog ich Erkundigungen ein, fragte, ging mit meinen Nachforſchungen bis ins Kleinſte, verfolgte die Spuren der Leute, welche einige Zeichen von Aehnlichkeit mich für die halten ließen, die ich ſucht“ und immer ſah ich mich in meinen Hoffnungen ge⸗ täuſcht; ermüdet von meinen Reiſen, zog ich mich nach Chateau⸗Thierry zurück. Ich floh die Geſell⸗ ſchaft. Sie kennen nun die Urſache. Nicht allein mein Schmerz verhindert mich, den geringſten Reiz daran zu finden, ſondern auch der Umſtand, daß wenn ich auf Jemand treffe, der mich kennt, ich unaufhörlich lügen muß; denn ich will immer den Fehler meiner Tochter verbergen. Wenn man ſich bei mir nach ihr erkundigt, ſage ich, ſie ſei verhei⸗ rathet, ſie wohne weit von mir. Sie, Doktor, Sie ſind der einzige, der ihren Fehler kennt; Sie wer⸗ den ihn niemals verbreiten; o! niemals, hören Sie! Aber ſeit acht Jahren nichts mehr, nicht ein Wori über ihr Geſchick. Sollte ſie todt ſein? Todit! Ol nein, nein, ſie iſt nicht fern von ihrem Vater geſtorben, ohne daß ich ſie wieder geſehen, ſie um⸗ armt, ohne daß ich ihr die Verſicherung von meine vollkommenſten Verzeihung für all den Kummier er⸗ theilt habe, den ſie mir verurſacht hat. Lodt! o, mein Gott! das wäre zu ſchrecklich! O! meine arme Tochter! Wenn dies wäre, ſo bitte ich den Himmel, daß er mich bald zu Dir rufe.“ Als er dieſe Worte, die mit dem Tone der Ver⸗ 101 zweiflung geſprochen wurden, beendet hatte, ließ Gucrreville den Kopf auf ſeine Bruſt finken. Jen⸗ neval näherte ſich ihm, faßte ihn in ſeine Arme und ſprach zu ihm mit einem Tone, der aus dem Herzen kam:„Muth, mein Freund, verlieren Sie nicht alle Hoffnung!. Jetzt ſind wir zu Zwei, um Ihre Tochter zu ſuchen und die Spuren ihres frechen Räubers zu entdecken, und der ſchönſte Tag meines Lebens wird derjenige ſein, an dem es mir gelingen wird, Ihre Thränen zu trocknen.“ Fünftes Kapitel. Der Schutzengel. Emil ließ keinen Tag mehr vorübergehen, ohne zu Madame Dolbert zu gehen; die Großmutter empfing ihn wie einen Mann, dem man bald den Namen eines Sohnes zu geben pofft, und Stepha- nie mit jenem entzückenden Lächeln, welches Aller Augen die geheimſten Gedanken des Herzens offen⸗ bart. Aber der Geliebte Stephaniens wollte nicht ſo geliebt werden; er fuhr fort, ſich vor der Welt mit der äußerſten Zurückhaltung zu benehmen, und nur im Verſtohlenen, ganz leiſe und ferne von den Blicken ihrer Großmutter ſprach Emil Worte der Liebe zu dem jungen Mädchen: dann aber waren dieſe Worte glühend, ſeinen Augen hatten einen Ausdruck, welcher Stephanie zwang, die ihrigen niederzuſchlagen; dann ſuchten ſich ihr ſeine Hände unaufhörlich mit Liebkoſungen zu nähern, das Kleid, den Arm oder das Knie des jungen Mädchens zu berühren, und bisweilen fühlte ſie ſich plötzlich umſchlungen und gewaltſam an ein Herz gedrückt, deſſen heftige Schläge ſeine feurigen Wünſche ver⸗ riethen. 8 Stephanie erwiderte die Ausbrüche des Mannes, der in ihrer Nähe ſo glücklich ſchien, mit Zartheit, mit Liebe. Dennoch empfand ſie, wenn Emil, einen Augenblick benützend, in dem ſie allein waren, ſie zärtlich in ſeine Arme ſchloß, eine Unruhe, ein Bewegung, welche der Furcht glichen, und ſie ent⸗ zog ſich den Armen, welche ſie feſthalten wollten, indem ſie ſagte:„Aber, mein Freund, wenn Sie mich ſo ſehr lieben, warum ſagen Sie es mir nin vor meiner Großmutter? Wenn Leute da find, ſehen Sie mich kaum an ſcheinen Sie zu fürch⸗ ten, man möchte unſere Liebe errathen; warun denn dies? Wir thun ja nicht Unrecht daran, uns zu lieben.. Sie haben es mir ja ſelbſt geſagt; warum es alſo verbergen?“ Auf dieſe Fragen antwortete Emil:„Ich kam meine Liebe noch nicht eingeſtehen.. Familien⸗ rückſichten hindern mich daran; aber, theure St phanie, dies darf uns nicht abhalten, uns zu lieben. Indeß, da die Welt böſe iſt und von den Handlungen Anderer immer ſchlecht urtheilt, ſo müſſen wir ſi nicht in das Vertrauen unſerer geheimſten Gefühle ſetzen. Glauben Sie mir, das Geheimniß verleiht der Liebe noch mehr Reize. Sſt man nicht hundert⸗ 103 mal mehr durch ein Glück beſeelt, das alle Andern nicht kennen? Theure Stephanie, laſſen Sie mich Sie insgeheim ſehen.. erlauben Sie mir, mit Ihnen die angenehmen Unterhaltungen zu haben, während welcher wir wenigſtens die zarten Lieb⸗ koſungen austauſchen können, welche die Welt miß⸗ deuten würde und die mich ſo glücklich machen.“ Stephanie ſeufzte und ſtotterte:„Insgeheim? Wie ich verſtehe Sie nicht.“ Sobald es aber Delaberge verſuchte, ſich ver⸗ ſtändlich zu machen, trat Zizine oder die Großmut⸗ ter hinzu und verhinderte ihn durch ihre Gegenwart, mehr zu ſprechen. Ein mehrmonatlicher Aufenthalt bei den Damen Dolbert hatte in Zizinens Manieren und in ihrer Sprache ſchon eine große Veränderung hervorge⸗ bracht; ſie war noch immer das zarte, blaſſe und ernſte kleine Mädchen, doch war es nimmer das Kind eines Waſſerträgers. Geſchickt, aufzufaſſen, was nöthig war, um ihren Beſchützerinnen zu ge⸗ fallen, hatte Zizine bald das abgelegt, was ein Kind aus dem Pöbel verrieth; aber ihr Herz war immer daſſelbe geblieben, ſie vergaß Jerome nicht, und wenn ein Monat hingeſchwunden war, ohne daß ſie ihn geſehen hatte, wurde ſie traurig und verbarg ſich manchmal, um zu weinen. Ohne die Urſache davon zu errathen, bemerkte Zizine doch ſehr wohl, daß Stephanie gegen ſie nicht mehr dieſelbe war. Ihre junge Beſchützerin umarmte ſie noch, aber ſie ſprach nicht mehr ſo oft 104 nit ihr. Die Spiele, die Puppen waren gänzlich bei Seite geworfen worden; Stephanie, beinahe immer zerſtreut oder träumeriſch, hörte manchmal gar nicht auf die Worte des kleinen Mädchens, das ihr oft wiederholte:„An was denkſt Du denn?“ Eines Tages endlich, als Stephanie durchaus keine Antwort gab, fing das Kind an zu weinen. Beim Anblick ſeiner Thränen lief Stephanie zu ihm, nahm es in ihre Arme und ſagte:„Warum weinſt Du, Zizine? Was hat man Dir gethan?“ „Man hat mir nichts gethan.. Ich weine, weil Du mich nicht mehr liebſt.“ „Ich Dich nicht mehr lieben, meine Zizine! Und weßhalb ſagſt Du das?“ „Weil ich es wohl ſehe... Du ſpricht nicht mehr mit mir... Du ſpielſt nicht mehr mit mir. Du biſt immer traurig. ich ſehe, daß ich Dir läſtig bin.. deßhalb will ich wieder zu meinem Vater, dem Waſſerträger, zurückkehren.“ „Du mich verlaſſen! O nein, nein, das leide ich nicht, denn ich liebe Dich noch immer... O ja. noch immer! Aber ſiehſt Du, es iſt. wenn man groß iſt, denkt man an ſo viele Dinge. man hat Ideen, die kurz, ich kann Dir das ietzt nolh nicht Alles ſo ſagen, weil Du noch zu klein biſt. Aber das verhindert mich nicht, Dich zu lieben; vergib mir, wenn ich zuweilen verdrießlich bin; aber verlaſſe mich nicht. o, verlaſſe mich nie, denn in der Tieſe meines Herzens bin ich gegen Di noch immer dieſelbe.“ 105 Zizine wurde durch dieſe füßen Worte leicht ge⸗ tröſtet, und ſeitdem ſie die Verſicherung hatte, daß ihr Anblick Stephanie nicht läſtig war, fürchtete ſie ſich nicht mehr, an ihrer Seite zu bleiben, ſelbſt wenn dieſe nicht mit ihr ſprach. Emil hatte mehr als einmal ſein Mißfallen be⸗ zeigt, das Kind beſtändig in Stephaniens Nähe zu finden; eines Abends ſagte er mit halber Stimme zu ihr:„Welche Pein, immer dieſes kleine Mäd⸗ chen in Ihrer Nähe zu ſehen! Man möchte glau⸗ ben, daß ſie den Auftrag habe, Ihnen zu folgen, Ihre geringſten Handlungen zu beobachten.“ „O, das iſt nicht der Fall,“ erwiderte Stepha⸗ nie;„ſie liebt mich nur ſo ſehr, daß es ihr größtes Glück iſt, in meiner Nähe zu ſein.“ „Sie liebt Sie das iſt möglich Aber ich liebe Sie auch, und es ſcheint mir, daß ich den Vorzug erhalten ſollte.“ „Mein lieber Emil, es liegt nur an Ihnen, in meiner Nähe zu ſein, wann Sie hieher kommen. Es iſt nicht Zizine, die Sie daran verhindert.“ „Verzeihen Sie mir. dieſes kleine Mädchen genirt mich, es iſt mir zuwider. Wenn Ihre Mama beſchäftigt iſt, dann könnte ich mit Ihnen in dieſem kleinen Kabinette allein ſein, wenn dieſe Zizine nicht ohne Unterlaß Ihnen zur Seite wäre.“ „Aber ſie hindert uns ja nicht, mit einander zu ſprechen uns anzuſehen bei einander zu ſein.“ „Das iſt gleich In der That, Stephanie, Paul de Kock. XCvR. 8 106 ich begreife nicht, daß Sie, ſo gut erzogen, in der großen Welt geboren, die Tochter eines Waſſer⸗ trägers können ſo lieb gewonnen haben, die gar nichts Anziehendes hat, denn ſie iſt nicht einmal ſchön.“ „Sie irren ſich, mein Freund; wenn Sie Zizin kennen würden, wie ich, ſo würden Sie einſehen, daß ſie es verdient, geliebt zu werden.. ſie iſ ſo gut.. und dann hat ſie ſo viel Verſtand!... O, das iſt kein ſo gewöhnliches Kind!... Arme Kleine! ſie hatte faſt an Allem Mangel, als ich ſe zu mir nahm.“ „Thun Sie ihr Gutes ich bin weit entfernt, Sie daran zu verhindern Aber thun Sie ſie in irgend eine Penſion. „Sie von mir entfernen o niemals und wenn ich mich eines Tags verheirathe... ſo darf mich das nicht verhindern, Zizine immer bei mir zu behalten.“ Stephanie erröthete, als ſie die letzten Worte ſprach; aber ſo unſchuldig auch ein Mädchen immt ſein mag, ſo weiß es doch, daß es einſt den Litel einer Frau erhalten muß, und wenn es liebt, miß es noch weit häufiger von dem Heirathen träumel Emil ſprach nichts mehr. Das Wort Heirath, das Stephanie ausgeſprochen hatte, ſchien ihn in Verlegenheit zu verſetzen; er ſah auch, daß er ſich vergeblich damit geſchmeichelt hatte, ſie von Zizine „ zu trennen; er mußte daher auf ein anderes Mittel ſinnen, um zu ſeinem Ziele zu gelangen.“ 107 Seit einiger Zeit war Stephaniens Großmutter leidend, bald brach ein hitziges Fieber aus und der Arzt fürchtete für das Leben der Madame Dolbert; da ließ ſich Stephanie an dem Bette ihrer Groß⸗ mutter nieder, ſie wich keine Minute davon; von Zizine unterftützt, die Alles aufbot, um ſich nützlich zu machen, bewachte das junge Mädchen die Kranke mit ſo vieler Sorgfalt, ſo vielem Eifer, daß nach wenigen Tagen die Gefahr gewichen war. Aber während dieſer ganzen Zeit hatte ſich keine Minute gefunden, um mit Emil von Liebe zu ſpre⸗ chen: Stephanie würde ſich ſchuldig geglaubt haben, wenn ſie ſich mit irgend etwas Anderem als mit der Geſundheit ihrer Großmutter beſchäftigt hätte. Wenn ſich Delaberge an der Thür des Kranken⸗ zimmers zeigte, begnügte ſich Stephanie damit, ihn ſtillſchweigend zu betrachten oder ihm zuzulächeln, weil ſich ihre Großmutter beſſer befand. Emil wagte nicht, ſich zu beklagen; er wartete, er lauerte auf den Augenblick, wo er würde han⸗ deln können. Madame Dolbert war außer Gefahr, aber ihre Wiederherſtellung zog ſich ſehr in die Länge, und der Arzt hatte ihr große Schonung anbefohlen. Sie mußte beſonders ſpät aufſtehen und ſich frühe nie⸗ derlegen, da die Ruhe ihre Geneſung vollenden ſollte. Stephanie wollte ihrer Großmutter immer Ge⸗ ſellſchaft leißen, Madame Dolbert aber, von der Sorgfalt, welche ihre Enkelin ihr hatte angedeihen 108 laſſen, gerührt, wollte im Gegentheil, Stephanie ſollte ſich einige Zerſtreuung machen, und oft ſchickte ſie dieſelbe von ihrem Bette fort, indem ſie ſagte: „Ich bin nicht mehr krank, man verlangt nur, daß ich mich ruhig verhalte; aber Dir, theures Kind, Dir iſt es nicht vorgeſchrieben, beſtändig vor mei⸗ nem Bette ſitzen zu bleiben. Dein Alter verlangt Bewegung. Kehre zu Deinem Piano, zu Deinen Stickereien zurück; geh und lache mit Deinem klei⸗ nen Schützling, empfange unſere Freunde, kurz, mache Dir irgend ein Vergnügen; ich will, daß Du mich vergißſt, wie ich den Arzt.“ Stephanie gab den dringenden Bitten ihrer Großmutter nach, ſie kehrte in den Salon zurück und empfing dort den Beſuch von Emil häufiger als je; bisweilen kamen auch einige andere Be⸗ kannte von Madame Dolbert, um einen Augenblick bei Stephanie zuzubringen; aber ſeine Beſuche ver⸗ längernd, fand Emil immer Mittel, mit allein zu ſein. Allein? Nein, Zizine war noch da, unaufhör⸗ iich da; wenn ſie eine Minute aus dem Salon ging, kehrte ſie faſt ſogleich dahin zurück; kaum daß Stephaniens Liebhaber eine von den zarten Händen, die man ihm freiwillig überließ, ergreifen und an ſeine Lippen drücken konnte, als das Kind zurückkam und herbeilief, um ſich bei ſeiner Be⸗ ſchützerin niederzuſetzen. „Welche Pein!“ murmelte Emil, indem er Ste⸗ phaniens Hand fahren ließ und dem Kinde einen — 109 grimmigen Blick zuwarf; aber Stephanie, die den Widerwillen ihres Geliebten nicht zu bemerken ſchien, zog den Kopf von Zizine auf ihre Kniee und gefiel ſich dabei, mit ihren Fingern in die weichen Haare zu fahren. Indeß hatte Emil bemerkt, daß das Kind ſeit einigen Tagen traurig wurde, und er bemühte ſich, den Grund davon zu erfahren: Zizine hatte ſeit länger als einem Monat Jerome nicht geſehen, denn ſie beſuchte ihn niemals, ohne daß Stephanie mitging, und da die Krankheit der Madame Dol⸗ bert ihre Enkelin verhindert hatte, auszugehen, ſo konnte ſich auch die arme Zizine nicht zu ihrem Vater begeben. „Wir werden bald zu Jerome gehen,“ ſagte Stephanie zu dem Kinde;„aber ich will nicht aus⸗ gehen, ehe meine Großmutter völlig hergeſtellt iſt.“ „Un wenn mein Vater krank wäre,“ ſagte Zi⸗ zine ſeufzend.„ Pann vermutheſt Du das?“ „Weil ich ihn ſchon ſeit langer Zeit nicht ge⸗ ſehen habe. Er kommt nicht mehr hieher.“ „Du weißt wohl, daß er uns immer ſagt, er habe keine Zeit.“ „Ja aber er wird glauben, ich denke nicht mehr an ihn und das wird ihm Kummer machen Emil hatte dieſe Unterhaltung angehört, ohne ſie zu unterbrechen. Plötzlich ſagte er zu Zizine: „Wo wohnt Dein Vater, Kleine?“ 110 „Rue St. Honoré, mein Herr.. Warten Sie, hier iſt ſeine Adreſſe. Ich habe mich damit amüſirt, ſie zu ſchreiben jetzt, da ich etwas ſchreiben kann.“ „Gib ſie mir; morgen werde ich mich dieſer Adreſſe bedienen und mich nach Deinem Vater er⸗ kundigen. Wenn ich wieder hieher komme, werde ich Dir Nachricht von ihm geben können.“ „Ah, mein Herr, Sie find ſehr gut; ich danke Ihnen ſehr!“ Und Zizine wäre in ihrer Freude dem ſchönen Herrn an den Hals geſprungen, wenn dieſer nicht den Kopf raſch umgewendet hätte, um Stephanie zu betrachten, die ihm die Hand reichte, indem ſie zu ihm ſagte:„Ah, das iſt ſehr liebenswürdig, daß Sie dies thun wollen und es macht mir Vergnügen, Sie ſo gefällig zu ſehen.“ Emil nahm bald von Stephanie Abſchied, denn er war zerſtreut, nachdenklich; er hätte gern ſchon den nächſten Morgen da gehabt; er hatte ſeinen Plan entworfen, er hatte endlich das Mittel ge⸗ funden, dieſe Kleine zu entfernen, deren Gegenwart allein ſeinen Sieg hemmte; indem er ſich entfernte, ſagte er zu ſich: noch einige Stunden, und Ste⸗ phanie gehört mir. Der folgende Tag brach an, und bei Madame Dolbert erwartete man Delaberge mit noch größerer Ungeduld als gewöhnlich. Zizine hoffte auf Nach⸗ richten von ihrem Vater, und Stephanie rechnete darauf, daß dadurch die Traurigkeit ihres Schütz⸗ 111 lings würde zerſtreut werden. Aber der Tag verſtrich und Emil erſchien nicht. „Er kommt nicht,“ ſagte Zizine ſeufzend. „Er wird dieſen Abend kommen,“ ſagte Ste⸗ phanie;„Du weißt, daß er ſehr ſelten verfehlt, uns Geſellſchaft zu leiſten, wenn meine gute Mut⸗ ter zu Bette gegangen iſt.“ Das war auch in der That der Zeitpunkt, den ſich Emil wählte, weil ſich des Abends außer dem ſeinigen nur ſehr ſelten andere Beſuche einfanden; dieſen Abend kam Delaberge viel ſpäter als ge⸗ wöhnlich weil er gewiß ſein wollte, daß nichts ſei⸗ nen Abſichten hinderlich ſein würde. Stephanie und Zizine waren in dem Salon; ſie ſtießen einen leichten Ruf der Freude aus, als ſie Emil eintreten ſahen, und das kleine Mädchen rief:„Mein Herr, haben Sie Nachrichten von meinem Vater?“ „Verzeihen Sie mir, daß ich ſo ſpät komme,“ antwortete Emil, ſich die Stirne trocknend, wie Einer, der ſich erhitzt hat;„aber ich habe Geſchäfte, nicht aufzuſchiebende Gänge gehabt... dringende Angelegenheiten, die mich zurückgehalten haben. ſonſt wäre ich ſchon längſt hier.“ „Und mein Vater, mein Herr,“ murmelte Zi⸗ zine,„haben Sie noch nicht zu ihm gehen können?“ „Doch, mein Kind, ich hatte es Dir ja ver⸗ ſprochen und ich breche mein Wort niemals. Ich bin ich in ſeine Wohnung gegangen ich habe ſie leicht gefunden.“ — 1¹² „Ach, mein Herr, wie gut Sie ſind! Sie haben ihn geſehen?“ „Nein, ich habe ihn nicht geſehen aber eine Nachbarin hat mir meine Fragen ſogleich beantwor⸗ ten können. Es thut mir leid, Dir ſagen zu müſ⸗ ſen, meine liebe Freundin, daß Deine Befürchtungen gegründet waren: Dein Vater iſt krank„ „Er iſt krank! O mein Gott! mein Gott! Siehſt Du, meine gute Freundin ich hatte es mir wohl gedacht„ Aber was fehlt ihm denn?“ „Ich weiß es nicht genau die Frau hat es mir nicht mit Beſtimmtheit ſagen können Aber es ſcheint, daß es ihm beſonders vielen Kummer macht, ſein Kind nicht ſehen zu können.“ „Er will mich ſehen mein armer Vater.. O ja! auch ich will ihn ſehen. O, ſogleich! ſogleich!. Nicht wahr, meine liebe Freundin, Du läßt mich gleich zu meinem Vater gehen?“ Zizine faltete ihre Hände, während ſie Stepha⸗ nie anſah, und dicke Thränen floſſen über ihre Wangen herab; ihre junge Beſchützerin umarmte ſie ihrerſeits und gab ſich Mühe, ſie zu tröſten. „Du wirſt zu ihm gehen.. gewiß„ aber dieſen Abend. wie willſt Du das machen? Es iſt ſchon neun Uhr vorüber.“ „Das iſt gleich WMein Vater iſt krank; ich muß zu ihm gehen, um ihn zu pflegen; Du haſft ja auch Deine Großmutter gepflegt... und überdies war die nicht allein, ſie hatte Dienßboten, um ſie ———— 1¹3 zu bedienen. Mein Vater aber iſt ganz allein, Du ſiehſt wohl, daß er meiner ſehr bedarf!“ Dabei war in den Zügen des Kindes ein Aus⸗ druck, der eine für deſſen Alter ſehr ungewöhnliche Energie kundgab; es ſchien, als hätte die kindliche Liebe dieſem ſchwachen Geſchöpfe plötzlich eine ſtarke Seele, einen feſten Willen verliehen. „Aber was iſt zu thun?“ fragte Stephanie; „meine gute Mutter ſchläft ſchon, wie ich glaube. Ich kann ſie doch nicht aufwecken, um ſie um die Erlaubniß zu bitten, auszugehen.“ „Das iſt Alles ſehr leicht zu machen,“ ſagte Emil.„Mein Wagen ſteht unten mit meinem Be⸗ dienten, er wird Zizine zu ihrem Vater begleiten. Er ißt vielleicht nicht ſo ſehr krank... Sie wird ihn doch ſehen. Sie kann eine Zeitlang bei ihm bleiben, und dann wird ſie mein Wagen, der ſo lange, als ſie will, auf ſie warten wird, wieder herbringen.“ „In der LThat,“ ſagte Stephanie,“ auf dieſe Art iſt es nicht nöthig, daß ich ſie begleite. Wirſt Du keine Furcht haben, Zizine?“ „O nein, meine liebe Freundin O mein Herr, ich danke Ihnen ſehr.“ „Ihr Diener iſt doch zuverläſſig?“ ſagte Ste⸗ phanie, die ſich einigermaßen fürchtete, das Kind fortzulaſſen. „Ich ſtehe für ihn wie für mich ſelbſt... Woas ſollte denn auch dieſer Kleinen begegnen?“ „Zizine, Du kehrſt doch zurück?“ „Ja.. wenigſtens wenn mein Vater nicht an iſt „Es iſt möglich, daß ihn allein Dein Anblick heilen wird.. Dieſe Nachbarin hat ſich ſo unver⸗ ſtändlich ausgedrückt... „Adien, meine Theuerſte!“ „Aber warte doch.. Ich will Dir wenigſtens Deinen Shawl. oder ſonſt etwas umwerfen.. Du wirſt kalt haben.. „Nein... O! Ich vin wohl verwahrt. Mein Herr, wird mich Ihr Diener in den Wagen ſteigen laſſen? „Komm, meine Kleine, ich werde mit Dir hinab⸗ gehen und Dich ihm empfehlen Komm„Aber mache mir kein Geräuſch... Wir dürfen Madame Dolbert nicht aufwecken... Alles dies könnte ſie beunruhigen.“ „O! ja, Sie haben Recht! Nehmen Sie ſich in Acht, daß Sie meine Mutter nicht aufwecken...“ Stephanie umarmte Zizine und empfahl ſie Emil nochmals, der ſich beeilte, mit dem Kinde hinab⸗ zuſteigen. Zizine folgte dem eleganten jungen Manne mit der ganzen Schnelligkeit ihrer kleinen Beine; unten angekommen, nahm Emil die Kleine in ſeine Arme, trug ſie in den Wagen, ſagte ſeinem Diener einige Worte und beeilte ſich dann zu Stephanie zurückzukehren. Das liebenswürdige Mädchen war über die Entfernung ihrer kleinen Freundin ganz betrübt; ſie zwang ſich indeß zu lächeln, als ſie Emil wieder 11⁵ ſah; dieſer hatte die Thüre des Salons ſorgfältig hinter ſich zugemacht und ſetzte ſich Stephanie zur Seite. „Iſt ſie nun fort?“ fragte das junge Mädchen ſeufzend.. „Ja, ich ſelbſt habe ſie in meinen Wagen ge⸗ hoben und ſie meinem Diener empfohlen, Sie können vollkommen beruhigt ſein.“ „Ich glaube Ihnen.. Und doch Es iſt ſonderbar. Ich bin ganz bekümmert. ganz unruhig.. Ich bin ſchon ſo daran gewöhnt, dieſes Kind bei mir zu haben „Daß Sie keinen Augenblick mehr leben können, ohne ſie zu ſehen... Ach! Sie lieben dieſes kleine Mädchen mehr als mich. Ich merke es wohl...“ „Ol nein.. Was ſie betrifft. bei ihr iſt es Freundſchaft. Und Sie.. „Nun ich?„ „Sie wiſſen wohl, daß ich Sie liebe. „Theure Stephanie!... O! wiederholen Sie mir, daß Sie mich lieben. Sagen Sie mir das immer von Neuem wieder... „Sollten Sie daran zweifeln 2.. Ah! ich kann nicht lügen, ich. Und dann könnte ich auch nicht verbergen, was ich empfinde.. „Wie glücklich ich bin... Und welch Vergnügen, dieſes entzückende Bekenntniß ohne Zeugen aus⸗ tauſchen zu können.. Ach! Stephanie, ſeit langer Zeit ſehne ich mich nach dieſem Augenblicke. Endlich kann ich doch ungeſtört dieſe ſo weichen 116 Hände küſſen dieſen ſo weißen Hals Alle dieſe Reize, nach denen ſich meine Augen ſchon ſeit ſo langer Zeit ſehnten! Indem er dieſe Worte ſprach, ſchlang Emil, der ſeinen Stuhl ganz an den von Stephanie hinge⸗ rückt hatte, den Arm um ihren Leib, drückte ſie zärtlich, indem er ſie an ſich heranzog und von ſeinen glühenden Lippen wurde ihr Hals, ihre Arme, ihre Hände und ſelbſt ihr Kleid roth.. Stephanie ganz aufgeregt, daß ſie zum erſtenmal ſo feurige Liebkoſungen empfing, fühlte ihr Erröthen und zitterte zu gleicher Zeit; ſie ſtieß Emil ſachte von ſich, indem ſie ſagte:„Aber warum drücken Sie mich ſo ſehr? „Theure Stephanie, man befindet ſich ſo wohl.. ganz nahe bei Ihnen. „Aber es iſt vielleicht nicht Recht, mich zu um⸗ armen, wie Sie dies thun „Und warum nicht Recht, da wir uns lieben?.. Und da wir uns immer lieben werden „Immer„O ja das iſt ſehr wahr.. Und werden Sie ſich niemals ändern, Emil?“ „Niemals.. Ich ſchwöre es Ihnen bei dieſem Kuſſe Dabei drückte der kühne Emil ſeine Lippen auf die des jungen Mädchens. Stephanie fühlte ſich erglühen, von einem bis dahin unbekannten Gefühl überwältigt, doch hatte ſie noch die Kraft, raſch aufzuſpringen und ſich den Armen ihres Liebhabers zu entwinden. 17 Emil, ganz erſtaunt, Stephanie ſich entſchlüpfen zu ſehen, war auf dem Stuhle ſitzen geblieben, von wo aus er das junge Mädchen betrachtete, welches ſich in den entgegengeſetzten Winkel des Saales geflüchtet hatte. „Stephanie Sie fliehen mich!...“ ſagte der junge Mann mit ſehr ſanftem Tone. „Nein ich fliehe Sie nicht!“ erwiderte Ste⸗ phanie, indem ſie die Augen niederſchlug;„aber... ich weiß ſelbſt nicht, was ich empfand.. Es war wie Furcht... „ßurcht vor mir!... Ach! Stephanie, ich bin ſehr unglücklich, wenn ich Ihnen ein ſolches Gefühl einflöße Ich, der ich Sie ſo ſehr liebe! Ich, der ich nur für Sie lebe!.. Die Worte wurden mit ſo rührender Stimme geſprochen, daß Stephanie ſich Vorwürfe machte, Emil Kummer verurſacht zu haben; ſie erhob ihre ſchönen Augen zu ihm, ſie drückten keinen Zorn aus; der junge Mann ſprang vom Stuhle auf, lief zu ihr hin, ergriff eine ihrer Hände, die er zwiſchen den ſeinigen drückte, und ſuchte mit ſeinen Blicken alle die Wünſche in die Seele des jungen Mädchens zu bringen, die er ſelbſt empfand; Stephanie aber ſchlug ganz beſchämt aufs Neue die Augen nieder. „Können Sie mir ein Verbrechen daraus machen, daß ich Sie liebe!... ſprach Emil, das reizende Maädchen ſanft auf einen Divan ziehend, der ſich in ihrer Nähe befand. „Nein gewiß nicht!“ erwiderte Stephanie, —— 118 indem ſie ſich ganz bewegt neben ihren Geliebten niederſetzte;„aber es ſcheint mir... daß es nicht nöthig iſt, zu.. daß kein Grund vorhanden iſt... um Das Schamgefühl verhinderte das junge Mäd⸗ chen, weiter zu ſprechen; ſie wagte es nicht, zu ſagen: Sie dürfen mich nicht ſo umarmen, wie Sie es thun; äber ſie dachte es ſich; denn in der Tiefe unſeres Herzens lebt immer ein Gefühl, welches uns das Böſe von dem Guten unterſcheiden läßt. Emil, der errieth, was Stephanie nicht zu ſagen wagte, drückte ſie in ſeine Arme und rief: „Aber wenn man ſich liebt, iſt es dann nicht natür⸗ lich, es ſich zu beweiſen? Die Liebkoſungen zweier Liebenden gegen einander machen die größte Glück⸗ ſeligkeit aus, die uns kennen zu lernen erlaubt iſt.. Stephanie. Ich, ich zittere vor Vergnügen, wenn ich Ihre Hand, Ihren Arm berühre... Wenn ich Sie an mein Herz drücke.. Wenn Sie mich lieb⸗ ten, wie ich Sie liebe, würden Sie eben ſo viel dabei empfinden wie ich.“ „O! Ich liebe Sie ſehr, aber... Wie Sie mich drücken! „Stephanie, bin ich nicht derjenige, dem Du Dein Herz geſchenkt haſt.. O! laß mich Dich ſo halten. laß mich einen Kuß auf dieſen Mund drücken, der mir geſchworen hat, nur mich allein zu lieben! † Stephanie wußte nicht, was ſie erwidern ſollte, 1¹9 Emil aber hatte die Erlaubniß nicht abgewartet, um ſie von Neuem zu umarmen; das junge Mäd⸗ chen fühlte ſich erglühen; ihr Geliebter wurde kühner, ſie wollte ihn zurückſtoßen, aber ſie hatte die Kraft nicht mehr dazu. „Gnade! Gnade!“ murmelte Stephanie, die jetzt die ganze Gefahr begriff, in welchet ſie ſchwebte, aber Emil hörte nicht mehr auf ſie; noch einen Augenblick und er hätte über den ſchwachen Wider⸗ ſtand, den man ihm entgegenſetzte, triumphirt, als ſich in dem anſtoßenden Zimmer Schritte vernehmen ließen; es näherte ſich Jemand.. Augenblicklich hatte ſich Emil von Stephanie entfernt, und faſt in demſelben Momente öffnete ſich die Thüre des Salons: Zizine kam zurück und eilte, ſich in die Arme von Stephanie zu werfen. „Die Kleine!. jetzt ſchon!„ murmelte Emil, indem er ſich vor Wuth in die Lippen biß. „O!„Aber mein Ungeſchick iſt Schuld daran.. Und dieſer elende Düpré hat ſie zurückkehren laſſen!...“ „Hier bin ich, meine liebe Freundin,“ ſagte das Kind, die Arme um Stephaniens Hals ſchlingend. „Ich bin nicht lange ausgeblieben, nicht Und Du haſt mich nicht ſobald erwartet?. „Theure Zizine! Ach! der Himmel ſwict Dic. 3 Jetzt wirſt Du mich nimmermehr verlaſſen Niemals Nein, niemals Ol... Bie wohl haſt Du daran gethan, ergczutehn Und Stephanie drückte das kleine in ihre Arme und küßte es, indem ſie auf Zizinens 8 Wangen die Röthe ihrer Stirn und die Thränen, welche ihre Augen benetzten, verbarg, während Emil, am andern Ende des Zimmers ſitzend, un⸗ willig mit dem Fuße ſtampfte und ſeinen Aerger und ſeinen Widerwillen gar nicht zu verbergen ſuchte. „Es wunderte Dich, mich ſchon wieder hier zu ſehen?“ ſagte Zizine;„ich will Dir erzählen, wie das Alles gekommen iſt... O! Aber zuerſt bin ich ſehr vergnügt, denn denke Dir, mein Vater iſt nicht krank und iſt es nicht geweſen; das iſt recht ſchlecht von jener Nachbarin, die es erlogen hat, um es dem Herrn zu ſagen und mir Kummer zu machen. Höre, ich ſaß im Wagen; da fuhren wir durch eine Straße ich weiß nicht, durch welche; ich kenne die Wege nicht genau; aber der Diener des Herrn ſagte mir: Ich weiß, wohin ich Sie führen ſoll. Pötzlich, als wir vor einem ſehr hell erleuchteten Laden vorüberfuhren, bemerkte ich meinen Vater. O! ich erkannte ihn auch augenblicklich und rief: Papa, Papa! Ich bin es, und darauf ſagte ich zu dem Diener: mein Herr, haben Sie die Güte anzu⸗ halten, denn ich ſehe eben meinen Vater; aber ich konnte ihm das noch oft wiederholen, er hielt nicht an, er fuhr immer weiter, und ich hatte ſchon Luſt zu weinen. Glücklicherweiſe hatte mein Vater meine Stimme erkannt, er war dem Wagen nach⸗ gelaufen, und auf die Gefahr hin, überfahren zu werden, war er den Pferden in die Zügel gefallen, und ſo mußten ſie wohl ſtehen bleiben. Darauf erzählte ich meinem Vater, wohin ich gewollt 12¹ hätte.. Aber als ich aus dem Wagen zu ſteigen verlangte, da wollte es der Diener des Herrn nicht zugeben, indem er ſagte: er wäre für mich verant⸗ wortlich. Mein Vater aber nahm mich in ſeine Arme und ſagte zu dem Bedienten: Sie werden wohl einſehen, daß, wenn ich bei ihr bin, kein Anderer über ſie zu wachen braucht. Mein armer Vater! Er konnte gar nicht begreifen, was das heißen ſollte, mich des Abends allein in einem Wagen zu erblicken. Als er erfahren, daß ich ihn krank geglaubt hätte, hat er mich zärtlich geküßt und mir ſehr gedankt... Hierauf hat er mich ge⸗ fragt, ob ich mit ihm nach Hauſe zurückkehren wollte Aber ich habe ihm geſagt, daß Du mich noch immer liebteſt, und daß ich Dir verſprochen hätte, zurückzukommen, wenn er nicht krank wäre. Hierauf machte ihm der Diener des Herrn, der noch immer dabei war, den Vorſchlag, mich zurückzu⸗ fahren, mein Vater aber hat zu ihm geſagt: ich werde meine Tochter ſelbſt zu ihrer Beſchützerin zu⸗ rückbringen, und in der That, er hat mich auch bis hieher geführt; er hat mich erſt auf dem Vor⸗ ſaale verlaſſen, und als er wegging, hat er mir beſonders empfohlen, mich nicht mehr allein in einen Wagen zu ſetzen.“ „Theure Kleine!“ rief Stephanie, das Kind nochmals umarmend;„ja, Dein Vater hat Recht.. ich hätte Dich nicht allein fahren laſſen ſollen. Aber in Zukunft wird das nicht mehr vorkommenl... Ich verſpreche es Dir Paul de Koc. RcCvn. 9 122 „Aber was haſt Du denn, meine liebe Freun⸗ din 2.. Du haſt ja geweint.. Haſt Du Kum⸗ mer Sieh, Dein Halstuch iſt ganz in Unord⸗ nung „Ah! Ich Ich habe eben Es war mir zu heiß Ich hatte eine Art Unwohlſein... Aber es iſt vorüber.. Du biſt wieder da Ich befinde mich jetzt wohl. Sttze Dich hieher. Mir gegenüber. Stephanie ſetzte das Kind an ihre Seite. Seit⸗ dem Zizine zurückgekehrt war, hatte ſie die Blicke nicht mehr auf Emil gerichtet. In den Armen der Kleinen ſuchte ſie ihre Aufregung zu beſänftigen, ſich aus ihrer Verwirrung zu erheben; und Zizine, welche in Stephaniens Zügen etwas Außerordent⸗ liches bemerkte, betrachtete ſie ebenfalls mit beſorgter Miene. Ziemlich lange Zeit hindurch ſchwiegen Alle. Endlich entſchloß ſich Emil, den Winkel zu verlaſſen, in welchen er ſich geflüchtet hatte; er näherte ſich dem Divan, auf welchem Stephanie ſitzen geblieben war; dieſe konnte eine Bewegung des Schreckens nicht bemeiſtern; und, indem ſie Zizine mit den Armen umſchlang, hielt ſie ſich feſt an ihrem Herzen⸗ als wenn ihr das Kind hätte zum Schilde dienen ſollen. Emil hielt an, indem er leiſe ſagte:„Was haben Sie denn, mein Fräulein?.. Sie ſcheinen erſchreckt Sie zittern Was kann Ihnen Schrecken verurſachen? 123 Stephanie antwortete nicht; ſie hielt fortwährend Zizine in ihren Armen und erhob die Augen nicht zu Emil. Dieſer entſchloß ſich envlich, ſich auch auf den Divan niederzuſetzen, aber auf der entgegengeſetzten Seite des Kindes, und indem er ſich gegen Stepha⸗ niens Ohr neigte, flüſterte er:„Was habe ich denn gethan, daß Sie mich ſo behandeln?„ Wiel.. Sie wollen mir nicht einmal Ihre Blicke zuwenden... Stephanie, lieben Sie mich nicht mehr? Sie ſehen wohl, daß wir uns nicht mehr ausſprechen.. nicht mehr verſtändigen können„ wenn dieſe Kleine gegenwärtig iſt. Ol erlauben Sie mir, noch einen Augenblick mit Ihnen allein zu ſprechen.. Mein Benehmen zu rechtfertigen Sie um Ver⸗ zeihung zu bitten; es iſt ſpät Sie könnten dieſes Kind. zu Bette ſchicken„„ Stephanie, die bisher geſchwiegen hatte, erhob den Kopf, und indem ſie ſich gegen Emil wandte, warf ſie ihm einen Blick zu, der die Worte auf ſeinen Lippen erſterben machte; denn es war nicht mehr jenes furchtſame, liebende junge Mädchen, welches ihn ſcharſ anſah, es war eine beldenmüthige Frau, ein auf ſeine Tugend ſtolzes Mädchen, das den Abgrund geſehen hatte, in welchen man es hineinſtürzen, und nun mißtrauiſch wurde auf die Schlingen, die man ihm legen wollte. Ihr Blick hatte dies Alles ausgeſprochen, denn Emil konnte ihn nicht ertragen; und dieſer kühne Menſch, dem es zur Gewohnheit geworden war, die Frauen zu 1 betrügen, hatte den Kopf ſinken laſſen und blieb ganz verblüfft vor einem jungen Mädchen, das er zu entehren nicht im Stande war. Stephanie hatte ihre Blicke bald wieder auf Zizine gerichtet; denn ſie ſchien mit der Verwirrung ihres Geliebten Mitleid zu haben. Dieſer machte noch mehre Gänge durch das Zimmer, er fing einige Sätze an, die er nicht beendete, blieb vor Stephanie ſtehen, wollte ſich einer Hand bemäch⸗ tigen, die man ihm bald wieder entzog, und ent⸗ ſchloß ſich endlich, Abſchied zu nehmen. Mit einer Art von Troßlloſigkeit, mit zitternder Stimme ſagte Emil Fräulein Dolbert Adieu; dann ſtotterte er ſo leiſe, daß nur ſie ihn verſtehen konnte:„Wenn Sie mich nicht einmal eines Blickes würdigen, ſo muß ich glauben, meine Gegenwart ſei Ihnen verhaßt, und ich werde es nicht mehr wagen, vor Ihnen zu erſcheinen.“ Stephanie zauderte, ſchwankte... doch ihr Herz war ſo gut; ſie glaubte den Klagen der Verzweif⸗ lung von Emil; und, die Augen ſanft erhebend, richtete ſie einen milden Blick auf ihn, in welchem eben ſo viel Liebe als Traurigkeit lag. Für einen gewöhnlichen Liebhaber wäre dies viel geweſen; für denjenigen aber, der fich geſchmeichelt hatte, dieſer Abend würde Zeuge ſeines Triumphes ſein, war es viel zu wenig. Von Stephanie weggegangen, und nicht mehr genöthigt, ſich zu bezwingen, ließ Delaberge ſeinem Zorne freien Lauf; denn niemals war er noch ſo 125 ſchrecklich in ſeinen Hoffnungen geläuſcht worden; und der Aerger, einen Plan, den er ſo ſcharfſinnig gefaßt, ſo gut eingeleitet hatte, ſcheitern zu ſehen, erbitterte ihn und verſetzte ihn in Wuth. Er war in ſein Cabriolet geſtiegen, und ſein Diener, der vor ihm zitterte, verſuchte es ver⸗ gebens, ſich zu rechtfertigen. „Du biſt ein Eſel, ein Dummkopf!“ ſagte Emil, „ich hatte Dir ſo beſtimmte Befehle gegeben, Du mußteſt die Kleine zurückhalten, und gleichviel durch welches Mittel, durch welche Lüge!... Du mußteſt ſie nicht früher, als wenigſtens nach Verfluß von zwei Stunden zu den Damen Dolbert zurück⸗ bringen. Und es waren kaum zwanzig Minuten verfloſſen, als das Kind wieder erſchien.“ „Mein Herr, iſt es meine Schuld, daß wir dem Vater der. begegnet find?“ „Du hätteſt Dich nicht aufhalten ſollen„ „Dann hätte ich dieſen Mann, der ſich an meine Pferde hing, überfahren müſſen 7“ „In jedem Fall hätteſt Du mir gehorchen ſollen „Aber, mein Herr... „Schon gut, ich jage diy fort, Du gehſt aus meinen Dienſten.“ Zu Hauſe angelangt, zog ſich Emil in ſein innerſtes Zimmer zurück und überließ ſich dort von Neuem ſeiner Leidenſchaft; er zerbrach und zer⸗ ſchmetterte Alles, was ihm unter die Hände kam; koſtbare Möbeln, herrliche Vaſen, eine Menge 126 niedlicher Kleinigkeiten, die zur Ausſchmückung der Zimmer der Reichen erfunden ſind, wurden von dieſem Menſchen, der niemals in ſeinen Wünſchen Widerſtand gefunden, und der ſie zum erſtenmale nicht befriedigt hatte, zertrümmert und auf die Erde geſchleudert. Er glich einem verzogenen Kinde, das ungehorſam iſt, und ſein Spielzeug zerbricht, wenn man ihm verweigert, ſeine Wünſche zu erfüllen. Emil ergriff, was ihm nur in die Hände kam; denn die Menſchen ſind große Kinder, beſonders wenn ſie das Glück verzogen hat. „Ohne die Rückkunft dieſer Kleinen, wäre Ste⸗ hpanie mein geweſen!.. ſagte ſich Emil, indem er ſich ganz erſchöpft auf ein Sopha warf;„ſie wäre mein geweſen... dieſes ſo hübſche ſo naive ſo liebenswürdige Mädchen! Wie ſchön war ſie, als ſie zu mir flehte.. Und ein Kind hat alle meine Hoffnungen zerſtört das meinem Glücke im Wege ſtand!... Ein Kind„ die Tochter eines Waſſerträgers... hat ſich mir in den Weg geſtellt. mir Emil Delaberge... mir, der ich Gold genug habe, meine Leidenſchaften zu befriedigen.. mir!.. der ich, ſeit ich in dem Alter bin, davon Gebrauch zu machen, keinen Widerſtand gefunden pabe, indem ich den Einen dieſes Gold freigebig hinwarf und die Andern mit Schwüren abfertigte. Und ein Kind hält mich zu⸗ rück... Ein Kind verhindert mich, glücklich zu ſein⸗ denn wie ſoll ich es nun angreifen?... Stephanie hat die Gefahr begriffen... Sie wird ſich in Zu⸗ 127 kunft in Acht nehmen. Verdammte Zizine!. Ich verabſcheute ſie längſt!... Ah!l jetzt haſſe ich ſie noch mehr, wenn dies möglich iſt!... Könnte ich ſie doch zerbrechen, wie dieſes Glas!“ Dabei ſchlug Emil mit der Hand gewaltig ein Glas auf den Liſch, der neten ihm ſtand; das Glas zerbrach, ſchnitt ihn tief in die Hand und machte ſein Blut fließen; da hielt er endlich, ganz beſchämt über ſich ſelbſt, inne, verband die Wunde mit einem Tuch, und, ſich umſehend, ſagte er;„Welch ein Thor bin ich!... Welche Unordnung... Werde ich denn niemals Herr über mich werden!. Ich bin dreißig Jahre vorüber und was habe ich ſeit zwölf Jahren ſchon für Thorheiten begangen!... Welche Tollheiten!... Wäre es nicht bald Zeit, aufzuhören?“ Emil blieb lange Zeit in ſeine Betrachtungen verſunken; ſie ſchtenen nicht angenehmer Natur zu ſein; denn ſeine Stirne hatte ſich verdüſtert, ſeine Augen wurden trüb und ſtarr und er athmete kurz und ſchwer. Man hätte jetzt in ihm nicht mehr jenen ſo glänzenden, ſo ausgezeichneten Mann erkannt, der die Bewunderung der Salons auf ſich zog, der Abgott der Frauen war und den alle Männer be⸗ neideten. Endlich legte Delaberge die Hand an die Stirn⸗, dann erhob er ſich, ging mehremale im Zimmer auf und ab, nahm wieder ſeine gewohnte Miene an, und ſagte zu ſich: Es gibt tauſend andere eben ſo ſchöne Frauenzimmer als Stephanie ich will ſie 128 vergeſſen.. ich werde mich mit einer Andern be⸗ ſchäftigen. das iſt ſehr leicht. Während vier Tagen kehrte Emil nicht zu den Damen Dolbert zurück; er verſuchte Stephanie zu vergeſſen, er erneuerte ſeine alten Bekanntſchaften, knüpfte neue anz aber in der Geſellſchaft der ſchönſten Frauen, der hinreißendſten Koketten, verfolgte ihn unaufhörlich Stephaniens Bild; er bemerkte, daß das Vergeſſen nicht leicht wird, wenn die Liebe unbe⸗ friedigt iſt. Am fünften Tage hielt er es nicht länger aus, er ſtieg in ſein Cabriolet und begab ſich zu Ma⸗ dame Dolbert. Seit Ihrem Téte-à-Töte mit Emil war Ste⸗ phanie traurig, ſchweigend und ſelbſt Zizinens freundliche Worte konnte nicht einmal das Lächeln auf ihre Lippen zurückbringen; ſie fühlte, das Be⸗ tragen ihres Geliebten ſei verdammenswerth ge⸗ weſen, aber ſie liebte ihn immer noch und beklagte es, daß ſie ihn jetzt fürchten mußte; ſie ſeufzte und weinte insgeheim, ihn nicht wiederkommen zu ſehen; in der Tiefe ihrer Seele dachte ſie, Emil liebe fie nicht mehr, weil er es verſucht hatte, ſie ihrer Un⸗ ſchuld zu berauben, ſtatt bei ihrer Großmutter um ihre Hand anzuhalten. Wenn aber ein Liebender Unrecht hat, ſo iſt dies noch kein Grund, ihn weniger zu lieben; oft bringt dies ſogar die entgegengeſetzte Wirkung her⸗ vor; die Liebe muß ſich mit Eiferſucht, mit Unruhe und mit Thränen verbinden, ſonſt würde ſie, ſtatt 129 eine Flamme zu ſein, nichts weiter als ein Dampf bleiben. Auch Stephanie erſchrak vor Freude, als ſich Delaberge bei ihrer Großmutter wieder ſehen ließ; ſie ſaß gerade bei der guten Mama, deren Geſund⸗ heit ſich täglich mehr ſtärkte und die nun ſchon weniger Zeit im Bette zubrachte. Emil wurde durch Stephaniens Bläſſe lebhaft gerührt; ſie ſchien ihm noch ſchöner zu ſein; ſie wechſelten einen flüchtigen Blick, in welchem aber ſehr viel für diejenigen lag, die ihn verſtanden; von der einen Seite lag Liebe, Hoffnung und Reue darin, von der andern Beſtändigkeit, Kummer und Verzeihung. Die gute Mama machte Delaberge freundliche Vorwürfe, weil er ſie ein wenig vernachläſſigt hätte. Stephanie ſprach nichts, ſie fürchtete durch den Ton ihrer Stimme ihre Aufregung zu verrathen. Emil benützte einen flüchtigen Augenblick, wo das Mädchen in ein anderes Zimmer ging, um ganz leiſe zu ſagen:„Lieben Sie mich noch?“ Stephanie antwortete nichts, aber zwei große Thränen entſchlüpften ihren Augen, und ſie ver⸗ ſuchte umſonſt, ſie ihrem Geliebten zu verbergen. Indeß ſuchte Emil vergebens Gelegenheiten, mit Stephanie allein zu ſein; man ſah, daß dieſe die⸗ ſelben mit eben ſo großer Sorgfalt floh, als ſich bemühte, ſie herbeizuführen. So verſtrichen mehre Wochen; bisweilen ging Emil drei bis vier Tage nicht zu Stephanie, aber 130 die folgenden Tage konnte er ſie nicht mehr ver⸗ laſſen. Bald wollte er ſie vergeſſen und überließ ſich ſeiner Leidenſchaft, bald hoffte er noch ein Tete- à- Téte zu erlangen, dann verzweifelte er wieder daran, jemals ſein Glück zu machen, ſo daß er am Ende gar nicht mehr wußte, welche Partie er ergreifen ſollte. Eines Abends endlich benützte Emil einen Augen⸗ blick, da Zizine am Piano beſchäftigt war, nahm Stephaniens Hand und ſie heftig in der ſeinen drü⸗ ckend, ſagte er mit dem Tone der Leidenſchaft zu ihr:„Ich kann ſo nicht mehr leben.. Stephanie, man ſchlägt dem Manne, den man liebt, nichts ab Sie verſichern mich, ich ſei Ihnen immer noch theuer, und doch kann ich nicht die mindeſte Gunflbezeigung von Ihnen erlangen... bewilligen Sie mir ein Rendezvous.. einen Augenblick der Unterhaltung... wenn Sie mir dies abſchlagen, ſo lieven Sie mich nicht und Sie werden mich nicht wieder ſehen.“ „Ich werde Sie alſo nicht wieder ſehen, mein Herr,“ erwiderte Stephanie, indem ſie ihm ihre Hand entzog;„denn ich will lieber Ihre Liebe, als meine Entehrung beweinen.“ Emil war durch dieſe Antwort und den Ton, mit welchem man ihm bewies, daß er nicht mehr die mindeſte Hoffnung in ſeinen lafterhaften Plänen haben könnte, niedergeſchmettert. Er entfernte ſich wüthend und verzweifelnd, indem er ſchwur, nimmer 131¹ diejenige wieder zu ſehen, welche die Kraft hätte⸗ ihm zu widerſtehen. Einige Tage verfloſſen, Delaberge ließ ſich bei Madame Dolbert nicht mehr ſehen; Wochen ver⸗ gingen, man hörte nichts mehr von Emil. Die Großmama konnte Emils Betragen nicht begreifen, und ſie zweifelte gar nicht an ſeiner Liebe zu ihrer Enkelin; jeden Tag erwartete ſie, daß er ſich darüber erklären würde; ſie dachte nur, er hätte, bevor er ſich an ſie wendete, ſich ver⸗ ſichern wollen, daß er Stephanie nicht mißfalle; und da er die Gewißheit davon erlangt haben mußte, ftellte er ſeine Beſuche ein: dieſes Benehmen mußte der Madame Dolbert unerklärlich ſein. Stephanie litt ſchweigend, aber niemals kam der Name Emil über ihre Lippen, und wenn die Großmutter von ihm ſprach, ſuchte das Mädchen immer die Unterhaltung auf einen andern Gegen⸗ ſtand zu bringen. „Es iſt doch ſonderbar!“ ſagte Madame Dol⸗ bert zu ihrer Enkelin,„Du haſt wohl mit Herrn Delaberge einen Streit gehadt? Ihr habt Euch wohl Beide erzürnt? Denn ſein Wegbleiben muß doch einen Grund haben.“ „Wir haben uns über nichts geſtritten,“ ant⸗ wortete Stephanie,„und ich weiß nicht, gute Mama, warum Emil nicht mehr kommt.“ Die gute Mama ſchüttelte den Kopf, denn ſie vermuthete, daß ihre Enkelin ihr nicht Alles ſagte. Dann ging Stephanie fort, um ſich im Ge⸗ 132 mit Staunen Thränen in den Augen ihrer jungen Beſchützerin bemerkt hatte, ſagte dieſe zu ihr:„Wenn Du willſt, daß ich Dich immer lieben ſoll, ſo mußt Du meiner Großmutter nicht ſagen, daß Du mich haſt weinen ſehen.“ Sechs Wochen waren verfloſſen, und dieſe Zeit hatte dem jungen Mädchen ſehr lange geſchienen, da Stephanie die Stunden und die Tage zählte, oft weinend, aber noch hoffend. Um die Mitte eines Tages, der eben ſo traurig heimen auszuweinen, und, da Zizine mehremal angefangen hatte wie die andern, wurde ein Beſuch angemeldet. Delaberge erſchien bei Madame Dol⸗ bert und zeigte ſich Stephanie, die gerade ihrer Großmutter zur Seite ſaß und ihren Augen kaum trauen wollte, da ſie den Mann wieder ſah, der ihr für ewig Lebewohl geſagt hatte. Die Ankunſt Emils hatte etwas Wichtiges, Feierliches; nach einigen gebräuchlichen Begrüßun⸗ gen näherte er ſich der Madame Dolbert und ſagte: „Sie haben mich lange Zeit nicht geſehen, Ma⸗ dame; ich habe einige Familienangelegenheiten in Ordnung bringen wollen, bevor ich eine Frage an Sie richtete, um derentwillen ich heute hergekommen vin. Madame ich liebe Fräulein Stephanie.. Sie kennen meine Familie... Mein Vermögen be⸗ läuft ſich faſt auf hunderttauſend Franken Rente, ich bitte Sie um die Hand Ihrer Enkelin. Wenn mich dieſe nämlich als Gatten nicht ver⸗ ſchmäht.“ 133 Es wäre ſchwer, die Wirkung dieſer Worte auf Stephanie zu beſchreiben; ergriffen, zitternd vor Freude, vor Liebe außer ſich, weinte und lachte ſie zu gleicher Zeit, ſie Emil ihre Hand and rief:„O! Ja ich will es gern, daß Sie mein Gatte ſe⸗ 6 Die Großmama lächelte, denn für ſie hatte dieſer Auftritt nichts Außergewöhnliches; ſie hatte dieſe Frage ſchon ſeit langer Zeit erwartet, ergriff die Hand ihrer Enkelin und die von Emil, legte ſie in einander und ſagte zu ihnen:„Seid glück⸗ lich. ſeid einig, meine lieben Kinder; ohne Euch etwas davon zu ſagen, habe ich dieſe Liebe wohl errathen. Herr Delaberge, ich bewillige Ihnen die Hand meiner Stephanie.“ Emil küßte ehrerbietig die Hand, welche man in die ſeinige gelegt hatte, und Stephanie, die ſich nicht mehr fürchtete, ihre volle Liebe an den Tag zu legen, ſagte mit halber Stimme zu ihm:„Ab⸗ ſcheulich! Sechs Wochen nicht wieder zu kom⸗ men! Ol ich war ſehr unglücklich!... Aber ich will nicht mehr an das denken Theurer Emil. Lch! welches erwartet mich, ich werde alſ Ihre Frau!„ „Ja!“ erwiderte Emil,„ja... Sie werden meine Frau.. und in Gedanken fügte er hinzu.„Ich muß wohl! weil es das einzige Mittel iſt, ſie zu beſitzen.“ —— ½ ſ 8 9 10 11 16 17